The Project Gutenberg EBook of Meine Lebens-Erinnerungen - Vierter Band
(of 4), by Adam Oehlenschlger

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Title: Meine Lebens-Erinnerungen - Vierter Band (of 4)

Author: Adam Oehlenschlger

Release Date: March 23, 2015 [EBook #48569]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEINE LEBENS-ERINNERUNGEN  ***




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                                  Meine

                          Lebens-Erinnerungen.

                               Ein Nachla

                                   von

                          Adam Oehlenschlger.

                        Deutsche Originalausgabe.

                              Vierter Band.

                                 Leipzig
                        Verlag von Carl B. Lorck.
                                  1850.

                    *       *       *       *       *




                              Vorbemerkung.


Nur wenige Worte erlaube ich mir diesem vierten und letzten Bande der
Erinnerungen vorauszuschicken.

Das eigene Manuscript des Verfassers endigt mit dem Anfang der
Reise im Jahre 1844, Seite 151. Bei der Darstellung seiner sptern
Lebensereignisse habe ich diejenigen seiner Briefe benutzt, die
in meinem Besitze waren, und Auszge aus denselben gemacht, je
nachdem sie mir passend schienen. In diesen Briefen spiegelt sich
seine Individualitt so klar und lebendig in den verschiedensten
Lebensverhltnissen ab, da der Leser aus denselben ein weit besseres
Bild von ihm erhalten wird, als eine noch so treue Erzhlung, selbst
wenn mir eine solche glcken knnte, zu geben vermchte. Die Auszge
enthalten hauptschlich, was das eigene Leben des Dichters, seine
Urtheile und Ansichten ber wichtige Zeitverhltnisse und Begebenheiten,
Persnlichkeiten, Kunstwerke u. dgl. betrifft. Sollte man auch finden,
da einzelne kleine Zge htten weggelassen werden knnen, so mu ich
dazu bemerken, da ich es fr meine Pflicht hielt, mich nicht so sehr
von Privatrcksichten leiten zu lassen, und da ich dies und jenes
beibehalten habe, was, wenngleich fr die Gegenwart von wenigerem
Interesse, einem kommenden Geschlechte von Nutzen sein und Aufklrungen
geben kann, die man mglicherweise sonst vermissen wrde.

      Kopenhagen, im Mrz 1851.
                                            $Johannes Oehlenschlger.$

                    *       *       *       *       *


[Sidenote: Literarische Fehde.]

Ich htte noch auf ein Jahr mit Bertouch leicht und angenehm nach
Italien reisen knnen; aber das Heimweh, das mich vor neun Jahren in
Rom ergriff, und mich verhinderte, Neapel zu sehen, ergriff mich nun
wieder, und verhinderte mich Rom noch einmal zu sehen. Obgleich ich
gewissermaen durch einen freiwilligen Ostracismus aus meinem Vaterlande
geflohen war, um den Ha meiner Feinde zu dmpfen, und ich gewi klug
gethan htte, noch lnger fortzubleiben, so konnte ich es doch nicht;
ich sehnte mich nach meinem Hause, meinen Kindern; ich konnte nicht
lnger ohne sie sein. Ich schlug dehalb Herrn Hjort (jetzt Professor
in Sorde) vor, an meiner Statt zu reisen, und da er und Bertouch damit
zufrieden waren, zog ich das husliche Glck im Kreise meiner Lieben
vor; aber es zog wieder von mehreren Seiten ein Ungewitter am Horizonte
meines Glckes auf.

Baggesen hatte, whrend ich fort war, ein Singspiel, =die Zauberharfe=,
geschrieben, welche Kuhlau componirte. Aus Holger Danske und Erik
dem Guten hatte man bereits gesehen, wie wenig er sich zu dramatischer
Dichtung eignete; nun da er Ludlam's Hhle und die Ruberburg als
die elendesten Pfuscherarbeiten heruntergerissen hatte, verlangte man
natrlich mehr von ihm, und es wurde doch noch weniger. Und hierzu kam
noch das Gercht, da das Stck nicht Original von ihm sei, sondern
da er es nach einem ihm von einem Andern anvertrauten Manuscripte
umgearbeitet habe. Baggesen bewies juridisch sein Recht an dem Stcke;
und wenn man es ihm stethisch absprechen wollte, so konnte dies meiner
Ansicht nach nur geschehen, weil es zu mittelmig war. Da er nun
mehrere Jahre hindurch fast ausschlielich meine dramatischen Werke als
der Bhne unwrdig heruntergerissen hatte, so war es ganz natrlich, da
man mit seinem Benehmen unzufrieden war, und wenn es fr das Auspfeifen
berhaupt eine Entschuldigung giebt, so fand sie sich gewi hier. Das
Schlimmste war, da Kuhlau's schne Musik dabei ein gleiches Schicksal
leiden mute; und besser wre es freilich gewesen, wenn man -- was man
auch Kuhlau's Genie schuldete -- das Auspfeifen unterlassen htte; um so
mehr, als es ber Den ausging, den man rchen wollte. Kurz nach meiner
Rckkehr sollte Herr Violoncellist Funk ein Benefiz haben. Bei solchen
Gelegenheiten wird ein beliebtes Stck gewhlt, das Zulauf hat. Da dies
nun mit Ludlam's Hhle der Fall war, so whlte er es. Aber das war ein
gefundenes Fressen, fr meine Feinde. Nun pfiffen sie auch hier; und so
ging es mir wie Lars in Freia's Altar, dem Bilbo eine Ohrfeige giebt,
weil Clotilde ihm einen Korb gegeben hat. Dergleichen geschieht oft im
menschlichen Leben. Das Beste war, da die Ohrfeige, die mir bestimmt
war, weil Thalia Baggesen einen Korb gegeben hatte, mich nicht traf.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Todesflle.]

Aber bald sollte ich einen wirklichen Kummer erleiden. Meine geliebte
Schwester Sophia, deren Munterkeit und Lebenskraft so lange gegen den
Sto angekmpft hatte, den sie in dem unglckseligen Scharlachfieber
bekommen, mute endlich unterliegen. Bis zur letzten Zeit war sie die
Seele ihres Kreises. Nun kam ein hitziges Fieber und ri sie fort. Das
letzte Mal, wo ich sie besuchte, sa sie aufrecht im Bette und sprach
irre. Gott segne Dich, meine gute Schwester, sagte ich beim Abschiede.
Ja, sagte sie, indem sie auf mich hinstarrte, das wre nicht so
bel! -- Ich glaubte doch noch nicht, da sie sterben wrde. O. H.
Mynster, ihr Arzt, meinte auch, da nicht alle Hoffnung verloren sei.
Ich ging zwar betrbt, aber doch ruhig nach Hause; es ist nicht meine
Art, die Hoffnung aufzugeben, ehe sie mich ganz entschieden verlt.
Ich wollte nach meiner Gewohnheit ein Wenig ins Theater gehen, um mich
zu zerstreuen, als mich in demselben Augenblicke eine erschtternde
Traurigkeit befiel. Ich ging in mein kleines Zimmer, warf mich auf die
Knie und rief weinend: Ach, meine geliebte Schwester! Nun stirbst
Du gewi in diesem Augenblicke! Habe Dank fr alle Deine Liebe und
schwesterliche Hingebung! Gott erfreue Dich in seinem Himmel! Eine
Stunde darauf kam die Nachricht ihres Todes. Sie war gerade in jenem
Augenblicke entschlummert.

                    *       *       *       *       *

Im October desselben Jahres verlor ich zwei meiner besten Freunde,
=Ole Hieronymus Mynster= und =Michael Rosing=. Rosing war viele Jahre
hindurch krperlich gelhmt gewesen. Ich besuchte ihn oft und las ihm
die Tragdien vor, in denen er leider nicht mehr spielen konnte, die er
aber, wie es seine bald funkelnden, bald thrnenvollen Augen bezeugten,
gut verstand. Wenn ich meine Visiten hbsch regelmig wiederholte,
sagte er beim Eintreten: Guten Tag, mein Sohn! wenn ich aber zu lange
fort blieb, sagte er: Guten Tag, Herr Professor! Bei seiner Beerdigung
begegnete ich Rahbek auf der Treppe allein. Wir hatten seit der fatalen
Freia's-Altars-Fehde nicht wieder mit einander gesprochen. Ich fiel
ihm um den Hals, und nun waren wir die alten Freunde. Mynster wurde an
demselben Tage, wie Rosing beerdigt und ich folgte ihnen Beiden zu ihrer
letzten Ruhesttte.

Mein William hatte einen braunen Fleck auf dem Kinn, den ich gern
beseitigt gesehen htte. Ich hatte gehrt, da es hlfe, wenn man ihn
mit dem Finger einer Leiche berhrte, und wollte dieses Experiment
versuchen. Ich fragte den kleinen vierjhrigen Knaben, ob wir Mynster
besuchen wollten. Das Kind wute nicht, da Mynster todt sei und konnte
sich berhaupt noch keinen Begriff vom Tode machen. Mit Erlaubni der
Familie traten wir in die Leichenkammer. Es war dasselbe Haus, in dem
der Verstorbene und ich so oft lustig mit einander gescherzt hatten.
Nun lag er still und ernst da, als ich das Tuch zurckschlug: Der
gute Mynster schlft! sagte ich leise, komm, William, willst Du ihn
sehen? -- Der Knabe nherte sich furchtsam, ich berhrte sein Kinn mit
dem kalten Finger der Leiche, und wir eilten fort. Erst auf der Strae
fragte William: Vater: warum war Professor Mynster so wei im Gesicht?
Ich gab ihm eine beruhigende Antwort. Die Kur half nicht; erst ein paar
Jahr spter verschwand der braune Fleck durch Hlfe des Professors
Jakobsen, und hinterlie nur eine unbedeutende Narbe.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Der kleine Hirtenknabe.]

Wenn die lieben Todten uns verlassen, knpft uns das Band fester an die
Lebenden. Das Jahr vorher hatte ich meine Tragdie =die Blutbrder=,
schn gebunden von Paris, ebenso wie mehrere Jahre vorher =Hakon=
und andere nach Hause geschickt. Meine Frau hatte mir von der Freude
geschrieben, die sie, Karl Heger, Boye und Hauch durch die pltzliche
Ueberraschung gehabt haben, und ich beschlo selbst ein Mal, Zeuge einer
solchen zu sein. Auf Friedrichsberg, wo Madame Voigt, die Wittwe des
Schloverwalters die Gte hatte, mir einige Jahre hindurch Zimmer fr
den Sommer zu berlassen, schrieb ich den =kleinen Hirtenknaben=, lie
ihn hbsch einbinden, und packte ihn mit einem Briefe ein, als ob er mit
der Post von Paris kme. Eines Freitags nach Tisch, als die Leute beim
Kaffee saen, kam das Mdchen herein und brachte der Frau vom Hause das
Paket. -- Sie machte groe Augen, wurde angenehm berrascht, und nun
konnte ich, nachdem ich mich an der Verwunderung Aller geweidet hatte,
mich selbst hinsetzen und ihnen das Stck vorlesen. -- In demselben
Jahre, am 3. September, schenkte mir Gott als Ersatz fr so viele
Verluste, meine jngste Tochter Maria Louise.

Eine neue Bekanntschaft, die ich in der letzten Zeit gemacht hatte, und
die zu einer wahren Freundschaft wurde, war die der liebenswrdigen
Generalin =Hegermann-Lindenkrone=, vielleicht das poetischeste weibliche
Gemth, das Dnemark besessen hat; und in ihrem Familienkreise fand ich
durchaus das Geprge des freundlichen Geistes, der ihre Gedichte beseelt.

Im Jahre 1818 schrieb ich noch das Lustspiel =Robinson in England=. Ich
hatte auch die Freude, unsern groen Landsmann Thorwaldsen wieder im
Vaterlande zu sehen. Wir wetteiferten Alle, ihm zu huldigen, und bei dem
Feste auf der Schiebahn, hielt ich eine Rede, und dichtete ein Lied,
welches bei Tisch gesungen wurde, und sich in meinen Werken abgedruckt
findet.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Die Gtter des Nordens.]

=Die Gtter des Nordens=, eins meiner Hauptwerke, wurde im Jahre 1819
gedichtet. Ich wandte hier ebenso wie in Helge verschiedene Versarten
zu diesen zwar zusammenhngenden, aber im Charakter und Wesen sehr
abweichenden Fabeln an. Thor's Reise nach Jothunheim (bereits im Jahre
1805 gedichtet) diente dem Ganzen als Einleitung.

Am 28. November starb mein Waulundur, Christiane's Vater, mein alter
Freund der Conferenzrath Hans Heger, mit dem ich mehrere Jahre hindurch
in kindlichster Vertraulichkeit gelebt hatte. Er liebte mich wie ein
Vater, und jedes Lorbeerblatt, das ich gewann, war, als ob er es selbst
gewonnen. Der, welcher meine Gefhle fr ihn nher kennen zu lernen
wnscht, den verweise ich auf das Gedicht, welches ich bei seinem Tode,
und auf ein anderes, welches ich kurz vorher zu seinem Jubelfeste
schrieb. Beide befinden sich in meinen Werken.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Tordenskjold. Erik und Abel.]

Meine folgenden Arbeiten (1820) war das Singspiel =Tordenskjold= und
die Tragdie =Erik und Abel=. -- Tordenskjold wurde angenommen und
honorirt, aber nicht aufgefhrt. Es hie: da dieses Stck nicht
aufgefhrt werden knne, weil Knig Friedrich IV. darin auftrete. Die
Erlaubni, dnische Knige auf die Bhne zu bringen, ging nicht weiter,
als bis zur Souverainett. Christian IV. konnte folglich auftreten,
aber Friedrich IV. nicht. Auerdem =sang= er im Stcke. Mir wre Nichts
leichter gewesen, als dieses Lied zu streichen; ja mit geringer Mhe
htte ich auch das Stck so umarbeiten knnen, da der Knig nicht darin
auftrat; aber dadurch htte die Scene mit Tordenskjold an dramatischer
Wirkung verloren; auerdem wute ich, da nicht =dehalb= das Stck
verworfen wurde, und als nun mein Freund Collin als Theaterdirector an
betreffender Stelle darauf aufmerksam machte, da das Stck angenommen
sei, und da es nicht anginge, mir meine Einnahme zu entziehen, so
erhielt ich vierhundert Thaler, und war froh, da ich gern allen Chikanen
ausweichen mochte, denen ich ausgesetzt war, wenn meine Stcke gespielt
wurden, aber nicht das Geld entbehren konnte. Auerdem wute ich, da
eigentlich nicht der angefhrten Grnde wegen das Stck verworfen
wurde; aber Rahbek vertraute mir, da es folgendermaen zusammenhnge:
Ich hatte das Stck bei Schimmelmann's in einer groen Gesellschaft
vorgelesen, wo Hofdamen und Hofherren zuhrten, und diesen gefielen die
Scenen mit dem Matrosen nicht, der von Tordenskjold's Extraction von dem
Kutscher der vornehmen Frau, u. s. w. spricht.

Httest du Ihnen wenigstens Namen als _species_ gegeben, sagte
Rahbek, so htten sie es vielleicht gehen lassen; aber nun wurde der
vernnftige und der unvernnftige Hofmann als Genus genannt, und das
konnte man nicht leiden. Das Stck wurde also nicht gegeben, und harrt
noch eines guten Componisten, um vielleicht zu einer Zeit zu gefallen,
wo dergleichen Einwendungen nicht mehr gemacht werden.

[Sidenote: Tod Thaarup's.]

Man las das Stck mit Vergngen; ich hatte es Thaarup dedicirt, und
hatte die Freude, diesen edlen Dichtergreis ganz zu gewinnen, der sich
eine Zeitlang zur Partei meiner Gegner geschlagen hatte. In seinem
letzten Lebensjahre besuchte er mich oft. Schon frher hatte sein gutes
Herz und seine poetische Natur das Widerstreben oft besiegt, welches
der Aeltere zuweilen empfindet, den Jngern anzuerkennen. -- Als ich
das erste Mal ins Ausland reiste, sagte er zu Steffen Heger: Wenn die
Deutschen ihn nur nicht verderben! Heger las ihm als Antwort Etwas aus
meinem Aladdin vor, und als Thaarup es gehrt hatte, strich er sich
auf seine gewhnliche humoristische Weise das Kinn und sagte: La ihn
nur gehen! er wird sich schon hten! -- Ich hatte stets den Dichter
des Erntefestes geliebt, und als er kurz darauf starb, schrieb ich aus
vollem Herzen:

               So lang noch Fischerdrfer stehn
               Am dn'schen Strand beim Meerestang,
               So lang noch Wellen rauschend gehn,
               Stirbt, =Ewald=, nimmer dein Gesang.

               Doch, =Thaarup=! auch =dein= Bildni lebt,
               Dein Lied klingt immer frisch und neu,
               So lang noch wer die Sense hebt,
               Und mht das reiche, duft'ge Heu.

               Und weht die Fahne stolz und frei,
               Das weie Kreuz auf rothem Grund,
               So denkt, der Dn' des Lieds dabei
               Das ihr zu Ehren sang dein Mund.

                    *       *       *       *       *

Ungefhr zu derselben Zeit gewann das Theater und besonders meine Stcke
sehr viel durch das Erscheinen der beiden groen Talente Frulein
=Brene= und Herrn =Nielsen= auf dem Theater. =Foersom= war vor drei
Jahren gestorben; in Ryge hatten wir den Mann, den charakteristischen
Helden, den Greis fr die Tragdie, aber es fehlte uns noch der Held als
Liebhaber und die Liebhaberin. -- Diesen Mangel fllten Herr Nielsen und
Frulein Brene aus. -- Nielsen trat als =Axel= auf, zeigte was wir von
ihm erwarten konnten und hatte unsere Erwartungen nicht getuscht. Unter
Frulein Brene's ersten Rollen war Sophia in Erik und Abel, in der sie
gleich die anmuthige und gefhlvolle Natur an den Tag legte, durch die
wir spter immer gerhrt wurden. Ihr Genie fr die Bhne zeigte sich
bald in groem Umfange.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Erik und Abel.]

Der kleine Hirtenknabe hatte Glck gemacht. Erik und Abel machte es auch
(1821). =Feindliche Brder= tragisch darzustellen, ist ein alter Stoff,
an dem sich auch Neuere versucht haben. Wenn aber La Harpe von _Racine's
frres ennemis_ sagt: _Sujet, qui ne pouvait gure russir sur notre
thtre; ni l'un, ni l'autre des deux frres ne peut inspirer d'interet;
tous deux sont  peu prs galement coupables, galement odieux etc._
-- so pat das nicht auf Erik und Abel. Der Erstere kommt seinem Bruder
vershnlich entgegen und rhrt uns, da er in einem frommen Augenblicke
ohne es zu ahnen von der Hand des Meuchelmrders fllt. An dem
unglcklichen Abel rcht sich spter, eben so rhrend, das erwachende
Gewissen. Der bloe =Ha= kann nie tragisch sein, ebensowenig, wie
irgend ein anderes Laster; aber der Kampf des Hasses, des Lasters mit
den edlern Eigenschaften in der Brust des Menschen, der Sieg oder die
Niederlage desselben, dichterisch dargestellt, interessirt, begeistert
und rhrt.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ich falle durch.]

In dieser Zeit war ich zwei Mal in Lebensgefahr, und das
merkwrdigerweise auf der Bhne in meinen eigenen Stcken. Eines
Abends, als der kleine Hirtenknabe aufgefhrt wurde, und ich gegen meine
Gewohnheit auf die Bhne gegangen war, um mit Ryge zu sprechen, strzte
eine der grten Coulissen dicht an meinem Kopfe nieder. Wre sie zwei
Zoll nher gekommen, so htte sie mich getdtet, und man htte dann bei
dem Aufgange des Vorhangs die Blutspur dem Publikum zeigen knnen; wo
der Dichter des kleinen Hirtenknaben sein Leben beschlossen hat. -- Das
zweite Mal war es auf einem Privattheater. Ich war wieder in Borup's
Gesellschaft eingetreten, und spielte zuweilen, wenn auch selten mit.
Nun wollte man daselbst einmal Correggio auffhren, und wnschte, da
ich Michel Angelo's Rolle spielen solle. Ich that es; aber obgleich
mein Spiel nicht mifiel, so fiel ich doch in meinem eigenen Stcke
durch. Ich ging nmlich beim Schlu des dritten Actes zur linken Seite
hinaus, wo ich vorher nicht gewesen war. Einen einzigen Schritt weit
von der Coulisse war eine Oeffnung nach dem Keller mit einer schmalen
Treppe auf der entgegengesetzten Seite. Ich ahnte eine solche Fallgrube
nicht, strzte die Treppe hinab, und kam glcklicherweise davon, indem
ich mir nur Haut und Fleisch am Schienbein verletzte. Es war doch
ziemlich schlimm; denn ich konnte drei Wochen lang nicht gehen. Wenn
ich einen Schritt mehr seitwrts getreten wre, so wre ich in den
Keller gestrzt, und htte wahrscheinlich den Hals gebrochen. -- Als
ich nach berstandener Gefahr und glcklich hergestellt, meinem Freunde
J. P. Mynster dies Ereigni und den hnlichen Unfall erzhlte, den
ich vor zwlf Jahren in Italien zwischen dem vierten und fnften Acte
Correggio's, den ich damals schrieb, in der Cascade in Tivoli gehabt
hatte, sagte er: Nun ja! das nchste Mal kommt es also zwischen dem
zweiten und dritten Acte!

In diesem Jahre verlie uns mein Freund Hauch, um ins Ausland zu reisen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Holberg's Jubelfest.]

Im Jahre 1822 sollte Holbergs Jubelfest begangen werden. Es war 100
Jahre, seitdem der groe Dichter Dnemark durch seine erste Komdie, den
politischen Kannegieer, erfreut hatte; und dieser =Dichter= Holberg
war derselbe =Professor= Holberg, der Dnemark seine historischen Werke
geschenkt hatte; und dieser =Professor= Holberg war derselbe =Baron=
Holberg, der Dnemark seine Baronie Sore verehrt hatte. Ursachen genug,
sich seiner mit Dankbarkeit zu erinnern. Und doch war der Enthusiasmus
nicht sonderlich gro. Die =Damen= knnen Holberg nicht leiden, weil
er plump ist, weil keine Liebe in seinen Lustspielen vorkommt, und
die Damen haben in Sachen des Geschmackes einen entschiedenen Einflu
auf die =Mnner=. Was die Plumpheiten betrifft, so ist es leicht, die
schlimmsten bei der Auffhrung fortzulassen; und von der Liebe ist
eigentlich auch nicht die Rede; aber Holberg's Stcken fehlt eine
gewisse galante Plaisanterie; es wird nicht die Cour in ihnen gemacht,
und das ist das Unglck! Wollten doch unsere Modedamen, die sich sonst
soviel nach den Pariserinnen richten, von ihnen unsern Holberg so achten
lernen, wie jene ihren Moliere schtzen; und wo die Dame, die Molire's
muntern Witz und gesunde Satyre nicht zu schtzen wei, fr eine Gans
gehalten wird.

Doch waren Leute genug von Geschmack und Verstand beiderlei Geschlechts
in Kopenhagen, um das Fest zu feiern. Es wurde mir bertragen, ein
dramatisches Vorspiel zu schreiben, und ich hatte die Freude, vier
Abende kurz hinter einander die Anwesenden fr unsern unsterblichen
Dichter zu begeistern.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Robinson in England.]

Da dieses Jubelfest so die Herzen im Tempel Apollo's verschmolzen hatte,
schien es mir, da es einmal Zeit sei, =Robinson in England= spielen
zu lassen. Freilich hatte ich gehrt, da Mehrere unzufrieden mit der
Theescene im Stck seien, weil sie darin Beziehungen auf sich zu finden
glaubten. Ein Dichter kann nicht aus dem Nichts schaffen, und eine
Satyre, die nicht die Mibruche der Zeit trifft, ist ohne Salz; aber
ich war mir bewut, da sich keine Persnlichkeiten im Stcke fanden,
und viele, die es gelesen, wnschten es aufgefhrt zu sehen.

Rahbek, mit dem ich bei der Beerdigung unseres gemeinsamen Freundes O.
H. Mynster wieder ganz vershnt worden war, schrieb mir folgenden Brief
darber:

Ich danke Dir fr Dein Lustspiel, das ich gleich zu lesen anfing,
das ich nicht von mir legen konnte, bis ich es ausgelesen hatte, und
ich beeile mich es Dir zu senden, damit es gedruckt, angenommen und
aufgefhrt werden knne, da wir so lange keine gute Originalcomdie
gehabt haben.

Ich habe Dir, wie Du siehst, bereits gesagt, da Deine Komdie =gut=
ist, und trage kein Bedenken, hinzuzufgen, da der ganze Theil, der
zwischen Selkirk, William, Betty, Defoe und Sir Robert Edgarson,
auerordentlich schn ist; nur mchte ich Du wolltest Peter, wie die
Grtner es nennen, =strafen=, d. h. etwas beschneiden. -- Ich mu
brigens bei dieser Gelegenheit bemerken, da, wie ich stets die
drei ersten Acte Deines Correggio's fr einen Nathan der Weise ber
=Kunst= gehalten habe, so finde ich, da die Scene im Gelehrtenklub
ein lucianischer Dialog ber sogenannte =Kritik=, oder ein lehrreicher
Commentar ber Lessing's Worte sei, da der, welcher eine Art von
Kunstschnheiten schtzen knne, sei es als Dichter oder in andern
Knsten, sich darum nicht einbilden darf, da er alle zu beurtheilen
verstehe; da es keine schlechtere aber auch keine gewhnlichere Kritik
giebt als die, welche incommensurable Gren mit derselben Elle mit.
Also -- _Courage, mon ami! Voil la bonne comdie, et peut-tre
quelque-chose de mieux!_

Ich lie also das Stck auffhren, und es gewann groen Beifall.

Ein ausgezeichnetes Talent wurde erst bei dieser Gelegenheit erkannt und
geschtzt. Unser witziger komischer =Rosenkilde= erwarb sich als Peter
reichen Applaus.

Aber -- es war ganz richtig -- die =Theescene= konnte man nicht leiden,
und obgleich sie ganz ohne Persnlichkeiten war, so wollte man doch
Persnlichkeiten darin finden. Dies gengte einer gewissen Partei, mich
zu krnken und Lrm im Stcke zu machen. Die unsinnigste Einrichtung,
welche der Unverschmtheit und Ungerechtigkeit eine Hinterthr im
Tempel der Musen ffnet, von der aus sie, ohne das geringste Risiko,
ihres Sieges sicher, Geschmack und Genie verhhnen knnen, fand frher
im Theater und findet leider noch jetzt darin statt. Aus alten Zeiten
her, wo man das Theater wie eine Bretterbude betrachtete, in welcher
Menschen, die nicht auf qualificirte Achtung rechnen durften, sich dazu
hergaben, die Leute wie andere Gaukler zu amsiren, und wo die Stcke,
welche man spielte, als eine Art Spa betrachtet wurden, die nur hierzu
daseien, und also von den Launen der hohen Herrscher (des Publikums)
abhingen, nahm man an, da das tyrannische Recht, das Urtheil ber
Leben und Tod eines Stckes zu fllen, mit den paar Groschen bezahlt
sei, die man fr ein Billet gegeben hatte. Dieses Recht wird noch jetzt
geachtet. Jeder hat das Recht, sein Urtheil zu fllen. Das mag nun
sein, und obgleich das Pfeifen im Theater eine alte Unsitte ist, die
abgeschafft werden sollte, so knnte man sich doch wohl hierein finden,
wenn es so eingerichtet wre, da das Publikum selbst das Urtheil
fllen drfte. Und aus Achtung fr das Publikum ist ja diese Erlaubni
gegeben, soda die ffentliche Meinung den Ausschlag geben kann. Aber
in der Art der Erlaubni, die hier herrscht, liegt eine ebenso groe
Beleidigung gegen das Publikum, wie gegen den Dichter, der das Stck
geschrieben hat. In Paris (von wo wir doch, was die Theatereinrichtung
betrifft, unsere ganze Weisheit geholt haben) ist es ganz anders. Dort
ist dieser Streit zwischen den Meinungen so gestattet, da es ein
wirklicher Streit wird, der sich mehr oder weniger auf ein stethisches
Urtheil sttzt. Dort pfeift man in einem Stcke gleich an den Stellen,
von denen man glaubt, da sie es verdienen. Wenn diese Stellen nun von
einer andern Partei in Schutz genommen werden, so kommt es darauf an,
welche von beiden die siegende ist. Es trifft sich uerst selten, da
die Meinungen gerade gleich getheilt sind. Die strkere Partei siegt,
die schwchere mu schweigen, und wenn das nicht geschieht, so heit es:
_A la porte!_ und die Spectakelmacher mssen hinaus, wenn sie nicht
ruhig sein wollen. So vermag das Stck zu siegen, und das Publikum das
Stck bis zu Ende zu sehen. Hier ist keins von beiden mglich; erst wenn
der Vorhang fllt, ist es zu pfeifen erlaubt, frher zehn, jetzt fnf
Minuten, bis das Gongon ertnt, dann kommt die Polizei und bringt die
noch Pfeifenden fort. Aber in fnf Minuten knnen zwei, drei Menschen
mit gellenden Pfeifen in grter Ruhe und unter dem Schutze der Polizei
dem ganzen Publikum opponiren; und da das Schrillen der Pfeifen viel
strker ist als das Hndeklatschen, so kann es dem Ohre so erscheinen
als wenn der Kampf fast gleich wre. Dies kann so oft wiederholt werden
als Jemand Lust dazu hat, und das Pfeifen gilt nur den Dichtern, nie
den Schauspielern; denn da erst gepfiffen werden darf, wenn der Vorhang
gefallen ist, so kann der Tadel nie diese treffen.

So wurde auch einige Abende hintereinander von einigen Wenigen nach der
Vorstellung von =Robinson in England= gepfiffen, whrend ein strmischer
Beifall des ganzen Hauses vergebens suchte, sie zu unterdrcken. Ich war
selbst im Parket zugegen und blickte mit Gleichmuth auf die Pfeifenden,
bis Collin mich einmal bat, fortzubleiben, um sie nicht zu irritiren.
Das that ich denn auch, und so hrten sie endlich zu pfeifen auf, und
das Stck wurde in aller Ruhe gespielt.

                    *       *       *       *       *

Ich hatte bisher fast alle meine dnischen Dramen und Erzhlungen in
das Deutsche bersetzt, auch einige lyrische; an das Epische wagte ich
mich nicht. Nun bekam ich Lust, das neuere deutsche Publikum mit unserm
groen Holberg bekannt zu machen. Herr Brockhaus in Leipzig bernahm
den Verlag.

[Sidenote: Die Inseln im Sdmeer.]

Und als ich wieder in die Uebung gekommen war, soviel Deutsch zu
schreiben, bekam ich Lust, wieder einmal Etwas von vorn herein in
dieser Sprache zu dichten, was, seit dem Correggio, nicht geschehen
war. Ich bearbeitete mein altes Lieblingsbuch =Albertus Julius= ganz
frei, und benutzte nur seine guten Hauptsituationen. Der Stoff gab mir
Gelegenheit, eine Menge Charaktere zu schildern; poetische Begebenheiten
zu erfinden und sie in natrliche Verbindung zu bringen. Man mu die
=Inseln im Sdmeer= nicht wie einen einzelnen Roman, sondern wie einen
Cyklus von Erzhlungen betrachten; nicht in einer losen Verbindung (wie
in Tausend und einer Nacht oder wie in Boccaccio's Decameron), sondern
im innern poetischen Zusammenhang und in einem Vereinigungspunkt von
gemeinsamem Interesse. -- Ueber dieses Werk erschienen in Deutschland
drei fr mich ehrenvolle Recensionen; einige andere rissen es herunter.
In Dnemark wollten die Inseln im Sdmeer lange Zeit nicht schmecken.
Ich hatte die dnische Uebersetzung auf Subscription erscheinen lassen;
glaubte man vielleicht, es koste zu viel und sei zu viel auf ein Mal zu
lesen? ich wei es nicht; genug, man war mit dem Buche unzufrieden, und
ich glaube ganz besonders die, welche es nicht gelesen hatten.

Uebrigens will ich gern gestehen, da die Inseln im Sdmeer einen
blichen Fehler von Romandichtungen hatten, das Werk war zu weitlufig.
Ein Drittheil htte zum Vortheil des Werkes fortgelassen werden knnen.
Dies ist bei den neuen Auflagen sowohl im Dnischen wie im Deutschen
geschehen.

[Sidenote: Brief an Walter Scott.]

Obgleich ich nun in diesen grtentheils erotischen Erzhlungen
keineswegs Walter Scott nachzuahmen suchte, der fast gar nicht erotisch
ist, so wird doch das folgende Fragment eines Briefes, den ich diesem
groen Mann mit meinen Schriften ungefhr zu derselben Zeit sandte,
da ich meinen Roman dichtete, den Leser berzeugen, wie sehr ich ihn
bewunderte und liebte.

Dem herrlichen Dichter, mit dem ich in vertrauter Bekanntschaft
gelebt habe, danke ich einen mehrjhrigen Genu, ohne ihn jemals mit
meinen irdischen Augen gesehen, ohne jemals seine Stimme gehrt oder
einen Druck seiner Hand empfangen zu haben. Ich kenne ihn nicht, aber
ich kenne seinen rothhaarigen Campbell mit den langen Armen und der
ausgedehnten Wirksamkeit; seine holde Diana Vernon, die in ihrer Klte,
wie der Mond leuchtet; seinen krftig-schrecklichen Mac Merilles; seinen
in seiner Unbedeutendheit hchst poetischen Simson mit den schiefen
Beinen; seinen kniglichen Bettler in dem zerfetzten Gewande. Ich sehe
seine entsetzlichen Schwrmer in der dunkeln Htte, wie sie auf die Uhr
blicken und sie auf Zwlf stellen, damit sie ihre Opfer tdten knnen.
Ich sehe Allen Mac Auley in seinen Plaid gehllt mit stolzem, gerhrtem
Seherblick, einen wunderbaren Gegensatz, wie ein Funke in der Asche
zu der fast erloschenen Flamme des Alterthums, zu dem sanguinischen,
launischen Egoisten Dalgetty bilden. Ich sehe Maria Stuart, frei selbst
als Gefangene, in ihrer Anmuth, und Elisabeth in ihrem eiferschtigen
Geistesgefngni auf dem Throne. Ich finde dem Herzog von Argyle in
dem schnsten Verhltni zu der heroisch anmuthigen Jenny Deans. Die
jdische Madonna Rebecca erweicht mein Herz; und in der Schilderung
ihres Vaters und des Narren Wamba, finde ich -- wie in Allem --
Shakespeare's Landsmann und Nachkommen. Der stolze Fergus rhrt mich auf
dem Wagen zur Richtsttte. Ich bin heimisch in Schottland, ohne dort
gewesen zu sein; ich kenne die einsamen Wege ber die Morste des Landes
hin nach den fernen Bergen; die Htten mit ihren Rauchsulen, die Felsen
mit ihren Hhlen, den Bach mit seinen Elfen, das Kloster mit seinen
Mnchen, die Burg mit ihren Rittern. Ja selbst in Glasgow habe ich einen
vertrauten Freund in dem liebenswrdigen, thtigen Spiebrger Jarwin.

In allen diesen Gestalten treffe ich stets einen in den verschiedensten
Gesichten sich offenbarenden Genius, den groen Dichter selbst; und
diesem schreibe ich diese Zeilen, um ihm meine Gefhle an den Tag zu
legen.

[Sidenote: Walter Scott.]

Walter Scott gestand bekanntlich damals noch nicht, da er der Verfasser
der Romane sei; von seinen andern Poesien hatte ich in meinem Briefe
nicht viel gesprochen. Er konnte mir also nur durch dritte Hand als
Anonymus danken; das that er denn auch auf das Freundlichste und sagte
mir viel Verbindliches, indem er mir auch seine Werke, sowohl die
Gedichte, wie die Romane sandte.

Wir schrieben uns spter einige Male. Sir Walter Scott wollte mir
einen englischen Verleger fr die Inseln im Sdmeere verschaffen,
die Herr Gillies nach dem deutschen Manuscripte, das ich ihm sandte,
zu bersetzen versprochen hatte. Aber obgleich ich oft ehrenvoll im
Edinburgh Magazine besprochen und stckweise bersetzt war, und obgleich
Sir Walter Scott eine Vorrede zu meinem Romane schreiben wollte, gelang
es ihm doch nicht, einen Verleger zu finden, der soviel bezahlen wollte,
da Herr Gillies und ich Vortheil davon haben konnten, wenn wir das
Honorar theilten. Walter Scott, dem es leid that, nicht durchfhren
zu knnen, was er gehofft und wozu er mich selbst aufgemuntert hatte,
schrieb an Feldborg, der damals in London war und meine Commission
bernommen hatte: _Mr. Cadel says, =no German Work= has ever stood
the expence of translating; and we know how very small that is. In
short, I had the mortification to see, that he is not in humour with
the undertaking. I wish, you would look into Constables shop, and talk
with Cadel on the subject. He will tell you, that I offered to do any
thing in my power, to make the British public acquainted with Mr.
Oehlenschlaegers merit, and I will turn your evidence, that the matter
does not miscarry for lack of zeal on my part._

Uebrigens war fr meinen Antheil nur die Rede von hundert Pfund. Kurze
Zeit darauf hatte Sir Walter Scott selbst das Unglck, durch den
Bankerott des Herrn Constable ein bedeutendes Vermgen zu verlieren,
aber er verschmerzte seinen Verlust und hat uns spter mit mehreren
Werken erfreut, unter denen z. B. Quentin Durward und das schne
Mdchen von Perth sich mit jedem seiner besten Werke aus frherer Zelt
sicherlich messen knnen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Johann Ludwig Heiberg.]

Indessen versahen andere Dichter die dnische Literatur und Bhne
reichlich mit ihren Werken.

=Ludwig Heiberg= hatte bereits im Jahre 1814 sein Marionettentheater
herausgegeben. Ein paar Jahr, bevor es gedruckt wurde, sah ich eins
dieser Stcke, ich glaube Don Juan, bei seiner Mutter, Frau Gyllembourg,
auffhren, und der poetische Geist und Ton darin, berraschte mich
und gefiel mir ganz besonders. Das Stck wurde gut gespielt, woran
ohne Zweifel der Dichter selbst Theil nahm. Es war auch wirklich etwas
Kindliches darin, das mich rhrte. Dies kam vielleicht zum Theil von
der Erinnerung vergangener Jahre, wo der Dichter selbst Kind bei seiner
Mutter gewesen war, deren Weihnachtsfeier, mit ihren Geschenken und
Spielen sich diesem Marionettenspiele nherten, theils rhrte mich
das =Kunstkindliche= im Marionettenspiele selbst, die Erinnerungen
an Kasperle im Thiergarten u. s. w. Vor mehreren Jahren hatte ich in
Halle die Marionettentragdie Faust gesehen, in der sehr viel Gutes
ist, besonders in den tragikomischen Scenen, und die Lessing in
seiner Dramaturgie lobt. Und so mangelhaft es auch ist, knnte man
doch wnschen, tragische Werke fter so auffhren zu sehen; man mte
dann aber auch selbst soviel Phantasie mitbringen, da sie die sonst
unaufhrlich gestrte Illusion ersetzen kann.

Um ein groes tragisches Drama mit vielen Personen aufzufhren, wird
ein groes Personal von so poetisch gebildeten Menschen erfordert, wie
man sie selten findet. Im Marionettenspiele kann man sich die Diction
von =wenigen= unsichtbar Spielenden meisterlich gesprochen denken, die
mehrere Rollen ausfhren. So wurde es ein Zwischending von Vorlesung
und einem Bilde frs Auge, mit dem man doch nicht zu scharf sehen, oder
es bewaffnen durfte, wenn man nicht den Mangel der Pantomime entdecken
wollte.

Als Heiberg diese Stcke: =Don Juan= und =Tpfer Walter=, drucken
lie, nannte er sie noch: Marionettentheater, weil er meinte, da der
kindliche Geist der der eigentliche Charakter des Marionettentheaters
ist, sich mehr oder weniger sichtbar durch dasselbe ziehe. Aber hierin
kann ich doch nicht mit ihm einig sein. Erstens liegt kein kindlicher
Geist in irgend einem der Stcke des alten Marionettentheaters
selbst; es war die =Kunst= in der Kindheit, die etwas Naives in ihren
gestrandeten Versuchen und ihrer kecken Unwissenheit hatte. Diese
Heiberg'schen Stcke sind, wenn man sie =liest=, durchaus nicht
kindlich. Das erste: =Don Juan=, ist eine sehr gute freie Behandlung
von Molire's Drama, besonders in den komischen Partieen. Aber ein
Schauspiel, das Laster, Verbrechen, Ausschweifungen, Leichtfertigkeit
und Spott, Scherz, Abscheu und Entsetzen darber darstellt, kann doch
nicht kindlich genannt werden. Der =Tpfer Walter= ist ohne Zweifel
eine der poetischsten Dichtungen Heiberg's; besonders ist die Scene mit
Walter und Ulf, wo der erste Gott und der Natur eine ewige Freundschaft
schwrt, sublim und tragisch erschtternd. Aber wenn man die Stellen
ausnimmt, wo Doctor Pancreas Prgel bekommt, ist doch Nichts darin,
das an das Marionettenspiel erinnert. Das Verhltni zwischen Rosa
und Walter ist anmuthig und rhrend; aber merkwrdig ist es, wie der
junge Dichter bereits hier frchtet sentimental zu sein, soda er sich
(mit der spter so sehr gepriesenen Ironie) beeilt, den Eindruck auf
den Leser zu vernichten, den seine Begeisterung geweckt hat, indem er
Harlekin mit einer Plattitde das Stck beschlieen lt.

Ein paar Jahr spter erschien Heiberg's =Weihnachtsscherz und
Neujahrsspiele=, eine Fortsetzung meines Sct. Hansspieles. Dieses Stck
steht ohne Zweifel den frhern um Vieles nach. Es ist in seiner ganzen
Composition eine Nachahmung von Tieck's gestiefeltem Kater, Zerbino
und der verkehrten Welt. Der ganze Spa, die Illusion aufzuheben,
und die Zuschauer selbst mit in die Handlung zu verwickeln, ist nach
Tieck. Doch fehlt es mehreren Scenen nicht an Witz und Humor. Die kleine
Nanine tritt schn und ergreifend auf; doch verschwindet dies, wenn
sie in den Himmel kommt, und die Engel das irdische Weihnachtsspiel
nur fortsetzen, das doch wohl eine Ahnung von etwas viel Hherm
jenseits sein soll. Die Satyre ber den Mangel an Fleisch und Blut in
der =Ingemann'schen Blanca= ist treffend. In einem Dialoge, der sich
nicht gengend in Kraft und Begeisterung erhebt, entwickelt sich ein
dem Gil Blas entnommener Stoff der auf die Menge durch schne lyrische
Stellen wirkte, in dem aber der Haupteindruck doch peinlich wird,
weil es ein Unglck ist, das durch Intrigue oder Miverstndnis ohne
Entwickelung groer und interessanter Charaktere geschieht. Dem milden,
ruhigen Ingemann, der die Literatur durch so viele schne, besonders
elegische Gedichte bereichert, und viele Leser dadurch erfreut hat, da
er in seinen dichterischen Erzhlungen den Volkston zu treffen wute,
fehlt das Feuer, der Pathos, den die Tragdie nicht entbehren kann.
Bei dem Norweger =Boye=, der kurz darauf mehrere Dramen fr die Bhne
dichtete, finden wir Feuer und Pathos; dagegen wieder zu wenig Milde und
schaffende Phantasie.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Zeuthen und Rahbek.]

[Sidenote: Schrdersee.]

In diese Jahre fiel meine Bekanntschaft mit der =Zeuthen'schen= Familie,
welche spter als unsere Kinder aufwuchsen, durch das ganze Leben
fortgesetzt und zur Freundschaft wurde. Den alten Etatsrath Zeuthen
hatte ich bereits in meiner Kindheit gekannt, als er, ein eifriger
Freund der Schule fr die Nachwelt sich derselben eifrig annahm und ich
oft beim Examen den muntern, imposanten Mann mit dem klugen Gesichte und
den feurigen braunen Augen als Director sah. Spter in meiner Jugend,
als ich Rahbek's Freund wurde, hrte ich diesen und Andere oft Gutes
von Zeuthen reden; obwohl sie nicht miteinander umgingen. Zeuthen und
Rahbek waren beide Jtlnder, aus den Drfern, nach denen sie genannt
wurden. Sie waren beide mit dem reichen =Knud Lyne= verwandt, nach dem
Rahbek seine Vornamen empfing, und von dem er viel erbte; Zeuthen zwar
am meisten, aber Rahbek, soviel ich wei, doch 12,000 Reichsbankthaler,
fr damalige Zeit eine nicht unbedeutende Summe. Zeuthen, der Jurist,
spter Assessor am Hof- und Stadtgericht und Geldmann war, schlug Rahbek
vor, sein Vermgen so zu verwalten, da er gute Zinsen erhalten und
mit der Zeit durch Ankauf von Grundstcken gleich Zeuthen reich werden
sollte. Aber das wollte Rahbek durchaus nicht, er trug das Geld in der
Tasche; nach Rousseau'schen Ideen meinte er, Geld msse ein gemeinsames
Eigenthum fr Alle sein; mit diesen communistischen Grundstzen lieh
er, oder richtiger gesagt, gab er seinen Freunden, was sie brauchten;
er selbst machte eine Reise ins Ausland auf eigene Kosten, ohne Buch
zu fhren, oder auch nur etwas aufzuschreiben, und so whrte es nicht
lange, bis der gute Rahbek nicht einen Schilling mehr besa, und oft
in Verlegenheit gerieth, wenn die guten Freunde, an die er sich nun in
der Noth wenden mute, seine communistischen Grundstze nicht theilten.
Es whrte dagegen nicht lange, als sich Zeuthen ein schnes Gut kaufen
konnte. Dergleichen mochte Rahbek aber nicht, das war ihm zu vornehm.
Da zwei Menschen von so durchaus verschiedenem Character nicht Neigung
empfanden zusammen zu leben, ist begreiflich, doch achteten sie
gegenseitig ihre guten Eigenschaften und Zeuthen hatte auch Sinn fr
die schnen Wissenschaften; obgleich man eigentlich nicht sagen konnte,
da er ein Schngeist war. In der ersten Zeit unserer Bekanntschaft
hatte er ein prchtiges Fest veranstaltet, was er hufig that. Hier fand
ich einen Mann bei Tisch, den ich oft in meiner Kindheit, in steifer
Uniform als Gardecapitain im Friedrichsberger Schlohofe herumstiefeln
gesehen, und von dem ich damals nicht ahnte, da ich jemals sein
Tischnachbar werden wrde; er war der Kammerherr =Schrdersee=. Obgleich
ich glaube, da er von einem gelehrten Grovater abstammte, hatte
Schrdersee in seiner Jugend doch dem Studentenwesen einen tdtlichen
Ha geschworen; er war ein sehr eleganter, steifer, gepuderter Officier;
an der Fehde, die zu Ewald's Zeit zwischen jungen Officieren und
Studenten, veranlat durch Bredal's dramatisches Journal, stattfand,
soll Schrdersee krftig Theil genommen haben, und man glaubt, da Ewald
eine Tirade in seinen brutalen Claqueurs auf ihn bezogen habe. Es war
recht merkwrdig mit diesen Lieutenants- und Studentenfehden, die sich
damals oft wiederholten; aber sie trugen doch alle nach und nach dazu
bei, die hliche feindliche Trennung zwischen Kriegern und Gelehrten
aufzuheben, bis endlich die Jnglinge der militairischen Hochschule und
der Universitt einander wie Brder herzlich umarmten. Hierfr knnen
wir bereits Holberg danken, der in seinem Jakob v. Tyboe das _us_ und
das =von= verspottete. In Deutschland hielt sich diese Trennung bis in
die neuesten Zeiten aufrecht, aber aus einem ganz andern Grunde, hier
standen Adel und Brgerschaft sich gegenber; und hier ging es nicht wie
im Norden, wo dieses Vorurtheil sich niemals eingewurzelt hatte, wo das
deutsche Von, das uns von Holstein hergekommen war, sich nicht in die
Marine eingenistet hat, und wo der Adel seinen Todessto im Jahre 1660
erhielt. Aber um auf Schrdersee zurckzukommen, so beschuldigte man
ihn, in seiner Jugend zu jenen Bramarbasirern gehrt zu haben. Wenn er
im Parquet mit seinem gepuderten Kopfe und seiner groen Nase dastand,
so blickte er oft auf eine Weise ins Parterre, welche die demokratischen
Kpfe daselbst verdro. Aber Schrdersee war in der Periode, wo ich
ihn kannte, lter, zahmer und billigdenkender geworden. Wenn er auch
keine Kenntnisse hatte, so war er doch ein witziger Kopf. Als der
Danebrog-Orden auf mehrere Grade erweitert und er Ritter wurde, und man
ihm gratulirte, antwortete er: Er ist noch sehr =jung=! womit er
meinte, da er, als ein alter Cavalier, auf einen hhern Grad gehofft
hatte. Als Graf Yoldy, frherer spanischer Minister, Oberkammerjunker
wurde, auf welchen Posten Schrdersee gehofft hatte, scherzte der Knig
einmal mit ihm und sagte: Schrdersee! Ihr scheint mir in der letzten
Zeit so steif geworden zu sein. Ew. Maj., antwortete Schrdersee,
das kommt daher, weil ich eine spanische Fliege im Nacken habe. --
Hier bei Zeuthens richtete er eine Replik an mich, die sehr gutmthig
und entschieden den Gegensatz von stolzer Eitelkeit war. Denn als der
Wirth, wie ich zum ersten Male bei ihm speiste, nach alter Sitte einen
Toast proponirte, Denen zu Ehren, die die Kunst und Kultur im Lande
befrdert hatten, rief Schrdersee laut ber den Tisch mir zu: Der
Toast gilt uns Beiden!

Einige Jahre darauf begegnete ich ihm wieder auf der Marmorbrcke beim
Christiansburger Schlo. Wie befindet sich der Herr Kammerherr? fragte
ich. Ach was, schlecht geht's mir, antwortete er; ich bin ein
altes Pferd; den man eine Kugel durch den Kopf jagen mu߫! Damit zeigte
er auf das Ohr, wo die Kugel hineingehen sollte, und verlie mich.
Wenige Tage darauf begegnete ich auf derselben Stelle dem Oberhofmeister
der Knigin, Brockenhuus. Wir waren sehr gute Freunde vom Theater her,
wo er mir einmal gesagt hatte, als er von seinen Vorfahren sprach:
Wir kamen mit Erik von Pommern hieher. Bei dieser Begegnung auf
der Marmorbrcke wandte er sich nun wehmthig nach dem Schlo zu und
sagte: Sie knnen glauben, da habe ich viel Plaisir gehabt! Nun,
antwortete ich, Ew. Excellenz knnen noch viel Plaisir auf der Welt
haben. Ach, seufzte er, ich werde nie wieder soviel Plaisir
haben. Er ging; ich stand einen Augenblick im Nachdenken versunken,
und gedachte der Zeit, wo ich als kleiner Knabe 1796 auf dieser Brcke
stand, in der finstern Nacht das Schlo mit den gelben, rothen und
blauen Flammen und mit der dunkeln Rauchwolke brennen und den Thurm
wanken und mit starkem Gerusche mit drei Donnerschlgen durch alle drei
Stockwerke hindurchstrzen sah. _Sic transit gloria mundi!_

[Sidenote: Die Familie Zeuthen.]

Der Leser verzeihe mir diese und hnliche Ideenassociationen, welche
einige Gleichheit mit der lange gestatteten =lyrischen Unordnung= in der
Ode haben, und welche zu erwhnen zult, was sonst nicht berhrt werden
knnte, und das doch nicht ohne Interesse ist und dazu beitrgt, ein
Zeitgemlde zu vervollstndigen.

Mehr als mit dem alten Zeuthen lebte ich mit seinem Sohne Wilhelm,
Assessor im Hof- und Stadtgericht, spter im hchsten Gericht, und mit
dessen Frau und Schwester, die beide geistvolle und begabte Naturen
waren. Wilhelm Zeuthen wurde mein Freund; wir brachten mehrere Jahre
in traulichem Zusammenleben zu, und besuchten einander oft. Als seine
und meine Kinder aufwuchsen, dehnte sich die Freundschaft auch auf sie
aus, und wir brachten jeden Sommer mehrere Wochen bei ihm zu. Sein
jngerer Bruder lebte im Auslande, und ich lernte ihn nie kennen.
Wilhelm Zeuthen war seinen Grundstzen nach liberal; er liebte die
Poesie und zeigte mir groe Zuneigung. Dieser schne, starke, feurige,
junge Mann hatte dasselbe Unglck wie Bentzon: er hinkte etwas in
Folge eines unglcklichen Zufalls in der Kindheit. Dadurch fehlte ihm
die nothwendige Bewegung und das wurde ein Nagel zu seinem Sarge. Da
er nicht genug gehen konnte, so versuchte er zum Ersatz auf einem
kleinen Wagen ohne Federn zu fahren, der unmenschlich stie. Einmal
lud er mich schelmisch ein, solch eine Spazierfahrt mitzumachen, ich
kannte den Wagen nicht, setzte mich hinauf, und wurde ganz entsetzlich
durchgeschttelt, ohne sein Mitleiden zu erwecken, da er meinte, da
mir, der etwas bequem sei, so etwas ganz gut bekommen wrde. Er hatte
eine ganz herrliche Tenorstimme und erfreute mich oft durch seinen
Gesang. So lebten wir mehrere Sommer zusammen. Da starb er an einer
pltzlichen Krankheit in Kopenhagen. Er sollte auf dem Kirchhofe seines
Guts begraben werden, und seine Freunde zogen einen Tag vorher hinaus
um ihn zu Grabe zu geleiten. Welch' trauriges Gefhl, als wir hier als
Gste zum letzten Male in seinem Hause schliefen. Wir saen in der
Dmmerung noch beim Mittagstische -- da hrten wir einen Wagen auf dem
Hofe rollen. Es war der geschlossene Wagen mit der Leiche. Unser lieber
Wirth, unser lebensfroher, gastfreier Zeuthen sa nicht mehr unter uns
-- rothwangig mit den funkelnden, schnen, braunen Augen. Nun brachten
sie seinen entseelten Krper. Wir erhoben uns Alle schweigend, drckten
einander die Hnde, und ich dachte: Das ist das Loos des Schnen auf
der Erde.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ich studire wieder Latein.]

Im Jahre 1820 lag es mir als Professor ob, das Universittsprogramm zu
schreiben, und die lateinische Rede am Reformationsfeste zu halten. Ich
hatte eine Zeit lang vorher wieder die Rmersprache vorgenommen, die
ich seit meiner juristischen Studienzeit versumt hatte. Nun las ich
fleiig, besonders Cicero's Schriften, doch auch die Dichter, von denen
mich besonders Ovid interessirte, und ich gab Holberg fast Recht, da
er der beste der rmischen Poeten sei. Er hat nicht Virgil's Reinheit
und Klarheit, aber er ist origineller. Unter den Alten nherte er
sich am meisten den modernen Dichtern, weil er der Einzige ist, der
das Herz rhrt. Das hat ihm eine gewisse Schule zur Last gelegt, und
ihm weiche Sentimentalitt vorgeworfen. Da diese ihn oft, besonders
in seinen Tristien hingerissen hatte, will ich gern zugestehen. Aber
es waren auch nicht solche Klagen, die mich rhrten. Seinen schnen,
epischen Dichtungen Daphne, Philemon und Baucis, und besonders Pyramus
und Thisbe, diese antike Romeo und Julie waren es, die im Vortrage und
in der Schilderung der Gthe'schen Poesie gleichen. Da ich Dichtung und
Studium nicht gut von einander trennen konnte, so bersetzte ich diese
Sachen, ebenso wie ich vor einigen Jahren Horaz, Properz und Catull
bersetzt hatte.

Aber nun sollte ich selbst Lateinisch schreiben! Es gab freilich einen
bequemen Ausweg, dem es nicht an Beispielen fehlte, es von einem Andern
machen zu lassen. Aber da ich es niemals leiden konnte, eine Fertigkeit
vorzugeben, die ich nicht besa, so beschlo ich lieber in Gottes Namen
in meinen alten Tagen (ich war damals 40 Jahre alt) wieder in die Schule
zu gehen, einen Lehrer im Lateinischen zu nehmen, und bei ihm tglich
zu arbeiten. Das that ich denn auch und Herr =Repp= half mir ein Jahr
lang treulich. Aber hier zeigte sich nun eine Eigenthmlichkeit, welche
mich verhinderte, die Sache zur Reife zu bringen. Es ist mir stets
unertrglich gewesen, viel Grammatik zu lernen; ohne diese hatte ich
meine Muttersprache, und merkwrdigerweise auch die deutsche gelernt,
in der ich nach dem Urtheil von Sachverstndigen mit den Besten
wetteifern konnte, obgleich ich -- aus jenem Grunde -- niemals kleine
Fehler vermeiden konnte, die von Andern leicht gendert wurden. Mit
dem Allernothwendigsten, den Declinationen, den Conjugationen und den
wichtigsten Regeln versehen, begab ich mich auf das Glatteis des Styls,
wobei oft der komische, aber sehr natrliche Fall eintrat, da ein Satz,
von dem mein Lehrer erklrte, da er Ciceronianisch sei, mit einem argen
Sprachfehler abwechselte, den ich doch gleich selbst ndern konnte, wenn
ich darauf aufmerksam gemacht wurde. So sa ich also ein paar Jahre
und bte mich, erst mit Herrn Repp, spter mit meinem Freunde, dem
Oberlehrer Olsen. Mit Repp fing ich auch an, Lateinisch zu sprechen,
wenn wir nach Friedrichsberg zusammen spazieren gingen. Ich entsinne
mich noch, da ich ein Mal mit ihm in der Allee vor dem Kirchhofe bei
einem schwierigen Satze stehen blieb, und es htte mich gar nicht
gewundert, wenn die Todten sich ber meine Phrase im Grabe umgewendet
htten.

Indessen bekam ich im Laufe eines Jahres noch einige Fertigkeit, und
flickte mein Programm und meine Rede zusammen, die von den Betreffenden
durchgesehen und gereinigt, nicht ganz zu verwerfen war, und sogar vom
Bischof Fogtmann der _=copia verborum=_ wegen gelobt ward, die sich
darin befand, was daher kam, weil ich unverdrossen mein Lexicon benutzt
hatte. Auerdem gehen Geschmack und Wahl der Worte aus einer Sprachform
in die andere ber, und hierin kam mir meine Fertigkeit im Dnischen und
Deutschen zu Hlfe. Oft, wenn mir ein Wort fehlte, das meine Lehrer mir
gesagt hatten, schttelte ich so lange mit dem Kopfe, bis das rechte
kam, in dem die feine Nancirung ausgedrckt war, die ich bezeichnen
wollte. Ich kannte das Wort wohl, aber ich hatte es nicht gleich im
Gedchtni zur Hand.

[Sidenote: Professorengesellschaften.]

Da ich nun einmal dabei bin, meiner lateinischen Arbeiten zu erwhnen,
und wohl kaum wieder darauf zurckkomme, will ich bemerken, da ich
mehrere Jahre spter, 1828 und 1829 zwei lateinische Reden als Dekan und
Prodekan; 1832 wieder zwei als Rector, 1834 eine als Dekan, und endlich
1847 eine ganz kleine in derselben Eigenschaft hielt; von diesen lie
ich mir doch zwei von einem guten Freunde bersetzen, da mir schien, da
ich mich lange genug mit einer Uebung herumgeqult hatte, bei der doch
Nichts weiter herauskam.

                    *       *       *       *       *

Da ich hier einmal bei der Universitt bin, will ich, ohne mich ngstlich
an die Chronologie zu halten, der =Professorengesellschaften= erwhnen,
die eine Zeitlang fortgesetzt wurden. Diese Professorengesellschaften
waren fr mich die langweiligsten Gesellschaften, denen ich in meinem
ganzen Leben beigewohnt habe. Nicht als ob es an vortrefflichen,
geselligen Leuten gefehlt htte; aber Ton und Einrichtung waren
im Ganzen nicht nach meinem Geschmack. Eigentlich waren lange
Abendgesellschaften, in denen weder musicirt noch Karten gespielt wurde,
nie nach meinem Sinn, selbst wenn Damen daran Theil nahmen. Hier waren
nun keine Damen, mit Ausnahme der Wirthin; es wurde Taback geraucht
und Punsch getrunken. An keinem von Beiden konnte ich Theil nehmen, da
ich in diesem Jahre starke Anflle von Podagra bekam, welche Krankheit
mich zwar nicht verlassen hat, aber doch in der sptern Periode meines
Lebens viel milder geworden ist. Hierzu kam, da ich verstimmt und
zurckhaltend in einer Zeit war, wo ich so viele Gegner hatte; meine
Collegen waren auch zum Theil aus Bescheidenheit und Delikatesse
zurckhaltend gegen mich. Aber selbst an und fr sich hatte hier, wie
es wohl gewhnlich der Fall ist, eine Versammlung von Gelehrten kein
besonderes gesellschaftliches Talent. Sie gingen meistens mit ihren
Pfeifen umher und unterhielten sich in einzelnem Gesprch. Sobald der
Anstand es gestattete, zog ich mich zurck und ich glaube, da Mehrere
meinen Geschmack getheilt haben, weil die Gesellschaft in ein paar
Jahren ganz aufhrte. Junge Studenten, bei denen jeder Gegenstand neu
ist, und Veranlassung zum Gesprch giebt, knnen sich auf diese Weise
wohl unterhalten; aber wenn der Aeltere sich auf solche Art unterhalten
soll, so kann er auch mit Gthe sagen:

                   So gieb mir auch die Zeiten wieder,
                   Da ich noch selbst im Werden war.

Mit meinen Freunden, den Professoren Peter Erasmus Mller, Jens Mller
und dem Arzt, Etatsrath Herholdt, setzte ich den Umgang fort, und wir
spielten oft L'hombre zusammen. An P. E. Mller knpfte mich besonders
unsere gemeinsame Liebe zu dem Altnordischen. Mein Jugendfreund J.
P. Mnster, damals Prediger an der Frauenkirche, war auch in der
Professorengesellschaft gewesen; er heirathete eine Tochter des Bischofs
Mnter, wir besuchten einander und sahen uns oft bei Rahbeks und Mnters.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Siboni.]

Ungefhr zu der Zelt kam ein Mann nach Kopenhagen, der Epoche in der
musikalischen Welt machte, der Gesanglehrer =Siboni=. Knig Christian
VIII. hatte, als Prinz, ihn in Italien kennen gelernt, wo Siboni sich
als Tenorist auszeichnete; spter wurde er Singmeister, und fast ebenso
berhmt, wie jetzt Garcia geworden. Was Wunder da man ihn unter sehr
gnstigen Bedingungen nach Kopenhagen rief. Der groe, sehr schne,
krftige Italiener kam, und machte gleich in der vornehmen Welt und
besonders bei den Damen groes Glck. In den ersten Jahren spielte er
zuweilen auch eine musikalische Heldenrolle auf der Bhne; aber obgleich
er wie ein Held aussah, und sich einen Theil von Talma's Manieren
angeeignet hatte, so ward ihm doch bisweilen die Stimme untreu, und wenn
er gleich den Mangel an Kraft im Tone durch Triller und Rouladen zu
verbergen suchte, so half das doch nicht viel, und er hrte bald selbst
auf, als Snger zu wirken. Dagegen wurde er nun ein vortrefflicher
Gesanglehrer, dessen unser Theaterpersonal dringend bedurfte, auch
bildete er einige gute Schler, obgleich sein Umgang mit den Groen, die
ihn Alle zum Privatlehrer fr ihre Tchter haben wollten, ihm viele Zeit
raubte.

[Sidenote: Musikalische Zustnde.]

Einige Jahre vorher war Rossini aufgetreten und setzte die Welt durch
sein Genie in Erstaunen. In seinen Opern hatte Siboni geglnzt, er
konnte sie auswendig, betete ihren Componisten an; was Wunder, da er
versuchte, sie auf die dnische Bhne zu verpflanzen? Aber hier traf
er auf Widerstand. Weyse und spter Kuhlau hatten auf die dnische
musikalische Welt eingewirkt, wo vorher Naumann, Schulz und Kuntzen
geblht hatten. Fremde, welche diese nicht kannten, beschuldigten
die Dnen, unmusikalisch zu sein. Viel vortreffliche Stimmen haben
wir nicht gehabt; die rauhe Luft in der Nhe des Meeres, der hufige
Wind und Regen wirken nicht wohlthtig auf die Stimme ein; da diese
Elemente aber auch auf das Ohr und die Seele in Bezug auf Empfngni
musikalischer Eindrcke ungnstig einwirke, wre wohl thricht zu
behaupten. Das tiefe Gefhl fr das Poetische in der Musik hat der
gebildete Dne wohl eben so gut, wie fr die Poesie selbst; und
dramatische Musik, welche Leidenschaften, milde Gefhle und Charaktere
ausdrcken soll, mu immer poetisch sein.

Rossini, der schon als kleiner Knabe mit seiner Mutter auf dem Theater
sang, entwickelte frh sein Talent, aber erst spter seinen Geschmack
und sein Gefhl. Nach vielen mittelmigen Versuchen componirte er die
Oper Tancred, die auerordentliches Glck machte. Es zeigte sich auer
der fruchtbaren Phantasie in der Erfindung von Melodieen, in Rossini's
Compositionen eine Richtung, welche neu war, und also Aufsehen machen,
eine Modesache werden und zur Nachahmung reizen mute. Sowie Haydn
und Mozart den eigentlichen Gebrauch der Blasinstrumente in die Musik
einfhrten, so versuchte Rossini die menschliche Stimme selbst zu einem
Blasinstrumente zu machen. Kein Instrument erreicht die Menschenstimme
an Wohlklang; Rossini fand, da besonders die Frauenstimme ebensogut wie
Oboe, Violine und Clarinette, die schwierigsten Passagen in der Musik
ausfhren konnte. Nun componirte er Gesangsnummern, in denen Dieses
stattfand, wo der eigentliche Gesang ganz von Trillern, Rouladen u. s.
w. betubt und verziert wurde, soda derselbe eine untergeordnete Rolle
spielte. In seinem Vaterlande fand er schne Stimmen, die durch Uebung
vermochten, diese Compositionen mit grter Reinheit, Gewandtheit und
Strke auszufhren. Was Wunder, da diese neue Erfindung, dieser bisher
nicht dagewesene Genu, eine auerordentliche Wirkung auf die Menge
ausbte, die berhaupt stets mehr von dem Sinnlichen als dem Geistigen
hingerissen wird. Ja selbst die tiefer und wahrer Fhlenden erstaunten
ber diese neue Erfindung, und die seltene Virtuositt in der Ausfhrung
sagte ihnen im Anfange zu. Aber bald sahen alle wahren Kenner ein, da
dieser Luxus, wenn er fortgesetzt und bertrieben wrde, zum Untergange
des reinen Geschmackes und der wahren Musik beitragen msse, weil
dieser sich zu sehr von der Natur entfernte. Die italienische Musik hat
oft an solchen Ausschweifungen und Uebertreibungen gelitten. Schon in
der Mitte des 16. Jahrhunderts wollte Papst Marcellus II. die entartete
Musik, als des Gottesdienstes unwrdig, aus der Kirche vertreiben, als
Palstrina sie rettete.

Der abscheuliche Mibrauch, Castraten Liebhaber spielen zu lassen,
vernderte sich nun in Rossini's Zeit so weit, da jetzt Frauenzimmer
mit starken Altstimmen Liebhaber spielten, denn wirkliche Mnner
darin auftreten zu lassen -- zu einer solchen Trivialitt konnte die
italienische Kunst sich nicht herablassen -- deshalb hatte stets ein
Frauenzimmer den Helden Tancred gespielt und gesungen, und das geschah
auch hier. Diese musikalische Haupt- und Staatsaction hat mir, trotz
aller seiner schnen Melodieen und seines brillanten Accompagnements nie
gefallen.

Da nun Siboni durchaus kein Interesse fr die deutsche, franzsische
und dnische Musik hatte, da bei festlichen Gelegenheiten nur
Rossini'sche Opern aufgefhrt wurden: so weckte dies das Mivergngen
des Nationalgefhls, und gab Veranlassung dazu, da sich eine Partei
im Theater bildete, die, um sich zu rchen, stets die italienischen
Opern auspfiff, welche den Tag nach dem Feste aufgefhrt wurden, was
gewi sehr ungerecht war. Aber sie entschuldigte sich damit, da sie
nicht die Musik, sondern die Wahl der Opern auspfiff. Der Hof stand
ganz auf Siboni's Seite; ich hatte gehrt, da der Knig bse auf mich
sei, weil er glaubte, da ich Theil daran htte; ich eilte zu ihm
hinauf, um ihn von meiner Unschuld zu berzeugen. Ja, sagte er, ich
glaube wohl, da Sie nicht unmittelbar daran Theil genommen haben, aber
doch mittelbar. Weder mittelbar noch unmittelbar, Ew. Majestt!
antwortete ich; ich hasse Spectakel im Tempel der Kunst zu sehr, und
habe selbst zu viel durch Kabalen gelitten, als da ich sie gegen Andere
ausben sollte. Ja, ja! antwortete er und legte die Hand auf meine
Schulter: ich wei, Sie sind ein braver Mann. Damit ging ich.

