The Project Gutenberg EBook of Zwischen den Rassen, by Heinrich Mann

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Title: Zwischen den Rassen
       Roman

Author: Heinrich Mann

Release Date: March 13, 2014 [EBook #45123]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ZWISCHEN DEN RASSEN ***




Produced by Jens Sadowski








                             Heinrich Mann
                          Zwischen den Rassen
                                 Roman


                             Albert Langen
                    Verlag fr Litteratur und Kunst
                             Mnchen 1907




Erster Teil




I


Die Schwarzen, die das Pferd am Zaum gefhrt hatten, muten ihre Herrin
auffangen: ihr ward schwach; -- und dann lag sie in Farren versteckt; ein
Palmenblatt ward bewegt ber ihrem dunkeln Scheitel; der groe, hellhaarige
Mann beugte sich zu seiner bleichen Gefhrtin; und das Kind kam zur Welt.
Die Bume des Urwaldes standen starr und bermchtig daneben. Dorther, wo
er sich lichtete, kam das Schlagen des Ozeans, und von drben, aus der
Finsternis, das wilde Geschrei der Papageien und der Brllaffen.

Das Kind lernte sprechen von seiner schwarzen Amme und laufen auf dem Sand
zwischen Wald und Meer. Vom Rande des Meeres holte es Muscheln, die es von
groen Steinen lste; und am Waldsaum erntete es abgefallene Kokosnsse:
daraus zogen ihm die Diener mit glhenden Spieen die se Milch. Groe,
zuckerige Frchte hingen berall bei seinen Hndchen; im Garten ertrank es
in Blumen; und als goldene Funken schossen Kolibris um seinen Kopf.

Dann ward Brderchen Nene gro genug, da sich mit ihm spielen lie. Man
suchte zwischen Mauerritzen nach den winzigen runden Eidechseneiern und den
Natterneiern, rund und weich. Vom Schwanz des Grteltieres brachten einem
die Neger die kleinsten Ringe: damit schmckte Nene der Schwester und sich
selbst alle Finger; und dann fuhr man in einem Zuber den Bach hinab, und
die schwarzen Kurubus auf ihren Bschen sahen einem, ber ihre feuerroten
Krummschnbel hinweg, hoheitsvoll nach.

Und man erlebte in der Hauptstadt den Tropenregen: in den Straen fuhren
Kanoes, und unablssig muten die Schwarzen mit Schaufeln das Wasser aus
den Zimmern stoen; -- und den Karneval! An der Jalousietr sa man auf
einem Sthlchen, ber dem Gewimmel der Masken, und die schne Mama warf
Wachsblle hinab: die platzten und trnkten die bunten Trachten mit
flssigem Duft. Aber aus einer Muschel, die ein ganz roter Mann an den Mund
setzte, fuhr ein so schrecklicher Ton, da man ihn nicht ertragen konnte,
sondern sich mit seinem Stuhl zurckwarf und auch Nene mit umri.

Und auf der Groen Insel -- das Haus der Groeltern schwamm im Duft der
Orangenblten -- sog man inmitten eines Heeres erntender Neger an einem
Stckchen Zuckerrohr. Und zitternden, schreienden Laufes kam man von einer
Begegnung mit der Boa heim! Und schaute, mit allen schwarzen, gelben und
weien Kindern der Pflanzung, erregten Auges und jubelnd zu, wie der
Grovater viele Papierrllchen anzndete und sie in weiten, leuchtenden und
zischenden Bgen ber das Meer scho. Das Meer schob einem lange, laue
Schlangen ber die bloen Fchen; im Hemdchen, das ein Grtel enger
schlo, fing sich ein Sto warmen Nachtwindes; und hob man den Blick,
schwindelte es einem, so voll war er auf einmal von Sternen!

Es war herrlich: man war wie alle andern Kinder -- und doch nicht ganz so.
Vornehmer war man. Man hatte blondes Haar; nicht einmal Nene hatte es; und
die schwarze Anna war sehr stolz darauf und konnte nicht genug Locken
daraus wickeln. Man hatte auch einen blonden Papa: wer hatte den noch? Und
kam er zu Besuch auf die Insel der Groeltern, und ging man an seiner Hand
umher: viel grer war er als alle Menschen und immer ernst, -- und sah man
alle ihn bewundern, dann durchrann einen selbst ein Schauer von stolzer und
ehrfrchtiger Liebe.

Da aber -- was bedeutete dies? -- sa eines nachmittags im Saal, wo
Gromutter klppelte, Mama, die schne Mama und weinte: ja, weinte laut.
Kaum aber hatte sie ihr kleines Mdchen erblickt, strzte sie darauf los,
ri es an sich, fiel vor ihm auf die Knie, rief und rang das Schluchzen
nieder:

Lola! Meine Lola! Sag: bist du nicht mein?

Mit einem Finger vor den Lippen, erschrocken fragend sah das Kind nach der
Gromutter: die sa da, grade und streng wie immer, und klppelte.

Bist du nicht mein? flehte die Mutter.

Ja, Mai.

Man will dich mir wegnehmen. Sag', da du nicht willst! Hrst du? Du
willst doch nicht fort von mir, von uns Allen?

Nein, Mai. O Gott! Wohin soll ich? Ich will dableiben: bei Pai, bei dir,
bei Anna! Die Luiziana hat mir ein kleines Kanoe versprochen; morgen bringt
sie es!

Aber schon am Abend wartete auf die kleine Lola ein groes Kanoe. Die
schne Mai lag in einer Ohnmacht; Nene hing schreiend an Lolas Kleid; --
aber ein Schwarzer machte sie los, trug sie, und die rmchen der
Gengsteten wrgten ihn, ans Wasser, setzte vorsichtig seinen nackten Fu
von einem der groen berfluteten Steine auf den nchsten . . . Das Meer
brandete wtend; zerrissene Finsternis flatterte umher; und manchmal warf
ein Stern ein bses Auge herein. Nun ward das Kind ins Boot gelegt; es
hatte nicht geschrieen, es weinte unhrbar im Finstern; die Schwarzen
ruderten schweigend; und das Kielwasser leuchtete fahl, als sei es die Spur
eines Verbrechens.




II


An Bord des groen Dampfschiffes, auf das Lola gebracht ward, standen Pai
und die schwarze Anna. Welch Wiedersehen! Dann:

Pai, ist es wahr, da wir ganz wegfahren? Und Mai? Und Nene? Und wohin
fahren wir denn?

Herr Gustav Gabriel fuhr mit seiner kleinen Tochter nach Hause, weil sie
eine Deutsche werden sollte.

Mit neunzehn Jahren war er herbergekommen und hatte sich begeistert
eingelebt. Bis zu seinem dreiigsten Jahre berhrte ihn niemals Sehnsucht
nach seinem Vaterland. Er dachte seiner wie an etwas Kleinliches und
Bedrcktes; machte ihm auf einer Europareise einen spttischen Besuch;
fhlte sich mit Stolz als Brasilianer . . . Eines Tages bekam er zu spren,
da er's nicht sei. Er hatte geschftliche Einbuen erlitten: was zu
Demtigungen fhrte von seiten seiner Freunde und der Familie seiner Frau.
Er sah sich pltzlich allein und ihm gegenber eine ganze Rasse, deren fr
immer unzugngliche Fremdheit er auf einmal begriff. Nun fing er an, auf
das Land seiner Herkunft als auf eine Macht zu pochen, sich selbst als
Erzeugnis einer Kultur zu fhlen, von deren Hhe seine Umgebung nichts
ahnte. Bei der Umschau nach Bundesgenossen begegnete er den Blicken seiner
Kinder. Auch diese sollten in Sitten und Sprache eines niedrigeren Volkes
erwachsen? Seine Feinde werden? Die Laute, die ihm in herzlichen Stunden
kamen, die er von seiner Mutter erlernt hatte, sie sollten sie nie
verstehen? Er hatte sie, wenn er ihnen deutsche Kosenamen gab, sich
anblicken und lcheln gesehen . . . Das sollte anders werden! Ihr Vaterland
war nicht dieses, und er wollte sie ihm zurckgeben! Mit dem Jungen wrde
es vielleicht schwer gehen: die Nachfolge im hiesigen Geschft ward ihm
bereitet; -- aber seine Tochter! Er erblickte sich schon mit ihr in dem
Garten, worin sein Elternhaus stand. Dort wollte er einst enden. Er sah
sich den Weg zum Tor des Stdtchens gehen, und an seiner Seite ein blondes
junges Mdchen: seine Tochter. Sie war blond; sie war sein Kind und eine
Deutsche. Er nahm sie fr sich allein; mochte seine Frau -- wie fremd sie
ihm eigentlich geblieben war! -- sich an dem Jungen schadlos halten: seine
Tochter sollte ihn verstehen lernen, sollte in solcher Reinheit und
Gediegenheit leben, wie man nur zu Hause lebte. Sie sollte nach Haus.

Nie war Pai so zrtlich gewesen mit Lola! brigens sollte sie bald zurck;
und Mai und Nene wrden sie besuchen, dort, wohin sie fuhren. Solche Fahrt
war lustig: sie sollte sehen.

Vorlufig ward ihr sehr bel; es dauerte drei Tage; aber Pai selbst pflegte
sie; er selbst tat alles, was Anna htte tun mssen. Zwischen ihren Krisen
lag Lola in aller Erschpfung ganz glcklich da; und wenn sie ihre Hand in
Pais schob, war ihr's, als sei sie selbst ganz in Pais Hand geschlpft.

Dann konnte sie aufstehen und zusehen, wie die Matrosen Fische heraufzogen:
einen Fisch sogar mit einem langen Sbel an der Nase!

Da aber nahte jemand mit einem Wasserschlauch und bespritzte alle Kinder.
Man mochte sich hinter den Schornstein verstecken oder in einer Taurolle:
berall trieb der Strahl einen wieder hervor: es war ein angstvolles
Vergngen. Die durchnten kleinen Mdchen kreischten, und die Damen und
Herren freuten sich laut, da sie trocken waren. berhaupt war es zum
Erstaunen, wie lustig alle waren, wie freundlich miteinander und mit Lola.
Es schien, sie hatten nichts anderes zu denken, als wen sie jetzt erfreuen
wollten. Nie hatte Lola so viele liebe Menschen gesehen. Einer war da, der
allen Kindern Schokolade schenkte und ordentlich flehte, bis man sie nahm.
Selbst Pai war selten mehr ernst. Und Meer und Himmel strahlten
unauslschlich.

Dennoch geriet man nochmals in graues Wasser mit Wolken darber und ward
arg geschaukelt. Doch Lola focht das nicht mehr an; und Pais Mantel, unter
dem sie auf Deck lag, war, wenn sie mit ihren Knieen ein Dach machte, so
gut wie ein eigenes Haus: die Sturzwellen mochten darber hingehen. Auch
ward bald ausgestiegen; alle waren viel ernster geworden; -- und Lola fand
sich mit Pai und Anna in einer groen, nicht schnen Stadt, in deren
Straen man sich mde lief. Immerhin gab es Spielsachen, wie sie daheim nie
welche gesehen hatte, und Pai kaufte ihr so viele, da sie sich wunderte.
Eines Morgens dann eine Fahrt mit der Bahn: und da waren sie in einem
seltsamen Stdtchen mit hckrigen Husern und mit Gassen, die ber Berge
kletterten und rutschten, -- und gelangten in einem riesigen, schaukelnden
Wagen vors Tor und an ein Haus, daraus sprang hurtig eine kleine alte Frau
hervor, lief auf Pai zu und hpfte ihm an den Hals. Lola war erschrocken:
denn Pai weinte. Wie war das mglich? Da griff aber die alte Frau ihr
selbst unters Kinn und zog Lolas Gesicht ganz dicht zu ihrem, bis in das
Wimpernfcheln ihrer Augen, -- die sehr gtig blickten. Aber was wollte
sie? Sie redete so viel Unverstndliches. Lola sah fragend auf Pai; und
indes sie ins Haus gingen, erklrte Pai ihr, dies sei seine Mama, und heute
feiere sie ihren Geburtstag, und er bringe ihr Lola zum Geschenk.

Im Hause roch es nach Kuchen und Blumen; Pais Brder waren da und umarmten
ihn. Sie gaben Lola die Hand; einer lie sich von Pai etwas ins Ohr sagen,
und dann wnschte er Lola in ihrer Sprache Willkommen. Sie lachte ber ihn;
alles wre gut gewesen: da aber kam die neue Gromama, aus lauter
Herzlichkeit, auf den Gedanken, die Arme um Lolas Hften zu legen und vor
ihr auf die Kniee zu fallen. Lola hatte pltzlich ein zum Weinen verzerrtes
Gesicht. Alle stieen Fragen aus, und Pai bersetzte:

Was ist dir?

Nichts, Pai.

Lchelnd und stammelnd:

Ich dachte an etwas.

Grade so hatte, am letzten Tage, die schne Mai vor Lola gelegen: aber in
Trnen und Jammer. Lola dachte: Ist es wahr, da ich bald zu ihr zurck
darf?

Einer der Onkel heiterte sie auf: er klatschte in die Hnde, und sie mute
vor ihm davon laufen. Sie tat es aus Geflligkeit, und lchelte hflich,
wie er sie fing. Nun spielten alle mit und wollten sich verstecken, und der
lustige Onkel sollte sie suchen. Man zeigte Lola einen sehr guten Versteck:
hinter einem kleinen Gartenhause und unter einem dunkeln Baum. Da stand sie
lange, und niemand fand sie. Kein Gerusch im Garten. Sollten sie mich
vergessen haben? Eine hastige Angst berfiel sie: Pai ist fort, Anna ist
fort: sie haben mich allein gelassen! Sie senkte, betubt, den Kopf und
legte die Hnde vors Gesicht. Ganz allein! Da kamen Schritte herbei; Lola
nahm sich zusammen und gab einen kleinen hellen Vogellaut von sich. Es
dauerte etwas; sie lauschte atemlos, zwitscherte nochmals, und dann fand
man sie.

Damit du mich nicht zu lange suchen solltest, erklrte sie, obwohl der
Onkel doch nichts verstand.

Beim Abendessen ward sie lebhaft und sang sogar ein Lied, nselnd wie die
Schwarzen, von denen sie es gelernt hatte. Mitten in aller Vergngen aber,
und wie auch Pai gerade lachte, nahm sie seine Hand und flsterte ihm, als
berrumpelte sie ihn, eilig zu:

Nicht wahr, Pai, wir reisen bald nach Haus?

Pai nickte; aber er war nun wieder ernst, und Lola hatte gesehen, da er
beinahe rgerlich geworden wre. Verstrt schwieg sie: war's mglich, da
man sich auf Pai nicht mehr verlassen konnte?

Weit du nicht, wann wir nach Haus reisen? fragte sie nachher im
Schlafzimmer die schwarze Anna.

Nein, Anna wute es nicht, und ihr glaubte Lola. Anna sah sich, mit kleinem
tierischen Kopfrcken, im Zimmer um, wie in einem Kfig; Lolas Augen
folgten ihr; -- und dann betrachteten die beiden einander ratlos.

Aber die neue Gromutter war so heiter! Man konnte nicht an ihrer Hand
durchs Haus laufen: in den Saal, wo die pfel lagen, auf den Boden, woher
sie bunte Kleider und alte, seltsame Puppen holte, -- ohne da irgend etwas
Lustiges vorfiel. Der zweite Onkel brachte seinerseits viel Leben mit; --
und dann war es ziemlich spahaft, mit Anna auszugehen, unter die hiesigen
Kinder, die scheinbar noch nie eine Schwarze erblickt hatten. Da ward man
angesehen! Manchmal zwar liefen einem zu viele nach und machten sich
lstig: da half nur, da man ihnen Bonbons hinwarf, um zu entkommen,
whrend sie sich rauften . . . Ferner war unter den freundlichen Menschen,
die Lola kennen lernte, ein schwarzgekleideter Herr mit weiem Bart, der
eines Tages in Gromamas Zimmer sa und Lola etwas fragte. Pai bedeutete
ihr, es handle sich darum, ob sie zum protestantischen Glauben bertreten
wolle; er rate ihr dazu. Sie sagte ja, bekam von dem alten Herrn einige
glatte bunte Bildchen und ward am Abend in den Zirkus gefhrt . . . So viel
hatte man erlebt, da gewi schon ein Jahr herum war.

Nicht wahr, ein Jahr sind wir bald hier? fragte sie eines Abends. Pai
erwiderte:

Was denkst du. Sechs Wochen erst.

Erst? Aber es ist doch schon wieder Winter?

Nein, Kind, so ist hier der Sommer.

Sie htte sich gern einmal wieder nach der Heimreise erkundigt; aber Pai
schien nicht aufgelegt; er hatte die schon lange nicht mehr gesehene Falte
zwischen den Augen. Auch die Andern sprachen heute viel weniger. Sogar
Gromama lchelte nur halb. Lola ging bedrckt zu Bett.

In der Nacht trumte ihr etwas Trauriges: sie sah einen Neger -- welchen,
wute sie nicht, aber es war einer, den sie gern hatte -- von einem
Aufseher grausam prgeln, hrte sein Winseln, brach selbst in Weinen aus
und lief, es dem Grovater zu klagen: weinte und lief. Da erwachte sie,
noch immer schluchzend, -- und auch das andere Schluchzen ging weiter. Die
schwarze Anna kauerte, ber das Bett gebeugt, und jammerte erstickt:

Kleine Herrin, ich mu fort. Schon morgen reisen der Herr und Anna mit dem
Dampfschiff fort, zurck in unser Land; die kleine Herrin aber bleibt
hier.

Und da Lola, auffahrend, in Geschrei ausbrach:

Ganz leise! Anna darf nichts sagen: der Herr hat es verboten. Anna sollte
ohne Abschied weggehen: sie kann doch nicht!

Du sollst nicht weggehen! Hrst du, du tust es nicht! Ich befehle es dir!

Des Kindes Stimme brach sich vor Zorn.

Pai lt mich nicht hier zurck; das sind alles Lgen.

Die Amme wiederholte nur, eintnig klagend:

Ganz leise! Anna mu fort.

Und in ihrem Gemurmel ging der Zorn der Kleinen allmhlich unter. Sie lie
sich auf Annas Schulter fallen, gebrochen, mit Schluchzen und Bitten.

Geh nicht fort!

Anna mu gehen.

Wenn du fortgehst, dann --

Der Schmerz schttelte das Kind. Es prete sein Gesicht auf die nackte
schwarze Schulter; -- und mit dem ligen Geruch dieser Haut, an der es
einst die ersten Atemzge getan hatte, erhob sich die dunkle Flut seiner
frhesten Erinnerungen und berschwemmte es. Lola sah, in einem aufgeregten
Gedrnge von Bildern, zuerst einen Palmenwald, dann viele grimassierende
Negergestalten, die ihr namenlos schn erschienen, um Fleischtpfe hocken,
in die sie oft ihre Hndchen getaucht hatte; sah ein Stck schumenden,
heftig blauen Meeres und die buschigen Wedel des Zuckerrohrs davor; sah
Nene, den Bach und die Kurubus . . .

Wenn du fortgehst, wimmerte sie, dann --

Es entstand ein Wogen groer Blumen hinter ihren an Annas Schulter
gedrckten Lidern; und tief in den Blumen hing die Hngematte mit der
schnen Mai, die ihr zunickte und langsam und wie von einer nicht mehr
Anwesenden das Gesicht wegwandte.

Wenn du fortgehst, dann ist . . . alles aus!

                   *       *       *       *       *

Am Morgen trat Pai ins Zimmer und sagte:

Meine kleine Lola, Pai mu nun auf kurze Zeit zurckreisen, und bis er
wiederkommt, lt er dich hier.

Da das Kind nur den Kopf senkte:

Es wre fr dich nicht gut, schon wieder so weit zu reisen.

Lola schlug die Augen auf und sagte hell, wie eine verzweifelte Schelmerei:

Pai, nimm mich mit?

Meine kleine Tochter ist vernnftig, nicht wahr, erwiderte Pai, ohne
Frage im Ton; und Lolas kleines gespieltes Lcheln brach ab. Pai nahm sie
bei der Hand und fhrte sie zur Stadt, ber einen Marktplatz und in ein
altes Haus, an dessen glserner Flurtr die Glocke lange klapperte.

Hier wohnt, sagte Pai, eine gute Dame, die sich meiner Lola annehmen
will, solange Pai nicht da ist.

Der Flur war weit; auf seinen Steinfliesen gingen Arm in Arm, zu zweien
oder in langen Reihen, viele Mdchen umher. Andere hpften zwischen den
Flgeln einer Tr, in der buntes Glas war, in den Garten hinab. Es waren
groe und kleine; aber die kleinste, sah Lola gleich, war sie selbst. Sie
sah es aus dem Zimmer, worin Pai mit ihr wartete. Es hatte weie Tapeten
mit goldenen Blumen darauf, eine goldene Stutzuhr, sehr hohe Fenster mit
den Bumen des Gartens dahinter; und Lola wandte sich, beklommen seufzend,
von einem Gegenstand zum andern. Gleich war's nun so weit: Pai war fort.
Noch hielt er sie doch an der Hand: und war schon fast fort! O, o, was fr
eine drngende Menge von Dingen htte sie ihm zu sagen gehabt; er mute
doch einsehen. Mit zuckender Lippe brachte sie hervor:

Pai, sieh, was fr ein komischer Mann ist auf der Uhr.

Und fieberhaft dachte sie: Das war's doch nicht, was ich wollte.

Hatte Pai wirklich gar kein Erbarmen? Sie lugte zu ihm auf, mit
unverstelltem Jammer. Pai sah gradaus; er hatte den Mund fest geschlossen,
die Falte zwischen den Augen; -- und zum ersten Male fhlte Lola, da er
ein strenges Gesicht mache, weil er traurig sei; da er sich streng stelle,
weil er sie lieb habe. Es ward ihr ganz warm und glcklich; sie drckte
Pais Hand; Pai sah hinab, ihr in die Augen: da aber ward es drauen bei den
Mdchen viel stiller, und eine kleine Dame im schwarzen Kleid lief eilig an
dem gelben Treppengelnder entlang. Schon war sie unten, und nun kam sie
auf das offene Zimmer zu. Gab es denn keine Rettung? Pai tat nichts? Die
kleine Dame trug die eine ihrer schmalen Schultern hher als die andere,
sie hielt die Arme gekrmmt zu den Seiten ihres zerknitterten
Trauerkleides, und ihr blasses, langes Gesicht bekam vom Lcheln eine
krause Nase: Lola sah das alles mit schreckensvoller Genauigkeit. Ihr war
wie in einem Traum, worin man davonlaufen mchte und kann sich nicht regen.
Da fhlte sie schon die dnnen langen Finger der Dame khl um ihre Hand.
Was sagte nun die Dame? Ratlos wandte Lola sich nach Pai um.

Frulein Erneste begrt dich, erklrte Pai, und verspricht dir, sie
wolle dich lieb haben und dich alles Gute lehren. Du mut ihr danken.

Danke, sagte Lola, mit Anstrengung.

Darauf begann das Frulein unter Lauten freudiger Erregung berall in Lolas
Gesicht Ksse zu werfen, die hart waren und schmerzten. Lola begriff nicht;
sie erschrak; und inzwischen hatte das Frulein schon wieder eine Menge
geredet, und alles klang fragend. Allmhlich hrte Lola, da sie immer
dasselbe sagte, und immer langsamer und deutlicher sprach sie es aus.
Wieder suchte Lola Hilfe bei Pai, aber Pai hatte sich in einen Stuhl
gesetzt und bekmmerte sich nicht um sie. Und das Frulein drang immer
strenger auf sie ein, mit steil aufgerichtetem Zeigefinger. Lola hielt sich
nicht lnger; sie brach, und sah dem Frulein dabei immer starr in die
Augen, in entsetztes Schluchzen aus. Da geschah etwas sehr Seltsames. Die
eifrige, Gehorsam heischende Miene des Fruleins fiel jh in sich zusammen
und ward ganz unsicher und hilflos. Das Frulein war auch anfangs nicht
gro gewesen: jetzt aber war es nicht mehr viel hher als Lola, und es
tastete schchtern, whrend es den Kopf zum Bitten schief legte, nach Lolas
Hand. Darber erschrak Lola nochmals: aber nicht fr sich selbst. Was hatte
das Frulein? Ein verlegnes Mitleid berhrte ihr Herz, und sie lchelte
zart. Ein wenig hher noch hob sie des Fruleins Hand, die um ihre lag:
zgernd, -- und pltzlich legte sie die Lippen darauf. Sogleich aber
trennten sie sich, und Lola lief auf Pai zu, fiel ihm um den Hals und rief,
um Pai von dem Frulein und seiner Verwirrung abzulenken: was fr ein
herrlicher Apfelbaum da zum Fenster hereingreife. Pai hob, da das Frulein
ihm etwas zurief, Lola hoch empor, und sie konnte eine Frucht brechen.

Alle drei gingen nun in den Garten; Lola fhlte sich irgendwie beglckt;
und ehe jemand es sich versah, sa sie droben im Apfelbaum. Pai schalt,
aber sie hrte, da es Spa sei; das Frulein lachte von Herzen, und aus
allen Ecken des Gartens liefen Mdchen herbei, sich die kleine Wilde
anzusehen. Sie tanzten um den Baum, schrieen und streckten die Hnde aus.
Pai sagte hinauf, das Frulein erlaube, da Lola zur Feier ihrer Ankunft
den Mdchen pfel pflcke. Lola warf sie ihnen zu; sie kletterte von Ast zu
Ast, suchte sich mit ernster Miene eine aus und warf ihr die Frucht in die
Schrze. Als sie herunterstieg, umringten die Greren sie und liebkosten
sie. Aber eine Glocke lutete, und alle eilten ins Haus. Pai und Lola
folgten dem Frulein zu einer Laube, wo ein Frhstck bereitstand.

Lola bekam zum Essen ein halbes Glschen Wein; dann nahm Pai sie auf sein
Knie, kte sie und sagte: Nun lauf umher.

Trotzdem behielt er sie im Arm und sah sie an. Sie entschlpfte.

Einen Ku noch, kleine Tochter, rief Pai ihr nach.

Gleich!

Und sie sprang hinter einem Schmetterling her. Ihr war lustig zu Sinn, sie
dachte: Solche groen Klatschrosen! . . . Ich mu sehen, was dort in der
Mauer fr ein dunkles, dunkles Loch ist . . . Pai ist gut, auch das
Frulein ist gut . . . Eine Eidechse, husch . . . Ob die Mdchen nicht
wiederkommen? . . . Der schne Tag!

Pai! jauchzte sie.

Er kann mich nicht hren, so gro ist der Garten. Wo ist denn die Laube
geblieben? Ah, um diese Hecken mu ich herum . . . Nun aber: Pai! Und sie
lief.

Pltzlich hielt sie an: vor der Laube stand das Frulein allein.

Pai?

Lola kam langsam nher. Ihre Augen durchforschten die Laube, berflogen den
Garten und hafteten, verzagend, am Blick des Fruleins. Was sagte er? Doch
nicht das? Er konnte nicht! Lola nahm sich zusammen und fragte:

Wo ist Pai, Frulein?

Das Frulein sagte etwas, wieder mehrmals dasselbe, aber garnicht langsam
und deutlich wie vorhin: und doch verstand Lola. Sie warf, haltlos
jammernd, die Arme in die Hhe.

Er wollte noch einen Ku von mir! Wie kann er fort sein, wenn ich ihm doch
noch den Ku geben soll!

Sie taumelte einmal um sich selbst und schlug, unsicheren Laufs, den Weg
zum Hause ein. Mitten darauf blieb sie stehen, lie die Arme fallen, senkte
den Kopf; und die rinnenden Trnen wuschen ihr von den Lippen den Ku, den
sie nicht hatte geben drfen.




III


Lola war allein.

Sie weinte auf einer Bank, zusammengekrmmt, lange und wild. Das Frulein
stand anfangs dabei und flsterte hier und da ein Trostwort, das fragend
klang, als wisse sie es selbst nicht genau. Dann machte sie einige
Schritte, sah sich wartend um, verschwand im Hause. Bald kam sie wieder und
rief sehr munter, ob Lola diesen schnen Pfirsich mge. Als aber das Kind
zornig den Kopf schttelte und wilder schluchzte, zog das Frulein sich so
rasch zurck, als flhe sie.

Die Glocke lutete wieder, und Lola lie sich fortfhren, weil das Frulein
ihr sagte, nun wrden die Mdchen kommen und sie weinen sehen. Das Frulein
ffnete die Tr zu ihrem eigenen Zimmer: da sprang klffend ein kleiner
weier Spitz auf Lola zu, und Lola, die daheim vor Gropais riesigen Hunden
keine Furcht gehabt hatte, wich mit einem Aufschrei zurck.

Ami! rief das Frulein und redete, zu ihm niedergebeugt, ernsthaft auf
den Spitz ein. Es half nicht; das Kind und das Tier hatten sich gegenseitig
erschreckt; und der Hund mute hinaus, -- wo er winselte.

Nun kramte das Frulein in einem Schrank, zog ein groes buntes Buch hervor
und hielt es Lola entgegen. Sie wollte Lola auf einen Schemel setzen; Lola
glitt damit aus, griff um sich und warf ein Glas Wasser ber die
Handarbeit, neben der es gestanden hatte. Das Frulein strich ihr die Wange
und lchelte. Dann schlug sie das bunte Buch bei der ersten Seite auf; es
war ein Affe darauf, ein Ast und noch mehrere Dinge; und wiederholte, auf
den Affen zeigend, ein Wort: immer nur das eine. Zuerst beachtete Lola es
nicht; dann merkte sie wohl, da sie es nachsprechen solle: aber sie
schwieg; und diese Rache fr alles, was mit ihr geschah, tat ihr wohl.
Trotzdem richtete das Frulein seinen Finger jetzt auf den Ast und sagte
dazu ein anderes Wort, viele Male. Sie fhrte Lola auch zu einem weien
Turm, der in einer Ecke des Zimmers ragte, und zu dem Schirm, der
davorstand: darauf waren aus bunten Perlen eine Dame und ein Kind, und zu
beider Fen ein Tier, das Lola nicht kannte. Es schien ihr sanft,
zrtlich, zum Zerbrechen sein; und seine groen Augen glitzerten, als seien
sie voll Trnen. Mitleid durchschauerte Lola, mit dem Tier, mit sich
selbst, -- und da stammelte sie das Wort nach, das das Frulein ihr schon
lngst vorsagte: Reh, und weinte, leise und ohne Trotz.

Wie die Trnen gestillt waren, nahm das Frulein sie mit zum Essen, an eine
lange Tafel, wo viele Mdchen schwatzten und klapperten. Lola a nichts,
aus Traurigkeit; sie sa betubt da, erschrak, wenn ihr Name genannt ward,
und dachte, weh und wund: Was wollt ihr alle? Was tue ich hier? Warum hat
Pai mich nicht mitgenommen? Nach Tisch ward sie in den Garten gebracht,
aber sie schttelte den Kopf und ging dem Frulein nach, bis sie wieder im
Zimmer und bei dem Reh war: denn das war hier ihr einziger Freund. Reh,
Reh, flsterte sie ihm zu. Das Frulein kte sie leise auf die Locken und
lie sie mit ihrem Kameraden allein. Als Lola spter zu Bett gelegt werden
sollte, hatte sie sich schon in Schlaf geweint.

Beim Erwachen in heller Sonne fiel ihr als erstes das Reh ein; dann der
Spitz Ami. Sie bedachte vieles Erlebte und auch, ob sie dies Zimmer schon
kenne. Neugierig sah sie sich darin um. Noch ein anderes Bett stand da,
aber es war schon verlassen. Sie lie sich aus dem ihren gleiten und
trippelte umher: da trat das Frulein herein, hob Lola auf ihren Arm,
zeigte sich auf die Brust und sagte mehrmals:

Erneste.

Lola hatte in ihrem rotgeschlafenen Gesichtchen groe, aufmerksame braune
Augen, die, auf den Mund des Fruleins gerichtet, ganz leise seitwrts hin
und her rckten; ihre blonden Locken hingen wirr geringelt, die leichten
Linien ihrer Lippen fgten sich fein ineinander; und am Saume ihres
Hemdchens streichelten sich ihre rosigen kleinen Fe. Sie uerte nichts;
aber als sie fand, das Frulein habe genug Erneste gesagt, nickte sie
bedchtig, zum Zeichen, da sie verstanden habe.

Sie bekam ihren Kakao, grub im Garten, ward, wie die Glocke gelutet hatte,
von den Mdchen in einem Ringelreihen geschwenkt und dann wieder von
Frulein Erneste in das Zimmer des Rehes geholt. Der Spitz Ami knurrte nur,
und er wedelte dabei. Lola sollte auch heute Affe und Ast nachsprechen.
Sie tat es zerstreut, sah dabei immer das Reh an: sie hatte keinen Sinn fr
die Dinge, auf die Erneste sie jetzt noch hinzulenken wnschte; und nur
zufllig bemerkte sie, da es sich um die zweite Seite des bunten Buches
handelte, und da dort jedes Bild mit einer Marzipanscheibe bedeckt war.
Nahm man sie weg, kamen darunter zum Vorschein: ein Baum, ein Bcker, ein
Bottich. Sie erlernte diese Worte in groer Eile, um zu erfahren, was auf
der dritten Seite wre.

Von diesen Erlebnissen, die sie interessiert hatten, wollte sie bei Tisch
-- war nicht heute alles lustiger bei Tisch? -- ihrer Nachbarin erzhlen,
einem Mdchen, da nur wenige Jahre lter sein konnte. Sie erzhlte
ausfhrlich, die andere aber lachte nur und stie eine dritte an. Lola, in
Eifer, kam von dem Reh auf die Tiere daheim; sprach von daheim und von Nene
und Mai. Pltzlich ward sie inne, da alle still waren, zu beiden Seiten
des Tisches, und sie ansahen: die meisten mit Neugier, einige spttisch; --
und keine, erinnerte sie sich nun, keine einzige hatte sie verstanden!
Errtet, ratlos beschmt, sah sie die Reihen entlang, konnte, zitternden
Gesichtes, die Trnen noch gerade hinunterschlucken und beugte sich mit
einem kleinen einsamen Lcheln ber ihren Teller.

Nun kam eine Stunde, in der alles durchs Haus sprang und sang. Auch Lola
sollte singen, sie tat nur so, als begriffe sie nicht. Da fate aber
Erneste ihre beiden Arme, und die Nase kraus vor Freundlichkeit und whrend
alle umherstanden, sagte sie ihr mehrere Worte, deren jedes ungefhr klang
wie singen: nur nicht ganz. Schlielich aber fand sie's wirklich: singen;
und da sang Lola. Sie sang nselnd: Ihr Negerknaben meines Vaters . . .,
schlo dabei halb die Lider und sah nun alles, was sie sang, sah die Heimat
. . . Noch wie sie schwieg, war sie aus dem Schwarm der auf sie Einredenden
weit fort.

Eine Weile darauf fiel ihr ein, da sie dieses Lied einmal bei der
deutschen Gromama gesungen hatte. Seltsam: an den Aufenthalt bei der
Gromama hatte sie noch gar nicht wieder gedacht; ihr war, als sei sie von
der groen Insel gradeswegs hierher verschlagen, und alles dazwischen war
verworren wie ein Schiffbruch. Nun kam ihr eine Fratze in den Sinn, die der
lustige Onkel einmal geschnitten hatte: und von da aus fand sie sich in
allem wieder zurecht. Ach! Das war doch Lolas Gromama, denn Pai war ihr
Sohn, und sie hatte ihn lieb. Eine aufzuckende Hoffnung: Ob Pai nicht bei
ihr war? Da Lola daran nicht frher gedacht hatte! Pai war nicht
abgereist, er war bei seiner Mama! Lola ging zu Frulein Erneste und sagte
Gromama: nur das eine, bittende Wort; und Erneste verstand es, sie lie
Lola hinfhren.

Die Gromama breitete die Arme aus, Lola aber lief, ohne ihrer zu achten,
um sie herum: Pai! Pai! -- in sein Zimmer, in das Wohngemach, in den
Garten: Pai! Pai! Sie kehrte von ihrer vergeblichen Runde wieder.

Wo ist Pai?

Die Gromama bedeutete ihr etwas, Lola wute wohl, was, aber sie glaubte
ihr nicht. Einer der Onkel kam, die Magd ward gerufen, und alle
wiederholten dasselbe. Lola schttelte nicht mehr den Kopf, aber ihre
Meinung stand fest. Zuletzt erschien der lustige Onkel und wnschte ihr
Guten Tag in ihrer Sprache. Immer die zwei Worte, die er sich einst von Pai
hatte ins Ohr sagen lassen. Dummer Papagei, dachte sie, und sie verlangte
fort.

Sie sphte in jedes Haustor, zerrte ihre Begleiterin in die Lden, die sie
mit Pai besucht hatte, und auf einem leeren Platz, wo es wehte, blieb sie
stehen und rief flehentlich Pai! Keins der trgen Fenster ffnete sich;
es fror Lola bitterlich; und die Magd zog sie fort.

Aber fr das bunte Buch war sie nicht mehr zu haben, nicht mehr fr den
Garten und kaum noch fr das Reh. Sie sah jeden mit Mitrauen an, der ein
Wort zu ihr sprach: eins dieser unverstndlichen Worte, deren Gerusch um
sie her war. Zu Frulein Erneste sagte sie: das ist nicht wahr, obwohl
sie gar nicht wute, was das Frulein gemeint hatte; bei Berhrungen brach
sie in Geschrei aus; und ihr Drang war immer: auf die Strae, durch die
Stadt, und in die Huser sphen. Sie schrie, bis das Frulein ngstlich
ward und sie hinauslie. Das dauerte mehrere Tage.

Dann wich Lolas Glaube. Sie hatte gewi in jedem Winkel nachgesehen und
berall ihr Pai! gerufen. So wollte Pai sie wohl nicht hren, oder er war
wirklich fort. Ja, er war fort: die Leute hatten recht. Aber dann hatte Pai
selbst sie verraten und unter diesen Fremden zurckgelassen. Wem also war
noch zu trauen? Scheu sah das Kind sich um. In diesen Tagen brach ein
Gewitter aus; und Lola -- wie hatte sie daheim zu urweltlichen Unwettern
gejauchzt! -- ward von jedem dieser Blitze in eine andere Zimmerecke
gescheucht: bleich und mit geschlossenen Lippen; denn niemandes Hilfe wute
sie anzurufen.

Ward Lola jetzt um ihr Lied gebeten, schttelte sie, mrrisch und verlegen,
die Schultern. Auch sprach sie nicht mehr; und sie dachte ganz
Ungewhnliches. Ich werde vielleicht sehr krank werden und kann dann
niemandem sagen, wo es weh tut, und mu immer so schreien, wie damals der
Neger schrie, der ein Loch im Magen hatte. Wenn sie allein im Zimmer war
und mit sich selbst und ihren Puppen plauderte, mute sie manchmal
lauschen: so seltsam klein und allein klang ihr die eigene Stimme; -- und
sie fhlte es pltzlich, tief in ihrem erschauernden Herzen, es gbe im
Hause und in der ganzen Stadt und auf allen Straen die hinausfhrten,
keinen Menschen, der, wie die daheim, zu ihr sagen knne: Meine kleine
Lola, meine liebe kleine Lola. Sie flsterte die ersehnten Worte vor sich
hin und sah dabei ihre Puppen an. Da bemerkte sie, da auch die Puppen sie
ihr nie sagen und, was sie ihnen vorplauderte, nie verstehen wrden: waren
doch auch sie aus diesem fremden Lande. Sie schob sie weg. Und selbst das
Reh! Daheim gab es kein solches Tier, und es wute nichts von Lola. Hrst
du denn nicht? bat sie, mit Trnen. Reh! Reh! Aber das Reh sah sie fremd
an.

Lola war allein.

                   *       *       *       *       *

Am Sonntag ward sie wieder zur Gromama gebracht. Sie benahm sich scheu und
verdrossen; man verlor endlich die Geduld und berlie sie nach dem Essen
sich selbst. Unzufrieden, weil niemand mehr sich um sie bekmmerte, drckte
sie sich im Garten umher. Wie es kalt war in diesem Lande! ngstlich und
feindselig sah sie zu den grauen Wolken hinauf, die herabdrohten. Der
Pavillon, der sie am ersten Tage versteckt hatte, damals, als sie schon
vorausgeahnt hatte, Pai werde sie allein lassen: heute stand er offen, und
Lola betrat ihn. Es waren wunderliche alte Mbel darin; sie bemhte sich,
einen Wandschrank zu ffnen: -- da geschah ein Poltern unter ihr. Sie fuhr
zusammen. Es polterte strker, es schlug sogar gegen den Boden, auf dem sie
stand. Erstarrt, horchte sie. Ein furchtbarer Krach: nun drang es gleich zu
ihr ein; und Lola schrie los, mit allen Krften hchster Not:

Der Teufel! Der Teufel!

Sofort hrte das Poltern auf, und im nchsten Augenblick stand in der Tr
der lustige Onkel, ganz bleich, und blickte Lola zornig an. Sie schrie, zu
ihrer Rechtfertigung und aus Eigensinn, noch einmal: Der Teufel! Da
strzte aber der Onkel auf sie zu und legte sie ber sein Knie . . . Und
nachdem Lola dies durchgemacht hatte, war es ihr viel leichter und sanfter.
Der Onkel nahm sie bei der Hand und fhrte sie in das Kellergewlbe, unter
dem Gartenhaus. Er zeigte ihr, wie er Holz gehackt habe, und wie die
geschwungene Axt manchmal gegen die niedrige Decke gestoen sei. Was er
dazu redete, hatte einen guten, trstlichen Ton; -- und Lola ward betroffen
und sehr nachdenklich. Denn es war klar, da dies gegen alle ihre
bisherigen Erfahrungen ging. Wenn daheim aus dem Urwald heraus irgend eine
ungewohnte Stimme erscholl, lief es bei den Schwarzen von Mund zu Mund:
Der Teufel; und blinzelte irgendwo ein Licht, das niemand kannte, ward
geraunt: Der Teufel. Als der Onkel Holz hackte, htte die schwarze Anna
nur bei Lola sein sollen: ganz sicher wrde sie gewimmert haben: Der
Teufel. Er war es also nicht? Wenigstens nicht immer? Das war trstlich,
und der Onkel war gut, da er Lola dies gelehrt hatte. Sie lchelte ihm zu.
Sie hatte auf einmal alle Menschen lieber, ging ins Zimmer, umarmte die
Gromama und klatschte in die Hnde bei dem Gedanken, da sie auch dem
Frulein Erneste etwas recht Liebes antun wolle. Eifrig verglich sie im
Innern die schwarze Anna mit Frulein Erneste und wunderte sich, wie viel
nher ihr Erneste sei. Die schwarze Anna war dumm, mit ihrem Teufel; Lola
schmte sich ihrer ein wenig. Wie sie nach Haus kam, stellte sie sich vor
Erneste hin, sammelte sich und sagte zutraulich:

Ast, Boot, Reh, Erneste.

Dabei lchelte sie entschuldigend, denn fr ein achtjhriges Mdchen war
dies natrlich kindisch; aber was sollte sie sagen? Erneste verstand Lola;
vor Rhrung bekam sie ein bekmmertes Gesicht und Trnen in die Augen.

Einige Wochen spter schlug sie Lola vor, einen Brief an Pai zu schreiben.

Schreibe in deiner Sprache.

Lola tat es; aber sie fgte mit Genugtuung eine Anzahl ihrer deutschen
Wrter hinein: alle waren in einem Brief schon nicht mehr unterzubringen.
Die Antwort kam. Auch Herr Gabriel hatte auf portugiesisch geschrieben; nur
am Schlu stand der Satz: Ich habe dich lieb; und diese Worte, die er
noch nie in seiner eigenen Sprache hatte uern drfen, waren von ihm mit
einer Sigkeit erfllt worden, die Lolas schwache Hnde noch nicht
herauspressen konnten. Erneste sah diese Zeilen lange an und sagte dann:

Bewahre den Brief gut auf, Kind.

Den nchsten schrieb Lola -- sie war vier Monate bei Erneste -- ganz
deutsch, und ihr Vater antwortete ebenso. Inzwischen aber war ein Brief
angekommen; Lola wute nicht gleich, wer ihn abgeschickt habe. Sie war sehr
gespannt.

Ah!

Nun? fragte Erneste.

Von Mai! -- und sie betrachtete ihn angestrengt.

Was schreibt dir deine Mama?

Ja, ja, machte Lola, und: Gleich komme ich wieder.

Sie lief ins Schlafzimmer und buchstabierte. Mais Schrift sah Lola zum
erstenmal; die schne Mai lag immer nur in der Hngematte. Wie mute sie
Lola lieb haben, da sie ihr schrieb! Lola kte den Brief. Dann versuchte
sie es nochmals: nein; wirklich, sie verstand nichts, oder nur hier und da
ein paar Worte. Mai, Mai, stammelte sie, und pltzlich weinte sie.
Kleinlaut berichtete sie spter Erneste:

Jetzt ist es sehr hei in Rio, schreibt Mai, und hier ist es so kalt.

Tags darauf wute sie:

Nene war krank und ist nun wieder gesund.

Sie las immer in dem Brief; er hatte schon Risse, Fettflecke und
Trnenspuren. Eines Morgens beim Erwachen fand Lola ihr Hndchen hoch in
der Luft. Im Traum hatte sie's nach einer Frucht ausgestreckt, die Mai ihr
hinhielt, -- und zog es nun leer zurck. Noch sah sie Mais Gesicht: und da
verstand sie pltzlich einige von Mais Worten in ihrem Brief. Schon war
Lolas erste Sprache, Wort fr Wort, zurckgedrngt von ihrer zweiten; neue
Gesichter schoben sich ihr vor die alten; und eine neue Luft malte alle
Dinge anders. Drauen schneite es; das erste Mal hatte Lola den Schnee fr
Zucker gehalten; und Mai kannte ihn noch immer nicht. Mai lag in groer
Wrme in ihrer Hngematte und kannte, obwohl sie Mai war, nichts von allem,
was Lola sah. Wie rtselhaft das war! Lola dachte sich darin fest; sie sa
am Boden, den Blick nach innen, die Lippen leise gelst, und hielt mit
allen Krften den Geschmack solches Gedankens fest. Manchmal war es nur ein
Wort, ein Name, den sie in solcher Weise ganz auszukosten suchte: Erneste,
wie konnte jemand so heien; Er--ne--ste, wie jede der Silben pltzlich
verwunderlich und komisch war. Jeden Augenblick wurden sie fremder! Im
Frhling, auf einem Ausflug, ward Lola vermit und allein zwischen
Waldhgeln bei einer Quelle gefunden. Das nasse Laub hing um sie her, es
roch herb nach Krutern, die Quelle rann, Lola sa ohne Regung. Worber sie
nachgedacht habe. ber die Quelle. Im Sommer lag sie oft am Rande eines
Heliotropbeetes auf dem Bauch, schob den Kopf zwischen die Blumen und
lauschte in die groe Tiefe dieses Duftes.

Ein Gesicht, das sie lange schon kannte, ward ihr auf einmal wie
durchleuchtet: nun fhlte sie's. Einmal, im Schulzimmer, sah sie, anstatt
nachzuschreiben, unverwandt auf ihre Lieblingslehrerin, auf die raschen
kleinen Mienen und die flinken, pickenden Bewegungen des Fruleins.

Lola, warum siehst du mich immerfort an? fragte Frulein Mina. Lola
erklrte:

Du aussiehst wie ein klein Vogel.

Die franzsische Lehrerin ward gehat von Lola: besonders seit sie Lola
gedroht hatte, wenn sie noch lnger die Kirschkerne verschlucke, werde ihr
ein Kirschbaum aus dem Halse wachsen. Lola whlte sich mit dem Blick in
dieses fette, graue, schnffelnasige Geschpf hinein, bis sie in dem
Frulein deutlich eine groe, dicke Ratte sah und bei einer zuflligen
Berhrung besinnungslos aufschrie!

In eine Vorstellung, eine Begierde konnte sie sich rettungslos festrennen,
bis zu kleinen Verbrechen. Einmal log sie, in dem unvermittelten Drange,
eine Sache ganz fr sich zu haben. Nun hatte sie's: ein Geheimnis; und
kostete tagelang aus, da niemand wisse, was sie wute. Das war ein neues
Leben, eine eigene Welt! Etwas spter stiftete sie, um des Abenteuers
willen, eine groe Verschwrung an, verbunden mit Diebstahl. Zwar handelte
es sich um die Ratte, die ohnehin jeden Streich verdiente. Mittlerweile
nannten alle sie so; Lola hatte den Namen durchgesetzt und in Vielen
Widerwillen erregt gegen die Lehrerin. Es war nicht schwer, die Mdchen zu
berzeugen, da sie der Ratte eine groe, scheuliche Puppe ins Bett legen
mten. Man brauchte eine Maske, eine Haube, eine Jacke, eine Brille. Das
Geld? Man wute doch, wo die Ratte ihres aufbewahrte. Es war nur gerecht,
da sie selbst sich die Puppe kaufte. So geschah es. Die Ratte fiel zuerst
in Ohnmacht, und wie der Verlust des Geldes herauskam, erlitt sie einen
Weinkrampf. Lola sah ihn mit an: sie sah den Schmerz des hlichen und
geizigen Geschpfes, ward hineingezogen und lebte ihn mit, auer sich vor
Reue. Sie sah eine dicke Ratte sich ngstigen, die sie vergiftet hatte, und
htte gern, wenn es noch mglich gewesen wre, das Gift selbst gegessen.
Sie bat um Verzeihung, nahm sogar, mit leidenschaftlicher
Selbstberwindung, die Hand der Ratte. Denselben Ekel empfand sie auch
jetzt noch; aber sie sah dieses Wesen leiden; sah unendlich mehr davon, als
die andern sahen; und begriff nicht mehr, wie sie solch Leiden hatte
zufgen mgen! Viel lieber statt anderer leiden! In mancher Nacht kam ihr
die Frage: Wenn ich mich lebendig begraben lassen sollte, oder Erneste
sollte sterben, oder Mai: was wrde ich whlen? Sie warf sich seufzend und
hei umher: nun hie es sich entscheiden, das Furchtbarste auf sich nehmen.
Und pltzlich war sie hindurch, sah Licht, war sanft und s durchronnen
und hatte sich dargebracht: O, lieber, viel lieber will ich lebendig
begraben werden!

Sie war erschttert; ein Drang nach Gte, eine schmerzliche Wallung von
Liebenwollen hob ihr Herz auf; -- und da kam rechtzeitig der neue
Geschichtslehrer, Herr Dietrich. Er war schchtern und ironisch, und er
sprach immer wie zu erwachsenen Damen. Alle interessierten sich fr ihn,
einige erkundeten seine Lebensumstnde. Er wohnte mit seiner Mutter und
seinen jungen Geschwistern zusammen und unterhielt sie. Wie Lola von seinem
Leben trumte! Liebreich mute es dahinflieen, voll sanfter, gtiger,
edler Gedanken. Mit zwei andern, die fr ihn schwrmten, wagte sie es unter
einem Vorwand, ihn aufzusuchen. Kein Teppich lag auf den weien Dielen
seines Zimmers. Herr Dietrich stand von seinem Schreibtisch auf, der dabei
ins Wanken kam, und deckte verlegen ein Kissen auf einen Ri im Ledersofa.
Das ganze Haus roch nach saurer Milch. Tagelang erbitterte Lola sich gegen
Erneste, die ihn nicht besser bezahlte. Alle htten hingehen sollen und es
ihr vorhalten. Lola sonderte sich ab, so oft sie konnte, lernte den
Leitfaden der Geschichte auswendig, und wenn sie ihn sich wiederholte, war
es ihr, als sagte sie ihm etwas Liebes. Als sie an einem Mrztag, es lag
noch Schnee, allein im Garten gewesen war, kam sie erregt zu Erneste
gelaufen.

Erneste, ich wei jetzt, wie der Frhling aussieht!

Wieso?

Wie Herr Dietrich sieht er aus!

Lola leuchtete. Die Offenbarung, die sie soeben empfangen hatte, war
einfach und tiefwahr.

Erneste dachte: Mit zwlf Jahren schon? . . . Sie fate sich und uerte:

Aber Kind, fr ein Mdchen, das bald dreizehn wird, ist das doch zu
kindisch. Herr Dietrich ist natrlich ein Mensch wie wir alle.

Lola stutzte; war er das? Warum mute sie dann soviel an ihn denken? Immer
hatte sie jenen leichten Geruch von saurer Milch in der Nase: soviel dachte
sie an Herrn Dietrich. Ich will ihn mir ganz genau ansehen. Gerade heute
war Herrn Dietrich sein gelber Strumpf ber seinen schwarzen Schuh
gerutscht. Lola starrte finster und nachdenklich darauf hin. hnliches
konnte man auch bei andern Lehrern sehen: aber Herr Dietrich, der so edel
war! an den Lola so viel denken mute! Nun bemerkte sie auch, wie Herr
Dietrich sich mit Jenny abgab; wie die dicke, freche Jenny, das Kinn auf
der geziert ausgespreizten Hand, ihn anschmachtete; wie er errtend wegsah
und, nachdem er ein wenig an seinem Kneifer gerckt hatte, ihr zulchelte.
Da ward es Lola kalt und zornig zu Sinn; es trieb sie, Herrn Dietrich zu
zeigen, da er fr sie durchaus kein Ideal sei. Er stand grade vor ihr;
seine rtliche, knochige Hand lag auf ihrem Tisch; und in seiner Manschette
konnte sie Haare sehen. Vorsichtig fhrte sie zwei Finger hinein, erfate
ein Haar, machte Kieks! -- und da hatte sie's. Herr Dietrich zuckte
zusammen; dann rief er mit roter, entrsteter Miene:

So etwas tut man nicht!

Lola, ziemlich erschrocken ber ihre Tat, aber trotzig, betrachtete das
Haar.

Gib's her! -- und Herr Dietrich nahm es ihr weg.

Als er sie spter etwas fragte, antwortete sie nicht, obwohl sie's wute.
Sie beschlo ihm brieflich ihre Verachtung auszusprechen; den ganzen
Nachmittag arbeitete sie daran. Wenn ich einen Menschen gern habe,
verlange ich mehr von ihm als von andern, Sie haben mich sehr enttuscht,
wollte sie ihm sagen, und: Ich bin viel zu stolz, um jemand noch gern zu
haben, der eine andere liebt. Indes fiel ihr ein, da Herr Dietrich von
ihrer Neigung nichts gewut habe, und da ihn darum auch ihre Enttuschung
nichts angehe. Wahrscheinlich wrde er ihr mit seiner entrsteten Miene den
Brief zurckgeben und dazu schreien: So etwas tut man nicht!

Sie hielt sich nun fr fertig mit der Liebe Dennoch verlor sie den Winter
darauf ihr Herz an einen italienischen Leierkastenmann. Sie lag im Fenster
und lebte in seinen Augen. Bleich und traurig schmachtete er herauf. Lola
sagte:

Wie ist er schn! Ich habe noch nie einen schnen Mann gesehen.

Die dicke Jenny strte sie diesmal nicht: im Gegenteil, sie fragte, ob Lola
seine Bekanntschaft machen wolle, sie begleite sie gern. Lola schrak
zurck, sie wute noch nicht, wovor. Aber am Sonntag wartete sie mit ihrem
ganzen Wochengeld. Der Italiener kam, nur war er betrunken und
kotbespritzt, fing Streit an und ward verhaftet. Lola warf aufs Geratewohl
ihre zehn Mark hinunter und rettete sich.

Die Trennung von dieser Liebe war hart. Wochenlang zuckte Lola schmerzlich
zusammen, pfiff jemand auf der Strae eine von des Italieners Arien. Bei
der Ankndigung der Oper, aus der sie stammten, geriet Lola in Erregung und
verlangte hin. Sogar die Begleitung der Ratte nahm sie mit in den Kauf. Auf
ihrem Balkonplatz bekam sie Herzklopfen; aber wie sie sich den
Leierkastenmann vor Augen rufen wollte, bemerkte sie, da sein Bild
unauffindbar war, und da nur die Klnge und Gebrden von dort drben sie
erfllten und bewegten. Ihr schien es der erste Theaterbesuch; und alles
mutete sie wie eigene tiefe Erinnerungen an. Woran sie jemals ahnungsvoll
gerhrt hatte, das war hier aufgeschlossen und entzaubert. Der letzte Duft
schner Blumen, Namen, Gesichter schien hier herausgepret. Die Worte
klangen alle voller und sinnreicher, die Dinge hatten hhere Farben, die
Mienen erglnzten inniger. Hier wiederholte sich, htte man meinen sollen,
das Leben Lolas in strkerem Licht: als habe sie dort auf der Bhne ihr
eigenes Herz, hher schlagend, vor Augen. Alles, wofr man sonst keine
Verwendung wute, konnte hier spielen. Man konnte sich ganz geben, wie man
war; denn die Menschen hielten endlich das, was man sich von ihnen
versprach. Der Held dieser Oper war so edel, wie Herr Dietrich htte
bleiben sollen, und so schn wie der Italiener, ohne sich dabei zu
betrinken.

Bei der Heimkehr war es Lola, als habe sie nun ein Zauberwort erfahren:
Schauspielerin, und sei dadurch erlst und mit sich selbst bekannt gemacht.

Wie sonderbar! dachte sie im Bett und starrte zur dunklen Decke hinauf;
das also bin ich! Erneste rhrte sich, und Lola htte sie fast, in
rascher Regung, aufgeweckt und ihr Schicksal Erneste offenbart. Noch hielt
sie zurck; sie hatte sich erst selbst an seine Erkenntnis zu gewhnen.
Beim Aufwachen aber erschtterte sie sogleich ein groer Jubel; sie machte
sich schnell fertig und lief zu Erneste, gerade so herzhaft und ohne Arg,
wie damals, als sie mit der Nachricht kam, der Frhling sehe aus wie Herr
Dietrich.

Erneste! rief Lola, weit du, was ich werden will? Schauspielerin!

Auch gut, erwiderte Erneste und befestigte gelassen den Papierdeckel auf
einem Glas mit Eingemachtem. Lola erklrte freudig:

Gestern im Theater habe ich es gemerkt, und jetzt wei ich es ganz genau.

Dummes Kind; trinke lieber deinen Kakao.

Warum, dumm? Ich glaube, da ich Talent habe.

Das glaube ich auch: du rezitierst sehr niedlich; deswegen verfllt aber
doch kein verstndiges Mdchen auf solches dumme Zeug. Mchtest du wohl
einen Lffel Gichtbeerenkompott?

Verwirrt lie Lola sich den Lffel in den Mund schieben.

Nun geh, Kind, sagte Erneste, und Lola ging, den Kopf gesenkt. Vor der
Tr zum Frhstckszimmer richtete sie sich auf und kehrte nach der
Speisekammer zurck.

Erneste!

Lola war bla, ihre Stimme hatte gezittert; Erneste sah sie sprachlos an.

Erneste, du hast so getan, als ob es Scherz wre. Es ist mir aber ganz
ernst.

Um so schlimmer, sagte Erneste, polternd vor Schrecken. Geh ins
Klassenzimmer und erwarte, welche Strafarbeit ich dir aufgeben werde!

Ich will alle Strafarbeiten machen, die du mir aufgibst, Erneste. Aber ich
bin fest entschlossen, Schauspielerin zu werden.

Lola redete das wie ein Diktat; irgend eine Macht weihte sie zum Sprechen.

Es ist das erste Mal, da ich so zu dir spreche, Erneste: daraus kannst du
ersehen, wie wichtig dies ist, sagte sie sanft, mit feuchten Augen; denn
Erneste tat ihr leid. Erneste war auf einen Holzschemel gefallen; ihre von
Fruchtsaft blauen Finger lagen wie tote kleine Soldaten durcheinander im
Scho; ihr Gesicht war ganz lang und ber alle Maen verstrt.

Was kannst du denn auch dagegen haben, meinte Lola, wenn ich es nun
einmal als meinen Beruf erkannt habe.

Da aber kam alles wieder zu Leben an Erneste; sie sprang auf.

Dein Beruf? Eine unanstndige Person zu werden, das soll dein Beruf sein?
Dazu habe ich dich durch sieben Jahre auf Gottes Wegen erhalten? Du weit
nicht, was du redest: das ist das einzige, was mir noch Hoffnung lt.
Jenny, mein Kind, sie wei nicht, was sie redet; schweige um Gotteswillen
ber das was du gehrt hast!

Lola wandte sich um: in der Tr stand die dicke Jenny und sah sie mit
heuchlerischem Entsetzen an.

Du begreifst, Jenny, wenn sie dabei bliebe, das wre noch schlimmer als
das mit Susanne, und davon habe ich doch schon graue Haare. Versprich mir,
mein Kind, da niemand etwas erfahren soll!

Jenny versprach es artig. Dann entlie Erneste sie; und da sie unbeachtet
stand, ging auch Lola. Ernestes Aufregung begriff sie nicht. Lola wollte
zur Bhne und mglichenfalls dieselben Stcke spielen, die in der Klasse
gelesen wurden. Was hatte das mit Susanne zu tun, die weggeschickt war,
weil sie irgend etwas, nicht recht verstndliches, mit dem Grtner zu tun
gehabt haben sollte? Lola sa in Rtseln; aber schon nach der ersten
Unterrichtsstunde fing sie neugierige Blicke auf, die sogleich, mit
knstlicher Fremdheit, weggelenkt wurden; und auch die Lehrerin, die jetzt
darankam, starrte erst einmal Lola recht unverschmt forschend ins Gesicht,
und dann richtete sie pltzlich das Wort an eine andere. In der Pause
bemerkte Lola, da manche ihr auswichen, und da einem harmlosen Mdchen,
mit dem sie sprach, von Jenny und mehreren andern so lange bedeutsam
gewinkt ward, bis es sich verlegen von Lola losmachte. Lola ging gradeswegs
auf Jenny zu: was das eigentlich heie. Jenny wendete sich gepeinigt hin
und her, murmelte, als sei sie um Lolas willen in Sorge, da nur keine es
hre: das wisse Lola wohl selbst am besten; und rasch tauchte sie in einen
Kreis Schwatzender.

Ernestes Benehmen war noch viel auffallender. Lola erinnerte sich nicht,
da Erneste jemals lnger als eine Nacht mit ihr bse gewesen war. Am
Morgen hatte sie sich immer anmerken lassen, da sie gern vershnt werden
wolle. Dabei ging sie beinahe bittend zu Werke; infolge jeder von Lolas
Ungezogenheiten war Erneste es, die gewissermaen Vergebung suchte, und
deren Miene um ein gutes Wort warb. Lola bat schwer um Verzeihung. Wenn sie
sich dazu entschlo, tat sie's aus Mitleid mit Erneste. Das junge Mdchen
dachte dann an des Kindes erste Begegnung mit Erneste: als Erneste zuerst
streng auf sie eingedrungen und pltzlich, wie sie Lolas Trnen sah, ganz
aus der Fassung geraten war. So ging es immer. Erneste schien sich manchmal
viel zu dnken, und pltzlich fiel sie in Schchternheit. Nachdem sie
anfangs ihre gndige Gesinnung als Belohnung hingestellt hatte, bemhte sie
sich schlielich um Lolas Zuneigung. Was sie bekam, war eine etwas
geringschtzige Freundlichkeit.

Jetzt aber gebrdete sich Erneste, Tag um Tag, traurig und behutsam gegen
Lola: wie wenn Lola schwer krank sei und man knne mit ihr nur noch wenig
und leise reden. Lola sah: auch die wohlwollenden Mitschlerinnen bekamen
davon die Empfindung, Lola sei aufgegeben; -- und sie selbst geriet ber
sich ins Unklare. Htte Erneste ihr Szenen gemacht! Lola wrde sich
versteift, sich behauptet haben. So erschien, was sie gewagt hatte,
allmhlich ihr selbst als etwas Ungeheuerliches. Keine andere also war
dessen fhig! Lola fhlte sich abgesondert, ihre Schritte unheimlich
gedmpft, ihr ganzes Dasein fragwrdig. Bin ich denn anders als alle?

Da erinnerte sie sich gewisser Trume, gewisser ahnender, grbelnder
Gefhle, fr die sie, kam sie damit heraus, nirgends Verstndnis gefunden
hatte. Befremdet und etwas peinlich berhrt, hatte man sie stehen gelassen.
Die besten hatten gutmtig gelacht. Auch das mit Herrn Dietrich und dem
Frhling fiel Lola wieder ein: und nun bedeckte sie, im verschlossenen
Schlafzimmer, die Augen mit den Hnden, glhend rot durch diese vor Jahren
gesprochenen Worte. Pltzlich richtete sie sich auf.

Und ich bin doch so! sagte sie laut vor sich hin, und:

Auch ich habe mein Recht!

Sie berlegte:

Sollte alles daher kommen, da ich aus einem andern Lande bin? Wenn im
Sommer alle sthnen, dann wird mir erst wohl. Natrlich: ich gehre gar
nicht hierher! O, zu Hause, wie viel schner war es zu Hause!

Irgend ein glnzendes Bild aus Kindertagen war ihr unvermutet durch den
Sinn geschossen; sie hielt den Atem an: es war fort. Durch Nachdenken
wollte sie ihre Gefhle von einst zurckbannen: es kam nichts; und als sie
endlich eins zu halten meinte, war es nur die Erinnerung an eine Ansicht
aus den Tropen, die sie krzlich in einer Zeitschrift gesehen hatte.
Klagend trat sie ans Fenster, die Schultern hochgezogen, als trfe sie der
kalte Regen, der gegen die Scheibe schlug.

Hier bin ich nicht heimisch geworden; und das, was meine Heimat war, habe
ich vergessen. Wohin gehre ich denn?

Drben hatte ich meine Familie und meine Freunde. Drben verstanden alle
mich. Drben war ich glcklich.

Und bittere Gedanken richteten sich gegen den Vater, der sie losgerissen
und verbannt hatte.

Warum grade mich? Nene hat dort bleiben drfen. Pai kann mich niemals lieb
gehabt haben!

Lola berdachte seine Briefe und fand sie kalt. Gleichwohl schrieb Herr
Gabriel ihr jeden zweiten Monat; und nur sein besonnener kaufmnnischer
Stil war schuld, da seine Stze khl klangen. Lola war nicht gestimmt, die
Liebe zu fhlen, die hinter den Worten bebte.

Niemals hat er mich besucht, in all den Jahren!

Und wie grausam ist er gegen Mai gewesen! Mai, die weinte und mich
festhalten wollte, als der groe Schwarze mich forttrug!

Das ganze phantastische Grausen jener Sturmnacht entstand noch einmal in
Lola; und mit der Kinderangst von einst wallte Sehnsucht auf:

Mai!

Die Arme ausgestreckt:

Mai! Mai!

Ein weier, glnzender Nebel erschien vor Lolas Augen und, weich darum
gelegt, ein Rahmen aus dunklem Haar. Lola wollte Zge hervorlocken: der
Nebel blieb leer; er drohte wegzuflieen. Sie flsterte bange Koseworte,
hielt in ekstatischer Beschwrung dem Phantom ihrer Mutter die Lippen hin:
umsonst. Lolas Kraft war aus und das Bild zerronnen.

Sie ergab sich nicht; sie suchte, mit einem Blick der Not, nach Hilfe
umher, nach einem Anhalt -- und traf auf eine alte Schreibmappe. Mais
Brief! Sie whlte ihn heraus, legte aufschluchzend ihre Wange in das alte
Papier. Das kommt von Mai! Jeder dieser kleinen flchtigen Buchstaben war
ein Geschenk von Mai an Lola. Sie las darber hin, lange Zeit. Dann
entrtselte sie, mit Hilfe des Franzsischen, einige Worte. Dann sprach sie
sie laut, fgte andere hinzu und horchte jedem nach, mit offenem Mund und
seitwrts gewendeten Augen. Dazwischen erregtes Lachen: ja, so klang es.
Ein Jubelruf: das war Mais Stimme! So sagte Mai dies! O, und dies war die
schwarze Anna; und dies --. Die Namen ehemaliger Freundinnen klangen mit;
ein Gesicht sprang aus einer Silbe, eine Begebenheit. Lola wute nicht
mehr, wohin sie lauschen sollte. Ihr Geist strzte hinter alledem her, nach
allen Seiten, wie ein Kind hinter Schmetterlingen. Minutenlang war sie
glcklich. Schlielich zerflatterte alles; -- aber Lola war nun gewi: Ich
mu hinber! O, gleich, gleich an Pai schreiben! Sie setzte sich daran,
wollte schmeicheln, Pai gnstig stimmen und fand vor fieberhaftem Drngen
keine Worte. Kann ich nicht telegraphieren? Kann ich nicht fliehen?
Sofort? Sofort? Sie irrte, hochatmend, durchs Zimmer. Notdrftig
gesammelt, schrieb sie:

Lieber Pai, darf ich jetzt nicht bald zu Euch zurck? Du wolltest wohl,
da ich hier etwas lernen sollte. Ich kann Dir versichern, ich habe schon
viel gelernt.

Was sagte dies! Gegenber erblickte sie ihr Spiegelbild in einem fremden
Raum: in dem Raum, der sie seit sieben Jahren umfing und nun aussah wie ein
Zufallsquartier zum bernachten. Sie dachte ihr Gesicht neben denen
drauen, ringsumher: lauter Gesichter mit anderen Wesenszgen, geformt von
einem fremden Blut. Im Geist hrte sie die Stimmen: anders fallende
Stimmen, Knderinnen fremder innerer Gewohnheiten. Sie schrieb:

Ich htte Dir noch viel zu sagen; aber ich kann mich nicht recht
ausdrcken, da ich ja keine Sprache ganz beherrsche. Bitte, erlaube mir,
da ich kommen darf. Ich gre Nene und Mai. Wre es nicht mglich, da ich
ein Bild von Mai bekme?

Im Gefhl, sich gercht zu haben, ging Lola zu den andern. Sie benahm sich
so entschieden und selbstbewut, da Jenny mit ihr reden mute und Erneste
sie nicht lnger durch leises Sprechen fr krank ausgeben konnte. Am Abend
fing sie sogar mit einer Streit an und, entgegen ihrer Alltagsnatur,
bereute sie nichts von dem, was sie im Zorn gesagt hatte.

Sie blieb hochgemut: wie konnte Pai ihre Bitte abschlagen! -- und
inzwischen sammelte sie Anhngerinnen, denen sie den Ton angab, denen sie
half, am Sonntag, bei den lebenden Bildern, in Kostmen und Kunst der
Stellung die andern zu besiegen. Die Pension spaltete sich; die eine der
Parteien scharte sich um Jenny, die andere um Lola, und jede warb mit
Leidenschaft um die drauen wohnenden Schlerinnen. Erbitterte und
wortlose. Kmpfe wurden bestanden. Einmal ward das Ziel des Ehrgeizes darin
entdeckt, als erste beim Frhstck zu sein; aber mochten Jennys Freundinnen
bei kaum grauendem Tag hinabschleichen: Lola mit den Ihren sa doch schon
am Tisch. Am Abend hatte sie von sich zu den andern, unter den Stubentren
hindurch, einen Bindfaden geleitet. Jede war mit der Nchsten verbunden;
regte sich eine, erwachten alle; und geschlafen hatte keine. Dafr geno
man nun Triumphgefhle, die einen sprengten.

Zu Lolas Hochgefhl wirkte Verachtung mit. Sie bte ihre Macht als
Parteifhrerin und dachte dabei: Was ihr alle mich angeht! Wie lange
dauert dies berhaupt noch! In vierzehn Tagen ist Pais Brief da! Manchmal
sah sie Erneste an, die nichts ahnte, und konnte ihr Frohlocken kaum
niederringen. Einmal verriet sie sich. Am Sonntag nachmittag hatte Jenny
gesungen: etwas peinlich Sentimentales, wobei sie himmelte und die
Fingerspitzen auf die Brust setzte. Lola rief aus tiefster Seele:

Das ist aber ber alle Maen geschmacklos!

Jennys Anhngerinnen gaben dies nicht zu; nicht einmal unter ihren eigenen
waren viele der Meinung Lolas. Die Tochter eines Reichstagsabgeordneten
sagte:

Es war so deutsch.

Es war geschmacklos! stie Lola hervor. Wenn es deutsch war, dann war es
eben eine deutsche Geschmacklosigkeit!

Darauf ward es still; und wie Lola sich bei den Ihren nach Beistand umsah,
wichen die Blicke ihr aus, und die Schultern drehten sich hin und her, bis
sie aus Lolas Nhe waren. Drben versetzte eine spitz:

Du bist eben eine Brasilianerin!

Wenn sie das noch wre, entgegnete die Tochter des Abgeordneten. Aber
sie ist nichts: sie ist --

Mit gekrmmten Lippen, die das Wort unter Selbstberwindung hervorbrachten:

International!

Der Ekel im Gesicht der Sprechenden steckte alle brigen Mienen an; und als
habe man neben sich eine Schande, wandte man sich schweigend zu etwas
Anderem. Ein Dienstmdchen trat ein:

Frulein Lola, ein Brief fr Sie!

Von Pai! Lola strzte damit hinaus, schlo sich ein. Sie zitterte; und im
jhen Gefhl, in einer uersten Minute ihres Schicksals zu stehen,
murmelte sie: Mein Gott! Mein Gott!

Dann erfuhr sie:

Meine liebe Tochter! Deine Nachrichten habe ich erhalten und ihnen zu
meinem Bedauern entnommen, da die dortigen Verhltnisse Dir nicht mehr so
zuzusagen scheinen, wie ich gewnscht und erwartet htte. Es ist jederzeit
fr uns von Nutzen, unserer Umgebung Wohlwollen entgegenzubringen; um so
mehr aber erscheint dies geboten, wenn wir, menschlicher Berechnung nach,
einen groen Teil unseres Lebens am fraglichen Platze verbringen werden.
brigens denke ich mich in einiger Zeit persnlich nach Dir umzusehen und
verspreche ich mir von diesem, nicht durch meine Schuld so lange
verschobenen Wiedersehen eine bedeutende Genugtuung. Somit halte ich ein
Herkommen deinerseits zurzeit nicht fr angezeigt. Du darfst versichert
sein, da wir nicht mehr allzu lange getrennt bleiben werden, und da, wenn
ich einst in der Lage sein werde, meinen Wohnsitz ganz nach dort zu
verlegen, auch Deine Mutter mit hinberkommen wird. Deine Mutter grt
Dich, kann Dir jedoch das gewnschte Bild nicht schicken, da sie sich
neuerdings auf keiner Photographie mehr getroffen findet.

ber das, mein liebes Kind, was wir im Leben sein werden, entscheidet das
Blut, welches wir bei unserer Geburt mitbekommen. Unter einem nicht
blutsverwandten Volk werden wir uns niemals vollkommen wohl und heimisch
fhlen. In Dir, meine Tochter, fliet, wie ich hoffe und glaube, ein
vorwiegend deutsches Blut, und als deutsches Mdchen gedenke ich Dich
dereinst wiederzufinden. Es wird Deine Aufgabe sein, Dich dort mehr und
mehr heimisch zu machen.

Nimm diese Worte von Deinem Vater mit Liebe auf. Es ist und kann ja nur
mein einziger Wunsch sein, Dich glcklich und zufrieden durchs Leben
schreiten zu sehen.

Lola war fertig und nahm doch das Blatt nicht von den Augen. Kein Bild von
Mai: nicht einmal das! Nicht nach Hause, kein Bild, kein gutes Wort. Denn
diese alle hrten sich hart und verstndnislos an. Sich heimisch machen!
Hier, wo sie noch soeben beschimpft und gechtet war! Pai wute nichts;
niemand wollte etwas wissen von Lola. Alles aus, alles aus.

Was ist dir? fragte, als es zum Essen gelutet hatte, teilnahmsvoll
Erneste. Du hast doch keine schlechten Nachrichten von den Deinen?

O nein, es geht ihnen gut; aber mir selbst ist nicht wohl.

Sie bekam die Erlaubnis, sich sogleich niederzulegen, und war froh, als der
Arzt ein wenig Fieber feststellte. Im Bett bleiben, niemand sehen, nur
nicht den Blicken der Fremden ausgesetzt sein. Lola fhlte gar keinen Mut,
sich zu behaupten. Wie sie, drei Tage spter, sich wieder zeigte, geno sie
die Vorrechte der Genesenden, durfte schweigen und Launen nachgeben. Sie
sa bleich und schwach da, und anstatt einer Lehrerin zu antworten,
musterte sie sie, als erblickte sie sie zum erstenmal. Was fr ein Gesicht
war doch dies; wie viel Unschnes enthielt es! Diese immer gergerten
Augen, die gelben Schlfen, die kleinlichen Falten, die den Mund
zerkniffen! Vor Lolas starrem Blick ward es lter, immer lter und endlich
zur Mumie. Erschreckt ri sie sich los. Wenig spter aber sah sie sich im
Gesicht einer rezitierenden Mitschlerin fest, dessen Leere sich Lola
pltzlich auftat wie ein Abgrund.

Das ward zur Sucht. Sie las aus einem der vielen Gesichter, die ihr jetzt
abstoend schienen, alle in der Familie mglichen Abweichungen des Typus
heraus, und ward bedrngt von Fratzen. Die Dummheit oder Gewhnlichkeit
gewisser Zge berwltigte sie tglich wieder, wuchs ihr entgegen, wie eine
Sonne, in die man fllt. Lola atmete dann krzer und meinte zu verblden.

Sie bekam einen qulend feinen Sinn fr das Alberne eines Tonfalls und das
Untergeordnete einer Gebrde. Sie frohlockte und litt bei jeder
Geschmacklosigkeit, die jemand beging. Sie legte eine Liste der
Armseligkeiten an, die um sie her geschahen und geredet wurden, und las
darin mit bitteren Rachegefhlen. So waren ihre Feindinnen! Denn Lola war
berzeugt, da alle sie haten, und sie erwiderte es ihnen. Aus jeder
Gruppe von Mdchen glaubte sie ihren Namen zu hren; sie trat herzu:
sprecht weiter, bitte; und ihre Stimme, die sie aus ihrer Einsamkeit
unter die Feinde schickte, wollte hhnisch sein und war unsicher. Eines
Abends beim Teemachen explodierte die Spiritusmaschine und berschttete
Lola mit blauen Flmmchen. Whrend sie noch mit einer Serviette ihr Kleid
abtupfte, rief sie schon:

Das warst du, Berta! Du wutest wohl, da ich heute an der Reihe war, Tee
zu machen: eigens deswegen hast du vorher aufgegossen und hast den Docht
falsch eingeschraubt!

Um des Himmels willen, Lola, ich habe dich doch nicht verbrennen wollen!

Wer hat mir neulich die glhend heie Schssel in die Hand gegeben?

Ich wute es doch nicht! Auf der andern Seite war sie kalt!

Das gutmtige Mdchen weinte fast. Erneste bemerkte kummervoll:

Du bist mitrauisch, Lola: das ist keine schne Eigenschaft.

Lola war mitrauisch, weil sie sich verraten fhlte. Sie war empfindlich,
weil sie allein und immer auf der Wacht war. Andere hatten Sttzen: das
Ansehen eines Vaters, einen Namen, jemand der sie besuchte. Eine kleine
plumpe Person mit Eulenaugen und Brillen davor, ging, so oft sie sich
irgendwie blamiert hatte, umher und wiederholte: Ich habe das Wrtchen
von. Du hast es nicht, ich aber habe es. Lola suchte vergeblich nach einer
Rache dafr. Da aber begegnete ihr in der Zeitung, da der
Reichstagsabgeordnete, der Vater ihrer rgsten Feindin, Bankerott gemacht
habe. Das Herz klopfte ihr bis an den Hals vor Freude. War's eine Schande,
international zu sein, war's hoffentlich auch eine, Bankerott zu machen!
Mit dem Zeitungsblatt lief Lola von einer zur andern, gefolgt von der
Tochter des Abgeordneten, die jammerte: Es ist nicht wahr und endlich zu
Erneste floh: sie mge Lola Einhalt tun. Aber Lola war unerbittlich. Dafr
konnte sie's, als unerwartet Jennys rote, spieige Mutter bei Tisch sa und
das Wort fhrte, vor Erbitterung und Gram nicht bis zu Ende aushalten,
mute sich in ihr Zimmer retten und einen Weinkrampf durchmachen. Nie wird
Mai kommen! Die hlichen, gewhnlichen Menschen sind wenigstens gut mit
ihren Kindern!

Erneste sah den Krisen Lolas unschlssig zu. Sie, die Lola liebte,
beschmte es, da sie sie nicht verstand. Manchmal ward sie ungeduldig und
wollte mit Erzieherinnenderbheit dazwischenfahren. Aber ihre
altjungferliche Achtung vor den Dingen des Herzens hielt sie zurck. Es
mu etwas sein . . . Sie wird damit fertig werden. Eine Frage drckte
Erneste; sie frchtete sich, sie zu stellen. Jetzt sprach sie zu Lola vor
anderen in freudig ermunterndem Ton; waren sie aber allein, ward Ernestes
Stimme, was sie auch sagen mochte, mitfhlend und beruhigend. Lola entzog
sich ihrer Teilnahme, stellte sich frh und abends schlafend und verlie,
kaum da Erneste sie vertraulich zu stimmen suchte, das Zimmer. Endlich
wagte Erneste, ohne Vorbereitung, ihre Frage:

Mchtest du noch zum Theater?

Zum Theater? machte Lola, die Brauen gefaltet; und mit gehobenen
Schultern:

Daran habe ich gar nicht mehr gedacht.

Auch dort waren die Menschen schwerlich anders, und Lola wute sich so
wenig zur Bhne gehrig wie sonst irgend wohin. Aber Erneste hatte den Atem
angehalten; nun traten ihr Trnen der Erleichterung in die Augen.

Gott sei Dank, Kind! Mein liebes Kind, Gott sei Dank!

Sie reckte sich an Lola hinauf und kte sie auf den Mund. Eine ihrer Hnde
lie sie segnend ber Lolas Kopf schweben.

Das andere wird alles gut werden, verhie sie innig. Lola, in Wut, weil
sie gleich weinen mute, sah kalt zu ihr hinunter. Erneste trat von ihr
weg.

Du sollst auch eine Belohnung haben, -- ganz lustig, nur nicht mehr
sentimental. Wohin mchtest du diesen Sommer lieber: ins Gebirge oder an
die See?

Ich wei wirklich nicht.

Du wirst dich schon besinnen.

Aber Lola setzte ihren Ehrgeiz darauf, keine Vorliebe zu verraten; Erneste
mute schlielich selbst whlen; und zu Beginn der Ferien, als die andern
alle daheim waren, fuhren Erneste und Lola ins Gebirge.

Wir mssen viel zusammen spazieren gehen, hatte Erneste gesagt; aber dann
zeigte sich's, da sie vom Steigen ihre Herzbeschwerden bekam. Lola lie
sie auf einer Bank zurck und eilte weiter, den Passionsweg mit den
Bildstcken hinauf, an der geweihten Quelle und der Einsiedelei vorber und
in den Wald, wo er recht tief, recht wild und menschenfern war, wo im
Tannendickicht die kaum ausgetretenen Graspfade und ber Schluchten der
morsche Steg zu einsamen, schmerzlich stillen Zielen fhrten. Denn Lola war
so glcklos, da der Anblick eines Menschen sie unsinnig erbitterte.

Sie fhlte sich hlich: unablssig peinigte sie die Empfindung ihrer zu
hohen Stirn, ihres bleichschtigen Mundes, ihrer langen Glieder, die in den
Gelenken nicht recht heimisch schienen. Ungeschickt und in ihrer Haut
unbehaglich, mute sie sich immerfort betasten, immer wieder feststellen,
da an ihrem in falschen Verhltnissen aufgeschossenen Krper kein Rock und
keine Bluse richtig sitze. Sie fhlte ihre Hlichkeit noch gehoben durch
die Begleitung Ernestes, in ihrem Kapotthut, ihren schwarzen
Zwirnhandschuhen, ihrem alten Mantel, der schief von ihrer zu hohen
Schulter hing. Waren sie beide nicht ein lcherliches Paar? Lola strubte
sich gegen die Verwechslung mit Erneste, und dabei mute sie gestehen, man
knne sie uerlich ganz gut zur gleichen Klasse rechnen: sie, die nicht
von Erneste nur, nein, von allen so weit Getrennte! Begegnete sie Leuten,
sah sie entweder scheu weg, oder sie musterte sie frech, wie eine fr immer
Drauenstehende, die sich ihrer Ungezogenheit nie zu schmen haben wird.
Dennoch htte sie bei Tisch, wo Erneste sie mit ihren Nachbarn zu reden
ntigte, in den ersten jungen Menschen sich fast verliebt. Ihr Stolz
verhinderte es: weil sie sich hlich wute; und die Erinnerung, da kein
Geschpf liebenswert sei, keins sie angehe und jede Gemeinschaft nur wieder
Gram bringe. In der Einsamkeit ward ihrer freier; sie konnte in ein Buch
aufgehen, ihr qualvolles Ich darin aufgehen lassen. Um so schlimmer war's,
wenn die Feinde sie auch hier erreichten. Einmal -- sie glaubte an einer
Stelle zu sein, wohin nie ein Mensch den Fu gesetzt habe -- erhob sich
pltzlich der Lrm zahlreicher Stimmen, die auf Schsisch voneinander
Abschied nahmen. Die Gesellschaft verteilte sich auf zwei Wege, die fnfzig
Schritte weiter unten wieder zusammenstieen; bei den unverhofft nochmals
Vereinigten ging eine freudige Begrung an; und Lola, der das vorkam wie
eine ihr zum Hohn aufgefhrte Komdie, rang die Hnde im Scho. Darauf
blieb es still: bis ein Knacken im Gebsch und ein kleiner wilder Schrei
sie erschreckten. Sie warf einen Stein nach dem Tier. Gleich darauf strzte
sie ins Gras und schluchzte heftig und unstillbar auf ihre erschlafften
Arme nieder. Ihre Trnen flossen dem, was sie getan hatte und allem, was
sein mute: flossen ihr selbst.

Wenn es andern zu hei war, oder beim Nahen eines Gewitters, stieg Lola in
den Wald. Bei sich hatte sie Lamartines Meditationen. Die Freundschaft
verrt dich, das Mitleid lt dich im Stich, und allein schreitest du den
Pfad der Grber abwrts, las sie auf dem Weg mit den Bildstcken; -- und
trat sie dann am Ende der fahl blulichen Steige an den Rand der Bergwand
und sah hinaus in ein grenzenloses Land, dessen Wellen schwarze Gehlze,
grelle Wiesen, rostrote Kornfelder in tiefhangende Wetterwolken
hineintrugen -- im unheimlichen Flackerlicht solcher Stunde durfte Lola
verzweifelt frohlocken: Ich durcheile mit dem Blick alle Punkte der
ungeheuren Weite und sage: Nirgends erwartet mich Glck. Mochte doch in
jenem getrmten Grau die Sonne fr immer untergehen; Lola wute im Ernst:
Ich wnsche mir nichts von allem was sie bescheint; vom ungeheuren All
verlange ich nichts!

Aber die Verse selbst, in denen diese uersten Schmerzen laut wurden,
bargen in sich den Balsam dagegen; Akzente, der Erde unbekannt, regten
sich in ihnen; und sie trugen einen, indes man sich hoffnungslos whnte,
unversehens in gtigere Welten. Nun sa Lola geborgen unter dem Dach des
Holzfllerhttchens aus Reisern und Moos, und beim Geprassel des Regens
flog ihre Seele nach einem fernen, sanften und einsamen Gestade. Wie die
Wogen sangen! Welche Harfenakkorde die klare, duftlose Luft durchperlten!
Lola stieg in eine Barke, und mit ihr einer, der zu ihr sprach: Sieh
mitleidigen Auges auf die gemeine Jugend, die von Schnheit glnzt und sich
mit Lust berauscht: Wenn sie ihren Zauberkelch geleert haben wird, was
bleibt von ihr? Kaum eine Erinnerung: das Grab, das ihrer wartet,
verschlingt sie ganz, ewiges Schweigen folgt auf ihr Lieben; ber deinen
Staub aber, Lola, werden Jahrhunderte dahingegangen sein, und noch immer
lebst du!

Der Dichter war's, der dies gesprochen hatte. Lola erwachte; sie kauerte
und bohrte die Handknchel in ihre von Scham und Glck roten Wangen; und
sie erbebte von der Ahnung jener liebreichen Ewigkeit, die ihr verheien
war. Lieben und geliebt werden bis zur Unsterblichkeit! War es zu ermessen?
Dennoch fhlte sie, ihr sei's bestimmt; und aufgehoben und erstarkt,
entwand endlich ihr sehnschtiges Herz sich dem Menschenha. Lolas Gefhle
und die Verse, die sie trugen, hatten einen Gang, der nicht der Gang
irdischer Menschen war. Menschen, die einer bestimmten Nation und eines
Standes waren, die Dialekt sprachen, Vorurteile hatten, an Erde und Metall
klebten: solche Menschen hatten wohl nie in solchen Versen gefhlt. Es
muten andere leben, lustigere, gtigere und reinere, die man lieben
konnte. Sie waren auf anderen Sternen: gewi, es gab berirdische
Lebensstufen, und Gott -- o, er war also da! -- erlaubte uns, von Stern zu
Stern uns zu veredeln! Ihrer hlichen Hlle ledig, schwebte Lola in
Gemeinschaft einer seelenhaften Menschheit durch die Unendlichkeiten der
Poesie; und kehrte sie nach dem Gewitter heim, war sie trunken von der
wetterleuchtenden Weite, dem Jubel der befreiten Natur, von Menschengte,
Tugend und Alliebe.

Dann sagte Erneste:

Nein aber, du triefst; du verdirbst noch alle deine Kleider!

Und Lola mute herabsteigen und sich mit den Wesen behelfen, zu denen eine
mrrische Wirklichkeit sie gesellt hatte.

Erneste war vor dem Gewitter ins Zimmer geflchtet und hatte an ihrem Buch
keine Freude gefunden, weil sie immer denken mute, da sie nun doch allzu
wenig Gutes habe von ihrem Liebling, von dieser Lola, die sie, ganz
insgeheim, ihr Kind nannte. Dies Berghotel war ein teurer Aufenthalt, und
wenn er fr Lola ohne Schwierigkeit bezahlt ward, Erneste fiel's nicht
leicht. Sie wohnte sonst den Sommer in einem Dorf nahe ihrer Stadt, mit
andern Lehrerinnen und mit Lola. Um Lola zu erfreuen, hatte sie dies Jahr
die Reise gemacht; und auch, weil das Kind gro ward und es nicht mehr
lange dauern konnte, bis man es ihr wegnahm. Vorher noch eine Zeitlang es
ganz fr sich haben, noch einmal so vertraut mit ihm leben wie einst, als
es klein war: danach hatte Erneste sich gesehnt. Nun aber sa sie meist
allein, immer in der Stube, bei dem ewigen Regen hier im Gebirge, und Lola
hatte noch nie daran gedacht, ihr Gesellschaft zu leisten. So junge
Menschen sind zu sehr mit sich beschftigt und sehen in andere nicht
hinein. Da sie wegluft, ist kein Mangel an Zartgefhl, bewahre. Warum
kann ich ihr nicht sagen, wie gern ich mit ihr beisammen wre? Es ist meine
Schuld. Dabei errtete Erneste, sogar hier im verschwiegenen Zimmer.

Wieviel verschmtes Leid hatte ihr die Liebe zu diesem Kinde bereitet! Bis
in das erste Jahr zurck wute sie noch alle Strafen, die sie Lola hatte
erteilen mssen: so schwer waren sie ihr geworden. Schmerzensworte, zornige
Ausrufe der Kleinen, die Lola selbst lngst vergessen hatte, fielen Erneste
oft wieder ein, und noch immer erschrak sie darber. War sie nicht zart
genug gewesen mit dem einsamen Kinde? Wohl hatte sie es ber die
empfangenen Strafen zu trsten gesucht: indem sie ihm das Fleisch, das es
nicht gern a, wie einen Kuchen herrichtete; oder dadurch, da der Spitz
Ami, der Lola angeknurrt hatte, vor ihr schn machen mute. Ami war nun
tot: Alles war verndert. Nie mehr sa Lola wie damals, als sie noch nicht
Deutsch konnte, zu Ernestes Fen und gab ihr die wenigen Worte, die sie
kannte, als Schmeichelnamen. Nie mehr schlpfte sie am Morgen zu Erneste
ins Bett und weckte sie mit einem Gedicht, da die Anrede Herzmama
enthielt! Wenn die Kinder klein sind, brauchen sie uns. War das wirklich
alles in der Liebe der Kinder? Nein, nein! Und doch war Erneste von einer
verdrielichen Ahnung erfat worden, als eines Tages Lola nicht mehr unter
ihrem wagerecht ausgestreckten Arm stehen konnte.

Ganz leicht machte nun die Herangewachsene sich los: so leicht, als habe
sie sich innerlich nie bei Erneste gefhlt! Zwar durfte man nicht ungerecht
werden: sie hatte das Leben vor sich und wandte sich ihm zu; und dann war
wirklich viel Fremdes in ihr, das man nicht begriff, und das einem Sorge
machen konnte. Schon immer war Erneste ngstlich berhrt, beinahe
eingeschchtert worden durch die Anzeichen der fremden Herkunft bei Lola.
Die auffallenden uerungen des Kindes zuerst, seine eigenartigen Vergehen,
und da es eigentlich niemals Kameraden gehabt hatte. Dann seine etwas
frhen kleinen Verliebtheiten; nun, sie waren schwrmerisch und rein und
mochten hingehen. Endlich aber diese schlimme Lust nach dem Theater: o,
etwas ganz Schlimmes war da in Lola entstanden, aus Keimen, die Erneste
trotz aller Pflege dieser Seele nicht hatte ersticken knnen. Wie
unheimlich ihr's damals zu Mut gewesen war! -- und wie kummerschwer sie nun
die Entfremdung zwischen ihnen beiden wachsen und die Trennung sich nhern
sah!

Warum ist sie so? Was hat sie mir vorzuwerfen? Denkt sie doch noch ans
Theater? Auch andere Mdchen in Lolas Alter und gerade die Besseren, wute
Erneste, hatten ihre scheuen und eigenwilligen Zeiten, standen immer im
Begriff, in Ohnmacht zu fallen -- dies geschah Lola nie --, waren schwach,
erregbar und tief. Lola aber war gar zu unergrndlich, und in ihrer
Verschlossenheit sprte man etwas Bitteres, Feindseliges. Hatte sie zu
klagen: warum erffnete sie sich nicht ihrer alten Freundin? Frh genug
bleiben wir allein im Leben. Noch hat sie eine, der sie alles ist. Aber die
Jugend trumpft auf ihre Selbstndigkeit. Spter wird sie an mich denken.
Gereizt vom einsamen Grbeln, war Erneste nahe daran, Lola ein recht
schlimmes Spter zu wnschen, damit sie an sie denke. Dann wurden Lolas
Schritte vernehmlich, und noch bevor sie in der Tr stand, hatte Erneste
ihr alles abgebeten.

Bist du nun genug umhergelaufen? fragte sie munter. Setzt du dich nun
gemtlich zur alten Erneste?

Dabei stellte sie sich ganz mit ihrer Hkelei beschftigt und sprach nur in
Pausen.

Weit du wohl, woran ich eben erinnert wurde? An das seidene Kleidchen, in
dem du damals aus Amerika kamst. Dies da hat eine hnliche Farbe, und die
rmel sind auch wieder so. Was alles zwischen den beiden Kleidern liegt,
nicht?

Lola sah mit einer Falte zwischen den Augen vom Buch auf, wartete, was sie
solle, und las weiter.

Du kamst zu einer Zeit, als ich sehr einsam und traurig war, sagte
Erneste nach einer Weile.

Beliebt? fragte Lola; und Erneste sprach, trotz ihrer Scham, den Satz
noch einmal.

So? machte Lola, ungeduldig, weil sie einen Augenblick von sich selbst
fort und ber jemand anderen nachdenken mute.

Ach ja, du warst das erste Jahr immer in Trauer.

Sie sah noch in die Luft: ob sie weiterfragen msse. Wozu; und sie kehrte
zum Buch zurck.

Wenn man so allein geblieben ist, wie ich damals, dann ist das Herz
vorbereitet. Drum gewann ich dich, die du auch allein warst, gleich sehr
lieb, sagte Erneste einfach. Nach einer Pause, da Lola sich nicht regte:

Nun, ganz vergessen wirst du die alte Erneste wohl niemals!

Ein stockendes Selbstgesprch.

Solltest du einst ein Kind zu erziehen haben: Ja, dann denkst du gewi an
mich . . . Du mut es selbst erziehen . . . Bei Rousseau -- hier den Emile
wollen wir zusammen lesen -- steht folgendes: >Wenn ein Vater Kinder zeugt
und ernhrt, leistet er damit erst ein Drittel seiner Aufgabe . . . Wer die
Vaterpflichten nicht erfllen kann, hat kein Recht, Vater zu werden. Weder
Armut noch Arbeiten noch menschliche Rcksichten entheben ihn der Pflicht,
seine Kinder selbst zu ernhren und zu erziehen. Leser, ihr knnt mir
glauben, jedem, der ein Herz hat und so heilige Pflichten versumt, sage
ich voraus, da er ber seinen Fehler lange Zeit bittere Trnen vergieen
und sich nie trsten wird.<

Erneste sah vom Buch auf: Lola sa bla da und sah sie durchdringend an.
Pltzlich, klar, rasch und eintnig:

Meinst du etwa meinen Vater?

Erneste ffnete erschreckt den Mund und konnte nicht sprechen. Sie wehrte
mit der Hand ab.

Meinst du etwa meinen Vater? wiederholte Lola. Rosig bis ber die Stirn
brachte Erneste hervor:

Um Gottes willen, Kind, was fllt dir ein! Ich habe von uns gesprochen,
von dir und mir. Ich halte dich in meinen Gedanken ja immer fr mein
eigen!

Lola prfte sie noch immer: nein, Erneste hatte wohl nicht an Pai gedacht.
Wie sie sich aufregte! Welch seltsamer Ton: ich halte dich fr mein eigen.
Lola stutzte; aber dann verglich sie unwillkrlich das an Ernestes
verwachsenem Krper schlechtsitzende Kleid mit ihrem eigenen, das sie auch
immer vergeblich zurechtzog; und sie sah weg.

Erneste beugte sich ber ihre Hkelei und sann erschttert: Sie kann
glauben, da ich ihr wehe tun will? Armes Kind! Armes Kind!

Etwas spter stellte sie eine Frage, und als Lola nicht verstanden hatte,
klopfte Erneste auf den Tisch und bemerkte streng:

Wenn du beim Lesen die Finger in die Ohren steckst, kannst du mich
allerdings nicht verstehen. Sprich brigens franzsisch!

Und sie fhrten zur bung ein langes, gleichgltiges Gesprch.

Nein, wahrhaft liebenswerte Wesen gab es nur auf andern Sternen; in ihrer
Nhe suchte Lola sie nicht. Eines Tages aber fand sie einen jungen Vogel,
der vergeblich ins Gebsch zu flattern versuchte, und nahm den aus dem Nest
Gefallenen mit nach Hause.

Was ist das berhaupt fr ein Tier? sagte Erneste.

Das ist ganz gleich, erklrte Lola. Ich habe ihn gern.

In der Stadt wollen wir gleich im Buch nachsehen.

Nein, bitte nicht! Von welcher Gattung er ist, und alles brige kmmert
mich nicht. Vielleicht ist er ein kleiner Fremder: ich habe ihn gern.

Kind, du bist sonderbar; aber wie du willst.

Nun sa Lola halbe Tage mit dem Vogel in ihrem Zimmer, lie ihn ber ihre
Finger steigen, auf ihre Schulter flattern und bot ihm, mit einem Krnchen
zum Picken, ihre Lippen. Als er zu fliegen anfing, schlo sie das Fenster,
setzte ihn vor sich hin auf den Tisch, betrachtete ihn, den Kopf in der
Hand, wie er pickte, eckig den Kopf rckte, sie ansah und einen kleinen
hellen, einsamen Laut ausstie; und stellte sich vor, dies sei ein Kfig
und sie beide seien darin eingesperrt.

Zurck in der Pension, sehnte sie sich keinen Augenblick nach ihrem Walde,
nach den Gewittern und der Holzfllerhtte; sie hatte ihren kleinen
Genossen, der zwischen den Stben seines Bauers, in ihrem Zimmer auf sie
wartete. Sie dachte immer an ihn, lie es sich aber nie anmerken und bekam
ein hartes, abweisendes Gesicht, wenn jemand von ihm sprach.

Niemand bte Kritik an ihren Seltsamkeiten; man konnte Lola nur anstaunen:
denn in diesem Winter verwandelte sie sich und ward schn. Die groe Natur,
der sie im Sommer sich hingegeben hatte, schien in ihr fortzublhen und
Ebenma und Vollendung zu wirken. Lola tastete nach ihren Schultern, deren
Spitzen nicht mehr zu spren waren, nach ihren Gliedern, die sich formten
und ihr nicht mehr den Eindruck machten, als seien sie zu lang und
schlenkerten locker umher; und sie fragte sich mit gerunzelten Brauen, was
werden solle. Ihr Schicksal war doch schon fertig gewesen? Auf einmal
befiel sie eine betubende Freude, eine neue entzckende Selbsterkenntnis.
Das also bin ich! So oft sie konnte, zog sie sich in ihr Schlafzimmer
zurck: um nach meinem Vogel zu sehen; aber sie sah nicht mehr nach ihm,
sie sah nur nach sich selbst; und des abends ging sie frher hinauf als die
brigen, um allein mit ihrem Spiegel zu sein. Er zeigte ihr eine
goldblonde, groe Haarwelle von nie geahnter Weichheit ber einer Stirn,
deren Hhe nicht mehr auffiel; zeigte ihr so genau und zart hingezeichnete
Brauen ber so warm glnzenden Augen, so fein gefgte Lippen, schmal und
feuchtrot; die Wangen, die sie noch ein wenig voller wnschte, fllten sich
genau in der Linie, die sie wnschte; frbten sich, wie sie's verlangt
hatte; und war diese weich gebogene Nase jemals hlich und zu gro
gewesen? Lola erfuhr, sie knne ein sehr damenhaftes Gesicht annehmen, das
sie fast selbst verlegen machte, und, wenn sie das Haar auflste, ein ganz
kindliches. Beim ffnen der Bluse freute sie sich auf die schlanke, weie
Biegung ihres Halses, beim Ablegen des Mieders auf ihre Brust. Sie htte
sich gern ganz gesehen: aber Erneste konnte eintreten; und als Lola es
dennoch gewagt und den Spiegel auf den Fuboden gestellt hatte, lag sie
gleich darauf im rasch verdunkelten Zimmer mit Herzklopfen unter der Decke,
und ihr war zumut, als kehre sie zurck von einem heimlichen Ausgange, sie
wute nicht wohin.

Wer war so schn und vermochte so viel? Natrlich: jetzt drngten alle
heran, ihre Freundinnen zu werden! Lola legte ihnen Prfungen auf, lie
sich einen Gegenstand schenken, an dem der andern viel lag: nur um ihre
Macht zu fhlen. Dann gab sie das Geschenk zurck und sagte, sie knne
niemandes Freundin sein; die Freundin mehrerer am wenigsten. Freundschaft:
ihr sagte das Wort zu viel. Nachdem die Ihren sie verlassen hatten, konnte
ihr Freund, wenn sie einen hatte, nur auf einem andern Sterne leben! und
vieler Schmerzen, eines Lebens voller Schmerzen bedurfte es sicherlich, bis
sie zusammentrafen. Die Gefhle dieser Menschen hier waren zu billig. Lola
horchte nicht mehr argwhnisch, ob von ihr gesprochen wurde. Hlich und
fremd, hatte sie die Menschen gehat. Fremd und schn, sah sie von ihnen
weg. Freundinnen? Diese Berta, diese Grete, die sich noch gestern Abend um
einen Pfannkuchen gestritten hatten, bis beide weinten?

Wenn Lola jetzt an einen Aufsatz gehen wollte, fand sie den fertigen
Entwurf, von einer Hand, die sie nicht kannte, schon in ihrem Heft liegen.
Von derselben Hand bekam sie Briefe voll schmachtender Freundschaft.
Anfangs warf sie sie weg; dann sprte sie Lust, eine Probe zu machen. Sie
tat kund, sie habe etwas Merkwrdiges, und versammelte alle Pensionrinnen
um sich. Unvermutet zog sie einen der Briefe hervor, hielt ihn empor: Wer
hat das geschrieben? und sah dabei fest in die Gesichter. Alle reckten
sich neugierig: nur das der langen Asta sah nicht den Brief an, sondern
Lola, und blinzelte befangen. Lola steckte den Brief wieder ein. Danke,
sagte sie und drehte sich um.

Am Nachmittag lag zwischen ihren Schulbchern ein neuer Brief: diesmal in
Astas Schrift. Asta bat sie, um sechs in die Gartenlaube zu kommen, sie
werde alles erfahren. Lola war entschlossen, nicht hinzugehen. Als es
dmmerte, sa sie am Fenster ihres Zimmers. Drunten stapfte Asta, lang und
gebckt, in Gummischuhen durch den Schnee. Lola sah nachdenklich zu.
Pltzlich nahm sie ihren Mantel und stieg hinab.

Nun? fragte sie und trat unversehens hinter den Lebensbumen hervor. Asta
schnellte von der Bank auf.

Verzeih, stammelte sie. Verzeih! Ich wollte dich nicht belgen, aber im
Beisein der andern konnte ich dir's nicht sagen.

Es tut nichts, entgegnete Lola. Dieser kleine magere Kopf mit dem dnnen
Haar und der Nase wie bei einem Totenschdel erbarmte sie. Sie stellte sich
vor, sie htte ihn kssen sollen, und ihr schauderte. Noch mehr aber
frchtete sie sich davor, diesem Wesen weh zu tun.

Wer hat denn fr dich geschrieben? fragte sie sanft. Asta schlug die
Augen nieder.

Ich habe meine Briefe einem der Dienstmdchen mitgegeben, und sie hat sie
in der Stadt abschreiben lassen.

Sie atmete beklommen.

Wie du gtig bist, Lola, da du kommst. Ich verdiene das nicht.

Warum nicht? fragte Lola, und fand ihre Frage nicht ganz ehrlich.

Weil du so schn bist und so reizend. Alle mchten dich zur Freundin: wie
komme gerade ich dazu, mich dir aufzudrngen. Aber sieh, ich kann nicht
anders. Ich wei bestimmt, da kein anderer Mensch mir je so nahe stehen
wird wie du. Ich habe darber nachgedacht, ob ich meine Mutter und meinen
kleinen Bruder noch lieb habe. Aber wenn ich an dich denke -- und wann
dchte ich nicht an dich? -- dann habe ich Mutter und Bruder nicht mehr
lieb. Hrst du? nicht mehr lieb.

Was willst du denn von mir?

O! Lola!

Und Lola, die nicht abzuwehren wagte, fhlte sich umschlungen. Sie bog den
Kopf zurck, um aus Astas Atem zu entkommen; aber ein paar Hnde schlichen
fieberhaft um ihren Leib, unter ihrer Brust hin.

Fhlst du gar nicht, was ich meine? Gar nicht? Vorwurfsvoll und flehend.

Gar nicht! sagte Lola mit Nachdruck; denn Angst stieg in ihr auf. Im
Begriff, sich loszumachen, meinte sie ein Kichern zu hren. Der Gedanke an
Lauscher emprte sie. Ich bin nicht gekommen, dachte sie, diese hier zu
verhhnen. Ich habe nichts mit ihr gemein; aber auf seiten der andern stehe
ich erst recht nicht. Sie sagte laut, wie fr Zuhrer:

Aber dies kann ich trotzdem tun.

Und rasch kte sie Asta auf die Wange. Wie sie ging, schluchzte es hinter
ihr auf. Oft noch hrte sie, wenn sie allein war, dies Schluchzen und
sprte wieder die Angst, die die fieberhaften Hnde jenes Mdchens ihr
beigebracht hatten: sie begriff nicht, warum.

Jenny klrte sie auf. Ostern war nahe, und Jenny, die konfirmiert werden
sollte, ging im voraus mit einem feierlichen Gesicht umher. Es war schon so
rot und nur noch wenig kleiner als das ihrer Mutter. Wie sie Lola einst im
Garten traf, fate sie sie unter den Arm und sagte:

Lola, du bist manchmal recht unvorsichtig: ich als die ltere mchte dich
warnen. Ja, sieh mich nur an! Du kannst von Glck sagen, da ich neulich
hinter den Lebensbumen stand. Wenn Asta mich nicht htte husten hren, wer
wei, was sie mit dir angestellt htte.

Du hast nicht gehustet, du hast gekichert; und Asta hat es gar nicht
gehrt.

Du glaubst nicht, wie schlecht manche Mdchen sind. Und die Herren . . .

Ein Instinkt benachrichtigte Lola, es komme etwas Peinliches, und sie
wollte einfallen. Aber Jenny war nicht aufzuhalten. Sie hatte keine Zeit zu
verlieren: bald verlie sie die Pension. Sie bot Lola nicht mehr an, sie
mit einem Leierkastenmann bekannt zu machen: solche Scherze lagen hinter
ihr. Aber Lolas Naivett war doch nicht mit anzusehen.

Ich glaube dir einen wirklichen Dienst geleistet zu haben; so schlo sie
ihre deutlichen Ausfhrungen.

Nun ja, machte Lola und hob die Schultern. Ihr war beklommen; um so
hochmtiger sagte sie sich: Ich habe mir die Menschen ganz richtig
vorgestellt: Dies setzt allem die Krone auf. Sie uerte:

Du entschuldigst wohl, ich mu meinem Vogel Futter geben.

Aber den Vogel, der sie langweilte, verga sie gleich wieder und dachte
einige Tage an nichts so instndig, wie an Jennys Aufschlsse. Sie riefen
phantastische Bilder hervor; und so oft Lola sich ber diesen Vorstellungen
ertappte, ekelten sie sie. Allmhlich zogen sie sich zurck und warfen nur
manchmal noch melancholische Schatten herauf. Ach, da es keine reine
Liebe gibt.

Ein Brief von Pai brachte sie davon ab. Pai schrieb aus Argentinien, wohin
seine Geschfte ihn gentigt hatten.

Es geht alles nach Wunsch, und ich darf hoffen, mich bald an dem Ziel zu
sehen, das ich mir vorgesteckt habe: die Meinen sicher zu stellen und sie
in meinem Lande zu vereinigen. Vorerst denke ich Dich, mein Kind, in
nchster Zukunft dort aufzusuchen. Nur eine kurze Rckkehr nach Rio ist
geboten.

Und dort hlt dann wieder irgend etwas ihn fest, dachte Lola. Das kennen
wir doch.

Sie glaubte Pai nicht mehr. Vielleicht hatte er die besten Absichten; aber
so vieles war ihm wichtiger als Lola und lenkte ihn von ihr ab. Nach all
den Jahren konnte er sich hchstens sagen: Ich habe eine Tochter, und den
Gedanken an seine Tochter gern haben. Lola gern haben konnte er schwerlich:
kannte er sie doch gar nicht.

Nicht von Belang; damit legte sie den Brief zu den brigen. Aber bei der
Arbeit ertappte sie sich pltzlich auf einer freudigen Unruhe und darauf,
da sie schon whrend der ganzen letzten Seite nur an Pais Kommen gedacht
und alles falsch gemacht hatte. Vergebens ermahnte sie sich: Als ich klein
war, hat Pai sehr schlecht an mir gehandelt; nie kann ich das vergessen:
-- so oft sie an Pais Besuch dachte, bekam sie Herzklopfen. Und allmhlich
dachte sie nur daran. Unter allen anderen lchelte dieser eine Gedanke, und
Lola selbst hatte bestndig ein Lcheln zu unterdrcken. In ihr begann ein
Steigen und Fallen von Plnen, wie ein Springbrunnen, den man aufschliet:
immer hher, immer zuversichtlicher schnellt er empor. Anfangs wagte sie zu
hoffen: Wenn Pai kommt, vielleicht kann ich mit ihm zusammen wohnen?
Einmal doch von den Fremden weg und bei meinem Vater wohnen! Dann fiel ihr
ein: Aber warum denn hier bleiben? Warum nicht eine Reise machen? Viele
Orte, die sie gern gesehen htte, sprangen ihr durch den Sinn. Auf einmal
stand alles andere still, und eine kleine schchterne Stimme fragte: Und
Rio? Zuerst war Lola fassungslos; pltzlich entschlo sie sich: Ja, Rio!
Was ist dabei? Wenn ich Pai bitte, wird er mir doch erlauben, Mai
wiederzusehen. Die Reise ist jetzt so kurz. Und fr ihn ist es das
bequemste: er bleibt dann gleich dort, wenn ich zurckfahre. Endlich, auf
dem Gipfel des Springstrahls: Nein! Ich fahre nicht wieder zurck. Bin ich
dort, will ich's schon durchsetzen. Was kann denn Pai dabei tun, wenn ich
ihm um den Hals falle und nicht loslasse? Mndlich ist das alles ganz
anders als in diesen dummen Briefen. Und schlimmsten Falles stecke ich mich
hinter Mai oder hinter die Groeltern auf der groen Insel -- ach nein, sie
sind tot! -- oder ich laufe davon: lieber als da ich zurckkehre! O, jetzt
hab' ich's!

Sie klatschte in die Hnde: zum erstenmal seit den Kinderzeiten. Dann lief
sie zu Erneste, ihrem Glcke Luft zu machen. Im Schwatzen bat sie
pltzlich, ausgehen zu drfen. Zu viel blhte in ihr auf, das Haus ward ihr
zu eng. Nun schwatzte und lachte sie mit allen, wahllos und gedankenlos.
Keinen Augenblick konnte sie stillhalten. Immer: Wie seid ihr langweilig!
Und: Geht heute niemand aus? Im Gehen, im durch die Straen Irren schien
ihr's, als komme sie ihren Wnschen nher. Zu Hause versank man in der
Zeit, wie in Lehm. Vorwrts, o Gott, nur vorwrts!

Eines Tages wie sie heimkam, trat Bertha ihr verstrten Gesichts entgegen.

Dein Vogel ist tot, sagte sie vorwurfsvoll; und Lola, kopflos:

Wieso?

Ich sollte fr Erneste etwas aus eurem Zimmer holen und da hab' ich
gesehen, da er tot ist.

