The Project Gutenberg EBook of Das grne Gesicht, by Gustav Meyrink

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Title: Das grne Gesicht
       Ein Roman

Author: Gustav Meyrink

Release Date: June 11, 2014 [EBook #45936]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS GRNE GESICHT ***




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                    Das grne Gesicht


                       Ein Roman
                         von
                     Gustav Meyrink







              Erstes bis dreiigstes Tausend

                        Leipzig
                   Kurt Wolff Verlag
                         1917




       Copyright 1916 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig

      Alle Rechte, insbesondere das der bersetzung,
                       vorbehalten







Erstes Kapitel


   =Vexiersaloon=
   van
   Chidher Grn

las der vornehm gekleidete Fremde, der auf dem Fusteig der Jodenbreestraat
unschlssig stehen geblieben war, auf der schwarzen Ladentafel eines schrg
gegenberliegenden Gebudes eine kuriose Inschrift aus weien, auffallend
verschnrkelten Buchstaben.

Neugierig geworden, oder um der Menge nicht lnger als Zielscheibe zu
dienen, die ihn in hollndisch brenhafter Plumpheit umdrngte und ihre
Glossen ber seinen Gehrock, seinen blanken Zylinder und seine Handschuhe
machte, -- lauter Dinge, die in diesem Stadtteil Amsterdams zu den
Seltenheiten gehrten, -- berquerte er zwischen hundebespannten
Gemsekarren hindurch den Fahrdamm, gefolgt von ein paar Gassenbuben, die,
die Hnde tief in die unfrmlich weiten, blauen Leinwandhosen vergraben,
mit krummem Rcken, eingezogenem Bauch und gesenktem Hintern, dnne
Gipspfeifen durch die roten Halstcherknoten gesteckt, sich in schlurrenden
Holzschuhen faul und schweigsam hinter ihm dreinschoben.

Das Haus, in dem der Laden des Chidher Grn in einen grtelartig rings
herumlaufenden, rechts und links bis in zwei parallele Quergchen sich
hineinziehenden schmalen Glasvorbau mndete, schien, nach den trben
leblosen Fensterscheiben zu schlieen, ein Warenspeicher zu sein, dessen
Rckseite vermutlich in eine sogenannte Gracht abfiel -- eine der
zahlreichen, fr den Handelsverkehr bestimmten Wasserstraen.

In niedriger Wrfelform aufgefhrt, glich es dem oberen Teil eines dunkeln
viereckigen Turmes, der im Lauf der Jahre allmhlich bis zum Rande seiner
steinernen Halskrause -- des jetzigen Glasvorbaues -- in der weichen
Torferde versunken war.

Mitten im Schaufenster des Ladens lag auf einem mit rotem Tuch bespannten
Sockel ein dunkelgelber Totenkopf aus Papiermach von unnatrlichem
Aussehen, -- der Oberkiefer unter der Nasenffnung viel zu lang und die
Augenhhlen und Schatten um die Schlfen schwarz getuscht, -- und hielt
zwischen den Zhnen ein Pique-As.

Het Delpsche Orakel, of de stemm uit het Geesteryk, stand darber
geschrieben.

Groe Messingringe, ineinandergreifend wie Kettenglieder, hingen von der
Decke herab und trugen Girlanden grellbemalter Ansichtskarten, die
warzenberste Gesichter von Schwiegermttern mit Vorhngeschlssern an den
Lippen darstellten oder bsartige, mit Besen drohende Ehegattinnen; andere
Bildchen dazwischen in transparenten Farben: ppige junge Damen im Hemde,
den Brustlatz schamhaft festhaltend, und darunter die Erklrung: Tegen het
licht te bekijken. Voor Gourmands.

Verbrecherhandschellen, als die berhmte Hamburger Acht bezeichnet,
daneben gyptische Traumbcher in Reihen ausgebreitet, knstliche Wanzen
und Schwaben (ins Bierglas des Wirtshausnachbars zu werfen), bewegliche
Nasenflgel aus Gummi, retortenfrmige Glasflaschen mit rtlichem Saft
gefllt: das kstliche Liebesthermometer oder der unwiderstehliche Schker
in Damengesellschaft, Wrfelbecher, Schsseln mit Blechgeld, der
Coupschrecken (ein unfehlbares Mittel fr die p. p. Herren
Handlungsreisenden, whrend der Eisenbahnfahrt dauernde Bekanntschaften
anzuknpfen), bestehend aus einem Wolfsgebi, das man unter dem Schnurrbart
befestigen konnte, -- und ber all der Pracht reckte sich aus
stumpfschwarzem Hintergrund segnend eine Wachsdamenhand, um das Gelenk eine
papierne Spitzenmanschette.

Weniger aus Kauflust, als um der Fischgeruchaura seiner beiden jugendlichen
Begleiter zu entrinnen, betrat der Fremde den Laden.

In einem Lehnstuhl in der Ecke, den linken Fu mit dem arabeskenverzierten
Lackschuh ber den Schenkel gelegt, studierte ein dunkelhutiger Kavalier,
violett rasiert und mit fettglnzendem Scheitel -- der Typus eines
Balkangesichtes -- die Zeitung und blitzte einen messerscharfen, musternden
Blick nach ihm, whrend gleichzeitig eine Art Waggonfenster in dem
mannshohen Verschlag, der den Raum fr die Kunden von dem Innern des
Geschftes trennte, prasselnd herabgelassen wurde und in der ffnung die
Bste eines dekolletierten Fruleins mit hellblauen verfhrerischen Augen
und blonder Pagenfrisur erschien.

Im Handumdrehen hatte sie an der Aussprache und dem stockenden Hollndisch:
Kaufen, gleichgltig was, irgend etwas, erkannt, da sie einen Landsmann,
einen sterreicher, vor sich habe, und begann ihre Erklrung eines
Zauberkunststckes an drei rasch ergriffenen Korkpfropfen in deutscher
Sprache, wobei sie den ganzen Charme wohlgebter Weiblichkeit in allen
Schattierungen spielen lie, vom Stechen mit den Brsten nach dem
mnnlichen Gegenber angefangen, bis zum fast telepathisch-diskreten
Hautduftausstrahlen, das sie durch gelegentliches Achsellften noch
wirksamer zu gestalten verstand.

Sie sehen hier drei Stpsel, mein Herr, nicht wahr? Ich lege den ersten in
meine rechte Hand; hierauf den zweiten, und schliee die Hand. So. Den
dritten stecke ich -- sie lchelte errtend -- in die Tasche. Wieviel
habe ich in der Hand?

Zwei.

Nein, drei.

Es stimmte.

Dieses Kunststck heit: die fliegenden Korke und kostet nur zwei Gulden,
mein Herr.

Schn; bitte, zeigen Sie mir den Trick!

Wenn ich vorher um das Geld bitten darf, mein Herr? Es ist
Geschftsusance.

Der Fremde legte zwei Gulden hin, bekam eine Wiederholung des Experimentes
zu sehen, das lediglich auf Fingerfertigkeit beruhte, mehrere neuerliche
Wellen weiblichen Hautgeruches und schlielich vier Korkstpsel, die er
voll Bewunderung fr die kaufmnnische Umsicht der Firma Chidher Grn und
mit der festen berzeugung, das Zauberkunststck niemals nachmachen zu
knnen, einsteckte.

Sie sehen hier drei eiserne Gardinenringe, mein Herr, begann die junge
Dame abermals, ich lege den ersten -- -- da wurde ihr Vortrag durch
lautes Johlen, gemischt mit schrillen Pfiffen, von der Gasse her
unterbrochen und gleichzeitig die Ladentr heftig aufgerissen und klirrend
wieder ins Schlo geworfen.

Erschreckt drehte sich der Fremde um und erblickte eine Gestalt, deren
wundersamer Aufzug sein hchstes Erstaunen erweckte.

Es war ein riesenhafter Zulukaffer mit schwarzem, krausem Bart und
wulstigen Lippen, nur mit einem karrierten Regenmantel bekleidet, einen
roten Ring um den Hals und das von Hammeltalg triefende Haar kunstvoll in
die Hhe gebrstet, so da es aussah, als trge er eine Schssel aus
Ebenholz auf dem Kopfe.

In der Hand hielt er einen Speer.

Sofort sprang das Balkangesicht aus dem Lehnstuhl, machte dem Wilden eine
tiefe Verbeugung, nahm ihm dienstbeflissen die Lanze ab, stellte sie in
einen Regenschirmstnder, und ntigte ihn, mit verbindlicher Handbewegung
einen Vorhang zur Seite ziehend, unter hflichem: als 't u belieft,
Mijnheer; hoe gaat het, Mijnheer?, in ein Nebengemach einzutreten.

Bitt' schn, vielleicht auch weiter zu kommen, wendete sich die junge
Dame wieder an den Fremden und ffnete ihren Verschlag, und ein wenig
Platz zu nehmen, bis sich die Menge beruhigt hat; dann eilte sie zur
Glastr, die abermals aufgeklinkt worden war, stie einen vierschrtigen
Kerl, der breitbeinig auf der Schwelle stand und im Bogen hereinspuckte,
mit einer Flut von Verwnschungen: stik, verrek, god verdomme, fall dood,
stek de moord zurck und schob den Riegel vor.

Das Innere des Ladens, das der Fremde inzwischen betreten hatte, bestand
aus einem durch Schrnke und trkische Portiren abgeteilten Raum mit
mehreren Sesseln und Taburetts in den Ecken, sowie einem runden Tisch in
der Mitte, an dem zwei behbige alte Herren, anscheinend Hamburger oder
hollndische Kaufleute, mit gespanntester Aufmerksamkeit beim Lichte einer
elektrisch montierten Moschee-Ampel in Guckksten -- kleine
kinematographische Apparate, wie das Surren verriet -- stierten.

Durch einen dunkeln, aus Warenstellagen gebildeten Gang konnte man in ein
kleines Bureau mit auf die Seitengasse mndenden Milchglasfenstern
hineinblicken, in dem ein prophetenhaft aussehender alter Jude im Kaftan,
mit langem weiem Bart und Schlfenlocken, ein rundes seidenes Kppi auf
dem Haupte und das Gesicht im Schatten unsichtbar, regungslos vor einem
Pulte stand und Eintragungen in ein Hauptbuch machte.

Sagen Sie, Frulein, was war das vorhin fr ein merkwrdiger Neger?
fragte der Fremde, als die Verkuferin wieder zu ihm trat und die
Vorstellung mit den drei Gardinenringen fortsetzen wollte.

Der? Oh, das ist ein gewisser Mister Usibepu. Er ist eine Attraktion und
gehrt zu der Zulutruppe, die im Zirkus Carr auftritt. -- Ein sehr ein
fescher Herr, setzte sie mit leuchtenden Augen hinzu. Er ist in seiner
Heimat medicinae doctor -- -- --

Ja, ja, Medizinmann, -- ich verstehe.

Ja, Medizinmann. Und da lernt er bei uns bessere Sachen, um, wenn er
wieder heimkommt, seinen Landsleuten gehrig imponieren zu knnen und sich
gelegentlich auf den Thron zu schwingen. -- Der Herr Professor des
Pneumatismus, Herr Zitter Arpd aus Preburg, unterrichtet ihn grad, --
sie hielt mit den Fingern einen Schlitz im Vorhang auseinander und lie den
Fremden in ein mit Whistkarten austapeziertes Kabinett schauen.

Zwei Dolche kreuzweis durch die Gurgel gestochen, so da die Spitzen hinten
herausragten, und ein blutbeflecktes Beil tief in einer klaffenden
Schdelwunde stecken, verschluckte das Balkangesicht soeben ein Hhnerei
und zog es dem Zulukaffern, der abgelegt hatte und sprachlos vor Staunen,
nur mit einem Leopardenfell bekleidet, vor ihm stand, aus dem Ohr wieder
heraus.

Gern htte der Fremde noch mehr gesehen, aber die junge Dame lie rasch die
Portire fallen, da ihr der Herr Professor einen verweisenden Blick zuwarf
und ein schrilles Klingeln sie berdies ans Telephon rief.

Seltsam bunt wird das Leben, wenn man sich Mhe gibt, es in der Nhe zu
betrachten, und den sogenannten wichtigen Dingen den Rcken kehrt, die
einem nur Leid und Verdru bringen, dachte der Fremde, nahm von einem
Bord, auf dem allerhand billiges Spielzeug lag, eine kleine offene
Schachtel herunter und roch zerstreut daran.

Sie war angefllt mit winzigen, geschnitzten Khen und Bumchen, deren Laub
aus grn gebeizter Holzwolle bestand.

Der eigentmliche Duft nach Harz und Farbe nahm ihn einen Augenblick ganz
gefangen. -- Weihnachten! Kinderjahre! Atemloses Warten vor
Schlssellchern; ein wackliger Stuhl mit rotem Rips berzogen, -- ein
lfleck darin. Der Spitz -- Durudeldutt, ja, ja, so hat er geheien --
knurrt unter dem Sofa und beit der beweglichen Schildwache ein Bein ab,
kommt dann, das linke Auge zugekniffen, schwerverstimmt hervorgekrochen:
die Feder des Uhrwerkes ist losgegangen und ihm ins Gesicht gesprungen. --
Die Tannennadeln knistern, und die brennenden roten Kerzen am Christbaum
haben lange Tropfbrte. --

Nichts vermag die Vergangenheit so schnell wieder jung zu machen, wie der
Lackgeruch von Nrnberger Spielzeug, -- der Fremde schttelte den Bann ab,
es wchst nichts Gutes aus der Erinnerung: erst lt sich alles s an,
dann hat das Leben eines Tages pltzlich ein Oberlehrergesicht, um einen
schlielich mit blutrnstiger Teufelsfratze -- -- -- nein, nein, ich will
nicht! -- er wandte sich dem drehbaren Bchergestell zu, das neben ihm
stand. Lauter Bnde in Goldschnitt? -- Kopfschttelnd buchstabierte er
die wundersamen, ganz und gar nicht zur brigen Umgebung passenden,
gekerbten Rckentitel: Leidinger, G., Geschichte des akademischen
Gesangvereins Bonn, Aken, Fr., Grundri der Lehre vom Tempus und Modus im
Griechischen, Neunauge, K. W., Die Heilung der Hmorrhoiden im
klassischen Altertum? -- nun, Politik scheint, Gott sei Dank, nicht
vertreten zu sein -- und er nahm: Aalke Pott, ber den Lebertran und
seine steigende Beliebtheit, 3. Band vor und bltterte darin.

Der miserable Druck und das elende Papier standen in verblffendem
Gegensatz zu dem kostbaren Einband.

Sollte ich mich geirrt haben? Handelt es sich vielleicht gar nicht um eine
Hymne auf ranziges l? -- der Fremde schlug die erste Seite auf und las
erheitert:

   Sodom- und Gomorrhabibliothek
   Ein Sammelwerk fr Hagestolze.
   (Jubilumsausgabe.)

   Bekenntnisse eines lasterhaften
   Schulmdchens.

   [Fortsetzung des berhmten Werkes: Die Purpurschnecke.]

Wahrhaftig, man glaubt die 'Grundlage des zwanzigsten Jahrhunderts' vor
sich zu haben: auen brummliges Gelehrtengetue und innen -- der Schrei nach
Geld oder Weibern, brummte er vergngt und lachte dann laut hinaus.

Nervs fuhr der eine der beiden wohlbeleibten Handelsherren von seinem
Guckkasten empor (der andere, der Hollnder, lie sich nicht stren),
murmelte verlegen etwas von wunnerschoenen Sstdteansichten und wollte
sich schnell entfernen, nach Krften bestrebt, seinem durch den
berstandenen optischen Genu ein wenig ins Schweinskopfartige zerflossenen
Gesichtsausdruck wieder das altgewohnte Geprge des unentwegt auf
geradlinig strenge Lebensauffassung gerichteten Edelkaufmanns zu verleihen,
da leistete sich der satanische Versucher aller Schlichtgesinnten in
Gestalt eines hmischen Zufalls, aber fraglos in der Absicht, die Seele des
Biedermanns nicht lnger im Unklaren zu lassen, in welch frivoler Umgebung
sie sich befand, einen hchst unziemlichen Scherz:

Durch eine allzueilige Flatterbewegung beim Anziehen des Mantels hatte der
Handelsherr mit dem rmel das Pendel einer groen Wanduhr in Bewegung
gesetzt, und sofort fiel eine mit trauten Familienszenen bemalte Klappe
herunter; nur erschien statt des zu erwartenden Kuckucks der wchserne Kopf
nebst sprlich bekleidetem Oberleib einer ber die Maen frechblickenden
Frauensperson und sang zum feierlichen Glockenklang der zwlften Stunde mit
verschleimter Stimme:

   Tischlah sejen
   ganz verwejen,
   hobeln flott drauf los;
   fein und glatt
   wird das Blatt -- -- --

Blatt, Blatt, Blatt -- ging es pltzlich, sich rhythmisch wiederholend,
in einen krchzenden Ba ber. Entweder hatte der Teufel ein Einsehen oder
war ein Haar ins Grammophongetriebe geraten.

Nicht lnger gesonnen, neckischen Kobolden zum Opfer zu fallen, suchte der
Chef der Meere mit emprt gequktem aarch anstich fluchtartig das
Weite.

Obschon mit der Sittenreinheit nordischer Vlkerstmme wohl vertraut,
konnte sich der Fremde dennoch die bermige Verwirrung des alten Herrn
nicht recht erklren, bis ihm langsam der Verdacht dmmerte, er msse ihn
irgendwo kennen gelernt haben, -- ihm wahrscheinlich in einer Gesellschaft
vorgestellt worden sein. Ein schnell vorbergehendes, damit verknpftes
Erinnerungsbild: eine ltere Dame mit feinen traurigen Zgen und ein
schnes junges Mdchen, bestrkte ihn in seiner Annahme, nur konnte er sich
des Ortes und der Namen nicht mehr entsinnen.

Auch das Gesicht des Hollnders, der soeben aufstand, ihn mit kalten,
wasserblauen Augen verchtlich von oben bis unten abschtzte und sich dann
trge hinauswlzte, half seinem Gedchtnis nicht nach. Es war ein ihm
vllig Unbekannter von brutalem, selbstbewutem Aussehen.

Immer noch telephonierte die Verkuferin.

Nach ihren Antworten zu schlieen, handelte es sich um groe Auftrge fr
einen Polterabend.

Eigentlich knnte ich auch gehen, berlegte der Fremde; worauf warte ich
denn noch?

Ein Gefhl der Abspannung berfiel ihn; er ghnte und lie sich in einen
Sessel fallen.

Da einem nicht der Kopf zerspringt, oder man sonstwie berschnappt,
schlte sich ein Gedanke in seinem Hirn los, bei all dem verrckten Zeug,
das das Schicksal um einen herumstellt! Es ist ein Wunder! -- Und warum man
im Magen belkeit empfindet, wenn die Augen hliche Dinge
hineinschlingen?! Was hat denn, um Gottes willen, die Verdauung damit zu
tun! -- Nein, mit der Hlichkeit hngt's nicht zusammen grbelte er
weiter, auch bei lngerem Verweilen in Gemldegalerien packt einen
unvermutet der Brechreiz. Es mu so etwas wie eine Museumskrankheit geben,
von der die rzte noch nichts wissen. -- Oder sollte es das Tote sein, das
von allen Dingen, ob schn oder hlich, ausgeht, die der Mensch gemacht
hat? Ich wte nicht, da mir schon einmal beim Anblick selbst der desten
Gegend bel geworden wre, -- also wird es wohl so sein. -- Ein Geschmack
nach Konservenbchsen haftet allem an, das den Namen Gegenstand trgt;
man kriegt den Skorbut davon. -- Er mute unwillkrlich lcheln, da ihm
eine barocke uerung seines Freundes Baron Pfeill, der ihn fr Nachmittag
ins Caf De vergulde Turk bestellt hatte und alles, was mit
perspektivischer Malerei zusammenhing, aus tiefster Seele hate, einfiel:
'der Sndenfall hat gar nicht mit dem Apfelessen begonnen; das ist wster
Aberglaube. Mit dem Bilderaufhngen in Wohnungen hat's angefangen! Kaum hat
einem der Maurer die vier Wnde schn glatt gemacht, schon kommt der Teufel
als Knstler verkleidet und malt einem Lcher mit Fernblick hinein. Von
da bis zum uersten Heulen und Zhneklappern ist dann nur noch ein Schritt
und man hngt eines Tages in Orden und Frack neben Isidor dem Schnen oder
sonst einem gekrnten Idioten mit Birnenschdel und Botokudenschnauze im
Speisezimmer und schaut sich selber beim Essen zu.' -- -- Ja, ja, man
sollte wirklich bei allem und jedem ein Lachen bereit haben, fuhr der
Fremde in seiner Gedankenreihe fort, so ganz ohne Grund lcheln die
Statuen Buddhas nicht und die der christlichen Heiligen sind
trnenberstrmt. Wenn die Menschen hufiger lcheln wrden, gb's
vermutlich weniger Kriege. -- Da laufe ich nun schon drei Wochen in
Amsterdam herum, merke mir absichtlich keine Straennamen; frage nicht, was
ist das oder jenes fr ein Gebude, wohin fhrt dieses oder jenes Schiff,
oder woher kommt es, lese keine Zeitungen, um nur ja nicht als Neuestes
zu erfahren, was schon vor Jahrtausenden in blau genau so passiert ist; ich
wohne in einem Hause, in dem jede Sache mir fremd ist, bin schon bald der
einzige -- Privatmann, den ich kenne; wenn mir ein Ding vor Augen kommt,
spioniere ich lngst nicht mehr, wozu es dient, -- es dient berhaupt
nicht, lt sich nur bedienen! -- und warum tue ich das alles? Weil ich es
satt habe, den alten Kulturzopf mit zu flechten: erst Frieden, um Kriege
vorzubereiten, dann Krieg, um den Frieden wieder zu gewinnen usf.; weil ich
wie Kasper Hauser eine neue urfremde Erde vor mir sehen will, -- ein neues
Staunen kennen lernen will, wie es ein Sugling an sich erfahren mte, der
ber Nacht zum erwachsenen Manne heranreift, -- weil ich ein Schlupunkt
werden will und nicht ewig ein Komma bleiben. Ich verzichte auf das
geistige Erbe meiner Vorfahren zugunsten des Staates und will lieber
lernen, alte Formen mit neuen Augen zu sehen, statt, wie bisher, neue
Formen mit alten Augen; vielleicht gewinnen sie dann ewige Jugend! -- Der
Anfang, den ich gemacht habe, war gut; nur mu ich noch lernen, ber alles
zu lcheln und nicht blo zu staunen.

Nichts wirkt so einschlfernd wie geflsterte Reden, deren Sinn dem Ohre
unverstndlich bleibt. Die in leisem Ton und groer Hast gefhrten
Gesprche zwischen dem Balkangesicht und dem Zulukaffern hinter dem Vorhang
betubten den Fremden durch ihre hypnotisierend eintnige Unablssigkeit,
so da er einen Moment in tiefen Schlummer fiel.

Als er sich gleich darauf wieder emporri, hatte er die Empfindung, eine
berwltigende Menge innerer Aufschlsse bekommen zu haben; aber nur ein
einziger drrer Satz war als Quintessenz in seinem Bewutsein
zurckgeblieben, -- eine phantastische Verkettung von krzlich erlebten
Eindrcken und fortgesponnenen Gedanken: Schwerer ist es, das ewige
Lcheln zu erringen, als den Totenschdel in den abertausend Grbern der
Erde herauszufinden, den man in einem frheren Leben auf den Schultern
getragen; erst mu der Mensch sich die alten Augen aus dem Kopf weinen,
bevor er die Welt mit neuen Augen lchelnd zu betrachten vermag.

Und wenn es noch so schwer ist, der Totenschdel wird gesucht!, verbi
sich der Fremde hartnckig in die Traumidee, felsenfest berzeugt, da er
vollkommen wach sei, whrend er in Wirklichkeit wieder tief eingenickt war,
ich werde die Dinge schon zwingen, deutsch mit mir zu reden und mir ihren
wahren Sinn zu verraten, und zwar in einem neuen Alphabet, statt mir, wie
frher, mit wichtigtuerischer Miene alten Kram ins Ohr zu raunen, wie:
'Siehe, ich bin ein Medikament und mache dich gesund, wenn du dich
berfressen hast, oder: ich bin ein Genumittel, damit du dich berfressen
und wieder zum Medikament greifen kannst.' -- Hinter den Witz, da sich
alles in den Schwanz beit, wie mein Freund Pfeill sagt, bin ich nachgerade
gekommen, und wenn das Leben keine gescheiteren Lektionen aufzugeben wei,
gehe ich in die Wste, nhre mich von Heuschrecken und kleide mich in
wilden Honig.

_Sie_ wollen in die Wste gehen und die hhere Zauberei lernen, -- nebbich
--, wo Sie noch so dumm sind, einen albernen Trick mit Korkstpseln bar in
Silber zu bezahlen, einen Vexiersalon von der Welt kaum unterscheiden
knnen und nicht einmal ahnen, da in den Bchern des Lebens etwas anderes
steht, als hinten drauf gedruckt ist? -- _Sie_ sollten Grn heien und
nicht ich, hrte der Fremde pltzlich eine tiefe, bebende Stimme auf seine
Reminiszenzen antworten und, als er erstaunt aufblickte, stand der alte
Jude, der Inhaber des Ladens, im Raum und starrte ihn an.

Der Fremde entsetzte sich; ein Gesicht, wie das vor ihm, hatte er noch nie
gesehen.

Es war faltenlos, mit einer schwarzen Binde ber der Stirn, und dennoch
tief gefurcht, so, wie das Meer tiefe Wellen hat und doch nie runzlig ist.
-- Die Augen lagen darin wie finstere Schlnde und waren trotzdem die Augen
eines Menschen und keine Hhlen. Die Farbe der Haut spielte ins Olive und
war wie aus Erz; so, wie es die Geschlechter der Vorzeit, von denen es
heit, sie wren gleich schwarzgrnem Gold gewesen, hnlich gehabt haben
mgen.

Seit der Mond, der Wanderer, am Himmel kreist, sprach der Jude weiter,
bin ich auf der Erde. Ich habe Menschen gesehen, die waren wie Affen und
trugen steinerne Beile in den Hnden; sie kamen und gingen von Holz -- er
zgerte eine Sekunde -- zu Holz, von der Wiege zum Sarg. Wie Affen sind
sie noch immer -- und tragen Beile in den Hnden. Es sind Abwrtsstarrer
und wollen die Unendlichkeit, die im Kleinen verborgen liegt, ergrnden.

Da im Bauch der Wrmer Millionen von winzigen Wesen leben und in diesen
wieder Milliarden, haben sie ergrndet, aber noch immer wissen sie nicht,
da es auf diese Art kein Ende nimmt. Ich bin ein Abwrtsstarrer und ein
Aufwrtsstarrer; das Weinen habe ich vergessen, aber das Lcheln habe ich
noch nicht gelernt. -- Meine Fe sind na gewesen von der Sintflut, aber
ich habe keinen gekannt, der Grund zum Lcheln gehabt htte; mag sein, ich
habe ihn nicht beachtet und bin an ihm vorbergegangen.

Jetzt splt an meine Fe ein Meer von Blut, und da soll einer kommen, der
lcheln darf? Ich glaub's nicht. -- Ich werde wohl warten mssen, bis das
Feuer selbst Wogen wirft.

Der Fremde zog sich den Zylinder ber die Augen, um das schreckliche
Gesicht, das sich immer tiefer in seine Sinne einfra und seinen Atem
stocken machte, nicht lnger zu sehen, und daher bemerkte er nicht, da der
Jude zum Pult zurck ging, die Verkuferin auf den Zehenspitzen an seine
Stelle trat, einen Totenkopf aus Papiermach, hnlich dem in der Auslage,
aus dem Schrank nahm und geruschlos auf ein Taburett stellte.

Als dem Fremden pltzlich der Hut vom Kopf rutschte und zu Boden fiel, hob
sie ihn blitzschnell auf, noch ehe sein Besitzer danach greifen konnte, und
begann gleichzeitig ihren Vortrag:

Sie sehen hier, mein Herr, das sogenannte Delphische Orakel; durch es sind
wir jederzeit in der Lage, einen Blick in die Zukunft zu tun und sogar
Antworten auf Fragen, die in unserm Herzen -- sie schielte aus unbekannten
Grnden in ihren Busenausschnitt -- schlummern, zu erhalten. Ich bitte,
mein Herr, im Geiste eine Frage zu tun!

Ja, ja, schon gut, brummte der Fremde, noch ganz verwirrt.

Sehen Sie, der Schdel bewegt sich bereits!

Langsam ffnete der Totenkopf das Gebi, kaute ein paarmal, spuckte eine
Papierrolle aus, die die junge Dame hurtig auffing und entrollte, und
klapperte dann erleichtert mit den Zhnen; --

   Ob deiner Seele Sehnsucht in
   Erfllung geht? -- Fahr drein
   mit fester Hand und setz' das
   Wollen an der Wnsche Statt!

stand mit roter Tinte -- oder war es Blut? -- auf dem Streifen geschrieben.

Schade, da ich mir nicht gemerkt habe, was es fr eine Frage war, dachte
der Fremde. -- Kostet?

Zwanzig Gulden, mein Herr.

Schn. Bitte --, der Fremde berlegte, ob er den Schdel gleich mitnehmen
solle, -- nein, es geht nicht, man wrde mich auf der Strae fr den
Hamlet halten, sagte er sich, bitte, schicken Sie ihn mir in meine
Wohnung; hier ist das Geld.

Er warf unwillkrlich einen Blick in das Bureau am Fenster, -- mit
verdchtiger Unbeweglichkeit stand der alte Jude vor seinem Pult, als htte
er die ganze Zeit ber nichts als Eintragungen ins Hauptbuch gemacht, --
dann schrieb er auf einen Block, den die Verkuferin ihm hinhielt, seinen
Namen nebst Adresse:

   Fortunat Hauberrisser
   Ingenieur

   Hooigracht Nr. 47

und verlie, noch immer ein wenig betubt, den Vexiersalon.




Zweites Kapitel


Seit Monaten war Holland berschwemmt von Fremden aller Nationen, die, kaum
da der Krieg beendet war und bestndig wachsenden inneren politischen
Kmpfen den Schauplatz abgetreten hatte, ihre alte Heimat verlieen und
teils dauernd Zuflucht in den niederlndischen Stdten suchten, teils sie
als vorbergehenden Aufenthalt whlten, um von dort aus einen klaren
berblick zu gewinnen, auf welchem Fleck Erde sie knftighin ihren Wohnsitz
aufschlagen knnten.

Die billige Prophezeiung, das Ende des europischen Krieges werde einen
Auswandererstrom der rmeren Bevlkerungsschichten aus den am hrtesten
mitgenommenen Gegenden zur Folge haben, hatte grndlich geirrt, und
reichten auch die verfgbaren Schiffe, die nach Brasilien und andern als
fruchtbar geltenden Erdteilen fuhren, nicht hin, die vielen
Zwischendeckspassagiere zu befrdern, so stand doch der Abflu der auf
ihrer Hnde Arbeit Angewiesenen in keinem Verhltnis zur Zahl derer, die
entweder wohlhabend waren und berdrssig, sich ihre Einknfte durch den
immer unertrglicher werdenden Druck der heimischen Steuerschrauben
zusammenpressen zu lassen -- also der sogenannten Unidealen -- oder zur
Zahl derer, die bisher in intellektuellen Berufen ttig gewesen, keine
Mglichkeit mehr vor sich sahen, mit ihrem Verdienst den unerhrt
kostspielig gewordenen Kampf um das auch nur nackte Leben weiter zu fhren.

Hatte schon in den verflossenen Zeiten der Friedensgreuel das Einkommen
eines Schornsteinfegermeisters oder Schweinemetzgers das Gehalt eines
Universittsprofessors weit berstiegen, so war doch jetzt die europische
Menschheit bereits auf dem Glanzpunkt angelangt, wo der alte Fluch im
Schweie deines Angesichts sollst du dein Brot essen buchstblich und
nicht nur im bertragenen Sinne aufgefat werden mute; -- die innerlich
Schwitzenden sahen sich dem Elend preisgegeben und gingen aus Mangel an
Stoffwechsel zugrunde.

Die Muskel des Armes griff nach dem Szepter der Herrschaft, die
Ausscheidungen der menschlichen Denkdrse sanken tglich tiefer im Kurs,
und sa Gott Mammon auch noch auf dem Throne, so war seine Fratze doch
recht unsicher geworden: -- die Menge schmutziger Papierfetzen, die sich um
ihn herum angehuft hatte, verdro seinen Schnheitssinn.

Und die Erde war wst und leer, und es war finster auf der Tiefe, blo der
Geist der Handlungsreisenden konnte nicht, wie frher, auf dem Wasser
schweben.

So war es gekommen, da sich die groe Masse der europischen Intelligenz
auf Wanderschaft befand und von den Hafenstdten der vom Kriege mehr oder
weniger verschont gebliebenen Lnder nach Westen sphte, hnlich dem
Dumling, der auf hohe Bume kletterte, um nach einem Herdfeuer in der
Ferne auszuschauen.

In Amsterdam und Rotterdam waren die alten Hotels bis auf das letzte Zimmer
besetzt, und tglich entstanden neue; ein Mischmasch von Sprachen schwirrte
durch die besseren Straen, und stndlich gingen Extrazge nach dem Haag,
gefllt mit ab- und durchgebrannten Politikern und Politikerinnen aller
Rassen, die beim Dauerfriedenskongre ein immerwhrendes Wort mit
dreinreden wollten, wie man der endgltig entflohenen Kuh am sichersten die
Stalltr verrammeln knnte.

In den feinern Speisehusern und Kakaostuben sa man Kopf an Kopf und
studierte berseeische Zeitungen, -- die binnenlndischen schwelgten noch
immer in den Krmpfen vorgeschriebener Begeisterung ber die herrschenden
Zustnde, -- aber auch in ihnen stand nichts, was nicht auf den alten
Weisheitssatz herausgekommen wre: ich wei, da ich nichts wei, aber
auch das wei ich nicht sicher.

                   *       *       *       *       *

Ist denn Baron Pfeill noch immer nicht hier? Ich warte jetzt schon eine
volle Stunde, fuhr im Caf De vergulde Turk, einem dunkeln, winkligen
und verrucherten Lokal, das versteckt und abseits vom Verkehr in der
Cruysgade lag, eine ltere Dame mit spitzen Gesichtszgen, zerkniffenen
Lippen und fahrigen, farblosen Augen, -- der Typus der gewissen entmannten
Frauen mit dem ewig nassen Haar, die mit dem fnfundvierzigsten Jahre ihren
galligen Rattlern anfangen hnlich zu sehen und mit dem fnfzigsten bereits
selber die geplagte Menschheit anklffen -- wutentbrannt auf den Kellner
los: 'prend. Pe. Wahrhaftig kein Vergngen, in der Spelunke zu sitzen und
sich als Dame von lauter Kerlen anglotzen zu lassen.

Herr Baron Pfeill? -- Wie soll er denn aussehen? Ich kenne ihn nicht,
Myfrouw, fragte der Kellner khl.

'trlich bartlos. Vierzig. Fnfundvierzig. Achtundvierzig. Wei nicht.
Hab' seinen Taufschein nicht gesehen. Gro. Schlank. Scharfe Nase.
Strohhut. Braun.

Der sitzt doch schon lange da drauen, Myfrouw -- der Kellner deutete
gelassen durch die offene Tr auf den kleinen, durch Efeugitter und berute
Oleanderstauden gebildeten Vorraum zwischen Strae und Kaffeehaus.

-- Garnalen, garnalen, drhnte der Brummba eines Krabbenverkufers an
den Fenstern vorber. Banaantjes, banaantjes, quietschte ein Weib
dazwischen.

Pe. Der ist doch blond! Und kurzgeschnittenen Schnurrbart. Zylinder. Pe.
-- Die Dame wurde immer wtender.

Ich meine den Herrn neben ihm, Myfrouw; Sie knnen ihn von hier nicht
sehen.

Wie ein Jochgeier strzte die Dame auf die beiden Herren los und
berschttete den Baron Pfeill, der mit betretener Miene aufstand und
seinen Freund Fortunat Hauberrisser vorstellte, mit einem Hagel von
Vorwrfen, da sie ihn mindestens zwlfmal vergebens angeklingelt und
schlielich in seiner Wohnung aufgesucht habe, ohne ihn anzutreffen, und
das alles blo, -- pe -- weil er natrlich wieder mal nicht zu Hause
gewesen sei. Zu einer Zeit, wo jeder Mensch beide Hnde voll zu tun hat,
um den Frieden zu befestigen, Prsident Taft die ntigen Ratschlge zu
geben, den Heimatsflchtigen zuzureden, wieder an ihre Arbeit zu gehen, die
internationale Prostitution zu unterbinden, dem Mdchenhandel zu steuern,
Gesinnungsschwachen das moralische Rckgrat zu sthlen und -- Sammlungen
von Flaschenstanniol fr die Invaliden aller Vlker einzuleiten, schlo
sie, emprt ihre Pompadour aufreiend und mit einer seidenen Schnur wieder
erdrosselnd, ich dchte, da hat man zu Hause zu bleiben, statt -- statt
Schnaps zu trinken. -- Sie scho einen bsartigen Blick auf die beiden
dnnen Glasrhren, die, gefllt mit einem regenbogenfarbigen Gemisch aus
Likren, auf der marmornen Tischplatte standen.

Frau Consul Germaine Rukstinat interessiert sich nmlich fr --
Wohltterei, erluterte Baron Pfeill seinem Freunde, den Doppelsinn seiner
Worte hinter der Maske scheinbar ungeschickt gewhlter deutscher Ausdrcke
verbergend; sie ist der Geist, der stets bejaht und nur das Gute will --
-- wie Goethe sagt.

Na, wenn sie das nicht merkt! dachte Hauberrisser und blickte scheu nach
der Furie, -- zu seiner berraschung lchelte sie blo besnftigt --
Pfeill hat leider recht, die Menge kennt Goethe nicht nur nicht, sie
verehrt ihn sogar; je falscher man ihn zitiert, desto tiefer fhlen sie
sich in seinen Geist eingedrungen.

Ich finde, Myfrouw, wandte sich Pfeill wieder an die Gndige, man
berschtzt mich in Ihren Kreisen als -- Phila_ntropf_. Mein Vorrat an
Flaschenstanniol, der den Invaliden so mangelt, ist wesentlich geringer,
als es den Anschein hat, und wenn ich auch -- obwohl, ich versichere,
unwissentlich -- einmal in einen Mildherzigkeitsklub hineingetreten bin und
mir infolgedessen der Geruch eines ffentlichen Samaritercharakters
gewissermaen anhaftet, so gebricht es mir leider doch an ausreichend
sthlernem Gesinnungsmark, um der internationalen Prostitution die
Einnahmsquelle zu verstopfen, und ich mchte mich in dieser Hinsicht des
Motto's bedienen: Yoni soit, qui mal y pense. -- Was ferner das Steuer des
Mdchenhandels anbelangt, so fehlt es mir gnzlich an Beziehungen zu den
leitenden Kapitnen dieser Organisation, denn ich hatte niemals
Gelegenheit, die hheren Beamten der Sittenpolizei im Ausland --
vertraulich kennen zu lernen.

Aber unbrauchbare Sachen fr Kriegerwaisen werden Sie doch haben, Baron?

Ist denn die Nachfrage nach unbrauchbaren Sachen seitens der Kriegerwaisen
so gro?

Die Gndige berhrte die spttische Gegenfrage oder wollte sie berhren.
Ein paar Eintrittskarten fr die groe Redoute, die im Herbst stattfindet,
mssen Sie aber zeichnen, Baron! Der vermutliche Nettoerls, der im
nchsten Frhjahr verrechnet wird, soll der Gesamtheit aller
Kriegsbeschdigten zugute kommen. Es wird ein Aufsehen erregendes Fest
werden, die Damen smtlich maskiert, und die Herren, die mehr als fnf
Eintrittskarten gelst haben, bekommen den Barmherzigkeitsorden der
Herzogin von Lusignan an den Frack.

Freilich, eine Redoute dieser Art bietet viel Reiz, gab Baron Pfeill
sinnend zu, zumal bei derlei maskierten Wohlttigkeitstnzen oft im weit
ausgreifenden Sinne der Nchstenliebe die linke Hand nicht wei, was die
rechte tut, und es den Reichen begreiflicherweise ein dauerndes Vergngen
bereiten mu, da der Arme auf die groe Abrechnung zu -- warten hat, aber
andererseits bin ich nicht Exhibitionist genug, um den Nachweis fnfmal
ffentlich bettigten Mitgefhls aus dem Knopfloch heraushngen zu lassen.
-- Natrlich, wenn Frau Konsul darauf bestehen -- -- --

Kann ich also fnf Karten fr Sie bereit halten?

Wenn ich bitten darf: nur vier, Myfrouw!

                   *       *       *       *       *

Herr, gndiger Herr, gn-diger Herr Baron! hauchte eine Stimme, und eine
winzige schmutzige Hand zupfte Baron Pfeill schchtern am rmel. Als er
sich umdrehte, sah er ein kleines, rmlich gekleidetes Mdchen mit
eingefallenen Wangen und weien Lippen, das sich zwischen den
Oleanderkbeln hindurch an ihn herangeschlichen hatte und ihm einen Brief
hinhielt, vor sich stehen. Sofort whlte er in seinen Taschen nach
Kleingeld.

Der Grovater drauen lt sagen -- -- --

Wer bist du denn, Kind? fragte Pfeill halblaut.

Der Grovater, der Schuster Klinkherbogk, lt sagen, ich bin sein Kind,
verwirrte das Mdchen die Antwort mit dem Auftrag, den es berbringen
sollte, und der Herr Baron hat sich geirrt. Statt der zehn Gulden fr die
letzten Paar Schuhe waren tausend -- -- --

Pfeill wurde blutrot, klapperte heftig mit seiner silbernen Zigarettendose
auf den Tisch, um die Worte der Kleinen zu bertnen, und sagte laut und
brsk: da hast du zwanzig Cents fr den Weg, mit milderem Ton
hinzufgend, es sei schon alles recht -- sie solle nur wieder nach Hause
gehen und den Brief nicht verlieren.

Gleichsam als Antwort, da das Kind nicht allein gekommen sei -- der
Sicherheit wegen von seinem Grovater begleitet, damit es auf dem Wege zum
Kaffeehaus das Kuvert mit der Banknote nicht verlre --, tauchte eine
Sekunde lang zwischen den sich teilenden Efeustauden das totenblasse
Gesicht eines alten Mannes auf, der augenscheinlich die letzten Stze
gehrt hatte und vor Ergriffenheit unfhig, ein Wort hervorzubringen, mit
schlotterndem Unterkiefer und gelhmter Zunge ein leises rchelndes Lallen
ausstie. -- -- --

Ohne den Vorgngen irgend welche Aufmerksamkeit geschenkt zu haben, hatte
die wohlttige Dame die Eintragung der vier Ballkarten in eine Rolle
vorgenommen und sich nach ein paar khl verbindlichen Worten empfohlen. --
--

Eine Weile saen die beiden Herren stumm, wichen einander mit den Blicken
aus und trommelten gelegentlich mit den Fingern auf den Stuhllehnen.

Hauberrisser kannte seinen Freund zu gut, um nicht genau zu fhlen: er
brauche jetzt nur zu fragen, was fr eine Bewandtnis es mit dem Schuster
Klinkherbogk habe, und Pfeill wrde gereizt das Blaue vom Himmel
herunterphantasieren, um nur ja nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, er
htte einem armen Schuster aus bittrer Not geholfen. Daher sann er, um ein
mglichst abseits liegendes Gesprch einzuleiten, nach einem Thema, das --
selbstverstndlich -- nichts mit Wohlttigkeit oder einem Schuster zu tun
haben durfte, aber andererseits auch nicht so klingen sollte, als sei es an
den Haaren herbeigeholt.

So lcherlich leicht die Aufgabe zu sein schien -- sie wurde ihm von Minute
zu Minute schwerer.

Es ist eine verwnschte Sache mit dem 'Gedankenfassen', berlegte er,
man glaubt, man bringt sie mit dem Gehirn hervor, aber in Wirklichkeit
machen sie mit dem Gehirn, was sie wollen und sind selbstndiger als
irgendein Lebewesen. Er gab sich einen Ruck. Sag' mal Pfeill, (das
Traumgesicht, das er in dem Vexiersalon gehabt hatte, war ihm pltzlich
eingefallen), sag' mal, Pfeill, du hast ja so viel im Leben gelesen: ist
die Sage vom Ewigen Juden nicht in Holland entstanden?

Pfeill blickte argwhnisch auf. -- Du meinst, weil er ein Schuhmacher
gewesen ist?

Schuhmacher? Wieso?

Nun, es heit doch, der Ewige Jude sei ursprnglich der Schuster
Ahaschwerosch in Jerusalem gewesen und habe Jesus, als er auf seinem Weg
nach Golgatha -- der Schdelsttte -- ausruhen wollte, mit Flchen
fortgejagt. Seitdem msse er selbst wandern und knne nicht sterben, ehe
nicht Christus wiedergekommen sei. (Als Pfeill bemerkte, da Hauberrisser
ein uerst verblfftes Gesicht machte, erzhlte er hastig weiter, um auch
seinerseits so rasch wie mglich von dem Thema Schuster loszukommen.) Im
dreizehnten Jahrhundert behauptete ein englischer Bischof, in Armenien
einen Juden namens Kartaphilos kennen gelernt zu haben, der ihm anvertraut
htte, zu gewissen Mondphasen verjnge sich sein Krper, und er sei dann
eine Zeitlang Johannes der Evangelist, von dem Christus bekanntlich gesagt
hat, er werde den Tod nicht schmecken. -- In Holland heit der Ewige Jude:
Isaac Laquedem; man hat in einem Mann, der diesen Namen trug, den Ahasver
vermutet, weil er lange vor einem steinernen Christuskopf stehen geblieben
war und ausgerufen hatte: 'das ist er, das ist er; so hat er ausgesehen!'
-- In den Museen von Basel und Bern wird sogar je ein Schuh gezeigt, ein
rechter und ein linker, kuriose Dinger, aus Lederstcken zusammengesetzt,
einen Meter lang und zentnerschwer, die an verschiedenen Orten in den
Gebirgspssen der italienisch-schweizerischen Grenze gefunden und wegen
ihrer Rtselhaftigkeit in unklare Verbindung mit dem Ewigen Juden gebracht
wurden. brigens -- --

-- Pfeill zndete sich eine Zigarette an --

brigens merkwrdig, da du gerade jetzt auf die ausgefallene Idee
gekommen bist, nach dem Ewigen Juden zu fragen, wo mir ein paar Minuten
frher -- und zwar auergewhnlich lebhaft -- ein Bild in der Erinnerung
aufgetaucht war, das ich einmal vor vielen Jahren in einer Privatgalerie in
Leyden gesehen habe. Es soll von einem unbekannten Meister stammen und
stellt den Ahasver dar: ein Gesicht von olivbronzener Farbe, unglaublich
schreckhaft, eine schwarze Binde um die Stirn, die Augen ohne Wei und ohne
Pupillen, wie -- wie soll ich sagen -- fast wie Schlnde. Es hat mich noch
lange bis in die Trume verfolgt.

Hauberrisser fuhr empor, aber Pfeill achtete nicht darauf und erzhlte
weiter:

Die schwarze Binde um die Stirn, las ich spter irgendwo, gilt im Orient
als sicheres Kennzeichen des Ewigen Juden. Angeblich soll er damit ein
flammendes Kreuz verhllen, dessen Licht immer wieder sein Gehirn verzehrt,
wenn dieses bis zu einem gewissen Grade der Vollkommenheit nachgewachsen
ist. -- Die Gelehrten behaupten, es seien das lediglich Anspielungen auf
kosmische Vorgnge, die den Mond betrfen, und der Ewige Jude heie auch
deshalb: Chidher, das ist: der Grne, aber das scheint mir Blech zu sein.

Die Manie, alles, was man am Altertum nicht begreifen kann, als Lesart fr
Himmelszeichen zu deuten, ist heute wieder sehr beliebt, -- eine Zeitlang
hat sie gestockt, als ein witziger Franzose eine satirische Abhandlung
schrieb: Napoleon htte nie gelebt, auch er wre ein Astralmythos, hiee
eigentlich Apollon, der Sonnengott, und seine zwlf Generle bedeuteten die
zwlf Tierkreiszeichen.

Ich glaube, die alten Mysterien haben viel gefhrlicheres Wissen verborgen
als das Wissen von Sonnenfinsternissen und Mondgezeiten, nmlich Dinge, die
wirklich verborgen werden muten; -- Dinge, die man heute nicht mehr zu
verbergen braucht, weil die dumme Menge sie, Gott sei Dank, sowieso nicht
glauben wrde und darber lacht, -- Dinge, die gleichen harmonischen
Gesetzen gehorchen wie die Sternenwelt und dieser daher hnlich sind. Nun,
sei es wie es mag, vorlufig schlagen die Gelehrten den Sack, ohne da der
Esel damit gemeint wre.

Hauberrisser war in tiefes Nachdenken versunken.

Was hltst du von den Juden berhaupt? fragte er nach lngerem
Stillschweigen.

Hm. Was ich von ihnen halte? Durchschnittlich sind sie wie Raben ohne
Federn. Unglaublich listig, schwarz, krummer Schnabel, und knnen nicht
fliegen. Aber zuweilen kommen Adler unter ihnen vor, das ist keine Frage.
Zum Beispiel Spinoza.

Du bist also nicht Antisemit?

Fllt mir nicht im Schlaf ein. Schon deshalb nicht, weil ich die Christen
fr zu wenig wertvoll halte. Man wirft den Juden vor, sie htten keine
Ideale. Jedenfalls haben die Christen nur falsche. Die Juden bertreiben
alles: Gesetze halten und Gesetze brechen, Frmmigkeit und Gottlosigkeit,
Arbeiten und Faulenzen, blo das Bergeklettern und das Wettrudern, das sie
Gojjim naches nennen, bertreiben sie nicht, und vom Pathos halten sie
nicht viel; die Christen bertreiben das Pathos und -- hintertreiben so
ziemlich den Rest. In Glaubenssachen sind mir die Juden zu viel Talmud, die
Christen zu sehr Talmi.

Glaubst du, die Juden haben eine Mission?

Freilich! Die Mission, sich selbst zu berwinden. Alles hat die Mission,
sich selbst zu berwinden. Wer von andern berwunden wird, hat seine
Mission verfehlt; wer seine Mission verfehlt, wird von andern berwunden.
Wenn einer sich selbst berwindet, merken die andern nichts davon; wenn
aber einer die andern berwindet, wird der Himmel -- rot. Der Laie nennt
diese Lichterscheinung: Fortschritt. Ein Trottel hlt ja auch bei einer
Explosion das Feuerwerk fr das Wesentliche. -- Aber verzeih, ich mu jetzt
abbrechen, schlo Pfeill und sah auf die Uhr, erstens mu ich schleunigst
nach Hause, und zweitens knnte ich auf die Dauer soviel Gescheitheit vor
dir nicht verantworten. Also: Servus -- wie die sterreicher sagen, wenn
sie das Gegenteil meinen -- und falls du Lust hast, besuch mich recht bald
in Hilversum.

Er legte ein Geldstck auf den Tisch fr den Kellner, winkte seinem Freunde
lchelnd einen Gru zu und schritt hinaus.

Hauberrisser bemhte sich, seine Gedanken in Ordnung zu bringen.

Trume ich denn noch immer? fragte er sich voll Erstaunen. Was war das?
Zieht sich durch jedes Menschenleben ein solcher roter Faden merkwrdiger
Zuflle, oder bin ich der einzige, dem derartige Dinge passieren? Greifen
die Ringe der Geschehnisse vielleicht erst dann ineinander und bilden eine
Kette, wenn man ihre Zusammenhnge nicht dadurch strt, da man sich Plne
schafft, denen man tlpelhaft nachjagt und infolgedessen das Schicksal in
einzelne Stcke reit, die sonst ein fortlaufendes, wundersam gewebtes Band
gebildet htten? --

Aus alter ererbter Gewohnheit und den Erfahrungen gem, die er bisher im
Leben fr -- scheinbar richtig befunden hatte, versuchte er, das
gleichzeitige Auftauchen ein und desselben Bildes in seinem Gehirn und dem
seines Freundes auf Gedankenbertragung zurckzufhren und damit zu
erklren, aber die Theorie wollte sich diesmal nicht mit der Wirklichkeit
decken wie sonst, wo er derlei Dinge auf die leichte Achsel genommen und
sie mglichst rasch wieder zu vergessen getrachtet hatte. Pfeill's
Erinnerung an das olivgrnschimmernde Gesicht mit der schwarzen Binde ber
der Stirn hatte eine greifbare Grundlage gehabt: ein Portrt, das angeblich
in Leyden hing, -- aber woraus war die Traumvision, ebenfalls von einem
olivgrnschimmernden Gesicht mit einer schwarzen Binde ber der Stirn, die
_er_ kurz vorher im Laden des Chidher Grn gehabt hatte, entsprossen?

Die Wiederkehr des seltsamen Namens Chidher in dem kurzen Zeitraum von
einer Stunde, -- einmal als Firmenschild, dann als sagenhafte Bezeichnung
fr die Figur des Ewigen Juden, wunderbar genug ist es ja, sagte sich
Hauberrisser, aber es gibt wohl wenig Menschen, die nicht derartige
Beobachtungen in Menge gemacht htten. Woher es kommen mag, da Namen, die
man frher nie gehrt hat, pltzlich serienweise auf einen losprasseln, da
ferner die Leute auf der Gasse, wie das so hufig geschieht, einem
Bekannten, den man Jahre lang nicht mehr getroffen hat, immer hnlicher und
hnlicher sehen, bis er selbst gleich darauf um die Ecke biegt -- hnlich,
nicht nur in der Einbildung, nein: photographierbar hnlich, _so_ hnlich,
da man an den Betreffenden denken _mu_, ob man will oder nicht, -- woher
das alles kommen mag? Ob Menschen, die einander hnlich sehen, nicht auch
ein hnliches Schicksal haben? Wie oft habe ich es schon besttigt
gefunden. Das Schicksal scheint so etwas wie eine unvermeidliche
Begleiterscheinung der Krperbildung und Gesichtsform zu sein, an ein bis
ins kleinste greifendes Gesetz der bereinstimmung gebunden. Eine Kugel
kann nur rollen, ein Wrfel nur kollern, warum sollte ein Lebewesen mit
seinem tausendfach komplizierteren Dasein nicht mit ebenso gesetzmigen,
aber nur tausendfach komplizierteren Erlebnisvorausbestimmungen vor _eine_
Deichsel gespannt sein! -- Ich kann es sehr wohl verstehen, da die alte
Astrologie nicht aussterben kann und heute vielleicht mehr Anhnger zhlt,
als jemals frher, und da jeder zehnte sich ein Horoskop stellen lt; nur
sind die Menschen offenbar auf dem Holzweg, wenn sie glauben, die
sichtbaren Sterne am Himmel bestimmten den Schicksalsweg. Es wird sich da
um andere 'Planeten' handeln, um solche, die im Blut um das Herz kreisen
und andere Umlaufszeiten haben als die Himmelskrper: Jupiter, Saturn usw.
-- Wenn gleicher Geburtsort, gleiche Geburtsstunde und Geburtsminute allein
das Entscheidende wren, wie knnte es dann sein, da Monstrositten wie
die zusammengewachsenen Schwestern Blaschek, die doch in derselben Sekunde
geboren wurden, ein so verschiedenes Schicksal hatten, da die eine Mutter
wurde und die andere Jungfrau blieb?

Ein Herr in weiem Flanellanzug, roter Krawatte, einen Panamahut ein wenig
schief aufgesetzt, die Finger berladen mit protzigen Ringen und ein
Monokel ins dunkel glhende Auge geklemmt, war bereits vor lngerer Zeit an
einem entfernten Tische hinter einer groen ungarischen Zeitung aufgetaucht
und hatte sich nach mehrmaligem Platzwechsel -- als stre ihn berall die
Zugluft -- bis dicht an Hauberrisser herangepirscht, ohne da ihn dieser in
seinem Grbeln bemerkt htte.

Erst, als der Fremde sich mit auffallend lauter Stimme beim Kellner nach
Amsterdamer Vergngungslokalen und sonstigen Sehenswrdigkeiten erkundigte,
wurde Hauberrisser aufmerksam, und der Eindruck der Auenwelt scheuchte
sofort seine tiefsinnigen Betrachtungen in das Dunkel zurck, aus dem sie
aufgestiegen waren.

Ein schneller Blick berzeugte ihn, da es der Herr Professor Zitter
Arpd aus dem Vexiersalon war, der da so sichtlich bestrebt schien, den
gnzlich unorientierten, soeben erst der Eisenbahn entschlpften
Neuankmmling zu spielen.

Wohl fehlte der Schnurrbart, und die Pomade war in ein neues Strombett
geleitet worden, aber die Gaunervisage des unverkennbaren Preburger
Hhndelfangers hatte dadurch nicht das mindeste an Ursprnglichkeit
eingebt.

Hauberrisser war viel zu gut erzogen, um auch nur mit einem Wimperzucken zu
verraten, da er sich erinnere, wen er vor sich habe; berdies machte es
ihm Spa, die feinere List des Gebildeten der grobdrhtigen des
Ungebildeten entgegenzustellen, der immer und berall glaubt, eine
Verkleidung sei gelungen, blo weil der, dem die Tuschung gelten soll,
nicht sofort in komdiantenhaft plumpes Gebrdenspiel und Stirnrunzeln
verfllt.

Da der Professor ihm heimlich bis ins Caf nachgegangen war und
irgendeine balkanesische Halunkerei im Schilde fhrte, stand fr
Hauberrisser auer Zweifel; um jedoch ganz sicher zu sein, da _ihm_ und
nicht noch Anderen der Mummenschanz galt, machte er eine Bewegung, als
wolle er zahlen und gehen. Sofort malte sich rgerliche Bestrzung in den
Mienen des Herrn Zitter.

Hauberrisser schmunzelte befriedigt in sich hinein; die Firma Chidher Grn
-- angenommen, der Herr Professor ist ttiger Teilhaber -- scheint ja ber
die mannigfaltigsten Hilfsmittel zu verfgen, wenn es gilt, ihre Kunden im
Auge zu behalten: -- duftende Damen mit Pagenfrisur, fliegende Korke,
gespenstige alte Juden, prophetische Totenkpfe und weigekleidete
talentlose Spione! Allerhand Hochachtung!

Irgendeine Bank gibt es wohl hier in der Nhe nicht, Kellner, in der man
ein paar englische Tausendpfundnoten in hollndisches Geld umwechseln
lassen knnte, wie? fragte der Professor nachlssig, aber wieder mit sehr
lauter Stimme und tat sehr rgerlich, als er eine verneinende Antwort
bekam. In Amsterdam ist es scheinbar recht schljecht mit dem Kljeingeld
bestellt, brach er, halb zu Hauberrisser gewendet, ein Anknpfungsgesprch
vom Zaun. Schon im Hotel hatte ich Schwjierigkeiten damit.

Hauberrisser schwieg.

Ja, hm, recht vjiel Schwjierigkeiten.

Hauberrisser lie sich nicht erweichen.

Zum Glck kannte der Hotelbesitzer meinen Stammsitz. -- -- -- Graf
Ciechoski, wenn ich mich vorstellen darf. Graf Wlodzimierz Ciechoski.

Hauberrisser verbeugte sich kaum merklich und murmelte seinen Namen so
unverstndlich wie nur mglich, der Graf schien jedoch ein ungemein feines
Ohr zu haben, denn er sprang freudig erregt auf, eilte zum Tisch, nahm
sofort in Pfeill's leerem Sessel Platz und rief jubelnd: Hauberrisser? Der
berhmte Torpedoingenieur Hauberrisser? Graf Ciechoski mein Name, Graf
Wlodzimierz Ciechoski, Sie gestatten doch?

Hauberrisser schttelte lchelnd den Kopf. Sie irren, ich war niemals
Torpedoingenieur. (Ein dummes Luder das, setzte er innerlich hinzu,
schade, da er den polnischen Grafen mimt; als Professor Zitter Arpd aus
Preburg wre er mir lieber gewesen; ich htte ihn dann im Lauf der Zeit
wenigstens ber seinen Kompagnon Chidher Grn ausholen knnen.)

Njicht? Schade. Aber das macht nichts. Schon der Name Hauberrisser erweckt
in mir, oh, so liebe Erinnerungen, die Stimme des Grafen zitterte vor
Rhrung, -- er und der Name Eugne Louis Jean Joseph sind eng mit unserer
Familie verknjpft.

Jetzt will er, da ich frage, wer dieser Louis Eugne Joseph ist. Just
nicht, dachte sich Hauberrisser und sog stumm an seiner Zigarette.

Eugne Louis Jean Joseph war nmlich mein Taufpate. Gleich darauf ging er
nach Afrika in den Tod.

Wahrscheinlich aus Gewissensbissen, brummte Hauberrisser in sich hinein.
So, hm, in den Tod, sehr bedauerlich.

Ja leider, leider, leider. Eugne Louis Jean Joseph! Er htte Kaiser von
Frankreich sein knnen.

Was htte er? -- Hauberrisser glaubte falsch gehrt zu haben -- Kaiser
von Frankreich htt' er sein knnen?

Sicherlich! Stolz spielte Zitter Arpd seinen Trumpf aus: Prinz Eugne
Louis Jean Joseph Napoleon IV. Er fiel am 1. Juni 1879 im Kampf gegen die
Zulus. Ich besitze sogar eine Locke von ihm, er zog eine goldene
Taschenuhr von Beefsteakgre und geradezu teuflischer Geschmacklosigkeit
hervor, ffnete den Deckel und deutete auf ein Bschel schwarzer
Pinselhaare. Die Uhr ist auch von ihm. Ein Taufgeschenk. Ein Wunderwerk.
Er erluterte: Wenn man hier drckt, schlgt sie Stunden, Minuten und
Sekunden und gleichzeitig erscheint auf der Rckseite ein bewegliches
Liebespaar. Dieser Knopf lst die Rennzeiger aus; dieser stoppt sie; wenn
man ihn weiter hinunterdrckt, erscheint das jeweilige Mondviertel; noch
tiefer hinein und das Datum klappt auf. Dieser Hebel nach links, und ein
Tropfen Moschusparfm spritzt hervor, -- nach rechts, und es ertnt die
Marseillaise. Es ist ein wahrhaft knigliches Geschenk. Es existieren im
ganzen nur zwei Stck davon.

Immerhin ein Trost, gab Hauberrisser hflich und doppeldeutig zu. Das
Gemisch von bodenloser Frechheit und gnzlicher Unkenntnis weltmnnischer
Umgangsformen belustigte ihn auf das hchste.

Graf Ciechoski, ermutigt durch die freundliche Miene des Ingenieurs, wurde
immer zutraulicher, erzhlte von seinen immensen Gtern in Russisch-Polen,
die leider durch den Krieg verwstet wren, (zum Glck sei er nicht darauf
angewiesen, denn durch intime Beziehungen zu amerikanischen Brsenkreisen
verdiene er in London mit Spekulationen ein paar tausend Pfund im Monat) --
kam auf Pferderennen zu sprechen und bestochene Jockeis, auf
Milliardrsbrute, die er zu Dutzenden kenne, auf spottbillige Territorien
in Brasilien und im Ural, auf noch unbekannte Petroleumquellen am Schwarzen
Meer, auf ungeheuerliche Erfindungen, die er in der Hand htte, und die
eine Million tglich tragen mten, -- auf vergrabene Schtze, deren
Besitzer geflohen oder gestorben seien, auf untrgliche Methoden, im
Roulette zu gewinnen, -- erzhlte von riesigen Spionagegeldern, die Japan
vertrauenswrdigen Personen auszuzahlen nur so brenne (natrlich msse man
zuerst Depot erlegen), schwtzte von unterirdischen Freudenhusern in den
groen Stdten, zu denen nur Eingeweihte Zutritt htten, ja sogar vom
Goldlande Ophir des Knigs Salomo, das, wie er ganz sicher aus Papieren
seines Taufpaten Eugne Louis Jean Joseph wisse, im Zululande lge,
berichtete er bis ins Kleinste genau.

Er war vielseitiger noch als seine Taschenuhr, warf tausend Angelhaken aus,
einen plumper als den andern, um seinen Fisch zu kdern; wie ein
kurzsichtiger Einbrecher, der Dietrich um Dietrich am Trschlo eines
Hauses probiert, ohne das Schlsselloch zu erwischen, tastete er die Seele
Hauberrissers ab, aber es gelang ihm nicht, das Fenster zu finden, durch
das er htte einsteigen knnen.

Endlich gab er es erschpft auf und fragte Hauberrisser kleinlaut, ob
dieser ihn nicht in irgendeinen vornehmen Spielklub einfhren mchte; doch
auch hierin schlugen seine Hoffnungen fehl: der Ingenieur entschuldigte
sich damit, da er selber in Amsterdam fremd sei.

Mimutig schlrfte er seinen Sherry-Cobbler.

Hauberrisser betrachtete ihn sinnend. Ob es nicht das Gescheiteste wre,
berlegte er, ich sagte ihm auf den Kopf zu, da er ein Taschenspieler
ist. Ich gbe etwas darum, wenn er mir sein Leben erzhlte. Bunt genug mag
es gewesen sein. Eine Welt von Schmutz mu dieser Mensch schon durchwatet
haben. Aber natrlich, er wrde leugnen und schlielich grob werden. --
Ein Gefhl von Gereiztheit stieg in ihm auf; unertrglich ist das Dasein
unter den Menschen und Dingen dieser Welt geworden; Berge von leeren
Schalen berall, und stt man einmal auf etwas, was so aussieht wie eine
Nu, die des Aufknackens wert wre, -- siehe da, es ist ein toter Kiesel.

Juden! Chassiden! brummte der Hochstapler verchtlich und deutete auf
einen Trupp zerlumpter Gestalten, die eilig -- die Mnner mit wirren Brten
und schwarzen Kaftans voran, die Frauen, ihre Kinder in Bndel geschnrt
auf dem Rcken, hinterdrein -- lautlos, mit weit aufgerissenen, irrsinnig
in die Ferne starrenden Augen die Strae vorbeizogen. Auswanderer. Keinen
Cent in der Tasche. Sie glauben, das Meer wird eine Gasse bilden, wenn sie
kommen. Verrckt! Neulich in Zandvoort wre eine ganze Menge beinahe
ersoffen, wenn man sie nicht noch rechtzeitig herausgezogen htte.

Meinen Sie das im Ernst, oder machen Sie blo Spa?

Nein, nein, mein voller Ernst. Haben Sie denn nicht davon gelesen? Der
Religionswahnsinn bricht jetzt berall aus, wohin man schaut. Vorlufig
sind's ja meist nur die Armen, die davon befallen werden, aber -- Zitter's
rgerliche Miene hellte sich auf bei dem Gedanken, da vielleicht bald eine
Zeit kommen knne, wo sein Weizen blhen wrde -- aber es wird nicht lange
dauern, dann packt's die Reichen auch. Ich kenne das. -- Froh, wieder ein
Gesprchsthema gefunden zu haben, denn Hauberrisser hatte gespannt
aufgehorcht, wurde er sofort wieder geschwtzig. Nicht nur in Ruland, wo
von jeher die Rasputins und Johann Sergiews und andere Heilige aus dem
Boden wuchsen, -- in der ganzen Welt breitet sich der Wahnsinn aus, da der
Messias kommt. Sogar unter den Zulus in Afrika grt's schon; da luft zum
Beispiel dort ein Nigger herum, nennt sich der schwarze Elias und tut
Wunder. Ich wei das ganz genau von Eugne Louis -- er verbesserte sich
rasch -- von einem Freund, der krzlich dort auf Leopardenjagd war. Einen
berhmten Zuluhuptling kenne ich brigens selber von Moskau her -- sein
Gesicht wurde pltzlich unruhig -- und, wenn ich's nicht mit eignen Augen
gesehen htte, wrde ich's nie geglaubt haben: der Kerl, in allen andern
Tricks ein Mordsesel, kann wahrhaftig, so wahr, wie ich hier sitze,
zaubern. Ja ja: zaubern! Lachen Sie nicht, lieber Hauberrisser; ich hab's
selber gesehen und _mir_ macht kein Artist was vor, -- er verga einen
Moment ganz, da er die Rolle eines Grafen Ciechoski zu spielen hatte, --
_das_ Zeug kann ich selber aus dem ff. _Wie_ er's macht, wei der Teufel.
Er sagt, er habe einen Fetisch und wenn er den anruft, wird er feuerfest.
Tatsache ist: er macht groe Steine rotglhend -- Herr, ich hab' sie selbst
untersucht! -- und schreitet langsam drber weg, ohne sich die Fe zu
verbrennen. In der Erregung fing er an, an seinen Fingerngeln zu beien,
und brummte in sich hinein: Aber wart' nur, Bursche, ich komme dir schon
dahinter. -- Erschreckt, da er sich mglicherweise zu viel habe gehen
lassen, nahm er schnell wieder die polnische Grafenmaske vor und leerte
sein Glas, Prost, ljieber Hauberrisser, prost, prost. Vielleicht sehen Sie
ihn einmal selber, den Sulu; ich chre, er ist in Cholland und tritt in
einem Zirkus auf. Aber wollen wir jetzt nicht nebenan im Amstelroom einen
Imbi --

Hauberrisser stand rasch auf, der Graf interessierte ihn an Herrn Zitter
Arpd ganz und gar nicht. Bedaure lebhaft, aber ich bin fr heute
vergeben. Vielleicht ein anderes mal. Adieu. Sehr gefreut.

Verblfft durch den kurzen Abschied sah ihm der Hochstapler mit offnem
Munde nach.




Drittes Kapitel


Von einer wilden innern Aufregung ergriffen, ber deren Ursache er sich
keinerlei Rechenschaft zu geben vermochte, eilte Hauberrisser durch die
Straen.

Als er an dem Zirkus vorberkam, in dem die Zulutruppe Usibepu's auftrat --
Zitter Arpd konnte nur sie gemeint haben -- berlegte er einen Augenblick,
ob er sich die Vorstellung ansehen solle, lie aber gleich darauf seinen
Entschlu wieder fallen. Was kmmerte es ihn, ob ein Neger zaubern konnte;
Neugierde nach Ungewhnlichem war es nicht, das ihn umhertrieb und ruhelos
machte. Etwas Unwgbares, Gestaltloses, das in der Luft lag, peitschte
seine Nerven auf, -- derselbe rtselhafte Gifthauch, der ihn zuweilen, noch
ehe er nach Holland gereist war, so heftig gewrgt hatte, da er in solchen
Fllen unwillkrlich mit Selbstmordideen spielte.

Er berlegte, woher es diesmal wieder gekommen sein mochte. Ob es von den
jdischen Auswanderern, die er gesehen hatte, wie eine Ansteckung auf ihn
bergegangen war?

Es mu der gleiche unbegreifliche Einflu sein, der diese religisen
Fanatiker ber die Erde jagt und mich aus meiner Heimat vertrieben hat,
fhlte er; blo unsere Motive sind verschieden.

Schon lange vor dem Kriege hatte er diesen unheimlichen seelischen Druck an
sich erfahren, nur war es damals noch mglich gewesen, ihn durch Arbeit
oder Vergngen zeitweilig zu unterdrcken; er hatte ihn als Reisefieber,
als nervse Launenhaftigkeit, als Begleiterscheinung falscher Lebensfhrung
gedeutet, dann spter, als die Blutfahne ber Europa zu flattern begann:
als Vorahnung der Ereignisse. Aber warum steigerte sich jetzt nach dem
Kriege dieses Gefhl noch von Tag zu Tag fast bis zur Verzweiflung? Und
nicht nur bei ihm -- fast jeder, mit dem er darber gesprochen hatte, wute
von sich selbst hnliches zu berichten.