Ich nannte es unbillig, da man die Rossini'schen Opern auspfiff, und
das war es gewi, wenn auch Dinge darin vorkamen, die gegen den guten
Geschmack und den natrlichen Sinn verstieen, und als es erst Mode
war, wurde, wie in der franzsischen Revolutionszeit, alle Musik, die
den aristokratischen (hier italienischen) Schnitt hatte, zur Guillotine
geschleppt. Es that mir unter Anderm sehr leid, da wir nicht _La gazza
ladra_ zu hren bekamen, in welcher Oper auch das Sujet schn ist: eine
stehlende Elster, die ein unschuldiges Mdchen auf das Schaffot bringt,
aber sie im Augenblicke des Todes wieder rettet.

Bei Geheimrath Malling's hrte ich oft schne Melodieen vortragen.
Die lteste Tochter (spter Frau Professorin Hohlenberg), hatte eine
herrliche Stimme. In dieses Haus kamen auch Weyse und Siboni. Man
kann sich nicht zwei verschiedenere Menschen denken. Jener bleich,
krnklich, ein Sonderling, grtentheils fremde Musik verschmhend, und
aus der Wieland'schen Schule hervorgegangen, auch die meiste neuere
Poesie verdammend; aber Weyse war ein musikalisches Genie, phantasirte
unvergleichlich schn, war in Sprachen und selbst in Metaphysik
bewandert, witzig, schelmisch und unterhaltend, wenn er bei guter Laune
war. Er ging am liebsten mit ganz jungen Leuten um, hatte eine groe
Anzahl von Freunden unter diesen, und spielte ihnen gern etwas vor. Er
war ein ausgezeichneter Virtuos auf dem Fortepiano gewesen; spter gab
er sich nicht mehr damit ab; erst als =Moscheles= uns einmal besuchte,
bekam er Lust, sich wieder zu ben, und Moscheles erstaunte ber seine
Fertigkeit, in der er selbst ihm nur wenig nachgab. Weyse war ein armer
Kaufmannslehrling in Altona; hier entdeckte der Professor Cramer in
Kiel sein musikalisches Genie und sandte ihn zum Kapellmeister Schulz
nach Kopenhagen. Weyse hatte sich selbst mit einer gewissen Fertigkeit
Klavierspielen gelehrt, Schulz mute ihm erst den falschen Fingersatz
abgewhnen und ihm den richtigen lehren. Uebrigens that er in den
ersten Jahren nicht viel, und Schulz soll einmal, unzufrieden darber,
gesagt haben: Wenn ich =sein= Genie htte, was wrde aus =mir= geworden
sein! Er meinte nmlich, verbunden mit der Charakterstrke und dem
tiefen Gefhl, was er selbst hatte. Der Grundton in Weyse's Wesen war
eine muntere Schelmerei, ein origineller Humor, daher ist gewi auch der
Schlaftrunk als seine beste dramatische Composition zu betrachten;
aber er besa auch eine reiche trumerische Phantasie und ein fein
elegisch schwrmerisches Gefhl. Das Spukwesen in Ludlam's-Hhle
ist vortrefflich ausgedrckt, und in vielen Nummern zeigt sich auch
tiefes Gefhl und schne Humanitt. Selbst von Denen, welche Weyse als
Theatercomponisten nicht lieben, wurde doch seine Kirchenmusik sehr
geschtzt. In dieser zeigen sich gewi die erwhnten Eigenschaften oft
mit den herrlichsten Harmonieen verbunden, welche darlegten, da Weyse's
Compositionen ihre Nahrung ebenso sehr in der grndlichen Bach'schen
Schule, wie in der alten italienischen Kirchenmusik gefunden hatten,
und da er ein wrdiger Schler von Schulz war; doch fehlte ihm das
warme Herz und die echte christliche Begeisterung desselben. In Weyse's
Kirchenmusik finde ich den religisen Knstler mehr als den religisen
Menschen; er ist auch nicht, wenngleich im Besitz viel reicherer
musikalischer Mittel, nicht so originell und melodienreich als Schulz.

Kuhlau war durchaus anders als Weyse. Letzterer, der fast von seiner
Kindheit auf hier gewesen war, war Dnisch geworden; Kuhlau blieb
immer Deutsch. Kuhlau war ein schner Mann mit rothen Wangen, hatte
aber in seiner Jugend das Unglck gehabt, ein Auge zu verlieren. Er
gab sich weder mit fremden Sprachen noch Wissenschaften ab; er trank
sein Glas Wein, rauchte seine Pfeife Taback, war ein gelehrter Musiker
und componirte schne Musik. In seiner Musik waren nicht der Duft, die
Schwrmerei, die geistigen Ahnungen, wie in Weyse's; aber mehr Krper,
strkere Effecte, grerer Melodienreichthum, und mehr lebendige
dramatische Bewegung. Nach Kuntzen's Tod wre es Weyse leicht geworden,
Kapellmeister zu werden, wenn er es darauf angelegt htte. Aber er
war zu bequem fr dieses Amt und verstand auch nicht, das Ganze mit
Kraft und Bestimmtheit in Ordnung zu erhalten. Kuhlau wurde es auch
nicht. =Schall= dagegen, der Concertmeister war, wurde nun Chef vom
Orchester, wozu er sich vortrefflich eignete; dagegen verachteten Weyse
und Kuhlau ihn als Componisten, woran sie gewi Unrecht thaten. Kuhlau
sagte von ihm: Er kann nicht acht Tacte nacheinander richtig setzen.
Das war sehr bertrieben; aber es ist ganz gewi, da Schall von
Kindesbeinen auf beim Theater erst als Figurant, dann als Repetiteur,
endlich als Concertmeister durch practische Uebung einen groen Theil
Dessen ersetzte, was ihm als Theoretiker abging. Er war ein echt
musikalisches Genie; seine erste Arbeit, =die Chinafahrer= ist voller
Leben und Humor. Zur Balletcomposition hatte er ein entschiedenes
Talent. Zuerst zeigte er dies in kleinen komischen Balleten. Seine
Compositionen von Lagertha, Rolf Blaubart und Romeo sind vortrefflich;
und ungeachtet aller grammatikalischen Fehler (d. h. Fehler gegen den
Generalba; den Kirnberger konnte er nicht verstehen, als mein seliger
Schwiegervater ihm diesen lieh) waren seine Musikstcke voll Effect,
Melodie, Charakter, und einige von ihnen in einem tragischen Fluge und
einer Begeisterung, in der weder Weyse noch Kuhlau ihn erreichten. Aber
Galleotti, der die Ballete zu Schall's Musik componirt hatte, war nun
todt; die Ballete wurden nur selten aufgefhrt und Bournonville, der
spter Galleotti bedeutend berragte, war noch nicht aufgetreten.

                    *       *       *       *       *

Die vortrefflichen =franzsischen Singspiele= hatte unser Theater von
Monsigny's Deserteuren bis zu Boyeldieu's Rothkppchen mit Glck
aufgefhrt; nicht die stark pathetische Musik darf man in diesen Stcken
suchen; dagegen werden die Gefhle der Liebe, der Humanitt, der
Munterkeit, eines milden Mitleides, echte franzsische Nationalitt,
Anmuth und Naivett in diesen originellen und schnen Compositionen
ausgedrckt, und das franzsische Singspiel ist gewi eine der schnsten
Blumen in der franzsischen Kunst. Welche Namen begegnen uns hier nicht?
=Monsigny=, =Gretry=, =Daleyrac=, =Isouard=, =Mehul=, =Cherubini= (ganz
franzsisch in diesem Genre), =Boyeldieu=, sowie auch spter =Auber=.
Und die Texte zu diesen Stcken sind oft vortrefflich, wenn auch nicht
von Seiten der Ausfhrung, so doch des Stoffes und der Situationen: der
Deserteur, der Bttcher, Felix, Zemire und Azor, Richard Lwenherz, die
kleinen Savoyarden, Joconde, der Schatz, Aschenbrdel, Rothkppchen, die
weie Dame, der neue Gutsbesitzer u. s. w. Der groe =Gluck=, obgleich
ein Deutscher, hatte seine musikalischen Tragdien zu franzsischen
Texten gedichtet. In Mehul fand er einen groen und wrdigen Nachfolger,
denn Joseph in Egypten verbindet die hohe Einfalt und den Pathos
Gluck's mit musikalischem Reichthum und Anwendung von Instrumenten der
neuern Periode. Auch Auber wute sich dieses Pathos auf eine Weise zu
bedienen, die in die politische Stimmung eingriff, soda seine Stumme
von Portici der Vorlufer und Befrderer einer Revolution ward, sowie
eine Comdie, Figaro's Hochzeit, der einer frhern gewesen war. Durch
die schne, genureiche Verbindung von Poesie und Musik, von Schauspiel
und Oper, hatte sich die _Opra comique_ in Paris stets ausgezeichnet,
und, was gute Schauspieler betraf, dem _Thtre franais_ fast stets
die Spitze geboten. Auch bei uns hatte das Talent in diesen Stcken,
von Frau Walters bis zu Madame Frydendahls, Gielstrup's, Knudsen's und
Frydendahl's Zeit geblht. So war der Zustand auf unserer musikalischen
Bhne, als Siboni mit seinem mchtigen Rossini kam, der ganz Europa
eingenommen hatte, und nun auch uns einnahm.

Der Wessel'sche Vers:

                  Die theuren Dnen will ich preisen,
                  Wenn sie bescheiden sich erweisen,
                  Die Tugend trifft sich selten an.
                  Doch wenn sie gar zu weit getrieben,
                  Da Dnen alles Fremde lieben,
                  Ich nenn' es keine Tugend dann,
                  Denn er erniedrigt jeden Mann.

pate nun hier in Kopenhagen sowohl auf unsere, wie auf seine Zeit; aber
er konnte leicht miverstanden werden. Es mu ein Unterschied zwischen
den =gebildeten Dnen= (der grte Theil war vom Mittelstande), und
zwischen den Vornehmen (der grte Theil war aus den Herzogthmern),
gemacht werden. Von Knigin Margaretha's Zeit an, haben der Hof und
die Vornehmen stets Lust gehabt sich vom Volke durch die Sprache, erst
durch Deutsch, dann durch Franzsisch und Italienisch zu trennen.
Was mir besonders in Frankreich gefiel, war: da das ganze Volk Eine
Sprache redete, und da das Land keine Hofsprache hatte. Aber selbst
in Frankreich war die =italienische Oper=, wo das hohe Entre den
Mittelstand verhinderte hinzukommen, der Sammelplatz fr den Hof und die
_beau monde_. Hier sah man einander; die Oper war ein Sammelplatz, ein
Salon, eine Fortsetzung und Variation der Hofvergngungen; die Kunst
wurde als etwas Untergeordnetes betrachtet, nur die Virtuositt war es,
mit der man sich die Zeit vertrieb, und die man aus Eitelkeit protegirte.

Aber Eins drfen wir bei dieser Gelegenheit nicht vergessen: Christian
VIII. und seine holde Gemahlin, Caroline Amalie, waren in ihrer
schnsten Zeit im schnen Italien gewesen, wo Alle sie bewunderten
und darin wetteiferten, ihnen zu huldigen; hier hatten sie mehrere
Monate in dem herrlichen Neapel gelebt, und Rossini's Musik von den
grten Virtuosen vortragen gehrt. Wie natrlich, da sie einige Jahre
nach ihrer Heimkehr sich freuten, diese lieben Jugenderinnerungen zu
erneuern, die schne Sprache wiederzuhren, mit der sie so vertraut
geworden waren? Hierzu kam, da immer einige gute Snger da waren, die
die italienische Kraft im Ton mitbrachten, welche unser Klima selten
zult, und Madame =Forconi= war zu gleicher Zelt eine sehr gute
Schauspielerin voller Feuer und Gefhl.

Siboni war also eine Zeitlang hier der Herrscher ber den Geschmack in
der Musik. Es ist natrlich, da man mehrere komische Anecdoten von dem
feurigen Italiener erzhlte, der auch gleichsam das Dnische auf seine
Lippen zwingen wollte, ehe er es konnte. Seine Unwissenheit in der
Sprache gab auch zuweilen Veranlassung zu lcherlichen Miverstndnissen.

Nun lernten wir also recht Rossini kennen, dessen Moses, Othello und
besonders Wilhelm Tell ihn von einer viel grern Seite zeigten, als
wir ihn anfangs gekannt hatten. Auch der herrliche Bellini, dessen
Norma eine unvergleichliche Musiktragdie ist, erfreute uns. Den
auerordentlichen Lrm und die Ausschmckungen durch Fiorituren vergab
man gern dem Genie, wenn nicht die wirkliche Schnheit dadurch bertubt
und versteckt wurde, sowie spter von Donizetti und besonders dem ebenso
lrmenden, wie melodie- und characterlosen Verdi, der Jericho's Mauern
durch Posaunentne einstrzen lt, wenn ein Mdchen eine sliche
Liebesarie singt; dessen tragische und komische Musik ganz in demselben
Styl ist, und der das rothe Meer wie Eulenspiegel (aber ohne Witz) malt,
indem er die ganze Wand mit Zinnober bestreicht; fgt man nun noch
hinzu, da diese lrmenden Opern nur einigermaen damit entschuldigt
werden knnen, da sie fr ungewhnlich groe Schauspielhuser componirt
sind, so fiel diese Entschuldigung ganz fort, wenn man sie in einem
kleinen eingeschlossenen Raume, wie unser Hoftheater, hren mute, wo
sie -- was mich betrifft -- wie eine Bremse brummten, die Einem in's Ohr
gekommen war.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Die Vaudevilles.]

Man erzhlt von einem preuischen Prinzen, da er, als er einmal aus
diesen Stcken herauskam, wo sein Ohr sehr gelitten hatte, sich an der
milden Einwirkung des Zapfenstreichs erquickte, der ihn auf der Strae
entgegenkam. Auf eine viel angenehmere Weise sorgte J. L. =Heiberg=
fr unsere musikalische Erfrischung. Er verfate eine Reihe burlesker
Comdien, die er Vaudevilles nannte; aber sie standen sowohl im
komischen Humor, wie in musikalischer Beziehung, weit ber den meisten
franzsischen Vaudevillen, von denen sich doch einige in der idyllischen
und historisch-charakteristischen Art auszeichneten; Heiberg's Stcke
waren alle Das, was die Franzosen =Farcen= nennen; aber meine Leser
wissen, da ich mit dieser Benennung nichts Tadelndes verbinde, da ich,
im Gegentheil, selbst Schauspiele dieser Art gedichtet habe. Da spter
mein Freia's Altar, den ich wohl an die Seite der Heiberg'schen Farcen
zu stellen wage, in seiner fliegenden Post als ein jmmerliches Product
heruntergerissen wurde, darein mute ich mich, wie in so vieles Andere
fgen. Diese Stcke sind ohne Zweifel im Besitz von Humor und luftigen
Situationen; hierzu kommt, da sie in musikalischer Beziehung weit die
franzsischen Vaudevilles berragen, deren Dialog jeden Augenblick von
einem einzelnen Vers unterbrochen wird, welcher einen kleinen witzigen
Einfall (_pointe_) enthlt, auf eine bekannte Melodie von Schauspielern
gesungen wird, die gar keine Snger sind ja grtentheils nicht singen
=knnen=, und insofern gar keine Prtensionen machen, soda der Vortrag
bei ihren Liedern mehr Recitation als Gesang genannt werden kann. Auf
unserm Theater, wo Schauspiel und Singspiel verbunden sind, konnte
Heiberg wirkliche Snger anwenden. Seine musikalische Bildung und
sein Geschmack gaben ihm Gelegenheit, ganz vortreffliche Musiknummern
zu whlen, die durchaus zum Gegenstande paten, was nicht wenig zum
Erfolg der Stcke beitrug. Was ihnen aber noch mehr Beifall erwarb,
war die Art, wie sie nach den Talenten der Schauspieler berechnet
waren. So machte Knig Salomon und Hutmacher Jrgen, das in den
Hauptsituationen groe Aehnlichkeit mit dem Singspiel: =der Einzug=, vom
Vater des Dichters, hatte, auerordentliches Glck, hauptschlich durch
Ryge's vortrefflichen Juden. In den Aprilnarren stellte der herrliche
=Winslw= einen ganz eigenthmlichen Charakter in Zierlich dar. In
Der Recensent und das Thier und in die Unzertrennlichen stand
Rosenkilde als ein wrdiger Nebenbuhler Brnet's und Potier's in seinem
unvergleichlichen =Trop und Hummer= da. In Die Dnen in Paris und in
Kjge's Hauskreuz bewunderten wir Phister's herrliche, vortreffliche,
dnische Bauerjungen. Was aber in diesen Stcken besonders dazu beitrug,
ihnen die auerordentliche Kraft, mit der sie wirkten, zu verleihen,
war: da Thalia selbst vom Olymp herniederstieg und darin spielte. Sie
trat zuerst vermummt, wie eine kleine tanzende Terpsichore im Ballet
auf, und Heiberg war scharfblickend genug, um ihren Werth zu entdecken,
sich ihrer anzunehmen, sie erziehen und in seinen Stcken auftreten
zu lassen, wo sie alle Menschen durch ihre unbeschreibliche Grazie,
ihre muntere Schelmerei, ihre Anmuth und ihr Genie hinri. Spter hat
sie sein Leben als seine Gattin beglckt, und uns in vielen Rollen
Gelegenheit gegeben, ihre Reife zu bewundern. Auch meine Stcke hat sie
geehrt und ihnen gentzt. Ihr Talent, einen liebenswrdigen Jungen zu
spielen, zeigte sich in dem kleinen Schachspieler; in Gyda war sie
die tragische, abgelebte Hexe, und in Dina und Gudrun das anmuthige,
blhende, eigenthmliche Weib.

                    *       *       *       *       *

Als ich eine Zeitlang Deutsch geschrieben hatte, gab ich meine dnischen
Gedichte in drei Bnden heraus und schrieb einige Singspiele, ehe ich
wieder grere Werke anfing. Es geht dem Dichter wie dem Maler; die
Einfrmigkeit ermdet, die Abwechselung strkt. Ein thtiger Geist kann
nicht ganz ruhen. Aber es giebt eine leichtere Arbeit, die doch mehr
erquickt, als die bloe Ruhe. Diese Arbeit kann auch ein angenehmer
Genu fr den Leser und Zuschauer sein, dessen Geist nicht stets auf das
Hchste gespannt sein will. Wenn man den Strom tragisch herabstrzen,
die Quelle lyrisch durch Blumen dahin hpfen gesehen, so kann man wohl
zuweilen dem ruhigen muntern Bache folgen, wie er mit kleinen Steinen
in seinem Bette spielt, oder im Schilfrohre schumt. -- Aber diese
Freiheit versagte man mir. Ich durfte nicht komisch und lustig sein.
Ich sei nicht komisch, sagten meine Tadler. Aber sie sagten es zu
derselben Zeit, als sie behaupteten, da ich auch nicht recht lyrisch,
oder episch, oder tragisch, oder berhaupt echt dramatisch sei, da
all' meine Werke, bis auf die Romanzen, mehr oder weniger miglckte
Versuche seien, denen es an Charakter, Composition, Gedankenreichthum
und Witz fehlte. Aber -- _mirabile dictu_ -- doch sei ich ein wahres
Genie und ein groer Dichter! -- Also nur die Phantasie und das Gefhl
sollten zuweilen unbewut und wie im Traume ber mich kommen und mich
den Parna, wie einen Nachtwandler das Dach, im Mondenscheine ersteigen
machen. Uebrigens war es merkwrdig, da grtentheils Poeten, oder
Leute, die selbst Verse machten, mich so streng tadelten.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Die Flucht aus dem Kloster.]

Ein Stck, welches mir wirklich miglckte, war Die Flucht aus dem
Kloster. Eine khne Idee verfhrte mich, es zu schreiben. Ich wollte
das Meiste von den Tnen in Mozart's _Cosi fan tutte_ mit menschlichem
Stoff verbinden, denn der Text, zu dem er die Musik componirt hatte,
war wirklich unter aller Kritik. Hier ist nicht die Rede von der
Ausfhrung oder von der poetischen Behandlung des Stoffes, sonst wrde
auch die Zauberflte unter aller Kritik sein. Aber all' die poetischen
Elemente: das Uebernatrliche, das Erhabene, das Erotische, das
Anmuthige, das Luftige und Naive bewegen sich in der Zauberflte wie
in einem Traume, deutlich gemacht und poetisch ausgemalt durch die
Musik, und wenn man nicht Schikaneder's Unsinn liest, und dem Dialoge
nicht aufmerksam folgt, so geniet man durch Mozart, der hier zugleich
Dichter und Componist ist, die schnsten Mrchen. Aber _Cosi fan
tutte_ ist lauter schwache Unnatur. Zwei Liebhaber kommen nach einer
fingirten Reise verkleidet zurck, um ihre Geliebten zu prfen, ohne
da diese sie kennen, und hierdurch entstehen buhlerische Coquetterien
(eine echte Wiener Torte), die nur den Wienern schmecken konnten. Aber
Mozart's Musik schmeckte Allen; denn wenn man sie hrte, waren diese
schnen Tne, in denen besonders das Adagio vorherrscht, voller Gefhl
und Wahrheit. Aber ein neues Stck zu einer groen fremden Musik mit
combinirten Nummern zu schreiben, wurde stets fr eine Unmglichkeit
gehalten; und ich berzeugte mich davon, obgleich ein groer Theil recht
gut ging und nur der letzte Act und der Schlu des Stckes sich nicht
fgen wollte. Es wurde doch vier Mal kurz hintereinander aufgefhrt.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Die Wringer in Constantinopel.]

Im Jahre 1826 schrieb ich die =Wringer in Constantinopel=, in denen das
herrliche Kleeblatt, Madame Werschall (jetzt Nielsen) als Maria, Ryge
als Eremit und Nielsen als Harald mich krftig untersttzte. Das Stck
erwarb sich groen Beifall. Die folgende Tragdie: =Karl der Groe= fand
auch Beifall, aber kein so volles Haus. Ryge war hier wieder herrlich
als Karl, nicht minder waren es Madame Werschall und Frulein Ptges
(jetzt Frau Heiberg), als seine Tchter Imma und Bertha. Ich habe dieses
Stck vielfach umgearbeitet. Die Scene zwischen Karl und Wittekind
endigt jetzt die Tragdie. Die Episode mit Gottfried und dem Bilde des
Holger Danske ist aus dem Stcke herausgenommen und zu einem Nachspiel
gemacht.

Von den =Drillingsbrdern von Damask=, wozu Kuhlau herrliche Musikpieen
geschrieben hat, kann ich wohl sagen, da sie nicht das Glck
machten, welches sie verdienten. Dies entsprang hauptschlich aus der
Schwierigkeit, drei Schauspieler zu finden, die einander so glichen,
da es natrlich war, wenn man den einen fr den andern hielt. Man
wollte und konnte keine Masken gebrauchen; an die Leichtigkeit hingegen,
durch aufgeklebte Augenbrauen, Nasen und Brte, die Aehnlichkeit
hervorzubringen, dachte man nicht. Winslw war als Babekan und Madame
Werschall als Lyra vortrefflich. Ich bersetzte spter dieses Stck ins
Deutsche; es erwarb sich Tieck's Beifall (ich hatte es ihm vorgelesen),
und er las es selbst hufig in seinen Abendgesellschaften vor.

In den =Longobarden=, einem Stcke in Einem Akte, das darauf folgte,
suchte ich Sophokles noch um einige Grade nher zu kommen, wie in Baldur
und Yrsa, obgleich der Stoff in Baldur groartiger und in Yrsa rhrender
ist.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Hrolf Krake.]

Im Jahre 1827 schrieb ich das Heldengedicht =Hrolf Krake=, der sich
von meinen beiden andern epischen Gedichten: Helge und die Gtter des
Nordens, in Charakter und Colorit durchaus absondert, sowie auch diese
beiden untereinander verschieden sind. Die Romanzen in Helge sind kecke,
leicht hingeworfene Skizzen, starke Conturen der nordischen Natur und
uerer Thaten, wobei wohl auch mit einzelnen deutlichen Zgen der
geistige Zustand angedeutet ist. Die Gtter des Nordens sind groe,
sorgfltig ausgefhrte Phantasie- und Naturbilder fr religise und
philosophische Ideen. Hrolf Krake nhert sich der Tragdie und ist mehr
ein eigentliches Epos. Hier wird zwar auch das alte Heldenleben in
epischer Vollstndigkeit dargestellt; aber das Charakteristische, das
innere Menschliche ist die Hauptsache. Tugend und Laster, Charaktere,
milde Sitten und Barbarei kmpfen tragisch und rhren wie in der
Tragdie zu Schrecken und Mitleid.

Vor vielen Jahren war von der Gesellschaft der schnen Wissenschaften
ein Preis fr eine gute Epope ausgesetzt. Der Pastor =Jens Michael
Hertz= gab im Jahre 1804 sein in Hexametern geschriebenes =befreites
Israel= heraus. Obgleich nun die Richter meinten, sie drften dem
Verfasser fr das eingereichte Preisgedicht der epischen Poesie nicht
das ganze Honorar geben, so bekam er doch 600 Reichsthaler; 400 Thaler
waren also brig geblieben, und erwarteten nach einem Verlauf von
23 Jahren den Wrdigen, der sie verdienen knne. Ich hatte freilich
bereits die Gtter des Nordens und Helge gedichtet; da diese Gedichte
aber nicht in Einem Versmae zusammenhngen, sondern Cyklen mehrerer
(freilich zusammenhngender) Gedichte waren, so wagte ich nicht, um
die 400 Thaler zu bitten, da ich mich der Mglichkeit auszusetzen
befrchtete, da man sagen knnte, es seien keine ordentlichen Epopen.
Der Gebrauch, den Dichtern Honorar zu geben, die nicht darum ansuchten,
war in der Gesellschaft noch nicht eingefhrt, und ich erhielt also
Nichts. Indessen lief mir doch das Wasser nach den 400 Thalern im Munde
zusammen, und obgleich Hrolf Krake kein wirklich =klassisches= Epope
war, da ich weder die Muse des Gesanges angerufen, noch Homer und
Virgil nachzuahmen, sondern im Gegentheil so originell und national,
als mglich zu sein versucht hatte, so dachte ich, da es vielleicht
doch anginge, und reichte der Gesellschaft durch Rahbek, welcher ihr
Secretair war, das Gedicht ein.

Spter hrte ich, da Geheimrath Malling, der Prsident der
Gesellschaft, Mhe gehabt hatte, mit dem Metrum zurechtzukommen, das ich
im Hrolf Krake gewhlt hatte; aber Hohlenberg, Professor der Theologie,
sein Schwiegersohn, war dem Gedichte zu Hlfe gekommen, hatte es ihm
vorgelesen; und hierdurch war er auf die Wirkung aufmerksam geworden,
die ich durch das Versmaa hervorzubringen gesucht hatte. Helge und die
Gtter des Nordens waren Verbindungen von mehr getrennten Gedichten,
deren Verschiedenheit in Inhalt und Wesen auch Verschiedenartigkeit
in Ton und Ausdruck erfordert. Hier kamen mir also die wechselnden
Versformen (und bei Helge sogar die Tragdienform) sehr zu Hlfe. Aber
Hrolf Krake war ein zusammenhngendes Ganze, bei dem der Grundton
nicht verndert werden durfte. Ich hatte mich also nach einer Versart
umgesehen, die durchweg gebraucht werden konnte; aber wie nun eine
solche finden? Den Hexameter wollte ich nicht whlen, um in meinem
Gedicht nicht das griechische Colorit vorwalten zu lassen. Man knnte
sagen: Warum gebrauchtest Du denn den Trimeter in vielen Deiner
nordischen Tragdien? ich antworte: Eine edle, groe Sprachform =mute=
ich haben; die alte, nordische Poesie besitzt keine solche dramatische
Form; der Trimeter hat eine hohe Einfalt, und das alte nordische
Heldenleben zeigt in seinen groen Thaten eine gewisse Aehnlichkeit mit
dem Altgriechischen; dehalb lie sich der Trimeter mit seiner krftigen
Wrde sehr gut in das Nordische berfhren ohne dessen Eigenthmlichkeit
zu verwischen. Wenn ich nichts Anderes gehabt htte, wrde ich den
Hexameter auch hier gebraucht haben; aber wir hatten, wenn auch nicht
von der Edda und den Skalden her, so doch von den Kmpenweisen des
Mittelalters einen epischen Grundton, der weder verschmht noch verkannt
werden durfte. Aber in den Kmpenweisen gehen die vier kurzen Zeilen zu
sehr in das Lyrische ber, und ermden das Ohr durch die Wiederholung.
In dem deutschen Nibelungenliede sind die Zeilen doppelt so lang und
nehmen doppelt so viel Stoff in sich auf; aber auch so schien mir
fr ein groes Gedicht der Klang zu monoton wiederzukehren. Darin
besteht der Vorzug des Hexameters, da er den Wohlklang des Verses der
Abwechselung der Prosa in Takt und Wortwendungen verbindet. Ich beschlo
nun in dem Hrolf Krake selbst ein ganz episches Versmaa zu bilden,
indem ich die Verse, wie sie sich im Nibelungenliede finden, bald in
greren, bald in kleineren Perioden verband; mit einem Aufenthalt in
den Zeilen, bald hier bald da, bald am Ende mit einem Reim; auf diese
Weise schaffte ich mir selbst einen Vers, der noch nicht gebraucht war,
und glaube dadurch auch die Versmonotonie vermieden zu haben, die sich
in den schnen Dichtungen Ariost's und Tasso's findet.

Hrolf Krake wurde von der Gesellschaft der schnen Wissenschaften gut
aufgenommen, und ich bekam die 400 Thaler.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Baggesen's Tod.]

In dem Jahre wo ich Hrolf Krake schrieb, starb Baggesen in Deutschland.
In den spteren Jahren nach meiner =Erklrung an das Publikum= hatte er
aufgehrt mich zu verfolgen. Der Tod vershnt, und das ist das Schne
am Tode, da er die ganze Schattenseite des Menschen im Dunkel des
Grabes verschwinden lt; die Lichtseite bleibt wie ein Lichtgenius
zurck, wie das Unsterbliche, das, wenn der Mensch sich ausgezeichnet
hat, nicht allein dem Himmel angehrt, sondern auch etwas Himmlisches
auf der Erde zurcklt. Und das war mit Baggesen gewi der Fall.
Seine muntere Laune, sein Witz, seine augenblicklich aufflackernde
Begeisterung, seine Beredsamkeit, sein durch viele Reisen und geistige
Beschftigung erworbenes Wissen und seine Menschenkenntni, seine
unendliche Freundlichkeit und Ergebenheit, wenn er gut gegen Jemand
gestimmt war: alles Das mute ihm Freunde und Bewunderer erwerben. Aber
was ihm leider fehlte, war Ausdauer in Gefhl, Ansichten und Handlungen,
und dieses Wanken strte die meisten schnen Verhltnisse in seinem
Leben, wenn sie eine Zelt lang gewhrt hatten. Er hatte nicht mnnliche
Kraft genug, um seine Bestimmung recht zu erkennen und die Eitelkeit
trieb ihn zu sehr nach dem Scheine zu haschen, und sich selbst und
Andere durch Spitzfindigkeiten und Halbwahrheiten zu tuschen, die in
einem fieberhaft erregten Zustande zu Unwahrheiten und Snden gegen
Recht und Billigkeit bergingen. Wenige Andere sind mehr von seinen
glnzenden guten Eigenschaften eingenommen gewesen, als ich. In Paris
lebten wir in brderlichem Verhltnisse, erst in Kopenhagen wandte sich
das Blatt ganz. Wenn ich im Anfange etwas geduldig und vorsichtig gegen
ihn gewesen wre, so wrde er wohl nicht soweit gegangen sein. Eine
gewisse Heftigkeit und Stolz in meinem Wesen fachte damals das Feuer an.
Ich achtete vielleicht auch sein Genie zu wenig; erst mit den Jahren
kommt man zu der besonnenen Billigkeit, die Jedem sein Recht widerfahren
lt und nicht von gewissen Vorurtheilen der Zeit beherrscht wird. Gegen
Ende unsers Zusammenlebens war der Bruch so gewaltig stark geworden,
da erst der Tod eine Brcke ber diesen Abgrund schlagen mute. Das
war nun geschehen; der Eindruck der milden friedlichen Tage kehrte
zurck; die schne Erinnerung rhrte mich, und in diesem Gefhle schrieb
ich folgenden Prolog, der auf dem Theater bei seiner Gedchtnifeier
gesprochen wurde.

         Von wehmuthsvollem Schweigen tief durchdrungen
         Stehn wir bei dieses Festes trbem Glanz;
         Wer hat: Als ich noch klein war je gesungen,
         Und gnnt der Dichterurne nicht den Kranz?

         Wer ging zur Schul' in seiner Kindheit Tagen,
         Den Kallundborg'sches Lied nicht froh gemacht?
         Wer hat den schwarzen Schlerrock getragen,
         Und ber Jeppe's Scherze nicht gelacht?

         Wer, dem die Liebe einst geflochten htte
         Den Kranz, als sie im Herzen ihm erwacht --
         Wer sang mit =Baggesen= nicht Henriette,
         Und von Lyciliens, von Selinens Macht?

         Wer sa mit Freunden bei dem heitern Mahle,
         Und hat sich mit dem Dichter nicht vereint:
         Da stets das Weib in holder Anmuth strahle,
         Da Bacchus Freude bringt, wo er erscheint?

         Wer fhlt' die Wangen bei der Heimkehr glhen
         Und stimmt' nicht jubelnd mit dem Snger ein:
         Da nirgends so die Rosen roth erblhen,
         Und da die Dornen nirgends gar so klein?

         Von Stadt zu Stadt wirst Du nicht weiter wallen,
         Du muntrer Snger mit dem heitern Sinn;
         Die stumme Harfe trauert in den Hallen
         Ihr Leben schwand mit Deinem Leben hin.

         Wohl bist Du todt! Doch in dem sel'gen Schlummer
         Ward Deinem Herzen Ruh', es blutet nicht.
         Gleich Wolkenschatten schwand des Lebens Kummer,
         Und herrlich strahlt Dir jetzt das ew'ge Licht.

         Es schwindet mit dem Tod des Lebens Grauen.
         Es schweigt der Sturm -- der Himmel strahlt im Glanz --
         Und wenn wir weinend auf Dein Grab gleich schauen,
         So trstet uns darauf der Lorbeerkranz.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Tod meines Vaters.]

Kurz darauf verlor ich meinen Vater. Dieser Greis zeichnete sich noch in
einem Alter von 79 Jahren durch Kraft und Munterkeit aus. Seine blauen
Augen strahlten, seine rothen Wangen glhten wie bei einem Jngling. Wir
nannten ihn den Alten vom Berge. Mehrere Jahre hindurch war es meine
grte Freude, ihn am Sonntag mit Weib und Kindern zu besuchen, und die
Kleinen da spielen zu lassen, wo ich als Kind selbst gespielt. Er war
hitzig und aufbrausend, hatte aber das beste Herz, war vershnlich,
zuvorkommend, wohlthtig und von Allen die ihn kannten, wegen seiner
Gutmthigkeit und seines Humors geliebt. Er war eitel auf seinen Sohn;
aber als vernnftiger Vater, der seinen Sohn nicht verziehen wollte,
lie er mich Nichts davon merken. Nur zuweilen berrumpelte ich sein
Gefhl, wenn er meine Gedichte gelesen hatte. Er unterhielt sich gern
mit Spaziergngern auf dem Schloberge und besonders gern mit Studenten;
dann leitete er die Rede auf mich, und wenn sie etwas Gutes von mir
sagten, that es ihm wohl, da er sein Incognito noch unentdeckt glaubte.
Das wuten viele gute Menschen und machten dem Alten oft die unschuldige
Freude. Unser Freund Professor Sibbern schrieb vor einigen Jahren zu
seinem Geburtstage ein Gedicht, in dem folgende ehrende Worte standen.

                  Vor manchem andern schnen Loos',
                  Das aus der Gtter reichem Schoo'
                  Dem Menschen fllt, erheb' ich Eins,
                  Das ist, verehrter Alter! Deins.

                  Dir ward ein ewig wahres Gut:
                  Die rege Lust, der leichte Muth,
                  Und zu dem losen, heitern Scherz
                  Der rechte Quell, das edle Herz!

                  Der Jugend frischer Lebenssaft,
                  Des Mannes starke, rasche Kraft,
                  Dazu des Alters Ehrentracht:
                  Der weien Haare Silberpracht.

Er hatte viel natrlichen Witz, von dem ich einige Zge anfhren
will. Als er einmal in der Stadt bei einer reichen Freundin zu Mittag
gespeist hatte, wo aber der Ueberflu nicht stets mit Geschmack und
Ordnung vereinigt war, und wir nach der Rckkehr ihn fragten, wie es ihm
gegangen sei, antwortete er: Vortrefflich, ich lebte grade so gut wie
Christus am Kreuze, ich bekam Essig und Myrrhen. Der Knig kam einmal
hinaus, um eine Fuchsjagd im Sdfelde zu halten. Die Treiber umringten
es klappernd. Am Eingange zum Sdfelde stand mein Vater und machte als
Schloverwalter die Honneurs. Der Knig ging voran und die Hofherren
folgten in geringem Abstande nach. Guten Morgen, Oehlenschlger,
rief der Knig, sind viel Fchse im Sdfelde? -- Noch nicht, Euer
Majestt! antwortete mein Vater sich tief verbeugend, mit einem Blicke
auf die Hofherren, aber sie werden gleich kommen. Das Gelchter, das
Friedrich der Sechste aufschlug, zeigte, da er ihn verstanden hatte.
-- Aber nicht immer gefielen dem Knige die Antworten des Alten. Als er
einmal mit ihm ber einige Zimmer im Schlosse zur weiteren Benutzung
sprach, sagte mein Vater: Euer Majestt! s' ist kein Loch mehr da,
gro genug, da ein deutscher Prinz darin liegen knnte. Mit ernster
Miene aber schonendem Tone, sagte der Knig zum Oberhofmarschall: S'
ist Oehlenschlger! Er meinte also, dem man Etwas zu Gute halten
mu. Als mein Vater einmal den Knig um freies Holz bat, fragte dieser
scherzend: Sind Sie nicht Holzverwalter? -- Ja, Euer Majestt!
-- Und Sie wollen mich glauben machen, Sie htten nicht freies Holz?
-- Vielen Dank, Euer Majestt! antwortete mein Vater, indem er
sich wegen der in scherzendem Tone gegebenen Erlaubni tief verbeugte.
Mit seiner alten Magd hatte er, wenn er allein sa, viel komische
Gesprche. Als Organist an der Friedrichsberger Kirche war er gewohnt,
Begrbnisse mit derselben Munterkeit zu betrachten wie Hochzeiten
und Kindtaufen; denn bei solchen Gelegenheiten ertnte die Orgel
und war Etwas zu verdienen. Eine stille Beerdigung war frher eine
Strafe, die nur Selbstmrder und andere groe Verbrecher traf. Eines
Winterabends sagte er zu dem Mdchen, die in demselben Zimmer spann,
wo er im Lehnstuhle las: Hast Du Aeltern? -- Nein! -- Verwandte
und Freunde? -- Nein! -- Na, das hat nichts zu sagen, Du sollst
doch ehrlich begraben werden, wenn Du einmal stirbst, Du sollst einen
groen, festen Sarg von gutem Fichtenholz bekommen, und fr ein hbsches
Leichenhemde will ich auch sorgen. Das Mdchen dankte sehr, konnte
aber nicht begreifen, woher diese Gte kme, da ihr nicht das Geringste
fehlte, und sie zwanzig Jahre jnger war, als er. Aber es war, als er
da sa und las, ihm eingefallen, da sich so etwas ereignen knne, und
so wollte er aus lauter Sorge fr das arme Mdchen, da er frchtete da
die bevorstehenden Ausgaben bei der Beerdigung sie ngstigen knnten,
ihr den Stein vom Herzen nehmen. Auf diese Weise konnte er ihr nun nicht
helfen, da er frher als sie starb, aber er half ihr doch wirklich
whrend seiner Lebenszeit, und das auf eigene Weise. Er spielte in der
Lotterie. Der Collecteur wohnte in der Friedrichsberger Allee und
besuchte ihn mitunter des Vormittags. Als mein Vater sich einmal darber
beklagte, da er nie Etwas gewonnen htte, rieth ihm der Andere, weiter
zu spielen, man knne ja nicht wissen, ob das Glck sich nicht wenden
wrde. Mein Vater nahm also ein Loos, schenkte es aber dem Mdchen,
und diese gewann wirklich 500 Thaler. Einige Zeit darauf wurde derselbe
Collecteur ergriffen als Betrger, der durch Taschenspielerknste alle
Nummern ziehen konnte, die er wollte, und sich dadurch groe Summen
angeeignet hatte, die er nachher wieder mit Dirnen und vornehmen Gsten
vergeudete. Zuweilen hatte er gute Freunde gewinnen lassen; es mute
also meinem Vater lieb sein, da er nicht gewonnen hatte, aber das
Mdchen nahm es nicht so genau und bekam auf diese Weise mehr als sie
zur anstndigen Beerdigung brauchte.

Gegen das Ende seines letzten Lebensjahres begann mein Vater zu krnkeln
und litt oft an Erkltungen. Im Frhjahr 1827 bekam er das kalte
Fieber, das oft wiederkehrte, und in der Hitze desselben starb er in
einer frhen Morgenstunde. Als ich hinaus kam und seine freundliche
Leiche in der kleinen Kammer sah, wo ich als Knabe so viele Jahre neben
ihm geschlafen hatte, sang eine Nachtigall drauen im Baum. Und --
sonderbar -- ich habe nie, weder frher noch spter, eine Nachtigall
daselbst gehrt. Einige Tage spter fuhr er den Hgel hinab, den er
so oft betreten hatte, und in der Kirche, in der er 46 Jahre lang die
Orgel gespielt und Psalmen gesungen hatte, wurde sein Sarg vor dem Altar
hingestellt, und sein wrdiger Freund, Herr Hofprediger Schidte, der,
obgleich ein jngerer Mann, viele Jahre mit ihm umgegangen war, sprach
ehrende Worte an seiner Leiche.

                    *       *       *       *       *

Nun wurde mir also das Friedrichsberger Schlo, das mir whrend meines
ganzen Lebens meine eigentliche Heimath gewesen war, eine fremde
Sttte, und der liebe Heerd von einer andern Familie eingenommen.
Zuflligerweise geschahen gleich nach dem Tode meines Vaters viele
Vernderungen an dem Schlosse, dem Garten und der Landstrae, welche
viel dazu beitrugen, mir das Wohlbekannte fremd zu machen. Der kleine
Garten meines Vaters, den er aus einem Steinhaufen in ein fruchtbares
Pltzchen umgewandelt hatte, lag neben dem der Kronprinzessin. So
lange der Greis lebte, konnte sie es nicht ber sich gewinnen, ihm
denselben zu entziehen, aber, als er nun todt war, wurde das Plankenwerk
fortgenommen, dieser Platz verndert und mit den brigen Anlagen
verbunden. Einige Fruchtbume blieben stehen, und hier mu ich einen
schnen Zug vom Herzen der Kronprinzessin anfhren. -- Im nchsten Jahre
in der Kirschenzeit schickte sie meinen Kindern einen Korb mit Kirschen,
in welchem ein kleiner Zettel lag auf dem von ihrer Hand geschrieben
stand:

                        Von des Grovaters Baum
                                   =Caroline=.

            Ich habe diesen Zettel in mein Stammbuch geklebt.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Carsten Hauch.]

Kurz nach dem Tode meines Vaters kam mein Freund =Carsten Hauch= von
seiner Reise ins Ausland zurck. Das Wiedersehen erfreute mich, denn ich
hatte lange den Umgang dieses herrlichen Freundes entbehrt. Seine Reise
hatte seine Kenntnisse vermehrt und erweitert, und ihn mit vielseitiger
Bildung bereichert; auch den Musen hatte er gehuldigt und brachte mehre
Dichtungen heim, die er in Italien geschrieben hatte. Von diesen gefiel
mir =Die Hamadryade= am Wenigsten; aber da Ludwig Tieck besonders dieses
Gedicht (das auch Deutsch geschrieben war) gelobt und sich erboten
hatte, es mit einer Vorrede herauszugeben -- was brigens unterblieb, --
so wollte ich nicht widersprechen.

In =Tiberius= bewunderte ich das vortreffliche historische Portrait und
fand, da Hauch den Tacitus meisterhaft in Poesie bertragen habe. In
diesem sowie in den brigen Stcken herrscht eine edle Indignation ber
die emprenden Laster der Erde, die sich in beiender, tragischer Satire
ausspricht. Die vielen schnen pathetischen Stellen, die originellen
Bilder, z. B. Gregor's Beschreibung der Kirche, Tiber's Monologe, zeugen
von wahrem Dichtergenie. Nur scheint es mir, als ob in diesen Tragdien
und spter besonders in =Don Juan= zuviel Grau in Grau gemalt sei.

Da er in seinem =babylonischen Thurmbau= (in dem brigens viel
=Aristophanisches= ist) zu weit ging, mu mit der Heftigkeit
entschuldigt werden zu der man leicht verleitet wird, wenn man lange
vergebens gegen Unbilligkeit und Spott ankmpft.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Meine gesammelten Werke.]

Im Mai 1828 erhielt ich vom Buchhndler Max in Breslau einen Brief,
der mich auf angenehme Weise berraschte. Als deutscher Verfasser
hatte ich in oft wechselnden Verhltnissen zu deutschen Buchhndlern
gestanden. Cotta kam mir liberal entgegen, bezahlte gut, that aber
nichts, meinen Bchern Absatz zu verschaffen. Er druckte sie, wie der
alte Brockhaus sagte, auf Lschpapier, lie sie auf dem Boden liegen,
ohne recht fr den Absatz zu sorgen, und sie dann in seinen eigenen
Blttern herunterreien. Das Manuscript zum Palnatoke war ihm abhanden
gekommen, doch fand er es aber nach Jahren wieder. Meinen Correggio lie
er auch mehrere Jahre liegen, ehe er ihn druckte. Kein sthetisches Werk
in Deutschland hat greres Glck gemacht. Correggio wurde auf allen
Theatern 30 Jahre lang gespielt, und Cotta, der keinen Contract mit
mir geschlossen, hat gewi mehrere Auflagen davon gemacht. Uebrigens
glaube ich, da er an den meisten meiner Arbeiten verloren hat; das
Altnordische schmeckte den Deutschen nicht. Zuletzt hatte weder er, noch
der jngere Brockhaus Lust, meine Gedichte zu verlegen. Als ein Beispiel
hierfr mag dienen, da mir Brockhaus die Uebersetzung meines Helge
zurcksandte, ohne das Werk verlegen zu wollen. Helge hatte ich nicht
ganz allein bersetzt; ein Herr Vo in der deutschen Kanzlei hatte
erst das Gedicht bersetzt und mir dann erlaubt, es ganz nach meinem
Sinne zu bearbeiten. Das hatte ich dann auch gethan. So ist Helge in der
Sammlung gedruckt, die spter bei Max erschien, und so las Brockhaus das
Gedicht, wie er mir versicherte, mit groem Vergngen. Aber er wagte
nicht, es zu verlegen, aus Furcht vor Mangel an Absatz. Die Uebersetzung
von Tegnr's Frithiof war in Aller Mund und erlebte eine Auflage nach
der andern; -- aber Helge wurde nie besprochen und stets nur von Wenigen
gelesen. Weshalb? theils wohl, weil die Kraft der Originalsprache
nicht darin war; das war aber auch bei den Uebersetzungen des Frithiof
nicht der Fall. Die Hauptursache war, da Frithiof mit seiner
=sentimental-erotischen= Lyrik den Damen gefiel; dagegen hatten nur
wenige deutsche Mnner Interesse fr das =Episch-Heroische= in Helge.

Ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben, als Schriftsteller in
Deutschland ferner noch aufzutreten, als Max mir schrieb:

Euer Wohlgeboren wollen mir vergnnen einige Zeilen an Sie richten zu
drfen. Es betrifft Ihre Werke, welche vor vielen andern es verdienen,
vollstndig gesammelt in einer neuen Ausgabe zu erscheinen. Erlauben
es Zeit und Verhltnisse an eine Gesammtausgabe Ihrer vortrefflichen
Schriften zu denken, so wage ich es mich als Verleger anzubieten, --
indem ich und meine Firma dadurch geehrt werden. Die Autoren sind einmal
die Sonnen der Buchhndler, diese erhalten nur Licht und Glanz durch
jene, und todt ist ihr Wirken, wird es nicht durch jene belebt.

Das war nun eine erfreuliche Nachricht, und wir wurden bald einig.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Camma Rahbek's Tod.]

Noch ein paar Jahre nach dem Tode meines Vaters blieb mir das Hgelhaus
in jeder Beziehung ungestrt. Rahbeks hatten keine Kinder, sie lebten
in denselben Zimmern, auf dieselbe Weise, wie vor dreiig Jahren, wo
ich ihre Bekanntschaft machte. Eines Abends, im Jahre 1828, als ich
bei ihnen am Tische sa, schien es mir selbst so hchst wunderbar, da
ich kein rechtes Vertrauen zur irdischen Bestndigkeit fassen wollte,
sie erschien mir wie ein Blendwerk. Und das war es, denn kurz darauf
verschwand die schne Seifenblase. Camma Rahbek's Husten nahm immer mehr
zu; sie hatte einige Jahre hindurch gekrnkelt, und man gewhnt sich
endlich an so Etwas, da man sich nicht mehr darber beunruhigt, weil
man immer hofft, da es wenigstens beim Alten bleiben werde; aber der
Lampe fehlt es endlich an Oel und sie geht aus. Rahbek hat im letzten
Theil seiner Erinnerungen ihren Tod so anziehend und schn beschrieben,
da ich nichts Besseres thun kann, als den Leser, der mehr von ihr
wissen will, darauf zu verweisen. Mein Freund, Bischof Mynster, hat uns
eine vortreffliche Charakteristik von Beiden gegeben.

Als in den letzten Tagen ihr Husten sich sehr verschlimmerte, schenkte
ihr Frau Brun eine hbsche Ziege, deren Milch sie trank, und die sie
zu ihrem Vergngen im Zimmer hatte. Ich pflegte ihr sonst selten Etwas
von dem, was ich schrieb, vorzulesen, aber nun fhlte ich gleichsam
einen Drang dazu in der Ahnung, da es das letzte Mal sei. Ich hatte
grade Karl den Groen vollendet, und Camma lag auf ihrem Sopha und
hrte zu, whrend Rahbek an ihrer Seite sa. Ich entsinne mich noch,
wie sie bei der Stelle zusammenschreckte, wo Wittekind Karl, der ihn
bittet, die Axt liegen zu lassen, mit einem donnernden: Nein, Karl!
antwortet. Sie folgte der Lectre mit Theilnahme und Aufmerksamkeit.
Dies war aber auch unser letzter geistiger Verkehr hier auf Erden. In
der strengen Winterklte bekam ich einen Podagraanfall; der starke Frost
hat vielleicht auch ihr Ende beschleunigt; sie starb und ich konnte
ihrem Sarge nicht folgen, aber ich schrieb ein Lied, das sich in meinen
Gedichten findet.

[Sidenote: Rahbek's Tod.]

Rahbek folgte seiner Camma ein Jahr darauf. Dieser merkwrdige Mann
hat viel zur Verbreitung der sthetischen Kultur in seinem Vaterlande
beigetragen, obgleich er oft verkannt wurde, und, wie dies hufig der
Fall ist, viel von der Undankbarkeit einer jngern Zeit litt. Rahbek's
Geist war nicht tief, seine Phantasie nicht feurig, sein Verstand
nicht scharf, aber mit einer auerordentlichen Liebe fr den Theil
der Poesie, fr den er sympathisirte, hatte er seine Empfnglichkeit
dafr, seine Einsicht darin durch unablssiges Studium und wiederholte
Lektre ausgebildet. Mit feinem Scharfblicke, Witz und Beobachtungsgabe
ging er auf das Psychologische in den dichterischen Motiven ein; aber
obgleich Ewald ihn erst geweckt hatte, und er diesen Dichter stets
als unerreichbar gro ansah, so hatte doch Rahbek's eigene Natur ihm
besonders die Schilderungen des Lebens lieb gemacht, die sich in den
Iffland'schen Stcken finden, von denen wir nach seiner Zeit herrliche
Frchte in den von Heiberg herausgegebenen Alltagsgeschichten, kurz, in
dem poetischen Genrebild erhalten haben. In den besseren Iffland'schen
Stcken spielte Madame Rosing in Rahbek's jngern Jahren ganz
vortrefflich; diese herrliche Knstlerin hatte einen tiefen Eindruck
auf Rahbek gemacht, er liebte sie mit platonischer Liebe, und das trug
gewi nicht wenig dazu bei, ihn diese huslichen Scenen lieb gewinnen
zu lassen, die sein erstes sentimentales Entzcken ber Rousseau's neue
Heloise und Gthe's Werk verdrngte. Fr das Pathetische hat er von
Natur weniger Interesse, obgleich das Groe und Patriotische stets einen
tiefen Eindruck auf ihn machte. Aber in seiner witzigen kalten Stimmung
konnte er auch oft das Schwlstige und Uebertriebene auffinden, das er
ebenso sehr wie den Luxus und die Vornehmheit hate.

Als Ryge einmal von Deutschland nach Hause kam, wo er Elair gesehen
hatte, und nun Hakon Jarl wieder spielte, meinte Rahbek, da er wider
seine Gewohnheit ein Bischen zu stark auftrge, und sagte, indem er ihn
fortwhrend durch sein Perspectiv ansah: Ja, das ist ganz gut, aber
die Natur ist nicht Deutsch. Da Rahbek witzig war, und da seine
Trinklieder mit das Beste sind, was wir in dieser Art besitzen, darber
sind Alle einig. Und ihm selbst lag doch nichts am Trinken, obgleich
er sich in seiner Jugend in Dreyer's Klub und in der Norwegischen
Gesellschaft aus Freundlichkeit und Nachgiebigkeit gegen die Anderen
bisweilen einen Rausch getrunken hatte. Der Wein schmeckt mir
eigentlich wie Essig, sagte er. Und darin hatte er Recht; denn =der=
Wein, den er in einzelnen Flaschen tglich nach dem Hgelhause aus der
Stadt holen lie, hatte wirklich viel gemein mit dieser Sure. -- Rahbek
fehlte es an Charakterfestigkeit, so eigensinnig er auch war; eine
gewisse Schwche des Geistes verhinderte ihn zuweilen ganz aufrichtig
zu sein; aber im Grunde war er ein sehr guter und sanfter Mensch. Er
hatte nicht nur Witz, sondern auch echtes Gefhl als Dichter in seiner
Bearbeitung von =Der Todten Wiederkehr=, seinem =Marienhgel= u. a. m.
an dem Tag gelegt. In seiner Persnlichkeit war sehr viel Komisches.
Zwei Dinge, zu denen die Natur ihm jede Fhigkeit versagt hatte, hatte
er am liebsten werden wollen, und beklagte immer, da ihm die Umstnde
dies versagt htten, nmlich Soldat und Schauspieler. Im Studentencorps
war er stets ein eifriger Krieger; obgleich er nicht das Exercitium
lernen konnte, und selbst einmal gestand, da sie ihn zum Lieutenant
_ la Suite_ gemacht htten, weil er nicht zum Gemeinen taugte, trug
er doch noch bestndig die Uniform, nachdem sie die Andern schon lngst
abgelegt hatten. Comdie wollte er ungeheuer gern spielen. Einmal
sollte Robinson in England in Borups Gesellschaft aufgefhrt werden.
Ich begegnete Rahbek sehr vergngt auf der Strae. Wo willst Du hin?
fragte ich -- Ich will meine eigene Rolle spielen. Es war die des
Magister Romanus. Rahbek meinte, da ich in der Replik, wo von diesem
Magister gesagt wird, da er fr jede Meinung, die er sagte, wenn sie
noch so alltglich sei, eine classische Autoritt anfhren msse, auf
ihn gestichelt htte.

[Sidenote: Zur Charakteristik Rahbek's.]

Rahbek war ein Cyniker; seiner Frau schenkte er oft schne Kleider
und Putz; er selbst aber ging in einem groben dunkelblauen Rock und
kaufte sich erst einen neuen, wenn der alte ganz abgetragen war. Ich
sah ihn einmal, wie er auf offener Strae, vor einem Kleiderladen,
einen Rock anprobirte, den er kaufen wollte. Einen Regenschirm brauchte
er niemals; oft kam er durch und durch na vom Hgelhause zur Stadt,
um Vorlesungen zu halten. Einmal wollte ihm der Pedell einen Rock
leihen, da er wie eine gebadete Maus aussah, aber er nahm ihn nicht an;
na, wie er war, bestieg er das Katheder. Es wre gewi kein Wunder
gewesen, wenn er in diesem Zustande eine ziemlich trockene Vorlesung
gehalten hatte. Gastfrei empfing er seine Freunde bei seinen kleinen
Abendgesellschaften; aber wenn man den ganzen Weg gekommen war, ohne
beschmutzt worden zu sein, so konnte man dies doch unmglich vermeiden,
wenn man dicht an seine Hausthr kam, die durch einen Tmpel verschanzt
war. Bischof Mynster schenkte Rahbek einmal etwas, das er selbst finden
sollte, zu seinem Geburtstage; wenn es aber Andere nicht gesagt htten,
so wrde er selbst es nicht entdeckt haben: es war nmlich ein eiserner
Abstreicher, den Mynster drauen vor der Thre hatte anbringen lassen.
Als Rahbek todt war, that es den Leuten leid, zu hren, da das liebe
Hgelhaus, welches so reich an schnen Erinnerungen war, eingerissen
und umgebaut werden sollte! Aber dies war wirklich durchaus nothwendig,
denn das Hgelhaus war eine elende Baracke, die nicht lnger stehen
konnte. Bereits vor dreiig Jahren war es ein schlechtes Gebude; aber
es lag anmuthig bei dem Sdfelde (wohin Rahbek brigens niemals einen
Fu setzte) und er liebte die schne Aussicht von dort. Eigentlich hatte
Pram diesen hbschen Landsitz gefunden und Rahbek vorgeschlagen, dort
mit ihm zu wohnen; denn von selbst wre Dieser nicht darauf gefallen.
Eines komischen Scherzes von Pram entsinne ich mich, den Rahbek mir
erzhlte. Als sie die Wohnung gemiethet hatten, ging Rahbek umher,
die Zimmer anzusehen, und als er zu dem Zimmer zurckkehrte, wo er
Pram verlassen hatte, lag dieser auf dem Rcken, alle Viere von sich
gestreckt, auf den Dielen. Rahbek wurde ngstlich und glaubte, Pram
htte einen Anfall bekommen; dieser aber beruhigte ihn und sagte: Mir
fehlt Nichts; ich habe mich nur so hingelegt, damit das Zimmer ein
Bischen hher wird.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Besuch in Schweden.]

Im Sommer 1829 bekam ich eines Tags einen Brief vom Literaten Ove
Thomsen, in dem er mir vorschlug, mit ihm eine Lustfahrt auf dem
Dampfschiffe nach Malme und Lund zu machen. -- Eine solche Aufforderung
war nthig, denn sonst wre es mir nicht eingefallen und ich htte mich
mit meiner gewhnlichen Abendpromenade nach Friedrichsberg begngt.

Mit meinem jngsten Sohne William machte ich nun diese schwedische
Reise, und als ich auf dem Schiffe stand und mich der fremden Kste
nherte, konnte ich selbst nicht begreifen, warum es mir nie eingefallen
war, fter hinber zu fahren. Von meiner frhesten Kindheit an hatte
vom Friedrichsberger Hgel aus stets die Schoonen'sche Landstrecke den
Horizont fr mein Auge gebildet. Durch das Telescop meines Vaters hatte
ich oft nach Malme hinber gesehen, wenn der Sonnenschein daselbst auf
den Kirchthurm fiel.

In dem Bade =Ramlse= bei Helsingborg, war ich freilich schon gewesen.
Um einmal an einer gesellschaftlichen Unterhaltung an diesem Orte
Theil zu nehmen, und um das Gewimmel der Nachbarnation zu sehen, von
der ich nur Einzelne kannte, fuhr ich eines Tags hinber, als ein Ball
stattfinden sollte. A. S. Oersted, Spie, Winckler und noch viele Dnen
fuhren mit. Man hatte nicht den Knig =Karl Johann= zum Feste erwartet;
er kam, und dies vernderte die Situation etwas. Man hatte geglaubt, da
der Ballsaal zu ffentlichem Gebrauche sei, nun kam der schwedische Hof,
aber die Fremden wurden sehr artig empfangen. Im Saal konnte freilich
Keiner in des Knigs Quadrille tanzen, der ihm nicht vorgestellt
war, weshalb der Hofmarschall mit vieler Hflichkeit mehrere sich
eindrngende Gste darauf aufmerksam machen mute. Ich drngte mich
durch das Gewimmel, um in das Vorgemach zu kommen, das auch voller
Menschen war. Hier wollte ich an der Thre stehen bleiben, um den Knig
zu sehen, wenn er vorbeiginge, weil ich doch diesen groen Helden und
ausgezeichneten Menschen einmal in meinem Leben zu sehen wnschte. Ich
hatte noch nicht lange gestanden, als sich ein Adjutant den Weg zu mir
bahnte, und mich fragte: ob ich Oehlenschlger sei! Ich antwortete:
Ja. Dann habe ich den Befehl, Sie zu Se. Majestt zu bringen.
Ich folgte ihm und stand vor Karl Johann's ausgezeichnetem Antlitz. Er
sprach sehr gndig mit mir, und fragte mich unter Anderm, ob ich einige
schne schwedische Damen gesehen habe. Als ich es bejahte, lud er mich
ein, da zu bleiben und mit zu Abend zu speisen. Ich sa lange und sprach
mit dem alten Grafen de la Gardie, spter aber, als ich in den Pavillon
gehen wollte, um zu speisen, war dieser schon ganz besetzt, zum Theil
von Dnen, die wohl kaum eingeladen worden waren. Ich bekam nichts. Dies
gab mir Veranlassung, viele Jahre darauf den Knig Oskar zum Lachen
zu bringen, als ich ihm erzhlte, da ich einmal von einem Souper mit
trocknem Munde gehen mute, obgleich sein hochseliger Vater mich selbst
eingeladen htte.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Lund.]

Wir reisten also nach Malme. Der gegen alle Dnen so freundliche und
uerst gastfreie Landrichter Hoffmann nherte sich in einem Boote dem
Dampfschiff, um uns zu empfangen. Im Wagen des Landrichters fuhr ich mit
meiner Reisegesellschaft in die Stadt. Wie wohlgestimmt fhlte ich mich
gleich bei diesem heitern Mann! Die fremde Kste bte, in der schnsten
Jahreszeit vor uns ausgebreitet, ihre Zaubermacht auf uns aus. Wir waren
von lauter zuvorkommenden Schweden umgeben; der frher dem dnischen Ohr
so feindlich klingende Dialekt schmeichelte sich mit allem Wohlklange
ein. Mein lustiger, herzlicher Wirth bewohnt ein Haus, das, wenn auch
nicht regelmig, doch behaglich ist. Eine Menge Zimmer hngen voll
von Kupferstichen und Gemlden; gute Mbel standen berall, und ein
mechanischer Canarienvogel in einem Bauer wurde gleich in Bewegung
gesetzt und mute uns etwas vorpfeifen. Kleine Tannenzweige waren auf
die Dielen gestreut. Dies ist ein allgemeiner Brauch in Schweden, und
ich mchte ihn um Vieles nicht entbehren; es versetzte meine Einbildung
ganz in das Land der Tannen- und Fichtenwlder.

Spter gingen wir mit dem Probst =Gullander= in die Kirche, die
ich so oft vom Friedrichsberger Hgel gesehen hatte. Hier traf ich
Leichensteine und Tafeln voll von dnischen Grabschriften. Die Bauern
in Schoonen haben noch sehr viel von unserer Sprache, und die andern
Schweden sagen von ihnen, da sie Dnisch sprechen. Der Knudsaal auf dem
Stadthause, gro und schn gebaut, erinnerte gleichfalls an Dnemark;
in der Vorhalle hngen die Bilder der Knigin Margaretha und aller
dnischen Unionsknige, und im Saale selbst ist der Hintergrund mit
einem Bild geschmckt, das den Knig Knud den Heiligen in Lebensgre
darstellt. Ich sah auch die Portraits Karl XII. und Gustav III., beides
schne junge Kpfe; aber man kann sich keinen grern Gegensatz denken,
von trotziger Ehrlichkeit und feiner List, die sich unter der Maske der
Hflichkeit verbirgt.

Unser guter Landrichter fuhr uns darauf nach Lund, wo wir in dem Hause
des verstorbenen Professors =Lidbeck= abstiegen, und wo der Adjunct
=Wieselgren= mich bewirthete. Nach der Mahlzeit kam eine Deputation
Lunder Studenten, schwarz gekleidet, mit Degen an der Seite, und luden
mich ein, in nchster Woche dem Rectorwechsel und der Magisterpromotion
beizuwohnen. Professor =Engestrm= fhrte mich darauf in die Bibliothek,
in das Museum und endlich in den botanischen Garten, wo die Studenten
in einem Pavillon sich versammelt hatten. -- Engestrm sagte mir hier
einige ehrende Worte; alsdann wurde ein vierstimmiges Lied gesungen.

Darauf ging ich mit Engestrm zu Professor =Lindfors=, der Kindtaufe
hatte und mich bei dieser Gelegenheit bei sich zu sehen wnschte.
Wenn ich kurz zuvor in dem Pavillon die begeisterte akademische
Jugend kennen gelernt hatte, so erfreute es mich hier, bei einem
kleinen Feste, fast alle Professoren zusammen zu sehen und mit einigen
Bekanntschaft zu machen, unter Anderen mit einem alten ehrwrdigen
Juristen, der mir sagte: Ich kenne auch Kopenhagen, aber nur aus dem
vorigen Jahrhundert. Die idyllische Weise, wie solche Feste gefeiert
werden in dem mit Blumen geschmckten Zimmer, wo der Wirth selbst mit
dem Prsentirteller umhergeht und den Gsten Wein anbietet, erinnerte
mich an meine Jugend, als hnliche alte Gebruche auch noch bei uns
stattfanden und die Herzlichkeit und Festlichkeit noch nicht ganz und
gar durch das galante und vornehme Element verdrngt waren.

Nun fuhr ich mit meiner Gesellschaft wieder nach Malme und glaubte
Alles sei vorbei; aber wie ward ich berrascht, als ich eine weite
Strecke von der Stadt entfernt alle Studenten wiedersah; als der Adjunct
der theologischen Facultt =Thestrup= an den Wagen trat und in einer
begeisterten Rede im Namen der Schweden fr den Genu dankte, den
ihnen meine Schriften bereitet htten. Unter einem oft wiederholten
Hurrah fuhr ich tief bewegt davon, es erschien mir wie ein Traum.
Ich, der zu Hause soviel Verfolgungen hatte erleiden mssen, der
unaufhrlich in ffentlichen Blttern getadelt, der jeden Augenblick
auf der Bhne angegriffen wurde, der nicht mehr in der galanten Welt
Mode war, ich ward hier so aufgenommen! -- Aber ich wurde deshalb
nicht undankbar gegen mein geliebtes Dnemark. Die schne Flamme eines
begeisterten Augenblickes ergriff mich, aber ich verga nicht, da es
ein begeisterter Augenblick war; ich wute, da ich auch daheim Freunde
hatte.

[Sidenote: Der Dichter und die Eitelkeit.]