Lola schttelte den Kopf. Sie ging hinein: wirklich, da lag er auf der
Seite. Sie streckte mit Widerwillen einen Finger durch die Stbe und zog
ihn rasch wieder zurck. Im Npfchen sind noch viele Krner, er hat schon
lange nichts mehr gefressen. Und gestern Abend sang er noch; ich mute ihn
zudecken. Nun, diese Art lebt vielleicht nicht lnger: trste dich. Sie
hatte das Bedrfnis, rasch weiterzukommen. Ihr nach Glck jagender Sinn
wute mit dem Tod, der ihr in den Weg trat, nichts anzufangen und erkannte
ihn kaum. Wie sie die Tr ffnete, stand jemand davor mit einem
schwarzgernderten Brief. Erstaunt nahm sie ihn und trat zurck ins Zimmer.
Die Schrift kannte sie nicht; die ersten Worte hieen:

Liebe Lola! Ein groes Unglck ist geschehen, unser Vater ist gestorben.

Wessen Vater? Sie sah nach der Unterschrift: Dein Bruder Paolo. Paolo?
Welch Unsinn! Mein Bruder hie Nene. Sie las weiter.

Unser Vater reiste, wie dir vielleicht bekannt ist, die letzte Zeit in
Argentinien und kaum zurckgekehrt, nahm er das Gelbe Fieber: so wahr ist
es, da kein nicht in Rio Geborener sich entfernen darf ohne Gefahr, bei
seiner Heimkunft ein Opfer der schrecklichen Krankheit zu werden.

Es scheint doch Pai zu sein. Sie las noch:

Unsere liebe Mama weint mit mir. Weine mit uns, Schwester!

Pai ist tot? dachte Lola. Er wollte doch herkommen! Ihr planloser Blick
durchsuchte das Vogelbauer; da bemerkte sie:

Das sind nur leere Hlsen! Wahrhaftig, kein einziges Korn. Dann ist er
verhungert! Ich habe ihn verhungern lassen! Mein Gott! Und ich hatte ihn
doch lieb!

Sie gedachte und rang dabei die Hnde, der Zeit, da sie den kleinen Vogel
fand und zu sich nahm, und der Zrtlichkeit, die sie auf dies rhrende,
jetzt so kalte Gefieder gehuft hatte: all das Gefhl, dessen sie nur die
luftigeren, gtigeren, reineren Geschpfe hherer Sterne wert gehalten
hatte. Wie hatte es geschehen knnen, da ihr diese groe Liebe nach und
nach ganz aus dem Sinn gekommen war: so sehr, da dies arme Tier sie
langweilte und sie's verhungern lie? Wir waren also unseres Herzens nicht
sicher? Wie schrecklich! Nur aus Eigennutz liebte ich ihn. Ich htte ihn
in seinem Walde lassen sollen. Aber auch er hatte mich lieb: lieber als ich
ihn. Er pfiff, wenn ich ins Zimmer trat, und sobald ich die Lippen
hinhielt, legte er den Schnabel dazwischen. Gestern Abend hat er noch
gesungen: vielleicht um mir zu sagen, er sei mir nicht bse.

Und unter dem Bewutsein versumter Liebe brach sie in die Knie und
schluchzte: Pai ist tot! Alles was sie bis dahin gedacht hatte, war nur
wie das Keuchen, bevor die schweren Trnen kommen. Jetzt erst wute Lola:
Pai ist tot; und von allen Seiten fiel's ber sie her: Du hast ihn nicht
lieb gehabt. Du bist ihm bse gewesen, hast ihn nicht verstanden. Er wollte
dein Bestes und hat nur dafr gearbeitet. Lies seine Briefe!

Sie las den letzten und erkannte pltzlich, welche wichtige Sache es fr
ihn gewesen war, sie wiederzusehen. Die Zeilen zitterten auf einmal von
Sehnsucht und Ungeduld: Da ich das nicht gemerkt habe! Ich nannte ihn
kalt. Die Kalte war ich: ich wollte nach Hause zurck, vielleicht mehr aus
Eigenwillen, aus Hochmut. Das Zusammensein mit ihm gengte mir nicht; er
aber sehnte sich nur danach. Wie er deswegen gelitten haben mu, ehe er
starb!

Ihr Schmerz entri ihr selbst alles Herz und gab es dem Toten. So zrtlich
war er gewesen! Es kann ja nur mein einziger Wunsch sein, dich glcklich
und zufrieden durchs Leben schreiten zu sehen. Dies stand in dem Brief,
worin er ihr die erbetene Heimreise abgeschlagen hatte; den sie fr den
liebeleersten gehalten, wegen dessen sie ihn fast gehat hatte! Jetzt
lernte sie, in die Worte hineinzuhorchen. Ich habe dich lieb, sagten
alle, wie einst Pais erste deutsche Worte in seinem ersten Brief es Lola
gesagt hatten.

Pais schweren, ruhigen Schritt vernahm sie aus seinen Worten, fhlte seine
starke, gute Hand, sah die verhaltene Empfindung in seinem ernsten Gesicht.
Auf der Groen Insel! Pai besuchte mich; ich war ganz klein, er so gro
und blond, viel grer als alle Menschen. Alle bewunderten ihn und
beneideten mich, wenn ich an seiner Hand ging. Wie stolz war ich auf ihn!
Bei dieser Erinnerung warf Lola sich, aufschreiend, zu Boden.

Erneste kam und wagte lange nichts zu sagen. Lola lag da, reichte Erneste,
ohne das mit den Armen verhllte Gesicht zu erheben, den Brief hin,
schttelte sich aber, sobald Erneste, ber ihren Nacken gebeugt, nur
flsterte. Pltzlich fuhr sie empor.

Ich bin eine schlechte Tochter gewesen!

Wie magst du das sagen! stammelte Erneste. Seit frher Kindheit hast du
deinen guten Vater nicht mehr gesehen.

Lola stampfte auf.

Ich habe ihn gehat! Eine schlechte Tochter!

Der Schmerz verwirrt dich, Kind; und Erneste, die schluchzte, umarmte
Lolas Kopf und drckte ihn an sich. Lola wollte sich losreien; aber
Erneste nahm alle Kraft zusammen; und allmhlich lie Lola sich schlaff
werden, sinken und weinen.

Du mut an Mutter und Bruder schreiben, sagte schlielich Erneste im Ton
der hchsten Eile, froh, eine Ttigkeit fr Lola gefunden zu haben, die aus
ihrem Schmerze selbst hervorging, und in die er sich ergieen konnte. Wie
Lola dann ihre blutenden Gedanken sammelte, kamen auch unerwartete. Was
soll ich ihnen schreiben? Da ich kommen mchte! Jetzt kann ich kommen,
denn Pai ist tot. Mit Entsetzen: Das ist ja, als ob ich mich freute!
Nein! nein! Ich werde nicht nach Hause reisen: er hat es nicht gewollt, und
ich verdiene es nicht.

Sie schrieb, sie msse hier noch ihre Ausbildung beenden, und fhlte sich,
als sie aufstand, gewachsen.

Nachts weinte sie; ber den dahingegangenen Vater, ber das Verbot, an das
er sie noch als Toter band, ber die verlorene Heimat: ber alles weinte
sie dieselben Trnen. Erneste hrte sie die ganze Nacht und lag ganz still.
Am Tage aber tat die Bue, die sie sich auferlegt hatte, Lola wohl. Die
Schmerzen und der Verzicht, um Pais willen erduldet, waren etwas wie eine
Familie, waren ein Stck Heimat.

Auf einmal stand sie wieder ganz am Anfang: als sie mit Erstaunen den
Trauerbrief erbrach. Es ist nicht mglich, da er tot ist! Vor ein paar
Tagen lebte er doch. Auch noch, als der Brief schon unterwegs war, lebte er
doch! Htte ich diesen schwarzgernderten Brief nicht gelesen, er lebte
noch immer. Es wre alles wie sonst. Ich habe ihn nicht leben gesehen und
sah ihn auch nicht sterben. Was wei ich? Pai! Pai!

Und da sah sie sich als Kind, wie sie auf ihren Irrwegen durch die Stadt,
inmitten eines leeren Platzes, wo es wehte, stehen blieb und flehentlich
ihr Pai! rief. Auch damals hatte er sie allein gelassen, und sie hatte es
nicht glauben wollen! Jetzt war er noch viel weiter fortgegangen, und der
Glaube war noch schwerer. Er wollte doch herkommen! Ja: auch damals hatte
er gerufen noch einen Ku, kleine Tochter; und indes sie einem
Schmetterling nachlief, war er verschwunden.

Warum kommt auch kein Brief mehr! Ich habe sie noch so viel zu fragen!

Sie schrieb Briefe ber Briefe, und in jeden wollte sich die Bitte
hineindrngen: darf ich zu euch? Nein, nein! Ich darf nicht. Am Ende
wrde auch Mai sterben. Pai ist gestorben, weil er zu mir wollte. Auf mir
ist ein Verhngnis: ich soll allein bleiben. Und aus solchem feierlichen
Schicksal machte sie sich einen Halt fr das Leben, das sie zu bestehen
hatte. Gleich zu Anfang des Herbstes vertrat sie den Wunsch,
Konfirmationsstunden zu nehmen.

Schon? fragte Erneste bestrzt. Ich wute wohl, Kind, da ich dich wrde
hergeben mssen; aber so frh!

Was willst du, ich bin sechzehn, versetzte Lola, ohne Ernestes Aufregung
zu beachten: kaltbltig, wie jemand, der sich mit allem Kommenden
abgefunden hat.

Und was wirst du dann tun, Kind? Nach Hause reisen?

Keinesfalls. Alles mu sich finden.

Wieder begann Lola Plne zu machen; und diesmal hielt sie sie fr
unangreifbar: denn sie rechnete auf sich selbst allein. Ich werde von
niemand abhngen. Niemand kann mich verlassen, keinem werde ich mehr
nachzutrauern haben. Allein werde ich meines Weges ziehen.

An einem Nachmittag des nchsten Frhlings sa Lola mit einigen
Altersgenossinnen beim Tee. Erneste gab den Herangewachsenen die Erlaubnis,
sich Kameradinnen aus der Stadt einzuladen, und sie lie die Mdchen unter
sich. Schwarz und sehr elegant -- denn die Schneiderin der Pension
bestellte ihr gegen Vergtung und ohne Ernestes Wissen manche Sachen aus
Paris -- lag Lola im Schaukelstuhl und blies ihren Zigarettenrauch, damit
man ihn nachher nicht rieche, aus dem Fenster. Ein blhender Apfelbaum
griff mit seinen sten herein; es war dasselbe Zimmer, worin einst die
kleine Lola mit ihrem Vater von Erneste begrt worden war.

Ja ja, wer wei, was jeder bevorsteht. Die meisten von euch werden
zweifellos im Geleise bleiben und heiraten.

Rede nur nicht, Lola. Als ob es bei dir nicht aufs selbe hinauskme.

Schwerlich. Ich kann mir nicht gut einen Mann denken, zu dem ich gehren
wrde. Ich habe ein eigentmliches Schicksal, meine Lieben. Vor mehreren
Jahren -- Gott, wir waren noch halbe Kinder -- nanntet ihr mich mal aus
Bosheit international. In eurer Bosheit hattet ihr aber ganz recht. Ich
gehre nicht hierher, und anderswohin vermutlich auch nicht.

Na, du bildest dir aber was ein!

Ich denke mir die Sache anzusehen. Wenn ich hier glcklich heraus bin,
gehe ich, vermutlich mit einer Gesellschafterin, auf Reisen. Spanien und
Portugal nehme ich mir besonders vor.

Wie willst du als junges Mdchen denn durchkommen? Schon die Sprache!

Meine Muttersprache ist Portugiesisch!

Du hast lngst alles vergessen.

Ich kann schon noch etwas.

Sprich mal!

Lola blies Rauch aus dem Fenster. Die Tr ward geffnet, und Ernestes
Stimme sagte franzsisch:

Ein Besuch, meine Damen.

Ses Parfm drang herein, und eine schne Dame, schwarz und sehr elegant,
noch jung, mit glnzend weiem Gesicht und glnzend schwarzen Haarbandeaus
trat rasch in den Kreis der jungen Mdchen, die aufstanden. Sie erhob das
Lorgnon und sah umher.

Da ist sie, sagte Erneste und zeigte auf Lola. Die Dame lie das Lorgnon
los; vom Anblick Lolas schien sie betroffen.

Die Kinder werden gro, bemerkte Erneste. Die Dame lchelte. Lola, die
erblat war, murmelte zitternd:

Mai?

Die Dame sprach, ganz schnell, etwas Unverstndliches; Lola konnte, mit
stockender Stimme, nichts erwidern als Mai, Mai; und beide standen, die
Arme unschlssig ein Stck erhoben, einander gegenber. Erneste sagte in
ihrem korrekten Franzsisch:

Ist das seltsam, gndige Frau! Als Ihre Tochter ehemals in dieses Haus
eintrat, konnte sie nicht mit mir sprechen; und jetzt nicht mit Ihnen.




Zweiter Teil




I


Mit glnzend glatten Bandeaus und einem rohseidenen Schlafrock, creme und
pfauenblau, kam Frau Gabriel ins Zimmer und fragte:

Sind die Sachen da?

Lola las, hing dabei aus dem Fenster und hrte nicht. Ermattet seufzend
lehnte Frau Gabriel sich in einen Sessel.

Lolas schlanker, krftiger Nacken dahinten lag pflaumig blond im Licht. Um
ihr Haar her war ein goldiges Geflimmer. Die ungeheure blaue und
durchgoldete Weite trug Lolas Schattenri in sich, bereit ihn
dahinzuraffen, aufzuzehren. Drei Palmenbltter nickten mit ihren Spitzen
ber den Fensterrahmen hinweg. Die Hotelglocke ging. Nun schnaubte ein
Dampfer. Von Gesprchen, Musik und Gelchter flatterten Bruchstcke durch
Wind und Sonne herbei.

Frau Gabriel sa und polierte mit dem Taschentuch ihre Ngel. Lola sah sich
pltzlich um und fuhr zusammen.

Sind die Sachen da? fragte Mai geduldig.

Da stehen sie doch!

Nicht einmal den Kopf konnte Mai wenden: lieber sa sie eine halbe Stunde
und wartete. Wenn jemand aber auch gar keine Nerven hatte! Lola stellte die
geffneten Schachteln dicht neben Mai hin.

Grade habe ich sie noch bezahlen knnen. Aber es war fast das Letzte.

Schreibe doch an Nene.

Das sagst du immer. O! Wre ich erst ausgebildet und selbstndig! . . .
Weit du, wieviel wir schon voraus haben? Die Zinsen eines halben Jahres.

Nene verdient aber auch; er wird mit uns teilen.

Er hat schon mit uns geteilt. Mir ist's sonderbar genug, da dort drben
ein junger Mann fr mich arbeitet, den ich kaum kenne.

Versndige dich nicht, er ist dein Bruder.

Erinnerst du dich, wie ich anfangs, nachdem du herbergekommen warst,
nicht wute, wer Paolo war? Als Kind hatte ich nie gehrt, da er Paolo
hie und da Nene nur Baby bedeutet.

Der gute Nene.

Wir lassen ihn also fr uns verdienen; nur drfen wir ihn nicht zugrunde
richten. Hrst du?

Ihr werdet das schon zusammen ausmachen: ihr seid klger als ich. Ach,
unsere jetzigen Verlegenheiten hat Paolo mir vorausgesagt. Er wollte mich
durchaus nicht reisen lassen.

Zum Glck scheint er energisch; sonst knnte es schlimm enden. Ich selbst
vergesse mich manchmal. Zum Beispiel war's sehr unntig, da wir hierher
kamen. Wir sind genug hinter der Branzilla hergereist. Da sie nun in der
Nervenheilanstalt sitzt und fr meine Stimmbildung nichts mehr tun kann,
htten wir in Paris bleiben sollen.

Paris war schn!

Unser Leben in Paris kostete schlielich weniger: wir saen doch manchen
Abend zu Hause. Hier lt man uns nicht.

Du hast recht, es ist schrecklich; nun, Gott wird helfen. Kann ich jetzt
die Sachen sehen?

Aber -- sie liegen dir doch vor der Nase!

Mu ich sie selbst herausnehmen?

Frau Gabriel lchelte zaghaft; die Lippe mit dem Leberfleck im Winkel
kruselte sich und zerstrte die reine Linie der graden Nase; die Augen
baten; in das gelassene Madonnengesicht kamen Furcht und Unbeholfenheit
eines Schulmdchens. Um ihren guten Willen zu beweisen, tauchte sie eine
ihrer kleinen weichen, ungebten Hnde in die Schachtel. Gerhrt hob Lola
die Kostme heraus; sah ein wenig von oben herab zu, wie Mai sie
bewunderte; fate selbst Teilnahme; -- und bald waren sie im Verein ganz
hingegeben an diese Stoffe, an die neuen Erfindungen dieser Tne, dieser
Schnitte, die ihnen versprachen, ihre Schnheit umzutauschen und ihnen eine
noch nicht gekostete Form von Leben und von Glck zu vermitteln. Zum Schlu
verriet Frau Gabriel, welche Zge ihr Glck heute trug; denn sie fragte:

Meinst du, da der Herzog von Fingado mich liebt?

Ihre Stimme und ihr Blick waren voll kindlicher Erwartung. Lola sagte
trstend:

Gewi, Mai.

Tatsache ist, da er neulich auf der Garden-Party sich fast nur um mich
kmmerte. Die Bricheau versicherte mir, seine Verlobung sei ins Wanken
gekommen. Das wre mir wahrhaft unangenehm.

Aber es klang stolz. Dann, behutsam:

Sage mir eins, mein liebes Kind: gibt dir der Herzog kein Gefhl ein?
. . . Du brauchst es nur zu sagen.

Nicht das geringste . . . obwohl ich ihn sympathisch finde, setzte Lola
hflich hinzu. Und Mai, zitternd:

Ich wrde seine Liebe nicht wollen, wenn du sie wolltest. Gott ist mein
Zeuge, da dein Glck mir hher steht als meins.

Gute Mai, mache dir keine Sorgen!

Lola wollte sich entfernen; Mai hielt sie, trnenden Auges, am Rock fest.

Ich wrde mich dir opfern, weit du . . . Also du liebst ihn nicht?
Schwre es mir!

Ich schwre es; und Lola lchelte nachsichtig. Man mute ein Kind sein
wie Mai, um sich in den Titel dieses kmmerlichen Jnglings zu verlieben.

Aber auf dem Heimwege, bemerkte Mai, ist er mit dir gegangen. Ihr habt
euch sogar abgesondert.

Er wollte mir aus der Ferne seine Yacht zeigen, -- auf der er nicht fahren
kann, weil er seekrank wird.

Wovon spracht ihr noch?

Von Karl dem Zweiten.

Wer ist das?

Ein Knig von Spanien -- es ist lange her, es wrde dich nicht
interessieren. Mich interessiert's auch nur manchmal. Aber mit Fingado wei
ich nichts anderes zu reden.

Wirklich nicht?

Tatschlich.

Mai nickte beruhigt. Mit einem unaufhaltsamen Lcheln des Triumphes:

Mit mir redet er anderes!

Wrdest du ihn heiraten, Mai? fragte Lola, kniete neben ihrer Mutter hin
und strich ihr schmeichelnd ber Hals und Arm.

Ich sehe meine Mai schon als Herzogin, in ihrem Schlo in der Sierra; sie
geht auf die Jagd nach Wlfen, Adlern und hnlichen Wappentieren.

Mai hatte ernsthaft nachgedacht.

Alles wohl berlegt, sagte sie, hat auch Herr Aguirre seine Vorzge. Er
ist Abgeordneter, sehr einflureich, und Spanien wird vielleicht Republik
werden.

Wie weit du denkst, Mai! Aguirre, dies ungesund rosige Baby, denkt nur an
das Nchste: er will unser Geld, das Geld, das er uns zutraut. Zu viel
Ehre!

Du siehst zu trbe, Lola. Und ferner ist er in gesetztem Alter, und ich
bin, ach, nicht mehr ganz jung.

Im Gegenteil; dabei herzte Lola ihre Mutter eifriger; du bist so jung,
da ich mich neben dir meines Alters schme. Schon als du mich aus der
Pension abholtest, war ich, glaub' ich, weiter im Leben als du. Die zwei
Jahre aber, die wir in der Welt umhergereist sind, haben meinem Alter zehn
hinzugefgt. Ich fange sogar an, hlich zu werden.

Das ist nicht wahr! Du bist die Frische selbst. Dein Alter bildest du dir
ein, weil du zu viel denkst. Das knnte deine Stirn falten: gib acht. Du
bist zerstreut bei der Toilette und gerade sie verlangt unsere ganze
Geisteskraft. Dann httest du dir nicht die Stirnhaare abgebrannt und
wrest jetzt nicht so schwer zu frisieren.

Lola griff seufzend nach den krausen Hrchen.

Ich habe schlielich doch meinen Beruf verfehlt. Oft komme ich mir vor wie
ein verkleideter Mann.

Das wird vergehen, wenn du heiratest. Findest du es noch nicht an der
Zeit? Welche schnen Gelegenheiten hast du vorbergehen lassen! Ich wei
nicht: du bist doch so klug; aber eine Schwarze hat mehr Geschick, sich
einen Mann einzufangen. Halt, gefllt dir etwa Herr Aguirre? Er scheint
mich zu lieben. Meinst du nicht?

Gewi, Mai.

Tatsache ist, da er whrend der Regatta nicht von meiner Seite wich. Wenn
du ihm aber irgend ein Gefhl entgegenbringst . . .

Mais Stimme bebte schon wieder; Mai war schon wieder zu einem Opfer bereit
und ngstigte sich davor. Lola wehrte ab; sie lachte befangen, tat ein paar
Schritte; dann, ernsthaft, mit verhaltenem Zorn:

Du sprachst von meiner Verheiratung, und doch verlierst du sie zu oft aus
dem Auge. Die Tochter einer Mutter, die sich zu gut unterhlt, wird nicht
leicht einen Mann finden.

Mai sah tief erschrocken aus; Lola schlo verzeihend:

Ich wei, du verdienst keinen ernsten Tadel. Erinnere dich nur, bitte, wie
leicht man sich unschuldig kompromittiert, und verspte dich abends mit
keinem der Herren mehr!

Du bist streng wie dein Vater, sagte Mai und erschauerte. Weit du wohl,
da ich ihn wieder gesehen habe? Ja, gerade in der Nacht, von der du
sprichst, erschien er mir.

Demtig bittend:

Willst du nicht sein Bild in dein Zimmer nehmen?

Das geht nicht, Mai: es wrde ihn noch mehr erzrnen.

Lola ging ans Fenster und sah hinaus. Frau Gabriel murmelte vor sich hin
und seufzte. Eine junge Mnnerstimme kam von unten:

Frulein Lola, ich habe alles, was Sie wnschten.

Gut, antwortete Lola.

Sie bestehen im Ernst darauf?

Ohne Zweifel. Wann kommen Sie?

Sehr bald. In einer Stunde werden die beiden Kavaliere Ihrer Mama da sein.
Empfehlen Sie mich ihr!

Auf Wiedersehen!

In einer Stunde: und ich bin nicht angezogen! rief Frau Gabriel und
sprang auf. Lola beeile dich! Welch Glck, da wir frisiert sind.

Bei der Tr kehrte sie um.

Was denkst du ber unsern Landsmann?

Da Silva Dolenha? -- und Lola fhlte sich unfrei.

Ja. Hltst du es fr unmglich, da er eine von uns liebt? Er kommt
tglich.

Da Lola schwieg:

Anzeichen gbe es wohl, da ich es bin, die er liebt.

Lola kam pltzlich in Bewegung.

Nein, Mai, diesmal irrst du. Sei versichert, der denkt nicht an dich!

Ach; Mai war gekrnkt; wie kannst du das beurteilen. Du bist in solchen
Dingen ein Kind.

Mag sein. In diesem Fall aber wei ich, wen Da Silva liebt. Wir sind
Freunde, und er hat es mir gesagt.

Wen denn? Mein Gott!

Mai stammelte, heftig enttuscht. Lola, berlegen:

Das verrt man nicht unter Freunden.

Freunde: was ist denn das?

Du wirst es sehen. Geh, Mai, zieh dich an! Du wirst es sehen.

Dann rief sie nochmals:

Mai! . . Glaubst du wohl, da ich leidenschaftlich bin?

Du? Warum, Kind?

Ich meine, weil wir von solchen Dingen sprechen . . . Nein, ich wei
gewi, ich bin es nicht.

Wie sonderbar du bist!

Lolas bewegte Miene blieb noch auf die Tr gerichtet, die sich geschlossen
hatte. Allmhlich ward ihr Blick sinnend, und sie setzte sich auf einen
Koffer. Mais Mdchen trat ein und holte die Sachen ihrer Herrin. Lolas
eigene lagen auf Bett und Sthlen verstreut, mit Bchern und Notenblttern
dazwischen. Ein Glas mit Rosen war umgefallen; Lola erhob sich unbewut und
richtete es auf. Dann sah sie sich nach einem freien Sitz um, fand keinen
und kehrte auf den Koffer zurck.

Mai hat's gut, sann Lola. Tglich andere Kleider: und merkt nicht, da
es eigentlich alles eins ist. So hat sie auch alle Tage eine neue Liebe;
und wem immer sie gelten mag: da es Liebe, richtige Liebe ist, daran
zweifelt sie nie. Wenn ich wte, ob ich Da Silva liebe! Manchmal ist's nur
zu klar. Kurz darauf komme ich nach Haus und denke an etwas anderes. Aber
das Manchmal ist schlimm genug: es ist beschmend. Ich werde dann
melancholisch, wie in der Pensionszeit, als die dicke Jenny mir gewisse
Aufschlsse gegeben hatte . . . Ich glaube, nur uerlich halte ich mich
fester; innerlich bin ich viel lockerer als Mai. Ich glaube jetzt, sie ist
die bei weitem Unschuldigere. Anfangs habe ich sie ungerecht beurteilt: es
war verzeihlich. Aus der anstndigen Welt Ernestes pltzlich heraus -- an
diese sdlichen Allerweltspltze, in ein erhitzendes Durcheinander
flchtiger Begierden: jeden Tag, den ich mich nicht amsierte, sah ich als
verloren an; nur der Ehrgeiz, durch meine so pltzlich entdeckte Stimme
gro zu werden, erhob mich noch; (und auch er schwindet schon, und ich will
mit dem Singen heute fast nichts mehr erreichen als meine Unabhngigkeit
. . .) Und nun die Frau neben mir, die ebensolch taumelndes Instinktwesen
war wie die andern, ohne die Wrde eines Geistes, das war meine
Beschtzerin, meine Freundin, meine ganze Familie, das war Mai, die schne
Mai, die ich in allen meinen Kindheitserinnerungen so poetisch in ihrer
Hngematte liegen sah! Der einzige Mensch, an den ich geglaubt hatte! Ich
wei noch, wie emprt ich war. Davon also hatte sie getrumt in ihrer
Hngematte! Kaum ist Pai tot, strzt sie sich, ihrer Freiheit froh, in die
dmmste Unenthaltsamkeit! Um Pais willen war ich emprt und bereit, sie zu
hassen. Wie argwhnisch solch ganz junges, unerfahrenes Mdchen das Leben
einer Frau durchsprt: das Leben der Mutter! Als ich damals in Trouville
meiner Sache endlich ganz sicher zu sein glaubte: welche Katastrophe! Mai
hat einen Geliebten! In dem Gedanken sa ich wie in einem betubenden
Getse, wie in einem Weltuntergang. Das Furchtbare, sagte ich mir, ist, da
auch ich das in mir habe und so werden mu! Was wute ich damals? Heute
habe ich fast einen Geliebten, knnte ihn jeden Augenblick haben, und
wundere mich alle Morgen beim Erwachen, da es noch nicht eingetreten ist.

Seitdem mu ich Mai wohl milder beurteilen. Sie ist ein Kind und wird ber
die gefhrlichen Stellen immer nur spielend hinhuschen. Geht sie einen
Schritt zu weit, erscheint ihr alsbald der tote Pai; und ich bestrke sie
in ihren Gesichten. Warum eigentlich? Doch nicht mehr um Pais willen. Auch
nicht, weil Mais Auffhrung mich hindern knnte, einen Mann zu finden. Das
ist mir gleich. Aber ich wei wohl warum: ich selbst bin in Gefahr und
brauche Reinheit um mich her . . . Bin ich in Gefahr? Sobald ich's
ausdenke, glaube ich's nicht mehr. Ich! Ich bin doch eine ganz andere! Auf
Wesen wie die arme Mai blicke ich doch, deucht mir, ein gutes Stck hinab!

Jedenfalls hab' ich sie gern. Wir sind grade im richtigen Verhltnis: dem
von einem Paar Schwestern, die einander eiferschtig schmeicheln. Ob wir
uns schwer entbehren wrden, ist nicht sicher. Wie schwrmte Mai die erste
Zeit von Nene! Jetzt erwhnt sie ihn gemchlich und fast nur, wenn von Geld
die Rede ist. Jetzt bin ich daran, die Mutterliebe zu genieen. Es tut doch
wohl, wenn spt abends, nachdem man sich gekmmt hat und die Decke ber
sich gezogen hat, eine Mutter hereinkommt und einem kt. Sie herzt mich
lange; mir wird ganz kindlich und weich zu Sinn; dann spricht sie mir mit
kleiner ser, entzckter Stimme von ihren Erfolgen, fragt mich nach
meinen: und wir sind wie zwei Kleine unterm Weihnachtsbaum.

Nein: fr Pai nehme ich nicht mehr Partei. Ich stehe, wenn ich's bedenke,
sogar entschlossen auf Mais Seite. Erstens wohl, weil ich fhle, da auch
mit mir, wie ich geworden bin, Pai nicht sehr einverstanden wre.
Hauptschlich aber, weil er ein Mann war und Mai unterdrckt hat. Und
schlielich, mein Gott, haben die Lebenden recht. Wenn einer stirbt,
versumt er das weitere und darf nicht mehr dreinreden. Kme Pai wieder, er
fnde gar keine Anknpfung mehr mit uns, glaube ich. Mai liee sich nicht
mehr so leicht in die Hngematte legen; und ich -- ach, ich bin wohl auch
nicht sein rechtes Kind: wie htten wir sonst, kaum da er tot war, den
ganzen brgerlichen Boden unter den Fen verlieren knnen? Denn das taten
wir doch . . .

Lola sah sich im Zimmer um.

So sieht's berall aus, wo wir kampieren. Und ich sitze auf einem Koffer.
Nie kommen die Koffer aus den Zimmern, und sind immer nur halb ausgepackt.
Die Jahreszeit wird staubig, der Liebhaber fade: fort von hier! Wohin am
Ende? Dort stehen die Ansichten von zu Hause, die Mai mitgebracht hat. Zu
Hause! Wenn wir Lust bekmen, einen Ausflug dorthin zu machen, wrde ich
vor dem Blick auf Rio denken, da er tatschlich unvergleichlich schner
ist als der auf Neapel; wrde von einem Hotel, wo alles wre wie in diesem
hier, auf Sehenswrdigkeiten ausgehen, die Hitze unertrglich finden und
gelassenen Abschied nehmen. Etwas anderes wre es vielleicht mit der Groen
Insel; aber die Pflanzung ist verkauft . . . Wohin also am Ende? Danach
frage ich, scheint mir, zum erstenmal. Fange ich etwa an, zu ermden? Mais
Kindernerven hab' ich nicht grade. Aber das Ende bekommt wohl nur Interesse
fr mich, weil ich wissen mchte, wo das enden soll, was ich jetzt erlebe.

Sehen wir doch nach: geht mich der Mensch wirklich so viel an? Wre er in
Venedig noch so unentbehrlich, wie er's hier in Barcelona ist? Die Grimani
hat uns fr Juli eingeladen. Oder was meine ich zu Paris? Das ist noch
immer das Amsanteste . . . Ich glaube, es ginge.

Eine junge Mnnerstimme ward hrbar. Lola erhob sich hastig.

Nein, es geht nicht.

Leicht vorgeneigt, mit fiebrigem Spiel der Finger an der langen Halskette,
blickte sie auf die Tr. Es klopfte.

Gehen Sie in den Salon, bitte. Ich komme gleich.

Sie machte einige zornige Schritte.

Warum mu ich auch grbeln! Jedesmal, wenn ich gegrbelt habe, bin ich
schwach und gebe ihm dann Anla, sich einzubilden, was doch nicht wahr ist
. . . O, heute abend soll er keinen Vorteil davontragen!

                   *       *       *       *       *

Sie hatte sich beruhigt und ging hinber. Mit offenem Lcheln begrte sie
den Besucher.

Gndiges Frulein -- da ist alles; und er zeigte nach dem Paket auf dem
Klavier. Der Bote ist gleich mit mir gekommen.

Ist alles darin . . . und wird es mir passen?

Anstatt nach dem Paket zu sehen, betrachtete sie, und ihr Lcheln ward
wider ihren Willen noch glcklicher, sein schnes, gro gemeieltes, fast
bartloses Gesicht, in dem die Brauen sich berhrten. Auch er gebrauchte
seine Worte nur als einen Vorwand, sie anzusehen.

Ich bin berzeugt . . . Es sind genau die Mae, die Sie mir genannt
haben.

Sie bewegte leise, wie verwundert, ihren lchelnden Kopf. Endlich, sich
losreiend:

Es ist gut.

Rasch ergriff sie das Paket. Er strzte sich darauf.

Ich trage es Ihnen hinber.

Doch nicht; ihr Lcheln ward schlau. Sie bleiben hier . . . und . . .

Sie legte, unter der Tr, den Finger auf die Lippen.

                   *       *       *       *       *

In ihrem Zimmer zog sie die Mnnerkleider an, die Da Silva mitgebracht
hatte. Sie verbarg die Brust in den Falten des weichen Piquhemdes, das
Haar unter der halblangen Jnglingspercke, setzte den runden Hut auf,
hngte das Stckchen ber den Arm und trat vom Spiegel zurck, um sich zu
mustern. Da stand im gutsitzenden Abendanzug etwas wie ein eleganter
Student, mit duftigen Gesichtsfarben und glnzenden braunen Augen, ein
sanft verwegenes Lcheln auf den roten Lippen, und die jugendlich raschen
Wendungen einer schiken Mdigkeit zuliebe ein wenig verhalten: ein Wesen
von beunruhigendem Reiz.

Aber wie bin ich schn! sagte Lola einmal bers andere. Ich bin keine
Frau mehr! Jetzt erst sehe ich, wozu meine groe Nase gut ist. Die hohe
Stirn kommt mir jetzt auch zustatten. Ach! ich kann mir Pais Falte zwischen
den Brauen machen. Ob Pai jemals so ausgesehen hat? Nicht ganz so, glaube
ich. Der dort im Spiegel erinnert mich an eine Frau; aber nicht sehr
lebhaft. Man wird denken: Er mu eine hbsche Schwester haben. Fr ein
verkleidetes Mdchen hlt so leicht keiner ihn.

Sie rusperte sich, fhrte zwei Finger an den Hutrand und sprach mit tiefer
Stimme:

Sie gehen in den Klub? Ich habe seit gestern nacht keinen Heller mehr.
Nachdem ich alles verspielt hatte, bin ich noch in die Schuld der Gelida
gekommen . . .

Dies gefiel ihr. Sie lief hinber, und in der Tr des Salons begann sie
sofort dasselbe:

Sie gehen in den Klub? Ich habe seit gestern nacht . . .

Da Silva hrte sie, ans Klavier gelehnt und die Stirn in Falten, bis zu
Ende an. Er lie sie nherkommen und sich wenden.

Es ist ziemlich in Ordnung.

Er warf noch die von Verachtung schweren Worte hin:

Bis auf die Krawatte natrlich.

Also binden Sie sie mir!

Er machte sich daran.

Halten Sie's so fr besser gelungen?

Nein, von vorn kann ich's nicht. Ich kann's nur, wenn ich die Krawatte
grade so halte wie bei mir selbst. So also, wenn Sie gestatten.

Er trat hinter sie und schob die Arme ber ihre Schultern. Seine Arme
berhrten sie kaum, und doch war sie darin eingeschlossen und sprte einen
angstvollen Kitzel. Sie mute auf seine weien, starken Hnde hinabsehen,
die gleich unter ihrem Kinn sich bewegten. Wie er den Knoten anzog,
streifte seine Wange ihre Schlfe.

Rascher! verlangte sie, zwischen den Zhnen.

Er lie los, ging um sie herum und sah ihr in die Augen. Die seinen hatten
wieder das Dstere, Besinnungslose, das sie kannte, und das ihr so
gefhrlich war. Seine Zhne waren in die Unterlippe gedrckt. Da begann er
unvermutet weich:

Ihr Anblick tut mir weh! Nicht zwanzig Stunden sind's, da wir in diesem
selben Raum beieinander waren, allein wie jetzt, und der Mond schien
herein. Wir hatten musiziert, Ihre mrchenhaften Alttne waren verhallt,
ich hatte mich in groer Bewegung vom Klavier erhoben, und den Kopf in der
Hand betrachtete ich Sie, die Sie, ein Knie auf den Stuhlrand gesttzt, das
Gesicht nach dem offenen Fenster gewendet hielten. Ich war im Schatten,
Ihre Gestalt entlang flo Mondlicht; es rann Ihnen ber die Lippen, die
sich, Ihnen unbewut, voneinander lsten; es fllte Ihre Augen; -- und mit
der beglnzten Hand, die Sie mir berlieen, zog ich zu mir hin, in mein
Dunkel und an mein Herz, die ganze tiefe nchtliche Sigkeit, die durch
Sie atmete, o Lola!

Der junge Brasilianer hatte beim Sprechen den Hals hin und her gerckt, wie
ein vom eigenen Gesang berauschter Vogel. Nun stand er noch und hrte die
Tenorarie seiner Sinnlichkeit ausklingen. Lola machte sich von seinem
Gesicht los. Sie sah an ihrem Dre hinab -- und erleichtert auflachend,
warf sie sich ins Sofa.

Nicht bel, mein Lieber. Etwas kitschig zwar, und auf ein modernes Mdchen
werden Sie, frchte ich, damit nicht wirken . . . Sehen Sie, die Krawatte
mu ich mir nun doch selbst binden!

In der Tr zeigten sich der Herzog von Fingado und Herr Aguirre. Beim
Anblick des Eindringlings blieben sie mit zurckhaltenden Mienen stehen.
Lola versuchte ihre feindselig abwartende Haltung nachzuahmen: da platzte
sie aus. Die beiden starrten sie an; dann wandte ihr der massige Vierziger
mit angewiderter Miene den Rcken. Der unjunge Zwanziger berwand seinen
Schrecken und machte, den spitzen, gelblich gefiederten Schdel
herausfordernd im Nacken, zwei Schritte gegen den Feind. Lola lachte
heftiger, und Da Silva klrte die Herren auf, die in Ratlosigkeit
umschlugen und dann in Bewunderung. Aber hinter ihnen rauschte es, und Frau
Gabriel brach, kaum da sie ein wenig gestutzt hatte, in Jammern aus.

Wie siehst du aus! Wer hat mir mein Kind so verunstaltet? Sie, Herr Da
Silva? Ihnen habe ich auch sonst Vorwrfe zu machen! Dazu hat man nun eine
hbsche Tochter!

Die Herren erklrten sich im Gegenteil ganz einverstanden mit Lolas
Verwandlung. Fingado hatte einen Gedanken.

Wenn der knftige Gatte des gndigen Fruleins Sie so she . . .

Was dann? forschte Da Silva drohend.

Hinter den leeren blauen Augen des Herzogs geschah eine mde, vergebliche
Arbeit.

Ich wei wirklich nicht, schlo er, mit einem Lcheln des Verzichtes.

Indes Frau Gabriel ihren jungen Landsmann mit den Vorwrfen bekannt machte,
die er verdiente, widmete der Abgeordnete sich Lola. Er trmte seine fein
bekleidete Fettmasse vor sie hin und plauderte, wie er allein es konnte:
nur ohne seine gewohnte Unerschtterlichkeit. Seine rosigen Wangen zuckten;
die Wulstfinger betasteten unruhig die Hften; die launigen Augen vergaen
sich bis zu einem verdchtigen Gefunkel, -- das Aguirre fhlte und durch
Unterwrfigkeit gut zu machen suchte. Ganz wie ein ungesundes Baby!
dachte Lola. Sie hrte Mai sagen:

Ich beklage mich ber Ihren Mangel an Offenheit gegen mich . . .

Das ist wahr, Herr Da Silva: warum sagen Sie Mai nicht, wen Sie lieben?
rief sie hinber, gekitzelt durch ihre Wirkung, durch das neue Wesen das
sie vorstellte, und die Erwartungen, die man ihm sichtlich entgegenbrachte.

Sie gehen in den Klub? begann sie gegen Aguirre. Ich habe seit gestern
nacht keinen Heller mehr . . .

Sie brach ab, drehte sich einmal um sich selbst und sagte in einem Atemzug:

Pumpen Sie mir was! Wer so viel gestohlen hat wie Sie!

Der Politiker kroch noch tiefer. Lola lchelte pltzlich zaghaft.

Gehen wir? Bitte, gehen wir! verlangte sie hastig. Und man ging.

Zu Fu, Mai! Mir zu Gefallen! Wohin? Ganz gleich: eine Irrfahrt.

Sie atmete tief die matte Luft der Dmmerungsstunde. Zu Da Silva, der mit
ihr hinter den anderen zurckblieb, sagte sie:

Es gibt Gelegenheiten, bei denen ich mich nach -- fast htte ich gesagt:
nach Hause sehne, ich meine nach dem reichlich kalten Ort, wo ich erzogen
wurde, und dem feuchten Nordostwind, der den Geruch eines nordischen Meeres
mitbrachte.

Und unvermittelt:

Wie ich die Mnner verachte!

Sie haben doch noch soeben einen groen Erfolg bei ihnen gehabt, bemerkte
Da Silva, mit beiender Stimme; und ich beglckwnsche Sie. Den Aguirre
berlt man Ihnen; dem Herzog allerdings hat Mistre Job bereits einen
Teil seiner Schulden bezahlt, und Sie wrden sich mit der Dame
auseinanderzusetzen haben.

Ich verbiete Ihnen, verstehen Sie, ber Frauen schlecht zu reden! Solche
Geschichten erfinden die Mnner, um fr sich Reklame zu machen.

Wie Sie gleich aufgebracht sind! Ich spreche doch zu einer Frau, die
weniger abhngig von ihrem Geschlecht ist als die anderen -- und es heute
abend zeigt.

Merken Sie sich: wer, um mir zu schmeicheln, eine andere Frau herabsetzt,
mit dem bin ich schon fertig. Nichts kann krnkender fr mich selbst sein.

Bse im Ernst?

Nein; denn ich will mir den Spa nicht verderben . . . Mai! Nicht wahr,
wir treffen uns zum Essen bei Durieu? Ich gehe mit Herrn Da Silva einen
andern Weg.

Allein mit Herrn --?

Lola erklrte, in Gesellschaft Mais erkenne man sie. Auch habe sie als
Amerikanerin das anerkannte Recht, zu gehen mit wem und wohin sie wolle.

Und dann siehst du doch, da ich ein Freund des Herrn Da Silva bin. Ja,
Mai, Herr Da Silva und ich, wir sind richtige Freunde.

Sind wir Freunde, sagte Da Silva im Weitergehen, so mssen Sie mir eine
Warnung erlauben. Gestern sind Sie wieder allein ausgegangen. Ich achte Sie
zu hoch, um --

Ja: frher haben Sie mir wegen solcher Dinge Szenen gemacht. Sie bessern
sich; und sie wute: Er achtet mich hher, seit er mich fr seine Braut
hlt. Ist das echt mnnlich!

Er schwieg unzufrieden. Sie richteten sich nach der Musik, die herscholl.
Wie sie auf den Platz einbogen, ber dessen Palmenhain der Kirchengiebel
mchtig ausgriff und der Bronzereiter dahinsprengte, war das Stck zu Ende.
Viele fchelnde, die Hften wiegende junge Frauen mit ihren Mgden und
Anbetern, viele prall gekleidete, rauchende junge Mnner begannen langsam
zu kreisen.

Sie kennen wohl die Frau gar nicht, die eine Duea und eine Magd bei sich
hat und die Ihnen zulchelt? Das ist die, in deren Schuld sie vorgeblich
seit gestern nacht sind.

La Gelida? Aber die habe ich schon oft gesehen und wute nicht . . . Wie
gut ihr die Dmmerung steht! Ihr grau und unsicher gebogenes Profil scheint
von dem Auge, das ein groes schwarzes Loch ist, ganz aufgezehrt zu werden.
Ihr Lcheln -- sehen Sie, ich mchte es erwidern, aber es schchtert mich
ein.

So? machte Da Silva zornig. Ich aber rate Ihnen zu der Gelida nicht,
denn ich war zugegen, als sie operiert ward. Das nimmt einem manche Lust.

Wirklich?

Aus tiefem Herzen:

Dann mchte ich Ihren Beruf haben!

Der junge Mann hieb seinen Stock durch die Luft. Gereizt:

O, andere entbrennen nur noch heftiger. Einer von uns sezierte seine
eigene Geliebte, und als er in ihrem Magen eine unverdaute Speise fand, a
er sie.

Lola schwieg. Entsetzen, Scham und Vergngen stritten sich um ihr Herz, und
es klopfte. Mit Frohlocken in der Stimme sagte sie dann:

Wrden Sie mir das auch erzhlt haben, wenn ich Rcke an htte?

Wenn wir erst verheiratet sind, verhie er, herablassend aus rger,
erfahren Sie mehr.

Sie lachte auf.

Habe ich Ihnen nicht gesagt, da ich fr die freie Liebe eingenommen bin?

Er schob geqult die Schultern hin und her.

Ich verstehe Sie nicht. Sind Sie raffiniert, oder was sind Sie?

Ach was: ich bin ein junger Mann, wie Sie sehen knnen, dem alle Frauen
zulcheln. Sehen Sie, welch Erfolg? Warum stehe ich, die doch alle hbsch
nennen, sonst immer hinter Mai zurck, heute aber errege ich Aufsehen? Ich
bin eigentlich ein verkleideter Mann, und jetzt habe ich mich demaskiert.
Man hat kaum Zeit, jeder dieser Schnen mit den Wimpern zu winken.

Da Silva sah rundum.

Wer ist schn? Wenn ich Schnheit noch sehen knnte! -- und seine Stimme
fuhr auf. Nun, mit schmerzlich erbittertem Tonfall:

Aber Sie halten mich so besessen mit Ihrem Gesicht, mit Ihrer Gestalt, da
ich fr die anderen Ma und Sinn verloren habe. Sind sie schn, sind sie
hlich? Ich verstehe nichts, ich sehe nur dies eine kleine unerbittliche
Geschpf, und es erstickt in mir alles, was nicht sein eigen ist.

Lola bckte sich ein wenig, mit einem Schauer im Nacken, als werde gleich
eine Hand hineingreifen. Immer das Gesicht, immer die Gestalt: immer der
Krper, dachte sie, auf einmal matt von Widerwillen und Traurigkeit. Er
sagte strmisch:

Sie sind ber alle Vergleiche schn!

Ach, wie reizend wr's, meinte sie und ermunterte sich, wenn alle so
dchten! Tatsache ist, da jeder sich zuerst um mich bemht; dann erst
besinnt er sich und geht zu Mai.

Gut fr ihn.

Danke. Warum blicken Sie mit solcher Wut auf dies arme hbsche Mdchen?

Kommen Sie auf die andere Seite: Sie werden sehen.

Das Mdchen, das ohne Begleitung war, trat in das weitoffene, erhellte
Gewlbe eines Tabakladens. Alle Mnner wandten den Kopf nach ihr; die
Stutzer, die am Ladentisch lehnten, wichen keinen Schritt breit. Das
Mdchen verlangte etwas; aber so oft sie den Mund ffnete, ward gepfiffen.

Sie will Rucherkerzen, man sieht es, sagte Lola. Was hat sie denn
begangen, mein Gott?

Das Mdchen errtete pltzlich tief; die Mnner lachten schadenfroh; der,
der den Witz gemacht hatte, blhte sich. Das Mdchen strzte, die Augen
verwirrt und na, ins Freie. Wie sie nahe kam, stie Da Silva einen Pfiff
aus. Sie floh weiter. Lola rief:

Das ist abscheulich! Ich will Sie nicht mehr kennen! Wenn die rmste
niemand hat, schliee ich mich ihr an: ich!

Vergessen Sie, da Sie ein Mann sind? Reden Sie sie an, ists grade solche
Beleidigung, wie wenn Sie pfeifen.

Lola blieb ratlos stehen. Zwei blonde Damen mit Spazierstcken stelzten
ber das Pflaster und betraten gelassen denselben Laden, -- wo alles ihnen
Platz machte. Lola sagte sich, da jeder sie auf die Stufe dieser beiden
stellen, ihr die gleichen Rechte einrumen werde; und doch war sie der
Mihandlung jener anderen mit einer Angst gefolgt, als sei's eine Drohung,
die auch ihr gelte.

Es ist furchtbar, sagte sie, unter euch eine Frau zu sein. Bei uns ist
der Mann unser Kamerad.

Bei euch? Sie sind keine Nordlnderin. Sie haben etwas von jenem uns so
erbitternden Reiz, gewi. Wir Mnner des Sdens folgen allzu gern der
zweideutigen Herausforderung, die von der befreiten Frau ausgeht. Wozu
kommt ihr her? Ihr verderbt unsere Frauen, da sie sich ohne unseren Schutz
auf die Strae wagen und, wenn wir sie lieen, sich im Caf mitten unter
uns setzen wrden. Ihr verderbt auch uns, da wir den schlaffen Kitzel der
Kameradschaft mit euch fhlen mchten, wie eure heruntergekommenen Mnner.
Ich will's nicht. Ich will Ihr Herr werden.

Manchmal reden Sie wie das Alter, das Sie wirklich haben; und Lola lachte
gezwungen.

Nicht nur meine Worte, auch meine Muskeln sind die eines
Fnfundzwanzigjhrigen. Sie werden es fhlen.

Lola hob schweigend die Schultern. Nach einer Weile:

Jetzt gehen wir drben in das Caf: ich will mich mitten unter euch
setzen.

Ich bin Ihr Begleiter, aber ich verlasse mich darauf, da Sie selbst
wissen, wie weit Sie gehen drfen.

Sie werden mich als einen jungen Polen vorstellen, der in Paris studiert.

Ich werde mich Ihnen empfehlen und es Ihnen berlassen, sich zu
kompromittieren.

Aber er trat mit ein.

Welch Glck: da sitzt die Gelida. Machen Sie mich sofort mit ihr bekannt!

Und der Kreis um sie her? Dabei sind Leute, die Sie kennen.

Sie werden keinen Skandal erleben. Mut, armer Freund!

Sie wurden aufgenommen und setzten sich. Die Unterhaltung ward zu Ehren der
schnen Kurtisane gefhrt, die, hinter sich ihre Duea und ihre Magd,
denen, die gut sprachen, ein wenig von ihrem Lcheln zuteilte. Lola begann
darum zu werben. Man wendete die Sthle, um diesen jungen Menschen sprechen
zu sehen. Wenn sie seine kleine kokette Hand weich durch die Luft streichen
und bei einer seiner leichten, raschen Bewegungen seine Taille sich biegen
sahen, schien den Mnnern ringsum sein Geist frischer, belebender. Er gab
strmische, junge Meinungen zum besten: Die Liebe ist etwas sehr
Einseitiges und eigentlich ein Mangel an Selbstzucht; -- wobei alle die
zuhrten, sich, sie wuten nicht warum, beglckt fhlten. Lola sah die
Mienen, die sie bewegte, das schne Gesicht der Gelida, aus dem ihr
freundliche, wohlklingende Zustimmungen kamen; und sie hatte eine
Empfindung von Leichtigkeit und Freiheit wie nie im Leben. Nie hatte sie Da
Silva so ruhig ansehen knnen. Was kmmerten sie nun seine gefalteten
Brauen. Bei allem was sie sagte, fhlte sie ihn neben sich als Besiegten;
der Genu, den sie von ihren Worten hatte, kam daher, da sie gut waren,
und da er es htte leugnen wollen; und diese Schauer des Sicherhebens, des
Fliegens und Besonntseins daher, da er so tief unten blieb.

Das Diner war hergerichtet. Da Silva behauptete, er und sein Freund htten
eine dringende Verabredung. Warum er heute so mrrisch sei, ward er
gefragt. Lola forderte ihn auf, zu gehen und sie zu entschuldigen. Sie sa
bei Tisch neben der Gelida. Ein Dichter rezitierte. Da Silva versuchte
ungeschickt, ihn zu kritisieren. Lola lchelte und sprach der Gelida von
dem Jngling, dem in seinen arbeitsamen Nchten manchmal die Phantome von
Frauen ber die aufgeschlagenen Seiten tnzelten, und der solchen
beklommenen Stolz geniee, wenn er die Augen wegwende. Sie sah Da Silva
seine Lippe kauen und in sich versinken. Wie alle durcheinander redeten,
der Nachtwind an der Tr lauter mit dem Perlenvorhang klimperte und eine
Glocke elfmal drhnte, sprang Lola auf, lie die Freiheit leben; und mit
dem letzten Ruf war sie entschlpft.

Sie befand sich in einem Gchen und sah am Ende der schmalen Huserflucht,
wie durch ein Rohr, die groe Gestalt des Kolumbus von Sternen umwogt. In
trunkener Wallung erhob sie beide Arme. Wie aber hinter ihr der Schritt,
den sie kannte, vernehmlich ward, verwirrte es sie panisch, als breche auf
einmal ein knstlicher Turmbau in ihr zusammen. Ernchtert, kalt vor
Furcht, versteckte sie sich in einem Portal; aber Da Silva fand sie. Wie
unvorsichtig sie sei. Ob sie glaube, da es den Helden der Nacht auf einen
Mord ankomme. Lola, die an Da Silvas Seite weiterging, wnschte sich
instndig, da aus dem nchsten Schatten ein Befreier springe und sie tte.

Denn sie hatte erkannt: Alles war umsonst. Begeistert meinte sie zu sein,
und war nur berauscht gewesen. Den Geist, der sie von ihm erlsen sollte:
eben der Drang nach ihm hatte ihn ihr eingegeben; und nie hatte er fester
seine Hand auf ihr gehalten, als da sie ihn tief unter sich glaubte.

Dabei durchmaen sie den Quai.

Wohin geht's? dachte Lola verstrt; und: Wenn ich den nchsten
Straenrand mit dem rechten Fu erreiche, entkomme ich ihm heute noch.
Sonst nicht. Sonst nicht.

Aber noch vor dem Ziel, das sie meinte, rckten ihre beiden Schatten nach
vorn, und beim Heraufkommen seiner breiten Schultern schlo Lola die Augen.
Das Schweigen folterte sie. Wie entsetzlich nervenstark und seiner sicher
er war! Ich zhle bis zwanzig, und hat er dann noch nichts gesagt, rufe
ich um Hilfe.

Gleichwohl rauschte der Brunnen auf der Plaza del Palacio inmitten seines
und ihres Schweigens. Hier, unter der grellsten Helle, folgten sie beide
auf einmal dem Zwang, einander anzusehen. Lola sah etwas dster
Schmachtendes, tierisch Leidendes, das sie schrecklicher erschtterte als
die Siegerhrte, die sie sich vorgestellt hatte. Langsam von ihm wegsehend:
Ja, das ist er. Er ist ein beschrnkter Gewaltmensch, und ich liebe ihn
mit Widerwillen: aber er ist der Typus, dem ich unterliegen soll. Die
vorigen, in Paris und in Rom, waren vom selben. Dieselben
zusammentreffenden Brauen, die harte Marmorfarbe wie hier, woraus jede
Wimper, jeder Blutstropfen der Lippen drohend hervorstarrt. Wozu sich
qulen? Er liebt mich, so gut er's versteht. Mit dem, was zu ihm gehrt,
liebe auch ich ihn. Ich habe noch mehr, -- wovon er nicht wei: aber wer
wird je davon wissen. Wozu auf dem Unmglichen bestehen, wozu so viel
kmpfen; warum nicht ein einziges Mal ganz unvernnftig glcklich sein.

Sie nahm tiefere Zge Meerwindes; und inzwischen stiegen sie kaum
beleuchtete Gassen hinan, erreichten einen Gartenplatz und tasteten sich
durch das Dunkel eines bitter duftenden Gebsches. Wo ist denn der Weg?
Und statt des Weges suchten sie einer des andern Hand. Lola zuckte
zusammen, als sie die ihre gefangen fhlte; aber sie fhlte auch, da er in
diesem Augenblick mit Zartheit an sie denke; und whrend des Lchelns, das
langsam ber ihr Gesicht hinging, war ihr's, als lchele das ganze Dunkel.
Sie dachte unbestimmt an weit Vergangenes: an ihre Kindheit. Wie sie eine
Balustrade trafen, sttzten sich beide darauf; ihre Unterarme lagen, ohne
sich zu berhren, einander so nahe, da jeder des andern Wrme sprte; und
drunten ber dem nchtlichen Gitter aus Masten und Schlten suchten sie das
Meer: lange und beklommen von Sehnsucht. Der Mond mu bald aufgehen.

Lola sagte:

Daheim auf der Groen Insel war's das Schnste, wenn das Meer leuchtete.
Ach nun wei ich wieder: mein Grovater zndete viele Papierrllchen an und
scho sie in weiten, leuchtenden und zischenden Bogen ber das Meer.

Der junge Mann lachte kindlich und sprach von seiner Meerfahrt, derselben,
die einst auch Lola gemacht hatte. Ob sie sich nicht jenes Inselknigs
erinnere, den man fr zwei Franken sehen konnte. Abwechselnd riefen sie
zurck, was ihnen beiden begegnet war; und bei jedem Zusammentreffen ihrer
Erlebnisse durchrann Lola der Schauer des Vorherbestimmten.

Gleich wird der Mond aufgehen, murmelte sie, mit ser Angst. Jenes
Kinderglck auf der Groen Insel bewegte sich leise unter allen ihren
Einfllen; und die heimliche Gewiheit, nie werde es wieder so gut werden,
lie sie, sie wute nicht warum, von erlittenen Schmerzen sprechen, von
ihrer Einsamkeit, von der Mdigkeit, die in ihr zunehme. Schweres Drngen
nach Gemeinschaft, nach Menschennhe zitterte in ihrer Stimme und machte
ihre Arme flugbereit: bereit um einen Nacken zu fliegen.

Er sah sie mehrmals unruhig von der Seite an.

Pltzlich: Woran denken wir? -- mit einer Bewegung, die er sofort
zurcknahm. Aber sie war nun wieder erinnert, da er sie haben wolle und
nichts weiter; da sie nicht seine Gefhrtin sei, nur eine Geliebte; da
irgend eine der flchtigen Begierden, in deren Wirbeln sie dahinlebte, sie
an diese Stelle geweht habe und die nchste sie weitertreiben werde; und
da alles dies nicht mehr sei als ein heier Windsto ber die nackte Haut.
Das Entsetzen des Verirrtseins packte sie, und sie wagte sich nicht zu
rhren.

Er sagte:

Ich habe ber Sie nachgedacht: ich durchschaue Sie vollkommen. Nehmen Sie
gegen Ihre Zustnde dies: nie mehr als einen Tropfen und nur wenn sie in
Gesellschaft gehen wollen.

Seine Stimme war ihr nun verdchtig. Unter einem eisigen Mitrauen zog sie
sich innerlich zusammen. Was hatte dieser Mensch mit ihr vor? Noch niemand
hat Gutes mit mir vorgehabt! Er war ein Feind. Mein Gott, in wessen
Gewalt bin ich geraten! Sie stie zurck, was er ihr hinhielt. Er bemerkte
pltzlich ihre Vernderung, bereute ungestm, an Schwrmerei und Regungen
der Gte eine gelegene Zeit vergeudet zu haben, und tat einen harten Griff
nach ihr. Sie wich aus, bckte sich und entkam in die Finsternis der
Steige. Der Mond war nicht aufgegangen.

Sie stie auf die Treppe, strzte vorwrts, durch das Netz der leeren
Gassen, immer darauf gefat, die Schultern unter seiner zufassenden Hand zu
ducken. Drunten auf dem weiten, grellen Platz schien ihr der Anblick
einiger Bummler unbegreiflich, ein rettendes Wunder. Alles hatte sich doch
schon aufgelst, alles war doch schon verloren gewesen. Sie sprang, noch
fliegenden Atems, in einen vorberfahrenden Wagen. Whrend der Fahrt
erlebte sie immer aufs neue den Augenblick, als er nach ihr griff. Sie wand
sich vor Angst und Ha.

Wie sie in ihrem Zimmer das Licht aufdrehte, stand vor ihr im Spiegel der
elegante, selbstsichere junge Mann, den sie, schien es, hier zurckgelassen
hatte. Was ist seither aus mir geworden! Mein Gott! Sie lie sich in den
Sessel fallen und weinte.

Sie wachte auf und sa noch immer in ihren Mnnerkleidern da. Im offnen
Fenster lag grauer Halbtag; drunten knirschten die ersten Karren. Lola fror
es; sie fhlte sich mde und verlassen. Wenn ich's nun getan htte?
dachte sie, starren Blicke. Ich htte jetzt einen Herrn. Vielleicht wre
ich glcklich. Dann: Wenn er jetzt kme? Wenn er jetzt drunten stnde?
Sie sah hinab: nein; und sie seufzte.

Beim Auskleiden fand sie in der Westentasche das Flschchen, das sie
zurckgestoen hatte. Also war's ihm gelungen, es ihr aufzudrngen! Sie
stellte es weit weg, wanderte ein paarmal ratlos in die Runde, zog
schlielich ein Morgenkleid an und ging hinber in den Salon. Vor der Tr
zu Mais Schlafzimmer kehrte sie um, machte den Weg noch einmal und holte
das Flschchen. Es lie sich in der hohlen Hand verstecken, ohne da sie
die Finger schlo. Dann trat sie bei Mai ein.

Mai schlief; Lola sah ihr zu, wie sie kindlich atmete, wie ihr schnes,
faltenloses Gesicht sich glcklich ausruhte. Einmal lchelte sie, wie bei
einem Siege. Was trumte ihr? Gewi, da man sie anbete. Lola stand und
sann sich fest in Mai. Wie seltsam, da ich zu ihr gehre! Ich habe doch
Welten fr mich, von denen die arme Mai nichts ahnt; aber dann falle ich,
ob ich will oder nicht, wieder auf die ihre zurck und spre in meinem Blut
diesen schnen, dummen Mnnertypus, den ich verachte. Ist es nicht, als ob
ich manchmal das Bewutsein verlre, in Mai zurckkehrte, aus der ich einst
hervorgegangen bin, und sie fr mich fhlen und handeln liee? Da geht man
dahin und ist nicht man selbst. Was kann alles auch in dem Namen stecken,
den einem andere gegeben haben. Lola: . . . Lo--la . . . Ich hre etwas
unheimlich Schmelzendes, Willenloses darin. Lola: nein, es kann auch sehr
frisch und mutig klingen . . .

Da erwachte Mai, und beide erschraken.

Du bist also doch gekommen? stammelte Mai. Ich habe dich nicht gehrt.
Du hast mir schreckliche Sorge gemacht. Ich konnte doch niemand nach dir
fragen: was htte man gedacht!

Lola erkannte, nun Mai zu Sorgen erwacht war, pltzlich Spuren des Alterns
an ihr. Sie erinnerte sich: auch dies Kinderwesen mute kmpfen und leiden.

Zrtliche Reue hob Lolas Herz auf; sie warf sich vor dem Bett auf die Knie,
schob die Arme unter Mais Nacken.

Ich habe dich lieb, Mai. Wir wollen fort von hier!

Fort? Warum? fragte Mai erschrocken.

Weil . . . Siehst du: man hat mich erkannt. Was ich getan habe, war dumm.
Nun ist's besser, wir gehen. Ja, so: der Herzog und Aguirre. Denen tragen
wir auf, zu erzhlen, wir seien schon gestern abgereist. Sie werden diskret
sein, niemand wird beweisen knnen, da er mich heute nacht gesehen hat.

Und Da Silva?

Lola fuhr zurck, mit pltzlich verschlossener Miene.

Wie ist's mit Da Silva? wiederholte Mai unsicher. Lola nherte sich ihr
wieder.

Er ist ein guter Freund, sagte sie sanft. Gegen meine Schmerzen und
Mdigkeiten hat er mir dies gegeben. Meinst du, da ich's versuchen soll?

Sie nahm Mais goldenen Arzneilffel und lie einen Tropfen hineinfallen.

Soll ich?

Zgernd:

Soll ich?

Und dann:

So; nun werden wir sehen.

Wenn es nun ein Gift war, das sie wahnsinnig machte und ihm in die Arme
trieb: sie hatte es genommen, es war geschehen. Ihre Zge waren besnftigt;
sie neigte sich tief auf Mai, deren Gesicht dem Weinen nahe war.

Arme Mai, ich bin schlecht: ich bedachte nicht, da du dich schwer
trennst. Immer lege ich dir Opfer auf. Aber dort, wohin wir gehen, sollst
du dich anbeten lassen . . .

Sie streichelte und trstete. Mai schluchzte und schlief ein. Lola schlo
sich in ihr Zimmer, setzte sich vor ein Buch und verstopfte, wie als Kind,
mit den Fingern die Ohren. Sie geno, was sie las, mit immer hellerem
Geist. Eine Stunde spter bemerkte sie, da Teppich und Tisch voll Sonne
waren. Sie lehnte sich zurck, atmete tief auf und fhlte, wie weit nun die
Nacht zurckliege. Von hier -- sie sah das Buch an -- bis zu ihm ist's
endlos weit. Was geht er mich an? Ganz leicht werde ich ihn entbehren.

Als sie fertig angezogen den Salon betrat, kniete Mais Mdchen vor einem
Koffer.

Hast du auch schon angefangen? fragte Mai.

Ach, packen . . . Und ein Angstschauer berraschte sie.

Willst du denn nicht mehr reisen?

Ich . . . will . . . reisen; dabei lie sie den Kopf sinken. Dann:

Das heit . . .

Ja, dachte sie, ich will's darauf ankommen lassen.

Das heit, selbst zu packen habe ich heute keine Lust. Wenn Germaine Zeit
hat . . .

Ja: Mai gab Germaine frei; Lola war gerettet.




II


Haie begleiteten das Schiff. Lola sah zu, wie Matrosen sie an Angeln
herauszogen und ihnen, kaum da der Kopf den Schiffsrand erreicht hatte,
Stcke in den Rachen und durch den ganzen Leib trieben. Als die wehrlosen
Ungeheuer das Deck mit den Schwnzen peitschten und die Matrosen sich vor
Freude auf die Kniee klatschten, fhlte sie lhmende Traurigkeit. Die
Passagiere versammelten sich; dies war ein Fest; -- und da sah Lola im
Geist ein Kind zwischen die Leute drngen und mit ihnen in Freude
ausbrechen: erkannte sich selbst, wie sie einst auf ihrer ersten Meerfahrt
gewesen war und belauschte sich, dies unwissende, heitere und grausame
Kind, mit Verachtung, Sehnsucht und einer Spur von Grauen. Nicht wahr,
jetzt wird das Messer genommen und das Tier zerstckt? Richtig: sie hatte
dies also auch damals erlebt. Damals gehrte es nicht zum
Auerordentlichen; die Neger daheim hatten ganz ebenso grausam gehandelt an
den Tieren, die sie fingen; und Lola selbst, hatte sie nicht einst eine
Schlange, von der sie erschreckt worden war, ganz langsam zerschnitten, in
lauter Ringe, und die Schlange lebte immer noch? Sie besah die Hand, die es
getan hatte: diese selbe Hand. Und ich denke, wenn ich der Groen Insel
gedenke, nur an feurige Papierrllchen, die bers Wasser schnellten, und an
den Duft der Orangenblten! Das ist ein Irrtum. Als ich nach Europa reiste,
schienen es an Bord lauter liebe Menschen, die nur darauf sannen, einander
Freude zu machen. Die Wahrheit ist anders; o, was alles lese ich jetzt in
den Gesichtern, die die Haie sterben sehen!

Sie zog die Kapuze ihres Regenmantels in die Schlfen und hatte nun, ber
das Gelnder gebeugt, nur noch ein kurzes Stck braunen Wassers vor Augen,
beprickelt von Regen. Der gute alte Herr, der auf jener Reise allen
Kindern Schokolade schenkte und fast weinte, wenn man sie nicht nahm: was
fr ein Schuft er vielleicht war! Darauf bemerkte sie: Schrecklich
mitrauisch und menschenfeindlich bin ich geworden! Wie lange lebt man auch
schon! Ihr Mantel ward steif von Wasser; die braune, stockende Luft lie
sich schwer atmen. So, deucht mich, ist's jetzt immer. Als ich von Rio
kam, strahlten Meer und Himmel unauslschlich.

Mai hatte es leichter. Mit allen war sie befreundet, erfreute sich des
besten Appetits und vieler Anbeter. Warum hltst du dich immer zurck?
fragte sie oft. Wie sympathisch ist Herr Soundso! Und Lola gab dies zu,
weil die Worte, die ihre Verachtung des Herrn Soundso enthielten, ihr
selbst den Hals zuschnrten. Aber war es mglich, etwas anderes zu fhlen
fr jemand, der unter allen Damen nur einer die Hand kte, und zwar der,
die den hchsten Titel fhrte? Oder fr einen andern Herrn Soundso, der
auch sympathisch sein sollte, und der dem Kellner nur zwei Glas Kognak
eingestand, wenn er drei getrunken hatte? So war die Menschheit; um so
schlimmer fr den, der nicht die Gabe hatte, davon abzusehen.

Du hast dich schwer getrennt, meinte Mai herzlich. Warum warst du nicht
aufrichtig mit mir? Sage doch, bitte, bitte, an wen du denkst!

An niemand besonders, ich versichere dich.

Und sie versank in immer trberen Zorn. Wr's noch ein einzelner gewesen,
an dem sie litt! Aber der, den sie zurckgelassen hatte, war nichts. Nicht
seinetwegen erduldete sie nun dieselbe schwere Einsamkeit, die ihre frhen
Mdchenjahre verbittert hatte. Nur erinnert hatte er sie daran, wie vor ihm
andere seiner Rasse und Art, da allein ihre Sinne einen Gefhrten finden
konnten; da in keinem Lande Menschen erwchsen, die ganz ihresgleichen
waren; da sie in der Seele allein war . . . Sie sah ins Wasser und sehnte
sich: Wer einer Heimat entgegenfhre!

Sie hatte eine gehabt: eine Wahlheimat, die Schritt fr Schritt zu erobern
gewesen war: ihre Kunst. Und auch aus der war sie verstoen; denn die
Branzilla sa in der Nervenheilanstalt.

Die Branzilla war eine der allerletzten Lehrerinnen des bel canto. Ein
berhmter Geiger hatte zufllig Lolas Altstimme entdeckt, den Umfang und
die Strke der Stimme bestaunt; hatte Lola eine unermeliche Zukunft
verheien und nicht geruht, bis sie zur Branzilla reiste. Wie Lola ins
Zimmer trat, machte die Alte gerade ihrem Mann eine Szene: dem angebeteten
Tenor von einst, der nun fett, leer und ngstlich umherschlich. Sie warf
ihm seine alten Geliebten vor, das Unrecht, das er ihr bei dem und dem, vor
dreiig Jahren gesungenen Duo getan habe, und da er ihr zur Last liege. So
oft Lola das Paar beisammen traf, war's das gleiche; der Alte flchtete,
die Augen gen Himmel gerollt; -- und als Lola einmal nach Beendigung der
Stunde das Vorzimmer ffnete, da hing er an der Decke . . . Und nun ihre
Bosheit sich auf den Mann nicht mehr ausleeren konnte, bespie die Alte
damit alle Welt, vertrieb die letzten Schlerinnen, brachte Lola bis zu
Trnenkrisen. Aber mochte Mai sich empren, Lola blieb ihrer Tyrannin treu,
folgte ihr blindlings in alle die Hauptstdte, wo die Branzilla ehemals
gefeiert worden war, und wo sie nun das unbekannte Dahinleben nicht ertrug;
schlichtete die Streitigkeiten, die die Alte in den Hotels, den Geschften
und berall anzettelte; sorgte fr sie; lie sie ihre kopflosen
Ungerechtigkeiten herunterkeifen und schlo den Auftritt mit einem festen
und doch geduldigen Adieu, Madame, -- worauf sie zur genauen Stunde
wiederkehrte. Statt einem Gesetz, einem Befehl, die ihr Leben nicht kannte,
unterwarf sie sich den Launen einer Hexe; und ihre Zickzackfahrten durch
Europa waren nicht planlos, da sie hinter der herfhrten, in der, wie in
einer Ruine, der Geist einer groen, fast schon entschwundenen Kunst
hauste.

Denn das arme, tglich verwirrtere Gehirn der Branzilla schien wunderbar
genesen, wenn sie den Stoff unter den Hnden hatte, aus dem sie schuf. Der
Stoff war die Stimme der Schlerin. Lola war sich bewut, sie selbst sei
nichts, sei nicht mehr als ein dumpfes Werkzeug, und was aus ihr werden
solle, sei im Geist der Lehrerin schon aufgebaut, wie ein Tempel aus Luft,
unfabar fr jeden, vertraut nur ihr, die ihn durch eine Gebrde, ein Wort,
durch einen der kindlich mystischen Ausdrcke, die die Seher finden, fr
eine Sekunde vor die Schlerin hinzaubern konnte, so da Lola sah: dort
hinan! Wer vermochte das noch: durch ein Wort, ein eigenes, dem nichts
Wirkliches entsprach, das richtige Spiel eines Kehlkopfes bewirken! Niemand
wute mehr von dieser Kunst. Bei den Heutigen waren Lehrerinnen unbeliebt,
die zwei Jahre brauchten; und die Ausbildung whrte ehemals acht. Lola
htte es, einmal in der Schule der Branzilla, nicht mehr ausgehalten, sich
mit einem Ungefhr zu begngen. Sie war fremd berall, und nur mit einer
alten halb Irren hielt sie Gemeinschaft; -- aber eines Tages wollte sie im
Besitz einer unerhrten Kunst vor die Welt hintreten!

Und in jedes Gasthaus brachte sie eine eigene Luft mit, machte jedes
flchtige Quartier heimisch, in das sie ihre Gesnge, die seit Jahren
gebten, schickte. Aus der Unordnung der hastig umhergeworfenen
Gegenstnde, der zerstreuten Stunden, der regellosen Vergngungen und der
zuflligen Menschen rettete sie sich in den Winkel, wo das Klavier stand,
wie auf ihr eigenes Stck Erde. Von hier wrde sie alles Land erobern!
Wrde unabhngig, wrde Frstin sein, der die Herzen schlagen. Wie
hochgemut und stark sie, indes die anderen, alle zum Untergang bestimmt,
leere Worte redeten, Rnke, Liebeleien vergeudeten, mit sich selbst
umgingen wie mit Wertlosigkeiten: wie hochgemut, stark und voll Verachtung
sie an sich arbeitete! Ihre Heimat erweiterte! . . . Aber man lockte sie
daraus fort; die berflssigen umschwrmten sie. Umsonst bte sie tagelang
mit ihrem Taktzhler: der Schwarm der Festlichen bertubte das Ticken der
kleinen strengen Maschine. Eine Wallung von Leichtsinn, und Lola war mitten
darin, ging unter in der Jagd der nach Freude Fiebernden. Dann trat der
Mann auf: einer derer, die sie im Blut hatte, die sie nicht vermeiden
konnte; -- und die Kunst lag unbegreiflich dahinten . . . Eines Tages stand
sie dann wieder am Klavier neben der Alten, deren Stimme hart und bse war;
und der Tag hatte bleiches, schmerzendes Licht, wie einer nach durchtobter
Nacht, der reuebeladen ist, und den man lieber verschliefe. Und oft, wenn
so ihre Tage in einer luxurisen Landstreicherei zerflossen, dachte sie mit
Neid aller Angebundenen, Behteten, in einen engen Kreis von Pflicht und
Gemeinschaft Geschlossenen. An ihrer Stimme, die so kostbar war, trug Lola,
wie jemand an einem Klumpen Gold in einer Wste. Andere saen in heimlicher
Werkstatt und bearbeiteten ihn . . .

Und dann war die Branzilla verschwunden. Es war geschehen, wie Lola das
letzte Mal sie wochenlang allein gelassen hatte. Lola hatte es mit Zorn
erfahren. War denn der Rest Kraft, den die Alte ihr noch zu geben hatte,
schon verbraucht? Die Branzilla mochte verrckt sein, wie sie wollte: sie
blieb die einzige, die Lolas Stimme beherrschte, die ihre Stimme sah. Dazu
taugte sie noch, dazu sammelte sich noch ihre Vernunft. Lola sagte dies den
Leuten, die sie ihr weggenommen hatten. Lat sie doch verrckt sein: es
ist meine Sache! Ich bin sie gewohnt, wie sie ist, und werde sie behten.
Gebt sie mir zurck! Umsonst: die Lehrerin blieb verloren; -- und Lola
wute sogleich, nun sei's zu Ende. Die Methode der Branzilla lie einen
unselbstndig bis zuletzt. Lola war ohnmchtig ohne ihre Fhrerin. Der Weg
zur Kunst, in diese neue Heimat, war verloren.

So, aus Ratlosigkeit, Haltlosigkeit geriet sie nach Barcelona, wieder in
einen Schwarm, wieder an einen Mann; -- und fuhr nun, enttuscht und zum
ersten Mal ganz hilflos, planlose Fahrten.

Wer einer Heimat entgegenfhre!

                   *       *       *       *       *

Vom Denken, vom Begreifen und vom Sehnen war sie hei und erregt.
Aufseufzend blickte sie um sich, ohne etwas zu erkennen. Der Schiffsarzt
strich in gleichen Pausen an ihr vorbei. Endlich, wie sie sich umwandte,
blieb er stehen und sie mute in seine schwermtigen Augen sehen. Ob auch
sie die Gesellschaft fliehe, fragte er. Er war hlich, und wieder nicht
hlich genug, um zu reizen. Das war, schlo Lola, sein ganzes Unglck und
verschaffte seinen Augen den Anschein von Seele. Sie verlangte das Hospital
zu sehen. Es sei zu traurig dort, erwiderte er, fr eine junge Dame, die
selbst nicht heiteren Gemtes scheine. Ob er sie unterhalten drfe. Er
begann von sich selbst zu erzhlen, einfache und wahre Dinge, denen sie mit
Achtung zuhren konnte. Noch mehrmals im Lauf des Abends nherte er sich,
tat ihr wohl durch gtige und gelassene Rede; und so oft Lola ihn bat, ihr
seine Kranken zu zeigen, weigerte er sich.

Aber das Wetter ward heller; nun strmte es. Mai lachte mit den Frhlichen;
dann schlich sie zu Lola und flsterte:

Glaubst du, da es gefhrlich ist?

Und Lola ging mit ihr, damit Mai she, man habe das Recht, lustig zu sein.

Die Nacht ward ausgelassen. Die Nhe Italiens, die Befriedigung, wieder in
den heimischen Gewssern zu fahren, die leichte Furcht bei dem bedrohlichen
Schwanken und inmitten der gemeinsamen Gefahr die Aussicht, schon morgen
auseinanderzustieben, sich nie wiederzusehen: das bewirkte in allen
Wohlwollen und Leichtsinn. In der Kajte fielen die Sthle um; man taumelte
einander in die Arme, um sich im Kreise zu drehen zu dem Gekratz der
wackelnden Musikanten. Lola erhob ihren Kelch und trank einem zu, einem mit
einer groen Habichtsnase und lustig blinzelnden Augen -- einem all derer,
die Mai sympathisch fand und gegen die jetzt auch Lola nichts mehr
einwandte: da sah sie einen Schatten auf der Treppe. Sie lie den Arm
sinken. Das freudlose Gesicht des Doktors kam auf sie zu; mit einem Vorwurf
in der Stimme und einem um Entschuldigung bittenden Lcheln fragte er:

Wollen Sie jetzt das Hospital sehen?

Lola fuhr zusammen, wie ertappt, wie auf einem Verrat betroffen. Er
erinnert mich daran, bemerkte sie, da wir zusammen traurig waren. Sie
senkte den Kopf und folgte ihm. Dann, emprt: Wie darf er verlangen, da
ich es bleibe! Damit er mich trsten, mir wohltun kann. O! Alles auf dieser
Welt ist Eigennutz und Grausamkeit.

Drauen peitschte sie der Wind; das endlose Dunkel heulte um sie her; es
griff nach ihr, mit den gespenstisch heraufschieenden Armen seiner
Gischtwellen. Ihr Fhrer nahm sie bei der Hand und lie sie ber Staffeln
hinabsteigen, tief in das Schiff hinein. Da sind wir; und in der Tr, die
er aufstie, mischte sich Karboldunst mit dem Schiffsgeruch. Kommen Sie
nicht? Aber Lola sphte von der Schwelle mit Furcht durch die Kabine, die
einem Schacht glich, zu den Menschen hin, die in ihren Betten, eng wie
Srge, umhergeschttelt sthnten, und zu denen, die in Lumpen am Boden
hockend, erloschene Blicke zu ihr aufhoben. Jener eine Blick aber glnzte
so, da von ihm der Raum voll eines flackernden Lichtes schien. Diese
beiden Augen brannten auf unbegreifliche Weise in einem Gesicht, so alt und
mde, da vielleicht nur das rote Tuch, womit es umwickelt war, seinen
auseinanderstrebenden Staub zusammenhielt.

Wer ist das? Mein Gott?

Der Arzt hrte sie nicht; er neigte sich ber den Alten, lauschte in sein
Gewimmer hinein; dann beschrieb er, langsam aufgerichtet, eine feierliche
Gebrde.

Sie werden Ihre Heimat wiedersehen. Ich werde machen, da Sie es erleben.

Rasch wandte er sich ab.

Gehen wir.

Drauen:

Dieser Alte ist jung nach Amerika gegangen. Die Arbeit seines Lebens hat
ihm so viel eingetragen, da er vor seinem Tode nochmals die berfahrt
bezahlen konnte. Er will auf seiner Heimaterde sterben. Das ist sein Ziel.
Dafr meint er nun gelebt zu haben.

Wird er's erreichen, wird er?

Nein, entschied der Doktor, mit leiserer Stimme und Schultern, die sich
beugten. Wir werden morgen in Genua landen, im majesttischen Genua; aber
er wird es nicht sehen. Ich kann es nicht machen. In diesem Augenblick lebt
er nur noch durch den einen Gedanken in seinem Kopf: in seiner Heimat zu
sterben.

Vor der Treppe zu den Gesellschaftsrumen nahm er pltzlich Abschied und
tauchte ins Dunkel. Lola sah mit Verwunderung, da dort innen noch der
gleiche kopflose Jubel tobe, und ging in ihre Kabine. Sie lag im Dunkeln;
-- und das Wimmern dahinten, sie wute nicht, war es das der Geigen oder
das jenes Sterbenden. Seine Augen verlieen sie nicht, ihre Stirn war
erfllt von diesem bermenschlichen Feuer, das mit berwindung eines
absterbenden Leibes ganz frei dahinbrannte, das nur ein Gedanke, ein Wille,
eine Sehnsucht war: die Sehnsucht nach der Heimat.

Und sie sah ihn, wie er jung aufs Schiff stieg. Die Jacke ber der
Schulter, den Hut im Nacken, bermtig trotz der Rhrung, kte er ein
letzesmal Eltern, Geschwister und das Mdchen, das ihm treu bleiben wollte.
Hatte Lola ihn nicht drben aussteigen gesehen, oder einen, der ihm glich?
Italiener in roten Hemden, die Jacke ber der Schulter, waren so viele dort
umhergegangen. Sie hrte ihn seine Frchte ausschreien, sah ihn an einem
Kanoe zimmern und stand am Wege, wie er sein Maultier mit Waren
vorbeitrieb. Denn er handelte mit allem, hielt keine Arbeit fr zu
schlecht, lebte nchtern und schrieb Briefe, worin ein wenig Geld lag:
Mut! Bald kann ich euch nachkommen lassen. Carlotta, ich seh' uns schon in
der Kirche. Darber sterben die Eltern; aber er hat noch die Geschwister,
und Carlotta wartet auf ihn. Er spricht nicht mehr vom Nachkommen; es geht
nicht alles, wie er dachte; nur zurcklegen mchte er eine Kleinigkeit, und
dann heimkommen . . . Wie? Wre es mglich? Carlotta nimmt nun doch den
andern? Sie ist imstande, ihn zu verraten? Wozu kann dann alles noch
dienen! . . Ach, ein Kind hat sein Bruder? Wie hbsch! Er wird ihm etwas
mitbringen, wird es einst ausstatten. Die Geschfte gehen besser, sie
sollen sich wundern . . . Und von Jahr zu Jahr: Der Bortolo schon tot? Und
Don Felice?

Und auch der, und auch der? Warum schreibst nun du selbst nicht mehr?
. . Schweigen. Und der alte Einsame vergit die Todesflle, von denen ihm
einst berichtet ward; wenn er von der Rckkehr trumt, stehen alle
unverwandelt am Ufer, und Carlotta trgt noch die rote Schrze, die er ihr
gab. Sein Geist geht zwischen Gebuden um, die abgetragen sind, und bei
Menschen, die unter Kreuzen liegen. Zuletzt tritt er dennoch die Reise an,
fr die er fnfzig Jahre arbeitete und lebte. Nun fhrt er dahin -- werden
die Atemzge ausreichen? -- fhrt, seherisch vor Angst und Drang, dem
unmglichen Ziel seines Lebens zu, dem, was es fr ihn nicht gibt, dem
Phantom einer Heimat!

. . . Lola schluchzte noch immer. Sie beweinte in fremden Schicksalen das
Sinnbild der eigenen; und eine besnftigende Brderlichkeit flo ihr aus
jenen zu. Sie schmte sich ihrer Menschenfeindschaft; verachtete die Gabe,
die sie bis dort hinabblicken lehrte, wo niemand mehr dem Erkanntwerden
gewachsen ist; entsetzte sich: Hab' ich denn nicht immer lieben, nur
lieben wollen? Einst war ich doch entschlossen, mich eher lebendig begraben
zu lassen als da Erneste oder Mai strbe! Wie ist es mglich, da Menschen
dies je aus dem Sinn verlieren: einander helfen, einander lieben!




III


In Verona, nach dem bernachten und wie der Omnibus schon vor dem Gasthof
stand, sagte Lola pltzlich:

Jetzt wieder nach Venedig? Geht es wirklich nicht anders?

Uns zwingt doch niemand? fragte Mai verdutzt.

Das ist es. Uns zwingt nie jemand. Hierhin, dorthin: fr uns ist alles
gleich.

Und Lola lie sich mde auf einen Stuhl nieder.

Da du auch grade in diesem Augenblick deine Nerven kriegst!

Mai sah erschreckt hin und her zwischen Lola und dem Kellner, der zur
Abfahrt mahnte.

Es scheint, wir reisen nicht.

Wozu? seufzte Lola. Um wieder einen Fingado zu treffen und einen Aguirre
und einen --?

Sie besann sich.

-- und alle die andern? . . . Weit du noch nicht im voraus, wie deine
Verehrer aussehen werden, was sie dir sagen werden? Man kennt sie
auswendig, und es bleiben doch Fremde. Wir sollten lieber zu Pais
bayerischen Verwandten fahren. Nach deiner Ankunft in Europa sahen wir sie
nur so flchtig; aber es schienen -- was wei ich -- es schienen herzliche
Menschen.

Aber die Grimani erwartet uns.

Wir telegraphieren ihr ab.

Sie telegraphierten auch nach Mnchen. Gugigls waren auf dem Lande; und
zwei Tage spter, auf der kleinen Station zwischen Kufstein und Rosenheim,
jauchzte den Ankommenden ein ganzer Trupp festlich erregter Sommerfrischler
entgegen. Frau Gugigl und die Barone Utting schrien in einer Tonlage mit
der Lokomotive. Die eine schttelte dabei ihre offenen Haare, die andere
ihre Zpfe. Die Barone trat sofort an die Damen heran, zeigte auf ihr
Bauernkostm und sagte stolz:

I bin d'Oberdirn.

Gugigl schwenkte noch, als Frau Gabriel schon vor ihm stand, auf die Zehen
gehit, sein grnes Htchen. Er war rotfleckig, hatte geblhte Nstern, und
seine Kinnhaare wehten wirr. Die kleine Schwester seiner Frau lie, als sie
Lola und Mai erblickte, seinen Arm los; ihr Geschrei brach ab; und mit
groen Augen, ganz entgeistert, sah sie den beiden eleganten Damen
entgegen. Gwinner kte ihnen die Hand und fhrte von unten sein freundlich
freches Lcheln im Kreise umher, als htte er einen Witz gemacht.

Frau Gugigl rhmte zuerst ihren Lodenkragen.

Da schaut, wie er na ist. Regenschirme gibt's bei uns nicht, meine
Lieben, und wenn man so daherkommt wie ihr . . .

Aber was ist denn hier los? fragte Lola, da sie gleich hinter dem Bahnhof
in ein burisches Gedrnge und Geschrei, in Jahrmarktsgerche und
Blechmusik gerieten.

Das ist das Gaufest.

Und zu der gespannt horchenden Frau Gabriel:

Ja, auf franzsisch, Tante, kann ich das Wort nicht sagen. Die Bauern
zeigen ihr Vieh und sich selbst her, in den alten Trachten.

Das Vieh in den Trachten, ergnzte Gwinner und gab Lola durch
unterwrfiges Grinsen zu verstehen, da er bei Gott nicht ber sie sich
lustig mache; nur knne er nicht gegen seine Natur. Er umtastete die
Spinnenfinger der einen Hand leise mit denen der andern. Den runden,
schwarz und gelben Kopf trug er eigen vorsichtig zwischen den hohen
Schultern, als sei sein Nacken leicht zerbrechlich. Lola wandte sich weg.

Gugigl krhte in das Gebrll der beim Wirtshaus Tafelnden hinein:

A Bier! Cehn--zi! A Bier kriag' i!

Gr Gott, Spezi! rief die Barone.

Dees is nmlich mein Oberknecht, erklrte sie, lief hin und schwang sich,
rotbackig, mit dicken, fliegenden Zpfen in die Bank zu den Bauern, die sie
feierten. Ihre Zpfe sind fast von der Farbe meines Haars, dachte Lola;
und: Wenn ich mich zu den Bauern setzen sollte! Wie wre einem zu Mut,
wenn man hier heimisch wre?

Da begegnete sie dem bewundernden Blick der kleinen Tini.

Wir haben uns noch gar nicht recht begrt. Sie sind gro geworden.

Wie geht es Ihnen? stammelte das junge Mdchen.

So nennt's euch doch du! schrie Gugigl und drngte der Kellnerin nach.

Gut. Und -- also, und dir? fragte Lola, lchelnd. Tini errtete; dann
entschlo sie sich:

Du hast hnlichkeit mit deinem Papa.

Ach! Hast du ihn gekannt?

Sehr gut; und nie hab' ich ihn vergessen. Er hat mir meine Lieblingspuppe
mitgebracht. Nach ihm hie sie Gustl, weil er Gustav hie, nicht? Jetzt ist
sie zwar kaputt . . .

Lola dachte: Und Pai tot.

Spielst du noch mit Puppen? fragte sie mhsam.

O nein . . .

Und, als sei endlich das Eigentliche herbeigefhrt:

Lola, du bist wunderschn!

Du sagst das? Du wirst viel schner werden als ich; man sieht es schon
jetzt.

Sie liebkoste das schwarz eingerahmte, sentimentale Gesichtchen. Noch
etwas zu lang und zu bla ist es, dachte sie zrtlich. Da drehte sie rasch
den Kopf.

Mai! Mai! Die Tini hat Pai gekannt!

Mais Miene, die ganz Befremdung und Verlassenheit war, ward auf einmal
kindlich beglckt; und Lola nickte ihr strahlend zu: Wie schn, nicht
wahr, da wir hergekommen sind!

Da waren nun Wesen, die Pai gekannt hatten, die mit Lola verbunden waren,
vielleicht denselben Menschen lieb gehabt hatten wie sie!

Hast du meinen Papa gern gehabt? fragte sie.

Sehr, sagte Tini; und sie setzte nochmals an: Und auch --; aber dann
schwieg sie, ganz rosig.

Sage, wie du ihn gefunden hast? Als er mich nach Europa brachte, trug er
meist einen grauen Anzug . . .

Ach, was fr Dummheiten! merkte sie selbst. Mai, die dazwischenschwatzte,
konnte sich nicht naiver gebrden. Wie das belebte! Wie einem warm ward!
Sie sah sich um, sie hatte Lust, diese Menschen zusammenzurufen, die Pai
gekannt hatten, die ihr du sagten, die ein wenig Blut mit ihr gemeinsam
hatten. Gugigl trank ihr zu. Er stand dahinten, auf gespreizte Beine
gestemmt, hob das endlich eroberte Glas Bier nervig an sein Gesicht, das es
mit geblhten Nstern erwartete, und fhrte Lola, den Blick fest und ernst
in ihrem, seine Schluckkunst vor. Seine Frau hatte ihren Lodenkragen
abgeworfen, hatte flatternden Haares die tannenbekrnzte Estrade der
Schuhplattler erstrmt, die Dirn weggestoen und sich statt ihrer gegen den
beleibten Balzer geschmiegt. Aber von ihrem Tanzdmon berzeugt, kam sie
seinen Bewegungen zuvor, brachte die uerungen seiner gravittischen
Brunst in Verwirrung, zappelte in der Luft, wie er sie emporstemmte: -- und
ohne vorherige Ankndigung, im Zorn noch mit gelassener Kraft, setzte er
die enttuschte Mnade ber das bekrnzte Gelnder. Frau Gugigl mute
einige Pfiffe hren, trotzte aber der Menge und holte sich ihren Mann, um
ihn herumzuschwenken.

Mehrere Paare drehten sich, zwischen den Pffen der Vorbeidrngenden. Die
meisten saen indessen unter den tropfenden Kastanien, Rcken an Rcken,
die Arme auf die Tischkanten gewlzt; und so oft die Musik sich von ihrem
Knarren und Meckern ausruhte, sangen sie sich gegenseitig in die Mnder. In
ziehenden Tnen, deren Ende sie vor Gefhl nicht fanden, stimmten die
Burschen unwahrscheinlich schmutzige Verse an; und die Madln unter ihren
Zopfkrnzen fielen herzhaft ein, wie in der Kirche. Aus dem Winkel beim
Hause wurden sie beobachtet von der eleganten Gesellschaft, deren ragender
offener Reisewagen aus dem Verschlage hervorstand. Die Dame hob das Lorgnon
vor ihre aufgerissenen Morphinistinnenaugen und fhrte ihre unbewegte,
schlaffe, perlfeine Miene langsam umher. Ein drftig gewachsener Mensch,
der ihr den Rcken im Sonntagsrock halb zudrehte, fesselte sie lnger als
die brigen. Niemand fand an ihm vorbei, ohne die Faust, als solle sie das
biedere Gre Gott, Schuasta, verstrken, auf seinen eingedrckten
Nasenrcken fallen zu lassen. Der Schuster lachte verlegen, und von Zeit zu
Zeit wischte er mit dem Handrcken das Blut weg, das ihm sonst ins Bier
tropfte. Sichtlich war er's gewohnt, war dies ein durch lange Jahre
geweihter Brauch, dem sich zu entziehen er selbst am unpassendsten gefunden
htte.

Das Lorgnon der Dame zielte unbewegt in dieselbe Richtung. Nun aber folgte
Mai ihm; und Mai begann, die Hand an der Wange, kleine entsetzte Schreie
auszustoen. Gugigl, seine Frau und die Barone Utting liefen herbei:

Ja, was gibt's? Der Schuster? Aber ihr seht doch, da es ihm selber Spa
macht. Seid ihr zartbesaitet!

Mir san derbes Volk, erklrte die Barone.

Mai schrie auf: wieder war dem Schuster eine Faust auf die blutige Nase
gefallen; und Mai beruhigte sich nicht mehr, hrte auf kein Zureden,
verfiel, auer sich, in ihre heimische Sprache und wiederholte ihre Meinung
den um sie her feixenden Bauern auf franzsisch. Dies alles sei abscheulich
roh; sie sollten nicht trinken: nur die Neger trnken; sie sollten einander
wie Menschen behandeln.

Sei still, Mai, bat Lola, leise vor Scham. Ihr war, als trage sie ein
Stck Verantwortlichkeit fr dies Volk, das Pais Sprache hatte, und zu dem
sie Mai hergefhrt hatte wie zu den Ihren.

Aber Mai drang, erbittert durch die Grimassen, denen sie begegnete, auf
Gugigl ein. Ob er meine, sie kenne so etwas nicht. Auch zu Hause die Neger
begngen ihre Feste, tanzten -- nicht hlicher als diese hier -- betrnken
sich, schlgen einander blutig. Aber man gittere sie ein, stelle Wachen
herum, und kein anstndiger Mensch sehe den schmutzigen Dingen zu. Lola war
sehr froh, da Frau Gugigl und die Barone schon wieder in den Armen zweier
Knechte dahintollten. Gugigl verstand nichts; er ffte Mais erregte
Gebrden nach, klappte mit den Kiefern und parodierte, ihr vor den Fen
hpfend, irgend einen Laut, den sie grade gesprochen hatte: ganz stolz, da
er, als studierter Beamter, nicht zwei franzsische Worte wute. Mai brach
ab; die Augen na vor Zorn in ihrem beleidigten Kindergesicht, drehte sie
ihm den Rcken. Gwinner kam -- und er trug den Kopf noch vorsichtiger --
mit dem gewaltigen Schuhplattler herbei. Vor der Ankunft machte er noch
einen Bogen, fhrte, demtig und frech grinsend, den ernsten Kolo den
Damen von allen Seiten vor, wie einen Preisochsen.

Diese Damen, uerte er, sind aus Amerika gekommen, um Sie zu sehen.

Viel Ehr', viel Ehr', sagte der Mann, mit einer Stimme, der er eine
erbrmlich wirkende Zurckhaltung auferlegte. Gwinner hielt lchelnd die
Hand neben seinem Arm, wie um eine unsichtbare Kette. Er wies hinber, von
wo die eingepferchten Tiere brllten.

Warum lehren Sie nicht auch die andern Ochsen das Schuhplatteln?

Sein begtigendes Nicken hie: Es ging doch nicht anders. Die kleinen
tckischen Augen des Riesen wanderten auf dem bleichen Gesicht umher, das
nach Frechheit rang; und unentschieden zwischen Drohung und Respekt, fragte
er:

Ja, wie moanen's denn jetzt ds?

Die kleine Tini trat energisch vor.

Er meint, wer nicht tanzen kann, ist ein dummer Mensch; und jetzt mssen
wir nach Haus, es ist hchste Zeit. Benno! Thekla! Marie!

Sie beruhigte sich nicht eher, als bis alle aus dem Biergarten heraus
waren. Auf der Strae zwischen den groen Fuspuren voll braunen
Regenwassers hie es einen Eiertanz auffhren. Vor den vier Jahrmarktsbuden
lungerten einige Buben, ein paar Weiber mit den Schrzen ber dem Kopf. Mit
starrem Gesicht fhrte ein verwittertes Mdchen eine Moritat vor.

Haben Sie das verbrochen? sagte Gwinner zu Gugigl, und zeigte auf das
Bild. Frau Gugigl sprang vor Freude in eine Pftze.

Aber Benno! Das ist ja eine Idee! ich mal' eine Moritat! Knstlerische
Moritaten gibt's noch nicht.

Mehr als genug, meinte Gwinner; aber Frau Gugigl verlangte:

Ohne Witz! Dem mu man knstlerisch nhertreten.

Sie besprach dies im Weitergehen mit ihrem Mann und der Barone Thekla.
Gwinner bemhte sich, fr Frau Gabriel franzsische Wortspiele zu erfinden.
Tini nahm pltzlich ihren Lodenkragen ab und legte ihn Lola um.

Es regnet nicht mehr, dein Schirm ntzt nichts: aber die Luft ist so
feucht.

Lola strubte sich vergebens.

Bitte bitte! Du bist das nicht gewohnt Dort, woher du kommst, ist immer
blauer Himmel, nicht?

Was meinst du? Ich war ja die lngste Zeit meines Lebens in Deutschland.

Ach! Du siehst ganz aus wie eine Fremde; und so elegant. Du mut diesen
Kragen entschuldigen. Bei dir ist gewi alles aus Paris?

O gar nicht; und ich finde deine Bluse sehr gut gemacht. Meine Mama und
ich haben zuletzt in Genua bestellt. Wenn es kommt, sollst du's sehen. Die
Schneiderin arbeitet fr die halbe italienische Aristokratie sie kennt uns
schon . . .

Und Lola dachte hinzu: So wird sie uns hoffentlich fr die Bezahlung Zeit
lassen.

Ein Gesellschaftskleid ist dabei, Empire, was wieder das Allerneueste ist.
Schwarze Gaze mit Chantillyspitze besetzt; und im Ausschnitt ist dicke
Silberspitze, unterlegt mit . . . Aber willst du mich nicht einhaken?

Unterlegt mit? -- in seliger Erwartung.

Mit trkisblauem, metallischem Stoff.

Wie wundervoll!

Auch unter der Chantillyspitze liegt er.

Ja. Aber --

Tini hielt sich grader und sammelte sich; denn jetzt kam das, was sie Lolas
Toiletten entgegenzusetzen hatte.

Hast du schon von der Umwertung aller Werte gehrt?

Ich mu gestehen: nein. Und wer hat dir davon erzhlt? Herr Gwinner?

Woher --

Erschrick nicht! Woher ich das wei? Du sahst grade nach ihm hin.

Tinis Blick hatte mit solcher schwermtigen Schwrmerei an seinen hohen
Schultern gehangen. Darum, erkannte Lola, ihre Angst, vorhin bei dem
Riesen, als sie ihn in Gefahr sah.

Das mu interessant sein, sagte sie. Da trennte die Barone Thekla sich
von ihren Freunden, lief -- und ihr kurzer roter Rock flatterte -- Lola
entgegen und schwang den Arm ber ein entferntes Kornfeld hin.

Morgen in der Frh gehts da droben wieder an die Arbeit!

Was fr eine Arbeit?

Ans Kornschneiden. Ich bin allweil drauen mit die Knecht' und Mgd'. Mich
nennen's die Oberdirn . . . Ja, das wundert Sie. Aber meine Gromutter war
ja eine Buerin und hat drunt im Mhltal ihren Hof gehabt. Ich bin ein
richtiges Bauernblut, und in der Stadt freut's mich nicht.

Renommiert die Barone schon wieder? fragte Gwinner, der sich umdrehte.

Mir ist's ernst, erklrte sie; und er, nachgiebig:

Ich wei, bei Ihnen kommt's von Herzen.

Tini lachte Beifall:

Schon wieder! flsterte sie, vor Stolz errtet, Lola zu. Ist er
geistreich! Sie hat ja eine unglckliche Liebe; darum kommt bei ihr das
Bauerngetue >von Herzen<!

Gwinner merkte erst jetzt, da er einen Witz gemacht hatte, und dankte mit
den Augen.

Die schmale Strae aus nassem, durchfurchtem Lehm krmmte sich zwischen den
flach ansteigenden ckern hin. Die gelben und die grnen erglnzten
gewitterhaft in dem spten Licht, das unter dem schwarzen Himmel hervor,
schrge ber sie hinschlich; und jh an den letzten, der heller vor ihr
flackerte, schien die blauschwarze Bergwand zu stoen. Frau Gugigl jagte
vorbei.

Kinder, kriegt ihr nicht auch Magenkrmpfe? Mir kommt's bald vor, als
wren das --

Sie wies ber das gelbgrne Land hin.

-- Pfannkuchen mit Spinat, und ich mchte mich draufsetzen wie eine
Fliege.

Die Barone fuhr auf.

Ich hoff' nur, du hast fr eine Haxn und Kndln gesorgt; sonst mt' ich
dir die Wirtschaft wieder abnehmen!

Gugigl hatte sie erwartet.

Die Marie ist ja ein Kulturmensch, versicherte er. Sie schaut nach der
Kche, nicht weil sie mu, sondern weil sie wei, da die Frau, je hher
sie steht --

Gwinner legte ihm zrtlich die Hand ans Haupt.

Schlaukopf, sagte er.

Gleich kommt's! rief Tini und lie Lola nach der Stelle sehen, wo hinter
der Senkung ihr Haus auftauchen sollte. Inzwischen polterte mit
Harmonikagedudel und betrunkenem Gesang ein Stellwagen herbei; alle muten
auf den Grabenrand treten; und die Barone tauschte mit den Vorbeirasenden
Scherze aus. Nachher entzckte sie sich.

So lebfrische Buam!

Mai, von ihren Rdern arg bespritzt, sah ihnen wtend nach.

Einige Schritte vorm Ziel bog aus einem Seitenweg ein junger Mann, der den
Lodenkragen ber der Brust zusammenhielt und den Kopf gesenkt trug. Gugigl
machte Zeichen, man solle sich ruhig verhalten; und wie jener dicht
herangekommen war, brach er mit seiner Frau, der Barone Thekla und Tini in
gelles Geschrei aus. Der andere fuhr herum und hielt der Schadenfreude ein
etwas schchternes, etwas trbes Lcheln entgegen. Noch whrend sie ihn
auslachten, fragte er, ob sie sich gut unterhalten htten.

Und Sie, sanfter Trumer? erwiderte Gwinner, und sein Grinsen war geduckt
und gergert.

Das Wetter drckt mich; ich htte nicht auch noch den Lrm der Bauern
ertragen.

Dies berhrte Lola verwandt; sie gnnte auch Mai eine Genugtuung und
bersetzte seine Antwort. Mai belebte sich. Wie man die Veranda betrat,
sagte sie:

Nicht wahr? Das Fest wre ganz hbsch: aber diese Menschen . . .

Ein Fest ohne Menschen, gndige Frau? fragte Gwinner. Musik, die
freiwillig aus den Instrumenten kommt, und Bier, das sich selbst trinkt?
Nein --

Und er wandte sich nicht mehr gegen Mai und ihren unbesonnenen Ausspruch.

Menschen bleiben die Hauptsache: Das verkennt Herr Arnold Acton. Was haben
wir von Einsamkeit? Ich wei nur, was sie uns nicht gibt: Menschenkenntnis,
Geistesgegenwart, Sinn fr das Mgliche und das Wirksame.

Bravo! machte Gugigl; und jetzt gehn's mit, Bier abziehen!

Sie gingen. Frau Gugigl hatte gerufen:

Ich richt nur rasch eure Zimmer! -- und war mit ihrer Schwester und der
Barone von dannen. Lola und Mai betraten die groe, ganz hlzerne, stark
dmmerige Stube. Arnold Acton war hinter ihnen; Lola wartete noch immer,
was er zu sagen habe: mit einer seltsamen Angst davor, er mchte nichts
wissen. Er sagte mit verschleierter Stimme und in Pausen zum Prfen der
Worte:

Menschenkenntnis . . . Geistesgegenwart . . . Sinn fr das Mgliche und
das Wirksame . . . Sehr scharf. Sehr richtig. Wenn nur nicht alles das
hoffnungslos zweiten Ranges wre! Die Einsamkeit, es ist klar, unterrichtet
uns nicht ber die Welt, lehrt uns nicht, ihr antworten, ihren Spott
bestehen . . . Oder doch? Kme uns ein von ihr abgewandtes, ihr nicht mehr
untertanes Wissen, wenn wir allein sind: Wissen ber sie und uns, in einem?
. . Ich wei nicht, ob Sie, gndiges Frulein, das kennen: ein kleines
Zimmer, allmhlich in allen Winkeln voll von Erschautem und Erlittenem,
glcklichen und schlimmen Spielen; nchtliche Gnge, einen Buchenhgel oder
Terrassen mit Oliven hinan, wenn in den Laubschleiern ein vom Tal
heraufgeschwebter, merkwrdig stiller Glockenschlag zittert: wie hell und
gespannt einen das macht! Ganz zusammengezogen auf sich; frei von den
weltlichen Hemmungen. Man wird sich selbst zur Leidenschaft; genehmigen Sie
ein noch strkeres Wort: ein Flgelrauschen rhrt sich in einem, wie vom
eigenen Schicksal . . .

Ich glaube Sie zu verstehen . . .

Lola fhlte, da er unter einem Druck rede, vielleicht nur aus Unruhe, um
nicht zu schweigen; und da er darauf gefat sei, wenn das Dunkel gelftet
werde, ein befremdetes Gesicht vor sich zu haben. Ehrgeizig sagte sie:

Ich selbst habe einsame Zeiten gehabt.

Da er die Augenblicke vergehen lie, sprach auch sie aus Befangenheit
weiter.

Damals hate ich die Menschen und ersann mir zum Trost eine eigene Welt
. . .

Ich mchte nicht sagen, da es Ha ist. Sie abzuschtteln, fern zu halten,
ist das Bedrfnis; auch sie zu reinigen und zu bertreiben; und so ber sie
zu herrschen. Von ihnen stammt nichts als das Alphabet, aus uns aber, als
die Verlngerung unserer Schicksalslinie, die prachtvolle Tirade, die bis
zu den Sternen schiet.

Auch fr mich gab es Freude und Glck nur auf anderen Sternen.

Jeder von ihnen tastete im Dunkel der fremden Erlebnisse nach den Umrissen
der eigenen.

Die Welt: sie wird uns, sind wir sehr allein, zum Spiel nach eigenen
Rhythmen, dient uns als Vorwand, uns selbst zu genieen. Wir sind so gut
ber sie im reinen, da wir sie unter uns gebracht haben und, ihrer sicher
und getrost, nun anfangen knnen, sie zu lieben . . .

Wohl erinnere ich mich, da ich nach solchem Gewittertag im Walde mit dem
Glauben heimkehrte, das ganze All liebe mich und ich solle jedes seiner
Geschpfe lieben . . .

Da ward die Tr aufgerissen, und Frau Gugigl rief:

Was munkelt denn ihr da?

Lola sah sich, in der pltzlichen Helle, neben einem Unbekannten an der
Wand eines fremden Zimmers sitzen; ihr war, als sei sie aus weiter Ferne
herversetzt; und sie sagte erstaunt:

Wir sprachen von einsamen Spaziergngen.

Sicher hat er wieder von sich selbst gesprochen: das ist seine
Spezialitt, und anfangs verblfft er einen damit. Nachher kennt man's
schon. Gehen Sie mehr unter Menschen, Arnold! Schauen Sie Gwinner an: der
redet stundenlang, ohne sich selbst zu erwhnen.

Was gbe es ber ihn auch zu sagen!

Bravo, Sie werden boshaft! Endlich! . . Weit du wohl, Lola, da er
abreisen wollte, als er hrte, ihr kmet? Solch Waldmensch ist er.

Lola sah ihn an, lie aber seinen unfreien Trumerblick, aus
unwillkrlichem Respekt, gleich wieder los. Ihr schien, vorhin im Dunkel
habe er zusammengesunken dagesessen, und erst jetzt sich hager aufgereckt,
als glte es, etwas zu bestehen. Sie fragte, ohne mit Frau Gugigl
mitzulachen:

Wirklich? Sie wollten abreisen?

Er stammelte:

Im Gegenteil . . . Ich hatte den Wunsch, nach Mnchen zu gehen; ich
brauche wieder einmal die Stadt.

Und wozu? fragte prompt Frau Gugigl. Wen kennen Sie dort? Wen suchen Sie
auf? Sie sind ein merkwrdiger Mensch.

Frau Gugigl drehte sich, vor Gereiztheit rot, halb weg und machte zwei
Schritte. Lola war im Begriff, zu sagen:

Es ist immer schade, wenn jemand kein merkwrdiger Mensch ist.

Aber es kam ihr vor, als htte es ein wenig Geringschtzung bedeutet, wenn
sie ihn in Schutz genommen htte.

Also ich zeig' euch eure Zimmer, schlo Frau Gugigl. Wo steckt denn
deine Mama?

Mai!

Mai kam aus der Ecke beim Ofen. Im Dunkeln war sie sofort kindlich
eingeschlafen.

Ich habe nasse Fe, sagte sie gekrnkt.

ber eine leiterartige Stiege gelangten sie auf einen Flur aus Brettern,
die sich bogen. Das Zimmer war voll vom feuchten Duft des weiten, schwarzen
Landes. Wie Lola sich aus dem Fenster lehnte, geschah in ihrer Nhe ein
Poltern wie von Pferdehufen auf Holz; und da tauchte der Kopf des Tieres in
den Schein ihrer Kerze. Ein alter Herr ritt eine flache hlzerne Brcke
hinauf, bis vor eine Tr im ersten Stock. Er stieg ab; und das Pferd ward
vom Knecht gewendet und hinabgefhrt.

Mai rief, durch die Spalten der Holzwand hindurch, nach Lola. Mai wute
nicht, wo sie ihre Toilettengegenstnde ausbreiten sollte. Wenn die Koffer
kmen, wohin dann mit den Kleidern. Dieser Schrank sei lcherlich.

Er ist schn geschnitzt und bemalt. Er ist alt, weit du.

Diese Fremden sind gengsam, da sie sich mit alten Sachen begngen.

Mai gebrauchte noch immer ihren heimischen, verachtungsschweren Ausdruck
fr die Fremden und meinte damit alle Europer.

Wenn man sich anzieht wie sie, die Dienstmdchen gleichen, gengt wohl
solch ein Schrank.

Und Mai schttelte das wacklige Mbel.

Zweimal klopfte die Magd an; endlich holte Frau Gugigl selbst sie hinunter.
Um den quadratischen Ecktisch und unter der Hngelampe saen auf den
Wandbnken, auf lehnenlosen Schemeln und auf Sthlchen mit einem Herzen im
Rcken, schon alle beim Abendessen. Gugigl rief ihnen entgegen:

A Gullasch ham mer.

Leitmotiv des stheten, erluterte Gwinner.

Frau Gugigl erlaubte Mai und Lola noch nicht, sich zu setzen; vorher muten
sie sich, aus dem Schatten heraus, darber klar werden, welche Farbenwerte
der erhellte Kreis vertrete.

