The Project Gutenberg EBook of Emma und Bertha oder die Zwillingsschwestern, by 
Anna Elise Sophie von Knigsthal

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Title: Emma und Bertha oder die Zwillingsschwestern
       Eine unterhaltende Erzhlung fr die Jugend

Author: Anna Elise Sophie von Knigsthal

Release Date: February 14, 2015 [EBook #48253]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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  Emma und Bertha

  oder

  die Zwillingsschwestern.

  Eine unterhaltende Erzhlung
  fr die Jugend.

  Mit 4 illum. Kupfern.

  Nrnberg,
  bei Bauer und Raspe
  1834.




Einleitung.


Frau v.Falkensee, die Gattin eines, durch viele im Krieg erhaltenen
Wunden, dienstuntauglichen Majors, war schon Mutter eines Knabens; und
nach 4 Jahren lagen 2 Zwillingstchterchen in der Wiege, deren Aehnlichkeit
selbst oft den mtterlichen Scharfblick tuschte, so da Jene Emma fr
Bertha, und Bertha fr Emma hielt, besonders wenn beide im sen Schlummer
lagen; denn, sobald sie die Augen aufschlugen, so zeichnete Emma der
sanfte, Bertha der lebhafte Blick; Erstere eine gewie Ruhe und Stille,
diese ein unverkennbares Feuer in den Bewegungen des kleinen Krperchens
aus. Auch die Stimme der Kinder war verschieden; Bertha schrie krftig,
wenn ihr Etwas mangelte; in Emma's Tnen lag dann eine klagende Wehmuth.

Diese Kennzeichen waren nun wohl der Mutter und den Hausgenossen durch
immerwhrendes Zusammenseyn mit den Kleinen an ihnen bemerkbar; Fremde
aber _muten_ sie verwechseln, dies war nicht anders mglich. Selbst mit
zunehmenden Jahren verminderte sich der Schwestern _ussere_ Aehnlichkeit
nicht, sondern sie blieben sich in Gesicht und Haar, in Wuchs und Gre
vollkommen gleich und auch der Anzug wurde fr Beide stets berein gewhlt,
wie man dies bei Zwillingsgeschwistern gewhnlich zu thun pflegt. -- Jedoch
sehr verschieden war ihr _inneres_ Wesen. Emma sanft, verstndig, mild
und fleiig, usserte mitunter einen furchtsamen, empfindlichen und
verschlossenen Charakter, Bertha war flatterhaft, leichtsinnig und
vorwitzig, aufbrausend und ausgelassen, dabei offen und ehrlich und
usserst gutmthig. Ob sie gleich Emma innig liebte, so hielt sie sich doch
auch nicht ungerne zu ihrem muntern Brderchen und zu dessen Gespielen,
wenn er welche bei sich hatte. Es bedurfte dann nicht viel Bittens von
seiner Seite, so half sie seine kleine Compagnie vollzhlig machen, nahm
eine Flinte auf die Schulter, oder den hlzernen Sbel in die Hand, und
marschirte mit den Knaben in die Wette nach dem Takt der Trommel, auf
welcher ein Tambour an der Spitze der kriegerischen Schaar wirbelte.
Wenn Frnzchen alleine war, so ersezte Bertha ihm die Freude, lie sich
gutwillig als Pferdchen gebrauchen, oder stellte den Kutscher vor, wie es
eben Jenem beliebte, es einzurichten. Bei Emma hingegen kostete es mehr,
sie zu einem hnlichen Spiel zu bewegen; und nur wenn Franz ihr mit
wehmthiger Stimme und Geberde versicherte, da sie ihm durch einen
Abschlag seines Gesuchs recht wehe thun und seine ganze Freude verderben
wrde, entschlo sie sich, gemeinschaftliche Sache mit ihm und Bertha zu
machen. Die Geschwister, ihre Neigung kennend, theilten ihr dann immer eine
stillere Rolle zu, und suchten ihr auf alle Weise ihre Geflligkeit durch
Nachgiebigkeit zu vergelten. Am liebsten spielte Emma alleine mit ihren
Puppen und Kchengeschirr, und konnte sich damit Tage lang vergngt
beschftigen. Bertha dagegen mochte nicht lange still sitzen, und hatte
immer muthwillige Streiche im Kopf, die sie nicht selten ausfhrte,
und Schwester Emma in fatale Verlegenheiten brachte, oder auch ein Lob
einrndete, das dieser gebhrte, indem beide gar hufig mit einander
verwechselt wurden.

Wie nun dieser Irrthum bei kleinern und grern Begebenheiten Statt fand,
bis zur Zeit, wo beide Schwestern erwachsen, durch die Entscheidung ihres
fernern Schicksals getrennt wurden; wie Emma und Bertha ihren Charakter
durchgngig usserten, die gemachten Erfahrungen aber zu ihrer
Vervollkommnung bentzten, -- dies sollen meine lieben jungen Leser
und Leserinnen im vorliegenden Bchlein vernehmen; und da fr sie die
Erzhlungen eine Quelle angenehmer und nzlicher Unterhaltung werden mgen,
ist herzlicher Wunsch

  der Verfasserin.




Die Zauberlaterne.


Franzens zehnter Geburtstag nahte, und er hatte die Erlaubni erhalten,
mehrere Freunde dazu bitten zu drfen. Er versprach sich unendliches
Vergngen davon, und eine feierliche Einladung war auch schon von ihm an
die Schwestern ergangen, der muntern Versammlung bei zu wohnen. Bertha
hatte unbedingt zugesagt, und jubelte, mit Franzen darin wetteifernd, --
bei der frohen Aussicht auf jenen Tag, der sich von Frh bis Abend durch
seine angenehmen Ereignisse auszeichnen wrde. Besonders wurden fr die
Abendstunden, in welchen der Gespielenkreis sich versammelte, viele schne
Plne zum gemeinschaftlichen Zeitvertreib entworfen, und Bertha half dem
Bruder emsig, unter seinen Spielkram Alles hervor zu suchen, was zu
jenem Zweck tauglich war. Manches bedurfte einer Verbesserung und
Wiederherstellung, und Franz der kleine Tausendknstler unternahm selbst
hie und da eine derselben mit Erfolg, wegen anderer schickte er die sanfte
Emma als Frsprecherin zur Mutter, und diese willfahrte der schmeichelnden
Bitte, und setzte das verdorbene Spielzeug mit eigener Hand, oder durch
fremde Hlfe in bessern Zustand. Zu seiner Freude fand er aber seine
Zauberlaterne ganz unversehrt, und von dieser Unterhaltung versprach er
sich besonders viel Spa. Er besah mit den Schwestern die zwlf, auf Glas
gemalten Vorstellungen, welche theils Begebenheiten aus der biblischen,
theils aus der Weltgeschichte, theils auch aus dem Kinderleben enthielten,
und sah sie schon im Geist auf dem weien, an der Wand aufgespannten Tuch
in vergrerter Gestalt, und in heller Beleuchtung erscheinen. Es war an
keinem ein kleiner Schade zu sehen, und Franz packte sie wieder vorsichtig
in das, dazu bestimmte Kstchen wobei er usserte: er wolle noch diesen
Abend einen Versuch mit der Zauberlaterne machen, um sie dann recht gebt
zum Vergngen seiner Freunde bentzen zu knnen. Zu dem Ende stellte er
sie nicht wieder in den Spielschrank, sondern trug sie in das Kinderzimmer.
Herr Werthlieb, der Lehrer hatte unsern Franz in der Nachmittagsstunde
diesmal eine so groe Aufgabe ertheilt, da dieser den grten Theil des
Abends auf dessen Stube bleiben und arbeiten mute. Dies war Bertha noch
unangenehmer als dem Knaben selbst, denn sie hatte sich schon sehr auf
die Probe mit der Zauberlaterne gefreut; und als Franz immer nicht kommen
wollte, schlich sie sich mit einem brennenden Wachsstock ins benannte
Stbchen, nahm die Laterne aus dem Kasten, zndete das Lmpchen an, und
hing eine weie Schrze von der Magd an ein paar Schrauben, die sich in der
Wand befanden. Ihre Hast und Unbedachtsamkeit, mit der sie Alles unternahm,
brachte auch hier vielen Schaden; der Oelinhalt des Lmpchens wurde zur
Hlfte in die Laterne geschttet, und auch der Boden etwas damit befleckt,
und als Bertha zwei der schnsten Vorstellungen -- es war der verlorne
Sohn, wie er reuig zum Vater zurckkehrt, und von diesem zrtlich begrt
wird, und dann ein spielender Kinderkreis, wo Knaben und Mdchen sich auf
schuldlose Weise vergngen -- als Jene nun die beiden Glser ungeschickter
Weise hinein schob, erhielt das erste einen tchtigen Sprung, beim zweiten
blieben Bertha die Stcke in den Hnden. Erschrocken packte sie eilig alles
zusammen, lschte die Lampe aus, und machte sich aus dem Staube. Als
nun Franz vom Lehrer entlassen war, wollte er ohne Aufschub das erwhnte
Vorhaben ausfhren -- aber welch eine Entdeckung mute er machen! Er schlug
einen gewaltigen Lrm auf, und verlangte von der eintretenden Magd zu
wissen, wer im Zimmer gewesen, und das Unheil angestellt habe. Anna hatte
Bertha nur noch ein wenig im Entfliehen erblickt, und war gerade nicht
gut auf Emma zu sprechen, weil ihr diese einen verdienten Tadel sehr bel
genommen hatte; ohne also sich zu bedenken, nannte sie Leztere, da sie auch
in der Schnelligkeit die Schwestern nicht unterscheiden konnte. Mit den
zerbrochenen Glsern in der Hand, und mit nassen Augen rannte Franz ins
Wohnzimmer, und stellte Emma sehr derb und heftig zur Rede, drohte auch,
sie bei der Mutter zu verklagen. Bertha kam dazu, noch ehe Jene zu ihrer
Vertheidigung etwas gesagt hatte, und rief, als sie lezte Aeusserung noch
hrte: Mit Nichten Herr Bruder! Nicht Emma, sondern _ich_ habe mir Deine
Ungnade zugezogen, mich mut du verklagen. Komm nur gleich, komm!
Bei diesen Worten ergriff sie ihn am Arm und zog ihn mit fort zu der
mtterlichen Richterin, die im Speisegewlb beschftigt war. Hier gestand
sie nun offen was sie begangen hatte, verschwieg auch den verdorbenen
Stubenboden nicht, und erhielt den verdienten Verwei, mit dem Zusatz: da
sie zur Strafe bei Franzens Geburtstagsfeier ausgeschlossen seyn sollte.
Dieser Ausspruch kostete ihr viele Thrnen, jedoch sie wagte nicht, dagegen
Etwas einzuwenden. Emma aber von Bertha's Ehrlichkeit gerhrt, lie mit
Bitten nicht nach, bis Mutter und Bruder dieser verzieh, und Frau von
Falkensee, welche auch ihres Tchterchens Aufrichtigkeit im Stillen
erfreute, nahm ihr strenges Verbot mit der Bedingung zurck: da Bertha
an Franzen's Festabend die Schranken mdchenhafter Schicklichkeit nicht
bertreten drfe; ausserdem sogleich auf ihr Zimmer verwiesen wrde; sie
versprach es, und Emma hielt ein wachsames Auge ber das Schwesterlein,
damit durch dasselbe keine Strung des allgemeinen Vergngens erfolgte.




Der ungerechte Verdacht.


Nach einiger Zeit erging an Emma und Bertha eine Einladung zu Frau Rutland
welche auch zwei Tchterchen in fast gleichem Alter besa, und diesen
einmal eine groe Mdchengesellschaft einladen wollte. Sie entschlo
sich selten dazu, denn bis zur Uebertreibung an Reinlichkeit und Ordnung
gewhnt, war ihr schon deshalb eine Versammlung fremder Kinder in ihrem
Hause etwas Aengstliches, und die ihrigen standen unter so strenger Zucht,
da die Armen ihre Kindlichkeit beinahe dabei einbten. Sie muten sich
immer wie Erwachsene betragen, und dies verlangte denn auch Frau Rutland
von fremden jungen Leuten. Als daher obige Aufforderung erschien,
erschraken Emma und Bertha, statt da sie sich freuten, und htten jene
gerne abgewiesen; allein der Major, welcher mit Frau Rutland hie und da
zusammen kam, und auf ziemlich freundschaftlichem Fue mit ihr stand, gab
seine Einwilligung nicht dazu, sondern ermahnte vielmehr seine Tchterchen,
sich ja recht bescheiden und anstndig zu betragen. Es war das erstemal,
da Emma und Bertha zu Frau Rutland kamen, und sie muten, wie schon gar
oft, auch nun von dieser, und von einer Verwandten derselben, die bei
ihr war, viele Aeusserung des Erstaunens ber die ausserordentliche
Aehnlichkeit, die bei ihnen Statt fand, anhren. Indessen ging es Anfangs
recht gut. Die Bewirthung war trefflich, die Behandlung freundlich, und
nach genoenem Thee wurden am Tisch mehrere Kreisspiele vorgenommen. Emma
fiel es nicht schwer, der lterlichen Ermahnung eingedenk, still und ruhig
sich zu benehmen, aber Bertha hatte gerade wieder an jenem Abend eine recht
ausgelassene Laune; sie mute ihrem unwiderstehlichen innern Drang folgen,
und wenigstens ihre Nachbarin immer ein wenig insgeheim necken; bald
versteckte sie ihr dies und Jenes beim Spiel, bald versuchte sie, dieselbe
wenn sie ernsthaft seyn wollte, zum Lachen zu bewegen, bald suchte sie des
Kzchen, das im Zimmer war, habhaft zu werden, und brachte es dem, neben
ihr sizenden Dorchen, welche es nicht leiden mochte, ein wenig nahe --
kurz sie konnte nicht ruhen, obgleich ihr Emma einmal bers anderemal einen
strafenden Blick zu warf.--

Eine, Frau Rutland recht zur Unzeit kommende Aufforderung, nthigte diese,
noch am nmlichen Abend mit ihrer Baase auszugehen, und nur die Magd blieb
zur Aufsicht ber die kleine Mdchen-Versammlung; doch weder diese konnte
ihr Ansehen behaupten, noch auch die Tchter vom Hause dem allgemeinen
Verlangen sich krftig genug widersetzen, kurz -- es wurden, gegen Frau
Rutlands Verbot, nun wildere Spiele vorgenommen. Es kam: wie gefllt dir
dein Nachbar, Kmerchen vermiethen, blinde Kuh u.d.gl. zum Vorschein; und
der Abend verstrich vollends der lieben anwesenden Jugend recht angenehm.

Allein der folgende Tag verbitterte die genoene Freude, wenigstens bei
unsern Zwillingsschwesterchen. Es erschien nmlich Frau Rutland in dem
Hause der Majorin, und wnschte diese zu sprechen; sie war aber mit Bertha
ausgegangen, um den Tchterchen einen neuen Strohhut zu kaufen. Emma
empfing Jene mit aller der Artigkeit, die Frau Rutland von einem 3jhrigen
Mdchen erwarten konnte; demohngeachtet wurde sie von derselben so heftig
angelassen, da die Arme gewaltig erschrack, und sich ganz verbleichte. Die
leidenschaftliche Frau kehrte sich jedoch nicht daran, sondern versicherte
der Zitternden: da sie zum ersten und leztenmal in ihrem Hause gewesen
sey, und da sie nur gekommen wre, um einen Ersatz fr den Schaden, den
ihr Emma gestern angerichtet habe, zu verlangen. Nach der Aussage der Magd
htte nmlich durch sie im wilden Spiel, der Spiegel im Zimmer einen
Sprung erhalten, und dann habe ich wohl gesehen, -- fuhr Frau Rutland mit
gesteigerten Zorn fort -- wie du unartiges Mdchen beim Theetrinken mit
deiner Nachbarin immer unntzes Zeug triebst, so da Jene, einmal von
dir gestossen, ihre Tasse, halb auf den schnen Teppich verschttete, und
diesen dadurch verdarb. Fr beides mu ich nun entschdigt werden. -- Emma
brach in Thrnen aus, und wute sich nicht zu helfen; reinigte sie sich
von dem Verdacht, so mute Bertha darunter leiden, doch schmerzte es sie
bitter, ganz unschuldig von Frau Rutland mit so harten Vorwrfen belastet
zu werden. Indem schellte die Klingel; Emma flog zur Thre hinaus,
sie hoffte auf der Mutter Rckkehr, und wirklich nicht vergebens. Frau
v.Falkensee erschien, und Bertha wollte jubelnd der Schwester das neue
Strohhtchen zeigen; blieb aber, gleich einer Bildsule, vor ihr stehen;
als sie Thrnen ber ihre Wange perlen sah. Emma konnte nicht verhehlen was
sie schmerzte; da strmte, noch whrend sie, von Schluchzen fters gehemmt,
erzhlte, Bertha ins Zimmer, und rief, indem lachender Unwille ihre Wangen
mit einer Purpurglut bergo: Hren sie, Emma sa nicht neben Dorchen
Wider, sie haben ihr Unrecht gethan, ich war Dorchens Nachbarin, und
erinnere mich wohl, da diese ihre Tasse verschttet hat, ich bin Schuld,
wenn der Teppich dadurch verdorben wurde. Von dem Sprung im Spiegel wei
ich aber nichts, doch Emma ist behutsamer als ich; wenn die Magd sahe,
da eine von uns beiden an den Spiegel stie, so war _ich_ es in meiner
Unbedachtsamkeit; sie haben Emma vollkommen Unrecht gethan, hren sie
wohl! Frau v.Falkensee vernahm Bertha's starke Stimme vor dem Zimmer, und
eilte hinein die heftige Kleine zur Ruhe zu verweisen. Whrend sie jedoch
mit Frau Rutland sich benehmen wollte, eilte Bertha an ihre Komode, nahm
ihre Sparbchse heraus, nherte sich damit Jener und sagte im sanfteren Ton
-- denn schon war ihre Hitze vorber: Liebe Frau Rutland, nehmen Sie hier
Alles was ich vermag, es reicht doch wenigstens hin, ein neues Spiegelglas
zu kaufen, und wegen dem Flecken auf dem Teppich, will ich Hrn. Werthlieb
um sein Mittel, befleckte Sachen zu reinigen bitten; gewi der Schade wird
auch wieder zu verbessern seyn. -- Dann fiel sie Emma, die noch immer
sehr bewegt in einer Ecke stand, mit nassem Blick um den Hals und bat
schmeichelnd: Vergieb Herzensschwesterchen, da ich dir durch meine
Unarten diese unverdiente Krnkung zuzog, ich will gewi besonnener
werden. Frau Rutland wurde durch Alles was sie sah und hrte, ganz
betreten; die Majorin aber gebot den Kindern, sich zu entfernen. Als
diese gehorchten, usserte sie nun ihre gerechte Empfindlichkeit ber Frau
Rutlands schonungsloses Betragen gegen Emma, ohne Bertha rechtfertigen zu
wollen, und erbot sich zu den verlangten Schadenersatz. Jene aber, durch
Bertha's Schwesterliebe, welche leider bei ihren Tchterchen nicht
zu finden war, wunderbar ergriffen, wollte nun nichts mehr von einer
Entschdigung wissen, sondern suchte jezt selbst die Verzeihung der Baronin
zu erhalten, und entfernte sich bald mglichst. Bertha behielt nun zwar
ihr kleines Vermgen, aber einer strengen Rge der Mutter konnte sie
nicht entgehen, welche sie im Gefhl ihres Unrechts demthig hinnahm, und
Besserung gelobte; wirklich nahm sie sich knftig in fremden Umgebungen
weit mehr zusammen, um bei einer mglichen Verwechslung Emma wenigstens
nimmer zu schaden.




Die Prfung.


Herr Werthlieb, Falkensee's Hauslehrer erhielt eine Pfarre, und mute
seiner neuen Bestimmung folgen. Der Major fand vor der Hand keinen jungen
Mann, welcher ihm Jenen ersezt htte, so beschlo er, seine Kinder die
ffentlichen Anstalten, die sich in seinem Wohnort befanden, besuchen zu
lassen. Franz kam in eine lateinische Schule, und die Tchter erhielten
in einem Mdchen-Institut Unterricht. Schon war ihnen daselbst ein Jahr
verflossen, die Prfung nahte, und Emma und Bertha sahen ihr mit gespannter
Erwartung entgegen. Leider konnten die Aeltern nicht gegenwrtig seyn, denn
der Major fhlte sich unwohl, und die Gattin fesselte seine Pflege an das
Haus; aber im Geiste waren sie ihren Kindern immer nahe, und whrend Emma
etwas ngstlich und schchtern, Bertha aber mit einem gewien Freimuth
die Prfung bestanden, besprachen sich Vater und Mutter ber der Tchter
geistige Vorzge und Mngel. Ersterer sagte: Emma bringt gewi ein gutes
Zeugni mit nach Hause; denn sie ist wacker und fleiig. Aber Bertha wird
uns, wie ich befrchte nicht auf solche Weise erfreuen; ihr Leichtsinn
und ihre Flatterhaftigkeit sind zu gro. Die Baronin erwiederte: Deine
Besorgni ist nicht ungegrndet, lieber Ernst; und es ist Schade um das
Mdchen, denn ein gutes Gedchtnis, das ihr der Himmel verlieh, macht
ihr das Lernen leicht; Jener versezte: das ist es eben, worauf sich der
kleine Leichtfu verlt, und weshalb die Arbeit immer verschoben, und dann
zulezt nur flchtig vorgenommen wird. Vollkommen vertheidigen kann
ich Bertha nicht; fgte die Mutter bei; aber zu ihrer Ehre mu ich dir
versichern da sie sich schon viel gebessert hat, und deswegen erwarte ich
wirklich keinen allzuschlimmen Ausspruch der Lehrer und Lehrerinnen. --
Nach ein paar Stunden erschienen die Geprften; beide etwas kleinlaut und
verstimmt, und die Aeltern massen sie mit forschendem Blick.

Nun, wie gings? fragte endlich der Vater, da die Mdchen immer noch
schweigend Hte und Handschuhe, nebst der Bchermappe mit ihrem ganzen
Inhalt auf die nahstehende Komode legten.

Ich habe ein Diplom erhalten; versezte Bertha ganz demthig. Nun --
und darber bist Du nicht _mehr_ erfreut? entgegnete Jener erstaunt.
Das Mdchen erwiederte: Ach ich verdiene es nicht, und Emma, die weit
fleiiger war als ich, ist leer ausgegangen, dies schmerzt mich bitter. --
Emma verhielt sich ganz stille, aber man bemerkte es deutlich, da sie ber
die erlittene Zurcksetzung sehr empfindlich schien; Bertha aber nahm erst
auf ein wiederholtes Verlangen der Aeltern das Ehrenzeugnis aus der Mappe,
und reichte es hocherrthend, und mit gesenktem Blick dem Vater hin. Es
war eine zierlich vergoldete Karte, auf welcher die Worte standen: dem
ausgezeichneten Flei und sittlichen Betragen. Der Major strich ihr die
Wange und sagte: das ist brav, das habe ich nicht von dir vermuthet!
Bertha erwiederte: Gewi ist es wieder ein, durch unsere Aehnlichkeit
veranlater Irrthum; Emma bewie sich immer tadellos; ich hingegen -- sie
schwieg und ihr Blick wurde feucht; da kein Name auf der Karte steht,
versezte der Major, so wre jener Fall mglich, indessen versicherte
mir erst vorhin die Mutter: da meine Bertha sich bessert; vielleicht da
dieses Zeugni eine Aufmunterung deines Eifers seyn soll. Nein, nein!
fiel ihm das Mdchen in die Rede. Das Diplom gehrt nicht mir sondern
Emma, und ich behalte es auch nicht. Und _Du_ sagst gar nichts dazu?
fragte Frau v.Falkensee Emma, die immer noch verstimmt am Fenster stand,
und mit ihrem Schrzenband spielte. Was soll ich sagen -- versezte sie
verdrlich -- Bertha war die Glckliche die das Diplom erhielt, so soll
sie es auch von mir aus bleiben. Pfui Mdchen! nahm der Vater das Wort,
das ist keine Sprache, welche einer guten Schwester geziemt; und nun
erst verdient Bertha in meinen Augen wirklich jene Auszeichnung vor
dir; inzwischen wird die liebe Mutter, da meine Unplichkeit mich daran
hindert, der Wahrheit auf den Grund zu kommen suchen, und die Aeltern
werden dann Alles auszugleichen wissen.

So war es auch, Frau v.Falkensee begab sich zu der Vorsteherin des
Instituts, und erzhlte ihr den ganzen Vorgang, verschwieg auch Bertha's
redliches und schwesterliches Benehmen nicht, welches derselben die Liebe
Jener im hohen Grade gewann; auch erfreute sie die Majorin durch die
wiederholte Versicherung: da sie jezt viel weniger Ursache finde, mit
Bertha unzufrieden zu seyn, als ehemals, da jedoch Emma das Diplom sich
rhmlich erworben habe, und der Lehrer bei der Austheilung durch die
tuschende Aehnlichkeit der Schwestern, irre geleitet worden wre.

Bertha hatte jedoch diesen Ausspruch nicht abgewartet, sondern schon vorher
das Ehrenzeugni in Emma's Komodschublade gelegt, und als es diese fand,
und nicht annehmen wollte, die Schwester mit Thrnen gebeten, dasselbe zu
behalten. Diese ungeheuchelte Gutmthigkeit brach Emma's kleinen Trotz.
Sie fiel Bertha um den Hals, und sagte schluchzend: Mit all' meinen
hochgeprieenen Tugenden bin ich bei weitem nicht so gut wie du, vergieb
mir Schwesterchen ich will knftig gewi meine Empfindlichkeit besser
beherrschen.--

Der Major wohnte, von den Kindern unbemerkt, im Nebenzimmer, dessen Thre
offen stand, ihrer Unterredung bei; und als nun die Mutter den obigen
Bescheid mit nach Hause brachte, theilte ihr Jener seine gemachte Erfahrung
mit, und beide kamen darinnen berein: Emma's Besitznahme des Diplom's zu
Bestttigen, und Bertha zur Belohnung ihres Benehmens und zur Aufmunterung
ihres begonnenen Lerneifers, mit einem neuen Schreibbuch, das einen, mit
sinnvollen Bildern gezierten Umschlag hatte, und mit einer fein lackirten
Federbchse, zu beschenken.




Die schnste Puppe.


Die muntere Bertha war der Liebling der reichen Banquier Krause, und
ihres einzigen Tchterchens Malwina, welche, eben so lebhaft wie Jene, die
stillere Emma weniger liebte, als ihr lustiges Schwesterchen. Bertha
wurde auch fters zu ihr eingeladen, als Emma, und die beiden Freundinnen
unterhielten sich kstlich mit einander, obgleich auch manches schlimme
Stckchen von ihnen zum Vorschein kam, da sie sich gegenseitig zu
muthwilligen Streichen aufforderten, und verleiteten. Frau Krause jedoch,
gleich edel als verstndig, hielt treue Aufsicht ber die Kinder, wenn
sie beisammen waren, und verhtete dadurch, da ihre Munterkeit, nicht in
Ausgelassenheit ausartete, und der Muthwille der Kleinen, der nie bsartig,
oder unanstndig sich usserte, wurde von ihr nur sanft gergt, nur
leise im Zaum gehalten. Auch vermochte sie es nicht ber sich, Emma durch
gnzliche Zurcksetzung zu krnken; sie wrdigte den Werth des sanften
Kindes, gab ihr unverkennbare Beweise ihres Wohlwollens, und Malwina mute
sie immer dazwischen auf ihr Gehei auch einladen. Aber Bertha's offene
Gutmthigkeit sprach sie doch besonders an, und diese war Tagelang in ihrem
Hause; wo im Winter den Mdchen mitunter gestattet wurde, in dem groen
Hofraum Schlitten zu fahren, was ein kstliches Vergngen fr sie war; und
im Sommer durften sie Frau Krause auf allen Spaziergngen begleiten,
und sich auf Wiesen und Fluren nach Herzenslust tummeln. Aber auch das
Puppenspiel wurde von ihnen nicht vernachligt, nur trieben sie es auf
andere Weise als Emma. Dieser gefiel es, die Puppen neben sich hinzusetzen,
Speisen fr sie zu kochen, und sie damit zu bewirthen, oder wohl gar auch
dieselben als Schlerinnen, und sich als ihre Lehrerin zu betrachten, und
Unterricht ihnen zu ertheilen. Die flchtige Bertha aber, und ihre ihr
nzliche Freundin Malwina, fanden an diesem Allen wenig Freude; ihre
Unterhaltung war: die Puppen recht oft an und aus zu kleiden, sie, in ihrer
Vorstellung, da und dort hin mit zunehmen, und sie blieben also auch in den
Winterabenden mit denselben nicht lange ruhig sitzen; indessen wute sich
Bertha nichts hbscheres als eine schn gepuzte Puppe. Als nun ihr 8ter
Geburtstag herbei kam, so theilte Malwina, die Jene unbeschreiblich liebte,
der Mutter den innigen Wunsch mit, Bertha zum Angebind eine ausgezeichnet
schne Puppe geben zu drfen. Frau Krause war nicht dagegen, nur usserte
sie, da Emma dann auch eine erhalten msse; es wre eben so gut ihr
Geburtstag, und sie drfte durch Vernachlssigung nicht gekrnkt werden.
Malwina war es zufrieden, aber sie bat sich aus, da sie fr ihre Bertha
die _schnste_ Puppe aussuchen drfe.

Mit diesem Vorhaben machten sich Mutter und Tochter auf den Weg, jene
einzukaufen, und erreichten vollkommen ihren Zweck. Sie fanden 2 Puppen,
beinahe sich so hnlich wie die lebenden Zwillingsschwestern, und nur
dadurch unterschieden: da die eine mit einem Uehrchen geschmckt war, die
andere aber nicht, ferner trug jene einen Hut von Seide, diese von einem
geringern Zeug, und um den Leib hatte erstere ein Samtband mit einer
niedlichen Schnalle, die zweite nur einen mit dem Kleid hnlichen Grtel,
der eine Schleife bildete. Der brige Anzug der beiden Puppen war berein;
die Kleider aus einem bunten Sommerzeug verfertigt, die Krgen aus feinem
weien Battist, mit schmalen Spizchen besezt, die Fchen mit netten
schwarzen Schuhen und gewebten Strmpfchen bekleidet; jede hielt ein
zartgeflochtenes Arbeitskrbchen mit einem blauseidenem Sack versehen, in
der Hand. Malwina war ber diesen Kauf so sehr erfreut, als sollten die
Puppen _ihr_ Eigenthum werden; allein leider konnte das gute Mdchen nicht
den Genu haben, das Entzcken der Freundinnen beim Empfang des schnen
Angebinds zu theilen; ja sie durfte auch nicht hoffen, diese bald zu
sehen, und von ihnen zu hren, wie die gepuzten Abgesandten ihre neuen
Gebieterinnen befriedigt hatten.

Den Abend vor dem ersehnten Geburtstag fhlte sich die arme Malwina unwohl,
und schon am folgenden Morgen machte die Mutter die Entdeckung, da ihr
Tchterchen von den Masern befallen worden sey; die Krankheit schien
gutartig zu werden, dem ohngeachtet trennte sie dieselbe von Emma und
Bertha, da beide jene noch nicht gehabt hatten.

Malwinens Betrbni darber war gro, und besonders an dem wichtigen Tag,
von dem sie sich so viele Freuden versprochen hatte. Die zrtliche Mutter
bot Alles auf, durch andere Erheiterungsmittel Malwinen die Entbehrung
weniger fhlbar zu machen, doch diese konnte sie nicht recht verschmerzen;
besonders war es ihr eine groe Sorge, da die Magd, welche jezt den
Freundinnen das Angebinde bringen mute, doch ja die Schwestern nicht
verwechseln, und der geliebten Bertha die _schnste_ Puppe bergeben
mchte. Sie lie Christinen vor ihr Bett kommen und fragte sie wiederholt
und dringend, ob sie Bertha von Emma unterscheiden wrde, jene mute ihr
genau angeben, woran sie dieselbe erkenne und ihr feierlich versprechen,
ihr und nicht Emma die Puppe mit der Uhr einzuhndigen. Christina aber
hatte ein weites Gewissen, sie verga ihre Pflicht und ihr Versprechen, und
folgte, als sie auf die Strasse kam, der Einladung einer Bekannten, die auf
der, eben Stattfindenden Messe ein neues Kleid sich kaufen wollte, und ging
mit dieser; eine zweite Bekannte, die ihr begegnete, beauftragte sie,
statt ihrer die Puppen zu Falkensee's zu tragen, und mit ihrer Freundin
Angelegenheit zu sehr beschftigt, nannte sie der Ueberbringerin jenes
Angebinds wohl die Namen Emma und Bertha, und bezeichnete auch die
Puppe, welche leztere erhalten sollte; allein Alles geschah eilig und
oberflchlich, und als die fremde Magd in das Haus des Majors kam, wute
sie keinen Bescheid mehr. Indessen lag ihr eine pnktliche Ausrichtung
ihres Auftrags auch nicht sehr am Herzen, und als sie Emma auf dem Vorplatz
fand, glaubte sie, dieser gehre die _schnste_ Puppe, bergab ihr, ohne
weiter sich zu bedenken, dieselbe in Malwinens Name, und Bertha, welche nun
auch herzu kam, die Andere. Diese lieben Gste fanden bei den Mdchen die
freundlichste, frhlichste Aufnahme, und der Unterschied zwischen beiden
wurde anfangs gar nicht beachtet, ja man fhlte sich nur in ihrem Besitz,
und durch den Beweis des liebevollen Andenken der kranken Freundin jubelnd
glklich. Nach und nach begann eine genauere Musterung des Anzugs der
Puppen, und nun fiel es so wohl Emma als Bertha auf, da die Puppe der
Erstern mehr Vorzge hatte, und da Jener dieselbe gehren solle. Ich
glaube immer, die _schnste_ Puppe ist _dir_ bestimmt Bertha; sagte Emma.
Du bist ja Malwinens beste Freundin, also wird sie dir auch das schnste
Geschenk zugedacht haben. Bertha versezte: Nicht doch Schwesterchen! ich
hrte es wohl, da die Magd ausdrcklich nach _deinem_ Namen fragte, und
dann, als sie diesen vernahm, Dir deine Puppe einhndigte. La mich's
gestehen, ich dachte anfangs wie du: es sey wieder eine, durch unsere
Aehnlichkeit entstandene Verwechslung, allein nun glaube ich es nicht mehr;
denn Frau Krause ist dir liebe Emma auch recht aufrichtig zu gethan, und
wird dafr halten, da bei meinen besonnenen Schwesterchen die schnste
Puppe besser aufgehoben sey, als bei der flchtigen Bertha; daher behalte
sie in Ruhe, und la mich nur zuweilen mit spielen, ich will sie dir gewi
nicht verderben. Besonders mu das zierliche Uehrchen recht in Obacht
genommen werden. Sieh nur Emma wie allerliebst dies ist! auch die
Grtelschnalle drfte ich nicht nach meiner sonstigen Weise oft auf- und
zuschnallen, der feine Stachel wrde bald abbrechen. Ach knnte nur Malwina
unsere Freude an den schnen Puppen mit genieen! So schwazte Bertha
noch eine Weile fort, ohne die geringste Misgunst ber den Vorzug, den die
Schwester erhielt zu zeigen.

