The Project Gutenberg EBook of Zwischen Himmel und Erde, by Otto Ludwig

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Title: Zwischen Himmel und Erde

Author: Otto Ludwig

Commentator: Wilhelm Miener

Illustrator: Paul Scheurich

Release Date: May 30, 2015 [EBook #49088]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ZWISCHEN HIMMEL UND ERDE ***




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                  Dieses Buch wurde in der Deutschen
                 Buch- u. Kunstdruckerei G. m. b. H.
               in Zossen gedruckt u. bei der Leipziger
                   Buchbinderei-Actiengesellschaft
                         in Leipzig gebunden.

                       Zwischen Himmel und Erde

                       Die Bcher des Deutschen
                                Hauses
                   Herausgegeben von Rudolf Presber
                             Erste Reihe
                               2. Band




                           Zwischen Himmel
                               und Erde


                            Erzhlung von
                             Otto Ludwig

                    Illustriert von Paul Scheurich

                                 1908
                    Buchverlag frs Deutsche Haus
                           Berlin--Leipzig

               Wenn Bcher auch nicht
               gut oder schlecht machen, besser
               oder schlechter machen sie doch!

                                            (Jean Paul)




                               Vorwort


_Otto Ludwig_ (1813-1865) gehrt zu den drei Groen des Jahres 1813.
Neben dem titanischen Wesen Richard Wagners, neben Friedrich Hebbels
grblerischer aber den groen Wurf nie verfehlender Art steht der Sohn
des Brgermeisters aus dem thringischen Stdtchen Eisfeld wie einer,
dem es nie recht gelingen wollte, was er sich zum Ziel gesetzt hat. Otto
Ludwig konnte sich nicht an die Geschftigkeit des neunzehnten
Jahrhunderts gewhnen und es plagte ihn doch ein unseliger Ehrgeiz,
seiner Zeit gerecht zu werden. Er ist ein Heimatdichter von Grund aus
und es trieb ihn doch in die groen Stdte. Jahrelang versuchte er, sich
in Leipzig, dann in Dresden heimisch zu machen. Aber er kam nicht
darber hinweg, da die Leipziger Damen alle so bernchtigt aussehen,
nicht wie Geschpfe der Natur, sondern wie Kunstfabrikate. Bis er
endlich in dem idyllischen Garsebach bei Meien Linderung fr seine
seelische Unzufriedenheit und seine krperlichen Leiden fand. Emilie
Winkler schuf dem nervsen Dichter das Heim, wie er es sich nur wnschen
konnte.

Da setzten auch die ersten groen Erfolge ein. Sein Drama Der
Erbfrster wurde in Dresden mit Erfolg aufgefhrt und einige Jahre
darauf erlebten seine Dorf- und Kleinstadtgeschichten Heiterethei und
Zwischen Himmel und Erde schnell zahlreiche Auflagen. Das deutsche
Volk war mit seinem Dichter zufrieden, nur er selbst strebte immer nach
Hherem, er konnte sich wie Hebbel nichts zu Dank machen. Die Entwrfe
huften sich, viele davon hat er in einer blen Laune selbst verbrannt.
Er sagte, ich mu sie vernichten, damit die Gestalten meiner Plne nicht
mehr des Nachts an mein Bett kommen, mich zu qulen, denn mir bleibt
keine Zeit mehr, ihnen ihre Gestalt zu geben. Aus dem schnen Jngling,
der mit vierundzwanzig Jahren in Hildburghausen und in seiner Vaterstadt
bewundert wurde, war ein mivergngter Dichter geworden, aus dem jungen
Musiker ein einsiedlerischer Denker, der des Nachts nach einem
Spaziergang in den stillen Wald ber dichterische Probleme nachdachte,
ber seinem Shakespeare trumte und in einer Welt lebte, die nicht die
Welt seiner Gegenwart war.

Zwischen Himmel und Erde lt sich nicht so leicht in die deutsche
Erzhlungsliteratur einreihen. Der Reiz dieses Buches ist, wie Kleists
Michael Kohlhaas, so innig mit der Persnlichkeit des Dichters
verknpft, so stark spricht uns aus dieser schlichten, im Tragischen wie
im Idyllischen gleich vollendeten Erzhlerkunst Otto Ludwigs
Menschentum, seine Jugend und seine abgeklrte Lebenserfahrung an, so
eindringlich deutsches Wesen berhaupt, da wir uns schmen wrden,
danach zu fragen, aus welcher Schule heraus ist diese Kunst entstanden.
Hinter dem Schicksal der Menschen unserer Erzhlung, mit denen uns der
Dichter schnell vertraut macht, als gehrten sie seit lange zu unserem
tglichen Verkehr, steht eine Gerechtigkeit, die keine alltgliche,
voreilig aburteilende und voreilig belohnende ist: Kehre dich nicht
tadelnd von der Welt, wie sie ist, suche ihr gerecht zu werden, dann
wirst du dir gerecht.

Aus dem Hintergrunde des mit inniger Liebe ausgemalten
Schieferdeckerberufes heben sich zahllose Lichter und Schatten,
auerordentlich fein gesehene Einzelzge, ab. Man sieht ihm bisweilen in
seine Arbeit hinein, empfindet die Mhe, aber auch die Sorgsamkeit und
die Gewissenhaftigkeit des Knstlers. Und wenn das sonst gerade kein Lob
fr ein Kunstwerk ist, so ist es doch auch wieder in der deutschen
Kunst, von Drer angefangen, zu einem ihrer Hauptcharakterzge geworden.
Nur verkncherte stheten knnen darber nrgeln. Wir andern freuen uns,
da wir so Einblick in die Werkstatt der Liebe erhalten, aus der heraus
jener Eifer und diese absichtliche Genauigkeit geboren ist. Mit den
Werken unserer Dichter treten wir in eine Traumwelt von wunderbarer
Versonnenheit ein, einer Unbekmmertheit gegen die Forderung des
Fertigen und der Gltte des scheinbar Vollkommenen, wenn darber die
Forderung der Liebe und des persnlichen Verantwortungsgefhls steht.

Der alte, trotzige und mrrische Dachdeckermeister ist eine solche
sprde Gestalt aus der Werkstatt Otto Ludwigs, ein Ebenbild des
Erbfrsters, eine Erinnerung an seinen eigenen Vater. Sein starres
Prinzip, von seinen Kindern nie etwas zweimal und nie mit Angabe der
Grnde zu fordern, aber auch nie etwas, das nicht vorher bei ihm selbst
wohl berdacht wre, ist nicht zum mindesten schuld an dem so
verschiedenen Schicksal seiner beiden Shne. Auch das Huschen und der
Garten, in dem kein Buchsbaumblttchen ber das andere hinaussehen
durfte, stimmen zu der sonderbaren Hrte dieser Menschen, deren
Schicksal zum groen Teile aus ihrer Umwelt (Zola ist hier vorgeahnt)
heraus- und dann auch einen Augenblick wohl ber sie hinauswchst.

Es sind des Menschen unausgesprochene Zweifel und geheime
Leidenschaften, die ihn bisweilen wie ein Gewitter mit Hagel und Blitz
berfallen. Dem berwinder erst kommt die groe neue Klarheit ber den
Wert des Lebens, eine Ewigkeitsperspektive, die nicht nur einen Helden,
sondern auch einen Weisen aus ihm macht. Apollonius, der junge Trumer,
ist eine der herrlichsten Figuren deutscher Dichtung, ein moderner
Parzival vom Lande, den das trbste Schicksal nicht irre machen kann. An
seiner reinen Leidenschaft fr Christiane -- an der Wahrheit mu sich
der Argwohn und die Frivolitt seines Bruders verbrennen, kann sich die
ngstlichkeit eines so zarten Frauengemts, wie es in Christiane
geschildert ist, aufrichten. Und dennoch bleibt eine Wehmut des
Unerfllten im Leser zurck, die uns nicht so bald von den Menschen
scheiden lt, wenn wir auch schon lange das Buch beiseite gelegt haben.
Dann wiederholen unsere Lippen wohl unwillkrlich die letzten Worte des
Dichters: Der Mensch soll nicht sorgen, da er in den Himmel komme,
sondern da der Himmel in _ihn_ komme. Und in diesem Sinne sei dein
Wandel: Zwischen Himmel und Erde.

                                                  Dr. Wilhelm Miener.




                       Zwischen Himmel und Erde


                      Erzhlung von Otto Ludwig

Das Grtchen liegt zwischen dem Wohnhause und dem Schieferschuppen; wer
von dem einen zum andern geht, mu daran vorbei. Vom Wohnhaus zum
Schuppen gehend hat man es zur linken Seite; zur rechten sieht man dann
ein Stck Hofraum mit Holzremise und Stallung, vom Nachbarhause durch
einen Lattenzaun getrennt. Das Wohnhaus ffnet jeden Morgen zweimal
sechs grn angestrichene Fensterlden nach einer der lebhaftesten
Straen der Stadt, der Schuppen ein groes graues Tor nach einer
Nebengasse; die Rosen an den baumartig hochgezogenen Bschen des
Grtchens knnen in das Gchen hinausschauen, das den Vermittler macht
zwischen den beiden grern Schwestern. Jenseits des Gchens steht ein
hohes Haus, das in vornehmer Abgeschlossenheit das enge keines Blickes
wrdigt. Es hat nur fr das Treiben der Hauptstrae offene Augen; und
sieht man die geschlossenen nach dem Gchen zu genauer an, so findet
man bald die Ursache ihres ewigen Schlafes; sie sind nur Scheinwerk, nur
auf die uere Wand gemalt.

Das Wohnhaus, das zu dem Grtchen gehrt, sieht nicht nach allen Seiten
so geschmckt aus, als nach der Hauptstrae hin. Hier sticht eine bla
rosenfarbene Tnche nicht zu grell von den grnen Fensterladen und dem
blauen Schieferdache ab; nach dem Gchen zu, die Wetterseite des
Hauses, erscheint von Kopf zu Fu mit Schiefer geharnischt; mit der
andern Giebelwand schliet es sich unmittelbar an die Huserreihe, deren
Beginn oder Ende es bildet; nach hinten aber gibt es einen Beleg zu dem
Sprichwort, da alles seine schwache Seite habe. Hier ist dem Hause eine
Emporlaube angebaut, einer halben Dornenkrone nicht unhnlich. Von roh
behauenen Holzstmmen gesttzt, zieht sie sich lngs des obern Stocks
hin und erweitert sich nach links in ein kleines Zimmer. Dahin fhrt
kein unmittelbarer Durchgang aus dem obern Stock des Hauses. Wer von da
nach der Gangkammer will, mu aus der hintern Haustr heraus und an
der Wand hin wohl sechs Schritt an der Hundehtte vorbei bis zu der
hlzernen, hhnersteigartigen Treppe, und wenn er diese hinaufgestiegen,
die ganze Lnge der Emporlaube nach links wandeln. Der letzte Teil der
Reise wird freilich aufgeheitert durch den Blick in das Grtchen hinab.
Wenigstens im Sommer; und vorausgesetzt, die der Lnge des Ganges nach
doppelt aufgezogene Leine ist nicht durchaus mit Wsche behngt. Denn im
Winter schlieen sich die Lden, die man im Frhjahre wieder abnimmt,
mit der Barriere zu einer undurchdringlichen Bretterwand zusammen, deren
Lichtffnungen ber dem Bereiche angebracht erscheinen, den eine
gewhnliche Menschenlnge beherrscht.