Sie alle, wie er, hatten sich damit getrstet, wenn der Krieg beendet sei,
werde der Frieden auch in den Herzen der Einzelnen wiederkehren. Statt
dessen war genau das Gegenteil eingetreten.

Die banale Weisheit der gewissen Hohlkpfe, die gewohnheitsgem bei allem
und jedem die billigste Erklrung zur Hand haben und die Fieberschauer der
Menschheit auf gestrte Behaglichkeit zurckfhrten, -- konnte sie das
Rtsel lsen? Die Ursache lag tiefer.

Gespenster, riesenhafte, formlos und nur erkennbar an den entsetzlichen
Verheerungen, die sie angerichtet, bei den heimlichen Sitzungen
kaltherziger, ehrgeiziger Greise um den grnen Tisch herum entstandene
Gespenster hatten sich Millionen von Opfern geholt und sich dann scheinbar
wieder fr einige Zeit schlafen gelegt; aber jetzt erhob das grauenhafteste
aller Phantome, lngst schon zu lauerndem Leben erweckt durch den
Fulnishauch einer verwesenden Scheinkultur, sein Medusenhaupt vollends aus
dem Abgrund und hhnte der Menschheit ins Gesicht, da es nur ein Rad der
Qual gewesen war, das sie im Kreise getrieben hatte im Wahn, dadurch fr
kommende Geschlechter die Freiheit zu gewinnen, -- und weiter treiben wrde
trotz Wissen und Erkenntnis fr alle Zeiten.

In den letzten Wochen war es Hauberrisser scheinbar gelungen, sich ber
seinen Lebensberdru hinwegzutuschen; er hatte sich die sonderbare Idee
zurechtgelegt, mitten in einer Stadt, die sozusagen ber Nacht infolge der
Zeitlufte aus einem Weltmarkt mit gezgelter Leidenschaft zu einem
internationalen Tummelplatz hirnverwirrender, wilder Instinkte geworden
war, als Einsiedler, als innerlich Unbeteiligter, zu leben, und hatte
seinen Plan auch bis zu einem gewissen Grade durchgefhrt, doch jetzt brach
die alte Mdigkeit, durch irgendeinen winzigen Anla wieder erweckt,
abermals hervor, strker als je, verzehnfacht durch den Anblick der plan-
und sinnlos um ihn her durchs Dasein taumelnden Menge.

Als sei er bisher blind gewesen, erschreckte ihn pltzlich auf's tiefste
der Ausdruck in den Gesichtern, die ihn umwimmelten.

Das waren nicht mehr die Mienen von Menschen, die, vergngungsschtig oder,
um die Sorgen des Tages zu verschtten, zu einer Schaustellung eilten, wie
sie von frher her in seiner Erinnerung lebten! Die beginnenden Anzeichen
eines unheilbaren Entwurzeltseins sprachen aus ihnen.

Der bloe Kampf ums Dasein grbt andere Furchen und Linien in die Haut.

Er mute an Kupferstiche denken, die die Pestorgien und Tnze des
Mittelalters darstellten, und dann wieder an Vogelschwrme, die, das Kommen
eines Erdbebens sprend, lautlos und in dumpfer Angst ber der Erde
kreisen. -- --

Wagen um Wagen raste zum Zirkus, und mit einer nervsen Hast, als ginge es
um Leben und Tod, eilten die Leute hinein: Damen, brillantenberst, mit
fein geschnittenen Gesichtern, zu Kokotten gewordene franzsische
Baronessen, vornehme, schlanke Englnderinnen, noch vor kurzem zur besten
Gesellschaft gehrig, jetzt zu zweit am Arme irgendeines ber Nacht reich
gewordenen Brsenhalunken mit Rattenaugen und Hynenschnauze, -- russische
Frstinnen, jede Fiber an ihnen zuckend vor bernchtigkeit und
berreiztheit; nirgends mehr auch nur eine Spur ehemaliger aristokratischer
Gelassenheit -- alles hinweggesplt von den Wellen einer geistigen
Sintflut.

Wie das Vorzeichen einer kommenden furchtbaren Zeit erscholl im Innern des
Hauses in Intervallen, bald schreckhaft nahe und laut, dann wieder
pltzlich erstickt von zufallenden dicken Vorhngen, das langgezogene
heisere Gebrll von wilden Bestien, und ein beiender Geruch nach
Raubtieratem, Parfm, rohem Fleisch und Pferdeschwei wehte auf die Strae
heraus.

Durch den Ideenkontrast wachgerufen, schob sich ein Bild aus der Erinnerung
vor Hauberrissers Blick: ein Br hinter den Kfigstben einer wandernden
Menagerie, der, die linke Tatze gefesselt, eine Verkrperung grenzenloser
Verzweiflung, von einem Bein auf's andere trat -- unablssig, tagelang,
monatelang, noch Jahre spter, als er ihm wieder auf einem Schaubudenmarkte
begegnete.

Warum hast du ihn damals nicht losgekauft! schrie ein Gedanke
Hauberrisser ins Hirn hinein, -- ein Gedanke, den er wohl hundertmal schon
verjagt hatte, der aber immer wieder aus dem Hinterhalte auf ihn lossprang,
immer mit demselben brennenden Gewand des Vorwurfs angetan, wenn seine
Stunde kam, -- ewig jung und unvershnlich wie am ersten Tage, als er
entstanden war, -- ein Zwerg, scheinbar nichtig und klein gegenber den
riesengroen Versumnissen, die im Leben eines Menschen einander die Hand
reichen, und dennoch von allen Gedanken der einzige, ber den die Zeit
keine Macht besa.

Die Schatten der Myriaden gemordeter und gefolterter Tiere haben uns
verflucht und ihr Blut brllt nach Rache, ballte sich eine wirre
Vorstellung in Hauberrissers Gehirn einen Pulsschlag lang zusammen; wehe
uns Menschen, wenn beim jngsten Gericht die Seele auch nur eines einzigen
Pferdes im Rate der Anklger sitzt. -- Warum habe ich ihn damals nicht
losgekauft! -- -- Wie oft hatte er sich schon die bittersten Vorwrfe
deshalb gemacht und sie jedesmal mit dem Argument erstickt, da die
Befreiung des Bren belangloser gewesen wre als das Umdrehen eines
Sandkorns in der Wste. Aber -- er berflog im Geiste sein Leben -- hatte
er jemals irgend etwas vollbracht, das belangreicher gewesen wre? Er hatte
studiert und die Sonne versumt, um Maschinen zu bauen, hatte Maschinen
gebaut, die lngst verrostet waren, und darber versumt, andern zu helfen,
da sie sich htten der Sonne erfreuen knnen, -- hatte nur sein Teil
beigetragen zur groen Zwecklosigkeit.

Er erkmpfte sich mhsam einen Weg durch die andrngende Menge zu einem
freien Platz, rief eine Droschke an und lie sich hinaus vor die Stadt
fahren.

Ein Heihunger nach versumten Sommertagen hatte ihn mit einemmal
berfallen. -- --

Die Rder rumpelten mit qulender Langsamkeit ber das Pflaster, und die
Sonne war doch schon im Untergehen begriffen; vor Ungeduld, ins Freie zu
kommen, wurde er nur noch gereizter.

Als er endlich das fette Grn des Landes, bis in die unendlich scheinende
Ferne von einem Gitter aus braunen regelmigen Wasserstraen zerschnitten,
vor sich sah, mitten in den Inseln abertausende gefleckter Rinder, die alle
eine Matratze auf dem Rcken trugen als Schutz gegen die abendliche Khle,
und dazwischen die hollndischen Buerinnen mit den weien Hauben, den
messingnen Krulletjes an den Schlfen und den saubern Melkeimern, -- wie
das Bild auf einer groen blablauen Seifenblase stand es vor ihm, in der
die Windmhlen mit ihren Flgeln als die ersten schwarzen Kreuzeszeichen
einer kommenden ewigen Nacht erschienen.

Es war ihm wie das Traumgesicht eines Landes, in das er den Fu nicht mehr
setzen drfe, wie er so an schmalen Wegen die Weidepltze entlang fuhr,
immer durch einen, von den letzten Sonnenstrahlen roten Flustreifen von
ihnen getrennt.

Der Geruch nach Wasser und Wiesen, der zu ihm herber zog, lste seine
Unruhe nur in ein Gefhl der Schwermut und Verlassenheit auf.

Dann, als das Gras dunkel wurde und aus der Erde ein silbriger Nebel stieg,
bis die Herden in Rauch zu stehen schienen, kam es ihm vor, als wre sein
Kopf ein Kerker, und er selbst se darin und blickte durch seine Augen
hindurch wie durch langsam erblindende Fenster in eine Welt der Freiheit
hinein, die fr immer Abschied nimmt.

                   *       *       *       *       *

Die Stadt lag in tiefer Dmmerung, und das hallende Drhnen von den
zahllosen seltsam geformten Trmen und ihre Glockenspiele zitterten durch
den Dunst, als die ersten Huserreihen ihn aufnahmen.

Er entlie den Wagen und ging der Richtung zu, in der seine Wohnung lag,
durch winklige Gassen, Grachten entlang, in denen regungslos schwarze
plumpe Khne schwammen, eingetaucht in eine Flut fauler pfel und
verwesenden Unrats, unter Giebeln mit eisernen Hebearmen hinweg, die aus
vornbergeneigten Mauern sich im Wasser spiegelten.

An den Tren saen gruppenweise auf Sthlen, die sie aus ihren Stuben
geholt hatten, Mnner in blauen weiten Hosen und roten Kitteln, Weiber
flickten schwtzend an Netzen, und Scharen von Kindern spielten auf der
Strae.

Rasch schritt er hindurch an den offenen Hausfluren vorbei, die ihn
anhauchten mit ihrem Atem von Fischgeruch, Arbeitsschwei und rmlichem
Alltag, ber Pltze hin, wo an den Ecken die Waffelbcker ihre Stnde
aufgeschlagen hatten und ein Brodem von brenzlichem Schmalzdampf bis in die
schmalen Gassen zog.

Die ganze Trostlosigkeit der hollndischen Hafenstadt mit dem sauber
gewaschenen Pflaster und den unsagbar schmutzigen Kanlen, den wortkargen
Menschen, dem fahlweien Netzwerk der Schiebefenster an den engbrstigen
Huserfassaden, den engen Kse- und Heringslden mit ihren schwelenden
Petroleumlichtern und den giebligen rotschwrzlichen Dchern, legte sich
ihm auf die Brust.

Einen Augenblick sehnte er sich fast aus diesem Amsterdam mit seiner
finsteren Abkehr von Heiterkeit zurck in die lichteren Stdte, die er von
frher kannte und in denen er gelebt hatte. Das Dasein in ihnen schien ihm
mit einemmal wieder begehrenswert, -- wie alles, was in der Vergangenheit
liegt, schner und besser erscheint als die Gegenwart, -- doch die letzten,
hlichen Erinnerungen, die er von ihnen mitgebracht hatte, die Eindrcke
uern und innern Verfalls und des unaufhaltsamen Hinwelkens erstickten
sofort das leise erwachende Heimweh.

Um seinen Weg abzukrzen, passierte er eine eiserne Brcke, die ber eine
Gracht in die feinen Stadtviertel fhrte, und durchquerte eine in Licht
getauchte, dicht belebte Strae mit prunkvollen Schaufenstern, um ein paar
Schritte spter, als habe die Stadt blitzschnell ihr Antlitz verndert,
wieder in einer stockfinstern Gasse zu stehen: Die alte Amsterdamer Ne߫,
die berchtigte Dirnen- und Zuhlterstrae, vor Jahren niedergerissen, war
hier wie eine scheuliche Krankheit, die pltzlich von neuem hervorbricht,
in einem andern Stadtteil wieder auferstanden mit einem hnlichen, nicht
mehr so wilden und rohen, aber weit furchtbareren Gesicht.

Was Paris, London, die Stdte Belgiens und Rulands an Existenzen
ausspieen, die, auf kopfloser Flucht vor den losbrechenden Revolutionen
ihre Heimat mit dem erstbesten Zug verlassen hatten, traf hier in diesen
vornehmen Lokalen zusammen.

Portiers mit langen blauen Rcken, Dreispitze auf dem Kopf und Stbe mit
Messingknufen in der Hand, rissen stumm wie Automaten die gepolsterten
Eingangstren auf und schlugen sie wieder zu, als Hauberrisser
vorberschritt, soda jedesmal ein greller, blendender Schein auf die Gasse
fiel und eine Sekunde lang wie aus einer unterirdischen Kehle heraus ein
wster Schrei von Negermusik, Cymbalbrausen, oder wahnwitzig aufheulenden
Zigeunergeigen die Luft zerri.

Oben, in den ersten und zweiten Stockwerken einzelner Huser, herrschte
eine andere Art Leben -- ein lautloses, flsterndes, katzenhaft lauerndes
hinter roten Gardinen. Kurzes, schnelles Fingertrommeln an den Scheiben, da
und dort gedmpfte Rufe, hastig abgerissen, in allen Sprachen der Welt und
dennoch nicht mizuverstehen, -- ein Oberleib in weier Nachtjacke, der
Kopf unsichtbar in der Finsternis, wie abgehauen von einem Rumpf mit
winkenden Armen, -- dann wieder: offene, pechschwarze Fenster, leichenhaft
still, als wohne in den Zimmern dahinter der Tod.

Das Eckhaus, das die lange Gasse abschlo, schien verhltnismig harmlosen
Charakters zu sein; -- ein Gemisch aus Tingeltangel und Restaurant, nach
den Zetteln zu schlieen, die an den Mauern klebten.

Hauberrisser trat ein.

Ein menschenberfllter Saal mit runden, gelbgedeckten Tischen, an denen
gegessen und getrunken wurde.

Im Hintergrund ein erhhtes Podium mit einem Halbkreis von etwa zwlf
Chansonetten und Komikern, die auf Sthlen saen und warteten, bis ihre
Nummer daran kam.

Ein alter Mann mit kugelfrmigem Bauch, aufgeklebten Glotzaugen, weiem
Kehlbart, die unglaublich dnnen Beine in grnen Froschtrikots mit
Schwimmhuten, sa zehenwippend neben einer franzsischen Coupletsngerin
im Incroyablekostm und unterhielt sich flsternd mit ihr ber anscheinend
sehr wichtige Dinge, whrend das Publikum verstndnislos den in deutscher
Sprache gehaltenen Vortrag eines als polnischer Jude verkleideten
Charakterdarstellers in Kaftan und hohen Stiefeln ber sich ergehen lie,
der, eine kleine Glasspritze, wie sie in Bandagistenlden feil sind -- fr
Ohrenleidende -- in der Hand hielt und dazu, nach jeder Strophe einen
grotesken Deigestanz einschaltend, durch die Nase sang:

   Jach ordiniier
   vn draj bis vier
   und wohn' im zweinten Stock;
   als Spezialist
   berihmt sehr ist
   der Doktor Feiglstock.

                   *       *       *       *       *

Hauberrisser sah sich nach einem noch freien Platz um; berall war die
Menge -- anscheinend zumeist Einheimische brgerlichen Mittelstandes, --
dicht gedrngt; nur an einem Tisch in der Mitte lehnten auffallenderweise
noch ein paar leere Sthle. Drei wohlbeleibte, gereifte Frauen und eine
alte, strengblickende mit Adlernase und Hornbrille saen, emsig Strmpfe
strickend, um eine mit buntwollener Gockelhaube bedeckte Kaffeekanne herum
wie in einer Insel huslichen Friedens.

Ein freundliches Nicken der vier Damen gestattete ihm, sich zu setzen.

Im ersten Augenblick hatte er geglaubt, es sei eine Mutter mit ihren
verwitweten Tchtern, aber, wie er jetzt sah, konnten sie kaum verwandt
sein. Dem Typus nach waren die drei jngern, wenn auch einander gnzlich
unhnlich -- alle blond, fett, etwa fnfundvierzig Jahre alt und von
kuhartiger Behbigkeit -- Hollnderinnen, whrend die weihaarige Matrone
offenbar aus dem Sden stammte.

Schmunzelnd brachte ihm der Kellner das Beefsteak; ringsum die Leute an den
Tischen grinsten, sahen herber, tauschten halblaute Bemerkungen, was hatte
das alles zu bedeuten? Hauberrisser konnte nicht klug daraus werden; er
musterte heimlich die vier Frauen, nein, unmglich, -- sie waren die
Spiebrgerlichkeit selbst.

Schon das gesetzte Alter verbrgte ihre Ehrbarkeit.

Oben auf dem Podium hatte soeben ein sehniger Rotbart mit
sternenbannergeschmcktem Zylinderhut, enganliegenden, blauweigestreiften
Hosen, an der grngelb karrierten Weste eine Weckeruhr und in der Tasche
eine erwrgte Ente -- seinem Kollegen, dem greisen Frosch, unter den
gellenden Klngen des Yankeedoodle den Schdel gespalten, und ein
Rotterdamer Lumpensammlerehepaar sang met pianobegeleiding das alte
schwermtige Lied von der gestorbenen Zandstraat:

   Zeg Rooie, wat zal jij verschrikken
   Als jij's thuis gevaren ben:
   Dan zal je zien en ondervinden
   Dat jij de Polder nie meer ken.
   De heele keet wordt afgebroken,
   De heeren krijgen nou d'r zin.
   De meides motten uit d'r zaakies
   De burgemeester trekt er in.

Ergriffen, als handle es sich um einen protestantischen Choral, -- die
Augen der drei fetten Hollnderinnen glnzten trnenfeucht, -- brummte das
Publikum mit:

   Ze gaan de Zandstraat netjes maken
   't Wordt 'n kermenadebuurt
   De huisies en de stille knippies
   Die zijn al an de Raad verhuurt.
   Bij Nielsen ken je nie meer dansen
   Bij Charley zijn geen meisies meer.
   En moeke Bet draag al'n hoedje
   Die wordt nu zuster in den Heer.

                   *       *       *       *       *

Grell, wie die Arabesken in einem Kaleidoskop, lsten die Nummern des
Programms einander ab, ohne Pause, kunterbunt zusammengestellt:
pudellockige englische Babygirls von schreckenerregender Unschuld, Apachen
mit rotwollenen Shawls, eine syrische Bauchtnzerin, gefllt mit wild
wogenden Eingeweiden, Glockenimitatoren und bayrische melodisch rlpsende
Schnadahpfler.

Eine fast narkotische Nervenberuhigung ging von diesem Mischmasch von
Sinnlosigkeiten aus, als hafte ihnen etwas an von der seltsamen
Zauberkraft, die einem kindischen Spielzeug innewohnt und oft ein besseres
Heilmittel ist fr ein vom Leben zermrbtes Herz, als das erhabenste
Kunstwerk.

Hauberrisser verging die Zeit, er merkte es kaum, und als eine
Schluapotheose die Vorstellung krnte und die Artistentruppe mit
entfalteten Bannern aller Vlker der Erde -- vermutlich ein Symbol fr den
glcklich wiederhergestellten Weltfrieden -- abzog, voran ein
kakewalktanzender Neger mit dem blichen:

   Oh Susy Anna
   Oh don't cry for me
   I'm goin' to Loosiana
   My true love for to see -- -- --

konnte er sich nicht genug wundern, da er das Verschwinden der zahlreichen
Zuschauer nicht gemerkt hatte; der Saal war beinahe leer.

Auch seine vier Tischnachbarinnen hatten sich lautlos empfohlen.

Statt dessen lag als zartes Angebinde auf seinem Weinglas: eine rosa
Visitenkarte mit zwei schnbelnden Tauben und der Aufschrift

   MADAME GITEL SCHLAMP
   die ganze Nacht geffnet

   Waterloo Plein Nr. 21

   15 Damen

   Im eignen Palais

Also doch! -- -- -- --

Wnscht der Herr ein verlngertes Eintrittsbillet? fragte der Kellner
leise, vertauschte flink das gelbe Tischtuch mit einer weien Damastdecke,
stellte einen Strau Tulpen in die Mitte und legte silberne Bestecke auf.

Ein ungeheurer Ventilator fing an zu surren und saugte die plebejische Luft
empor.

Livrierte Diener zerstubten Parfms, ein roter Sammetlufer rollte seine
Zunge auf ber dem Boden bis ber das Podium, Klubsessel aus grauem Leder
wurden hereingeschoben.

Man hrte das Vorfahren von Wagen und Automobilen auf der Strae.

Damen in Abendtoiletten von ausgesuchter Eleganz, Herren im Frack strmten
herein: dieselbe internationale, scheinbar feinste Gesellschaft, die
Hauberrisser abends sich in den Zirkus hatte drngen sehen.

In wenigen Minuten waren die Rume voll bis zum letzten Platz.

Leises Klirren von Lorgnonketten, halblautes Lachen, Knistern seidner
Rcke, Duft von Damenhandschuhen und Tuberosen, blitzende Perlenriviren
und Brillanttropfen, Zischen von Champagnerflaschen, das sprde Rascheln
der Eisstcke in den silbernen Khlern, wtendes Klffen eines
Schohndchens, weie, diskret gepuderte Frauenschultern, Schaumwellen von
Spitzen, slich scharfer Geruch von kaukasischen Zigaretten; -- das Bild,
das der Saal soeben noch geboten, war nicht mehr zu erkennen.

Wieder saen an Hauberrissers Tisch vier Damen, -- eine ltere mit goldner
Lorgnette und drei jngere, -- eine schner als die andere: Russinnen mit
schmalen, nervsen Hnden, blondem Haar und dunklen Augen, die niemals
zwinkerten, den Blicken der Herren nicht auswichen und sie dennoch nicht zu
sehen schienen.

Ein junger Englnder, dessen Frack von weitem den ersten Schneider verriet,
kam vorber, blieb eine Weile stehen, wechselte ein paar verbindliche Worte
mit ihnen -- ein feines, vornehmes, todmdes Gesicht; der linke rmel, leer
bis zur Achsel, baumelte schlaff herab und lie seine schmchtige hohe
Gestalt noch schmaler erscheinen; das Monokel wie festgewachsen in der
tiefen Knochenhhle unter der Braue.

Lauter Menschen ringsum, die der Spieer aller Vlker instinktiv hat wie
der krummbeinige Dorfkter den hochgezogenen Rassehund, -- Geschpfe, die
den breiten Massen immer ein Rtsel bleiben, ihr ein Gegenstand der
Verachtung und des Neides zugleich sind, -- Wesen, die in Blut waten
knnen, ohne mit der Wimper zu zucken, und ohnmchtig werden, wenn eine
Gabel auf dem Teller kreischt, -- die wegen eines schiefen Blickes zur
Pistole greifen und ruhig lcheln, wenn man sie beim Falschspielen ertappt,
-- die ein Laster alltglich finden, vor dem der Brger sich bekreuzigt,
und lieber drei Tage dursten, als aus einem Glas trinken, das ein anderer
benutzt hat, -- die an den lieben Gott glauben wie an etwas
Selbstverstndliches, aber sich von ihm absondern, weil sie ihn fr
uninteressant halten, -- die fr hohl gelten bei solchen, die voll
Plumpheit als Lack und Tnche zu durchschauen glauben, was in Wirklichkeit
seit Geschlechtern zum wahren Wesenskern geworden ist, und doch weder hohl
sind, noch das Gegenteil, -- Geschpfe, die keine Seele mehr haben und
deshalb der Inbegriff des Verabscheuungswrdigen sind fr die Menge, die
nie eine Seele haben wird, -- Aristokraten, die lieber sterben als kriechen
und mit unfehlbarem Sprsinn den Proleten in einem Menschen wittern, ihn
tiefer stellen als ein Tier und unbegreiflicherweise vor ihm
zusammenknicken, wenn er zufllig auf dem Thron sitzt, -- Mchtige, die
hilfloser werden knnen als ein Kind, wenn das Schicksal nur die Stirne
runzelt, -- -- Werkzeuge des Teufels und sein Spielball zugleich. -- -- --
--

Ein unsichtbares Orchester hatte den Hochzeitsmarsch aus Lohengrin beendet.

Eine Glocke schrillte.

Der Saal wurde still.

An der Wand ber der Bhne leuchteten in winzigen Glhbirnen Buchstaben
auf:

   ! La Force d'Imagination !

und ein franzsisch friseurhaft aussehender Herr in Smoking und weien
Handschuhen, mit schtterem Haar und Spitzbart, schlaffen, gelben
Hngebacken, eine kleine rote Rosette im Knopfloch und tiefe Schatten um
die Augen, trat aus dem Vorhang heraus, verbeugte sich und setzte sich
stumm auf einen Sessel inmitten des Podiums.

Hauberrisser nahm an, es werde irgendein mehr oder weniger zweideutiger
Vortrag, wie man sie in Kabaretts zu hren bekommt, folgen, und blickte
rgerlich weg, als der Darsteller -- ob aus Verlegenheit, oder sollte ein
ordinrer Witz daraus werden? -- an seiner Toilette zu nesteln begann.

Eine Minute verging, und noch immer herrschte lautlose Stille im Saal und
auf der Bhne.

Dann setzten gedmpft zwei Geigen im Orchester ein, und wie aus weiter
Ferne blies schmachtend ein Waldhorn: Beht' dich Gott, es wr zu schn
gewesen, beht' dich Gott, es hat nicht sollen sein.

Erstaunt nahm Hauberrisser seinen Operngucker und schaute auf die Bhne.

Vor Entsetzen fiel ihm beinahe das Glas aus der Hand. Was war das! War er
pltzlich wahnsinnig geworden? Kalter Schwei trat ihm auf die Stirne --
kein Zweifel, ja, er war wahnsinnig geworden! Unmglich konnte das, was er
sah, in Wirklichkeit auf dem Podium -- hier vor hunderten von Zuschauern,
Damen und Herren der noch vor Monaten vornehmsten Kreise -- stattfinden.

Vielleicht in einer Hafenschenke am Nieuwe Dyk oder als medizinisches
Kuriosum in einem Hrsaal, aber hier?!

Oder trumte er? War ein Wunder geschehen und der Zeiger der Zeit in die
Epoche Ludwigs XV. zurckgesprungen? -- -- --

Der Darsteller hielt beide Hnde fest auf die Augen gepret wie jemand, der
sich innerlich mit Aufgebot seiner ganzen Phantasie irgend etwas so lebhaft
wie mglich vorzustellen wnscht -- -- --, erhob sich dann nach einigen
Minuten. Verbeugte sich hastig. Und verschwand.

Hauberrisser warf einen schnellen Blick auf die Damen an seinem Tisch und
die Gesellschaft in der Nhe. Niemand verzog auch nur eine Miene.

Nur eine russische Frstin leistete sich die Ungeniertheit, zu
applaudieren.

Als sei berhaupt nichts geschehen, ging man heiter plaudernd zur
Tagesordnung ber.

Hauberrisser hatte die Empfindung, als sen mit einemmal lauter Gespenster
um ihn herum; er fuhr mit den Fingern ber das Tischtuch und sog den mit
Moschus durchtrnkten Bltenduft ein: -- das Gefhl der Unwirklichkeit
steigerte sich in ihm nur noch bis zum tiefsten Grauen.

Abermals schrillte die Glocke und der Saal wurde dunkel.

Hauberrisser bentzte die Gelegenheit und ging.

Drauen auf der Gasse schmte er sich beinah seiner Gemtsbewegung.

Was war, im Grunde genommen, eigentlich so Schreckliches geschehen?, fragte
er sich. Nichts, was nicht weit schlimmer in hnlicher Art nach lngeren
Zeitlufen in der Geschichte der Menschheit immer wiedergekehrt wre: das
Wegwerfen einer Maske, die nie etwas anderes bedeckt hatte als bewute oder
unbewute Heuchelei, sich als Tugend gebrdende Temperamentlosigkeit oder
in Mnchsgehirnen ausgebrtete asketische Ungeheuerlichkeiten! -- Ein
krankhaftes Gebilde, so kolossal, da es schlielich einem zum Himmel
ragenden Tempel geglichen, hatte ein paar Jahrhunderte lang Kultur
vorgetuscht; jetzt fiel es zusammen und legte den Moder blo. War das
Aufbrechen eines Geschwres denn grlicher und nicht weit weniger
furchtbar als sein bestndiges Wachsen? Nur Kinder und Narren, die nicht
wissen, da die bunten Farben des Herbstes die Farben der Verwesung sind,
jammern, wenn statt des erwarteten Frhlings der tdliche November kommt.

So sehr sich Hauberrisser auch bemhte, sein Gleichgewicht wiederzufinden,
indem er khles Erwgen an Stelle des vorschnellen Gefhlsurteils setzte:
das Grauen wich den Argumenten nicht -- blieb hartnckig bestehen, so, wie
der Stein, weil sein innerstes Leben die Schwere ist, sich nicht durch
Worte verrcken lt.

Ganz allmhlich, als flstere es ihm eine Stimme in zgernden Stzen
silbenweise ins Ohr, wurde ihm nach und nach klar und verstndlich, da
dieses Grauen nichts anderes war als wiederum dieselbe dumpfe, drosselnde
Furcht vor etwas Unbestimmtem, die er schon so lange kannte -- ein
pltzliches Gewahrwerden unaufhaltsamen Hinabsausens der Menschheit in die
Verderbnis.

Da heute einem Publikum als selbstverstndliches Schauspiel erscheinen
konnte, was gestern noch als Gipfel der Unmglichkeit gegolten htte, war
das Atembeklemmende dabei, -- dieses: in rasenden Galopp verfallen und
wie vor einem am Wege auftauchenden Gespenst scheu gewordene Ausbrechen
der sonst so geduldig schreitenden Zeit in die Dunkelheit geistiger Nacht
hinein.

Hauberrisser fhlte, da er wieder einen Schritt weiter hinabgeglitten war
in jenes unheimliche Reich, in dem die Dinge der Welt um so schneller sich
in wesenlosen Schein schemenhafter Unwirklichkeit auflsen, je krasser sie
sind.

Er betrat eins der beiden schmalen Seitengchen, die links und rechts das
Tingeltangel umgaben, und schritt gleich darauf an einem Laubengang aus
Glas vorber, der ihm merkwrdig bekannt vorkam.

Als er um die Ecke bog, stand er vor dem mit Rollblech verschlossenen Laden
Chidher Grn's; das Lokal, das er soeben verlassen, war nur der rckwrtige
Teil des sonderbaren, turmhnlichen Hauses in der Jodenbreestraat mit dem
flachen Dach, das schon nachmittags seine Aufmerksamkeit erregt hatte.

Er blickte empor zu den beiden trben Fenstern, -- auch hier wieder der
befremdende Eindruck von Unwirklichkeit: das ganze Gebude glich tuschend
in der Dunkelheit einem ungeheuern menschlichen Schdel, der mit den Zhnen
des Oberkiefers auf dem Pflaster ruhte.

Unwillkrlich verglich er auf dem Wege zu seiner Wohnung das phantastische
Durcheinander im Innern dieses Schdels aus Mauerwerk mit den vielerlei
krausen Gedanken in dem Kopfe eines Menschen, und Mutmaungen, als knnten
hinter der finstern steinernen Stirne da oben Rtsel schlafen, von denen
Amsterdam sich nichts trumen lie, verdichteten sich in seiner Brust zu
einem beklemmenden Vorgefhl gefhrlicher, an der Schwelle des Geschickes
lauernder Ereignisse.

War die Vision des Gesichtes aus grnem Erz im Laden des Vexiersalons
wirklich nur ein Traum gewesen?, berlegte er.

Die regungslose Gestalt des alten Juden vor dem Pulte nahm pltzlich in
seiner Erinnerung alle Merkmale einer schattenhaften Luftspiegelung an, --
schien weit eher einem Traum entsprungen zu sein, als das erzene Gesicht.

Hatte der Mann tatschlich mit den Fen auf dem Boden gestanden? Je
schrfer er sich das Bild zu vergegenwrtigen suchte, um so mehr zweifelte
er, da es der Fall gewesen war.

Er wute mit einemmal haargenau, da er die Schubladen des Pultes durch den
Kaftan hindurch deutlich gesehen hatte.

Ein jhes Mitrauen gegenber seinen Sinnen und der anscheinend so fest
begrndeten Stofflichkeit der Auenwelt flammte, tief aus der Seele
hervorbrechend wie ein blitzartiges Licht, einen Augenblick in ihm auf, und
gleichsam als Schlssel zu den Geheimnissen derartiger unerklrlicher
Vorgnge, fiel ihm ein, was er schon als Kind gelernt: da das Licht
gewisser, unfabar weit entfernter Sterne in der Milchstrae am Himmel
siebzigtausend Jahre braucht, um zur Erde zu gelangen, und man daher (gbe
es so scharfe Fernrohre, um jene Weltenkrper dicht vor's Auge zu rcken)
dort oben nur Begebenheiten schauen knnte, so wirklich und wahrhaftig, als
vollzgen sie sich soeben, die seit siebzigtausend Jahren bereits in das
Reich der Vergangenheit versunken sind. Es mute also -- ein Gedanke von
erschtternder Furchtbarkeit! -- in der unendlichen Ausdehnung des
Weltenraumes _jedes_ Geschehen, das einmal geboren worden, ewig als Bild,
aufbewahrt im Licht, bestehen bleiben. So gibt es also -- wenn auch
auerhalb des Bereiches menschlicher Macht -- eine Mglichkeit, schlo er,
Vergangenes zurckzubringen?

Als hinge die Erscheinung des alten Juden vor dem Pulte mit diesem Gesetze
einer gespenstischen Wiederkunft irgendwie zusammen, gewann sie pltzlich
fr ihn ein schreckhaftes Leben.

Er fhlte das Phantom gleichsam in Armesnhe neben sich hergehen,
unsichtbar fr die uern Augen und doch weit gegenwrtiger als jener
leuchtende, ferne Stern dort oben in der Milchstrae, den alle Menschen
sehen konnten Nacht fr Nacht, und der trotzdem schon seit siebzigtausend
Jahren am Himmel erloschen sein konnte -- --

Vor seiner Wohnung, einem engen, zweifenstrigen, altertmlichen Hause mit
einem Vorgrtchen, blieb er stehen und sperrte das schwere eichene Tor auf.

So deutlich war seine Empfindung geworden als ginge jemand neben ihm, da
er sich unwillkrlich umblickte, bevor er eintrat.

Er klomm die kaum brustbreite Treppe empor, die, wie fast in allen
hollndischen Husern, steil wie eine Feuerleiter in einer ununterbrochenen
Flucht von ebener Erde bis hinauf unter das Dach lief, und ging in sein
Schlafzimmer.

Ein Raum, schmal und langgezogen, die Decke getfelt, nur ein Tisch und
vier Sthle in der Mitte; alles andere: Schrnke, Kommoden, Waschtisch,
sogar das Bett, eingebaut in die mit gelber Seide bespannten Wnde.

Er nahm ein Bad und legte sich schlafen.

Beim Auslschen des Lichtes fiel sein Blick auf den Tisch, und er sah dort
einen wrfelfrmigen grnen Karton stehen.

Aha, das Delphische Orakel aus Papiermach, das man mir aus dem
Vexiersalon geschickt hat, legte er sich mit bereits entschwindendem
Bewutsein zurecht.

Eine Weile spter fuhr er halb aus dem Schlummer auf; er glaubte ein
merkwrdiges Gerusch gehrt zu haben, als schlge eine Hand mit kleinen
Stben auf den Fuboden.

Es mute jemand im Zimmer sein!

Aber er hatte doch die Haustr fest zugeschlossen! Er erinnerte sich genau.

Vorsichtig tastete er an der Wand hin nach dem Drcker des elektrischen
Lichtes, da berhrte ihn etwas, das sich anfhlte wie ein kleines Brett,
mit leisem, schnellem Schlag am Arm. Gleichzeitig hrte er ein Klappen in
der Mauer, und ein leichter Gegenstand rollte ber sein Gesicht.

Im nchsten Augenblick blendete ihn die aufleuchtende Glhbirne.

Wieder ertnte das Gerusch der klopfenden Stbe.

Es kam aus dem Innern der grnen Schachtel auf dem Tisch.

Der Mechanismus in dem albernen pappendeckelnen Totenkopf wird losgegangen
sein; das ist alles, brummte Hauberrisser rgerlich. Dann griff er nach
dem Ding, das ihm bers Gesicht gekollert war und auf seiner Brust lag.

Es war eine zusammengebundene Rolle Schreibpapier, mit engen, verwischten
Schriftzeichen bedeckt, wie er mit halbwachen Augen erkannte.

Er warf sie aus dem Bett hinaus, drehte das Licht ab und schlief wieder
ein.

Sie mu von irgendwo herabgefallen sein, oder bin ich an ein Klappfach in
der Wand angekommen, in dem sie gelegen hat, raffte er seine letzten
klaren Gedanken zusammen, dann formten sie sich immer dichter und dichter
zu konfusen Phantasiegebilden, und schlielich stand als Traumgestalt,
wahllos aufgebaut aus den Eindrcken des Tages, ein Zulukaffer vor ihm, auf
dem Kopf eine rotwollene Gockelhaube, die Fe geschmckt mit grnen
Froschzehen, hielt in der Hand die Visitenkarte des Grafen Ciechoski, und
das schdelhafte Haus in der Jodenbreestraat stand grinsend dabei und kniff
zwinkernd bald das eine, bald das andere Auge zu.

Das ferne bange Heulen einer Schiffssirene im Hafen war das letzte
berbleibsel aus der Sinnenwelt, das Hauberrisser noch eine kleine Strecke
hinabbegleitete in die Abgrnde des Tiefschlafs.




Viertes Kapitel


Baron Pfeill hatte in der Absicht, den Sptnachmittagszug nach Hilversum
noch zu erreichen, wo sein Landhaus Buitenzorg lag, die Richtung nach der
Central Spoorweg-Station eingeschlagen und war bereits durch ein Gewimmel
von Zelten und Buden hindurch dem beginnenden abendlichen Kirmesgetriebe
entronnen und in der Nhe der Hafenbrcke angelangt, da verriet ihm der wie
auf ein Zeichen eines Orchesterdirigenten hereinbrechende, ohrenbetubende
Lrm der hundert Glockenspiele auf den Kirchtrmen, da es sechs Uhr war
und er die Bahn nicht mehr erreichen konnte.

Rasch entschlossen ging er wieder in die Altstadt zurck.

Es war ihm fast eine Erleichterung, da er den Zug versumt hatte und ihm
noch ein paar Stunden Zeit blieben, um eine Angelegenheit in Ordnung zu
bringen, die ihm unablssig im Kopf herumging, seit er Hauberrisser
verlassen hatte.

Vor einem wundervollen, altertmlichen Barockbau aus rtlichen,
weiumrahmten Ziegeln in der dstern Ulmenallee der Heerengracht blieb er
stehen, sah einen Augenblick hinauf zu dem ungeheuren Schiebefenster, das
fast die ganze Hhe und Breite des ersten Stockes einnahm, und zog dann an
dem schweren, bronzenen Trdrcker inmitten des Portals, der zugleich die
Hausglocke bildete.

Es verging eine Ewigkeit, bis ein alter livrierter Diener mit weien
Strmpfen und maulbeerfarbenen seidenen Kniehosen ffnen kam.

Ist Herr Doktor Sephardi zu Hause? -- Sie kennen mich doch noch, Jan,
wie? Baron Pfeill suchte nach einer Visitenkarte. Bringen Sie, bitte,
diese Karte hinauf und fragen Sie ob --

Der gndige Herr erwartet Sie bereits, Mynheer. Wenn ich bitten darf? --
Der Alte ging die schmale, mit indischen Teppichen belegte und an den
Wandseiten mit chinesischen Stickereien verkleidete Treppe voraus, die so
steil war, da er sich an dem gewundenen Messinggelnder halten mute, um
nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

Ein stumpfer, betubender Geruch nach Sandelholz erfllte das ganze Haus.

Erwartet mich? Wieso? fragte Baron Pfeill erstaunt, da er seit Jahren
Doktor Sephardi nicht mehr gesehen hatte und ihm vor knapp einer halben
Stunde erst der Einfall gekommen war, Sephardi aufzusuchen, um eine
Erinnerung an das Bild des Ewigen Juden mit dem olivgrnen Gesicht in
gewissen Einzelheiten festzustellen, die in seinem Gedchtnis einander
seltsam widersprachen und merkwrdigerweise nicht bereinstimmen wollten
mit dem, was er Hauberrisser im Caf erzhlt hatte.

Der gndige Herr hat Ihnen heute vormittag nach dem Haag telegraphiert und
Sie um Ihren Besuch gebeten, Mynheer.

Nach dem Haag? Ich wohne doch schon lange wieder in Hilversum. Es ist
lediglich ein Zufall, da ich heute hergekommen bin.

Ich werde den gndigen Herrn sofort verstndigen, da Sie hier sind,
Mynheer.

Baron Pfeill setzte sich und wartete.

Bis ins kleinste stand alles genau auf demselben Platze wie damals, als er
zum letztenmal hier gewesen: auf den Sitzen der schweren geschnitzten
Sthle schillernde Samarkandseidenberwrfe, die beiden berdachten
sdniederlndischen Sessel neben dem prachtvollen, sulengeschmckten Kamin
mit den goldeingelegten moosgrnen Nephritkacheln, in buntleuchtenden
Farben Ispahanteppiche auf den schwarzweien Steinquadern des Fubodens,
die blarosa Porzellanstatuen japanischer Prinzessinnen in den Nischen der
Tfelung, ein Wangentisch mit schwarzer Marmorplatte, an den Wnden
Rembrandtsche und andere Meister-Portrts von den Vorfahren Ismael
Sephardis: eingewanderte, vornehme portugiesische Juden, die das Haus im
siebzehnten Jahrhundert von dem berhmten Hendrik de Keyser bauen lieen,
darin gelebt hatten und gestorben waren.

Pfeill verglich die hnlichkeit dieser Menschen einer vergangenen Epoche im
Geiste mit den Zgen Doktor Ismael Sephardis.

Es waren dieselben schmalen Schdel, dieselben groen, dunkeln,
mandelfrmigen Augen, die gleichen dnnen Lippen und leicht gebogenen
scharfen Nasen, derselbe weltfremde, fast hochmtig verchtlich blickende
Typus der Spaniolen mit den unnatrlich schmalen Fen und weien Hnden,
der mit den gewhnlichen Juden der Rasse Gomers, den sogenannten
Aschkenasi, kaum mehr gemein hat als die Religion.

Nirgends auch nur eine Spur der Anpassung an eine anders gewordene Zeit in
diesem, sich durch die Jahrhunderte ewig gleich bleibenden
Gesichtsschnitte.

Eine Minute spter wurde Baron Pfeill von dem eintretenden Doktor Sephardi
begrt und einer jungen, blonden, auffallend schnen Dame von etwa
sechsundzwanzig Jahren vorgestellt.

Haben Sie mir wirklich telegraphiert, lieber Doktor? fragte Pfeill, Jan,
sagte mir --

Baron Pfeill hat so feinfhlige Nerven, erklrte Sephardi lchelnd der
jungen Dame, da es gengt, einen Wunsch zu denken, und schon erfllt er
ihn. Er ist gekommen, ohne meine Depesche erhalten zu haben. -- Frulein
van Druysen ist nmlich die Tochter eines verstorbenen Freundes meines
Vaters, er wandte sich an Pfeill, und von Antwerpen hergereist, um mich
in einer Angelegenheit um Rat zu fragen, in der aber nur Sie Bescheid
wissen. Es betrifft ein Bild, -- oder besser gesagt, knnte damit
zusammenhngen, -- von dem Sie mir einmal erzhlten, Sie htten es in
Leyden in der Oudheden-Sammlung gesehen, und es stelle den Ahasver dar.

Pfeill sah erstaunt auf. Haben Sie mir deshalb telegraphiert?

Ja. Wir waren gestern in Leyden, um das Bild zu besichtigen, erfuhren
jedoch, da niemals ein hnliches Gemlde in der Sammlung existiert habe.
Direktor Holwerda, den ich gut kenne, versicherte mir, es hingen berhaupt
keine Bilder dort, da das Museum nur gyptische Altertmer und -- -- --

Erlauben Sie, da ich dem Herrn erzhle, warum mich die Sache so
interessiert? mischte sich die junge Dame lebhaft in das Gesprch. Ich
mchte Sie nicht mit einer breiten Schilderung meiner Familienverhltnisse
langweilen, Baron, ich will daher nur kurz sagen: in das Leben meines
verstorbenen Vaters, den ich unendlich geliebt habe, spielte ein Mensch,
oder -- es klingt vielleicht sonderbar -- eine 'Erscheinung' hinein, die
oft monatelang sein ganzes Denken erfllte.

Ich war damals noch zu jung -- vielleicht auch zu lebenslustig -- um das
Innenleben meines Vaters zu begreifen, (meine Mutter war schon lange tot)
aber jetzt ist pltzlich alles von damals wieder in mir wach geworden, und
eine bestndige Unruhe qult mich, Dingen nachzugehen, die ich lngst htte
verstehen lernen sollen.

Sie werden denken, ich sei berspannt, wenn ich Ihnen sage, ich mchte
lieber heute als morgen aufhren zu leben. -- Der blasierteste Genumensch
kann, glaube ich, dem Selbstmord nicht nher sein als ich; -- sie war mit
einemmal ganz verwirrt geworden und fate sich erst, als sie sah, da
Pfeill ihr mit tiefem Ernst zuhrte und die Stimmung, in der sie sich
befand, sehr rasch zu verstehen schien. -- Ja, und das mit dem Bild, oder
der 'Erscheinung': welche Bewandtnis es damit hatte? Ich wei so gut wie
nichts darber. Ich wei nur, mein Vater sagte oft, wenn ich -- damals noch
ein Kind -- ihn ber Religion oder ber den lieben Gott fragte, da eine
Zeit nahe bevorstnde, wo der Menschheit die letzten Sttzen fortgerissen
wrden und ein geistiger Sturmwind alles wegfegen wrde, was jemals Hnde
aufgebaut htten.

Nur jene seien gefeit gegen den Untergang, die -- das waren genau seine
Worte -- die das erzgrne Antlitz des Vorlufers, des Urmenschen, der den
Tod nicht schmecken wird, in sich schauen knnen.

Als ich dann jedesmal neugierig in ihn drang und wissen wollte, wie dieser
Vorlufer aussehe, ob er ein lebender Mensch sei oder ein Gespenst oder der
liebe Gott selbst, und woran ich ihn erkennen knne, wenn ich ihm auf dem
Wege zur Schule gelegentlich begegnen sollte, sagte er immer: Sei ruhig,
mein Kind, und grble nicht. Er ist kein Gespenst, und wenn er auch einmal
zu dir kommen wird wie ein Gespenst, so frchte dich nicht, er ist der
einzige _Mensch_ auf Erden, der _kein_ Gespenst ist. Auf der Stirne trgt
er eine schwarze Binde, darunter ist das Zeichen des ewigen Lebens
_verborgen_, denn wer das Zeichen des Lebens offen trgt und nicht tief
innen verborgen, der ist gebrandmarkt wie Kain. Und schritte er auch im
Glanz einher wie ein wandelndes Licht: er wre ein Gespenst und ein Raub
der Gespenster. Ob er Gott ist, das kann ich dir nicht sagen; du wrdest's
nicht begreifen. Begegnen kannst du ihm berall, am wahrscheinlichsten
dann, wenn du es am wenigsten erwartest. Nur reif mut du dazu sein. Auch
Sankt Hubertus hat den fahlen Hirsch mitten im Getmmel der Jagd erblickt,
und als er ihn mit der Armbrust tten wollte. --

Als dann viele Jahre spter -- fuhr Frulein van Druysen nach einer Pause
fort -- der grauenhafte Krieg kam und das Christentum sich so unsagbar
blamierte --

Verzeihen Sie: die Christenheit! Das ist das Gegenteil, unterbrach Baron
Pfeill lchelnd.

Ja, natrlich. Das meine ich: die Christenheit; -- da dachte ich, mein
Vater htte prophetisch die Zukunft geschaut und auf das groe Blutbad
angespielt --

Sicher hat er den Krieg nicht gemeint, fiel Sephardi ruhig ein, uere
Geschehnisse wie ein Krieg, und mgen sie noch so entsetzlich sein,
verhallen wie harmloser Donner an den Ohren _aller_ derer, die den Blitz
nicht gesehen haben, und vor deren Fen es nicht eingeschlagen hat; sie
fhlen blo das 'Gott sei Dank, mich hat's nicht getroffen'.

Der Krieg hat die Menschen in zwei Teile gerissen, die einander nie mehr
verstehen knnen, -- die einen haben in die Hlle geblickt und tragen das
Schreckbild stumm in der Brust ihr Lebtag lang, bei den andern ist es kaum
mehr als Druckerschwrze. Zu diesen gehre auch ich.

Ich habe mich genau geprft und mit Entsetzen an mir erkannt und sage es
ohne Scheu offen heraus: das Leid der Abermillionen ist spurlos an mir
abgeglitten. Warum lgen?! Wenn andere von sich das Gegenteil sagen und sie
sprechen die Wahrheit, will ich gern und demtig vor ihnen den Hut ziehen;
aber ich kann ihnen nicht glauben; es ist mir unmglich zu denken, da ich
so viel tausendmal verworfener bin als sie. -- Aber entschuldigen Sie,
gndiges Frulein, ich habe Sie unterbrochen.

Er ist ein Mensch mit einer aufrechten Seele, der sich der Ble seines
Herzens nicht schmt, dachte Baron Pfeill und warf einen Blick voll Freude
in das dunkelhutige stolze Gelehrtengesicht Sephardis.

Da glaubte ich, mein Vater htte auf den Krieg angespielt, nahm die junge
Dame ihre Erzhlung wieder auf, aber allmhlich fhlte ich, was heute
jeder sprt, der nicht von Stein ist, -- da eine wrgende Schwle aus dem
Erdboden steigt, die mit dem Tod nicht verwandt ist, und diese Schwle,
dieses Nicht-leben-und-nicht-sterben-Knnen, wird mein Vater, denke ich,
mit den Worten gemeint haben: Die letzten Sttzen werden der Menschheit
fortgerissen.

Als ich nun Doktor Sephardi von dem erzgrnen Gesicht des Urmenschen, wie
ihn mein Vater nannte, erzhlte, und ihn, da er doch in solchen Gebieten
ein groer Forscher ist, bat, mir zu sagen, was ich von all dem halten
solle, und ob nicht vielleicht mehr dahinter stecken knne als eine
Wahnvorstellung meines Vaters, erinnerte er sich, von Ihnen, Baron, gehrt
zu haben, Sie kennten ein Portrt -- -- --

das leider nicht existiert, ergnzte Pfeill. Ich habe Doktor Sephardi
von diesem Bild erzhlt, alles das stimmt; auch da ich -- allerdings seit
ungefhr einer Stunde nicht mehr -- fest berzeugt war, das Bild vor
Jahren, -- wie ich annahm, in Leyden, -- gesehen zu haben, stimmt.

Jetzt stimmt fr mich nur noch das eine: ich habe es sicher niemals im
Leben gesehen. Weder in Leyden, noch irgendwo anders.

Heute Nachmittag sprach ich noch mit einem Freund ber das Bild, sah es in
der Erinnerung in einem Rahmen an einer Wand hngen; dann, als ich zum
Bahnhof ging, um nach Hause zu fahren, erkannte ich pltzlich, da dieser
Rahmen nur scheinbar, so wie hinzuphantasiert, das Bildnis des olivgrnen
Gesichtes in meinem Gedchtnis umgab, und ich ging sofort in die
Heerengracht zu Doktor Sephardi, um mich zu berzeugen, ob ich ihm damals
vor Jahren wirklich von dem Portrt erzhlte, oder auch das am Ende nur
getrumt htte.

Wie das Bild in meinen Kopf gekommen sein mag, ist mir ein unlsbares
Rtsel. Es hat mich frher oft bis in den Schlaf verfolgt; ob ich auch
getrumt habe, es hinge in Leyden in einer Privatsammlung, und die
Erinnerung an diesen Traum dann fr ein Begebnis der Wirklichkeit gehalten
habe?

Noch verwickelter wird die Sache fr mich dadurch, da, whrend Sie,
gndiges Frulein, vorhin von Ihrem Vater erzhlten, mir das Gesicht wieder
mit geradezu betubender Deutlichkeit erschien, -- nur anders, lebendig,
beweglich, mit bebenden Lippen, als wolle es sprechen, nicht mehr tot und
starr wie ein Gemlde -- --.

Er brach pltzlich seine Rede ab und schien nach innen zu lauschen, so als
ob das Bild ihm etwas zuflstere.

Auch Sephardi und die junge Dame schwiegen betroffen.

Von der Heerengracht herauf ertnte klangvoll das Spiel einer der groen
Orgeln, wie sie in Amsterdam auf ponybespannten Wagen abends zuweilen
langsam durch die Straen fahren.

Ich kann nur annehmen, begann Sephardi nach einer Weile, da es sich in
diesem Falle bei Ihnen um einen sogenannten hypnoiden Zustand handelt, --
da Sie einmal im Tiefschlaf, also ohne bewute Wahrnehmung, irgend etwas
erlebt haben, das sich dann spter unter der Maske eines Portrts in die
Begebenheiten des Tages einschlich und mit diesen zu scheinbarer
Wirklichkeit verwuchs. -- Sie mssen nicht frchten, da so etwas krankhaft
oder abnormal wre, fgte er hinzu, als er sah, da Pfeill eine abwehrende
Handbewegung machte, solche Dinge kommen weit hufiger vor, als man
glaubt, und wenn man ihren wahren Ursprung aufdecken knnte: -- ich bin
berzeugt, wie Schuppen wrde es uns von den Augen fallen und wir wren mit
einem Schlage eines zweiten fortlaufenden Lebens teilhaftig, das wir in
unserem jetzigen Zustand im Tiefschlaf fhren, ohne es zu wissen, weil es
jenseits unseres krperlichen Daseins liegt und whrend unseres
Zurckwanderns ber die Brcke des Traumes, die Tag und Nacht verbindet,
vergessen wird. -- Was die Ekstatiker der christlichen Mystik von der
'Wiedergeburt' schreiben, ohne die es unmglich sei, 'das Reich Gottes zu
schauen', scheint mir nichts anderes zu sein, als ein Aufwachen des bis
dahin wie tot gewesenen Ichs in einem Reich, das unabhngig von den ueren
Sinnen existiert, -- im 'Paradies', kurz und gut. -- Er holte ein Buch aus
einem Spind und deutete auf ein Bild darin. Der Sinn des Mrchens vom
Dornrschen hat sicherlich darauf Bezug, und ich wte nicht, was diese
alte, alchemistische illustrierte Darstellung der 'Wiedergeburt' hier: ein
nackter Mensch, der aus einem Sarge aufsteht und daneben ein Totenschdel
mit einer brennenden Kerze auf dem Scheitel, anders bedeuten sollte? --
brigens, da wir gerade von christlichen Ekstatikern sprechen: Frulein van
Druysen und ich gehen heute Abend zu einer solchen Versammlung, die am Zee
Dyk stattfindet. Kurioserweise spukt auch dort das olivgrne Gesicht.

Am Zee Dyk? jubelte Pfeill, das ist doch das Verbrecherviertel! Was hat
man Ihnen denn da wieder aufgebunden?

Es ist nicht mehr so schlimm wie frher, hre ich, nur eine einzige,
allerdings sehr ble Matrosenschenke 'Zum Prins van Oranje' ist noch
vorhanden; sonst leben nur harmlose, arme Handwerker in der Gegend.

Auch ein greiser Sonderling mit seiner Schwester, ein verrckter
Schmetterlingssammler namens Swammerdam, der sich in freien Stunden
einbildet, der Knig Salomo zu sein. Wir sind bei ihm zu Gast geladen,
fiel die junge Dame frhlich ein; meine Tante, ein Frulein de Bourignon,
verkehrt tglich dort. -- Nun -- was sagen Sie jetzt, was fr vornehme
Beziehungen ich habe? -- Um Irrtmern vorzubeugen: sie ist nmlich eine
ehrwrdige Stiftsdame aus dem Bginenkloster und von berschumender
Frmmigkeit.

Was?! Der alte Jan Swammerdam lebt noch? rief Baron Pfeill lachend, der
mu doch schon neunzig Jahre alt sein? Hat er immer noch seine
zweifingerdicken Gummisohlen?

Sie kennen ihn? Was ist das eigentlich fr ein Mensch? fragte Frulein
van Druysen lustig erstaunt. Ist er wirklich ein Prophet, wie meine Tante
behauptet? Bitte, erzhlen Sie mir doch von ihm.

Mit Vergngen, wenn's Ihnen Spa macht, mein Frulein. Nur mu ich mich
ein wenig eilen und quasi jetzt schon Abschied von Ihnen nehmen, sonst
versume ich abermals meinen Zug. Jedenfalls Adieu im Voraus. Aber Sie
drfen nichts Unheimliches oder dergleichen erwarten -- die Sache ist
lediglich komisch.

Umso besser.

Also: Ich kenne Swammerdam seit meinem vierzehnten Jahr, -- spter verlor
ich ihn natrlich aus den Augen.

Ich war damals ein frchterlicher Lausbub und betrieb alles, das Lernen
selbstverstndlich ausgenommen, wie ein Besessener. Unter anderem den
Terrariensport und das Insektensammeln.

Wenn's wo einen Ochsenfrosch oder eine asiatische Krte von Handkoffergre
in einem Naturaliengeschft gab, schon da ich sie besa und in groen
heizbaren Glasksten bndigte.

Nachts war ein Gequake, da in den Nachbarhusern die Fenster klirrten.

Und was das Viehzeug an Ungeziefer zum Fressen brauchte! Sckeweis mute
ich es herbeischaffen.

Da es heute in Holland so wenig Fliegen mehr gibt, ist ausschlielich
meiner damaligen Grndlichkeit beim Futtersammeln zu verdanken.

Zum Beispiel die Schwaben -- die habe _ich_ ausgerottet.

Die Frsche selbst bekam ich nie zu Gesicht; bei Tage waren sie unter den
Steinen verkrochen, und nachts bestanden meine Eltern hartnckigerweise
darauf, da ich schliefe.

Schlielich riet mir meine Mutter, ich solle die Biester freilassen und
blo die Steine behalten -- es kme auf dasselbe heraus und sei einfacher
-- aber ich wies solche verstndnislosen Vorschlge natrlich entrstet
zurck.

Meine Emsigkeit im Insektenfangen wurde allmhlich Stadtgesprch und zog
mir eines Tages das Wohlwollen des entomologischen Vereins zu, der damals
aus einem ixbeinigen Barbier, einem Pelzhndler, drei pensionierten
Lokomotivfhrern und einem Prparator am naturwissenschaftlichen Museum
bestand, der jedoch an den Sammelausflgen nicht mitmachen durfte, da seine
Frau es nicht erlaubte. Es waren lauter gebrechliche alte Herren, die teils
Kfer, teils Schmetterlinge sammelten und eine seidene Fahne verehrten, auf
der die Worte eingestickt waren: Osiris, Verein fr biologische Forschung.

Trotz meiner Jugend wurde ich als Mitglied aufgenommen. Noch heute besitze
ich das Diplom, das mit den Worten schliet: 'Wir entbieten Ihnen unsern
besten biologischen Gru'.

Warum man auf meinen Eintritt in den Klub so versessen war, wurde mir bald
klar. Smtliche biologische Greise waren nmlich entweder halb blind und
infolgedessen auerstande, die in Baumritzen versteckten Nachtfalter zu
ersphen, oder es machte sich ihnen das Vorhandensein von Krampfadern bei
dem zur Kferjagd nicht zu missenden Dnensandwaten strend bemerkbar.
Andere wieder wurden regelmig -- wahrscheinlich infolge der Aufregung --
beim Schwingen des Netzes nach dem hurtigen Pfauenauge im entscheidenden
Augenblick von einem rasselnden Hustenausbruch befallen, der sie der
erhofften Beute jedesmal verlustig gehen lie.

Von allen diesen Bresthaftigkeiten besa ich keine einzige, und eine Raupe
mehrere Kilometer weit auf einem Blatt zu entdecken, war mir eine
Kleinigkeit; kein Wunder daher, da die findigen Greise auf den Gedanken
gekommen waren, sich meiner und noch eines Schulkameraden von mir als Spr-
und Jagdhund zu bedienen.

Nur einer von ihnen, eben jener Jan Swammerdam, der damals bestimmt schon
fnfundsechzig Jahre zhlte, bertraf mich weit, was das Auffinden von
Insekten anbelangte. Er brauchte nur einen Stein umzudrehen, und schon lag
eine Kferlarve oder sonst etwas Ersehnenswertes darunter.

Er stand im Geruch, die Gabe des Hellsehens auf diesem Gebiete als Folge
eines mustergiltigen Lebenswandels in sich erweckt zu haben. -- Sie wissen
ja, Holland hlt viel von Tugend!

Ich habe ihn nie anders gesehen als in einem schwarzen Gehrock, den
kreisfrmigen Abdruck eines unter die Weste geschobenen
Schmetterlingsnetzes zwischen den Schulterblttern und unter den Schen,
ein kurzes Stck herausragend, den grnen Stiel davon.

Weshalb er nie einen Hemdkragen trug, sondern statt dessen um den Hals die
zusammengefaltete Borte einer alten Leinwandlandkarte, erfuhr ich, als ich
ihn einmal in seiner Dachkammer besuchte. Ich kann nicht hinein, erklrte
er mir und deutete auf einen Schrank, der seine Wsche enthielt: Hybocampa
Milhauseri -- das ist nmlich eine seltene Raupe -- hat sich dicht neben
dem Scharnier verpuppt und braucht drei Jahre, bis sie auskriecht.

Bei unsern Exkursionen benutzten wir alle die Eisenbahn; nur Swammerdam
ging hin und her zu Fu, denn er war zu arm, um die Kosten zu erschwingen,
und damit er sich die Schuhsohlen nicht durchlief, bestrich er sie mit
einer geheimnisvollen Kautschuklsung, die im Laufe der Zeit zu einer
mehrere Finger dicken Lavaschicht erhrtete. Ich sehe sie heut noch vor
mir.

Seinen Lebensunterhalt bestritt er durch den Verkauf seltener
Schmetterlingsbastarde, die zu zchten ihm bisweilen gelang, doch reichte
der Erls nicht, um zu verhindern, da seine Gattin, die stets nur ein
liebevolles Lcheln fr seine Marotten hatte und geduldig die Armut mit ihm
trug, eines Tages an Entkrftung starb. --

Seit jener Zeit vernachlssigte Swammerdam die finanzielle Seite des
Daseins ganz und gar und lebte nur noch seinem Ideal, nmlich: einen
gewissen grnen Mistkfer zu finden, von dem die Wissenschaft behauptet, er
kapriziere sich darauf, genau siebenunddreiig Zentimeter unter der Erde
vorzukommen, und auch da nur an Orten, deren Oberflche mit Schafdnger
bedeckt sei.

Mein Schulkamerad und ich bezweifelten dieses Gercht aufs lebhafteste,
waren aber in der Verworfenheit unserer jugendlichen Herzen ruchlos genug,
von Zeit zu Zeit Schafmist, den wir zu diesem Behuf immer in der Tasche zu
tragen pflegten, an besonders harten Stellen der Dorfstraen heimlich
auszustreuen und uns indianerhaft zu freuen, wenn Swammerdam bei seinem
Anblick wie ein irrsinnig gewordener Maulwurf sofort zu graben anfing.

Eines Morgens jedoch begab sich buchstblich ein Wunder, das uns aufs
tiefste erschtterte.

Wir machten einmal wieder einen Ausflug; voran trabten die Greise und
meckerten das Vereinslied:

   'Eu--prep--ia
      pudica (das ist nmlich der lateinische Name eines sehr schnen
         Brenspinners)

   sind leider keine da,
   doch wren welche hier,
   steckt' ich sie gleich zu mir'

und den Zug schlo, baumlang, hager, schwarz gekleidet wie immer, und den
Handspaten gezckt: Jan Swammerdam. Auf seinem lieben, alten Gesicht lag
der Ausdruck geradezu biblischer Verklrung, und als man ihn nach der
Ursache fragte, sagte er nur geheimnistief, er htte in der Nacht einen
verheiungsvollen Traum gehabt.

Gleich darauf lieen wir unauffllig eine Prise Schafmist fallen.

Swammerdam ersphte sie, blieb stehen, entblte sein Haupt, tat einen
tiefen Atemzug und blickte, von Hoffnung und Glauben durchschauert, lange
zur Sonne auf, bis seine Pupillen ganz klein wie Nadelkpfe waren; dann
beugte er sich nieder und fing an zu scharren, da die Steine nur so
flogen.

Mein Schulkamerad und ich standen dabei, und in unsern Herzen frohlockte
der Satan.

Pltzlich wurde Swammerdam totenbla, lie den Spaten fallen und starrte,
die Hnde verkrampft und an den Mund gedrckt, in das Loch, das er gewhlt
hatte.

Gleich darauf holte er mit zitternden Fingern einen grnschillernden
Mistkfer aus der Tiefe hervor.

Er war so ergriffen, da er lange kein Wort sprechen konnte, nur zwei dicke
Trnen liefen an seinen Wangen herunter; endlich sagte er leise zu uns:
heute Nacht im Traum ist mir der Geist meiner Frau erschienen mit
leuchtendem Angesicht wie eine Heilige, und sie hat mich getrstet und mir
verheien, da ich den Kfer finden werde. --

Wir zwei Lausbuben schlichen uns stumm weg wie Verbrecher und konnten
einander an diesem Tag vor Scham nicht mehr ins Gesicht sehen.

Mein Schulkamerad sagte mir spter, er habe sich noch lange vor seiner
eigenen Hand entsetzt, die in demselben Momente, als er mit dem alten Mann
einen grausamen Scherz habe machen wollen, vielleicht das Werkzeug einer
Heiligen gewesen sei.

                   *       *       *       *       *

Als es dunkel geworden war, begleitete Doktor Sephardi Frulein van Druysen
zum Zee Dyk, einer krummen, stockfinsteren Gasse, die sich im
unheimlichsten Viertel Amsterdams am Zusammenflu zweier Grachten in
unmittelbarer Nhe der dstern Nicolas Kerk hinzog.

ber den Husergiebeln der benachbarten Warmoesstraat, in der die
sommerliche Kirmes bereits in vollem Gange war, stieg der rtliche Schein
der beleuchteten Schaubuden und Zelte zum Himmel empor und verdichtete die
Luft, vermischt mit dem weien Dunst der Stadt und dem grellen Glitzern des
Vollmonds auf den Dchern, zu einem phantastisch schillernden Nebelhauch,
in dem die Schlagschatten der Kirchtrme als lange spitzige Dreiecke aus
schwarzem Schleier schwebten.

Wie das Pochen eines groen Herzens tnte das Schlapfen der Motore herber,
die die zahlreichen Karussels drehten.

Das atemlose Geklingel der Leierkasten, das Wirbeln der Trommeln und die
schrillen Stimmen der Ausrufer, unterbrochen von dem Peitschenknallen aus
den Schiebuden, vibrierten durch die dunkeln Straen und lieen ein von
Fackelglanz beschienenes Bild ahnen, in dem eine wogende Volksmenge
Bretterstnde voll Pfefferkuchen, farbigem Zuckerwerk und zottig bebarteten
Menschenfressergesichtern aus geschnitzten Kokosnssen, umdrngte; im
Kreise umhersausende, buntbemalte Ringelspielpferde, auf- und niederjagende
Schaukeln, nickende Mohrenkpfe mit weien Gipspfeifen als Zielscheiben,
ungehobelte Tische mit reihenweise eingesteckten Taschenmessern, um mit
Ringen darnach zu werfen, fettglnzende Seehunde in hlzernen Bassins voll
schmutzigen Wassers, Zelte mit wehenden Wimpeln und wackelnden
Spiegelfacetten, kreischende Kakadus in silbernen Reifen, Fratzen
schneidende Affen und im Hintergrund, Schulter an Schulter: Reihen schmaler
Huser wie eine Schar stumm zuschauender schwrzlicher Riesen mit weien,
viereckig vergitterten Augen. -- --

Die Wohnung Jan Swammerdams lag im vierten Stock abseits von dem Getriebe
des lrmenden Volksfestes in einem schief nach vorne gesunkenen Gebude, in
dessen Keller sich die berchtigte Matrosenschenke Prins van Oranje
befand.

Ein mrber Staubgeruch nach Krutern und getrockneten Pflanzen, dem kleinen
Drogenmagazin neben dem Eingang entstrmend, erfllte das Innere des Hauses
bis hinauf zum Dach, und ein Ladenschild mit der Lockschrift: Hier
verkoopt men sterke dranken verriet, da auerdem noch ein gewisser
Lazarus Eidotter tagsber eine Schnapsbudike in den Gefilden des Zee Dyk
betrieb.

Doktor Sephardi und Frulein van Druysen kletterten die hhnersteigartige
Treppe hinauf und wurden sogleich von einer alten Dame mit schneeweien
Locken und kreisrunden Kinderaugen, der Tante Frulein van Druysens, voll
Herzlichkeit mit den Worten empfangen: Willkommen, Eva, und willkommen
auch du, Knig Balthasar, im neuen Jerusalem! --

Eine Versammlung von sechs Leuten, die alle andchtig um einen Tisch herum
gesessen hatten, erhoben sich verlegen, als die beiden eintraten, und
wurden von Frulein de Bourignon vorgestellt:

Hier Jan Swammerdam und seine Schwester, -- ein altes verhutzeltes
Weiblein mit hollndischer Haube und Krulletjes an den Ohren knixte
unaufhrlich, -- dann Herr Lazarus Eidotter, der zwar nicht zu unserm
geistigen Kreis gehrt, aber er ist 'Simon der Kreuztrger', -- (und im
selben Hoose wohn' jach ooch, mit Verloob, ergnzte stolz der Angeredete,
ein greisenhafter, russischer Jude im Talar), -- ferner Frulein Mary
Faatz von der Heilsarmee -- sie hat den Geistesnamen Magdalena -- und unser
lieber Bruder Hesekiel -- sie wies auf einen jungen Menschen mit
blatternarbigem, verschwommenem Gesicht, das aussah, als wre es aus
Brotteig geknetet, und wimperlosen, entzndeten Augen, er ist Angestellter
unten in dem Drogengeschft und trgt den Geistesnamen Hesekiel, weil er,
wenn die Zeit erfllt ist, die Geschlechter richten wird.

Doktor Sephardi warf einen ratlosen Blick auf Frulein van Druysen.

Ihre Tante, die es bemerkte, erklrte: Wir tragen alle Geistesnamen; zum
Beispiel Jan Swammerdam ist der Knig Salomo, seine Schwester heit
Sulamith und ich bin 'Gabriele', das ist die weibliche Form des Erzengels
Gabriel, aber gewhnlich nennt man mich die Hterin der Schwelle, denn mir
liegt es ob, die zerstreuten Seelen im Weltall zu sammeln und ins Paradies
zurckzufhren. Doch das werden Sie spter alles besser verstehen, Herr
Doktor, denn Sie gehren zwar zu uns, aber ohne es zu wissen; Ihr
Geistesname ist Knig Balthasar! Haben Sie noch nie Kreuzigungsschmerzen
gehabt?

Sephardi wurde immer verwirrter.

Schwester Gabriele geht, frchte ich, ein wenig zu strmisch vor, nahm
Jan Swammerdam lchelnd das Wort. Vor vielen Jahren ist nmlich hier im
Hause ein wahrer Prophet des Herrn erstanden, ein schlichter Schuhmacher
namens Anselm Klinkherbogk. Sie werden ihn heute noch kennen lernen. Er
wohnt ber uns.

Wir sind keineswegs Spiritisten, wie Sie vielleicht annehmen, Mynheer;
fast, mchte ich sagen, das Gegenteil, denn wir haben nichts zu tun mit dem
Reiche der Toten. Unser Ziel ist das ewige Leben. -- Jedem Namen nun liegt
eine geheime Kraft inne, und wenn wir diesen Namen mit geschlossenen Lippen
in unser Herz hineinsprechen, unablssig, bis er fr Tag und Nacht
bestndig unser Wesen erfllt, so ziehen wir die geistige Kraft in unser
Blut hinein, das, in den Adern kreisend, mit der Zeit unsern Krper
verndert.