Nach mehreren Wochen, als Malwina glcklich hergestellt, und die Gefahr der
Ansteckung vorber war, wurde sogleich Bertha zu ihr eingeladen und Jene
konnte es kaum erwarten von ihr zu hren: ob _sie_ doch die _schnste_
Puppe erhalten habe. Bertha's Erzhlung berzeugte Malwina vom Gegentheil
und tief betrbt darber, bat sie die Freundin: Schwester Emma zu einem
Tausch zu bewegen. Allein dazu verstand sich Bertha durchaus nicht. Sie
sprach: Emma verdient das _Schnste_; sie geht bedachtsamer damit um als
ich, und hlt ihre Puppe gewaltig in Ehren. Wie knnte ich ihr die Freude
rauben! Auch ist sie die Geflligkeit selbst, und schlgt mir nie die Bitte
ab, wenn ich die Puppe ein wenig haben, und mich an dem Anblick des netten
Uehrchens ergzen will. Daher soll sie auch ihr Eigenthum bleiben. Frau
Krause, welche diese Aeusserung mit angehrt hatte, nahm sich im Stillen
vor, noch ein kleines Uehrchen zu bekommen zu suchen, und als es ihr
gelang, mute Malwine insgeheim Bertha's Puppe damit schmcken, und ihre
Mutter versezte, als die Kleine sie wieder sah, und ihr fr jenes Geschenk
dankte: auf solche Weise wird uneigenntzige Schwesterliebe belohnt,
wenigstens von mir. Dabei drckte sie dem guten Mdchen einen herzlichen
Ku auf die Lippen, und Bertha stand wieder eine Stufe hher in ihrem
Herzen.




Das Gartenbeet.


Es war aber auch eine seltene Liebe und Treue, welche Bertha an Emma
kettete, und um keinen Preis htte sie das geringste Lob, welches sie,
ihrer Aehnlichkeit, wegen, statt Jener erhielt, sich zugeeignet. Schon bei
Veranlassung des Diplom's berzeugten sich meine lieben Leserinnen davon,
doch kann auch folgende Erzhlung zum Bewei dienen:

An der Wohnung des Major's befand sich ein kleiner Garten, welcher der
Familie manche Gensse bot; besonders lag er der Baronin sehr am Herzen,
und so viel sie Zeit erbrigen konnte, widmete sie dieselbe der Pflege
ihres Grtchens. Doch mute auch zuweilen ein Grtner Nachhlfe leisten,
und einmal nahm das Unkraut so sehr berhand, da jener mit Schmerzen von
Frau v.Falkensee erwartet wurde, um grndlich dem Uebel zu steuern.

Emma welche der Mutter die Wnsche aus den Augen zu lesen verstand, sagte
zu Bertha, als Meister Niklas erschien: Hre Schwesterchen! ich glaube,
Mutter wrde sich sehr freuen, wenn wir heute nach geendigter Schule statt
zu spielen, dem Grtner Unkraut jten hlfen. Meinst du nicht auch.

Bertha fiel ihr mit ungestmer Zrtlichkeit um den Hals und rief: Ja, ja!
das wollen wir thun. Du bist eben meine gescheite Emma, die immer kluge
Einflle hat. Mtterchen wird sich gewi darber freuen, und der Grtner
unsere fleiigen Hndchen spren; ich will mich nicht dabei umsehen. --
Wirklich glaubte man Anfangs, Bertha wrde die meisten Beete vom Unkraut
reinigen, so eifrig war sie daran; allein es dauerte nicht lange. Bald
wurden die Hnde lo; sie berschaute knieend diese und jene vergrate
Stelle, und sagte klagend und ghnend: -- mein Himmel wie viel Unkraut!
Es graut Einem vor der entsezlichen Aufgabe. Dann sah sie einen bunten
Schmetterling fliegen, und nun mute sie sich schnell erheben und jenen
verfolgen; dabei kam sie in die Nhe der Schauckel, schwang sich auf
das Brettchen, das an 2 Seile befestigt war, und schob sich mit ihm
in Bewegung; auch wurde hie und da ein Beerchen von der Hmbeer-Hecke
gepflckt, oder auf dem Rand der Fontaine knstlicher Weise herum spaziert,
-- kurz unsere Bertha war berall zu sehen, nur nicht beim Unkraut jten.
Emma hingegen half stille und beharlich dem ehrlichen Niklas, und frderte
wirklich seine Arbeit um ein Groes.

Als er den folgenden Tag wieder kam, war Bertha im Zimmer bei der Mutter;
der Grtner hielt sie fr Emma und sagte zur Majorin: O gndige Frau!
gestern sollten sie zu Hause gewesen seyn, und das fleiige Tchterchen
hier gesehen haben. Die half mir jten, da es eine Lust war, und sie hat
mir fr heute auch wieder ihren Beistand versprochen, nicht war Kind? --
Frau v.Falkensee streichelte Bertha's Wange und sagte: Ei wie hre ich
so Gutes von dir, das ist brav; aber meine Emma, -- hat diese nicht auch
geholfen? Der Grtner zuckte die Achsel und versezte: knnte nicht
rhmen, der Flei war nicht heftig. Da konnte Bertha nicht lnger
schweigen; hoch errthend fiel sie der Mutter um den Hals und flsterte:
Niklas irrt, Emma war die Fleiige, und _sie_ verdient das Lob; ich aber
hatte die Arbeit bald satt, und versprach auch fr heute nichts; indessen
sollst du dennoch mit mir zufrieden seyn. Sie flog in den Garten, wo sie
Emma schon wieder beschftigt fand, und arbeitete nun mit ihr in die Wette,
so da Meister Niklas am Abend nicht wute, welcher von beiden Schwestern
er den Preis, der in einem, von der Mutter geflochtenen Blumenkranz
bestand, zu erkennen sollte. Doch Bertha entschied, da er Emma gebhre,
weil sie ihn schon Tags zuvor durch ihren Flei verdient habe.




Die kleine Heldin.


Emma erhielt wegen ihrer Furchtsamkeit manchen Verwei, oder wurde vom
Bruder Franz tchtig geneckt, allein es war Alles vergeblich; die Kleine
htte sich nicht bewegen lassen, im Dunkeln ohne Licht aus dem Zimmer,
geschweige weiter zu gehen. Auch konnte sie ein beiender Hund, eine Heerde
Khe, Schweine oder Gnse, welche ihr irgendwo entgegen kam, in Angst
versezen. Bertha aber war gewaltig muthvoll, bernahm daher jeden Auftrag
statt des Schwesterchens, wenn am Abend in der Kche, oder da und dort,
Etwas geholt werden sollte; auch ging sie unerschrocken ihres Wegs, wenn
Emma bei einer Begegnung, wie sie oben erwhnt wurde, zitterte und
bebte. Die zwei folgenden Beispiele werden meine lieben Leserinnen die
Eigenthmlichkeit der beiden Schwestern in _dieser_ Hinsicht schildern.

Einst befanden sie sich bei einer Freundin der Majorin, welche Besuch von
entfernten Verwandten erhalten, und Frau v.Falkensee mit ihren Tchtern
eingeladen hatte. Erstere war schon anderwrts versagt, Emma und Bertha
aber folgten dem Ruf, und brachten einen vergngten Abend bei Jener zu;
denn unter den Freunden befand sich auch ein wundernettes Mdchen, im Alter
der beiden Schwestern, mit welcher sie sich besonders gut unterhielten;
auch waren ausserdem, noch mehrere Gespielen versamelt. Nachdem schon viel
Gutes genossen, und schon Mancherlei gespielt worden war, kam die Reihe
an das beliebte --Struchen binden. Bekanntlich mu dasjenige Glied der
Gesellschaft, das den Strau erhlt, bis die Blumen dazu gewhlt sind, sich
aus dem Zimmer entfernen, um dann unbefangen bestimmen zu knnen, was sie
mit jenen Blumen, welche jede eine Person vorstellt, beginnen will. Mute
nun Emma auf den Vorplaz wandern, so bat sie immer ein Licht mit hinaus
nehmen zu drfen, hielt sich dennoch in der Nhe des Zimmers, und ihr
Herzchen pochte gewaltig; ja sehnschtig harrte sie auf den Ruf: herein!
und folgte ihm eilig und froh. Ausser Emma ging jedes von der Gesellschaft
im Dunkeln hinaus, und besonders Bertha spazirte dann immer ohne Furcht
den groen Vorplaz auf und ab, und war oft von der Zimmerthre so weit
entfernt, da jener Ruf ein paarmal wiederholt werden mute, bis sie ihn
hrte. Als sie sich wieder einmal aussen befand, vernahm sie von der Seite
her eine leise, wehklagende Stimme; entschlossen ging das 8jhrige Mdchen
dem Schalle nach, mute ber einen langen Gang im finstern tappen, und kam
endlich an eine Thre, die nur zugelehnt war, aber aus deren Spalte der
Ton und ein Lichtstrahl hervor ging, Bertha ri Jene auf, da lag eine
Weibsperson auf dem Boden, mit blutender Hand, halb ohnmchtig; der
Leuchter mit dem Lichte neben ihr, und ein Hhnchen flatterte ngstlich hin
und her. Es war die Kchin vom Hause, welche in diesem Kmmerchen das Huhn
tten sollte und wollte; ungeschickt aber mit dem Messer in die Hand fuhr,
und bewutlos niederstrzte. Bertha hob das Licht auf, flog ins Wohnzimmer,
verkndete was geschehen war, und bat flehentlich um schleunige Hlfe fr
die arme Magd. Sie wurde auch dieser sogleich zu Theil und Bertha wegen
ihres furchtlosen Betragens sehr gelobt; indem ja, wre sie nicht beherzt
dem klagenden Tone gefolgt, Rosine noch lnger in dem hlflosen Zustand
geblieben seyn, und sich noch mehr verblutet haben wrde. Nun aber war sie
schon wieder erholt, als die Gesellschaft aus einander ging, und sie
lie es sich nicht nehmen, Emma und Bertha mit der Laterne nach Hause zu
begleiten. Dabei konnte sie nicht aufhren, ihrer kleinen Wohlthterin zu
danken, verwechselte indessen immerwhrend beide Schwestern. Bertha lie
dies nicht nur geschehen, sondern bat auch heimlich aber dringend die
Schwester: den Ruhm auf sich ruhen zu lassen, indem die Aeltern die grte
Freude darber fhlen wrden, wenn sie glauben drften, da Emma von ihrer
Furcht geheilt sey. Ja als Rosina Frau v.Falkensee die ganze Begebenheit
erzhlte, Emma lobpreisend erhob, und die Mutter erstaunt aber erfreut
zuhrte, da zupfte Bertha das Schwesterchen immer insgeheim am Arm, um zu
verhindern, da diese widersprche. Allein jezt kam auch Franz nach Hause
und hrte unglubig Rosinens wiederholte Schilderung des stattgefundenen
Ereignies zu. Dann sagte er lachend zur Mutter, whrend er forschend
beide Schwesterchen betrachtete: Siehst du denn nicht lieb Mtterlein, wie
Bertha Emma immer zuwinkt, da sie das Lob, das ihr nicht gehrt, fr sich
behalten soll? sprich Hschen -- fuhr er zu lezterer gewendet fort --
sprich ehrlich, verdienst Du es? Nein, nein! rief Emma. Aber Ihr lat
mich ja nicht zu Worte kommen. Ich mag keinen erborgten Ruhm, und diesen
knnte ich mir auch um keinen Preis erwerben. Hu! mich schauderts, wenn ich
bedenke, was Bertha sah, hrte und that. Und doch Emma, versezte Frau
v.Falkensee -- und doch mut du deine Furcht bemeistern, es koste was es
wolle. Sie ist deine Qulerin, und wrde Dich berdies hindern, in einem
hnlichen Fall die Pflicht der Menschenliebe auszuben, und dir ein so
lohnendes Bewutseyn zu verschaffen, wie gewi Bertha jezt besizt. --
Diese, besorgt, da das Schwesterchen durch der Mutter ernste Ermahnung
gekrnkt seyn knnte, sezte, dasselbe liebkosend im schmeichelnden
beschwichtigenden Tone hinzu! Ja ja liebe Emma, nach und nach wird's schon
gehen, nicht wahr? halte dich nur -- raunte sie ihr ins Ohr -- halte
Dich nur an mich, wenn wir im Finstern sind, ich lasse Dir kein Leid
widerfahren. Die Mutter jedoch fgte bei: Halte Dich lieber an den guten,
allgegenwrtigen Gott, welcher fromme Kinder auch im Dunkeln beschzt,
und versprich mir: an Deiner Besserung zu arbeiten. Mit gesenktem Blick
reichte Emma der Mutter die Hand; Bertha aber schlug halb bse, halb
lachend den leichtfertigen Bruder, der mit allerlei losen Reden vom
Hasenherz, und von dem mchtigen schwesterlichen Schutz, die Mdchen
neckte, auf das spottende Mulchen; welchem Schlag bald ein herzlicher Ku
von ihr zur Vergtung folgte.

Bald darauf erhielten beide Schwestern die lterliche Erlaubni ein
Stndchen ums Thor gehen zu drfen. Es war ein schner Herbst-Nachmittag,
der blaue Himmel hatte kein Wlkchen, die Luft wehte mild, ja die Strahlen
der Sonne brannten noch hei dem Wandelnden auf den Rken, und aus
den schnen Grten, die vor der Stadt lagen, trug ein sanfter Wind die
kstlichen Gerche der Reseda, der bunten Wicke, und der Herbsthyazinthe
den Vorbergehenden zu. Auch Emma und Bertha labten sich daran, und fhlten
sich dadurch noch mehr angezogen, hier durch ein schwarzes Gitterthor, dort
durch die Spalte einer Dielenwand, oder ber eine, schon etwas entlaubte
Hecke in jene Grten zu schauen. Zulezt kamen sie an ein offenes Thor, und
das 2jhrige Kind des Grtners lief aus und ein, sezte sich endlich mitten
im Fahrweg, fate in ein Npfchen den lockern Sand ein, den es wieder
ausgo, und lange auf diese Weise spielte. Emma und Bertha jedoch traten in
den Garten, baten die Grtnerin, die ihnen entgegen kam, um die Genehmigung
ein wenig in jenem herum spazieren zu drfen, erfreuten sich nun, als
es ihnen gestattet wurde, ber die schnen Parthien und Anlagen die sie
antrafen, und mit lsternem Blick stunden sie lange vor einem Basquet
manigfach blhender Gyranien, welches ein Heckchen von Monatrosen umgab,
von denen eine Menge Knospen entfaltet waren, und einen recht schnen
Anblick gewhrten. O wer sich hier ein Struchen pflcken drfte! sagte
Emma sehnschtig, denn sie war eine sehr groe Blumenfreundin. Bertha aber
zog sie nach einer Weile hinweg, und meinte: je lnger man das hbsche
Beetchen betrachtet, je mehr wnscht man sich, mit seinen Blthen
bereichern zu drfen: Auch ist gewi die Stunde schon verflossen, die uns
zum Spaziergang zugestanden war, wir wollen also nach Hause wandeln, komm
Emma und folge auch einmal deiner Bertha, die sonst immer _dein_ gehorsames
Schwesterchen ist. Knnte die ausserordentliche Folgsamkeit eben nicht
besonders rhmen; wandte jene ein; doch du hast diesmal Recht; wir haben
uns gewi schon versptet. Eilig schritten die Mdchen den Gang hinauf dem
Gartenthore zu, das noch immer offen stand, denn es sa das kleine Brbchen
fortwhrend auf der Strae, und spielte nun mit 2 Gefen, indem sie aus
einem in das andere den Sand laufen lie. Doch als gerade die Schwestern
aus dem Garten traten, hrten sie den schnellen Hufschlag eines Pferdes,
und sahen am Ende der Strasse einen Schimmel ohne Reiter im vollen Lauf
daher sprengen. Emma nahm ngstlich rufend Reisaus, und lief wieder in den
Garten hinein; Bertha hingegen zog das Kind schnell in die Hhe, und ein
wenig auf die Seite, dann lief sie mit ihrem aufgespannten Sonnenschirmchen
gegen das Pferd, um dieses zum umwenden zu bewegen. Wirklich erreichte sie
ihre Absicht, und den Leuten welche dem ausgerissenen Thier nach eilten,
wurde es nun leichter, dasselbe aufzufangen. Auf Emma's Schreien, war
unterdessen die Grtnerin herzugesprungen, und zitterte am ganzen Leibe,
als sie von Jener im Vorberrennen vernahm, in welcher Gefahr sich ihr
Kind befinde. Doch als sie es zwar weinend, aber gerettet fand, und Bertha,
dasselbe mit freundlichen Worten beschwichtigend, bei ihm erblickte,
da brach sie in Dank und Freudenusserungen aus, und rhmte des wackern
Frulchens Muth und Entschlossenheit. Diese aber suchte nun Emma auf,
welche sich ganz am Ende des Gartens, hinter ein Gewchshaus verkrochen
hatte, und sagte lchelnd: Nun wahrhaftig Du hast ein sicheres Plzchen
gewhlt; hieher wre freilich der Schimmel nicht gallopirt, aber htte
ichs auch so gemacht, so wrde vielleicht jezt das arme Brbchen von jenem
zertretten worden seyn. Emma konnte sich ihr albernes Betragen nicht
ablugnen, und schmte sich dessen wohl, doch sie vermochte es nicht ber
sich, sich anzuklagen, und schweigend kehrten beide Schwestern zur Stadt
zurck.

Bertha hatte Emma viel zu lieb, um sich auf ihre Kosten mit ihrer That zu
rhmen; sie verschwieg sie, und verschmerzte auch den Verwei, den beide
ber ihr langes Ausbleiben von der Mutter erhielten, ob sie gleich in
der erlebten Begebenheit einen groen Entschuldigungsgrund htte anfhren
knnen.

Am folgenden Tag erschien die erwhnte Grtnerin, und hndigte Emma, diese
fr Bertha haltend, die gerade auf dem Vorplaz war, ein Krbchen kstlicher
Pflaumen und einen groen Strau Monatrosen und Gyranien ein; welches
Geschenk sie mit den Worten begleitete: Der Lebensretterin meines
Brbchens gehrt die Alles. O knnte ich nur noch mehr geben; aber
vergessen werde ich es in meinem Leben nicht, was Sie gethan haben.
Ich vernahm gestern wohl in einiger Entfernung Ihr Gesprch mit dem
Schwesterchen und Ihren Wunsch von diesen Blumen welche pflcken zu knnen,
allein ich konnte in dem Augenblick nicht von meiner Arbeit weg, und gleich
darauf folgte ja die Begebenheit, die mich fast zum Tod erschreckte.
Welche Begebenheit denn? und was soll dies Alles bedeuten? fragte Frau
v.Falkensee, die dazu gekommen war. Nun mute Emma beichten, und es
geschah mit glhrothen Wangen und niedergeschlagenen Blicken. Die Mutter
schttelte misfllig den Kopf, und nahm vor der Hand das ganze Geschenk in
Beschlag, freundlich der Geberin dankend. Als nun Bertha, die mit Franz,
einen Auftrag des Vaters auszurichten weggegangen war, nach Haus kam;
bergab ihr die Mutter obiges Geschenk, und sagte: _Du_ hast es verdient
Bertha, es ist Dein; und verbot Emma daran Theil nehmen zu lassen, um sie
fr das Verschweigen des Ereignisses zu strafen. Doch Jene lie mit Thrnen
und Bitten nicht nach, bis Frau v.Falkensee den strengen Urtheilsspruch
zurck nahm, worauf dann Bertha frhlich und redlich Alles mit der
Schwester theilte.




Die Kirmes zu Moosdorf.


Werthlieb war Geistlicher auf dem Lande geworden, und das Dorf in dem er
lebte, lag in einer wunderlieblichen Gegend; besonders gab es in derselben
viele Weinberge, welche dieses Jahr eine sehr reiche Lese versprachen. Die
Kirmes, oder Kirchweih jenes Orts fiel auch im Herbst, und man versprach
sich daher in Moosdorf zu dieser Zeit eine ganze Kette von Lustbarkeiten.

Werthlieb war mit dem Falkensee'schen Hause im herzlichsten Verhltni
geblieben, denn er verga es nie, welche wrdige und freundliche Behandlung
er daselbst geno, und der Major und seine Gattin erinnerten sich immer
dankbar, an die Verdienste, die sich Ersterer um ihre Kinder, namentlich um
Franz erworben hatte; denn da derselbe in eine, fr sein Alter hohe Classe
aufgenommen wurde, und hier einen der ersten Plze behauptete, und das er
und seine Schwesterchen Sinn fr manches Gute in sich trugen, das schrieben
mit Recht die Aeltern dem Beispiel, und den Lehren des wackern Werthliebs
zu. Man nahm also fortwhrend aufrichtig Theil an dem gegenseitigen
Geschick, wechselte zuweilen Briefe, und selbst die Kinderchen legten von
Zeit zu Zeit einige schriftliche Zeilen, an ihren geliebten ehemaligen
Lehrer, dem Schreiben der Aeltern bei. An seinem lezten Geburtstag aber
hatte Jener von Bertha und Emma einen seidnen Geldbeutel, und von Franz
eine hbsche Zeichnung und einen schn geschriebenen Glckwunsch erhalten.
Der Pastor, hoch erfreut darber, wollte seinen Lieblingen thtig die
Dankbarkeit, die er fhlte, beweisen, und lud Emma und Bertha zur nchsten
Kirmesfeier, Franz jedoch in seinen, sptereintretenden Schulfeiertagen zur
Weinlese ein. Welch einen Jubel veranlate dies bei den Geschwistern; sie
trumten wachend und schlafend von dem bevorstehenden Vergngen, denn sie
waren noch nicht weiter, als in die nchste Umgegend der Stadt gekommen.
Die Reise nach Moosdorf also, die ohngefhr 4 Stunden betrug, erschien
ihnen ungeheuer gro und wichtig; und Emma versprach der Mutter ein
getreues Tagebuch zu halten. Werthlieb hatte verheien, seine kleinen
Freundinnen selbst zu holen, und beide waren sehr geschftig, all ihre
Habseligkeiten bereit zu halten, um dann gleich abreisen zu knnen.

Den Abschied aus dem lterlichem Haus, so wie den Aufenthalt in Moosdorf,
und der Kinder dort gemachten Erfahrungen soll uns die, jezt 10jhrige Emma
in ihrem Tagebuch selbst erzhlen.




Emma's Tagebuch.


  Den 10ten September Morgens 9 Uhr.

Gestern war ich von der Reise, und von Allem was ich erlebt hatte, so
ermdet, und so schlfrig, da ich mein, der Mutter gegebenes Versprechen,
alle Abend in mein Tagebuch zu schreiben, unmglich erfllen konnte. Es
soll jezt geschehen, whrend Schwesterchen Bertha noch tchtig schnarcht.
Aber sie hat sich auch gestern mit Schullehrers Suschen recht abgetummelt.
Ich htte das nicht gekannt; ach trotz aller Liebe, die wir hier erfahren,
qult mich das Heimweh! -- Schon wieder mu ich weinen, und das Herz ist
mir recht schwer. -- O Ihr guten Aeltern! -- Wenn Ihr nur da wret! oder
doch wenigstens mein munteres Frnzchen; mit seinen Schnacken wrde er mich
erheitern.

So leichtfertig er oft ist, so ging ihm gestern der Abschied von uns doch
recht nahe; ich merkte es wohl, ob er es gleich verbergen wollte; und der
guten Mutter Auge schwamm ebenfalls in Thrnen als ich weinend an ihrem
Halse hing. Der Vater aber war standhaft, und meinte: eine so kurze
Entfernung und Trennung wre nicht der Thrnen werth, und wir gingen ja
frohen Tagen entgegen. Er hat freilich Recht der liebe Vater, allein es ist
die erste Trennung von ihm und lieb Mtterlein; und noch nie legte ich mich
zu Bette, ohne Jene vorher noch oftmals geherzt und gekt zu haben. Da
dies gestern Abend nicht geschehen konnte, so weinte ich mich, ehe ich
einschlief, recht satt. Auch jezt will es mir nicht zu Sinne, da ich
meinen lieben Aeltern, Bruder Franz, und unserer ehrlichen Anna keinen
guten Morgen wnschen kann. -- Wenn nur Bertha die Langschlferin
aufwachte! die Frau Pastorin wird bald zum Frhstck klingeln; dann geht
mirs wieder besser, denn so wohl gestern auf der Reise verga ich mich
durch all das Neue, was ich sah, als auch hier; so lange wir unter unserer
lieben Hauswirthin waren. Beide, so wie Rosalie, die Schwester der Frau
Pfarrerin sind gar freundlich und gut; und das nette kleine Dingelchen in
der Wiege macht mir auch recht viel Spa. Ich werde mir es heute fters
ausbitten, Luischen auf den Schoos nehmen zu drfen. Eine solche lebendige
Puppe wre mir lieber, als alle die welche ich besitze. Aber wie schn die
Aussicht von unserm Schlafstbchen hinaus ins Freie ist! Ach die kstlichen
reich beladenen Weinberge! -- ich mu wirklich ein Bischen nher ans
Fenster treten, und mich an ihren Anblick ergzen. Herr Pfarrer hat uns
auch fr heute einen weiten Spaziergang versprochen. Wie freue -- Nun da
schellts! Geschwind mu ich die faule Bertha weken.--


  Den 12ten Abends 10 Uhr.

Ei ei! Wieder ist der gestrige Abende verflossen, und ich habe nicht die
erlebten Tagsbegebenheiten aufgezeichnet. Ungesumt will ich es jezt thun;
sonst wrde mein gutes Mtterchen mit Recht schmlen, wenn sie von ihrer
Emma ein unvollstndiges Tagebuch erhielte und ich kann viel, recht viel
erzhlen.

Zuerst von dem wunderschnen Spaziergang, den wir vorgestern mit unserm
theuern Pastor machten. Er fhrte uns durchs hbsche, reinliche Drfchen,
am Wirthshaus vorber, wo eben der hohe Maienbaum unter einem groen Zulauf
der Dorfsjugend aufgerichtet, und als er stund, von jener umtanzt wurde.
Sie scheuten sich dabei nicht vor der Gegenwart ihres Pastors; hatten es
aber auch nicht nthig, den er war gar liebreich, und ermunterte sie
selbst zur schuldlosen Frhlichkeit; Schwester Bertha und ich muten
uns gleichfalls auf sein Gehei ein wenig im Kreise Drehen. Dann ging es
weiter; immer an Weinbergen fort, bis wir bei _dem_ anlangten, welcher das
Eigenthum des Herrn Pfarrers ist. Er und Rosalie -- Frau Werthlieb blieb
bei ihrem Luischen zu Hause -- fhrten uns nun an die besten Weinstcke,
und wir durften nach Herzenslust Trauben abschneiden und sie verzehren,
auch einige in unserm Krbchen mitnehmen, um unter Wegs uns damit zu laben.
Dann verlieen wir den Weinberg, und schlenderten ber einen frischen
Wiesgrund, den ein klarer Bach, von Erlen umpflanzt, munter durchstrmte,
welcher wie Silber glnzte, wenn die Sonne darauf schien. Nach einer Weile
erreichten wir eine Mhle; deren Besitzer sehr wohlhabend sind, und eine
groe Freude usserten, ber die Ehre, die ihnen durch den Besuch des Herrn
Pastors und der Jungfer Schwester zu Theil wrde. Die Mllerin wollte uns
Kaffe machen, und Gebackenes vorsezen; unser lieber Begleiter verbat
es sich aber, und nun kam eine Schale herrliches Obst, gutes schwarzes
Hausbrod, und frische Butter auf den Tisch. Wir thaten uns gtlich damit,
und dann wurde uns die Einrichtung des Mhlwerks gezeigt. Ich habe nun wohl
Alles genau betrachtet, und recht aufmerksam der Erklrung zugehrt, aber,
du lieber Himmel zum niederschreiben wrde ich eine lange Zeit brauchen,
das kann ich nicht. Mtterchen soll es mndlich von mir hren, was ich mir
gemerkt habe.

Mit der sinkenden Sonne kamen wir von unserm Spaziergang nach Hause, und
den Abend ber spielten Pfarrers mit uns, nmlich: Weil und warum; Hast
Du deine Lektion gut gelernt, und Salz schneiden da gab es vielen Spa.
Bertha war beim zweiten Spiel immer gleich mit ihrem -- Ja oder Nein -- bei
der Hand, und mute viele Pfnder geben. Ich nahm mich wohl recht in Acht,
doch kam ich auch nicht ungerupft durch. Dabei, so wie berhaupt seit wir
hier sind, verwechselt uns Schwestern die gute Pfarrerin immerwhrend, bald
heie ich bei ihr Bertha, bald Emma, und Rosalie wird auch zuweilen irre,
noch mehr die Magd im Hause, und die andern Leute die aus und ein gehen;
ich streite mich nicht darber ab, denn Schwesterchen Bertha betrgt sich
recht gut, warum sollte ich nicht fr sie gelten wollen? -- Doch wieder zu
meiner Erzhlung zurck. Gestern war der erste berhmte Kirmestag; den ich
jezt beschreiben will; allein wo fange ich an? Ich mchte gleich _Alles_
zu Papier bringen; aber nein, hbsch in der Ordnung Emma! sonst wird
Mtterchen bse, wenn sie ein Quodlibet lesen mu. Also frh in die Kirche
-- o weh! ich mute schon einigemal recht ghnen, der Schlaf kommt mit
Macht, ich kann ihm nicht widerstehen.

Den 13ten Morgens 8 Uhr. -- Gescheuder ists, ich nehme die Morgenstunde
bei meinem Tagebuch zu Hlfe; am Abend ist wenig Kluges mit mir anzufangen;
daher will ich lieber jezt meine Erzhlung fortsetzen: Am Sonntag also
ging es in die Kirche; sie war mit vielen jungen Birken, mit Krnzen
und Blumengewinden geschmckt, und der Herr Pfarrer predigte recht schn
_davon_, wie man sich im Gotteshaus betragen soll. Ich habe mir manches
gemerkt, und will z.B. gewi nimmer in der Kirche meine Augen so viel
herum spazieren lassen, wie es zuweilen geschah. Am Schlu der Predigt bat
Herr Werthlieb so rhrend fr einen kranken und armen Mann im Dorfe, da
mir die Thrnen ber die Wangen liefen, und ich gleich wute, was ich thun
wollte. Nach der Predigt wandelten wir Schwestern mit Amtmanns Lotte und
Schullehrers Suschen auf den, mit feinen Kie und rothen Sand bestreuten
groen Tanzplan, der auch mit Birken umpflanzt war, um welche sich
Blumengewinde schlangen. Die Eglocke rief uns _endlich_ nach Hause, wo es
ein herrliches Mittagsmahl gab; Gnsebraten, Schinken, Bratwrste, Obst und
kstliche Weintrauben, auch Wein, zu Ehren der Kirchweih. Nachmittag kam
Besuch aus der Gegend; meist Geistliche mit ihren Familien; wir lernten
sehr artige Kinder kennen, Knaben und Mdchen, und ich dachte oft an Bruder
Franz, der gewi auch recht vergngt gewesen wre; doch er kann jene in
der Weinlese besuchen. Nach dem Kaffe trinken begaben wir uns Alle auf den
Tanzplan, wo schon 2 Geiger und ein Schalmeiblser lustig mussicirten.
Nun wurde frisch getanzt, und Herr Werthlieb hatte seine grte Freude
an unserm Vergngen; auch die Dorfsjugend tanzte mit, betrug sich aber
so gesittet, da man sich ihrer nicht zu schmen brauchte. Nach einem
Stndchen gebot unser lieber Herr Pfarrer, da wir nicht mehr tanzen,
sondern in einem nahstehenden Gartenhuschen uns langsam abkhlen sollten.
Dann besahen wir die aufgeschlagenen Buden, wo hbsche Sachen zu finden
waren, und Bertha kaufte sich von dem Geld, das die guten Aeltern einer
Jeden von uns mitgaben, nette Herzen von Perlenmutter in die Ohrringe, und
allerliebstes kleines Geschirr von feinem Porzellan. Gerne htte ich mir
auch eines gekauft, und Bertha bat, zrnte, und bot Alles auf, um mich dazu
zu bewegen; allein es half nichts, ich blieb standhaft. Warum? -- ach, soll
ich es denn erzhlen. Ei wohl! liet doch dieses Tagebuch niemand als
mein Mtterchen, und dieser darf und will ich nichts verschweigen. In der
Dmmerung schlich ich mich nmlich in das, von Herrn Pastor bezeichnetes
Huschen zu dem armen Mann, und brachte ihm mein Geld. Ach Gott! welch
Elend traf ich hier! Ein noch nicht betagter Mann lag abgezehrt, gleich
einem Todtengerippe auf einem elenden Bette, die Frau und 2 Kinderchen von
ohngefhr 4 und 7 Jahren saen betrbt in einer Ecke, jene spann Wolle,
der Knabe nagte an einer harten Rinde Brod, und das Mdchen verbarg ihr
Kpfchen in den Rock der Mutter, und schluchzte leise, wahrscheinlich aus
Hunger. Denn die Gaben, welche die Gemeinde, nach der Aufforderung
ihres Seelsorgers, gebracht hatte, und die in Geld bestanden, wurden zur
Belohnung des Arztes aufgespart, nach dem in die nchste Stadt geschickt
worden war. Ich hatte mir vorgenommen, all mein Geld her zugeben; nun
drckte ich aber nur 3 viergroschen Stck der Frau in die Hand, und lief
unter dem Versprechen, bald wieder zu kommen hinweg. Mein Vorsatz war,
Kchen- und Spielzeug fr die armen Kinder zu kaufen, und ihnen zu bringen,
doch o weh, die Krmer hatten schon eingepackt, es war nichts mehr zu
bekommen, betrbt schlich ich nach Hause; da begegnete mir die alte Liese,
welche im Pfarrhaus mancherlei Dienste thut; dieser klagte ich mein Leid
und erhielt von ihr den Trost: da die Buden am folgenden Tag wieder
aufgeschlagen wrden, wo ich dann mein gutes Werk, wie sie sagte, vollenden
knnte. So war es auch, und die Freude, welche Paul und Gretchen ber meine
kleinen Geschenke hatten, machte mich glcklicher, als alle Herrlichkeiten,
die ich mir selbst gekauft htte. Der Mutter rannen die Thrnen ber die
eingefallenen Wangen, als sie ihre Kinderchen so vergngt sah, und selbst
der kranke Mann lchelte auf seinem Schmerzenslager; und reichte mir die
kncherne Hand. Ach ich war so innig froh, so selig, da ich es nicht
beschreiben kann; und da ich die Freude so still in mir hatte, da Niemand
davon wute, als ich, das war mir doppelt lieb; -- aber oft versezte ich
mich mit meinen Gedanken in die rmliche Htte, und dann fand mich Bertha
und die Andern zerstreut und einsilbig, und erstere zankte mich darber
recht ordentlich aus, wenn mir das gesellschaftliche Gewhl lstig wurde,
und ich mich ein wenig absonderte; denn gestern ging es im Haus und im
Dorfe noch recht lustig zu, es wurde geschmaut und getanzt; und wieder
andere Freunde der Pfarrleute erschienen schon zu Mittag, weshalb abermals
viel mehr Gerichte auf den Tisch kamen als gewhnlich. Es gelang mir, von
meinem Teller Eines und das Andere unbemerkt wegzunehmen, und dies trug ich
meinen Armen Abends wieder zu.

