The Project Gutenberg EBook of Persnlichkeit, by Rabindranath Tagore

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Title: Persnlichkeit

Author: Rabindranath Tagore

Translator: Helene Meyer-Franck

Release Date: March 17, 2014 [EBook #45163]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PERSNLICHKEIT ***




Produced by Reiner Ruf, Norbert H. Langkau, Jana Srna and
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Anmerkungen zur Transkription
#############################

Kursiv gesetzer Text wird zwischen Unterstrichen (_) dargestellt;
gesperrter Text steht zwischen Rautensymbolen (#).

Die folgenden offensichtlichen Fehler wurden im Text korrigiert:

    # S. 70: "Sterben" --> "Streben"
    # S. 189: "... zu unserem persnlichen Wesen kommen. so finden wir
              ..." Satzpunkt wurde durch Komma ersetzt.
    # S. 199: nach "befreit." Anfhrungzeichen () wurde ergnzt.
    # S. 218: "Wagschale" --> "Waagschale"

Dieser Text enthlt eine Reihe von Zitaten, die in Sanskrit abgefasst
sind und mit Hilfe der folgenden Transliterationssymbole dargestellt
werden:

    [=a]   Kleinbuchstabe a mit Makron
    [h.]   Kleinbuchstabe h mit Punkt unten
    [=i]   Kleinbuchstabe i mit Makron
    [m.]   Kleinbuchstabe m mit Punkt unten
    [n.]   Kleinbuchstabe n mit Punkt unten
    [)n]   Kleinbuchstabe n mit Brevis oben
    [r.]   Kleinbuchstabe r mit Punkt unten
    [R.]   Grobuchstabe R mit Punkt unten
    [s.]   Kleinbuchstabe s mit Punkt unten
    [s]   Kleinbuchstabe s mit Akut
    [`S]   Grobuchstabe S mit Gravis
    [t.]   Kleinbuchstabe t mit Punkt unten
    [=u]   Kleinbuchstabe u mit Makron
    [=a]  Kleinbuchstabe a mit Akut ber Makron
    [=i]  Kleinbuchstabe i mit Akut ber Makron

Das Sanskrit-Zitat auf S. 197 wurde wie im ursprnglichen Text
wiedergegeben. Das Originalzitat nach
http://fiindolo.sub.uni-goettingen.de/gretil/1_sanskr/1_veda/1_sam/1_rv/rvpp_05u.htm
lautet:

"vi[s]v[=a]ni deva savita[h.] du[h.]-it[=a]ni par[=a] suva yat bhadram
tat na[h.] [=a] suva"




                          RABINDRANATH TAGORE

                            PERSNLICHKEIT

                                MNCHEN

                           KURT WOLFF VERLAG




Einzig autorisierte deutsche Ausgabe. Nach der von Rabindranath Tagore
 selbst veranstalteten englischen Ausgabe ins Deutsche bertragen von
                          Helene Meyer-Franck

                            1.-40. Tausend

         Copyright 1921 by Kurt Wolff Verlag A.-G. in Mnchen




                             C. F. ANDREWS
                               GEWIDMET

                                   *




INHALT


WAS IST KUNST?                    1

DIE WELT DER PERSNLICHKEIT      49

DIE WIEDERGEBURT                 94

MEINE SCHULE                    134

RELIGISE BETRACHTUNG           182

DIE FRAU                        202




PERSNLICHKEIT




WAS IST KUNST?


Wir stehen dieser groen Welt Auge in Auge gegenber, und mannigfach
sind unsre Beziehungen zu ihr. Eine derselben ist die Notwendigkeit zu
leben: wir mssen den Boden beackern, uns Nahrung suchen, uns kleiden,
und zu allem mu uns die Natur den Stoff liefern. Da wir unausgesetzt
bemht sein mssen, unsre Bedrfnisse zu befriedigen, sind wir in
bestndiger Berhrung mit der Natur. So halten Hunger und Durst und all
unsre physischen Bedrfnisse die stete Beziehung zu dieser groen Welt
aufrecht.

Aber wir haben auch einen Geist, und dieser Geist sucht sich seine
eigene Nahrung. Auch er hat seine Bedrfnisse. Er mu den Sinn der
Dinge finden. Er steht einer Vielfltigkeit von Tatsachen gegenber
und ist verwirrt, wenn er kein einheitliches Prinzip finden kann,
das die Verschiedenartigkeit der Dinge vereinfacht. Der Mensch ist
so veranlagt, da er sich nicht mit Tatsachen begngen kann, sondern
gewisse Gesetze finden mu, die ihm die Last der bloen Zahl und Menge
erleichtern.

Doch es ist noch ein drittes Ich in mir neben dem physischen und
geistigen, das seelische Ich. Dies Ich hat seine Neigungen und
Abneigungen und sucht etwas, das sein Bedrfnis nach Liebe erfllt.
Dies seelische Ich gehrt der Sphre an, wo wir frei sind von aller
Notwendigkeit, wo die Bedrfnisse des Krpers und des Geistes keinen
Einflu haben, wo nach Nutzen oder Zweck nicht gefragt wird. Dies
seelische Ich ist das Hchste im Menschen. Es hat seine eigenen
persnlichen Beziehungen zu der groen Welt und sucht persnliche
Befriedigung in ihr.

Die Welt der Naturwissenschaft ist nicht eine Welt der Wirklichkeit,
sondern eine abstrakte Welt der Krfte. Wir knnen sie uns mit Hilfe
unsres Verstandes zunutze machen, aber wir knnen sie nicht mit unsrer
Seele erfassen. Sie gleicht einer Schar von Handwerkern, die, wenn
sie auch Dinge fr uns als persnliche Wesen herstellen, doch bloe
Schatten fr uns sind.

Aber es gibt noch eine andre Welt, die Wirklichkeit fr uns hat. Wir
sehen sie, wir fhlen sie, wir nehmen mit all unsern Empfindungen an
ihr teil. Doch wir knnen sie nicht erklren und messen, und daher
bleibt sie uns ewig geheimnisvoll. Wir knnen nur in freudigem Erkennen
sagen: Da bist du ja.

Dies ist die Welt, von der die Naturwissenschaft sich abwendet, und in
der die Kunst ihren Sitz hat. Und wenn es uns gelingt, die Frage, was
Kunst ist, zu beantworten, so werden wir auch wissen, was fr eine Welt
es ist, mit der die Kunst so nahe verwandt ist.

Es ist an sich keine wichtige Frage. Denn die Kunst wchst wie das
Leben selbst aus eigenem Antrieb, und der Mensch freut sich an ihr,
ohne da er sich genau klar macht, was sie ist. Und wir knnten diese
Frage ruhig im Untergrunde des Bewutseins schlummern lassen, wo alles
Lebendige im Dunkel gehegt und genhrt wird.

Aber wir leben in einem Zeitalter, wo unsre Welt um und um gekehrt
und alles, was auf dem Grunde verborgen lag, an die Oberflche gezerrt
wird. Selbst den Vorgang des Lebens, der ganz unbewut ist, bringen
wir unter das Seziermesser der Wissenschaft, -- auf Kosten des Lebens
selbst, das wir durch unsre Untersuchung in ein totes Museumsexemplar
verwandeln.

Die Frage Was ist Kunst? ist oft aufgeworfen und auf verschiedene
Weise beantwortet worden. Solche Errterungen bringen immer etwas von
bewuter Absicht in ein Gebiet hinein, wo sowohl das Schaffen wie das
Genieen spontan und nur halb bewut ist. Sie gehen darauf aus, unser
Kunsturteil mit ganz bestimmten Mastben zu versehen. Und so hren wir
heutzutage Kunstrichter nach selbstgefertigten Regeln ihr vernichtendes
Urteil fllen ber das, was seit Jahrhunderten als gro und unsterblich
anerkannt wurde.

Diese meteorologische Strung in der Sphre der Kunstkritik, die ihren
Ursprung im Abendlande hat, ist auch an unsre Kste nach Bengalen
gekommen und trbt unsern klaren Himmel mit Nebel und Wolken. Auch
wir haben angefangen, uns zu fragen, ob Schpfungen der Kunst nicht
danach beurteilt werden sollten, entweder wie weit sie geeignet sind
allgemein verstanden zu werden, oder was fr eine Lebensphilosophie
sie enthalten, oder wieviel sie zur Lsung der groen Zeitprobleme
beitragen, oder ob sie etwas zum Ausdruck bringen, was dem Geist des
Volkes, dem der Dichter angehrt, eigentmlich ist. Wenn also die
Menschen allen Ernstes dabei sind, fr die Kunst Normen und Mastbe
aufzustellen, die gar nicht zu ihrem Wesen gehren, wenn man sozusagen
die Herrlichkeit eines Flusses von dem Gesichtspunkt des Kanals aus
beurteilt, knnen wir die Frage nicht auf sich beruhen lassen, sondern
mssen uns in die Debatte einmischen.

Sollten wir zunchst versuchen, den Begriff Kunst zu definieren? Aber
wenn man lebendige Dinge zu definieren sucht, so heit dies im Grunde,
da man sein Gesichtsfeld einengt, um deutlicher sehen zu knnen.
Und Deutlichkeit ist nicht ohne weiteres die einzige oder wichtigste
Seite bei der Wahrheit. Die Blendlaterne gibt uns ein deutliches,
aber nicht ein vollstndiges Bild. Wenn wir ein Rad in Bewegung kennen
lernen sollen, so macht es nichts, wenn wir die Speichen nicht zhlen
knnen. Wenn es nicht auf die Genauigkeit seiner Form, sondern auf
die Schnelligkeit seiner Bewegung ankommt, so mssen wir uns mit
einem etwas undeutlichen Bilde des Rades begngen. Lebendige Dinge
sind eng verwachsen mit ihrer Umgebung und ihre Wurzeln reichen oft
tief hinab in den Boden. Wir knnen in unserm Erkenntniseifer die
Wurzeln und Zweige eines Baumes abhauen und ihn in einen Holzklotz
verwandeln, der sich leichter von Klasse zu Klasse rollen und in einem
Lehrbuch darstellen lt. Aber man kann doch nicht sagen, da solch ein
Holzklotz, weil er nackt und deutlich vor aller Augen liegt, vom Baum
als Ganzem ein richtigeres Bild gbe.

Daher will ich nicht versuchen, den Begriff der Kunst zu definieren,
sondern ich will nach dem Grunde ihres Daseins fragen und
herauszufinden suchen, ob sie um irgendeines sozialen Zweckes willen
da ist, oder um uns sthetischen Genu zu verschaffen, oder ob sie
entstanden ist aus dem Bedrfnis, unser eigenes Wesen zum Ausdruck zu
bringen.

Man hat sich lange um das Wort L'art pour l'art gestritten, das bei
einem Teil der abendlndischen Kritiker in Mikredit gekommen ist. Es
ist ein Zeichen, da das asketische Ideal des puritanischen Zeitalters
wiederkehrt, wo Genu als Selbstzweck fr sndhaft gehalten wurde.
Aber jeder Puritanismus ist eine Reaktion. Er kann die Wahrheit nicht
mit unbefangenem Auge und daher nicht in ihrer wahren Gestalt sehen.
Wenn der Genu die unmittelbare Berhrung mit dem Leben verliert und
in der Welt seiner knstlich und mhsam ausgearbeiteten Konventionen
immer whlerischer und phantastischer wird, dann kommt der Ruf nach
Entsagung, die das Glck selbst als eine Schlinge des Verderbens von
sich weist. Ich will mich nicht auf die Geschichte der modernen Kunst
einlassen, ich fhle mich hierzu durchaus nicht kompetent, doch ich
kann als allgemeine Wahrheit behaupten: wenn der Mensch seinen Trieb
nach Freude zu unterdrcken sucht und ihn in einen bloen Trieb nach
Erkenntnis oder Wohltun umwandelt, so mu der Grund darin liegen, da
seine Freudefhigkeit ihre natrliche Frische und Gesundheit verloren
hat.

Die sthetiker im alten Indien trugen kein Bedenken zu sagen, da
Freude, selbstlose Freude, die Seele der Dichtkunst sei. Aber das Wort
Freude mu richtig verstanden werden. Wenn wir es analysieren, so
zeigt uns sein Spektrum eine unendliche Reihe von Streifen, deren Farbe
und Intensitt je nach den verschiedenen Welten unendlich verschieden
ist. Die Welt der Kunst enthlt Elemente, die ganz offenbar nur ihr
angehren und Strahlen aussenden, die ihre besondere Leuchtkraft und
Eigentmlichkeit haben. Es ist unsre Pflicht, sie zu unterscheiden und
ihrem Ursprung und Wachstum nachzugehen.

Der wichtigste Unterschied zwischen dem Tier und dem Menschen ist
der, da das Tier fast ganz in den Schranken seiner Bedrfnisse
eingeschlossen ist, da der grte Teil seiner Ttigkeit zur
Selbsterhaltung und zur Erhaltung der Gattung ntig ist. Es hat, wie
der Kleinhndler, keinen groen Gewinn auf dem Markt des Lebens,
sondern die Hauptmasse seiner Einnahme mu als Zins auf die Bank
gezahlt werden. Es braucht den grten Teil seiner Mittel nur, um sein
Dasein zu fristen. Aber der Mensch ist auf dem Markte des Lebens ein
Grokaufmann. Er verdient sehr viel mehr, als er unbedingt ausgeben
mu. Daher hat das Leben des Menschen ein ungeheures berma von
Reichtum, das ihm die Freiheit gibt, Verantwortung und Nutzen in weitem
Mae auer acht zu lassen. An den Bereich seiner Bedrfnisse schlieen
sich noch weite Gebiete, deren Gegenstnde ihm Selbstzweck sind.

Die Tiere brauchen bestimmte Kenntnisse, die sie fr ihre Lebenszwecke
anwenden mssen. Aber damit begngen sie sich auch. Sie mssen ihre
Umgebung kennen, um Obdach und Nahrung finden zu knnen, sie mssen
die Eigentmlichkeiten bestimmter Dinge kennen, um sich Wohnungen
bauen zu knnen, die Anzeichen der verschiedenen Jahreszeiten, um sich
dem Wechsel anpassen zu knnen. Auch der Mensch braucht bestimmte
Kenntnisse, um leben zu knnen. Aber der Mensch hat einen berschu,
von dem er stolz behaupten kann: das Wissen ist um des Wissens willen
da. Dies Wissen gewhrt ihm reine Freude, denn es ist Freiheit. Dieser
berschu ist der Fonds, von dem seine Wissenschaft und Philosophie
lebt.

Wiederum hat auch das Tier ein gewisses Ma von Altruismus: den
Altruismus der Elternschaft, den Altruismus der Herde und des
Bienenstocks. Dieser Altruismus ist unbedingt ntig zur Erhaltung der
Gattung. Aber der Mensch hat mehr. Zwar mu auch er gut sein, weil es
fr die Gattung ntig ist, aber er geht weit darber hinaus. Seine Gte
ist nicht eine magere Kost, die nur gerade gengt, um sein sittliches
Dasein kmmerlich zu fristen. Er kann mit vollem Recht sagen, da er
das Gute um des Guten willen tut. Und auf diesem Reichtum an Gte, --
die die Ehrlichkeit nicht darum schtzt, weil sie die beste Politik
ist, sondern weil sie mehr wert ist als Politik und es sich leisten
kann, aller Politik Trotz zu bieten -- auf diesen Reichtum an Gte
grndet sich die Sittlichkeit des Menschen.

Auch die Idee L'art pour l'art hat ihren Ursprung in dieser Region
des berflusses. Wir wollen daher versuchen festzustellen, welche
Ttigkeit es ist, aus deren berschu die Kunst entspriet.

Fr den Menschen wie fr die Tiere ist es ein Bedrfnis, ihre Gefhle
der Lust und Unlust, der Furcht, des Zorns und der Liebe zum Ausdruck
zu bringen. Bei den Tieren gehen diese Gefhlsausdrcke wenig ber
die Grenzen der Ntzlichkeit hinaus. Aber wenn sie auch beim Menschen
noch in ihrem ursprnglichen Zweck ihre Wurzel haben, so sind sie
doch aus ihrem Boden hoch in die Luft emporgewachsen und breiten ihre
Zweige nach allen Richtungen weit in den unendlichen Himmel. Der Mensch
hat einen Vorrat an Gefhlskraft, den er fr seine Selbsterhaltung
nicht verbraucht. Dieser berschu sucht seinen Ausflu in der
Kunstschpfung, denn die Kultur des Menschen baut sich auf seinem
berflu auf.

Der Krieger begngt sich nicht mit dem Kampf, zu dem ihn die
Notwendigkeit zwingt, er hat auch das Bedrfnis, seinem gesteigerten
Kriegerbewutsein durch Musik und Schmuck Ausdruck zu geben, was nicht
nur nicht notwendig, sondern unter Umstnden geradezu selbstmrderisch
ist. Ein Mensch von starker Religiositt verehrt seine Gottheit nicht
nur mit aller Andacht, sondern sein religises Gefhl verlangt nach
Ausdruck in der Pracht des Tempels und in dem reichen Zeremoniell des
Gottesdienstes. Wenn in unserm Herzen ein Gefhl erregt wird, das weit
hinausgeht ber das, was der Gegenstand, der es hervorbrachte, in sich
aufnehmen kann, so schlagen seine Wogen wieder auf uns zurck und
erwecken unser Bewutsein von uns selbst. Wenn wir arm sind, ist unsre
ganze Aufmerksamkeit nach auen gerichtet, auf die Gegenstnde, die
wir zur Stillung unsres Bedrfnisses erwerben mssen. Aber wenn unser
Reichtum weit grer ist als unsre Bedrfnisse, so fllt sein Licht auf
uns zurck, und wir haben das frohlockende Gefhl, da wir reich sind.
Daher kommt es, da von allen Geschpfen nur der Mensch sich selbst
kennt, weil sein Erkenntnistrieb sich drauen nicht ausgibt und so zu
ihm selbst zurckkehrt. Er fhlt seine Persnlichkeit intensiver als
andere Geschpfe, weil seine Fhigkeit zu fhlen durch die Gegenstnde
auer ihm nicht erschpft wird. Dies Bewutsein seiner Persnlichkeit
will sich zum Ausdruck bringen. Daher offenbart der Mensch in der Kunst
sich selbst und nicht die Gegenstnde. Diese haben ihren Platz in
wissenschaftlichen Lehrbchern, wo er selbst sich ganz verbergen mu.

Ich wei, mancher wird Ansto daran nehmen, wenn ich das Wort
Persnlichkeit gebrauche, das einen so weiten Sinn hat. Solche
unbestimmten Wrter knnen Begriffe nicht nur verschiedenen Umfangs,
sondern auch verschiedener Art umschlieen. Sie sind wie Regenmntel,
die in der Halle hinter der Haustr hngen und von zerstreuten
Besuchern, die kein Eigentumsrecht an sie haben, weggenommen werden
knnen.

Als Wissender ist der Mensch noch nicht vllig er selbst, durch
sein bloes Wissen offenbart er noch nicht sein Wesen. Aber als
Persnlichkeit ist er ein Organismus, der von Natur die Macht hat, sich
die Dinge aus seiner Umgebung auszusuchen und sich zu eigen zu machen.
Er hat seine Anziehungs- und Abstoungskraft, durch die er nicht nur
Dinge um sich her anhuft, sondern auch sein Selbst hervorbringt. Die
hauptschlichsten schpferischen Krfte, welche die Dinge in unser
lebendiges Selbst umwandeln, sind Gefhlskrfte. Ein religiser Mensch
ist als solcher eine Persnlichkeit, aber er ist es nicht als bloer
Theologe. Sein Gefhl fr das Gttliche ist schpferisch. Aber sein
bloes Wissen um das Gttliche lt sich nicht in sein eigenes Wesen
umwandeln, weil ihm der schpferische Funke des Gefhls fehlt.

Wir wollen versuchen, uns klarzumachen, worin diese Persnlichkeit
besteht und welcher Art ihre Beziehungen zur ueren Welt sind.
Diese Welt erscheint uns als eine Einheit, und nicht als ein bloes
Bndel unsichtbarer Krfte. Dies verdankt sie, wie jeder wei, zum
groen Teil unsern eigenen Sinnen und unserm eigenen Geiste. Diese
Welt der Erscheinungen ist die Welt des Menschen. Sie erhlt ihre
charakteristischen Zge in bezug auf Gestalt, Farbe und Bewegung
durch den Umfang und die Qualitten unsrer Wahrnehmung. Sie ist das,
was unsre beschrnkten Sinne eigens fr uns erworben, aufgebaut und
umgrenzt haben. Nicht nur die physischen und chemischen Krfte,
sondern auch die Wahrnehmungskrfte des Menschen sind die in ihr
wirksamen Faktoren, denn es ist eine Welt des Menschen und nicht eine
abstrakte Welt der Physik oder Metaphysik.

Diese Welt, die durch die Form unsrer Wahrnehmung ihre Gestalt
erhlt, ist doch erst die unvollkommene Welt unsrer Sinne und unsres
Verstandes. Sie kehrt als Gast bei uns ein, aber nicht als Verwandter.
Erst im Bereich unsres Gefhls machen wir sie uns ganz zu eigen.
Wenn unsre Liebe und unser Ha, unsre Freude und unser Schmerz,
unsre Furcht und unser Staunen bestndig auf sie wirken, wird sie
ein Teil unsrer Persnlichkeit. Sie wchst und wandelt sich, wie wir
wachsen und uns wandeln. Wir sind gro oder klein in dem Mae, wie
wir sie uns einverleiben. Wenn diese Welt verschwnde, so wrde unsre
Persnlichkeit ihren ganzen Inhalt verlieren.

Unsre Empfindungen sind die Magensfte, die diese Welt der
Erscheinungen in die innere Welt der Gefhle umwandeln. Doch auch
diese uere Welt hat ihre besonderen Sfte, die ihre besonderen
Eigenschaften haben, kraft deren sie unser Gefhlsleben anregen. Eine
Dichtung enthlt solche Sfte. Sie bringt uns Vorstellungen, die durch
Gefhle Leben erhalten haben und die unsre Natur als Lebenssubstanz
aufnehmen kann.

Bloe Mitteilung von Tatsachen ist nicht Literatur, denn die bloen
Tatsachen hngen nicht mit unserm innern Leben zusammen. Wenn man
uns immer die Tatsachen wiederholte, da die Sonne rund, das Wasser
durchsichtig und das Feuer hei ist, so wre dies unertrglich. Aber
eine Schilderung der Schnheit des Sonnenaufgangs verliert nie ihr
Interesse fr uns, denn hier ist es nicht die Tatsache, sondern das
Erlebnis des Sonnenaufgangs, was der Gegenstand unsres dauerndes
Interesses ist.

Die Upanischaden lehren, da wir den Reichtum lieben nicht um des
Reichtums willen, sondern um unsrer selbst willen. Das heit: wir
fhlen uns selbst in unserm Reichtum, und daher lieben wir ihn. Die
Dinge, die unsre Gefhle erregen, erregen unser Selbst-Gefhl. Es ist,
wie wenn wir die Harfensaite berhren: ist die Berhrung zu schwach,
so spren wir nichts anderes als die Berhrung selbst; aber wenn
sie stark ist, so kehrt sie in Tnen zu uns zurck und erhht unser
Bewutsein.

Es gibt die Welt der Naturwissenschaft. Aus ihr ist alles Persnliche
sorgfltig ausgeschieden. Hier sind unsre Gefhle nicht am Platze. Aber
zu der groen weiten Welt der Wirklichkeit stehen wir in persnlicher
Beziehung. Wir mssen sie nicht nur erkennen und dann beiseite lassen,
sondern wir mssen sie fhlen, denn indem wir sie fhlen, fhlen wir
uns selbst.

Aber wie knnen wir unsre Persnlichkeit zum Ausdruck bringen, die
wir nur durch unser Gefhl kennen? Ein Naturwissenschaftler kann das,
was er gelernt hat, durch Analyse und Experiment bekannt machen. Aber
was ein Knstler zu sagen hat, kann er nicht einfach durch lehrhafte
Auseinandersetzung ausdrcken. Um zu sagen, was ich von der Rose
wei, gengt die einfachste Sprache, aber ganz anders ist es, wenn
ich sagen will, was ich bei der Rose empfinde. Dies hat nichts mit
ueren Tatsachen oder Naturgesetzen zu tun, sondern ist eine Sache
des Schnheitssinnes, der nur durch den Schnheitssinn wahrgenommen
werden kann. Daher sagen unsre alten Meister, da der Dichter Worte
brauchen mu, die ihren eigenen Duft und ihre eigene Farbe haben, die
nicht nur reden, sondern malen und singen. Denn Bilder und Lieder sind
keine bloen Tatsachen, sie sind persnliche Erlebnisse. Sie sind nicht
nur sie selbst, sondern drcken auch unser Selbst aus. Sie lassen sich
nicht analysieren und haben unmittelbaren Zugang zu unserm Herzen.

Wir mssen allerdings zugeben, da der Mensch auch in der Welt
des Ntzlichen seine Persnlichkeit offenbart. Aber hier ist
Selbstoffenbarung nicht sein erster und wesentlicher Zweck. Im
Alltagsleben, wo wir zumeist durch unsre Gewohnheiten bestimmt werden,
sind wir sparsam damit, denn dort ist unser Seelenbewutsein im
Zustand der Ebbe; es hat eben Flle genug, um in den Rinnen seiner
Gewohnheit dahinzugleiten. Aber wenn unser Herz in Liebe oder in einem
andern groen Gefhl voll erwacht, dann hat unsre Persnlichkeit ihre
Flutzeit. Dann mchte sie ihr innerstes Wesen offenbaren, -- nur um
der Offenbarung willen. Dann kommt die Kunst, und wir vergessen die
Forderungen der Notdurft und die Vorteile der Ntzlichkeit, -- dann
suchen die Trme unsres Tempels die Sterne zu kssen und die Tne
unsrer Musik die Tiefe des Unaussprechlichen zu ergrnden.

Die Energien des Menschen, die in zwei getrennten Bahnen, der des
Nutzens und der der Selbstoffenbarung, nebeneinander herlaufen,
haben immer das Bestreben, sich zu treffen und zu vereinen. Um unsre
Gebrauchsgegenstnde lagert sich nach und nach eine ganze Schicht von
Gefhlen, die die Kunst einladen, sie zu offenbaren. Und so tut sich im
verzierten Schwert des Kriegers sein Stolz und seine Liebe kund, und im
prunkenden Weinkelch die Kameradschaftlichkeit festlicher Gelage.

In der Regel zeichnet sich das Bureau des Rechtsanwalts nicht gerade
durch Schnheit aus, und das ist begreiflich. Aber in einer Stadt, wo
die Menschen stolz sind auf ihr Brgertum, mssen die ffentlichen
Gebude durch ihre Bauart diesen Stolz zum Ausdruck bringen. Als
der Sitz der britischen Regierung von Kalkutta nach Delhi verlegt
und dies die Hauptstadt wurde, beratschlagte man ber den Baustil,
den die neuen Gebude haben sollten. Einige waren fr den indischen
Stil der Mongolenzeit -- den Stil, der aus der Vereinigung des
mongolischen und des indischen Geistes entsprungen war. Man bersah
dabei die Tatsache, da jede echte Kunst ihren Ursprung im Gefhl
hat. Sowohl das mongolische Delhi wie das mongolische Agra bringen
in ihren Bauten menschliche Persnlichkeit zum Ausdruck. Die
Mongolenkaiser waren Menschen, nicht bloe Verwaltungsbeamte. Sie
lebten und starben, liebten und kmpften in Indien. Das Andenken an
ihre Herrschaft lebt nicht in Trmmern von Fabriken und Amtsgebuden,
sondern in unsterblichen Werken der Kunst, nicht nur der Baukunst,
sondern auch der Malerei, der Musik, des Kunsthandwerks in Stein und
Metall und der Webekunst. Aber die britische Regierung in Indien hat
nichts Persnliches. Sie ist amtlich und daher abstrakt. Sie hat
nichts in der wahren Sprache der Kunst auszudrcken. Denn Gesetz,
mechanische Tchtigkeit und Ausbeutung gestaltet sich nicht zu
steinernen Heldengedichten. Lord Lytton[1], der zu seinem Unglck
mit mehr Phantasie ausgestattet war als ein indischer Vizeknig
braucht, versuchte eine der mongolischen Staatsfeierlichkeiten, die
Durbar[2]-Zeremonie, nachzumachen. Aber solche Staatsfeierlichkeiten
sind Kunstwerke. Sie haben ihren natrlichen Ursprung in der
wechselseitigen persnlichen Beziehung zwischen dem Volk und seinem
Monarchen. Wenn sie nachgemacht werden, tragen sie alle Anzeichen der
Unechtheit.

Wie sich Zweckmigkeit und Gefhl in verschiedenen Formen zum Ausdruck
bringen, sehen wir, wenn wir die Kleidung des Mannes mit der der Frau
vergleichen. Der Mann vermeidet im allgemeinen alles berflssige, was
nur als Schmuck dient. Die Frau dagegen whlt von Natur das Dekorative,
nicht nur in ihrer Kleidung, sondern auch in ihrem Benehmen und in
ihrer ganzen Lebensart. Sie mu schn und harmonisch sein, um das zu
offenbaren, was sie in Wahrheit ist, denn sie ist durch die Aufgabe,
die sie in dieser Welt hat, konkreter und persnlicher als der Mann.
Sie will nicht nach ihrem Nutzen gewertet werden, sondern nach der
Freude, die sie gibt. Daher ist sie immer darauf bedacht, nicht ihren
Beruf, sondern ihre Persnlichkeit zum Ausdruck zu bringen.

Da nun der Ausdruck der Persnlichkeit und nicht der irgendeiner
abstrakten oder analysierbaren Sache auch das Hauptziel der Kunst
ist, so bedient sie sich mit Notwendigkeit der Sprache der Malerei
und Musik. Dies hat uns zu der falschen Annahme gefhrt, da die
Hervorbringung von Schnheit das Ziel der Kunst sei. Doch die Schnheit
ist fr die Kunst nichts weiter als ein Mittel, sie ist nicht ihr
ganzer und letzter Sinn.

Infolgedessen hat man oft die Frage errtert, ob nicht die Form mehr
als der Stoff das wesentliche Element der Kunst sei. Mit solchen
Errterungen kommt man ebensowenig zum Ziel, als wollte man ein
bodenloses Fa mit Wasser fllen. Denn man geht dabei von der
Vorstellung aus, da die Schnheit das letzte Ziel der Kunst sei, und
da der Stoff an sich nicht die Eigenschaft der Schnheit haben kann,
fragt man sich, ob nicht die Form der wesentliche Faktor der Kunst sei.

Aber auf dem Wege der Analyse werden wir das wahre Wesen der Kunst
nie entdecken. Denn das wahre Prinzip der Kunst ist das Prinzip
der Einheit. Wenn wir den Nhrwert gewisser Speisen wissen wollen,
so mssen wir die Bestandteile, aus denen sie sich zusammensetzen,
untersuchen; aber ihr Geschmackswert besteht in ihrer Einheit
und lt sich nicht analysieren. Sowohl Stoff wie Form sind
Abstraktionen, die wir vornehmen; der Stoff fr sich genommen fllt
der naturwissenschaftlichen Betrachtung zu, die Form als solche fllt
unter die Gesetze der sthetik. Aber wenn sie unlsbar eins sind,
finden sie die Gesetze ihrer Harmonie in unsrer Persnlichkeit, die ein
organischer Komplex von Stoff und Form, Gedanken und Dingen, Motiven
und Handlungen ist.

Daher sehen wir, da alle abstrakten Ideen in der wahren Kunst nicht
am Platze sind; um Zutritt zu gewinnen, mssen sie persnliche
Gestalt annehmen. So kommt es, da die Dichtkunst Worte zu whlen
sucht, die voll von Leben sind, Worte, die nicht nur der bloen
Mitteilung dienen und durch bestndigen Gebrauch abgegriffen sind,
sondern in unserm Herzen Heimatrecht haben. Zum Beispiel ist das
deutsche Wort Bewutsein noch nicht aus seinem scholastischen
Verpuppungszustand zum Schmetterlingsdasein vorgedrungen, daher kommt
es in der Poesie selten vor, whrend das ihm entsprechende indische
Wort _cetana_ lebendige Kraft hat und in der Dichtkunst ganz heimisch
ist. Dagegen ist das deutsche Wort Gefhl von Leben durchblutet,
aber das bengalische _anubh[=u]ti_ findet in der Dichtung keinen
Zutritt, weil es nur Sinn, aber keinen Duft hat. Und so gibt es auch
naturwissenschaftliche und philosophische Wahrheiten, die Farbe und
Geschmack des Lebens gewonnen haben, und andere, die abstrakt und
unpersnlich geblieben sind. Solange sie dies sind, mssen sie wie
ungekochte Gemse beim Festmahl der Kunst drauen bleiben. Solange die
Geschichte sich die Naturwissenschaft zum Vorbild nimmt und sich in
Abstraktionen bewegt, bleibt sie auerhalb der Domne der Literatur.
Aber wenn sie Begebenheiten darstellt, stellt sie sich dem Epos an die
Seite. Denn die Darstellung von Begebenheiten bringt uns die Zeit, in
der sie sich zutrugen, persnlich nahe. Durch sie wird jene Zeit fr
uns lebendig; wir fhlen ihren Herzschlag.

Die Welt und des Menschen Persnlichkeit stehen sich Antlitz in Antlitz
gegenber wie Freunde, die ihre innersten Geheimnisse austauschen. Die
Welt fragt den innern Menschen: Freund, siehst du mich? liebst du
mich? -- nicht als einen, der dir Nahrung und Genu verschafft, nicht
als einen, dessen Gesetze du entdeckt hast, sondern als persnliches
Wesen?

Der Knstler antwortet: Ja, ich sehe dich, ich kenne und liebe dich,
-- nicht weil ich deiner bedarf, nicht weil ich deine Gesetze zu meinen
eigenen Machtzwecken brauchen will. Ich kenne die Krfte, die in dir
wirken und treiben und die zu Macht fhren, aber das ist es nicht. Ich
sehe und liebe dich da, wo du mir gleich bist.

Aber wie knnen wir wissen, da der Knstler dieses Welt-Ich erkannt
und von Angesicht zu Angesicht geschaut hat?