Diese allmhliche Wandlung unseres Leibes, -- denn nur er allein mu
verndert werden, der Geist an sich ist bereits vollkommen seit Anbeginn,
-- gibt sich in allerlei Gefhlen kund, die die Vorboten des Zustandes
sind, der 'geistige Wiedergeburt' heit.

Ein solches Gefhl ist zum Beispiel die Empfindung eines gewissen
bohrenden, nagenden Schmerzes, der zeitweilig kommt und geht, ohne da wir
erkennen knnen warum, anfangs nur im Fleische whlt, dann aber die Knochen
ergreift und uns ganz durchdringt, bis, als Zeichen der 'ersten Taufe', das
ist die 'Taufe mit Wasser', die Kreuzigung des untern Grades erreicht ist,
das heit: Wundmale an den Hnden auf unbegreifliche Weise sich ffnen und
Wasser daraus hervortritt, -- er und die brigen, mit Ausnahme Lazarus
Eidotters, hoben die Hnde in die Hhe, und man sah tiefe, runde Narben
darin wie von Ngelwunden.

Aber das ist ja Hysterie! rief Frulein van Druysen entsetzt.

Nennen Sie es ruhig Hysterie, Mejufrouw; _die_ 'Hysterie', unter der _wir_
stehen, ist nichts Krankhaftes. Zwischen Hysterie und Hysterie ist ein
groer Unterschied. Nur diejenige Hysterie, die Hand in Hand geht mit
Ekstase und Geistesverwirrung, ist einer Krankheit gleichzustellen und
fhrt nach abwrts, die _andere_ Art jedoch ist die Geistes_entwirrung_ --
das 'Kommen zur Klarheit', und ist der Weg nach aufwrts, der ber das
Erfassen der Erkenntnisse durch das Denken hinaus den Menschen zum Wissen
durch direktes 'Schauen' fhrt.

In der Schrift heit dieses Ziel das 'innere Wort', und, wie der Mensch der
heutigen Zeit denkt, indem er, ohne sich dessen bewut zu sein, Worte im
Gehirn lispelt, so spricht im geistig wiedergeborenen Menschen eine andere
geheimnisvolle Sprache mit neuen Worten, in denen es kein 'Mutmaen' und
keinen Irrtum mehr gibt. Dann ist das Denken ein neues Denken geworden --
ist Magie und nicht mehr ein armseliges Verstndigungsmittel, -- ist ein
Offenbarwerden der Wahrheit, in deren Licht der Irrtum verschwindet, weil
die Zauberringe der Gedanken sodann ineinander greifen und nicht mehr
nebeneinander liegen.

Und sind Sie so weit, Herr Swammerdam?

Wenn ich so weit wre, se ich nicht hier, Mejufrouw.

Sie sagten, der gewhnliche Mensch denke, indem er im Gehirn Worte bilde;
wie ist es nun, fragte Sephardi interessiert, bei jemand, der taubstumm
geboren ist und keine Sprache kennt?

Dann denkt er teils in Bildern, teils in der Ursprache.

Lassen Se mir aach mol reden, Swammerdamleben! rief Lazarus Eidotter
streitlustig dazwischen: Gut, Sie haben Kabbala, ich hab' aber auch
Kabbala. 'Im Anfang war das Wort' ist falsch bersetzt. 'Bereschith' heit
auf deitsch das 'Koppwesen', Ihnen gesagt, und nicht: 'im Anfang'. Auf was
herauf: 'im Anfang'??

Das Kopfwesen! murmelte Swammerdam und versank eine Weile in tiefes
Grbeln; ich wei. Aber der Sinn bleibt derselbe.

Die andern hatten schweigend zugehrt und sahen einander bedeutungsvoll an.

Eva van Druysen fhlte instinktiv, da sie bei dem Wort Kopfwesen an das
olivgrne Gesicht gedacht hatten, und blickte fragend zu Doktor Sephardi
hinber, der ihr unmerklich zunickte.

Auf welche Weise ist Ihrem Freunde Klinkherbogk die Gabe der Prophetie
zuteil geworden und wie uert sie sich? brach er endlich das
Stillschweigen, da niemand Miene machte zu reden.

Jan Swammerdam fuhr wie aus dem Traum auf: Klinkherbogk? Ja; -- er
sammelte sich: -- Klinkherbogk hat sein Leben lang Gott gesucht, bis es
sein ganzes Denken verzehrte und er vor bestndiger Sehnsucht viele Jahre
nicht mehr schlafen konnte. Eines Nachts sa er wie gewhnlich vor seiner
Schusterkugel, -- Sie wissen, derartige Kugeln aus Glas verwenden die
Schuhmacher und stellen sie vor brennende Kerzen, um bei der Arbeit besser
sehen zu knnen, -- da wuchs aus dem Lichtfunken in ihrem Innern eine
Gestalt, trat zu ihm, und es wiederholte sich, was in der Apokalypse steht:
der Engel gab ihm ein Buch zu verschlingen und sagte: Nimm hin und
verschling's und es wird dich im Bauch grimmen, aber in deinem Munde wird's
s sein wie Honig. Das Gesicht der Erscheinung war verhllt, nur ihre
Stirne war frei, und ein grnleuchtendes Kreuz glhte darauf.

Eva van Druysen fielen die Worte ihres Vaters ber die Gespenster ein, die
das Zeichen des Lebens offen trgen, und einen Augenblick fate es sie an
wie kalte Furcht.

Seit jener Zeit hatte Klinkherbogk das 'innere Wort', kam Swammerdam
wieder auf seine Rede zurck, -- und es sagte ihm und durch seinen Mund
auch mir -- denn ich war damals sein einziger Schler -- wie wir leben
sollten, um von dem Holz des Lebens zu essen, das im Paradies Gottes ist.
Es wurde uns die Verheiung: nur noch ein kleines Weilchen, und aller
Jammer des irdischen Daseins wrde von uns weichen und wir sollten wie Hiob
tausendfltig wiedererhalten, was das Leben uns nhme.

Doktor Sephardi wollte einwenden, wie gefhrlich und trgerisch es sei,
solchen Prophezeiungen aus dem Unterbewutsein Glauben zu schenken, aber er
erinnerte sich noch rechtzeitig an Baron Pfeills Erzhlung von dem grnen
Kfer. berdies sah er ein, da jede Warnung hier wohl zu spt kme.

Der alte Mann schien den Sinn seiner Gedanken halb und halb erraten zu
haben, denn er fuhr fort: Es sind jetzt schon fnfzig Jahre her, da uns
diese Verheiung gegeben wurde, aber man mu sich in Geduld fassen und, was
auch kommen mge, an der bung festhalten, die darin besteht, den
Geistesnamen ohne Unterla in unser Herz hineinzumurmeln, bis die
Wiedergeburt vollendet ist. -- Er sagte die Worte ruhig und scheinbar voll
Zuversicht, aber in seiner Stimme klang ein leises Zittern, wie die
Vorahnung einer kommenden, grauenvollen Verzweiflung, das verriet, wie sehr
er sich zusammennahm, um die andern nicht in ihrem Glauben zu erschttern.

Fnfzig Jahre schon machen Sie diese bung!? Es ist furchtbar! fuhr es
Doktor Sephardi unwillkrlich heraus.

Ach, es ist ja so himmlisch schn, zu sehen, wie alles in Erfllung geht,
suselte Frulein de Bourignon verzckt, und wie sie aus dem Weltenraum
hier zusammenstrmen, die hohen Geister, und sich um Abram scharen -- das
ist nmlich der Geistesname Anselm Klinkherbogks, denn er ist der Erzvater
-- und hier im rmlichen Zee Dyk von Amsterdam den Grundstein legen zum
neuen Jerusalem. Mary Faatz (sie war frher eine Prostituierte und jetzt
ist sie die fromme Schwester Magdalena), flsterte sie hinter der Hand
ihrer Nichte zu, ist gekommen und -- und Lazarus ist vom Tode auferweckt
worden -- -- aber, ja richtig, Eva, von dem Wunder habe ich dir in dem
Brief, den ich dir krzlich schrieb, um dich aufzufordern, zu uns in den
Kreis zu kommen, doch noch gar nichts erwhnt. Denk nur: Lazarus ist durch
Abram vom Tode auferweckt worden! -- Jan Swammerdam stand auf, trat ans
Fenster und blickte stumm hinaus in die Finsternis. -- Ja, ja, leibhaftig
vom Tode auferweckt worden! Er ist wie tot in seinem Laden gelegen, und da
kam Abram und hat ihn wieder lebendig gemacht.

Aller Augen richteten sich auf Eidotter, der sich betreten abwandte und
gestikulierend und achselzuckend Doktor Sephardi im Flsterton erklrte, es
sei allerdings etwas an der Sache, -- bewutlos, freilich, bin ich gewest;
vielleicht tot; warum soll ich nicht tot gewesen sein? Ich bitt' Sie, 
alter Mann wie ich!

Und darum beschwre ich dich, Eva, richtete Frulein de Bourignon ihre
Rede mit grter Eindringlichkeit an ihre Nichte, tritt ein in unsern
Bund, denn das Reich ist nahe herbeigekommen, und die letzten werden die
ersten sein.

Der Kommis aus dem Drogengeschft, der bis dahin, ohne ein Wort gesprochen
zu haben, neben Schwester Magdalena gesessen und ihre Hand in der seinen
gehalten hatte, erhob sich pltzlich, schlug mit der Faust auf den Tisch
und schrie, die entzndeten Augen weit aufgerissen, mit lallender Zunge:

Jo, jo, jo -- -- d--d--die Ersten w--w--werden die Leleletzten sein, und
eher geht ein Ka--Ka-- -- --

Er kommt in den Geist. Der Logos spricht aus ihm, rief die Hterin der
Schwelle, Eva, bewahre jedes Wort in deinem Herzen!

-- -- Ka--Kamel durch ein N--N--N--N--

Jan Swammerdam eilte zu dem Besessenen, auf dessen Gesicht sich der
Ausdruck viehischer Bosheit malte, und beruhigte ihn durch magnetische
Striche ber Stirn und Mund.

Es ist nur der 'Gegensatz', wie wir es nennen, Mejufrouw, redete
Schwester Sulamith, die alte Hollnderin, begtigend Frulein von Druysen
zu, die ngstlich zur Tr geflohen war. Bruder Hesekiel leidet manchmal
darunter, und dann gewinnt die niedere Natur die Oberhand ber die hhere.
Aber es geht schon vorber; -- der Kommis hatte sich auf alle Viere
niedergelassen und bellte und knurrte wie ein Hund, whrend das Mdchen aus
der Heilsarmee neben ihm kniete und ihm zrtlich die Haare streichelte --
denken Sie nicht schlecht von ihm; wir sind allzumal Snder, und Bruder
Hesekiel bringt sein Leben Tag aus, Tag ein da unten in dem dunkeln Magazin
zu, da kommt es dann, wenn er einmal reiche Leute sieht -- Sie verzeihen,
da ich es so offen sage, Mejufrouw -- wie Erbitterung ber ihn und
umnachtet seinen Geist. Glauben Sie mir, Mejufrouw, Armut ist eine schwere
Last; woher soll ein so junges Herz wie seines, immer so viel Gottvertrauen
nehmen, um sie zu tragen!

Eva van Druysen tat zum erstenmal in ihrem Leben einen Blick in die
Abgrnde des Daseins und, was sie frher in Bchern gelesen, stand jetzt in
furchtbarer Wirklichkeit vor ihr.

Und doch war es nur ein kurzer Blitzschein gewesen, der kaum hinreichte,
die Finsternis einiger Schluchten zu zerreien.

Wie viel und weit Schrecklicheres, sagte sie sich, mu erst in der Tiefe
schlummern, in die so selten das Auge eines vom Schicksal Begnstigten zu
schauen vermag.

Wie durch eine geistige Explosion von den Hllen mhsam anerzogener
menschlicher Umgangsformen losgerissen, hatte sich ihr eine Seele in
hlicher Nacktheit gezeigt, zum wilden Tier erniedrigt im selben
Augenblick, als die Worte dessen fielen, der um der Liebe willen am Kreuz
sein Leben lie.

Das Bewutsein einer riesengroen Mitschuld, begangen durch weiter nichts,
als durch bloe Zugehrigkeit zu einer bevorzugten Gesellschaftsklasse und
dem so selbstverstndlich scheinenden Mangel an Interesse gegenber dem
Leid des Nchsten -- eine Unterlassungssnde, winzig wie ein Sandkorn in
der Ursache und verheerend wie eine Lawine in der Wirkung -- erfllte Eva
mit tiefem Schrecken; so wie ein Mensch sich entsetzen mag, der in
Gedankenlosigkeit mit einem Seile zu spielen glaubt und pltzlich gewahrt,
da er eine Giftschlange in Hnden hlt.

Als Sulamith von der Armut des Kommis erzhlte, hatte Eva in der ersten
Aufwallung nach der Brse gegriffen, -- es war die gewisse Reflexbewegung,
mit der das Herz den Verstand berrumpeln zu knnen whnt, -- dann schien
ihr die Gelegenheit, zu helfen, schlecht gewhlt, und der feste Vorsatz,
das Versumte spter besser und grndlicher nachzuholen, trat an die Stelle
der Tat.

Die altbewhrte Kriegslist des Vaters der Lge, Zeit zu gewinnen, bis die
Regungen des Mitleids verflogen sind, war Sieger geblieben.

Hesekiel hatte sich inzwischen von seinem Anfall erholt und weinte still
vor sich hin.

Sephardi, der wie die vornehmen portugiesischen Juden Hollands unverrckbar
an der Gewohnheit seiner Vorfahren, nie ein fremdes Haus zu betreten, ohne
ein kleines Geschenk mitzubringen, festhielt, bentzte die Gelegenheit, um
die Aufmerksamkeit von dem Kranken abzulenken: er wickelte ein silbernes
Rucherfchen aus und berreichte es Swammerdam.

Gold, Weihrauch und Myrrhen -- die heiligen drei Knige aus dem
Morgenland!, flsterte die Hterin der Schwelle mit vor Rhrung
erstickter Stimme, die Augen fromm zur Decke erhoben. Als es gestern hie,
Sie kmen, Herr Doktor, Eva zu uns zu begleiten, gab Ihnen Abram den
Geistesnamen Balthasar, und siehe: Sie sind gekommen und haben Weihrauch
gebracht! Knig Melchior, -- er heit im Leben Baron Pfeill, ich wei es
von der kleinen Katje, -- ist heute auch schon geistig erschienen -- sie
wandte sich geheimnisvoll zu den brigen, die erstaunt aufhorchten, -- und
hat Geld geschickt. Oh, ich sehe es mit den Augen des Geistes: auch Kaspar,
der Knig aus Mohrenland, ist nicht mehr ferne; -- sie zwinkerte Mary
Faatz, die ihren Blick verstndnisvoll erwiderte, selig zu: -- ja, mit
Riesenschritten geht die Zeit ihrem Ende --

Ein Klopfen an der Tr unterbrach sie, und die kleine Enkelin Katje des
Schusters Klinkherbogk trat herein und meldete:

Ihr sollt schnell alle hinauf kommen, der Grovater hat die zweite
Geburt.




Fnftes Kapitel


Eva van Druysen hielt den alten Schmetterlingssammler zurck, ehe sie mit
ihm den brigen folgte, die bereits in die Dachkammer Klinkherbogk's
hinaufstiegen.

Verzeihen Sie, Herr Swammerdam, ich mchte Ihnen nur kurz eine Frage
stellen, obwohl ich Sie eigentlich sehr viel zu fragen htte. -- Was Sie
vorhin ber Hysterie gesagt haben und ber die Kraft, die in den Namen
verborgen liegt, hat mich tief berhrt, -- aber andrerseits --

Darf ich Ihnen einen Rat geben, Mejufrouw? -- Swammerdam blieb stehen und
sah ihr ernst in die Augen. -- Ich begreife sehr wohl, da das, was Sie
vorhin mit angehrt haben, Sie nur verwirren mu. Dennoch knnen Sie groen
Nutzen daraus ziehen, wenn Sie es als erste Lehre auffassen und geistige
Unterweisung nicht bei andern suchen, sondern in sich selbst. Nur die
Belehrungen, die der eigene Geist uns schickt, kommen zur rechten Zeit und
fr sie sind wir reif. Fr die Offenbarungen an andern mssen Sie taub und
blind werden. Der Pfad zum ewigen Leben ist schmal wie die Schrfe eines
Messers; Sie knnen andern weder helfen, wenn Sie sie taumeln sehen, noch
drfen Sie Hilfe von ihnen erwarten. Wer auf andere schaut, verliert das
Gleichgewicht und strzt ab. Hier gibt's kein gemeinsames Vorwrtsschreiten
wie in der Welt, und so unbedingt ntig auch ein Fhrer ist: er mu aus dem
Reich des Geistes zu Ihnen kommen. Nur in irdischen Dingen kann ein Mensch
Ihnen als Fhrer dienen und seine Handlungsweise eine Richtschnur sein, um
ihn zu beurteilen. Alles, was nicht aus dem Geist kommt, ist tote Erde, und
wir wollen zu keinem andern Gott beten, als zu dem, der sich in unsrer
eignen Seele offenbart.

Wenn sich aber kein Gott in mir offenbart? fragte Eva verzweifelt.

Dann mssen Sie in einer stillen Stunde nach ihm rufen mit Aufgebot aller
Sehnsucht, deren Sie fhig sind.

Und dann, glauben Sie, wird er kommen? Wie leicht wre das!

Er wird kommen! Aber -- entsetzen Sie sich nicht: -- zuerst als Rcher
Ihrer frheren Taten, als der furchtbare Gott des Alten Testamentes, der
gesagt hat: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Er wird sich offenbaren in
pltzlichen Vernderungen Ihres uern Lebens. Alles mssen Sie zuerst
verlieren, sogar -- Swammerdam sagte es leise, als frchte er sich, sie
knne es hren -- sogar Gott, wenn sie ihn immer von neuem finden wollen.
-- Erst, wenn Ihre Vorstellung von Ihm -- gereinigt von Gestalt und Form
und jeglichem Begriff von Auen und Innen, Schpfer und Geschpf, Geist und
Stoff, ist, werden Sie Ihn --

Sehen?

Nein. Niemals. Aber mit Seinen Augen werden Sie _sich_ sehen. Dann sind
Sie frei von der Erde, denn Ihr Leben ist in Seines eingegangen und Ihr
Bewutsein ist nicht mehr vom Leibe abhngig, der wie ein wesenloser
Schatten dem Grab entgegen geht.

Welchen Zweck haben aber dann die Schlge des ueren Lebens, von denen
Sie sprechen? Sind sie eine Prfung oder eine Strafe?

Es gibt weder Prfungen noch Strafen. Das uere Leben mit seinen
Schicksalen ist nichts als ein Heilungsproze, fr den einen mehr, fr den
andern weniger schmerzhaft, je nachdem der Betreffende krank ist an seiner
Erkenntnis.

Und Sie glauben, wenn ich Gott rufe, wie Sie sagen, wird sich mein
Schicksal verndern?

Sofort! Nur wird es sich nicht verndern, es wird werden wie ein
galoppierendes Pferd, das bis dahin im Schritt gegangen ist.

Ist _Ihr_ Schicksal denn so im Sturm abgelaufen? Sie verzeihen die Frage,
aber nach dem, was ich ber Sie gehrt habe --

Ist es sehr eintnig dahingeflossen, meinen Sie, Mejufrouw, ergnzte
Swammerdam lchelnd. Erinnern Sie sich, was ich Ihnen vorhin gesagt habe?:
'Blicken Sie nie auf andere.' -- Der eine erlebt eine Welt, und dem andern
erscheint's eine Nuschale. Wenn Sie im Ernst wollen, da Ihr Schicksal
galoppiert, mssen Sie -- ich warne Sie davor und rate es Ihnen zugleich,
denn es ist das einzige, was der Mensch tun soll, und gleichzeitig das
schwerste Opfer, das er bringen kann! -- mssen Sie Ihren innersten
Wesenskern, _den_ Wesenskern, ohne den Sie eine Leiche wren, (und sogar
nicht einmal das), anrufen und Ihm -- _befehlen_, da Er Sie den krzesten
Weg zu dem groen Ziel fhrt, -- dem einzigen, das des Erstrebens wert ist,
so wenig Sie es jetzt auch erkennen, -- erbarmungslos, ohne Rast, durch
Krankheit, Leiden, Tod und Schlaf hindurch, durch Ehren, Reichtum und
Freude hindurch, immer hindurch und hindurch wie ein rasendes Pferd, das
einen Wagen vorwrts reit ber cker und Steine hinweg und an Blumen und
blhenden Hainen vorbei! Das nenne ich: Gott rufen. Es mu sein wie ein
Gelbnis vor einem lauschenden Ohr!

Aber, wenn dann das Schicksal kommt, Meister, und ich werde schwach und --
will umkehren?

Umkehren kann nur der auf dem geistigen Weg, -- nein, nicht einmal
umkehren, nur stehen bleiben, sich umsehen und zur Salzsule werden, -- der
kein Gelbnis abgelegt hat! Ein Gelbnis in geistigen Dingen ist wie ein
Befehl, und Gott ist der -- Diener des Menschen in diesem Falle, um ihn
auszufhren. Entsetzen Sie sich nicht, Mejufrouw, es ist keine Lsterung!
Im Gegenteil! -- Darum (was ich Ihnen jetzt sage, ist eine Torheit, ich
wei, denn es geschieht nur aus Mitleid, und alles, was aus Mitleid
geschieht, ist Torheit), warne ich Sie: geloben Sie nicht zu viel! Es
knnte Ihnen sonst gehen wie dem Schcher, dem am Kreuze die Knochen
gebrochen wurden!

Swammerdams Gesicht war wei geworden vor innerer Erregung.

Eva fate seine Hand. Ich danke Ihnen, Meister, ich wei jetzt, was ich zu
tun habe.

Der alte Mann zog sie an sich und kte sie ergriffen auf die Stirn. Der
Herr des Schicksals sei Ihnen ein barmherziger Arzt, mein Kind!

                   *       *       *       *       *

Sie gingen die Stiege hinauf.

Wie unter einem jhen Gedanken blieb Eva eine Sekunde vor der Dachkammer
stehen. Sagen Sie mir noch eins, Meister! Die vielen Millionen Menschen,
die geblutet und gelitten haben, sie haben doch kein Gelbnis getan; wozu
war all der unendliche Jammer gut?

_Wissen_ Sie denn, da sie kein Gelbnis getan haben? Kann es nicht in
einem frheren Leben geschehen sein, fragte Swammerdam ruhig, oder im
Tiefschlaf, wenn die Seele des Menschen wach ist und am besten wei, was
ihr frommt?

Als risse ein Vorhang entzwei, sah Eva einen Augenblick in das blendende
Licht einer neuen Erkenntnis hinein. Die letzten wenigen Worte hatten ihr
mehr ber die Bestimmung der Wesen enthllt, als smtliche Religionssysteme
der Welt imstande gewesen wren. Jede Klage ber vermeintliche
Ungerechtigkeit des Schicksals mute verstummen angesichts des Gedankens,
da keiner einen andern Weg ging, als den selbstgewhlten.

Wenn Sie keinen Sinn in dem zu finden vermgen, was in unserm Kreis vor
sich geht, Mejufrouw, so lassen Sie sich dadurch nicht irre machen. Oft
fhrt ein Weg abwrts und ist doch die krzeste Brcke zum nchsten
Anstieg. Das Fieber der geistigen Genesung sieht sich zuweilen an wie
teuflische Fulnis. Ich bin nicht der 'Knig Salomo' und Lazarus Eidotter
ist nicht 'Simon der Kreuztrger', -- wie Frulein de Bourignon es zu
uerlich auffat, weil er Klinkherbogk einmal Geld in der Not geborgt hat,
-- aber an sich ist dieses Durcheinandermischen von Altem und Neuem
Testament deshalb noch kein Unsinn. -- Wir erblicken in der Bibel nicht nur
die Aufzeichnung von Geschehnissen einer verflossenen Zeit, sondern einen
Weg von Adam zu Christus, den wir an uns durchzumachen haben auf die
magische Art eines inneren Wachstums von 'Name' zu 'Name', das ist: von
Kraftentfaltung zu Kraftentfaltung, sagte Swammerdam und half Eva die
letzten Treppenstufen hinauf, von der Vertreibung aus dem Paradies zur
Auferstehung. Es kann fr so manchen ein Weg voll Schrecknissen werden und
--, er murmelte gepret wieder den Satz von dem Schcher, dem am Kreuz die
Knochen gebrochen worden waren, vor sich hin.

Frulein de Bourignon hatte mit den brigen vor der Dachstube auf das
Kommen der beiden gewartet (nur Lazarus Eidotter war hinunter in seine
Wohnung gegangen) und berschttete ihre Nichte mit einem Schwall von
Worten, ehe sie eintraten, um sie gebhrend vorzubereiten:

Denk nur, Eva, etwas unbeschreiblich Groes ist geschehen. Und gerade
heute am Kalendertage des Sonnwendfestes -- ach es ist ja so namenlos
tiefsinnig -- ja, was wollte ich nur sagen -- ja richtig, das groe
Lngstersehnte ist geschehen: in Vater Abram ist heute der Geistmensch als
Kindlein geboren worden, und er hat es in sich schreien hren, als er
gerade einen Absatz auf einen Stiefel festnagelte, was bekanntlich die
'zweite Geburt' ist, denn die 'erste', das ist das Bauchgrimmen, wie schon
in der Schrift steht, wenn man sie nur richtig deutet, und dann werden die
heiligen drei Knige vollzhlig sein, denn Mary Faatz hat mir krzlich
erzhlt, sie kenne, wenn auch nur ganz flchtig, einen schwarzen Wilden,
der in Amsterdam lebt, und vor einer Stunde hat sie ihn unten in der
Schenke durchs Fenster sitzen sehen, und ich habe sofort eine Fgung der
himmlischen Mchte darin erkannt, denn es kann natrlich nur der Knig
Kaspar aus Mohrenland sein; ach, es ist ja eine unsagbare Gnade, da gerade
mir die Mission zuteil wurde, den dritten heiligen Knig ausfindig zu
machen, und ich kann es in meiner Seligkeit gar nicht mehr erwarten, bis
die Minute kommt und ich Mary hinunterschicken darf, um ihn heraufzuholen.
Dabei ffnete sie die Tr und lie alle der Reihe nach eintreten.

                   *       *       *       *       *

Der Schuhmacher Klinkherbogk sa steif und regungslos am Kopfende eines
langen, mit Sohlen und Werkzeugen bedeckten Tisches, die eine Seite seines
abgezehrten Gesichtes vom Fenster her in grellem Mondlicht, da die weien
Haare seines schttern, hollndischen Seemannsbartes wie metallene Fden
glnzten, die andere in tiefer Finsternis.

Auf dem kahlen Schdel trug er eine Krone, zackig aus Goldpapier
geschnitten.

In der Kammer roch es sauer nach Leder.

Wie das haerfllte Zyklopenauge eines mit dem Leib in der Dunkelheit
verborgenen Ungeheuers glomm die glserne Schusterkugel im Raum und warf
ihren Schein auf einen Haufen Zehnguldenstcke, die vor dem Propheten
lagen.

Eva, Sephardi und die Angehrigen des geistigen Kreises waren an der Wand
stehen geblieben und warteten.

Keiner wagte sich zu rhren; ein Bann hatte sich auf alle gelegt.

Die Blicke des Kommis hingen stier an dem Glanz der Mnzen.

Zgernd krochen die Minuten in lautloser Stille, als wollten sie sich zu
Stunden dehnen, -- eine Motte schwirrte aus der Finsternis, kreiste als
weier Funken um das Licht der Kerze und verbrannte knisternd in der
Flamme.

Unbeweglich, wie aus Stein gehauen, starrte der Prophet in die glserne
Kugel, den Mund offen, die Finger ber den Goldstcken verkrampft, und
schien auf Worte zu lauschen, die aus weiter Ferne zu ihm kamen.

Ein dumpfer Lrm, der von der Hafenschenke auf der Gasse pltzlich
heraufdrang und sogleich erstarb, als habe jemand das Haustor unten
geffnet und wieder zugeschlagen, glitt durchs Zimmer und erstickte in der
Luft.

Wieder Totenstille.

Eva wollte zu Swammerdam hinsehen, aber eine ungewisse Furcht, sie knne in
seinem Gesicht die gleiche bange Ahnung eines nahenden Unheils lesen, die
ihr selbst fast den Atem raubte, hielt sie davon ab. Einen Pulsschlag lang
glaubte sie sich zu erinnern, eine leise, kaum vernehmliche Stimme am
Tische htte gesagt: Herr, la diesen Kelch an mir vorbergehen, dann
zerbrckelte der Eindruck unter den verlorenen Klngen des fernen
Kirmestrubels, die ein Lufthauch am Fenster vorbeitrug.

Sie blickte auf und sah, da die Spannung in den Zgen Klinkherbogks
nachlie und in Verwirrung berging.

Es ist ein gro Getse in der Stadt, hrte sie ihn murmeln, und ihre
Snde ist schwer. Darum will ich hinabfahren und sehen, ob sie alles getan
haben, das vor mich kommen ist, oder ob's nicht also sei, da ich's wisse.

So waren die Worte Jehovas nach dem ersten Buch Mosis, sagte Schwester
Sulamith mit bebenden Lippen und bekreuzigte sich, bevor Er Feuer und
Schwefel regnen lie. -- -- Zrne nicht, Herr, da ich rede: man mchte
vielleicht zehn Gerechte in der Stadt finden!

Sofort sprang das Motiv auf Klinkherbogk ber und weckte in ihm die Vision
eines kommenden Weltuntergangs. Mit eintniger Stimme, als lse er
geistesabwesend etwas vor, sprach er zur Wand hin:

Ich sehe einen Sturmwind herbrausen ber die Erde, der da machet, da
alles, was aufrecht steht, ein Wagrechtes wird unter seiner Wut und eine
Wolke fliegender Pfeile. Er reiet die Grber auf, und die Leichensteine
und Schdel der Toten sind gleich einem Hagelschauer, der in der Luft fegt.
Blst das Wasser aus den Flssen und Deichen, pftzet es von seinem Munde
weg wie Sprhregen und legt die Pappeln an den Straen und hohen Bume als
wehende Schpfe am Boden hin. Und das um der Gerechten willen, die die
lebendige Taufe haben; -- seine Worte wurden wieder klanglos -- der aber,
auf den ihr wartet, wird nicht kommen als ein Knig, ehe die Zeit nicht
vollendet ist; erst mu der Vorbote in euch sein, als ein neuer Mensch, um
das Reich zu bereiten. Dennoch werden ihrer viele sein mit neuen Augen und
Ohren, auf da es nicht abermalen heie von den Menschen: sie haben Ohren
und hren nicht, sie haben Augen und sehen nicht; aber -- Schatten einer
tiefen Traurigkeit legten sich auf sein Gesicht -- aber auch unter ihnen
sehe ich Abram nicht! Denn jeglichem wird zugemessen nach seinem Ma, und
er hat, ehe die Geburt des Geistes reif worden, den Schild der Armut von
sich getan und seiner Seele ein glden Kalb gegossen, den Sinnen ein
Tanzfest zu bereiten. Noch eine kleine Weile, und ihr habet ihn nicht mehr.
-- Der Knig aus dem Mohrenland wird ihm die Myrrhen des andern Lebens
bringen und seinen Leib den Fischen der trben Wsser zum Frae vorwerfen,
denn das Gold Melchiors ist eingekommen, bevor das Kind in der Krippe lag
und htte den Fluch wegnehmen knnen, der auf jeglichem Golde ist. Also ist
es zum Unheil erboren, noch ehe die Nacht weicht. -- Und der Weihrauch
Balthasars ist zu spt gekommen.

Aber du, Gabriel, hre: strecke die Hand nicht nach der Ernte, die nicht
wei ist zum schneiden, da die Sichel den Knecht nicht verwunde und dem
Weizen den Schnitter nehme.

Frulein de Bourignon, die whrend seiner Rede des ftern verzckt geseufzt
hatte, ohne sich auch nur zu bemhen, ihren dunkeln Sinn zu erfassen,
unterdrckte einen Freudenschrei, als ihr Geistesname Gabriel genannt
wurde, und wisperte Mary Faatz, die daraufhin eiligst die Stube verlie,
hastig ein paar Worte zu.

Swammerdam, der es bemerkte, wollte sie daran hindern, aber er kam zu spt,
-- das Mdchen lief bereits die Treppe hinab.

Mde lie er die Hand sinken und schttelte nur resigniert den Kopf, als
ihn die Hterin der Schwelle verwundert anblickte.

Der Schuster war einen Augenblick zu sich gekommen und rief ngstlich nach
seiner Enkelin, versank aber gleich darauf wieder in seine Ekstase.

                   *       *       *       *       *

In der Matrosenschenke Prins van Oranje hatte fast die ganze Zeit ber
eine wste Gesellschaft von fnf Leuten beisammen gesessen und anfangs
Karten gespielt; spter, als die Nacht weiter vorrckte und das Lokal sich
mit allerhand Gesindel vom Zee Dyk fllte, da bald kaum mehr Platz war, um
die Ellenbogen ausstrecken zu knnen, zogen sich die Herren in das
Nebenzimmer zurck, in dem tagsber die Kellnerin Antje wohnte, ein
unfrmliches, geschminktes Weibsbild in rotseidenem Rock bis zum Knie, mit
fettem Hals, einem flachsgelben Zopf, Hngebusen und zerfressenen
Nasenflgeln, -- die Hafensau, wie sie von den Stammgsten genannt wurde.

Es waren: der Wirt der Spelunke -- ehemals Steuermann auf einem
brasilianischen Farbholzschiff, ein untersetzter, stiernackiger Kerl in
Hemdsrmeln, die Pratzen blauttowiert und in den Ohrlppchen, von denen
das eine halb abgebissen war, kleine goldene Ringe, -- dann der Zulu
Usibepu in dunkelblauem Leinenanzug, wie ihn die Heizer auf den Dampfern
tragen, -- ein buckliger Varietagent mit langen, scheulichen
Spinnenfingern, -- der Professor Zitter Arpd, der erstaunlicherweise
wieder seinen Schnurrbart besa und auch seine brige Toilette der neuen
Umgebung angepat hatte, -- und als fnfter ein sonnengebrunter,
sogenannter Inder im weien Smoking der Tropen, einer jener jungen
Plantagenbesitzersshne, die zuweilen aus Batavia oder andern
niederlndischen Kolonien nach Europa kommen, um das hollndische Vaterland
kennen zu lernen, und dann in wenigen Nchten auf die sinnloseste Art ihr
Geld in Verbrecherkneipen vertun.

Seit einer Woche schon wohnte der junge Herr im Prins van Oranje und
hatte seitdem auch nicht ein einziges Mal das Tageslicht gesehen, auer
gegen Morgen einen Streifen Dmmerung hinter dem grnverhngten Fenster,
ehe ihm vor Trunkenheit die Augen zufielen und er sich unausgezogen und
ungewaschen auf den Divan warf, um bis spt in den nchsten Abend hinein zu
schlafen. Und dann ging es eilig von neuem an bei Wrfeln und Karten, Bier,
schlechtem Wein und Fusel, mit Freihalten von Hafengelichter, chilenischen
Matrosen und belgischen Dirnen, bis der letzte Scheck von der Bank
zurckgewiesen wurde und die Reihe an Uhrkette, Ringe und Manschettenknpfe
kam.

Zu diesem Schlufeste hatte der Wirt seinen Freund Zitter Arpd einzuladen
sich verpflichtet gefhlt, und der Herr Professor war denn auch pnktlich
erschienen und hatte gewissermaen als Picknickbeitrag den Zulukaffern, der
als hervorragender Artist stets bares Geld besa, mitgebracht.

Einige Stunden lang hatten die Herren bereits dem Macao gehuldigt, ohne da
es einem von ihnen gelungen wre, die Glcksgttin dauernd an seine Seite
zu fesseln, denn so oft der Professor versuchte, mit den Karten die Volte
zu schlagen, jedesmal grinste der Varietagent und Herr Zitter fhlte sich
bemigt, mit seiner Kunstfertigkeit noch ein Weilchen inne zu halten, da
es ihm natrlich nicht passen konnte, seinen schwarzen Schtzling mit dem
Buckligen zu teilen.

Umgekehrt verhielt es sich ebenso hinsichtlich des Inders, und daher
sahen sich die beiden rivalisierenden Ehrenmnner zu ihrem Leidwesen
gentigt, das erstemal im Leben ehrlich zu spielen, -- eine Beschftigung,
die, nach dem melancholischen Ausdruck ihrer Gesichter zu schlieen, sie an
verflossene Kinderzeiten, als es noch um Knackmandeln und Nsse ging,
erinnern mochte.

Der Wirt selbst spielte aus freien Stcken ehrlich -- zur Feier des Tages.
Er empfand es seinen Gsten gegenber als Kavalierspflicht, -- nur, da ihm
diese fr den Fall eines Verlustes den Schaden nachher wieder vergten
muten, war selbstverstndlich und bedurfte keiner weiteren Vereinbarung,
-- der Inder war viel zu harmlos, um auch nur den Gedanken des Mogelns zu
erfassen, und der Zulu in die Geheimnisse der weien Magie noch viel zu
wenig eingeweiht, als da er es htte wagen drfen, vermittelst
Zuhlfenahme eines fnften Asses Zaubereien zu seinen Gunsten einzuleiten.

Erst gegen Mitternacht, als die lockenden Banjomelodien im Gassenlokal
anfingen, immer strmischer die Anwesenheit des jungen Mcens zu heischen,
die schnapsdurstige Menge ihre Ungeduld nicht lnger zu meistern vermochte
und schlielich sogar eine  la Pony frisierte Dirne ins Zimmer trat, um
besorgt nach dem Verbleib ihres Brutigams zu sehen, vollzog sich eine
Umgruppierung der Streitkrfte, die zur Folge hatte, da der Inder und
der Zulu im Handumdrehen von Herrn Zitter und dem Varietagenten auf
gemeinsame Rechnung S. E. & O. ausgeplndert waren. --

Des Herrn Professors hervorstechendste Charaktereigenschaft war
Freigebigkeit, und daher lie er es sich nicht nehmen, Frulein Antje in
das nunmehr geleerte Spielzimmer zu einem gemeinsamen Souper mit seinem
Freunde Usibepu zu bitten, dessen Vorliebe fr auserlesene Gerichte und ein
Getrnkegemisch aus denaturiertem Spiritus und salpetersurehaltigen
Essenzen, namens Mogador, er genau kannte.

Die Unterhaltung bei Tisch bewegte sich fast ausschlielich in einem
Kauderwelsch von Negerenglisch, Kapjargon und Basutodialekt, welche
Sprachen die beiden Herren meisterhaft beherrschten; nur die Kellnerin
mute sich zumeist auf Glutblicke, Zungeherausstrecken und sonstige
international verstndliche Gesten beschrnken, um ihren Teil zur Anregung
des Gastes beizutragen.

Gesellschaftsmensch durch und durch, verstand es der Professor nicht nur
aufs trefflichste, das Gesprch keine Sekunde ins Stocken geraten zu
lassen, -- er behielt auch sein Hauptziel, dem Zulu das Geheimnis
abzuknpfen, wie man mit bloen Fen auf glhenden Steinen wandeln knne,
ohne sich zu verbrennen, unentwegt im Auge und ersann tausend Listen, um
seinen Zweck zu erreichen.

Der geschickteste Beobachter htte ihm nicht angesehen, da ihn nebenbei
noch ein Gedanke unablssig qulte, der mit einer vertraulichen Botschaft
Antje's: -- der Schuster Klinkherbogk oben unter dem Dach habe nachmittags
in der Schenke einen Tausendguldenschein gegen Gold umwechseln lassen, --
in enger Beziehung stand.

Unter dem Einflu des feurigen Mogadors, des leckeren Mahles und der
Sirenenknste der jungen Dame geriet der Zulukaffer bald in einen Zustand
wachsender Raserei, der es geraten erscheinen lie, alle spitzigen oder
zerbrechlichen Gegenstnde aus dem Zimmer zu entfernen, und vor allem ihn
selbst vor der Berhrung mit den rauflustigen Matrosen im Gassenlokal, die,
Antjes wegen eiferschtig, nur darauf lauerten, mit ihren Messern ber den
Nigger herzufallen, fernzuhalten.

Eine listig hingeworfene, hmische Bemerkung des Professors, das
Zauberkunststck mit den heien Steinen sei ein plumper Schwindel, brachte
den Zulu schlielich derart auer Rand und Band, da er alles kurz und
klein zu schlagen drohte, wenn man ihm nicht auf der Stelle ein Becken mit
glhenden Kohlen reiche.

Zitter Arpd, der nur auf diesen Moment gewartet hatte, lie den lngst
bereitstehenden Kbel hereintragen und die glhenden Kohlen auf dem
Zementboden des Zimmers ausschtten.

Sofort kauerte sich Usibepu nieder und atmete den erstickenden Dunst mit
offenen Nstern ein. Seine Augen bekamen allmhlich einen glsernen
Ausdruck.

Er schien etwas zu sehen, und seine Lippen zuckten wie im Zwiegesprch mit
einem Phantom.

Dann sprang er pltzlich auf, stie einen markerschtternden Schrei aus, --
so schrill und furchtbar, da das Gejohle der Menge in der Gassenschenke
jh verstummte, und sie sich Kopf an Kopf mit totenblassen Gesichtern
lautlos an die Tr des Zimmers drngte, um hereinzusphen.

Eine Sekunde spter hatte er sich die Kleider vom Leib gerissen und
vollfhrte splitternackt, muskelstrotzend wie ein schwarzer Panther, Schaum
vor dem Mund und den Kopf in wahnwitziger Geschwindigkeit vor- und
rckwrts schleudernd, einen Tanz um die Glut herum.

Der Anblick war derart grausig und erregend, da es selbst den wilden
chilenischen Matrosen den Atem verschlug vor panischem Schrecken und sie
sich an der Wand halten muten, um nicht von den Bnken herunterzufallen,
auf die sie gestiegen waren.

Der Tanz endete mit einem Ruck wie unter einem unhrbaren Befehl; der Zulu
schien mit einemmal wieder ganz bei Bewutsein, -- nur sein Gesicht war
aschgrau geworden, -- trat langsam und gemessen mit bloen Fen auf die
glhenden Kohlen und blieb mehrere Minuten lang unbeweglich darauf stehen.

Keine Spur von Brandgeruch, der verraten htte, da seine Haut versengt
worden wre. Als er von dem Gluthaufen herabstieg, fand der Professor seine
Sohlen vllig unversehrt und nicht einmal hei.

Ein junges Mdchen in der schwarzblauen Tracht der Heilsarmee, die
mittlerweile leise von der Gasse hereingekommen war, hatte den letzten Teil
der Vorstellung mit angesehen und nickte dem Zulu, den sie zu kennen
schien, freundlich einen Gru zu.

Ja, wo kommst denn du her, Mary? rief die Hafensau erstaunt, umarmte sie
und kte sie zrtlich auf beide Wangen.

Ich habe Mister Usibepu heute abend durchs Fenster hier sitzen sehen, --
ich kenne ihn vom Caf Flora her, wo ich ihm mal die Bibel hab' auslegen
wollen, aber er kann ja leider nur wenig Hollndisch -- erklrte Mary
Faatz, -- und eine feine alte Dame aus dem Bginenstift schickt mich, ich
soll ihn hinaufbringen, und noch zwei vornehme Herrschaften sind auch
oben.

Wo oben?

No, halt bei dem Schuster Klinkherbogk.

Zitter Arpd fuhr herum, als er den Namen hrte, tat aber gleich darauf so,
als kmmere es ihn weiter nicht, und fing an, den Zulu, der in seinem
Triumph fr Fragen zugnglicher war als sonst, geschickt in seinem
afrikanischen Kauderwelsch auszuholen.

Ich beglckwnsche meinen Freund und Gnner, den Mister Usibepu aus
Ngomeland und bin stolz zu sehen, da er ein groer Quimboiseur ist und in
den Zauber Obeah T'changa eingeweiht.

Obeah T'changa? rief der Neger; Obeah T'changa das da! -- er schnippte
verchtlich mit den Fingern. -- Ich Usibepu groe Medizin, ich Vid
T'changa. Ich grne Gift-Vid-Schlange.

Mit Gedankenschnelle reimte sich der Professor ein paar Ideen zusammen. Er
glaubte eine Spur gefunden zu haben. Gelegentlich hatte er im Verkehr mit
indischen Artisten gehrt, der Bi gewisser Schlangen rufe bei Individuen,
die sich an das Gift zu gewhnen imstande seien, abnormale Zustnde
erstaunlichster Art, wie Fernsehen, Nachtwandeln, Unverwundbarkeit und
dergleichen hervor. -- Warum sollte, was in Asien mglich war, nicht bei
den afrikanischen Wilden ebenfalls vorkommen?!

Ich bin auch von der groen Zauberschlange gebissen, renommierte er und
deutete auf eine ixbeliebige Narbe an seiner Hand.

Der Zulu spuckte geringschtzig aus. -- Vid nicht wirkliche Schlange.
Wirkliche Schlange dreckiger Wurm. Vid-Schlange grne Geisterschlange mit
Menschengesicht. Vid-Schlange ist ein Souquiant. Ihr Name ist Zombi.

Zitter Arpd verlor die Fassung. Was waren das fr Worte? Er hatte sie noch
nie gehrt: Souquiant? Es schien franzsischen Ursprungs zu sein. Und was
bedeutete: Zombi?! -- Er war unklug genug, seine Unkenntnis offen
einzugestehen, und gab sein Ansehen dem Neger gegenber damit ein fr
allemal preis.

Usibepu reckte sich hochmtig auf und erklrte: Ein Mensch, der Haut
wechseln kann, ist ein Souquiant. Lebt ewig. Ein Geist. Unsichtbar. Kann
alles zaubern. Der Vater der schwarzen Menschen war Zombi. Die Zulus seine
Lieblingskinder. Sie gingen aus seiner linken Seite hervor. -- Er schlug
sich auf den mchtigen Brustkasten, da es drhnte. -- Jeder Knigszulu
wei geheimen Namen von Zombi. Wenn ihn ruft, so Zombi erscheint als groe
Gift-Vid-Schlange mit grnes Menschengesicht und heiliges Fetischzeichen
auf Stirne. Wenn Zulu erstesmal sieht Zombi und Zombi hat Gesicht verhllt,
so Zulu mu sterben. Wenn aber Zombi erscheint mit verdecktes Stirnzeichen
und grnes Gesicht offen, so Zulu lebt und ist Vid T'changa, groe Medizin
und Herr ber Feuer. Ich, Usibepu, bin Vid T'changa.

Zitter Arpd bi sich rgerlich auf die Lippen. Er sah ein, da sich mit
dem Rezept nichts anfangen lie.

Umso eifriger bot er sich Mary Faatz als Dolmetscher an, die den inzwischen
wieder angekleideten Zulu durch Gebrden und Worte zu berreden suchte, ihr
zu folgen.

Die Herrschaften werden sich ohne mich mit ihm nicht verstndigen knnen,
redete er auf sie ein, aber sie lie sich nicht berzeugen.

Endlich begriff Usibepu, was Mary von ihm wollte, und ging mit ihr die
Treppe hinauf in Klinkherbogks Wohnung.

                   *       *       *       *       *

Der Schuster sa noch immer, die Papierkrone auf dem Kopf, vor dem Tisch.

Die kleine Katje war zu ihm geeilt, und er hatte die Arme erhoben, als
wollte er das Kind an seine Brust ziehen, sie aber gleich darauf sinken
lassen und wieder in die Kugel gestarrt, als der somnambule Zustand
abermals Besitz von ihm ergriff.

Auf den Zehenspitzen schlich die Kleine an die Wand zurck neben Eva und
Sephardi.

Die Stille im Zimmer war noch tiefer und qulender geworden als vordem, --
konnte von Geruschen nicht mehr durchbrochen werden, fhlte Eva --, wurde
nur dichter und lauernder, wenn ein leises Rascheln der Kleider oder ein
Knacken in den Dielen sich bisweilen hervorwagte, -- war zur bleibenden
Gegenwart geronnen, unberhrbar von den Schwingungen der Tne, -- glich
einem schwarzsammetnen Teppich, auf dem Reflexe von Farben schwimmen, ohne
in die Tiefe dringen zu knnen.

Unsicher suchende Schritte kamen die Treppe im Hause herauf und nherten
sich der Dachkammer. --

Eva empfand es, als taste sich ein Wrgengel aus der Erde empor.

Entsetzt zuckte sie zusammen, als unvermutet die Tr hinter ihr leise
knarrte und der Neger wie ein riesenhafter Schatten im Halbdunkel
auftauchte.

Auch die anderen waren heftig erschrocken, aber niemand getraute sich,
seine Stellung zu verndern, -- als sei der Tod ber die Schwelle getreten
und blicke suchend von einem zum andern.

Das Gesicht Usibepu's zeigte keinerlei Verwunderung ber die seltsame
Umgebung und die Stille, die im Zimmer herrschte.

Er war unbeweglich stehen geblieben und verschlang Eva mit glhenden
Blicken, ohne den Kopf zu wenden, bis Mary ihr zu Hilfe kam und sich stumm
vor sie stellte.

Das Weie seiner Augen und die blitzenden Zhne hingen in der Finsternis
wie gespenstische Lichtflecke.

Eva kmpfte ihr Grauen nieder und zwang sich, unverwandt zum Fenster zu
schauen, vor dem, im Mondschein glitzernd, aus einem Kran im Dachfirst eine
armdicke eiserne Kette starr hinab in die Tiefe hing.

Leises, kaum hrbares Pltschern spielte in der Luft, wenn, vom Nachthauch
bewegt, das Wasser der beiden gabelfrmig zusammenflieenden Grachten unten
an das Gemuer des Hauses schlug. --

Ein Schrei am Tisch lie alle auffahren. --

Klinkherbogk hatte sich halb erhoben und deutete mit steifem Finger auf den
leuchtenden Punkt in der Kugel.

Da ist er wieder -- hrte man ihn rcheln, -- der Furchtbare mit der
grnen Maske vor dem Gesicht, der mir den Namen Abram gegeben hat und das
Buch zu verschlingen. Wie von einem Glanz geblendet, schlo er die Augen
und sank schwer zurck.

Alle standen regungslos mit angehaltenem Atem; nur der Zulu hatte sich
vorgebeugt, starrte auf eine Stelle ber dem Kopf Klinkherbogks in die
Dunkelheit und sagte halblaut:

Der Souquiant ist hinter ihm.

Niemand verstand, was er meinte. Dann abermals Totenstille eine lange, kaum
endenwollende Zeit, in der keiner ein Wort zu sprechen vermochte.

Eva fhlte ihre Knie zittern vor unerklrlicher Aufregung.

Sie hatte die Empfindung, als durchdringe ein unsichtbares Wesen in
grauenvoller Langsamkeit allmhlich den Raum mit seiner Gegenwart.

Sie griff nach der Hand der kleinen Katje, die neben ihr stand. -- -- -- --
-- -- -- -- -- --

Da flatterte pltzlich irgend etwas mit schreckhaftem Laut in der
Finsternis auf und eine Stimme rief hastig:

Abraham! Abraham!

Eva stand das Herz still vor Entsetzen und sie sah, da auch die andern
zusammenzuckten.

Hie bin ich, antwortete der Schuhmacher, ohne sich zu rhren, wie aus dem
Schlaf.

Eva wollte aufschreien, aber die Todesangst schnrte ihr die Kehle zu.

Wiederum lhmte einen Augenblick grliche Stille jeden Pulsschlag, dann
flog ein schwarzer Vogel mit weigefleckten Fittichen irr durchs Zimmer,
schlug mit dem Kopf an die Fensterscheibe und fiel flgelschlagend zu
Boden. -- --

Es ist Jakob, unsere Elster, flsterte die kleine Katje Eva zu; sie ist
aufgewacht.

Eva hrte es wie durch eine Wand hindurch; die Worte brachten ihr keine
Beruhigung und verstrkten nur noch das drosselnde Gefhl der Nhe eines
dmonischen Wesens.

Unerwartet wie vorhin der Ruf des Vogels, schlug jetzt abermals eine Stimme
an ihr Ohr; sie kam von den Lippen des Schusters, und es klang wie ein
zerbissener Schrei:

Isaak! Isaak!

-- Seine Miene hatte sich pltzlich verwandelt und trug den Ausdruck
lodernden Wahnsinns. --

Isaak! Isaak!

Hie bin ich, antwortete die kleine Katje -- genau wie vorhin ihr
Grovater auf den Ruf des Vogels; so, als schliefe sie.

Eva fhlte, da die Hand des Kindes eiskalt war.

Die Elster unter dem Fensterbrett schackerte laut. --

Es hrte sich an, wie das Lachen eines teuflischen Kobolds.

Silbe fr Silbe, Ton fr Ton hatte die Stille die Worte und das hmische
Gelchter eingeschluckt mit gierigem, gespenstischem Mund. -- Sie waren
entstanden und verstummt wie das Herberklingen eines Geschehnisses aus
biblischer Vorzeit, das in der Kammer eines armseligen Handwerkers spukhaft
wieder auferstand. -- -- -- --

Ein hallender Glockenschlag von der Nicolaskerk drhnte durchs Zimmer und
zerri mit seinem Vibrieren einen Augenblick den Bann.

Ich mchte gehen, es greift mich zu sehr an, wandte sich Eva flsternd zu
Sephardi und ging zur Tr.

Sie wunderte sich, da sie die Turmuhr die ganze Zeit ber nicht gehrt
hatte, wo doch erst wenige Stunden vorber waren, da es Mitternacht
gelutet haben mute.

Kann man den alten Mann so ohne Hilfe allein lassen? -- fragte sie
Swammerdam, der die brigen stumm zur Eile antrieb, und blickte zu
Klinkherbogk hin. Er scheint noch immer in Trance zu sein? Und auch das
Kind schlft.

Er wird bald erwachen, wenn wir fort sind, beruhigte sie der
Schmetterlingssammler, aber durch seine Worte klang ein leiser Unterton
verhaltner Angst, -- ich will spter nach ihm sehen.

Man mute den Neger fast mit Gewalt hinausdrngen, -- seine Blicke hingen
fiebrig an den Goldmnzen auf der Tischplatte; Eva sah, da Swammerdam ihn
nicht aus den Augen lie und, als alle die Treppe hinuntergingen, rasch
umkehrte, die Dachkammer des Schuhmachers absperrte und den Schlssel
einsteckte. -- -- --

Mary Faatz war vorausgelaufen, um den Gsten Mntel und Hte aus dem Zimmer
im vierten Stock zu bringen und dann einen Wagen zu holen.

Wenn nur der Knig aus Mohrenland wiederkommt; wir haben ihn ohne Abschied
ziehen lassen; oh Gott, warum ist das Fest der Wiedergeburt so traurig
verlaufen! jammerte Frulein de Bourignon, als sie mit Swammerdam, der
ihnen das Geleite gegeben hatte und wortkarg mit verstrtem Gesicht neben
ihnen stand, vor dem Haustor auf die Droschke warteten, die sie in das
Bginenstift, Eva in ihr Hotel und Doktor Sephardi nach Hause bringen
sollte; -- aber das Gesprch stockte bald und wollte nicht wieder in Flu
kommen.

Die Gerusche des Volksfestes in der Warmoesstraat waren erstorben, nur
hinter den verhngten Fenstern der Schenke am Zee Dyk spielte noch ein
Banjo wilde Tnze.

Die Wand des Hauses, die gegen die Nicolaskirche gekehrt war, lag in tiefem
Schatten, -- die andere Seite, auf der die Giebelkammer des Schusters hoch
ber der Gracht in das ferne Nebelmeer des Hafens hineinsah, glitzerte na
und wei in grellem Mondlicht.

Eva trat an das Gelnder, das die Gasse gegen die Gracht abschlo, und
blickte in das schwarze, unheimliche Wasser.

Wenige Meter von ihr entfernt berhrte die eiserne Kette, die vom Dachkran,
am Fenster des Schuhmachers vorbei, herabhing, mit dem untern Ende einen
schmalen, kaum fubreiten Mauervorsprung.

Ein Mann stand in einem Boot und machte sich an der Kette zu schaffen; als
er die helle Frauengestalt erblickte, bckte er sich rasch nieder und
wandte den Kopf weg.

Eva hrte den Wagen um die Ecke kommen und eilte frstelnd zu Sephardi
zurck; -- einen Herzschlag lang, sie wute nicht warum und wieso, war die
Erinnerung an die weien Augen des Negers wieder in ihr wach geworden. --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Der Schuster Klinkherbogk trumte, er ritte auf einem Esel durch die Wste,
an seiner Seite die kleine Katje, und vor ihm her schritt als Fhrer der
Mann mit der Hlle vor dem Antlitz, der ihm den Namen Abram gegeben hatte.

Tag und Nacht ritt er so, da sah er am Himmel eine Luftspiegelung, und ein
Land, ppig und herrlich, wie er noch nie eins gesehen, senkte sich herab,
und der Mann sagte ihm, es hiee Morija.

Und Klinkherbogk klomm einen Berg empor, baute einen Holzsto und legte
Katje oben darauf.

Dann reckte er seine Hand aus und fate das Messer, da er das Kind
schlachte. Sein Herz war kalt und ohne Mitleid, denn er wute nach der
Schrift, da er einen Widder opfern werde zum Brandopfer an Katjes Statt.
Und als er das Kind geopfert hatte, nahm der Mann die Hlle vom Gesicht,
das glhende Zeichen auf seiner Stirn verschwand und er sprach:

Ich zeige dir, Abraham, mein Angesicht, auf da du von nun an das Ewige
Leben habest. Das _Zeichen_ des Lebens aber nehme ich von meiner Stirne,
damit sein Anblick dir nimmermehr dein armes Hirn verbrenne. Denn meine
Stirn ist deine Stirn und mein Antlitz ist dein Antlitz. Dies, wisse, ist
in Wahrheit die zweite Geburt: da du eins bist mit mir und erkennest,
da ich, dein Fhrer zum Baum des Lebens, du selbst gewesen bist. --

Viele sind, die mein Gesicht gesehen haben, aber sie wissen nicht, da es
die zweite Geburt bedeutet, darum mag es sein, da sie das ewige Leben
jetzt nicht finden.

Noch einmal wird der Tod zu dir kommen, ehe du durch die schmale Pforte
schreitest, -- und vorher die Taufe mit Feuer als brennendes Bad des
Schmerzes und der Verzweiflung.

Du hast es selbst so gewollt.

Dann aber wird deine Seele in das Reich, das ich dir bereitet habe,
eingehen, so wie ein Vogel aus seinem Kerker fliegt ins ewige Morgenrot.
--

Klinkherbogk sah, da das Antlitz des Mannes aus grnem Golde war und den
ganzen Himmel erfllte, und er erinnerte sich einer Zeit, da er als junger
Mensch, um denen den Pfad ebnen zu helfen, die nach ihm kmen, im Gebet ein
Gelbde getan hatte, er wolle keinen Schritt mehr vorwrts gehen auf dem
geistigen Wege, es sei denn, da der Herr des Schicksals die Brde einer
ganzen Welt auf ihn lege.

Der Mann verschwand.

Klinkherbogk stand in tiefer Finsternis und hrte ein donnerndes Rollen,
das langsam verblate, bis es nur mehr klang, als rassele in weiter Ferne
ein Wagen ber holpriges Pflaster. Allmhlich kam er zu sich, das Traumbild
in seinem Gedchtnis verblich und er sah, da er in seiner Dachkammer war
und -- eine blutige Ahle in der Hand hielt.

Der Docht der herabgebrannten Kerze kmpfte mit dem Verlschen und der
flackernde Schein lie das Gesicht der kleinen Katje, die erstochen auf dem
zerschlissenen Divan lag, fahl aus der Dunkelheit aufzucken.

Der Wahnwitz einer grenzenlosen Verzweiflung fiel ber Klinkherbogk her.

Er wollte sich die Ahle in die Brust stoen, -- die Hand gehorchte ihm
nicht. Er wollte aufbrllen wie ein Tier, -- ein Krampf hatte seine
Kinnlade gepackt und er konnte den Mund nicht ffnen, -- er wollte sich den
Schdel an der Wand zerschmettern, -- seine Fe taumelten, als wren sie
in den Gelenken zerbrochen.

Der Gott, zu dem er sein ganzes Leben lang gebetet hatte, wachte in seinem
Herzen auf, zur grinsenden Teufelsfratze verwandelt.

Er wankte zur Tr um Hilfe zu holen, rttelte daran, bis er zusammenfiel,
-- die Tr war verschlossen.

Dann schleppte er sich zum Fenster, ri es empor und wollte nach Swammerdam
schreien, -- da hing zwischen Himmel und Erde ein schwarzes Gesicht und
starrte ihn an.

Der Neger, der an der Kette heraufgeklettert war, schwang sich ins Zimmer.

Einen Augenblick sah Klinkherbogk einen schmalen, roten Streifen unter den
Wolken im Osten; -- wie ein Blitz kam ihm die Erinnerung wieder an seinen
Traum, und er breitete sehnschtig die Arme nach Usibepu aus wie nach dem
Erlser.

Der Neger prallte entsetzt zurck, als er das verklrte Lcheln in
Klinkherbogks Zgen bemerkte, dann sprang er auf ihn zu, fate ihn am Hals
und brach ihm das Genick.

Eine Minute spter hatte er sich die Taschen mit dem Gold vollgestopft und
schleuderte die Leiche des Schusters aus dem Fenster.

Klatschend fiel sie in die trben, stinkenden Gewsser der Gracht, und ber
den Kopf des Mrders hinweg flog die Elster in die Morgendmmerung mit dem
jauchzenden Jubelruf: Abraham! Abraham!




Sechstes Kapitel


Hauberrisser hatte bis gegen Mittag geschlafen, trotzdem sprte er eine
bleierne Mdigkeit in allen Gliedern, als er die Augen aufschlug.

Die Spannung, zu erfahren, was in der Rolle stand, die ihm in der Nacht
bers Gesicht gelaufen war, und woher sie gekommen sein knnte, hatte ihn
den ganzen Schlummer hindurch verfolgt wie das gewisse peinigende
Wartegefhl, das einem die Ruhe zu scheuchen pflegt, wenn man sich vor dem
Schlafengehen vornimmt, pnktlich zu einer gewissen Stunde und Minute zu
erwachen.

Er erhob sich, untersuchte die Wnde der Nische, in der das Bett stand, und
fand auch bald ohne Mhe das aufklappbare Fach in der Tfelung, in dem sie
offenbar gelegen hatte. Bis auf eine zerbrochene Brille und ein paar
Kielfedern war es vollkommen leer und, nach den Tintenflecken zu schlieen,
von dem frheren Bewohner des Zimmers als kleiner Hilfsschreibtisch benutzt
worden.

Hauberrisser bog die Bltter gerade und bemhte sich, sie einigermaen zu
entziffern.

Die Schriftzge waren stark verblat, an manchen Stellen bereits
unleserlich, und viele Seiten unter dem Einflu der Mauerfeuchtigkeit
untrennbar zu schimmligem Pappendeckel zusammengebacken, so da wenig
Hoffnung blieb, sich jemals im Inhalt zurechtfinden zu knnen.

Anfang und Ende fehlten, und das noch Vorhandene schien, wie die hufige
Ausstreichung von Stzen verriet, eine Art Entwurf zu irgendeiner
schriftstellerischen Arbeit -- vielleicht zu einem Tagebuch -- zu sein.

Wer der Verfasser gewesen sein mochte, war nirgends ersichtlich,
ebensowenig Datum oder Jahreszahl, die einen Anhaltspunkt fr das Alter des
Manuskriptes ergeben htten.

Mimutig wollte Hauberrisser die Rolle weglegen und sich wieder
ausstrecken, um die Stunden gestrten Schlummers nachzuholen, da fiel sein
Blick, wie er die Seiten ein letztes Mal durch die Finger laufen lie, auf
einen Namen, der ihn so erschreckte, da er einen Moment zweifelte, richtig
gelesen zu haben.

Leider war die Stelle bereits verblttert und seine Ungeduld, sie
wiederzufinden, machte die Arbeit des Suchens vergeblich.

Dennoch htte er einen Eid schwren mgen, da es der Name Chidher Grn
gewesen sein mute, der ihm aus dem Dokument entgegengesprungen war. Er sah
ihn deutlich vor sich, wenn er die Augen schlo und sich die betreffende
Stelle vergegenwrtigte.

Die Sonne strahlte hei durch das vorhanglose, breite Fenster herein; das
Zimmer mit den gelbseiden bespannten Wnden war mit goldenem Glanze
erfllt, und doch, trotz all der Pracht des Mittagszaubers, fate
Hauberrisser einen Augenblick das Grauen an; ein Grauen, das er bisher
nicht gekannt hatte, -- jenes Grauen, das ins Leben tritt ohne scheinbar
zureichenden Grund, aus der Nachtseite der Seele herberschreit wie ein
Geschpf der Dmmerung, um sich gleich darauf, geblendet vom Licht, wieder
spurlos zu verkriechen.

Er fhlte, da es nicht von dem Manuskript ausging, auch nicht mit dem
abermaligen Hereinspielen des Namens Chidher Grn in Zusammenhang stand; --
es war das pltzliche, tiefe Mitrauen gegen sich selbst, das ihm bei
hellem Tage den Boden unter den Fen wegzog.

Rasch beendete er seine Toilette und klingelte.

Sagen Sie mal, Frau Ohms, fragte er die alte Haushlterin, die ihm seine
Junggesellenwirtschaft fhrte, als sie das Frhstck auf den Tisch stellte,
wissen Sie zufllig, wer frher hier gewohnt hat?

Die Alte dachte eine Weile nach.

Gehrt hat das Haus vor vielen Jahren, so weit ich mich erinnern kann,
einem bejahrten Herrn, der, wenn ich mich nicht irre, sehr reich und ein
Sonderling gewesen sein soll. Spter stand es lange leer und ging dann in
den Besitz der Waisengelderverwaltung ber, Mynheer.

Und haben Sie keine Ahnung, wie er geheien hat und ob er noch lebt?

Kann leider nicht dienen, Mynheer.

Gut, ich danke.

Hauberrisser machte sich daran, die Rolle nochmals durchzulesen.

Der erste Teil des Manuskriptes behandelte, wie er bald erkannte, einen
Rckblick des Verfassers und schilderte in kurzen, abgerissenen Stzen das
Schicksal eines Menschen, der vom Unglck verfolgt, alles nur Erdenkliche
versucht hatte, um sich eine lebenswerte Existenz zu schaffen. Aber
jedesmal waren seine Bemhungen im letzten Augenblick gescheitert. -- Wieso
er spter, gewissermaen ber Nacht, zu groen Reichtmern gelangt war,
lie sich nicht ersehen, da ein paar Bogen fehlten.

Hauberrisser mute mehrere Bltter, die vllig vergilbt waren, ausscheiden;
was darauf folgte, mochte einige Jahre spter geschrieben worden sein, denn
die Tinte war frischer und die Handschrift zitterig, wie unter dem Einflu
zunehmenden Lebensalters. Ein paar Stze, deren Inhalt eine gewisse
hnlichkeit mit seiner eigenen Gemtsverfassung aufwies, notierte er sich
besonders, um den Zusammenhang besser berblicken zu knnen:

Wer da glaubt, er htte das Leben um seiner Nachkommen willen, belgt sich
selbst. Es ist nicht wahr: die Menschheit hat keinen Fortschritt gemacht.
Es scheint nur so. Sie hat nur Einzelne hervorgebracht, die wirklich
fortgeschritten sind. Im Kreise laufen, heit: nicht vorwrts kommen. Wir
mssen den Kreis durchbrechen, sonst haben wir nichts getan. Die da whnen,
das Leben beginne mit der Geburt und ende mit dem Tod, -- freilich, die
sehen den Kreis nicht; wie sollten sie ihn durchbrechen!

Hauberrisser bltterte um.

Die ersten Worte oben am Rande, die er las, schlugen ihm ins Gesicht.
Chidher Grn!

Er hatte sich also doch nicht geirrt.

In atemloser Spannung durcheilte er die nchsten Zeilen. Sie gaben so gut
wie keinen Aufschlu. Der Name Chidher Grn bildete das Ende eines Satzes,
auf der Seite vorher fehlte der Anfang; sie gehrte demnach nicht dazu.
Keine Mglichkeit, die Spur weiter zu verfolgen, die doch mit Sicherheit
schlieen lie, da der Verfasser der Schrift irgendeine feste Vorstellung
mit dem Namen verbunden, -- vielleicht sogar einen gewissen Chidher Grn
persnlich gekannt hatte.

Hauberrisser griff sich an den Kopf. Was da mit einemmal in sein Leben
getreten war, sah sich an, als treibe eine unsichtbare Hand ein boshaftes
Spiel mit ihm.

So interessant das Manuskript noch im selben Abschnitt zu werden versprach
-- er konnte die Geduld nicht mehr aufbringen, weiter zu lesen. Die
Buchstaben tanzten vor seinen Augen.

Er hatte es satt, sich noch lnger von albernen Zufllen narren zu lassen.

Ich werde der Sache ein Ende machen! -- er rief nach der Haushlterin und
beauftragte sie, einen Wagen zu holen -- Ich fahre ganz einfach in den
Vexiersalon und lasse mir den Herrn Chidher Grn herausrufen, beschlo er.
Gleich darauf sah er ein, da sein Vorhaben nicht viel mehr als einen
Schlag ins Wasser bedeutete, denn, berlegte er, was kann der alte Jude
dafr, da mich sein Name verfolgt wie ein Kobold? -- aber Frau Ohms hatte
sich bereits auf den Weg gemacht.

Unruhig schritt er im Zimmer auf und ab.

Ich benehme mich wie ein Wahnsinniger, legte er sich zurecht; was geht
mich die Sache eigentlich an? Statt in Ruhe dahinzuleben -- wie ein
Spiebrger, ergnzte eine hmische Stimme in seiner Brust, und sofort
verwarf er den angefangenen Gedanken. Hat mir das Schicksal noch nicht
genug Lehren gegeben, sagte er sich vorwurfsvoll, da das Dasein ein
himmelschreiender Unsinn ist, wenn man es so lebt, wie die Menschheit es
tut? Selbst, wenn ich das Hirnverbrannteste begnne, das sich ausdenken
lt, -- immer noch wre es gescheiter, als zurckzufallen in den Trott des
Althergebrachten, dessen letztes Ziel ein zweckloser Tod ist.

Der Ekel am Dasein meldete sich wieder leise in ihm, und er sah ein, da
ihm nichts mehr blieb, -- wollte er sich von dem spter oder frher
unabwendbaren Selbstmord aus berdru retten, -- als sich, eine Zeitlang
wenigstens, widerstandslos treiben zu lassen, bis ihm das Geschick entweder
ber die Wende hinweg zu einem dauernd festen Standpunkt verhalf, oder ihm
mit ehernen Worten zurief: es gibt nichts neues unter der Sonne, der Zweck
des Lebens ist: zu sterben. --

Er nahm die Rolle, trug sie in sein Bcherzimmer und sperrte sie in seinen
Schreibtisch.

So argwhnisch gegenber der Mglichkeit sonderbarer Geschehnisse war er
bereits geworden, da er das Blatt, auf dem der Name Chidher Grn obenan
stand, abtrennte und in seine Brieftasche steckte.

Es geschah nicht aus Aberglauben, sie knne verschwinden, sondern lediglich
aus dem Wunsche, das Papier greifbar bei sich zu tragen und nicht auf
Erinnerung allein angewiesen zu sein; -- es war die instinktive
Abwehrstellung eines Menschen, der die verwirrenden Einflsse des
Gedchtnisses vermeiden will und nicht gesonnen ist, auf die Wahrnehmungen
durch die uern Sinne zu verzichten, falls verblffende Zuflle das
gewohnte Bild des Alltags ins Schwanken bringen sollten.