Ist es nicht knstlerisch? die Thekla in ihrem Rot und Wei, die Tini in
ihrem Wei und Blau, Gwinner in Creme, der Baron mit seinem angerauchten
Meerschaumbart: Kinder, wie auf den Bart das Licht draufgesetzt ist! Mein
Mann hat doch einen groartigen Kopf. Arnold dient als Dmpfer. Und in dem
Blumenstrau in der Mitte wiederholt sich alles. Aber wartet, ich mu noch
mit hinein!

Sie lief auf ihren Platz; ihr Reformkleid mit Schulterhenkeln war kraft
goldener Borten, die Brokat vorstellten, auf Renaissancepracht aus; und sie
sah sich strahlend um.

Wie findet ihr das? Knstlerisch, nicht?

Mai fhlte, was man von ihr wolle, und heuchelte Entzcken. Aber sie sah
nur abgetragene Kleider, die mit der Mode nichts zu tun hatten. Heimlich
prfte sie die Hnde, ob sie gewaschen seien.

Die Gulaschschssel dampfte auf dem Bauernleinen, neben der Vase aus
Bauernsilber. Gugigl ruhte nicht, bis Mai aus dem Kruge getrunken hatte,
der vor ihr stand. Darauf, etwas fremd, zu Arnold Acton:

Sehen Sie? So wie Sie gibt's keinen mehr.

Also bitte, einen Krug.

Gott sei Dank!

Gugigl lief selbst. Er beaufsichtigte, indes auch er schluckte, den anderen
bei der Handlung des Trinkens. Dann, aufseufzend, unvermittelt herzlich:

Also Freunderl, gut is! Aber 's ist schon so: mir wird bei einem Menschen
erst wohl, wenn ich ein Bier mit ihm getrunken hab'!

Darauf fragte er den Baron Utting nach seinen Hunden. Der Baron hielt eine
Meute. Er wohnte zur Miete in einem Bauernhaus; aber in allen Waldungen
ringsum hatte er die Jagd gepachtet. Den Tag hatte er mit seinen Hunden
verbracht, sie erst gefttert, dann gemalt, und am Abend war er aufs Pferd
gestiegen, um in sein Schlafzimmer zu reiten. Er war zufrieden mit seiner
Leistung. Seine Tochter und Gugigl waren, in ihrer Ecke, ganz bei der
Sache. Arnold Acton mischte sich von drben ein: hastig, um den Augenblick
nicht zu verpassen, wo sich etwas fr diese Menschen Geeignetes sagen lie.
Er sagte, straff aufgerichtet, Jagdhunde seien ihm sympathisch, weil ihre
Triebe in Freiheit spielten; aber er hasse die hndischen Gendarmen, die in
Bauernhfen und hinter den Staketen der Vorstdte umherstrichen, um, komme
ein Fremder, ein Armer nahe, mit blutunterlaufenen Augen und wster Stimme
ber die Bretter zu schnappen. Diese der Gesellschaft, dem Bestehenden
dienstbar gemachten Raubtiere seien, in ihrem viehischen Fanatismus fr die
Rechte ihres Herrn, etwas wie das verkrperte Prinzip des Eigentums, etwas
wie die Verdichtung alles Harten, Stupiden und Unmenschlichen im
besitzenden Menschen. Nichts sei klglicher und widerwrtiger als der
Argwohn des Hundes gegen jeden, der seinem Herrn etwas abzunehmen komme.

Zum Beispiel gegen den Steuereinnehmer, sagte Gwinner, gelassen und
scharf.

Eine Sekunde des Stutzens -- und alle lachten. Die Barone Thekla whlte
das Gesicht in die aufgesttzte Hand; Tini sah, unter kurzen Gnseschreien,
triumphierend von Gwinner zu Arnold: Da haben Sie's! Und Frau Gugigl
drben lie sich, den Kopf schttelnd, mit geffneten Armen vornberfallen,
zum Zeichen von Arnolds Ohnmacht vor ihrem witzigen Freunde. Gwinner
lchelte demtig frech und Arnold ratlos. Lola, neben ihm, begann pltzlich
leise, als soufflierte sie ihm:

Sie stellten den Hund als Gendarm, als Vertreter der gesetzlichen Ordnung
hin. Der Steuereinnehmer ist dasselbe, warum sollte er ihn anbellen. Herrn
Gwinners Witz war also keiner.

Er hob die Schultern und bewegte schchtern die Hand: sie mge es gut sein
lassen. brigens hatte Frau Gugigl zu fhlen angefangen, da das Gesprch
eine Abwechselung brauche. Sie griff hinter sich nach einem Buch: diese
Stelle msse unbedingt ihr Mann hren. Er kaute; und es sah aus, als kauten
auch seine abstehenden Ohren an dem, was ihnen zugefhrt ward. Pltzlich
erklrte er, nur einen Augenblick habe er an sein Gulasch gedacht, und da
habe er den Faden verloren. Frau Gugigl fand dies unknstlerisch. Sie fand
es auch unknstlerisch, da Arnold durch einen Bauernkopf an ein Bild
erinnert ward; sie verlangte Unmittelbarkeit. Riesig knstlerisch (sie
konnte nur noch knschelrisch sagen) war es, da die Barone in ihrer
Bauerntracht mit aufgesttztem Arm a. Hoffentlich werde es hier noch recht
kalt werden: dann wollten sie mit hlzernen Lffeln Fett essen, alle aus
einer Schssel. Gwinner bersetzte dies fr Mai, deren Augen erschraken.
Vom Gulasch aber nahm sie nochmals und reichte Gugigl, nachdem er ein wenig
gebeten hatte, nochmals ihren Krug. Ihr Nachbar Gwinner gefiel ihr, es lie
sich mit ihm lachen; und immer, wenn sie etwas miteinander hatten, was Tini
nicht verstand, bekam sie, zu seiner Rechten, ein angstvolles Gesicht. Sie
wollte mit ihm von der Umwertung aller Werte beginnen, aber er antwortete
nur scherzhaft. Arnold vermutete, in Frulein Tini wiege der Intellekt vor,
und Frau Gugigl rief ihm zu:

Sind Sie ein schlechter Psychologe!

Er hatte auch das Unglck, Gugigl eine Ansicht zum Malen zu empfehlen, die
seine Frau unknstlerisch fand.

Sehen Sie! Sie haben keine Ahnung, was ein Bild ist!

Lola stellte sich, um nicht sprechen zu mssen, als lausche sie auf des
Barons Jagdgeschichte. Sie nahm es Arnold bel, da nicht auch er schwieg.
Er fragte Mai nach Leuten in Rio: er habe eine Cousine dort. O, eine
entfernte.

Pnktlich fiel Gwinner ein:

Natrlich entfernt: wenn sie in Rio ist.

Wieder Gelchter; wieder Arnolds aus Ratlosigkeit beifllige Miene.

Nach einer Weile wagte er zu fragen:

Macht Ihnen die hiesige Landschaft nicht Lust zum Spazierengehen?

Lola antwortete:

Ja. Sie erinnert mich an eine, in der ich als ganz junges Mdchen viel und
ganz einsam umherging.

Und Gwinner, unentwegt:

Ganz einsam. Also Abfuhr, mein Lieber: Ihre Begleitung ist nicht
genehmigt.

Lola sah Arnold zornig an. Warum lie er sich einschchtern von einem
gemeinen Witzler, der in ihr Gesprch hineintappte, ohne seine Beziehungen
zu verstehen? . . . Er fand nichts; und sie stand auf.

Auch Frau Gugigl hatte ihren Platz verlassen, die Mandoline von der Wand
gehoben, und sang, ein Bein bergeschlagen, mit hoher Blechstimme Santa
Lucia. Dann begleitete sie die Barone Thekla, die das Schmachten der vom
Biergenu erweichten Bauern nachahmte.

   Aaf da Wies schreit a Heischreck,
   Aaf oamal is a stad,
   Weil eam da dumm Bauer Michl
   Hat an Kohpf abigmaht.

Da Gwinner sich, unter Benutzung seiner dialektischen Gewandtheit und
Schrfe, mit Gugigl ber die Zugverbindungen nach Mnchen stritt, legte
Tini den schweren Band, den sie feierlich herbeigetragen hatte, beiseite
und lief hinaus. Sie weigerte sich, zu sagen, was sie im Regen getan habe,
und setzte sich vor ein Blatt Papier. Sie wolle Namen sammeln, die auf l
endeten, und vorher msse g oder p kommen oder so; und sie schrieb Gugigl
hin. Der Baron Utting sollte ihr helfen, mehr zu finden, aber auch ihm
fielen keine ein. Statt dessen hngte er in seine buschigen Brauen
Brotkrumen, die trotz Kopfschtteln nicht herausfielen: was Tini sehr
erheiterte, und auch Mai.

Lola fhrte mit der Barone Thekla ein Gesprch ber Rom, woran Arnold
teilnahm. Die Barone hatte zuerst ein ahnungsloses Madl vorstellen wollen,
das einmal zu die Welschen verschlagen worden war, Fabeln daher
mitgebracht hatte, alles verwechselte und die Namen falsch aussprach.
Allmhlich kam sie von ihrer Rolle ab und gab sich gescheit und dem Schnen
offen, wie sie war. Ihr Vater, erzhlte sie, hatte sie damals in seine
Leidenschaft fr Italien hineingezogen, wo sie Verwandte hatten; dann war
ihm eine andere gekommen, die fr die Kunst seines franzsischen Koches.
Und seit diese zweite Passion ihn fast das Leben gekostet htte, ergab er
sich der jetzigen, einer hchst merkwrdigen . . . Getrappel entstand, in
der Tr erschien ein Pferdekopf; und Baron Utting verabschiedete sich
hflich von jedem, ehe er aufsa und zum Hause hinausritt. Gleich darauf
polterte es nochmals er ritt ber die Brcke zu seinem Schlafzimmer.

Tini kauerte wieder fruchtlos vor ihrem Papier. Gwinner forderte sie auf,
irgend etwas darauf zu schreiben, und legte ihren Charakter in ihrer
Schrift blo. Sie sei eine zrtliche, suchende Natur; sie habe eine Liebe,
die Vorsicht heische: -- eine glckliche, eine unglckliche, es sei noch
nicht deutlich zu ersehen. Frau Gugigl musterte sie unruhig. Da Lola
ablehnte, kam sie selbst daran. Sie war eine sehr grade, wahre und freie
Seele. Da der erste Bogen beim M viel hher war als die beiden anderen,
bekundete berechtigtes Selbstbewutsein. Eine geheime Leidenschaft war zu
erkennen . . . Frau Gugigl sa, indes Gwinner ber sie gebeugt an ihr
herumrtselte, ganz zusammengerollt, hatte weichere Bewegungen und schien
zu schnurren. Ihr Mann klagte, da ihm nach der Mehlspeise das Bier nicht
mehr schmecke; er msse einen Ks haben. Die moderne Frau sei frei, aber
sie bekmmere sich um solche Dinge aus knstlerischem Gewissen. Ob in der
Handschrift seiner Frau das knstlerische Gewissen nicht besonders zur
Geltung komme. Gwinner besttigte es, zwinkernd; und Frau Gugigl holte den
Kse.

Inzwischen verlangte Mai, da Gwinner ihr wahrsage, und hielt ihm ihre
kleine unschuldige und schicksallose Hand hin. Er ergo ironische
Schmeicheleien ber sie, und sie kicherte vor Freude. Als es ihm einfiel,
ihr sehr viel Geld zu verheien, schrie sie auf. Dann lief sie zu Lola.

La dir auch wahrsagen! . . . Warum denn nicht?

Mai war mit ihrer neuen Umgebung vershnt. Alles regte sie an: die
sonderbaren Gesnge; der komische alte Herr mit den Krumen in den Brauen,
der aus dem Zimmer ritt; die vielen Scherze, das viele Hinundher; das
unglaubliche Essen und dieses Bier, das schlielich nicht so bel war; die
phantastischen, gutgelaunten Menschen, die wohl zu ihren Ehren etwas
auffhrten, im Lichtkreis dieses bizarren Raumes, in dessen Schatten
Heiligenbilder mit unbegreiflichen, noch nassen Klexereien wechselten,
unter dessen Decke Tabaksqualm hinzog, und zu dessen engen Fenstern der
Garten feucht und khl hereinduftete. Mai lugte aus der Tr. Tini scho an
ihr vorbei, in den Regen, zum Briefkasten. Mit leeren Hnden aber nicht
trauriger als vorher, kehrte sie zurck. Da wagte sich auch Mai auf die
Veranda, hrte erstaunt das weite, regnerische Dunkel rauschen und hinter
sich das bunte Gejauchze, -- und lief, mit pltzlicher Lust, in die Hnde
zu klatschen, entzckt von Abenteuerstimmung, wieder hinein.

Sieh nur! flsterte sie Lola zu. Sind sie schlecht angezogen, und dabei
so unterhaltend!

Lola unterhielt sich wenig. Alles erschien ihr anspruchsvoll, gemacht und
rmlich. Sie wnschte sich aus dieser geschminkten Bauernstube nach dem
Caf in Barcelona, zu der Gelida, Da Silva und dem natrlichen Pathos des
Dichters, der Verse sprach. Gwinners Witze klangen daneben hektisch. Frau
Gugigl machte ihr Scham: sie hatte die Vordringlichkeit einer krzlich
Freigelassenen, und die Mnner sahen ihr zu wie einem Spielzeug, das allein
durchs Zimmer laufen durfte.

Gwinner hatte auch in Tinis Hand die Zeichen gedeutet, und ersuchte Arnold
um die seine. Sie lag auf dem Tischrand; Arnold selbst betrachtete sie
unschlssig, und auch Lola sah sie an. Sie strafte die mhsam angespannte
Haltung seines Krpers Lgen. Sie war weich, leidend; die geschwollenen
Adern machten sie molluskenhaft und charakterlos . . . Arnold gab sie hin.
Gwinner suchte mit einem vieldeutigen Lcheln in ihren Linien umher,
wendete sie, blinzelte ber sie weg. Frau Gugigl zu.

Bei Ihnen steht noch gar nichts fest. Alles unentwickelt. Sie sind noch
sehr jung. So jung! Gerhrt und hhnisch. Wie alt sind Sie denn?

Lola horchte auf. Wahrhaftig, er anwortete.

Zweiunddreiig.

In Wirklichkeit sind Sie viel jnger: und mit ruhiger Geringschtzung
lie Gwinner die Hand fahren. Arnold lachte mit, mute Tinis verachtenden
Augen ausweichen, sagte ein paar matte Worte und setzte sich in den
Schatten.

Gugigl entdeckte in der Zeitung, da ein alter, berhmter Maler seine Frau
verloren habe. Die Barone Thekla wute, da die Gatten schlecht
miteinander gestanden hatten; und sogleich warf Gwinner sich auf das
Parodieren der Traueranzeige.

Mit dem Tode meiner Frau trifft mich kein Schlag: nur sie hat er getroffen
. . . Oder: der Tod meiner lieben Frau ist ein Schmerz fr mich, aber ein
unverhoffter . . . Oder: Gott dem Allmchtigen hat es gefallen, durch den
Tod meiner lieben Frau mich von langem Leiden zu erlsen . . .

Dies ging mhelos so weiter. Gwinner wanderte, die Hnde in den Taschen,
durchs Zimmer, und aus seinem runden Kopf, den er mit Vorsicht zwischen den
hohen Schultern trug, kamen die Witze fast gleichzeitig, wie Kcken aus den
Eiern. Der ganze Hhnerhof begackerte sie. Die Barone Thekla hielt sich
die Seiten, Frau Gugigl schluchzte auf dem Tisch, Tini klaschte in die
Hnde vor Glck und Stolz, und Mai, die kein Wort verstand, jubelte noch
lauter.

Lola und Arnold lachten beklommen mit. Da trafen sich ihre Blicke; sie
bekamen auf einmal ernste, erschpfte Gesichter und rckten, beide im
selben Augenblick, einander nher. Er wies unbestimmt in den hellen Kreis,
den Gwinner, herumwandernd, mit Witzen anfllte.

Wie finden Sie das? fragte er befangen. Sie erwiderte, halb lchelnd:

Knstlerisch.

Ich verliere manchmal ganz den Mut, noch in Gesellschaft zu gehen.

Sie fand, er sage ihr schon wieder mehr, als ihr zukomme, und begriff jene
erste Beichte, im Dunkeln, sei schuld daran. Ihr war befangen, weil sie
sich diesem Fremden verbunden fhlte; und ohne Willen kam ihr der Ton
kameradschaftlichen rgers.

Warum sind Sie da? So viel ich sehe, passen Sie gar nicht hierher.

Ich wei; und ich hnge so sehr davon ab, wie man mir gesinnt ist: es ist
krankhaft, es ist kindisch . . . Aber im ueren Leben kommt so vieles
zufllig. Ich behandle es nachlssig.

Sie nickte, als erinnerte sie sich. Dann:

Mehrmals habe ich mich doch fr Sie gergert.

Zum Beispiel htte ich die Hand nicht geben sollen . . .

Lola mute sie ansehen: sie sah nicht mehr weichlich aus; ihre Adern hatten
sich entleert, und sie schien fester und nerviger.

Aber ich schme mich in solchen Augenblicken ein wenig -- und das
verhindert die Geistesgegenwart --: schme mich fr mich, und auch fr den,
der seine dumme Herrschsucht an mir auslassen mag . . . Dabei glaubt dieser
Herr sehr geistreich zu sein.

O sehr; und sie horchte flchtig auf das Gelchter, das Gwinner
unterhielt.

Fllt Ihnen aber gar nicht ein, da Sie die Hand aufheben knnten? sagte
sie, mit einer Wallung von Zorn. Er antwortete:

Nachher manchmal, ja. Doch mchte ich's im Grunde nicht getan haben. Die
Gebrde dessen, der schlgt, kann ich nicht umhin, ein wenig grotesk zu
finden. Zu viel Selbstbehauptung. Wer die Dinge berblickt, regt sich nicht
so stark und legt sich selbst nicht so viel Recht bei.

Ach! . . .

Sie setzte mehrmals an; hiermit mute sie erst fertig werden; und
inzwischen sah sie ihn dasitzen, schon wieder so zusammengesunken, wie er
wohl auch im Dunkeln neben ihr gesessen hatte, die breiten, flachen
Schlfen vorgeneigt und das schwache Untergesicht von ihnen beschattet, --
und in dieser spannungslosen Haltung viel sicherer, viel edler, sichtlich
viel mehr er selbst, als wenn er sich krampfhaft zu kriegerischen Mienen
ntigte, die jeder durchschaute, deren jeder spottete . . . Seine Haltung
war's, die ihr Verstndnis fr seine Worte gab, Mitempfinden seiner Worte.

Das ist enthaltsam -- rein, wenn Sie wollen. Aber ist es nicht
widermenschlich?

Wider den herkmmlichen Menschen, wohl.

Und Sie waren immer so? Sie haben wirklich als Knabe keinen Frosch
geqult?

Natrlich habe ich. Aber die Nerven werden schwcher, und man kommt zur
Gte.

O! Der Gtige wre immer ein Schwacher?

Da nur Schwche Geist hervorbringt und Gte von Erkenntnis abhngt . . .

Lola erinnerte sich ihrer selbst.

Ich wei, da, wer ohnmchtig und unglcklich ist, auch mitrauisch wird,
und boshaft.

Viel schlimmer noch als unsere Ohnmacht ist's, wenn wir zufllig zur Macht
gelangen. Der Schwache kommt dann in Gefahr, die Herrschaft ber seine
Nerven zu verlieren; die abscheulichsten Triebe des primitiven Menschen
werden wieder in ihm heraufdrfen. Denken Sie an die neurasthenischen
Knige von jetzt, an ihre Rckflle in blde Tyrannei, an ihre Sucht,
wehrloses Wild niederzuknallen, an ihre Gier nach dem kriegerischen
Geprnge der Starken . . . Kein Mensch kann verchtlicher sein, als solch
ein Schwacher, der den Geist und die Menschlichkeit, fr die er
ausgestattet und denen er verpflichtet wre, verleugnet und sich zu den
Starken und Rohen schlgt.

Sie sind Fanatiker; -- und Lola war froh, da sie lcheln durfte.

Meinen Sie, da Frau Gugigl glcklich ist? fragte sie.

Er sah erstaunt auf.

Wie wre sie's nicht? Vor allem denkt sie niemals.

Das wohl

Und dann tut sie mit ihrem Mann, was sie will.

Lola lchelte nochmals.

Mir scheint, vielmehr erreicht er mit ihr, was er will. Und das sehen auch
andere.

Bin ich ein so schlechter Beobachter?

Sie schwieg ein wenig. Dann:

Von allen Frauen, die ich kenne, haben es die deutschen am schwersten.
Frau Gugigls bermut und Selbsttuschung ndert nichts. Sie sind noch immer
rechtlos und mssen dabei arbeiten. Verdient nicht meine Cousine fr den
Haushalt, -- den sie besorgt? Immer noch lieber in Brasilien verheiratet
sein. Auch dort ist man Untertanin; aber man liegt in der Hngematte, wird
vom Mann und Herrn bedient, und nach dem Gesetz gehrt die Hlfte von allem
was er einnimmt, seiner Frau.

Wo ist das? fragte Frau Gugigl und setzte sich zu ihnen. Als sie's
erfahren hatte, fand sie die Brasilianerin riesig knstlerisch. Arnold,
Hals ber Kopf, als glte es, nur etwas zu sagen:

Vielleicht hrt die Frau auf, Knstlerin zu sein, sobald sie eine Kunst
ausbt.

Ich singe, sagte Lola lchelnd. Frau Gugigl lachte wild.

Er ist schon eine herrliche Einrichtung!

Verzeihung, und seine nervige Haltung tuschte niemand ber seine
Befangenheit, ich wollte sagen: die Frau verzichtet schwer auf das Leben;
und das mu der Knstler.

Daher die Knstlerredouten, schob Gwinner ein. Frau Gugigl stie den Arm
vor.

Sehen Sie?

Arnold schien mit der Schulter eine Fliege zu vertreiben.

Mu in Abgeschiedenheit mit sich selbst zu Ende kommen, seine Gefhle auf
Gipfel treiben und berblicken, seine Instinkte ausntzen: den Mut zu ihnen
haben, grade zu den schlechtesten.

War net bel, erklrte Gugigl. Wir sind anstndige Leut', mcht' ich
fein bitten.

Sie sind doch berhaupt nicht Knstler, bemerkte seine Frau.

Ziehen Sie sich keine Beleidigung von seiten der Knstlergenossenschaft
zu, warnte Gwinner. Sie ist eine Macht.

Hier kennen wir nur eine Macht: Ihren Witz, sagte Lola und stand auf.
Besonders um halb zwlf, wenn wir mde sind.

Gwinner spreizte, wie um Gnade, die Hnde aus, indes sein Gesicht von
demtiger Eitelkeit glnzte. Man trennte sich. Lola sagte zu Arnold:

Wir sind abgelenkt, aber morgen mchte ich Sie noch etwas fragen.

                   *       *       *       *       *

Als Mai endlich auf einem Bgeltisch ihre Nickelflaschen und das brige fr
die Toilette hatte ausbreiten knnen, war es nach neun, und Lola lie sie
allein. Aus der Kche kam ungewohnt scharf Frau Gugigls Stimme. Dann zeigte
sie selbst sich, ohne zu laufen, wie gestern, wo sie keinen langsamen
Schritt getan hatte: ganz ohne Ausgelassenheit und Leichtigkeit, mit
lockeren, etwas staubigen Haaren, in die Lnge gezogenem Gesicht, spitzerer
Nase und in einer alten Matrosenbluse, an der auch sie selbst kaum etwas
Knstlerisches entdeckt htte. Sie rief ein recht lautes Gr Gott!,
versuchte, indes sie Lola das Frhstck vorsetzte, hochgemut drauflos zu
schwatzen, von den andern, die alle schon drauen seien, bis auf Arnold
natrlich, -- und zog sich, im Augenblick, wo sie den sorglosen Ton
schlechterdings nicht mehr halten konnte, mit einem Gelchter ber sich und
ihre Pflichten, in die Kche zurck.

Kurz darauf trat Arnold durch die innere Tr. Lola konnte noch bemerken,
da er die trbe, aber gefestete Miene getragen hatte, unter der er wohl
mit sich allein war. Sobald er jemand gewahrte, ward sie erschttert. Man
sah, er sei nicht mehr frei. Er streckte die Hand aus und zog sie
fluchtartig wieder zurck; sprach vom Wetter, von den schlechten
Bauernbetten; untersttzte, als Lola sie erwhnte, Mais Beschwerde ber den
Mangel an Bequemlichkeit; tat es mit unvermittelter Heftigkeit und vertrat
Forderungen an das Landleben, die er sichtlich nur als Gesprchsstoff
zusammensuchte. Wie Lola ihm nicht half, ging er peinvoll umher, blieb vor
Bildern stehen, berflog verstohlen den Tisch.

Ich werde meiner Cousine sagen, da Sie frhstcken mchten.

Bitte, lassen Sie's. Ich verspte mich zu hufig. Nein bitte, das Brot und
der Honig gengen mir. Ich bitte im Ernst; es wrde mich in Verlegenheit
setzen . . .

Es schien ihr, er habe vor allem die grte Abneigung gegen ein
Zusammentreffen mit Frau Gugigl.

Nicht wahr? sagte sie lachend, am Morgen nimmt man es einander manchmal
gradezu bel, wenn man sich begegnet.

Gott sei Dank: Sie kennen es! Ich habe Sie also nur noch allein zu
lassen.

Aber nicht um meinetwillen.

Auch meinetwegen nicht, -- dankbar und fast strmisch.

Nun, dann bleiben wir beide da . . . Wenn Sie rauchen wollen --

Nein. brigens -- nicht nur des Morgens fhle ich mich hier ungemtlich.

Dann rauche ich allein. Aber Sie sind schon eine Zeitlang hier? -- und
sie belchelte seinen Ausbruch von Vertrauen.

Ich will Ihnen sagen: es ist wohl gleich, wo man sich aufhlt, wenn man
doch immer dieselbe Rolle spielt . . .

Er lachte ihr kurz zu, als seien sie schon im Einverstndnis.

Sie haben's ja gestern gesehen . . . Wollte man sich zurckziehen, wrde
man die andern im Bewutsein ihrer Gutmtigkeit und Herzlichkeit empren
und htte dann auch ihnen die Gemtlichkeit verdorben, die man selbst nicht
kennt. Das verdienen sie nicht.

Die Sonne kommt heraus; wollen wir in den Garten gehen?

Gut . . . Gehen wir den Weg rechts?

Er ist im Schatten!

Aber links: sehen Sie, in der Eiche, auf dem Boden, den er hineingelegt
hat, sitzt der alte Baron.

Ach! Ich sehe nur Rauch aus dem Laub steigen. Also, wenn Sie wollen,
weichen wir aus -- in den Schatten . . . Was heit das: Sie kennen keine
Gemtlichkeit. Seit wann?

Seit zwanzig Jahren; seit ich mich beobachte. Verstehen Sie nicht? Man
sieht sich ganz klar; wie einen das Leben auch anfasse, man kennt vorher
den Platz, wo es schmerzen wird; wie andere Geister, andere Herzen uns
prfen mgen, man ist unterrichtet, das eine geht, das andere nicht. Die
Figuren, die uns begegnen, erinnern uns an frher gekannte vom selben
Typus, und man wei, was sie in uns anregen werden. Man wei, was man
selbst vorbringen, womit man zurckhalten, welche Mienen man ringsum
bewirken wird. Man empfindet sich nur noch als abgenutzte Gliederpuppe. Man
erscheint sich als ein gealterter Weinreisender, der noch immer an allen
Gasthoftischen dieselbe Anekdote zum besten gibt. Er kann's, trotz
schlechtem Gewissen, nicht lassen.

Das ist schrecklich -- wenn man es bedenkt.

Was zum Glck fast niemand tut. Sie kennen sich nicht, vergessen, was
ihnen gestern geschah, und sind sich tglich neu. Sie kommen, so oft ihr
Stichwort fllt, vergngt mit all dem bichen heraus, was sie sind. Sie
werden nicht von der unablssigen Empfindung aufgerieben, da jedes Wort,
das sie sagen knnen, ihnen vorgeschrieben ist. Sie halten sich fr frei
und vernderlich, kennen weder den Zwang noch die Verantwortlichkeit des
Eigenen und nehmen es darum nicht genau, mit sich nicht und mit den andern
nicht. Das viele Unbewute in ihnen, das viele Dumpfe hllt sie alle in den
Dunst des Gemts und der Gemtlichkeit, in dem wir Klareren es nicht
aushalten. Wir stehen allein und mit grellen Umrissen.

Lola antwortete nicht. Sie streiften an die Wnde eines nassen Laubganges;
der Weg roch nach faulendem Laub; -- und Lola bedachte, solch einen Weg,
dessen Herbstgeruch nie aufgetrocknet werde, gehe ihr Leben. Jeder Sommer
enthalte den Sterbeduft des letzten; bei jeder neuen Liebe werde sie des
Verlaufs der vorigen gedenken. Sie wisse die nchste voraus, kenne die
Brauen, den Mund, das Blut, vor dem sie schwach sei, die Rache, die sie
ben, und die Leiden, aus denen sie sich retten werde. Nun gehe sie hier
umher und warte . . .

Aber knnte es nicht anders kommen? Wie viel hat eigentlich gefehlt, damit
es das letzte Mal anders kam?

Halten Sie mich fr leidenschaftlich? fragte sie pltzlich.

Er sah sie an. Sie hatten die Laube hinter sich und standen, drei Erdstufen
hher, auf einer burischen Altane, beide aus fliehenden Wolken von
zuckendem Licht ergriffen. Eben noch hatte es sie berhrt, und schon hob es
in ungewisser Ferne eine Schar von Schnittern aus dem Grau des Bodens. Da
und dort entsprangen bunte Hgel dem Land und versanken, glnzte eine Sense
auf und erlosch, rauschte ber einen Wald das Licht hin und lie ihn in
stummem Schatten. Aber wie aus Sonne, Wind und Weite entrckt, sahen sie
einander an. Lola empfand in Hast, da sie noch auf keines Mannes Worte so
gespannt gewesen sei. Er aber, viel zu erfllt von sich selbst, um zu
begreifen, da eine Frau ihn frage:

Leidenschaft? Sie ist der Wille zu uns selbst. Sie treibt uns, ein Etwas,
das unsere Sache ist, aus unserem Blute kommt, gegen die Welt zu behaupten:
eine Idee, ein Schicksal oder eine Kunst . . .

Ach ja, -- mit einem spttischen Seufzer; ich singe. Ganz im Ernst. Oder
habe doch gesungen. Jahrelang bin ich einer alten Italienerin nachgereist,
die einzig noch die gute Schule hatte. Jetzt habe ich sie verloren und bin
ratlos.

So fhlen Sie italienisch?

Nein. Warum? Es handelte sich um die Stimmbildung. Aber ich sang auch
deutsch . . . Ich kann nmlich, da ich beide Rassen in mir habe, die
germanische und die lateinische, mit beiden fhlen -- wenigstens ungefhr
. . . Nun ja, das Ungefhr mu gengen. Zwar -- Sie sagten vorhin, Sie
kennten keine rechte Gemtlichkeit? Das geht wohl auch mir so. Wo ich mich
hing --

Sie verschluckte das hingeben.

Wo ich mich gehen lassen mchte, mu ich Kritik ben. Das Temperament
meiner mtterlichen Rasse schtze ich, wenn ich in Deutschland bin. Bei
jenen aber sehne ich mich oft nach der deutschen Tiefe.

Das heit, da Sie ein wenig allein sind?

Er nickte, schmerzlich und befriedigt: wie jemand nickt, wenn sein Kerker
sich ffnet und ein Leidensgefhrte eintritt.

O! Wenn ich erst singe, wird man mich verstehen, im Norden und im Sden.

Ich kann Ihnen mitteilen, da Kunst sehr einsam macht.

Das hoffe ich nicht. Ich mchte eine Menge Anhnger und Verehrer haben.

Die nicht ahnen werden, wem sie anhngen und was sie verehren . . . Waren
Sie einmal dabei, wie auf einer Varitbhne eine Frau in der Tracht ihres
weitentfernten Landes ihre heimischen Tnze tanzte, und mit fremdartigen
Ausrufen sich selbst anfeuerte? Man klatscht, weil sie schn ist und ihre
Rcke aufflattern lt: weiter versteht man nichts von ihr. Ihr Auftreten
und ihre Bewegungen geschehen nach Antrieben und Regeln, die siebenhundert
Meilen weit wegliegen; geschehen unerbittlich und in vlliger Einsamkeit
. . . Ganz oben, werden Sie vielleicht erfahren, ergeht es dem Knstler
wieder so, wie dort ganz unten. Ja, seine Heimat liegt noch viel weiter
fort von den Hrern: in seinen Gesichten, seinen Klngen, in Lndern, denen
nur innere Sonnen scheinen . . .

Sehen Sie doch! Was macht denn der alte Baron? Jetzt legt er eine Leiter
von seinem Baum auf den nchsten und rutscht hinber . . . Er steigt hher;
sind denn berall Treppen zwischen den sten? und schiebt die Leiter einen
weiter. Himmel! Fast wr' er gefallen: er hngt am Ast wie ein Affe . . .
Die Tini lacht ihn aus. Was will sie denn, ganz heigelaufen? Ah, an den
Briefkasten. Nichts drin: auch gut. Schon ist sie fort, und Baron Utting
steckt wieder tief im Laub . . .

Ich wei nicht, ob ich bitten darf . . . Man darf darum nicht leichthin
bitten . . . Mchten Sie nicht singen?

Mit Freuden! Htten Sie mich nicht aufgefordert, wrde ich's von selbst
getan haben. Gehen wir? Wie jetzt der Garten voll Sonne ist!

Sie streckte sich und tat ein paar tiefe Atemzge aus der wilden,
klingenden Luft, die ber all dies Land und bis in ihre Brust strmte, wie
die Freiheit selbst. Sie wrde der Freiheit froh werden, kraft ihres
Gesanges; wrde ber allen rmlichkeiten schweben und singend selbst den
Menschen die Lust der klingenden Weiten eingieen, wie ihr der Wind. Was
vermochte alles andere? Was meinte dieser Traurige? Seine Enttuschung war
ihr ein Stachel mehr, -- wie bei denen, die sich einer Menge vorfhren, der
Erfolg des einen erhht wird durch des andern Unglck. Die Frau, von der er
gesprochen hatte, die in klirrender Tracht ber eine Bhne tollte! Jawohl,
solch einen Rhythmus fhlte jetzt Lola in sich. Kunst und Leben, beides im
Triumph! Kunst und Feste!

Sie kam ins Laufen, rief laufend ins Haus:

Mai!

Mai wagte sich nicht in den Wind hinaus; sie hatte das Wettermnnchen von
der Wand gehoben und es kaputt gemacht, hatte immer noch einmal vom Honig
geschleckt, am Fenster ein wenig geseufzt und von neuem mit der Schleppe
ihres Morgenkleides den Staub aus den Ecken gefegt.

Ja, ich werde dich begleiten; und Sie, mein Herr, werden sehen, was fr
eine Knstlerin sie ist!

Sie kletterten ber die Stiege; in dem niedrigen Saal fanden sie, von
Bchergestellen umgeben, den alten braunen Stutzflgel; Lola lachte nur
ber sein Geklapper, das Mai entsetzte; und sie sang. Sie sang, als flge
sie einen Berg hinauf, so da die Lungen frisch, die Fe munter und
unbestaubt bleiben. Beim letzten Aufschrei ging sie ganz in einem Schauer
unter und stand noch, von Glck verwirrt, da, indes Mai entzckt darauf
losschwatzte. Alle diese Dissonanzen, und dies pltzliche Fallen: o, das
sei uerst modern und komme aus Paris. Was der Herr nun sage! Was er nun
sage! Mai begriff nicht, warum er nicht jubele . . . Er war verlegen aus
Furcht vor nichtssagenden bertreibungen.

Sehr gut -- so viel ich verstehe. Und Ihr Alt: ich darf sagen, ich hrte
nie dergleichen.

Lola wandte sich erregt um.

Ich wute, da ich heute etwas knnen wrde! Wenn ich gut singen werde,
wei ich's schon frh beim Erwachen, ehe ich einen Ton von mir gegeben
habe.

Und mit Ungeduld:

Jetzt, Mai, das von Gluck!

Arnold wechselte den Platz, um diese tiefen, starken und weichen Klnge
ihren Lippen entrollen zu sehen: er htte es sonst nicht geglaubt. Das Rot
dieser Lippen verschrfte sich in dem erblaten Gesicht und beim fiebrigen
Licht der Augen. Das Gesicht schien ein Lcheln der Pein zu tragen unter
der Gewalt der herausquellenden, mhsam gedmmten, mit Kunst entsandten
Tne. Eine Hand fingerte angstvoll auf der Brust. Diese weie kleine
Gestalt, die im Rahmen des Fensters verschwamm, sich unter dem Geflimmer
einer blonden Haarwolke in das Mittagslicht auflste, sie dnkte ihm zu
schwach fr die Gewalten, denen sie sich zum Gef gab.

Da brach Lola ab.

Nicht den Lauf! Mein Gott, was willst du immer mit dem Lauf? Fhlst du
denn gar nicht, da solche Kleinigkeiten in dieser Musik nicht Platz
haben?

Ich will es nicht wieder tun, bat Mai. Sei gut, fang von vorn an. Es war
so schn. Nicht wahr, mein Herr, es war schn?

Arnold wagte nicht zu sprechen. Er sah die Sngerin in Verzweiflung einige
Schritte tun, sich mhsam fassen . . . Sie trat nochmals neben das
Instrument, begann nochmals; wandte sich aber, wie Hilfe suchend, hin und
her; -- und pltzlich warf sie die Noten durcheinander.

Aus! Die Stimme zittert wieder. Da haben wir's.

Aber Kind! Nicht die Spur!

Du hrst es ganz gut! Von Anfang an hat sie gezittert: ich wollte es blo
nicht merken.

Es ging so gut! jammerte Mai; und zu Arnold, zornig, weil er ihr nicht
half:

Ging es etwa nicht gut?

So viel ich hren konnte --

Es war schon fast Tremolieren! Die Branzilla hatte mich doch genug
gehunzt, bis die Stimme wieder fest war. Und vorn im Munde mu sie liegen.
Jetzt ist sie wieder in den Hals gerutscht, wie bei allen andern.

Sie ist nervs, mein Herr! und Mai rang die Hnde. Das kommt immer ganz
pltzlich; aber darum hat ihr doch der berhmte Lamare die grte Zukunft
prophezeit.

Sie schlo Lola in die Arme und flsterte:

Dieser steife Mensch geht dir auf die Nerven. Es ist unertrglich, einen
Stock zum Zuhrer zu haben.

Lola machte sich heftig los; sie ging zum Fenster. Arnold trat hinter sie;
er schluckte hinunter und sagte:

Ihre Stimme war so weich, da ich's kaum begriff.

Warum sagen Sie nicht, da sie hart war? -- und sie schttelte die
Schultern. Nun sind es zwei Monate, da ich keine Stunden mehr nehme: und
schon ist alles dahin.

Er erwiderte nichts. Sie starrte hinaus; sie sah den alten Baron aus dem
letzten Baum der Allee eine Leiter hinabsteigen, sich von einer der
Sprossen auf sein Pferd schwingen und auf das Haus zureiten.

Was macht er nur? fragte sie gereizt. Arnold murmelte:

Er hat die Sucht, niemals den Erdboden zu berhren.

Die hlzerne Brcke zu des Alten Schlafzimmer erdrhnte unter den Hufen.
Lola fhlte sich unheimlich, wie ausgestoen in eine harte Ausnahmewelt.
Sie meinte, der Tag habe sich verdstert. Tini strzte schon wieder, rot,
mit lockeren Gliedmaen, zur Pforte herein und an den Briefkasten. Noch
immer nichts: aber das tat nichts; schon war sie von dannen. O, all die
unberlegten Hoffnungen! dachte Lola. Man kennt sie selbst nicht.
Leuchtet man ihnen aber ins Gesicht, sind sie tot. Hatte sie mit ihrem
Gesang nicht Herzen werben wollen: ohne zu verstehen, was sie wollte? In
Herzen Liebe entdecken und in einem Stck Erde eine Heimat: mit ihrer
Stimme, wie mit einer Wnschelrute? . . . Nun war die Rute zerbrochen. Und
wre sie's nicht gewesen, sie htte doch niemals Zauber gewirkt.

Man ist grauenhaft allein, sagte sie vor sich hin.

Nach einer Weile setzte er hinzu:

Und mchte doch mit keinem derer tauschen, die beisammen sind.

Lola stutzte; -- und erstaunt bemerkte sie, da sie nicht Tini htte sein
wollen. Sie suchte unter bekannten Menschen und fand, wie einen feierlichen
Trost, da sie um keines anderen Schicksals willen das ihre htte abdanken
wollen. Eine Erkenntnis kam ihr.

Sie hatten recht, da Leidenschaft und Schicksal zusammenhngen, -- oder
was Sie da sagten: es war richtig.

                   *       *       *       *       *

Er verlie sie; sie sah ihn ins Feld hinausgehen. Sie bltterte in Bchern.
Mai berlegte laut, und sank dabei von einem Sessel in den andern, wie viel
amsanter es jetzt bei der Grimani gewesen wre.

Vor dem Mittagessen fand Lola in ihrem Zimmer einen Strau Feldblumen. Sie
vermutete, sie seien von Arnold; aber er lie sich nichts merken. Das
sieht ihm hnlich, dachte sie. Dann zog er sich zurck, um zu lesen. Alle
andern blieben bei Tisch, bis es Zeit war, einen Freund Gugigls von der
Bahn zu holen, einen Fabrikanten, breit und gewhnlich und fr niemand von
Wichtigkeit.

Tini hielt sich zu Lola. Sie zeigte ihr, den Arm um Lolas Schultern, ihre
Ansichtskarten, stellte Fragen und begeisterte sich. Jedes dieser kleinen
viereckigen Papierstcke trachtete Tini mit Hilfe derer, die alles schon
kannte, zu einem Stck Welt umzuwandeln, die dargestellte Strae zu
verlngern, die Menschen vor den Husern in Bewegung zu setzen.

Du mut doch welche kennen von denen, die mit drauf sind!

Weit du, da man auf Reisen eigentlich wenige gut kennen lernt und die
meisten wieder vergit? Du hast sicher mehr Freunde als ich.

Nein, blo eine Freundin.

Aber du siehst oft nach, ob Briefe da sind.

Ich? -- und Tini ward rot. Nun ja, du darfst es gern wissen. Ich hoffe
immer --. Es gibt doch Millionen Menschen. Wer wei, wie mancher einen mal
gesehen hat und denkt noch an einen. Es kann ja irgend etwas geschehen; so
viele Dinge kommen vor; und zum letzten Neujahr habe ich eine Schachtel
Konfekt bekommen und habe nie herausgekriegt, von wem. Ist dir das auch
einmal passiert?

Nein.

Glaubst du nicht, da man ein Glck haben kann, an das man gar nicht
gedacht hat?

Da Lola zgerte, antwortete Gwinner:

Wer ein Los hat, sieht gewhnlich in jeder Ziehungsliste nach.

berrascht sah Lola auf; aber sie stellte fest, es sei wieder nur ein Witz
gewesen. Tini lachte dankbar; dann, ernst, mit Hingebung:

Aber von dir, Lola, glaube ich sicher, da du noch mal ein groes Glck
haben wirst, und du weit es gar nicht.

                   *       *       *       *       *

Alle begleiteten den Baron Utting, als er am Abend aus dem Zimmer ritt.
Arnold und Lola sahen erstaunt den Laubgang hinunter, an dessen Ende sie
heute morgen im Winde gestanden hatten, auf weichem Boden, der faul
duftete. Jetzt zogen sich ber dstere Erzwnde Rinnsale von Mondlicht und
flossen auf dem Grunde zu weien Lachen zusammen.

Das ist ja riesig knstlerisch! rief Frau Gugigl. Wit ihr was? Wir
machen einen Mondscheinspaziergang. Holt eure Mntel, gelt? . . . Benno!

Sie flsterte ihrem Manne etwas zu, strzte, die Augen aufgerissen von
ihrem Geheimnis, hin und her:

Kinder, es gibt eine berraschung!

Wie die Pforte aufs Feld hinaus aufging, standen alle still: so fremd und
einschchternd fanden sie das Land, das auf makellose Welten erhoben, in
geschmolzenen Sternen gebadet schien. Von den Schattenhngen, glaubte man,
waren die Geisterstrme herabgerollt, um gegenber den Hgel hell
emporzuschlagen, himmelan zu sprhen, sich auf entferntere Erdfalten
niederzulassen, die letzten Berge in sich aufzulsen, und unter blulichen
Schleiern voll namenloser Lockungen die Nacht der Unendlichkeit
entgegenzufhren.

. . . Gwinner uerte:

Jetzt noch ein paar betrunkene Bauern.

Man lachte erlst und schritt aus: durch das schlafende Dorf, hinunter in
die Talmulde. Der Weiher glnzte auf; Tini lief jubelnd hin, und angelangt,
blieb sie stumm ber ihn geneigt, bis die andern nachgekommen waren. Die
Barone Thekla rundete die Hnde vor dem Mund und stie Juchzer hindurch.
Lola wnschte sich einen Nachen, und Frau Gugigl verhie, es komme noch
viel schner. Da bewegte drben aus dem Busch hervor sich etwas Weies:
eine Gestalt in flimmerndem Mantel, den spitzen Bart khn in der Luft und
die Arme gekreuzt:

Prost, Gugigl! rief Gwinner. Aber seine Frau nahm es ernst.

Er macht sich doch hoch knstlerisch! . . . Geh mehr ans andere Ufer, da
du in den Schatten der Spiegelung kommst! . . . Kann man jetzt nicht Furcht
kriegen?

Gugigl warf das Tuch ans Land. Mai schrie leise auf, aber dann kicherte
sie, denn Gugigls Schenkel waren nach auen gekrmmt. Seine Frau bemerkte,
was die Wirkung hintanhielt; sie kommandierte ihn ins tiefere Wasser. Er
prustete ihr zu laut, er arbeitete sich zu sehr ab.

Denk doch an deine Linie! rief sie.

Wird er jetzt nicht sagen: die Linie ist krumm? flsterte Lola; und
Gwinner sagte es. Er forderte auch den beleibten Fabrikanten auf, seinem
Freunde beizuspringen: ins Wasser zu gehen, damit es steige.

Das wird es pflichtschuldigst tun! Wie die Papiere, wenn ich mich
hineinlege! -- und der Fabrikant lachte drhnend.

Die Barone Thekla sa und sah nach der Kirchturmspitze berm Hgel.

Jetzt wenn die Bauern uns sehen tten, na wr's g'fehlt, sagte sie zu
Lola.

Warum?

Weil's uns derschlag'n mcht'n! Ausg'schamt mu ma sein, da ma am
Mannsbild im Bad zuschaut.

Ohnedies gilt Baden hier als Schande, setzte Arnold hinzu; und Gwinner
wute von einem alten Bauern, der dem Arzt entrstet geantwortet habe: nie
sei auf seine Haut ein Tropfen Wasser gekommen.

Die Barone Thekla verteidigte ihre Landsleute.

Ihr wit wohl gar nicht, da der Sepp beim Wurzererbauern eine ganze Masse
franzsische Romane gelesen hat? Er kennt alles, mir wr' er zum Mann zu
gebldet.

Tini, Gwinner und Frau Gugigl beschlossen, sich gleich morgen den Sepp
anzusehen. Als Mai verstndigt war, bekundete sie Neugier.

Kommst du nicht auch, Lola?

Lola ffnete den Mund, um zuzusagen; aber Arnold erklrte, er wrde sich
schmen, vor einen Menschen, der vielleicht kmpfe, vielleicht ein schweres
Ausnahmeleben fhre, hinzutreten wie vor eine Sehenswrdigkeit; -- und Lola
sagte, verwirrt:

Gehe, bitte, ohne mich, Mai!

Gugigl kam heraus. Seine Frau prfte ihn hinter ihrem erhobenen Daumen.

Er hat doch einen groartigen Akt! Riesig knstlerisch!

Gugigl schlug Falten mit seinem Badetuch, wie eine Schleiertnzerin, und
reckte die Arme aus, wie ein Mondanbeter.

Als er fertig war, ging's weiter: an Gehften vorbei, deren Dcher
schimmerten, und Wldern entgegen, die mitten im grellen Feld schwarz
dalagen wie ein zusammengerolltes Tier, das atmete. Immer aufs neue
versuchten einen blaue Pfade und machte die Leichtigkeit des Schattens, da
man durch ihn hin wie durch einen Traum ging. Tini lief zurck, wo Lola und
Arnold noch verweilten, hngte sich an Lolas Arm und flsterte ihr etwas
Schwrmerisches zu. Dann sah sie, die Lippen ein wenig offen, in den groen
Mond und lie die Schritte schleppen.

Arnold sprach weiter. Wie der sich fhlen mge, fr den in diesen
Mondschleiern ein Geist zwischen Himmel und Erde hin und hergehe, der dies
Licht als gttliche Liebe hingebreitet sehe: kurz, dem diese Nacht voller
Tuschungen in Wahrheit beseelt sei. Warum, fragte Lola, solle sie
tuschen.

Knnen wir uns von ihr nicht berreden lassen, an die Seele zu glauben?
Sogleich wre alles besser.

Besser? Was? Wenn man endlich tot sei, nicht grndlich tot zu sein? Neue,
fragwrdige Abenteuer gewrtigen zu mssen? Der wre mit seinem Ich
verdammt zufrieden, der ihm Unsterblichkeit wnschte . . . Im Sprechen
aber bemerkte er, da er aus der Erinnerung spreche und, was er vorbringe,
zu dieser Stunde nicht mehr ganz begreife. Er hrte auf, bevor er zu Ende
war.

Lola dachte ihres einstigen Glaubens an die unendliche Hherentwickelung
des Einzelwesens, sein Besserwerden von Stern zu Stern, -- und zum
erstenmal seit jenem erschtterten Lebensalter gab das Andenken an diesen
Gedanken ihr mehr als mitleidige Sehnsucht: fragte sie wieder nach seiner
Mglichkeit.

Wenn wenigstens ein beseeltes All mich aufnhme! Nicht ich wrde noch von
mir wissen; aber vielleicht das All?

Er hatte eine Entgegnung bereit; aber wie er den Mund ffnete, merkte er,
da sie ihn ekele: so verbraucht war sie in hundert Gesprchen, so plump
blieb sie zurck hinter dem, was hier erlebt ward, von ihm und der Frau
neben ihm. Er frchtete sich, an ihren Geist zu rhren; er murmelte:

Wir sind beschrnkt; wir sehen nicht voraus, was uns bei der nchsten
Wegbiegung erwartet; und doch . . .

Sie schwiegen. Dann sagten sie sich, es sei seltsam, diese Nacht klinge,
whrend man plaudere, von Harmonien; und nun, da man anhalte und lausche,
sammele sich alles zu dem einzigen Ton einer sehr sanften Flte.

Aber auch die Gesprche hrten sie, die vor ihnen anschwollen. Der
Fabrikant wendete sein weies, dickes, plattnasiges Gesicht dem Monde zu;
es war harmlos und sein Schnurrbart bemhte sich zu drohen; und der
Fabrikant verlangte den Krieg mit England. Gugigl hatte nichts dagegen,
bezweifelte aber die Kriegslust der Massen. Darauf forderte der Fabrikant
die Unterdrckung der Sozialdemokratie, also vor allem die Abschaffung des
allgemeinen Wahlrechtes und die Einfhrung des Klassenwahlsystems. Auch sei
aus den Schulen das Lateinische und das Griechische zu entfernen, denn mit
dem Humanismus werde man die falsche Humanitt los sein und endlich zur
zweifachen Justiz den Mut haben: einer fr Weie, einer fr Schwarze, einer
fr die Herren, einer fr die Umstrzler.

Das ist aber abscheulich, sagte Lola.

Warum! meinte Tini, aufgeweckt. Ich finde es fein. Hast du nicht gehrt,
da wir jenseits von Gut und Bse sind? Ich schwrme fr Herrenmoral!

Und sie eilte, voll Bildungstrieb, nach vorn.

Was Liebe kann, bemerkte Arnold und sah Gwinners Rcken an.

Sagen Sie: was Eitelkeit kann. Sie liebt ihn kaum, sie wartet noch auf
alles Mgliche; aber er schmeichelt ihrem Kopf; und es scheint, hier lassen
sich alle am liebsten auf diese Weise schmeicheln . . . brigens hatte der
Fabrikant einen Ton, als ob auch er sich auf seine Unmenschlichkeiten etwas
besonderes einbildete.

Er hlt sie fr klug. Er kennt nicht Rousseaus Rat: >Menschen, seid
menschlich! Welche Weisheit gibt's fr euch auerhalb der Menschlichkeit.<
Ein trichter Stolz auf eine von Trumereien unberhrte Hrte verfhrt die
meisten von uns; eine dem wahren Zustande unserer Krper und unserer
Geister ganz unangemessene Vorliebe fr die nackte Macht. Die Frage ist, ob
wir nicht in unserm richtigen Element wren, wenn wir ein wenig Gte bten
und erwarteten: ob wir uns nicht wohler dabei fhlen und mehr damit
erreichen wrden.

Das Trumpfen auf Illusionslosigkeit ist natrlich geschmacklos; aber Gte
erwarten? Mir scheint --

Sie dachte an ihre Erfahrungen mit Menschen, mit Mnnern, an die Lehren
ihrer zwei letzten Jahre, und sie lchelte bitter. Arnold entgegnete:

Heute gilt eine hoffnungslose Auffassung der menschlichen Zukunft. Dennoch
ist es klar, da mit der Abnahme der rohen Kraft auch die Grausamkeit an
Gebiet verloren hat. Was hindert mich zu glauben, da der Geist, der die
Folterkammern sprengte: da der Geist auch die Waffenmagazine sprengen
wird.

Es wre wohl noch wenig getan . . .

Ich wei, ich wei. Aber vermgen Sie einzusehen, warum man auf der Gewalt
besteht und die Macht um keinen Preis abdanken mchte, nicht einmal um den
Frieden der Seele? Auch ich gehre zu den Besitzenden: aber wenn ich in
eine wahre menschliche Gemeinschaft den Weg finden knnte vermge einiger
Stunden krperlicher Arbeit, die berdies ein mir ntzliches Gegengewicht
zu denen am Schreibtisch wren --

Er belebte sich; seine Stimme ward erst jetzt freier und strker.

Ich wre mit Freuden ein Brger des neuen Staates! Welcher Genu des
Gewissens: nicht lnger den Anteil derer mitzuessen, die vergeblich
arbeiten! Und welcher Zuwachs an Wrde im Menschengeschlecht, wenn es sich
vor keinen schwindelhaften Gren mehr bcken wird, vor dem Zufall des
Eigentums so wenig wie vor dem der Geburt! Viel verspreche ich mir von dem
Sturz der Knige. Wren sie auch schon machtlos: ihr Dasein bleibt das am
hchsten ragende Denkmal menschlicher Wrdelosigkeit. Wie knnen
Kulturmenschen, wie kann der Geist eine Macht ertragen, die nicht vom
Geiste ist! . . . Da die gleiche Verteilung der Leiden und Freuden des
Krpers und des Geistes, da die Nivellierung der Menschheit unser aller
heimliche Forderung ist, die wir nur mit Trug zum Schweigen bringen, von
der wir nur mit Scham absehen: warum schrecken wir vor dem Wege zurck, der
hinfhrt? Es wird keinen einsam leidenden Genius mehr geben, und keine
darbende Masse. Der Paria der Hhe wird verschwunden sein mit denen der
Tiefe. Welche Erleichterung, welche neue Unschuld!

Lola hrte mit Spannung und dunkler Sehnsucht seine erregten Worte zu
Entzcken ansteigen, und sah Schmerz herausblicken. Sie empfand, da auf
fester Erde sein Traum keine Sttte habe. Ist er denn so selten enttuscht
worden? dachte sie, und sie fhlte sich alt.

Sie sind vertrauensvoller als ich, sagte sie und betrachtete ihn von der
Seite. Er sah ihr in die Augen.

Vorhin waren Sie die Glubigere . . . Erinnern Sie sich, da es schon
einmal gengt hat, an die irdische Vervollkommnung des Menschengeschlechtes
zu glauben: und es machte einen strmischen Schritt auf sie zu. Die
glcklichen Menschen des achtzehnten Jahrhunderts glaubten. Das Jahr 1789
war ihr Lohn. Dies Jahr war da. Dies arkadische Verbrderungsfest ist
gefeiert worden. Sein Gedchtnis ist unser Trost. Seit diesem Ausbruch des
Besseren im Menschen ist alles mglich . . .

Er schien stolz, da nun auch er einen Glauben bekennen durfte. Ihr war's,
als lauschte sie einer Werbung, der sie sich immer schwcher
entgegenstemmte. Und ohne der Verwirklichung seines Glaubens nachzudenken,
empfand sie bei seinen von innerer Kraft federnden Worten, da es sich
leichter und hher durch das Mondgespinst dieser Nacht gehe.

Da bemerkten sie, da das Haus vor ihnen lag, und da sie allein waren.

Die andern mssen nach dem Dorfe abgebogen sein, vielleicht um den
Fabrikanten zur Bahn zu bringen.

Und was tun wir? Folgen wir ihnen?

Aber sie blieben am Wege stehen, schauten in alle Richtungen, nannten
einander die Ortschaften auf fernen Hgeln, horchten auf den Pfiff einer
Lokomotive.

Gehen wir ins Haus?

Aber Lola bckte sich nach einer Blume; und nun pflckte er vom Feldrain
eine Hand voll der Blumen, deren Rot und deren Blau bla vom Mond war. Sie
meinte, er werde sie ihr bringen; aber er lie sie, als dachte er schon
nicht mehr an sie, herabhngen. Stimmen kamen weither, -- und pltzlich
setzten sie sich in Bewegung. Hinter dem schwarzen Laubgang, wie am Ende
eines Schachtes, schien das still beglnzte Haus sein eigenes, verlassenes
Leben zu fhren. Die Tr zur Stube stand offen, auf der Diele drinnen lagen
weie Vierecke. An den hlzernen Pfeilern der Veranda unterschied man jede
der kleinen Weinbeeren.

Wie schn! sagte Lola, indes sie in die Helle traten. Man mchte in
diesem Licht einen neuen Tag anfangen.

Werden wir im Laufe des morgigen wieder einer solchen Stunde begegnen?

berrascht sah sie sich nach dem Gesicht um, aus dem diese fassungslos
klingende Frage kam, und fand Trnen darin. Ihr Blick verwirrte sich von
Mitleid, und sie sagte rasch:

Gegen Abend mache ich meinen Spaziergang.

Ich bin menschlicher Gemeinschaft etwas entwhnt . . .

Wie er noch stammelte, schlo sie:

Gehen wir also hinein?

Bevor sie in ihr Zimmer trat, reichte sie ihm die Hand. Dann ging sie
gradeswegs auf das Fenster zu, schaute nach der Landschaft dahinten aus,
durch die sie erst eben mit Arnold geschritten war, und schttelte den
Kopf, als sei sie erstaunt, sie unverndert zu finden, in der gleichen
blulichen Verzauberung. Da fiel ihr die Nacht ein, in der sie ber dem
Hafen von Barcelona auf einer einsamen und dunkeln Terrasse gelehnt hatte,
neben Da Silva. Der Mond, den sie mit einer seltsamen Inbrunst erwartet
hatten, war nicht aufgegangen. Hier lag er; jeder von ihren und Arnolds
Schritten hatte durch seinen Schein gefhrt. Sie fhlte sich umgeben und
erfllt von Bedeutungen; unruhvoll schlang sie die Finger ineinander,
wendete sich ab und seufzte auf. Da war nun das kleine Zimmer, in das sie
eingezogen war, wie in ein gleichgltiges und unzulngliches Quartier.
Jetzt hatte jedes Mbel Wichtigkeit: sie sah den Stuhl an, den Schrank
. . . Dann glitten ihre Blicke an den unsicheren Umrissen der Berge hin, an
denen der Kirche dorthinten . . . Nun hatte sie alles in ihrem Kopf, durfte
ihn ans Fensterkreuz lehnen und die Augen schlieen. Aber unter den Lidern
drngten Trnen hervor; -- und wie Lola, trunken von einer unbekannten,
lieben Mdigkeit, auf den Wangen ihr Rinnen sprte, meinte sie eine Weile,
es seien dieselben, die sie vorhin in Arnolds Gesicht erblickt hatte.

                   *       *       *       *       *

Als sie vom Frhstck in ihr Zimmer zurckkehrte, standen Kornblumen und
Mohn auf dem Tisch.

Es sind dieselben, die er mir gestern nicht geben mochte.

Sie ging rasch darauf zu -- und sah sie dann mit unschlssig ablehnendem
Lcheln an . . . Sie waren nicht mehr vom Monde bla und absonderlich; sie
hatten gewhnliche, gesunde Tagesfarben. Lola blickte hinaus. Garten und
Land trugen in der migen Alltagssonne hoffnungslos nchterne Mienen. Lola
hob die Schultern.

Tini kam und warf auf die Blumen einen Blick, der Lola verwirrte. Tini
erinnerte sie daran, da sie ihr Zimmer hatte besichtigen wollen. An den
Wnden war Manches zu sehen. Ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen
stak, auf Stramei gestickt, in einem Rahmen, und daneben hing, als wenig
bekleidete Salome, eine Schauspielerin, fr die Tini schwrmte. Sie zeigte
Lola ein Album mit Lesefrchten und bemerkte bei jeder:

Darber mchte ich gerade deine Meinung hren.

Ich fand das vorige richtiger, sagte Lola; und Tini, sofort:

Dann mag ich es auch lieber.

Nachdem sie hinausgehorcht hatte:

Rauchst du vielleicht eine Zigarette? Aber du mut es nicht meiner
Schwester sagen.

Die Marie raucht doch selbst.

Aber von mir findet sie's unpassend. Weit du, im Grunde, im Grunde findet
sie eigentlich alles unpassend.

Beide lachten.

Blase den Rauch aus dem Fenster, bitte.

Ja, so machten wir's auch.

Im Ernst ist doch nichts dabei. Herr Gwinner sagt sogar, da es mir
steht.

Herr Gwinner ist wohl immer auf deiner Seite?

Nein, gar nicht immer. Aber das macht mir nichts . . .

Ein paar Sekunden hatte Tini die haltlos kreuzenden Augen eines wilden
jungen Vogels. Dann, bevor Lola sich hatte wundern knnen:

Ach, Lola, ich wollte, ich htte eine Freundin. Die, die ich habe, hat
keinen Zweck mehr. Ich kann dir sagen --

Tini mute hinunterschlucken.

Du bist einfach mein Ideal.

Ja warum denn, Tini?

Erstens bist du modern und doch chik: das hab' ich noch nie
zusammengesehen. Dann bist du so gescheit, da du ber alles deine Meinung
hast. Du brauchst nicht zu denken, da ich es nicht sehe, wenn du dich mit
dem Arnold ber uns alle lustig machst.

Aber Tini! Du bist ja schrecklich.

Das nicht; aber ich bin nicht von gestern . . . Den Arnold, sage ich dir
offen, kann ich nicht ausstehen. Er ist mir gradezu widerwrtig -- und auch
unheimlich. Aber du wirst die Menschen wohl besser kennen. Du hast's gut:
kannst hingehen, wohin du magst, kannst alles vergleichen und dir die
Menschen aussuchen . . . Ich mchte dich wohl etwas fragen, aber du darfst
es nicht bel nehmen.

Sag's nur!

Tini paffte und sah an Lola vorbei.

An was erkennt man's eigentlich, wenn man sich verliebt hat?

Das ist aber wirklich eine Frage!

Siehst du, nun nimmst du's bel!

Durchaus nicht. Aber darber . . . denkt man wohl berhaupt nicht nach
. . . Ich sollte meinen: wenn man das Gefhl hat, da man jemand nicht mehr
entbehren kann.

Aber in Wirklichkeit kann man doch jeden entbehren!

Mag sein. Oder vielleicht doch nicht?

Ich habe keinen ntig, keiner braucht sich was einzubilden . . . Warum
sollte man berhaupt jemanden nicht entbehren knnen?

Was wei ich. Wenn man einen hher achtet als die andern . . . Wenn er
einem Dinge sagt, die man selbst schon gefhlt hat . . . Wenn uns in seiner
Nhe ruhiger wird . . .

Pah! machte Tini.

Marie? Was ist? rief sie aus dem Fenster. Und zu Lola:

Wir sollen vor dem Essen noch ausgehen. Ach tu mit den Gefallen, geh schon
hinunter. Ich brst' mir nach dem Rauchen doch lieber erst die Zhne.

Drunten fand Lola Frau Gugigl nicht mehr. Aber im Vorbergehen bemerkte sie
durch einen Spalt in der Tr zur groen Stube, wie Arnold seinen Hut an den
Nagel hngte und sich unschlssig umsah. Ehe sie's wollte, war sie
zurckgekehrt und stehen geblieben. Was er wohl fr ein Gesicht macht,
dachte sie, wenn er sich allein glaubt . . . Jetzt wird er etwas tun,
wobei er nicht an mich denkt, etwas, das nicht fr mich bestimmt ist.

Er sa auf der Bank, den Arm am Fenster und sah hinaus. Allmhlich wendete
sein Kopf sich, die breiten Schlfen vorgeneigt, ins Zimmer, sank tiefer in
die Hand, die ihn hielt. Die andere hing von der Bank. Der Krper
erschlaffte zusehends. Der Blick schwamm am Boden.

So ist er, dachte Lola, wenn er alle vergessen hat. Wenn er mich
vergessen hat. Ganz zeigt er sich uns andern nie. Denn dies schien, mit
Ergebung in sich selbst, nur noch eine Seele. Sie war stark hinter ihren
Siegeln. Lola konnte nicht an sie hinan; -- und sie fhlte sich, hier
drauen, in beklemmender Einsamkeit. Ehrgeiz und Eifersucht zitterten
herauf. Was will ich? Und, ganz unvorhergesehen: will ich ihn heiraten?

Da polterte Tini ber die Treppe; Frau Gugigl rief aus dem Garten; und Lola
ging, sehr erstaunt.

                   *       *       *       *       *

Bei Tisch mute sie ihn sich ansehen und denken: Da it er nun harmlos
seine Suppe. Wenn er wte, was ich vorhin fr einen Einfall gehabt habe!
Er wrde sich bedanken, Mann einer Virtuosin zu werden, mit ihr
herumzufahren und Impresario zu spielen. Lassen wir ihn nur in Frieden,
diesen Menschen der Einsamkeit! Und sie lchelte spttisch vor sich hin.
Frau Gugigl hatte etwas bemerkt und raunte:

Hat er sich wieder eine Verrcktheit geleistet?

Wer denn? Aber nein!

Und Lola bereute. Ich habe ihn ausspioniert!

Sie versprach ihm innerlich groe Aufrichtigkeit und Gte. Als er eine
Stunde spter bei ihr anklopfte, war sie zum Ausgehen fertig.

Sie sind sehr zuverlssig, sagte sie.

Er war befangen. Wie sie das Haus hinter sich hatten, fing er an:

Sie haben mir mein gestriges Benehmen hoffentlich verziehen. Ich darf
versichern, da ich es bedauere und nicht mehr ganz begreife. Die Stimmung
der Nacht war schuld, meine Nerven, und das so ungewhnliche Zusammensein,
das sie als Vorwand fr eine Entladung nahmen.

Ich bitte Sie: wem wre es anders ergangen. Man mte schon Nerven haben
wie der Fabrikant. Sie mgen mir's glauben oder nicht, aber ich selbst habe
noch eine Stunde lang am Fenster gestanden und den Mond angeschwrmt
. . . brigens, darf ich Ihnen einen Rat geben? Sie sollten nie um
Entschuldigung bitten. Sie sind zu bescheiden. Sie mssen die Leute fhlen
lassen, da Sie Ihren Wert kennen, und da, wer ihn bezweifelt, sich eine
Ble gibt. Je mehr man aus sich macht, desto mehr ist man.

Zweifellos . . . Wenn nun aber das Urteil derer, denen ich erst imponieren
mte, mich gleichgltig lt.

Dann -- allerdings.

Und sie wute nicht, ob sie bewundern oder zweifeln sollte. Er hatte wohl
mehr Mut, indem er die Meinungen verachtete, als wenn er sie zu erobern
getrachtet htte. Vielleicht aber machte er aus der Not eine Tugend? Bei
ihm wute man nie, was Strke, was Schwche war; und wenn er schwach
schien, hatte sie schon erfahren, war er manchmal grade stark . . .

Sie sagten gestern, ich glaube, Sie seien menschlicher Gemeinschaft
entwhnt; und das knnen Sie nicht leugnen, da Sie schchtern sind.

Ich bin schchtern, war es immer. Heute aber bin ich auf eine merkwrdige
Weise schchtern. Nehmen Sie an, eine der ersten Persnlichkeiten eines
Landes reise in der Fremde, whrend bei ihr zu Hause alles drunter und
drber geht. Nun ist pltzlich sein Geld wertlos, der Titel, den er sich
gibt, lcherlich; mit Sprache und Geistesart dieser Menschen wei er nichts
anzufangen; in sein Gebiet ist der Weg abgeschnitten; und er ist hier
nichts und dort nichts. In dieser Lage, beilufig, sehen Sie mich.

Der Heimweg abgeschnitten, hrte Lola und fhlte sich mitgetroffen. Ihr
war's, als ahnte sie alles voraus, was er sagen konnte; als hebe der Geist
des Ortes, den sie betraten, eine Schwermut aus ihren Seelen, die bei ihr
und bei ihm mit den gleichen Erinnerungen genhrt sei.

Sie waren, lssig von der Wrme, den verwischten Wiesenweg zu Ende
gegangen; und nun verfing sich und erstickte der Tag in diesem violetten
Moor. Wald umkrnzte es, lichtete sich, zog, Stamm fr Stamm, von dannen
. . . In dem Gewebe von Zweigen, abgehalten, besnftigt, schimmerte
silberiger Himmel, und fern, ganz drauen, blauten Berge. Man stand, senkte
die Hnde und lie sich betuben vom Zirpen. Lola sah sich um, wo es gut zu
ruhen sei.

Erzhlen Sie weiter?

Sobald ich frei war, schon mit zwanzig Jahren, zog ich mich in die
Einsamkeit des Reiselebens zurck. Ich hatte genug von meiner Jugend, von
ihrem Elend, ihrer Scham; hatte mich genug verstecken mssen, der falschen
Gemeinschaft bergenug ertragen. War ich nicht ber Versen gelegen, deren
Entdeckung mich zum Selbstmord gezwungen htte? Hatte ich nicht, auf Gngen
ber den Stadtwall, Visionen meiner knftigen Gre erlitten, die mir
solche Wahnsinnsschwindel durch den Kopf jagten, da meine Knie schwankten?
Hatte ich nicht, um mehrerer Frauen willen, starr, wie mit heiem Sand
gefllt, die Nchte und die Tage vorbergeschickt, trnenlos vor Ohnmacht,
und mein Leben nur zurckgerungen, um es aufs neue der Fieberlust der Liebe
aussetzen zu drfen? . . . Das beste, wenn ich meiner Kindheit und ihrer
alten Stadt gedenke, war zwischen grauen leeren Husern ein Garten: Neben
meinem Buch standen Maiglckchen, ber ihm schaukelten Fliederdolden; und
wenn ich die Stirn zurcklegte und die Lider schlo, brannte auf ihnen die
Sonne. O wie tief, tief ging's da in Sonne und Duft! Und das Gemurmel der
Quelle vorm Tor: ich blieb bei ihr zurck, wenn man ber Land zog, und
nasses Laub hing mir in die Schlfen: wie wunderbar ffnete sich mir das
Gemurmel! Wie eine Muschel, in deren perlhelle Windungen ich hineinfand!

Ganz dasselbe! sagte Lola, und ein Schauer berlief sie. In der
Verbannung erwachsen und inmitten vieles Elends manchmal eine Stunde der
einsamen, geheimnisvollen Sigkeit: Das war sie selbst, und ihr graute vor
solcher Beschwrung ihres Eigensten. Dort auf dem Moor, in dem dnnen
Sonnenhusch tnzelten dort nicht einige kleine Mdchen -- sie und wieder
sie --? und verneigten sich vor ihr, gelenkt von den Fden in der Hand des
Fremden neben ihr, den sie nicht ansah? . . . Sie hrte:

Ich fand nach Italien; -- und da war mir's, als htte ich nach Haus
gefunden. Welch ein Jubel! Ich erkannte mich selbst in den Bildern, die
alle auf Gre und Lust aus sind, in den Landschaften der Helden, worin
keine Trne lange hngen bleibt, in dem ewig jnglinghaften Volk. Hier war
eine heftigere Welt wie aus meinem Herzen ans Licht getreten. Die ersten
vier Wochen in Rom ging ich umher im ununterbrochenen Zustand dessen, den
der erste Liebesblick trifft: in seinem unglubigen Entzcken. Ich ging
planlos; die Erwartung einer Straenbiegung machte mir Herzklopfen; ein
Monument war ein Abenteuer. Durch die Campagna, unabsehbar, trugen mich
grade Straen und durchsonnter Wind; und mir war zumut wie in einer
Verzauberung, worin ich angemessene Krfte hatte. Ich ward freigebig mit
mir, froh der schwersten Hitze, trank ohne Vorsicht und liebte mit
Leidenschaft. Dies alles in Untergangsmut und, wie vom Frhdmmern,
manchmal von dem fahlen Erstaunen betroffen, da es dauere.

Es dauerte bis zu einem nervsen Zusammenbruch; -- und in dem Dunkel, in
das ich mich nun zurckziehen mute, sah ich pltzlich aus meinem Kopf ein
grelles Licht fallen und darin umhertaumeln, was mir je begegnet, je mit
mir geschehen war: aber in viel greren Gesten, schneidenderen, weit
bedeutsameren, von unverschmterem Schmutz, wilderer Groteske oder
schmelzenderer Zrtlichkeit. Nicht rasch genug konnte ich alles in Stze
bringen. Ich war pltzlich vom Talent ergriffen. Es war ein Rausch, allein
vergleichbar dem, als ich Rom entdeckte.

Ein Visionr, dem seine Hhle in Flammen steht, dem jedes Schneckenhaus
zum Feenpalast aufschiet, hinter jedem Felsblock Satan hervorschnellt und
lechzende schwarze Blicke aus allen Morgennebeln brechen: Das war ich
sieben Jahre lang. Ich haftete nirgends, fing nur im unbemerkten
Vorbeikommen Leben auf; und jedes der Zufallsquartiere, wo ich mich vor
einen Haufen Papier setzte, war umtobt von einer Welt, die ich zu bndigen
hatte. Ich lebte, erhielt mich nur, um zu schreiben; alle Sinne darbten;
und ber jedes Bild, das halbfertig auf einer Seite stand, erwartete ich,
da sich der schwarze Vorhang senke.

Lola horchte, was ihr eigenes Leben zu ihr spreche: ihr Wanderleben mit
seinen Lockungen, seinem Taumel und, mitten darin, dem entrckten, gefeiten
Flecken, den das vertrackte Genie der Branzilla mit Zauber geschlagen
hatte. Aber Lola war fortgerissen worden; etwas wie ein schwarzer Vorhang
hatte sich gesenkt; und man wute nicht mehr, was kam.

Ich verstehe, sagte sie, -- indes er schlo:

Und eines Tages war's aus. Mein Trieb, zu gestalten, ward lahm; das Chaos,
dem ich htte Formen entreien sollen, hob sich dampfend, und tote Wnde
umstanden mich. Ich ging hinaus . . . Wohin? Wo ist ein Elixier, stark
genug zur Belebung eines so sehr Ernchterten? Nicht mehr in dem Italien,
das ich einst feierte. Ich gehe noch hin, weil ich Erinnerungen und
Gewohnheiten habe; aber mir ist, als htte ich im geheimen immer ein wenig
Verachtung bewahrt fr die schwungvolle Sinnlichkeit dort unten. Sehe ich
jetzt Bilder der Venetianer wieder, befremden sie mich: in einigen Monaten
haben sie mehr gealtert, als whrend der vierhundert Jahre seit ihrer
Erschaffung. In ihnen ist niemand mit sich allein; kein Leiden geschieht
darin ohne Zuschauer: was gehen sie einen an, der bei Festtafeln und
geschmckten Freunden kein Gengen fnde? Das kunstlose Trumen meiner
Kindheit verlockt mich wieder. Die Sehnsucht nach innerer Gemeinschaft
entfaltet sich wieder in mir. Ich suche Menschen auf, ohne Arg, nicht um
sie zu belauschen, sondern weil ich mit ihnen leben mchte. Aber ich errege
Verdacht. Man fhlt: hier ist ein abnormes Leben verbracht worden. Ich gebe
der Neugier nach, berichte das einzige Interessante, das ich erlebt habe:
mich selbst; -- und nun ist der Waldmensch ausgefragt und ohne Reiz.
Beginnt er noch von seiner Marotte, fhrt man ihm ber den Mund. Er ist
durch langes Alleinsein allzu gutmtig gemacht, hat auf nichts eine rasche
Antwort; und wenn alles vorber ist, erbittert ihn seine Vernachlssigung
und das Andenken seiner starken Vergangenheit. Er ist wahrhaftig die groe
Persnlichkeit, bei der zu Hause alles drunter und drber ging, und die
bel behandelt und voll ungltiger Ansprche, in der Fremde fortlebt.

Lola lchelte, weil er es tat; aber sie fhlte sich lahm und schmerzhaft,
als habe er sie stundenlang schlimme, zerrissene Wege gefhrt. Das Gewebe
der Zweige berzog jetzt einen schwach rosigen Himmel, und hier drinnen um
das Moor dunkelte es dumpf. Lola erschauerte und stand auf.

Drauen war's weit, bewegt und goldig; und Lola sah ihren Begleiter
aufatmend an, als seien sie zusammen entronnen. Ein wenig Stolz, ein leises
Glck sogar sprte sie, weil sie ihn herausgeholt hatte und ihm all dies
helle Land anbot.

Ist das nicht eine Farbe, die man trinken mchte? fragte er und zeigte
nach dem Rotgelb von hren, worin durchsonnte Mohnfhnchen flatterten.

Obenauf wenigstens, sagte Lola, ist die Welt schn.

Aber die blhende Scholle ist das Erzeugnis der lichtlosen Tiefe. Wo
Schnheit ist, ist Tiefe.

Sie begriff es. Sie legte den Kopf in den Nacken, sah Schwalben die von
Gold flimmernde Luft durchstreichen und empfand, es sei eine Lust zu denken
an solchem Tage. Er wies in die Weite, auf Schnitter, die hintereinander,
Sensen und Rechen ber den Schultern, in langsamen Bogen zwischen den
ckern hinzogen.

Sie scheinen sich kaum zu bewegen, so gro ist die Erde um sie her: und
doch, wo immer ein Mensch sichtbar wird, knnen wir schwer noch von ihm
absehen. Er strt uns aus unserer Naturversunkenheit; wir merken: ihm
entkommen wir nicht, und ihn vor allem brauchen wir.

Besonders Sie, der so groe Hoffnungen auf die Menschheit setzt! Und dabei
haben Sie den wichtigsten Teil Ihres Lebens dazu benutzt, sich in Ihrer
Verschlossenheit von den Phantomen der Menschheit etwas vorspielen zu
lassen: etwas Bsartiges, so viel ich verstehe . . . Sie sind eigentlich
sehr naiv.

Das sagt auch die hiesige Gesellschaft. Sie aber sagen es anders . . .
Sagen Sie brigens ruhig kindisch. Ich mu Ihnen erzhlen, wie sehr. Auf
einem Wege, den ich tglich ging, ward ich eines Nachts angefallen und
entkam durch einen Zufall. Die Aussicht auf eine zweite Begegnung mit
meinen Mrdern zwang mich, die Anschaffung einer Waffe zu erwgen. Es ist
schwer zu sagen, mit welchem Widerwillen ich an dieses Handwerkzeug
heranging. Ich hatte es so ganz andern Lebenskreisen zu entnehmen! Endlich
trat ich dem Waffenschmied unter die Augen. Die Augen des Mannes waren
finster, und ich hre noch sein >Ach so<, als ich nach umstndlicher
Prfung des Revolvers die Frage gewagt hatte, wie man abschiee. Nun trug
ich ihn ber die Strae und kann versichern, da ich hinkte: so sehr war
ich darauf gefat, das Unding werde in meiner Tasche losgehen. Die
Schiebungen zu Hause waren aufreibend. Nie hatte ich rasch genug die
Sicherung heruntergedrckt und den Hahn gespannt. Die beiden Abenteurer
zckten schon unter meiner Nase ihre Messer, wenn ich noch den Kolben aus
den Taschenfalten zerrte. Ehe ich dann wirklich den Gang ber die
verhngnisvolle Wiese antrat, sa ich im Dunkeln und nahm mit einer
Phantasie, die mich zehn Tode erleiden lie, alle Einzelheiten der
Begegnung vorweg. Sehr merkwrdig war's, welche Erleichterung ich sprte,
als die Stunde zu handeln da war. Ich ri den Revolver aus der Schieblade
und lief.

Er lachte hell auf; dann:

Jetzt lachen wir; aber Sie wissen noch nicht, welche beschmenden
Neuigkeiten mich mein Revolver ber unsere Seele lehrte. Ich erfuhr, da
ich ungerecht und hart sein knne; da Mut und ritterliches Ehrgefhl
vorwiegend in einem Stahlklotz stecken; und da unschwer Gewaltmensch wird,
wer das Mittel zur Gewalt in der Tasche fhlt. Nur mit Ekel an mir ging ich
noch umher. Es war wirklich die einzige Zeit, wo ich mich lieber nicht mehr
htte leben gesehen. Wie ich eines Nachts mich dem einen meiner zerlumpten
Angreifer gegenberfand, hielt ich ihn an, schenkte ihm den Revolver und
wartete. Er dankte aber und ging weiter . . . Nun, ich war befreit . . .
Laufen wir diesen Hgel hinauf?

Sie liefen; -- und von oben lieen sie sich, strker atmend, von ihren
Blicken ber viele Wiesen und Felder tragen, durch tiefes Waldgrn zu
blauem Wald, und jenseits des Luftblaus der ersten Alpen bis in Alpen, die
am Abendrot zerflossen.

Das Verwunderlichste war, da ich in all meinem berdru kindisch blieb:
mir in einem Theatersaal die Wirkung vorstellte, wenn pltzlich in meiner
Tasche ein Knall geschhe, und am Teetisch die Damen darauf ansah, was sie
fr Gesichter machen wrden, wenn ich ihnen die Tasse vom Munde wegschsse.
Begreifen Sie das?

Sehr gut, sagte Lola und lachte mit. Wozu sind wir den Hgel
heraufgelaufen, den wir gleich wieder hinunter mssen? Sehen Sie? Weil Sie
eigentlich ein Junge sind.

Nehmen Sie einmal an, da Herr Gwinner fr jeden Witz, den er macht, eine
Schrotladung bekme!

Oder Frau Gugigl fr jedes >knstlerisch<!

Wenn man sich nicht mehr anders zu helfen wei --

Da waren sie drunten vor einer kleinen Eiche; der frische Wind, den ihr
Lauf erregte, brach pltzlich ab. Hinter der Eiche lag ber den von letzter
Sonne buntem Rasen ein Weg geschlngelt, blaugrn, -- und auf einmal
verschlang ihn Walddunkel.

Nur noch dies eine Gehlz, dann knnen wir das Haus sehen; -- und zu
ihren langsamen Schritten durch die Dmmerung mute Lola denken: Eben noch
haben wir gelaufen und gelacht. Wie kam das? Wie kommt es, da er mir seine
Geheimnisse sagt, und da ich sie hinnehme, als mt' es sein? Eigentlich
haben wir doch nichts miteinander zu tun. Oder wie stehen wir?

Als das Gehlz zu Ende war, wollte sie etwas sagen, lie es aber. Was habe
ich denn? Warum nicht gleich den nchsten Spaziergang verabreden? Er ist so
zerstreut und hat immer mit sich selbst zu tun. Ein rechter Egoist
eigentlich. An die wirklichen Dinge mu ich selbst denken. Aber kurz vor
der Ankunft hrte sie ihn in Eile und Verwirrung mit der Bitte
herauskommen, an deren Gewhrung ihr gelegen war, -- und sie bi sich auf
die Lippen. Bin ich vorschnell! Ich wei doch, da er blo schchtern
ist!

                   *       *       *       *       *

Es war nie ganz sicher. Am Abend inmitten aller sah's aus, als drngte er
neben sie: Frau Gugigl und Tini besttigten es ihr durch Blicke. Dafr zog
er sich manche Stunde, die er mit ihr htte allein sein knnen, zurck, um
zu lesen. Er kam ihr oft genug in den Weg, klopfte jeden Tag mehrmals an
ihre Tr. Sie hatte auf dies Klopfen gewartet und war, zeigte sich nun sein
Gesicht, beschmt, weil es nicht glcklicher war. Einmal rief sie ihm im
Garten nach, und wie er sich umwandte, war kein Zweifel, da er sich
bezwang, um erfreut zu scheinen. Aber als sie ihn einen Nachmittag
unbeachtet gelassen hatte, da war er arg verstrt, kleinlaut wie ein
schlecht behandelter Junge, und kam nicht darber zur Ruhe, da sie etwas
gegen ihn haben msse.

Wie sie das alles schon kannte! Wie sie seine Nervositt mitfhlte, die
matte Geste zwischen seine zusammengezogenen Brauen und dann, drauen in
der Luft, sein allmhliches Durchdringen, bis er frei war und die Oberhand
hatte! Voll Staunen bemerkte sie, da sie ihn sich gar nicht wegdenken
knne: auch aus ihrem frheren Leben nicht. Wie ein lterer Bruder war er,
den die Schwester schon heulend und geprgelt gesehen hat: und doch bleibt
er, mag sie's kaum wissen, der erste, und seine Liebesgeschichten machen
ihr Eifersucht. Lola fragte sich oft: Hat er wirklich nie etwas gehabt?
Alles hat er mir gesagt, nur davon kein Wort. Aber sie fand und sagte ihm:

Ich wte eigentlich keine Frau, mit der ich mir Sie denken knnte.

Er berlegte.

Und ich keinen Mann fr Sie, entschied er. Nach einer Weile begann er
wieder:

Was wrden Sie denn besonders beanspruchen?

Von einem Mann? Zuverlssigkeit.

Und sofort erschrak sie, weil ihr einfiel, da sie ihm schon mehrmals
besttigt habe, er sei zuverlssig.

Ich bin nmlich sehr mitrauisch, erklrte sie und fragte eilig:

Und Sie? Was brauchen Sie?

Meinetwegen, dachte sie, ein wenig gekitzelt; spielen wir mit dem
Feuer!

Ich? Etwas Achtung natrlich vor dem, was ich bin. Aber noch so vieles
andere. Das ist weitlufig und aussichtslos.

Und whrend Lola schwankte, ob weiter zu fragen sei:

In Deutschland traf ich am hufigsten die eben erst Emanzipierte. Ihr
frisches Wissen und Knnen scheint mir noch gewaltsam; seine uerungen
fhrt kein sicherer Geschmack. Fehlen ihr zu diesem nicht berhaupt und von
Rasse wegen die Mittel? Die Deutschen bleiben, trotz allen heutigen
Bemhungen um die Form, zur berftterung des Innenlebens verurteilt und
auf Geringschtzung der Augenkultur angewiesen, die doch vornehm macht
. . . Italienerinnen haben mich versucht. Alles Glck, das einem die
Stdte, die Landschaften, die Bilder versprechen, sieht man erfllt in
diesen weien, schwarzhaarigen Geschpfen mit den knabenhaften schlanken
Bewegungen. Wie schn sie sind, solange sie stumm bleiben! Den, der gleich
im ersten halben Jahr eine von ihnen heiratet, begreife ich. Nachher hat
man in ihren weiten, undurchsichtigen Augen wohl doch die Leere ermessen
und sich besonnen. Eine auf immer unmndige Existenz neben der meinen?
Eine, die mein deutsches Erbe, alle jene moralischen Verfeinerungen, die
ihre Rasse niemals erreichen kann, mit animalischer Sicherheit verachten
wrde?

Sie verlangen eine Schne, die auch noch Geist hat. Sie sind entsetzlich
schwierig.

Sie haben Recht, ich stelle die unverschmtesten Forderungen. Warum
brigens sollte ich sie zgeln, da ich von vornherein mit ihrer
Unerfllbarkeit rechne? Mehrmals nherte ich mich Frauen gemischten Blutes:
sie waren mit einem verflachten Innenleben begabt und mit irgendwie
verunglckten Krpern; oder sie hatten sich ganz zu der einen ihrer beiden
Rassen geschlagen und verleugneten die andere. Wie nun, wenn das Gute von
beiden in einem Wesen zusammenkme? Ich setze den gnstigsten Fall; und bei
der Frau, die ich mir vorstelle, hat erstaunlicher Weise der Krper eine
ebenso alte, starke Kultur wie der Geist; sie ist der Bildung offen und
elegant, hat Geschmack und Tiefe. Das scheint gegen die Natur; scheint ber
sie hinaus: und doch stelle ich mir's vor . . .

Nach einem Schweigen, whrend dessen Lola aufhorchte, schlo er gepret:

Nicht seit langem.

Und Lola dachte:

Ist es zu glauben? Alles kommt sehr um die Ecke. Aber meinen tut er doch
wohl mich?

Sie hatte Lust, aufzulachen. So viele Gedanken, die sie zur Achtung
ntigten: und das Ziel wirklich nur sie selbst? Sie empfand ein wenig
Mitleid mit dem Armen, der sich nun blogestellt hatte. Sie sah auf ihn
herab, wie er errtet, mit regungslosem Kopf vor sich hinging und vor ihr
Furcht hatte . . . Aber da errtete sie selbst; das berschwengliche Bild,
das er von ihr im Kopf hatte, beschmte sie und machte ihr bange, wie ein
Betrug. Sie dachte: Ich bin gar nicht schn und gar nicht gebildet. Ich
habe auch gar nicht das uere von der einen Rasse und das Seelische von
der andern. Meine Haare setzen durchaus nicht so untadelig an, wie bei den
romanischen Frauen; er sieht blo nicht, wie ich meine kahlen Schlfen
verstecke.

Er sagte in merkwrdig ungeflligem Ton, der zitterte:

Ich denke sie mir in keinem der europischen Vaterlnder daheim; auch ich
gehre in keins. Sie kommt von weither, aus einem Lande, das sie vergessen
hat, und in das sie nicht wieder zurckkehren wird.

Auch das noch, dachte Lola.

So ist sie mir hnlicher. Denn auch mich haben, nicht meine Geburt, aber
meine Schicksale zwischen die Rassen gestellt, und ich habe dort so viel
erlitten, da meine Gefhrtin mir von keiner Not berichten knnte, um
derenwillen sie nicht meine Gefhrtin wre. Ich habe sie mir verdient.

Pltzlich war Lola erschttert und stammelte mit feuchten Augen und ohne
mehr daran zu denken, da dies alles ihr selbst gelte:

Ich hoffe, Sie werden noch einmal glcklich.

Da erschrak sie und ging rascher dem Hause zu. Wie sie aber Tini
herbeilaufen sah, lachte sie auf. Als ob er mit der Sprache herausgekommen
wre! Aber das ntzte ihm jetzt nichts mehr. Sie wute setzt Bescheid, war
ihre Unruhe los und hatte die Sache in der Hand. Er hatte geworben.

                   *       *       *       *       *

Und nun ordnete sie sich im Gesprch ihm nicht mehr regelmig unter.

Sie widersprach ihm sogar vor den andern, stimmte Gwinner bei. Spter unter
vier Augen zeigte sie sich weich und nachgiebig, und der gtige Spott ihres
Blickes und ihrer Stimme gab ihm zu verstehen, er wisse wohl selbst, da
alles sich verndert habe; aber was sie tue, bedeute Gunst.

Das Bedrfnis war ihr gekommen, ihn anzuzweifeln und anzugreifen. Sie
fhrte ihre Spazierwege mglichst dicht an Bauernhfen vorbei.

Da sind nun die hndischen Gendarmen, die Sie so hassen. Ja, der hat noch
ein robustes Gewissen.

Er mute sie und sich, fortwhrend mit Steinen werfend, aus der Nhe des
schnappenden Bellers retten.

Jetzt knnten wir Ihren Revolver brauchen, wenn Sie nicht selbst vor ihm
Furcht gehabt htten.

Und auf sein niedergeschlagenes Lachen, pltzlich ganz ergriffen:

Bitte, verzeihen Sie mir!

Einmal ging er unentschlossen an einer alten Frau vorbei, die gebettelt
hatte.

Sind Sie geizig?

Er antwortete:

Ich schme mich der berlegenheit in der Gebrde des Almosengebens; schme
mich des kleinen Schauers von Selbstzufriedenheit und trgerischem
Gtegefhl, der den Geber berrinnt.

Immer finden Sie schne Worte. Vielleicht sind Sie doch geizig?

Wenn Sie mich nicht verstehen knnen --

Ein unfreundliches Schweigen brach herein. Erst bei der Ankunft flsterte
Lola hastig:

Ich habe Sie sehr gut verstanden und glaube Ihnen auch. Aber ich bin
manchmal nervs.

Er fiel ihr ins Wort, strmisch vor Reue:

Ich htte geben sollen! Naiv oder mit Scham: ich htte geben sollen!

Aber ich habe Sie verstanden wiederholte Lola.

Denn was er uerte, fand sie, wenn ihr's auch bestimmt noch keiner gesagt
hatte, alles ganz vertraut. Es waren Selbstverstndlichkeiten, an die sie
bisher nicht gedacht hatte. Er selbst -- immer nher fhlte sie's, da sie
ihn schon gekannt habe: seine gewohnte Geste nach den Brauen hin, seinen
Trumergang, den Fall seiner Stimme. Ein Weg, den sie durchschritten,
konnte sie stutzig machen: Wann war ich hier? Und einmal, wie die Sonne
auf eine lange Hecke fiel, erinnerte sie sich pltzlich auf das
Dringlichste einer Landschaft, die sie irgendwann einmal im Traum gesehen
haben mute: darin war alles dmmerig und nur eine Reihe von Bschen grell
beschienen gewesen, und es war genau diese gewesen.

Was zwischen ihnen vorgehe, qulte sie nicht mehr. Sie lchelte, als er
sagte:

Wenn irgend Aussicht gewesen wre: in Sie htte ich mich sehr verlieben
knnen.

Sie wute, er verstecke sich. Aber das alles hatte Zeit . . . Und
inzwischen genossen sie ein pflichtenloses Gefhl der Zusammengehrigkeit
inmitten Fremder. Ihre Geister rhrten bei einander an alles; sie suchten
in jeder Erde nach Edelsteinen und waren froh, wenn sie auf einen Kiesel
stieen, an dessen Gleichen sie sich beide schon einmal verwundet hatten.




IV


Da, eines Abends, hatte Lola gleich beim Betreten des Ezimmers die
Empfindung, am Tisch sitze einer mehr; -- und noch bevor sie ihn
herausgefunden hatte, schnellte jemand empor, und machte eine
ausdrucksvollere Verbeugung, als sie seit Wochen zu sehen bekommen hatte.
Sie erschrak.

Conte Cesare Augusto Pardi aus Florenz, mein Vetter, sagte die Barone
Thekla. Er hat uns berrascht.

Lola fate sich und lchelte ein wenig spttisch. Sie dachte: Die Art ist
also inzwischen noch nicht ausgestorben? Dann wandte sie sich an Arnold.
Aber es strte sie, da niemand sprach als der Italiener und Mai. Glcklich
zwitschernd flog Mais Stimme um den Tisch; endlich hatte sie wieder jemand,
mit dem sie sich gelufig verstndigen konnte. Alle sahen ihnen suchend auf
die Mnder: es ging viel zu rasch; und Lola mute mitten aus ihren Worten
an Arnold, die stockten, hinberhorchen. Diese anbetende Stimme, die einen
einwickelte! Merkwrdig, da ich das vergessen hatte! Ohne hinzusehen,
wute sie sein schmelzendes Lcheln. Brauen in einer graden Linie, Wimpern,
die schwarz herausstachen aus dem lebenglhenden Marmorgesicht, und rot und
dick darin aufbrechend die Lippen: Alles hatte sie vor sich, nun sie die
Stimme hrte. War's etwa nicht so? . . . Und kaum da ihr Kopf eine
Viertelwendung machte, griff der Italiener zu.

Gndiges Frulein, Ihre Mama und ich entdecken eine Menge gemeinsamer
Bekannten . . .

Lola erinnerte sich einiger, aber ohne Begeisterung; und mit
Geringschtzung sah sie sich dazu das se Spiel seiner Augen an. Mach nur
deine Mtzchen! Gugigl warf ironische Blicke dazwischen; pltzlich schnitt
er ein Gesicht und fragte, ob die Rede von Zuckerwerk sei. Die Damen
kicherten. Pardi hatte nicht verstanden. Er blieb s; und doch ging in
seinem Lcheln jh ein Hinterhalt auf, eine Drohung. Gugigl bekam eine
treuherzige Miene. Darauf verbeugte Pardi sich ein wenig, als habe er
Genugtuung erhalten, -- und wendete sich wieder Lola zu.

Sie sprachen weiter, indes alles schwieg, Tini den Mund offen behielt und
Gwinner demtig herbergrinste. Pardi zog seine Cousine, Frau Gugigl und
den Baron Utting herbei, aber alle blieben unterwegs liegen; und sein
Gesprch mit Mai und Lola lief von selbst weiter. Es rgerte Lola; ohne
Umstnde kehrte sie zu Arnold zurck. Er schrak von seinem Teller auf, und
sie sah ihn in groer Unsicherheit. Er stotterte; sie zwang sich zur Geduld
und gab ihren Worten einen Ton, als rede sie einem Kinde Mut ein. Dabei
fing sie einen Blick auf, den er mit dem Italiener wechselte. Von drben,
aus Pardis gewlbten Augen, die alles sahen, kam ein abschtzender, schon
spttischer, und hben wich er wehrlos aus. Lola sprach lauter: als wollte
sie die Blicke berschreien. Pltzlich dachte sie: Es ist auch wirklich
kein Staat mit ihm zu machen; und brach ab. Sofort setzte Pardi wieder
ein.

Am Morgen darauf saen um neun Uhr die Damen noch beim Frhstck. Pardi
unterhielt sie von Afrika. Denn er hatte Adua mitgemacht, sich wie ein Lwe
geschlagen, sagte er; war spter, als Gefangener des Negus, der einzige
gewesen, sagte er, der sich nie gebeugt, der Gewalt hartnckig widerstanden
hatte und ihr immer nur auf Zureden der mitgefangenen Offiziere gewichen
war . . . Die Barone Thekla, Frau Gugigl, Tini und Mai warfen einander
Blicke zu, die erstaunt glnzten: wie die von Kindern, die nach der
Bescherung erwacht sind. Jedes hlt die eigenen Geschenke fr die
schnsten, und alle sind glcklich. Pardi hatte schon jede von ihnen zu
berzeugen gewut, da besonders ihr sein Feuer gelte. Sie waren in
Verzckung vor dem Schmelz seines Wesens und dachten nicht daran, es ihm
anzurechnen, da ihm alle hiesigen Begriffe fehlten. Er bewunderte seine
Cousine in ihrer Buerinnentracht, wie einen verkleideten Backfisch. Tini
brachte er, nur mit Augen und Hnden dahin, da sie ber ihren Satz, der
Mann habe nichts voraus, selbst von Herzen lachte. Er nannte Frau Gugigls
Malerei eine reizende Unterhaltung, und anstatt wild aufzulachen, schnurrte
sie. Dann fhrte er Mai die Leute vor, die sie beide kannten: ein paar
Gesten, ein Fingerstrich ber sein Gesicht, da sich darunter verwandelte,
-- und nicht Mai nur, auch die andern sahen die Figur. Lola beobachtete ihn
mitrauisch. Pltzlich mute sie mitlachen, und da gab er ihr durch ganz
leichtes Neigen der Stirn und kaum merkliches Achselzucken zu verstehen,
da er ihre berlegenheit kenne und sie um Nachsicht bitte. Sofort hrte
sie auf zu lachen. Buffone! dachte sie; aber sie konnte nicht verhindern,
da es ihr schmeichelte.

Im selben Augenblick erschien Arnold in der Tr. Lola zuckte innerlich
zurck. Aber sie bemerkte, da er, in Verwirrung, noch keinen berblick
erlangt habe. Immer die Menschen, nicht? -- und sie sah weg. Wie er dann
keinen Anschlu an die Unterhaltung fand, stand sie auf, setzte sich neben
ihn, redete zu ihm ganz beiseite, als sollten alle wissen, wie vertraut sie
standen. Sie bat, er mge sie gleich nachher hinausbegleiten. Dann ging sie
auf ihr Zimmer und dachte: Nein! Ich kann ihn hchstens wie einen Bruder
gern haben.

Unterwegs begann er von dem Italiener.

Wie sich manchmal auf den ersten Blick eine Gegnerschaft erklrt! Da haben
Sie meinen geborenen Widersacher, den reinen Tatmenschen. Er hat noch
keinen Satz gedacht, dem nicht ein Schlag gefolgt wre.

Woher wissen Sie das? fragte Lola, die Brauen gefaltet; und doch war sie
berzeugt, es sei so. Die Einschchterung, erwiderte er, die solche Naturen
bei ihm bewirkten, sei ihm der sicherste Beweis. Und er belchelte sich
selbst. Lola ward gereizt durch seine Offenheit, die sie billig und
wrdelos fand. Sie erklrte, da sie sich's schon denken knne. Er mute
genau gehrt haben, wie hflich und ablehnend es klang; nur aus Mangel an
Geistesgegenwart blieb er bei dem Gegenstand, sprach er noch weiter so, als
wisse er sie auf seiner Seite. Da sei nun der Mann mit den sicheren
fraglosen Instinkten, der Mann alten Stils . . . und der uerste Vertreter
der Rasse.

Keine Beziehungen sind mglich zwischen seinesgleichen und unser einem:
das fhlt man gleich, nicht wahr?

Lola war voll Ungeduld, ihn aufzuhalten. Er kam wieder auf die Rassenliebe,
an die Frage, welche Frau er zu lieben habe, was ihr selbst fr ein Mann
bestimmt sei. Was geht ihn das an! Sie mute zugestehen, da manches
frhere Gesprch ihm Rechte gebe. Eigentlich ist nichts geschehen seitdem.
Was habe ich denn? . . . Ach, er ist taktlos! So redlich sie dagegen
ankmpfte, die schwerste bellaunigkeit senkte sich auf sie. Lola ging vor
sich hin, den Blick am Boden, und wnschte sich mit krankhafter
Dringlichkeit, dies nicht mehr zu hren, diesen los zu sein. Wenn sie
sprechen wollte, schienen die Kiefern aus Blei. Endlich brachte sie hervor:

Sie reden ber alles sehr klug.

Da stotterte er und brach ab. Sie gelangten nach Haus, zum erstenmal ohne
den nchsten Spaziergang verabredet zu haben. Ein Stck hinter ihnen
kehrten Mai und Pardi zurck. Lola blieb stehen; Arnold zgerte, dann
verabschiedete er sich.

Mai strahlte und plapperte.

Wir waren beim Wirtshaus und auf dem Friedhof. Zuerst haben die Bauern
einen begraben. Wir waren dabei, es war sehr hbsch. Dann haben sie sich
zum Trinken gesetzt und werden bis in die Nacht sitzen bleiben. Ich mchte
wissen, wann diese Fremden arbeiten. Der Conte Pardi hat mit einem
gewettet. Der Bauer will bis heute abend vierundzwanzig Liter trinken
. . .

Pardi lie Mai in die Veranda treten, zu der Gesellschaft.

Ihre Mama liebt das Gehen nicht; Sie aber haben, sehe ich, bestaubte
Schuhe.

Ich gehe gern nach dem Walde hinber.

Der Wald! Seine Khle! Das ist ein Ideal. Wissen Sie, da Sie selbst
Gedanken in mir erregen, die mit Waldesfrische verwandt sind?

Wie Sie mich kennen!

Einen Augenblick stutzte er und verfinsterte sich; aber der Argwohn, man
knnte ihn auslachen, ward gleich wieder von selbstgewisser Sigkeit aus
seiner Miene gelscht.

O! Sie mssen mir erlauben, Sie zu begleiten. Ich mchte dabei sein, wie
Sie die Rehe streicheln. Ich kann mir nicht denken, da Ihre kleinen Fe
die Blumen niedertreten.

Gegen Abend gingen sie und plauderten unausgesetzt, nur nicht von den
Dingen, die Pardi in Aussicht gestellt hatte: Wald, Blumen und Rehen. Er
trug eine Menge Klatsch vor, aus Viareggio, dem Bade, woher er kam und in
das er zurckkehren wollte. Dann kamen verachtungsvolle Klagen ber Frauen;
zornige Ausflle und unbedenkliche Entkleidungen; und dazwischen immer:

Sie sind anders. O, Sie knnen diese Abscheulichkeiten nicht einmal
verstehen!

Dagegen verstand Lola, da er, der durch die Verleumdung aller brigen ihre
Gesinnung zu gewinnen hoffte, auch sie jeder anderen geopfert htte.

Sie hrte zu und sprach unter fortwhrendem Vorbehalt, mit innerem Hohn,
als zu einem unzuverlssigen Partner, einem Feind; -- aber sie kam in Flu,
lachte erregt, bemerkte pltzlich selbst, da ihr Plappern gerade so
gedankenlos lebendig klang, wie heute mittag das von Mai. Es befremdete sie
kurz, dann fand sie sich ab. Immer alles abwgen, fr alles ganz
eintreten, wie mit Arnold, das ist auch nicht das Wahre, so bin ich auch
nicht. Sie war nun so, da Pardis Wesen sie hinri. Seine Art, das feste
Handgelenk zu schtteln, da die Goldkette daran klirrte, im Gehen mit
geschmeidigem Raubtiergriff einen Zweig herunterzureien, vermge des
gerundeten Armes, des zur Seite geneigten Kopfes ein Gefhl sichtbar zu
machen gleich einer Gestalt; seine Art, angesichts der Menschen, bei denen
sein Geist grade weilte, von ausgesuchter Hflichkeit jh in ungehemmte
Feindseligkeit umzuschlagen, die uerste Spannkraft seiner Gefhle und
seiner Mienen, die weiche Wildheit in ihm, das Sliche und das
Gefhrliche: seine Art nahm Lola dahin, als triebe sie in blumenberhuftem
Kahn auf einem Goldstrom, einem gedmpft reienden, neben dem Palste
aufflammen und ber dem ein starker Himmel flimmert. Keine Minute fate
sie, inmitten Gelchter und Lautenklang, Vertrauen. Der Kahn war wohl leck,
die Palste aus Pappe, und was den Flu bunt sprenkelte, nur Schlamm: --
aber inzwischen flo sie dahin.

Zu Hause fand sie Mai in belster Laune.

Man mu sagen, du nimmst wenig Rcksicht auf deine Mutter! Drei Wochen
schon langweile ich mich, dir zu gefallen, bei diesen schlecht Angezogenen.
Endlich zeigt sich ein Herr aus unserer Welt, und da fhrst du ihn den
ganzen Tag drauen im Schmutz herum. Aber du bist ein Charakter, der
anderen wenig gnnt!

Eine Szene, Mai? Wenn ich gewut htte, da du mitgehen wolltest --.

Verstelle dich nur! Habe ich dir nicht stets die grten Opfer gebracht?
Noch in Barcelona httest du heiraten knnen, wen immer du wolltest. Ich,
deine Mutter, wre zurckgetreten . . .

Mai schluchzte.

Beim Abendessen stellte sich heraus, da nicht sie allein eiferschtig war.
Die Barone Thekla schlug einen derb strafenden Ton gegen ihren Vetter an.
Frau Gugigl erinnerte ihn mit saurer Munterkeit daran, da sie alle
gemeinsam htten nach der Rmermauer gehen sollen. Lola beteuerte, da sie
die Verabredung berhrt habe.

Ja, ja, ich kann mir's denken! -- und Frau Gugigl versuchte, gutmtig zu
lachen.

Gwinner und Gugigl riefen einander, ohne jemand anzusehen, aber mit Ironie,
Prost zu.

Pardi fhrte einen geschmeidigen Kampf gegen die bittere Stimmung ringsum.
Seine Liebenswrdigkeit breitete sich aus, wie ein parfmierter Fcher. Nur
der alte Baron Utting und Arnold kamen seinen Werbungen entgegen: Arnold,
fand Lola, als ob er ihm dankbar dafr wre. Mai blieb beleidigt. Und Tini,
deren Augen noch nie so gro und schwarz, deren Gesicht noch nie so bleich
und gestreckt gewesen war, vereinigte Lola und den Italiener in einem
langen Blick, voll eines leidenschaftlichen Zweifels.

Gwinner antwortete sie gar nicht. Wie der alte Utting aus dem Zimmer ritt,
verlie auch Tini es, kam aber nach kurzem zurck und begann Pardi wegen
dessen anzugreifen, was er am Morgen zur Frauenfrage geuert hatte. Und
diesmal war sie nicht zu beschwichtigen, lie sich durch keinen Scherz
ablenken und stritt erbittert. Gugigl untersttzte sie. Dann fragte er
seine Frau, ob sie sich gewogen habe. Endlich scheine die Milchkur
anzuschlagen. Die Barone Thekla lachte; Gugigl habe sich verraten. Seine
Frau verteidigte ihn.

Ein leidlicher Friede kam zustande. Der Ausflug nach der Rmermauer ward
fr morgen neu angesetzt. Nur Mai blieb widerspenstig. Umsonst hielten alle
ihr die Seltsamkeit der Ausgrabung vor. Sie zog, das Gesicht ganz dick vom
Schmollen, ihr letztes Wort noch hin, im Innern glcklich, weil sie so
viele um sich bemht sah. Sie wisse schon, was dort ausgegraben werde.

Auch in Brasilien haben wir viele Rmersachen.

Pardi mute erst seine ganze Erobererkunst auf sie zusammenziehen; -- und
pltzlich platzte sie aus, wie ein Kind, das lange Zeit alle zum besten
gehalten hat.

Wie Lola in ihrem Zimmer war, zog sie die Tr hinter sich zu, lehnte sich
dagegen und sah darein, wie zum Geflacker der Kerze die Schatten tanzten.
Leer und ngstlich war ihr's; ihr Hals fhlte sich zugeschnrt an. Welch
ein nichtiger, verstimmter Tag, mit zuflligen und unerquicklichen
Menschen!

Was sollen mir dieser Italiener und dieser Deutsche?

Sie machten sich gegenseitig erstaunlich unwichtig, hoben einander auf. Man
ward mde und verstand sich selbst nicht mehr. Warum muten grade diese
beiden kommen? Drauen in der Welt waren noch so viele, so berwltigend
viele Gleichgltige . . . Sie ging ans Fenster und sah trostlos ins Dunkle,
Weite.

Nur damit es kleinliche Aufregungen und Krisen gibt.

Dann wandte man einander den Rcken, reiste weiter, alles entschwand, und
mit berdru sah man sich in neue, nichtsnutzige Dinge geraten.

Da gedachte sie jener Mondnacht, in der sie hier gestanden hatte. Sie war
mit Arnold durch das Land dort unten gewandert, das damals voll
entzckenden Truges gewesen war. Umgeben und erfllt von Bedeutungen hatte
sie sich gefhlt . . . Sie sphte hinaus, blickte ins Zimmer zurck: wie
alles unwichtig war! Frierend vor Einsamkeit, fiel sie mit geschlossenen,
trockenen Augen gegen das Fensterkreuz.

                   *       *       *       *       *

Gleich beim Erwachen hatte sie das Gefhl des Erwartens. Sie erwartete,
einer von ihnen werde sie holen, dem andern zuvorkommen, sie ihm entreien.
Vor sich selbst verborgen, wnschte sie, da es Arnold sei. Sie war
gespannt von Ehrgeiz fr ihn. Er sollte nun zeigen, wie er sich behauptete,
sollte ihr beweisen, da sie den rechten Freund gewhlt habe. Er sollte
sich messen mit jenem.

Niemand kam. Gegen Mittag begegnete sie Pardi und wich ihm aus, obwohl er
sie schon angerufen hatte. Dann war sie, bei Tisch, in Emprung gegen
beide: gegen Arnold, der vor Pardi errtete, und gegen den Italiener in
seiner banalen Sicherheit. Unversehens ging ihr auf, da seine Geste aus
lockerem Gelenk der des Spielers hnelte, der mit Karten hantiert.
Gleichzeitig sah sie Arnold seinen sorgenvollen, schwachen Griff zwischen
die Brauen tun; -- und sie hatte die Empfindung, als fhrten zwei Masken,
zwei Maschinen ihr ein vorausgesehenes, rmliches Scheinleben vor.

Es blieb bei der Fahrt nach der Rmermauer. Lola hielt es noch immer fr
unmglich, da Arnold sie gehen lasse. Jeden Augenblick mute er den Mund
ffnen und sie daran erinnern, da es schade sei, ihren gewohnten Waldgang
zu versumen. Als man aufstand, ohne da er gesprochen hatte, war ihr bel,
wie bei einem Verrat. Sie erklrte, nicht mitgehen zu knnen.

Du siehst wirklich nicht gut aus, sagte Frau Gugigl. Tini, bevor wir
aufbrechen, bringst du Lola einen Tee.

In ihrem Zimmer standen wieder seine Blumen! Welch Gestndnis kraftlosen
Verzichtes!

Tini trat zu ihr ein; sie hob die Augen fremd, feierlich und scheu vom
Teebrett.

Ich danke dir, Tini.

Keine Antwort. Das Silberzeug klirrte in der Stille; Tini wandte sich
. . . Da war sie mit einem schlanken Wurf auf den Knien vor Lolas Fen.
Die Arme um Lolas Hften, flsterte sie mit geschlossenen Augen, wie aus
einem leidenschaftlichen Traum:

Weit du noch, wie wir davon sprachen, da es so viele Millionen Menschen
gibt, und da doch einmal etwas geschehen kann, und da ich sicher glaubte,
du wrdest noch mal ein groes Glck haben? Siehst du, jetzt hast du's! O,
ich sehe wohl, da du es hast!

Und fort war sie. Lola sprte noch ihre wilde Umarmung, wie es auf der
Treppe schon wieder still war.