Wenn wir jemand zum erstenmal begegnen, der noch nicht unser Freund
ist, so bemerken wir zahllose unwesentliche Zge, die beim ersten Blick
unsre Aufmerksamkeit anziehen; und in dem Gewirr der verschiedenen
Einzelheiten verlieren wir den, der unser Freund werden sollte.

Als unser Schiff an der japanischen Kste landete, befand sich
unter den Passagieren ein Japaner, der von Rangoon in die Heimat
zurckkehrte, whrend wir andern zum erstenmal in unserm Leben diese
Kste betraten. Es war ein groer Unterschied in der Art, wie wir
Ausschau hielten. Wir sahen jede kleine Besonderheit, und unzhlige
bedeutungslose Dinge zogen unsre Aufmerksamkeit an. Aber der Japaner
tauchte sogleich in die Persnlichkeit, in die Seele des Landes ein,
wo seine eigene Seele Befriedigung fand. Er sah weniger Dinge als
wir, aber was er sah, war die Seele Japans. Zu ihr konnte man nicht
gelangen, indem man eine mglichst groe Masse von Einzelheiten ins
Auge fate, sondern durch etwas Unsichtbares, das tiefer lag. Weil wir
all jene unzhligen Dinge sahen, sahen wir Japan nicht besser als er,
im Gegenteil, die Dinge verbauten uns das eigentliche Japan.

Wenn wir jemand, der nicht Knstler ist, bitten, irgendeinen besonderen
Baum zu zeichnen, so versucht er, jede Einzelheit genau wiederzugeben,
aus Furcht, die Eigentmlichkeit knne sonst verloren gehen; er
vergit, da die Eigentmlichkeit des Baumes nicht seine Persnlichkeit
ist. Doch wenn der wahre Knstler kommt, so kmmert er sich nicht um
die Einzelheiten und geht auf das, was wesentlich und charakteristisch
fr den Baum ist.

Auch unser Verstand sucht fr die Vielheit der Dinge ein inneres,
einheitliches Prinzip; er sucht sich von den Einzelheiten zu befreien
und in den Kern der Dinge einzudringen, wo sie eins sind. Aber der
Unterschied ist der: der Naturwissenschaftler sucht ein unpersnliches
Einheitsprinzip, das sich auf alle Dinge anwenden lt. Er zerstrt
zum Beispiel den menschlichen Leib, der etwas Individuelles ist, um der
Physiologie willen, die unpersnlich und allgemein ist.

Aber der Knstler erkennt das Eigenartige, das Individuelle, das im
Kern des Universalen ist. Wenn er den Baum ansieht, so sieht er im
Baum das Einzigartige, nicht das allgemein Typische wie der Botaniker,
der alles in Klassen einteilt. Es ist die Aufgabe des Knstlers, die
Eigenart dieses einen Baumes darzustellen. Wie macht er das? Nicht
indem er die besondere Eigentmlichkeit aufweist, die der Miklang der
Eigenart ist, sondern die Seele, die Persnlichkeit des Baumes, die
Harmonie ist. Daher mu er den Zusammenklang dieses einen Dinges mit
allen Dingen ringsum zum Ausdruck bringen.

Die Gre und Schnheit der orientalischen, besonders der japanischen
und chinesischen Kunst besteht darin, da die Knstler diese Seele der
Dinge erkannt haben und an sie glauben. Das Abendland glaubt wohl an
die Seele des Menschen, aber es glaubt nicht wirklich, da das Weltall
eine Seele hat. Doch dies ist der Glaube des Morgenlandes, und alles,
was der Osten der Menschheit an geistigem Gut gebracht hat, ist von
dieser Idee erfllt. Daher haben wir Bewohner des Ostens nicht das
Bedrfnis, auf Einzelheiten Nachdruck zu legen, denn das Wesentliche
ist fr uns die Weltseele, ber die unsre Weisen nachgesonnen und die
unsre Knstler zum Ausdruck gebracht haben.

Weil wir im Osten den Glauben an diese Weltseele haben, wissen wir, da
Wahrheit, Macht und Schnheit da zu finden sind, wo Schlichtheit ist,
wo der innere Blick nicht durch Auendinge gehemmt wird. Daher haben
all unsre Weisen versucht, ihr Leben einfach und rein zu gestalten,
weil sie so in einer Wahrheit leben, die, wenn auch unsichtbar, doch
wirklicher ist als das, was durch Umfang und Zahl sich aufdrngt.

Wenn wir sagen, da die Kunst es nur mit persnlichen Wahrheiten zu tun
hat, so wollen wir damit nicht die philosophischen Ideen ausschlieen,
die scheinbar abstrakt sind. Sie sind ganz heimisch in unsrer indischen
Dichtung, da sie mit allen Fasern unsres persnlichen Wesens verbunden
sind. Ich mchte hier ein Beispiel zur Erklrung geben. Das Folgende
ist die bersetzung eines indischen Liedes, das eine Dichterin des
Mittelalters gedichtet hat und das das Leben besingt.

    Ich gre das Leben, das wie das keimende Saatkorn
    Mit dem einen Arm hinauf in das Licht, mit dem andern hinab in das
        Dunkel greift;
    Das Leben, das eins ist in seiner uern Form und in seinem innern Saft;
    Das Leben, das immer wieder emportaucht und immer wieder
        entschwindet.
    Ich gre das Leben, das kommt, und das Leben, das scheidet;
    Ich gre das Leben, das sich offenbart, und das in Verborgenheit
        schlummert;
    Ich gre das Leben, das wie der Berg in reglosem Schweigen gebannt
        ist,
    Und das Leben, das wie ein Feuermeer auftobt;
    Das Leben, das zart ist wie ein Lotus, und das Leben, das hart ist
        wie Donnerkeil.
    Ich gre das Leben des Geistes, um das Licht und Dunkel sich
        streiten.
    Ich gre das Leben, das seine Heimstatt gefunden, und das Leben,
        das drauen in der Fremde irrt;
    Das Leben, das freudejauchzend dahintanzt, und das Leben, das
        leidmde seine Strae schleicht;
    Das ewig schaukelnde Leben, das die Welt zur Ruhe wiegt,
    Das tiefe, stille Leben, das hervorbricht in brausenden Wogen.

Diese Idee vom Leben ist keine bloe logische Abstraktion; sie ist der
Dichterin ebensosehr lebendige Wirklichkeit wie die Luft dem Vogel,
der sie bei jedem Flgelschlag fhlt. Die Frau hat das Geheimnis des
Lebens in ihrem Kinde tiefer gesprt, als der Mann es je gekonnt. Diese
Frauennatur in der Dichterin hat gefhlt, wie berall in der Welt das
Leben sich regt. Sie hat seine Unendlichkeit erkannt -- nicht auf
dem Wege verstandesmiger berlegung, sondern durch die Erleuchtung
ihres Gefhls. Daher wird dieselbe Idee, die fr den, dessen
Lebensgefhl auf eine enge Sphre beschrnkt ist, bloe Abstraktion
bleibt, fr einen Menschen mit weitem Lebensgefhl leuchtend klare
Wirklichkeit. Wir hren oft, da die Europer den indischen Geist als
metaphysisch bezeichnen, weil er immer bereit ist, sich ins Unendliche
aufzuschwingen. Aber man mu dabei bedenken, da das Unendliche fr
Indien mehr ist als ein Gegenstand philosophischer Spekulation; es
ist uns ebensosehr Wirklichkeit wie das Sonnenlicht. Wir knnen ohne
es nicht leben, wir mssen es sehen und fhlen und unserm Leben
einverleiben. Daher begegnen wir ihm immer wieder in der Literatur und
in der Symbolik unsres Gottesdienstes. Der Dichter der Upanischad sagt:
Auch nicht das leiseste Sichregen von Leben wre mglich, wenn nicht
der Raum von unendlicher Freude erfllt wre[3]. Diese Allgegenwart
des Unendlichen war ebenso wirklich fr ihn wie die Erde unter seinen
Fen, ja sie war es noch mehr. Ein Lied eines indischen Dichters aus
dem 15. Jahrhundert[4] gibt diesem Gefhl Ausdruck:

    Dort wechseln Leben und Tod in rhythmischem Spiel,
    Dort sprudelt Entzcken und strahlt der Raum von Licht,
    Dort ertnt die Luft von Musik, dem Liebeschor dreier Welten,
    Dort brennen Millionen Lampen von Sonnen und Monden,
    Dort schlgt die Trommel und schwingt sich die Liebe im Spiel,
    Dort erklingen Lieder der Minne, und Licht strmt in Schauern herab.

Unsre indische Dichtung ist zum grten Teil religis, weil Gott fr
uns kein ferner Gott ist. Er ist uns ebenso nahe in unserm Heim wie in
unsern Tempeln. Wir fhlen seine Nhe in allen menschlichen Beziehungen
der Liebe und Freundschaft, und bei unsern Festen ist er der Ehrengast.
In der Bltenpracht des Frhlings, in den Gewitterschauern des Sommers,
in der Frchteflle des Herbstes sehen wir den Saum seines Mantels und
hren seine Tritte. Wo immer wir wahrhaft verehren, verehren wir Ihn;
wo immer wir wahrhaft lieben, lieben wir Ihn. Im Weibe, das gut ist,
fhlen wir Ihn; im Mann, der wahr ist, erkennen wir Ihn; in unsern
Kindern wird er immer wieder geboren, Er, das Ewige Kind. Daher sind
religise Lieder unsre Liebeslieder, und unsre huslichen Erlebnisse
wie die Geburt eines Sohnes oder die Einkehr der Tochter aus dem Hause
des Gatten ins Haus der Eltern und ihr erneutes Scheiden haben in der
Dichtung symbolische Bedeutung erhalten.

So erstreckt sich das Gebiet der Dichtkunst bis in die Sphre,
die in geheimnisvolles Dunkel gehllt ist, und gibt ihr Licht und
Sprache. Es gewinnt immer mehr Raum, wie der menschliche Geist auf dem
Gebiete der Wahrheit. Es greift nicht nur in die Geschichte, in die
Naturwissenschaft und Philosophie ber, sondern auch in unser soziales
Leben, in dem Mae, wie sich unser Bewutsein weitet und unsre Umgebung
liebend und verstehend umfat. In der klassischen Literatur der alten
Zeit gab es nur Heilige, Knige und Helden. Sie warf ihr Licht nicht
auf die Menschen, die im Dunkel liebten und litten. Aber wie das Licht
des menschlichen Geistes seinen Schein ber einen immer greren Raum
wirft und in verborgene Winkel dringt, so geht auch die Kunst ber
ihre Schranken hinaus und dehnt ihre Grenzen in unerforschte Gebiete
aus. So verkndet die Kunst des Menschen Siegeszug ber die Welt,
indem sie Symbole von Schnheit aufrichtet an Orten, wo sonst keine
Stimme ertnt und keine Farbe leuchtet. Sie webt ihm sein Banner, unter
dem er vorwrtsschreitet im Kampf gegen Leere und Trgheit und weit
und breit in Gottes Schpfung die Rechte des Lebens geltend macht.
Selbst der Geist der Wste hat seine Verwandtschaft mit ihm anerkannt,
und die einsamen Pyramiden stehen da als Denkmler des erhabenen
Schweigens, in dem sich die Natur und der menschliche Geist begegneten.
Das Dunkel der Hhlen hat der Menschenseele seine Stille gegeben und
ist dafr heimlich mit dem Kranz der Kunst gekrnt. Glocken luten in
Tempeln, in Drfern und volkreichen Stdten und verknden, da das
Unendliche dem Menschen keine bloe Leere ist. Dies Sichausbreiten der
menschlichen Persnlichkeit hat keine Grenze, und selbst die Mrkte und
Fabriken unsrer Zeit, selbst die Gefngnisse, in die man Verbrecher
einsperrt, und die Schulen, in die man Kinder einsperrt, werden durch
die Berhrung der Kunst gemildert und verlieren etwas von ihrer
unerbittlichen Lebensfeindlichkeit. Denn des Menschen Persnlichkeit
ist immer bestrebt, allem, wozu sie nhere Beziehung hat, den Stempel
ihres Geistes aufzudrcken. Und die Kunst ist der grne Pflanzenwuchs,
der zeigt, wie weit der Mensch sich die Wste zu eigen gemacht hat.

Wir haben schon gesagt, da berall, wo die Beziehung unsres Herzens
zur Welt ber das Notwendige hinausgeht, Kunst geboren wird. Mit
andern Worten: wo unsre Persnlichkeit ihren Reichtum fhlt, entfaltet
sie sich in Schnheit. Was wir fr unsre Bedrfnisse brauchen, wird
ganz verbraucht und hinterlt keine Spur. Was ber sie hinausgeht,
nimmt Gestalt an. Bloe Ntzlichkeit gleicht der Hitze, sie ist dunkel.
Wenn sie ber sich hinausgeht, wird sie wei und leuchtend, dann hat
sie ihren Ausdruck gefunden.

Nehmen wir zum Beispiel unsre Freude am Essen. Sie ist bald erschpft,
sie gibt uns keine Ahnung von dem Unendlichen. Daher hat sie, obwohl sie
allgemeiner und weiter verbreitet ist als irgendeine andre Leidenschaft,
im Reich der Kunst keinen Zutritt. Da geht es ihr wie dem Einwanderer an
der amerikanischen Kste, wenn er mit leerem Beutel kommt.

In unserm Leben haben wir eine endliche Seite, wo wir uns mit jedem
Schritt ganz ausgeben, und wir haben eine andre Seite, wo unser
Streben, unsre Freude und unsre Opfer unendlich sind. Diese unendliche
Seite des Menschen offenbart sich in Symbolen, die etwas von dem Wesen
der Unsterblichkeit haben. In ihnen sucht sie Vollendung zum Ausdruck
zu bringen. Daher verschmht sie alles, was nichtig und schwach und
widersinnig ist. Sie erbaut sich zum Wohnsitz ein Paradies und whlt
dazu nur solche Baustoffe, die die Vergnglichkeit des Irdischen
abgestreift haben.

Denn die Menschen sind Kinder des Lichts. Sobald sie sich ganz
erkennen, fhlen sie ihre Unsterblichkeit. Und in dem Mae, wie sie sie
fhlen, dehnen sie das Reich der Unsterblichkeit auf jedes Gebiet des
menschlichen Lebens aus.

Und das ist nun der Beruf der Kunst: die wahre Welt des Menschen, die
lebendige Welt der Wahrheit und Schnheit, aufzubauen.

Der Mensch ist ganz er selbst, wo er seine Unendlichkeit fhlt, wo er
gttlich ist, und das Gttliche ist das Schpferische in ihm. Daher
ist er schpferisch, sobald er zu seinem wahren Wesen gelangt. Er kann
wahrhaft in seiner eigenen Schpfung leben, indem er aus Gottes Welt
seine eigene Welt macht. Das ist in Wahrheit sein eigener Himmel, der
Himmel zur Vollendung gestalteter Ideen, mit denen er sich umgibt; wo
seine Kinder geboren werden, wo sie lernen, wie sie leben und sterben,
lieben und kmpfen mssen, wo sie lernen, da das Wirkliche nicht nur
das uerlich Sichtbare ist und da es andre Reichtmer gibt als die
Schtze der Erde. Wenn der Mensch nur die Stimme hren knnte, die
aus dem Herzen seiner eigenen Schpfung aufsteigt, wrde er dieselbe
Botschaft vernehmen, die in alter Zeit der indische Weise verkndete:

Hrt auf mich, ihr Kinder des Unsterblichen, ihr Bewohner der
himmlischen Welten, ich habe den Hchsten erkannt, der als Licht von
jenseits der Finsternis kommt[5].

Ja, es ist der Hchste, der sich dem Menschen offenbart hat und durch
den dieses ganze Weltall fr ihn mit persnlichem Leben erfllt ist.
Daher sind Indiens Pilgersttten dort, wo unser Herz in der Vereinigung
von Strom und Meer oder im ewigen Schnee der Bergesspitzen oder in
der Einsamkeit des Seegestades etwas von dem Wesen des Unendlichen
sprt. Dort hat der Mensch in seinen Bildnissen und Tempeln dies
Wort hinterlassen: Hrt auf mich, ich habe den Hchsten erkannt.
Erforschen knnen wir ihn nicht, nicht in den Dingen dieser Welt, noch
in ihren Gesetzen; doch wo der Himmel blau ist und das Gras grn, wo
die Blume ihre Schnheit und die Frucht ihren Wohlgeschmack spendet, wo
nicht nur der Wille zur Erhaltung der Gattung, sondern Freude am Leben
und Liebe zu allen Wesen, Mitgefhl und Selbstverleugnung herrscht,
dort offenbart sich uns der Unendliche. Dort prasseln nicht nur
Tatsachen auf uns nieder, sondern wir fhlen, wie das Band persnlicher
Verwandtschaft unsre Herzen ewig mit dieser Welt verbindet. Und dies
ist Wirklichkeit, ist Wahrheit, die wir uns zu eigen gemacht haben,
Wahrheit, die ewig eins mit dem Hchsten ist. Diese Welt, deren Seele
sehnschtig nach Ausdruck sucht in dem endlosen Rhythmus ihrer Linien
und Farben, Musik und Bewegung, in leisem Flstern und heimlichen
Winken und all den Versuchen, das Unaussprechliche ahnen zu lassen, --
diese Welt findet ihre Harmonie in dem unaufhrlichen Verlangen des
menschlichen Herzens, in seinen eigenen Schpfungen den Hchsten zu
offenbaren.

Dieses Verlangen macht uns verschwenderisch mit allem, was wir haben.
Solange wir Reichtmer ansammeln, legen wir uns Rechenschaft ab von
jedem Pfennig; wir rechnen genau und handeln sorgfltig. Aber sobald
wir unserm Reichtum Ausdruck geben wollen, kennen wir keine Schranken
mehr. Ja, niemand unter uns hat Reichtmer genug, um das, was wir
unter Reichtum verstehen, voll zum Ausdruck zu bringen. Wenn wir
versuchen, unser Leben gegen den Angriff des Feindes zu schtzen,
sind wir vorsichtig in unsern Bewegungen. Aber wenn wir uns getrieben
fhlen, unsrer persnlichen Tapferkeit Ausdruck zu geben, so nehmen
wir freiwillig Gefahren auf uns, wenn es uns auch das Leben kostet.
Im Alltagsleben sind wir vorsichtig mit unsern Ausgaben, aber bei
festlichen Gelegenheiten, wenn wir unsre Freude ausdrcken, sind wir
so verschwenderisch, da wir selbst ber unsre Mittel hinaus gehen.
Denn wenn wir uns unsrer eigenen Persnlichkeit intensiv bewut sind,
haben wir kein Auge mehr fr die Tyrannei der Tatsachen. Wir sind
mavoll und zurckhaltend dem Menschen gegenber, mit dem uns nur
Klugheitsinteresse verbindet. Aber wir fhlen, da alles, was wir
haben und geben knnen, fr die noch nicht genug ist, die wir lieben.
Der Dichter sagt zu der Geliebten: Mir ist, als sei ich vom Anfang
meines Daseins an in den Anblick deiner Schnheit versunken gewesen,
als htte ich dich seit Jahrtausenden in meinen Armen gehalten, und
doch ist meine Sehnsucht noch nicht gestillt. Die Steine mchten in
Zrtlichkeit schmelzen, wenn der Saum deines Mantels sie streift. Er
fhlt, da seine Augen wie Vgel ausfliegen mchten, um die Geliebte
zu sehen. Vom Standpunkt der Vernunft aus sind dies bertreibungen,
aber vom Standpunkt des Herzens aus, das von den Schranken der
Tatsachen befreit ist, sind sie wahr.

Ist es nicht ebenso in Gottes Schpfung? Dort sind Kraft und Stoff
auch bloe Tatsachen; sie knnen gemessen und gewogen werden, und es
wird genau Buch ber sie gefhrt. Allein die Schnheit ist keine bloe
Tatsache; sie lt sich nicht verrechnen, sie lt sich nicht auf ihren
Wert abschtzen und verzeichnen. Sie ist Ausdruck. Tatsachen sind
die Becher, die den Wein halten, er verdeckt und berrinnt sie. Die
Schnheit ist unendlich in ihren Kundgebungen und berschwnglich in
ihrer Sprache. Und nur die Seele, nicht die Wissenschaft, kann diese
Sprache verstehen. Sie singt wie jener Dichter: Mir ist, als sei ich
vom Anfang meines Daseins an in den Anblick deiner Schnheit versunken
gewesen, als htte ich dich seit Jahrtausenden in meinen Armen
gehalten, und doch ist meine Sehnsucht noch nicht gestillt.

So sehen wir, da unsre Welt des Ausdrucks der Welt der Tatsachen nicht
genau entspricht, da die Persnlichkeit nach allen Richtungen ber
die Tatsachen hinausgeht. Sie ist sich ihrer Unendlichkeit bewut und
schafft aus ihrem berflu heraus, und da in der Kunst die Dinge nach
ihrem Ewigkeitswert gemessen werden, verlieren die, die im gewhnlichen
Leben wichtig sind, ihre Wirklichkeit, sobald sie auf das Piedestal der
Kunst erhoben werden. Der Zeitungsbericht von irgendeinem huslichen
Ereignis im Leben eines Geschftsmagnaten ruft vielleicht in der
Gesellschaft groe Aufregung hervor, doch im Reich der Kunst verliert
er alle seine Bedeutung. Wenn er dort durch irgendeinen grausamen
Zufall neben Keats' Ode auf eine griechische Urne geriete, mte er
in Scham sein Gesicht verbergen.

Und doch knnte dasselbe Ereignis, wenn es in seiner Tiefe erfat und
seiner konventionellen Oberflchlichkeit entkleidet wrde, noch eher
einen Platz in der Kunst finden als die Unterhandlungen ber eine groe
chinesische Geldanleihe oder die Niederlage der britischen Diplomatie
in der Trkei. Ein bloes Familienereignis, die Eifersuchtstat eines
Gatten, wie Shakespeare sie in einer seiner Tragdien schildert,
hat im Reich der Kunst greren Wert als die Kastenordnung in Manus
Gesetzbuch[6] oder das Gesetz, das den Bewohner des einen Weltteils
hindert, auf einem andern menschlich behandelt zu werden. Denn wenn
Tatsachen nichts als die Glieder einer Kette von Tatsachen sind, weist
die Kunst sie zurck.

Wenn jedoch solche Gesetze und Verordnungen, wie ich sie eben erwhnte,
uns in ihrer Anwendung auf einen bestimmten Menschen gezeigt werden,
wenn wir die ganze Ungerechtigkeit und Grausamkeit und das ganze Elend,
das sie im Gefolge haben, sehen, dann werden sie ein Gegenstand fr die
Kunst. Die Anordnung einer groen Schlacht mag eine wichtige Tatsache
sein, aber fr den Zweck der Kunst ist sie unbrauchbar. Aber was
diese Schlacht einem einzelnen Soldaten bringt, der von seinen Lieben
losgerissen, auf Lebenszeit verkrppelt wird, das hat fr die Kunst,
die es mit der lebendigen Wirklichkeit zu tun hat, den hchsten Wert.

Des Menschen soziale Welt gleicht einem Nebelsternsystem; sie besteht
zum grten Teile aus abstrakten Begriffen wie: Gesellschaft,
Staat, Nation, Handel, Politik und Krieg. Im dichten Nebel dieser
Begriffe ist der Mensch verborgen und die Wahrheit verwischt. Die
ganz unbestimmte Idee des Krieges allein schon verdeckt unserm Blick
eine Menge von Elend und trbt unsern Wirklichkeitssinn. Die Nation
ist schuld an Verbrechen, die uns entsetzen wrden, wenn man einen
Augenblick den Nebel um sie verscheuchen knnte. Die Idee Gesellschaft
hat zahllose Formen von Sklaverei geschaffen, die wir nur dulden,
weil sie unser Gefhl fr die menschliche Persnlichkeit abgestumpft
hat. Und im Namen der Religion konnten Taten verbt werden, fr die
die Hlle selbst nicht Strafen genug haben kann, weil sie fast den
ganzen fhlenden Leib der Menschheit mit einer gefhllos machenden
Kruste von Glaubensbekenntnissen und Dogmen berzogen hat. berall
in der Menschenwelt leidet die Gottheit darunter, da die lebendige
Wirklichkeit des Menschen unter der Last von Abstraktionen erstickt
wird. In unsern Schulen verbirgt der Begriff Klasse die Individualitt
der Kinder, sie werden _nur_ Schler. Wir empfinden es gar nicht mehr,
wenn wir sehen, wie das Leben der Kinder in der Klasse erdrckt wird,
wie Blumen, die man in einem Buch pret. In der Regierung hat die
Bureaukratie es nur mit Klassenbegriffen und nicht mit Menschen zu
tun, und so verbt sie unbedenklich Grausamkeiten im groen. Sobald
wir einen wissenschaftlichen Grundsatz wie den der natrlichen
Auslese als Wahrheit anerkennen, verwandelt er sofort die ganze
Welt der menschlichen Persnlichkeit in eine trostlose Wste von
Abstraktionen, wo alle Dinge furchtbar einfach werden, weil sie ihres
Lebensgeheimnisses beraubt sind.

Auf diesen weiten Nebelstrecken erschafft die Kunst ihre Sterne. Durch
sie erkennen wir uns als Kinder des Unsterblichen und als Erben der
himmlischen Welten.

Was ist es, das dem Menschen trotz der unleugbaren Tatsache des
Todes doch die Gewiheit der Unsterblichkeit gibt? Es ist weder
seine physische noch seine geistige Organisation. Es ist jene innere
Einheit, jenes letzte Geheimnis in ihm, das aus dem Zentrum seiner
Welt nach allen Seiten ausstrahlt, das in seinem Krper und in seinem
Geiste ist und doch ber beide hinausgeht, das sich durch alle Dinge,
die ihm gehren, offenbart und doch etwas anderes ist als sie; das
seine Gegenwart fllt und die Ufer seiner Vergangenheit und Zukunft
berflutet. Es ist die Persnlichkeit des Menschen, die sich ihrer
unerschpflichen Flle bewut ist, die den scheinbaren Widerspruch in
sich trgt, da sie mehr ist als sie selbst, mehr als von ihr sichtbar
und erkennbar ist. Und dies Unendlichkeitsbewutsein im Menschen strebt
immer nach unvergnglichem Ausdruck und sucht sich die ganze Welt zu
eigen zu machen. Die Werke der Kunst sind Gre, die die menschliche
Seele dem Hchsten als Antwort sendet, wenn er sich uns durch die
dunkle Welt von Tatsachen hindurch in einer Welt unendlicher Schnheit
offenbart.




DIE WELT DER PERSNLICHKEIT


Die Nacht ist ein dunkles Kind, das eben vom Tag geboren ist.
Millionen von Sternen stehen dicht gedrngt um seine Wiege und
beobachten es, regungslos, damit es nicht aufwacht.

So will ich fortfahren, aber die Naturwissenschaft unterbricht mich
lachend. Sie nimmt Ansto an meiner Behauptung, da die Sterne
stillstehen.

Doch wenn ich mich irre, so bin nicht ich schuld daran, sondern die
Sterne selbst. Es ist ganz offenbar, da sie stillstehen. Es ist eine
Tatsache, die sich nicht wegdisputieren lt.

Allein die Wissenschaft hat nun einmal die Gewohnheit, zu disputieren.
Sie sagt: Wenn du meinst, da die Sterne stillstehen, so beweist dies
nur, da du zu weit von ihnen entfernt bist.

Ich antworte prompt: Wenn ihr sagt, da die Sterne umherrasen, so
beweist das nur, da ihr ihnen zu nahe seid.

Die Naturwissenschaft ist erstaunt ber meine Verwegenheit.

Aber ich bleibe hartnckig bei meiner Behauptung und sage, da, wenn
die Naturwissenschaft sich die Freiheit nimmt, den Standpunkt der
Nhe zu whlen und den der Ferne zu miachten, sie mich nicht tadeln
darf, wenn ich den entgegengesetzten Standpunkt einnehme und die
Glaubwrdigkeit der Nhe bezweifle.

Die Naturwissenschaft ist unerschtterlich berzeugt, da der Anblick
aus der Nhe der zuverlssigste ist.

Aber ich zweifle, ob sie in ihren Ansichten konsequent ist. Denn als
ich sicher war, da die Erde unter meinen Fen flach sei, da belehrte
sie mich eines Bessern, indem sie mir sagte, da der Anblick aus der
Nhe nicht das richtige Bild gbe und da man Abstand nehmen msse, um
zur vollkommenen Wahrheit zu gelangen.

Ich will ihr gern zustimmen. Denn sehen wir nicht an uns selbst,
da wir, wenn wir unserm Ich zu nahe bleiben, es mit den Augen der
Selbstsucht sehen und eine flache und isolierte Ansicht von uns
gewinnen, aber wenn wir ber uns hinausgehen und uns in andern sehen,
so erhalten wir ein rundes und zusammenhngendes Bild, das uns unser
wahres Wesen zeigt?

Aber wenn die Naturwissenschaft berhaupt glaubt, da der Abstand von
den Dingen uns ein richtigeres Bild von ihnen gibt, so mu sie auch
ihren Aberglauben von der Ruhelosigkeit der Sterne aufgeben. Wir Kinder
der Erde gehen in die Schule der Nacht, um einen Blick auf die Welt
als Ganzes zu werfen. Unser groer Meister wei, da wir den vollen
Anblick des Weltalls ebensowenig ertragen knnten wie den Anblick der
Mittagssonne. Wir mssen sie durch ein geschwrztes Glas sehen. Die
gtige Natur hlt das dunkle Glas der Nacht vor unsre Augen und lt
uns das Weltall aus der Ferne sehen. Und was ist es, was wir sehen? Wir
sehen, da die Welt der Sterne stillsteht. Denn wir sehen diese Sterne
in ihrer Beziehung zueinander, und sie erscheinen uns wie Ketten von
Diamanten um den Hals einer schweigenden Gottheit. Aber die Astronomie
reit wie ein neugieriges Kind einen einzelnen Stern von der Kette los
und stellt dann fest, da er umherrollt.

Wem soll man nun glauben? Die Glaubwrdigkeit der Sternenwelt kommt
nicht in Frage. Man braucht nur seine Augen aufzuheben und ihnen
ins Antlitz sehen, so mu man ihnen glauben. Sie bringen keine
scharfsinnigen Beweisgrnde vor, und das erscheint mir immer als bester
Beweis der Zuverlssigkeit. Sie geraten nicht auer sich, wenn man
ihnen nicht glaubt. Aber wenn ein einzelner von diesen Sternen von
der Tribne des Weltalls heruntersteigt und der Mathematik verstohlen
sein Geheimnis ins Ohr flstert, so sehen wir, da die Sache sich ganz
anders verhlt.

Daher wollen wir khn behaupten, da beide Aussagen gleich wahr
sind. Lat uns annehmen, da die Sterne auf der Ebene des Abstands
stillstehen und auf der Ebene der Nhe sich bewegen. Auf die eine
Weise angesehen, sind die Sterne in Wahrheit regungslos und auf die
andere in Bewegung. Nhe und Ferne sind die Hter zweier verschiedener
Reihen von Tatsachen, aber beide sind _einer_ Wahrheit untertan. Wenn
wir daher uns auf Seite der einen stellen und die andere schmhen, so
verletzen wir die Wahrheit, die beide umfat.

Von dieser Wahrheit sagt die Ischa-Upanischad[7]: Sie bewegt sich. Sie
bewegt sich nicht. Sie ist fern. Sie ist nahe.

Der Sinn ist der: Wenn wir die Wahrheit in ihren einzelnen Teilen, die
uns nahe sind, verfolgen, so sehen wir sie sich bewegen. Wenn wir die
Wahrheit von einem gewissen Abstand aus als Ganzes berblicken, so
steht sie still. Es ist, wie wenn wir ein Buch lesen: alles in ihm ist
in Bewegung, so lange wir den Inhalt von Kapitel zu Kapitel verfolgen,
doch wenn wir damit fertig sind, wenn wir das ganze Buch kennen, steht
es still und umfat zugleich alle Kapitel in ihren gegenseitigen
Beziehungen.

Es gibt im Geheimnis des Daseins einen Punkt, wo Gegenstze sich
vereinen, wo Bewegung nicht nur Bewegung und Ruhe nicht nur Ruhe ist,
wo Idee und Form, Inneres und ueres eins werden, wo das Unendliche
endlich wird, ohne seine Unendlichkeit zu verlieren. Wenn diese Einheit
aufgehoben ist, verlieren die Dinge ihr wahres Wesen.

Wenn ich ein Rosenblatt durch ein Mikroskop betrachte, sehe ich es
ausgedehnter als es mir gewhnlich erscheint. Je mehr ich seine
Ausdehnung vergrere, um so unbestimmter wird es, bis es im
unendlichen Raum weder ein Rosenblatt noch sonst etwas ist. Es wird
erst ein Rosenblatt, wo das Unendliche in einem bestimmten Raum
Endlichkeit wird. Wenn wir die Grenzen dieses Raumes weiter oder enger
ziehen, so beginnt das Rosenblatt seine Wirklichkeit zu verlieren.

Wie mit dem Raum, so ist es auch mit der Zeit. Wenn ich durch
irgendeinen Zufall die Schnelligkeit der Zeit in bezug auf das
Rosenblatt steigern knnte, indem ich, sagen wir, einen Monat in eine
Minute verdichtete, whrend ich selbst dabei auf meiner normalen
Zeitebene bliebe, so wrde es mit solcher rasenden Geschwindigkeit vom
Punkt des ersten Erscheinens bis zum Punkt des Verschwindens eilen,
da ich nicht imstande wre, es wahrzunehmen. Wir knnen sicher sein,
da es Dinge in dieser Welt gibt, die andre Geschpfe wahrnehmen, aber
die fr uns nicht da sind, da ihre Zeit der unsern nicht entspricht.
Unsre Geruchsnerven halten nicht Schritt mit denen des Hundes, daher
existieren viele Erscheinungen fr uns gar nicht, die ein Hund als
Geruch wahrnimmt.