Wenn man einander doch recht verstehen wollte! Viele glauben, da wir
Dichter, als hchst eitle Wesen stets Weihrauch verlangen; da wir nicht
glcklich seien, wenn nicht von uns gesprochen wird. Durchaus nicht!
das allzugroe Lob ngstigt im Gegentheil, weil wir frchten, da die
Tadelsucht auf den Augenblick, sich zu rchen harre. Wren wir doch
so glcklich, eine ruhige, unerschtterliche Achtung, wie ein anderer
ehrlicher Brger im Staate zu genieen, der sich durch die Handlungen
seines Lebens Zutrauen erworben hat. Aber nein! Erst zweifelt man, da
wir Dichter =seien=, und kaum haben wir dies bewiesen, so zweifelt man,
da wir es =bleiben= werden. Mit jedem neuen Werke mssen wir, wie vom
Anfang an, Alles beweisen. Und gefllt ein Werk nicht, so bertubt der
Tadel eine Zeit lang alles frhere Lob. Alle Halbgebildeten wollen uns
unsere Kunst lehren; eine Menge Leser trauen sich zu uns als Richter
=bersehen= zu knnen. Also sind wir in unserer eignen Kunst die am
Verstande Aermsten! Jean Paul sagt: Wer sich, wie Adelung das Genie
ohne Verstand denkt, der denkt es wirklich ohne Verstand! -- Aber das
geschieht doch oft. Die Reife und Menschenkenntni, der Scharfsinn und
die Urtheilskraft, die dazu gehren ein groes Dichterwerk zu beginnen
und zu vollenden, kommen nicht in Betracht. Es =glckt uns= zuweilen,
heit es, -- und hufiger =miglckt= es. Wir sind groe Kinder, die
mit verbundenen Augen in das Glcksspiel des Genie's hineingreifen;
Fruchtbume, die reife oder unreife Frchte, gerade wie es sich trifft,
den vernnftigen, gebildeten, geschmackvollen Essern darbieten! --
Und mit dieser Achtung, die fast an Verachtung grenzt, sollten wir uns
begngen lassen! -- denn was ist ein Knstler, wenn er nicht einmal ein
Mann ist? Und was ist ein Mann, ohne Vernunft, ohne Geschmack, ohne
Sicherheit in seiner Kunst? Ich will nicht ausfhrlicher erinnern, was
ich durch unbilliges Herunterreien gelitten habe; ich will nur noch
erzhlen, da auch meine Kinder von anderen Kindern Hohn und Spott
ertragen muten, weil sie einen solchen Vater hatten. Das war auch ganz
natrlich, denn Kinder sprechen nach, was sie von den Aeltern hren.
Aber diese Stimmung war, Gott sei Dank, schon ziemlich vorber. Heute
hatte mein Sohn Freude an seinem Vater, und meine guten Landsleute
hatten sich auch gefreut, was sie bei der Heimkehr mir durch ein Vivat
kundgaben; auch das Jahr darauf ehrten mich dnische Studenten an meinem
Geburtstage durch ein Hoch.

                    *       *       *       *       *

Nach oben gethaner Aeuerung hoffe ich, da man mich weder der Eitelkeit
noch des Hochmuthes beschuldigen wird, wenn ich mich knftig fter bei
der Gte und Ehre aufhalte, die mir daheim und in der Fremde erwiesen
worden, ebenso wie ich frher oft bei der Feindseligkeit und dem Undank
weilte, die ich ertragen mute. Man hat mich zuweilen der Eitelkeit und
Eigenliebe angeklagt. Es drfte bei dieser Gelegenheit wohl der Ort
sein, von diesen Fehlern und der Anwendung auf mich zu sprechen. Da ich
ehrlich und aufrichtig bin, glaube ich durch mein ganzes Leben bewiesen
zu haben. Wir wollen erst die Eitelkeit vornehmen. Die eigentliche
Eitelkeit besteht darin, da man sich mit Kleinigkeiten brstet, oder
scheinen will, was man nicht ist. Diese Eitelkeit trifft mich nicht: ich
hatte stets einen Abscheu davor, mich mit fremden Federn zu schmcken.
In meiner Jugend suchte ich mein Aeueres so hbsch als mglich zu
machen; aber das war nicht Eitelkeit, um zu glnzen, sondern um den
Damen zu gefallen, die mir stets auerordentlich gefielen. Diese Lust zu
gefallen, die ja jedem Dichter bei seinen Werken vorschwebt, ist nicht
Eitelkeit, sondern ein ganz natrlicher Trieb. Wozu sollte man sie sonst
verffentlichen? Ich leugne nicht, da es Dichter giebt, selbst einige
mit scharfem Verstande und viel Phantasie, die mit Recht eitel genannt
werden knnen, weil sie mehr an sich selbst als an ihr Werk denken, aber
derjenige, der mit warmem Herzen seine geistigen Erzeugnisse mehr als
sich selbst liebt, wnscht ja nichts Anderes als Sympathie zu finden,
das heit Liebe und Harmonie in der Gedanken- und Gefhlsweise, und das
ist nicht Eitelkeit: das ist eine der unentbehrlichsten Grundtriebe
der Natur. Diese Lust zu gefallen leitet, mit Tchtigkeit verbunden,
zu all den liebenswrdigen, erquickenden Verhltnissen im Leben, die
der kalte Egoist, der hochmthig schweigt und sich selbst gengt, weder
kennt noch zu denen er beitrgt. Er ist der wirkliche Eitle, denn er
strebt nach einem Nichts, das weder Realitt noch Idealitt hat. -- Was
nun die Selbstliebe betrifft, so ist diese auch natrlich, wenn sie
mit Liebe zu allem Guten auer uns verbunden ist. Als Christus sagte:
Liebe deinen Nchsten wie dich selbst, rumte er der Selbstliebe eine
bedeutende Stelle ein. Wer nicht sich selbst und Andere belgt, gesteht
auch, da er sie hat. Sie ist genau mit dem Selbsterhaltungstriebe
verbunden. Da die heroische Selbstaufopferung fr Andere etwas Groes
und Erhabenes ist, das bei weitem nicht Alle besitzen, leugne ich nicht;
die verschiedenen Tugenden strahlen in verschiedenen Richtungen; der
Knstler ist meist gewhnt, seine Lebenskraft seinem Werke zu opfern;
doch kann auch er, wenn es die Noth verlangt und die Begeisterung ihn
entflammt, Leben und Blut fr Vaterland, Gesundheit, Glck und Freude,
fr seine Lieben aufopfern.

Es giebt noch mehrere Grnde das zu besprechen, was ich nun knftig
besprechen werde. Es verschweigen, hiee meiner Biographie ihren halben
Stoff rauben, hiee undankbar sein gegen die vielen Edlen, die dazu
beigetragen haben, mir mein Leben zu versen; wrde Zge vernichten und
verwischen, die zur Charakteristik des Zeitalters gehren.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Zweite Fahrt nach Schweden.]

Ich reiste also den Sonntag darauf mit meiner Familie nach Malme.
Es war, als ob das Schicksal bestimmt hatte, da ich die wenigen
Tage, die ich in Schweden zubrachte, Zeuge der verschiedenartigsten
Auftritte menschlicher Zustnde, Leidenschaften und Gefhle sein
sollte. Herr Crysander, Vorsteher des Irrenhauses, zeigte uns diese
Anstalt; und hier sahen wir travestirte tragische Masken genug in
einem lustigen Tanze. Einen eingebildeten Gott, eine 70jhrige alte
Jungfrau, die noch wie eine Hamlet'sche Ophelia mit Blumen und bunten
Lappen schwrmte, einen verrckten Gelehrten, der tglich einen Bogen
voll Krimskrams schrieb u. s. w. -- Diese Scene wechselte mit einer
durchaus entgegengesetzten Art. Der hochverdiente Landeshauptmann Baron
Klinteberg war gestorben. So wie ich in der vorigen Woche eine Einladung
in Lund zu einer Kindtaufe erhielt, so bekam ich hier eine zu einer
Beerdigung. Eigentlich war es eine Beisetzung, denn die Leiche wurde
Abends in eine Kapelle gebracht, um spter beerdigt zu werden. Ich trat
in den dunkeln Saal, wo schwarze Vorhnge das blendende Tageslicht
verdeckten, und schwache Wachskerzen ihren Schimmer ber den schwarzen
Sarg warfen. Die angesehenen Mnner der Gegend standen stumm in einem
Kreise, der Propst Gullander trat hervor und sprach krftig und rhrend.
Das Gefhl, da ich hier als Lutheraner unter Lutheranern stand, die
fast meine Sprache redeten, und ungefhr unsere Religionsbruche hatten,
brachte mich den Schweden noch nher; aber hauptschlich da ich mich
als Christ und Mensch unter christlichen Menschen an einem Sarge befand!
-- Der edle Sohn, der durch den Tod seines edlen Vaters vernichtet war,
rhrte mein Herz, und ich fand es so schn, da, als der Sarg auf den
Leichenwagen getragen werden sollte, er selbst, nach dem Gebrauch des
Landes, anfate und die Leiche des Vaters hinabtragen half, indem er
sein Haupt ber den Deckel hinbeugte und ihn mit Thrnen benetzte.

[Sidenote: Ernste und heitere Eindrcke.]

Welch ein Unterschied! als ich spter in der herrlichsten Abendrthe,
im Treiben munterer Menschen, nach dem Hafen hinunter zum Dampfschiff
ging, das gepfropft voll unter einem brderlichen Hurrah von Dnen und
Schweden nach Kopenhagen zurckkehrte.

Den Tag darauf aen wir bei Kammerrath Qvenzel, wo die besten Mnner
Malm's versammelt waren, und mir wieder ein Lied zu Ehren sangen.
Ich sa neben der anmuthigen Frau Kiellander, einer jungen Dame
voll Talenten und feiner Bildung. Ich ahnte nicht an diesem warmen
Sommertage, da sie den Winter darauf mit ihrem Manne und ihrem Kinde in
den kalten Wogen unter dem Eise den Tod finden wrde! --

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Lund. Tegnr.]

Nachmittags fuhren wir nach Lund, um das Concert von Frulein =Schoulz=
in dem alten Dom zu hren. Mit welcher Ehrfurcht betrat ich diesen
Tempel! Eines der grten Denkmler dnischer Geschichte. Absalon's,
Anders Sunesen's und Saxos Heimath, von wo die lteste dnische
Wissenschaftlichkeit ausging. Ich erhob die Augen mit Ehrfurcht zu
der heiligen Wlbung, unter welcher der Staub so vieler dnischer
Ritter und Geistlichen ruht. Ich sah in der Krypta den versteinerten
Zauberer Finn die Sule umklammern, und oben in dem innern Chor stand
der heilige Laurentius aus Erz gegossen, auf einer Sule, seinen Rost
in der Hand haltend. In dem uern Chor der Kirche war eine Erhhung
mit reichen Blumengewinden und Krnzen zum heutigen Feste gebaut. Aber
heute Abend benutzte sie das junge schwedische Frulein, und schlug wie
eine Nachtigall ihre reinen Triller unter der Wlbung in die Abendrthe
hinaus, zur Freude fr die vielen Menschen, welche die Kirche anfllten.
Hier traf ich meinen Freund, den Bischof Tegnr wieder, der mich
verschiedene Male in Kopenhagen besucht hatte.

Wir aen Abends zusammen bei der Frau Bischof Faxe, und wurden durch
die Studenten vom Tisch in den Lustgarten gerufen, um ein Vivat zu
empfangen, das sich verstrkte, als wir unsern Dank und unsere Gefhle
in einigen herzlichen Worten aussprachen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Akademische Feierlichkeit.]

Am nchsten Tage verkndete der tiefe, starke Glockenklang vom Thurme
des ehrwrdigen Doms herab die Feierlichkeit. Man versammelte sich im
Museum; die ganze gelehrte Welt aus den sdlichen schwedischen Provinzen
war zugegen und auch ein Theil der Honoratioren aus der Nachbarschaft.

Der Zug ging in folgender Ordnung zur Kirche: erst zwei kleine,
hbsche, weigekleidete Mdchen mit herabhngenden Locken, welche
Krbe mit Lorbeerkrnzen trugen; dann die jungen Gelehrten paarweise,
die zu Magistern creirt werden sollten. -- Nun bahnten die Pedelle,
mit silbernen Sceptern in den Hnden einer neuen Abtheilung den Weg,
dessen erstes Paar war: Tegnr, der als Bischof in Wexi fr den
abwesenden Schoonen'schen Bischof Faxe an der Stelle des Patrons Sr.
kniglichen Hoheit des Kronprinzen, dem Feste beiwohnte; neben ihm ging
der _Rector magnificus_ Engestrm in rothem Sammtmantel und mit einem
goldgallonirten runden Sammthut. Darauf kam der oberste Befehlshaber
Schoonen's, Generallieutenant Baron Cederstrm, neben dem man mir
einen Platz angewiesen hatte, dann folgte Baron Gustav Gyllenkrok,
Generaladjutant Oberst Clairfeldt und alle Professoren und Adjuncten
paarweise.

Wir gingen Alle, auer dem Bischof und dem Rector, mit entbltem Haupte
in die Kirche. Es war eine starke Sommerhitze, und ich mute meinen Hut
oft als Sonnenschirm ber meinen Scheitel halten. Auf dem Wege, whrend
der Zug sich Schritt vor Schritt durch die Stadt bewegte, hatte ich
Gelegenheit die Bekanntschaft meines edlen Nachbars, General Cederstrms
zu machen; sein herrliches offenes Antlitz hatte mir gleich Vertrauen
eingeflt, und ich fand mich nicht getuscht. Unsere Herzen kamen
sich entgegen und ich merkte, da es den edlen Kriegsmann erfreute,
den dnischen Dichter durch einen Platz an seiner Seite zu ehren. So
fand ich auch die anderen schwedischen Herren. Unter dem Gelute der
Glocken und dem Donner der Kanonen traten wir in die Domkirche ein, die,
obgleich sie voll Menschen war, doch durch ihre Khlung erquickte.

[Sidenote: Tegnr krnt mich als Dichter.]

Tegnr hatte mir vorher gesagt, was er beabsichtige. Zum Doctor kann
ich Dich nicht ohne Wissen des Patrons creiren, sagte er: aber er
wird Nichts dagegen haben, wenn ich Dich als =Dichter= krne.

Nachdem er das Fest mit einer schwedischen Rede in Hexametern begonnen,
und zum Schlu den Rector gebeten hatte, die Magisterpromotion zu
beginnen, wandte er sich an mich, der zu seiner Seite am Hochaltare
stand und sagte, erst zu Engestrm und dann zu mir, mit lauter Stimme
vor der Versammlung;

  Aber bevor Du den Lorbeer vertheilst, so schenke mir einen.
  Nicht fr mich; in dem einen jedoch will adeln ich Alle.
  Nordens Sngermonarch ist hier, der =Adam= der Skalden.
  Erbe des Throns im Reich des Gesangs, denn der Thron er ist =Gthe's=.
  Wte doch Oskar darum, im Namen des Theuern geschh es.
  Nun nicht ist's in dem seinen, noch minder in meinem, es ist im
  Namen des ew'gen Gesangs, lauttnend in Hakon und Helge,
  Da ich Dir biete den Kranz; er wuchs wo Saxo gelebt hat.
  Hin sind die Zeiten der Trennung -- im Reiche des Geistes, dem freien
  Sollten ja nimmer sie sein -- und verschwisterte Lieder ertnen
  Ueber den Sund und entzcken uns jetzt, und vor allen die Deinen.
  Drum beut Svea den Kranz Dir -- ich sprech' im Namen von Svea:
  Nimm von dem Bruder ihn an, und trag ihn zur Ehre des Tages.

Mit diesen Worten setzte er unter dem Schall der Pauken, Trompeten und
dem Donner der Kanonen einen Lorbeerkranz auf mein Haupt.

Alle lchelten mir dabei freundlich zu; ich war tief bewegt, fate mich
aber, und sprach ein Gedicht, das ich aus Dankbarkeit fr all' die
Gte und Ehre geschrieben hatte, die man mir bei meinem ersten Besuche
erwiesen hatte; und in dem Dom von Lund ertnte wieder nach Verlauf
von mehrern Hundert Jahren die dnische Sprache mit lauter Stimme von
begeisterten Lippen.

Da Tegnr sich in seinen Erwartungen nicht getuscht hatte, zeigte der
Ausfall, da seine schwedische Majestt einige Monate darauf mich mit dem
Nordsternorden beehrte, und seine knigliche Hoheit der Kronprinz seine
Einwilligung dazu gab, da die Universitt Lund mir das philosophische
Doctordiplom sandte.

Mittags nach der Promotion war groe Studentengesellschaft in Lund, zu
der die Honoratioren und Professoren eingeladen wurden. Ich ging zuvor
in den Saal, um mir einen khlen Platz zu suchen, aber es traf sich
so, da gerade die Ehrenpltze von der Sonne beschienen waren, und es
gab dort keine Rouleaux. Das wrde mir nun alle Freude gestrt haben;
aber kaum merkte man meine Noth in der Sonnenhitze, als einige rasche
Hnde ein paar Rouleaux improvisirten, was eine bedeutende Erleichterung
verursachte, um so mehr, als ich -- nach Tegnr's Beispiel -- gewagt
hatte, mein Halstuch abzubinden.

Hier wurden nun wieder Toaste ausgebracht. Als wir vom Tische aufstehen
wollten, ergriffen mich ein Dutzend Musenshne bei den Beinen und hoben
mich auf ihre Schultern; das ist hier zu Lande Gebrauch, wenn man Jemand
eine ganz besondere Ehre erweisen will. Dasselbe war wieder unten im
Lusthause im botanischen Garten beim Kaffee der Fall, wo Professor
Agardh mich durch eine kleine Rede ehrte.

Am Abend wagte ich mich, der frchterlichen Hitze wegen, fast nicht
auf den Ball. Ich ging in den Lustgarten hinab, setzte mich unter die
groen schattigen Bume und lie mich mit ein paar stillen, freundlichen
Brgern in ein Gesprch ein, die auch dorthin gekommen waren, um sich in
der Abendkhle zu erquicken.

[Sidenote: Rckreise.]

Ziemlich spt am nchsten Nachmittage fuhren wir im Wagen des
Landrichters nach Malme. Ein kleiner, schelmischer Kobold, der
wahrscheinlich meinte, da wir Schoonen nicht ohne irgend einen Unfall
verlassen drften, zerbrach an unserm Wagen die Axe; aber es war nur
eine Viertelstunde Weges von Malme. In der schnen Sommernacht genossen
wir nun erst recht die Khle und hatten einen angenehmen Spaziergang.

Am nchsten Tage segelten wir mit dem Packetboote bei gutem Winde nach
Kopenhagen, und eine Lustreise war damit beendigt, die mir und meiner
Familie unvergelich bleiben wird.

                    *       *       *       *       *

Ebenso glaube ich, da viele Dnen freundlich des Besuchs gedenken
werden, den der Dichter Axel's und Frithiofs mit Agardh, Thestrup
und vielen Einwohnern Schoonen's, uns kurz darauf im Thiergarten bei
Belleve machten, wo wir Gelegenheit hatten, unseren Nachbarn fr all'
die Gastfreundschaft, die wir bei ihnen genossen hatten, auch einige
Freundlichkeit zu erweisen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Der Bischof Mnter.]

[Sidenote: Wunderlichkeiten des Bischofs Mnter.]

Unsere bisherige Wohnung in der Breiten-Strae war uns zu klein
geworden; der Bischof Mnter, der stets freundlich gegen uns gewesen
war, und den ich oft bei seiner Schwester, Frau Brun, sah, berlie
uns gern, unter gnstigen Bedingungen, seine Parterre-Etage, die gro
genug fr uns war. Dieser feurige, gutmthige Mann lebte mit seiner
Gelehrsamkeit und Phantasie grtentheils in den sdlichen Lndern,
wohin die Theologie und Philosophie ihm winkten. Ich hatte seine
Abhandlungen von den Karthageniensern und der Stellung des Weibes in
den ersten christlichen Jahrhunderten mit vielem Interesse gelesen.
Nur Schade, da man so wenig erfahren kann, wo die Geschichte schweigt.
Sollte man es fr mglich halten, wenn man es nicht wte, da man die
Sprache eines Volks, welches an Strke und weltgeschichtlicher Bedeutung
mit den Rmern wetteiferte, nur aus einer Replik in einem Lustspiele
jener Zeit kennt? -- Mnter's Kirchengeschichte war auch sehr geachtet.
Seine Uebersetzung der Offenbarung Johannis ist von einem guten Vorwort
ber die erste christliche Poesie begleitet und in der in Hexametern
geschriebenen Uebersetzung erkennt man den wrdigen Schler Klopstock's.
Mnter liebte sehr die historischen Reliquien aus alter Zeit, er
hatte eine Menge Steine mit Hieroglyphen aus Egypten, Mauersteine mit
Verzierungen aus Babylon, Steine mit Fischen von den ersten christlichen
Grabmlern her, Pagoden u. s. w. Dies Alles schenkte er dem Vaterlande
und lie es in die Wnde der Amtswohnung des Bischofs einmauern. Eines
Tages lie er eine Pagode, die mit gekreuzten Beinen dasa, in eine
Nische setzen, die ber einer Thr angebracht war. Etwas Zerstreutes
hatte Mnter immer in seinem Wesen gehabt. Er stand lange da und starrte
die Pagode und die Nische an, endlich rief er dem Maurergesellen, der
neben ihm stand, eifrig zu: Die Nische ist zu niedrig; die Pagode
hat keinen Platz, wenn sie aufstehen will! Ew. Hochehrwrden!
antwortete der Maurergeselle ganz ernst, das thut sie wohl nicht.
Mit dieser Zerstreutheit verband Mnter eine sanguinische Zuversicht,
da Alles was geschehen mchte gut ausfallen wrde, die ihn selten
verlie. Eines Mittags kam Sophie, seine Tochter, zu uns herunter, und
theilte uns ganz erschreckt mit, da ihrer Schwester Ida eine Fischgrte
in den Hals gekommen sei. Ich eilte hinauf. Ein Barbier war bereits
geholt und stand mit einem langen Fischbeine da und sondirte Ida's Hals,
wobei ich, so wenig sie auch einer Wlfin glich, doch an die sopische
Fabel vom Wolfe und Kranich dachte. Ich wollte fragen, wie es gehe, als
der Bischof mir entgegentrat. Er stand mit einer Correktur, die er sehr
aufmerksam las, mitten im Zimmer, und rief in einem Tone, der zeigte,
wie tief er in seiner Arbeit versunken sei: Oehlenschlger! soll hier
ein Komma stehen, oder nicht? Ew. Hochehrwrden! antwortete ich
ernst: wir wollen uns doch erst nach dem Komma umsehen, das Ihrer
Tochter im Halse steckt. O, antwortete er ganz ruhig, das wird sich
schon wieder geben. Und das war auch der Fall; aber das konnte er doch
nicht so bestimmt voraus wissen. Er hatte auch gleich nach dem Barbier
geschickt. Als dieser die Operation zur Zufriedenheit aller Theile
gemacht hatte, schenkte ihm der Bischof ein Glas Wein aus der Flasche
ein, die noch auf dem Mittagstische stand; und als der Barbier es mit
einer tiefen Verbeugung und den Worten leerte: Ew. Eminenz! belohnte
Mnter ihn mit einem freundlichen vterlichen Lcheln.

Gerade so wie Bittermann im Menschenha und Reue und wie Brndsted,
stand Mnter mit der ganzen Welt in Correspondenz; nur mit dem
Unterschiede, da die erstere erlogen, die beiden letzteren aber
wirkliche waren. Das kam nun Keinem wunderbarer vor als mir, der ich
das entschiedene Extrem davon abgab. Brndsted hatte mir whrend unsers
Aufenthalts in Paris einen Widerwillen gegen diese Passion beigebracht.
Oft, wenn ich zu ihm kam, hatte er nicht Zeit mit mir zu sprechen, weil
er Briefe schreiben mute, soda ich, als ich einmal rgerlich darber
aus dem Zimmer ging, sagte: Ich wollte wnschen, ich wre der abwesende
correspondirende Freund! Eines Tags begegnete ich Mnter mit einem
versiegelten Packet auf der Treppe, das ihm unfrankirt aus Italien
geschickt worden war und einen Louisd'or kostete. Ich wei nun, da
es Nichts werth ist! rief er verzweifelt. So schicken Sie es doch
unerffnet zurck, Hochehrwrden! Aber das konnte er nicht ber's Herz
bringen. Er war auch neugierig zu wissen, was darin sei, bezahlte seinen
Louisd'or, und fand -- eine langweilige italienische Doctordissertation.

Er hatte mich sehr lieb, als ich aber Ritter vom Nordstern wurde, sagte
er mir in einem Tone, als ob er mir eine Reprimande geben wollte: Der
Knig liebt das nicht! Ich antwortete ihm, da ich keine Schritte
gethan htte, um den Orden zu bekommen, und da Bischof Tegnr mir
geschrieben: Knig Karl Johann hat hierdurch nur Schwedens Wunsch
erfllt.

[Sidenote: Tod des Bischofs Mnter.]

Wenige Jahre darauf kam Ida eines Abends zu uns herunter und sagte, da
ein apoplectischer Anfall ihren Vater getroffen habe. Ich eilte hinauf,
nahm ihn in meine Arme, er war noch bei Bewutsein, wurde zu Bett
gebracht, starb aber in der folgenden Nacht.

Er war in der letzten Zeit nicht auf Rosen gewandelt; mit
bewundernswrdiger Geduld aber hatte er ein schweres Hauskreuz getragen.
Seine edle Gattin -- mit ebenso viel Verstand, wie Gemth begabt --
verfiel in eine tiefe Melancholie, die bis zu ihrem Tode whrte.

Nach Mnters Tode wurde P. E. Mller Bischof, und ich blieb in dem
Bischofshause wohnen. Man wnschte eine Bste von dem Dahingegangenen
zu besitzen; =Freund= nahm eine Todtenmaske ab, und mute sich nun mit
einem Portrait von Hornemann und seinem eigenen Gedchtnisse helfen.
Alles ging recht gut, bis auf die Augen. Da gab ihm ein Freund den Rath:
Die Augen, sagte er, sind ja noch da, frisch und klar; Sie brauchen
Sie nur zu kopiren. Das war ein Rthsel! Die Augen des todten Mnter
lebten noch! Aber der Freund hatte ganz recht. Er meinte die Augen von
Frau =Friederike Brun=, die denen ihres seligen Bruders auf ein Haar
glichen. Freund brachte die nach der Schwester modellirten Augen an der
Bste des Bruders an, und Keiner zweifelte, da es seine eigenen seien.
Die sehr hnliche in Marmor ausgefhrte Bste wurde der Universitt
geschenkt, und im Consistorium aufgestellt.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ein sonderbarer Besuch.]

Ein Bekannter des Bischofs Mnter machte mir in diesen Jahren einmal
einen Besuch. Es war ein groer, stattlicher Schwede, der mir beim
Eintritt seinen Namen nannte, den ich aber nicht verstand. Da ich mich
nun genirte, ihn wieder darnach zu fragen, hoffte ich ihn im Laufe
des Gesprchs nochmals zu hren, oder ihn durch Eins oder das Andere
errathen zu knnen. Er sagte, da er gekommen sei, um mich zu fragen,
was ich von dem Stoffe zu einem Vaudeville halte, das er zu schreiben
gedenke. Er erzhlte es mir; es war recht hbsch, und ich hielt daran
fest und dachte: es ist also ein Vaudevillendichter. Darauf sprach er
von Mnter, als von einem alten Freunde: ich mu Ihnen sagen, fuhr
er fort, da ich auch Theologie studirt und die Offenbarung Johannis
bersetzt habe. -- Ein Vaudevillendichter, dachte ich nun, der auch
Theolog ist. Mnter ist auch Freimaurer, fuhr er fort, all seine
Freimaurerei hat er von mir gelernt, denn ich bin Meister vom Stuhl.
Jetzt rechnete ich im Kopfe weiter zusammen: Vaudevillendichter,
Theolog, Meister vom Stuhl. -- Nun sprach er vom Knig Karl Johann,
den er sehr lobte, und sagte: Ich kenne ihn gut! Ich habe manches
Glas mit ihm geleert. Ich sagte: Vaudevillendichter, Theolog, Meister
vom Stuhle, und ein Freund von Karl Johann. Er fuhr fort: Hier in
Dnemark tragen die Leute nicht ihre Orden; morgen gehe ich in die
Kirche, da lege ich die meinigen an. Das knnen Sie auch sehr gut,
antwortete ich, und er fuhr fort: Ich habe sie alle mit! Ich sagte:
Vaudevillendichter, Theolog, Meister vom Stuhl, Karl Johann's intimer
Freund, Seraphimritter. Endlich sprach der Fremde von seinem Sohne, den
er daran erinnert hatte, da ihr Stammvater zu den Ersten gehrt habe,
welche bei der Eroberung Jerusalems die Mauern dieser Stadt bestiegen.
Nun wurde mir klar, da es der Graf =von Saltza= sein msse. Und der war
es auch.

Als wir nun bekannt miteinander geworden waren, fhrte er mich zu seiner
Familie nach dem Htel du Nord. Dort traf ich den schnen alten Grafen
de la Gardie, dessen Bekanntschaft ich in Ramlse gemacht hatte, und
der mir erzhlte, da sein Ururgrovater bei der Belagerung Kopenhagens
Einer der Ersten auf dem Walle gewesen sei. Es war auch ein Baron
Bannr dort, von dem Saltza scherzend erzhlte, da er von einem Koch
abstamme, der bei einer wichtigen Gelegenheit den Seinigen dadurch den
Sieg verschafft hatte, da er seine Schrze und den Kchenbesen als
Banner benutzte, und so die Fliehenden zurckrief. Spter nahm Saltza
mich in sein Zimmer, zeigte mir verschiedene fromme Bcher, und uerte
religise Ansichten, in die ich mich nicht weiter mit ihm einlie.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Schwedische Bekanntschaften.]

Da ich hier von Schweden spreche, mu ich noch einige von den lieben
Freunden nennen, die von Zeit zu Zeit ber den Sund kamen, um uns
zu besuchen. Schon im Jahre 1819 lernte ich =Beskow= kennen, der
spter einer meiner besten Freunde wurde, und auf den ich im Folgenden
zurckkomme. =Tegnr= trat als ein munterer, rothwangiger, goldlockiger
Jngling bei mir ein, als ich schon ein paar Jahre Professor gewesen
war. Frher hatte ich den noch blonderen =Ling=, Dichter und
Fechtmeister gesehen, der in seiner Gylfe, Phantasie und Sinn fr
altnordische Poesie zeigte, ohne doch eigentlich den richtigen Ton in
der Darstellung gefunden zu haben. =Geijer= schenkte mir in spteren
Jahren auch einen kurzen Besuch, aber wir lernten einander doch nicht
recht persnlich kennen. Er hatte meine frheren Arbeiten gelesen,
spter, vielleicht durch den hufigen Tadel bewogen den er ber mich
gehrt hatte, sagte er selbst in einer Schrift, die von ihm erschien,
da er mir nicht weiter gefolgt sei. Obgleich er die harten Angriffe
mibilligt, so scheint es doch, als ob sie ihm das Zutrauen zu meiner
Entwickelung geraubt htten und er mich dehalb fallen lie. Ich selbst
lernte diesen ausgezeichneten Mann erst kennen und schtzen, als ich
seine =Chronik des schwedischen Reiches= las; philosophisch-dichterisch
hat er die lteste Mythologie und Sagengeschichte des Nordens aufgefat,
wie noch kein Anderer. Der Geschichtsschreiber Geijer war auch Dichter,
hat gute Lieder geschrieben und selbst reizende Melodieen dazu
componirt. Spter besuchte mich =Fryxell=, und ich wurde sehr fr diesen
liebenswrdigen Mann eingenommen, durch dessen vortrefflich geschriebene
Geschichte ich Schweden erst recht kennen gelernt habe.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Frederik Classon Horn.]

Noch mu ich hier des unglcklichen Grafen =Frederik Classon Horn=
erwhnen, der als Theilnehmer an dem Knigsmorde Gustavs des Dritten
nach Dnemark floh, wo er unter dem Namen Classon mehrere Jahre ein
armes, kummervolles Leben fhrte. Ich lernte ihn bei Rahbeks kennen,
und er besuchte mich. Er war auch Dichter, blies vortrefflich die
Flte und soll ein vorzglicher Mathematiker gewesen sein. Obgleich
er mir nie recht seine Reue ber das Verbrechen eingestehen wollte,
und, wenn man von Gustav III. sprach, sagte: Das war, hol' mich
der Teufel, ein sakermentscher Rnkemacher, so konnte man doch die
Gebeugtheit an seinem ganzen Wesen erkennen, denn Horn war weit davon
entfernt, ein grausamer, blutdrstiger Mensch zu sein; phantastische
Freiheitsschwrmerei mit persnlicher Unzufriedenheit verbunden,
hatte ihn, ebenso wie Ribbing, mit Ankarstrm in Verbindung gebracht,
der Gustavs eigentlicher Feind war. Die alten Aristokraten, Pechlin
und Liljehorn, benutzten diese demokratisch gesinnten Jngeren als
ihre Handlanger, obgleich beide Parteien von entgegengesetzten
Motiven getrieben wurden. -- Als die Gefangenen im Correctionshause
auf Christianshafen Aufruhr gemacht hatten, und mehrere von ihnen
hingerichtet waren, schlug Steffen Heger, der viel mit Horn umging,
ihm vor, da sie eines Nachmittags hinausgehen wollten, um die Kpfe
der Hingerichteten auf den Stangen zu sehen. Der phantastische Horn
war gleich dazu bereit. Auf der Richtsttte beobachtete Heger, welchen
Eindruck es auf ihn machte. Er stand lange still da, und starrte auf
die leblosen Kpfe; darauf sagte er leise, indem er fortging: Ich
bin, indem er den Zeigefinger in den Mund steckte, hol' mich der
Teufel! auch nicht weit davon entfernt gewesen! -- Ich beklagte
oft diesen unglcklichen Mann, wenn ich mit ihm zusammen war und
ihn betrachtete, ohne da er es merkte. Er war gro und schlank,
hatte ein sehr ausdrucksvolles Gesicht, Adlernase und feurige Augen,
aus denen Begeisterung und Milde sprach. Ich stellte ihn mir als
Minister mit Ordensband und Sternen vor, eine Stellung, die er in
seinen Verhltnissen leicht htte erreichen knnen, wenn nicht die
verbrecherische That ihn in Armuth und Elend gestrzt htte: ein
Zustand, den er nach Allem, was geschehen war, doch ein Glck nennen
mute, da er dem Schafote entging. Gewi mu etwas Schiefes in der Natur
und ein Mangel an hherm Humanittsgefhl in der Seele sein, die sich
verlocken und verblenden lt, einen Meuchelmord zu begehen.

Er schenkte mir seine Gedichte, in die er schrieb: Meine Thrnen bei
Deinem Correggio waren ohne Zweifel ein Deiner wrdigeres Opfer als
diese Bltter.

                    *       *       *       *       *

Mit =Berzelius= machte ich keine nhere Bekanntschaft. Er besuchte mich
einmal den Tag vor seiner Abreise, und da er hrte, da ich im Theater
sei, sagte er: Ja, ja, das ist nun =sein= Laboratorium.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Kammerherr Ries.]

[Sidenote: Anekdoten von Christian VII.]

Eines merkwrdigen Mannes mu ich hier erwhnen, den ich von meiner
frhen Jugend her kannte, und dessen Bekanntschaft jetzt erneuert wurde.
Es war der Kammerherr =Ries=. Er war Christian VII. dienstthuender
Cavalier gewesen, und ich sah ihn tglich mit dem Knige spazieren
gehen. Im Anfange meiner Dichterperiode besuchte ich ihn auf dem
Friedrichsberger Schlo; er hatte meine Arbeiten gern, war selbst
deutscher Dichter, und ich bersetzte ein paar seiner Stcke ins
Dnische. Nun vergingen wohl zwanzig Jahre, ehe wir uns wiedersahen.
Er war nach Christian VII. Tode Zollbeamter auf Fehmarn geworden. Er
war mir stets gefolgt, seine Liebe zu meinen Schriften war gestiegen;
beim Eintreten in mein Zimmer fiel er mir um den Hals und bat mich in
dem krftigen, herzlichen Tone, den ich von Alters her kannte, ihn Du
zu nennen. Wir wurden bald Freunde und Vertraute, obgleich er um eine
gute Zahl von Jahren lter war als ich. Er war ein groer, starker
Mann, der seine Jugend unter dem Militair zugebracht hatte; sein
ausdrucksvolles Gesicht war derb und ehrlich; ich nannte ihn meinen Gtz
von Berlichingen. Er hatte viel mit Christian VII. zusammen gelebt; ich
bat ihn, seine Memoiren zu schreiben, die gewi viel Interesse gehabt
haben wrden, er versprach es, aber es wurde nie Etwas daraus. Es war
wohl auch noch zu frh, damals Etwas zu erzhlen, was brigens Alle
wuten. Die Geistesschwche des Knigs hatte den sonderbaren Charakter,
da der uere Anstand aufrecht erhalten werden konnte, ohne da man
ihn von seinem Hof zu entfernen, oder ihn abzusetzen brauchte; der
Kronprinz, sein Erbe, wurde schon bei seinen Lebzeiten sein Nachfolger.
Er war es, der die Macht in Hnden hatte; Alles ging nach ihm, Alles
bestimmte er, nur mute Christian unterschreiben. Zuweilen hielt dies
ziemlich schwer, wenn man ihn aber das drohende Wort Absetzung ins
Ohr flsterte, so wurde ihm angst, und er that, was man wollte. Kleine
Neckereien, eine Folge seiner Krankheit, suchte man durch Vorsicht zu
verhindern. So waren die Pagen instruirt, bei der Tafel seinen Stuhl
festzuhalten, wenn er zuweilen aufstehen wollte, um die Andern am Essen
zu verhindern. Einen und den andern Pagenstreich dagegen konnte man doch
nicht hintertreiben. Es war am Hofe verboten, mit ihm zu reden, und ihm
zu antworten, wenn er fragte; nichtsdestoweniger hatte ihn ein Page doch
einmal in einen Winkel zu locken gewut, und ihm gesagt: Verrckter
_rex_! mach' mich zum Kammerjunker. -- Bei dieser Gelegenheit will ich
auch erwhnen, wie er einmal einen Kammerherrn creirte. Er war genthigt
worden, die Kammerherrnbestallung fr einen Mann zu unterschreiben, den
er nicht leiden konnte. In demselben Augenblicke kam einer der niedern
Hausofficianten ins Kabinet, in seiner gelben Jacke, die Mtze mit des
Knigs Namenszuge auf dem Kopfe, mit einer Tracht Brennholz auf dem
Rcken, das er beim Kamine niederlegte. Du, hre mal! rief der Knig:
willst Du Kammerherr sein? Auf die wiederholte Frage antwortete der
Knecht, da es nicht so bel wre, wenn er es werden knnte. Nichts
ist leichter! antwortete der Knig, folge mir! Es war gerade eine
Versammlung des Hofes in dem groen Saal neben dem Kabinete. Der Knig
fate den Hausknecht bei der Hand, ffnete die Thr, trat in die
Mitte der Versammlung ein und rief mit lauter Stimme: Ich ernenne
diesen Mann zu meinem Kammerherrn. Der Marschall nahm spter den Mann
zu sich hinauf; dieser sah selbst ein, da er nicht zum Kammerherrn
pate, und da ihm mit einer Wrde nicht gedient sein knne, zu deren
Aufrechterhaltung ihm die Mittel fehlten; und er war deshalb sehr
erfreut ber die Nachricht, da man, in Betracht der gndigen Gesinnung,
welche Sr. Majestt gegen ihn gezeigt habe, ihm ein schnes Bauerngut
kaufen wolle. -- Aber Christian hatte auch seine lichten Augenblicke.
Einmal in einer hnlichen Abendgesellschaft trat er mitten unter den
groen Hofschwarm, machte ein Zeichen mit der Hand und rief: Ruhe!
Und als Alle vor Verwunderung und Bestrzung schwiegen, declamirte er
laut, deutlich, vortrefflich und mit tiefem Ernste Klopstock's Ode an
die Frsten. Als es geschehen war, lachte er laut und ging wieder. --
In seiner Jugend hatte er (ebenso wie Gustav III. in Schweden, den er
Vetter Don Quixote nannte) viel scenisches Talent gehabt, und soll den
Orosman in Voltaire's Zare gut gespielt haben.

Ries versuchte auf alle Weise, ihn zu zerstreuen und zu unterhalten, so
gut er konnte. Er war mitten im Treiben des Hofes sein einziger Umgang.
Sie spielten tglich Billard zusammen; der Knig wollte immer hoch
spielen. Ries that als ob er sich darin fand, und gewann scheinbar groe
Summen. Wenn er dann sagte: Wollen Ew. Majestt nicht die Gnade haben
mich zu bezahlen, ich brauche Geld, so antwortete der Knig schlau:
Sprecht mit dem Kronprinzen!

Aber obgleich nun Christian VII. auf seine Art Ries lieb hatte, und
vom Morgen bis zum Abend mit ihm lebte, so war Christian doch so kalt,
gefhllos und feig geworden, da es ihn gar nicht geschmerzt htte, wenn
man ihm eines Tages erzhlt haben wrde: Ries ist gefangen! Und,
sagte dieser, htte er gehrt, da ich hingerichtet werden sollte,
so wrde er nicht nach der Ursache gefragt, oder irgend einen Schritt
gethan haben, um mich zu retten.

Ries starb vor ein paar Jahren; in seinen Gedichten war Phantasie und
Kraft, er hatte etwas Brger'sches, und die Romanze glckte ihm am
besten.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Commandeur Slling.]

Ein Mann, dessen ich mich gerade wegen seiner auerordentlichen
Verschiedenheit von Ries bei dieser Gelegenheit erinnere, und der
mich oft besuchte, war Commandeur =Slling=. Keiner leugnet, da der
dnische Matrose stets etwas ganz besonderes Charakteristisches gehabt
habe. So lange das deutsche Element hier in Dnemark herrschte, war der
Seeetat fast das Einzige, was das nationale Gefhl reprsentirte. Unsere
alten Wikingszge, Knud's, Svend Gabelbart's, Waldemar's und Absalon's
Heldenzge, und (nachdem die unglckselige lbecker Zeit vorber war,
wo die deutschen Krmer auf ihren Schiffen hersegelten und uns in Zucht
hielten) das Andenken an die Juels Hvidtfeldt, Adeler, und Tordenskjold
frischte das alte nationale Gefhl auf. Diesem Gefhle setzte die
Schlacht am 2. April 1801 die Krone auf, bei welcher Gelegenheit Nelson
sagte: (Siehe: _Southey, Life of Nelson_): Die Franzosen schlagen sich
gut; aber das Feuer, das die Dnen vier Stunden lang ausgehalten haben,
wrden jene nicht eine einzige ertragen haben.

Das muntere, schnelle, stolze, unerschrockene, launige, oft witzige
Wesen, das sich so vielfach bei dem dnischen Matrosen zeigt, fand
sich auch bei vielen der Officiere. Englisch und Franzsisch wurde
auf der Seecadettenakademie gelehrt, aber nicht Deutsch. Mit dem
Deutschen hatten die Shne des Meeres Nichts zu thun; sie trugen kein
Von vor ihrem Namen, und selbst der Adelige legte als Marineofficier
das seinige ab. Ein gewisses Verspotten der Convenienz gehrte mit zu
diesem Tone. Allmlig hrte dieser auf; Slling aber war noch eines
der Exemplare, die dieses Geprge behalten hatten, er setzte es fort,
und das stand dem kleinen gewandten, feurigen Seemanne gut, man mute
es ihm verzeihen, da er das Wesen bisweilen mit einer Art Coquetterie
bertrieb, und es ein Bischen zu lange als alter Mann fortsetzte. -- Ein
paar Anekdoten von ihm fallen mir ein. Als er ein Mal aus Westindien von
einer miglckten Speculation heimkehrte (die dnischen Marineofficiere
hatten damals das Recht Handel zu treiben), bei seiner hbschen Frau auf
Fredensburg zum Kaffee war und sie ihm ein paar Henkeltassen vorsetzte,
sagte er: Nein, liebes Kind, dazu haben wir, hol mich der Teufel, die
Mittel nicht! Damit brach er die Henkel von der Kaffeetasse ab. -- In
der Operette =Peter's Hochzeit= kommt ein schner Seemannschor vor,
der vor mehreren Jahren bei der Auffhrung auf Verlangen des Publikums
wiederholt wurde; denn obgleich es eigentlich nicht gestattet war,
sich nach dem Dacaporuf zu richten, so fand hier eine Ausnahme statt,
und es wurde nicht als eine Wiederholung aus Kunstgenu, sondern --
was es auch war -- aus Vaterlandsbegeisterung betrachtet. Es ist sehr
mglich, da Slling auch damals Derjenige war, der Dacapo gerufen
hatte. Das war aber schon lange her. Nun sollte wieder Peter's Hochzeit
aufgefhrt werden, und er ging hin, um sein Dacapo wieder zu rufen, da
er aber nicht musikalisch war, so hatte er vergessen, da die Strophen
des Chores mehrere Male wiederholt werden. Kaum waren sie das erste
Mal gesungen, so stand er im Parterre auf (ich war selbst zugegen) und
rief sehr hflich, aber mit durchdringender Donnerstimme: Drften
wir Sie wohl bitten, das noch ein Mal zu singen? Da die Wiederholung
gleich kam, so nahm man weiter keine Rcksicht auf die Aufforderung
und setzte den Chor fort. Slling aber lie sich nicht abschrecken,
und als er merkte, da es wirklich zu Ende sei, bat er noch ein Mal
darum, und sein Wunsch wurde erfllt. -- Slling hatte sich dadurch
bei der Marine verdient gemacht, da er die bedeckten Lootsenboote
in Norwegen einfhrte, wodurch jhrlich viele Menschenleben gerettet
wurden. Hier stiftete er die =Bombenbchse=, eine Anstalt in der
alte Seeleute Aufnahme fanden. Wegen der Concerte, die jhrlich zum
Besten dieser Stiftung gegeben wurden, kam Slling oft zu mir, um sich
Lieder schreiben zu lassen. Bei solchen Gelegenheiten hatten wir lange
Gesprche, in denen er mir seine Schicksale und Abenteuer erzhlte.
Diese Erzhlung begleitete er stets sehr lebhaft mit starken Bewegungen
und Ausdrcken. Einmal stand er mit mir am Fenster meines Zimmers, das
nach der Universitt zu lag. Hier erzhlte er mir eine Geschichte, die
ich vergessen habe, wie er einmal an einer Thre gelauscht und durch
eine Spalte in der Diele geblickt habe, um Etwas zu erfahren. Ich zog
den Rock aus, sagte er (dabei that er es), warf mich auf die Erde
(dieselbe Bewegung), und sah durch die Spalte! (da legte er das
Gesicht gegen meine Thr). Lieber Herr Commandeur! sagte ich: ich
verstehe Sie auch ohne das. Was sollen die Leute denken, wenn man, von
der Strae aus, sieht, da Ihr Rock ausgezogen wird und Sie auf den
Boden strzen, whrend ich neben Ihnen stehe? Man mu ja glauben, da
ich Sie in meinem eigenen Hause berfalle und plndere. Und wenn nun
Jemand kommt und die Thre ffnet, so schlgt er Sie vor die Stirn.
O, es ist nicht so gefhrlich, sagte er, und sprang wieder auf.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Reise nach Leipzig.]

[Sidenote: Dresden. Dr. Carus.]

Im Jahre 1830 machte der Buchhndler Heinrich Brockhaus mit seiner
Frau eine Reise nach Kopenhagen. Er besuchte mich. Frau Brockhaus und
meine Tochter Charlotte wurden bald sehr gute Freundinnen, und da sie
mich baten, diese mit nach Leipzig nehmen zu knnen, und mich, sie im
nchsten Sommer abzuholen, willigte ich gern ein. Ich traf dort im Juni
1831, wie es verabredet war, ein. Whrend dieser Zeit hatte Charlotte
Deutsch wie eine Eingeborne gelernt, und corrigirte mich zuweilen,
wenn ich Danismen sagte. Ich hatte auch den =Fischer= bersetzt und
umgearbeitet, den, da er nicht zum Accord mit Max gehrte, Brockhaus
verlegte. Prinz Friedrich von Sachsen war damals in Leipzig und hatte
die Revue ber die Communalgarde abgehalten. Friedrich Brockhaus war
hier sein Adjutant. Der Prinz lud mich Abends im Theater in seine Loge
ein, und ich versprach ihm, meine Aufwartung zu machen, wenn ich nach
Dresden kommen wrde. Als wir von Leipzig abreisten, begleitete uns
Charlotte's Freundin, Frulein Ottilie Wagner, eine Schwester der Frau
Brockhaus, nach Kopenhagen. Wir reisten zuerst nach Dresden und dann
nach Berlin; aber ich hatte nicht Zeit, mich an diesen Orten lange
aufzuhalten, da ich nach Hause mute, um das Rectorat zu bernehmen. In
Dresden war ich einmal bei dem Prinzen Friedrich zu Mittag. Hier traf
ich den berhmten Dr. med. Carus, der in Dresden fr eines der grten
sthetischen Lichter galt, und ein specieller Freund von Tieck war.
Er kam mir nicht sehr freundlich entgegen, opponirte vornehm, und als
die Rede auf Thorwaldsen kam, sagte Herr Carus, da Thorwaldsen kein
Bildhauer sei; er sei mehr Maler, und deshalb sei auch das Basrelief,
das sich der Malerei mehr nhere, ihm am besten geglckt. Ich erstaunte
hchlichst, und antwortete nur: Wenn Thorwaldsen nicht Bildhauer ist,
dann wei ich nicht, was ein Bildhauer ist. Ich erinnerte mich meines
Gesprchs vor 15 Jahren mit Tieck, als er sagte: Wenn Canova ein
Bildhauer ist, so wei ich nicht, was ein Bildhauer ist und ich dachte:
Ihr guten Leute; wtet Ihr nur was Ihr selbst seid. Ich konnte leicht
einsehen, da ich als Dichter nicht viel in Carus' Augen gelten konnte,
da mein groer Landsmann so abgefertigt wurde.

[Sidenote: Zusammentreffen mit Tieck.]

Aber Tieck fand ich sehr liebenswrdig, er kam mir freundlich entgegen
und das rhrte mich. Ich las ihm meinen Fischer und die Drillingsbrder
von Damask vor, die ihm gefielen. Ich dedicirte ihm beide Stcke mit
folgendem Gedicht:

           Zu meinen Kindermrchen kehr ich wieder;
           Doch kann der Mensch nicht aus sich selbst heraus.
           Noch schwingt die Phantasie leicht ihr Gefieder,
           Doch hat der Dichter Kinder, Weib und Haus.
           Nicht mehr Aladdin er die Lampe scheuert,
           Ein Fischer, harrt er an dem Strande dreist;
           Hat sich das hbsche Wunder doch erneuert?
           Zog er in seinem Netz hinauf den Geist?

           Doch -- wie die alten Bilder mich besuchen,
           Und bringen wieder manch verschwund'nes Glck,
           Kehrt auch lebendig -- unter meinen Buchen --
           Des Freund's Erinnerung mir treu zurck.

             Dir reich ich gern, was in den letzten Trumen --
           Zu sehn die nord'sche Muse sich gewagt,
           Ich habe nie verlangt, da allen Bumen
           Dieselbe Rinde wachse, Lessing sagt.
           Doch edler =Tieck=! wenn auch in ein'gen Dingen
           Verschieden, stehen wir uns gar nicht fern:
           Den Hippogryph mit breiten bunten Schwingen
           Wir reiten nach dem Wunderlande gern.
           Hast mir den Weg gezeigt, vom edlen Britten
           In Sturm und Sommernacht vorher geritten:
           Mein Tieck, ich seh' Dich wieder, helle Thrnen
           Stehn mir im Auge; Du bist wieder mein.
           Holberg's Apostel und Du Freund der Dnen
           Du hast nicht aufgehrt mein Freund zu sein! -- --

Tieck schrieb in mein Stammbuch:

                    Freud' ist mir jetzt geworden,
                    Es bringt mir lieben Gru,
                    Der Dichter aus dem Norden,
                    Und seinen Bruderku.
                    Er sprach: Warum denn richten?
                    Da noch die Kraft gesund?
                    Weit besser klingt das Dichten
                    Von einem Sngermund.
                    So darf der Dichter sprechen,
                    Dem hold die Muse lacht;
                    Er wird die Lorbeern brechen,
                    Die sie ihm zugedacht.
                    Dein freundliches Gemthe
                    Hat sich mir lngst bewhrt;
                    Mit Deines Kindes Blthe
                    Bist Du zurckgekehrt.
                    Sie spricht des Vaters Wahrheit,
                    Sie lchelt seinen Blick;
                    So bleibt denn Lieb' und Klarheit
                    Der Zukunft auch zurck.
                    Und neu mit Dir verbunden
                    Reich ich die Freundes-Hand,
                    Wie wir uns frh gefunden,
                    Hast Du mich nie verkannt.
                    Wir Sanges-Brder wallten
                    Durch manchen schnen Raum,
                    Lebendig festzuhalten
                    Des Lebens Wunder-Traum.
                    Seh' ich einst Deine Auen?
                    Kehrst Du zu unsern Gauen?
                    Gr ich Dich dorten, hie?
                    Doch, wie sich's mag gestalten,
                    Wir bleiben stets die Alten!
                    Entfremdet sind wir nie!!

          Dein treuer Freund und Bruder
                                             =Ludwig Tieck=.

[Sidenote: Burgstorph. Rumohr.]

So verbrachte ich einige schne Tage mit Tieck; ja eines Abends nahm er
sogar meine deutsche Uebersetzung des Holberg hervor und las uns ein
Stck daraus vor, whrend er sich gewhnlich an die alte Uebersetzung
zu halten pflegte, was er auch wohl spter wieder that. Die pedantische
Weitlufigkeit im Styl und die Plumpheit in den Ausdrcken, die Holberg
selbst weit bersteigen, waren fr ihn, der das Original nicht kannte,
nicht abstoend. Tieck war als vortrefflicher Vorleser bekannt; dieses
Talent hatte er entwickelt, als er eine Reihe von Jahren, als die Gicht
ihn am Gehen verhinderte, fast jeden Abend in einem Kreise von Freunden
oder Reisenden, die ihn besuchten, eins oder das andere Dichterwerk
vorlas. Die Aerzte hatten ihm diese krperliche Anstrengung gerathen,
die also ebenso ntzlich fr ihn, wie angenehm fr Andere wurde. Es
war fr ihn ein doppelter Nutzen; denn er machte sich dadurch eine
groe Menge von Freunden verbunden, welche seine Gastfreundschaft,
und jeden Abend eine so schne Unterhaltung in seinem Hause genossen.
Freilich mute es ihm viel kosten; oft waren zwanzig und mehr Menschen
jeden Abend zum Thee da. Ob Tieck damals eine Pension hatte, wei ich
nicht. Er schrieb jedes Jahr eine Novelle fr Brockhaus' Urania, die
ihm sehr gut honorirt wurde. Aber er stand in einem andern merkwrdigen
Verhltnisse, das so charakterisch war, da es hier besprochen zu
werden verdient. Durch seine auerordentliche Persnlichkeit -- er
hatte ein schnes Gesicht, dessen groe, braune, feurige, und wenn er
wollte, milde Augen, welche Alle einnahmen, die ihm begegneten -- durch
seine Beredtsamkeit, die oft satyrisch und polemisch war, schuf er
sich eine groe Partei. Da er nun ganz sein eigener Herr war, kein Amt
hatte, durchaus nicht von der Zeit abhing, und sehr viel Lust sprte,
umherzureisen, und Kunstwerke und Naturschnheiten zu sehen, so fand er
sehr leicht junge enthusiastische Freunde, die nichts mehr wnschten,
als in dem innigsten Verhltnisse mit ihm zu stehen, und das Leben
mit ihm zu theilen. So fand er frh einen Baron =Burgstorph=, spter
den berhmten =Rumohr=, die beide reich waren, und eine Freude daran
fanden, Das herbeizuschaffen, was Tieck fehlte. Auf diese Art reiste
er wahrscheinlich nach Italien. Da Rumohr spter Tieck nicht leiden
konnte, beweist Nichts, da Rumohr ein Sonderling und rechthaberisch
hinsichtlich seiner Kunsturtheile war (wenn auch wirklich ein seltener
Kunstkenner); er wollte auch Poet, wenigstens Novellenschreiber sein,
und hat als solcher wahrscheinlich Tieck nicht gefallen. In sptern
Jahren hatte sich eine Grfin Finkenstein aus einer der ersten
preuischen Familien der Tieck'schen ganz angeschlossen. Tieck's Frau
war eine Tochter des Predigers Alberti, seine Tchter, Dorothea und
Agnes, waren bereits erwachsen. Nun lebten sie mehrere Jahre zusammen,
und die Einladungen von Tieck geschahen stets im Namen der Grfin von
Finkenstein. Sie freute sich whrend der Vorlesungen zugegenzusein, und
ihre Augen beobachteten die der Zuhrer, um zu sehen, welchen Eindruck
der Vortrag ihres Lieblings auf sie machte.

[Sidenote: Grfin Finkenstein. Bttiger.]

Tieck las den Holberg mit seiner gewhnlichen Virtuositt und Laune vor;
aber es fehlte ihm natrlich Etwas vom nationalen Elemente. Ich htte
gern auch einmal ein Stck von Holberg vorgelesen, um Tieck eine Idee
von der Art und Weise zu geben, wie wir Dnen den Dichter auffassen;
auch mir ist zu Hause Beifall beim Vorlesen von Dichterwerken geworden,
obwohl ich nur selten las. Aber -- ich merkte wohl, da Tieck ein
Bedrfni hatte, selbst zu lesen, und sprach also nicht davon. Wenn es
Dramen waren, so ging es gut; zuweilen aber las er ganz lange Novellen
vor, und das war zu viel. Auch glckte ihm das Komische viel besser als
das Tragische, wobei er nicht selten in einen trockenen, manirirten Ton
verfiel. Wenn nun hiezu kam, da die Fenster selbst in den Hundstagen
geschlossen werden muten, so verursachte mir das eine Betubung, die
zuweilen in unbezwinglichen Schlummer berging.

In Dresden besuchte ich auch meinen alten Freund =Bttiger=. Seit dem
gestiefelten Kater, in welchem Stcke Bttiger eine persnliche Rolle
spielt, war kein gutes Vernehmen zwischen ihm und Tieck gewesen, wobei
die Schuld wohl mehr an diesem als an jenem liegen mochte. Tieck sprach
stets mit Geringschtzung von Bttiger, der vorsichtige, artige, alte
Mann dagegen wgte stets seine Worte ab. Nur einmal, da es ungeheuer
hei war, sagte er mit schelmischem Lcheln: Sie sollen Tieck heute
Abend hren! Sie Glcklicher!

In mein Stammbuch schrieb er:

           Zweizngig ward einst Ennius genannt
           Auch Du, mein Freund, hast, wie bekannt,
           Unsterblichkeit Dir in zwei Schwesterzungen
           Mit aller Musen Gunst errungen.
           Teutonia und Daniska legt' ein Lorbeerreis
           Dir auf die Wiege. Wer mcht' nicht um diesen Preis
           Zweizngler sein in biedrer Mnner Kreis?

                    *       *       *       *       *

In Berlin ging ich gleich zu meinem alten Gnner, dem Grafen Bernstorff,
der nun preuischer Minister war. Er kam mir mit offenen Armen entgegen,
und sagte, indem er auf den Tisch zeigte: Da liegen Sie! Ich habe mich
gerade in diesen Tagen mit Ihnen beschftigt. Es war meine Deutsch
geschriebene Selbstbiographie, mit der meine Werke bei Max anfingen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Berlin. Wilhelm von Humboldt.]

Ein paar Tage darauf fuhr ich nach Tegel hinaus, um den Staatsminister
Wilhelm von Humboldt, nicht als Minister, sondern als Gelehrten, als
Aesthethiker, und als Schiller's vieljhrigen vertrauten Freund, zu
besuchen. Es hatte sich bisher in meinem Leben noch nicht so gefgt, da
ich mit diesem seltenen Manne zusammengetroffen war. Seine Frau hatte
ich in Rom 1809 sehr gut gekannt, wo ich sie zuweilen mit Frau Brun und
Thorwaldsen besuchte.

Als ich nach Tegel in den kleinen Lusthain kam, der an das Haus stt,
wo er wohnte, stand Graf Raczynski da und zeichnete eine Waldpartie. Er
war mehrere Jahre preuischer Minister in Kopenhagen, wo er mich gleich
besuchte und mich zu seinem gastlichen Tische einlud. Er war reich, ein
Pole von Geburt, Kunstkenner, Freund der Poesie, und zeichnete selbst.
-- Als ich ihm erzhlte, da ich Humboldt besuchen wolle, sagte er
mir, da er bereits dort gewesen, aber nicht angenommen worden sei.
Ich wollte wieder umkehren; aber Raczynski sagte: Nein, gehen Sie
nur! Sie werden schon vorgelassen! Er meinte wohl, da, obgleich der
Minister nicht fr den Minister zu Hause sein wollte, um sich nicht mit
Staatsangelegenheiten beschftigen zu mssen, er doch gerade dadurch
als Gelehrter und Kunstfreund eine Musezeit gewonnen htte, die er dem
Dichter schenken knne. Und das war auch der Fall. Humboldt kam mir wie
ein alter Freund entgegen, ergriff meine beiden Hnde, sah mich lange
und freundlich mit seinen groen geistvollen Augen an, indem er ausrief:
Oehlenschlger!

Wir hatten nun ein langes Gesprch, und ich mute mit ihm durch den Wald
zum prchtigen Grabmal seiner Frau gehen. Auf dem Wege stand Raczynski
noch immer und zeichnete. Humboldt grte ihn freundlich, ohne das
Gesprch zu unterbrechen, und ging weiter. Dies war das erste und letzte
Mal, da ich diesen ausgezeichneten Mann sah.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Raczynski. Stieglitz.]

Mit Raczynski war ich im Theater und sah Devrient den Shylok und Madame
Stich die Portia in Shakespeare's Kaufmann von Venedig spielen. Ich
bewunderte hier die letzten Strahlen des groen Knstlergenies, das sich
seinem Ende nherte. Madame Stich war anmuthig und herrlich als Portia.
--

Einen angenehmen Abend brachte ich bei einer Familie zu, die spter
durch ihr unglckliches Geschick berhmt geworden. Es war dies beim
Doctor Stieglitz und seiner jungen reizenden Frau. Hier traf ich auch
Theodor Mundt als ganz jungen Mann. Er hat spter in einer Schrift das
unglckliche Ereigni erzhlt. Die junge Charlotte Stieglitz liebte
ihren Mann sehr, und er sie; aber doch glaubte sie, von einer stillen,
sonderbaren Schwrmerei ergriffen, da sie ihn nicht glcklich mache.
Sie sprach nicht darber, und er hatte keine Ahnung von Dem, was in
ihrem Innern vorging. Einmal, als er in Gesellschaft gehen wollte,
hatte sie sich zu entschuldigen gewut. Als er nach Hause kam, fand
er das Haus in der gewhnlichen Ordnung, aber seine Frau hatte sich
zu Bett gelegt. Er nherte sich dem Bette, das auch sehr reinlich mit
feinen, weien Laken bedeckt war. Sie lag lchelnd in gracisem Neglige
da. Aber einige Blutflecken erschreckten ihn, und als er die Decke
zurckschlug, sah er die schne Charlotte Stieglitz mit einem Dolche in
der Brust in ihrem Blute schwimmen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Prometheus. Tordenskjold.]

Bei meiner Rckkehr in die Heimath wurde ich Rector, und war in den
Jahren 1831, 32 und 33 sehr fleiig. Ich schrieb und hielt zwei
lateinische Reden, gab die Monatsschrift =Prometheus= heraus, wobei ich
nur wenig Hlfe hatte, und in der Vieles Original war; auerdem schrieb
ich die Tragdien =Tordenskjold= und =Knigin Margareta=.

Prometheus enthlt unter Anderm Novellen vom Herausgeber, Urtheile
ber Heiberg's, Overskou's und Hertz's dramatische Arbeiten, die
Vertheidigung Thomas Thaarup's gegen Molbech's Herabsetzung, eine
Widerlegung der Beurtheilung desselben ber Balder's Tod von Ewald u.
a. m. Aber hiervon will ich keine Auszge geben, da ich, wenn diese
ausfhrlichere Lebensbeschreibung erschienen ist, gedenke, meine
=stethischen Abhandlungen= in einem besondern Bande herauszugeben.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Meine Tochter Charlotte.]

Frulein Ottilie Wagner, welche mit von Leipzig gekommen war, blieb
ein Jahr bei uns und war Charlotte's vertraute Freundin. -- Ich mu
nun Etwas von diesem lieben Kinde, das mich so frh verlie, sprechen.
Alle, die sie kannten, waren von ihrem Wesen und ihren Fhigkeiten
eingenommen. Auf der Reise hatte sie auf Jeden, dem sie begegnete, einen
angenehmen Eindruck gemacht, unter Anderen auf Tieck, was man aus dem
Gedichte sieht, das er mir schrieb. Sie hatte viele Fertigkeiten, tanzte
hbsch, spielte gut das Piano, sang mit Leichtigkeit und Grazie alle
Mozart'schen und Rossini'schen Arien. Sie sprach Deutsch so gut wie
Dnisch, konnte Franzsisch und Englisch, wie auch etwas Italienisch;
alle weiblichen Arbeiten gingen ihr leicht von Hnden. Sie war witzig,
begeistert und oft beredt; aber eigentlich munter war sie nicht, und
es fehlte ihr die im Leben nthige Besonnenheit und Ruhe; sie nahm
auch keine Rcksicht auf Verhltnisse; was sie wollte, das wollte sie.
Wenn Alles nach ihrem Wunsche ging, war sie kindlich und sanft; aber
Widerstand konnte sie zu einer Leidenschaftlichkeit bringen, die keine
Vernunftgrnde mehr annahm.

Liebe zur Poesie und Schauspielkunst hatte sie von mir geerbt; sie
sah den jungen =Ludwig Phister=, der gerade damals anfing sich
auszuzeichnen; er besuchte uns zuweilen, hrte sie singen und wurde
von ihr eingenommen. Sie gewann ihn lieb, wollte ihr Schicksal mit ihm
theilen, und betrat als seine Gattin selbst auf kurze Zeit die Bhne.
Ich sah ein, da es damit keinen Bestand haben wrde. Obgleich sie das
Hegersche Talent geerbt hatte, Leuten ihre Stimme nachzumachen, soda
ihre Freunde und Freundinnen sich gruppenweise um sie versammelten, wenn
sie ihnen dies Vergngen bereitete, so besa sie doch wohl kaum ein
eigentliches Talent fr die Bhne. Hatte sie auch viele Jahre hindurch
als Dilettantin die grten Arien schn gesungen, so war dies doch fr
eine Knstlerin nicht gengend; es fehlte ihr die nthige Schule, und
=Siboni=, der sie sonst sehr lieb hatte, durfte sie doch nur in der
kleinen Partie der =Fanchon= auftreten lassen. Und selbst hier htte sie
beinahe nicht ausgereicht; denn als sie eine kleine Arie singen sollte,
verga sie gleich einzufallen und verneigte sich bittend gegen den
Concertmeister =Schall=, welcher dirigirte. Aber er konnte nicht noch
einmal anfangen, und schttelte mit dem Kopfe. Nun fate sie sich, fiel
rasch im nchsten Tacte ein, und sang ihre Arie so gut, da sie einen
strmischen Beifall erhielt, der kaum enden wollte. Aber sowohl sie als
auch wir Anderen fhlten wohl, da dieser Ausbruch des Publikums nicht
als Beifall fr die Sngerin, sondern als Theilnahme fr die Tochter des
Dichters betrachtet werden mute. Sie wurde selbst bald dieser Versuche
mde und trat zurck.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Plan Norwegen zu besuchen.]

Ich hatte einen so freundlichen Empfang in Schweden gefunden, da
die Lust, Norwegen einmal zu sehen, natrlich in mir erwachen mute.
Ich zweifelte nicht daran, da ich auch dort Freunde finden wrde.
Freilich war eine Zeitlang nach Norwegens Vereinigung mit Schweden
eine eigenthmliche Stimmung gegen Dnemark und Alles was Dnisch
war, eingetreten, soda dies fast von einem solchen Versuche htte
abschrecken knnen. Aber diese Verachtung, die fast in Ha berging,
fand sich nur bei einigen exaltirten jungen Leuten, die freilich in
den ersten Jahren den Ton angaben. Nun hatte der Sturm sich gelegt,
Billigkeit war an seine Stelle getreten, die Stimme der Aelteren wurde
wieder gehrt. Von der Zeit an, wo ich denken konnte, bis zum Jahre
1814, d. h. von meinen frhsten Kinderjahren an bis in mein reifes
Mannesalter, war ich gewohnt gewesen, die Norweger als meine Landsleute
und Norwegen halb als mein Vaterland zu betrachten. Deshalb entstand
auch, wenn ich dichtete, niemals in meinem Herzen die Frage, ob die
Scene in Dnemark oder in Norwegen, ob der Held ein Norweger oder
ein Dne sein solle. Und trotz der politischen Trennung ist dieses
Gefhl bei mir nie erstorben, weil die Sprache und Literatur und viele
Familienverhltnisse uns stets geistig verbinden.