Den 13ten Abends 9 Uhr. Die alte Plaudertasche die Lies' die mir gestern
Abend wieder begegnete, als ich nach Clausens Htte ging, hat gewi dem
Herrn Pfarrer Alles geschftig hinter bracht, was sie von mir wute, aber
wieder mich mit Bertha verwechselte; denn heute bemerkte ich von ihm und
seiner Frau, sowie von Rosalien eine ausgezeichnete Freundlichkeit gegen
Jene. Auch sprach Herr Werthlieb ein paarmal mit groem Ruhm von der
stillen Wohlthtigkeit, sah dabei lchelnd und bedeutend auf Bertha, und
streichelte ihr die Wange. Sie aber schaute ihn mit groen Augen an, und
wute nicht, wie sie das nehmen sollte. Was soll ich nun thun, soll
ich Schwesterchen die Sache erklren oder schweigen? -- Diese Frage
beschftigte mich heute immer, und da ich nicht mit mir einig werden
konnte, und berdies ein ununterbrochener Regen uns ins Zimmer bannte, war
ich oft ganz verstimmt. Rosalie benahm sich aber recht gtig gegen
uns, lehrte uns viele knstliche Sachen aus Karten ausschneiden und
zusammenlegen, zeigte und erklrte uns kstliche Bilderbcher aus ihres
Bruders Bibliothek, und erzhlte uns auch einige schne Geschichten,
dazwischen tndelte und schckerte ich mit dem kleinen dicken Luischen, und
so verstrich der heutige Tag. Morgen aber -- ja Morgen geht es wieder in
die liebe Heimath und so vergngt ich auch in Moosdorf war, so freue ich
mich doch unbeschreiblich die guten Aeltern und Bruder Franz wieder zu
sehen. Wenn ich nur wte, ob ich schweigen, oder Bertha aus dem Traum
helfen soll; -- nein, ich will ihr die gute Meinung, welche Pfarrers von
ihr hegen, gnnen und -- stille seyn.--




Die Entdeckung.


Wirklich hatte Emma den Sieg ber sich gewonnen, den Ruhm, welchen Bertha,
ohne es zu wissen und zu verdienen, sich bei Werthliebs erworben hatte,
durch keine Erklrung ihr zu entziehen; doch ein Zufall stellte die Sache
ins wahre Licht. Emma hatte am lezten Morgen noch einen kurzen Besuch in
Clausens rmlichen Huschen abgestattet, und dessen Bewohnern versprochen:
ihnen durch Franz, wenn dieser zur Weinlese nach Moosdorf kommen wrde,
einen Bewei ihres Andenkens zu schicken; die dankbare Rhrung der Leute,
mit der sie von dem guten Mdchen Abschied nahmen, bewegte Emma selbst so
sehr, da sie sich der Thrnen nicht enthalten konnte. Noch unter der Thre
trocknete sie sich die Augen, und wollte dann das Sacktuch in ihr Krbchen
schieben, indem kam ein Hund aus einem Seitengchen bellend auf sie
zugesprungen, und unsere furchtsame Emma lief wie ein gejagtes Reh dem
Pfarrhause zu. In Schrecken hatte sie das Sacktuch fallen lassen, Liese,
die nahe -- bei Clausen wohnte, dasselbe gefunden, und der Frau Pastorin
mit der dazu gehrigen Erluterung gebracht. Emma's Name, der ins Sacktuch
gezeichnet war, sagte Jener nun, da nicht Bertha, sondern ihre Schwester
die kleine Wohlthterin der armen Leute war, und sie theilte ihrem Manne,
so wie Rosalien die Entdeckung mit. Der Pastor vermochte es nicht, Emma
sein Wohlgefallen, so wohl ber ihre Mildthtigkeit, als auch ber
ihr anspruchloses edelmthiges Verschweigen ihrer Handlungsweise
vorzuenthalten; aber er nahm sie dabei alleine mit in sein Grtchen,
um ohne Zeugen ihr sein Lob zu ertheilen; denn er wollte weder ihre
Bescheidenheit verletzen, noch Bertha wehe thun; Ja er bat Emma: das
Schwesterchen nun ganz in Unbekanntschaft mit der Sache zu lassen, denn
fgte er hinzu; an deiner Stelle liebe Emma, htte ich Bertha den Antheil
an der schnen That gegnnt. Ihr macht es auch Freude, Armen Gutes zu thun,
vereint httet ihr die Wohlthat noch vergrern knnen; und so verschloen
gegen eine Schwester zu seyn, ist nicht recht. Jezt kannst Du nur deinen,
gegen Bertha begangenen Fehler dadurch mindern, da Du die Begebenheit als
ein Geheimni so lange bewahrst, bis Du einmal in einer vertrauten Stunde
der guten Schwester Verzeihung wegen deiner Verschlossenheit nach suchen,
und ihr dann Alles aufrichtig erzhlen kannst und wirst. Diese Rge, so
sanft sie war, wollte Emma auf das erhaltene Lob gar nicht behagen; aber
sie trug fr Werthlieb zu viel kindliche Ehrfurcht und Liebe im Herzen, als
da sie ihm ihre Empfindlichkeit gezeigt htte, auch mute sie sich sagen,
da er Recht habe. Nach kurzem Nachdenken entschlo sie sich Moosdorf nicht
zu verlassen, ohne den Vorwurf, den sie sich selbst zu machen hatte, von
sich weggewlzt zu haben. Stillschweigend war sie mit dem Pastor noch ein
paar Gnge im Garten auf und nieder geschritten, dann ergriff sie seine
Hand, fhrte sie an ihre Lippen und sagte: Ich will auf der Stelle mein
Unrecht wieder gut machen, schicken Sie mir Bertha, ich werde ihr Alles
gestehen. Werthlieb versprach es mit einem herzlichen Ku, und bald
hatten sich die Schwestern unter sich verstndigt, denn Bertha konnte nicht
zrnen; aber sie untersuchte den Inhalt ihres Geldbeutelchens, fand noch
2 Groschen darin, kaufte Brod, und brachte es, von Emma hingeleitet den
Armen. Mit innerer Zufriedenheit verlieen nun beide Schwestern Moosdorf,
und schieden mit Dankesthrnen von der freundlichen Pfarrerin und von
Rosalien. Der Pfarrherr aber hatte den Aeltern versprochen, die geliebten
Tchterchen wieder selbst zurckzubringen, und so hielt er auch Wort.
Gro war die Freude des Wiedersehens in der Familie Falkensee, und noch
an demselben Abend bergab Emma, ehe sie sich schlafen legte, der theuern
Mutter das versprochene Tagebuch.

[Illustration:

  ~pag. 63.~

Die Entdeckung.]




Die Schlittenfahrt.


So wie Bertha, (was meine lieben Leser und Leserinnen sich erinnern
werden,) der Liebling bei der reichen Banquier Krause war, so stand Emma
bei der Rath Sinthal, _vor_ dem Schwesterchen hoch in der Gunst; denn Frau
Krause liebte die _muntere_ Jugend, Jene die sanfteren Kinder, und sie
hoffte durch den Umgang mit Emma, ihrer, etwas wilden Thekla, mehr Ruhe und
Stille anzugewhnen. Emma durfte also nicht nur zu Sinthals unaufgefordert
kommen wann sie wollte und wurde immer mit Liebe empfangen, sondern es
erging auch noch manche besondere Einladung an sie. Mitunter wohl auch an
Bertha, jedoch seltener, da Thekla gleichfalls dem andern Schwesterchen mit
mehr Liebe zugethan war, ja nach ihrem Wunsch sollte Emma jeden Festtag in
der Familie mit verleben, jedes ausgezeichnete Vergngen mit genieen. Dies
konnte jedoch nicht immer geschehen; denn Falkensee's lebten noch in
gar manchen freundschaftlichen Verbindungen, an denen die Kinder
Antheil nahmen; und dann durften sich, nach der Baronin Grundszen, ihre
Tchterchen nicht gewhnen, _tglich_ ausser dem Hause zu seyn; deshalb
blieb mancher Wunsch von Thekla in jener Hinsicht unbefriedigt. Aber auf
der Erfllung eines derselben bestund sie einstmals sehr fest. Es fiel
nmlich Schlittenwetter ein, und Emma hatte frher hin geussert: da sie
kein greres Vergngen kenne, als in einem Schlitten ber die beschneiten
Straen und Fluren hinweg zu fliegen, und dabei das Gelute der kleinen
Glckchen und Schellen zu vernehmen. Nun wurde bei Sinthals eine
Schlittenfahrt nach einem entfernten Dorf angeordnet, und Thekla bat
flehentlich: Emma daran Antheil nehmen zu lassen. Wohl war der Schlitten
schon besezt, denn ausser den Aeltern und dem Tchterchen fuhr noch ein
Freund des Vaters mit; indessen hielt man davor, da ein so kleines und
zartes Persnchen wie Emma war, noch einzuschieben wre, und es wurde
bewilligt, sie einzuladen. Die Magd der Rthin war noch nicht lange im
Hause, hatte jedoch, da sie sich die Winterabende hindurch mit ihrem
Spinnrdchen im Wohnzimmer aufhalten mute, die Namen der beiden
Zwillingsschwesterchen schon fters nennen hren, und verwechselte sie bei
jener Einladung. Bertha hpfte gerade ber den Vorplaz als die Dienerin in
ihrer Wohnung erschien, und diese glaubte, als sie die hnliche Schwester
erblickte, nun gar nicht zu irren, indem sie ihren, von der Herrschaft
erhaltenen Auftrag an Bertha richtete. Ach nein, entgegnete leztere.
Emma ist darunter gemeint, und nicht ich. Heien sie denn nicht Bertha?
fragte die Magd. Ja das ist mein Name antwortete das Mdchen, und jene
bestttigte ihre Aussage mit der Versicherung: mir wurde befohlen Frulein
Bertha einzuladen, und so kann ich es nicht anders sagen. Auch gegen
Frau v.Falkensee, die dazu kam, und kopfschttelnd der Magd zuhrte,
wiederholte diese ihre Aufforderung, und blieb hartnckig auf dem Namen
Bertha. Was war zu thun -- so sehr Emma sich im Stillen darber betrbte,
und die Mutter und Bertha zweifelten -- Leztere mute doch zur bestimmten
Zeit sich auf den Weg nach Sinthals Wohnung machen. Thekla hatte
sehnschtig am Fenster auf Emma geharrt, und sah nun schon von Weitem
Bertha herbei kommen. Erschrocken lief sie zur Mutter, und klagte ihr die
Verwechslung. Sie theilte ihres Tchterchens Trauer ber die erlittene
Tuschung, verbot ihr aber strenge, sie Bertha entgelten zu lassen, ja
diese sollte nach der Rthin Willen es nicht erfahren, da sie nicht
gemeint war. Sie wurde also recht freundlich empfangen, und da der
Schlitten gleich vorfuhr, so hatte man gar nicht Zeit, sich viel zu
besprechen. Es war ein kstlicher Wintertag. Die Sonne stand klar und
heiter im reinen Himmelblau, und von ihren Strahlen beglnzt, funkelte
der Schnee auf den Fluren und Feldern, gleich Diamanten, und die Bume und
Gestruche waren mit Reif, wie mit feinem Sammt verbrmt. Der Schlitten
flog pfeilschnell dahin, und das Gelute des Pferdgeschirrs tnte lieblich
und hell. Die Kinder jubelten vor Lust, nur in Bertha stieg zuweilen
der Wunsch auf: wenn _nur_ Emma dies Vergngen mit genieen knnte. Auch
gesellte sich zuweilen der Zweifel dazu: und wie -- wenn _doch_ eine
Verwechslung Statt gefunden htte! -- Zwar die Art, wie sie empfangen
wurde, hatte in Bertha so ziemlich jene Vermuthung verscheucht; nur auf
Thekla's Stirne glaubte sie einige Falten wahrgenommen zu haben; allein
es war berhaupt ihre Sache nicht, lange einer ernsten Betrachtung
nachzuhngen, und das Vergngen der Fahrt zerstreute noch mehr ihre
Bedenklichkeiten; nur die Liebe zu Emma rief sie zuweilen auf kurze Zeit
wieder hervor. Dies geschah auch, als sie, in Hainfeld angelangt, in der
wohl durchwrmten Wirthsstube, beim duftenden Kaffetrank saen, und
sich denselben, nebst dem, von Frau Sinthal, mitgenommenen mrben Kuchen
trefflich hatten schmecken lassen; es schlenderten darauf beide Mdchen Arm
in Arm im Zimmer auf und ab, und plauderten von diesem und Jenem. Da trat
wieder Emma's Bild vor Bertha's Seele, und sie flsterte der Freundin
traulich zu: Sage mir liebe Thekla recht ehrlich: bin ich nicht heute
wieder mit meinem Schwesterchen verwechselt worden? Jene wurde ber und
ber roth, und wute vor Verlegenheit nicht, was sie antworten sollte. Ja,
ja so ist es! Emma hat dies Vergngen genieen sollen, und nun ist die Arme
um dasselbe gekommen! rief Bertha und brach -- heftig, wie sie war -- in
lautes Schluchzen aus. Erschrocken eilte Frau Sinthal hinzu, und fragte was
ihr fehle. Thekla erzhlte, und Bertha wollte sich nicht trsten lassen,
bis der Rath, der so eben ins Zimmer kam, und sich auch nach der Ursache
von Berthas Betrbni erkundigte, sie mit der Versicherung beruhigte:
da, wenn die Schlittenbahn noch einige Tage whrte, er eine zweite Fahrt
unternehmen, und Emma mitnehmen wolle. Dies Versprechen troknete die
Thrnen der zrtlichen Schwester, und bald kehrte ihre vorige Frhlichkeit
wieder zurck. Als die Sonne tiefer sank, als sie einen rosigen Schleier
ber die ganze Flur verbreitete, und bei den gegenberstehenden Husern
und Htten, die Fenster von dem Wiederschein der feurigen Himmelskugel
in vollen Flammen zu stehen schienen, wurden von unserer Gesellschaft
Anstalten zum Aufbruch getroffen, und die Mdchen freuten sich herzlich auf
die Rckfahrt. Jedoch bald, bald wre ihnen diese sehr verbittert worden.

Der Kutscher hatte nmlich, ohne Wissen des Raths, zur Erwrmung noch ein
paar Glser Brantwein, neben dem Bier, das er von Jenem erhielt, getrunken,
so da er etwas berauscht war, und die muthigen Rosse nicht recht zu
bndigen vermochte. Der Schlitten schien kaum den Boden zu berhren, so
rannten jene mit ihm davon, und schon sah man die Stadt ziemlich nahe vor
sich liegen, als die Pferde vor einer an ihnen vorbeigehenden Frau, und
vor ihnen, mit Wsche hoch aufgethrmten Korb, den sie noch zur Stadt trug,
scheu wurden, ausrissen, und durch die Gewalt, mit der dies geschah, den
Schlitten umwarfen, und zerbrachen. Glklicher Weise nahm Niemand Schaden
bei dem Fall, und die Pferde wurden mit dem Theile des Schlittens, den sie
mit fort nahmen, auch bald aufgefangen. Aber Bertha's erster Ausruf war,
als man sich wieder erhoben hatte: Gottlob da Emma nicht dabei gewesen
ist!

Auch schickte sie, bei ihrer Nachhausekunft, die Erzhlung des erlittenen
Unfalls, der, von der Statt gefundenen Verwechslung voraus, und fgte
des Raths Zusicherung einer zweiten Schlittenfahrt gleich hinzu, um dem
Schwesterchen die heutige unangenehme Erfahrung verschmerzen zu machen.
Noch nie war aber Bertha ein solches Wetterhhnchen als in diesen Tagen.
Immer prfte sie Wind und Wolken, ob sie doch kein Thauwetter mitbringen
wrden. Doch der Himmel erfllte ihren schwesterlichen Wunsch, und
Emma geno dasselbe Vergngen, das ihr zu Theil gewordene war, und noch
ungetrbter, da auch die Nachhausfahrt glklich vorberging.




Die Maskerade.


Ich mchte doch einmal einen Maskenball sehen! usserte die frhliche
Bertha gegen die Mutter; als diese verschiedene Anstalten traf, um einer
Aufforderung von mehreren Freunden zu folgen, welche Herrn und Frau von
Falkensee zu einer gesellschaftlichen Verkleidung fr die nchste Redoute
eingeladen hatten.--

Nun in 5 oder 6 Jahren ist's immer noch Zeit genug fr Dich, eine solche
Lustbarkeit mit zu machen, erwiederte die Baronin dem Tchterchen; aber
in ihrem Herzen dachte sie anders. Franzen Geburtstag fiel in die Zeit des
Carnewal's, und der wackere Sohn erfreute die Aeltern fortwhrend durch
Flei und Lerneifer, so wie durch ein gesittetes Betragen, darum
sollte auch ihm, nach dem Wunsche der Mutter, auf seinen Geburtstag ein
ausgezeichnetes Vergngen bereitet werden. Franz tanzte sehr gerne; da
fhrte Bertha's ausgesprochenes Verlangen, Jene auf den Gedanken: an dem
erwhnten Tag einen maskirten Kinderball zu veranstalten. Sie erwog Alles
hinlnglich, holte sich auch des Gatten Rath und Meinung, und schritt
zulezt wirklich zur Ausfhrung des entworfenen Plans. Alle Kinder aus ihrem
Verwandtschafts- und Bekanntschaftskreis wurden eingeladen, und gebeten,
mit Masken und in Maskenkleidern zu erscheinen; Auch Emma und Bertha
erhielten Leztere, doch keine Masken vor das Gesicht; denn die Majorin
wollte sehen: ob der fremde, aber ganz hnliche Anzug der Tchterchen mehr
oder minder zu ihrer Verwechslung beitragen wrde, besonders bei Bruder
Franz, welcher von der ganzen Veranstaltung nur so viel erfuhr; da mehrere
seiner und der Schwestern Gespielen den Abend mit ihm feiern wrden. Wie
erstaunte er aber, als er von den Aeltern in das groe, hellerleuchtete
Zimmer gefhrt wurde, als bei seinem Eintritt die Musik ertnte, und lauter
vermummte kleine Gestalten ihn begrten. Da nherte sich ihm ein schlankes
Bauern-Brschchen und reichte ihm mit einem Krazfu ein Struchen dar;
dort brachte ihm ein nettes Grtner-Mdchen ein Krbchen mit ausgesucht
schnen Aepfeln; dann kam ein kleiner Harlequin und lie Franz, ihn
neckend, seine leichte hlzerne Pritsche fhlen; ein Trke stolzirte
langsam auf ihn zu, und bot ihm an, aus seiner langen Pfeife einige Zge zu
thun; ein Pastetenjunge trug sein Backwerk zum Verkauf herum, das, in
ein reines weies Tuch geschlagen, sein Korb enthielt, und mit dem der
Geburtstger, so wie die ganze Gesellschaft damit beschenkt wurde. Ein
Zigeunermdel prophezeite Franz aus seiner Hand viel Gutes, und auch viel
drolliges; und 2 niedliche Mdchen, nebst 2 Knaben, die 4 Jahreszeiten
vorstellend, berreichten Jenem folgende Verse:


_Der Winter._

  Verachte nicht den Wintersmann,
  Bei ihm fing einst dein Leben an;
  Auch deine Freunde ehren ihn,
  Und lsst er schne Blumen blhn
  Am Fensterglas, dann gehts hinaus
  Zur Schlittenbahn, in Saus und Braus!


_Der Frhling._

  Neues Leben regt sich auf der Flur
  Und in Kinderherzen, denn -- seht, die Natur
  Streut auf unsre Wege Blum' und Blthen.


_Der Sommer._

  Trockne die Stirne geduldig; es reift
  Nur an der Sonne heis glhendem Strahl,
  Was uns erquicket beim kstlichen Mahl;
  Nichts ohne Mh' hier gedeihet.


_Der Herbst._

  Wenn die Jugend reiche Saat,
  In das Feld gesenket hat,
  Lohnt die Erndte jede Mh;
  Darum denke oft an sie.--

Ausser diesen genannten Masken waren noch Schfer und Schferinnen, Pilger
und Pilgerinnen, Ritter und Nonnen u.a.m. zu sehen. Manche Kinderchen
konnten ihre Sprache, und andere Eigenthmlichkeiten nicht genug
verstellen, diese wurden dann natrlich gleich erkannt. Bei Manchen aber
rieth man lange hin und her, und immer falsch, so, da sogar einige aus
kindischer Ungeduld die Masken vom Gesicht nahmen, und sich selbst zu
erkennen gaben. Da viel dabei gelacht wurde, werden meine lieben Leser und
Leserinnen leicht glauben. Endlich trat ein Kellnermdchen in baierischer
Tracht vor Franzen hin, und presentirte ihm auf einem Teller schweigend ein
Glas se Mandelmilch. Das Mdchen trug einen dunkeln Rock, nebst kurzer
weier Schrze, weite lange Hemdermel, ein schwarz-samtnes Leibchen, mit
rothem Brustlaz, welches eine silberne Kette schnrte; inwendig einen
fein geflteten Hemdkragen, und ein seidnes Halstchlein darber
herumgeschlungen; Auf dem Kopf ein kleines silbernes Hubchen; Nach kurzem
Anschaun rief Franz lachend: Ei meine Bertha! seht doch! seht wie schmuck
das Mdel aussieht! Nun gieb mir nur deine gute Erfrischung, und nimm dafr
meinen schnsten Dank. Schnell entfernte sich die Kleine, um sich nicht
durch Lachen zu verrathen, denn es war -- _Emma_. Ihr folgte die Schwester,
Jenem eine Schale Zwieback hinreichend, von welchem er dankend nahm, sich
ber den schwesterlichen Anzug freute und nun Bertha fr Emma hielt, bis
beide vor ihm standen, und schckernd eine jede fragte: Wer bin ich?
Sprich, wer bin ich? -- Die holden Kellnermdchen tanzten anfangs wenig,
sondern spielten ihre Rolle recht natrlich, indem sie sich geschftig der
Bewirthung annahmen, wo aber bestndig eine Verwechslung der Schwestern
zu Schulden kam. Nach einer Weile entfernte sich Franz auf einen Wink der
Mutter, und kam im Anzug eines Tyrolers, der Teppiche zum Verkauf ber der
Achsel trug, ins Zimmer zurck. Bald warf er jedoch die Decken ab, und fing
an zu Tanzen. Sein Herz zog ihn vor Allem zu den lieben Schwesterchen; er
holte sich Bertha, ob er gleich Emma der ltern den Vorzug zugedacht hatte;
sprach jene aber immer als diese an; und das lose Mdchen lie ihn lange
auf seinen Glauben, redete wenig und schlug den Blick zu Boden; denn noch
immer waren die Schwestern an den Unterschied der Stimme und Augen am
kennbarsten. Endlich hielt Bertha im Tanzen inne, rief Emma zu sich und
sagte: Franz will mit _Dir_ Tanzen, und nur durch einen Irrthum ist
die arme Bertha des Glkes theilhaftig geworden. Zur Strafe fr seine
Partheilichkeit wollte ich nun den Herrn Bruder ein Weilchen zum besten
haben. Doch Bertha's Zorn ist gar schnell verraucht, und also auch dem
Herrn Geburtstger in Gnaden vergeben.--

Was, Du bist nicht Emma? fragte dieser erstaunt. Ja wirklich! fuhr er
fort; und ich htte nur in Deine muthwilligen Augen schauen drfen, dann
wrde ich gleich gewut haben, woran ich bin; doch la uns nur noch ein
wenig fort waltzen, es geht ja auch mit Dir wie auf einem Schnrchen, und
Emma tanzt nachher mit mir, nicht wahr?

Wie dem eigenen Bruder, widerfuhr es den fremden Knaben und Mdchen; immer
waren sie zweifelhaft, wenn sie mit den Schwestern tanzten oder plauderten,
welche Emma oder Bertha sey; bis Jene ihnen oft selbst zu Recht halfen.
Indessen machten sich Beide durch ihr Betragen allgemein beliebt, also
strten die vorfallenden Verwechslungen die gesellige Freude nicht, welche
diesen Abend in einer besonders freundlichen Gestalt im Kreise der Kinder
waltete. Ja beim Abschied versicherten Alle dem Major und seiner Gattin:
da sie nicht leicht so froh und glcklich gewesen wren als heute. Franz
aber fiel am Schlu der Lustbarkeit den geliebten Aeltern um den Hals,
dankte ihnen gerhrt fr ihre genu- und liebevollen Veranstaltungen zur
Feier seines Geburtstags und gelobte fr das neue Jahr auch durch neues
Streben ihrer Liebe werth zu bleiben. -- Er hielt getreulich Wort.

[Illustration:

  ~pag. 73.~

Die Maskerade.]




Das Pathengeschenk.


Bertha hatte ausser einer Taufpathin in ihrem Wohnort, auch noch eine
auswrts, welche die vertraute Freundin der Majorin in frherer Zeit war.
Auch jezt noch wechselten sie zuweilen Briefe, und keiner wurde gegenseitig
abgesendet und empfangen, in welchem nicht des lieben Pathchens Erwhnung
geschah. Nach der Schilderung der zrtlichen Mutter hatte Frau v.Weimann
eine sehr gute Meinung von Bertha gefat, und ihr Bildni, das sie einst
von den Aeltern derselben erhalten hatte, war ihr ein recht werthes
Besizthum. Gerne htte auch sie fters Jener einen Bewei ihres liebenden
Andenkens zugeschickt; allein die Entfernung betrug viele Meilen, wodurch
der Transport einer Sendung sehr erschwert wurde. Doch es ergab sich,
da ein, in Weimanns Hause bekannter Officier in Berthas Wohnort versezt
wurde. Diese Gelegenheit durfte nicht unbenzt vorbeistreichen, und
Hauptmann Halten wurde recht schn gebeten, einen Auftrag zu bernehmen.
Gerne verstand sich dieser dazu, denn er war berdie ein groer
Kinderfreund; und Frau v.Weimann brachte bei seinem Abschiedsbesuch
Berthas Bildni herbei, und suchte ihn zu bewegen, dasselbe recht
anzuschauen, damit ihr liebes Pathchen, das fr sie bestimmte Geschenk
gewi erhielt, und nicht die, ihr sehr hnliche Emma, obgleich fr diese
auch Etwas beigepackt worden war. Halten glaubte sich des Portraits Zge
recht eingeprgt zu haben, und reiste mit der Zusicherung, Alles aufs
Beste zu bergeben, ab. Als er an dem Ort seiner Bestimmung angelangt war,
berfiel sogleich den, nicht mehr jungen Mann eine bedeutende Krankheit und
er mute lngere Zeit, das Bett hten; durch jemand Anderm aber wollte er
nicht die ihm anvertraute Gabe Falkensee's beiden Tchterchen einhndigen
lassen, behielt sie also bis zu seiner Wiederherstellung zurck; der
Hauptmann war ein frommer Krieger, daher besuchte er, nach wieder
erhaltener Gesundheit vor Allem das Gotteshaus, um daselbst dem Hchsten
fr seine Hlfe zu danken. Von einer Emporkirche herab bemerkte er in
einem untern Kirchenstuhl zwei Mdchen, die er sogleich fr die
Zwillingsschwestern erkannte, und nun sah er aber erst ein, wie schwer eine
bezeichnende Verschiedenheit bei ihnen zu finden sey; Er nahm sich vor, die
Mdchen auf eine Probe zu stellen, und glaubte sicherlich die, welche darin
am besten bestehen wrde, msse Frau v.Weimanns Pathin seyn, so sehr
hatte er fr Letztere, durch die Schilderung jener ein gnstiges Vorurtheil
gefat. Aber es zerstreute ihn der Anblick der Mdchen selbst in der
Predigt ein wenig, denn er beobachtete immer dazwischen ihr Benehmen, und
da entging es ihm nicht, da das eine still und voll Aufmerksamkeit schien,
hingegen das Andere unruhig hin- und herrckte, bald da, bald dorthin
schaute, das Sacktuch, das Gesangbuch fallen lie, und von dem
Schwesterchen erst darber getadelt wurde. Beim Herausgehen aus der Kirche,
wo Halten den Kindern auf dem Fue folgte, sah und hrte er, wie ein armer
Greis dieselben um ein Almosen ansprach. Das fromme stille Kind schlug
das Gesangbuch auf, nahm eine darin befindliche kleine Mnze heraus, und
reichte sie mit freundlicher Miene dem Armen; ihre Gefhrtin suchte auch in
ihrem Gesangbuch nach, doch -- o weh! als sie es in der Kirche fallen lie,
mute das Geld dadurch verloren worden seyn, -- sie fand es nicht, schien
sich aber leicht darber zu trsten. Dies Alles gab dem Hauptmann
Aufschlu ber den Charakter der beiden Schwestern, und sein Liebling, die
verstndige und milde, mute nun auch nach seiner Meinung das vielgeliebte
Pathchen seyn, dem er ein so schnes Geschenk zu bergeben hatte. -- Noch
an demselben Tag begab er sich in Falkensee's Wohnung, und begrte den
Major als seinen Kriegskameraden, ohne der Weimnnischen Familie und
seines Auftrags zu erwhnen; aber als die beiden Mdchen nach einer Weile
Hand in Hand ins Zimmer traten, begrte er sie freundlich, und sagte: Ich
habe schon heute Morgens in der Kirche eure Bekanntschaft gemacht, meine
Lieben! Beide schauten ihn fragend und zweifelnd mit groen Augen an.
Er aber fuhr fort: Ja, ja, so ist es; und ich glaubte, meine andchtige
Kleine von dem unruhigen Schwesterchen bei einem Wiedersehen genau
unterscheiden zu knnen, allein eure wunderbare Aehnlichkeit macht es mir
dennoch unmglich; daher sagt mir ehrlich, welche von Euch betrug sich so
ruhig und anstndig im Hause Gottes, und welche von Euch erfreute den
armen Greis mit einer Gabe? Die Mdchen standen verlegen vor ihm; eine
Purpurrthe bergo ihre Wangen, und ihr Blick senkte sich zur Erde.
Endlich hub Bertha an, und sagte halbe laut: ich war die Unruhige, meine
Schwester ist viel artiger als ich. Halten ber diese Offenheit gerhrt,
stand einige Augenblicke zweifelnd, welchen der Kinder er den Vorzug
einrumen, welches er fr das Pathchen seiner Freundin erklren sollte.
Da fiel ihm erst die Schilderung jener bei, welche ihm Bertha als ein
lebhaftes, Emma als ein ruhiges Geschpfchen bezeichnete, und schon wollte
er Ersterer die bestimmte Gabe einhndigen; aber nun kam ihm der Gedanke:
die Kleinen noch strenger zu prfen. Er zog zwei Packette aus der Tasche,
bergab das Grere der sanften Emma, und das Kleinere der muntern Bertha,
indem er sagte: meine Freundin Weimann, Euch wohl bekannt, sendet Euch
durch mich viele herzliche Gre, und diese Geschenke. Begierig ffneten
die Kinder die Pckchen, und Emma fand in dem ihrigen ein schnes seidenes
Halstuch, ein goldnes Ringchen mit Haargeflecht, und in einer hlzernen
Frucht, die man ffnen konnte, niedliche kleine Kmmchen, Tchen,
Tellerchen, Tpfchen, u.s.w. von blendend weisen Elfenbein. In Bertha's
Packett war ein etwas geringeres Halstuch und ein Kstchen voll Dewisen.
Als der Hauptmann den Namen, Weimann, nannte rief Bertha hoch erfreut:
Ach von meiner Pathin, von meiner guten Pathin! und die Mutter, die
whrend des Gesprchs ihrer Kinder mit Halten, an einer andern Stelle des
Zimmers ein Geschft vorzunehmen hatte, kam auch herbei, und war, gleich
den Kindern, begierig, welchen Bewei ihres Andenkens die entfernte
Freundin gesendet haben wrde. Als nun die schnen Sachen ausgepackt waren,
berzeugte sich Emma sogleich, da sie das unrechte Packett erhalten habe,
und usserte bescheiden gegen den Hauptmann: Sie haben sich geirrt, lieber
Herr! dies Geschenk gehrt Bertha. Nein, nein! fiel ihr diese in die
Rede. Der Herr hlt Dich fr vorzglicher, und meint also, Du verdienst
das schnere Geschenk. Er hat auch Recht, und da Du es einmal erhielst, so
gehrt es Dein, ich trete es Dir feierlich ab. Emma wollte nichts davon
hren, und der edle Wettstreit dauerte noch eine Weile. Endlich entschied
Halten dahin: da Emma, das ihr zugefallene Tuch und Spielzeug behalten,
Bertha aber das Ringchen annehmen solle, da die Haare von ihrer Pathin,
und durchaus _ihr_ bestimmt seyen. Aber tief bewegt, setzte er noch hinzu:
Eure Bekanntschaft liebe Kinder rechne ich zu den angenehmen Erfahrungen
meines Lebens, denn eure Schwesterliebe, und edle Uneigenntzigkeit hat
mich wahrhaft gerhrt. O bleibt dieser schnen Denk- und Handlungsweise
stets getreu, und seyd gewi, da Gottes Segen sie begleitet. Nach diesen
Worten umarmte er die Mdchen herzlich, wandte sich dann an die Baronin und
sagte: Jetzt erst, nachdem ich mein Vorhaben ausgefhrt, und den Werth und
Charakter Ihrer Tchterchen selbst geprft habe, kann ich meinen erhaltenen
Auftrag ganz gengen, und von ihrer Freundin, deren Abgesandter ich bin,
Ihnen viel, recht viel erzhlen, so wie von deren wrdigem Gatten, meinem
lieben Major. Wo ist er denn hingekommen? dieser war vor einer Weile aus
dem Zimmer gerufen worden; kehrte aber eben wieder zurck; seine Gattin
bereitete darauf den Theetisch, und daran wurde in traulicher Runde
Plaz genommen. Dann begann eine, fr den ganzen kleinen Kreis wichtige
Unterhaltung, deren Hauptgegenstand die Weimnnische Familie war. Bertha
blickte dabei nicht selten auf den, an ihrem Fingerchen schimmernden
Ring, und sie und Emma vergngte oft spterhin in Friede und Eintracht das
niedliche, von der gtigen Pathin erhaltene Spielzeug.