Als sie eine Stunde spter hinab in die Stube ging, wartete auf der
Schwelle Pardi. Er kte ihr die Hand und sagte:

Sie glaubten doch nicht, ich werde ohne Sie diesen Ausflug machen?
Natrlich habe ich Briefe vorgeschtzt, um Ihnen Gesellschaft leisten zu
drfen.

Und da er ihre abweisende Miene bemerkte:

Wie geht es Ihnen? Kann ich Ihnen in irgend etwas ntzlich sein?

Sind alle fort? Auch meine Mutter?

Ihre Mama und -- alle.

Ich mchte mich in den Garten setzen.

Ihre Blsse ist delizis. Ich schwrme fr die kleinen Krankheiten der
Frau . . .

Ich sehe scheulich aus.

Lachen Sie nur! Ich schwre Ihnen, da ich wei, was ich sage; da ich
auch wei, was ich will.

Das traf sie. Allerdings: dieser wute, was er wollte. Und sie widersprach
seinen Schmeicheleien nicht mehr. Was fr eine Stimme er hatte: biegsam,
zart, und doch aus gefhrlichem Stoff, -- wie ein Galanteriedegen. Zu
dieser Stunde, war sie versichert, sehnte Arnold, indes er Wohlgefallen an
der Rmermauer heuchelte, sich mutlos nach ihr, die seiner mit ganz ruhiger
Geringschtzung gedachte.

Als er ihr wieder vor Augen kam, konnte sie nur erstaunen ber das Ma von
Geniertheit und Mangel an Geistesgegenwart in all seinem Gehaben. Sie sah
Pardi an, ob nicht auch er erstaune. Den ganzen Nachmittag hatte sie Pardis
Fechterkrper sich um sie her biegen gesehen, so leicht und
selbstverstndlich in seiner Schlagfertigkeit, da nun Arnolds
Ungeschicklichkeiten ihr wie Kunststcke vorkamen. Sie erinnerte sich, eine
besondere Schnheit erfat zu haben in dem, der weltfremd und unterdrckt
war und erst frei ward, wenn er trumte. Die Schnheit war fort; und Lola
sprte Scham bei seiner Unschnheit, als sei sie daran mitschuldig.

Die folgenden Tage beobachtete sie Arnold neu, legte alles neu aus. Hatte
er nicht, so oft er auf jemand losgehen, sich Blicken, Urteilen preisgeben
mute, Bewegungen, als hielte er sich mhsam vom Davonlaufen zurck? Er war
feige. Er war unmnnlich in seinem Zurcktreten vor Pardi, in seinem
Errten, seinem Eifer, wenn der Italiener sich einmal mit ihm abgab. Er war
ein ngstlicher Egoist, immer in Sorge, sich mit jemand messen, seinen
traurigen Frieden aufgeben zu mssen. Das machte ihn kleinlich und
ungeners: jenen Vorfall mit der Bettlerin, der er nichts gab, htte Lola
nur von seinen schnen Worten unbestochen beurteilen sollen. Jetzt bemerkte
sie, wie er sich kleine Geldbetrge erstatten lie, die er fr die Gugigls
ausgelegt hatte. Sie bekam einen Schreck, so oft sie derartiges wahrnahm.
Alle, meinte sie, mten darauf aufmerksam werden und sie hhnisch ansehen:
sie, die solange mit ihm verbndet gewesen war. Fortan vermied sie es, sich
neben ihm zu zeigen; sein Anblick erbitterte sie, weil er sie getuscht
hatte; und mehrmals war sie drauf und dran, sich seine Blumen zu verbitten.

Bestndig war ihr's, als habe sie das alles schon einmal erlebt, und zwar
einfacher und deutlicher; als gliche dieser Arnold einem andern, und werde
durch jenen erst ganz aufgeklrt werden. Wie sie ihn eines Tages mit einem
faltigen Socken dasitzen sah, fiel's ihr ein: Herr Dietrich, ihr
Geschichtslehrer! Herr Dietrich, der schchtern und ironisch gewesen war,
und mit ihnen wie mit erwachsenen Damen gesprochen hatte. Der Mutter und
Geschwister unterhielt, und dessen Leben liebreich dahinflieen mute, voll
sanfter, gtiger, edler Gedanken. Dann aber war ihm ein gelber Strumpf ber
den schwarzen Schuh gerutscht; er hatte mit der dicken Jenny kokettiert;
und hatte Lola das Haar wieder weggenommen, das sie ihm aus dem rmel
gezupft hatte. So etwas tut man nicht! und gib's her! hatte er gesagt
. . . Die Lust berkam sie, Arnold in das entlarvte Gesicht zu lachen. Ob
er nicht der dicken Kchin im geheimen begehrliche Blicke nachwarf? Der
Strumpf rutschte ihm nun auch. Und er vertrat keinen guten Geschmack,
dieser Strumpf. Arnolds Anzug war manchmal schlechthin der des Herrn
Dietrich. Andere Male war er zu sehr das Gegenteil. Er bertrieb und
verweichlichte dann die Mode, in der Art italienischer Stutzer. Pardi war
mavoll dagegen; auch brachte er es nicht fertig, einen Lodenkragen dazu
anzuziehen. Arnold kleidete sich ungleich, wie jemand, der nicht wei, was
er aus sich machen soll, in welcher Gestalt er sich zeigen und fr wen er
selbst sich halten soll. Lola erinnerte sich all der Widersprche in seinen
Gesprchen; -- und sie bemerkte, da sie, mochte er ihr auch alles in sich
enthllt haben, doch kein fertiges Bild von ihm habe. Wenn er ihr das
Nchste erffnet hatte, war ihr das vorige schon nicht mehr gegenwrtig,
nicht mehr recht begreiflich: -- wie es mit unseren eigenen Erlebnissen
geht. Sie dachte: In ihm fliet alles durcheinander, wie sonst nur in mir
selbst. Von den anderen Menschen hat man doch immer einen kurzen, klaren
Abri.

Sie versuchte ihn abzutun: Er ist widerlich kompliziert. Er kennt keine
unmittelbare Regung. Niemals knnte er lieben.

Bei Pardi wute man wenigstens, was vorging: die einfachsten Triebe
wirkten, das Leben war frischer, ursprnglicher. Man gab sich nicht von
seinen Stimmungen Rechenschaft, und nicht von denen der Landschaft, durch
die man ging: man bewunderte darauf los, man hrte mit grundlosem Lachen
Komplimente an, die aufs Geratewohl gemacht wurden. Man trat in die
Bauernhuser, war mitteilsam, furchtlos und menschenfreundlich. Man
grbelte nicht ber Almosen. Wie sehr sehnte ich mich in meiner
schlimmsten Verlassenheit, unlngst auf dem Meer, nach dem Gefhl
menschlicher Gemeinschaft, nach einfacher Liebe zu Menschen! Hier war das
Wohlwollen, das aus Strke hervorging; waren entschlossene mnnliche
Meinungen, die aus der Frau keine groe Frage und nicht viel Federlesen mit
ihr machten. Manchmal lie man sich das gern gefallen, auch wenn man
widersprach. Man brauchte sich selbst nicht gar wichtig zu nehmen und hatte
es leichter. Warum nicht in diesem warmen Lebensstrom dahintreiben?

Und doch strte es sie in Pardis Gesellschaft, da sie einen Selteneren,
Wertvolleren in der Nhe wute. Sie wehrte sich. Ich bin doch jung. Und
sie emprte sich gegen Arnold, als htte er sie an ihrer Jugend, an den
Rechten ihrer zwanzig Jahre krzen wollen.

                   *       *       *       *       *

Wenn sie jetzt sang, ward unterm Fenster schallend mitgepfiffen; dann
erschien im hellen Rahmen Pardis Kopf; Pardi arbeitete sich herauf, schwang
sich lautlos ins Zimmer, strte mit keiner Regung mehr die Sngerin, die,
in Tnen befangen, das alles nur wie fernes Schattenspiel geahnt hatte; --
und nun sie endete, brach er in strmisch berzeugten Beifall aus. Seine
Begeisterung hatte Herzensklang; naiv gab er sich der Lust hin, die ihr
Gesang ihm erregte; und keinen Augenblick war er im Zweifel, da aller Welt
gefallen werde, was ihm gefiel.

Sie werden Glck haben, ich fhle das!

Aus der Flle seines Glaubens an sich selbst gab er Lola ab. Ihre Zukunft
zeigte sich auf einmal besonnt. Was will ich denn? Alles geht doch
herrlich! Wie konnte ich mir neulich einbilden lassen, die Stimme sei in
den Hals gerutscht und tremoliere? Denn sie hatte das Gefhl, da diese
ngste ihr nur von Arnold eingegeben seien. Auch Mai hatte es.

Siehst du jetzt, da du eine groe Sngerin bist? Als jener Deutsche wie
ein Stock dabeistand, mute er dich natrlich entmutigen!

Pardi schlug die Noten um; er flsterte ihr, ber sie gebeugt, in den
Nacken; und Mai bekam, in seinen Atem gehllt, starr lchelnde Augen. Auch
in ihrem Zimmer sah Lola sie abwesend lcheln. Mai hatte etwas Erweichtes
und Verwirrtes, seufzte oft und warf die Augen, wie zum Sprechen, auf Lola.
Doch schwieg sie, unter Nten.

Ist das Fltchen am Auge jetzt wirklich fort? fragte sie nach
stundenlangen Bemhungen vor dem Spiegel. Kann niemand sehen, da es
einmal da war?

berhaupt bist du wieder in einer Zeit, Mai, wo du alle Tage jnger
wirst.

Ein neuer Anbeter: und Mai verjngte sich. Wieder kam sie im Hemd, zum
Gutenachtku, an Lolas Bett, Vertraulichkeiten auszutauschen, als ltere
Schwester.

Ich glaube, Pardi liebt mich. Hast du nicht auch den Eindruck? Gestern den
ganzen Abend hat er sich mit mir unterhalten: die Anderen barsten; und
heute, wie er mich in der Hngematte schaukelte, hat er mir Dinge gesagt
. . .

Er sagt allen Dinge, Mai.

Mich aber liebt er: das ist ein Unterschied.

Wie so einer liebt! Du bist kindlich, Mai! Kannst du dir nicht denken, da
er im Dorf schon ein Verhltnis hat?

Wer sagt das?

Nein, erschrick nicht; ich wei nichts. Das aber mut wohl auch du sehen,
da er den anderen drei Frauen hier nicht weniger den Hof macht als dir.

Mai stutzte und lchelte frohlockend:

Ach so! Du bist eiferschtig auf mich?

Aber da sie Lola errten sah, warf sie ihr die Arme um den Leib, und ihre
Stimme feuchtete sich.

Du liebst ihn! Ich will nicht deinem Glck im Wege sein! Ich opfere mich!

Lola machte sich zornig los.

Darum handelt sich's nicht, Mai. Hast du nicht bemerkt, da er den ganzen
Nachmittag mit seiner Cousine fort war? Sie sind bei der Heuernte gewesen;
sie haben im Heu gesessen und, was wei ich: Bier getrunken.

Das ist schrecklich! -- und Mai stampfte auf. Er wird erfahren, da man
mich nicht zum Besten hlt!

Sei kein Kind, Mai! Die Baronesse Thekla ist vernnftig genug, und sie
wei, da er der Marie halbnackt Modell steht und mit der kleinen Tini --

Halbnackt!

Mais Aufschrei erbarmte Lola. Sie trocknete ihr die Trnen, herzte und
trstete sie.

Den Eindruck habe ich zwar doch, da du, Mai, ihm am meisten gefllst von
uns allen. Ihr versteht euch am besten, weit du.

Nicht wahr? -- und Mai lie sich zu Bett bringen.

Mchtest du denn Kontessa Pardi werden, Mai? Die Frau von Cesare Augusto
Pardi? Welch stolzer Name!

Wer wei . . . Vielleicht. Aber nur, wenn du es nicht mchtest.

Ausgeschlossen, Mai. Ich knnte ihn niemals lieben.

Warum lieben? Lola berlegte es oft: was gab es Persnliches an Pardi zu
lieben? Mit diesem Typus bin ich doch wohl glcklich fertig. Alle waren
so, Da Silva und die frheren. Und da ich jene losgeworden bin und auch Da
Silva entbehren kann --. In manchen Augenblicken und besonders einmal, als
Pardi gelaufen kam: gierig wie ein Tier, ganz auf das Ziel zusammengezogen
war er dahergelaufen: da hatte sie geglaubt, Da Silva zu sehen. Sie fhrte
absichtlich dieselben Gesprche mit Pardi wie mit Da Silva, und wute seine
Antworten voraus. Da er von Emanzipation schon gehrt hatte, wunderte
sie . . . Nur stand hier der Typus auf der Hhe des Lebens, war gereist und
vollendet: aber nicht gesttigt. Immer noch waren seine uerungen auf eine
Art, die Lola merkwrdig stark zum Kampf reizte, aus Abenteurerhaftem und
Philisterei gemischt.

Gleichviel: Lola htte es nicht rhmlich gefunden, in den sich zu
verlieben, dem links und rechts die Frauen zufallen muten, der ber alle
die gleiche, beschmend sinnliche Macht erlangte. Sie sprte eiferschtiges
Unbehagen, wenn sie eine der anderen bei Pardi glnzendere Augen und
schmachtendes Wesen bekommen sah; -- und gleichzeitig schmte sie sich.

Der Italiener erhielt fortwhrend alle in Bewegung. Whrend die eine noch
mit vertrumten Wangen umherging, triumphierte schon eine andere; und die
dritte, die zurckkehrte, ward mit Unruhe gemustert. Mai schmollte halbe
Tage, lachte dann wieder alle aus, und am Abend hatte sie eine Trnenkrise.
Die Baronesse Thekla fluchte auf bayrisch und kam wenig mehr nach Haus.
Frau Gugigl ntigte Tini, mit ihr, nach ihren Einfllen und von der Mode
unabhngig, Hte aufzuputzen. Sie trug den Zopf als Fladen an die linke
Schlfe gedrckt und entlieh von den Buerinnen die dicken Goldlitzen aus
dem gromtterlichen Hochzeitsstaat, um sich Pardi in knstlerischen
Gewndern vorzufhren. ber Mais und Lolas Abhngigkeit von Paris gnnte
sie sich jetzt spitze Bemerkungen. Saen alle in der Stube, enthllte sich
hier und da, kurz und halblaut, eine Feindseligkeit. Mai wollte die Lden
fast geschlossen, die Barone Thekla alles weit offen, und beide
erbitterten sich gegen Tini, weil ihr jedes Licht recht war. Frau Gugigl
verlangte ungewohnte Rcksichten von Lola, die nicht verheiratet sei.
Mnnerschritte wurden hrbar: und sogleich lief ein knstlich angeregtes
Lachen um. Dann waren's nur Gugigl und Gwinner, und sie wurden mit
Geringschtzung empfangen.

Sie rchten sich, nun er nicht dabei war, an dem, der sie verdrngte und
kleinlaut machte.

Wo is denn der Katzlmacher? fragte zuerst Gugigl, und bat mit gutmtigem
Grinsen der Barone Thekla die Krnkung ihres Vetters ab. Sie hatte nichts
dagegen, der anderen wegen, die es in ihren Gefhlen verletzte. Und jede
lachte mit: weil sie den brigen einen Stich gnnte, und auch, um sich
gegen Pardi zu waffnen. Wie Gugigl doch komisch war! Der galante
Ratzifatzi, verkndete er und krmmte sich wie eine betrunkene Schlange
und das Gesicht von Sigkeit ganz verrenkt, um die Damen her. Ja, so war
Pardi eigentlich! Gwinner legte, den runden Kopf vorsichtig zwischen den
hohen Schultern, Eier um sie her, die Witze waren. Er sagte:

Alles gleicht sich aus. Wenn ich solchen bermenschlichen Schick sehe,
denke ich immer an Lcher im Hemd.

Er wiederholte dies hufig, gab Rtsel auf, deren Lsung ein Loch im Hemd
Pardis war, beteuerte jede seiner Behauptungen bei den Lchern im Hemd
des Pardi. In Pardis Gegenwart umschrieb er: Bei den Lchern, Sie wissen
schon in wessen Hemd. Die Damen kicherten verlegen; Pardi, der umsonst
aufhorchte, lachte mit, ein Lachen, das sie rhrte, und bei dem sie ihm,
wie um Verzeihung, zunickten. Er stutzte, ward pltzlich ernst. Das nchste
Mal, als er die rtselhaften Laute fallen und die Mienen wieder so
verdchtig mitleidig sah, schlug sein bezauberndes Lcheln unvermittelt in
eine breite, katzenhafte Drohung um. Die Damen erschraken, Gwinner machte
eine kleine demtige Verbeugung. Aber Gugigl, der soeben seinen Makrug
geleert hatte, richtete sich khn auf, strich mit der Hand ber den
feuchten Bart und blickte gefat und kundig umher, als sei er er bereit,
Hand anzulegen, wo es fehlte: ein Fa Bier anzuzapfen oder einem Huhn den
Kopf umzudrehen.

Was is denn? fragte er, inmitten der Stille, mit hoher Trompetenstimme.
Hier hat doch berhaupt gar niemand Lcher im Hemd.

Pardi fate jetzt ihn ins Auge. Gugigl schmetterte prahlerisch:

Und Katzlmacher gibt's hier auch keinen!

Sie meinen? fragte Pardi. Was, bitte?

Seine Cousine schlug auf den Tisch. Ihre nackten, gebrunten Arme lagen
darauf; sie beugte sich weit darber und sah aus, als erstickte sie: so
voll zornigen Vergngens war sie. Das war eine Hetz! Am End' ward noch
gerauft!

Dummer Bua, _dich_ meint er! schrie sie ihrem Vetter ins Gesicht.

Er verbeugte sich leicht vor ihr. Pltzlich trug er das liebenswrdigste
Lcheln, wandte sich an Mai, an Arnold . . . Gugigl, den er nicht mehr
beachtete, nahm groe Schlucke. In allzu geruschvoller Heiterkeit endete
das Mittagessen. Wie man aufgestanden war, wurden Gugigl und Pardi vermit.
Tini strzte herein, die Augen erweitert von banger und wilder
Feierlichkeit.

Sie sind drauen. Sie wollen sich schlagen!

Wer? Bist du verrckt?

Pardi verlangt es!

Himmel! machte Frau Gugigl, mit einer kleinen, irren Stimme, die
Schultern hinausgezogen und die geschlossene Hand am Mundwinkel. Die
Barone Thekla warf barsch hin:

Blde Mannsbilder, blde!

Mai, die nichts begriff, lachte ber sie. Aber Lola gewahrte Gwinner, der
aus einem unbeteiligten Winkel herschielte. In einer Wallung von Ha, die
sie selbst berraschte, und in dem jhen Drang, zu handeln, sich zu uern,
ging sie auf ihn los.

Da haben Sie's! Sind Sie zufrieden? Das kommt von Ihren unanstndigen
Witzeleien! So unanstndig wie billig! Jemand braucht nur elegant angezogen
zu sein --

Sie erschrak und brach ab. Gwinner hatte sie demtig, bla feixend
angehrt; und von den anderen, die Lolas Ausbruch sicher verstanden hatten,
legte niemand ihm Gewicht bei, so verstrt waren alle. Lola selbst atmete
rascher. Ihr fiel ein, da Frau Gugigl und die Barone Thekla zu ihrem Mann
und ihrem Vetter hinausmten; -- und dann trat sie selbst in die Haustr
und beobachtete, wie die beiden Frauen, an die Arme der Mnner gehngt, auf
sie einsprachen.

Da polterte es auf der Brcke zum Schlafzimmer des Barons Utting; der
Pferdekopf erschien an der Hausecke; und neben dem Tier ging Arnold. Der
Alte ritt hinber, vor die ffnung des Baumganges, beugte sich vom Pferd,
legte die Hnde auf die Schultern der beiden Gegner. Sein groer heller
Bart stieg in der Sonne auf und nieder. Die Gesichter blinzelten, mit
scharfen Schlagschatten, zu ihm hinauf. Frau Gugigl flatterte, unter den
kleinen, bunten Flgelschlgen ihrer weiten Hngermel, um die eifrige
Gruppe.

Nun schien es dem Alten gelungen, er wandte das Pferd. Lola kehrte ins
Zimmer zurck. Gleich nach ihr kam Gugigl, hob die Arme, schnitt Fratzen
und krhte darauf los:

Mir war's g'nua! Eine Courasch wenn der Katzlmacher hat!

Der Anblick seines Makruges gab ihm Festigkeit. Er ergriff ihn, stemmte
sich auf gespreizte Beine und hob ihn nervig an die Lippen. Die beiden
Frauen brachten Pardi herein; er mute mit Gugigl trinken. Er tat es unter
knirschendem Lcheln, richtete an die Damen einige galante Stze und
verschwand wieder. Man war besorgt und unzufrieden.

Ah! der strt die Gemtlichkeit! rief seine Cousine. Da sicht mer's, was
dees da drunt fr Bazi sein!

Gehn's, machen's doch an Witz! -- und Gugigl sah aus gerteten Augen
erbittert auf Gwinner.

Wissen Sie, warum er sich mit Ihnen schieen mchte? begann Gwinner
pnktlich. Damit auch Ihr Hemd Lcher kriegt!

Nur Frau Gugigl lachte. Tini fragte tiefernst, mit etwas Starrem im Ton:

Und Sie, Herr Gwinner? Wrden Sie sich schlagen?

Ach ja, das ist interessant! -- und Frau Gugigl hpfte empor. Wie stehen
wir eigentlich zu der Frage im allgemeinen?

Gwinner erklrte, er wrde solche Sache in zwei Minuten erledigt haben. Fr
ihn als modernen Menschen sei der Zweikampf ein einfacher Unfug und tief
unter seiner Wrde; -- und er erklrte es in so herausfordernder
Sprechweise, als htte er jedes Wort sogleich mit der Waffe vertreten. Frau
Gugigl stimmte begeistert zu. Tini stand ohne Regung; sie sagte langsam,
und jede Silbe ward von einer rtselhaften Schwere erschttert:

Das hatte ich von Ihnen nicht anders erwartet.

Lola wandte sich nach Arnold um.

Wie denken Sie?

ber den Zweikampf? . . . Ich habe vorhin eingegriffen, um einen zu
verhindern . . . Was mich betrifft: -- aus eigenem Drang wrde ich mich
vielleicht schlagen, nie um der Welt willen. Es mu jemand da sein, der
nicht mehr leben darf: dann ja . . . Aber wer hat so starke Affekte?
Vielleicht . . . Ich wei nicht, komme ich fr das Duell in Betracht? Alles
kann eintreten: auch da ich einen Orden erhalte oder ins Zuchthaus komme.
Nur kann ich mir's nicht vorstellen . . .

Ist er nicht zu komisch? fragte Frau Gugigl. Ihr Mann bemerkte:

Ah! Freunderl! Sie san g'scheit.

Und Lola schwieg, enttuscht. Sie hatte sich gewnscht, auch ihn verachten
zu drfen. Nein: er behielt das Recht, ihr Blumen, als Mahnungen, ins
Zimmer stellen . . .

                   *       *       *       *       *

Pltzlich stie Mai einen Schrei aus. Sie hatte begriffen, was vorgegangen
war! Nachtrglich kam alles in ihr in Wallung. Lola brachte sie hinauf. Wie
Lola dann am Fenster stand, sah sie, unvorbereitet, Pardi aus den Bschen
treten. Er stand grade unter ihr, ganz nahe: sie unterschied die
gestrubten schwarzen Hrchen auf der energischen Blsse seines Gesichts
und erschauerte, als werde sie von seinen Wimpern gekitzelt. Flsternd und
eindringlich, mit einer Art herrischen Flehens, verlangte er, da sie
hinunterkomme. Sie sah sich um: Mai hatte nichts gehrt; und sie ging,
leicht betubt.

Pardi erwartete sie am selben Fleck. Sie vermieden die Vorderseite des
Hauses und erreichten durch eine vorsichtig geffnete Seitenpforte den
lautlosen Wiesenboden.

Ich danke Ihnen! sagte Pardi, leise und strmisch. Wie sehr habe ich es
in diesem Augenblick ntig, zu jemand zu sprechen, der mich versteht! Ist
es zu glauben, da man hier die Dienstboten mit >Sie< anredet und sogar den
Kopf vor ihnen entblt?

Lola sah ihn rasch an, -- und dann konnte sie ihr Gelchter nicht mehr
dmmen. Er war zornig erstaunt.

Auch Sie? Lachen Sie doch nicht! Sie kennen diese Leute noch nicht. Alles
Sozialisten und Schlechterzogene! Man braucht nur ihre Kleidung anzusehen.
Die Schuhe und die Nase dieses Gugigl: beide krmmen sich nach oben.
Verkommen sind alle, berzeugungslos und feige. Sind das noch Mnner, die
ihren Frauen diese Sitten gestatten und diesen Ton? Wer stopft hier die
Socken? Mulier subiecta viro. Leugnen Sie es nicht! Ich wei, welche Ideen
Ihnen jener Hlzerne, Furchtsame, einzuimpfen trachtet. Aber sehen Sie nur
seine Hnde an, die immer weich werden und anschwellen . . .

Lolas Lachen brach ab.

Sie sind zu klug: Sie lassen sich nicht unglcklich machen. Glauben Sie
mir: die Frauen hier sind smtlich unglcklich. Man hat ihnen die Zgel
abgenommen, und allein wissen Sie nicht wohin und wie sich wehren . . . Sie
aber, was tun Sie hier? Sie sind doch strker als alle diese.

Er lie ihr den Vortritt auf das Brett ber einer sumpfigen Stelle. Aber am
Ende des Brettes trat sie in Wasser und wandte sich um. Auch er blieb
stehen.

Sie sind doch strker! wiederholte er und warf sich dabei selbst in die
Brust; und durch seinen leichten, engen Leinenrmel hindurch sah sie, da
er die Muskeln anspannte. Feindselig, auf ihrer Hut, fhrte sie ihren Blick
hinauf, bis in seine Augen; -- und in den sprachlosen Sekunden, die sie
einander musterten, war es ihr auf einmal heftig erleuchtet, nicht mit den
Hiesigen und nicht mit Arnold habe sie Zusammenhang . . . Sie erschrak ber
den Leichtsinn, mit dem sie zu dieser Begegnung ausgegangen war, und
darber, da sie noch soeben gelacht hatte.

Also kehren wir um!

Haben Sie Furcht?

Wovor denn? Die Wiese ist ungangbar. Vor Ihnen doch nicht? Sie sind ja
noch einer von den Rittern.

Ein Jger, sagen Sie! Der Mann ist Jger.

Da sie schwieg:

Ihre Mama spricht davon, nach Italien zu gehen. Sie werden mir hoffentlich
bald nachkommen. Denn Sie begreifen, da ich nach dem Vorgefallenen nur
noch der Form wegen zwei Tage mit der Abreise warte. Wir mssen uns aber
wiedersehen!

Es wird mich freuen, wenn es sich so macht.

Nein! Wir selbst mssen es machen! Ich gehe nach Viareggio; aber ein
Telegramm, und ich fahre Ihnen entgegen, wie weit Sie wollen!

Ich begreife gar nicht . . .

Sie begreifen vollkommen, da Sie zu uns gehren. Warum? Warum? Erstens
haben Sie eine gute Schneiderin.

Das allerdings.

Und dann viel Leidenschaft.

Das ist nicht wahr!

Das Temperament, womit Sie's leugnen! So viel bringt man hierzulande
hchstens auf, wenn man getrunken hat.

Er neigte den Kopf auf die Schulter.

Sie sind anbetungswrdig.

Sagten Sie nicht, da Sie Jger seien? Wirtlich, manchmal sind Sie wie ein
Jger, der sein Wild gerhrt bewundert, bevor er es totschiet.

                   *       *       *       *       *

Sie waren bei der Pforte. Lola dachte daran, wie sie ihn los werde, bevor
man sie she: da verabschiedete er sich; er gehe noch nach dem Walde.

Hinter einem Busch rief Tinis Stimme, und sie klang erstickt:

Komm her, Lola, ich mu mit dir reden!

Was ist denn, Tini? Wie hast du dich komisch hingesetzt?

Tini sa neben einer Bank, fast unter ihr; griff mit ihren langen Armen um
das Sitzbrett herum und hielt den Mund in die Arme gepret.

Lola, wie ist nun alles schrecklich! jammerte sie und hob nur die Augen
auf. Warum muten sie in Streit kommen! Jetzt hab' ich gesehen, da
Gwinner ein Feigling ist.

Lola lie sich rasch neben Tini auf die Knie, zog Tini in ihre Arme, hielt
ihr den Mund mit ihren Lippen zu.

Er ist kein Feigling, arme Tini! Wie kannst du nur glauben! Er will keine
Gewalttat begehen, weil er sie ungerecht und unschn findet.

Du willst mich trsten. Aufschluchzend: Du bist gut. Aber das ist doch
klar, da Pardi ein strkerer Mann ist. Und dann kann mir die moderne
Weltanschauung auch nichts ntzen, wenn einer sich nicht schlgt. Denke
dir, man wird beleidigt, und er schlgt sich nicht fr mich. Schrecklich!
Schrecklich!

Der Schmerz schttelte Tinis Kopf, und das Weinen verzerrte ihr Gesicht zu
einer Kindergrimasse.

Du hast ihn wohl sehr lieb gehabt, Tini?

Tini schrak auf, -- und pltzlich fiel sie in Zorn.

Nicht die Spur! Nur mit Reden hat er mir imponiert, gerade wie -- na, ich
kann's wohl sagen: gerade wie der Arnold dir!

Lola lie Tini los; schnell, ehe sie die Krnkung, die sie fhlte, bedacht
hatte:

Der taugt doch wohl mehr, Tini.

Wieso?

Beide senkten die Hnde bis zur Erde, und, Tini sitzend, Lola auf den
Knien, sahen sie einander ganz nahe in die Augen.

Hat er vor Pardi nicht Reiaus genommen? Meinst du, ich merke nicht, was
du durchmachst? . . . Und ich mit Gwinner! Du weit noch gar nicht: ich
wollte Diakonissin werden, so fromm war ich. Immer hab' ich mich geschmt,
es dir zu sagen. Er aber hat mir Nietzsche zu lesen gegeben und mir soviel
Sprche gemacht, bis ich glcklich ein modernes Weib war. Da hab' ich nicht
mehr gewut, bin ich in ihn verliebt? Ich fragte dich doch, an was man's
kennt! Und wollte, da er mich entfhren sollte. Er sagte natrlich, es sei
nicht modern. Das sagt er immer; damit redet er sich aus allem heraus:
gerade wie dein Arnold. So sind sie jetzt. Ich aber bin anders!

Und Lola sah wieder in die haltlos kreuzenden Augen eines wilden jungen
Vogels. Sie wich ein wenig zurck.

Da kam der Pardi, sagte Tini und nickte heftig. Das ist einer, der tte
es. Aber meinst du, da ich ihn mag? Er macht mir einen so gemeinen
Eindruck, Lola! Ich kann dich nicht genug vor ihm warnen!

Du bist noch sehr jung, Tini.

Aber schon furchtbar verdorben!

Mit einem groen Ruck:

Ich mu knien, ich!

Du, verdorben? -- und Lola streckte wieder die Arme aus. Durch was denn?
Nichts ist geschehen, arme Tini. Mit dir nicht und mit mir nicht . . .

Ganz neues, durchdringendes Mitleid fiel Lola an, mit Tini, mit sich: als
seien sie beide verschmht worden; und sie fhlte sich demselben haltlosen
Kinderweinen nahe, das vorhin Tini erschttert hatte. Gern htte sie Tini
wieder an ihrer Brust gehabt; aber Tini machte sich steif, und sie war
strker.

Was soll denn geschehen? fragte sie mit ganz leerem Jungfrauengesicht.
Wir haben doch unsere Gedanken, nicht? Und die sind nun anders und kommen
nicht mehr so wieder wie einst . . . Ich wollte, ich knnte noch
Diakonissin werden!

Und bekennerhaft zurckgeworfen, mit leidenschaftlichem Atem:

Es ist nicht wahr, da ich Pardi nicht mchte. Ich hab' dich gehat, und
deine Mama auch, und die anderen auch: weil ihr mir ihn wegnehmt!

Ich nehme ihn dir nicht weg, Tini.

Doch! Gerade du! Pa auf, du wirst ihm folgen, wenn er fortgeht!

Wie Lola sie mit Grauen ansah, warf Tini sich ber sie.

Und ich -- krampfhaft, erstickt: -- werde dir dazu helfen. Du sollst
sehen! Denn dich will ich nicht hassen, Lola. Du bist die einzige, die ich
wirklich liebe, Lola: du bist mein Ideal . . . Mit den Mnnern ist es
nichts . . .

Durch Trnen befreit, begann sie ein Liebkosen.

Warum liebst du mich nicht?

Ich habe dich so lieb wie meine liebste Schwester.

Wirklich? Ich dich aber viel mehr! Schwester: was heit das? . . . Und
warum hast du mir nie ein Wort des Dankes fr meine Blumen gesagt?

Deine Blumen?

Die ich dir fast jeden Tag hingestellt habe.

Du hast --. Das warst du?

Wer sonst? . . . Ach! Arnold? Du dachtest? . . . O! Mach nicht solch
Gesicht! Das ist entsetzlich! Ich wollte, ich htte nichts gesagt.
Vielleicht hat auch er welche hingestellt . . . Bist du mir nun bse?

Lola fate sich.

Es macht gar nichts. Ich dachte wahrhaftig, er sei verliebt in mich; --
und wenn man dann merkt, er ist es nicht, ist man blamiert, weit du.

Tini hielt Lolas Gesicht zwischen den Handflchen fest und ging mit den
Augen darauf los.

Und du liebst ihn nicht?

Nein!

Das ist recht: du hast nicht gezuckt . . . Hab' ich dir nicht lngst
gesagt, da er mir widerwrtig ist? Und auch unheimlich? Das ist nichts fr
dich, meine Lola. Ich habe jetzt meine Erfahrungen, und wenn du einen Mann
willst, nimm schon lieber den Pardi!

Ich will mir's berlegen.

Lola stand auf. Tini fiel vornber auf die Hnde.

Au au! Hilf mir auf, Lola! Hast du dir nicht auch die Steine in die Knie
gedrckt?

Mit wehmtigem Rckblick auf die Stelle, wo sie gelegen hatten, und
aufseufzend:

Wenigstens hab' ich Hunger gekriegt.

                   *       *       *       *       *

Auf der Schwelle, wie sie schon wieder die gewohnten Menschen um denselben
Tisch sitzen sah, merkte Lola, da sie am liebsten umgekehrt wre. Alle
Anstrengungen, unbefangen zu scheinen, ermglichten ihr kaum, hflich zu
bleiben; und es ward ihr zur Qual, beim Sprechen den Leuten ins Gesicht zu
sehen. Zum Glck war die Verstimmung allgemein. Jeder nahm sich sichtlich
zusammen, um nicht auszubrechen gegen jeden. Mai sagte pltzlich etwas
Unliebsames zu Arnold. Pardi legte sich geschmeidig ins Mittel: er war der
einzige, der sich nichts anmerken lie; und Lola war ihm dankbar dafr, da
er sich in der Gewalt hatte. Wenn er sie anredete, atmete sie auf.

Er unterhielt die Gesellschaft von Monte Carlo, erklrte ihnen sein System,
glitt allmhlich von den anderen ab und trachtete nur noch Lola zu
berzeugen. berrascht, da sie zurckblieb:

Sie haben nie gespielt?

Ich traue mir kein Glck zu.

Das mssen Sie: sonst verlieren Sie.

Drum habe ich nie auch nur das einfachste Kartenspiel gelernt.

Ich zeige Ihnen eins. Wollen Sie? Sie werden gewinnen!

Sie richteten sich im Winkel ein. Aber die Regeln des Whist machten Lola
hoffnungslose Langeweile; sie mute dazwischen nach Gwinner hinhren, der
wieder einmal Schriftzge und Handflchen deutete. Tini hielt ihm ihre hin
und machte sich dabei, weit von ihm weggebeugt, ganz steif.

Bei mir mu sich manches grndlich verndert haben, sagte sie fast
ausdruckslos, vielleicht mit leiser Trauer und entferntem Hohn.

Er stotterte, fand nichts zu sagen; und von der Hand aufzusehen, wagte er
auch nicht.

Doch, ich wei eins, entdeckte Lola pltzlich. Ein sehr altes, ganz
einfaches: als Kind lernte ich es von meiner Gromutter, drben auf der
Groen Insel. Lassen Sie mich's wiedersuchen!

Sie warf die Karten durcheinander, teilte sie neu aus, probierte, dachte
nach . . . Ihr war, als zge sie ein Stck Kindheit wieder an sich,
abhanden gekommenes Glck und verlernte Zuversicht. Ein etwas migelauntes
altes Gesicht unter einer Faltenhaube erschien ihr. Erregt lachte sie vor
sich hin. Damals gewann ich immer! Alle Orangen gewann ich Gromama ab. O,
in diesem Spiel werde ich auch heute noch gewinnen!

So, also so: passen Sie auf! . . . Sie haben begriffen? Einen Pfennig die
Partie.

Pardi lachte, erklrte das Spiel fr sehr schwierig und verlor. Er verlor
mehrmals.

Ich bin unglcklich, solange das Glck keinen Gegenstand hat. Haben Sie
etwas dagegen, da wir diesem Pfennig den Wert einer Million beilegen?

Lola erschrak.

Aber -- das ist etwas ganz anderes. Und ich habe nicht so viel Geld.

Pardi wollte sich ausschtten.

Was denken Sie! Wenn das Spiel aus ist, wird der Pfennig wieder zum
Pfennig und verpflichtet zu nichts.

Also gut.

Sie schmte sich ihrer Furcht. Lachend verlor sie die erste Partie, lachend
die zweite.

Drei Millionen! sagte Pardi nach der dritten und sah sie, beim Geben, von
unten an. Sie stutzte. Seine Stimme klang ihr weicher und gefhrlicher als
sonst. Unter dem berfall eines kindischen Entsetzens glaubte sie seinen
Mund teuflisch verzogen zu sehen.

Sie verlor weiter. Betubt lie sie's geschehen und sah zu, wie seine allzu
geschickten, weien und starken Hnde mit Karten hantierten, das Kettchen
am Gelenk erklirren lieen, auf ein Papier ungeheure Zahlen setzten, die
sie verloren hatte . . .

Sind wir nicht Kinder?

Ja -- aber ich habe genug, ich bin mde.

Also sieben Millionen: merken Sie sich's. Vielleicht, da ich spter meine
Forderung einziehe.

Sie versuchte, noch im Weggehen, zu lachen. Aber in ihrem Zimmer schlo sie
die Lden, kmmte sich langsam und mochte noch lange das Licht nicht
lschen.

Wenn es nicht das alte Kinderspiel gewesen wre, in dem ich immer gewonnen
hatte!

Aber erklrte dies wirklich ihr Grauen vor dem Scherz, der ihr eine Schuld
an Pardi auferlegte: eine untilgbare, lebenslngliche?

                   *       *       *       *       *

Aus unruhigen Morgentrumen fuhr sie auf, unzufrieden, weil es schon so
spt war. Vor Tag, erinnerte sie sich, war sie schon einmal aufgestanden,
hatte das Fenster geffnet und sich versprochen, in der stillsten Frhe in
den Tau hinauszuwandern. Welche Erfrischung ihr das bringen sollte! Nun
lasteten Sonne und Leben schon wieder schwer. Um nicht mit Pardi
zusammenzutreffen, verzichtete sie auf das Frhstck, ging gleich ins Freie
und war froh, den Gugigls mit Tini und Gwinner zu begegnen, sich in den
Haufen bergen zu knnen. Auch Arnold war dabei, und wie die andern unter
sich beschftigt waren, begann er schon:

Sie sind dieser Tage in Unruhe . . .

Und das klang, als ob er Aufklrung, Ordnung fr alles wisse; und Lola
hielt sich schon vor, mit welchem Recht sie ihn verachten wolle, ihn
abgetan glaube. Die Blumen? Wann hatte er vorgegeben, ihr zu huldigen?

Da kam aber Frau Gugigl dazwischen. Etwas Wichtiges war im Gange. Gugigl
keuchte unter einem Sack: darin waren leere Farbentuben, deren Blei er
einschmelzen wollte. Den Kessel trug Gwinner. Er stellte ihn auf den
Grashgel. Tini und Frau Gugigl liefen nach Reisig. Gugigl leerte, unter
Kommandorufen an die Helfer, den Sack in den Kessel, beaufsichtigte,
entschlossenen Blickes, den Vorgang des Schmelzens, rhrte in dem Brei,
entfaltete, indes ihm die Frauen achtungsvoll zusahen, eine ernste und
gespannte Ttigkeit.

Einen Klump gibt's, einen groartigen! verhie er, heimlich fiebernd.

Gwinner fragte ihn wohlwollend und nicht besonders sachlich, wie einen
talentvollen Knaben:

Und wozu brauchen Sie eigentlich den Klumpen?

Gugigl wandte sich rasch und khn nach ihm um.

No -- damit i halt an Klump hab'!

Der Kbel Wasser, den er verlangt hatte, ward von zwei Mgden
herbeigeschleppt. Gugigl setzte ihn auf den Rand des Kessels. Alle reckten
im Kreise die Hlse.

Jetzt abkhlen! -- und er stlpte den Kbel um.

Im nchsten Augenblick taumelte Lola, die Augen zugedrckt, mit Tini
zusammen. Es hatte furchtbar geknallt, und noch immer flogen Bleistcke
umher. Mit Grauen kam man nher. Gugigl stand sprachlos da und zupfte sich
das Metall aus den Kleidern. Sein erstes Wort war:

O damisch!

Und das Gwinners:

Hat zufllig einer der Herrschaften noch seine beiden Augen?

Dann brach groe Heiterkeit an; -- und Lola war glcklich ber alles: da
es Menschen gab, die solchen Unsinn betrieben; da man lachen konnte, und
da man in Gefahr war; da etwas geschah und nicht in ihrem Innern geschah
. . .

                   *       *       *       *       *

Gegen Abend wollte sie, um auszugehen, wie immer, durch die Stube. Noch
rechtzeitig sah sie durch den Spalt und schrak zurck: da stand er. Wartete
er? Langweilte er sich einfach? Er nahm eine Zeitung, warf sie wieder hin,
ging zum Fenster und zurck, mit den Augen auf der Tr, hinter der Lola ihn
belauschte. Einen Moment frchtete sie, er bemerke sie: so wach war sein
Blick. Er wendete sich, streckte elegant die Bste, tat keine Bewegung, der
nicht eine Gesellschaft htte zusehen drfen. Lola dachte an Arnold,
damals, wie sie ihn mit sich selbst belauscht hatte. Pardi -- sie erkannte
es mit einer Art Grauen -- war nicht allein: war offenbar nie allein; war
immer in Gegenwart seiner Menschen, seiner -- Opfer, mute sie denken; war
immer sprungbereit. Keinen Augenblick verga er einen, und immer mute man
vor ihm auf der Hut sein . . . Vorsichtig ging sie von auen um die Stube
herum.

Von einem hohen Acker vor der Sonne, auf dem Heu gebunden ward, rief ihr
jemand nach, und wie sie noch umsonst hinaufblinzelte, lief die Barone
Thekla ihr entgegen. Droben kreischten die Dirnen; eine schrie hinter der
Laufenden her:

So eine reine Jungfrau als wie du!

Ich schwatze mit ihnen ber ihre Liebesgeschichten und stelle mich naiv,
sagte die Barone Thekla zu Lola. Dabei haben sie keine Ahnung, was ich
durchgemacht habe. Und sie begann von einem Leutnant . . . Vielleicht
hatten die Ereignisse, hatte die whlerische Stimmung des Hauses sie in
Flu gebracht. Vielleicht trieb es sie, Lola vorzufhren, da es ihr mit
Pardi nicht Ernst sei und sein Verschwinden an ihr nichts ndern werde.
Ausfhrlich klagte sie. Der Leutnant war zart und fein; auf einem Hofball
hatten sie sich kennen gelernt. Er konnte Schnadahpfln singen. Aber er
hatte kein Geld, und um sie zu trennen, war er in die Provinz versetzt
worden. Die Barone Thekla mochte keinen andern, sie hate die Gesellschaft
und wre lieber eine Bauernmagd gewesen.

Lola hrte dem zu und verachtete es. Sie verachtete die Trgerin dieser
landlufigen, billigen Schmerzen, und aus der Ferne beneidete sie sie auch.
Lieben, nicht glcklich werden drfen und sich trsten, wie es geht: damit
war man in der Ordnung und hatte es leicht. Aber zu einem Manne hingezogen
sein und ihn dabei hhnisch durchschauen! Aber seinem Gegner sich so nahe
fhlen als ihm! Aber nie wissen, ob man fr die Liebe gemacht ist, die doch
bereit wre, in einem aufzustehen! Sich selbst nicht trauen drfen! Geteilt
sein! Nirgends ganz zu Hause, seines Eigensten nicht habhaft, fragwrdig
und der Antwort auf immer unmchtig!

                   *       *       *       *       *

So ward es Abend. Glcklich der letzte Abend: und morgen ist er fort, und
ich werde aufatmen. Lola war lauter als sonst, weil sie Befangenheit
verbarg. Im Lauf des Pfnderspiels zog sie den Stuhl weg, auf den Gwinner
sich eben setzte, hob Gwinner mit erschrecktem Gelchter vom Boden auf und
lachte, indes er vor verwundeter Eitelkeit knirschte, haltlos weiter.

Dann sollte sie drauen ihre Aufgabe erwarten. Sie stand auf der Veranda,
vor dem Dunkel, das sternenlos und schwl war; -- und wie drinnen die
Beratung ein wenig lange whrte, nherte sich ihr die Versuchung, da hinaus
zu wandern, pltzlich alles abzuschtteln. Sie dachte daran nur wie an eine
bezaubernde Unmglichkeit, eine Entfhrung durch den Widderwagen, den,
schlimmer Werbungen mde, Prinzessin Eselshaut besteigt. Nur im Spiel ging
sie die Stufen hinunter, tastete einige Schritte durch den Garten . . . Sie
lauschte rckwrts: Stille; -- und lchelnd ber ihre unsinnige Tat und
immer noch als sei's nur Probe und ohne Belang, stie sie die Pforte auf,
machte ein Stck der Strae, die sie nicht sah . . . Nochmals blieb sie
stehen; ihr war's, sie werde gerufen; -- und da lief sie geradeaus, strzte
sich in das Dunkel, das so unwiderstehlich lockte mit seiner groen
Freiheit und Unempfindlichkeit.

Sollen sie denken, was sie mgen! Fr heute bin ich alles los!

Aber das Dunkel regte sich. Wie es zirpte und duftete! Welche lauen,
schwarzen Wellen einen umsplten! Warum habe ich nicht alle vorigen Nchte
solchen Spaziergang gemacht? Nie ist man wacher und nimmt freier auf als
wenn man allein ist. Ich will keine Menschen . . . Sie hielt eine Weile
an, um einen einzelnen Glockenschlag zu genieen. Langsam, berauschend
erfllte er ihr den Kopf. Wenn ich die ganze Nacht wandern wrde, wo mich
wohl die Sonne trfe? Seltsam, nichts erkenne ich wieder. Bin ich auf einen
unbekannten Weg geraten? Eine riesige Mannesgestalt stand vor ihr auf. Mit
dem nchsten Blick und noch zitternd unterschied sie einen Heuhaufen.
Hufiger blieb sie stehen und lauschte auf etwas Unbekanntes. Wenn nun
Schritte kamen? Jemand konnte ihr nacheilen. Nur natrlich war's, wenn man
sie suchte. Wer wird es sein? Und pltzlich: Wer jetzt zu mir stt, der
ist es!

Vor einem Walde zgerte sie lange. Dort innen ward ihr armer Weg vollends
erstickt. Jene regungslose Finsternis mute einem den Atem nehmen! Man fand
nicht mehr heraus! Aber der Wald war unerbittlich: er zog Lola an sich,
legte Arme um sie . . . Da, rasche Schritte: rasche und starke Schritte,
quer bers Feld. Und einer kam auf sie zu, das Dunkel durchbrechend.

Frulein Lola?

Pardi, selbstverstndlich. Der andere wird sich doch nicht aufraffen. Ich
konnte voraus wissen, wer von ihnen zu mir stoen wrde. Das bedeutet
natrlich nichts. Was fr eine dumme Wette das war!

Er war da.

Frulein Lola --

Er gab ihr, hier zuerst, ihren Namen. Sie griff sofort ein.

Sie haben es so eilig? Was gibt's denn?

Alle suchen Sie! Die anderen sind nach den brigen Richtungen.

Suchen mich? Ich begreife nicht, was man will. Wie oft bin ich des Abends
auf einige Minuten allein hinausgegangen.

Einige Minuten! Eine Stunde sind Sie fort, und niemand wei, was Ihnen
zugestoen ist.

So hat mir's heute mehr Spa gemacht als sonst. Und zustoen? Was denn?
Die Gegend ist sehr friedlich. berdies kenne ich jedes Haus am Wege.
Warten Sie: wenn wir durch den Wald sind, kommt links ein Holzhaufen und
dann ein Weg und ein Kruzifix.

Entschlossen betrat sie den Wald.

Auf diesem Baumstumpf habe ich oft genug gesessen. Die Form dort hinter
den Zweigen ist eine Holzfllerhtte. In dieser Zeit bernachtet meist
jemand darin . . . Alles sehr sicher und umsichtig. Sie ging, die Arme auf
den Rcken verschrnkt, dahin, indes Pardi stolperte, sich nicht zurecht
fand, auf nichts vorbereitet war. Und so oft er ihr mit einem Wort nher zu
kommen drohte:

Achten Sie auf den Weg!

Sie selbst war sich bewut, einen hchst gewagten zu gehen, fast schon
durch leere Luft; -- und in Gegenwart der wirklichen Gefahr sah sie keine
Phantome mehr, hatte den Traum abgeschttelt, das Spiel weggeworfen und
beaufsichtigte mit trockenem Mitrauen, was geschah.

Der Wald ist noch lang. Sie kennen ihn nicht, er ermdet Sie. Ich habe die
Absicht, bis ans nchste Dorf zu gehen: kehren Sie um, ich werde es nicht
belnehmen.

In vlliger Finsternis standen sie sich gegenber; aber Lola klopfte das
Herz vor bangem Stolz, weil sie ihn in dieser Minute so sehr unterlegen
wute, da er zgerte und ihren Vorschlag vielleicht annahm . . . Pltzlich
sah sie sein Gesicht aufschimmern. Beide wandten sich: ein Licht schwankte
um die Bume, Stimmen und Schritte waren unvermittelt da, eine rote Lache
lief ber den Weg herbei, und groe, dumpfe Schatten kamen mit.

Hinter mich! raunte Pardi und fate Lolas Arm. Sie hatte Furcht; und ihre
pltzliche Einschchterung und ihr Schutzbedrfnis geno sie lautlos, wie
ein schimpfliches Glcksgefhl.

Die Kommenden wurden kenntlich. Ein Greis hielt einen Mann aufrecht, der
ein blasses, wtendes Gesicht und Blut unter den Haaren und am Hemd hatte.
Eine Frau trug die Laterne und zog ein Kind nach. Da, ehe der Alte zugriff,
war der Mann gegen einen Baum getaumelt und sthnte auf. Pardi trat an sie
hinan. Lola ward sich bewut, auer Gefahr und in Menschennhe zu sein; und
sie zitterte ganz vom Nachlassen der Spannung, worin dieser Gang zu zweien
und im Finstern sie erhalten hatte.

Sie mute hin und die Erklrungen der Leute zu verstehen trachten. Der
Bauer sollte mit seinen Messerstichen zum Arzt geschafft werden. Seine
Betrunkenheit erschwerte das Vorwrtskommen nicht weniger als seine
Verletzungen. Der Alte war erschpft . . . Pardi machte seine Handbewegung,
zog das Jackett aus, warf es der Frau zu, -- und mit einem Ruck hatte er
den Mann auf den Schultern.

Vorwrts! Und munter, ohne Keuchen: Gndiges Frulein, Sie knnen mir
glauben, da es mir lieber gewesen wre, den Rckweg allein mit Ihnen zu
machen -- und im Dunkeln.

Wirklich? Aber Sie machen so eine viel bessere Figur!

Sie fand es selbstverstndlich, was er tat, mit solcher Leichtigkeit tat
er's, -- und doch sehr schn. Die schweiigen rmel des betrunkenen
Raufboldes engten ihm den Hals ein, verdarben ihm die Weste; die groen
schwarzen Hnde fuhren ihm bers Gesicht; die steifen Knochen des Bauern
rutschten, Pardi mute sie berall anpacken, sttzen, mute machen, da sie
mit seinen geschmeidigen Bewegungen mitglitten. Lola lachte auf.

Sie erinnern an einen Tiger, der den Bacchus trgt!

Er antwortete frhlich:

Ich will die Frau Gugigl bitten, uns zu malen.

Und sie bewunderte ihn vollends. O, er konnte auch Lachen vertragen: er
fhlte sich viel zu sehr in Ttigkeit und Kraft. Menschliche Schmerzen,
menschlicher Schmutz ekelten ihn nicht; er scheute nicht das feste Anpacken
menschlicher Krper. Er war selbst ein ganzer Mensch. Der andere war
keiner. Sie stellte sich vor, wie der sich hier benommen haben wrde. Ja:
den darf ich wirklich verachten! Dieser aber war stark, eigentlich war
nichts gegen ihn zu machen. Mit einer Art von Begeisterung erkannte sie es
an. Sie sagte zu den Leuten, da sie froh sein knnten, diesen Herrn
getroffen zu haben.

Wollen Sie denn nicht ausruhen? fragte sie ihn. Er brachte ein Nein
hervor, das sie wieder bewunderte. Dazwischen drang die Erkenntnis durch,
wie gefhrlich ihr zu Sinn sei. Sie wollte glauben: Er setzt sich in
Szene. Aber er fhrte nur vor, was ihm stand. brigens galt es gleich. Die
dunkle Masse des Dorfes wuchs schon heran. Jetzt war noch das Wiedersehen
mit den andern zu berstehen, die Erklrungen des Abenteuers, die
ffentlichen Belobungen fr Pardi, -- und morgen, Gott sei Dank, war's
ohnehin aus. Wenn ich aufwache, ist er fort.

                   *       *       *       *       *

Sie wachte auf, erinnerte sich und erschrak. Nun war er also fort. Whrend
ich geschlafen habe. Fast war's, als sei sie eingeschlafen, indes jemand
starb, und nun war er tot. Er war fort und so gut wie tot. Und sie fhlte
sich beklommen und unheimlich, wie nach einem Sterbefall, hatte keine Lust
aufzustehen und die Zimmer und die Wege wiederzusehen, in denen es jetzt
verlassen und gedrckt zugehen mute.

Sie trat sogleich ins Freie, sie mochte niemand treffen, von niemand
besttigt hren, da er fort sei. Vielleicht war er noch da? Es war schwer
zu glauben, da dies so rasch und glatt verlaufen sollte. Kaum, da wir
uns noch die Hand gedrckt haben. O, er war sehr aufrichtig, als er, erregt
und halblaut, noch einmal in mich drang, ihm zu schreiben, sobald ich nach
Italien kme. Ich bin berzeugt, er fhre mir entgegen. Aber wird denn
etwas aus solchen Vorstzen? Immer kommt anderes dazwischen, gleitet einem
auch wieder unter den Hnden weg, und nichts bleibt brig von all den
unterbrochenen Freundschaften als Bitterkeit. Immer vergeblicher erscheint
mir alles. Ist mir denn kein anderes Leben erreichbar als dieses
Reiseleben?

Sie sann auch: Was wre gestern daraus geworden, wenn nicht der verwundete
Bauer dazwischengekommen wre? Aber sie brach ab. Da er dazwischen kam,
mute es wohl sein und ist es wohl besser.

Bei Tisch trank Gugigl ihr zu.

Gelt? Jetzt sind wir wieder unter uns. Diese Welschen sind ganz ein
hbscher Menschenschlag, aber trauen derf man keinem, und keine
Gemtlichkeit ham's.

Selbst der alte Utting gab zu, da ihm bei Pardi niemals recht warm
geworden sei. Alle verstanden sie sich! Ganz aufgerumt waren sie jetzt!
Lola trennte sich in ihrem Sinn von Ihnen mit Heftigkeit, rechnete sich
ganz dem Abwesenden zu, verachtete in seinem Namen diese alle. Wie er sich
ber die tppischen Bewegungen der Mnner lustig gemacht haben mute, er,
der ein Fechter war! Und ber die Frauen in ihrem selbst erdichteten
Plunder! Lola verglich sich angstvoll mit ihnen: ob gar keine hnlichkeit
da sei. Nein: dies war eine andere Rasse von Frauen, mit schmalen Schultern
und breiten Hften; und damit sie noch breiter wrden, trugen sie riesige
Grtel. Doch! Den schlechten Haaransatz habe ich von ihnen. Und sie
beugte sich, unter der Scham, ber ihren Teller.

Knstlerisch! hrte sie Frau Gugigl sagen; und dann war von dem
Kitschgeschmack der Italiener die Rede. Lola fuhr auf. Ihr sei etwas
eingefallen; und sie bat Gugigl, ihr ein Fenster der Mnchner Frauenkirche
genau aufzuzeichnen.

So aus dem Kopf? Ja, das kann man doch nicht. Wie schauens denn aus, die
Fenster?

Seine Frau dachte nach, die andern dachten nach.

Das kann berhaupt kein Mensch!

Lola lchelte und sagte, es sei gut. Das konnte kein Mensch: aber Pardi, --
wie einst Arnold den Florentinern vorgeworfen hatte, die Fassade ihres
Domes weiche in manchem vom Vorbild des Glockenturmes ab: Pardi hatte in
den Sand gezeichnet und gefunden:

Es ist wahr: die Terrassen auf den Pfeilern des Turmes sind achteckig, und
die der Fassade haben nur vier Seiten.

Und Pardi war kein Knstler. Aber er hatte das Blut von Menschen, die mit
einem Griff durch die Luft mehr Kunst machten als diese hier, wenn sie
malten! Menschen mit einer Erziehung des Auges, aller Sinne, des ganzen
Krpers, die weit zurckreichte. Sie stellte sich Pardis gewlbte Augen
vor. Er sah, -- sah so stark, da er, ohne daran zu denken, zum Seelenleser
ward . . . Bei diesen hier war das Leibliche lange vernachlssigt, das Auge
fast schon tot. Gewaltsam sollte es sich nun ermuntern, und ber Nacht
mute alles knstlerisch werden . . . Da begegnete sie Arnolds Blick und
verstand: was sie dachte, kam von ihm. Er hatte erraten, weshalb sie nach
den Fenstern der Frauenkirche gefragt hatte. Das Gefhl erbitterte sie, da
sie kaum noch ihre Gedanken vor ihm wahren knne. Hundert Gesprche mit ihm
hatten sie ihm blogelegt, und sie hatte den Kopf, sie mute es wohl gelten
lassen, voll von Dingen, die ohne ihn nicht darin entstanden wren. Er
durchschaute auch, was sie zu Pardi zog, was Pardi vor ihm selbst
auszeichnete, Lolas Kmpfe, und da sie in diesem Augenblick wieder
vergebens danach lechzte, ihn verachten zu knnen, ihn in den Haufen der
brigen zurckstoen zu knnen. Er wute alles; und sein groes Wissen um
sie gab ihm selbst das Recht, sie zu verachten: sie, die einen Geist wie
ihm htte auf seine Hhe folgen knnen, und die sich zu einem baren
Sinnlichen hinablie. Es war ihr, als lebte sie unter dem Auge eines Herrn.
Sie liebte ihn nicht, gab ihm kein Recht auf sich: und doch -- so gro war
die Macht des Geistes -- fhlte sie sich ohnmchtig vor ihn hingebreitet!
Wre ich ihm erst entronnen! Der Trieb brannte sie, aufzuspringen und
davonzulaufen.

Sie suchte sich ihn im Kampf mit Pardi vorzustellen und in der klglichen
Rolle, die ihm dabei bestimmt gewesen wre. Und sie mute sehen, da Pardis
Manneskraft sich an diesem brach, der kein tchtiger Mann, aber vielleicht
mehr als Mann war? Sie fhlte: Pardi und er konnten sich nicht nahe kommen,
auch nicht zum Kampf. Dieser bot einem Pardi keine Angriffsstelle, -- so
wenig wie er ihr gestattete, ihm seine Untchtigkeit anzurechnen, die er im
voraus gerechtfertigt, vermge vieler Sophismen in Tugend umgewandelt
hatte. Wenn er sich eine Ble gegeben htte! Wenn er mit den anderen auf
den Abwesenden gescholten htte! Nein: er htete sich. Er war ja ein Mensch
von Geschmack. Hatte er nicht die ganze Moral, wenn sie selbsterworben sei,
fr ein Ergebnis sthetischen Sinnes erklrt? Ihm war nicht beizukommen,
man mute ihn laufen lassen.

Sie wich ihm nicht aus; eher erwartete sie ihn, erwartete, da er sich um
die freigewordene Stelle nun wieder bewerbe, ein wenig Wrdelosigkeit
zeige, -- und litt, weil er's nicht tat. Es zog sie zu Tini, sie htte sich
mit ihr verbnden wollen; denn auch Tini fand Arnold unheimlich und hate
ihn. Aber Tini verhielt sich jetzt herbe und scheu. Launisch ging sie Lola
aus dem Wege. Waren sie zusammen im Zimmer, fhlte Lola die groen Augen
beunruhigend hart auf sich haften, -- und wenn sie hinsah, waren sie schon
gesenkt. Ist sie nachtrglich wieder eiferschtig? Sie knnte sich's
sparen. Wie unwichtig Lola diese Backfischnte erschienen neben ihrer
eigenen Qual!

Schlimmer war's, da sie auch mit Mai nicht sprechen konnte. Den ersten Tag
hatte Mai sich in der Gesellschaft so betragen, als sei durch Pardis
Fortgang ihr ein besonderes Unrecht angetan, als habe man ihn vertrieben,
um ihn ihr wegzunehmen. Bald hatte sie sich zurckgewinnen lassen: nur mit
Lola schmollte sie noch, bot ihr keins von den mitgebrachten Handtchern an
und kam nicht zum Gutenachtku. Und wre sie gekommen: an das
Unausgesprochene htte Lola sich nicht gewagt. Wie stand Mai mit Pardi?
Sehnen mute sie sich. Dann aber sann sie auf die Abreise nach Italien, --
auf die auch Lola sann. Nur aus Befangenheit voreinander taten beide, als
gbe es nichts zu beschlieen, und lieen dies Dasein fortdauern, das doch
blo noch Last war. Denn Lola ward gedemtigt von ihren herabsetzenden
Entdeckungen an diesen Menschen, deren Gast sie war. Jeder Tag vermehrte
ihren Widerwillen und ihre Scham.

                   *       *       *       *       *

Am dritten Morgen aber fand sie auf ihrem Tisch wieder Blumen; zwei Tage
lang hatte Tini sie vernachlssigt; -- und darin steckte ein Briefchen.

Heute mittag, schrieb Tini, wirst du nmlich mit der Post einen Brief
aus Mantua bekommen, von einer Pensionsfreundin. Sie hat zufllig erfahren,
da du hier bist, und mchte, da du rasch hinkommst, denn lange bleibt sie
nicht. In Wirklichkeit aber ist der Brief von mir. Ich habe es mir schon
lngst ausgedacht und habe mir dazu den Umschlag von einem Brief an Pardi
aufgehoben, den er aus Mantua gekriegt hatte. Da mute ich denn aus seinem
Namen deinen machen, mir ganz genau dieselbe Schrift einben und auch das
Kuvert wieder heil machen. Das war eine ziemliche Geduldprobe, daher mut
du entschuldigen, da ich mich die letzten Tage so wenig um dich bekmmern
konnte. Du siehst nun doch, wie lieb ich dich habe, Lola, da ich dies fr
dich getan habe! Jetzt ist der Brief mir sehr gelungen, du kannst ihn allen
zeigen, sie werden es dir gewi glauben: und dann kannst du hinreisen.
Italien mu herrlich sein. Du wirst gewi noch einmal sehr, sehr glcklich
werden. Vergi nicht deine Tini.

Welche heroische Kinderei! dachte Lola und wollte die Achseln zucken.
Aber ihr kamen Trnen. Sie lie das Blatt sinken, verschlo die Tr und
drngte sich in einen Winkel, um, vor sich selbst versteckt, diese Trnen
zu weinen, ohne zu wissen wem? Sich? Tini? Den Dingen?

Bei Tisch blieb Tinis Stuhl frei, aber auf Lolas Platz lag der Brief. Frau
Gugigl hatte schon gesehen, da er aus Italien kam. Niemand nahm Ansto an
dem, was darin stand: auch Mai nicht. Wie sie von der Einladung hrte,
erhob sie schon die Hnde, um hineinzuklatschen, besann sich aber
rechtzeitig und machte ein trauriges Gesicht.

Wir sollen also fort? O!

Es wird nicht anders gehen, erklrte Lola. Meine Freundin erwartet uns
bermorgen. Morgen mssen wir reisen: morgen mit dem ersten Zug.

Gugigl wollte beweisen, es sei auch abends noch rechtzeitig. Ein Streit
ber das Kursbuch entstand.

Und der Tini geht's wirklich nicht gut? fragte Lola. Kann ich sie nicht
sehen?

Frau Gugigl ging mit. Tini habe Fieber: es komme bei ihr pltzlich und
verschwinde wieder; sie sei noch wie ein Kind.

Als sie, mit aufwrts verdrehten Augen, Lola am Kopfende ihres Bettes sah,
fuhr sie aus den Decken.

Was hast du, Tini? -- und Lola warf sich auf die Knie und nahm Tini in
die Arme.

Mir hat getrumt, Lola, du gingst weg.

Nein! Wenn du lieber mchtest, da ich dableibe, bleibe ich.

Tini hielt sich ganz steif in Lolas Armen. Sie rckte mit dem Gesicht ein
Stck fort; ihre dunkeln Blicke erweiterten sich gespenstisch; und mit
ihren blassen Lippen, tonlos bewegt, da ihre Schwester hinter ihr nichts
hren konnte, sagte sie:

Geh nur hin!

Lola mute die Augen niederschlagen.

                   *       *       *       *       *

Sie packte, ohne zu wissen, was ihr bevorstehe, was sie whle. Nur erst
hier heraus, wo so viel Wirrnis erlitten war und alles verbrauchte,
zwecklose Gesichter trug. Wenn ich ihn wiedersehe, soll mir's recht sein;
wenn nicht, ist's auch gut, dachte sie im Einschlafen; und bei
Tagesanbruch, unlustig und mit Ghnen, vor den fertigen Koffern: Wie
unwahrscheinlich ist das Wiedersehen! Ich werde ihm doch nicht nachreisen.
Und bis der Zufall es einrichtet, ist er vielleicht wieder in Afrika.

Der Wagen mit dem Gepck stand auf der Landstrae. Mai hatte noch mit ihrem
Schleier zu tun gehabt. Niemand war aufgestanden: Lola hatte es sich
dringend verbeten. Frstelnd durcheilte sie den grauen Garten. Dieselbe
unwirtliche Stunde, zu der vor drei Tagen er fortging. Im Laubgang roch es
nach Nebel. Der Sommer war fast zu Ende, merkte sie pltzlich. Sie blieb
stehen: eine solche Trostlosigkeit durchdrang sie bei diesem Gedanken, da
ihr der Mut zum nchsten Schritt fehlte. Dahinten, ber dem Lande, wallte
es weilich und ohne Grenze. So ging man denn wieder allein, allein
dahinaus.

Wie sie die Hand auf die Pforte legte, tat von der andern Seite Arnold es.

Sie -- schon auf? stammelte Lola.

Ich konnte nicht schlafen, erklrte er. Sie sah ihm unglubig in die
Augen und fand sie bernchtig.

Dann bin ich froh, Ihnen nochmals Lebewohl wnschen zu knnen, uerte
sie, unschlssig. Er schien zu wissen, was er sagen wollte.

Ich habe Ihnen fr einige der besten Stunden zu danken, die Menschen mir
gewhren konnten. Ich hatte so viel nicht erwartet; -- ganz ohne
Bitterkeit: was ihr Staunen machte. Er senkte kurz die Lider. Dann:

Da mehr Glck als dieses nicht an meinem Wege liege, daran habe ich
keinen Tag gezweifelt. Aber auch in Ihr Schicksal glaube ich einen Blick
getan zu haben und frchte, da Sie heute noch im Irrtum sind. Knnte ich
Sie fr eine Minute so sehen machen, wie Sie nach einiger Zeit sehen
werden!

Sie geben mir ein Orakel mit auf den Weg? -- und Lola suchte hochmtig zu
lcheln. Ich kenne Sie auch: Ihnen verwickelt sich das Einfachste.

Wie es schal und hassenswert war, dieses Zweifeln, dieses Zgern! Jetzt
qulte ihn die verdiente Eisersucht auf den, der glcklicher war und sie
glcklicher machen wrde. Er htte sie so ratlos und an allem unteilhaftig
gewollt, wie er selbst war! . . . Vor Zorn und Kummer war sie bleich. Er
war bleich von den Worten, die er gesagt hatte.

Und er konnte recht haben! Jener andere lebte jetzt schon wieder darauflos,
wie je. Was war sie ihm? Was nderte sie an ihm? . . . Und an diesem hier?
Nichts, als da er nicht schlief. Und wenn er tiefer leiden kann: was habe
ich davon!

Sie wandte sich ab. Sein Gesicht glitt langsam an ihrem vorber. Nun sah
sie es nicht mehr. Ein uerster Zweifel schnrte ihr die Brust zu. Sie
schluckte ihn hinunter. Wenn es bestimmt wre, kme es. Und mit
Grausamkeit gegen ihn und gegen sich: Das Leben ist nicht anders.




V


Nachts stiegen sie in Mantua aus, aber es war schwl wie bei Tage. Am
Morgen erschrak Mai ber Lolas Aussehen. Sie habe kaum atmen knnen, sagte
Lola; Mcken seien unter ihren Bettschleier gedrungen. Und Mai:

Ah! Du vertrgst nichts. Drben bei uns wrdest du etwas erleben.

Kaum aufgestanden, streckte sie sich wieder aus. Von den geschlossenen
Lden war ein grnlicher Schimmer auf ihrem weien, runden Arm, den sie mit
kindlicher Genugtuung betrachtete.

Jetzt ist's ganz wie zu Hause.

Nie hatte Lola sich weniger heimisch gefhlt. Sie berlegte, da sie
hierher nur wegen einer Persnlichkeit geraten sei, die es gar nicht gab.

Nun mu ich mich wohl nach meiner Freundin umsehen, uerte sie.

Es ist wahr, du bist schon wieder angezogen. Eine richtige Deutsche bist
du!

Lola berlie Mai der Einschlferung durch die trumerischen Gerusche im
Hof und ging aus. Die Strae war von Hitze wie verzaubert. Unter dem alten
Urturm hatte ein kleines, von Zeltdchern beschirmtes Marktgedrnge etwas
knstlich Aufgewecktes: als wrden diese paar munteren Wesen dem ungeheuren
Druck der leeren, heien Stadt auf einmal nicht mehr widerstehen knnen,
sich aneinander lehnen und einschlafen. Am Ende der nchsten Gasse galt es,
sich in einen Platz zu strzen, ber dem das Licht wogte und blendete, wie
auf einem Meer. Dort weit hinten, am schmalen Schattenufer von kaum
durchdringlicher Schwrze, begegneten zwei schwarze Gestalten sich, neigten
mit groteskem Ruck die groen Priesterhte gegeneinander, -- und pltzlich
klappte die Matratze der Domtr ber ihnen zu.

Lola eilte mit angehaltenem Atem durch die Sonne. Ein Arkadenhof nahm sie
auf, berlieferte sie einem zweiten mit einer feurig geschweiften
Kirchenfassade, -- und dann fand sie sich in einem, um den die Sulen
zerbrechlicher tnzelten und, wie unter Komplimenten, zu einem kleinen
gezierten Theater geleiteten, das geborsten, bemoost, mit Schutt auf seinen
rosigen Marmorschwellen, noch zu lcheln schien, galant und schmerzlich,
wie ein Rokokogesicht, worauf die Schminke eintrocknet in Staub. Gras wuchs
aus den feinen Fliesen; darber flimmerte die Luft; und ging man, wandte
man rasch noch den Kopf nach einem gespenstischen Kichern und
Fcherschlagen . . . Da starrte aber, im nchsten Hof, eine riesige dunkle
Burg einen an. Hinter ihrem Tor setzte eine graue Brcke ein, um, ein
endloser Trauermarsch, durch Smpfe zu ziehen.

Wie Lola sich in ihre Strae zurckgefunden hatte, ward vor einem Caf,
dessen Tr Karyatiden bewachten und worin niemand sa, ein sehr alter Herr
von Wirt und Kellner an eine ungetme schwarze Karrosse begleitet. Der
Kutscher nahm die schwarze Peitsche in seinen schwarzen, faltigen
Handschuh, und knarrend bewegte sich das Gefhrt.

Im Hotel hing Mais Hand noch ber dieselbe Armlehne.

Meine Freundin ist --

Lola hatte sagen wollen: Abgereist, schrak aber vor einer ganzen Lge
zurck.

-- ist nicht zu finden, sagte sie.

Mai erstaunte nur leicht.

Wirst du sie noch einmal suchen? fragte sie.

Lola suchte sie bis zum Abend noch mehrmals. Dann erklrte sie die Wohnung
der Freundin fr gefunden, sie selbst aber kehre erst in mehreren Tagen von
einer Reise zurck.

Wir haben nichts Besonderes vor, wollen wir nicht hier warten?

Mai wandte nichts ein. Wenigstens war Zeit gewonnen.

Und Lola, die im Zimmer nicht Ruhe fand, durchirrte weiter die tote Stadt,
betrat hinter verlassenen Haustoren, ber denen die schne Palastmauer
barst, feuchte Hfe mit schmuckreichen und zerbrochenen Brunnen -- und
mute denken: wenn die mde, ausgestorbene Treppe nun in all seiner
Lebendigkeit Pardi herabliefe! Da drckte die Sonne noch dumpfer auf das
leere Pflaster. Alle hatten sie sich selbst berlassen!

Auf der Flucht vor der nahenden Sehnsucht fuhr sie, ganz allein, in das
braune, traurige Land hinaus. Wei stand darin, auf ihren groben Sulen,
eine kleine Gnadenkirche: innen burisch bunt und die Wnde umringt von
Holzfiguren in den schweren Stoffen und Rstungen von einst, von den
Bildern Geretteter. Jener Ritter war aus der Schlacht bei Pavia heil
hervorgegangen, diese Dame von einem Pestgeschwr gesundet, und der
verdchtige Gauch dort in Schnrkittel und schtterem Bart hatte schon im
Block gelegen, mit Feuer an den Fen, und doch hatte die Madonna ihn
freigemacht. Und Lola erschien sich auf einmal als die Beute einer
Leidenschaft, einer Krankheit, eines barbarischen bels; wnschte sich,
gleich diesen die Madonna anrufen zu knnen; sank, vernichtet von der
Einsamkeit dessen, den keine Gtter mehr hren, auf eine Bank.

Als ihr dann wieder die Sonne ins Gesicht schien, war sie beschmt, als
habe sie sich dort innen eine Komdie vorgespielt.

Dieses Leben macht mich verrckt. Warum la ich ihn nicht kommen: alles
wre so einfach, wre freundschaftlich abzumachen.

Zwar bedachte sie sogleich, er sei kein Freund: er, der mit jedem Tage
schwerer zu Vermeidende . . . Und auch Mai hatte Lola hierbei nicht zur
Freundin. Das erbitterte sie. Wie oft hatte Mai sich, wenn's nicht not tat,
zu einem Opfer erboten. Jetzt kam's darauf an, -- und Mai schwieg. Sie
htete sich, noch einmal, wie am Anfang der Bekanntschaft, Lola zu fragen,
ob sie Pardi heiraten wolle; denn diesmal frchtete sie eine andere Antwort
zu bekommen. Sie tat, als sei nichts los, und ntigte Lola, zu heucheln.
Die Unaufrichtigkeit und die geheime Spannung zwischen ihnen beiden lagen,
fand Lola, nur an Mais bsem Willen.

Genug, ein Ende mute gemacht werden; und wie Lola eintrat, sagte sie
sofort heraus:

Also sie kommt nicht mehr zurck nach Mantua. Damit wir nun nicht ganz
umsonst gewartet haben, knnten wir wenigstens Pardi kommen lassen. Er hat
es mir angeboten.

Gelassen antwortete Mai:

Mir auch. Ich dachte sogar, wenn wir ankmen, wrde er schon da sein. Du
wrdest dafr gesorgt haben.

Lola starrte Mai an. Da hatte sie die ganze Zeit gelegen, hatte Lola
gewhren lassen und sich ihr Teil gedacht!

Dann haben wir wohl Verstecken miteinander gespielt? fragte sie. Mai
erwiderte:

Komm her, ich will dich umarmen.

Aber whrend der Liebkosungen errtete Lola. Sie ging hinaus. O, sie hat
sich gehtet, zu fragen, ob ich ihn liebe!

                   *       *       *       *       *

Bei seiner Ankunft waren sie am Bahnhof. Lola dachte: Das erstemal, da
Mai sich angezogen hat. Er begrte Lola zuerst mit den Augen und Mai
zuerst mit der Hand. Lola achtete peinlich darauf. Keine Einzelheit seines
Verhaltens gegen sie und Mai entging ihr. Den Champagner bestellte er,
nachdem Lola ihn abgelehnt und Mai ihn angenommen hatte. Lola trank keinen
Tropfen. Er wnschte noch in Mantua zu bleiben.

Wir haben es genossen, erklrte Lola. Mai war's recht.

Wunder romantischer Versunkenheit werde ich Ihnen zeigen, verhie er.

Wir bekommen noch das Fieber, meinte Lola; und Mai:

Bisher hast du dich gar nicht gefrchtet und warst immer unterwegs.

Im Palazzo del T, unter dem Schwall der Fleischlichkeiten, die nach
Jahrhunderten noch aus Decken und Wnden berquollen, beneidete und
verachtete Lola Mais unbefangene Freude. Sie selbst konnte Pardi nicht in
die Augen sehen und gab zornige Antworten. Er neckte sie anfangs mit ihrer
bellaunigkeit, dann zeigte er sich um ihr Befinden besorgt, und auch Mai
uerte Besorgnis. Sie wei ganz gut -- dachte Lola und verlor vollends
die Herrschaft ber ihre Nerven. Als man sich in der Stadt eine Kapelle
zeigen lie, stand sie teilnahmslos neben dem Sakristan, der den Stock mit
der Kerze ber die Wnde hinfhrte. Pardi drehte ihr, auf Mai geneigt, den
Rcken. Ich werde ihnen nicht im Wege sein, sagte Lola sich; aber zu
ihrer Bedeckung gebe ich mich auch nicht her! Und wie der Sakristan den
Schrein aufschlo, machte sie sich leise davon, schmerzlich berauscht von
ihrer Rache. Sie erwartete, Mai werde an ihr Bett kommen, und war
entschlossen, sich schlafend zu stellen. Aber Mai blieb aus.

Am Morgen beschftigte Pardi sich nur mit Lola. Ihr schien's, da Mai sich
zurckhalte; und sie argwhnte, dies sei Verabredung, er habe Mai im voraus
um Entschuldigung gebeten. Sie sah ihn pltzlich fest an.

Sie brauchen nicht so viel Rcksicht auf mich zu nehmen, wissen Sie.

Wie er etwas einwandte, hob sie die Schultern.

Nachgrade habe ich doch schon Erfahrung darin, da meine Mutter besser
gefllt als ich; und ich kann Ihnen versichern, da mich das nicht
beleidigt.

Sie sind kokett.

Gar nicht. Ich brauche niemand. Jeden gnne ich meiner Mutter.

Er sagte zuredend:

Sie werden doch begreifen, da ich Ihrer Mama den Hof machen mu.

Lola fand nichts mehr. Wie lag es nun? O, grundfalsch! Sie erschrak tief,
wie schlimm sie sich schon verrannt habe. Am zweiten Tage! Was soll daraus
werden. Wenn ich mich nicht zusammennehmen kann, bin ich verloren. Von der
Minute an war sie ruhig. Und aus der Genugtuung, da sie nichts mehr
durchblicken lie, ward allmhlich wirkliche berlegenheit.

Sie brachen nach Viareggio auf. Pardi hielt sie noch einen Abend in Florenz
zurck, obwohl Mai gern ihre Sachen ausgepackt und Lola lieber am Meer als
in der heien Stadt geschlafen htte. Aber er erklrte, es wrde nicht gut
aussehen, wenn er mit fremden Damen so spt noch ankme. Auch das Hotel zum
bernachten whlte er ohne Rcksicht auf ihre Wnsche. Zuvorkommend und
bestimmt brachte er sie in eins, wo sie bessere Bedienung und ein
gediegeneres Publikum finden wrden. Bevor er sich verabschiedete, um in
sein eignes Haus schlafen zu gehen, empfahl er sie dem Hotelier. Er, der
Conte Pardi, sei verantwortlich fr die Damen.

Hast du nicht auch den Eindruck? sagte Lola nachher zu Mai. Wenn wir
jetzt abreisen wollten, wrde man ihn holen und uns vorher gar nicht
fortlassen.

Eigentlich ist es ganz hbsch hier, antwortete Mai; und Lola dachte,
klarer als Mai: Einmal nicht allein ber sich bestimmen; nicht mehr gar so
frei sein und berall hingehen drfen, ohne da etwas darauf ankommt:
beinahe tut es wohl . . .

Dennoch geriet sie noch vor der Weiterfahrt mit Pardi aneinander. Sie mute
aus einem Coup wieder aussteigen; ein Paar hatte darin gesessen, dessen
gesetzliche Zusammengehrigkeit Pardi leugnete.

Aber Sie werden jetzt schrecklich!

Ich bin fr Sie verantwortlich! Sie kompromittieren mich!

Lola war fassungslos. Mai uerte schchtern:

Auch ich habe dir so etwas schon manchmal verweisen wollen, Lola.

Pltzlich fuhr Lola auf, als habe sie nun verstanden.

Wie kann ich denn Sie --

Aber sie nahm sich zusammen und sah lchelnd und mit Kopfschtteln zum
Fenster hinaus.

Bei der Ankunft wollte sie zu Fu gehen, mute aber, denn ein Auftritt
drohte, in den Omnibus steigen. Die Hotelzimmer, die Pardi seinen Damen
zugedacht hatte, waren am Abend vergeben. Lola sah ihn bei der Gelegenheit
zum erstenmal in Wut; sie dachte: Gut, da ich ihn kennen lerne. Der Wirt
war trostlos, die Kellner traten mit den Zehen auf. Mai und Lola saen, von
neugierigen Badegsten umringt, im Salon, wie feindliche Frstinnen, denen
ihr Marschall die Unterwerfung der Vlker erzwang, und die ihm mit
ebensoviel Angst wie Stolz dabei zusahen.

Er erreichte, da die Fremden die Zimmer rumten. Dafr wurden Mai und Lola
beim Lunch mibilligend gemustert. Pardi sah den Mnnern nacheinander in
die Augen, die auf einmal unbeteiligt dreinblickten. Er erklrte, man habe
die Leute nicht ntig, und bestellte die Gedecke knftig an eigenem
Tischchen.

Dann fhrte er seine Damen in ihre Zimmer, mit einer anmutigen Gre, als
vertrete er eroberte Provinzen. Die weien Vorhnge flatterten von Sten
blauer Luft. Die groen eisernen Betten sahen khl aus unter ihren
Musselinzelten. In dem kleinen Salon standen die Theatersthle in zwei
Reihen an den Wnden. berall Spiegel: und wenn sie schrge hingen, rollten
Wellen darin und sprang Schaum.

Mit Verlaub -- in vier Stimmen; und vier Herren lieen sich vorstellen,
hatten schlechterdings nicht lnger warten knnen, machten Pardi Vorwrfe,
da er ihnen die Damen drei Tage vorenthalten habe, und fingen gleich an:

Du weit nicht, da die kleine Mi Edith . . .

Mai und Lola wurden auf das Laufende gebracht. Die ganze Gesellschaft zog
an ihnen vorbei, jedem war eine Bosheit angeheftet. Ihnen wurden alle
geopfert; sie brauchten nur fragend einen Namen nachzusprechen, und
sogleich beleuchteten ihn Geschichten. Die einzigen Unanfechtbaren blieben
sie selbst; und eine Ergebenheit ohne Grenzen, die rckhaltloseste
Zutraulichkeit und eine spontane Verehrung drangen in knabenhaft ehrlichen
Lauten und Gesten von vier Seiten auf sie ein. Nutini zog gleich seine
leeren Taschen ans Licht: alles verspielt. Der Leutnant Cav handhabte
seinen Sbel mit so glcklichem Gesicht, als habe er ihn soeben geschenkt
bekommen; und seine Ballhandschuhe, errtend mute er's gestehen, trug er
schon aus Vorfreude auf heute abend. Deneris sprach mit etwas schwcherer
Stimme als die andern; aber Botta wippte beim Reden mit den Abstzen und
schlug sich auf die fette, straff bekleidete Brust. Allen saen die Anzge
nach der Mode vom nchsten Jahr und ohne eine Falte, wie auf guten Bhnen.

Sobald Nutini zu Lola ein unbemerktes Wort sprechen konnte:

Er hat Sie nicht frher herbringen wollen, wie? Und er hat recht gehabt:
denn die Damen Arletti sind erst heute frh fort.

Was machen uns die Damen Arletti?

O -- Ihnen, nichts. Aber ihm!

Und Nutinis Miene stellte so viele Enthllungen in Aussicht, da Lola etwas
wie Schrecken kam.

Sind Sie nicht sein Freund? fragte sie.

Versteht sich . . . Und weil ich sein Freund bin, freut mich's, da die
Arletti fort sind. Ich glaube, es waren Abenteurerinnen. Er lt sich zu
leicht ein. Sein Temperament ist sein Unglck. Ah, bitte, so viel Geld als
er ntig htte, kann ihm auch der beste Freund nicht geben. Darum habe ich
vorhin meine Taschen sehen lassen.

Lola lachte mit; aber indes sie Nutinis Augen funkeln sah in seinem
eingefallenen Gesicht, nahm sie sich, unter einer Wallung von Freundschaft,
vor, Pardi ber diesen Feind aufzuklren. Pardi sphte schon herber. Noch
bevor er da war, zeigte Nutini vom Balkon nach Badenden. Cav rief ber
Lolas Schultern, unaufhaltsam:

Ist sie schn, die Mistre Nicholson!

Bravo! machte Pardi. Sicher ist sie die lngste der gelben Stangen.

Nutini klopfte Cav auf die Schulter.

Mich hat er einmal mit meiner sechzigjhrigen Sprachlehrerin gehen sehen,
und dann fragte er mich: Du, sag, wer war die wunderschne Amerikanerin?

Lola wandte sich lchelnd nach dem Leutnant um. Er lachte wehrlos. Seine
Augen in ihren sorgfltigen Wimpernhecken blickten aus seinem rosigen
Gesicht, wie aus einem ldruck. Lola erinnerte sich, da er vorhin nur den
harmlosen Klatsch mitgemacht habe.

Sie haben alle in Italien diese Vorliebe fr die Amerikanerinnen, und ber
Ihre eigenen Damen wissen Sie nur Unvorteilhaftes. Wie kommt das?

Ja, sie sind nicht so schn, erklrte Cav. Sie sind nicht blond. Botta
wute mehr.

Wenn wir uns mit einem unserer jungen Mdchen sehen lassen, heit es
sofort; wir sind verlobt.

Mit jungen Mdchen ist hier nicht zu verkehren, besttigte Nutini; und
Botta setzte hinzu:

Auch haben andere mehr Herz.

Schon wieder deine Olimpia? Dieser Gigi hat nmlich hier im Walde an einem
Teich einen halben Sommer mit einer Balletteuse verbracht.

Ach ja, seufzte Botta und schlug sich auf die Brust, da sein fetter
Tenor ins Zittern kam. Nutini strte ihn: schlielich sei sie ihm doch
davongelaufen; und Botta fuhr verwundet gegen ihn los.

Deneris seufzte laut. Er lehnte rckwrts auf den Balkon und schmachtete
von unten Mai an. Seit seinem Eintritt hatte er sich keinen Augenblick von
Mai getrennt. Es gbe wertvollere Frauen, versicherte er in gezogenem Ton,
als die Balletteuse Olimpia.

Wenn die Mhe, die man sich ihretwegen gibt, ihren Wert bestimmt --
meinte Pardi. Nutini klopfte nun Deneris.

Ja, du hast das Talent, unglcklich zu lieben.

Knnten Sie das? sagte Cav kindlich zu Lola. Sie mute lcheln.

Ich habe in der Liebe keine Erfahrung.

Sogleich begann Botta, um Lola die Liebe zu erlutern, wieder von seiner
Olimpia. Und auf Lolas unglubiges Lcheln:

Denken Sie nur an die Lieblingspuppe, die Sie gewi gehabt haben, und wenn
Sie sich die Arme Ihres kleinen Lieblings um den Hals legten. Auch wir
jungen Leute spielen gern mit Puppen, aber ach! nicht selten werden sie uns
gefhrlich.

Wirklich? machte Lola, dankbar. Botta sprach mit dicker Zunge,
schmatzend, und rollte in seinem massigen Gesicht selbstzufriedene
Kuhaugen. Aber Deneris wartete nur, da er fertig sei. Er hatte sich
aufgerichtet, das Monokel eingesetzt und trachtete mit Gesten, die beiden
Damen um sich zu versammeln. Auf seinem kleinen blassen Kopf lagen die
kanariengelben Hrchen seiden wie Kinderhaare. Seine blauen Augen starrten
ngstlich.

Wissen Sie wohl, da ich um die, die ich liebte, zu sehen: jawohl, nur um
sie zu sehen, tglich sechs Stunden mit der Bahn gefahren bin? So ist es:
dreiundeinenhalben Monat tglich nach Pisa und unter ihrem Fenster vorbei.
Selten lie sie sich sehen; aber im Salon eines Photographen stand ihr
lebensgroes Portrt, -- vor dem ich mich eines Tages fast erschossen
htte. Wre nicht gerade der Photograph gekommen --

Er spricht wahr, sagte Cav, mit Achtung. Der Photograph hat es berall
erzhlt.

Dein Tod, mein Lieber, sagte Nutini und klopfte Deneris, wre zu
ffentlich gewesen. Viel zartfhlender handelte doch die Contessa Gavazzo,
als sie um meinetwillen Gift nahm. Eigens reiste sie nach der Schweiz.

Sie war eine Morphinistin, mein Lieber, wandte Botta ein.

Mein Lieber -- und Nutini nickte dringlich, ich wei wie jene Frau mich
liebte.

Ich aber wei, entgegnete Botta, von sich erfllt, wie es war, als ich
die Olimpia liebte; und ich werde es Ihnen erklren, mein Frulein.

Pardi unterbrach ihn:

Ich knnte Liebe nicht erklren: ich vergesse jedesmal wieder, wie es war.
Ist sie aber da, wei ich's, und handle!

Als er der Wirkung ein wenig Zeit gelassen hatte:

Wir holen die Damen ab, nachdem sie sich angezogen haben.

Von der Schwelle mute er noch mahnen:

Marchese, komm!

Denn Deneris konnte sich von Mai nicht trennen. Sie strahlte.

Ist das nicht ein reizender Mensch? Sage, Lola! Es scheint, da er mich
liebt?

Und Lola, voll Freude:

Gewi, Mai! Das mu jeder sehen!

Die Dazwischenkunft all dieser Mnner hatte ihre Spannung unterbrochen. Zum
erstenmal konnten sie einander wieder unbefangen und mit Wohlwollen ins
Gesicht sehen.

Ich freue mich eigentlich auf das Ausgehen. Es ist doch schn, da wir
hergekommen sind! sagte Lola. Und Mai:

Heute abend werden wir also tanzen! Was soll ich nur anziehen?

Lola ging mit in Mais Zimmer. Wie sie zurckkehrte, stie sie im Korridor
auf Nutini. Sie blieb unschlssig auf der Schwelle des Salons.

Dieser Botta macht mich lachen, sagte Nutini. Wissen Sie wohl, da er
von seiner Olimpia ganz einfach ausgehalten worden ist?

Nicht mglich -- und Lola brach ab. Sie hatte sagen wollen, Botta mache
ihr gerade den Eindruck des vollkommenen Liebhabers. Nutini zuckte die
Achseln.

Aber nicht dies fhrt mich her. Sondern ich mchte Sie bitten, mir doch
gleich jetzt Ihre Noten zu geben. Im Augenblick habe ich Zeit, die
Begleitung zu ben. Denn das Geschwtz der andern zieht mich nicht an.

Wohin sind die andern gegangen?

Ich wei es nicht einmal.

Aber die Noten sind unten im Koffer, und er steht in meinem Zimmer.

Mein Frulein! Ein guter Freund spricht mit Ihnen, -- wenn er's auch erst
seit kurzem ist. Wren Sie eins unserer Pppchen, ich wrde mich Ihnen zum
Auspacken Ihres Koffers nicht anbieten. Aber Sie sind eine Amerikanerin
. . .

Lola erinnerte sich, da nicht sie, sondern Germaine die Sachen
hineingelegt habe: sie lagen sicher sehr ordentlich. Sie ffnete Nutini ihr
Zimmer.

Er schob zuerst die Jalousietr weg, half ihr dann geschickt und diskret
und trat mit den Noten ans Licht, auf den Balkon. Er schien sich in die
Musik zu vertiefen und stie nur seltene Worte der Bewunderung aus. Lola
mute auf die Stimmen hren, die aus der Nhe kamen. Zuerst war's die
kindliche des Leutnants Cav; Lola wollte es nicht glauben, da sie diese
Dinge sagte; dann, bevor Lola sich gefat hatte, die schmatzende Bottas und
Deneris' nselnde. Eins seiner Worte ward von Gelchter zugedeckt. Dann
beglckwnschten sie Pardi. Er antwortete:

Mich reizte es, sie einem Deutschen wegzunehmen.

Bei seinem verchtlichen Auflachen errtete Lola und erblate wieder. Sie
hielt sich am Pfosten, begriff nicht, da sie noch dastand, und starrte
angstvoll auf Nutini, der ber die Noten geneigt blieb und manchmal
entzckt den Hals bewegte. Lola dachte in einem Atem und im Wechsel ihres
Errtens und Erblassens: Wenn er hrt! und Er hat mich herausgeholt,
damit ich hren sollte!

Was ist Ihnen? fragte pltzlich Nutini und warf alles hin. Sie brachte
nichts hervor; und deutlich kamen Bottas Worte herauf:

Wenn ich whlen sollte: Teufel. Vielleicht beide -- auf einmal.

Prahlhans! rief Pardi scharf. Handeln ist alles!

Wovon redet man? Mein Gott! Doch nicht --

Nutini schlug sich vor die Stirn.

Ich Unseliger! Konnte ich aber ahnen, da diese Leute drunten bei offenem
Fenster solche Abscheulichkeiten von sich geben wrden? Halte ich selbst
mich doch meist von ihnen zurck. Aber dieser Art Menschen ist nie zu
trauen . . .

Und drinnen, flsternd:

Dem Pardi noch weniger als den anderen. Wenn ich Ihnen erzhlen wollte,
wie er's mit den Damen Arletti getrieben hat . . .

Lassen Sie's! stie Lola aus. Sie warf die Balkontr zu.

Sie haben gehrt, wie er ber Sie und Ihre Frau Mutter spricht. Denn so
ungeheuerlich es mir vorkommt, er meinte offenbar Sie! Ich kann nur
wiederholen, wie schmerzlich ich bedauere --

Ich vermute, sagte Lola kalt, da so ber alle gesprochen wird.

In der Tat, es gibt Mnner: die Mehrzahl sogar, kann man sagen, ndert,
kaum da sie die Damen verlassen hat, durchaus den Ton. Die Damen, die all
die Achtung und Rcksicht um sich sehen, ahnen nicht --

Es ist auch nicht ntig.

Unvermittelt kam ihr Wut auf sich selbst, da sie diesen Menschen nicht
hinauswies. Vorgebeugt, ihre dicke Falte zwischen den Brauen, sagte sie in
unheimlich hellem Frageton:

Wollen Sie mich jetzt nicht allein lassen? Ich habe etwas Kopfschmerzen.

Tatschlich sind Sie sehr bla, stammelte Nutini, und sein eingefallenes
Gesicht erblate selbst noch mehr. Er verbeugte sich. Lola sah, immer in
derselben Haltung, seinen weichlich geschweiften Rcken sich dem Ausgang
zuwiegen. Als sein Hndchen in dem nach vorne weibisch erweiterten rmel
die Tr geffnet und geschlossen hatte, fiel Lola auf einen Stuhl, gelhmt
von Ekel. So war nun hier die Welt! Weil sie gerade aus einer anderen kam,
hatte sie sich eine Stunde lang tuschen lassen knnen. Sonnig, elegant und
herzlich hatte es sich ausgenommen: alles gerade entgegengesetzt den
schlecht gekleideten, geistig hochmtigen Menschen dort hinten in ihrem
Nebel. Aber wre jener Arnold fhig gewesen, mit allen Leuten und zum
offenen Fenster hinaus ber ihren Krper zu verhandeln? Die Frage demtigte
sie so, da sie das Gesicht in die gerungenen Hnde drckte . . . Auch
Gugigl htte das nicht fertig gebracht, und nicht einmal Gwinner! So aber
war man hier. So war der Mann, den sie vielleicht lieben wollte. Ach! es
hatte keinen Sinn, sich ihm befreundet zu fhlen, ihn vor diesem Nutini zu
warnen. Der Intrigant und der Brutale waren einander wert.

                   *       *       *       *       *

Mai wute schon durch Germaine, Lola sei schlechter Laune. Zgernd kam sie
herein.

Bist du fertig? Mein Gott, hast du mit den Sachen herumgeworfen! Die
letzten Haare wirst du dir noch abbrennen!

Mach mich nicht ganz verrckt, ich bitte dich, Mai!

Dort liegen diese dummen Bcher! Du hast gewi wieder gelesen, und dann
kommen die Kopfschmerzen.

Ja, ich habe gelesen.

Sie liest, Pardi! Kommen Sie doch herein und schelten sie! Sie ist ein
wahres Kind.

Sie sind schlecht angezogen, sagte Pardi sofort. Sie mssen sich noch
einmal umziehen.

Lola fuhr auf.

Was fllt Ihnen ein!

Wenigstens mssen Sie das Halsband anders stecken, es liegt in Falten. Auf
den Schultern haben Sie brigens zu viel Puder.

Das ist nicht Ihre Sache. Erwarten Sie mich im Salon! Htten Sie sich
frher vielleicht erlaubt, mein Zimmer zu betreten?

Hier ist es etwas anderes. Ich bin fr Sie verantwortlich.

Ach ja, ich kompromittiere Sie! Warum aber sagen Sie Mai niemals etwas?

Ihre Mama ist tadellos angezogen.

Mai konnte ihren frohlockenden Blick nicht mehr zurckholen. Lola hatte ihn
aufgefangen und wandte sich stumm weg.

Beim Aufbruch hatte sie noch etwas gefunden, was ihn treffen sollte.

Jetzt sagen Sie mir, was Sie auf der Reise ausgelegt haben!

Das hat Zeit, gehen wir!

Ich will Ihnen nichts schuldig sein.

Gehen wir! Die Herren warten.

Ich soll gehen, ich? Weil die Herren warten?

Aber Lola! sagte Mai, ganz erschrocken ber so viel heftigen Widerstand.
Pardi nickte ihr zu.

Ihre Tochter ist tatschlich noch ein Kind.

Aber er rechnete zusammen. Lola gab ihm das Geld, mit vielem Geklapper der
Mnzen. Pardi schlo kaltbltig:

Ehrlich sind Sie.

Lola war sprachlos. Hat er das nicht erwartet? dachte sie. Er tut, als
wre ich eine Kokotte . . . Das stimmt mit dem Gesprch beim offenen
Fenster. Wenigstens ist er konsequent.

Und mochte sie's noch zu leugnen versuchen, seine Art, sie zu nehmen, ohne
Rcksicht auf ihre Stimmungen, ohne Verzrtelung: seine Art besiegte sie
und erleichterte sie. Auf der Treppe bemerkte sie, da sie sich htte
weigern sollen, mitzukommen, und rgerte sich, weil sie keine Lust hatte,
umzukehren.

Den ganzen Abend unterhielt sie sich, und nicht schlechter am nchsten. Die
Tage vergingen mit Baden und Nichtstun. Das Bad dauerte Stunden. Man lebte
in diesem durchsonnten, blauen und weichen Wasser. Mai lachte vor Glck,
wenn sie ihre Hand hineintauchte, und sagte, es sei, wie wenn sie durch den
Stoff eines Ballkleides gleite. Man schwamm, so weit man mochte; und
ermdete man, waren immer Herren mit einem Boot da. Man kletterte hinein;
-- und indes man recht unbeteiligt und trumerisch die Augen schlo,
gewahrte man durch ihren Spalt doch die hungrigen und diskreten Blicke des
halbnackten Ruderers. Sie prickelten einem auf der Haut. Pardi verbot ihnen
diese Rast im Boot; Lola hatte, in aller Beisein, einen Auftritt mit ihm.
Er hielt ihr Mai als Beispiel vor.

Ihre Mama ist noch eine der wirklich weiblichen Frauen, die gehorchen
knnen. In Ihnen ist etwas Feindliches.

Glcklicherweise, sagte Lola hhnisch.

Denn dies Feindliche reizte ihn! Lola sah immer deutlicher: Mai gefllt
ihm. Zu mir zieht ihn seine Herrschsucht.

Eines Tages, verhie er, werden wir uns auseinandersetzen mssen: ich
sage es Ihnen voraus.

Ich glaube, wir haben uns gar nichts zu sagen.

Zu sagen vielleicht nicht viel.

Er lachte, und sie drehte ihm den Rcken. In dieser Minute htte sie keine
heftige Antwort gewut. Sie war erschlafft und einem weichen Weinen nahe.
Manchmal sprte sie so, inmitten seiner Unverschmtheiten, eine begehrliche
Wrme von ihm her, etwas wie einen jhen Sto Sdwind, da einem der Atem
stockt; oder wie den heien Brodem aus einem Tigerrachen, die Sekunde,
bevor er zuschnappt.

Tags darauf schwamm sie wie gewhnlich hinaus.

Mai hatte ihr zugerufen, sie drfe nicht weiter. Wie sie ins Boot wollte,
war keins zu sehen. Diese Feiglinge! Lola kehrte um. In immer krzeren
Pausen mute sie sich auf dem Rcken ausruhen. Solange sie noch einen
berschu an Kraft fhlte, dachte sie mit befriedigter Rachsucht daran, da
sie nun vielleicht umkommen werde. In dem Augenblick, als es ihr ngstlich
ward, tauchte neben ihr Pardis Kopf auf. Wie lange war er denn unter Wasser
geschwommen?

Rhren Sie mich nicht an!

Auf der Stelle hatte sie ihre Kraft zurck und scho in groen Zgen dem
Strande zu. Mai winkte mit dem Sonnenschirm.

Kind, mein Kind! Hat er dich gerettet?

Und sie fiel Lola um den Hals. Lola mute erst zu Luft kommen. Sobald sie's
hervorbringen konnte:

Wie kme ich dazu, mich von diesem Herrn retten zu lassen?

Aber sie fhlte sich dennoch von Pardi berrumpelt und in ihrer Niederlage
glcklicher als Mai. Auch Mai mute es fhlen. Sie sah von Lola zu Pardi,
der stumm blieb und ruhig atmete. Darauf betrachtete sie besorgt ihr
eigenes Kleid und dann die beiden in ihren triefenden, um die Krperformen
geklatschten Kostmen. Pltzlich wandte sie sich ab.

Ich bin nicht schuld, wenn sie sich schlecht benimmt. Man hat mit nicht
erlaubt, sie zu erziehen.

Wir werden es nachholen, sagte Pardi, -- indes Lola schon von dannen war.

                   *       *       *       *       *

Und es ward Mittag, und man flchtete auf die Hotelveranda, an den
Frhstckstisch. Sah man hinaus, ward das Auge verbrannt von Sand und See;
von dem frechen Wirrwarr der roten, grnen, gelben Karren vor dem wtenden
Meerblau; von den weien Flammen der Zelte, der Anzge. Die Gste traten
aufatmend in den Schatten, oder sie schlichen an seiner Grenze vorbei, die
Huserreihe hin, in deren grausame Helle die Balkone scharf, dnn und
schwarz hineinschnitten. Ermattete, schne Frauen, die sich rckwrts
bogen, willenlos und doch in einer Linie, als htten sie Ballett tanzen
gelernt, riefen mit sehr hlicher Stimme einen Namen, streckten, ohne
umzublicken, einen Arm nach hinten, -- und eins dieser Kinder hngte sich
daran, die nie ganz Kinder waren, die schon kokett waren, keine
Ungeschicklichkeit begingen, und deren schmelzend blasse Gesichter
manchmal, wie von Strapazen, die erst noch auszuhalten waren, unter den
Augen brunlich dunkelten. Matronen flankierten, mit erfahrenem Lcheln,
Tchter, deren weies Gesicht wie ein schmales Stck aus dem der Mutter
aussah. Nherten sie sich, lagen beide, das der Mutter und das der Tochter,
unter einem Teig von Schminke. Die alternden Mnner bekamen Scke unter die
gewlbten Augen; den sehr alten entleerte sich das Gesicht von Blut; --
aber sie blieben schlank, behielten den aufrechten, raschen Gang des
Jnglings und trugen, wie er, ihre silbernen und goldenen Stockgriffe, ber
den Arm gehngt, spazieren. Die aristokratische Gruppe auffallender, lauter
Damen und verlebter Herren in grogewrfelten Anzgen streifte an eine
Bande von Lasttrgern und Schiffern; und beide sprachen mit schleierlosen
Stimmen und Gebrden von Liebe und von Geld. Alle waren aus einem Blut; und
wie sie gleichmig schritten und sich kleideten, war sicher, meinte Lola,
auch die Art, zu denken und zu lieben, bei allen dieselbe. Lola gedachte
der Menschen im Norden, die sie verlassen hatte, wie an Sonderlinge, von
denen jeder seinen kleinen verrckten Kreis lief. Der alte Baron Utting
bertrieb nur ein wenig die Sucht der brigen. Hier lie sich keiner aus
der Masse reien: er wre verloren und sinnlos gewesen. Die Amerikanerinnen
allein kreuzten dazwischen in gelben Winkeln, zu scharf von Umri, um von
der Sonne gedmpft zu werden. Die anderen alle schwammen ohne Mhe und
jeder fr sich fast unbemerkt, in dieser Atmosphre, die sie getnt hatte
und ineinander mischte.

Die Sonne trnkte gleichmig alles, berauschte, erschlaffte und
verzauberte alles und einen selbst. Hohe, dnne Gerten mit Blumen, die
nicht daran gewachsen waren, umstanden einen als Hecken, man lehnte sich in
grell lackierte Sessel, hrte springenden oder schmachtenden Noten zu,
fhlte sich, in seiner gewagteren Strandkleidung, freier und dreister als
sonst, trank mehr, lachte mehr, lie losere Worte zu, glaubte halb, man
trume, und empfand bei allem, was geschah und was man tat, da nichts
darauf ankomme. Mit Cav hatte Lola Freundschaft geschlossen. Seine rohen
Worte von neulich deuchten ihr kaum noch wirklich, wenn sie seine
Knabenaugen ansah. Man vergit hier so rasch. brigens wrde man mit
niemand leben knnen, wollte man daran denken, was die Leute sagen und tun,
wenn man nicht dabei ist.

An Mais und Lolas Tisch war ein Hin und Her von Herren: Nutini, Botta und
Deneris fhrten Freunde ein. Der Dichter Merluzzo war dabei, mit den
Puppenaugen in seinem Modellkopf, auf seinem langen, nackten Halse. Er
huldigte Lola mit seiner Altweiberstimme und versprach ihr, vorzulesen,
wenn sie singe. Sie sang, ohne ihn um das Seine zu bitten: sang
leichtfertig darauf los und freute sich des Beifalls, ob er verdient oder
unverdient war. Sie lachte.

Klatschen Sie! Sie klatschen doch auch, wenn der kleine Beppo aus Neapel
uns in seinem weiten Frack und seinem Riesenzylinder Spe vormacht. Fragt
man das Kind, ob es auch in Rom auftreten werde, schneidet es eine
betretene Fratze und sagt: >O nein, so stolz sind wir nicht.< Auch ich bin
nicht so stolz . . .

In aller Ausgelassenheit fhlte sie sich eiferschtig bewacht von Pardi.
Mai, harmloser, verga; einmal hrte sie Deneris zu lange an. In seiner
schwermtigen Schwrmerei war er eben dahin gelangt, da er nach Afrika
wollte, um sich von der Schlaffliege den rtselhaften Tod geben zu lassen.
Da erklrte ihm Pardi, da diese Dame unter seinem Schutze stehe! -- und
verblfft, des Widerstandes unfhig wich unter seinem Ansturm Deneris vom
Tisch. Nur noch heimlich wagte er sich, dem Verbot zum Trotz, an Mai. Sie
ergab sich dann zum voraus in das Geschick, die Seufzer des einen mit der
barschen Rge des anderen zu ben. Lola versuchte umsonst, sie
aufzuhetzen.

Du kennst das nicht: so sind sie. Auch dein Vater war so.

Pardi faltete die Brauen, und Mai senkte die Stirn.

Den und jenen schlo er von der Vorstellung aus: sie hatten sich mit einer
zweifelhaften Person gezeigt!

Und sie sind wohl nicht langweilig genug? fragte Lola, kampfbegierig.
Dann:

Warum machen Sie uns mit keiner Dame bekannt? Frchten Sie, da uns
Geschichten ber Sie zu Ohren kommen? Wie sind die beiden puppenhaften
Blonden mit den rotgeschminkten Lidern?

Cav antwortete statt Pardis:

Die Contessa Bernabei und ihre Schwester.

Eher die htte ich fr zweifelhaft gehalten.

Bedenken Sie, was Sie sagen! heischte Pardi.

Ach! Sie sind sehr befreundet mit ihnen?

Lola lag nichts an Frauen. Dennoch warf sie es Pardi immer wieder vor, da
er gleich bei der Ankunft durch seine rcksichtslose Eroberung der Zimmer
alle Damen des Hotels zu ihren Feindinnen gemacht habe. Einmal, im Wasser,
hoffte sie eine fr sich gewonnen zu haben, eine noch Unbekannte. Als
nachher Pardi ihnen entgegenkam, ward die neue Freundin verlegen, Pardi
verhielt sich unleidlich abweisend und Lola brach, als die Fremde sich
ngstlich entschuldigt hatte, in ernste Wut aus. Er wartete mit steinernem
Gesicht, bis sie ihn sprechen lie.

Sie ist eine Chanteuse.

Erst als Lola sich durch diese Enthllung nicht geschlagen zeigte: was das
schade, im Wasser habe die Dame keine schlpfrigen Lieder gesungen, -- da
verfiel auch er in Sturm. Lola habe haarstrubende Begriffe; er werde sich
von ihr trennen oder sie einschlieen mssen. Er verstieg sich zu der
Frage:

Warum sind Sie hergekommen, wenn Sie eine Wilde bleiben wollen?

Ich werde abreisen, um Sie nicht lnger zu kompromittieren, entschied sie
mit Leidenschaft. Statt dessen hielt sie sich bei Tische heftig ber Pardis
Lcherlichkeit auf; denn er habe ein hbsches Mdchen nur darum vom
Blumenkorso ausgeschlossen, weil sie eine Schneiderstochter sei. Woher
sie's wisse, fragte er; und kaum, da sie einen Namen genannt hatte, stand
er auf. Man sah dort hinten ihn und den andern gegeneinander fuchteln.
Pardi verlangte, da ein Gericht sich bilde und sofort ber seine
Handlungsweise entscheide. Als er recht bekommen hatte, forderte er seinen
Kritiker. Mit Mhe besnftigte man ihn; -- und wie er dann, entladen,
heiter, bezaubernd, unter lauter bewundernden Blicken an den Tisch
zurckkehrte, begann Lolas Herz nachtrglich zu klopfen. Was sie nun fast
angerichtet htte! Sie kannte ihn doch: er verlor mitunter die Besinnung.
Einen Englnder hatte er aus dem Spielzimmer weisen wollen, weil ihm sein
Tabak nicht gut roch. Der Englnder aber hatte Humor gehabt, und jetzt
spielte Pardi mit ihm und rauchte aus seinem Beutel. Lola bemerkte
erstaunt, da er, der sich mit hundert Dummheiten aufhielt, sich an die
Leitung von hundert Festen verzettelte, hundert Ehrenhndel erregte, bei
alledem nicht kleinlich wirkte. Denn er trat fr jede Nichtigkeit mit
ganzer Persnlichkeit ein: immer bereit zur Verantwortung, immer im
Begriff, sich zu verfinstern, sich mit dem Zweifler zu messen. Lola dachte
an seine Erzhlungen aus Afrika. Im Groen, das ihm bekannt war, blieb er
derselbe, wie hier im Flchtigsten. Er war das Kind, das das Meer vor sich
hat, und doch darauf besteht, aus einem Sandloch, worin das Wasser
versickert, ein zweites Meer zu machen.

Sie ging umher und sann ihm nach. So war er. Er war etwas Ganzes, -- und
dies Ganze war vielleicht nicht weit von einem Helden. Die Frau, die ihn
geliebt htte, wre beinahe gerechtfertigt gewesen. Und eigentlich war's
von einer weniger starken Natur unntze, peinliche Streitsucht, sich ihm zu
widersetzen . . . Da schrak sie auf. Lieben? Diesen Abenteurer, der nur
nach auen und nach allen Seiten lebte? Der sich nie htte zusammenhalten
knnen fr eine? Diesen unzuverlssigen Spieler, fr den kein Gewinn,
nichts in Spiel oder Leben endgltig war? Diesen immer von seinen Launen
gequlten Mann aller Frauen?

Mai will er gerade so sehr wie mich! Mehr vielleicht!