Wir hren zum Beispiel von mathematischen Wunderkindern, die in
unglaublich kurzer Zeit schwierige Aufgaben ausrechnen. Ihr Geist
arbeitet in bezug auf mathematische Berechnungen auf einer andern
Zeitebene nicht nur als unserer, sondern auch als ihrer eigenen in den
brigen Lebensgebieten. Es ist, als ob der mathematische Teil ihres
Geistes auf einem Kometen lebte, whrend die andern Teile Bewohner
dieser Erde sind. Daher ist der Vorgang, durch den sie zu ihrem
Resultat kommen, nicht nur uns unsichtbar, sondern auch sie selbst
sehen ihn nicht.

Es ist eine ganz bekannte Tatsache, da unsre Trume oft in einem
Zeitma dahinflieen, das ganz verschieden von dem unsres wachen
Bewutseins ist. Fnfzig Minuten der Sonnenuhr unsres Traumlandes sind
vielleicht fnf Minuten unsrer Stubenuhr. Wenn wir von dem Terrain
unsres wachen Bewutseins aus diese Trume beobachten knnten, so
wrden sie wie ein Schnellzug an uns vorbeirasen. Oder wenn wir vom
Fenster unsrer schnell dahinfliehenden Trume aus die langsamere Welt
unsres wachen Bewutseins beobachten knnten, so wrde sie mit groer
Geschwindigkeit hinter uns zurckzuweichen scheinen. Ja, wenn die
Gedanken, die sich in andern Hirnen bewegen, offen vor uns lgen, so
wrden wir sie anders wahrnehmen als jene selbst, da unser geistiges
Zeitma ein anderes ist. Wenn wir den Mastab unsrer Zeitwahrnehmung
nach Belieben vergrern oder verkleinern knnten, so wrden wir den
Wasserfall stillstehen und den Fichtenwald wie einen grnen Niagara
schnell dahinrauschen sehen.

So ist es fast ein Gemeinplatz, wenn wir sagen, die Welt ist das,
als was wir sie wahrnehmen. Wir bilden uns ein, unser Geist sei
ein Spiegel, der mehr oder weniger genau das zurckwirft, was sich
drauen ereignet. Im Gegenteil, unser Geist selbst ist der eigentliche
Schpfer. Whrend ich die Welt beobachte, erschaffe ich sie mir
unaufhrlich selbst in Zeit und Raum.

Die Ursache der Mannigfaltigkeit der Schpfung ist, da der Geist die
verschiedenen Erscheinungen in verschiedener zeitlicher und rumlicher
Einstellung wahrnimmt. Wenn er die Sterne in einem Raum sieht, den man
bildlich als dicht bezeichnen knnte, so sind sie nahe beieinander
und bewegungslos. Wenn er die Planeten sieht, so sieht er sie in weit
geringerer Raumdichtigkeit, und da erscheinen sie weit voneinander
entfernt und in Bewegung. Wenn wir die Molekle eines Eisenstckes in
einem ganz andern Raum sehen knnten, so wrden wir sehen, wie sie sich
bewegen. Aber da wir die Dinge in ihren bestimmten Raum- und Zeitmaen
sehen, ist Eisen fr uns Eisen, Wasser ist Wasser und Wolken sind
Wolken.

Es ist eine ganz bekannte psychologische Tatsache, da durch nderung
unsrer geistigen Einstellung Gegenstnde ihr Wesen zu verndern
scheinen; was uns angenehm war, wird uns zuwider, und umgekehrt. In
einem gewissen Zustande der Verzcktheit haben die Menschen in der
Kasteiung ihres Fleisches Genu gesucht. Die auerordentlichen Leiden
der Mrtyrer scheinen uns bermenschlich, weil wir die geistige
Haltung, unter deren Einflu man sie ertragen, ja ersehnen kann, noch
nicht an uns erfahren haben. In Indien hat man oft gesehen, da Fakire
ber glhendes Eisen gingen, wenn solche Flle auch wissenschaftlich
noch nicht untersucht sind. Man kann verschiedener Meinung sein ber
die Wirksamkeit der Glaubensheilung, die den Einflu des Geistes auf
die Materie zeigt, aber seit den frhesten Zeiten haben Menschen an sie
geglaubt und danach gehandelt. Unsre sittliche Erziehung grndet sich
auf die Tatsache, da durch unsre vernderte geistige Einstellung unsre
Perspektive, ja in gewisser Hinsicht die ganze Welt eine andre wird,
worin alles einen andern Wert bekommt. Daher wird das, was fr einen
Menschen wertvoll ist, solange er sittlich unentwickelt ist, schlimmer
als wertlos fr ihn, wenn er zu einer hhern Sittlichkeit gelangt.

Walt Whitman zeigt in seinen Gedichten eine groe Geschicklichkeit,
seinen geistigen Standpunkt zu wechseln und damit seiner Welt eine
neue und von der der andern Menschen verschiedene Gestalt zu geben,
indem er die Verhltnisse der Dinge umordnet und ihnen dadurch eine
ganz neue Bedeutung gibt. Solche Beweglichkeit des Geistes wirft alle
Konventionen ber den Haufen. Daher sagt er in einem seiner Gedichte:

    Ich hre, man macht mir den Vorwurf, ich wolle die Institutionen
        zerstren.
    Doch was sind mir Institutionen?
    Was habe ich mit ihnen zu schaffen, und was sollte mir ihre
        Zerstrung?
    Nur _eine_ Institution gibt es, die ich grnden will,
    In dir, Mannahatta, und in jeder Stadt dieser Staaten, im Binnenlande
        und an der Kste,
    In Feldern und Wldern und auf der See, ber jedem Kiel, der ihre
        Wasser durchschneidet;
    Ich will sie grnden ohne Haus, ohne Hter und ohne Satzungen:
    Die Institution treuer Bruderliebe.

Solide Institutionen von massivem Bau lsen sich in der Welt dieses
Dichters in Dunst auf. Sie ist wie eine Welt von Rntgenstrahlen, fr
die manche festen Dinge als solche nicht bestehen. Dagegen hat die
Bruderliebe, die in der gewhnlichen Welt etwas Flieendes ist, wie die
Wolken, die ber den Himmel hinziehen ohne eine Spur zurckzulassen,
in der Welt des Dichters mehr Festigkeit und Dauer als alle
Institutionen. Hier sieht er die Dinge in einer Zeit, wo die Berge wie
Schatten dahinschwinden und wo die Regenwolken mit ihrer scheinbaren
Vergnglichkeit ewig sind. Hier erkennt er, da die Bruderliebe wie die
Wolken, die keines festen Fundamentes bedrfen, Halt und Dauer hat,
ohne Haus, ohne Hter und ohne Satzungen.

Whitman steht auf einer andern Zeitebene, seine Welt fllt noch nicht
in Trmmer, wenn man sie aus den Angeln hebt, weil sie seine eigene
Persnlichkeit zum Zentrum hat. Alle Geschehnisse und Gestalten dieser
Welt haben ihre Beziehung zu dieser zentralen schpferischen Kraft,
daher sind sie auch ganz von selbst untereinander verbunden. Seine Welt
mag wohl ein Komet unter Sternen sein und ihre eigene Bewegung haben,
aber sie hat auch ihre eigene Gesetzmigkeit durch die Zentralkraft
der Persnlichkeit. Es mag eine verwegene, ja eine tolle Welt sein,
deren exzentrischer Schweif eine ungeheure Bahn beschreibt, aber eine
Welt ist es.

Doch mit der Naturwissenschaft ist es anders. Denn sie versucht, jene
zentrale Persnlichkeit ganz auszuschalten, durch die die Welt erst
eine Welt wird. Die Naturwissenschaft stellt einen unpersnlichen und
unvernderlichen Mastab fr Raum und Zeit auf, der nicht der Mastab
der Schpfung ist. Daher wirkt seine Berhrung so vernichtend auf die
lebendige Wirklichkeit der Welt, da sie zu einem leeren Begriff wird
und ihre Dinge sich in Nichts auflsen. Denn die Welt ist etwas anderes
als Atome und Molekle oder Radioaktivitt und andere Krfte, der
Diamant ist etwas anderes als Kohlenstoff, und Licht ist etwas anderes
als Schwingungen des thers. Auf dem Wege der Auflsung und Zerstrung
wird man nie zur Wahrheit der Schpfung gelangen. Nicht nur die Welt,
sondern Gott selbst wird von der Naturwissenschaft seiner Wirklichkeit
entkleidet; sie unterwirft ihn im Laboratorium der Vernunft, wo jede
persnliche Beziehung aufhrt, einer chemischen Analyse und verkndet
als Resultat, da man nichts von ihm wei noch wissen kann. Es ist eine
bloe Tautologie, zu behaupten, da Gott unerkennbar ist, wenn man den,
der ihn allein kennt und kennen kann, die menschliche Persnlichkeit,
ganz auer Betracht lt. Es ist, als ob man von einer Speise sagte,
sie sei ungeniebar, wenn niemand da ist, sie zu essen. Unsre trocknen
Moralisten machen es ebenso, sie lenken unser Herz von dem Ziel seiner
Sehnsucht ab. Statt uns eine Welt zu erschaffen, in der die sittlichen
Ideale in ihrer natrlichen Schnheit leben, versuchen sie, unsre Welt,
die wir uns, wenn auch noch so unvollkommen, selbst erbaut haben, zu
verkmmern. Statt menschlicher Persnlichkeiten stellen sich moralische
Grundstze vor uns auf und zeigen uns die Dinge im Zustande der
Auflsung, um zu beweisen, da hinter ihrer Erscheinung abscheulicher
Trug ist. Aber wenn man die Wahrheit ihrer uern Erscheinung beraubt,
so verliert sie damit den besten Teil ihrer Wirklichkeit. Denn die
Erscheinung ist es, durch die sie zu mir in persnlicher Beziehung
steht, sie ist eigens fr mich da. Von dieser Erscheinung, die nur
Oberflche zu sein scheint, die aber von dem innern Wesen Botschaft
bringt, sagt euer Dichter:

    Der erste Schritt schon brachte mir soviel Freude!
    Das bloe Bewutsein, all diese Formen, die Kraft der Bewegung,
    Das kleinste Insekt oder Tier, die Sinne, das Schauen, die Liebe --
    Was brachte der erste Schritt schon an Staunen und Freude!
    Ich bin noch nicht weiter gegangen und mcht' es auch kaum,
    Ich mchte nur immer verweilen und in ekstatischen Liedern
        lobpreisen!

Unsre wissenschaftliche Welt ist unsre Welt des Verstandes. Sie hat
ihre Gre und ihren Nutzen und ihre Reize. Wir wollen ihr gern die
ihr gebhrende Huldigung erweisen. Aber wenn sie sich rhmt, die
wirkliche Welt erst fr uns entdeckt zu haben und ber alle Welten der
einfltigen Geister lacht, dann erscheint sie uns wie ein Feldherr,
der, durch seine Macht berauscht, den Thron seines Knigs usurpiert.
Denn die Welt in ihrer lebendigen Wirklichkeit ist das Reich der
menschlichen Persnlichkeit und nicht des Verstandes, der, mag er noch
so ntzlich und gro sein, doch nicht der Mensch selbst ist.

Wenn wir ein Musikstck als das, was es in Beethovens Geist war,
vollkommen erkennen knnten, so knnten wir selbst jeder ein Beethoven
werden. Aber weil wir sein Geheimnis nicht ergrnden knnen, so knnen
wir auch bezweifeln, da etwas von Beethovens Persnlichkeit in seiner
Sonate lebt, -- obgleich wir uns wohl bewut sind, da ihr wahrer
Wert in ihrer Wirkung auf unsre eigene Persnlichkeit besteht. Doch
es ist noch einfacher, diese Tatsachen zu beobachten, wenn diese
Sonate auf dem Klavier gespielt wird. Wir knnen die schwarzen und
weien Tasten der Klaviatur zhlen, die Lnge der Saiten messen, die
Kraft, Geschwindigkeit und Reihenfolge in den Bewegungen der Finger
feststellen und dann triumphierend behaupten, dies sei Beethovens
Sonate. Und nicht nur das, wir knnen vorhersagen, da, wo und wann
auch immer der Versuch in der beobachteten Weise wiederholt wird, auch
genau dieselbe Sonate wieder ertnt. Wenn wir die Sonate nur immer von
diesem Gesichtspunkt aus betrachten, so vergessen wir leicht, da ihr
Ursprung und ihr Ziel die menschliche Persnlichkeit ist und da, wie
genau und vollkommen auch die technische Ausfhrung sein mag, diese
doch noch nicht die letzte Wirklichkeit der Musik umfat.

Ein Spiel ist ein Spiel, sobald ein Spieler da ist, der es spielt.
Natrlich hat das Spiel seine Regeln, die man kennen und beherrschen
mu. Aber wenn jemand behaupten wollte, da in diesen Regeln das wahre
Wesen des Spiels lge, so mten wir das ablehnen. Denn das Spiel ist
das, was es fr die Spieler bedeutet. Es wechselt seinen Charakter
nach der Persnlichkeit der Spieler: fr einige hat es den Zweck, ihre
Gewinnsucht zu befriedigen, andern dient es zur Befriedigung ihres
Ehrgeizes; einigen ist es ein Mittel, die Zeit hinzubringen, und andern
ein Mittel, ihrem Hang zur Geselligkeit zu frnen; und noch andere
gibt es, die ganz frei von eigenntzigen Zwecken nur seine Geheimnisse
studieren wollen. Und doch bleibt bei allen diesen mannigfachen
Gesichtspunkten das Gesetz des Spiels immer das gleiche. Denn die Natur
des wahren Seins ist die Einheit in der Mannigfaltigkeit. Und die Welt
ist fr uns wie solch ein Spiel, sie ist fr uns alle die gleiche und
doch nicht die gleiche.

Die Naturwissenschaft hat es nur mit der Gleichartigkeit zu tun, mit
dem Gesetz der Perspektive und Farbenzusammenstellung und nicht mit
dem Gemlde --, dem Gemlde, das die Schpfung einer Persnlichkeit
ist und sich an die Persnlichkeit dessen wendet, die es sieht. Die
Naturwissenschaft will aus ihrem Forschungsgebiet die schpferische
Persnlichkeit ganz ausschalten und ihre Aufmerksamkeit nur auf das
Medium der Schpfung richten.

Was ist dieses Medium? Es ist das Medium der Endlichkeit, durch das
der Unendliche sich uns offenbaren will. Es ist das Medium, das seine
selbstauferlegten Begrenzungen darstellt, das Gesetz von Zeit und Raum,
Form und Bewegung. Dies Gesetz ist die Vernunft, die allen gemeinsam
ist, die Vernunft, die den endlosen Rhythmus der schpferischen Idee
leitet, wenn sie sich uns in immer wechselnden Formen offenbart.

Unsre Einzelseelen sind die Saiten, die bei den Schwingungen dieser
Weltseele mitschwingen und in der Musik von Raum und Zeit Antwort
geben. Diese Saiten sind untereinander verschieden an Tonhhe und
Klangfarbe und sind noch nicht zur Vollkommenheit gestimmt, aber ihr
Gesetz ist das Gesetz der Weltseele, des Instrumentes, auf dem der
ewige Spieler seinen Schpfungstanz spielt.

Durch diese Seeleninstrumente, die wir in uns haben, sind auch wir
Schpfer. Wir schaffen nicht nur Kunst und soziale Organisationen,
sondern auch uns selbst, unsre innere Natur und unsre Umgebung,
deren Wesenserfllung von ihrer Harmonie mit dem Gesetz der Weltseele
abhngt. Freilich sind unsre Schpfungen bloe Variationen der groen
Weltmelodie Gottes. Wenn wir Dissonanzen hervorbringen, so mssen
sie sich entweder in Wohlklang auflsen oder verstummen. Unsre
Schpferfreiheit findet ihre hchste Freude darin, da sie ihre eigene
Stimme in den Chor der Welt-Musik einfgt.

Die Naturwissenschaft traut dem gesunden Verstand des Dichters
nicht recht. Sie weist die paradoxe Behauptung, da das Unendliche
Endlichkeit annehme, zurck.

Ich kann zu meiner Verteidigung sagen, da diese Paradoxie viel lter
ist als ich. Es ist dieselbe Paradoxie, die an der Wurzel allen Seins
liegt. Sie ist ebenso geheimnisvoll und einfach zugleich wie die
Tatsache, da ich imstande bin, diese Wand wahrzunehmen, was im letzten
Grunde ein unerklrliches Wunder ist.

Kehren wir noch einmal zu der Ischa-Upanischad zurck, um zu hren, was
der Weise ber den Widerspruch des Unendlichen und des Endlichen sagt.
Er sagt:

Die geraten ins Dunkel, die sich nur mit der Erkenntnis des Endlichen
beschftigen, aber die geraten in ein noch greres Dunkel, die sich
nur mit der Erkenntnis des Unendlichen beschftigen.

Wer die Erkenntnis des Endlichen sucht um ihrer selbst willen, wird
die Wahrheit nicht finden. Denn diese Erkenntnis ist ihm nur eine tote
Mauer, die ihm das Drben verbaut. Sie hilft ihm nur zu materiellem
Gewinn, aber sie leuchtet ihm nicht. Sie ist wie eine Lampe ohne Licht,
wie eine Geige ohne Musik. Man kann ein Buch nicht kennen lernen, wenn
man es mit und wgt und seine Seiten zhlt oder sein Papier chemisch
untersucht. Eine neugierige Maus kann sich in das Innere eines Klaviers
hineinnagen und zwischen seinen Saiten herumstbern, soviel sie will,
der Musik kommt sie dadurch nicht nher. So machen es die, die das
Endliche um seiner selbst willen suchen.

Aber die Upanischad lehrt uns, da das alleinige Streben nach
Erkenntnis des Unendlichen in ein noch tieferes Dunkel fhrt. Denn
das schlechthin Unendliche ist Leere. Jedes Endliche ist etwas.
Vielleicht ist es nur ein Scheckbuch ohne Guthaben auf der Bank. Aber
das schlechthin Unendliche hat weder Geld noch Scheckbuch. Wie tief
das geistige Dunkel des primitiven Menschen auch sein mag, der in der
berzeugung lebt, da jeder Apfel nach seiner Laune zu Boden fllt, es
ist noch nichts gegen die Blindheit dessen, der sein Leben im Grbeln
ber das Gesetz der Schwere verbringt, ohne den fallenden Apfel zu
sehen.

Daher lehrt die Ischa-Upanischad:

Wer da wei, da die Erkenntnis des Endlichen und Unendlichen eins
ist, berschreitet den Abgrund des Todes mit Hilfe der Erkenntnis
des Endlichen und erringt Unsterblichkeit durch die Erkenntnis des
Unendlichen.

Das Unendliche und das Endliche sind eins wie Lied und Gesang. Das
Singen ist das Endliche, das durch bestndiges Streben das Lied, das
vollkommen ist, hervorbringt. Das schlechthin Unendliche ist wie Musik
ohne alle bestimmten Tne und daher ohne Sinn.

Das schlechthin Ewige ist Zeitlosigkeit, ein leeres Wort, das nichts
sagt. Die Wirklichkeit des Ewigen umfat alle Zeiten.

Daher heit es in der Upanischad:

Die geraten ins Dunkel, die nur nach dem Vergnglichen streben. Aber
die geraten in ein noch tieferes Dunkel, die nur nach dem Ewigen
streben. Wer da wei, da Vergngliches und Ewiges eins sind, der
berschreitet den Abgrund des Todes mit Hilfe des Vergnglichen und
gewinnt Unsterblichkeit mit Hilfe des Ewigen.

Wir haben gesehen, da die Formen der Dinge in ihrem mannigfaltigen
Wechsel keine absolute Wirklichkeit haben. Ihre Wirklichkeit ist nur
in unsrer Persnlichkeit. Wir haben gesehen, da ein Berg oder ein
Wasserfall etwas ganz anderes oder auch nichts mehr fr uns sein wrde,
wenn unser Geist seine Einstellung in bezug auf Zeit und Raum nderte.

Wir haben ebenfalls gesehen, da diese relative Welt keine Welt der
Willkr ist. Sie ist persnlich und allgemein zugleich. Meine Welt ist
meine eigene, eine Welt meines Geistes, und doch ist sie nicht etwas
ganz anderes als die Welt der andern. Sie hat also ihre Wirklichkeit
nicht in meinem Einzel-Ich, sondern in einem unendlichen Ich.

Wenn wir das Naturgesetz an die Stelle dieser Wirklichkeit setzen, so
lst sich die ganze Welt in Abstraktionen auf; dann besteht sie nur
noch aus Elementen und Krften, Ionen und Elektronen; sie verliert ihre
uere Erscheinung, man sieht und sprt sie nicht mehr; das Welt-Drama
mit der Sprache der Schnheit verstummt, die Musik schweigt, die Bhne
steht im Dunkel da wie ihr eigenes Gespenst, ein wesenloser Schatten,
dem der Zuschauer fehlt.

Hier mchte ich wieder den Dichterpropheten Walt Whitman reden lassen:

    Als ich den gelehrten Astronomen hrte,
    Als seine Zahlen und Beweise in langen Reihen mich anstarrten,
    Als ich die Sternkarten und Zeichnungen nun selbst vergleichen und
        messen sollte,
    Als ich dasa im Hrsaal und den Astronomen
    Mit groem Beifall seinen Vortrag halten hrte,
    Wie ward mir da so seltsam mde und elend zumute!
    Bis ich mich hinausschlich und einsam meines Weges ging,
    Hinaus in das geheimnisvolle Dunkel der feuchten Nacht,
    Und nur von Zeit zu Zeit einen stillen Blick
    Nach oben sandte zu den Sternen.

Die Prosodie der Sterne, ihre rhythmische Bewegung, lt sich durch
Zeichnungen an der Wandtafel darstellen, aber die Poesie der Sterne
liegt in der schweigenden Begegnung der Seele mit der Seele, beim
Zusammenflu von Licht und Dunkel, wo das Unendliche die Stirn des
Endlichen kt, wo wir die Musik des groen Welt-Ich von dem gewaltigen
Orgelwerk der Schpfung in endloser Harmonie erbrausen hren.

Es ist vollkommen klar, da die Welt Bewegung ist. (Das Sanskritwort
fr Welt bedeutet die sich Bewegende.) All ihre Formen sind
vergnglich, aber das ist nur ihre negative Seite. Durch all ihre
Wandlungen geht eine Kette von Verwandtschaft, die ewig ist. Es ist
wie in einem Geschichtenbuch, ein Satz folgt auf den andern, aber
das positive Element des Buches ist der Zusammenhang der Stze in
der Geschichte. Dieser Zusammenhang offenbart, da in dem Verfasser
ein persnlicher Wille wirksam ist, wodurch eine Harmonie mit der
Persnlichkeit des Lesers hergestellt wird. Wenn das Buch eine Sammlung
losgelster Worte ohne Bewegung und Sinn wre, so knnten wir es mit
Recht ein Zufallsprodukt nennen, und in diesem Fall wrde es in der
Persnlichkeit des Lesers keinen Widerhall finden. Ebenso ist auch
die Welt in all ihren Wandlungen kein flchtiger Schein, der uns
entgleitet, sondern offenbart uns gerade durch ihre Bewegung etwas, was
ewig ist.

Zur Offenbarung einer Idee ist Form unbedingt ntig. Aber die Idee,
die unendlich ist, kann nicht in Formen ihren Ausdruck finden, die
schlechthin endlich sind. Daher mssen die Formen sich bestndig
wandeln und bewegen, sie mssen vergehen, um das Unvergngliche zu
offenbaren. Der Ausdruck als Ausdruck mu bestimmt sein, und das kann
er nur in der Form; aber als Ausdruck des Unendlichen mu er zugleich
unbestimmt sein, und das kann er nur in der Bewegung. Daher geht die
Welt in allen ihren Gestalten immer ber diese hinaus, sie zerbricht
immer wieder achtlos ihre eigenen Formen, um zu sagen, da sie ihren
ganzen Sinn doch nie fassen knnen.

Der Moralist schttelt traurig den Kopf und sagt, da die Welt eitel
ist. Aber diese Eitelkeit ist nicht Leere, nein, diese Eitelkeit
selbst schliet Wahrheit in sich. Wenn die Welt stillstnde und
damit endgltig wrde, dann wrde sie zu einem Gefngnis verwaister
Tatsachen, die die Freiheit der Wahrheit verloren htten, der Wahrheit,
die unendlich ist. Daher hat der moderne Denker darin recht, da in der
Bewegung der Sinn aller Dinge liegt, weil dieser Sinn nicht gnzlich
den Dingen selbst innewohnt, sondern dem, worauf sie hindeuten, wenn
sie ber ihre Grenzen hinauswachsen. Dies meint die Ischa-Upanischad,
wenn sie sagt, da weder das Vergngliche, noch das Ewige fr sich
einen Sinn hat. Erst wenn wir sie im Einklang miteinander erkennen,
gelangen wir ber das Vergngliche hinaus und erfassen das Ewige.

Weil diese Welt die Welt unendlicher Persnlichkeit ist, ist es das
Ziel unsres Lebens, uns in eine vollkommene und persnliche Beziehung
zu ihr zu setzen. So lehrt die Ischa-Upanischad. Daher beginnt sie mit
dem Verse:

Wisse, da alles, was in dieser Welt lebt und webt, von der
Unendlichkeit Gottes getragen wird, und geniee das, was er dir
hingibt. Begehre keinen andern Besitz.

Das heit, wir sollen erkennen, da die Bewegungen dieser Welt nicht
sinnlos und zufllig sind, sondern zu dem Willen eines hchsten Ich in
Beziehung stehen. Ein bloes Wissen um die Wahrheit ist unvollkommen,
da es unpersnlich ist. Aber Freude ist persnlich, und der Gott
meiner Freude ist Bewegung, Handeln, Selbsthingabe. In dieser Hingabe
hat der Unendliche die Gestalt des Endlichen angenommen und ist daher
Wirklichkeit geworden, so da ich meine Freude in ihm haben kann.

Im Schmelztiegel unsrer Vernunft verschwindet die Welt der
Erscheinungen, und wir nennen sie Tuschung. Dies ist die negative
Seite des Erlebens. Aber unsre Freude ist positiv. Eine Blume ist
nichts, wenn wir sie zergliedern, aber sie ist in Wahrheit eine Blume,
wenn wir uns an ihr freuen. Diese Freude ist etwas Wirkliches,
weil sie etwas Persnliches ist. Und die Wahrheit kann in ihrer
Vollkommenheit nur durch unsre Persnlichkeit erkannt werden.

Und daher lehrt die Upanischad: Weder Verstand noch Worte knnen ihn
fassen. Aber wer die Freude Brahmas erkannt hat, fr den gibt es keine
Furcht mehr.

Das Folgende ist die bersetzung eines andern Verses aus der
Ischa-Upanischad, der von der passiven und aktiven Natur Brahmas
handelt:

Er, der Fleckenlose, Krperlose, Unverwundbare, Reine, dem kein bel
anhaftet, geht in alles ein. Der Dichter, der Beherrscher des Geistes,
der in allen Gestalten Lebende, aus sich selbst Geborene, spendet den
endlosen Jahren vollkommene Erfllung.

Die negative Natur Brahmas ist Ruhe, die positive ist Bewegung, die in
alle Zeiten wirkt. Er ist der Dichter, dessen Instrument die Seele ist,
er offenbart sich in Schranken, und diese Offenbarung hat ihren Grund
nicht in irgendeinem uern Zwange, sondern in der berflle seiner
Freude. Daher ist er es, der durch endlose Zeiten all unser Verlangen
stillen kann, indem er sich selbst hingibt.

Mit dieser Erkenntnis haben wir auch den Sinn und Zweck unsres Daseins
gefunden. Bestndige Selbsthingabe ist die Wahrheit unsres Lebens, und
je vollkommener unsre Selbsthingabe ist, um so vollkommener ist unser
Leben. Wir mssen dies unser Leben in all seinen Ausdrucksformen zu
einem Gedicht gestalten; es mu von unsrer Seele zeugen, die unendlich
ist, und nicht nur von unserm irdischen Besitz, der keinen Sinn in
sich selbst hat. Das Bewutsein des Unendlichen in uns tut sich in
der Freude kund, mit der wir uns aus der Flle unsres berflusses
hingeben. Dann ist unser Leben ein unaufhrliches, selbstentsagendes
Sichausstrmen wie das Leben des Flusses.

Lat uns leben. Lat uns die wahre Lebensfreude kosten, die Freude des
Dichters, dessen Seele sich in sein Gedicht ergiet. Lat uns unser
unvergngliches Wesen in allen Dingen um uns her zum Ausdruck bringen,
in der Arbeit, die wir tun, in den Dingen, die wir gebrauchen, in
den Menschen, mit denen wir zu tun haben, in unsrer Freude an der
Welt, die uns umgibt. Lat unsre Seele alles um uns her mit ihrem
Wesen fllen und in allen Dingen Gestalt werden und ihren Reichtum
offenbaren, indem sie das hervorbringt, was der Menschheit ewig
Bedrfnis ist. Dies unser Leben ist mit den Gaben des unendlichen
Gebers angefllt. Die Sterne singen ihm ihr Lied, der Morgen berstrmt
es tglich mit segnendem Licht, die Frchte bieten ihm ihre Se dar,
und die Erde breitet ihren Grasteppich aus, damit es darauf ruhe. So
lat seine Seele bei dieser Berhrung der unendlichen Seele in den
vollen Strom ihrer Musik ausbrechen.

Daher sagt der Dichter der Ischa-Upanischad:

Wenn du in dieser Welt schaffst und wirkst, so solltest du wnschen,
hundert Jahre zu leben. So und nicht anders soll dein Wirken sein. La
nicht dein Werk an dir haften.

Nur wenn wir unser Leben voll leben, knnen wir darber hinauswachsen.
Wenn die Lebenszeit der Frucht erfllt ist, die Zeit, wo sie im Winde
tanzend und in der Sonne reifend den Saft aus dem Zweige sog, dann
fhlt sie in ihrem Kern den Ruf des Jenseits und bereitet sich zu
einem weiteren Leben. Aber die Weisheit des Lebens besteht in dem,
was uns die Kraft gibt, es aufzugeben. Denn der Tod ist das Tor zur
Unsterblichkeit. Daher heit es: Tu deine Arbeit, aber la nicht deine
Arbeit dich festhalten. Denn die Arbeit ist nur Ausdruck deines Lebens,
solange sie mit seinem Strom fliet; doch wenn sie sich festklammert,
wird sie zum Hemmnis und zeugt nicht von deinem Leben, sondern nur
von sich selbst. Dann ist sie wie der Sand, den der Flu mitfhrt:
sie hemmt den Strom deiner Seele. Die Ttigkeit der Glieder gehrt
zur Natur des physischen Lebens, doch wenn die Glieder sich im Krampf
bewegen, so sind die Bewegungen nicht in Harmonie mit dem Leben,
sondern eine Krankheit, wie eine Arbeit, die einen Menschen umklammert
und seine Seele erdrosselt.

Nein, wir drfen unsre Seele nicht tten. Wir drfen nicht vergessen,
da unser Leben das Ewige in uns zum Ausdruck bringen soll. Wenn wir
unser Bewutsein des Unendlichen entweder durch Trgheit verkmmern
lassen oder durch leidenschaftliches Jagen nach vergnglichen
und nichtigen Dingen ersticken, so sinken wir ins Ur-Dunkel des
Gestaltlosen zurck wie die Frucht, deren Same tot ist. Das Leben ist
unaufhrliche Schpfung, es findet seinen Sinn, wenn es ber sich
hinaus ins Unendliche wchst. Doch wenn es stillsteht und Schtze
aufhuft und immer wieder zu sich selbst zurckkehrt, wenn es den
Ausblick auf das Jenseits verloren hat, so mu es sterben. Dann wird es
aus der Welt des Wachstums ausgestoen und zerfllt mit all seiner Habe
in Staub. Von solchem Leben heit es in der Ischa-Upanischad: Die ihre
Seele tten, gehen dahin ins Dunkel der sonnenlosen Welt.

Auf die Frage: Was ist die Seele? gibt die Ischa-Upanischad folgende
Antwort:

Sie ist das Eine, das, obgleich bewegungslos, schneller ist als der
Gedanke; die Sinne knnen es nicht erreichen; whrend es stillsteht,
berholt es die, die dahineilen; in ihm sind die flieenden Krfte des
Lebens enthalten.

Der Geist hat seine Schranken, die Sinnesorgane sind jedes fr sich
mit seinen Aufgaben beschftigt, aber es ist ein Prinzip der Einheit
in uns, das ber die Gedanken des Geistes und ber die Funktionen der
Krperorgane hinausgeht, das in seinem gegenwrtigen Augenblick eine
ganze Ewigkeit umfat, whrend durch seine Gegenwart der Lebenstrieb
die Lebenskrfte immer weiterdrngt. Weil wir dies Eine in uns fhlen,
das mehr ist als alles, was von ihm umfat wird, das im bestndigen
Wandel seiner Teile sich gleich bleibt, knnen wir nicht glauben, da
es sterben kann. Weil es eins ist, weil es mehr ist als seine Teile,
weil es ein bestndiges berleben, ein bestndiges berflieen ist,
fhlen wir, da es jenseits der Schranken des Todes ist.

Dies Bewutsein der Einheit und Ganzheit ber alle Schranken
hinaus ist das Bewutsein der Seele. Und von dieser Seele sagt die
Ischa-Upanischad: Sie bewegt sich, und sie bewegt sich nicht. Sie ist
fern, und sie ist nah. Sie ist in allem, und sie ist auerhalb von
allem.

Dies heit, die Seele erkennen als jenseits aller Schranken des Nahen
und Fernen, des Innen und Auen. Ich habe dies Wunder aller Wunder
erkannt, dies Eine in mir, das das Zentrum alles wahren Seins fr mich
ist. Aber ich kann mit meiner Erkenntnis hier nicht stehenbleiben. Ich
kann nicht sagen, da es ber alle Grenzen hinausgeht und doch von mir
selbst begrenzt wird. Daher heit es in der Ischa-Upanischad:

Wer alle Dinge in der Seele und die Seele in allen Dingen sieht, der
braucht sich nicht mehr zu verbergen.

Wir sind in uns selbst verborgen, wie eine Wahrheit in den einzelnen
Tatsachen verborgen ist. Wenn wir wissen, da dies Eine in uns zugleich
das Eine in allen ist, dann erst haben wir die letzte Wahrheit erkannt.