Der kranke Zahn.


Ach Mutter! jammerte an einem Morgen Emma. Diese Nacht lieen mich meine
bsen Zhne wieder gar nicht schlafen, sage mir doch ein Mittel, das
mich von dem argen Schmerz befreit. Warte mein Kind; trstete sie die
Baronin; heute ist Rasiertag, wenn Herr Ziegler zum Vater kommt, wollen
wir ihn um Rath fragen. Kaum konnte ihn Emma erwarten, und hoffte
zuversichtlich Hlfe von ihm. Allein sie hatte sich einigermassen
getuscht; denn jener war ein groer Liebhaber vom Zahn ausnehmen, vor
dieser gewaltsamen Operation schauderte aber die zarte Emma zurck, und
lie sich durchaus nicht bewegen, sich derselben zu unterwerfen. Haben
sie den gar kein anderes Mittelchen? fragte Frau v.Falkensee; und Ziegler
erwiederte: Zu Hause steht wohl eine Tinktur, die zuweilen den Schmerz hie
und da gestillt hat, aber immer nur auf kurze Zeit, das Beste ist, wie ich
schon sagte, man macht mit dem Friedensstrer kurzen Proze, und giebt ihm
den Laufzettel. Nein, dazu versteh ich mich nicht, entgegnete Emma und
der Chirurg ging seiner Wege. Doch im Lauf des Tages wurde es immer rger
mit dem armen Mdchen. Der Schmerz prete ihr bittere Thrnen aus dem
Auge, und sie vermochte weder zu arbeiten, noch zu spielen, sondern
lag grtentheils auf dem Sopha und klagte laut. Bertha, die zrtliche
Schwester, fhlte das tiefste Mitleid mit der Leidenden, und sagte unter
andern: Ich habe auch einen dienstuntauglichen Unterthan in meinem Mund,
und herzlich gerne wollte ich mir ihm auf der Stelle herausziehen lassen,
ob er sich gleich nicht rebellisch betrgt, wenn es meiner Emma etwas
ntzte. Die Mutter kam herzu, hrte diese Aeusserung, und sagte: Dies
Opfer verlange ich nicht, aber Du knntest zu Ziegler gehen, und ihn um
seine Tinktur bitten; ich wei nicht warum der wunderliche Mann dieselbe
nicht schickt, da ich ihn doch beim Weggehen darum bat. Ungesumt eilte
Bertha fort, blieb aber ziemlich lange aus. Endlich erschien sie, und trat
unter herzlichen Lachen ins Zimmer. Rathet einmal rathet, was mich so
lange aufhielt! rief sie, es lebe Herr Ziegler der geschickte Zahnarzt!
darauf brach sie wieder in Lachen aus, und konnte kaum zur Erzhlung
kommen, so sehr belustigte sie die Erinnerung an das bestandene Abentheuer.
Doch der Mutter Gebot: ernsthaft zu seyn, und ein Blick auf die leidende
Schwester, migte ihre muthwillige Laune, und sie wickelte nun aus ihrem
Sacktuch das kranke Zhnchen, dessen sie vorhin erwhnte. Wie? fragte die
erstaunte Mutter. Du hast dir ohne alle Ursache den Schmerz zugezogen,
und den Zahn herausnehmen lassen? Freilich, erwiederte das muthvolle
Mdchen. Zwar geschah es von meiner Seite nicht freiwillig, aber ich
bereue es nicht, hat der faule Schelm doch zu nichts mehr getaugt; hier ist
vor Allem die Tinktur, und nun will ich erzhlen, wie es mir erging. Sie
fuhr fort, indem sie sich zu Emma wandte, whrend die Mutter bei derselben
das mitgebrachte Mittel anzuwenden suchte. -- Unsere schon oft angestaunte
Aehnlichkeit mein liebes Zwillingsschwesterchen hat mich um meinen armen
Zahn gebracht. Es war wohl nichts an ihm gelegen, allein es ist doch eine
eigene Sache, so mir nichts, dir nichts, eine solche Strafe vollziehen zu
lassen. Indeen als mich Herr Ziegler erblickte, rief er mir gleich zu:
Aha mein liebes Kind, ich errathe, was Sie zu mir fhrt; der Bsewicht in
ihrem Mulchen lt ihnen keine Ruhe: Nun, nun, setzen Sie sich nur, sie
sollen gleich von ihm befreit werden. Hollah dachte ich. Der grimmige
Helfer hlt mich fr mein Schwesterchen. Nun es sey! Er wird mir den
Kopf nicht mit dem Zahn abreien, und ich kann dann meiner lieben Emma
beschreiben, wie es thut, kann ihr zu oder abrathen meinem Beispiel zu
folgen. Unter diesen Betrachtungen hatte Herr Ziegler seine Instrumente
herbeigeholt und ein kleines Sesselchen auf welches ich mich geduldig
setzte, und ruhig erwartete, was ber mich ergehen wrde. Seine Magd sollte
mir den Kopf halten, dies verbot ich mir aber, auch war es nur ein Ruck,
ein Augenblick, und die ganze Geschichte hatte ein Ende; dann kam ein
bischen Blut, und als dies auch vorber war, erklrte ich dem guten Freund
seinen Irrthum. Er lachte laut auf, prie meinen Muth, und meinte, Du liebe
Emma solltest ihm nun auch das ungeheuere Vergngen machen, und dich von
deinem schlimmen Zhnchen auf solche Weise befreien. Emma schttelte das
Kpfchen, obgleich Bertha ihr versicherte: da der Schmerz der Operation
schnell vorbergehend sey, der ihrige sie aber noch lang qulen wrde. So
war es auch, sie litt' noch mehrere Tage und Nchte, und zuletzt mute sie
sich doch noch den Hnden des allzeit fertigen Zahnausnehmer anvertrauen,
welcher das muthige Schwesterchen ihr lobpreisend zum Muster aufstellte;
und auch die Mutter konnte Bertha ihren Beifall nicht versagen, da sie
durch die entschloene Aufopferung des kranken Zahn's die brigen gesunden
vor Ansteckung schtzte, und Zahnschmerz auch in Zukunft zu den Uebeln
gehrte, die sie fast gar nicht aus Erfahrung kennen lernte.




Versuchung und Reue.


Frau von Wellenfells, eine Schwester des Majors, hatte ihren Gatten vor 2
Jahren verloren, und ihr schon lnger krnkelnder Krper erlag fast unter
dem Schmerz jener Trennung. Als sie sich nach und nach wieder etwas
erholt hatte, riethen ihr die Aerzte Wohnung- und Luftvernderung, und sie
beschlo eine Reise zu ihrem Bruder zu machen, und einige Zeit bei ihm
zu bleiben. Man nahm sie gerne auf, denn sie besa viele Vorzge, und
besonders gewann sie bald die Gunst der Kinder, da sie die Gabe hatte, sie
auf allerlei artige Weise zu unterhalten. Sie spielte trefflich den Flgel,
wute viel aus ihrem Leben, so wie auch andere nette Geschichtchen zu
erzhlen, und in ihrer reichhaltigen Bibliothek befanden sich manche
werthvolle Jugendschriften. Wenn sie recht guter Laune war, so lehrte sie
Franzen verschiedene kleine Taschenspielerknste, mit und ohne Karten; und
dann war sie auch nicht abgeneigt, mit den Mdchen in ihren Feierstunden
zu kochen, und aus frischen und getroknetem Obst, und andern Sssigkeiten,
herrliche Gerichte zu verfertigen. Doch, wie gesagt, dies geschah nur, wenn
sie sich ganz wohl fhlte, und dann recht heiter war. Oft aber strte ihre
Zufriedenheit wirkliches Unwohlseyn; nicht selten auch eingebildetes.
Ja dies war eine ihrer Schwchen, da ihr krperliches Befinden sie viel
beschftigte, und sie immerwhrend an sich kurirte. Sie fragte dabei selten
einen Arzt, sondern ihre Hausapothecke, die sie mit sich fhrte, enthielt
fr alle Arten Uebel ein Mittelchen, dessen sie sich noch obwaltenden
Umstnden bediente. Es gab darinnen niederschlagende Pulver, Magen- und
Nervenstrkende Tropfen, heilsame getrocknete Kruter, Latwergen, krftige
Wasser, zusammengesezter Essig, und ausser dergleichen Dingen noch viel
Gutes zur Erfrischung und Labung in krankhaften Zustnden. -- Als sie in
Falkensee's Wohnung anlangte, und ihr Zimmerchen ihr angewiesen war, so
lieen sich's Emma und Bertha nicht nehmen, sie dahin zu begleiten, und
waren sehr geschftig beim Auspacken und Einrichten ihr zu helfen. Dabei
kam den nun auch das kleine Schrnkchen mit der erwhnten Apotheke zum
Vorschein, und Tante Hildegard wie ihr den Plaz in einem Wandbehlter an,
der unversperrt, und nur mit einem Griff zum Auf- und Zumachen versehen
war. Auch ihre Bcher stellte sie in einem zweiten hnlichen Schrank, der
sich in einer andern Seite der Wand befand. Diese getroffene Maregel war
Bertha hchst angenehm; den _Neugierde_ war ein Hauptfehler des Mdchens,
und diese regte sich mchtig beim Anblick der Besitzthmer Hildegardens in
ihr; ja sie flsterte der Kleinen zu: in diesen unverschlossenen Schrnken
kannst Du ungehindert fters alle die Gegenstnde und Bcher, die sich
darin befinden, genau untersuchen und durchblttern, und Dich damit recht
angenehm unterhalten. Eine bessere Stimme in ihrem Innern widersprach
Jener, und ermahnte Bertha: der Aeltern oft erhaltenen Befehl, ihre
Neugierde zu besiegen, Folge zu leisten. Allein die Lockung war zu gro,
denn zufllig waren ihr bei der Einrichtung manche, schon dem Aeuern
nach, kstliche Bcher in die Hand gekommen, die sie gar zu gerne nher und
lnger betrachtet htte, sie war jedoch gegen die Tante noch zu schchtern,
dieselbe darum zu bitten; auch stack ihr gewaltig das niedliche Schrnkchen
im Kopf, dessen Inhalt sie zu kennen wnschte. Als daher einmal Hildegard
mit der Mutter ausgegangen war, um einige Besuche abzustatten, schlich sich
Bertha in ihr Zimmer, kam an den Bcherschrank, nahm eines der Bcher nach
dem andern heraus, und in welchem Bilder waren, mit dem unterhielt sie
sich eine geraume Zeit. Sie hatte sie noch nicht alle durchgesehen, als sie
Tantens Stimme hrte. Eilig stellte sie das Buch, das sie gerade in Hnden
hielt, an seinen Ort, schlug den Schrank zu, und begab sich an das Fenster,
vor welchem schne Blumen in Tpfen standen, womit man Hildegarden bei
ihrer Ankunft beschenkt und berrascht hatte. Bertha ergriff ein Glas
Wasser, das in der Nhe stand, bego damit ein paar der Blumen, und Jene
traf sie bei diesem Geschft. Das ist schn, sagte die Tante, da Du
fr meine Blumen Sorge trgst; und Bertha verbarg das Gesichtchen in einen
buschigten Gyranienstock, denn das erhaltene unverdiente Lob jagte ihr das
Blut ins Gesicht. Ich will noch mehr Wasser holen, sagte sie, und eilte
fort, ihre Verlegenheit nicht bemerkbar werden zu lassen. Sie hatte jedoch
den Griff des Bcherschrank's vorhin nicht hinreichend herum gedreht,
und als sie zur Zimmerthre hinausstrmte, flog vom Zug der Luft die
Schrankthre auf, und Hildegard sagte, indem sie dieselbe wieder zu machte:
und dann daran rttelte, Ei, ei! mein Nichtchen hat sicherlich in meinen
Bchern gekrammt, den heute frh, als ich mein Gebetbuch hinein stellte,
verschlo ich den Schrank ganz fest, wie auch jetzt wieder, wo er nicht so
leicht auffahren kan. Sie frug bei Kthe -- ihrer Kammerjungfer -- nach.
Diese aber konnte keinen Aufschlu geben, da sie eine Wsche fr ihre
Gebieterin zu besorgen hatte, und deshalb mehrere Stunden im
Hofraum beschftigt war. Nach einigen Tagen, als Tante mit ihrem
Lieblings-Nichtchen, Emma, abermals ausgegangen war, begab sich Bertha, vom
unwiderstehlichen innern Drang getrieben, wieder in Hildegards Zimmer, um
das kleine Schrnkchen, wegen dem ihre Neugierde sie nicht ruhen lie, in
der Nhe zu beschauen. Sie fand, die schon frher angegebenen Gegenstnde
darin, las die Aufschrift jedes Glases, jedes Schchtelchens, stellte und
legte Alles ordentlich wieder an seine Stelle, und als sie ihre
Neugierde vollkommen befriedigt hatte, wollte sie sich aufs Neue mit dem
Bcherschrank unterhalten; aber sie vernahm Tritte, und verlie also eilig
das Zimmer. Wirklich war es Kthe, welche die Treppe herauf kam; doch da
die Kinder auf demselben Stockwerk auch ihre Spielzeugkmerchen hatten,
so konnte Bertha eben so gut von diesem herkommen, und Jene dachte nichts
arges dabei. Am Abend dieses Tages, als die Schwestern im Bette lagen --
(sie hatten ihr eigenes Schlafstbchen) -- und nach Gewohnheit noch eine
Weile plauderten, seufzte mitunter Bertha tief auf, und Emma fragte sie
besorgt, was ihr fehle? Ach Gott! erwiederte sie: mich qult die
Reue! Ich war den guten Aeltern heute, und auch vor ein paar Tagen recht
ungehorsam. Oft schon verwiesen sie mir ernstlich meine Neugierde, und
geboten mir, sie zu beherrschen, und dennoch folgte ich der Lockung
derselben, statt ihren Ermahnungen. Nun erzhlte sie Emma Alles was
meine Leser schon wissen, und schlo mit einer lebhaften Schilderung der
Hausapothecke. Sie sagte: O Schwesterchen in dieser sind gute Sachen!
Nach der Aufschrift der Glser und Schachteln giebt es Himmbeersaft,
Hagenbuttensulze, Brustzelten, Magenmorsellen, se Latwergen, von
verschiedener Art und noch eine Menge herrlicher Erquickungen, fr Kranke,
die ich darnach gar nicht mehr wei. Ei da wssert auch Gesunden der
Mund! versetzte Emma, die ein gewaltiges Leckermulchen war. Ja ihre
Neigung zur _Naschhaftigkeit_ hatte ihr schon manchen Verdru zugezogen,
ohne da sie dadurch von Jener ganz befreit worden wre. Bertha's Erzhlung
machten den erwhnten Hang wieder ungemein in ihr rege, und er raubte ihr
sogar noch eine Weile den Schlaf. Immer sah sie im Geiste die gefllten
Glser, Tiegelchen und Schachteln vor sich, und das Gelsten nach ihrem
Inhalt berwog das Vermgen, der Stimme der Vernunft und Pflicht, die sich
in ihrem Innern erhob, Gehr zu geben. Auch am andern Morgen war bei Emma's
Erwachen die Hausapotheke ihr erster Gedanke, und als sie die Tante im
Laufe des Tag's zu einem Spaziergang aufforderte, schtzte sie eine Arbeit,
die sie fr den Lehrer zu verfertigen habe, vor, und bat: da Hildegard
lieber Bertha mitnehmen mchte. Erstere prie ihren Flei, ihre
Schwesterliebe, und that was sie wnschte. Auch die Mutter schlo sich an
Jene an, und so hatte Emma freien Spielraum, den sie, trotz ihres mahnenden
und strafenden Gewissens zu bentzen sich vornahm. Allein noch, als sie
schon vor dem Wandbehlter stand, der das Ziel ihrer Wnsche verschlo, war
sie im Zwiespalt mit sich selbst, ob sie der Versuchung folgen, oder ihr
muthig widerstehen sollte.

Ach nur _sehen_ will ich die kstlichen Sachen, und mich an ihrem Anblick
weiden; sagte die Stimme der Verfhrung in ihr. Nein, es ist Snde!
sprach das Gewissen. Allein das Anschauen ist eine Freude, die Du dir
doch erlauben kannst; wandte Erstere ein, und so ffnete denn Emma den
Behlter, und auch das kleine Schrnkchen. Nun war es aber um jede Kraft
zum Widerstand geschehen. Zu lockend blikten ihr alle die Sssigkeiten
entgegen, sie mute sie kosten. Ja sie nahm von jeder einen Mundvoll, doch
so geschickt, da man es nicht bemerken konnte; brachte dann alles wieder
an seine Stelle, und schlich sich davon. Diesmal aber hatte Kthe des
Mdchens Thun und Treiben bemerkt, wute indessen nicht, ob es Emma oder
Bertha war, welche sie ohnehin immer verwechselte.

Bald nachher offenbarten sich die Folgen von Emma's Vergehen; denn sie
hatte von allen Sulzen, Latwergen und Zelten genoen, schnell alles
verschluckt, und die vielen Leckereien erregten ihr heftige Ueblichkeiten
und Magenbeschwerden. Ueberdie kam Mittag ihr Leibgericht, eine
Stockfischpastete auf den Tisch, und ob sie gleich schon nicht ganz wohl
sich fhlte, so konnte sie sich's doch nicht versagen, ihre Gelste darnach
zu stillen, und ziemlich viel davon zu een. Ihr nachheriges vergrertes
Uebelbefinden wurde nun auf Rechnung jener Speise geschrieben, und Niemand
forschte weiter darnach. Aber als am Abend Kthe, die Kammerzofe, ihrer
Herrschaft beim Auskleiden behlflich war; sagte sie: Ich wei wohl,
wo Frulein Emma's Unwohlseyn hauptschlich herrhrt, die arme
Stockfischpastete ist nicht allein Schuld. Hildegard erwiederte strenge:
Nun so sage was du weit. Kthe erzhlte ihre gemachten Beobachtungen,
und Tante schttelte unwillig den Kopf. Nein, nein, entgegnete sie,
du verwechselst die Schwestern. Emma, meine gute Emma ist einer solchen
Handlung nicht fhig; eher die leichtfertige Bertha, die noch berdies
recht neugierig ist, denn neulich gerieth sie sicherlich ber meinen
Bcherschrank. Die Dienerin versezte: Auch mir begegnete gestern eine der
Schwestern auf der Treppe, doch welche es war, kann ich unmglich angeben,
sie sehen sich zu hnlich. Am andern Tag theilte Hildegard der Majorin
Ktchens Erzhlung mit, und Bertha wurde vor das mtterliche Gericht
berufen. Auch die Tante war bei dem Verhr gegenwrtig, und das ehrliche
Tchterchen gestand augenblicklich den zweimal begangenen Fehler, wofr
sie den verdienten Verwei erhielt, und ruhig denselben hinnahm. Aber als
Hildegard in sie drang, auch zu bekennen, da sie genascht habe, da braute
die, dem Mdchen eigene Heftigkeit auf, und nur der Mutter drohende Stimme,
brachte sie wieder ins Geleise. Die Tante usserte: sie wolle es dahin
gestellt seyn lassen; schien jedoch ihren Argwohn nicht ganz aufgegeben zu
haben, was Bertha innig schmerzte. Zwar hatte Jene am Morgen, als sie ihre
Hausapotheke untersuchte, keine Spur von irgend einem unberufenen Besuch
derselben entdeckt, und da Kthe ihr schon einigemal Beweise eines
verlumderischen Charakters gegeben hatte, so wute sie nicht, was sie von
der Sache denken sollte, und lie sie scheinbar beruhen. Ihre geliebte Emma
sprach sie in ihrem Herzen ganz frei von Schuld, da ja Bertha eingestanden
hatte, zweimal in ihrem Zimmer gewesen zu seyn; gegen diese aber war sie,
seit dem Vorfall auffallend klter, denn sie zweifelte immer noch daran,
ob sie Wahrheit gesprochen habe, und die Lge hate sie mit Recht, als das
schndlichste Vergehen. Beide Schwestern bemerkten ihre vernderte Stimmung
und Bertha sprach sich gegen Emma recht tief betrbt darber aus. Sie
kannte des Schwesterchens Fehler, und hielt dafr, da es gemaut habe,
allein sie konnte es nicht ber sich gewinnen, dasselbe darum zu befragen.
Emma jedoch kmpfte mit ihrem Innern zwei Tage lang, und fhlte sich immer
nicht fhig den bessern Entschlu, der in ihr entstand, auszufhren. Lnger
aber vermochte sie es nicht, die unverdienten zrtlichen Liebkosungen der
Tante anzunehmen, und zu ertragen, da Bertha's Augen bei der sichtlichen
Unfreundlichkeit Hildegardens in Thrnen schwammen -- sie fiel, als dies
einmal wieder der Fall, und sie mit der Schwester alleine war, dieser
weinend um den Hals, und entdeckte ihr, was sie gethan hatte. Von ihr aus
flog sie an das mtterliche Herz, und bekannte auch da ihre Schuld, so wie
sie dieselbe der Tante nicht verschwieg. Natrlich lie man der kleinen
Nscherin den wohlverdienten Unwillen fhlen; aber ihr aufrichtiges
Bekenntni und Bertha's dringende Frbitten erwarben ihr auch wieder
Verzeihung. Sie gelobte Besserung, und hielt was sie versprach.
Entschlossen besiegte sie knftig jede Versuchung zu naschen, wich aber
dabei auch der gefhrlichen Schaulust aus, und gewann dadurch in einem noch
hheren Grad die Liebe der Ihrigen. Die Tante aber bat Bertha frmlich den,
im Stillen gegen sie gehegten Argwohn ab, und suchte ihr denselben durch
verdoppelte Erweisungen ihres Wohlwollens zu vergten.--




Belohnte Gastfreundschaft.


Kaum war, nach einem 6monatlichen Aufenthalt der Tante Hildegard, das
Gaststbchen leer geworden, so wurde es auf der gutmthigen Bertha
Veranlaung wieder besezt. Sie besuchte an einem Nachmittag ihre Freundin
Malwina, und nachdem sie einige Stunden vergngt bei ihr zugebracht
hatte, wollte sie wieder nach Hause kehren. Es war Dmmerung, der Regen
pltscherte aus den Wolken hernieder, und dabei strmte es so gewaltig,
da Bertha kaum den kleinen Regenschirm, der sie schtzen sollte, erhalten
konnte. Zulezt ri ihr ihn wirklich ein Windsto aus der Hand, und jagte
ihn an den Rand einer Brcke, ber die gerade das Mdchen mhsam schritt.
Erschrocken sah sie dem Fliehenden nach, und gewahrte, da ein Wanderer
auf ihn zulief, ihn glcklich erhaschte, und Bertha fr die Eigenthmerin
erkennend, denselben zustellte. Sie dankte ihm freundlich, er aber erbot
sich, da seine Krfte eher zureichten, den Schirm ber sie zu halten, und
sie nach Hause zu begleiten. Die Kleine nahm es dankbar an, und versicherte
dem jungen Mann ihre Theilnahme, da von seinem Reisehemd und seinem
Rnzchen das Wasser immerwhrend herunter troff. Wre ich nur gesund;
versezte der Wandersmann; dann wrde mich der Regen wenig kmmern, aber
ich wollte lieber zu Bette liegen, als in der Nsse herum waten. Bertha
schaute ihn mitleidig an, und sagte: Armer Mann! wie bedaure ich Sie!
Geht denn die Reise noch weit? Jener erwiederte: Ei freilich noch mehrere
Meilen habe ich zurckzulegen, bis ich in meine Heimath komme. Bertha's
Neugierde und Theilnahme stellte noch viele Fragen an ihren Begleiter, und
so erfuhr sie denn: da er der einzige Sohn reicher Aeltern sey und auf
der hohen Schule seines Wohnorts die Theologie studiere, da er in den
Feiertagen entfernte Verwandte besucht habe; auf der Rckreise krank
geworden sey und seine ganze Baarschaft, bis auf einen kleinen Rest dadurch
aufgezehrt hatte. Noch nicht vllig erholt, wollte er doch weiter wandern,
allein im lezten Dorf sey er wieder liegen geblieben, was die lezten Gulden
vollends gekostet habe. Nun wisse er nicht einmal, wo er diese Nacht
ohne Geld als Fremder eine Unterkunft finden wrde. Ach wte meine gute
Mutter, in welcher Verlegenheit sich ihr Heinrich befindet, wie wrde sie
sich grmen und ngstigen! fgte er am Schlue seiner Mittheilungen tief
seufzend hinzu. Auch Bertha seufzte mit, und in ihrer Seele entstand ein
Entschlu, den sie nicht als unausfhrbar verwerfen konnte und wollte.
Sie kannte ja die Menschenfreundlichkeit ihrer Aeltern, und hoffte, keine
Fehlbitte zu thun, wenn sie dem Reisenden ein Obdach in ihrem Hause fr
diese Nacht von Jenen zu verschaffen suchte. In ihrer Wohnung angelangt,
bat sie den Wanderer auf dem Vorplaz ein wenig zu verziehen, flog ins
Wohnzimmer, wo auch gerade der Vater zugegen war, und erzhlte mit
eiligen Worten des Fremden geflliges Benehmen gegen sie, und seine Noth.
Augenblicklich wurde ihm die Thre geffnet, und es verging keine Stunde,
so war er in der Familie einheimisch, und wie ein Glied derselben von Allen
betrachtet. Besonders schlo sich Franz herzlich an ihn an, und auch der
Major und seine Gattin fanden Gefallen, an dem gebildeten, sittlich guten
Jngling. Aber ach, der Arme war noch nichts weniger, als gesund, und schon
die erste Nacht brachte er in einem fieberhaften Zustande, zu. Am andern
Morgen wurde der Arzt gerufen, und er erklrte den Kranken fr bedenklich.
Man kann sich die Sorge der Falkensee'schen Familie denken, und Bertha
weinte manches Thrnchen; denn die Mutter ihres Gastes, welche dieser mit
so begeisterte kindlicher Liebe geschildert hatte, lag dem guten Mdchen
immer im Sinn, und sie dachte sich lebhaft ihren Gram, wenn sie den
geliebten Sohn in der Ferne verlieren sollte. Zu seiner Rettung und Pflege
wurde nun Alles aufgeboten, und die Kinder wetteiferten mit den Aeltern
darinnen. Namentlich lie es sich Franz nicht nehmen, seinen neuen Freund
treu zu bedienen; Bertha aber bernahm emsig alle Geschfte, die _ihr_
angemessen waren, und nur aus schwesterlicher Geflligkeit berlie sie
zuweilen Emma eines oder das andere. Heinrich gena, und sobald es ihm
von dem Arzt erlaubt wurde, berichtete er in einem Brief seine Aeltern
von seinen gemachten frohen und traurigen Erfahrungen, wobei natrlich
die Aufnahme und Behandlung welche ihm im Falkensee'schen Hause zu Theil
geworden war, hoch von ihm gerhmt, und mit den lebhaftesten Farben
geschildert ward. Bald erschien von Volkmar -- so hie Heinrichs Vater
-- ein Antwortschreiben voll Aeusserungen des innigsten Dankes gegen die
Wohlthter seines Sohnes, und auch das, von dem Jngling erbetene Geld zur
Rckreise und zur Bestreitung noch anderer Ausgaben, hatte Jener beigelegt.
Es war gerade Messe, als es anlangte, und nun wute Heinrich nichts
angelegentlicheres zu thun, als mit Franz und seinen beiden Schwestern
den Markt zu besuchen; denn es glhte in ihm das Verlangen: den kleinen
Freunden thtige Beweise seiner Dankbarkeit zu geben. Auch fr Frau
v.Falkensee kaufte er einen geschmackvollen Seidenzeug zu einem Kleid, fr
den Baron einen schnen Pfeifenkopf, fr seine Lieblingsschwester Bertha
(wie er sie fters gegen Franz nannte) goldne Ohrenringe, welche aus
kleinen bunten Juwelen ein niedliches Blmchen bildeten; Emma sollte
einen Wollenhacken von Silber erhalten, und Franz eine reich eingerichtete
Brieftasche.

Jugendliche Ungeduld lie Heinrich die Nachhausekunft nicht erwarten; nein
schon auf dem Markt theilte er die Geschenke an die Geschwister aus.
Aber im Gewhl der Menschen Menge verwechselte er, was ihm auch auf
dem Krankenbette fters wiederfahren war, die, sich so hnlichen
Zwillingsschwestern; und Emma erhielt, was er fr Bertha bestimmt hatte,
diese, was Jene erhalten sollte. Erst als zu Hause den Aeltern Alles
jubelnd von den Kindern gezeigt wurde, bemerkte Heinrich den Irrthum, und
zwar mit wahrem Schmerz; denn obgleich er Emma's Vorzge einsah, und sie
deshalb ebenfalls brderlich liebte, so war er doch Bertha einen grern
Bewei seiner dankbaren Anerkennung schuldig. Ihrer Vermittlung hatte er ja
die gastfreie Aufnahme im Hause der Aeltern zuzuschreiben, sie befreite
ihn damals aus einer groen Noth und Verlegenheit und erzeigte ihm spter
viele, freundliche Dienste. Er klagte Franz was geschehen war, und bat ihn:
die Schwestern auf irgend eine Weise zu einem Tausch zu bewegen; doch
noch ehe dieser seinen Auftrag ausrichten konnte, trat Emma, die schon
Ohrenringe besa, Bertha die neuerhaltenen ab, und nahm dagegen den
Wollenhacken; denn ihr richtiges Gefhl sagte ihr, da nicht sie, sondern
Jene das werthvollere Geschenk von dem lieben Gast verdient habe. Wie
freute sich dieser als er nach einigen Tagen Bertha im Besitz des ihr
bestimmten Eigenthum's erblickte. Doch die erhaltenen schnen Sachen waren
nicht die alleinige angenehme Folge der, von der Falkensee'schen Familie
bewiesene Gastfreundschaft. In Heinrichs Wohnort lebte ein bser Schuldner
des Majors, von dem er, trotz alles Mahnen's die geliehene Summe nicht
bekommen konnte. Der Vater des wackern Jnglings war ein geschickter
Rechtsgelehrter, und sobald der Sohn im lterlichen Hause die Freuden
des Wiedersehens genoen hatte, war es eine seiner ersten Bemhungen,
die Angelegenheit des Barons dem Vater zur baldigen und erfolgsreichen
Besorgung anzuempfehlen. Volkmars getroffenen Maregeln gelang es, die
gengte Zahlung zu bewerkstelligen, und nun konnte er es nicht versagen,
die, schon fr verloren geachtete Summe Falkensee selbst einzuhndigen,
und die edlen Menschen kennen zu lernen, welche seinem Sohn so viel
Gutes erzeigten. Der Vater des, von Allen geliebten Heinrichs wurde
aufs freundlichste empfangen, und auch gegen ihn jede Pflicht der
Gastfreundschaft treu und freudig gebt. An einem Abend, als der Major und
Volkmar bei einer Pfeife Taback beisammen saen, und traulich von diesem
und jenem schwazten, kam das Gesprch auf ihre Jugendjahre, und nun ergab
sichs: da sie beide als Knaben eine Schule besuchten. Man rief sich
allerlei lustige und verwegene Streiche ins Gedchtnis zurck, welche
damals zu Schulden kamen, und unter andern erwhnte der Major einer
Lebensgefahr, in welche ihn und andere, Knaben-Uebermuth gebracht hatte.
Es zog nmlich einmal im Winter, wo es kaum ein paar Nchte gefroren hatte,
eine Schaar wilder Jungen auf einen nahen Teich, der nur mit dnnem Eis
berzogen war, und wollten darauf Schlittschuh laufen. Falkensee war der
erste, der es versuchte, und -- siehe da -- des Wassersspiegels Decke
krachte, jener plumpste hinein, und wrde ertrunken seyn, wre nicht ein
entschlossener Knabe herbei gesprungen, und htte jenen gerettet. Was! --
rief Volkmar, das waren Sie? Ach so habe ich meinem Sohn einen Wohlthter
am Leben erhalten. Wunderbarlich sind die Fhrungen Gottes! -- Wohl
erinnere ich mich der Begebenheit fuhr er fort, aber die Furcht vor der
Strafe bestimmte mich, damals bei der Sache mich ganz stille zu verhalten,
und so blieb mir der Name des Schlers, der berdies mit mir nicht die
nmliche Clae besuchte, unbekannt. Auch Falkensee staunte, und er und alle
die Seinigen, (als sie die Begebenheit hrten,) waren tief gerhrt. Jener
aber sezte noch hinzu, der Schrecken, den das kalte Wasserbad bei mir
verursachte, benahm mir in den ersten Stunden das deutliche Bewutseyn,
und nachher waren -- wie es bei Kindern gewhnlich der Fall ist, die nhern
Umstnde des Ereignisses gar bald vergessen. Spterhin aber dachte ich
fters an meinen Lebensretter, und wnschte ihn zu kennen. Meine Mitschler
konnten mir jedoch keinen Aufschlu geben, und so war es mir fr diesen
Augenblick aufbehalten, mich dem Edlen zu nhern, jezt erst den Dank gegen
ihn auszusprechen, den ihm schon frher mein Herz weihte. Stille, stille!
fiel ihm Volkmar ins Wort. Dem Vater ist Alles abgetragen worden, was der
Mitschler etwa einst verdient hatte. Und nun zhlte er wiederholt alles
Gute auf, was sein Sohn in dieser Familie genossen htte. Da Bertha
dabei zu erwhnen nicht vergessen wurde, lt sich denken; doch Volkmar
verwechselte sie sehr oft, und auch gegenwrtig mit Emma, die aber
bescheiden dann immer zurck wich, und der Schwester das erhaltene Lob
abtrat.