Ist die Zier der Baulichkeiten nicht berall die gleiche, und stechen
Emporlaube, Stall und Schuppen bedeutend gegen das Wohnhaus ab, so
vermit man doch nirgends, was noch mehr ziert als Schnheit der Gestalt
und glnzender Putz. Die uerste Sauberkeit lchelt dem Beschauer aus
dem verstecktesten Winkel entgegen. Im Grtchen ist sie fast zu
ngstlich, um lcheln zu knnen. Das Grtchen scheint nicht mit Hacke
und Besen gereinigt, sondern gebrstet. Dazu haben die kleinen Beetchen,
die so scharf von dem gelben Kies der Wege abstechen, das Ansehen, als
wren sie nicht mit der Schnur, als wren sie mit Lineal und Zirkel auf
den Boden hingezeichnet, die Buchsbaumeinfassung, als wrde sie von Tag
zu Tag von dem akkuratesten Barbier der Stadt mit Kamm und Schermesser
bedient. Und doch ist der blaue Rock, den man tglich zweimal in das
Grtchen treten sehen kann, wenn man auf der Emporlaube steht, und zwar
einen Tag wie den andern zu derselben Minute, noch sauberer gehalten als
das Grtchen. Der weie Schurz darber glnzt, verlt der alte Herr
nach mannigfacher Arbeit das Grtchen wieder -- und das geschieht
tglich so pnktlich um dieselbe Zeit wie sein Kommen -- und in so
untadelhafter Weise, da eigentlich nicht einzusehen ist, wozu der alte
Herr ihn umgenommen hat. Geht er zwischen den hochstmmigen Rosen hin,
die sich die Haltung des alten Herrn zum Muster genommen zu haben
scheinen, so ist ein Schritt wie der andere, keiner greift weiter aus
oder fllt aus der Gleichmigkeit des Taktes. Betrachtet man ihn
genauer, wie er so inmitten seiner Schpfung steht, so sieht man, da er
uerlich nur das nachgetan, wozu die Natur in ihm selber das Muster
geschaffen. Die Regelmigkeit der einzelnen Teile seiner hohen Gestalt
scheint so ngstlich abgezirkelt worden zu sein, wie die Beete des
Grtchens. Als die Natur ihn bildete, mute ihr Antlitz denselben
Ausdruck von Gewissenhaftigkeit getragen haben, den das Gesicht des
alten Herrn zeigt und der in seiner Strke als Eigensinn erscheinen
mute, war ihm nicht ein Zug von liebender Milde beigemischt, ja fast
von Schwrmerei. Und noch jetzt scheint sie mit derselben Sorgfalt ber
ihm zu wachen, mit der sein Auge sein kleines Grtchen bersieht. Sein
hinten kurzgeschnittenes und ber der Stirn zu einer sogenannten
Schraube zierlich gedrehtes Haar ist von derselben untadelhaften Weie,
die Halstuch, Weste, Kragen und der Schurz vor dem zugeknpften Rocke
zeigen. Hier in seinem Grtchen vollendet er das geschlossene Bild
desselben; auerhalb seines Hauses mu sein Ansehen und Wesen etwas
Fremdartiges haben. Pflastertreter hren unwillkrlich auf zu plaudern,
die Kinder auf der Strae zu spielen, kommt der alte Herr Nettenmair
dahergestiegen, das silberknpfige Rohr in der rechten Hand. Sein Hut
hat noch die spitze Hhe, sein blauer berrock zeigt noch den schmalen
Kragen und die bauschigen Schultern einer lang vorbergegangenen Mode.
Das sind Haken genug, schlechte Witze daran zu hngen; dennoch geschieht
dies nicht. Es ist, als ginge ein unsichtbares Etwas mit der stattlichen
Gestalt, das leichtfertige Gedanken nicht aufkommen liee.

Wenn die lteren Einwohner der Stadt, begegnet ihnen Herr Nettenmair,
eine Pause in ihrem Gesprch machen, um ihn respektvoll zu gren, so
ist es jenes magische Etwas nicht allein, was diese Wirkung tut. Sie
wissen, was sie in dem alten Herrn achten; ist er vorber, folgen ihm
die Augen der noch immer Schweigenden, bis er um eine Straenecke
verschwindet; dann hebt sich wohl eine Hand, und ein aufgereckter
Zeigefinger erzhlt beredter als es der Mund vermchte, von einem langen
Leben mit allen Brgertugenden geschmckt und nicht durch einen einzigen
Fehl geschndet. Eine Anerkennung, die noch an Gewicht gewinnt, wei
man, wie viel schrfer einem nach auen abgeschlossenen Dasein
nachgerechnet wird. Und ein solches fhrt Herr Nettenmair. Man sieht ihn
nie an einem ffentlichen Orte, es mte denn sein, da etwas
Gemeinntziges zu beraten oder in Gang zu bringen wre. Die Erholung,
die er sich gnnt, sucht er in seinem Grtchen. Sonst sitzt er hinter
seinen Geschftsbchern oder beaufsichtigt im Schuppen das Ab- und
Aufladen des Schiefers, den er aus eigener Grube gewinnt und weit
ins Land und ber dessen Grenzen hinaus vertreibt. Eine
verwitwete Schwgerin besorgt sein Hauswesen und ihre Shne das
Schieferdeckergeschft, das mit dem Handel verbunden ist und an Umfang
diesem wenig nachgibt. Es ist der Geist des Oheims, der Geist der
Ordnung, der Gewissenhaftigkeit bis zum Eigensinn, der auf den Neffen
ruht, und ihnen das Zutrauen erwirbt und erhlt, das sie von weit umher
beruft, wo man zur Deckung eines neuen Gebudes oder zu einer
umfassenderen Reparatur an einem alten des Schieferdeckers bedarf.

Es ist ein eigenes Zusammenleben in dem Hause mit den grnen
Fensterlden. Die Schwgerin, eine noch immer schne Frau, wenig jnger
als der Hausherr, behandelt diesen mit einer Art stiller Verehrung, ja
Andacht. Ebenso die Shne. Der alte Herr dagegen widmet der Schwgerin
eine achtungsvolle Rcksicht, eine Art Ritterlichkeit, die in ihrer
ernsten Zurckhaltung etwas Rhrendes hat, den Neffen beweist er die
Zuneigung eines Vaters. Doch steht auch hier etwas zwischen beiden
Teilen, das dem ganzen Verkehr etwas rcksichtsvoll Frmliches
beimischt. Das liegt wohl zum Teile in der schweigsamen Geschlossenheit
des alten Herrn, die sich den brigen Familiengliedern mitgeteilt hat,
wie denn alle seine Eigentmlichkeiten bis auf die unbedeutendsten
Einzelheiten, so in krperlicher Haltung und Bewegung, wie in Urteil und
Liebhaberei, auf sie bergegangen erscheinen. Wird in dem Familienkreise
weniger gesprochen, so scheint ein Aussprechen von Wnschen und
Meinungen des einen berflssig, wo der andere mit so sicherem Instinkt
zu raten wei. Und wie soll das schwer sein, wo alle eigentlich ein und
dasselbe Leben leben?

Es ist ein eigenes Zusammenleben in dem Hause mit den grnen
Fensterladen.

Die Nachbarn wundern sich, da der Herr Nettenmair die Schwgerin nicht
geheiratet. Es ist nun dreiig Jahre her, da ihr Mann, Herr Nettenmairs
lterer Bruder, bei einer Reparatur am Kirchendache zu Sankt Georg
verunglckte. Damals glaubte man allgemein, er werde des Bruders Witwe
heiraten. Sein damals noch lebender Vater wnschte das sogar, und der
Sohn selbst schien nicht abgeneigt. Man wei nicht, was ihn abhielt.
Aber es geschah nicht, wennschon Herr Nettenmair sich des Familienwesens
seines Bruders und der Kinder desselben vterlich annahm, auch sich
sonst nicht verheiratete, soviel gute Partien sich ihm auch anboten.
Damals schon begann das eigene Zusammenleben.

Es ist natrlich, da die guten Leute sich wundern; sie wissen nicht,
was damals in vier Seelen vorging; und wten sie es, sie wunderten sich
vielleicht nur noch mehr.

Nicht immer wohnte die Sonntagsruhe hier, die jetzt selbst ber die
angestrengteste Geschftigkeit der Bewohner des Hauses mit dem Grtchen
ihre Schwingen breitet. Es ging eine Zeit darber hin, wo bitterer
Schmerz ber gestohlenes Glck, wilde Wnsche seine Bewohner entzweiten,
wo selbst drohender Mord seinen Schatten vor sich her warf in das Haus;
wo Verzweiflung ber selbstgeschaffenes Elend hnderingend in stiller
Nacht an der Hintertr die Treppe herauf und ber die Emporlaube und
wieder hinunter den Gang zwischen Grtchen und Stallraum bis zum
Schuppen und ruhelos wieder vor und wieder hinter schlich. Damals schon
war das Grtchen der Lieblingsaufenthalt einer hohen Gestalt, aber den
Eigensinn des greisen Gesichts dmpfte nicht Milde; wenn sie ber die
Strae schritt, hielten auch die Knaben im lustigen Spiele an; aber die
Gestalt sah nicht so freundlich auf sie nieder. Vielleicht, weil ihr
Augenlicht fast erloschen war. Wohl war auch der ltere Herr Nettenmair
ein geachteter Mann und verdiente die Achtung seiner Mitbrger, nicht
weniger als sein milderes Ebenbild nach ihm. Er war ein Mann voll
strenger Ehre. Er war es nur zu sehr!

Was dazumal die Herzen in dem Hause bis zum Zerspringen schwellen
machte, was in den verdsterten Seelen umging und zum Teile heraustrat
in der Selbstvergessenheit der Angst, oder zur Tat wurde, zur
Verzweiflungstat: alles das mag durch das Gedchtnis des Mannes gehen,
mit dem wir uns bis jetzt beschftigt. Es ist Sonntag und die Glocken
von Sankt Georg, die den Beginn des vormittgigen Gottesdienstes
verkndigen, rufen auch in das Grtchen herein, wo Herr Nettenmair nach
hergebrachter Weise zu dieser Stunde auf seiner Bank in seiner Laube
sitzt. Seine Augen ruhen auf dem schiefergedeckten Turmdach von Sankt
Georg, das auch nach ihm zu schauen scheint. Heute sind es einunddreiig
Jahre, seit er nach lngerer Abwesenheit auf der Wanderschaft in die
Vaterstadt heimkehrte. Ebenso riefen die Glocken, als er durch eine
Schnei[1] hindurch an der Strae den alten Turm zum ersten Male
wiedersah. Damals knpfte sich seine nchste Zukunft an das alte
Schieferdach; jetzt liest er seine Vergangenheit davon ab. Denn -- aber
ich vergesse, der Leser wei nicht, wovon ich spreche. Es ist ja eben
das, was ich ihm erzhlen will.

                   *       *       *       *       *

So blttern wir denn die einunddreiig Jahre zurck und finden einen
jungen Mann statt des alten, den wir verlassen. Er ist hochgewachsen wie
dieser, aber nicht so stark. Er trgt die braunen Haare, wie der Alte,
am Hinterkopfe kurz geschoren, ber der weien hohen Stirn in eine
sogenannte Schraube knstlich gedreht. Auf seinem Gesicht erscheint noch
nicht die Strenge des Alten, dem gutmtigen Ausdrucke ist die Narbe
erlittenen Seelenschmerzes noch nicht eingeprgt. Keineswegs aber hat er
die leichtsinnige Unbekmmertheit, die sonst seinem Alter eigen, und
auch nicht das bequeme, nachlssige Wesen, das dem fahrenden
Handwerksburschen so leicht zur Gewohnheit wird. Noch fhrt ihn die hohe
Strae durch dichten Wald, aber die Klnge der Sankt Georgenglocken aus
der tief unten liegenden Stadt steigen herauf zur waldigen Hhe und
dringen durch Baum und Busch unhemmbar wie eine Mutter, die dem
kommenden Liebling entgegenflieht. Heimat! Was liegt in diesen zwei
kleinen Silben! Was alles steht auf im Menschenherzen, wenn die Stimme
der Heimat, der Glockenton, dem aus der Fremde Kehrenden Willkommen
ruft, der Ton, der das Kind in die Kirche, den Knaben zur Konfirmation
und zum ersten Genusse des heiligen Mahles rief, der jede Viertelstunde
zu ihm sprach! Im Gedanken Heimat umarmen sich all unsre guten Engel.

[Funote 1: Lichtung.]