Das war das Schlimmste. Darber htte man die Augen schlieen mgen und gar
nicht mehr aufstehen. Aber Lola wollte alles wegwerfen. Sollen sie tun,
was sie wollen! Und sie kam nicht zu Tisch; war gleich nach dem Bade in
den Pinienwald gelaufen und durchstrich ihn weiter und weiter. Er nahm kein
Ende. Man konnte sich verirren: wie das kitzelte! Sie drehte sich mit
geschlossenen Augen mehrmals um und wute nun die Richtung nicht mehr. Das
weie Schlo lag tief, tief in den Bumen: so gedmpft bla, als htte nie
Sonne es beschienen. Da nun der Wald sich wie mit Schleiern fllte! War
das Dmmerung? Schon? Man konnte hier sitzen und sich in den fremden,
gelben Geruch all dieses Gestrpps hineindenken, bis man weit fort war und
die Zeit verga. Zwar hatte man den ganzen Tag nichts gegessen, -- und
dort, auf der Lichtung, packten Holzfller ihr Gert zusammen und legten
Brote auf den Baumstamm . . . Nein, noch weiter: jetzt gerade, nun man
schon sehr, sehr mde war und die Nacht kam . . . Da sah mit Eulenaugen das
Meer zwischen die Stmme; die Richtung war wiedergefunden, die Stelle
erkannt. Eine halbe Stunde hchstens nach Haus! War ich dumm!

Sie kam zurck und fhlte sich ganz fremd und verachtend. Sie brauchte von
dem hellen, lauten Tisch nur wegzublicken, -- und ins Dunkel, jenseits der
Terrasse, waren friedevolle Bume gezeichnet und Waldwege, die stumm
verrannen. Ganz erfllt war sie noch von ihrem schnen Tag in Einsamkeit,
und das zwischen Menschen galt ihr gleich.

Erst Tags darauf fhlte sie, da ihre Abwesenheit Mai und Pardi einander
irgendwie nher gebracht habe. Mai hatte ihr nur laue, etwas knstliche
Besorgnis gezeigt, Pardi ihr keinen Auftritt gemacht. Als die andern von
einer gestrigen Ruderpartie anfingen, schwiegen sie. Waren sie allein
geblieben? Mai sah an Lola, die sie prfte, vorbei. Lola tat keine Frage.
Sie sprach mit vom Rudern. Pardi fiel ein:

Sie wren gern dabei gewesen? Dann gehen Sie also heute mit! Ihre Mama
vertrgt die See nicht, ich leiste ihr Gesellschaft.

Lola sah von ihm zu Mai. Sie suchte nach einer spttischen Ablehnung.
Pltzlich aber stie sie hervor:

Gut denn!

Sie hatte sich geschmt! Als sie ins Boot stieg, bereute sie's. Mai gab den
Herren lauter Empfehlungen mit, zu Lolas Wohl. Wie sie heuchelt! Lola
dachte weiter: Warum erlaube ich ihr, da sie ihn mir wegnimmt! Gebe ich
mich denn auf? Ich habe doch mein Recht aufs Glck! Sie beschlo: Ich
werde mich nicht mehr fortdrngen lassen! Ich kann ihn gerade so gut haben
wie Mai. Er hat mir sogar gesagt, da er Mai nur meinetwegen den Hof
macht. Sie verlangte nach einer Bucht weit dort hinten; und wie
eingewendet ward, ihr Vormund werde bse sein:

Meinen Vormund nennen Sie ihn? Es fehlte noch, da er's wre! Finden Sie
ihn nicht, im Ernst, ziemlich anmaend?

Wenn man einen unverschmten Menschen sucht, sagte Cav frisch, da hat
man ihn.

Er geht so weit, da er mir manchmal unsympathisch wird, sagte Botta.

Das ist recht! -- und Lolas ble Laune hob sich -- schimpfen wir ein
bichen auf ihn! Was wissen Sie von ihm, Marchese?

Deneris antwortete:

Als junger Mann hat er sich einmal selbstmorden wollen.

Das -- wollten Sie doch selbst schon.

Deneris, tief erstaunt:

Das ist doch etwas anderes. brigens hatte er keine unglckliche Liebe.
Hchstens Schulden.

Die sind ihm treu geblieben, begann Nutini. Trotz seinem groen
Familienbesitz kann man den Zeitpunkt seines Ruins schon berechnen. Leute
wie er, enden immer schlimm.

Tatschlich hat er zusammengewachsene Brauen, bemerkte Cav. Botta
bedauerte das Haus Pardi.

So altadelig!

Deneris widersprach:

Alt wohl, aber nicht lange adelig. Diese florentiner Brgerhuser sind
spt geadelt.

Nutini wollte auf die Geldsachen zurckkommen, aber Lola verlangte:

Lassen wir ihn gehen!

Sie ertrug es auf einmal nicht mehr, hier drauen, abgesondert von ihm,
gemeinsame Sache zu machen mit seinen Feinden, von denen keiner sich an ihn
wagte. Auf einmal fhlte sie sich voll Angst: beklommen und gereizt durch
all das feindliche, leere Blau um sie her, durch die Gesichter, die sie
ansahen. Er liebte Mai: man mute schnell ans Land, -- liebte Mai. Und Mai
ihn.

                   *       *       *       *       *

Sie begann Mai neu zu beobachten, mit Blicken, die sie selbst schmerzten,
und unter denen Mai sich verwandelte. Ihre liebenswrdigen kleinen
Torheiten bekamen etwas Untergeordnetes, ihre Kindlichkeit ward albern. Bei
jeder von Mais uerungen sah Lola in den Scho, schmte sich und empfand
Genugtuung in einem. Wie kann man so dumm sein! Diese verbrauchten
Listen! Da eine Mutter die Tochter, die sie frchtete, als Kind
behandelte: es war so alt, so alt. Nur ein wenig Geschmack, und man lie
es. Aber Mai wre, in ihrer Eifersucht, nicht einmal davor
zurckgeschreckt, Lola schlecht anzuziehen! Mais Ratschlge empfing Lola
nur noch mit Mitrauen. Einmal machte sie die Probe: frisierte sich
absichtlich sehr unvorteilhaft und fragte Mai, wie es ihr stehe. Mai war
entzckt: Lola wute nun Bescheid. Zum Schein ging sie ein Stck mit; --
aber unten auf der Treppe blieb Mai stehen, ihr Gesicht war verwirrt und
errtet, und sie sagte:

La dich noch einmal ansehen: nein, ich glaube, es geht doch nicht.

Mais Kampf rhrte Lola nicht. Es verdro sie, da sie nun weniger harte
Gedanken hegen mute. Sie wollte jetzt wirklich, wie sie war, unter die
Leute. Aber Mai flehte und jammerte, bis sie Lola wieder oben im Zimmer
hatte und sie eigenhndig, mit eifrigen, reuigen Hnden, von neuem
frisieren konnte. Ist es Verstellung? Was hat sie vor? dachte Lola und
hate sich selbst dafr. Aber sie konnte nicht dagegen, da Mais Hnde auf
ihrem Kopf ihr widerstrebten. Sie konnte nicht hindern, da Mais Art mit
den Mnnern sie erbitterte, ihr schlielich bel machte. Dieses Schnurren
und Schmachten, diese singende, lispelnde Sprechweise, diese seitwrts
geneigten Kpfe, unenthaltsamen Blicke, und dies ironische Lcheln einer
gedmpften Wollust, womit ein Mann und eine Frau sich verstndigten! Und
der Mann war irgendeiner, -- nicht blo Pardi: frher auch Deneris,
neuerdings auch Botta; und die Frau, das lockende Weibchen, war Lolas
Mutter, ihre eigene Mutter! Die Kokotten nebenan mochten dasselbe treiben,
und die Aristokratinnen; Lola mochte umringt sein von unreiner
Weiblichkeit; -- erst in Mai aber bekam sie etwas Groteskes und etwas, das
Grauen machte. Eine Mutter hatte nicht das Recht, noch Weib zu sein!

Je lnger sie sich hineindachte, um so berwltigender deuchte ihr das
Unrecht, das sie von Mai erfuhr. Als ich sie damals fr gefallen hielt,
war's weniger schlimm. Es war wirr wie ein Weltuntergang; es peinigte
nicht, denn alles war auf einmal aus; -- und es war eigentlich nur, weil
ich Romane gelesen hatte. Ich wute nichts, ich stand drauen. Jetzt sehe
ich von innen, wie alles geschieht. Ich liebe einen der Mnner, mit dem sie
kokettiert: denn so wrde sie es nennen, und doch ist es entsetzlicher, als
wenn sie ihn mir einfach wegnhme. Dann wrde ich mich vielleicht tten! So
aber fft sie, mit allen und ihm, die Liebe nach, die ich fhle, zeigt mir,
namenlos verzerrt, was eine Frau ist, macht mir Grauen, da ich eine bin.
Ich liebe einen, mit dem meine Mutter solche Blicke wechselt! Bin ich nicht
beschimpft und ganz beschmutzt durch das, was ich in mir trage? Ich will
nicht Frau sein! Ich will nicht lieben!

Sie machte sich jungfrulich steif, hrte von den Reden weg, die auf allen
Wegen zur Liebe glitten, und verlangte, da man in ihrem Dabeisein von
ernsten Dingen spreche.

Ich begreife nicht, da man hier in einer Gesellschaft von Mnnern und
Frauen sich immer nur miteinander, nie mit unpersnlichen Fragen
beschftigen kann.

Ja, Sie sind eine Amerikanerin, sagte Cav . . . Lola sah von allen
Seiten Komplimente fr die Amerikanerinnen kommen, fiel nervs ein und
erklrte die Stellung der Frau in Italien fr unwrdig und vollkommen
veraltet.

Glcklicherweise wollen Ihre Minister endlich die Ehescheidung einfhren.

Botta bat:

Nur das nicht. Wenn die Scheidung, was Gott verhte, Gesetz wird, sind wir
verloren.

Sie machen wirklich ein ganz betretenes Gesicht. Solche Angst haben Sie
vor den Frauen?

Im Gegenteil, versicherte Botta. Ich habe Angst fr sie. Denn sie zuerst
werden unter dem Gesetz leiden: haben sie doch wenig Urteil, die Armen. Sie
werden, kaum da etwas sie rgert, aus der Ehe laufen. Dann meiden alle
sie, und sie verkommen.

Schon jetzt, begann Deneris, sitzt die Caputi allein in den
Konditoreien, und sie ist nur getrennt. Was werden erst die Geschiedenen
tun!

Nutini bemerkte:

Ein Sodom und Gomorra wird entstehen. Wir jungen Leute werden uns nicht
darber zu beklagen haben.

Deneris aber klagte:

Uns wird die poetischste Sache verloren gehen, nmlich unsere unbedingte
Ehrfurcht vor der Frau, die in der Ehe unantastbar und die Erste ist.

Ich htte meine Mutter nicht achten knnen, wenn mein Vater sie htte
entlassen drfen! rief Botta.

Gut, Advokat! machte Nutini.

Die Frau, die geschieden werden kann, wird man vielleicht nicht einmal
mehr zuerst gren, frchtete Deneris. Cav rief entschlossen:

Ich werde sie gren!

Genug, folgerte Botta, wir haben die Pflicht, die Frauen vor sich selbst
zu schtzen.

Lola htte gern erwidert: Und wie schtzt ihr sie jetzt? Indem ihr
mglichst viele von ihnen zum Ehebruch verfhrt? Aber Pardi kam ber den
Sand herbei.

Und Sie? Sie sind natrlich fr die Scheidung? fragte Lola ihn. Er
antwortete:

Ich bin der unvershnliche Gegner jeder Regierung, die sie uns aufzwingen
will!

Cav bedeutete Lola mit einem Blick, da sie auf ihn sich verlassen knne.

Warum soll unser Land das letzte von allen sein? rief er hell. Die
Amerikanerinnen sind meistens geschieden, und sie sind reizend . . .

Botta unterbrach.

Der Fortschritt! Das ist euer Wort. Wenn es nun aber bewiesen ist, da die
Scheidung geschichtlich und etnographisch eine tiefstehende Einrichtung ist
und sich in direkter Verbindung mit allen Entartungserscheinungen der
menschlichen Psyche befindet, als da sind Verbrechen, Selbstmord, Wahnsinn
und -- noch mit einer, die ich vor Damen nicht nennen kann?

Gut, Advokat, sagte Nutini. Cav behauptete frisch:

Die Ehe ist das Grab der Liebe!

Seine drei Widersacher fielen zugleich ber ihn her. Pardi verschrnkte die
Arme und wartete. Als er sprechen konnte:

Die Ehe ist das Grab der Liebe, wenn man von Liebe einen falschen Begriff
hat, wenn man fr Liebe hlt, was nichts weiter ist als tierische
Fleischlichkeit, nichts als die Berhrung zweier Epidermen. Die echte Liebe
aber, die in der Seele wohnt und gereinigt, vergeistigt und von den Launen
der Sinne unabhngig ist, kann nur eine einzige Person angehen und nirgends
vorkommen als in der unlsbaren Ehe! Nur sie ist der ganz reine Herd dieser
Liebe!

Lola betrachtete ihn: da stand er, der Idealist, und glaubte an sich! Unter
denen, die ihm so leidenschaftlich zustimmten, htten vielleicht noch
einige Ehefrauen sein sollen, deren reiner Herd dank ihm etwas weniger rein
war, und ein paar Gatten, die er halbtot gestochen hatte.

O! machte sie. Was Sie da sagen, ist die Logik eines Dichters. Wenn nun
die Wirklichkeit nicht immer so logisch wre? Dann wrde man, Ihrer Poesie
zuliebe, unglcklich!

Er merkte gar nicht ihren Spott. Mit Strenge entgegnete er:

Auf diese oder jene, vielleicht vorschnell geschlossene Ehe kann nicht
Rcksicht genommen werden, wo es sich um die Ehe als Grundstein des
gesamten gesellschaftlichen Gebudes handelt.

Sehr richtig! bemerkte Botta. In der Ehe befiehlt der Staat.

Besteht der Staat nicht aus Menschen? fragte Lola. Pardi erklrte:

Sie haben sich zu opfern. Nicht ihr Glck ist das Wesentliche. Das Wohl
der Kinder geht ihm vor, der Bestand der Gesellschaft. Wer mit seinem
freien Willen gewisse Pflichten eingegangen ist, hat, was nachkommt, nur
sich zuzuschreiben und kein Recht, sich zu beklagen. Ich wrde mich nicht
beklagen, schlo er, durchdrungen.

Und er ist ein Mensch, dachte Lola, der noch keine Handlung mit ruhigem
Blut und Voraussicht der Folgen begangen hat! Sie uerte:

Wie Sie von Pflicht zu sprechen wissen! Sie sind frmlich ehrwrdig!

Tatsache ist, sagte Botta, da Sie einen ausgezeichneten Verteidiger der
guten Sache geben wrden; -- und Gott wei, da sie Verteidiger braucht
. . .

Er wartete, ob man nicht ihn selbst auffordern werde. Dann beschied er
sich:

Stellen Sie doch Ihre Kandidatur auf!

Deneris und Cav stimmten ein. Lola besttigte:

Sie mssen ins Parlament und die Ehe retten.

Er sah ihr sphend in die Augen. Sein Tigergesicht, dachte sie.

Von diesem Augenblick bin ich entschlossen, -- und Sie werden sehen, wer
recht behlt!

Also wetten wir: fr und gegen die unlsbare Ehe? schlug Lola vor.

Nein! Dafr ist es zu ernst. Aber Sie knnen schreiben, Nutini, da ich
kandidiere. Bereiten wir doch gleich das Ntige vor . . .

Schon ward er umringt, im voraus beglckwnscht und begann einem Kreise
Neugieriger sein Programm zu entwickeln. Die Hotelgste kamen die Terrasse
herunter, und von weither sah man laufen. Die aristokratische Gesellschaft
mit ihren gewrfelten Anzgen und riesigen Schleiern drngte sich, warf
skeptische Bravos in die Rede, fchelte, plapperte; und whrend der Kopf
nach der andern Seite lchelte, betasteten unten sich irgendwelche Hnde.

Pardi lie keinen einzigen Scheidungsgrund zu, nicht Zuchthausstrafe, nicht
Wahnsinn.

Wenn erst Bresche gelegt ist, gibt's kein Halten, und man endet dabei, da
der Wunsch des einen Gatten gengt! Eher bin ich dafr, da das Band noch
fester geknpft wird, da wir, meine Herren, die Verantwortung fr unsere
Frauen bernehmen und sogar ihre Verbrechen ben!

Welch wilder Romantiker! dachte Lola, auf ihrem Sesselchen im Schatten
des Badekarrens.

Dafr mu unsere Herrschaft nicht lockerer, sondern noch fester werden.
Meine Herren, es haben sich Richter gefunden, die entgegen dem Gesetz eine
Frau der Verpflichtung enthoben haben, ihren Mann zu begleiten, wohin immer
er befiehlt . . .

Eine der beiden puppenhaften Blonden mit den rot geschminkten Lidern, die
Contessa Bernabei, wandte sich Lola zu, machte einen Schritt aus der Masse,
da ihr Schatten darauf fiel, und hob, mit angeregter Miene, nochmals den
Fu. Als Lola gleichgltig sitzen blieb, trat sie rgerlich zurck, sprach
nach links und nach rechts, als rhrte sie in einem Sandhaufen, -- und auf
einmal waren drei, vier Lorgnons auf Lola gerichtet.

Aber eine Stimme, Deneris' Stimme, zog die Aufmerksamkeit ins Innere des
Kreises zurck.

Die Furcht vor der Scheidung wrde keine Frau vom Ehebruch abhalten und
keinen Liebhaber. Denn in der Leidenschaft frchten wir nichts.

Meine Meinung! rief Pardi; und die beiden streckten einander die Hnde
hin.

Mag der Gatte aufpassen! hhnte Cav, knabenhaft hell; und der Chor
erklrte sich frs Aufpassen.

Die Versammlung brckelte ab; auch Mai lste sich heraus, mit Deneris
hinter sich.

Hat er reizend fr die Scheidung gesprochen, und auch Sie, Marchese! O!
ich schwrme fr die Scheidung. Meine Tochter brigens auch: Nicht wahr,
Lola? -- und Mai lief trippelnd herbei, ganz unbefangen, wie immer, wenn
Leute dabei waren. Deneris hielt sie zurck; er hatte ihr etwas
zuzuflstern. Mai schttelte auf alles den Kopf. Schlielich sagte sie:

Gut, da Sie mit Pardi vershnt sind; jetzt knnen Sie wieder mit uns
reden. Sonst aber: lieber Marchese, Sie drfen es nicht belnehmen, eine
glckliche Liebe wrde Ihnen nicht stehen. Ihnen steht eine unglckliche.
Als Sie tglich sechs Stunden gereist sind und sich bei einem Photographen
haben erschieen wollen, da mssen Sie schn gewesen sein . . . Sollen wir
jetzt nicht baden, Lola? -- und Mai lie Deneris zurck.

Lola dachte: Sie ist so dumm, da sie keine zwei Worte versteht, die etwas
Allgemeines sagen. Gleich darauf aber, wenn es sich um ihren Krper handelt
und um die Sinne eines Mannes, wird sie beinahe geistreich. Mu man als
Frau so sein? Dann bin ich ein verfehlter Mann. Wenn ich htte auftreten
drfen: wie ich denen dort die Wahrheit gesagt htte! Was fr eine
Gesellschaft! Sie sind schlaff und unmenschlich zugleich; frivol und
philisterhaft, alles beides. Pardi ist das alles auch: nur heftiger als die
anderen. Ich kenne ihn: sich wrde er alle Freiheiten nehmen und seine Frau
wrde er einsperren. Drauen wrde er wie ein wildes Tier herumstreichen
oder wie ein Narr, und in seinem Hause wrde er alles abgezirkelt und
niedlich wie in einem Vogelbauer wollen. Kann man so abscheulich ungerecht
sein! Nein, ich mchte kein Mann sein. Oder ich wre einer wie Arnold
. . .

Zornig ri sie sich die Bluse auf, -- da erschien um die Ecke des Karrens
auf nacktem Hals der Modellkopf des Dichters Merluzzo. Seine Puppenaugen
sphten hinein.

Was wollen Sie, mein Gott!

Mai, schon halb entkleidet, schrie und strzte umher.

Endlich treffe ich Sie allein. Erinnern Sie sich nicht, da ich Ihnen eine
Novelle vorlesen wollte?

Es mute sofort sein. Lola lie ihn sich auf die Karrentreppe setzen und
versprach, hinter dem Vorhang genau zuzuhren. Aber die weichliche Stimme
reizte sie noch mehr. Zum Schlu sagte sie:

Recht hbsch. Aber den Gedanken, da an der Untreue der Frau auch der
Gatte schuld haben kann, finde ich sehr khn.

Nicht wahr? -- ganz stolz. Das sagten mir schon andere: die Idee sei neu
und vielleicht zu khn. Auch der Conte Pardi sagte es.

Das dachte ich mir, -- Lola schlug den Vorhang zurck und ging in ihrem
Mantel an Merluzzo vorbei. Im Wasser erklrte Mai:

Ich mag diese Dichter nicht. Dieser hnelt wieder dem vorigen, dem in
Deutschland.

Lola antwortete:

Liebe Mai, solche Leute wie Deneris verstehst du sehr gut; -- und dann
schwamm sie unter Wasser davon.

Mai sprach sie nicht wieder an. Am Abend ward Lola von Pardi zur Rede
gestellt. Sie sei so unartig, da ihre Mutter geweint habe, und dabei
verschwende sie das Geld ihrer Mutter. Wie sie dazu komme, die ganze
Familie des Stubenmdchens zu unterhalten. Ob sie nicht sehe, da der Mann
ein Lump sei, der nicht arbeiten wolle und sie belge. Sie wisse es, sagte
Lola; da er aber einmal so sei und die Familie Not leide --

Das ist unmoralisch! behauptete Pardi.

Wenn ich fragen wollte, wem ich helfe, kme ich nie zum Helfen. Glauben
Sie, da der betrunkene Bauer in Deutschland, den Sie ins Dorf trugen und
so reich beschenkten, wrdiger war?

Er war ein sehr guter Mann, ich habe mit den Leuten gesprochen.

Ich auch. Und er hatte die Messerstiche, weil er gestohlen hatte. Aber Ihr
Geld verdiente er darum, meine ich, nicht weniger.

Da Pardi nur fuchtelte:

Sehen Sie, Sie waren in Afrika, haben so vieles hinter sich: ich aber, die
ich nichts erlebt habe, bin enttuschter als Sie. Sie brauchten mich
wirklich nicht so oft zu belehren.

                   *       *       *       *       *

Das war ein Triumph! Auch da er Merluzzos Albernheiten khn gefunden
hatte, war einer; und da die slichen Bilder im Saal ihn entzckten. Fr
alles, was slich und veraltet war, fr jeden Kitsch war er zu haben. Er
mute als Held in lteren Romanen vorkommen. Seine Abenteuer, sein
Ehrbegriff, seine Ideen, seine Lebensanschauung und sein Urteil ber
Menschen rhrten von solchem Helden her. Fr ihn gab es natrlich nur Gute
und Bse, Ehrenmnner und Schufte, und wer das Fechten verstand, erhielt
sich stets auf der Seite der Ehrenmnner. Eine Welt, so einfach in ihrer
Wildheit, da es nicht zu glauben war. Eine Naivitt, die manchmal rhrte,
manchmal emprte: nur Achtung konnte sie nicht eingeben.

Ihre Beobachtungen rieben sie auf, sie erschrak bei jeder neuen Waffe, die
sie gegen ihn in die Hand bekam, denn mit allen traf sie sich selbst. Sie
schlief nicht mehr, verbarg mit Mhe ihre stndige Gereiztheit, und von
frh bis spt war sie in der Angst, einen Zug an ihm zu bemerken, der ihn
entstellte, der ihn vervollstndigte. Nutini war ihr Schrecken; bei jeder
Begegnung lftete er, feixend oder unter Freundschaftsbeteuerungen, wieder
ein Stck von Pardis Vergangenheit. Pardi hatte die Chiarini, als sie von
ihm in anderen Umstnden war, mit dem Wagen umgeworfen, wobei sie umkam
. . . Nutini verhehlte nie, Lola auf den Mut hinzuweisen, womit er sie ber
den gefrchteten Duellanten aufklre. Sie hielt trotzdem das meiste fr
Verleumdung; aber ein ruheloses Mitrauen und eine verzweifelte Lust an
seinem Gezischel trieben sie zu Nutini. Sie standen zusammen abseits,
wiesen nach dem Horizont, lachten laut, und dabei sagte Nutini:

Sie wissen wohl nicht, warum die Bernabei Sie so viel durchs Lorgnon
ansieht?

Die mit dem zusammengedrckten Gesicht und den roten Lidern? Nein.

Weil sie Pardis Geliebte ist . . . Ja, man spricht seit zwei Tagen davon,
aber ich habe mich erst berzeugen wollen . . .

Lola hrte gierig die Einzelheiten von Nutinis Entdeckung an.

Sie begreifen nun, die Bernabei ist auf Sie eiferschtig.

Aber neulich, als Pardi seine Rede gegen die Scheidung hielt, schien sie
sich mir ganz freundlich nhern zu wollen.

Das glaub ich! -- und Nutini lachte auf, mit groen Falten neben dem
Munde; Sie wissen wohl, was Eifersucht ist: man mu die Gegnerin kennen
lernen!

Nein, ich wei das nicht. Und ich bin nicht die Gegnerin der Frau
Bernabei.

Im Ernst? . . . Ich will aufrichtig sein. Die Grfin hat mich beauftragt,
zu machen, da Sie beide sich kennen lernen.

Mich verlangt nicht nach der Bekanntschaft.

O! Sie sind nicht eiferschtig. Sie sind ein bewundernswertes Geschpf, in
das auch ein ernster Mann sich verlieben knnte. Unglaublich, wie viel
Seele in den Augen dieses Mdchens ist . . .

Lola dachte: Fr alles andere habe ich Blick, nur nicht fr Liebessachen
. . . Jetzt begren sie sich: ja, es ist wahr. Da ich das nicht frher
gesehen habe! Und doch war sie mir unsympathisch vom ersten Augenblick, und
ich habe mich ihretwegen mit ihm gestritten! Also hat er eine Geliebte:
hier gleich neben mir, die er doch behandelt, als ob ich ihm gehrte
. . .

Gegen die Liebe in ihr vermochte das alles nichts; nur die Last dieser
Liebe konnte es vermehren. Ihr Wachstum war nicht mehr aufzuhalten. Kein
Tag, der ihr nicht Nahrung gab. Noch mit der Verachtung des Geliebten
nhrte sie sich!

Und ihr Dasein glich jetzt ganz jenem Spaziergang, die letzte Nacht in
Deutschland, als sie in die Luft schlug, aus blinder Angst vor seiner
Berhrung. Immer war sie in Angst, sich zu verraten: mochten ihre Worte
noch so gehalten sein, sich mit Blicken zu verraten, wie die Bernabei, mit
einer Betonung, die ihr, sie merkte es, ausglitt, mit einer Bewegung, die
entschlpfte. Stand ihr nicht der Traum der vergangenen Nacht noch in den
Augen, als sie sich, einen steilen Weg hinab, fest auf ihn gesttzt und
sich abgespannt und genesen gefhlt hatte? Konnte er nicht in sie
hineinsehen? Drang nicht ihre Leidenschaft ihr durch die Haut? Sie drang
doch bei allen durch, so lang die Terrasse war, so viele Menschen hier
gehuft saen, so viele Gesichter sich aufeinander zuneigten, so viele
Hnde nacheinander tasteten. Lola sah jetzt dies alles und fhlte es, ohne
hinzusehen. Ein neuer Sinn war ihr gekommen fr den Strom, der um diese
Tische und durch diese Menschen lief und von dem der Blick jedes Mannes und
jeder Frau, die sich ansahen, dieses ironisch gedmpfte Einverstndnis
empfing. Sie fragte nicht mehr, warum hier zwischen Frauen und Mnnern kein
Gesprch ber irgend eine drauen liegende Sache aufkam. Sie selbst konnte
nur noch darauflos schwatzen, schlaff lachen und, nun Nutini ihr den Hof
machte, sinnlos herausfordernd an seinen Augen haften. Dazwischen emprte
sie sich gegen ihren Zustand, begriff nicht, wie er hereingebrochen sei,
schrieb ihn dem Scirocco zu, der einem den Atem nahm, einen gedankenlos,
matt und nach Schauern gierig machte. Man zog die Mahlzeiten hin, trank,
rauchte, -- und wenn man die heie, schlaffe Hand ber das Gelnder hngte,
traf Regen sie, der nicht khlte. Die Gerche dieser eleganten Menge
standen still in der Luft. Das Meer sandte bleierne Reflexe. Die Blicke
erschienen fiebrig, die Gesichter fahl, gedunsen und von aufstachelnder
Zerrttung.

Lola fand jetzt viele beneidenswert schn. Manche dieser Frauen schminkten
sich Masken wie Kokotten. Man mute das herausbekommen. Man mute ihren
lauten Chic erlernen. Sie probierte des Nachts. Mai, sah sie, hatte tglich
breitere Kohlernder. Wenn sie zusammen die Terrasse betraten und von der
Bernabei und den anderen gemessen wurden, sprte Lola von weitem den
Erfolg. Mais dunkle, weiche Schnheit und Lolas herbere blonde Eleganz
hoben einander. Sie sprachen unter sich kaum ein Wort, sie hielten beim
Ankleiden die Tr zwischen sich geschlossen, gaben sich keinen Rat mehr: --
am Fu der Treppe aber blieb Mai stehen, um Lola an ihre Seite zu nehmen;
und am Strande legten sie einander die Hand in den Arm und lachten sich zu.

Wir sind eigentlich wie ein Paar Abenteurerinnen, dachte Lola. Wer uns
nicht kennt --. Mit der Wucht des Schreckens vertiefte sie sich dahinein.
Wir sind immer, ohne irgendwo hinzugehren, durch Europa gezogen, haben
nur an Pltzen gelebt, wo sich Abenteuer finden lassen, -- und haben wir
keine gefunden? Womit habe ich, wenn ich die Branzilla abziehe, meine Zeit
verbracht? Auch hatten wir nur unregelmig Geld . . . Und da hatte sie
ihr Dasein umgesehen, verstand sich, sehr befremdet, auf einmal ganz
anders. Ich bin es! Ich bin eine Abenteurerin! . . . Die anderen, die es
sind, wissen es vielleicht auch nicht. Man merkt das wohl selbst erst, wenn
die Leute es schon lngst sehen . . .

Sie wehrte sich: Ich habe doch so viel gelesen; durch meinen Kopf, der
jetzt wohl leer ist, sind doch Gedanken gegangen, wie gewi niemals durch
diese Kpfe hier. Wenn ich jetzt in diese Gesellschaft gehre, -- noch vor
kurzem war ich doch mit ganz anderen Menschen fast verwandt. Wie war mir
zumut, als ich mit Arnold war? Alles war anders. Frauen, wie diese, die ich
jetzt nachahme, htten mich gedemtigt durch ihre bloe Gegenwart. Dann:
Aber vorher war ich mit Da Silva. Auch das habe ich in mir. Und das bricht
jedesmal mehr durch. Jetzt bin ich hier und bin so.

Einen halben Tag lag sie gelhmt von ihren Entdeckungen; und als sie
aufstand, hatte ihre Rolle einen tragischen Sinn bekommen. Wie Mai, die
nichts ahnte, es klglich gut hatte! Fr sie war, sobald Paolo einmal
wieder ein paar tausend Francs schickte, alles in Ordnung. Man mute
sanfter mit ihr sein . . . Beim Anblick der Bernabei schnellte in ihr ein
Stolz auf, der sie erschtterte. Diese Frau, dachte sie, wird sich mir
vorstellen! Sie wird in das Palais der Contessa Pardi kommen und sich ihr
vorstellen! Sie lie kein Erstaunen ber den Einfall in sich aufkommen.
Ah! Diese Leute halten mich fr eine Abenteurerin. Der Geliebte solcher
Weltdame hat nebenher noch eine etwas verdchtige Bekanntschaft, die er in
die Gesellschaft nicht einfhren kann. Denn er hlt mich von ihnen
getrennt, er behandelt mich wie eine Kokotte. Aber sie sollen sehen! Er
soll sehen!

Sie verachtete diese Menschen! Und dabei gab die Aufgabe, sich unter ihnen
Platz zu machen, ihr Begeisterung. Nun wute sie sich wieder unangreifbar,
suchte keinen Schutz mehr vor Pardi, nahm ihn sogar mit auf ihre einsamen
Spazierwege.

Nicht in den langweiligen Wald, bitte: nach den Bergen zu.

Es wird sehr hei sein -- und weit.

Sie sehen ganz nahe aus, und droben geht gewi Wind.

Wie Sie meinen . . . brigens wiederhole ich Ihnen, da Sie verschwenden.
Ihre Mama wei nicht mehr, wie sie die Kleider bezahlen soll, die jetzt
wieder fr Sie da sind.

Mchten Sie, da ich hinter der Bernabei zurckstehe?

Warum vergleichen Sie sich der Bernabei?

Lola hrte, wie er stammelte. Sie fhlte sich, da sie den Namen seiner
Geliebten nannte, im Genu einer berlegenheit; fhlte, da ihr khles
Lcheln ihm unheimlich sei, wie gewissen Wilden eine Jungfrau.

Ich kenne Sie schon, sagte sie. Sie gehren zu den Mnnern, die ihrer
Freundin etwas Festes im Monat geben und von ihr verlangen, da sie darber
abrechnet. Man kann, denke ich mir, ganz gut eine Menge Geld verspielen und
dann in Kleinigkeiten geizig sein. Nicht?

Was Sie sagen, schickt sich nicht fr Sie!

Nehmen wir an, es wre eine Frau, eine ltere Frau, die es Ihnen sagte.

Sie sind viel zu klug fr eine Frau! brigens: wozu reden wir. Lange genug
haben wir getan, als ob nichts wre zwischen uns, als ob wir nicht wten,
da ich Sie besitzen werde, und da Sie darauf warten. Ihre Klugheit ndert
daran nichts. Was Sie reden, sind blo Worte; und im stillen wissen wir
mehr. Ist es nicht so?

Seine Stimme fhlte sich an, wie eine Hand, die im Wrgen noch schmeichelt.

Was Sie sagen, schickt sich nicht fr Sie, erklrte Lola.

Sie bringen mich zum uersten!

Halb ihr zugewendet, hielt er seine beiden, bebenden Fuste vor sie hin.
Sie ging weiter, ohne hinzusehen.

Was hindert mich: was? Wenn Sie die Contessa Dingsda wren oder auch das
Stubenmdchen --

Er zischte nur noch; aber sie verstand ganz gut: man behandelte sie nicht
wie eins jener Weibchen. Eine Scheu benachrichtigte selbst diesen, da das
nicht ging. Sehr hochgemut, mit Auflachen:

Ich nehme an, da dies alles einen Heiratsantrag bedeutet.

Nein! -- ganz brutal. Lola duckte den Nacken, sie konnte nicht anders.
Sie versuchte zu trotzen:

Einen Gegner der Ehescheidung knnte ich auch nicht brauchen.

Aber sie dachte in Panik: Soll ich sagen: wenn es keinen Antrag bedeutete,
war's Unverschmtheit? . . . Darf ich das noch? Ich hatte mich ihm
gleichgestellt! Pltzlich schlgt der Mann dann zu: so ist es immer. Dies
Nein werde ich nie vergessen. Sie setzte sich hin.

Gehen Sie, bitte, allein weiter. Ich will hier bleiben.

Auf der Mauer, in der Sonne? Ich warte natrlich, bis Sie sich ausgeruht
haben.

Lola sah nach den Bergen und dachte: In was fr einer Lage! Mai wre nie
in solcher: sie, die ich so oft dumm finde. Sie lachte gewaltsam:

Wissen Sie wohl, da Sie ziemlich grob waren? Aber ich verzeihe Ihnen. Fr
die dummen Frauen hat man die Galanterie; aber was tut man mit den Klugen.
Da ist man ratlos.

Dann:

Die Berge kommen aber gar nicht nher. Kehren wir also um.

Sehen Sie, da Sie nachzugeben verstehen? sagte Pardi.

                   *       *       *       *       *

Er trllernd im Tenor, Lola mit Kopfschmerzen: so kamen sie zurck. In
ihrem Zimmer schlo sie sich ein, fand aber keine Ruhe.

Wenn er mich nicht heiratet, -- ich mu mich erschieen! Dies geht nicht
einfach vorber, das wei ich. O! wie ich ihn hasse.

Im Umherirren gab sie ein leises Wimmern von sich. Pltzlich, stehen
bleibend:

Oder -- ist das Ha? . . . Was tut er jetzt? Ist er bei der Bernabei?

Sie horchte an Mais Tr, ffnete leise: Mai war nicht da.

Und was tut Mai?

Fieberhaft trieb es sie nach allen Seiten. Keinen Augenblick konnte sie
lnger allein bleiben. Da kam Mai, und hatte wieder dies verdchtig
Unsichere.

Woher kommst du? fragte Lola hastig. Mai stutzte, und ihr Blick, der um
Teilnahme gebeten hatte, verschlo sich. Lola mute sich erst sanft machen;
dann erfuhr sie, Mai habe wieder einmal Pai erblickt, vorhin, whrend ihrer
Nachmittagsruhe, -- aber noch seien ihre Augen offen gewesen; Pai sei von
links gekommen und habe ein schrecklich ernstes Gesicht gehabt.

Mais sklavische Angst entrstete Lola auch diesmal. Sie wollte sagen: Wenn
du mit vollem Magen schlfst -- Aber sie sagte:

Pai ist offenbar nicht zufrieden mit dir. Wundert dich das?

Mai sah vor sich hin. Ihre Brust ging immer heftiger. Da fiel sie Lola,
ohne ihr in die Augen zu sehen, um den Hals.

Willst du Pardi? Ich lasse ihn dir. Ich begnge mich mit Botta.

Lola vermochte nichts gegen die eigene Gereiztheit. Sie erwehrte sich Mais.

Du weinst mir das ganze Gesicht na, und ich hatte mich eben gepudert
. . . Wie willst du mir Pardi lassen? Gehrt er dir?

Und Mai, enttuscht, aus der Stimmung gerissen und auf einmal voll
Feindschaft:

Also dann wirst du's sehen!

Was werde ich sehen, Mai?

Sie maen sich; -- und wie Lola dies haltlos und kindlich bse Gesicht
dringend betrachtete, brach ein Schauer von Mitleid ber sie herein. Das
ist doch Mai, dachte sie. Da umfate sie Mai, drckte sie auf den Stuhl
nieder, legte, vor sie hingekniet, Stirn und Augen in ihren Scho.
Dunkelheit: die tat wohl. Was sich noch eben so wild angefhlt hatte, war
nun abgeschafft. Es ist doch gar nicht ntig, dachte Lola.

Ich brauche ihn gar nicht, sagte sie und hielt die Augen geschlossen;
ich liebe ihn gar nicht.

Mai legte ihr die kleinen weichen Hnde um das Gesicht.

Das kennen wir, flsterte sie nur. Und wie Lola die Lider ffnete:

Sagte ich's nicht?

Was sieht sie in meinen Augen? dachte Lola und ging zum Spiegel.

Ich habe wohl etwas Fieber, Mai. Meinst du, da ich heute abend zu Hause
bleiben soll?

Ich meine, da wir jetzt keine Zeit mehr verlieren, sondern dich
verheiraten mssen, antwortete Mai wichtig. Ich mu fr dich handeln,
sonst kommen wir zu nichts. Du bist so klug, aber ich sagte dir's schon
oft, eine Negerin wei die Mnner geschickter zu nehmen als du. Auch betest
du zu keinem Heiligen. An welchen Gott glaubst du eigentlich?

Wie willst du handeln, Mai? Da du ihm kein Wort sagst, du wrdest mich
sehr bse machen.

Ich habe das Recht, ihm zu verbieten, da er meine Tochter noch lnger
kompromittiert. Man bleibt nicht mit einem jungen Mdchen drei Stunden vom
Hause fort. La mich nur machen, ich bin erfahrener.

Lola wendete sich hin und her.

Warum mu ich denn heiraten?

Damit du einmal zur Ruhe kommst. Weit du das nicht? Und die Geldsachen
aufhren. Seit Paolo all unser Geld in dieses Ansiedelungsunternehmen
gesteckt hat, kriegen wir immer weniger.

Mai war ganz Gesetztheit, ganz Vernunft.

Aber wenn das Geschft gelingt, sind wir reich.

Du selbst hast noch gestern gezweifelt. Besser, wir versorgen dich
gleich.

Mir widerstrebt es, Mai. Ich werde Pardi nur heiraten, wenn unser Geschft
gelungen ist. Jetzt mut du dich wohl anziehen, setzte sie rasch hinzu.

Nein, sagte Mai ebenso rasch, und als habe sie darauf gewartet. Ich
werde mich gar nicht anziehen. Ich bin gut genug, wie ich bin. Aber ich
werde dir helfen.

Was fllt dir jetzt ein? Irgend etwas mut du doch anhaben.

Dann ziehe ich das grne Kleid an.

Das die Schneiderin ganz verdorben hat? Und Grn steht dir nie!

Mai wiederholte mit einer Festigkeit, unter der es zitterte:

Ich ziehe das grne Kleid an.

Du bist schrecklich! -- und Lola sah sich verzweifelt nach allen Seiten
um. Da Mai sich hlich machen wollte, war ein peinlicheres Opfer, als
wenn sie ihr Pardi freilie.

Zu dem grnen mut du wenigstens Rot auflegen, hrst du?

Ich werde mich berhaupt nicht schminken: nur Eau vgtale.

Und Mai ging, von sich selbst erschttert, hinaus.

                   *       *       *       *       *

An diesem Abend schickte Mai alle Tnzer fort, machte Bekanntschaften unter
den Mttern einiger kleinen Provinzlerinnen und fhrte sorgenvolle
Gesprche ber die Kinder. Dafr lie sie sich das nchste Mal zu ihrer
silberbestickten weien Empirerobe berreden; und jedesmal, wenn sie in
Pardis Arm an den Wnden hinglitt, trieb es Lola ihr nach. Sie gab dem
eigenen Begleiter keine Antwort, hing nur an Mais und Pardis Mienen, die zu
s, zu vertieft waren, qulte sich um die Worte, die er in Mais Corsage
sprach, litt unter dem weichen Seidenflu um Mais Gestalt, unter den
blabunten Palmen darauf aus altem Kaschmir, unter Mais Flimmern und
ppigen Gleiten und der nie gestrten Weie ihres Gesichts in den breiten
schwarzen Haarwellen. Sie selbst erhitzte sich, ihren Fcher bewegte sie
nicht so melodisch, und nie wrde sie es verstehen, solche Hingebung zu
spielen! Diese Mnner hier wollen nichts, als da man ihren Augen
schmeichelt, und allen ihren Sinnen. Das ist alles, was sie kennen. Sie
lie sich ins Freie fhren, ans Buffet, von einem Raum zum andern; in aller
Hitze klapperten ihr pltzlich die Zhne; und sie begann wahllos zu
schwatzen. Wie ich mich schme! dachte sie dazwischen.

Was haben Sie mit Mai gesprochen? fragte sie Pardi und lachte.

Wir haben uns gestritten. Ihre Mama will nicht, da ich mit Ihnen
spazieren gehe. Sie wissen, da ich darauf nicht verzichte: eher auf alles
andere, sagte er mit dieser sengenden Se. Sie lachte schwcher, schlo
eine Sekunde die Augen; -- und in der Sekunde war alles gut.

Beim Hinaufgehen verhielt Mai sich kleinlaut. Am Morgen sah sie verweint
aus, hatte eine Stimme voll Mitleid mit sich selbst, war einfach angezogen
und wollte, nur mit Botta, an den unbelebten Strand unter der Pineta. Bis
zum nchsten Mal, dachte Lola. Denn sie wute jetzt: Mai opferte sich
stckweise. Immer noch blieb ein Rest Selbstsucht zu bezwingen. Aber ihre
unerklrten Abwesenheiten mit Pardi wurden seltener, und nach ihnen war's,
als flchtete sie sich, verstrt, zu Lola, als wollte sie nie mehr von
ihrer Seite, mit Blicken und Bewegungen, wie um Schutz und um Verzeihung
. . . Lola erinnerte sich seines furchtbaren Was hindert mich --
Vielleicht da ihn bei Mai nichts hinderte? Nicht die Scheu, die sie selbst
umgab? Nein! Bei Mai nichts. Und Bilder brachen herein . . .

Kein Mittel gab es, ruhig zu atmen, als wenn man aus jeder Stunde wute,
was sie getan hatten, sie und er. Lola verbndete sich enger mit Nutini.

Wir betragen uns zu sehr als Amerikanerinnen, nicht? Mai ist wieder mit
jemand allein fort, ich glaube mit Pardi. Gestern auch, glaube ich.

Nein, gestern mit Botta. Sie haben droben an der Dne gelegen. Aber jemand
lag auf der andern Seite und hat sie belauscht. Botta hat zuerst von seiner
Balleteuse geseufzt, dann hat er Ihrer Mama einen Antrag gemacht, und
nachdem er abgelehnt war, hat er sie um Geld gebeten. Es scheint, er
steckt, von der Balleteuse her, noch immer in Schulden.

Wie man hier, bei allem Gefhl, praktisch ist. Das gefllt mir. Also Geld
sucht man bei uns? Aber hlt man uns denn nicht fr Abenteurerinnen? Sagen
Sie's nur!

Mein Gott, manche geben vor, es zu glauben. Wer Ihnen schadet, ist Pardi.
Hat er nicht geprahlt, er werde Sie beide zu seinen Geliebten machen? Ihre
Mama und Sie?

Lola sah ihm in die Augen: sie waren lgnerisch. Und doch knnte Pardi das
sagen! mute sie denken.

Wo und wann hat er das geuert?

Vor aller Welt, noch gestern. Sie und Ihre Mama brauchen nur den Rcken zu
wenden.

Lola bebte vor Zorn.

Das lassen Sie ihn sagen? Und Sie behaupten manchmal, Sie lieben mich.

Ich liebe Sie, wiederholte Nutini, durchdrungen. Gleich darauf nahm sein
Gesicht einen anderen Faltenwurf an.

Was den Herrn Pardi betrifft, verachte ich ihn zu tief, um seine
Prahlereien wichtig zu nehmen. Niemand nimmt sie wichtig. brigens macht er
mich nicht eiferschtig, denn ich habe die berzeugung, da er es viel mehr
auf Ihre Mama absieht.

Lola zuckte zusammen. Vergebens hielt sie sich vor: Nur aus Feigheit
spricht er so. Sie fhlte sich tief niedergeschlagen und rtselhaft
gefangen, wie mit Stricken aus Luft. Nutinis Rnke, Pardis
Unzuverlssigkeit, Mais Schwche und Lolas eigene ngste wrden immer so
weiter gehen. Eine atemlose Ungeduld qulte sie auf einmal. Keinen
Augenblick lnger durfte dies alles dauern. Sie machte eine Bewegung, als
risse sie sich los.

Da ihr Mnner, kaum da ihr unter euch seid, von uns Frauen so redet, das
ist mir nichts Neues. Sie erinnern sich, was ich einmal, auf meinem Balkon,
von euch zu hren bekam.

Nutini legte die Hand aufs Herz.

Ich war nicht dabei: vergessen Sie das nicht.

Auch Sie htten dabei sein knnen. Was wrde das ndern. Nur von Pardi
glaube ich nichts.

Damals haben Sie seine Stimme wohl erkannt; und was seine Worte von
gestern betrifft --

Nichts glaube ich, und drfte es auch nicht; denn --

Laut:

Ich liebe ihn!

Aufatmend, mit Stolz:

Ja: ich liebe ihn. So ist es. Was wollen Sie dabei tun.

Sie grte und ging. Das tat wohl: etwas Unwiderrufliches war geschehen.
Zurck ging's nun nicht mehr. Nutini wrde dies herumschwatzen. Pardi
erfuhr es . . . Er konnte sie auslachen -- oder sie heiraten. Wenn nicht,
erschiee ich mich. Das Mitwissen aller konnte auch einen Druck auf ihn
bewirken, konnte ihn ntigen, sie zu heiraten. Wie ich berechne! Ich werde
wirklich zur Abenteurerin. Gleichviel: wer alles wagte, hatte Rechte auf
alles. Werde ich mich nicht erschieen?

                   *       *       *       *       *

Pardi holte sie ein; er war ganz in Flammen.

Wissen Sie, da ich den Nutini zur Rede stellen werde? Ihre Duos mit ihm
gefallen mir nicht mehr.

Wenn sie aber mir gefallen?

Das gengt nicht -- und sie zankten schon wieder, vorgeneigt, mit
leidenden Gesichtern, aufeinander ein. Lola verfiel in die Furcht, er
mchte schon wissen, was sie erst eben gesagt hatte; der Lauscher, der hier
hinter jedem Baume stand, hatte wohl schon gesprochen! Und jetzt, da sie
ihm in die Augen sah, begriff sie nicht mehr, da sie's hatte sagen knnen.
Ich habe mich aufgegeben, ich habe ihn zu meinem Herrn gemacht! In
Verzweiflung:

Was geht Sie's an: ich liebe Nutini!

Pardi war pltzlich still. Lola sah verstrt beiseite. Er erholte sich.

Das ist natrlich wieder eine Lge.

Wie kommen Sie dazu --

Sonst wrde es ihm schlecht ergehen. Aber Sie werden ihn nicht
wiedersehen. Sie werden ihn wegschicken, wenn er Sie anredet!

Sie sind verrckt. Sie vielmehr: Sie werde ich besser einige Tage nicht
sehen. Heute Abend fahren wir nach dem Hause, wo Botta die Balleteuse
geliebt hat. Ich bitte Sie, hierzubleiben.

Heute Abend berreiche ich dem Kommandanten der >Savoia< im Namen des
Komitees die Fahne. Sie werden mit mir auf das Schiff kommen.

Ich werde im Hause der Balleteuse dinieren.

Sie werden mit mir auf das Schiff kommen!

Gute Unterhaltung!

Ich befehle Ihnen . . .

Bitte?

Sie werden nicht mit Nutini gehen! Sie werden ihn nicht lieben!

Ich liebe, wen ich will.

Hten Sie sich!

Morgen reise ich, und er folgt mir.

Schweigen Sie! Ich befehle es!

Sie befehlen mir? Gehen Sie!

Die lange Halskette, die von ihren vorgestreckten Schultern
herabschaukelte, knirschte unter Lolas Fingern: sie hatten eine Perle
zerrieben. Die andern rannen auf den Teppich, ein dnner, bunter Regen.
Pardi sah zuerst ihn, dann Lolas dicke Falte, die bewutlose Wut ihrer
Augen, die ganz leise und ohne die seinen loszulassen, hin und herrckten.
Und da gewahrte Lola, wie er rckwrts ging. Kein Wort mehr sagte er,
tastete hinter sich nach dem Trgriff und verschwand. Lola erstaunte; aber
im Begriff, sich aufzurichten, erkannte sie im Spiegel den ganzen irren
Schwung des Hasses, den ihr Krper ausdrckte. Sie setzte sich, strich sich
ber die Stirn. Er hat wohl geglaubt, ich wrde ihm in die Augen
springen? Die Wonne der Freiheit begann pltzlich in ihr zu strmen. Ich
bin ihn los! Er ist vor mir davongelaufen! Ich kann tun, was ich will!

Sie stellte sich mit einer Zigarette auf den Balkon. Dann:

Mai! Mai! Heute abend wird an den See gefahren, den Kanal hinauf. Wir
wollen uns furchtbar amsieren!

Und als Mai die Fahne und Pardi einwendete:

Er ist vor mir davongelaufen! Wir sind ihn los! Mai! wir wollen tanzen!

Ohne Mai Fragen zu erlauben, drehte sie sie herum. Als Mai endlich,
atemlos, zu Wort kam:

Ich mu aber hier bleiben.

Dabei verharrte sie, weinerlich und feindlich.

Mai! du kannst mir nicht in die Augen sehen. Das ist nicht recht. Das ist
nicht recht.

Und Lola ging aufgebracht durch das Zimmer. Mai klagte:

Was soll ich denn tun?

Whlen! antwortete Lola, den Trgriff in der Hand.

Also . . . fahren wir an . . . diesen dummen See?

Und inzwischen packt Germaine! Und wir werden Pardi nie wiedersehen!

Das glaubst du selbst nicht, sagte Mai.

                   *       *       *       *       *

Sie behandelte den Ausflug mit Verachtung, lehnte es ab, sich dafr
anzuziehen und fragte schon wie man ins Boot stieg, ob es lange dauere.
Lola erklrte sich zu allem aufgelegt. Sie warf den Kindern, die am Ufer
des Kanals mitliefen, Sigkeiten zu. Nutini hatte eine Gitarre, Cav
setzte sich, seiner Uniform ungeachtet, eine knstliche Nase auf. Die
kreischenden Kleinen blieben allmhlich zurck. Mai nahm die Hnde von den
Ohren und sagte Gott sei Dank. Die groe Stille der leeren Wiesen, der
grenzenlos umblauten Kornfelder ward fhlbar. Mochte Botta ihn verhhnen:
Deneris seufzte ergriffen. Als Lola zu singen begann, nahm Cav seine Nase
wieder ab. Ihr Lied galt der rosigen Wasserbahn, die man, ohne je zu
landen, ohne je mit Menschen Gemeinschaft zu wollen, einsam entlang gleite.
Nur fremd und gleich wieder entrckt, konnte man die Menschen lieben,
konnte von ihrer Liebe trumen, wie die blauen Pfade dem Walde
entgegentrumen.

Sie sang dies am Boden ausgestreckt, den Kopf im Arm, der sich auf die Bank
sttzte. Mai fragte, widerspenstig:

Riechst du denn nicht die Fe des Ruderers? Was fr eine ekle Hitze!
Whrend wir in unserm khlen Salon liegen knnten!

Aber Lola verlangte ein kleines Mdchen ins Boot zu nehmen, das im dnnen
Schatten der seltenen Pappeln ein Lamm vor sich hertrieb. Sofort flchtete
Mai vor dem Lamm an das Ende des Bootes. Die Herren bewunderten es. Unter
Lolas Augen berboten sie sich mit Zrtlichkeiten an die Kleine. Deneris
kte sie, Cav schenkte ihr seine Nase, Botta gab ihr, im fetten Tenor,
vterliche Ratschlge, Nutini schnitt ihr Fratzen. Dann sahen alle sie mit
wehmtigen Kpfen an, wie Lola sie in den Armen hielt.

Ich dachte, Ihr wrdet viel lustiger sein, bemerkte Mai boshaft.

Und Lola gestand sich, da sie Komdie spiele; da der schne Abend ihr
verloren sei; da nicht auf der rosigsten Bahn das Glck mitfahre, wenn sie
abgewendet sei von ihm. Leere und Verlassenheit ngsteten Lola. Das Kind
fing an zu weinen: es war an seinem Hause vorber und glaubte, es solle
entfhrt werden. Es ward ausgesetzt; -- und nun glitt das Boot in den lang
vorgeschobenen Schatten des Waldes. Der dunkle Wasserweg blinkte tief
drinnen auf. Das nasse alte Grn duftete wild und einsam; die Ruderschlge
hrten sich an wie ein Wagnis.

Ihr habt alle fahlgrne Gesichter, sagte Botta.

Die Fahrt zur Unterwelt! sagte Cav.

Mai klagte, sie werde sich erklten. Da wichen die Laubmauern zurck; und
unbewegt, dreieckig, und voll abgrndiger Schatten, ffnete sich der See.
Das Haus drben im letzten Licht sah, ber sein Spiegelbild hinweg, wei
und sehnschtig her, wie eine Gefangene, deren Kleid im Wasser schleppte.

Ich kann nicht glauben, da sie fort ist, sagte Botta, durchdrungen,
indes er die Tr aufschlo.

Olimpia! rief Cav, unter ein Sofa und schlug sich dabei lockend aufs
Knie.

Zeige uns die Kche! verlangte Deneris. Die gndige Frau will die Gte
haben, uns eine se Speise zu bereiten.

Er sah, die Hand am Herzen, in Mais schmollendes Gesicht.

Dann kehrte Botta mit Lola vor eine noch verschlossene Tr zurck. Er
sperrte auf.

Das Schlafzimmer! -- und er seufzte, aus fetter Brust. Lola lchelte
trbselig. Sie gingen hindurch, traten auf den Balkon und lehnten sich ber
das Wasser. Botta seufzte nochmals: Wie oft habe ich hier mit ihr
gebadet! -- und er spuckte hinab. Aus jener Bucht kam mit Nutinis
Geklimper Cavs frische Stimme gesprungen.

Da nun Succi bewiesen hat, da man ohne Essen leben kann, liebe Nina, will
ich dich heiraten: dann knnen wir zusammen fasten.

Was ist der Mensch, sagte Botta. Ein wenig Gesang, einen Sommerabend am
Wasser, -- und ein Herz, das sich alt glaubte, wird wieder ungestm.
Frulein Lola, haben Sie Mitleid mit einem, der leidet: holen Sie Deneris
aus der Kche, ich mu mit Ihrer Mama sprechen. Alles hngt davon ab!

Ich glaube, sagte Lola, Deneris spricht schon mit ihr: er tut es, so oft
er kann.

Ein hochherziges Geschpf wie Sie kann nicht den gemeinen Eitelkeiten des
Weibes verfallen: ich wei, Sie sind nicht eiferschtig auf Ihre Mama. Auch
werden Sie es angenehm finden, wenn ein ehrenhafter Mann Ihre Mama
heiratet. Die Sorge um sie, die von Ihnen beiden das Kind ist, nimmt er
Ihnen ab . . .

Lola dachte: Er hat recht: ich wrde sie nicht mehr vor all den Mnnern
behten mssen. Aber darunter, insgeheim: Sie wrde mir nicht mehr ihn
wegnehmen!

Sind Sie meine Bundesgenossin? fragte Botta vertraulich. O, natrlich
erwarten Sie auch Ihren Nutzen davon.

Da sie errtete:

Das ist billig . . . Seien wir offen. Mag das dumme Volk hier glauben, was
es will: ich habe mich nach Ihnen erkundigt und wei, da Ihr Herr Bruder
sehr aussichtsreiche Geschfte in Hnden hat. Sie werden einmal reich sein.
Aber Ihnen persnlich ntzt dies nichts, bevor Sie heiraten, und (ich kenne
die Sitten Ihres Landes) nur wenig, bis zum Tode Ihrer Mama. Machen wir
einen Pakt: Sie begnstigen meine Werbung um Ihre Mama; und im Fall, da
ich sie bekomme, verpflichte ich mich Ihnen zur Abzahlung eines noch zu
bestimmenden Kapitals . . .

Lola dachte, ohne sich zu regen: O mein Gott, und eben wnsche ich mir,
Mai mchte ihn nehmen! Sie wandte ihm das Gesicht zu.

Aber ich habe meine Mutter nicht zu verkaufen.

Botta sagte im selben vterlich vertraulichen Ton, wie das brige:

Sie sind noch sehr jung.

Dann warten wir also, bis ich lter bin.

Sie richtete sich auf. Drinnen war's nun ganz finster. Cav und Nutini
riefen nach Licht. Wie man die Speisekrbe auf den Tisch leerte, trat Mai
ein, lchelnd, als brchte sie ein Vershnungsgeschenk, -- und Deneris trug
hinter ihr das se Gericht. Es ward bestaunt; jeder verlangte gleich eine
Probe.

Du tust ja, als wre es dein! sagte Botta zu Deneris.

Wer wei, machte er, bedeutsam, und starrte glcklich auf Mai, die an ihm
vorbeilchelte.

Wie du heute gesund aussiehst! bemerkte Cav.

Und ich? fragte Nutini an Lolas Ohr. Werden Sie den gesund machen, dem
ihretwegen die Wangen einfallen?

Bei Tisch, neben ihr:

Ich kann Ihnen versichern, da Sie heute ungewhnlich schn sind. Der
andere schadet Ihnen. Sie haben frmlich etwas Beruhigtes. Eine Frau mit
Ihren Nerven braucht einen bequemen Gatten. Ich wrde einer sein: Sie
drfen es glauben. Ich liebe Sie so sehr, so sehr, da ich sogar bereit
wre, wegzusehen, wenn einmal eine Laune Sie ankme . . .

Das ist mehr, als ich erwartete, sagte Lola.

Nein, dachte sie, Pardi wrde nicht wegsehen. Weder Bottas Vorschlag
wre ihm eingefallen, noch das, was ich nun gehrt habe . . .

Cav sah mit knabenhaftem Spott herber, indes er seinen Uniformrock
aufknpfte und ihm eine Photographie entnahm. Er stellte sie vor Lola hin:
Pardi!

Alle lachten: da ging die Haustr. Nun? Jemand tastete die Treppe herauf.
Noch rhrte sich keiner; man sah einander in die Augen. Cav lachte laut
auf:

Er wird uns doch nicht alle umbringen!

Und auf einmal sprangen alle Mnner an die Tr. Lola erschauerte vor Grauen
und Stolz. Welche Furcht haben sie alle vor ihm! Sie leuchteten in den
Gang; und auf die Schwelle trat in drftiger Eleganz ein blasser Kellner
aus dem Hotel und hielt einen Brief hin. Wer? Wer? . . . Nutini! Die
andern zogen sich ein wenig von ihm zurck, wie von einem, den's getroffen
hatte. Er hatte gelesen und sah erbleicht umher.

Er fordert mich. Pah!

Gratuliere, sagte Cav.

Endlich! -- und Nutini schielte hastig nach den Damen. In die Brust
geworfen, fuchtelnd: Ich habe ihn erwartet! O! ich triumphiere. Zu spt
wird er erkennen, da er diesmal an den Rechten kam.

Er schrie den Kellner an:

Sage dem, der dich schickt, da er's bereuen wird! Da dies sein letztes
Duell sein wird!

Beachte die Formen! sagte Botta. Du sprichst mit Pardis Sekundanten.

Er sieht verhungert aus, der Sekundant. Er soll essen!

Nutini drckte ihm, gewaltsam lachend, die Schssel mit Mais ser Speise
in die Hand und schob ihn zur Tr hinaus. Mai griff nicht ein; sie hielt
eine angstvoll geballte Faust an den Mund und wimmerte. Lola sa reglos da,
mit erweiterten Augen und ineinander gepreten Fingern. Nutini nahm den
Brief vom Boden auf, schien ihn nochmals lesen zu wollen. Pltzlich zerri
er ihn in zackige Fetzen und stampfte darauf. Dann fiel er gegen den
Trpfosten, griff sich, rasch atmend, ans Herz und zerdrckte, unter
krampfigen Grimassen, Trnen zwischen den Lidern. Stockend murmelte er:

Was will er brigens von mir . . .

Sogleich, wie gehetzt, fuhr er wieder auf, schielte wild nach den Damen,
gab sich verzweifelt Haltung.

La nur! -- und Cav reichte ihm ein Glas Champagner. Das wrde jedem
passieren. Im ersten Augenblick macht solche Forderung uns stolz, im
zweiten besinnen wir uns. Der Pardi ist ja wirklich ein furchtbarer Gegner.
Wer aber seinen Schrecken sehen lt --

Cav, wandte sich den Damen zu.

-- schlgt sich nachher oft am besten.

Botta bemerkte:

Aber schn siehst du nicht aus.

Schweige! schrie Nutini. Oder ich fordere auch dich und schone dich
ebensowenig!

Armer Kerl, _seine_ Forderung geht ja vor; und nachher, wo bist du dann?

Sst! machte Cav; -- und zu Mai und Lola:

Die Damen begreifen, da es in diesem Augenblick unter uns Mnnern einiges
zu besprechen gibt. Da Sie leider Zeuginnen der peinlichen Sache geworden
sind, darf ich Ihnen sagen, da sie wohl schon bei Tagesanbruch geordnet
werden wird, und da wir ein wenig Eile haben . . .

Deneris bot Mai den Arm, Botta Lola. Sie machten ihnen im Schlafzimmer
Licht und lieen sie allein. Lola ging in einen Winkel, Mai in einen
andern. Ein erregtes Schweigen; -- pltzlich, unterdrckt:

Lola!

Mai!

Und Mai lief Lola entgegen, drngte sich in ihre Arme, die sie empfingen.

Das darf doch nicht geschehen, sagte Lola mehrmals, indes Mai nur
wimmerte. Da entquoll ihr alles auf einmal.

Mit welchem gefhrlichen Menschen haben wir uns eingelassen! O, Lola! Das
httest du nicht tun sollen . . .

Ohne auf Lolas Widerspruch zu hren:

Wir sind viel zu weit mit ihm gegangen; jetzt schiet er, damit er uns
allein hat, um uns her die Leute tot. Warum hast du dich ihm auch
widersetzt! Bist nicht dageblieben, wegen dieser Fahne, wie er's wollte!
Einem solchen Mann darf man sich nicht widersetzen. Ich habe mehr Erfahrung
als du, aber du glaubst mir nicht. Wird er dich heiraten? Welche ngste!
Was soll ich tun?

Beruhige dich, Mai, ich werde verhindern, da er ihn ttet!

Was soll ich tun! Dein Vater erscheint mir, -- aber auch Pardi! Nur durch
den finstern Korridor brauche ich zu gehen, und mir ist's, als htte ich
ihn hinter mir. Ich bin zwischen ihnen beiden, die mich ngstigen! Aber ein
Ende mu gemacht werden. Wir entkommen nicht anders: er mu dich heiraten.
Dein Vater verzeihe mir, aber ich werde alles tun, damit er dich heiratet:
ich werde mich opfern.

Lola hrte das nur von fern, ohne einzudringen.

Mai! Mai! Gib doch acht: ich mu verhindern, da er diesen Menschen ttet.
Ich knnte das nicht aushalten: es wre durch meinen Leichtsinn geschehen.
Denn ich habe ihm gesagt, da ich Nutini liebe. Verstehst du: weil ich
kokett und widerspenstig und kleinlich bin und gelogen habe, stirbt ein
Mensch. Das ist furchtbar, das ist das uerste. Davor mu ich mich retten!
Zu allem bin ich bereit. Soll ich mich ihm hingeben?

Nein! Was denkst du denn!

Eine Pause. Mai lste sich aus Lolas Armen und nahm sie selbst in die
ihren.

Du bist unpraktisch, sagte sie mtterlich; und schmerzlich stolz: Ich
bin viel praktischer.

Wie denn, Mai?

Lola suchte, durch ihre Trnen hindurch, vergebens in Mais Gesicht. In
diesem Augenblick kam Mai ihr befremdend gro vor. Sie selbst fhlte sich
wie ein kleines Mdchen.

Wie sie den Kopf gegen Mais Schulter senkte, traten die Herren ein, sie
abzuholen: alle zusammen, mit Nutini an der Spitze, der Haltung zeigte. Er
beteiligte sich mit Ma und freiem Kopf an der Unterhaltung, die nichts
Kriegerisches hatte. Lola mute immer nach ihm hinsehen, geqult von
nichtiger Neugier und unablssig versucht, von seiner schlimmen
Angelegenheit anzufangen, wie eine Verbrecherin, die nicht schweigen kann.

Haben Sie nicht das Bedrfnis, sich zu betuben? fragte sie endlich,
durchschauert. Nein; Nutini war nchtern und besonnen; er beabsichtigte
noch einige Stunden zu schlafen. Man stieg ins Boot. Vor dem Gesicht des
Schiffers, das pltzlich aus dem Dunkel trat, schrak Lola zurck. Nutini
war's, der sie festhielt, als ihr Fu schon das Wasser berhrte. Sie hate
dies kurzatmige Klappen der Ruderschlge; es klang nach Flucht; -- und doch
wartete, wohin immer sie ins Dunkel die Augen richtete, kurz und
geisterhaft aufflammend, Pardis bleiches, drohendes Gesicht. Was die
anderen ihr sagten, machte ihr Ungeduld. Mai hatte ganz recht, da sie
Deneris Geflster abschnitt und ihn bat, er mge vergessen, was sie vorhin
verabredet htten. Alles sei verndert; sie knne ihn nicht mehr heiraten.
Natrlich, dachte Lola. Ist nicht alles in Auflsung?

Sofort schickte sie nach Pardi. Wre ich nur die erste, mit der er
sprche! Vom Balkon sah sie ihren Boten von Hotel zu Hotel irren und ohne
Eile in die schlafende Stadt biegen. Lola ging bis in den Winkel bei der
Tr, bersah das helle, heitere Zimmer, suchte den Stuhl aus, auf dem er
sitzen wrde, und nahm sich zusammen: Was werde ich ihm sagen? Damit er
den Nutini nicht ttet, mich ihm hingeben? Wie bin ich zu der
berschwenglichkeit nur gekommen? Das dunkle, moderige Haus mu Schuld
haben, an dem unheimlichen See. Ich habe Phantasie, wie ein Mann. Nutini,
den es doch am nchsten angeht, ist viel nchterner geblieben. Wie die
Menschen hier, trotz ihrem Feuer, eigentlich mig und vernnftig sind! Im
rechten Augenblick bekommen sie immer ihre Nerven in die Gewalt. Ich bin
sicher, Gugigl htte sich betrunken. Er fing damals schon damit an . . .
Woran denke ich denn? Gleich wird er da sein. Was will ich? Ohne
Umschweife: ich will, da er mich heiratet. Und hat er meinetwillen jemand
umgebracht, dann werden vielleicht alle und sein Gewissen ihn drngen, zu
tun, was ich will? Ich mte also Nutinis Tod wnschen. Das bring' ich
nicht fertig. Dann mu ich ihm sagen: Es war eine Lge, ich liebe nicht
Nutini. Und da er mir nicht glauben wird, mu ich hinzusetzen: Ich liebe
niemand und gleich morgen reise ich ab . . . Auch das kann ich nicht. Aber
es ist furchtbar, dort, wo man liebt, keinen Augenblick mit Rechtlichkeit
und Sanftmut rechnen zu drfen, immer nur mit unbedingtem Drang . . .
Wieder sah sie auf den Platz, den er einnehmen wrde, und dachte sich dort
statt seiner eine verhaltene, befangene Geste, eine nachdenkliche,
verlliche Freundesmiene: Arnold. Sie seufzte und schttelte den Kopf.
Das ist abgetan. Der Zwang und das Leiden der Sinne sind gegeben und
erprobt. Ich kmpfe nicht mehr. Besser ist's, ich beruhige ihn und stimme
ihn menschlich . . .

Da schrak sie auf; es klopfte heftig. Erregt trat sie ihm entgegen; der
Vorsatz der Milde war ihr schon entfallen; und sie sagte drohend:

Wenn Sie sich mit Nutini schlagen, ist zwischen uns alles aus.

Ah! wie Sie ihn lieben. Aber lange genug haben Sie mich genarrt: ich werde
ihn tten.

Hren Sie die Wahrheit! Ich liebe ihn nicht. Erst wenn Sie ihn getroffen
haben, werde ich ihn lieben. Hten Sie sich, ihn nicht ganz zu tten! Sie
werden sehen, wie ich ihn lieben werde!

O, ich treffe! -- und sein Gesicht war zerfahren von Ha. Sie rief,
hingerissen, voll Not:

Was wollen Sie! Sie lieben mich doch nicht!

Doch.

Dann heiraten Sie mich! Begreifen Sie nicht, da Sie es mir lngst
schulden? Was hlt Sie ab? Ich bin aus angesehener Familie, die knftig
reich sein wird. Glauben Sie, sich meiner schmen zu mssen? Nein nein:
gerade aus Eitelkeit lieben Sie mich! und irgend eine zieht Sie von mir ab,
die Sie anders lieben.

Sie irren sich . . .

Sprechen Sie doch!

Wie dies hassenswert und trostlos aussah: das Schwanken, die Unehrlichkeit
und Unzuverlssigkeit dieses von seinen Launen gequlten Mannes aller
Frauen! Und das mute man begehren: gerade das!

Was sage ich, irgend eine: alle vielmehr! Sie sind eine mnnliche Dirne!
Gehen Sie!

Pardi zischte:

Danken Sie Gott, da Sie kein Mann sind!

Danken _Sie_ Gott dafr!

Er rang sich nieder.

Ich wrde mich vergessen; lieber verlasse ich Sie. Ihre Mama hat mich
gerufen.

Lola, ber die Schulter:

Mai heiratet Deneris.

Das ist nicht wahr! Ich werde es verhindern!

Gut, auch das noch.

Und dann sehen Sie mich wieder!

Die Tr krachte. Lola ging, die Hnde vor der Brust, rasch hin und her.
Was geschieht nun! Mai wollte ihn mir lassen. Aber im uersten Augenblick
vergit man die andern. Mai ist schwach. Wenn er sie statt meiner will, sie
heiratet ihn! Sie warf sich in Kissen, drckte das Gesicht weg. Es ist
klar, war immer klar: sie liebt er, nicht mich! Tiefer in die Kissen, weit
fort. Was tun sie nun! Nein: auf! Das Haar ordnen! Sich bereit halten,
stolz zu lcheln, wenn er eintrat und die erwarteten Worte sprach.

Da flog, ohne Klopfen, die Tr auf. Er stand da, strmisches Glck auf
seinem schnen Gesicht. Wie er Lola ansah, kam ihm eine Falte; mit
wiedergekehrter Gereiztheit in der Stimme fragte er:

Wollen Sie mich also heiraten?

Sie antwortete, zornig nach vorn geworfen:

Ja!




Dritter Teil




I


So leise Lola, ohne Licht zu machen, ihr Schlafzimmer betrat, Mai hrte sie
doch, kam zgernd herein, -- und pltzlich, schluchzend im Dunkeln, hngte
sie sich an Lola, die den Atem anhielt und mit schlechtem Gewissen auf dies
Schluchzen hrte.

Werde glcklich! brachte Mai hervor.

Darum handelt es sich nicht, murmelte Lola. Aber du weit, man mu
vernnftig sein.

Und sie bte sich in Vernunft und Nachgiebigkeit. Sie durfte jetzt nicht
mehr das Damenbad verlassen. Pardis Augenrunzeln begegnete sie, wenn sie,
ohne ihn zu erwarten, zu Tisch gegangen war. Er fand es unverschmt, fragte
sie nur, wo er mit Mai den halben Tag verbracht habe. Denn sie verschwanden
aufs Meer, in das Land . . . Dafr machte er aus Lolas Eintritt jedesmal
etwas wie das Erscheinen einer Frstin. Ein Fest, mit Regatta, Ball und
Feuerwerk, das er plante, sollte ihm dazu dienen, seine Verlobte mit Gre
in die Gesellschaft einzufhren. Lola erklrte aber, wegen ihrer
Ausstattung nach Florenz zu mssen. Am Morgen ihrer Abreise, noch bevor der
Strand sich belebte, sah sie die Bernabei und sah, da sie auswich. Lola
machte einen Bogen und grte: mdchenhaft, mit Unterordnung. Sie schmte
sich, zu triumphieren. In diesem Augenblick trat Pardi auf und stellte vor.
Seine Geste war blhend, voll des Genusses der Lage. Lola zog die Brauen
zusammen. Sie reichte der Bernabei die Hand, mit einer raschen Regung, die
sagte: Er rhmt Ihnen seine Braut und prahlt vor mir mit seiner Geliebten:
mu uns diese brutale Manneseitelkeit nicht zu Verbndeten machen? Und sie
erstaunte einfach, als die Hand der andern nicht kam und in dem
zusammengedrckten Gesicht die blassen Augen vor Ha dunkler wurden.

In der letzten Minute sagte Pardi:

Nein, Sie knnen nicht allein reisen, ich komme mit Ihnen.

Mai erwiderte:

Ich habe Ihnen schon gesagt, da ich es nicht wnsche.

Er erklrte Mais Bedenken fr lcherlich; Lola selbst gab zu, sie nicht
einzusehen. Aber Mai zeigte sich, zum ersten Male, stark; sie trotzte dem
drohenden Auftritt.

Sie werden Lola immer fr sich allein haben. Ich werde mich nach Amerika
zurckziehen.

Pardi lief pltzlich davon. Er erschien nicht am Bahnhof.

Was hat er? fragte Lola.

Mai weinte schon wieder.

O, mir macht es nichts; -- und Lola, zart gestimmt, trstete. Mich freut
es, da du erreicht hast, was du wolltest.

Mai sah sie, durch ihre Trnen, mit rtselhaftem Entsetzen an.

                   *       *       *       *       *

Zu der Bossi sagte Lola:

Jetzt brauchen Sie mir keine Rastaquourepreise mehr zu machen: ich werde
zu den Damen der Stadt gehren.

Die Schneiderin riet sofort richtig.

Contessa Pardi! Da wre es aber eine Beleidigung, wenn ich meine Preise
herabsetzen wollte.

Das Glck, in Stoffen zu whlen, sich im Geiste mit ihnen zu schmcken, sie
vor dem Spiegel um sich her zu legen, belebte Mai. Sie sprach nicht mehr
klagend, sie gestand, Lust nach einem sehr guten Diner zu haben. Am
nchsten Morgen lie Lola sich Paolos ungewhnlich hohen Check auszahlen.
Allein spazierte sie durch die helle, feine Stadt, die ihr zulchelte, ihr
all ihre Eleganz, all ihre unbesorgte Sonne anbot. Die Tosca! Schon jetzt,
anfang September: welch Glck! Also heute Abend die Tosca. Ein Romantitel
lockte sie an; und auf der Hotelterrasse, zwischen zwei Sitzungen bei der
Bossi, las sie. Unter ihr wurden Blumen ausgerufen und warmer Duft stieg
herauf. Der Flu wiegte sich, hinter den im Dunst zerschmolzenen Brcken,
golden und frei, zu glcklichen Hgeln hinaus. Glcklich war doch jener
Sommer gewesen, dort zwischen den Hgeln! Straen, einst frhlich
beschritten, fielen Lola ein; eine mndete pltzlich bei einem Landhause in
Fontainebleau, mit einem jungen Menschen, von dem sie geliebt worden war.
Der Arme! Wie leidenschaftlich hatte sie selbst eine Woche lang die
Giannoli geliebt, nach jenem Abend in Brssel, als sie die Euridike sang!
Sie hatte sie besucht . . . Die Blumen, die sie ihr brachte, hnelten
einer, die am Rande eines Abgrunds in den Pyrenen stand. Ein ganz schmaler
Pfad fhrte hinab, und vor dem letzten Schritt war Lola entsetzt umgekehrt
. . . Sie lchelte, ohne zu wissen, wo sie war, in die Sonne hinaus.
Aufschreckend: Aber ich bin wahnsinnig, da ich heirate! Will ich denn
alles, alles aufgeben? Was habe ich heute mit meiner Zeit getan? Ich bin
gewohnt, sie zu verschwenden, und knftig soll ich unter Vormundschaft
stehen. Es ist so selbstverstndlich, da es schlimm werden mu. Ja: und
grade, wenn etwas gar zu selbstverstndlich ist, kommt ein Zeitpunkt, wo
man davon absieht . . . Pardi ist mir bekannt; aus dem, was ich mit ihm
schon erlebt habe, kann ich alles Kommende ableiten. ber nichts werde ich
mich zu beklagen haben, ich werde es gewollt haben . . . Und in Hast:
noch kann ich mich retten!

Aber sie zerri den begonnenen Absagebrief. Denn wie sie ihm den Irrtum des
Geschehenen klar zu machen suchte, fand sie vielmehr auf den
unvermeidlichen Weg zurck, der hierher gefhrt hatte. Da Silva und die vor
ihm, waren an diesem Wege die Leidensstationen. Bei dem ersten bi man noch
die Zhne zusammen und kam durch. Pardi war grade dort, wo man hinfiel.
Sein Unglck: auch seins; denn natrlich brauchte er eine Frau, die ihm
schmeichelt und ihn betrgt. Aber ich kann ihm nicht helfen. So wenig wie
mir. Wirklich, ich gehe sehend in alles hinein. Ich habe mein Blut zu
ben.

                   *       *       *       *       *

Mai lie sie zu sich bitten. Es war die flaue Vorabendstunde; man ist vom
Tage verbraucht und entbehrt noch die Anregungen des Abends. Um diese Zeit
sollten wir uns in Ruhe lassen. Aber Mai begreift nicht, warum sie sich
schlecht fhlt, und mu mit allem heraus.

Mai lag auf dem Diwan und hatte wieder geweint.

Ich habe nachgedacht, sagte sie wichtig, und gefunden, da du nicht fr
ihn pat. Meine Mutterpflicht will, Lola, da ich dir von dieser Heirat
abrate.

Danke fr deine gute Absicht, Mai, aber es ist zu spt.

Soll ich ihm schreiben? -- ganz rasch; und da Lola stutzte, mit leidender
Stimme:

Ich sehe nmlich voraus, da ihr beide unglcklich werdet.

Das ist wohl niemals ausgeschlossen, Mai.

Bei euch aber ist es beinahe sicher . . . und --

Mais Stimme hrte sich pltzlich gereizt an.

Die Schuld wirst du haben mit deinen modernen Ansichten.

Oder er mit seinen veralteten. Aber vielleicht geht es auch gut.

Er ist so wie ein Mann sein mu . . . Aber du brauchst einen, der sich zu
deinem Kameraden hergibt. Denn, nicht wahr, du mchtest seine Kameradin
sein? Sage, wie wre es denn mit jenem Deutschen: du weit schon, welchen
ich meine. Ich bin sehr betrbt, da ich nicht frher daran gedacht habe.

Du kannst sicher sein, -- und Lola lchelte, da ich auch das bedacht
habe. Pardi ist trotz allem der, den ich brauche.

Du willst also deinen Entschlu nicht ndern? -- mit flehendem
Augenaufschlag und gerungenen Hnden. Ich rede zu deinem Besten. Du
verstehst nicht viel. Du hast nicht viel Talent, eine Frau zu sein. Ich
rede zu deinem Besten . . .

Aber Mais Ton ward immer rachschtiger.

Du glaubst wohl, in der Ehe erweise man sich Geflligkeiten. Du weit also
nicht, da sie ein genaues Geschft ist, bei dem der Mann sein Vergngen
von uns mglichst billig zu bekommen sucht. Dein Vater hat mich um das
Meinige betrogen. Ich htte von ihm viel, viel mehr Diamanten und Pariser
Hte verlangen sollen. Reisen htte er mich machen lassen sollen. Ich war
unerfahren und er nutzte mich aus. Jetzt hasse ich ihn: da du's weit, ich
hasse ihn! Es reut mich, da ich ihn damals nicht betrogen habe. Er wrde
verdienen, da ich ihn noch jetzt betrge, -- mag er mir auch erscheinen.

Und aus verzerrtem Gesicht, grotesk wie ein bses Kind, stie Mai mit ihren
ganz schwarzen Blicken nach Lola.

Schade, sagte Lola und zog sich zurck. Ich konnte das wohl vermuten;
aber da du es aussprichst, macht mir's noch schwerer, eine Frau zu sein.

Pltzlich schluchzte Mai krampfhaft in ihre beiden Hnde.

Geh' nicht fort! Du ahnst nicht, was ich leide!

Was denn, Mai? -- aufzuckend von Mitrauen. Was hast du?

Mai nahm die Hnde vom Gesicht, das tief errtet war.

Du wirst hoffentlich nie erfahren, wie sehr ich leiden mu, weil ich deine
Mutter bin.

Lola prfte sie, unglubig. Mais schmerzvolles Nicken fand sie theatralisch
und hob leise die Schultern. Mai, die die Liebhaber mit den Badeorten
wechselte!

Der Verzicht sollte dich wirklich so viel kosten?

Es gibt etwas, das mich mehr kostet, sagte Mai, noch rtselhafter.

Und nach einer Pause, sehr bedeutsam und mit Stolz:

Was ich getan habe, geschah alles fr dich, und was du knftig bist, wirst
du alles durch mich sein!

Lola sah zu so viel Feierlichkeit keinen Grund. Sie brach ab.

Wir mssen zur Bossi.

Gut, sagte Mai und schmollte schon wieder; aber ich begreife nicht, was
dies schne teure Brautkleid soll. Niemand wird es sehen, auer den jungen
Leuten, die euch als Zeugen dienen. Warum mit der Hochzeit nicht warten,
bis die Gesellschaft wieder in der Stadt ist. Wozu diese Heimlichkeit und
Eile.

Ich wei nicht . . .

Lola sah verwirrt umher.

Vielleicht habe ich genug gewartet?

                   *       *       *       *       *

Sie ward getrieben von der Hast des schlechten Gewissens. Wie sie endlich
mit Pardi allein im Schnellzug sa, frchtete sie, von Bekannten ertappt zu
werden, und zugleich forderte sie den Zufall heraus. So, dachte sie, mu
einem anstndigen jungen Menschen zumut sein, dem es einmal passiert, da
er mit einer Dirne auf Reisen geht. Sie htte Champagner verlangen, den
Mann dort kssen mgen, und wagte vor Befangenheit kaum den Kopf zu wenden.
Pardi rauchte und lchelte ihr siegesgewi zu.

Als sie sich von ihm in den Wagen heben lie, dessen kleines Pferd nicht
stehen wollte, schlugen ihr die Zhne aufeinander. Unter dem Mantel des
Mannes, in seinem Arm: so jagte sie in die dunkle Campagna hinein. Manchmal
flirrte fieberhaft in nchtlichen Grten ein Haus, von Sternenlicht wei.
Manchmal fiel einen, wie ein Ruber, ein schwler Duft an und blieb, wie
von einem Hufschlag getroffen, am Wege liegen. Jetzt hingen nur noch wenige
schwere Gestirne tief herab auf das verdete Land, -- dessen ganze wilde
und schlaffe Schwle Lola durchdrang, wie die Lippen des Mannes sich auf
ihrem Hals zerdrckten.

Pardi und der Kutscher stiegen ab; ein Bffel lag auf die Strae gewlzt.
Dann hallte ber ihnen der Bogen eines Aquduktes und drhnten unter ihren
Rdern die rmischen Lavaquadern. Bei einem Brunnen, der seinen
geschweiften Giebel, sein Muschelbecken und seine trinkenden Putten, wie
ein heroischer Dandy, gegen die Einde behauptete, rasteten sie. Pardi
befahl, das nasse Pferd zu bewegen. Als hinter dem Wagen die Dunkelheit
zusammenfiel, fing Lolas Herz zu klopfen an. Sie wartete. Ihre und des
Mannes Hnde trafen sich und erschraken. Da ri er sie an sich.

Lola atmete ungeregelt und lachte, als sie wieder einstiegen.

Knnen wir nicht bis ans Meer fahren, Liebling? Jetzt mchte ich das Meer
sehen.

Ans Meer? Wir sind gleich zu Hause.

Zu Hause? Wo?

Wie durch ein dunkles Abenteuer taste man dahin, liebte einander, ohne
einer des anderen Augen erkennen zu knnen, und hatte in aller
berreiztheit das Gefhl, man schlafe.

Was kam nun? Langsam stieg es in dicke Mauern hinein. Ein Stdtchen hngte
darber seine langen, wilden alten Huser, schickte sie, schlaftrunken und
voll Wirrsal, den Berg hinan. Auf einem gewaltttig gewinkelten Platz hielt
ihr Wagen; dster wuchtete der Dom herab; -- und sie stiegen, der Arm des
Mannes um Lola, zwischen lagernden Ziegen ber die Treppengassen. Aus einem
verschlossenen Hause ein Lachen machte, da sie auseinanderfuhren und, noch
fester beisammen, auf der niederen Mauer die Gesichter ins Weinlaub
drckten. In schattig erstickten Kissen sahen sie es sich hinabbiegen und
zergehen in der heien und schweren Tiefe, deren Atem mit verhaltenen
Sten an ihre Lippen prallte.

Und ganz oben -- der Mann trug sie ber die letzten Huser hinaus -- der
vergitterte Palast, von Greisen bewacht, in seiner Verwilderung und seinen
Wunden. Und jenseits der brckelnden Schwelle das Echo aus weitem Dunkel,
und dahinten am Fu der Treppe ein Licht, so dnn, da nur des Alten, der
es hielt, magere Halssehne aus dem massigen Schatten sprang. Und ber ihren
Mosaikbden die leeren Sle, in deren Wnden einmal ein bleiches Gesicht
sich entblte, als heulte es auf; aus deren Decken einmal ein dunkles
Gefunkel fiel, wie ein vergangener Dolchsto. Und, am Ende, das Gemach,
eingeengt von mchtigen, ineinander verfleischten Leibern, deren es voll
schien, die durch die weiten Fenster und zur Tr hinausquollen und die
Wildnis des schwarzen Gartens durchtobten . . . Schwindlig von Gesichten,
fhlte Lola ihre Kleider gelst, sich umgewendet, gezogen, hingerafft.

La, da ich mein Haar ffne!

Meine Gttin!

Wer sieht uns zu, hinter der Bettsule, am Spalt des Teppichs?

Warum erschrickst du? Ich bin da. Fhlst du mich?

Aber nach Stunden, jenseits der Traumgrenze, funkelten wieder die gelben
Augen der Faune, die mit ihren gespaltenen Hufen ber die Schwelle der
Gartentr stapften und das Bett umstellten.

                   *       *       *       *       *

Sie stand auf, bevor er wach war, wagte nicht das Zimmer zu verlassen, sich
nicht zu zeigen, und sa, mit der Schulter nach dem Bett, unbehaglich auf
dem zerrissenen Gobelin eines Prunksessels. Ohne darauf zu achten, hatte
sie ihre Toilettesachen wieder in die Tasche gelegt und hielt die Hand
darauf. Sie sann verstrt. Hinter ihr ghnte es und warf sich's herum.

Komm! lallte er.

Sie sprang auf und flchtete in den Garten. In kurzem, sah sie, verlief er
auf den kahlen Berg. Ich mchte fort, dachte sie. Da erinnerte sie sich
jener Nacht in Deutschland, als sie, wie spielend, auf und davongegangen
war und er sie eingeholt hatte. Sie ging das Haus entlang und betrat durch
eine zweite Tr eine Galerie, worin der Alte von gestern den Tisch deckte.
Er legte langsam hin, was er hielt, und verneigte sich; und whrend sein
Kopf auf der Brust lag, errtete Lola. Sie nahm einen Korbstuhl, verlie
ihn wieder, wechselte mehrmals den Platz. Ihr Kleid, merkte sie pltzlich,
bekam einen roten Saum vom Fuboden! Sie wollte sich auf eine der seidenen
Bnke setzen, sich an eine der goldenen Konsolen lehnen: und Staub flog
auf. Unter dem Sofa drben sah sie ihn geballt, wie Watte.

Das Schlo ist wohl sehr alt? fragte sie den Diener.

Sofort setzte er ein mit einer Aufzhlung von Daten, Namen, Gegenstnden,
als fhrte er Fremde umher.

Auch ein rmisches Mosaik? Das will ich sehen.

Sie erreichte nicht die Tr: eine Frau in schwarzem Kleid trat ein, gro
und dunkelhaarig, noch schn trotz gelber, mder Haut, und starrte Lola
finster an, -- bevor sie, als besnne sie sich, sehr freundlich ihre
Dienste anbot. Lola antwortete, aus Verwirrung, mit entgegenkommendem
Lcheln. Durcheinander fragte sie die Frau, wie sich's hier lebe, was denn
ihr Mann jage, wie alt ihre Kinder seien . . . Da sah sie ber dem Kamin,
auf der Lockenperrcke des bronzenen Reiters, eine ganz in Staub gewickelte
Haarnadel. In ihr zuckte es auf. Natrlich! Sie gehrt zu seinen
Geliebten. Eine andere htte das gleich gesehen.

Nein, ich brauche gar nichts, Sie knnen gehen.

Auch der Alte ging: rckwrts, und sah dabei fragend auf Lola. Sie reinigte
mit der Serviette einen der Korbsessel, bevor sie sich hineinwagte. Sie hob
ein Knie auf das andere, beugte sich darber, faltete dick die Brauen: Da
sitze ich nun; das habe ich davon. Wo war die leidenschaftliche Poesie der
Nacht? Schmutzig, nchtern und gemein war's jetzt. Der Garten lag voller
Abflle, die schwerlich von Faunen herrhrten.

Pardi stie die Tr auf.

Guten Tag, Cesare Augusto, sagte Lola, mit einem Lcheln aus gesenkten
Augen, angewidert und entzckt in einem.

In Hut und Schleier, als ob sie mir durchgehen wollte! In ihrem groen
blauen Schleier, unter dem ihre goldenen Haare schimmern wie ein versenkter
Feenschatz.

Sie blieb regungslos, bis sie seine Hnde sprte: da stie sie, entsetzt,
um sich.

Was gibt's? . . . Ach so, auch vorhin bist du mir davongelaufen. Habe ich
etwas nicht recht gemacht? Aber mir scheint --

Er ttschelte, und Lola bebte.

-- da diese Kleine mit mir ganz wohl zufrieden war.

Ich habe lange gewartet. Der Hunger macht mich nervs.

O! essen wir! Ich meinerseits bin hier auf dem Lande oft den ganzen
Vormittag drauen, nur mit einer Tasse Kaffee im Magen. Strt dich's, da
ich rauche?

Nein . . . Und dann finde ich's hier langweilig.

Schon? Wohin mchtest du? Was sollen wir vor Oktober in Florenz?

Bleiben wir also! Ich mu das Schlo kennen lernen. Wo hast du als Knabe
dein Zimmer gehabt? Denn du warst doch schon als Knabe hier?

Nein. Ein Groonkel, der als Kardinal in Rom lebte, hat es gekauft. Ich
habe es erst mit zwanzig Jahren betreten, nachdem ich es geerbt hatte.

Und das bleiche Bild von gestern Abend?

Alles fremde Leute. Wir sind jnger; wir sind keine Feudalen. Unser
einziger Kardinal war nur ein Snob. Wir sind Florentiner Brger und durch
Fellhandel reich geworden. Glcklicherweise sind es bald hundert Jahre,
seit wir das letzte Fell verkauft haben.

Aber seither seid ihr Grundbesitzer. Eine Meile im Umkreis, sagtest du
gestern, gehrt dir?

Und meinen Glubigern!

Wie kommt das? Dein Vater --

-- war ein Geizhals.

Also du allein. Und auch in Toskana warst du reich. Sage, was hast du mit
alledem getan?

Da er nur lachte:

Du hast gespielt?

Auch.

Sie drngte ihre Brust gegen seinen Arm. Mit Kinderstimme:

Und sonst?

Sie duldete seine Liebkosungen, sah dabei angestrengt zur Seite. Pltzlich
schroff:

La!

Mit wiedererlangter Verfhrung:

Und sonst? Wer hat dein Geld bekommen?

Er umfate sie, mit Armen und Knien, ruhig und fest, kte sie, wo es ihm
beliebte, und lachte in ihre zornigen Augen, die ihren Mund und sein ses
Lcheln verleugneten.

Wie dies Kind neugierig ist!

Ich bin kein Kind; ich mchte deine Freundin sein.

Glcklicherweise eine Freundin, die kein Glied rhren kann.

Ich mu wissen, wie du gelebt hast. Bin ich denn eine Fremde? Bin ich eine
Untergebene?

Sie sah gespannt hin: sein Lachen ward zusehends zu einem stummen Feixen
der Verachtung, -- das sie begriff. Ich habe dich gehabt, sagte es.
Worauf pochst du noch? Was kannst du noch?

Sie war dunkelrot, und ihr lockendes Lcheln zitterte, aus Verstrtheit,
noch immer um die entblten Zhne. Er kte sie darauf und lie sie los.
Sie floh in den Kaminwinkel.

Sie beleidigen mich! Sie verhhnen mich!

Sie stand vorgebeugt zum Kampf, das Gesicht verzerrt von Wut. Er
verschrnkte die Arme.

Sie haben eine Vergangenheit. Sie haben mit Frauen gelebt. Ich wei es.

Wenn Sie's wissen. Aber ich versichere Ihnen, da Sie sich irren; -- sehr
hflich. Und mit nicht nachweisbarer Ironie:

Sie sind die erste Frau, die ich liebe.

Und wenn ich selbst Ihnen manches verheimlicht htte?

Er wehrte gelassen ab.

O! Nicht ntig. Ich habe mich berzeugt, da ich keinen Vorgnger gehabt
habe.

Sie sind gemein!

So liebe ich dich! -- und er kam rasch auf sie zu. Vergebens wand sie
sich unter seinem Griff; er schleifte sie aus dem Winkel hervor, stie sie
aufs Sofa. Sie fiel auf die Brust und klammerte sich an die Lehnen.

Sei artig! -- und er machte, ohne ihr weh zu tun, einen ihrer Arme los.

Ich will Ihre Vergangenheit wissen, wiederholte sie, strrisch und
ratlos. Er lie sie.

Nun, Sie sind schlechter Laune. Also kmmere ich mich jetzt um meine
Geschfte. Auf Wiedersehen.

Als drauen seine Schritte verhallt waren, richtete Lola sich auf, sttzte
die Hnde auf den Sitz und sah mit Ekel an sich hinunter. Wie der Mensch
mich zugerichtet hat! Warum fhre ich auch eine Lage herbei, in der ich ihm
Widerstand leisten mu. Hlich war ich dabei. Die Frauen macht echter
Widerstand hlich. Nur der geheuchelte steht ihnen. Und ich kann nicht
heucheln. Ist es lstig, ein halber Mann zu sein! Wenn man ihm doch nicht
mehr damit imponiert. Ich war in gerade solcher Wut, wie neulich in
Viareggio, als er rckwrts aus der Tr ging. Das fllt ihm jetzt nicht
mehr ein, denn er hat sich genau berzeugt, da ich eine gewhnliche Frau
bin, da alles in Ordnung ist. Wie sagte er? Nicht ntig; ich habe mich
berzeugt --. O, sehr gemein; aber wute ich's nicht? Den eiferschtig
machen zu wollen mit Gefhlen, aus denen nichts geworden ist! Schlft er
denn mit meiner Seele?

Lssig stand sie auf, strich an ihrem Rock hinunter, ordnete das Haar.

Er ist stark: er braucht mich gar nicht. Ein anderer wre mein Freund
gewesen. Aber -- und sie sphte in sich hinein, nach dem verschwimmenden
Bilde eines Gesichtes, htte ich ihn dafr nicht verachtet? . . . O, wir
sind erbrmlich, wir Weiber; wir kennen nur Verachten oder Verachtetwerden.
Dies hab' ich nun. Fr's erste hnge ich an ihm. Ist das erst vorber,
bleibt nur noch der Ha; und dann werd' ich ihn wohl betrgen? So sind wir
Weiber doch?

Sie verlie die Galerie, schlenderte, die Rcke mit beiden Hnden
aufgerafft, durch mehrere Sle. Am Ende des letzten sah sie in einen
Arkadenhof. In einer sonnigen Ecke, an die zierliche Doppelsule gelehnt
und mit hngenden Rosen auf ihrer Nachtjacke, sa eine Alte und spann.

Guten Tag, wie geht es? sagte Lola und blieb mig stehen.

Ihr seid hbsch, unser Herr hat recht gehabt, sagte die Alte und fuhr mit
ihren wilden schwarzen Augen um Lolas Formen. Lola errtete. Sie bemerkte,
da das trockene weie Gezottel der Alten so aussah, als htte sie's
gesponnen.

Das ist eine Handspindel? Wie macht man's?

Lat doch! Ihr seid ungeschickt. Zu anderem werdet Ihr geschickter sein:
unser Herr wird schon wissen, wozu.

Die Alte begann mit tiefer Stimme zu summen, wiegte sich und bewegte
spinnend, wie im Reigen, die Arme. Ein wenig ngstlich, als mte sie nun
gleich den Zauber der Hexe wirken fhlen, sah Lola ihr zu. Die Alte brach
ab; pltzlich sog sie ihre beiden Lippen ganz ins Innere des zahnlosen
Mundes. Dann:

Ihr seid wahrhaftig die hbscheste seit der allerersten, die er
herbrachte.

Wann war das?

Als er das erstemal kam. Viele Jahre sind's.

Mein Sohn hatte noch den Hof von ihm in Pacht, drunten in Spello, bis er am
Fieber starb, auch er, der Arme.

Ja. Aber jene Erste: wie hie sie?

Ich wei nicht mehr. Er brachte seither so viele mit.

Immer war er mit Frauen hier?

Auch mit Freunden. Sie tranken und jagten. Einmal im Winter haben sie
droben auf der Akropolis einen Wolf erlegt.

War auch damals eine Frau hier?

Da sieh! Ihr scheint eiferschtig!

Das tiefe Gelchter der Alten klapperte in allen Winkeln nach.

Ihr liebt ihn wohl sehr, Kleine? Er ist ein Mann, wie? ein tchtiger. Ah!
Das sieht man: Ihr liebt ihn. Da wrdet Ihr ihn also nicht betrgen, wie
jene Erste tat: -- verdammt sei ihr Name, der mir nicht einfllt. Denn Ihr
mt wissen, da ein junger Herr mit ihm hier war, der auch mir gefallen
htte. Als aber er, der unsere, dahinterkam, da sie jedesmal, wenn er
betrunken war, zu jenem ging, da meinten wir drauen, es gebe Mord. Doch
einigten sie sich und lieen alles am Mdchen aus. Nackt jagten sie es hier
heraus -- zu viel Wein hatten alle -- und mit erhobenen Peitschen um den
Hof herum, viele Male, bis die Knie ihr zitterten und ihr Geschrei rauh
klang. Ich war's, die dort aus der Kirchentr lugte und sie ihr aus Mitleid
ffnete, da sie hineinschlpfen konnte. Da kommt! Da seht!

Die Alte glitt von der Mauer, packte Lolas Hand und strebte, vorgebeugt,
eilig schlrfend, ber den Hof.

Helft mir doch, die Tr zu ffnen! Ich habe nicht mehr genug Kraft. Ach,
ach!

Und Lola:

O!

Von der Schwelle des Hofes voll abgefallener Kalkbrocken sah sie
unvermittelt in eine Welt spiegelnden Marmors. Die Stufen zum Hochaltar
hielten den Abglanz seiner gelben Wand in ihrer schwarzen Marmorkaskade.
Blau, voll goldener Augen, schwangen marmorne Vorhnge ihre Falten um die
Pfeiler der Kapellen, um die Balkone.

Dort auf den Stufen warf sie sich nieder: ja, seht, genau hier; und grub
das Gesicht in dieses Silbertuch, das vom Altar hngt. Wie Tolle strzten
jene hinterdrein. Ich konnte die Tr nicht rasch genug schlieen, aber ich
rief mit erhobenen Armen: Ttet sie nicht! Ttet nicht die schne Gida!
. . . Denn ja, jetzt ist's mir einfallen, Brigida hie sie, wir nannten sie
Gida, und er und seine Freunde sagten Gigi . . . Da liegt sie nun, seht
doch! ganz nackt, mandel- und rosenfarben, hell und rund gekrmmt auf dem
schwarzen Stein, und sie wollen ber sie herfallen! Mit unserm Herrn ist
der schlimmste der, um dessentwillen ihr's so schlecht geht. Gibt es Dank
unter den Menschen? Und wre nicht einer gewesen, der sie am Arm festhielt
-- Er sagte: Wie ist das schn! und dann standen sie und betrachteten. Und
unser Herr neigte sich ganz zrtlich -- Aber was habt Ihr, da Ihr
erbleicht? Frchtet nichts, solche Dinge knnen nicht mehr vorkommen; er
ist jetzt lter und frmmer; er betrinkt sich nicht mehr wie die Jungen;
auch sagt man, da er weniger Geld hat. Reichere Herren gibt's in der
Gegend. Beim Heraufkommen werdet Ihr die Villa des Herrn Catelli gesehen
haben, die unterste, mit den Erdstufen und dem roten Hause. Er ist ein
freigebiger Herr. Schon mehreren unserer Mdchen habe ich, indem ich sie zu
ihm fhrte, eine gute Einnahme verschafft; und wenn Ihr wollt --

Nein. sagte Lola, ich will nicht.

Natrlich. Ich verga: Ihr liebt zu sehr unsern Herrn.

Und ich bin seine Frau.

Da die Alte ratlos zu ihr aufblinzelte:

Ich bin die Contessa Pardi, und ich verzeihe Ihnen, da sie mich nicht
kannten.

Sie wollte gehen, aber die Alte hing ihr an den Rcken; sie weinte:

O Herrin, gute Herrin, bt Mitleid! Seht, ich arme Alte lebe in jenem Turm
allein. Meine Shne, die Eurem Gemahl dienten, sind nun alle gestorben, ich
habe keine Zuflucht als diese. Meine Nudeln koche ich mir, spinne und sehe
niemand. Was wute ich? bt Mitleid und verratet mich nicht unserm Herrn!
Wohin mit mir, wenn er mich vertreibt?

Bleiben Sie, bitte, hier, sagte Lola, hflich und etwas verlegen, wie zu
einer Dame, die sich wegen einer Taktlosigkeit entschuldigte. Ihre
Erzhlung war sehr unterhaltend.

In einem der Sle begegnete Lola dem alten Benedetto, lie sich von ihm das
rmische Mosaik zeigen und dachte dabei: Was ich da gehrt habe, konnte
ich eigentlich erfinden. Ich fing eben an, es mir so zu denken. Er war mit
allen seinen Frauen hier: warum nicht auch mit mir. Wie das stimmt! Die Ehe
ist heilig, wie eine Zwingburg, und darf nicht abbrckeln: Das ist
Grundsatz und gilt fr die andern. Wir selbst aber fhlen uns stark genug,
auch die Freiheit zu ertragen, das Leben nicht als Pflicht zu nehmen,
sondern als Vergngen. Ein einzelner verdirbt wohl nichts am Grundsatz
. . .

Eine Nilberschwemmung ist es? fragte sie. Der Diener sah sie verdutzt
an; er sprach seit fnf Minuten.

Also gut. Wenn der Herr kommt, sagen Sie ihm --. Nein, es ist nicht
ntig.

Nicht ausgehen: lieber noch allein durch diese Hfe, diese halb
verschtteten Kammern irren, zwischen Wnden mit herabhngenden
Lederfetzen. Zu mhsam selbst das. Ich bin trge. Auch die anderen, die
vorigen werden's hier gewesen sein -- nach solcher Nacht. Eigentlich mu
er, indes er mich kt, auch jene, die auf denselben Kissen lagen, unter
den Lippen haben. Von jeder das beste. Es war geschickt, mich hierher zu
bringen. Er versteht sein Vergngen.

Beim Betreten des Schlafzimmers sah sie die Frau in Schwarz das Bett
machen. Lola ward rot. Die Frau sagte, ber das Bett gebeugt, im sachlichen
Ton einer Mitwisserin:

Die gndige Frau wird viel Vergngen gehabt haben.

Lola dachte: Mein Gott, was tun? Die andere sagte noch:

Die Frauen lieben ihn sehr, und der Herr verdient es wohl. Befiehlt die
gndige Frau noch etwas? Die Kleider habe ich dort hineingehngt. Wenn Sie
mchten, da ich helfe, rufen Sie aus der Tr nach Maria. Hier gibt es
keine Klingeln. Was wollen Sie, man mu Geduld haben.

Lola dachte, allein: Hat sie mich nicht? Ist es ihr nicht zuwider, mir
von dem zu sprechen, was sie selbst genossen hat? Mchte sie mich durch
ihre Schamlosigkeit erniedrigen? Oder ist sie einfach sicher, da er zu ihr
zurckkehrt?

Ihr Blick ward starr. Sie sah die starkknochigen Arme der Frau wie matt
spiegelnden gelben Marmor um den Mann gelegt und seine Lippen, von brutaler
Rte, auf ihr breites, schmachtendes Gesicht zukommen. Die dumpfgeistige
Begierde der schweren Augen, in diesem schwarz umstrhnten, halbwelken,
blalippigen Gesicht machte Lola erschauern. Die beiden Leiber vor ihr
bebten, und sie bebte selbst. Sie stie die Vision fort, wandte sich
seufzend ab: Ich will nicht! Dann: Aber da ich ihn nahm? . . . War denn
er der Mensch, den ich nicht entbehren konnte? Ach, das ist mig. Schon
hat er gemacht, da alles, wonach es mich verlangt, in ihm ist. Jetzt habe
ich zu machen, da er gar nicht mehr von mir wegsehen kann. Viele mag er
geliebt haben; jetzt aber ist die Reihe an mir.

Sie legte Hut und Schleier ab, vertauschte ihr Reisekostm mit einer
Matinee aus Schleierstoff, lockerte ihre Frisur, legte leises Rot auf, half
dem Glanz der Augen nach, schminkte die Fingerngel. Sie entblte die Hand
von Ringen und prfte die Wirkung. Dann bettete sie sich auf den Diwan und
wartete.

                   *       *       *       *       *

Zwei Tage lang gingen sie nicht aus. Lola wnschte, in der Galerie die
Mahlzeiten hergerichtet zu finden, ohne da jemand aufwartete. Die
Dienerschaft durfte sich nicht an den Fenstern nach dem Garten zeigen. Am
dritten Abend beschlossen sie Luft zu schpfen; und als nach der von Lust
durchbebten Stille das Tor vor ihnen aufging, warteten davor vier oder fnf
bettelnde Greise. Lolas Blick traf eine Zwergin mit Kropf und Triefaugen.
Schaudernd sah sie weg, machte schnellere Schritte, und Trnen des Zorns
kamen ihr. Wie durfte in das erlesene Reich der Zrtlichkeiten, worin sie
lebte, dies einbrechen! Pltzlich kehrte sie um, und in dem Gefhl, das
werde sie der Strung, der Mahnung ledig machen, schttete sie der Elenden
all ihr Geld in die Hnde. Dann, an Pardis Arm, mit zugedrckten Lidern:

Sag' ihr, da sie zurckbleibt!

Trotzdem folgte ihnen die Verkrppelte noch bis an die erste Treppe. Mit
heulender Stimme betete sie fr ihre Wohltterin. Einige Jungen berrannten
sie, schlugen Purzelbume und streckten schwarze kleine Handflchen hin,
Pardi hieb mit dem Stock darauf. Sie lachten. Aus allen Husern schallten
Gre. In die Tren, aus deren rauchiger Nacht die Kupferkessel blinkten,
traten die Weiber mit den Suglingen, reckten den freien Arm nach den
Herren und wnschten Glck. Die Nachbarinnen gellten aus den Fenstern
einander Lobsprche zu, auf die Schnheit der jungen Frau. Zu viel Schmutz
fr so schne Fe! rief ein Mdchen und rumte eilends, mit vollen Armen,
einen Haufen leerer Maiskolben von den Stufen, die Lola betreten sollte.
Dann blieb sie hocken, den Blick ber sich, auf Lolas Gesicht, mit einer
leidenschaftlichen Schwrmerei, die Lola kannte: aus dem Blick der kleinen
Tini.

Auf dem Platz am Fu der Treppengassen schrie der bunte Kram der Hndler in
der letzten Sonne noch einmal burisch auf. An der geebneten Strae den
Berg hinab, schnatterten in ihrem offenen Waschhaus die Wscherinnen. Der
Himmel war von einem warmen, reichen Blau, und jede der goldenen Weinbeeren
in all den Laubnestern trug seinen Abglanz auf ihrer kleinen Kugel. In
ihren Augen, die sie aufeinander richteten, fanden die Frau und der Mann
wieder ihn. Lola blieb unversehends stehen, ffnete die Arme und kte den
Mann auf den Mund. Gleich darauf begriff sie, sehr rot, nicht mehr, wie
sie's vermocht hatte, und sah ngstlich nach Zuschauern umher. Droben am
Bergabhang lehnte unter einer Pinie ein junger Hirt, aber er behielt ganz
ernste Augen. Pardi zog sie zrtlich von der Hecke fort.

Du wirst dein Kleid zerreien.

Ich wei nicht, warum, sagte Lola, aber mir ist, als wre es sehr
lcherlich, darauf zu achten. Die Dornen -- sie faltete sinnend die Brauen
-- sind so viel wichtiger als mein Kleid.

Ihre Lust, Tage und Nchte in enge Zimmer zusammengepret, breitete sich
auf einmal aus. Das Glck ihres Krpers ergriff alle Krper und kam zurck
von allen. Das Rund der Baumkronen wiegte ihr Freuden in die Augen, vor
deren Unermelichkeit sie nur Trnen fand. Das leiseste Lftchen fhlte
sich stark genug an, sie bis in das rote Sonnengestirn zu tragen.

Die Arme einer um des andern Schulter, durchschritten sie ein stolzes Tor,
einen langen Zypressengang, der seine feierlichen Schatten ber die hellen
Weingrten warf; und am Ende hielten sie vor einem verwahrlosten
Bauernhaus. Pardi rief in ein scheibenloses Fenster. Frau und Kinder kamen
heraus, eins mute nach dem Vater laufen. Die Frau legte, unter
Glckwnschen, ein Tuch auf den Tisch. Sie brachte Trauben. Lola sagte,
noch bevor sie davon gekostet hatte, sie seien gut. Dann langte der Mann
an, reichte dem jungen Paar vertraulich die Hand und setzte sich mit ihnen
zum Wein. Lola lchelte fortwhrend; sie suchte nach Freundlichkeiten und
fhlte doch, da sie nicht gegenstndlich klangen, sich auf kein
gemeinsames Ding sttzten. Pardi schwatzte breit und von gleich zu gleich;
er lag ber dem Tisch, einer seiner Arme stand darauf, und er hatte die
Wange in der Hand: grade wie drben der Bauer. Lola betrachtete ihn; sie
sprte das Aufstachelnde in der Mischung von Eleganz und Roheit. Sie hielt
ihre Ringe gegen das Licht, raschelte auf dem Strohstuhl mit ihrer Seide.
Schon auf den schmutzigen Treppen hatte sie, unbemerkt von sich selbst, den
Kitzel des eleganten Vergngens genossen, das aufs Land geht, in Spitzen
Schfer spielt und die Armut des Volkes zum Mitwirkenden macht bei seinem
Spiel . . . Da hrte sie die Stimmen der Mnner anschwellen und verstand,
da es um Geld ging. Der Bauer beteuerte, dies Jahr das Pachtgeld nicht
aufzubringen, und Pardi schlug auf den Tisch.

Exzellenz! ich sage die Wahrheit. Der Pchter, den Sie weggejagt haben,
hat mir aus Rache die besten Weinstcke abgeschnitten, heimlich, dicht am
Boden. Erst als er lngst fort war, habe ich's bemerkt. Sie wissen, was er
fr ein Rpel war, und da die Carabinieri kommen muten, ihn
hinauszuschaffen . . .