Aber diese Erkenntnis von der Einheit der Seele darf kein bloes
abstraktes Wissen sein. Nicht jene negative Art des Universalismus,
die weder sich selbst noch andern angehrt. Nicht eine abstrakte
Seele, sondern meine eigene Seele mu ich in andern erkennen. Ich mu
erkennen, da, wenn meine Seele ausschlielich mein wre, sie noch
nicht zu ihrem wahren Wesen gelangt wre, da aber wiederum, wenn sie
nicht zuinnerst mein wre, sie berhaupt keine Wirklichkeit htte.

Auf dem Wege der Logik wren wir niemals zu der Wahrheit gelangt, da
die Seele, die das Prinzip der Einheit in uns ist, in der Vereinigung
mit andern ihre Vollendung findet. Wir haben diese Wahrheit durch die
Freude, die sie gibt, erkannt. Denn unsre Freude ist, uns in andern
wiederzufinden. Wenn ich liebe, mit andern Worten, wenn ich mein
eigenes Wesen wahrer und reiner in andern erkenne als in mir selber,
dann bin ich froh, denn das Eine in mir kommt zu seiner Verwirklichung,
indem es sich mit andern vereint, und darin hat es seine Freude.

Daher braucht das Prinzip der Einheit in Gott die Vielen, um die
Einheit zu verwirklichen. Gott gibt sich in Liebe allen hin. Die
Ischa-Upanischad sagt: Du sollst genieen, was Gott hingibt. Er gibt
bestndig hin, und ich bin voll Freude, wenn ich fhle, da er sich
selbst hingibt. Denn diese meine Freude ist die Freude der Liebe, die
aus meiner Selbsthingabe an ihn entspringt.

Da, wo die Upanischad uns ermahnt, diese Hingabe Gottes zu genieen,
fhrt sie fort: La dich nicht gelsten nach dem Besitz anderer.
Denn die Begierde hemmt die Liebe. Sie geht in einer der Wahrheit
entgegengesetzten Richtung und gelangt zu der Tuschung, da unser Ich
unser letztes Ziel sei.

Daher hat die Verwirklichung unsrer Seele eine sittliche und
eine religise Seite. Das Sittliche besteht in der bung der
Selbstlosigkeit, in der Zgelung der Begierden; das Religise in
Mitgefhl und Liebe. Beide Seiten sollten nie getrennt, sondern immer
vereint gebt werden. Die Entwicklung der rein sittlichen Seite
unsrer Natur fhrt uns zu Engherzigkeit und Hrte, zu Intoleranz und
Pharisertum; die einseitige Entwicklung des Religisen fhrt uns zum
Schwelgen im ungezgelten Spiel der Phantasie.

Indem wir dem Dichter der Upanischad soweit gefolgt sind, haben wir
den Sinn alles wahren Seins gefunden: Die Endlichkeit ist die Form,
in der sich der Unendliche hingibt. Die Welt ist der Ausdruck einer
Persnlichkeit, ebenso wie ein Gedicht oder ein anderes Kunstwerk.
Der Hchste gibt sich selbst in seiner Welt und ich mache sie zu der
meinen, wie ich mir ein Gedicht zu eigen mache, indem ich mich selbst
darin wiederfinde. Wenn meine eigene Persnlichkeit das Zentrum meiner
Welt verlt, so verliert diese in einem Augenblick ihr ganzes Wesen.
Daraus erkenne ich, da meine Welt nur in Beziehung zu mir existiert,
und ich wei, da sie meinem persnlichen Ich durch ein persnliches
Wesen gegeben ist. Die Naturwissenschaft kann wohl ihre Feststellungen
darber machen, wie dieses Geben vor sich geht, aber die Gabe selbst
erfat sie nicht. Denn die Gabe ist die Seele, die sich der Seele
schenkt, daher kann nur die Seele sie sich durch Freude zu eigen
machen, aber nicht die Vernunft durch Logik.

Daher ist es immer das sehnlichste Verlangen des Menschen gewesen,
den Hchsten zu erkennen. Vom Anfang seiner Geschichte an hat der
Mensch in der ganzen Schpfung die Berhrung eines persnlichen Wesens
gesprt und versucht, ihm Namen und Gestalt zu geben; er hat sein
Leben und das Leben seines Geschlechts mit Sagen von ihm umwoben, ihm
Altre gebaut und durch unzhlige heilige Bruche Beziehung zu ihm
hergestellt. Dies Ahnen und Fhlen eines persnlichen Wesens hat dem
zentrifugalen Triebe im Menschenherzen den Impuls gegeben, in einem
unerschpflichen Strom von Gegenwirkung hervorzubrechen in Liedern und
Bildern und Gedichten, in Statuen und Tempeln und Festlichkeiten. Dies
Gefhl war die Zentripetalkraft, die die Menschen bewog, sich in Haufen
und Stmmen und Gemeindeorganisationen zusammenzuschlieen. Und whrend
der Mensch seinen Acker pflgt und seine Kleider webt, heiratet und
Kinder aufzieht, sich um Reichtum abmht und um Macht kmpft, vergit
er nicht, in Worten von feierlichem Rhythmus, in geheimnisvollen
Symbolen, in majesttischen Steinbauten zu verknden, da er im Herzen
seiner Welt dem Unsterblichen begegnet ist. Im Leid des Todes und im
Schmerz der Verzweiflung, wenn das Vertrauen verraten und die Liebe
entweiht wurde, wenn das Dasein fade und sinnlos wird, streckt der
Mensch, auf den Trmmern seiner Hoffnungen stehend, die Hnde zum
Himmel, um durch das Dunkel seiner Welt hindurch die Berhrung dieses
Einen zu spren.

Der Mensch hat die Beziehung seines Ichs zu diesem Welt-Ich auch
unmittelbar erfahren, unmittelbar, nicht durch die Welt der Formen
und Wandlungen, die Welt der Ausdehnung in Raum und Zeit, sondern in
der innersten Einsamkeit des Bewutseins, in der Welt der Tiefe und
Intensitt. Durch diese Begegnung hat er die Schpfung einer neuen Welt
gefhlt, einer Welt von Licht und Liebe, die keine Sprache hat als die
Musik des Schweigens.

Von dieser Welt hat der Dichter[8] gesungen:

    Es gibt eine endlose Welt, o mein Bruder,
    Und ein namenloses Wesen, von dem nichts gesagt werden kann.
    Nur der, der ihre Ufer erreicht hat, wei:
    Sie ist anders als alles, wovon man hrt und sagt.
    Da ist nicht Form, nicht Stoff, nicht Lnge, nicht Breite,
    Wie kann ich dir sagen, welcher Art sie ist?
    Kabir sagt: Keine Zunge kann sie mit Worten schildern, und keine
        Feder kann sie beschreiben.
    Wie soll der Stumme auch klar machen, welche Se er gekostet hat?

Nein, es kann nicht geschildert, es mu erlebt werden; und wenn dem
Menschen dies Erlebnis zuteil geworden ist, singt er[9]:

    Das Innen und das Auen sind zu #einem# Himmel vereint,
    Das Unendliche und Endliche sind eins geworden;
    Ich bin trunken vom Anblick des Alls.

Der Dichter hat das wahre Sein erlangt, das unaussprechlich ist, wo
alle Widersprche sich in Harmonie gelst haben. Denn dies wahre
Sein, die letzte Wirklichkeit, liegt in der Persnlichkeit, nicht
in Gesetz und Stoff. Und der Mensch mu fhlen: wenn dies Weltall
nicht die Offenbarung einer hchsten Persnlichkeit wre, so wre
es ein ungeheurer Betrug und eine bestndige Schmach fr ihn. Er mu
wissen, da unter einer solch ungeheuren Last von Fremdheit seine
eigene Persnlichkeit gleich am Anfang zermalmt und zu einer leeren
Abstraktion geworden wre, fr die selbst die Grundlage eines Geistes
fehlte, der sie htte konzipieren knnen.

Der Dichter der Upanischad bricht am Ende seiner Lehren pltzlich in
ein Lied aus, das in seiner tiefen Schlichtheit das lyrische Schweigen
der weiten Erde in sich trgt, wenn sie die Morgensonne anschaut. Er
singt:

In dem goldnen Gef verbirgt sich das Antlitz der Wahrheit. O du
Spender des Lebens, decke es auf, da wir das Gesetz der Wahrheit
erkennen. O du Spender des Lebens, der du aus eigener Kraft wirkst
und schaffst, der du die Schpfung lenkst, du Herr aller Kreaturen,
breite aus deine Strahlen, sammle all dein Licht, la mich in dir das
heiligste aller Wesen schauen, -- den Einen, der da ist, der da ist,
das wahre Ich[10].

Und am Schlu singt dieser Dichter der unsterblichen Persnlichkeit vom
Tode:

Der Lebensodem ist der Odem der Unsterblichkeit. Der Leib wird zu
Asche. O mein Wille[11], gedenke deiner Taten! O mein Wille, gedenke
deiner Taten! O Gott, o Feuer, du kennst alle Taten. Fhre uns auf
guten Wegen zur Vollendung. Halte die Snde von uns fern, die krumme
Wege wandelt. Dir bieten wir unsern Gru.

Hiermit endet der Dichter der Upanischad, der vom Leben zum Tode und
vom Tode wieder zum Leben gepilgert ist; der die Khnheit gehabt hat,
in Brahma das unendliche Sein und das endliche Werden zugleich zu
sehen; der verkndet, da wahres Leben Arbeit bedeutet, Arbeit, in der
sich die Seele ausdrckt; der uns lehrt, da unsre Seele ihr wahres
Wesen in dem hchsten Wesen findet, indem sie sich selbst aufgibt und
eins mit dem All wird.

Die tiefe Wahrheit, die der Dichter der Upanischad verkndet, ist die
Wahrheit des einfltigen Herzens, das das geheimnisvolle Leben mit
tiefer Liebe liebt und nicht an die Endgltigkeit jener Logik glauben
kann, die mit ihrer zersetzenden Methode das Weltall an den Rand der
Auflsung bringt.

Erschien mir nicht das Licht der Sonne heller, der Glanz des Mondes
weicher und tiefer, wenn mein Herz in pltzlicher Liebe aufwallte
in der Gewiheit, da die Welt eins ist mit meiner Seele? Wenn ich
die heraufziehenden Wolken besang, so fand der prasselnde Regen
seinen leidenschaftlichen Ausdruck in meinen Liedern. Vom Anfang der
Geschichte an haben die Dichter und Knstler dieses Dasein mit den
Farben und der Musik ihrer Seele getrnkt. Und dies gibt mir die
Gewiheit, da Erde und Himmel aus den Fibern des Menschengeistes, der
zugleich der Allgeist ist, gewoben sind. Wenn dies nicht wahr wre,
so wre Poesie Lge und Musik Tuschung, und die stumme Welt wrde
des Menschen Herz fr immer in Schweigen erstarren machen. Der groe
Meister spielt die Flte: der Atem ist sein, das Instrument ist unsre
Seele, durch die er seine Schpfungslieder ertnen lt; und daher
wei ich, da ich kein bloer Fremdling bin, der auf der Reise seines
Daseins in der Herberge dieser Erde Rast macht, sondern ich lebe in
einer Welt, deren Leben mit dem meinen eng verknpft ist. Der Dichter
wute, da das Sein dieser Welt ein persnliches Sein ist, und sang[12]:

    Die Erde ist seine Freude, seine Freude ist der Himmel;
    Seine Freude ist der Glanz von Sonne und Mond;
    Seine Freude ist der Anfang, die Mitte und das Ende;
    Seine Freude ist das Schauen, das Dunkel und das Licht.
    Ozean und Wogen sind seine Freude;
    Seine Freude ist die Sarasvati, die Jamuna und der Ganges.
    Er ist der All-Eine: und Leben und Tod,
    Vereinigung und Trennung sind Spiele seiner Freude.




DIE WIEDERGEBURT


Fr uns ist die leblose Natur die Seite des Daseins, die wir nur von
auen sehen. Wir wissen nur, wie sie uns erscheint, aber wir wissen
nicht, was sie in Wahrheit ist. Dies knnen wir nur durch die Liebe
erfassen.

Aber da hebt sich der Vorhang, das Leben erscheint auf der Bhne, das
Drama beginnt und wir verstehen seinen Sinn an den Gebrden und der
Sprache, die den unsern gleich sind. Wir erkennen das Leben, nicht
an seinen ueren Zgen, nicht durch Zerlegung in seine einzelnen
Teile, sondern durch die unmittelbare Wahrnehmung, die auf innerer
Verwandtschaft beruht. Und dies ist wirkliche Erkenntnis.

Wir sehen einen Baum. Er ist durch die Tatsache seines individuellen
Lebens von seiner Umgebung abgesondert. Sein ganzes Streben geht dahin,
diese Besonderheit seiner schpferischen Individualitt gegenber dem
ganzen Weltall aufrecht zu erhalten. Sein Leben grndet sich auf einen
Dualismus -- auf der einen Seite diese Individualitt des Baumes, und
auf der andern das Weltall.

Aber wenn dieser Dualismus in sich Feindschaft und gegenseitige
Ausschlieung bedeutete, so gbe es fr den Baum keine Mglichkeit,
sein Dasein zu behaupten; er wrde von der vereinten Gewalt
dieser ungeheuren Krfte in Stcke gerissen werden. Jedoch dieser
Dualismus bedeutet Verwandtschaft. Je vollkommener die Harmonie
des Baumes mit der Auenwelt, mit Sonne, Erdboden und Jahreszeiten
ist, je vollkommener entwickelt sich seine Individualitt. Es wird
verhngnisvoll fr ihn, wenn diese gegenseitige Beziehung gestrt wird.
Daher mu das Leben an seinem negativen Pol die Abgesondertheit von
allem andern aufrecht halten, whrend es an seinem positiven Pol die
Einheit mit dem Weltall wahrt. In dieser Einheit liegt seine Erfllung.

Im Leben eines Tieres ist auf der negativen Seite das Element der
Abgesondertheit noch entschiedener, und deswegen ist auf der positiven
Seite die Beziehung zur Welt viel weiter ausgedehnt. Das Tier ist von
seiner Nahrung viel mehr abgetrennt als der Baum. Es mu sie suchen
und kennenlernen, getrieben von Lust und Schmerz. Daher steht sie in
engerer Beziehung zu seiner Erkenntnis- und Gefhlswelt. Dasselbe gilt
in bezug auf die Trennung der Geschlechter. Diese Trennung und das
daraus folgende Streben nach Vereinigung bewirken ein gesteigertes
Lebensgefhl und Ichbewutsein bei den Tieren und bereichern ihre
Persnlichkeit durch die Begegnung mit unvorhergesehenen Hindernissen
und unerwarteten Mglichkeiten. Bei den Bumen wird die Trennung von
ihrer Nachkommenschaft jedesmal zu einer endgltigen, whrend bei den
Tieren die Beziehung bestehen bleibt. So gewinnt das Lebensinteresse
der Tiere durch diese Trennungen noch an Weite und Intensitt und
ihr Bewutsein umfat ein viel greres Gebiet. Dies weitere Reich
ihrer Individualitt mssen sie bestndig durch die mannigfachen
Beziehungen zu ihrer Welt behaupten. Jede Hemmung dieser Beziehungen
ist verhngnisvoll.

Beim Menschen ist dieser Dualismus des physischen Lebens noch
mannigfaltiger. Seine Bedrfnisse sind nicht nur grer an Zahl und
erfordern daher ein weiteres Feld fr ihre Befriedigung, sondern sie
sind auch komplizierter und verlangen eine tiefere Kenntnis der Dinge.
Dies gibt ihm ein strkeres Bewutsein seiner selbst. Sein Geist tritt
an Stelle der Triebe und Instinkte, die die Bewegungen und Ttigkeiten
der Bume und Tiere leiten. Dieser Geist hat auch seine negative und
positive Seite der Absonderung und der Einheit. Denn einerseits trennt
er die Gegenstnde seiner Erkenntnis von dem Erkennenden ab, dann aber
lt er beide durch die Erkenntnis eins werden. Zu der Beziehung von
Hunger und Liebe, auf die sich das physische Leben grndet, tritt in
zweiter Reihe die geistige Beziehung. So machen wir uns diese Welt auf
doppelte Weise zu eigen, indem wir in ihr leben und sie erkennen.

Aber es gibt noch einen andern Dualismus im Menschen, der sich nicht
aus der Art seines physischen Lebens erklren lt. Es ist der
Zwiespalt in seinem Bewutsein zwischen dem, was ist, und dem, was
sein sollte. Das Tier kennt diesen Zwiespalt nicht; bei ihm besteht der
Widerstreit zwischen dem, was es hat, und dem, was es begehrt, whrend
er beim Menschen zwischen dem, was er begehrt, und dem, was er begehren
sollte, besteht. Unsre Begierden entspringen unserm natrlichen Leben,
das wir mit den Tieren teilen, aber das, was wir begehren sollten,
gehrt einem Leben an, das weit darber hinausgeht.

So hat im Menschen eine Wiedergeburt stattgefunden. Wenn er auch noch
sehr viele Gewohnheiten und Triebe seines Tierlebens beibehalten hat,
so liegt doch sein wahres Leben in der Sphre dessen, was sein sollte.
Durch diese Tatsache wird eine Verbindung, aber auch zugleich ein
Widerstreit geschaffen. Viele Dinge, die gut fr das eine Leben sind,
sind schdlich fr das andere. Daraus entsteht die Notwendigkeit eines
innern Kampfes, der in des Menschen Persnlichkeit das hineinbringt,
was man Charakter nennt. Aus dem Triebleben fhrt er den Menschen zum
Zweckleben. Dies ist das Leben der sittlichen Welt.

Hier gelangen wir aus der Welt der Natur in die des Menschentums.
Wir leben und wirken und haben unser Sein im Allgemeinmenschlichen.
Das Menschenkind wird in zwei Welten zugleich hineingeboren, in die
Welt der Natur und in die Menschenwelt. Diese letztere ist eine
Welt von Ideen und Einrichtungen, von Erkenntnisschtzen und durch
Erziehung erlangten Gewohnheiten. Sie ist durch rastloses Streben von
Jahrtausenden, durch Mrtyrerleiden heldenhafter Menschen erbaut. Ihre
verschiedenen Schichten sind Niederschlge von Entsagungen zahlloser
Einzelwesen aller Zeitalter und Lnder. Sie hat ihre guten und bsen
Elemente, denn die Ungleichheiten ihrer Oberflche und Temperatur
machen den Flu des Lebens reich an berraschungen.

Dies ist die Welt der Wiedergeburt des Menschen, die auernatrliche
Welt, wo der Dualismus des Tierlebens und der Sittlichkeit uns unsrer
Persnlichkeit als Mensch bewut macht. Alles, was dies Menschenleben
daran hindert, die Beziehung zu seiner sittlichen Welt vollkommen zu
machen, ist vom bel. Es bedeutet Tod, einen viel schlimmeren Tod als
den Tod des natrlichen Lebens.

In der Welt der Natur wandelt der Mensch mit Hilfe der Wissenschaft die
Tyrannei der Naturkrfte in Gehorsam.

Aber in seiner sittlichen Welt hat er eine schwerere Aufgabe zu
erfllen. Er hat die Tyrannei seiner eigenen Leidenschaften und
Begierden in Gehorsam zu wandeln. Und in allen Zeiten und Lndern
ist dies das Ziel menschlichen Strebens gewesen. Fast alle unsre
Institutionen sind das Resultat dieses Strebens. Sie geben unserm
Willen die Richtung und graben ihm Kanle, damit er ungehindert und
ohne unntzen Kraftverlust seinen Lauf nehmen kann.

Wir haben gesehen, da das physische Leben allmhlich in das
geistige hineinwuchs. Die geistigen Fhigkeiten der Tiere sind
vollkommen in Anspruch genommen von der Sorge fr ihre unmittelbaren
Lebensbedrfnisse. Diese Bedrfnisse sind beim Menschen mannigfaltiger,
und daher bedarf er grerer geistiger Fhigkeiten. So kam er zu der
Erkenntnis, da die Welt seiner unmittelbaren Bedrfnisse eins ist mit
einer Welt, die weit ber seine unmittelbaren Bedrfnisse hinausgeht.
Er erkannte, da diese Welt nicht nur seinen Leib mit Nahrung versieht,
sondern auch seinen Geist; da er durch seinen Geist auf unsichtbare
Weise mit allen Dingen verbunden ist.

Was der Intellekt in der Welt der Natur ist, das ist der Wille in der
sittlichen Welt. Je freier und weiter er wird, desto wahrer, weiter und
mannigfacher werden auch unsre sittlichen Beziehungen. Seine uere
Freiheit ist die Unabhngigkeit von Lust- und Schmerzempfindungen,
seine innere Freiheit ist die Befreiung aus der Enge der Selbstsucht.
Wir wissen, da, wenn der Intellekt von den Banden des Eigennutzes
befreit ist, er die Welt der allgemeinen Vernunft erkennt, mit der
er in Harmonie sein mu, um seine Bedrfnisse ganz befriedigen zu
knnen; ebenso erkennt auch der Wille, wenn er aus seinen Schranken
befreit ist, wenn er gut wird, d. h. wenn er alle Menschen und alle
Zeiten umfat, eine Welt, die ber die sittliche Welt der Menschheit
hinausgeht. Er entdeckt eine Welt, wo alle Lehren unsres sittlichen
Lebens ihre letzte Wahrheit finden, und unser Geist erhebt sich zu dem
Gedanken, da es ein unendliches Medium der Wahrheit gibt, durch das
das Gute seinen Sinn erhlt. Da ich mehr werde durch die Vereinigung
mit andern, ist keine bloe mathematische Tatsache. Wir haben erkannt,
wenn verschiedene Menschen sich in Liebe, die das Band vollkommener
Einheit ist, zusammenschlieen, so wird nicht einfach Kraft zu Kraft
gefgt, sondern das, was unvollkommen war, findet seine Vollendung
in der Wahrheit und daher in der Freude; was sinnlos war, solange es
isoliert war, findet seinen vollen Sinn in der Vereinigung. Diese
Vollendung ist nicht etwas, was sich messen oder analysieren lt,
sie ist ein Ganzes, das ber die Summe seiner Teile hinausgeht. Sie
erffnet uns das tiefste Geheimnis aller Dinge, das zugleich jenseits
aller Dinge liegt, wie die Schnheit einer Blume weit mehr ist als ihre
botanischen Tatsachen; wie der Sinn der Menschheit selbst sich nicht im
bloen Herdenleben erschpft.

Diese Vollendung in der Liebe, die vollkommene Einheit ist, ffnet uns
das Tor der Welt des Unendlichen, der sich in der Einheit aller Wesen
offenbart; der Verlust, Selbstaufopferung und Tod mit reicherem Gewinn
und hherem Leben krnt; der durch seine eigene Flle die Leere der
Entsagung in Flle wandelt. Dies ist der grte Dualismus in uns, der
Dualismus des Endlichen und Unendlichen. Durch ihn werden wir uns der
Verwandtschaft bewut zwischen dem, was in uns ist, und dem, was ber
uns hinausgeht, zwischen dem Gegenwrtigen und Zuknftigen.

Dies Bewutsein dmmerte in uns auf mit unserm physischen Leben,
wo Trennung und Vereinigung stattfand zwischen unserm Einzelleben
und der allgemeinen Welt der Dinge; es vertiefte sich in unserm
geistigen Leben, wo Trennung und Vereinigung stattfand zwischen
unserm individuellen Geist und der allgemeinen Welt der Vernunft; es
erweiterte sich, wo Trennung und Vereinigung stattfand zwischen unserm
Einzelwillen und der allgemeinen Welt der menschlichen Persnlichkeit;
es fand seinen letzten Sinn in der Trennung und Harmonie unsrer
Einzelseele mit der All-Seele. Und auf dieser Stufe der ewigen Trennung
und Wiedervereinigung beider bricht der Mensch aus in das wundervolle
Lied:

    Dies ist der hchste Pfad,
    Dies ist der hchste Schatz,
    Dies ist die hchste Welt,
    Dies ist die hchste Wonne[13].

Das Leben ist in bestndiger Verbindung mit diesem Hchsten. Die Welt
der Dinge und Menschen bewegt sich bestndig in mannigfachen Weisen
nach diesem Rhythmus, doch sie selbst kennt seinen Sinn nicht, bis er
sich ihr in der vollkommenen Vereinigung mit dem Hchsten offenbart.

So nahe die Beziehung des noch ungeborenen Kindes zum Mutterleibe auch
ist, so hat sie doch noch nicht ihren letzten Sinn gefunden. Wenn auch
alle seine Bedrfnisse ihm dort bis ins einzelnste befriedigt werden,
so bleibt sein grtes Bedrfnis noch ungestillt. Es mu in die Welt
von Licht und Raum und freiem Handeln hineingeboren werden. Diese Welt
ist in jeder Hinsicht so gnzlich verschieden von der des Mutterleibes,
da das ungeborne Kind, wenn es die Fhigkeit zu denken htte, sich nie
eine Vorstellung von jener weiteren Welt machen knnte. Und doch hat es
seine Glieder, die erst in der Freiheit von Luft und Licht ihren Sinn
bekommen.

So hat auch der Mensch in der Welt der Natur alles, was er zur
Ernhrung seines Ichs braucht. Dort ist sein Ich seine Hauptsorge --
das Ich, dessen Interesse von dem der andern abgesondert ist. Wie mit
seinem Ich so ist es auch mit den Dingen seiner Welt; sie haben fr ihn
keine andere Bedeutung als die des Nutzens. Aber es entwickeln sich
Fhigkeiten in ihm wie die Glieder beim ungeborenen Kinde, die ihm die
Kraft geben, die Einheit der Welt zu erkennen -- die Einheit, die der
Seele und nicht den Dingen eigen ist. Er hat im Schnheitssinn und in
der Liebe die Fhigkeit, an andern mehr Freude zu finden als an sich
selbst. Die Fhigkeit, die ihn irdische Freuden verschmhen und Schmerz
und Tod auf sich nehmen lt, treibt ihn, unaufhaltsam vorwrts zu
streben und fhrt ihn zu Erkenntnissen und Taten, die scheinbar keinen
Nutzen fr ihn haben. Dies fhrt zum Widerstreit mit den Gesetzen der
Welt der Natur, und das Prinzip der Auslese der Tauglichsten ndert
seinen Sinn.

Und damit kommen wir zu dem Dualismus, durch den der Mensch am
meisten leidet: dem Dualismus von Natur und Seele. Das bel, das den
natrlichen Menschen verletzt, ist der Schmerz, aber das bel, das
seine Seele verletzt, hat einen besonderen Namen erhalten, es heit
Snde. Denn wenn es auch durchaus nicht als Schmerz empfunden wird,
so ist es doch ein bel, ebenso wie Blindheit oder Lahmheit fr den
Embryo nichts bedeutet, aber nach der Geburt zu einem groen bel wird,
das den Zweck des Lebens hemmt. Das Verbrechen richtet sich gegen den
Menschen, die Snde richtet sich gegen das Gttliche in uns.

Was ist dieses Gttliche? Es ist das, was seinen eigentlichen und
wahren Sinn im Unendlichen hat, was in dem embryonischen Leben des Ichs
nicht die letzte Wahrheit sieht. Die ganze Geschichte der Menschheit
ist eine Geschichte von Geburtswehen, eine Geschichte von Leiden, wie
kein Tier sie je durchzumachen hat. Die Menschheit hat keine Ruhe,
all ihre Triebkrfte drngen sie vorwrts. Wenn sie sich auf ihrem
Wohlstand zur Ruhe legt, ihr Leben durch Konventionen einschnrt, ihre
Ideale zu verhhnen beginnt und all ihre Krfte auf die Vergrerung
ihres Ichs verwendet, dann beginnt ihr Verfall und Tod; alles, was
sie an Kraft hat, wirkt nur noch zerstrend, denn sie braucht diese
Kraft nur, um Zurstungen fr den Tod zu machen, weil sie nicht an
unsterbliches Leben glaubt.

Fr alle andern Kreaturen ist das natrliche Leben alles. Leben, die
Gattung fortpflanzen und sterben, das ist ihr Daseinszweck. Und damit
sind sie zufrieden. Sie rufen nie sehnschtig nach Erlsung, nach
Befreiung aus den Schranken des Lebens; sie fhlen sich nie eingeengt
und erstickt und schlagen verzweifelt gegen die Grenzmauern ihrer Welt;
sie wissen nicht, was es heit, ein Leben des berflusses aufgeben und
durch Entsagung den Eintritt ins Reich himmlischer Wonne zu gewinnen.
Sie schmen sich nicht ihrer Begierden und empfinden sie nicht als
unrein, denn sie gehren zu ihrem vollen Leben. Sie sind nicht grausam
in ihrer Grausamkeit, nicht gierig in ihrer Gier, denn Grausamkeit
und Gier reichen nicht weiter als die Gegenstnde derselben, die an
sich endlich sind. Aber der Mensch hat seine Unendlichkeit, und daher
verachtet er jene Leidenschaften, die seine Unsterblichkeit nicht
anerkennen.

Im Menschen hat das Leben des Tiers seinen Bereich geweitet. Er ist
an die Schwelle einer Welt gekommen, die erst durch seinen eigenen
Willen und seine eigene Kraft geschaffen werden mu. Er ist ber das
rezeptive Stadium hinaus, wo das Ich versucht, alles, was es umgibt,
in sein eigenes Zentrum zu ziehen, ohne selbst etwas zu geben. Jetzt
beginnt des Menschen schpferisches Leben, wo er von seinem berflu
spendet. Durch unaufhrliches Entsagen soll er wachsen. Alles was die
Freiheit dieses endlosen Wachstums hemmt, ist Snde, das bel, das
seiner Unsterblichkeit entgegenarbeitet. Diese schpferische Kraft
im Menschen hat sich schon von Anfang seines Lebens an gezeigt. Denn
selbst sein physischer Bedarf wird ihm in der Kinderstube der Natur
nicht gebrauchsfertig vorgesetzt. Von seinen ersten Tagen an ist er
geschftig gewesen, sich aus dem Rohmaterial, das um ihn herumliegt,
seinen Lebensbedarf zu bereiten. Selbst seine Speisegerichte sind seine
eigene Schpfung, und im Gegensatz zu den Tieren wird er nackt geboren
und mu sich seine Kleidung selbst schaffen. Dies beweist, da der
Mensch aus der Welt der Naturzwecke in die Welt der Freiheit geboren
ist.

Denn Schaffen bedeutet Freiheit. Wir leben in einem Gefngnis, wenn wir
in dem leben mssen, was schon da ist, denn es bedeutet in etwas leben,
was etwas anderes ist als wir selbst. Dort mssen wir ohnmchtig es der
Natur berlassen, mit uns zu schalten und walten und fr uns zu whlen,
und so kommen wir unter das Gesetz der natrlichen Auslese. Aber in
unsrer eigenen Schpfung leben wir in dem, was unser ist, und dort wird
die Welt mehr und mehr eine Welt unsrer eigenen Auslese; sie bewegt
sich mit uns im gleichen Schritt und gibt uns Raum, wohin wir uns auch
wenden. So kommt es, da der Mensch sich nicht mit der ihm gegebenen
Welt begngt; er strebt danach, sie zu seiner eigenen Welt zu machen.
Und er legt den ganzen Mechanismus des Weltalls auseinander, um ihn zu
studieren und wieder nach seinen eigenen Bedrfnissen zusammenzusetzen.
Er lehnt sich auf gegen den Zwang der Naturgesetze. Sie hemmen bei
jedem Schritt die Freiheit seines Laufes, und er mu die Tyrannei
der Materie erdulden, die seine Natur sich strubt als endgltig und
unvermeidlich anzuerkennen.

Schon in der Zeit seiner Wildheit versuchte er durch Zaubermittel die
Ordnung der Dinge zu durchbrechen. Er trumte von Aladdins Wunderlampe
und von mchtigen Geistern, die ihm gehorchen und die Welt auf den
Kopf stellen muten, wenn es ihm einfiel. Denn sein freier Geist stie
immer wieder gegen Dinge, die ohne Rcksicht auf ihn eingerichtet
waren. Er mute sich scheinbar in die ihm aufgezwungene Naturordnung
fgen oder sterben. Aber im tiefsten Herzen konnte er doch trotz
der ihn widerlegenden harten Tatsachen nicht daran glauben. Daher
trumte er von einem Paradiese der Freiheit, vom Mrchenlande, vom
Heldenzeitalter, wo der Mensch in bestndigem Verkehr mit Gttern
lebte, vom Stein der Weisen, vom Lebenselixier. Obgleich er nirgends
das Tor finden konnte, das in die Freiheit fhrte, suchte er doch
unermdlich tastend danach, er hrmte sich in Sehnsucht ab und betete
inbrnstig um Befreiung. Denn er fhlte instinktiv, da diese Welt
nicht seine endgltige Welt ist und da seine Seele nur eine sinnlose
Qual fr ihn bedeuten wrde, wenn es nicht eine andre Welt fr ihn gbe.

Die Naturwissenschaft hat die Fhrung in der Rebellion des Menschen
gegen die Herrschaft der Natur. Sie versucht, der Natur den Zauberstab
der Macht zu entwinden und ihn dem Menschen in die Hand zu geben;
sie will unsern Geist aus der Sklaverei der Dinge befreien. Die
Naturwissenschaft hat ein materialistisches Aussehen, weil sie damit
beschftigt ist, den Kerker der Materie zu zerbrechen, und auf seinem
Trmmerhaufen arbeitet. Beim Einfall in ein neues Land ist Plnderung
die Losung des Tages. Doch wenn das Land erobert ist, werden die Dinge
anders, und die, die eben noch raubten, werden zu Polizisten und
stellen Frieden und Ordnung wieder her. Die Naturwissenschaft beginnt
eben erst den Einfall in die materielle Welt, und alles hascht gierig
nach Beute und verleugnet schamlos die wahre Natur des Menschen. Aber
die Zeit wird kommen, wo die groen Krfte der Natur jedem Einzelnen
zu Gebote stehen, und wo mit wenig Kosten und Mhe fr die elementaren
Lebensbedrfnisse aller gesorgt werden kann. Wo es fr den Menschen
ebenso leicht sein wird zu leben wie zu atmen und sein Geist frei ist,
sich seine eigene Welt zu schaffen.

