The Project Gutenberg EBook of Mnais und Ginevra, by Heinrich Mann

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Title: Mnais und Ginevra

Author: Heinrich Mann

Release Date: May 12, 2014 [EBook #45635]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MNAIS UND GINEVRA ***




Produced by Jens Sadowski








                             Heinrich Mann
                           Mnais und Ginevra


                          Mnchen und Leipzig
                        R. Piper & Co., Verlag

Von diesem Buche wurden fnfzig Exemplare auf echtem hollndischem Btten
abgezogen, in Ganzpergament gebunden und vom Verfasser eigenhndig signiert
und numeriert. Preis des Exemplars zehn Mark.




Mnais


Soll ich herabsteigen? Wrdest du sehr erschrecken, wenn ich's tte? Ja,
horch, ich bin's, zu der du im geheimen betest, wenn wie jetzt der Mond um
mein Gebsch herflimmert. Du meinst, ich wte nicht um dich, armer Knabe,
und nennst mich deine tote Nymphe. Ich bin keine Gttin und nicht tot,
Mnais bin ich, eine Sikulerin, seit langer, schlimmlanger Zeit in Marmor
gefesselt, einst aber meiner sen Glieder froh und der Sonne, die
Goldreifen um sie bog, und des Quells, der sie khl und hart machte, und
des Schattens, der die ausgestreckten mit den Abbildern kleiner Bltter
sprenkelte. Hirtin war ich; und am Grunde des Tales, unter Farnen sa ich,
und meine Hand drckte die Euter des geduldigen Mutterschafes in den
irdenen Krug aus. Nun ward es Abend; klagend riefen die Hirten von den
Kuppen der Berge einander zu; und ich trieb, den Milchkrug hoch auf meinen
blonden Flechten, die Herde heim. Sie umdrngten meine Fe; die Leiber der
alten schaukelten wollig; die jungen erhoben blkend ihre hellen Muler zu
mir; und ich war mitten in einem Getrippel wie von vielen Regentropfen, und
in einem warmen, befreundeten Duft. Den Wanderern bot ich einen Trunk aus
meinem Kruge. Der gab mir eine Mnze dafr und jener ein Stck Maiskuchen.
Ein Hirte aber, Krupas, der nach Bcken riecht und dem ihr Fell um die
Knchel zottelt, griff in mein Gewand. Ich ri mich los, wie schon oft, und
sprang ber den Steg. Warum aber schttelte diesmal mich Zorn? Ich reckte
ber meine Herde hinweg, denn sie versperrte ihm den Weg, die Hnde nach
dem Begehrlichen und rief ihm Schmhungen zu. Er lachte, und gekrnkt
drehte ich ihm den Rcken. Am Rande des Olivenfeldes aber hielt ich den Fu
an und bedachte, da der Krug, mein schner, rotgebrannter, mit der
fliegenden Nike, mir vom Kopf gestrzt und zerbrochen war. Hin fiel ich da
und schrie Wehe und verwnschte, die Arme zum Himmel erhoben, den
Verderber. Ach! nicht hat ihn, wie ich's erflehte, der Blitz hingestreckt,
und sicher war er von einer neidischen Gottheit abgesandt -- denn mit dem
Zerbrechen des Kruges begann die Strafe meines harten Geschickes.

Zwischen den sanften lbumen strzte ich die Erdstufen hinan und klagte es
den guten Gottheiten der Bume, wieviel ich verloren habe. Auch meinen
Schafen jammerte ich's vor. Der Krug, den der Vater aus Syrakus mitbrachte!
Die Mutter wird mich schlagen, sie wird mich verfluchen! Da trat aus ihrer
Htte, unter dem weien, unbekannten Baum hervor, Rhus, die Hexe, und rief:

Ei, hole dir einen neuen beim Timander!

Schreiend floh ich; naht ihr doch niemand ohne Bangen; kein Bursche der
Gegend, mag sie immerhin eine schne Frau sein, tritt in ihren Dienst, aus
Furcht, da sie ihn verzaubere; und niemals auch bleibt ein fremder Knecht
ihr lange im Hause. Eines Tages fehlt er, und statt seiner ist ein Esel da
oder ein Bock, den vorher niemand gesehen hatte. Sie aber rief mir nach:

Zum Timander geh', dem Knstler, droben in der Villa des Faustus!

Warum mute ich gehen? Gro war die Furcht vor der Mutter. Die Herde
schickte ich heim und am Bergabhang durchschritt ich die Obelisken des
Rmers. Zwischen den steilen Cypressen eilte ber die steinernen Treppen
das Wasser, schwemmte Nymphen mit, von Tritonen verfolgt, und bespritzte
die grnen Faune, die im Schatten lachten. Wo ist Timander? rief ich, und
Timander! antwortete hinter den dster glnzenden Laubmauern eine Dryade.
Ich suchte, und ich verlor mich in den langen dunklen Lauben, wo berall
Bilder der Gartengtter mich erschreckten und verspotteten. Der Ausgang
endlich brannte, ja, ihn umstanden rote Flammen, und in wilder Angst
wendete ich den Fu. Wie aber auch das Ende des nchsten Bltterganges rot
beleckt war, wollte ich laufend hindurch, und laufend und in meinem Herzen
betend, gelangte ich auf eine Wiese, die ganz voll rosigen Himmels hing.
Steinbilder lagen umgestrzt im Grase, und tnerne Krge und -- ihr Gtter!
-- der da glich ganz dem meinen! Nimmst du ihn, Mnais? Nimmst ihn und
schleichst zurck? Ich sphte umher: Da entdeckte ich zwischen den Bschen
ein niedriges Haus und im Dunkel der Tr einen Jngling, der mich ansah.
Meine Arme sanken herab, die lieben Knie zitterten mir.

Er trat auf die Schwelle; Timander war's; und er sagte lchelnd:

Nimm dir den Krug, da du ihn dir ja wnschest, und geh nur!

Ich bckte mich nach dem Kruge; aber anstatt zu gehen, fragte ich:

Was tust du? Du bist Timander? Und dies ist dein Haus?

Er lchelte noch; oder war's der rosige Himmel auf seinem Gesicht? ja,
vielleicht war sein Lcheln der Himmel selbst. Und er antwortete:

Ich suche in dieser Tonerde den Gott.

Rasch beugte ich mich darber.

Drcke deine Hand hinein, sagte er, und dann:

Nun wird eine Gttin deine Hand bekommen, und vielleicht werden groe
Herren sie mit den Lippen berhren.

Da ich ihn nur ansah:

Freut dich's? Was du fr Augen hast! Wild und wirr von Freiheit, wie die
Augen einer Waldfrau, die hier eingebrochen wre. Gewi bist du eine? So
neugierig stehst du da und so scheu! Rasch mu ich dich festhalten und dir
deinen warmen Abdruck rauben!

Dabei sphte er in mein Kleid, und ich merkte mit Schrecken, da sich's vom
Laufen verschoben hatte.

O la! sagte er, und bewegte gleichmtig die Hand, wandte sich, ging
pfeifend hinein und holte ein Brett und Lehm. Beim Kneten sah er her und
weg, her und weg, aber sein Auge war so streng und allein, als she es gar
nicht mich, als wre mein Gesicht, das er doch abbildete, nicht Mnais'
Gesicht. Mir ward es seltsam kalt.

La dein Kleid fallen! sagte er zwischen den Zhnen, und als ich
erschreckt zauderte, stampfte er mit dem Fu. Da warf ich, bevor ich's
bedacht hatte, alles von mir. Ich fhlte, wie mir das Blut zu den Augen
stieg, wagte nicht, die Hnde davor zu heben und mute lassen, da Trnen
kamen. Was wird er denken! Aber er sah es gar nicht.

Pltzlich seufzte er tief auf, seine Hnde beruhigten sich; lchelnd strich
er sich die Locken aus der Stirn.

Hte dich, Mnais, sagte er, da nicht das Auge eines Gottes auf dich
fllt, wenn du nach dem Bade ruhest und schlfst.

Und da ich erstaunte:

Denn die Nymphe, die ihn liebt, wrde neidisch werden und sich an dir
rchen.

So schn findest du mich? fragte ich und meinte, er msse mein Herz
pochen sehen. Er betrachtete aber das, was er gemacht hatte. Auf einmal
ward mir der Atem schwer.

Dich selbst, sagte ich, werden gewi Gttinnen besuchen? Und ich sphte
in sein Haus, nach dem Herd und der Bank. Er warf irgend etwas mit der
Schulter weg.

Ich verschmhe sie. Nur Athene: sie, vielleicht, habe ich schon auf meiner
Schwelle erblickt. Aber sie war -- beruhige dich! -- hart und schwer
bekleidet, und die geraden Falten um sie her schaukelten nicht einmal.

Liebst du denn ein sterbliches Mdchen? fragte ich und lachte.

Ich liebe nur meinen Herrn.

Wie? Ein Sklave wrest du?

Du meinst wohl, ich wnschte mir's anders? Ein Knstler bin ich, geehrt
und gut bezahlt. Was habt ihr Freien? Ihr frohndet dennoch meinem Herrn, --
der mich nhrt und liebt. . . . Da bist du, Crassus! rief er. Freund!
Und er und der Jngling, der aus der Laube trat, breiteten beide die Arme
aus. Der andere war ein Brauner, Hagerer, mit einem Lorbeerkranz ber der
Stirn. Er zeigte auf mich.