Die Frau sprach alle Worte des Mannes mit; jedes klappte nach, wie ein
Echo. Lola sah sie an: pltzlich entdeckte sie das ganze Elend des
fiebergelben Gesichtes mit den tiefen schwarzen Strichen darin; verstand
auf dem drren schwarzen Arm den welken Sugling und im Haufen der greren
Kinder die kranke, glhende Tiefe der Augen. Reue schttelte sie. Sie hate
sich. Auf diesem Elend als Hintergrund erging sich ihr gepflegtes Glck,
und ihm verdankte sie es! So mute hier gelebt werden, damit alle ihre
Sinne blhen und sich sttigen konnten! Der Gedanke an den kleinlich
lasterhaften Kitzel, den sie noch eben diesem selben Elend entnommen hatte,
schlug sie mit Entsetzen. Sie begriff nicht, wie ein Herz dies
hervorbringen konnte, in derselben Stunde, in der es dort drauen sich
allen Wesen, ja der Sonne selbst, verbunden gefhlt hatte.

Die Frau antwortete Lolas entsetztem Blick.

Ja, wir haben alle das Fieber. Es ist nicht wie im Winter, da lebt man.
Aber der Sommer war hart, und wir hatten kein Geld, in die Berge zu gehen.

Exzellenz! schrie der Bauer in seiner ungebrdigen Art. Sie sollen mit
Ihren Augen die abgeschnittenen Weinstcke sehen. Sie werden nicht sagen,
da ich es selbst getan habe.

Ach was, machte Pardi. Ich kenne euch, ihr seid Spavgel.

Ich bitte dich, wagte Lola: mit feuchter Stimme und ganz leise, damit
niemand hre, da sie sich ihres Mannes schmte. Er erwiderte barsch:

In was mengst du dich?

Zu dem Bauern:

Sonntag bringst du mir den Rest; sonst wehe!

Und zu Lola:

Komm!

Sprechen Sie fr uns! jammerte die Frau ihr nach. Lola ging gesenkten
Kopfes einen halben Schritt hinter Pardi; sie dachte: Warum kann ich ihnen
nicht sagen, da ich sie liebe? Mein Bestes bleibt immer ganz stumm. Pardi
kehrte unversehens um, rief einen Scherz, schlug dem Bauern, der lachte,
auf die Schulter und gab der Frau die Hand. Es ist doch ein guter Herr,
sagte sie. Pardi wiederholte zum Abschied noch:

Also Sonntag. Sonst habt ihr's mit dem Gericht zu tun.

Sie werden bedient werden, sagte die Frau. Und Pardi schob, voll
mitteilsamer guter Laune seinen Arm in Lolas.

Sobald man sie nicht mehr sehen konnte, machte sie sich los.

Gekrnkt? fragte er, mit ironischer Zrtlichkeit. Ich habe dich
angeschrien: ich wei, es ist infam. Aber was willst du, du warst im
Begriff, mir das Geschft zu verderben. Jetzt hast du gesehen, wie man die
Leute nehmen mu. Also komm, sei lieb!

Bei seiner Berhrung fuhr sie auf:

La mich!

Er pfiff durch die Zhne. Kurze Zeit hielt er ihren Arm gepackt, der sich
wand; dann lie er ihn mit einem kleinen Ruck fahren und ging weiter. Lola
atmete krzer vor Wut. Der Weg zwischen den Hecken war lang und schwl. Er
deuchte einem dunkel; und jenseits der Himmel blendete mit seinem dick und
glatt aufgetragenen Gold. Sie gerieten in den Staub und das Getrappel einer
Schafherde. Das kindliche Geplrr der Lmmer, der gute, friedliche Geruch
all dieser langwolligen Leiber feuchtete Lolas Augen. Rasch gab sie ihren
Arm hin; und sehr sanft:

Lieber, diese Leute sind arm.

Teufel, auch wir brauchen Geld.

Die kleine Summe, die sie uns schulden, ntzt uns wenig.

Wenn wir das bei jedem Schuldner sagen wollen --. Auerdem lgen sie.

Aber sie bezahlen mit ihrer Gesundheit.

Dafr sind sie rmische Campagnabauern.

Ist nicht jeder zuerst Mensch? Erla ihnen die Pacht!

Nein, meine Liebe; ich habe Grundstze . . . Guten Abend, Advokat!

Der beleibte, aufgewichste Herr in Schwalbenschwanz und weien Gamaschen
wartete bei dem geschwrzten, rauhen Stadttor. Er machte Kratzfe und
sagte der jungen Grfin mit heiserer Flsterstimme Artigkeiten. Auf dem
Platz, vor dem Caf, erhoben sich der Apotheker und der Brigadiere der
Gendarmen und grten. Pardi bestellte Vermouth, machte Lola mit allen
Honoratioren bekannt und brachte die belebteste Stimmung hervor. Nachdem
sie sich verabschiedet hatten:

Aber wenn man so menschenfreundlich ist, darf man nicht so steif sein.

Verzeih! Ich kann oft nicht, wie ich mchte. Aber du: habe jetzt Nachsicht
mit jenen armen Leuten. Mir zu Liebe.

Was tte ich nicht dir zu Liebe?

Also du erlt ihnen die Pacht?

Wir werden sehen. Wenn du sehr artig bist.

Was soll ich tun?

Er lachte. ber die letzte Treppe trug er sie, wie das erstemal. Eine Frau,
die auf ihrer Schwelle dem Kinde das Haar durchsuchte, rief frhlich
hinterdrein. Lola zerrte an seinem Arm, damit er sie niedersetze. Aber sie
konnte nichts dagegen, da die Strke des Mannes, seine Unempfindlichkeit
selbst und seine Unverfhrbarkeit zum Weichmut, sie begehrlich erregten.
Oben strichen Fledermuse, stieen eckig aus dem Dunkel, und mit blem
Zwitschern vergruben sie sich wieder darin. Wirr abwrts entwich die Schar
der Dcher; und im kahlen Nachtblau behauptete sich, allein und ungeheuer,
der Palast. Mit verwischten Rndern breitete er in die Dmmerung seine
geschweiften Drachenflgel. Sein schwarzes, leeres Tor schnappte ins
Ungewisse. Alles fhlte sich hungrig, atemlos und voll Reiz an. Die Hnde,
an denen sie einander hineinfhrten, waren hei und trocken.

                   *       *       *       *       *

Pltzlich ging der Mond auf. Lola lste ihre Zhne aus seinen Lippen und
sagte lockend:

Du erlt ihnen die Pacht?

Er fuhr auf.

Da ich verrckt wre!

Ihre Mnder rangen von neuem miteinander: all ihr Fleisch. Er, endlich:

Mach mich mde, dann erla ich ihnen die Pacht.

Als er am Morgen, zum Ausgehen bereit, vor ihr, die noch dalag, seine
Zigarette anzndete:

Bin ich mde? Nein? Dann werden sie also bezahlen.

Das Zimmer ward ihnen schwler mit jeder Nacht. Sie trugen ihre Decken in
den Garten hinaus. Das feuchte Gras lschte ihr Fieber. In der Hand, die
sich, nach dem Geliebten schmachtend, aufreckte, blieb eine Granatfrucht
zurck. Ein unsichtbarer Zweig mischte sich in ihre Umarmung. Aus dem
schwarzen Dickicht funkelten wilde, grne Augen und strmte strenger,
erbitternder Duft.

Schlaff verdehnte Lola die Stunden, die er drauen war, in der khlen
Galerie, lie die Zigarette herabhangen und geno ein langsames Lcheln der
Erinnerung. Unter ihren Augen der Alkoven und der Garten: das war die Welt;
sie mochte nicht hinausdenken und fate nicht, was jenseits sie htte hei
oder kalt machen knnen. War sie selbst es, die lange gekmpft, gelitten
hatte, bis sie dies Glck, gleich einer Schande, sich abgewandten Gesichtes
gewhrt hatte? Jetzt erwies sich das Sinnenglck als das allein
vollkommene, als das einzige ungetrbte, mhelose, immer erreichbare. Kein
qulender Gedanke, an Schicksal und Zukunft keiner, unterbrach es. Man
hatte keine andere Bestimmung und erwartete nichts, als das Beben der
letzten Lust.

Mit Zuneigung gedachte sie des jungen Hirten, der ernst auf sie
herabgesehen hatte, als sie, an der Strae, den Mann auf den Mund kte.
Die ernste Schamlosigkeit der Natur fllte ihr die Augen mit Trnen der
Zrtlichkeit. Zum erstenmal fhlte sie sich, kraft der Lust, allen Wesen
gleich und nahe. Maria, die am ersten Morgen, ber ihr Bett gebeugt, nach
dem Vergngen der Nacht gefragt hatte, war ihr kein Rtsel mehr. Lola
redete die Frau an, wenn sie eintrat, behielt sie bei sich und plauderte.
Sie brachte Maria zum Gestndnis ihrer Liebe mit Pardi. Zwei Jahre war's
her, und ihr jngstes Kind war von ihm. Ihr Mann wute es; sie hatte zu
ben. Aber sie bereute nichts, denn viel hatte sie genossen. Schwachrote
Wolken zogen auf der Hhe ihrer mrben Wangen zusammen, unter den schweren
Augen, die erwachten. Die Arme auf den Knien verschrnkt und die Bste
darbergebeugt, kraftvoll bei ihrer Welkheit, sa sie vor Lola, die lssig
lehnte in ihrer auf den Stacheln der Lust ber sich selbst erhobenen
Schwche. Und sie sprachen einander von dem Manne, der sie beide erweckt
und erfllt hatte: genuschtige, nachschmeckende, hellseherische Worte,
unter deren Tasten pltzlich der Schauer selbst wieder auflebte; die
manchmal auffuhren zu einem Schrei der Eifersucht, und nun hinabsanken in
ein Geflster, das die Augen erweiterte. Maria hatte mehr erfahren, und sie
flsterte davon . . . Aber drauen klappte der Schritt des Mannes, und die
Dienerin verschwand ohne Laut.

Sie hatte den Auftrag, die Bettler vor dem Tor tglich zu bewirten und zu
beschenken. Oft berzeugte Lola selbst sich, ob es geschah. Nur die eine
Sorge fand zu ihr hin. Aus einem brennenden Traum schrak sie empor, ging
hinaus und legte sich den Anblick der triefugigen Zwergin wie eine Bue
auf, die den Bestand ihres Glckes verbrgte. Sie lebte im Sinnenrausch wie
in einem Garten roter, abenteuerlicher Kelche, deren Duft die Vernunft
betubte. Aberglubisch durch die Flle des Glcks, gab Lola der Verfhrung
Marias nach und lie sich von der Zwergin wahrsagen. Die Zwergin ward ins
Zimmer gelassen. Die entzckenden Visionen, von denen es voll war,
durchbrach ihr Kropf, und ihre entzndeten Augen hefteten sich an alle
. . War das nicht genug? Lola berlie ihr auch noch ihre Hand. Indes sie
das Scheusal kichern hrte, bedrngte ein Gedanke sie. Wenn ich's nicht
tue, bin ich verloren! Da schnellte sie vor und kte die Zwergin gerade
auf den berflieenden Mund.

Auch die Bitten um das Pachtgeld jener Bauern stie sie unter dem Brennen
einer Sucht aus; sie weckte den Mann dazu auf.

Was soll ich tun, damit du es ihnen zurckgibst?

Seine Nachsicht gegen diese Armen verlockte sie in dem Taumel, der sie
dahinraffte, wie eine letzte Erfllung, wie der Sieg im Zweikampf der
Liebe, der uerste Gipfel der Lust. Was soll ich noch tun? --
verheiend, mit geheimer Begierde, zu erfahren, was sie verhie. Maria
hatte davon angedeutet. Er weihte sie ein.

Ich dachte nicht, da Ihr dahinten zu solchen Sachen zu brauchen seid. Das
war sogar der Hauptgrund, weshalb ich einige Zeit zgerte, dich zu
heiraten.

Sie hatte sich zu den letzten Wrzen des Vergngens herbeigelassen. Ob eine
andere ihm so gefllig gewesen sei?

Vielleicht Gig?

Sie gestand nicht, was sie wisse. Aber sie machte sich, in seinen Armen,
hinter ihren geschlossenen Augen zu dem Mdchen, das nackt in der Kirche,
auf den Stufen des Altars, den Mann erwartet.

Nenne mich Gig!

Dann:

Was hast du mich noch zu lehren? Nichts mehr? Gar nichts? So gib mir das
Pachtgeld!

Aber er brach lachend sein Wort. Auch ihre erbitterten Vorwrfe verlachte
er.

Gegen euch Weiber ist alles erlaubt.

Dies Unerreichbare lie ihr einen Durst und eine Unruhe zurck, als sei die
seste Frucht des Gartens nicht in ihren Mund geflossen, als stehe
irgendwo im Palast ein unzugngliches Zimmer voller Seltsamkeiten. Sie
hatte, sobald er fort war, den Kopf in Bilder verstrickt, in zehrende, nie
ganz vollendete. Auf unbestimmter Suche machte sie manchmal einige Schritte
allein vors Haus. Am Ende der Schloterrasse das Kloster lockte sie an:
dies Frauenkloster mit seinem vergitterten Schalter. In der Sonne stand sie
und schmachtete mit Ha zu der dunkeln, khlen Mauer hinauf. Einmal fand
sie daneben die Kirche offen. Hinten sangen im Halbkreis die Nonnen. Von
fern betrachtete Lola sie mit Hohn. Wenn jetzt eine kam, wollte sie ihr im
Vorberstreifen solche Dinge ins Ohr sagen, da sie fr den Rest ihrer Tage
ihren klglichen Frieden verlieren sollte.

Vor dem Palasttor lungerten schon wieder die Bettler. Die Zwergin zerrte
die anderen weg, drngte sich vor.

Lat sie, ihr Pack, meine Herrin ist's. Mich kennt sie, und sie liebt
mich, denn ich leiste ihr ntzliche Dienste.

Lola ging kalt an ihr vorbei. Sie sah noch die Verkrppelte von ihren
Gefhrten unter Spott zu Boden gestoen, und es befriedigte sie. Ihre
Gelste verkehrten sich ins Bse. Der Schmerz der anderen barg vielleicht
noch unbekannte Gensse? Sie stritt mit der Versuchung, Marias Kinder, die
in den Gngen lrmten, vom Diener schlagen zu lassen. Jene Bauernfamilie,
der ihr Mann das Pachtgeld abgepret hatte, hungerte jetzt wohl? Lola
dachte sich das verfallene Gesicht der Frau, einen Kreis fiebriger
Kinderaugen um einen leeren Tisch. Als das nchstemal die Zwergin sich an
sie hngte, rief sie einem Jungen zu: Hol' den Gendarmen dort! Beim
Geklirr des Sbels und dem Zetern der Zwergin zauderte sie noch, abgewandt,
auf der Schwelle; Scham nur hielt sie ab, den Befehl zurckzunehmen. Aber
dann ging sie weiter. Dafr ist sie eine Bettlerin! Pardi, fiel ihr ein,
hatte gesagt: Dafr sind sie rmische Campagnabauern. Jetzt bin ich
selbst dort angelangt! . . . Und wenn schon, jeder leidet das Seine. Auch
das Genieen fhrt, ganz in der Tiefe, zum Leiden . . .

Der erste, schwle Herbstregen fiel, als sie die Abreise beschlossen. Lola
atmete schwer in der Luft, die braun durchs Land schlich. Sie hatte mit dem
Manne allein, eng beisammen, unter dem Lederdach des zweirdrigen
Wgelchens, hinabgewollt. Rascher! Mit zugedrckten Lidern, in wonnigem
Schwindel. Als sie sie einmal ffnete, hockte dort unten bei einem Busch
die Zwergin. Sie schlo sie wieder, lchelnd. Da, gelles Hennengeschrei,
der Fall von Steinen, Pardis wtende Drohungen, und das Krachen und
Schwanken des Wagens, den das Pferd, gestreckt, dahinri. Auf einmal
Stille.

Bist du verletzt? fragte der Mann, unter ihr.

Lola antwortete nicht. Dies war fast der Tod gewesen. Und die Angst selbst
seines Vorberstreifens war zu Wollust geworden. Sie lebte in so tiefen
Schauern, da keiner mehr sie schreckte.

Er hob sie aus dem Graben. Er wollte der beltterin nach; Lola hielt ihn
zurck.

Du hast den Wagen umgeworfen? Hast gemacht, da ich auf dich fiel, und
dein Leben fr mich gewagt?

Sie gedachte dessen, was Nutini von ihm geflstert hatte: er habe die
Chiarini, als sie von ihm in anderen Umstnden gewesen sei, mit dem Wagen
umgeworfen, habe sie gettet . . . Vielleicht war die glcklicher gewesen?
Denn sicher: der Gipfel der Lust war hier gewesen. Und im Weiterfahren sah
sie beklommen rckwrts.

Schade!

                   *       *       *       *       *

Auf der Fahrt vom Bahnhof, aus dem Wagen des Hauses Pardi, sah Lola mit
nachdenklicher Geringschtzung die Rcken der Leute an, die durch den Regen
trabten und nicht wuten. Denn die Abgrnde, in denen Lola heimisch war,
hatten jene nie berhrt. Mit dem Manne zusammen war sie in eine eigene Luft
geschlossen, in eine strkere, durch die man hher atmete und rascher
verbrannte. Sie hatte keinen Blick fr das Haus, in das sie einzog, fr die
Diener, die sie begrten. Wozu standen sie noch da? Schickte er sie nicht
weg? Endlich: die Arme durften sich ffnen.

Aber Pardi bemerkte Blumen mit Karten, der Haushofmeister meldete das
Diner, und wie sie sich setzten, kam ein Fremder.

Mein Freund Valdomini, sagte Pardi.

Lola erstaunte: Sein Freund? Glckwnsche und Komplimente nahm sie hin
und dachte: Also gut, das ist abgemacht. Was noch? Der Fremde setzte sich
mit zu Tische, man mute ihm zuhren, sich an eine Menge verschollener
Personen, dahinten gebliebener Angelegenheiten erinnern lassen. Was konnte
dieser auch wissen? Doch sprach er gut; Lola lachte mehrmals; unwillkrlich
trat sie einige Schritte aus ihrer Welt heraus.

Wie er dann in Pardis Begleitung fort war, besann sie sich auf die
Wirklichkeit, auf das einzige Wirkliche. In zwei Minuten hatte sie das
Kostm gewechselt, und die Hnde verschrnkt im Nacken, whrend die
Schleierfalten um sie her schaukelten, lie sie sich auf die Ottomane
fallen. Bereit. Jetzt schlo das Tor sich hinter dem Fremden, Pardi war
schon auf der Treppe, schon vor der Schwelle. Sie war bereit. Sie lchelte.
Horch! . . . Nein, noch nicht . . . Immer noch nicht? Das Kammermdchen gab
Antwort:

Der Herr Graf ist mit dem Herrn Frsten fortgegangen.

Ach so, ich wei . . .

Sie berlegte: Er mu ihn eine Strae weit begleiten . . . Der andere
sagte, seine Frau sei leidend. Er wird ihm in seinem Hause eine
Viertelstunde Gesellschaft leisten. Eine halbe Stunde war vorbei. Das Tor
geht! Ah!

Sagen Sie dem Herrn, ich sei im Schlafzimmer.

Der Herr Graf ist noch nicht zurck

Wieder allein: verwunderlich allein. So waren sie wohl an Valdominis Hause
vorbeigegangen. Jener hatte gesagt: Meine Frau ist krank, ich langweile
mich, machen wir einen Rundgang. Aber eine Stunde dauerte der Rundgang?
Wohin konnten sie spazieren? Lola folgte ihnen im Geiste. Vor dem Klub der
Via Tornabuoni standen Herren; sie hatte sie oft dort stehen gesehen. Sie
verdauten, berlegten, ob sich's noch lohne, in ein Theater zu gehen, und
wenn fremde Damen vorberkamen, sagten sie der Hut oder die Schuhe, um
bekannt zu geben, was ihrem Geschmack nicht genge. Gesellte sich Pardi zu
diesen? Vermochte er, den Klub zu ertragen, die Reden, die Gesichter? In
seinem Kopf bin doch ich, so wie ich hier liege, die Arme nach den
Schultern hingebogen, und ihn erwarte! Zwei Stunden! Das ist unmglich,
ein Unglck mu geschehen sein. Und sie sprang auf. In der Sekunde, da sie
sich bewegt und nicht hingehorcht hatte, konnte das Tor gegangen sein. Ja?
Ja! Rasch sich wieder hingelegt und gelchelt! . . . Nein, nichts. Aber
natrlich hielten sie ihn fest. Die von Viareggio waren dabei, er mute
ihnen die Geschichte seiner Verlobung geben. Er denkt nur an mich! Lola
schlo die Augen, in ihre Lippen drckten sich seine . . . Sie seufzte und
sah sich allein.

Auf einmal hrte sie ihn laut, mit seiner schleierlosen, sicheren Stimme,
ein sehr schmutziges Wort sagen, und wute, es galt ihr. Sie zuckte
zusammen, lauschte entsetzt. Die anderen lachten. Pardi berichtete weiter
von ihr. Er zergliederte, ganz sachlich, ihren Krper, rhmte ihre
Gelehrigkeit. Lola fhlte ihr Gesicht brennen und versteckte es; sie warf
sich umher und sthnte; -- aber Pardis unerbittliche Stimme ging weiter.
Hatte er damals, als Nutini sie zur Lauscherin gemacht hatte, etwa
geschwiegen?

Sie wanderte durch das Zimmer. Mein elendes Mitrauen! Heute liebt er
mich. berdies, sobald wir verlobt waren, fing er an, mich zu achten.
Alles, was ich soeben phantasiert habe, ist bare Unmglichkeit, da ich
seine Frau bin. Man mu die Mnner kennen . . . Aber sie litt, weil sie
ihn zu prfen hatte. Als ihre Gedanken sich endlich verlangsamten, merkte
sie, da es sie fror. Die Uhr zeigte drei. Lola ging zu Bett.

Sie erwachte, es war hell, und neben ihr schlief Pardi. Sie richtete sich
auf und betrachtete sein unbewegtes, schnes Gesicht. Der Mund, leicht
offen, stand fleischig und feuchtrot aus der kraftvollen Blsse hervor
. . . Die Mundwinkel beleidigten sie mit ihrer satten Senkung. Aber bevor
sie es sich gestanden hatte, war ihr Blick auf seinen Lidern, auf seiner
breiten Stirn. Dahinter weilten nun Gesichte, die nicht auch ihre waren,
Erinnerungen, die ihre gemeinsamen zu verschtten drohten. Sie berlegte,
in Angst, wie sie ihn ausfragen solle. Schweigen und ihn zurckholen,
stellte sie schlielich fest.

Er verlangte, da sie zur Promenade fhren. In den Cascine stellte er sie
vor. Die Bernabei winkte aus ihrem Wagen; sie muten den Abend bei ihr
verbringen. Als Pardi ihr zu Hause den Pelz abnahm, hatte Lola noch seine
Lippen auf der Schulter gesprt; und wie sie sich umwandte, war er fort.
Seine Rckkehr weckte sie. Er kam mit zusammengebissenen Zhnen auf sie zu;
das Dstere, Gewaltttige seiner Begierde machte ihr solche Furcht, da sie
ber den Bettrand zurckwich und er sie auffangen mute. Die folgenden Tage
ging er ber ihre Zrtlichkeiten leicht hin. Er schien den Kopf bei anderem
zu haben, sie fragte nicht wo. Sie hatte beschlossen, das Haus so wohnlich
zu machen, da es ihn keinen Abend mehr fortverlangte. Bei ihrem Einzuge
hatte sie es nicht angesehen, es war nur fr die Zuflucht und den Verschlu
ihrer Liebe bestimmt. Jetzt lie sie es subern, ordnete eigenhndig die
Sitze an, die alle, wie in Schlssern oder Wartezimmern, die Wnde entlang
prangten, entfernte den berflu an schlechten Bildern, verstaubten Festons
und Teppichen, samt den groen venetianischen Mohren aus bemaltem Blech und
den Pfauenfedern hinter den Spiegeln. Diese plunderhafte Pracht mochte das
untere Stockwerk verschnen, das aus der engen Gasse noch weniger Licht und
von hinten, wo steil der Garten nach der Hgelstrae anstieg, schon im
Oktober keine Sonne mehr traf. Oben sollte es hell und lustig werden. Pardi
spottete ber das Schlafzimmer, worin kaum mehr anderes als das Bett brig
blieb. Als ob nicht Raum fr seine ausgestopften Vgel, seine Sbel und
seine Schuhsammlung gewesen wre! Der Vermehrung der elektrischen Lampen
sah er schweigend zu, herrschte die Arbeiter, die die Wnde hell
bekleideten, unvermittelt an, drehte ihnen aber gleich wieder den Rcken,
-- und erst als er eines Abends Lola in einem ganz fremden Zimmer fand,
brach er los. Sie verschwende seine Einknfte. Zweitausend Francs diese
paar grauen Lackmbel?

Damit spiele ich eine Woche!

Er bi sich auf die Lippen und setzte hinzu:

Und verdoppele sie, verzehnfache sie!

Aber ich hatte kein Boudoir, sagte Lola. Und mein Bruder schickt doch
schon wieder zweitausend Francs.

Und da habe ich die unbezahlte Rechnung der Bossi.

Du willst, da ich mir immer neue Toiletten anschaffe.

Werfe ich's dir vor? Eine Dame mu angezogen sein: ein Boudoir braucht sie
nicht. Das ist fr jene Frauen dahinten in Deutschland, in ihren
lcherlichen Phantasiegewndern: die knnen sich auf der Strae nicht sehen
lassen.

Auch ich verbringe mein Leben nicht auf der Strae.

Zu Hause hast du genug in deinem Ankleidezimmer zu tun.

Ich brauche auch einen Raum, um zu lesen.

Das ist unntig! Das ist schuld an deinem ganzen verrckten Wesen! Wie ich
dies Zeug hasse!

Er hielt ein Buch in der Hand und warf die Augen leidenschaftlich umher. Da
flog es in den Kamin. Durch die Tat erleichtert, sprach er mit Wohlwollen
weiter.

Siehst du, wir sind dem Gesellschaftsleben bestimmt. Von unserer Wohnung
sind nur die Rume wichtig, die die Leute zu sehen bekommen. Und die mssen
nicht wie bei Brgern sein, sondern unserm Range entsprechen. Ich werde die
Decke im Saal neu vergolden lassen. Auch die Fresken lasse ich
restaurieren, -- wenn ich Geld habe. Diese Knstler knnen nie warten.

Die Fresken werden verlieren, sie sind von Luca Giordano.

Aber sie mssen wieder glnzen.

Lola fgte sich. Ihre von Menschen freien Stunden verloren sich im
Ankleideraum der Schneiderin und in ihrem eigenen. Die Mahlzeiten ohne
Gste wurden so einfach, wie er sie wnschte. Sie hatte seine Miene
gedeutet und seinen Kammerdiener befragt. Wenn sie nach dem Theater, Lola
in groer Toilette, im Gambrinus soupierten oder Valdomini mitbrachten,
kosteten die Getrnke mehr, als die Einkufe zum Diner betragen hatten. Was
tat es? Es galt, mit ihm einig zu sein. Es galt festzuhalten, was
entgleiten wollte, die Zeit zusammenzuraffen, damit sie nicht
weiterstrmte; galt, zu machen, da auf einer selben Strae, unter dem
Verdeck eines Wgelchens, sie und der Mann ohne Ende dahinjagten. Denn in
jene Fahrt, das letzte ganz enge Beieinander, trumte sie sich oft zurck
und wnschte sich, sie wre nie ausgestiegen. Nun kreischte die Zwergin,
nun fhlte sie sich dahingerissen, ins Ungewisse fliegen und, nochmals
vereinigt mit dem Geliebten, an ihm vergehen. Welch gutes Ende es gewesen
wre, das Ende in jenem Straengraben! Dem Kommenden wagte sie manchmal
kaum die Augen zu ffnen . . . Aber Pardis Schritt ward hrbar, und von
Dankbarkeit hei, scho ihr das Blut zum Herzen. Ihr schien es sein Blut.
Ihr schien's, er habe sie mit seinem Blut erfllt, sie lebensstrker,
zuversichtlicher gemacht, da jetzt auch sie sein mutiges Leben ohne
Selbstberwachung wrde leben knnen. Auf dem groen Ball im Casino
Borghese fhlte sie's ganz deutlich, wie ihr Krper und ihr Wesen
geschliffener und glnzender waren durch eine neue Anmut, von ihm ihr
eingetrnkt; da sie gefallen msse dank ihm. Die Verfhrungen ihres
Geistes sah sie weich zusammenflieen mit denen ihres Anzuges; ihre Augen
wuten zu spielen wie ihre Antworten; und umringt und in aller kniglichen
Lssigkeit bis zu den Fingerspitzen durchpulst von Sieg, suchte sie
dahinten ihn und liebte, schien ihr's, zum erstenmal das Frauenleben, zu
dem er sie erweckt hatte.

Sie war reich. Dieser eine Mensch hatte sie so mit Liebe beschenkt, da sie
davon der Menschheit mitteilen konnte. Auf der Promenade, unter huldigenden
Blicken, bemerkte sie pltzlich das Gesicht des Elends, verlie ihren
Wagen, winkte das Geschpf in eine Seitengasse, fragte aus, half,
verschaffte Verdienst: Alles mit Heiterkeit, in Sicherheit, ohne das
zweifelhafte Gewissen des Gebenden, aus einfacher Wrme, fern von dem
dsteren, menschenfeindlichen Bewutsein der Vergeblichkeit, das sonst ihre
hingestreckte Hand erkltet hatte. Durch Valdomini lernte sie einen
sozialistischen Abgeordneten kennen. Zum Schlu des Gesprches sagte er
ihr:

Sie sind die erste und einzige Dame von Florenz, die nicht im Mittelalter
lebt.

Sie lachte: ein so bermtiges Vertrauen war in ihr. Der Bernabei hatte sie
schon einen Beitrag zur Volksuniversitt abgerungen. Die beiden kleinen
Niccoli wollten sogar in die Vorlesungen. Und Claudia Grilli nahm an allem
teil, was sie selbst bewegte. Claudia war eine Freundin! Sie brachte Lola
Blumen mit. Welch rasche Stunden, wenn ihre eigenen liebsten Wnsche und
Gedanken aus Claudias groen, brunlich weien Tieraugen in weicherem Glanz
zurckglnzten; wenn Claudia mit ihrer gewandten Hand, die gleitend, leicht
und fest war wie ihr Schritt, wie ihr Lcheln, ber ihre schwarzen Bandeaus
strich; wenn sie die einfach und sanft gebogenen Lippen leise von den
kleinen Zhnen zog und aus den Winkeln nach Pardi aussah: was er nun noch
vorbringen werde. Er verlie, so lange die Freundinnen sich unterredeten,
nicht das Haus, lief, die Schultern schttelnd, vor ihnen auf und ab, hielt
pltzlich an und rief sie, mit Gesten, als wollte er sie berwltigen, auf
die bewhrten Standpunkte zurck. Konnten sie wirklich vergessen, da sie
ohne den Mann keinen Zweck auf der Welt hatten? Er griff sich an die
Schlfen, wie in einem Traum, worin eine Schar Puppen ihn anfiele. Lola
redete, vor Verlangen strmisch, auf ihn ein. Welche Vereinigung, welche
Umarmung, wenn sie ihn gewnne! Claudia lchelte zu ihm auf; sie
wiederholte Lolas Grnde in spitzbbischem Neapolitanisch, und ihre
beweglichen kleinen Mienen berkugelten sich vor Spott. Er traf ihre Augen,
blieb darin haften und brach seine Widerrede ab. Lola sprach eine Zeitlang
allein. Pltzlich, ein wenig zerstreut trotz seiner Heftigkeit, fing er
wieder zu streiten an.

Er wrde gewonnen werden! Er war seelisch ein Kind; sie sprte, stritt sie
mit ihm, Regungen von Mutterzrtlichkeit. Er verspielte Tausende, und dann
machte er ihr einen Auftritt, weil sie die Wscherin um einige Pfennige zu
teuer entlohnt hatte. Seine Hrte gegen die Dienstboten glich ganz dem
Hochmut eines verwhnten Kindes. Sie gab ihm das Beispiel, die Leute mit
Gte anzusprechen, ihre Dienste zu erbitten und ihnen dafr zu danken.

Wozu unsere zufllig gnstigere Stellung mibrauchen? So viel wie sie fr
uns, leisten wir niemals fr sie; ein Danke ist nicht zu viel.

Er behauptete die strenge Zucht.

Das ist eine andere Gattung Menschen: sie verstehen nur die volle
Ausnutzung der Gewalt; sobald wir nachlassen, sind wir verloren. Wenn wir
die Herren nicht mehr zeigen, sind wir's nicht mehr.

Lola meinte:

Das ist wohl allen Menschen gemeinsam: nicht mehr zu geben, als gefordert
wird. Aber warum mehr fordern, als wir brauchen? Wozu berhaupt herrschen?
Mich verletzt die Demtigung anderer in meiner eigenen Menschenwrde.

Er nannte das strflichen Unsinn. Als ihr eine Spange fehlte, muten, trotz
Lolas Widerspruch, Gepck und Kleidung der Dienerschaft durchsucht werden.
Es blieb umsonst; -- und Pardi bestand nun darauf, Germaine verantwortlich
zu machen. Sie allein betrete das Schlafzimmer; ob sie die Spange habe oder
nicht, sie msse fort. Lola sah, da vor allem seine Herrschsucht ihn
aufbrachte. Sie selbst, die sich ihre Untergebenen zu Freunden wnschte,
sollte gestraft werden in der, die ihr am nchsten war. Germaine hatte
nicht mit Mai nach Amerika gewollt, sie war Lola gefolgt. Sie drohte, den
Herrn Grafen wegen Verleumdung zu verklagen. Lola zuliebe stand sie davon
ab; sie willigte sogar ein, das Ende des Monats im Hause abzuwarten.
Inzwischen bat und kmpfte Lola tglich fr sie. Pardis Antwort war:

Ich bin der Herr.

Lola lebte in Angst um der Ungerechtigkeit willen, die er ihr auflud.
Unvorsichtig aus Erregung, setzte sie sich eines Abends in der Pergola fr
den Schutz der unverheirateten Mtter ein. Ihre Loge war voll Menschen.
Botta war darunter und vertrat in seiner schmatzenden Art die Ansprche der
Gesellschaft. Lola versteifte sich. Zwei Herren sahen sich an und
lchelten. Pardi, der eintrat, warf einen Blick ber die Lage und sprang
Lola bei. Er trumpfte mit den ritterlichsten Grnden. Er arbeitete sich ab
in verzweifelter Donquichotterie, vor den anderen, die ruhig wie die dumpfe
Mauer des Vorurteils selbst, ihm lchelnd zusahen. Seine Tigermiene und
eine Anspielung auf seinen Degen wischten das Lcheln weg. Lola hatte
gesiegt. Er hatte sich mit ihr durchgefochten. Sie atmete schwer und
glcklich, als habe er sie wirklich auf seinen Armen durch Feinde
hindurchgetragen. Er war bei ihr: o, sie hatte gewut, sie werde ihn
gewinnen! Wie wre es mglich gewesen, da in zwei Krpern, die kraft so
vieler Umarmungen fast zu Zwillingskrpern geworden waren, nicht auch die
Seelen sich verstehen lernten, sich umarmten!

Sie hatte Trnen in den Augen und nahm, indes alle nach der Bhne sahen,
seine Hand. Er entzog sie ihr. Im Wagen verbot er ihr zu sprechen; es
dringe Nebel ein; -- und dann kam er pltzlich aufgereckt, entschlossen
durch das Ankleidekabinett herbei. Auf der Schwelle des Schlafzimmers hielt
er an, die Hand an der Brust. Sie erschrak ber sein Gesicht. Auf ihn zu:

Was hast du? Lieber?

Keine Komdie! Wir wissen, woran wir miteinander sind. Madame, ich erklre
Ihnen, da Sie mich nicht lnger kompromittieren werden!

Ich -- dich? Ich wollte dir danken, dich so lieb haben wie noch nie. Du
hast meine Partei genommen! . . .

Jawohl: ich habe Ihre Partei genommen! Was weiter? Sie sind meine Frau:
Sie knnten gestohlen haben, und ich wrde Sie freilgen. Aber merken Sie
sich, da ich Sie darum nicht weniger verachten wrde!

Ich habe unsere Freunde um ein wenig Menschlichkeit gebeten fr gewisse
Ausgestoene. Ich verdanke dir so viel Liebe, da ich kein Wesen ganz
ungeliebt sehen kann.

Schwelgen Sie in Ihren unpassenden Utopien, solange wir allein sind. Aber
hten Sie sich, die Ehre meines Hauses den Leuten zum Spiel hinzuwerfen!

Ich begreife nicht, was die Ehre Ihres Hauses --

Sie stellen mein Haus auf den Kopf, moralisch noch mehr als materiell, und
ich habe zu lange zugesehen. Sie suchen den beiden kleinen Niccoli den
Glauben an die Hlle auszureden: gottlob umsonst. Meine Dienerschaft
verliert den Respekt. Sie dulden eine Diebin im Hause . . .

Germaine ist keine Diebin!

Sie dulden eine Diebin! Und dank Ihnen hat einer dieser infamen
Sozialisten hier Zutritt gefunden.

Der arme Ricchetti! Er leidet unter der Gewiheit, da in diesem Lande
seine Ideen niemals Wurzel fassen werden. Mag sein, da er sich durch
Gewalthandlungen manchmal darber hinwegtuscht. Doch wei ich von ihm, da
er den Generalstreik nur zugelassen hat, weil er mute, und hoffnungslos.
Ein unglcklicher Messias -- vielleicht. Und, wie man sagt, ein armer
Epileptiker . . .

Ein schwchlicher Hallunke, ganz einfach, entschied Pardi -- und schnitt
Lola die prfenden Gedanken ab. Da er sie durch sein entschlossenes Urteil
eingeschchtert sah:

Du hast ihn fr morgen eingeladen: du wirst ihm abschreiben.

Geht denn das? murmelte sie. berlege es dir, bitte!

Ich soll berlegen? Er schumte wieder auf. Du miverstehst die Lage:
ich habe nicht zu berlegen und nicht zu bitten. Ich verbiete dem Ricchetti
mein Haus. Wer hat dich brigens berechtigt, dem Cesco monatlich fnf
Francs mehr zu versprechen?

Unsere Empfnge erschweren ihm den Dienst . . .

Du wirfst mein Geld hinaus!

Besinne dich! Sieh deine Hand an und denke dir, du habest fnf Francs
darin. Was tust du damit? Du gibst sie irgendwem als Trinkgeld . . . Sei
gut!

Er schttelte sie ab, getroffen und erbittert.

Zu solcher Wirtschaft habe ich dich nicht hergebracht. Woher kommst du
berhaupt? Gehorche, sonst magst du in Gesellschaft deines Kammermdchens
zu dem Stadttor wieder hinausgehen, durch das du hereingekommen bist!

Mit Schrecken erkannte sie in seiner Miene den Ha. Es konnte nicht sein,
sie wollte nicht glauben: er irrte sich, er war krank! Eindringlich und
mtterlich, mit einem Lcheln, als habe er gescherzt, und doch mit leise
beschwrenden Hnden:

Im Ernst, du schickst mich fort? Also dann bitte ich den hartherzigen Mann
fr zwei, statt einer. La mich bleiben, und erlaube, da auch Germaine
bleibt!

Erlaube, da Germaine bleibt! Das ist der Refrain: wenn ich ihn hre, gehe
ich. Adieu. Erlaube, da Germaine bleibt! Das ist wie: Erla dem Bauern das
Pachtgeld. Wir wissen auch, welche schnen Dinge du mir statt des
Pachtgeldes gewhrtest. Auch Germaines Entlassung mchtest du mir gewi mit
diesen Spen abkaufen? Also komm, Gigi!

Sie taumelte zurck. Er lachte auf und war fort. Lola blieb ans Bett
gesttzt und hrte dies Lachen im leeren Zimmer weiterlachen. Er verachtet
mich! Sie sah starr, aus gerteten Augen vor sich hin, hatte die Hand am
Herzen und dachte: Er verachtet mich! Die Knie zitterten ihr; sie lie
sich, am Fleck, wo sie stand, zu Boden gleiten. Kauernd dachte sie: Da
ich mir's nicht gesagt habe! Ein Mann sollte von einer Frau solche Bilder
im Kopf tragen, wie er von mir, und sie noch achten? Wie darf sie, die so
tief mit ihm durch Schmutz ging, irgend eine reine Sache berhren wollen!
Es ist wahr: das Mitleid selbst habe ich damals mibraucht zum Dienst der
Lust. Ich bin unrein fr immer. Nicht er drfte mir's vorwerfen: Alle, nur
er nicht, mein Mitschuldiger; aber die Wahrheit ist's, und meine Sehnsucht,
ihn dem zu gewinnen, was ich als hheres Menschentum empfinde, steht doch
mit beiden Fen im mehr als Tierischen, und seine Seele zu umarmen, drngt
es mich nur darum so sehr, weil ich bis in Verirrungen und ohne meine
letzte Scham zu hten, seinen Krper geliebt habe!

Immer neue Blutwellen strzten ihr in die Wangen. Zitternd hob sie sich vom
Boden, voll Bangens danach, ihre Schande zu betrachten und ganz zu
ermessen, durch ihren Anblick sich zu kasteien. Sie warf sich, mit gierigem
Ekel, dem Spiegel entgegen. Da waren diese Augen, die endlose Zge
unzchtiger Trume erblickt hatten: da waren sie! Da war dieser entweihte
Mund! . . . Pltzlich hielt sie ihre beiden Hnde vor sich hin, wie etwas
Neuentdecktes, Furchtbares. Ihre Hnde zuckten zusammen, als sie einen
heien Tropfen empfingen. Lola erkannte:

Was habe ich getan! Ich habe mich selbst verraten an das Fleisch! Jetzt
hlt es mich, ich bin seine Gefangene, ich darf nicht mehr aus ihm
hinausdenken. Nichts weiter mehr, solange ich leben mag, liegt vor mir, als
die dstere Wut dieser hoffnungslosen Umarmungen. Ich hasse mich und werde
von ihm, der sie geniet, verachtet fr meine Dienste, wie eine schmutzige
Magd.

Sie setzte sich auf den Bettrand.

Mein Gott! ich bin verloren.




II


Sie weigerte sich, am Abend darauf die Gste zu empfangen. Trotz Pardis
Drohungen schrieb sie nicht nur Ricchetti, sondern allen ab. Pardi rchte
sich durch die Herausforderung des Abgeordneten. Als er ihn leicht
verwundet hatte, erklrte er Lola, sein Haus und sie seien wieder
fleckenlos, jetzt knnten die Leute kommen.

Du irrst dich, sagte sie, ich werde vorlufig niemand sehen.

Er wollte losfahren, erkannte aber ihre Miene: diese feindlich
verschlossene Miene, der er seit ihrer Heirat nicht mehr begegnet war.
Verrckt, sagte er und ging.

Lola blieb allein mit dem Gefhl, ringsum wispere es von ihr, deute auf
sie. Es war wie das Jucken eines unsichtbaren Ausschlages. Sie konnte nicht
mehr ausgehen, seit ein begehrlicher Mnnerblick ihr begegnet war. Der
hatte gewut! Das Laster sprte das Laster heraus! Die Frauen: die reinen
Frauen, denen man zutuschelte ber sie! . . . Und ihr Mann, ihr Genosse,
dem das alles vielleicht zu seiner Ehre diente, der sich damit rhmte, trat
bei ihr ein, wie es ihm beifiel: ohne sie zu bemerken, oder scheltend, oder
mit einer flchtigen Liebkosung, unter der sie sich kalt und stachlich
berschauert fhlte. Das war das Unertrglichste: keinen Fu breit zu
haben, wo sie allein sein konnte, wo keine fremde Haut an ihre streifte und
kein feindlicher Atem ging! Wie sie die Menschen hate! Es drstete sie
nach jener Mdchenzeit und nach der scheuen Einsamkeit der Gewittertage im
Bergwald, da sie sich, durch Blitze und Regenstrme vor Menschen sicher,
mit Versen von anderen Sternen in eine Reisightte barg. Allein und rein,
allein und rein sein! Immer wieder stieg ganz frisches Entsetzen herauf.
Wie ist es geschehen? Wie komme ich hierher? Was war ich vorher! Welche
Kluft! Und sie dachte an Arnold. Wenn er wte! Wenn er ihr je begegnete!
O, sich nicht zeigen, sich niemals mehr zeigen.

Im geschlossenen Wagen fuhr sie vor der Stadt die desten Wege. Pardi
verbot es.

Weil du verrckt bist, drfen meine Pferde noch nicht leiden. Vernnftige
Leute fahren die Wege, die dafr da sind, in den Cascine. Auch den Viale
de'Colli fhrt niemand: er ist zu steil und beranstrengt die Pferde.

Sein Geiz und seine geistlose Hrte, seine unbeherrschten Begierden, sein
elastisches, unbefangenes Hin und Her zwischen einer engen Mannesehre und
jovialer Lockerheit bedrckten sie jetzt mit ihrer Nhe wie eine unheilbare
Krankheit. Und sie hatte es fr ein Spiel gehalten, sie zu heilen; war
glcklich gewesen, da es etwas an ihm zu heilen gab! Von demselben Cesco,
dessen Monatslohn er nicht um fnf Francs hatte erhhen wollen, hrte sie
ihn fnfzig Francs leihen. Cesco schien geschmeichelt: er eilte lebhaft
nach dem Gelde und bat freudig zum Diner. Lola konnte die Augen nicht von
den Schsseln heben, die der Diener ihr hinhielt. Pardi plauderte mit ihm.
Dann schien ihm aus der Zigarrenkiste etwas zu fehlen, und Cesco ward des
Diebstahls beschuldigt und in schnell herabgewrdigtem Zustand
hinausgeschickt. Als die Notwendigkeit nher kam, wieder einen Besitz zu
verkaufen, erklrte Pardi den grnen Spieltisch fr das fruchtbarste
Landgut. Whrend derselben Mahlzeit entrstete er sich aufrichtig ber den
alten Niccoli, der nun auch seine zweite Frau ruiniert hatte und noch den
Verlobten der mittellosen Tochter durch seine Tyrannei aus dem Hause trieb.

Kein Gewissen! Unwrdig, eine Familie zu regieren!

Dazwischen warf sie es sich vor, da sie ihn allzu klar, ungetrbt durch
ihr Herz, beurteile. Er ahnt nicht, da er ein Paar feindlicher Augen auf
sich hat. Auch verdient er's nicht: vor unserer Heirat war er derselbe, und
ich wute es. Ich wute, er sei brutal, ein Lump und der Gerechtigkeit
unfhig. Verklrt, beinahe durchgeistigt ward das alles durch eine Art
Heldentum: durch eine groartige Eitelkeit und die Bereitschaft, fr jedes
Nichts mit ganzer Persnlichkeit einzustehen. Sein Heldentum war eins mit
seinem Temperament: und das habe ich durchgemacht, er hat es an mir
abgenutzt, es ist mir verchtlich geworden. Mit dem, was brig bleibt,
heit es nun leben . . .

Nicht er hat die Schuld. Manche andere htte er zufriedengestellt: manches
der unbewuten Wesen, denen er gleicht. Die Verantwortung ist bei mir, die
voraussah. Welches meiner heutigen Leiden berrascht mich denn? Nur der
fleischliche Irrsinn konnte mich vergelich machen; aber damals entschlo
ich mich sehend zu meinem Verderben . . . Andere drfen klagen, da es
keinen Ausweg, keine Scheidung gibt: ich nicht; ich verdiene sie nicht. Ich
darf ihn auch nicht hassen: nur er mich. Er ist, und ich wute es, der
hochmtige, dumme Rassemensch, ohne Verstndnis fr irgend etwas, das nicht
sein kleines, berlebtes Herrenrecht ist. Ich hafte nirgends (wie konnte
ich mich vermessen, hier zu haften!), habe einen Fu in jeder Welt, in
jedem Volk, habe Fhler fr alles, bin allem verwandt. Da ich ihn verstehe
und er mich nicht, das macht mich rechtlos . . .

Sie hielt sich zur Geduld an, nahm seinen Zorn hin und die Geschenke, mit
denen er sie, gutmtig, entschdigte.

Du bringst mir Glck, sagte er. Ich habe bemerkt: wenn ich von dir
komme, gewinne ich.

Und er forderte eine Umarmung. Er war warmherziger: seine Liebe, anders als
ihre, vertrug sich mit Verachtung; vertrug sich damit, da er, den Geruch
anderer Frauen noch in der Haut, sich zu ihr legte. Er schlief; sie mute
wachen und diesem fremden Geruch gramvoll nachgrbeln. Endlich: Was will
ich? Habe ich nicht gewut, er werde sich nicht zusammenhalten knnen fr
mich? Er sei ein Abenteurer, der nach allen Seiten lebe, ein
unzuverlssiger Spieler, fr den nichts in Spiel oder Leben endgltig sei,
und ein immer von seinen Launen gequlter Mann aller Frauen? Als sie ihn
zum erstenmal betrunken sah, sprang eine Erinnerung in ihr auf: der
Leierkastenmann, der einst mit seiner feurigen Blsse den Geschichtslehrer
Herrn Dietrich in ihren Backfischtrumen abgelst hatte, dem sie all ihr
Taschengeld zugeworfen hatte, und der betrunken gewesen und verhaftet
worden war. Alles wiederholt sich oder erfllt sich. Es ist bestimmt; ich
mu es aushalten. Er war gerade so unwissend wie der Leierkastenmann;
manchmal rhrte er sie. Er begriff nicht, warum sie fr ihn erloschen sei,
kmpfte knirschend, damit sie sich wieder entznde, konnte eigens aus
seinem Toilettezimmer treten, um ihr seine Muskeln und seinen Torso
vorzufhren. Von einer Reise schickte er ihr sein Bildnis, nackt, mit
gespreizten Beinen und die Hnde auf den Hften. Dazwischen forderte er
einen Sohn von ihr. Wo bleibt Giovannino? Und im Frhling: Wehe, wenn
das Jahr vergeht, ohne da Giovannino kommt! Aber jedesmal verga er's
wieder fr lange.

Sie dachte mit Befremden und mit Widerwillen an die Mglichkeit. Ein Kind,
von diesem fremden Manne? Sie konnte sich nicht vorstellen, da durch
dieses ihr gleichgltige Haus ein Kind von ihr laufen solle, ihr wahres
Kind. Es wrde nicht meins sein, es wrde mich nicht kennen, mich nicht
lieben. Die Rasse des Mannes ist so viel strker, sie wrde mich
berwltigen, noch in dem Geschpf, das ich hervorbrchte. Es wre seins,
es wrde zu diesen Fremden hier gehren. Ich will es nicht: ich will nicht
die Fremden bis in meinen Leib . . .

Kaum ertrug sie noch diese Menschen: ihre lauten, schleierlosen Gebrden
und Stimmen, all das gierige Leben in den gewlbten Augen. Durch einen
Salon sandte sie einen trostlosen Blick ber das heimliche
Aneinanderstreifen der Hnde, der Wnsche, ber die spttelnde Wollust der
Lippen, die sich anlchelten, ber das in allen wache Geschlecht, -- und
pltzlich entwich aus diesen Toiletten, diesen schlanken Frcken ein Qualm
tierischer Gerche und erstickte sie. Und an diesem Getriebe sollte sie
noch in Viareggio beteiligt gewesen sein, es durch Leidenschaft vergoldet
gesehen haben? Jetzt sah sie's ohne Glorie und nchtern. Sie mute sehen;
ihre Beobachtungen sprangen sie an, wie bse Hunde. Dem kleinen Sandrini
drckte alles die Hand, und alles wute, da er falsch spielte. Aber seine
Frau war die Tochter des Prfekten. Lola dachte: Wenn Pardi nicht seinen
Degen htte -- Der Trappola zeigte eine Zigarettendose umher, und seine
Schwester bewegte den Fcher vom Baron Bergmann, dem auch die Dose gehrt
hatte. Gastgeschenke. Fr mehr als eine Familie waren Gastgeschenke der
sicherste Teil ihres Einkommens; die Unehre der Frauen ergnzte das Glck
im Spiel. Jeder gewhrte allen Nachsicht. Kein Mensch fhlte hier die
Ntigung, vor sich selbst ohne Flecken zu sein. Die uere Geltung, das
bereinkommen war alles. Sie machten, bei ihrer animalischen Tchtigkeit,
den Eindruck moralisch unendlich Ermatteter. Die Spitzbberei war bei
diesen Enkeln groer Bankiers blutarm und kleinlich. In ihrem Geist
schienen die Federn verbraucht; er wiegte sich, hart und platt, wie die
Chaise einer zu alten Staatskutsche, auf den verjhrten Ideen aus ihrer
groen Zeit. Man glaubte ihnen nicht, da sie anderswo noch dachten, als in
Gesellschaft, um Figur zu machen, des Pompes wegen. Auch geistig waren
sie arme Dandys, die zu Hause nicht aen. Nichts erneuerte sich hier; kein
Vermgen, kein Ideenvorrat. Und im Wegsehen von allem Zeitgemen eignete
ihnen dieselbe klgliche Einmtigkeit, wie im Vertuschen ihrer
Schmutzereien. Eins nur war unverzeihlich: anders zu sein. Ricchetti, dem
Abgeordneten, der aus gutem Hause war, sagte man Verbrechen nach. Muten
sie nicht in Lola die Kritik spren? Wenn Pardi strbe, wrde man
aufbringen, da ich ihn vergiftet habe.

Pltzlich ward die Bernabei von ihrem Gatten erwischt: mit dem Leutnant
Cav. Die Mnner schossen sich ergebnislos, Cav ward nach Sizilien
versetzt. Von der Bernabei, deren elf Liebhaber jeder herzhlen konnte, zog
sich von heute auf morgen alles zurck, ihre Eltern mit den brigen, samt
ihrer Schwester, die genau aussah wie sie und statt elf nur neun Liebhaber
gehabt hatte. Ihr Mann setzte ihr ein Monatsgeld aus, unter der Bedingung,
da sie auf dem Lande lebe. Lola ging zu ihr: so sehr emprte sie die
allgemeine Heuchelei. Diese Frau war die letzte Geliebte Pardis vor seiner
Heirat gewesen; sie und Lola hatten eine feindliche Anziehung freinander
gehabt: -- nun schmte Lola sich, sie am Boden zu sehen. Sie konnte nicht
ganz schlecht sein, wenn Cav, der anstndigste von allen, sie geliebt
hatte. Cav kam, um Abschied zu nehmen. Lola fragte ihn geradeaus:

Sie mssen die Grfin sehr geliebt haben.

Er schlug die Augen nieder.

Und wenn auch nicht, sagte er dann. Jetzt mu ich ihretwegen in die
Verbannung, mehr kann sie nicht verlangen.

Schmollend und mit knabenhaftem Errten:

Leid tut sie mir . . .

Mir auch, -- und ich mchte es ihr sagen.

Um Gottes willen! Wie knnen Sie mit der Frau noch verkehren!

. . . Und der war der Anstndigste! Lola ging sogleich zu ihr, hinter die
Ringallee, in die halbbebaute Vorstadtstrae, am Rande eines
Scherbenfeldes. Alles stand weit offen; niemand zeigte sich; und mit Mhe
gelangte Lola durch das wackelnde Germpel ber den Flur. Ein armer Salon,
die Wnde volkstmlich bemalt, wie in einer Kneipe; und nichts darin als
ein Damenschreibtisch, eingelegt, bedeckt mit Gegenstnden aus Silber, und
auf einem Samtkissen darunter ein Mops: der Mops des Hauses Bernabei. Lola
mute husten von dem scharfen Mauergeruch.

Contessa! sagte darauf eine einladende Stimme. Die arme Verwandte der
Hausfrau watschelte herein, mit demselben schiefen Kopf, mit dem sie die
Honneurs des Palazzo Bernabei gemacht hatte.

Setzen Sie sich doch, Contessa . . . Ach Gott, kein Stuhl! -- und
bestrzt lie sie ihre frisch gestrkte Frisierjacke los, die sich auftat.
Ein wulstiges Gewoge, in ergraute Leinwand gewickelt, ward sichtbar. Sie
eilte nach Sitzen. Lola trug selbst einen Strohstuhl herbei.

Wir wissen es sehr zu schtzen, sagte die Alte, da Sie sich fr unser
neues home interessieren. Auch meine kleine Nichte wei es zu schtzen. Da
kommt sie.

Die Bernabei blieb in ihrer eleganten Matinee vor der Tr stehen.

Stefano! Diomira! rief sie rckwrts ins Dunkel. Hier versperren Sachen
den Weg.

Da niemand antwortete, trat sie mit Achselzucken ein.

Sie wissen wohl, Contessa, die Dienstboten . . .

Lola stimmte rasch und verlegen bei. Es eilte ihr, ber dieses,
wahrscheinlich gar nicht vorhandene Gesinde hinwegzukommen. Aber die
Bernabei fuhr fort und ordnete, wie sie sich auf den Strohstuhl setzte,
sorgfltig ihre Falten:

Was sagen Sie zu der Wohnung? Mein Gott, die Auswahl war in diesem
Augenblick natrlich nicht gro.

Sehr hbsch, brachte Lola hervor.

Ich hoffe, ich werde hier meinen Kreis empfangen knnen.

Lola verstummte. Die Lider der Bernabei klappten, auch heute rot
geschminkt, auf und zu ber den kleinlich besorgten Augen.

Wer hat Ihnen das Kleid gemacht? fragte sie.

Und Lola sah entsetzt von ihr zu der Verwandten. War diese Frau durch ihr
Unglck verstrt? Nein: sie hatte dieselben Augen; jedes blablonde Haar
lag an seinem Platze. Diese rmliche Korrektheit, whrend Emprung sie
htte zerreien mssen! Du mut doch fhlen . . . wollte Lola sagen.
Heuchle nicht mit mir! Was liegt daran. Du denkst weder an mein Kleid noch
an deinen Kreis. Sie entschlo sich:

Ich komme, Ihnen zu sagen, wie ungerecht ich Sie behandelt finde.

Die Bernabei sah sie zwinkernd an. Weinerlich:

Sagen Sie das nur! Eine Unschuldige so zu verfolgen!

Wenn das nicht abscheulich ist! ergnzte die Verwandte. Lola, betroffen:

Sie htten sich nichts vorzuwerfen?

Aber gar nichts. Ich werde verleumdet.

Die Verwandte half nach:

Schndlich verleumdet. Das Kind ist rein wie ein Engel.

Der knstlich in die Lnge gezogene Ton der Bernabei, das falsche Gegreine
der Alten widerten Lola an.

Immerhin erzhlt man manche Einzelheiten. Auch sollen Sie alles
eingestanden haben.

Was man mir abgepret hat. Konnte ich mir denn noch helfen?

Eine wehrlose Frau! klagte die Verwandte.

Ich mchte Ihnen glauben. Ob Cav lgt? Wozu aber? Ich sage Ihnen offen:
er war bei mir, um Abschied zu nehmen.

Die Bernabei fuhr auf.

Ah! er geht umher und schwatzt.

Und sie brach in unschnes Weinen aus. Der Mops unter dem Schreibtisch
stand auf und knurrte. Die Verwandte trstete:

Arme Kleine, sieh mich an, du hast noch Freunde.

Die Bernabei hob das Gesicht aus den Hnden.

Wie gut, da wir sein Kissen mitgenommen haben!

Sie sah sich im leeren Zimmer um.

Wenn nur er sein Kissen hat!

Der Mops schien sich dasselbe zu sagen. Er drehte sich mehrmals auf seinem
Samtpolster um und lie sich darauf zurckfallen. Die Verwandte schttelte
den Kopf.

Wir werden hart bestraft, unser Unglck will es. Und doch htte es gut
ablaufen knnen.

Ob es gekonnt htte! -- und die Bernabei belebte sich. Ich bin ein Opfer
der Mnner, ihrer Dummheit und ihres Eigennutzes. Wegen einer Zigarre,
verstehen Sie: wegen einer Zigarre verfeindet mein Mann sich mit Attilio
und beschliet, uns zu berraschen! Als er dann mit der Polizei
herbeirckt, will der Himmel, da meine Jungfer ihn rechtzeitig erblickt
und uns warnt. Ich verlor nicht die Besinnung, ich habe mir nichts
vorzuwerfen! Gleich wute ich, was zu tun sei, und wre man mir gefolgt,
wre alles gut gegangen. Ich befahl der Diomira, ins Kabinett zu treten.
>Der Leutnant<, sagte ich, >wird mit dir gehen. Du schliet ab, und
verlangt man, da du ffnest, zeigst du dich mit emporgehobenen Rcken im
Trspalt. Man wird deine Zurckgezogenheit achten . . .< Es war die
Rettung, und es war so einfach. Werden Sie glauben, da dieser Cav sich
weigerte? Er frchtete, sie mchten ihn dennoch entdecken, und lieber als
an solchem Orte, wollte er in meinem Schlafzimmer gefunden werden! Die
Lcherlichkeit scheute er, und doch handelte sich's um die Ehre einer
Frau!

Die Verwandte verdrehte die Augen.

Was fr Mnner heutzutage! Ihr wret so sicher durchgekommen . . .

Sie verbreitete sich ber die Lage der rtlichkeit, an die die Rettung
gebunden gewesen war. Lola hielt nicht mehr aus.

Und wenn schon. Wren Sie auch durchgekommen: Sie wren doch nicht weniger
schuldig, als Sie sind! Und heute, da man Sie berrascht hat, sind Sie doch
nicht verwerflicher, als gestern, da man noch tat, als wte man nichts.

Das ist ein Unterschied, sagte die Bernabei, mit gedrcktem Lcheln.

Ihr Gatte wute darum! rief Lola. Ist es nicht emprend, da er Sie
opferte, nur weil er sich mit Ihrem Liebhaber gezankt hatte?

Die beiden Frauen wehrten mit kundigen Mienen ab. Aber Lola war im Zuge.

Emprt Sie's denn nicht, da jetzt pltzlich alle jene Frauen Sie
verleugnen, die Ihre Schuld lngst kannten, und deren eigene Vergehen jedem
bekannt sind?

Die beiden warfen sich einen Blick zu.

Wen meinen Sie? fragte zgernd die Verwandte.

Wen sollte ich meinen? O! mich ersticken hier Ungerechtigkeit und
Heuchelei.

Und da sie sich von den kalten Augen der Bernabei beobachtet sah, als
redete sie irre:

Sie fhlen wirklich nicht Menschenwrde genug, um sich zu empren?

Unvermittelt fiel jene wieder in Heulen. Der Mops knurrte wieder, aber ohne
sich vom Kissen zu bemhen. Die Bernabei wimmerte:

Bedenken Sie, wie wenig fehlte, und alles wre gut gegangen!

Allerdings, sagte Lola, beschmt, weil sie hier sa. Die Bernabei ordnete
ihre beringten Finger im Scho, lehnte sich zurck und vernichtete in ihrer
Miene jeden Ausdruck. Richtig: man mu vor allem sein Gesicht schonen,
dachte Lola. Solange es hbsch bleibt, ist nichts verloren. Man hat keinen
Erfolg gehabt und ist dafr mit Recht bestraft worden. Aber was kann man am
Ende mehr wnschen, als eine gute Schneiderin und ein Zimmer voll von
Anbetern. Schlielich darf es auch dies Zimmer sein. War man im Grunde
nicht immer schon, was man jetzt ist? Die Vernderung ist fast nur
uerlich . . . Da sitzt sie, zurechtgemacht, als wartete sie auf Mnner.
Die andere hat schon jetzt etwas von einer Kupplerin. Pltzlich fiel ihr
ein, da die Bernabei dorthinten Kinder zurckgelassen habe. Sie fhlte
Trnen kommen und stand hastig auf.

Sie gehen also nicht aufs Land, Contessa?

Es wre nicht der Mhe wert. Mein Mann ist im Begriff, sich zu ruinieren;
er wrde mir die Pension nicht lange auszahlen. Lieber vermiete ich gleich
Zimmer.

Die Verwandte sagte:

Sie, Contessa, die Sie viele Fremde kennen, bitte, empfehlen Sie uns!

                   *       *       *       *       *

Schon tags darauf kamen aus ihrem Gesprch mit der Bernabei entstellte
Bruchstcke zu Lola zurck. Sie hatte der Verurteilten recht gegeben. Sie
hatte Namen von solchen genannt, die auch nicht besser seien, und erklrt,
da sie die Geopferte rchen wolle. Am Nachmittag, im Salon Valdomini,
begegnete sie entsetzten Blicken. Sie ward umschmeichelt: auch von Mnnern;
und nicht nur von den Liebhabern, auch von den Gatten derer, die Enthllung
zu frchten hatten. Ganz bel vor Verachtung, schlo sie sich ein. Ich
werde mich nicht hineinfinden, sah sie. In der Fremde ist alles Feind,
und ich bin in jedem Lande fremd. Sie hatte Trnenkrisen. Sie fhlte sich
erstickt, ri das Fenster auf; die dumpfe, schmutzige Regenluft schlich ihr
entgegen, und sie meinte, Ungerechtigkeit und Heuchelei griffen ihr an den
Hals. Und ich hatte, den gestrigen Schritt zu tun, kein Recht. Ich bin
Pardis Frau, er mu aufkommen fr das, was ich mir erlaube. Habe ich nicht,
als ich ihn heiratete, seine Welt zu meiner gemacht? Wie will ich, ein
losgelstes Geschpf, durch keine Gemeinschaft gerechtfertigt, diese Welt
hier richten! Sei sie, wie immer, sie ruht doch in sich und ist zufrieden.
Die Miene der Bernabei! Ich htte ihr von den Gebruchen ferner, wilder
Inseln sprechen knnen . . . Ich will allein bleiben, allein.

Pardi begriff nicht, warum sie ihn nicht sehen wolle:

Ich bitte dich, Lieber, la mir das Schlafzimmer allein! Mir ist nicht
wohl. Siehst du nicht, wie ich hlich geworden bin?

Er fuhr auf.

Schon wieder Launen?

Ich versichere dir: ich bin krankhaft gereizt; ich habe belkeiten. Ich
wrde dich stren.

Und er, pltzlich sehr sanft:

Ist es so weit? Giovannino?

Sie griff sich ans Herz.

Nein! Das nicht! stammelte sie, entsetzt und flehend.

Er sagte berzeugt:

Schmst du dich nicht? Dieser Ton ist emprend von seiten einer Mutter,
oder von einer, die es sein sollte!

Er fate hinter sich, durchs offene Fenster, nach der Grafenkrone, die an
der Hauswand schwebte. Er klopfte den runden Arm des Majolikaengels, der
sie hielt. Mit Nachdruck:

Nur ber dem Haupte einer Mutter tragt ihr sie! Andernfalls --

Im Fortgehen, ber die Schulter hinweg, stie er den Refrain aus:

-- geh nur zu dem Tor wieder hinaus, durch das du gekommen bist!

Sie lehnte sich ans Fenster und sah starr hinunter auf den blanken, frommen
Kopf der Madonna, die die Verkndigung vernahm. Eine wehmtige Eifersucht
beschlich Lola . . . Sie schttelte sich, sie trat vom Fenster weg. Aber
ein Drang ngstete sie heimlich, nach der Frau, die die Botschaft empfing.
Zu Fu verlie sie das Haus, nur um gegenber sich ungesehen in einen Flur
zu strzen und hinzusphen. Da knieten sie, links und rechts des
Torgiebels, in ihren spiegelnden Gewndern und beide mit zusammengestellten
Handflchen, die Jungfrau und der Engel: er strmisch hingeworfen, sie
geordnet und still, als habe sie ihn erwartet. Die Lilien und die Rosen
waren ihrer Mutterschaft zu Ehren schon entsprossen, die bunten Vgel
sangen ihr schon, und schon hoben die Kinderengel ber ihr Haupt die Krone.
Bis unter die Fenster des zweiten Stockwerkes war das weite alte Haus
bedeckt mit der Schaustellung der Mutterschaft, mit ihrer Verklrung. Ihr,
der Mutter, gehrte es. In ihr vereinigten sich alle die Frauen, die je in
diesem Hause ein Kind erwartet hatten. Und noch immer erfllten und
bewachten sie es, waren sie seine Herrinnen. Nicht die Einsame,
Unfruchtbare war's, die sich strubte, zu empfangen und allein bleiben
mute. Als sei sie daraus vertrieben, mied Lola das Haus. Im Dmmern erst
schlich sie sich hinein, tastete durch die dunkeln, dumpfen Sle des ersten
Stockwerkes und ffnete die Tr nach dem schmalen Balkon. Da stand sie nun
zwischen den beiden, die grer waren als sie, deren Zge und Gebrden so
viel kerniger waren, und die ihrer nicht achteten. Lola mute die gesenkten
Lider der Jungfrau mit dem Finger bestreichen, mute in das kleine tiefe
Ohr sphen, durch das die Botschaft ging . . . Ganz still war's in der
alten Strae. Die Rosen und Lilien sprossen umher, um sie drei; die Flgel
des Engels zitterten noch vom Fluge. Da setzte seine Stimme ein: seine
glockenhafte, unerbittliche Stimme, und verkndete. Wild erschreckt warf
Lola die Tr zu.

Sie lehnte an dunkler Wand, und ihr Herz schlug laut. Die eiserne Laterne
zu Fen der Jungfrau knarrte. Ihr ward Licht gemacht, indes Lola im
Dunkeln Furcht litt. Dann fiel von drben ein weier Schein in den Saal.
Lola seufzte auf und wandte sich. Da waren sie! Da blickten sie von den
Wnden, die Frauen, die in diesem Hause ein Kind erwartet hatten!
Feindliche Neugier zog Lola zu ihnen. Welche ruhigen Tieraugen, immer
dieselben: in gepuderten Locken oder zwischen glatten Haarbndern, immer
dieselben. Aus so vielen Husern der Stadt diese Frauen in dies Haus
gezogen waren, sie glichen einander im Blut. Umringt von ihren
Blutsverwandten, hatten sie ihr Kind geboren und aufgezogen, hatten es in
ein anderes Haus verheiratet, und der Strom unverflschten Blutes war
gelassen ein- und ausgestrmt. Von den Mnnern trug keiner die Schnheit
Pardis. Aber ihre hrteren Gesichter waren nur das strenger bewahrte
Gefngnis derselben Leidenschaften; und wenn Lola ihnen lange in die Augen
sah, traten in alle die Begierden, die sie kannte. Sie atmete bedrngt.
Diese alle wollten sie berwltigen; sie forderten von ihr das Kind: das
Kind, das sie dem Hause schuldete! . . .

Da sah einer sie an: ein Jngling, fast ein Knabe, mit weichen, traurigen
Haaren ber dem hohen weitoffenen Tuchkragen, den gepufften rmeln des
Fracks. Auch aus dieses Knaben weiem Gesicht stand, wie bei den andern,
der Mund feuchtrot hervor und fleischig; aber dies Fleisch schien zu
seufzen ber sich selbst. Die braunen, gewlbten Augen betrauerten es,
untrstlich. Und die Stirn, die sanfte Wange neigten sich dem Schatten zu,
als wollten sie sich ganz von ihm berziehen lassen. Lola sah ihn in
Schatten dahin gehen, den Kopf noch halb zurckgewendet, und doch schon
fremd dem Hause, ber dessen Schwelle er hinwegtrat, und der Strae, ihren
Fenstergittern, Fackelringen und Steinbildern, und den Brcken mit dem
Gerusch der Buden, und dem Domplatz und den schn geschminkten Frauen
darauf, deren Augen ihm winkten und die er nicht ansah. Letztes Abendgold
beglnzte schwach die Hgel; und zwischen ihnen, auf Steinen, an einem Pfad
den niemand schritt, fand er eine arme Frau, eine arme, hliche und fremde
Frau, die keine Gemeinschaft hatte und ihres Weges mde war. Er legte sich
zu ihr auf die Steine; er folgte ihrem Weg mit ihr; und er bekam ein
schnes Kind von ihr: ein schnes, heiteres Kind von der traurigen und
hlichen Frau. Lola gab ihm, ohne darum zu wissen, einen Namen: dem Kinde
und seinem Vater, -- indes sie, den Kopf gesenkt, aus dem Saal, die Treppe
hinauf und in ihr Zimmer ging.

                   *       *       *       *       *

Seit sie sich nicht mehr blicken lie, suchten tglich Freundinnen bei ihr
einzudringen. Sie frchten mich. Claudia ist die einzige, der an mir
liegt. Nur sie will ich sehen.

Claudia kam zgernd herein.

Hast du etwas gegen mich?

Und als Lola lchelnd den Kopf schttelte, schnellte Claudia ihr,
aufjubelnd, an die Brust, drngte, rieb und schmiegte sich, ein warmes,
liebebedrftiges Tier. Ihr Gesicht hatte vor Traurigkeit in lauter kleinen
matten Polstern herabgehangen, und auf einmal war es ganz fest und klar vor
Glck.

Wie schn, da du mir nicht bse bist! Ich habe dich so lieb!

Und ich bin froh, da ich dich habe, Claudia. Ich fhle mich oft sehr
allein und traurig.

Und dann liest du und machst dich damit noch trauriger. Man soll nicht
lesen: noch dazu dies.

Mit tiefem Mitrauen in jedem ihrer Kinderfinger, fate Claudia das Buch
an.

Das ist deutsch? Du verschliet also deine Tr und liest deutsch. Das
heit, du willst mit uns allen nichts mehr zu tun haben. Du bist mit uns
fertig, du findest uns falsch und uerlich.

Von unten, schlau und ruhig:

Ist es nicht so?

Lola zog die Wange der Freundin an ihre.

Ah, du willst nicht, da man dir in die Augen sieht! Aber ich wei alles.
Das Unglck der Bernabei hat dich emprt, denn du bist eine ehrliche
Deutsche. Du stehst nicht, wie sie sagt, auf ihrer Seite: hat sie doch
ihren Mann betrogen, und das ist schlimm. Aber wir drfen keinen Stein
aufheben, meinst du. Wir sollen selbst erst ehrlich sein, meinst du, sollen
uns von unserm Manne trennen, bevor wir einen Liebhaber nehmen. Ist es
nicht so?

Was du alles weit! -- und Lola liebkoste das eifrige Gesichtchen. Unter
ihrer Hand bewegte es sich, wechselte, und was Claudia so feierlich
enthllt hatte, sah nun aus wie ein Witz.

Wie du mich verstanden hast! Und wie du es gut sagst, mit deinem rollenden
und singenden neapolitanischen Munde!

Dies hbsche, gelehrige ffchen, von dem nachgesprochen, Lolas Gedanken
weniger untrstlich klangen: wie eine etwas triste Posse nur! Dessen
nchste Miene sich immer ber die vorige lustig machte, bis keine mehr
galt! Wer sich auch so rasch abtun knnte! Man mte sich ein wenig
geringer achten, und man htte es so viel leichter . . . Aber Claudias
Mundwinkel hingen schon wieder. Die Augen, unter schwer fallenden Lidern,
starrten aus den Winkeln.

Eine Snderin: ja. Aber bedenke auch, wie furchtbar das Frauenleben ist!
Welche Schrecken uns drohen jeden Tag! Hast du gehrt, was der Beamte in
Via del Mezzo mit seiner Frau getan hat? Nun siehst du! Er kommt, mit einem
Fiasco unter dem Arm, die Treppe herauf.

Claudia ahmte seinen Schritt nach. Sie lie sich breit am Tisch nieder.

Er will weitertrinken; die Frau rt ihm ab, sie wirft ihm sein Laster vor.
Er antwortet nicht; er schweigt und trinkt. Als er fertig ist --

Claudia wischte sich mit der Handflche den Mund.

-- steht er auf, holt einen Strick und --

Claudia stand, von Grausen erkltet, sehr steif, die Arme am Leib. Ihre
Augen sahen den Mrder kommen.

-- schnrt ihr den Hals zu, wie einem Spatz. Dann hngt er sie auch noch
an die Decke.

Und Claudia machte sich, dumpf sthnend, noch starrer, verdrehte die Augen
und streckte die Zunge aus. Pltzlich fiel sie auf einen Stuhl. Nach vorn
geworfen, heftig flsternd:

Und das ist ganz der Typus meines Mannes! Auch mein Mann ist ein
Neurastheniker, auch er trinkt, schreit mich an . . . und eines Tages wird
er schweigen und --

Claudia fhrte mit der geballten Hand rasche Kreise um ihren Hals. Dann zog
sich ihr Gesicht zusammen, und laute Trnen kamen. Lola lie sich,
erschreckt, vor ihr auf die Knie.

Aber Claudia, jene Frau hatte einen Liebhaber.

Claudia klammerte sich an.

Ich habe solche Angst!

Wovor, Liebling? Du bist nicht wie jene.

Doch! -- mit groen, nassen Snderinnenaugen. Und schwer nickend:

Ich habe einen Geliebten. O, frage mich nicht, wen! Aber glaube nur, wenn
du's noch nicht weit: unsere Mnner sind von einer Art, da wir einen
Trost brauchen.

Ich wei es schon.

Wie du nun aussiehst. An wen denkst du jetzt? Verrate mir dein Geheimnis,
Lolina?

Lola schrak auf und machte sich los.

An niemand denke ich, sei versichert. Aber auch wenn ich meinen Mann nicht
mehr lieben wrde, ich nhme doch nie einen Geliebten. O, ich verurteile
euch nicht; ihr seid anders. Nur ich habe nicht das Recht dazu.

Claudia richtete ihre kleine elegante Gestalt auf. Tragisch:

Wir bezahlen dafr. Mblierte Zimmer oder . . . so.

Sie lie nochmals die ganze Zunge hngen. Und leichtsinnig zrtlich:

Aber Spa macht's doch. Sage, Lolina, warum knntest nicht auch du --?
Hast du nicht gemerkt, da Valdomini in dich verliebt ist? brigens sind
viele es, nur da du sie entmutigst. Aber wie ich lachen wollte, wenn Pardi
--

Sie stellte zwei Finger ber ihrer Stirn auf.

Er, der so viele verfhrt hat! Alle knntest du rchen. Meinst du nicht,
da er dich betrgt?

Ich wute es, bevor ich ihn nahm; -- und Lola schlug die Augen nieder.
Ich habe ihn genommen, wie er ist.

Seid ihr ehrlich! Weit du, da das schlielich zum Lachen ist?

Und sie krmmte sich. Gleich nachher, demtig abbittend, voll Bewunderung:

Nicht wahr, wenn du einen liebtest, wrdest du dich ganz und gar trennen
von deinem Mann? Ihn nie mehr zu dir lassen?

Gramvoll und ohne Mut sagte Lola:

Ich wollte, ich knnte immer, immer allein bleiben.

Claudia sprang auf.

So sehr zuwider ist er dir?

Sogleich lschte sie ihre Miene wieder aus, machte sich ganz sanft und
farblos.

Dann tu's doch, arme Kleine! Wie glcklich wrest du!

Aber Lola war aufmerksam geworden.

Warum? Du mchtest es?

Ein Schritt ward laut: Pardi. Angstvoll wendete Claudia sich umher.

O Gott! ich mu fort.

Warum? Bleibe!

Claudia zuckte, in fliegendem Schrecken, an der Hand, die sie festhielt.
Sie drckte die Zhne in die Lippe, sah nicht vom Boden auf und drehte
Pardi, wohin er sich immer stellte, den Rcken. Lolas Blick ging von ihr zu
ihm. Pltzlich lie sie Claudia los.

Adieu, sagte Claudia, ohne den Mund zu ffnen. Sie lief hinaus.

Was hat sie? -- und Pardi war erblat. Lola, am Fenster, kmpfte ihren
Atem zur Ruhe. Mit einer langsamen Wendung:

Ich wei es nicht.

Er wanderte umher und stellte Fragen, nach denen er suchte.

Du antwortest sehr kurz. Bin an deiner schlechten Laune ich schuld?

Nein.

Du hast mir nichts vorzuwerfen?

Nein.

Um so besser. Ich sehe, da du Ruhe brauchst.

                   *       *       *       *       *

Das war eine Freundin! Dies kleine schlaue Tier, das sich mit seinen
Gazellenaugen in mich eingeschlichen hat, mein Empfinden und meine Stimme
nachgefft hat! Sie wute, was sie wollte: vom ersten Tage an! Wir
disputierten; ich dachte, Pardi zu gewinnen; ich glaubte, zwei Krper
knnten nicht, wie unsere, durch Liebe verschwistert sein, ohne da auch
die Seelen sich umarmten. Sie untersttzte mich, schelmisch, schmiegsam. Im
selben Atem -- wie abstoend hlich! -- nahm sie mir den Mann! Da solch
Geschpf sich leben sehen mag!

Lola ertrug sich selbst nicht, weil sie dies erlebt hatte. Sie irrte umher,
vergrub sich in Winkel.

Werde ich nie mitrauisch genug werden? Werde ich nie Weib werden und
weiblichen Schlichen zu begegnen lernen? Warum mu mich jeder Mensch, nach
dem ich die Hand ausstrecke, in noch tiefere Einsamkeit stoen? Mein Gott,
gib mir Verachtung!

Sie weinte. Dann sah sie:

Das alles ist falsch. Sie hat mich betrogen, aber sie liebte mich. Habe
ich nicht ihre Reue und ihr schlechtes Gewissen vor Augen gehabt? Sie war
wie ein verderbtes Kind, dem pltzlich vor ihm selbst bange wird, und das
lieber gut wre. O, das wre leicht und einfach: dumm sein und sie hassen!
Aber ich fhle, wenn ich mich besinne, von ihr und ihrer Welt gerade selbst
genug, da ich ihr Recht lassen mu. Sie wird schuldig und sie bt. Unter
Gefahren genieen, sich durch einen Tag bringen und durch noch einen,
tuschen, siegen, geschlagen werden: es wre doch eine starke, schne Welt.
Man drfte keine andere kennen. Auch ich trage sie in mir -- neben der
anderen, die ich auch in mir trage. Und immer, wenn die eine mich haben
sollte, fhle ich das Gewicht der anderen, die mich fortzieht . . .

Da sprang sie auf, strzte sich auf die Klingel.

Ich bitte den Herrn Grafen, sofort zu mir zu kommen.

Der Herr Graf ist nicht zu Hause.

Lola sah sich im Spiegel entstellt von Zorn. Recht so! Ich werde einen
Skandal machen, an den Florenz denken soll! Er ist bei ihr, ich habe ihn
sicher gemacht. Sie berraschen, mich rchen, sie beide ganz klein sehen
und dann fort: leicht und frei, wieder frei sein!

. . . Sie merkte, da sie sich, anstatt die Tr zu ffnen, dagegengelehnt
und getrumt hatte.

Fr wen will ich frei sein? Welchen Namen habe ich schon wieder gedacht?
Auch Claudia sah, da ich einen Namen dachte . . . O, ich bin schlechter
als sie beide, als sie alle! Heuchlerischer bin ich! Sie bilden sich keine
Reinheit ein. Sie sind nicht selbstgerecht. Ich liebte Arnold, als ich, um
meiner Sinne willen, Pardi heiratete. Das ist die Wahrheit, die schlimme
Wahrheit!

Sie sah leer vor sich hin . . . Von der Dmmerung beschlichen, schrak sie
auf.

Ich wute, was ich tat, und da er noch andere begehren und nehmen wrde.
Er und sie: es ist so selbstverstndlich; wie konnte ich miverstehen, wie
durfte ich mich auflehnen. Bei mir ist kein Recht, keins; und ich schme
mich, ihnen im Wege zu sein.

                   *       *       *       *       *

Kaum ward es Mai, und schon erklrte sie, nach San Gregorio zu wollen. An
den Ort, wo ihre Sinne geschwelgt hatten, trieb es sie jetzt, um Bue zu
tun. Pardis Blick flammte auf.

Weit du noch, der Garten, nachts, wenn wir in den Bschen lagen, und es
wetterleuchtete? Du mchtest wieder anfangen; und ich sage nicht nein. Aber
. . .

Du irrst dich. Ich will allein hin.

Ohne mich? Was soll nun das wieder? . . . Ach ja, ich wei, du bist krank.
Du bist immer krank, ohne da der Teufel begreift, woran. Von Giovannino
kommt er nicht, dein Zustand: so viel ist sicher, wie? Und nun mut du aufs
Land . . . Aber wenn ich dir befehlen wrde, bis Mitte Juni hierzubleiben?
Du hast dich, nach unserem Gesetz, dort aufzuhalten, wo es deinem Mann
beliebt.

Sie lie ihn ohne Antwort. Ihm ist's bequem, da ich gehe, dachte sie. Er
schlo:

Nehmen wir an, da du unser Klima nicht vertrgst. Aber ich kann dir
sagen, da man es zuweilen bereut, wenn man eine Fremde geheiratet hat.

Und Lola:

Ich htte daran denken sollen. Ich bitte dich um Verzeihung.

Ein Aber lie er dennoch bestehen. Lola erstaunte ber seine geringe Eile,
sie loszuwerden. Schlielich schlug er ihr einen anderen Landsitz vor. Als
sie auf San Gregorio bestand, brach er in Wut aus. Dann verbrachte er den
vollen Nachmittag in seinem Arbeitszimmer, schrieb und telephonierte. Tags
darauf erffnete er ihr, sie knne reisen. Er bot ihr an, sie bis Rom zu
begleiten; aber sie dankte ihm.

Drauen blhten Mandel und Pfirsich. Die rosigen Bltenschleier glitten
auseinander auf Lolas Wege, wehten ihr nach, hochzeitlich. Droben im
Stdtchen leuchteten, wie sie sich zeigte, alle Gesichter auf: Lolas Glck
von damals glnzte noch einmal auf sie ab. Das Glck, von dem ich selbst
nichts mehr wei! Das Herz zog sich ihr zusammen, wie sie, ganz klein, dem
Riesenleib des Palastes entgegenging. Auf kahler Hhe breitete er seine
morschen Fledermausflgel nach ihr aus. Die Dcher alle flohen wirr den
Berg hinab, als striche ein Angstwind ber sie hin. Lola duckte die
Schultern; kalt lag es darauf; und begab sich, zwischen der gellend
betenden Zwergin und den Alten, die um Barmherzigkeit murmelten, in das
Greifenportal, wie in einen Rachen.

Die Zimmer waren verdunkelt und noch kalt. Lola mute sich anstrengen, um
den Befehl zu geben, man solle die warme Luft hereinlassen. Gern htte sie
die Lider gesenkt vor den Dienern, diesen Zeugen dessen, was sie hier einst
gewesen war. Des Kastellans kalte Greisenaugen forschten unertrglich. Und
das gelbe, mrbe Fleisch der schwarzen Maria erinnerte sich noch immer, mit
melancholischem Stolz und Gleichgltigkeit gegen alles, was kommen mochte,
jener Wonnen, die sie mit Lola geteilt hatte; kraft deren sie zu Lolas
Vertrauter, fast zu ihrer Schwester geworden war; von denen sie ihr, indes
ihre schweren Augen erwachten, mit solchen Worten geflstert hatte, da
pltzlich der Schauer selbst wieder auflebte.

Mit langsamen Schritten, deren jeder eine Welt von Angst durchma, gelangte
sie an der Frau vorbei, -- hrte sie nicht, sogleich, im Nacken eins jener
Worte? -- vor die Schwelle des Schlafzimmers und hinber. Ein kopfloser
Griff: die Tr fiel zu. Darangelehnt, die Hnde vors Gesicht gedrckt: Zu
viel Demtigung, zu viel! Mit geschlossenen Augen fand sie zwischen den
Mbeln und am Bett vorbei -- O, ich kenne dies Zimmer, und es kennt mich!
-- und dennoch strauchelte sie, glitt, und meinte, wie ekle Tiere, die
Bilder von damals, die sie mit ganzer Seele niederstie, unter ihren Fen
zu spren.

Nach allem hatte sie irgendwie den Garten erreicht, ein Versteck und
Finsternis. Ermattet und gleichgltig sah sie vor sich hin. Es
wetterleuchtete -- wie damals. Ins Dunkel, neu gesammelt und mit Beben:
Mu ich mich noch lnger qulen? Arnold?

Jetzt enthielt die dunkle Luft diesen Namen, war erlst und leichter zu
atmen.

Bist du genug gercht? Siehst du, ich bin hergekommen, weil ich mich
deiner Verachtung ganz ausliefern wollte; weil ich deine Verachtung ntig
hatte, wie ein Bad.

Sie schrak zusammen. Mein Gott! wenn er kme: wohin mit mir!

Sie griff sich ans Herz, lauschte -- und fhlte das bange Lcheln wieder
zergehen. Mit Seufzen:

Wozu alles? Er hrt nicht und hat lngst verwunden. Man mu krank sein, um
sich aus seiner eigenen Natur eine Marter zu machen. Ich habe nichts getan,
was gegen meine Natur wre.

Doch. Ich bin nicht Maria, die breit in ihrem Fleische lebt; der seine
Freuden rein sind. Sie gehrt nur ihm: die Glckliche . . . Ach nein, ich
will nicht lstern, mich nicht selbst verleugnen.

Sie atmete tief ein; ihr schwindelte; und sie fhlte sich aufgehoben.

O Arnold! weit du nicht mehr? Wir liebten uns, als wren wir schon auf
einen jener spteren Sterne entrckt gewesen, wo das Hhere in uns sich
einen eigenen Krper schaffen soll.

Staunend bewegte sie den Kopf.

Ich bin, denke ich deiner, ganz erfllt vom Licht jener Mondnacht, durch
die wir gingen.

Sie hielt das Gesicht, die geschlossenen Lider einem milchigen Glanze hin.

Und sie besann sich wieder auf das Dunkel.

                   *       *       *       *       *

Nach kurzem Schlaf trat sie aus dem Hause, in einen frischen, perlfeinen
Morgen. Zum flimmernden Himmel duftete der weiche Kranz der Berge; klar
schossen die Trme hinein; und Glockenklnge wandelten den reinen Raum
entlang und sprangen durch ihn hin. Aus der Pforte von Blumen, am Rande der
Treppengasse, quoll Blau. Unter betendem Gemurmel entstiegen grelle
Standarten der Tiefe und schlangen ihre Flammen in den blauen Tanz des
Lichtes. Kleine weie Mdchen mit wippenden Flgelchen trippelten durch die
Blumenpforte; die Sandalen der Mnche schlrften unter ihr hin; der
Baldachin des Bischofs neigte sich vor ihr; und Volk in seinem Herdenstaub
drngte nach und stie seine grobfrommen Stimmen durcheinander. Am Ende der
Terrasse, im Tor der Klosterkirche, warteten die Nonnen, mit
lichtergestirntem Dunkel hinter ihren blassen Gestalten. Die Orgel schnob
und grollte. Pltzlich ward sie von Stille geschlagen; -- und das Meer
ihres Tobens hinterlie nichts, als das Rinnsel eines Kindersingens.

Wie alles, was diese Luft besplte, rein, wie die Menschen makellos waren!
Diese glockentonsatte Luft, worin Seelen badeten, hatte Lola -- schrecklich
fiel es ihr aufs Herz -- einst mit frechen Liebesschreien zerrissen! Sie
drckte sich in die hohle Wand des Portals, empfing Staub auf Schultern und
Haar, sphte von fern, als eine Unwrdige, nach dem Segen jener Gebrden
und Worte und sah, darbenden Gesichtes, den Fen der Fortziehenden zu, die
an ihr Kleid stieen. Dann klappte das Tor; und wie Lola den Kopf hob,
bannte sie die dunkle, fensterlose Mauer des Klosters. Khl war sie und
starr; vor unergrndlicher, starrer Khle wachte sie. Wen sie aufgenommen
htte! Wer hinter ihr vergangen wre! Einst hatte Lola mit Ha zu ihr
hinaufgeschmachtet; htte sie strmen wollen; htte aus ihrem schamlosen
Blut jenen eingeschlossenen Frauen solche Dinge ins Ohr sagen wollen, da
sie fr den Rest ihrer Tage ihren klglichen Frieden verlieren sollten.
Jetzt wnschte sie sich selbst, so streng und unversucht unter jenen
Gewlben zu enden, den Hauch des Geistes khl auf dem Scheitel. Die
Gedanken gebunden, in Gesnge und Gebete gemessen, das Trumen selbst der
Nacht durch eine gebieterische Glocke zerschreckt, Stacheln in der Haut und
leeres Herz: das lockte. Das Nichts lockte. Noch leben, noch am Leben sein
-- und dennoch den aus der Seele verstoen haben, dessen man sich unwrdig
gemacht hatte! Den letzten Atem nach einer Richtung seufzen, wo er nicht
weilte! War's Bue genug? Dann sollte es vollbracht werden.

Der Mittag drckte. Sie hielt sich kaum aufrecht und hatte doch den Kopf
voll brennenden Dranges. Das Gehirn brachte die Gedanken hervor, wie aus
Wunden. Die Glieder wurden, die Terrasse hin und her, durch Sonne
geschleppt und durften nicht ruhen. Manchmal wandte der Blick sich,
lechzend, nach dem glitzernden Streifen am Horizont, in der Lcke zwischen
zwei Bergzgen. Das Meer! Es war der Ausgang und war unerreichbar. Ich bin
gestrandet. Bin ich bestimmt, hier zu enden? Ich mag nicht in das Haus
dort, und kenne doch kein anderes, in das ich gehrte. Vielleicht werde ich
nie mehr menschliche Gesichter sehen? Wie sollte ich dazu kommen, sie
aufzusuchen! Pltzlich schwindelte ihr's, und heftige Angst durchflog sie.
Es ist aus, dachte sie und lehnte sich an den Pfeiler beim Haustor. Die
Schwche des Herzens dauerte noch. Lola rief nach Hilfe; aber der kraftlose
Ton verging ungehrt. berwltigend weit umwogte blaue Luft ihr
gengstigtes Gesicht; Quadern blendeten hart; und wie sie ber sich
blickte, sah ihr, vom Torgiebel herab, das entfleischte, gierige Gesicht
eines Fabelvogels aus schwarzen Hhlen in die Augen. Sie lie sich gleiten
und hing, die Lider geschlossen, am Hals des Greifen, der das Tor htete.
Also hier. Hier sterben. Warum nicht? Wohin htte dies noch fhren sollen.
Nur steinerne Geschpfe umher, und ein Himmel, der von mir nichts wei.
Genug.

Und als sie sich ergeben hatte, kehrte ihr Kraft zurck. Sie konnte
aufstehen und den Torflgel fortschieben. Ungesehen kam sie in ihr Zimmer.
Lange Tage ging sie nicht aus, vermied den Anblick der Hausgenossen, sann
im Halbdunkel, matt und verstrickt, den Wegen nach, die hierhergefhrt
hatten und den Schicksalen, die irgend einmal an ihres gerhrt hatten. Mai
war nun drben, hatte Europa, die Fremden und auch Lola gewi vergessen
und schrieb niemals. Fr Mai gab es nur krperliche Beziehungen; der Geist
war nie, wo nicht auch der Krper weilte. Mai lebte im Stoff und im
Augenblick; ihre Persnlichkeit zerflatterte mit den Dingen; sie war
glcklich. In Lolas Leben hatte sie, nach der zweiten Trennung, gar keine
Lcke gelassen; Lola dachte, da sie sich Mais erinnerte, nacheinander an
ein Reiseabenteuer, an die Miene eines Mannes, an ein Kleid. Eine Masse
Auftritte kehrten ihr wieder, hastige Vergngungen, Mdigkeiten, Drang der
Sinne, Zuflucht zum Gesang, das Gesicht der Branzilla, gelb und irr, mit
den schwarzen Augenhhlen des steinernen Vogels drauen berm Tor . . .
Lola strich die Vision von den Lidern Sie sann beschwerlich weiter. Da war
Paolo, ihr Bruder: ein Name nur, kein Gesicht, nichts, was sich vor die
Seele hinstellte und befreundet lchelte. Sie verstand seine Sprache nicht,
er verdiente ihr Geld, und sie hatte ihm nichts dafr zu sagen. Von anderen
Verwandten, dort drben, anderen Wesen, mit denen sie Blut gemein hatte,
waren ihr sogar die Namen unbekannt. Vielleicht nannten sie zufllig einmal
den ihren? . . . Auch nher bei ihr lebten Menschen, denen sie sich
zurechnen durfte; die Pai lieb gehabt hatten, und um seinetwillen auch
Lola! Eins nach dem andern, rief sie die Gesichter herbei: die Brder ihres
Vaters, dann jene Vettern in Mnchen. Zgernd folgten sie; und verschwanden
rasch, wie unlustige Besucher, die festzuhalten man sich schmt. Lola sah
bitter ins Leere. Keine Gemeinschaft. Nichts brig, von allem Erlebten
nichts, worauf sich bauen liee. Sand rings umher: heimtckisch
herabrieselnder Sand; und in der Wste ihres Lebens nichts Menschliches.
Einer war darin begraben: der, an den sie nicht denken wollte.

Kein Gesicht? . . . Da kam ein ungerufenes, schchtern und herzlich: ein
kleines geflteltes, bittend lchelndes Altjungferngesicht. Erneste, ach
ja: die war immer da. Die, der Lola die lngste Zeit ihres Lebens hatte ins
Gesicht sehen mssen, war ein gutes, unbetrchtliches Geschpf aus ganz
anderer Empfindungswelt, eine Bezahlte, bei der nur uerer Zwang Lola
festgehalten hatte. Sogar jetzt noch, da Erneste tot war, trug Lola es ihr
nach, da sie so viel mit ihr allein geblieben war, sich unter den immer
ngstlichen, beschrnkten Blicken dieser Verkmmerten hatte entwickeln
mssen. Wie viel freier und glcklicher knnte ich jetzt sein, wenn ich
htte Schauspielerin werden drfen! O! man hat sich sehr an mir
versndigt. Die kleine Tini war's geworden, ihr war das Schicksal
gnstiger. Marie Gugigls kleine Schwester, die schon fast Diakonissin
gewesen war, jetzt spielte sie irgendwo in der Welt Komdie. Neugier kam
Lola an, nach Kunde aus solch einem Leben, aus dem, das auch ihres htte
sein knnen. Und wir fhlten uns doch zueinander hingezogen. Wir
verstanden uns doch. Das schrieb sie Tini; und da sie sie um ihre
Laufbahn fast beneide. Es kmen Zeiten, wo man wnschte, man wre wieder
auf sich selbst gestellt. brigens sei sie mit ihren Verhltnissen ganz
zufrieden, setzte sie, aus Scham, hinzu. Pltzlich fiel ihr die sonderbare
Dankesschuld ein, die sie an Tini band. Tinis verstellter Brief, der es
Lola ermglicht hatte, Pardi entgegenzureisen. Mein Gott, wie vieles liegt
dazwischen! Und Tini opferte mir ihre groe Backfischleidenschaft! Mit
schweren Seufzern des Verzichtes hat das Kind mir nachgeblickt, wie ich dem
Glck in die Arme eilte. Und nach drei Tagen ist sie damit fertig gewesen,
mit dem groen Ereignis, woran ich den Rest meines Daseins zehren werde. Zu
denken, da ich beneidet worden bin! Sie schrieb: Und ich beneide andere
nicht mehr, als sie mich beneiden. Scheint nicht jedem das wnschenswerter,
was er verfehlen mute, um zu erlangen, was ihm beschieden war?

Der Brief ging in die Welt. Lola sann, in ihren menschenlosen Zimmern,
hinter ihm her. Nun kam er an, ward Tini in die Probe getragen. Tini las
ihn in der Erwartung ihres Stichwortes, steckte ihn weg und hatte ihn,
bevor sie hinaus mute, schon vergessen . . . Nein: ihre Antwort kam, am
ersten Morgen, da sie kommen konnte. Tini schrieb:

Liebe Lola. Beneide mich lieber nicht. Damit ist nicht gesagt, da ich
nicht zufrieden bin. Aber was fr mich pat, knnte Dir doch sehr wenig
erfreulich vorkommen. Man darf in meiner Lage nmlich nicht so groe
Ansprche an das Glck machen, wie Du, glaube ich, tust. Dir wrde es, wie
ich Dich kenne, nirgends gengen. Von Leuten, die in Florenz waren, hrte
ich, da Deine Ehe nicht fr besonders glcklich gilt. Ich darf Dir dies,
obwohl Du versuchst, Dir nichts merken zu lassen, wohl verraten: denn, wie
mir scheint, unterschtzt Du doch sehr den Preis, den es mich damals
gekostet hat, Dir dies Glck zu lassen. Ich htte nmlich selbst darum
kmpfen mgen und fhlte mich ganz gut dazu imstande. Denn ich bin nicht
das unbetrchtliche kleine Mdchen, von dem Du Dir damals ein bichen
Gefhl schenken lieest, und an das Du sogar noch jetzt Deinen Brief
richtest. Das bin ich nicht. Ich habe schwer genug gelitten Deinetwegen.
Heute kann ich Dir sogar sagen, da ich in dem See, worin Gugigl einmal bei
Mondschein so schn badete, an einem nebeligen Oktobermorgen beinahe
ertrunken wre. Wozu das alles, wenn ich nicht Dich noch viel heftiger
geliebt htte, viel hingebender als ihn? Du hast darauf nicht acht gegeben,
oder nur, um ein wenig mit mir zu spielen. Wir htten uns verstanden,
meinst Du? Nein, ich Dich damals auch noch nicht. Inzwischen habe ich
freilich ber Dich nachgedacht und mir gesagt, da Du ein anstndiger, aber
liebloser Charakter bist . . . So, Lola, das konnte ich Dir nicht ersparen.
Im brigen wnsche ich Dir, da Du Dich einlebst. Das dauert wohl manchmal
lange. Auch ich habe Zeit gebraucht, bis ich ganz entschlossen meine Kunst
allem, aber allem voranstellte. Wenn ich heute noch einen Mann liebe, nehme
ich ihn doch durchaus leicht. Und sobald er meiner Kunst gefhrlich wird,
mache ich mich unerbittlich von ihm los. Die moderne Frau hat
glcklicherweise ihr Schicksal selbst in Hnden, und Klagen wren
berflssig. Mge es Dir wohlergehen. Mit Gru.

Tini.

Emprt warf Lola den Brief hin. War ihre Annherung nichts Besseres wert
als dies? Dann erinnerte sie sich: Ach ja, so waren sie dort hinten! Etwas
hart vor Tapferkeit und Selbstndigkeit, etwas anspruchsvoll. Noch ein
wenig neu in der Freiheit und darum nicht ganz sicher im Geschmack: so
waren die Frauen dort alle und natrlich auch Marie Gugigls kleine
Schwester. Die hiesigen haben sich mir von solchen Seiten gezeigt, da ich
die Nachteile jenes anderen Typus beinahe schon vergessen hatte . . . Aber
sie wre fast gestorben?

Lola nahm den Brief wieder auf.

Das war also mehr als Kinderei? Sie hat mich so sehr geliebt, da sie
lieber sterben, als mir mein Glck wegnehmen wollte? Als ich abreiste, lag
sie krank im Bett: ich war selbst so verstrt, da es mich blo flchtig
ergriff, da ich darber hinweggehen konnte. Und die Tage vorher: so
fieberhaft und zerrissen war sie! Ihre Blicke, die darum rangen, mich nicht
zu hassen! Wie sie sich geqult hat! Das konnte ich vergessen? Das konnte
mir verschwimmen und seine Kraft verlieren?

Lola richtete sich im Bett auf, als trte ein Unerwarteter ins Zimmer.

Dann bin ich also blind und undankbar! Sie hat recht: ich verlange alles;
ich wundere mich, da ich nicht von Liebe umringt bin; und ich gebe nichts.
Habe ich Erneste gegeben? Habe ich Pai gegeben? Mein Gott, also lieblos?
Wirklich lieblos?

Sie lie sich sinken, drckte das Gesicht weg.

Und ich habe doch so viel Liebe ertrumt, fr so viele! Als Kind war ich
bereit, fr Mai, fr Erneste zu sterben. Ich ersehnte der Menschheit einen
bessern Stern. Nur mir? Wer sagt das? Nicht auch jenem die Heimat suchenden
Auswanderer, dessen Schicksal meinem glich, und allen, allen? Ich litt,
noch voriges Jahr, mit jenen Bauern, denen mein Mann ihr Geld nahm. Auch
Tini habe ich lieb gehabt, lieber als sie meint . . . Wen aber habe ich's
je fhlen lassen? Wem ist wohler geworden durch mich? Ich bin eine
Unfruchtbare! Mein Gefhl war nie mehr als selbstschtige Spielerei. Die
wirklichen Menschen berhrte ich damit nicht. Konnte ich denn zu ihnen? Ich
war allein und einzig und litt, meinte ich, so viel mehr als alle! Sie
waren in meiner Schuld; sie hatten mich so einsam gemacht, hatten mir die
Heimat genommen.

Sie stand auf, ri den Vorhang von der Gartentr und sphte
leidenschaftlich in die Ferne.

Pai tat das! Er war der Erste, der mir die Liebe verbitterte. Ich glaube
an keinen Menschen mehr, seit er mich, sein kleines Mdchen, in einem
fremden Garten heimlich verlie. Er hat mir Mitrauen und Menschenha frs
Leben mitgegeben. Durch seine Schuld habe ich alle Liebe, die mir je
entgegenkam, verkannt und versumt: seine eigene und Ernestes . . .
Erneste!

Das alte kleine Gesicht kehrte wieder, voll schchterner Mtterlichkeit. Es
machte sich knstlich streng, weil es in ein ablehnendes Kindergesicht sah.

Immer habe ich mich zurckgehalten, habe die Arme steif gehalten, damit
sie sich ihr nicht von selbst um den Hals legten. Warum? O! der Tag im
Gebirge . . .

Sie fhlte sich wieder, als Herangewachsene, jenen Sommer vor der Trennung,
bei ihrer alten Gefhrtin. Drauen im Bergwald hatte unter Strmen Allliebe
sie geschttelt; und vor dem menschlichen Herzen dort hinterm Tisch,
verstopfte sie die Ohren und las. Dennoch fielen wieder, durch Ernestes
Scham getrennt, die zart werbenden Worte. Lola atmete rascher. O,
zugreifen! Ich bin nicht taub, nicht fhllos!

Zu spt. Erneste war tot. So war Pai tot gewesen, bevor Lola ihn hatte
lieben knnen. Die Arme trostlos erhoben, warf sie sich auf die Schwelle.
Der Wind schlich ihr ber den Rcken, er fingerte geisterhaft schwach in
den Falten ihres Hemdes, wie Hnde von ehemals.

Und auch er, auch er ist versumt! Arnold!

Sie schrak auf; Blut stieg ihr ins Gesicht; und als habe mit dem Klang
seines verbannten Namens der Mann selbst an die Scheibe geklopft, bedeckte
Lola sich.

                   *       *       *       *       *

Sie verlangte den Wagen, trieb zur Eile, stieg zitternd ber die
Treppengassen auf den Platz hinab. Nur diesen Gedanken nicht! Ich bin
seiner zu unwrdig, ich beflecke ihn, wenn ich mich nach ihm sehne. Und mir
selbst nehme ich das letzte Recht, mich zu achten. Auf den Karren und
Fahr zu! Sich betuben mit Wind und Schnelligkeit. Aber an der Strae,
hinter einer Pforte und den Hut in der Hand, stand Arnold, wie er bei ihrer
letzten Begegnung hinter der Pforte gestanden hatte, die sie ffnen wollte.
Sie schlo die Augen. Umsonst; sein schmerzliches, unsicheres Lcheln war
hinter ihr: dies Lcheln, das zurcktrat und sie aufgab . . . Und den Weg
zwischen Zypressen von einem khlen alten Landhause her, kam er, und sie
stieg aus und ging ihm entgegen: denn dort wohnten sie beide, die sich
gehrten.

Wie beiend in seiner Sigkeit war dies Gesicht! Es htte sein knnen!
Unter Liebe, wie im Grunde ewigen Sommerlaubes, versteckt und geborgen; Tau
und Gezwitscher in Augen und Ohren; und in der Melodie des frischen,
lebendigen Morgens vereint, wie ein Paar sorgloser Klnge. Lola sehnte sich
nach dem schnen Morgen, durch den sie fuhr. Ihr war, als erlebte sie ihn
nicht und htte ihn doch erleben knnen.

Da ich eine Heimat suchte: wie begehrenswert war die, die unsere beiden
Seelen uns erbauen konnten! Ich habe eine ganz uerliche vorgezogen, weil
sie ppiger schien, und habe mich in Schande und Lge finden mssen. Wie er
mich klein gesehen hat! Kein Mensch sah mich so, und ihn mu ich lieben! Er
hatte recht, da er stolz war und mir nicht nachreiste. Wozu? Wenn eine
einen Pardi vorzieht, berlt man sie ihrem albernen Schicksal. Aber mag
es albern sein, dennoch schmerzt es, Lieber! Knnte ich dir manches
erklren! Wtest du, was ich leide, und da ich doch fr mein Schicksal
nicht klein genug bin! Ach! meine Shne ist, da du's nicht weit, und da
ich schweige . . .

Mit verzweifelnden Augen sah sie durchs Land nach Hilfe aus. Der
Meilenstein, der sich nherte, machte ihr Lust, sich ihm entgegen zu
werfen. Unter dem Druck der uersten Not stieg es in ihr auf: Ich will
dir alles sagen, was ich bin und wodurch ich es wurde. Alles, was ich
gelitten habe, warum ich dich gehen lie, wie ich gekmpft und verloren
habe, beschmutzt, krank und ganz verlassen ward. Du sollst es nicht hren,
aber ich will es dir sagen. Es wird sein, als schriebe ich's auf die Mauer
zwischen unseren beiden Grten, und du wirst sie nie bersteigen. Es wird
sein, als sagte ich meine Beichte dem Meer, das uns trennt, und das sie
berschreit. Sei ruhig, du vernimmst keinen Hauch meines Geflsters. Ist es
nicht verzeihlich, da ich sonst strbe?

Zu Hause, unter Trnen, schrieb sie ihre Kinderjahre auf. Sie fhrte sie
ihm zu, wie einen Zug kleiner dahingeschiedener Mdchen, die er noch einmal
segnen und bedauern sollte. Als sie, aufatmend, in den Nachtwind trat,
schien der Tag, der vorber war, ihr voll und trstlich.

Sie wollte weiterschreiben, lie Wochen ohne einen Satz und glaubte doch,
trumend, die dunkeln und die lichten Tage an ihm vorbergeschickt zu
haben: noch die schlimmsten mit unverhlltem Haupt. Er kannte sie ganz. Sie
hatte, um sich ihm ganz zu entdecken, namenlose Scham bestanden. Sie hatte
durch Trnen nach seinem Verstndnis gebangt. Sie hatte sich, wieder wie
einst, von seiner Seele durchdringen lassen und hatte zu seinen Fen sich
in Schlaf geschluchzt. Nun sah sie mit Staunen den Garten welken. Der
Sommer war zu Ende? Und sie war nie mig, nie einsam gewesen! Immer war er
gegenwrtig gewesen, zuerst als Geist, der ihr zweiflerisch und bitter ber
die Schulter sah; und endlich wie ein Hausgenosse, dessen Atem sie manchmal
beim Lesen auf ihrer Schlfe sprte, und dem sie die durchlaufene Seite
hinhielt, damit auch er sie beende. In ihre Augen trat noch, so oft ihr
Inneres ihn ansah, Demut. Ihre Schuld war um nichts kleiner. Aber sie
konnte fortan mit ihm in Frieden leben. Er wollte nicht, da sie sich um
ihn ngstigen, zu seiner Vershnung sich qulen sollte. Sie durfte Ruhe
genieen. Sie fhlte sich weit gesunder, zuversichtlicher, besser gewappnet
gegen die kommenden Alltage. Ihre Spaziergnge wurden lang; der
Herbstregen, der schwl einsetzte, erschlaffte sie nicht. Vertrage ich
endlich das Klima eines Landes ganz? Pardi verlangte sie zurck. Warum
nicht? Auch mit jenen Menschen wird sich leben lassen. Ich mu sehr krank
gewesen sein, um dem, was ich bei ihnen erfuhr, so vllig zu erliegen.
Bleibe nicht, wo ich auch sein mag, ich selbst mir? Und nun bin ich
gesichert, da ich den zurckhabe, den ich liebe. Unter all den Fremden
werde ich mich oft nach einem Vertrauten umwenden, den sie nicht sehen, und
mich mit ihm verstndigen.

                   *       *       *       *       *

Jeder fragte Lola:

Contessa, was haben Sie fr eine Kur gebraucht? Sie sind schner geworden,
wissen Sie. Am Ende des Winters sahen Sie nicht gut aus, jetzt aber sind
Sie wieder vollkommen schn.

Sie ging aus, so viel man wollte, gab sorglos ihre Kraft und Anmut hin. Die
Triumphe im Casino Borghese kehrten wieder; sie fhlte um sich her den
Wettlauf der Mnner, angespannter als damals, und ihre unbedingte
Sicherheit, einer werde bei ihr ans Ziel kommen. Allen schien der kritische
Zeitpunkt da; in aller Augen war sie reif fr den Liebhaber, auch in
Pardis. berall im Ballsaal begegnete sie seinem drohenden Blick. Sie
verhielt sich gelassen weltlich, ein wenig kokett sogar, in der Empfindung,
sie msse diese armen Leute dafr entschdigen, da sie im Herzen so weit,
weit von ihnen weg sei; und auch in der Scham dessen, den eine geheime,
innige Religion erquickt, und der den Spttern ringsum ihre leichten
Freuden nicht verleiden mchte. Das lauteste Fest fiel, verlie sie es,
ganz pltzlich hinter ihr zusammen, wie eine bunte Drahtpuppe, und Lola in
ihrer Wagenecke lchelte still und schwrmerisch. Pardi sagte, als ein
Laternenschein sie getroffen hatte:

Du hast zu oft mit Valdomini getanzt.

So? Ich habe nicht darauf geachtet.

Aber andere achten darauf . . . brigens verstehe ich den guten Valdomini
nicht. Er ist hinter dir her in einer fr sein Alter gradezu lcherlichen
Art. Weit du, da er ein sans-ventre-Korsett trgt? Tatschlich; sein
Bauch wrde sonst hngen.

Ich habe ihn mir noch nicht so genau angesehen.

Er ist mein Freund, und ich werde niemals leugnen, da er frher groe
Erfolge bei Frauen gehabt hat. Trotzdem scheint es, da er neulich bei der
Baldelli abgefallen ist.