Bei Rahbeks war ich als Jngling gewhnt begabte junge Norweger zu
sehen. Das rasche, stolze Wesen der Bergbewohner sagte uns zu, weil
es mit inniger Gutmthigkeit verbunden war. Wenn sie uns recht kennen
gelernt hatten, liebten sie uns. Ueber ihr zuweilen zu weit getriebenes
Selbstgefhl scherzten wir. Eines Abends sagte Camma in dem muntern
Tone, der ihr so gut stand, zu einem jungen norwegischen Maler Kalmeier:
Ich mag die Norweger sehr gern, wenn sie nur nicht so gromulig wren;
doch Kalmeier macht eine Ausnahme. -- Ich wr nicht gromulig?
fragte Kalmeier in demselben lustigen Tone: ich bin es gerade erst
recht!

Meine Freundschaft zu den vielen Norwegern, mit denen ich in
verschiedenen Zeiten verkehrt hatte, machte, da ich Norwegen stets
liebte. Baldur der Gute und die Gtter des Nordens gehren ja ebenso
sehr Norwegen, wie Dnemark; Hakon Jarl, Axel, Hagbarth, Strkodder,
Tordenskjold sind norwegische Helden. Ich meinte es sei unvernnftig
und herzlos, wenn man diese Gedichte, als etwas der norwegischen
Literatur Fremdes, von ihr trennen wollte. Aber es gab auch Niemanden,
der das that, und als ich in das liebe Felsenland kam, fand ich die
freundlichste Aufnahme.

In einem Gedichte, =die Reise nach Norwegen=, habe ich poetisch
beschrieben, was mir dort begegnet; in meinen gesammelten Schriften
habe ich diese Gedichte getrennt; einige stehen unter den lyrischen
Gedichten, andere unter den Romanzen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Reise nach Norwegen.]

In Christiania traf ich einige alte Bekannte wieder, die hier meine
Freunde wurden, unter Anderen den Staatsrath =Treschow=, die Professoren
=Sverdrup= und =Schjelderup=. Wir waren Alle vor etwa zwanzig Jahren
Collegen an der Kopenhagener Universitt gewesen. Treschow war mir
frh dadurch merkwrdig, da er bereits Rosing's Rector gewesen war,
als dieser in Drontheim die Schule besuchte. Ich machte dem Prinzen
Oskar meine Aufwartung, um ihm fr die Gnade zu danken, die er mir
erwiesen hatte. Der schne junge Frst kam mir freundlich entgegen,
und ich lernte in ihm bald den vertrauten Freund der Musen kennen. Ich
war zweimal bei ihm zur Tafel. Ryge war nach Christiania gekommen und
Hakon Jarl sollte aufgefhrt werden. Prinz Oskar lud mich ein, ihm in
seine Loge zu folgen; aber ich verstand ihn nicht recht und glaubte,
ich sollte mich beim Theater einfinden. Ich stand und wartete, aber
der Wagen des Prinzen kam noch immer nicht. Endlich spazierten seine
Cavaliere nach dem Theater und wunderten sich, mich an der Thr stehen
zu sehen; sie erzhlten mir, da der Prinz mich im Htel mit seinem
Wagen erwarte. Nun wurde ich sehr verlegen und bat einen der Cavaliere,
der ohnehin zurckkehren wollte, mich zu entschuldigen und dem Prinzen
zu sagen, da ich seine Einladung miverstanden htte, mich aber
jetzt schme wieder durch die Stadt zurckzugehen. Der Prinz lachte
und nahm meine Entschuldigung freundlich auf; ich war bei ihm in der
Loge und Ryge spielte seinen Hakon, aber nicht ganz mit dem Leben, wie
gewhnlich, da es ihm an Untersttzung bei seinen Mitspielern fehlte.
Bei dieser Gelegenheit merkte ich im Laufe des Gesprchs whrend des
Schauspiels, da der Prinz Oskar seinen Suorro Sturleson und seine
islndischen Sagen trotz Einem kannte.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ehrenvolle Aufnahme.]

Ein paar Tage darauf kamen die Professoren =Sverdrup=, =Hersleb= und
=Hansteen= zu mir ins Htel du Nord, um als Deputation der Universitt,
der Mnner des Storthings und der Stadt mich zu einem Festmahle
einzuladen. Ich habe beschlossen, im Verlauf dieser Biographie, mit
Ausnahme der historisch merkwrdigen Gedichte, alle diejenigen zu
berspringen, welche mich bei dieser und hnlichen Gelegenheiten ehrten;
deshalb lasse ich hier auch Welhaven's schnes Lied aus. Was ich aber
nicht ber mich gewinnen kann auszulassen, ist Sverdrup's Rede. Dieser
seltene, schne, krftige Norweger, von griechischem Geiste gebildet,
einer der ersten Staatsbrger des Landes, der in der Katastrophe von
1814 groen Einflu auf Knig Christian gehabt, und ihn unter Anderm
dazu vermocht hatte, als er nach Drontheim zur Krnung reiste, keinen
Anspruch auf die Souverainett zu machen; -- dieser Mann ehrte mich
bei dem Feste durch eine Rede, welche ich ebenso hoch stelle, wie die
Ordensdecoration eines Frsten, und sie deshalb nicht entbehren mchte.
Ich besitze sie von seiner eigener Hand; meine Leser sollen sie kennen
lernen, und ich drucke sie deshalb hier ab.

In seinem Zeitalter ausgezeichnet durch groe und seltene Dichtergaben,
und als Lehrer und Meister seiner und aller knftigen Zeiten
dazustehen, ist gro und herrlich, und weckt Aller Bewunderung. Wenn
diese herrlichsten Gaben des menschlichen Geistes sich aus einem
frommen und tiefen Gemthe entwickelt haben, so strahlen sie in mildem
Glanze der Liebe und gewinnen alle Herzen. Lebhafte Anerkennung von
dem hohen Werthe des groen Dichters unsers Nordens, Dankbarkeit
und Liebe, haben heute diese Gesellschaft norwegischer Mnner und
Jnglinge versammelt, welche ihre Dankbarkeit und ihre hohe Achtung
vor dem Dichter Adam Oehlenschlger an den Tag legen mchten, der uns
zuerst die groen, geistigen Schtze kennen lehrte, welche unsere
Vorfahren uns hinterlassen haben, und in unserer eigenen Heimath
unserm Blicke eine neue und groe Welt der Poesie, der Wissenschaft
und Kunst ffnete; der mit dem Falkenblicke des Genie's durchschaute,
mit der lebhaftesten Phantasie vereinigte und in den krftigsten,
anmuthigsten und schmelzendsten Tnen sang, was unsere Vorfahren
geahnt, gedacht, gehandelt und gelitten haben. Empfange, edler Dichter,
den ungeheucheltsten Beweis unserer Hochachtung und Liebe, und sei
willkommen, herzlich willkommen in dem alten Felsenlande unserer Vter!

[Sidenote: Festmahl.]

Es war mir bei diesem Mahle lieb, als ich dankbar einen Toast auf
Norwegens Wohl ausbringen wollte, denselben mit einem herrlichen,
norwegischen Liede aus lterer Zeit begleiten zu knnen, das Keiner der
Anwesenden, auer mir, auswendig wute, weshalb ich es auch vor der
ganzen Gesellschaft allein sang; es war das herrliche Volkslied =Nordahl
Bruun's=: Wohn' ich auf dem hohen Fels u. s. w.. Ein schneres giebt
es nicht, und schon durch dieses allein hat sich der Verfasser einen
verdienten Namen unter den norwegischen Dichtern erworben. Zarine und
Einar Tambeskjlver konnten ihn ihm nicht verschaffen; und seine andern
Gesnge stehen weit unter jenem.

                    *       *       *       *       *

In Opslo besuchte ich den ehrwrdigen Bischof =Srensen=. Seinen
Fenstern gerade gegenber hatte die Kirche gestanden, wo Sigurd, der
Jerusalemsfahrer, begraben war. Wir spielten l'Hombre zusammen; ich war
unglcklich gewesen und hatte verloren; es war unbedeutend, denn ich
spiele nie hoch; aber der gute alte Bischof wollte wahrscheinlich, da
ich auch nicht das Geringste in seinem Hause verlieren sollte, weshalb
er, als das Spiel zu Ende war, alle Marken untereinander warf.

In Opslo begegnete ich einigen so zerlumpten Armen, wie ich sie nie
frher gesehen hatte. Einige taumelten umher und konnten kaum stehen.
Ich glaubte sie wren krank, hrte aber zu meiner Beruhigung, da sie
nur betrunken seien.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Reise in das Innere Norwegens.]

Ich beschlo eine Reise ins Land, wenn gleich diesmal nur ins
Christianiastift zu machen. Mein Freund, der Buchhndler =Dahl=, der mir
stets die grte Zuneigung gezeigt hatte (ich kannte ihn von Kindheit
an), bernahm, als Reisegefhrte, die nothwendigen Geschfte.

Ich sah zuerst den herrlichen =Krogklev=, der zwar nicht zu den wilden,
groen Gebirgsgegenden gehrt, welche sich im Stift Bergen, besonders
in Telemarken finden; aber er ist schn und malerisch, man kann leicht
von der Hauptstadt dahin gelangen, und er wird in Norwegen, sowie der
Rigi in der Schweiz, von allen Reisenden besucht. Der Krogklev hat vor
den wilden Berggegenden das voraus, da er eine hohe, khne Natur mit
ruhiger Thalschnheit vereinigt, denn durch seine Riesenspalten sieht
man (bei Sonnenschein) das ganze, lachende, fruchtbare Ringerike, wo
Halfdan Svarte's Haupt mitten auf dem Felde begraben liegt, und von dort
kamen wir nach dem Predigerhause in Norderhoug, das durch die Sage von
der tapfern Anna Kolbjrnsen verherrlicht ist.

Die Strme und Wasserflle, Ringerike und Modun, die zwei
Skjutszwillinge, die mich fuhren, das schne norwegische Bauermdchen
in der Htte, Sct. Olaf's alte Sage, die man berall hrt, wo ein
Felsstck seltsam hervorspringt, meine Fahrt in die Kongsberger Grube
hinab, wo ich vor Mdigkeit fast nicht wieder hinaufgekommen wre, mein
Besuch in Drammen bei dem gastfreien Amtmann Blom, wo ich mein Bild
an der Wand, einen alten Jugendfreund Wulfsberg bei Tisch, und in der
Kirche Erinnerungen der Kindheit fand; -- das Alles findet sich zugleich
mit meinem dankbaren Lebewohl in dem Gedichte: Die Reise nach Norwegen
besungen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ein Brief des Kronprinzen Oskar.]

Sobald das oben genannte Werk gedruckt war, sandte ich meinem
kniglichen Gnner, dem Kronprinzen Oskar, ein Exemplar desselben. Sr.
Majestt wird gewi nicht zrnen oder es ungndig aufnehmen, da ich den
Brief, mit dem er mich beehrte, hier abdrucke; ich kann mir die Freude
nicht versagen, die mir erwiesene Ehre zu verffentlichen, und die
Nachwelt soll den Ton kennen lernen, in dem ein erhabener Frst zu einem
Knstler sprach.

                                      Stockholm, den 28. Februar 1830.

Herr Professor Oehlenschlger! Mit wahrhafter Freude habe ich die mir
bersandte Reise in Norwegen gelesen, welche nicht allein so schne
Bilder von der Natur und dem Volke des Nordens bringt, wie man sie vom
Verfasser des Hakon Jarl erwarten konnte, sondern welche auch in mir
die Erinnerung an die angenehmen Stunden wiedererweckt hat, welche
ich im vergangenen Sommer in Norwegen zubrachte. Unter die vielen
Veranlassungen zur Freude, welche ich daselbst gefunden, zhle ich auch
die Befriedigung, einen Mann persnlich kennen gelernt zu haben, dessen
allgemein geachtete Schriften mir so lange bekannt waren, und mir so
viele Gensse bereiteten. Der ungetheilte Beifall, den Ihre Arbeiten,
Herr Professor, hier in Schweden gefunden haben, mu Sie berzeugen,
da wir mit Freuden den Snger =Helge's= und der =Gtter des Nordens=
bei uns sehen wrden; und indem ich Sie an Ihr Versprechen erinnere,
uns einmal zu besuchen, wiederhole ich, was ich mndlich in Norwegen
uerte, da Sie uns herzlich willkommen sein werden, wenn die Umstnde
es Ihnen gestatten, diese Reise zu unternehmen.

Ich benutze mit Freuden diese Gelegenheit, Sie, Herr Professor, meiner
besondern Hochachtung und aufrichtigen Freundschaft zu versichern.

                                                             =Oskar=.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Vernderungen in meinem huslichen Leben.]

In diesem Jahre starb mein Freund, der Bischof =Peter Erasmus Mller=,
der sich durch seine vortreffliche Sagenbibliothek und andere Schriften
so verdient um die nordische Literatur gemacht hat. Nun wurde der
Confessionarius Dr. Jakob Peter Mynster Bischof und mute seinen
Amtsantritt mit dem traurigen Geschfte beginnen, einen seiner ltesten
Freunde aus seinem Paradiese oder dem Bischofshause zu jagen. Es war
nicht anders mglich, da die Wittwe des Bischofs in den Zimmern wohnen
sollte, die ich frher inne hatte. Ich zog also nach der Weststrae,
wo es lange nicht so schn war. Aber ich wollte gern in der Nhe des
Westthores wohnen, um leicht nach Friedrichsberg hinauskommen zu knnen,
wo ich jeden Nachmittag meinen Thee trank. Die Weststrae bot mir
berhaupt liebe Erinnerungen dar; dort hatte ich in meiner Jugend fnf
Jahre gelebt, den Aladdin und mehrere andere Dichtungen geschrieben;
dort hatten Oersteds gewohnt, und mir war im Kreise meiner lieben
Schwester manche frohe Stunde daselbst verstrichen.

Aber es hatte bei dieser Ortsvernderung nicht sein Bewenden, eine
andere viel grere, geistige Vernderung sollte in mein Leben
eingreifen; ich sollte wieder einen Schmerz und eine Wehmuth gleich
denen bei Sophia's und Camma's Tod empfinden; meine =Charlotte= folgte
ihnen.

[Sidenote: Tod meiner Tochter Charlotte.]

Das Jahr vorher hatte sie eine Tochter geboren, die nach ihrer seligen
Tante genannt wurde; nun war sie wieder guter Hoffnung und sehr
schwchlich. Ihre frhere, blhende Gesundheit war dahin. Ich besuchte
sie tglich nach der Entbindung, und hatte doch noch Hoffnung. Ich
hatte gerade kurz vorher meinen Sokrates geschrieben, mute ihr Viel
davon erzhlen, und besonders =Daphne= beschftigte ihre Phantasie.
Das letzte Mal, als ich sie besuchte, war sie dem Tode nahe. Ich hatte
ihr einmal von Herder erzhlt, der, als er seinem Ende nahe war, einen
Freund gebeten hatte: Sage mir einen groen Gedanken! Nun flsterte
sie mir freundlich zu: Sage mir einen Trost! Ach, ich konnte in diesem
Augenblicke Nichts sagen. Ich drckte ihre Hand mit einem liebevollen
Vaterblick und ging. Als ich das nchste Mal wieder kam, bedurfte
sie keines Trostes mehr. Das bleiche Antlitz zeigte keinen Zug von
Schmerz oder Kummer. Die hohe, schne Ruhe lag darauf, die man in den
griechischen Marmorkpfen bewundert, aber es lag noch mehr, es lag etwas
Himmlisches darin.

Am Beerdigungstage, als ihre Leiche fast bedeckt von Hyacinthen
war, welche die Freundinnen reichlich in dem frhen kurzen Lenze
gesandt hatten, beschien die Sonne noch einmal ihre herrliche Stirn,
die ich kte, ehe der Schreiner den Deckel des Sarges aufnagelte.
Der gute Mynster hielt eine schne Gedchtnirede ber sie in der
Friedrichsberger Kirche, wobei er auf den Vers von Salis hindeutete:

                      Das arme Herz hienieden
                      Von manchem Sturm bewegt,
                      Erlangt den wahren Frieden
                      Nur wo es nicht mehr schlgt.

Charlotte's Tod versetzte meine Seele eine Zeitlang wieder in den
wehmthigen Zustand, der ein starker Zug meines Charakters ist und der
in unglcklichen Augenblicken oft die Ueberhand nahm, mich aber nie
so beherrschte, da er mir meine Kraft geraubt und meinem Geiste eine
Einseitigkeit gegeben htte, die ihn unfhig gemacht haben wrde, als
echter Dichter das Menschenleben zu fhlen, zu schauen und darzustellen.
Hierdurch unterscheidet das gesunde Gefhl sich von der schwachen,
krankhaften Gerhrtheit, die man spter, sehr unphilosophisch, mit jenem
vermischt und mit Verachtung Sentimentalitt genannt hat; aber nur die
krankhafte Sentimentalitt mu verworfen und verachtet werden; die
gesunde ist die Wirkung vom gemthlichen Theile des Menschenwesens, sie
ist der negative, empfngliche, leidende Theil, dessen Organ wir Seele
nennen, sowie der Geist das Organ fr den positiven, handelnden ist.
Es mu in unserm Ich sowohl ein Activum, wie ein Passivum existiren.
Dieses Letztere spricht seine hchste Idealitt im Christenthum
aus; ohne das wrden wir bei aller Kraft Heiden bleiben, und wenn
diese Kraft nicht durch Liebe, Selbstverleugnung, Hoffnung und Trost
geleitet wird, so werden wir wieder zu wilden Barbaren. Diese Gedanken
sollten einleuchtend scheinen. Christus lehrte sie uns mit himmlischer
Begeisterung. Aber die Menschen haben stets einen dmonischen Hang, das
milde Gefhl zu verachten, und selbst viele Begabte suchen sie aus der
Philosophie, der Religion, der Poesie und also -- wenn es ihnen glckte
-- aus dem Leben selbst zu verdrngen. Aber es glckt ihnen nicht! Die
Vernunft wird doch die Oberhand behalten; und die Vernunft ist die
harmonische Verbindung von Verstand und Herz, von Geist und Seele.

Ich besuchte also nach dem Tode der lieben Dahingeschiedenen den
Kirchhof recht oft, und setzte auf ihren Leichenstein (ohne zu wissen,
oder mich zu erinnern, da David Dasselbe von seinem Sohne gesagt
hatte): Sie kommt nicht mehr zu uns, aber wir kommen zu ihr!

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Besuch beim Prinzen Christian.]

Von diesen allzuhufigen Kirchhofbesuchen brachte mich nun eine sehr
herzliche und ehrende Einladung des Prinzen Christian ab: ihn in Odensee
auf Fhnen, wo er Gouverneur war, zu besuchen.

Mein Aufenthalt daselbst war sehr angenehm; und ich hatte, indem
ich einen Monat lang vom Morgen bis zum Abend mit ihm umging, recht
Gelegenheit, seinen milden, freundlichen Charakter kennen zu lernen, der
mit Kenntnissen nach allen Richtungen und einer Intelligenz verbunden
war, die unter Frsten ihres Gleichen sucht.

Eines Morgens -- ich bin nie eigentlich ein Freund der frhen
Morgenstunden gewesen -- erschreckte mich der Lakai, als ich noch in
Morpheus' Arme lag, indem er mich mit den Worten weckte: Se. knigl.
Hoheit, die im Garten spazieren geht, wnscht, da Sie ein Wenig zu
ihm herunterkommen mgen. Ich warf mich eilig in die Kleider und kam,
sobald ich konnte, d. h. nach einer Viertelstunde. Der Prinz, der wohl
von meiner Langschlferei gehrt haben mochte, kam mir lchelnd in einer
herrlichen Allee entgegen, in der er mit einem Buche auf- und abging,
und mit seinem Stock auf eine Schnecke zeigte, die ich beinahe zertreten
htte, als ich mich ihm nherte. Ich ging oft mit ihm in diesen khlen
Alleen im heien Sommer; aber eines Tages, als es unertrglich hei
war, sagte er: Nun wollen wir einmal hinausgehen, und die Wegearbeit
besehen. Und nun mute ich ihm in der brennenden Mittagshitze auf die
Landstrae folgen, wo wir vor los umherliegenden Steinen kaum vorwrts
kommen konnten. Als er die Arbeit angesehen, und mit den Steinsetzern
gesprochen hatte, gingen wir wieder in den schattigen Garten zurck. Es
war drauen hei߫, sagte er lchelnd. -- Hier ists freilich besser,
Ew. knigliche Hoheit! antwortete ich.

Er vereinigte in Odensee das Wesen des Frsten mit der bequemen
Freiheit des Privatmannes. Mittags war er in Uniform; dann wurden die
Gste zur Tafel gezogen, und Alles war kniglich. Aber am Abend hatte
er es so eingerichtet, da bei seinem Gouvernementssecretair, Herrn
Etatsrath Holten, Soire war. Hierher kam er dann selbst als Gast im
schwarzen Frack. Zur Abendgesellschaft waren alle Stnde eingeladen:
Gutsbesitzer, Officiere, Beamte und Brger aus der Stadt. Wenn ich
das Tabackrauchen ausnehme, so ging es hier zu, wie in jeder andern
brgerlichen Gesellschaft auf dem Lande.

Der Prinz nahm an dem Kartenspiel Theil. Am ersten Abend, wo ich da
war, und er mich nicht sah, fragte er Holten: Wo ist Oehlenschlger?
-- Er sitzt im andern Zimmer und spielt l'Hombre! -- Spielen Sie
l'Hombre, sagte der Prinz, als ich zu ihm hineinkam, dann sollten Sie
doch eigentlich mit uns spielen. -- Nein, antwortete ich, Ew.
knigl. Hoheit spielen nicht =mein= Spiel; ich spiele nie hher, als
vier Points zu einem Schilling.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Der Herzog von Augustenburg.]

Der Herzog von Augustenburg besuchte den Prinz Christian in Odensee.
Hier sah er mich. Sein Vater hatte mein Glck gemacht, indem er den
Knig auf Schimmelmann's Empfehlung vermochte, mich als Professor an
der Kopenhagener Universitt anzustellen. Kein Wunder, da ich dem
Sohne dankbar entgegen kam. -- Er bat mich, ihn einmal zu besuchen,
und hiervon nahm Prinz Christian Veranlassung, mich mitzunehmen, als
er nach Alsen fuhr. Wer ahnte damals, was leider spter geschehen
ist? Ich war der Gast des Herzogs von Augustenburg; obgleich er etwas
Kaltes und Stolzes hatte, das die Herzen nicht gewann, so war er doch
sehr artig und zuvorkommend. Schn war er auch und von der Natur reich
begabt. Obgleich man stets merkte, da er sich als eine frstliche
Person fhle, war doch etwas Burschikoses in seinem Wesen. Er war
durchaus der Gegensatz des Prinzen Christian. Dieser hatte, ohne
Stolz zu zeigen, einen Tact, durch den der richtige Ton zwischen ihm
und seiner Umgebung stets auf eine natrliche Weise aufrechterhalten
wurde. Prinz Christian war ein fleiiger Beobachter alles Dessen, was
geschah; er hrte gern Andere sprechen; das Geistreiche interessirte,
das Schne rhrte ihn; heiterer Humor konnte ihn herzlich lachen machen.
Der Herzog hatte diese Aufmerksamkeit fr Andere nicht; er war stets
eifrig mit seinen eigenen Ideen beschftigt, und seine Conversation
bestand eigentlich darin, da er diese mit einem festen Glauben an
ihre Richtigkeit mittheilte. Prinz Christian konnte den Taback nicht
ausstehen; der Herzog hatte eine Tabagie _ la_ Friedrich Wilhelm I.,
wo er seine Vorlesungen hielt. Ob diese damals bereits politischer
Natur waren, will ich ungesagt sein lassen, denn ich rauche auch nicht
Taback und war nur einmal in der Tabagie, als der Herzog selbst mir auf
dem Vorsaale nachkam und mich hineinholte. Von Poesie und Kunst war
nicht die Rede. Als ich sagte, da ich zum Prinzen und der Prinzessin
heruntergehen msse, um Helge vorzulesen, antwortete er: O das eilt
nicht; Sie knnen noch ein Bischen warten, bis der Prinz zum Thee alle
seine zwlf Zwiebacke verzehrt haben wird. Ich dachte: Zwlf kleine
Zwiebacke sind kein groes Abendbrod. Auch anderer Spott blieb nicht
aus. Mittags bei Tische, gewhnlich, wenn der Herzog nach Art der
englischen Lords selbst den Braten vorschnitt, begannen die Sticheleien
gegen den Prinzen Christian (auch zuweilen gegen die Prinzessin), und
es ging oft so weit, da ich dachte: wird der Prinz nun nicht aufstehen
und fortgehen? Aber er fand sich sehr geduldig darein. Nur einmal, als
wir uns eines Morgens, wie gewhnlich, die Vollblutpferde des Herzogs
in ihren hbschen Stnden besahen, legte Prinz Christian seine Hand auf
meine Schulter und sagte: Nun sind wir in unserm Elemente!

Zu Caroline Amaliens Geburtstag brachte der Herzog meine Gesundheit aus
und forderte die andern Herrschaften auf, ein Gleiches zu thun. Ich
habe spter oft hieran gedacht, und mich darber gewundert. Ich wute,
da der Herzog sich nicht viel um Poesie kmmere; ich glaube er hat nur
wenig von meinen Schriften gelesen, und doch bekam er diesen Einfall! --
Aber ich fhlte mich nicht recht heimisch auf Augustenburg, obgleich der
Herzog in gutem Vernehmen mit der Herzogin lebte, die sehr liebenswrdig
war und reizende Kinder hatte. Das gespannte Verhltni zwischen Prinz
Christian und ihm peinigte mich. Ich war froh, als ich fort war, zhlte
die Tage bis zu meiner Abreise, und athmete erst wieder leicht, als ich
Abschied genommen hatte und von dannen fuhr.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Gte des Prinzen Christian.]

Als Prinz Christian und die Prinzessin auch nach Seeland zurckkamen,
war ich eines Tages bei ihnen auf Sorgenfrei zu Tafel. Nach der Mahlzeit
sagte mir der Marschall, da Ihre kniglichen Hoheiten mit mir im
Gemache der Prinzessin sprechen wollten. Auf dem Wege dorthin begegnete
ich dem Prinzen, der ein groes Gemlde trug. Es war ein Bild von
=Sdring=, Axel und Valborg's Grab, das ein junges Bauernpaar mit Rosen
bekrnzt. Der Prinz stellte es vor mir auf, zog ein Blatt Papier hervor
und las, augenscheinlich bewegt, ein von ihm selbst verfates Gedicht
vor, welches in Uebersetzung lautet:

              Du schauest hier schn Valborg's Grab,
              Mit Blthenkrnzen reich geschmckt;
              Das Brautpaar ihr die Krnze gab
              In Liebeslust so hoch beglckt.
              So steigt Vergangenheit hernieder
              Und strahlt uns durch die Liebe wieder.

                    *       *       *       *       *

              Doch, wer hat Worte ihr gegeben?
              Wer fhrte sie von Norge's Felsenland,
              Wo sich die Eschenbume hoch erheben
              Zu trber Lust uns her nach Dn'marks Strand?
              Wer anders war's, als Oehlenschlger, Du?
              Von Deinen Lippen klang das Lied uns zu.

              Empfang, was Deine Dichtung rief in's Leben,
              Wenn die Begeisterung in des Knstlers Hand
              Durch Farbengluth ein neues Sein gegeben
              Dem, was im hohen Dichtergeist entstand.
              Nimm es vom Freunde als ein Angedenken,
              Dem Deine Liebe frohe Stunden schenken!

Dem Dichter Adam Oehlenschlger gewidmet von
                                            =Christian Frederik=.

Dieses Gedicht berreichte mir der gute Frst, nachdem er es mir
vorgelesen hatte, umarmte und kte mich, und die Prinzessin reichte mir
freundlich die Hand.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Tod Karl Heger's.]

Kaum sa ich zu Hause in Ruhe, so wurde der Himmel meines Glcks
wieder durch Wolken verdunkelt. Eines Abends, als beide Oersteds mich
besuchten, kam eine Ordonnanz vom Prinzen Christian, um zu melden, da
mein lieber Schwager und treuer Freund, Karl Heger, pltzlich gestorben
sei. Ich habe in einem Gedichte ber ihn Alles gesagt, was ich von
diesem edlen, seltenen Menschen sagen konnte. Er war Bibliothekar des
Prinzen und sehr bei ihm beliebt. Eine Stunde vorher war er noch bei
dem Prinzen gewesen, als Jemand zu ihm kam. Dieser sah ihn in seinem
Lehnstuhle, mit dem neuen Testamente auf dem Schooe dasitzen. So war er
sanft hinbergeschlummert. Er wurde auf dem Friedrichsberger Kirchhofe
neben Camma und Rahbek beerdigt.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Die Kritik ber Sokrates.]

Mein Sokrates sollte nun aufgefhrt werden. Ich war berzeugt, da
Ryge diese Rolle vortrefflich spielen wrde, und er soll es auch
gethan haben; ich sah die ersten Vorstellungen nicht, und das Stck
wurde nur zweimal aufgefhrt, es machte kein Glck. Der ganze damals
herrschende Ton verwarf es, und kein einziger Aesthetiker stand
ffentlich mir zur Seite, auer Wilster in Sore. In der Monatsschrift
fr Literatur erschien eine Recension, die mit Verstand, Sachkenntni,
Achtung und Wohlwollen, aber kalt und tadelnd geschrieben war, trotz
der Zugestndnisse des Guten, die mir der Verfasser weder vorenthalten
konnte noch wollte. Diese Kritik trug mehr das Geprge des Philologen
und Antiquars, als eines reifen Geschmackrichters. Obwohl zugestanden
wurde, da das Stck seine Entstehung dem Dichtergeiste und einem
sorgfltigen Studium verdanke, so gengte es doch nicht, weil es nicht
das Product vieljhriger grndlicher Gelehrsamkeit war, und weil sich
Dies und Jenes den Ideen und Gefhlen der Gegenwart fgte. Danach durfte
ein Dichter niemals eine Sage des Alterthums behandeln, und von diesem
Standpunkte aus betrachtet, mten all' meine nordischen Heldendramen
verworfen werden. Meine Fhigkeiten wurden auch darin besprochen, und
-- nach der damals gebruchlichen Weise -- nannte man mein allzusehr
berwiegendes Gefhl fr das Gute die Wollust des Guten, und tadelte
es als zu einseitig fr echt dichterische Compositionen, wenngleich es
persnlich zu achten sei. Ich hatte Aristophanes Unrecht gethan, indem
ich ihn selbst die Anwendung des Namens Sokrates' zu seinem Lustspiele
die Wolken eine jugendliche Unbesonnenheit nennen lie. Was noch mehr
dazu beitrug, die Leser gegen mein Stck zu stimmen, war eine deutsche
Abhandlung des Professor Forchhammer in Kiel, welche damals erschien,
und in der er bewies, da Sokrates wirklich ein Emprer gewesen, und ihm
also kein Unrecht geschehen sei.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Der Geschmack damaliger Zeit.]

Da ich hier nun wieder zu einem Ruhepunkte in meiner Dichterbahn
gelange, so will ich hieran einen Ueberblick ber den Geschmack knpfen,
der damals herrschte und den ich eine Zeitlang vergebens bekmpfte.
Wir haben in dem Vorigen gesehen, wie Gthe, Tieck -- die romantische
Schule -- gegen das Rhrende in der Poesie als gegen etwas Schwaches
und Weichliches polemisirten. Eine Zeitlang spter hatten sich
phantastische Convulsionen in Werner's, Mllner's, Grillparzer's und
den franzsischen Stcken Victor Hugo's bewegt: hier galt es nicht, wie
Aristoteles es nennt, die Leidenschaften durch Schreck und Mitleid =zu
lutern=, sondern vorzglich durch brillante Schilderungen bewunderter
Laster gespannt und nervenerschttert zu werden. Von der andern Seite
schwebte die unschuldige, naive Dichtkunst in Gefahr, durch glnzende
Talente mit auerordentlicher Sprachfertigkeit verdrngt zu werden.
An der Spitze dieser steht Lord Byron als ein wirklicher Dichter.
Aber drcken sich nicht Egoismus, Sinnlichkeit, Stolz und Verachtung
in allen Werken seiner hinreienden Beredtsamkeit aus? Schne, tiefe
Gedanken, eine lebhafte Phantasie, eine starke, wichtige Begeisterung
findet sich gewi darin; aber stets hrt man den englischen Lord, der,
whrend er sich selbst der Laster beschuldigt, doch stolz auf alle
Andere und alle brgerlichen Verhltnisse herabblickt. Es ist der
blasirte Jngling, der die Sinnengluth hinreiend, nie aber die wahre
Liebe schildert, und schlielich von den Frauen sagt: Wenn sie einen
Spiegel und ein Zuckerpltzchen haben, so sind sie zufrieden. Byron
ist ein vortrefflicher poetischer Landschaftsmaler; aber die poetische
Landschaftsmalerei ist ein untergeordnetes Genre. Echt dramatisch
konnte er nie werden; denn die einzige Person, die er recht episch und
dramatisch schildert, war, wie gesagt, Lord Byron, sei dies nun als
Childe Harold, Don Juan, Manfred oder in einer andern Gestalt. Und
doch blickt er mit tiefer Verachtung auf seinen Landsmann, den Stolz
Englands, den gttlichen Shakespeare herab und spricht von ihm in einem
Briefe an die Lady Betterton, als von einem Pbeldichter. Da aber Byron
bei seiner Jugend und Schnheit (bis auf den Klumpfu), seinem Genie,
seiner englischen Lordschaft, seiner Tapferkeit, seiner persnlichen
Entschiedenheit und endlich bei seiner lobenswerthen Begeisterung fr
die griechische Sache, welche damals Europa's hchstes Interesse weckte,
eine glnzende Epoche machen mute, ist ganz natrlich, und ich mignne
ihm seinen Lorbeer nicht, den er, wenn auch Alles, was hier gesagt, wahr
ist, doch verdient. Der unglckliche Klumpfu hat gewi nicht wenig zu
dem Stolz und Spleen beigetragen, der ihn unablssig peinigte und sein
Leben verkrzte.

In Deutschland spielte Graf Platen eine Art Byron. Sie hatten das
gemein, da der Eine Lord, der Andere Graf und Beide vorzgliche
Knstler in der Behandlung der Sprache waren. Platen hat ebenso wie
Byron einige schne Sachen geschrieben; aber sein Stolz war klter
und unangenehmer, und er legte seine Gedanken in elegante, polirte
Versformen, wie in Marmorsarkophage.

Noch zwei deutsche Aesthetiker, von denen Einer ein begabter Dichter
war, uerten sich damals mit der ganzen Kraft der Beredtsamkeit,
vornehm, polemisch und mit der Verachtung gegen alles Geltende, wie sie
damals Mode war. Dies waren =Brne= und =Heine=. Ihr Adel war lter, als
der Byron's und Platen's, denn sie stammten von David und Salomon ab; da
man aber diesen Stammbaum nicht anerkannte, so erweckte das einen Depit
in ihrem Wesen und ihrem Styl, der sie oft mehr als billig erbitterte.

Heine hatte alle Ingredienzien zu einem wahren Dichter, mit Ausnahme
des treuen Herzens, des mnnlichen Charakters, des wahren Ernstes
und tiefer Ehrfurcht vor dem Heiligen. Was brigens Phantasie,
augenblickliches Gefhl, Verstand und besonders Witz hervorbringen kann,
darin excellirte er und ri die Jugend hin. Seine Phantasie und sein
Witz erfreuten auch mich. Der Ton in seinen lyrischen Gedichten ist,
trotz all' seiner Khnheit, nicht originell, sondern ahmt unbewut den
Ton von Gthe's jngern Gedichten nach, in denen sich auch eine gewisse
stolze Verachtung gegen die Umgebung, aber gewi viel mehr Herz zeigt.
=Rckert= florirte damals auch; aber obgleich ich seinen Blumenflor
bewunderte, konnte ich mich doch aus Mangel an frischer Luft nicht lange
in seinen Treibhusern aufhalten, in denen mir die Blumen ber den Kopf
wuchsen.

Bei uns hatten sich mehrere Dichter mit Recht geltend gemacht.
=Heiberg's= Vaudevillen gehrten zur Tagesordnung. Als Professor
der dnischen Sprache in Kiel hatte er eine nordische Mythologie
herausgegeben, in der er besonders Rcksicht auf meine Gtter des
Nordens genommen und viele Stellen daraus vortrefflich bersetzt hatte;
aber nun gefiel ich ihm nicht mehr; er war ein eifriger Hegelianer
geworden, und da meine Werke nicht den Hegel'schen Bedingungen
gengten, so schtzte er wohl eins und das andere davon, betrachtete
aber alles Andere mit Ausnahme der ltesten Arbeiten als miglckt. Das
thaten Mehrere. Sie trennten das Gute, das ich hervorgebracht hatte,
von dem Miglckten, das allein ich nun schuf; sie theilten mein Leben
in zwei Theile; nur in der ersten Periode hatte ich dichterisch gelebt;
nun war der Dichter todt; mit seinem Gespenst wollten sie Nichts zu thun
haben und verstanden sich, ihrer eigenen Einbildung nach, viel besser
auf den wahren Oehlenschlger, als der arme Geist, der nach seinem Tode
spukte.

So stand ich also allein da. =Hauch=, der auch lange leiden mute, weil
er zu meiner Schule gehrte, richtete sich etwas nach der Zeit, und
vermied so den Tadel. Einige, die vielleicht an mir sahen, wie wenig ein
Dichtername zu bedeuten habe, traten anonym hervor und zogen aus dieser
Namenlosigkeit groen Vortheil. So galt =Overskou's= Comdie Oststrae
und Weststrae als ein Meisterstck, dem nichts gleiche, =bis= man den
Verfasser kannte; spter hatte das wirklich gute Stck Mhe genug, sich
zu halten. =Hertz's= Gespensterbriefe, die auch anonym erschienen,
machten Furore. Sie waren in einer witzigen, eleganten Sprache, mit
vielen freien und geistreichen Bemerkungen geschrieben; aber der
Geschmack, fr den sie kmpften, berhrte eigentlich nur die Form; und
als Form wurde wieder hauptschlich die schne Sprachform angesehen.
Der Kern eines Gedichtes, die viel wesentlichere =Form des Stoffes=,
kam nicht in Betracht. Das Gespenst, welches hier herauf beschworen und
gewissermaen als Heiliger und Schutzgeist angebetet wurde, um den guten
Geschmack wieder herzustellen, war -- merkwrdiger Weise -- der selige
Baggesen! Und was noch merkwrdiger war, viele gebildete und verstndige
Leser, die wenige Jahre vorher Baggesen getadelt und gemibilligt
hatten, nahmen dies fr gute Waare an und schworen wieder zu Baggesen's
Fahne.

Der talentvolle Hertz hatte einige Stcke geschrieben und schrieb
deren noch mehrere. Mir gefiel er am besten in seinen Lustspielen,
besonders in der =Sparkasse= und in der =Debatte= im =Polizeifreund=.
In =Svend Dring's Haus= ist viel Schnes, besonders der schwrmerische
Charakter der Liebhaberin, der von Frau Heiberg vortrefflich dargestellt
wurde. Die Mutterliebe, welche in der alten herrlichen Kmpeweise die
Hauptrolle spielt, hat in Hertz's Stck wenig zu bedeuten. Die Kinder
leiden nicht Noth und das Gespenst kommt nicht, um sie zu pflegen,
sondern um Wehe ber ihre Stiefmutter zu rufen. Die Musik von Herrn Rung
ist schn und that ihre Wirkung, besonders in den Gespensterscenen.
Hertz hatte die Kmpeweisen fleiig studirt und viele Redensarten und
Ausdrcke derselben in seiner gereimten Tragdie angebracht. Wilster
sagt in seiner Uebersetzung des Euripides: Neuere Dichter haben
zuweilen den Uebergang des Dialogs zu lyrischem Schwunge durch die
Anwendung des Reimes ausgedrckt. Am schnsten hat Oehlenschlger
diese tragische Lyrik in der Knigin Margarete behandelt, wo er die
Scenen zwischen Ingeborg und Oluf in dem herrlichen alten Versmae der
Kmpeweisen gedichtet hat. Diese Idee ist, wie bekannt, im Groen in
Svend Dring's Haus ausgefhrt.

Aber obgleich nun die Anonymitt damals von guter Wirkung gewesen war,
so bedienten sich doch nicht Alle derselben; im Gegentheil wirkte einer
unserer Dichter, der in gewisser Richtung sich wohlverdienten Ruhm
erworben hat, gerade auerordentlich viel durch seine Persnlichkeit.
Die subjektiv-originelle Auffassung des Mhrchenhaften war so ganz
mit =Andersen's= Wesen verwachsen, da er selbst richtig fhlte, die
persnliche Mitteilung vollende, so zu sagen, seine Dichtung, weshalb er
auch auf alle Weise, durch Bekanntschaften, Besuche und hufige Reisen
in ein persnliches Verhltni zu seinen Lesern zu kommen und ihnen
mndlich das Werk mitzutheilen suchte. Und es ist nicht zu leugnen, da
es dadurch etwas an Naivett und Humor gewann, den das gedruckte Wort
nicht ganz hervorzurufen vermochte. Freilich knnte man sagen, da dies
ebenso mit jedem Dichterwerke geht, wenn der Dichter die Gabe hat,
gut vorzulesen; was aber dabei verloren oder gewonnen wird, entspringt
doch mehr oder weniger aus der Natur der Dichtung. =Christian Winther=
und =Paludan Mller= schrieben auch unter eigenem Namen und machten dem
Namen Ehre.

[Sidenote: Die Kritik ber Sokrates.]

Aber ich kehre wieder zu Sokrates zurck.

Was hatte mich veranlat, diesen Stoff zu behandeln? Die Lust, mich
durch eigene Productivitt originell zu zeigen, konnte es nicht sein;
denn das ganze Zeitalter in Griechenland, in dem Sokrates lebte,
steht ja in der Geschichte genau ausgemalt da; er selbst tritt bei
Plato und Xenophon so bestimmt und charakteristisch hervor, da etwas
Selbstgemachtes hier ganz thricht und geschmacklos gewesen wre. Aber
der wahre Dichter singt nicht aus Eitelkeit und Egoismus, sondern aus
Liebe zum Gegenstande. Ich liebte Sokrates; meine Phantasie, mein
Gedanke, mein Gefhl empfanden Lust, sich mit ihm zu beschftigen.
Ich wollte das Zeitalter, den Plato, den Xenophon studiren, und das
wurde mir erst recht mglich, als ich dieses Studium in Verbindung mit
meiner eigenen Kunst brachte; die Activitt, die dabei meinen Geist
in Bewegung setzte, verlieh ihm erst die wahre Kraft, den Gegenstand
zu erfassen. Auerdem -- eine historische Person mu so bestimmt
und deutlich hervortreten, als mglich -- gehrt doch Dichtergeist
dazu, ihn auf die Scene zu bringen, ihn sich in selbst erfundener,
dramatischer Composition bewegen zu lassen. Es ist so, als ob man ein
vortreffliches Gemlde she, das ein Zauberer durch seinen Stab aus dem
Rahmen heraustreten und sich in verschiedenen Gemthszustnden bewegen
liee, ohne da dadurch das Bild die richtige Zeichnung verlre. Ich
wollte Kampf und Vershnung zwischen dem ethischen und sthetischen
Princip, in Sokrates und Aristophanes darstellen. In Xantippe und Daphne
fand ich Gelegenheit, von mir selbst erfundene Charaktere zu zeichnen.
Und obgleich mein Stck nicht das Produkt eigentlicher Gelehrsamkeit
war (ich habe mich niemals fr ein Stockgelehrten ausgegeben), so
darf ich doch behaupten, da hier nicht die Gelehrsamkeit in Betracht
kam, sondern das dichterische Talent, verbunden mit den historischen
Charakteren und der tragischen Handlung. Wenn diese so wirkte, wie sie
wirken sollte, so wrde es vielleicht nicht so bel gewesen sein, das
groe Publikum (hier ist nicht von einzelnen Gelehrten die Rede) ber
ein Zeitalter zu unterrichten, das so wichtig, so lehrreich war, und so
groen Einflu auf alle folgenden Zeiten gehabt hat.

Ich hatte doch die Genugthuung, da ein Mann, der sich in dieser
Angelegenheit, was Gelehrsamkeit und Kenntni der griechischen Literatur
betraf, mit dem Besten messen konnte, mein Freund =Brndsted=, Professor
der griechischen Sprache, eine poetische Natur, ein warmes, edles Herz,
ein Mann, der lange in Griechenland gelebt, und die Sprache wie seine
Muttersprache gelernt hatte, mir zu meinem Geburtstage einen Ring mit
dem Bilde des Sokrates und von einem Gedichte begleitet, worin er sich
in anerkennendster Weise aussprach, bersandte.

Ein groer Uebelstand fr mich war der, da mir, da mehrere meiner neuen
Stcke nur einige Male gegeben wurden und ich dadurch meine Einnahme
verlor, das nothwendige Geld fehlte; und da die Stcke aus demselben
Grunde auch keinen guten Absatz hatten, und ich auerdem ein schlechter
Buchhndler war, so kam ich in Schulden, die bedeutend wuchsen, und um
so empfindlicher wurden, da ich keinen Ausweg zu ihrer Bezahlung sah.
Denn auch der Absatz meiner deutschen Schriften verringerte sich zum
Theil durch den fortgesetzten Tadel in der Heimath, der auch in deutsche
Bltter berging. =Max=, der vor wenigen Jahren noch so zuvorkommend
gewesen war, sandte mir die Uebersetzung von =Olaf dem Heiligen=,
den =italienischen Rubern= und =Tordenskjold= als Werke zurck, die
meiner nicht wrdig seien. =Campe= in Hamburg verlegte sie doch; er
setzte aber bei dem Verlage gewi zu. In den Blttern fr literarische
Unterhaltung stand eine Recension von einigen Zeilen ber diese Stcke.
Einen Beweis (und zwar den einzigen), wie tief ich als dramatischer
Verfasser gesunken sei, zog der Recensent daraus, da ich in einer
Parenthese in meinem Tordenskjold =Stahl in einer Terz ausfallen lasse,
welche Tordenskjold parirt=. Man sollte es nicht fr mglich halten, da
eine solche Btise in einem Blatte aufgenommen werden konnte, das in
allgemeiner Achtung stand; aber es verhlt sich doch so.

Um nun einiges Geld zu bekommen, bersetzte ich durcheinander all' die
Stcke frs Theater, die der Directeur Collin mir schaffte. Einige von
diesen waren doch von Bedeutung; so legte ich den Text in den Partituren
zur italienischen Norma, dem deutschen Freischtz und dem englischen
Oberon dnische Worte unter.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Frau Friederike Brun.]

In diesem Jahre starb auch meine Freundin Frau =Friederike Brun=,
mit der ich so viele angenehme Stunden verlebt hatte. Von diesem
ausgezeichnetem Weib mu ich umstndlicher sprechen. Sie war eine
Tochter des Predigers der deutschen Petrikirche in Kopenhagen, des Dr.
Mnter, der, wie er es sicher hoffte, Struensee bekehrt hatte, wie man
dies in der Bekehrungsgeschichte lesen kann, die Mnter nach dem Tode
des Unglcklichen herausgab. Da Struensee, als Gefangener, da er sich
seinem Ende nherte, in dem Gesprch mit dem begabten, von Religion
begeisterten, durch die Wissenschaft grndlich gebildeten Mnter seine
flache Voltaire'sche Philosophie aufgab, die ihn gelehrt hatte, da
der Mensch eine Maschine sei, deren geistiges Leben zugleich mit dem
irdischen aufhre, ist ganz natrlich und wahrscheinlich. Es kann nicht
geleugnet werden, da zu einer Zeit, wo das Deutsche hier im Lande die
Ueberhand gewonnen hatte, die begabtesten Deutschen, welche hier ihr
Glck machten, sich wirklich durch eine hhere Bildung auszeichneten,
als die Dnen. Bernstorff war ein ausgezeichneter Minister; Klopstock,
Deutschlands groer Dichter, besuchte uns auch und schrieb einige
Gesnge der Messiade in Kopenhagen bei seinem Freunde, dem Prokanzler
=Cramer=, dessen Haus der Sitz der Musen war, in das auch der ltere
Schlegel kam, der den nordischen Aufseher schrieb, in welchem er seine
Landsleute mit dem dnischen Guten bekannt zu machen suchte. Nach
Bernstorff zeichnete sich der jngere =Schimmelmann= als Liebling der
Musen und als Mcen aus. Cramer's Tochter verheirathete sich spter mit
Schimmelmann's Secretair =Kirstein=. Schiller schickte aus Dankbarkeit
Schimmelmann (der whrend seiner Krankheit zugleich mit dem Herzoge von
Augustenburg fr ihn gesorgt hatte) seine Tragdien, ehe sie gedruckt
wurden. In diesen Zirkeln wuchs die junge liebenswrdige Friederike
Mnter auf. Und man kann diesen Deutschen nicht den Vorwurf machen,
da sie das dnische Gute ignorirt htten. Schlegel war Holberg's
eifriger Apostel und hat gewi dazu beigetragen, da =Schrder= dessen
Stcke auf die deutsche Bhne brachte und selbst so meisterhaft darin
spielte. Als Ewald starb, streute die junge Friederike Mnter Blumen
auf sein Grab; und ihr Bruder (der Bischof) war Ewald's warmer Freund.
Aber es ist natrlich, da ihre ganze Umgebung, ihre Ehe und spteren
Reisen sie Deutsch ausbildeten, und sie selbst Dichterin wurde. Ihre
Ehe war merkwrdig. Es wrde einem Lustspieldichter schwer werden,
einen komischeren Contrast zwischen einem Ehepaare herauszufinden,
als den zwischen der mit Salis und Matthisson innig sympathisirenden
Friederike Mnter und dem fast ausschlielich mit Gelderwerb und
Handelsspeculationen beschftigten =Constantin Brun=. Er fing als armer
Commis an, aber er war ein hbscher junger Mann und ein gewandter
Kopf. Mnter war ein Freund des alten Schimmelmann, und dieser hatte
viele Handelsverhltnisse ganz in seiner Hand. Brun machte der jungen
Friederike den Hof, wurde ihr Mann und durch Schimmelmann's Hlfe kam er
gleich in gute Handelsverhltnisse, die er mit seinem groen Erwerbgenie
benutzte, so da es nicht lange whrte, bis er reich wurde. So habe
ich ihn kennen gelernt; er uerte bei jeder Gelegenheit seinen Spott
und sein Mivergngen ber die poetischen Narrheiten seiner Frau, wie
er sie nannte. Es war nicht zu leugnen, da sie etwas zu sentimental
war; an Oekonomie dachte sie nicht, und unglcklicher Weise wurde sie
von einer Taubheit heimgesucht, die in spteren Jahren zunahm. Aber
diese Taubheit hatte doch auch ihre gute Seite: sie konnte ihren Mann
nicht schelten hren; und dessen Handelsgeist hatte wiederum seine gute
Seite: er machte sie zu einer reichen Frau, und sie wrde weder alle
einsichtsvollen Mnner und Frauen Europa's mit so vieler Einsicht und
Urtheilsfhigkeit, noch die Natur mit so vielem poetischen Malertalent
kennen gelernt haben, wenn sie nicht durch das Vermgen ihres Mannes
die Mittel erlangt htte, eine Reise nach der andern und besonders
nach ihrem lieben Italien zu machen. Constantin schalt und brummte,
aber sie hrte es nicht. Eines schnen Tages stand ich neben ihm auf
Sophienholm in Frederiksdal. Ist das nun nicht ein herrlicher schner
Ort? fragte er mich -- und doch will sie wieder aus dem Lande fort.
Es ist rein um toll zu werden. Aber das Beste dabei war, da er
sie, trotz all' des Lrmens, den er machte, doch thun lie, was sie
wollte, und es, trotz all' der Klagen ber die vielen Ausgaben, doch
seiner Eitelkeit schmeichelte, das eleganteste und angenehmste Haus
in Kopenhagen zu machen, wozu Er das Geld, seine Frau Geist, Grazie
und Anmuth beisteuerte. Keines von Beiden konnte entbehrt werden. Ganz
psychologisch merkwrdig war der Geist der Sparsamkeit, der bei ihm zum
Instinkt geworden war, wie bei einem Eichhrnchen das Sammeln der Nsse
in einem hohlen Baum. Er zeigte uns nmlich eine groe Schublade voll
Zucker. Diesen Zucker hatte er in der Harmonie zum Kaffee, den er dort
jeden Nachmittag trank, bekommen; jeden Tag aber sparte er einige Stcke
und nahm sie in der Tasche mit nach Hause. Es war in seinem Charakter
ein naiv-komisches Element. Einmal kam ein Mann zu ihm und bat ihn um
ein Gelddarlehn. Brun versicherte, er htte Nichts, und um es ihm zu
beweisen, ffnete er seine Schatulle, zog alle Schublden heraus und
zeigte ihm, da kein Geld darin sei.

Was Frau Brun betraf, so machte sie durch ihre liebenswrdige
Persnlichkeit, ihren ausgezeichneten Geist und durch die, bei einem
Weibe seltenen, Kenntnisse Eroberungen, wohin sie kam, vom Palast bis
zur Htte, und es gab damals fast keine einzige mnnliche und weibliche
Berhmtheit in Dnemark, Deutschland, der Schweiz und Italien, die
sie nicht kannte, mit der sie nicht in freundschaftlicher Verbindung
gestanden und deren Wesen sie nicht mehr oder weniger mit Phantasie
und Verstand erfat htte, und durch charakteristische lebendige Zge
zu schildern vermochte. Dies trug sehr viel dazu bei, ihren Umgang
angenehm zu machen; man hrte sie gern erzhlen; und als ihre Taubheit
zunahm, war sie auch interessanter im zusammenhngenderen Vortrage, als
im Gesprche. An Dem, was rund um sie her vorging, konnte sie nicht
recht Theil nehmen. Sie war von jungen Damen umringt, denn auer ihren
eigenen Tchtern und Nichten hielten sich auch zwei Tchter des in
Paris verstorbenen Ministers =Dreyer= in ihrem Hause auf. Sie waren
in einer pariser Pensionsanstalt erzogen; die lteste, =Mariquita=,
war sehr begabt; in diesem Zirkel bekam der junge =Ludwig Heiberg=,
den man im Scherz _l'enfant_ nannte, und der oft zu Bruns kam, seine
erste Politur. Da nun die gute Frau Brun, die so in ihren eigenen
Gedanken vertieft war, die neuste Zeit nicht recht kannte und zuweilen
etwas zu sentimental war, der lieben leichtsinnigen Jugend mitunter,
wenn nicht Ursache, so doch Veranlassung zum Lachen gab, kann man sich
leicht denken. Es ging der guten Dichterin wie es Jedermann unter den
sndigen Menschenkindern ging: die Fehler fallen viel leichter in die
Augen, als die Vorzge. So ging es auch in Italien, wo ich mit ihr
zusammen war. Gott hat mir die Gnade erwiesen, sagte sie einmal in
einem Concert, da ich fr Musik nicht taub bin. -- Die Gnade hat
Gott ihr nicht erwiesen, sagte der Maler =Christel Riepenhausen=, der
ein groer Schelm war; denn als wir einmal in einem Passionsconcert
zusammen waren, das mit einem starken Chore anfing, fragte sie mich,
nachdem der Chor gesungen war: Geht's nicht bald an? Ich entschuldigte
diese anscheinend komische Unwahrheit mit einer Delikatesse von ihrer
Seite, die man miverstand; sie meine, es wrde ihren Freunden lieber
sein und den eigenen Genu nicht stren, wenn sie glaubten, da auch
ihre Freundin Theil daran nehmen knne. Man hielt sie auch fr geizig,
obgleich sie es nicht war. In der fr Dnemark schlimmsten Finanzperiode
reiste sie nach Italien. Das kostete schon viel und ihr guter Mann
fand sich darein; da er ihr aber Summen gegeben htte, um Kunstwerke
zu kaufen, daran war nicht zu denken. Doch waren die Knstler in Rom
unzufrieden damit, da sie es nicht that. Ich besuchte einmal mit ihr
den berhmten Landschaftsmaler =Reinhart=, eine krftige, derbe Gestalt.
Er besa ein Buch, was sie gern lesen wollte, und sie bat ihn, es ihr
zu leihen. Ja, rief er mit fast zrnender Donnerstimme, Sie knnen
es nehmen; aber Sie sollen es mir wiedergeben; denn ich bin arm und
Sie sind reich. -- Der gute Reinhart, sagte sie milde mit einem
vershnenden Lcheln.

Die Taubheit war ihr oft sehr unbequem, da sie die Einwendungen und
Bemerkungen nicht hren konnte, die man ihr machte, und sie war daher
gewhnt, ihrem eigenen Kopfe zu folgen. Als sie von Italien zurckkam,
gab sie wchentlich musikalische Soiren, bei denen Ida mit ihrer
anmuthigen Persnlichkeit und ihrer schnen Stimme die Hauptrolle
spielte. In Italien giebt man solche Gesellschaften, ohne die Gste
mit etwas Anderem als einem Glase Eiswasser, oder hchstens einer
Portion Eis zu tractiren. Das wollte Frau Brun hier einfhren. Sie
war aber auch die Einzige in der ganzen Gesellschaft, der es gefiel.
Der Concertmeister =Schall=, der es bernommen hatte, diese Concerte
zu dirigiren, sagte ihr gerade heraus, da man hier zu Lande daran
gewhnt sei, Abendbrod zu essen. Was geschieht? Bei dem nchsten
Concert fhrt der Diener ihn in ein kleines Zimmer, wo ein elegantes
Souper angerichtet war; aber -- nur fr ihn! Erst als er sich, wie
Don Juan, weigerte, sich allein an den Tisch zu setzen, wurde es Frau
Brun einleuchtend, da sie mit der Einrichtung der Speiseanstalt etwas
mehr ins Groe gehen msse, und bei dem nchsten Concerte fehlte auch
Nichts, um die Gste sowohl krperlich, als geistig zu erquicken. Bei
solchen Concerten sa sie zuweilen mit einem Stbchen im Munde, das
den Resonanzboden des Instruments berhrte, wenn dasselbe von einem
Virtuosen, z. B. als =Moscheles= da war, gespielt wurde. =Siboni= lste
Schall als ihren Concertmeister ab. Nun wurden lauter moderne Sachen
gesungen. Wenn sie mitunter einmal aus alter Liebe zu dem herrlichen
Schultz Etwas von ihm vortragen lie, so wurde das auch als etwas
Lcherliches betrachtet, in das man sich finden msse.

=Ida= war ein anmuthiges Mdchen, blendend wei, schlank, wie eine
Nymphe, mit einem ovalen, regelmigen, blondlockigen Kopfe und einem
Gesicht, dessen muntere Freundlichkeit auf uns Alle Eindruck machte,
obgleich ihre blablauen Augen nicht feurig funkelten. Mein Vetter,
der Maler, Professor =Lund=, brachte sie bewut oder unbewut auf den
meisten seiner Bilder an. Die Mutter war ganz verliebt in ihre Tochter
und sah in ihr ein Genie, was sie doch nicht war; fr Poesie hatte Ida
nicht viel Sinn, obgleich sie gern ber das Lustige lachte, und wenn
sie gleich schn sang, so war ihr musikalischer Geschmack doch durchaus
modern. In Italien hatte sie auch von der Lady Hamilton gelernt,
schne malerische Stellungen auszufhren, was sie freilich in dem
Lenze der Jugend mit ihrer Nymphengestalt besser kleidete, als Madame
Hndel-Schtz mit ihrem schwerflligen Krper, nachdem sie schon fast
verblht war.

Es vergingen einige Jahre und Ida hatte in der ganzen Zeit, so viel
ich wei, keinen Freier gehabt. Sie selbst war nicht erotischer Natur,
sondern etwas undinenmig kalt. Da kam der sterreichische Minister
Graf =Bombelles=. Seine Jugend war dahin; er war durchaus nicht hbsch,
sondern bleich und sehr pockennarbig. Er hatte eine heisere Stimme; war
aber ein heller Kopf, ein lustiger, munterer Mann. Er verliebte sich
sterblich in Ida und suchte sie auf alle Weise zu gewinnen. Eines Abends
z. B. sprang er, als sie von einer Gesellschaft nach Hause fuhr, auf
ihren Wagen, und half ihr als Diener beim Aussteigen. Das Ende vom Liede
war, da er sie zur Frau bekam und mit ihr fortreiste; und Sophienholm
war nicht mehr Sophienholm, nachdem es seine Nachtigall verloren hatte.
Einige Jahre lang kam ich auch nicht zu Bruns; aber das hatte einen
andern Grund. In der schlimmsten Baggesen'schen Zeit traf ich ihn als
Frau Brun's alten Freund dort, und das strte mir den Genu ihrer
Gesellschaft. Da sie das nun wohl merken mochte, fiel sie auf einen
wunderlichen Gedanken. Sie hatte ihrem Portier befohlen, da er, wenn
Baggesen da sei, mir sagen solle, sie wre nicht zu Hause, und ebenso
umgekehrt zu Baggesen, wenn ich dort war. Dadurch glaubte sie nun eine
bewaffnete Neutralitt gestiftet zu haben, die nach dem Sinne beider
feindlichen Mchte sein msse; und ich glaube auch, da Baggesen sich
darein fand; denn sie klagte spter nur ber mich, der ich fortblieb,
sobald ich das wunderliche Portierarrangement erfahren hatte.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Angenehme Ueberraschungen.]

Mehrere angenehme Ueberraschungen wurden mir in den Jahren 1838 und 39
bereitet. Man wird sich erinnern, da der Bischof Mnter, mir, als ich
Ritter vom Nordsternorden geworden war, sagte: Der Knig kann es nicht
leiden! und ich hatte spter Ursache, ihm zu glauben; denn drei Mal
war ich von der Universittsdirection meiner Anciennett als Professor
zufolge zum Etatsrath vorgeschlagen, ohne da ich es wurde; und ich
wei, da alle Betreffenden sich darber wunderten. Vielleicht hat der
selige Knig geglaubt, da ich selbst mich um jenen Orden bemht habe.
Die Wunde des verlorenen Norwegens war noch nicht geheilt -- und die
Unzufriedenheit des Knigs lt sich menschlich erklren. Aber sein
gutes Herz gestattete ihm doch nicht lange dem Unschuldigen zu grollen.

Im Jahre 1838 wohnten die kniglichen Herrschaften nicht auf
Friedrichsberg; das Schlo stand leer, und ich bekam so groe Lust,
wieder einmal dort zu wohnen, da ich dem Triebe nicht widerstehen
konnte, meinen Wunsch gegen den Oberhofmarschall auszusprechen. Er trug
dieses darauf dem Knige vor und brachte mir die angenehme Nachricht,
die ich gar nicht erwartet hatte, da der Knig es gleich erlaubt
und gesagt htte: er knne ganz gut begreifen, da ich wnschte,
wieder einmal da zu wohnen, wo ich meine Kindheit verlebt, und wo er
mich gekannt htte, als ich nicht grer, als =so= war! Hier machte
er mit der Hand eine Bewegung nach der Erde zu. -- Ich zog also mit
meiner lieben Marie hinaus und lebte in schnen Jugenderinnerungen
mit dem theuren Kinde, das mich (was ich damals noch nicht wute)
bald verlassen sollte; ich ging, von vergangener Zeit trumend, umher
und besuchte tglich die Portraits meiner ltesten Geliebten in den
kniglichen Zimmern. Die Vergangenheit stand wieder so klar vor mir,
da ich Lust bekam, mein Leben ausfhrlicher und vollstndiger, als
das erste Mal zu schreiben, und ich begann die gegenwrtige Ausgabe.
Damals vollendete ich nur die Periode meiner Kindheit. Manche Stelle
zeugt von diesem meinen letzten Aufenthalte auf dem Schlosse, z. B. die
genaue Beschreibung und das Urtheil ber das groe Gemlde von Rubens,
das, von Lorenzen copirt, in dem Zimmer der Knigin hing. Tglich ging
ich mit meiner Maria im Garten und im Sdfelde spazieren, wie ich es
gethan hatte, als sie klein war. In diesem Sommer schrieb ich auch die
Tragdie: Knud der Groe.

In unserer lndlichen Einsamkeit wurden wir durch die freudige Nachricht
berrascht, da =Thorwaldsen= nach Dnemark komme, um sein briges Leben
bei uns zuzubringen.

Sein Empfang ist eine historische Scene, deren Schilderung nicht in ein
idyllisches Gemlde gehrt. Ich war auch auf der Rhede in einem Boote,
um ihn zu begren, was mir wegen des groen Schwarmes von Fahrzeugen
doch nicht glckte; aber ich sah ihn ziemlich fern in dem Knigsboote
sitzen, und entdeckte da bereits, da sein Haar, welches frher (nach
seinem eigenen lustigen Ausdrucke) gepudert gewesen, nun schneewei
geworden war.

                    *       *       *       *       *

In diesem Jahre ernannte mich Knig Friedrich VI., ohne einen Vorschlag
von Seiten der Universitt, als ich es am wenigsten erwartete, zum
Etatsrath.

                    *       *       *       *       *

Im Jahre 1839 fiel es meinem Freunde =Bournonville= ein, meinen
=Aladdin= zur Auffhrung auf dem Theater einzurichten. Mit dem ihm
eigenen Geschmacke whlte er die Musiknummern, componirte schne Tnze
zu den Feenscenen und Aufzgen und tanzte selbst vortrefflich darin. Ich
hatte ihm und =Overskou= die Vollmacht gegeben, das Stck nach Gutdnken
zu krzen und zusammenzuziehen. So wurde es wiederholt mit vielem
Beifall gegeben und verschaffte mir eine so reiche Einnahme, da ich
eine Freude genieen konnte, die mir in meinem ganzen Ehestandsleben nur
ein einziges Mal, vor 22 Jahren, zu Theil geworden war, und an der ich
jetzt auf dem Schlosse Geschmack gefunden hatte: einen Sommer mit meiner
ganzen Familie auf dem Lande zuzubringen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Tod Friedrich des Sechsten.]

Gegen Ende dieses Jahres starb auch Knig Friedrich VI. Ich schrieb als
Universittsprogramm ein Gedicht ber ihn, und es wurde mir bertragen,
die Trauercantate zu verfassen, welche bei seiner Beisetzung in der
Roeskilder Domkirche aufgefhrt wurde. Ich war mit dort, und bei einer
schneidenden Klte bei dem Probst =Hertz= einquartirt, wo ich diese
Nacht dem lieben Gott fr Etwas dankte, das ich sonst verabscheute,
nmlich fr ein paar warme Federkissen. Mit meiner Cantate, zu der
Weyse die Musik geschrieben hatte, war ich selbst nicht recht zufrieden.
Im Programm hatte ich das ganze preiswrdige Leben Friedrich's VI. in
naiven Knttelversen besprochen; aber sein Tod versetzte mich nicht in
eine hhere Begeisterung. Auch die alte Einrichtung von Solo, Duett,
Recitativ und Chor genirte mich. Spter schrieb Heiberg eine Cantate
fr die Universitt, welche besser war, als die meinige; Weyse's Musik
war auch besser, besonders fand sich ein Duett von unvergleichlicher
Schnheit darin.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Brief des Kronprinzen Oskar.]

Im Jahre 1840 zeigte Tegnr mir in einem sehr freundschaftlichen Briefe
an, da mir Knig Karl Johann das Grokreuz des Nordsternordens ertheilt
habe, und ich erhielt auch bald das Diplom. Zu gleicher Zeit sandte
der Kronprinz mir eine goldene Medaille mit seinem Brustbilde und der
Inschrift: _Memoriae pignus_, nebst folgenden Zeilen:

Herr Etatsrath Oehlenschlger! Durch mehrfache wichtige Geschfte
abgehalten, sah ich mich lnger, als ich wollte und wnschte, der Freude
beraubt, Ihnen meine Dankbarkeit fr das schmeichelhafte Gedicht zu
bezeugen, das Sie mir letzthin, von Ihren ins Deutsche bertragenen
Arbeiten begleitet, zugeeignet haben.

Mehrere unter diesen sind mir zwar alte und liebe Bekannte, aber als
Geschenk des Verfassers haben sie fr mich einen neuen und erhhten
Werth. Ueber das schne Gedicht darf zwar Der, welcher der Gegenstand
desselben ist, nicht urtheilen, aber ich kann es mir doch nicht
versagen, Ihnen, Herr Etatsrath, meinen Dank fr die freundschaftliche
Gesinnung auszusprechen, die sich darin zeigt, und die ich mit
derselben Aufrichtigkeit, wenn auch in einfacheren Worten, erwidere.
Das Andenken an unsere Begegnung in Christiania bereitet mir stets
Freude, und ich rief es mir aufs Neue ins Gedchtni zurck, als Ihr
Sohn mich besuchte. Ich hoffe, da er meine Gre bestellt hat, und da
Sie, Herr Etatsrath, bald Ihr Versprechen, Ihre schwedischen Freunde
zu besuchen, erfllen werden. Indem ich mit Freude diese Gelegenheit
benutze, Sie meiner Freundschaft und Hochachtung zu versichern, bitte
ich Sie, die beifolgende Medaille anzunehmen, welche, wie ich hoffe,
Sie an Denjenigen erinnern wird, der, wie ich, Ihren Geist und Ihre
Eigenschaften, Herr Etatsrath, so hochschtzt.