Nach einigen Wochen reite Volkmar wieder ab; in der sptern Zeit werden
wir indeen ihm und seinem Sohne, nur unter andern Verhltnissen, in dieser
Geschichte wieder begegnen. Bis dahin nehmen auch wir freundlich Abschied
von ihnen.




Die plauderhafte Dienerin.


So oft der Postbote einen Brief brachte, wurde der Kinder Erwartung
gespannt. Er ist gewi von Heinrich; meinte Franz. Oder von meiner
lieben Pathin; usserte Bertha, und Emma freute sich immer auf Nachrichten
von Moosdorf, von dorther eine Zuschrift erwartend. Wirklich wurde diesmal
_ihre_ Hoffnung erfllt. Es traf ein Schreiben von Herrn Werthlieb ein,
in welchem er zwar von seinem und der Seinigen Befinden Erfreuliches zu
berichten hatte, aber zugleich meldete er auch den erfolgten Todesfall des
Schullehrers im Ort, des wackern Felers, der noch recht gut in Franzens
und der Schwestern Andenken lebte, und welchem sie jetzt wehmthig im
Geiste ein -- Schlafe wohl redlicher Mann! nachriefen. Feler besa kein
Vermgen, aber viele Kinder, daher mute Suschen die lteste Tochter sich
entschlieen, Dienste zu suchen. Sie war ein Mdchen von 14 Jahren, und wir
kennen sie schon aus Emma's Tagebuch, wo sie derselben als eine etwas wilde
Gespielin Bertha's erwhnt: doch lngere Krnklichkeit des Vaters, und
endlich sein Tod hatten jede Spur von Ausgelassenheit in ihr vertilgt, und
es war ihr mit dem Verlangen: in der Fremde eine gute Unterkunft zu suchen,
und diese durch ein wackeres Betragen zu verdienen, wahrer Ernst. Dies
wute Werthlieb, und hegte im Stillen den Wunsch: Suschen mchte in dem,
von ihm so hochgeachtetem Falkensee'schen Hause ein Pltzchen erhalten. Er
unterlie daher nicht in seinem erwhnten Schreiben die Lage von Felers
Hinterbliebenen nach ihrer wahren Beschaffenheit Mitleid erregend
darzustellen; und auch Suschens Vorhaben mit bedeutungsvollen Worten
anzufhren. Zum Glcke jener war gerade die Majorin entschloen, ihrem
Stubemndchen den Dienst aufzukndigen, da sie Ursache hatte mit ihr sehr
unzufrieden zu seyn und, Bertha, der alten Freundschaft eingedenk, rief,
sobald Werthliebs Brief vorgelesen war. O lieb Mtterlein, nimm Suschen
in Dienst statt Christinen! Auch Emma stimmte bei, und so kam es denn
wirklich dazu, da des Pastors geheimer, menschenfreundlicher Wunsch
erfllt wurde.

Schon war Suschen mehrere Wochen im Dienst, und man fand gegenseitig keine
Veranlaung, den gethanenen Schritt zu bereuen. Das Mdchen that ihre
Schuldigkeit, vollzog pnktlich alle erhaltenen Befehle und Auftrge,
und hatte dafr das beste Leben. Ja ihre gtige Herrschaft nahm auf ihre
vermgenslose Lage Rcksicht, und beschenkte sie noch ausser dem bedungenen
Lohn, mit allerlei, theils neuen, theils abgetragenen Kleidungsstcken. Fr
Speise, Trank und ihre andern Bedrfnisse war ohnehin gesorgt, und da sie
ihre Pflicht erfllte, so erhielt sie auch kein schlimmes Wort. Besonders
aber besa sie Bertha's Liebe und sie hing ebenfalls vor Allem an Jener.
Zwar verwechselte sie oft das Schwesternpaar, und bereute es dann wohl
nicht, wenn sie Emma statt Bertha mit besonderer Eile und Pnktlichkeit
bedient oder einen Auftrag von ihr auf solche Weise vollzogen hatte, denn
Erstere stand auch gut bei ihr angeschrieben; aber Bertha erhielt dennoch
den Vorzug in ihrem Herzen. Sie hatte es bald weg, da ihr Liebling den
Hang zur Neugierde hegte, der wirklich in Berthas Innern immer noch nicht
ausgerottet war; und um ihr Freude zu machen, gab sich Suschen alle Mhe,
ihr viel Neues mittheilen zu knnen. Sie trug ihr Alles zu, was in und
ausser dem Haus geschah, und Jener, wie allen unbefangenen Kindern,
vielleicht unbekannt geblieben wre. Dadurch erhielt Bertha's, ohnehin
noch nicht ganz besiegte Neigung aufs Neue Nahrung und Strke, und Suschen
gewhnte sich auf diese Art eine tadelnswrdige Waschhaftigkeit an, welche
sie bald um ihre gute Stelle gebracht htte.

Fr den angehenden Winter war Emma ein neuer Mantel verheien, der aus
einem, von der Mutter ihr abgetretenen verfertigt, und daher dieser ganz
auseinander getrennt werden sollte. Es huften sich aber gerade fr Frau
v.Falkensee andere nothwendigen Arbeiten, und Thekla, Emma's Freundin
wurde in dieser Zeit krank, wodurch letztere sehr oft zu Jener geholt ward,
und derselben sich ganze Tage lang widmen mute. Daher konnte weder sie,
noch die Mutter obiges Geschft vornehmen, obgleich die kltere Jahreszeit
Emma den Besitz des neuen Mantels sehr wnschenswerth machte, und der
Schneider nach dem vertrennten verlangte. Da erbot sich Bertha die Sache zu
frdern, und so wenig sie ausserdem eine Freundin vom langen Sitzen war,
so betrieb sie diesmal die erwhnte Arbeit so eifrig, da sie in ein paar
Tagen vollkommen damit zu Stande kam. Die dankbare Schwester wnschte nun
ihr dafr auch eine Freude machen zu knnen, und beredete sich deshalb mit
der Mutter. Es wurde beschloen: da Bertha in den nchsten Tagen in ihrem
Schrank ein neues Filzhtchen finden sollte, ganz so, wie Emma eines von
Tante Hildegard erhalten hatte, und Jene sichs sehnlich wnschte. Emma war
gesonnen, aus ihrer Sparbchse einen, nicht unbedeutenden Beitrag zu geben,
und freute sich unbeschreiblich auf die frohe Ueberraschung, welche dem
Schwesterchen bestimmt war. Suschen hatte whrend der Verhandlung ein
Geschft im Nebenzimmer, dessen Thre offen stand, zu besorgen, hrte also
Alles, und gedachte ihrer lieben Bertha durch eine frhere Verkndigung
obigen Plans, eine frhere Freude zu bereiten, strebte also immer sie
allein zu treffen. -- Einmal sah sie Bertha -- ihrer Meinung nach -- im
Schlafstbchen derselben, vor einer Schublade ihrer Commode knieend, und
eifrig etwas suchend. Es war ausserdem Niemand im Zimmer und Jene in ihr
Bemhen gewaltig vertieft. Ueberdies kam Suschen hinter ihrem Rcken her,
und begann nun halb leise und wichtig: O Frulein Bertha! Ich wei ein
Geheimnis! -- Es drckt mir fast das Herz ab. Nein, ich kann es nicht
verschweigen, und mu es ihnen mittheilen.--

Emma (denn _sie_ war die Kniende) kannte Suschens Geschwzigkeit, und
wollte nun sehen, wie weit sie dieselbe treiben wrde. Sie hob den Kopf
nicht in die Hhe, sondern suchte scheinbar immer fort, ob sie gleich das,
was sie wollte, schon lngst gefunden hatte; Jene aber offenbarte die ganze
Heimlichkeit, und ma sich noch ein groes Verdienst bei, sie weggeschnappt
und Bertha hinterbracht zu haben. Als sie geendigt hatte, sprang Emma auf,
trat unwillig vor sie hin und sagte: Du plauderhaftes Mdchen Du! Sieh
mich an, bin ich Bertha? und wenn ich es wre, so httest Du ihr und mir
die ganze Freude verdorben. Wage es nicht, ein Wort von jenem Geschenk
gegen sie zu erwhnen, sonst verrathe ich Deine Plauderei bei der Mutter.
Erschrocken erkannte Suschen ihren Irrthum, und bat flehentlichst um
Verzeihung und um das Verschweigen ihrer Schuld. Emma war auch, aus Mitleid
mit des Mdchens Angst dazu geneigt; allein ehe sich's Beide versehen,
stand Frau v.Falkensee vor ihnen, welche streng den Vorfall zu wissen
verlangte. Suschen wurde nun mit dem Verlust des Dienstes bedroht, wenn sie
sich je wieder eine hnliche Waschhaftigkeit zu Schulden kommen liee. Dies
half; denn zu viel war ihr an ihrer Stelle gelegen, und sie gab sich alle
Mhe, sich den angenommenen Fehler wieder abzugewhnen. Als aber Bertha
wirklich mit dem schnen Htchen beschenkt, und ihr nachher erzhlt wurde,
wie leicht die Ueberraschung htte vereitelt werden knnen, da verbot sie
Suschen selbst die geschftige Mittheilung von Neuigkeiten; denn ihr war
der Gedanke unertrglich, da durch ihren und durch Suschens Fehler die
geliebte Schwester bald des Genues beraubt worden wre, welchen ihr die
Veranstaltung, Bertha eine unerwartete Freude zu bereiten; gewhrt hatte.




Die Krankheit der Mutter und ihre Folgen.


Nicht nur von Fremden, nicht nur von Suschen wurden die
Zwillingsschwesterchen fters verwechselt; sogar den Aeltern widerfuhr
es zuweilen, die Eine fr die Andere zu halten. Besonders geschah dies
in einem traurigen Zeitpunkt; als nmlich Frau v.Falkensee von einer
gefhrlichen Krankheit heimgesucht wurde. Der Jammer der ihrigen und aller
Hausgenoen war unbeschreiblich. -- Emma und Bertha wichen nicht von dem
Lager der geliebten Kranken, und leisteten, als 11jhrige Mdchen, ungemein
viel. Da geschah es denn oft, da die Mutter in ihrer Schwche, und in dem,
durch die zugezogenen Fenstervorhnge verdunkelten Zimmer Emma als Bertha
ansprach; und auch wieder umgekehrt. Selbst als sie sich auf dem Weg der
Besserung befand, und sich krftiger fhlte, mute sie ihre Tchterchen
noch ins Auge fassen, wollte sie dieselben von einander unterscheiden,
denn ihrer persnlichen Aehnlichkeit gleich, war der Eifer, mit dem sie
die theure Mutter bedienten, die Aufmerksamkeit mit welcher sie auf ihr
leisestes Verlangen lauschten, und die Umsicht, mit der sie ihr alle
Schmerzen und Unbequemlichkeiten zu erleichtern suchten. Beide erwarben
sich aber auch gleiche Aeuerungen der mtterlichen segnenden, und
dankvollen Zufriedenheit. Der Vater und Franz, die sich ebenfalls oft und
viel im Krankenzimmer aufhielten, wurden selbst nicht selten an den beiden
Mdchen irre; denn die oft unbedachtsame, lustige Bertha, war still und
besonnen, ihrer Schwester hnlich, und diese lie, durch den tiefen Schmerz
erweicht, alle Empfindungen aus ihrem, oft so verschloenem Gemth strmen;
und waren Beide, immer friedlich und freundlich gegen einander, so schienen
sie jezt nur _eine_ Seele zu seyn. -- Der Arzt beobachtete oft ihr Thun und
Treiben mit schweigendem Staunen und Wohlgefallen, und wute eben so wenig
die Mdchen zu unterscheiden, als einer vor den Andern irgend einen Vorzug
zu geben. -- Nur in der Aufnahme der begleitenden Nachricht: da die
geliebte Mutter nun ausser Gefahr sey; zeigte sich die Eigenthmlichkeit
der Schwestern. Emma zerflo in Thrnen froher Rhrung, und hob das
schwimmende Auge dankend zum Himmel empor. Bertha tanzte jubelnd im Kreise
umher, klatschte in die Hnde und war ganz Frhlichkeit. Wohl geschah dies
Alles ausserhalb dem Krankenzimmer, aber die besonnene Emma lief geschwind
nach der Thre, und untersuchte besorgt, ob sie verschlossen sey, damit des
Schwesterchens laute Freude die noch sehr schwache Mutter nicht unangenehm
berhre. Dieser Vorfall entschied bei Doktor Wollmann ber den Werth der
beiden Mdchen. Ohne Bertha weniger zu lieben als bisher, fhlte er sich
nun doch noch mehr zu der sanften und verstndigen Emma hingezogen, und sie
ersah er sich jetzt zur Vollzieherin eines Auftrag's, den er schon lange
einem der Mdchen ertheilen wollte, jedoch immer nicht mit sich einig
werden konnte: ob Emma oder Bertha.

Wollman hatte zugleich mit Frau v.Falkensee eine eben so gefhrliche
Kranke in die Kur bekommen, fr die er ungemein viel Theilnahme hegte.
Sie lebte erst seit kurzem in W*, war Wittwe, und besa ein einziges
Tchterchen, welches mit den Zwillingsschwesterchen in gleichem Alter war.
Die Mutter litt jedoch nicht nur krperlich, sondern verschmte Armuth
drckte den Geist, beugte das Herz, und erschwerte die Genesung
des Krpers. Dies entging dem Arzte nicht, welcher reich und
menschenfreundlich, schon hufig armen Kranken nicht nur seine
einsichtsvollen Verordnungen unentgeldlich ertheilte, sondern berdies noch
manche Unterstzung ihnen zuflieen lie. Bei Frau Tellheim wurde ihm aber
dies unmglich gemacht. Sie erlaubte sich nicht nur keine Klage, sondern
wich auch jeder seiner Fragen nach ihren nhern Verhltnissen sorgsam aus.
Und doch war es unlugbar, da der Mangel in der kleinen Wohnung hause,
welchen _vor_ der Krankheit Frau Tellheim's fleiige und geschickte Hand,
durch feine knstliche Arbeiten abzuwehren suchte. Nun beschlo Wollmann
durch Emma der kleinen Lidy ein bedeutendes Geldgeschenk fr ihre Mutter
einhndigen zu lassen, und unterrichtete das Mdchen von der Rolle, die
sie bernehmen sollte. Herr v.Falkensee vermehrte die Gabe des Arztes aus
dankbarer Freude ber die Rettung seiner theuern Gattin durch einen, nicht
kleinen Beitrag, und auch die Kinder lieen es sich nicht nehmen, jedes
aus seiner Sparbchse etwas dazu zugeben. Damit eilte nun Emma in das
ihr bezeichnete Haus, und es ergab sich, da Wollmann seinen Plan gut
ausgedacht hatte. Emma's sanfte Weise fand Zugang, sowohl bei der Mutter,
als auch bei der Tochter, und die Gabe wurde mit tiefer Rhrung angenommen,
jene hatte nach Wollmanns Auftrag ausgesagt: ein durchreisender Fremde
habe ihr das Pkchen eingehndigt, und sie gebeten, Frau Tellheim es
zuzustellen, und so unwahrscheinlich dies klang, so ehrte diese doch Emma's
Verschwiegenheit und drang nicht weiter in sie, ihr weitere Aufschle
zu geben. Lidy aber fand an der neuen Bekannten ein unbeschreibliches
Wohlgefallen und da sich diese bei dem ersten Besuch nicht lange aufhalten
konnte, so bat sie dieselbe s schmeichelnd: ja bald wieder zu kommen,
und ihr und der kranken Mutter Trost und Erheiterung zu bringen. Emma wurde
lange abgehalten, ihren Vorsatz auszufhren. Unterdessen begegnete
einmal Lidy Bertha auf der Strae, hielt sie fr Emma und umarmte sie mit
zrtlichem Ungestm. Jene benahm ihr den Wahn, und das Mdchen staunte ber
die wunderseltsame Aehnlichkeit beider Schwester; aber eben dadurch auch
Bertha gleich zugethan, bat sie diese, mit Emma zu ihr zu kommen,
und Ersterer zu versichern, da sie ihr eine recht wichtige Neuigkeit
mitzutheilen htte. Ungesumt folgten beide dem erhaltenen Ruf, und wie
erstaunt war Emma, als sie Alles sichtlich verndert fand. Die Armuth
und der daraus entspringende Gram schienen ganz verschwunden, und
eine glkliche Wohlhabenheit an deren Stelle getreten zu seyn. Freudig
theilnehmend erkundigte sich Emma nach der Ursache und erfuhr nun: da
Tellheim einst in einer Lotterie sein Glck versucht, und nun nach seinem
Tode die Nummer das groe Loos den Seinigen gebracht habe. Aus inniger
Dankbarkeit fr ihre zarte Weise wohlzuthun, und unter den zrtlichsten
Versicherungen ihrer Liebe schlang Lidy um Emma's Hals ein feines goldnes
Kettchen, das schon lngst fr sie bereit lag, und Bertha, die nicht leer
ausgehen sollte, wurde mit einem hbschen Nhkstchen beschenkt, in
welchem Fingerhut, Nadelbchschen und all dergleichen Dinge von Silber sich
befanden.

Das liebliche Kleeblatt verlebte nun noch manche genureiche Stunde mit
einander, und sie geizten um so mehr darnach, als Frau Tellheim nach
einiger Zeit den Entschlu fate, wieder in ihre Heimath zurckzukehren,
aus welcher sie nur Schaam ber die eingetretene Armuth vertrieben hatte.




Das Genesungsfest.


Mehrere Monate gehrten dazu, bis Frau v.Falkensee sich vllig erholte.
Unterdessen war die glckliche Vernderung mit Tellheims vorgegangen,
und durch die Tchter veranlat, traten die Mtter ebenfalls in ein
freundschaftliches Verhltnis zu einander. Frau Tellheim war es auch werth,
die Freundin einer so vorzglichen Frau, wie die Baronin war, zu werden,
diese und jene schmerzte es nur, da der Genu des persnlichen Umgangs
bald fr sie verloren ging, weil die Verhltnisse der Ersteren, wie schon
gesagt wurde, dieselbe wieder in ihre Vaterstadt riefen.

Doch ehe dies geschah, bald nach der Genesung beider Frauen feierten
sie noch ein schnes Fest, welches sie Wollmanns thtiger Theilnahme
hauptschlich zu verdanken hatten. Er war nicht nur Arzt und
Menschenfreund, wie wir ihn schon kennen lernten, sondern er besa fr
alles Gute und Schne ein reges Gefhl, und dieser Sinn sprach sich
bei allen seinen, mehr oder minder wichtigen Handlungen aus. In einer
glcklichen Ehe lebend, gehrte er und seine wrdige Gattin zu Falkensee's
Hausfreunden, und Frau Tellheim durfte jetzt im Glck, wie ehedem im
Unglck auf die Fortdauer seiner freundschaftlichen Gesinnungen rechnen.
Seine Freude ber ihre ihm gelungene Herstellung, so wie ber die der
Majorin war innig und aufrichtig, und sie drngte ihn, auch ffentlich
dieselbe an den Tag zu legen. Bei einem seiner lezten rztlichen Besuche,
welche er bei Frau v.Falkensee abstattete, nahm er seinen kleinen Liebling
-- Emma -- bei Seite, und theilte ihr seinen Plan mit: durch ihre und der
Geschwister Mitwirkung ein Genesungsfest zu bewerkstelligen, dessen Feier,
in einem, von den Kindern gegebenen, und von ihm verfertigten kleinen
Schauspiel bestehen solle. Hoch erfreut vernahm die Kleine diesen Plan,
und versprach mit Hand und Mund des freundlichen Wollmanns Forderungen
zu befriedigen. Herr v.Falkensee wurde natrlich auch mit in den Rath
gezogen, und ertheilte der Idee seines Freundes vollen Beifall. Wollmann
bot seine Wohnung zur Ausfhrung ihres Unternehmens an, und er und seine
Gattin sorgten unermdet thtig fr alle Erfordernisse dazu. An dem dazu
bestimmten Abend versammelte sich bei dem Arzte die ganze Gesellschaft.
Er hatte ausser Tellheims und Falkensee's noch einige Freunde mit ihren
Familien eingeladen, unter denen sich auch Sinthals und Krause befanden, da
er bei seinem Plan auf die Anwesenheit Thekla's und Malwinens, so wie auf
die, einiger Shne seiner Bekannten rechnete. Doch wurden diese mit
ihren Rollen, welche unbedeutend waren, erst bei ihrem Erscheinen bekannt
gemacht. -- Als Alles gehrig vorbereitet war, und die jungen Leute sich
schon lnger entfernt hatten, fhrte der Hauswirth die Vter und Mtter
in einen gerumigen Saal, welcher sehr zweckmig in ein Schauspielhaus
umgewandelt worden war. Man nahm Plaz, und darauf rauschte der Vorhang
in die Hhe; und Emma stand da in wunderlieblicher, mdchenhafter
Schchternheit, einfach, aber geschmackvoll gekleidet, und nachdem sie sich
die gehrige Faung errungen hatte, sprach sie mit vielem Ausdruck und ohne
Ansto folgende Strophen:

  Ihr lieben Herrn und Damen!
  Vernehmt, was Euch hieher berief:--
  Der Schreckenszeit entronnen
  Wo Angst und Gram das Herz ergriff
  Empfinden wir nun Wonne
  Da die Gefahr entschwunden ist.
  Und was aus tiefer Seele
  In Freudenstrmen berfliet,
  Das bitten wir zu theilen
  Mit uns, die wir alleine nicht
  Im Stande sind zu tragen
  Des Glckes Sonne strahlend Licht.
  Drum hrt geneigt, und tadelt strenge nicht
  Was ungeknstelt Kindesliebe spricht.

Mit einer anstndigen Verbeugung endigte sie, und der Vorhang sank. War
dies Emma oder Bertha? So ging ein Flstern durch die Versammlung der
Zuschauer und selbst Herr und Frau v.Falkensee waren ihrer Sache nicht
gewi. Dem sey, wie ihm wolle, lie sich wieder eine leise Stimme
vernehmen -- Emma oder Bertha -- gleich viel! Die Kleine lte
unbestreitbar ihre Aufgabe recht gut. Ja, ja! bestttigten mehrere; und
Jedermann harrte mit gespannter Erwartung des weitern Erfolgs. Da wurde
abermals der Vorhang aufgezogen und es erschien Franz, welcher mit einem
tiefen Bckling dem Publikum verkndigte daߠ--

    die Mdchengesandtschaft

  Ein Schauspiel in 3 Aufzgen gegeben wrde.

(Bis zum Anfang des Stcks, und in den Zwischenrumen unterhielt
-- ebenfalls auf Wollmanns Veranstaltung -- eine hbsche Musik die
Versammlung, doch immer waren die Blicke nach dem Vorhang gerichtet, mit
dem geheimen Wunsch, da er sich ffne, und die kleinen Schauspieler
sich zeigen mchten.) Endlich erscholl die Klingel und der _erste Aufzug_
begann:

Franz erscheint im Festrckchen, und besieht sich mit Wohlgefallen im
Spiegel, mustert jedes Stck seiner Kleidung, brstet sie sorgfltig und
reibt das braune Lockenhaar. Dabei hlt er folgendes Selbstgesprch:

Gewi, es ist nicht zu lugnen -- Franz ist ein bildschner Junge, und der
Anzug pat und steht ihm allerliebst! Aber es verlohnt sich auch der Mhe
sich zu putzen. Ein _Abgesandter_ zu seyn -- das ist keine kleine Ehre!
und wem gilt die Aufwartung? -- Einem weltberhmten Manne! Wie mu es ihm
schmeicheln, da selbst die Jugend seine Verdienste anerkennt! Gut ist
es brigens, da meine Mitschler mich gewhlt haben, ich werde ihnen
als Redner keine Schande zuziehen -- Allons Franz! wiederhole deine
Aufgabe.--

Er bt sich vor dem Spiegel in Reverenzen, ruspert sich einige male und
beginnt: Angestaunter, preiswrdiger, hochverehrter Meister aller Meister
in der Tonkunst!--

(Bertha war schon lnger, Franz unbemerkt, ins Zimmer geschlichen, und
hatte ihn belauscht; jetzt konnte sie das Lachen nicht mehr zurckhalten,
und Franz erschrack, da seiner Hand der Hut entfiel, und er ein lautes:

Ach! hervorsties.)

Bertha: Aber sag mir nur einmal Brderchen, was in aller Welt soll
  dies bedeuten? Was hast Du denn vor, und wie eitel geberdet sich das
  Herrchen?

Franz, zrnend: Verla mich du unnzes Ding! Gerade jezt kommst du mir
  in die Quere, und erschreckst mich, da ich zittere.

Bertha, schmeichelnd: Sey nicht bse Franz! ich that dies nicht mit
  Absicht, aber schon eine ernstere Person als ich htte deine Grimassen
  und steifen Krazfsse nicht ohne Lachen mit ansehen knnen, und nun
  erst die lachlustige Bertha! -- nein, um keinen Preis wre es mir
  mglich gewesen. Doch erklre mir nur, warum Du Dich so stattlich
  aufgepuzt hast und Dich aufblst wie ein Truthhnchen. Wer ist denn
  der Glckliche dem Du deinen Besuch abstatten, und so hochtrabend
  ansprechen willst?

Franz: Ei was verstehst Du davon, was sich schickt, und was sich nicht
  schickt. Wenn ich als Abgesandter einem berhmten Virtuos aufwarte,
  dann kann ich nicht im Alltagsjckchen hinlaufen, und ohne Wahl im
  Ausdruck mich gegen ihn aussprechen. Dazu mu man vorbereitet seyn, und
  den Anstand beobachten.

Bertha: Freilich, wann Du erwachsen wrst, lie sich dies hren, aber
  ein Knabe, und ein Abgesandter, wie reimt sich wohl das? und wer sendet
  dich denn?

Franz: Meine ganze ansehnliche Schule, die gestern mit mir dem Conzert
  beiwohnte, das der groe Violinspieler Marko im Gasthaus zur goldnen
  Rose gab. Wir Alle waren entzckt ber das Spiel des unvergleichlichen
  Meister, und beschlossen nun, da eine Gesandschaft von uns zu jenem
  sich heute begeben, und ihm unser Wohlgefallen versichern solle. Mich
  -- (er wirft sich in die Brust) erkohr einstimmige Wahl zum Redner, und
  eben wollte ich meine Aufgabe wiederholen, als Du mich strtest.

Bertha: (rckt Franz vertraulich nher; legte die Hand auf seinen Arm
  und raunt ihm halb laut ins Ohr:)

  Du gehst auf Stelzen Frnzchen! Gieb Acht da Du nicht purzelst. Hre,
  ich bin nur ein einfltiges Mdchen, aber das sehe ich wohl ein: da
  ihr Knaben eingebildete Herrchen, und euer Einfall eine Thorheit ist.
  Der Knstler bedarf _Eures_ Lobs nicht, und kann Euch unfreundlich
  abweisen. Ich bitte dich Brderchen, nimm nicht Theil an der Sache, Du
  erndest keine Ehre davon.

Franz: O ber die wohlweise Frulein Schwester! ich mu dich bitten,
  deine Rathschlge fr dich zu behalten. -- Aha! da kommen sie ja, mich
  abzuholen.

(Er eilt zum Zimmer hinaus, und in der geffneten Thre werden mehrere
gepuzte Knaben sichtbar, die jenen in ihrer Mitte fortfhren.)


2ter Auftritt.

(Bertha wirft sich auf einen Sessel, legt die gefaltenen Hnde in den
Schoos, und blickt lange noch dem entschwundenen Bruder nach. Endlich
spricht sie:)

Da geht er hin, um sich lcherlich zu machen, der kleine Thor! Nun,
wem nicht zu rathen ist, dem ist nicht zu helfen. Indessen wrde er
mich dennoch herzlich dauern, wenn er von seinem Beginnen Aerger und
Verdru haben sollte. Er ist ja mein Bruder, und alles was ihn betrift,
Freude und Leid fhlt Schwesterchen Bertha lebhaft mit ihm. Doch --
(springt von ihrem Sitz auf) doch warum grme ich mich um ungewisse
Dinge? Herr Marko kann ja auch artiger seyn als ich denke. Nein ich
will mich in meiner frhlichen Laune nicht stren lassen. Ist doch mein
Mtterchen wieder gesund und heiter, daher soll und kann mich nichts
verstimmen.

(Sie reibt sich vergngt die Hnde, und hpft singend gegen die Thre.)


3ter Auftritt.

(Lidy tritt herein und sagt:)

Die Stimme der lustigen Bertha hrt man im Hause weit und breit ertnen --
sprich was macht Dich denn so berfroh?

Bertha: Und Du kannst noch fragen, _Du_ Lidy die Du eine gleiche
  Erfahrung gemacht hast! die Genesung der theuern Mutter ist es, die
  mich durch und durch entzckt, da ich wie ein frhliches Vgelein eine
  Sangesweise um die andere anstimme.

Lidy: Ja, ja, du hast Recht liebe Bertha. Wir Alle haben Ursache mit
  frohem Muthe Gott zu danken; denn wie ich hre wollen unsere lieben
  Mtter nchsten Sonntag den ersten Ausgang in die Kirche unternehmen;
  da kam mir der Gedanke: wir sollten, ehe dies geschieht, ihre
  Wiederherstellung durch ein kindliches Fest vereint feiern. Wie meinst
  Du Bertha?

Bertha: (Fllt ihr mit strmischer Freude um den Hals, und ruft:) o
  la Dich herzen und kssen fr diesen goldnen Einfall. Ja, ja! das
  wollen wir. Hast Du auch schon mit Emma gesprochen, und was sagt diese
  dazu?

Lidy: Ich suchte sie, aber fand sie nicht. Komm Bertha wir wollen
  beide nach ihr gehen, und unsern Plan und Wunsch ihr mittheilen.

(Sie gehen ab, und der Vorhang fllt.)


2ter Aufzug.

1ster Auftritt.

(Franz sizt an einem Tisch; den Kopf auf beide Hnde gestzt und seufzt
einigemale laut auf. Dann spricht er in abgebrochenen Stzen in sich
hinein:)

Der undankbare Mensch! -- der stolze Knstler! -- Htte ich mich doch
nicht berreden lassen, mit zu gehen! -- Bertha hatte Recht! -- O wie
schme ich mich vor ihr!--


2ter Auftritt.

Emma und Franz.

(Emma nhert sich besorgt dem Bruder, zieht ihm die eine Hand vom Gesichte
weg, und sieht ihm theilnehmend ins thrnende Auge. Dann sagt sie:)

Mein Gott! Brderchen was fehlt Dir denn, warum bist Du so verstimmt?

Franz rgerlich: la mich Emma, Du kannst mir doch nicht helfen.

Emma: Nein, nein, Du darfst mich nicht so schnde abweisen. Eine
  gute Schwester hat immer das Recht nach dem Kummer des Brderleins
  zu fragen, und dieser ist verpflichtet, hbsch ordentlich darauf zu
  antworten. Also sprich Frnzchen, was qult und betrbt Dich?

(Franz durch Emma's sanftes Zureden erweicht, bricht in Thrnen aus, und
erwiedert:)

Die Schande schmerzt mich, die Schande abgewiesen worden zu sehn, wo ich
es nicht erwartete.

Emma: Ei so erzhle doch nur, ich wei ja nicht, woran ich bin.

Franz: Bertha hat Dir also nicht mitgetheilt, da ich mit noch einigen
  Freunden abgesendet wurde, Herrn Marko fr sein gestriges herrliches
  Conzert in unser aller Namen Dank und Lob zu bringen, und ich war
  erwhlt die Anrede an ihn zu halten; allein denke Dir nur: als wir
  hinkamen, und er durch seinen Diener unser Vorhaben vernahm, lie er
  uns wissen: wir mchten gleich wieder umkehren, Knaben-Lob nhme er
  fr Tadel. Nun urtheile Schwesterchen ob ich nicht ber diese Erfahrung
  mich halb zu Tode grmen soll.

Emma: Ei das lasse wohl bleiben Du Nrrchen, und -- im Vertrauen
  gesagt, wrst du weniger eingebildet gewesen, so htte dir dies nicht
  begegnen knnen: Doch es ist vorbei und so schlage Dir es aus dem
  Sinne, hrst Du?

Franz: Ach wie kann ich dies? es ist schwer zu verschmerzen.

Emma: Nicht doch Franz! ich will Dir gleich etwas mittheilen, ber
  das Du als guter Sohn Dich aufrichtig freuen, und Marko, deine Rede und
  Kameraden ja alles Unangenehme leicht vergessen wirst.

Franz: Du machst mich neugierig, sprich, was ists.

Emma: Schwester Bertha, Lidy und ich, wir haben beschloen, unserer
  lieben Mutter Genesung zu feiern. Wie? das sollst Du gleich hernach
  erfahren, denn ich werde jenen sagen: da sie Dich, als unsern guten
  Bruder auch Antheil nehmen lassen mssen. Komm nur, komm!--

(Beide gehen ab; der Vorhang fllt.)