Wer kann das wissen, meinte Lola leichthin; und Pardi, gespannt bei der
Sache:

Wenn sie umhergeht und es erzhlt! Schade um ihn: der Takt, rechtzeitig
aufzuhren, hat ihm gefehlt. Jetzt wird keine ihn mehr wollen, da schon die
Frau eines kleinen Advokaten ihn abgelehnt hat.

Sie ist sehr hbsch, sagte Lola, um etwas zu sagen; aber sie sprte, wie
jede ihrer Antworten ihn heftiger reizte.

Im Theater in Lolas Loge fing am Abend darauf Deneris an:

Valdomini ist in der Klubloge. Ich wei nicht, mir gefllt sein Frack
nicht. Dabei soll er frher von allen den elegantesten gehabt haben.

Das war vor unserer Geburt, sagte Nutini.

Lola erwiderte Valdominis Gru. Er trat, die schlanken Schultern weit
zurckgeschoben, die Hnde in den Hosentaschen, nachlssig an die Brstung
und berflog die Bhne. Botta bemerkte, fett und phlegmatisch:

Der Tenor ist gemacht: Valdomini hat ihm zwei Minuten lang in den Mund
gesehen.

Alle lachten, bis gezischt ward. Im Hintergrund flsterte einer
durchdringend:

Tatschlich hat er die Calzolai gemacht, aber nicht die kleine Lisa,
sondern Tisa, ihre Mutter. Er verwechselt das; er hlt sich fr einen
Zeitgenossen der Lisa.

Sein Irrtum bleibt nicht ohne Folgen, erklrte Botta. Die Baldelli --

Und er erzhlte von der Baldelli.

Sie wird rechtzeitig gefhlt haben, da er ein Korsett sans-ventre trgt,
meinte Nutini. Lola lchelte ihm in die Augen. Sie dachte an die Zeit, als
er bei ihr gegen Pardi arbeitete. Jetzt, angesichts einer neuen Gefahr,
verbndete er sich ihm. Sie schttelte leise den Kopf, und indes sie das
Gesicht nach der Bhne wandte, kehrte sie innerlich zu ihrem Eigensten
heim. Von Klatschen und Geschrei aufgeschreckt, mute sie sich besinnen;
die Begehrlichkeiten, die Intriguen um sie her sahen sich wie Spuk an,
geschahen kaum auf festem Boden.

Valdomini kam und unterhielt sie whrend der Pause. Er teilte in der Loge
Hndedrcke aus, die mit Hingabe erwidert wurden. Als er fort war, ahmte
Botta ihm nach.

Ich brauche wohl Sie und mich nicht anzustrengen und aufzuregen, Contessa.
Sie wissen, wer ich bin und da ich bereit bin.

Und, fuhr Nutini fort, meinen Bart behalte ich, wenn jetzt auch alle
rasiert sind. Ich behalte ihn aus Piett fr die Vielen, die ihn geliebt
haben. Manche sind schon im Jenseits und lieben nur noch Gott, der ihren
armen Seelen gndig sei.

Er bekreuzte sich, lie in seinem ausgemergelten Gesicht den Mund stumm
betend auf und nieder steigen und schielte dabei auf seine Nasenspitze. In
das Gassenjungengelchter trat Pardi; seine Augen stieen, mit bsem
Mitrauen, nach jedem. Beim ersten Wort gegen Valdomini:

Vergessen Sie nicht, da er mein Freund ist!

                   *       *       *       *       *

Er befreundete sich ihm sogar noch enger; er lie ihn kaum mehr von seiner
Seite; er begleitete ihn in die Huser, wo er Lola treffen konnte. Und die
brige Zeit blieb er bei ihr. Er hatte wieder angefangen, ihr Blumen und
Geschenke mitzubringen, ging selbst, ihr ein Band, eine Feder zu besorgen,
-- und aus den Bchern, die er frher in die Ecke geschleudert hatte,
wollte er ihr jetzt vorlesen. Er unterbrach sich, um ihr seine alten
Triumphe zu erzhlen. Frher hatte er davon geschwiegen. Sie war am Morgen
noch nicht fertig angekleidet, und er klopfte schon, fragte, wie sie
geschlafen habe, und wiederholte seine ironischen und zarten Werbungen.
Endlich:

Wir sollten wirklich wieder im selben Zimmer schlafen.

Wie geschmacklos, mein Herr! So alte Gatten wie wir!

Ich versichere dir: wenn ich am Morgen vor deine Tr gehe, ist mir zu Mut,
als htte ich bei dir erst noch alles zu erreichen; als wre ich dir kaum
bekannt.

Und Lola, ber die Schulter weg, vor Selbstsicherheit kokett:

Dann betragen Sie sich auch so, bitte . . . Und was hat man Ihnen soeben
fr ein Billet gebracht? Ich rieche es bis hierher. Sie denken es nicht
einmal zu lesen?

Er errtete, erbrach trotzig das Siegel. Lola sah, es war Claudias. Sie
ging dreist an ihm vorbei und hinaus. Sie frchtete ihn nicht. Ihr war
Geistesgegenwart gekommen, Ruhe und die Fhigkeit, die Lage zu berblicken
und mit der Schwche des Gegners zu rechnen. In frischer Luft fhlte sie
sich und alle Organe frei zum Kampf. Frher, schien ihr, war sie
traumbeschwert, unsicher von Begehren, von Grbeln, durch die Welt hier
gegangen. Jetzt hatte sie die Gewiheit, sie zu beherrschen, mit keinem
Schleier ihrer Seele, die immer um einen Entfernten schwebte, mehr in sie
verstrickt zu sein. Ich gehre nicht hinein, aber sie genieen, rasch und
ohne Verpflichtung, wie eine Vorberreisende, warum nicht?

Und sie nahm, strmisch und mit Dankbarkeit, diesen Winter in sich auf, der
sie der erste ganz reine deuchte, dies Land, das sich ihr verjngt hatte.
Oben auf dem Piazzale war sie aus dem Wagen gestiegen. Durchblaute Wolken
zogen ber ihr, und unten, durch die Stadt, unter sonnigen Brcken hervor,
der Flu, in goldblauen Strngen. Der goldene Wind warf seine Arme um den
groen bronzenen David, um die von Licht bebenden Hgel ringsum, -- und er
strzte sich in die Stadt, in ihre wilden kleinen Gassen, auf ihre grellen
Quais und ihre Pltze mit groen, von Zinnen, Giebeln, Statuen ausgezackten
Schatten. Glck leuchtend, boten in schwarzen Laubmassen, auf den Hgeln,
Villen sich dar . . . Und nun der Wind abbrach, der Himmel sich bezog und
sich dmpfte, lockte jenes erloschene Haus, im Steingrau sanfter Bume,
noch dringlicher. Die Glocken klangen gehaltener, ernster; und fern,
jenseits der Gartenwellen der letzten Hgel, dunkelte im grauen Horizont
das starke Blau der Berge, wie Augen, die Sehnsucht verdstert.

Und ich habe kein Recht, mich zu sehnen. Jenes Haus, oder vielleicht das
dort, gehrt mir selbst; Pardi spekuliert mit dem l des Hgels. Er spricht
zu hitzig davon, ich bin besorgt um ihn . . .

Pltzlich wandte sie sich weg und winkte dem Kutscher.

Dieser Winter schmckte sich mit einer Kette zeitloser Tage; sie waren da
wie eine Spiegelung mrchenhafter Ksten. Eine blaue Flut von Jugend wallte
einem in Augen und Mund. Mit entzcktem Staunen horchte man auf irgend
etwas Kstliches, das unverhofft zurckkehrte, leise wieder anschlug. Nun
mitten im Januar der Himmel ganz weich zwischen den glitzernden
Eichenkronen flo, die Statuen auf den Palsten zerschmolzen im Blau, und
dies Blau sich in Sulenhfe und Hallen wie seidene Fahnen schlang: da hob
eine Melodie, die geschlafen hatte, in einem die Lider auf. Lola hatte in
der Luft, die sie ein wenig erstickte, vor sich die Augen Pardis. Sie waren
der hchste Aufstieg dieser Melodie gewesen. Sie mute man gefhlt haben,
um dies alles zu fhlen.

Wie bei einstigen Gefhrten, denen sie unverhofft nochmals begegnete, blieb
sie wieder vor den Statuen stehen. Sie waren berall; die Stadt war erfllt
und beherrscht von Statuen, die sich in Hallen und auf Pltzen
versammelten, wie ein Haufe schnen, sinnlichen Volkes; die von Brunnen,
aus Nischen ihre lauten Gebrden ins Marktgewhl mischten; deren starken,
frechen Mndern man die schleierlosen Stimmen der ganzen Menschenmenge
entquellen hrte; und von deren gttlicher Nacktheit all dies Leben nackt
schien.

Die Kunstwerke! Es ist wahr, sie alle sind Fleisch, sind die
Verherrlichung des Fleisches. Aber nur in der Kunst ist es Herr und ist
edel. Die Knstler -- wir -- dachte sie ohne ihren Willen, erhhen es
ber alle menschlichen Mae, ber alle menschliche Kraft; und finden doch
Kraft und Ma in uns selbst! Dann --

Mit einen Blick auf das dunkle Gewimmel, das zusammenschrumpfte.

-- kriechen wieder Menschen, klein wie je, darunter hin, und wir selbst
haben die Augenblicke unserer Gre vergessen und begreifen sie nicht
mehr.

In sich versunken die volle Strae forttreibend:

Wie liebte ich doch Pardi! Welche schwrmerische Lust! Manchmal erlebte
ich's, da die Sinne mich auf ausgebreiteten Flgeln in den reinsten ther
trugen. Und dann gruben sie mich in Morast. Ich habe ihre Anbetung und die
Kraft zu ihrer Verherrlichung in mir. Aber ich bin auch geboren, sie zu
verachten. Ein ganz anderes Blut steigt mir auf einmal ins Hirn. Ich fhle
anders, sehe anders, und mir schaudert vor dem, was ich gewesen bin.

Aufschreckend und sich zusammenziehend, wie verloren unter Feinden:

Nicht noch einmal mchte ich solch Schaudern erleben.

                   *       *       *       *       *

Am Ende des Winters dann ein rtselhaft trber Abend, voll des Gefhles von
verlornem Leben. Sie sehnte sich fort, hinauf, hinaus aus einem Schacht.
Ich kann nicht lnger -- sie wute nicht, was. Ward nicht noch immer die
Tosca gegeben? Niemand ging mehr hin; gleichviel. Und als die kleine
Logentr hinter ihr dumpf zuklappte und harfend, mit verbleichenden Sternen
und erster Morgenrte ein Garten von Tnen, ja pltzlich ein klingendes
Paradies sie aufnahm, da stand sie, bebte, verschluckte Trnen, fhlte die
Brust sich spannen und das Flgelrauschen der Erlsung ber ihren
zugedrckten Lidern. Das Glck! Diese Tne waren das Glck. Zwei Stimmen,
zwei liebende Stimmen erhoben sich ber Knechtschaft, Folter, Richtsttte,
als zwei liebesbleiche, feurig gewappnete Engel. Alle Schranken fielen.
Mchtig glnzend ffneten sich Himmel, die ganz Liebe waren. Lola fhlte,
und hatte kein Bewutsein davon, Pardi sei eingetreten. Sie lchelte, ohne
ihn anzusehen, ein Lcheln, das ihm bestimmt war. O! sie fand endlich
zurck an die Schwelle jener Freuden mit ihm. Nichts machte ihr mehr
Schaudern, denn alles war Liebe gewesen. Noch die Verirrungen: kannten
nicht auch die beiden liebesbleichen Engel jener Himmel sie? Das Fleisch
konnte heilig sein. Diese Musik heiligte es. Ich liebe dich! Ich liebe
dich!

Da, ein Rachen, der ein einziges Mal zuschnappte, schlang Stille alles
hinab. Man hatte verloren, wo man war, man hatte den Atem verloren, mute
sich herauskmpfen . . . Was habe ich getan? Mein Gott, er hat mich
verstanden! Er sprach, und seine Stimme machte ihr kalt und hei. Allein,
mit ihm allein im leeren Haus. Ganz ihm berantwortet. Wenn er jetzt
zugreift, ist es der Tod. Er wei, da er's darf: wie soll ich noch leben!

Dabei wand sie sich unter den weichen Griffen seiner Stimme, die den
Nachhall jener Musik beschwor, ihn aus der Stille zurckbannte.

Ich bin so glcklich, mich einmal ganz allein mit dir zu finden. Du bist
schner als je, ich liebe dich mehr als je. Hast du gehrt, wie viel Liebe
in dieser Musik? Fr uns, du Engel, fr uns! Komm, ich will dir Dinge sagen
--

Sie sprang auf; ihr Stuhl fiel um.

Ich habe Bengstigungen, la mich fort, ich werde wieder krank, schon
wieder. O, wohin?

Er folgte ihr bis in ihr Zimmer; er entwand ihr den Trgriff.

Wozu, wozu. Sei endlich ehrlich! Du liebst mich. Und ich liebe dich.

Sie ri sich los, sie flchtete hinter das Bett.

Was willst du? Ich kenne dich nicht! Sind wir nicht fertig?

Es scheint nicht. Und du entsinnst dich wohl noch meiner.

Du hast andere Frauen, nicht wahr? La mich gehen, ich bitte dich. Ich
will fort. Alles war Irrtum, ich knnte dir's erklren. Ich verliere den
Kopf. Mein Gott, ich will fort.

Da er auf den Bettpfosten gesttzt blieb, mit einem langsamen Lcheln, das
seine Macht auskostete, bevor er zugriff:

Den ganzen Winter habe ich dich von mir abgehalten, dadurch, da ich dich
habe merken lassen, ich kenne deinen Betrug. Ein Rest Scham machte, da du
mich verschontest. Behalte ihn! La dir nichts einfallen gegen mich! Ich
bin verzweifelt!

Du bist verliebt: ich habe es gesehen. Ich brauche nicht auf mein Recht zu
pochen; du liebst mich, das gengt. Was tte es noch, wenn ich andere
gehabt htte? Du wrdest verzeihen. brigens ist es nicht wahr; ich liebe
nur dich!

Seine Augen flammten auf, sein Lcheln war fort; er stie sich vom
Bettpfosten ab, er setzte schon an, loszubrechen gegen sie. Da stockte er:
sie stand auf der Fensterbank. Von unten kam das Klirren und Splittern der
zerbrochenen Scheibe. Lola schrie:

Nicht dich liebe ich! Ich liebe einen anderen; -- und rhrst du mich an,
spring' ich hinab!

Nochmals, gehaucht:

Ich liebe einen anderen.

Er hielt sich knirschend zurck. Er schttelte die Fuste.

Das ist nicht wahr! Ich werde dich holen, ich nehme dich!

Aber er kam nicht. Lola hatte den Kopf im Nacken. Langsam:

Ich bin nicht deine Gefangene. Ich kann sterben.

Sie sah auf ihn nieder, der sich ohnmchtig abarbeitete.

Und ihm, den ich liebe, verdanke ich meine Rettung. Du hast mich gemein
und elend gemacht, weit du das nicht? Ich war deine schmutzige Magd: er
aber hat mich gereinigt und zu seiner Gefhrtin erhoben. Das darfst du
wissen: ich bin rein!

Er keuchte:

Wer ist es? Ich werde ihn tten!

Du wirst ihn nie sehen. Auch ich sehe ihn nie.

Er starrte sie an. Pltzlich sich abspannend, verachtungsvoll:

Du bist wahnsinnig, das ist alles. Ich habe die Pflicht, dich da herunter
zu holen.

Und er machte einen besonnenen Schritt. Aber sie hing am Fensterkreuz,
schon halb drauen. Ihr Blick war irr und wild.

Zurck, oder ich lasse mich fallen! An dem Tage, wo du mich anrhrst,
sterbe ich!

Er hob Schultern und Arme, deutete sich auf die Stirn -- und ging
rckwrts, leise auftretend, hinaus.

                   *       *       *       *       *

Die Tr hatte sich geschlossen; Lola fhlte sich auf einmal schwach werden.
Entsetzt sah sie unter sich, ins leere Dunkel. Die Knie zitterten; ihr
schwindelte. Sie lie sich, die Augen geschlossen, am Fensterkreuz hinab,
tastete nach dem Boden. Zurckblickend:

Wie bin ich dort hinaufgekommen?

Sie schleppte sich zur Tr, verriegelte sie. Und sie fand noch die Kraft,
sich aufs Bett zu werfen.

Noch einmal gerettet, noch einmal! Auf wie lange? Und ich glaubte mich
geheilt! Ich kann mich also nicht auf mich verlassen? In allem lauert,
unmerklich, die Verfhrung, in den Landschaften, in den Bildern, den Tnen:
Alles ist geschaffen, mich schwach zu machen, mich zu erniedrigen; in allem
ist der Mann, der mich erniedrigt. Die Luft selbst, diese Luft verdirbt
mich. Ich habe nicht das Recht, sie zu atmen. Htte ich vorhin mich fallen
gelassen! Er, dem ich mich schulde, wrde mir dann verzeihen knnen. Jetzt
darf ich nicht zu ihm sprechen, ihm nie wieder das Gesicht zuwenden. Er
wei nun, da ich lge! Meine Lust nach dem andern ist Diebstahl an ihm, an
ihm! Ihm bin ich verantwortlich fr meine Seele, und bald wird sie nicht
Kraft genug mehr haben, ihn zu lieben. Immer neue Zusammenbrche des
Fleisches werden sie abntzen. In meinem Laster wird meine Vernunft
erlschen, und ich werde mich nicht mehr hinaussehnen knnen, mich nicht
einmal mehr sehnen knnen.

Sie fuhr auf.

Das soll nicht geschehen. Ein Gedanke noch an den andern, und es geht da
hinab!

Sie lief zum Fenster, sie ma die Hhe der schwarzen Quadern. Ihr
schwindelte schon wieder. Das Haus deuchte sie ein dsterer Riese, der sie
auf loser Hand trug, bereit, die Hand umzukehren.

Ich werde es nicht knnen. Ich bin feige. Zu viel Begehren macht auch
feige.

Im Umherirren, vor einem alten Schmuckkasten:

Der? Vielleicht der!

Und sie zog den winzigen Revolver hervor: ein galantes Geschenk von einst,
ein Scherz, weil damals ein Landstreicher sie frech angeblickt hatte.

Ich habe Begierden erregt und geteilt, wo ich vorbeikam, berall. Ich mag
mich nicht mehr leben fhlen.

Sie sank aufs Bett zurck. Lange blieb sie erschlafft. Dann, hastig an der
Waffe fingernd, zu ihr flsternd:

Also ich schwr' dir's! Da liegst du und bewachst mich. Und den ersten
niedrigen Gedanken sollst du mir -- hrst du's? -- aus der Stirn schieen!

Sie warf den Revolver auf den Bettisch. Die eine der Kerzen verlosch, die
andere flackerte. Lola sah an der Wand ihre Geste grotesk vergrert.

Bin ich ehrlich? Mein Gott, darf ich mir glauben? Wann bin ich denn ich
selbst: jetzt, oder vorhin in der Loge? Kann solch Entzcken lgen? Mag
sein, ich werde geqult um nichts; das Glck der Sinne wre dennoch das
wahre; und jener Abwesende, mein bses Gewissen, ist nur dazu eingesetzt,
mich zu qulen. Dies zu wissen! Wissen, wohin ich gehre! Ich liebe doch
Pardi. Noch an dem Kreuz liebe ich ihn, an das der andere mich schlgt!
Sich gehen lassen knnen, nachgeben knnen: wie leicht wre das Leben!
. . . Klopft er?

Sie lauschte . . . Nein: sie hatte sich's nur gewnscht! Sie schlug die
Hnde vors Gesicht. Pardis Lippen erschienen ihr, rot hervorstehend aus
seiner Blsse. Pltzlich redete sie Arnold an:

Jetzt verlangst du wohl, da ich mich tte? Ich tu's nicht. Ich hasse
dich!

Laut:

Ich hasse dich!

Von dem Schall erschrak sie, begann zu zittern, und Trnen kamen.

Verzeih mir! Sieh, wie ich elend bin! Es waren die hchsten Freuden, als
ich dich hatte.

Und sie sah sich, einsam und doch mit ihm, dem Freund, in der reinen Ruhe
des vorigen Sommers. Sie sprte beim Lesen seinen Atem auf der Schlfe und
hielt ihm, bevor sie es wendete, das Blatt hin, damit auch er es beende.
Unvermittelt trat in dieselben Rume der andere. Ihr Atem vermischte sich
mit dem des andern, ihre Glieder verschrnkten sich mit seinen. Sie atmete
schwer; sie warf das Bild der Lust von ihrer Brust hinab, sie streckte die
bittende Hand aus nach dem der Liebe.

O! wrest du da. Rette mich! Komm!

Es tagte, und sie schluchzte noch:

Komm!




III


Am Nachmittag erinnerte sie sich, da Claudia empfange. Sie hate Claudia
nicht: fast war sie ihr ein Trost, die Gefhrtin, die derselbe Mann schwach
gemacht hatte und qulte. Sie fhlte sich von Claudia beneidet und mit
schlechtem Gewissen geliebt. Sobald sie sie sahen, durchforschten Claudias
Augen sie eiferschtig. Dann hatte sie, in Gegenwart Fremder, diesen Ton,
der um Harmlosigkeit bat; und kaum waren sie allein, ward sie fast demtig.
Arme Claudia! Als ob du vor mir dich niedrig fhlen mtest. Vor mir!

Wie Claudias Salon ihr geffnet ward, schnellte dahinten vom Teetisch etwas
Schwarzes, Gelbes Zappelndes auf sie zu.

Ah! Guidacci.

Der kleine Priester trat zwischen sie und die anderen, tanzte vor
Freundlichkeit, zwang seine groen kranken Hundeaugen, an den ihren
festzuhalten, -- indes seine nervigen Hnde nicht wuten, ob sie ihre Hand
drcken oder durch die Luft fahren sollten, sein gelenkiger Mund alle die
engen gelben Falten seines Gesichtchens auf und niederri und sein Atem,
mit dem Geruch von Kellerluft, ihr ins Gesicht fuhr. Pltzlich:

Wen habe ich Ihnen mitgebracht, Contessa?

Und er machte ihr Platz. In diesem Augenblick bekam der Teetisch einen
kopflosen Sto, eine Tasse fiel ber Claudia, die aufschrie, -- und Lola,
die sich bleich werden fhlte, sah in ein Gesicht, das bleich war und
zuckte. Sie fand keinen Atem, ein inneres Stammeln geschah: Arnold, Arnold
--; und ihr Herz, mochte sie selbst ohne Regung stehen, beschrieb die
weite, zitternde Gebrde des Armen, der nach langem Darben und Nten des
Todes an einer Straenwendung auf seinen Wohltter stt. Sie dachte: Nun
ist alles gut. Jetzt wei ich, warum ich solche Nacht bestehen mute. Ich
habe ihn gerufen, er ist gekommen. O! jetzt wird sich's leben lassen. Ganz
hingegeben war sie der Gte des Schicksals; ihr Leben flte ihr, wie einen
neuen Atem, unverletzliches Vertrauen ein; -- und wie sie wach gerufen
ward, war's die eine Minute gewesen, in der Claudia sich das Kleid
getrocknet hatte. Claudia umarmte sie.

Das ist wohl eine angenehme berraschung, Lolina? -- flsternd, mit
zaghafter Andeutung, da sie verstehe. Die Augen des Priesters lchelten
fiebrig; er prete die Mundwinkel und fand den Platz nicht fr Lolas Stuhl.
Sie suchte, in pltzlicher Hast, ihr Tuch hervor und machte sich ber
Claudias Kleid her.

Er hat eine Tasse umgeworfen? Ja, ich erinnere mich, er warf immer Tassen
um . . .

Alle lachten, erlst und gutherzig. Unvermutet fing Lola, als entschdigte
sie ihn fr das Gelchter, auf deutsch an:

Und wo waren Sie seitdem? Haben Sie krzlich meine Verwandten gesehn? Ich
hatte einen Brief von Tini: sie ist jetzt Schauspielerin . . . Meine kleine
Cousine wollte Diakonissin werden und ist jetzt Schauspielerin,
wiederholte sie den beiden anderen; und deutsch weiter: Was fr Schicksale
eigentlich! Wer alles htte voraussehen knnen!

Claudia bemerkte, tief erstaunt:

Ich verstehe kein Wort.

Sie auch nicht, Herr Guidacci? Aber Sie kommen doch aus Deutschland?

Ja, Guidacci kam aus Deutschland. Ihm gefiel das Bier. berhaupt das
eigentmliche Leben der Lnder dort oben. Ah! reisen, etwas unternehmen.
Er hatte London bei Nacht durchforscht.

Er kennt keine Furcht! rief Claudia. So allein!

Ich habe immer meinen Freund in der Tasche; und er griff hin.

Ich wei, sagte Lola, Sie sind tapfer. In Prato, erzhlte sie Arnold,
vor zwei Jahren bei den Wahlen --

Und, ein wenig leiser, auf deutsch:

Sie wissen, in Prato sind viele Arbeiter. Herrn Guidaccis Besitzung liegt
in der Nhe. Er hat sich einmal mit dem Revolver gegen den ganzen Haufen
behauptet . . . Man spricht noch jetzt davon, setzte sie hinzu und kehrte,
mit einer keuschen Wendung, zur Sprache der anderen zurck. Der Blick des
kleinen Priesters hatte, gespannt wie ein Hund bei der Ftterung, seinen
Ruhm, Wort fr Wort, von ihren Lippen geschnappt. Kaum schien sie fertig,
zeigte er eine bescheidene Miene.

Das ist nicht der Rede wert. Jeder gute Brger kann jeden Tag in die Lage
kommen. Da, noch gestern: bei San Lorenzo sehe ich einen Kutscher nach
einem Kinde schlagen. Ich habe das Pferd zum Stehen gebracht, und der Mann
wird bestraft werden.

Ein Pferd zum Stehen gebracht? rief Claudia. Er hat sich darangehngt,
er ist geschleift worden, hat die Zhne zusammengebissen, und mit dem
Schaum des Tieres ganz bedeckt, hat er gesiegt!

Und mit ihren kleinen weichen Hnden malte sie alles in die Luft.

Was fr ein Held Sie sind, Guidacci! Werden Sie Ihre Tat nicht in Ihre
Zeitung bringen?

Nein: in der Zeitung berichtete Guidacci nur ber kirchliche Dinge; und es
strte ihn nicht, wenn in einem anderen Teil des Blattes die Priester
angegriffen wurden, brigens hatte er, als jener rohe Kutscher daherkam,
grade die Kirche San Lorenzo im Geist mit ihrer knftigen Fassade
geschmckt. Er hatte die Sache in Hnden, der Plan der Fassade war bei ihm
zu Hause, man konnte ihn ansehen.

Auch werde ich Ihnen sehr schne alte Stoffe zeigen, die ich aufgetrieben
habe.

Er besttigte Lolas Bemerkung: ja, in Ttigkeit war er immer; -- und er
hatte die geplagten Finger um den Sitz: nur bereit zum Aufspringen! So
viele fremde Freunde, denen er Florenz zu zeigen hatte!

Mein lieber Freund Arnold zwar kennt es besser als ich selbst. Wie froh
bin ich, da er mich nach Italien begleitet hat. Er selbst schien, als ich
ihn in Berlin wiedersah, traurig. Er werde Florenz nicht mehr betreten,
sagte er; wer wei, warum. Dann stellte sich heraus, da ich wie er Ihre
Freunde waren, Contessa . . . Ich hoffe, wir werden einmal alle zusammen
bei Digerini die Musik anhren? Lieber wrde ich Ihnen ein Theater
vorschlagen, aber das Kleid, das ich trage, verbietet es mir. Auswrts bin
ich frei; nur hier, wo man mich kennt --. Ah! von allem am schwersten
entbehre ich das Theater.

Und die Frauen? fragte Claudia begierig.

Der Priester hatte pltzlich ein tief stilles Gesicht. Aber die Finger, am
Stuhl, wanden sich angstvoll.

Den ganzen Tag ist er mit Frauen; die schnsten Fremden kennt er. Ich
glaube ihm nicht, da er das alles fr nichts tut. Es wird wohl manches
dahinter stecken. Ein Genie wie er, ist so tief. Nicht umsonst heit er der
galante Priester.

Er hob nachsichtig die Hand. Dann, fest:

Man mu verzichtet haben: und man ist fertig; alles ist gut.

Claudia seufzte.

Lola sah ihn an.

Sie sagen das, als ob es vom Willen abhinge.

Der Priester antwortete mit Schultern, Hnden und einem geduckten stummen
Lachen, da er nichts dafr knne, wenn die anderen sich nicht
beherrschten. Er begreife sie; sich nehme er aus. Er verurteile sie nicht;
einer wie er, habe zu leiden.

Lola verstand ihn. Heute war sie durch eigenes Leiden geschrft genug, in
ihn einzudringen. Einfachen Wesen konnte er wie ein gequltes Genie
aussehen. Aber er war nur einer, der sein Blut hatte unterdrcken, seine
Rasse hatte verkehren mssen. Alle diese, deren Geschlecht allzu wach war,
verlangten von ihm, da er seins abtte. Sie brauchten ihn zu ihrer
Ergnzung und Rechtfertigung. Er sollte statt ihrer fasten und rein sein.
Er war's; -- und da er vom Geschlecht nicht weniger erfllt gewesen war als
sie alle, war, was er erwarb, ein sehr leeres Glck. Er floh vor dem
Alleinsein, vor dem Stumm- und Migsein. Er reiste zwecklos, brach
Abenteuer vom Zaun, betubte sich ohne Geschmack an den Mitteln: nur um
sich leben zu fhlen, sich noch leben zu fhlen, nachdem das eine, grte
geopfert war.

Was ist's denn auch, sagte er, was ich opfere. Einmal habe ich einen
Hund aufgezogen: es machte mir wahre Leidenschaft; aber ich wurde darum
nicht zum Hundezchter. Alle diese Tiere gleichen sich.

Claudia lachte betroffen.

Sie vergleichen uns Frauen den Hunden?

Die Augen des Priesters funkelten, weil er sich rchte. Lola sagte
schlicht:

Sie vergessen, da die Seelen sich nicht gleichen.

Und er, berlegen:

Die Seele sehnt sich fort und wird erst im Himmel ihre Flgel entfalten.
Hier sind alle gleich. Der Leib ist ein Tyrann, der nicht nachgibt, der
keine Konstitution gewhrt und keinen Pakt eingeht. Jeder Mann will von
Ihnen dasselbe.

Lolas Blick verlie ruhig den Priester, ging zu Arnold und fragte ihn. Er
wollte sprechen; aber Claudia murmelte strmisch:

Es ist zu wahr, es ist zu wahr.

Und darum, fuhr der Priester fort, hat die Kirche recht, da sie keine
Scheidung zult. Mgen die Seelen sich scheiden; wer will sie hindern?
Aber den Krpern darf nicht ihr Wille geschehen, sie mssen sich beugen.
Damit das Fleisch demtig sei, darf es keine Scheidung geben.

Claudia sagte und nickte schwer:

Wir wrden sie nicht verdienen, Reverendo.

Erschttert go sie Tee ein. Wie sie Lola die Tasse gab, flsterte sie ihr,
mit erweiterten Augen, ins Gesicht:

Er wird mich umbringen; er hat mir gesagt, da er's tun wird. Aber er ist
mein Mann.

Guidacci fragte:

Wollte nicht ihr Gatte, Contessa, sich zum Abgeordneten whlen lassen, vor
zwei Jahren, als man meinte, uns drohe eine Ehescheidungsvorlage? Jetzt
kommt sie sicher; und er sollte sich seiner edlen Absicht erinnern.

Bei der Erwhnung Pardis sah Lola weg und errtete. Arnolds Blick machte
ihr Scham; sie fhlte sich ihm blogestellt.

Arnold rusperte sich, er begann mit bedeckter Stimme:

In Italien ist die Ehescheidung wohl wirklich nicht wnschenswert. Die
Leidenschaft wrde hier, trotz der Mglichkeit, sich zu scheiden,
Verbrechen zeitigen; vielleicht mehr als vorher. Diese Frauen wren der
unverhofften Freiheit mglicherweise nicht gewachsen . . .

Sie haben recht! sagte Claudia strmisch. Schlecht wrde es uns
ergehen.

Der Priester nickte wissend. Lola sagte, ernst lchelnd, zu Arnold:

Auch Sie?

Er verwirrte sich.

Sie, Contessa, vertreten in diesen Fragen natrlich das Land Ihrer
Erziehung und den Fortschritt Ihres Geschlechtes. Bedenken Sie nur, bitte,
da dem Fortschritt sein Weg von der Rasse gewiesen wird. Ein Teil der
italienischen Frauen wird vielleicht, lange vor den deutschen, das
politische Wahlrecht erlangt haben; und im Hause werden noch immer alle
Odalisken sein.

Claudia verwahrte sich. Nicht alles msse die Frau erdulden. Fhre der Mann
eine Geliebte unter ihr Dach ein, drfe sie's verlassen.

Das ist doch viel, Lolina, setzte sie hinzu, da wir das drfen?

Zu viel, erklrte spttisch der Priester. Er konnte nicht lnger
stillhalten. Er schrzte sein enges Kleid, lie sich vor dem Kamin nieder
und blies hinein.

Gleichviel, meinte Arnold, in dieser geselligen, vor allem ffentlich
empfindenden Rasse bleibt die ffentliche Freiheit immer wichtiger als die
private. Wir Deutschen reden uns, wenn wir an politischen Rechten rmer
sind, als irgend ein anderes Volk Europas, gern auf unsere innere Freiheit
hinaus. Was tut's uns, da wir in der rohen Welt der Erscheinungen Herren
haben, da wir ja innerlich ber alles hinaus sind und jeder fr sich, im
Kmmerlein, ein kleiner Knig, wohl gar ein groer, sind. Diese hier aber
sind selten im Kmmerlein. Sie steigen auf die Pltze hinab, reden
durcheinander, denken nur gemeinsam und durch Ansteckung und kennen, als
rechte Jnglinge, die noch mit Vernunft und Auge leben, keinen Unterschied
zwischen Gefhltem und Sichtbarem.

Claudia sah, fassungslos, auf Lola.

Wie diese Deutschen klug sind!

Guidacci kehrte mit trnenden Augen vom Kamin zurck und wiegte,
Kennerschaft heuchelnd, den Kopf.

Denn sie sind Jnglinge, wiederholte Arnold mit Liebe; ewige Jnglinge.

Lola lehnte sich zurck, sah irgendwohin, wo kein Blick den ihren kreuzen
konnte, und lauschte seiner Stimme, die sich befreite.

Geblht haben sie ein fr alle Male zur Zeit der Renaissance, als es galt,
jung zu sein, fr Freiheit, Schnheit und Liebe zu schwrmen. Darber kamen
sie nie hinaus. Nie konnten sie sich moralisch spalten und vertiefen. Von
unserer neuen Kultur geht nur die Technik sie an, nicht das Sittliche.
Skepsis erlernt sich nicht unter dem Hochdruck des Geschlechts. Sie macht
Leidenschaft hart; und macht sie hochherzig und romantisch. Voll
jugendlicher Widersprche sind sie, die uns rhren. Sie, denen auf ein
Leben so wenig ankommt, haben die Todesstrafe abgeschafft.

Spricht dieser Herr gegen uns? fragte Claudia.

Im Gegenteil, sagte Lola, er gibt Euch so viel Gutes, da ich's nicht
verantworten knnte.

Guidacci erklrte:

Diese Deutschen sind alle Philosophen und wissen stets zu beweisen, da
sie die ersten sind. Hat mir nicht in Berlin einer klargelegt, da von
jeher nur die Vlker Erfolg gehabt haben, die tchtig tranken?

Und Arnold:

Sie irren, mein Lieber: nicht uns wollte ich herausstreichen. Das
Wnschenswerte ist, jung zu sein, und Ihr seid es. Ich habe Euch zu danken,
denn der Aufenthalt unter Euch erleichtert und erfrischt mich. Und ich bin
berzeugt, Euch steht die Aufgabe bevor, unsern bermdeten Erdteil zu
erleichtern und zu erfrischen. Er wird genug bekommen von Innerlichkeit und
von Tiefe. Im Begriffe, am Geist zugrunde zu gehen, wird die Menschheit des
Nordens sich erneuern mssen durch die des Sdens: durch ihre gesndere
Animalitt, die sie vor den Verfhrungen und Lastern des Geistes bewahrt
hat. Es ist nicht wahr, da Ihr nur eine Blte gehabt haben sollt. Ihr
werdet nochmals blhen, sobald die Zeit Euch nochmals braucht. Und die
Menschheit wird glcklicher sein, wenn ihr reprsentativer Typus wieder der
Jngling ist!

Claudia ghnte. Sie entschuldigte sich.

Es ist so hei, da man mde wird. Was haben Sie denn fr einen Holzsto
errichtet, Reverendo? Bei dieser Frhlingsluft! Gleich zerstren Sie ihn!

Guidacci schrzte schon wieder sein Kleid.

Ich wollte nur zwei Scheite anznden, erklrte Claudia, zum Anblick fr
meine Besucher. Nun scheinen wir heute allein zu bleiben.

Aber da meldeten jugendliche Stimmen sich, und mit Botta an der Spitze,
brachen vier junge Leute herein. Claudia erwachte und begann, mit der
Kuchenschssel von einem zum andern, zu zwitschern und kleine weiche Mienen
zu rollen.

Und Sie, Cipriani, wann malen Sie mich?

Und aufs Fenster gesttzt, nahm sie eine Pose ein. Im schief gelegten
Kpfchen gab zum Gefunkel der Augen, die ihres eigenen Schmachtens
spotteten, der groe mrbe Mund kindischen neapolitanischen Singsang von
sich, den Cipriani nachahmte. Seine fleischige Nase rckte dabei hin und
her. Zwei leichte, ungeduldige Vgel hpften und girrten, eine halbe Minute
lang, auf demselben Zweig.

Cipriani ist noch bei der Lippi, sagte Botta; er malt gern reiche
Konditorsfrauen; das Bild wird dann s und verschafft ihm Auftrge.

Ich bin nicht Landrini, sagte Cipriani; und er machte den sen,
zitterigen Mund des alten Malers und seine gezierte Jnglingsmanier.

Sie kennen ihn doch, Contessa? . . . Was er am besten malt? Sich selbst:
aber in Natur . . . O, er war in London, hat alle Englnderinnen
portrtiert und viel Geld mitgebracht.

Botta schob ein, Landrini sei geizig. Er spare die Droschken und wische
sich, bevor er ein Haus betrete, mit einem Lappen die Schuhe ab. Neulich,
bei Valdomini, kam ich mit zwei andern darber zu, und, mein Wort, er war
so gefllig, auch uns die Schuhe abzuwischen. Ich ermahnte ihn, er solle
nur nicht drinnen statt seines Taschentuches den Lappen hervorziehen.

Und kennen Sie Musso?

Lola erfuhr, Musso sei ein Eisenbahnbeamter mit Leidenschaft fr
Geselligkeit. Jeden Unbekannten fragte er nach der Adresse und gab noch am
Abend seine Karte ab. Alle verschwanden, wenn er kam.

Aber auch vor Ihnen, Herr Cipriani, sagte Lola, luft man davon. Die
Prinzipessa Dora hat mir erklrt, wo Sie seien, werde sie keine Gedichte
mehr lesen.

Und seitdem werde ich zu jeder Gesellschaft geladen.

Merluzzo, lesen Sie uns Ihre neueste Novelle vor! verlangte Claudia,
hinterhltig. Sie haben sie nicht da? Da Sie auch nie Ihre Sachen bei
sich haben!

Cipriani raunte:

Aber gleich wird seine Mama kommen und die Novelle zufllig bei sich
haben.

Guidacci fing von seinem Freunde an, dem Leutnant Cav. Er schreibe
trostlose Briefe aus Sizilien. Allmhlich msse er ganz verwildert sein,
meinte Cipriani.

Gewi geht er mit einem langen Hirtenstab vor seinen Soldaten her.

Lola spottete lustig mit. Sie sind eigentlich sympathisch, dachte sie.
Sobald man sich nicht dazu zu rechnen braucht . . . Diese flchtige
kleine Menschheit umflatterte sie wie ein leichter, raschelnder Schleier.
Dahinter war sie mit Arnold allein. Seltsam, dachte sie, wir sitzen
unter lauter Freunden, im Lrm, sehen einander nicht an, und uns ist so
heimlich zu Sinn . . . Aber was ich jetzt fhle, kann doch nur sein Blick
sein? Rasch sah sie hin. Nein: er suchte unruhig und verlegen am Boden; er
sann darauf, wie er fortkme. Erschrocken schlug sie die Augen nieder. Ich
werde ihm vieles zu erklren haben!

Guidacci nahm Abschied; Arnold schlo sich ihm hastig an. Claudia wollte
Arnold nicht weglassen vor Herzlichkeit. Dann kam sie zu Lola; und als sie
Lola umarmte, sagten ihr Auge, ihr ganzer Krper, wie demtig froh sie sei,
da sie Lolas Nachsicht vergelten drfe. Sie drckte noch, ganz rasch und
heimlich, Lolas Hand sich aufs Herz und auf den Mund. Wie Mund und Herz
verschwiegen sein sollten!

Arnold stand vor Lola. Sie schluckte hinunter und brachte es nicht fertig,
ihn zu sich zu bitten, in das Haus des andern . . . Unschlssig ging sie
mit Guidacci zur Tr.

Ich werde Sie besuchen, wissen Sie, und mir den Plan der Fassade ansehen,
und Ihre alten Stoffe. Wann pat es Ihnen?

Zu jeder Stunde, Contessa, bei Tage und bei Nacht. Sie wissen, ich schlafe
nicht.

Ach, Sie knnen nicht schlafen? -- und weil sie dadurch Arnold noch
hielt: damit er nicht ohne ein Zeichen, ein Wort der Hoffnung verschwinde,
lie sie sich ausfhrlich Guidaccis nervse Erscheinungen berichten.
Pltzlich:

Ich habe nachgedacht. Um halb fnf bin ich morgen bei Ihnen.

Schnell, mit einem vollen, ganzen offenen Blick, reichte sie Arnold die
Hand.

Nun wei er, da ich ihn liebe!

                   *       *       *       *       *

Sie erstaunte, zu Hause und allein, wie sehr sie ihn liebte. Sie hatte das
nicht gewut. Ihre Liebe war wie ein Gebet gewesen zu einem Gott, an dessen
Dasein man nicht fest glaubt. Die Wirklichkeit ihrer Liebe berwltigte
sie. Arnold war gekommen! Ihr Rufen in der Nacht, ihr Komm! -- ein Wort
nur in die Luft, ein qualgeborenes Wort in dunkle Luft: und er war
gekommen; das Wunder war geschehen. Viel grer war's, als auf den ersten
Blick! Welten muten verlassen und gefunden werden, damit sie beide sich
treffen konnten. Er kam aus solcher Weite, da er wohl durch luftlosen Raum
kam. Wie ganz verloren war ich schon! Und dennoch: da er nun da war,
war's also bestimmt? War zuletzt ganz selbstverstndlich? -- und indes ich
so vieles litt, in denselben Stunden, ward in ihm der Gedanke an mich immer
grer, immer grer --, bis er kommen mute? . . . Alles war gut? Die
Qualen waren gut? Es ist zum Weinen und zum Lachen! Nein: zum Staunen
. . . Und jetzt wei er, da ich ihn liebe. Und ich sitze hier in
Sicherheit und Ruhe.

                   *       *       *       *       *

An Guidaccis Tr war die kleine Pierina. Ihr Bruder msse gleich kommen.
Aber sie zgerte, sein Arbeitszimmer fr Lola zu ffnen.

Ein Herr ist drin.

Es tut nichts, sagte Lola; und:

Ah! Sie!

Sie reichten sich die Hnde und blieben einander gegenber, ohne ein Wort.
Lola fhlte, da Pierinas schwermtig spttischer Blick schon begriffen
habe. Sie wandte sich zu ihr, um nach ihren neuesten Zeichnungen zu fragen,
und sah in ein rasch verschlossenes Gesicht. Die schwarzen Brauen unter dem
harten schwarzen Haarkamm zogen sich zusammen, finster und einsam; der
schwere Mund stand fhllos etwas offen; in der grobkrnigen Haut sah eine
kleine weie Narbe aus wie die Verletzung eines Steines. Das Mdchen neigte
fragend das Ohr hin. Endlich, beglckt, sich aufschlieend: ihre
Zeichnungen -- o ja! Und sie ging, sie zu holen.

Sie saen zu beiden Seiten des Schreibtisches, eines geistlos geschnitzten
Mbels mit vielen Frauenbildnissen darauf. Die Photographien warfen sich in
einer Garbe die Wand hinan; unter dem Portrt des Papstes hing eine weit
ausgeschnittene und lchelte, wie er. Hellgrne, schmalbltterige Gerten
stiegen aus Tpfen lustig durch den engen Raum; und zwischen ihnen am Boden
lagen leere Strohflaschen bereinander gestrzt. Ist es nicht ein
reizendes Zimmer? dachte Lola. Darin sitzen nun wir beide, ganz allein.
Die Sonne scheint herein. So ist es gekommen. Sie sah nichts mehr; die
Augen standen ihr voll Trnen. Rasch verlie sie den Stuhl und kehrte sich
nach dem Fenster.

Warum so stumm? fragte sie, ohne ihr Lcheln ihm zuzuwenden.

Contessa -- mit ungeflliger Stimme.

Lassen Sie den albernen Titel!

Sie sah ihn an. Auch er war aufgestanden; er verneigte sich und wich ihrem
Blick aus.

Ich bin froh, Sie unter Freunden, so glcklich zu finden.

Sie schluckte angstvoll hinunter. Dann lchelte sie strker. Natrlich! er
glaubte ihr noch nicht. Zweifelmtig und unsicher war er, wie je. Ich
werde ihn zur Vernunft bringen mssen. Diesmal ist's meine Sache allein.

Da kam die Kleine mit den Zeichnungen; dann Guidacci. Er entschuldigte sich
instndig, zhlte seine Beschftigungen her, kehrte immer zu einer
sterreichischen Baronin zurck, die ihn Florenz erst kennen lehre.
Besser, als aus den Bchern. Ach ja, -- und Lola fiel es auf, da in
diesem priesterlichen Arbeitszimmer kaum ein Buch lag. Guidacci schickte
seine Schwester mit Auftrgen fort; er sprach mit ihr nicht lauter, sie
mute ihm auf den Mund sehen und verstehen. Dann holte er den Plan der
Kirchenfassade hervor und, mitten in den Erklrungen, die alten Stoffe.
Dazwischen: er war seit heute ganz gesund; er nahm Brom, und alles war gut.

Etwas Wunderbares! Wenn ich's frher gekannt htte!

Man mute die Stoffe ber seinem Bett sehen.

Warum lassen Sie keine Decke daraus machen?

Das ging nun wieder nicht.

Das Kleid, das ich trage --

Und er fhrte seine Gste in den Salon. Pierina hatte das Tischchen
hergerichtet.

Wie? Der Vino Santo! Ja, ich bereite ihn selbst, er ist von Monte Turno.
Sie mssen mich dort besuchen, wir fahren eines Tages zusammen hin, alle
vier. Versprechen Sie's mir? Beide?

Da Lola das Gebck mit erhobener Stimme lobte, lchelte er unzufrieden, und
Lola verstand. Niemand hatte zu merken, da Pierina nicht gut hrte. Es war
ungesellig, taub zu sein, und darum schndete es fast . . . Und zwischen
den weltlichen, hellblumigen Mbeln sprang die schlanke Soutane hin und
her, ffnete ein Fenster, zeigte im grauen Hof den Rosenschleier, pries das
Haus, seine Wrme im Winter, seine sommerliche Khle, und trieb die
Besucher durch die Rume. Aus einem sah man das schmale Gchen, aus dem
nchsten in einen Mauerwinkel von San Lorenzo. Kellerig frisch lagen ein
paar stille Zimmer am Rande des Rosenhofes. Sie waren zu vermieten: der
Priester rhmte sie Arnold, der ihm recht gab. Wie so wohl diese
klsterliche Ruhe tue, sagte er zu Lola. Sie empfand Eifersucht. Nicht dazu
sollte er hergekommen sein! Sollte nicht im Bereich von Menschen wohnen,
die ihn ihr nehmen wrden! Sie lenkte ihn auf die kleinen, sonnenleeren
Fenster, auf die Feuchtigkeit des Steinbodens; -- und sie lchelte fr
sich: jetzt frchtete er Krankheit.

Guidacci hatte keine Zeit, enttuscht zu sein; er tummelte sich zwischen
den Rosen. Fr Lola brach er einen Strau, und steckte Arnold eine ins
Knopfloch. Dann fhrte er sie in das Ezimmer, vor seinen Heiligen, den
Lorenzo des Donatello, aus der Sakristei seiner Kirche.

Wrde man glauben, da es eine Kopie ist?

Arnold neben Lola, standen sie vor dem Heiligen. Von seiner Truhe herab sah
sein menschlich gefrbtes Gesicht, etwas hher als ihre beiden sie an. Es
war schn: frei und mild, mit braunen Augen, die einen erkannten. Rosen an
der Brust, waren sie vor ihn hingetreten; -- und wrde nun nicht die Bste
ihre verlorenen Arme, ihre Hnde, die fest und gut sein muten, aus dem
Leeren heben, und sie segnen? . . . Lola ward zu Guidacci zurckgentigt.
Seine fiebrig lchelnden Augen hielten die Andacht keine Minute lnger aus.
Er hatte seine altjungferlichen Herrlichkeiten zu zeigen, seine
Ansichtskarten, seine Sammlung knstlicher Blumen. Und immer sprte Lola,
zwischen sich und Arnold, den schwermtig spottenden Blick Pierinas.

                   *       *       *       *       *

Als Lola aufbrach, reichte sie Arnold als letztem die Hand.

Wie kommt es eigentlich, da Sie mir, Ihrer ltesten Freundin, noch keinen
Besuch gemacht haben? . . . Sie sind erst seit gestern da? Mag sein. Aber
ich mu Ihnen doch mein Haus zeigen, mein Mann wird sich freuen. brigens
-- wie viel ist die Uhr? In diesem Augenblick treffen wir ihn. Wenn Sie
gleich mitkmen?

Sie stiegen in den Wagen; ihr klopfte das Herz; die Minute vorher hatte sie
nicht gewut, da sie so viel wagen werde.

Was haben Sie seitdem getan? fragte sie, kaum da der Schlag geschlossen
war, in Angst vor einem Schweigen. Er sagte mhsam:

Ich bin gereist . . .

Und pltzlich begann er zu erzhlen, irgend etwas, als schlge er ein Buch
bei einer zuflligen Seite auf.

Sie kamen an.

Mein Mann nicht zu Hause? Das wundert mich. Eine Stunde vor dem Essen ist
er immer in seinem Zimmer zu finden.

Seit jenem Auftritt a er nicht mehr zu Hause. Lola war rot von ihrer Lge.
Wie Arnold noch immer in der Haltung eines Fremden durch die Zimmer
mitging, emprte sie sich. Er sollte doch fhlen, da ich's hier sehr
schwer gehabt habe! Denkt er nicht daran? Wozu ist er gekommen? Sie hatte
Lust, die Tr zum Schlafzimmer aufzureien: Aus dem Fenster dort wre ich,
zwei Nchte sind's her, fast hinausgesprungen: um deinetwillen! Er begann
wieder von dem groen Bildwerk, drauen am Hause. Sie mute ruhig
antworten, mute ihm vom dieser Jungfrau, diesem Engel sprechen, als ob sie
ihr nicht furchtbar gewesen wren, als habe sie unter der Botschaft, die
jene brachten und empfingen, wie unter einer Drohung und einem Hohn, nicht
bitter geweint. Sie fragte schroff:

Wollen Sie hin, sie aus der Nhe sehen?

In der raschen Dmmerung ging sie ihm voran, hinab in den Saal, ffnete die
Fenstertr und blieb wortlos stehen. Er trat hinaus, kehrte zurck, sprach
Abbrechendes, schwieg ganz und wendete ihr, mit einem Ruck, die Augen zu.
Sie sahen sich in die verschlossenen Gesichter. Lola dachte: Es war
Irrtum; wir haben uns zu viel vorzuwerfen. Zu spt. Das Leben ist nicht
anders . . . Sagte ich ihm das nicht schon einmal? Damals?

Auch von den Portrts sind manche sehenswert. Ich werde Licht bringen
lassen.

Aber diese Beleuchtung ist sehr interessant, sehr eindrucksvoll. Noch den
Kopf dort werde ich ansehen und dann gehen.

Wieder fiel, wie in ihrer ersten Abendstunde bei diesen Bildern, von drben
der weie Schein auf die Wand, und wieder sahen jenes vergangenen Knaben
braune gewlbte Augen herber, die sein Fleisch betrauerten. Die Stirn, die
sanfte Wange neigten sich dem Schatten zu, als wollten sie sich ganz von
ihm berziehen lassen. Lola war ihm einst begegnet, dort drauen, zwischen
den Hgeln im letzten schwachen Glanz, auf Steinen. Er hatte sich ihr
geneigt, die arm, hlich und fremd war; hatte sich zu ihr gelegt . . . Sie
senkte die Stirn. Ungesehen im Dunkeln errtete sie. Da stand er vor seinem
Bilde, vor dem Bild seiner Seele! Noch stand er und gleich wendete er sich.
Sie hatte ihn ertrumt. Sie hatte von ihm die uerste Freude ertrumt: ein
Kind. Das war geschehen: so sehr gehrte er ihr. Und er wrde gehen, nichts
wissen, wortlos sollte alles vorber sein. Die Angst vor dem ewigen Dunkel
packte sie. Sie erzwang sich Atem. Fast stimmlos:

Ich bin nicht glcklich. Sie hatten recht, mir abzuraten.

Er machte einen Schritt, hielt an.

Ich frchtete es, sagte er gepret.

Konnte ich anders? Vielleicht, ja. Ich bekenne; ich mute die bessere
Liebe whlen. Nun bin ich unrein geworden und be.

Sie beugte sich tief ber sich selbst. Die Trnen brachen brennend aus. Er
lie sie in den Sessel nieder und stammelte, vor ihren Knien, Bitten um
Verzeihung.

Ich bin schuldig, da wir uns versumten. Ich mute strker sein. Wie Sie
gelitten haben! Ich schmecke Ihre Trnen. Alles Eitle ist hinter mir. Ich
war eitel: aber nun habe ich in mir nur Ihre Trnen. Was ich selbst litt,
ist nichts mehr. Wie ich Ihre Trnen stillen kann, ist alles. Vertrauen Sie
mir denn noch? Verachten mich nicht?

Verachten, Sie? Glauben Sie mir also meine Reue nicht? Wie soll ich sie
Ihnen beweisen? Soll ich Ihnen die Hnde kssen?

Er entri sie ihr und schlug sie vor sein Gesicht. Er neigte den Kopf, und
sie neigte ihn; ihre Stirnen berhrten sich zitternd; sie weinten.

. . . Da ich dich wiederhabe! sagte sie, die Hnde mit Leidenschaft um
seine Schlfen. Nur wissen will ich, da du an mich denkst. In deiner Hut
sein. Sage mir, ob du mich nie vergessen hast. O! du konntest es nicht. Du
warst bei mir, ich fhlte es!

Ja. Denn ich bin gar nicht gereist, es waren Lgen. Die weite Welt, die
Sie mir vorgezogen hatten, schien mir hassenswert. Sie waren meine letzte
Enttuschung, und meine tiefste. Das einzige Geschpf, das meine Sprache
verstanden hatte, verschmhte es, mir in ihr zu antworten. Ich war allein
wie nie vorher. Die Einsamkeit war auszuschlrfen, wie ein eisiger Bergsee.
So wollte ich's. Ich wollte nicht reisen, mich nicht zerstreuen. Ich hatte
doch nur Wert, meinte ich, wenn ich bei mir blieb, den Schmerz und die
Sehnsucht, die ich von Ihnen hatte, gesammelt lie. Die feenhafte Pracht
des einsamen Leidens, die Eisgrotten und Schneefelder, durch die Sie mich
schickten, waren zu erproben, zu genieen. Sie sehen, da ich eitel war.
Mich ekelt's, gedenke ich dieser Selbstsucht. Ich war nur darauf aus, von
Ihnen, vor der ich demtig gewesen war, den Nutzen groer Gefhle zu
ziehen, und nun Sie zu demtigen vor meiner Seele. Ich dachte, mich an
Ihnen zu rchen. Meine Kunstgebilde waren allzuoft Rache . . . Aber ich
konnte nicht; was mich rettet, mich Ihrer Verzeihung wrdig macht, ist nur
dies: da ich nicht konnte, weil ich Sie liebte. Denn ich liebe dich!

Sie erriet diese Worte; er sprach sie mit versagender Stimme, bewegte den
Kehlkopf, als sei er ausgetrocknet; und in seinen Augen stand Angst.

Mit Ihnen zum erstenmal ward ich nicht fertig, ich habe aus Ihnen meine
Sache, mein Werk nicht machen knnen. Sie erfllten mich zu sehr und
machten meine Hand zittern. Mein Blick ward verdunkelt von Ihrem Schatten.
Sie waren in mir, faten mein Herz an, und der Arm, der bilden sollte, sank
mir. Ich konnte nur zu Ihnen sprechen, in meine Tiefe hinabsprechen, mit
Ihnen kmpfen, Ihnen erliegen, Sie um Gnade bitten und endlich, gebrochen,
mich Ihnen hingeben und Sie lieben. Dich nur lieben.

Und ich! Gerade so, gerade so habe ich dich in mir gefunden und habe zu
dir gesprochen. Gefrchtet habe ich dich, einmal gehat. Und doch, ohne
dich, der mir verzieh, mit seinem Hauch mich umgab, auf seinen Gedanken
mich trug, wre ich verdorben und untergegangen. Lieber! weit du nicht,
da ich viele Monate allein mit dir gelebt habe? Du mut es wissen.

Vielleicht war's die Zeit, da ich dir so viele Briefe schrieb. Schrieb ich
sie? Oder ertrumte sie nur mit wachen Augen?

Wie ich deine! So empfingst du sie doch! Hast mich nie verlassen! Wie ich
dir danken mu! Was wre ich jetzt ohne dich? Nie werde ich dir alles sagen
knnen. Ich bin deiner nicht wrdig.

Sie neigte das Gesicht in die Hnde. Hastig, mit Beben richtete er sie auf.

Ich habe mich zu beugen, ich, und allen Stolz gutzumachen. Denn ich war
stolz auf meine Einsamkeit, die doch nur Schwche war. Nicht aus Strke
stehen wir allein, ohne ber ein anderes Wesen unsere Hand auszustrecken.
Jetzt bin ich gebrochen und dennoch erstarkt. Sehnsucht tat es. Ich bin
dein. Mache aus mir, was du willst!

Unter seinem zitternden Geflster zog sie sich weiter in den Sessel zurck,
machte sich steif und drckte die Lider zu, als erleide sie Gewalt. Sein
Kopf sank auf ihre Knie.

. . . Aufschreckend trennten sie sich. Er tat ein paar Schritte, blieb
stehen und sah umher.

Seltsam!

Ist nicht das Damals seltsamer? fragte Lola. Damals, als wir uns trafen?
Wie seltsam ist alles, was war! Die alten Bilder dort, bedenken Sie, waren
Menschen, lebten und hatten eine Welt, die von uns nichts wute. Und so
wenig wuten wir, wuten die, die damals wir waren, von uns, von dem, was
wir nun doch sind. Ist es zu glauben, wie blind, wie fremd uns selbst wir
waren? O! die unwissende, die grauenhaft kindische Vergangenheit.

Aufatmend:

Sagen Sie mir noch einmal, da ich Sie nie verlieren werde!

Er kam und nahm ihre Hand. Lange hielten sie ganz still.

Jetzt mssen Sie gehen, sagte Lola, ohne sich zu bewegen.

Als er fort war, schlo sie die Augen. Ihre Hand fhlte noch immer seine.
Sie lchelte furchtsam: ist das mglich? war es wirklich? und wnschte
sich, nie mehr die Lider zu heben.

                   *       *       *       *       *

Haben Sie gewut, wie es mit mir stehe? fragte Lola tags darauf. Wuten
Sie, da ich Sie erwartete? O, ich wagte wohl nicht zu hoffen; -- aber da
ich Sie doch erwartete?

Er wehrte ab.

So stark fhlte ich mich nicht. Ich nahm nicht an, da mir ber Sie noch
Macht zustnde. Ich glaubte mich von Ihnen verurteilt und unterwarf mich.
Habe ich Ihnen nicht gesagt, da ich niemandem zumute, mich sehr lange zu
ertragen? Schon lngst ertrage ich selbst mich blo noch, weil ich mu. Und
ich verstehe nur schwer, wie andere sich nicht satt, in Jahrzehnten nicht
satt bekommen, wie sie sich herumfhren, sich immer wieder den Leuten
anbieten, ihre seelischen Gebrden immer wieder abspielen mgen vor
Menschen, denen sie schon bekannt, von denen sie einmal durchschaut und
erledigt sind. Was hatten Sie noch in mir zu entdecken?

Da Sie mein sind, sagte Lola.

Er atmete auf.

Ja. Da ich nicht mehr mir gehre: nicht mehr diesem nie abgelsten
Tyrannen, den man endlich nicht ohne Emprung sehen kann. In Qual und Kampf
hat man ihm gedient, mit dieser Kunst, die Verherrlichung ist des Ichs; --
und nun, welche Erlsung wird man des Herren Herr. Er dankt ab; frei whlt
man einen anderen. Man liebt.

Von Scham verwirrt, sah sie zu Boden.

Ich verdiene es nicht.

Aber Hoffnung? -- und er lchelte erstaunt. Hatten Sie mich nicht
schwach gesehen? Und -- andere so viel strker?

Sie sah, mit ihrem hastig bittenden Blick, da er errtet war. Wie ich ihn
liebe fr diese Scham!

Ich glaubte, Sie htten nun bei anderen die Heimat gefunden, die Sie
suchten. Ohne die sinnlose Dringlichkeit Guidaccis htte ich Sie schwerlich
wieder gesehen.

Sie erschrak.

Sie konnten glauben, ich sei hier zu Hause? Sehen Sie mich doch an: sitze
ich nicht wie in der Halle eines Hotels? Sitze ich nicht auf meinem Koffer?
Sie wuten doch, da --

Auch sie hielt jenen Namen zurck.

-- diese anderen mir innerlich nichts zu geben hatten.

Den Kopf gesenkt:

Nichts als Schande.

Und aufgerichtet, bla vor Zorn ber sich, vor Drang, zu offenbaren, sich
preiszugeben:

Sich bei Menschen, die nur das Betastbare, nur Krper kennen, zur Sklavin,
zu einer Sache zu machen --!

Sie sahen sich in die Augen; Arnold zuerst schlug sie nieder.

Und in Nachteil zu kommen gegen alle, sagte Lola bitter, weil alle
weniger Gewissen haben. Mein Mann betrgt mich, aber kann ich's ihm
erwidern? Ich wute voraus, was ich tat, mein Trieb zu ihm war nicht blind
wie seiner zu mir. Was diese hier nicht bindet, mich bindet es. Und ich
habe den Sinnen ein fr alle Male das Ihre gewhrt; ich verachte sie. Mir
ist oftmals, als verachtete ich das Glck selbst; als wnschte ich mir auch
von Ihnen nur Leiden.

Er sagte mit wankender Stimme:

Sie sind krank; knnte ich Sie heilen!

Sie schwiegen. Ein Glockenton sprang munter herbei; barsch holte ein
anderer ihn ein; und singend und drohend strmten viele durcheinander. In
den englischen Gru hinein sprach Lola, leise und klar:

Wir wissen beide, nicht wahr, da wir uns nie gehren werden.

Das Getmmel der Klnge lichtete sich; der letzte ging drhnend unter.
Beide bleich, saen Lola und Arnold, aus ihren Sesseln ein wenig
vorgeneigt, in einer schneidenden Stille sich gegenber.

Da, Lola zuckte leicht auf, stand im Trvorhang Pardi und sah ihnen zu. Er
trat heraus, den Blick noch immer vom Sphen fest. Bei seinem Lcheln, sah
Lola, hatte er die Zhne hart geschlossen; -- und dann sagte er, als
bedchte er's nicht, und dennoch hhnisch:

Ein alter Bekannter! Sie haben den Weg zu uns gefunden, mein Herr?

Und wie geht es meinem Freunde Gugigl? Ich bedaure noch immer, da aus
unserm Duell nichts geworden ist.

Er lachte.

Nchst ihm erinnere ich mich am liebsten eines schnen Mdchens im Dorf.
Wie leicht man diese deutschen Weiber bekommt!

Er klopfte Arnold aufs Knie.

Sie mten sehr ungeschickt sein, mein Lieber, wenn Sie jemals mit einer
lange vergeblich beisammen sen.

Arnold stand auf; er verbeugte sich vor Lola, die starr dasa.

Sie gehen? fragte Pardi. Ich begleite Sie. Ich erzhle Ihnen eine ganz
frische Skandalgeschichte. Der Leichnam des Liebhabers ist noch warm: Sie
sind grade rechtzeitig zu uns gekommen . . .

                   *       *       *       *       *

Bei Arnolds nchstem Besuch trat Pardi laut und rasch dazwischen.

Hier sprach man von Napoleon? Ah! Napoleon, welch groer Mann! Und die
Hand am Kragen, der ihm zu eng ward: Wre diese Zeit nicht so klein!

Arnold sagte prfend:

Ich bewundere den Kaiser nicht. Viel eher den General Bonaparte, da er,
ein strenger Befreier, durch entzckt erwachende Lnder strmte. Damals
krnte ihn ein Ideal. Spter, als verfetteter Schauspieler der eigenen
Gre, hatte er nur mehr sich selbst. Das ist wenig, sei das Ich noch so
gro. Man mu den Helden hinter sich haben und verstehen, da er wichtig
erst durch Liebe wird.

Arnold sa sinnend. Pardi berflog ihn mitrauisch; dann legte er sich, die
Hnde in den Taschen, im Stuhl hintber und summte zur Decke. Lola fand
Arnold beleidigt durch des anderen Haltung, durch seine Gedanken; sie
fhlte sich schambeschwert, weil beide vor ihr beisammen waren. Sie wagte
Arnold nicht anzusehen; der andere war die greifbare Mahnung ihres
Unwertes. Und alles, was in Arnold entstand, war Liebe! Seine Worte hatten
nicht sich und sie gemeint: und doch war jedes gefrbt von seinem Gefhl.
Pardi sprte es heraus; er ahnte sich dunkel gefhrdet, fand nichts, worauf
er die Hand htte fallen lassen drfen, und rchte sich durch kindische
Unart. Er fing von Leuten an, die Arnold nicht kannte, griff zu
Angelegenheiten des Hauses und verlangte eine Rechnung zu sehen. Wie Arnold
ging, tat Pardi erstaunt, als habe er ihn lngst fort geglaubt.

Mehrmals berwachte er ihr Zusammensein und zerstrte es. Lola vermutete,
er habe Spione im Hause; sonst htte er nicht so pnktlich da sein knnen.
Sie sah ihn ghnen bei diesen Dingen, zu denen er keine Beziehungen hatte,
sein Auge argwhnisch aufschrecken, -- und dann mischte er sich plump ein.
Er wurde fast plump in seiner falschen Rolle. Lola rief ihn sich zurck,
wie er gewesen war, als er ihr glnzend schien, fand ihn nicht wieder und
bemitleidete ihn: wie man ein Tier bemitleidet, weil es nicht wei,
wahllos, ohne Widerstand gegen sich selbst ist, unter seinem Blute leidet
und keine Seele hat. Aber helfen konnte sie ihm nicht, konnte ihn nicht
lehren, da er fr das, was sein war, ihren Krper, nichts zu frchten
hatte. Sie wandte ihm ein kaltes Gesicht zu: er mute dulden, denn sie war
ihm treu. Und sie lie ihn unterbrechen, das Gesprch an sich reien, ohne
da ihr Ungeduld kam. Es war genug, da dort, gleich vor ihren Knien,
Arnold sa. Er wute von ihr! Ohne nur mit dem Blick sich zu berhren,
waren sie tief ineinander versenkt, -- indes der andere sich abarbeitete,
sie getrennt zu halten.

Eines Tages war er frher da als Arnold und verlangte, da sie sich fr ein
Konzert fertig mache.

Ich gehe nicht, ich erwarte Arnold.

Als ob das ein Grund wre! Vielmehr ist's einer, auszugehen. Seine Besuche
fangen an, aufzufallen. Du tust, als knntest du dir das gar nicht denken.

Bist du nicht der Mann, eine falsche Meinung zu beseitigen? So tapfer, und
einer Meinung gegenber feige? Denn du weit, was ist, und da ich ihn nur
unter deinen Augen sehe.

Wei ich's?

Sie trat heftig vor.

Wage nicht, diese Sache zu verdchtigen! Er ist zu gut, als da ich ihn
--

Sie ma den Mann. Sie hatte sagen wollen: -- als da ich ihn dir zum
Nachfolger geben mchte.

Du kannst das nicht verstehen, sagte sie khl; aber sei ruhig: du darfst
es sein.

Ich werde euch zeigen, wie ich ruhig bin!

Er keuchte; seine niedergestoene Faust zitterte. Auf einmal spaltete und
krmmte sich sein Mund, vor Wut leidend, wie das Maul einer pfauchenden
Katze; den Augen entwich die Besinnung; alles zu lange Verhaltene brach aus
den pltzlich zerrissenen Zgen.

Ich werde so ruhig sein, da ich euch beiden den Hals umdrehe!

Er nahm vom Tisch eine Tonfigur, schlo die Faust, -- und zu Boden rann
Staub.

Ah! Du hast geglaubt, das gehe mit mir? Sie hat es geglaubt! Ich bin dir
nicht recht, du magst nicht mit mir schlafen: deine Sache, ich trste mich.
Aber wehe, nimmst du einen Liebhaber! Er ist einer; sage nicht, da er's
nicht werden soll! O, ich wei, du bist eine verlogene Fremde. Eine Frau
meiner Rasse wrde wohl mir, aber nicht sich selbst vorlgen, da dieser
nicht ihr Liebhaber werden soll. Wenigstens wre sie eine grade Dirne, und
du bist eine krumme. Ich, ein Ehrenmann, verachte dich! Was nicht hindert,
da ich meinen guten Ruf verteidige und mit Euch beiden, treffe ich Euch
das nchste Mal beisammen, ein Ende mache!

Er war hinaus. Lola zitterte und wute sich bleich. Er ttete sie und ihn!
Sein Gesicht war furchtbar gewesen. Wie sollten sie ihm entgehen. Welche
Worte konnten ihn beschwichtigen. Sie fhlte sich feige. Sterben? Jetzt, da
Arnold gekommen war, sterben? Ihn nur wieder gefunden haben, um ihn und das
Leben zu verlieren? Ich kann nicht! Ich kann nicht ein Leben lassen, in
dem er ist! Hin zu ihm! Fliehen!

Vergesse ich? Ich bin gebunden. Es wre vergeblich, zu fliehen; ich wrde
nicht ertragen, feige gewesen zu sein und verraten zu haben. Und ich habe
kein Recht, keins. Er, der uns tten will, hat Rechte: ich nicht. Es ist
nicht genug, da ich treu bin; ich darf ihm nicht den Verdacht auferlegen,
ich sei schuldig. Nicht einmal flschlich darf ich ihn entehren. Ich mu
leben, wie die unreine Beschrnktheit um mich her es will; denn ich habe
mich ihr verkauft fr Lste; und ich darf Arnold nicht wiedersehen.

Sie rang.

Aber ich leide tdlich. Arnold wird mir nicht glauben, wird mich fr
falsch und wankelmtig halten und mich verachten. Ich selbst soll mich ihm
verleumden? Das ist mehr, als jener von mir fordern darf. Ich nehme ihm
einen Ruf, den er nicht verdient; er aber nimmt mir das Leben, wenn er mir
Arnold nimmt!

Aber sie wute, unerbittlich:

Ich darf ihn nicht wiedersehen.

                   *       *       *       *       *

Sie schrieb es ihm; -- und unfhig, den Tag zu sehen, in den er nicht
treten sollte, schluchzte sie in ihrem verdunkelten Zimmer. Angst, lebendig
begraben zu sein, erstickte sie.

Und ich hielt es fr ein Glck, als er kam! Hierher fhrte das Glck! Wre
er nicht gekommen ich wre gesunken, htte vergessen und litte nicht mehr.
Wre er nicht gekommen!

Claudia war da und lie sich nicht abweisen. Sie sah hinter alle Tren;
dann leise, und wichtig:

Ich habe einen Brief.

Lola stieg steif im Bett auf.

Du scherzest? Tue es nicht!

Lolina! Kleine! Sieh her!

Die Hand, die Lola hinstreckte, griff daneben; beim Lesen mute sie die
Zhne zusammenbeien, damit sie nicht klapperten. Pltzlich lie sie sich,
aufseufzend, zurckfallen.

Du lchelst wie ein kleines Mdchen, sagte Claudia. Er liebt dich wohl
sehr?

O, sehr.

Die Augen geschlossen:

Willst du mich fr heute allein lassen, liebe Claudia? Ich bin von der
Aufregung noch schwach.

Er glaubte ihr! Er verstand, da sie jenem andern gehorchen konnte und
dennoch ihn lieben, nur ihn. Und er war bereit, sie zu lieben: von fern,
ohne Hoffnung auf einen Druck, einen Blick, ohne noch in die Welt
hinauszugehen, deren Bild er nicht in ihrem Auge auffangen durfte, --
eingeschlossen fr den Rest seines Lebens mit dem Gedanken an sie! Sie
sollte, war auch sein Leib verschwunden, fr immer mit seinem Worte leben.
Schon hatte sein Wort ihr Licht und Atem zurckgegeben.

Seine Briefe zu holen, ging sie zu Claudia.

Er schreibt und schreibt, sagte Claudia. Was bleibt euch noch zu
sprechen, wenn ihr euch seht?

Ich sagte dir doch, da wir uns niemals sehen.

Aber seine Briefe kommen aus der Stadt!

Und doch sehen wir uns nie, nie. Wenn du seine Sprache verstndest,
knntest du's in seinen Briefen lesen.

Claudia lie die Lippe fallen; sie sah aus, wie ein zurckgesetztes Kind.
Pltzlich warf sie Lola die Arme um den Hals.

Also, ich glaube es!

Wenn sie das Vertrauen der Freundin nicht genieen sollte: sie fgte sich!
Sie diente ihr dennoch! Das kam ihr zu, und Vertrauen war sie nicht wert,
sie, die der Freundin den Gatten genommen hatte! Lola verstand; sie umarmte
Claudia schweigend, wie ein unschuldiges Tier, das einen liebt, und dem man
sich nicht erklren kann.

Es ist sehr gut, sagte Claudia, da du deine Briefe nicht bei dir
aufbewahrst.

Da ich tglich meinen Schreibtisch durchsucht finde! Da Pardi sogar auf
der Post nach Briefen fragt, die fr mich lagern! Da meine Jungfer das
Futter meiner Kleider auftrennt und ich mich nicht ausziehen kann ohne das
Auge eines Spions am Schlsselloch!

So sind sie, besttigte Claudia; so ist auch meiner. Und darum, Lola,
sind deine Briefe auch bei mir nicht sicher. Mein Mann wird mich tten, ich
wei es. Sieh hier meinen Hals: das Rote, Geschwollene ist die Spur seiner
Finger. Es war nur ein Verdacht, ich habe ihn noch besnftigt. Aber einmal
wird er nicht wieder loslassen . . .

Claudias Gesicht war von Schicksal steinern.

Und wenn dann nicht er das Versteck mit deinen Briefen findet, finden's
die anderen, die nach solchem Unglcksfall in ein Haus kommen . . . Lolina,
du mut die Briefe verbrennen.

Lola senkte klagend die Stirn.

Aber als das Opfer vollzogen war, ward ihr, inmitten des Schmerzes, fast
heiter. Das letzte Sichtbare, den Fremden Greifbare war aufgelst. In
diesem tglich verbrannten Stck Papier, auf dem seine Hand gelegen hatte,
ward tglich der Krper berwunden. Was blieb, war Geheimnis und Seele. Von
einem Entrckten wute Lola Worte, die seine Stimme nicht gesprochen hatte,
und die kein Auge ersphen konnte. Wieder flo eine Geisterwelt lautlos
durch die wirkliche. Im Park der Cascine kreuzten sich die Wagen, immer
dieselben, immer der Vitali, zwischen seine zwei Damen eingeklemmt, zwei im
Vorberjagen aufwehende, leichtfarbige Gebilde aus Federn und Spitzen;
immer die reichgewordenen Ladenbesitzer mit ihren dicken Frauen auf ihren
Karren und die jungen Leute auf den ihren, mit ihren Kokotten; immer in den
stattlichsten Karrossen ein safrangelbes Gesicht, bse aus Pelz heraus. Und
immer Lola, dunkel gegen den perlgrauen steilen Fonds, den leidenden Glanz
des Blickes unbeteiligt vor sich hin, auf die Rcken ihrer schwarzen
Livreen. Nie mischte ihr Blick sich in das Durcheinander der Fugnger. Der
eine, wute sie, war nicht darunter. Unter alten Bumen, in einem
verlassenen Gartenhause am Ende des desten der brckelnden Pltze dort
berm Flu: in einer Welt, zu der kein Steg fhrte, die Lola nie betreten
wrde und aus der sie dennoch ihren Atem herleitete, weilte er und wute
von ihr. Nun hinter seinen Bumen die Sonne zerflo, erblickte sie ihn auf
seiner Schwelle. Sein Kopf, die breiten Schlfen vorgeneigt, sank tiefer in
die Hand, die ihn hielt. Sein Krper erschlaffte: sein Blick schwamm am
Boden. Aber da zitterte ber der Spitze der Zypresse der erste Stern; blaue
Pfade entlang tnzelten Mondfe; -- und er hob die Augen, und in weiem
Mondlicht zeigten sie ihr Bild. Er sah in Lolas Gesicht und sagte: Auch
du? Leidest auch du? -- Ich leide; aber ich bin stolz darauf. Schreibe
mir nicht mehr, du Lieber! Ich will dir nicht mehr schreiben; will nicht
mehr die Hand auf ein Stck Papier legen, das du kssen kannst, und deine
Schriftzge nicht mehr an Augen und Lippen fhren. Es ist zu viel, es ist
Snde. War nicht reiner, unser wrdiger, jener geisterhafte Sommer, als
wir, die Seelen voll voneinander, uns sogar der Hoffnung auf ein Zeichen
enthielten?

Musik schreckte sie auf. Auf dem runden Platz hielten alle Wagen. Junge
Leute traten an ihren Schlag.

Contessa, man sieht Sie wenig. Wieder die Nerven? Sonderbar, da Sie unser
Klima nicht vertragen . . . Aber Sie wissen doch, da Ihr Gatte dem Brocca
hunderttausend Franken abgewonnen hat? Gestern nacht. Und dem alten
Geizhals geschieht recht. Jetzt ist's an ihm, die Taschen aufzuknpfen. Vor
kaum acht Tagen hat er Ihren Gatten wegen lumpiger Fnftausend auf offener
Strae bedrngt. Er soll unhfliche Ausdrcke gebraucht haben, -- und Pardi
sah die Damen Vitali kommen. Ein Glck, da er Geistesgegenwart hat, Ihr
Gatte. Wenn der Alte schrie: >Das ist nicht ehrenhaft!< fragte Pardi:
>Sagten Sie ihm?< >Spielschulden zahlt man oder man wird ausgestoen.<
>Sagten Sie ihm?< So haben die Damen geglaubt, man spreche von einem
dritten. Ah! Ihr Gatte, Contessa: der erste Herr von Florenz!

Sie fingen an, ihr Winke zu geben. Solange sie Valdomini bevorzugt
glaubten, hatten sie Pardi geschont. Jetzt, da wieder jeder sich Hoffnungen
machte, gaben sie ihr zu verstehen, da sie einen Liebhaber brauchen, ihn
bald schon wegen ihrer Modistin und ihres Blumenhndlers brauchen werde.
Lola erfuhr von jedem Pachthof, den Pardi verkaufte. Sie ward darber
aufgeklrt, da das Schlo San Gregorio, als sie den vorigen Sommer darin
gewohnt habe, nicht mehr Eigentum ihres Mannes gewesen sei; er habe es ihr
gemietet; -- und sie mute es glauben, wenn sie sich die Vorbereitungen
zurckrief, die er damals ntig gehabt hatte. Sein Untergang kndigte sich
ihr manchmal greifbar an. Eines Abends fehlte, als sie ihn bestellte, ihr
Wagen. Er sei zerbrochen. Tags darauf erschien der junge Vitali und pries
sich glcklich, ihr den Wagen zurckzubringen; Pardi habe ihn verloren und
wiedergewonnen.

Ein Augenblick vlligen Geldmangels. Aber wre sein Spiel selbst immer
glcklich gewesen: gleich hinter ihm stand die Sarrida und verlangte mehr.
Man hatte dafr gesorgt, da Lola auch sie sehe. Auf der Bhne der
Alhambra, unter dem Licht tausend begehrlicher Augen wendete das
gtterhnliche Tier sein nur mit Juwelen bekleidetes Fleisch langsam hin
und her, gab ihm alle Stellungen der Wollust, zeigte es Begierde dnstend,
wie eine Himmlische, die zu den Mnnern der Erde herabsteigt, und Sattheit
atmend, wie eine lagernde Kuh. Abseits sa Pardi; seine drohenden Augen
beherrschten die Sarrida und den Saal. Diese Juwelen hatte er zu
beschaffen, dies Fleisch zu bewachen. Lola hrte, da er Duelle habe und
Wucherern zufalle. Man sprach von seiner Prgelei mit einem Amerikaner, in
der Wohnung der Sarrida. Lola war, sah sie ihn bleich von wtendem Gram,
versucht, an ihn hinzutreten und ihm zu sagen, sie wisse wohl, er liebe die
Sarrida nicht mehr als jede andere: aber sein Ehrgeiz und seine Phantasie
hielten ihn besessen, zwngen ihn, sich zu behaupten gegen Jngere und
Reichere, legten ihm wieder einmal ein sinnloses, verkommenes Heldentum
auf. Sei sicher, htte sie gern gesagt, von allen bin noch ich es, die
dich am besten zu wrdigen wei. Von der Hhe ihres entfleischten,
hoffnungslosen Leidens bemitleidete sie sein einfach sinnliches, das ein
hoher Haufen Metall htte stillen knnen. Sie verhandelte mit den
Glubigern, die hereindrngten, half an den lautesten Forderungen mit ihrem
Gelde vorbei, suchte aus der Wildnis von Zetteln auf seinem Schreibtisch
seine Lage zu verstehen.

Paolo schickte etwas; und sie betrat Pardis Arbeitszimmer, hob eine
handvoll Papiere auf und mischte einige Banknoten darunter: er wrde
vielleicht glauben, sie hier vergessen zu haben. Da blieb ein Blatt ihr
zwischen den Fingern, ein Brief -- mit einer Schrift, die sie im Leben drei
oder vier Mal gesehen hatte und doch in jedem Zuge kannte: Mais Schrift. Am
Schlu die Adresse eines Hotels in Genua. Lola hatte von Mai seit ihrer
Abreise nach Amerika keine Zeile bekommen; und was hatte sie Pardi zu
schreiben gehabt? Die vierte Seite enthielt Danksagungen fr ein
empfangenes Glck. Fr welches? Dann Lolas Namen.

Sei gut mit ihr, so werde ich nicht bereuen, was ich fr dich getan habe!

Und sie nennt ihn du?

Lola wandte den Bogen; oben trug er: Mein Geliebter!

Alles in ihr stand still. Sie war vor sich selbst erschrocken, vor der,
deren Geist die beiden Worte wiederholt hatte. Zgernd weiter: -- sie warf
den Brief hin und sagte laut:

Er war ihr Geliebter.

Sie fiel auf einen Stuhl und hielt sich die Ohren zu.

Ich will es nicht glauben! Es ist nicht wahr; ich bin krankhaft
mitrauisch!

Aber da lag der Brief. Mai schwur ihrem Geliebten, da von diesem einzigen,
so kurzen Glck den ganzen Rest ihres Lebens ihr Herz sich nhren sollte.
Und pltzlich warf Lola die Arme in die Luft, haltlos, zwischen Abgrnden,
mit einem Schauder vor dem Schicksal, das stumm gewesen war und auf einmal
mit verfaultem Atem ein scheuliches Wort ausstie.

Sie hat mich verkauft: schlimmer, sie hat mich mit in den Kauf gegeben,
bei dem sie ihn bekam! Er wollte uns beide! Ich wute das und war so blind?
Immer noch gibt es Schleier wegzuziehen? Mein Gott! was wird noch kommen
. . . Bin ich denn ganz anders als alle? Auf den Gedanken, der der erste
jeder Frau wre, verfalle ich nie . . . Und sie hat mir, nun sehe ich's,
den Verdacht fast aufgedrngt: gleich vor meiner Hochzeit, als sie ein
letztes Mal um ihn kmpfte. Wie hat sie mich gehat! Als sie verlangte, ich
solle ihn lassen! Natrlich: ihren Geliebten! Eine Mutter ist das, eine
Mutter!

Neuaufwallend:

Und ich htte ihn ihr lassen knnen! Ein Wort von ihr, und alles war
unntig, alles seither Erlittene! Das Glck wre mglich gewesen. Ja, ganz
frei lag es da!

Sie drckte die Fuste vor die Augen und schluchzte aus Zorn.

Ich wre entronnen. Ein kurzer, verchtlicher Schmerz, und es war hinter
mir. Alles Elend umsonst, eine grliche Posse. Da: sie dankt ihm auch
dafr, da er sie auf ihrer Bootfahrt geliebt hat, obwohl sie so krank war.
Man liebt und erbricht sich, durcheinander. Um solches Lebens willen sitze
ich hier.

Wild sprang sie auf.

Nein! Nicht lnger. Zu lange war ich schwach. Auch ich will endlich
rcksichtslos glcklich sein. Dahinten ist Arnold, den ich liebe. Ich wei
das Haus und den Weg, kenne sein Herz und meins, -- und was dazwischen
stand, ist alles gesprengt. Ich erkenne nichts mehr an, will nichts mehr
wissen. Ich gehre wieder mir und gebe mich ihm. Ich will zu ihm!

                   *       *       *       *       *

Der Weg war weit; sie schwankte vor Erschpfung und dachte doch nicht
daran, in einen der vorberfahrenden Wagen zu steigen. Die Huserreihen
ringelten sich fahl dahin im erlschenden Blau. Alles hastete bestrzt
durcheinander, und man kam nicht weiter, wie in einem Traum. Die Welt war
in Verwirrung und suchte einen Retter. Zu ihm, der handeln wird, handeln
und mich retten wird! Sie erkannte die Straen nicht wieder, fragte einen
Menschen -- sein Gesicht deuchte ihr unheilvoll -- und hrte sich sprechen,
wie eine andere. Ich bin krank, dachte sie deutlich; ich wei es wohl.
Aber was kommt darauf an. Vorwrts!

ber der Mauer schwebten Baumkronen: die Kronen seiner Bume. Das Tor
erwartete sie, unverschlossen. Er sa dorthinten, vor der Schwelle seines
niedrigen Hauses, die Schlfe in der Hand, zu Boden sinnend. Dies alles gab
es nicht nur in ihren Gesichten? Die Sonne schmolz hinter jenen Zypressen,
wie in alten, sen Erinnerungen. In Lolas Kopf klopfte es wirr und hei.
Bemooste Gartengtter streiften sie, den Gang entlang, mit schiefen Blicken
Seht nur zu! -- und sie schlug den Mantel zurck, als wrfe sie alles von
sich und bte sich ihm. Der Kies spritzte von ihren gehetzten Fen. Arnold
sah auf, bewegte eine unglubige Hand und erstarrte. Sie lag vor ihm.

Es ist aus. Wir sind frei. Ich bin dein. O ja, nimm mich nur in deine
Arme, frage mich nur! Du sollst alles wissen, du bist der, den ich habe.
Einen Menschen mu man doch haben, einen. Ich war immer allein. Ich wei
noch, wie mein Vater mich in dem fremden Garten zurcklie. Keinen verstand
ich. Nie habe ich eine Sprache ganz erlernt. Die Mdchen dort beschimpften
mich einst, weil ich nirgends hingehrte. Als ich gro war, hielt man mich
fr eine Abenteurerin. Und behandelte mich wie eine.

Fremde in allen Lndern, Feinde. Weit du, da sie hier mich kaufen wollen,
mich zu ihrer Dirne machen wollen? Kein Volk, dem ich zugehre, keine
Sprache, die mich ganz ausdrckt, -- und kein Mensch, an dessen Herzen ich
daheim bin? Du! O, du!

Meine Lola. Meine liebe kleine Lola.

Sag mir das! Sag es mir oft. Ich habe es so lange entbehrt. Ich bin
schlimm daran. Du weit nicht: hier ist's so still, aber drauen geht alles
drunter und drber. Du mut mich retten.

Meine arme Lola, du fieberst.

Es ist mglich, ich verliere den Kopf. Aber bedenke, was sie mir getan
haben, und da meine Mutter seine Geliebte war. Ja: seine, meines Mannes.
Ist das nicht mehr, als alles was ich zu tragen verpflichtet war. Soll ich
so viel Bue zahlen? O! ich ersticke. Es soll endlich aus sein. Hrst du?
ich will, da es aus sei!

Gib mir deine Hnde, lege den Kopf hierher, an meine Schulter. Halte
still, hre zu. Ich habe dich so lieb, da ich wollte, an deinem Leid
strben wir augenblicklich, alle beide. Wir sind arm, und ich denke schon
lngst an den Tod mit dir, als an das Beste. Vielleicht, da wir nachher
uns haben wrden?

Sterben? Ja, mag sein, da es das war, was ich wollte. Ich wute nicht
. . . Gib vorher deinen Mund!

. . . da schrak sie aus der Umarmung.

Nein! Nicht das. Ich kann es nicht.

Wenn du mich liebst? Ich wei nicht, wie es kam, -- aber liebst du mich
dafr denn nicht genug?

Sei nicht traurig! Ich schwre dir --

Du liebst mich also nicht genug. Ich wute es.

Ganz voneinander gelst, standen sie da. Lola fhrte die Hand zwischen die
Augen. Warum kann ich es nicht? Warum bereue ich fast, da ich ihn liebe?
Was erwartete ich denn anderes von ihm! Sollte er mich fortreien aus den
Feinden und um sich schlagen? Heldentaten? -- ich bin kindisch. Ein Held
ist der andere, ich kenne den Helden. Dieser ist ein Mensch -- und zu fein,
zu sehr mir gleich, um es mit dem Leben aufzunehmen, das lgt und
vergewaltigt. Bei ihm ruhen. Nur ruhen. Den Hals nicht wenden; nicht
zurckdenken.

Kannst du mich nicht so lieben? So? Ohne das andere?

Und sie lehnte sich an ihn, ohne die Arme zu erheben.

Ich werde trotzdem nur dir gehren. Wir werden uns immer sehen, ich
verspreche es dir. Gern will ich mein Leben wagen, fr wenige Minuten mit
dir! Aber das andere -- siehst du, wir knnens nicht. Auch dir wre gleich
wieder eingefallen, da wir's nicht knnen. Lgen und betrgen: wir! Lieber
das Schlimmste erleiden. Im Grunde, was ist geschehen. Er und meine Mutter
sind wie alle. Auch das hab' ich verschuldet und mu es tragen. Warum
verlor ich mich? . . . Siehst du, nun senkst du die Stirn und siehst wieder
alles ein. Du bist gut, du bist mein Trost. Alle Not will ich vergessen,
wenn ich bei dir bin. Versprichst du, da dir das gengen wird?

Er hob ihre Hand an seine Lippen. Sie standen lange im Dunkeln. Mehrmals,
nach vertrumten Pausen, fragte Lola:

Wirst du mich immer lieben?

Und er hob ihre Hand an seine Lippen.

Ganz erwachend, unter einem Seufzer, sagte sie:

Ja, es ist schn. Aber --

Mit einer kleinen gefrorenen Stimme, an deren Decke ein leiser Spott
pochte:

-- wir werden uns nie gehren!




IV


Sehr frh war Claudia bei ihr.

Schon in vollem Anzug und unterwegs? fragte Lola. Es sei solch schner
Morgen, sie habe ihr Veilchen bringen wollen; -- aber Claudia schien
besorgt. Endlich, ganz leise, erschlo sie sich. Im Vorbeigehen habe sie
Pardis Zimmer weitoffen gesehen. Die Schiebfcher seien herausgezogen.
Vieles liege am Boden, wie nach einer Abreise. Lola war erstaunt.

Vielleicht ist er wirklich fort? fragte Claudia, und ihr Blick bat um
Nachsicht.

Wir stehen uns grade sehr schlecht, er und ich: drum hat er mir wohl
nichts gesagt. Solltest du nicht mehr wissen als ich, Claudia?

Claudia errtete. Allerdings hatte sie den aufrumenden Diener gefragt. Er
konnte keine Auskunft geben, -- das heit, ja --. Ihr Mund zuckte. Er ist
fort. Und ich wute es schon! Mit der Sarrida ist er fort.

Lola dachte: Welch Glck!

Claudia sprach starr weiter. Er begleitete die Sarrida und hatte acht
Fechter mit, acht Hndelsucher wie er selbst, um der Sarrida Erfolg zu
erzwingen. Denn die eintnige Ausstellung ihres Fleisches langweilte vom
dritten Abend ab.

Befremdet fhlte Lola eine Regung von Eifersucht: o, nicht auf Pardis
Liebe, aber vielleicht auf die acht Fechter, mit denen er seine Geliebte
beschtzte? Hier ward gehandelt. Man schickte sich nicht in etwas, das
bestimmt schien; man verzichtete nicht: man handelte.

Woran denkst du? fragte Claudia.

Da wir dann nach Monte Turno knnten: du, Arnold, ich. Da du schon
unterwegs bist: willst du mit Guidacci sprechen?

Mittags trafen sich alle bei der Trambahn nach Prato. Der kleine Priester
frohlockte; er fate das schne Wetter als persnlichen Erfolg auf.

Jetzt werden Sie mein Landhuschen sehen! wiederholte er.

Dem groben, schwermtigen Gesicht Pierinas standen die Veilchen. Lola
steckte sie ihr an; Arnold hatte welche fr Claudia. Alle lachten aufgeregt
durcheinander, man wute nicht warum: weil es in den Frhling hinausging,
weil die Frauen bunte Schleier und Blumen trugen, weil man sich
abenteuerlich frei fhlte, in der schmutzigen, lrmenden kleinen Dampfbahn
durch das weite, sonnig durchwogte Land hin. Es war braun; die Glockentrme
mit dem Umri alter Zeiten, alten seltsamen Menschensinnes, sanken grau
darin ein; rosig und wei bersplten es Obstblten; und der Himmel ffnete
sich immer weiter, immer mchtiger, bereit, einen Hineinstarrenden zu
verschlingen.

Lola stand allein auf der Plattform und sah in den Himmel. Arnold trat
neben sie. Nach einer Weile zeigte sie ihm die Pappeln, die zurckblieben.

Wie sie fein und durchblaut sind! Hren Sie's nicht, als ob sie sngen?
. . . Auf der Groen Insel, bei meinen Groeltern waren welche. Es ist mein
Lieblingsbaum.

Guidacci kam heraus. Sie sprachen beide so herzlich zu ihm, da er sie ganz
beglckt ansah.

Es ward hei. An den Haltepltzen holten Arnold und Guidacci Erfrischungen
unter den Zeltdchern der Cafs hervor, aus den schwarzgelben Reihen der
Bauern mit khn zerdrckten Hten. Die Kutscher burlesker Landwagen spaten
und knallten. Wild schnaubend ri einen die Lokomotive -- noch warf ein
Mdchen eine Rose nach -- aus dem sonnigen kleinen Haufen Leben.

Und man bestaunte in Prato, wie ein Kind, die Kanzel am Dom, mit dem
geheimen Wunsch, da hinaufzuklettern, zu spielen. Und man atmete, im
Stellwagen, die Luft vom Gebirge, erstieg Hgel, die sich,
weinlaubberzogen, um helle Huser schmiegten, verlor sich in Laub,
Quellenfrische, Duft verjngter Erde . . . Das letzte Stck Weges ging's
steil. Guidacci lief es, die Soutane gerafft, zu Fu hinauf. Wie sie oben
abstiegen, sprang aus einer Pforte ein gelbes, mageres Mnnchen in einer
Pumphose, fuchtelnd aus seiner zu weiten Jacke. Man bewunderte den
Priester; Claudia tat es nicht ohne Bedenken. Er wollte ihnen seinen Garten
zeigen; nein, das Haus; nein, vor allem sollten sie seinen Wein kosten: er
wute selbst nicht, was er am wenigsten erwarten konnte. Und er erklrte,
da er in zwei Jahren, vielleicht in einem, sich hierher zurckziehen,
seine Rosen pflegen und seinen Wein keltern wolle. Er sagte es stolz, als
vermesse er sich einer Heldentat.

Das Alleinsein frchte ich nicht, -- und er tat, mit gespreizten Fingern,
einen entschlossenen Streich durch die Luft. brigens habe ich hier meinen
alten Lehrer. Sie mssen ihn sehen.

Er fhrte sie um das Dorf und durch den verwilderten Pfarrgarten in die
Sakristei der Kirche. Ein groer, gebckter Greis empfing sie. Das
Chorhemd, das er eben ablegen wollte, lie er auf die Schultern
zurckgleiten, lud mit einer weichen Bewegung die Damen in das
altersschwarze Wandgesthl und begann sogleich, als habe er sie erwartet,
mit ihrer Unterhaltung.

Hier vernehmen Sie mehr, als in Guidaccis Hause, vom Gerusch unseres
Festes.

Ein Schu, der Schrei eines Verkufers drangen ber den stillen Garten her.

Es ist das jhrliche Fest unseres Heiligen. Ich will Ihnen seine
Geschichte erzhlen.

Er rief hinaus nach der Magd, die sen Wein brachte. Guidacci verhie
eiferschtig, sein eigener Vino Santo, den er ihnen vorsetzen werde, sei
besser. O, der Alte hre nicht!

Der alte Priester erzhlte, auf seine Knie gesttzt, Sachlichkeit und Ruhe
im langen, blutleeren Gesicht, seine Wunderlegende. Claudias Augen, sah
Lola, erweiterte leidenschaftliche Sehnsucht. Die kleine Pierina sah mit
schwermtigem Spott von einem zum anderen. Guidacci, unfhig,
stillzuhalten, sagte zu Lola:

Wie frisch er ist, nicht? Und er wird achtzig. Aber er hat auch seit
fnfzig Jahren dies Dorf nicht verlassen.

Lola traf die Augen Arnolds. Im Drang, wohlzutun, glcklich zu machen,
antwortete sie Guidacci:

Sie werden denselben Frieden finden: ich glaube es.

Und sie betrachtete die dunkeln Mbel: wie viele Hnde, die nacheinander
gelebt und daran hingetastet hatten, mochten diese Ecken abgerundet haben!
Die Trfllung war ausgebuchtet, wie von den hundert Rcken vergangener
Priester, die sich plaudernd hineingelehnt hatten. Der Frhlingswind eilte
nur wie ein fremder junger Gast durch den alten Raum, unvermischt mit
seiner eigenen Luft, dem stillen Greisenatem der Wnde, der schwarzen
Bilder, der Stoffe, die mit verjhrtem Weihrauch gesttigt, auf den
Schultern des Achtzigjhrigen und in den leisen Schrnken ruhten.

Wir aber drfen hinaus, dachte Lola: er und ich! Wie weit und hell es
dahinten ist!

Schon im Garten, sahen sie drinnen den Alten die kleine Pierina an der Hand
halten. Er berhrte ihr Ohr und seins.

Nicht undankbar sein, sagte er. Das ist ein Glck. Wir beide hren
nichts Bses, und fern davon, uns in uns selbst zu verschlieen, wollen wir
den Menschen viel Gutes sagen.

Pierina kam mit betretener Miene heraus. Lola nahm sie zwischen sich und
Arnold, und pltzlich fand sie ihr eine Menge zu sagen, fhlte sich bei
einer Freundin, die Zeugin ihrer glcklichsten Augenblicke gewesen war und
der sie sie dankte, wie Geschenke. Das Mdchen erhellte sich, verga zu
beobachten, plauderte . . . Aber Lola bemerkte Claudias gequltes Gesicht.
Sie zog sie fort.

O, wenn ich jenem alten Priester beichten knnte! sagte Claudia; und
Lola:

Beichte mir!

Claudia erhob groe, schuldige Augen zu ihr.

Dir mchte ich zu Fen fallen, Lolina, sagte sie, leise und wild. Wie!
ich habe dir deinen Mann genommen: ich zuerst, -- und du magst mich noch
ansehen, ohne mir ins Gesicht zu schlagen? Du hrst meine Stimme und
erwrgst mich nicht? Ich begreife dich nicht, aber ich will dich lieben wie
ein Hund!

Du hast mir nichts genommen, arme Claudia. Er machte mich nicht glcklich:
er zog mich in Schmutz. Da ich ihn, der mich mit allen betrgt, einst
geliebt habe, demtigt mich.

Demtigen! Schmutz! Weit du, da ich im Straenkot, zwischen den Rdern
aller Familien von Florenz, ihm nachkriechen wrde? Er soll mir
zurckkehren von der Sarrida; von der letzten Dirne soll er mir
zurckkehren! Weniger als das, er soll mich zu ihr rufen, an ihr Bett: hier
bin ich! Demtigen? Ich werde um ihn in Schande kommen, ganz tief, und fr
ihn sterben: hast du neulich im Palazzo Pozzi die Blicke meines Mannes
gesehen? -- werde fr ihn sterben, und das macht mich stolz. O! ich wei
alles voraus; ich habe meine Zukunft da --

Mit ihrer kleinen behandschuhten Hand schlug sie sich auf die Spitzen vor
der Brust, auf den Leib . . .

-- und da und da: berall wo Blut fliet! Weit du das nicht? Dann weit
du wenig von Liebe!

Sie schttelte den Kopf, da an ihrem Hut die Strauenfeder aufflog.
Pltzlich lachte sie laut Guidacci entgegen, ergriff Pierina am Arm und
lief mit den Geschwistern die Strae hinab. Arnold und Lola stieen
zueinander und folgten, langsam und allein.

Was ist Ihnen? fragte er. Sie sehen erschreckt aus.

Haben Sie nicht gehrt, was sie sagte? . . . Lassen wir's! Das ist das
eine Schicksal, -- und das andere gehrt dem Alten in seiner Sakristei. Mit
uns aber ist's nun so geworden, da wir diese schne Waldstrae dahingehen
und uns haben. Du darfst meine Hand nehmen. Stelle dir vor, da wir nie
aufhren, zu wandern. Hat dich schon einmal eine Ebene so verlockt, wie die
dort, worin wir Pistoja sehen? Vor dem Tor ist ein Garten: immer, wenn ich
vorbeifuhr, dachte ich an dich.

Bei vielen Dingen dachte ich an dich, -- und noch immer glaub' ich's
nicht, da ich nun dich selbst sehe. Werden wir uns immer lieben?

Wenn du zweifeln kannst, liebst du mich nicht.

Ich liebe dich so sehr, da ich fr immer auf dich verzichtet habe. Keine
Schwche soll mich mehr berraschen.

Sie war meine Schuld. Ich klage mich an! Als ich gestern zu dir lief,
wollte ich mich rchen; ich nahm, was ich nun erfahren hatte, zum Vorwand,
mich loszureien. Aber der Vorwand war schlecht, und die Rache war
schlecht. Sie htte uns beide entwrdigt. Ist unsere Liebe nicht weit fort
von allem?

Sie standen und sahen, die Finger lose verschrnkt, ins Tal.

Ich glaube, sagte Arnold langsam, da deine Mutter sehr gelitten hat.

Lola wendete ihm ein verklrtes Lcheln zu.

O! du mut mich wohl lieben, -- da du so tief blickst.

Sie erscheint mir, wenn ich sie mir zurckrufe, als armes, unwissendes
kleines Wesen, gelockert und nicht befreit, ein ratloses, entflogenes
Vgelchen.

War sie nicht eigentlich achtbar, da sie erst dann unterlag, als sie es
dringlich fand, mich zu verheiraten? Er htte mich anders nicht genommen:
er wollte uns beide . . . Liebte sie ihn? Aber um meinetwillen gab sie sich
ihm! Um seinet- und um meinetwillen hat sie einem anderen, der es schon
hatte, ihr Wort zurckgenommen und ist allein fortgezogen in Langeweile und
Gefangenschaft. Denn nun ist sie wieder im Kfig; mein Bruder Paolo hlt
ihn jetzt so gut verschlossen, wie frher Pai. Und sie sieht sich ungentzt
altern. Was ich fr Verrat hielt, war Opfer!

Mu man sich dir nicht opfern? Mu nicht deine Mutter gut sein?

Wie viele Augenblicke mit ihr kehren mir nun wieder, wie viele ihrer
Worte! Gestern kamen nur die, in denen sie mich hate. Heute hre ich sie,
wenn ihr Kampf sich zum guten wendete. Ich mchte sie um Verzeihung bitten
fr meine Klte! Das Schicksal der anderen kommt mir so oft nicht nahe
genug. Ich mu besser werden.

Arnold wiederholte:

Wir mssen besser werden.

Sie hrten die andern zurckkommen und sahen sie nicht: geblendet von der
Abendsonne, in die sie so tief ihre Blicke geschickt hatten.

Man ging ins Haus. Das kleine Zimmer, wo sie sich zwischen leeren Mauern an
den gedeckten Tisch setzten, schien Lola das gastlichste, das sie je
aufgenommen hatte. Claudia, Guidacci, Pierina: Jedem hrte sie mit
Entzcken zu. Im Grunde wute ich's immer, dachte sie, da jeder Mensch
sein Interessantes und seine Schnheit hat, und da ich einmal lernen
werde, es zu finden. Jetzt kann ich's. Alle Menschen wrde ich verstehen
und lieben. Dennoch pries sie sich glcklich, grade mit diesen zu sein.
Ihr Wohlwollen strahlte ihr aus aller Augen zurck, ihr Glck machte alle
frhlich. Manchmal, rasch den Kopf gewendet, ein neckendes Wort zu Arnold;
-- und in jedem Ja und Nein jubelte es und sie fhlte es jubeln:

Ich bin nicht mehr allein! Guidacci hatte neben sie Arnold gesetzt: als
er seine Ansichtskarten hervorholte, machte Pierina, da Arnolds Name
zusammenkam mit Lolas; und beim Fortgehen, dem Wagen entgegen, lie Claudia
sie allein.

Wie ich dich liebe! sagte Arnold und sttzte sie. Jetzt im Dunkeln zieht
sich der ganze Geist zusammen auf den einen Gedanken. Man wei erst jetzt;
man begreift erst jetzt.

Wie ich dich liebe! sagte Lola. Ich denke mich in eine Stunde des Elends
und der Einsamkeit zurck und sehe von dort aus uns beide, jetzt im
Dunkeln, und staune.

                   *       *       *       *       *

Am Morgen kam, durch Vermittelung Claudias, ein Brief von ihm.

Noch lange war ich auf; es regnete; ich ging unter den tropfenden Bumen
meines Gartens und war glcklich, zu atmen. Sonst, wenn ich in Regennchten
allein sa, in mich selbst verbannt, ohne Ausweg aus mir, fhlte ich oft
die Welt zu Schatten werden und frchtete mich, wie vor dem Erlschen einer
Flamme, die kein Stoff mehr nhrt, vor dem Einschlafen meines vereinsamten
Geistes. Wie gut ist's jetzt! Nicht mehr an einem Fleck festzusitzen, wie
eine Spinne immer nur im eigenen Netz. Sich hinwegdenken zu drfen ber
Rume, an einen Ort, wo man liebt und geliebt wird, also wichtiger ist und
hher lebt, als hier am Aufenthalte des Krpers!

. . . Ich habe noch keiner geglaubt, die mich halten wollte. Ich traute
meinem Gesicht nicht zu, es knne geliebt werden, und der Frau nicht, sie
durchschaue und verstehe es. Du erst hast das dichterische Auge der
hchsten Frauen, die nach dem Bilde der Seele, die sie geschaut haben, ein
Gesicht erkennen und es lieben knnen, weil es die Form dieser Seele ist.
Ihr seid wenige, -- aber welcher Mann vermchte dies? Wer kann von dem, was
seinen Sinnen genehm ist, absehen, einer Seele zuliebe?

. . . Haben wir uns aber in jedem Augenblick lieb genug gehabt, gestern,
in jedem? Sobald ich dich nicht mehr sehe, fallen mir versumte Minuten
aufs Herz, zerstreute, matte. Das Glck mte fortwhrend neu die Augen
aufschlagen. Das Leben ist ungewi, und es vergeht. Dich lieben!

Lola hatte ihm vieles zu antworten.

Ich habe selbst als junges Kind nie ganz im Ernst an einen Gott geglaubt
und spter die Frage nach ihm immer nur fr zweiten Ranges gehalten. Ich
sah, und ich erlebte in mir, die himmlische Liebe diene allzu sehr als
Entschuldigung dafr, da wir uns auf Erden nicht lieb genug haben . . .
Auch hatte ich nie ein Vaterland. Du und ich: wir sind allein. Das legt uns
vielleicht die Bestimmung auf, uns der Menschheit zu erinnern, die ber den
Vaterlndern vergessen wird?

Seit gestern verzehrt es mich, die Gte zu uern, zu der ich nun gekommen
bin. Durch eine Tat, das Opfer seiner selbst alle umarmen zu knnen! Aber
ich wei keinen Weg zu ihnen; ich schme mich, ihnen Dankbarkeit
aufzuerlegen, mich an sie zu drngen. Was soll ich tun? Meine Allliebe
vereinigen auf einen. Dich lieben!

Du wirst es mir nicht vergelten knnen. So viele Wesen hast du zu lieben,
die du schaffst, um die du Sorge trgst, denen du von deiner Seele gibst.
Ich bin eiferschtig. Du darfst nicht mde sein, weit du, wenn du zu mir
kommst!

Und Arnold:

Du irrst: ich habe geschrieben, um mich leben zu fhlen. Aber lebe ich
jetzt nicht durch dich? Ich habe geschrieben, um gro zu werden: aber
welche Macht htte ich nicht von dir! Einem Dichter erschliet Liebe alle
Schicksale. Frher trieb starre Herrschsucht die Welt durch meine Visionen.
Jetzt ist, was sie in Bewegung setzt, Liebe. Das groe Getriebe meiner
Gesichte hat einen innigeren Gang. Pltzlich steht alles still: steht und
neigt sich vor dir.

Nach diesen Stzen ffnete Lola, zum erstenmal seit zwei Jahren, das
Klavier, stellte ihre alten Lieder darauf und sang. Sa die Stimme nicht
mehr am Fleck? War sie schwcher geworden? Fehlte ihr der frhere Glanz?
Lola hrte eins nur sicher: da ein Klang darin war, der ihm gefallen
mute, weil er ihr von ihm kam; ein Klang, der ihr betubend aus der Brust
quoll, da sie die Augen schlo; ein Klang, mit dem sie nicht allein
bleiben konnte, den sie ihm bringen mute.

Sie eilte hin; er war nicht zu Hause; aber sie lie es sich ffnen, setzte
sich in seinen Stuhl, schlug sein Buch an der Stelle auf, wo er es
verlassen hatte, sttzte den Kopf, fhrte ihr entzcktes Lcheln ber die
Wnde, in den Garten und dachte sich daheim. Dann fand sie das Klavier und
sang. Auf einmal kam ihr Kraft. Woher? wenn nicht er hinter ihr stand. Auf
diesen Tnen stieg sie ber sich hinaus . . . Als sie sich wiederfand,
hielt sie ihn in den Armen.

Wie ist es gekommen? Mir war schwindlich; ich mu mich setzen . . . Aber
du hast geweint?

Nie hast du so gesungen. Du bist eine groe Knstlerin geworden.

Nein; aber ich liebe dich!

Weit du noch deine ehrgeizigen Trume? Jetzt knntest du dich berhmt
machen.

Nur einer soll mich hren. Wir lieben uns. Was knnte unsere Kunst anderes
sein als unsere Verklrung.

Ich wute, da du kommen wrdest! Wie lange, lange haben wir uns nicht
gesehen!

Endlos lange. Warte: einen Tag erst?

Und warum? fragte er. Warum haben wir gestern versumt?

Versumt? Findest du? Hatten wir nicht genug Glck fr einen Tag? Ich war
voll davon; es stieg mir jeden Augenblick blendend in Stirn und Augen.
Vielleicht mute ich allein sein? Du httest mich gettet.

Sie schwiegen, hielten sich umschlungen und atmeten kaum. Pltzlich:

Aber jetzt haben wir uns wieder, haben uns, und die Sonne scheint, und wir
knnen gehen, wohin wir mgen!

Sie staunten heimlich, da Pardi nicht zurckkomme; da keiner von ihnen
erkranke; da der Himmel ihnen das Glck noch lasse.

Jeder allein, fuhren sie bis vor die Stadt, trafen zusammen und erstiegen
die alte Strae nach Fiesole.

Wie leicht sich's steigt! Wie merkwrdig hell der Kopf sich anfhlt! Ich
war lange nicht so.

Ich habe lange nicht diese Bltenfarbe gesehen. Sah ich sie je? . . . Die
immergrnen Eichen schieben solche hohen, schimmernden Dcher ber unsern
Weg; hinter dem Gitter -- o, wie neu es drinnen duftet! -- geht der
Laubgang so gro gewlbt zu Dornrschens Schlo; Rosen, ja Rosen schlagen
um die Halle: wo sah ich das alles? Vielleicht als Kind? Wenn ich in die
Ferne sann?

Vielleicht sind wir wieder sehr jung?

Nun sieh hinab! Aus dem Dunst der Stadt hebt sich kaum noch die Kuppel.
Wir sind darber und allein.

Sie richteten sich auf und faten sich bei den Hnden. Welt und Sinne
sollten sie nicht hinabziehen; sie gingen hoch durch reine Luft. Stolz
lchelten sie sich zu. Ein Vergngen trug sie, ber die Triebe aller erhht
zu sein, ein knstlerhafter Genu ihrer Keuschheit.