In frheren Zeiten, als die Naturwissenschaft den Schlssel zum
Vorratshause der Naturkrfte noch nicht gefunden hatte, hatte der
Mensch doch schon den stoischen Mut, die Materie zu verachten. Er
sagte, er knne sich ohne Nahrung behelfen und knne auch die Kleidung
als Schutz gegen Klte entbehren. Er war stolz darauf, seinen Leib
zu kasteien. Es war ihm eine Lust, offen zu verknden, da er der
Natur nur sehr wenig von dem Zoll zahlte, den sie von ihm forderte.
Er bewies, da er die Angst vor Schmerz und Tod, mit deren Hilfe die
Natur ihn zu knechten suchte, aufs uerste verachtete.

Woher dieser Stolz? Warum hat der Mensch sich von jeher gegen die
demtigende Zumutung aufgelehnt, seinen Nacken unter physische
Notwendigkeiten zu beugen? Warum konnte er sich nie damit ausshnen,
die Beschrnkungen, die die Natur ihm auferlegte, als unbedingt geltend
hinzunehmen? Warum konnte er in seiner physischen und sittlichen Welt
die khnsten Unmglichkeiten versuchen, ohne je, trotz wiederholter
Enttuschungen, eine Niederlage zuzugeben?

Vom Standpunkt der Natur aus betrachtet, ist der Mensch tricht. Er
traut der Welt, in der er lebt, nicht ganz. Er hat vom Anfang seiner
Geschichte an Krieg mit ihr gefhrt. Er scheint sich durchaus an allen
Ecken stoen und verletzen zu wollen. Es ist schwer, sich vorzustellen,
wie die sorgsame Meisterin der natrlichen Auslese Schlupflcher lassen
konnte, durch die solche berflssigen und gefhrlichen Elemente in
ihre Wirtschaft hineingelangen und den Menschen ermutigen konnten,
dieselbe Welt, die ihn erhlt, zu durchbrechen. Aber das junge Vglein
benimmt sich genau so unbegreiflich tricht, wenn es die Wand seiner
kleinen Welt durchbricht. Es hat doch mit der unbeirrbaren Sicherheit
des Instinkts gefhlt, da jenseits seines lieben Schalenkerkers etwas
auf ihn wartet, das seinem Dasein Erfllung bringen wird, wie seine
Phantasie sie nie trumen kann.

So glaubt auch der Mensch fast blindlings seinem Instinkt, da er,
wie dicht auch die Hlle sein mag, die ihn hier umgibt, doch aus dem
Mutterschoe der Natur in die Welt des Geistes geboren werden soll,
in die Welt, wo er seine schpferische Freiheit erlangt, wo er an
der Schpfung des Unendlichen teilnimmt, wo er im Zusammenwirken mit
dem Unendlichen schafft, wo seine Schpfung und Gottes Schpfung in
Harmonie eins werden.

In fast allen Religionssystemen gibt es ein groes Feld des
Pessimismus, wo das Leben als ein bel und die Welt als Fallstrick
und Trug angesehen wird, wo der Mensch in der Welt um ihn her seinen
erbittertsten Feind sieht. Er fhlt den Druck der Dinge so intensiv,
da er glaubt, es msse ein bser Geist in der Welt sein, der ihn
versuche und mit arger List ihn ins Verderben zu reien trachte. In
seiner Verzweiflung beschliet der Mensch dann, sich ganz von der Natur
abzuwenden und zu beweisen, da er sich selbst gengt.

Aber dies ist der heftige und schmerzhafte Kampf des Kindeslebens gegen
das Leben der Mutter an der Schwelle seiner Geburt. Er ist grausam und
zerstrend und sieht in dem Augenblick wie Undank aus. Aller religise
Pessimismus ist schwrzester Undank, der den Menschen treibt, nach dem
zu schlagen, was ihn so lange mit seinem eigenen Leben getragen und
genhrt hat.

Und doch macht uns die Tatsache, da es eine so unmgliche Paradoxie
gibt, nachdenklich. Wir sind zu Zeiten geneigt, unsre Geschichte
ganz aus den Augen zu verlieren und zu glauben, solche Anflle von
Pessimismus seien mit Absicht und berlegung von gewissen Mnchen
und Priestern hervorgerufen, die in einer Zeit der Gesetzlosigkeit
unter unnatrlichen Bedingungen lebten. Wir vergessen dabei, da
Verschwrungen Erzeugnisse der Geschichte sind, aber die Geschichte
nicht ein Erzeugnis von Verschwrungen. Die menschliche Natur wird
von innen heraus mit Heftigkeit getrieben, sich selbst den Krieg
zu erklren. Und wenn diese Heftigkeit auch nachlt, so ist der
Schlachtruf doch noch nicht ganz verstummt.

Wir mssen wissen, da bergangsperioden ihre Sprache haben, die man
nicht buchstblich nehmen darf. Wenn die Seele sich zum erstenmal im
Menschen bemerkbar macht, so betont sie ihren Gegensatz zur Natur mit
solcher Heftigkeit, als wre sie bereit, einen Vernichtungskrieg gegen
sie zu beginnen. Aber dies ist die negative Seite. Wenn die Revolution,
die die Freiheit aufrichten will, ausbricht, hat sie das Aussehen der
Anarchie. Doch ihr wahrer Sinn ist nicht die Zerstrung der Regierung,
sondern die Freiheit der Regierung.

So ist auch die Geburt der Seele in die geistige Welt nicht die
Auflsung der Beziehung zu dem, was wir Natur nennen, sondern
vollkommene Verwirklichung dieser Beziehung in der Freiheit.

In der Natur sind wir blind und lahm wie ein Kind vor seiner Geburt.
Aber im geistigen Leben sind wir frei geboren. Und sobald wir aus der
blinden Knechtschaft der Natur befreit sind, steht sie uns im hellen
Licht gegenber, und wo wir bisher nichts als Hlle sahen, erkennen wir
jetzt die Mutter.

Aber was ist das Endziel der Freiheit, zu der des Menschen Leben
gelangt ist? Sie mu ihren Sinn in etwas haben, ber das hinaus wir
nicht zu forschen brauchen. Die Antwort ist dieselbe, die uns das Leben
des Tieres gibt, wenn wir nach seinem letzten Sinn fragen. Wenn die
Tiere ihren Hunger und ihre andern Begierden befriedigen, so fhlen
sie, da sie sind. Und das ist auch unser Sinn und Ziel: zu wissen, da
wir sind. Das Tier wei es, aber sein Wissen ist wie Rauch, nicht wie
Feuer, es kommt als blindes Gefhl, nicht als Erleuchtung, und wenn es
auch die Wahrheit aus ihrem Schlummer aufweckt, so lt es sie doch im
Dunkel. Es ist das Bewutsein, das anfngt, das Ich vom Nicht-Ich zu
unterscheiden. Es hat gerade genug Umfang, um sich als Mittelpunkt zu
fhlen.

Auch das letzte Ziel der Freiheit ist zu wissen, da ich bin. Doch
dieses Ich-Bewutsein ist ein anderes: es ist das Bewutsein der
Einheit mit dem All im Gegensatz zu dem der Abgesondertheit von allem
andern. Diese Freiheit findet ihre Vollendung nicht in der Extensitt,
sondern in der Intensitt, in der Liebe. Die Freiheit, zu der das Kind
gelangt, wenn es aus dem Mutterleibe geboren wird, besteht nicht darin,
da es sich seiner Mutter vlliger bewut wird, sondern da es zum
intensiven Bewutsein ihrer in der Liebe gelangt. Im Mutterleibe wurde
es genhrt und warm gehalten, aber es war in seiner Einsamkeit ganz
auf sich selbst beschrnkt. Nachdem das Kind in die Freiheit geboren
ist, bringt die wechselseitige Beziehung der Liebe zwischen Mutter und
Kind dem Kinde die Freude des vollkommensten Bewutseins seines Ichs.
Diese Mutterliebe gibt seiner ganzen Welt ihren Sinn. Wenn das Kind
nur ein vegetierender Organismus wre, dann brauchte es sich nur mit
seinen Wurzeln in seiner Welt festzuklammern und knnte gedeihen. Aber
das Kind ist eine Persnlichkeit, und diese Persnlichkeit strebt
nach vollkommener Verwirklichung, die nie in der Gefangenschaft des
Mutterleibes geschehen kann. Sie mu frei sein, und diese Freiheit
findet ihre Erfllung nicht in sich selbst, sondern in einer andern
Persnlichkeit, und dies ist Liebe.

Es ist nicht wahr, da die Tiere keine Liebe empfinden. Aber sie ist
zu schwach, um das Bewutsein so weit zu erleuchten, da es ihnen die
ganze Wahrheit der Liebe offenbaren knnte. Ihre Liebe ist ein leises
Glhen, das ihr Ich erhellt, aber nicht die Flamme, die ber das
Geheimnis des eigenen Ichs hinausgeht. Ihr Bereich ist zu eng umgrenzt,
um bis an die paradoxe Wahrheit zu reichen, da die Persnlichkeit,
die das Bewutsein der Einheit im eigenen Selbst ist, doch erst in der
Einheit mit andern ihre ganze Wahrheit findet.

Diese Paradoxie hat den Menschen zu der Erkenntnis gefhrt, da die
Natur, in die hinein wir geboren werden, nur eine unvollkommene
Wahrheit ist wie die Wahrheit des Mutterleibes. Die volle Wahrheit ist,
da wir im Scho der unendlichen Persnlichkeit geboren werden. Unsere
wahre Welt ist nicht die Welt der Naturgesetze, der Gesetze von Kraft
und Stoff, sondern die Welt der Persnlichkeit. Wenn wir das vollkommen
erkannt haben, haben wir unsre wahre Freiheit gefunden. Dann verstehen
wir das Wort der Upanischad:

Erkenne alles, was in der Welt lebt und wirkt, als von Gott
umschlossen, und geniee, was er dir hingibt[14].

Wir haben gesehen, da das Bewutsein der Persnlichkeit mit dem
Gefhl der Abgesondertheit von allen andern beginnt und in dem Gefhl
der Einheit mit allen gipfelt. Selbstverstndlich ist das Bewutsein
der Abgetrenntheit auch zugleich mit einem Bewutsein der Einheit
verbunden, denn es kann nicht fr sich allein existieren. Das Leben,
wo das Bewutsein der Abgesondertheit an erster und das der Einheit
an zweiter Stelle steht, und wo infolgedessen die Persnlichkeit eng
und vom Licht der Wahrheit nur matt erleuchtet ist, -- dies Leben
ist das Leben des Ichs. Aber das Leben, wo das Bewutsein der Einheit
der erste Faktor ist, und wo daher die Persnlichkeit weit und vom
Licht der Wahrheit hell erleuchtet ist, dies Leben ist das Leben der
Seele. Die ganze Aufgabe des Menschen liegt darin, vom Ich-Bewutsein
zum Seelenbewutsein zu gelangen, seinen inneren Krften die Richtung
auf das Unendliche zu geben und so von der Verengung des Ichs in der
Begierde zur Ausweitung der Seele in der Liebe fortzuschreiten.

Dies Seelenbewutsein, das das bewute Prinzip der Einheit, der
Mittelpunkt aller Beziehungen ist, ist das wahre Sein und daher das
letzte Ziel alles Strebens. Ich mu auf diese Tatsache den grten
Nachdruck legen, da diese Welt nur in ihrer Beziehung zu einer
zentralen Persnlichkeit Wirklichkeit hat. Ohne diesen Mittelpunkt
fllt sie auseinander, wird zu einem Haufen von Abstraktionen, wie
Kraft und Stoff, und selbst diese, die blassesten Spiegelungen des
Seins, wrden in absolutes Nichts verschwinden, wenn das denkende Ich
im Mittelpunkt, zu dem sie durch eine gewisse Vernunftharmonie in
Beziehung stehen, fehlte.

Aber es gibt unzhlige solche Zentren. Jedes Wesen hat seine eigene
kleine Welt, deren Zentrum es ist. Daher stellt sich uns unwillkrlich
die Frage: Gibt es ebensoviele unberbrckbar voneinander verschiedene
Wirklichkeiten?

Unsre ganze Natur lehnt sich auf gegen die Bejahung dieser Frage. Denn
wir wissen, da das Prinzip der Einheit in uns die Grundlage alles
wahren Seins ist. Daher ist der Mensch vom trben Dmmerlicht seiner
Fragen und Vorstellungen durch all seine Zweifel und Errterungen zu
der Wahrheit gekommen, da es einen ewigen Mittelpunkt gibt, zu dem
alle Persnlichkeiten und daher die ganze Welt der Wirklichkeit ihre
Beziehung hat. Dies ist _Mah[=a]n puru[s.]a[h.]_, die eine hchste
Persnlichkeit; es ist _Satya[m.]_, die eine hchste Wahrheit; es ist
_J[)n][=a]na[m.]_, der die hchste Erkenntnis in sich hat und daher
sich selbst in allem erkennt; es ist _Sarv[=a]nubh[=u][h.]_, der die
Gefhle aller Wesen in sich und daher sich in allen Wesen fhlt.

Aber dieser Hchste, der Mittelpunkt alles Seins, ist nicht nur ein
passives, rezeptives Wesen, er ist _[=a]nanda-r[=u]pam am[r.]ta[m.] yad
vibh[=a]ti_ -- die Freude, die sich in Formen offenbart. Sein Wille ist
es, der schafft.

Der Wille findet seine hchste Erfllung nicht in der Welt des
Gesetzes, sondern in der Welt der Freiheit, nicht in der Welt der
Natur, sondern in der geistigen Welt.

Dies erkennen wir an uns selbst. Unsre Sklaven tun, was wir ihnen
befehlen, und versehen uns mit dem, was wir brauchen, aber unsre
Beziehung zu ihnen ist unvollkommen. Wir haben unsre Willensfreiheit,
die nur in der Willensfreiheit anderer ihre Harmonie finden kann.
Wo wir selbst Sklaven sind, in unsern selbstschtigen Begierden, da
befriedigt uns das Sklaventum in andern. Denn die Sklaverei entspricht
unserm eigenen Sklaventum und lt uns in ihm Genge finden. Als daher
Amerika seine Sklaven befreite, befreite es in Wahrheit sich selbst.
Wir finden unsre hchste Freude in der Liebe. Denn in ihr sehen wir die
Willensfreiheit anderer verwirklicht. Bei unsern Freunden begegnet ihr
Wille unserm Willen in vollkommener Freiheit, nicht im Zwang der Not
oder der Furcht; daher findet unsre Persnlichkeit in dieser Liebe ihre
hchste Verwirklichung.

Weil die Wahrheit unsres Willens in seiner Freiheit besteht, daher ist
auch reine Freude nur in der Freiheit mglich. Wir finden Freude in
der Befriedigung unsrer Bedrfnisse, aber diese Freude ist negativer
Art. Denn das Bedrfnis ist eine Sklaverei, von der wir durch die
Befriedigung des Bedrfnisses befreit werden. Aber damit ist auch die
Freude zu Ende. Es ist anders mit unsrer Freude an der Schnheit. Sie
ist positiver Art. Im harmonischen Rhythmus finden wir die Vollendung.
Dort sehen wir nicht die Substanz oder das Gesetz, sondern die
reine Form, die mit unsrer Persnlichkeit in Harmonie ist. Aus der
Knechtschaft bloen Stoffes und bloer Linien geht das hervor, was
ber alle Schranken hinaus ist. Wir fhlen uns sogleich frei von der
tyrannischen Sinnlosigkeit der Einzeldinge, -- jetzt geben sie uns
etwas, was zu unserm eignen Selbst in persnlicher Beziehung steht.
Die Offenbarung der Einheit in ihrer passiven Vollkommenheit, die wir
in der Natur finden, ist die Schnheit; die Offenbarung der Einheit in
ihrer aktiven Vollkommenheit, die wir in der geistigen Welt finden,
ist die Liebe. Diese besteht nicht in der Harmonie der ueren Formen,
sondern in der Harmonie der Willen. Der Wille, der frei ist, bedarf zur
Verwirklichung seiner Harmonie andrer Willen, die auch frei sind, und
darin liegt die Bedeutung des religisen Lebens. Der ewige Mittelpunkt
alles Seins, das hchste Wesen, das seine Freude ausstrahlt, indem es
sich in Freiheit hingibt, mu andre Freiheitszentren schaffen, um sich
mit ihnen in Harmonie zu einen. Die Schnheit ist die Harmonie, die
sich in Dingen verwirklicht, die durch das Naturgesetz gebunden sind.
Die Liebe ist die Harmonie, die sich in Willen verwirklicht, welche
frei sind.

Im Menschen sind solche Freiheitszentren geschaffen. Er soll kein
bloer Empfnger von Gaben der Natur sein; er soll sich voll
ausstrahlen im Schaffen seiner Kraft und in der Vervollkommnung
seiner Liebe. Sein Ziel mu der Unendliche sein, wie der Unendliche
in ihm sein Ziel hat. Die Schpfung der natrlichen Welt ist Gottes
eigene Schpfung, wir knnen sie nur empfangen und dadurch uns zu
eigen machen. Aber bei der Schpfung der geistigen Welt sind wir
Gottes Partner. Bei dieser Arbeit mu Gott warten, da unser Wille
mit dem seinen bereinstimmt. Nicht Macht ist es, was diese geistige
Welt aufbaut; nirgends, auch nicht in dem entferntesten Winkel, gibt
es in ihr Passivitt oder Zwang. Das Bewutsein mu alle Nebel der
Tuschung abgestreift haben, der Wille mu von allen Gegenkrften
der Leidenschaften und Begierden befreit sein, bevor wir an Gottes
Schpfungswerk teilnehmen. Solange wir nur Empfnger seiner Gaben sind,
hat unser Verhltnis zu ihm noch nicht seine volle Wahrheit gefunden,
denn es ist einseitig und daher unvollkommen. Wie er uns aus seiner
eigenen Flle gibt, sollen auch wir ihm von unserm berflu geben.
Daraus quillt reine Freude, nicht nur fr uns, sondern auch fr Gott.

In unserm Lande haben die Wischnusnger diese Wahrheit erkannt und sie
khn verkndet, indem sie sagten, erst in den Menschenseelen fnde
Gott die Erfllung seiner Liebe. In der Liebe mu Freiheit sein, daher
mu Gott nicht nur warten, bis unsre Seele freiwillig den Einklang
mit seiner Seele sucht, sondern er mu auch leiden, wenn sie dieser
Harmonie widerstrebt und sich gegen ihn auflehnt.

Daher hat es bei der Schpfung der geistigen Welt, an der der Mensch
in Gemeinschaft mit Gott arbeiten mu, Leiden gegeben, von denen die
Tiere keine Ahnung haben knnen. Beim Stimmen der Instrumente haben
die Saiten oft in schrillen Dissonanzen aufgeschrien, und oft sind
sie gerissen. Wenn wir die Mitarbeit des Menschen am Werke Gottes von
dieser Seite sehen, so erscheint sie uns sinnlos und schdlich. Das
Ideal, das im Herzen dieser Schpfung ist, lt uns jeden Fehler und
Miton wie einen Dolchsto empfinden, und die Seele sthnt und blutet.
Oft hat die Freiheit sich in ihr Gegenteil gewandelt, um zu beweisen,
da sie Freiheit ist, und der Mensch hat gelitten, und Gott mit ihm,
auf da diese Welt des Geistes gelutert und rein aus ihrem Feuerbade
hervorgehen mge, mit leuchtenden Gliedern wie ein gttliches Kind.
Es hat Heuchelei und Lge gegeben, grausame berhebung, die sich
ber die Wunden entrstet, die sie selbst geschlagen, geistlichen
Hochmut, der im Namen Gottes den Menschen schmht, Machthochmut, der
Gott lstert, indem er ihn seinen Verbndeten nennt; jahrhundertelang
hat man den Schmerzensschrei der Gequlten gewaltsam erstickt und
Menschenkinder ihres rechten Armes beraubt, um sie fr alle Zeit wehr-
und hilflos zu machen; man hat die Felder mit dem blutigen Schwei der
Sklaverei gedngt, um Leckerbissen darauf zu bauen, und seinen Reichtum
aufgerichtet auf Mangel und Hungersnot. Aber ich frage: Hat dieser
Riesengeist der Verneinung gesiegt? Ist das Leiden, das er im Herzen
des Unendlichen hervorgerufen hat, nicht seine grte Niederlage?
Und wird sein gefhlloser Stolz nicht in jedem Augenblick seines
aufgeblasenen Daseins selbst durch das Gras am Wege und die Blumen auf
dem Felde beschmt? Trgt nicht das Verbrechen an Gott und Menschen
seine Strafe selbst als Krone der Hlichkeit auf dem Haupte? Ja, das
Gttliche im Menschen lt sich durch Erfolg oder Organisationen
seines Gegners nicht einschchtern; es setzt sein Vertrauen nicht auf
die Gre seiner Macht und auf kluge Vorsicht. Seine Strke liegt nicht
in Muskel- oder Maschinenkraft, nicht in Klugheit der Politik, noch in
Robustheit des Gewissens, sondern in seinem Streben nach Vollendung.
Wenn auch das Heute es verhhnt, so hat es doch die Ewigkeit des Morgen
auf seiner Seite. Dem Anschein nach ist es hilflos wie ein neugebornes
Kind, aber seine nchtlichen Leidenstrnen setzen alle unsichtbaren
Krfte des Himmels in Bewegung, sie rufen in der ganzen Schpfung die
Mutter wach. Kerkermauern fallen ein, ungeheure Berge von Reichtmern
strzen, vom Miverhltnis ihrer eigenen Last umgerissen, kopfber in
den Staub. Die Geschichte der Erde ist die Geschichte von Erdbeben
und Sintfluten und vulkanischen Ausbrchen, und doch ist sie bei
alledem die Geschichte der grnen Felder und der murmelnden Bche, der
Schnheit und des fruchtbaren Lebens. Und die geistige Welt, die aus
dem Leben des Menschen und dem Leben Gottes emporwchst, wird diese
Zeit der ersten Kindheit, wo sie immer wieder hilflos zu Fall kommt
und sich verletzt, hinter sich lassen und eines Tages in der Kraft
der Jugend auf festen Fen stehen, in frohem Genu der Schnheit und
Freiheit ihrer Bewegung.

Das Leiden gerade ist unsre grte Hoffnung. Denn es ist der
Sehnsuchtsschrei der Unvollkommenheit, der von ihrem Glauben an
Vollkommenheit zeugt, wie der Schrei des Kindes von dem Glauben an die
Mutter. Dies Leiden treibt den Menschen dazu, mit seinem Gebet ans Tor
des Unendlichen, des Gttlichen in ihm zu pochen und so seinen tiefsten
Instinkt, seinen unmittelbaren Glauben an das Ideal zu beweisen, den
Glauben, mit dem er dem Tode mutig entgegentritt und allem entsagt,
was zu seinem engeren Selbst gehrt. Gottes Leben, das sich in seine
Schpfung ergiet, hat das Leben des Menschen berhrt, das nun auch
der Freiheit zustrmt. Immer wenn in die Harmonie des Schpfungsliedes
hinein eine Dissonanz schrillt, ruft der Mensch aus: _Asato m[=a]
sad gamaya_, Hilf mir aus dem Nichtsein zum wahren Sein. Er gibt
sein Selbst hin, da es fr die Musik der Seele gestimmt werde. Auf
diese Hingabe wartet Gott, denn die geistige Harmonie kann nur durch
Freiheit entstehen. Daher ist die freiwillige Hingabe des Menschen an
den Unendlichen der Anfang der vollkommenen Vereinigung mit ihm. Erst
dann, durch das Medium der Freiheit, kann Gottes Liebe voll auf die
Menschenseele wirken. Diese Hingabe besteht in der freien Wahl unsrer
Seele, ihr Leben dem Werke Gottes zu weihen, die Welt des Naturgesetzes
in eine Welt der Liebe umzuwandeln.

In der Geschichte des Menschen hat es Augenblicke gegeben, wo sein
Leben mit der Musik von Gottes Leben in vollkommener Harmonie
zusammenklang. Wir haben gesehen, wie des Menschen Persnlichkeit in
restloser Selbsthingabe aus berquellender Liebe ihre Vollendung fand,
indem sie selbst gttliches Wesen erlangte. Es sind Menschen in dieser
Welt der Natur geboren, mit menschlichen Begierden und Schwchen,
die dennoch bewiesen haben, da sie in der Welt des Geistes atmeten,
da die hchste Wirklichkeit die Freiheit der Persnlichkeit in der
vollkommenen Vereinigung der Liebe ist. Sie machten sich frei von allen
selbstschtigen Wnschen und Begierden, von allen engen Vorurteilen der
Kaste und der Nationalitt, von der Menschenfurcht und der Knechtschaft
der Glaubensdogmen und Konventionen. Sie wurden eins mit ihrem Gott im
freien, ttigen Wirken mit ihm. Sie liebten und litten. Sie boten ihre
Brust den Pfeilen des Bsen und bewiesen, da der Geist unsterbliches
Leben hat. Groe Knigreiche wechseln ihre Formen und verschwinden
wie Wolken, Institutionen zerflieen in der Luft wie Trume, Nationen
spielen ihre Rolle und versinken in Dunkel, aber jene Einzelwesen
tragen das unsterbliche Leben der ganzen Menschheit in sich: Ihr Leben
fliet wie ein ewiger, gewaltiger Strom durch grne Felder und Wsten
und durch die langen, dunklen Hhlen der Vergessenheit in die tanzende
Freude des Sonnenlichts hinein und bringt im endlosen Lauf der Jahre
Wasser des Lebens an die Tren von Millionen Menschen, das ihren Durst
lscht und ihre Leiden heilt und sie reinigt vom Staub des Alltags, und
singt mit heller Stimme durch den Lrm der Mrkte das Lied des ewigen
Lebens, das Jubellied:

    Dies ist der hchste Pfad,
    Dies ist der hchste Schatz,
    Dies ist die hchste Welt,
    Dies ist die hchste Wonne.




MEINE SCHULE


Als ich mich den Vierzigern nherte, erffnete ich eine Schule in
Bengalen. Das hatte man sicherlich nicht von mir erwartet, der ich den
grten Teil meines Lebens damit zugebracht hatte, Verse zu machen.
Daher dachten die Menschen natrlich, da diese Anstalt wohl keine
Musterschule werden wrde; jedenfalls aber wrde sie etwas unerhrt
Neues sein, da ich mich so ganz ohne alle Erfahrung an das Unternehmen
gewagt hatte.

Dies ist der Grund, warum ich so oft gefragt werde, was denn eigentlich
die Idee ist, die meiner Schule zugrunde liegt. Die Frage setzt
mich sehr in Verlegenheit, denn ich darf nichts Alltgliches darauf
antworten, wenn ich die Erwartung der Fragenden befriedigen will. Ich
will jedoch der Versuchung, originell zu sein, widerstehen und mich
damit begngen, nur wahr zu sein.

Ich mu gleich gestehen, da es schwer fr mich ist, diese Frage
berhaupt zu beantworten. Denn eine Idee ist nicht etwas wie ein festes
Fundament, worauf man ein Gebude errichtet. Sie ist mehr wie ein
Samenkorn, das auch nicht gleich, so wie es anfngt zu keimen und zu
wachsen, auseinandergelegt und erklrt werden kann.

Nun aber verdankt diese Schule ihren Ursprung gar nicht irgendeiner
neuen Erziehungstheorie, sondern einfach der Erinnerung an meine eigene
Schulzeit.

Wenn diese Zeit fr mich eine unglckliche war, so liegt der Grund
dafr nicht nur in meiner persnlichen Anlage oder in den besonderen
belstnden der Schulen, die ich besuchte. Es kann schon sein, da
ich, wenn ich etwas robuster gewesen wre, mich dem Druck allmhlich
angepat und es schlielich bis zum Abschlu des Universittsstudiums
gebracht htte. Aber Schulen sind nun einmal Schulen, wenn auch einige
besser sind als andere, je nach dem Mastab, den sie an sich legen.

Die Vorsehung hat dafr gesorgt, da die Kinder sich von der Milch
der Mutter nhren. Sie finden ihre Mutter und ihre Nahrung zu gleicher
Zeit, und Krper und Seele kommen zugleich zu ihrem Recht. So lernen
sie gleich die groe Wahrheit, da die wahre Beziehung des Menschen zur
Welt die persnliche Liebe ist und nicht das mechanische Kausalgesetz.

Einleitung und Schlu eines Buches haben hnlichen Charakter. In
beiden wird die Wahrheit als Ganzes vor den Leser hingestellt, ohne
da die Einzelheiten entwickelt werden. Der Unterschied ist nur, da
diese Wahrheit uns in der Einleitung einfach erscheint, weil sie noch
nicht analysiert ist, und am Schlu, weil die Analyse vollstndig ist.
Zwischen beiden entfaltet sich die Wahrheit, hier verwickelt sie sich,
stt sich an Hindernissen und bricht ganz auseinander, um sich endlich
in vollkommener Einheit wiederzufinden.

So wird auch dem Menschen gleich beim Eintritt in die Welt der Weisheit
letzter Schlu in dieser einfachen Form offenbart. Er wird in eine Welt
geboren, die fr ihn intensivstes Leben ist, wo er als Einzelwesen
die volle Aufmerksamkeit seiner Umgebung in Anspruch nimmt. Wie
er heranwchst, geht ihm die naive Sicherheit in der Auffassung
der Wirklichkeit verloren, er kann sich in der Kompliziertheit der
Dinge nicht mehr zurechtfinden und trennt sich von seiner Umgebung,
oft im Geiste des Widerspruchs. Doch wenn so die Einheit der
Wahrheit zerbricht und ein hartnckiger Brgerkrieg zwischen seiner
Persnlichkeit und seiner Umgebung anhebt, so kann Sinn und Ziel doch
nicht ewige Zwietracht sein. Um diesen Sinn und den rechten Schlu fr
sein Leben zu finden, mu er ber den Umweg des Zweifels wieder den Weg
zur schlichten, vollkommenen Wahrheit finden, zur Einheit mit der Welt
durch das Band unendlicher Liebe.

Daher sollte man dem Menschen in seiner Kindheit sein volles Ma vom
Trunk des Lebens geben, nach dem ihn so unaufhrlich drstet. Das
junge Gemt sollte ganz von dem Gefhl durchdrungen werden, da es
hineingeboren ist in eine Menschenwelt, die in Harmonie ist mit der
umgebenden Welt. Und dies gerade ist es, was unsere herkmmliche
Schule mit berlegener Weisheitsmiene streng und hochmtig bersieht.
Sie reit die Kinder mit Gewalt aus einer Welt, die voll ist von dem
geheimnisvollen Wirken Gottes, voll von Hindeutungen auf persnliches
Leben. Aus bloen Grnden der Schulzucht weigert sie sich, das
einzelne Kind zu bercksichtigen. Sie ist eine Fabrik, die eigens
dazu eingerichtet ist, Waren von mglichst gleichfrmigem Schliff
herzustellen. Sie zieht eine gerade Linie nach dem Durchschnittsma,
und dieser Linie folgt sie, wenn sie die Kanle des Unterrichts grbt.
Aber das Leben hlt sich nicht an die gerade Linie, es hat seinen Spa
daran, mit dieser Durchschnittslinie auf- und abzuwippen, und ldt
so den Zorn der Schule auf sein Haupt. Denn nach der Auffassung der
Schule ist das Leben vollkommen, wenn es sich behandeln lt, als ob
es tot sei, so da man es nach Belieben symmetrisch zerlegen kann. Das
war es, worunter ich litt, als ich zur Schule geschickt wurde. Denn
pltzlich entwich meine Welt rings um mich her und machte hlzernen
Bnken und geraden Wnden Platz, die mich mit dem leeren Blick des
Blinden anstarrten. Der Schulmeister hatte mich nicht geschaffen, das
Unterrichtsministerium war nicht zu Rate gezogen, als ich in diese Welt
kam. Aber war das ein Grund, das Versehen meines Schpfers an mir zu
rchen?

Doch die Sage lehrt uns ja, da man nicht im Paradiese bleiben darf,
wenn man vom Baum der Erkenntnis it. Daher mssen die Kinder der
Menschen aus ihrem Paradiese in ein Reich des Todes verbannt werden,
in dem der Geist der Uniform herrscht. So mute mein Geist sich in die
enge Hlle der Schule zwngen lassen, die wie die Schuhe der Chinesin
meine Natur bei jeder Bewegung berall drckte und quetschte. Ich war
glcklich genug, mich ihrer zu entledigen, bevor mein Gefhl ganz
abstarb.

Obgleich ich nicht die volle Buzeit abzudienen brauchte, die die
Menschen meines Standes auf sich nehmen mssen, um Zutritt zu der
Gesellschaft der Gebildeten zu erlangen, so bin ich doch froh, da mir
ihre Plage nicht ganz erspart blieb. Denn so habe ich an mir selbst das
Unrecht erfahren, das die Kinder der Menschen erleiden.

Die Ursache dieses Unrechts ist, da der Erziehungsplan der Menschen
dem Plan Gottes zuwiderluft. Wie wir unsre Geschfte betreiben, ist
unsre Sache, und daher knnen wir in unserm Geschftsbureau schaffen
und wirken, wie es unserm besonderen Zweck entspricht. Aber solch ein
Geschftsbetrieb pat nicht fr Gottes Schpfung. Und die Kinder sind
Gottes eigene Schpfung.

Wir sind in diese Welt gekommen, nicht nur, da wir sie kennen, sondern
da wir sie bejahen. Macht knnen wir durch Wissen erlangen, aber zur
Vollendung gelangen wir nur durch die Liebe. Die hchste Erziehung ist
die, welche sich nicht damit begngt, uns Kenntnisse zu vermitteln,
sondern die unser Leben in Harmonie bringt mit allem Sein. Aber wir
finden, da man diese Erziehung zur Harmonie in den Schulen nicht
nur systematisch auer acht lt, sondern da man sie konsequent
unterdrckt. Von klein auf werden wir so erzogen und unterrichtet, da
wir der Natur entfremdet und unsre innere und uere Welt in Gegensatz
zueinander gestellt werden. So wird die hchste Erziehung, die Gott
uns bestimmte, vernachlssigt, und man nimmt uns unsre Welt, um uns
dafr einen Sack voll Wissen zu geben. Wir berauben das Kind seiner
Erde, um es Erdkunde zu lehren, seiner Sprache, um es Grammatik zu
lehren. Es hungert nach Heldengeschichten, aber man gibt ihm nchterne
Tatsachen und Daten. Es wurde in die Menschenwelt geboren, aber es
wird in die Welt lebender Grammophone verbannt, um fr die Erbsnde,
in Unwissenheit geboren zu sein, zu ben. Die Natur des Kindes lehnt
sich mit der ganzen Kraft des Leidens gegen solch Elend auf, bis sie
schlielich durch Strafen zum Schweigen gebracht wird.