Unserm jungen Wanderer drangen Trnen aus den ernsten und doch so
freundlichen Augen. Schmte er sich nicht vor sich selbst, er htte laut
geweint. Er kam sich vor, als htte er seinen Aufenthalt in der Fremde
nur getrumt und knne sich, nun er erwacht, auf den Traum kaum mehr
besinnen, als htte er nur getrumt, er sei ein Mann geworden in der
Fremde; als sei es ihm immer schon im Traum gekommen, er trume nur in
der Fremde, um, wenn er daheim erwacht sei, davon erzhlen zu knnen. Es
knnte auffallen, wie er bei alledem in diesem Augenblicke seines ganzen
Innern den Spinnenfaden nicht bersah, den die grende Luft von der
Heimat her gegen seinen Rockkragen wehte, und da er die Trnen
vorsichtig abtrocknete, damit sie nicht auf das Halstuch fallen mchten,
und mit der eigensinnigsten Ausdauer erst die letzten, kleinsten Reste
des Silberfadens entfernte, ehe er sich mit ganzer Seele seinem
Heimatsgefhle berlie. Aber auch sein Hngen an der Heimat war ja zum
Teile nur ein Ausflu jenes eigensinnigen Sauberkeitsbedrfnisses, das
alles Fremde, das ihm anfliegen wollte, als Verunreinigung ansah; und
wiederum entsprang jenes Bedrfnis aus der Gemtswrme, mit der er alles
umfate, was in nherem Bezuge zu seiner Persnlichkeit stand. Das Kleid
auf seinem Leibe war ihm ein Stck Heimat, von dem er alles Fremde
abhalten mute.

Jetzt machte die Strae eine Wendung; der Bergrcken, der vorhin die
Aussicht verengt hatte, blieb zur Seite liegen, und ber jungem Wuchs
stieg eine Turmspitze auf. Es war die Spitze des Sankt Georgenturms. Der
junge Wanderer hielt den Schritt an. So natrlich es war, da das
hchste Gebude der Stadt ihm zuerst und vor den brigen sichtbar werden
mute, seine Sinnigkeit verga es ber der innigen Bedeutung, die sie in
den Umstand legte. Das Schieferdach der Kirche und des Turms bedurfte
einer Reparatur. Diese war seinem Vater bertragen worden und sie war
der Grund, wenigstens der Vorwand, warum der Vater ihn frher aus der
Fremde zurckrief, als er bei des Sohnes Abreise gewillt gewesen.
Vielleicht morgen schon begann er seinen Teil Arbeit. Dort, senkrecht
ber dem weiten Bogen, durch den er die Glocken sich bewegen sah, war
die Aussteigetre angebracht. Dort sollten die beiden Balken sich
herausschieben, um die Leiter zu tragen, auf der er emporklimmte, bis
zur Helmstange, das Tau seines Fahrzeugs daran anzuknpfen fr die
luftige Fahrt um das Dach. Und wie es seine Natur war, sich mit festen
Herzensfden an die Gegenstnde anzuspinnen, mit denen er in
Arbeitsberhrung kommen sollte, so sah er in dem Auftauchen der
Turmspitze einen Gru und griff unwillkrlich in die Luft nach dem
Grenden hin, als glt' es, eine freundlich dargebotene Hand zu
drcken. Dann beschleunigte der Gedanke an seine Arbeit seinen Schritt,
bis ein Aushau im Walde und die Ankunft auf der hchsten Kante des
Berges ihm die ganze Heimatsstadt vor seinen Fen liegend zeigte.

Wieder blieb er stehen. Dort stand das Vaterhaus, dahinter der
Schieferschuppen; in derselben Vorstadt, nicht weit davon, das Haus, wo
sie -- gewohnt hatte damals, als er in die Fremde ging, jetzt wohnte sie
in seinem Vaterhaus, war seines Vaters Tochter, seines Bruders Weib und
er sollte von heute an in demselben Hause leben und sie tglich sehen
als seine Schwgerin. Sein Herz schlug strker bei dem Gedanken an sie.
Aber keine von den Hoffnungen, die sich ihm sonst an ihr Andenken
geknpft, lie es schwellen. Seine Neigung war die eines Bruders zur
Schwester geworden und was ihn jetzt bewegte, sah mehr einer Sorge
gleich. Er wute, sie dachte mit Widerwillen an ihn. Sie war die einzige
im ganzen Vaterhause, die sein Kommen ungern sah. Wie war das alles
geworden? War nicht eine Zeit gewesen, wo sie ihm gut zu sein schien? Wo
sie ihm so gern zu begegnen schien, als spter beflissen, ihm
auszuweichen? Da unten vor der Stadt in Grten liegt das Schtzenhaus.
Wie sind die Bume um das Haus grer geworden, seit er von dieser Hhe
herab auch ihm den letzten Gru zugewinkt hatte! Dort unter jener Akazie
hatte er kurz vorher gestanden -- es war an einem schnen Frhlingsabend
gewesen, dem schnsten, meinte er, den er erlebt -- am Pfingstschieen.
Drin tanzte das brige junge Volk; er ging selig um das Haus herum, in
dem er sie tanzend wute. Er fhlte sich jetzt noch im Umgang mit
Mdchen und Frauen befangen, und wute nicht mit ihnen zu reden; das war
er damals noch mehr gewesen als jetzt. Wie gern htte er ihr gesagt --
wenn er allein war, wieviel hatte er ihr zu sagen und wie gut wute er
es zu sagen, und fhrte es ein Zufall da er sie allein traf -- und
wunderbar, wie geschftig der Zufall sich zeigte, ein solch
Zusammentreffen zu vermitteln -- da trieb ihm der Gedanke, jetzt sei der
Augenblick da, alles Blut nach dem Herzen, die Worte von der Zunge in
den Versteck der tiefsten Seele zurck. So war es gewesen, wie sie, die
Wangen vom Tanze glhend, allein herausgetreten war aus dem Hause. Es
schien ihr nur um Khlung zu tun; sie wehte sich mit dem weien Tuche
zu, aber ihre Wangen wurden nur rter. Er fhlte, sie hatte ihn gesehen,
sie erwartete, er sollte nher treten und da sie wute, er verstand
sie, das frbte ihr die Wangen rter. Das trieb, da er zgerte, sie
wieder hinein in den Saal. Vielleicht auch, da sie einen Dritten nahen
hrte. Sein Bruder kam aus einer andern Tr des Saales. Er hatte die
beiden noch schweigend einander gegenberstehen, vielleicht auch des
Mdchens Rterwerden gesehen. Du suchst die Beate? fragte unser Held,
um seine Verlegenheit zu verbergen. Nein, entgegnete der Bruder. Sie
ist nicht zum Tanze und das ist gut. Es kann doch nichts werden; ich mu
mir eine andere anschaffen und bis ich eine finde, ist bhmisch Bier
mein Schatz.

Es war etwas Wildes in des Bruders Rede. Unser Held sah ihn verwundert
und zugleich bekmmert an. Warum kann nichts werden? fragte er. Und
wie bist du nur?

Ja, du meinst, ich soll sein wie du, fromm und geduldig, wenn nur kein
Federchen etwa an deinem Rocke sitzt. Ich bin ein andrer Kerl, und wird
mir ein Strich durch meine Rechnung gemacht, mu ich mich austoben.
Warum nichts werden kann? Weil der Alte im blauen Rock es nicht will.

Der Vater rief dich gestern in das Grtchen --

Ja, und zog seine weien Augenbrauen, die wie mit dem Lineal gemacht
sind, anderthalb Zoll in die Hh. Ich hatte mir's wohl gedacht. >Du
gehst mit der Beate vom Einnehmer. Das hat aufgehrt von heut an.<

Ist's mglich? Und warum?

Ja, hast du je gehrt, da der im blauen Rock ein Warum vorgebracht
htte? Und hast du ihn je gefragt: warum denn aber, Vater? Ich mchte
sein Gesicht sehen, fragte ihn einer von uns: Warum? Er hat's nicht
gesagt, aber ich wei es, warum das aufgehrt haben soll mit mir und der
Beate. Ich hab's die ganze Woche her erwartet; wenn er die Hand aufhob,
meint' ich, er deutet nach dem Grtchen, und war bereit, wie ein armer
Snder hinter ihm her zu gehen. Da ist ja der Ort, wo er seine
Kabinettsbefehle austeilt. Mit dem Einnehmer soll's nicht gut stehn. Es
geht eine Rede, er braucht mehr, als seine Besoldung hergeben will. Und
-- nun du bist ja auch ein Federchensucher wie der im blauen Rock. Aber
was kann das Mdchen dazu? Was ich? Nun, aufgehrt mu die Geschichte
haben, aber das Mdel dauert mich und ich mu sehn, wie ich sie
vergesse. Ich mu trinken oder mir eine andere anschaffen.

Unser Held war des Bruders Art gewohnt; er wute, da seine Reden nicht
so wild gemeint waren, als sie klangen, und der Bruder bewies ja seine
Liebe und Achtung vor dem Vater durch die Tat seines Gehorsams; dennoch
wre es unserm Helden lieb gewesen, der Bruder htte sie auch im Reden
gezeigt, wie im Tun. Der Bruder hatte mit seiner Neckerei nicht ganz
unrecht gehabt. Apollonius war es, als lge etwas Unsauberes auf der
Seele des Bruders und er strich unwillkrlich mehrmals mit der Hand ber
den Rockkragen desselben hin, als wre es uerlich von ihm abzuwischen.
Vom Tanze hatte sich Staub darauf gelagert; wie dieser entfernt war, kam
ihm die Empfindung, als sei wirklich entfernt, was ihn gestrt.

Das Gesprch tauschte seinen Stoff. Sie kamen auf das Mdchen zu
sprechen, das vorhin sich Khlung zugeweht; Apollonius wute gewi
nicht, da er die Anregung dazu gegeben hatte. Wie das Mdchen das Ziel
war, nach dem alle Wege seines Denkens fhrten, so hielt es ihn, war er
bei ihr angekommen, unentrinnbar fest. Er verga den Bruder so, da er
zuletzt eigentlich mit sich selbst sprach. Der Bruder schien all das
Schne und Gute an ihr, das der Held in unbewuter Beredsamkeit pries,
erst wahrzunehmen. Er stimmte immer lebhafter bei, bis er in ein wildes
Lachen ausbrach, das den Helden aus seiner Selbstvergessenheit weckte
und seine Wangen so rot frbte, als die des Mdchens vorhin gewesen
waren.

Und da schleichst du um den Saal, wo sie mit andern tanzt und, zeigt
sie sich, so hast du nicht das Herz, mit ihr anzubinden. Wart', ich will
dein Gesandter sein. Von nun soll sie keinen Reihen tanzen, als mit mir,
damit kein andrer dir die Quere kommt. Ich wei mit den Mdels
umzugehen. La mich machen fr dich.

Sie standen etwa zehn Schritt von der groen Saaltre entfernt,
Apollonius mit dem vollen, der Bruder mit dem halben Angesichte
derselben zugewandt. Unser Held erschrak vor dem Gedanken, da das
Mdchen heute noch alles erfahren sollte, was er fr sie fhlte. Dazu
kam die Scham ber sein eigenes befangenes ungeschicktes Wesen ihr
gegenber und wie sie davon wrde denken mssen, da er eines Mittlers
bedrfe. Er hatte schon die Hand erhoben, dem Bruder Einhalt zu tun, als
die Erscheinung des Mdchens selbst ihm alles andere verdunkelte. Leise
und allein wie vorhin kam sie aus der Tr geschritten. Unter dem Tuche,
mit dem sie sich Khlung zuwehte, schien sie verstohlen um sich zu
sehen. Er sah wieder ihre Wangen rter werden. Hatte sie ihn gesehen?
Aber sie wandte ihr Gesicht nach der entgegengesetzten Seite. Sie schien
etwas zu suchen im Grase vor ihr. Er sah, wie sie eine kleine Blume
pflckte, diese auf eine Bank legte und, nachdem sie eine Weile wie
zweifelnd gestanden, ob sie die Blume wieder aufnehmen sollte, wie mit
schnellem Entschlu sich wieder nach der Tr wandte. Eine halb
unwillkrliche Armbewegung schien zu sagen: mag er sie nehmen; sie ist
fr ihn gepflckt. Wieder wogte es rot herauf bis an das dunkelbraune
Haar, und die Hast, mit der sie in der Tr verschwand, schien einer Reue
vorbeugen zu sollen, die die Sorge erzeugen konnte, wie ihr Tun
verstanden werden wrde.