3ter Aufzug.

(Im Hintergrund sieht man einen Kreis weigekleideter Mdchen, unter
ihnen Emma, Bertha, und Lidy. Sie sind eifrig beschftigt Blumengewinde zu
flechten. Franz ist ihnen dazu behlflich, indem er aus mehreren Krbchen
taugliche Blumen heraus sucht, und sie jenen hinreicht. Weiter vorne, in
der Mitte der Bhne, steht ein kleiner, mit Blumen bekrnzter Altar.)

(Emma und Bertha erscheinen nun, eine fertige groe Guirlande tragend, in
dem Vordergrund und Erstere spricht:)

Wo Freundschaft und Liebe sich vereinigt, mu jeder schne Plan
gelingen. Und so hat auch dieses Gewinde seine Entstehung erhalten. Unsere
Freundinnen haben wacker geholfen, aber alle sind ja auch der guten Mutter
Dank fr ihre Freundlichkeit und Aeusserungen der Freude ber ihre Genesung
schuldig; und wir? -- O knnte jedes Blttchen sprechen, dennoch wrden
die Gefhle nicht erschpfend geschildert werden knnen, die fr die Theure
unser Inneres beleben. (Mit diesen Worten kommen Emma, Bertha und Franz
von der Bhne herab, nhern sich der Mutter, umschlingen sie mit der
Guirlande, und rufen mit einer, von frohen Rhrungsthrnen erstickten
Stimme:)

  Heil der Genesenen!

(Eine lange heie Umarmung folgt darauf, in welcher nur einzelne zrtliche
Worte den mtterlichen und kindlichen Lippen entschlpfen. Dann kehren die
Geschwister auf die Bhne zurck und nun folgt Lidy begleitet von Emma und
den andern Mdchen, und umschlingt mit Hlfe ersterer ihre Mutter, mit dem
zweiten Blumengewinde, und ihr Ausruf:

  Heil der Geretteten!

veranlat eine heftige Bewegung in der Seele jener, welche sich beim
innigen Kusse der Tochter, in strmenden Thrnen ausspricht. Dann zieht
sich Lidy mit ihren Begleitern auf die Bhne zurck, alle Kinder bilden auf
derselben einen Halbzirkel, und Franz, welcher vortritt, spricht folgende
Verse:

  Vorhin, als Abgesandten einer kleinen Schaar,
  Ward eine herbe Tuschung mir zu Theil;
  Da nahm mich trstend auf das Schwesternpaar,
  Und bald war die erhaltene Wunde heil.
  Denn nun auch beigesellt mit voller Ehre,
  Der _weiblichen Gesandtschaft_ kleinem Kreis,
  Hab ich zu frchten nichts, was feindlich stre,
  Die _reine_ Lust -- der _Liebe_ schnen Preis.
  Wer aber sandte uns, um zu erscheinen
  Im feierlichen Zuge bei den Theuern?
  Wer hie uns frhlich uns vereinen,
  Um das Genesungsfest beglckt zu feiern?
  Die _Dankbarkeit_ ist es, die _Kindesliebe_!
  Und heilig war uns allen ihr Gebot:
  Nach berstandner Angst und Noth,
  Euch vielgeliebte Mtter zu begren.
  Ach wie ganz anders war mir da zu Muth!
  Ich stund vor meines Lebens hchstem Gut
  Und statt, wie dort gar schnde abgewiesen
  Erwarteten uns hier der Freuden viel;
  Denn die melodischen, die sen Tne,
  Die aus der Seele treuer Mutter flieen,
  Sie bertreffen jedes Knstlers Spiel.
  Und an dem liebereichen Herzen ruhend,
  Das stets mit Wrme fr uns schlgt,
  Und sanfte Rhrung jezt bewegt,
  Gewhrte uns ein ser Ku
  Den schnsten, lohnendsten Genu.
  Habt Dank! fr diesen Augenblick,
  Der uns beseligte mit stiller Wonne.
  Habt Dank! da eure Liebe unser Glck
  Erhht und mehrt, so oft die Morgensonne
  Uns winkt mir ihrem Strahlenlicht.
  Und nun o Schwestern -- Freundinnen! -- noch eine Pflicht
  Bleibt zu erfllen uns: Ja kniet mit mir
  Dort an dem heiligen Altare nieder!
  Das Opfer unsers Dankes bringen wir
  Dem guten Gott, da er die Theuern wieder
  Aufs Neu uns schenkte. Unser frommes Lallen
  Vernimmt der Ewige mit Wohlgefallen.

(Die Kinder umgeben knieend den Altar, und der Vorhang fllt.)




Die Badreise.


Zur gnzlichen Herstellung wurde der Baronin vom Arzte eine Badereise
verordnet, und noch im Sptsommer des Jahrs von derselben mit Gatten und
Kindern angetreten. Gro war die Freude und Erwartung der Mdchen, als sie
die frohe Kunde erhielten: da sie die Mutter begleiten drften, und schon
die Zurstungen, welche die ziemlich weite Reise erforderte, gewhrte ihnen
einen sen Vorgenu. Lange Zeit unterhielten sich die Schwestern, wenn sie
des Nachts in ihr Schlafstbchen kamen, bis der Schlummer ihr Auge schlo,
von Nichts, als von dem Vergngen, das ihnen in kurzem bevorstund, und
malten sich dasselbe mit lebhaften, und wunderlieblichen Farben, welche
ihnen theils ihre Einbildungskraft, theils Schilderungen des Orts, der das
Ziel ihrer Reise war, und die sie von Erwachsenen hrten, verlieh; ja nicht
selten wurden diese Gesprche in ihre Trume mit verwebt, welche sie sich
dann bei ihrem Erwachen ungesumt mittheilten. Nur da der liebe Bruder
Franz ihrer, zu hoffenden Gensse sich nicht auch zu getrsten hatte, dies
war ein trauriger Gedanke fr sie; allein die Versumni in der Schule wre
fr ihn zu nachtheilig durch die lange Abwesenheit geworden, als da die
Aeltern seinen stillen Wunsch htten erfllen, und ihn mitnehmen knnen. Er
wurde bei einem Freund seines Vaters so lange in die Kost gegeben, und da
Jener mehrere Shne hatte, mit denen er sich gut verstand, so versprach er
sich von diesem Aufenthalt auch manche Freude, und verschmerzte leichter
die unvermeidliche Entbehrung.

Die Seinigen reiten ab, und Bertha und Emma waren ganz Auge und Ohr, damit
ihnen in der neuen Welt, die sich vor ihnen ffnete Nichts entgehen konnte,
was ihre Wibegierde befriedigte. Ja sie hatten schon zu Hause den lieben
Vater um die Erlaubni gebeten, ihn unter Wegs recht viel fragen zu drfen.
Dies wurde ihnen zugestanden, und jener blieb ihnen keine Antwort schuldig.
Emma nahm dann fters ihr Schreibtfelchen heraus, und bemerkte sich das
Wichtigste. Bertha aber meinte: in ihrem Kpfchen htte dies Alles Plaz,
sie brauche nicht, sich die Mhe zu geben und es aufzuschreiben. Bereichert
schon mit allerlei erlangten Einsichten und Kenntnissen, langten sie nach
3Tagen an dem Ort ihrer Bestimmung an, und auch hier brachte ihnen Anfangs
fast jede Stunde eine neue Erfahrung; wozu hauptschlich die Menge der
Anwesenden, und noch hinzukommenden Kurgste das ihrige beitrug; hier
sahen sie fast alle Nationen Europa's, lernten fremde Sitten und Gebruche
kennen, begegneten bald da einem unermelichen Reichthum, bald dort
krperlichem Elende, hier einem Kranken der voll Hoffnung seine
Wiederherstellung erwartete, dort einem bekmmerten Zweifler, der
kleinmthig an seiner Rettung verzagte. Die Wirthstafel bot ihnen tglich
Vernderungen dar, sowohl in den oft wechselnden Mitgsten, als auch durch
die Unterhaltungen, welche daselbst Statt fanden; denn immer erschienen
Leute, welche durch Sing und Sang, durch den Vortrag von Romanzen und
Liedern, durch Taschenspieler Knste, oder durch den Verkauf allerlei
hbscher Sachen das Geld aus der Brse der Kurgste in ihren Beutel
lockten. Oft vergaen die Mdchen darber Een und Trinken, um alles
Neue zu schauen und zu vernehmen, und spendeten willig auch ihr kleines
Scherflein, wenn der Teller herum ging, auf dem die Gaben eingesammelt
wurden. Traf ein neuer Badegast ein, so verkndigte dies am ersten Abend
der musikalische Willkomm, der Jenem von den dortigen Musikern, die
sehr vorzglich waren, zu Theil wurde, und auch dies war eine angenehme
Unterhaltung fr Emma und Bertha, da sie die Musik sehr liebten; tglich
begleiteten sie die Mutter an den Gesundbrunnen, wo das rege Gewhl der
Menschen ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Auch auf allen nahen und weitern
Spaziergngen oder Fahrten nahmen die liebenden Aeltern ihre Tchterchen
mit, und die Reize der Natur in jener wunderschnen Gegend gewhrte ihnen
viel Genu. Ueberdie fehlte es ihnen eben so wenig an geselligen Freuden;
denn es befanden sich noch mehrere junge Leute an dem Badeort, welche ihre
Aeltern oder Verwandte dahin begleitet hatten, und unsere Schwestern fanden
manches Mdchen ihres Alters, zu der sie sich hingezogen fhlten, und
angenehme Stunden mit ihnen verlebten. Aber sie selbst erregten groe
Theilnahme unter den anwesenden Kurgsten, und Einwohnern des Orts. Ihre
wunderbare Aehnlichkeit, wurde sehr oft angestaunt, ihre Liebe zu einander,
ihr angenehmes Aeussere, so wie ihr sittsames und anstndiges Benehmen
erwarb ihnen allgemeines Wohlgefallen, und lange waren sie das
Tagsgesprch, ohne da die anspruchslosen Kinder es wuten oder
vermutheten; denn treulich sorgten Vater und Mutter dafr, da das
schmeichelnde Lob, welches man ihnen zollte, nicht, oder doch selten zu
ihren Ohren drang. Ohne es im geringsten zu veranlaen, erhielt daher auch
Bertha durch einstimmige Wahl einstmals einen sehr ehrenvollen Auftrag,
und keines der anwesenden Mdchen beneidete sie darum, indem sie durch ihre
Gutmthigkeit die Liebe aller im hohen Grad erlangt hatte.

Gegen das Ende ihres Badeaufenthalts erschall plzlich die Kunde: da der
allgemein geliebte Landesvater fr einige Zeit auch ein Badegast werden
wollte. Aufrichtig war die Freude, die darber laut wurde, und in froher
Erwartung schlug jenem jedes Herz entgegen. Mit groer Sorgfalt wurden alle
erforderlichen Vorkehrungen zu einer wrdigen und bequemen Aufnahme und
Beherbergung des hohen Gastes getroffen, und dem Monarchen die schnste
Wohnung eingerumt. Unter den Badbesuchenden war auch ein verdienter
General, der fr Knig und Vaterland oft sein Leben aufs Spiel gesezt, und
dadurch viele Wunden, die ihm jezt den Gebrauch des Bades nthig machten,
erhalten hatte. Dieser gerieth in fast jugendliche Begeisterung bei der
Nachricht: da sein geliebter Herrscher mit ihm _zugleich_ die Heilquelle
trinken und benzen wolle, und Tag und Nacht beschftigte ihn der Gedanke,
wie Jener recht feierlich empfangen werden knnte. Er besprach sich mit
Falkensee darber, und beide entwarfen einen schnen Plan, welcher dann der
brigen Badegesellschaft vorgelegt und von dieser mit ungetheiltem Beifall
aufgenommen wurde.

Der Knig liebte es, zuweilen, und besonders auf dem Lande sich zwanglos
zu unterhalten, und zu freuen, so sollte denn auch die Festlichkeit den
Anstrich einer lndlichen erhalten. Am ersten Abend, nach der Ankunft
des Monarchen, warfen sich Herren und Damen, Knaben und Mdchen in
geschmackvolle Bauerntracht nach dortiger Landessitte; jedoch die Kleidung
war sehr anstndig, ja bei Manchen, die es daraufwenden konnten, kostbar zu
nennen. Alle begaben sich auf einen runden freien Plaz, welcher mit Buchen
und Birken umpflanzt, mit Blumengewinden verziert, und mit einer zahllosen
Menge Lampen vielfarbig beleuchtet war. In der Mitte des Plazes erhob
sich ein kleiner Tempel, aus Baumstmmchen errichtet, deren obere Zweige
knstlich verschlungen, das grne Dach wlbten. Im Hintergrund erblickte
man transparent erhellt, eine Lorberkrone in einem Sternenkranz, und die
Worte:

  Dem Beglcker seines Volkes!

    _geweiht_

  von treu ihm ergebenen Landeskindern!

Im Tempel war ein Theil der weiblichen Jugend versammelt; diese aber nicht
als Buerinen gekleidet, sondern in weien Gewndern, blau ausgeschmckt.
An ihrer Spitze die erwhlte Bertha, welche dem Knig auf einem
blauseidenen Kissen einige werthvolle Verse, von denen der General der
Verfasser war, zu berreichen, und jene zu deklamiren, beauftragt wurde.
Den Plaz fllten die verkleideten Landleute, so wie sich auch wirkliche
darunter mischten, und fast kein Bewohner des Orts und der Umgegend
fehlte. In einiger Entfernung verbarg ein Gebsch die Musiker, welche
beim Erscheinen des Gefeierten das Lied: -- _Heil unserm Knig Heil!_
anstimmten, das alle Anwesenden mit einem unnennbar gerhrten und frohen
Ausdruck absangen. Die Witterung und alle Umstnde begnstigten das
Unternehmen, und der Knig war tief bewegt bei diesen Aeusserungen und
Beweisen der Liebe und Verehrung seiner Unterthanen. -- Freundlich dankend
wandte er sich allenthalben hin, und fast jedes der Theilnehmer an diesem
Feste konnte sich rhmen: da sein geliebter Landesherr einige inhaltreiche
Worte ihm gespendet habe, welche dem Gedchtnis tief eingeprgt wurden.
Besonders ruhte aber der Blick des Knigs wohlgefllig auf der holden
Jugend, die sich still und bescheiden auf ihrem angewiesenen Plaz verhielt.
Er raunte einem seiner Kammerherrn etwas ins Ohr, worauf sich dieser mit
einer Verbeugung entfernte, bald aber zurckkehrte, und dem Monarchen eine
kleine Chatoulle einhndigte. Aus dieser beschenkte letzterer nun jedes
der Kinder mit einem neugeprgten blanken Thaler, der des Regenten
wohlgetroffenes Bildni trug. Dann nahm er aus dem Kstchen eine
Perlenschnur, und schlang sie eigenhndig um Emmas dunkle reiche
Haarflechten. Diese verbeugte sich mit Anmuth, kte des Knigs Hand und
sagte: Nicht ich verdiene solche Huld, sondern meine Zwillingsschwester
Bertha war es, welche das Glck geno, Euer Majestt die Verse des guten
General Romberg zu berreichen. Erstaunt blickte der Monarch umher;
Emma aber winkte, und Bertha trat zu ihr. Frwahr eine tuschende
Aehnlichkeit! rief der Knig, und fgte bei: Allein was ich einmal
gegeben habe, kann ich doch nicht wieder nehmen; die Schwestern mgen sich
gtlich vergleichen. Mit diesen Worten steckte er an Bertha's Finger
ein Diamant-Ringlein, kte beide Mdchen auf die Stirne, und verlie den
Tempel, um auf dem freien Plaz, unter den Anwesenden den Dichter jener
Strophen aufzusuchen, und ihm besonders dafr zu danken.

Die festlichen Stunden verstrichen schnell, aber hchst genureich,
und jedes kehrte mit sen Erinnerungen an dieselben, und mit erhhter
Verehrung fr den huldvollen Monarchen in seine Wohnung zurck. Bertha's
und Emma's schwesterlichen Einverstndni brachte aber des Knigs Geschenk
keinen Nachtheil. Die Perlen hatten wohl mehr Werth, als das Ringlein,
und Emma wollte jene der Erstern durchaus aufdringen; doch diese lie sich
nicht dazu bewegen, und so blieb es dabei.

Beide verehrten indessen in den erhaltenen Kostbarkeiten ein stets theures
Andenken, an den geliebten Landesvater, und an ihre genu- und folgereiche
Badereise.

[Illustration:

  ~pag. 150.~

Die Badereise.]




Die Verwundung.


Bertha, obgleich schon 12 Jahre alt, besa doch noch einen tchtigen Theil
Muthwillen, der sich aber nie heimtkisch sondern entweder im offenen
kleinen Krieg mit Geschwistern und Freunden, oder sonst in schuldlosen
lustigen Einfllen und Streichen usserte. Man konnte ihr auch deshalb
nicht zrnen nur _das_ tadelte die Mutter, tadelte Emma und Franz an ihr,
da sie in den Kindergesellschaften, an denen des Bruders wegen, auch
Knaben oft theilnahmen, sich immer lieber zu diesen als zu den Mdchen
hielt. Ja wenn sie auch nicht mehr wie ehedem mit ihnen herum lrmte, so
mute sie doch, wenn sich jene von dem weiblichen Theil der Gesellschaft
absonderten, ihnen nach schleichen, und neugierig schauen, was sie vor
haben, mute ihnen ungebeten mit ihrem guten Rath vorspannen, und ihre
weisen Bemerkungen, oft mit gutmthigen Spott untermischt, mittheilen,
nicht selten aber auch mit einem langen Nschen abziehen, das sie sich
jedoch gar nicht verdrieen, und sich fr einandermal nicht dadurch
abschrecken lie. Im gemeinschaftlichen Spiel suchte sie aber immer
ihr Mthchen an den Knaben zu khlen; strebte angelegentlich sie in
Pfnderstrafe oder andere Verlegenheit zu bringen, und lachte herzlich,
wenn es ihr gelang. Vor allem reizte sie Richard, ein aufgeblasener junger
Mensch, der sich auch fters unter den Gespielen befand, ihr Witztalent zu
ben, und sie verfolgte ihn unaufhrlich mit ihren Neckereien. Sein Wissen
war ein erbrmliches Stckwerk, und weit mehr Schein als Wahrheit,
da Bertha dies wute, so trieb sie ihn bei Spielen, die zugleich
Verstandesbungen waren, oft so in die Enge, da er sich nicht zu helfen,
und seinen Zorn ber Bertha's Tcke (wie er es nannte) nicht zu verbergen
wute. War er dann recht aufgebracht, so bat sie ihn mit tiefen Knieen
recht weh- und demthig um Verzeihung, oder sie brachte ihm, da er
Sigkeiten sehr liebte, zur Vershnung ein Hndchen voll Pfeffern'chen,
Rosinen oder dergleichen, und beschwichtigte damit seinen Zorn. Wurde sie
spterhin von den ihrigen ber ihren Muthwillen getadelt, so suchte sie,
ihrem Verfahren immer eine gute Seite abzugewinnen; und erwiederte einmal
unter andern lachend: o ihr wit gar nicht, welch ein gutes Werk ich thue,
sonst wrdet ihr mich nicht davon abhalten wollen. Ich bringe ja nur das
supperkluge Brschchen zur heilsamen Einsicht seiner Mangelhaftigkeit, und
heil ihn von den schdlichsten aller Fehler, vom Eigendnkel. Und bist
selbst nicht frei davon, wenn du dir einbildest, da _dir_ dies gelingen
wrde; wandte die Mutter ein. O nicht doch Mtterchen, versezte Bertha,
und verschlo Frau v.Falkensee den Mund mit Kssen. O doch, deine Bertha
hat eine winzig kleine Meinung von sich; und ist nur so ein lustiges
Dingelchen, das sich oft vor Muthwillen nicht zu lassen wei.

Einst war wieder eine Zusammenkunft junger Leute bei Rath Sinthal
veranstaltet, und auch Richard befand sich unter ihnen; er ging
unausstehlich hochtrabend einher, und reizte dadurch Andere, theils zum
heimlichen Lachen theils zu verborgenen Verdru. Alles, was sie thaten und
sprachen beurtheilte er verchtlich, alle Spiele gab er an, oder meisterte
doch die, welche nicht von ihm vorgeschlagen wurden, und man sah es ihm
recht deutlich an, da er sich nur alleine klug dnkte. Da zuckte Aerger
und Muthwille wieder durch Bertha's ganzes Wesen, und schnell war ein loser
Streich ausgedacht, der Richard gespielt werden sollte. Sie wisperte mit
Thekla ein wenig, und entfernte sich darauf mit ihr. Nach einiger Zeit
erschien Erstere wieder, trug auf einem groen Tassenbrett Rath Sinthals
Klapphut, und auf demselben lag ein mit goldnem Schnitt versehenes feines
Papier; es enthielt die von Bertha zierlich und mit groen Buchstaben
geschriebene Ernennung Richards zum Magister der _Weltweisheit_ mit dem
Beisaz: da er sich durch seine ausserordentliche Klugheit schon lngst
den Doktorhut verdient habe. -- Mit einer tiefen Verbeugung berreichte sie
Richarden dies ehrenvolle Diplom, welcher das Papier neugierig entfaltete,
doch als er es gelesen hatte, es erzrnt zu Boden warf, und in gewaltigen
Zornusserungen aufbraute. Die andern Kinder aber brachen in ein lautes
Lachen und Beifall rufen aus, und Bertha wurde fr ihren drolligen Einfall
manches Lob zu Theil. Niemand ahnete, da es ihr so theuer zu stehen kommen
wrde. Richard jedoch nahm sich vor, bei der nchsten Gelegenheit dem
Mdchen seine Rache fhlen zu lassen, und der bse Knabe fhrte sein
frevelhaftes Vorhaben wirklich noch am nmlichen Abend aus, allein nicht
so, wie er wollte. Es wurde nmlich noch eine Weile Ring versteckens,
gespielt. Die Gesellschaft sezt sich bei diesem Spiel in einen Kreis, und
giebt sich von Hand zu Hand ein Ringlein, doch so da der Knabe, oder das
Mdchen, welches in der Mitte steht, nicht bemerken kann, bei wem es zu
finden wre, und entweder nur durch Beobachtung der Mienen, oder durch
sonst eine Vermuthung geleitet, zu dem oder jenem tritt, und die Hand ihm
ffnet, um den versteckten Ring zu finden. Ist dies geschehen, so begiebt
sich derjenige bei dem sich jener vorfand, in dem Kreis, wird aber falsch
gerathen, so ist die Strafe ein Pfand, und das weiter Suchen. Richard, der
rachschtige Knabe -- hielt whrend des Spiels, ausser den Ring, wenn er
zu ihm kam, noch ein kleines, aber scharfes Messerchen in der Hand, und als
einmal Emma, welche er fr Bertha hielt, im Kreise sich befand, und auch zu
ihm trat, um die Hand ihm zu ffnen, versezte er ihr mit der, in die Hhe
gekehrten, Schrfe des Messerchens eine tiefe Wunde. Mit einem lautem
Schrei fuhr das Mdchen zurck, und der starke Blutverlust, so wie der
erlittene Schrecken zog ihr eine Ohnmacht zu. Man kann sich das Wehklagen
und das Entsezen der kleinen Versammlung denken, da berdie, ausser den
Dienstboten kein erwachsenes im Hause war. -- Richard machte sich in
der allgemeinen Bestrzung aus dem Staube, und die herbeigerufenen Mgde
leisteten Emma die nthige Hlfe. Im Weglaufen hatte aber jener einem
Gespielen zugerufen: Nun hat Bertha fr ihren unzeitigen Wiz den
verdienten Lohn. Aus dieser Aeusserung ergab es sich also, da wieder
eine Verwechslung der Schwestern Statt fand, und die unschuldige Emma fr
Bertha's Muthwillen leiden mute. Als sich diese davon berzeugte, wollte
sie sich nicht trsten lassen, obgleich die edelmthige Schwester sie durch
die Versicherung zu beruhigen gedachte: da sie die wahre Ursache ihrer
Verwundung verschweigen, und einer Unvorsichtigkeit von ihrer Seite die
Schuld beimessen wollte; denn es war zu erwarten, da Bertha ber ihr
Benehmen, welches Emma das Unheil zuzog, einen strengen Verwei erhalten
wrde, und die kleine Versammlung, welche die Zwillingsschwestern fast
gleich liebte, bestrkte jene in ihrem Entschlu und nahm auch Franzen, der
am ungehaltensten auf Bertha war, das Versprechen der Verschwiegenheit ab.
Doch die Mgde plauderten die Sache aus; und nun fand ein strenges Examen
statt, im welchem Bertha und Emma, Alles aufrichtig gestanden. Richard
wurde darauf aus den Kindergesellschaften ausgeschloen und Bertha
eingeschrft: das Necken knftig zu unterlassen. Doch sie hatte es sich
schon selbst recht ernstlich vorgenommen, und hielt redlich ihren Vorsaz;
denn Emma's Wunde verschlimmerte sich in den ersten Tagen so sehr; da die
liebende Schwester unendlich viel Angst und Jammer ausstund. Jeder Blick
auf die verwundete Hand der Leidenden prgte jenen Entschlu tiefer in ihre
Seele, und recht oft stellte sie die Frage wehmthig an Emma: ob sie ihr
verzeihen, und sie ferner lieben knne? doch diese wute von keinem Groll,
und bald trat auch eine glckliche Heilung ein. Bertha aber widerstand in
Zukunft jedem Drang zu Necken, ohne an ihrer muntern Laune zu verlieren,
welche ihr so viele Liebenswrdigkeit verlieh.




Die Wette.


Herr v.Falkensee sparte nichts, seinen Kindern eine vorzgliche Ausbildung
geben zu lassen. In Allem wozu sie Lust und Anlage hatten, lie er
sie unterrichten, und jedes von ihnen war auch von der Natur mit einem
hervortretenden Talent begabt worden. Franz verfertigte artige Verse in
deutscher und lateinischer Sprache -- eine Gabe, welche vom Vater, der ein
sehr guter Dichter war -- ihm angeerbt schien. Bertha machte im Spiel
auf dem Flgel gute Fortschritte, und Emma gab Hoffnung eine geschickte
Zeichnerin zu werden.

Einstmals, als der Geburtstag der Mutter wiederkehrte beschenkte Emma
Erstere mit einem, von ihr recht schn gezeichneten Blumenstraus, und
erreichte auch ganz ihre Absicht damit, Jene zu erfreuen. Jedem, der an
diesem Tage zu ihr kam, zeigte sie denselben, und die kleine Knstlerin
erhielt das verdiente Lob. -- Am Abend aber hatte der Major zur Feier des
Festes eine groe Gesellschaft eingeladen, und in dieser Versammlung mute
auch Bertha ihr Talent zeigen. Der zrtliche Gatte hatte zu Ehren der
lieben Geburtstgerin einen schnen Rundgesang gedichtet, welcher von
der Gesellschaft an der frohen Tafel abgesungen, und den Bertha, nach des
Vaters Wunsch und Willen, mit ihrem Spiel auf dem Flgel begleiten mute,
was ihr auch zur allgemeinen Zufriedenheit gelang. -- Unter den anwesenden
Gsten befanden sich zwei junge Knstler. Sie waren Brder, und Shne eines
Freundes des Barons, welcher ihnen, um des Vaters Willen, nicht nur den
Zutritt in sein Haus gestattete, sondern ihnen auch schon manche groe
Geflligkeit erzeigt hatte. Albrecht, so hie der Aeltere, widmete sich
ausschlieend dem Zeichnen und Malen; Walther aber arbeitete geschickt im
Wachs, und spielte berdies die Guitarre sehr gut. Beide unterhielten
sich diesen Abend viel mit den Zwillingsschwestern, und freuten sich ihrer
schnen Talente. Emma's Zeichnung erhielt ihren vollen Beifall, so wie
Berthas Flgelspiel, allein immer wurde es jenen schwer, die Mdchen zu
unterscheiden, zumal da Emma ebenfalls Clavier spielte, wenn auch nicht so
vorzglich wie Bertha. Als nun die Brder aus dem frohen Zirkel nach Haus
kehrten, unterhielten sie sich noch lange ber Falkensee's Tchterchen und
prieen die Aeltern wegen ihres Besitzes glcklich. Aber nun entstand unter
ihnen ein kleiner Streit. Walther behauptete: Bertha sey nicht nur die
gute Clavierspielerin, sondern berdies die Verfertigerin des gelungenen
Blumenstraues. Albrecht jedoch hatte sie richtiger erkannt, und
widersprach also mit Feuer dem Bruder. Ich mu meiner Sache gewi seyn,
usserte Walther, denn ich habe mir vorgenommen, dem Baron fr seine uns
oft bewiesene Freundschaft, das Anerbieten zu machen, und Bertha, die eine
entschiedene Anlage zur Musik hat, unentgeldlich Guitarre zu lehren, daher
darf ich sie nicht fr Emma, und Emma nicht fr sie halten. Da aber _sie_
die Blumen gezeichnet hat, wei ich gewi, und somit besizt sie nach meiner
Ueberzeugung die beiden Talente. Nicht doch, wandte Albrecht ein; warum
willst Du denn Emma Alles rauben? _Sie_ ist die Zeichnerin, ich irre mich
nicht. Jener blieb indessen hartnckig auf seiner Meinung, und brachte
Albrecht so weit, da derselbe eine Wette in Vorschlag brachte. Es sey,
rief der lustige Walther, und schlug in die dargebotene Hand des Bruders.
Ich wette, da Bertha auch die Bleifeder knstlich fhrt, und tusche
ich mich wirklich, so will ich unsern ehrlichen Hauswirth um seinen
Sonntagsanzug bitten, in diesen bei Falkensee's erscheinen, und Emma wegen
des ihr zugefgten Unrechts um Verzeihung bitten. (Die Jnglinge wohnten
bei einem alten ehrsamen Krmer, der eine noch ganz altmodische Tracht
beibehielt.) Der ernstere Albrecht verstand sich nicht zu jener tollen
Verkleidung, sondern machte sich anheischig, im Fall er Unrecht htte,
Walthern mit einer Sammlung Musikalien, welche eben neu in allen Kunst- und
Buchlden erschienen waren, zu beschenken.

Ein Dankbesuch, den, nach seiner Sitte, die beiden Brder in dem
Falkensee'schen Hause fr die lezt genoene Ehre abzustatten
gedachten, sollte die Sache entscheiden. Sorgsam bemerkten sie hier die
unterscheidenden Kennzeichen der Zwillingsschwestern, und es ergab sich
nun, da Albrecht die Wette gewonnen hatte. Gleich am folgenden Tag
erschien Walther wieder in der Wohnung des Majors, und zwar mit einer
Stutzpercke auf dem Kopf, an die ein kleiner Haarbeutel befestigt war,
in kurzen schwarzen Beinkleidern, grauen Strmpfen und breiten Schuhen mit
kleinen silbernen Schnallen; er trug ferner eine grne Weste mit langen
Schoen, und einen braunzeuchenen Rock, ebenfalls ganz nach alten Schnitt,
in der Hand aber hielt er ein hohes spanisches Rohr mit elfenbeinernem
Knopf. Auf der Strae hatte er seinen Mantel umgeworfen, doch bei
Falkensee's angelangt, legte er diesen ab, und frug nach Frulein Emma. Die
anwesende Magd wollte ihn zu ihrem Herrn fhren, allein er bestund darauf,
das Frulein sprechen zu mssen; da ffnete sich die Wohnzimmerthre, weil
die Baronin auf dem Vorplatz laut sprechen hrte, und Walther trat ohne
viele Umstnde ein. Niemand erkannte ihn, und alle waren im Stillen ber
die Dreistigkeit des fremden Mannes unwillig. Er schien sich aber nicht
daran zu kehren, suchte Emma mit seinen Blicken, fragte ausdrcklich, um
sich nicht wieder zu irren; ob sie es doch wre? und als sie es bejahte,
usserte er: der Knstler Walther habe ihn geschickt, um Emma die, bei ihm
zu Schulden gekommene Verwechslung zu bekennen, so wie sein Vergehen, da
er ihr den Ruhm als geschickte Zeichnerin habe rauben wollen, wofr er
um Verzeihung bitten lasse. Das Mdchen staunte, eben so die anwesenden
Geschwister und Mutter. Da trat Walther ein wenig auf die Seite, wischte
sich mit einem Tuch die gemalten Falten aus dem Gesichte, und nahm die
Percke ab, wodurch das dunkle Lockenhaar wieder sichtbar wurde. Als er
sich der Familie nherte, rief Alles aus einem Munde. Ach Walther, Walther
ist es! wie drollig! Nein wer htte dies gedacht! Franz und die Schwestern
brachen in lautes Lachen aus, und musterten jedes Stck an des verkleideten
Anzug; selbst die Aeltern -- der Vater kam zufllig dazu -- konnten den
jungen Freund nicht ohne Lachen ansehen. Doch als der grte Spa vorber
war, trug jener dem Major das Anerbieten vor: den Tchtern desselben
unentgeldlich Unterricht im Guitarrespielen ertheilen zu drfen; denn zur
Vergtung des, an Emma begangenen Unrechts, wollte er einen Theil seiner
sehr beschrnkten Zeit auch dieser opfern, und sie als Schlerin annehmen.
Beide Mdchen brachten es im kurzen, recht weit bei ihm; jedoch wie Bertha
von Emma immer im Zeichnen bertroffen wurde, so diese von ersterer stets
in der Tonkunst, und ihr Phantasien Spiel so wie das, nach vorgezeichneten
Noten, entzckte jeden, der es hrte; besondere ihren Lehrer, welcher es
nie bereute, dem Drang seines dankbaren Herzens gefolgt zu haben. Er sah
dadurch einen Theil seiner Schuld abgetragen, die er sich gegen dem Baron
bewut war, und dies beglckte den wackern Jngling sehr. -- Falkensee
hatte nmlich den Brdern frherhin, durch seine Bekanntschaft mit
obrigkeitlichen Personen den freien Zutritt in die Kunstschule des Orts
verschaft, und sie, da der Vater kein Vermgen besa, von Zeit zu Zeit
mit Geld unterstzt, bis sie so weit kamen, sich selbst ihren Unterhalt zu
erwerben. Walther mibrauchte berdies anfangs die Freiheit, die er ausser
dem lterlichen Hause geno, und gerieth durch bse Gesellen auf Abwege.
Vorzglich ergab er sich dem Spiel, und strzte sich einst in eine
verzweifelnde Verlegenheit. Der wackere Bruder wute keinen Ausweg,
als sich dem Major zu entdecken. Dies geschah; letzterer lte Walthers
Spielschuld aus; berief aber den verblendeten Jngling zu sich, und machte
demselben so rhrende Vorstellungen, da er von Reue ganz zerknirscht,
seinen Wohlthter mit Mund und Hand gelobte: keine Karte mehr anzurhren.
Er hielt Wort und seine Zufriedenheit und Ruhe war hinfort keiner Strung
mehr unterworfen. Dem Baron aber verehrte er wie seinen zweiten Vater, und
immer sehnte er sich, ihm sprechende Beweise seiner Dankbarkeit geben zu
knnen, wozu sich nun in der Ausbildung des musikalischen Talents seiner
Tchter eine gnstige Gelegenheit gezeigt hatte, welche Walther freudig
benzte, und der Erfolg veranlate dem erfreuten Vater oft zur Behauptung:

Wohlthun trgt Zinsen.