Sie hat, erklrte ihm Timander, einen Krug von mir gekauft und mir ihr
Bild dafr gelassen. Dann gingen sie beide begierig um das Bild herum,
eine lange Weile; und ich stand und dachte beklommen, wie ich entkomme. Wie
in einen Brand war ich einst auf diese Wiese gestrzt; und nun war der
Himmel erloschen und die Luft so matt.

Drstet dich nicht, Freund? sagte Timander. Mir hat die Arbeit Durst
gemacht. Nimm, Mnais, deinen Krug, geh' hinein und mische uns Wein!

Ich brachte ihnen den Trunk; mir war's, wie wenn die Mutter mich hart
gescholten htte. Demtig blieb ich stehen.

Sieh doch, sagte sein Freund, sie hat eine Flte am Halse hngen: eine
Hirtenflte. Befiehl ihr doch, da sie uns ein Lied spielt.

Spiele, sagte gleichgiltig Timander und streckte sich aus. Ich spielte,
inde sie plauderten und sich khlten, bis sie im Eifer ihres Lachens
einander die Arme um die Schultern legten: da schlich ich mich, immer noch
spielend, in die Laube und, kaum ihren Blicken entrckt, rannte ich, von
Angst brennend, durch den Garten, aus dem die Gtter fort waren, und
hinaus, hinweg, wo irgend ein Versteck wre.

In einem Felsspalt nchtigte ich, denn nicht wollte ich der Mutter meine
Augen zeigen, und vor Tag stieg ich in den Quell Argenos und bat ihn, er
solle mich schn machen, schner als Bilder, schner als Timanders Freunde.
Er lachte, Argenos, hell, wie er immer lacht. Mit seinem Spiegel trstete
er mich. Und wie ich in die Villa des Faustus zurckkehrte, standen die
lieben Gtter alle wieder da. In den hohen Hecken schwebte die Morgenrte;
tausend zwitschernde Stimmen regten sich darin, und ein seliger Tau fiel.
Das Gras kte mir die Fe. Ich will ihm die Fe kssen, dachte ich,
und ihn so aus dem Schlafe wecken. Nun fand ich die Wiese, nun lugte ich
ins Haus. Wie? Leer war's. Bangend betrat ich's, zauderte, strich mit dem
Finger ber ein Stck Ton, das von seiner Hand die Rundung hatte, legte die
Wange auf seine Bank. Da schreckte lautes Ghnen mich auf. Timander kam
ber die Wiese. Er schwankte, blickte fahl, und die Rosen zerbltterten in
seinem zerzausten Gelock.

Was willst du? fragte er mit schwerer Zunge.

Und da ich erschreckt verharrte: Es gibt keinen Krug mehr. Hast du ihn
wieder zerbrochen? Aber ich brauche dich nicht: das da ist fertig.

Er zeigte nach meinem Bild.

Geh!

Und er warf sich auf die Bank. Schon hrte ich ihn im Schlaf atmen, kehrte
zurck und neigte mich ber ihn. Welch se Brust! Wie Eros' Finger die
kleinen Schatten weich eingesenkt hatte in die Wange das schnen Jnglings,
unter seine Augen! Aber sein Mund erschreckte mich: er war wie von einem
satten Tier. Feucht war er in den Winkeln, feucht von Kssen! Ich tastete
ber seine Haut, und die Spuren von Kssen traten heraus, auf der Stirn,
auf der Schulter: berall. Ich schluchzte, schttelte mich und sah: sah all
mein Migeschick. Du Verlorener! klagte ich.

Mgest du sterben! Dein Grab werden sie Mnais lassen. Du aber gehrst
ihnen!

Wieder floh ich; und im Tal, wo sonst meine Schafe weideten und nun die
harte Sonne mit sich allein war, rang ich die Hnde. Was ist aus dir
geworden, Mnais? Verloren bist du! Er hat dich krank gemacht und will dich
nicht heilen. Ohne ihn aber stirbst du. Nicht lange mehr soll dein Leib
duften und blhn. Deine Haut wird welken, deine Glieder abmagern, und
unfruchtbar und Gttern und Menschen zur Unlust, schleichst du dahin. Dem
Unglck gebar dich die Mutter! Und da ein Adler nach Beute kreiste: O,
nimm diese! Sie sind unntz! rief ich, reckte mich auf einem Stein und bot
ihm, in die Luft hinauf, meine beiden Brste.

Hirten ersphten mich, stiegen herab und umkreisten mich, spotteten und
boten sich mir zur Liebe an. Krupas war unter ihnen der Dreisteste. Nackt
ber seinen Fellen und meckernd beugte er sich herber und wollte mir das
Kleid fortziehen. Heute aber erschreckte mich nicht sein Bocksgeruch: ich
nahm nur meine Flte an die Lippen und ging, ohne ihrer aller zu achten,
spielend aus dem Tal. Ich wei nicht, was ich spielte; mir selbst war's
unbekannt; und doch flog ich darin fort, als entfhrte ein Gott mich in
seinem Mantel: mich, die nicht mehr Mnais war, und die Huser und Wege und
Geschpfe, die ich kannte, lgen klein dort unten -- und auch das Herz, das
mein gewesen war, dort unten . . . Als ich mich umsah, stand ich im Dorf,
und um mich her waren alle Nachbarn. Auch die Mutter erblickte ich und
wunderte mich, da sie mich nicht schmhe, sondern lchle, als machte ich
ihr Scheu. Es murmelten aber Stimmen:

Mnais ist wohl einem Gotte begegnet. Lat sie allein.

Sie wichen zurck. Als Krupas vorbeikam, sah ich seine Stirn so voller
Falten, wie wenn sich im Tempel der innerste Vorhang bewegt.

Da stieg ich, immer spielend, zum Vorgebirge hinauf, wo der Himmelsrand
lang und hell ist zwischen zwei singenden Pinien und Pan auf das Meer hinab
lacht.

Du lachst, Pan, sagte ich, Mit dir lacht das Meer und die Erde; und ihr
habt wohl recht, denn zu vielem Guten taugt alles Geschaffene. Nur Mnais
ist glcklos und schlecht. Lache ihrer und nimm ihre Flte. Ich hngte sie
ihm um, bekrnzte ihn frisch und ging.

ber den blauen Wldern begann, als es Abend ward, das weie Haus des
Faustus zu glnzen. Immer mute ich hinaufsehen, und alle Wege fhrten ihm
entgegen. Nun unterschied ich Sulen und nun Rosengewinde. Wie ich aber am
Gartentor ankam, war auch die letzte der hohen Marmortreppen von Laub
verschlungen. Umsonst suchte ich sie wieder, am Ende aller Lauben, von den
Schultern der Brunnenreiher, aus den Kronen der Bume, die ich bestieg.
Entrckt ist er, liegt den Freunden im Arm und wei nichts von Mnais. In
einem Dickicht schlief ich ein, obwohl aus dem Finstern mich Augen
anfunkelten; erwachte beim Grauen und horchte: aber nur Ratten pfiffen
zwischen nassem Gestein. Er kam nicht! Er kam nicht in der Nacht, nicht am
Morgen und bis zum Abend nicht. Sie haben ihn mir geraubt fr immer! Aber
im Dunkeln fand ich ihn neben einer Steinbank hingestreckt; Fchse berochen
ihn; -- und ich kniete nieder, legte seinen Kopf mir in den Scho und
behtete, den Fledermusen wehrend seinen Schlaf.

So trieb ich's; im Dmmern erst kam ich; und nur dem Schlafenden, nur dem
trunken Heimtastenden nherte ich mich. Einst sah ich ihn, der unter dem
Handrcken hervorblinzelte, und um ihn her auf der mondblauen Wiese war ein
Ring tanzender Nymphen, deren harte kleine Vogelstimmen ihn neckten und
lockten. Das Herz entsank mir. Aber ungestm brachte Zorn es mir zurck und
ich strzte vor. Da entflohen die Nackten mit Gekreisch, und bewutlos sank
Timander an diese Brust.

Eines Abends dann: nichts ahnend trete ich auf die Lichtung vor sein Haus,
da steht er mit vielen Freunden, alle stumm, und hoch auf dem Gerst, hell
und schn, ich selbst: ja wirklich, die Form der Mnais, halb aus dem Marmor
getreten. Schon hatte ein Ach mich verraten und sie holten mich
Erschrockene herbei.

Willst du einen Krug? fragte Timander mich, du hast mir Glck gebracht.
Die Freunde loben dein Bild und verlangen es von mir in Stein. Ich
gehorche. Gehorche auch du und lege dein Kleid ab.

Vor uns allen? sagte Crassus. Man sieht, Timander, da dir die Frauen
mit nichts gefllig sein knnen als mit ihrem Umri. Was sie sonst etwa
noch zu verschenken haben, gnnst du jedem.

Ich aber, meiner Schande mir bewut, streifte mit einer Begeisterung, die
mir schwindlich machte, das Leinen von meinen Gliedern . . . So stand ich
und bot mich preis. So will ich stehen bleiben, dachte ich; will mich
nie mehr rhren. Mnais lebt nur noch in der Hand des Timander, die an ihrem
Nacken feilt und dabei ihre Brust umspannt. Ja, ich fhlte in meinem
Fleisch den Druck, die Wrme, den Schlag seiner Hand, die den Marmor
bearbeitete. Noch oft geschah mir's so, und jedesmal war ich nachher an
allen Gliedern wund durch seinen Hammer und glcklich: von einem
aufzehrenden, bsen Glck, nach dessen Heilung ich weinte, Tage und Nchte
mit Trnen vollweinte, deren er nicht achtete.