Der Bruder, der von alledem nichts zu gewahren schien, hatte noch in
seiner lebendigen, heftigen Weise fortgesprochen; seine Worte waren
verloren; unser Held htte zwei Leben haben mssen, sie zu hren, denn
das eine, das er besa, war in seinen Augen. Jetzt sah er den Bruder
nach dem Saale strmen. Zu spt kam ihm der Gedanke, ihn zurckzuhalten.
Er eilte ihm vergeblich nach bis zur Tr. Dort nahm ihn wiederum die
Blume gefangen, die das Mdchen fr einen Finder hingelegt, fr einen
glcklichen, fand sie der, dem sie zugedacht war. Und unter den leisen,
mechanisch fortgesetzten Zurufen seines Mundes an den Bruder, der sie
nicht mehr hrte, er solle schweigen, fragte er sich innerlich: bist
du's auch, fr den sie die Blume hierher gelegt? Hat sie die Blume fr
jemand hierher gelegt? Sein Herz antwortete glcklich auf beides mit ja,
whrend ihn das Vorhaben des Bruders noch bedrngte.

War es ein Liebeszeichen von ihr und fr ihn, so war es das letzte.

Zweimal sah er verstohlen in den Saal, wenn die Tr sich ffnete; er sah
sie mit seinem Bruder tanzen, dann im Ausruhen vom Tanze den Bruder in
seiner hastigen Weise auf sie hineinreden. Jetzt spricht er von mir,
dachte er, ber das ganze Gesicht erglhend. Er strzte in den Schatten
der nahen Bsche, als sie den Saal verlie. Der Bruder fhrte sie heim.
Er folgte den beiden in so groer Entfernung, als er ntig hielt, von
ihr nicht gesehen zu werden. Als der Bruder von der Begleitung
zurckkam, trat er von der Tr weg. Er war wie nackt vor Scham. Der
Bruder hatte ihn doch bemerkt. Er sagte: Noch will sie nichts von dir
wissen; ich wei nicht, ist es Ziererei oder ihr Ernst. Ich treffe sie
schon wieder. Auf einen Schlag fllt kein Baum. Aber das mu ich dir
zugestehen, Geschmack hast du. Ich wei nicht, wo ich meine Augen gehabt
habe seither. Die ist noch ganz anders, als die Beate. Und das will viel
sagen!

Von da an hatte der Bruder unermdlich mit Walthers Christianen getanzt
und fr den Bruder gesprochen und jedesmal, nachdem er sie heimgefhrt,
dem Helden Rechenschaft abgelegt von seinen Bemhungen fr ihn. Lange
noch war er ungewi, ob sie sich nur ziere, oder ob sie unserm Helden
wirklich abgeneigt sei. Er erzhlte gewissenhaft, was er zu des Helden
Gunsten ihr gesagt, was sie auf seine Fragen und Versicherungen
geantwortet. Er hatte noch Hoffnung, als unser Held sie schon aufgegeben
hatte. Und dieser htte es aus ihrem Benehmen gegen ihn erkennen mssen,
htte er auch ihre Antworten an den Bruder nicht erfahren, seine Neigung
habe keine Erwiderung zu erwarten. Sie wich ihm aus, wo sie ihn sah, so
angelegentlich, als sie ihn frher gesucht zu haben schien. Und war er
es denn gewesen, den sie damals suchte, wenn sie berhaupt jemand
gesucht hatte?

Der Bruder forderte ihn hundertmal auf, sie abzupassen und selbst seine
Sache bei ihr zu fhren. Er bot seine ganze Erfindungskraft auf, dem
Helden Gelegenheit zu verschaffen, sie allein zu sprechen. Unser Held
wies die Aufforderungen ab, wie die Anerbieten. Es war doch unntz.
Alles, was er erreichen konnte, war, sie nur noch mehr zu erzrnen.

Ich kann's nicht mehr mit ansehen, wie du abmagerst und immer bleicher
wirst, sagte der Bruder eines Abends zu unserm Helden, nachdem er ihm
gemeldet, wie er heute wieder erfolglos fr ihn gesprochen. Du mut
fort eine Zeitlang von hier, das wird nach zwei Seiten gute Folgen fr
dich haben. Wenn ich ihr sage, du bist um ihretwillen in die Welt
gegangen, wird sie sich vielleicht bekehren. Glaub' mir, ich kenne, was
lange Haare trgt und wei damit umzugehen. Du schreibst ihr einen
beweglichen Brief zum Abschied, den bekommt sie durch mich und ich will
ihr schon das Herz weich machen. Und ist's nicht zu erreichen, so wird
dir's gut tun, wenn du ein oder mehrere Jahre von hier weg bist, wo dich
alles an sie erinnert. Und zuletzt wird die Fremde einen andern Kerl aus
dir machen, der mit der Art, die Schrzen trgt, besser umzuspringen
wei. Du mut tanzen lernen, das ist schon der halbe Weg dazu. Und der
Alte im blauen Rock ist ohnehin vom Vetter in Kln angegangen worden,
einen von uns zu ihm zu schicken; ich las neulich in einem Brief, der
ihm aus der Tasche gefallen war. Sag ihm nur, du httest aus seinen
Reden so was gemerkt und wenn er's haben wollte, so wolltest du gehn.
Oder la mich das machen. Du bist zu ehrlich.

Und er machte es wirklich. Es ist die Frage, ob sich unser Held
freiwillig htte entschlieen knnen, die Heimat zu verlassen, er, der
nicht begriff, wie jemand wo anders leben knne, als in seiner
Vaterstadt, dem es immer wie ein Mrchen vorgekommen war, da es noch
andere Stdte gbe und Menschen drin wohnten, der sich das Leben und Tun
und Treiben dieser Menschen nicht als ein wirkliches, wie die Bewohner
seiner Heimat es fhrten, sondern als eine Art Schattenspiel vorgestellt
hatte, das nur fr den Betrachter existierte, nicht fr die Schatten
selbst. Der Bruder, der den alten Herrn zu behandeln wute, brachte, wie
zufllig, das Gesprch auf den Vetter in Kln, wute die Andeutungen,
die Herr Nettenmair in seiner diplomatischen Weise gab, als
vorbereitende Winke aufzufassen, fate andere, die unsern Helden
betrafen, damit zusammen. Nach fterem Gesprche schien er's fr den
ausgesprochenen Willen des alten Herrn zu nehmen, da Apollonius nach
Kln zu dem Vetter msse. Dadurch war dem alten Herrn der Gedanke
gegeben, ber dem er nun, da er fr den seinen galt, nach seiner Weise
brtete. Es war wenig Arbeit vorhanden und auch fr die nchste Zeit
keine Aussicht auf eine bedeutende Vermehrung derselben. Zwei Hnde
waren zu entbehren und blieben die im Geschft, so waren die Krfte
desselben zu einem halben Miggang verdammt. Der alte Herr konnte
nichts weniger leiden, als was er leiern nannte. Es fehlte nur an einem
Widerstande von seiten unsers Helden. Dieser wute nichts von des
Bruders Plane. Der Bruder hatte ihn weislich nicht darin eingeweiht,
weil er ihn zu gut kannte, um Vorschub von ihm zu erwarten bei einem
Tun, das er als unehrlich und unehrerbietig zugleich gegen den Vater
verworfen haben wrde.

Du willst den Apollonius nach Kln schicken, sagte der Bruder eines
Nachmittags zu dem alten Herrn. Wird er aber gehen wollen? Ich glaube
nicht. Du wirst mich auf die Wanderschaft schicken mssen. Der
Apollonius wird nicht gehen. Wenigstens heut oder morgen noch nicht.

Das war genug. Noch denselben Abend winkte der alte Herr unseren Helden
sich in das Grtchen nach. Vor dem alten Birnbaum blieb er stehen und
sagte, indem er ein kleines Reis, das aus dem Stamme gewachsen war,
entfernte: Morgen gehst du zum Vetter nach Kln.

Mit schneller Wendung drehte er sich nach dem Angeredeten um und sah
verwundert, da Apollonius gehorsam mit dem Kopfe nickte. Es schien ihm
fast unlieb, da er keinen Trotz zu brechen haben sollte. Meinte er, der
arme Junge denke trotzige Gedanken, wenn er sie auch nicht ausspreche
und wollte er auch den Trotz der Gedanken brechen? Heut noch schnrst
du deinen Ranzen, hrst du? fuhr er ihn an.

Apollonius sagte: Ja, Vater.

Morgen mit Sonnenaufgang machst du dich auf die Reise. Nachdem er so
eine trotzige Antwort fast erzwingen zu wollen geschienen, mochte er
seinen Zorn bereuen. Er machte eine Bewegung. Apollonius ging gehorsam.
Der alte Herr folgte ihm und kam einigemal auf das Zimmer der Brder, um
mit milderem Grimme den Einpackenden an mancherlei zu erinnern, was er
nicht vergessen solle.

Und vom Georgenturme tnte eben der letzte von vier Glockenschlgen, als
sich die Tr des Hauses mit den grnen Fensterladen auftat und unser
junger Wanderer heraustrat, von dem Bruder begleitet. An derselben
Stelle, von der er jetzt auf die unter ihm liegende Stadt herabsah,
hatte der Bruder Abschied von ihm genommen und er ihm lange, lange
nachgesehen. Vielleicht gewinn' ich dir sie doch, hatte der Bruder
gesagt, und dann schreib' ich dir's sogleich. Und ist's mit der nichts,
so ist sie nicht die einzige auf der Welt. Du bist ein Kerl, ich kann
dir's wohl sagen, so hbsch wie einer, und legst du nur dein bldes
Wesen ab, kann dir's bei keiner fehlen. Es ist einmal so, die Mdel
knnen nicht um uns werben und ich mchte die nicht einmal, die sich mir
von selbst an den Hals wrfe. Und was soll ein rasches Mdel mit einem
Trumer anfangen? Der Vetter in Kln soll ein paar schne Tchter haben.
Und nun leb' wohl. Deinen Brief besorg' ich noch heut'.

Damit war der Bruder von ihm geschieden.

Ja, sagte Apollonius bei sich, als er ihm nachsah. Er hat recht.
Nicht wegen der Tchter vom Vetter oder sonst einer andern, und wr' sie
noch so hbsch. Wr' ich anders gewesen, jetzt mt' ich vielleicht
nicht in die Fremde. War ich's, dem sie die Blume hingelegt hat am
Pfingstschieen? Hat sie mir begegnen wollen damals und frher? wer
wei, wie schwer's ihr geworden ist. Und wie sie das alles umsonst
getan, hat sie sich nicht vor sich selber schmen mssen? O, sie hat
recht, wenn sie nichts mehr von mir wissen will. Ich mu anders werden.