Der Wagen steht unten, meldete die Haushlterin, und dies Telegramm ist
soeben abgegeben worden.

Bitte komm zuverlssig heute zum Tee. Grere Gesellschaft, unter andern
dein Freund Ciechoski, leider auch die Rukstinat, Fluch und Enterbung,
wenn du mich im Stiche lt.

   Pfeill

las Hauberrisser und brummte rgerlich etwas vor sich hin. Er zweifelte
keinen Augenblick, da sich der polnische Graf unverschmterweise auf ihn
berufen hatte, um Pfeills Bekanntschaft zu machen.

Dann gab er dem Kutscher die Weisung, ihn in die Jodenbreestraat zu fahren.

Ja, nur zu, mitten durch die Jodenbuurt; sagte er lchelnd, als ihn der
Mann mit bedenklicher Miene fragte, ob er direkt durch den Jordaan --
womit er das Ghetto meinte -- fahren, oder Querstraen bentzen solle.

                   *       *       *       *       *

Bald waren sie mitten drin in diesem seltsamsten aller europischen
Stadtviertel.

Das ganze Leben der Bewohner spielte sich anscheinend auf der Gasse ab. --
Da wurde im Freien gekocht, gebgelt und gewaschen. Ein Strick hing quer
ber die Strae, mit schmutzigen Strmpfen daran zum Trocknen und so
niedrig, da der Kutscher sich bcken mute, um sie nicht mit dem Kopf
herunterzureien. -- Uhrmacher saen vor kleinen Tischen und glotzten, die
Lupen in die Augen geklemmt, der Droschke nach wie erschreckte
Tiefseefische; -- Kinder wurden gesugt oder ber Kanalgitter gehalten.

Einen lahmen Greis hatte man mitsamt dem Bett, unter dem ein Nachtgeschirr
stand, vor ein Haustor getragen, damit er die frische Luft genieen
knne, und daneben an einer Straenecke hielt ein schwammig aufgedunsener
Jude, von oben bis unten beklettert von bunten Puppen wie Gulliver mit den
Zwergen, Spielzeug feil und rief dazu, ohne Atem zu schpfen, mit einer
Stimme, die klang, als trge er eine silberne Kanle im Kehlkopf:
poppipoppipoppipoppipoppi.

Kleerko, Kleerko, Kle--e--erkoooop, drhnte eine Art Jesajas mit Talar
und schneeweien Ohrlocken, der sich den Handel mit alten Kleidern als
Lebenszweck auserkoren hatte, dazwischen, schwenkte eine einbeinige Hose
wie ein Siegesbanner ber dem Haupte und winkte Hauberrissern zu, ihn mit
seinem Besuch beehren zu wollen und ungeniert abzulegen.

Dann wieder tnte aus einer Quergasse ein vielstimmiger Chor in den
merkwrdigsten Modulationen: Nieuwe haring, niwe ha--a--a--ng; aardbeien
-- aare -- bei--je! de mooie, de mooie, de mooie waar; augurkjes, gezond en
goedkoop, -- ein appetiterregender Gesang, dem der Kutscher mit
andchtigem Gesicht -- obwohl unfreiwillig -- lngere Zeit lauschen mute,
ehe er wieder im Schritt weiter fahren konnte, denn Berge von bestialisch
stinkenden Fetzen versperrten den Weg und muten erst weggerumt werden, um
die Strae frei zu machen. Scharen jdischer Lumpensammler hatten sie
aufgetrmt und schleppten emsig immer noch neue Haufen heran, wobei sie
verschmhten, sich der blichen Scke zu bedienen, und die Bndel
schmutziger Lappen der Einfachheit halber unter den halbaufgeknpften
Kaftans auf dem bloen Leibe, eingeklemmt zwischen Rippen und Achseln,
trugen.

Es war ein seltsamer Anblick, wie sie als unfrmliche Ballen ankamen,
vollgestopft mit Lumpen, um gleich darauf schlank und dnn in rattenhafter
Eile wieder fortzuhuschen. -- --

Endlich wurde die Strae breiter, und Hauberrisser sah den Glasvorbau des
Vexiersalons in der Sonne glitzern.

Es dauerte eine geraume Weile, bis sich das Schiebefenster des Verschlages
-- diesmal weit weniger geruschvoll und verkaufslustig als gestern --
herablie, die Bste der Verkuferin zu enthllen.

Womit kann ich dienen, Mynheer? fragte die junge Dame auffallend khl und
sichtlich zerstreut.

Ich mchte gerne Ihren Herrn Chef sprechen.

Der Herr Professor ist leider gestern auf unbestimmte Zeit verreist. --
Die Verkuferin bi die Lippen schnippisch zusammen und funkelte
Hauberrisser katzenhaft an.

Ich meine nicht den Herrn Professor, Frulein, seien Sie unbesorgt; -- ich
htte nur gern den alten Herrn einen Augenblick gesprochen, den ich gestern
drin hinterm Pult habe stehen sehen.

Ach so _den_, -- das Gesicht der jungen Dame hellte sich auf. -- Das ist
ein Herr Pedersen aus Hamburg. Der in den Guckgasten g'schaut hat, net
wahr?

Nein, ich meine den alten -- Israeliten im Bureau. Ich dachte, ihm gehre
das Geschft.

Unser G'schft? Unser G'schft hat niemals keinem alten Juden nicht
g'hrt, mein Herr. -- Wir sind eine ausgesprochen christliche Firma.

Meinetwegen. Aber den alten Juden, der gestern drin hinterm Pult gestanden
hat, mchte ich trotzdem sprechen. Tun Sie mir doch den Gefallen,
Frulein!

Mar' and Joseph, beteuerte die junge Dame und verfiel zum Zeichen, da
sie die Wahrheit sprche, in das treuherzigste Wienerisch, das ihr in der
Geschwindigkeit zu Gebote stand, meiner Seel' und Gott, in unser Bureau
darf berhaupt kein Jud nicht, und niemals hat kein solcher nicht drin
g'standen. Und gestern natrlich schon gar nicht.

Hauberrisser glaubte ihr kein Wort. rgerlich dachte er nach, was er tun
knne, um sie von ihrem Mitrauen abzubringen.

Also gut, Frulein, lassen wir das jetzt; aber sagen Sie mir wenigstens:
wer ist dieser 'Chidher Grn', dessen Namen drauen auf der Tafel steht?

Auf welcher Tafel, bitte?

Um Himmelswillen! Frulein! Drauen auf Ihrer Ladentafel!

Die Verkuferin ri die Augen auf. -- Auf unserer Tafel steht doch: Zitter
Arpd! stotterte sie gnzlich verblfft.

Hauberrisser ergriff seinen Hut und eilte wtend hinaus, um sich zu
berzeugen. -- Im Spiegel des Trfensters sah er, da die Verkuferin sich
mit staunender Gebrde auf die Stirn tupfte. -- Als er dann auf die Gasse
trat und zu dem Firmenschild emporblickte, las er -- und das Herz stand ihm
still dabei -- tatschlich unter der Bezeichnung Vexiersalon den Namen:
Zitter Arpd.

Von Chidher Grn auch nicht ein Buchstabe.

Er war derartig verwirrt und fhlte sich so beschmt, da er seinen
Spazierstock im Laden im Stiche lie und schnurstracks wegeilte, um so
rasch wie mglich in eine andere Gegend zu kommen.

                   *       *       *       *       *

Wohl eine Stunde irrte er wie geistesabwesend durch alle mglichen Straen,
geriet in totenstille Gassen und enge Hfe, in denen pltzlich Kirchen, im
heien Sonnenbrand trumend, vor ihm auftauchten, -- schritt durch
finstere, kellerkhle Torwege und hrte seine Tritte darin hallen wie in
klsterlichen Kreuzgngen.

Die Huser ausgestorben, als htte seit Jahrhunderten kein menschliches
Wesen mehr darin gewohnt, -- hier und da eine Angorakatze mitten unter den
grellblhenden Topfblumen auf barocken Fenstersimsen verschlafen ins
goldene Mittagslicht blinzelnd; nirgends ein Laut.

Hohe Ulmen mit regungslosen Zweigen und Blttern ragten aus winzigen grnen
Grtchen, umstaunt von einem Gedrng uralter Giebelbauten, die mit ihren
schwarzen Fassaden und den hellen Holzgitterfenstern, sauber gewaschen wie
Sonntagsstaat, greisen, freundlichen Mtterchen glichen.

Er ging durch niedrige Schwibbogen, deren Steinpfeiler blank geschliffen
waren im Laufe der Zeiten, in die Dmmerung gewundener Hohlwege hinein --
Sackgassen, eingeengt von hohen Mauern mit schweren, glatten,
festverschlossenen Eichentoren darin, die seit ihrem Bestehen wohl noch nie
eine Hand geffnet hatte. Moos wuchs zwischen den Ritzen des Pflasters, und
rtlich marmorne Platten mit verwitterten Grabschriften, eingelassen in
Wandnischen, erzhlten von Friedhfen, die einst hier gestanden haben
mochten.

Dann wieder fhrte ihn ein schmaler Gehsteig an schmucklosen,
weibestaubten Husern entlang, unter denen ein Bach hervorscho. Drinnen
brauste und drhnte es geisterhaft wie Pochen von riesigen, steinernen
Herzen.

Geruch nach Nsse in der Luft, und in halboffenen Holzrhren, rechtwinklig
zusammengefgt auf glitschigen Gelnderstangen, eilte ein klares Rinnsal in
raschem Geflle hinab in ein Labyrinth morscher, splittriger Plankenwnde.

Gleich darauf eine krumme Reihe engbrstiger, hoher Gebude, den Tag
verfinsternd, schief, wie dicht vor dem Einsturz, und eins das andere
sttzend, als schwanke der Boden.

Eine Strecke Wegs an Bcker- und Kselden vorbei, und moorbraun ruhte vor
ihm der Spiegel einer breiten, stillen Gracht unter dem hellblauen Himmel.

Zwei Reihen von Husern bildeten die Ufer, standen einander fremd
gegenber, -- die einen klein und bescheiden wie demtige Handwerker, die
andern hochragend, massig, graue Warenspeicher, selbstbewut und abweisend.
Keine Brcke, die sie verband; -- nur aus einem Sparrenzaun, von dem
Aalschnre mit rotgrn geringelten Federposen in die Flut hinabhingen,
wuchs ein Baum neugierig schrg hinber und griff mit seinen sten in die
Fenster der Reichen hinein.

Hauberrisser wanderte zurck der Richtung zu, aus der er gekommen war, und
bald umfing ihn wieder ein Stck Mittelalter, als sei dieser Teil der Stadt
hunderte Jahre stehen geblieben in der Zeit.

Sonnenuhren ber kostbaren, verschnrkelten Wappen in den Mauern, blinkende
Spiegelscheiben, rote Ziegeldcher, -- kleine Kapellen, in Schatten
getaucht, -- goldene Turmknufe, emporschimmernd zu den weien,
pausbackigen Wolken.

Eine Gittertr vor einem Klosterhof stand offen. -- Er ging hinein und sah
eine Bank unter hngenden Weidenzweigen. Ringsum hohes, wucherndes Gras.
Nirgends ein Mensch weit und breit, kein Gesicht hinter den Fenstern. Alles
wie ausgestorben.

Um seine Gedanken zu sammeln, setzte er sich nieder.

Er fhlte keine Unruhe mehr, und die erste Aufregung, es knnte ein
krankhafter Zustand gewesen sein, der ihn einen falschen Namen auf dem
Ladenschild hatte lesen lassen, war lngst verflogen.

Viel wunderbarer, als das merkwrdige uere Begebnis, schien ihm mit
einemmal die fremdartige Denkungsweise zu sein, in der er sich seit einiger
Zeit bewegte.

Woher kommt es nur, fragte er sich, da ich -- verhltnismig doch noch
ziemlich jung -- dem Leben gegenber stehe wie ein alter Mann? -- So, wie
ich, denkt man in meinen Jahren nicht. -- Er bemhte sich vergebens, in
seiner Erinnerung den Zeitpunkt aufzufinden, wo diese Wandlung mit ihm
eingetreten sein mute. -- Wie wohl jeder junge Mensch, war er bis ber die
Dreiig hinaus ein Sklave seiner Leidenschaften gewesen und hatte seinen
Genssen die Grenzen so weit gesteckt, wie es ihm Gesundheit, Spannkraft
und Reichtum nur irgend gestatteten. -- Da er als Kind besonders
grblerischer Natur gewesen wre, war ihm auch nicht erinnerlich, -- wo
stak also die Wurzel, aus der dieses fremdartige, bltenlose Reis
hervorsprote, das er sein gegenwrtiges Ich nannte?

Es gibt ein inneres, heimliches Wachstum, -- erinnerte er sich pltzlich,
erst vor wenigen Stunden gelesen zu haben; -- er holte das Blatt der
Papierrolle aus seiner Brieftasche hervor, suchte die Stelle und las:

jahrelang scheint es zu stocken, dann, unerwartet, oft nur durch ein
belangloses Ereignis geweckt, fllt die Hlle, und eines Tages ragt ein Ast
mit reifen Frchten in unser Dasein hinein, dessen Blhen wir nie bemerkt
haben, und wir sehen, da wir Grtner eines geheimnisvollen Baumes waren,
ohne es zu wissen. -- -- -- Htte ich mich doch nie verleiten lassen, zu
glauben, da irgendeine Macht auer mir selbst diesen Baum zu gestalten
vermag, -- wie viel Jammer wre mir erspart geblieben! Ich war alleiniger
Herr ber mein Schicksal und wute es nicht! Ich dachte, weil ich es durch
_Taten_ nicht zu ndern vermochte, da ich ihm wehrlos gegenberstnde. --
Wie oft ist es mir nicht durch den Sinn gefahren, da: Herr ber seine
Gedanken zu sein, auch bedeuten msse, der allmchtige Lenker seines
Schicksals zu sein! Aber ich habe es jedesmal verworfen, weil die Folgen
solcher halben Versuche nicht sofort eintraten. -- Ich unterschtzte die
magische Gewalt der Gedanken und verfiel immer wieder in den Erbfehler der
Menschheit, die Tat fr einen Riesen zu halten und den Gedanken fr ein
Hirngespinst. -- Nur, wer das Licht bewegen lernt, kann den Schatten
gebieten und mit ihnen: dem Schicksal; wer es mit Taten zu vollbringen
versucht, ist selbst nur ein Schatten, der mit Schatten vergeblich kmpft.
Aber es scheint, als msse uns das Leben fast zu Tode peinigen, bis wir
endlich den Schlssel begreifen. -- -- Wie vielmal wollte ich andern
helfen, indem ich es ihnen erklrte; sie hrten mir zu, nickten und
glaubten, aber es ging ihnen zum rechten Ohr hinein und zum linken wieder
heraus. -- Vielleicht ist die Wahrheit zu einfach, als da man sie sogleich
zu erfassen vermchte. -- Oder mu der Baum erst zum Himmel ragen, ehe
die Einsicht kommen kann? -- Ich frchte, der Unterschied zwischen Mensch
und Mensch ist manchmal grer als der Unterschied zwischen Mensch und
Stein. -- Mit einem feinen Sprsinn herauszufinden, was diesen Baum grnen
macht und vor dem Verdorren schtzt, ist der Zweck unseres Lebens. Alles
brige heit: Dnger schaufeln und nicht wissen, wozu. Doch wie viele mag's
ihrer heute wohl geben, die verstehen, was ich meine? -- -- Sie wrden
glauben, ich redete in Bildern, wenn ich's ihnen sagte. Die
Doppeldeutigkeit der Sprache ist's, die uns trennt. -- Wenn ich ffentlich
etwas schriebe ber inneres Wachstum, so wrden sie ein Klgerwerden
darunter verstehen, oder ein Besserwerden; so, wie sie unter Philosophie
eine Theorie verstehen und nicht: ein wirkliches Befolgen. -- -- Das
Gebotehalten allein, selbst das ehrlichste, gengt nicht, um das innere
Wachstum zu frdern, denn es ist nur die uere Form. Oft ist das
Gebotebrechen das wrmere Treibhaus. Aber wir halten die Gebote, wenn wir
sie brechen sollten, und brechen sie, wenn wir sie halten sollten. Weil ein
Heiliger nur gute Taten vollbringt, so whnen sie, sie knnten durch gute
Taten Heilige werden; so gehen sie den Pfad eines falschen Gottesglaubens
entlang hinab in den Abgrund und glauben, sie wren Gerechte. -- Eine
irrige Demut blendet sie, so da sie entsetzt zurcktaumeln, wie Kinder vor
dem eignen Spiegelbild, und frchten, sie seien wahnsinnig geworden, wenn
die Zeit kommt -- und _sein Gesicht blickt ihnen entgegen_.

Eine Hoffnungsfreudigkeit, die Hauberrisser neu schien -- so lange hatte
sie in ihm geschlafen -- war mit einemmal wieder aufgewacht und erfrischte
ihn, obwohl er einen Augenblick nicht recht wute -- es auch gar nicht zu
wissen begehrte -- worber er sich freuen und worauf er hoffen sollte.

Er fhlte sich pltzlich wie ein Glckskind und nicht mehr wie von
boshaften Zufllen genarrt, da ihm die sonderbare Geschichte mit dem Namen
Chidher Grn passiert war.

Froh mu ich sein, jauchzte irgend etwas in ihm auf, da das Edelwild
aus den unbekannten Wldern eines neuen Gedankenreichs den Zaun des Alltags
durchbricht und in meinen Garten grasen kommt, -- froh, und nicht
bedenklich, blo weil ein paar alte morsche Stakete darber kaput gehen.

Da in den letzten Zeilen des Blattes auf das Gesicht Chidher Grn's
angespielt wurde, erschien ihm sehr wahrscheinlich, und er brannte vor
Ungeduld, mehr zu erfahren, -- zumal ein paar Worte am Schlu der Seite
erraten lieen, da auf der nchsten ausfhrlich stehen werde, was man sich
unter magischer Herrschaft ber die Gedanken vorzustellen habe.

Am liebsten wre er sogleich nach Hause geeilt, um bis in die Nacht hinein
in der Rolle herumzulesen! -- aber es mute bald vier Uhr schlagen, und
Pfeill wartete auf ihn. --

Ein Summen in der Luft, das dicht an sein Ohr drang, veranlate ihn, sich
umzudrehen. Erstaunt stand er auf, als er nicht weit von seiner Bank einen
Mann, grau gekleidet, eine Fechtmaske vor dem Gesicht und in der Hand eine
lange Stange, stehen sah.

Einige Meter hoch ber ihm schwebte in der Luft ein groes, sackartiges
Gebilde, das langsam hin- und herschwankte, sich dann mit dem Zipfel an
einen Zweig des Baumes heftete und dort baumelnd auf und ab bewegte.

Pltzlich fuhr der Mann mit dem Stock darnach, schien das merkwrdige
Gebilde mit der Spitze, oder einem kleinen Netz, das daran befestigt war,
erwischt zu haben, klomm befriedigt an der Feuerleiter des Hauses empor, --
die Stange geschultert und den ungeheuern Sack sozusagen auf dem Rcken, --
und verschwand auf der Plattform des Daches.

Es ist der Imker des Klosters, erklrte eine alte Frau, die hinter einem
Ziehbrunnen hervorkam, Hauberrissern, als sie sein verdutztes Gesicht
bemerkte; der Bienenschwarm ist ihm davon geflogen, und er hat die Knigin
wieder eingefangen. --

Hauberrisser ging hinaus, kam nach ein paar Zickzackgassen auf einen freien
Platz, nahm ein Automobil und lie sich nach Hilversum zum Landhaus seines
Freundes Pfeill fahren.

                   *       *       *       *       *

Die breite, schnurgerade Strae war belebt von tausenden Radfahrern; er
sauste dahin durch ein Meer von Kpfen und blitzenden Pedalen, -- er
achtete whrend der ganzen einstndigen Fahrt nicht darauf. Die Umgebung
flog an ihm vorbei. Fest stand nur das Bild vor ihm, das er soeben gesehen
hatte: der Mann mit der Maske und der Schwarm Bienen, die sich um ihre
Knigin drngten, als knnten sie nicht leben ohne sie.

Die stumme Natur, die auf seiner letzten Fahrt ins Freie von ihm Abschied
genommen, -- heute war sie mit einem neuen Gesicht zu ihm zurckgekehrt,
und er fhlte, da er Worte von ihrem Munde las.

Der Mann, der die Knigin wieder eingefangen hatte und mit ihr den ganzen
Schwarm, erschien ihm wie ein Gleichnis.

Ist mein Krper etwas anderes als ein wimmelndes Heer lebendiger Zellen,
sagte er sich, die sich nach vererbter Gewohnheit von Jahrmillionen um
einen verborgenen Kernpunkt drehen?

Er ahnte einen geheimnisvollen Zusammenhang zwischen dem Vorgang, den er
gesehen, und den Gesetzen der innern und uern Natur und begriff, wie
zauberhaft schimmernd die Welt vor ihm wieder auferstehen mte, wenn es
ihm gelingen sollte, auch _die_ Dinge in einem neuen Licht zu betrachten,
die der Alltag und die Gewohnheit ihrer Sprache beraubt hatten.




Siebentes Kapitel


Der Wagen bog in das Villenviertel von Hilversum ein und fuhr geruschlos
durch eine Lindenallee in den Park, der das in der Sonne wei schimmernde
Landhaus Buitenzorg umgab.

Baron Pfeill stand auf der Freitreppe und kam freudig herunter gelaufen,
als er Hauberrisser aussteigen sah.

Famos, da du gekommen bist, alter Kranich; ich frchtete schon, meine
Depesche htte dich in deiner huslichen Tropfsteingrotte nicht mehr
angetroffen. -- Ist dir etwas passiert? Du siehst so versonnen aus. --
brigens: Gott lohne es dir, da du mir den wundervollen Grafen Ciechoski
geschickt hast; er ist eine Labsal in dieser trostlosen Zeit. -- Pfeill
war so gut aufgelegt, da er seinen Freund, der heftig protestierte und ihn
ber den Hochstapler aufklren wollte, gar nicht zu Wort kommen lie.
Heute morgen machte er mir seine Aufwartung und ich habe ihn natrlich
ber Mittag dabehalten. -- Wenn ich nicht sehr irre, fehlt bereits ein Paar
silberner Lffel. -- -- Er hat sich bei mir eingefhrt -- -- --

als Patenkind Napoleons des Vierten?

Ja. Natrlich. Aber auerdem unter Berufung auf dich!

So eine Frechheit! rief Hauberrisser wtend. Den Kerl mu man ja in den
Boden hinein ohrfeigen.

Warum denn? Er verlangt doch nur, in einen vornehmen Spielklub aufgenommen
zu werden. Man lasse ihm die Grille. Des Menschen Wnsche sind sein
Himmelreich. -- Wenn er sich mit aller Gewalt ruinieren will?

Wird nicht gehen; er ist Taschenspieler von Profession, unterbrach
Hauberrisser.

Pfeill sah ihn mitleidig an. Du glaubst, damit kommt er heutzutage in
unsern Pokerklubs durch? Falschspielen knnen die doch selber. Die Hosen
wird er verlieren.  propos, hast du seine Uhr gesehen?

Hauberrisser lachte.

Wenn du mich liebst, rief Pfeill, so kaufst du sie ihm ab und schenkst
sie mir zu Weihnachten. -- Er schlich sich behutsam zu einem offenen
Verandafenster, winkte seinem Freund und deutete hinein: Schau mal, ist
das nicht herrlich?

Zitter Arpd, trotz der Tageszeit im Frack, eine Hyazinthe im Knopfloch,
eigelbe Stiefel und eine schwarze Krawatte, sa in traulichem tte--tte
bei einer lteren Dame, die vor Erregung, endlich einmal wieder einen Mann
eingefangen zu haben, hektische Flecken auf den Wangen hatte und ein
Zuckergoscherl machte.

Erkennst du sie? flsterte Pfeill. Es ist die Konsulin Rukstinat; Gott
habe sie mglichst bald selig. -- Da! Jetzt zeigt er ihr die Uhr! Wetten
mcht' ich, da er die Alte durch den Anblick des beweglichen Liebespaares
hinter dem Zifferblatt zu bercken sucht. -- Er ist ein Herzensbrecher
ersten Grades, darber besteht kein Zweifel.

Es ist ein Taufgeschenk Eugne Louis Jean Joseph's, hrte man den
Grafen mit vor Rhrung bebender Stimme sagen.

O Floohzimjersch!, suselte die Gndige.

Donnerkeil! Soweit halten die schon, da sie ihn bereits beim Vornamen
nennt? -- Pfeill pfiff durch die Zhne und zog seinen Freund mit fort. --
Rasch. Komm! Wir stren. -- Schade, da die Sonne scheint, sonst wrde ich
das Licht abdrehen. Aus Mitgefhl fr Ciechoski. -- Nein, nicht hier
hinein! -- er hielt Hauberrisser an einer Tr zurck, die der Diener
ffnete, -- da drinnen wird Politik gebrodelt, -- einen Augenblick wurde
eine zahlreiche Gesellschaft sichtbar und in ihrer Mitte, beredt aufgebumt
und die fnf Fingerspitzen gebieterisch auf die Tischplatte gesttzt, ein
vollbrtiger Glatzkopf, -- gehen wir lieber ins Quallenzimmer. -- --

Erstaunt blickte Hauberrisser umher, als er sich in einem rehfarbenen,
smischledernen Klubsessel, der so dick wattiert war, da er fast drin
versank, niedergelassen hatte:

Wnde und Plafond waren mit glatten, porenfreien und so kunstvoll
aneinander gefgten Korkplatten, da man keine Ritze bemerken konnte,
bedeckt, -- die Fensterscheiben aus gebogenem Glas, die Mbel, die
Mauerecken und Winkel, ja selbst die Trstcke sanft gerundet; nirgends
eine Kante, der Teppich weich wie kncheltiefer Sand und berall das
gleiche, milde, matte Hellbraun.

Ich bin nmlich dahinter gekommen, erklrte Baron Pfeill, da ein
Mensch, der in Europa zu leben verdammt ist, eine Tobsuchtszelle ntiger
hat als irgend etwas sonst. In Rumen, wie dieser, nur eine Stunde zu
sitzen, reicht hin, um auch den reizbarsten Zappelphilipp fr lange Zeit in
eine sanftmtige Molluske zu verwandeln. Ich versichere dir, ich kann mit
Pflichten vollgepfropft sein bis zum Hals, -- der bloe Gedanke an mein
weiches Zimmer gengt, und schon fallen alle guten Vorstze von mir ab wie
vom Fuchs das Ungeziefer, wenn man ihn in Milch badet. Dank dieser
sinnreichen Einrichtung bin ich jederzeit in der Lage, auch das wichtigste
Tagewerk reuelos zu versumen.

Wer dich so reden hrt, sagte Hauberrisser belustigt, mte unfehlbar
glauben, du seiest der zynischste Genumensch geworden, der sich ausdenken
lt.

Falsch! widersprach Pfeill und schob seinem Freund eine Zigarrenkassette
mit geschweiftem Buckeln hin, ganz und gar falsch. Es ist lediglich die
abgefeimteste Gewissenhaftigkeit gegen mich selbst, die mein Denken und
mein Tun leitet. -- Ich wei, du bist der Ansicht, das Leben sei sinnlos;
auch ich war lange in diesem Wahn befangen, aber allmhlich ist mir ein
Licht aufgegangen. Man mu nur mit der Streberei aufhren und wieder ein
natrlicher Mensch werden.

Und das -- Hauberrisser deutete auf die Korkwnde -- nennst du:
natrlich?

Freilich! -- Wenn ich arm wre, mte ich in einer verwanzten Kammer
wohnen, -- tte ich es jetzt freiwillig, so hiee das, die Unnatur auf den
Gipfel treiben. Das Schicksal mu doch irgend etwas damit bezwecken, da es
mich hat reich auf die Welt kommen lassen. -- Mich belohnen fr etwas, was
ich in einem frheren Dasein begangen und, unberufen, vergessen habe? Das
riecht mir zu sehr nach theosophischem Kitsch. -- Am wahrscheinlichsten,
glaube ich, ist's, da es mir die hehre Aufgabe stellt, ich solle mich so
lange an den Sigkeiten des Lebens berfressen, bis ich es satt bekme und
der Abwechslung wegen wieder einmal nach hartem Brot begehrte. Soll
geschehen; an mir wird's nicht fehlen. Schlimmstenfalls irre ich mich. --
Mein Geld andern schenken? Bitte, sofort; aber einsehen mte ich vorher,
weshalb. Blo weil's in so vielen Schmkern steht? Nein. Auf das
sozialistische Motto: 'Geh du weg und la mich hin', falle ich prinzipiell
nicht herein. Soll ich vielleicht einem, der bittere Medizin braucht, eine
se reichen? -- Schicksal panschen, das knnte mir so fehlen.

Hauberrisser kniff ein Auge zu.

Ich wei schon warum du grinst, Halunke, fuhr Pfeill rgerlich fort; du
spielst auf die gottverfluchten paar Krten an, die ich da dem Schuster --
aus Versehen natrlich -- geschickt habe. Der Geist ist willig, aber das
Fleisch ist schwach. -- -- Was sind das fr Taktlosigkeiten, mir meine
Schwchen vorzuhalten! Die ganze Nacht habe ich mich wegen meiner
Charakterlosigkeit gegiftet. Was, wenn der Alte berschnappt, dann bin ich
Schuld daran.

Wenn wir schon davon sprechen, gab Hauberrisser zu, keinesfalls httest
du ihm auf einen Hieb so viel schicken brauchen und ihn lieber --
brockenweis verhungern lassen sollen, ergnzte Pfeill hhnisch. Alles
das ist Blech. Ich gebe zu, wer nach dem Gefhl handelt, dem wird viel
vergeben, weil er viel geliebt hat. Aber zuerst hat man mich geflligst zu
fragen, ob ich darauf reflektiere, da man mir etwas vergibt. Ich gedenke
nmlich meine Schulden, auch die geistigen, bis auf den letzten Cent zu
bezahlen. Mir schwant, meine wertgeschtzte Seele hat sich lange vor meiner
Geburt klugerweise groe Reichtmer gewnscht. -- Vorsichtshalber. Um nicht
durch das Nadelhr in den Himmel zu kommen. Sie liebt eben rastloses
Halleluja-Gerufe nicht und eintnige Musik ist mir auch ein Graus. -- Ja,
wenn der Himmel nur eine leere Drohung wre! Aber ich bin fest berzeugt,
es gibt so ein Institut nach dem Tode. Da ist es natrlich ein uerst
schweres Balancierstck, einerseits anstndig zu bleiben und anderseits
trotzdem einem knftigen Paradies zu entwischen. Ein Problem, ber das sich
schon der gottselige Buddha den Kopf zerbrochen hat.

Und du dir auch, wie ich merke.

Gewi. Blo leben gengt doch nicht. Oder? -- Du scheinst berhaupt nicht
zu ahnen, wie ungeheuer ich in Anspruch genommen bin. Nicht in bezug auf
Gesellschaften, -- das macht meine Hausdame drin ab -- sondern durch die
geistige Arbeit, die mir infolge beabsichtigter -- Grndung -- eines --
neuen -- Staates und einer neuen Religion erwchst. Jawohl.

Um Gotteswillen! Du wirst noch eingesperrt werden.

Frchte nichts, ich bin kein Aufrhrer.

Ist deine Gemeinde schon gro? fragte Hauberrisser lchelnd, da er einen
Witz vermutete.

Pfeill sah ihn scharf an und sagte dann nach einer Pause: Du scheinst
mich, wie meistens, leider falsch zu verstehen. Sprst du nicht, da etwas
in der Luft liegt, was, vielleicht seit die Erde steht, noch nie so stark
in der Luft gelegen hat? Einen Weltuntergang zu prophezeien ist eine
undankbare Sache; er ist zu oft im Laufe der Jahrhunderte vorausgesagt
worden, als da die Glaubwrdigkeit nicht darunter gelitten htte.

Trotzdem, glaube ich, behlt diesmal derjenige Recht, der das Kommen eines
solchen Ereignisses zu fhlen behauptet. Es braucht ja nicht gleich eine
Vernichtung der Erde zu sein, -- der Untergang einer alten Weltanschauung
ist auch ein Weltuntergang.

Und ein derartiger Umschwung in den Anschauungen, meinst du, knnte sich
von heut auf morgen vollziehen? -- Hauberrisser schttelte zweifelnd den
Kopf, -- da glaube ich eher noch an bevorstehende Naturereignisse
verheerender Art. ber Nacht ndern sich die Menschen nicht.

Sage ich denn, da uere Katastrophen ausbleiben mssen?! rief Pfeill;
im Gegenteil, jeder Nerv in mir ahnt ihr Kommen. -- Was die pltzliche
innere Vernderung der Menschheit anbetrifft, so hast du hoffentlich nur
scheinbar Recht. Wie weit kannst du denn in der Geschichte zurckblicken,
da du solche Behauptungen aufstellen drftest? Doch kaum ein paar lumpige
tausend Jahre! -- Hat es selbst in dieser kurzen Zeit nicht geistige
Epidemien gegeben, deren rtselhaftes Auftauchen einen nachdenklich machen
mte? -- Kinderkreuzzge sind vorgekommen, -- freilich, ob's die
Menschheit jemals zu Kommiskreuzzgen bringen wird, ist zweifelhaft. Aber
mglich ist manches, sogar um so wahrscheinlicher, je lnger es auf sich
warten lt. -- Bisher haben die Menschen einander zerfleischt um gewisser
verdchtiger Unsichtbarer willen, die sich vorsichtshalber nicht Geister
nennen, sondern 'Ideale'. Jetzt, glaube ich, hat endlich die Stunde des
Krieges gegen diese Unsichtbaren geschlagen, -- und da mchte ich gerne
dabei sein. Seit Jahren schon werde ich zum Soldaten im geistigen Sinne
abgerichtet, das ist mir lngst klar, aber so deutlich, wie jetzt, habe ich
noch nie empfunden, da eine groe Schlacht gegen diese verfluchten
Gespenster bevorsteht. Ich sage dir, wenn man einmal in das Ausroden der
falschen Ideale hineinkommt, -- nicht fertig wird man damit. Es ist kaum
glaublich, was sich da alles auf dem Wege der Ideenvererbung an
impertinentem Schwindel in einem aufgehuft hat. -- Und siehst du, dieses
systematische Ausjten von Unkraut in mir nenne ich die Grndung eines
neuen -- Staates. Aus Rcksicht fr die bestehenden Systeme und aus
Taktgefhl gegenber meinen Mitmenschen, denen ich, Gott sei vor, meine
Ansichten ber innere Wahrhaftigkeit und unbewute Verlogenheit nicht
aufdrngen mchte, habe ich mich von vornherein darauf beschrnkt, in
meinen Staat, -- den ich den keimfreien Staat nenne, weil er grndlich
desinfiziert ist von den seelischen Bakterien eines _falschen_ Idealismus,
-- nur einen einzigen Untertanen aufzunehmen, nmlich mich selbst. Ebenso
bin ich der einzige Missionr meines Glaubens. bertrittlinge brauche ich
nicht.

Organisator bist du demnach nicht, wie ich sehe, warf Hauberrisser
erleichtert ein.

Zum Organisieren fhlt sich heute jeder berufen, daraus geht schon hervor,
wie falsch es sein mu. Das Gegenteil von dem, was der groe Haufe tut, ist
an sich schon richtig. -- Pfeill erhob sich und ging auf und ab. -- Nicht
einmal Jesus hat sich unterfangen, zu organisieren, er hat ein Vorbild
gegeben. Frau Rukstinat und Konsorten natrlich erfrechen sich, zu
organisieren. Organisieren darf nur die Natur oder der Weltgeist. -- _Mein_
Staat soll ewig sein; er braucht keine Organisation. Wenn er eine htte,
wrde er sein Ziel verfehlen.

Aber einmal wird dein Staat, wenn er einen Zweck haben soll, ja doch aus
Vielen bestehen mssen; woher willst du diese Brger nehmen, lieber
Pfeill?

Hr zu: Wenn _ein_ Mensch einen Einfall hat, so beweist das nur, da viele
gleichzeitig denselben Gedanken gefat haben. Wer das nicht versteht, wei
nicht, was ein Einfall ist. Gedanken sind ansteckend, auch wenn man sie
nicht ausspricht. Dann vielleicht erst recht. Ich bin fest berzeugt: in
diesem Augenblick sind schon eine ganze Menge meinem Staat beigetreten, und
schlielich wird er die Welt berschwemmen. -- Die krperliche Hygiene hat
groe Fortschritte gemacht, -- man desinfiziert sogar schon die Trklinken,
um sich nicht irgendeine Krankheit zu holen, -- ich sage dir, es gibt
gewisse Schlagworte, die weit schlimmere Krankheiten, zum Beispiel: Rassen-
und Vlkerha, Pathos und dergleichen, bertragen und mit viel schrferer
Lauge keimfrei gemacht werden mten als Trklinken.

Du willst also den Nationalismus ausrotten?

Es soll von mir in fremden Grten nichts ausgerottet werden, was nicht von
selbst stirbt. In meinem eignen darf ich tun und lassen, was ich will. Der
Nationalismus scheint fr die meisten Menschen eine Notwendigkeit zu sein,
das rume ich ein, aber es ist hoch an der Zeit, da es endlich auch einen
Staat gibt, in dem die Brger nicht durch Landesgrenzen und gemeinsame
Sprache zusammengehalten werden, sondern durch die Denkungsart und leben
knnen wie _sie_ wollen.

-- In gewissem Sinne haben die ganz recht, die lachen, wenn einer sagt, er
wolle die Menschheit umgestalten. -- Sie bersehen blo, da es vollkommen
gengt, wenn ein einzelner sich bis in die Wurzeln umgestaltet. Sein Werk
kann dann niemals vergehen, -- gleichgltig, ob es der Welt bekannt wird
oder nicht. So einer hat ein Loch ins Bestehende gerissen, das nie mehr
zuwachsen kann, ob es jetzt die andern gleich bemerken oder eine Million
Jahre spter. Was einmal entstanden ist, kann nur scheinbar verschwinden.
So ein Loch in das Netz zu reien, in dem die Menschheit sich verfangen
hat, -- nicht durch ffentliches Predigen, nein: indem ich selbst der
Fessel entrinne, das ist's, was ich will.

Bringst du die uern Katastrophen, an deren Hereinbrechen du glaubst, in
irgendwelchen urschlichen Zusammenhang mit der vermutlich kommenden
Denknderung der Menschheit? fragte Hauberrisser.

Aussehen wird es natrlich immer so, als gbe ein ueres Unglck, zum
Beispiel ein groes Erdbeben, den Anla zum sogenannten Insichgehen des
Menschen, -- aber nur so aussehen. Die Geschichte mit der Ursache und
Wirkung verhlt sich, scheint mir, ganz anders. Ursachen knnen wir nie
erkennen; alles, was wir wahrnehmen, ist Wirkung. Was uns Ursache zu sein
scheint, ist in Wahrheit nur ein -- Vorzeichen. Wenn ich diesen Bleistift
hier loslasse, wird er zu Boden fallen. Da das Loslassen die _Ursache_ des
Herunterfallens ist, mag ein Gymnasiast glauben, ich glaub's nicht. Das
Loslassen ist ganz einfach das untrgliche Vorzeichen des Herunterfallens.
Jedes Geschehnis, auf das ein zweites folgt, ist dessen Vorzeichen. Ursache
ist etwas vollstndig anderes. Allerdings bilden wir uns ein, es stnde in
unserer Macht, eine Wirkung hervorzubringen, aber es ist ein unheilvoller
Trugschlu, der uns die Welt bestndig in einem falschen Licht sehen lt.
In Wahrheit ist es nur ein- und dieselbe geheimnisvolle Ursache, die den
Bleistift zu Boden fallen macht und mich kurz vorher verleitet hat, ihn
loszulassen. Eine pltzliche Denknderung des Menschen und ein Beben der
Erde kann wohl gleiche Ursache haben, -- aber da das eine die Ursache des
andern wre, ist vollkommen ausgeschlossen, so plausibel es auch dem
gesunden Verstand dnken mag. Das erste ist genau so Wirkung wie das
zweite; eine Wirkung ruft die andere niemals hervor, -- kann, wie gesagt,
ein Vorzeichen sein in einer Kette von Geschehnissen, aber sonst auch
nichts. Die Welt, in der wir leben, ist eine Welt der Wirkungen. -- Das
Reich der wahren Ursachen ist verborgen; wenn es uns gelingt, bis dorthin
vorzudringen, werden wir zaubern knnen.

Und sollte: seine Gedanken beherrschen knnen, -- das heit, die
geheimsten Wurzeln ihres Entstehens aufdecken -- nicht dasselbe sein wie
zaubern?

Pfeill blieb mit einem Ruck stehen. Freilich! Was sonst? Eben deshalb
stelle ich das Denken um eine Stufe hher als das Leben. Es fhrt uns einem
fernen Gipfel zu, von dem aus wir nicht nur alles werden berschauen,
sondern alles, was wir wollen, auch werden vollbringen knnen. -- Vorlufig
zaubern wir Menschen noch mit Maschinen; ich glaube, die Stunde ist nahe,
wo wenigstens einige es mit bloem Willen zustande bringen werden. Das
bisher so beliebte Erfinden von wundervollen Maschinen war nichts weiter
als ein Pflcken von Brombeeren, die neben dem Wege zum Gipfel wachsen. --
Wertvoll ist nicht die Erfindung, sondern das Erfindenknnen, wertvoll
ist nicht ein Gemlde, hchstens kostbar, wertvoll ist nur das Malenknnen.
Das Gemlde kann vermodern, das Malenknnen kann nicht verloren gehen, auch
wenn der Maler stirbt. Es bleibt als vom Himmel geholte Kraft bestehen, die
vielleicht fr lange Zeit schlafen gehen mag, aber immer wieder aufwacht,
wenn das geeignete Genie geboren wird, durch das sie sich offenbaren kann.
Ich finde es sehr trstlich, da die wertgeschtzte Kaufmannschaft dem
Erfinder quasi nur das Linsengericht abschwtzen kann und nicht das
Wesentliche.

Du lt mich heute, scheint's, gar nicht zu Worte kommen, unterbrach
Hauberrisser; mir schwebt schon lange etwas auf der Zunge, was ich sagen
mchte.

Also los! Warum sprichst du nicht?

Vorerst nur noch eine Frage: Hast du Anhaltspunkte, oder -- oder
Vorzeichen, da wir alle vor einem -- nennen wir's mal: Wendepunkt --
stehen?

Hm. -- Ja. -- Es ist das wohl mehr Gefhlssache. Ich tappe da selbst noch
ziemlich im Finstern. -- _Ein_ Faden zum Beispiel, an dem ich mich
vorwrtstaste, ist dnn wie ein Spinngewebe. -- Ich bilde mir nmlich ein,
da ich gewisse Grenzsteine in unserer innern Fortentwicklung gefunden
habe, die uns anzeigen, wann wir ein neues Gebiet betreten. Das zufllige
Zusammentreffen mit einem Frulein van Druysen -- du wirst sie heute noch
kennen lernen -- und etwas, was sie mir von ihrem Vater erzhlte, hat
mich darauf gebracht. Ich schlo daraus, -- vielleicht ganz
ungerechtfertigterweise -- da ein solcher 'Grenzstein' im menschlichen
Bewutsein ein fr alle, die reif dazu sind, gleiches inneres Erlebnis ist.
-- Nmlich, -- lache jetzt bitte nicht --: die Vision eines grnen
Gesichtes.

Hauberrisser fate erregt den Arm seines Freundes und unterdrckte einen
Ausruf des Erstaunens.

Um Gotteswillen, was ist dir? rief Pfeill.

In fliegenden Worten erzhlte Hauberrisser, was er erlebt hatte.

Das Gesprch, das sich daraus entspann, fesselte sie dermaen, da sie den
Diener kaum bemerkten, der melden kam, Frulein Eva van Druysen und Herr
Dr. Ismael Sephardi seien eingetroffen, und Baron Pfeill auf einer Tablette
zwei Visitenkarten und das Abendblatt der Amsterdamer Zeitung berreichte.

                   *       *       *       *       *

Bald war die Unterhaltung ber das grne Gesicht in vollem Gange.

Hauberrisser hatte die Erzhlung seines Erlebnisses im Vexiersalon Pfeill
berlassen, und auch Frulein van Druysen beschrnkte sich darauf, nur hie
und da ein Wort einzuflechten, als Dr. Sephardi den Besuch bei Swammerdam
schilderte.

Von Verlegenheit konnte natrlich weder bei Eva van Druysen, noch bei
Hauberrisser die Rede sein, aber trotzdem standen sie beide unter einem
Stimmungsdruck, der ihnen das Sprechen erschwerte. Sie zwangen sich
frmlich, einander mit den Blicken nicht auszuweichen, aber jedes fhlte
genau, da das andere log, wenn es sich bemhte, irgend etwas
Gleichgltiges zu sagen.

Der vollstndige Mangel an weiblicher Koketterie bei Eva verwirrte
Hauberrisser fast; er sah ihr an, wie peinlich sie darauf achtete, alles zu
vermeiden, was auch nur den leisesten Schein von Gefallsucht oder tieferem
Interesse an ihm htte erwecken knnen, -- aber er schmte sich
gleichzeitig wie einer groben Taktlosigkeit, da es ihm nicht gelingen
wollte, vor ihr zu verhllen, wie sehr er das Geknstelte in ihrer innern
Ruhe durchschaute. Er erriet, da seine Gedanken offen vor ihr dalagen, aus
der erzwungenen Gelangweiltheit, mit der ihre Hnde an einem Rosenbukett
spielten, aus der Art, wie sie eine Zigarette rauchte, -- merkte es an
hundert andern Kleinigkeiten; aber es gab fr ihn kein Mittel, ihr zu Hilfe
zu kommen.

Eine einzige phrasenhafte Bemerkung seinerseits wrde gengt haben, ihr die
Sicherheit, die sie heuchelte, wieder zu geben, -- wrde aber auch gengt
haben, sie entweder aufs tiefste zu verletzen, oder ihn selbst in ein Licht
wenig geschmackvollen Gockeltums zu rcken, -- was er natrlich ebenfalls
zu vermeiden wnschte.

Als sie eingetreten, war er einen Moment sprachlos gewesen ber ihre
geradezu verblffende Schnheit, und sie hatte es wie eine Bewunderung
hingenommen, an die sie gewhnt sein mute; dann aber, als sie zu bemerken
glaubte, da seine Verwirrung nicht ausschlielich durch sie verursacht
war, sondern ebensogut durch die Unterbrechung eines interessanten
Gesprchs zwischen ihm und Baron Pfeill, -- war die peinliche, nicht mehr
loszuwerdende Empfindung ber sie gekommen, den Eindruck plumper,
weiblicher Sieghaftigkeit auf ihn gemacht zu haben.

Hauberrisser begriff instinktiv, da Eva ihre Schnheit, die eine Frau wohl
stolz tragen durfte, als Mdchen in ihrer seelischen Feinfhligkeit
augenblicklich als Last empfand.

Am liebsten htte er ihr offen gesagt, wie sehr er sie bewundere, aber er
frchtete, den richtigen Ton von Unbefangenheit nicht zu finden.

Er hatte im Leben zu viel schne Frauen geliebt, um beim ersten Anblick
selbst so berckender weiblicher Reize, wie Eva sie besa, sogleich den
Kopf zu verlieren, aber dennoch stand er bereits tiefer unter ihrem
Einflu, als er selbst merkte.

Anfangs vermutete er, sie sei mit Sephardi verlobt; als er sah, da es
nicht der Fall war, durchzuckte ihn eine leise Freude.

Er wehrte sich sofort dagegen; die unbestimmte Angst, seine Freiheit noch
einmal zu verlieren und wiederum von dem alten Wirbelsturm derartiger
Erlebnisse fortgerissen zu werden, warnte ihn, auf seiner Hut zu sein, aber
bald wachte in ihm ein so echtes und inniges Gefhl von Zusammengehrigkeit
mit Eva auf, da jeder Vergleich mit dem, was er bisher Liebschaft genannt
hatte, von selbst wegfiel.

Das unvermeidliche prickelnde Etwas, das sich infolge der stummen
Gedankenbertragung zwischen beiden entspann, war zu deutlich, als da es
Pfeill mit seinem scharfen Blick htte lange verborgen bleiben knnen. --
Was ihn dabei schmerzlich berhrte, war der Ausdruck eines mhsam
verhaltenen, tiefen Weh's, das um die Augen Sephardi's lag und aus jedem
Worte der mit krampfhafter Hast gefhrten Rede des sonst so schweigsamen
Gelehrten hervorklang.

Er fhlte, da dieser einsame Mensch eine stille, aber vielleicht um so
heiere Hoffnung zu Grabe trug.

Wohin, glauben Sie, Herr Doktor, fragte er, als Sephardi seine Erzhlung
beendet hatte, mag der seltsame Weg wohl fhren, den der 'geistige Kreis'
Swammerdams oder des Schuhmachers Klinkherbogk zu gehen sich einbildet? Ich
frchte, in ein uferloses Meer von Visionen und -- --

-- und daran geknpften Erwartungen, die niemals erfllt werden, --
Sephardi zuckte traurig die Schultern, -- es ist das alte Lied von den
Pilgern, die ohne Fhrung in der Wste zum gelobten Land wandern und, eine
trgerische Fata morgana vor Augen, dem qualvollen Tode des Verdurstens
entgegenschreiten. Es hat noch immer mit dem Schrei geendet: 'mein Gott,
mein Gott, warum hast du mich verlassen'!

Bei all den andern, die an den Schuhmacher und sein Prophetentum glauben,
mgen Sie recht haben, mischte sich Eva van Druysen ernst ins Gesprch,
aber bei Swammerdam irren Sie sich. Ich wei es gewi. Denken Sie daran,
was Baron Pfeill uns von ihm erzhlt hat! Den grnen Kfer hat er doch
gefunden! Ich kann nicht loskommen von der berzeugung: es ist ihm
beschieden, auch das Grere zu finden, nach dem er sucht.

Sephardi lchelte trb. Ich wnsche es ihm von Herzen, aber er wird
bestenfalls, wenn er nicht frher darber zugrunde geht, am Schlu nur zu
dem gewissen: 'Herr, in deine Hnde befehle ich meinen Geist' gelangen. --
Glauben Sie mir, Frulein Eva, ich habe mehr ber jenseitige Dinge
nachgedacht, als Sie wohl vermuten, und habe mir ein Menschenleben lang
Kopf und Herz zermartert, ob es denn wirklich kein Entrinnen aus dem
irdischen Kerker gibt. -- Nein, es gibt keines! -- Der Zweck des Lebens
ist, auf den Tod zu warten.

Dann wren die noch die Klgsten, wendete Hauberrisser ein, die nur dem
Vergngen leben.

Gewi. Wenn sie es imstande sind. Aber mancher bringt es eben nicht
zuwege.

Und was soll _der_ dann tun? fragte Pfeill.

Liebe ben und die Gebote halten, wie es in der Bibel steht.

Das sagen Sie?! rief Pfeill erstaunt. Ein Mensch, der alle
Philosophiesysteme von Lao Tse bis Nietzsche durchstudiert hat! Wer ist
denn der Erfinder dieser 'Gebote'? Ein sagenhafter Prophet, ein angeblicher
Wundertter. Wissen Sie, ob er nicht nur ein Besessener war? Glauben Sie,
da ein Schuster Klinkherbogk nicht nach fnftausend Jahren im gleichen
legendenhaften Glanz dastehen wird, wenn sein Name bis dahin nicht lngst
vergessen ist?

Gewi, wenn sein Name bis dahin nicht lngst vergessen ist, sagte
Sephardi einfach.

Sie nehmen also einen Gott an, der ber den Menschen thront und ihre
Geschicke lenkt? Knnen Sie das in Einklang mit irgendwelchem logischen
Denken bringen?

Nein, das kann ich nicht. Will es auch nicht. Ich bin Jude, vergessen Sie
das nicht. Ich meine: nicht nur Jude der Religion nach, sondern auch Jude
der Rasse nach, -- und als solcher komme ich immer wieder zum alten Gott
meiner Vorfahren zurck. Es liegt im Blut, und das Blut ist strker als
alle Logik. Freilich sagt mir mein Verstand, da ich mit meinem Glauben in
der Irre gehe, aber mein Glaube sagt mir auch, da ich mit meinem Verstand
in der Irre gehe.

Und was tten Sie, wenn Ihnen, wie es dem Schuster Klinkherbogk geschehen
ist, ein Wesen erschiene und Ihnen Ihr Handeln vorschriebe? forschte Eva.

An seiner Botschaft zu zweifeln versuchen. Wenn mir das gelnge, so wrde
ich seinem Rate nicht folgen.

Wenn es Ihnen aber nicht gelnge?

Dann wre meine Handlungsweise von selbst gegeben, nmlich: ihm zu
gehorchen.

Ich wrde es auch dann nicht tun, murmelte Pfeill.

Eine Denkungsart wie die Ihre mte nur bewirken, da Ihnen ein
jenseitiges Wesen, wie der -- nennen wir es: Engel Klinkherbogks niemals
erscheinen kann, aber seine stumme Weisung wrden Sie trotzdem befolgen.
Allerdings in der festen berzeugung, aus eigener Machtvollkommenheit zu
handeln!

Oder umgekehrt, widersetzte sich Pfeill, Sie wrden sich einbilden, Gott
sprche zu Ihnen durch den Mund eines Phantoms mit grnem Gesicht, whrend
in Wirklichkeit Sie selbst es wren.

Wo soll da ein wesentlicher Unterschied liegen? entgegnete Sephardi. Was
ist eine Mitteilung? Ein Gedanke, in _laute_ Worte gekleidet. -- Und was
ist ein Gedanke? Ein _leises_ Wort. Also auch im Grunde nichts anderes, als
eine Mitteilung. Wissen Sie so genau, da ein Einfall, den Sie haben,
tatschlich in Ihnen geboren wird und nicht eine Mitteilung von irgendwoher
ist? Ich halte es fr mindestens ebenso wahrscheinlich, da der Mensch
nicht der Erzeuger, sondern nur ein Empfangsapparat -- ein feiner oder ein
grober -- fr alle Gedanken ist, die -- nehmen wir einmal an: von der Erde
als Mutter gedacht werden. Das gleichzeitige Auftreten ein und derselben
Idee, wie es doch so hufig vorkommt, spricht Bnde fr meine Theorie.
_Sie_ freilich, wenn Ihnen so etwas passiert, werden immer sagen, Sie
htten ursprnglich den betreffenden Einfall gehabt und die andern wren
von Ihnen blo angesteckt worden. Ich knnte darauf erwidern: Sie waren nur
der erste, der diesen in der Luft liegenden Gedanken aufgefangen hat wie
eine drahtlose Depesche vermittelst eines sensitiveren Gehirns, -- die
andern haben ihn ebenfalls aufgefangen; blo spter als Sie. -- Je
selbstbewuter und kraftvoller nun jemand ist, desto mehr wird er zu der
Ansicht neigen, der eigne Schpfer eines groen Gedankens zu sein; je
schwcher und weicher hingegen, um so leichter wird er glauben, die
betreffende Idee sei ihm -- eingegeben worden. Im Grunde haben beide recht.
Ich bitte, ersparen Sie mir das 'wieso'; ich mchte mich nicht gerne in die
schwierige Erluterung eines allen Menschen gemeinsamen Zentral-Ich's
verlieren. -- Was die Erscheinung des grnen Gesichtes bei Klinkherbogk,
als bermittler einer Botschaft oder eines Gedankens, betrifft, -- was, wie
ich schon vorhin sagte, dasselbe ist -- so verweise ich Sie auf die
wissenschaftlich bekannte Tatsache, da es zweierlei Kategorien von
Menschen gibt: die eine, die in Worten, und die andere, die in Bildern
denkt. Nehmen wir an, Klinkherbogk htte sein Leben lang in Worten gedacht,
und pltzlich will sich ihm ein vllig neuer Gedanke, fr den es noch gar
kein Wort gibt, aufdrngen -- ihm 'einfallen', sozusagen; wie knnte sich
dieser Gedanke anders kundgeben, als durch die Vision eines redenden
Bildes, das eine Verbindungsbrcke zu ihm sucht, -- in Klinkherbogks, in
Herrn Hauberrissers und in Ihrem Falle als ein Mann oder ein Portrt mit
grnem Gesicht?

Gestatten Sie nur eine kurze Unterbrechung, bat Hauberrisser. -- Der
Vater Frulein van Druysens hat, wie Sie kurz nach Ihrem Eintritt im Laufe
der Schilderung Ihres Besuchs bei Klinkherbogk erwhnten, den Mann mit dem
erzgrnen Gesicht wrtlich den 'Urmenschen' genannt, -- ich selbst hrte
meine Vision im Vexiersalon sich mit einem hnlichen Namen bezeichnen, --
Pfeill glaubte, das Portrt des Ewigen Juden, also ebenfalls eines Wesens,
dessen Ursprung weit in der Vergangenheit zurckliegt, gesehen zu haben, --
wie erklren Sie, Herr Sephardi, diese hchst merkwrdige bereinstimmung?
Als einen uns allen 'neuen' Gedanken, den wir nicht mit Worten, sondern nur
durch ein Bild begreifen knnten, das sich unserm innern Auge darstellt?
Ich fr meinen Teil, so kindisch es Ihnen klingen mag, glaube viel eher: es
ist ein und dasselbe spukhafte Geschpf, das da in unser Leben getreten
ist.

Das glaube auch ich, stimmte Eva leise bei.

Sephardi dachte einen Augenblick nach. -- Die bereinstimmung, die ich
erklren soll, scheint mir zu beweisen, da es ein und derselbe 'neue'
Gedanke ist, der sich Ihnen allen dreien aufdrngen und verstndlich machen
wollte, beziehungsweise: noch machen will. Da das Phantom unter der Maske
eines Urmenschen auftritt, bedeutet, denke ich, nichts anderes, als: ein
Wissen, eine Erkenntnis, sogar vielleicht eine auerordentliche seelische
Fhigkeit, die einstmals in lngst vergangenen Zeiten des
Menschengeschlechts existiert hatte, bekannt war und in Vergessenheit
geriet, will wiederum neu werden, und ihr Kommen in die Welt gibt sich als
Vision einigen wenigen Auserlesenen kund. -- Verstehen Sie mich nicht
falsch, ich sage nicht, da das Phantom etwa kein selbstndig existierendes
Wesen sein _knnte_, -- im Gegenteil, ich behaupte sogar: jeder Gedanke ist
ein solches Wesen. -- Der Vater Frulein Eva's hat brigens den Ausspruch
getan: 'Er -- der Vorlufer -- ist der _einzige Mensch_, der _kein_
Gespenst ist'.

Vielleicht verstand mein Vater darunter, dieser Vorlufer sei ein Wesen,
das die Unsterblichkeit erlangt hat. Glauben Sie nicht?

Sephardi wiegte bedchtig den Kopf. -- Wenn jemand unsterblich wird,
Frulein Eva, bleibt er als unvergnglicher Gedanke bestehen; gleichgltig,
ob er zu unsern Gehirnen als Wort oder als Bild Zutritt zu erlangen vermag.
Sind die Menschen, die auf Erden leben, unfhig, ihn zu erfassen oder zu
denken, -- so stirbt er deswegen noch nicht; er wird ihnen nur ferne
gerckt. -- -- -- Um auf den Disput mit Baron Pfeill zurckzukommen: ich
wiederhole, ich kann als Jude von dem Gott meiner Vter nicht weg. Die
Religion der Juden ist in ihrer Wurzel eine Religion selbstgewhlter und
absichtlicher Schwche, -- ist ein Hoffen auf Gott und das Kommen des
Messias. Es gibt, ich wei, auch einen Weg der Kraft. Baron Pfeill hat ihn
angedeutet. Das Ziel bleibt dasselbe; in beiden Fllen kann es erst erkannt
werden, wenn das Ende erreicht ist. Falsch ist an sich weder der eine noch
der andere Weg; unheilvoll wird er erst dann, wenn ein Schwacher, oder ein
Mensch, der voll Sehnsucht ist wie ich, den Weg der Kraft whlt, und ein
Starker den Pfad der Schwche. Einstmals, zur Zeit Mosis, als es blo zehn
Gebote gab, war es verhltnismig leicht, ein Zadik Tomim -- ein
vollkommen Gerechter -- zu sein, heute ist es unmglich, wie jeder fromme
Jude wei, der sich bemht, die zahllosen rituellen Gesetze zu halten.
Heute mu Gott uns helfen, sonst knnen wir Juden den Weg nicht mehr gehen.
Die darber klagen, sind Toren, -- der Weg der Schwche ist nur
vollkommener und leichter geworden, und dadurch ist auch der Pfad der Kraft
klarer, denn keiner, der sich selbst erkennt, kann sich mehr auf das Gebiet
verirren, in das er nicht gehrt. -- Die Starken haben keine Religion mehr
ntig; sie gehen frei und ohne Stock; diejenigen, die nur an Essen und
Trinken glauben, brauchen ebenfalls keine Religion; sie haben sie _noch
nicht_ ntig. -- Sie bedrfen keines Stockes, denn sie gehen nicht, sie
bleiben stehen.

Haben Sie nie etwas von einer Mglichkeit, die Gedanken zu beherrschen,
gehrt, Herr Sephardi? fragte Hauberrisser, ich meine es nicht im
alltglichen Sinne des sogenannten Sichbeherrschenknnens, das man besser
das Unterdrcken einer Gefhlswallung und so weiter nennen sollte. Ich
denke dabei an das gewisse Tagebuch, das ich gefunden habe und von dem
Pfeill vorhin erzhlte.

Sephardi erschrak.

Er schien die Frage erwartet oder befrchtet zu haben, und warf einen
schnellen Blick auf Eva.

In seinem Gesicht malte sich wiederum derselbe Ausdruck von Schmerz, den
Baron Pfeill schon frher an ihm bemerkt hatte.

Dann raffte er sich auf, aber man hrte ihm an, wie er sich zum Reden
zwang:

Das Herrwerden ber die Gedanken ist ein uralter heidnischer Weg zum
wirklichen bermenschentum, aber nicht zu jenem, von dem der deutsche
Philosoph Nietzsche gesprochen hat. -- Ich wei nur sehr wenig darber. Mir
graut davor. -- -- In den letzten Jahrzehnten ist mancherlei ber die
Brcke zum Leben -- so lautet die echte Bezeichnung dieses gefahrvollen
Pfades -- von Osten her nach Europa gedrungen, aber zum Glck so wenig, da
keiner, der die ersten Schlssel nicht hat, sich zurecht finden knnte. Das
Wenige hat schon gengt, um viele tausend Menschen, besonders Englnder und
Amerikaner, die alle diesen Weg der Magie -- es ist nichts anderes --
erlernen wollten, auer Rand und Band zu bringen. Eine umfangreiche
Literatur ist darber entstanden und ausgegraben worden, zu Dutzenden
laufen Schwindler aller Rassen herum, die sich als Eingeweihte gebrden, --
aber, Gott sei Dank, noch wei kein einziger, wo die Glocke hngt, die da
lutet. -- Scharenweise sind die Leute nach Indien und Tibet gepilgert,
ohne zu wissen, da dort das Geheimnis lngst erloschen ist. Sie wollen es
noch heute nicht glauben. -- Wohl haben sie dort etwas gefunden, was einen
hnlichen Namen trgt, -- aber es ist etwas anderes, das schlielich nur
wieder zum Weg der Schwche, den ich vorhin erwhnt habe, oder zu den
Verwirrungen eines Klinkherbogk fhrt. Die paar alten Originalschriften,
die darber existieren, klingen sehr offenherzig, sind aber in Wahrheit der
Schlssel beraubt und der sicherste Zaun, um das Mysterium zu schtzen. --
Es hat auch einmal unter den Juden eine 'Brcke zum Leben' gegeben, und die
Bruchstcke, die ich darber kenne, stammen aus dem 11. Jahrhundert. Ein
Vorfahre von mir, ein gewisser Salomon Gebirol Sephardi, dessen
Lebensbeschreibung in unserer Familienchronik fehlt, hat sie in
doppelsinnigen Randbemerkungen zu seinem Buch Megr Hayym niedergelegt und
wurde deshalb von einem Araber ermordet. Angeblich soll eine kleine
Gemeinde im Orient, die in blaue Mntel gekleidet geht und ihre Herkunft
merkwrdigerweise von eingewanderten Europern -- Schlern der ehemaligen
Goldenen- und Rosen-Kreuzer -- ableitet, das Geheimnis in seiner Gnze noch
bewahren. -- Sie nennen sich: Parad, das ist 'Einer, der zum andern Ufer
hinbergeschwommen ist'.

Sephardi stockte einen Moment und schien an einem Punkt in der Erzhlung
angelangt zu sein, ber den hinwegzukommen, er seine ganze Kraft aufbieten
mute.

Er krampfte die Ngel in die Handflchen, und sah eine Weile stumm zu
Boden.

Endlich ri er sich auf, blickte Eva und Hauberrisser abwechselnd fest an
und sagte klanglos:

Wenn es aber einem Menschen gelingt, ber die 'Brcke des Lebens'
hinberzuschreiten, so ist es ein Glck fr die Welt. Es ist fast mehr, als
wenn ihr ein Erlser geschenkt wird. -- Nur etwas ist vonnten: ein
einzelner kann dieses Ziel nicht erreichen, _er braucht dazu -- -- eine
Gefhrtin_. -- Nur durch eine Verbindung mnnlicher und weiblicher Krfte
ist es berhaupt mglich. Darin liegt der geheime Sinn der Ehe, der der
Menschheit seit Jahrtausenden verloren gegangen ist. -- Die Sprache
versagte ihm, er stand auf und trat ans Fenster, um sein Gesicht zu
verbergen, ehe er scheinbar wieder ruhiger fortfahren konnte: _Wenn ich
Ihnen beiden mit meinem geringen Wissen ber dieses Gebiet jemals
behilflich sein kann, so verfgen Sie ber mich._

                   *       *       *       *       *

Wie ein Blitz trafen Eva seine Worte. -- Sie verstand jetzt, was in ihm
vorgegangen war. -- Die Trnen schossen ihr in die Augen.

Da Sephardi mit dem durchdringenden Scharfblick eines Menschen, der sein
ganzes Leben in Abgeschlossenheit von der Auenwelt zugebracht, die Dinge,
die sich zwischen Hauberrisser und ihr anbahnten, vorausgesehen hatte, lag
auf der Hand. Was aber mochte ihn bewogen haben, die Entwicklung der
aufkeimenden gegenseitigen Verliebtheit, die unausweichlich vor ihnen lag,
auf so hemmungslose Weise abzukrzen, -- sie beide fast brsk zu einer
Entscheidung zu drngen?

Wre nicht sein ganzes Wesen so ber jeden Zweifel erhaben echt gewesen, --
htte sie an den raffinierten Versuch eines eiferschtigen Nebenbuhlers
glauben mssen, der durch wohlberechnetes Dazwischenfahren ein sich
spinnendes zartes Gewebe zerreien will. --

Oder war es vielleicht der heroische Entschlu eines Menschen, der sich
nicht stark genug fhlt, die langsame Marter allmhlicher Entfremdung von
einer heimlich geliebten Frau zu ertragen, und es vorzieht, selber ein Ende
zu machen, statt vergeblich zu kmpfen?

Eine Ahnung drngte sich ihr auf, als msse noch irgend etwas anderes der
Grund seines schnellen Handelns sein, -- etwas, was mit seinem Wissen ber
die Brcke des Lebens zusammenhing, von der er, offenbar absichtlich, mit
so knappen Worten gesprochen hatte. -- --

Sie gedachte der Worte Swammerdams vom pltzlichen Galoppieren des
Schicksals; sie klangen ihr in den Ohren.

Als sie in der verflossenen Nacht vom Gelnder der Gracht des Zee Dyk in
die dunklen Wasser hinabgestarrt hatte, war der Mut ber sie gekommen, dem
Rat des alten Mannes zu folgen und mit Gott zu reden.

Was sie jetzt erlebte -- war es bereits die Folge davon? -- Eine bange
Angst, da es so sein msse, erschreckte sie. -- Das Bild der finstern
Nikolaskirche, das eingesunkene Haus mit der eisernen Kette und der Mann in
dem Boot, der sich so scheu vor ihr zu verbergen getrachtet hatte, huschte
schreckhaft wie die Erinnerung an einen bsen Traum durch ihr Bewutsein.

Hauberrisser stand am Tisch und lie wortlos und erregt die Bltter eines
Buches durch die Finger laufen.

Eva fhlte, da es an ihr war, die peinliche Stille zu brechen.

Sie ging zu ihm, sah ihm fest in die Augen und sagte ruhig:

Die Worte Doktor Sephardi's sollen nicht der Anla sein, da eine
befangene Stimmung zwischen uns Platz greift, Herr Hauberrisser; sie sind
aus dem Mund eines Freundes gekommen. Was das Schicksal mit uns vorhat,
knnen wir beide nicht wissen. Heute sind wir noch frei, ich wenigstens bin
es; will uns das Leben zusammenfhren, werden wir es weder ndern knnen,
noch wollen. -- Ich sehe nichts Unnatrliches und nichts Beschmendes
darin, diese Mglichkeit ins Auge zu fassen. -- Morgen frh fahre ich nach
Antwerpen zurck; ich knnte die Reise verschieben, aber es ist besser, wir
kommen jetzt fr lngere Zeit nicht zusammen. Ich mchte nicht die
Unsicherheit mit mir herumtragen, Sie oder ich htten unter dem Eindruck
einer kurzen Stunde voreilig ein Band geknpft, das sich spter nicht mehr
ohne Schmerz lsen liee. -- Wie ich aus der Erzhlung Baron Pfeills
erfahren habe, sind Sie einsam -- wie ich; lassen Sie mich das Gefhl
mitnehmen, da ich es von jetzt an nicht mehr bin und jemand Freund nennen
darf, mit dem mich gemeinsam die Hoffnung verbindet, einen Weg zu suchen
und zu finden, der jenseits der Alltglichkeit liegt. -- Und zwischen uns
-- sie lchelte zu Sephardi hinber, -- bleibt die alte, treue
Freundschaft bestehen, nicht wahr?

Hauberrisser ergriff die dargebotene Hand und kte sie.

Ich bitte Sie nicht einmal, Eva, -- seien Sie mir nicht bse, da ich Sie
mit dem Vornamen nenne, -- Sie mchten in Amsterdam bleiben und nicht
reisen. Es wird das erste Opfer sein, das ich bringe, da ich Sie am selben
Tage noch verliere, wo ich Sie -- -- --

Wollen Sie mir den ersten Beweis Ihrer _Freundschaft_ geben? unterbrach
Eva schnell; dann reden Sie jetzt nicht mehr von mir. Ich wei, da es
weder Hflichkeit noch leere Form ist, die Ihnen die Worte, die Sie sagen
wollen, eingibt, -- aber, bitte, beenden Sie den Satz nicht. Ich mchte,
da -- die Zeit uns belehren soll, ob wir einander mehr sein werden als
Freunde. -- --

Baron Pfeill war aufgestanden, als Hauberrisser zu sprechen begonnen hatte,
und wollte unauffllig, um die beiden nicht zu stren, das Zimmer
verlassen. Da er sah, da ihm Sephardi nicht folgen konnte, ohne dicht an
ihnen vorber zu gehen, trat er an das runde Ecktischchen neben der Tr und
griff nach dem Zeitungsblatt.