Wir alle wissen, Kinder lieben den Staub der Erde; Leib und Seele
dieser kleinen Geschpfe drsten nach Luft und Sonnenschein wie die
Blumen. Sie sind immer bereit, den Einladungen zu unmittelbarem Verkehr
zu folgen, die fortwhrend aus der Welt an ihre Sinne gelangen.

Aber zum Unglck fr die Kinder leben ihre Eltern in ihrer eigenen
Welt von Gewohnheiten, wie sie ihr Beruf und die gesellschaftliche
Tradition mit sich gebracht haben. Das lt sich in mancher Beziehung
nicht ndern. Denn die Menschen sind durch die Verhltnisse und durch
das Bedrfnis nach sozialer Gleichfrmigkeit gezwungen, sich nach einer
bestimmten Richtung hin zu entwickeln.

Aber unsre Kindheit ist die Zeit, wo wir noch frei sind -- oder sein
sollten -- frei von dem Zwang, uns innerhalb der engen Grenzen zu
entwickeln, welche berufliche und gesellschaftliche Konventionen
aufgerichtet haben.

Ich erinnere mich noch sehr gut, welch unwilliges Erstaunen ein
erfahrener Schuldirektor, der den Ruf hatte, vorzgliche Disziplin
zu halten, zeigte, als er sah, wie einer meiner Schler auf einen
Baum kletterte, um oben auf der Gabelung eines Astes seine Aufgaben
zu lernen. Ich mute ihm zur Erklrung sagen: die Kindheit ist die
einzige Zeit, wo ein zivilisierter Mensch noch die Wahl hat zwischen
den Zweigen eines Baumes und einem Wohnzimmerstuhl; sollte ich, weil
mir als einem Erwachsenen dies Vorrecht versagt ist, es darum dem
Knaben rauben? berraschend ist es, da derselbe Direktor ganz damit
einverstanden war, da die Knaben Botanik studierten. Er legt Gewicht
auf eine unpersnliche Kenntnis von dem Baume, weil das Wissenschaft
ist, aber er hlt nichts von einer persnlichen Bekanntschaft mit ihm.

Diese wachsende Erfahrung bildet allmhlich den Instinkt, der das
Ergebnis der Methode ist, nach welcher die Natur ihre Geschpfe lehrt.
Die Knaben meiner Schule haben eine instinktive Kenntnis von der
ueren Erscheinung des Baumes gewonnen. Durch die leiseste Berhrung
wissen sie, wo sie auf einem scheinbar ungastlichen Baumstamm Fu
fassen knnen; sie wissen, wie weit sie sich auf die Zweige wagen
drfen, wie sie ihr Krpergewicht verteilen mssen, um den jungen sten
nicht zu schwer zu werden. Meine Schler verstehen es, den Baum auf
die bestmgliche Weise zu benutzen, sei es nun, da sie seine Frchte
pflcken, auf seinen Zweigen ausruhen oder sich vor unerwnschten
Verfolgern in ihnen verbergen. Ich selbst bin in einem gebildeten
stdtischen Heim aufgewachsen und habe mich mein ganzes Leben lang so
benehmen mssen, als ob ich in einer Welt lebte, in der es keine Bume
gbe. Daher betrachte ich es als einen Teil meiner Erziehungsaufgabe,
meinen Schlern in vollem Mae begreiflich zu machen, da Bume in
diesem Weltsystem eine wirkliche Tatsache sind, da sie nicht nur dazu
da sind, um Chlorophyll zu erzeugen und die Kohlensure aus der Luft zu
nehmen, sondern da sie lebendige Wesen sind.

Von Natur sind unsre Fusohlen so gemacht, da sie die besten Werkzeuge
zum Stehen und Gehen auf der Erde sind. Von dem Tage an, wo wir
anfingen, Schuhe zu tragen, setzten wir die Bedeutung unsrer Fe
herab. Dadurch, da wir ihre Verantwortlichkeit verminderten, nahmen
wir ihnen ihre Wrde, und jetzt lassen sie sich Socken und Pantoffeln
von allen Preisen und Formen oder Unformen gefallen. Es ist, als ob wir
Gott Vorwrfe machten, da er uns nicht Hufe gegeben hat, statt der mit
schner Empfindungsfhigkeit ausgestatteten Sohlen.

Ich will gar nicht die Fubekleidung vllig aus dem Gebrauch der
Menschen verbannen. Aber ich mchte doch dafr eintreten, da man den
Fusohlen der Kinder die Erziehung, die ihnen die Natur kostenlos gibt,
nicht vorenthalten soll. Von allen unsern Gliedern sind die Fe am
geeignetsten, mit der Erde durch Berhrung vertraut zu werden. Denn die
Erde hat ihre fein geschwungenen Konturen, die sich nur ihren echten
Liebhabern, den Fen, zum Kusse darbieten.

Ich mu wiederum gestehen, da ich in einem respektablen Hause
aufwuchs, wo meine Fe von klein auf sorgfltig vor der nackten
Berhrung mit dem Staube gehtet wurden. Wenn ich versuche, es meinen
Schlern im Barfugehen gleichzutun, dann wird es mir schmerzhaft klar,
welch dicke Schicht von Unwissenheit in bezug auf die Erde ich unter
meinen Fen trage. Ich suche mit unfehlbarer Sicherheit die Dornen
aus, um darauf zu treten, in einer Weise, da es eine wahre Lust fr
die Dornen ist. Meinen Fen fehlt der Instinkt, den Linien zu folgen,
die am wenigsten Widerstand bieten. Denn selbst die ebenste Erdflche
hat ihre winzigen Hgel und Tler, die nur fein gebildete Fe spren.
Ich habe mich oft gewundert ber das scheinbar zwecklose Zickzack von
Wegen, die ber vollkommen ebene Felder fhrten. Und es ist noch
unbegreiflicher, wenn man bedenkt, da ein Fupfad nicht durch die
Laune eines Einzelnen entsteht. Wenn nicht die meisten Fugnger genau
dieselbe Laune htten, so knnten solche augenscheinlich unzweckmigen
Steige nicht entstehen. Aber die wahre Ursache liegt in den feinen
Eingebungen von seiten der Erde, denen unsre Fe unbewut folgen.
Die, denen solche natrlichen Beziehungen nicht abgeschnitten sind,
knnen die Muskeln ihrer Fe mit groer Schnelligkeit dem geringsten
Winke anpassen. So knnen sie sich gegen das Eindringen von Dornen
schtzen, selbst wenn sie auf sie treten, und sie knnen ohne das
geringste Unbehagen barfu ber einen Kiesweg gehen. Ich wei, da
es in der Praxis heutzutage ohne Schuhe, ohne gepflasterte Straen
und ohne Wagen nicht geht. Aber sollte man die Kinder nicht in ihrer
Erziehungszeit die Wahrheit erfahren lassen, da die Welt nicht berall
Gesellschaftszimmer ist, da es so etwas wie Natur gibt, und da ihre
Glieder fr den Verkehr mit ihr wunderbar geschaffen sind?

Es gibt Leute, welche glauben, da ich durch die Einfachheit der
Lebensweise, die ich in meiner Schule eingefhrt habe, das Ideal der
Armut, das das Mittelalter beherrschte, predigen will. Ich kann diesen
Gegenstand an dieser Stelle nicht nach allen Seiten errtern; aber wenn
wir ihn vom Standpunkt der Erziehung aus betrachten, mssen wir da
nicht zugeben, da die Armut die Schule ist, in der der Mensch seinen
ersten Unterricht und seine beste Erziehung empfngt? Selbst der Sohn
eines Millionrs wird in hilfloser Armut geboren und mu die Aufgabe
seines Lebens von Anfang an lernen. Er mu gehen lernen wie das rmste
Kind, wenn er auch die Mittel hat, ohne Beine durch die Welt zu kommen.
Die Armut bringt uns in die engste Berhrung mit dem Leben und der
Welt, denn als Reicher leben, heit meistens durch Stellvertreter leben
und infolgedessen in einer Welt von geringerer Wirklichkeit. Dies mag
gut sein fr unser Vergngen oder unsren Stolz, aber nicht fr unsre
Erziehung. Der Reichtum ist ein goldener Kfig, in dem den Kindern
der Reichen ihre natrlichen Gaben knstlich erttet werden. Daher
mute ich in meiner Schule, zum Entsetzen der Leute mit kostspieligen
Gewohnheiten, fr diese groe Lehrmeisterin -- diese Drftigkeit der
Ausstattung -- sorgen, nicht um der Armut selbst willen, sondern weil
sie zu persnlicher Welterfahrung fhrt.

Mein Vorschlag ist, da jedem Menschen in seinem Leben ein begrenzter
Zeitraum vorbehalten sein mte, wo er in ursprnglicher Einfachheit
das Leben des Naturmenschen lebt. Die geschftigen Kulturmenschen
mssen das ungeborene Kind noch in Frieden lassen. Im Leib der
Mutter hat es Mue, die erste Entwicklungsstufe vegetativen Lebens
durchzumachen. Aber sobald es geboren ist, ausgerstet mit allen
Instinkten fr die nchste Stufe, nmlich fr das natrliche Leben, da
strzt sich sofort die Gesellschaft mit ihren kultivierten Gewohnheiten
darauf und reit es aus den offenen Armen von Erde, Wasser und Himmel,
von Luft und Sonnenlicht. Zuerst strubt es sich und weint bitterlich,
und dann vergit es allmhlich, da Gottes ganze Schpfung sein Erbe
ist; dann schliet es seine Fenster, zieht die Vorhnge herab und ist
stolz auf das, was es auf Kosten seiner Welt und vielleicht gar seiner
Seele angehuft hat.

Die Welt der Zivilisation mit ihren Konventionen und toten Dingen
beherrscht die Mitte des tglichen Lebenslaufs. Anfang und Ende
desselben sind nicht ihr Reich. Ihre ungeheure Kompliziertheit und ihre
Anstandsregeln haben ihren Nutzen. Aber wenn sie sie als Selbstzweck
ansieht und es zur Regel macht, da dem Menschen kein grnes Fleckchen
bleibt, wohin er aus ihrem Gebiet von Rauch und Lrm, von drapierter
und dekorierter Korrektheit, fliehen kann, dann leiden die Kinder,
und bei der Jugend entsteht Weltmdigkeit, whrend das Alter es
verlernt, in Frieden und Schnheit alt zu werden, und nichts weiter als
verfallene Jugend ist, die sich ihrer Lcher und Flicken schmt.

Es ist jedoch gewi, da die Kinder, als sie bereit waren, auf dieser
Erde geboren zu werden, kein Verlangen hatten nach einer so eingeengten
und verhangenen Welt ueren Anstands. Wenn sie geahnt htten, da
sie ihre Augen dem Licht nur ffneten, um sich in der Gewalt des
Schulbetriebes zu finden, bis sie die Frische ihres Geistes und die
Schrfe ihrer Sinne verloren haben, so wrden sie es sich noch einmal
berlegt haben, bevor sie sich auf die menschliche Lebensbahn wagten.
Gottes Einrichtungen haben nicht die Anmaung spezieller Einrichtungen.
Sie haben immer die Harmonie der Ganzheit und des ununterbrochenen
Zusammenhanges mit allen Dingen. Was mich daher in meiner Schulzeit
qulte, war die Tatsache, da die Schule nicht die Vollstndigkeit der
Welt hatte. Sie war eine besondere Einrichtung fr den Unterricht. Sie
konnte nur fr Erwachsene passen, die sich der besonderen Notwendigkeit
solcher Orte bewut und bereit waren, mit dem Unterricht die Trennung
vom Leben in den Kauf zu nehmen. Aber Kinder lieben das Leben, und es
ist ihre erste Liebe. Es lockt sie mit all seinen Farben und seiner
Bewegung. Und sind wir unsrer Weisheit so sicher, wenn wir diese Liebe
ersticken? Kinder werden nicht als Asketen geboren, da sie geeignet
wren, sich sogleich der Mnchszucht zu unterwerfen, indem sie ihr
Streben ganz auf den Erwerb von Kenntnissen richten. Ihr erstes Wissen
sammeln sie durch ihre Liebe zum Leben, dann entsagen sie dem Leben,
um Wissen zu erwerben, und endlich kehren sie mit reicher Weisheit zum
volleren Leben zurck.

Aber die Gesellschaft hat ihre eigenen Einrichtungen getroffen, um den
Geist der Menschen nach ihrem besonderen Muster zuzustutzen. Diese
Einrichtungen sind so dicht gefgt, da es schwer ist, eine Lcke zu
finden, wo die Natur hineinkommen kann. Eine ganze Reihenfolge von
Strafen droht dem, der es wagt, gegen irgendeine dieser Einrichtungen
zu verstoen, und gelte es auch sein Seelenheil. Daher heit, die
Wahrheit erkennen, noch nicht, sie praktisch anwenden, da der ganze
Strom des herrschenden Systems ihr entgegenluft. So kam es, da ich
bei der Frage, welche Erziehung ich meinem Sohn geben sollte, in
Verlegenheit war, wie ich sie praktisch lsen knnte. Das erste, was
ich tat, war, da ich ihn aus der stdtischen Umgebung fortnahm und
in ein Dorf brachte, wo er, soweit es heutzutage mglich ist, ein
Leben in natrlicher Freiheit leben konnte. Da war ein Flu, der als
gefhrlich bekannt war; hier konnte er nach Herzenslust schwimmen
und rudern, ohne durch die ngstlichkeit der Erwachsenen gehindert
zu werden. Er verbrachte seine Zeit drauen im Feld und auf den
unbetretenen Sandbnken, und niemand stellte ihn zur Rede, wenn er zu
spt zum Essen kam. Er besa keinen von jenen Luxusgegenstnden, die
Knaben seines Standes sonst haben und von denen man meint, da sie sie
anstndigerweise haben mssen. Ich bin sicher, da die Leute, denen
die Gesellschaft die Welt bedeutet, ihn wegen dieser Entbehrungen
bemitleideten und seine Eltern tadelten. Aber ich wute, da
Luxusgegenstnde fr Knaben eine Last sind, die Last der Gewohnheiten
anderer, die Last, die sie um des Stolzes und Vergngens ihrer Eltern
willen tragen mssen.

Doch als Einzelner, mit beschrnkten Mitteln, konnte ich meinen
Erziehungsplan nur zum Teil ausfhren. Immerhin hatte mein Sohn
Bewegungsfreiheit; es waren nur sehr wenige von den Schranken
geblieben, die der Reichtum und die Gesetze ueren Anstandes zwischen
den Menschen und der Natur aufrichten. So hatte er eine bessere
Gelegenheit, diese Welt wirklich kennen zu lernen, als ich sie je
gehabt habe. Aber eine Frage beschftigte mich, die mir wichtiger
schien als alles andere. Das Ziel der Erziehung ist nicht, dem Menschen
einzelne Kenntnisse zu vermitteln, sondern ihn zur Erkenntnis der
Wahrheit als Ganzes zu fhren. Frher, als das Leben noch einfach war,
da waren all die verschiedenen Elemente des Menschen in vollstndiger
Harmonie. Aber als das Intellektuelle sich vom Seelischen und
Physischen trennte, legte die Schulerziehung den ganzen Nachdruck auf
die intellektuelle und physische Seite des Menschen. Wir widmen unsre
ganze Aufmerksamkeit der Vermittlung von Kenntnissen und bedenken
nicht, da wir durch diese einseitige Ausbildung des Intellekts einen
Bruch herbeifhren zwischen dem intellektuellen, physischen und
seelischen Leben des Kindes.

Ich glaube an eine geistige Welt, nicht als etwas, was auerhalb dieser
Welt ist, sondern als ihre innerste Wahrheit. Mit jedem Atemzuge mssen
wir diese Wahrheit fhlen: da wir in Gott leben. Als Kinder dieser
groen Welt, die erfllt ist von dem Geheimnis des Unendlichen, knnen
wir unser Dasein nicht als eine flchtige Laune des Zufalls ansehen,
das auf dem Strom der Materie einem ewigen Nichts zutreibt. Wir knnen
unser Leben nicht ansehen als Traumgebilde eines Trumers, fr den
es nie ein Erwachen gibt. Wir sind als Persnlichkeiten geschaffen,
fr die Stoff und Kraft nichts bedeuten, wenn sie nicht auf eine
unendliche Persnlichkeit bezogen werden, deren Natur wir in gewissem
Mae wiederfinden in der menschlichen Liebe, in der Gre des Guten,
im Martyrium der Heldenseelen, in der unaussprechlichen Schnheit der
Natur, die nicht eine rein physische Tatsache, sondern nur der Ausdruck
einer Persnlichkeit sein kann.

Die Erfahrung dieser geistigen Welt, die uns nicht zuteil wird, weil
wir von klein auf gewhnt werden, sie zu bersehen, mssen die Kinder
dadurch gewinnen, da sie ganz darin leben; sie kann ihnen nicht
durch theologische Belehrung zugnglich gemacht werden. Aber wie dies
geschehen soll, ist heutzutage ein schwieriges Problem. Denn die
Menschen haben es fertig gebracht, ihre Zeit so zu besetzen, da sie
gar nicht Mue haben, darber nachzudenken, wie ihre ganze Ttigkeit
nur Bewegung ist, ohne wahren Sinn, und wie heimatlos ihre Seele ist.

In Indien halten wir noch die berlieferung von den Waldkolonien groer
Lehrer in hohen Ehren. Diese Orte waren weder Schulen noch Klster im
heutigen Sinn des Wortes. Sie bestanden aus Heimsttten, wo Mnner
mit ihrer Familie lebten, deren Ziel war, die Welt in Gott zu sehen
und ihr eigenes Leben in ihm zu begreifen. Obgleich sie auerhalb der
menschlichen Gesellschaft lebten, so waren sie ihr doch, was die Sonne
den Planeten ist, der Mittelpunkt, von dem sie Leben und Licht empfing.
Und hier wuchsen die Knaben auf im nahen Anschauen des Ewigen, bevor
man sie fr geeignet hielt, Haupt einer Familie zu werden.

So war im alten Indien Schule und Leben vereinigt. Da wurden die
Schler nicht in der akademischen Atmosphre von Gelehrsamkeit
und Wissenschaft oder in dem verstmmelten Leben mnchischer
Abgeschlossenheit erzogen, sondern in der Atmosphre lebendigen
Wirkens und Strebens. Sie brachten das Vieh auf die Weide, sammelten
Brennholz, pflckten Obst, waren gtig zu allen Geschpfen und nahmen
zu an Geist zugleich mit ihren Lehrern. Dies war mglich, weil der
Hauptzweck dieser Orte nicht der Unterricht war, sondern denen Zuflucht
und Schutz zu bieten, die ein Leben in Gott leben wollten.

Da diese berlieferung von dem familienhaften Zusammenleben von
Lehrern und Schlern nicht eine bloe romantische Erdichtung ist,
sehen wir noch an vereinzelten Schulen, die ein berbleibsel dieses
einheimischen Erziehungssystems sind. Dies System ist, nachdem es
Jahrhunderte hindurch seine Unabhngigkeit bewahrt hat, jetzt im
Begriff, der bureaukratischen Kontrolle der Fremdherrschaft zu
erliegen. Diese _catusp[=a][t.]h[=i]_, wie man auf Sanskrit die
Universitten nennt, haben nicht den Charakter einer Schule. Die
Schler leben im Hause ihres Lehrers wie die Kinder des Hauses, ohne
fr Wohnung, Kost und Erziehung zu bezahlen. Der Lehrer geht seinen
eigenen Studien nach, indem er ein Leben der Einfachheit lebt und
seinen Schlern bei ihrem Studium hilft, was er nicht als sein Geschft
betrachtet, sondern als einen Teil seines Lebens.

Dies Ideal einer Erziehung, die darin besteht, da der Schler an dem
Leben und hohen Streben seines Lehrers teilnimmt, lie mich nicht los.
Die kerkerhafte Enge unsrer Zukunft und die Trostlosigkeit unsrer
beschnittenen Mglichkeiten drngten mich nur noch mehr zu seiner
Verwirklichung. Die in anderen Lndern mit unbegrenzten Aussichten auf
weltlichen Gewinn begnstigt sind, knnen sich solche Dinge zum Ziel
der Erziehung setzen. Der Spielraum ihres Lebens ist mannigfach und
weit genug, um ihnen die Freiheit zu gewhren, die sie zur Entfaltung
ihrer Krfte brauchen. Aber wenn wir die Selbstachtung bewahren sollen,
die wir uns und unserm Schpfer schulden, so darf unser Erziehungsziel
nicht hinter dem hchsten Ziel des Menschen berhaupt, der grten
Vollkommenheit und Freiheit der Seele zurckbleiben. Es ist klglich,
wenn man nach kleinen Gaben irdischen Besitzes haschen mu. Lat
uns nur trachten nach dem Zugang zum Leben, das ber alle ueren
Lebenslagen erhaben ist und ber den Tod hinausgeht, lat uns Gott
suchen, lat uns leben fr jene endgltige Wahrheit, die uns frei macht
von der Knechtschaft des Staubes und uns den wahren Reichtum gibt:
nicht Reichtum an toten Dingen, sondern an innerem Licht, nicht an
Macht, sondern an Liebe. Solche Befreiung der Seele haben wir in unserm
Lande gefunden bei Menschen, denen jede Bcherweisheit fehlte und die
in vollstndiger Armut lebten. Wir haben in Indien das Erbe dieses
Schatzes geistiger Weisheit. Lat das Ziel unsrer Erziehung sein, es
vor uns auszubreiten und die Kraft zu gewinnen, im Leben den rechten
Gebrauch davon zu machen, auf da wir es einst, wenn die Zeit kommt,
der brigen Welt darbieten als unsern Beitrag zu ihrem ewigen Heil.

Ich war ganz in meine literarische Ttigkeit vertieft, als dieser
Gedanke mich mit schmerzhafter Heftigkeit packte. Ich hatte pltzlich
ein Gefhl wie jemand, der unter einem Alpdruck sthnt. Nicht nur
meine eigene Seele, sondern die Seele meines Landes schien in mir nach
Atem zu ringen. Ich fhlte klar, da das, was uns not tut, nicht
materieller Art ist, nicht Reichtum, Behagen oder Macht, sondern
ein Erwachen zum vollen Bewutsein unsrer seelischen Freiheit, der
Freiheit, ein Leben in Gott zu fhren, wo wir nicht in Feindschaft
leben mit denen, die nicht anders knnen als kmpfen, und nicht im
Wettbewerb mit denen, deren einziges Ziel Geldgewinn ist, wo wir vor
allen Angriffen und Schmhungen sicher sind.

Zum Glck hatte ich schon einen Platz bereit, wo ich meine Arbeit
beginnen konnte. Mein Vater hatte auf einer seiner zahlreichen Reisen
sich diesen einsamen Ort erwhlt, der ihm geeignet schien zu einem
Leben stiller Gemeinschaft mit Gott. Diesen Ort hatte er mit allem,
was zum Lebensunterhalt ntig war, denen gestiftet, die Ruhe und
Abgeschlossenheit fr religise bungen und Betrachtungen suchten. Ich
hatte etwa zehn Knaben bei mir, als ich dorthin ging, und begann mein
neues Leben ohne irgendwelche frhere Erfahrung.

Die Gegend, die unsre Einsiedelei umgibt, ist weites offenes Land, ganz
kahl bis an den Horizont hin, nur da hier und da ein paar verkmmerte
Dattelpalmen oder Dornstrucher die Ameisenhgel zu berragen suchen.
Jenseits der Felder und tiefer als diese erstreckt sich eine Flche
mit zahllosen Erdhgeln und kleinen Hgelchen von rotem Kies und
Kieseln von allen Formen und Farben, die von schmalen Regenrinnen
durchschnitten wird. In geringer Entfernung nach Sden zu, nahe beim
Dorfe, sieht man durch eine Reihe von Palmen hindurch die stahlblaue
Flche des Wassers glitzern, das sich in einer Vertiefung des Bodens
angesammelt hat. Ein Pfad, den die Dorfleute bentzen, wenn sie ihre
Einkufe in der Stadt machen, schlngelt sich durch die einsamen
Felder und schimmert rtlich in der Sonne. Die Reisenden, die diesen
Pfad hinaufkommen, knnen schon in der Ferne auf dem hchsten Punkt
des welligen Hgellandes die Spitze eines Tempels und das Dach eines
Gebudes sehen. Denn hier liegt inmitten von Myrobalanenhainen die
Einsiedelei Santi-Niketan, zu der eine Allee von stattlichen Salbumen
hinanfhrt.

Und hier hat sich nun seit mehr als fnfzehn Jahren die Schule
entwickelt. Manchen Wechsel und manche ernste Krisis hat sie erlebt.
Da ich den blen Ruf hatte, ein Dichter zu sein, wurde es mir sehr
schwer, das Vertrauen meiner Landsleute zu gewinnen und dem Verdacht
der Bureaukratie zu entgehen. Wenn ich am Ende einen gewissen Erfolg
hatte, so liegt es daran, da ich ihn nie erwartete, sondern meinen
eigenen Weg ging, ohne auf Beifall, Rat oder Hilfe von auen zu warten.
Meine Mittel waren auerordentlich gering, da das Unternehmen mich tief
in Schulden gestrzt hatte. Aber diese Armut selbst gab mir Kraft und
lehrte mich, mein Vertrauen auf die Macht der Idee zu setzen, statt auf
uere Hilfsmittel.

Da die Entwicklung der Schule meine eigene Entwicklung bedeutete und
nicht die bloe Verwirklichung meiner Theorien, so wandelten sich ihre
Ideale auch whrend ihres Reifens, wie eine reifende Frucht nicht nur
grer wird und sich tiefer frbt, sondern auch in der Beschaffenheit
ihres Fleisches Vernderungen erfhrt. Als ich anfing, hatte ich
die Idee, da ich einen wohlttigen Zweck verfolgte. Ich arbeitete
angestrengt; doch die einzige Befriedigung, die ich hatte, war, da
ich mir ausrechnete, welche Opfer an Geld und Kraft und Zeit ich
brachte, und dabei meine unermdliche Gte bewunderte. Aber was dabei
herauskam, hatte wenig Wert. Ich baute nur immer ein System auf das
andere auf, um nachher alles wieder umzureien. So tat ich im Grunde
nichts anderes, als meine Zeit ausfllen; was ich schuf, war innerlich
leer. Ich wei noch, wie ein alter Schler meines Vaters kam und zu
mir sagte: Was ich hier sehe, ist wie ein Hochzeitssaal, wo alles
bereit ist, nur der Brutigam fehlt. Der Fehler, den ich gemacht
hatte, war, da ich meinte, mein eigener Zweck sei dieser Brutigam.
Aber allmhlich fand mein Herz diesen Mittelpunkt. Er war nicht in der
Arbeit, nicht in meinen Wnschen, sondern in der Wahrheit. Ich sa
allein auf der oberen Terrasse des Hauses Santi-Niketan und schaute
auf die Baumwipfel der Salallee vor mir. Ich lste mein Herz los von
meinen eigenen Plnen und Berechnungen, von den Kmpfen des Tages,
und hob es schweigend hinauf zu dem, dessen Gegenwart und Frieden den
Himmel durchflutete, und allmhlich wurde mein Herz von ihm erfllt.
Ich begann, die Welt rings um mich her mit den Augen meiner Seele
zu sehen. Die Bume erschienen mir wie stille Lobgesnge, die aus
dem stummen Herzen der Erde aufstiegen, und das Rufen und Lachen der
Knaben, das durch die Abendluft zu mir herauftnte, erklang mir wie
ein Quell von lebendigen Tnen, der aus der Tiefe des Menschenlebens
aufstieg. Ich vernahm die Botschaft in dem Sonnenlicht, das meine Seele
in ihrer Tiefe berhrte, und ich fhlte ein ses Gestilltsein in
den Lften, die das Wort des alten Meisters zu mir sprachen: _Ko hy
ev[=a]ny[=a]t ka[h.] pr[=a]ny[=a]t yady e[s.]a [=a]k[=a][s]a [=a]nando
na sy[=a]t._[15] Wer knnte je in dieser Welt leben und hoffen und
streben, wenn der Raum nicht mit Liebe gefllt wre. Und als ich
dann den Kampf um Erfolg und meinen Ehrgeiz, andern wohlzutun, aufgab
und das eine, was not tut, begriff; als ich fhlte, da der, der sein
eigenes Leben in Wahrheit lebt, das Leben der ganzen Welt lebt, da
klrte sich die trbe Atmosphre ueren Kampfes, und die natrliche
Schpferkraft brach sich Bahn zum Kern aller Dinge. Und wenn es jetzt
noch mancherlei Oberflchliches und Wertloses im Betrieb unsrer Anstalt
gibt, so hat es seine Ursache in dem Mitrauen gegen den Geist, das
uns noch immer anhaftet, in der unausrottbaren berzeugung von unsrer
eigenen Wichtigkeit, in der Gewohnheit, die Ursache unserer Fehlschlge
anderswo als bei uns zu suchen, und in dem Bestreben, alle Lockerheit
und Schlaffheit in unsrer Arbeit dadurch wieder gutzumachen, da wir
die Schrauben der Organisation fester anziehen. Aus eigener Erfahrung
wei ich, da da, wo der Eifer, andere zu belehren, allzu gro ist,
besonders wenn es sich um geistige Dinge handelt, das Ergebnis drftig
und nicht ganz wahr ist. Alle Heuchelei und Selbsttuschung bei unsern
religisen berzeugungen und bungen sind die Folge von dem bereifer
geistlicher Mentoren. Auf geistigem Gebiet ist Erwerben und Spenden
eins; wie die Lampe andern Licht gibt, sobald sie selbst leuchtet.
Wenn ein Mensch es zu seinem Beruf macht, seinen Mitmenschen Gott zu
predigen, so wird er viel mehr Staub aufwirbeln, als zur Wahrheit
fhren. Religion lt sich nicht in der Form von Unterricht mitteilen,
sondern nur durch religises Leben selbst. So bewhrt sich das Ideal
der Waldkolonie jener Gottsucher auch heute noch als die wahre Schule
religisen Lebens. Religion ist nicht etwas, was man in Stcke zerlegen
und in bestimmten Wochen- oder Tagesrationen austeilen kann als eins
der verschiedenen Fcher des Schulprogramms. Sie ist die Wahrheit
unsres ganzen Seins, das Bewutsein unsrer persnlichen Beziehung zum
Unendlichen; sie ist der wahre Schwerpunkt unsres Lebens. Sie kann
uns in unsrer Kindheit zuteil werden, wenn wir ganz an einem Orte
leben, wo die Wahrheit der geistigen Welt nicht durch eine Menge von
Notwendigkeiten verdunkelt wird, die sich Bedeutung anmaen; wo das
Leben einfach ist und reich an Mue, an Raum und reiner Luft und an dem
tiefen Frieden der Natur, und wo die Menschen in festem Glauben den
Blick auf das Ewige gerichtet haben.

Nun wird man mich fragen, ob ich in meiner Schule das Ideal erreicht
habe. Ich mu darauf antworten, da die Erreichung unsrer hchsten
Ideale sich schwer nach uern Mastben messen lt. Ihre Wirkung
lt sich nicht gleich an Resultaten nachweisen. Wir tragen in
unsrer Einsiedelei den Ungleichheiten und Mannigfaltigkeiten
des menschlichen Lebens in vollem Mae Rechnung. Wir versuchen
nie, eine Art uere Gleichfrmigkeit zu erzielen, indem wir die
Verschiedenheiten der Anlage und Erziehung unsrer Schler auszurotten
suchen. Einige von uns gehren zur Sekte des Br[=a]hma Sam[=a]dsch,
einige zu andern Hindu-Sekten, und einige von uns sind Christen. Da
wir uns nicht mit Bekenntnissen und Dogmen beschftigen, entstehen
aus der Verschiedenheit unsres religisen Glaubens durchaus keine
Schwierigkeiten. Auch wei ich, da das Gefhl von Ehrfurcht fr das
Ideal dieser Schule und fr das Leben, das wir hier fhren, unter
denen, die sich in dieser Einsiedelei versammelt haben, an Ernst und
Tiefe sehr verschieden ist. Ich wei, da unsre Begeisterung fr ein
hheres Leben doch noch immer nicht weit hinausgekommen ist ber
unser Trachten nach weltlichen Gtern und weltlichem Ruhm. Und doch
bin ich vollkommen gewi und habe zahlreiche Beweise dafr, da das
Ideal unsrer Einsiedelei von Tag zu Tag immer mehr in unsrer Natur
Wurzel fat. Ohne da wir es merken, werden die Saiten unsres Lebens
zu immer reinerem, seelenvollerem Klang gestimmt. Was es auch war,
das uns zuerst hierher fhrte, durch alle Disharmonie tnt doch
unaufhrlich der Ruf: _[s][=a]ntam, [s]ivam, advaitam_ -- du Gott
des Friedens, Allgtiger, Einziger! Die Luft scheint hier von der
Stimme des Unendlichen erfllt, die dem Frieden des frhen Morgens und
der Stille der Nacht tiefen Sinn gibt und durch die weien Scharen
von _shiuli_-Blumen im Herbst und _m[=a]lat[=i]_-Blumen im Sommer das
Evangelium von der Schnheit predigt, die anbetend sich selbst als
Opfer darbringt.