Und dieser Entschlu war keine taube Blte gewesen. Das Haus seines
Vetters in Kln zeigte sich keiner Art von Trumerei frderlich. Er fand
ein ganz anderes Zusammenleben als daheim. Der alte Vetter war so
lebenslustig als das jngste Glied der Familie. Da war keine
Vereinsamung mglich. Ein aufgeweckter Sinn fr das Lcherliche lie
keine Art von Absonderlichkeit aufkommen. Jeder mute auf seiner Hut
sein; keiner konnte sich gehen lassen. Apollonius htte ein anderer
werden mssen und wenn er nicht wollte. Auch im Geschfte ging es anders
her als daheim. Der alte Herr im blauen Rock gab seine Befehle, wie der
Gott der Hebrer aus Wolken und mit der Stimme des Donners, er htte
seinem Ansehen etwas zu vergeben geglaubt durch Aussprechen seiner
Grnde, es gab kein Warum, und seine Shne wagten nicht, nach Warum zu
fragen. Und selbst das Verkehrte mute durchgefhrt werden, war der
Befehl einmal ausgesprochen. ber Dinge, die das Geschft nicht
betrafen, redete er mit den Shnen gar nicht. Dagegen war es des Vetters
Weise, ehe er selbst seine Ansicht ber einen Punkt des Geschfts
aussprach, seine Gehilfen um ihre Meinung zu fragen. Es war dann nicht
genug an der Meinung, er wollte auch die Grnde wissen. Dann machte er
Einwrfe; war ihre Meinung die richtige, muten sie dieselbe siegreich
durchkmpfen; irrten sie, ntigte er sie, durch eigenes Denken auf das
Rechte zu kommen. So erzog er sich Helfer, denen er manches berlassen
konnte, die nicht um jede Kleinigkeit ihn fragen muten. Und so hielt er
es auch mit andern Dingen. Es waren wenig Verhltnisse des brgerlichen
Lebens, die er nicht nach seiner Weise mit seiner Familie -- und
Apollonius gehrte dazu -- durchsprach. Indem er zunchst nur darauf
auszugehen schien, das Urteil der jungen Leute zu bilden, gab er ihnen
einen Reichtum von Lebensregeln und Grundstzen, die um so mehr Frucht
versprachen, da die jungen Leute sie hatten selbst finden mssen. Woran
der Vetter bei seinem Verwandten nicht tastete, das war dessen
Gewissenhaftigkeit, Eigensinn in der Arbeit und Sauberkeit des Leibes
und der Seele. Doch lie er es nicht an Winken und Beispielen fehlen,
wie auch diese Tugenden an berma erkranken knnten.

Apollonius erkannte deutlich, da sein Glck ihn zu dem Vetter gefhrt.
Er verlor das trumerische Wesen immer mehr; bald konnte der Vetter die
schwierigste Arbeitsaufgabe in des Jnglings Hnde legen, und er
vollendete jede ohne die Hilfe fremden Rates zu solcher Zufriedenheit
des Vetters, da dieser sich gestehen mute, er selbst wrde die Sache
nicht umsichtiger begonnen, nicht energischer betrieben, nicht schneller
und glcklicher beendet haben. Bald konnte der Jngling sich ein Urteil
bilden ber die Art, wie sie daheim die Geschfte gefhrt hatten. Mute
er sich sagen, da sie nicht die zweckmigste gewesen, ja da manches,
was der alte Herr angeordnet hatte, verkehrt genannt werden mute, dann
warf er sich wohl seinen unkindlichen Sinn bitter vor, strengte sich an,
das Tun des Vaters bei sich zu rechtfertigen, und zwang sich, war ihm
das unmglich gewesen, zu dem Gedanken, der alte Herr habe seine guten
Grnde gehabt und er selbst sei nur zu beschrnkt, um sie zu erraten.

Es kamen Briefe vom Bruder. Im ersten schrieb dieser, er sei nun so weit
ber das Mdchen klar, da ihre Hrte gegen Apollonius von einer andern
Neigung des Mdchens herrhre, deren Gegenstand zu nennen sie nicht zu
bewegen sei. Aus dem nchsten, der kaum von dem Mdchen sprach, las
Apollonius ein Mitleid mit ihm heraus, dessen Grund er nicht zu finden
wute. Der dritte gab diesen Grund nur zu deutlich an. Der Bruder selbst
war der Gegenstand der verschwiegenen Neigung des Mdchens gewesen. Sie
hatte ihm mancherlei Zeichen davon gegeben, nachdem er nach des Vaters
Willen seiner ersten Geliebten entsagt. Er hatte nichts davon geahnt,
und als er nun als Werber fr den Bruder aufgetreten, hatte Scham und
berzeugung, er selbst liebe sie nicht, ihren Mund verschlossen.

Nun begriff Apollonius unter Schmerzen, da er sich geirrt, als er
gemeint, jene stummen Zeichen glten ihm. Er wunderte sich, da er
seinen Irrtum nicht damals schon eingesehen. War nicht sein Bruder ihr
so nah, als er, da sie die Blume hinlegte, die der Unrechte fand? Und
wenn sie ihm so absichtlich unabsichtlich allein begegnete -- ja, wenn
er sich die Augenblicke, die Eigentmer seiner Trume, vergegenwrtigte
-- sie hatte seinen Bruder gesucht, darum war sie erschrocken, ihm zu
begegnen, darum floh sie jedesmal, wenn sie ihn erkannte, wenn sie den
fand, den sie nicht suchte. Mit ihm sprach sie nicht; mit dem Bruder
konnte sie Viertelstunden lang scherzen.

Diese Gedanken bezeichneten Stunden, Tage, Wochen tiefinnersten
Schmerzes; aber das Vertrauen des Vetters, das durch Bewhrung vergolten
werden mute, die heilende Wirkung emsigen und bedachten Schaffens, die
Mnnlichkeit, zu der sein Wesen durch beides schon gereift war,
bewhrten sich in dem Kampfe und gingen noch gekrftigter daraus hervor.

Ein spterer Brief, den er vom Bruder erhielt, meldete ihm, der alte
Walther, der des Mdchens Neigung entdeckt und der alte Herr im blauen
Rocke waren bereingekommen, der Bruder solle das Mdchen heiraten. Des
alten Herrn Soll war ein Mu, das wute Apollonius so gut als der
Bruder. Des Mdchens Neigung hatte den Bruder gerhrt; sie war schn und
brav; sollte er sich dem Willen des Vaters entgegensetzen um Apollonius
willen, um einer Liebe willen, die ohne Hoffnung war? Der Zustimmung
Apollonius im voraus gewi, hatte er sich in die Schickung des Himmels
ergeben.

Die ganze erste Hlfte des folgenden Briefes, in welchem er seine Heirat
meldete, klang die fromme Stimmung nach. Nach vielen herzlichen
Trostesworten kam die Entschuldigung oder vielmehr Rechtfertigung, warum
der Bruder zwischen diesem und dem vorigen Briefe zwei Jahre lang nicht
geschrieben. Darauf eine Beschreibung seines huslichen Glckes; ein
Mdchen und einen Knaben hatte ihm sein junges Weib geboren, das noch
mit der ganzen Glut ihrer Mdchenliebe an ihm hing. Der Vater war
unterdes von einem Augenbel befallen und immer unfhiger geworden, das
Geschft nach seiner souvernen Weise allein zu leiten. Das hatte ihn
noch immer wunderlicher gemacht. Wenn er eine Zeitlang die Zgel ganz
den Hnden des Sohnes berlassen, dann hatte ihn das alte Bedrfnis zu
herrschen, durch die Langeweile der gezwungenen Mue noch geschrft,
sich wieder aufraffen lassen. Nun kannte er die Sache, um die es sich
eben handelte (und an die er sich bisher nichts gekehrt) nur
unzureichend; und wenn er sie kannte, so war ihm darum zu tun, seinen
Willen als den herrschenden durchzusetzen. Und schon deshalb verwarf er
den Plan, nach dem der Sohn bisher gehandelt. Was bereits geschehen,
Arbeit und Auslage waren verloren. Dabei mute er doch wieder den Sohn
zu Hilfe nehmen und die beste Darstellung des Verhaltes ersetzte dem
alten Herrn den Mangel der eigenen Anschauung nicht. Zuletzt mute er
einsehen, da die Sache auf seinem Wege nicht ging. Geld, Zeit und
Arbeitskraft war vergeudet und, was ihn noch tiefer traf, er hatte sich
blogegeben. Nach einigen dergestalt milungenen Versuchen, die Zgel
als blinder Fuhrmann wieder an sich zu reien, hatte er sich von den
Geschften zurckgezogen. Blo als beratender Helfer sich einem andern
unterzuordnen und gar dem eigenen Sohne, der bis vor kurzem noch der
ungefragte und willenlose Vollzieher seiner Befehle gewesen, das war dem
alten Herrn unmglich. Im Grtchen fand er Beschftigung; er konnte sich
neue machen, wenn ihm nicht gengte, was die Pflege des Grtchens bis
jetzt seinen Besorgern von selbst abgefordert. Er konnte das Alte
entfernen, Neues ersinnen und wieder Neuerem Platz machen lassen, und er
tat es. Unumschrnkt herrschend in dem kleinen grnen Reiche, in dem von
nun an kein Warum mehr laut werden durfte, wo neben dem Gesetze der
Natur nur noch ein einziges waltete, sein Wille, verga oder schien er
zu vergessen, da er frher einen mchtigeren Zepter gefhrt.

Mehr aber als von dem Geschfte und dem wunderlichen alten Herrn schrieb
der Bruder in seinen folgenden Briefen von den Festlichkeiten der
Schtzengesellschaft der Vaterstadt und einem Brgervereine, der
zusammengetreten war, sein Ergtzen von dem der niedriger stehenden
Schichten der Bevlkerung abzusondern. Aus allen den Beschreibungen von
Vogel- und Scheibenschieen, Konzerten und Bllen, als deren Mittelpunkt
er und seine junge Frau dastanden, lachte die hchste Befriedigung der
Eitelkeit des Briefstellers. Nur in einer Nachschrift war in dem letzten
Briefe des ernsteren Umstandes leicht Erwhnung getan, die Stadt wolle
eine Reparatur des Turm- und Kirchendaches zu Sankt Georg vornehmen
lassen und habe ihn mit Ausfhrung derselben betraut. Der im blauen
Rocke dringe in ihn, Apollonius aufzufordern, in die Vaterstadt und das
Geschft zurckzukehren. Der Bruder war der Meinung, Apollonius werde
die ihm liebgewordenen Verhltnisse in Kln nicht um einer so
geringfgigen Ursache willen verlassen mgen. Die Reparatur werde mit
den vorhandenen Arbeitskrften in kurzer Zeit zu vollenden sein. Der
schadhaften Stellen an Turm- und Kirchendach seien nur wenige. berdies
sehe er auch ab von dem Widerwillen seiner Frau gegen Apollonius, den er
seither so vergebens bekmpft, wrde es diesem eine unntze Qulerei
sein, alles das sich wieder aufzufrischen, was er froh sein msse,
vergessen zu haben. Er werde leicht einen Vorwand finden, dem Gehorsam
gegen einen Befehl, den nur Wunderlichkeit eingegeben, auszuweichen. Den
Schlu des Briefes machte eine neckende Anspielung auf ein Verhltnis
unseres Helden mit der jngsten Tochter des Vetters, von dem die
Vaterstadt voll sei. Der Bruder lie sich ihr als seiner knftigen
Schwgerin empfehlen.

Wenn auch ein solches Verhltnis nicht bestand, Apollonius konnte sich
sagen, es lag nur an ihm, es in das Leben zu rufen. Der Vetter hatte
schon manchen Wink fallen lassen, der dahin zielte; und das Mdchen, von
dem die Rede war, htte sich nicht gestrubt. Unser Apollonius war ein
Bursche geworden, den so leicht keine ausgeschlagen htte, deren Herz
und Hand noch zu ihrer Verfgung stand. Die Gewohnheit, nach seinem
eigenen Ermessen zu handeln und ber die Ttigkeit einer Anzahl
tchtiger Arbeiter selbstndig zu verfgen, hatte seinem uern Haltung,
seinem Benehmen Sicherheit gegeben. Und was von seiner frhern
Schchternheit gegen Frauen und der Neigung, sich trumend in sich
selbst zu versenken, noch brig geblieben war, erhhte noch die sichere
Mnnlichkeit, deren Ausdruck es milderte.