Ein Ausruf der Bestrzung entfuhr ihm, nachdem er die ersten Zeilen
durchflogen hatte:

Am Zee Dyk ist heute nacht ein Mord geschehen! --

Laut und die nebenschlichen Stellen eilig berspringend, las er den
andern, die erschreckt aufhorchten, vor:

   =Der Tter bereits entdeckt.=

Wir bringen zu unserm Bericht in der Mittagsausgabe nachtrglich folgendes:

Als der am Zee Dyk wohnhafte Privatgelehrte Jan Swammerdam noch vor
Tagesanbruch die von ihm aus bisher unaufgeklrten Grnden von auen
abgeschlossene Dachkammer Klinkherbogks aufsperren wollte, fand er sie halb
offen stehen und erblickte beim Betreten des Zimmers die blutberstrmte
Leiche der ermordeten kleinen Katje. Der Schuster Anselm Klinkherbogk war
verschwunden, ebenso eine grere Summe Geldes, die er nach Aussage
Swammerdams noch am Abend besessen hatte.

Der Verdacht der Polizei richtete sich sofort auf einen im Hause
bediensteten Kommis, den eine Frau gesehen haben will, wie er sich mit
einem Schlssel in der Dunkelheit an der Tr der Dachkammer zu schaffen
machte. Er wurde sofort in Haft genommen, aber bereits wieder in Freiheit
gesetzt, da sich inzwischen der wirkliche Tter selbst gestellt hat.

Man vermutet, da der greise Schuhmacher zuerst und hierauf sein Enkelkind,
das vermutlich ber dem Lrm erwacht war, ermordet worden ist. -- Seine
Leiche wurde offenbar aus dem Fenster hinab in die Gracht geschleudert. --
Ein Abschleppen des Wassers fhrte bisher zu keinem Resultat, da der Grund
an dieser Stelle mehrere Meter tief aus weichem Morast besteht.

Es ist nicht ausgeschlossen, wenn auch wenig wahrscheinlich, da der Tter
den Mord in einem Dmmerzustand begangen haben knnte, wenigstens sind
seine Angaben vor dem Kommissr uerst verworren. -- Das Geld geraubt zu
haben, gibt er zu. Es handelt sich also um einen Raubmord. Das Geld, man
spricht von mehreren tausend Gulden, soll dem Schuster Klinkherbogk von
einem stadtbekannten Verschwender geschenkt worden sein. -- Eine Warnung,
wie bel angebracht derartige Wohltterlaunen oft sein knnen. -- -- --

Pfeill lie das Blatt sinken und nickte traurig vor sich hin.

Und der Tter? fragte Frulein van Druysen hastig. Natrlich der
grauenhafte Neger?

Der Tter? -- Pfeill schlug die Seite um, der Tter ist -- -- -- dahier
steht's: Als Tter bekannte sich ein alter russischer Jude, namens
Eidotter, der ein Spirituosengeschft im selben Hause betreibt. Es ist
hchste Zeit, da endlich am Zee Dyk usw., usw.

Simon, der Kreuztrger? rief Eva erschttert. Ich glaube nun und nimmer,
da er ein so scheuliches Verbrechen mit Vorbedacht hat begehen knnen!

Auch nicht in einem Dmmerzustand, murmelte Doktor Sephardi.

Sie meinen also, es war der Kommis Hesekiel?

Der ebensowenig. Schlimmstenfalls wollte er mittels eines Nachschlssels
die Dachkammer aufsperren, um das Geld zu stehlen, und wurde im letzten
Moment daran verhindert. -- Der Neger war der Mrder; es liegt auf der
Hand.

Was kann aber um Himmelswillen den alten Lazarus Eidotter veranlat haben,
sich fr den Tter auszugeben?

Doktor Sephardi zuckte die Achseln. -- Vielleicht glaubte er im ersten
Schrecken, als die Polizei kam, Swammerdam habe den Schuster umgebracht,
und wollte sich fr ihn opfern. In einem Anfall von Hysterie. -- Da er
nicht normal ist, habe ich auf den ersten Blick gesehen. Erinnern Sie sich,
Frulein Eva, was der alte Schmetterlingssammler ber die Kraft gesagt hat,
die im Namen verborgen liegt? -- Eidotter braucht seinen Geistesnamen Simon
nur eine gengend lange Zeit 'gebt' zu haben und es ist keineswegs
ausgeschlossen, da sich in ihm folgedessen die Idee eingewurzelt hat, ein
Opfer fr andere zu bringen, wann immer sich die Gelegenheit ergeben wrde.
Ich bin sogar der Ansicht, da der Schuster Klinkherbogk, bevor er selbst
ermordet wurde, das kleine Mdchen im Religionswahnsinn gettet hat. -- Er
hat viele Jahre hindurch den Namen Abram gebt, das ist erwiesen, -- htte
er statt dessen das Wort Abra_ham_ innerlich wiederholt, wre die
Katastrophe der Schlachtung Isaak's kaum eingetreten.

Was Sie da sagen, ist mir ein vollkommenes Rtsel, fiel Hauberrisser ein;
ein Wort bestndig in sich hineinsprechen sollte das Schicksal eines
Menschen bestimmen oder ndern knnen?

Warum nicht? Die Fden, die die Taten eines Menschen lenken, sind gar
fein. Was im ersten Buch Mosis ber die Umnderung der Namen Abram in
Abraham und Sarai in Sarah steht, hat mit der Kabbala -- oder eher noch mit
andern, weit tieferen Mysterien zu tun. -- Ich habe gewisse Anhaltspunkte,
da es falsch ist, die geheimen Namen _auszusprechen_, wie der Kreis
Klinkherbogks es tut. -- Wie Sie vielleicht wissen, bedeutet jeder
Buchstabe im Hebrischen gleichzeitig eine Zahl, zum Beispiel: S = 21, M =
13, N = 14. Wir sind also imstande, einen Namen in Ziffern zu verwandeln
und aus diesen Verhltniszahlen in der Vorstellung geometrische Krper zu
konstruieren: einen Wrfel, eine Pyramide und so weiter. Diese
geometrischen Formen sind es, die sozusagen das Achsensystem unseres bis
dahin gestaltlosen Innersten werden knnen, wenn wir es in der richtigen
Weise und mit der ntigen Gedankenwucht imaginieren. Wir machen dadurch
unsere 'Seele' -- ich habe keinen andern Ausdruck dafr -- zu einem
Krystallgebilde und schaffen ihr die darauf bezglichen ewigen Gesetze. --
Die gypter haben sich die Seele in ihrer Vollendung als Kugel gedacht.

Worin knnte nach Ihrer Ansicht, falls der bedauernswerte Schuster
wirklich seine Enkelin gettet haben sollte, fragte Baron Pfeill sinnend,
der Fehler in der 'bung' gelegen haben? Ist der Name Abram so
grundverschieden von Abra--ham?

Klinkherbogk hat _sich selbst_ den Namen Abram gegeben; er wuchs aus
seinem eignen Unterbewutsein hervor, daher das Verhngnis! Es fehlte das
von Oben-Herabkommen der Neschamah, wie wir Juden es nennen -- des
geistigen Hauches der Gottheit -- hier in diesem Falle der Silbe 'ha'. In
der Bibel wurde dem Abra--ham das Opfer des Isaak erlassen. Der _Abram_
htte zum Mrder werden mssen, so wie Klinkherbogk es geworden ist. --
Klinkherbogk hat in seinem Durst, das Ewige Leben zu suchen, selber den Tod
gerufen. -- Ich sagte vorhin, wer schwach ist, soll nicht den Weg der Kraft
gehen. Klinkherbogk ist von dem Pfade der Schwche -- des Wartens --, der
fr ihn bestimmt war, abgewichen.

Aber irgend etwas mu doch fr den armen Eidotter geschehen! rief Eva.
Sollen wir denn unttig zusehen, wie er verurteilt wird?

So rasch geht das Verurteilen nicht, beruhigte sie Sephardi. Morgen frh
will ich zu dem Gerichtspsychiater Debrouwer -- ich kenne ihn von der
Universitt her -- gehen und mit ihm sprechen.

Nicht wahr, Sie nehmen sich auch des armen alten Schmetterlingssammlers an
und schreiben mir nach Antwerpen, wie es ihm geht? bat Eva, stand auf und
reichte nur Pfeill und Sephardi zum Abschied die Hand. Und auf Wiedersehen
in nicht allzuferner Zeit.

Hauberrisser verstand sofort, da sie von ihm begleitet zu sein wnschte,
und half ihr in den Mantel, den der Diener hereingebracht hatte.

                   *       *       *       *       *

Die Khle der Abenddmmerung lag feucht um die duftenden Linden, wie sie
durch den Park schritten. Steinerne griechische Statuen schimmerten wei
aus dem Dunkel belaubter Bogengnge und trumten beim Pltschern der in den
verirrten Lichtern der Bogenlampen vom Schlosse her silbrig glitzernden
Fontnen.

Darf ich Sie nicht zuweilen in Antwerpen besuchen kommen, Eva? fragte
Hauberrisser gepret und fast schchtern. Sie verlangen von mir, ich soll
warten bis die Zeit uns zusammenbringt. Glauben Sie, da es durch Briefe
besser geschieht, als wenn wir uns sehen? Wir fassen doch beide das Leben
anders auf als es die Menge tut, warum eine Wand zwischen uns schieben, die
uns nur trennen kann?

Eva wandte den Kopf ab. Wissen Sie denn wirklich genau, da wir fr
einander bestimmt sind? -- Das Zusammenleben zweier Menschen mag etwas sehr
Schnes sein, -- warum geschieht es dann so hufig, ja, beinah immer, da
es nach kurzer Zeit in Abneigung und Bitternis endet? -- Ich habe mir schon
oft gesagt, da etwas Unnatrliches darin liegen mu, wenn ein Mann sich an
eine Frau kettet. Es kommt mir so vor, als brchen ihm dadurch die Flgel.
-- -- Bitte, lassen Sie mich zu Ende sprechen, ich kann mir denken, was Sie
sagen wollen -- --

Nein, Eva, unterbrach Hauberrisser rasch, Sie irren; ich wei, was Sie
frchten, das ich sagen knnte; Sie wollen nicht hren, was ich fr Sie
empfinde, und darum schweige ich auch darber. -- Die Worte Sephardi's, so
ehrlich sie gemeint waren und so sehr ich aus tiefstem Herzen hoffe, da
ihr Sinn in Erfllung gehen mge, haben doch -- ich fhle das immer
schmerzlicher -- eine fast unbersteigbare Schranke zwischen uns gesetzt.
Wenn wir uns nicht mit aller Kraft bemhen, sie niederzureien, wird sie
dauernd zwischen uns stehen. Und doch bin ich eigentlich innerlich froh,
da es nicht anders gekommen ist. -- Da eine Ehe aus Nchternheit zwischen
uns geschlossen werden knnte, haben wir beide nicht zu befrchten; -- was
uns gedroht hat, -- verzeihen Sie, Eva, da ich die Worte 'wir' und 'uns'
gebrauche, -- war, da uns die Liebe und der Trieb allein zusammengefhrt
htten. -- Doktor Sephardi hat recht gehabt, als er sagte, der Sinn der Ehe
sei den Menschen verloren gegangen.

Das ist es doch, was mich qult, rief Eva. Ich stehe ratlos und hilflos
vor dem Leben wie vor einem gefrigen, scheulichen Ungeheuer. Alles ist
schal und abgentzt. Jedes Wort, das man gebraucht, ist staubig geworden.
Ich komme mir vor wie ein Kind, das sich auf eine Mrchenwelt freut -- und
ins Theater geht und schminkebeklexte Komdianten sieht. -- Die Ehe ist zu
einer hlichen Einrichtung herabgesunken, die der Liebe den Glanz raubt
und Mann und Frau zur bloen Zweckmigkeit erniedrigt. Es ist ein
langsames, trostloses Versinken im Wstensand. -- Warum ist es bei uns
Menschen nicht wie bei den Eintagsfliegen? -- sie blieb stehen und blickte
sehnschtig zu einem lichtbeglnzten Brunnen hin, den goldene Wolken
schwrmender Falter wie ein wogender Feenschleier umgaben, -- Jahre
kriechen sie als Wrmer ber die Erde, bereiten sie sich vor auf die
Hochzeit, wie auf etwas Heiliges, -- um einen einzigen kurzen Tag der Liebe
zu feiern und dann zu sterben. -- Sie hielt pltzlich inne und schauderte.

Hauberrisser sah an ihren dunkel gewordenen Augen, da ein Gefhl tiefster
Ergriffenheit ber sie gekommen war. Er zog ihre Hand an seine Lippen.

Eine Weile stand sie regungslos, dann schlang sie langsam, wie in halbem
Schlaf, beide Arme um seinen Nacken und kte ihn. -- -- -- --

Wann wirst du mein Weib werden? Das Leben ist so kurz, Eva.

Sie gab keine Antwort, und ohne ein Wort zu sprechen, gingen sie
nebeneinander her dem offenen Gittertor zu, vor dem der Wagen Baron
Pfeill's wartete, um Eva nach Hause zu bringen.

Hauberrisser wollte seine Frage wiederholen, ehe sie von ihm Abschied nahm;
sie kam ihm zuvor, blieb stehen und schmiegte sich an ihn.

Ich sehne mich nach dir, sagte sie leise, wie nach dem Tod. Ich werde
deine Geliebte sein, ich wei es gewi, -- aber das, was die _Menschen_ Ehe
nennen, wird uns erspart bleiben.

Er erfate die Bedeutung ihrer Worte kaum; er war wie betubt von dem
Glck, sie in seinen Armen zu halten, -- dann teilte sich ihm der Schauer
mit, der noch in ihr lag, und er fhlte, da sich ihm das Haar strubte und
sie beide von einem eisigen Hauch umfangen wurden, als nhme der Engel des
Todes sie unter seine Schwingen und trge sie beide weit weg von der Erde
in die Bltengefilde einer ewigen Wonne.

Als er aus dem Zustand der Starrheit erwachte, wich das fremdartige,
beseeligende Verzcktsein des Sterbens, das er empfunden hatte wie einen
alle Sinne verzehrenden Rausch, langsam von ihm und an dessen Stelle trat,
wie er dem Wagen nachblickte, der ihm Eva entfhrte, das Nagen einer
unbestimmten, qualvollen Angst, sie nie mehr wiederzusehen.




Achtes Kapitel


Eva wollte frh morgens ihre Tante Bourignon, um sie zu trsten, im
Bginenstift aufsuchen und dann den Vormittagsexpre nach Antwerpen
benutzen.

Ein Brief, eilig hingekritzelt und von Trnenspuren benetzt, den sie im
Hotel vorfand, lie sie ihren Entschlu ndern.

Das alte Frulein war unter der Wucht der Katastrophe am Zee Dyk
anscheinend vllig zusammengebrochen und schrieb, sie sei fest
entschlossen, keinen Schritt mehr aus dem Stift zu tun, ehe nicht der erste
heie Schmerz verharscht wre und sie sich wiederum so weit wohl fhlen
wrde, dem Getriebe der Welt, wie sie es nannte, ein neues Interesse
entgegen zu bringen. Der Schlusatz, der in der Klage gipfelte, eine
unleidliche Migrne mache es ihr unmglich, Besuche von wem immer zu
empfangen, verriet, da ernste Besorgnisse um das innere Gleichgewicht der
alten Dame zur Zeit wenig angebracht waren. -- --

Eva lie kurz entschlossen ihr Gepck auf die Bahn schaffen. Um Mitternacht
ging ein Zug nach Belgien, den ihr der Portier zu bentzen empfahl, da er
weit weniger berfllt zu sein pflege.

Sie gab sich alle Mhe, das peinliche Gefhl abzuschtteln, das der Brief
in ihr erweckt hatte.

So also sah es in weiblichen Herzen aus? -- Sie hatte gefrchtet,
Gabriele werde den Schlag nie verwinden knnen. Statt dessen? -- Kopfweh!

Der Sinn fr alles Groe ist uns Frauen abhanden gekommen, sagte sich Eva
voll Bitterkeit, -- wir haben es in den slichen Gromutterzeiten
hineingehkelt in verchtliche Handarbeit.

In mdchenhafter Angst prete sie den Kopf zwischen ihre Hnde. Soll ich
auch einmal so werden? Es ist eine erbrmliche Schmach, ein Weib zu sein.
--

Gedanken der Zrtlichkeit, wie sie sie die ganze Fahrt hindurch von
Hilversum bis in die Stadt umfangen hatten, wollten wieder aufwachen; --
das ganze Zimmer schien ihr erfllt von dem schwlen Duft der blhenden
Linden.

Sie ri sich gewaltsam los, setzte sich auf den Balkon und blickte hinauf
in den sternenberseten nchtlichen Himmel.

Frher, in ihren Kinderjahren hatte es ihr zuweilen einen Trost gewhrt, zu
denken, dort oben throne ein Schpfer, der sich ihrer Winzigkeit erbarme,
-- jetzt drckte es sie wie eine Schande, so klein zu sein.

Sie verabscheute aus dem Grunde ihres Herzens alle Bestrebungen der Frauen,
es den Mnnern auf den Gebieten des uern Lebens gleich zu tun, aber dem,
den sie liebte, nichts anderes schenken zu knnen als ihre Schnheit,
erschien ihr armselig und gering, -- als eine Selbstverstndlichkeit, von
der viel Wesens zu machen, erbrmlich sei.

Die Worte Sephardi's, es gbe einen kniglichen, verborgenen Pfad, auf dem
ein Weib dem Gatten mehr sein knne als bloe irdische Freude, leuchtete
ihr wie ein ferner Hoffnungsstrahl, aber wo den Eingang suchen?

Zaghaft und furchtsam nahm sie einen kleinen Anlauf, durch Denken zu
erkennen, was sie wohl tun msse, um einen solchen Weg zu finden, -- aber
es blieb, wie sie bald fhlte, nur ein vergebliches, schwchliches Betteln
um Licht an die Mchte dort oben ber den Sternen, statt das kraftvolle
Ringen um Erleuchtung zu sein, dessen ein Mann fhig gewesen wre.

Das zarteste und doch tiefste Leid, das ein junges Frauenherz verzehren
kann: mit leeren Hnden vor dem Geliebten zu stehen und doch bervoll zu
sein von der Sehnsucht, ihm eine Welt an Glck zu geben, machte sie traurig
und elend.

Kein Opfer wre so schwer gewesen, da sie es nicht jauchzend um
seinetwillen gebracht htte. -- Sie begriff mit den feinen Instinkten des
Weibes, da das Hchste, was eine Frau zu tun vermchte, nur die
Aufopferung ihrer selbst sein konnte, aber, was sie auch ersann, -- es war,
gemessen an der Gre ihrer Liebe, nichtig, vergnglich und kindisch.

Sich ihm unterzuordnen in allen Stcken, ihm die Sorgen abzunehmen, jeden
Wunsch an den Augen abzulesen -- wie leicht mute es sein. -- Wrde sie ihn
aber damit auch glcklich machen? -- Es ging nicht ber das Menschentum
hinaus, und das, was sie zu schenken begehrte, sollte mehr sein als alles,
was sich erdenken lie.

Was sie frher nur dunkel begriffen hatte: den bittern Kummer einer Seele,
reich zu sein wie ein Knig am Gebenwollen und bettelarm im Gebenknnen,
jetzt stand es riesengro vor ihr und erfate sie mit den gewaltigen
Schauern, die einst den Heiligen der Erde durch den Hohn und das Grinsen
der Menge hindurch den Weg des Martyriums gewiesen hatten.

Im berma ihrer Pein legte sie die Stirn an das Gelnder und schrie mit
verkrampften Lippen ein Gebet in sich hinein: nur der Geringste aus der
Schar derer, die um der Liebe willen den Strom des Todes durchquert haben,
mge ihr erscheinen und ihr den Pfad zur geheimnisvollen Krone des Lebens
entdecken, damit sie sie nehmen und verschenken knne.

Als habe eine Hand ihren Scheitel berhrt, blickte sie auf und sah, da
sich der Himmel pltzlich verndert hatte.

Querber ging ein Ri aus fahlem Licht und die Sterne strzten hinein wie
eine vom Sturmwind gejagte Wolke schimmernder Eintagsfliegen. Dann tat sich
eine Halle auf und an einem langen Tisch saen uralte Mnner in faltigen
Gewndern, die Augen starr auf sie gerichtet, als seien sie bereit, ihre
Rede zu vernehmen. Der Oberste von ihnen hatte den Gesichtsschnitt einer
fremden Rasse, zwischen den Brauen ein leuchtendes Mal, und von seinen
Schlfen gingen zwei blendende Strahlen aus wie die Hrner des Moses.

Eva erriet, da sie ein Gelbnis tun solle, aber sie konnte die Worte nicht
finden. Sie wollte flehen, da die Alten ihre Bitte erhren mchten, aber
das Gebet konnte nicht aufsteigen; -- es blieb ihr in der Kehle stecken und
ballte sich in ihrem Munde.

Langsam begann sich der Ri wieder zu schlieen und die Milchstrae legte
sich, als die Halle und der Tisch immer undeutlicher wurden und
verschwammen, wie eine leuchtende Narbe am Himmel darber.

Nur der Mann mit dem lodernden Mal auf der Stirn war noch sichtbar.

In stummer Verzweiflung streckte Eva die Arme nach ihm aus, da er warten
mge und sie anhren, aber schon wollte er das Gesicht abwenden.

Da sah sie, da ein Mensch auf einem weien Pferd in rasender Eile von der
Erde durch die Luft empor zum Himmel scho, und erkannte, da es Swammerdam
war.

Er sprang ab, trat zu dem Mann, schrie auf ihn ein und fate ihn voll Zorn
an der Brust.

Dann deutete er herrisch hinab auf Eva.

Sie wute, was er wollte.

Ihr Herz erdrhnte unter dem Wort der Bibel, da das Himmelreich mit Gewalt
genommen werden msse, -- das Flehen wich von ihr wie ein Schatten und sie
befahl, wie Swammerdam es sie gelehrt, im Siegesbewutsein ihres ewigen
Rechts der Selbstbestimmung: der Lenker des Schicksals solle sie vorwrts
jagen dem hchsten Ziel zu, das ein Weib erringen knne, -- erbarmungslos,
taub fr ihre Bitten, wenn sie schwach wrde, vorwrts, schneller als die
Zeit, -- an Freuden und Glck vorbei und hindurch, ohne ihr Rast zu gnnen,
ohne einen Atemzug zu versumen, und koste es sie tausendfach das Leben.

Sie verstand, da sie sterben msse, denn das Zeichen auf der Stirne des
Mannes strahlte unverhllt, und es war bei ihrem Befehl so blendend
geworden, da es ihr Denken verbrannte, -- ihr Herz jauchzte dagegen an:
sie wrde leben, da sie zugleich das Antlitz des Mannes gesehen hatte; --
sie zitterte unter der ungeheuren Kraft, die in ihr frei wurde und den
Riegel an der Kerkerpforte des Knechttums zerbrach, sie fhlte den Boden
unter den Fen wanken und ihr Bewutsein schwinden, aber ihre Lippen
murmelten ohne aufzuhren immer noch denselben Befehl -- wieder und wieder,
als das Gesicht am Himmel bereits lngst verschwunden war.

Nur allmhlich fand sie sich in ihre Umgebung zurck.

Sie wute, da sie zum Bahnhof gehen wollte, erinnerte sich, da sie ihre
Koffer vorausgeschickt hatte, sah den Brief ihrer Tante auf dem Tisch
liegen, nahm ihn und zerri ihn in kleine Stcke; alles, was sie tat,
geschah mit der gleichen Selbstverstndlichkeit wie frher, und doch kam es
ihr neu und ungewohnt vor, -- so, als seien ihre Hnde, ihre Augen und ihr
ganzer Krper nur noch Werkzeuge und nicht mehr mit ihrem Ich untrennbar
verbunden. Sie hatte die Empfindung, als lebe sie gleichzeitig an einem
fernen Ort irgendwo im Weltall ein zweites, dumpfes, noch nicht vllig
erwachtes Leben wie ein Kind, das eben erst geboren worden.

Die Dinge im Zimmer hatten von ihren eigenen Organen nichts wesentlich
Verschiedenes mehr fr sie, -- waren beides Gebrauchsgegenstnde fr den
Willen, nichts weiter.

An den Abend im Park von Hilversum dachte sie wie an eine liebe Erinnerung
aus der Kinderzeit, von der eine lange Reihe von Jahren sie trenne, zurck
voll Freude und Zrtlichkeit, aber doch mit einem Gefhl, als sei das alles
verschwindend und winzig gegenber der unsagbaren Seligkeit, die eine
kommende Zeit bringen werde. -- Es war ihr zumute wie einer Blinden, die
bisher nichts als finstere Nacht gekannt hat und in deren Herzen alle
erlebten Freuden angesichts der neuen Gewiheit verblassen, da eine Stunde
schlagen wird, -- wenn auch vielleicht spt und nach langen qualvollen
Leiden, -- die ihr das Augenlicht schenkt.

Sie versuchte sich darber klar zu werden, ob es allein der Abstand
zwischen dem soeben Erlebten und den irdischen Dingen war, der ihr die
Auenwelt pltzlich so nebenschlich erscheinen lie, und fand, da alles,
was sie jetzt mit den Sinnen wahrnahm, fast wie ein Traum an ihr
vorberglitt, der, ob leid- oder freudvoll, immer nur ein Schauspiel ohne
tiefer einschneidende Bedeutung blieb fr das erwachte Ich.

Sogar ihre Gesichtszge, als sie in den Spiegel blickte und ihren
Reisemantel anzog, hatten etwas leise Fremdartiges fr sie, -- so, als
msse sie sich erst zgernd erinnern, da sie es sei, die da umherging.

Hinter allem, was sie tat, stand eine beinah totenhafte Ruhe; sie sah in
die Zukunft hinein wie in undurchdringliche Finsternis und doch voll
Gleichmut, wie jemand, der wei, da das Schiff seines Lebens Anker gefat
hat, und den kommenden Morgen gelassen erwartet, unbesorgt, welche Strme
die Nacht noch bringen wird. -- --

Sie dachte daran, da es Zeit sein msse, zur Bahn zu gehen; -- ein
Vorgefhl, da sie Antwerpen nie mehr sehen werde, hielt sie ab,
aufzubrechen.

Sie griff nach Papier und Tinte, um an ihren Geliebten einen Brief zu
schreiben, -- kam nicht ber die erste Zeile hinaus; die innere Gewiheit,
alles, was sie jetzt aus eignem Willen begnne, sei vergeblich, und da es
eher mglich wre, eine abgeschossene Kugel im Laufe aufzuhalten, als der
geheimnisvollen Macht, in deren Hnde sie ihr Schicksal gelegt, in die
Zgel zu fahren, lhmte jeden Entschlu in ihr. -- --

                   *       *       *       *       *

Das Murmeln einer Stimme, das durch die Wnde des Nebenzimmers zu ihr
herbergedrungen war, ohne da sie ihm irgendwelche Beachtung geschenkt
hatte, erstarb mit einem Ruck und lie eine Stille zurck, die in ihr die
Empfindung weckte, als sei sie pltzlich taub fr uere Gerusche
geworden.

Statt dessen glaubte sie nach einer Weile tief im Ohr, wie aus einem andern
Lande kommend, ein beharrliches Flstern zu hren, das allmhlich zu
dumpfen Kehllauten einer fremden, wilden Sprache anschwoll.

Sie verstand die Worte nicht -- begriff nur aus dem bermchtigen Zwang,
der sie ntigte aufzuspringen und zur Tr zu gehen, da der Sinn der
Mitteilung ein Befehl war, dem sie gehorchen mute, ohne sich dagegen
wehren zu knnen.

Auf der Treppe erinnerte sie sich, ihre Handschuhe vergessen zu haben, aber
ihr Versuch, umzukehren, wurde von einer Kraft, die ihr fremd und bsartig
und dennoch in den tiefsten Wurzeln als die eigene erschien, im selben
Augenblick beiseite geschoben, als sie kaum den Gedanken gefat hatte.

Rasch und dennoch frei von Eile oder Hast schritt sie durch die Straen,
nicht wissend, ob sie an der nchsten Ecke geradeaus gehen solle oder
nicht, und trotzdem sicher, da sie im letzten Moment nicht zweifeln werde,
welchen Weg sie zu nehmen habe.

Sie zitterte an allen Gliedern und wute, da es aus Todesangst entsprang,
aber ihr Herz hatte keinen Anteil daran; sie war nicht imstande, die Furcht
ihres Krpers in sich aufzunehmen -- stand abseits davon, als seien ihre
Nerven die einer andern.

Als sie auf einen freien Platz gelangte, in dessen Hintergrund der dunkle
massige Wrfel der Brse auftauchte, glaubte sie einen Augenblick, sie
ginge zur Bahn und alles sei nur Tuschung gewesen, dann ri es sie
pltzlich nach rechts durch enge, winklige Straen.

Die wenigen Leute, die ihr entgegenkamen, blieben stehen und sie fhlte,
da sie ihr nachsahen.

Mit einem neuen Ahnungsvermgen, das sie frher nie an sich gekannt hatte,
war sie pltzlich fhig zu erraten, was jeden einzelnen tief innerlich
bewegte. -- Aus manchen fhlte sie eine Besorgnis hervorbrechen wie einen
Gedankenstrom voll heien Mitleids, das ihr galt, und doch wute sie, da
die Betreffenden selbst nicht die leiseste Ahnung hatten von dem, was in
ihnen vorging, -- da sie mit keiner Faser begriffen, weshalb sie sich nach
ihr umblickten, und gesagt haben wrden, sie tten es aus Neugierde oder
hnlichen Motiven, wenn sie darber Rechenschaft htten geben mssen.

Mit Staunen wurde sie gewahr, da ein geheimes, unsichtbares Band die
Menschen umschlo, -- da ihre Seelen einander erkannten ber die Krper
hinweg und mitsammen sprechen konnten in unwgbaren Schwingungen und
Gefhlen, die nur zu fein waren, um von den uern Sinnen erfat zu werden.
-- Wie Raubtiere, scheelschtig, gierig und mordbereit, machten sie sich
das Leben streitig, und doch bedurfte es vielleicht blo eines winzigen
Risses in dem Vorhang, der ber ihren Augen lag, um aus den erbittertsten
Feinden die treusten Freunde zu machen.

Immer einsamer und unheimlicher wurden die Gassen, in die sie geriet; sie
zweifelte nicht lnger, da die nchsten Stunden ihr etwas Grliches, --
sie glaubte, den Tod durch die Hand eines Mrders -- bringen wrden, wenn
es ihr nicht gelnge, den Bann zu brechen, der sie vorwrts zog, -- und
doch machte sie nicht einmal den Versuch, dagegen anzukmpfen. Sie duldete
ohne Widerstand den fremden Willen, der ihr den Weg in die Finsternis
aufzwang, in ruhevoller Zuversicht, da alles, was ihr zustoen wrde, nur
einen Schritt weiter dem Ziele entgegen bedeutete.

Durch eine Lcke zwischen Husergiebeln, als sie einen schmalen eisernen
Steg ber eine Gracht passierte, sah sie einen Augenblick die Silhouette
der Nikolaskirche mit ihren beiden Trmen sich vom Horizont abheben wie
eine warnend erhobene dunkle Hand und atmete unwillkrlich erleichtert auf
bei dem Gedanken, es knne vielleicht nur Swammerdam sein, der in seinem
Leid um Klinkherbogk mit dem Herzen nach ihr riefe.

Die Feindseligkeit, die sie um sich her lauern sprte, belehrte sie, da
sie sich irrte. Es ging ein finsterer Ha von der Erde aus, der sich gegen
sie richtete, -- der kalte, unbarmherzige Grimm, den die Natur auf den
Menschen wirft, wenn er es wagt, an den Fesseln seiner Knechtschaft zu
rtteln.

Es war das erstemal, da sie sich frchtete, seit sie ihr Zimmer verlassen
hatte; -- das Bewutsein uerster Hilflosigkeit lie sie fast
zusammenbrechen.

Sie versuchte stehen zu bleiben, aber die Fe trugen sie weiter, als habe
sie jede Gewalt ber sie verloren.

In ihrer Verzweiflung blickte sie zum Himmel auf und eine erschtternde
Flle von Trost ergo sich ber sie, als sie das Heer der Sterne mit
tausend wachsamen Augen wie allmchtige Helfer, die nicht dulden wrden,
da man ihr auch nur ein Haar krmme, drohend auf die Erde herabfunkeln
sah. -- Sie gedachte der alten Mnner in der Halle, in deren Hnde sie ihr
Schicksal gelegt hatte, wie einer Versammlung von Unsterblichen, die nur
mit der Wimper zu zucken brauchten und der Erdball zerfiel in Staub.

Abermals hrte sie im Ohr die fremden, befehlenden Kehllaute, -- rauh und
eindringlich, wie dicht in ihrer Nhe und sie zur Eile anspornend; dann
erkannte sie pltzlich in der Dunkelheit das schiefe Haus wieder, in dem
Klinkherbogk ermordet worden war.

Auf dem Gelnder ber den zusammenflieenden Grachten sa ein Mann,
regungslos vorgebeugt, als horche er gespannt auf ihre herankommenden
Schritte.

Sie fhlte, da von ihm die dmonische Kraft ausging, die sie gezwungen
hatte, an den Zee Dyk zu gehen.

Ehe sie noch sein Gesicht unterscheiden konnte, wute sie bereits aus dem
lhmenden Todesschrecken, der ihr Blut erstarren machte, da es der
grauenhafte Neger war, den sie in der Kammer des Schusters gesehen hatte.

In ihrem Entsetzen wollte sie einen Schrei um Hilfe ausstoen, aber die
Verbindung zwischen Wollen und Handeln war in ihr wie abgeschnitten; ihr
Krper stand unter einer andern Macht. Als sei sie gestorben und getrennt
von ihrem Leib, sah sie sich auf den Mann zutaumeln und dicht vor ihm
stehen bleiben.

Er hob den Kopf und schien sie anzublicken, aber seine Augpfel waren nach
oben gedreht wie die eines Menschen, der mit offnen Lidern schlft.

Eva begriff, da er starr war wie eine Leiche und da sie ihm nur einen
Sto vor die Brust zu versetzen brauchte, um ihn rcklings hinab in das
Wasser zu strzen; -- trotzdem war sie vllig unter seinem Bann und nicht
imstande es auszufhren.

Sie sah sich als wehrloses Opfer in seine Hand gegeben, wenn er erwacht
sein wrde, -- konnte die Minuten berechnen, die sie noch von dem
Verhngnis trennten; ber sein Gesicht lief von Zeit zu Zeit ein Zucken als
erstes Vorzeichen, da sein Bewutsein allmhlich zurckkehrte.

Oft hatte sie von Frauen gehrt und gelesen, besonders von blonden, die
trotz heftigsten Abscheu's vor Negern ihnen zu willen sein mten, -- da
das wilde afrikanische Blut einen magischen Zwang auf sie ausbe, gegen den
jeder Widerstand vergebens sei; sie hatte es nie geglaubt und solche
Geschpfe als niedrig und tierisch verachtet, jetzt erkannte sie an sich
selbst mit kaltem Grauen, da eine finstere Macht dieser Art existierte. --
Die scheinbar unberbrckbare Kluft, die Entsetzen und Sinnenrausch
auseinanderhielt, war in Wirklichkeit nur eine dnne, durchsichtige
Scheidewand, die, wenn sie brach, die Seele einer Frau rettungslos zum
Tummelplatz bestialischer Instinkte werden lassen mute.

Was konnte diesem Wilden, halb Raubtier, halb Mensch, indem er innerlich
nach ihr rief, die unerklrliche Gewalt verleihen, da es sie wie eine
Mondschtige durch fremde Gassen zu ihm zog, wenn nicht Saiten in ihr
unbewut unter dem Schrei seiner Brunst miterklangen, von deren
Vorhandensein sie sich stolz frei geglaubt?

Besa dieser Neger eine teuflische Macht ber jede weie Frau, fragte sie
sich, bebend vor Angst, oder stand sie selbst so viel tiefer als die vielen
andern, die seinen magischen Lockruf nicht einmal gehrt, viel weniger ihm
Folge geleistet htten?

Sie sah keine Rettung mehr vor sich. Alles, was sie fr ihren Geliebten und
fr sich ersehnt hatte an Glck, ging mit ihrem Leibe zugrunde. Was sie
ber die Schwelle des Todes hinber zu retten vermochte, war gestaltlos und
konnte ihr das nicht geben, wonach sie begehrte. -- Sie hatte sich von der
Erde abwenden wollen, aber der Erdgeist hielt fest mit eisernem Griff, was
ihm gehrte. -- Wie eine Verkrperung seiner Allgewalt stand der Neger
riesenhaft vor ihr.

Sie sah, da er aufsprang und seine Betubung abschttelte. Dann packte er
sie an den Armen und ri sie an sich.

Sie schrie auf, und ihr Hilferuf gellte von den Mauern der Huser wider,
aber er prete ihr die Hand auf den Mund, da sie fast erstickte.

Um den entblten Hals hing ihm, wie einem Fleischerhund, ein dunkelroter
lederner Strick, -- sie fate darnach und hielt sich krampfhaft daran fest,
um nicht zu Boden gedrckt zu werden.

Einen Augenblick bekam sie den Kopf frei. Mit dem Aufgebot ihrer letzten
Kraft schrie sie nochmals um Hilfe.

Man mute sie gehrt haben, denn eine Glastr klirrte, Gewirr von Stimmen
schlug an ihr Ohr und ein breiter Lichtschein fiel grell ber die Gasse.

Dann fhlte sie, da der Neger mit ihr in wilden Stzen dem Schatten der
Nikolaskirche zujagte; zwei chilenische Matrosen mit orangegelben Schrpen
um die Hften waren ihnen bereits dicht auf den Fersen, -- sie sah die
offenen Messer in ihren Hnden blitzen und ihre bronzenen, mutigen
Gesichter immer nher kommen.

Instinktiv hielt sie die Halsschnur des Negers fest und streckte die Beine,
um ihn, so gut sie vermochte, am Laufen zu hindern, aber er schien ihre
Last kaum zu spren; mit einem Ruck hob er sie hoch vom Boden auf und raste
mit ihr die Mauer des Kirchengartens entlang.

Sie sah die wulstigen Lippen um die gefletschten Zhne wie den Rachen eines
Raubtiers dicht vor sich, und der Ausdruck lodernder Wildheit in seinen
weien Augen fra sich in ihre Sinne ein, da sie wie hypnotisiert
erstarrte, unfhig, auch nur den geringsten Widerstand mehr zu leisten.

Der eine der beiden Matrosen hatte den Neger berholt, warf sich,
zusammengeduckt wie eine Katze vor seine Fe, um ihn zu Fall zu bringen,
und stach mit dem Messer von unten nach ihm; das Knie des Zulus, der
blitzschnell in die Hhe gesprungen war, traf ihn vor die Stirn, da er
sich lautlos berschlug und mit zerschmettertem Schdel liegen blieb.

Dann fhlte sich Eva pltzlich ber das Gittertor des Kirchengartens
geworfen, da sie glaubte, alle Knochen im Leibe seien ihr zerbrochen, und
sah, mit den Kleidern in den eisernen Spitzen verfangen, durch die Stbe,
wie der Neger mit seinem zweiten Gegner rang. --

Der Kampf dauerte nur wenige Sekunden, -- wie ein Ball geschleudert, flog
der Matrose die Wand des gegenberliegenden Hauses empor an ein Fenster,
dessen Scheiben und Kreuze unter der Wucht mit lautem Knall zerbarsten.

Eva hatte sich, zitternd vor Todesschwche, von dem Gitter befreit und
suchte zu entfliehen, aber der schmale Garten bot keinen Ausweg; -- wie ein
gehetztes Tier verkroch sie sich unter einer Bank; sie begriff, da sie
trotzdem verloren war, denn ihr helles Kleid leuchtete aus der Dunkelheit
und mute sie im nchsten Augenblick verraten.

Mit bebenden Fingern, kaum mehr fhig zu denken, suchte sie an ihrem Halse
nach einer Nadel, um sie sich ins Herz zu stoen, denn schon hatte sich der
Neger ber die Mauer geschwungen, und sie wollte ihm nicht lebend in die
Hnde fallen.

Ein stummer, verzweifelter Schrei zu Gott, etwas zu finden, womit sie sich
den Tod geben knnte, ehe ihr Peiniger sie entdeckte, drngte sich ihr auf
die Lippen.

Es war das Letzte, woran sie sich erinnern konnte, dann bildete sie sich
einen Moment lang ein, wahnsinnig geworden zu sein, denn sie sah pltzlich
ihr Spiegelbild ruhig und lchelnd mitten im Garten stehen.

Auch der Neger schien es erblickt zu haben, er stutzte und ging berrascht
darauf zu.

Sie glaubte zu hren, da er mit der Erscheinung sprach, -- sie konnte die
Worte nicht verstehen, aber seine Stimme klang mit einemmal wie die eines
Menschen, der von Entsetzen gelhmt, kaum zu stammeln vermag.

berzeugt, da sie sich irren msse -- vielleicht lngst das Opfer des
Wilden geworden sei und den Verstand darber verloren habe -- konnte sie
den Blick von den beiden nicht wenden.

Dann wieder hatte sie die deutliche Gewiheit, sie selbst sei jenes
Spiegelbild und der Neger stnde auf unbegreifliche Weise in ihrer Macht,
-- um im nchsten Augenblick abermals voll Verzweiflung nach einer Nadel an
ihrem Halse zu tasten.

Sie nahm ihre ganze Kraft zusammen, -- wollte sich klar werden, ob sie
wahnsinnig sei oder nicht, und starrte das Phantom unverwandt an, da sah
sie, da es wie aufgesogen von ihrer Aufmerksamkeit jedesmal verschwand und
in ihren Krper zurckkehrte wie ein magischer Teil ihrer selbst, wenn sie
sich anstrengte, es mit den Augen in der Finsternis zu unterscheiden.

Sie konnte es an sich ziehen und wieder aussenden wie den Atem, aber immer
strubte sich ihr unter eisigen Klteschauern das Haar, als trete der Tod
sie an, sooft es von ihr wich.

Auf den Neger machte das jeweilige Verschwinden des Spiegelbildes keinen
Eindruck. Ob es kam oder ging, -- bestndig sprach er halblaut vor sich
hin, als rede er im Schlaf mit sich selbst. --

Eva ahnte, da er wieder in den seltsamen Zustand von Bewutlosigkeit
verfallen war, in dem sie ihn auf dem Gelnder der Gracht hatte sitzen
sehen.

Immer noch zitternd vor Angst fate sie endlich den Mut, ihr Versteck zu
verlassen.

Sie hrte Rufe und Stimmen die Gasse heraufkommen; -- in den Fenstern der
Huser hinter der Gartenmauer glnzte der Widerschein von laufenden
Laternen und verwandelte die Schatten der Bume an der Kirchenwand in eine
tanzende Geisterschar.

Sie zhlte die Schlge ihres Herzens: -- jetzt, jetzt mute die Menge, die
nach dem Neger suchte, in nchster Nhe sein! -- dann lief sie mit
brechenden Knien dicht an dem Zulu vorbei an das Gittertor und schrie
gellend um Hilfe.

Mit erlschendem Bewutsein begriff sie, da ein Frauenzimmer mit rotem,
kurzem Rock mitleidig neben ihr kniete und ihre Stirn mit Wasser benetzte.

Bunte, halbnackte Gestalten kletterten, Fackeln schwingend, ber die Mauer,
blitzende Messer zwischen den Zhnen, -- ein Heer phantastischer, behender
Teufel, die aus dem Boden zu wachsen schienen, um ihr Hilfe zu bringen; --
Feuerschein lohte durch den Garten und machte die Heiligenbilder an den
Glasfenstern der Kirche lebendig; wilde, spanische Flche schrillten
durcheinander: dort steht der Nigger, reit ihm die Gedrme heraus!

Sie sah, da die Matrosen sich heulend vor Wut auf den Zulu warfen, -- da
sie von den furchtbaren Schlgen seiner Fuste getroffen, niederstrzten,
-- hrte seinen markerschtternden Siegesschrei die Luft zerreien, wie er
sich einem losgelassenen Tiger gleich, Bahn durch die Meute brach, sich auf
einen Baum schwang und mit gewaltigen Stzen von Nische zu Nische, von
Giebel zu Giebel auf das Kirchendach schnellte.

                   *       *       *       *       *

Sekundenlang, als sie aus tiefer Ohnmacht erwachte, trumte sie, ein alter
Mann mit einer Binde um die Stirn habe sich ber sie gebeugt und sie beim
Namen gerufen. -- Sie glaubte, es sei Lazarus Eidotter, dann trat durch
seine Zge hindurch, wie hinter einer glsernen Maske hervor, wiederum das
Gesicht des Negers mit den weien Augen und den wulstigen Lippen um die
gefletschten Zhne, wie es sich unauslschlich in ihr Bewutsein
eingegraben hatte, als er sie in seinen Armen getragen, -- und die
hexenhaften Ausgeburten des Fieberreichs zerpeitschten ihr von neuem die
Besinnung.




Neuntes Kapitel


Einsilbig und zerstreut sa Hauberrisser noch eine Stunde nach dem Souper
mit Dr. Sephardi und Baron Pfeill beisammen.

Seine Gedanken weilten bestndig bei Eva, so da er manchmal fast erschrak,
wenn das Wort an ihn gerichtet wurde.

Seine Einsamkeit in Amsterdam, die ihm so wohlgetan, schien ihm mit
einemmal unaushaltbar, wenn er an die kommende Zeit dachte.

Auer Pfeill und Sephardi, zu dem er sich vom ersten Augenblick an, als er
ihn kennen gelernt, stark hingezogen fhlte, besa er weder Freunde noch
Bekannte, und die Beziehungen mit seiner Heimat waren lngst abgebrochen.
-- Wrde er das einsiedlerhafte Leben, das er bisher gefhrt, jetzt, wo er
Eva gefunden hatte, ertragen knnen?

Er berlegte, ob er seinen Wohnsitz nicht nach Antwerpen verlegen solle, um
mit ihr wenigstens dieselbe Luft zu atmen, wenn sie schon nicht wnschte,
da sie beisammen seien; vielleicht ergab sich dann doch bisweilen eine
Gelegenheit, sie zu sehen.

Es schmerzte ihn, wenn er sich ins Gedchtnis zurckrief, wie khl sie
ihren Entschlu ausgesprochen hatte, es der Zeit und mehr oder weniger dem
Zufall zu berlassen, ob sich ein dauerndes Band zwischen ihnen anknpfen
werde, dann wieder dachte er, Minuten lang berauscht von Glck, an ihre
Ksse und da sie sich ja bereits fr immer gefunden htten.

Nur an ihm lag es, sagte er sich, wenn sich die Trennung lnger als ein
paar Tage hinauszog.

Was hinderte ihn, sie schon in der kommenden Woche zu besuchen und sie zu
bitten, im Verkehr mit ihm zu bleiben? -- Sie war, so viel er wute,
vollkommen unabhngig und brauchte niemand zu fragen, wenn sie ihre Wahl
treffen wollte.

So beraus klar und geebnet ihm der Weg zu ihr auch erschien, wie er alle
Umstnde in Betracht zog, -- immer wieder drngte sich vor seine Hoffnungen
dasselbe unabweisbare Gefhl einer unbestimmten Angst um Eva, das er zum
erstenmal so deutlich empfunden, als sie Abschied voneinander genommen
hatten.

Er wollte sich die Zukunft in rosigen Farben ausmalen, kam aber nicht ber
die Anfnge hinaus: sein krampfhaftes Bemhen, das eiserne Nein
wegzuleugnen, das jedesmal in seiner Brust wie eine Antwort auf seine Frage
an das Schicksal ertnte, wenn er sich ein befriedigendes Ende vorzustellen
zwang, brachte ihn fast zur Verzweiflung.

Er wute aus langer Erfahrung, da es nichts half, die hartnckigen Stimmen
jener seltsamen, scheinbar auf nichts begrndeten inneren Gewiheit eines
drohenden Unheils zu berschreien, wenn sie einmal wach geworden waren, --
und so suchte er sie zu beschwichtigen, indem er sich vorhielt, seine
Besorgnis sei die natrliche Folge der Verliebtheit; trotzdem glaubte er
jetzt schon die Stunde kaum erwarten zu knnen, wo er erfahren wrde, Eva
sei wohlbehalten in Antwerpen angekommen.

In der Station Weesperpoort, die der Mitte der Stadt nher liegt als der
Zentralbahnhof, stieg er gemeinsam mit Sephardi aus, begleitete ihn ein
Stck nach der Heerengracht und eilte dann zum Amstelhotel, um einen Strau
Rosen, den ihm Pfeill lchelnd mitgegeben, als htte er seine Gedanken
erraten, beim Portier fr Eva zu hinterlegen.

Frulein van Druysen sei soeben abgereist, hie es; aber, wenn er einen
Wagen nhme, knne er den Zug mglicherweise noch vor Abgang erreichen.

Ein Automobil brachte ihn in schneller Fahrt zum Bahnhof.

Er wartete.

Minute um Minute verstrich, Eva kam nicht.

Er telephonierte an das Hotel -- -- sie war auch nicht nach Hause
zurckgekehrt. -- Er solle in der Gepckhalle fragen. --

Die Koffer waren nicht abgeholt worden. Er glaubte, der Boden wanke unter
seinen Fen.

Jetzt, wo er sich in Angst um Eva verzehrte, begriff er erst, wie hei er
sie liebte und da er ohne sie nicht mehr leben knnte.

Die letzte Schranke zwischen ihr und ihm, -- das leise Gefhl des
Sich-noch-fremd-seins, entstanden durch die ungewhnliche Art, wie sie
einander nher gebracht worden waren, -- fiel in nichts zusammen unter dem
berma seiner Sorge um sie, und er wute, wenn sie jetzt vor ihm stnde,
wrde er sie in die Arme schlieen und mit Kssen bedecken und nie wieder
von sich lassen.

Es blieb ihm kaum eine Hoffnung, da sie in letzter Minute noch kommen
knne, dennoch wartete er, bis sich der Zug in Bewegung setzte.

Da ihr ein Unglck zugestoen sein mute, lag auf der Hand. Gewaltsam
zwang er sich zur Ruhe.

Welchen Weg konnte sie genommen haben? Keine Minute durfte mehr verloren
gehen. Hier konnte nur noch, wenn nicht bereits das Schlimmste geschehen
war, das kalte, hellsichtige Durchschauen und Abwgen der Sachlage helfen,
das er schon in seinem ehemaligen Beruf als Ingenieur und Erfinder als eine
fast nie versiegende Quelle rettender Einflle erkannt hatte.

Seine Vorstellungskraft bis aufs uerste anspannend, mhte er sich ab,
einen Blick in das geheime Rderwerk der Geschehnisse zu werfen, die sich
um Eva, bevor sie das Hotel verlassen hatte, mglicherweise abgespielt
haben konnten. -- Er versuchte, sich in die Stimmung des Wartens
hineinzuversetzen, in der sie sich vermutlich befunden, bevor sie
aufgebrochen war.

Der Umstand, da sie ihr Gepck zur Bahn vorausgeschickt hatte, statt den
Hotelwagen zu benutzen, brachte ihn auf den Gedanken, sie msse einen
Besuch bei irgend jemand geplant haben.

Aber bei wem -- und in so spter Stunde noch?

Pltzlich fiel ihm ein, da sie Sephardi ans Herz gelegt hatte, er mge ja
nicht vergessen, nach Swammerdam zu sehen.

Der alte Schmetterlingssammler wohnte am Zee Dyk -- einem
Verbrecherviertel, wie aus dem Zeitungsbericht ber den Mord deutlich
hervorging. -- Ja! Nur dorthin konnte sie sich gewandt haben.

Ein kalter Schauer berlief Hauberrisser, als ihm all die grlichen
Mglichkeiten durch den Kopf schossen, die ihr unter dem Hafengelichter
dieser verrufenen Gegend drohten.

Er hatte von Spelunken gehrt, in denen Fremde ausgeraubt, ermordet und
durch Falltren in die Grachten geworfen worden waren; -- das Haar strubte
sich ihm, wenn er daran dachte, Eva knne es vielleicht hnlich ergangen
sein.

Im nchsten Augenblick sauste das Automobil ber die Openhavenbrcke zur
Nikolaskirche und hielt.

Man knne in die engen Gassen des Zee Dyk nicht hineinfahren, erklrte der
Chauffeur, -- der Herr mge sich in die Schenke Zum Prins van Oranje
bemhen -- er deutete auf einen Lichtschein -- und sich beim Wirt nach der
gewnschten Adresse erkundigen.

                   *       *       *       *       *

Die Tr der Spelunke stand weit offen, Hauberrisser strzte hinein; das
Lokal war leer bis auf einen Mann, der hinter dem Schanktisch stand und ihn
heimtckisch musterte.

In der Ferne erscholl wstes Geheul wie von einer Rauferei.

Herr Swammerdam wohne im vierten Stock, bequemte sich der Wirt zu verraten,
nachdem er ein Trinkgeld bekommen hatte, und leuchtete widerwillig die
halsbrecherische Stiege hinauf.

Nein, Frulein van Druysen ist seitdem nicht mehr bei uns gewesen, sagte
der alte Schmetterlingssammler kopfschttelnd, als ihm Hauberrisser in
fliegender Eile seine Besorgnisse vortrug; er war noch nicht schlafen
gegangen und vollkommen angezogen.

Eine einzige, fast schon herabgebrannte Talgkerze auf dem leeren Tisch und
sein gramerflltes Gesicht verrieten, da er stundenlang im Zimmer gesessen
und ber das furchtbare Ende seines Freundes Klinkherbogk nachgesonnen
haben mochte.

Hauberrisser fate seine Hand: Verzeihen Sie, Herr Swammerdam, da ich Sie
mitten in der Nacht berfalle und -- und so gar keine Rcksicht auf Ihren
Schmerz nehme; -- ja, ich wei, welcher Verlust Sie betroffen hat -- brach
er ab, als er die erstaunte Miene des Alten bemerkte -- ich kenne sogar
die nheren Umstnde; Doktor Sephardi hat sie mir heute erzhlt. Wenn es
Ihnen recht ist, sprechen wir spter ausfhrlich darber; jetzt bin ich
halb wahnsinnig vor Angst um Eva. Was, wenn sie wirklich zu Ihnen gehen
wollte und unterwegs berfallen wurde und -- und -- um Gotteswillen, es ist
ja nicht auszudenken!

Er sprang, auer sich vor Unruhe aus dem Sessel auf und lief im Zimmer hin
und her.

Swammerdam dachte eine Weile angestrengt nach, dann sagte er
zuversichtlich:

Bitte, fassen Sie meine Worte nicht als leeren Trost auf, Mynheer; --
Frulein van Druysen ist nicht tot!

Hauberrisser fuhr herum. Wieso wissen Sie das? Der ruhige, feste Ton des
alten Mannes nahm ihm -- er wurde sich nicht klar, warum -- einen Stein vom
Herzen.

Swammerdam zgerte einen Moment mit der Antwort.

Weil ich sie sehen wrde, sagte er endlich halblaut.

Hauberrisser griff nach seinem Arm. Ich beschwre Sie, helfen Sie mir,
wenn Sie knnen! Ich wei, Ihr ganzes Leben ist ein Weg des Glaubens
gewesen; vielleicht dringt Ihr Blick tiefer als der meine. Ein
Unbeteiligter sieht oft -- -- --

Ich bin nicht so unbeteiligt, wie Sie glauben, Mynheer, unterbrach
Swammerdam. Ich habe das Frulein nur einmal im Leben gesehen, aber, wenn
ich sage, ich liebe sie so innig, als ob sie meine Tochter wre, so ist es
nicht zu viel gesagt; -- er wehrte mit der Hand ab, -- danken Sie mir
nicht, es ist da nichts zu danken. Es ist mehr als selbstverstndlich, da
ich alles, was in meinen schwachen Krften steht, tun werde, um ihr und
Ihnen zu helfen, und wenn ich mein altes wertloses Blut darum vergieen
mte. -- Hren Sie mir jetzt, bitte, ruhig zu: -- Sie haben bestimmt recht
gehabt mit Ihrer Ahnung, da Frulein Eva irgendein Unglck widerfahren
ist. -- Bei ihrer Tante ist sie nicht gewesen, ich htte es von meiner
Schwester, die soeben noch im Bginenstift war, erfahren. -- Ob wir ihr
heute noch beistehen knnen, -- das heit, sie auffinden, -- bin ich
auerstande zu sagen, aber jedenfalls werden wir kein Mittel unversucht
lassen. -- Trotzdem seien Sie, bitte, unbesorgt, auch wenn wir sie nicht
finden sollten; ich wei so bestimmt, wie ich hier stehe, da ein --
Anderer, gegen den wir beide ein Nichts sind, die Hand ber ihr hlt. Ich
mchte nicht in Ausdrcken reden, die Ihnen ein Rtsel sein mssen, --
vielleicht kommt einmal die Zeit, wo ich Ihnen sagen kann, was mich so fest
berzeugt sein lt, da Frulein Eva einen Rat, den ich ihr gab, befolgt
hat. -- -- -- -- -- -- -- -- Wahrscheinlich ist das, was ihr heute
geschehen ist, bereits die erste Wirkung davon.

Mein Freund Klinkherbogk hat einst einen hnlichen Weg eingeschlagen, wie
jetzt Frulein Eva; ich habe lngst tief innerlich das Ende vorausgesehen,
wenn ich mich auch stets an die Hoffnung klammerte, es liee sich
vielleicht doch noch durch heie Gebete abwenden. Die verflossene Nacht hat
mir bewiesen, was ich immer schon wute, -- blo war ich zu schwach,
darnach zu handeln --: da Gebete nur ein Mittel sind, um Krfte, die in
uns schlummern, gewaltsam zu erwecken. Zu glauben, da Gebete den Willen
eines Gottes zu ndern vermchten, ist Torheit. -- Die Menschen, die ihr
Schicksal dem Geiste in sich berantwortet haben, stehen unter geistigem
Gesetz. Sie sind mndig gesprochen von der Vormundschaft der Erde, ber die
sie dereinst Herren werden sollen. Was ihnen im uern noch zustt,
bekommt einen vorwrts treibenden Sinn: alles, was mit ihnen geschieht,
geschieht so, da es keinen Augenblick besser geschehen knnte.

Halten Sie daran fest, Mynheer, da dies auch bei Frulein Eva der Fall
ist.

Das Schwere ist die Anrufung des Geistes, der unser Schicksal lenken soll;
-- nur wer reif ist, dessen Stimme hrt Er, und der Ruf mu aus Liebe
geschehen und um eines andern Menschen willen, sonst machen wir die Krfte
der Finsternis in uns lebendig.

Die Juden der Kabbala drcken es aus: es gibt Wesen aus dem lichtlosen
Reiche Ob -- sie fangen die Gebete ab, die keine Flgel haben; -- sie
meinen damit nicht Dmonen _auer_ uns, denn gegen solche sind wir durch
die Mauer unseres Krpers geschtzt, -- sondern magische Gifte _in_ uns,
die, wachgerufen, unser Ich zerspalten.

Aber kann nicht Eva, fiel Hauberrisser erregt ein, ebenso dem Verderben
entgegen gegangen sein wie Ihr Freund Klinkherbogk?

Nein! Bitte lassen Sie mich zu Ende sprechen. -- Ich htte nie den Mut
gehabt, ihr einen so gefhrlichen Rat zu geben, wenn in jenem Augenblick
nicht Der um mich gewesen wre, von dem ich vorhin gesagt habe: wir beide
sind gegen ihn wie ein Nichts. Ich habe in einem langen, langen Leben und
durch unsgliches Leid gelernt, mit Ihm zu reden und Seine Stimme von den
Einflsterungen menschlicher Wnsche zu unterscheiden. -- Die Gefahr war
nur, da Frulein Eva in einem _unrichtigen_ Moment die Anrufung htte
vornehmen knnen; dieser Moment der Gefahr -- der einzigen -- ist, Gott sei
Dank, vorber. Sie ist gehrt worden -- Swammerdam lchelte freudig -- --
erst vor wenigen Stunden! -- Vielleicht -- ich will mich nicht damit
brsten, denn solche Vorgnge spielen sich bei mir in Augenblicken hchster
Entrckung ab, -- vielleicht war ich so glcklich, ihr bereits helfen zu
knnen; -- er ging zur Tr und ffnete sie fr seinen Gast, aber jetzt
wollen wir das tun, was uns der nchterne Verstand gebietet. Erst, wenn von
unserer Seite alles geschehen ist, was in irdischer Macht liegt, haben wir
ein Recht, die Hilfe geistiger Einflsse zu erwarten. -- -- Gehen wir
hinunter in die Schenke, geben Sie den Matrosen Geld, damit sie nach dem
Frulein suchen, und versprechen Sie dem, der sie findet und wohlbehalten
bringt, einen Preis und Sie werden sehen, da sie das Leben fr sie in die
Schanze schlagen, wenn es darauf ankommt. -- Diese Menschen sind in
Wirklichkeit weit besser als man glaubt; sie haben sich nur verirrt in die
Urwlder ihrer Seelen und gleichen in ihrem Zustand reienden Tieren. In
jedem von ihnen steckt ein Stck Heroismus, der so manchen gesitteten
Brgern fehlt; er offenbart sich blo in ihnen als Wildheit, weil sie nicht
erkennen, was es fr eine Kraft ist, die sie treibt. -- Sie frchten den
Tod nicht und kein mutiger Mensch ist ein wahrhaft schlechter Mensch. Das
sicherste Zeichen, da jemand die Unsterblichkeit in sich trgt, ist, da
er den Tod verachtet. -- --

Sie betraten die Spelunke.

Das Schenkzimmer war vollgepfropft von Menschen und in der Mitte auf dem
Boden lag mit zerschmettertem Schdel die Leiche des chilenischen Matrosen,
den der Zulu auf seiner Flucht mit dem Knie vor die Stirn getroffen hatte.

Es sei nur eine Rauferei gewesen, wie sie fast tglich am Hafen stattfnde,
erklrte der Wirt ausweichend, als sich Swammerdam nach den nheren
Umstnden erkundigte.

Der verdammte Nigger, der gestern -- -- fiel die Kellnerin Antje ein,
aber sie kam nicht zu Ende: der Wirt versetzte ihr einen so heftigen Sto
in die Rippen, da sie die Worte verschluckte, und schrie dazwischen:
Halt's Maul, Drecksau! Ein _schwarzer Heizer_ war's von einem
Brasilienfahrer, verstanden!

Hauberrisser nahm einen der Strolche beiseite, drckte ihm ein Geldstck in
die Hand und begann, ihn auszuforschen.

Bald umstand ihn eine ganze Rotte wilder Gestalten, die einander in
gestenreichen Schilderungen berboten, wie sie den Neger zugerichtet haben
wollten; -- nur in einem Punkte waren sie vollstndig einig, nmlich, da
es ein _fremder Heizer_ gewesen sei. -- Die warnende Miene des Wirtes hielt
sie in Schach und sein lautes Ruspern lie sie erraten, da sie unter
keinen Umstnden Nheres aussagen drften, was auf die Spur des Zulus htte
fhren knnen. Sie wuten, da der Wirt nicht den Finger gerhrt haben
wrde, wenn es ihnen eingefallen wre, einen noch so wertvollen Stammgast
niederzustechen, -- sie wuten aber auch, da es das heiligste Gesetz der
Hafenschenke war, sofort zum Feinde zu halten, wenn Gefahr von auen her
drohte.

Ungeduldig hrte Hauberrisser den Prahlereien zu, bis pltzlich ein Wort
fiel, das ihm alles Blut zum Herzen trieb: Antje erwhnte, der fremde Neger
habe eine vornehme, junge Dame berfallen.

Er mute sich einen Augenblick an Swammerdam halten, um nicht
zusammenzubrechen, -- dann leerte er seine Brse in die Hand der Kellnerin
aus und forderte sie, unfhig einen Laut hervorzubringen, durch ein Zeichen
auf, ihm den Hergang des Begebnisses zu schildern.

Man htte Schreie einer Frauenstimme gehrt und sei hinausgelaufen, riefen
alle durcheinander; -- ich hab sie auf dem Scho gehalten, sie war
ohnmchtig, gellte Antje dazwischen.

Aber wo ist sie, wo ist sie? schrie Hauberrisser auf.

Die Matrosen verstummten und sahen einander verblfft an, als kmen sie
jetzt erst zur Besinnung.

Keiner wute, wo Eva geblieben war.

Ich hab sie auf dem Scho gehalten, beteuerte Antje immer wieder; man sah
ihr an, da sie selbst nicht die leiseste Ahnung hatte, wohin Eva
verschwunden sein knnte.

Dann liefen sie alle hinaus, Hauberrisser und Swammerdam mitten unter
ihnen, durchsuchten die Gassen, brllten den Namen Eva, beleuchteten jeden
Winkel im Kirchengarten.

Dort hinauf ist er, der Nigger, erklrte die Kellnerin und deutete auf
das grn glitzernde Dach, und hier auf'm Pflaster hab ich sie liegen
lassen, wie ich ihm auch hab nachwollen, und dann haben wir den Toten ins
Haus gebracht und ich hab auf sie vergessen.

Man weckte die Bewohner der umliegenden Huser, ob Eva sich vielleicht in
eins von ihnen geflchtet habe; -- Fenster rollten in die Hhe, Stimmen
riefen herab, was geschehen sei. -- Nirgends eine Spur der Vermiten.

Gebrochen an Leib und Seele versprach Hauberrisser jedem, der in seine Nhe
kam, alles, was er sich nur wnsche, wenn man ihm eine einzige Nachricht
ber den Verbleib Eva's brchte.

Vergebens suchte ihn Swammerdam zu beruhigen; der Gedanke, Eva knne aus
Verzweiflung ber das Geschehene -- vielleicht in Geistesverwirrung ihrer
nicht mehr mchtig -- Selbstmord begangen und sich ins Wasser gestrzt
haben, raubte ihm den letzten Rest klarer Besinnung.

Die Matrosen zerstreuten sich bis ber die Prins Hendrik Kade die ganze
Nieuwe Vaart entlang, -- kehrten unverrichteter Dinge zurck.

Bald war das gesamte Hafenviertel auf den Beinen; Fischer, halbnackt noch,
fuhren mit Bootslichtern umher, suchten die Quaimauern ab und versprachen,
bei Tagesgrauen ihre Schleppnetze durch smtliche Grachtmndungen zu
ziehen.

Jeden Augenblick frchtete Hauberrisser von der Kellnerin, die ihm
unablssig in tausend Variationen erzhlte, wie alles gekommen sei, zu
erfahren, da der Neger Eva vergewaltigt habe. Die Frage versengte ihm die
Brust, und doch konnte er sich lange nicht entschlieen, sie zu stellen.

Endlich berwand er sich und deutete stockend an, was er meinte.

Die Strolche, die ihn umstanden und mit grlichen Schwren, sie wrden den
Nigger, sobald sie ihn erwischten, lebendig in Streifen schneiden, zu
trsten versuchten, schwiegen sogleich -- vermieden mitleidig seinen Blick,
oder spuckten wortlos aus.

Antje schluchzte leise in sich hinein.

Sie war trotz eines Lebens in grauenhaftestem Schmutz immer noch Weib
genug, um zu begreifen, was ihm das Herz zerri.

Nur Swammerdam war gelassen und ruhig geblieben.

Der Ausdruck unerschtterlicher Zuversicht in seinen Mienen und die
freundliche Geduld, mit der er immer wieder mild lchelnd den Kopf
schttelte, wenn Mutmaungen laut wurden, Eva knne sich ertrnkt haben,
gaben Hauberrisser allmhlich eine neue Hoffnung, und schlielich folgte er
seinem Rat und ging, von ihm begleitet, zgernd nach Hause.

Legen Sie sich jetzt zur Ruhe, redete ihm Swammerdam zu, als sie vor der
Wohnung angelangt waren, und nehmen Sie Ihre Sorgen nicht mit in den
Schlaf hinber. Wir knnen mehr tun mit unserer Seele, wenn der Krper sie
mit seinem Kummer nicht mehr strt, als die Menschen ahnen. -- berlassen
Sie mir, was noch im uern zu geschehen hat; ich werde die Polizei
verstndigen, damit sie nach Ihrer Braut sucht. -- Trotzdem ich mir nichts
davon verspreche, soll alles geschehen, was der nchterne Verstand
gebietet.

Er hatte bereits unterwegs Hauberrisser behutsam auf andere Gedanken zu
bringen getrachtet, und mit kurzen Worten war der junge Mann unter anderem
auf die Tagebuchrolle und die damit verknpften Plne eines neuen Studiums
zu sprechen gekommen, das jetzt wohl fr lange Zeit, wenn nicht fr immer,
unterbrochen sei.

Swammerdam griff auf das Thema zurck, als er in Hauberrissers Gesicht die
alte Verzweiflung wieder aufwachen sah. Er fate seine Hand und lie sie
lange nicht los. -- Ich wnschte, ich knnte Ihnen von der Sicherheit
geben, die ich Frulein Eva's wegen empfinde. Wenn Sie nur einen kleinen
Teil davon htten, wrden Sie selbst wissen, was das Schicksal von Ihnen
will, das Sie tun sollen, -- so aber kann ich Ihnen nur raten. Ob Sie
meinen Rat befolgen werden?

Verlassen Sie sich darauf, versprach Hauberrisser unwillkrlich
erschttert, denn Evas Worte in Hilversum fielen ihm ein, da Swammerdam in
seinem lebendigen Glauben auch das Hchste zu finden imstande sei; --
verlassen Sie sich darauf. Es geht von Ihnen eine Kraft aus, da mir
bisweilen zumute wird, als schtze mich ein tausendjhriger Baum vor dem
Sturm. Jedes Wort, das Sie mir sagen, ist mir wie eine Hilfe.

Ich will Ihnen ein kleines Begebnis erzhlen, fing Swammerdam wieder an,
das mir einst, so scheinbar unbedeutend es aussah, als Wegweiser im Leben
gedient hat. -- Ich war damals noch ziemlich jung und hatte eine bittere,
grausame Enttuschung erlitten, so da mir die Erde lange dunkel und wie
eine Hlle erschien. In dieser Stimmung und fast verbittert, da das
Schicksal wie ein erbarmungsloser Henker mit mir verfuhr und, wie ich
glaubte, ohne Sinn und Zweck auf mich losschlug, begab es sich, da ich
eines Tages Zeuge wurde, wie man ein Pferd abrichtete.

Man hatte es an einen langen Riemen befestigt und trieb es, ohne ihm nur
eine Sekunde Ruhe zu gnnen, im Kreise umher. -- So oft es an eine Hrde
kam, ber die es springen sollte, brach es aus oder bockte. Hageldicht und
stundenlang sausten die Peitschenhiebe auf seinen Rcken nieder, aber immer
weigerte es sich zu springen. Dabei war der Mann, der es qulte, keineswegs
ein roher Mensch und litt selber sichtlich unter der grausamen Arbeit, die
er verrichten mute. -- Er hatte ein gutes, freundliches Gesicht und sagte
mir, als ich ihm Vorstellungen machte: 'ich wrde ja gern dem Gaul fr
meinen ganzen Tagelohn Zucker kaufen, wenn er dann nur begriffe, was ich
von ihm will. Ich hab dergleichen oft genug versucht, aber es hilft nichts.
Es ist rein, als ob in so einem Tier der Teufel steckt, der ihm den
Verstand verblendet. Und dabei ist's doch so wenig, was es tun soll'. --
Ich sah die Todesangst in den wahnsinnigen Augen des Pferdes, wenn es an
die Hrde kam, jedesmal von neuem aufleuchten, und las in ihnen die Furcht:
'jetzt, jetzt wird die Peitsche auf mich niederfallen'. -- -- Ich zerbrach
mir den Kopf, ob es denn kein anderes Mittel gbe, einen Weg der
Verstndigung mit dem armen Tier anzubahnen. Und wie ich vergeblich
versuchte, ihm im Geiste und spter in Worten zuzurufen, es solle springen,
dann sei sofort alles vorber, -- und zu meinem Leide einsehen mute, da
doch nur der grimmige Schmerz es war, der als Lehrer schlielich zum Ziele
kam, da blitzte in mir die Erkenntnis auf, da ich selber es auch nicht
anders machte als das Pferd: das Schicksal hieb auf mich ein, und ich wute
nur, da ich litt, -- ich hate die unsichtbare Macht, die mich folterte,
aber, da alles nur geschah, damit ich irgend etwas vollbringen sollte --
vielleicht eine geistige Hrde berspringen, die vor mir lag, -- das hatte
ich bis dahin nicht begriffen.