[Illustration:

  ~pag. 163.~

Die Wette.]




Der wichtige Fund.


Der lezte Winter war hart und streng, und die Armuth hatte viel zu leiden.
Wenn nun Franz und seine Schwestern mit ihren gewhnlichen Gespielen
zusammen kamen, dort ein Knabe in die rothen Hnde hauchte und durch Reiben
ihre Erstarrung zu mildern suchte, hier ein Mdchen zum Ofen eilte, und
seine wohlthtige Wrme prie; wenn wohlschmeckender Thee die Frierenden
labte, oder gebratene Aepfel ihnen gespendet wurden, dann meinten sie;
der Winter sey doch so bel nicht, und habe auch seine eigenen Freuden.
Einstmals aber, als dies wieder zur Sprache kam, wandte Franz ein:
Ihr habt wohl Recht liebe Freunde, so lange ihr bei _unserm_ Schicksal
verweilt, wenn ihr aber die armen Leute und Kinder bedenkt, welche jede
Erleichterung, die uns dargeboten wird, sich versagen mssen, und deren
Noth durch die anhaltende und strenge Klte furchtbar steigt und sich
vermehrt, dann werdet Ihr mit mir doch die beere Jahrszeit herbei
wnschen. Ja, wohl, ja wohl! riefen die Kinder. Wer nur das Elend aller
Hlfsbedrftigen mildern knnte! fgte ein mitleidiges Mdchen hinzu.
_Allen_ Armen knnen wir freilich nicht helfen; begann ein guter und
verstndiger Knabe in der kleinen Versammlung. Aber _etwas_ fr Jene zu
thun, steht doch in unserer Macht. Hrt meinen Vorschlag lieben Freunde,
der so eben durch Franzens Aeuerung in mir seine Entstehung erhielt.
Wir alle, genieen wie ich glaube, durch die Veranstaltung unserer lieben
Aeltern viel Gutes zu Hause, wahrscheinlich auch ihr, wie ich und meine
Schwestern, immer zum Frhstck und zum Vieruhrbrod weies, oft gar mrbes
Brod. Beim Mittageen fters Wein, oder auch Bier, und an Namens- und
Geburtstgen manche berflige Leckerei und Sssigkeit, ists nicht so
meine Lieben? -- Die Knaben und Mdchen antworteten durch einander: Du
hast Recht Adolph! dies alles was du anfhrtest, wird mir zu Theil. --
Nun wohl, versezte dieser. Meine Meinung nach, wre es kein groes
Opfer, wenn wir die Wintermonate hindurch, uns statt mit weiem, mit
schwarzem Brod, statt mit Wein und Bier mit Wasser begngten, auf alle
Sssigkeiten verzichteten, und uns fr das, was wir entbehren wollen, von
unsern lieben Aeltern mit Geld entschdigen lieen, welches wir in eine
Bchse sammelten, wchentlich es gemeinschaftlich berechneten, und unter
Arme vertheilten. Ja ja, das wollen wir thun; o das ist ein herrlicher
Plan, ein kstlicher Einfall! So usserten sich alle Glieder der kleinen
Gesellschaft, und stimmten auch darinn Adolphen bei, da keine menschliche
Seele, ausser den Aeltern um die Sache wissen drfe. Gerhrt vernahmen
die Vter und Mtter den Entschlu der Kinder, und billigten nicht nur
denselben, sondern sie nahmen es auch bei der Entschdigung nicht so genau,
sondern schlugen z.B. ein Glschen Wein oder Bier viel hher an, als
es werth war, so da die vereinten Gaben, welche die Kinder wchentlich
zusammen trugen, ziemlich bedeutend wurden, und sie damit mancher
augenblicklichen Noth erfolgreich abhelfen konnten. Als kleine Engel
erschienen sie in den rmlichen Wohnungen, und wurden fters fast
angebetet. Aber eben durch die Dankbarkeit der durch sie Gespeisten,
Erwrmten, Geretteten kam ihr schnes Unternehmen doch an Tag. Auch
plauderte ein kleines Plappermulchen unter ihnen, und schwazte einmal
irgendwo die getroffene Verabredung aus; wie ein Lauffeuer verbreitete
sich die Sage davon in der Stadt, und kam auch zu den Ohren des stdtischen
Senats. Dieser hielt eine eigene Sitzung ber die Sache, und es wurde
darinnen beschloen: die edle Jugend fr ihre stille Wohlthtigkeit
zweckmig zu belohnen.

Aber dieser Beschlu blieb ein Geheimni, bis der Frhling seine Reize
ber die Erde ausgebreitet hatte, bis die Wiesen mit sammtartigem grnen
Teppich, die Bume mit Blthenschnee, und die Gartenbeete mit duftenden
Blumen bedeckt waren. Die Armen sahen nun einer sorgenfreiern Zeit, die
Reichen wieder neuen Vergngungen im Schoose der Natur entgegen. Ein
wrdiger Geistlicher aber verkndigte einmal vom Predigerstuhl herab:
da am nchsten Sonntag auf einem, dazu bestimmten groen Wiesenplan ein
Jugendfest gefeiert werden sollte, zu Ehren der wohlthtigen Kinder, welche
mit Aufopferung mancher Gensse im verfloenen Winter viel Gutes bten, oft
die Thrnen des Kummers trockneten, oft dem Hunger und Frost in den
Htten der Armuth durch ihre mildthtigen Gaben wehrten, und dies Alles
anspruchlos, und im Stillen vollbrachten. Nun mgen sie sich, so schlo
oder Pfarrherr, nun mgen sie sich auch schuldlos freuen, und ihre Lust
wird das innere lohnende Bewutseyn erhhen. An sie ergeht vor Allem die
Einladung zu jenem Fest, doch darf demselben jeder gutartige Knabe, jedes
gesittete Mdchen, welche die allgemeine Freude nicht stren werden,
daran Antheil nehmen, so wie selbst arme Kinder, die mit Gottes und edler
Menschenhlfe den harten Winter berstanden haben, welche reinlich und
anstndig dabei erscheinen, und die nicht durch ein rohes Benehmen sich der
Gefahr aussezen, abgewiesen zu werden. Auch durch schuldlose Lust wird Gott
gepriesen, und so wollen wir den Freundlichen auf solche Weise ebenfalls
loben und danken! -- Die Glieder des schnen Bundes, welche in der Kirche
waren, und diese Aufforderung mit anhrten, schlugen errthend den Blick
zu Boden, und getrauten sich, als sie das Gotteshaus verlieen, kaum
aufzusehen. Aber se Gefhle regten sich in ihrer Seele, so wie in der
ihrer Gespielen, welche die geistlichen Worte nicht selbst vernahmen,
sondern durch treue Mittheilung erfuhren. Man versumte nicht am bestimmten
Tag auf der groen Wiese zu erscheinen; wohin ausser den enger verbundenen
Freunden, noch eine Menge Knaben und Mdchen strmten, so wie die meisten
Aeltern und Verwandten. Nach der erhaltenen Erlaubni fanden sich auch arme
Kinderchen ein, und fhlten in den Stunden allgemeiner Lust einmal nicht
den schmerzlichen Unterschied zwischen ihnen und der reichen Jugend. Auch
fr sie war der Glckshafen errichtet, und sie konnten sich eines fr sie
unschzbaren Gewinns, in einem Halstchlein, in einer Rechentafel, in
ein paar Hemderknpfchen u.s.w. erfreuen. Auch sie durften sich in dem
anwesenden Caroussel schauckeln, oder nach der hbschen Musik im frhlichen
Tanze drehen.

Ihre Elust wurde mit Obst und mrben Brod, mit leichtem Backwerk, oder
auch mit einer Bratwurst ebenfalls gestillt, -- kurz es war ein Festtag fr
sie, und seine Gene sollten in ihnen, nach dem Willen des Senat's; die
Dankbarkeit gegen ihre jungen Wohlthter vermehren, da um dieser Willen und
zum Gedchtnis ihres guten Werks das Fest veranstaltet wurde. Jene Kinder
selbst, so wie berhaupt die Jugend der hhern Classe belustigten sich auch
auf mancherlei Art, im freundlichsten Einverstndni, und auf bescheidene
artige Weise. Ja die Stunden enteilten im Fluge dahin, und mit Wehmuth sah
man die Sonne sinken, welche den Tag ber im reinen Himmelsblau gestrahlt
und eine milde Wrme verbreitet hatte, die durch sanfte khle Lftchen
nicht zur brennenden Hize werden konnte. Die blasse Sichel des Mondes,
und der flimmernde Abendstern erinnerte endlich die Theilnehmer an dem
frhlichen Feste in die Stadt und in ihre Wohnungen zurckzukehren, wo man
sich lange Zeit an der Erinnerung labte, welche jene schne Stunden oft in
die Seele zurck rief.

Nur Bertha konnte sich nicht ungetrbt dem Andenken an dieselben
berlassen, denn sie hatte an dem frohen Abend ein theures Gut, ihr
Haarringlein von der geliebten Pathin verloren. Sie trug es selten, denn
noch war es ihr ein Bischen zu weit; doch damals konnte sie dem Verlangen,
es anzustecken nicht widerstehen, und wie bereute sie es nun, dies gethan
zu haben! So bald sie es auf der Wiese vermite, suchte sie ngstlich
darnach, und wer sich in ihrer Nhe befand, bemhte sich es zu finden,
allein vergeblich. Besonders waren die anwesenden armen Kinder sehr
geschftig, Bertha wieder in den Besitz des verlorenen lieben Eigenthums
zu sezen, und betrbten sich sehr, da es ihnen nicht gelang. Bertha aber
konnte es lange, lange nicht verschmerzen.

Nach einiger Zeit begab sich Emma zu einem, in der Nachbarschaft wohnenden
Schuhmacher, der im lezten harten Winter ganz verarmt, jezt mit seinem
Weibe und 6 Kindern nur von Wohlthaten guter Menschen lebte. Jene brachte
ihm, wie schon fter, eine kleine Gabe der Aeltern, und hatte noch berdies
ein Krbchen Kirschen mitgenommen, um sie unter die Kinder auszutheilen,
denn diese erhielten gewhnlich auch etwas von ihr, und waren daher,
besonders das 8jhrige Lieschen recht zutraulich gegen sie. Diesmal aber
entwischte bei Emma's Eintritt Leztere in die Kammer, erschien auch auf
dem Ruf der Mutter nicht, um ihren Antheil Kirschen zu empfangen, und als
Erstere sich wieder entfernte, bemerkte sie wie Liese durch die Spalte
der Thre, welche auf den Vorplaz fhrte, lauschte, bis Emma das Huschen
verlie. Dieser entging es nicht, und des Mdchens ganzes Betragen fiel ihr
gewaltig auf; ja, je mehr sie darber nachdachte, desto unerklrbarer war
es ihr, denn sie hatte Lieschen immer nur Liebes und Gutes erwiesen, und
konnte daher nicht begreifen, woher ihre plzliche Schchternheit und
Furcht rhre. Indessen kam es ihr doch wieder aus dem Sinne, bis Meister
Simon durch eine erhaltene reiche Unterstzung in den Stand gesezt wurde,
von Neuem sein Handwerk zu treiben. Eine gelungene Sammlung fr ihn,
welche Herr v.Falkensee veranstaltete und durch den eigenen groen Beitrag
begrndete, brachte Jenen wieder empor, und von nun an durfte er auch
unter andern, die Falkensee'sche Familie durchgehends bedienen. Liese aber
vermied auch jezt ngstlich mit Emma oder Bertha in nhere Berhrung zu
kommen, und floh vor ihnen wo sie nur konnte. Dies rgerte besonders Emma,
und sie beschlo der Sache auf den Grund zu kommen; deswegen trug sie
einmal schadhafte Schuhe selbst zu Meister Simon, und zwar zu einer Zeit,
wo sie wute, da jener eine kleine Reise wegen Leder-Einkauf unternommen
hatte, und die Frau auf den Markt, der ltere Bruder Lieschens in die
Schule gegangen, und diese mit den jngern Geschwistern alleine zu
Hause war. Nun mute sie ihr zur Rede stehen, und wohl mit sanfter
Freundlichkeit, aber mit forschendem Blick drang sie in das Mdchen, ihr
die Ursache von ihrem seltsamen Benehmen zu gestehen.

Roth wie Blut im Gesichte, schlug Liese die Augen zu Boden, und unter den
gesenkten Wimpern trufelten groe Thrnen hervor. Endlich brach sie
in lautes Weinen aus, rang die Hnde und geberdete sich trostlos. Noch
dringender verlangte Emma Aufklrung ber Alles; und zulezt gestand das
Mdchen, da sie an dem bewuten Kinderfest ein Ringlein gefunden habe,
welches Emma gehre. Ich habe wohl, fuhr sie unter Schluchzen fort,
damals gesehen und vernommen, wie Sie liebes Frulein ngstlich dasselbe
gesucht, und um seinen Verlust gejammert haben, und doch war ich
so gottlos, dasselbe zu behalten. Allein es ist wundernett, und das
Vergismeinnicht von blauen Steinchen, welches das Schildchen vorstellt,
gefiel mir so gar wohl, da ich mich nicht von ihm trennen konnte, und es
wie einen Schaz in meinem Nhpultchen aufhob. Aber ganz vergngt konnte
ich doch niemals seyn, wenn ich mich auch an seinem Anblick ergzen wollte;
besonders ist, wenn ich Sie sehe, und Sie so gtig gegen mich waren, mein
Gewissen aufgewacht, und hat mich mit Vorwrfen gepeinigt. Nein, ich mag
das Ringlein nicht behalten, sondern will es gleich holen, und Ihnen geben,
dann werde ich hoffentlich wieder ruhig werden. Mit diesen Worten lief sie
fort, und brachte das vorenthaltene Gut. Dabei flehte sie aber mit heien
Thrnen: Emma mchte keiner menschlichen Seele von ihrem Vergehen sagen,
und steckte jener das Ringlein an den Finger; doch war es Bertha schon
weit, so pate es an Emma's noch zarteres Fingerchen gar nicht, und
Lieschen verwunderte sich darber. Jene war eben im Begriff ihr zu sagen,
da nicht sie, sondern Bertha die Eigenthmerin sey, da kam die Mutter nach
Hause, und so eilte Emma fort, um dem Mdchen die sonst gewie, und harte
Strafe zu ersparen: Wie gro war Bertha's Freude, als sie wieder im Besitz
ihres lieben Ringleins war, doch als Schwesterchen erzhlte, wie es dazu
gekommen sey, da beklagten Beide das gewissenlose Kind, das schon so
frhzeitig anfange, sich fremdes Eigenthum unrechtmig anzueignen. Auf
einmal wurde Bertha still, und schien ber etwas nachzudenken. Nach einer
Weile sagte sie: Wie wre es Emma, wenn wir uns um des Mdchens Charakter
verdient machten? Mir fllt ein Plan ein, den ich dir mittheilen mu. Und
nun schlug sie jener vor: mit der Mutter Bewilligung Lieschen im Nhen und
Stricken zu unterrichten, und ihr dabei recht gute Lehren und Ermahnungen
zu geben, damit sie die Rechtschaffenheit schzen lerne, und sich nicht,
wenn sie lter wrde, ins Verderben strze. Von Herzen stimmte Emma in
diesen Plan ein, der auch bald ausgefhrt, und Lieschen durch Lehre und
Beispiel ihrer Wohlthterinnen ganz fr die Tugend gewonnen wurde. Um
keinen Preis htte sie je mehr eine Unredlichkeit begangen; und als sie
lter wurde, und in Dienste trat, erwarb ihre gewienhafte Treue ihr die
Achtung aller Guten und Edlen, und es fehlte ihr nie an einer Unterkunft,
welche ihren bescheidenen Wnschen gengte, ja oft dieselben bertraf. So
oft sie aber an Bertha's Finger das verhngnisvolle Ringlein erblickte, so
entschlpfte ihr immer der Ausruf: Welch ein wichtiger Fund war dieser!




Die Blumenfreundin.


Meine lieben Leser und Leserinnen werden sich doch wohl noch der
freundlichen Grtnerin und ihres Brbchens erinnern, welches lezteres
Bertha's Muth dem verlezenden Huf des flchtigen Schimmels entzog.
Erstere wenigstes konnte die erwhnte Begebenheit und die Retterin ihres
Tchterchens auch lange nicht vergessen, und wurde nach einigen Jahren
wieder lebhaft daran erinnert, als Emma bei ihr erschien, und ein paar
Blumenstcke kaufen wollte.

Es war nmlich Schwester Bertha von einer bedeutenden Krankheit berfallen
worden, und Emma hatte viel Angst und Jammer um sie ausgestanden, auch
treue Pflege ihr gewidmet, und alles aufgeboten, sie, als die Gefahr
vorber war, zu erheitern und zu zerstreuen. Wir wissen, da Emma eine
groe Blumenfreundin war, und so nahm sie es von sich ab, da der Kranken
ein Blumengeschenk die grte Freude bereiten wrde. Sie begab sich in den,
frher einmal erwhnten Garten, und suchte 2 gewrzhafte Nelkenstcke von
brauner und rother Farbe, und ein blhendes, niedliches Orangenstckchen,
heraus, welche sie aushandeln wollte. Der Preis berstieg den damaligen
Zustand ihrer Kassa, und sie beschlo, nur die Nelken zu nehmen. Whrend
dem betrachtete sie Frau Anna lange und schweigend, und endlich rief sie
freudig aus: Ach mein Gott! Sie sind ja die Retterin meines Mdchens! O
da ich Sie nur einmal wieder sehe! Wie gro sind Sie unterdessen geworden,
bald htte ich Sie nicht mehr erkannt! Komm Brbchen! rief sie den Garten
hinunter. Komm und ksse diesem guten Jungferchen die Hand; Sie hat dir
einstens das Leben gerettet, wie ich dir schon oft erzhlte. -- Das Kind
that, wie die Mutter gebot, und Emma -- nicht um mit Bertha's Verdienst zu
prahlen, aber in der Hoffnung: da sie durch den Wahn der Frau, von ihr aus
Dankbarkeit das Orangenstckchen um billigeren Preis erhalten wrde, lie
sie in demselben ohne die Sache aufzuklren. Sie hatte sich nicht geirrt;
nicht nur die Nelkenstcke, auch das Orangenbumchen, und noch zwei
auslndische schne Blumen erhielt Emma, und die dankbare Grtnerin nahm
gar keine Bezahlung dafr an. Sie packte ohne Aufschub die Blumenschze
ihrer Magd auf, welche Emma nach Haus begleiten mute. Falsche Scham
gestattete dieser nicht, den kleinen Betrug den Ihrigen zu gestehen, aber
sie konnte es nun kaum erwarten, bis die Kranke aus dem Schlummer, in
dem sie eben lag, erwachen, und die mitgebrachten Herrlichkeiten von ihr
empfangen wrde. Zu ihrem Leidwesen usserte Jene ihre Freude nicht
in _dem_ Grad, wie sie es erwartet, und Emma hatte nun nichts
angelegentlicheres zu thun, als die fremden Gewchse, und das
Orangenstckchen in _ihre_ Pflege zu nehmen. Unbeschreiblich ergzte sie
sich daran, doch der Genu war nicht von langer Dauer. Troz aller Sorgfalt,
die sie auf ihre Kleinode wandte, welkten sie -- o Himmel! -- dennoch
dahin; so wie auch die Nelken. Diese waren von Bertha, als sie wieder
hergestellt war, nach ihrer, immer noch zuweilen bei ihr obwaltenden
Unachtsamkeit fters zu gieen vergessen worden, und so war ihr kurzer
Lebenslauf wohl kein groes Wunder; aber warum Emma's Pflegkinder dahin
starben, -- das konnte sie sich nicht erklren. Sie war recht betrbt
darber, und berdies flsterte oft eine Stimme in ihrem Gemthe: Du hast
es verdient, da deine Freude so vergnglich ist, du bist unwahr gewesen;
dies ist die Strafe dafr, und diese innere Unruhe konnte sie auch
nicht lange ertragen. Nein, so wie sie whrend des Aufenthalts der Tante
Hildegard einstens den schnen Sieg ber sich gewann, ihr Unrecht zu
gestehen, so entstand wieder in ihr plzlich der Entschlu: durch ein
aufrichtiges Gestndnis die Schuld von sich zu wlzen, die sie drckte.--

An einem schnen Herbsttag beredete sie die jezt vollkommen genesene
Schwester zu einem Spaziergang, und fhrte sie in jenen Garten. Erstaunt
sah nun die Grtnerin die Zwillingsschwestern vor sich, blickte eine nach
der andern an, und konnte die Retterin ihres Brbchens nicht erkennen.
Da sagte Emma, auf Bertha deutend: diese ists liebe Frau; sie darf mir's
glauben. Neulich aber verfhrte mich ein bser Geist, meiner Schwester den
verdienten Ruhm zu entziehen, und sie, gute Mutter, in den Wahn zu lassen:
_ich_ sey es gewesen, welche das verdienstliche Werk vollbracht, und ihr
Tchterchen ihr erhalten habe; aber so ist es nicht; ich war damals
die Furchtsame, Bertha die Muthvolle, und nur die Hoffnung, fr mein
Schwesterchen recht schne Blumen zu erhalten, konnte mich veranlaen,
mich neulich fr Bertha auszugeben. Aber es war Unrecht, und der Unwahrheit
folgt die Strafe auf dem Fue nach. Auch ich ward gestraft: Bertha usserte
nicht _die_ Freude, welche ich vermuthete. Ach es hat dir geahnt, da es
keine _reine_ Gabe war! und dann -- denke sie nur liebe Frau, sprach sie,
wieder zur Grtnerin gewendet. Denke sie nur, alle die schnen Blumen sind
dahin gestorben. O die herrlichen, kstlichen Blumen. Ich mchte mich halb
zu tod grmen. Aber es ist mir schon Recht geschehen, warum war ich so
pflichtvergeen. Vergieb mir Schwesterchen; und sieh meine Reue! sagte
sie unter strmenden Thrnen, und weinte lang an Bertha's Halse, welche
sie zrtlich zu trsten suchte, und von keiner Schuld wissen wollte. Dann
reichte Jene der Grtnerin die Hand, und bat auch diese um Verzeihung. Frau
Anna trocknete sich mit der weien Schrze die Augen und erwiederte: Ach
gehen Sie doch; Sie machen einen ja ganz weichmthig, es war ja nicht bse
von Ihnen gemeint. Emma wandte sich nun, um fortzugehen, da erblickte sie
hinter dem Gatterthor eine mnnliche Gestalt, und stie erschrocken einen
lauten Schrei aus. Es war aber keine furchterregende Erscheinung; sondern
der alte wackere Hauptmann Halten, der Alles mit angehrt und angesehen
hatte. Er trat nun in den Garten, umfate beide Mdchen mit Liebe und
sagte: Abermals habe ich durch einen Zufall tiefe Blicke in Euer Inneres
geworfen, und nichts als Erfreuliches entdeckt. Deine Reue Emma, dein
offenes Bekenntni und deine Schwesterliebe wiegen den begangenen Fehler
auf, und von meiner Bertha hrte ich auch wieder Gutes. Kommt liebe
Kinder! Ich fhre Euch durch den Garten, und Ihr mt ein Andenken an diese
Begebenheit mit nach Hause nehmen. -- Er suchte unter einer Menge Blumen
eine Nachtviole und ein Granatbumchen heraus. Ersteres erhielt Bertha mit
dem Zusaze: da sie immer wie bisher geruschlos Gutes thun mge, gleich
der Nachtviole; welche im Dunkeln ihre sesten Gerche verbreitet. Emma
aber beschenkte er mit der Granatenblthe, und sagte: Sie trgt die
unvergngliche Farbe der Wahrheit, und erinnere dich immer daran, da diese
Tugend ewig besteht, whrend Trug und Tuschung untergeht.--

Die Mdchen dankten dem vterlichen Freund innig fr seine Geschenke, und
versprachen ihren Sinn wohl zu erfassen, und treu in demselben zu handeln.
Bei dieser Gelegenheit erfuhr aber Halten Emma's Blumenliebhaberei, und von
Zeit zu Zeit erfreute er sie nun immer mit ein paar Blumenstcken, und die
freundliche Grtnerin mute die Verwelkten und Alten oft mit frischen
und neuen verwechseln. Bertha jedoch, welche die Blumen nicht so liebte,
entschdigte er durch schne Musikalien, und verpflichtete auf solche Weise
beide Schwestern zur herzlichsten Dankbarkeit. Ja sie waren tief betrbt,
als ein Regimentsbefehl ihren Freund wieder von hinnen, und in eine andere
Garnison rief.




Der Flchtling.


O verbergen Sie mich, verbergen Sie mich! bat dringend ein hbscher,
aber rmlich gekleideter Knabe, welcher durch die, so eben offenstehende
Hausthre in das Grtchen drang, das sich an Falkensee's Wohnung befand,
und in welchem sich gerade Emma aufhielt; sie las ausdrucksvoll mit
melodischer Stimme Schillers Lied von der Glocke, und bte dadurch
wiederholt ein Talent, da sie und Bertha ebenfalls besaen. So oft sie
eine solche Uebung vornehmen wollten, begaben sie sich in ihr Grtchen, um
hier ungestrt und laut irgend ein Meisterstck der Dichtkunst zu lesen.
Auch gegenwrtig hatte ein solches Vorhaben Emma hieher gefhrt, als der
erwhnte Knabe weinend und zitternd ins Grtchen strzte, und Jene bebend
um Schuz anflehte. Ohne sich lange zu bedenken, zog ihn Emma mit sich
fort, die Stufen des offenen Kellers mit hinunter und lie ber ihnen die
Fallthre zusinken. Indem kam Bertha in den Garten, sah auf einer Rasenbank
das Buch liegen, und fing nun auch laut darinnen zu lesen an. Kaum hrte
und sah dies der reiche geizige Bttchermeister Ulrich, der als Falkensee's
naher Nachbar in das Grtchen schauen konnte, so erschien er in demselben,
und fragte, Bertha fr Emma haltend, dieselbe ziemlich barsch, wohin der
bse Junge versteckt worden sey, welcher von seinem Pfirsichbaum Frchte
gemaust hat? Ich sahe sie, usserte er, vorhin schon hier an dem Bassin
sitzen und lesen; Sie mssen sicherlich den kleinen Dieb aufgefangen und
verborgen haben. Das Mdchen den Zusammenhang ahnend, aber im Grunde
Nichts wissend, konnte ganz unbefangen antworten, da sie keinen Knaben
gehrt noch gesehen habe. Ulrich betrachtete sie lange forschend, allein
die ehrliche Miene, mit welcher Bertha obige Versicherung ertheilte, benahm
ihm jeden Zweifel, und er ging ruhig fort. Nun suchte sie aber nach der
Schwester und ihrem Schzling im Grtchen umher, und rief mit halblauter
Stimme Emma's Namen. So nherte sie sich auch unter andern der Kellerthre,
und vernahm auf ihr Rufen ein leises Pochen unterhalb derselben; allein
mit aller Anstrengung vermochte sie die Thre nicht aufzuheben. Da war
nun guter Rath theuer, denn einen Domesticken wollte sie nicht rufen;
zum Glcke kam zufllig Franz herbei, welchem die Schwester in Eile und
heimlich alle ihre Vermuthungen mittheilte. Der krftigere Knabe brachte
die Kellerthre in die Hhe, und aus der Tiefe stieg Emma herauf, sich
ngstlich umschauend: ob Antons Verfolger nicht mehr in der Nhe wre. Wohl
war dies nicht der Fall, doch zu grerer Sicherheit winkte Franz, da der
Knabe noch im Keller bleiben solle, lief fort, und kehrte aber bald mit
seinem Mantel zurck, in welchen er Anton hllte, und ihn, auf solche Weise
unkenntlich durch den Garten in die Wohnung fhrte. Hier mute nun vor
Franzens Aeltern der Flchtling beichten, wer er sey, und durch was er
sich Ulrichs Zorn zugezogen habe. Er erzhlte: da sein Vater ein armer
Maurersgeselle, und Miethsmann des reichen Bttchers, die Mutter schon
lngst gestorben wre. Durch einen unglcklichen Sturz vom Gerste hatte
sich der Maurer sehr beschdigt, und eine bedeutende Krankheit kam dazu.
Hier brach Anton in lautes Weinen aus, und schilderte seinen Kummer ber
das Leiden des Vaters so herzergreifend, da in die Augen Aller, die ihm
zu hrten, Thrnen traten. Nach einer Weile fuhr er fort: Wie es nun bei
Kranken geht -- sie haben mancherlei Gelste, und so wnschte sich mein
armer Vater, wenn er von seinem elenden Lager ans Fenster wankte, und den
reichbeladenen Pfirsichbaum im Hofe unsers Hausherrns betrachtete,
sehnlich eine, ach nur _eine_ Frucht desselben. Ich nahm es ber mich, den
Hartherzigen darum zu bitten, aber er schlug mir rund und kalt mein Gesuch
ab; und doch wiederholte der Kranke immer von Neuem sein Verlangen mit
solchen Klagen, die mir durch die Seele schnitten. Da wollte ich vorhin,
in der Meinung, Meister Ulrich sey nicht zu Hause, einen Versuch machen und
einen einzigen Pfirsich abpflcken. Aber hilf Himmel, mein karger Hausherr
stand an dem Fenster, das in das Grtchen und in einen Theil seines
Hofraum's fhrte, und sah mein Beginnen. Nun sprang er die Treppe herunter,
und mir nach. Ich wute mir nicht anders zu helfen, als in ihren Garten zu
flchten, und die Hlfe des Fruleins anzusprechen. Gott lohne ihnen den
Schuz den Sie mir angedeihen lieen, und glauben sie, dass mich nur
das Verlangen, meinen kranken Vater das ihm grausam versagte Labsal zu
verschaffen, nthigen konnte, diesen Pfirsich hier zu nehmen. Ach wenn ich
ihn nur behalten, und jenem bringen drfte! doch wie Sie wollen; sezte er
mit einem tiefen Seufzer hinzu, und reichte Herrn v.Falkensee die Frucht
hin. Die Kinder sahen erwartungsvoll auf des Vaters Miene, um darin zu
lesen, was er thun wrde. Dieser gab dem Knaben den Pfirsisch zurck und
sagte: Nun es sey; ich will deinen Versicherungen Glauben beimessen, und
hoffen, da du nie mehr ohne Fug und Macht etwas entwenden wirst, sey es
auch nur eine Frucht wie diese; denn wisse, selbst die Liebe zu deinem
Vater kann eine solche Handlung nicht entschuldigen. Wrst du zu mir
gekommen, siehe, meine Bume biegen sich unter dem Obstsegen dieses Jahrs;
und ich htte dir deine Bitte um eine Erquickung fr deinen Kranken gewi
erfllt. Nun versprich mir nur, sagte er noch zu dem still weinenden
Knaben; versprich mir, nie mehr etwas zu stehlen, und dann will ich fr
dich und deinen Vater sorgen. Anton legte das feierliche Gelbde in des
Barons Hand, und ging mit seinem Pfirsich getrstet fort. Franz mute ihn
schzend begleiten, und im Namen des Vaters Ulrichen fr jene Frucht
ein Stck Geld bringen. Dem kranken Lorenz aber sandte der Baron den
menschenfreundlichen Arzt Wollmann, der ihn bald wieder herstellte, zumal
da Emma und Bertha von der Mutter die Erlaubni erhielten, jenem tglich
eine krftige Suppe kochen und bringen zu drfen. Nicht lange, so konnte er
wieder sein Handwerk treiben, und jezt mit mehr frohem Muth als sonst; denn
sein Sohn Anton, den er herzlich liebte war durch des Majors Veranstaltung
versorgt. -- Zuerst durfte er auf Falkensee's Kosten eine Schule besuchen,
und dann gab ihn jener in die Werkstatt eines Tischlers, wo er sich zu
einem brauchbaren und geschickten Manne bildete. Bertha sagte nachher oft
zu Emma: In diesem Falle hat unsere tuschende Aehnlichkeit etwas Gutes
bewirkt; sie fhrte Meister Ulrich irre, und wre dies nicht geschehen, so
htte der Grausame den armen Anton mishandelt, statt da dieser gerettet
in unser Haus kam, wir ihn von einer guten Seite kennen lernten, und unser
liebe Vater seinem Schicksal eine gnstige Wendung gab. Ja, wohl mir, da
ich meinem Schwesterchen hnlich bin! sezte dann frhlich die lustige
Bertha hinzu, und fiel Emma mit strmischer Zrtlichkeit um den Hals.




Der Gevatterbrief.