Eine andere ward ihrer inne: Rhus, die Zauberin. Sie rief mich an, wie ich
vorberkam. Ich wollte laufen, aber ich hrte:

Du liebst den Timander!

Und da mute ich stehen bleiben.

Ich wute es, sagte Rhus. Als ich dich zu ihm schickte, war mir bekannt,
welches Geschick dir die Gtter bestimmten. Willst du nun, da er dich
liebt?

Ich drehte mich nach ihr um; aber sehen konnte ich sie nicht, wegen der
hervorbrechenden Trnen.

Dann geh' und bring' mir ein trchtiges Schaf.

Ich holte es eilends. Als ich zurck war, lagen die Erdstufen mit den
lbumen im Abendschatten. Die Pforte zu Rhus' Grtchen war aus einem
einzigen Brett, das chzte wie in einem bsen Traum; und ungewi, wie
weie, tote Augen, blickten die Beeren des unbekannten Baumes herber: ja,
wie Augen von Erdrosselten. Das Haus, hoch und schmal, hatte als Rckwand
den Felsen, war grau wie er, und steingrau umarmte es der tckische Baum.
Ganz in Fels und Baum stak das Haus; aus dem Fenster sah der Ast, der zur
Tr hineinwuchs; und deutlich gewahrte ich, da aus seinem bleichen,
schlaffen Laub ein Gesicht sich neigte, das alte Gesicht der steingrauen
Dryade.

Rhus! rief ich in Angst, aber sie kam nicht.

Rhus!

Da sprach ihre Stimme von oben aus dem Ast:

Erhebe deine Hand!

Ich tat es; meiner Hand schauderte, denn klebrig und kalt waren die weien
Frchte, kalt auch und biegsam wie Schlangen die Bltter, und ber meinem
Scheitel, im Laub, umspannte meine Hand ein Gef.

Verschtte nichts! sagte Rhus' Stimme.

Behutsam hob ich's herab; es war voll fast bis zum Rand, glnzte dunkel und
duftete herb.

Gib es ihm zu trinken, sagte Rhus' Stimme. Er wird sterben, aber vorher
wird er dich lieben . . . Zittere nicht! Denn was du verschttest, ist
Liebe, die du nie schmecken wirst . . . Sein Tod macht dir Angst? Du
strbest lieber selbst? So stirb! Und dein Lohn soll sein, da er dich
liebt, sein Leben lang nur dich, ob auch lngst Mnais' Adern erstarrten und
in ihren lieben Augen kein Licht mehr wohnt.

Was wird geschehen? fragte ich, und Klte berzog mich. Mu ich denn
wirklich den Tod erleiden?

Rhus' Stimme erwiderte:

Schweig' und folge! Wo nicht, verschtte immerhin den Saft! Die Erde
trinkt ihn und Timanders Liebe ist begraben.

Was soll ich tun, Rhus?

Steige hinab ins Haus, sttze den Kopf an die Wurzeln des Baumes und dann
trinke!

Da setzte ich den Fu an und ging Schritt vor Schritt dem Hause zu. Meine
beiden Hnde waren um die Schale und meine Augen fest auf ihr, da kein
Tropfen herausfalle; aber in meinen Ohren waren auf einmal lauter Stimmen,
von Tieren, von sanften Frauen, die aus den lbumen herausgetreten waren.

Mnais, sagten ein Nachtvogel, der meine Wange streifte, und ein Zweig,
der mich an der Schulter berhrte, Mnais, verschtte den Saft und behalte
dein ses Leben!

Und mir zu Fen flsterte es:

Ich bin nur ein kleines Gras und dein Fu kann mich tten. Ist er aber an
mir vorbeigegangen, dann lebt noch immer Pans Atem in mir und glcklicher
bin ich dann als Mnais, die starb und von Timander geliebt wird.

Ich aber verschlo meine Ohren und stieg, den purpurnen Himmel und die
warme Erde meidend, von der Schwelle ins Haus hinab, Stufe nach Stufe, in
mein Grab; und am Ende meiner erhobenen Arme, bedchtig, da ich nicht
ausgleite, und sorgsam, da kein Tropfen zu Boden falle, trug ich meinen
Tod vor mir her. Die Wurzeln des unbekannten Baumes waren schlpfrig wie
Eis; und als ich ihnen rckwrts meinen Hals zubog, schlossen sie sich
darum wie Zangen. Ich erschrak, hatte Furcht, meine Hnde mchten zittern,
und trank; trank und starb.

Und ich erwachte und sah zu meinen Fen Timander. ber sein Gesicht, zu
mir erhoben, flo der Mond. Er flo auch auf Wiesen und Hecken und von der
Schwelle seines Hauses: lautlos und bleich. Timander dachte, lautlos:

Nur dich lieb ich auf Erden! Was sind mir die Freunde! Ich mchte frei
sein, um mit dir mich zu verbergen.

Und ich antwortete ihm mit meinen Gedanken:

Ich habe dich lieb, Timander!

Er dachte wieder und ich verstand ihn:

Mnais ist verschwunden, Niemand hat sie gesehen. Ein Gott, sagt man, hat
sie entrckt. Ich kenne den Gott: er bewegt meinen Meiel. Ihre se Seele
ist nun in meinem Werk: drum kann sie nicht mehr unter den Menschen
umhergehen.

Da bemerkte ich, da seine Hnde meine Knie umfaten und da ich's gar
nicht fhlte; sah seinen Mund auf mich zukommen und empfand nicht seinen
Druck; und erkannte, da ich steinern sei. In mir entstand ein Quell von
Trnen, deren keine einzige hinausdurfte, und unter den Trnen antworteten
ihm meine Gedanken:

Es war gut, Timander, da ich fr dich starb.

                   *       *       *       *       *

Soll ich herabsteigen? Zu dir, Knabe, der in jeder Nacht, trotz den
Wchtern, trotz den eisernen Stacheln sich ber die Gartenmauer wagt, um im
Geheimem whrend der Mond um mein Gebsch her flimmert, zu mir zu beten? Du
liebst mich, und mich liebte Timander. Glaube nicht, du seist der erste.
Wohl seufzte Mnais, solange sie ihrer sen Glieder sich freute, umsonst
nach des Timander Herzen; seit sie aber als Stein verwittert, fiel ihr
seins zu und das anderer Mnner und deins. Willst du davon hren? Du,
dessen im Monde schmachtendes Gesicht ein wenig dem des Timander gleicht?
Vielleicht kennen sich eure Seelen. Ich will dir erzhlen, und es wird mir,
qule ich dich ein wenig, scheinen, als qulte ich den Timander.

Kein treuerer Liebhaber hat einer Sterblichen gelebt. Er wachte zu meinen
Fen und schlief im Grase, in das er mich bettete, auf meiner Brust. Nicht
ermdete ihn die Klte meiner harten Glieder; sondern tief in den
unbeweglichen erriet und fhlte er die Schauer von Mnais' wandelbarer
Seele: und doch war sie ihm einstmals nichts als eine scheu und neugierig
vorgeneigte Fremde gewesen, eben nur vom Wert der Tonerde, in die sie ihre
Hand drckte. Begreifst du's? Ich nicht. Nur eine mitleidige Lust machte
mir der Fall des Stolzen; und glcklicher liebte ich ihn, da ich seiner in
meinem Herzen ein wenig spotten, ihn ein wenig verachten durfte.

Du starbst fr mich? fragte er und suchte in meinen erblichenen Augen.
Sag' es mir, meine tote Nymphe!

Aber ich verschlo mein Herz, damit es nicht denke:

Es ist gut, Timander, da ich fr dich starb.

Seine Freunde kamen, seine Herren, und wollten ihn zurckholen. Einst
berraschte Crassus ihn, wie er sein Gesicht an Mnais' Herzen geborgen
hatte, trat unhrbar im Grase herbei und schlug ihn. Timander fuhr herum.

Vor dieser! rief er schrill und fuchtelte.

Sie sieht nicht; und Crassus verhhnte ihn fr seine Liebe zum fhllosen
Stein. Dann umschlang er meinen Geliebten und bat. Timander setzte sich auf
meinen Sockel und schlo die Augen. Er widerstand wie eine Frau. Crassus
ward zornig, ging fort und drohte ihm mit Faustus dem Herrn. Der kam: ein
fetter Alter, auf zwei Sklaven gesttzt, der laut atmete und bel roch. Er
zwinkerte dem Crassus zu und sagte, ich gefalle ihm, er wolle mich hinauf
nach dem Hause tragen lasen. Vergeblich warf Timander sich ihm zu Fen.

Ich will dich freilassen, sagte Faustus. Aber dein Werk gehrt mir.

Als er fort war, fragte Timander mich:

Soll ich dich zerschlagen?

Tu's, Lieber, sagte ich. Er aber:

Faustus wrde befehlen, mich mit Ruten zu peitschen.

Und er lie es. Ihr Zrtlichen duldet wohl nicht gern Schmerz? Ei sieh! Ihr
mchtet, da man fr euch strbe, zum zweitenmal strbe; aber die
Rutenstreiche, die es euch kosten wrde, reuen euch!