      Stockholm, den 8. Mai 1840.
                                                        =Oskar=.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Knig Christian der Achte.]

In diesem Sommer wurde Knig Christian VIII. und Knigin Karolina
Amalia auf Friedrichsborg mit vieler Pracht gekrnt. Die Ritter
vom Elephantenorden und die Grokreuze des Dannebrog waren in
purpurrothen und citrongelben Sammetmnteln, weien Seidentricots und
groen Federhten gekleidet. Die Meisten nahmen sich in dieser ihnen
ungewohnten Tracht eigenthmlich aus.

Der Knig machte mich in diesem Jahre, am Tage seiner silbernen
Hochzeit, zum Dannebrogsmann. Ich hatte auf seinen Befehl eine
Tischcantate zum Krnungsfeste gedichtet, die, von =Frhlich= componirt,
bei Tafel aufgefhrt wurde. Aber die Unmasse von Menschen, die hin- und
herging, um zu sehen, wie die Majestten von den Staatsministern bedient
wurden, kmmerten sich nur wenig um die Musik; die Herrschaften saen am
andern Ende des Rittersaales; die Teller klirrten, die Menge lrmte, und
ich glaube, da Keiner, mit Ausnahme der Spielenden und Singenden, die
Cantate gehrt hat. Ich war selbst im Saale, hrte sie aber nicht.

[Sidenote: Zusammenleben mit Thorwaldsen.]

Steffens war auch zugegen. Der Knig hatte ihn mit seiner Familie
nach Dnemark eingeladen und bezahlte die Reise. Ich besuchte mit
Thorwaldsen, Steffens und Grundtvig den Baron =Stampe= auf Nyse. Schon
frher war ich einige Male mit Thorwaldsen dort gewesen. Des Abends,
wenn wir nicht Lotto spielten (das einzige Spiel, an dem Thorwaldsen
Theil nahm, wo er aber auch ein sehr leidenschaftlicher Spieler war
und sich ebenso sehr freute, wenn er einige Schillinge gewonnen, als
wenn er eine bedeutende Summe fr seine Arbeiten bekommen hatte), mute
ich ihnen Etwas aus Holberg oder meinen eigenen Arbeiten vorlesen,
und dann war er ein aufmerksamer Zuhrer. Er liebte berhaupt das
Schauspiel sehr; in Kopenhagen saen wir fast jeden Abend im Theater
neben einander. Er konnte herzlich lachen und bei den rhrenden
Stellen rannen ihm die Thrnen an den Wangen herab. Er hatte oft davon
gesprochen, meine Bste zu modelliren; aber es verzgerte sich immer und
ich mochte nicht daran erinnern. Endlich machte die Baronesse Stampe
kurzen Proze damit. Sie bestellte bei dem Tischler ein Brett mit einem
Stift darin, lie ein Gef mit nassem Ton heraufbringen, formte mit
ihren eigenen Hnden einen groen Klumpen davon mit einem Hals wie an
einer Flasche, und aus dieser Erde schuf Thorwaldsen seinen Adam, d. h.
meine Bste. Den nchsten Tag hatte er keine Lust, daran zu arbeiten,
und entschuldigte sich damit, da er nicht recht aufgelegt sei. Als ich
dann wieder zu ihm kam, componirte er die Skizze zu einem Taufengel. Ich
fand es sehr natrlich, da er lieber an einem Taufengel als an einem
getauften Poeten arbeiten wollte.

Den nchsten Tag dagegen war er fleiig an der Bste beschftigt und
machte sie fertig. Er modellirte auch ein Basrelief von Steffens, als
derselbe hier war. Bei Tische hielt Steffens Vorlesungen, die weder
Grundtvig noch mir gefielen. Mein Verhltni zu meinem alten Freunde
war ganz wunderlicher Art. Er bersprang ganz die 37 Jahre, die wir
getrennt gewesen waren und sprach mit mir noch immer, wie mit seinem
Schler vom Jahre 1803. Ich fand mich darein; einstmals gingen wir
im Sdfelde zusammen spazieren und es freute mich, alte Erinnerungen
wieder heraufzubeschwren. In diesen Gefhlen sympathisirten wir
brderlich. Seine Frau war auch hier; die schne Hanna Reichardt hatte
sich auerordentlich gut conservirt; wir waren stets gute Freunde. Seine
Tochter =Klrchen= hatte viel von dem Geiste des Vaters geerbt. Verstand
und Herz standen bei ihr in seltener Harmonie. -- In diesem Jahre
feierte auch meine Tochter Marie ihre Hochzeit mit dem Doctor =Wollert
Konow= aus Norwegen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Tod meiner Frau.]

Im Jahre 1841 dichtete ich =Dina=. Ich las meiner Frau und meinen
Kindern die drei ersten Acte in demselben Zimmer vor, in welchem sie
in kurzer Zeit als eine Leiche stehen sollte. Noch hatten wir keine
Ahnung davon, obgleich sie in den letzten Jahren ihre Gesundheit
verloren hatte. Sie konnte Nachts nicht schlafen. Die Folge davon
war, da sie oft am Tage einschlummerte und nicht recht an Dem Theil
nehmen konnte, was uns Anderen interessirte. Meine Dichtungen hrte
sie stets mit groer Aufmerksamkeit und Theilnahme an. Da ich an dem
fnften Acte von Dina arbeitete, konnte ich ihr noch das Meiste davon
vorlesen. Das Letzte, was sie hrte, war Eleonore Christine's Monolog,
wo sie aus Liebe zu Mann und Kindern beschliet, das geliebte Vaterland
zu verlassen. Da fllten sich Christiane's groe blaue Augen, die
trotz aller Schwche noch nicht den Stempel ihrer frhern Schnheit
verloren hatten, mit Thrnen. Und das war der Abschied dieser edlen
Seele vom Dichter und Gatten, denn spter ergriff die Lhmung und das
Fieber des Todes sie und machte ihren Geist unempfnglich fr zarte,
rhrende Eindrcke. Selbst der kleine Enkel konnte sie nicht recht
erfreuen. Sie war oft vom Schwindel geplagt gewesen; ein krampfhaftes
Zucken des Mundes und der Augenliden lie einen apoplectischen Anfall
befrchten. Das wrde, sagten die Aerzte, sie, wenn auch langsamer, dem
Tode zugefhrt haben. Nun endigte gutmthige Dienstfertigkeit, die ein
Charakterzug bei ihr war, pltzlich ihr Leben. Eine arme Frau, die im
Hause zuweilen waschen und dergleichen half, wurde krank. Christiane
besuchte sie und bekam den Typhus! An dem letzten Tage ihres Lebens
wo ich sie sah, lag sie wie in einer Betubung, kannte mich kaum
und als ich mit unterdrcktem Gefhl ihr Lebewohl sagte, machte sie
eine mechanische Bewegung mit der Hand nach dem Munde zu. Ich ging
untrstlich nach Friedrichsberg hinaus; aber da hatte ich keine Htte
mehr, keinen Winkel, in den ich mich hinsetzen und ber meine Einsamkeit
trauern konnte. Der Kaufmann Melchior, den ich frher von einer edeln
Seite kennen gelernt hatte, erlaubte mir in einem Hause zu wohnen, das
er in der Friedrichsberger Allee besa, bis ich andere Zimmer finden
wrde. Kaum war ich dort hinaus, als mein Sohn Wilhelm mir die Nachricht
von dem Tode seiner Mutter brachte.

In dieser Trauer kam Brndsted zu mir und fragte mich mit seiner
gewhnlichen herzlichen Bereitwilligkeit, ob er mir irgend einen Dienst
leisten knne? Ja, antwortete ich, das kannst Du. In diesem Hause
kann ich nur einige Tage bleiben; ich wei, da das Schloverwalterhaus
leer steht. Da verbrachte ich, als mein seliger Vater noch lebte,
manchen Sommer, und es wrde mir Trost gewhren, wenn ich die Erlaubni
erhielte, jetzt wieder dort zu wohnen. Aber ich bin zu betrbt und
niedergeschlagen, als da ich zum Knig gehen und ihn darum bitten
knnte. Willst Du es fr mich thun? -- Ja, mit grtem Vergngen!
-- Er ging. Den Tag darauf kam er wieder und brachte mir einen Brief,
den der Knig mir geschrieben hatte, in welchem stand, da es Sr.
Majestt freue, meine Trauer lindern zu knnen, und da er gleich
Befehl gegeben habe, da das Schloverwalterhaus mir fr diesen Sommer
eingerumt werde. Dafr hatte ich nun meinen guten Brndsted zu danken,
wenigstens dafr, da es so schnell geschah; denn mir selbst wre es in
meiner Gemthsbewegung unmglich gewesen zum Knige zu gehen.

[Sidenote: Meine Tochter zieht nach Norwegen.]

Ich zog nun mit meinen Shnen in das Schloverwalterhaus. Mein
Schwiegersohn Konow und meine Tochter wohnten in der Stadt. Er hatte
erst die Absicht gehabt, sich ein Gut in Dnemark zu kaufen. Aber da er
keins fand, was ihm convenirte, und da wohl auch der freiheitsliebende
Norweger sich nicht dazu entschlieen konnte, Unterthan eines
souverainen Knigs zu werden (damals zeigte sich viel Ghrung und
Opposition hier im Lande), so beschlo er ein schnes Gut, =Steen=, zwei
Meilen von seiner Vaterstadt Bergen, zu kaufen. Nun sollte ich also
auch, wenngleich, gottlob nicht fr stets, meine Maria verlieren.

Die traurigen, stillen Vormittage in der ersten Zeit nach Christiane's
Tod (mich trennte nur ein breiter Platz von dem Kirchhofe auf dem
sie begraben war) brachte ich damit zu, alle ihre Briefe zu lesen,
wodurch ich mich gleichsam in meine erste Jugend zurckversetzte und
das entschwundene Leben noch ein Mal mit ihr durchlebte. Ich miethete
Zimmer fr den Winter, besuchte die lieben Neuvermhlten, und ihre
Nhe erquickte mich sehr, bis die Abschiedsstunde kam, wo ich meine
schmerzlichen Gefhle bemeistern mute. Die Trauer wurde durch den
trstlichen Gedanken gemindert, da ich sie, unserer Verabredung gem,
bald in Norwegen besuchen wrde.

Bevor sie aber abreisten, versuchte eine Zahl der begabtesten und
gebildetsten jungen Mnner des Vaterlandes, mich dadurch zu trsten, da
sie mir einen neuen ehrenvollen Beweis ihrer Achtung gaben. Ich erhielt
folgenden Brief:

              Der Studentenverein an Adam Oehlenschlger!

Sie vollenden heute das 62. Jahr ihres Lebens, welches dem Dienste
der Musen geheiligt war, dessen bedeutungsvolle Wirksamkeit ihrem
Namen Unsterblichkeit verleihen wird. Gegen diese mu eine wenn auch
noch so krftig ausgesprochene Anerkennung eines kleinen Kreises der
Gegenwart einem Nichts gleich sein; aber eine Gesellschaft junger
Musenshne, welche Sie in einer Reihe von Jahren mit Freuden unter
sich gesehen hat, fhlt die Pflicht auszusprechen, da sie es fr eine
Ehre fr die Gesellschaft hlt, Sie zu deren Mitgliedern zu zhlen.
Der Studentenverein bittet Sie daher, den Platz als Ehrenmitglied der
Gesellschaft anzunehmen, und indem wir, die Vorsteher des Vereins, Ihnen
dies, laut uns gegebenem Auftrage, mittheilen, konnten wir dem Drange
nicht widerstehen, Ihnen persnlich unsere Freude darber auszusprechen,
da uns die Ehre zu Theil geworden ist, diese Handlung der Gerechtigkeit
gegen den ersten Dichter unseres Vaterlandes zu vollziehen.

          Das Seniorat des Studentenvereins am 14. Nov. 1841.

Diese Huldigung war frher nur Rahbek und Thorwaldsen zu Theil geworden,
und es fand in Folge derselben ein schnes Fest Statt.

                    *       *       *       *       *

In demselben Jahre wurde ich Commandeur des Dannebrogordens. Kurz
darauf ward ich auch Mitglied der niederlndischen Gesellschaft der
Wissenschaften, und erhielt die groe goldene Medaille der schwedischen
Akademie fr Geist und Geschmack (_fr Snille och Smak_).

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Gnade des Knigs.]

Der Knig hatte mir erlaubt, diesen Sommer im Schloverwalterhause zu
wohnen. Ich wnschte nun sehr, da diese Erlaubni auf mehrere Sommer
ausgedehnt werden mchte. Als ich ihm fr seine Gte dankte, fragte er,
ob nicht auch ein Garten dabei sei, und ob ich diesen pflege? Dies gab
mir die beste Gelegenheit, meine Bitte anzubringen. Ich antwortete, da
ich ihn sehr gern pflegen wrde, wenn ich hoffen knnte, in der Zukunft
auch die Frchte zu ernten. Der Knig antwortete: Wenn es mglich sei,
sollte ich die Erlaubni erhalten, dort wohnen zu bleiben, und als ich
in dem muntern Tone, in dem er mich gern sprechen hrte, antwortete:
fr Ew. Majestt ist sehr Viel mglich, erlaubte er mir die Wohnung zu
behalten. Ungefhr um dieselbe Zeit starb die Conferenzrthin =Jessen=,
welche nach dem Tode ihres Mannes auf dem im Friedrichsberger Garten,
von ppigen Gebschen und Bumen verborgen gelegenen Fasanenhofe wohnen
geblieben war. Der Oberhofmarschall =Levetzau=, den ich von Jugend auf
kannte, und der stets freundlich mit mir gewesen war, erzhlte mir, da
der Knig mir erlaubt habe, zu wohnen, wo ich es selbst am liebsten
wnschte: entweder im Schloverwalterhause oder auf dem Fasanenhofe. Als
ein Freund des Alten, an das sich viele liebe Erinnerungen knpften, zog
ich es zuerst vor, da zu bleiben, wo ich war; als mir aber der Marschall
lchelnd rieth, erst den Fasanenhof anzusehen, that ich es und schwankte
nicht lnger.

[Sidenote: Tod Wullf's und Brndsted's.]

In dieser Zeit traten kurz nach einander zwei traurige Todesflle ein,
welche mir zwei meiner besten Freunde raubten. Zuerst starb pltzlich
mein lieber Peter =Wullf=. Ich hatte ihn im Jahre 1814 als Capitain
und Lehrer der Seecadetten kennen gelernt. Unsere Freundschaft wurde
in der Baggesen'schen Periode geknpft, in welcher Wulff sich uns warm
angeschlossen hatte.

Er schrieb schne Gedichte, und setzte die Foersom'sche Uebersetzung
des Shakespeare zwar nicht mit der Virtuositt Foersom's, aber doch
lobenswerth fort. Jetzt war er Contreadmiral und Generaladjutant. Seine
gute Frau hatte er einige Jahre vorher verloren. In dem liebenswrdigen
Kreise seiner Familie verlebte ich viel heitere Tage. Weyse war auch ein
Freund des Hauses und erquickte uns oft durch seine schnen Phantasieen
am Fortepiano.

Der gute Wulff litt zuweilen an einem leichten Podagra, war aber niemals
eigentlich krank. Eines Abends im Theater fhlte er sich nicht recht
wohl, ging hinaus, nahm eine Droschke, um nach Hause zu fahren, und ehe
er nach der Cadetten-Akademie kam, -- war er todt!

[Sidenote: Tod Brndsted's.]

Im folgenden Jahre hatte mein lieber Brndsted ein hnliches Schicksal.
Von Natur war er riesenstark und geno einer vortrefflichen Gesundheit.
Aber er war vollbltig und bedurfte der Bewegung. Da er nun viel
sa und nach alter Gewohnheit immer lange zgerte ehe er sich in
Bewegung setzte, so beeilte er sich dann um so mehr zu Pferde, denn
er ritt lieber, als er ging. Ein paar Jahre wohnte er des Sommers auf
Friedrichsberg, wo ich ihn und seine liebenswrdigen Tchter Friederike
und Marie hufig besuchte. Die armen Mdchen gingen oft des Abends um
sieben, halb acht Uhr auf die Landstrae, um nach ihrem Vater zu sehen,
der noch nicht zum Mittagsessen gekommen war. Wenn sie ihn dann in
weiter Ferne herangalopiren sahen, freuten sie sich. Leider sollte diese
Freude bald in Trauer verwandelt werden.

In Kopenhagen wollte er eines Tags zu einem der Thore hinaus reiten. Auf
der Esplanade begegnete ihm der Etatsrath, spterer Minister =Bang=.
Sie hielten an und sprachen mit einander. Das Gesprch war zu Ende und
Brndsted wollte weiter reiten, als er, gutmthig und hflich wie er
stets war, den unglcklichen Einfall bekam, Bang fr eine Abhandlung zu
danken, die dieser kurz zuvor geschrieben hatte. Rasch und khn warf er
das Pferd herum; aber bei dieser Bewegung fiel er ab. Er war zwar an
das Reiten gewhnt; aber da er kurz und untersetzt war, konnte er sich
nicht fest genug halten. Er bekam einen frchterlichen Schlag, wobei
er wohl merkte, da Etwas in seinem Krper zerbrach. Er hatte noch so
viel Kraft, da er sich mit Hlfe eines Andern nach dem nahe gelegenen
Friedrichshospital schleppen konnte. In den ersten Tagen schien es, als
ob die Gefahr nicht sehr gro sei; nun aber schwoll der Krper auf, und
er starb glcklicherweise pltzlich, wobei er von heftigen Schmerzen
verschont blieb. Das Becken war ihm gebrochen! und doch hatte er
Muskelkraft und Krperstrke genug gehabt, um von der Esplanade nach dem
Hospital zu gehen. Armer Brndsted! wie viele Gefahren hast Du in Deinem
Leben besiegt! auf Felsen und Bergen in der dunkeln Nacht bist Du an
tiefen Abhngen vorbergeritten -- und es hatte Dich Nichts betroffen!
Und nun solltest Du an einem schnen, stillen, hellen Tage unter den
freundlichen Bumen in einer schnen Allee der Hauptstadt Deines
Vaterlandes strzen!

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Die Auffhrung von Dina.]

Ehe ich nach Norwegen reiste, wurde Dina aufgefhrt und machte
vorzglich durch das vortreffliche Spiel der Frau Heiberg Glck. Das
Stck wurde sehr gelobt; die Tadler hielten sich nun daran, da ich
der Geschichte Gewalt angethan, Ulfeld als zu schlecht und Dina als
zu gut gezeichnet htte; da sie eine niedere Verbrecherin sei. Aber
Alles, was zu Ulfeld's Lob gesagt werden kann, habe ich ihm im Stcke
gelassen; ich habe ihn nur auch mit seinen Schattenseiten gezeichnet.
Da ich durch die Idealisirung Dina's der Geschichte zu nahe getreten
sei, knnen nur Thoren sagen. Dina ist gar keine historische Person.
Ihr Auftreten ist eine Privatanekdote in Ulfeld's Leben; wenn diese
mir Veranlassung dazu gegeben hat, und es mir geglckt ist, aus einem
groben Feuerstein einen Diamanten herauszuschlagen, so ist dies ein
Gewinn fr die Poesie und kein Verlust fr die Geschichte. Die strenge
historische Wahrheit wrde bei den meisten Stoffen die Dichterschnheit
unmglich machen. Hakon Jarl schlachtete thatschlich seinen Sohn ohne
Liebe; er verbarg sich, ehe er von seinem Diener gemordet wurde, in
einem Schweinestalle; Palnatoke erscho den Harald Blauzahn von hinten
in einem Walde, wo derselbe bei einer gewissen Verrichtung sa; Hagbarth
schlich sich nach der Kmpeweise nach Signe's Kammer und lag bei ihr,
als er ergriffen wurde. Habe ich auch hier die Geschichte verunstaltet?
Sophokles sagte zum Euripides: =Du= zeichnest Deine Helden, wie sie
sind, =ich= wie sie sein sollten. Aber, wird man sagen, Du hast
Ulfeld eines Meuchelmordes beschuldigt. Das habe ich nicht gethan.
Dina hat ihn dessen beschuldigt; selbst als sie zum Tode ging berief
sie ihn noch vor Gottes Richterstuhl, und das Ganze blieb -- ein
ewiges =Geheimni=. -- Dies gengte dem Dichter. Ich habe jenes Motiv,
welches die Triebfeder meines Werkes war, soviel als mglich moderirt.
Es ist nur ein flchtiger Gedanke des erhitzten Ulfeld, wird aber von
der tragischen Nemesis festgehalten. Die Mglichkeit eines solchen
Gedankens lag nicht auerhalb Ulfeld's Charakters, er war bei all seinen
glnzenden groen Eigenschaften herrschschtig und rachgierig; und wenn
gleich die Humanitt gebot, seine Schandsule niederzureien, so wird
doch die historische Wahrheit selbst nie leugnen knnen, da zu groer
Ehrgeiz und Stolz, sowie Mangel an Edelmuth und echter Tugend ihn zum
Landesverrath getrieben haben.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ole Bull.]

Im Juni reiste ich mit meinem jngsten Sohne Wilhelm nach Norwegen.
Als Reisegefhrte folgte uns der Violinist =Ole Bull=, der durch sein
seltenes Talent einen nicht nur europischen, sondern einen Weltruhm
erlangte. Ich hatte oft Gelegenheit gehabt, diesen groen Knstler
zu bewundern, aber auch mich ber ihn zu wundern. Sein Leben ist
merkwrdig: wie er als ein armer, unbekannter Musiker durch Paris
kam, und von der uersten Noth getrieben, beabsichtigte, in der
Verzweiflung sein Leben zu enden, als er gerettet, gekannt, gehrt,
anerkannt, geliebt, verheirathet, und sich durch seine Concerte bald
ein erkleckliches Vermgen erwarb. Seine musikalischen Leistungen
waren ein Ausdruck seines eigenen Charakters; eine eigenthmliche
Mischung von liebenswrdiger kindlicher Gutmthigkeit und Milde, die
oft durch eine unruhige Heftigkeit unterbrochen wurde. So wechselten
die schnsten, schmelzendsten Tne und genialsten Phantasien mit einem
pltzlichen, gellen Schreien der Saiten ab. Es war gleichsam, als ob
Bull ein Vergngen daran fand, mit launischem Wankelmuth die milde
feierliche Stimmung zu vernichten, die er selbst erweckt hatte, und
dieselben Zuhrer, die er soeben noch entzckte, durch eine Bizarrerie
zu verletzen, die nicht ihn beherrschte, sondern die er in stolzer Laune
hervorrief, wenn er wollte. Er kam mir oft wie ein Maler vor, der uns
ein schnes Bild zeigt, das er soeben vollendet, und in dem Augenblicke,
wo wir es genauer betrachten wollen, mit einem Pinsel darber hinfhrt
und es wieder verwischt. Doch mu man ihm Gerechtigkeit widerfahren
lassen. Wir hrten manch' herrliches Stck, das nicht auf diese Weise
abgebrochen wurde; und es ist hchst wahrscheinlich, da diese Manier
ihn im reifen Alter ganz verlassen hat. Keiner spielte ein Adagio von
Mozart so anmuthig, wie er, hier verleugneten sich ganz jene grellen
Tne einer zu heftigen Persnlichkeit. Ich sage, da er ebenso in
seinem Leben war: er machte zuweilen das Gute schlimm; aber mit der
Kindlichkeit, die dem krftigen, schnen, jungen Norweger so gut stand,
war es ihm auch leicht, das Schlimme wieder gut zu machen.

Als er mir ein Mal auf dem Schiffe mifallen hatte, weil er zu
bertrieben auf die Schweden loszog, und ich fortging und mich auf eine
Bank abseits setzte, kam er bald nachher auf allen Vieren kriechend und
bellte mich wie ein Hund an. Das war nun eine ebenso originelle wie
liebenswrdige Art, die Vershnung herbeizufhren, und den Verstimmten
zum Lachen zu bringen. Er besuchte mich mehrere Male in Kopenhagen. In
Christiania, wo seine kleine hbsche Frau wohnte, die sich als Pariserin
nicht recht in den Norden finden konnte, war ich zu Mittag bei ihm,
und als wir reisten, war er so gut, uns einen seiner Wagen zur Fahrt
nach Bergen, seiner Vaterstadt, zu leihen, wohin er auch bald reisen
wollte. Er war auerordentlich stark; seine Arme waren wie von Eisen
gegossen, und es ist wohl mglich, da es seine allzu groe Krperkraft
war, die zuweilen ungeduldig die milden Tne unterbrach, whrend er mit
dem Haupte schttelte, da ihm die Haare in die schnen braunen Augen
fielen. Ein Beweis fr seine Gutmthigkeit ist, da er mir seinen besten
Wagen zu dieser Reise lieh. Er selbst beabsichtigte, in einem Wagen
mit drei Rdern zu fahren; als man ihm aber vorstellte, wie gefhrlich
dies sei, whlte er einen groen Wagen, der nicht ordentlich die Spur
hielt, und mit dem er auch ein Mal umwarf und beinahe den Hals gebrochen
htte. Als er vor dem Knige in Kopenhagen spielte, und Friedrich VI.
ihn fragte, von wem er seine Kunst gelernt habe, antwortete er: Von den
norwegischen Felsen, Ew. Majestt! Der Knig, der an solche poetische
Redensarten nicht gewhnt war, und den Namen eines Menschen erwartet
hatte, setzte das Gesprch nicht weiter fort.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Norwegische Bekanntschaften.]

In Christiania besuchte ich meine alten Freunde und Gnner. Der Einzige,
den ich nicht so fand, wie ich ihn verlassen hatte, war =Sverdrup=,
der an Augenschwche litt, und den ich nie wieder sah. Die Studenten
begrten mich eines Abends im Htel du Nord mit einem Stndchen. Ich
machte die Bekanntschaft =Schweigaard's=, eines der brillantesten
Kpfe des Nordens, der Genie und Kenntnisse mit einem edlen Herzen
verband, =Dahl= kam uns mit der alten Freundschaft entgegen, und seine
gute Frau erquickte uns unter Andern mit schner italienischer Musik.
=Collets= empfing mich mit unvernderter Herzlichkeit. Auch meinen
alten Reisekamerad =Krog= sah ich wieder, und lernte seinen Vater, den
Staatsrath kennen, der, als ich das erste Mal Norwegen besuchte, in
Schweden gewesen war.

Der Statthalter Baron =Lvenskjold= erwies mir viel Freundlichkeit
und Ehre. Am Namenstage des Knigs waren wir bei ihm zu Tisch, und
bei dem dritten Toast bat er mich, Dnemark Norwegens brderlichen
Gru zu bringen. Fnf Jahre darauf sah ich seinen Sohn in Dnemark;
der begeisterte, tapfere Norweger kam her, um unter dem Dannebrog
fr die Sache unsers Vaterlands zu kmpfen. Seine ehrliche, derbe,
herzliche Freundlichkeit rhrte uns Alle. Er war oft bei mir auf dem
Fasanenhofe. Als ich in die Stadt gezogen war, kam der Diener eines
Tages herein und sagte: Herr! drauen steht ein Soldat, der mit Ihnen
zu sprechen wnscht. Ich ging hinaus. Die Gardinen waren der Sonne
wegen herabgelassen; ich konnte das Gesicht nicht recht erkennen, und
sah nur einen Soldaten in seinem groben Rock, mit Patrontasche und
Sbel, der ehrerbietig an den Czako fate. Es war Lvenskjold, der in
den Kampf ging. Nachdem er sich bereits durch Tapferkeit ausgezeichnet
und Dannebrogsmann geworden war, besuchte er uns wieder; wir hatten die
Freude, ihn im Soldatenrocke an unserm Tisch zu sehen und auf sein Wohl
zu trinken, ehe er seinem ehrenvollen Tode entgegenging. Er steht vor
meiner Seele als ein schnes Ideal all' der edlen Norweger und Schweden,
die mit ihrem Bruderherzen fr uns stritten, und ihr Blut fr uns wagten
und vergossen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Reise nach Bergen.]

Den Reiseplan nach Bergen hatte uns unser Freund =Holger Collet=
aufgeschrieben; und da der Staatsrath =Sibbern= einen Tag vorher eine
weite Strecke auf demselben Wege gefahren war, so hatte er Pferde
fr uns bestellt. Holger hatte uns aber zu kurze Zeit gelassen, und
obgleich wir eilten, so muten wir doch an ein paar Orten doppelt
bezahlen, weil man uns zur bestimmten Zeit vergebens erwartet. Der
Weg fhrt grtentheils an Abgrnden entlang, doch ereignen sich
selten Unglcksflle; denn die norwegischen Pferde sind ebenso wie die
italienischen Esel daran gewhnt, die Felsen auf und ab zu klettern.
Zwei Dinge gehren zu den wichtigen Erfordernissen einer Reise in
Norwegen: ein guter Kutscher und ein Cabriolet. Ersteren verschafften
wir uns; aber statt des Cabriolets bekamen wir Bull's Chaise. Da diese
nun ziemlich hoch war, so war sie auch gefhrlicher; hatte aber auch
wieder den Vortheil, da sie beim Regen zugemacht werden, und da man
mehr darin mit sich fhren konnte. Im Anfange erschien mir die Nhe des
Abgrundes etwas bedenklich; aber man gewhnt sich an Alles und es whrte
nicht lange, so lie ich den lieben Herrgott sorgen und schlief ganz
ruhig in dem bequemen Wagen. Selbst eine Stelle, wo ein paar Tage vorher
eine Karre mit einem Pferde herabgestrzt war, machte keinen Eindruck
auf mich.

Wir machten unsere Reise in vier bis fnf Tagen. Ich will hier nicht
all' die Ruhepunkte aufzhlen, sondern nur einiges Charakteristischen,
dessen ich mich entsinne, Erwhnung thun. Am ersten Abend kamen wir in
ein Haus, wo der Wirth und die Wirthin, obgleich Bauersleute, meine
Biographie und mein Freia's Altar gelesen hatten, und sich alle Mhe
gaben, uns nach besten Krften zu bewirthen. Zu dem Ende brateten sie
ein Spanferkel, das sie auf den Tisch setzten. Unglcklicherweise
aber konnte ich Nichts davon genieen; denn es ist mir stets zuwider
gewesen, von einem Spanferkel zu essen, das mit Kopf und Schwanz und
geschlossenen Augen, fast als ob es noch lebte auf den Tisch kommt. Das
Gefhl von einer Art Kanibalismus bei dem Genusse eines, wenn auch nicht
Mitmenschen, so doch Mitgeschpfes macht mir die Mahlzeit widerlich. Es
darf keine Spur des verschwundenen Lebens mehr vorhanden sein, wenn die
Fleischspeise schmecken soll. Nur durch diesen Selbstbetrug vershnt
sich unser, wenn auch nicht ethischer, so doch sthetischer Sinn mit den
Forderungen der Natur. Indessen kostete ich doch von der Speise, um den
braven Leuten nicht zu mifallen, die uns so gern Etwas zu Gute thun
wollten.

Der Wagen wankte oft an steilen Punkten; das strte mich aber doch
nicht in der Betrachtung der wunderbaren Natur. Norwegen besteht mit
Ausnahme einiger groen Thler aus lauter Felsen, zwischen deren
Spalten die Flsse dahinstrmen. Zwischen dem Flu auf der einen
Seite und dem Felsen auf der andern erstreckt sich ein breiter oder
schmaler Erdstreifen mit Ackerboden und einem Fahrwege zwischen sich
und dem Flusse. =Das= ist Norwegen! Man hat so viel von dem kalten
unfruchtbaren Klima gesprochen; nicht das Klima im Ganzen genommen ist
es, das Norwegens Unfruchtbarkeit verursacht; hieran sind grtentheils
die unglcklichen einzelnen Nachtfrste schuld. Eine einzige Nacht
kann die Ernte eines ganzen Jahres zerstren. Was Norwegen besonders
fehlt, ist =Erde=. Steine knnen nicht zu Brot werden, und Norwegen
besteht grtentheils aus Steinen und Wasser. Aber wenn eine Zaubermacht
die gegen Sden gewandten Bergabhnge hinreichend mit fruchtbarer
Erde bedecken knnte, so wrde Norwegen ein Paradies werden; denn das
Klima auf der Sd- und auf der Nordseite des Berges ist durchaus
verschieden. Wo die Sonne in dem Thale scheint, welches die Felsen vor
Strmen schtzen und die Sonnenwrme verstrken, indem sie die Strahlen
zurckwerfen, wrde fruchtbare Erde den Flei des Landmannes durch die
reichste Ernte belohnen.

Unser Kutscher fuhr rasch. Aber ein Mal hatte er schlechte Pferde
bekommen, und wollte auf einer unwegsamen Stelle sie mit der Peitsche
vorwrts zwingen, was wir ihm aber untersagten. Die Bauern umgaben uns
in groen Haufen, darunter war auch ein baumstarker groer Bauer mit
finsterm Gesicht, der sich uns erbittert und drohend mit wilden Blicken
nherte. Glcklicherweise kam der Prediger dazu, der ihn beruhigte,
sonst wre es dem Kutscher und uns vielleicht auch schlecht gegangen.
Dies war der erste und letzte Norweger auf meiner Reise, der sich mir
unfreundlich zeigte.

Wir nherten uns dem Filefjeld, dessen Kamm jetzt, in der Mitte des
Sommers noch an vielen Stellen mit Schnee bedeckt war. Hier aen wir
einen guten Rennthierbraten, und ein starker Bauer trug mich auf seinem
Rcken durch den Schnee; doch nicht ganz ohne Schwierigkeit; denn ich
war nicht so leicht, als er geglaubt hatte.

Von dort kamen wir nach dem Leerthale, wo Manver gewesen war. Die
Soldaten muten von fernen Gegenden dorthin ziehen, um einen flachen
Raum von gengender Ausdehnung zu finden, auf dem sie marschiren und
exerciren konnten.

Von hier fuhren wir mit einer Abtheilung norwegischer Soldaten auf einem
Dampfschiffe nach Bergen wo uns meine geliebte Maria und ihr Mann auf
einem Boote im Hafen entgegenkamen. In dem Augenblick, wo ich aus dem
Schiff ins Boot steigen sollte, mute ich, als ich mein geliebtes Kind
wiedersah, meine Gefhle unterdrcken, um nicht ins Wasser zu fallen.
In der Stadt erwartete uns ihr Wagen, und nun fuhren wir rasch den
herrlichen Weg entlang bergauf, bergab nach =Steen=.

[Sidenote: Aufenthalt bei meiner Tochter.]

Bei der Einfahrt in Konow's Gut stand in dem Thore das Kindermdchen
mit dem kleinen =Harald=, der seinen Grovater an der Grenze empfangen
sollte. Durch eine lange Allee mit gut bebauten Feldern zu beiden
Seiten, von nackten, hohen Riesenfelsen begrenzt, kamen wir nach dem
traulich und schn eingerichteten Hause. Hier verbrachte ich sechs
glckliche Wochen im Schooe meiner Familie. Meine Maria spielte mir
tglich einige der Mozart'schen und Beethoven'schen Compositionen vor,
die ich stets so gern hrte, und ich ging daran, meine Tragdie Erik
Glipping zu vollenden, die ich bereits im Fasanenhofe begonnen hatte.
In Bergen besuchte ich den herrlichen =Christie=, der Stiftsamtmann
gewesen, Staatsminister htte werden knnen, sich aber mit dem Amte
eines Zollinspectors begngte, und einer der Begrnder der norwegischen
Constitution war.

Es whrte nicht lange, so erhielt ich eine Einladung von Bergens
Einwohnern aus allen Classen zu einem Feste im Locale der dramatischen
Gesellschaft. Ich wurde von den Stiftsamtmnnern Hagerup und Christie,
dem Amtmann Schtz und den Directoren der Gesellschaft empfangen, und
in des Prinzen Oskar Loge hinaufgefhrt. Ungefhr fnfhundert Personen
empfingen mich mit einem Liede und einem schnen Prologe von meinem
alten Freunde, dem Oberlehrer =Lyder Sagen=. Spter war Souper und Ball
fr ber hundert Personen. Ich sprach meinen Dank fr diese Ehre in
einem Gedichte aus, das in meinen Sammlungen abgedruckt ist. Aber es
blieb nicht dabei; die edlen Bergener erwiesen mir auf mehrere Arten
ihre Zuneigung.

Je mehr sich die Abreise nherte, desto schwerer athmeten Maria und
ich, und manche Thrnen wischten wir fort, die sich am Ende doch nicht
mehr verbergen lieen. Wir hatten Beide versucht unser Gefhl zu
unterdrcken, wenn vom Abschiede die Rede war; aber wir wuten wohl, was
wir einander waren, und der Gedanke an die schwere Trennung, die uns
bevorstand, erschtterte uns. Eines Vormittags, als Konow und William
ausgegangen waren, hatte ich mich in mein Zimmer gesetzt und las; als
ich zu Maria hineinkam, fand ich sie an ihrem Nhtische still weinend.
Ich fragte sie besorgt um die Ursache? Du gehst von mir weg und liest,
sagte sie, whrend ich hier allein bin. Dazu hast Du Zeit genug, wenn
uns mehr als eine Thr trennt. In solchen Zgen uerte sich ihr
schnes Herz.

In ein paar Bume auf dem Wege nach der See zu hatte ich einige Worte
eingeschnitten; gleich vornan in einen: Lebe wohl! und weiter
unten am Strande: Auf Wiedersehn! Nun schnitten wir auch unsere
Namen in einen Baum im Garten. Bei dieser Gelegenheit darf ich eines
poetischen Charakters nicht vergessen. Die Sage von den Hausgeistern ist
hinreichend bekannt: es sind gute, unschuldige Wesen, die mit grter
Bescheidenheit nur wenig von Dem genieen, was man ihnen anbietet, und
mit grter Freude allen nur mglichen Nutzen im Hause thun, whrend sie
sich an die Familie anschlieen. Freilich haben sie etwas Wunderliches
an sich, aber das wird hinreichend durch ihr muntres Wesen und ihre
innige Gutmthigkeit ersetzt. Solch' einen Hausgeist besitzt Steen im
=Onkel Jahn=. Ohne an den Speculationen und dem Handelsfleie seiner
Brder, wodurch diese reiche Mnner wurden, Theil zu nehmen, fhrte er
ein abenteuerliches Leben, ging in seiner Jugend auf die See, und schlo
sich spter als ein reisendes Mitglied den Familien an. Auf Steen ist
er der Abgott der Kinder, denn er lebt mit ihnen wie ein Kind, erzhlt
ihnen Mrchen, spielt ihnen auf der Violine und der Mundharmonika vor,
und sie haben kein Spiel, an dem er nicht Theil nhme. Aber er kann auch
schmieden, zimmern und dem Hauswesen ntzen.

Als nun Maria und ich zum Abschiede unsere Namen in einen Baum
geschnitten hatten, fand Onkel Jahn die Idee so hbsch, da er Lust
bekam, auch den seinigen daneben zu stellen. Als ihm aber spter
Jemand sagte, da sein Name nicht dahin pae, wollte er ihn durchaus
wieder wegschneiden, und es kostete viele Mhe, ihn zu bewegen, da er
denselben stehen lie.

So ri ich mich denn also aus den Armen meiner geliebten Maria. Um uns
zu trsten, versprach der gute Konow, sie bald mit dem kleinen Harald
nach Dnemark zu bringen. Und er hielt mehr, als er versprochen hatte,
denn Harald kam mit noch zwei Brdern.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Rckreise nach Kopenhagen.]

Das Wetter war herrlich, es ging kein Wind, darum kmmerte sich aber das
Dampfschiff nicht. Ich starrte lange nach der Kste hinber, als ich an
Steen vorber fuhr, aber es war zu weit, um Jemanden sehen zu knnen,
und das war recht gut; denn der Anblick der Geliebten wrde die Wunde
nur wieder aufgerissen haben. Beim Vorbersegeln betrachtete ich die
groe, schne Stadt, die zwischen nackten Felsen eingeklammert liegt.
Auch Norwegen hat in frheren Zeiten durch die Deutschen gelitten. Hier
setzten sich die Hanse-Kaufleute fest und belstigten lange die Bergener
Brger. Die alten Heldenknige, die hier gestrahlt hatten, wurden
vergessen, selbst ihre Grabmler in den Kirchen sind zerstrt, und
keiner wute, wo sie gestanden hatten. Die nackten Felsen machten einen
traurigen Eindruck; doch wrden die der Stadt zunchst gelegenen nicht
so unfruchtbar sein, wenn sie vor dem Viehe geschtzt worden wren, das
die hervorsproenden Keime abnagt, wenn man das Ackerland nicht einhegt.
Auf dem eingehegten Gute des Stiftsamtmanns Hagerup z. B. erstreckte
sich das Grne ein gutes Stck den Berg empor.

Um mich zu erheitern, hatte das Schicksal uns den herrlichen
=Rosenkilde= auf das Schiff gefhrt. Diesen vortrefflichen Schauspieler,
ebenso ausgezeichnet durch seinen Humor wie durch sein Herz, der sich
auch im Fest der Freunde als ein guter Dichter bewhrt hat, kannte
ich bereits seit meiner Jugend, wo er oft bei Madame Mller in der
Weststrae a. Er war auf einer Kunstreise begriffen, und kam von
Drontheim. Das Wetter war so schn und ruhig, da wir auf dem Verdecke
Karten spielen konnten. Eine groe Anzahl norwegischer Matrosen wurden
auf dem Schiffe transportirt; jetzt hatten wir Gelegenheit, norwegische
Seeleute zu sehen, sowie auf der Fahrt vom Leerthale nach Bergen
Soldaten. Des Abends legten sie sich bis frh auf dem Decke zur Ruhe,
und wenn wir Andern, die wir spter zu Bette gingen, ber das Verdeck
gehen wollten, muten wir ber die schlafenden Matrosen wegschreiten.
Ich fragte einmal den Capitain im Scherz, ob er nicht frchtete, da sie
Aufruhr machen knnten? Davor bin ich von moralischer Seite sicher,
sagte er. -- Gengt das? fragte ich. -- Er zeigte auf fnf bis sechs
Mnner, die Riesen nichts nachgaben, und sagte: Auf diese kann ich mich
in jedem Falle verlassen.

Es geht sehr langsam auf dieser Reise, weil man zwischen unzhligen
Scheeren und Bnken in der Nhe kleiner Felseninseln dahin fahren mu.
Ueberall gebraucht man Lootsen. Wir nherten uns einmal zwei solchen
Straen, deren eine breit, die andere sehr eng war. Aber gerade durch
diese letztere muten wir fahren, denn in der andern wren wir auf den
Grund gelaufen.

In Stavanger, wo das Schiff sich einen Tag aufhielt, war ich in der
Kirche, und sah das Taufbecken, in dem Steffens getauft worden war. Er
kam ein Jahr alt mit seinen Eltern nach Dnemark; sie hatten gerade ein
Jahr in Norwegen gelebt. Erst als Jngling besuchte er Norwegen wieder;
indessen hatte er doch das Recht Norwegen sein Vaterland zu nennen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Thorwaldsen.]

Im Jahre 1844 verlor Dnemark seinen =Thorwaldsen=. Er war ein paar
Jahre vorher wieder in Italien gewesen. Sein Herz schwebte zwischen
Sden und Norden. In Italien hatte er sein Leben von der ersten Jugend
an bis zum Alter zugebracht. Dort hatte er sein Genie entwickelt,
dort war er gro und weltberhmt geworden. Aber obgleich er Italien
liebte, und die griechischen Werke ihm heilige Gtterbilder fr
Studium und Kunst wurden, so brachte er nach Rom doch eine so stark
nordische Persnlichkeit mit, da weder Zeit noch Raum ihr Geprge
verwischen konnten, und wenn er uns besuchte, so war er in Wort und
That, als ob er nie fern gewesen wre. Thorwaldsen hatte, wie die
meisten Knstler seiner Zeit, keine wissenschaftliche Erziehung gehabt.
Sprachen waren nicht seine Sache; selbst seine eigne Muttersprache
redete er schlecht; aber er war ein unvergleichlicher Meister in der
Fingersprache. Wenn eine Sprache so vortrefflich ist, da man in
derselben das Hchste und Beste ausdrcken kann, und wenn man dies
thut, so ist man beredt, selbst wenn man auch stumm wre. Die Sprache
selbst ist nur ein sinnliches Mittel um die Gedanken des Geistes und
die Gefhle der Seele auszudrcken; unzhlige Menschen schreien und
grunzen, trotz ihrer Sprache, wie die Thiere, zwitschern wie die Vgel,
schwatzen wie Staarmtze und Papageien. Wenn Mozart und Thorwaldsen die
hchste Intelligenz in Tnen und Bildern ausdrcken, so hat weder die
tiefsinnige noch die flache Metaphysik Recht, ihre Ideen undeutlich
und dunkel zu nennen, weil sie dieselben nicht in Begriffe aufzulsen
verstehen. Diese Begriffsauflserei, diese bornirte Logik hat oft durch
triviale Spitzfindigkeit die Begeisterung vernichtet, den Eindruck
geschwcht und der Flachheit einen breiten Weg geffnet, um den guten
Geschmack durch Sophismen und Wortklauberei zu verderben. Die gesunde
Logik, die wahre Philosophie steht in dem innigsten Verhltnisse zu
Kunst und Genie, wie Minerva zu den Musen; wir sprechen hier nur von
dem Misbrauche, der sich am Hufigsten findet. Auf eine naive, aber
gerade richtige Weise entwickelte sich Thorwaldsen's Kunst, stets auf
dem praktischen Wege. -- Man erzhlt sich eine hbsche Geschichte,
wie ein Deutscher, der sich seinen Kunstgeschmack durch Theorien und
Abstractionen gebildet, zu ihm kam, kurz bevor er nach Rom reiste
und als er eben ein paar Figuren componirt hatte, die fr sein Alter
merkwrdig schn waren. Der Fremde wollte wissen, welchen Weg er
gegangen sei, welche Werke er studirt habe, um zum Ziele zu gelangen.
Thorwaldsen, der all' das gelehrte Geschwtz nicht verstand, starrte ihn
lange verblfft an und sagte endlich: Ach so! Sie wollen wissen, wie
ich die Statue gemacht habe? -- Ja, das mchte ich gern wissen! --
Das will ich Ihnen sagen, antwortete Thorwaldsen, der sich alle Mhe
gab, recht deutlich zu sein, damit der Fremde ihn verstehen knne; --
ich nahm ein Bret, bohrte ein Loch hinein, steckte dann eine Stange
in das Loch, nahm feuchten Thon, den ich um die Stange legte -- =und
dann machte ich sie=! Welch unbewute herrliche Satire liegt in dieser
scheinbaren Einfalt!

Aber Thorwaldsen wurde, als er nach Rom kam, ein gelehrter Grieche,
denn er studirte die griechische Bildhauerkunst mit einer Tiefe und
Grndlichkeit, von der kein griechischer Philolog eine Ahnung hatte.
Canova war sein groer Vorgnger; ihm, dem Italiener und Rmer, dem
klugen Weltmanne, war es viel leichter als Thorwaldsen geworden, sich
berhmt zu machen. Seine prchtigen Ateliers lockten die reiche _beau
monde_ herbei; lange Zeit standen Thorwaldsen's Meisterwerke unter
elenden Bretterschuppen; er selbst war unordentlich gekleidet, sprach
die fremden Sprachen schlecht -- und war ein Dne! Was konnte man aus
Dnemark erwarten? Aber echte Kenner lieen sich doch nicht durch den
Schein blenden. Der reiche Englnder =Hope= bestellte eine Marmorstatue
seines Jason, dessen Thonmodell er, in seiner Verzweiflung, im Begriff
war in Stcke zu schlagen, als er nach Hause reisen wollte, weil er
keinen Kufer fand. Und nun whrte es nicht lange, so berstrahlte
er in den Augen wahrer Kunstkenner Canova. Aber man darf doch nicht
vergessen, da Canova der Erste war, der den schnen, guten Geschmack
zurckbrachte. War er etwas zu kokett und sinnlich in seinen Werken, so
war die Thorwaldsen'sche Keuschheit vielleicht zuweilen etwas zu kalt,
und da Jener der Vorgnger gewesen, darf man nie vergessen! Vo's
=Louise= steht an poetischem Werthe unter Gthe's Hermann und Dorothea;
aber Gthe htte Hermann und Dorothea schwerlich gedichtet, wenn Vo
nicht vorher seine Louise geschrieben htte. Whrend Thorwaldsen lebte
und wirkte, besa er am Ende seiner Laufbahn eine unbegrenzte Celebritt
und Autoritt. Spter hat man in Deutschland auch angefangen, ihn zu
bekritteln. Er knne sich nur in das Griechische versetzen; nicht die
Kunst in die Gegenwart hinberfhren; trotz der gttlichen Apostel und
des Taufengels war er nicht christlich genug; eigentlich sei er ganz
besonders gro nur im Basrelief u. s. w. -- Mir that es nur leid, da
er nicht die Gtter des Nordens verherrlichte, da er doch aus Island
stammte. Aber es ist gut, da auch der Zukunft etwas zu thun brig
bleibt und vielleicht setzt =Jerichau= fort, was =Freund= und =Bissen=
so gut begonnen haben.

Auf Nyse bei Baron =Stampe= war ich oft mit ihm zusammen. Die
Baronesse hatte ihm ein hbsches Atelier im Garten bauen lassen, und da
vollendete er, im letzten Sommer, den er dort zubrachte, seine eigene
Statue. Wie ein echter Baulundur steht er mit Hammer und Meiel da.
Den letzten Winter und den letzten Tag seines Lebens war ich auch bei
Stampe in Kopenhagen mit ihm zusammen. Er a und trank gut, befand sich
vollkommen wohl, sa mit mir auf dem Sopha und scherzte nach Tische beim
Kaffee. Es stand ein Korb mit Visitenkarten auf dem Tische, in dem wir
herumwhlten. In alten Tagen, sagte Thorwaldsen, hatte man solche
Visitenkarten nicht; da schrieb man die Namen auf wirkliche Karten.
Einmal hatte sich eine Familie ein ganzes Spiel solcher Visitenkarten
gesammelt, mit denen sie des Abends wieder spielten, wenn sie keine
andern Karten hatten. Ich kann nicht stechen! sagte der Eine bei
einer Partie. So gieb schlechtes Zeug zu! sagte sein Aide, und da
warf er den Herzog von Wrttemberg drauf. Whrend dessen whlte ich
im Korbe umher, und fand eine Karte, auf der ein Name so klein gedruckt
war, da man ihn kaum lesen konnte; sie war aber wieder von einem
Anderen benutzt worden, der seinen Namen sehr gro auf die Rckseite
geschrieben hatte. Hier ist eine Karte, sagte ich, indem ich sie
Thorwaldsen hinreichte, die man recht gut gebrauchen knnte, wenn man
Trumpf zugeben wollte. Er sah auf den kleingedruckten Namen, konnte
ihn aber nicht lesen. Kehre sie um! sagte ich. Er that es und las:
Thorwaldsen. So scherzten wir mit einander. Aber pltzlich sagte er
ganz ernst: Oehlenschlger! den kleinen Genius der Poesie, den ich
gemacht habe, habe ich zu einer Medaille fr Dich bestimmt. -- O,
mein guter Thorwaldsen! sagte ich nun in ganz anderm Tone; das ist
zu viel! -- Nein, das ist es nicht, entgegnete er, indem er sich
erhob. Das waren die letzten Worte, die er an mich richtete. Wir gingen
nach Hause; er wollte ins Theater, und es war ein Zufall, da ich ihn
nicht begleitete. Im Schauspielhause starb er; als eine schne Symphonie
gespielt war, sank sein Haupt herab, und er gab den Geist auf, -- ohne
Angst, ohne Schmerzen und Krankenlager, wie er es gewnscht hatte.

Im tglichen Umgange war Thorwaldsen mild und freundlich; doch konnte
er auch verdrielich sein; gegen mich war er es aber nie. Einige
beschuldigten ihn des Geizes, und wer ihn nur aus einzelnen Zgen
kannte, mochte vielleicht Grund dazu haben; aber man kann den Mann
nicht geizig nennen, der oft fr hohen Preis so viele Arbeiten von
andern Knstlern kaufte, um diese zu untersttzen; ja sogar zuweilen
mittelmige Werke (was seine Gemldesammlung zeigt) nur um den
Bedrftigen zu helfen. Dagegen liebte Thorwaldsen nicht die tglichen
Ausgaben. Eine arme Jugend hatte ihn daran gewhnt, sich Vieles zu
versagen, ohne es zu vermissen, und spter, als Alle darin wetteiferten,
ihm Aufmerksamkeit zu erweisen, gewhnte er sich zuletzt so daran,
da es ihm gar nicht einfiel, sie zu vergelten. Er liebte es nicht,
Bedienten Trinkgelder zu geben, und es circuliren in Bezug darauf
manche lustige Anekdoten. Er las nicht viel, ja man kann fast sagen,
gar nichts, denn es kostete ihm Anstrengung. Im tglichen Verkehre
hatte er Italienisch und Deutsch gelernt, sprach es aber mit dem
schlechtesten Accent aus. Wenn er etwas componiren wollte, so las er
ein paar Seiten in Vo's Homer oder benutzte hchstens eine Mythologie.
Bei Stampe mute ich ihm oft aus Holberg's Comdien und meinen Werken
vorlesen. Man pflegte seine auerordentliche Bescheidenheit zu rhmen.
Da er stets als ein unerreichbarer Meister betrachtet wurde, der nicht
den geringsten Tadel verdiene, so ist es natrlich, da er dieser
Bewunderung mit einer gewissen schchternen Verschmtheit begegnete.
Das Genie kommt von Gott, und wenn das Werk gelungen ist, so steht der
Meister mit einer kindlichen Naivett da, die wohl auch Bescheidenheit
genannt werden kann. Aber Thorwaldsen war so klar in seiner Kunst, da
er sehr wohl wute, was er sei. Gegen Canova war er streng. Sieh,
sagte er einmal in Rom zu mir, als wir das Atelier des groen Italieners
besuchten -- der Riese da steht so schlecht auf seinen Fen, da
er umfllt, wenn ich ihn mit dem Finger berhre. -- Diese Gewnder
sind Kohlbltter! -- Da haut ein Fechter auf den andern ein, whrend
dieser auf der Erde liegt; ein Straenjunge wrde doch warten bis er
aufgestanden ist. -- Einmal sa er mit einem andern tchtigen Bildhauer
bei der Flasche. Sie hatten Beide etwas tief ins Glas geschaut. Hr'
'mal, Thorwaldsen! sagte der Andere nun munter, Du bist ein groer
Knstler, ein auerordentliches Genie; aber verzeih, da ich Dir's
sage -- in Marmor kannst Du eigentlich doch nicht hauen. -- Sieh,
antwortete Thorwaldsen, wenn Du mir beide Hnde auf den Rcken bindest
und ich den Marmor mit meinen Zhnen nicht besser beie, als Du ihn
hauen kannst, so sollst Du mich einen Pfuscher nennen! -- Um dies zu
verstehen, mu man wissen, da Thorwaldsen mit dem reichen Genie und
der groen Erfindungsgabe lieber seine Gestalten in Thon modellirte,
was dann doch das eigentliche Kunstwerk war, als eine Copie davon in
Marmor zu hauen, was eine beschwerliche und fast ngstliche Arbeit ist;
denn theils kann man unerwartet auf blaue Adern im Marmorblock stoen,
theils kann ein einziger Fehlschlag die Statue verderben. Aber da die
Marmorstatue fr die Ewigkeit ist, so mu der Knstler sich darein
finden, und das that Thorwaldsen auch, und er konnte den Marmor bis zur
hchsten Vollendung bearbeiten, obgleich er in einzelnen Werken, bei
denen die Idee die Hauptsache ist, das Rasche und Khne dem Glatten und
Gezierten vorzog.

Von Dem, was rings um ihn vorging, wute er nicht immer Bescheid.
Als man ihm bei seiner Ankunft die Pferde vom Wagen spannte und ihn
nach Charlottenburg zog, wute er nichts davon, bis man es ihm spter
erzhlte.

Von seinem frstlichen Begrbnisse, zu dem ich eine Cantate geschrieben
hatte, die mit Glser's Musik in der Frauenkirche aufgefhrt wurde,
spreche ich nicht. Dies ist ein Akt, der der Geschichte angehrt und nie
vergessen wird. Das Volk geleitete ihn; sein Knig kam der Procession
in der Kirche entgegen. Dnemark trauerte, freute sich aber in seinem
Schmerz ber den groen Knstler, der nie sterben konnte. Spter schrieb
ich ein Gedicht: Das letzte Lebewohl, das Knig Christian mich bat,
an seiner Tafel vorzulesen, wo die Mitglieder der Akademie der Knste
versammelt waren. Alle Lakaien und Diener muten hinausgehen. Der
Oberhofmarschall holte selbst den alten Rheinwein, mit dem, nach alter
Vter Weise, ein prchtiges Trinkhorn gefllt wurde; und whrend das
Horn, nachdem zuerst der Knig daraus getrunken hatte, von Mund zu Mund
ging, las der Skalde das Gedicht vor.

                    *       *       *       *       *

In demselben Jahre wurde ich Ehrenmitglied der Akademie der Knste.
Ich glaube, da dies damals ganz besonders aus Piett fr Thorwaldsen
geschah, da man wute, da es sein Wunsch und Wille gewesen sei.
Mitglied der Gesellschaft der Wissenschaften in Kopenhagen wurde ich
nie. So viel ich merken konnte, kam dies daher, weil man frchtete, da
ich nicht einstimmig gewhlt werden mchte und glaubte, da es mir auf
andere Weise nicht Freude bereiten wrde.

[Sidenote: Reise ins Ausland.]

In diesem Jahre verkaufte ich das Verlagsrecht meiner Werke auf zehn
Jahre an den Universittsbuchhndler =Hst=, und sah mich dadurch in
den Stand gesetzt, wieder mit meinem jngsten Sohne =William= eine
Reise ins Ausland zu machen. Auf dieser Reise schrieb ich meinen andern
Kindern Briefe, aus welchen ich Bruchstcke mittheilen werde, um die
charakteristischen Zge zu bewahren und dem Leser den frischen Eindruck
der Reise zu verschaffen, wie er damals, ungestrt und ungeschwcht
durch sptere Ereignisse, auf =mich= einwirkte.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Berlin.]

                                              Berlin, den 9. Mai 1844.

Beim herrlichsten Wetter kamen wir um zwlf Uhr des nchsten Morgens
nach unserer Abfahrt aus Kopenhagen, in Stettin an. Hier nun sahen
wir das Mirakel, denn so kann man es wohl nennen, wenn man zum ersten
Mal auf der Eisenbahn fhrt. Es war mir wie Aladdin zu Muthe, als er
vom Geist des Ringes durch die Luft gefhrt wurde -- nur ging es viel
bequemer und nicht so gewaltig auf und ab. Freilich sah ich nicht
so viel wie Aladdin, erstens weil die Wnde des Wagens mich daran
verhinderten, und zweitens, weil auch nichts zu sehen war. Berlin liegt,
wie Palmyra, in einer Wste -- damit seine schnen Palste und Gebude
nicht durch die Natur verdunkelt wrden. Wie mchten sie sich z. B.
neben den Felsen Thelemarkens ausnehmen? Zwischen den Sandkrnern der
Mark-Brandenburg aber sind sie wahre Riesen.

Am zweiten Tage meiner Reise sa ich bereits hier in Berlin und trank
Thee. Am folgenden Tage (den 2. Mai) gingen wir zu Steffens, wo es
von Fremden wimmelte, da -- sein Geburtstag war. Ich sagte natrlich
gleich, da ich auch von Kopenhagen gekommen sei, um ihm zu gratuliren.
Von dort ging ich zu Tieck, den ich zwar recht wohl, aber doch tief
zusammengeknickt, und die Grfin Finkenstein neben ihm mit einem grnen
Schirm vor den Augen fand. Er erkannte mich nicht gleich, freute sich
aber dann sehr und lud mich zu Tisch ein, wobei wir Steffens' Geburtstag
feierten. -- Am Sonntag fuhren wir auf der Eisenbahn nach Potsdam, um
dem Baron Humboldt den Brief unsers Knigs zu berreichen. Humboldt
empfing mich sehr freundlich und ging gleich zu seinem Knige hinauf,
um ihm zu sagen, da ich anwesend, und einen Augenblick darauf kam er
zurck, um mich zu ihm zu fhren und mir zu sagen, da ich zur Tafel
geladen sei. Der Knig empfing mich mit groer Freundlichkeit, und ich
sprach ber Vieles mit ihm. -- Humboldt fuhr mit uns, wie der Knig es
bestimmt hatte, nach Sanssouci, und zeigte uns die Reliquien Friedrich's
des Groen. -- Nach der Tafel sprach ich mit der Knigin, die sehr
liebenswrdig ist, mit dem Prinzen Wilhelm und dessen Gemahlin. Als
der Knig hrte, da ich Dina mitgebracht htte, lud er mich ein, es
Dienstag Abend vorzulesen. Am bestimmten Tage fuhr ich Vormittags nach
Potsdam. Steffens sollte beim Knige speisen. Nach der Tafel erzhlte
er, da ich auch hatte dort sein sollen, da es aber vergessen worden
sei. Der Knig hatte Steffens zu meiner Vorlesung eingeladen. Dem Knig
und der Knigin gefiel das Stck, und er uerte oft seinen lebhaften
Beifall whrend des Vorlesens. Als wir gehen wollten -- es war eine
ziemlich groe Gesellschaft -- rief er mit lauter Stimme: Baron
Humboldt! Sorgen Sie als Ordenskanzler dafr, da =der= Orden _pour le
merite_, den Thorwaldsen getragen hat, Oehlenschlger gegeben werde!
Es wird mich freuen, wenn er gerade =diesen= trgt! Ihr knnt Euch
meine Gefhle bei dieser groen Ehrenbezeugung vorstellen -- die um so
grer durch die Worte des Knigs und seinen Wunsch wurden, da ich
=Thorwaldsen's= Orden erben solle. Ich dankte ihm mit gerhrtem Herzen.
Am Abend war es zu spt nach Berlin zu kommen, Steffens und ich blieben
deshalb im Gasthof zum Einsiedler, wo wir, wie in alten Tagen -- in
demselben Zimmer zusammen schliefen, und dann am nchsten Morgen nach
Berlin fuhren. -- --

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Dresden.]

                                                 Dresden, den 27. Mai.

-- -- Wir waren oft bei Tieck; in einer groen Gesellschaft zu Ehren
des 81jhrigen Bildhauer =Schadow= im Wintergarten, einem herrlichen
Gebude, wo es aber besonders schn im Winter sein mu, wenn man von
Blumen umgeben ist; jetzt steht der Frhling selbst in all seiner
Pracht und beschmt die schnste Kunst. -- Bei dem Knige waren wir
zum dritten Male in Potsdam zu Mittag. Er bat mich freundlich, bald
wieder zu kommen. Es rhrte mich innig, von dem alten, groen Humboldt
zu scheiden, der sich wie ein Vater gegen mich bewiesen, und dessen
Herz ich gewonnen habe. Die Prinzessin Wilhelm kam uns gleichfalls sehr
liebevoll entgegen, sie bat mich, Etwas in ihr Stammbuch zu schreiben
und ich schrieb nach Goethe's Gedicht im Wilhelm Meister Folgendes
hinein:

                Was hr' ich drauen vor dem Thor,
                Was in der Ferne schallen?
                Lat den Gesang zu unserm Ohr
                Im Saale widerhallen!
                Der Knig sprach's; der Kanzler kam,
                In Schutz er selbst den Snger nahm;
                Der Kanzler war ein Weiser.

                Gegret seid, ihr edeln Herrn!
                Gegrt ihr schnen Damen!
                Welch reicher Himmel, Stern bei Stern!
                Wer kennet ihre Namen!
                Im Saal voll Pracht und Herrlichkeit,
                Lies dein Gedicht! Hier ist nicht Zeit
                Sich staunend zu ergtzen.

                Laut sein Gedicht der Snger las,
                Will Beifall gern gewinnen;
                Der Knig ihm zur Seite sa,
                Nah saen die Frstinnen.
                Der Knig, dem es wohl gefiel,
                Lie ihm zu Ehren fr sein Spiel
                Ein goldnes Kleinod reichen.

                Und warum sollt' ich wnschen nicht
                Den Lohn der Dichterblthe?
                Nicht blos wer eine Lanze bricht
                Geniet des Knigs Gte.
                Der Kanzler braucht nicht meinen Schmuck,
                Er hat der Herrlichkeit genug:
                Es freut ihn meine Freude.

                Gerhrt leer' ich den Becher aus
                Und wnsch Euch mit Entzcken:
                Das ganze knigliche Haus
                Gott mg' es hoch beglcken!
                Ergeht's Euch wohl, so denkt an mich
                Und danket Gott so warm, als ich
                Fr Eure Gt' Euch danke!

Bei Tieck hrten wir Ritter Blaubart, Fortunat, der Kaufmann von
Venedig, der Dumling und Aeschylos' Eumeniden vorlesen. Der
Theaterdirector, Herr von Kstner, nahm eigenhndig eine Abschrift von
Dina; wir verlieen Berlin und gelangten am Pfingstabend in Dresden
an, wo wir jetzt in Stadt Rom, der lieben Gemldegalerie gegenber
wohnen, und wo ich nun wieder andachtvoll vor Raphael's und Correggio's
ewigen Meisterwerken gestanden. Ich besuchte sogleich den Theaterchef,
Geheimrath von Lttichau, bei welchem wir Shakespeare's Uebersetzer, den
Grafen Wolf Baudissin, trafen.

                                                Dresden, den 12. Juni.

Es giebt zwei Arten Briefe zu schreiben. Die eine, wenn der Brief sofort
abgehen mu -- und dann wird die Erzhlung eigentlich nur das Gerippe
der Reise; die andere, wenn man sich Zeit nehmen kann, und alsdann kann
man -- um bei dem Gleichnisse zu bleiben -- dem Gerippe Muskeln, Adern,
Nerven und Haut anlegen, und -- wenn man selbst etwas Athem in seinen
geistigen Lungen hat -- auch der Nase des Reisegerippes einen lebendigen
Geist einhauchen. Da ich nun heute Vormittag Zeit habe, -- denn ich
werde nicht, wie sonst um ein Uhr, sondern um drei Uhr speisen, weil ich
von dem Prinzen Johann im Pirna'schen Garten zu Mittag eingeladen bin,
-- so will ich etwas mit Euch plaudern, meine lieben Kinder.

Es geht in der Natur, wie in der Kunst; sie wirkt am strksten durch
die Contraste; so z. B. kann man sich nichts Verschiedenartigeres
denken, als Preuen und Sachsen. In Mark Brandenburg -- namentlich
um Berlin -- ist weiter nichts als Sand, Wasser, die Linden und der
Thiergarten -- in Sachsen die schnste Natur, die man sich denken kann.
Wir waren letzthin in Tharand, in einem anmuthigen, engen Thale, von
steilen Gebirgen umgeben, mit der ppigsten Vegetation. Dort saen wir
an der Sonnenseite vor dem Hause und aen zu Mittag. Was aber Huser,
Palste, Einrichtungen und Militair betrifft, steht Preuen weit
ber Sachsen. Man mu die herrliche Haltung, den schnen Wuchs, das
stolze, kriegerische Aussehen bei den Nachkommen Friedrich's II. und
Blcher's bewundern. -- Hier in Sachsen sehen die Soldaten erbrmlich
aus! Gestern, als es regnete, und ich mit aufgespanntem Regenschirme
dahineilte, htte ich beinahe einer kleinen Schildwache in einem grauen
Kittel, die ich fast gar nicht gesehen hatte, die Mtze vom Kopfe
gestoen; ich griff an den Hut und bat um Vergebung.

Letzthin sahen wir den Sommernachtstraum, den Lttichau, glaube ich, die
Artigkeit hatte, meinetwegen auffhren zu lassen. Felix Mendelsohn's
Musik ist unvergleichlich -- die Decorationen sind prachtvoll und das
Spiel im Ganzen genommen, recht gut. Es hatten sich viele Zuschauer
eingefunden; aber die Leute wissen nicht recht, was sie zu diesen
alten Spen und Schwnken sagen sollen, und dieselben, welche die
Schauspieler in Tpfer's und Raupach's Stcken hervorrufen, schmen sich
-- mit gutem Grunde -- Shakespeare zu applaudiren.