Es ist schwer fr die, die nicht Inder sind, sich klar zu machen,
welche Vorstellungen sich alle mit dem Wort _[=a][s]rama_,
Waldheiligtum, verbinden. Denn es blhte wie die Lotusblume in Indien
unter einem Himmel, der freigebig ist mit Sonnenlicht und Sternenglanz.
Indiens Klima ruft uns ins Freie; die Stimme seiner mchtigen Strme
ertnt in feierlichem Gesang; die endlose Weite seiner Ebenen umgibt
unsre Heimsttten mit dem Schweigen einer andern Welt; die Sonne steigt
am Rand der grnen Erde auf wie eine Opferflamme, die das Unsichtbare
auf dem Altar des Unbekannten entzndet, und sie steigt am Abend im
Westen herab wie ein prchtiges Freudenfeuer, mit dem die Natur das
Ewige begrt. In Indien ist der Schatten der Bume gastlich, der
Staub der Erde streckt seine braunen Arme nach uns aus, die Luft
schlgt liebend ihren warmen Mantel um uns. Das sind die unwandelbaren
Tatsachen, die immer wieder zu unsrer Seele sprechen, und daher
empfinden wir es als Indiens Aufgabe, durch diese Verbundenheit mit
der Seele der Welt die menschliche Seele als eins mit der gttlichen
Seele zu erkennen. Diese Aufgabe hat in den Waldschulen der alten Zeit
ihre natrliche Form gefunden. Und sie treibt uns an, das Unendliche
in allen Gestalten der Schpfung, in den Beziehungen menschlicher
Liebe zu suchen; es zu fhlen in der Luft, die wir atmen, in dem
Licht, dem wir unsre Augen ffnen, im Wasser, in dem wir baden, in
der Erde, auf der wir leben und sterben. Daher wei ich -- und wei
es aus eigener Erfahrung --, da die Schler und Lehrer, die sich in
dieser Einsiedelei zusammengefunden haben, an Freiheit des Geistes
tglich wachsen und immer mehr eins werden mit dem Unendlichen, nicht
durch irgendwelchen Unterricht oder uere bungen, sondern kraft der
unsichtbaren geistigen Atmosphre, die diesen Ort umgibt, und des
Andenkens an einen frommen Mann, der hier in inniger Gemeinschaft mit
Gott lebte.

Ich hoffe, es ist mir gelungen, darzulegen, wie das bewute Streben,
das mich leitete, als ich meine Schule in der Einsiedelei grndete,
allmhlich seine Selbstndigkeit verlor und eins wurde mit dem Streben,
das die Seele dieses Ortes ist. Mit einem Wort: mein Werk erhielt
seine Seele durch den Geist der Einsiedelei. Aber diese Seele hat ohne
Zweifel ihre uere Gestalt in der Einrichtung der Schule. Und ich habe
alle diese Jahre hindurch versucht, in dem Lehrsystem dieser Schule
meine Erziehungstheorie zu verwirklichen, die sich auf meine Erfahrung
von der Kindesseele grndet.

Ich glaube, wie ich schon vorher andeutete, da das unbewute Empfinden
bei den Kindern viel ttiger ist als das bewute Denken. Eine groe
Menge der wichtigsten Lehren ist uns durch jenes vermittelt. Die
Erfahrungen zahlloser Generationen sind uns durch seine Wirksamkeit
in Fleisch und Blut bergegangen, nicht nur ohne uns zu ermden,
sondern so, da sie uns froh machten. Diese unterbewute Fhigkeit des
Gewahrwerdens ist ganz eins mit unserm Leben. Sie ist nicht wie eine
Laterne, die man von auen anzndet und putzt, sondern wie das Licht,
das der Glhwurm durch die Ausbung seiner Lebensfunktionen erzeugt.

Zu meinem Glck wuchs ich in einer Familie auf, wo der Sinn fr
Literatur, Musik und Kunst instinktiv geworden war. Meine Brder
und Vettern lebten im freien Reich der Gedanken, und die meisten
von ihnen hatten natrliche knstlerische Anlagen. Durch solche
Umgebung angeregt, begann ich frh zu denken und zu trumen und
meine Gedanken zum Ausdruck zu bringen. In bezug auf religise oder
soziale Anschauungen war unsre Familie frei von aller Konvention, da
sie wegen ihrer Abweichung von orthodoxen Glaubenslehren und Sitten
von der Gesellschaft in den Bann getan war. Dies machte uns furchtlos
in unsrer geistigen Freiheit, und wir wagten neue Versuche auf allen
Gebieten des Lebens. So war die Erziehung, die ich in meiner frhesten
Kindheit hatte, Freiheit und Freude in der bung meiner geistigen
und knstlerischen Krfte. Und weil dies meinem Geist lebhaft zum
Bewutsein brachte, wo sein natrlicher Nhrboden war, wurde die
Schleifmhle des Schulbetriebes so unertrglich fr mich.

Diese Erfahrung aus meiner frhen Kindheit war alles, was ich an
Schulerfahrung hatte, als ich an mein Unternehmen ging. Ich fhlte, da
das Wichtigste und Notwendigste nicht die uere Lehrmethode, sondern
der lebendige Odem der Kultur selbst war. Zum Glck fr mich gewann
Satish Chandra Roy, ein hochbegabter junger Student, der sich auf sein
Staatsexamen vorbereitete, lebhaftes Interesse fr meine Schule und
machte es sich zur Lebensaufgabe, meine Idee auszufhren. Er war erst
neunzehn Jahre alt, aber ein Mensch von hohem Geistesfluge, mit einer
fr alles Groe und Schne wunderbar empfnglichen Seele. Er war ein
Dichter, der sicher unter den Unsterblichen der Weltliteratur seinen
Platz gefunden htte, wenn er am Leben geblieben wre; aber er starb
schon mit zwanzig Jahren und konnte so unsrer Schule seine Kraft nur
ein kurzes Jahr lang widmen. Bei ihm hatten die Knaben nie das Gefhl,
auf ihr Unterrichtsfach beschrnkt zu sein, sondern es war, als ffnete
er ihnen alle Tore der Welt. Mit ihm gingen sie in den Wald, wenn im
Frhling die Salbume in voller Blte standen; dann deklamierte er
ihnen, ganz berauscht von Begeisterung, seine Lieblingsgedichte. Er
las ihnen Shakespeare und selbst Browning -- denn er war ein groer
Verehrer Brownings -- und erluterte ihnen mit wunderbarer Kraft des
Ausdrucks die Dichtungen in bengalischer Sprache. Niemals zweifelte
er an der Verstndnisfhigkeit der Knaben, er sprach und las ihnen
ber jeden Gegenstand, der ihn selbst interessierte. Er wute, da
es durchaus nicht ntig war, da die Schler alles wrtlich und
genau verstanden, sondern da ihr Geist aufgerttelt und ihre Seelen
geweckt wurden, und dies gelang ihm immer. Er war nicht, wie andre
Lehrer, ein bloer Vermittler von Bcherwissen. Er gestaltete seinen
Unterricht persnlich, er schpfte aus seiner eigenen Tiefe, und daher
war das, was er den Schlern bot, lebendige Nahrung, die die lebendige
menschliche Natur sich leicht aneignet. Der wahre Grund seines Erfolges
war seine intensive Teilnahme an dem Leben, an den Ideen, an allem
um ihn her, vor allem an den Knaben, die mit ihm in Berhrung kamen.
Er schpfte seine Begeisterung nicht aus Bchern, sondern aus der
unmittelbaren Berhrung seiner empfnglichen Seele mit der Welt. Der
Wechsel der Jahreszeiten hatte auf ihn dieselbe Wirkung wie auf die
Pflanzen. Er schien in seinem Blut die unsichtbaren Boten der Natur zu
spren, die immer durch den Weltenraum eilen, in der Luft schweben,
am Himmel schimmern und aus den Wurzeln der Grashalme aus der Erde
herauftnen. Seine Literaturstudien hatten nicht den Modergeruch der
Bibliothek an sich. Er hatte die Gabe, die Ideen so greifbar deutlich
und lebendig vor sich zu sehen, wie er seine Freunde sah.

So hatten die Knaben unsrer Schule das seltene Glck, ihren Unterricht
von einem lebendigen Lehrer und nicht aus Bchern zu erhalten. Haben
nicht unsre Bcher, wie die meisten Dinge des tglichen Gebrauchs,
sich zwischen uns und unsre Welt gestellt? Wir haben uns gewhnt, die
Fenster unsres Geistes mit ihren Seiten zu verdecken und Bcherphrasen
als Pflaster auf unsre geistige Haut zu kleben, so da sie fr jede
direkte Berhrung der Wahrheit unempfindlich geworden ist. Wir haben
uns aus einer ganzen Welt von Bcherweisheit eine Festung gebaut
mit hohen Ringmauern, wohinter wir uns verschanzt haben und vor der
Berhrung mit Gottes Schpfung sicher sind. Gewi wrde es tricht
sein, den Wert von Bchern im allgemeinen zu bestreiten. Aber man
mu auch zu gleicher Zeit zugeben, da Bcher ihre Grenzen und
ihre Gefahren haben. Jedenfalls sollten den Kindern in den ersten
Jahren ihrer Erziehung die Wahrheiten, die sie zu lernen haben, auf
natrlichem Wege, das heit durch die Menschen und die Dinge selbst
vermittelt werden.

Da ich hiervon berzeugt bin, habe ich alles, was ich konnte, getan, um
in unsrer Einsiedelei eine geistige Atmosphre zu schaffen. Ich mache
Lieder, aber ich mache sie nicht eigens fr die Jugend zurecht. Es
sind Lieder, die ein Dichter sich zu seiner eigenen Freude singt. So
sind die meisten meiner Gitanjali-Lieder hier entstanden. Diese Lieder
singe ich, so wie sie mir erblhen, den Knaben vor, und sie kommen
scharenweise, um sie zu lernen. Sie singen sie in ihren Muestunden,
in Gruppen unter freiem Himmel sitzend, in Mondscheinnchten oder im
Schatten der drohenden Juliwolken. Alle meine spteren Dramen sind
hier entstanden und unter Teilnahme der Knaben aufgefhrt. Ich habe
ihnen lyrische Dramen fr ihre Jahresfeste geschrieben. Sie drfen
immer dabei sein, wenn ich den Lehrern irgend etwas von meinen neuen
Sachen in Prosa oder Versen vorlese, welchen Inhalts es auch sei. Und
von dieser Erlaubnis machen sie Gebrauch, ohne da der geringste Druck
auf sie ausgebt wird, ja, sie sind sehr traurig, wenn sie nicht
aufgefordert werden. Einige Wochen vor meiner Abreise von Indien las
ich ihnen Brownings Drama Luria und bertrug es, whrend ich las,
ins Bengalische. Es nahm zwei Abende in Anspruch, aber die zweite
Versammlung war ebenso zahlreich wie die erste. Wer gesehen hat,
wie diese Knaben ihre Rollen spielen, ist berrascht, wie stark sie
als Schauspieler wirken. Das kommt daher, weil sie nie eigentlichen
Unterricht in dieser Kunst gehabt haben. Sie erfassen instinktiv den
Geist der Dichtung, obgleich diese Dramen keine bloen Schuldramen
sind und ein feines Verstndnis und Mitempfinden erfordern. Bei aller
ngstlichkeit und berkritischen Empfindlichkeit, die ein Dichter der
Auffhrung seines Stckes gegenber hat, war ich nie enttuscht von
meinen Schlern, und ich habe selten einem Lehrer erlaubt, die Knaben
in ihrer eigenen Darstellung der Charaktere zu stren. Hufig schreiben
sie selbst Stcke oder improvisieren sie, und dann werden wir zu der
Auffhrung eingeladen. Sie haben ihre literarischen Vereine und haben
mindestens drei illustrierte Zeitschriften, die von drei Gruppen
der Schule geleitet werden. Die interessanteste dieser Zeitschriften
ist die der Kleinen. Eine ganze Anzahl unsrer Schler haben ein
beachtenswertes Talent fr Zeichnen und Malerei gezeigt. Wir entwickeln
dies Talent nicht mit Hilfe der alten, hier in den Schulen noch immer
blichen Kopiermethode, sondern lassen die Schler ihrer eigenen
Neigung folgen und helfen ihnen nur dadurch, da wir hin und wieder
Knstler zu uns einladen, die die Knaben durch ihre eigenen Arbeiten
anregen und begeistern.

Als ich meine Schule anfing, zeigten die Knaben keine besondere Liebe
zur Musik. Daher stellte ich zuerst noch keinen Musiklehrer an und
zwang die Knaben nicht, Musikstunden zu nehmen. Ich sorgte nur fr
Gelegenheiten, wo die, die fr diese Kunst begabt waren, sie ben
und zeigen konnten. Dies hatte die Wirkung, da das Ohr der Knaben
sich unbewut bte. Und als nach und nach die meisten von ihnen groe
Neigung und Liebe zur Musik zeigten und ich sah, da sie bereit sein
wrden, regelrechten Unterricht darin zu nehmen, berief ich einen
Musiklehrer.

In unsrer Schule stehen die Knaben des Morgens sehr frh auf,
bisweilen vor Tagesanbruch. Sie besorgen selbst das Wasser fr ihr
Bad. Sie machen ihre Betten. Sie tun alle die Dinge, die den Geist der
Selbsthilfe in ihnen entwickeln.

Ich glaube an den Wert regelmiger religiser Betrachtung, und ich
setze morgens und abends eine Viertelstunde dafr an. Ich halte
darauf, da diese Zeit innegehalten wird, ohne jedoch von den Knaben
zu erwarten, da sie so tun, als ob sie in religise Betrachtungen
versenkt wren. Aber ich verlange, da sie still sind, da sie
Selbstbeherrschung ben, wenn sie auch, statt an Gott zu denken, die
Eichhrnchen beobachten, die die Bume hinauflaufen.

Jede Schilderung solcher Schule kann nicht anders als unzulnglich
sein. Denn das Wichtigste von ihr ist ihre Atmosphre und die Tatsache,
da es keine Schule ist, die den Knaben von autokratischen Behrden
aufgezwungen ist, in der sie ihr eigenes Leben leben sollen. Sie nehmen
teil an der Schulverwaltung, und in Straffllen verlassen wir uns
meistens auf ihren eigenen Gerichtshof.

Zum Schlu mchte ich meine Zuhrer warnen, ein falsches oder
bertriebenes Bild von dieser Einsiedelei mit nach Hause zu nehmen.
Wenn man so seine Ideen vortrgt, so erscheinen sie ganz einfach und
vollkommen. Aber ihre Verkrperung in der Wirklichkeit ist nicht
so klar und vollkommen, weil das Material lebendig und mannigfach
und immer wechselnd ist. Es treten uns Hindernisse entgegen sowohl
in der menschlichen Natur wie in den ueren Umstnden. Einige von
uns vergessen nur zu leicht, da die Geister der Knaben lebendige
Organismen sind, und andere sind von Natur geneigt, das Gute mit
Gewalt durchsetzen zu wollen. Die Knaben ihrerseits sind nicht alle
in gleichem Mae empfnglich, und so haben wir manchen Mierfolg zu
verzeichnen. Vergehen treten unerwartet auf, die uns an der wirkenden
Kraft unsrer Ideale zweifeln lassen. Es kommen trbe Zeiten, voll von
Rckschlgen und Zweifeln. Aber dies Schwanken und diese Konflikte
gehren nun einmal zum wahren Bilde des wirklichen Lebens. Lebendige
Ideale knnen nicht als Uhrwerk aufgezogen werden, das nun jede Sekunde
genau angibt. Und wer den festen Glauben an ein Ideal hat, mu die
Wahrheit desselben dadurch beweisen, da er sich durch die niemals
ausbleibenden Widerstnde und Mierfolge nicht vom Wege abbringen lt.
Ich fr mein Teil halte mehr von dem Prinzip des Lebens, von der Seele
des Menschen, als von Methoden. Ich glaube, da das Ziel der Erziehung
die sittliche Freiheit ist, die nur auf dem Wege der Freiheit erreicht
werden kann, obgleich die Freiheit ihre Gefahren und ihre Verantwortung
hat, wie das Leben berhaupt sie hat. Ich wei gewi, wenn auch die
meisten Menschen es vergessen zu haben scheinen, da Kinder lebendige
Wesen sind, lebendiger als Erwachsene, die schon in einer Rinde von
Gewohnheiten stecken. Daher ist es fr ihre geistige Gesundheit und
Entwicklung unbedingt ntig, da man sie nicht in Schulen steckt, deren
einziger Zweck der Unterricht ist, sondern da sie in einer Welt leben,
deren leitender Geist die persnliche Liebe ist. Solch eine Welt ist
die Einsiedelei, der _[=a][s]rama_, wo die Menschen sich im Frieden
der Natur zu dem hchsten Lebensziel vereint haben; wo sie sich nicht
nur frommen Betrachtungen hingeben, sondern auch mit offenen Augen in
die Welt schauen und ttig wirkend in ihr schaffen; wo man den Schlern
nicht unausgesetzt den Glauben beibringt, da die Selbstvergtterung
der Nation das hchste Ideal fr sie ist; wo sie begreifen lernen,
da diese Menschenwelt Gottes Knigreich ist, dessen Brger zu werden
sie streben sollen; wo Sonnenauf- und -untergang und die stille
Herrlichkeit der Sterne nicht tglich unbeachtet bleiben; wo der
Mensch freudig teilnimmt an den Festen, die die Natur mit ihren Blten
und Frchten feiert, und wo jung und alt, Lehrer und Schler sich an
denselben Tisch setzen und das tgliche Brot wie das Brot des Lebens
miteinander teilen.




RELIGISE BETRACHTUNG


Es gibt Dinge, die wir von auen bekommen und als Besitz an uns nehmen.
Aber mit der religisen Betrachtung ist es umgekehrt. Hier treten wir
mitten in eine groe Wahrheit ein und werden von ihr in Besitz genommen.

Lat uns im Gegensatz dazu sehen, was Reichtum ist. Geld reprsentiert
eine entsprechende Summe von Arbeit. Vermittelst des Geldes kann ich
die Arbeit vom Menschen loslsen und sie in mein Eigentum verwandeln.
Ich erwerbe sie von auen und wandle sie in eigene Kraft um.

Oder nehmen wir das Wissen. Es gibt eine Art, die wir von andern
bernehmen, und eine andre Art, die wir uns durch Beobachtung,
Experimente und Nachdenken erwerben.

Alles dies sind Versuche, uns etwas, was wir nicht haben, zu eigen
zu machen. Bei diesen Dingen sind unsre geistigen und physischen
Krfte in ganz entgegengesetzter Weise ttig als bei der religisen
Betrachtung.

Die hchste Wahrheit knnen wir nur erfassen, indem wir uns in sie
versenken. Und wenn unser Bewutsein ganz in sie eingetaucht ist, dann
wissen wir, da sie kein bloer Besitz ist, den wir erworben haben,
sondern da wir eins mit ihr sind.

So werden durch solches Versenken, wo unsre Seele ihre wahre Beziehung
zur hchsten Wahrheit findet, auch alle unsre Handlungen und Worte,
unser ganzes Wesen wahr.

Ich mchte hier einen Text anfhren, der uns in Indien zu solcher
Versenkung dient.

    _Om bh[=u]r bhuva[h.] sva[h.].
    tt savitr vre[n.]yam
      bhrgo devsya dh[=i]mahi
      dhyo y na[h.] pracody[=a]t[16]._

_Om._ Das heit Vollkommenheit; es ist in der Tat das symbolische Wort
fr das Unendliche, Vollkommene, Ewige. Der Laut an sich schon ist
vollkommen und stellt die Ganzheit aller Dinge dar.

All unsre religisen Betrachtungen beginnen mit Om und enden mit Om. Es
soll den Geist mit der Ahnung der ewigen Vollkommenheit erfllen und
ihn aus der Welt der engen Selbstsucht befreien.

_Bh[=u]r bhuva[h.] sva[h.]._

_Bh[=u]r_ bedeutet die Erde.

_Bhuva[h.]_ bedeutet die mittlere Region, den Luftraum.

_Sva[h.]_ bedeutet die Region der Sterne.

Erde, Luft- und Sternenraum. Mitten ins Herz dieses Weltalls sollst
du deinen Geist richten. Du sollst dir gegenwrtig halten, da du im
Unendlichen geboren bist, da du nicht nur einem besonderen Fleck
dieser Erde angehrst, sondern der ganzen Welt.

_Tt savitr vre[n.]yam bhrgo devsya dh[=i]mahi._ Lat uns
nachdenken ber die anbetungswrdige Kraft des Weltschpfers. Das Wort
Schpfer ist durch bestndigen Gebrauch abgegriffen. Aber wir mssen
uns die Unermelichkeit des Weltalls ins Bewutsein rufen, wenn wir
sagen, da Gott das Weltall aus seiner unendlichen Schpferkraft
erschafft, nicht durch eine einmalige Schpfungstat, sondern
unaufhrlich, jeden Augenblick.

Alles dies ist ein Ausdruck des ewigen Schpferwillens. Dieser ist
nicht wie das Gesetz der Schwere oder andere Naturgesetze etwas
Abstraktes, das wir nicht verehren knnen und das auf unsre Verehrung
keinen Anspruch erheben kann. Sondern unser Text sagt, da jene Kraft
anbetungswrdig ist, da sie unsre Verehrung fordert, weil sie einem
hchsten Wesen angehrt und keine bloe Abstraktion ist.

Wodurch offenbart sich diese Kraft?

Auf der einen Seite durch Erde, Luftraum und Sternenhimmel, auf der
andern durch unser Bewutsein.

Es besteht eine ewige Verbindung zwischen uns und der Welt, weil diese
Welt in unserm Bewutsein erst ihre volle Verwirklichung findet.
Ohne dies Bewutsein und ohne das hchste Bewutsein als Quelle und
Mittelpunkt, knnte es keine Welt geben.

Gottes Kraft strahlt von ihm aus und strmt als Bewutsein in mir und
in der Auenwelt. Wir selbst trennen gewhnlich diese beiden Welten,
aber in Wahrheit sind sie zwei Seiten derselben Schpfung, sie sind
gleichen Ursprungs und daher eng miteinander verbunden.

So vergegenwrtigt mir diese Betrachtung, da mein Bewutsein und die
weite Welt auer mir eins sind. Und worin besteht diese Einheit?

Sie besteht in der groen Kraft, die zugleich mich und die Welt
auerhalb meiner mit Bewutsein durchstrmt.

Durch solche Versenkung erwerbe ich nicht etwas fr mich, sondern ich
gebe mich selbst auf und werde eins mit der ganzen Schpfung.

Dies ist also unser Text, und wir richten unsre Gedanken ganz auf ihn
und wiederholen ihn immer wieder, bis unsre Seele still ist und nichts
uns mehr zerstreut. In diesem Zustand kann kein Verlust, keine Angst,
kein Schmerz uns berhren, wir sind frei. Dies bedeutet also religise
Versenkung: wir tauchen ganz ein in die hchste Weisheit, wir leben und
weben in ihr und haben in ihr unser Sein.

Ein anderer Text, der in unsrer Schule den Knaben zu ihrer tglichen
Andachtsbung dient, lautet:

_Om. Pit[=a] no 'si, pit[=a] no bodhi. Namas te 'stu[17]._

_Pit[=a] no 'si._ Du bist unser Vater.

_Pit[=a] no bodhi._ Gib uns das Bewutsein, das Erwachen zu der
Gewiheit, da du unser Vater bist.

_Namas te 'stu._ Fr _nama[h.]_ lt sich schwer ein genau
entsprechendes Wort finden, vielleicht kommt Verneigung oder
Verehrung seiner Bedeutung am nchsten.

Meine Anbetung dir -- la sie wahr werden.

Dies ist der erste Teil des Textes unsrer Andachtsbung. Ich will
versuchen, zu erklren, was ich darunter verstehe.

_Pit[=a] no 'si._ Der Text beginnt mit der Versicherung, da Gott in
Wahrheit unser Vater _ist_.

Aber diese Wahrheit ist in unserm Leben noch nicht als solche
erfat und zum Ausdruck gekommen, und das ist die Ursache all unsrer
Unvollkommenheiten und Snden und all unsres Elends. Daher beten wir,
da sie in unserm Bewutsein Wirklichkeit werde.

Dann schliet der Vers mit _Namas te_. La meine Anbetung wahr werden!
Weil Anbetung die Haltung ist, die uns ihm gegenber gebhrt. Wenn ich
diese groe Wahrheit -- _Pit[=a] no 'si_ -- vollkommen erkannt habe,
dann bringt mein Leben sein wahres Wesen zum Ausdruck, durch demtige
Selbsthingabe und anbetende Verehrung.

Beim Gebet brauchen wir mitunter Worte, die zwar unserm Empfinden
Ausdruck geben, die wir aber doch nur mechanisch uern, ohne uns in
dem Augenblick ihre volle Bedeutung klarzumachen. Solch ein Wort ist
Vater.

Daher versuchen wir in dieser Betrachtung seinen Sinn in seiner ganzen
Tiefe zu erfassen und unser Herz in Einklang mit seiner Wahrheit zu
bringen.

Wir knnen diese Welt als das nehmen, als was sie uns erscheint. Wir
knnen in unserm Geiste die Vorstellung haben, sie sei eine Welt
der Kraft und des Stoffes; dann wird unsre Beziehung zu ihr die rein
mechanische Beziehung der Naturwissenschaft. Aber auf diesem Wege
gelangen wir nie zu der hchsten Wahrheit, die im Menschen offenbar
wird. Denn was ist der Mensch? Er ist ein persnliches Wesen. Das
Naturgesetz kmmert sich darum nicht. Das Naturgesetz hat es mit
der Physiologie und Psychologie, mit dem Mechanismus unsrer Natur
zu tun. Und wenn wir zu unserm persnlichen Wesen kommen, so finden
wir kein Naturgesetz, das es uns erklren knnte. Daher hat die
Naturwissenschaft keine Ahnung von dem, was die Grundlage unsres Wesens
ist. Fr sie wird die ganze Welt zur Maschine, und so kann sie nicht
auf den Gedanken kommen, in dem Schpfer den Vater zu sehen oder die
Mutter, wie wir Inder ihn oft nennen.

Wenn wir in der Welt nur ein Zusammenwirken verschiedener Krfte
sehen, so kann von Anbetung keine Rede sein. Aber wir sind nicht nur
Gegenstnde der Physiologie und Psychologie. Wir sind Mnner und
Frauen. Und wir mssen versuchen zu erkennen, welchen Sinn es fr uns
und fr die ganze Welt hat, da wir Menschen sind.

Die Existenz meines Krpers erklrt die Naturwissenschaft aus
allgemeinen Gesetzen. So erkenne ich, da mein Krper nicht eine
isolierte Schpfung ist, sondern ein Teil eines groen Ganzen. Dann
komme ich zu der weiteren Erkenntnis, da auch das Denken meines
Verstandes im Einklang mit allen Vorgngen in der Welt steht, und so
kann ich mit Hilfe meines Verstandes all die groen Gesetze, die das
Weltall regieren, erkennen.

Aber die Naturwissenschaft verlangt, da ich hier stehen bleibe. Fr
sie haben Krper und Geist ihren Hintergrund in dem Weltall, aber fr
die Persnlichkeit gibt es keinen solchen Hintergrund. Jedoch unser
Gefhl wehrt sich gegen solche Behauptung. Denn wenn diese unsre
Persnlichkeit keine ewige Beziehung zur Wahrheit hat, wie alles
andre, was fr eine Zufallserscheinung ist sie denn? Wozu ist sie denn
berhaupt da und wie ist ihr Dasein mglich? Diese Tatsache meiner
Persnlichkeit bedarf zu ihrer Sttze der Wahrheit der unendlichen
Persnlichkeit. Durch die unmittelbare Wahrnehmung des Ichs in uns sind
wir zu der groen Entdeckung gekommen, da es ein unendliches Ich geben
mu.

Dann stellt sich uns die Frage: Wie ist unsre Beziehung zu diesem
unendlichen Ich? In seinem innersten Herzen findet der Mensch die
Antwort, da es die engste aller Beziehungen, da es die Beziehung der
Liebe ist.

Es kann keine andere sein, denn es gibt keine vollkommene Beziehung
auer der der Liebe.

Die Beziehung zwischen Knig und Untertan, zwischen Herr und Diener,
zwischen dem Gesetzgeber und denen, die dem Gesetz gehorchen, -- alle
solche Beziehungen sind einseitig und dienen einem besonderen Zwecke.
Sie umfassen nicht das ganze Wesen. Aber die Beziehung zwischen dem
Einzel-Ich und dem Welt-Ich mu vollkommen sein. Denn nur in der Liebe
findet unsere Persnlichkeit vollkommene Befriedigung, und daher mu
auch unsre Beziehung zu der unendlichen Persnlichkeit die der Liebe
sein. Und so hat der Mensch gelernt zu sagen: Unser Vater. Gott ist
nicht nur unser Knig oder unser Herr, er ist unser Vater.

Das heit, es ist etwas in Ihm, woran wir teilhaben, etwas Gemeinsames
zwischen diesem ewigen Ich und dem endlichen kleinen Ich.

Aber man knnte noch fragen, warum wir denn das Wort Vater gebrauchen,
das doch eine persnliche Beziehung zwischen menschlichen Wesen
ausdrckt? Warum suchen wir nicht nach einem anderen Wort? Ist dies
nicht zu klein und begrenzt?

Das Wort Vater schliet in unsrer Sanskritsprache den Begriff Mutter
mit ein. Sehr oft gebrauchen wir dies Wort in seiner Dualform
_Pitarau_, das Vater und Mutter bedeutet. Der Mensch wird in die Arme
der Mutter geboren. Wir kommen nicht einfach so auf die Erde, wie der
Regen aus der Wolke kommt. Das Groe fr uns ist, da wir von Vater und
Mutter ins Leben geleitet werden. Es zeigt, da unsre Beziehung zur
Welt von vornherein eine persnliche ist. Und so finden wir auch unsre
Beziehung zum Unendlichen. Wir wissen, da wir aus der Liebe geboren
sind, unsre ersten und nchsten Beziehungen sind die der Liebe, und
wir fhlen, da unser Verhltnis zu den Eltern das wahre Symbol ist fr
unser ewiges Verhltnis zu Gott. Diese Wahrheit mssen wir uns jeden
Augenblick gegenwrtig halten. Wir mssen wissen, da wir auf ewig mit
unserm Vater verbunden sind. Dann erheben wir uns ber die Nichtigkeit
der Dinge, und die ganze Welt bekommt fr uns einen Sinn.

Daher ist das erste Gebet, da wir Gott als Vater erkennen. Du, der
du die unendliche Welt von Sternen und Welten schaffst, ich kann dein
Wesen nicht erfassen, und doch wei ich eines ganz gewi: Du bist
_Pit[=a]_, bist mein Vater.

Das Kindchen wei noch nicht viel von dem, was die Mutter tut, aber es
wei, da es seine Mutter ist.

So wei ich auch sonst nichts von Gott, aber das Eine wei ich: Er ist
mein Vater.

La mein ganzes Bewutsein von diesem Gedanken durchglht sein: Du bist
mein Vater. Jeden Tag la dies das eine Zentrum all meiner Gedanken
sein, da der Hchste, der das ganze Weltall regiert, mein Vater ist.

_Pit[=a] no bodhi._ La mich im Licht dieser groen Wahrheit erwachen:
Du bist mein Vater.

La mich all meine Gedanken wie ein nacktes Kind in deine Arme legen,
da du sie den Tag ber behtest und beschtzest.

Und dann: _Nama[h.]_.

Meine vllige Selbsthingabe wird Wahrheit werden. Hierin findet die
Liebe des Menschen ihre hchste Freude.

_Namas te, nama[h.]_ -- Anbetung dir -- la es wahr werden!

Ich bin mit dem unendlichen Ich verbunden, und daher ist meine wahre
Haltung nicht Stolz oder Selbstzufriedenheit, sondern Selbsthingabe.
_Namas te 'stu._

Dies ist noch nicht der ganze Text, der meinen Schlern zu ihren
Gebeten und Betrachtungen dient.

Dies Gebet ist nmlich verschiedenen Stellen unserer ltesten
Schriften, der Veden, entnommen. Es steht nirgends im Zusammenhange.
Aber mein Vater, der sein Leben dem Dienste Gottes weihte, sammelte
diese Worte aus dem unerschpflichen Schatzhaus unsterblicher
Weisheit, den Veden und Upanischaden.

Der nchste Vers lautet:

_M[=a] m[=a] hi[m.]si._ Triff mich nicht mit dem Tode.

Wir mssen uns genau den Sinn dieses Gebetes klar machen. Ich sagte,
da der erste Vers lautete: Du bist mein Vater. Dies ist der Anfang
und das Ende aller Wahrheit. In sie mssen wir ganz hineingeboren
werden, wenn unser Leben seine Erfllung finden soll.

Doch wenn es auch wahr ist, da wir mit unserm Vater in alle Ewigkeit
verbunden sind, so ist doch eine Schranke da, die uns hindert, diese
Wahrheit ganz zu erfassen und dies ist die grte Quelle unsrer Leiden.
Die Tiere haben auch ihre Schmerzen, sie leiden durch die Angriffe von
Feinden und durch physische Unvollkommenheit, und dies Leiden spornt
sie noch mehr an, nach Befriedigung ihrer natrlichen Lebensbedrfnisse
zu streben und gegen Hindernisse anzukmpfen. Dies Streben und Kmpfen
an sich ist Freude. Und wir knnen sicher sein, da sie in Wahrheit
ihr Leben genieen, weil durch jenen Ansporn ihre ganze Lebensenergie
geweckt wird. Sonst wrde ihr Leben wie das der Pflanzenwelt sein. Das
Leben braucht zu seiner Erfllung Hemmnisse, um im bestndigen Kampf
gegen diese materiellen Widerstnde sich seiner eigenen berlegenheit
und Wrde bewut zu werden. Aber all diese Hemmnisse werden von den
Tieren als Schmerz empfunden.

Allein der Mensch hat noch eine tiefere Leidensquelle. Auch er mu
seinen Lebensunterhalt suchen und sich gegen all die Feindseligkeiten
der Natur und der Menschen behaupten. Aber das ist nicht alles. Das
Wunder ist, da der Mensch, der in derselben Welt geboren ist, wie
die Tiere, der dieselben Lebensprobleme zu lsen hat wie sie, noch
etwas anderes hat, um das er kmpft und sorgt, obgleich er es nie ganz
zu erfassen vermag. Nur in flchtigen Augenblicken sprt er seine
unmittelbare Berhrung, und mitten im Genu seines Reichtums, in Luxus
und uerem Behagen, umgeben von allen Schtzen dieser Welt fhlt
der Mensch doch immer, da diese Dinge ihm nicht gengen, und aus
der Tiefe seines Herzens ringt sich das Gebet, das er nicht an die
Naturkrfte der Erde richtet, an Luft oder Feuer, sondern an ein Wesen,
das er nur dunkel ahnt -- das Gebet: Rette mich, triff mich nicht mit
dem Tode!