Ja, er wute, da er des Vetters Schwiegersohn werden konnte, wenn er
wollte. Das Mdchen war hbsch, brav und ihm zugetan wie eine Schwester.
Aber nur als eine Schwester sah er sie an; es war ihm nie der Wunsch
gekommen, sie mchte ihm mehr sein. Die Neigung zu Christianen glaubte
er besiegt zu haben; er wute nicht, da doch nur sie es war, die
zwischen ihm und des Vetters Tochter stand und zwischen ihm und jeder
andern gestanden htte. Als er erfuhr, Christiane liebte seinen Bruder,
hatte er die kleine Blechkapsel mit der Blume von der Brust genommen, wo
er sie seit jenem Abende trug, da er sie irrend als fr ihn hingelegt
aufgehoben. Als Christiane seines Bruders Weib geworden war, packte er
die Kapsel mit der Blume ein und schickte sie dem Bruder. Wegwerfen
konnte er nicht, was ihm einmal teuer gewesen, aber besitzen durfte er
die Blume nicht mehr. Besitzen durfte sie nur der, fr den sie bestimmt
gewesen, dem die Hand gehrte, die sie gegeben hatte.

Der Vater rief ihn zurck; er mute gehorchen. Aber es war mehr als der
bloe Gehorsam in ihm lebendig. Er ging nicht nur; er ging gern. Des
Vaters Wort war ihm mehr Erlaubnis als Befehl. Wenn die Frhlingssonne
in ein Gemach dringt, das den Winter ber unbewohnt und verschlossen
stand, dann sieht man, es war schlafendes Leben, was wie vertrocknete
Leichen auf der Diele lag. Nun regt es sich und dehnt sich und wird zur
summenden Wolke, und braust jubelnd hinein in den goldenen Strahl. Nicht
der Vater allein, jedes Haus der Vaterstadt, jeder Hgel, jeder Garten
darum, jeder darin rief ihn. Der Bruder, die Schwester -- diesen Namen
gab er Christianen -- riefen ihn. Er fhlte sich sicher, da es nur die
Schwester war, die ihn zu ihr zog. Doch sie rief ihn ja nicht. Sie trug
einen Widerwillen gegen ihn, hatte ihm der Bruder geschrieben; einen
Widerwillen, so stark, da sechs Jahre lang der Bruder vergeblich gegen
ihn gekmpft. Es war ihm, als msse er schon deswegen heim, damit er ihr
zeigte, er verdiente ihren Widerwillen nicht, er sei wert, ihr Bruder zu
sein. Das schrieb er dem Bruder in dem Briefe, der seinen Gehorsam
meldete und den Tag angab, an dem der Bruder ihn erwarten sollte. Er
konnte ihn versichern, da die Erinnerungen an ehemals ihn nicht qulen
wrden, da die Sorge des Bruders unbegrndet sei.

So war es gekommen, da der Gedanke an sie keine von den alten
Hoffnungen erweckte. Als er von der Hhe herabsah, fragte er sich: wird
mir's gelingen, ihr Bruder zu werden, die mir jetzt eine Schwester ist?

Noch eine Weile stand er und sah hinab. Aber seine Haltung hatte sich
verndert und sein Blick war ein andrer geworden. In Gedanken hatte ich
die letzten sechs Jahre noch einmal durchlebt und war noch einmal aus
einem blden, trumerischen Knaben zum Manne geworden. Als sein Blick
wieder auf den Turm und die Kirche zu Sankt Georg fiel, hob sich die
Hand nicht wie vorhin unwillkrlich, wie um eine unsichtbar ihm
hingereichte zu drcken. Er schalt sich ber sein kindisches Gaffen. Er
mute sobald als mglich die Dinge in der Nhe sehen, um sich ein Urteil
zu bilden, was zu tun sei. Die Liebe zur Heimat war noch so stark in ihm
als je, aber es war nicht mehr die des Knaben, dem die Heimat eine
Mutter ist, die ihn htschelnd in die Arme nimmt; es war die Liebe des
Mannes. Die Heimat war ihm ein Weib, ein Kind, fr das es zu schaffen
ihn trieb.

                   *       *       *       *       *

Wer heute in das Haus hineinsehen konnte mit den grnen Fensterladen,
etwa eine Stunde vor Mittag, der merkte wohl, da die Gedanken seiner
Bewohner nicht im gewhnlichen alltglichen Geleise gingen. Man konnte
es sehen an der Art, wie die Leute aufstanden und wie sie sich setzten,
wie sie die Tren ffneten und schlossen, wie sie Dinge anfaten und
wieder wegstellten, mit denen sie weiter nichts taten, als sie nehmen
und wieder hinstellen, und offenbar auch weiter nichts tun wollten. Wer
sich besinnt, in welcher Gemtslage er am ftesten die Uhr aus der
Tasche zog, und noch ehe er sie wieder in die Tasche versenkt, schon
vergessen hatte, welche Zeit es sei, und sie wieder hervorholte, und da
er nicht wute, warum er das getan, sie an das Ohr hielt, und ohne
gehrt zu haben, ob sie noch ging oder nicht, den Uhrschlssel suchte
und sie aufzog, vielleicht zum dritten Male in Zeit von einer Stunde:
der wird, falls er sich noch besinnen kann auf das, was er schon damals
nicht wute, als er es tat, erraten knnen, was die Leute zu aller der
zwecklosen Ttigkeit verleitet. Auch der junge Herr, der eben zum
sechsten Male seit einer Stunde seine Uhr aufziehen will, ist so wenig
mit dem Bewutsein bei diesem Geschft, da er es in der nchsten
Viertelstunde zum siebenten Male versuchen wird. Dann setzt er seine
wohlgenhrte, kurze Gestalt auf den Stuhl am Fenster und ist ungewi, ob
er hinaus auf die Strae sieht, oder ob er bei den Gedanken ist, die in
derselben zwecklosen Unruhe, die sein ueres zeigt, wie Wolkenschatten
an seinem Bewutsein vorbeiflattern. Er sitzt in schwarzer
Sonntagskleidung einer jungen Frau gegenber. Er htte Zeit genug, zu
sehen, wie schn sie ist, wie anmutig ihr das zerstreute Wesen ansteht,
-- und es kleidet sie weit besser, als ihn. Zuweilen scheint er es auch
zu sehen, aber dann ist es, als wre es ihm keine Freude. Dann werden
die Gedankenschatten auf seinem Gesichte tiefer und flattern nicht mehr
so schnell darber hin. Er betrachtet die schnen Zge der jungen Frau
genauer, ja es ist, als ob er sie belauere, als ob er sich sorgenvoll
frage, ob sie den Ausdruck von Widerwillen, der ber ihnen hngt,
behalten werde, bis -- und klingt dann zufllig ein strkerer Tritt von
der Strae herein an sein Ohr, dann schrickt er auf, aber er vermeidet
ihre schnen, offenen Augen, die sie, vom Klange des Tritts geweckt,
nach ihm hin aufschlagen kann.

Im Grtchen kann der alte Valentin einem ebenso alten Herrn im blauen
Rock nichts recht machen. Er ist zu aufgeregt und horcht und sieht viel
durch den Zaun nach der Strae, darber tut er bald zu wenig, bald zu
viel; und der alte Herr schilt manchmal, scheint es auch nur, um seine
Bewegung zu verbergen. Die Hnde zittern merklich, mit denen er
untersucht, ob die Buchsbaumeinfassung der kleinen Beete auch so
eigensinnig gleichmig geschoren ist, wie er sie geschoren haben wrde,
bese er noch das scharfe Auge von ehedem. Der alte Valentin mte eine
Trne von den hohlen Backen wischen, wie es so oft geschieht, ber die
Hilflosigkeit des alten Herrn und tausend Vergleiche zwischen sonst und
jetzt, die ihm der Anblick derselben herbeiruft; aber seine Augen und
seine Gedanken sind auf der Strae vor dem Zaun.

Hinten am Ende des Ganges neben der Tr des Schuppens sitzt auf einem
Haufen Schieferplatten ein ungemtlicher Gesell in Hemdrmeln. Der
Ausdruck seines Gesichts wechselt ohne sichtbaren ueren Anla zwischen
widerwrtiger Zutulichkeit und tckischem Trotz. Er kramt, scheint es,
unter seinen Gesichtern, wie ein Mdchen in ihrem Schmuck. Er hlt beide
bereit, um das rechte gleich bei der Hand zu haben. Er wei noch nicht,
welches er brauchen wird.

Vorn durch den Spalt der wenig geffneten Haustre lauscht das
Dienstmdchen. Aber keine ihrer Bekannten geht vorbei. Bald wird sie auf
einen Vorwand sinnen, die erste beste vorberwandelnde Gestalt
anzuhalten, nur um wie gelegentlich anzubringen, das Haus erwarte heute
seinen jngeren Sohn aus der Fremde zurck. Einstweilen sagt sie es dem
alten Hunde, der, bemht, die verschiedenen Gruppen durch sein Ab- und
Zugehen in Verbindung zu erhalten, eben bei ihr angekommen ist. Und
sogleich wendet er sich nach dem Hofe zurck, wie um weiter zu sagen,
was er vernommen. Der alte Hund ist von der Unruhe der Menschen
angesteckt. Ist doch jetzt die Stunde, die er an andern Tagen vor seiner
Htte schlafend verbringt.

Die alte Gewohnheit scheint ihn zu mahnen, als er an seiner Htte
vorbeilaufen will. Er legt sich daneben, aber er schliet die Augen
nicht; er scheint in tiefe Gedanken versunken. Denkt er sich die weite
Erde mit ihren Bergen und Tlern und Flssen, mit ihren Stdten und
Drfern? Und von Ort zu Orte Straen und auf jeder Strae Wanderer,
fortziehende und heimkehrende?

Wer ein scharfes Auge htte, die Herzensfden alle zu sehen, die sich
spinnen die Straen entlang ber Hgel und Tal, dunkle und helle, je
nachdem Hoffnung oder Entsagung an der Spule sa, ein traumhaftes
Gewebe! Manche reien, helle dunkeln, dunkle werden hell; manche bleiben
ausgespannt, so lang die Herzen leben, aus denen sie gesponnen sind;
manche ziehen mit unentrinnbarer Gewalt zurck. Dann eilt des Wanderers
Seele vor ihm her und pocht schon an des Vaterhauses Tr und liegt an
warmen Herzen, an Wangen von Freudentrnen feucht, in Armen, die ihn
drcken und umfangen und ihn nicht lassen wollen, whrend sein Fu noch
weit davon auf fremdem Boden schreitet. Und steht er auf der Flur des
Vaterhauses, wie anders dann, wie anders oft ist sein Empfang, als er
getrumt! Wie anders sind die Menschen geworden! In einer Minute sagt er
zweimal: sie sind's, und zweimal: sie sind's nicht. Dann sucht er die
altbekannten lieben Stellen, die Huser, den Flu, die Berge, die das
Heimatstal umgrten; die mssen doch die alten geblieben sein. Aber auch
sie sind anders geworden. Oft sind es die Dinge, die Menschen, oft nur
das Auge, das sie wiedersieht. Die Zeit malt anders, als die Erinnerung.
Die Erinnerung glttet die alten Falten, die Zeit malt neue dazu. Und
die, mit denen er in der Erinnerung immer zusammen war, in der
Wirklichkeit mu er sich erst wieder an sie gewhnen.