Wir haben jetzt auch Antigone hier gesehen und das Stck hat mich
auerordentlich erfreut, mehr als der Sommernachtstraum. Das Theater war
ganz im griechischen Style eingerichtet. Auf einer groen Erhhung stand
der Palast mit seiner Vorhalle; von hier aus fhrten Stufen zu einem
Platze mit dem Altar und zu diesem hin bewegte sich der Chor von einer
noch niedrigern Stelle aus. Das Licht kam von oben; eine bewegliche Wand
von unten anstatt des Vorhanges. Architektur und Trachten ausgezeichnet.
Frulein Beyer als Antigone edel und rhrend; etwas mehr Kraft htte
man wnschen knnen. Es machte auf mich einen tiefen Eindruck, dieses
drittehalbtausend Jahre alte Meisterwerk zu sehen. Die Musik von
Mendelssohn ist unvergleichlich. Was der Chor singt, kann man allerdings
nicht verstehen, wenn man es nicht liest, wenn einem aber die Situation
und der Hauptgedanke bekannt ist, drckt die Musik Alles bis zur
Vollkommenheit aus.

Wir haben die Bekanntschaft eines groen Theiles der vornehmsten und
gebildetsten Damen Dresdens gemacht, die Prinzessinnen von Holstein,
die Frstin Lwenstein, Generalin von der Decken, Grfin Lynar, Frau
Frster, und man mu jeden Abend nach dem Theater in der Gesellschaft
erscheinen. Wir haben einen schnen Abend beim Hofrath Winkler
verbracht. Auch bei einer Grfin Eggloffstein sind wir eingeladen
gewesen, die ungeachtet ihrer vornehmen Verhltnisse -- sie war lange
Zeit Hofdame -- sich der Malerkunst ganz hingegeben und schne Sachen
ausgefhrt hat. Sie bat mich, fr ihr Album mich zeichnen zu drfen. Den
vortrefflichen Maler Hbner und das anmuthige Frulein Beyer haben wir
auch besucht.

Ein sehr liebenswrdiger, dienstwilliger Mann Namens Kraukling, Director
des Museum, lange Jahre Herausgeber der Morgenzeitung, ein guter Freund
von Tieck, hat mir einen Verleger fr meinen Oervarodd und meine
deutsche Uebersetzung von Wessel's Liebe ohne Strmpfe verschafft. --
Uebermorgen frh reisen wir mit dem Dampfschiffe nach Teplitz und von
dort ber Prag nach Wien.

[Sidenote: Prag.]

                                                   Wien, den 23. Juni.

-- -- Prag, diese groe schne Stadt kennt Ihr ja Alle; und wenn der
liebe Gott sie nicht kennt, so thut es doch der heilige Nepomuk.
Derselbe wird hier in seinem silbernen Sarge im Dome eifriger angebetet,
als unser Herr Gott in den meisten andern Lndern.

Wir besuchten alle mgliche Kirchen, die sich durch Schnheit,
Pracht und Gre auszeichneten, bis auf die Judenkirche, welche wie
ein Schweinestall aussah; aber es ist ein antiker, merkwrdiger
Schweinestall; er soll seine vierzehnhundert Jahre alt sein. Er mte
eigentlich in einem Museum fr Alterthmer aufgestellt werden. Der Knig
von Preuen ist ja mit einem guten Beispiele vorangegangen, indem er fr
Brandenburg die alte norwegische Kirche gekauft hat; und Brandenburg
kann sie nthig haben, denn die Religion drckt es nicht.

Wir waren auch in Mnchs- und Nonnenklstern. Wir sahen eine Menge von
kostbaren Monstranzen, die von einem Riesenmnche vorgezeigt wurden,
der demjenigen in Walter Scott's Roman glich. Einige Spitzbuben
hatten vor wenigen Monaten versucht, die Mnche todtzuschlagen, um
die Kirchenjuwelen zu rauben; deshalb stand nun dieser mit seiner
krperlichen Kraft vor dem Eingange als Schutz.

Wir sahen auch Wallenstein's Palast, Graf Nostiz' schne Gemldegalerie,
und im Theater den Freischtz. In der Theinkirche erblickten wir auch
unsern guten alten ehrlichen Tycho de Brahe, er lehnte sich in voller
Rstung und mit Metallschienen -- nicht allein um die Nase[1] -- an
einen braunen Leichenstein, der in die Sule festgemauert war.

  [1] Tycho Brahe hatte bekanntlich eine silberne Nase, da sie ihm in
      einem Duell verstmmelt worden war.

Auf unseren Wanderungen hrten wir die Harfenistinnen schne bhmische
Volkslieder singen -- das heit Melodien, denn vom Texte verstand ich
natrlicherweise kein Wort.

Weil wir von Sprachen reden, mu ich auch eine Anekdote aus Prag
erzhlen, die uns in dem Prmonstratenserkloster passirte, whrend uns
der Guardian oder was er sonst war, umherfhrte. Als er hrte, da ich
Professor sei, betrachtete er mich auch als einen Gelehrten und bat mich
instndig, ihm zu sagen, in welcher Sprache ein Buch der Bibliothek
geschrieben, ber welches ihn noch Keiner htte belehren knnen. Ich
stand wie auf Kohlen; denn obgleich ich, wie Holberg's Jeppe lange
Jahre bei der Malice gestanden und meine Sprachen gelernt habe, so war
ich doch in Zweifel, ob meine Gelehrsamkeit sich soweit erstreckte,
da ich ihm sagen konnte, was kein Anderer wute. Genug, das Buch
wurde hervorgeholt, und denkt Euch einmal, es war Dnisch, eine alte
Uebersetzung eines franzsischen Schfergedichts. Jetzt werdet Ihr wohl
begreifen, da ich meine ungeheure Erudition in den glnzendsten Farben
spielen lie, so da der Guardian ber meine Gelehrsamkeit Augen und
Ohren aufsperrte.

Endlich sind wir jetzt in Wien und wohnen Zum Erzherzog Karl. Wir
haben unsern Minister Lwenstern besucht. Herr von Holbein hat, ohne
noch das Stck zu kennen, Dina hier zur Auffhrung angenommen. Alles
wrde jetzt hier gut und angenehm sein, wenn nicht die Hitze uns den
Genu verdrbe; sie hindert uns aber, den grten Theil des Tages zu
benutzen. Alles, was vornehm ist, rstet sich zur Abreise oder ist schon
abgereist. Aber Frst Metternich ist doch noch hier und Lwenstern hat
mir versprochen, mich zu ihm zu fhren. Im Burgtheater sah ich den
ersten Abend Die beiden Klingsberge, von Kotzebue, eines seiner besten
Stcke, ganz vorzglich gespielt, besonders von Laroche. Ich glaube, da
es auf die Lnge -- aller Flausen ungeachtet -- mehr Freude gewhren
wird, den lustigen Kotzebue als den trockenen Scribe zu sehen. Gestern
Abend sahen wir drei Akte von Don Carlos. Laroche war als Knig Philipp,
-- der bestgezeichnete Charakter des Stckes, -- wieder sehr gut; Posa
-- der schon aus Schiller's Hand zu modern und subjectiv hervorgegangen
ist, -- wurde von einem Schreier verdorben. Dieses Stck hat in seinem
Sujet und in allen den linkischen Liebesgeschichten fr mich immer
etwas Unangenehmes gehabt, wenn es auch groe Schnheiten besitzt; fr
die Bhne ist es von Anfang an nicht bestimmt, und es verliert durch das
Zuschneiden.

[Sidenote: Wien.]

                                                    Wien, den 1. Juli.

Jetzt bin ich acht Tage in dem deutschen Paris gewesen, und konnte
gern, was mich betrifft, weiter reisen, aber William ist solider und
wnscht eine lngere Bekanntschaft mit der Herrlichkeit dieser Welt.
Der Grund, warum ich mich hier nicht angezogen fhle, ist theils, da
das Burgtheater geschlossen wird, und dann, da es hier so frchterlich
hei und so entsetzlich theuer ist, besonders das Fahren, und zu Fue
kann ich in dieser drckenden Hitze nicht weit gehen. Die Folgen hiervon
sind, da ich ganze Vormittage auf meinem Zimmer geblieben, nachdem ich
alle mglichen Manvers mit Oeffnen der Fenster und Thren, Herablassen
der Rouleaux, Wasser- und Eau de Colognebesprengungen auf dem Fuboden
versucht habe -- und Bcher aus der Leihbibliothek gelesen. Das haben
wir nun zwar Alles besser und bequemer zu Hause. Aber Ihr mt Euch
doch auch nicht vorstellen, da ich -- wie der selige Professor Mynster
in seiner Jugend -- acht Tage im Bette hier in Wien gelegen habe, um
Jean Paul zu lesen. Ich bin trotz Allem viel umhergestreift. Als ein
Beispiel der hiesigen Preise will ich nur anfhren, da wir bis jetzt
fr zwei Tassen Thee mit Butter und Brod fast zwei Thaler Dnisch
bezahlt haben; jetzt trinken wir Bier. Deutschland ist ein Bierland und
selbst in den Weingegenden hat das Bier dermaen um sich gegriffen, da
man fast keinen Wein trinkt. Das Bier ist in unsern Tagen Mode geworden,
es drckt die Begeisterung und den Geschmack der Zeit aus; es ist die
Hyppokrene des Tages.

                                                    Wien, den 4. Juli.

Ich bin zu Mittag bei dem Frsten Metternich gewesen; der Ton bei dem
Mittagstische war munterer und ungenirter als am Abende. Die Frstin
war sehr freundlich. Vor Tische zeigte sie mir einen Papagei aus
Neuholland, dessen Brust mit hellen rosenrothen Federn bedeckt war und
der allerlei Knste machen konnte: wie todt auf dem Tische liegen,
mit dem Schnabel an ihrer Hand hngen, schaukeln wenn sie ihn bei den
Fen fate. Sie ist eine sehr schne Frau -- die vierte des Frsten
Metternich -- und dieses Exercitium mit dem Vogel htte ein treffliches
Genrebild abgegeben. Nach Tische spazierten wir im Garten, der Frst
war sehr freundlich und mild, aber zu einem eigentlichen Gesprche
zwischen uns kam es nicht. Ich erzhlte von Norwegen, und brachte auch
ein paar Anekdoten, die ihn ergtzten. Im Garten stieen wir auf eine
Hecke, hinter welcher sich ein Stck Land befand, wo groe Haufen Erde
als Gebirge, groe Steine als Felsen umherlagen, und auch ein kleiner
See mit seinem Kanale gegraben war. Hier spielten seine Kinder, und
fuhren Erde in Schubkarren, und der Grtner half ihnen eine kleine Welt
schaffen. Es war mir ein sonderbares Gefhl, den groen Politiker,
der so viel Einflu in Europa hat, in dieser kleinen Kinderwelt zu
betrachten, wie er dem Grtner sehr anempfahl: Sie mssen ihnen da
noch einen Wasserfall machen! Einen Wasserfall mssen sie durchaus noch
haben. Er wird jetzt alt; aber er hat ein herrliches, bedeutsames
Gesicht; man sieht, da er sehr schn gewesen. Er legte seine Hand ganz
freundlich auf meine Schulter und lchelte, wenn ich dies oder jenes
erzhlte.

                                                         Den 12. Juli.

Wir sind bei dem Grafen Dietrichstein gewesen. Wir trafen die Familie
desselben allein und unter derselben den Frsten Dietrichstein, einen
alten, freundlichen, weihaarigen Mann. Den gelehrten Orientalisten
Baron Hammer besuchten wir auch. Ich las ihm meine Dina vor. Er
hatte vor Kurzem seine Frau verloren und war sehr betrbt. Es ist der
erste frohe Tag, den unser Vater seit dem Tode der Mutter gehabt,
sagte der Sohn. Auch den Dichter Grillparzer habe ich getroffen,
eine liebenswrdige Persnlichkeit, und bei dem Erzherzog Karl war
ich in Baden zur Tafel geladen. Er und die Prinzessin waren hchst
liebenswrdig und einfach. Ich sa neben dem Prinzen und wir sprachen
unaufhrlich whrend der Mahlzeit. Als er hrte, da ich einen Sohn
bei mir htte, sagte er: Ach warum haben Sie ihn nicht mit hieher
gebracht. Er wohnt in einem Feenpalaste; in einem Paradiese. -- Ein
tchtiger Maler, Namens Ammerling hat mich gemalt; ich habe ihm nur
zweimal gesessen. In Blunck's Atelier freuten wir uns ber seine geniale
Darstellung der allegorischen Bilder: die vier Menschenalter, --
vielleicht etwas zu allegorisch. Italienische und deutsche Opern haben
wir gehrt, wo Madame Heinefetter aus voller Kehle schrie. Letzthin
hatten wir eines Nachmittags einen hohen Berg erstiegen; man forderte,
ich sollte die Aussicht ber Wien bewundern. Ich wischte den Schwei von
meiner Stirn und seufzte: Ja hier ist es in der That allerliebst. Mir
fallen bei dergleichen Veranlassungen immer die Worte des Evangeliums
ein: Und der Teufel fhrte ihn auf einen hohen Berg, und wies ihm alle
Reiche der ganzen Welt in einem Augenblick.

Heute Abend bin ich zu einer Gesellschaft eingeladen, die mir vor dem
Abschiede noch eine Ehre zu erweisen wnscht.

                                                         Den 13. Juli.

Die Ehre war allerdings so gro wie mglich. Ein groer Saal und
zwei Zimmer waren voll von Gsten. Der Schauspieler Anschtz, der
mir gegenber sa, recitirte mit lauter Stimme fnf bis sechs schne
Gedichte an mich und ebenso viele Male wurde meine Gesundheit
ausgebracht und von lautem Beifallsrufe begleitet. Der Dichter
Grillparzer, der neben mir sa, berreichte mir einen Lorbeerkranz,
und mein freundlicher Bewunderer -- ich kann sagen, mein wahrer Freund
-- Graf Dietrichstein, sa an meiner andern Seite. Das Bild von mir,
das Ammerling gemalt hat, war im Saale aufgestellt. Kurz, mir wurde
alle mgliche Ehre erwiesen. -- Gott segne Euch Alle, meine Freunde!
-- Morgen frh werden wir abreisen. Heute packen wir ein, machen
einige Abschiedsvisiten, und dann -- lebe wohl Wien, fr diesmal und
wahrscheinlich fr ewig.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Gedicht von Anschtz.]

Anschtz selbst hatte zu dem oben erwhnten Feste folgenden Trinkspruch
gedichtet:

            Ein Mann, der aufgeblht im rauhen Norden,
            Und dort zum Gtterlieblinge geworden,
            Griff jngst zum Wanderstabe und beschlo
            Fr kurze Zeit die Heimath zu vertauschen
            Mit fremden Land, um frei und fessellos
            Des Nachbarvolkes Treiben zu belauschen.
            Gedacht, und rasch gethan. Und siehe da!
            Kaum, da er sich im Nachbarlande sah,
            Umstrmt' ihn Jung und Alt, drckt ihm die Hand
            Denn wer verg' ihn, der ihn je gekannt!
            Bei seinem anspruchslos-bescheidnen Willen
            Kann er die innere Gre nicht verhllen.
            Und wie die Glorie aus Allegri's Nacht
            Zur Glorie der Unsterblichkeit ihm ward,
            So strahlet um =sein= Haupt in Gtterpracht
            Die Wunderlampe Aladin's ihr Licht.
            Hrolf, Krak, Correggio, Palnatoke's Fahrt,
            Strkodder, Hakon Jarl -- wer nennt die Namen
            Die er in einen Kranz zusammenflicht,
            Und die durch ihn Unsterblichkeit bekamen!
            Und nicht genug, da ein unsterblich Leben
            Ihm sein Genie im Vaterland gegeben,
            In fremder Zunge trug er's bers Meer
            Zu uns, zu den Beneidenswerthen her,
            Und kann's ihn wundern, da im Flammentriebe
            Der Freundschaft, sich ein Volk ihm zugewendet,
            Dem er die gleichgetheilte Bruderliebe
            Wie seinem eigenen Vaterland gespendet?
            Ist uns nicht diese Liebe doppelt Pflicht
            Um etwas ihm den Kummer zu versen,
            Der jngst ihn traf mit lastendem Gewicht?
            Er sah des Freundes Aug' im Tod sich schlieen,
            Den unter Tausenden er sich erwhlt,
            Weil er ihn gleich gestimmt fand, gleich beseelt,
            Und Hand in Hand mit ihm am fernen Nord
            Der Kunst erffnet einen Friedensport.
            Denn wie das Himmelsbild der Dioskuren
            Auf offnem Meer des Schiffers Leitstern ist,
            Durch Well' und Sturm ihn tragend, also fuhren
            Die beiden an dem Himmel zweier Knste
            Als Leiter hin, von Staunenden begrt,
            Die auf dem Meer durch feuchte Nebeldnste
            Umsonst dem Zwillingspaare nachgestrebt.
            Der Eine ist der Heimath zugeschwebt,
            Und nur der heie Wunsch bleibt uns zurck,
            Da spt sie einst vereine das Geschick.
            Drum Alle, die mein Auge sieht vereint,
            Die ein Gedanke zu begeistern scheint,
            Zum Becher greift! mit durstig langen Zgen
            Leert bis zum Grunde ihn, reiht Euch mir an,
            Ein Losungswort mag jede Brust durchfliegen:
            Ein Lebehoch dem nordisch-deutschen Mann!

[Sidenote: Gedicht von Frankl.]

Von den brigen bei dieser Gelegenheit gesprochenen Gedichten, mge hier
folgendes von =Ludwig Aug. Frankl= Platz finden:

               =Bei Enthllung des Bildes von Ammerling.=

           Ein Bild entroll' ich Euch aus hohem Norden;
             Es harrt das Volk im alten Dom zu Lund --
           Lautlos ist's in den Hallen rings geworden;
             Erwartungsvolle Feier giebt sich kund.

           Ein Priesterskalde tritt jetzt zum Altare
             Dort kniet ein Mann mit bleichem Angesicht,
           Und drckt ihm einen Lorber in die Haare,
             Den =Einzler= Gunst nicht, den sein =Volk= ihm flicht.

           Und lauter Jubel schallt und freud'ges Rufen
             Und der gekrnte Dichterknig hebt
           Sich fromm erschttert von des Altars Stufen,
             Von seines Geistes Majestt belebt.

           Heil, wo der Dichter nicht im Leben einsam
             Ein unverstandner Fremdling, ein Komet,
           Wenn, was er fhlt, ein Blitz pltzlich gemeinsam,
             Elektrisch durch die Herzen Aller geht!

           Gern kehrt der Genius in eine Brust ein,
             Die stark empfindet, was in Vielen lebt,
           Heil, wo das Lied, das tnende Bewutsein
             Von einem Volk, sich als Choral erhebt.

           Die =eigne= Lust, das =eigene= Zerwrfni
             Klingt schn zu eines edlen Dichters Harf' --
           Ihr wit, dort wird das Lied nicht zum Bedrfni,
             Wo's nicht des =Volkes= Sinn dolmetschen darf.

           Seht hier den Mann, sein edles Haupt beglckte
             Im nordisch alten Dom der grne Kranz.
           In diesem schnen Dichterkreise schmckte
             Symbolisch sich ein Volk mit eignem Glanz.

           Gengt es ihm, da er =ein= Volk bezwungen?
             Als er die schne Kraft in sich gewahrt.
           Da sang er frisch und klangvoll in zwei Zungen,
             Der =erste= Doppelzngler =edler= Art.

           Noch glnzt sein Auge hell und jugendprchtig,
             Aladdin's Lampe hat es sanft verklrt,
           Noch regt in ihm die Schpferkraft sich mchtig;
             =Solch= schnes Leben ist des Lebens werth.

           Wie jenes Meisters, auch entstammt dem Norden,
             Der andere von dem Dioskurenpaar
           Dem lebend schon Unsterblichkeit geworden,
             Der ein Homer in Marmor war.

           Leb wohl! Froh wirst Du in der Heimath leben
             Es trgt =Dein= Schiff =auch= eines Csar's Glck,
           Uns bleibt, wenn fernhin seine Segel schwanden,
             Erinn'rung und Dein edles Bild zurck.

Der Dichter Grillparzer schrieb in des dnischen Dichters Stammbuch:

              Was frag' ich viel um Nord und Sd,
              Streng abgetheilt nach Grenzen und Revieren,
              Wenn so wie Du der Norden glht,
              Des Sdens Dichter aber frieren.

Baron Hammer schrieb:

            Dich grten als Skalden aus Oesterreichs Halden
              Die Snger in jubelndem Chor;
            Als Orientalen zum andertmalen
              Begrt Dich der Hammer des Thor.

            Da jene als Riesen des Liedes Dich priesen
              Zweizngig im edelsten Sinn,
            Gr' ich Dich Warger als feurigen Trger
              Der Lampe des Aladdin.

[Sidenote: Ischl. Salzburg.]

[Sidenote: Mozart's Standbild.]

                                                Mnchen, den 27. Juli.

Die Tour nach Linz auf der Donau war sehr schn. Durch reizende Gegenden
gelangten wir nach Ischl, einem ganz modernen, aber auch sehr schnen
Badeorte, der jetzt ein Sammelplatz der vornehmen Welt ist. Frst
Metternich war auch hier angelangt. Man sagte mir im Wirthshause, da
sein Bediente zweimal da gewesen sei und nach mir gefragt habe. Es
regnete und ich lie mich -- das erste und vielleicht das letzte Mal in
meinem Leben -- in einer Portechaise nach seiner Villa tragen, aber --
er war nicht zu Hause und das war recht gut; denn ich glaube, da wir
Beide niemals in ein ordentliches Gesprch gekommen wren, da unsere
Naturen und Ansichten gar zu verschieden sind. Von hier gingen wir nach
Salzburg. Man kann aber nicht immer gutes Wetter beanspruchen, jetzt
wurde es regnerisch, und der Nebel hing an den Bergen, welches uns im
Genusse der schnen Fernsichten sehr beeintrchtigte -- doch klrte sich
der Himmel gegen Abend auf. Am nchsten Morgen in Salzburg regnete es
wieder. Wir wohnten -- wie in Wien -- im Erzherzog Karl am Markte.
Ich blickte aus dem Fenster und wurde eine groe herrliche Broncestatue
gewahr. Denkt Euch meine Gefhle, als ich die Entdeckung machte: dieses
knigliche Denkmal sei -- Mozart! Zwar wute ich, da man ihm ein
solches errichtet hatte, aber ich glaubte es nicht so gro und kostbar.
Also hier stand er herrlich -- von Schwanthaler -- und ich blickte in
dasselbe offne, freundliche, krftige, sanguinisch-gefhlvolle Antlitz,
umgeben von den vollen zurckgestrichenen Haaren, das wir so viele Jahre
auf dem kleinen Kupferstiche bewunderten, den ich von unserm seligen
Vater geerbt; ich sah ihn wieder, wie er ber dem alten Pianoforte
meiner seligen Schwester Sophie hing; demselben, an dem die selige Lotte
und meine -- Gott sei gedankt! -- frische und gesunde Marie, whrend
zehn Jahre sich bten. Von dem liebevollsten Gefhle getrieben, ergriff
ich die Feder, und vermochte es aber nur schwach in folgenden Zeilen
auszudrcken:

     Mozart! stehst Du dort ein Knig, schn im Bronce, gro,
     An dem Ort, wo Du geboren, wo so klein Dein Loos?
     Als Du lebtest, Wen'ge kannten Dich, der oft verkannt;
     So verwechselt stets der Haufe Glas mit Diamant!

     Heie Thrnen mu ich weinen. Ach, nach Deinem Tod
     Bauten sie Dir diese Sule, Dankbarkeit gebot;
     Sie lie Deinen Namen steigen aus dem trben Dunst;
     Denn Natur ist ew'ge Schwester von der ew'gen Kunst.

     Mozart! mein geliebter Bruder! Ach -- ein schwach Gedicht
     Weih' ich Dir. Mit Augen sah ich Dich im Leben nicht;
     Aber meine Ohren hrten, und mein Herz empfand! --
     Nord und Sd? Wir hatten beide doch =ein= Vaterland.

     Dank fr Deine schnen Tne! Wie ein Zauber fllt
     Deiner Flte Lieder in Aladdin's Zauberwelt.
     Melpomene hrt' ich warnen in Erinnyenklang,
     Als den schnen frechen Snder Hllenglut verschlang.

     Und die Lust des heitern Lebens, bunt und leicht und froh,
     Als zum Ideal erhoben Frankreichs Figaro,
     Hrt' ich staunend -- und der Liebe zarte Tndelei,
     Als Susanna Du, Zerlina, rufest hold herbei.

     Und wo Deine Lieder tnten, stark und s und weich,
     Wolfgang Amadeus Mozart! kannten wir Dich gleich.
     O wie oft hast Du entzcket Nordens Dichterherz!
     Und nun steh' ich hier und weine vor dem kalten Erz.

                    *       *       *       *       *

     Freut Euch Oesterreich und Salzburg! Stolz wohl knnt Ihr sein,
     Weimar trgt nicht grre Namen auf dem Leichenstein.
     Wie in Mekka, in Medina treu der Pilger steht,
     Andachtsvoll neig' ich mich dankbar vor dem Tonprophet!

Auch Heydn liegt hier begraben. Es sind hier gleichfalls viele herrliche
Denkmler des Alterthums, unter andern eine in den Felsen gemauerte
Hhle, die dem ersten Eremiten im vierten Jahrhundert gehrt hat. Der
jhe Fels erstreckt sich bis an die Huserreihe der Stadt. Aber ich
will nicht in detaillirte Beschreibungen verfallen -- das thun Andere
viel besser als ich -- aus bereits gedruckten Bchern. Auch will ich
nicht Veranlassung nehmen, die Geschichte Becker's oder eines Andern
abzuschreiben. Ihr sollt mich in meinen Briefskizzen ganz und gar so
erblicken, wie ich alter poetischer Knabe in meinem fnfundsechzigsten
Jahre zu guter Letzt durch Deutschland und Frankreich u. s. w.
wandere. Wie ich auch immer mehr und mehr dieses hochweise Kritisiren
hasse! Nein! wie ein Kind gehe ich wiederum jetzt hier in Mnchen
und erstaune, freue mich und werde von den unsterblichen Kunstwerken
hingerissen, welche die Welt und knftige Zeiten dem Kunstenthusiasmus
eines Knigs zu danken haben. Ich bin kein Kritikaster, wenn man mir
auch einen Fehler an Sachen zeigen will, die ihre groen Schnheiten
besitzen; einen solchen Fehler hinterher zu entdecken ist leicht; aber
fast unmglich ihm da zuvorzukommen, wo so viel Groes und Herrliches
pltzlich, wie durch einen Zauberschlag entsteht. Ich lasse mich auch
nicht auf brgerliche, wenn auch gegrndete Klagen ber einseitige
Richtungen ein, unter welchen das Ganze leidet. Gott wei es, da Keiner
seinen Nchsten mehr als ich liebt; aber ich wei auch, da lange
Zeiten verstrichen, in welchen das Spiebrgerthum auf Kosten der Kunst
und alles hheren Geistigen blhete; wenn jetzt vielleicht hier das
Umgekehrte der Fall ist, so thut es mir leid, aber wenn die Jetztzeit
kein Wort mehr zu uns redet, weil sie verschwunden und vergessen sein
wird, so stehen diese herrlichen Werke noch fr die Ewigkeit da.

[Sidenote: Die Kunst in Mnchen.]

Wir haben die groen Maler Kaulbach und He in ihren Ateliers besucht,
auch in Schwanthaler's Atelier sind wir gewesen. Er selbst war nach
Italien gereist. Was soll ich sagen von diesen herrlichen steinernen,
oft marmornen Gebuden mit ihren Sulen, Fresken und Goldzierrathen,
mit ihren Schtzen von Gemlden und Bildhauerarbeiten. Hier gbe es
ein ganzes Jahr fr jeden Tag etwas zu sehen -- und wir mssen Alles in
wenigen Tagen durchfliegen. Kaulbach und He sind groe Meister; sie
sind Cornelius ebenbrtig. Schwanthaler steht in genialer Production
gewi nicht weit hinter Thorwaldsen. Die Pinakothek besitzt einen
groen Reichthum vorzglicher Gemlde; aber Verschiedenes, das man fr
Werke Correggio's, Leonardo da Vinci's u. A. ausgiebt, ist schwerlich
von diesen Meistern. Ich wunderte mich, als man mir einige kindische
Schmierereien von Cimabue und Giotto zeigte; aber Dr. Ernst Frster
(Herausgeber des Cotta'schen Kunstblattes) versicherte mir spter, es
sei nicht von ihnen und zeigte mir Zeichnungen, die er in Italien nach
ihnen gemacht hatte, welche ganz anders waren. Der Commissionsrath
Waagen, den wir von Berlin und Dresden kannten, erzeigte uns groe
Freundschaft, begleitete uns tglich auf unsern Wanderungen, und wir
haben einen Abend bei ihm verbracht, wo ich meine Dina vorlas. Gestern
Abend waren wir bei Frster, dessen freundliche, geistreiche Frau eine
Tochter Jean Paul's ist. Es freute mich von seiner Tochter die Worte
zu hren: Er achtete Sie nicht blos als Dichter -- er =liebte= Sie.
Ich habe die Bekanntschaft des berhmten Philologen Thiersch gemacht;
er kam mir auerordentlich freundlich entgegen, und als ich unseren
Madvig nannte, sagte er: Der ist unser grte Lateiner. -- Es kitzelte
mich in die Seele hinein, dies zu hren. Unser kleines Dnemark besitzt
doch auch Leute, von denen sich jeder in seiner Richtung auszeichnet.
Letzthin kam ein alter Mann, um mich zu besuchen; blickte mich mit
seinen groen Augen an, und sagte freundlich: Kennen Sie mich nicht
wieder? Ich mute verneinen; er aber erwiderte: Und ich kannte Sie
sogleich -- Sie haben sich in den achtundzwanzig Jahren gar nicht
verndert. Es war der Baron Hormayr, der jetzt bairischer Gesandter in
Hamburg ist. Er machte mir ein Geschenk mit seinem letzten Werke.

                                                         Den 30. Juli.

Gestern hatte man mir zu Ehren eine kleine Stunde auerhalb der Stadt
eine Gesellschaft eingeladen und ein Fest veranstaltet, das sehr schn
und ehrend war. Ich sa auf derselben Stelle, wo Thorwaldsen bei einer
hnlichen Gelegenheit gesessen hatte. Ein Becher nach dem andern wurde
auf dnische und deutsche Bruderschaft geleert und drei Gedichte an mich
wurden recitirt.

Heute habe ich das Schlo gesehen. Es ist schn und kniglich, und die
Hnde herrlicher Knstler haben auch fr die Ehre deutscher Dichter
Sorge getragen: Gthe's, Schiller's, Tieck's, Wieland's. In der That,
die Namen Cornelius, Kaulbach, He, Schnorr, Schwanthaler sind groe
Namen und der macht sich selbst nur klein, der sie verkleinern will! --
Heute Abend habe ich ein Stck von Tpfer gesehen: Karl XII. Heimkehr,
das miserabel ging und in welchem Karl XII. von einer Person gespielt
wurde, die wie ein altes zahnloses Weib aussah. Morgen reisen wir nach
Augsburg, um von dort nach Nrnberg zu gehen.

[Sidenote: Augsburg. Nrnberg.]

                                                Paris, den 25. August.

Wir verlieen einander in Mnchen, das sich immer mehr und mehr
seines Namens wrdig macht, da das Mnchswesen strebt die Oberhand zu
gewinnen. Der gute Knig Ludwig hat so sehr viele schne katholische
Kirchen gebaut, in welchen die groen Knstler Engel und Heilige in
bernatrlicher Gre auf goldenem Grunde gemalt haben. Da die Theater
jetzt fertig sind, wird er auch in diesen die alten Mysterien auffhren
lassen, und deshalb mystificirt er das Volk; ich kann es sonst nicht
begreifen; da es persnliche Bigotterie sein sollte, glaube ich nicht,
und politisch ist es auch nicht.

Wir zogen also nach Augsburg, wo wir einen Tag verweilten, von dort
alsdann nach Nrnberg, das ich noch nicht auf irgend einer meiner
Reisen gesehen hatte. Ich sehnte mich nach dieser mittelalterlichen
Stadt, ich gedachte daselbst einige Tage zu verweilen, wie frher in
ihrer Schwesterstadt, Florenz, in Italien. Dort hatte ich nur mit
Dante, Giotto, Brunelleschi, Benvenuto, Michel Angelo gelebt, hier
wollte ich es nur mit Albrecht Drer, Willibald Pirkheimer, Hans
Sachs. Aber -- der Mensch denkt, Gott lenkt. In Florenz stahl mir der
Wirth einige Louisd'or; hier bekam ich einen unerwarteten Besuch von
meinem alten, langweiligen Verwandten, den ich aber der Verwandtschaft
wegen nicht die Thre weisen konnte -- mein guter, ehrwrdiger Herr
Podagra. Ich war des Nachts im feuchten Wetter gereist und deshalb nahm
Herr Podagra Veranlassung, mich mit seinem Besuche zu beehren, der
eben so lange dauerte, als Gott brauchte um die Welt zu erschaffen,
nmlich sechs volle Tage, whrend welcher ich im Wirthshause sitzen
und mich langweilen mute. Glcklicherweise war in Nrnberg doch eine
Leihbibliothek. Ich las wiederum O'Meara's Buch ber Napoleon, der auf
Helena sa, von einem rgeren Podagra heimgesucht, als das meinige war.
-- Nach sechstgigem Schiffbruche auf dieser Sandklippe wurde mein
Schiff wieder flott, und ich nahm wieder den Wanderstab zur Hand. Ob
nun aber das Podagra oder etwas Anderes mich grmlich gemacht hat, --
genug, Nrnberg amsirte mich lange nicht so sehr als das Spielzeug,
das ich in meiner Kindheit von dort erhalten hatte. Zwar waren dort
viele schne alterthmliche Gebude -- der herrliche Brunnen auf dem
Markte, eine groe Menge Bilder aus der alten deutschen Schule; wir
fuhren auch nach der Musefalle, wo Hans Sachs starb; aber -- das
kleinliche Philisterthum unserer Zeit, und besonders der Mangel an einer
schnen Natur der Umgegend, machte mir den Aufenthalt bis auf einige
herrliche Augenblicke unangenehm. Ich sehnte mich auerordentlich,
wenigstens in einen schnen Garten hinaus. Unser Lohndiener versicherte
uns, da wir auf der Eisenbahn schnell einen herrlichen Ort erreichen
wrden -- Frth. Wir befolgten denn auch seinen Rath und kamen --
wie soll ichs aber beschreiben? -- an einen Ort, wo man unter einigen
wenigen niedertrchtigen Bumen kaum einen Schatten von Schatten finde
konnte; aber Bier gab es in Flle. Ich war nahe daran, aus der Haut
zu fahren, als ich, whrend William mit dem Lohndiener umherlief um
die Unmerkwrdigkeiten des Ortes zu besehen, allein auf einem Stuhle
dasa mit meinem Seidel vor mir auf einem andern Stuhle (weil der Tisch
ber alle Beschreibung von Bier pichte) und meine Verzweiflung in Bier
ertrank.

[Sidenote: Frankfurt.]

-- -- Frankfurt gehrt nicht allein dem Mittelalter, sondern auch der
jetzigen Zeit und da ich in der jetzigen Zeit lebe, so lebte ich auch
etwas auf, als wir hier ankamen. Ich sah das noch schne Haus, wo
Goethe's Eltern gewohnt, und wo es ihm vom Anfange an so gut gegangen
war. Nimmer konnte er sagen, da er sein Brod mit Thrnen a und deshalb
kannte er wohl auch nicht ganz die himmlischen Mchte, sondern
gelangte nicht weiter als bis zu Jupiter, und bildete zuletzt sich
selbst ein, er sei ein Jupiter. Aber mit kindlich treuem Gefhl fr den
groen Dichter betrat ich die Schwelle des Hauses und fate den Griff
der Thre, den seine junge, kecke Hand so oft erfat und dachte: wre
er immer doch ein frankfurter Doktor geblieben, statt eine weimar'sche
Excellenz, so wre er excellenter gewesen. Aber Gott segne ihn fr all
das Schne, das er geschaffen und die Freude, die er mir und vielen
Andern gewhrt hat. Ich sah den alten Rathhaussaal u. s. w. und mein
Genu ward erhhet, wenn ich dachte: auch diese Dinge haben Goethe's
schne junge Augen erblickt. Hier bekam er die ersten Ideen zu seinem
Werther, Gtz, Faust. Ich liebe ihn mehr, als ich oft selbst wei: O
Neigung sage, wie hast du so tief im Herzen dich versteckt? wer hat
dich, die verborgen schlief, geweckt? Ja Liebe, du wohl unsterblich
bist! -- Aber ich htte auch verdient, da er mich geliebt htte --
und es schmerzt mich bitter, jedes Mal, wenn ich diese Liebe vermisse.
Jetzt wre es doch vorbei gewesen! Und wo ich tiefe Sympathie finde, da
finde ich auch Liebe in seinen Werken. -- In der Bildergalerie fanden
wir schne Gemlde von Lessing, der seinem Namen Ehre macht. Auf dem
Kirchhofe sahen wir Thorwaldsen's Basrelief in der Bethmann'schen Gruft.
-- Jetzt ging es also wieder nach Kln auf dem Rheine. Ja, gewi ist er
ein herrlicher schner Strom und die Ruinen ben eine groartige Wirkung
aus. Aber ich vermag nicht mehr die jugendliche Trauer ber den Verlust
jener Zeit zu theilen, ich kann nicht mit Friedrich Schlegel ausrufen:

                Du freundlich ernste, starke Woge,
                Vaterland am lieben Rheine,
                Sieh' die Thrnen mu ich weinen
                Weil das Alles nun verloren.
                Die Burgen, so die Ritter sich erkoren,
                Traurig aus dem Wasser ragen,
                Wo in schnen Vorzeitstagen
                Hohe Helden muthig lebten,
                Voll von Ruhm und Ehre strebten u. s. w.

[Sidenote: Der Rhein.]

Die meisten dieser Burgen waren Raubschlsser. Sie sind niemals
schner gewesen, als gerade jetzt. Die Raupe ist aus der Seidenlarve
herausgetreten und jetzt kann das poetische Gefhl sich ein schnes
Kleid daraus spinnen. -- Das Dampfschiff gleitet mit groer
Schnelligkeit dahin, besonders, wenn es mit dem Strome geht. Es ist
doch eine herrliche Erfindung um von einem Orte zum andern zu gelangen.
Allerdings Veranlassung zu Reiseabenteuern giebt sie nicht. Frher, wenn
Reisende sich auf einem Schiffe oder einem Postwagen begegneten, war es
fast, als wenn Robinsone sich auf einer Insel trafen; jetzt ist es, als
wenn Fremde in einer Restauration, bei einem Billard, oder auf einer
Promenade zusammentreffen. Aber -- Der, welcher fremde Bekanntschaften
sucht, findet sie dessenungeachtet; -- und jetzt ist man auch nicht
=gezwungen=, Bekanntschaften zu machen, sondern man kann, wenn man will,
=allein= reisen, selbst mitten in dem groen Getmmel, etwas worauf ich
fr meinen Theil viel Werth lege.

[Sidenote: Kln. Paris.]

Und so gelangten wir in Kln an. -- Welch ein wunderbares Werk ist doch
der Dom! Ein echtes Bild der menschlichen Thtigkeit; das Hchste,
das Herrlichste im Verein mit dem Unvollendeten, die schnste Kunst
halbfertig. Dieser Chor, den der =Ketzer= Friedrich Wilhelm restauriren,
wieder vergolden und malen lie, ist ber alle Beschreibung. Das
Wunderbare hier ist nicht das Groe, das Khne; denn das finden wir auch
an indischen und egyptischen Gebuden, und in der rmischen Baukunst
ging die griechische Schnheit zum Heroisch-Riesenhaften ber. Nein,
es ist die echte -- wie soll ich sie nennen -- Humanitt, die herab
von diesen Sulen und Gewlben lchelt; in dieser Hoheit ist ein ser
himmlischer Friede, eine Sicherheit verborgen, wie in der Seele, wenn
sie sich unschuldig und gut fhlt. Nicht die Schwrmerei oder geistige
Trunkenheit des Mittelalters haben sie aufgefhrt; diese Verhltnisse
sind in einer hohen, rein menschlichen Seele entstanden. In dieser
religisen Erhebung ist Sittsamkeit und Tugend. Es ist sonderbar; aber
es ist doch wahr! Deshalb ist auch all das Groe hier so anmuthig;
spter, als der Chor fertig war, trieben die Mnche ihr Gaukelspiel.
Es ergreift Einem ein sonderbares Gefhl, wenn man in der heiligen
Dreiknigsgruft vor Gold, Silber und kstlichen Edelsteinen steht, wo
Alles echt ist, nur nicht die heiligen drei Knige. Aber auf den alten
Notenpulten liegen die ltesten Notenhefte, Pergamentfolianten. Sie
rhrten mich mehr, denn die heiligen drei Knige. -- --

[Sidenote: Paris.]

Ueber Lttich und Brssel ging es nun nach Paris, aber sonderbar genug,
nicht auf Eisenbahnen, sondern auf einer Diligence Tag und Nacht, und
nun befanden wir uns denn in dieser merkwrdigen, groen Stadt, wo ich
einige Jahre meiner schnsten Jugend verlebt und einige meiner besten
Werke geschrieben habe. Wir stiegen im Hotel de Valois ab und begaben
uns gleich des Abends in die groe Oper, wo wir _Robert le diable_ sahen
und gute Snger hrten. Am nchsten Tage aber hatte das abscheuliche
Podagra sich wieder eingefunden, wahrscheinlich aus derselben Ursache
wie letzthin, weil ich des Nachts im feuchten Wetter gereist war. Um es
etwas besser zu bekommen, wechselten wir gleich das Logis und wohnen
jetzt in Rue Richelieu Nro. 3. Hier bin ich nun wieder seit vier Tagen
auf den Grund gerathen und zwar dem Theater franais gegenber. Nur
zwanzig Schritte vom Eingange mu ich sitzen und sehen, wie die Leute
sich auf der andern Seite der Strae in das Schauspielhaus drngen, weil
die Rachel spielt. Aber heute befinde ich mich doch besser; die Sonne
scheint, das Wetter scheint gut zu werden und es wird dann wohl auch
bald mit mir gut werden, vielleicht heute noch.

                                                       Den 8. October.

Gestern beendete ich Das Gespenst auf Herluf'sholm. Und als das
Manuscript fertig war, nahm ich es, wie gewhnlich in die Hand und hielt
es in die Hhe, indem ich bei mir selbst sagte: Da ist wieder eine
Arbeit fertig, Aber was geschah! Ich fing wie ein Kind zu weinen an und
war betrbt, weil es jetzt fertig war und mich verlassen sollte. Ihr
werdet sehen, da es sehr national ist. Die Liebe zum Vaterlande und zu
meinen Kindern ist die Ydun, die mich begeistert hat. Jean Paul sagt
irgendwo, da, wenn er einen Roman geschrieben, er oft so von der Heldin
desselben eingenommen worden, da es ihn zuletzt schmerzte, Abschied
von ihr zu nehmen. Etwas Aehnliches habe ich oft gefhlt, und dieses
Gefhl wird um so inniger im fremden Lande. Das Heimweh, das meine
Jugend begleitete, fhle ich noch. Wenn dieses Gefhl, das der Grundton
meiner =Seele= ist, immer die Oberhand gewnne, wrde ich in eine
krankhafte, schwache Sentimentalitt verfallen; aber -- da mein =Geist=
khn, munter und thtig ist, whrend meine Seele treu ihrer alten Liebe
bleibt -- so =lebe= ich auch noch immer fort, nehme an allem Schnen,
Groen und Interessanten, das mir begegnet, Theil. Selbst an einem
frhlichen Mahl in guter Gesellschaft kann ich so vollstndig Theil
nehmen, wie ein sanguinischer Prlat -- und Keiner wrde mir ansehen,
da ich vielleicht am Morgen desselben Tages mit Ablard geweint, oder
mit Dante die Augenbrauen melancholisch zusammengezogen. Kurz, es geht
mir wie dem berhmten franzsischen Schauspieler Chenard, whrend
der Revolutionszeit im Jakobinerklub. Gewi, der Dichter mu diese
Flexibilitt mit dem Schauspieler theilen; sein Vortheil ist nur der,
da sie viel grer und mit mehr Selbststndigkeit verknpft ist. Das
heit nicht Einseitigkeit, sondern Vielseitigkeit. Diese Vielseitigkeit
verbietet ihm es ausschlielich mit irgend einer einzelnen Partei
der Zeit zu halten, aber er hlt es mit dem Guten bei ihnen Allen in
Ewigkeit.

[Sidenote: Bild von Paris.]

[Sidenote: Charakter der Franzosen.]

Aber, Ihr wollt ein Bild von Paris, so wie es vor meiner Seele steht?
Hm -- soll es vielleicht so sein wie Goethe's Schilderung des rmischen
Carnevals? Das ist unmglich! Weshalb? Weil Goethe's Schilderung
Original war, und ich, wenn ich ihm nachahmen wollte, nur eine Copie
liefern wrde. Doch halt -- jetzt geht mir ein Licht auf. -- Paris
hat sehr hoch hervorragende Schornsteine und Brandmauern; welche
in der Entfernung den Husern ihre Schnheit rauben. Die unterste
Etage ist ein fortlaufender, ungeheuer groer, schner, kostbarer
Galanterieladen. Dieser Galanterieladen ist grer als Kopenhagen und
besteht nicht allein aus Galanteriewaaren, aus Juwelen, Porzellan,
Shawls, Stoffen, sondern auch aus Stiefeln, Wrsten, Schinken, ja
selbst aus Brennholz und Steinkohlen; denn Alles ist hier galant und
nett bis zu einem gewissen Grade, insoweit man von der Strae und dem
Laden aus es zu sehen vermag. Die schnste Eleganz ist mit Sicherheit
und Annehmlichkeit verbunden. Deshalb die hohen Schornsteine, damit
die Kamine nicht rauchen und die Huser nicht abbrennen. Paris ist
und bleibt der Mittelpunkt europischer Cultur und -- Humanitt. Ja,
es unterliegt keinem Zweifel, da hier die grte =gesellschaftliche=
Humanitt in Europa zu Hause ist. Guizot (zu dem ich eingeladen
gewesen und der mir groe Artigkeit und Freundlichkeit erwies) hat
ein Buch geschrieben _Cours d'histoire moderne_. In einem Abschnitte
desselben _histoire de la civilisation en France_, vergleicht er die
Englnder, Deutschen und Franzosen. Die Englnder lobt er des Reellen,
die Deutschen des Ideellen, die Franzosen aber einer Vereinigung
beider wegen, wodurch sie der englischen Plumpheit und der deutschen
Spitzfindigkeit entgehen. Hierin hat er ohne Zweifel Recht; die
Englnder sind tiefer, die Deutschen hher, als die Franzosen -- aber
wenn eine harmonische Verbindung der Krfte (welcher die einseitige
Virtuositt zum Opfer gebracht werden mu) das am meisten Menschliche
ist -- denn wir knnen nicht Alles besitzen -- so herrscht auch die
Humanitt nirgends mehr, als unter dem franzsischen Volke. Das alte
Gerede von der Leichtfertigkeit und Unzuverlssigkeit der Franzosen ist
aus der Luft gegriffen. Die grte Tchtigkeit und Ehrlichkeit findet
sich bei Vielen, bei sehr Vielen. Es ist keine kalte Hflichkeit,
die den Franzosen zur Artigkeit bewegt, es ist _bon sens_, es ist
feines, edles Menschengefhl. Die Franzosen machen einander nicht
=sofort= groe Aufopferungen, aber =wer= thut das? Wo ist die deutsche,
englische, nordische Tugend, die das thut? Dem ehrlichen Finder wird
ein raisonables Douceur versprochen! Die Franzosen besitzen zwar ein
selbstbehagliches -- wenn man will -- eitles Gefhl ihrer Vorzge
-- aber sie sind gutmthig und wirklich =bescheiden=; das ist mehr,
als man von den Norddeutschen sagen kann, bei welchen Einbildung
und Neid nicht selten vorkommen. Was den Franzosen besonders noch
fehlt, ist die Kenntni mehrerer Sprachen. Dies =erkennen= sie aber
an. Sprachunterricht im Deutschen und Englischen verbreitet sich bei
den Kindern, und man findet oft ltere Leute -- ich habe mehrere
getroffen, -- die gut Deutsch sprechen. In einigen Abenden bin ich
bei einem General Baron Pellatier eingeladen, dessen eine Tochter den
grten Theil von Jean Paul's Hesperus bersetzt hat. Man spricht
so viel von franzsischen Thorheiten in politischer Richtung, man
urtheilt aber nach den Oppositionsparteien der Zeitungen. Wo finden
sich solche Thorheiten nicht? Es giebt auch hier eine groe Masse
billiger, vernnftiger Leute, und was nun die franzsischen politischen
Thorheiten betrifft, die geschehen sind, so wollen wir darber nicht
die Nase zu sehr rmpfen! Mit seinem Blute hat Frankreich politische
Experimente fr ganz Europa gemacht. -- Europa hat =Frchte= davon
geerntet, und es wrde unedel sein, den Nutzen, den man gehabt hat, mit
Verachtung zu vergelten. Selbst die grliche Schlchterwuth whrend
der Schreckenszeit der Revolution wird als ein Wahrzeichen dastehen,
und die Zukunft vor dergleichen Auftritten bewahren und retten. Die
Humanitt herrscht hier; alle die alten aristokratischen Knaben-
und Bubenstreiche liegen wie zerknitterte Papierblumen in dem alten
Galanterieladen Faubourg St. Germain, und nur dort vielleicht noch
in einem gewissen Zirkel, wenn man allein ist, wird die alte Menuett
getanzt. -- Aber selbst der franzsische Adel im Allgemeinen ist gar
nicht so aristokratisch. Ich habe Marquis' und Grafen gehrt, wie sie
untereinander mit diesen alten Formen Spott getrieben. Es ist jetzt
in Paris ein allgemeiner Grundsatz, da in der guten Gesellschaft nur
Geist und Talent als hervorragende Eigenschaften zur Geltung gelangen
drfen. Und welche Freiheit hier! Man lebt, wie es Einem beliebt.
Klatscherei und Kleinstdterei findet man hier nicht. Alle Pedanterie
verschwindet. Ueber Tische spricht man offen, warm und ernst -- auch
munter und frhlich -- und spat und spottet nicht immer (der Grundton
der gesellschaftlichen Conversation in Kopenhagen) weil man sich genirt,
sein Inneres herauszukehren und die Vertraulichkeit frchtet, entweder
weil man einander nicht traut, oder weil man aller Uneinigkeit entgehen
will.

Ihr glaubt wohl, da ich mich jetzt so in die Franzosen vergafft,
da ich in ihnen nur Gtter erblicke. O nein! die Mngel springen
ebensosehr in die Augen. So findet man, ungeachtet all der anmuthigen,
geschmackvollen Eleganz, die das Leben schmckt, es angenehmer und
gemchlich macht, einen Mangel an hherer Kunst. In der Baukunst und
Malerei stehen die Deutschen weit ber den Franzosen. Wenn man von den
Denkmlern Salzburgs, Mnchens, ja selbst Lttichs kommt -- rgert
man sich in Paris an irgend einer Straenecke eine plumpe steinerne
Theaterdecoration mit der hlichen Wand eines Hauses als Hintergrund
zu finden, und dort Molire -- ziemlich plump gemacht -- ber einem
=Springbrunnen= sitzend! Wre es doch immer noch Lafontaine, so wre es
wenigstens ein Calembourg gewesen. Aber von =neueren= Sachen hat Paris
auch nicht viel in diesem Genre aufzuweisen, und das ltere leidet
zu oft an dem Mangel, den eine sklavische Nachahmung der Griechen
verursacht; so z. B. die Madeleinekirche. Pantheon ist ein groes, edles
Gebude; hier ruhen Voltaire und Rousseau; vor achtunddreiig Jahren sah
ich ihre hlzernen Sarkophage (sie sollten Stein werden -- aber sie sind
noch nicht versteinert). In der Kuppel befindet sich ein sonderbares
Frescobild von Gros, in welchem viel Schnes mit viel Bizarrem vereinigt
ist. Die alten Frankenknige und Kniginnen sind gut, aber Ludwig
XVIII. berreicht die Charte geschniegelt und frisirt. Das mchte
noch sein, wenn nicht Ludwig XVI. gleichfalls frisirt und geputzt,
und gekrnten Hauptes in den Wolken se, in der Hand einen Palmzweig
haltend und singend, wie ein Engel. Cuvier's plump gemachte Statue
fand ich im Museum des botanischen Gartens unter lauter ausgestopften
und unvernnftigen Bestien. Von den hiesigen Malern ist Horace Vernet
ohne Zweifel Derjenige, der sich den groen deutschen Malern am meisten
nhert. In der Galerie des Luxembourg sah ich ein Bild von ihm: Raphael
mit seinen Jngern und Michel Angelo, das vorzglich ist.

[Sidenote: Besuch bei Louis Philipp.]

                                           Paris, den 8. Februar 1845.

-- -- Da ich weder die Gewohnheit habe, mich selber hervorzudrngen,
noch mich zurckzuziehen, wo es Gelegenheit giebt, ausgezeichnete
Menschen kennen zu lernen, so hatte ich fast viertehalb Monate in
Paris verbracht, ohne den vielgerhmten Knig Louis Philipp zu sehen,
oder zu sprechen, der nach seinem Besuche in England sich einige Zeit
in Eu aufhielt und spter nach Saint-Cloud kam. Eines Tages trat unser
Minister Herr von Kofs bei mir ein und erzhlte, da Seine Majestt
den Wunsch geuert htte, mich zu sehen, da er deshalb mich und
William nach Saint-Cloud fhren wollte. Herr von Kofs machte uns darauf
aufmerksam, da es eine Auszeichnung sei, sofort zu dem Abendzirkel
des Knigs zugezogen zu werden. Wir fuhren also am nchsten Abend um
acht Uhr nach Saint-Cloud und gelangten auf einer schnen, geheitzten
Treppe durch prchtige Zimmer in das Allerheiligste. Hier sa die edle
alte Knigin mit schneeweien Haaren an einem groen Tische und legte
ganz still fr sich mit zwei Spiel Karten Cabala. Die Schwester des
Knigs, Madame Adelaide, legte auch Cabala mit wenigeren Karten, und
die Herzogin von Nemours, sowie die Prinzessin von Joinville, waren
mit Handarbeiten beschftigt. Wir wurden der Knigin vorgestellt, die
sich sogleich nach dem Befinden unseres Knigspaares erkundigte, und
sich mit vieler Liebe dessen Aufenthaltes in Paris erinnerte. Darauf
stellte uns Herr von Kofs Madame Adelaide vor. Kurz darauf kam ein etwas
bejahrter, rascher, starker Mann mit weiem Barte und Haaren, die zu
ergrauen begannen, munter und schnell herein. Er war ganz brgerlich
gekleidet, die Uhrkette in ein Knopfloch der Weste eingehngt. Sein
Gesicht war frisch und gesund, freundlich und lebhaft. Er grte uns
als seien wir alte Bekannte gewesen, und leitete sogleich ein Gesprch
ber Dnemark und Norwegen und seinen dortigen Aufenthalt ein. Er sei
in Kopenhagen unter dem Namen Mller gewesen, habe auf dem groen
Markte gewohnt, Vahl und Suhm besucht, und sei berhaupt berall
herumgewesen. Als ich die Bemerkung machte: Majestt finden gewi
nicht, wie so viele Franzosen, die es nicht kennen, da Dnemark ein
schlechtes Land ist, sagte er: Es ist ein schnes Land, besonders
Fnen; es ist die schnste Insel, die man sich denken kann. Er lobte
gleichfalls Seeland und Holstein; er erzhlte, da er ein Creditiv auf
das Haus de Conink gehabt habe -- dasselbe sei nicht gro gewesen. Als
er mit einem Schiffer von Kopenhagen abreisen wollte, und keinen Pa
hatte, bemerkte ihm dieser: Sie sind gewi ein junger Mensch, der dumme
Streiche gemacht hat. In dieser Weise sprach er eine ganze Stunde
freundlich mit uns. Des schnen Norwegens und seines Aufenthalts bei
den braven krftigen Leuten erinnerte er sich gleichfalls mit groem
Interesse. Als er sich zurckzog, bat er uns, den nchsten Abend im
Theater zu erscheinen. Wir verbeugten uns dankend, erschienen auch
am nchsten Abend in der prchtigen Versammlung. In Saint-Cloud ist
es bei dergleichen Vorstellungen so eingerichtet, da die knigliche
Gesellschaft sich von den Gemchern in die erste Etage begiebt; das
Uebrige ist dem Publikum eingerumt. Aufgefhrt wurde: Schwank ber
Schwank, ein Stck, das in meiner Jugend bei uns oft gespielt wurde.
Der Knig liebt das Alte. Ein anderes, kleineres Stck, das gespielt
wurde, war nicht viel werth. Der Knig, der mir auch hier sehr
freundlich entgegentrat, erzhlte mir, da dieses Stck von dem Sohne
eines seiner alten Schulkameraden geschrieben sei. Er lie sich noch
ferner mit mir in ein Gesprch ein, und als England und dessen groe
Macht im Laufe desselben genannt wurde, und ich England das moderne
Karthago nannte, sagte er scherzend: Aber wir wollen doch nicht sagen,
wie jener Rmer: _delenda est_; ich halte auf den Frieden. Da ich
eine friedliche Haut bin, so konnte ich mich nicht enthalten zu sagen:
Gott segne Ew. Majestt dafr. Kurz darauf wurde der Hof nach Paris
verlegt und es dauerte nicht lange, so wurde ich zur kniglichen Tafel
zu einem groen Diner eingeladen. Ich hatte vorher die Bekanntschaft
der alten Marquise Dolomieu, Hofdame der Knigin gemacht. Sie war die
einzige, die ich kannte; sie nahm sich meiner sehr freundlich an und
als wir zur Tafel gehen sollten, ergriff sie meinen Arm und machte
sich selbst zu meiner Tischnachbarin. Es war eine auerordentlich
reiche Tafel; der Tisch strahlte von Gold u. s. w. Wir saen in dem
groen Speisesaale, wo auch Napoleon gesessen hatte. Die Tafelmusik war
schn und es rhrte mich, als zuerst _O Richard, o mon roi! l'univers
d'abandonne_ gespielt wurde -- nach der Mahlzeit stand ich in einem
Winkel im groen Saale, woselbst der Kaffee servirt wurde. Der Knig
arbeitete sich durch die Menge zu mir heran, fate mich bei der Hand und
fhrte mich aus meinem Winkel ein gutes Stck nach der Mitte des Saales,
wo er mich einem hohen, schnen Manne vorstellte und davon ging. Der
groe Mann erzhlte mir auf Franzsisch, da er alle meine deutschen
Arbeiten kenne, und bat mich, ihn zu besuchen. Ich glaubte, es sei eine
frstliche Person von hier und sagte: Ich wrde die Ehre haben. Ich
war der Ansicht, da er einige Straen weiter wohne. Er verabschiedete
sich freundlich von mir. Spter sah ich, da ein Hofmann ihn mit groer
Ehrerbietung anredete. Aber noch ging mir kein Licht auf. Erst zwei
Abende spter, als ich in der _Opra comique_ in den Zwischenakten im
Moniteur las, da der Knig und die Knigin von Belgien wieder abgereist
waren, rief ich aus: Httest Du Dir nicht denken knnen, da es ein
Knig sein mute, dem der Knig Dich vorstellte! Und ich hatte mit
ihm gesprochen wie mit einer Privatperson; -- _Vous_ gesagt und nicht
einmal _Monseigneur_. Aber jetzt mu ich doch ber Belgien nach Hause
zurckkehren, um ihn zu besuchen.

Bei dem Herzoge von Nemours waren wir kurz darauf zum Konzert
eingeladen. Er ist sehr freundlich und artig, ein schner blonder,
junger Mann, doch sieht er nicht so zutraulich aus, wie der Vater, wie
Joinville und Aumale. Man sagt, da er schchtern und verlegen ist; er
steht gewhnlich mit gekreuzten Armen; seine Gemahlin ist eine Schnheit.

[Sidenote: Besuch bei Ludwig Philipp.]

Weil nun der Knig mir so viele Freundlichkeit erwiesen, hielt ich es
auch fr meine Pflicht, mich, wie es Sitte ist, in den ersten Tagen
des Jahres aufs Schlo zu begeben und dort meinen Neujahrswunsch
darzubringen. Gaimard kam und holte mich und William ab; er war in
Uniform, William gleichfalls; aber ich hatte keine und Gaimard sagte:
Ich knnte schon in meinem schwarzen Frack erscheinen. Aber was
geschah? In dem Vorsaale wurde ich von einem Kammer- oder Hoffourir
sehr artig angehalten, indem derselbe mich fragte, ob ich Deputirter
sei? Als ich verneinte, zuckte er die Achseln und bedauerte, da ich
alsdann nicht vorgelassen werden knnte, da Alle in Uniform sein mten.
Ich habe keine, antwortete ich, und wollte bereits wieder umkehren.
Gaimard, der ein gutmthiger Kauz ist, begann den Lakaien auf der Treppe
zu erzhlen, da ich ein groer Dichter, _le Corneille de Danemarc_
sei. _Je'n suis sur_, antwortete einer der Lakaien, aber sie htten
doch keine Ordre, den dnischen Corneille einzulassen. Gaimard wollte
durchaus erst mit einem Adjutanten reden; da dieser aber ebenfalls
Nichts ausrichten konnte, entschlpfte ich Gaimard und begab mich nach
Hause. William begleitete mich, obgleich er htte bleiben knnen, weil
er in Galla war. Aber ich warf mich selbst in die uerste Finsterni,
woselbst -- wenn auch nicht Heulen, doch Zhneklappern war, denn es war
kalt. Indessen hatte Gaimard die Hoffnung noch nicht aufgegeben; er
sprach wiederholt mit einem Adjutanten, der es dem Knig berichtete, und
dieser befahl sogleich, da man mich einlassen sollte. Aber fort war ich.

Einige Tage spter war wieder ein Hofball in Uniform, zu welchem
wir eingeladen wurden. Obgleich nun der Knig mir erlaubt hatte, in
schwarzem Fracke, wie ein Deputirter zu erscheinen, so wollte ich mich
doch ein wenig putzen -- denn ich hatte gehrt, man knne sich ein
_habit de got_ machen -- da ich aber keinen Gout an Dem fand, was
der Schneider forderte, um meinen neuen schwarzen Frack zu verderben,
so miethete ich einen dreieckigen Hut, decorirte denselben mit der
Danebrogs-Kokarde, miethete mir gleichfalls einen Hofdegen, und in
diesem Anzuge begab ich mich aufs Schlo. Der Hoffourir wollte mir auf
der Treppe nachsetzen, fragte aber doch erst William, der hinter mir
in Scharlach ging: Ist das der dnische Poet? und als er bejahte,
zog er sich mit den Worten zurck: Er darf hinein. So stolzirte ich
also in dem ungeheuren Gewimmel von Uniformen umher, und wre fr einen
Deputirten gehalten worden, wenn nicht meine fremden Orten, die ich, um
mir doch ein Relief zu geben, angelegt hatte, den Scharfsinn der Pariser
in Verlegenheit gesetzt htten; sie betrachteten mich verwundert und
wuten nicht, welchem der fnf Sinne angehrend sie mich betrachten
sollten, ob dem Gesicht, Geruch, Gehr, Gefhl oder Geschmack. Da es
der Geschmack sein sollte, begriffen sie, trotz meines _habit de got_
wohl nicht. -- Ich habe zu erzhlen vergessen, da ich es fr meine
Dichterpflicht hielt, dem Knig Ludwig Philipp, der mir so viele Achtung
und Freundlichkeit erwiesen hatte, dieselbe nach Krften ein wenig zu
vergelten, d. h. ihm einige Verse zu widmen, worin ich ohne Schmeichelei
und auch ohne Kriecherei sein Verhltni zu meinem Vaterlande und zu mir
poetisch aussprach. Ich schrieb also ein solches kleines Gedicht ohne
Ueber- und Unterschrift, und nahm dasselbe mit mir, als ich zur Tafel
beim Knige war. Whrend des Gesprchs mit ihm -- wir standen allein in
einer Nische -- sagte ich: Majestt, ich habe ein kleines Gedicht an
Sie geschrieben. -- Haben Sie es bei sich? Ja, ich habe es in der
Tasche. -- Geben Sie es mir gleich; ich werde es in meinen Hut legen,
so wird es Keiner gewahr werden. Ich gab ihm die Verse. Sie waren in
deutscher Sprache und lauten:

           Vor Frankreichs Knig soll ich stehen,
           Er will den Dnendichter sehen,
           Den Pilger, seinem Schlosse nah;
           Sein Geist lebt nicht in engen Schranken,
           Er ist der erste Frst der Franken,
           Der Dnemark und Norweg sah.

           Sonst fragte man nach Norden wenig,
           Er ist der erste Frankenknig,
           Der unsre ferne Sprache kennt.
           Noch denkt er oft in heitern Stunden,
           Wie dort er Ruh und Trost gefunden,
           Als dster war sein Firmament.

           In Norweg, wo er oft gesessen
           In Htten, wird er nicht vergessen;
           Ludwig Philipp! Man nennt Dich gern;
           Und zeiget aus dem stillen Thale
           Nach Deines Ruhmes breitem Strahle,
           Du funkelst jetzt als Abendstern!

           Kennst Deutschland, Deutschland kennt Dich wieder,
           Du hrtest seine besten Lieder,
           Wo Tell gelebt und Winkelried,
           So wagt sich auch getrost der Dne,
           Und reicht dem Herrscher an der Seine
           In deutscher Zung' ein kleines Lied.

           Der Skald des Winters, Sohn von Brage,
           Wnscht Ludwig -- schne Wintertage!
           Denn schn ist auch des Winters Fest:
           Trgt Frieden in dem weien Schilde!
           Die Sonne scheint und macht ihn milde,
           Und tdtet jede Seuch' und Pest!

Einige Tage darauf hatte ich bei der Herzogin von Orleans, die ich bei
den Hoffesten nicht gesehen hatte, eine Privataudienz. Sie kam mir
sehr freundlich entgegen, redete mich gleich Deutsch an, sprach sehr
anerkennend von meiner Dichterwirksamkeit und als ich fragte, ob Ihre
Knigliche Hoheit einige meiner Arbeiten kenne, sagte sie: Ja, Alles
was Deutsch geschrieben ist -- die dnische Sprache verstehe ich leider
nicht. Ich bin gerade jetzt bei einer Erzhlung von Ihnen, welche ich
mit groem Vergngen lese, und ich erzhle sie meinem Sohne unter dem
Lesen wieder. Als sie nicht den sonderbaren, fremden Namen aussprechen
konnte, fragte ich, ob es Oervarodd sei. Ja, ja Oervarodd, antwortete
sie freundlich lchelnd. -- Der kleine Graf von Paris wird, wie recht
und billig ist, als knftiger Knig von Frankreich whrend seiner ersten
Kinderjahre ganz Franzsisch erzogen. Die Mutter spricht nur Franzsisch
mit ihm und jetzt bersetzt sie ihm den Oervarodd. Sie ist eine
auerordentlich reizende, geistreiche Dame, und besitzt den edelsten
Charakter. Als sie hrte, da ich eine kleine dnische Tragdie hier
geschrieben, und dieselbe bereits ins Deutsche bersetzt htte, bat sie
mich, ihr das Werk, wenn es gedruckt sei, zu senden. Sie erzhlte mir,
da der Knig ihr mein kleines Gedicht an ihn gezeigt und da es sie
Alle sehr erfreut habe.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Die Brder Rothschild.]

Bei dem Diner beim Knige von Frankreich war ein kleiner Mann mit groen
klugen Augen und einem Sterne auf der Brust zugegen. Er starrte mich
mitunter an. Als der Knig mit mir gesprochen hatte, kam dieser Mann
auf mich zu und fragte, ob ich ihn nicht besuchen wolle. Ich dankte
verbindlichst und fragte, mit wem ich die Ehre zu sprechen htte.
=Rothschild=, sagte er. Welcher Zauber liegt nicht in diesem Namen!
Als Klopstock seine Ode die Grber Rothschild's schrieb, dachte er
gewi nicht, da dieser Mann in der Weise in der Geschichte strahlen
sollte.