Wir meinen damit nicht physischen Tod, denn wir alle wissen, da wir
sterben mssen. Der Mensch fhlt instinktiv, da dies Leben nicht sein
endgltiges Leben ist, da er nach einem hheren Leben trachten mu.
Und dann ruft er zu Gott: La mich nicht in diesem Tal des Todes.
Hier findet meine Seele keine Befriedigung. Ich esse und schlafe, und
finde doch weder Sttigung noch Ruhe. Ich darbe mitten in all diesem
Reichtum. Wie das Kind nach der Nahrung schreit, die aus dem eigenen
Leben der Mutter quillt, so schreit unsre Seele nach der ewigen Mutter:
Errette mich vom Tode, gib mir Leben von deinem Leben. Ich darbe! Hier
finde ich keine Nahrung, und der Tod breitet schon seine Schwingen ber
mich. Errette mich!

_V[=i][s]v[=a]ni deva savitar durit[=a]ni pr[=a] suva!_[18]

O Gott, mein Vater, nimm diese Welt von Snden von mir! Wenn dies
Selbst alles fr sich zu gewinnen sucht, dann stt es sich bestndig
wund. Denn das Leben der engen Selbstsucht ist gegen seine wahre Natur;
sein wahres Leben ist ein Leben der Freiheit, und daher verletzt es
unaufhrlich seine Flgel an den Kfigwnden. Das Selbst kann in
solchem Gefngnis kein Genge und keinen Sinn finden. Es ruft aus:
Ich gelange nicht zu meiner Erfllung! Es schlgt gegen die Stbe
des Kfigs, und seine Schmerzen sagen uns, da nicht das Leben des
Ichs, sondern das weitere Leben der Seele sein wahres Leben ist. Dann
rufen wir: Zerbrich dies Gefngnis, ich sage mich los von diesem Ich.
Zerbrich alle seine Snden, all sein selbstschtiges Wnschen und
Trachten, und nimm mich als dein Kind an, -- dein Kind, nicht das Kind
dieser Welt des Todes.

_Yd bhadr[m.] tn na [=a] suva[19]!_ Gib uns das, was gut ist. Sehr
oft sprechen wir dies Gebet und bitten unsern Vater, uns das zu geben,
was gut ist, aber wir wissen nicht, wie Furchtbares uns zuteil wrde,
wenn Gott uns unsre Bitte in vollem Mae gewhrte. Es gibt nur sehr
wenige unter uns, die, wenn sie erkennen, was das hchste Gute ist,
noch darum bitten knnen. Nur der kann es, der sein Leben gereinigt
und es aus den Ketten des Bsen befreit hat, der furchtlos Gott bitten
kann, sein Werk an ihm zu tun. Er, der sagen kann: Ich habe meinen
Geist von allen selbstschtigen Impulsen und von aller Angst und Sorge
des engen Lebens im Ich befreit, und nun kann ich voll Zuversicht
beten: Gib mir, was gut ist, in welcher Gestalt es auch sei, sei es
Leid, Verlust, Schmach, Verlassenheit -- ich werde es mit Freuden
hinnehmen, denn ich wei, es kommt von dir.

Aber wie schwach wir auch sein mgen, dies mu unser Gebet sein. Denn
wir wissen, da, wer in Gott seinen Vater erkannt hat, alles, was aus
seinen Hnden kommt, willig hinnimmt, und mte er auch in Leid und
Elend versinken. Das ist wahre Freiheit. Denn Freiheit ist nicht da,
wo nur ueres Glck ist. Sondern wenn wir Gefahr und Tod, Mangel und
Leid Trotz bieten knnen und uns doch frei fhlen, wenn wir nicht den
geringsten Zweifel haben, da wir in unserm Vater leben, dann kommt
alles wie eine frohe Botschaft zu uns, und wir knnen es mit Demut und
Freude empfangen und unser Haupt in Dankbarkeit beugen.

    _Nma[h.] [s]ambhav[=a]ya_[20].

Anbetung dir, von dem alle Freuden des Lebens kommen. Wir heien sie
froh willkommen, all die verschiedenen Strme der Freude, die du durch
verschiedene Kanle uns zuleitest, und wir neigen uns in Anbetung vor
dir.

    _Mayobhav[=a]yaca_.

Anbetung dir, von dem die Wohlfahrt der Menschen kommt. Wohlfahrt
enthlt beides, Freude und Leid, Gewinn und Verlust. Dir, der du mit
Schmerz, Sorge und Not unser Leben segnest, -- dir sei Anbetung.

    _Nma[h.] ['s]iv[=a]ya ca [s]ivtar[=a]ya ca_[20].

Anbetung dir, dem Gtigen, dem Allgtigen.

Dies ist der vollstndige Text. Der erste Teil ist das Gebet um
Erkenntnis, da wir nicht nur in der Welt der Natur, in der Welt von
Erde, Luft und Wasser leben, sondern in der wahren Welt der Seele, in
der Welt der Liebe. Und wenn wir erkannt haben, da wir von dieser
Liebe getragen werden, dann empfinden wir die Disharmonie unsres
Lebens, das von Liebe nichts wei. Wir empfinden sie erst, wenn
wir Gott als unsern Vater erkannt haben. Aber sobald wir zu dieser
Erkenntnis gekommen sind, fhlen wir die Disharmonie unsres Lebens so
stark, da sie uns vernichtet und wir dies Leben als Tod empfinden. Wir
knnen es nicht mehr ertragen, sobald wir uns bewut werden, da die
Liebe unsres Vaters uns umgibt.

Dann kommt das Gebet um Befreiung aus der Gewalt der Dinge und um das
hchste Gut, um die Freiheit in Gott.

Und dann der Schlu. Wir beugen uns in Anbetung vor Ihm, in dem alle
unsre Freuden sind, in dem die Wohlfahrt unsrer Seele ist, in dem das
Gute ist:

     _Om, [`S][=a]nti[h.], [`S][=a]nti[h.], [`S][=a]nti[h.]. Om._




DIE FRAU


Wenn die mnnlichen Geschpfe ihrer natrlichen Neigung zum Kmpfen
nachgeben und einander tten, so lt die Natur dies zu, weil die
weiblichen Wesen ihrem Zweck unmittelbar, die mnnlichen ihm dagegen
nur mittelbar dienen. Sparsam, wie sie ist, liegt ihr nicht besonders
an der Erhaltung der hungrigen Brut, die mit znkischer Gefrigkeit
ber alles herfllt und doch sehr wenig dazu beitrgt, die Rechnung der
Natur zu bezahlen. Daher knnen wir beobachten, wie in der Insektenwelt
die Weibchen dafr sorgen, da die mnnliche Bevlkerung sich auf die
kleine Zahl beschrnkt, die zur Erhaltung der Art unbedingt notwendig
ist.

Weil nun aber den mnnlichen Wesen in der Menschenwelt so wenig
Pflichten und Verantwortung der Natur gegenber blieben, so waren
sie frei, anderen Beschftigungen und Abenteuern nachzugehen. Man
definiert den Menschen als das Tier, das Werkzeuge macht. Dies
Werkzeugmachen liegt nicht mehr im Plan der Natur. Ja, durch unser
Vermgen, Werkzeuge zu machen, sind wir imstande, der Natur Trotz
zu bieten. Der mnnliche Mensch, der den grten Teil seiner Krfte
frei hatte, entwickelte dies Vermgen und wurde furchtbar. So ist
es gekommen, da, wenn auch auf den Gebieten des natrlichen Lebens
das Weib noch den Thron behauptet, den die Natur ihr zuerkannt,
auf geistigem Gebiet der Mann seine eigene Herrschaft errichtet
und ausgedehnt hat. Denn zu diesem groen Werk brauchte er
Bewegungsfreiheit und innere Ungebundenheit.

Der Mann machte sich diese verhltnismige Freiheit von physischer und
seelischer Gebundenheit zunutze und ging unbelastet an die Erweiterung
seines Lebensgebiets. Hierbei beschritt er den gefahrvollen Weg
gewaltsamer Umwlzungen und Zerstrungen. Immer wieder wurde von Zeit
zu Zeit alles, was er mit groem Flei angehuft, hinweggefegt und der
Strom des Fortschritts an der Quelle verschttet. Und wenn auch der
Gewinn betrchtlich war, so war im Vergleich damit der Verlust noch
ungeheurer, besonders wenn man bedenkt, da mit dem Wohlstand eines
Volks oft auch seine Geschichte unterging. Aus diesen wiederholten
Katastrophen hat der Mensch die Wahrheit gelernt, wenn er sie sich
auch noch nicht vllig zunutze gemacht hat, da er bei allem, was er
schafft, das sittliche Gleichma wahren mu, wenn sein Werk nicht
untergehen soll; da ein bloes unbegrenztes Anhufen von Macht nicht
zu wahrem Fortschritt fhrt; da Ebenma des Baues und Harmonie mit
seiner Basis zu wirklichem Gedeihen ntig sind.

Dies Ideal der Festigkeit und Dauerhaftigkeit ist in der Natur der Frau
tief gegrndet. Es macht ihr niemals Freude, nur immer weiterzueilen
und dabei Pfeile eitler Neugierde mitten ins Dunkel hinein zu schieen.
Sie wirkt instinktiv mit allen ihren Krften dahin, die Dinge zu einer
gewissen Vollendung zu bringen, -- denn das ist das Gesetz des Lebens.
Wenn auch in der Bewegung des Lebens nichts endgltig ist, so ist doch
jeder Schritt desselben ein vollstndiges rhythmisches Ganze. Selbst
die Knospe hat ihr Ideal vollkommener Rundung, ebenso die Blume und die
Frucht. Aber ein unvollendetes Gebude hat nicht das Ideal der Ganzheit
in sich. Wenn es sich daher unbegrenzt immer weiter ausdehnt, so wchst
es ber sein Ma hinaus und verliert das Gleichgewicht. Die mnnlichen
Schpfungen intellektueller Kultur sind babylonische Trme, sie wagen
es, ihrer Basis zu trotzen, und strzen daher immer wieder ein. So
wchst die Menschheitsgeschichte auf Trmmerschichten empor, es ist
kein ruhig fortschreitendes Wachsen unmittelbar aus der mtterlichen
Erde. Der gegenwrtige Krieg gibt ein Bild davon. Die wirtschaftlichen
und politischen Organisationen, die nur mechanische Kraft darstellen,
die aus dem Intellekt geboren ist, sind geneigt zu vergessen, da ihr
Schwerpunkt in dem Mutterboden des Lebens liegen mu. Die Gier, Macht
und Besitz anzuhufen, die ihr Ziel niemals vollstndig erreichen kann,
die nicht im Einklang steht mit dem Ideal sittlicher und geistiger
Vollkommenheit, mu schlielich mit eigener Hand ihren schwerflligen
Bau einreien.

Im gegenwrtigen Stadium der Geschichte ist die Kultur fast
ausschlielich mnnlich; es ist eine Kultur der Macht, welche die
Frau abseits in den Schatten gedrngt hat. Daher hat diese Kultur ihr
Gleichgewicht verloren und taumelt nur von einem Krieg zum anderen.
Ihre Triebkrfte sind zerstrender Art, und ihr Kultus fordert eine
erschreckende Zahl von Menschenopfern. Diese einseitige Kultur strzt
eben wegen ihrer Einseitigkeit mit ungeheurer Schnelligkeit von
Katastrophe zu Katastrophe. Und endlich ist die Zeit gekommen, wo
die Frau eingreifen und diesem rcksichtslosen Lauf der Macht ihren
Lebensrhythmus mitteilen mu.

Denn die Aufgabe der Frau ist die passive Aufgabe, die der Erdboden
hat, der nicht nur dem Baum hilft, da er wachsen kann, sondern auch
sein Wachstum in Schranken hlt. Der Baum mu die Freiheit haben,
sich ins Leben hineinzuwagen und seine Zweige nach allen Seiten
auszubreiten, aber all seine tieferen Bande werden vom mtterlichen
Boden geborgen und festgehalten, und nur dadurch kann der Baum leben.
Unsre Kultur mu auch ihr passives Element haben, auf dem sie tief
und fest gegrndet steht. Sie mu nicht bloes Wachstum, sondern
harmonische Entfaltung sein. Sie mu nicht nur ihre Melodie, sondern
auch ihren Takt haben. Dieser Takt ist keine Schranke, er ist das,
was die Ufer dem Flu sind: sie geben seinen Wassern, die sich sonst
im Morast verlieren wrden, dauernden Lauf. Dieser Takt ist Rhythmus,
ein Rhythmus, der die Bewegung der Welt nicht hemmt, sondern sie zu
Wahrheit und Schnheit rundet.

Die Frau ist in weit hherem Mae mit den passiven Eigenschaften der
Keuschheit, Bescheidenheit, Hingebung und Opferfhigkeit begabt als der
Mann. Die passiven Eigenschaften der Natur sind es, die ihre ungeheuren
Riesenkrfte zu vollendeten Schpfungen der Schnheit umwandeln, --
die die wilden Elemente zhmen, da sie mit zarter Frsorge dem Leben
dienen. Diese passiven Eigenschaften haben der Frau jene groe und
tiefe Seelenruhe gegeben, die so ntig ist, um das Leben zu heilen,
zu nhren und zu hegen. Wenn das Leben sich nur immerfort ausgbe,
so wre es wie eine Rakete, die in einem Blitzstrahl aufsteigt und im
nchsten Augenblick als Asche niederfllt. Das Leben aber soll einer
Lampe gleichen, die noch weit mehr Leuchtkraft in sich birgt, als ihre
Flamme zeigt. Und die passive Natur der Frau ist es, in der dieser
Vorrat von Lebenskraft aufgespeichert ist.

Ich habe an einer anderen Stelle gesagt, da man bei der Frau des
Westens eine gewisse Ruhelosigkeit beobachtet, die nicht ihrer
wahren Natur entsprechen kann. Denn Frauen, die besonderer und
gewaltsamer Anregung in ihrer Umgebung bedrfen, um ihre Interessen
wachzuhalten, beweisen nur, da sie die Berhrung mit ihrer eigenen,
wahren Welt verloren haben. Offenbar gibt es im Westen eine groe
Anzahl von Frauen, die, ebenso wie die Mnner, alles, was gewhnlich
und alltglich ist, verachten. Sie sind immer darauf aus, etwas
Auergewhnliches zu finden, und strengen alle ihre Krfte an, eine
unechte Originalitt hervorzubringen, die, wenn sie auch nicht
befriedigt, doch berrascht. Aber solche Anstrengungen sind nicht das
Zeichen wahrer Lebenskraft. Und sie mssen den Frauen verderblicher
sein als den Mnnern, weil die Frauen mehr als die Mnner die Trger
der Lebenskrfte sind. Sie sind die Mtter des Menschengeschlechts, und
sie haben ein lebendiges Interesse an den Dingen, die sie umgeben, eben
an den Dingen des alltglichen Lebens; wenn sie dies Interesse nicht
htten, mte die Menschheit untergehen.

Wenn sie dadurch, da sie bestndig Anregung von auen suchen, einer
Art geistiger Trunksucht verfallen, so da sie ohne ihre tgliche Dosis
sensationeller Erregung nicht mehr auskommen knnen, so verlieren sie
das feine Empfinden, das sie von Natur haben, und mit ihm die schnste
Blte ihrer Weiblichkeit, und zugleich die Kraft, die Menschheit mit
dem zu versehen, was sie am ntigsten braucht.

Des Mannes Interesse fr seine Mitmenschen wird erst wirklich ernst,
wenn er sieht, da sie besondere Fhigkeiten besitzen oder von
besonderem Nutzen sein knnen, aber eine Frau fhlt Interesse fr
ihre Mitmenschen, weil sie lebendige Geschpfe, weil sie Menschen
sind, nicht weil sie einem besonderen Zweck dienen knnen oder weil
sie eine Fhigkeit haben, die sie besonders bewundert. Und weil die
Frau diese Gabe hat, bt sie solchen Zauber auf unsre Seele aus; die
berschwngliche Flle ihres Lebensinteresses ist so anziehend, da sie
allem an ihr, ihrer Rede, ihrem Lachen, ihrer Bewegung, Anmut verleiht;
denn Anmut fliet aus dieser Harmonie mit dem Leben, das uns umgibt.

Zum Glck fr uns hat unsre Alltagswelt die feine und unaufdringliche
Schnheit des Alltglichen, und wir brauchen nur unser eigenes
Empfinden offen zu halten, um seine Wunder zu begreifen, die nicht
in die Augen fallen, weil sie geistiger Art sind. Wenn wir durch den
ueren Vorhang hindurchblicken, so finden wir, da die Welt in ihren
alltglichen Erscheinungen ein Wunder ist.

Wir erfassen diese Wahrheit unmittelbar durch die Gabe der Liebe,
und die Frauen erkennen durch diese Gabe, da der Gegenstand ihrer
Liebe und Zuneigung trotz seiner zerlumpten Hlle und scheinbaren
Alltglichkeit unendlichen Wert hat. Wenn die Frauen die Teilnahme am
Alltglichen verloren haben, dann schreckt die Mue sie mit ihrer
Leerheit, weil, nachdem ihr natrliches Empfinden abgestumpft ist,
sie nichts mehr in ihrer Umgebung finden, das ihre Aufmerksamkeit
beschftigt. Daher schwirren sie von einer Ttigkeit zur anderen, nur
um die Zeit auszufllen, nicht um sie zu ntzen. Unsre alltgliche Welt
ist wie eine Rohrflte, ihr wahrer Wert liegt nicht in ihr selber,
sondern in der Musik, die der Unendliche durch ihr leeres Innere
ertnen lt, und die alle die vernehmen, welche die Gabe und die Ruhe
des Gemts haben, auf sie zu hren. Aber wenn die Frauen sich gewhnen,
jedes Ding nach dem Wert einzuschtzen, den es fr sie selbst hat,
dann knnen wir darauf gefat sein, da sie wtend gegen unsern Geist
Sturm laufen, um unsre Seele von der stillen Begegnung mit dem Ewigen
fortzulocken und uns dahin zu bringen, da wir versuchen, die Stimme
des Unendlichen durch den sinnlosen Lrm rastloser Geschftigkeit zu
bertuben.

Ich will damit nicht sagen, da das husliche Leben das einzige Leben
fr eine Frau sei. Ich meine, da die Welt des Menschlichen die Welt
der Frau ist, sei es die husliche Welt oder sei es drauen im Leben,
solange nur ihre Bettigung dort dem Menschen gewidmet ist, und nicht
abstraktes Streben nach Organisation.

Alles rein Persnliche und Menschliche ist das Gebiet der Frau. Die
husliche Welt ist die Welt, wo jedes Individuum nach seinem eigenen
Wert geschtzt wird; hier gilt nicht der Marktwert, sondern der Wert,
den die Liebe gibt, das heit der Wert, den Gott in seiner unendlichen
Gnade allen seinen Geschpfen beilegt. Diese husliche Welt hat Gott
der Frau zu eigen gegeben. Sie kann die Strahlen ihrer Liebe nach allen
Seiten weit ber ihre Grenzen hinaus leuchten lassen, ja, sie kann
selbst aus dieser ihrer Welt hinaustreten, wenn der Ruf an sie ergeht,
da sie als Weib sich drauen bewhre. Aber eins ist gewi, und diese
Wahrheit darf sie nie vergessen: im Augenblick, wo sie geboren ist und
die Mutterarme sie zuerst umschlieen, da ist sie im Mittelpunkt ihrer
eigenen, wahren Welt, in der Welt rein menschlicher Beziehungen.

Die Frau sollte ihre Gabe gebrauchen, durch die Oberflche hindurch
ans Herz der Dinge zu gelangen, wo in dem Geheimnis des Lebens ein
unendlicher Reiz verborgen liegt. Der Mann hat diese Gabe nicht in dem
Mae. Aber die Frau hat sie, wenn sie sie nicht in sich erttet, -- und
daher liebt sie die Geschpfe, die nicht wegen ihrer hervorragenden
Eigenschaften liebenswert sind. Der Mann hat seine Pflichten in seiner
eigenen Welt, wo er bestndig Macht und Reichtum und Organisationen
aller Arten schafft. Aber Gott hat die Frau gesandt, da sie die
Welt liebe. Und diese Welt ist eine Welt alltglicher Dinge und
Begebenheiten, keine Mrchenwelt, wo die schne Frau Jahrhunderte
schlft, bis sie von dem Zauberstab berhrt wird. In Gottes Welt haben
die Frauen berall ihren Zauberstab, der ihr Herz wach hlt -- und dies
ist weder der goldene Zauberstab des Reichtums, noch das eiserne Zepter
der Macht.

Alle unsre geistigen Fhrer haben den unendlichen Wert des Individuums
verkndet. Der berhandnehmende Materialismus der heutigen Zeit ist
es, der die einzelnen den blutdrstigen Gtzen der Organisation
erbarmungslos opfert. Als die Religion materialistisch war, als die
Menschen ihren Gttern dienten, weil sie ihre Tcke frchteten oder
dadurch Reichtum und Macht zu erlangen hofften, da war ihr Kultus
grausam und forderte Opfer ohne Zahl. Aber mit der Entwicklung unsres
geistigen Lebens wurde unser Gottesdienst der Gottesdienst der Liebe.

In dem gegenwrtigen Stadium der Kultur, wo die Verstmmelung von
Individuen nicht nur gebt, sondern verherrlicht wird, schmen die
Frauen sich ihres weiblichen Gefhls. Denn Gott hat sie mit seinem
Evangelium der Liebe gesandt als Schutzengel der einzelnen, und in
diesem ihrem gttlichen Beruf bedeuten ihnen die einzelnen mehr als
Heer und Flotte und Parlament, mehr als Kaufhuser und Fabriken. Sie
haben hier ihren Dienst in Gottes eigenem Tempel der Wirklichkeit, wo
Liebe mehr gilt als Macht.

Aber weil die Mnner in ihrem Stolz auf Macht angefangen haben,
lebendige Dinge und menschliche Beziehungen zu verspotten, so schreien
eine groe Anzahl von Frauen sich heiser, um zu beweisen, da sie
nicht Frauen sind, da sie ihrem wahren Wesen treu sind, wenn sie
Macht und Organisation vertreten. Sie fhlen sich heutzutage in ihrem
Stolz verletzt, wenn man in ihnen nur die Mtter der Menschheit sieht,
die ihren einfachen Lebensbedrfnissen und ihrem tieferen seelischen
Bedrfnis nach Mitgefhl und Liebe dienen.

Weil die Mnner mit salbungsvoller Frmmigkeit den Dienst ihrer
selbstgefertigten Gtzenbilder: Staat, Nation usw., predigen,
zerbrechen die Frauen beschmt den Altar ihres wahren Gottes, der
vergebens auf ihr Opfer dienender Liebe wartet.

Schon lange sind unterhalb der festen Rinde der Gesellschaft, auf
die die Welt der Frau gegrndet ist, Wandlungen vor sich gegangen.
Neuerdings ist die Kultur mit Hilfe der Wissenschaft in wachsendem Mae
mnnlich geworden, so da man sich um das Wesen und die Eigenart der
einzelnen immer weniger kmmert. Die Organisation greift ber auf das
Gebiet persnlicher Beziehungen, und das Gefhl mu dem Gesetz weichen.
Es hat von mnnlichen Idealen geleitete Gemeinschaften gegeben, in
denen der Kindesmord herrschte, der grausam das weibliche Element der
Bevlkerung soweit wie mglich niederhielt. Dasselbe, nur in anderer
Form, geschieht in der modernen Kultur. In ihrer zgellosen Gier nach
Macht und Reichtum hat sie die Frau fast ganz aus ihrer Welt gedrngt,
und das Heim mu von Tag zu Tag immer mehr dem Geschftszimmer Platz
machen. Sie beansprucht die ganze Welt fr sich und lt der Frau fast
keinen Raum mehr. Sie schdigt sie nicht nur, sondern verhhnt sie.

Aber der Mann kann durch seinen Machtwillen die Frau nicht ein
fr allemal zum bloen Zierstck herabwrdigen. Denn sie ist der
Kultur nicht weniger notwendig als er, vielleicht mehr. In der
Entwicklungsgeschichte der Erde sind groe verheerende Umwlzungen ber
sie hingegangen, als die Erde noch nicht die lockere Weichheit ihrer
Reifezeit erreicht hatte, die allen gewaltsamen Kraftentfaltungen Trotz
bietet. Und auch die Kultur des materiellen Wettbewerbs und des Kampfes
der Krfte mu einem Zeitalter der Vollkommenheit weichen, dessen Kraft
tief in Gte und Schnheit wurzelt. Zu lange schon steht der Ehrgeiz
am Steuer unsrer Geschichte, so da der einzelne sein Recht erst
jedesmal den Machthabern mit Gewalt entwinden und die Hilfe des Bsen
in Anspruch nehmen mu, um das zu erlangen, was gut fr ihn ist. Aber
solche Zustnde knnen immer nur eine Zeitlang dauern, denn die Saat,
die die Gewalt ausgestreut hat, liegt wartend und heimlich wachsend in
den Rissen und Spalten und bereitet im Dunkel den Zusammenbruch vor,
der hereinbricht, wenn man es am wenigsten erwartet.

Obgleich daher in dem gegenwrtigen Stadium der Geschichte der
Mann seine mnnliche berlegenheit behauptet und seine Kultur mit
Steinblcken aufbaut, ohne sich um das Prinzip des wachsenden Lebens
zu kmmern, so kann er doch die Natur der Frau nicht ganz in Staub
zermalmen oder in totes Baumaterial umwandeln. Man kann wohl der Frau
ihr Heim zertrmmern, aber sie selbst, ihre Art, kann man nicht tten.
Was die Frau zu erlangen sucht, ist nicht nur die Freiheit, sich ihren
Lebensunterhalt zu verdienen, indem sie dem Mann die Alleinherrschaft
im Erwerbsleben zu entreien sucht, sondern sie kmpft auch gegen
seine Alleinherrschaft auf dem Gebiete der Kultur, wo er ihr tglich
das Herz bricht und ihr Leben verdet. Sie mu das verlorene soziale
Gleichgewicht wiederherstellen, indem sie das volle Gewicht ihrer
Weiblichkeit der mnnlichen Schpfung gegenber in die Waagschale
wirft. Der Riesenwagen der Organisation fhrt kreischend und krachend
auf der Heerstrae des Lebens dahin, Elend und Verstmmelung auf
seinen Spuren zurcklassend, denn was kmmert's ihn, wenn er nur eilig
weiterkommt. Daher mu die Frau in die zerquetschte und zertrmmerte
Welt der Einzelwesen eintreten und sie alle als die Ihrigen in Anspruch
nehmen, die Unbedeutenden und Unbrauchbaren. Sie mu die schnen Blumen
des Gefhls liebend schtzen vor dem ttenden Spott kalter, kluger
Tchtigkeit. Sie mu all das Ungesunde und Unreine hinwegfegen, das die
organisierte Machtgier in der Menschheit hervorrief, als sie sie ihrer
natrlichen Lebensbedingungen beraubte. Die Zeit ist gekommen, wo die
Verantwortung der Frau grer ist als je zuvor, wo ihr Arbeitsfeld weit
ber die Sphre huslichen Lebens hinausreicht. Die Welt ruft durch
ihre geschmhten Individuen ihre Hilfe an. Diese Individuen mssen
wieder in ihrem wahren Wert erkannt werden, sie mssen wieder ihr Haupt
zur Sonne heben drfen und durch die erbarmende Liebe der Frau den
Glauben an die Liebe Gottes wiedergewinnen.

Die Menschen haben die Widersinnigkeit der heutigen Kultur gesehen, die
auf Nationalismus gegrndet ist, d. h. auf Volkswirtschaft und Politik
und den daraus folgenden Militarismus. Sie haben gesehen, da sie ihre
Freiheit und Menschlichkeit aufgeben muten, um sich den ungeheuren
mechanischen Organisationen anzupassen. So knnen wir hoffen, da sie
ihre kommende Kultur nicht nur auf wirtschaftlichen und politischen
Wettbewerb und Ausbeutung grnden werden, sondern auf soziales
Zusammenwirken aller Vlker, auf die geistigen Ideale der Nchstenliebe
und gegenseitigen Hilfe, und nicht auf die wirtschaftlichen Ideale des
grtmglichen Nutzungswerts und der mechanischen Tchtigkeit. Und dann
werden die Frauen an ihrem wahren Platz sein.

Weil die Mnner so riesige und ungeheuerliche Organisationen zustande
gebracht haben, sind sie zu dem Glauben gekommen, da diese Macht,
andere zu verdrngen, ein Zeichen von Gre und Vollkommenheit sei.
Dieser Glaube hat bei ihnen so fest Wurzel geschlagen, da sie schwer
die Unwahrheit ihres gegenwrtigen Fortschrittsideals erkennen werden.

Aber die Frau kann mit ihrem unverflschten Gefhl und mit der ganzen
Kraft ihrer Menschenliebe an diese neue Aufgabe, eine geistige Kultur
aufzubauen, gehen, wenn sie sich nur einmal ihrer Verantwortlichkeit
bewut wird; denn freilich, wenn sie oberflchlich und kurzsichtig ist,
wird sie ihre Mission verfehlen. Und gerade weil die Frau von dem Mann
beiseite gedrngt war und gewissermaen im Dunkel lebte, wird ihr jetzt
in der kommenden Kultur volle Entschdigung werden.

Und jene menschlichen Wesen, die sich ihrer Macht rhmen und mit ihrer
Ausbeutung nirgends haltmachen wollen, die den Glauben an den wahren
Sinn der Lehre ihres Herrn und Meisters, da die Friedfertigen das
Erdreich besitzen sollen, verloren haben, sie werden in der nchsten
Lebensgeneration zuschanden werden. Es wird ihnen ergehen, wie es
in den alten, vorgeschichtlichen Zeiten den groen Ungeheuern, den
Mammuts und den Dinosauriern erging. Sie haben ihr Erbe auf dieser
Welt verloren. Sie hatten Riesenmuskeln fr ungeheure krperliche
Leistungen, aber sie muten Geschpfen weichen, die weit schwchere
Muskeln hatten und weit weniger Raum einnahmen. Und so werden auch in
der kommenden Kulturperiode die Frauen, die schwcheren Geschpfe --
schwcher wenigstens nach ihrer ueren Erscheinung --, die weniger
muskuls sind und immer zurckstanden, immer im Schatten dieser groen
Geschpfe, der Mnner, lebten, ihren Platz einnehmen, und jene greren
Geschpfe werden ihnen weichen mssen.




FUSSNOTEN:

[1] Edward Robert Bulwer-Lytton, Sohn des Dichters Edward Bulwer und
selbst Dichter, 1876-80 Vizeknig von Indien.

[2] pers. durb[=a]r oder darb[=a]r, Audienz, ffentlicher Empfang der
mongolischen Frsten.

[3] Taittiriya -- Upani[s.]ad 2, 7, 1.

[4] #Kab[=i]r#, einer der Begrnder der neueren indischen Mystik, Sohn
eines armen muhammedanischen Webers in Benares, lebte von etwa 1440
bis 1518. Ein Schler R[=a]m[=a]nandas, verkndete er seine Religion
der Gottesliebe, in der indische und muhammedanische Vorstellungen
zusammenflossen, wurde von beiden Lagern als Ketzer verfolgt und
schlielich 1495 aus Benares verbannt. Seine Lieder wurden aus
schriftlichen Quellen und mndlicher berlieferung von Kshiti Mohan
Sen, einem Lehrer an Tagores Schule, gesammelt und in vier Bnden
herausgegeben. Danach hat der Dichter selbst eine Auswahl ins Englische
bertragen: Songs of Kabir. Translated by Rabindranath Tagore. London
1915. Kabir pflegt seine Lieder zu zeichnen, indem er am Anfang der
letzten Strophe seinen Namen nennt (vgl. S. 89). -- Die angefhrte
Stelle aus XVII, p. 62 f.

[5] S. S[=a]dhan[=a] S. 28. (Der Anfang [R.]gveda 10, 113, 1.)

[6] Die lteste erhaltene Kodifizierung der indischen Rechtssatzungen
und Sitten; berhmtes Lehrgedicht, das unter dem Namen Manu's, des
mythischen Vaters des Menschengeschlechts, geht.

[7] Eine der schnsten und der krzesten Upanischaden (Texte
der altindischen Mystik), gewhnlich nach dem ersten Wort als
I[s][=a]-Upani[s.]ad bezeichnet. S. Sechzig Upanishads des Veda, aus
dem Sanskrit bersetzt von Paul Deussen. (Leipzig 1905.) S. 523-8.

[8] Songs of Kabir (s. S. 32) LXXVI, p. 121.

[9] Ebenda XVII, p. 67.

[10] Der Schluss ist kaum richtig wiedergegeben. Genauer Deussen: ja,
ich sehe sie, deine lieblichste Gestalt; und jener dort, der Mann dort,
ich bin es selbst! (Tagore: he is I Am.)

[11] Das vieldeutige Wort #kratu# ist eher mit Geist wiederzugeben.

[12] Songs of Kabir LXXXII, p. 129.

[13]

    E[s.][=a]sya param[=a] gati[h.],
    E[s.][=a]sya param[=a] sampat,
    E[s.]o 'sya paramo loka[h.],
    E[s.]o 'sya parama [=a]nanda[h.].
      (B[r.]had [=a]ra[n.]yaka-Upani[s.]ad 4, 3, 32).

[14] Vgl. oben S. 76.

[15] Taittir[=i]ya-Up. 2, 7, 1.

[16] Mit Ausnahme der 4 ersten Worte die berhmte G[=a]yatr[=i]
([R.]gveda 3, 62, 10), s. S[=a]dhan[=a] S. 15.

[17] Du bist unser Vater. Sei unser Vater! Anbetung sei dir! (_bodhi_
kann sei und erwache, merke auf etwas bedeuten. Die Erklrung des
Textes nimmt es in letzterem Sinne, zu dem Verb _budh_ -- erwachen,
bewut werden, wissen).

[18] [R.]gveda 5, 82, 5.

[19] [R.]gveda 5, 82, 5.

[20] V[=a]jasaneyi-Sa[m.]hit[=a] 16, 41. Ebenso die folgenden Zitate.




                            [Illustration]

                               Gedruckt
                            im Sommer 1921
                         bei Poeschel & Trepte
                              in Leipzig
                                   *










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Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