Ob Apollonius das dachte, als er immer etwas vergebens erwartete und
nicht wute, da es der Bruder war, der ihm entgegenkommen sollte? Ob
der Bruder fhlte, Apollonius msse nach ihm aussehen, als er so schnell
von seinem Stuhle aufstand? Er hatte schon die Trklinke in der Hand. Er
lie sie fahren. Fiel ihm ein, er knne ihn verfehlen, und blieb, weil
er Frau und Bruder die Peinlichkeit des Augenblicks ersparen wollte, in
dem sie einander allein gegenberstehen mten? Sie mit dem Widerwillen
und er mit dem Bewutsein jenes Widerwillens. Jetzt stieg die alte
Gestalt des Geschiedenen vor dem Bruder auf und es war, als befreite sie
ihn von schweren Sorgen. Es war die Wendung, mit der er sich sonst von
dem Gegenwrtigen abwandte, und dabei aussah, als sagte er zu sich: der
Trumer! und eine rasche Bewegung machte, wie um recht zu fhlen,
welch' ein andrer er sei, wie besser er sich auf das Leben verstehe und
die Art, die lange Haare hat und Schrzen trgt. Er musterte mit einem
beruhigten Blick in den Spiegel seine gedrungene Gestalt, sein volles,
rotes Gesicht, das tiefer in den Schultern stak, als er meinte,
wenigstens nicht tiefer, als er fr schn hielt; er steckte die Hnde in
die Beinkleidertaschen und klapperte mit dem Gelde darin. Er besann
sich, schon dem Gesellen am Schuppen gesagt zu haben: Es bleibt beim
alten in der Arbeit. Du nimmst von niemand Befehle als von mir. Ich bin
Herr hier. Und der hatte so eigen Zweideutig gelacht, als sagte er ein
lautes Ja zu dem Redenden, und zu sich: ich lass' dich so reden, weil
ich es bin. Fritz Nettenmair dachte: lange wird er nicht bleiben,
dafr will ich schon tun. Und ber der Bewegung, die wiederum sagte:
ich bin ein Kerl, der das Leben versteht, fiel ihm der Ball ein, an
dem er das heute abend noch viel genugtuender empfinden wird, weil er es
in allen Augen lesen kann, was er ist, und kein andrer so auer ihm.

Seine junge Frau scheint hnliches zu denken. Auch sie sieht in den
Spiegel; ihre Blicke begegnen sich darin. Die Ehe soll die Gatten sich
hnlich machen. Hier traf die Bemerkung. Das Zusammenleben hatte hier
zwei Gesichter sich hnlich gemacht, die unter andern Umstnden sich
vielleicht ebenso unhnlich sehen wrden. Und es hatte eigentlich nicht
beide einander hnlich gemacht, sondern nur eins davon dem andern. Die
bereinstimmenden Zge, das konnte ein scharfes Auge sehen, waren nur
ihm eigen; er hatte nur gegeben, aber nicht empfangen. Und doch wre es
umgekehrt besser gewesen fr Beide, wenn er es auch nicht eingestehen
wrde und sie es nicht fhlte, wenigstens in diesem Augenblicke nicht.
Vielleicht auch morgen und bermorgen noch nicht. Wieviel Zeit mag ntig
sein, wieviel Schmerzen wird sie zu Hilfe nehmen mssen, von einem
ursprnglich so schnen Menschenbilde abzuwaschen, womit die Gewohnheit
von Jahren es beschmutzt!

Die Tr flog auf, das hochgertete Antlitz des Dienstmdchens erschien
in ihr. Er kommt! Wer in der Strae zufllig am Fenster steht, schaut
mit Wohlgefallen auf die frische, schlanke, mnnliche Gestalt herab, die
daher kommt, den Tornister auf dem Rcken, den Stock unter dem Arm. Denn
er hat keine Hand frei. An der rechten fhrt er ein Mdchen, zwei
kleinere Knaben halten sich zugleich an seiner linken fest; ein Umstand,
der das Fortkommen nicht erleichtert. Die Nachbarn, die wuten, wer
erwartet wurde, fllen Fenster und Tren. Er hat nun nicht blo den
unermdlich auf ihn einredenden Kindern, er hat auch andern zu
antworten. Den Alten mu er auf Gre und Scherzreden erwidern,
Schulkameraden zuwinken, vor errtenden Mdchengesichtern sich
verneigen. Den Hut kann er nicht abziehen; die Kinder geben seine Hnde
nicht frei. Aber die Grenden verlangen es auch nicht; sie sehen, wie
unmglich es ihm ist. Und wo er vorbergegangen, da sagt ein Winken
hinter ihm her: er ist noch der alte, hbsche, bescheidene Junge, und
ein gehobener Finger setzt hinzu: aber er ist kein Junge mehr; er ist
ein Mann geworden, und was fr einer! Ist das Fenster geschlossen, wird
alles zu seinem Lobe laut, nur die Mdchen nicht, die reif genug waren,
sein Neigen mit unwillkrlichem Errten zu erwidern; die sind stiller
als sonst, und die Sonne, die heut so viel heller scheint als an andern
Tagen, bringt die seltsamsten Wirkungen auf sie hervor. Zunchst einen
eignen Drang der Fe, in der Richtung nach den Fenstern sich zu
bewegen; dann ein ebenso wunderbar pltzliches Wiedererwachen lngst
entschlafener Freundschaften, deren Gegenstnde in der Nhe des
Nettenmairschen Hauses wohnen, und die man besuchen mu; endlich
merkwrdig oft wiederkehrenden Andrang des Blutes nach dem Kopfe, den
man fr ein Errten angesehen htte, war nur irgendein Grund dazu
vorhanden.

Ob die Vernderung, die mit unserm Wanderer in der Fremde vorgegangen,
seinen Bruder ebenso erfreuen wird, als die Nachbarn?

Er ist an der Tr des Vaterhauses angekommen. Vergeblich hat er an den
Fenstern nach einem bekannten Antlitz gesucht. Jetzt kommt ein
untersetzter Herr im schwarzen Frack herausgestrzt. So hastig kommt er
gestrzt, so wild umschlingt er ihn, so fest drckt er ihn an seine
weie Weste, so nahe drngt er Wange gegen Wange, so lange lt er sie
da ruhen, da man die Wahl hat, zu glauben, er liebt den Bruder
auerordentlich, oder -- er will sich nicht gern in die Augen sehen
lassen von ihm. Aber er mu ihn doch endlich einmal aus den Armen
lassen; er nimmt ihn unter den rechten und zieht ihn in die Tre.

Schn, da du kommst! herrlich, da du kommst! Es war eigentlich nicht
ntig -- ein Einfall von dem im blauen Rock, und der hat nichts mehr zu
befehlen im Geschft. Aber es ist wirklich schn von dir; es tut mir nur
leid, da du deiner Braut die Augen rot machst. Deiner Braut, das
sprach er so deutlich und mit so erhhter Stimme, da man es in der
Wohnstube vernehmen und verstehen konnte.

Der Ankmmling suchte mit feuchten Augen in des Bruders Angesicht, wie
um Zug fr Zug durchzugehen, ob auch alles noch darin sei, was ihm so
lieb und teuer gewesen. Der Bruder tat nichts dazu, ihm das Geschft zu
erleichtern. Was ihn auch hindern mochte; er sah nur, was sich zwischen
Apollonius Kinn und Fuspitzen befand. Er hatte vielleicht gedacht, sich
mit der alten Wendung auf den Fersen an die Spitze des Zuges zu stellen.
Aber nach dem wenigen, das er gesehen, pate der Trumer nicht mehr,
und die Wendung unterblieb.

Der Vater hat es haben wollen, sagte der Ankmmling unbefangen. Und
was du da von einer Braut sagst --

Der Bruder unterbrach ihn; er lachte laut in seiner alten Weise, so da
man, sprach Apollonius auch weiter, ihn nicht mehr verstanden htte.
Schon gut! Schon gut! Noch einmal, es ist prchtig, da du uns
besuchst, und vierzehn Tage wenigstens wirst du festgehalten, magst du
wollen oder nicht. Kehr' dich nicht an die, setzte er leiser hinzu, und
zeigte mit der Rechten durch die Tre, die er eben mit der Linken
ffnete.

Die junge Frau stand mit dem Rcken gegen die Tr an einem Schrank, in
welchem sie kramte. Verlegen und nicht eben freundlich wandte sie sich,
und nur nach dem Manne. Noch sah der Schwager nichts als einen Teil
ihrer rechten Wange und eine brennende Rte darauf. Was man sonst an
ihrem Benehmen auszusetzen fnde, es zeigte sich darin eine
unverkennbare Ehrlichkeit, ein Unvermgen, sich anders zu geben, als sie
war. Sie stand da, als mache sie sich gefat, eine Beleidigung hren zu
mssen. Der Ankmmling ging auf sie zu und ergriff ihre Hand, die sie
ihm erst schien entziehen zu wollen und dann regungslos in der seinen
liegen lie. Er freute sich, seine werte Schwgerin zu begren. Er bat
ihr ab, da er durch sein Kommen sie erzrne, und hoffte, durch
redliches Bemhen den unverkennbaren Widerwillen zu besiegen, den sie
gegen ihn trage ...

In so schonende und artige Wendung er Bitte und Hoffnung kleidete, er
sprach beide blo in Gedanken aus. Da alles so war, wie er es sich
gedacht, und doch wieder so ganz anders, nahm ihm Unbefangenheit und
Mut.

Der Bruder machte der peinlichen Pause -- denn seine Frau antwortete mit
keinem Laute -- ein willkommenes Ende. Er zeigte auf die Kinder. Sie
drngten sich noch immer, unbeirrt von allem, was die Erwachsenen
bedrngte und sie nicht bemerkten und verstanden, um den neuen Onkel;
und dieser war froh ber den Anla, sich zu ihnen herabzubeugen und
tausenderlei Fragen beantworten zu mssen.

Die Brut ist aufdringlich, sagte der Bruder. Er zeigte auf die Kinder,
aber er sah verstohlen nach der Frau. Bei alledem wundert's mich, wie
ihr bekannt geworden seid. Und so schnell vertraut, fgte er hinzu. Er
mochte in Gedanken seine letzte Bemerkung weiterspinnen: es scheint, du
verstehst schnell vertraut zu werden und zu machen. Ein Schatten wie
von Besorgnis legte sich ber sein rotes Gesicht. Aber den Kindern galt
diese Besorgnis nicht; er htte sonst dabei nach den Kindern gesehen und
nicht nach seiner Frau.

Der Ankmmling sprach immer eifriger mit den Kindern. Er hatte die Frage
berhrt, oder er wollte vor der zrnenden Frau nicht merken lassen,
wessen Bild er so lebendig in sich trage. Die hnlichkeit mit der Mutter
hatte ihn die Kleinen, die ihm zufllig begegnet, als seines Bruders
Kinder erkennen lassen. Die Frage aber, wie sie so schnell mit ihm
vertraut werden konnten, htte man an den alten Valentin tun mssen. War
er es doch gewesen, der ihnen immer von dem Onkel erzhlt, der bald zu
ihnen komme. Vielleicht nur, um mit jemand von dem sprechen zu knnen,
von dem er so gern sprach. Der Bruder und die Schwgerin wichen solchen
Gesprchen aus, und der alte Herr machte sich nicht so gemein mit dem
alten Gesellen, ber Dinge mit ihm zu sprechen, die ihm den Vorwand
bieten konnten, in irgendeine Art Vertraulichkeit gegen ihn zu
verfallen. Der alte Valentin htte auch sagen knnen, die Kinder waren
nicht zufllig dem Onkel begegnet. Sie waren gegangen, um ihn zu finden.
Der alte Valentin hatte daran gedacht, wie tausend Heimkehrenden die
harrende Liebe entgegeneilt; es hatte ihm weh getan, da nur seinem
Liebling kein Gru entgegenkme, ehe er pochte an des Vaters Tr.

Apollonius verstummte pltzlich. Er erschrak, da die Verlegenheit ihn
des Vaters vergessen gemacht. Der Bruder verstand seine Bewegung und
sagte erleichtert: er ist im Grtchen. Apollonius sprang auf und eilte
hinaus.

Da unter seinen Beeten kauerte die Gestalt des alten Herrn. Er folgte
der Schere des alten Valentin, der auf den Knien vor ihm herrutschte,
noch immer mit den prfenden Hnden. Er fand manche Ungleichheit, die
der Geselle sofort entfernen mute. Ein Wunder war es nicht. Der alte
Valentin dachte jede Minute zweimal: jetzt kommt er! und wenn er so
dachte, fuhr die Schere quer in den Buchsbaum hinein. Und der alte Herr
wrde noch anders gebrummt haben, htte nicht derselbe Gedanke die Hand
unsicher gemacht, die nun sein Auge war.