Wenn es im Falkensee'schen Hause Holz zu spalten gab, so wurde ein armer,
aber ehrlicher Taglhner vom Lande berufen, und ihm jener Verdienst
zugewiesen. Ehemals unter des Major's Regiment, gemeiner Soldat, stand er
bei diesem noch in groer Gunst, denn er hatte sich immer brav gehalten,
und seine Wunden, die ihn zum Invaliden machten, zeigten von seiner
Tapferkeit. Er war aber auch seinem ehemaligen Vorgesezten mit Liebe zu
gethan, und freute sich herzlich, wenn er in sein Haus berufen wurde. Die
Kinder hatten den lustigen Paul recht gern, und unterhielten sich oft
lange mit ihm, besonders Bertha, die ohnehin ihr Plappermulchen fter in
Bewegung sezte als Emma. Sie lie es sich nicht nehmen, Paul das Frhstck,
und sein Mittageen zu bringen, und erbat sich oft fr ihm von der Mutter
eine aussergewhnliche Erfrischung in einem Glas Bier, oder wenn es kalt
war, eine Erwrmung in einem Glas Brantewein. Dabei lie sie sich dann von
ihm erzhlen wie er als Soldat in manche Noth gerieth, sich durch List und
tolle Streiche, aber auch durch Muth daraus half, welche Leute und
Kinder er kennen lernte, wenn er hie und da einquartirt wurde, wie seine
Hauswirthe ihn immer so ungerne verloren, weil er in Kche und Garten, im
Stall und Scheuern gute Dienste leistete, mit den Kindern spielte, ihre
zerbrochenen kleinen Besitzthmer wieder herstellte und sich kurz jedem
gefllig machte. Am liebsten, gestund er lachend, am liebsten war es
mir, wenn ich einen Auftrag im Keller zu besorgen hatte, oder bei einem
Wirthe einquartirt wurde, da lie es sich Paul schmecken, da es eine Lust
war. Dieser Versicherung mute man Glauben beimessen, denn noch jezt war
Paul's grter Fehler, die Liebe zum Trunk. -- In einem solchen Zustand, wo
er nicht ganz seiner Geisteskrfte Herr war, schrieb er einmal, als seine
Frau mit einem Mdchen in die Wochen kam, einen Gevatterbrief an Emma, den
er eigentlich _Bertha_ zugedacht hatte. Allein die Freude, da er nach 4
Jungen, ein nettes Mdchen erhielt, lie ihn das gehrige Ma vergessen,
und er sezte in der Schenke dem Gerstensaft wieder tchtig zu. Als er
darauf nach Haus kam, und, da er zu schchtern war, sein liebes Frulein
persnlich zu Gevatter zu bitten, obigen Brief schrieb, so verwechselte er
in der Adree die Namen der Schwestern, und sezte Emma, statt Bertha. Jene
war hchlich darber verwundert, und konnte es nicht begreifen wie ihr die
Taufpathen-Ehre zu gefallen sey, weil sie eigentlich keine absonderliche
Gnnerin ihres neuen Herrn Gevatters war, und Bertha trauerte ganz, da
sie von ihm vernachliget zu werden schien; da sagte Jene als sie dies
bemerkte: weit du was Schwesterchen, Paul wird es schon recht seyn, 2
Pathen statt einer fr sein Kindchen zu bekommen, wir wollen alle beide bei
der Taufhandlung gegenwrtig seyn, und die Kleine soll den Namen Marie,
den wir ja gemeinschaftlich tragen, erhalten. Bertha hpfte ber diesen
Vorschlag vor Freuden in die Hhe, und auch die Aeltern genehmigten ihn
vollkommen.

Am Tag der Taufe fuhren nun die Schwestern, von der Mutter und Franz
begleitet, auf das Dorf, in dem Paul wohnte. Die Landleute versammelten
sich neugierig vor der kleinen Htte, als die Staatskarosse daher fuhr,
und bei jener hielt. Beim Aussteigen, wo Bertha ihrer lieben Emma folgte,
riefen mehrere der versammelten Zuschauer: -- Ei, was ist denn das, die
Gevatter kommt ja doppelt! oder ist die eine ihr Geist? -- Paul aber und
sein Weib waren ganz erstaunt, die _beiden_ Fruleins bei sich zu sehen
in der Absicht, ihr Kind aus der Taufe zu heben, und weder Mann noch Frau
befanden sich im Stande, die Schwestern zu unterscheiden. Whrend der
Weihe-Handlung hielten Emma und Bertha das Kind nach einander auf dem Arm,
und freuten sich im Stillen, gemeinschaftlichen Antheil an dem kleinen
Mdchen zu zu haben; spterhin aber, als Paul einmal ausser dem Stbchen
ein Geschft zu besorgen hatte, schlich ihm Bertha nach und sagte halb
schmollend: Ich sollte eigentlich recht bse auf dich seyn, alter Paul,
da Du mich nicht zur Gevatter gewollt hast, sondern Schwester Emma.
Habe ich Dir denn etwas zu leide gethan, und war ich nicht immer recht
freundlich gegen Dich? Warum hast du mir denn jene Freude nicht gegnnt?
Poz Bliz! ich wei nicht wie mir geschieht! antwortete der Taglhner,
fate bescheiden Bertha bei der Schulter, wandte sie gegen das Licht, das
durch die offene Thre auf den kleinen Vorplaz herein fiel, und sah ihr
forschend ins Antliz. Sagen Sie mir nur -- fuhr er fort, sind Sie denn
Frulein Emma oder Bertha? doch ja ja, ich erkenne Sie jezt doch. Sie sind
meine liebe lustige Frulein Bertha, und _Sie_ habe ich auch gemeint.
Aber du hast ja den Brief an Emma berschrieben -- wandte jene ein. Hab
ich das wirklich? frug Paul. O ich alter Schps! da war es einmal wieder
nicht ganz richtig hier im Kopfe, als ich das schrieb. Ja ja ich erinnere
mich, die Buchstaben tanzten damals gar wunderlich vor meinen Augen; aber
die Freude, Papa von einem lieben Mdel zu werden, nachdem mir 4 wilde
Jungen oft tchtig warm machen, fhrte mich zum Trunk, wo ich nicht zur
rechten Zeit aufhrte. Doch nun ists gut. _Sie_ erwiesen ja auch meinem
Kinde den Liebesdienst und machten meinen begangenen Fehler freundlich
selbst gut. Nun habe ich _zwei_ herzige Gevattern statt einer, denn
Frulein Emma ist ebenfalls die Liebe selbst. Diese trat eben aus der
Stube, und erkundigte sich, was Paul mit Bertha so laut verhandle, die
Verwechslung kam an Tag, doch des Mannes treuherzige Versicherung: wie
dankbar er dem Schwesternpaar fr ihre _vereinte_ Pathenschaft sey,
verscheuchte bei jener jeden Argwohn, da er seinen Irrthum bereue. Auch
in Zukunft fand er nur Ursache, sich ber die Art und Weise, wie sich
die Sache gestaltete, zu freuen, denn Emma und Bertha wetteiferten, ihrem
Pathchen Liebe und Frsorge zu beweisen, und auch sie erlebten viel Freude
an dem Kinde, das die Aeltern in Gottesfurcht, zum Fleie und allen Guten
erzogen. Die Schwestern aber theilten ihrem lieben Mariechen, als sie
grer wurde, auch manches von ihrer Geschicklichkeit in weiblichen
Arbeiten mit, und sie vergalt ihre Liebe mit treuer Anhnglichkeit.




Die Erbschaft.


Emma war die erklrte Gnstlingin einer alten reichen Brgersfrau, welche
in ihrer Nachbarschaft wohnte. Sie hatte sich ihre Zuneigung durch einen
Dienst erworben, den sie ihr nicht verga. Es fiel nmlich einmal im Winter
Glatteis ein, und als Emma von dem Besuch bei einer Freundin vorsichtig
nach Haus trippelte sah sie Frau Gnther an den Husern fortschleichen, an
der Mauer sich ngstlich festhaltend, und dennoch ausglitschen. Die eigene
Gefahr vergeend, sprang Emma eilig hin, half der Matrone mit vieler Mhe
empor, und bot sich freundlich an, sie in ihre Wohnung zu fhren. Es wurde
dankbar angenommen, und Schritt vor Schritt suchte man jene glcklich zu
erreichen. Hier mute die Greisin von dem erlittenen Schrecken sich ein
wenig erholen, und konnte nicht, wie sie wnschte, auf der Stelle ihrer
lieben Fhrerin die Dankbarkeit, die sie fr sie fhlte, mit der That
beweisen; aber sie bat dieselbe, recht bald auf lnger zu ihr zu kommen.
Frau Gnther wohnte in einem Stbchen zu ebener Erde, und nach ein paar
Tagen vermochte sie das Bett wieder zu verlassen, und an dem Fenster
ihren gewhnlichen Plaz in dem grngepolsterten Armsessel einzunehmen. Sie
gedachte eben, eine Einladung fr Nachmittag an Emma ergehen zu lassen, da
sie sich immer mit Dank ihres geleisteten Beistandes erinnerte, als Bertha
vorber ging, welche sie fr Jene hielt, sie zu sich rief, und selbst
jene Aufforderung an sie richtete. Die Schwestern waren gewohnt, von ihren
kleinen und grern guten Handlungen, die sie alleine vollbrachten, nichts
zu rhmen, und so wute Bertha auch nichts von dem Dienst, welchen Emma der
Frau Nachbarin erwiesen, konnte daher gar nicht begreifen, warum es dieser
einfiel, sie einzuladen; denn sie wohnte schon lnger in ihrer Nhe,
und hatte noch nie etwas von sich hren lassen. Bei ihrer Nachhausekunft
erzhlte sie also verwundert, was sie erfahren, und bemerkte, wie Emma
still und heimlich fr sich lchelte. Sie drang in sie, ihr zu sagen, was
sie beschftige, und nun theilte ihr jene obige Begebenheit mit. Darauf
bat Bertha die Schwester herzlich, statt ihrer Frau Gnther zu besuchen,
da _sie_ ja gemeint sey, und auch die Mutter fand es billig. Suschen, das
Stubenmdchen hrte es, und sagte: O Frulein! wie gut wird es Ihnen da
ergehen! Frau Gnther bewirthet ihre Gste vortrefflich, sie werden nicht
genug een und trinken knnen. Dies bewog Bertha noch mehr, Emma, welche
wir als eine Liebhaberin vom Backwerk u.d.gl. kennen zuzureden, die Ehre,
die ihr rechtmig zustehe, zu genieen. Nun wohl, sagte diese. Diesmal
will ich hingehen; kommt aber von der lieben Frau Gnther wieder eine
Einladung, so mut Du sie benzen. Bei unserer groen Aehnlichkeit wird die
gute Alte gar nicht wissen und erkennen; ob Du oder ich es sey.

Emma begab sich also hin, und wurde aufs freundlichste empfangen. Es war
ihr recht wohl und heimlich in den neuen Umgebungen; und dies konnte auch
seyn, denn in dem heitern, grauangestrichenen Stbchen herrschte die grte
Ordnung und Reinlichkeit. Der Boden war blendend weis, wie ein hlzerner
Teller, Tische, Sessel und Schrnke glnzend gebahnt, in den grnen
Ofentafeln konnte man sich spiegeln, die klaren hellen Fenster zierten
reine Vorhnge von roth- und weisgestreiftem Zeug; auf der Komode, die ein
grnes Wachstuch bedeckte, stand ein kleines Schrnkchen mit Glasthren,
hinter dem allerlei hbsche Gerthschaften von Glas und Porzelan, auch
ein paar Salzfer, Messer, Gabeln und Lffel von Silber, ja sogar ein
vergoldeter Pokal prangte. Die silberne Zuckerdose und einige Kaffelffel
befanden sich schon auf dem Kaffetisch, der mit einer Decke von feinem
geblmten Zitz versehen war. Auf ihm standen auf einem lackirten Brett,
drei Tassen vom blau und weien Dresdner Porzelan, und auf einer gelben
Schale ein ziemlich groer kstlicher Gogelhopfen, durch dessen saftige
Rinde die kleinen braunen Rosinen, die in Menge darinen waren, hervor
schauten, feine Damastene Servietten lagen auf den Plzen, welche die
Hauswirthin und ihr lieber Gast einzunehmen hatten, und neben an stunden
Porzelanteller, das Kaffebrod darauf zu legen, und blank geputzte Messer
mit braunen Heften, dasselbe zu zerschneiden, fehlten auch nicht dabei.
Kaum war Emma eingetreten, so brachte die Magd, die hellkupferne Kaffe-
und Milchkanne, und Frau Gnther nthigte ihren Besuch, Plaz zu nehmen, und
bediente ihn reichlich. Dabei schwazte sie recht treuherzig von diesem und
jenem, und die Zeit verstrich so schnell und angenehm fr beide, da
die Hausfrau Emma beim Abschied bat, doch ja recht bald ihren Besuch zu
wiederholen, diese es auch versprach, aber im Stillen eigentlich fr Bertha
es zu sagte.

Wirklich erschien nicht lange nachher wieder eine Einladung von der
freundlichen Nachbarin, und auf Emma's Zureden machte Bertha davon
Gebrauch. Wie es vorauszusehen war, so geschah es; die Matrone bemerkte
nicht die Statt gefundene Verwechslung der Schwestern und war eben so
liebevoll gegen Bertha, als gegen Emma. Ja sie lobte vorzugsweise
an Ersterer diesmal ihre lautere Aussprache, (welche auch ein
Unterscheidungszeichen der Mdchen war, indem Emma's sanfterer Charakter
im etwas leiserem Sprechen sich kund gab,) Frau Gnther aber litt', wie
gewhnlich alte Personen, am Gehr, und also machte sie obige Bemerkung mit
vielem Wohlgefallen. Zur Unterhaltung ihres lieben Gastes ffnete sie auch
diesmal ihr Glasschrnkchen, nahm ein Kstchen heraus, das aus Ebenholz
fein gearbeitet und mit Elfenbein eingelegt war, und worin sich die
Kostbarkeiten der Greisin befanden; nmlich silberne und goldne Ketten,
Perlen, Ohrringe und Halsgehnge von chten Korallen, von Perlen und
Granaten, Ringe, in denen Inschriften schwarz eingeschmelzt waren u.a.m.
Die purpurrothen schnen Granaten gefielten dem Mdchen besonders wohl, und
sie usserte es auch gegen die Eigenthmerin; da sagte diese gtig: nun
warte nur mein Kind, wenn ich sterbe, vermache ich sie dir in meinem
Testamente. O stille doch gute Frau Gnther, erwiederte Bertha. Von
Ihrem Tode mag ich nichts hren, sie sollen noch lange, recht lange leben!
Bei dieser Aeusserung schlang sie ihren Arm um den Nacken der Greisin, und
kte herzlich ihre faltige Wange. Diese drkte sie aber mit vieler Liebe
an ihr Herz und versicherte sie wiederholt: da ihr jenes Andenken nun ganz
gewi von ihr bestimmt sey. -- Und sie hielt Wort. Nach einigen Monaten, zu
bald fr Emma und Bertha, nahm sie ein sanfter Tod hinweg. Jene hatten
sie abwechselnd fleiig besucht, und wohl spterhin sich ihr als
Zwillingsschwestern vorgestellt, aber durch das Alter waren die
Geisteskrfte der guten Frau doch etwas geschwcht, und ihr geschah
hufiger, was schon jngern und krftigern Personen oft widerfuhr, da sie
die Mdchen verwechselte; da ihr der Name Emma von der ersten Begegnung mit
derselben an gelufiger war als Bertha, so galt diese bei ihr grtentheils
fr Erstere. -- Nach ihrem Dahinscheiden ergab sichs, da sie auch Emma
den Granatenschmuck testamentlich bestimmt hatte, und er wurde dieser
eingehndigt. Allein nun entstand wieder ein liebender Streit zwischen
den Schwestern. Bertha behauptete: Emma verdiene die Erbschaft, da sie der
Verstorbenen den wesentlichsten Beistand einst geleistet hatte; Jene aber
wandte ein: da Frau Gnther, als sie Bertha die Kostbarkeiten zeigte,
ausdrcklich derselben die Granaten versprochen habe. Da es indessen eine
groe Anzahl waren, so schlug die Mutter eine redliche Theilung vor, und
freudig verstanden sich die Schwestern dazu. In diesem Besitzthum ehrten
beide dankbar das Andenken an ihre verewigte Freundin, und oft war sie
und ihr freundliches Benehmen gegen die Schwestern, ein Gegenstand ihrer
Gesprche.




Der Schlu.


Wir haben unsere Zwillingsschwestern bis in ihr 13tes Jahr begleitet, und
dabei oft Gelegenheit gehabt, sie ihrer Aehnlichkeit und Verschiedenheit
nach, genau kennen zu lernen. Ich hoffe, sie sind meinen lieben Lesern
und Leserinnen lieb geworden, und sie wrden mir vielleicht gerne
lnger zuhren, wenn ich ihnen noch eine oder die andere Erfahrung ihres
Jugendlebens mittheilen wollte, allein der Raum des Bchleins gestattet mir
nicht bei jenem Zeitpunkt zu verweilen, indem ich glaube, es wird meinen
jungen Freunden nicht unangenehm seyn auch zu erfahren, wie sich
das Schicksal der _erwachsenen_ Emma und Bertha gestaltete; deshalb
berschreite ich einige Jahre schweigend oder doch schneller, und stelle
Euch die Schwestern als Jungfrauen vor, welche ihr 20tes Jahr erreicht
hatten. In dieser Zeit muten sie manche herbe Erfahrung machen. Ihre
Taufpathinnen, so wie mehrere ihrer nhern Freunde und Bekannte wurden
ihnen durch den Tod, oder andere Verhltnisse, welche sie in die Ferne
riefen, geraubt. Auch Dokter Woldemann war unter den leztern. Ja er konnte
gar nicht mehr an seinen besten Freunden Falkensee's seine Geschicklichkeit
erproben, indem er einen Ruf in eine sehr entfernte Gegend erhielt, und
demselben folgte, noch ehe den Major eine tdliche Krankheit auf das
Lager warf, die ihm auch das Leben wirklich kostete. Seine Gattin, welche
unbeschreiblich zrtlich ihn liebte, ertrug seinen Verlust nicht lange,
sondern folgte ihm bald in die Gruft; und nun standen die Schwestern
alleine, und sehr verlassen, denn Franz hatte bei einem reichen Englnder
die Stelle als Hofmeister von dessen einzigen Sohn erhalten, und machte
mit diesem groe Reisen. Das Vermgen aber, das Falkensee hinterlie, war
unbedeutend, denn der treffliche Mann hatte seinem wohlttigen Sinne zu
viel geopfert, und oft Undank und groen Verlust erfahren mssen, denn
nicht alle, die er gromthig mit Geldsummen unterstzte, suchten wie
Walther auf eine oder die andere Weise ihre Schuld zu tilgen, und
also ergab sichs nach seinem Tode, da die Tchter das Haus und andere
Habseligkeiten zu verkaufen, und irgendwo eine Unterkunft fr sich zu
suchen, genthigt wurden. -- Fr ihre Wohnung erhielten sie lange keinen
paenden Kufer, und so lange sie dieselben besen, benzten sie fleiig
ihren Lieblingsaufenthalt, ihr Grtchen, wo sie sich einzeln und vereint
wehmtigen Erinnerungen hingaben, auch zuweilen mit ihrer Guitarre oder
einem schnen Buche die Sorgen fr ihre Zukunft verscheuchten. An den
Garten stie das Nebengebude eines stark besuchten Gasthofs, und die
Fenster einiger Gastzimmer fhrten in denselben. Eine durchreisende Grfin
fand im Hauptgebude keine Unterkunft mehr, mute sich mit jenen Gemchern
begngen, und bemerkte Emma in ihrer Laube, welche zuerst, nach ihrer
frhern Gewohnheit mehrere Stellen aus einer schnen Gedichtsammlung
laut und ausdrucksvoll fr sich las, dann die neben ihr liegende Guitarre
ergriff und ein frommes erhebendes Lied spielte und sang. -- Grfin
Sternfeld suchte schon lngst eine Gesellschafterin fr sich, da ihre
Kinder alle erwachsen und vermhlt waren, und sie fters sich recht einsam
fhlte, ob sie gleich jene von Zeit zu Zeit besuchte, und eben auch jezt
von einer Reise, welche sie zu einem ihrer entfernt lebenden Shne gemacht
hatte, zurck kehrte. Emma's Talent, gut zu lesen, so wie ihr hbsches
Spiel und sanfter Gesang, lieen sie wnschen, die holde Jungfrau zu sich
nehmen zu knnen. Sie lie den Gastwirth rufen, und fragte ihn nach Namen
und Verhltnis derselben. Es ist Berta von Falkensee, erwiederte der
dienstbeflieene redselige Mann. Das Mdchen ist ein verarmtes Frulein,
berdies eine Waise, deren Aeltern, Gott hab sie selig! wackere Leute
waren. Der Major hatte nur einen Fehler, da er nmlich zu gut war, und
sich von jedem Taugenichts hinters Licht fhren lie, dafr mssen nun die
Tchter ben, und in beschrnkter Lage leben; indessen hat der Vater auch
viel Gutes ausgebt, und ich denke immer, dies soll den Kindern vergolten
werden.

Dies war genug um die Grfin in ihrem Entschlu zu befestigen. Sie
beorderte den Wirth die Guitarrspielerin, die noch immer ohne zu wissen,
da sie beobachtet wurde, im Grtchen weilte, rufen zu lassen; und er
sandte also nach _Bertha_ Falkensee, welche bei der Grfin erschien, wo
gegenseitig ein vortheilhafter Vertrag sehr bald abgeschlossen wurde. Auch
die Abreise fand in den nchsten Tagen Statt, und der Abschied zwischen den
zrtlichen Schwestern war ungemein schmerzlich fr Jede.

Noch betrbter aber wurde Bertha, als sie, angelangt auf dem Landsitz der
Grfin die vielen Vortheile ihrer neuen Lage, und den trefflichen Charakter
jener edlen Frau erst recht kennen lernte, nach einigen Tagen sich aber
berzeugen mute, da abermals, auch bei diesem wichtigen Schritt, der
ihr Schicksal entschied eine _Verwechslung_ der Schwestern Statt fand. Die
Grfin ersuchte nmlich ihre Gesellschafterin, als sie einmal mit ihr in
einem Rosenbasquett des groen Parks sa, das Lied zu singen, und auf der
Guitarre zu spielen, welches ihr das Wohlgefallen derselben zugezogen habe.
Es hatte sich ihr so eingeprgt, da sie die Endstrophen, mit denen jeder
Vers sich schlo, recht in Gedchtnis behalten hatte. Sie lauteten:

  Bewahre dir in Freud und Schmerz
  Des Glaubens Kraft o Menschenherz!

Dies war jedoch ein Lied, welches nicht Bertha, sondern Emma immer
sang, und Erstere gar nie gespielt hatte. Da entdeckte sich nun, da
der Gastwirth Emma fr Berta gehalten, und _dieser_ das Glck mit Grfin
Sternfeld in so schne Verhltnie zu treten, aus _Irrthum_ verschafft
hatte, was die liebende Schwester ungemein beunruhigte. Sie verheelte es
weder jener noch Emma selbst, erhielt aber von Beiden den Trost, da es
eine hhere Fgung sey, welcher sie sich ruhig unterwerfen mten. Bald
aber wurde Bertha _ganz_ zufrieden gestellt, indem sie aus der Heimath die
Kunde erhielt, da ein wrdiger Mann um die Hand der Schwester geworben
habe. Sie kannte ihn wohl; es war ein Bekannter des Banquier Krause, bei
dem sie ihn fter traf, und welcher Gefallen an ihr zu finden schien.
Nun hatte er eine kaufmnnische Reise zurckgelegt, begrndete in W* eine
eigene Handlung und begann von Neuem Emma, die er mit Bertha verwechselte,
auszuzeichnen. Bald wurde ihm sein Wahn benommen, aber nicht die
achtungsvolle Liebe, die ihm Emma nun auch eingeflt hatte, und er fand
nie Ursache zu bereuen, sie, statt Bertha, zur Lebensgefhrtin gewhlt
zu haben. Diese aber traf bei einem Besuch, den sie mit der Grfin einer
verheiratheten Tochter derselben abstattete mit dem Geistlichen des, dem
jungen Paare zugehrigem Rittergut's, zusammen, und erkannte in ihm den
alten Freund, Heinrich Volkmar. Dieser war noch unverehlicht, und hatte,
da der Vater nicht mehr lebte, seine Mutter zu sich genommen, welche dem
kleinen Haushalt sorgsam vorstand. Bald erhielt sie in Bertha eine liebende
Tochter und Heinrich eine treue Gattin; und so bewhrte die Verwechslung
der Zwillingsschwestern, in ihrem sptern Leben, keinen nachtheiligen,
sondern einen beglckenden Einflu auf ihr Geschick. Beide aber blieben
auch entfernt, im Geiste sich immer noch, und durch die innigste Liebe und
Theilnahme verbunden.




[ Hinweise zur Transkription


Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription
wird gesperrt gesetzte Schrift "_gesperrt_" wiedergegeben, und Textanteile
in kursiver Schrift sind "~hervorgehoben~".

Die Illustrationen wurden jeweils an das Ende des Kapitels verschoben.

Fehlende oder berzhlige Anfhrungszeichen wurden still korrigiert.

Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten, einschlielich
uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "Aeltern" -- "ltern",
"Dokter" -- "Doktor", "drckte" -- "drkte", "erschrack" -- "erschrak",
"getrocknetem" -- "getroknetem", "glcklich" -- "glklich", "Hausapothecke"
-- "Hausapotheke", "jetzt" -- "jezt", "kan" -- "kann", "priesen" --
"prieen", "verschafft" -- "verschaft", "weis" -- "wei", "zuletzt" --
"zulezt",

mit folgenden Ausnahmen,

  Seite 6:
  "," nach "Schwester" entfernt
  (und Schwester Emma in fatale Verlegenheiten brachte)

  Seite 7:
  "rohen" gendert in "frohen"
  (bei der frohen Aussicht auf jenen Tag)

  Seite 9:
  "Oelinnhalt" gendert in "Oelinhalt"
  (der Oelinhalt des Lmpchens)

  Seite 12:
  "freute" gendert in "freuten"
  (erschraken Emma und Bertha, statt da sie sich freuten)

  Seite 12:
  "ihn" gendert in "ihr"
  (auf ziemlich freundschaftlichem Fue mit ihr stand)

  Seite 13:
  ";" gendert in ","
  (die bei ihnen Statt fand, anhren)

  Seite 15:
  "hofte" gendert in "hoffte"
  (Emma flog zur Thre hinaus, sie hoffte auf der Mutter Rckkehr)

  Seite 20:
  "nahstehenden" gendert in "nahstehende"
  (mit ihrem ganzen Inhalt auf die nahstehende Komode legten)

  Seite 21:
  "auszezeichneten" gendert in "ausgezeichneten", "Fleis" in "Flei"
  (dem ausgezeichneten Flei und sittlichen Betragen.)

  Seite 21:
  "Irthum" gendert in "Irrthum"
  (durch unsere Aehnlichkeit veranlater Irrthum)

  Seite 21:
  ";" eingefgt
  (sie schwieg und ihr Blick wurde feucht;)

  Seite 23:
  "." eingefgt
  (meine Empfindlichkeit besser beherrschen.)

  Seite 24:
  "zukrnken" gendert in "zu krnken"
  (Emma durch gnzliche Zurcksetzung zu krnken)

  Seite 29:
  "," nach "Auftrags" entfernt
  (pnktliche Ausrichtung ihres Auftrags auch nicht sehr am Herzen)

  Seite 43:
  "den" gendert in "denn"
  (denn es sa das kleine Brbchen fortwhrend auf der Strae)

  Seite 43:
  "den" eingefgt
  (und lief wieder in den Garten hinein)

  Seite 44:
  "Muter" gendert in "Mutter"
  (ber ihr langes Ausbleiben von der Mutter erhielten)

  Seite 51:
  "znr" gendert in "zur"
  (und ermunterte sie selbst zur schuldlosen Frhlichkeit)

  Seite 52:
  "Pfarres" gendert in "Pfarrers"
  (des Herrn Pfarrers ist. Er und Rosalie)

  Seite 53:
  "den" gendert in "denn"
  (denn Schwesterchen Bertha betrgt sich recht gut)

  Seite 54:
  "kan" gendert in "kann"
  (ich kann ihm nicht widerstehen)

  Seite 61:
  "Schreken" gendert in "Schrecken"
  (In Schrecken hatte sie das Sacktuch fallen lassen)

  Seite 62:
  "gegnt" gendert in "gegnnt"
  (htte ich Bertha den Antheil an der schnen That gegnnt)

  Seite 62/63:
  "," eingefgt
  (auf und nieder geschritten, dann ergriff sie seine Hand)

  Seite 63:
  Bildunterschrift "Entdekung" gendert in "Entdeckung"
  (Die Entdeckung.)

  Seite 68:
  "treflich" gendert in "trefflich", "schmeken" gendert in "schmecken"
  (mrben Kuchen trefflich hatten schmecken lassen)

  Seite 69:
  "Farth" gendert in "Fahrt"
  (er eine zweite Fahrt unternehmen, und Emma mitnehmen wolle)

  Seite 70:
  "vorans" gendert in "voraus"
  (der Statt gefundenen Verwechslung voraus, und fgte)

  Seite 72:
  "im" gendert in "in"
  (mit Masken und in Maskenkleidern zu erscheinen)

  Seite 73:
  "-" eingefgt
  (nherte sich ihm ein schlankes Bauern-Brschchen)

  Seite 79:
  "Hauptmaan" gendert in "Hauptmann"
  (und Hauptmann Halten wurde recht schn gebeten)

  Seite 86:
  "den" gendert in "denn"
  (denn jener war ein groer Liebhaber vom Zahn ausnehmen)

  Seite 93:
  "knnen" gendert in "kennen"
  (dessen Inhalt sie zu kennen wnschte)

  Seite 94:
  "Zimmer-Thre" gendert in "Zimmerthre"
  (und als sie zur Zimmerthre hinausstrmte)

  Seite 95:
  "nnd" gendert in "und"
  (und Jene dachte nichts arges dabei)

  Seite 98:
  "den" gendert in "denn"
  (und so ffnete denn Emma den Behlter)

  Seite 99:
  "," eingefgt hinter "Kammerzofe"
  (als am Abend Kthe, die Kammerzofe, ihrer Herrschaft)

  Seite 104:
  "," verschoben von "seufzte," nach "mit,"
  (Auch Bertha seufzte mit, und in ihrer Seele)

  Seite 106:
  "seinem" gendert in "seinen"
  (von seinen gemachten frohen und traurigen Erfahrungen)

  Seite 107:
  "war" gendert in "was"
  (Emma erhielt, was er fr Bertha bestimmt hatte)

  Seite 108:
  "angehme" gendert in "angenehme"
  (waren nicht die alleinige angenehme Folge)

  Seite 115:
  "gewhnte" gendert in "gewhnte"
  (und Suschen gewhnte sich auf diese Art eine)

  Seite 116:
  "," gendert in "."
  (sichs sehnlich wnschte. Emma war gesonnen)

  Seite 117:
  "hinter bracht" gendert in "hinterbracht"
  (und Bertha hinterbracht zu haben)

  Seite 120:
  "." eingefgt
  (zeigte sich die Eigenthmlichkeit der Schwestern.)

  Seite 132/133:
  "da" gendert in "das"
  (nur ein einfltiges Mdchen, aber das sehe ich wohl ein)

  Seite 137:
  ":" gendert in "."
  (abgewiesen worden zu sehn, wo ich es nicht erwartete.)

  Seite 139:
  "fer-fertige" gendert in "fertige"
  (erscheinen nun, eine fertige groe Guirlande tragend)

  Seite 139:
  "," eingefgt
  (Mit diesen Worten kommen Emma, Bertha und Franz)

  Seite 141:
  "zn" gendert in "zu"
  (Euch vielgeliebte Mtter zu begren)

  Seite 142:
  "Gros" gendert in "Gro"
  (Gro war die Freude und Erwartung)

  Seite 144:
  "Kurkste" gendert in "Kurgste"
  (und noch hinzukommenden Kurgste)

  Seite 146:
  "," eingefgt hinter "zollte"
  (welches man ihnen zollte, nicht, oder doch selten)

  Seite 151:
  "folgereiche-Badereise" gendert in "folgereiche Badereise"
  (und an ihre genu- und folgereiche Badereise)

  Seite 152:
  "," eingefgt
  (Vor allem reizte sie Richard, ein aufgeblasener junger Mensch)

  Seite 162:
  "folgengen" gendert in "folgenden"
  (Gleich am folgenden Tag erschien Walther)

  Seite 164:
  "konnte" gendert in "konnten"
  (konnten den jungen Freund nicht ohne Lachen ansehen)

  Seite 164:
  "den" gendert in "denn"
  (denn zur Vergtung des, an Emma begangenen Unrechts)

  Seite 165:
  "," entfernt hinter "gefolgt"
  (dem Drang seines dankbaren Herzens gefolgt zu haben)

  Seite 173:
  "Einnerung" gendert in "Erinnerung"
  (wo man sich lange Zeit an der Erinnerung labte)

  Seite 176:
  "zu-behalten" gendert in "zu behalten"
  (war ich so gottlos, dasselbe zu behalten)

  Seite 182:
  "," entfernt hinter "ihr"
  (welche das verdienstliche Werk vollbracht, und ihr Tchterchen)

  Seite 190:
  "Urilchen" gendert in "Ulrichen", "." eingefgt
  (Ulrichen fr jene Frucht ein Stck Geld bringen.)

  Seite 191:
  "den" gendert in "denn"
  (denn sein Sohn Anton, den er herzlich liebte)

  Seite 193:
  "denn" gendert in "den"
  (einen Gevatterbrief an Emma, den er eigentlich)

  Seite 194:
  "zn" gendert in "zu"
  (ihr Kind aus der Taufe zu heben)

  Seite 195:
  "," eingefgt, "" eingefgt, "den" gendert in "denn"
  (fuhr er fort, sind Sie denn Frulein Emma)

  Seite 201:
  "Zwilligsschwestern" gendert in "Zwillingsschwestern"
  (Wir haben unsere Zwillingsschwestern bis in ihr)

  Seite 201:
  ";" gendert in ","
  (oder andere Verhltnisse, welche sie in die Ferne riefen)

  Seite 202:
  "dennn" gendert in "denn"
  (groen Verlust erfahren mssen, dennn nicht alle)

  Seite 202:
  "nnd" gendert in "und"
  (das Haus und andere Habseligkeiten zu verkaufen)]







End of the Project Gutenberg EBook of Emma und Bertha oder die
Zwillingsschwestern, by Anna Elise Sophie von Knigsthal

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EMMA UND BERTHA ***

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or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
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facility: www.gutenberg.org

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