Jenes kleine Erlebnis wurde von nun an ein Markstein auf meinem Weg: ich
lernte die Unsichtbaren, die mich vorwrts peitschten, lieben, denn ich
fhlte, sie gben mir auch lieber 'Zucker', wenn es auf diese Art ginge,
mich ber die niedrige Stufe sterblichen Menschentums in einen neuen Stand
zu erheben. -- --

Das Beispiel, das ich bekommen habe, hinkt natrlich, fuhr Swammerdam
humoristisch fort, denn es ist ja die Frage, ob das Pferd dadurch, da es
springen lernte, wirklich einen Fortschritt gemacht hat, und ob es nicht
besser gewesen wre, es in seiner Wildheit zu belassen. Doch das brauche
ich Ihnen wohl nicht erst zu sagen. -- Wichtig fr mich war vor allem das
eine: ich hatte bis dahin in dem Wahne gelebt, was mir an Leid geschhe,
sei eine Strafe, und mich mit Grbeln zerqult, womit ich mir sie wohl
verdient haben knnte, -- dann mit einemmal kam fr mich Sinn in die Hrten
des Schicksals, und wenn ich auch sehr oft nicht zu ergrnden vermochte,
was fr eine Hrde ich berspringen sollte, so war ich doch von da an nach
bestem Willen ein gelehriges Pferd.

Ich erlebte damals in einer Sekunde an mir den Satz der Bibel von der
Vergebung der Snden in der seltsam verborgenen Bedeutung, die ihm zugrunde
liegt: -- mit dem Begriff der Strafe fiel auch von selbst die Schuld weg
und aus dem Zerrbild eines rchenden Gottes wurde im veredelten, von Form
losgelsten Sinn eine wohlttige Kraft, die mich nur belehren wollte -- so,
wie der Mann das Pferd.

Oft, sehr oft habe ich Andern dieses unscheinbare Begebnis erzhlt, aber es
fiel fast nie auf fruchtbaren Boden. -- Die Leute glaubten, wenn sie meinen
Rat anwandten, immer leicht erraten zu knnen, was der unsichtbare
'Dresseur' von ihnen verlangte, und hrten die Schlge des Schicksals dann
nicht sogleich auf, so gerieten sie wieder in ihr altes Geleise und
schleppen murrend oder -- 'ergeben', wenn sie zur Selbstbelgung der
sogenannten Demut ihre Zuflucht nahmen -- ihr Kreuz weiter. Ich sage: wer
schon so weit ist, da er nur _zuweilen_ erraten kann, was die drben, --
oder besser: 'Der groe Innerliche' -- von ihm will, das er tue, der hat
schon mehr als die Hlfte der Arbeit hinter sich. Das Erraten_wollen_
bedeutet allein schon eine vollkommene Umwlzung der Lebensauffassung; das
Erraten_knnen_ ist bereits die Frucht dieser Saat. --

Es ist ein schweres Ding, dieses Erratenlernen, was wir tun sollen!

Im Anfang, wenn wir die ersten Versuche wagen, ist es wie ein
unvernnftiges Tappen, und wir begehen da zuweilen Handlungen, die denen
eines Verrckten gleichen und lange keinen Zusammenhang zu haben scheinen.
Erst nach und nach bildet sich aus dem Chaos ein Gesicht, aus dessen Mienen
wir den Willen des Schicksals lesen lernen knnen; im Beginn schneidet es
Grimassen.

Aber es ist mit allen groen Dingen so; -- jede neue Erfindung, jeder neue
Gedanke, der in die Welt hereinfllt, hat im Entstehen etwas Fratzenhaftes.
Das erste Modell einer Flugmaschine war auch lange Zeit eine
drachenhnliche Grimasse, bevor ein wirkliches Gesicht daraus wurde.

Sie wollten mir sagen, was Sie glauben, das ich tun solle, bat
Hauberrisser fast schchtern. Er erriet, da der alte Mann nur deshalb so
weit abschweifte und vorbereitete, weil er frchtete, sein Rat, dem er
offenbar den grten Wert beima, knne, wenn zu schnell vorgebracht, nicht
entsprechend gewrdigt werden und verloren gehen.

Gewi will ich das, Mynheer; ich mute nur zuerst das Fundament legen,
damit es Ihnen weniger befremdlich vorkomme, wenn ich Ihnen etwas zu tun
empfehle, was wie ein Abbrechen und nicht wie ein Fortfhren dessen, wozu
es Sie jetzt treibt, aussieht. -- Ich wei, -- und es ist sehr begreiflich
und menschlich, -- da Sie augenblicklich nur der Wunsch erfllt, Eva zu
suchen; aber dennoch ist das, was Sie tun _sollen_: diejenige magische
Kraft zu suchen, die es fr die Zukunft ausschliet, da Ihrer Braut jemals
wieder ein Unheil zustoen kann; sonst mchte es vielleicht geschehen, da
Sie sie finden, um sie immer wieder zu verlieren. So, wie sich die Menschen
auf der Erde finden, um vom Tod auseinander gerissen zu werden.

Sie mssen sie finden, nicht wie man einen verlorenen Gegenstand findet,
sondern auf eine neue doppelte Art. -- Sie haben mir auf dem Weg hierher
selbst gesagt, Ihr Leben sei nach und nach wie ein Strom geworden, der sich
im Sande zu verlieren droht. Jeder Mensch kommt einmal zu diesem Punkt,
wenn auch nicht in einem einzigen Dasein. Ich kenne das. -- Es ist wie ein
Sterben, das nur das Innere betrifft und den Krper verschont. Aber gerade
dieser Moment ist der kostbarste und kann zum Sieg ber den Tod fhren. --
Der Geist der Erde fhlt gar wohl, da ihm in diesem Augenblick die Gefahr
droht, vom Menschen berwunden zu werden, und deshalb stellt er uns gerade
da die tckischsten Fallen. -- Fragen Sie sich einmal selbst: was wrde
geschehen, wenn Sie in diesem Moment Eva fnden? -- Wenn Sie Kraft genug
haben, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, mssen Sie sich sagen: der Strom
Ihres Lebens und des Lebens Ihrer Braut wrde wohl ein Stck weiter rinnen,
dann aber im Sande des Alltags unrettbar versiegen. Erzhlten Sie mir
nicht, da Eva sich vor der Ehe frchte? -- Gerade, weil das Schicksal sie
davor bewahren will, hat es Sie beide so rasch zusammengefhrt und gleich
darauf wieder auseinander gerissen. -- Zu jeder andern Zeit als der
jetzigen, in der fast die gesamte Menschheit vor einer ungeheuern Leere
steht, knnte es vielleicht sein, da das, was Ihnen geschehen ist, nur
eine Grimasse des Lebens wre, -- _heute_ scheint es mir ausgeschlossen.

Ich kann nicht wissen, was in der Rolle steht, die Ihnen auf so seltsame
Weise zugekommen ist, -- trotzdem rate ich Ihnen hei und dringend, lassen
Sie alles _uere_ seiner Wege treiben und suchen Sie in den Lehren, die
jener Unbekannte niedergelegt hat, das, was Ihnen nottut. Alles brige wird
sich von selber einstellen. -- Auch wenn es wider Erwarten nur eine
irrefhrende Fratze wre, die Ihnen daraus entgegen grinst, und wenn diese
Lehren an sich noch falsch sein sollten, so wrden Sie dennoch das fr Sie
Richtige in ihnen finden.

Wer richtig sucht, der kann nicht angelogen werden. Es gibt keine Lge, in
der nicht die Wahrheit stke: es mu nur der Punkt der richtige sein, auf
dem der Suchende steht, -- Swammerdam drckte Hauberrisser rasch die Hand
zum Abschied -- und eben heute stehen Sie auf dem richtigen Punkte: Sie
knnen ohne Gefahr nach den furchtbaren Krften greifen, die sonst
unrettbar den Wahnsinn bringen, -- denn Sie tun es jetzt um der Liebe
willen.




Zehntes Kapitel


Sephardi's erster Weg am Morgen nach dem Besuch in Hilversum war zu dem
Gerichtspsychiater Dr. Debrouwer gewesen, um Nheres ber den Fall Lazarus
Eidotter zu erfahren.

Da der alte Jude der Mrder nicht sein konnte, stand fr ihn zu fest, als
da er es nicht fr seine Pflicht gehalten htte, als Glaubensgenossen ein
Wort fr ihn einzulegen, zumal Dr. Debrouwer als ein selbst unter
Irrenrzten ungewhnlich talentloser und vorschneller Beobachter galt.

Obwohl Sephardi Eidotter nur einmal im Leben gesehen hatte, war dennoch
seine Teilnahme an ihm sehr rege. --

Schon der Umstand, da er als russischer Jude einem geistigen Kreis
ausgesprochen christlicher Mystiker angehrte, lie vermuten, da er ein
kabbalistischer Chassid sein mute, -- und alles, was diese sonderbare
jdische Sekte betraf, nahm Sephardis Interesse in hohem Grade in Anspruch.

                   *       *       *       *       *

Er hatte sich in seiner Annahme, der Gerichtspsychiater werde den Fall
falsch beurteilen, nicht geirrt, denn kaum gab er seiner berzeugung,
Eidotter sei unschuldig und sein Gestndnis auf Hysterie zurckzufhren,
Ausdruck, als Dr. Debrouwer, der schon uerlich durch den blonden Vollbart
und den gtigen, aber durchdringenden Blick den wissenschaftlichen Poseur
und Hohlkopf verriet, mit sonorer Stimme einfiel: Ein abnormer Befund hat
sich keineswegs ergeben. Ich habe den Fall zwar erst seit gestern unter
Beobachtung, aber so viel steht fest, da jegliches Krankheitssymptom
fehlt.

Sie halten also den alten Mann fr einen bewuten Raubmrder und sein
Gestndnis fr einwandfrei? fragte Sephardi trocken.

Die Augen des Arztes nahmen den Ausdruck bermenschlicher Schlue an; er
setzte sich geschickt gegen das Licht, damit das Blitzen seiner kleinen
ovalen Brillenglser das Imposante seines Denkerantlitzes womglich noch
erhhe, und sagte, eingedenk des Sprchwortes, da auch die Wnde Ohren
haben, mit pltzlich geheimnisvoll gedmpfter Stimme:

Als Mrder kommt dieser Eidotter nicht in Betracht, aber es handelt sich
um ein Komplott, dessen Mitwisser er ist!

Ah. -- Und woraus schlieen Sie das?

Dr. Debrouwer beugte sich vor und flsterte: Sein Gestndnis deckt sich in
gewissen Punkten mit den Tatsachen; folglich kennt er sie! Er hat es
lediglich aus dem Grunde abgelegt und sich selbst als Tter bezeichnet, um
den immerhin mglichen Verdacht der Hehlerschaft von sich abzulenken und
zugleich Zeit zur Flucht fr seinen Spiegesellen zu gewinnen.

Kennt man denn die nheren Umstnde des Mordes bereits?

Gewi. Einer unserer fhigsten Kriminalisten hat sie aus dem Befund
festgestellt. -- Der Schuhmacher Klinkherbogk hat in einem Anfall von --
von dementia praecox (Sephardi horchte auf und unterdrckte ein Lcheln)
seine Enkelin unter Zuhilfenahme einer Schusterahle erstochen, wurde
gleich darauf, als er das Zimmer verlassen wollte, von dem eindringenden
Mrder gettet und durchs Fenster hinab in die Gracht geworfen. Eine ihm
gehrige Krone aus Goldpapier hat man auf dem Wasser schwimmen gefunden.

Und das alles hat Eidotter genau so angegeben?

Das ist's ja eben! -- Dr. Debrouwer lachte breit. -- Als der Mord im
Hause ruchbar wurde, wollten Zeugen den Eidotter in seiner Wohnung wecken,
fanden ihn aber vollkommen bewutlos. Er simulierte natrlich. Wre er in
Wirklichkeit an der Tat unbeteiligt gewesen, htte er doch unmglich wissen
knnen, da der Tod des kleinen Mdchens infolge _Erstechens durch eine
Schusterahle_ eintrat. Trotzdem hat er es in seinem Gestndnis ausdrcklich
erwhnt. Da er sich selbst auch als Mrder des Kindes ausgab, -- nun, das
ist sehr durchsichtig: es geschah, um die Behrden zu verwirren.

Und auf welche Weise will er den Schuster berfallen haben?

Er behauptet, an einer Kette, die vom Giebel des Hauses ins Wasser
herabhngt, emporgeklettert zu sein und dem Klinkherbogk, der ihm mit
freudig ausgebreiteten Armen entgegengetreten sein soll, das Genick
gebrochen zu haben. -- Alles Unsinn natrlich.

Das mit der Ahle, sagen Sie, knne er unmglich gewut haben? -- Ist es
wirklich ganz ausgeschlossen, da er es von irgend jemand erfahren hat,
_ehe_ er sich selbst bei der Polizei stellte?

Ausgeschlossen.

Sephardi wurde immer nachdenklicher. Seine anfngliche Vermutung, Eidotter
habe sich als Tter bezeichnet, um einer eingebildeten Mission als Simon
der Kreuztrger gerecht zu werden, hielt nicht Stich. Vorausgesetzt, da
der Irrenarzt nicht log, -- woher konnte Eidotter die nheren Umstnde mit
der Ahle gewut haben? Eine Ahnung beschlich Sephardi, als msse ein schwer
erklrlicher Fall unbewuten Hellsehens bei dem Alten mit hereinspielen.

Er ffnete den Mund, um den Verdacht, der Zulu sei vielleicht der Mrder,
auszusprechen, aber ehe er es noch ber die Lippen bringen konnte, fhlte
er von innen heraus einen heftigen Ruck, der ihn sofort schweigen machte.

Es war fast wie eine krperliche Berhrung gewesen. Trotzdem ma er der
Sache keine weitere Bedeutung bei und fragte nur, ob es erlaubt sei, mit
Eidotter zu sprechen.

Eigentlich drfte ich es nicht zugeben, meinte Dr. Debrouwer, -- gar wo
Sie, wie man ja bei Gericht wei, mit ihm noch kurz vor dem Geschehnis bei
Swammerdam beisammen waren, aber, wenn Ihnen so viel daran liegt -- und da
Ihr Ruf als Gelehrter in Amsterdam ja unantastbar ist -- setzte er mit
einem Anflug von Neid hinzu, so will ich gern meine Machtbefugnis
berschreiten. --

Er klingelte und lie Sephardi durch einen Wrter in die Zelle fhren. --
-- --

                   *       *       *       *       *

Der alte Jude sa, wie man durch die Beobachtungsluke in der Mauer sehen
konnte, vor dem vergitterten Fenster und blickte in den sonnendurchfluteten
Himmel.

Als er die Tr ffnen hrte, stand er gleichmtig auf.

Sephardi ging rasch auf ihn zu und drckte ihm die Hand.

Ich bin gekommen, Herr Eidotter, erstens, weil ich mich dazu verpflichtet
fhle als Ihr Glaubensgenosse -- --

Gloobensgenosse, murmelte Eidotter ehrerbietig und machte einen Kratzfu.

-- und dann, weil ich berzeugt bin, da Sie unschuldig sind.

Unschuldig sind, echote der Alte.

Ich frchte, Sie mitrauen mir, fuhr Sephardi nach einer Pause fort, da
der andere stumm blieb, -- seien Sie unbesorgt, ich komme als Freund.

Als Freund, wiederholte Eidotter mechanisch.

Oder glauben Sie mir nicht? Das tte mir leid.

Der alte Jude fuhr sich langsam ber die Stirn, als erwachte er erst jetzt.

Dann legte er die Hand auf's Herz und sagte stockend, Wort fr Wort bemht,
sich so dialektfrei wie mglich auszudrcken: Ich -- hab -- keinen Feind.
-- Auf was herauf? -- Und ibber den, als Sie mir sagen, Sie kmmen als
Freund, woher soll ich nehmen die Chuzpe, an Ihren Worten zu zweifeln?

Schn. Das freut mich; ich werde infolgedessen ganz offen mit Ihnen reden
knnen, Herr Eidotter; -- Sephardi nahm den angebotenen Stuhl und setzte
sich so, da er das Mienenspiel des Alten genau studieren konnte -- wenn
ich Sie jetzt Verschiedenes fragen werde, geschieht es nicht aus Neugierde,
sondern vor allem, um Ihnen aus der verhngnisvollen Lage, in die Sie
geraten sind, zu helfen.

Zu helfen, brummte Eidotter in sich hinein.

Sephardi schwieg absichtlich eine Weile und betrachtete aufmerksam das
greisenhafte Gesicht, das fest und unbeweglich und ohne eine Spur von
Erregung auf ihn gerichtet war.

Er erkannte auf den ersten Blick an den tief eingemeielten Leidensfurchen,
da der Mann Furchtbares im Leben mitgemacht haben mute, -- dennoch lag,
als seltsamer Kontrast dazu, in den weit offenen tiefschwarzen Augen ein
Glanz von Kindlichkeit, wie er ihn noch nie an einem russischen Juden
wahrgenommen hatte.

In dem sprlich beleuchteten Zimmer Swammerdams war ihm all das nicht
aufgefallen. Er hatte in dem Alten einen Sektierer vermutet, der unter der
Wirkung eines bertriebenen Frmmigkeitsgefhls zwischen Fanatismus und
Selbstqual hin und her geworfen wurde; -- der Mensch, der jetzt vor ihm
sa, schien ein vllig anderer zu sein.

Seine Zge waren weder breit, noch hatten sie das Listige oder Abstoende,
das der Typus der russischen Juden aufzuweisen pflegt. Sie verrieten in
jeder Linie eine ungewhnliche Ideenkraft; trotzdem war ein geradezu
erschreckender Ausdruck von Gedankenleere darber gebreitet.

Sephardi konnte sich nicht zusammenreimen, wie dieses sonderbare Gemisch
aus kindlicher Harmlosigkeit und greisenhaftem Verfall berhaupt fhig war,
ein Branntweingeschft in einem Verbrecherviertel zu betreiben.

Sagen Sie mir, begann er sein Verhr in freundlichem Tone, -- wie sind
Sie nur auf den Einfall geraten, sich als Mrder an Klinkherbogk und seiner
Enkelin auszugeben? Wollten Sie jemand damit helfen?

Eidotter schttelte den Kopf. -- Wem htt ich denn helfen sollen? Ich hab
doch die beiden umgebracht.

Sephardi ging scheinbar darauf ein:

Und warum haben Sie sie umgebracht?

Nu. Vn wegen die Tausend Glden.

Und wo haben Sie das Geld?

Das haben mich doch die Ganen -- Eidotter deutete mit dem Daumen auf die
Tr -- auch schon gefragt. Ich wei nicht.

Bereuen Sie Ihre Tat denn gar nicht?

Bereuen? -- der Alte dachte nach. Warum soll ich sie bereuen? Ich kann
doch nix dafr.

Sephardi stutzte. Das war nicht die Antwort eines Wahnsinnigen. Er sagte
leichthin:

Gewi knnen Sie nichts dafr. Sie haben die Tat eben gar nicht begangen.
Sie haben im Bett gelegen und geschlafen und sich alles nur eingebildet.
Sie sind auch gar nicht die Kette hinaufgeklettert, -- das hat ein anderer
getan; Sie wren zu so etwas in Ihren Jahren nie imstande gewesen.

Eidotter zgerte. Sie meinen also, Herr Doktor, ich bin gar nicht der
Mrder?

Natrlich sind Sie's nicht! Das ist doch sonnenklar.

Wieder dachte der Alte eine Minute nach, dann brummte er gelassen:

Nu. Das ist gescheit. -- Keine Spur von Freude oder Erleichterung war in
seinem Gesicht zu lesen. Nicht einmal Erstaunen.

Die Sache wurde Sephardi immer rtselhafter. Htte eine
Bewutseinsverschiebung in Eidotter stattgefunden, wrde es der Ausdruck
der Augen, die nach wie vor gleich kindlich dreinschauten, oder ein
Mienenspiel verraten haben. An absichtliche Verstellung war nicht zu
denken: der Greis hatte die Erkenntnis der Tatsache, da er unschuldig war,
hingenommen wie etwas kaum Erwhnenswertes.

Und wissen Sie auch, was mit Ihnen geschehen wre, fragte Sephardi
eindringlich, wenn Sie die Tat wirklich begangen htten? -- Sie wren
hingerichtet worden!

Hm. Hingerichtet worden.

Jawohl. Erschreckt Sie das nicht? --

Offenbar wirkte die Frage nicht auf das Gemt des alten Mannes. Nur sein
Gesicht wurde ein wenig nachdenklicher -- so wie von einer Erinnerung
erhellt. Dann zuckte er die Achseln und sagte: -- Mir is im Leben schon
Schrecklicheres passiert, Herr Doktor.

Sephardi wartete, was weiter kommen wrde, aber Eidotter war bereits wieder
in seine totenhafte Ruhe versunken und schwieg.

Waren Sie von jeher Branntweinhndler?

Kopfschtteln.

Geht Ihr Geschft gut?

Ich wei nicht.

Hren Sie, wenn Sie so gleichgltig in Ihrem Beruf sind, kann's Ihnen
eines Tages geschehen, da Sie um alles kommen.

Freilich. Wann mer nicht acht gibt, war die naive Antwort.

Wer gibt acht? Sie? Oder haben Sie eine Frau? Oder Kinder, die acht
geben?

Meine Frau is schon lang tot. -- Und -- und die Kinderlich aach.

Sephardi glaubte einen Weg zum Herzen des alten Mannes vor sich zu sehen:
-- Denken Sie nicht zuweilen in Liebe an Ihre Familie zurck? Ich wei ja
nicht, ob es schon lange her ist, da Sie sie verloren haben, aber
glcklich knnen Sie sich doch unmglich fhlen in Ihrer Einsamkeit! --
Sehen Sie, ich habe auch niemand, der um mich wre, und kann mich daher um
so leichter in Ihre Lage versetzen. Wirklich, ich frage jetzt nicht nur aus
Wibegierde, um mir das Rtsel zu lsen, das Sie fr mich sind, --
unwillkrlich verga er, weshalb er gekommen war -- ich frage Sie aus
reiner Menschlichkeit und --

und weil Ihnen nebbich so zu mut is und Sie nicht anders knnen, ergnzte
zu seinem grten Erstaunen Eidotter, einen Augenblick ganz verndert; --
in dem bisher leblosen Gesicht war etwas aufgeblitzt wie Mitgefhl und
tiefes Verstndnis. Eine Sekunde spter erschien es wieder als das
unbeschriebene Blatt, das es von Anfang an gewesen war, -- Rabbi Jochanan
hat gesagt: 'Ein passendes Ehepaar unter den Menschen zusammenzubringen ist
schwerer als das Wunder Mosis im roten Meer,' -- hrte Sephardi ihn
geistesabwesend murmeln. Mit einem Schlag begriff er, da der Alte seinen
Schmerz um den Verlust Evas, der ihm selbst momentan nicht klar zum
Bewutsein gekommen war, wenn auch vorbergehend mitempfunden hatte.

Er erinnerte sich, da unter den Chassiden die Legende ging, es gbe in
ihrer Gemeinschaft Menschen, die den Eindruck von Wahnsinnigen machten und
es trotzdem nicht wren, -- die zu Zeiten ihres Ichs entkleidet, die Leiden
und Freuden der Mitwelt so deutlich am eigenen Herzen erfhren, als wren
sie selber die davon Betroffenen. -- Er hatte es fr eine Fabel gehalten;
-- sollte wirklich dieser sinnverwirrte Greis ein lebendiger Zeuge fr die
Wahrheit jener Behauptung sein? -- Sein Benehmen, die Einbildung,
Klinkherbogk ermordet zu haben, seine bisherige Handlungsweise, kurz alles
bekam einen neuen Zusammenhang, wenn es sich tatschlich so verhielt.

Knnen Sie sich nicht entsinnen, Herr Eidotter, fragte er im hchsten
Grade interessiert, ob es Ihnen schon einmal passiert ist, da Sie
glaubten, irgendeine Handlung begangen zu haben, die sich spter als die
Tat eines andern herausstellte?

Ich hab mich nix drum gekmmert.

Aber, da Sie in Ihrem Denken und Fhlen nicht so beschaffen sind wie Ihre
Mitmenschen -- wie ich zum Beispiel, oder wie Ihr Freund Swammerdam, werden
Sie vielleicht wissen? Neulich, als wir uns bei ihm kennen lernten, waren
Sie nicht so einsilbig und viel lebhafter. Hat Sie der Tod Klinkherbogks so
angegriffen? -- Sephardi fate voll Teilnahme die Hand des Alten. -- Wenn
Sie Sorgen haben oder Erholung brauchen, so vertrauen Sie sich mir an, ich
will alles tun, um Ihnen beizustehen. Ich glaube auch nicht, da Ihr
Geschft am Zee Dyk das Richtige fr Sie ist. Vielleicht ist es mir
mglich, Ihnen einen andern und -- wrdigeren Beruf zu verschaffen. --
Warum wollen Sie eine Freundschaft, die Ihnen angeboten wird,
zurckweisen?

Es war deutlich zu sehen, da die warmen Worte dem Alten wohl taten.

Er lchelte glckselig wie ein Kind, das man belobt, aber ein Verstndnis
fr das, was ihm in Aussicht gestellt wurde, schien er nicht zu haben.

Ein paarmal ffnete er den Mund, als wolle er sich bedanken, aber er fand
offenbar die Worte nicht.

Bin -- bin ich damals anders gewest? -- fragte er endlich stockend.

Gewi. Sie sprachen ausfhrlich mit mir und der brigen Gesellschaft. Sie
waren menschlicher, sozusagen; Sie disputierten sogar mit Herrn Swammerdam
ber Kabbala. -- Ich entnahm daraus, da Sie sich viel mit Fragen ber
Religion und Gott befat haben. -- Sephardi brach schnell ab, denn er
bemerkte, da eine Vernderung im Gesicht des Greises vor sich ging.

Kabbala -- -- Kabbala, murmelte Eidotter. Ja, freilich, Kabbala, die hab
ich studiert. Lang. Und Babli auch. Und -- und Jeruschalmi. -- Seine
Gedanken fingen an, in eine ferne Vergangenheit zurckzuwandern; er sprach
sie aus, als stnden sie abseits von ihm, -- wie jemand, der auf Bilder
zeigt und sie einem andern erklren will, bald langsam, bald schnell, je
nachdem sie an seinem Gedchtnis vorberzogen. -- Aber was drin steht in
der Kabbala -- ber Gott -- is falsch. Es is ganz anderst in der
Lebendigkeit. Damals -- in Odessa -- da hab ich's noch nicht gewut. -- Im
Vatikan in Rom hab ich mssen bersetzen aus dem Talmud. --

Sie waren im Vatikan? rief Sephardi erstaunt.

Der Alte hrte nicht darauf.

und dann is mir verdorrt die Hand. -- Er hob den rechten Arm, an dem die
Finger wie Wurzeln verkrmmt waren von Gichtknoten. -- In Odessa hat mer
geglaubt bei die Griechisch-Orthodoxen, ich bin  Spion, da ich verkehr
mit die rmischen Gojim, -- -- und auf emol hat's gebrennt in nserm Haus,
aber Elias, sein Nam' sei gepriesen, hat's abgewendet, da mir sind blos
auf der Gass' gesessen: -- meine Frau Berurje und ich und die Kinderlich.
-- Dann spter is gekommen Elias und hat an unserm Tisch gegessen nach dem
Lauberhttenfest. Ich hab' gewut, da es is Elias, wenn Berurje auch hat
gemeint, da er heit: Chidher Grn. -- Sephardi zuckte zusammen. Derselbe
Name war gestern in Hilversum gefallen, als Baron Pfeill fr Hauberrisser
das Wort gefhrt und dessen Erlebnisse erzhlt hatte! --

In der Gemeinde hat mer gelacht ibber mir und wenn sie von mir gesprochen
haben, hat's immer geheien: Eidotter? Eidotter is  Nebbochant; er lauft
ohne Verstand herm. -- Sie haben nicht gewut, da mich Elias unterweist
in dem dopelten Gesetz, das Moses dem Josua berliefert hat von Mund zu
Ohr, -- ein Glanz von Verklrung belebte seine Zge -- und da Er die
zwei verhllenden Lichter der Makifim in mir umgestellt hat. -- Dann war 
Judenverfolgung in Odessa. Ich hab mein Kopp hingehalten, aber es hat die
Berurje getroffen, da ihr Blut is ber den Boden hingeflossen, wie sie hat
wollen die Kinderlich beschtzen, als eins nach dem andern is erschlagen
geworden. --

Sephardi sprang auf, hielt sich die Ohren zu und starrte entsetzt Eidotter
an, in dessen lchelndem Gesicht keine Spur von Erregung zu bemerken war.
--

Ribke, meine lteste Tochter, die hat geschrien zu mir um Hilfe, wie sie
sich haben ibber ihr gestrzt, aber mer hat mich festgehalten. -- Dann
haben sie mei Kind mit Petroleum begossen -- und angezndt.

Eidotter schwieg, blickte sinnend an seinem Kaftan herunter und zupfte
kleine Fden aus den zerschlissenen Nhten. Er schien vollkommen bei Sinnen
zu sein und trotzdem keinen Schmerz zu empfinden, denn nach einer Weile
fuhr er mit klarer Stimme fort: Wie ich dann spter hab' wieder wollen die
Kabbala studieren, hab ich nicht mehr knnen, denn die Lichter der Makifim
waren in mir umgestellt.

Wie meinen Sie das? fragte Sephardi bebend. Hat das furchtbare Leid
Ihren Geist umnachtet?

Das Leid nicht. Und auch bin ich nicht umnachtet. Es is so, wie man sagt
von die gypter, da sie haben n Trank gehabt, der wo vergessen macht. --
Wie htt ich's denn sonst berleben knnen! -- Ich hab' damals lang nicht
gewut, wer ich bin, und wie ich's dann doch wieder gewut hab', hat mir
gefehlt, was der Mensch zum Weinen braucht, aber auch so manches, was mer
zum Denken braucht. -- Die Makifim sind umgestellt. -- Von da an hab' ich,
ich mcht sagen: das Herz im Kopf und das Gehirn in der Brust. Besonders
manchmal.

Knnen Sie mir das nher erklren? fragte Sephardi leise. Aber, bitte,
nur wenn Sie es gerne tun. Ich mchte nicht, da Sie glauben, ich forschte
aus Neugier.

Eidotter fate ihn am rmel. Schauen Sie, Herr Dokter, wenn ich jetzt in
das Tuch zwick', haben Sie doch kan Schmerz? -- Ob's dem rmel weht tut,
wer kann wissen? -- So is es bei mir. Ich seh, es is einmal was geschehen,
was eigentlich htt schmerzen mssen; ich wei es genau, aber ich spr's
nicht. Weil mein Gefhl im Kopf is. -- Ich kann aber auch nicht mehr
zweifeln, wenn mir jemand irgend was sagt, so wie ich's in meiner Jugend in
Odessa noch gekonnt hab'. Ich mu es glauben, weil mein Denken jetzt im
Herzen is. -- Ich kann mir auch nichts mehr ausgrbeln wie frher. Entweder
es fallt mir was ein, oder es fallt mir nix ein; fallt mir was ein, dann is
es auch in Wirklichkeit so und ich erleb's so deutlich, da ich nicht
unterscheiden knnt': war ich dabei oder nicht. Deshalb probier ich's gar
nicht erst, drieber nach zu denken.

Sephardi begriff jetzt halb und halb, wie es zu dem Gestndnis vor Gericht
gekommen war.

Und Ihre tgliche Beschftigung? Wie sind Sie imstande, ihr nachzugehen?

Eidotter deutete wieder auf den rmel. -- Das Kleid schtzt Sie vor der
Nss', wenn's regnet, und vor der Hitz, wenn die Sonn' scheint. Ob Sie sich
darum sorgen oder nicht: -- das Kleid macht's von selber. -- Mein Krper
kmmert sich um das Geschft, nur wei ich nichts mehr davon wie frher.
Hat doch schon Rabbi Simon ben Eleasar gesagt: 'Hast du je einen Vogel ein
Handwerk treiben gesehen? -- und doch ernhrt er sich ohne Mh' -- und ich
sollt mich nicht ohne Mh' ernhren?' -- -- Natrlich, wenn die Makifim
nicht in mir umgestellt wren, knnt ich mein Krper nicht allein lassen
und wr an ihn angenagelt.

Sephardi, durch die klare Rede aufmerksam gemacht, warf einen prfenden
Blick auf den alten Mann und sah, da er sich anscheinend in nichts mehr
von einem normalen russischen Juden unterschied: er gestikulierte beim
Sprechen mit den Hnden, und seine Stimme hatte etwas Eindringliches
bekommen. Die so beraus verschiedenen Geisteszustnde waren lckenlos
ineinander bergegangen.

Freilich, aus eigner Kraft kann der Mensch so was nicht vollbringen, --
fuhr Eidotter versonnen fort, -- da hilft alles studieren nix und ka Gebet
und auch die Mikwath -- die Tauchbder -- sind umsonst. Wenn nicht einer
von drben die Lichter in einem umstellt -- wir knnen's nicht.

Und Sie glauben, es ist einer von 'drben' gewesen, der es in Ihnen
vollbracht hat?

Nu ja: Elias, der Prophet, wie ich Ihnen schon gesagt hab. Wie er eines
Tags is in unser Zimmer gekommen, da hab' ich schon vorher an seinem
Schritt gehrt: Er is es. -- Frher, wenn ich mir gedenkt hab', es knnte
sein, da er einmal unser Gast is, -- Sie wissen doch, Herr Dokter, wir
Chassidim hoffen bestndig auf ihm -- da hab' ich immer gemeint, ich mt
zittern an allen Gliedern, wenn er vor mir steht. Aber es war ganz
natrlich; so, als wenn  ganz gewhnlicher Jud zur Tr herein tritt. Nicht
emol das Herz hat mir schneller geschlagen. Blos zweifeln hab ich nicht
daran knnen, da er's is, so viel ich mir auch angestrengt hab. -- Wie ich
ihn dann nicht mehr aus den Augen gelassen hab', is mir sei' Gesicht immer
beknnter und beknnter vorgekommen und ich hab' pltzlich gewut, _da
nicht  einzige Nacht in meinem Leben gewesen is, wo ich ihn nicht im Traum
gesehen htt_'. Und wie ich weiter und weiter in meinem Gedchtnis
zurckgegangen bin (denn ich htt' doch gern herausgebracht, wann ich ihm
zum allererstenmal begegnet bin), -- da is meine ganze Jugend an mir
vorber gezogen: ich hab' mich als kleines Kind gesehen und dann noch viel
frher, in m frieheren Leben, als  erwachsener Mensch, von dem ich vorher
gar nicht geahnt hab', da ich's gewest bin, und dann wieder als Kind und
so fort und so fort, -- aber jedesmal war Er bei mir und immer war er
gleich alt und hat genau so ausgesehen, wie der fremde Gast am Tisch. --
Ich hab' natierlich scharf aufgepat auf jede von seine Bewegungen und auf
alles, was er machen wird; -- wenn ich nicht gewut htt', es is Elias, wr
mir auch dran nichts besonders aufgefallen, aber so hab' ich gesprt, da
alles, was er getan hat,  tiefe Bedeutung gekriegt hat. Dann, wie er im
Gesprch die zwei Leuchter am Tisch miteinander vertauscht hat, is es mir
ganz deutlich geworden und ich hab' gefhlt, da er _in mir_ die Lichter
umstellt, und ich bin von da an  anderer Mensch gewest, -- meschugge, wie
mer in der Gemeinde gesagt hat. -- Zu was fr n Zweck Er die Lichter in
mir umgestellt hat, das habe ich spter gewut, als meine Familie is
geschlachtet geworden. -- Auf was herauf Berurje geglaubt hat, da er
Chidher Grn heit, wollen Sie wissen, Herr Dokter? -- Sie hat behauptet,
er htt's ihr gesagt.

Ist er Ihnen spter nie mehr begegnet? Sie erwhnten doch, er htte Sie in
der Mercaba unterrichtet, -- fragte Sephardi -- ich meine damit: in dem
geheimen zweiten Gesetz Mosis?

Begegnet? wiederholte Eidotter und strich sich ber die Stirn, als msse
er sich erst langsam klar werden, was man von ihm wolle. Begegnet? -- Wo
er einmal bei mir war, wie htt' er denn wieder fortgehen sollen? Er is
doch immer bei mir.

Und Sie sehen ihn bestndig?

Ich seh' ihn berhaupt nicht.

Aber Sie sagen, er sei immerwhrend bei Ihnen. -- Wie soll ich das
verstehen?

Eidotter zuckte die Achseln. Mit dem Verstand lt sich das nicht
begreifen, Herr Dokter.

Knnen Sie es mir nicht an einem Beispiel erklren? Redet Elias zu Ihnen,
wenn er Sie unterweist, oder wie ist das?

Eidotter lchelte. -- Wenn Sie sich freuen, ist da die Freude bei Ihnen?
Ja. Natierlich. Aber Sie knnen die Freude doch nicht anschauen und nicht
hren. -- So is es.

Sephardi schwieg. Er sah ein, da sich eine geistige Kluft des
Verstndnisses zwischen ihm und dem Alten auftat, die sich nicht
berbrcken lie. Wohl deckte sich, wenn er es ausspann, vieles, was er
soeben von Eidotter gehrt hatte, mit seinen eignen Theorien ber die
innere Weiterentwicklung der menschlichen Rasse; -- er selber hatte immer
der Ansicht zugeneigt und es auch ausgesprochen, -- gestern erst in
Hilversum -- da der Weg dazu in den Religionen und im Glauben an sie lge,
aber jetzt, wo er an dem Greis ein lebendiges Beispiel vor sich sah, fhlte
er sich durch die Wirklichkeit berrascht und enttuscht zugleich. Er mute
sich eingestehen, da Eidotter dadurch, da er dem Schmerz nicht mehr
unterlag, unendlich viel reicher war als alle seine Mitgeschpfe, -- er
beneidete ihn um seine Fhigkeit und dennoch htte er nicht mit ihm
tauschen mgen.

Ein Zweifel wandelte ihn an, ob das, was er gestern in Hilversum in bezug
auf den Weg der Schwche und des Wartens auf eine Erlsung verfochten,
letzten Endes auch richtig sei.

Er hatte sein Leben, umgeben mit einem Luxus, von dem er keinen Gebrauch
gemacht, einsam, abgeschlossen von den Menschen und in Studien aller Art
zugebracht, -- jetzt schien es ihm, als htte er dabei so manches bersehen
und das Wichtigste versumt.

Hatte er sich in Wahrheit nach Elias und seinem Kommen gesehnt, so wie
dieser arme, russische Jude? Nein; er hatte sich nur eingebildet, er sehne
sich, und war sich durch _Lesen_ darber klar geworden, da es fr die
Erweckung eines inneren Lebens ntig sei, sich zu sehnen. Jetzt stand
_einer_ leibhaftig vor ihm, der die Erfllung seiner Sehnsucht erlebt
hatte, und er, der groe Bcherweise, Sephardi, mute sich sagen: ich
mchte nicht mit ihm tauschen.

Tief beschmt, nahm er sich vor, bei der nchsten Gelegenheit Hauberrisser,
Eva und Baron Pfeill zu erklren, da er in Wirklichkeit so gut wie nichts
wisse -- da er unterschreiben msse, was ein jdischer Schnapshndler, der
seiner Sinne nicht mchtig war, ber geistige Erlebnisse gesagt hatte: Mit
dem Verstand lt sich das nicht begreifen.

Es is wie  Hiniebergehen ins Reich der Flle -- fuhr Eidotter nach einer
Pause fort, whrend der er selig vor sich hingelchelt hatte, -- es is
kei' Herieberkommen, wie ich frher immer geglaubt hab'. Aber es is ja
alles falsch, was  Mensch glaubt, solang die Lichter in ihm noch nicht
umgestellt sind, -- so grundfalsch, da mer's gar nicht erfassen kann. Mer
hofft, da Elias kommt, und dann, wenn er kommt und er is da, sieht mer,
da er gar nicht gekommen is, sondern: da mer zu ihm gegangen is. Mer
glaubt, mer nimmt, statt dessen gibt man. Man glaubt, mer bleibt stehn und
wartet, statt dessen geht mer und sucht. Der Mensch wandert und Gott bleibt
stehen. -- Elias is in unser Haus gekommen -- hat ihn Berurje erkannt? Sie
is nicht zu ihm gekommen, also is auch er nicht zu ihr gekommen und sie hat
gemeint, es is  fremder Jud, der Chidher Grn heit.

Sephardi blickte bewegt in die strahlenden Kinderaugen des Alten. Ich
verstehe jetzt sehr wohl, wie Sie es meinen, wenn ich's auch mit dem Gefhl
nicht mitzuerleben vermag, -- und ich danke Ihnen. -- Ich wollte, ich
knnte etwas fr Sie tun. -- Sie frei zu bekommen, kann ich Ihnen bestimmt
versprechen; es wird nicht schwer sein, Doktor Debrouwer zu berzeugen, da
Ihr Gestndnis mit dem Morde nichts zu tun hat. -- Allerdings, -- setzte
er mehr fr sich hinzu -- wei ich augenblicklich noch nicht, wie ich ihm
den Fall erklren soll.

Darf ich Ihnen um  Geflligkeit bitten, Herr Dokter? -- unterbrach
Eidotter.

Selbstverstndlich. Natrlich.

Dann sagen Sie dem da drauen gar nix. Soll er glauben, ich war's; so wie
ich es selbst geglaubt hab'. Ich mcht' nicht schuld sein, da mer den
Mrder findt. Ich wei jetzt auch, wer's is. Ihnen gesagt: es war 
Schwarzer.

Ein Neger? Woher wissen Sie das mit einemmal? rief Sephardi verblfft und
einen Augenblick von Mitrauen erfllt.

Das is so, erklrte Eidotter gelassen: Wenn ich im traumlosen Schlaf
ganz mit Elias vereinigt war und komm zurck so halb in's Leben in mein
Spiritusladen, und es is inzwischen was passiert, so glaub' ich oft, ich
bin dabei gewest und hab' mitgemacht. Wenn zum Beispiel jemand  Kind
geschlagen hat, glaub ich, da _ich's_ geschlagen hab', und mu hingehen
und es trsten; wenn jemand vergessen hat, sein' Hund zu fttern, glaub
ich, _ich_ hab's vergessen und mu ihm sei' Fressen bringen. Nachher, wenn
ich zufllig erfahr', da ich mich geirrt hab', brauch ich blo fr n
Augenblick wieder ganz zu Elias zu gehen und gleich wieder zurck zu
kmmen, dann wei ich sofort, wie's in Wirklichkeit gewest is. Ich mach
sowas selten, weil's kan Zweck hat und schon das halbete Weggehen von Elias
so is, als ob mer blind wird, aber vorhin, wie Sie  so lang nachgedenkt
haben, Herr Dokter, hab' ich's doch gemacht und da hab' ich gesehen, da es
 Schwarzer war, der wo mein Freund Klinkherbogk umgebracht hat.

Wie -- wie haben Sie _gesehen_, da es ein Neger war?

Nu, ich bin wieder im Geist auf der Kette 'eraufgeklettert, blos hab' ich
mich diesmal angeschaut und da hab' ich schon uerlich gesehen: ich bin 
Schwarzer mit n roten Lederstrick um en Hals, kane Stiebeln an und en
blauen Leinwandanzug. Und wie ich mich innerlich angeschaut hab', hab' ich
schon gar gewut, ich bin  Wilder.

Das sollte man aber wirklich Dr. Debrouwer melden, rief Sephardi und
stand auf.

Eidotter hielt ihn am rmel fest: Sie haben mir versprochen, zu schweigen,
Herr Dokter! Um Elias willen darf ka Blut nicht flieen. Die Rache is mein.
Und dann -- -- das freundliche Greisengesicht bekam pltzlich etwas
drohend Fanatisches, Prophetenhaftes -- und dann is der Mrder aner von
nsere Leut! -- Nicht  Jud, wie Sie jetzt wieder meinen -- erklrte er,
als er Sephardis verdutzte Miene bemerkte, -- aber doch aner von unsere
Leut! Ich hab's erkannt, wie ich ihn soeben innerlich angeschaut hab. --
Da er  Mrder is?! -- Wer soll richten? Wir? Sie und ich? Die Rache is
mein. Er is  Wilder und hat sein Glauben; Gott soll hten, da viele so n
grlichen Glauben haben wie er, aber sei Glauben is echt und lebendig. Das
sind unsere Leut', die wo n Glauben haben, der im Feuer Gottes nicht
schmilzt, -- der Swammerdam, der Klinkherbogk und der Schwarze auch. Was is
Jud, was is Christ, was is  Heide?  Name fr die, wo  Religion haben
statt n Glauben. Und darum -- verbiet' ich Ihnen, da Sie sagen, was Sie
jetzt ber den Schwarzen wissen! -- Wann es sein soll, da ich fr ihm den
Tod erleid', drfen Sie mir so  Geschenk wegnehmen?

                   *       *       *       *       *

Erschttert trat Sephardi seinen Heimweg an.

Es ging ihm nicht aus dem Kopf, wie seltsam es war, da Dr. Debrouwer im
Grunde genommen von seinem Standpunkt aus gar nicht so unrecht gehabt
hatte, als er lppischer Weise sagte, Eidotter sei im Komplott und wolle
durch sein Gestndnis Zeit fr den wirklichen Mrder gewinnen. Jede
einzelne Behauptung stimmte, und es war der _nackte_ Sachverhalt, und
dennoch htte Debrouwer nichts Unrichtigeres annehmen und mehr im Irrtum
sein knnen.

Jetzt erst begriff Sephardi in voller Klarheit die Worte Eidotters: Alles,
was ein Mensch glaubt, solang die Lichter in ihm noch nicht umgestellt
sind, ist falsch und wenn's noch so richtig ist -- es ist so grundfalsch,
da man es gar nicht erfassen kann. Man glaubt, man nimmt, statt dessen
gibt man; man glaubt man bleibt stehen und wartet, statt dessen geht man
und sucht.




Elftes Kapitel


Woche um Woche verging, aber Eva blieb verschollen. Baron Pfeill und Dr.
Sephardi hatten entsetzt von Hauberrisser die Schreckensbotschaft vernommen
und alles nur Denkbare aufgeboten, die Verschwundene zu finden; an jeder
Straenecke klebten Aufrufe und Steckbriefe, und bald war der Fall
Tagesgesprch geworden unter Einheimischen und Fremden.

In der Wohnung Hauberrissers war ein ewiges Kommen und Gehen, die Leute
drngten sich vor dem Hause, einer gab dem andern die Trklinke in die Hand
und jeder wollte irgendeinen Gegenstand gefunden haben, von dem sich
vermuten lie, er gehre der Vermiten, denn schon auf die kleinste
Nachricht ber Eva stand eine hohe Belohnung.

Wie Lauffeuer tauchten Gerchte auf, man htte sie da oder dort gesehen;
anonyme Briefe mit dunklen, geheimnisvollen Andeutungen, von Verrckten
oder Bswilligen geschrieben, verdchtigten Unschuldige, Eva verschleppt zu
haben oder gefangen zu halten; Kartenschlgerinnen boten sich zu Dutzenden
an; Hellsehende, von denen frher kein Mensch je etwas gehrt, tauchten
auf und prahlten mit Fhigkeiten, die sie nicht besaen: -- die Massenseele
einer Stadtbevlkerung, die bis dahin harmlos erschienen, offenbarte sich
in all ihren niedrigen Instinkten von Habgier, Klatschsucht, Wichtigtuerei
und verleumderischer Hinterlist.

Bisweilen trugen Schilderungen derart das Geprge der Wahrhaftigkeit, da
Hauberrisser oft stundenlang, begleitet von einem Polizisten, auf den
Beinen war, um in fremde Wohnungen einzudringen, von denen man ihm gesagt
hatte, Eva hielte sich darin auf.

Hoffen und Enttuschung warfen ihn hin und her wie einen Spielball.

Bald gab es keine kleine oder groe Strae und keinen Platz mehr, in denen
er nicht ein oder mehrere Huser nach Eva, irregeleitet durch
Hiobsbotschaften, von oben bis unten durchsucht hatte.

Es war, als rche sich die Stadt an ihm fr seine frhere Gleichgltigkeit.

Des Nachts im Traum schrien hundert Gesichter von Menschen auf ihn ein, mit
denen er tagsber gesprochen hatte, und jedes wollte ihm etwas Neues
berichten, bis sie in eine einzige molluskenhafte Grimasse verschwammen,
als htte sich ein Sto durchsichtiger photographischer Portrts
aufeinander gehuft.

Wie Labsal in dieser Zeit der Trostlosigkeit berhrte es ihn, da jeden
Morgen in aller Frhe Swammerdam bei ihm erschien. Wenn er auch stets mit
leeren Hnden kam und, gefragt, ob er ber Eva etwas erfahren habe, den
Kopf schtteln mute, so gab doch seine unerschtterlich zuversichtliche
Miene Hauberrisser jedesmal neue Kraft, den Wirrnissen des Tages
entgegenzusehen.

Das Tagebuch wurde mit keinem Worte mehr erwhnt, und doch fhlte
Hauberrisser, da ihn der alte Schmetterlingssammler hauptschlich in
dieser Angelegenheit besuchte.

Eines Morgens aber konnte sich Swammerdam nicht lnger zurckhalten.

Erraten Sie noch immer nicht, fragte er mit abgewandtem Gesicht, da
eine Rotte fremder Gedanken feindselig auf Sie einstrmt und Ihnen jede
Besinnung rauben will? -- Wenn es wild gewordene Wespen wren, die ihr Nest
gegen Sie verteidigen wollten, wten Sie doch sofort, um was es sich
handelt! -- Warum sind Sie gegenber den Fliegenschwrmen des Schicksals
nicht ebenso auf der Hut, wie Sie es bei wirklichen Wespen wren?

Dann brach er schnell ab und ging hinaus.

Beschmt raffte sich Hauberrisser auf. Er schrieb einen Zettel des Inhalts,
er sei verreist und man mge alle Mitteilungen, den Fall Eva van Druysen
betreffend, nur mehr an die Polizei richten, und lie ihn von seiner
Wirtschafterin an das Haustor kleben.

Seine Ruhe kehrte jedoch damit nicht zurck; wohl zehnmal in der Stunde
ertappte er sich auf dem Wunsche, hinunter zu gehen, um den Zettel wieder
abzureien.

Er nahm die Rolle vor und wollte sich zum Lesen zwingen, aber nach jeder
Zeile wanderten seine Gedanken hinaus und suchten nach Eva, und wenn er
seine Aufmerksamkeit auf das Papier bannen wollte, flsterten sie ihm zu,
es sei Narretei, in dem Geschreibsel nach abseits liegenden, rein
theoretischen Fragen zu fahnden, wo jede Minute nach Taten schrie.

Schon wollte er das Heft wieder in den Schreibtisch sperren, da hatte er
pltzlich und so deutlich das Gefhl, von einer unsichtbaren Macht
berlistet worden zu sein, da er einen Augenblick innehielt und nachsann.
Es war mehr ein Lauschen als ein Sinnen.

Was ist das fr eine seltsame unheimliche Kraft, fragte er sich, die da
so unschuldig tut und, um ihr Sondersein vor mir zu verbergen, sich als
mein eigenstes Ich gebrdet und meinen Willen zum Gegenteil von dem
mibraucht, was ich mir kaum eine Minute frher fest vorgenommen habe? Ich
will lesen und darf nicht? -- Er bltterte in den Seiten und bei jedem
Hindernis, das sich ihm bei dem Versuch, den Inhalt zu ordnen,
entgegenstellte, meldeten sich die zudringlichen Gedanken von neuem: la
es bleiben, du findest den Anfang nicht; es ist vergebliche Arbeit. --
Aber er stand Wache vor der Tre seines Willens und lie sie nicht hinein.
Seine alte Gewohnheit, sich selbst zu beobachten, fing leise an, wieder in
ihre Rechte zu treten.

Wenn ich nur den Anfang fnde!, sthnte wieder heuchlerisch eine
Selbstbelgung in ihm auf, whrend er mechanisch die Seiten umschlug, aber
diesmal gab ihm die Rolle selbst die richtige Antwort:

Der Anfang -- las er, an einer ixbeliebigen Stelle beginnend, und stutzte
ber den eigentmlichen Zufall, gerade auf dieses Wort gestoen zu sein, --
ist es, der dem Menschen fehlt.

Nicht, da es so schwer wre, ihn zu finden, -- nur die Einbildung, ihn
_suchen_ zu mssen, ist das Hemmnis.

Das Leben ist gndig; jeden Augenblick schenkt es uns einen Anfang. Jede
Sekunde drngt uns die Frage auf: Wer bin ich? -- Wir stellen sie nicht;
das ist der Grund, weshalb wir den Anfang nicht finden.

Wenn wir sie aber einmal im Ernste stellen, dann bricht auch schon der Tag
an, dessen Abendrot fr jene Gedanken den Tod bedeutet, die in den
Herrschersaal eingedrungen sind und an der Tafel unserer Seele schmarotzen.

Das Korallenriff, das sie sich mit infusorienhaftem Flei im Lauf der
Jahrtausende aufgebaut haben, und das wir unsern Krper nennen, ist ihr
Werk und ihre Brut- und Heimsttte; wir mssen in dieses Riff aus Kalk und
Leim zuerst eine Bresche legen und es dann wiederum in den Geist auflsen,
der es von Anbeginn war, wenn wir freies Meer gewinnen wollen. -- -- Ich
will dich spterhin lehren, wie du dir aus den Trmmern dieses Riffs ein
neues Haus erbauen kannst.

Hauberrisser legte das Tagebuch einen Augenblick aus der Hand und dachte
nach. Ob, wie es schien, diese Seite die Abschrift oder der Entwurf eines
Briefes war, den der Verfasser an irgend jemand gerichtet hatte,
interessierte ihn weiter nicht; das Du hatte ihn gepackt, als gelte es
ihm allein, und in diesem Sinne wollte er es von jetzt an auch auffassen.

Eines fiel ihm besonders auf: Was hier geschrieben stand, klang zuweilen
beinah wie eine Rede, bald aus dem Munde Pfeills oder Sephardis, bald aus
dem Swammerdams. Er verstand jetzt, da sie alle drei von demselben Geist
gefrbt waren, der aus dieser Tagebuchrolle wehte, -- da der Strom der
Zeit, um ihn den jetzt so hilflosen, weltmden, kleinen Herrn Hauberrisser,
zu einem wahren Menschen zu erziehen, fast Doppelfiguren aus ihnen machte.
--

Jetzt aber hre, was ich dir zu sagen habe:

Rste dich fr eine kommende Zeit!

Bald schlgt die Uhr der Welt die zwlfte Stunde; ihre Zahl auf dem
Zifferblatt ist rot und in Blut getaucht. Daran kannst du sie erkennen.

Der neuen ersten Stunde geht ein Sturmwind voraus.

Sei wach, damit er dich nicht schlafend finde, denn die mit geschlossenen
Augen hinbergehen in den heranbrechenden Tag, werden die Tiere bleiben,
die sie waren, und nicht mehr zu erwecken sein.

Es gibt auch eine geistige Tag- und Nachtgleiche. Die neue erste Stunde,
von der ich spreche, ist der Wendepunkt. In ihr gewinnt das Licht das
Gleichgewicht gegenber der Dunkelheit.

Ein Jahrtausend und lnger noch haben die Menschen gelernt, das Gesetz der
Natur zu durchschauen und sie sich dienstbar zu machen. Wohl denen, die den
_Sinn_ dieser Arbeit erfat und begriffen haben, da das Gesetz des Innern
dasselbe wie das des uern ist nur um eine Oktave hher: sie sind zur
Ernte berufen, -- die andern bleiben ackernde Knechte, das Antlitz zur Erde
gebeugt.

Der Schlssel zur Macht ber die innere Natur ist verrostet seit der
Sintflut. Er heit: -- -- Wachsein.

Wachsein ist alles.

Von nichts ist der Mensch so fest berzeugt wie davon, da er wach sei;
dennoch ist er in Wirklichkeit in einem Netz gefangen, das er sich selbst
aus Schlaf und Traum gewebt hat. Je dichter dieses Netz, desto mchtiger
herrscht der Schlaf; die darein verstrickt sind, das sind die Schlafenden,
die durchs Leben gehen wie Herdenvieh zur Schlachtbank, stumpf,
gleichgltig und gedankenlos.

Die _Trumenden_ unter ihnen sehen durch die Maschen eine vergitterte Welt,
-- sie erblicken nur irrefhrende Ausschnitte, richten ihr Handeln darnach
ein und wissen nicht, da diese Bilder blo sinnloses Stckwerk eines
gewaltigen Ganzen sind. Diese Trumer sind nicht, wie du vielleicht
glaubst, die Phantasten und Dichter -- es sind die Regsamen, die Fleiigen,
Ruhelosen der Erde, die vom Wahn des Tun's Zerfressenen; sie gleichen
emsigen, hlichen Kfern, die ein glattes Rohr emporklimmen, um von oben
-- hineinzufallen.

Sie whnen wach zu sein, aber das, was sie zu erleben glauben, ist in
Wahrheit nur Traum, -- genau vorausbestimmt im kleinsten Punkt und
unbeeinflubar von ihrem Willen.

Einige unter den Menschen hat's gegeben und gibt es noch, die _wuten_ gar
wohl, da sie trumen, -- Pioniere, die bis zu den Bollwerken vorgedrungen
sind, hinter denen sich das ewig wache Ich verbirgt, -- Seher wie Goethe,
Schopenhauer und Kant, aber sie besaen die Waffen nicht, um die Festung zu
_erstrmen_ und ihr Kampfruf hat die Schlfer nicht erweckt.

Wach sein ist alles.

Der erste Schritt dazu ist so einfach, da jedes Kind ihn tun kann; nur der
Verbildete hat das Gehen verlernt und bleibt lahm auf beiden Fen, weil er
die Krcken nicht missen will, die er von seinen Vorfahren geerbt hat.

Wach sein ist alles.

Sei wach bei allem, was du tust! Glaub nicht, da du's schon bist. Nein, du
schlfst und trumst.

Stell dich fest hin, raff dich zusammen und zwing dich einen einzigen
Augenblick nur zu dem krperdurchrieselnden Gefhl: 'jetzt bin ich wach!'

Gelingt es dir, das zu empfinden, so erkennst du auch sogleich, da der
Zustand, in dem du dich soeben noch befunden hast, dagegen wie Betubung
und Schlaftrunkenheit erscheint.

Das ist der erste zgernde Schritt zu einer langen, langen Wanderung von
Knechttum zu Allmacht.

Auf diese Art geh' vorwrts von Aufwachen zu Aufwachen.

Es gibt keinen qulenden Gedanken, den du damit nicht bannen knntest; er
bleibt zurck und kann nicht mehr zu dir empor; du reckst dich ber ihn, so
wie die Krone eines Baumes ber die drren ste hinauswchst. --

Die Schmerzen fallen von dir ab wie welkes Laub, wenn du einmal so weit
bist, da jenes Wachsein auch deinen Krper ergreift.

Die eiskalten Tauchbder der Juden und Brahmanen, die Nachtwachen der
Jnger Buddha's und der christlichen Asketen, die Foltern der indischen
Fakire, um nicht einzuschlafen, -- sie alle sind nichts anderes als
erstarrte uerliche Riten, die wie Sulentrmmer dem Suchenden verraten:
Hier hat in grauer Vorzeit ein geheimnisvoller Tempel des Erwachenwollens
gestanden.

Lies die heiligen Schriften der Vlker der Erde: durch alle zieht sich wie
ein roter Faden die verborgene Lehre vom Wachsein; -- es ist die
Himmelsleiter Jakobs, der mit dem Engel des Herrn die ganze Nacht
gerungen hat, bis es Tag wurde und er den Sieg gewann.

Von einer Sprosse immer hellern und hellern Wachseins zur andern mut du
steigen, wenn du den Tod berwinden willst, dessen Rstzeug: Schlaf, Traum
und Betubung sind.

Schon die unterste Sprosse dieser Himmelsleiter heit: Genie; wie erst
sollen wir die hheren Stufen benennen! Sie bleiben der Menge unbekannt und
werden fr Legenden gehalten. -- Auch die Geschichte von Troja galt
jahrhundertelang als Sage, bis endlich einer den Mut fand -- und grub
selber nach.

Auf dem Wege zum Erwachen wird der erste Feind, der sich dir
entgegenstellt, dein eigner Krper sein. Bis zum ersten Hahnenschrei wird
er mit dir kmpfen; erblickst du aber den Tag des ewigen Wachseins, der
dich fernrckt von den Nachtwandlern, die da glauben, die seien Menschen,
und nicht wissen, da sie schlafende Gtter sind, dann verschwindet fr
dich auch der Schlaf des Krpers und das Weltall ist dir untertan.

Dann kannst du Wunder tun, wenn du willst, und mut nicht wie ein
wimmernder Sklave demtig harren, bis es einem grausamen Gtzen gefllig
ist, dich zu beschenken oder -- dir den Kopf abzuschlagen.

Freilich, das Glck des treuen, wedelnden Hundes: einen _Herrn_ ber sich
zu kennen, dem er dienen darf -- dieses Glck wird fr dich zerschellen, --
aber frag' dich selbst, wrdest du als der Mensch, der du jetzt noch bist,
mit deinem Hunde tauschen?

La dich nicht abschrecken durch die Angst, das Ziel in _diesem_ Leben
vielleicht nicht erreichen zu knnen! -- Wer unsern Weg einmal betreten
hat, der kommt immer wieder auf die Welt in einer innern Reife, die ihm die
Fortsetzung seiner Arbeit ermglicht, -- er wird als Genie geboren.

Der Pfad, den ich dir weise, ist best mit wundersamen Erlebnissen: Tote,
die du im Leben gekannt hast, werden vor dir aufstehen und mit dir reden!
-- Es sind nur Bilder! -- Lichtgestalten, glanzumflossen und beseligend,
werden dir erscheinen und dich segnen. -- Es sind nur Bilder --
Hauchformen, von deinem Krper ausgesendet, der unter dem Einflu deines
verwandelnden Willens den magischen Tod stirbt und aus Stoff zu Geist wird,
gleich wie starres Eis, vom Feuer getroffen, sich in formenballenden Dunst
auflst.

Erst wenn du alles Kadaverhafte von ihm abgestreift hast, kannst du sagen:
jetzt ist der Schlaf fr immer von mir gewichen.

Dann aber ist das Wunder vollbracht, das die Menschen nicht glauben knnen,
-- weil sie, durch ihre Sinne betrogen, nicht begreifen, da Stoff und
Kraft dasselbe ist, -- jenes Wunder: da, wenn man dich auch begrbt, keine
Leiche im Sarge liegt.

Dann erst, nicht frher, wirst du Wesenhaftes vom Schein trennen knnen;
wem du _dann_ begegnest, kann nur einer sein, der vor dir den Weg gegangen
ist. -- Alle andern sind Schatten.

Bis dahin bleibt es ungewi auf Schritt und Tritt, ob du das glcklichste
oder das unglcklichste der Wesen wirst. -- Aber frchte dich nicht --:
noch ist keiner, der den Pfad des Wachseins betreten hat, auch wenn er in
der Irre ging, von den Fhrern verlassen worden.

Ein Merkmal will ich dir sagen, an dem du erkennen kannst, ob eine
Erscheinung, die du hast, wesenhaft ist oder ein Trugbild: Wenn sie vor
dich tritt und dein Bewutsein ist getrbt, und die Dinge der Auenwelt
sind fr dich verschwommen oder verschwunden, dann traue nicht! Sei auf der
Hut! Es ist ein Stck von dir. Wenn du das Gleichnis nicht errtst, das es
in sich birgt, ist es nur ein Gespenst ohne Bestand -- ein Schemen, ein
Dieb, der von deinem Leben zehrt.

Die Diebe, die die Kraft der Seele stehlen, sind schlimmer als die Diebe
der Erde. Sie locken dich wie Irrlichter in die Morste einer trgerischen
Hoffnung, um dich in der Finsternis allein zu lassen und fr immer zu
verschwinden.

La dich durch kein Wunder blenden, das sie scheinbar fr dich tun, durch
keinen heiligen Namen, den sie annehmen, durch keine Prophezeiung, die sie
aussprechen, auch nicht, wenn sie in Erfllung geht, -- sie sind deine
Todfeinde, von der Hlle deines eignen Krpers ausgespien, mit dem du um
die Herrschaft ringst.

Wisse, da die wunderbaren Krfte, die sie besitzen, deine eignen sind, --
von ihnen entwendet, um dich in Sklaverei zu erhalten; -- sie knnen nicht
leben, auer von _deinem_ Leben, aber wenn du sie berwindest, sinken sie
zu stummen, gehorsamen Werkzeugen herab, die du nach deinem Willen
handhaben kannst.

Unzhlig sind die Opfer, die sie unter den Menschen gefordert haben; lies
die Geschichte der Visionre und Sektierer und du wirst erkennen, da der
Pfad der Beherrschung, den du wandelst, mit Totenschdeln bedeckt ist.

Die Menschheit hat sich unbewut eine Mauer gegen sie gebaut: -- den
Materialismus. Diese Mauer ist ein unfehlbarer Schutz, -- sie ist ein
Sinnbild des Krpers, aber sie ist zugleich auch eine Kerkermauer, die den
Ausblick hemmt.

Heute, wo sie langsam zerbrckelt und der Phnix des innern Lebens aus
seiner Asche, in der er lange Zeit wie tot gelegen, mit neuen Schwingen
wieder aufersteht, regen auch die Aasgeier einer andern Welt die Flgel.
Darum hte dich. Die Wagschale, in die du dein Bewutsein legst, zeigt dir
allein an, wann du Erscheinungen trauen darfst; je wacher es ist, desto
tiefer neigt sie sich zu deinen Gunsten.

Will dir ein Fhrer, ein Helfer, oder ein Bruder aus einer geistigen Welt
erscheinen, so mu er es knnen, auch ohne dein Bewutsein zu plndern; du
darfst, wie der unglubige Thomas, deine Hand in seine Seite legen.

Es wre ein Leichtes, den Erscheinungen und ihren Gefahren _auszuweichen_:
-- du brauchst nur zu sein wie ein gewhnlicher Mensch. -- Aber was ist
damit gewonnen? Du bleibst ein Gefangener im Kerker deines Leibes, bis der
Henker Tod dich zum Richtblock schleppt.

Die Sehnsucht der Sterblichen, die Gestalten der berirdischen zu schauen,
ist ein Schrei, der auch die Phantome der Unterwelt weckt, weil eine solche
Sehnsucht nicht rein ist -- weil sie Habgier ist statt Sehnsucht, weil sie
nehmen will in irgendeiner Form, statt zu schreien, um das geben zu
lernen.

Jeder, der die Erde als ein Gefngnis empfindet, jeder Fromme, der nach
Erlsung ruft, -- sie alle beschwren unbewut die Welt der Gespenster.

Tu du es auch. Aber: bewut!

Ob es fr Jene, die es unbewut tun, eine unsichtbare Hand gibt, die die
Smpfe, in die sie geraten mssen, in Eilande verzaubern kann? Ich wei es
nicht. Ich will nicht streiten, -- -- aber ich glaub's nicht.

Wenn du auf dem Wege des _Erwachens_ das Reich der Gespenster durchquerst,
wirst du allmhlich erkennen, da es nur Gedanken sind, die du pltzlich
mit den Augen sehen kannst. Das ist der Grund, weshalb sie dir fremd und
wie Wesen erscheinen; denn die Sprache der Formen ist anders als die
Sprache des Gehirns.

_Dann_ ist der Zeitpunkt gekommen, wo sich die seltsamste Wandlung
vollzieht, die dir geschehen kann: aus den Menschen, die dich umgeben,
werden -- Gespenster werden. Alle, die dir lieb gewesen, werden pltzlich
Larven sein. Auch dein eigner Leib.

Es ist die furchtbarste Einsamkeit, die sich ausdenken lt, -- ein Pilgern
durch die Wste, und wer die Quelle des Lebens in ihr nicht findet,
verdurstet.

Alles, was ich dir hier gesagt habe, steht auch in den Bchern der Frommen
jedes Volkes: das Kommen eines neuen Reiches, das Wachen, die berwindung
des Krpers und die Einsamkeit, -- und doch trennt uns von diesen Frommen
eine unberbrckbare Kluft: sie glauben, da ein Tag naht, an dem die Guten
in das Paradies eingehen und die Bsen in den Hllenpfuhl geworfen werden,
-- wir _wissen_, da eine Zeit kommt, wo Viele erwachen werden und von den
Schlafenden getrennt sein wie die Herren von den Sklaven, weil die
Schlafenden die Wachen nicht begreifen knnen, -- wir wissen, da es kein
Bse und kein Gut gibt, sondern nur ein 'Falsch' und ein 'Richtig'; -- sie
_glauben_, da wachen ein Offenhalten der Sinne und Augen und ein
Aufbleiben des Krpers whrend der Nacht sei, damit der Mensch Gebete
verrichten knne, -- wir _wissen_, da das Wachen ein Aufwachen des
unsterblichen Ich's bedeutet und die Schlummerlosigkeit des Leibes eine
natrliche Folge davon ist; -- sie _glauben_, der Krper msse
vernachlssigt werden und verachtet, weil er sndig sei; wir _wissen_: es
gibt keine Snde, der Krper ist der Anfang, mit dem wir zu beginnen haben,
und wir sind auf die Erde herabgestiegen, um ihn in Geist zu verwandeln; --
sie _glauben_, man solle mit dem _Leib_ in die Einsamkeit gehen, um den
Geist zu lutern; wir _wissen_, da zuerst unser _Geist_ in die Einsamkeit
gehen mu, um den Leib zu verklren.

Bei dir allein steht es, deinen Weg zu whlen -- ob unsern oder jenen. Es
soll dein freier Wille sein.

Ich darf dir nicht raten; es ist heilsamer, aus eigenem Entschlu eine
bittere Frucht zu pflcken, als auf fremden Rat eine se auf dem Baume --
hngen zu sehen.

Nur mach's nicht wie die vielen, die da wohl wissen, es steht geschrieben:
'Prfet alles und das Beste behaltet' -- aber hingehen, nichts prfen und
das -- Erstbeste behalten.

                   *       *       *       *       *

Die Seite war zu Ende und das Thema brach ab.

Hauberrisser glaubte nach einigem Suchen, den anschlieenden Teil gefunden
zu haben. Der Unbekannte, an den das Schriftstck gerichtet war, schien
sich zu dem heidnischen Wege der Gedankenbeherrschung entschlossen zu
haben, denn der Verfasser der Rolle fuhr auf einem neuen Blatt, das die
berschrift trug:

   =Der Phnix=

folgendermaen fort:

Mit dem heutigen Tage bist du aufgenommen in unsere Gemeinschaft und ein
neuer Ring in der Kette, die von Ewigkeit zu Ewigkeit reicht.

Damit erlischt mein Amt und geht in die Hnde eines Andern ber, den du
nicht sehen kannst, solange deine Augen noch der Erde gehren.

Er ist unendlich fern von dir und dennoch dicht in deiner Nhe; er ist
nicht rumlich von dir getrennt und dennoch weiter weg als die uersten
Grenzen des Weltalls; du bist von ihm umgeben, wie ein Mensch, der im Ozean
schwimmt, von Wasser, aber du nimmst ihn nicht wahr, -- so wie der
Schwimmer das Salz nicht schmeckt, das das Meer durchdringt, wenn die
Nerven seiner Zunge tot sind.