So stand ich nun, auf der Seite, wo das ruhelose Meer sie besplt, am
Gipfel der weien Treppen, umschwankt von Rosenketten, umwirbelt von
Weihrauch und umdunstet von Wein, von Gewrzen und gesalbten Knabenleibern.
Agla, eine Fltenspielerin, die ich Lebende gekannt und wegen ihrer
Feilheit beschimpft hatte, lehnte sich an mich, an diesen jungfrulichen
Leib, und lie sich von Trunkenen kssen. Nur wenn am fahlen Morgen alle im
Schlafe rchelten, konnte Timander, ein Freigelassener, der die Freiheit
frchtete, ber sie fort bis vor meine Knie kriechen. Eine Dirne ri ihn
um, dem die Lider sanken; -- und ber dem blen Atem jeder sterbenden Orgie
verharrte Mnais, den windigen Morgen auf ihren spiegelnden Hften, hoch und
allein.

Noch immer sah ich meine Glieder rein und glatt; und jene welkten,
verschwanden, wechselten. Timander war nicht wie sie und nicht wie ich. Alt
war er und jung zugleich. Ihm hingen nun graue Strhnen im blonden Haar,
und sein mdes Gesicht war das eines Knaben, der zu lange gewacht hat. Er
konnte noch schmollen, lispeln, schelmische Streiche ausdenken; und die
Fremden, Neuen verachteten ihn dafr. Nur Mnais verstand ihn. Einst kam ein
Mchtiger, dem Bewaffnete voranschritten; und Timander strzte aufgeregt
herbei.

Crassus, du bist's? -- atemlos vor Glck.

Auch du noch da? sagte kalt der Mchtige. Keinen Lorbeerkranz mehr trug
er; aber in seinen verwitternden Falten, im Winken seines Fingers selbst
war der Ruhm. Timander lie die Arme sinken.

Du bist gewichtig geworden, Crassus, sagte er, schchtern spottend, und
nicht jnger. Altern wir denn wirklich? Diese hier -- und er zeigte auf
mich -- bleibt doch dieselbe!

Noch immer der Narr, erwiderte Crassus, der Spieler!

Timander aber:

Spielt nicht auch ihr? Ich habe nie verstanden, wie ihr euch ernst nehmen
konntet! Weit du wohl noch, als ich einmal zu euch gesprochen habe wie ein
Tribun, weil ihr einen unschuldigen Sklaven gekreuzigt hattet? Ihr wolltet
mir zrnen. Ich hoffe, du zrnst mir nicht mehr. Ist nicht alles nur Ton,
worin wir spielend nach Gttern suchen?'

Crassus blickte auf mich. Dann nickte er dem Timander zu.

Eins gelang dir. Treibe es in deiner Art und lebe wohl!

Er sprach zu ihm gndig und mit Ungeduld, wie zu einer Frau, die man nicht
mehr begehrt; und er wandte sich weg.

Ich aber, die den Timander alt und verlasen sah, gedachte in meinem Herzen
meiner verlorenen, warmen und sen Glieder, die von der Sonne in Gold
gebogen, vom Quell khl und hart gemacht, vom Schatten mit den Abbildern
kleiner Bltter gesprenkelt wurden; und erschauerte in neuer Angst, weil
sie so lange schon vermodert waren im Hause der Rhus, und bald nun auch
Timander in Staub fallen sollte. Armer! dachte ich. Besser in Stein
gekerkert fortdauern, als mit dem Fleisch das se Leben lassen mssen!
Timander aber nahm das Kinn aus der Hand, steckte sie in die Brustfalten
seines Kleides und trat vor mich hin.

Dennoch, sagte er, aufgerichtet, bin ich's, der dich machte!

Auf seltene Art aber starb er und schner als die meisten. Denn als
Barbaren uns berfielen, die anderen alle in verzweifelter Gier, die Neigen
des letzten Festes noch im Hals, durch Schwerter dahinsanken wie sonst
durch Kelche, und um mich her Blut dampfte statt Wollust: da lehnte sich
mit ausgebreiteten Armen an Mnais, die ein Wilder bedrohte, Timander -- und
lie sich durchbohren und vergo sein Blut ber Mnais Timander. Bist du
zurckgekehrt, Timander? Stehst vor meinem Gebsch, um das der Mond
flimmert? Lange erwarte ich dich. Timander, ich habe dich lieb, und es war
gut, da ich fr dich starb!

Nicht lieblich waren, seit du mir entschwandest, meine Tage. Ich ward bers
Meer gefahren und trauerte in einer Ebene unter den Resten von meines Herrn
Reichtmern, versank, indes ich meinen Bauch verwittern und meine Hften
rauh und grn werden sah, Zoll um Zoll in Gras und Sand. Ein Mensch in
einer braunen Toga, mit einem Strick um den Leib, zog mich hervor, und als
er viele seinesgleichen herbeigeholt hatte, betrachteten sie mich mit
gierigem Ha, schmhten und steinigten mich. Dann berieten sie, zerrten
mich in eine Stadt unter viel Volk, hngten mich in Ketten auf und lasen
mir mein Urteil von Pergamenten. Die Zauberin Diana nannten sie mich. Der
mich hervorgezogen hatte, ein abgezehrter Junger, war der Vergiftetste, in
seiner Bosheit Hlichste. Er zerbrach meinen Arm. Des Nachts aber, in die
einsame Grube, wohinein sie mich geworfen hatten, brachte er mir meinen Arm
zurck, kte mich und legte sich, mit den Zhnen klappernd, zu mir . . .
Aber jenes Volk behauptete, ich sei sein Unglck, und es trug mich auf das
Gebiet seiner Nachbarn und scharrte mich darin ein.

Wie lange wohl meine lieben Augen begraben geblieben sind? Als wieder die
Erde von ihnen abfiel, erblickte ich sehr bunte, laute Menschen, und ihr
Herr, Einer im goldenen Brustpanzer mit einer schreienden Medusa darauf,
umarmte mich und rief lrmend, er wolle sich mir vermhlen. Wo wir
vorbeikamen, waren Altre erbaut, kniete Volk und schwangen erzene Klnge
durch die Luft. In einem Saal, beim Mahl, wo es nach ganzen Schweinen
stank, die vergoldet waren, dachte ich der weien Sulen des Faustus,
zwischen denen einst Weihrauchkreise zu mir aufstiegen, und des gemessenen
Crassus und des anmutigen Timander -- und Verachtung entrckte mich diesen,
die mich lieben wollten.

Sie starben; und andere fhrten die Nymphe, die Diana, die Waldfrau oder
Aphrodite in ihre Galerien, ihre Grten, maen sie durch Glser, zeichneten
sie, verkauften sie und schwrmten sie an; -- und immer war's doch nur
Mnais, eine Hirtin, die scheu und demtig sich ber die Hand des Timander
beugt, des Jnglings, den sie lieben wird.

                   *       *       *       *       *

Soll ich herabsteigen? Wrdest du sehr erschrecken, wenn ich's tte? Ach,
der Mond verrinnt; schon besplt er nur noch den Rand der runden Steinbank
um mich her, und meiner Nische und des Gebsches, das von Morgenluft zu
rascheln beginnt. Ghnend wrde der Wchter nahen, wrde uns berraschen
und dich fangen, Knabe. Drum flieh, eh' es Tag ist, damit du zur Nacht
wiederkommen kannst. Mnais erwartet dich. O, sie frchtet nicht, da du
ausbleibst. Von der Art des Timander bist du, und nicht wird ein Mdchen,
das noch seiner warmen Glieder sich freut, dich mir wegnehmen. Deiner toten
Nymphe gehrst du. La immerhin deinen liebenden Atem meine kalten Glieder
bestreichen. . . . Aber du hrst mich wohl nicht mehr? Erstirbt schon, da
die Vgel erwachen, meine Stimme? Schon zweifelst du wohl, da ich's war,
die so lange zu dir sprach? Aber ich war's, Mnais, eine sizilische Hirtin,
die den Timander liebte, die er liebte, und die von vielen geliebt ward.
Hrst du? Agla, die Fltenspielerin, spottete einst, als wir, noch
unerwachsen, unserer Vter Schafe hteten, meiner zu schmalen Glieder,
meines langen Halse. Lngst ist sie bei den Schatten; Mnais aber liebst du,
Knabe. Soll ich herabsteigen? Nein, flieh, lebe wohl, setze behutsam die
Sohlen auf den Kies; -- und eilst du an der schrgen Wiese vorbei, auf der
in den gerteten Himmel Pegasus die Flgel breitet, dann hte dich, ihm zu
nahe zu kommen, damit er dich nicht ergreift und mit sich reit. Denn dies
ist die Stunde, da er auffliegt.




Ginevra degli Amieri


I.

Ich bin erwacht und frchte mich fast, die Augen zu ffnen, und fhle ein
fremdes, weites Dunkel um mich her. Messer Faustos Atem? Nichts -- nur eine
betubende Stille, wie der lange Nachhall langsamer, unhrbarer Schritte
. . . Warum sind meine Hnde gefaltet? Ich schlafe nie auf dem Rcken und
mit gefalteten Hnden. Leise die Lider gelst: das Fenster bei meinem Bett,
es ist fort. Wo bin ich!