Als ich mich jetzt durch den Namen gewissermaen in
landsmannschaftlichen Beziehungen zu dem berhmten Hause fhlte, so nahm
ich das Anerbieten an, und besuchte James Rothschild einige Tage spter
auf seinem Comptoir. Dort sa er vor dem einen, und sein um zwanzig
Jahre lterer Bruder Salomon vor dem andern Pulte. Der Bruder hatte
kaum zwei Worte mit mir gesprochen, so lud er mich auf zwei Tage spter
zu Mittag ein. James sandte einen Hausfreund, einen Advocaten Jol, zu
seiner Frau, um zu erfragen, wenn es ihr genehm sei. Und es wurde dann
sofort gleichfalls entschieden, da ich andere zwei Tage spter bei
James sein sollte. Jol ist ein Schngeist; ein Wiener, der bei den fr
mich in Wien arrangirten Festlichkeiten zugegen war. Salomon ist ein
gutmthiger Sonderling. Vor der Mahlzeit saen wir und plauderten. Ja,
sagte er auf Deutsch -- bei ihm wurde heute nur Deutsch gesprochen,
ungeachtet vierzehn Personen zugegen waren -- es ist gut genug, reich
zu sein, es hat seine Annehmlichkeiten, seine groen Annehmlichkeiten,
aber, glauben Sie mir, auch seine groen Lasten. Wir htten ja, was
uns selbst betrifft, nicht nthig, die Geschfte fortzufhren; da aber
das Wohl so vieler Menschen davon abhngt, so fhlen wir, da es eine
moralische Pflicht ist. Ich arbeite viel und mein Bruder James reibt
sich ganz auf; er arbeitet tglich von 8 bis 5 Uhr im Breau. Als wir
spter von den Merkwrdigkeiten von Paris sprachen, sagte er: Ich bin
jetzt hier seit 1811 gewesen und habe noch gar keine Merkwrdigkeiten
gesehen. Ich bin noch nie in Versailles gewesen. Dagegen besitzt er
selbst solche Feenpalste in Paris, Frankfurt und Wien. Als wir gespeist
hatten und die Uhr halb 9 geworden war, frug er bei dem Kaffee: Was
machen Sie jetzt, wenn Sie nach Hause kommen? -- Ich lese etwas und
trinke spter eine Tasse Thee. -- Das thue ich nicht, antwortete
Salomon, ich gehe zu Bett. Ich gehe jeden Abend um 8-1/2 Uhr zu
Bette und stehe um 4 Uhr auf. -- Seine Frau ist eine freundliche
bejahrte Dame mit einem treuherzigen Gesichte. Man sagt von ihnen
Allen, da sie sehr wohlthtig sind. Bei James trafen wir Humboldt,
der nach Paris gekommen ist. Hier wurde aber Franzsisch gesprochen.
Eine Schriftstellerin, Madame Gerardin, war auch hier. Victor Hugo
war eingeladen, hatte sich aber entschuldigt, weil er mit einer Rede
viel zu thun htte, die er in der franzsischen Akademie halten msse.
James' Frau ist eine anmuthige junge Dame von auerordentlicher Bildung
und vielem Geschmacke und Liebe zur Poesie. Ich bin spter bei ihr
gewesen und habe ihr meine neue Tragdie vorgelesen. Einige Tage nach
diesen Mittagsgesellschaften waren wir zum Ball bei Salomon. Es war
ein ganz auergewhnlich prachtvoller Ball. Die schnsten Zimmer mit
andern kleinen Nebenzimmern verbunden, wie Corridors mit offenen
Bogen. Ein groer Saal mit einer Tafel, prchtig erhellt von groen
goldenen Armleuchtern, voll von Confituren und eingemachten Frchten
zur beliebigen Auswahl der Gste. Neben diesem Saale, gleichfalls unter
Bogengngen, ein groer Conditorladen, in welchem mehrere Bediente
standen und den Gsten alle Arten Eis, Limonade, Kuchen u. s. w.
reichten. Aber dieses Alles war nur ein Vorspiel zu dem brillanten
Souper, das die Gste erwartete, das wir aber weder zu sehen, noch zu
kosten bekamen, weil wir um ein Uhr nach Hause fuhren, vollkommen mit
Dem zufrieden gestellt, was wir genossen hatten.

[Sidenote: Villemain.]

Gleich im Anfang unseres hiesigen Aufenthaltes fhrte uns Gaimard
bei Arago und Villemain ein. Mit dem Ersteren hatte ich keinen
weiteren Berhrungspunkt. Wre ich ein Komet gewesen, so htte er mich
ausgemessen und meine Wege kennen gelernt; jetzt war er so hflich
einige Complimente an mich zu verschwenden und hiermit war meine Bahn
zu ihm berechnet. Aber Villemain war ein Schngeist und mit ihm hatte
ich eine lange Unterredung, in welcher er sich sehr schn ber fremde,
besonders ber englische Literatur aussprach. Es wollte mir eben nicht
munden, da er ein so groer Bewunderer Milton's sei; aber ungeachtet
ich in seinen Aeuerungen viel Unrichtiges fand, waren sie doch ganz
vernnftig. Er war sehr freundlich und sagte, er wolle mich bald in
Gesellschaft mit andern Schngeistern von Paris bei sich einladen. Es
wurde brigens nichts aus dieser Einladung. Einige Monate verstrichen;
ich sprach ihn whrend dessen im Theater in der kniglichen Loge, wir
grten uns: _Ah, voila notre grand pote chez le roi!_ sagte er
freundlich, aber lie sich nicht weiter mit mir ein. Kurz darauf erfuhr
ich, da er wahnsinnig geworden, der Arme! Man sagte, der Ministerposten
habe ihn zu sehr angestrengt, er sei dazu nicht geschaffen, sondern
htte ein Gelehrter bleiben sollen. Er war frher, als ich, Professor
der schnen Wissenschaften. Ich wrde ebenfalls nicht zum Minister
taugen; aber ich glaube auch, da ich nie so verrckt werden knnte, es
sein zu wollen.

[Sidenote: Thierry. De Vigny.]

Einen andern, ausgezeichneten, aber gleichfalls unglcklichen Gelehrten
habe ich hier besucht: den berhmten Thierry, den Verfasser der
Geschichte der Normannen. Thierry's Werk scheint mir nicht allein
das beste geschichtliche Werk Frankreichs, sondern berhaupt des
jetzigen Europas zu sein. Es verbindet mit geschichtlicher Genauigkeit
und Quellenstudium die Wahrheit des Geistes, die Wrme des Herzens
und die zu einem guten historischen Werke nothwendige poetische
Einbildungskraft, Alles wiederum mit der kindlichen Naivett verknpft,
die wir bei Herodot und Snorro bewundern. Welchen Gegensatz bilden
hierzu nicht die trockenen, wenn auch gelehrten Werke Thiers' und
Dahlmann's, in welchen der Grundton eine kalte Polemik ist. Thierry ist
noch kein alter Mann, kaum fnfzig Jahre, wohlhabend, allgemein geehrt
und geliebt, aber -- er ist blind und epileptisch. An dem Abende, den
ich bei ihm verbrachte, wurde er auf einem kleinen Stuhle in die Stube
zu uns hereingefahren. Er drckte freundlich meine Hand und sprach
ersichtlich gern mit mir ber unsere alte Geschichte, whrend wir Thee
und eine Art Kuchen genossen, die ihm ein guter Freund aus Mailand
gesandt hatte.

Einen Dichter von Bedeutung, der mir hier freundlich entgegengekommen
ist, mu ich nennen, es ist Graf Alfred de Vigny. Ich habe den grten
Theil seiner Werke gelesen. Er schenkte mir ein Exemplar seiner Dramen
und schrieb darein: _Hommage de sympathie et de haute stime de la part
de l'auteur?_

[Sidenote: Victor Hugo.]

-- -- Um jetzt wieder auf den groen Sieger, Victor -- oder wie er der
grern Deutlichkeit wegen auch genannt wird -- Victor Hugo, Vicomte
-- zu kommen, so hatte ich, wie Ihr aus frheren Briefen wit, zweimal
versucht, sein Herz oder wenigstens sein Logis zu strmen. Aber hier
sitzt er eben so gut gegen Besuche gesichert, wie Reinecke Fuchs in
seiner Burg Malepartus und lt sich verleugnen, wenn es nicht gerade
Sonntag Abend ist, an welchem er allen Lusthabenden Audienz giebt und
sie zur Cour vorlt. Auer diesen Festtagen ist es unmglich, sich
Eingang zu verschaffen, ungeachtet ein Schneider der einzige ist, der
seine Festung vertheidigt. Dieser Schneider ist zugleich Thrhter,
und nimmt, auf seinem Tische hockend, mit groer Behendigkeit die
Visitenkarten entgegen, ohne sich in seiner Arbeit stren zu lassen. Da
er gar keine Notiz von mir nahm, so dachte ich was ist es auch der Mhe
werth, Victor Hugo mit Gewalt zu nehmen? Das wre eine Snde, er will am
Liebsten ungestrt sein, lassen wir ihn; Paris ist gro genug fr uns
Beide!

So standen die Sachen, als es der Zufall wollte, da ein anderer Poet,
Deschamps, ganz untergeordneten Ranges, aber ein sehr liebenswrdiger
freundlicher Mann, der Deutsch versteht und Romanzen von Goethe und
Schiller bersetzt hat, -- auch meine Muse kennt und liebt, -- uns zu
einer Soire einlud. Hier waren viele Menschen. Deschamps kam auf mich
zu und fragte mich, ob ich Victor Hugo's Bekanntschaft machen wollte?
Ich glaubte, er meinte, da wir ihn gemeinschaftlich besuchen sollten,
und antwortete ganz trocken: Nein! Spter kam er noch einmal, ich
sagte noch einmal Nein, und fgte hinzu, ich bin zweimal vergebens
dort gewesen. Spter erfuhr ich, da Victor Hugo in der Gesellschaft
zugegen sei. Aber ungeachtet ich mich weder kostbar mache, oder streng
auf die Form sehe, wo ich =mehr= als bloe Form whne, so fand ich
es hier doch unpassend, mich Victor Hugo vorstellen zu lassen, da
ich zweimal bei ihm gewesen war und nur seinen Schneider zu sprechen
bekommen hatte. Indessen betrachtete ich doch aus der Ferne den groen
Mann, wie er dort zwischen einigen ltern Damen sa, die ihm die Cour
machten. Schn ist er nicht, hlich auch nicht, in einem blhenden
Lebensalter, frisch, fett, stark und gesund. Er sah gar nicht
hochmthig aus, eher etwas verlegen, wie Derjenige, dessen bermige
Prtensionen mehr der Eitelkeit als dem Stolze entspringen. Endlich,
als der Thee servirt wurde, und ich mich in dem andern Zimmer bei den
Damen befand, sah ich Victor und Deschamps die Kpfe leise redend
zusammenstecken und das Resultat hiervon war, da Deschamps Victor Hugo
zu mir fhrte und ihn mir vorstellte. Er sprach einige artige Worte,
unter andern, da die Franzosen _tort_ htten, keine fremde Literatur
zu kennen. Ich war ein wenig ungehalten, und antwortete: Ja, das habt
Ihr allerdings! Es wre so dumm nicht, wenn Ihr Euch ein wenig um Eure
Nachbarn bekmmertet. Darauf wechselten wir mehrere artige Redensarten;
zu einem ordentlichen Gesprche kam es aber nicht, und wir trennten uns,
nachdem er mich wieder gebeten hatte, ihn zu besuchen.

Bei dem Herzoge von Nemours traf ich ihn wieder und da ich nun das erste
Mal mich expectorirt und ihm ein wenig imponirt hatte, trat ich ihm
freundlich entgegen und versprach, ihn zu besuchen, aber weder hier noch
spter auf einem Balle beim Knig kam es zu einer lngern Unterhaltung
zwischen uns.

Jetzt beschlo ich also ihn zu besuchen. Er wohnt weit entfernt, an dem
Bastillenplatze, ich fuhr in einem Fiaker dahin; sein Audienzzimmer
ist gro; die Familie sa im Dmmerlichte und ein einladendes
Steinkohlenfeuer flackerte im Kamine. Hier, eh noch andere Gste kamen,
sprachen wir denn endlich von Diesem und Jenem. Hier ist der englische
Schauspieler Macready mit seiner Truppe angekommen, um Shakespeare'sche
Stcke aufzufhren. Ich hatte ihn als Hamlet gesehen. Victor Hugo
lobte ihn. Ich entgegnete freundlich: Ich bitte um Verzeihung; aber
ich kann nicht Ihrer Ansicht sein. Hamlet mu ein liebenswrdiger,
junger Mann sein, voller Schwrmerei, Gefhl, Humanitt -- er mu das
Herz einnehmen, mu natrlich sein u. s. w. Macready ist alt, hlich,
affectirt, convulsivisch. -- _Vous avez raison_, sagte Victor Hugo,
ohne ferner seine Ansicht zu vertheidigen. Nun langten mehrere Gste
an, und damit war die Audienz zu Ende.

Es ist sonderbar mit diesen Franzosen; sie wissen gar nichts von uns
Fremden, aber sie =wnschen= auch nichts von uns zu wissen; -- sie
fragen nur, wie wir in Paris uns amsiren. Victor Hugo hat eine schne
Frau; zwei hbsche Shne, und eine allerliebste Tochter. Er lie sich
nun in Conversation mit seinen Damen ein, und bekmmerte sich nicht
mehr um mich, und ich gesellte mich zu einem Herrn Ehrenbaum, einem
deutschen Doctor. Ich betrachtete das Zimmer, welches das Ansehen einer
groen Rumpelkammer hatte, in dem eine Menge alte Mbel zusammengetragen
waren, unter andern auch ein Thronhimmel aus den Zeiten Ludwig XIII.
Ich hielt mich nicht lange auf, aber Victor war doch so hflich,
mich bis zur Thre zu geleiten. Ich hatte weder Nasses noch Trocknes
genossen; doch jetzt bekam ich Nasses genug, denn der Regen go in
Strmen herab. Ich kannte die Strae nicht und verirrte mich. Mitten
auf dem Bastillenplatze blieb ich endlich vor einem hohen, ungeheuern,
schwarzen Gegenstande stehen. Es war der groe Elephant, den Napoleon
hier aufstellen lie, der mir durch seine Gegenwart sagte, da ich
mich verirrt hatte, und gerade nach der entgegengesetzten Richtung
gehen sollte. Hier fand ich aber endlich, wie eine gebadete Maus, einen
elenden Fiaker, mit dem ich nach Hause fuhr. -- Das war mir Alles
ganz recht; was wollte ich dort? Ich habe viele von Victor Hugo's
Werken wieder gelesen, obgleich ich bereits die Mehrzahl schon kannte.
Lucretia Borgia, Marion de Lorme, _Le roi s'amus_, Marie Tudor,
Ruiz Blas, und ich befinde mich jetzt wieder mitten in seinem _Notre
Dame de Paris_. Ich kann das Urtheil, das ich bereits frher ber ihn
ausgesprochen, nur wiederholen. Er ist ein Mann von Geist, von Feuer
und Phantasie, und zweifelsohne derjenige der franzsischen Dichter,
der das grte Talent besitzt. Aber er ist in einem hohen Grade bizarr
und convulsivisch und alle seine Helden und Heldinnen sind tragische
Carrikaturen. Die unglckliche Ansicht, das Moralische und Tugendhafte
in der Poesie als etwas Bornirtes, Unpoetisches, ja fast Einfltiges
und Dummes zu betrachten -- hat sich auch seiner bemchtigt. Weil so
viele Stmper und Heuchler frher diese Motive zu flauen Affectationen
=mibrauchten= -- ist er und Consorten (denn diese Tendenz ist ja auch
in germanischen und skandinavischen Lndern Mode) darauf gefallen, das
Laster fast zu vergttern. Er schildert das Laster ohne Abscheu und
Verachtung, mit glnzenden Farben, und durch die Art und Weise, wie es
dargestellt wird, spendet er ihm Achtung und Bewunderung, whrend das
Gute und Edle bei Seite geschoben und wie etwas Veraltetes, das nicht
mehr der Zeit angehrt, fast verachtet wird! -- Leider, wenn es so
fortgeht, so werden wir bald -- wieder Barbaren werden knnen. Barbaren?
Nein, dazu fehlt uns die krftige Naivett und die entschuldigende
Unwissenheit. -- Wieder wie die Thiere? Nein, dazu sind wir leider zu
klug, zu erfahren und kenntnireich. -- Aber spitzfindige Bestien und
gebildete, feine Cannibalen, das =knnten= wir werden! Doch -- es hat
keine Noth! Auch unser Zeitalter besitzt =eine groe Masse= Menschen
mit gesundem Sinn und Herzen, welche diese genialen Knabenstreiche
verachten. In Victor Hugo's Dramen und Romanen findet man kaum einen
Menschen mit gesundem Sinn und von honettem Charakter. Die Composition
seiner Bhnenstcke ist sehr schwach und unnatrlich. Wenn Einer etwas
erfahren soll, das er eigentlich nicht erfahren drfte, so legt er
sich auf der Stelle hin und =stellt= sich als schliefe er. Je nach dem
Bedrfni des Stckes springen die Personen aus Schrnken, Wnden,
Mauern u. s. w. hervor. Da es unmglich ist, mit einer Tragdie
irgend eine Wirkung zu bezwecken, wenn man das Herz nicht rhrt, so
wird solches denn auch durch diese oder jene edle Eigenschaft bei den
lasterhaften Personen hervorgebracht. Aber wie -- z. B. -- kann man
Mitleid mit einer Lukrezia Borgia fhlen, weil diese Furie, dieser
tragische Ausbund in ihren eigenen Sohn verliebt ist, und die Schuld
seines Todes trgt. Und so ist es berall. Zuletzt wird dem Laster
immer etwas Erhabenes und Edles beigegeben, das unser Mitleid erwecken
soll. Weder Aeschylos, Sophokles, Shakespeare oder Schiller haben so
gedacht. Selbst bei dem katholischen Calderon berholte seine gute Natur
die schiefe Bildung -- und, aller Vorurtheile, und alles Aberglaubens
ungeachtet, schimmert das echt Humane bei ihm herrlich durch. Goethe
neigte sich der Entschuldigung und der Idealisirung der Wollust in
einigen seiner Werke zu. Eine gefallene Tugend -- wo der =Geist= noch
tugendhaft ist! -- =kann= auch entschuldigt werden. Gretchen, Klrchen,
die Bayadere sind schn und herrlich. Christus selbst entschuldigt
die bende Magdalena. Das ist aber etwas ganz Anderes, als Victor
Hugo's Dirnen. Seine Dialoge sind brigens geistreich und der Zwang des
Reimes verhindert ihn nicht an einer natrlichen Diction. Es finden
sich mehrere gute Scenen in seinen Werken, so z. B. Knig Ludwig, der
Richelieu bis auf den Tod hat und ihm doch blindlings gehorcht -- wie
der Vogel, der in den Rachen der zischenden Klapperschlange hinabfliegt.
Victor Hugo ist =interessant=. Man langweilt sich nicht mit ihm. Aber
-- wenn man ihn gelesen, so hat man einen =bittern= Nachgeschmack, denn
wodurch erweckt er besonders das Interesse? Durch das Grausenhafte!
Seine Stcke sind meistentheils Hinrichtungsscenen. Man folgt ihm auf
den Richtplatz. Er malt uns Alles aus: den Scharfrichter, das Beil, den
Block, die Angst des Snders, das Blut, das Grausen der Zuschauer; aber
man schmt sich fast nach der Lectre, bei einer solchen Hinrichtung
zugegen gewesen zu sein, und wie Tiberius und Nero eine geistige Wollust
in der Nervenerschtterung der Schrecken und in der Grausamkeit gefunden
zu haben. Noch habe ich Victor Hugo's lyrische Gedichte zu lesen.
Diese sollen edler, besser sein; die allgemeine Meinung hier ist, da
er eigentlich ein lyrischer Dichter ist. Es wird mich erfreuen, von
ihm etwas Schnes zu lesen. =Die Schnheit= ist doch der Stoff aller
Kunst; Tugend und Wahrheit wird als etwas veraltetes verworfen. Ist
die Schnheit gleichfalls veraltet? -- Dann wre es dem Loke geglckt,
Ydun mit den Aepfeln wieder in Jothunheim in Ketten zu schmieden,
und so knnte ja die ganze Natur veralten und ins Grab steigen. Das
genialste Werk Victor Hugo's ist doch ohne Zweifel, der ungeheuren
Migestalten und Auswchse ungeachtet, sein Notre Dame de Paris. Es ist
kein Kunstwerk; es ist ein unordentliches Magazin von Studien, welche
mehr denn zur Hlfte das Buch fllen, und die gemacht sind, whrend er
dasselbe schrieb. Die Ideen ber das Romantische, ber die alte Baukunst
des Mittelalters hat er, aus unzusammenhngenden Mittheilungen und
Traditionen, doch aus Deutschland geholt und in seiner Weise zugestutzt.
Seine Abhandlung ber die Architektur ist bis auf wenig Einflle eine
bertriebene Phantasterei. Wenn man wei, was in dieser Richtung
geschehen ist, seitdem Goethe seine kleine Abhandlung ber Straburg
schrieb, und was spter Wackenroder, Tieck, die Schlegel, Knstler und
Kunstkenner wie der Architekt Moller, die Gebrder Boissere, wie in
Mnchen die ausbenden Knstler geleistet haben, so wird Victor Hugo's
Gerede davon kindisch und unwissend. Hchst sonderbar ist auch die
Herzlosigkeit, die sich berall in dem Werke zeigt, der totale Mangel an
religisem Gefhl, wenn er z. B. die alte herrliche Kirche Notre Dame
betrachtet -- die ihm doch zu dem Ganzen begeistert hat, und diese edle,
wrdige Gedenktafel der Kunst nicht allein mit seinem abscheulichen,
einugigen, buckligen, rothhaarigen, tauben, boshaften Quasimodo
vergleicht, sondern diese Bestie, als den Genius der Kirche hinstellt
und sagt: _A tel point que, pour ceux, qui savent que Quasimodo a
exist, Notre Dame est aujourd'hui dserte, inanime, morte. On sent,
qui'l y a quelque chose de disparu. Ce corps immense est vide, c'est un
squelette; l'=esprit= la quitt, on en voit la place, et voila tout.
C'est comme un crane, ou il y a encore des trous pour les yeux; mais
plus de regard._

Eine solche Art des Fhlens und des Denkens findet man berall im
Buche. Aber das Buch ist interessant, weil es gute Scenen, einige
gute Charaktere besitzt, und weil es ein Bild des pariser Lebens der
damaligen Zeit giebt. Seine Leser in dieser Weise zu unterhalten, indem
er nmlich seinen Roman zu einer Zeitschilderung macht, in welcher das
individuell Historische hervortritt, hatte Victor Hugo von Walter Scott
gelernt. Aber wie weit schner und besser malt nicht dieser! Bei Walter
Scott tritt immer das Schne, das Edle als die Hauptsache hervor. Victor
Hugo schildert den Crapule; in seinen Dramen, in =aristokratischer=
Weise, den =vornehmen= Crapule, der nur die Wollust und die
grosprechende dumme Courage kennt, um unbedingt, Alles aufopfernd,
seinem einzigen Abgotte, seinem Dalai-Lama, seinem Vitzli-Putzli --
dem _Point d'honneur_ zu huldigen. Hier in Notre Dame wimmelt es von
=Pbel=, von europischen Cannibalen. Aber das historische Colorit
und einige gute Erfindungen machen es amsant zu lesen, so ist z. B.
die Scene mit dem zerbrochenen Kruge vorzglich. Die schnste aller
Schilderungen Victor Hugo's findet sich gleichfalls in diesem Buche:
Esmeralda, die einzige eigentlich anmuthige und unschuldige Schpfung,
die seiner Phantasie entsprungen. Sie giebt Veranlassung zu vielen
schnen, echt poetischen Scenen. Wie diese seine anmuthige Schpfung in
menschlicher Weise entstanden ist und in dem wildesten Crapule leben
und gedeihen kann, ist eine andere Frage. Wie sie schuh-, strumpf- und
handschuhlos noch immer eine fast soignirte Schnheit bleiben kann --
da sie doch keine Fee ist -- darber die Natur zu fragen, wrde wenig
nutzen; denn dieselbe leiht den Erfindungen Victor Hugo's nur flchtige
Zge. Wir knnten ebenso leicht fragen, wie dieser elende, bucklige
Quasimodo so ungeheure Krfte besitzen kann. Aber -- Esmeralda ist
voller Anmuth -- und hatte Victor Hugo auch nur sie allein geschildert,
so war er schon dadurch Dichter. Einzelne Scenen mit ihr sind sogar
meisterhaft, z. B., wo Phbus sie vom Thurme zu den vornehmen Damen
ruft; auch ihr Tod ist schn.

Aber, du lieber Gott, ich bin ja in eine lange Abhandlung gerathen,
die den Briefton ganz verlt! Jedoch -- derselbe berhrt etwas, allen
denkenden und fhlenden Menschen unserer Zeit sehr Wichtiges: Das -- in
hherer Bedeutung -- Sittliche, das in der engsten Bezeichnung zum Guten
und Frommen steht.

Ich erinnere mich noch bei dieser Gelegenheit einer Aeuerung des Knigs
Louis Philipp gegen mich, die Ihr nicht ohne Interesse lesen werdet. Er
klagte gleichfalls, indem er von dem Zeitgeiste sprach ber _les moeurs
et les thtres_, und zuckte dabei mit den Achseln. Ich machte die
Bemerkung, da es gewi schlimm und gefhrlich sei, die Laster und die
Ausschweifungen nur von einer brillanten Seite zu schildern. Ich werde
Ihnen eine Anekdote erzhlen, sagte der Knig, die sich krzlich hier
ereignet hat. Ein junger Mann hatte eine Tante, die ihn sehr liebte.
In einem schwachen Augenblicke vertraute sie ihm an, da er in ihrem
Testamente zum Universalerben eingesetzt sei. Kurz darauf stirbt die
alte Tante; man findet, da sie vergiftet ist, stellt eine Untersuchung
an, und entdeckt, da der junge Mann seine Wohlthterin vergiftet
hat. Er wird gefnglich eingezogen, zeigt aber -- als die Thatsache
hinlnglich erwiesen ist -- nicht die geringste Trauer oder irgend
eine Art von Gewissensbissen. In einem sen menschenfreundlichen Tone
betheuert er, die That vollbracht zu haben, um seiner Tante gefllig zu
sein, weil sie alt und schwchlich, von den Krankheiten ihres Alters
zu leiden hatte, und -- weil sie doch so wie so baldigst htte sterben
mssen. Er hatte das Gift an einem Lamme versucht, das er gleichfalls
sehr lieb hatte; dasselbe sei, wie spter die Tante, ohne Schmerzen
gestorben, und sie sei ihm also, aufrichtig gesprochen, noch obendrein
verpflichtet, weil er ihr einen angenehmen, ruhigen und schmerzlosen
Tod verschafft habe! Wie gefllt Ihnen das? fragte der alte Knig,
nachdem er die Geschichte beendet hatte, und blickte mir dabei mit
wahrem Menschengefhl ins Auge.

Ich nenne ihn alt, er ist auch alt; doch, weit entfernt schwach zu sein,
ist er ein krftiger Mann. Als ich ihm mit einer gewissen Eitelkeit
erzhlte, da ich fnfundsechzig Jahre alt sei, rief er mit frhlichem
Stolze: Aber ich bin einundsiebenzig.

[Sidenote: Spontini.]

Eines Abends war ich in Gesellschaft bei dem reichen Instrumentenmacher
=Erard=, woselbst sich, wie Jemand sehr witzig sagte, dreitausend
Freunde versammelt hatten. Die Einladung zu diesem Balle hatten wir
=Spontini=, dem Schwager Erard's, zu verdanken. Er ist ein Mann von
wahren Verdiensten. Die Vestalin ist ein Meisterstck, und Ferdinand
Cortez ist ausgezeichnete Musik. Er soll in seinem Vaterlande viel
Gutes gebt haben, weshalb der Papst ihm den Grafentitel verlieh. Er
war in Berlin Musikdirector und wollte -- laut seines Contractes --
nicht dem Theaterchef Graf Redern weichen. Hier verlief er sich durch
die Behauptung, der Knig selbst vermge nicht, sein ihm gegebenes Wort
zurckzunehmen, wenn auch derselbe den Willen dazu habe. Spontini's
Feinde verstanden diese Aeuerung in ein _crimen laesae majestatis_ zu
verdrehen. Es wurde eine Commission niedergesetzt, man sprach von neun
Monat Gefngni in Spandau. Darauf wurde die Sache vom Knig selbst
niedergeschlagen. Spontini erhielt seinen Abschied und bekam seinen
ganzen, bedeutenden Gehalt als lebenslngliche Pension; jetzt lebt er
auf einem groen Fue in Paris.

[Sidenote: Madame Constant.]

Ich habe bereits in frheren Briefen meiner treuen Freundin, =Madame
Constant=, der Wittwe Benjamin's, gebornen Comtesse Hardenberg,
Erwhnung gethan. Sie ist eine freundliche, gastfreie, alte Frau, die
noch einen muntern Geist besitzt, aber in einer sonderbaren Weise ganz
ihr Gedchtni -- vergessen hat! Doch kehrt dasselbe mitunter zurck.
Aber -- sonderbar genug! -- ich wurde empfangen und wie ein alter
Freund in die Familie aufgenommen; jedoch einmal whrend eines Gesprchs
mit mir hatte sie ganz vergessen, da wir einander vor achtunddreiig
Jahren gekannt hatten, trotzdem dies gerade der Grund des liebevollen
Empfanges war. Einst frug sie mich -- obwohl, wie es der liebe Gott
wei, mein Franzsisch, bei weitem nicht klassisch ist, ob ich auch
Deutsch sprche. Wir hatten schon sehr oft Deutsch mit einander geredet.
Sie ist noch aus der alten, hflichen Schule, sogar dermaen, da sie
ihre Katze Mademoiselle und ihren Bedienten Monsieur nennt. _Merci
Monsieur_ sagt sie oft, wenn ihr derselbe einen Teller reicht. Doch
dies Letztere knnte man vielleicht eher der neueren Gleichheit, als der
alten Hflichkeit zuschreiben. Eine komische Anekdote gab hier in der
Gesellschaft Veranlassung zu vielem Lachen. Die gute, alte Frau lt
ihren Gsten nicht allein einen guten Rothwein, sondern gewhnlich auch
ein Glas Champagner einschenken. Nun war ihr der Champagner ausgegangen,
und sie schrieb deshalb an ihren Commissionair. Sie hatte schreiben
wollen: _Faites-moi un envoi, comme le dernier_. Aber, da sie sehr
_distrait_ ist, schrieb sie: _Faites-moi un enfant, comme le dernier_.
Dieser naive Wunsch einer Frau ihres Alters konnte nicht anders als das
Zwergfell Derjenigen erschttern, die den Brief gelesen hatten.

[Sidenote: Grfin Bourke.]

Gestern (den 17) waren wir zu einem Fest bei der =Grfin Bourke=. Vor
einiger Zeit hatte ich bei ihr zu Mittag gespeist; doch die gestrige
Einladung galt keiner Mahlzeit wo man it, sondern wo man selbst
gegessen wird, wie Hamlet sagt -- denn es war eine Einladung ihres
Verwandten und Erben, des jungen Grafen Bourke, sie zur letzten
Ruhesttte zu geleiten. Sie war eine alte einundachtzigjhrige Frau. Als
wir in das Trauerhaus traten, verletzte uns der Mangel an Feierlichkeit.
Es waren keine Trauergardinen, keine Trauermntel zu erblicken und das
Gefolge trat, in seinem gewhnlichen, tglichen Anzuge auf die Strae,
fast wie zu einem Judenbegrbni, heran, Einige in blauen, Andere mit
grauen Beinkleidern -- Alle aber mit schwarzen Handschuhen angethan.
Auen am Hause waren einige schwarze Teppiche mit silbernen Fransen
aufgehngt, der Sarg stand im Thorwege, der in eine schwarze Trauerhalle
verwandelt war. In dieser Weise begleiteten wir zu Fue die selige
Grfin. Aber die schne Magdalenenkirche war in der Nhe; =hier= fanden
wir die Feierlichkeiten. Die Kirche war mit schwarzen Teppichen, mit dem
Wappen der Verstorbenen geziert, und inmitten derselben, von unzhligen
Wachskerzen umstellt, wurde der Sarg unter einen prchtigen Katafalk
gestellt, der hoch in das Gewlbe hinaufragte. Schne, alte Seelenmessen
und Hymnen erklangen aus den krftigen Bastimmen der Mnche mit den
Discanten der Knaben; es war dies keine moderne Kirchen-Theater-Musik.
Htten nur nicht die Pfaffen den Eindruck durch =ihre= Manvers
verdorben. Bald verbeugten sie sich vor unserm lieben Herrgott nach
rechts, nach links, bald schritten sie dorthin, bald dahin; dann muten
die Knaben mit Kerzen die Stufen bald hinab, bald hinan steigen. Mir
kam es vor, als suchten sie den Herrgott und -- als sei er nicht zu
Hause und sie mten warten, bis er kme. Endlich trug man den Sarg
aus der Kirche auf den Leichenwagen, nachdem erst das ganze Gefolge
ihn mit einem Weihwedel besprengt hatte. Es ist dies ein schnes Bild
der persnlichen Theilnahme. Diese schuldet jeder Mensch dem andern an
der hohen Pforte der Ewigkeit, und als solche bedienten William und
ich, obgleich Protestanten, uns gleichfalls des Weihwassers. Des echten
Weihwassers erblickte ich in der ganzen groen Versammlung nur zwei
Tropfen, in den Augen des jungen Bourke, als der Sarg hinausgetragen
wurde. Die Verewigte war ihm eine gute Tante gewesen: Grafentitel,
Reichthum -- Alles hatte er ihr zu verdanken.

[Sidenote: Brssel.]

                                         Kopenhagen, den 20. Mai 1845.

-- -- In einem meiner frhern Briefe habe ich erzhlt, da Knig Louis
Philipp mich, als ich einmal bei ihm zur Tafel war, bei der Hand fate
und zu einem Manne fhrte, der sehr freundlich mit mir sprach, meine
Schriften in der deutschen Ausgabe gelesen hatte, und mich bat, ihn
zu besuchen. Ich kannte ihn nicht, aber spter fand ich heraus, da
es der Knig von Belgien sein msse. Die Reise ging also jetzt wieder
ber Brssel. Ich war etwas unruhig ber diese Einladung, weil ich es
immer hinausgeschoben hatte, mich nher zu erkundigen, und jetzt, da
es zum Treffen kam, nicht genau wute, ob es auch wirklich der Knig
sei, der mich eingeladen hatte. Ich studirte vorher Kupferstiche und
Bsten -- mitunter fand ich Aehnlichkeit mit dem hohen, groen Manne,
der mich eingeladen hatte, mitunter nicht. =Coopmans=, unser _Charg
d'affaires_, kratzte sich auch hinterm Ohre, und sagte: es sei so
nicht die Gewohnheit des Knigs. Ich antwortete: dann erzeigen Sie mir
die Gte, den Knig zu fragen, ob er es erlaubt, da ich ihm meine
Aufwartung mache, indem ich durch das Land reise. Dies fand =Coopmans=
in der Ordnung; ich wurde zur Audienz angesagt. Es war ganz richtig. Der
Knig sprach lange und freundlich mit mir. Einige Tage darauf wurde ich
zur Tafel geladen, wo ich die Knigin, die Tochter Louis Philipp's, sah
-- eine sehr gutmthige, freundliche Dame -- und am Tage darauf reiste
ich ab[2].

  [2] Kurz nach der Rckkehr von dieser Reise wurde Oehlenschlger zum
      Offizier des Leopold-Ordens ernannt.

[Sidenote: Hamburg.]

Jetzt bekam ich gleichfalls Lust, wenigstens ein Stck von Holland zu
sehen, umsomehr, weil es weder mehr Mhe noch mehr Geld erforderte.
Wir reisten ber die alte Stadt Antwerpen nach Amsterdam, einer
interessanten Stadt, die fast aus lauter Kanalstraen und Alleen
besteht. Ich war auch hier genthigt, einige Tage zu bleiben, um das
Dampfschiff, das nach Hamburg ging, zu erwarten. Die hollndische
Sprache gefiel mir; sie klang mir wie Englisch, ohne franzsische
Beimischung. Endlich kam das Dampfschiff an, wir gingen an Bord
und erreichten bald und glcklich Hamburg, das ich gar nicht
wiedererkannte; wir stiegen in Streit's Hotel am Jungfernstieg ab. Ich
besuchte den Theater-Director =Cornet=, der uns gleich Freibillets gab,
aber bedauerte, da wir uns diesen Abend mit seiner kleinen Loge auf der
Bhne selbst begngen mten. Smmtliche Billets des ungeheuern Theaters
waren schon vergriffen, Jenny Lind sang die Norma. Dort sa ich nun
und sah die liebliche nordische Jungfrau nach allen den franzsischen
Talenten -- aber sie hat auch Talent und ein gutes Spiel untersttzt
ihre ausgezeichnete Stimme. Es schien mir, als sei =Freia= von Walhalla
herabgestiegen, um einmal die sdlichen Musen zu vertreiben. Als der
erste Act aus war, htte das ganze hamburgische Publikum mich beinahe an
ihrer Hand zu sehen bekommen, denn ich lief auf sie zu, und ergriff ihre
Hand in demselben Augenblick, als der Regisseur: von der Bhne rief,
denn sie sollte nach deutscher Sitte hervorgerufen werden. Sie wute
gar nicht, was es fr ein Mann sei, der sie so vertraulich anredete und
ihr in nordischer Sprache dankte; als sie mich aber erkannte, freute
sie sich, und gedachte des Abends, den sie vor einigen Jahren bei mir
verbracht hatte.

Die Schauspieler wollten durchaus Correggio vor mir spielen, und somit
geboten mir Hflichkeit und Dankbarkeit, einige Tage lnger als bestimmt
war zu verweilen. =Baison= spielte die Titelrolle gut aber ein wenig
zu sentimental. Bei dem Conferenzrath =Donner= auf Neumhl war ich zu
Mittag eingeladen; er hat dort eine herrliche Villa an der Elbe mit
Arbeiten von Thorwaldsen und Nissen geschmckt. Etatsrath =Nagel=, der
in frhern Tagen Amanuensis bei =Brandis= war, gab uns ein prchtiges
Frhstck und fuhr uns nach Blankenese. Weil ich von Brandis rede, mu
ich eine Anekdote erzhlen. Als er in den letzten Athemzgen lag, sagte
er: Der dumme Apotheker N. N. sagte immer die meisten Menschen strben
gegen Mitternacht; und nun kriegt der verfluchte Kerl auch Recht, was
mich betrifft, denn ich werde auch ungefhr zwischen 11 und 12 sterben.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Skandinavisches Studentenfest.]

[Sidenote: Ein sonderbarer Traum.]

                                        Fasanenhof, den 5. Juli. 1845.

      Meine liebe Maria!

-- -- Bei der groen Zusammenkunft der Studenten der drei nordischen
Reiche, hatte mir das Comit vier Gste, drei Schweden und einen
Norweger, zugetheilt. Sie wohnten in der Stadt in meinen Zimmern; des
Mittags kamen sie zu mir heraus und aen mit mir zusammen, an den
Tagen nmlich, an welchen keine ffentlichen Feste veranstaltet waren.
Die Norweger und Schweden sind sehr beliebt, nicht allein bei den
Studenten, sondern bei allen Einwohnern Kopenhagens. Eine so ungeheure
Menschenmasse, wie die, welche sie vom Hafen aus nach der Universitt
begleitete, ist vielleicht noch nie in Kopenhagen gesehen worden. Viele
Damen warfen Blumen auf die lieben norwegischen und schwedischen Gste
von den Fenstern herab. Ich bin berzeugt, da die jungen Mnner, von
Achtung und Liebe fr die Dnen erfllt in ihre Heimath zurckgekehrt
sind. Sie kamen auch im Zuge zu mir. Ich begrte sie in der groen
Allee vor dem Fasanenhofe. Sie fhrten zwei Musikchre mit sich, eins
aus Upsala, eins aus Lund. Ein Docent =Petterson= aus Upsala hielt
eine hbsche Rede an mich, und die Studenten sangen ein schnes Lied.
Ich bezeigte ihnen meinen Dank, meine Freude darber, da der Funke
nordischer Bruderliebe, den ich vielleicht durch meine Gedichte zu
entznden beigetragen, jetzt als eine Flamme in jeder nordischen Brust
glhe. Ich sprach meine Freude darber aus, da mir so viele Ehre von
einer so groen Versammlung in demselben Garten erzeigt werde, wo ich
als Kind so lange Zeit einsam in meinen Trumereien umhergegangen
sei. Ich bat sie, sie mchten, wenn sie einst wieder mit ihren Shnen
hierherkmen, und der Dichter-Greis nicht mehr sei, denselben sagen:
Hier schlug ein ehrliches, treues Herz fr den brderlichen Norden;
in diesem sommerlichen Schatten besuchte ihn Ydun und lehrte ihn
die Lieder, die noch leben, und durch welche er uns noch frisch und
jugendkrftig grt. -- --

Was soll ich Dir jetzt noch erzhlen, was Du nicht bereits schon
weit? Ich wte nichts. Doch ja -- ich habe diese Nacht einen
wirklich kuriosen Traum gehabt, den will ich Dir, und zwar ohne alle
dichterische Ausschmckung erzhlen: Es trumte mir, ich hatte ein
schnes Miniaturbild fr ein Taschenbuch gemalt. Alle Menschen sagten,
wenn ich das herausgbe, wrde das Buch ganz vorzglich gehen. Aber
dann begegnete mir Winckler (ich war ihm gestern im wachen Zustande im
Sdfelde begegnet), er bat mich um das Bild -- ich gab es ihm, und mute
spter viel von meinen Freunden leiden, weil ich mich von einem solchen
Schatze getrennt hatte. Aber dann setzte ich mich wieder ruhig hin und
=malte= eine Daguerreotype so knstlich, da, wenn man sie von einer
Seite sah, war sie Maria mit dem Christuskinde, von der andern Seite
stellte sie Christus am Kreuze dar. Dies fand man, sei noch besser,
und versicherte mir, da, wenn ich damit nach Paris ginge, wrde ich
mein Glck machen und groes Vermgen erwerben. Dies wollte ich denn
auch; als ich aber erfuhr, da =Raphael= zufllig in Kopenhagen sei,
wollte ich ihm das Bild erst zeigen. Ich besuchte ihn und wunderte
mich darber, da er einem vornehmen Manne hier ganz hnlich sah. So
sieht Raphael aus? dachte ich. Mit diesen Augen, diesem Blick hat er
soviel Schnes und Herrliches gesehen und durchschaut! Ich zeigte
Raphael meine Daguerreotype. Er wurde ganz roth im Gesicht und sagte:
Etwas so Schnes habe ich noch nie hervorgebracht. Htte ich es doch
gemacht! Wenn das doch =meine= Arbeit wre! Wollen Sie sie mir nicht
schenken, ich knnte es dann fr =meine= Arbeit ausgeben. -- Ich war
so geschmeichelt und so entzckt, als Raphael den Wunsch uerte, mein
Bild geschaffen zu haben, da ich rief: Ja herzlich gern! und ihm das
Bild gab, indem ich doch zugleich ber seine moderne Frisur sann, und
darber, da er ein so kurzes Hinterhaar hatte. Nun hatte ich auch
diese Arbeit verschenkt, und mich selbst einer groen Einnahme beraubt,
aber es war an Raphael. Ich trat spter auf den Marktplatz hinaus, wo
ich Raphael's Frau sah, auf einem Fleischerwagen sitzend, mit einer
alten Kapuze auf dem Kopf; man sah deutlich, da sie in ihrer Jugend
schn gewesen, sie glich Frau S. Sie hielt das Bild in der Hand und
fuhr damit auf dem vollgeladenen Fleischerwagen nach Paris; die groen
Fleischstcke im Wagen zeigten sich noch meinem wehmthig nachblickenden
Auge, nachdem das Bild verschwunden war.

War das nicht ein kurioser Traum? Ich glaube die Veranlassung desselben
ist das Gefhl, das mich in dieser Zeit beherrscht, wo ich vier
Theaterstcke drucken lasse, ohne sie auf die Bhne bringen zu knnen.

Heute Morgen, ehe ich noch frhstckte, ging ich in den Garten, und
schnitt Georginen und grne Rosenbltter fr Deine zwei Portraits. Das
Bild von Grtner hngt hier in meinem Arbeitszimmer, das andere in dem
groen Gartenzimmer, Vaters Bste, welche auf dem Ofen steht, gegenber.
Ich steckte die Blumen ber die Rahmen der lieben Bilder. Doch das mu
ich Dir sagen, dieser Gru galt nicht allein Deinem Geburtstage, er ist
Dir den ganzen Sommer hindurch gebracht worden. Die Georginen halten
sich lnger frisch als die Rosen; sie tragen den Namen Deiner seligen
Mutter, und wenn ich die Bilder mit ihnen schmcke, ducht es mir, als
sei sie, ein seliger Engel, dabei und sprche den Segen des Himmels ber
ihr Kind. Ich sage dann oft wie Walborg: Ich gr' Dich, meine Liebe!
Guten Morgen!

Aber hre jetzt -- ich sitze nicht allein hier -- eine groe schne
Person, mit Blumen angethan, steht im Winkel am Schreibtische, dort wo
mein alter Lehnstuhl stand. Diese Person ist -- ein neuer Lehnstuhl, der
gerade ganz akurat vorgestern hier eintraf, so pnktlich, da er (oder
sie) an diesem Tage in meiner kleinen Stube paradiren und Deine eigene
Person vorstellen konnte. Das ist fast mehr Sinn und Herz, als man
von einem Lehnstuhl zu erwarten berechtigt ist. Aber beste Maria! was
hast Du auch nicht auf seine Erziehung gewendet! Ein wenig streng bist
Du gewesen, denn fr jede schne Blume, die er mir bringt, hast Du ihm
unzhlige Nadelstiche versetzt. Doch -- diese Nadelstiche schmerzten ihn
nicht, und mir thaten sie wohl; es sind keine Herzstiche, das versichere
ich Dir. Das einzige Schlimme an diesem Lehnstuhle ist, da ich es nicht
ber mein Herz gewinnen kann, darin zu sitzen; vom Anlehnen will ich
nun gar nicht reden. William hat mir vorgeschlagen, den Stuhl mit einem
Netze zu berziehen; darin hat er Recht. In einem Netze will ich Deine
Liebe fangen, damit sie nicht davonflattere.

[Sidenote: Literarische Wirksamkeit.]

-- -- Ich habe in der letzten Zelt einige Romanzen geschrieben:
Tannhuser im Venusberge, Gtz von Berlichingen und der Schmied,
Die zwei Ruber. -- Ich denke zum Winter eine kleine Sammlung Poesien
drucken zu lassen. Meine Schauspiele sind jetzt unter der Presse. Das
Gespenst auf Herlufsholm ist schon beendet und Garrick wird es bald.
Dem Theater etwas einsenden, thue ich kaum wieder. Ich habe es satt,
mich dem Mkeln und Kritteln zu unterziehen. Sucht euch einen andern
Knecht! sagt Gthe im Vorspiel zu Faust. Ich habe jetzt diese Karten
der weltlichen Eitelkeit so lange gespielt, habe so oft die Vorhand
und Zwischenhand gehabt, und bin mit guten Karten in der Hand beet
geworden; kann ich nicht in der Hinterhand sein -- und meiner Sache
gewi -- so =passe= ich. Die Welt will immer etwas Neues, und da
Adam Oehlenschlger Schauspiele und Verse schreiben kann, ist ja was
Altes und Abgedroschenes. Indessen besucht mich meine Muse doch noch
immer, hat mich ganz lieb, und findet mich auch nicht zu alt fr ein
Liebesabenteuer mit ihr.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Dina in Wien.]

                                    Kopenhagen, den 13. December 1845.

Ueber Dina's Schicksal in Wien hat =Castelli= mir die Hiobspost
gesandt, da die Schauspieler gegen sie kabalisirten; aber vor einigen
Tagen erhielt ich eine ganz entgegengesetzte Nachricht vom Director
=Holbein= selbst. Von einer Kabale -- schreibt er -- ist nicht nur
keine Spur vorhanden, sondern vielmehr das Gegentheil. Mit Sorgfalt und
Theilnahme fr Gedicht und Dichter wird die Auffhrung vorbereitet,
und bald wird nichts dem schnen Kinde in den Weg treten. Da aber der
religise Schlu, die Scene mit dem Mnch, in dem katholischen Wien
nicht geduldet werden kann, so bat =Holbein= mich, eine Schlurede
fr Dina, ehe sie zum Tode geht, zu schreiben. Eine solche habe ich
gedichtet und schreibe sie hier ab:

              Die Stunde ruft, die Glocke schlgt.
              Die flcht'gen Gaukelbilder schwinden;
              Das arme Herz ist tief bewegt --
              Zum letztenmal -- bald wird es Ruhe finden.

              Und hab' ich auch viel Sorg' und Spott --
              Nicht ohne eigne Schuld -- erlitten --
              Doch dank' ich fr mein kurzes Leben Gott;
              Der harte Kampf ist ausgestritten.

              Was klag ich, da die Freude wich,
              Da eitle Hoffnung schnell verschwunden?
              Weit schner ist die Ros' als ich,
              Und lebt nur ein'ge Morgenstunden.

              Der Greis -- oft ohne Lebensglck --
              Ermattet sank, nach wiederholten Streben.
              Gesund und jung geb' ich Natur zurck,
              Die schne Blthe, die sie mir gegeben.

              Und dieses warme, volle Herz, --
              Im Tode wird es Glck erwerben --
              Es schwingt sich freudig himmelwrts --
              Ich wei es, meine Seele kann nicht sterben.

                    *       *       *       *       *

                                                  Den 4. Februar 1846.

Dina ist nun aufgefhrt, aber das Stck machte kein Glck. Ich verstehe
es nicht, den guten Leuten einen echten Wienertrank zu brauen. -- Ein
wiener Recensent, Namens Andreas Schuhmacher, hat es seinen Landsleuten
ganz gut gesagt. Er schreibt:

Von den zahlreichen Meisterwerken Oehlenschlger's war es der einzige
Correggio den Wien von der Bhne herab geniebar fand, und in
diesem Werke selbst war es das Knstlerleben, die bhnliche Einheit
und Falichkeit, und die entschiedene Hinneigung zum sentimentalen
Raisonnement, was es allgemeiner zugnglich machte, als die brigen
Dramen Oehlenschlger's sammt und sonders. Auf diesem Boden war Kotzebue
den grten Dichtern berlegen, die sich ja glcklich preisen durften,
wenn sie mit dieser prosaischesten aller Seelen den Theaterlorbeer
theilen konnten. Soviel nur, um darzuthun, da die eben vom Publikum
ziemlich einstimmig abgelehnte Dina nicht schlechter zu sein braucht,
als andere von ganz Deutschland bewunderte, von ganz Dnemark gefeierte
Dichtungen dieses Meisters. Hakon Jarl, Hagbarth und Signe, Axel
und Walborg wrden das gleiche Schicksal mit der Dina theilen, wenn es
Jemandem einfiele, sie mit =unsern= Schauspielern vor =unserm= Publikum
zu geben. Mag die Dina zergliedern, wer will; ein Dichter schrieb sie,
das beweist jedes Blatt! u. s. w.

Meine kleine Tragdie Das Land gefunden und verschwunden hat mir
die Theater-Direction selbst aufzufhren angeboten. Es ist kein
Knall-Effectstck; fr das Historische und Nationale hat man -- aller
skandinavischen Vereine ungeachtet -- nicht viel Sinn. Ich erwarte keine
groe Wirkung, aber das Stck wird gelesen und mit Achtung selbst von
den Stimmgebenden besprochen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Amleth.]

                                                   Den 19. April 1846.

Jetzt bin ich schon lange wieder flott. Ihr wit, ich war diesen Winter
eine Zeitlang auf dem Podagra-Riff auf den Grund gerathen. Es wre nun
sehr langweilig gewesen, wenn ich nicht ein Amsement gefunden, da auch
Andere, wie ich wnsche, amsiren wird. Ich habe noch einmal ein Herz
gefat und eine heroisch-nordische Tragdie in 5 Akten geschrieben,
um eine leere Stelle an der Wand meiner dramatisch-historischen
Bildergalerie auszufllen. Werde nicht bange, wenn Du das Blatt wendest
und liesest: Amleth. Es ist bei weitem nicht meine Absicht gewesen,
mit dem unsterblichen Shakespeare zu wetteifern; unsere Trauerspiele
unterscheiden sich nicht nur darin, da er (wie =von= Tyboe sein von)
sein H voran, und ich (wie Stygot=ius=) das meinige hinterher setze --
sondern die Stcke sind in Composition und Characteren =ganz und gar=
verschieden, welches Ihr erfahren werdet, wenn Ihr nach Frederiksberg
kommt und ich es Euch vorlese. Ich habe bereits die Freude, da mehrere
competente Richter meinen Amleth gutgeheien haben.

                                                    Den 30. Aug. 1846.

Hier sitze ich nun wieder zu Hause auf Frederiksberg mit allen meinen
lieben Erinnerungen und sage, wie die verwittwete Knigin einst zu mir
sagte: Ich lebe in den Erinnerungen. Habe Dank, meine geliebte Maria,
fr all Deine Liebe! Noch gehe ich nur kleine Touren, die ersten lngern
werden den Bumen im Garten und im Sdfelde gelten, wo ich Deinen
geliebten Namen finde. Ksse die sen Knaben, meinen Harald, meinen
Adam und meinen kleinen Wollert vom Grovater, und sage ihnen: ich kme
bald! Ach Gott, die lngste Zeit wird bald verstrichen sein.

Comique (wie Harald richtig sagt), oder Commk (wie Adam sich freier
ausspricht), liegt mir zu Fen. _Parole d'honneur_, ick hob'
keen andern! sagt der Jude in Heiberg's Knig Salomon von seinem
Schlafrock. Ein kleiner rother junger Hund, den mir v. d. =Maase=
geschenkt hat, geht im Hofe umher und heult. Er soll Robin (Roy) heien.
Die Dienstboten nennen ihn Ruben und glauben, er sei nach einem Juden
getauft. Leb wohl! Man scherzt oft mit einem schweren Herzen!

                                            Erster Weihnachtstag 1846.

Um zuerst von einem nur geistigen Kinde zu reden -- so wirst Du gelesen
haben, da Amleth Glck gemacht hat. Das Stck wurde an meinem 67.
Geburtstag aufgefhrt, und wenn auch an diesem Tage eine gewisse Piett
fr den Vater auf das Kind berging, so erntete doch das Stck vielen
Beifall und hat jedesmal ein volles Haus gegeben.

Am ersten Abend nach Auffhrung des Stcks, als ich nach Hause gekommen
war, brachte mir ein Lakai folgenden Brief vom Knige, der im Theater
gewesen war.

Herr Etatsrath Oehlenschlger! Sie haben mir durch Ihren Amleth einen
groen Genu bereitet. Ihr immer junger Dichter-Geist hat sich krftig
entfaltet und uns Alle begeistert; die Schnheit und Sinnigkeit des
Gedichts haben uns zur Bewunderung hingerissen. Ich sehne mich nicht
allein in meinem Namen, sondern auch im Auftrage der Knigin Ihnen
mndlich auszusprechen, was die dnische Dichtkunst Ihnen, dieses groen
Vorbildes halber, schuldig ist, und wie sehr ich Sie, mein lieber
Oehlenschlger, den Dichter, hochachte, der ich Ihnen heute viele frohe
Lebensjahre wnsche.

      Kopenhagen, 14. Nov. 1846.

                                                  Ihr wohlwollender
                                                     =Christian= R.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Vorlesungen.]

                                                 Den 15. Februar 1847.

In diesem Jahre halte ich vor einem groen Auditorium Vorlesungen ber
meine eigenen Tragdien. Den ersten Abend entdeckte ich dort etwas,
was ich in den 37 Jahren, wo ich an der Universitt gelesen habe, noch
nie wahrgenommen: nmlich eine Dame! Spter kam noch eine. Am nchsten
Abend waren deren fnf zugegen, dann zwlf, vierzehn. Ich erhielt nun
einen sehr hbschen anonymen Brief, worin man mir sagte, da mehre Damen
mich zu hren wnschten, aber da sie, obgleich man ihnen allerdings
gesagt, da meine Vorlesungen von Damen besucht wrden, doch nicht recht
wten, ob sie erscheinen drften. Ich wute nicht, was ich antworten
sollte, denn htte ich ffentlich gesagt: Kommen Sie nur! so wre eine
groe Menge herbeigestrmt, zum Theil aus Neugierde. Ich schwieg also
und dachte: Wenn sie wissen, da bereits Damen da sind, so knnen sie
ja ohne weitere Einladung kommen. Indessen whlte ich mir doch einen
greren Hrsaal, und hier stehe ich nun und lese vor einer bunten Reihe
von Damen und Herren, die den Saal fllen.

                    *       *       *       *       *

                                                   Den 18. April 1847.

Meine Vorlesungen habe ich fr diesen Winter geschlossen. Den letzten
Tag fand ich in meinem Zimmer einen schnen Blumenkranz und ein schnes
Gedicht von einer meiner (anonymen) Zuhrerinnen; ich nehme an von einer
der anmuthigsten. Ich kenne keine von Ihnen, denn auf dem Katheder
brauche ich keine Brille, und ohne solche vermag ich nicht weit zu sehen.

In dieser Zeit habe ich Amleth ins Deutsche bersetzt, was keine
leichte Arbeit war, wenn man die Trimeter dem Genius der fremden
Sprache entsprechend, mit Klang und Kraft wiedergeben wollte. Dahl in
Christiania verlegt meine neuen deutschen dramatischen Gedichte, nmlich
Dina, Garrick in Frankreich, Das Land gefunden und verschwunden
und Amleth.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Kiartan und Gudrun.]

                                      Frederiksberg, den 3. Juli 1847.

-- -- Weil wir von Tragdien reden, so darf ich nicht zu erzhlen
vergessen, da meine neue Tragdie Kiartan und Gudrun fix und fertig
ist, und den Beifall der Kenner und Freunde gefunden hat. Es ist eine
Liebes-Tragdie, aber von den frhern dieser Art darin verschieden, da
das Unglck nicht von Auen, sondern von Innen kommt.

Frau Heiberg wird eine vorzgliche Gudrun, einen heroischen, koketten,
dmonischen Character spielen.

Das Sujet ist sehr frei behandelt, ganz nach eigener Erfindung. Es ist
in Trimetern wie Amleth und Das Land gefunden und verschwunden
geschrieben, und es spielt sowohl auf Island wie in Norwegen.

Bei Bing lasse ich von einigen alten Uebersetzungen: Reinecke Fuchs,
Gtz von Berlichingen und Shakespeare's Sommernachtstraum neue
Auflagen besorgen. Reinecke Fuchs wird ganz umgearbeitet werden,
denn es sind 40 Jahre her, da ich ihn zuletzt Dnisch schrieb. Den
Sommernachtstraum dagegen vermag ich nicht zu verbessern.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Reise in Schweden.]

                                         Stockholm, den 13. Juli 1847.

Den Tag nach unserer Ankunft hier besuchten wir das Museum. Der alte
Herr v. =Rck=, dessen Bekanntschaft ich vor 30 Jahren bei Frau v.
=Arnstein= in Wien gemacht hatte, fhrte uns umher. Man gewinnt ihn
lieb; er hat Sinn und Geschmack und groe Liebe fr das, was er
vorzeigt; er ist auch nicht ohne einen gewissen naiven Humor. Die
herrlichen Arbeiten von =Sergel= imponirten mir. Er war doch auch
ein echter Bildhauer, grer als =Wiedewelt= und ging =Canova= und
=Thorwaldsen= voraus. =Fogelberg's= kolossale nordischen Gtterbilder
haben zwar etwas Plumpes an sich, aber das Genie spricht aus ihnen.

Gestern (Sonntag) waren wir des Vormittags in der Ridder-Holms-Kirche,
wo ich mit Ehrfurcht vor Gustav Adolph's Granit-Sarkophag stand und mit
bewundernder Erinnerung und Neugierde das Loch im Hute Karl's XII. sah,
und seine groen Stiefeln und die groen Schlssel eroberter Festungen
betrachtete.

Mittags waren wir zur Tafel bei Sr. Majestt. Nach der Mahlzeit
berreichte ich ihm meine zwei neuen Tragdien nebst einem Gedichte,
welches ich am Vormittage geschrieben hatte. Er dankte mir herzlich,
drckte wiederholt meine Hand und er, sowie die Knigin und die Prinzen,
die hchst liebenswrdig sind, unterhielten sich eine Stunde lang mit
mir.

Montag besuchten wir am Vormittage die Antiquittensammlung, und
am Mittage fuhren wir mit =Beskow=, der uns abholte, nach dem
Thiergarten, wo Staatsminister =Due= uns eingeladen hatte. Unter anderm
wurde Falerner Wein servirt, und hier nahm =Due= eine hbsche und
schmeichelnde Veranlassung, mir ein Hoch im Weine des Horaz zu bringen.
Den ganzen Nachmittag unterhielt ich mich mit Due, der ein charmanter
Mann ohne allen Dnkel ist; er erzhlte von der Reise, die er krzlich
mit seiner Frau und Tochter nach Afrika, nach Algier gemacht, wo sie
sich kstlich amsirt hatten.

                    *       *       *       *       *

                                         Stockholm, den 26. Juli 1847.

Ich habe wenig Zeit, Dir zu schreiben, will aber doch in der grten
Eile Dir das Wichtigste, was sich mit uns ereignet hat, erzhlen.
Beim Knige war ich noch einmal zum Abschied. Er war sehr gndig,
fhrte mich in seinen Zimmern umher, zeigte mir seine Gemlde, sein
Schlafzimmer u. s. w. Sonntag gingen wir auf dem Dampfschiffe mit
=Beskow= nach Gripsholm. Montag mit dem Dampfschiff nach Upsala. Ein
Gutsbesitzer Troil hatte die dnische Flagge aufgezogen und salutirte
(auf der Rckreise kam er selbst an Bord und begrte mich). Ueber das
mir zu Ehren veranstaltete Fest in Upsala kannst Du in den Zeitungen
lesen. Am nchsten Tage reisten wir von Upsala nach Danemora, wo Baron
=Tamm= uns empfing, und uns die Gruben zeigte. Ein Bergmann, der aus
der Grube heraufgewunden wurde, kam mit der Axt auf der Schulter und
berreichte mir ein Gedicht, und whrend ich dasselbe las, feuerte man
zwanzig Kanonenschsse unten in der Grube ab; es drhnte als wollte die
Erde auseinanderspringen. Auf der Reise von Danemora waren wir auf Odins
Hgel bei dem alten Upsala, traten auch in denselben, sahen eine Urne
mit Asche und leerten einen Becher mit Meth.

                    *       *       *       *       *

                                     Frederiksberg, den 16. Aug. 1847.

Die guten Schweden erwiesen mir, ebenso wie die guten Norweger, viele
Ehre und Liebe bei meinem Aufenthalt in Schweden.

In den drei Wochen, die wir in Stockholm verbrachten, waren wir fast
jeden Tag zu einem festlichen Diner. In der ersten groen Gesellschaft,
die mir zu Ehren im Thiergarten veranstaltet wurde, sa ich zwischen
dem alten =Bjrnstjerna= und dem Oberstatthalter Baron =Sprengtporten=.
Als ein vortreffliches Lied von =Beskow= gesungen war, zeigte der alte
Bjrnstjerna mit dem Finger auf eine der fr mich ehrenvollsten Stellen
und tippte eifrig darauf, und die Thrnen standen ihm in den Augen,
whrend er mich mit einem liebevollen Blick anlchelte. Ich erzhle
dies, um der Herzlichkeit und Liebe Erwhnung zu thun, die stets mit
der Ehre, die man mir erzeigte, verknpft waren, und die mir theurer als
diese Ehre selbst sind.

Es wrde Dir viel Spa gemacht haben, wenn Du bei dem Feste des
Kunstvereins im botanischen Garten zugegen gewesen wrest; dort kamen
die stockholmer Damen _en masse_ mit Blumen, die sie mir zuwarfen,
whrend ich wohl sechs-, siebenmal die Runde unter ihnen machen mute;
es war ein wirkliches Gewimmel, sie fllten den ganzen Garten. -- --

Glaube nicht, meine liebe Maria, da ich ein so eitler Mensch bin,
dies hher anzuschlagen, als sich gebhrt. Die groe Menge lt sich
zu gewissen Zeiten von Denjenigen animiren, die das Wort fhren und
den Ton angeben. Ich erinnere mich sehr gut aus der Zeit, wo man mich
verfolgte, wie eine groe Menge junger Herren mich geringschtzte,
ja fast verachtete, als sei ich schon verblht; sie waren dazu von
meinen Feinden und Neidern verleitet, welche kurze Zelt die Macht
erhalten hatten, oder wenigstens das Wort fhrten. Dergleichen mu man
fr das nehmen, was es eben ist. Aber ein Gefhl, das nicht ganz ohne
Realitt war, glaube ich allerdings, theilten Alle. Alle glaubten,
ich sei einer der ersten gewesen, der zu dem guten Verstndni
zwischen beiden Nachbarlndern beigetragen. Alle sagten sie mir das.
Als wir zur Tafel beim Knige waren, und ich ihm nach der Mahlzeit
das Gedicht berreichte, wovon ich bereits erzhlt habe, machte es
einen ersichtlichen Eindruck auf die ganze Knigsfamilie, und die
Knigin sagte mit Thrnen in den Augen zu William: Ihrem Vater und
=Tegnr= haben wir vor Allen fr das gute Einverstndni zu danken.
Als William meine Tuchnadel, die ein wenig entzwei gegangen war, zu
einem Goldarbeiter trug, betheuerte ihm derselbe gerhrt, da er keinen
Pfennig dafr nehme. Als ich der Tochter unserer Wirthin die Miethe
zahlte, wollte sie mir durchaus weinend die Hand fr all die Freude
kssen, die ihr meine Gedichte bereitet hatten.

Im Thiergarten speisten wir einmal in =Bystrm's= Villa. Ein schnes
Haus hat er sich dort ganz im italienischen Style erbaut und mit einem
groen Theil seiner Arbeiten in der Hoffnung geschmckt, da Knig Karl
Johann, der ihn sehr ehrte und kniglich bezahlte, es kaufen sollte.
Unglcklicherweise starb der Knig 14 Tage zu frh, sonst wre es
geschehen. Aber Bystrm ist so reich, da es ihn doch nicht ruinirt.

Meine Reise von Stockholm und Upsala nach Danemora will ich Dir nicht
nochmals erzhlen -- wie Holberg's Geert Westphaler die seinige
von Hadersleben nach Kiel -- die Zeitungen haben auch schon darber
berichtet. Nur das mu ich noch hinzufgen, da das Dampfschiff,
welches uns trug, mit Kanonen salutirte und da von mehreren der Orte,
an denen wir vorbersegelten, gleichfalls mit Kanonen salutirt und
mit weien, wehenden Tchern gegrt wurde. In Upsala selbst hatten
wir -- wie billig -- auch einen Besuch von =Aukathor=. Er schlug dem
Verfasser von Thors Drapa zu Ehren einige Fenster mit groem Hagel
bei Bttiger ein, wo ich zu Mittag a. Spter, beim Feste, beleuchtete
er durch seine Blitze die Gesichter der Redner und schlug die Pauken,
da es eine Lust war. Da er ebenfalls in seinem freundlichen Eifer
einige hundert Scheiben des Orangeriehauses zerschlug, mu man ihm
zu Gute halten, es war Alles im gerechten Eifer, seinen Dichter zu
ehren. Im Upsal-Hgel traf ich ihn nicht an, ich leerte aber zu Ehren
seines Gedchtnisses einen Becher Meth. Auf der Rckreise besuchten wir
=Skogkloster=, ein schnes, altes Schlo, bewohnt vom Grafen =Brahe=,
einem Bruder des Brahe, der Knig Karl Johann's Augapfel war und aus
Trauer um Diesen starb. Auch hier wurde bei unserer Ankunft mit Kanonen
salutirt, die Grfin und ihre Kinder standen am Ufer und bewillkommten
uns. Der Graf war nicht zu Hause, kam aber gegen Mittag an; es war
sein Geburtstag. Wir besahen das Schlo, das eine Menge historischer
Merkwrdigkeiten besitzt; besonders hat =Gustav Wrangel= es mit vielem
Raub aus dem dreiigjhrigen Kriege bereichert. Doch hat er einen
frommen Sinn und Gottesfurcht mit seinem Raube verknpft, denn die
Kanzel und die Altartafel in der Kirche hat er den Deutschen abgenommen.
Aber Napoleon's Generale waren nicht besser und lebten doch in einer
humaneren Zeit.

Man kann des Guten auch zu viel genieen, und die Wahrheit dieses
Spruches fhlte ich, als ich ungefhr einen ganzen Monat so viel
Ehre und Wohlleben genossen hatte. Deshalb nahmen wir auch Abschied.
Einen alten Bekannten besuchten wir: Herr v. =Brinckmann=, der frher
schwedischer Minister in Berlin gewesen ist. Er lebt jetzt wie ein
Student, inmitten seiner groen Bchersammlung, die er schon der
Universitt Upsala vermacht hat. Wir (Beskow, dessen Frau, William
und ich) hatten versprochen, zum Thee zu kommen. Der Theetopf und die
Tassen, einige Teller mit Frchten und Kuchen standen schon da, als wir
ankamen, auf einem Tische ohne Tischtuch. Er selbst war in einen alten
Rock gekleidet, aber die schnen Augen waren voll Feuer, und er redete
mich als einen alten Freund auf Deutsch an (vor 40 Jahren hatten wir
einander in Berlin gesehen). Er fragte uns lustig: Ists nicht dumm, da
man bald sterben soll, weil man 83 Jahre alt ist?