Auf der Terrasse des Hotels Aurora mischten sie sich unter die Fremden,
traten, wie jene, in den Dom und besuchten die Ruinen. Unter einem Baum,
vor einem Bauernhause, vergaen sie die Stunde und brachen erst auf, als
aus dem erbleichten Blau leise ein erster Stern hervorbebte. Sie fuhren
hinab durch Nachtwind, mit Angst in der Kehle, weil dort im Himmel schon
die weite Pinie lag, bei der Arnold aussteigen sollte.

Bald wieder! Morgen: warum nicht morgen!

Sie verweilten in Landwirtshusern und Klostergrten. Sie erfanden, wenn es
regnete, Verstecke in der Stadt: den Hof eines entlegenen Hauses, eine
unbesuchte kleine Kirche. Und sie machten, da es schn ward, den einsamen
Weg von Settignano nach Fiesole, mit dem rauhen Profil jenes Schlosses, den
Tlern ohne Herden und, auf der Lohe des Sonnenunterganges, dem schwarz
verkohlenden Walde. Die Kruter, in denen sie geruht hatten, dufteten noch
aus ihren Hnden. Sie sagten sich, es sei schade, da dieser Duft
verfliegen solle; und sie hielten dabei einer des andern Schulter umfat,
vor der Wendung in die Dorfgasse, in der uersten Minute ihres
Alleinseins. Lola konnte Arnolds Augen nicht loslassen.

Da ich mich jeden Abend von dir trennen mu! Du weit nicht, welche Angst
ich davor habe, schon stundenlang vorher, und wie ich mich des Nachts nach
dir sehne! Knnten wir immer beisammen sein! Uns nie trennen! Sich trennen
ist furchtbar! Du fhlst es nicht wie ich. O! du liebst mich nicht, wie ich
dich. Sehnst du dich nach mir?

Sie gingen ein Stck Weges zurck, damit er es ihr beteuern konnte. Sie
berlegten das Wagnis, aufs Land zu fahren, einige Tage sich ganz zu haben,
sich keine Minute zu lassen.

Keine Minute! Ich werde keine verlieren, ich werde nicht schlafen!

Sie besprachen es tglich, nannten immer neue Winkel im Lande, die sie
verbergen konnten, berieten ber die Wahrscheinlichkeit, entdeckt zu
werden. Lolas Jungfer mute wohl an Pardi berichten; er hatte geschrieben
und Andeutungen gemacht, als ob er etwas wisse. Vielleicht drohte er aufs
Geratewohl? Er verhie auch lngst sein Kommen, und kam nicht. Ende Juni
fand sie ihn pltzlich, wie er im Zimmer auf- und abging. Die Dienstboten
hatten sie heimkehren gesehen und geschwiegen; sie erschrak heftig. Er
erklrte auffahrend, einmal Ordnung schaffen zu wollen. Eine Frau, die
nachts ausgehe, sei nicht auf guten Wegen. Lola erwiderte, noch mit
Herzklopfen, sie sei keine dieser Frauen hier; ihre Freiheit, sich zu
bewegen, habe sie seit der Heirat nicht aufgegeben. Er hatte pltzlich die
Fuste an den Schlfen; er krmmte sich und pfauchte.

Wenn ich wte! Wenn ihr nicht so schlau, so kalt und schlau wret! Jemand
fassen! Ich wei wohl, wen. Zweifle nicht! Aber du bist eine Fremde: du
versteckst die Deinen gut. Immer greift man bei ihr in Luft! Immer ist sie
gewappnet!

Er lie sie zwei Tage nicht aus den Augen, durchwhlte alles, verhie ihr
den Tod, wenn er je Beweise finde; und mitten aus wtender Wachsamkeit
heraus, war er wieder verschwunden. Die Sarrida gab ihm wohl noch zu viel
zu tun; seine eheliche Ehre hatte nur nebenbei und in Eile ein wenig
befestigt werden knnen.

Lola eilte sofort zu Arnold: nun wollten sie reisen! Pardis Dazwischenkunft
hatte ihr erst gezeigt, was sie versumt haben wrden. Er hatte sie emprt
und verwegen gemacht.

Was kommt, ist alles gleich; aber diese Tage in Abetone wollen wir haben!

Am Morgen folgte sie Arnold, der in Pracchia bernachtet hatte. Sie stieg
aus, bevor er sie sehen konnte, und im Vorbeistreifen flsterte sie ihm zu:

Keine Bewegung! Ein Bekannter ist in der Bahn!

Sie fhlte sich sicher in aller Erregung; erhht, ber alles hinaus, und
dennoch dankbar und ihm hingegeben bis zu Trnen. Im khlen Saal des
Gasthauses, hinter ihrem gefrbten Eiswasser, bewegte sie leise den Kopf.

Da ich dich wiedersehe!

Lachend mit feuchten Augen:

Seit gestern abend nicht! Die ganze Stadt ohne dich!

In den Korbsesseln der Halle fchelten sich feucht beperlte Frauen, und
weigekleidete junge Leute versahen sie, bei aller Hitze, mit Komplimenten,
als entschlpfte ihnen das Herz. Drauen auf den Bnken lungerten andere,
in der weien Sonne, dem Bahnhof gegenber, am Fu des grnen Appennins,
den sie unbestiegen lieen.

Lola und Arnold fuhren hinauf. Ihre Strae umschlang weite Tler mit
Drfern, laubversunken, beschrieb den Rand rauschender Mhltler, lie
Tler zurck, die kahl zu Fen eines Trmmerschlosses schmachteten. Die
leichten Schritte der Esel erstiegen, zum Geschrei derer, die sie trugen,
drben den Schlangenpfad; Staub fegte auf vor grellen Wirtshusern; und am
stumpfen Grn der Waldzinnen brach sich die heie Himmelsflut. Dort oben
werden wir glcklich sein! Von der Hhe rieselte manchmal, mitten durch
die Mittagsluft, ein dnner, kalter Hauch. Dann schlossen sich
Fichtenmauern, hoch, still. Von den Hufen klappte ein Echo nach.

Im Hotel lassen wir nur unsere Sachen; noch sind wenige Leute hier; nun
haben wir den groen Wald: wir wollen ganz bis in die Tiefe . . . O! die
Quelle! Wir wollen uns hinlegen: deinen Kopf in meinen Scho. Hast du mich
lieb? Nun sind wir hier. Heute abend brauchen wir uns nicht zu trennen.
Dieser Tag hat kein Ende.

. . . Ich mag nicht essen: wollen wir weitergehen? Ich habe solche Unruhe;
mir ist immer, keine Minute sei so lang, wie sie sein mte. Bleib stehen,
sieh mir in die Augen! O! wohin sind wir gelangt? Dies ist der Appennin aus
den Geschichten, dies ist das Rubergebirge. Schleicht es nicht durch die
Schlucht? Farren und Fichten: ein Drunter und Drber. So war es hier auch
vor tausend Jahren. Laufen wir hinab? Lauf! O, du lufst schlecht! Hol' mir
die rote Blume, willst du? Die einzige kleine rote Blume am Abhang. Nein,
du kannst es nicht. La! Verzeih, da ich so dumm gebeten habe!

Kehren wir um? Schon dmmert es . . . Da ist eine Bank: erzhlst du mir
etwas? . . . Du qulst dich, glaube ich, recht sehr, um etwas fr mich zu
finden. Ich hre nicht zu? Ja, diese Unruhe. Ist es die hohe Luft? Dort bei
den Obelisken steht es geschrieben, wie hoch wir sind. Denke dir den
kleinen Florentiner Tyrannen, der seinen Namen auf die Obelisken gesetzt
hat, der in Perrcke und gesticktem Frack hier auf dem wilden grnen Rcken
gestanden und ihn eingeweiht hat. Da lies! Die Strae fhrt in die
Lombardei. Es dunkelt, und wir gehen nun in die Lombardei. Wie das klingt!
Nach ganz alten, merkwrdigen Gefahren und Abenteuern. Und wir haben kein
Geld, kein Dach, sind allein auf der Welt und mssen uns durchbetteln.
Mchtest du's? Sag'! fr mich?

Alles mchte ich fr dich tragen: ohne dich zu besitzen. Ich liebe dich zu
sehr, um dich besitzen zu wollen.

Lola lies seinen Arm los; sie senkte die Stirn. Nach einer Weile:

. . . Nun ist's Nacht. Wohin nun mit uns?

Lausche, Lola! Lausche auf das Wogen der Schatten im Tal, und auf das
leise, mondleise Gelut der Gipfel, die fern daraus aufschweben! Wir
hren's, weil wir uns lieben. Und hebe das Gesicht zum Himmel, zu diesem
Becken voll weien Sternenfeuers, woraus Funken spritzen! Vergehen wir
nicht darin, wir, die vom selben Feuer sind? Fhlst du dich nicht
aufgelst? Schwinden dir nicht Sinne und Kraft?

Mir ist bange. Wie wird's sein, wenn wir uns nicht mehr lieben?

Kannst du dir's denken?

Dann mssen wir uns doch trennen? Wir wollen aufrichtig sein, hrst du?

Lieben wir uns denn nicht? Du weichst zurck? Besinne dich! Lola!

Ist das Liebe? Die geschwisterliche Zusammengehrigkeit, die wir fhlen?
Warum liebst du mich? Was willst du? . . . Ach nein, ich qule dich. Komm
lieber hier hinab, wo das Wasser rauscht. Da hrt man seine Gedanken nicht.
Mitten in den Bach: die Steine sind schlpfrig, wir knnen strzen und
fortgerissen werden. Sage: wrdest du fr mich sterben? Ja? Ganz sicher?
Ach ja, du wrdest dich vielleicht fallen lassen, dich vom Wasser ergreifen
lassen. Aber wrdest du dich erschieen? Sage auch das! Die Waffen liebst
du nicht, wie? . . . Oder wrdest du . . .?

Sie schttelte sich; neugierig und bse, berschlichen lauter Bilder seines
Sterbens sie. Hilfesuchend, drngte sie sich an ihn.

Lieber! Ach, verzeih! Ich will keinen Helden. Du brauchst nicht, wenn
einmal unser Pferd scheut, den Wagen umzuwerfen, damit ich auf dich falle
und gerettet bin. Ich verachte den Helden! Ich verachte den Mann, der an
meinen Krper denkt und an das Kind aus meinem Krper. Wir wollen keins.
Wir haben beide in der Liebe nicht die Einfachheit derer, die eine Rasse
fortzusetzen haben.

Lola, ich liebe dich.

Mir ist auf einmal das Wort so fremd. Worauf soll ich mich verlassen? Wre
die Welt nicht so weit und treulos. Was heit's, da wir uns lieben? Sieh,
jenen blauen Berg umkrnzen weiliche, und steigen wir hinber, erwartet
uns das Meer. Vorgebirge entschleiern sich, eins ums andre, dem, der
wandert; den Ksten folgen Ksten; die Vogelschwrme ziehen, und die Stdte
liegen versammelt unter Wolken, die sich auflsen, wie die Schwrme sich
auflsen werden, wie die Stdte sich auflsen werden . . . Warum liebst du
mich, und nicht eine Fremde, dort hinten?

Lola, welch klglich einsames Lcheln! Du tust mir sehr weh. Deine Augen
zucken so voll Angst hin und her, als grben sie sich, leise und stumm,
durch meine hinab. Dringst du endlich bis zu meinem Herzen vor? ffnet es
sich dir? Nein? Du seufzest? Es ist unmglich? . . . Was murmelst du?

Ich liebe zu sehr. Wie solltest du so lieben knnen? Diese Welt, in der
ich keine Heimat habe, kennt solche Liebe nicht. Ich verstehe, da Frauen
meinesgleichen sich Christus verlobten. Nur ihm durften sie trauen. Ich,
die nicht glubig bin, sollte ein Bild, eine abwesende Seele lieben . . .
Sieh, gerade unter uns, mitten im Hasten des Baches, schlieen groe Steine
einen Spiegel ein. Wie still er ist! Das Mondlicht zaudert an seinem Rande.
Unsere aneinander gelehnten Gesichter haben in ihm keine Augen mehr: nur
Schatten, die verflieen. So war neben dem Schiff, das mich vor langer Zeit
herberfuhr, in den Wellen ein Gesicht: ja, und manchmal schleifte blulich
ein Mantel heraus. Die Gottesmutter, sagten die Matrosen; sie begleite uns.
Fast wnschte ich, du wrest nur ein Bild, das im Meer neben mir herzieht.

Sie stiegen zur Strae zurck, wanderten schweigend weiter. Da hielt Lola
an und legte ihm, schweigend, die Arme um den Hals.

Was ist dir, meine Lola? Weinst du? Lachst du?

Alles war nicht wahr. Du hast es doch nicht geglaubt? Wir lieben uns: das
ist immer der Schlu.

Der Schlu des Schicksals. Denn in der weiten, weiten Welt hat es mich
planvoll auf dich zugefhrt, Lola. Mein Leben war Vorbereitung auf dich;
mit allem, was mein war, hingst du von je zusammen, warst mein Gedanke und
mein Werk. Ich denke daran, da einmal eine Idee in mir sich klrte
gemeinsam mit dem Bild einer Wiese. Viele Blumen trug die Wiese; keine von
ihnen hatte ich zuvor gesehen; aber ich wute: diese da, nur diese ist
verbunden mit dem, was jetzt mein Hirn gebiert, kommt aus verwandtem Stoff
und liebt mich. Lola, deinen Mund?

Die Strae hatte sich gesenkt, sie stiegen sie wieder hinan. Lola lie sich
von ihm sttzen. Sie lie ihn seinen Mantel auch um sie breiten. Der Mond
war fort, und schon strich der Bergwind her. Sie setzten sich jenem
Ausschnitt im Gebirge gegenber, worin ein Schein empordmmerte; und unter
dem Mantel, der unbewegt blieb, drngten sie sich fester zusammen.

Meine Lola.

Ja, ganz dein; -- inbrnstig. Aber seltsam hoch und s, wie mit
entrcktem Spott:

Nein: doch nicht ganz.

Nun sickerte Rte in die tiefsten Wolken. Vogelstimmen versuchten sich.
Lola und Arnold streiften ihre in Glck und Gram ermdeten Hnde durch
betautes Gras. An den Stmmen des Waldes zngelten die ersten roten
Tagesflammen: sie traten ein, betteten sich aufs Moos und sagten einander,
die Augen geschlossen, da sie daheim seien.

Sie erwachten; und wirklich, sie sahen sich daheim im Walde: in seinen
Verstecken, vor dem Ungewissen seiner langen Schattenlauben, in seiner
grnen Tiefe, zu der hier und da Sonne hereinglitzerte, als flackere sie
auf allen Seiten und verbrenne den Wald und die in ihm sich liebten. Hier
genossen sie etwas wie Ruhe auf der Flucht, blickten bedchtig ihren
seltsamen Gefhlen in die unerforschlichen Augen und hofften fast, zu
vergessen und dahinzuschwinden . . . Sie traten hinaus: und da hatten die
Berge schon sich aufgelst ins Licht, und beugte schon die Welt sich unter
einem blau brennenden Himmel.

Ein neuer Tag!

Sie merkten erst jetzt, da sie eine Nacht beieinander gewesen waren: die
erste. Und sie lachten, fielen sich in die Arme und kten sich Trnen von
den Wangen.

Wir haben uns nicht getrennt, noch lange nicht trennen wir uns, noch lange
nicht. Wir genieen doch viel Gutes!

Sie suchten das Gasthaus auf; und da, allein im Zimmer und indes sie ihr
Haar kmmte, mute Lola denken:

Wie Pardi ihn jetzt verachten wrde!

Die ganze Nacht unter seinem Mantel, und er hatte sie nicht genommen. Sie
hrte Pardis Auflachen und kmmte, die Zhne zusammengebissen. Der Kopf
schmerzte ihr; sie schrak auf; und im Spiegel sah sie sich rot von Scham.

Wie? Ich habe mich seiner geschmt? Arnolds? Meines Geliebten? Weil ein
Mensch von niedrigerer Gattung ihn nicht verstehen wrde? Versteht er denn
mich? O!

Nicht schnell genug lie sich das gutmachen. Hinunter, -- er wartete am
Tisch -- und noch ehe sie sich setzte, ihm die Hand geben und unter den
Blicken des Saales ihm leise und stolz in die Augen sprechen:

Mein Geliebter!

                   *       *       *       *       *

Nach fnf solcher Tage, schon im Wagen, der sie forttrug:

Ach! sieh noch einmal das Haus an, -- und die Obelisken! Werden wir je
wieder diese Strae gehen? Zusammen gewi nicht. Die Strae in die
Lombardei. Das ist nun aus. Was wird kommen? Mir ahnt nur Trbes.

Warum, Lola? Da wir uns lieben?

Sie senkte den Kopf. Verstand er denn nicht? Wir haben nun doch gesehen,
da unsere Liebe uns nicht wohltut, mitten im Glck nicht wohltut. Aber
sie schwieg. Wie er sie drunten in Pracchia zur Bahn brachte, war sie
unaufmerksam und reizbar. Endlich, noch aus dem Fenster:

Lieber, komme mir nicht nach! Fahre nach Deutschland! Es ist besser, wir
trennen uns.

Aber da sie ihn fassungslos erschreckt sah, stie sie die Tr auf und war
bei ihm.

Nein! nein! Wie knnte ich's ertragen! Du glaubst doch nicht? Ich sagte
das, weil ich hier so glcklich war. Nimm meinen Fcher! Und da du ihn mir
morgen zurckbringst! Nicht spter als morgen!

Von ganz fern winkte sie nochmals. Er erwartete es nicht mehr, stand
versunken und atmete das Parfm ihres Fchers. Lola lie sich auf den Sitz
fallen und schlo die Augen. Die schwere Luft des Tunnels ngstete sie. Ihr
war's, sie fhre dem Verfall entgegen: ihrem und seinem.

Aber sie trafen sich, wie frher, in Vorstdten, bei entlegenen
Landwirtshusern; schlenderten Hand in Hand durch Schafherden, kleine
Abendbche entlang und lasen im Schatten von Klostermauern, vor gewellten
Olivenfeldern, in Dichtern. Manchmal berschlug Lola eine Seite und
wartete, da Arnold nach Pardi frage. Hat er ihn vergessen? Er nimmt
unsere Freiheit hin, als sei sie verdient. Aber wem verdanken wir sie? Wenn
Pardi zurckkme --. Wenn er mich zu sich riefe --. Und etwas Zorniges hob
sich auf in ihr gegen diesen Trumer und sein ber dem Buch gesammeltes
Gesicht.

Der Herbsthimmel hatte sich weich und trbe um die Stadt geschlossen: da
kam Pardi.

Wie wir es nun wieder schwer haben, klagte Arnold. Nach ihrem
unzufriedenen Schweigen sagte Lola:

Wir wenigstens machen es ihm nicht schwer. Er darf sich trsten, wie er
mag, fr die Sarrida.

Arnold merkte nichts.

Ich bin ihm begegnet; mir klopft, ich gestehe es, immer ein wenig das
Herz: als ob ich nahe an einen Raubtierkfig hintrte. Dennoch sehe ich ihm
gern zu, gestatte mir bei seinem Anblick oft auch eine leichte Sehnsucht,
-- wenn er sich so bewegt und spielen lt, immer ein Ziel vor Augen, immer
gespannt und bereit. Ich erkenne dann in ihm den Mars von der Treppe der
Uffizien.

Das ist wohl interessant? -- ganz leise; und ausbrechend:

Aber da er mein Leben zerstrt hat, vergessen Sie! Sie sind kalt! Lassen
Sie mich allein!

Ich bitte dich! Er stammelte, und er lief weiter mit durch den Nebel, wie
ein Hndchen. Wie magst du auf einmal alles verkennen? Haben wir uns
nicht? Sind wir nicht eigentlich besser daran, unser sicherer, als der, der
sich mit einem unverstandenen Schicksal herumschlgt? Ich liebe dich nicht
weniger, weil ich ihn nicht hassen kann.

Doch.

Weil ich ihn ansehe, wie ein bses Bild.

Sagen Sie das ihm! Sie werden erfahren, da er kein Bild ist. Kann sein,
da er Sie ttet. Er wre durchaus nicht zu fein und bedenklich, Sie zu
tten -- und auch mich. Ach! haben Sie denn kein Blut? Ist es denn nicht
mglich, Sie zum uersten zu treiben? Nie knnten Sie etwas tun, was Sie
bei kalter Vernunft nicht billigen wrden: etwas Abschlieendes, etwas
Gewaltsames?

Wenn ich es vorauswte, wrde ich es nicht tun.

Sie haben Recht Sie sind immer klar und vernnftig. Wie sollten Sie etwas
Dummes tun. Gewalt ist natrlich dumm.

Ich bin so sehr dein, da ich auch etwas tun wrde, das mich Ehre und
Leben kosten wrde, und das ich ohne berzeugung, nur in deinem Namen tte.
Ich verachte die Gewalt; ich glaube, da sie uns schlecht macht und die
Dinge nicht bessert. Durch das Tragen einer Waffe fhlte ich mich einst
schlechter werden -- und lcherlich. Denn alles Schlechte, Rckstndige ist
lcherlich. Der Gewaltmensch, der Krieger ist eine Karikatur . . .

Vorhin begeistertest du dich fr den Mars.

Seine Erregung, seine Widersprche und seine trotzige bertreibung
vershnten sie. Nun seine Stirn zornig gerunzelt war, zerging zwischen
ihren Brauen die Falte. Sie atmete ruhiger, fast glcklich, weil sie ihn
hatte reizen knnen. Nur nicht immer dieses nchterne Gleichgewicht, diese
knstliche Ruhe des Schwachen!

Da haschte sie nach seinem Arm.

Um Gottes willen, wir mssen ausweichen. Siehst du ihn nicht kommen?
Drben, hinter dem Wagen?

Aber er stie hervor:

Nun geschieht, was geschehen will. Mein Weg geht hier.

Du bist kindisch; und zitternd, die Augen gradaus, folgte sie. Der Nebel
zog sich noch dichter zusammen; sie kamen vorbei.

Lange nachher:

Du wnschtest den Zusammensto?

Ja.

Wnschest du ihn noch?

Nein.

Das ist gut. Wir mssen vernnftig sein.

Du findest? fragte er mit einem langen, bitteren Blick. Sie senkte die
Stirn. Ja: was er sagen wollte, war wahr; sie schwchte ihn, wie er sie.
Sie glichen sich, konnten einander nicht helfen, und schleppten einander
nach.

Und zu Hause beweinte sie sich und ihn.

So redlich er seine Liebe meint: wie lange wird's dauern, und alles ist
nur gewesen, damit er ein Werk daraus macht. Er ist nicht, wie ich, dazu
geboren, von der Liebe sein Schicksal hinzunehmen: sondern damit er innere
Spiele aus ihr gestalte. Er kann nichts im Leben ganz und fr immer ernst
nehmen. Noch im uersten Elend der Seele bleibt er ein spielender Knabe.
Vielleicht, da eine Tat, eine groe Schuld ihn reifen und ernst machen
wrde? . . . Aber wei ich, ob ich sie ihm verzeihen wrde? . . . Keine
Hilfe. Ich bin noch immer allein.

Was tun? Dies hatte schon wieder an eine Stelle gefhrt, wo es nicht
vorwrts noch zurck ging. Wie oft im Leben hatte sie solche
Aussichtslosigkeit erlitten! berdru machte einem alles zweifelhaft: jede
Zukunft, die Liebe selbst. Wozu diente das eine? Warum nicht ebensogut das
andere tun? Lola ward krankhaft unentschlossen, versumte Zusammenknfte,
weil sie das Kleid nicht fand, das zum Wetter pate, und grbelte gramvoll
durch den Tag hin:

Was ist's: er fhlt diesen Dichter nicht, den ich doch fhle? Dies haben
wir also nicht gemein. Was eigentlich haben wir gemein?

Rastlos durchforschte sie sich: Kann ich ihm nicht entkommen? -- Nein:
denn ich liebe ihn; trotz allem mu ich ihn lieben.

Wollte er mich doch betrgen! Ich wrde zu stolz sein, ihn noch zu lieben.
Und auch ihm wre besser, wir wren uns los. Denn auch er fngt an, mich zu
hassen.

Er sagte ihr jetzt:

Du hast wenig an mir: ich wei es. Du bist sinnlich. Wre auch nicht deine
Vergangenheit, ich spre doch immer deine Verachtung, weil du mir nicht
gehrst. Die Verachtung des Weibes fr jeden, der sie nicht umwirft und
nimmt. Welche Selbstverachtung!

Seine Hrte erleichterte sie; sie haschte demtig nach einem Blick des
Grams und des Zorns; sie antwortete zart:

Ich qule dich, Lieber.

Und sie verziehen einander.

Da wir uns zanken mssen! Als ich dich wiederfand, glaubte ich, nun wre
auf immer Friede. Du Lieber, wir verstehen uns nicht, selbst wir nicht.
Noch lieben wir uns; jetzt sollten wir uns trennen. Noch wrden wir
einander nur Gutes hinterlassen.

Sie hielten einer des andern beide Handgelenke, und sie sahen sich bleich
und bebend in die Gesichter.

Ich will nicht, da du noch lnger leidest. Ich will, da du mich lieb
behltst. Wir wollen uns trennen.

Mit Wildheit sagten sie sich, wie glcklich sie einander wissen wrden,
fern voneinander. Und endlich mute jeder an des Gefhrten Schulter seine
Trnen verstecken.

Ich habe keine Geistesgegenwart, sagte Arnold, und miverstehe dich oft.
Nachher, allein, sehe ich eine deiner Gebrden wieder und wei, was sie,
trotz deinen Worten, sagten.

Lola erwiderte:

Ich bin ein schwieriger Charakter; ich werde dich sehr unglcklich
machen.

Und er:

Gleichviel: du brauchst Liebe; und ich will lieber fr einen andern
leiden, als durch und fr mich selbst.

Seufzend sahen sie auf. Der Sonnenuntergang trmte sich als gerteter Rauch
wild ber den Hgeln. Sie wandten sich und fanden drben, in
monddurchtrumtem Nebel, andere, mde und gtige. Hinter den leisen
Lichtern dort war wohl Friede. Wir werden Frieden haben. Wir mssen ihn
finden, denn wir werden voneinander nie loskommen.

Das Schicksal, das sie verband, hatten sie immer neu zu begreifen, muten
einander durch schlimme Wetter schleppen, vor allen Blicken ihre Liebe
bergen und dabei an ihr zweifeln und am Grunde der Glcksstunde schon die
Trnen rinnen hren.

Manchmal versuchten sie es, einander auszuweichen. Lola betrat tagelang
nicht die Strae. In einer Dmmerstunde vor Weihnacht fand sie ihn neben
ihrer Tr.

Verzeih' mir, da ich mich an dein Haus gelehnt habe. Es ist schon dunkel
genug; und ich war so mde. Aber ich wre bis morgen auf deiner Schwelle
geblieben: bis du gekommen wrest. Warum kommst du nicht mehr?

Sie verga alles; sie zog ihn hinter das Tor und faltete die Hnde um
seinen Hals. Gerusch auf der Treppe scheuchte sie von seiner Brust auf;
sie entwichen.

Unter den starken, schwarzen Huserfesten der hallenden Strae schlichen
sie hin, trennten sich, bevor das Gewimmel der Alten Brcke sie ber den
Flu trug, und fhrten jenseits einander durch ein Kreuz und Quer von
Gchen, die Pltze zu umschreiben, den Hauptwegen auszuweichen. Sie gingen
einsam und mitten auf dem engen Pflaster, das kein Trottoir sumte. Im
Licht armer Lden streifte manchmal einer verlangend und traurig das
Gesicht des andern. Die Tr einer Kneipe flog auf, und sie hielten den
Schirm zwischen sich und jene Augen . . . Unter dem Schwebebogen der Via
della Morte:

Sollen wir nicht ein wenig ausruhen drfen? Wir sind durchnt. Sie
wagten sich in ein drftiges Caf. Die Glastr wankte klirrend; drei
Kartenspieler sahen ihnen gespannt entgegen; und sie drckten sich hinter
den Pfeiler.

Wir haben Ruhe, wir sind geborgen. Drauen ist's schlimm fr uns.

Er trocknete ihr Gesicht und Haar, -- und er erzhlte ihr, da eine andere
Frau vor langen Jahrhunderten eben hier durch solche schlimme Nacht, wie
sie, gegangen sei: Ginevra degli Amieri, die im Dom auf einer Bahre
erwachte, in ihrem Totenhemd zu den Menschen zurckwollte, aber nicht bei
Gatte und Eltern Einla fand, nur bei ihrem Geliebten.

Sie hatte sich ihm immer versagt? wiederholte Lola. Auch ihnen also
fehlte der Mut? Aber nach ihrem Tode war er ihre Zuflucht. O! du wrdest
mich lieben, wenn ich tot wre.

Er sagte zitternd, wie sehr er sie liebe, und sie lchelte trbe an ihm
vorbei.

Wir haben das Gute gehabt, das uns bestimmt war. Denke an unsern Frhling,
an den Tag in Monte Turno. Mein Gott, da das Leben einmal so s und rein
war! Wren wir damals gestorben! Wie nun alles sich unheilvoll anfhlt! Ist
jemand an der Tr? Ach, mein Herz klopft bei jedem Windsto.

Und Arnold, tonlos:

Es ist wohl wahr, wir haben ein gehetztes Dasein.

Rderrollen ward lauter; sie unterschieden den Hufschlag zweier Pferde. Der
Wagen hielt vor der Tr; Wirt und Kellner sprangen auf der Strae umher.
Aus dem Wagen kam undeutlich eine Stimme, man solle dem Kutscher ein Glas
Punsch bringen. Er bekam ihn; und drauen -- die feuchte Luft strich herein
-- blieb es still, stockende Minuten still. Lola hatte die Hand auf dem
Herzen. Die andere hielt Arnolds Arm gepackt; und Lola beugte sich, hinter
dem Pfeiler hervor, langsam und bebend, bis in die Tr.

Ich kann nicht mehr, ich mu sehen --

Da ri sie sich zurck; er fand ihre Augen wie Geister bla und irr; -- und
dann sah auch er: dort stand der Wagen des Hauses Pardi.

Lola hob sich, zagend, vom Sitz; Arnold legte ein Geldstck hin; und ohne
einander loszulassen, glitten sie hinaus. Das Fenster des Wagens war
verhngt. Der Kutscher schlrfte und sah gradaus. Sie hatten den Wagen
umgangen, sie konnten fliehen . . . Das Fenster war verhngt? Lola stand
und zauderte, halb gewendet. Dann sagte ihrem Genossen ihr krank
herbeischleichender Blick, da sie sich ergebe. Jener dort solle
zuschlagen, endlich zuschlagen. Die Neugier des Opfers war ber sie
gekommen, die Lust nach dem Opfer. Er sah sie an und erbleichte.

Sie setzte den Fu an; sie erreichten drben das Fenster: es stand offen;
lautlos neigten ihre beiden Gesichter sich darauf. Und ihre beiden
Gesichter empfingen die Atemste derer, die dort innen umkrampft lagen,
sich wanden und zuckten. Lola bewegte die Wimpern nicht. Ohne Eile richtete
sie sich auf; Claudias von Lust gebrochene Augen waren noch immer, ohne zu
verstehen, an ihr; -- und Lola und Arnold gingen ungedmpften Schrittes von
dannen, hinaus in Regen, zeitlose Stille und totes Menschengewhl, durch
Vorstdte mit elendem Lichtflimmern im Pflaster und endlos weiter auf einer
braunen, mden Landstrae ohne Lampe, ohne Stern . . . Arnold tastete nach
Lolas Arm und sttzte ihn. Ihre Schultern sanken im Gehen zueinander. Sie
empfingen mit ihren Schlfen den Regen, stieen fremd an Steine und gaben
ihre willenlosen Stimmen der leeren Weite hin, die sie trank.

Meine arme Geliebte!

Mein armer Geliebter!




V


Lola fieberte, schon die zweite Nacht. Sie fhlte sich als Kind und auf der
Groen Insel. Feenlicht in stiller Runde, ber Meer und Garten; und hielt
man ihm nur das Gesicht hin, war's einem, man lchele. Weite Blumenkelche
schwankten bedchtig, und Lola gab ihnen Namen: jedem einen lngst
befreundeten Menschennamen. Da tat aber ihr Herz einen Sprung, die schne
Luft ward schwer; Lola wollte laufen, laufen, und blieb stecken in der
Luft; wollte schreien und hrte sich nicht. Sie atmete auf: dort saen um
ihren Suppenkessel die Schwarzen. Alles war gut, die Boa war verschwunden,
Lola war ihr entronnen. Ein starker Schwarzer hob sie den Kessel hinan, sie
tauchte ihren Lffel ein und sah stolz umher, wie alle ihre blonden Locken
bewunderten. Und nun schlug eine Stimme an: o, jene Stimme, bei der man vor
Liebe zitterte und sprang; und aus den Bumen trat die groe, ernste
Gestalt. Pai! Pai!

Sie erwachte, die Hnde hingestreckt und auf den Lippen ein Lcheln. Aber
ein fremdes Gesicht bewegte sich auf ihres zu; sie schrak zurck:
Claudia! -- und sie bedeckte die Augen und sthnte.

Ich erschrecke dich wohl, Lolina? Ach, sieh mich an, ich flehe darum!
Wirklich? Ich mache dir Grauen. O, du hast recht, ich bin grauenhaft, und
ich will gehen.

Alles war wieder da; nichts half es, die Lider zuzudrcken. Dahinter
schimmerte dennoch, wie aus dem Dunkel eines Wagens, Claudias Gesicht, mit
den von Lust gebrochenen Augen. Und auch er war zurckgekehrt, der
unfruchtbar Geliebte. Das Schicksal war zurckgekehrt.

Du bringst mir Nachricht von ihm?

Claudia blieb scheu dorthinten gegen die Wand gedrngt, als wollte sie
hindurch. Sie stammelte:

Warum bist du krank geworden? O! ich bin eine Verbrecherin. Wollte doch
Tullio mich umbringen, mich endlich umbringen! Ich habe dich gesehen, Lola,
als eine Erscheinung: ich darf dir nicht sagen, wann. Du erscheinst mir
oft: ich darf dir nicht sagen, wann.

Bin ich dir erschienen, Claudia? Ach, la das! Es wird nicht wahr sein;
denn ich glaube nicht, da meine Seele von mir fortschweifen kann. Sie
sitzt immer ber sich selbst gebeugt. Du verstehst das nicht. Hat er dir
Auftrge gegeben?

Nur, da er sich sehr um dich ngstet. Er hat es nicht gesagt: ich sah es.
Aber nun wirst du genesen, Lolina. Ich will ihm sagen, wie gut du
aussiehst.

Tu' es nicht! Sage ihm, ich werde sterben . . .

Sie sann mde. Er verdient es. Wenn ich tot bin, wird er bereuen. Dann
wird er mir alles geben wollen, als lebte ich. Jetzt liebt er mich nur so,
wie man eine Tote liebt. Vielleicht gibt es ein Jenseits? Dort sehe ich
seiner Liebe zu und freue mich meines Todes.

Ja, sagte sie, ich wnsche mir sehr, zu sterben. Niemand wei, wie gut
das wre.

Claudia kauerte am Boden und haschte mit den Lippen nach Lolas Hand.

Du bist weich und unschuldig, meine Claudia; ich habe dich gern. Aber geh'
nun, ich bitte dich, -- und sei unbesorgt. Ich werde wohl nicht sterben: es
wre zu viel Glck. Nur trumen darf ich. Vorhin trumte ich, und da war's,
als sei noch nichts geschehen, von allem Schlimmen noch nichts.

Noch wachte sie, und fhlte sich doch ganz deutlich aus dem Meer steigen:
ber groe flache Steine und auf den Strand. Er war nun leer; und das
schwarze Laubdach, unter dem sie hinging, blitzte oben wei vom Mond. Sie
wute sich allein auf der Groen Insel: die Blumen im Mondlicht sahen aus
wie Seelen, -- und da erinnerte Lola sich, sie sei gestorben. Dies war das
Jenseits; und doch lag es auf Erden, und wer sie sehr liebte, konnte sie
einholen und es ihr sagen. Sie vermochte nicht zu sprechen, aber sie
erriet, was drben geschah: erriet seine Sehnsucht und lauschte lchelnd
bers Meer hin . . . Nun war er da. Noch fand er sie nicht, sie aber sphte
schon bis in sein Herz und sah es bereit, mit ihrem auch den Tod zu teilen.
Sie dachte: Hier bin ich! Komm! -- und da war er unter ihrer Palme; ihre
Hnde streiften sich, seine Wrme rann ihr ins Herz und erweckte sie. Ein
Schrei: sie schrak auf.

Er liebte sie! Das Glck dehnte in ihr seine groen Flgel. Weich ward sie
gehoben, schlo wieder die Augen und lie sich tragen. Nun bin ich seiner
gewi, -- da er mir bis hierher gefolgt ist. Nun liebt er mich mehr als
sein Leben.

Trume muten es ihr beweisen; -- und sie erhielt sich im Traum von ihm,
fand es s, seiner zu denken und ihn nicht zu sehen. Lngst ging sie
wieder umher und wollte doch den Brief, den Claudia fr ihn verlangte,
nicht schreiben. Ihr Traumgespinst wre durch Worte zerrissen worden. Er
htte sie enttuscht. Als sie ihn wiedersah, war's Zufall, und sie
erschrak. Er begegnete ihr sanft und reuevoll, -- und in ihr wallten Trnen
auf. Warum schalt er sie nicht? Er mute wissen, da sie gestern groe
Gesellschaft bei sich gehabt hatte. Sie sah alle Welt, nur ihn nicht; er
aber blieb gtig.

Mein Mann lie mir keine Ruhe, sagte sie, und da sah sie ihn aufzucken.
Also brauchte jetzt nur Pardis Name zu fallen, und er war getroffen und
sank in eiferschtiges Grbeln?

Er ist ruiniert, sagte Lola mit Herzklopfen; um sich zu halten, bleibt
ihm nur, da er sich whlen lt. Und da die Kammer aufgelst ist --. Aber
du hrst nicht zu?

Er stammelte. Nein: sein Zorn, sein Ha waren wieder ausgewichen. Die
Eifersucht machte ihn nur noch verlegen. Lola sagte gereizt:

Warum schiltst du nicht? Ich bin schlecht.

Du warst krank. Ich habe dich zu lieb . . .

Immer diese Gerechtigkeit. Htte er den Herrn gezeigt -- wie der andere! In
ihrem Zimmer trumte sie davon: auch davon. Er befahl ihr, und sie
arbeitete fr ihn. Denn sie waren arm, waren entflohen und lebten in einer
Htte: sie seine Magd. Wie ich dich liebe! Schlage mich! Sie sa, in
ihrem Sinn, zu seinen Fen; und wie sie zu ihm aufsah, schob seinem
Gesicht sich, und sie wute es kaum, Pardis unter. Als sie es merkte,
vertrieb sie's. Noch oft kehrte es wieder, statt des gerufenen. Und
mehrmals erwachte sie und bebte noch davon, da sie in Armen gelegen hatte,
die der Geliebte ihr geffnet und der Gehate um sie geschlossen hatte.

Warum suche ich nach allem Leiden, das jener mir auferlegt hat, in Arnold
doch wieder den anderen? Bin ich denn wirklich unheilbar? Ach, wollte mein
Geliebter mich erlsen! Eine Tat! Ein Zugreifen! Sie wute nicht, wie,
wollte es nicht wissen. Es war seine, des Mannes, Sache. Er htte handeln
sollen trotz ihr, und wenn sie selbst ihm auch die Hnde festhielt. Sie
irrte durchs Zimmer. Vielleicht lag alles daran, da er sie nicht nahm? Er
verstand sie nicht, er war ein schlechter Seelenkenner. Sie strubte sich,
sie hatte Bedenken: welche Frau hatte sie nicht. Ich bin eine gewhnliche
Frau! Er lie sich tuschen, er war lcherlich vor Zartgefhl. Wre er
einen Augenblick ganz Mann gewesen! Es blieb wider die Natur, da sie, die
sich alles gegeben hatten, einander die Krper versagten. Daraus kam diese
Sucht, einander zu qulen, diese Feindseligkeit im Sehnen, diese Trume,
die ins Irre und Verderbte schweiften. Sie legte Claudia eine zornige
Beichte ab.

Wir Frauen erfinden Gott wei was, zu unserer Verteidigung. Du weit
selbst, da wir's bel nehmen, wenn man es gelten lt. Er aber lt alles
gelten. Ich bin noch immer nicht seine Geliebte. Du hast es mir frher nie
geglaubt und wirst es auch jetzt nicht glauben: wie knntest du. Aber es
ist so.

Claudia sphte in Lolas Augen, ob dies die Wahrheit sei. Sie war sprachlos.
Dann schob sie den Mund vor; die anstrmenden Worte blhten ihn; und
pltzlich erbrachen sie ihn. Arnold war ein elender Feigling; er sollte
eine Schrze vorbekommen; Lola konnte sich von ihm ihr Schlafzimmer
aufrumen lassen. Ah! auch dies la ihn tun, -- und Claudia machte eine
Gebrde. Vor Entrstung ward sie unanstndig. brigens beteuerte sie, sie
habe Arnold nie getraut. Er sei kein Mann. Seine Augen mifielen ihr.
Erschreckt griff Lola ein, erklrte und suchte gutzumachen.

Ich wute wohl, gab Claudia zu, da ihr anders seid, als wir: du eine
andere Frau, er ein Mann, nicht wie die unseren. Ich verstehe eure Sachen
nicht, ihr mt selbst zusehen.

Aber ihre Phantasie war nun umgelenkt. Claudia bewegte langsam ihren
kleinen Kopf und verdrehte, vor schmerzlicher Bewunderung, die groen
brunlichweien Tieraugen.

Ihr seid Engel. Wir gewhnlichen Menschen knnen euch nicht nachahmen, ihr
aber seid Engel. Trste dich, Lola: deine Leiden werden dir mit himmlischen
Freuden vergolten werden, fr meine aber bin ich verdammt. Ach! weine
nicht, Lolina. Was soll dann ich tun?

Lola wandte sich ab. Sie erkannte das Leiden anderer nicht mehr: ihr
eigenes hatte alles verdunkelt. Und wenn es ein Jenseits gbe, dachte
sie, es wre dennoch leichter, sich mit allen anderen verdammen zu lassen,
als ganz einsam selig zu werden.

                   *       *       *       *       *

Sie forderte von Arnold:

Sei ein einziges Mal leichtsinnig! Bist du mir nie untreu gewesen? Hast du
dich je geschlagen? Ach nein, -- aber so verschwende doch irgend etwas!

Er war gar zu sparsam: mit dem Seinen und mit sich. Sie warf ihm, wenn sie
grbelte, vor, da er ihr nie ein Geschenk gemacht habe. Pardi hatte fr
die Sarrida Hunderttausende fortgeworfen, -- aber auch fr mich war er
immer bereit: ich brauchte nur Launen zu zeigen. Ein Gericht zu viel machte
ihn wtend; aber er htte mir eine Yacht gekauft. Wem eine Frau nicht das
Geld wert ist, dem ist sie schwerlich das Leben wert. Arnold ist mig und
vernnftig; seine Tugenden sind sehr brgerlich . . .

Und hingen nicht ebenso brgerliche Untugenden mit ihnen zusammen? Seine
Klte und seine Art, Menschen anzusehen! Ach! er wird niemandem unrecht
tun: nicht durch blindes Lob und nicht durch Verleumdung. Er zerlegt und
begreift. Er kennt nicht Freund noch Feind: nur das kleine selbstschtige
Vergngen des Durchschauens. In dem Gerechtigkeitssinn dieser Schwachen,
wie viel kleinliche Bosheit! Pardi: o, dem wird's hei, der liebt und hat;
und wen er nicht ersticht, den hlt er gradaus fr einen Ehrenmann. Bei dem
wrde man selbst wissen, wer man ist, wrde seiner selbst sicher und
geborgen sein . . .

Und sie dachte der Zeit, da sie's war. Das einzige Gute war doch das
Sinnenglck: damals, wie ich jung war. Das schien Jahrzehnte her. Sie sa
in wehmtigen Erinnerungen, wie eine Greisin. Pltzlich eine Wallung, da
die Luft zu flimmern schien, -- und sie bebte vom Gefhl abenteuernder
Jugend, vom Gefhl des Lebens von damals. Noch immer war's da, ging aus und
ein mit dem Mann, und war toller als je. Ein Schritt nur! Das andere
vergessen knnen! Pardis Untergang mitmachen! Sein ganz und fr immer
verwirrtes Schicksal teilen, dies von jeder Verantwortung, allem Denken
befreite; lieben und betrgen, sich durchschlagen, Hunger haben wie ein
Tier und tafeln wie die Gtter, gehetzt werden und atemlos lachen. War ich
nicht schon frher etwas wie eine Abenteurerin? Ich gehre zu ihm. Was er
mir zu bieten hat, kommt mir zu.

Dann fing sie einen Mnnerblick ab, der sich auf eine Frau niederlie, und
ihr ward kalt. Die unkeusche Wirkung dieser Frau, die Unkeuschheit unter
ihren Kleidern, hinter ihren Augen, die Unkeuschheit, die ihr Gedanke, ihr
Zweck, ihre Funktion war, machte Lola erstarren vor Ekel und Grauen. Sie
selbst war, in ihrem Bewutsein und Willen, diese Frau gewesen! Sie fhlte
sich nackt unter allen Menschen und verlor den Kopf.

Der Spalt, der von jeher durch ihr Leben schnitt, war weit aufgerissen, und
Flammen schlugen heraus. Ihr verstrtes Innere warf, durcheinander, alle
Triebe empor, brachte alle Bilder zurck. Sie htte auf einem kalten Meer
mit Arnold Schiffbruch erleiden mgen. Aber das Polster eines Wagens
erschien ihr und zwei Gestalten, die sich umkrampft hielten und zuckten.
Sie tten! Ach! dies erlsende Wort. Wie kam es denn, da diese Claudia
noch lebte, da Lola ihr die Hand reichte, ihr ihren Namen gab -- Claudia
-- als drfe sie leben? Beide tten! Gereinigt war dann alles und still.

Wie sie sich im Qualm ihres blutigen Traumes betraf, fielen ihre Zge
zusammen, und sie schlo, sich zu fliehen, die Augen. Sie verachtete ihr
Wten, das Wten der Ohnmacht, und verachtete die Stunden der Sehnsucht,
rein zu sein; denn immer schlugen tierische Dmpfe hinein. Sie litt Abscheu
vor jeder ihrer Regungen; alle deuchten ihr uralt, verbraucht und
vorauszusehen; die Gedanken abgespielt, die Empfindungen schal und
verderbt. Sich los sein! Da ich nie wissen werde, wozu ich geboren bin:
lieber nichts mehr wissen!

Ein Ausweg: sich beschrnken, Ansprche und Gedanken abwerfen, ihre Kraft
nur mehr gebrauchen, um zu erhalten, was im Zusammensturz aller Dinge,
ihrer Liebe und ihres brgerlichen Daseins, noch stand. Sie machte sich an
eine genaue Beaufsichtigung des Haushaltes, wollte sparen, kleinlich
sparen. Was half's, da Pardi die letzte Habe zu Geld machte und es
verstreute. Ein Fremder kam ins Haus und verhandelte ber den Preis der
Verkndigung, drauen an der Fassade. Lola sprach lachend davon zur Tochter
des Prfekten und fhlte sich gerettet, als am Abend drunten eine Wache
stand. Pardi deklamierte vor den Freunden, die hereinstrmten. Ob die
Verkndigung sein sei, oder der Nation. Warum die Nation, anstatt nur den
Verkauf zu verbieten, ihm das Kunstwerk nicht lieber gleich wegnehme. Lola
mischte sich heiter ein.

Was er fr Einflle hat, wie, meine Herren? Wenn du das Bild nicht sehen
magst -- auch ich habe es satt --: warum mu dieser Amerikaner es haben?
Warum nicht das Museum?

Einfalt! Weil es nur die Hlfte dafr gibt. Und meinst du, eine Wahl sei
umsonst? Zehntausend Whler wollen bezahlt sein, jeder mit fnf Lire, und
die groen kosten mehr. Aber ich mache es; wir haben gewettet: wie, Marco,
Carlino? Ihr sollt sehen, ob ich noch der Alte bin.

Er verbreitete sich, lockeren Herzens, nach allen Seiten, feuerte
Sympathien an, zauberte einen ganzen Garten von Leichtsinn und guter Laune
aus all diesen Gesichtern. Musik nherte sich, und eine Schar Volkes, vom
Frsten Valdomini gefhrt, schrie zu den Fenstern herauf, da Pardi leben
solle, und da seine Feinde sterben sollten. Und sie machten sich ber die
beiden Carabinieri her, die die Verkndigung bewachten. Pardi war schon
unten und fiel den Angreifern in den Arm. Er sprang auf die Stufen zum Tor
und redete: etwas wesenlos Begeisterndes, wovon die Augen ringsum zu
blitzen begannen. Dann, die Hand nach der Hausecke gestreckt:

Dort in meinem Keller wird euch mein Wein fr fnf Soldi verkauft. Ihr
wit, da das wenig ist. Von heute ab aber sollt ihr ihn fr drei haben.

Er war auf einmal in einem Sturm von Hndedrcken, ward auf Schultern
gehoben und zum Weinkeller getragen. Das Gelage dauerte lange; Lola sah,
allein zurckgeblieben, da auch die Wchter sich hinziehen lieen. Und am
Morgen gafften Brger die nackte Hauswand hinan. Die Verkndigung war fort.

Pardi stand inmitten aller Diener und lachte, da es ihn bis auf die Knie
beugte.

Ah! Geld wollt ihr? rief er den aufgeregten Eindringlingen zu. Ich habe
keins: weniger als gestern. Denn meine Madonna hat man mir gestohlen.

Er hatte keins. Lngst waren die Summen, die er noch erraffte, nutzlos
dahin, bevor sie eingingen. Pardi focht nur noch, um zu fechten und mit dem
Bewutsein, auch den Fubreit Boden, worauf er sein Florett fhrte, werde
er aufgeben mssen. Er scheute nicht mehr Ungesetzlichkeiten noch
Unzartheiten: blieb ihm nur die furchterregende Gebrde, die groe Maske,
der alles erschtternde Abgang. Er war dabei, seinen Rest brgerlicher Ehre
abzustreifen, und behauptete um so wuchtiger die des Helden. Wegen eines
Hemdes, das er einem Freunde aus der Kommode genommen und sich angezogen
hatte, kmpfte er ein Duell. Und am Abend vorher war er bei erhhter Laune,
versprach Lola eine Reise nach Paris und lobte sein Leben. Wie viel
Ttigkeit! Wie viel Bewegung! Indes er in Versammlungen auftrat, mit dem
Waffenkasten vors Tor fuhr und tglich Frauen kraft seines ganzen Feuers,
als brenne es nur dafr, in allen Winkeln der Stadt Frauen im Dahinstrzen
mit sich ri, hatte er durch Laufen, Lungern, Kartenspiel und Drohungen den
Sturz seines Hauses hinzufristen, zwlf Stunden noch, und noch zwlf.

Lola kam, wie sie ihm zusah, in zitternde Bewegung. Sie konnte nicht
schlafen, dachte sie an das feurige Leben, das er Tag und Nacht unterhielt.
In welchem trben Grau schlich man mit Arnold dahin! Pardi war
bewundernswert. Mit einer todverachtenden Freude sah sie ihn alles, was er
war, wie ein Feuerwerk in die Luft schicken. Gleich war das letzte
abgebrannt; der Rest war Pulverdampf und Nacht. Inzwischen aber geno man
einen berauschenden Jubel, einen glnzenden Leichtsinn. Und man empfand
sich vergrert und strker beleuchtet, wie auf einer Bhne. Aus Lola
lsten sich, indes sie dies miterlebte, Akzente und Gebrden, die sie in
sich nicht gekannt hatte.

Sie, Botta, unser alter Freund, untersttzen die Kandidatur meines Mannes.
Ich habe es nicht anders erwartet, aber werden Sie ihn durchbringen?

Botta schmatzte; und die Tischnachbarn wandten sich her nach Lolas lauten
Worten.

Contessa, wir haben viel fr uns, vor allem seine Glubiger. Jawohl, das
Konsortium seiner Glubiger, denen wir klargemacht haben, da nur seine
Wahl ihnen zu ihrem Gelde helfen kann. Sie sind von Eifer erfllt.

Warum nicht, sagte Lola. Auch niedrige Interessen mssen dienen, damit
Hohes erreicht wird.

Gegenber begann Nutini:

Jeder tut das Seine, damit die gute Sache siegt. Wissen Sie schon das von
der Linda Vitali? Also, der Vitali hatte, vom Klub her, eine Forderung an
Ihren Gatten, Contessa, und bekommt sie durch Scheck vom Juwelier
Spontelli. Er geht der Sache nach und entdeckt -- niemals raten Sie, was er
entdeckt: da er mit den Juwelen der Linda bezahlt ist, mit den Colliers
seiner eigenen Frau.

Links und rechts lachte es diskret. Nutini schielte auf seine Nase.

Und der Vitali schweigt. Was opfert man, als Gatte der Linda, nicht alles,
um einen Kandidaten in die Kammer zu bringen, der die Ehescheidung
verhindert. Auch Sie, Contessa, werden schwerlich einen greren Wunsch
haben.

Die anderen wiederholten:

Jeder tut das Seine, um Pardi durchzubringen.

Lola hob die Tafel auf; und im Aufstehen, mit groartiger Handbewegung:

Ich mache kein Hehl daraus, da ich Geldopfer gering anschlage und das
Geld verachte. Die Geschichte hat erhabene Bettler gekannt. Niemand kann
dem Conte Pardi ein Opfer bringen, das er ihm nicht im voraus hundertfach
bezahlt htte: als er sich fr Italien in Afrika schlug.

Sie stand aufgerichtet und den Kopf im Nacken, im glitzernden Flu ihrer
Schleppe. Die Gestalten um sie her bckten sich unbewut ein wenig, die
Blicke wurden verehrend. Lola sah, da es alle antreibe, ihr Brava!
zuzurufen. Sie bi sich auf die Lippe, und sie frchtete, zu errten.
Gleich darauf war sie um so glcklicher: ganz Heldin, diesem allen
gewachsen und verbndet mit Pardi. Er kam herbei. Von drben hatte er
bemerkt, da sie Wirkung bte: noch eine Wirkung, die sich mitnehmen lie.
Lola sagte Mein Freund --, und sie gaben sich die Hand, beide stolz und
bewundert.

Sie wuten kaum noch, wie sie es miteinander meinten. Was sie der
ffentlichkeit vorfhrten, spielten sie nun auch unter vier Augen. Erst
wenn er fort war, erschrak Lola. Habe ich denn keine eigenen Gefhle mehr?
Was soll diese Komdie: zwei Schritte vom Abgrund? Ich wollte uns doch
aufhalten, ihn aufhalten; -- und jetzt treibe ich ihn vorwrts. Mein Gott,
welche Angst! Ich mu etwas tun, ich mu ihn warnen.

Sein Schritt war, als er heimkam, schwerer als sonst; sie hrte ihn auf den
Sitz fallen. Sie legte die Hand ans Herz, das klopfte; dann trat sie ein.

Guten Abend, mein Lieber. Stehen unsere Sachen nicht gut?

Unsere Sachen?

Nicht die Stirn falten!

Sie berhrte sie mit dem Finger.

Wir haben doch, trotz allem, dieselben Interessen. La mich ein wenig fr
dich denken. Der Trubel, in dem du lebst, erlaubt es dir nicht. Aber wie
soll dies alles enden. Magst du gewhlt werden oder nicht, -- ein Spiel ist
auch dies dir nur: nicht wahr, ich kenne dich? Und was bleibt dir vom
Gewinn? Vielleicht ist alles Geld, das in den Spielslen von Florenz
umluft, schon durch deine Hnde geflossen; was aber hast du nun? Und wenn
die letzte Frau dir gehrt hat, was wirst du noch haben? Werde ruhiger,
Freund, widerstehe deinen Wnschen! Und leiser, mit Zittern: Wir sind
nicht geboren, um glcklich zu sein: gewhne auch du dich an den Gedanken.

Er schttelte ihre Hand von seiner Schulter; er sah sie knirschend an.
Erschreckt murmelte sie noch:

Ich sage es aus Sorge um dich, um mich selbst. Wir haben doch dieselben
Interessen.

Und er brach aus.

Die Erkenntnis kommt dir also? Sie kommt nicht zu frh! Andern Frauen
kommt sie vielleicht ein wenig frher. Ich habe gehrt, da der Untergang
eines Hauses durch die Frau verhindert worden ist. Aber wahrscheinlich sah
sie etwas anders aus als du. Die Cupola hat ihrem Mann das Trinken und die
Weiber abgewhnt: alles beides. Sie hat ihn sich zurckgeholt, sie hat ihn
mit ihren Umschlingungen erweicht, sie hat sich, fr ihn, so lasterhaft
gemacht, da sie ihm zwei Laster ersetzte. Vernunft brauchte sie ihm nicht
zu predigen: ihre Vernunft war in ihrer Liebe. Aber die hast du nicht. Das
ist es: du hast keine Liebe!

Sie wendete ihm die Flchen ihrer gesenkten Hnde zu und hielt seinen von
Verachtung schweren Blick aus.

Ah! jetzt findet sie Trnen: jetzt, da es auch ihr an den Hals geht. Und
doch schien dir an diesem Hause nie viel gelegen. Ich sah dich in diesen
Zimmern immer sitzen, wie eine Gefangene; wie eine Reisende, die in einem
Hafenhotel warten mu, weil der Dampfer beschdigt ist. Als ob du auf
deinem Koffer saest. Wir alle waren dir unheimlich -- und du uns. Nie hast
du aufgehrt, in einer fremden Sprache zu denken; und was du dachtest, war
uns fremd: fremd und nicht befreundet. Du warst unsere Feindin: ja, ich
hatte eine Feindin im Haus. Was Wunder, wenn ich nicht darin blieb?

Lolas Brust ging rascher, ihr Blick ward hart; sie stie hervor:

Du warst mit allen verbndet gegen mich. Ich war allein -- und wre es
berall. Was ich gelitten habe, gibt mir am Ende mehr Recht, darauf stolz
zu sein.

Ach ja -- und selbstgerecht. Du warst immer die berlegene, weil du die
Kalte warst. Ich bin so unbesonnen gewesen, hier eine Fremde einzufhren,
die uns in aller Ruhe ausspionieren durfte.

Wir waren beide unbesonnen. Aber ich habe nicht spioniert; ich habe vor
manchem, was ihr mich sehen liet, die Augen geschlossen.

Mit jenem andern Fremden, deinem Freunde, mut du sehr geistreich ber uns
philosophiert haben. Du hast einen Freund, einen Liebhaber gehabt. Du hast
ihn vielleicht noch. Ich sehe ihn nicht, aber was beweist das bei euch.
Sieht man euch und eure Taten? Ihr treibt gewi aus der Ferne mit eurem
Gedanken mehr Unzucht, als wir, wenn wir zusammen im Bett liegen. Ich mute
es zulassen. In deinen Kopf hineingreifen zu knnen, dafr htte ich
manchmal mein Leben gegeben. Man greift nicht in einen Kopf wie den deinen,
man kommt dir nicht bei. Da: wenn ich so um dich kreise, gibt es immer
einen Strich, ber den ich nicht hinweg kann: nicht hinein zu dir und dich
totschlagen. Ach! htte ich dich damals aus dem Fenster fallen lassen! Du
wagtest mir ins Gesicht zu sagen, da du den andern liebtest; du drohtest
mir, wenn ich dich anrhrte, und du hingst halb hinaus: wie kam's, da ich
dich nicht ganz hinabwarf? Ich begreife es nicht.

Ja: warum nicht. Du httest es tun sollen!

Sie nickten beide wild. Sie standen einander entgegengeworfen und hielten
sich keuchend ihre Wunden vor. Pardi schrie auf, als seien alle seine
Verbnde fortgerissen.

Denke ich an dein geheimes Leben mit dem andern, dann entschuldige ich
jeden Verrat, den je eine Frau beging: sehne mich nach jedem. Es gibt
Frauen, die im Verrat gro waren. Die Cupola hat, um ihren Mann zu retten,
auch das getan; sie hat sich verkauft. Ah! dir htte deine hohe
Selbstachtung das verboten: ich wei. Wie solltest du dienen? Bist du eine
Frau wie die unseren? Ich aber schwre dir: du httest, wie die unseren,
zehn Liebhaber haben knnen und mein Weib sein; ich htte dich gejagt und
erlegt; dann aber htte ich geweint auf deinem Sarg vor Liebe. Und jetzt
werde ich darauf speien.

Tte mich!

Sie warf die Hnde empor.

So tte mich doch!

Damit ich Mrder bin und durch dich vollends verderbe? Hoffe das nicht!
Wir werden zusammen weiterleben. Mein Haus scheint mir nicht mehr meins.
Kein Kind ist darin. Du hast mein Geschlecht gettet; wo ist Giovannino?
Nun am Haus die Verkndigung fehlt, kommt er nie mehr hinein. Ich fhle
mich daraus vertrieben, ich bin wie in Reisehast. Du, eine Heimatlose, hast
mich heimatlos gemacht! Und jetzt mchtest du mich allein lassen? Das
Schiff rumen, da es sinkt? Hoffe das nicht! Wir sind untrennbar. Weit du
nicht, warum ich gewhlt werden will? Aus Ha auf dich! Damit ich das
Gesetz der Scheidung verhindern kann! Damit unsere Hlle ewig ist!

Lola stand, Kopf und Schultern gebeugt. Er wtete.

Vielleicht wirst du mit mir in einem Ministerpalast wohnen, wirst zusehen,
wie ich mir die Banken dienstbar mache, Gold in Barren verdiene, gefrchtet
und gefeiert, von den Frauen begehrt werde, und wirst von meiner bermacht
erdrckt, dahinleben. Vielleicht auch werde ich mich, ausgepfiffen und als
Bettler, in meine letzte schmutzige Kate werfen, nach scharfem Kse
stinken, ein Schwein zchten, das ich am nchsten Markt verhandele, und mit
der Magd schlafen. Du wirst niedriger sein als sie! Denn du bist dabei:
zweifle nicht. Das Gesetz zwingt dich zu mir, wohin ich auch gehe; und ich
denke es auszuntzen. Nur darauf noch werde ich aus sein, dich, meine
Verderberin, zu erniedrigen und mit Schande zu beladen . . .

Stimme und Atem blieben ihm aus; er stand, verzerrt, und wrgte. Lola
flsterte:

Tu's! Ich nehme es hin.

Er fuchtelte haltlos; er krmmte sich.

Die Heuchlerin! Die schmutzige Heuchlerin! Wie soll man sie fassen? Knnte
ich dich nackt durch die Straen jagen! Eine solche Schande erfinden, da
du endlich einen Seufzer ttest, der nicht lgt: und wre es dein letzter!

Die Faust an der Stirn, taumelte er hinaus. Lola lie sich mit dem Arm, der
die Augen bedeckte, gegen die Wand fallen. Sie dachte, von Schrecken dumpf:
Es ist, wie er sagt: ich bin schuld. Ich wollte nur mein eigenes Elend
fhlen, aber auch seins fllt mir zur Last, -- und unter ihrer Wucht werde
ich nicht mehr aufstehen. Liegen bleiben und abben! Er sah fahl und alt
aus: zum erstenmal; und ich habe das gemacht, ich selbst. O rche dich! Da
du mich leben lt, ist zu wenig!

Am Morgen erfuhr sie, da eine Geliebte ihres Mannes im Hause sei. Die
Kammerfrau wute von Cesco, da der Herr Graf sie nachts in seinem Zimmer
gehabt habe. Jetzt war sie fort; -- aber am Nachmittag flog Clotilde, von
Neuigkeiten auer Atem, ins Boudoir. Ob die Frau Grfin nichts hre: das
Haus sei in Aufruhr, die Treppe verstellt mit Mbeln. Man schaffe Mbel ins
untere Stockwerk; der Herr Graf und jene Frau seien drunten; es scheine,
sie solle dort wohnen . . . Die Kammerfrau war hinaus und wieder zurck.
Cesco hole Sthle aus dem Speisezimmer. Ob das nicht eine Schande sei, der
Frau Grfin ihre Sachen wegzunehmen und sie einer solchen Person zu geben.

Die Mbel gehren dem Herrn, sagte Lola.

Aber wenn die gndige Frau hinunterginge und jene davonjagte: es wre nur
Ihr Recht; der Herr Graf knnte es nicht hindern. Das Gesetz ist fr die
Frau Grfin: der Koch wei es bestimmt.

Lola dachte daran, da einst Claudia sie belehrt hatte, die Konkubine im
Hause sei ein Trennungsgrund. Vielleicht war's der einzige. Er brachte
sogar die Dienstboten auf ihre Seite, sie, die Pardis Spione gewesen waren.
Sie sagte:

La! Der Herr bleibt der Herr.

Clotilde behielt den Mund offen.

Die Frau Grfin ist eine Heilige, schlo sie dann. Lola fuhr auf.

Da du das nie wieder sagst! Mir geschieht recht. An dem, was der Herr
jetzt tut, bin ich schuld. Sage das den andern: ich will, da sie es
wissen.

Die Kammerfrau antwortete nicht; rckwrts und ohne ihre starren,
ngstlichen Augen von denen der Herrin zu trennen, ging sie durch die Tr.
Am Abend, wie sie Lola das Haar lste, hatte sie die Lippen fest
aufeinander, eine streng behutsame Miene und die Art, als bediene sie eine
Kranke. Im Spiegel warf sie nach Lola manchmal den traurig berlegenen
Blick der Wrterin. Lola hielt die Augen gesenkt und zog unter den
Kammstrichen des Mdchens den Kopf in die Schultern. Endlich, leise
bittend:

Sprich doch!

Clotilde zauderte; dann begann sie im Ton eines schonenden Vorwurfs. Der
Herr Graf hatte eine seltsame Frau ins Haus gebracht, eine, die seiner
augenscheinlich nicht wrdig war. Es sollte eine Franzsin sein, nun ja.
Aber Carlotta hatte ihre Kleider gesehen: und wenn sie seidenes Futter
hatten, war doch keins heil und keins recht sauber. Und die Wsche! Es gab
Dinge, die man der Frau Grfin nicht sagen konnte . . . Den Morgen darauf
fing Clotilde von selbst an. Inzwischen hatte Leopoldo, der Kutscher, die
Frau zu Gesicht bekommen, und alles war erklrt. Sie war eine von jenen,
die des Abends auf den Straen umhergehen. Leopoldo kannte sie; erst vor
vierzehn Tagen war er selbst bei ihr gewesen. Cesco, der ihm belwollte,
hatte dies sofort dem Herrn Grafen berichtet, whrend er ihn rasierte; aber
der Herr Graf -- es war unbegreiflich -- hatte nur gelacht.

Es ist eine rechte Schande, in ein Haus wie dieses, eine solche Frau
einzuquartieren. Wer will ihr das Bett machen? Noch ist es nicht gemacht,
und es ist in einem schnen Zustand. Der Herr Graf sollte bedenken, da
auch Dienstboten anstndige Leute sind, -- wenn er schon nicht an die Frau
Grfin denkt. Wir haben in der Kche beraten, ob wir alle sofort kndigen
wollten. Cesco wollte es: aber mehr, weil er den Kutscher hat. Wir anderen
haben ihn beredet, dazubleiben, aus Liebe zur Frau Grfin.

Wer gehen will, soll gehen, sagte Lola.

Und am Abend lie sie die Fenster offen, um besser den Lrm des Festes zu
hren, das Pardi drunten seinen Freunden gab. Sie waren gekommen; sie
hatten sich eine Treppe erspart und waren zu der Dirne gekommen, anstatt zu
der Hausherrin. Lola unterschied Stimmen. Sie lehnte sich hinaus, horchte,
und ihr rauschendes Blut formte aus dem Gelchter der Mnner schmutzige
Worte, die ihr galten. Schon einmal, in dem Sommer vor ihrer Verlobung, war
sie von oben Zeuge gewesen, wie jene sie mit Worten auszogen. Pardi hatte
ihnen damals nicht ins Gesicht geschlagen, und jetzt berbot er sie: er
war's, der die Dirne zu diesem gellenden Lachen brachte. Er gab seine Frau
einer Dirne preis. Zwischen dieser Schndung und jener lag Lolas Ehe. Und
es ist gut so. Nur weiter! Ganz mit ihm zugrunde gehen und im Elend seine
Magd sein! Ich wre Arnolds Magd gewesen, wenn er gewollt htte. Aber er
lt mich allein. Dieser hlt die Hand auf mir, ihm entrinne ich nicht. So
sei es! Ich kenne nun mein Schicksal; und so schlimm es immer werden mag,
ich lobe es, darum da ich's kenne.

Sie hatte die Furcht, die Dirne mchte sich von ihr verachtet glauben. Jene
htte erfahren sollen, da Lola ihre Anwesenheit guthie, sich ihr
unterwarf und nicht Dame noch Mrtyrerin sein wollte. Immer, wenn Clotilde
um sie war, drngten sich Lola Worte auf die Lippen, die das Mdchen der
andern htte bestellen sollen; und immer ri Lola, im Schrecken, das
Gestndnis zurck. Zehnmal am Tage trieb es sie, auszugehen, nur um drunten
die offene Tr zu streifen und hineinzusphen. Schon zitterte auf ihrem
Gesicht das Lcheln, mit dem sie vor der Dirne den Kopf geneigt htte
. . . Da sprang eine Tr auf; Lola drngte sich in den Winkel beim Schrank;
und eine Frau mit gelben Haaren lief im Halbdunkel vorbei, drehte sich
pltzlich um und fing Nutini auf, der sie kte. Lola dachte zornig: Er
htte mich ihm wegnehmen wollen, und jetzt nimmt er ihm diese! Sie
schlich, wie die beiden fort waren, zurck, voll Reue, da sie gesehen
hatte, was Pardi vor ihr demtigte.

Ein einziges Opfer brachte sie zaudernd: das Bild drunten im Saal, das Bild
jenes Knaben in alter Tracht, mit dem weichen, traurigen Goldgeriesel des
Haars; aus dessen weiem Gesicht der Mund feuchtrot hervorstand und
fleischig. Aber dies Fleisch, das vom Blute Pardis war, schien zu seufzen
ber sich selbst. Die braunen, gewlbten Augen betrauerten es, untrstlich.
Und die Stirn, die sanfte Wange neigten sich dem Schatten zu, als wollten
sie sich ganz von ihm berziehen lassen. Die Augen Pardis in ihn selbst
zurckschauend, in eine Seele, die nicht seine, sondern Arnolds war; seine
Stirn durch Arnolds Gte und Sehnsucht gereinigt: Das war jener Tote, der
Lola ihre mildesten Trume geschenkt hatte. In ihm konnte ich beide
lieben. Nur bei ihm war ich gestillt. Es ist sehr schwer, zu denken, auf
welche Dinge jetzt seine Augen blicken, die zuletzt mich sahen. Pardi wei
nicht, wie gut er sich rcht. Er zerreit in meinem Herzen den letzten
Wohllaut.

Oft fuhr sie auf und wollte das Bild fordern. Andere Stunden weinte sie
darum. Und jedesmal neu hatte sie sich der darzubringen, die ihr als
Henkerin bestimmt war. Sie stellte sich die Dirne kalt und frech vor, voll
der Sucht, die Frau, deren Mann sie besa, mit Fen zu treten, ihre
Erinnerungen zu schnden. Auf der einsamen Folter ihrer Gedanken fhlte
Lola dort unter sich einen schmutzentstiegenen Dmon, der erst aus den
Trmmern dieses Hauses, gell auflachend, entflattern wrde. Und eines Tages
traf dies Lachen sie so nahe, da sie sich verloren glaubte. Sie wollte
ihren Wagen besteigen; hinter ihr im Hause rief es, herbeilaufend: Schn!
Der Wagen fr mich; -- und pltzlich standen sie voreinander. Lola hatte
im Schrecken nur grelle Flecken vor Augen: die gelben Haare, das kreidige
Gesicht. Da hrte sie stammeln:

Ich habe mich wohl geirrt, der Wagen ist wohl nicht fr mich?

Lola brachte hervor:

Ich bitte, bedienen Sie sich!

Aber die andere tat einen tastenden Schritt rckwrts.

Ich mchte doch nicht die gndige Frau --

Lolas Blick klrte sich; sie entdeckte groe blaue Augen, die vor ihr
erschrocken waren.

Ich werde zu Fu gehen, -- und das Mdchen verneigte sich scheu.

Nein! sagte Lola. Fahren Sie mit mir!

Jene zgerte, senkte die Stirn und gehorchte. Der Kutscher sah sich emprt
nach ihr um. Lola fiel es ein, da die beiden sich kannten. Sobald sie das
Mdchen neben sich hatte, sagte sie dringend:

Glauben Sie nicht, ich wolle Sie demtigen! . . .

Sie frchtete, zu schluchzen, und schwieg. Leopoldo peitschte aus Zorn; sie
jagten ber die Brcke. Mnner starrten zu ihnen herein; die Dirne sah
willenlos hin; und dann zuckte sie zurck und tat, mit geducktem Blick, bei
Lola Abbitte. Lola roch das unelegante Parfm, bemerkte unter dem
Spitzensaum einen rauhen Schuh und fhlte sich nchtern und bel werden.
Diese Arme htte nichts verstanden von allem, was vorging; empfand nichts
und wollte nichts. Lola hatte den drftigen Dingen Geist und Phantasie
geliehen, hatte Schicksalsgtter gegen sich am Werk geglaubt. Das
Schwerste ist immer wieder, durch das Unglck nicht hochmtig zu werden.
Kein Schicksal, auch meins nicht, darf uns glauben machen, wir seien einzig
und erlitten Ungeheures. Sich bcken unters Gewhnliche! Sie grte die
alte Marchesa Triborghi, und der Gru blieb unerwidert. Was tue ich auch?
Ich wei nicht mehr, in welcher Welt ich lebe. Nur mir, scheint es,
geschehen solche Vergelichkeiten. Sie fragte das Mdchen, wo es
abzusteigen wnsche. Es hatte, in der Fassungslosigkeit, all sein
Italienisch vergessen.

                   *       *       *       *       *

Den selben Abend mute sie im Palazzo Valdomini sein und Anspielungen
hren.

Sie haben Ihr unteres Stockwerk vermietet, meine Liebe?

Es werden Verwandte sein?

Denn Sie verbringen dort, scheint es, Ihre Abende. Ich fuhr vorbei; und
dort war's hell; bei Ihnen droben sah man kein Licht.

Ach! die Belfatti will Sie mit einer noch unbekannten Cousine im Wagen
gesehen haben . . .

Die Mnner lchelten und sahen weg. Claudia entfernte sich.

Du weichst mir aus, Claudia?

Wozu brauchst du noch mich? Hast du nicht eine neue Freundin? Ich mu dir
sagen, Lola, da du entsetzlich taktlos bist. Es scheint, ihr Fremden seid
es nun einmal. Aber ein Kind kann wissen, da uns die Maitressen unserer
Mnner nichts angehen.

Noch beim Sprechen fiel ihr ein, was sie selbst sei; und sie ward rot.
Immer zorniger, stie sie hervor:

Aber du bist schlecht und willst ihm schaden. Vielleicht hast du jetzt
erreicht, da er nicht gewhlt wird.

Lola murmelte, erblat:

Ich hatte nur den Kopf verloren.

Aber Claudia lie sie stehen. Lola sah sich nach Hilfe um; sie ertrug diese
Vereinsamung nicht. Unvermittelt zeigte sie sich gegen die Mnner
liebenswrdig, lie sich umringen, erweckte Hoffnungen. Dabei dachte sie
krampfhaft: Ich bin feige: er darf nicht wissen, was geschehen ist.

Das letzte fhlte sie dahingehen: ihre Selbstachtung. Nichts blieb, als ein
Tumult von Stimmungen und Gedanken, ganz unntz, ganz machtlos im Wirrwarr
der Ereignisse, der Gesichter, der offenen Tren. Der Wahltag war da; das
Haus gehrte jedem, der eine Stimme hatte. Sie standen, kauend und mit
schaukelnden Weinglsern, bis in Lolas Zimmer hinein. Pardi drckte alle
Hnde. Seine Augen, seine Gesten beherrschten die Menschenflut, schienen
sie zu beherrschen bis ans Ende der Stadt. Lola sah ihn bleich -- aber jung
und gefhrlich, wie einst. Sie zeigte sich zuvorkommend, schmeichelte
denen, die er bevorzugt hatte, erriet demtig seinen Willen. Gegen Mittag
lichteten sich die Haufen. Mit dem letzten entfernte Pardi selbst sich.

Lola stand einen Augenblick und atmete schwer. Pltzlich schmeckte sie den
Dunst und den Qualm, die von der Menge briggeblieben waren; sah den
Schmutz und das Drunterunddrber. Sie frchtete, zur Besinnung zu kommen.
Nur nicht denken, nicht voraussehen! Heute war ein guter Tag, ein leichter
Tag: man trieb so fort in Gedrnge und Lrm; man trug nicht mehr an sich,
fhlte sich nicht mehr. Zurck in die Menge! Hinaus: gleichviel, wohin!

An den Mauern klebten riesige Zettel, weie, rote und gelbe; dahinten auf
dem Platz vor der Brcke drngte es sich, unter Fahnen, bei einer Schenke;
und wie vor Lola die Gasse sich ffnete, deuchten Brcke und Ufer ihr
munterer, weiter und heller als sonst: als sei der erste Frhlingstag
aufgegangen.

Die bei der Schenke fuchtelten vor roten Plakaten und schrien jedem, der
kam, den Namen des Sozialisten Ricchetti ins Gesicht. Zwei Arbeiter sahen
Lola entgegen, und wie sie vorbeiging, seufzte der eine:

Ah! die Frauen.

Sie war erkannt; Rufe stiegen aus dem Haufen:

Nieder mit Pardi!

Aber es lebe die Contessa! schrie der Arbeiter.

Die Brcke entlang dufteten Veilchenkrbe in der Sonne. Drben am Flu hin,
zwischen den Wagen und den Plakaten, ber den Kpfen derer, die,
Zeitungsbltter in den Hnden, aufeinander einredeten, schwankten die
Veilchen. Mdchen mit Veilchen am Hals strten im Vorbeigehen mit ihrem
Duft aus Frau und Blume ganze Rotten Politisierender auseinander, und der
Eifer der Gesichter zerteilte sich zum Lcheln.

Die lange offene Sulenhalle der Uffizien toste von Volk. Es spritzte seine
Wellen die Sulen hinan: auf den Sockeln, den Schranken wiegten sich
strmisch junge Leute, streckten die Arme ber die heraufgewendeten
Gesichter aus und redeten. Andere Studenten, Kokarden an den Hten und die
Taschen voll Zeitungen, legten Hand an die Whler, hngten sich in den Arm
lndlicher Brger, die noch abwarteten, setzten mit dem Feuer ihrer Mienen
endlich auch die der Mnner in Bewegung, -- und die weien Hnde lagen in
den braunen. Pltzlich flogen alle auf, um zu klatschen. Von da vorn
strmte Hndeklatschen beflgelt herbei. Hinten klatschte man im Galopp und
strebte hervor: was es sei, das man beklatschte. Der Alte Palast der
Republik schob seinen Turm ins Blaue hinaus, als reckte sich der Hals eines
groen alten Wchters voll drohender Ruhe; und auf seinem greisen Profil
erblate die Sonne. Gegenber, unter dem Bogen der Bilderhalle, sah Judith,
klein und furchtbar, auf den Kopf dessen, an dem sie ihr Volk gercht
hatte. Und zwischen dem Wchter und der Heldin leuchteten auf einmal drei
rote Mtzen auf. Garibaldiner! Die Menge schlug ihnen entgegen eine
einzige Woge. Man fhrte die drei Alten ihr zu, ihren tausend Armen zu,
ihren tausend zum Jubeln offenen Gesichtern. An allen Festtagen begegnete
man ihnen: heute aber wollte jeder das rote Wollhemd dieser armen Leute
berhren, als gbe es Kraft; und ihre altersbleichen, altersernsten Mienen
waren umsprht von Liebesblicken. Eine Frau kte den einen. Das Volk
klatschte. Es klatschte, als die drei vor ihm ihre Kpfe entblten. Man
sah sich an, man sah einander weinen.

Lola sprte Trnen; -- und da traf sie die Augen eines beruten Menschen
und fand sie voll Stolz. Welche Feier! Ein Volk rief sich, irgendwie dazu
eingeladen, die Gre seiner Vter zurck, besann sich, beim Anblick der
Gre von Niederen, auf sich selbst. Bis in die ltesten Tage erkannte es
an den Wahrzeichen sich selbst, und seine eigene Unendlichkeit erschtterte
es. Lola atmete tiefer in dieser bewegten Luft: bewegt von der ungeheuren
Gte der Demokratie, ihrer Kraft, Wrde zu wecken, Menschlichkeit zu
reifen, Frieden zu verbreiten. Sie fhlte es wie eine Hand, die sie
befreien wollte: auch sie. Allem Volk sollte sie gleich werden, sollte
erlst sein. Ringsum sahen alle sie frei und derb an, ohne Vorbehalt, ohne
jede hfliche Fremdheit. Sie war keine Fremde; sie war eine Frau wie die
anderen; wie die Mdchen mit den Veilchen unter der Wange, konnte jeder sie
begehren.

Da erinnerte sie sich, wie einst, vor Jahren, Arnold in seiner Einsamkeit
und auszehrenden Geistigkeit ihr von Menschennhe, vom warmen und ttigen
Bndnis mit Menschen vorgeschwrmt hatte; -- und ihr innerer Flug brach ab,
und sie fhlte sich zu Boden geschlagen. Was er erlebt hatte, erlebte auch
sie. Nur ihm glich sie, und sie konnten einander nicht helfen, und sie
schleppten einander nach. Stand er nicht dort im Hintergrunde der Halle?
Eine Sekunde hatte sich der Wald von Kpfen vor seinem Gesicht geffnet.
Dort schwrmte er nun wohl, wie sie geschwrmt hatte. Aber er lie sie des
anderen willenlose Sache sein und mit dem anderen untergehen. Sie sah
bitter fort. Er konnte nichts fr sie tun; denn er sah zu tief -- gleich
ihr selbst. Sie kannten einander: so sehr, da sie sich fast schon verloren
hatten. Habe ich diese ganze letzte Zeit je an ihn gedacht? Wir lebten
zusammen immer nur wie auf einem anderen Stern, und ich stecke jetzt so
angstvoll tief im Irdischen. Habe ich neulich seinen Brief gelesen?
Vielleicht; aber ich wei nicht mehr, was er schrieb. Es war keine Zeit
dafr . . .

Der volle Platz machte ihr Widerwillen; sie schob sich bis in die Gasse
nach dem Neuen Markt. Ein Wagen hielt festgerannt im Gedrnge.

Lola!

Claudia stieg aus.

Ich gehe mit dir. Bist du mir noch bse, Lolina? Ich war so unglcklich,
als ich dich wegen der Franzsin schalt. Es war Eifersucht. Vergi es! Nimm
diese Veilchen und vergi es! Willst du?

Sie drngte sich kindlich an Lolas Arm.

Du verzeihst mir? Auch das noch? Ach, du bist unbegreiflich gut, Lolina.
Ich zweifle nicht, da uns drben die Madonna erwartet; denn von dir bis zu
zu ihr ist's nicht mehr weit.

Wohin gehst du, Claudia?

Ich wei nicht.

Ihre Trnen blinkten noch, und schon lachte sie.

Es ist gleich. Welch schner, schner Tag! Nun ist's Frhling: darum
steigen alle auf die Strae hinab. Sieh, die Nase dort! Sieh, jene Frau:
sie hat einen Liebhaber, man sieht es ihr an . . . Aber hier sind
schrecklich viel Leute: was haben sie?

Sie whlen!

Ach ja! Ich dachte nicht daran. Er lt sich whlen: gerade heute. Und
doch, und doch --

Sie jauchzte leise; -- und pltzlich nachdenklich und spttisch:

Da sieh, wie sie diese Papiere anstarren, die Mnner! Es scheint, da sie
das interessiert, was daraufsteht. Sind diese beiden aufgeregt! Ach nein,
man darf sie nicht beachten: gleich fangen sie an, sich mit uns zu
beschftigen.

Und sie sah unbeteiligt gradaus. Auf dem Domplatz trieben Gruppen umher.
Die beiden Frauen steuerten hindurch. Manchmal folgte ihnen ein Blick.
Wohin gingen sie? An was dachten sie, -- da alles Feuer, das die Welt der
Mnner hervorwarf, ihnen nicht wrmer machte, an der ruhigen Blsse ihrer
Gesichter nichts nderte?

Dort hinein mssen wir, sagte Claudia, und sie nickte hinber nach der
engsten der Straen. Pltzlich zuckte sie zurck.

Was hast du? -- aber Lola hatte schon den fiebrig Lauernden bemerkt, dort
an der Hausecke. Er war bleich; die eine Hlfte seines Gesichts verzerrte
sich jede Sekunde. Er fingerte am Kragen, am Bart, tat zwei Schritte
vorwrts und zwei zurck. Eine Hand hielt er in der Tasche; und sein Blick
brannte unauslschlich auf Claudia.

Dein Mann, murmelte Lola.

Ja, er, -- und Claudia sah ihn unverwandt an. Er ist schlimm heute, er
hat, glaube ich, einen Brief bekommen.

La uns in ein Caf treten, Claudia?

Claudia atmete auf.

Siehst du? Er ist weg, zurck in die Gasse, verschwunden in der Menge. Ich
wute es.

Sie lachte erregt.

Er wird nichts tun. Warum heute? Da er noch nie etwas getan hat . . .

Sie mute stehen bleiben, um ihre Lustigkeit zu dmpfen.

Ah! der kleine Konditor. Er macht die sesten Kuchen von allen. Ich
mchte wieder von seinen Kuchen essen.

Und drinnen:

Du bist so ernst, Lolina. Bist du besorgt um mich? Dann liebst du mich
also wirklich? Ja, du liebst mich.

Claudia seufzte schwer auf. Sie kaute; dann, mit Flstern, tief feierlich:

Dich htte ich gehat, wrst du eine der unseren gewesen. Ich wei es
gewi, ich htte dich gettet. Nun aber sind wir Freundinnen gewesen. Denn
du bist so edel, da man dich nicht frchtet. Ach! und dennoch liebt er nur
dich. Er hat mir's gesagt: nicht lnger als acht Tage ist's her, und ich
war in Wut gegen ihn wegen der Franzsin. Er hob nur die Schultern; und
dann sagte er, dich allein liebe er. Mich aber verachtet er so sehr, da er
mir das sagt.

Aber du bist durch ihn glcklich gewesen, und ich unglcklich.

Er sagte auch, nur du knntest ihn retten.

Mit ihm zugrunde gehen kann ich: sonst nichts.

Drauen strich Claudia sich mit dem Finger ber die Stirn.

Was reden wir da? Was gestehe ich dir alles? O, ich schme mich! Aber mir
ist es, als sei es das letzte, das ich zu dir spreche. Warum? Ich bin
aberglubisch; und mir scheint irgend etwas Groes bevorzustehen. Ich werde
ihn verlieren! Er hat mir gesagt, wenn er nicht gewhlt werde, wolle er
sich mit dir auf dem Lande vergraben. Lolina, sei gut mit ihm! Du, die du
so gut bist! . . . Gott! da ist wieder jener.

La uns umkehren!

Nein, nein! Er wrde uns nachlaufen.

Sie mute die Augen, die sich vergrerten, auf ihm haben, mute ihm
entgegengehen. Er stand jetzt vor dem Caf Bottegone, war noch bleicher,
noch fratzenhafter, ffnete und schlo unaufhrlich ber der Brust die
Knpfe und schien zu keuchen, als sei er gelaufen.

Ich habe Angst, ich habe furchtbare Angst, jammerte Claudia. Warum hlt
er die Hand in der Tasche? . . . Und nun wir nher kommen, sieht er weg. Er
mte uns doch begren . . .

Kein Wagen hier: es ist Wahltag. Frchte dich nicht, arme Claudia! Ich bin
bei dir. Er wendet sich zur Ecke; er ist nicht mehr zu sehen. Machen wir,
da wir fortkommen!

Sie hasteten die breite Strae hinauf: fast liefen sie. Junge Leute zogen
daher und wechselten, angeregt lchelnd, ihre Meinung ber diese beiden
eleganten und hbschen Frauen, die inmitten des Mnnergetriebes auf ihren
klappenden hohen Abstzen irgend einem sen Ziel zustrebten.

Die Kleine ist die Schnste, sagte einer, und lchelte dringlicher in
Claudias Augen. Sie streiften ihn, mit ihren schweren, feuchten Pupillen im
brunlichen Wei, -- und glitten weiter. Du kannst mir nicht helfen. Er
wendete sich noch, um die von ihr durchschrittene Luft einzuatmen, die nach
Veilchen roch.

Soll ich sie ansprechen? fragte Lola, ratlos, und blieb stehen.

Da erhob sich Geschrei und Singen; aus der Seitengasse vor ihnen brachen
Laufende; geballt wlzte sich's hinterher; und die Pferde der Gendarmen
stiegen und sanken ber der Menge, wie Schiffe im Sturm. Er brauste gegen
die beiden Frauen heran; sie sahen in schwarz geffnete Mnder, in
Gesichter, die von nichts wuten, als von dem Schrei, den sie ausstieen.
Sie schrien:

Es lebe Ricchetti!

Und Claudia, in ein Tor gedrckt, mit ihrer kleinen gellen Vogelstimme:

Nein! Es lebe Pardi!

Vorber. Betubt kehrten die Frauen auf die Strae zurck: sie lag breit
und leer, mit dem Dreimaster eines Carabiniere mitten auf dem Pflaster.

Ich hre einen Wagen, sagte Lola. Komm rasch!

Aber Claudia entgegnete starr:

Es ist unntig. Dort steht er.

Und Lola stammelte:

Wie ist er dort hingekommen? Ich begreife nicht . . .

Es soll sein, sagte Claudia. Heute frh sind sechs Haarnadeln von meinem
Tisch gefallen, und alle lagen kreuzweise. Also hier.

Halte doch an, Claudia! Wer wei, was er vorhat.

Ich wei es. Sein Gesicht hat nie so gezuckt; es ist schrecklich, wie das
Zucken ihm die Zhne entblt, auf der einen Seite nur . . .

Du sprichst, als schliefst du. Empre dich doch! Was wir immer getan
haben, wir sind Menschen. Darf man uns jagen, wie ein Tier? O! ich hasse
sie alle, ich will nicht dabei sein. Du kommst mit mir, Claudia: oder ich
lasse dich allein.

Adieu, Lola. Und sage ihm -- du weit wem --, ich wre so gern, so gern
noch --. O! der dort zieht die Hand aus der Tasche.

Er sieht aus wie ein Verrckter. Warum sind wir ihm so nahe gekommen?
Hilfe! Kutscher! Hilfe!

Da krachte schon der Schu, und Claudia taumelte gegen das Haus.

Ich bin getroffen. Noch lebe ich. Aber er ist nicht zufrieden; er kommt,
er will's fertig machen. Seine Zhne!

Aufschreiend:

Nein! ich will nicht sterben. Rette mich, Lola! Ich mu zu ihm: du weit,
zu wem. Er hat mich bestellt, er wartet schon. Wenn ich zurckkomme, will
ich sterben: nicht jetzt . . . Gib mir doch Zeit!

Sie krmmte sich, und sie spreizte die Hand gegen den, der mit
ausgestrecktem Arm und schwankend herbeikam. Lola strzte vor, sie packte
die Waffe. Er drckte wild zu; Lola sah ihre Hand voll Blut und sah Claudia
sinken. Claudia wand sich empor und lief, ohne einen Laut, davon. Sie lief
mitten auf der Strae, mit ungleichmigen Schritten und mit Hnden, die
durch die Luft tasteten: als liefe sie ber Wurzeln und Steine, in einem
halbdunkeln Wald. Drei Schsse noch folgten ihr. Aus den Seitengassen links
und rechts rannten gleichzeitig vier Sicherheitswchter, versperrten die
Strae und griffen Claudia auf. Sie wies hinter sich; darauf lieen alle
sie los, da sie hinfiel, und warfen sich auf den Mann. Er lehnte an der
Mauer; neben seinem Fu lag der Revolver; und er hatte die Augen
geschlossen.

Lola kniete, ber Claudia gebeugt.

Sage etwas, Claudia, nur ein Wort: ich bitte dich, ich bitte dich!

Claudias kleine wei bekleidete Hand regte sich leise in dem Kot, um den
sie gegriffen hatte.

Ach! du weinst. Nicht wahr, du weinst noch? -- und Lola haschte mit den
Lippen nach der Trne an Claudias Lid. Aber die Trne war khl, und
Claudias Augen erstarrten schon.

Contessa! Was ist geschehen? Atmet sie noch? . . . Lassen Sie doch mich,
Contessa!

Lola erkannte Guidaccis kellerigen Atem und richtete sich auf. Der kleine
Priester war aufs uerste belebt. Seine Hundeaugen fieberten von dem
Hochgefhl, an einem Ereignis teilzunehmen.

Eine furchtbare Sache! Ich trete aus San Lorenzo und hre schieen. Ich
laufe; nur durch jene Strae brauche ich zu laufen, und da bin ich. Lat
mich machen! -- er wehrte den Polizisten mit seinem erregten gelben
Hndchen, -- ich kenne die Dame.

Und er raffte die Soutane, kniete hin und legte das Ohr an Claudias Herz.
Alle bckten sich; die Herbeigelaufenen ringsum hielten den Atem an.

Tot, entschied der Priester, mit einer abschneidenden Geste. Lola
bedeckte mit der Linken die Augen. Die Rechte stie sie unsicher ins Leere.

Ich will fort. Den Wagen!

Man hatte darin den Mrder fortgeschafft. Guidacci schickte nach einem
andern. Inzwischen nahten Eilschritte; und wie Lola die Hand von den Augen
nahm, schrak sie zusammen vor den Vermummten der Misericordia. Sie hoben
die Tote geruschlos auf ihren federnden Karren, und schon machten die
beiden hohen gelben Rder die erste Drehung. Lola wollte sich nachstrzen,
aber Guidacci hielt sie nervig zurck.

Nur einmal unter das Verdeck sehen! Waren denn ihre Augen geschlossen?
Sicher?

Sie hatte vor sich immer Claudias erstarrtes Auge und an seinem Rande die
letzte Trne, die es hatte weinen drfen.

Ein Wagen war da. Guidacci setzte sich zu ihr. Er zappelte noch und sah und
hrte nur sich.

Wre ich bei Ihnen gewesen: ah! Contessa, Ihre unglckliche Freundin lebte
noch. Mein Freund hier, -- und er griff in die Tasche -- htte sie
beschtzt. Und zu denken, da es htte sein knnen. Denn ich ging ernstlich
mit der Absicht um, heute die Kirche schon um halb ein Uhr zu verlassen!
Fragen Sie Bussoletti, unsern dicken Erzpriester!

Lassen Sie sehen! sagte Lola, und nahm den Revolver in die Hand. Sie
spielte mit der Sicherung, sah nach den Patronen.

Den also mu man gebrauchen, -- damit nicht der andere ihn gebraucht.

Erst kurz vor der Ankunft gab sie, aufschreckend, die Waffe zurck.

Bleiben Sie hier! Danke: ich brauche keine Hilfe. Das Blut an meiner Hand?
Es ist nicht der Rede wert. Aber ich mchte ruhen.

Sie verband sich selbst; nur niemand sehen! -- und fand nun, ausgestreckt,
hinter ihren Lidern alles wieder, und ihre Adern pochten unaufhrlich die
Worte: Den also mu man gebrauchen, damit nicht der andere ihn gebraucht.

Sie warf sich auf dem Polster umher.

Claudia hat ihm gehrt, wie seine Sache; und weil sie sich widersetzte,
hat er sie zerbrochen. Er durfte es; er geht dafr mit ihr unter. Und so
werde auch ich mit dem untergehen, dessen Sache ich bin . . . Ich will
nicht! Wer hat auf mich ein Recht? Alles ist Lge. Ich bin als mein eigen
geboren, und kein Mensch konnte je auf mich ein Recht erwerben. Ich bin in
seiner Schuld? Ich habe gewut, was mir mit ihm bevorstand? Ich habe ihn
unglcklich gemacht? Ach! das alles zhlt nicht, wenn es um mich selbst
geht. Ich will nicht so gerecht sein! Mag er zusehen! Er hat mir schlimme
Jahre gemacht, wir sind quitt. Ich will nicht in die Tiefe denken, wo seine
Schuld aufhrt und alles Schicksal wird, das man stumm weiterschleppt. Ich
will leben! Ich habe Claudias Tod gesehen: er war schimpflich. Ich will
leben!

Ihr war schwindlich von dem ungeheuren Flgelrauschen in ihr. Pltzlich
fuhr sie empor; und aufgesttzt, die Lippen geffnet, mit einem irren
Lcheln lauschte sie.

Nein. Schwer seufzend sank sie zurck. Es war Pardi.

Er trat ein; sein Schritt war lastend; und er ging, ohne sie anzusehen, zum
Fenster. Mit dem Rcken nach dem Zimmer:

Es steht schlecht: ich fhle, da ich heute kein Glck habe. Bereite dich
auf das Landleben vor.

Er wanderte umher und murmelte zwischen den Zhnen. Anhaltend, mit einem
scharfen Blick:

War Claudia nicht hier?

Lola schwieg. Er kam unruhig nher. Sie richtete sich auf; sie sagte ihm in
die Augen, langsam und stark:

Claudia ist tot. Um deinetwillen ist sie umgekommen, und auf dem Wege zu
dir.

Er schwankte, er griff sich ins Haar.

Es ist nicht wahr!

Da ihre Wimpern sich nicht bewegten, schlug er die Augen nieder. Er sah
pltzlich kleiner aus, und alt, zerzaust, bernchtig: fahl von zahllosen
Nchten.

Und er wanderte weiter: den Kopf auf der Brust, mit stammelnden Bewegungen
der Lippen und, von Zeit zu Zeit, einem unfreiwilligen Sthnen. Lola
wendete das Gesicht, wohin immer er ging. Sie fhlte ihren Mund gekrampft
vom Ha. Sie hate ihn! Er hatte Claudia dorthinten in irgend ein
Rendezvouszimmer bestellt. Claudia war durch die Stadt gegangen, in der an
jeder Ecke der Tod lauerte: durch eine Hecke von Mrdern. Er hatte sie
kommen lassen: denn die Umarmung einer Frau konnte ihm Glck bringen zur
Wahl. Ganz Florenz schrie seinen Namen, kmpfte um ihn: und er pfiff darauf
und umarmte, abseits vom Lrm, eine Frau. Das war reizvoll; es war eine
starke, verachtende Geste. Fr sie war Claudia gestorben. Und ihr Tod traf
ihn peinlich, denn er brachte vielleicht Unglck. O! ich hasse ihn, ich
hasse ihn! Da schleicht er hin, wei sich verloren und wird nie mehr
aufkommen. Ich freue mich. Ich will es nie bereuen, mich jetzt gefreut zu
haben. Zu allem wre ich in diesem Augenblick stark genug: zu allem. Sie
suchte seufzend. Eine Waffe! In diesem Augenblick eine Waffe!

Aber der Augenblick verstrich! Das leblose Schweigen des Hauses machte ihr
Fieber. Pardi richtete sich auf. Er sprach rauh.

Also retten, was zu retten ist. Auf die Qustur.

Den Zeitungen mu gedroht werden, falls sie in den Bericht meinen Namen
mischen.

Er nahm seinen Hut.

Wie lange ist's her? Ist ihr Mann verhaftet?

Nach einer Stille:

Wirst du antworten, Hndin?

Lola lag da, und die Wange in der Hand, sah sie ihn an, mit Augen, die,
leise hin und her rckend, im Ha grbelten. Sein Blick irrte ab; er
zerdrckte den Hut, er machte kehrt . . . Ein strmender Schritt kam ber
die Treppe und durch den Vorsaal; die Tr flog auf; Lola verhielt ihren
Schrei: da stand Arnold. Er atmete rasch; sein Blick traf sicher, erst
Pardi, dann sie; und mit wachem, festem Schritt trat er vor ihr Lager.

Sie sind verwundet?

Er bemerkte ihre Hand und zuckte auf. Halb gewendet:

Sie haben sie tten wollen: ich verlange Ihr Leben.

Pardi setzte die Fuste an die Brust.

Sie sind verrckt; aber da Sie sich endlich zeigen, da Sie endlich aus dem
Nebel tauchen, sollen Sie haben, was Sie sich wnschen.

Er lachte auf. Arnold machte zwei schlanke, khne Schritte. Lola sah ihn
jung und gespannt, wie einen Knaben, der zum erstenmal aus dem Jugendgehege
und vor den ersten Feind hintritt; der die Spiele hinter sich gelassen hat
und vor Ernst bebt. Er sagte hell:

Sie haben die Waffe zu whlen; aber whlen Sie nicht die Pistole, sind Sie
ein Feigling. Und bestehen Sie nicht mit mir darauf, da einer von uns am
Platze bleibt, sind Sie ein Feigling.

Sie hoffen, mich dazu zu machen? sagte Pardi, die Zhne entblend.

Arnold verbeugte sich vor Lola und ging.

Erwarten Sie mich! sagte sie laut, und sie stand auf. Ihr Hut, ihr
Jackett lagen noch da; sie machte sich fertig. Arnold ffnete ihr die Tr.

Trume ich? sagte Pardi. Lola kam zurck. Dicht vor ihm:

Claudia hat dir Sieg gewnscht: es war ihr letzter Ausruf. Aber sie ist
nicht die Tote, die dir Glck bringt.

Und sie wandte sich langsam.

                   *       *       *       *       *

Soll ich dem Kutscher winken? fragte Arnold.

Nein.

Wozu auch: da wir nicht fliehen, sondern frei dahingehen.

Lola sah vor sich nieder.

Nicht er hat mich verwundet. Claudias Mann tat es, als er sie ttete.

Da er schwieg:

ndert das deinen Sinn?

Nein.

Sie hob die Stirn; beglckt sah sie ihn an.

O nein! wiederholte er. Hat er's nicht getan? So htte er's doch tun
knnen. Ich habe dein Blut gesehen. Man sprach mir von deiner Verwundung;
Guidacci sprach -- ich wei nicht was. Kaum hrte ich, dein Blut sei
geflossen, da betubte meins mich mit seiner Wallung. Ich fhlte, da der,
der dich anrhren knne, nicht lnger leben drfe. Du bist mein. Ich habe
genug um dich gelitten.

Wir haben genug umeinander gelitten; und sie nahm seinen Arm.

La uns langsam gehen: jetzt, da wir immer, immer denselben Weg gehen
werden.

Diese armen Straen links vom Flu waren voll Volks, das wimmelnd, zur
Harmonika, Guitarre und dem Fettgeruch aus den Pfannen der Gassenkche, das
Fest der Wahl beging. Ihr Kandidat war so gut wie gewhlt; in den engen
Schaufenstern stand sein Bild; sie stellten Kerzen davor; die Schenkwirte
hngten Lampions hinaus. Die Glocken luteten das Ave, als feierten sie den
Sieg der Armen.

Wie? sagte Arnold. Lngst ist mein ganzes Leben auf dich
zusammengezogen. Alles hab' ich an dich gewendet, alles Denken, alles
Leiden, dessen ich fhig bin. Das soll irgend einer mir wegtragen, es aus
dem Leben schaffen drfen? Wozu habe ich gelebt, wenn du verschwunden bist?
Alles konnten Geschick und Menschen uns auferlegen, jeden Verzicht, das
ganze gehetzte Dasein, das wir gehabt haben: aber wir mssen leben.
Zusammen leben oder zusammen sterben.

Zusammen leben, sagte Lola, mit rascher Zuversicht.

Durch mein Herz fliet lngst nur noch dein Blut. Mit deinen Stimmungen,
die mich unbewut mitergreifen, deiner Unruhe, die auch mich verzehrt, und
deiner sen Liebe, an der ich trage, fliet mir stndlich dein Blut zum
Herzen. Wer dich trifft, trifft mich: und ich will leben. Heute hab' ich
erfahren, da ich's will.

Auch ich. Wrst du nicht gekommen, ich htte ihn gettet! . . . Aber du
bist gekommen. Zum zweitenmal hast du mich aus der Ferne gehrt, als ich
dich beschwor. Und diesmal brachtest du die Tat mit!

Sie sann: Die Tat, an die ich nicht glaubte, die ich von mir wies, und
nach der mich im Grunde immer verlangt hat. Die verachtete Tat, die alles
lst.

Da sagte er:

Mir ist es nun, als htte ich mich lngst nach dieser Tat gesehnt.

. . . Sie langten an. Der leere Platz mit seinen kleinen alten Husern, um
den riesigen, brckelnden Kirchengiebel geschart, stand fahlblau in
Dmmerung. Sie gingen die geschweifte Mauer zu Ende; schon neigten sich
ber Lola die stillen Bume ihres Geliebten. Arnold schob die Pforte
zurck: -- da entstrzte der Gasse drben eine schreiende Fratze.

Gewhlt ist Pardi!

Der Schreier wtete an den schlfrigen Huschen hin, zwang ihnen, mit
Luten und Stampfen, seine Zeitungsbltter auf, zog aus den letzten Winkeln
alles was lebte, an sich, um sich her, und teilte seine Kunde aus.

Gewhlt ist Pardi!

Sie schlossen hinter sich die Pforte. Zwischen den Steinbildern in ihren
schwarzen Laubnischen gingen sie auf das Haus zu. Es lag am Ende dieses
Schattenganges rosig in Abendluft und umstanden von seiner Wache steiler
blauer Schwertlilien. Lola brach das Schweigen.

Er wird das Parlament nicht betreten. O! ich habe den Mut, es zu wollen
und auszusprechen. Er soll sterben, damit wir leben knnen. Wir wollen
nicht lnger schlecht, als seine Knechte leben. Denn das waren wir. Denken
und Zweifeln hatten uns rechtlos gemacht. Durch Verstehen waren wir unfhig
geworden, eine Hand zu erheben, sei es nur, um uns vor Schmutz zu behten.
Wir glaubten uns edel kraft unserer Reinheit: und wurden doch von ihr durch
Verwirrung in Niedrigkeit gefhrt. Allzu gerecht, wird man Sklave. Ein Volk
von Wrde und Menschlichkeit ist ungerecht gegen seine Herren und befreit
sich.

Der Blick jenes beruten Menschen erschien ihr, der in der Sulenhalle der
Uffizien, stolz auf sein Volk, ihr in die Augen gesehen hatte. In ihr
zitterte sein Stolz. Sie sah ein Aufleuchten von tausend Gesichtern, die
Geste der Denkmler, die klatschenden Hnde, den Ruhm eines Volkes. Und
pltzlich ein anderes Auge: brunlich wei, schon starr, und an seinem
Rande die tote Trne.

Was erschreckt dich, Lola? Du bist bleich. Dir wird schwach?

Claudia ist tot. Ich hatte sie lieb: warum mute sie schimpflich sterben?

Lehne dich an mich! Nimm einen tiefen Atemzug aus dieser Luft; der Abend
hat so viel Ruhe und Kraft. Sieh, wie stark um uns her die Schwertlilien
stehen!

Du bist stark! Ich breche nachtrglich zusammen. Ja, sttze mich! Ich wei
nicht, was mich mehr ngstigt von allem Erlebten: der Freiheitsstolz so
vieler, oder der Tod einer armen kleinen Sklavin.

La dich ber die Stufen heben, meine Lola. Wir sind frei und ruhig.
Bleibe in Ruhe auf dieser Terrasse, die uns lieb ist, sttze deinen schnen
Kopf an das Haus, das uns kennt, und warte, bis ich zurck bin.

Du gehst?

Da er schwieg:

Nun wei ich's wieder.

Trnen entstrzten ihr.

Das Schwerste steht noch bevor, und ich versage schon.

Er sah zu Boden.

Wenn ich ausbleibe --

Da sprang sie auf.

Du kannst zweifeln? Nein! Du weit: in derselben Stunde strbe auch ich.

Sie sanken, die Augen geschlossen, gegen einander.

Lola schob ihn sanft zurck.

La, ich habe meine Kraft wieder. Du wirst siegen!

Deine Augen entznden so meinen Geist und mein Blut, da ich alles glaube,
allem vertraue.

Du wirst siegen, weil er gerichtet ist. Er hat es gefhlt: htte er mich
sonst gehen lassen?

Welch Leben, Lola! Wir sind gemeinsam wiedergeboren.

Sie reckte sich, breitete die Arme aus. Den Kopf im Nacken:

Nimm mich! Ich bin frei . . . Nein: warte! Du bist zu strmisch: ganz
Held. Ich bewundere dich; auch das habe ich von dir gewollt. Aber ich will
auch das andere nicht verlieren, das du warst.

Er kniete hin. Sie lehnte auf seinem Kopf ihre Hnde aneinander und beugte
sich sanft, bis ihr Mund seine Stirn traf. Mit kleiner, ser Traumstimme
redete sie.

So bleibe noch! Ich sehe ber dich hinweg in das Dunkel, das
heranschwillt. Die Steige waren blau und sind nun schwarz. Das Leuchten der
Gartengtter ist vergangen, zugleich mit den Vogelstimmen. Das Leben ist
tief, fhlst du's? Ich hre Schattenfe auf dem Rasen. Ein letzter Strahl
biegt sich um deinen Kopf. Du gehst nun und kmpfst um mich. So brauche ich
dich; denn ich bin nur eine Frau. Dann kehrt mein Held heim zu mir, legt
seine Stirn in meine Hnde und ist sanft und mein Gefhrte. So brauche ich
dich; denn ich bin nur eine Frau . . . Wirst du Geduld mit mir haben,
Lieber?

Er flsterte:

Die Prfung liegt hinter uns. Jeder von uns wei, was er sagt, wenn er
sagt: Ich liebe dich.

Ich liebe dich, sagte Lola.

Albert Langen Verlag fr Litteratur und Kunst Mnchen

Heinrich Mann

Die Gttinnen oder die drei Romane der Herzogin von Assy

I. Diana, II. Minerva, III. Venus

Wohlfeile Ausgabe in einem Bande (1006 Seiten) Umschlagzeichnung von _Th.
Steinlen_ Preis geheftet 5 Mark, gebunden 6 Mark 50 Pf.

Das litterarische Echo, Berlin: Heinrich Manns Romantrilogie ist eine
Dichtung von unerhrter Gewalt, die aus unserer epischen Litteratur einsam
emporragt; es ist eine Kunst ohne Vorfahren. Oberflchlicher Betrachtung
mgen Gabriele D'Annunzios Schriften fr die Gttinnen vorbildlich
erscheinen. Aber niemals sind dem Italiener Charaktere von solch
plastischer Schrfe gelungen, niemals Schilderungen von so glhender
Farbenpracht, wie sie uns aus jeder Seite dieses Buches entgegen leuchten.
Bei D'Annunzio die prasselnden Fronten eines kunstreichen Feuerwerks --
hier der himmellodernde Brand unverlschlicher Leidenschaft. . . . Die
Gttinnen ist das Meisterwerk eines ganz Groen.

Hermann Bahr im Neuen Wiener Tagblatt: . . . Ein wunderbares Buch, so
reich, so fein, so klug!

Die Zeit, Wiener Tageszeitung: Es ist schon lange kein Buch geschrieben
worden, das der Herzogin von Assy gliche. In Deutschland vielleicht
berhaupt noch keines. . . . Von Anfang an reit einen dieses Buch im
Taumel mit sich fort. Es steigt einem zu Kopf. Man geniet es,
vertrauensvoll, wie edlen alten Wein, der die Lippen khlt und ser Dfte
voll ist, der aber, kaum getrunken, hei ins Blut schiet und es wild durch
die Adern jagt. Man ist bezaubert und berauscht.

Druck von Hesse & Becker in Leipzig




Anmerkungen zur Transkription


Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt
(vorher/nachher):

   [p. 65]:
   ... munter. Setzst du dich nun gemtlich zur alten ...
   ... munter. Setzt du dich nun gemtlich zur alten ...

   [p. 88]:
   ... Schreibe doch an, Nene. ...
   ... Schreibe doch an Nene. ...

   [p. 93]:
   ... Schritte; dann, ernhaft, mit verhaltenem Zorn: ...
   ... Schritte; dann, ernsthaft, mit verhaltenem Zorn: ...

   [p. 117]:
   ... Halbtag; drunten knirrschten die ersten Karren. Lola ...
   ... Halbtag; drunten knirschten die ersten Karren. Lola ...

   [p. 156]:
   ... Selbstbewutsein. Eine geheime Leidenschaft war zu ererkennen ...
   ... Selbstbewutsein. Eine geheime Leidenschaft war zu erkennen ...

   [p. 241]:
   ... Doch! Gerade du! Pa auf, du wirst im folgen, ...
   ... Doch! Gerade du! Pa auf, du wirst ihm folgen, ...

   [p. 244]:
   ... Insel. Lassen Sie mich's wiedersucheu! ...
   ... Insel. Lassen Sie mich's wiedersuchen! ...

   [p. 281]:
   ... Uud drinnen, flsternd: ...
   ... Und drinnen, flsternd: ...

   [p. 347]:
   ... Ich sehe nmlich voraus, das ihr beide unglcklich ...
   ... Ich sehe nmlich voraus, da ihr beide unglcklich ...

   [p. 365]:
   ... sie fr ihre Woltterin. Einige Jungen berrannten ...
   ... sie fr ihre Wohltterin. Einige Jungen berrannten ...

   [p. 403]:
   ... Die Bernabei sah sie zwinkernd au. Weinerlich: ...
   ... Die Bernabei sah sie zwinkernd an. Weinerlich: ...

   [p. 444]:
   ... Lola fhlte, und hatte kein Bewusein davon, Pardi ...
   ... Lola fhlte, und hatte kein Bewutsein davon, Pardi ...

   [p. 572]:
   ... auf. Ihr Hut, ihr Jakett lagen noch da; sie machte ...
   ... auf. Ihr Hut, ihr Jackett lagen noch da; sie machte ...

   [p. 579]:
   ... Schriften fr die Gttinen vorbildlich erscheinen. ...
   ... Schriften fr die Gttinnen vorbildlich erscheinen. ...






End of the Project Gutenberg EBook of Zwischen den Rassen, by Heinrich Mann

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ZWISCHEN DEN RASSEN ***

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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

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