Das, worauf ich gelegen habe, ist umgefallen, wie ich so hastig aufsprang.
Was ist es? Kein Bett: eine Bahre! . . . Die Ungeheuer! Sie erheben sich
grau aus der Nacht und blicken von Turmhhe aus weien Augen. Ach, es sind
Pfeiler, und aus langen Fenstern kommen eckige, weie Stcke Mondes darauf.
Hilf Himmel, ich bin im Dom! Und bin, nun wei ich's wieder, gestorben!

. . . Es klirrte etwas, deucht mich, als ich vor Schrecken nochmals auf die
Bahre sank. Meine Spangen! Aber es sind nur die mit den Amethysten. Er hat
sich gehtet, mir die anderen mitzugeben, die mit den Karfunkeln. Habe ich
etwa mein Kreuz am Hals? Nein! Das groe Edelsteinkreuz! Das ist zu stark!
Ich will . . . Jesus, ich bin im Zorn ausgeschritten und wage mich nun
nicht mehr zurck. Wie ich mich frchte! Ich htte nie gedacht, ich wrde
zu diesen Toten gehren -- die wiederkehren, Einen Schritt noch, Ginevra?
Hilfe! . . . Eine Gestalt, ich sah sie deutlich, flog durch die Luft auf
mich zu . . . Nein, es ist der Kruzifixus an der Kanzel; und er hlt ganz
still. Nur die Dunkelheit bewegt alles.

Aber die Kniee sind mir unsicher geworden; ich will mich setzen, unter
seine gekreuzten Fe, auf das Ende der Bank.

Ich habe, was mir geschieht, verdient, o Herr. Das ist wohl wahr; denn ich
lsterte dich! Aber gib auch du zu, die Liebe ist hart! Warum mute ich
Raniero lieben, da es doch Snde und ganz unntz war? Du weit, auch wenn
du mich am Leben gelassen httest, ich wrde mich doch ihm nie gewhrt
haben. Obwohl andere dergleichen tun: und du strafst sie weniger schwer als
mich, die so tugendhaft war . . . Willst du mir wohl sagen, was dies alles
sollte?

Ich warte.

Im irdischen Leben heit's immer: Das werden wir jenseits erfahren; und:
Darber reden wir droben. Nun sprich! . . . Ich wute wohl, du wrdest
nichts vorbringen knnen zu deiner Rechtfertigung. Du hast mir zu viel
auferlegt, du darfst dich nicht wundern, da ich versagte. Hatte ich doch
genug an Messer Fausto, meinem Mann, und seinen Schlgen, und da er mir
meine Tugend nicht glaubte! Immer: Du liebst ihn! Ich sagte: Nein!
Schlage mich, aber ich liebe ihn nicht! Wre das Nein wenigstens die
Wahrheit gewesen! Leider war es Ja . . . Er darauf: Mich liebst du auch
nicht! Was liebst du denn? Und ich: Ich liebe dich, wie ich es dir
schulde, -- und liebe auch die Stirnkettchen, die Messer Ugos hbscher Sohn
verfertigt. Ihn, den Sohn liebst du! Nein! Ich habe ihn niemals
gesehen! Und so war es. Aber ich hatte mit Absicht von Messer Ugos Sohn
gesprochen, verfhrt durch einen seltsamen Kitzel, weil ich wute, nun
werde Messer Fausto mich nochmals schlagen. Denn er schlug mich, sobald ich
nur den Namen irgendeines Mannes aussprach. Warum aber tat ich es, mute es
tun, und drngte mich heran zum Schmerz? Das erklre, Herr, warum du so
viel Leiden bestimmtest fr eine Unschuldige!

Ich will dir die Ketten fr die Stirn kaufen, sagte Messer Fausto, als er
vom Schlagen mde war. Damit du mir keine Hrner daransetzest. Du mut
gerecht sein: ich tue, was ich kann. Ich antwortete: Gewi. Ich werde es
niemals tun. Und ich wollte es auch nicht. Damit in der Frhe, wenn ich
zur Heiligsten Annunziata ging, die Madonna Eletta den Finger ausstreckte
und sagte: Seht die Heuchlerin! Sie hat mich mit dem Gino ins Gerede
gebracht, und sie selbst schlft mit dem Raniero! -- Es ist schon wahr,
da ich es von ihr gar nicht wute. Aber was wute denn sie von mir? Und
redete doch, hinter meinem Rcken. Wre es wahr gewesen, was sie sagte, ich
htte mich so schwarz gefhlt wie die Mohrin hinter mir, Herr, die meinen
Gobbo, den Papagei, trug. So aber hing mein Brokat (und um den beneidete
sie mich doch nur) ber den Malen, die mein Mann mir geschlagen hatte, und
ich war eine Gerechte. Und Don Vinante, mein Beichtvater, wute es wohl,
und auer Messer Fausto, meinem Mann, den die Eifersucht irr machte,
zweifelte keiner an meiner Tugend, und allen, die sndigten, durfte ich
mitten ins Gesicht sehen. Und wenn Raniero im Hof der Kirche stand und
falsche Seufzer ausstie, ging ich hoch vorbei, den Blick gradaus, und
hatte einen groen, starren Genu: Du wirst dennoch nie erfahren, da ich
dich liebe! Die Liebe ist hart; aber ich bleibe standhaft, du gewinnst
nichts. Du bist bse, bist dazu eingesetzt, mich zu verderben. Ich hasse
dich! . . . Ja, das dachte ich, o Herr. War das nicht recht und lblich?

Zu Hause mute ich mich dann wieder sehr qulen. Warum? Heit das gerecht?
Fr so viel guten Willen? Ich nahm meine groe Puppe aus der Truhe und
drckte sie ans Herz. Verzeih, sagte ich zu ihr, da ich dich schon zwei
Jahre nicht mehr ansah! Du weit, Herr, ich hatte sie noch nicht zwei
Jahre weggelegt; und sie war vom Fest in Venedig und war mitten auf der
Piazza ausgestellt gewesen in der Tracht, wonach alle Frauen das ganze Jahr
sich richten sollten. Mein Vater besuchte gerade die Filiale seiner Bank,
und er kaufte die groe Puppe fr eine Menge Geld. Ich machte alle Mdchen
neidisch mit ihr und liebte sie darum sehr . . . Nun aber war alles anders,
an die neidischen Mdchen dachte ich nicht mehr; wie ich die Puppe an mich
zog, fhlte ich's, als wrfe sie mir beide Arme um den Hals; mir ward ganz
hei, ich herzte sie immer und sagte: Du kommst nicht aus Venedig vom
Markt, du sollst von Raniero kommen! Ich habe dich von ihm, du bist sein
Kind, hrst du, das will ich, das soll sein! Und dann sprang die Angst vor
der Snde in mir auf, und ich warf die Puppe mit dem Gesicht auf die Erde,
und mich mit dem Gesicht aufs Bett, da wir einander nicht mehr shen, und
jammerte in das Kissen hinein: Nein, ich will nicht, ich will kein Kind
von ihm! Und klagte bis in die Nacht. Und Messer Fausto, mein Mann, kam
und schlug mich wieder -- und hatte auch recht. Ich schrie wohl, damit er
aufhrte: Warum haben wir keine Kinder! Aber ich wute doch, das sei
Gottes Sache.

Was sollte ich tun? Mu man denn einen Menschen lieben, wie diesen Raniero?
Einen gewhnlichen Angestellten in der Bank meines Vaters. Einen, der die
Geschfte versumt, auf den Wiesen am Mugnone im Grase steht, stundenlang,
wie ein Storch, und dann, ganz bla, bis vor mein Haus schleicht? Einen,
der schon lngst fortgeschickt wre, wenn ich nicht fr ihn gebeten htte,
oder vielmehr fr die alte Mutter, die von ihm lebt. Denn das tat ich,
Herr, und war es nicht fromm und barmherzig von mir, fr meinen Feind zu
bitten? Nun erklre mir aber: wenn mein Bruder sich so anstellen wrde in
unserem Bankhaus, ich wrde ihn verachten! Und diesen mu ich lieben! Soll
er doch verdienen und eine Frau nehmen, wie es sich geziemt. Aber auf mich
hat er es abgesehen! Und fordert meinen Mann zum Zweikampf heraus. Denn das
hat er getan, Herr, und es ist eine solche Albernheit, da sogar du gelacht
haben mut: wenn du Art und Figur Messer Faustos bedenkst.

Und dann hat er ihn auch noch verschont! Herr, du magst sagen, was du
willst, aber es ist natrlich, da ich wnschte, nun mchte es einmal um
sein. Messer Fausto hatte mich blau geschlagen; ich wnschte, mgen sie
sich gegenseitig umbringen. Dann aber: Nein, nur Raniero! Denn ich kann es
dir schwren, Herr, bei deinen eigenen Wunden: nicht Messer Fausto wollte
ich tot sehen! Er kam auch zurck; es war nichts geschehen; und ich kriegte
Ohrgehnge und eine Strauenfeder mit lauter Edelsteinen geziert, die
konnte ich zur Kirche tragen. Aber alle wuten schon, wenn sie meine
Geschenke erblickten, dann war ich geschlagen worden . . . Und da dachte
ich, das ist wahr: Warum hat Raniero nicht lieber zwei Kerle geschickt, die
ihn anfallen? Und ich habe sogar den Don Vinante beredet, da er in seiner
Unschuld etwas angerichtet hat, da Messer Fausto vor San Frediano hinaus
mute. Und das lie ich dem Raniero berichten durch einen Bettler, der
nicht sagen durfte, wer ihn schickte, und lie ihn in verdeckten Worten zu
einem Streich auffordern.