Unser Sinnbild ist der Phnix, das Symbol der Verjngung -- der sagenhafte
gyptische Adler des Himmels mit rotem und goldenem Gefieder, der sich in
seinem Nest aus Myrrhen verbrennt und immer neu aus der Asche ersteht.

Ich habe dir gesagt, der Anfang des Weges ist der eigene Krper; wer das
wei, kann jeden Augenblick die Wanderung beginnen.

Ich will dich jetzt die ersten Schritte lehren:

Du mut dich vom Leibe trennen, aber nicht, als wolltest du ihn verlassen:
-- du mut dich von ihm lsen, wie jemand, der Licht von Wrme scheidet.

Schon hier lauert der erste Feind.

Wer sich vom Krper _losreit_, um durch den Raum zu fliegen, der geht den
Weg der Hexen, die nur einen gespenstischen Leib aus dem groben, irdischen
herausgezogen haben und auf ihm wie auf einem Besen zur Walpurgisnacht
reiten.

Die Menschheit hat sich aus richtigem Instinkt eine Brustwehr gegen diese
Gefahr errichtet, indem sie ein Lcheln ber die Mglichkeit solcher Knste
bereit hlt. -- _Du_ brauchst als Schutz den Zweifel nicht mehr -- _du_
hast in dem, was ich dir gegeben habe, ein besseres Schwert. Die Hexen
glauben, auf dem Sabbat des Teufels zu sein, und in Wirklichkeit liegt ihr
Krper bewutlos und starr in der Kammer. Sie vertauschen blo die irdische
Wahrnehmung gegen eine geistige -- sie verlieren das Bessere, um das
Schlechtere zu gewinnen; -- es ist ein rmerwerden statt ein Reichersein.

Schon daraus siehst du, da es nicht der Weg des Erwachens sein kann. -- Um
zu begreifen, da du nicht dein Krper bist, -- wie die Menschen von sich
whnen, -- mut du erkennen, mit welchen Waffen er kmpft, um die
Herrschaft ber dich zu behaupten. -- Jetzt stehst du freilich noch so tief
in seiner Gewalt, da dein Leben erlischt, wenn sein Herz aufhrt zu
schlagen, und du in Nacht versinkst, sobald er die Augen schliet. Du
glaubst, du knntest ihn bewegen, -- es ist eine Tuschung: nein, er bewegt
sich und nimmt nur deinen Willen zu Hilfe. Du glaubst, du schaffst
Gedanken: nein, er schickt sie dir, damit du meinst, sie kmen von dir, und
alles tust, was er will.

Setz' dich aufrecht hin und nimm dir vor, kein Glied zu rhren, mit keiner
Wimper zu zucken und regungslos zu bleiben wie eine Bildsule, und du wirst
sehen, da er haentbrannt augenblicklich ber dich herfllt und dich
zwingen will, ihm wieder untertan zu sein. -- Mit tausend Waffen wird er
auf dich losstrzen, bis du ihm wieder erlaubst, sich zu bewegen. -- An
seiner grimmigen Wut und der berstrzten Kampfesweise, mit der er Pfeil
auf Pfeil auf dich abschiet, kannst du ersehen, wenn du schlau bist, wie
bange ihm um seine Herrschaft sein mu und wie gro deine Macht, da er
sich so vor dir frchtet.

Aber es steckt dabei noch eine List von ihm dahinter: er will dich glauben
machen, da hier, im uern Willen, die Entscheidungsschlacht um das
Szepter geschlagen wird; nein, es sind nur Scharmtzel, die er dich, wenn's
sein mu, gewinnen lt, um dich dann um so tiefer unter's Joch zu beugen.

Diejenigen, die solches Geplnkel gewinnen, werden die rmsten Sklaven --
sie dnken sich Sieger und tragen auf der Stirn das Schandmal: 'Charakter'.

Deinen Krper zu bndigen, ist nicht der Zweck, den du verfolgst. Wenn du
ihm verbietest, sich zu bewegen, so sollst du es nur deshalb tun, damit du
die Krfte kennen lernst, ber die er gebietet. Es sind Heerscharen, fast
unberwindlich durch ihre Zahl. Er wird sie gegen dich in den Kampf
schicken, eine nach der andern, wenn du nicht nachlt, mit dem so einfach
scheinenden Mittel des Stillsitzens: zuerst die rohe Gewalt der Muskeln,
die beben und zittern wollen, -- das Sieden des Blutes, das dir den Schwei
ins Gesicht treibt, -- das Hmmern des Herzens, -- das Frsteln der Haut,
bis dein Haar sich strubt, -- das Schwanken des Leibes, das dich
durchfhrt, -- als habe die Schwerkraft die Achse verndert, -- sie alle
kannst du besiegen, -- scheinbar durch den Willen -- dennoch ist es nicht
der Wille allein: es ist in Wahrheit bereits ein hheres Wachsein, das
unsichtbar hinter ihm steht in der Tarnkappe.

Auch dieser Sieg ist wertlos; selbst, wenn du Herr wrdest ber Atmung und
Herzschlag, wrest du nur ein Fakir -- ein 'Armer' auf deutsch.

Ein 'Armer'! -- das sagt genug. -- -- --

Die nchsten Kmpfer, die dir dein Krper stellt, sind die ungreifbaren
Fliegenschwrme der Gedanken.

Gegen sie hilft das Schwert des Willens nichts mehr. Je wilder du nach
ihnen schlgst, desto wtender umschwirren sie dich, und glckt es dir nur
einen Augenblick, sie zu verscheuchen, so fllst du in Schlummer und bist
in anderer Form der Besiegte.

Ihnen Stillhalten zu gebieten ist vergebens; nur ein einziges Mittel gibt
es, ihnen zu entrinnen: die Flucht in ein hheres Wachsein.

Wie du das zu beginnen hast, mut du allein lernen.

Es ist ein vorsichtiges, immerwhrendes Tasten mit dem Gefhl und ein
eiserner Entschlu zugleich.

Das ist alles, was ich dir darber sagen kann. Jeder Rat, den dir fr
dieses qualvolle Ringen irgend jemand gibt, ist Gift. Hier liegt eine
Klippe, ber die dir kein anderer hinweghelfen kann als du selbst.

Es braucht dir nicht zu gelingen, die Gedanken fr _immer_ zu bannen, --
der Kampf mit ihnen dient nur dem einen Zweck: den Zustand hheren
Wachseins zu erklimmen.

Hast du diesen Zustand erlangt, naht das Reich der Gespenster, von dem ich
dir bereits gesprochen habe.

Gestalten, schreckhafte und solche in Strahlenglanz werden dir erscheinen
und dich glauben machen wollen, sie seien Wesen aus einer andern Welt. --
Es sind nur Gedanken in sichtbarer Form, ber die du noch nicht vllig
Macht besitzt!

Je erhabener sie sich gebrden, desto verderblicher sind sie, das merke
dir!

So mancher Irrglaube hat sich auf solchen Erscheinungen aufgebaut und die
Menschheit in die Finsternis zurckgerissen. Trotzdem steckt hinter jedem
dieser Phantome ein tiefer Sinn; sie sind nicht blo Bilder, sie sind fr
dich -- gleichgltig ob du ihre symbolische Sprache verstehst oder nicht --
die Merkmale der geistigen Entwicklungsstufen, auf denen du dich befindest.

Die Verwandlung deiner Mitmenschen in Gespenster, von der ich dir sagte,
da sie auf diesen Zustand folgen wird, birgt, wie alles auf geistigem
Gebiet, zugleich ein Gift und eine Heilkraft in sich.

Bleibst du dabei stehen, die Menschen _nur_ fr Gespenster zu halten, so
trinkst du blo das Gift und wirst wie jener, von dem es heit: 'hat er die
Liebe nicht, bleibt er leer wie tnendes Erz'. Findest du aber den
'tieferen Sinn' der in jedem dieser Menschenschemen verborgen liegt, so
siehst du mit dem Auge des Geistes nicht nur ihren lebendigen Kern, sondern
auch den deinen. Dann wird dir alles, was dir genommen worden, tausendfach
zurckgegeben wie dem Hiob; dann bist du -- wieder da, wo du warst, wie die
Trichten so gerne hhnen; -- sie wissen nicht, da es ein anderes ist,
wieder heimzukehren, wenn man lang in der Fremde war, als immer zu Hause
geblieben zu sein.

Ob dir, wenn du so weit vorgedrungen bist, jene Wunderkrfte, die die
Propheten des Altertums besessen haben, zuteil werden, oder du statt dessen
in den ewigen Frieden eingehen darfst, das wei niemand.

Solche Krfte sind ein freies Geschenk derer, die die Schlssel dieser
Geheimnisse bewahren.

Wenn du sie bekommst, um sie zu handhaben, geschieht es nur der Menschheit
wegen, die solcher Zeichen bedarf.

Unser Weg fhrt blo bis zur Stufe der Reife, -- bist du zu ihr gelangt, so
bist du auch wrdig, jenes Geschenk zu erhalten; ob man es dir gibt? Ich
wei es nicht.

Ein Phnix aber wirst du geworden sein -- so oder so; dies zu _erzwingen_,
steht in deiner Hand.

Ehe ich jetzt von dir Abschied nehme, sollst du noch erfahren, aus welchem
Zeichen du erkennen kannst, ob du einst in der Zeit der 'groen Tag- und
Nachtgleiche' berufen sein wirst, die Gabe der Wunderkrfte zu bekommen.
Hre:

Einer von denen, die die Schlssel der Geheimnisse der Magie bewahren, ist
auf der Erde zurckgeblieben und sucht und sammelt die Berufenen.

So, wie _er_ nicht sterben kann, so kann auch die Sage, die ber ihn in
Umlauf ist, nicht sterben. --

Die einen munkeln, er sei der 'Ewige Jude'; die andern nennen ihn Elias;
die Gnostiker behaupten, er wre Johannes der Evangelist; -- aber jeder,
der ihn gesehen haben will, schildert sein Aussehen anders. La dich
dadurch nicht beirren, falls du Menschen in der sprieenden Zeit der
Zukunft begegnen solltest, die auf solche Art von ihm erzhlen.

Es ist nur natrlich, da jeder ihn anders sieht: -- ein Wesen wie er, das
seinen Leib in Geist verwandelt hat, kann an keine starre Form mehr
gebunden sein.

Ein Beispiel wird dir erklren, da auch seine _Gestalt_ und sein _Gesicht_
nur Bilder sein knnen -- gespenstischer Schein, sozusagen, fr das, was er
in Wahrheit ist:

Nimm an, er erschiene dir als ein Wesen von grner Farbe. Grn ist an sich
keine wirkliche Farbe, trotzdem du sie sehen kannst, -- sie ist aus einer
Mischung von Blau und Gelb entstanden. -- Wenn du Blau und Gelb miteinander
innig vermengst, erhltst du Grn.

Jeder Maler wei das, -- da aber die Welt, die man um sich sieht,
gleicherweise im Zeichen der 'grnen' Farbe steht und in Wahrheit nicht das
ist, was sie zu sein scheint, nmlich: gelb und blau, -- das wissen die
wenigsten.

Erkenne du aus diesem Beispiel, da er, wenn er dir als ein Mann mit grnem
Antlitz begegnen sollte, sein wahres Gesicht dir trotzdem noch immer nicht
offenbar ist.

Wenn du ihn siehst als den, der er in Wirklichkeit ist: als ein
geometrisches Zeichen -- als ein Sigill am Himmel, das kein anderer schauen
kann als du allein, -- dann wisse: du bist berufen zum Wundertter.

Mir ist er begegnet als leibhaftiger Mensch, und ich habe meine Hand in
seine Seite legen drfen.

Sein Name war -- -- -- -- -- -- -- -- --

Hauberrisser erriet den Namen; er stand auf dem Blatt, das er bestndig bei
sich trug, -- es war der Name, der ihm immer wieder entgegensprang:

Chidher Grn.




Zwlftes Kapitel


Hauch der Verwesung in der Luft. Brutwarme sterbende Tage und neblige
Nchte. Das faulende Gras der Wiesen frhmorgens bedeckt mit den
schimmelweien Flecken der Spinnengewebe. Zwischen den braunvioletten
Schollen kalte, blinde Wasserpftzen, die der Sonne nicht mehr trauen; --
strohgelbe Blumen, denen die Kraft fehlt, das Gesicht zum glasklaren Himmel
zu erheben, -- taumelnde Schmetterlinge mit zerfetzten, entstaubten
Flgeln, -- in den Alleen der Stadt: die Bltter der Bume raschlig an
mrben Stielen.

Wie eine welkende Frau, die sich nicht genug tun kann an grellen Farben, um
ihr Alter zu verbergen, begann die Natur mit der bunten Schminke des
Herbstes zu prahlen.

                   *       *       *       *       *

Der Name Eva van Druysen war lngst vergessen in Amsterdam. Auch Baron
Pfeill zhlte sie zu den Toten und Sephardi trauerte um sie; nur in
Hauberrissers Brust konnte ihr Bild nicht sterben.

Aber er sprach nicht von ihr, wenn ihn bisweilen seine Freunde oder der
alte Swammerdam besuchen kamen.

Er war wortkarg und verschlossen geworden und unterhielt sich mit ihnen nur
mehr ber gleichgltige Dinge.

Mit keiner Silbe verriet er, da er sich in eine stille Hoffnung, Eva
trotzdem wiederzufinden, versponnen hatte, die von Tag zu Tag im
Verborgenen in ihm wuchs, -- denn er frchtete sich, es auszusprechen, als
zerrisse er damit ein feines Netz.

Nur Swammerdam gegenber lie er, wenn auch nicht in Worten, durchblicken,
wie es um ihn stand.

Seit jener Stunde, in der er die Tagebuchrolle zu Ende gelesen, war eine
Wandlung in ihm vorgegangen, die er selbst kaum begriff. Anfangs hatte er
die bung des Stillsitzens gemacht, wann sie ihm gerade einfiel, eine
Stunde, oder lnger oder krzer, und war daran gegangen teils neugierig,
teils mit der innerlich unglubigen Miene eines Menschen, der im Grunde
seiner Seele das bestndige, nchterne: Es fhrt ja doch zu nichts wie
einen Wahlspruch der Erfolglosigkeit mit sich herum schleppt.

Eine Woche spter hatte er die bung zwar auf eine Viertelstunde am Morgen
beschrnkt, aber er machte sie mit Aufgebot aller Kraft und um ihrer selbst
willen und nicht mehr in der ermdenden und jedesmal enttuschten
Erwartung, es msse sich irgend etwas wunderbares begeben. --

Bald wurde sie ihm unentbehrlich wie ein erfrischendes Bad, auf das er sich
schon freute, wenn er sich abends niederlegte.

Wohl schttelten ihn tagsber noch lange nach wie vor die Anflle wildester
Verzweiflung, wenn ihm pltzlich einfiel, da er Eva verloren habe, und er
wies die Zumutung, gegen solche Gedanken des Schmerzes auf magische Art
anzukmpfen -- und gewissermaen davon zu laufen vor der brennenden
Erinnerung an Eva, -- wie Egoismus, Lieblosigkeit und Selbstbelgung
zugleich jedesmal emprt von sich, aber eines Tages versuchte er es doch,
als das Leid so bermchtig geworden war, da er glaubte, Selbstmord
begehen zu mssen.

Er hatte sich der Vorschrift gem aufrecht hingesetzt und einen Zustand
hheren Wachseins zu erzwingen getrachtet, um der unertrglichen Folter der
Gramgedanken wenigstens fr Augenblicke zu entrinnen, -- und wider Erwarten
war es ihm gleich beim erstenmal merkwrdig gut gelungen. -- Ehe er noch in
den Zustand eintrat, hatte er geglaubt, er werde aus ihm mit Reue im Herzen
zurckkehren, um sich einem verdoppelten Schmerz freiwillig in die Arme zu
werfen, aber nichts von alledem geschah. -- Im Gegenteil: ein
unbegreifliches Gefhl der Sicherheit, an dem jeder noch so knstlich
hochgeschraubte Zweifel abprallte, erfllte ihn von da an, da Eva lebe und
in keinerlei Gefahr schwebe.

Wenn ihn die Gedanken an sie whrend des Tages wohl hundertmal berfallen
hatten, war es wie Schlge mit glhenden Peitschen gewesen, -- jetzt
empfand er sie, wenn sie kamen, wie jubelnde Botschaft, da Eva in der
Ferne an ihn denke und ihm Gre schicke. Was frher Schmerz gewesen, hatte
sich urpltzlich in eine Quelle der Freude verwandelt.

So hatte er durch die bung eine Zufluchtssttte in seinem Innern
geschaffen, in die er sich jederzeit zurckziehen konnte, um immer neue
Zuversicht und jenes geheimnisvolle Wachstum zu finden, das denen, die es
nicht aus Erfahrung kennen lernen, das ganze Leben hindurch, so oft sie
auch davon hren, ein totes, leeres Wort bleiben wird.

Bevor er den neuen Zustand gekannt, hatte er geglaubt, wenn er dem Schmerz
um Eva entfliehe, werde es nur ein rascheres Vernarben der Wunden seiner
Seele sein -- ein Beschleunigen des gewissen Heilungsprozesses, mit dem die
Zeit allen Menschen das Leid lindert, -- und er hatte sich mit allen Fasern
gegen ein solches Genesen gestrubt, wie jeder es tut, der klar
voraussieht, da ein Verklingen des Kummers um den Verlust einer geliebten
Person auch das Verblassen ihres Bildes, von dem er nicht lassen mchte, in
sich schliet.

Aber ein schmaler, blumenbestreuter Fupfad zwischen diesen beiden Klippen,
von dessen Mglichkeit er frher nichts geahnt, hatte sich ihm ganz wie von
selbst erschlossen: das Bild Eva's war nicht in den Staub der Vergangenheit
hinabgesunken, wie er gefrchtet hatte, -- nein, nur der Schmerz allein war
verschwunden; Eva selbst, statt ihres von seinen Trnen umflort gewesenen
Bildes, war auferstanden, und er konnte in Minuten ruhevollen innern
Verweilens ihre Nhe so deutlich spren, als stnde sie leibhaftig bei ihm.

Es kamen, je mehr er sich von der Auenwelt zurckzog, mitunter Stunden
eines so tiefen Glckes ber ihn, wie er es niemals fr mglich gehalten
htte, in denen sich Erkenntnis an Erkenntnis reihte und er immer klarer
und klarer begriff, da es wirkliche Wunder innerer Erlebnisse gab, gegen
die sich die Vorgnge des uern Daseins nicht nur scheinbar, wie er frher
stets gedacht, sondern tatschlich wie Schatten zu Licht verhielten.

Das Gleichnis vom Phnix als dem Adler der ewigen Verjngung wurde ihm
tglich eindrucksvoller -- erschlo ihm immer neue Bedeutung -- lie ihn
den merkwrdigen Unterschied zwischen lebendigen und toten Symbolen in
ungeahnter Flle erfassen.

Alles was er suchte, schien in diesem unerschpflichen Sinnbild enthalten
zu sein.

Es lste ihm Rtsel wie ein allwissendes Wesen, das er nur zu befragen
brauchte, um die Wahrheit zu erfahren.

So hatte er zum Beispiel bei seinen Bemhungen, Herr ber das Kommen und
Gehen seiner Gedanken zu werden, bemerkt, da es ihm manchmal vortrefflich
gelang, aber wenn er dann glaubte, die Art und Weise, wie er es zuwege
gebracht, genau zu wissen, fand er am nchsten Tage keine Spur mehr von
Erinnerung daran in seinem Gedchtnis vor. Es war wie ausgewischt in seinem
Hirn und er mute scheinbar wieder von vorne anfangen, um eine neue Methode
zu ersinnen. --

Der Schlummer des Krpers hat mich der gepflckten Frucht beraubt, hatte
er sich in solchen Fllen gesagt und um dem vorzubeugen, beschlossen, sich
nicht mehr schlafen zu legen, so lange es irgend ginge, bis er eines
Morgens von dem Einfall erhellt wurde, da dieses sonderbare Verschwinden
aus seiner Erinnerung nichts anderes war als die Verbrennung zu Asche,
aus der der Phnix immer wieder _verjngt_ erstehen msse, -- da es
irdisch und vergnglich sei, sich _Methoden_ zu schaffen und merken zu
wollen -- da nicht ein zustande gebrachtes Gemlde das Wertvolle ist, wie
Pfeill es in Hilversum ausgedrckt hatte, sondern das Malen_knnen_.

Seit er diesen Einblick gewonnen hatte, war ihm die Bewltigung der
Gedanken ein bestndiger Genu geworden, statt ein erschpfendes Ringen zu
sein, und er klomm von Stufe zu Stufe, ohne es zu bemerken, bis er
pltzlich zu seinem Erstaunen wahrnahm, da er bereits den Schlssel zu
einer Herrschaft besa, von deren bloer Mglichkeit er sich nicht einmal
hatte trumen lassen. -- Es ist, als wre ich bisher von Gedanken
umschwrmt gewesen wie von Bienen, die sich von mir Futter holten -- hatte
er es Swammerdam erklrt, mit dem er sich damals noch ber derlei innere
Erlebnisse auszusprechen pflegte -- jetzt kann ich sie aussenden mit
meinem Willen und sie kommen mit Einfllen wie mit Honig beladen zu mir
zurck. Frher haben sie mich beraubt, -- jetzt bereichern sie mich.

Fast in denselben Worten las er zufllig eine Woche spter einen hnlichen
geistigen Vorgang in der Tagebuchrolle geschildert und erkannte daraus zu
seiner Freude, da er, ohne belehrt worden zu sein, den richtigen Weg zur
Entwicklung eingeschlagen hatte.

Die Seiten, auf denen es gestanden hatte, waren vorher durch Schimmel und
Feuchtigkeit zusammen geklebt gewesen; -- unter dem Einflu der
Sonnenstrahlen am Fenster, vor dem sie lagen, hatten sie sich voneinander
gelst.

Auch in seinem Denken, fhlte er, war etwas hnliches geschehen.

Er hatte in den letzten Jahren vor und whrend des Krieges mancherlei ber
sogenannte Mystik gehrt und gelesen und alles, was damit zusammenhing,
unwillkrlich mehr oder weniger mit dem Begriff Unklarheit vereinigt,
denn was er darber erfahren konnte, trug immer den Stempel des
Verschwommenen und glich den Ekstasen eines Opiumrausches. -- Er hatte sich
zwar in seinem Urteil nicht geirrt, da das, was unter dem Namen Mystik in
aller Mund war, wirklich nichts anderes bedeutete als ein Umhertappen im
Nebel, aber jetzt sah er ein, da es auch einen wahren mystischen Zustand
gab, -- schwer zu finden und noch schwerer zu erringen -- der nicht nur
hinter der Wirklichkeit der tglichen Daseinserfahrung nicht zurckblieb,
sondern sie an Lebendigkeit weit bertraf. --

Da war nichts mehr, was an die verdchtigen Wonnen der mystisch
Verzckten gemahnte, -- kein demtiges Gewinsel mehr um eine selbstschtige
Erlsung, die, um an Glanz zu gewinnen, als blutigen Hintergrund den
Anblick der zu ewigen Hllenstrafen verdammten Frevler bentigt, -- aber
auch die sattgefressene schmatzende Zufriedenheit einer viehischen Menge,
die auf dem Boden der Wirklichkeit zu stehen vermeint, wenn sie rlpsend
verdaut, war verschwunden wie ein widerwrtiger Traum.

                   *       *       *       *       *

Hauberrisser hatte das Licht abgedreht, sa vor seinem Tisch und wartete.
Wartete in die Finsternis hinein.

Vor dem Fenster hing die Nacht als schweres, dunkles Tuch.

Er fhlte, da Eva bei ihm stand, aber er konnte sie nicht sehen. --

Wenn er die Augen schlo, wogten Farben wie Wolken hinter seinen Lidern,
lsten sich auf und ballten sich wieder zusammen; er wute aus den
Erfahrungen, die er gesammelt, da sie der Stoff waren, aus dem er sich
Bilder schaffen konnte, wenn er wollte, -- Bilder, die anfangs starr und
leblos schienen, dann aber, wie von einer rtselhaften Kraft beseelt, ein
selbstndiges Leben bekamen, als seien sie Wesen gleich ihm.

Vor wenigen Tagen war es ihm zum erstenmal geglckt, auch Evas Gesicht in
dieser Weise zu formen und lebendig zu machen, und er hatte geglaubt, auf
dem richtigen Wege zu sein, auf eine neue geistige Art mit ihr
zusammenzukommen, bis er sich an die Stelle in der Tagebuchrolle ber die
Halluzinationen der Hexen erinnerte und begriff, da hier das uferlose
Reich der Gespenster begann, in das er nur einzutreten brauchte, um nie
wieder zurckzufinden.

Je mehr seine Kraft, die verborgenen unerkannten Wnsche seines Innern in
Bilder umzugestalten, wuchs, desto grer, fhlte er, mute auch die Gefahr
fr ihn werden, auf einen Pfad abzuirren, von dem es keine Heimkehr mehr
gab.

Mit einem Gefhl des Grauens und brennender Sehnsucht zugleich dachte er an
die Minuten zurck, wo es ihm gelungen war, Evas Phantom
heraufzubeschwren. -- Anfangs war es grau und schattenhaft gewesen, dann
hatte es langsam Farbe und Leben bekommen, bis es vor ihm gestanden -- so
deutlich wie aus Fleisch und Blut.

Jetzt noch fhlte er die Eisesklte, die seinen Krper damals ergriffen,
als er von magischem Instinkt getrieben, den Versuch gewagt hatte, auch
seine brigen Sinne -- Gehr und Gefhl -- an der Vision teilnehmen zu
lassen.

Oft und oft hatte er sich seitdem auf dem Wunsch ertappt, das Bild nochmals
vor seinen Blick zu zaubern, und immer seine ganze Kraft aufbieten mssen,
um der Lockung zu widerstehen.

                   *       *       *       *       *

Die Nacht schritt vor, aber er konnte sich nicht entschlieen, schlafen zu
gehen; bestndig umkreiste ihn das dumpfe Ahnungsgefhl, es mte auch ein
magisches Mittel geben, Eva zu rufen, da sie zu ihm kme -- nicht wie
damals als vampyrhafter Schemen, belebt von dem Hauch seiner eignen Seele,
nein: leibhaftig und wirklich.

Er sandte seine Gedanken aus, damit sie mit neuen Eingebungen, wie er es
anzufangen htte, beladen zu ihm zurckkehren mchten; er wute aus seinen
Fortschritten in den letzten Wochen, da diese Methode des Aussendens von
Fragen und beharrlichen Wartens auf Antwort -- dieses klarbewute Wechseln
von aktivem und passivem Zustand -- selbst dann nicht zu versagen brauchte,
wenn es sich um Dinge handelte, die durch logischen Denkproze
herauszufinden unmglich war.

Einfall auf Einfall scho ihm durch den Kopf, einer krauser und
phantastischer als der andere; er prfte sie mit der Wage seines Gefhls:
jeder wurde zu leicht befunden.

Wieder war es der Schlssel des Wachseins, der das verborgene Schlo
aufsperren half.

Nur mute diesmal -- erriet er instinktiv -- sein Krper und nicht das
Bewutsein allein zu hherer Lebendigkeit erregt werden; im _Krper_ lagen
die magischen Krfte schlafend, _sie_ mute er erwecken, wenn er auf die
stoffliche Welt einwirken wollte.

Wie ein belehrendes Beispiel fiel ihm ein, da die Wirbeltnze der
arabischen Derwische im Grunde wohl auch nichts anderes bezweckten, als den
Krper zu einem hheren Wachsein aufzupeitschen.

Er legte -- wie unter einer Eingebung -- die Hnde auf die Knie und setzte
sich aufrecht hin in der Stellung der gyptischen Gtterstatuen, die mit
dem unbeweglichen Ausdruck ihrer Gesichter ihm pltzlich als die Sinnbilder
magischer Gewalt erschienen, -- zwang seinen Krper zu totenhafter Ruhe und
schickte zugleich einen erregenden Feuerstrom von Willenskraft durch jede
Faser des Leibes.

Schon nach wenigen Minuten durchtobte ihn ein Sturm von beispielloser Wut.

Wahnwitziges Durcheinanderschreien von menschen- und tierhnlichen Stimmen,
wtendes Gebell von Hunden und das schrille Krhen zahlloser Hhne gellte
durch sein Hirn; im Zimmer brach ein Tumult los, als berste das Haus; --
metallenes Drhnen von Gongschlgen, als lute die Hlle den Jngsten Tag
ein, vibrierte durch seine Knochen, da er glaubte, er msse in Staub
zerfallen, die Haut brannte ihn wie ein Nessosgewand, -- aber er bi die
Zhne zusammen und gestattete seinem Krper nicht die geringste Bewegung.

Unablssig, mit jedem Herzschlag, rief er dabei nach Eva.

Eine Stimme, leise, kaum geflstert und doch den Lrm durchdringend wie
eine spitzige Nadel, warnte ihn, nicht mit Krften zu spielen, deren Gewalt
er nicht kenne -- die zu beherrschen er noch nicht reif sei -- die ihn
jeden Augenblick in unheilbares Irresein strzen knnten, -- er hrte nicht
darauf. --

Immer lauter und lauter wurde die Stimme, so laut, da es schien, als sei
ringsum das Getse in weite Ferne gerckt, -- sie schrie ihn an, er solle
umkehren, -- wohl msse Eva kommen, wenn er nicht aufhre, mit den
entfesselten lichtlosen Krften der Unterwelt nach ihr zu rufen, aber da
ihr Leben, wenn sie kme, ehe die Zeit ihrer geistigen Entwicklung um sei,
noch in derselben Stunde verlschen werde wie das Licht einer Kerze, und er
selbst sich damit eine Brde des Schmerzes auflde, die er nicht werde
tragen knnen, -- -- er bi die Zhne zusammen und hrte nicht hin. -- Die
Stimme suchte ihn mit Vernunftgrnden zu berzeugen, da Eva doch lngst zu
ihm gekommen wre oder ihm eine Nachricht geschickt htte, wo sie sei, wenn
es htte sein drfen, -- er habe doch den Beweis, da sie lebe und ihm
stndlich Gedanken voll heier Liebe sende, aus dem untrglichen Gefhl
ihrer Nhe, das er Tag fr Tag empfinde, -- -- er hrte nicht darauf und
rief und rief.

Die verzehrende Sehnsucht, Eva in seine Arme zu schlieen, und wre es nur
fr einen kurzen Augenblick, hatte ihm jede Besinnung geraubt.

Pltzlich verstummte der Tumult und er sah, da das Zimmer taghell
erleuchtet war.

Mitten darin, wie aus den Dielen gewachsen, ragte -- fast bis zur Decke
empor und einen Querbalken am oberen Ende -- aus dem Boden ein modriger
hlzerner Pfosten wie ein enthauptetes Kreuz.

Mit dem Kopf von dem Querbalken herabhngend, war eine armdicke,
hellgrnschillernde Schlange herumgewunden und blickte ihn mit lidlosen
Augen an.

Ihr Gesicht -- die Stirn mit einem schwarzen Fetzen umwickelt -- glich dem
einer menschlichen Mumie; die Haut der Lippen, eingetrocknet und dnn wie
Pergament, war straff ber die morschen gelblichen Zhne gespannt.

Trotz der leichenhaften Verzerrung der Zge erkannte Hauberrisser in ihnen
eine entfernte hnlichkeit mit dem Antlitz Chidher Grns, wie es einst in
dem Laden der Jodenbreestraat vor ihm gestanden hatte.

Das Haar vor Entsetzen gestrubt und mit stockendem Puls horchte er auf die
Worte, die langsam und silbenweise in pfeifenden, halblauten, seltsam
halbierten Tnen aus dem verwesten Munde hervorbrckelten:

W--as wil--lst du von mir?

Einen Augenblick lhmte ihn ein furchtbares Grauen, -- er fhlte das Lauern
des Todes hinter sich -- glaubte, eine schwarze, scheuliche Spinne ber
den Glanz der Tischplatte huschen zu sehen, -- -- dann schrie sein Herz den
Namen Eva.

Im Nu lag das Zimmer wieder in Finsternis und, als er sich schweigebadet
zur Tr tastete und das elektrische Licht aufdrehte, war das gekpfte
Holzkreuz mit der Schlange daran verschwunden.

Er hatte das Gefhl, als sei die Luft vergiftet, -- er konnte kaum mehr
atmen -- die Gegenstnde drehten sich vor seinen Augen. -- --

Es mu, es mu, es _mu_ eine Fiebervision gewesen sein! suchte er sich
vergebens zu beruhigen, aber die drosselnde Angst: alles, was er soeben
gesehen, habe sich buchstblich und greifbar hier im Zimmer abgespielt,
lie ihn nicht los.

Eisige Schauer liefen ihm ber den Rcken, wenn er sich an die warnende
Stimme erinnerte; -- schon der bloe Gedanke an die Mglichkeit, sie knne
wieder aufwachen und ihm zuschreien, er htte durch seine wahnwitzigen
magischen Experimente Eva wirklich gerufen und damit in Lebensgefahr
gestrzt, verbrannte ihm das Gehirn.

Er glaubte ersticken zu mssen, bi sich in die Hand, hielt sich die Ohren
zu, rttelte an den Sesseln, um wieder zu sich zu kommen, ri das Fenster
auf und sog die kalte Nachtluft ein -- -- es half nichts: die innere
Gewiheit, in der geistigen Welt der Ursachen etwas angerichtet zu haben,
was sich nicht mehr gut machen lie, blieb bestehen.

Wie toll gewordene Bestien fielen die Gedanken, deren er fr immer Herr
geworden zu sein, hochmtig geglaubt hatte, ber ihn her, -- da ntzte kein
Stillsitzenwollen mehr.

Auch die Methode des Erwachens versagte.

Es ist Wahnsinn, Wahnsinn, Wahnsinn, wiederholte er krampfhaft vor sich
hin mit zusammengebissenen Zhnen und raste dabei im Zimmer auf und ab:
nichts ist geschehen! Es war eine Vision! -- nichts weiter! Ich bin ja
verrckt! Einbildung! Einbildung! Die Stimme hat mich belogen und auch die
Erscheinung war nicht wirklich! Wo htte denn das Holz mit der Schlange
herkommen sollen, -- und -- und die Spinne! --

Er zwang sich -- mit verzerrtem Mund laut aufzulachen. -- -- -- Die
Spinne!! -- Warum ist sie denn jetzt nicht mehr da? versuchte er sich
selbst zu verhhnen; er zndete ein Streichholz an, um unter den Tisch zu
leuchten, -- fand in der unbestimmten Furcht, die Spinne knnte als
berbleibsel des spukhaften Erlebnisses wirklich noch vorhanden sein, den
Mut nicht, hinzusehen. -- -- -- -- --

Wie befreit atmete er auf, als er von den Trmen drei Uhr schlagen hrte,
-- -- Gott sei Dank, die Nacht geht vorber.

Er trat ans Fenster, beugte sich hinaus und blickte lange in die neblige
Finsternis, um, wie er _glaubte_, nach den ersten Zeichen des nahenden
Morgens zu sphen, -- -- dann wurde ihm pltzlich der wahre Grund klar,
weshalb er es tat: er hatte sich dabei ertappt, da er mit angespannten
Sinnen lauschte, _ob Eva denn noch immer nicht kme_!

Meine Sehnsucht nach ihr ist so bermchtig geworden, da mir die
Phantasie bei wachem Bewutsein die Truggestalten eines Albtraumes
vorgegaukelt hat, suchte er sich zu beschwichtigen, als er wieder im
Zimmer auf und nieder schritt und sich abermals die Hand der Qual nach ihm
ausstrecken wollte, -- da blieb sein Blick auf einem dunkeln Fleck im
Fuboden haften, den er sich nicht entsinnen konnte, jemals frher bemerkt
zu haben.

Er bckte sich und sah, da an der Stelle, wo seiner Erinnerung nach das
enthauptete Kreuz mit der Schlange gestanden hatte, das Holz der Dielen
verfault war.

Sein Atem stockte. Undenkbar, da der Fleck immer schon hier gewesen sein
sollte! -- -- --

Ein lauter Schlag, wie einmaliges Klopfen ri ihn aus seiner Betubung.

Eva?

Da! Wieder!

Nein, unmglich konnte es Eva sein: eine wuchtige Faust hmmerte ungestm
gegen die Haustr.

Er lief zum Fenster und rief in die Dunkelheit hinab, wer da sei.

Keine Antwort.

Dann wieder, nach einer Weile, dasselbe hastige, ungeduldige Klopfen.

Er griff nach der rotsammtnen Quaste des Strickes, der durch die Zimmerwand
hindurch ber die steile Treppe hinunter zum Tordrcker fhrte, und zog
daran.

Die Riegel knallten.

Dann Totenstille.

Er lauschte. -- -- Niemand.

Nicht das leiseste Gerusch im Stiegenhaus.

Endlich: knisterndes, kaum hrbares Rascheln, als taste drauen eine Hand
nach der Klinke.

Gleich darauf ffnete sich die Stubentr und der Neger Usibepu, barfu und
das schsselfrmig in die Hhe gebrstete Haar feucht von der Nsse des
Nebels, kam schweigend herein.

Unwillkrlich suchte Hauberrisser nach einer Waffe, aber der Zulu nahm
nicht die geringste Notiz von ihm -- schien ihn nicht einmal zu sehen --
ging mit leisen zgernden Schritten, den Blick starr auf den Boden
geheftet, die Nstern weit offen und in steter zitternder Bewegung, wie ein
schnuppernder Hund um den Tisch herum. --

Was wollen Sie hier? schrie ihn Hauberrisser an -- er gab keine Antwort
-- wandte kaum den Kopf.

Seine tiefen rchelnden Atemzge verrieten, da er wie ein Nachtwandler
vollkommen bewutlos war.

Pltzlich schien er gefunden zu haben, was er suchte, denn er nderte seine
Richtung, -- ging, das Gesicht tief herabgeneigt, auf die verfaulte Stelle
zu und blieb vor ihr stehen.

Dann wanderte sein Blick wie an einer unsichtbaren Linie langsam nach oben
und blieb in der Luft hngen. -- Die Geste war so lebendig und berzeugend
gewesen, da auch Hauberrisser einen Moment lang glaubte, das enthauptete
Kreuz wieder aus dem Boden wachsen zu sehen.

Er konnte nicht lnger daran zweifeln, da es die Schlange war, die der
Neger wahrnahm, denn seine Augen blieben emporgerichtet, fest auf einen
Punkt gebannt, und die wulstigen Lippen bewegten sich murmelnd, als rede er
mit ihr. Der Ausdruck seiner Miene wechselte ununterbrochen von brennender
Begierde zu leichenhafter Erschpfung, von wilder Freude zu lodernder
Eifersucht und unbezhmbarer Wut.

Das unhrbare Gesprch schien zu Ende zu sein: er wandte den Kopf der Tr
zu und kauerte sich auf den Boden nieder. --

Hauberrisser sah, da er, wie von einem Krampf ergriffen, den Mund aufri,
die Zunge weit hervorstie, sie mit einem Ruck wieder zurckzog und mit
einem gurgelnden Laut -- nach dem Wrgen der Kehlmuskeln zu schlieen,
verschluckte. --

Seine Augpfel drehten sich zitternd allmhlich aufwrts unter die offenen
Lider und aschgraue Totenfarbe berzog sein Gesicht.

Hauberrisser wollte auf ihn zueilen und ihn wachrtteln, aber eine
bleierne, unerklrliche Mdigkeit hielt ihn gelhmt im Sessel fest; er
konnte kaum den Arm heben. -- Die Starrsucht des Negers hatte ihn
angesteckt.

Wie ein qulendes Traumbild, das aus der Zeit herausgefallen ist und
unverrckbar bestehen bleibt, lag das Zimmer mit der regungslosen dunkeln
Gestalt darin vor seinem Blick; das eintnige Pendel seines Herzens war das
einzige, das er noch als Leben empfand -- selbst die Angst um Eva war
verschwunden.

Wiederholt hrte er die Uhren von den Trmen drhnen, aber er war nicht
imstande, die einzelnen Schlge zu zhlen: -- der betubende Halbschlaf
schob jedesmal die Dauer einer Ewigkeit zwischen sie.

Stunden mochten vergangen sein, da begann sich der Zulu endlich zu regen.

Hauberrisser sah wie durch einen Schleier hindurch, da er aufstand und,
noch immer in tiefer Trance, das Zimmer verlie; -- mit Aufgebot aller
seiner Krfte sprengte er den lethargischen Zustand und lief ihm nach die
Treppe hinunter. Aber der Neger war bereits verschwunden -- das Haustor
stand weit offen -- der dichte, undurchdringliche Nebel hatte jede Spur von
ihm eingeschluckt. --

Schon wollte er wieder umkehren, da hrte er pltzlich einen leichten
Schritt und im nchsten Augenblick -- -- trat Eva aus dem weilichen Dunst
auf ihn zu.

Mit einem Aufschrei des Entzckens schlo er sie in die Arme, aber sie
schien vllig erschpft zu sein und kam erst wieder zu sich, nachdem er sie
ins Haus getragen und behutsam in einen Sessel gebettet hatte. -- -- -- --

Dann hielten sie sich lange, lange mit klopfenden Herzen umschlungen, --
unfhig, das berma ihres Glckes zu fassen.

Er lag vor ihr auf den Knien, stumm, keines Wortes mchtig, und sie hielt
sein Gesicht in heier Zrtlichkeit zwischen ihren Hnden und bedeckte es
wieder und wieder mit glhenden Kssen.

Die Vergangenheit war ihm ein vergessener Traum; jede Frage, wo sie die
ganze lange Zeit ber gewesen und wie alles gekommen sei, erschien ihm als
Raub an der Gegenwart.

Ein Strom von Tnen flutete ins Zimmer: die Glockenspiele der Kirchen waren
erwacht -- sie hrten es nicht; das fahle Zwielicht des Herbstmorgens stahl
sich durch die Scheiben -- sie sahen es nicht -- -- sahen nur sich. Er
streichelte ihre Wangen, kte ihr die Hnde, die Augen, den Mund, atmete
den Duft ihres Haares -- wollte noch immer nicht glauben, da es
Wirklichkeit war und er ihr Herz an seinem schlagen fhlte. -- -- --

Eva! Eva! Geh nie wieder von mir! -- seine Worte erstickten in einer Flut
von Kssen.

Sag, da du nie wieder von mir gehen willst, Eva!

Sie legte die Arme um seinen Hals, schmiegte ihre Wange an seine -- --:
Nein, nein, ich bleibe fr immer bei dir. Auch im Tod. -- Ich bin so
glcklich, so unsagbar glcklich, da ich zu dir gehen durfte.

Eva, Eva, sprich nicht vom Tod! schrie er auf -- ihre Hnde waren
pltzlich kalt geworden.

Eva!

Frchte dich nicht, -- ich kann nicht mehr von dir gehen, Geliebter. --
Die Liebe ist strker als der Tod -- Er hat es gesagt -- Er lgt nicht! --
Ich bin tot gelegen und Er hat mich lebendig gemacht. -- Er wird mich immer
wieder lebendig machen, auch wenn ich sterben sollte -- sie redete wie im
Fieber, er hob sie auf, trug sie auf sein Bett. -- Er hat mich gepflegt,
als ich krank lag; wochenlang war ich wahnsinnig und hab mit den Hnden an
dem roten Riemen, den der Tod um den Hals trgt, in der Luft zwischen
Himmel und Erde gehangen; -- Er hat ihm das Halsband zerrissen! -- Seitdem
bin ich frei. -- Hast du nicht gefhlt, da ich stndlich bei dir war? --
-- Warum -- warum -- rasen die Stunden so? -- die Stimme versagte ihr --
-- -- La mich -- la mich dein Weib werden! -- Ich will Mutter sein, wenn
ich wieder zu dir komme. -- -- --

Sie umschlangen sich in wilder, grenzenloser Liebe -- versanken mit
schwindenden Sinnen in einem Meer von Glck.

                   *       *       *       *       *

Eva!

Eva!

Kein Laut.

Eva! Hrst du mich nicht? -- er ri die Vorhnge des Bettes auseinander,
-- -- -- Eva! -- -- -- Eva! -- -- fate ihre Hand: sie fiel leblos
zurck. Er fhlte nach ihrem Herzen: es schlug nicht mehr. Ihre Augen waren
gebrochen.

Eva, Eva, Eva! -- mit einem grlichen Schrei fuhr er empor, taumelte zum
Tisch -- Wasser! -- Wasser holen! -- strzte zusammen wie von einer Faust
vor die Stirn getroffen, -- Eva! -- das Glas zerbrach, zerschnitt ihm die
Finger, er sprang wieder auf, raufte sich das Haar, lief zum Bett, --
Eva! -- wollte sie an sich reien, sah das Lcheln des Todes in ihrem
erstarrten Gesicht und sank wimmernd mit dem Kopf auf ihre Schulter nieder.
-- -- -- --

Unten auf der Strae klappert jemand mit blechernen Eimern. -- Die
Milchfrau! -- Ja, ja, natrlich. -- Klappert. Die Milchfrau. -- Klappert
-- er fhlte, da pltzlich sein Denken erloschen war, -- hrte ein Herz
klopfen dicht in seiner Nhe -- zhlte die ruhigen, regelmigen Schlge --
wute nicht, da es sein eignes war. -- Mechanisch liebkoste er die langen,
blonden, seidenen Strhnen, die vor seinen Augen auf den weien Kissen
lagen. -- -- Wie schn sie sind! -- Warum tickt eigentlich die Uhr
nicht? -- Er hob den Blick. -- Die Zeit steht still. -- Natrlich. Es
ist ja noch nicht Tag. -- Und da drben auf dem Schreibtisch liegt eine
Schere -- und -- und die zwei Leuchter daneben brennen. -- Warum habe ich
sie denn angezndet? -- Ich hab' vergessen, sie auszulschen, als der
Neger fortging. -- Freilich. -- Und dann war keine Zeit mehr dazu, --
weil Eva -- kam -- _Eva_?? -- -- Sie ist -- sie ist doch tot! Tot!
winselte es in seiner Brust auf. -- Die Flammen frchterlichsten,
unertrglichen Schmerzes schlugen ber ihm zusammen. --

Ein Ende machen! Ein -- Ende -- machen! -- Eva! -- Ich mu ihr nach. --
Eva! Eva! Warte auf mich! -- Eva, ich mu dir nach! -- keuchend strzte
er auf den Schreibtisch los, packte die Schere, wollte sie sich ins Herz
stoen -- hielt inne: -- nein, der Tod ist zu wenig! Blind will ich aus
dieser verfluchten Welt gehen! er spreizte die Spitzen auseinander, um sie
sich, wahnsinnig vor Verzweiflung, in die Augen zu rennen, da schlug eine
Hand so heftig auf seinen Arm, da die Schere klirrend zu Boden fiel.

=Willst du ins Reich der Toten gehen, um die Lebendigen zu suchen?= --
Chidher Grn stand vor ihm, wie einst im Laden in der Jodenbuurt: mit
schwarzem Talar und weien Schlfenlocken. -- =Glaubst du, 'drben' ist
die Wirklichkeit? Es ist nur das Land vergnglicher Wonnen fr blinde
Gespenster, so wie die Erde das Land vergnglicher Schmerzen fr die
blinden Trumer ist! Wer nicht auf der Erde das 'Sehen' lernt, drben lernt
er's gewi nicht. -- Meinst du, weil ihr Krper wie tot liegt,= -- er
deutete auf Eva, -- =knne sie nicht mehr auferstehen? Sie ist lebendig,
_nur du_ bist noch tot. Wer einmal lebendig geworden ist wie sie, kann
nicht mehr sterben, -- wohl aber kann einer, der tot ist wie du, lebendig
werden.= -- Er griff nach den beiden Lichtern und stellte sie um: das
linke nach rechts und das rechte nach links, und Hauberrisser fhlte sein
Herz nicht mehr schlagen, als sei es pltzlich aus der Brust verschwunden.
-- =So, wirklich, wie du jetzt deine Hand in meine Seite legen kannst, so
wirklich wirst du mit Eva vereint sein, wenn du erst das neue geistige
Leben hast. -- -- Da die Menschen glauben werden, sie sei gestorben, --
was braucht's dich zu kmmern? -- Man kann von den Schlafenden nicht
verlangen, da sie die Erwachten sehen.=

=Du hast nach der vergnglichen Liebe gerufen= -- er wies nach der Stelle,
wo das enthauptete Kreuz gestanden hatte, fuhr mit dem Fu ber den
vermoderten Fleck im Boden und der Fleck verschwand -- =ich habe dir die
vergngliche Liebe gebracht, denn ich bin nicht auf der Erde geblieben, um
zu _nehmen_: ich bin geblieben, um zu _geben_ -- jedem das, wonach er sich
sehnt. Nur wissen die Menschen nicht, wonach ihre Seele sich sehnt; wten
sie's, so wren sie sehend.=

=Du hast im Zauberladen der Welt nach neuen Augen begehrt, um die Dinge der
Erde in einem neuen Licht zu sehen -- erinnere dich: habe ich dir nicht
gesagt, du mtest dir erst die alten Augen aus dem Kopfe weinen, ehe du
neue bekommen knntest?=

=Du hast nach Wissen begehrt: ich habe dir das Tagebuch eines der Meinigen
gegeben, der hier in diesem Hause gelebt hat, als sein Krper noch
verweslich war.=

=Eva hat sich nach _unvergnglicher_ Liebe gesehnt: ich habe sie ihr
gegeben -- und werde sie um ihretwillen auch dir geben. Die vergngliche
Liebe ist eine gespenstische Liebe.=

=Wo ich auf Erden eine Liebe keimen sehe, die ber die Liebe zwischen
Gespenstern hinauswchst, da halte ich meine Hnde wie schirmende ste ber
sie zum Schutz gegen den frchtepflckenden Tod, denn ich bin nicht nur das
Phantom mit dem grnen Gesicht -- ich bin auch Chidher, der Ewig Grnende
Baum.=

                   *       *       *       *       *

Als die Haushlterin, Frau Ohms, am Morgen mit dem Frhstck das Zimmer
betrat, sah sie zu ihrem Schrecken die Leiche eines schnen jungen Mdchens
im Bette liegen und Hauberrisser kniend davor, die Hand der Toten an sein
Gesicht gedrckt.

Sie schickte einen Boten zu seinen Freunden, und als Pfeill und Sephardi
kamen und ihn, im Glauben, er sei bewutlos, aufheben wollten, fuhren sie
entsetzt zurck vor dem lchelnden Ausdruck seines Gesichts und dem Glanz
in seinen Augen.




Dreizehntes Kapitel


Dr. Sephardi hatte Baron Pfeill und Swammerdam gebeten, in seine Wohnung zu
kommen.

ber eine Stunde schon saen sie im Bibliothekzimmer beisammen.

Es war bereits tiefe Nacht geworden, -- sie sprachen ber Mystik und
Philosophie, ber Kabbala, ber den seltsamen Lazarus Eidotter, der schon
vor lngerer Zeit aus der rztlichen Beobachtungszelle entlassen worden war
und sein Spirituosengeschft weiterfhrte, -- aber immer wieder kehrte das
Thema auf Hauberrisser zurck.

Morgen sollte Eva begraben werden.

Es ist schrecklich! Der arme, arme Mensch! rief Pfeill, erhob sich und
ging unruhig auf und ab; -- mir wird hei und kalt, wenn ich mich in seine
Lage hinein denke. -- Er blieb stehen und blickte Sephardi an: sollten
wir nicht doch noch zu ihm gehen und ihm Gesellschaft leisten? Was meinen
_Sie_, Swammerdam? -- Halten Sie es wirklich fr vollkommen ausgeschlossen,
da er aus der unbegreiflichen Ruhe, in die er versunken ist, wieder
aufwacht? Wenn er pltzlich zu sich kommt und in seinem Schmerz und seiner
Verlassenheit -- -- -- --

Swammerdam schttelte den Kopf: -- Seien Sie ohne Sorge um ihn, Herr
Baron! -- Die Verzweiflung kann nicht mehr an ihn heran; Eidotter wrde
sagen: die Lichter in ihm sind umgestellt.

Ihr Glaube hat etwas Furchtbares; murmelte Sephardi, wenn ich Sie so
reden hre, packt es mich jedesmal wie -- wie Angst! -- er zgerte eine
Weile, unsicher, ob er nicht eine Wunde berhre, -- Damals als Ihr Freund
Klinkherbogk ermordet wurde, waren wir alle in groer Sorge um Sie. Wir
meinten, Sie wrden darber zusammenbrechen. Eva legte mir noch ganz
besonders ans Herz, ich sollte Sie aufsuchen und zu beruhigen trachten.

Woher schpften Sie nur die Kraft, das entsetzliche Begebnis, das Ihren
Glauben doch in seinen Grundvesten erschttern mute, so mutig zu tragen?

Swammerdam unterbrach ihn. -- Erinnern Sie sich noch der Worte
Klinkherbogks vor seinem Tode?

Ja. Satz fr Satz. Spter wurde mir auch ihre Bedeutung klar. Es kann kein
Zweifel bestehen, da er sein Ende genau vorausgesehen hat, noch ehe der
Neger ins Zimmer trat. Allein schon sein Ausspruch: 'der Knig aus
Mohrenland wrde ihm die Myrrhen eines andern Lebens bringen' -- beweist
es.

Und da seine Prophezeiung in Erfllung ging, -- sehen Sie, Herr Doktor,
gerade das hat meinen Schmerz geheilt. Zuerst war ich freilich wie
zerschmettert, dann aber, als ich die Gre des Geschehnisses erfate,
fragte ich mich: was ist wertvoller, da ein im Zustand geistiger
Entrckung ausgesprochenes Wort zur Wahrheit wird, oder: da ein krankes,
schwindschtiges Mdchen und ein alter hinflliger Schuhmacher noch eine
Weile am Leben bleiben? Wre es besser gewesen, die Zungen des Geistes
htten gelogen?

Seitdem ist mir die Erinnerung an jene Nacht zu einer Quelle ungetrbter,
reinster Freude geworden.

Da die Beiden sterben muten? Was liegt daran! Glauben Sie mir: jetzt ist
ihnen wohler.

Sie sind also fest berzeugt, da es ein Leben nach dem Tode gibt? fragte
Pfeill. -- -- Allerdings, ich glaube ja selbst daran -- setzte er leise
hinzu.

Gewi bin ich davon berzeugt. Natrlich ist das Paradies kein Ort,
sondern ein Zustand; das Leben auf Erden ist doch auch nur ein Zustand.

Und -- und sehnen _Sie_ sich danach?

N -- Nein. Swammerdam zgerte, als rede er ungern ber dieses Thema.

Der alte Diener mit der maulbeerfarbenen Livree meldete, der gndige Herr
werde ans Telephon gebeten. -- Sephardi stand auf und verlie das Zimmer.

Sofort fuhr Swammerdam in seiner Rede fort -- Pfeill begriff, da sie nicht
fr die Ohren Sephardis bestimmt war:

Die Frage mit dem Paradies ist ein zweischneidiges Schwert. Man kann damit
so manchen unheilbar verwunden, wenn man ihm sagt, da drben nur Bilder
sind.

Bilder? Wie meinen Sie das?

Ich will es Ihnen an einem Beispiel erklren. Meine Frau -- Sie wissen,
sie ist vor vielen Jahren gestorben -- hat mich unendlich lieb gehabt --
und ich sie; -- jetzt ist sie 'drben' und trumt, ich sei bei ihr.

Da ich nicht wirklich bei ihr bin, sondern nur mein Bild, wei sie nicht;
wenn sie's wte, wre ihr das Paradies eine Hlle.

Jeder Sterbende, der hinbergeht, findet drben die Bilder derer vor, nach
denen er sich gesehnt hat, und hlt sie fr Wirklichkeit -- auch die Bilder
der Dinge, an denen sein Herz gehangen hat, -- er deutet auf die
Bcherreihen in der Bibliothek. -- Meine Frau hat an die Muttergottes
geglaubt, -- jetzt trumt sie 'drben' in ihren Armen. --

Die Aufklrer, die die Menge von der Religion losreien wollen, wissen
nicht, was sie tun. Die Wahrheit ist nur fr wenige Auserlesene und sollte
fr die groe Masse geheim bleiben; wer sie _nur halb_ erkannt hat, wenn er
stirbt, der geht in ein farbloses Paradies ein.

Klinkherbogks Sehnsucht auf Erden war: Gott zu schauen; jetzt ist er drben
und schaut -- 'Gott'.

Er war ein Mensch ohne Wissen und Bildung, dennoch kamen aus seinem Munde
Worte der Wahrheit, erzeugt durch das Verzehrtsein im Durste nach Gott, --
nur hat ihm ein barmherziges Schicksal ihren _innern_ Sinn nie enthllt.

Lange habe ich nicht verstanden, warum das so war; heute wei ich den
Grund: er htte die Wahrheit nur zur Hlfte begriffen und sein Wunsch, Gott
zu schauen, htte nicht in Erfllung gehen knnen -- weder in den Trumen
des Jenseits noch in Wirklichkeit. -- schnell brach er die Rede ab, als er
Sephardi wieder hereinkommen hrte.

Pfeill erriet instinktiv, weshalb er es tat: er wute offenbar um die Liebe
Sephardis zu der toten Eva -- wute auch, da Sephardi trotz seines
Gelehrtentums tief innerlich religis und fromm war, -- und wollte ihm das
Paradies und den knftigen Wahn des Jenseits, mit Eva vereint zu sein,
nicht zerstren.

Swammerdam fuhr fort:

Ich sagte vorhin: die Erkenntnis, da das Wahrwerden der Prophezeiung
Klinkherbogks seinen grlichen Tod weit in den Schatten stellte, habe
meinen Gram in Freude verwandelt. Es gibt auch ein solches 'Umstellen der
Lichter' -- es ist ein Verwandeln aus Bitter in S, wie es allein die
Kraft der Wahrheit zustande bringen kann.

Trotzdem bleibt es mir ein unlsbares Rtsel, mischte sich Sephardi
wieder ins Gesprch, was Ihnen die Kraft gibt, durch bloe Erkenntnis Herr
ber den Schmerz zu werden. Ich kann ja auch mit philosophischem Denken
gegen das Leid, da Eva gestorben ist, anzukmpfen versuchen, dennoch ist
mir, als knnte ich nie mehr froh werden.

Swammerdam nickte sinnend. -- Freilich, freilich. Es kommt daher, -- weil
Ihre Erkenntnisse aus dem Denken entstehen und nicht aus dem 'Inneren
Wort'. Den eignen Erkenntnissen mitrauen wir heimlich, ohne es zu wissen,
deshalb sind sie grau und tot, -- die Eingebungen durch das Innere Wort
dagegen sind lebendige Geschenke der Wahrheit, die uns unsglich erfreuen
-- immer wieder, so oft wir uns an sie erinnern.

Seit ich den 'Weg' gehe, hat das Innere Wort nur wenigemal zu mir
gesprochen; -- aber es hat dadurch mein ganzes Dasein erhellt.

Und ist immer alles eingetroffen, was es Ihnen gesagt hat, fragte
Sephardi mit unterdrcktem Zweifel in der Stimme, -- oder waren es
berhaupt keine Prophezeiungen?

Ja. Drei Prophezeiungen waren darunter, die die ferne Zukunft betrafen.
Die erste hie: durch mein Dazutun wrde einem jungen Menschenpaar ein
geistiger Weg erschlossen werden, der seit Jahrtausenden auf Erden
verschttet lag und in der neuen Zeit, die bevorsteht, vielen Menschen
offenbar werden wird. -- Es ist der Weg, der dem Leben erst wahren Wert
verleiht und dem Dasein einen Sinn gibt. Diese Verheiung ist der Inhalt
meines Lebens geworden.

ber die zweite mchte ich nicht reden, -- Sie mten glauben, ich sei
wahnsinnig, wenn ich sie Ihnen sagte, und -- -- --

Pfeill horchte auf: Betrifft sie Eva?

Swammerdam gab keine Antwort darauf und lchelte -- und die dritte scheint
belanglos -- obwohl das nicht sein kann -- und wrde Sie nicht
interessieren.

Haben Sie Anzeichen, da wenigstens eine der drei Voraussagen eintreffen
wird? fragte Sephardi.

Ja. Das Gefhl unabwendbarer Gewiheit. Es ist mir gleichgltig, ob ich
ihre Erfllung jemals sehen werde; es gengt mir zu wissen, da ich nicht
imstande bin, daran zu zweifeln.

Sie knnen eben nicht begreifen, was es heit: die Nhe der Wahrheit zu
spren, die niemals irren kann. -- Das sind Dinge, die man an sich selbst
erleben mu.

Ich habe niemals eine sogenannte 'berirdische' Erscheinung gehabt -- nur
einmal im Schlaf: das Bild meiner Frau, als ich einen grnen Kfer suchte.
-- Ich habe niemals begehrt 'Gott zu schauen', niemals ist ein Engel zu mir
gekommen, wie zu Klinkherbogk -- ich bin nie dem Propheten Elias begegnet
wie Lazarus Eidotter, -- aber tausendfach hat mir alles das die
Lebendigkeit des Bibelwortes ersetzt: 'Selig sind, die nicht sehen und doch
glauben!' -- Es ist an mir zur Wahrheit geworden.

Ich habe geglaubt, wo nichts zu glauben war, und habe gelernt, Dinge fr
mglich zu halten, die unmglich sind.

Manchmal fhle ich: es steht Einer neben mir, riesengro und allmchtig, --
oder ich wei: er hlt seine Hand ber Den oder Jenen; ich sehe und hre
Ihn nicht, aber ich _wei_: Er ist da.

Ich hoffe nicht, da ich ihn jemals sehen werde -- aber ich hoffe _auf
ihn_.

Ich wei, da eine furchtbare, erschtternde Zeit kommt, der ein Sturm
vorangehen wird, wie ihn die Welt noch nie gesehen hat, -- es ist mir
gleichgltig, ob ich diese Zeit erleben werde, aber ich bin froh, da sie
kommt! -- ein Frsteln berlief Pfeill und Sephardi bei den Worten, die
Swammerdam kalt und gelassen aussprach. -- Sie haben mich heute morgen
gefragt, wo ich glaubte, da Eva so lange verborgen gewesen sein konnte, --
woher htte ich es wissen sollen? -- Gewut habe ich, da sie kommen wird:
und sie _ist_ gekommen!

So genau, wie ich wei, da ich hier stehe, so genau wei ich auch, da sie
nicht -- tot -- ist! _Er_ hlt die Hand ber sie.

Aber sie ist doch in der Kirche aufgebahrt! -- Sie wird doch morgen
begraben! riefen Sephardi und Pfeill entsetzt durcheinander.

Und wenn man sie tausendmal begrbe -- und wenn ich ihren Totenschdel in
der Hand hielte: ich _wei_, da sie nicht gestorben ist.

                   *       *       *       *       *

Er ist ein Wahnsinniger, sagte Pfeill zu Sephardi, als Swammerdam
gegangen war.

                   *       *       *       *       *

Die farbigen hohen Bogenfenster der Nikolaskerk schimmerten matt erhellt,
als schimmere im Innern der Kirche ein Licht, in den nchtlichen Nebel
hinein.

Mit dem Rcken an die Mauer des Gartens gepret und im Schatten verborgen,
wartete der Neger Usibepu regungslos, bis der Schutzmann, der seit den
Unglcksfllen am Zee Dyk die verrufenen Gassen des Hafenviertels zu
bewachen hatte, mit schwerem, mdem Schritt an ihm vorbei gekommen war,
dann kletterte er ber das Gitter, schwang sich von einem Baum aus auf den
kapellenartigen Vorbau der Sakristei, ffnete vorsichtig die runde,
glserne Dachluke und lie sich leise wie eine Katze zu Boden fallen.

Inmitten des Kirchenschiffs auf silbernem Katafalk aufgebahrt lag Eva in
einem Hgel von weien Rosen, die Hnde ber der Brust gefaltet, die Augen
geschlossen, mit starrem, lchelndem Gesicht.

Ihr zu Hupten und an den Seiten des Sarges hielten armdicke, rot und
goldene mannshohe Kerzen mit unbeweglichen Flammen die Totenwacht.

In einer Wandnische hing das Bild einer schwarzen Muttergottes mit dem Kind
auf dem Arm und davor, von der Decke herab an glitzerndem Draht, das
rubinglserne Herz eines Ewigen Lichts als blutiger Funken.

Bleiche wchserne Hnde und Fe hinter gebauschten Gittern -- Krcken
daneben mit Zetteln: Maria hat geholfen -- holzgeschnitzte, bemalte
Statuen von Ppsten, weie Tiaren auf den Huptern, die Hand zum Gelbnis
erhoben, auf steinernen Postamenten -- kannelierte, ragende Marmorsulen,
-- -- -- geruschlos huschte der Neger von einem Pfeilerschatten zum
andern, erstaunt die ihm fremden, seltsamen Dinge betrachtend, -- nickte,
als er die Wachsglieder erblickte, grimmig vor sich hin, im Glauben, sie
stammten von erschlagenen Feinden, sphte durch die Ritzen der Beichtsthle
und betastete mitrauisch die groen Figuren der Heiligen, ob sie nicht
lebendig seien.

Als er sich berzeugt hatte, da er allein war, schlich er auf den
Zehenspitzen zu der Toten und blieb lange und traurig vor ihr stehen.

Er war betubt von ihrer Schnheit, berhrte scheu ihr blondes, weiches
Haar und zuckte wieder zurck, als frchte er, sie im Schlaf zu stren.

Warum hatte sie sich so vor ihm entsetzt -- damals in jener Sommernacht am
Zee Dyk?

Er konnte es nicht begreifen.

Noch jedes Weib, nach dem er begehrt, -- Kaffernmdchen und Weie -- waren
stolz gewesen, ihm gehren zu drfen.

Sogar Antje, die Kellnerin in der Hafenschenke; und die war doch auch eine
Weie und hatte gelbes Haar!

Bei keiner hatte er den Vidzauber anwenden mssen: -- alle waren sie von
selbst gekommen und ihm um den Hals gefallen! -- Nur _sie_ nicht! Nur _sie_
nicht!

Und wie gerne wrde er um ihren Besitz das ganze viele Geld gegeben haben,
dessentwegen er den alten Mann mit der Papierkrone erwrgt hatte!

Nacht fr Nacht seit seiner Flucht vor den Matrosen war er vergebens durch
die Straen gewandert, um sie zu finden: keine von den zahllosen Frauen,
die in der Dunkelheit nach Mnnern suchen gingen, hatte ihm sagen knnen,
wo sie sei.

Er fuhr sich mit der Hand ber die Augen.

Wie ein wirrer Traum rauschten Erinnerungen an ihm vorbei: die glutheien
Steppen seiner Heimat -- der englische Hndler, der ihn nach Kapstadt
gelockt und versprochen hatte, ihn zum Knig von Zululand zu machen -- das
schwimmende Haus, das ihn nach Amsterdam gebracht -- die Zirkustruppe
verchtlicher, nubischer Sklaven, mit denen er jeden Abend Kriegstnze
auffhren mute fr Geld, das man ihm immer wieder wegnahm, -- die
steinerne Stadt, in der sein Herz vor Heimweh verdorrte; -- niemand, der
seine Sprache verstand.

Er strich zrtlich mit der Hand ber den Arm der Toten, und der Ausdruck
grenzenloser Verlassenheit trat in sein Gesicht: sie wute nicht, da er
ihretwegen seinen Gott verloren hatte! Damit sie zu ihm kme, hatte er den
furchtbaren Souquiant, die Abgottschlange mit dem Menschengesicht, gerufen,
und dadurch die Macht, ber die glhenden Steine zu schreiten, auf's Spiel
gesetzt und -- eingebt.

Aus dem Zirkus davongejagt und ohne Geld htte er zurck nach Afrika
geschickt werden sollen -- als Bettler statt als Knig: -- er war vom
Schiff ins Wasser gesprungen und ans Land geschwommen -- hatte sich
tagsber in Obstkhnen verborgen gehalten und nachts den Zee Dyk
durchstreift, um _sie_ zu suchen, die er sehnschtiger liebte als seine
Steppe, seine schwarzen Frauen, als die Sonne am Himmel, -- als alles.

Ein einzigesmal noch seitdem war ihm der zornige Schlangengott erschienen
-- im Schlaf und mit dem grausamen Befehl, Eva in das Haus eines
Nebenbuhlers zu rufen. Als Tote, hier in der Kirche, durfte er sie erst
wiedersehen.

In tiefem Gram lie er seine Blicke durch den dstern Raum schweifen: Ein
Gekreuzigter mit Dornenkrone und eisernen Ngeln durch die Hnde und Fe?
-- eine Taube mit grnen Zweigen im Schnabel -- ein alter Mann, in der Hand
eine groe goldene Kugel -- ein Jngling von Pfeilen durchbohrt? -- Lauter
fremde weie Gtter, deren geheime Namen er nicht kannte, um sie zu rufen.
-- -- Und dennoch muten sie zaubern und die Tote wieder lebendig machen
knnen! -- Von wem sonst htte Mister Zitter Arpd die Macht bekommen, sich
Dolche durch die Gurgel zu stoen, Hhnereier zu verschlucken und wieder
erscheinen zu lassen?!

Eine letzte Hoffnung durchzuckte ihn, als er die Madonna in der Nische
ersphte; sie mute eine Gttin sein, denn sie trug ein goldenes Diadem auf
dem Kopf; sie war eine Schwarze, vielleicht verstand sie seine Sprache?

Er hockte sich vor dem Bilde nieder, hielt den Atem an, bis er den
Jammerschrei der geopferten Feinde, die am Tor des Jenseits als Sklaven auf
sein Kommen warten muten, im Ohre hrte, -- verschluckte rchelnd seine
Zunge, um in das Reich hinber zu gehen, in dem der Mensch mit den
Unsichtbaren reden kann --: Nichts.

Tiefe, tiefe Finsternis statt des fahlen grnlichen Scheins, den er zu
sehen gewohnt war; er konnte den Weg zu der fremden Gttin nicht finden.

Langsam und traurig ging er zu der Bahre zurck, kauerte sich am Fuende
des Katafalks zusammen und stimmte den Grabgesang der Zulus an -- eine
wilde, grausige Liturgie: bald in barbarischen, sthnenden Kehllauten, bald
als Antwort darauf ein atemloses Gemurmel wie das Trappeln flchtiger
Antilopen -- geller Habichtsschrei dazwischen -- heiseres, verzweifeltes
Aufbrllen und weiche, melancholische Klagerufe, die wie in fernen Wldern
erstickten, schluchzend wieder aufwachten und ausklangen in das dumpfe,
langgezogene Geheul eines Hundes, der seinen Herrn verloren hat. --

                   *       *       *       *       *

Dann stand er auf, griff in seine Brust, holte eine kleine weie Kette,
aneinander gereiht aus den Halswirbeln erdrosselter Knigsfrauen, hervor:
das Zeichen seiner Wrde als Oberhaupt der Zulus -- ein heiliger Fetisch,
der jedem, der ihn ins Grab mitnimmt, die Unsterblichkeit verleiht, -- --
und wand sie, als grlichen Rosenkranz, um die betend gefalteten Hnde der
Toten.

Es war sein Teuerstes gewesen, das er auf Erden besessen.

Was sollte ihm noch die Unsterblichkeit; er war heimatlos -- hier wie
drben: Eva konnte nicht in den Himmel der schwarzen Menschen kommen und er
nicht in das Paradies der Weien!

                   *       *       *       *       *

Ein leises Gerusch schreckte ihn auf.

Er lauerte wie ein Raubtier auf dem Sprung.

_Nichts_.

Es war nur ein Knistern in den welkenden Krnzen gewesen.

Da fiel sein Blick auf die Kerze am Kopfende des Katafalks und er sah, da
die Flamme sich zitternd bewegte und dann schrg zur Seite bog, wie von
einem Luftstrom getroffen:

Irgend jemand mute die Kirche betreten haben!

Mit einem Satz war er hinter der Sule -- starrte zur Sakristei hinber, ob
sich die Tre ffnen wrde:

Niemand.