                    *       *       *       *       *

                                               Kopenhagen, Sept. 1847.

Madame =Schrder-Devrient= ist jetzt hier und macht uns durch die
Ueberreste einer ausgezeichneten Gre staunen. Ich besitze doch sonst
ein wenig Phantasie, aber es kostet mir viel, mir das Alte jung, das
Abgeblhte schn, das Sndhafte unschuldig, ein Frauenzimmer als Mann
und Deutsch als Dnisch vorzustellen (unsere Snger sangen nmlich
dnisch, die Schrder-Devrient deutsch). Doch in der Norma erstaunte
ich im zweiten und dritten Akt ber ihr vorzgliches Spiel. Sie ist den
Jngeren ein gutes Vorbild.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Literarische Neuigkeiten.]

                                        Kopenhagen, den 13. Jan. 1848.

Kiartan und Gudrun ist noch nicht vom Stapel gelaufen. Es waren
verschiedene andere Sachen, die Anciennett hatten, wie z. B.
Zauberei. Dieses Stck soll von einem sehr tchtigen juristischen
Beamten geschrieben sein. Der Zauber ist deshalb vom juridischen
Standpunkte, mit langwierigen Untersuchungen, Proce und Richterspruch
geschrieben, aber der poetische Zauber fehlt. Deshalb wohl wurde am
ersten Abend gefltet. Spter wurde das Stck ebenso bertrieben in den
Zeitungen gelobt, und jetzt geht es seinen ruhigen Gang; das Geznk hat
dem Verleger eine nochmalige Auflage verschafft.

Von literarischen Neuigkeiten haben wir mehre erhalten. Das Beste ist
ohne Zweifel =Bournonville's= Mein Theater-Leben. Dieses Buch ist
wirklich ein geniales Product, und vieles darin ist hchst interessant.
Seine Schilderungen anderer Knstler, als: Frydendahl, Ryge, Talma,
Demoiselle Mars, Friedr. Lemaitre u. s. w. sind ganz vorzglich. Die
Art und Weise, wie er seine Kunst bespricht, macht Vergngen und ist
belehrend. Die kleinen Poesien, die er als Anhang gegeben hat, sind
gleichfalls hbsch.

=Velhaven= ist diesen Winter hier. Er ist ein Mann von vielem Geist
und Feuer, er disputirt mit Talent und Beredtheit, -- seine Poesien,
elegische Betrachtungen des norwegischen Stilllebens sind oft anmuthig,
aber zu monoton und zu wenig original.

Ich habe in dieser Zelt aufs Neue meinen Amleth ins Deutsche bertragen.
Erst hatte ich ihn wie die dnische Tragdie in Trimetern geschrieben,
ich bemerkte aber, da er dadurch etwas Steifes und Gezwungenes erhalten
und schrieb ihn jetzt in fnffigen Jamben um. Das ist so zu sagen zu
meinem Privatvergngen. Die Deutschen kmmern sich fr den Augenblick
nicht um unsere Literatur. Ich konnte in Deutschland (viel habe ich
allerdings auch nicht darum sollicitirt) keinen Verleger finden;
Dahl in Christiania verlegt die letzte Sammlung meiner ins Deutsche
bersetzten Werke, wofr er natrlich nur ein geringes Honorar zahlen
kann. Aber es amsirt mich, und wenn auch kein einziger Deutscher lesen
wrde, was ich schreibe. Es wird schon eine bessere Zeit kommen. Auch
Kiartan und Gudrun bersetze ich jetzt. Ein wenig Schriftstellerei mu
ich als Morgenbeschftigung treiben; immer lesen kann ich doch nicht.
Zum Frhjahr, wenn wieder etwas belebende Wrme in die Luft kommt, und
ich nach Frederiksberg ziehe, nehme ich wieder meine Lebens-Erinnerungen
vor.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Tod Christian's VIII.]

                                                  Den 22. Januar 1848.

Die Trauer, die das Land und mich durch den Tod des Knigs getroffen,
kennst Du bereits. Ich will nicht von dem Uebrigen reden, aber er war in
46 Jahren einer meiner aufmerksamsten und theilnehmendsten Zuhrer!

    Er gab mir Garten und Haus, Neigung, Mue, Vertrauen,
    Niemand brauch' ich zu danken als ihm, und Manches bedurft' ich,
    Der ich mich auf den Erwerb, schlecht als ein Dichter verstand.

An seinem letzten Geburtstage war ich der Einzige, dem er seine
knigliche Gunst bezeigte[3]. An seinem letzten gesunden Lebenstag
traf es sich so schn, da ich ihn besuchte und ihm ein frohes Neujahr
wnschte.

  [3] Der Dichter wurde zum Conferenzrath ernannt.

Er war nicht makellos -- selbst die Sonne hat ihre Flecken -- aber nach
seinem Tode wird man ihm schon Recht widerfahren lassen. Friede sei mit
ihm!

             O freundliches Grab! Wie so friedlich bist du,
             Dein schweigendes Dunkel birgt heilige Ruh'.

Vor drei Nchten hatte er die letzte schlaflose Nacht. Jetzt schlft er
mit Hrolf Krake -- und Alfred -- und Hakon Adelstan!

                    *       *       *       *       *

                                                  Den 24. Januar 1848.

Das Oberhofmarschallamt hat mir antragen lassen, die Trauer-Cantate zu
schreiben -- ich =habe= sie bereits geschrieben. Sie geht vom Herzen und
ich hoffe auch, sie wird zum Herzen gehen. Kapellmeister =Glser= wird
sie in Musik setzen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Schleswig-Holsteinische Unruhen.]

                                                    Den 27. Mrz 1848.

Hier im Lande traf uns der Tod Christian's VIII. und wir fhlen
jetzt fast Alle, was wir an ihm verloren haben, wenn auch das
Vaterland in froher Hoffnung auf Frederik VII. blickt. Wie es mit
Schleswig-Holstein werden wird, davon hat noch kein Mensch eine
Ahnung, so verwickelt und unglcklich sind die Zustnde. Durch die
franzsischen Ereignisse werden sie wohl noch verwickelter werden. Da
in Frankreich in kurzer Zeit Unruhen ausbrechen wrden, dazu waren
die Zeichen bereits vor zwei Jahren da, als ich Paris besuchte. Alle
bewunderten das Genie Ludwig Philipps; man rumte ihm auch persnliche
Liebenswrdigkeit ein -- man fand es natrlich, da er mich fr sich
einnahm, aber man hate fast berall seine Politik. Durch die totale
Verwirrung und Ausleerung der Finanzen, durch die Bestechungen, die
geduldet wurden, durch den ungesetzlichen Gebrauch der Macht erhielten
ja die Franzosen das Recht Aufruhr zu machen. Ich hatte gerade den
achten Band von =Lamartine's= Girondisten beendigt, als die Revolution
ausbrach. Ich hatte ihn aus diesem vorzglichen Werke kennen lernen,
und es freute mich zu erfahren, da er und der herrliche =Arago= (ein
eiserner Character) sich unter den Anfhrern befand. Aber ich htte
doch lieber gewnscht, da sie, unter grerer Beschrnkung als bisher,
den kleinen Grafen von Paris zum Prsidenten ihrer Republik gewhlt und
ihm den Knigstitel gelassen htten. Ich frchte, die groe europische
Republik wird sich nicht halten knnen. Ueberhaupt hat die Knigsmacht
in vielen Richtungen etwas Schnes und Gutes, was bedeutende Mnner
und Talente lieben mssen. Die republikanische Gleichheit geht leicht
zu weit, soda es zuletzt keinen Unterschied zwischen Verdienst und
Nichtverdienste giebt, weil der Neid einen zu groen Spielraum erhlt.
Lamartine's Manifest hat auch seine schwachen Seiten, welche die
englischen Bltter mit Recht hervorgehoben haben. Hier in Kopenhagen
lcheln gewisse hohe Beamte ber die franzsische Zusage den Arbeitern
Arbeit zu verschaffen, was sie fr eine Unmglichkeit halten; mir
scheint es aber, da wenn die Menschen arbeiten =knnen= und arbeiten
=wollen=, und ohne Arbeit nicht =leben= knnen und dessenungeachtet
keine Arbeit =erhalten= knnen, so haben die staatlichen Einrichtungen
sie zu legitimen Rubern und Aufrhrern gemacht.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Die Pariser Revolution.]

Wir haben hier zwei Theater-Neuigkeiten: Hertz's Ninon und Ein
Sonntag auf Amak. Ninon behagte mir nicht, und ich glaube, es geht
Vielen wie mir. Das Stck hat viele schne Denksprche und lyrische
Stellen, aber Ninon ist ein deutscher metaphysischer Professor, anstatt
eine liebenswrdige Franzsin. Die Liebe des Sohnes ist fatal. Als
er entdeckt, da es seine Mutter ist, die er liebt, schiet er sich
eine Kugel durch den Kopf! Wie viel Gelegenheit wre hier nicht,
die Luterung und den Uebergang der erotischen Liebe zur kindlichen
Liebe zu zeigen. Da das Gegentheil =geschichtlich= ist, giebt keine
Entschuldigung ab. Es geschieht soviel Dummes in der Welt, das
darzustellen unter der Wrde der Poesie ist. Der Sonntag auf Amak
ist ein hbsches kleines Stck mit schnen herzergreifenden Melodien
-- original und national. Frau =Heiberg= ist ein unvergleichliches
Amak-Mdchen. Das Ganze ist brigens eine niedliche Bagatelle -- und
mit Frau Heiberg steht und fllt das Stck. Hertz hat spter einen
Federigo, ein Singspiel geschrieben; Musik von Rung. Es ist wieder
eine Art Don Juan oder Robert der Teufel. Hier ist auch ein Teufel, er
besitzt aber den einzigen Fehler, den ein Teufel nicht besitzen darf: er
ist =langweilig=.

Aber in diesen Tagen sind freilich Alle so auf die Antwort aus Holstein
gespannt, da wir fr nichts Anderes Sinn haben. Ich hoffe, die guten
Leute werden in sich gehen und billige, vortheilhafte edle Bedingungen
annehmen -- sonst geht es schief.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Literatur.]

                                      Frederiksberg, den 28. Mai 1848.

Verzeihe mir, da ich die Beantwortung Deines Briefes einige Tage
aufgeschoben habe! Was in vielen Jahren der Grund war, da ich meinen
Freunden keine Briefe schrieb, und dadurch manch' schnes Verhltni
schwchte und abkhlte, welches ich spter tief vermite -- macht
mich in dieser Richtung auch nachlssig gegen meine Kinder. Aber ich
kann Dich damit trsten (wenn das ein Trost ist), da dieser Grund
bald aufhren wird, und da ich in meinen letzten Jahren ein besserer
Briefschreiber werde. Wenn ich nmlich nicht mehr dichte, und einige
Vormittagsstunden mit diesem Schreiben zubringe, werde ich mehr Luft zum
Briefschreiben bekommen. Nun wei ich zwar, da Du gegen diesen Grund
protestiren wirst, und ich verschwre es auch nicht, zu dichten, aber
ich glaube doch nicht, da es viel mehr geben wird. Dies ist nun gar
nicht, weil ich meine dichterische Kraft abnehmen spre, dieselbe ist
ebenso frisch und krftig, wie sie immer gewesen, aber weil ich fhle,
da ein Mensch nur ein Mensch ist, und da selbst der beste Dichter
nicht mehr ist. Aus meinem eignen Wesen, meiner eigenen Individualitt
vermag ich nicht herauszugehen; ich kann zwar das verschiedenste
Objective mit derselben verbinden, und das habe ich auch gethan, aber
das Verschiedenartigste mu doch mit demselben Auge gesehen, mit
demselben Herzen gefhlt, mit demselben Talente dargestellt und mit
demselben Verstande aufgefat werden.

[Sidenote: Lebens-Erinnerungen.]

Und wenn man nun fast in einem halben Jahrhundert sich mit Werken
beschftigt hat, die den Fhigkeiten eines solchen Menschen entsprungen
sind, so langweilt ein solcher Mensch zuletzt, und man bittet ihn, in
einer hflichen Weise, zu schweigen, und er bittet sich selbst darum;
denn er wrde sich ber fernere Variationen, wenn auch nicht ber
dasselbe Thema, so doch von demselben Geiste aufgefat -- und wren
sie noch so verschieden -- langweilen. Es verschafft ihm dann mehr
Vergngen, Andere zu lesen, und es wird mich recht freuen, auf meine
alten Tage zu lesen und zu studiren.

Aber ein Werk fehlt doch noch, und das soll auch, so Gott will,
vollendet werden; ich meine den Schlssel zum Ganzen, eine echt
objective Darstellung der eigenen Subjectivitt des Verfassers: Sein
Leben und seine Ansichten. -- --

Gestern vollendete ich die deutsche Uebersetzung von Kiartan und Gudrun.
Ungeachtet meines jetzigen =politischen= Hasses gegen die Deutschen,
verspre ich doch Lust, diese Tragdie der deutschen Ausgabe meiner
Werke einzureihen. Es wird schon die Zeit kommen, wo diese und mehrere
meiner Werke in Deutschland mehr Anerkennung finden werden.

                    *       *       *       *       *

                                              Sore, den 7. Aug. 1848.

-- -- Unter andern habe ich auch deshalb die Beantwortung Deines Briefes
aufgeschoben, weil ich mich mit einem neuen, ziemlich groen Gedichte
beschftigt habe, das jetzt vollendet ist. Es ist weder mehr noch
weniger als eine _Ars potica_, ein Gedicht ber die Dichtkunst, worin
ich Alles ausgesprochen, was ich ber die Dichtkunst whrend der fast 40
Jahre gedacht habe, in denen ich Lehrer an der Universitt gewesen bin.
Aber es wird erst einmal zum Neujahr gedruckt werden, wenn wir Frieden
erhalten und die Aufmerksamkeit sich wieder auf solche Dinge richten
wird. Wie es gehen wird, wissen wir fr den Augenblick Alle nicht.
Die Dnen brennen zwar vor Begierde, sich an dem deutschen Uebermuthe
zu rchen, aber das kleine Dnemark kann nicht mit ganz Deutschland
kmpfen. Doch frischen Muth! Wir wollen das Beste hoffen! Nichts hasse
ich nchst Zagen so sehr als Klagen. Gott wird schon helfen!

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Die Dichtkunst. Regnar Lodbrok.]

                                    Frederiksberg, den 30. Sept. 1848.

Um die Grillen zu verjagen, und weil es so lange mit dem Zustandekommen
des Waffenstillstandes whrt, schreibe ich unterdessen ein Heldengedicht
=Regnar Lodbrok= in zwlf Gesngen, von welchen zehn und ein halber
fast beendet sind. Von frhern Werken hat es am meisten Aehnlichkeit mit
Helge d. h. in Form und im Ton: denn die Charactere, die Handlung und
die Ereignisse sind sehr verschieden.

Ja, du lieber Gott, was soll ich machen? -- In Regnar Lodbrok trstete
es mich, inmitten dieser Zeit politischer Kleinlichkeit, Thorheit und
Kannegieerei mich in eine krftige, barbarische Zeit zu vertiefen, wo
es doch Mnner gab, die da wuten, was sie wollten, und es verachteten,
durch affectirtes Geschwtz besser zu erscheinen als sie waren. -- --
Da ich begreiflicherweise, um ein altes Gleichni zu gebrauchen, diese
rohe Wallnu des Heidenthums in den Zucker der Humanitt eingemacht und
dazu die Kochkunst der Poesie benutzt habe, versteht sich von selbst.
Da diese Nu weder zu bitter, noch zu wsserig, noch zu se schmecken
mge, ist mein eifrigster Wunsch, und wenn ich der nicht geringen Zahl
von gebildeten Zuhrern, welche sie schon kennen, trauen darf, so habe
ich das rechte Maa getroffen.

[Sidenote: Mozart's Don Juan.]

-- -- Gestern Abend sa ich wieder einmal im Theater und hrte
Mozart's herrlichen Don Juan, den ich nie zu oft hren kann. Von allen
Kunstwerken, htte ich beinahe gesagt, ist mir Don Juan das liebste,
und berhaupt Mozart's Musik im Figaro und in der Zauberflte. Man
vermit nichts. Da ist gar nichts auszusetzen. Es ist nicht wie ein
Menschenwerk, sondern, wenn ich so sagen darf, ein Naturproduct in
der Kunst, wie von Gott selbst geschaffen. Von allen groen Mnnern,
die Deutschland aufzuweisen hat, mu es am stolzesten auf seinen
Mozart sein, denn in allen andern Richtungen besitzen auch andere
Nationen Mnner, die mit den seinigen zu vergleichen sind; aber einen
Mozart besitzen sie nicht. Rossini ist ein groes Genie, das ihm in
Melodien-Reichthum und lieblicher Kraft nicht nachsteht -- aber wie weit
erhebt sich nicht Mozart ber ihn in Hhe, in Tiefe, in Wahrheit, in
Gefhl und Anmuth!

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Hauch. Paludan-Mller.]

                                      Kopenhagen, den 21. Januar 1849.

Wir sind um diese Weihnachtszeit mit mehren neuen Dichterwerken
beschenkt worden. =Hauch= hat sich tief in das Altnordische einstudirt
und einen =Thorwald Widfrle= geschrieben. Das Werk hat einige sehr
schne Partien, aber es fehlt ihm im Ganzen die Selbsterfindung; der
alte Ton ist mitunter etwas affectirt und das Ganze hat in meinen Augen
mehr von einem geistreichen Studium, als von einer originalen Dichtung.
=Paludan-Mller= hat ein sehr merkwrdiges Gedicht: =Adam Homo=
geschrieben. Es ist eine groe gereimte Alltagsgeschichte, gespickt mit
subtilen philosophischen Reflexionen in sehr flieenden Versen. Es hat
mir Freude gemacht, dieses Buch zu lesen, es hat viele amsante, gut
gezeichnete Genrebilder aufzuweisen. Eine Situation, wo die verlassene
Geliebte am Todeslager des Helden, ihm unbekannt, als Krankenwrterin
dient, ist schn und rhrend. Aber der Geschmack hat viel einzuwenden;
diese Reim-Chronik ist gar zu weitlufig, prolix (wie Gthe sagte). Der
Held ist ein Alltagsmensch, sogar etwas schlingelhaft, und steht doch
als Reprsentant der Menschheit da. Die philosophischen Abhandlungen,
denen Paludan-Mller verfallen ist, brsten sich zu sehr und sprechen,
wenn auch oft die Wahrheit, nichts weiter aus, als was frher krzer und
viel klarer gesagt worden. Ein Heft Gedichte der Heldin, das man nach
ihrem Tode findet, verwischte ganz das holde Bild von ihr, und enthlt
weiter nichts als Paludan-Mllersche Subtilitten. Dessenungeachtet
verdient das Buch in vielen Stcken Beifall und Lob.

Du hast wohl =Kiartan und Gudrun= gelesen; das Stck wurde gut gespielt
und machte viel Glck. Auch =Regnar Lodbrok= und die =Dichtkunst= haben
gefallen. Man wundert sich, da ich noch in meinen alten Jahren etwas
schreiben kann, das Saft und Kraft besitzt. Aber jetzt mssen wir auch
bald aufhren, nicht weil die innere Kraft fehlt, sondern weil der Stoff
erschpft ist; ich finde keine Sujets mehr in meiner Geistesrichtung.
Schilderungen der Gegenwart kann ich nicht liefern, ich kenne sie nicht;
und wer kennt sie recht? Kaum der liebe Gott kennt sie, und sie selbst
kennt sich gar nicht.

Einen tglichen Umgangs-Freund, den ich verloren habe, vermisse ich doch
gerade nicht sehr, ich meine Dr. =Christiani=. Denn obgleich Christiani
witzig, frhlich und ein vorzglicher Gesellschafter ist, selbst groe
poetische Bildung besitzt und Gthe und Heine auswendig kann, auch
mich persnlich liebt, so ist er doch weder recht dnisch, noch recht
deutsch; Begeisterung fehlt ihm, er ist vielmehr blasirt, lebt immer in
der Reflexion und mu Alles, was er sich aneignen will, in Hegel'sche
Philosophie bersetzen -- und die Rolle, die er hier spielte, wollte mir
nicht munden. Er trug den Mantel zu sehr auf beiden Schultern, spielte
mit zwei Schildern. Niemand kann zwei Herren dienen. Die Folge seiner
subtilen Politik wurde die, da weder Dnen noch Deutsche ihn mochten.
Das Persnlichfreundliche und Talentvolle schtze ich noch bei ihm nach
Verdienst.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Politische Verhltnisse.]

                                        Kopenhagen, den 24. Mrz 1849.

Ich wrde frher geschrieben haben, wenn ich nicht den Ausbruch des
Krieges oder den Friedensschlu htte abwarten wollen. Jetzt ist es
doch zu einem achttgigen Waffenstillstand gekommen, der Einigen nicht
behagt; die meisten Vernnftigen glauben doch, da er gute Folgen haben
wird, und da er wenigstens die theuern Menschenleben whrend der
Friedensunterhandlungen schont.

Ueber das politische Wesen ist es noch nicht mglich, ein Urtheil zu
fllen. Auf dem Reichstage geht es schlfrig und langsam. Ich bin noch
nie dagewesen. Gebe Gott, sie kmen so weit, das Wahlrecht ein wenig
zu beschrnken, sonst werden wir in den Schlamm hinabgezogen; doch
ist noch Hoffnung vorhanden, denn der Kern des Reichstags besteht aus
vernnftigen, tchtigen Leuten.

Meine Tragdie =Knigin Margarethe= ist wieder sehr gut gespielt worden.
Mad. =Nielsen= und Herr =Nielsen= waren vorzglich. Mad. =Winslv=
glcklich, und Mad. =Holst= spielte ihre Ingeborg anmuthig und rhrend,
wenn sie auch seit der Zeit, wo das Stck zuletzt aufgefhrt wurde (14
Jahre) sehr gut eine Tochter htte haben knnen, die mit Rcksicht auf
das Alter fr die Rolle besser gepat htte.

Vor einigen Tagen war ein Deutscher, Dr. =Leo=, bei mir, Redacteur des
Nordischen Telegraphen. Er erzhlte mir, da die dnische Literatur
durchaus nicht in Deutschland verschmht sei, da es im Gegentheil
scheine, als htten die letzten kriegerischen Begebenheiten Vielen die
Augen geffnet.

=Frederike Bremer= ist hier diesen Winter; sie ist eine gute fromme
Seele.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Die Lebens-Erinnerungen.]

                                    Frederiksberg, den 17. Juli. 1849.

-- -- Ich sitze jetzt wieder hier und schreibe an meinen
Lebens-Erinnerungen, die ich schon im Sommer 1838 begann, als wir auf
dem Frederiksberger Schlosse in den Zimmern wohnten, die jetzt =Hauch=
bewohnt. Es verstrichen seitdem viele Jahre, und mein Leben blieb
liegen (d. h. die Beschreibung) -- jetzt habe ich es wieder vorgenommen.
Denn wenn ich ganz zu schreiben aufhrte, so wrde ich unfehlbar darber
hinsterben, wenn ich auch noch so lange lebte. Wenn ich nun auch die
letzte Hlfte nur fragmentarisch behandeln werde, so giebt es doch
Vieles, das ich etwas genauer erzhlen und beschreiben mchte. Ich
bin bis an die Baggesen'sche Periode und die zweite Reise ins Ausland
gelangt.

                    *       *       *       *       *


                              =Schluwort=.

Die Ausfhrung der oben ausgesprochenen Absicht, die letzte Hand an
seine Lebens-Erinnerungen zu legen, sollte, wie die Leser bereits
wissen, dem Dichter nicht vergnnt sein. Es bleibt nur brig, seiner
letzten Tage mit wenigen Worten zu gedenken.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Letzte Tage Oehlenschlgers.]

Am 14. Nov. 1849 vollendete Oehlenschlger sein 70. Jahr. Um diesen Tag
zu feiern, hatten die edelsten und hervorragendsten Mnner seines Volkes
ein groes allgemeines Fest in den Rumen der kniglichen Schtzen-Gilde
zu Kopenhagen veranstaltet. Dichter und Knstler, Gelehrte und schlichte
Brger empfingen ihn hier, wo ihm ein erhabener, geschmckter Platz
zwischen den Bsten von =Holberg= und =Ewald= bereitet war; Reden und
festliche Gesnge, die von Herzen kamen und zu Herzen gingen, liehen
den Gefhlen der Nation das Wort, und auch Schweden und Norwegen waren
bei diesem Feste durch den schwedisch-norwegischen Minister-Resident
in Kopenhagen vertreten, der ein Hoch auf den Dichter-Frst des
Nordens ausbrachte, whrend die Frauen, die stillen Pflegerinnen
nationaler Tugenden, durch =Grundtvig's= Hand und Mund dem Dichter einen
Lorbeerkranz berreichten.

Nach dem ersten allgemeinen Hoch auf den Jubilar, das mit einer
Begeisterung aufgenommen, die den Gefhlen der Versammlung und den
unverwelklichen Verdiensten des Dichters entsprach, erhob sich derselbe,
und in einem lngern Gedichte, so jugendfrisch und voll mnnlicher
Kraft, wie die Sprache seiner Mue immer war, brachte er seinen
tiefgefhltesten Dank dar.

In einer der Strophen dieses Gedichtes heit es:

          Ihr ehrt mich hoch! -- Obgleich das End' nicht fern,
          Ist doch der Greis noch nicht erschpft gesunken.
          Ich trink' mit Euch, und leer' den Becher gern,
          Denn nicht mein Todesfest wird hier getrunken.
          Noch hab' ich nicht die Lebenskraft verloren.
          Nur wen'ge Huser fern bin ich geboren;
          Doch eine schne Baum-Allee von dort,
          Fhrt, will es Gott, zum letzten Ruheort.

Kaum ahnte es damals Jemand, da zwei Monate spter das Trauerlied
ber den Sarg des Dichters dort ertnen sollte, wo seine Wiege
einst gestanden, in der Nhe jener Hallen, wo den noch krftigen,
lebensfrischen Greis krzlich die Jubeltne und die Huldigung dreier
Brder-Vlker umrauschten. Zwar hatte er in jenem Gedicht auf den
naheliegenden Friedhof gedeutet, aber er trstete sich und Andere damit,
da eine schne Baum-Allee, dorthin fhrte. Prangte auch diese, als
man seinen Sarg durch dieselbe trug, noch nicht mit blhenden Bumen
und grnem Laube, so bildeten, wie ein Dichter in seinen Nachrufe sagt,
dnische Mnner und Frauen, trauernd um den Hingang ihres liebsten und
grten Dichters, eine noch schnere Allee dahin.

Seines gesunden, blhenden Aussehens ungeachtet hatte er seit lngerer
Zeit einen beschwerlichen, schwankenden Gang gehabt. Er litt an
Steifheit und Mangel an Kraft in den Knien, ein Uebelstand, der sich
doch immer nach den fast jhrlichen kleinen Anfllen von Podagra
verringerte, welche nur in den letztern Jahren seltener kamen. Dies
hinderte ihn, der Bewegung zu genieen, deren seine starke corpulente
Constitution bedurfte, und er, der frher Sommer und Winter, in gutem
und schlechtem Wetter, bei Sonnenschein und bei Regen, tglich nach
Frederiksberg spazierte, begngte sich jetzt, eine Viertelstunde in den
Bogengngen des Christiansburger Schlosses sich zu ergehen, oder gar
mitunter, wenn ihm das Wetter zu schlecht war, mit einer bestimmten
Anzahl Gnge durch seine Zimmer. Auch seinen frhern allabendlichen
Besuch im Schauspielhause stellte er manchmal in den letzten Jahren
ein, und zog dann vor, eine Partie L'hombre zu spielen. Sonderbar
genug, fand er, der bis zu seinem vierzigsten Jahre immer Unwillen gegen
Kartenspiel hegte, nun ein groes Vergngen am L'hombrespiel, und wenn
er den Tag ber gedichtet und gelesen hatte, suchte er des Abends seine
angenehmste Erholung am Spieltische mit einigen guten Freunden, oft nur
mit seinen Kindern. Ungeachtet dieser zunehmenden Gemchlichkeit, die
seinem brigen Naturell so wenig glich, mitunter seine nchste Umgebung
ngstigte, vermochte man doch keine bedenkliche Wirkung derselben zu
spren. Zwar zeigte er sich im Sommer 1849, wenn er des Vormittags in
seinem Lehnstuhle, ein Buch in der Hand, sa, zum leichten Schlummer
geneigt, aber wenn man zu ihm eintrat, war er immer wieder lebhaft wie
sonst, und zum Scherz wie Ernst aufgelegt; er las wie frher laut vor,
und sein Antlitz trug immer das Geprge der Gesundheit und Kraft. Erst
in den letzten Tagen des Novembers fhlte er Unwohlsein, Uebelkeit und
Mattigkeit, und die gelbe Gesichtsfarbe lie die Vermuthung zu, da die
Gelbsucht ihn zum dritten Male in seinem Leben angreifen wrde. Nach
ungefhr drei Wochen verschwand die gelbe Farbe, die Krfte kehrten
zurck und ihm wurde so wohl, da er am 21. Dec. A. S. =Oersted's=
Geburtstag in dem Freundeskreise zu feiern vermochte, den der Bruder
H. C. Oersted an diesem Tage zu versammeln pflegte. Am 23. Dec. wohnte
er zum letzten Male einem Familienfeste bei, und am Weihnachtsabend
hatte er die Familie um sich in seiner Wohnung versammelt. Aber am
folgenden Tage zeigten sich wieder Symptome, gleichsam wie von Gelbsucht
und sein Zustand wurde wieder der frhere. Er hielt sich doch lngere
Zeit aufrecht, bis er von Mangel an Appetit und Verdauung ermattete.
Dies mute sowohl ihn selbst wie seine Umgebung beunruhigen, und
er sprach fterer die Ueberzeugung aus, da er die Krankheit nicht
berstnde. Am 4. Januar 1850 schrieb er an seine Tochter, um dieser
und ihren Angehrigen ein frhliches Neujahr zu wnschen, und sie
ber seine Krankheit zu beruhigen. Aber nur wenige Zeilen vermochte
er zu schreiben, die Vollendung des Briefes berlie er seiner
Schwiegertochter.

An den Tagen, wo er sich besser fhlte, lie er sich von seinen Kindern
und seiner Schwiegertochter ganze Capitel aus Gthe's Wilhelm Meister
vorlesen, und dieselbe Begeisterung und Liebe, die er sein ganzes Leben
hindurch fr den groen Dichter gefhlt hatte, sprach er noch auf dem
Krankenlager wenige Tage vor seinem Tode aus. Selbst las er mitunter
in einem dnischen Volksbuche: Malling's groe und gute Thaten, das
namentlich kurze Biographien dnischer und norwegischer verdienter
Mnner und Frauen enthlt. -- In den letzten acht Tagen nahm die
Krankheit einen gefhrlichern Character an, und da alle Mittel ohne
Wirkung blieben, mute man auf das Schlimmste vorbereitet sein. Am 19.
Januar erwachte wieder eine schwache Hoffnung, aber die Symptome, die
sich am Sonntag Morgen den 20. zeigten, verkndigten, da es nicht
Gelbsucht, sondern ein Geschwr in der Leber selbst sei, an welchem er
litt. Als die Aerzte (sein alter College, Conferenzrath O. Bang, und
sein Hausarzt, Dr. Hansen) des Vormittags in einem Nebenzimmer ber
seine Krankheit conferirten, fragte er seinen ltesten Sohn, was wohl
die Aerzte ber sein Befinden uerten, und als dieser ihm antwortete:
Du darfst nichts frchten! unterbrach er ihn gleich und sagte mit
Wrme: Lieber Sohn, glaubst Du, ich frchte den Tod; nein, nicht im
entferntesten! Nach einem kurzen Augenblick fgte er hinzu: Was ist
das Ganze -- ein Hauch nur -- und dann ist es vorber! -- Als Bang am
Nachmittage desselben Tages sich entfernen wollte, rief er ihn zurck,
blickte ihm freundlich ins Auge, drckte seine Hand und sagte: Habe
Dank fr gute Kameradschaft! -- Um 8 Uhr des Abends fhlte er schon die
Hand des Todes und verlangte ein Kissen, das ihm seine Tochter Maria
gestickt hatte, unter sein Kopfkissen gelegt. Dann und wann schlummerte
er. Wenn er erwachte blickte er oft nach der Uhr, die neben seinem Bette
hing, und fragte mehre Male, ob die Uhr bald zehn sei. Zwischen neun
und zehn Uhr rief er seinen ltesten Sohn zu sich und sagte ihm: Du
sollst das Manuscript meiner Lebens-Erinnerungen vollenden. Zu meiner
Trauer-Feier im Theater will ich, da mein =Sokrates= aufgefhrt werden
soll, aber die Scene in den Propylen mu ausgelassen werden. Und jetzt
lies mir die Stelle aus der Scene im 5. Akt zwischen Sokrates und Kebes
vor, wo Sokrates vom Tode spricht, sie ist so =unaussprechlich schn=!
Diese letzten Worte sprach er mit einem innigen, warmen Gefhl. Die
Replik lautet:

           Wie kann der milde Tod Dich so betrben?
           Er kann ja doch von Zweien Eins nur sein,
           Entweder =Etwas=, Kebes, oder =Nichts=!
           Raubt' er nur das Bewutsein, das Gefhl,
           Wr' er ein Schlaf, worin der Schlafende
           Selbst nicht vom kleinsten Traum gengstigt wrde,
           Dann wr' er schon unschtzbarer Gewinn.
           Denn sicher, glaub' ich, wollte Jedermann,
           Mit solcher ruh'gen Nacht die Nchte, Tage
           Vergleichen, die er hier im ird'schen Leben
           In Pein und Kummer zugebracht:
           Dann whlt er lieber jene sel'ge Ruh'.
           Doch wenn der Tod nicht das Bewutsein tdtet,
           Ist er Verwandlung, eine Seelenwanderung
           Und Reise nach dem bessern Ort, wo wir
           Die lieben Theuern alle wiederfinden; --
           Denk', welche Freude das dann werden mu,
           Mit Gttern dort zu leben und zu reden,
           Mit Hesiod, mit Orpheus, mit Homer
           Und allen Groen, die vor uns gewesen!

[Sidenote: Tod Oehlenschlgers.]

Er hrte diesen Worten mit der grten Bewegtheit zu und blickte
dabei mit einem seligen Lcheln vor sich hin. Als die Replik aus war,
unterbrach er selbst das Vorlesen und nahm Abschied von seinen Shnen,
seiner Schwiegertochter und ihrer Schwester, die mit den Dienern seines
Hauses um sein Lager standen, bis er seinen letzten Seufzer aushauchte.
Nach einem kurzen und leichten Todeskampf, unter welchem seine Blicke
abwechselnd auf der Uhr und auf seinen Kindern ruhten, verschied er mit
dem Schlage elf, ruhig, ohne Schmerzen und bis zum letzten Augenblicke
im Besitz seiner vollen Geisteskraft.


                    *       *       *       *       *




                          =Inhalts-Uebersicht.=

                             =Erster Band.=


Oehlenschlger's Vorltern 4-9. Sein Vater 9. Geburt 11. Erste
Kindheits-Erinnerungen 12-46. Schulgang in Kopenhagen 47-88. Er soll
Kaufmann werden, entscheidet sich aber fr den gelehrten Stand 89-90.
Erste Liebe 92. Neigung fr das Theater 93-99. Theater-Verhltnisse in
Dnemark 99-109. Bekanntschaften 109-115. Vorbereitungen zu dem _Examen
artium_ 115. Eintritt in das Schauspielerleben 116-146. Bekanntschaft
mit den Gebrdern Oersted 146-149. Abschied vom Schauspielerleben,
Wiederanfang der Studien 150-152. Er lernt Schiller's und Gthe's Werke
kennen 153-160. Tod seiner Mutter 160-162. Rahbek's Haus, Verlobung
mit Christiane Heger 162-166. Beantwortung einer Preisfrage 167-168.
Baggesen's Abreise 169-172. Die Schlacht am 2. April 1801 172-176.
Briefwechsel mit Baggesen 176-179. Militairische Uebungen 179-184.
Privattheater 184-186. Bekanntschaft mit den Gebrdern Mynster und
Bentzon, geselliges Leben, Pram, Weyse, Arndt, Frau Koren. Bull 186-204.
Erstes Zusammentreffen mit Steffens 204-213. Polemik mit Baggesen,
Rahbek und seine Frau 222-227. Literarische Wirksamkeit 228-233. Caspar
Bartholin 233-237. Zusammenleben mit Steffens 237-245. Ein Symposion
245-248. Bekanntschaft mit Schimmelmanns und Bruns 249-252. Er erhlt
ein Reise-Stipendium 253.


                             =Zweiter Band.=

Erste Reise in Deutschland: Briefe in die Heimath und aus derselben.
5-9. Halle, Reichardts 9-11. Erstes Zusammentreffen mit Gthe
12-13. Briefe 13-20. Lafontaine 20. Schleiermacher 22. Deutsche
schriftstellerische Versuche 24. Hakon Jarl 25-41. Berlin 43. Fichte
44-49. Himmel 50. Weimar 54. Wieland, Herder, Frau Schiller, Gthe, die
weimar'sche Frstenfamilie 54-62. Jena, Frommann, Gthe, Hegel 63-66.
Gedicht an Charlotte Schiller 66-72. Dresden 73. Brndsted, Kos, Mnter
73-78. Die Bildergalerie 79-84. Schsische Schweiz 87-89. Weimar,
Schlacht bei Jena 92-100. Gotha, Frankfurt a. M. 101-102. Paris 103-113.
Ueber die Tragdie 113-125. Die franzsischen Dramatiker 127-130.
Malte-Brun 130-134. Die Schlegel 134-136. Umgang in Paris 137-140. Das
Bombardement Kopenhagens 140-144. Baggesen 145-160. Straburg 163-164.
Stuttgart 165. Die Schweiz 167-171. Aufenthalt in Coppet 172-184.
Savoyen 185-188. Mailand 189-196. Parma 196. Bologna 198. Florenz 200.
Rom 207. Thorwaldsen 208-210. Frederike Brun 210-211. Lebensgefahr 213.
Grotta Ferrata 215-218. Albano 218. Abschied von Rom 222. Pisa, Livorno,
Florenz, Mailand, Simplon 223-228. Heidelberg, Weimar, Gthe 228-234.


                             =Dritter Band.=

Heimkehr 5. Professur 6-8. Gesellige Kreise 9-18. Dramatische
Wirksamkeit 18-30. Trauung 31. Schimmelmann 33-36. Tragdien 36-39.
Brandis 39-43. Neue Umgangskreise 44-46. Theater 46-51. Rckblick auf
die erste Dichterperiode 52-77. Baggesen's Angriffe 77-81. Napoleon's
Fall 82-88. Grfin Mynster 89-90. Knigskrnung 91-94. Der Dichter
frhere Geltung 94-98. Theater-Verhltnisse 100-104. Zweite Reise ins
Ausland 104. Auszug aus den Reisebriefen: Hamburg 106-111. Celle,
Hannover, Gttingen, Kassel, Marburg, Frankfurt 111-119. Paris 121.
Frau von Stal-Holstein 123-127. Das Theater 127-129. Die Pariserinnen
129-130. Passy 131-133. Jardin des plantes 135-136. Versailles 137-138.
St. Denis 139-140. Die stille Woche 141-143. Das Museum 143-145. Das
Ballet 146. Abreise von Paris 153. Stuttgart 158. Wien 167. Das Theater
169. Laxenburg 171. Kloster Neuburg 180. Ein Magnetiseur 185-188.
Dresden 189-196. Die Haide 197-199. Berlin 199. Lbeck 212. Heimkehr 213.


                             =Vierter Band.=

Neue Dichterwerke 8-20. Heiberg 21-23. Bekanntschaften 24-28.
Verhltnisse als Professor 28-32. Musikalische Zustnde 32-42.
Dichtungen 42-48. Baggesen's Tod 48-50. Tod des Vaters Oehlenschlger's.
50-54. Deutsche Werke 55-56. Rahbek's und seiner Frau Tod 56-60.
Erster Besuch in Schweben 61-66. Zweite Fahrt nach Schweden 67.
Dichterkrnung in Lund 69-72. Der Bischof Mynster 73-76. Schwedische
Bekanntschaften 77-80. Christian VII. 80-83. Slling 83-85. Dritte
Reise nach Deutschland: Leipzig 86. Dresden 86-90. Berlin 91-93.
Reise nach Norwegen 95-110. Tod seiner Tochter Charlotte 101-103.
Besuch beim Prinzen Christian in Odensee 103-105. Reise mit ihm nach
Augustenburg 105-107. Der poetische Geschmack und die Kritik 109-116.
Frederike Brun 116-122. Tod Friedrich's VI. 124-125. Zusammenleben mit
Thorwaldsen 126-128. Tod seiner Frau 128-130. Tod Brndsted's 132-133.
Zweiter Besuch in Norwegen 135-143. Thorwaldsen's Tod 144-150. Vierte
Reise in Deutschland: Berlin 151-154. Dresden 155-157. Prag 157-158.
Wien 159-166. Salzburg 166-168. Mnchen 168-170. Nrnberg 170-172.
Frankfurt 172. Der Rhein 173. Paris 175. Die Franzosen 176-179. Besuch
bei Louis Philipp 180-186. Die Brder Rothschild 186-187. Literarische
Notabilitten 188-198. Brssel 200. Hamburg 201. Oehlenschlger's letzte
Jahre, Auszge aus seinen Briefen an seine Verwandten 203-212. Besuch
in Schweden 212-218. Tod Christian's VIII. 219. Letzte literarische
Wirksamkeit 222-228. Schluwort. Fest zu Oehlenschlgers 70jhrigen
Geburtstage 229. Sein Tod 230-234.

                    *       *       *       *       *




                              Namenregister

der in Oehlenschlger's Lebens-Erinnerungen ausfhrlicher besprochenen
Personen, Stdte und literarischen Werke des Verfassers. Letztere sind
mit * bezeichnet.


                                   A.

  Abildgaard. I. 248.

  Adamberger, Madm. III. 169.

  Adelaide, von Frankreich. IV. 180.

  *Aladdin. I. 232; II. 57, 66, 105; IV. 124.

  Albano. II. 218.

  Alberti, Frulein. II. 81.
  ----, Geheimrath. II. 43; III. 199.

  Alpen, die. II. 186.

  Altona. III. 109.

  *Aly und Gulhundy. III. 31.

  Amalia, Herzogin von Weimar. II. 61.

  *Amleth. IV. 209.

  Ammerling, Maler. IV. 161.

  Amsterdam. IV. 201.

  Andersen, H. C. IV. 113.

  Anschtz. IV. 161.

  Arago. IV. 188, 221.

  Arnim, v. II. 19, 42; III. 202.
  ----, Frau v. III. 202.

  Arndt, Alterthumsforscher. I. 199; II. 138, 225.
  ----, E. M. III. 99.

  Apenninen, die. II. 199.

  Augarten. III. 178.

  Augsburg. IV. 170.

  Augustenburg, Herzog von, (Vater.) III. 8. (Sohn.) IV. 105.

  Aumale, Herzog von. IV. 182.

  *Axel und Walborg. II. 124; III. 18, 20, 22, 169.


                                   B.

  *Bagge, Lars. I. 175.

  Baggesen. I. 123, 169, 176, 213, 215; II. 145; III. 46, 77; IV. 6, 48.

  Baiern, Kurfrstin Wittwe von. III. 164.

  Baison, Schauspieler. IV. 202.

  *Baldur der Gute. II. 122.

  Balle, Bischof. I. 41; III. 46.

  Bartholin, Caspar. I. 233.

  Baudissin, Graf. II. 43; III. 9.

  Bech, Schauspieler. I. 109.
  ----, Eline. I. 109, 114.

  Becher, Madame, Schauspielerin. III. 108.

  Beethoven. III. 170.

  Bentzon. I. 186.

  Berg, Tanzlehrer. I. 118.

  Bergau, Madame. I. 15.

  Bergen. IV. 141.

  Beyer, Frulein, Schauspielerin. IV. 156.

  Berlin. II. 42; III. 199; IV. 151.

  Bern. II. 171.

  Berner, Oberlandesinspector. I. 35.

  Bernstorff, Graf von. I. 140.
  ----, Graf von, Minister in Berlin. IV. 91.

  Bertouch, Baron. III. 104.

  Berzelius. IV. 80.

  Beskow, Bernh. von. IV. 78, 213.

  Bissen. IV. 147.

  Bjrnstjerna. IV. 214.

  Bologna. II. 198.

  Bolsena, Lago di. II. 203.

  Brne. IV. 111.

  Bombelles, Graf von. IV. 122.

  Bonstetten. II. 173.

  Bonzanigo, Holzschneider. II. 189.

  Bttiger. IV. 90.
  ----, Dichter. IV. 216.

  Bourke, Grfin von. IV. 199.

  Bournonville. IV. 124, 218.

  Boye, Joh. IV. 23.

  Brahe, Graf. IV. 216.

  Brandis. III. 39; IV. 202.

  Brene, Frulein, Schauspielerin. IV. 11.

  Brentano. II. 19, 202.

  Breu. II. 168; III. 171.

  Brinckmann, Herr von. IV. 217.

  Brockhaus, Familie. IV. 85.

  Brndsted. II. 75, 85, 89, 102, 106, 225; IV. 115, 129, 133.

  Brun, Constantin. I. 251; IV. 117.
  ----, Frederike. I. 251; II. 210, 218; III. 16; IV. 76, 116.
  ----, Ida, Grfin Bombelles. IV. 121.

  Bruun, Nordahl. I. 105; IV. 98.

  Brhl, Graf. III. 201, 208.

  Brssel. IV. 201.

  Blow, von, Minister. II. 74.

  Bull, Ole. IV. 135.

  Burgstorph, Baron. IV. 89.

  Busch, Maler. I. 110.

  Bystrm. IV. 215.


                                   C.

  Callisen. III. 34.

  Calmette, Oberceremonienmeister. III. 15.

  Campe, Buchhndler. IV. 115.

  *Canarienvogel, der. III. 38.

  Caroline, Kronprinzessin. IV. 54.

  Caroline Amalie, Knigin. IV. 39.

  Castelli. IV. 207.

  Carus, Dr. IV. 86.

  Cederstrm, Generallieutenant. IV. 70.

  Celle. III. 112.

  Chalons. II. 103.

  Chenard, Schauspieler. II. 128.

  Christie. I. 130; IV. 141.

  Christian der Siebente, Knig. IV. 80.

  Christian der Achte, Knig. III. 15; IV. 39, 103, 105, 107, 126, 129,
    137, 210, 219.

  Christiani, Dr. IV. 226.

  Christiania. IV. 96.

  Christiansburg. I. 83.

  Cilano. II. 190.

  St.-Cloud. III. 134; IV. 178.

  Cln. IV. 174.

  Colbjrnsen, Christian. III. 15.

  Coliseum. II. 211.

  Collet, Staatsrath. IV. 137.

  Confidati, Gesanglehrer. II. 221.

  Constant, Benjamin. II. 136, 173.
  ----, Madame. IV. 198.

  Coopmans, Charg d'affaires. IV. 201.

  Coppet. II. 172.

  Comet, Theaterdirector. IV. 202.

  *Correggio. II. 178, 218; III. 18.

  Cornelius. IV. 70.

  Cotta, Herr von. II. 164, 166; III. 158.

  Cramer, Prokanzler. IV. 116.

  Crysander, Dr. IV. 68.

  Culpin, Arzt. I. 11.


                                   D.

  Dahl, Buchhndler. IV. 99, 219.

  Dahln, Tanzlehrer. I. 118.

  Dannecker. III. 161.

  Decken, Frau von. IV. 156.

  St.-Denis. III. 139.

  Depping. II. 107.

  Deschamps, Dichter. IV. 189.

  Devrient. III. 201.

  Dickmann, Lehrer. I. 55, 66.

  *Dichtkunst, die. IV. 224.

  Dietrichstein, Graf. IV. 161.

  *Dina. IV. 128, 134, 152, 207.

  Donner, Conferenzrath. IV. 202.

  Dresden. II. 73; III. 189; IV. 155.

  Dreyer, Minister. II. 107.

  *Drillingsbrder, die, von Damask. IV. 44.

  Due, Staatsminister. IV. 213.


                                   E.

  Eggloffstein, Grfin. IV. 156.

  *Ehrlich whrt am Lngsten. III. 38.

  Eliviou, Snger. II. 127.

  Ems, Fechtmeister. I. 118.

  Engestrm, Professor. IV. 63.

  *Erik und Abel. IV. 10, 12.

  *Erik und Roller. I. 194.

  Ewald. I. 99.


                                   F.

  Falk. II. 100.

  *Faruk. III. 23.

  Fasanenhof. IV. 132.

  Feldborg, Andersen. III. 98.

  Feretti, Gesanglehrer. I. 119.

  Fichte. II. 44.

  *Fischer, der. III. 81; IV. 85.

  Fleury, Schauspieler. III. 127.

  Flood. III. 116.

  Florenz. II. 200, 225.

  *Flucht, die, aus dem Kloster. IV. 43.

  Foersom, Schauspieler. I. 120, 138; III. 20.

  Fogelberg. IV. 213.

  Frster, Dr. L. IV. 169.
  ----, Frau. III. 75; IV. 156.

  Fouqu. III. 203.

  Frankfurt a. M. II. 102; III. 118; IV. 172.

  Frankl, Ludw. Aug. IV. 164.

  *Freia's Altar. I. 230; III. 100.

  Freund, Bildhauer. IV. 147, 176.

  Friedrich der Sechste. I. 14; III. 6, 90, 94; IV. 124, 152.

  Friedrich Wilhelm der Vierte. Knig von Preuen. IV. 152.

  Friedrichsberg. I. 20, 23, 25, 32. 90; IV. 123, 129.

  Frhlich, Kapellmeister. IV. 126.

  Frommann, Familie. II. 63.

  Fryxell. IV. 78.


                                   G.

  Gaimard. IV. 163.

  Gaudentius, Prlat. III. 180.

  Gautier, Madame. II. 139.

  Geijer. IV. 78.

  Giebichenstein. II. 10.

  Gosch, Packhausverwalter. I. 51.

  Gotha. II. 101.

  Gthe. I. 154; II. 12, 55, 62, 90, 231; III. 59; IV. 172.

  *Gtter des Nordens. IV. 9.

  Gttingen. III. 113.

  Grillparzer. IV. 165.

  Grimm, Gebrder. III. 113.

  Grotta Ferrata. II. 215.

  Grundtvig. III. 26.

  Gullander, Professor. IV. 63.


                                   H.

  *Hagbarth und Signe. II. 125; III. 81.

  *Hakon Jarl. II. 23, 30; III. 18.

  Halberstadt. II. 9.

  Halle. II. 6.

  Haller, Frau von. II. 171.

  Hamburg. III. 106; IV. 201.

  Hammer-Purgstall. III. 176.

  Hndel-Schtz, Madame. III. 51.

  Hannover. III. 112.

  *St.-Hansspiel. I. 212.

  Hansteen, Professor. IV. 97.

  *Harald Hildetand. III. 31.

  Harmes, Frau von. II. 168.

  Hauch, Oberhofmarschall. I. 116, 182; III. 91.
  ----, Carsten. IV. 54, 112, 225.

  Heeren. III. 113.

  Hegel. II. 64.

  Heger, Carl, Schwager Oehlenschlgers. I. 166; II. 32.

  Heger, Christiane, O.'s Frau. (siehe Oehlenschlger.)
  ----, Hans, Schwiegervater O.'s. I. 165; IV. 9.
  ----, Peter, Schwager O.'s. I. 134.
  ----, Stephen, Schwager O.'s. I. 136; III. 19.
  ----, Marie, geb. Smith, Schauspielerin. III. 19.

  Hegermann-Lindenkrone, Generalin. IV. 9.

  Heiberg, J. L. IV. 21, 41, 111.
  ----, P. A. II. 102.

  Heidelberg. II. 228.

  Heine. IV. 111.

  Heinefetter. IV. 161.

  *Helge. III. 82.

  Helwig, Schauspieler. III. 193.

  Herder. II. 55.

  Herholdt, Etatsrath. IV. 31.

  Hersleb, Professor. IV. 97.

  Hertz, Henrik. IV. 112, 221.
  ----, Jens Michael. IV. 46.

  He. IV. 168.

  Heydn. IV. 167.

  Himmel. II. 50.

  *Hirtenknabe, der kleine. IV. 8, 12.

  Hitzig, Julius. III. 205.

  Hitzing. III. 178.

  Hoffmann, E. T. A. III. 200.

  Holbein, Director. IV. 207.

  *Holberg. IV. 14, 18.

  Hormayr, Baron. III. 188.

  Horn, Graf Frederik Classon. IV. 78.

  Hft, Buchhndler. IV. 151.

  *Hrolf Krake. IV. 45.

  Huber, Frau. III. 160.

  Hbner, Carl. IV. 156.

  *Hugo von Rheinberg. III. 38.

  Hugo, Victor. IV. 189.

  Humboldt, Alexander von. II. 52; IV. 152.
  ----, Wilhelm von. IV. 90.
  ----, Frau von. II. 218.


                                   I.

  Iffland. I. 95.

  Ingemann. III. 82.

  *Inseln, die, im Sdmeer. IV. 18.


                                   J.

  Jahn, Onkel. IV. 142.

  Jardin des plantes. III. 135.

  Jena. II. 62, 93.

  Jerichau, Bildhauer. IV. 147.

  *Jesus in der Natur. I. 232.

  Joinville, Prinz von. IV. 182.

  Juliane Marie, Knigin. I. 87.

  Jrgensen. Knig von Island. I. 57.


                                   K.

  Kalmeier, Maler. IV. 95.

  *Karl der Groe. IV. 44.

  Karl Johann, Knig von Schweden. IV. 61.

  Kassel. III. 113.

  Kaulbach. IV. 168.

  Kestner. II. 215.

  *Kiartan u. Gudrun. IV. 212, 223.

  Kiel. II. 6.

  Kiellander, Frau. IV. 69.

  Kierlen. III. 200.

  Kind, Fr. III. 192.

  Kleinmnchen. III. 165.

  Klopstock. IV. 116.

  Knoop, Kaufmann. II. 168.

  Knudsen, Schauspieler. I. 102, 137.

  Kundtzon, Familie. II. 137.

  Konow, Wollert, Schwiegersohn Oehlenschlger's. IV. 128.

  Kos. II. 75, 85, 89, 102, 106, 225.

  Krner, Familie. II. 95; III. 189, 205.

  Koren, Frau. I. 201.

  Koreff, Dr. II. 105.

  Ko, Herr von. IV. 180.

  Kotzebue. I. 190.

  Kraukling, Director. IV. 157.

  Krogklev. IV. 99.

  Kruse, Lauritz. I. 138.

  Kgelgen, Maler. II. 84.

  Kuhlau. III. 48; IV. 36.

  Kuntzen, Componist. I. 124.


                                   L.

  Laasbye, Controleur. I. 72.

  Lafontaine. I. 96; II. 20.

  Lage Maggiore. II. 227.

  Lamartine. IV. 220.

  *Langelandsreise, die. I. 231.

  Lauchstdt. II. 11.

  Laxenburg. III. 171.

  Lempert, Schauspieler. II. 165.

  Leopold, Knig der Belgier. IV. 182, 201.

  Lessing. I. 103.

  Lind, Jenny. IV. 202.

  Lindfors, Professor. IV. 64.

  Ling, Dichter. IV. 166.

  Livorno. II. 224.

  *Longobarden, die. IV. 45.

  Louis Philipp. IV. 178, 184, 197.

  Louise, Knigin von Preuen. II. 42.

  Louvre. III. 143.

  Lvenskjold, Statthalter in Norwegen. IV. 137.
  ----, Sohn. IV. 137.

  *Ludlams Hhle. III. 23, 49.

  Lbeck. III. 212.

  Lund. IV. 69.

  Lttichau, Intendant. IV. 155.

  Ltzen. II. 73.

  Lynar, Grfin. IV. 156.


                                   M.

  Macready. IV. 191.

  Mailand. II. 189, 226.

  Malling, Geheimrath. IV. 35.

  Malme. IV. 62, 67.

  Malte-Brun. II. 130.

  Malzburg, Frau von. III. 114.

  Marburg. III. 117.

  *Margarethe, Knigin. IV. 93, 227.

  Marino. II. 217.

  Mars, Demoiselle. II. 127.

  Max, Buchhndler. IV. 55, 115.

  Meien. II. 73.

  Mendelssohn, Felix. IV. 155.

  Metternich, Frst. III. 168; IV. 160.

  Metz. III. 120.

  Mller, Madame. I. 143.

  Mller, Jens. IV. 31.

  Moltke, Friedrich. III. 11.
  ----, Geheimrath. III. 12.

  Montefiascone. II. 203.

  Moscheles. IV. 35.

  Mozart. I. 121; IV. 167, 225.

  Mller, Johannes von. II. 53.
  ----, Maler und Dichter. II. 216.
  ----, Paludan. IV. 114.
  ----, Peter Erasmus. IV. 31, 101.

  Mnchen. IV. 168.

  Mnter, Bischof. II. 75; IV. 73.

  Mnter, Dr., Deutscher Prediger. IV. 116.

  Muhr, Magnetiseur. III. 209.

  Mynster, O. H. I. 186, 197; II. 16; IV. 7.
  ----, J. P. I. 186, 197; II. 15; IV. 31.
  ----, Grfin, geb. Ompteda. III. 14, 89.


                                   N.

  Nagel, Staatsrath. IV. 202.

  Napoleon. III. 83.

  Naumburg. II. 53.

  Nemours, Herzog von. IV. 182.

  Neubourg, Kloster. III. 180.

  Niebelungenlied. II. 60.

  Nielsen, Schauspieler. IV. 11.

  Novalis. I. 210; III. 53.

  Nrnberg. IV. 170.

  Nyse. IV. 126, 147.


                                   O.

  Oehlenschlger, Familie. Voreltern. I. 1. Groeltern. I. 7. Der Vater.
    I. 9, 109; II. 17; IV. 50. Die Mutter. I. 18, 21, 161. Schwester,
    Sophie. I. 12, 227; II. 39, 89; IV. 6. Frau, Christiane, geb.
    Heger. I. 162; II. 8; III. 5; IV. 128. Sohn, Johannes Wolfgang.
    III. 44; IV. 233. Sohn, William Conrad. III. 44; IV. 151. Tochter
    Charlotte. III. 34; IV. 93, 102.

  Oersted, A. S. I. 147, 184, 201.

  Oersted, H. C. I. 147, 184; II. 150, 152.

  *Oervarodd. IV. 185.

  Olsen, Frulein, spter Madame Rosing. I. 126.
  ----, Etatsrath. III. 45, 125.

  Orleans, Herzogin von. IV. 185.

  Oskar, Knig von Schweden. IV. 62, 100, 125.

  Overskou, Dichter. IV. 112.


                                   P.

  Par. II. 77.

  *Palnatoke. III. 18.

  Paludan-Mller. IV. 226.

  Paris. II. 103, 163; III. 121; IV. 175.
  ----, Graf von. IV. 185.

  Parma. II. 196.

  Passy. III. 132.

  Paul, Jean. I. 189; III. 72; IV. 169.

  Pavels, Bischof. I. 219.

  Perthes, Buchhndler. III. 108.

  Peter, Wirth in Zrich. II. 168.

  Petersberg. II. 22.

  Petersen, Hofgrtner. I. 28.

  Petterson, Docent. IV. 203.

  Pfister, Ludwig, O.'s Schwiegersohn. IV. 94.

  Pisa. II. 224.

  Pistor, Geheimrath. II. 43; III. 199.

  Pius der Siebente. II. 212.

  Platen, Graf von. IV. 110.

  Prag. IV. 157.

  Pram, Dichter. I. 195.

  Primo, Olinto del Borgo di. III. 117.

  *Prometheus. IV. 93.


                                   R.

  Raczynski, Graf von. IV. 91.

  Rahbek, Knud Lyne. I. 113, 128, 140, 163, 222; III. 17, 50, 102;
    IV. 10, 14, 25.
  ----, Kamma. I. 226, 163; II. 36; IV. 57.

  Rainer, Erzherzog. III. 180.

  Ramlse. IV. 61.

  *Ruberburg, die. III. 48.

  Raumer, Karl von. II. 10.

  *Regnar, Lodbrok. IV. 224.

  Reichardt, Familie. II. 10, 42. Frau R. III. 210. Louise. III. 109.
    Hanna. I. 243.

  Reimer, Buchhndler. II. 43; III. 199, 208.

  Reinhart, Maler. IV. 120.

  *Reise, die, nach Norwegen. IV. 96.

  Renner, Madame, Schauspielerin. III. 112.

  Rennenkampf, Baron. II. 217.

  Retzer. Baron. III. 180.

  Reventlow, Graf von. II. 8.
  ----, Graf Christian. III. 13.

  Rhein, der. IV. 173.

  Riedel, Schlohauptmann. III. 171.

  Ries, Kammerherr. IV. 80.

  Riemer, Dr. II. 59, 62, 232.

  Riepenhausen, Gebrder. II. 208, 219, 221; IV. 119.

  Rigi. II. 170.

  *Robinson in England. IV. 14.

  Rck, Herr von. IV. 212.

  Rodde-Schlosser, Frau. III. 113.

  Rmer, Dr. III. 168.

  Rom. II. 207.

  Ronziglione. II. 204.

  Rose, Schauspieler. III. 181.

  Rosenkilde, Schauspieler. IV. 15, 143.

  Rosenstand-Goiske. I. 112.

  Rosing, Schauspieler. I. 102, 125; III. 19; IV. 7.

  Rossi, Maler. II. 192.

  Rossini. IV. 32.

  Rothschild, Familie. IV. 186.

  Rousseau. II. 136.

  Rckert. III. 159; IV. 111.

  Rumohr, Freiherr v. II. 86; IV. 89.

  Ryge, Schauspieler. III. 46.


                                   S.

  Saabye, Schauspieler. I. 136.
  ----, Peter, Kaufmann. II. 226.

  Sabran, Graf von. II. 173.

  Schsische Schweiz. II. 88.

  Sagen, Lyder. IV. 141.

  Saltza, Graf von. IV. 71.

  Samse, Dichter. I. 34, 105.

  Sander, Dichter. I. 107, 150; III. 24.

  Sanssouci. IV. 152.

  Savern. III. 157.

  Savoyen. II. 104.

  Saxtorph, Lehrer. I. 60.

  Schaffhausen. II. 167.

  Schall, Concertmeister. IV. 37, 120.

  Schelling. III. 161.

  Schjelderup, Professor. III. 43; IV. 96.

  Schiller, Fr. I. 153, 195; II. 26, 119, 123; III. 63; IV. 117.

  Schiller, Frau von. II. 55, 62, 66, 72.

  Schimmelmann, Familie. I. 249; II. 8; III. 9, 33.

  Schinckel. III. 207.

  Schirmer, Madame, Schauspielerin. III. 21.

  Schjtt, Canal-Inspector. I. 27.

  *Schlaftrunk, der. I. 229; III. 100.

  Schlegel, A. W. II. 135, 173.
  ----, Friedr. II. 134; III. 118.

  Schleiermacher. II. 10, 22, 42; III. 211.

  Schlosser. II. 215.

  Schmidt, Prediger. I. 27.
  ----, Schloverwalter. I. 10.

  Schnorr. IV. 170.

  Schock, Herr von. II. 43.

  Schoulz, Frulein von, Sngerin. IV. 69.

  Schrder-Devrient, IV. 217.

  Schrdersee, Kammerherr. IV. 25.

  Schumacher, Andr. IV. 208.

  Schulz, Capellmeister. I. 101; IV. 35.

  Schwanthaler. IV. 169.

  Schwarz, Schauspieler. I. 125.

  Schweigaard, Prof. IV. 137.

  Scott, Walter. IV. 19.

  Sergel. IV. 213.

  Sibbern, Prof. III. 103.
  ----, Staatsrath. IV. 138.

  Siboni, Singmeister. IV. 32, 121.

  Siena. II. 202.

  *Sigrid mit dem Schleier. III. 31.

  Simplon. II. 227.

  *Siofna. I. 199.

  Sismondi, Simondi de. II. 173.

  Smidt, Marie, Schauspielerin. I. 93, 106.

  Slling, Commandeur. IV. 83.

  Srensen, Bischof. IV. 89.

  Sohnleitner. III. 168.

  *Sokrates. IV. 102, 108.

  Solger, Prof. III. 210.

  Sophienholm. I. 256.

  Spalding, Prof. II. 43.

  Spie. I. 96.

  Spontini. II. 126. IV. 198.

  Sprengtporten. IV. 214.

  Stal-Holstein, Frau von. II. 136, 172; III. 123.

  *Strkodder. III. 34, 36.

  Stampe, Familie. IV. 126.

  Steffens, Heinrich. I. 204, 237; II. 12, 23; III. 56; IV. 126, 151.
  ----, Klrchen. IV. 128.

  Stettin. IV. 151.

  Stieglitz, Charlotte. IV. 92.

  Stockholm. IV. 212.

  Stollberg, Chr. II. 228; III. 31.
  ----, Friedr. III. 31.
  ----, Ktchen. III. 31.

  Storm, Ed. I. 47, 52, 71, 76.

  Straburg. II. 163.

  Struensee, Graf. IV. 116.

  Stuttgart. II. 164.

  Sdfeld, das. I. 19, 28.

  Suhm, Peter. I. 140.

  Svendsen, Lehrer. I. 58.

  Sverdrup, Prof. IV. 96, 137.


                                   T.

  Talma. II. 111, 125.

  Tegnr. IV. 70, 125.

  Thaarup. I. 101, 123; IV. 11.

  Tharand. II. 88.

  Thestrup, Prof. IV. 64.

  Thierry. IV. 189

  Thors Reise nach Jothunheim. I. 230.

  Thorwaldsen. II. 208; IV. 123, 126, 144.

  Tieck. I. 210; II. 86; III. 58, 206, 207, 211; IV. 86, 152.

  Tivoli. II. 213.

  Tode, Dichter. I. 176.

  *Tordenskjold. IV. 10, 93.

  Treschow, Staatsrath. IV. 96.

  Tschppholz. III. 184.

  Turin. II. 188.


                                   U.

  Uhland. II. 167; III. 160.

  Unzelmann, Schauspieler. III. 201.


                                   V.

  *Vaulundurs Saga. I. 230.

  Velhaven. IV. 218.

  Vellnagel, Hofrath. II. 165.

  Versailles. III. 137.

  Viany, Alfred de. IV. 189.

  Villemain. IV, 188.

  Vincenz, Schauspieler. II. 165.

  Vogler, Abt. I. 108.

  Voigt, Baron. II. 173.

  Vo, der Vater. II. 228.
  ----, Joh. Heinr. II. 59.

  Vulpius, Frulein. II. 98.


                                   W.

  Wallich, Theatermaler. II. 191.

  Waltersdorff, Generalmajor, Theaterintendant. I. 136.

  Waltersdorff, Minister. III. 123.

  *Wringer, die, in Constantinopel. IV, 44.

  Weber, Carl Maria von. II. 166; III. 189.

  Wegener, Peter, Pseudonym. III. 78.

  Weimar. II. 54, 92, 230.

  Weimar'sche Frstenfamilie. II. 61.

  Welcker. III. 113.

  Werner, Zacharias. II. 86, 177.

  Wessel, Dichter. I. 100.

  Weyse, Componist. I. 198; III. 48; IV. 35.

  Wieland. II. 54; III. 195.

  Wien. III. 167; IV. 158.

  Wieselgren, Adjunct. IV. 63.

  Wilhelm, Prinzessin von Preuen. IV. 153.

  Winckler, Berndt. I. 34.

  Winkler, Hofrath. IV. 156.

  Winther, Chr., Dichter. IV. 114.

  Wocher, Capitain. III. 184.

  Wolf, Philolog. II. 24.

  Wolf, Schauspielerpaar. II. 59.
  ----, Wilhelmine. II. 23.

  Wolffhardt, Prof. III. 209.

  Wollzogen, Frau von. II. 62.

  Wulff, Peter Fred. III. 45; IV. 132.


                                   Z.

  Zeschwitz, Herr von. II. 87.

  Zetliz. I. 104.

  Zeuthen, Familie. IV. 23, 27.

  Zink, Gesanglehrer. I. 119.

  Zschokke, Frau von. III. 199.

  Zrich. II. 168.

                    *       *       *       *       *

                  Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.

                    *       *       *       *       *




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Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

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that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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