Da sieh nun, Herr, wie weit du es mit mir getrieben hast! Eine
Gattenmrderin und auf dem Rade, so htte ich enden knnen! Wenn ich nicht
deine Mutter angefleht htte, als Messer Fausto vor der Stadt und in
Leibesgefahr war: die hat das Schlimmste verhtet. Ich aber schwur damals
in der Not, es mge daraus werden, was immer, Schande und Tod: -- ich wolle
doch, so lange ich lebe, dem Raniero nicht angehren. Die Liebe hat mich
so elend gemacht; ich will mich an ihr rchen! Ich war von Sinnen, und die
beiden Tauben, die vor meinem Fenster einander liebkosten, die ergriff und
erwrgte ich! Und als ich's tat fhlte ich meine eigene Kehle unsichtbar
umklammert und schlo die Augen und mute mich an die Fensterbank sttzen,
ich wre sonst umgefallen.

Wie nun Messer Fausto zurckkehrte und es der heilige Samstag vor Ostern
war und aus dem Tor des Domes der Festhall kam wie eine Wolke mit Engeln
darauf, da sprach es hinter meinen gesenkten Lidern, und, Herr, ich konnte
nichts dafr: Sie feiern ihn, der die Liebe ist und sich hat kreuzigen
lassen. Er will, da auch ich lieben und dafr sterben soll. Und ich
strube mich nicht. Aber ruchlos und abscheulich ist's, da er aufersteht
und auch das von mir erheischt. Wer glcklich tot ist, der sollte es
bleiben drfen und endlich in Sicherheit sein vor der Liebe und dem, der
die Liebe ist!

Mit diesen Gedanken war ich dicht vor das Tor gelangt, und pltzlich
erweiterte es sich wie ein Mund, ich fhlte seinen Atem auf meiner Stirn
brennen, und eine ungeheure Stimme, eine Orgelstimme, schrie: Du sollst
sterben und wiederkehren vor allen anderen und zugleich mit mir. Schon
morgen sollst du wiederkehren, sollst sehen, wie alle meinem Auferstehen
zujauchzen, das du gelstert hast. Bei deinem aber soll dich frieren, und
du sollst groe Reue haben!

Alle mssen es gehrt haben, so laut ward es geschrien! Warst du das, Herr?
Wohl; denn du hast's wahrgemacht. Dann erklre mir aber, was eine Frau zu
bereuen hat, die ihren Mann nicht betrgen und seine Geschenke nicht
verlieren und von den Leuten nicht mit Fingern gezeigt werden wollte.
Sollte ich etwa Schande und Armut auf mich laden, weil es irgendeinem
Menschen einfiel, mich zu lieben? Zwar liebte auch ich ihn. Warum aber
bestimmtest du dies so? Und vergingst dich dadurch gegen die brgerlichen
Regeln? . . . Heute ist Ostern, und wir sind beide auferstanden; nun
erklre diese Dinge!

Aber du schweigst. Du hltst nur den Kopf auf die Schulter geneigt und
siehst mich kaum, so tief sind deine Lider herabgelassen Hrst du's
wenigstens, wenn ich gegen deine Fe klopfe? Ach nein; du seufzest nur und
legst den Kopf auf die andere Schulter. Mich hast du hierher bestellt, und
du selbst schlfst lieber noch etwas!

Wie ich verlassen bin und abgeschieden von allem, allem. Mich friert; ich
habe keinen Mantel und nichts, wohinein ich mich hllen kann; nur das
groe, weie Leinentuch von meiner Bahre.


II.

Nun bin ich drauen, und wei nicht, wie ich herkam. Ich strich so lange
an den Wnden entlang im Dom, bis ich auf einmal herausschlpfte. Die
Stelle knnte ich nicht wiederfinden. Ich begreife nicht, was mit mir
geschieht, und mir ist sehr bange. Habe ich nicht eben noch unserem Herrn
getrotzt? Jetzt sehe ich wohl, wie alles unsicher ist und voll von
Geheimnissen. Ist denn dies der Domplatz, auf dem am Mittag die Weien und
die Schwarzen einander Hohnreden zurufen und die Hndler die Bnder und
Kuchen feilbieten? ber den mit stolz gesenkten Augen die anstndigen
Frauen wandeln? Jetzt ist Ginevra bange, wenn sie auf diese Quadern
hinabstiege, sie mchten unter ihren Fen weggleiten, wie Wasser.

Wagen mut du's, du willst dich doch nicht auf die Stufen legen, wie eine
Bettlerin. Trgt es mich? O! Es regt sich um San Giovanni her, auf den
alten Grbern! . . . War's nicht's? Ich habe Furcht, ich, die selbst eine
Tote bin! Aber die in jenen Srgen sind Heiden . . . So also ist denen
zumute, die wiederkehren. Alles erschreckt sie, und sie wissen nicht, wozu
sie kamen. Ich fhle in mir ein helles, kaltes Licht, das wacht in der Welt
allein. Vom Turm schlgt es ein Uhr. Allein, ohne Zweck, und wer wei, wie
lange. Erlsche ich nicht, zergehe ich nicht? Bin ich nicht blo am
Mondlicht entzndet? Ich will in eine dunkle Gasse huschen, vielleicht
ist's dann aus.

Du bist noch da, Ginevra. Immer an der Mauer hin; -- dort geht eine Tr
auf. Wenn sie mich sehen! Da schau, es ist das Haus Messer Tibaldos, und
wer schleicht heraus? Messer Gino, -- und durch den Trspalt lugt Madonna
Eletta. Ist nicht Messer Tibaldo nach Pisa? Also hatte ich recht mit Messer
Gino und Madonna Eletta? Ich dachte es gar nicht. Und er, er luft vor mir
davon! Ach ja, ein Geist. Was ein Geist alles sieht! . . . Da bin ich vor
Messer Faustos Haus. Es ist doch mein Haus, soll ich nicht klopfen drfen?
Wie lange es whrt! Mich friert. Mach auf! O! seine Nachtmtze.

Wer klopft?

Ginevra, Euer Weib.

Wer?

Ginevra degli Amieri.

Um Gottes willen, entweiche! Verschone mich! Ich schlug dich, ja; aber es
war mein Recht, denn ich war dein Mann. Du darfst mich dafr nicht
heimsuchen! Ich will Messen lesen lassen, damit du Ruhe bekommst.

Er hat das Fenster zugeworfen. Wie seine Stimme vor Angst sich brach!
Htte er mich nicht einlassen sollen? Ich mag ein Geist sein, aber hat er
nicht auch meine Seele geheiratet? Wohl nicht. Wozu aber mu eine Tote
umhergehen? . . . Ich will's bei meinen Eltern versuchen; es ist nicht
weit.

Schon rhren sie sich. Ein Licht wandert durchs Haus. Die Mutter schlft
wieder einmal nicht und wirtschaftet umher. Ihr ist's wohl leid, da ich
tot bin. Nun ist der Vater am Fenster, Vater!

Du schlechte Tochter! Warum erschrickst du deine arme Mutter. Du mut wohl
sehr sndig sein und hast darum keine Ruhe gefunden. Morgen sollen die
Teufel gebannt werden aus dir. Aber tu deinen Eltern nichts an! Geh doch zu
deinem Mann! Wir haben dich ihm gegeben und Geld genug dazu, so da wir dir
nichts mehr schulden!

Er hat den Laden angezogen und den Riegel vorgelegt. Die Mutter stand
hinter ihm und rang die Hnde. Wie ihr das schrecklich sein mu, da ihr
Kind, ihr so gehegtes, nun zu den Bsewichtern und irrenden Seelen in die
Nacht hinausgescheucht ist! Aber auch der Vater hat recht; er hat fr mich
bezahlt, und ich habe keine Forderung an ihn. So allein ist man: ich wute
das nicht. Ich dachte, sie knnten mich schlagen, aber ich wrde immer ein
Bett haben. Sonst sperrten sie mich ein. Jetzt ffnet mir niemand . . .

O, wo bin ich? Dort schleichen sie schon, die Bsewichter, dort unter dem
Schwebebogen. Sie schleichen hinter einem, den eine Frau umschlingt. Sie
kt ihn: da greifen sie ihn. Die Frau hlt ihn fest, damit sie ihn tten
knnen. O, auch das war Liebe? Ich will schreien: Hilfe! Nun werden Sie
mich -- tten? Sie knnen's ja nicht mehr. Sie sehen mich: alle laufen
davon. Ich habe einen Menschen gerettet. War ich dazu gesandt? Guter
Mensch, hre! O, auch er luft. Ich war ihm so dankbar, ich wei nicht
wofr. Aber er luft vor mir weg.

Und nun? Was ist dies fr ein Haus? Kennst du es, Ginevra? Du gingst mit
Messer Fausto, deinem Manne vorbei, und er behauptete, du habest
hinaufgesehen, und versprach dir Schlimmes. Du hattest es nicht; aber
seither wutest du, wo Messer Raniero wohnt, brigens, jetzt wtest du es
ohnedies; die Toten kennen alle Pltze . . . Dahin also sollte ich. Sonst
habe ich keine Zuflucht und keine Bestimmung. Ich will klopfen.