Als er den Kopf wieder zu der Leiche wandte, ragte dort an Stelle der
flackernden Kerze ein hoher, steinerner Thron empor. Darauf sa, schmal,
von bermenschlicher Gre, die Federkrone des Totenrichters auf dem Haupt,
unbeweglich, nackt, nur um die Lenden ein rotblaues Tuch und in den Hnden
Krummstab und Geiel: ein gyptischer Gott.

Um den Hals hing ihm an einer Kette eine goldene Tafel. Ihm gegenber zu
Fen des Sarges standen: ein brauner Mann mit dem Kopf eines Ibis, in der
Rechten das grne Ankh -- das gehenkelte Kreuz der gypter, das Sinnbild
des Ewigen Lebens -- und zu beiden Seiten der Bahre, mit Sperberkopf und
Schakalkopf -- noch zwei Gestalten.

Der Zulu erriet, da sie gekommen waren, um Gericht ber die Verstorbene zu
halten.

Die Gttin der Wahrheit, mit enganliegendem Gewand und Geierhaube, kam
durch den Mittelgang heran, schritt zu der Toten, die sich starr
aufrichtete, -- nahm ihr das Herz aus der Brust und legte es auf eine Wage.

Der Mann mit dem Schakalkopf trat hinzu und warf eine kleine bronzene
Statuette in die Schale.

Der Sperber prfte das Gewicht.

Die Schale mit dem Herzen Evas sank tief herab.

Der Mann mit dem Ibiskopf schrieb es schweigend mit einem Schilfrohr in
eine wchserne Tafel.

Dann sagte der Totenrichter:

=Sie wurde fr fromm befunden auf Erden und hatte Sorge vor dem Herrn der
Gtter, darum hat sie erreicht das Land der Wahrheit und Rechtfertigung.=

=Sie erwacht als ein lebender Gott und strahlt im Chor der Gtter, die im
Himmel wohnen, denn sie ist von unserm Stamm.=

=So steht es geschrieben im Buch von der verborgenen Wohnung.=

Er versank im Boden.

Eva, die Augen geschlossen, stieg von der Bahre herab.

Die beiden Gtter nahmen sie in die Mitte, schritten -- der Mann mit dem
Sperberkopf voran -- stumm durch die Mauern der Kirche und verschwanden.

Dann verwandelten sich die Kerzen in braune Gestalten mit lohenden Flammen
ber den Huptern und hoben den Deckel auf den leeren Sarg. -- -- --

Ein Knirschen lief durch den Raum, wie sich die Schrauben in das Holz
bohrten.




Vierzehntes Kapitel


Ein eisiger, lichtloser Winter war ber Holland hingegangen, hatte sein
weies Sterbeleilach auf die Ebenen gebreitet und langsam, langsam wieder
weggezogen, -- aber der Frhling blieb aus.

Als ob die Erde nie mehr erwachen knnte.

Fahlgelbe Maitage kamen und verschwanden: -- noch immer sproten die Wiesen
nicht.

Die Bume standen kahl und drr -- ohne Knospen, in den Wurzeln erfroren.
berall schwarze, tote cker, das Gras braun und welk; eine schreckhafte
Windstille; das Meer unbeweglich wie aus Glas; seit Monaten kein Tropfen
Regen, eine trbe Sonne hinter staubigen Schleiern, -- die Nchte schwl
und ohne Tau.

Der Kreislauf der Natur schien stillstehen zu wollen.

Eine beklemmende Angst vor drohenden Ereignissen, geschrt von wahnwitzigen
Bupredigern, die unter Psalmengeheul die Straen der Stdte durchzogen,
hatte die Bevlkerung ergriffen wie zu den furchtbaren Zeiten der
Wiedertufer.

Man sprach von unabwendbarer Hungersnot und dem Ende der Welt. -- -- -- --

Hauberrisser war aus seiner Wohnung in der Hooigracht hinaus in das
Flachland im Sdosten vor Amsterdam bersiedelt und lebte einsam in einem
uralten alleinstehenden Haus, von dem die Sage ging, es sei ursprnglich
ein sogenannter Druidenstein gewesen. Es war mit dem Rcken dicht an einen
niedrigen Hgel angelehnt und lag inmitten des von Wasserstraen
durchzogenen Slotermeer-Polders.

Er hatte es auf seiner Heimkehr von dem Begrbnis Evas erblickt, -- da es
seit langem leer stand, kurz entschlossen gemietet, noch am selben Tag
bezogen und im Laufe des Winters wohnlicher herrichten lassen: -- er wollte
allein mit sich selbst sein und fern vom Gewhl der Menschen, die ihm wie
wesenlose Schatten erschienen.

Von seinem Fenster aus konnte er die Stadt mit ihren dstern Bauten und den
Wald von Schiffsmasten im Hintergrund wie ein dunsthauchendes, stachliges
Ungeheuer vor sich liegen sehen.

Wenn er in solchen Momenten das Fernglas zur Hand nahm und den Anblick der
beiden Spitzen der Nikolaskirche und der andern zahllosen Trme und Giebel
nahe an sein Auge rckte, wurde ihm jedesmal ganz unbeschreiblich sonderbar
zu Mute --: so, als stnden nicht Dinge vor ihm, sondern zu Formen
erstarrte, qulende Erinnerungen, die mit grausamen Armen nach ihm greifen
wollten. -- -- Gleich darauf waren sie wieder zerronnen und mit den Bildern
der Huser und Dcher in neblige Ferne versunken.

Anfangs hatte er zuweilen das Grab Evas auf dem unweit liegenden Friedhof
besucht, aber es war immer nur ein mechanischer, gedankenloser Spaziergang
gewesen.

Wenn er sich vorstellen wollte, sie lge da unten in der Erde, und er mte
Schmerz darber empfinden, erschien ihm der Gedanke so widersinnig, da er
oft verga, die Blumen, die er mitgebracht hatte, auf dem Hgel
niederzulegen, und sie wieder mit nach Hause nahm.

Der Begriff, seelischer Schmerz war fr ihn ein leeres Wort geworden und
hatte die Macht ber sein Gefhlsleben verloren. --

Manchmal, wenn er ber diese seltsame Wandlung seines Innern nachdachte,
beschlich es ihn fast wie Grauen vor sich selbst. --

                   *       *       *       *       *

In einer solchen Stimmung sa er eines Abends an seinem Fenster und sah in
die untergehende Sonne hinein.

Vor dem Hause ragte eine hohe verdorrte Pappel aus einer Wste braunen,
trocknen Rasens, -- nur in einem kleinen, grnen Wiesenfleck weit drben
wuchs wie in einer Oase ein bltenberster Apfelbaum -- das einzige
Zeichen von Leben weit und breit -- zu dem bisweilen die Bauern wallfahrten
kamen wie zu einem Marienwunder. -- -- --

Die Menschheit, der ewige Phnix, hat sich im Lauf der Jahrhunderte zu
Asche verbrannt, fhlte er, wie er so die Augen ber die trostlose Gegend
schweifen lie, ob sie je wohl _neu_ auferstehen wird? -- --

Er dachte an die Erscheinung Chidher Grns, und seine Worte, da er auf
Erden geblieben sei, um zu geben, fielen ihm ein.

Und was tue ich? fragte er sich: Ich bin eine wandelnde Leiche geworden
-- ein drrer Baum wie die Pappel da drauen! -- Da es ein zweites
geheimnisvolles Leben gibt, wer wei es auer mir? -- Swammerdam hat mich
auf den Weg gewiesen und ein Unbekannter hat ihn mir durch sein Tagebuch
erschlossen, -- nur ich geize mit den Frchten, die mir das Schicksal in
den Scho geworfen hat! -- Nicht einmal meine besten Freunde, Pfeill und
Sephardi, ahnen, was mit mir vorgeht; sie glauben, ich sei in die
Einsamkeit gegangen und trauere um Eva. -- Weil mir die Menschen wie
Gespenster erscheinen, die blind durchs Dasein irren, -- weil sie mir wie
Raupen vorkommen, die ber den Boden kriechen und nicht wissen, da sie
keimende Schmetterlinge sind, habe ich deswegen ein Recht, mich von ihnen
fernzuhalten?

Ein heier Trieb, noch in derselben Stunde in die Stadt zu gehen, sich an
einer Straenecke aufzustellen wie einer der vielen Wanderpropheten, die
das Hereinbrechen des jngsten Tages verkndeten, und in die Menge
hineinzuschreien, da es eine Brcke gebe, die zwei Leben -- das Diesseits
und das Jenseits -- miteinander verbindet, lie ihn in jhem Entschlu
auffahren.

Ich wrde nur Perlen vor die Sue werfen, berlegte er im nchsten
Augenblick; die groe Masse knnte mich nicht verstehen, -- sie winselt
danach, da ein Gott vom Himmel steigt, den sie verkaufen und kreuzigen
darf. -- Und die wenigen Wertvollen, die nach einem Weg suchen, um _sich
selbst_ zu erlsen, wrden _die_ auf mich hren? Nein. -- Die
Wahrheitverschenker sind in Mikredit gekommen; er mute an Pfeill denken,
der in Hilversum den Ausspruch getan hatte, man msse ihn erst fragen, ob
er willens sei, sich etwas schenken zu lassen. --

Nein, so geht es nicht, sagte er sich und sann nach. Merkwrdig, je
reicher man wird an innern Erlebnissen, desto weniger kann man andern davon
geben; ich wandere immer weiter weg von den Menschen, bis pltzlich die
Stunde da sein wird, wo sie meine Stimme nicht mehr werden hren knnen.

Er sah ein, da er fast schon an dieser Grenze angekommen war. -- -- -- --

Das Tagebuch und die merkwrdigen Umstnde, unter denen es in seinen Besitz
gelangt war, fielen ihm wieder ein; ich werde es fortsetzen mit der
Beschreibung meines eignen Lebens, beschlo er, -- und es dem Schicksal
berlassen, was daraus werden soll; Er, der mir gesagt hat, 'ich bin
geblieben, um zu geben: jedem das, wonach er begehrt' -- soll es in seine
Obhut nehmen wie ein Testament von mir und es Menschen in die Hnde
spielen, fr die es heilsam sein kann und die nach dem innern Erwachen
drsten. -- Wenn nur ein einziger dadurch zur Unsterblichkeit erweckt wird,
hat mein Dasein einen Sinn gehabt.

Mit der Absicht, die Lehren der Tagebuchrolle durch die Erfahrungen, die er
an sich selbst gemacht, zu erhrten, -- sie dann in seine ehemalige Wohnung
zu tragen und wieder in die Mauernische zu legen, aus der sie ihm in jener
Nacht auf's Gesicht gefallen war, setzte er sich hin und schrieb:

   _An den Unbekannten, der nach mir kommt!_

Wenn du diese Bltter liest, ist die Hand, die sie geschrieben hat,
vielleicht lngst schon vermodert.

Ein sicheres Gefhl sagt mir, da sie dir zu einem Zeitpunkt vor Augen
kommen werden, wo sie dir nottun, wie der Anker einem mit zerrissenen
Segeln auf Klippen zusteuernden Schiff.

Du wirst in dem Tagebuch, das dem meinigen beigeschlossen ist, eine Lehre
niedergelegt finden, die alles enthlt, dessen der Mensch bedarf, um wie
auf einer Brcke in eine neue Welt voll von Wundern hinberzuschreiten. --

Ich habe ihm nichts hinzuzufgen als eine Schilderung meines Lebenslaufs
und der geistigen Zustnde, die ich mit Hilfe der Lehre erklommen habe.

Wenn meine Zeilen auch nur dazu beitragen sollten, dich in der Zuversicht
zu bestrken, da es wirklich und wahrhaftig einen geheimen Weg gibt, der
ber sterbliches Menschentum hinausfhrt, so htten sie damit schon voll
und ganz ihren Zweck erfllt.

Die Nacht, in der ich diese Zeilen fr dich niederschreibe, ist erfllt mit
dem Hauch kommender Schrecknisse -- Schrecknisse nicht fr mich, aber fr
die Zahllosen, die am Baum des Lebens nicht reif geworden sind; -- ich wei
nicht, ob ich die erste Stunde der neuen Zeit, die du in der
Tagebuchrolle meines Vorgngers erwhnt findest, mit leiblichen Augen
schauen werde, -- vielleicht ist diese Nacht meine letzte, -- aber: ob ich
morgen von der Erde gehe oder erst Jahre spter: ich strecke tastend meine
Hand in die Zukunft hinein nach der deinen. Fasse sie, -- so wie ich die
Hand meines Vorgngers erfat habe -- damit die Kette der 'Lehre vom
Wachsein' nicht abreit, und vererbe auch du deinerseits das Vermchtnis
weiter!

                   *       *       *       *       *

Die Uhr zeigte bereits spt nach Mitternacht, als er in der Erzhlung
seines Lebenslaufes bis zu dem Punkte gelangt war, wo Chidher Grn ihn vor
dem Selbstmord bewahrt hatte.

In Gedanken versunken schritt er auf und ab.

Er fhlte, da hier die groe Kluft begann, die das Fassungsvermgen eines
normalen Menschen, selbst wenn er noch so phantasiereich und glaubenswillig
war, von dem eines geistig Erweckten trennte.

Gab es berhaupt Worte, um auch nur annhernd zu beschreiben, was er von
jenem Zeitabschnitt an fast ununterbrochen erlebt hatte?

Er schwankte lange, ob er seine Niederschrift nicht mit dem Begrbnis Evas
schlieen sollte, dann ging er in das anstoende Zimmer, um aus dem Koffer
die silberne Hlse zu holen, die er gelegentlich fr die Rolle hatte
anfertigen lassen; beim Suchen darnach fiel ihm auch der papierne
Totenkopf, den er vor einem Jahr in dem Vexiersalon gekauft hatte, in die
Hnde.

Sinnend betrachtete er ihn beim Schein der Lampe, und dieselben Gedanken,
die damals sein Hirn durchkreuzt, fielen ihm wieder ein:

Schwerer ist es, das ewige Lcheln zu erringen, als den Totenschdel zu
finden, den man in einem frheren Dasein auf den Schultern getragen hat.

Es klang ihm wie Verheiung, in einer frohen Zukunft das Lcheln zu lernen.

So unfabar fremd und fern erschien ihm sein verflossenes Leben mit all dem
leidvollen Wnschen und Wollen, als htte es sich wirklich in diesem
albernen und doch so prophetischen Ding aus Pappendeckel abgespielt und
nicht in seinem eignen Kopf; er mute unwillkrlich lcheln bei dem
Gedanken, da er hier stand und -- seinen Schdel in der Hand hielt.

Wie ein Zauberladen mit wertlosem Plunder lag die Welt hinter ihm. -- -- --
-- -- -- --

Er griff wieder zur Feder und schrieb:

Als Chidher Grn von mir gegangen war und mit ihm auf unbegreifliche Weise
auch jeglicher Schmerz um Eva, wollte ich zum Bette treten und ihre Hnde
kssen, da sah ich, da ein Mann davor kniete, den Kopf auf ihren Arm
gelegt, und erkannte voll Staunen in ihm meinen eignen Krper; ich selbst
konnte mich nicht mehr sehen. Wenn ich an mir herunterblickte, war es leere
Luft, -- aber gleichzeitig war der Mann vor dem Bette aufgestanden und
schaute auf seine Fe herab, -- so wie ich es an mir zu tun glaubte. -- Es
war, als sei er mein Schatten, der jede Bewegung machen mute, die ich ihm
befahl.

Ich beugte mich ber die Tote, da tat _er_ es; ich vermute, er hat dabei
gelitten und Schmerz empfunden, -- es kann sein, aber ich wei es nicht.
Fr mich war die, die da regungslos, mit starrem Lcheln auf den Zgen, vor
mir lag, die Leiche eines fremden, engelschnen Mdchens -- ein Bild wie
aus Wachs, an dem mein Herz kein Teil hatte, -- eine Statue, die Eva auf's
Haar glich, aber doch nur ihre Maske war.

Ich fhlte mich so unendlich glcklich, da nicht Eva, sondern eine Fremde
gestorben war, da ich vor Freude kein Wort hervorbringen konnte.

Dann traten drei Gestalten ins Zimmer: -- ich erkannte meine Freunde in
ihnen und sah, da sie zu meinem Krper hingingen und ihn trsten wollten,
aber er war ja nur mein 'Schatten', lchelte und gab keine Antwort.

Wie wre er es auch imstande gewesen, wo er doch den Mund nicht ffnen
konnte -- unfhig etwas anderes zu tun, als was ich ihm befahl.

Aber auch meine Freunde und alle die vielen Menschen, die ich dann spter
in der Kirche und beim Begrbnis sah, waren Schemen fr mich geworden wie
mein eigner Krper; -- der Leichenwagen, die Pferde, die Fackeltrger, die
Krnze, -- die Huser an denen wir vorber kamen, -- der Friedhof, der
Himmel, die Erde und die Sonne: alles war Bildwerk ohne inneres Leben,
farbig wie ein Traumland, in das ich hineinblickte -- froh und glcklich,
da es mich nichts mehr anging.

Seitdem ist meine Freiheit immer grer geworden, und ich wei, da ich
ber die Schwelle des Todes hinausgewachsen bin; ich sehe bisweilen meinen
Krper des nachts schlafen liegen, hre seine gleichmigen Atemzge -- und
bin doch dabei wach; er hat die Augen geschlossen und dennoch kann ich
umherschauen und berall sein, wo ich will. Wenn er wandert, kann ich ruhen
und -- wenn er ruht, kann ich wandern. -- Aber ich kann auch mit seinen
Augen sehen und mit seinen Ohren hren, wenn es mir beliebt, nur ist dann
alles ringsum trb und freudearm und ich bin dann wieder wie die andern
Menschen: ein Gespenst im Reich der Gespenster.

Mein Zustand, wenn ich vom Leibe losgelst bin und ihn wahrnehme wie einen
automatisch meinem Gehei gehorchenden Schatten, der am Scheinleben der
Welt teilnimmt, ist so unbeschreiblich seltsam, da ich nicht wei, wie ich
ihn dir schildern soll.

Nimm an, du sest in einem Kinematographen-Theater, -- Glck im Herzen,
weil dir kurz vorher eine groe Freude begegnet ist, -- und shest auf
einem Film deiner eignen Gestalt zu, wie sie von Leid zu Leid eilt, am
Sterbebette einer geliebten Frau zusammenbricht, von der du weit, da sie
nicht tot ist, sondern zu Hause auf dich wartet, -- hrtest dein Bild auf
der Leinwand mit deiner eignen Stimme, hervorgerufen durch eine
Sprechmaschine, Schreie des Schmerzes und der Verzweiflung ausstoen, -- --
wrde dich dieses Schauspiel ergreifen? --

Es ist nur ein schwaches Gleichnis, das ich dir damit geben kann; ich
wnsche dir, da du es _erlebst_.

Dann wirst du auch wissen, so wie ich es jetzt wei, da es eine
Mglichkeit gibt, dem Tod zu entrinnen.

Die Stufe, die zu erklimmen mir geglckt ist, ist die groe Einsamkeit, von
der das Tagebuch meines Vorgngers spricht; sie wrde fr mich vielleicht
noch grausamer sein als das irdische Leben, wenn die Leiter, die aufwrts
fhrt, damit zu Ende wre, aber die jubelnde Gewiheit, da Eva nicht
gestorben ist, hebt mich darber hinaus.

Wenn ich Eva auch jetzt noch nicht sehen kann, so wei ich doch: es bedarf
fr mich nur mehr eines kleinen Schrittes auf dem Wege des Erwachens und
ich bin bei ihr -- viel wirklicher, als es jemals frher htte sein knnen.
-- Nur eine dnne Wand, durch die hindurch wir unsere Nhe bereits spren
knnen, trennt uns noch.

Wie unvergleichlich viel tiefer und ruhiger ist jetzt meine Hoffnung, sie
zu finden, als in der Zeit, da ich stndlich nach ihr rief.

Damals war es ein verzehrendes Warten: -- jetzt ist es eine freudige
Zuversicht.

Es gibt eine unsichtbare Welt, die die sichtbare durchdringt; eine
Gewiheit sagt mir: Eva lebt in ihr wie in einer verborgenen Wohnung und
wartet auf mich.

Sollte dein Schicksal hnlich dem meinen sein und du hast einen geliebten
Menschen auf Erden verloren, so glaube nicht, da du ihn auf andere Weise
wiederfinden kannst, als dadurch, da du den 'Weg des Erwachens' gehst.

Denke daran, was mir Chidher gesagt hat: 'Wer nicht auf der Erde das Sehen
lernt, drben lernt er's gewi nicht'. --

Hte dich vor der Lehre der Spiritisten wie vor Gift, -- sie ist die
furchtbarste Pest, die jemals die Menschen befallen hat; auch die
Spiritisten behaupten, mit den Toten verkehren zu knnen, -- sie glauben,
die Toten kmen zu ihnen; -- es ist eine Tuschung. -- Es ist gut, da sie
nicht wissen, wer die sind, die da kommen. Wenn sie's wten, wrden sie
sich entsetzen.

Erst mut du selbst unsichtbar werden knnen, ehe du den Weg findest, zu
den Unsichtbaren zu gehen und hier und drben zugleich zu leben, -- so, wie
ich unsichtbar geworden bin -- sogar fr die Augen meines eigenen Krpers.

Ich bin selber noch nicht so weit, als da mir der Blick fr die jenseitige
Welt erschlossen wre, dennoch wei ich: die, die blind von der Erde
gegangen sind, sind nicht drben; sie sind wie in der Luft verklungene
Melodien, die durch den Weltraum wandern, bis sie wieder auf Saiten
treffen, auf denen sie von neuem ertnen knnen; -- das, wo sie zu sein
glauben, ist kein Ort: es ist eine raumlose Trauminsel von Schemen, weit
weniger wirklich noch als die Erde.

In Wahrheit unsterblich ist nur der _erwachte_ Mensch; Sonnen und Gtter
vergehen, -- er allein bleibt und kann alles vollbringen, was er will. ber
ihm ist kein Gott.

Nicht umsonst heit unser Weg: ein heidnischer Weg. Was der Fromme fr Gott
hlt, ist nur ein _Zustand_, den er erreichen knnte, wenn er fhig wre,
an sich selbst zu glauben, -- so aber zieht er sich in unheilbarer
Blindheit eine Schranke, die er nicht zu berspringen wagt, -- er schafft
sich ein Bild, um es anzubeten, anstatt sich darein zu verwandeln.

Willst du beten, so bete zu deinem unsichtbaren Selbst; es ist der einzige
Gott, der Gebete erhrt: die andern Gtter reichen dir Steine statt Brot.

Unglcklich die, die zu einem Gtzen beten und ihr Flehen wird erhrt: sie
verlieren dadurch ihr Selbst, da sie nie wieder zu glauben vermgen, da
nur sie selber es waren, die sich erhrt haben.

Wenn dein unsichtbares Selbst als _Wesenheit_ in dir erscheint, so kannst
du es daran erkennen, da es einen Schatten wirft: ich wute auch nicht
frher, wer ich bin, bis ich meinen eignen Krper als Schatten sah.

Eine Zeit, in der die Menschheit leuchtende Schatten werfen wird und nicht
mehr schwarze Schandflecken auf die Erde wie bisher, will dmmern, und neue
Sterne ziehen herauf. Trag du auch dazu bei, da Licht wird! -- -- --

                   *       *       *       *       *

Hastig stand Hauberrisser auf, rollte die Bltter zusammen und steckte sie
in die silberne Hlse.

Er hatte die deutliche Empfindung, als sporne ihn jemand zu uerster Eile
an.

Am Himmel lag bereits der erste Schein des anbrechenden Morgens; die Luft
war bleifarben und lie die verdorrte Steppe vor dem Fenster wie einen
riesigen wollenen Teppich mit den grauen Wasserstraen als hellen Streifen
darin erscheinen.

Er trat vor's Haus und wollte den Weg nach Amsterdam einschlagen. Schon
nach den ersten Schritten lie er seinen Plan, das Dokument in seine alte
Wohnung in der Hooigracht zu tragen, fallen, kehrte um und holte einen
Spaten: er erriet, da er es irgend in der Nhe vergraben solle.

Aber wo?

Vielleicht auf dem Friedhof?

Er wandte sich der Richtung zu:

Nein, auch dort nicht.

Sein Blick fiel auf den blhenden Apfelbaum; er ging hin, schaufelte ein
Loch und legte die Hlse mit den Schriftstcken hinein.

Dann eilte er, so schnell er konnte, durch das Zwielicht ber die Wiesen
und Brckenstege der Stadt entgegen.

Eine tiefe Besorgnis um seine Freunde, als drohe ihnen eine Gefahr, vor der
er sie warnen msse, hatte ihn pltzlich befallen.

Trotz der frhen Stunde war die Luft hei und trocken wie vor einem
Gewitter.

Eine atembeklemmende Windstille verlieh der ganzen Gegend etwas unheimlich
Leichenhaftes; die Sonne hing wie eine Scheibe aus blindem, gelbem Metall
hinter dichten Dunstschleiern, und weit im Westen ber der Zuidersee
brannten Wolkenmauern, als sei es Abend statt Morgen.

In ungewisser Angst, zu spt zu kommen, krzte er den Weg ab, wann es nur
irgend ging, schritt bald querfeldein, bald auf den menschenleeren Straen
dahin, aber es schien, als wolle die Stadt nicht nher rcken.

Allmhlich mit dem wachsenden Tag vernderte sich das Bild des Himmels;
hakenfrmige, weiliche Wolken krmmten sich wie gigantische Wurmleiber auf
dem fahlen Hintergrund, von unsichtbaren Wirbeln gepeitscht, hin und her,
-- immer an derselben Stelle bleibend: -- kmpfende Luftungeheuer, die der
Weltenraum herabgesandt.

Kreisende Trichter, die Spitzen nach oben, wie umgestrzte, riesenhafte
Becher, hingen frei in der Hhe -- Tiergesichter fielen mit aufgerissenen
Rachen bereinander her und ballten sich zu brodelndem Knuel; nur auf der
Erde herrschte immer dieselbe totengleiche, lauernde Windstille nach wie
vor.

Ein schwarzes, langgestrecktes Dreieck kam mit Sturmesschnelle von Sden
her, zog unter der Sonne weg, ihr Licht verfinsternd, da das Land
minutenlang in Nacht getaucht lag, und senkte sich mit schrgem Flug in
weiter Ferne zu Boden: ein Heuschreckenschwarm von den Ksten Afrika's
herbergeweht.

Die ganze Zeit whrend seines Marsches war Hauberrisser nicht einem
einzigen lebenden Wesen begegnet, da erblickte er pltzlich bei einer
Krmmung des Weges, wie hinter knorrigen Weidenstmmen hervorkommend, eine
seltsame dunkle Gestalt, den Nacken gebeugt, bermenschlich gro und in
einen Talar gehllt.

Er konnte ihre Gesichtszge in der Entfernung nicht unterscheiden, erkannte
aber sofort an der Haltung, an den Kleidern und den Umrissen des Kopfes mit
den langen, herabhngenden Schlfenlocken, da es ein alter Jude war, der
auf ihn zuschritt.

Je nher der Mann herankam, desto unwirklicher schien er zu werden; er war
mindestens sieben Schuh hoch, bewegte beim Gehen die Fe nicht, und seine
Konturen hatten etwas Lockeres, Schleierndes; -- Hauberrisser glaubte sogar
zu bemerken, da sich bisweilen ein Teil des Krpers -- der Arm, oder die
Schulter -- ablste, um sich sofort wieder anzusetzen.

Wenige Minuten spter war der Jude fast durchsichtig geworden, als bestnde
er nur aus einem schtteren Gebilde zahlloser schwarzer Punkte und nicht
aus einer festen Masse.

Gleich darauf sah Hauberrisser, als die Gestalt in unmittelbarster Nhe
lautlos an ihm vorbei schwebte, da es eine Wolke fliegender Ameisen war,
die merkwrdigerweise die Form eines Menschen angenommen hatte und
beibehielt, -- ein unbegreifliches Naturspiel, hnlich dem Bienenschwarm,
den er einst in dem Amsterdamer Klostergarten gesehen.

Lange blickte er kopfschttelnd dem Phnomen nach, das mit zunehmender
Geschwindigkeit nach Sdwesten, dem Meere zu, wanderte, bis es wie ein
Rauch am Horizont verschwand.

Er wute nicht, wie er die Erscheinung deuten sollte. War es ein
rtselhaftes Vorzeichen, oder nur eine belanglose Grimasse, die die Natur
schnitt?

Da Chidher Grn, um sich ihm sichtbar zu machen, eine so phantastische
Form gewhlt haben knnte, schien ihm wenig glaubhaft.

Den Kopf noch voll grblerischer Gedanken betrat er den Wester Park und
schlug, um so rasch wie mglich zu Sephardi's Haus zu gelangen, die
Richtung nach dem Damrak ein, da verriet ihm schon von weitem ein wilder
Tumult, da irgend etwas Aufregendes geschehen sein mute.

Bald war ein Vordringen durch die breiten Straen infolge der dichten
Menschenmenge, die Schulter an Schulter gepret, in wilder Aufregung
durcheinander wogte, ein Ding der Unmglichkeit, und er beschlo daher, die
Jodenbuurt als Verbindungsgasse zu bentzen.

Scharenweise zogen die Glubigen der Heilsarmee, laut betend oder den Psalm
brllend: Dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben mit ihren
Brnnlein ber die Pltze, -- Mnner und Weiber, verzckt in religisem
Wahnwitz, rissen einander die Kleider vom Leib -- sanken, Geifer vor dem
Mund, in die Knie, -- schrien Hallelujas und Zoten zugleich zum Himmel
empor, -- fanatische Sektierermnche mit entbltem Oberkrper geielten
sich unter grausigen hysterischen Lachkrmpfen die Rcken blutig, -- da und
dort brachen Fallschtige mit schrillem Schrei zusammen und wlzten sich
zuckend auf dem Pflaster; andere wieder -- Anhnger irgendeines
hirnverbrannten Glaubensbekenntnisses -- demtigten sich vor dem Herrn,
indem sie sich zusammen kauerten und, von einer barhuptigen, ergriffen
zuschauenden Menge umstanden, wie Frsche umherhpften und dazu quakten: O
du mein herzallerliebstes Jesulein, erbarme dich unser!

                   *       *       *       *       *

Von Schauder und Ekel ergriffen irrte Hauberrisser durch alle mglichen
winkligen Gassen, immer von neuem durch Volksmassen aus seiner Richtung
vertrieben, bis er schlielich keinen Schritt mehr weiter tun konnte und
sich, wie eingekeilt, vor das schdelartige Haus in der Jodenbreestraat
gedrngt sah.

Der Vexiersalon war mit Rollden verschlossen und die Tafel entfernt; dicht
davor stand ein vergoldetes Holzgerst und oben drauf, auf einem
Thronsessel, mit einem Hermelinmantel bekleidet und ein brillantstrotzendes
Diadem wie einen Heiligenschein um die Stirn, sa der Professor Zitter
Arpd, warf Kupfermnzen mit seinem Bildnis unter die ekstatisch verzckte
Menge und hielt mit hallender Stimme eine infolge des ununterbrochenen
Hosiannageschreies kaum verstndliche Ansprache, in der sich bestndig wie
ein blutdrstiger Hetzruf die Worte wiederholten: Werft die Huren ins
Feuer und bringt mir ihr sndiges Gold!

Mit grter Mhe gelang es Hauberrisser, sich nach und nach bis zu einer
Huserecke durchzuarbeiten.

Er wollte sich eben orientieren, da fate ihn jemand am Arm und zog ihn in
einen Tordurchla. Er erkannte Pfeill.

Sie waren beide mit hnlichen Absichten in die Stadt gekommen, wie sie aus
ihren gegenseitigen Zurufen ber die Kpfe des Gedrnges hinweg, das sie
gleich darauf wieder auseinander gerissen hatte, entnahmen.

Komm zu Swammerdam! schrie Pfeill.

An ein Stehenbleiben war nicht zu denken; selbst die kleinsten Hfe und
Winkelgchen waren berflutet von Menschen, und wenn die beiden Freunde
zuweilen ein paar Schritt weit eine Lcke in dem Gewimmel erblickten, die
ihnen gestattete, nebeneinander zu gehen, muten sie eiligst die
Gelegenheit bentzen, um vorwrts zu laufen, so da sie sich nur mit
hastigen Worten verstndigen konnten.

Ein grauenhaftes Scheusal -- dieser Zitter! -- erzhlte Pfeill in
Abstzen, bald vor, bald hinter, bald neben Hauberrisser, bald wieder durch
Menschenmauern von ihm getrennt. Die Polizei funktioniert nicht mehr und
kann ihm das Handwerk nicht legen. -- Und die Miliz schon lange nicht. --
Er gibt sich fr den Propheten Elias aus, und die Leute glauben ihm und
beten ihn an. -- -- Neulich hat er im Zirkus Carr ein entsetzliches
Blutbad angerichtet. -- -- Sie haben den Zirkus gestrmt -- und fremde,
vornehme Damen -- Halbweltlerinnen natrlich -- hineingeschleppt und die
Tiger auf sie losgelassen. -- -- Er hat den Zsarenwahnsinn. -- -- Wie
Nero. -- -- -- Zuerst hat er die Rukstinat geheiratet und dann die rmste,
um zu ihrem Geld zu kommen, ver -- -- --

Vergiftet -- verstand Hauberrisser undeutlich: eine Prozession dumpf
singender, vermummter Gestalten, weie, spitzige Kapuzen ber den
Gesichtern wie Fehmrichter und Fackeln in den Hnden, hatte Pfeill von ihm
abgedrngt und ihr murmelnder, eintniger Choral: o sanctissima, o pi --
issima, dulcis virgo Maaa -- riii -- aaah hatte die letzten Worte zur
Hlfte verschlungen.

Pfeill tauchte wieder auf; sein Gesicht war geschwrzt von Fackelrauch: --
Und dann hat er ihr Geld in den Pokerklubs verspielt. -- -- Dann war er
monatelang spiritistisches Geistermedium. -- -- Hat einen Riesenzulauf
gehabt. -- -- Ganz Amsterdam war bei ihm.

Was macht Sephardi? rief Hauberrisser hinber.

Ist seit drei Wochen in Brasilien! Ich soll dich vielmals von ihm gren.
-- -- -- Er war gnzlich verndert, schon ehe er abreiste. -- -- Ich wei
nicht allzuviel ber ihn. -- -- Ich wei nur: Der Mann mit dem grnen
Gesicht ist ihm erschienen und hat ihm gesagt, er solle einen jdischen
Staat in Brasilien grnden, und: da die Juden als einziges internationales
Volk berufen seien, eine Sprache zu schaffen, die nach und nach allen
Vlkern der Erde als gemeinsames Verstndigungsmittel dienen und sie
dadurch einander nherbringen solle, -- -- -- ein modernes Hebrisch,
vermute ich -- ich wei nicht. -- -- Sephardi war seitdem wie ber Nacht
verwandelt. -- -- -- Er htte jetzt eine Mission, hat er gesagt. -- -- --
Er scheint brigens mit seinem zionistischen Staat drben das Richtige
getroffen zu haben. -- -- Fast alle Juden Hollands sind ihm nachgereist,
und jetzt noch kommen zahllose aus allen mglichen Lndern, um nach dem
Westen auszuwandern. -- -- Es ist das reinste Ameisengewimmel -- --

Eine Truppe gesangbuchplrrender Weiber trennte sie fr eine Weile. --
Hauberrisser hatte unwillkrlich, als Pfeill den Ausdruck Ameisengewimmel
gebraucht, an das sonderbare Phnomen denken mssen, das er drauen vor der
Stadt gesehen hatte. -- --

In letzter Zeit war Sephardi viel mit einem gewissen Lazarus Eidotter, den
ich inzwischen kennen gelernt habe, beisammen; fuhr Pfeill fort -- es ist
ein alter Jude, eine Art Prophet, -- -- er ist jetzt fast bestndig in
einem Zustand von Entrckung -- -- alles, was er prophezeit, stimmt
brigens jedesmal. -- -- Neulich wieder hat er vorausgesagt, es kme eine
schreckliche Katastrophe ber Europa, damit eine neue Zeit vorbereitet
werde. -- -- -- Er freut sich, sagt er, da er dabei mit zu Grunde gehen
darf, denn dann wrde es ihm vergnnt sein, die vielen Toten, die
hinbergehen, ins Reich der Flle zu fhren. -- -- Mit der Katastrophe hat
er vielleicht nicht so unrecht. -- -- -- Du siehst ja, wie es hier zugeht.
-- -- -- Amsterdam erwartet die Sintflut. -- -- -- Die ganze Menschheit ist
toll geworden. -- -- Die Eisenbahnen sind lngst eingestellt, sonst wre
ich schon mal zu dir in deine Arche Noah hinaus gekommen. -- Heute scheint
der Gipfelpunkt des Aufruhrs zu sein. -- -- Ach, ich htte dir ja so
unendlich viel zu erzhlen -- -- Gott, wenn nur nicht dieses ewige Gewhl
um uns herum wre, man kann ja kaum einen Satz zu Ende sprechen -- -- --
mir ist inzwischen auch unglaublich viel passiert -- -- --

Und Swammerdam? Wie geht es ihm? berschrie Hauberrisser das Geheul einer
Rotte auf den Knien rutschender Geielbrder.

Er hat einen Boten zu mir geschickt, rief Pfeill zurck, ich solle
augenblicklich zu ihm kommen und dich vorher holen gehen und mitbringen. --
-- Gut, da wir uns auf dem Wege getroffen haben. -- -- -- Er zittert um
uns, hat er mir sagen lassen; er glaubt, nur in seiner Nhe wren wir
sicher. -- -- -- Er behauptet, sein inneres Wort htte ihm einmal drei
Dinge prophezeit, darunter sei die Voraussage gewesen: er werde die
Nikolaskirche berleben. -- -- -- Daraus schliet er vermutlich, da er
gegen die bevorstehende Katastrophe gefeit sei, und will, da wir bei ihm
sind, um uns ebenfalls fr die kommende neue Zeit zu erretten.

Es waren die letzten Worte, die Hauberrisser verstand: ein pltzlich
losbrechendes, ohrenbetubendes Geschrei, von dem freien Platz ausgehend,
dem sie zusteuerten, erschtterte die Luft und pflanzte sich, immer lauter
und lauter anschwellend, in gellen Rufen: Das neue Jerusalem ist am Himmel
erschienen -- ein Wunder, ein Wunder! -- Gott sei uns gndig -- von
Dachfenster zu Dachfenster ber die Giebel hin fort bis in die
entferntesten Winkel der Vorstdte.

Er konnte nur noch erkennen, da Pfeill hastig den Mund bewegte, als brlle
er ihm mit Aufgebot der ganzen Lungenkraft irgend etwas zu, dann fhlte er
sich von dem wahnwitzig erregten Menschenstrom fast vom Boden gehoben,
unwiderstehlich fortgerissen und in den Brseplatz hineingestoen.

Die Menge stand dort so dicht zusammengequetscht, da er, die Arme an den
Leib gedrckt, kaum die Hnde bewegen konnte. -- Aller Augen waren starr
emporgekehrt.

Hoch oben am Himmel kreisten noch immer kmpfend die seltsamen Dunstgebilde
wie geflgelte Riesenfische, aber darunter hatten sich schneegekrnte
Wolkenberge aufgetrmt und mitten darin in einem Tal lag, von schrgen
Sonnenstrahlen beleuchtet, die Luftspiegelung einer fremden, sdlichen
Stadt mit weien flachen Dchern und maurischen Bogentoren.

Mnner mit wallenden Burnussen und dunkeln stolzen Gesichtern schritten
langsam durch die lehmfarbenen Straen -- so nah und schreckhaft deutlich,
da man das Rollen ihrer Augen sehen konnte, wenn sie den Kopf wandten, um,
wie es schien, auf das entsetzte Getmmel Amsterdams gleichmtig
herabzublicken. -- -- Drauen vor den Wllen der Stadt breitete sich eine
rtliche Wste, deren Rnder in den Wolken verschwammen, und eine
Kamelkarawane zog schemenhaft in die flimmernde Luft hinein.

Wohl eine Stunde lang blieb die Fata Morgana in zauberischer Farbenpracht
am Himmel stehen, dann verblate sie allmhlich, bis nur mehr ein hohes,
schlankes Minarett, blendend wei wie aus glitzerigem Zucker, brig war,
das eine Weile spter pltzlich im Wolkennebel verschwand.

                   *       *       *       *       *

Erst spt nachmittags hatte Hauberrisser -- Zoll fr Zoll von dem
Menschenmeer an den Husermauern entlang gesplt -- Gelegenheit, ber eine
Grachtbrcke dem Getmmel zu entrinnen.

Zu Swammerdams Wohnung zu gelangen war gnzlich unausfhrbar, denn er htte
viele Straen und abermals den Brseplatz berqueren mssen, und so
beschlo er, in seine Einsiedelei zurckzukehren und einen gnstigeren Tag
abzuwarten. -- -- --

Bald nahmen ihn die totenstillen Wiesen des Polders wieder auf.

Der Raum unter dem Himmel war eine undurchdringliche, staubige Masse
geworden.

Hauberrisser hrte das welke Gras unter seinen Fen zischen, als er
eilends dahinschritt, wie Rauschen des Blutes im Ohr, so tief war die
Einsamkeit.

Hinter ihm lag das schwarze Amsterdam in der roten sinkenden Sonne wie ein
ungeheurer brennender Pechklumpen.

Kein Hauch ringsum, die Deiche durchzogen von glhenden Streifen, nur hie
und da ein trpfelndes Pltschern, wenn ein Fisch aufsprang.

Als die Dmmerung herabsank, tauchten groe, trbgraue Flchen aus der Erde
und krochen ber die Steppe wie ausgebreitete, wandelnde Tcher, -- er sah,
da es zahllose Scharen von Musen waren, die, aus ihren Lchern
geschlpft, pfeifend und aufgeregt durcheinander huschten.

Je mehr die Dunkelheit zunahm, desto unruhiger schien die Natur zu werden,
trotzdem kein Halm sich regte.

Die moorbraun gewordenen Wasser bekamen zuweilen kleine kreisrunde Krater,
ohne da auch nur ein Lufthauch sie getroffen htte, oder schlugen, wie
unter unsichtbaren Steinwrfen, vereinzelte, spitzige Wellenkegel, die
gleich darauf wieder spurlos verschwanden.

Schon konnte Hauberrisser von weitem die kahle Pappel vor seinem Haus
unterscheiden, da wuchsen pltzlich, bis zum Himmel ragend, weiliche
sulenartige Gebilde aus dem Boden und stellten sich zwischen die
Silhouette des Baumes und seinen Blick.

Geisterhaft und lautlos kamen sie auf ihn zu, schwarze, breite Spuren unter
dem ausgerissenen Gras hinterlassend, wo sie gegangen waren: Windhosen, die
der Stadt zu wanderten.

Ohne das leiseste Gerusch zu verursachen, zogen sie an ihm vorbei: stumme,
tckische, totbringende Gespenster der Atmosphre.

                   *       *       *       *       *

Schweigebadet betrat Hauberrisser das Haus.

Die Grtnersfrau des nahen Friedhofs, die ihn bediente, hatte ihm sein
Essen auf den Tisch gestellt; er konnte vor Aufregung keinen Bissen
anrhren.

Voll Unruhe warf er sich angezogen aufs Bett und wartete schlaflos auf den
kommenden Tag.




Schlu


Mit unertrglicher Langsamkeit schlichen die Stunden, und die Nacht schien
kein Ende nehmen zu wollen.

Endlich ging die Sonne auf, trotzdem blieb der Himmel tiefschwarz, nur
ringsum am Horizont glomm ein greller, schwefelgelber Streifen, als habe
sich eine dunkle Halbkugel mit glhendem Rand auf die Erde herabgesenkt.

Ein glanzloses Zwielicht irrte durch den Raum; die Pappel vor dem Fenster,
die Strucher in der Ferne und die Trme Amsterdams waren wie von trben
Scheinwerfern matt erhellt. Darunter lag die Ebene mit ihren Wiesen gleich
einem groen erblindeten Spiegel.

Hauberrisser blickte mit seinem Feldstecher hinber auf die Stadt, die sich
-- ein in Angst erstarrtes Bild -- fahlbeleuchtet von dem schattenhaften
Hintergrund abhob und jeden Augenblick den Todesstreich zu erwarten schien.

Banges, atemloses Glockenluten zitterte in Wellen bis weit ins Land
hinein, -- pltzlich verstummte es jh: ein dumpfes Brausen ging durch die
Luft und die Pappel beugte sich chzend zur Erde nieder.

Windste fegten mit Peitschenhieben ber den Boden hin, das welke Gras
kmmend, und rissen die sprlichen, niedrigen Strucher aus den Wurzeln.

Nach wenigen Minuten war die Landschaft in einer ungeheuern Staubwolke
verschwunden, -- dann tauchte sie wieder auf, kaum mehr zu erkennen: die
Deiche weier Gischt; Windmhlenflgel -- abgerissen von ihren Leibern,
die, in stumpfe Rmpfe verwandelt, in der braunen Erde hockten -- quirlten
hoch in den Lften.

In immer krzern und krzern Pausen heulte der Sturm ber die Steppe, bis
bald nur mehr ein ununterbrochenes Gebrll zu hren war.

Von Sekunde zu Sekunde verdoppelte sich seine Wut; die zhe Pappel war
wenige Fu hoch ber dem Boden fast rechtwinklig abgebogen, -- ohne ste,
kaum mehr als ein glatter Stamm, und blieb, niedergehalten von der Wucht
der ber sie hinwegrasenden Luftmassen, unbeweglich in dieser Stellung.

Nur der Apfelbaum stand regungslos wie in einer von unsichtbarer Hand vor
dem Winde beschirmten Insel, und nicht eine einzige seiner Blten rhrte
sich.

Balken und Steine, Husertrmmer und ganze Mauern, Sparrenwerk und
Erdklumpen flogen unablssig -- ein nicht endenwollender Schauer von
Wurfgeschossen -- am Fenster vorber.

Dann wurde der Himmel pltzlich hellgrau und die Finsternis lste sich in
kaltes, silbriges Glitzern auf.

Hauberrisser glaubte schon, die Wut des Orkans wolle nachlassen, da sah er
mit Grauen, da die Rinde der Pappel sich abschlte und, zu fasrigen Fetzen
geworden, spurlos verschwand. -- Gleich darauf, noch ehe er recht erfassen
konnte, was geschah, brachen die hohen, ragenden Fabrikschornsteine im
Sdwesten des Hafens glatt an der Wurzel ab und verwandelten sich in dnne,
fliehende Lanzen aus weiem Staub, die der Sturm mit Blitzesschnelle
davontrug.

Kirchturm auf Kirchturm folgte, -- Sekundenlang noch schwrzliche Klumpen,
von Taifunwirbeln hoch emporgerissen, dann zu jagenden Streifen am Horizont
geworden -- dann Punkte -- und nichts mehr.

Bald war die ganze Gegend nur noch ein mit wagrechten Linien schraffiertes
Bild vor dem Fenster, so rasend geschwind und fr den Blick nicht mehr zu
unterscheiden folgten die vom Sturm losgerissenen Grasbschel einander.

Sogar der Friedhof mute bereits unterwhlt und blogelegt worden sein,
denn Leichensteine, Bretter von Srgen, Kreuze und eiserne Grablaternen
flogen am Hause vorber, -- ohne die Richtung zu ndern, ohne sich zu heben
oder zu senken, immer gleich wagrecht, als htten sie kein Gewicht.

Hauberrisser hrte das Geblk im Dachstuhl sthnen -- jeden Moment
erwartete er, es werde in Trmmer gehen; er wollte hinunterlaufen, um das
Haustor zu verriegeln, damit es nicht aus den Angeln gehoben wrde, -- an
der Stubentr kehrte er um: von einer innern Stimme gewarnt, begriff er,
da, wenn er jetzt die Klinke niederdrckte, die entstehende Zugluft die
Fensterscheiben zertrmmern, die an den Mauern entlang fegenden
Sturmgewalten einlassen und in einem Augenblick das ganze Haus in einen
Schuttwirbel verwandeln mute.

Nur solange es der Hgel vor dem Anprall des Orkans schtzte und die Stuben
durch die verschlossenen Tren wie in Bienenzellen abgeteilt blieben,
konnte es der Vernichtung trotzen.

Die Luft im Zimmer war eiskalt und dnn geworden wie unter einem Vakuum;
ein Blatt Papier flatterte vom Schreibtisch, prete sich ans Schlsselloch
und blieb angesaugt daran haften.

Hauberrisser trat wieder zum Fenster und blickte hinaus: Der Sturm war zu
einem reienden Strom angeschwollen und blies das Wasser aus den Deichen,
da es wie ein Sprhregen in der Luft zerstubte; die Wiesen glichen
glattgewalztem, grauglnzendem Samt und da, wo die Pappel gestanden hatte,
stak nur mehr ein Stumpf mit wehendem, faserigem Schopf.

Das Brausen war so gleichfrmig und betubend, da Hauberrisser allmhlich
zu glauben anfing, alles ringsum sei in Totenstille gehllt.

Erst, als er einen Hammer nahm, um mit Ngeln den zitternden Fensterladen
zu befestigen, damit er nicht eingedrckt wrde, merkte er an der
Lautlosigkeit seiner Schlge, wie furchtbar drauen das Getse sein mute.

Lange wagte er nicht, den Blick nach der Stadt zu wenden, aus Furcht, die
Nikolaskirche mitsamt dem dicht daneben befindlichen Haus am Zee Dyk, in
dem sich Swammerdam und Pfeill befanden, knnte weggeweht sein, -- dann,
als er zgernd und voll Angst hinschaute, sah er, da sie wohl noch
unversehrt zum Himmel ragte, aber aus einer Insel von Schutt: -- fast das
ganze brige Giebelmeer war ein einziger flacher Trmmerhaufen.

Wieviel Stdte mgen heute wohl noch in Europa stehen? fragte er sich
schaudernd. Ganz Amsterdam ist abgeschliffen wie ein mrber Stein. Eine
morschgewordene Kultur ist in stiebenden Kehricht aufgegangen.

Mit einemmal packte ihn die Furchtbarkeit des Geschehnisses in ihrer ganzen
Gre.

Die Eindrcke des gestrigen Tages, die darauf folgende Erschpfung und das
pltzliche Hereinbrechen der Katastrophe hatten ihn in einer
ununterbrochenen Betubung erhalten, die jetzt erst von ihm wich und ihn
wieder zu klarem Bewutsein kommen lie.

Er griff sich an die Stirne. -- Habe ich denn geschlafen?

Sein Blick fiel auf den Apfelbaum, der, wie durch ein unbegreifliches
Wunder, in vollem unversehrtem Bltenschmuck prangte.

An seiner Wurzel hatte er gestern die Rolle vergraben, erinnerte er sich,
und es kam ihm vor, als wre in der kurzen Spanne Zeit inzwischen eine
Ewigkeit verflossen.

Hatte er nicht selbst geschrieben, er bese die Fhigkeit, sich von seinem
Krper loszulsen?

Warum hatte er es denn nicht getan? Gestern, die Nacht ber, heute morgen,
als der Sturm losbrach?

Warum tat er es jetzt nicht?

Einen Augenblick lang glckte es ihm wieder: er sah seinen Krper als
schattenhaftes, fremdes Geschpf am Fenster lehnen, aber die Welt drauen,
trotz ihrer Verwstung, war nicht mehr ein gespenstisches, totes Bild wie
frher in solchen Zustnden: eine neue Erde, durchzittert von Lebendigkeit,
breitete sich vor ihm aus -- ein Frhling voll Herrlichkeit, wie sichtbar
gewordene Zukunft, schwebte darber -- das Vorgefhl eines namenlosen
Entzckens durchbebte seine Brust; alles ringsum schien sich in einer
Vision zu bleibender Deutlichkeit verwandeln zu wollen; -- -- der blhende
Apfelbaum, war er nicht Chidher, der ewig grnende Baum?!

Im nchsten Moment war Hauberrisser wieder mit seinem Krper vereinigt und
sah in den heulenden Sturm hinein, aber er wute, da sich hinter dem Bild
der Zerstrung das neue verheiungsvolle Land verbarg, das er soeben mit
den Augen seiner Seele geschaut hatte.

Das Herz klopfte ihm vor wilder, freudiger Erwartung: er fhlte, da er auf
der Schwelle zum letzten, hchsten Erwachen stand -- da der Phnix in ihm
die Schwingen hob zum Flug in den ther. Er fhlte die Nhe eines weit ber
alle irdische Erfahrung hinausreichenden Geschehnisses so deutlich, da er
vor innerer Ergriffenheit kaum zu atmen wagte, -- es war fast wie damals im
Park von Hilversum, als er Eva gekt hatte: dasselbe eisige Fittichwehen
des Todesengels, aber jetzt zog sich gleich einem Bltenhauch die Vorahnung
eines kommenden unzerstrbaren Lebens hindurch; -- die Worte Chidhers: Ich
werde dir um Evas willen die nimmerendende Liebe geben drangen an sein
Ohr, als riefe sie der blhende Apfelbaum herber.

Er gedachte der zahllosen Toten, die unter den Trmmern der verwehten Stadt
dort drben verschttet lagen: er konnte keine Trauer empfinden; -- sie
werden wieder auferstehen, wenn auch in vernderter Form, bis sie die
letzte und hchste Form, die Form des 'erwachten Menschen' gefunden haben,
der nicht mehr stirbt. -- Auch die Natur wird immer wieder jung wie der
Phnix.

Eine pltzliche Erregung ergriff ihn so gewaltig, da er glaubte, ersticken
zu mssen: stand nicht Eva dicht neben ihm?

Ein Atemhauch hatte sein Gesicht gestreift.

Wessen Herz schlug so nahe bei seinem, wenn nicht das ihre!?

Neue Sinne, fhlte er, wollten in ihm aufbrechen und ihm die unsichtbare
Welt, die die irdische durchdringt, erschlieen. Jede Sekunde konnte die
letzte Binde, die sie ihm noch verhllte, von seinen Augen fallen.

Gib mir ein Zeichen, da du bei mir bist, Eva! -- flehte er leise. La
meinen Glauben, da du zu mir kommst, nicht zu Schanden werden.

Was wre das fr eine armselige Liebe, die nicht Raum und Zeit berwinden
knnte, -- hrte er ihre Stimme flstern, und das Haar strubte sich ihm
im berma seelischer Erschtterung. Hier in diesem Zimmer bin ich genesen
von den Schrecknissen der Erde und hier warte ich bei dir, bis die Stunde
deiner Erweckung gekommen ist.

Eine stille friedvolle Ruhe senkte sich ber ihn; er blickte umher: auch in
der Stube dasselbe freudige, geduldige Warten wie verhaltener Frhlingsruf,
-- alle Gegenstnde dicht vor dem Wunder einer unbegreiflichen Verwandlung.

Sein Herz schlug laut.

Der Raum, die Wnde und Dinge, die ihn umgaben, waren nur uere,
tuschende Formen fr seine irdischen Augen, fhlte er, -- sie ragten
herein in die Welt der Krper wie Schatten aus einem unsichtbaren Reich, --
jede Minute konnte sich ihm die Pforte auftun, hinter der das Land der
Unsterblichen lag.

Er versuchte, sich auszumalen, wie es sein mte, wenn seine innern Sinne
erwacht sein wrden. -- Wird Eva bei mir sein, werde ich zu ihr gehen und
sie sehen und mit ihr sprechen -- so, wie die Wesen dieser Erde einander
begegnen? -- Oder werden wir zu Farben, zu Tnen, -- ohne Gestalt -- die
sich vermischen? Umgeben uns dann Dinge wie hier, -- schweben wir als
Lichtstrahlen durch den unendlichen Weltenraum, oder verwandelt sich das
Reich des Stoffes mit uns und wir verwandeln uns in ihm? -- Er erriet, da
es ein hnlicher, ganz natrlicher und doch vollkommen neuer, ihm jetzt
noch unfabarer Vorgang sein wrde, wie vielleicht das Entstehen der
Windhosen, die er gestern aus dem Nichts -- aus der Luft heraus zu
greifbaren, mit allen Sinnen des Leibes wahrnehmbaren Formen sich hatte
bilden sehen, -- aber dennoch konnte er sich keine klare Vorstellung davon
machen.

Das Vorgefhl eines so unsagbaren Entzckens durchzitterte ihn, da er
genau wute: die Wirklichkeit des wunderbaren Erlebnisses, das ihm
bevorstand, mute alles, was er sich auszumalen imstande sei, weit
bertreffen.

                   *       *       *       *       *

Die Zeit verrann.

Es schien Mittag zu sein: -- hoch am Himmel schwebte ein leuchtender Kreis
im Dunst.

Tobte der Sturm noch immer?

Hauberrisser lauschte:

Nichts, woran er es htte erkennen knnen. Die Deiche waren leer.
Ausgeblasen. Kein Wasser, keine Spur von Bewegung mehr darin. Kein Strauch,
soweit der Blick reichte. -- Das Gras flach. Nicht eine einzige ziehende
Wolke -- regungsloser Luftraum.

Er nahm den Hammer und lie ihn fallen -- hrte ihn laut auf dem Boden
aufschlagen: es ist still drauen geworden, begriff er.

Nur Zyklone rasten noch in der Stadt, wie er durch das Fernglas erkannte;
Steinblcke wirbelten empor in die Luft, -- aus dem Hafen tauchten
Wassersulen, brachen auseinander, trmten sich wieder auf und tanzten dem
Meere zu.

Da! -- War es eine Tuschung? Schwankten nicht die beiden Trme der
Nikolaskirche?

Der eine strzte pltzlich in sich zusammen; -- der andere flog wirbelnd
hoch in die Luft, zerbarst wie eine Rakete, -- die ungeheure Glocke
schwebte einen Augenblick frei zwischen Himmel und Erde.

Dann sauste sie lautlos herab.

Hauberrisser stockte das Blut:

Swammerdam! Pfeill!

Nein, nein, nein, -- es konnte ihnen nichts geschehen sein: Chidher, der
Ewige Baum der Menschheit beschirmt sie mit seinen sten! Hatte Swammerdam
nicht vorausgesagt, er werde die Kirche berleben?

Und gab es nicht Inseln, so wie dort der blhende Apfelbaum inmitten des
grnen Rasenflecks, in denen das Leben gegen Vernichtung gefeit war und
aufbewahrt wurde fr die kommende Zeit? -- --

Jetzt erst erreichte der Schall der zerschmetterten Glocke das Haus.

Die Mauern erdrhnten unter dem Anprall der Luftwellen: ein einziger,
furchtbarer, erschtternder Ton, da Hauberrisser glaubte, die Knochen im
Leibe seien ihm wie Glas zersplittert, und einen Moment sein Bewutsein
schwinden fhlte.

=Die Mauern von Jericho sind gefallen,= hrte er die bebende Stimme
Chidher Grns laut im Raume sagen. -- =Er ist aufgewacht von den Toten.=

Atemlose Stille. -- --

Dann schrie ein Kind. -- -- --

Hauberrisser blickte verstrt umher.

Endlich kam er zu sich.

Er erkannte deutlich die kahlen, schmucklosen Wnde seines Zimmers, und
doch waren es zugleich die Wnde eines Tempels mit Fresken gyptischer
Gttergestalten bemalt; er stand mitten darin -- beides war Wirklichkeit;
er sah die hlzernen Dielen des Bodens und zugleich waren es steinerne
Tempelfliesen, -- zwei Welten durchdrangen einander -- in eine verschmolzen
und doch voneinander getrennt -- vor seinem Blick, als sei er wach und
trume in ein und derselben Sekunde; er fuhr mit der Hand ber den Kalk der
Wand, fhlte die rauhe Flche und hatte dennoch die untrgliche Gewiheit,
da seine Finger eine hohe goldene Statue berhrten, die er als die Gttin
Isis, auf einem Throne sitzend, zu erkennen glaubte.

Ein neues Bewutsein war zu seinem gewohnten, menschlichen, das er bisher
besessen, dazu getreten -- hatte ihn mit der Wahrnehmung einer neuen Welt
bereichert, die die alte in sich schlang, berhrte, verwandelte und dennoch
auf wunderbare Weise fortbestehen lie.

Sinn fr Sinn wachte doppelt in ihm auf -- wie Blten, die aus Knospen
hervorbrechen.

Schuppen fielen ihm von den Augen; wie jemand, der ein ganzes Leben
hindurch alles nur in Flchen wahrgenommen hat und dann mit einem Schlage
eine rumliche Gestaltung sich daraus bilden sieht, konnte er lange nicht
fassen, was sich begeben hatte.

Allmhlich begriff er, da er das Ziel des Weges, den zu Ende zu gehen der
verborgene Daseinszweck jedes Menschen ist, erreicht hatte: ein Brger
zweier Welten zu sein. -- -- -- --

Wieder schrie ein Kind.

                   *       *       *       *       *

Hatte Eva nicht gesagt, sie wolle Mutter sein, wenn sie wieder zu ihm kme?
-- Wie Schrecken durchfuhr es ihn.

Hielt die Gttin Isis nicht ein nacktes, lebendiges Kind im Arm?

Er hob den Blick zu ihr und sah sie lcheln. --

Sie bewegte sich.

Immer schrfer, farbiger und klarer wurden die Fresken, -- heilige Gerte
standen umher. So deutlich war alles, da Hauberrisser den Anblick des
Zimmers darber verga und nur mehr den Tempel und die rot und goldene
Malerei ringsum erkannte.

Geistesabwesend starrte er in das Antlitz der Gttin und langsam, langsam
kam es wie eine dumpfe Erinnerung ber ihn: Eva! -- Das war doch Eva und
nicht die Statue der gyptischen Gttin, der Mutter der Welt!

Er prete die Hnde an die Schlfen -- konnte es nicht fassen.

Eva! Eva! schrie er laut auf.

Wieder traten die kahlen Mauern der Stube durch die Tempelwnde hindurch,
die Gttin thronte noch immer lchelnd darin, aber dicht vor ihm, seinem
Schauen leibhaftig und wirklich, stand als irdisches Ebenbild die
Erscheinung eines jungen, blhenden Weibes. -- --

Eva! Eva! -- mit einem jauchzenden Schrei grenzenlosen Entzckens ri er
sie an sich und bedeckte ihr Gesicht mit Kssen -- Eva! -- -- -- --

Dann standen sie lang, eng umschlungen vor dem Fenster und sahen zu der
toten Stadt hinber.

Helft, wie ich, den kommenden Geschlechtern ein neues Reich aus den
Trmmern des alten wieder aufzubauen, fhlte er einen Gedanken, als sei es
die Stimme Chidhers, sagen, damit die Zeit anbricht, in der auch ich
lcheln darf.

Das Zimmer und der Tempel waren gleich deutlich geworden.

Wie ein Januskopf konnte Hauberrisser in die jenseitige Welt und zugleich
in die irdische Welt hineinblicken und ihre Einzelheiten und Dinge klar
unterscheiden:

   er war hben und drben
   ein lebendiger Mensch.




Anmerkungen zur Transkription


Die Schreibweise des Namens Klinkherbogk wurde vereinheitlicht und
fehlende Anfhrungszeichen wurden stillschweigend ergnzt. Alle anderen
zahlreichen Varianten der Schreibung von Namen und Ortsbezeichnungen
wurden belassen wie im Original. Auch Varianten der Schreibung von
fremdsprachigen Worten wie Mynheer/Mijnheer, die zu verschiedenen Zeiten
blich waren, wurden bernommen. Andere offensichtliche Fehler wurden,
teilweise unter Verwendung spterer Ausgaben, korrigiert wie hier
aufgefhrt (vorher/nachher):

   [S. 3]:
   ... Tegen het Licht te bekijken. Voor Gourmands. ...
   ... Tegen het licht te bekijken. Voor Gourmands. ...

   [S. 18]:
   ... Die Farbe der Haut spielte ins olive und war ...
   ... Die Farbe der Haut spielte ins Olive und war ...

   [S. 24]:
   ... im Caf de vergulde Turk, einem dunkeln, ...
   ... im Caf De vergulde Turk, einem dunkeln, ...

   [S. 24]:
   ... winkligen und verucherten Lokal, das versteckt ...
   ... winkligen und verrucherten Lokal, das versteckt ...

   [S. 24]:
   ... -- Garnaale, Garnaale, drhnte der Brummba ...
   ... -- Garnalen, garnalen, drhnte der Brummba ...

   [S. 25]:
   ... vorber. Banaantje, Banaantje, quietschte ...
   ... vorber. Banaantjes, banaantjes, quietschte ...

   [S. 29]:
   ... laut und brsk: da hast du zwanzig Zents ...
   ... laut und brsk: da hast du zwanzig Cents ...

   [S. 38]:
   ... Ein Herr in weiem Flanellanzug, roter Kravatte, ...
   ... Ein Herr in weiem Flanellanzug, roter Krawatte, ...

   [S. 44]:
   ... Mimutig schlrfte er seinen Sherry-Cobler. ...
   ... Mimutig schlrfte er seinen Sherry-Cobbler. ...

   [S. 54]:
   ... den messingnen Krulltjes an den Schlfen und ...
   ... den messingnen Krulletjes an den Schlfen und ...

   [S. 59]:
   ... das Publikum verstndnislos dem in deutscher ...
   ... das Publikum verstndnislos den in deutscher ...

   [S. 60]:
   ... Lumpensammlerehepaar sang met Piano Begeleidingen ...
   ... Lumpensammlerehepaar sang met pianobegeleiding ...

   [S. 61]:
   ... De Burgemeester trekt erin. ...
   ... De burgemeester trekt er in. ...

   [S. 67]:
   ... Vielleicht in einer Hafenschenke am Nieuve ...
   ... Vielleicht in einer Hafenschenke am Nieuwe ...

   [S. 80]:
   ... Sie htten es in Leyden in der Oudhedenschen Sammlung ...
   ... Sie htten es in Leyden in der Oudheden-Sammlung ...

   [S. 86]:
   ... Amsterdam auf ponnybespannten Wagen abends ...
   ... Amsterdam auf ponybespannten Wagen abends ...

   [S. 92]:
   ... enthielt: Hipocampa Milhauseri -- das ist nmlich ...
   ... enthielt: Hybocampa Milhauseri -- das ist nmlich ...

   [S. 97]:
   ... Hier verkoopt men starke drenken verriet, da ...
   ... Hier verkoopt men sterke dranken verriet, da ...

   [S. 97]:
   ... Haube und Krulltjes an den Ohren ...
   ... Haube und Krulletjes an den Ohren ...

   [S. 99]:
   ... heute noch kennen lernen. Er wohnt ober ...
   ... heute noch kennen lernen. Er wohnt ber ...

   [S. 105]:
   ... alte Hollnderin, begtigend Frulein von Druysen, ...
   ... alte Hollnderin, begtigend Frulein von Druysen ...

   [S. 158]:
   ... zu halten und den Gedanken fr ein Hirngespinnst. ...
   ... zu halten und den Gedanken fr ein Hirngespinst. ...

   [S. 161]:
   ... hin und herschwankte, sich dann mit dem ...
   ... hin- und herschwankte, sich dann mit dem ...

   [S. 165]:
   ... Hosen wird er verlieren. A propos, hast du seine ...
   ... Hosen wird er verlieren.  propos, hast du seine ...

   [S. 170]:
   ... -- Du scheinst berhaupt nicht zu ahnen, wie unungeheuer ...
   ... -- Du scheinst berhaupt nicht zu ahnen, wie ungeheuer ...

   [S. 175]:
   ... Zusamenhang mit der vermutlich kommenden ...
   ... Zusammenhang mit der vermutlich kommenden ...

   [S. 180]:
   ... durfte, als Mdchen in ihrer seelischen Feinfhlichkeit ...
   ... durfte, als Mdchen in ihrer seelischen Feinfhligkeit ...

   [S. 185]:
   ... wrend in Wirklichkeit Sie selbst es wren. ...
   ... whrend in Wirklichkeit Sie selbst es wren. ...

   [S. 216]:
   ... schelschtig, gierig und mordbereit, machten ...
   ... scheelschtig, gierig und mordbereit, machten ...

   [S. 221]:
   ... mutigen Gesichter immer nher komen. ...
   ... mutigen Gesichter immer nher kommen. ...

   [S. 225]:
   ... ein Frauenzimmer mit rotem, kurzen Rock mitleidig ...
   ... ein Frauenzimmer mit rotem, kurzem Rock mitleidig ...

   [S. 229]:
   ... In der Station Wesperpoort, die der Mitte ...
   ... In der Station Weesperpoort, die der Mitte ...

   [S. 245]:
   ... und ich mich mit Grbeln zerqult, womit ich ...
   ... und mich mit Grbeln zerqult, womit ich ...

   [S. 258]:
   ... getan; Sie wren so etwas in Ihren Jahren ...
   ... getan; Sie wren zu so etwas in Ihren Jahren ...

   [S. 271]:
   ... inneren Leben ntig sei, sich zu sehnen. Jetzt ...
   ... inneren Lebens ntig sei, sich zu sehnen. Jetzt ...

   [S. 274]:
   ... Rache ich mein. Und dann -- -- das freundliche ...
   ... Rache is mein. Und dann -- -- das freundliche ...

   [S. 291]:
   ... die seltsamste Wandlung, vollzieht, die dir geschehen ...
   ... die seltsamste Wandlung vollzieht, die dir geschehen ...

   [S. 293]:
   ... Der Pnix ...
   ... Der Phnix ...

   [S. 309]:
   ... haben sie mich beraubt, -- jetzt bereichern, sie ...
   ... haben sie mich beraubt, -- jetzt bereichern sie ...

   [S. 310]:
   ... bentigt, -- aber auch die stattgefressene ...
   ... bentigt, -- aber auch die sattgefressene ...

   [S. 323]:
   ... Ea! Eva! Geh nie wieder von mir! -- ...
   ... Eva! Eva! Geh nie wieder von mir! -- ...

   [S. 325]:
   ... blonden, seidenen Strhne, die vor seinen ...
   ... blonden, seidenen Strhnen, die vor seinen ...

   [S. 326]:
   ... nicht Tag. -- Und da drber auf dem Schreibtisch ...
   ... nicht Tag. -- Und da drben auf dem Schreibtisch ...

   [S. 328]:
   ... Wo ich auf Erde eine Liebe keimen sehe, die ...
   ... Wo ich auf Erden eine Liebe keimen sehe, die ...

   [S. 331]:
   ... packt es mich jedesmal wie -- wie Angst! -- ...
   ... packt es mich jedesmal wie -- wie Angst! -- ...

   [S. 331]:
   ... Begebnis, da Ihren Glauben doch in ...
   ... Begebnis, das Ihren Glauben doch in ...

   [S. 331]:
   ... Leben bringen' -- beweist es. ...
   ... Lebens bringen' -- beweist es. ...

   [S. 338]:
   ... im Innnern der Kirche ein Licht, in den nchtlichen ...
   ... im Innern der Kirche ein Licht, in den nchtlichen ...

   [S. 341]:
   ... ihn zum Knig von Sululand zu machen -- das ...
   ... ihn zum Knig von Zululand zu machen -- das ...

   [S. 368]:
   ... o sanktissima, o pi -- issima, dulcis virgo ...
   ... o sanctissima, o pi -- issima, dulcis virgo ...

   [S. 374]:
   ... schwarze, breite Spuren unter dem ausgerissenem ...
   ... schwarze, breite Spuren unter dem ausgerissenen ...

   [S. 382]:
   ... von seinen Augen: fallen. ...
   ... von seinen Augen fallen. ...

   [S. 382]:
   ... Ein stille friedvolle Ruhe senkte sich ber ihn; ...
   ... Eine stille friedvolle Ruhe senkte sich ber ihn; ...






End of the Project Gutenberg EBook of Das grne Gesicht, by Gustav Meyrink

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     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
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property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
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1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
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LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

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written explanation to the person you received the work from.  If you
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1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
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provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
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that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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