III.

Wer ist es?

Mich friert, ffnet mir!

Wer seid Ihr?

Ginevra.

Ginevra ist tot. Geht in Frieden.

Sie ist tot, drum kommt sie zu Euch. Lebte sie, sie kme nicht . . . Ihr
schweigt?

Ich ffne Euch. Tretet ein und folgt mir ber die Treppe. Ich hebe das
Licht ganz hoch, und Ihr seht, Madonna Ginevra, dies Haus ist Euer. Meine
alte Mutter ist taub und sie schlft. Wir sind allein.

Aber Ihr geht immer rckwrts vor mir her, Messer Raniero, und lat mich
nicht aus dem Auge. Nun stellt Ihr die Kerze so hin, da sie mir ins
Gesicht leuchtet, begebt Euch bis ans Ende das Zimmers und verschrnkt die
Arme. Ihr habt Furcht vor mir, auch Ihr! O, ich bin mde, und so kalt.

Ich frchte Euch nicht so sehr, als da Ihr lebtet. Arme Ginevra.

Was sagt Ihr? Warum bleibt Ihr also dort hinten? Alles flieht mich, weil
ich gestorben bin. Kann ich dafr, da ich wiederkehre? Ich habe es nicht
gewollt. Wer das gedacht htte, frher in den wimmelnden Gassen, im lauen
Gedrnge der Kirchen, da Menschennhe so kostbar werden wrde!

Wollt Ihr mir die Hand reichen, Madonna Ginevra?

Eure Hand ist warm, Verzeiht: Ihr seid gut, da Ihr mich zu Euch einliet.
Drauen war es schlimm. Wie geht es zu, da Eltern und Gatte mich
fortschicken, Ihr aber, Messer Raniero, ffnet der Toten, die Euch doch
nichts erwidern kann. Ich habe nie gehrt, da jemand umsonst gibt. Was
wollt Ihr?

Ich will, Madonna Ginevra, da Ihr Euch in meinen Stuhl setzt, so, und da
Eure Blicke alle diese Dinge neu und wohlttig machen. Vielleicht wird sich
leichter leben lassen zwischen den Wnden, die Eure Stimme vernommen haben?
Und dann . . .

Warum sprecht Ihr zitternd und werdet so bla?

Und dann lat es Euch wohl sein im Frieden und kehrt nicht mehr wieder.
Denn lieber will ich Euch missen, als da Ihr um meinetwillen dieselbe
Strafe erdulden solltet, wie im Pinienwald bei Ravenna jener nackte und
immer gehetzte Geist, der einst eine gegen Liebe grausame Frau war.

Das sind Lgen von Messer Giovanni Boccaccio, Ihr mt ihm nicht glauben.
Was wit Ihr, ob denen, die wiederkehren, hier nicht doch wohler ist als
drunten, Ihr habt mich ein wenig erwrmt. Dort ist's nicht gut sein. Mich
schaudert; ich will nicht wieder hinab.

Ihr wolltet lieber bei mir bleiben? Madonna Ginevra?

Wer hat das gesagt, Messer Raniero? Nur da Ihr den Dichtern nicht alles
glauben mt, sagte ich. Aber Ihr seid selbst einer, und Ihr stecktet mir
im Hof der heiligsten Annunziata, whrend Messer Fausto einen unverschmten
Bettler schalt, Verse in die Hand. Warum seid Ihr nicht eifriger im
Geschft?

Ihr habt recht, denn die Verse waren schlecht.

Sie waren lgenhaft. Ihr schriebt darin von einer Sklavin, die Euch sehr
teuer sei, und die Ihr dennoch um meinetwillen verstoet, und die darum
zugrunde gehe. Was fr Lgen, Messer Raniero! Erstens, woher solltet Ihr
eine Sklavin haben? Ihr seid der Sohn Messers Guido, der zum Handwerk der
Wolle gehrte. Httet Ihr noch eine Geliebte gehabt, die Frau eines Nobile,
und sie, mir zu gefallen, verlassen!

Was wit Ihr, Madonna Ginevra, frage nun ich. Was knnt Ihr wissen. Hrt
mich an: ich habe Euretwegen so Groes verlassen und verloren, da niemand
Grers ertrumen kann. Bevor ich Euch erblickte, waren mir Taten sicher,
die von Harnischen glnzten, und bemerkte ich in mir, wenn ich lauschte,
das Quellen wundervoller Worte. Keine Frau hatte sich mir verweigert, kein
Reich mir widerstanden; ich war ein nie besiegter Snger und ein Held, dem
nichts verboten dnkte . . . Das alles endete, als Ihr mir erschient, in
Kleinmut. Ihr waret endlich die, die meine Trume bertraf, vor der ich
sie, wie meine arme Magd, verstecken und vertreiben mute. Ihr schicktet
mir das Fieber einer Begierde, so bermchtig, da ich mich davor
frchtete, sie zu stillen. Ich fhlte mich von einem Fluch geschlagen, lag
keuchend da und verwnschte Gott, weil Ihr am Leben waret! Das, Madonna
Ginevra, ist Liebe! In mir war's bervoll von vielem, das Euch
entgegenschlug, wie ein Herz, das von einer Armbrust flge, wie ein
Bltenzweig, den eine Hand niedergebeugt htte und pltzlich schnellen
liee; -- aber ich war stumm. Und die heiesten Taten, die in mir
geschahen, regten drauen, jenseits meiner Brust, nicht einmal so viel
Staub auf, wie ein Hund, der ber die Strae luft. Manchmal trieb ich ein
verzweifeltes Spiel, mir selbst zum Hohn, und stellte mich tchtig. So
forderte ich Euren Mann zum Kampf -- und lie ihn unversehrt. Denn als ich
ihm gegenberstand, vernichteten mich Zweifel: wer bin ich, und wie darf es
mir einfallen, an Dinge Eures Lebens zu rhren. Wie kann ich gegen Euren
Willen Euren Mann tten. Wie Euch meinen eigenen Tod zumuten, diese
lcherliche Beleidigung! Mu nur einer Eurer Atemzge langsamer oder
schneller gehn, weil ich Euch liebe? Ich kam mir tot vor, hrt Ihr's? ich,
und wie ein kraftloser Schatten. In Schattenspielen raubte ich Euch,
durchjagte mit Euch die Welt, ttete, wessen Atem Euch nur anwehte. Seht
Ihr den Boden dieses Zimmers etwa voll Blut? Und doch habe ich hier in
mancher Nacht gewtet, bis ich selbst, voll Wunden und rchelnd,
dahinsank!

Und so, Messer Raniero, habe auch ich ganz in irren Trnen abendelang die
groe Puppe geherzt, die ein von Euch empfangenes Lebendiges sein sollte,
habe mich gestrubt und Euch in Sehnsucht gehat, bis Messer Fausto mir das
Gesicht aus einem Kissen ri und mich schlug. So haben wir dasselbe Leben
gefhrt, Messer Raniero. Ich hre Euch zu mit einer Freude, die mich
zerreit. Ihr seid gewi noch schlimmer daran gewesen als ich selbst? Ich
whnte, Euch fechte nichts an, und ihr seiet nur dazu eingesetzt, mich zu
verderben. Und ich habe unsern Herrn gelstert, weil er mir, nur mir die
Liebe auferlegt hatte, fr jetzt und ewig; und habe zu meiner Strafe Euch
nochmals wiedersehen mssen, als arme Tote. Aber, nicht wahr, auch im Leben
habt Ihr es recht schlecht, und nicht ich, die schon starb, bin die
Unglcklichere? Sagt mir das! Da Ihr sehr leidet! Mehr als ich! Dann will
ich Barmherzigkeit an Euch ben und Euch lieb haben!

Es ist schn, mit Euch zu leiden, o Ginevra!

Ist mir das Leiden noch erlaubt? Einer Toten? Dann gebt es mir! O, Ihr
gebt es mir! Oder ist es Lust? Ich wei nicht mehr; ich bin eine irrende
Seele.

Ihr lebt, Ginevra! Nun die Sonne sich nhert, kann ich es erkennen. Ihr
waret ein Schatten, jetzt aber seid Ihr dabei, erweckt zu werden. Ich wei
nicht, wer Euch erweckt.

Die Liebe, Raniero, erweckt mich.

Ihr tragt, Ginevra, auf Euren Wangen, die sich rten, den Abglanz des
Ortes, woher Ihr zurckkehrt. Wie Ihr strahlt! Erzhlt doch, was Euch dort
geschah!

Seine Stimme kam von jenseits eines Feuers, das irgendwie so kstlich
schien, da das Herz darin zu baden wnschte; und er befahl mir,
zurckzukehren und sie auf mich zu nehmen, die Liebe. Und sein Urteil klang
wie Verheiung, und sang und harfte. Ich sehe das, Raniero! Gleichzeitig
sehe ich den Himmel und meinen Geliebten!

Nun fhle ich euer Herz schlagen, Ginevra, und Euren warmen Atem und
. . . auch das Fleisch Eurer Lippen haben meine gefhlt. Ginevra! So ist es
Leben und grenzenlose Erfllung und soll nicht mehr schwinden? Ihr werdet
immer in diesem Hause bleiben, kein Mensch wird wissen, da Ihr auf Erden
seid.

Nein, alle sollen mich sehen, und wenn wir zur Kirche gehen, mich lstern
und verdammen! Ich trage alles, so will es die Liebe. Ich werde Euch
dienen, und Ihr knnt mich vertreiben, wenn Ihr meiner satt seid, wie Eure
Sklavin.

Hrt doch, Ginevra, den klingenden Osterhimmel!

Mich tten, wie Eure Sklavin.

Vernehmt Ihr meine Stimme, Ginevra? O, lehnt nicht Euren Nacken in Eure
verschrnkten Hnde und haltet nicht Euer goldig berflossenes Gesicht den
berirdischen hin! Seid nicht mit Ihnen, seid mit mir! Ich ngstige mich!

Ich wei jetzt, warum er wiederkehrte, und ich folge ihm nach. Es ist
schwer und doch selig. Wir kommen wieder, um uns noch einmal kreuzigen zu
lassen; und kmen immer wieder, so oft die schwere und se Liebe es will.

Ihr sinkt um! Ginevra, was ist Euch! Barmherzigkeit! Ihr verspracht sie
mir! Euer Herz steht still. Waren denn, die ich fhlte, seine ersten und
letzten Schlge? Seid Ihr nur gekommen, damit Ihr mich durch Fortgehen noch
elender machen knntet? Htet Euch, Madonna Ginevra! . . . Wie denn? Ich
war von Sinnen, als ich soeben an ihr zweifelte. Ich wute wohl, da sie in
Tod zurckfallen werde. Sie ist mein, weil sie tot ist. Im Leben war sie
meine groe Qual, aber ich bin der, dem ihr Schatten hold ist. Sie wird
wiederkehren, sich mir jede Nacht aufs neue beleben. Ich will sie nun
zurcktragen, bis zur Nacht; und will ganz frohen Mutes sein. Auf der
Strae sind Kirchgnger, im leuchtenden, jauchzenden Ostermorgen. Ihr
Mdchen, die ihr zum Dom geht! Ihr habt den gleichen Weg wie eine Frau, die
in diesem Hause wartet. Sie ist geschmckt, wie ihr; und wie glcklich
immer ihr sein mgt, ihr habt euch ihrer nicht zu schmen. Kommt herein und
nehmt sie mit!




Doppelte Heimat von Heinrich Mann.


Man kann in einem Lande geboren werden, sich dieser Luft verbunden fhlen
wie der Baum im Garten, zwischen sich und den Menschen umher keinen
Unterschied machen: und allmhlich steigen dennoch Zeichen herauf, da man
anders ist als die meisten; da die Sprache, mit der man aufwuchs, noch
nicht die ist, in der man sein Leben lang sich ausdrcken soll; da hinter
diesem Land eine zweite Heimat wartet.

Die Knaben Carlos und Nicols[1] sind Argentinier, ihr junges Leben hat
argentinischen Inhalt und argentinisches Tempo. Mit ihren Eltern und einem
Gesinde von Gauchos, Neapolitanern, Deutschen und Mulatten bewohnen sie ein
Landgut in der Pampa. Die unabsehbare Ebene gehrt ihnen und ihren Ponys.
Sechsjhrig, klettern sie aufs Pferd, galoppieren, fallen, werden
geschleift und fangen von vorn an, ohne von Gefahr zu wissen. Sie setzen
ihr Vertrauen in Erde und Getier. Sie fangen Beutelratten, junge Straue,
Kropfeidechsen, Rehe, und erfllen die Salons mit Stallgeruch. In den
Smpfen hat ein Tiger gebrllt, und sie ruhen nicht, bis sie mit in das
lecke Boot drfen, worin ein Tartarin sich auf die Jagd macht. Immer in
Bewegung, trumen sie selten, sehnen sich selten. Ihre Phantasie greift
gerade so rasch zu wie ihre Hnde. Sie sehen auf dem Flu ein Dampfschiff
vorbeifahren, und der ltere nimmt es sich, um es fr ein Fangseil dem
jngeren zu schenken. Einmal im Zuge, schenkt er Land und Herden dazu,
soviel der Bruder mag. Alles, fllt ihm ein, hat er erobert. Stolz auf
seine Taten, besteigt er sein Pferd und reitet, hoch aufgerichtet, die
eingetauschten Riemen ber seinem Haupte schwingend, davon.

Nur da ihm, mit der Besinnung, ein Gefhl kommt, das seine kleinen
Landsleute kaum berhrt htte: Reue. Eine der frhesten Regungen ist's des
anderen, das die Knaben in sich tragen, des unter diesem Himmel fremden
Keimes. Und eines Tages stellt, nach unheimlicher Erwartung, der sich ein,
der diesen Keim in ihnen pflegen soll: der deutsche Hauslehrer. Seine
Mittel sind Musik und Milde, Pedanterie und Wohlanstndigkeit. Er
verlangsamt ihr Tempo: nicht nur, wenn er zu Fu zwischen ihren Ponys geht,
auch indem er ihre Phantasie am Zgel hlt. Ihr unbefangenes Verhltnis zur
Welt umgarnt er mit Bedenken. Erfinden, Lgen, das ganz natrlich war, ist
auf einmal zum schlimmsten Laster geworden und betrbt den Lehrer tdlich.
Er hat Furcht, und sie mssen sich hten; er hat einen schlechten Magen,
und sie mssen Dit halten. Er ist der Schwchere; und eigentlich aus
Generositt willigen sie ein, gute Deutsche zu werden. Selbstberwindung
ist ntig; denn die Fremden werden herzlich verachtet, und man macht sich
lcherlich, wenn man mit Botanisiertrommel, Apotheke und Feldflaschen auf
Mrsche auszieht. Manchmal lassen sie den Lehrer fhlen, wie viel sie vor
ihm voraus haben, und da sie auf ihrem Grund und Boden sind. In eine der
elegantesten Straen von Buenos Aires mndet eine sehr kotige, und ein
totes Pferd mit gedunsenem Bauch liegt darin. Dem Lehrer, der sich die Nase
zuhlt, versetzt Carlos Schrecken dadurch, da er sich nach einem
Ziegelstein bckt. Den Gestank des Pferdes, wenn es durch einen Wurf zum
Platzen gebracht sein wird, kann sich dieser Fremde gewi nicht vorstellen!

Aber es kommen ihnen, spielt er Klavier, so weiche Gedanken. Und als ein
alter General, eine gutromantische Mischung aus Eleganz, Burleske und
Grausamkeit, sie zu einem Streich gegen den Lehrer aufstacheln mchte, da
knnen sie ihn nicht tun; und sie schmen sich vor dem General und schmen
sich, da sie niemals gute Argentinier werden knnen. Der unter diesem
Himmel fremde Keim geht mchtig in ihnen auf. Ein verwundetes Pferd, das
nicht sterben kann, strzt sie in Aufregungen des Mitleids, des Dranges,
seine Qual zu enden, und der Unfhigkeit, das erlsende Beil fallen zu
lassen. Wie Carlos einst von einem Pfirsichbaum mehr Frchte it, als der
Lehrer erlaubt hat, entsteht eine Tragdie des schlechten Gewissens.

Die Starknervigkeit und die Unbefangenheit ist gebrochen. Carlos und
Nicols sind reif, bers Meer nach ihrer anderen Heimat zu fahren. Sie
werden immer behutsamer empfinden; moderne Ideen werden sie gefangen
nehmen. So sehr sie anfangs sich in Freiheit zurckgesehnt haben, bald
wrden sie die kleinen, wilden Pferde dort drben nicht mehr besteigen, mit
den Menschen wohl noch sprachlich, aber kaum mehr seelisch sich
verstndigen knnen. Mit Mhe werden sie die Brcke suchen zu so fremden
und erstaunlichen Erinnerungen wie das Erdbeben in jener sonderbaren
kleinen Gebirgsstadt mit ihren trgen, verkommenen Bewohnern, oder die
Revolution in der Hauptstadt, als sie des Nachts einem in ihr Haus
geflchteten Polizisten die Knpfe abschnitten, damit er nicht erkannt und
von den Dchern herab erschossen werde.

Anders als die hier Landlufigen erhlt einen solche Vergangenheit immer.
Carlos und Nicols werden schlagfertiger und mit fremdem Akzent sprechen,
bildlicher denken, bunter leben -- und schreibt einer von ihnen ein Buch,
wird er seine deutschen Gedanken und Stimmungen in romanische Knappheit
fassen. Er wird dem Ahnungsvollen der einen Rasse das klar Sinnliche der
anderen verbinden, Groteske und Humor, Phantasie und Seele haben, und wird
ein kleines, sehr unterhaltendes, sehr reizvolles, durch ein ungewhnliches
Schicksal und seinen eigentmlichen Ausdruck bemerkenswertes Buch
hervorbringen.

[Footnote 1: Rudolf Schmied: Carlos & Nicols. Kinderjahre in Argentinien.
Mnchen 1906. R. Piper & Co. Inhalt: Die Boleadoras. Der Chinese. Das
Brderchen. Die Tigerjagd. Herr Dr. Brstenfeger. Ein Tag mit Herrn Dr.
Brstenfeger. Die Reise nach Mendoza. Die Stadt Mendoza. In den
Cordilleren. Nach Paraguay. Die Revolution. 3. Tausend. Geh. 2 Mark, geb. 3
Mark.]

               Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig.





End of the Project Gutenberg EBook of Mnais und Ginevra, by Heinrich Mann

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