Apollonius stand vor dem Vater und konnte vor Schmerz nicht sprechen. Er
hatte lang gewut, der Vater war blind, er hatte sich ihn oft in
schmerzlichen Gedanken vorgemalt. Da war er gewesen wie sonst, nur mit
einem Schirm vor den Augen. Er hatte sich ihn sitzend oder auf den alten
Valentin sich lehnend gedacht, aber nie, wie er ihn jetzt sah, die hohe
Gestalt hilflos wie ein Kind, die kauernde Stellung, die zitternd und
ungewi vor sich hingreifenden Hnde. Nun wute er erst, was blind sein
heit.

Valentin setzte die Schere ab und lachte oder weinte auf den Knien; man
konnte nicht sagen, was er tat. Der alte Herr neigte erst wie horchend
den Kopf auf die Seite, dann nahm er sich zusammen. Apollonius sah, der
Vater empfand seine Blindheit als etwas, des er sich schmen msse. Er
sah, wie der alte Herr sich anstrengte, jede Bewegung zu vermeiden, die
daran erinnern knnte, er sei blind. Er wute nun erst, was bei dem
alten Mann, den er so sehr liebte, blind sein hie! Der alte Herr ahnte,
da der Ankmmling in seiner Nhe war. Aber wo? auf welcher Seite?
Apollonius fhlte, der Vater empfand diese Ungewiheit mit Beschmung,
und zwang die versagende Brust zu dem Rufe: Vater! lieber Vater! Er
strzte neben dem alten Herrn in die Knie und wollte beide Arme um ihn
schlagen. Der alte Herr machte eine Bewegung, die um Schonung zu bitten
schien, obgleich sie nur den Jngling von ihm abhalten sollte. Der
schlug die zurckgewiesenen Arme um die eigene Brust, den Schmerz da
festzuhalten, der, ber die Lippen gestiegen, dem Vater verraten htte,
wie tief er dessen Elend empfand. Die gleiche Schonung lie den alten
Valentin die unwillkrliche Bewegung, dem alten Herrn sich aufrichten zu
helfen, zu einem Griff nach der Schere machen, die zwischen ihm und
diesem lag. Auch er wollte dem Ankmmling verbergen, was nicht zu
verbergen war. So treu und tief hatte er sich in seinen alten Herrn
hineingelebt.

Der alte Herr hatte sich erhoben und reichte dem Sohne die Hand, etwa
als wre dieser so viel Tage fortgewesen als er Jahre fortgewesen war.
Du wirst mde sein und hungrig! Ich leide etwas an den Augen, aber es
hat nichts zu sagen. Wegen des Geschftes rede mit dem Fritz. Ich hab's
aufgegeben. Ich will Ruhe haben. Aber das ist's eigentlich nicht; junge
Leute mssen auch einmal selbstndig werden. Das gibt mehr Lust zum
Geschft.

Er trat dem Sohn einen Schritt nher. Es war wie ein Kampf in ihm. Er
wollte etwas sagen, das niemand hren sollte, als der Sohn. Aber er
schwieg. Ein Gedankenschatten von Mitrauen und Furcht, sich etwas zu
vergeben, flog ber sein steinernes Gesicht. Er winkte dem Sohn, zu
gehen. Aber er selbst blieb regungslos stehen, bis sein scharfes Ohr die
Tr der Wohnstube ffnen und schlieen gehrt. Dann ging er nach der
Laube, immer voll Anstrengung und scheinbarer Sorglosigkeit. Drinnen
stand er lang, mit dem Gesichte der grnen Hinterwand zugekehrt, und
schien die Ranken von Teufelszwirn, die diese bildeten, angelegentlich
zu mustern. Allerlei Gedanken zogen ber seine Stirn. Es waren
sorgenvolle, seltener von Hoffnung angeschimmert, als von Argwohn
berdunkelt; und alle galten dem Geschft und der Ehre des Hauses, um
das er vor allen, selbst vor den Gliedern dieses Hauses, sich nicht im
entferntesten zu kmmern den Anschein gab.

Warum er unterdrckt, was er dem Ankmmling sagen wollte? War es vom
Geschft oder von der Ehre des Hauses? Und wute oder ahnte er, der
anstatt seiner nun um beides zu sorgen hatte, stand an die Tr des
Grtchens gelehnt und konnte hren, was er mit dem Ankmmling sprach,
und wenn er heimlich mit ihm sprach, wenigstens sehen, da er dies tat?
War es der Grund, warum er Apollonius hatte zurckrufen lassen aus der
Fremde? Und schien ihm noch jetzt jedes Aussprechen eines Warum mit
seinem Ansehen unvertrglich?

Es war ein wunderlich Beisammensein drinnen in der Wohnstube am
Mittagstisch. Der alte Herr sa, wie immer, allein auf seinem Stbchen.
Auch die Kinder waren entfernt worden und kamen erst nach dem Essen
wieder herein. Die junge Frau hielt sich mehr in der Kche oder sonst wo
drauen auf; und sa sie einmal wenige Minuten lang am Tisch, so war sie
stumm wie bei der Begrung; die grollende Wolke wich nicht von ihrer
Stirn. Der Bruder war des Vaters Zustand gewohnt, der Apollonius noch
mit erster Schrfe in das Herz schnitt; er erzhlte nur von den
Wunderlichkeiten desselben; der im blauen Rock wisse selbst nicht, was
er wolle, und mache sich und allen im Hause ohne Not das Leben sauer.
Begann Apollonius von dem Geschft, von der bevorstehenden Reparatur des
Kirchendachs von Sankt Georg, dann sprach der Bruder von Vergngungen,
mit denen er sich freue, dem Bruder seinen Aufenthalt bei ihm angenehmer
zu machen, und gedachte dieses Aufenthalts stets als eines
vorbergehenden Besuches. Sagte der ihm, er sei nicht gekommen, sich zu
vergngen, sondern zu arbeiten, dann lachte er wie ber einen
unvergleichlichen Witz, da Apollonius helfen wolle, nichts zu tun, und
zeigte, er verstehe Spa, und wre er auch noch so trocken vorgetragen.
Dann, war seine Frau hinausgegangen, forschte er nach dem Verhltnis
Apollonius zu der Tochter des Vetters und lachte dann wieder ber den
Bruder Spavogel, in dem man den alten Trumer gar nicht wiedererkenne.

Nach Tisch kamen die Kinder wieder herein und mit ihnen mehr Leben und
Gemtlichkeit. Whrend Apollonius vor den alten Verhltnissen noch als
vor neuen und fremden stand, hatte das neue zu den Kleinen schon die
ganze Vertraulichkeit eines alten gewonnen. Den ganzen Nachmittag
beschftigte den Bruder und, wie es schien, auch die Schwgerin, nur der
Ball. Der Bruder verga immer mehr, was ihm unbehaglich sein mochte,
ber dem Eindruck, den er als Hauptperson bei dem Feste auf den
Ankmmling machen wrde, und benutzte die Zeit bis zum Beginne
desselben, ihm durch Erzhlungen und hingeworfene Winke von Ehre und
Aufmerksamkeit, die ihm bei solchen Gelegenheiten von den angesehensten
Brgern erwiesen werde, einen Vorgeschmack zu geben. Er wurde zusehends
heiterer und schritt immer stolzer in der Stube hin und her. Das Knarren
seiner wohlgewichsten Stiefel sagte einstweilen, ehe es die Ballgste
taten: Ei, da ist er ja! da ist er ja! und wenn er dazwischen mit
beiden Hnden in den Hosentaschen mit Geld klapperte, klang es aus allen
Saalecken: Nun wird's famos! Nun wird's famos! Und dahin zwischen den
Bewillkommnenden -- aber schon ging er nicht mehr, er schwebte, er
schwamm auf der Musik -- jeder Tanz war eine Jubelouvertre auf den
Namen Nettenmair -- er fhlte keinen Boden, keine Fe, keine Beine mehr
unter sich, kaum noch die junge Frau Nettenmair, die neben ihm schwamm,
an seiner rechten Flofeder hngend, die Schnste unter den Schnen, wie
er der Jovialste unter den Jovialen, der Daumen an der Hand des Balles
war.

Und zwei Stunden darauf klang es wirklich von allen Seiten: da ist er!
rief es wirklich aus allen Ecken: nun wird's famos! Wo sie
vorbeikamen, wurden Sthle angeboten. Keine Hand wurde so oft und
anhaltend geschttelt, als des jovialen Fritz Nettenmairs, keinem
Gesellschaftsmitgliede so viel ungeheucheltes Lob in die Ohren gegossen,
als ihm. Aber wie liebenswrdig war er auch! Wie herablassend nahm er
alle die verdienten Huldigungen auf. Wie witzig zeigte er sich; wie
gefllig lachte er. Und nicht allein ber seine eigenen Spe -- denn
das war keine Kunst; sie waren so geistreich, da er lachen mute, wenn
er nicht wollte -- auch ber andre, so wenig die es, gegen die seinen
gehalten, verdienten. Es gab freilich auch Leute, die sich wenig an ihn
kehrten, aber er bemerkte sie nicht, und die es deutlicher zeigten,
waren Philister, Alltagskerle, unbedeutende Menschen, wie er dem
Bruder mit verchtlichem Bedauern in das Ohr sagte. Es war ganz eigen;
man konnte an dem Grad ihrer Verehrung von Fritz Nettenmair ihre grere
oder geringere Bedeutung als Menschen und Brger ganz genau ermessen. Da
stand er, den roten Kopf in den Schultern, die das ungeheuchelte Gefhl
seiner Wichtigkeit -- und seine eigene stille Meinung von sich war noch
ungeheuchelter als die laut ausgesprochene der bedeutendsten Leute im
Saale ber ihn -- noch mehr als gewhnlich in die Hhe gezogen, die Arme
bald in graziser Eckigkeit an den Leib gedrckt, bald ausgestreckt, um
mit dem Stocke irgendeinem der bedeutendsten Leute eine klatschende
Liebkosung zu versetzen, die jederzeit mit einem dankbaren Lcheln
erwidert wurde.

Als der Tanz begann, zog Fritz Nettenmair den Bruder in eine Nebenstube.
Du mut tanzen, sagte er. Von meiner Frau wrdest du einen Korb holen
und das wr' mir unangenehm. Ich will dir eine zufhren, die firm ist
und dich im Takt erhalten kann. Nur herzhaft, Junge, wenn's auch nicht
gleich gehen will.

Fritz Nettenmair hatte in der Aufregung der Eitelkeit sechs Jahre
vergessen. Der Bruder war ihm noch der alte Trumer, den er zuweilen zu
seinem Vergngen zu tanzen zwang. Als er nun, die Weigerung nicht
achtend, Apollonius das Mdchen zufhrte, ergab sich dieser, um nicht
unhflich zu erscheinen.

Herr Fritz Nettenmair war der gutmtigste Mensch von der Welt, solang er
sich als alleinigen Gegenstand der allgemeinen Bewunderung wute. In
solcher Stimmung konnte er fr diejenigen, die sein Glanz in den
Schatten stellte, Taten der Aufopferung tun. So auch jetzt. Wie er unter
den bedeutenden Leuten sa, die er mit Champagner traktierte, und in den
Augen seiner Frau die Befriedigung las, mit der sie ihn mit Ehren
berhuft sah, kam die Empfindung ber ihn, als habe er dem Bruder ein
groes Unrecht verziehen und er sei ein auerordentlich edler Mensch,
der alle die Ehrenbezeigungen verdiene und in wunderbarer
Anspruchlosigkeit sich dennoch herablasse, sich durch sie rhren zu
lassen. Eben tanzte Apollonius vorber. Er sah, der war der alte Trumer
nicht mehr, aber er vergab ihm auch das. Alle Augen waren auf den
schnen Tnzer und seinen gewandten Anstand gerichtet. Fritz zog seine
Frau auf, und in der Gewiheit, wie sehr er den Bruder berglnzen
msse, hatte er noch die Wollust, dem Bruder wer wei wieviel Unrecht,
das ihm dieser nie zugefgt, zu verzeihen.

Aber der Undankbare! Er lie sich nicht berglnzen. Fritz Nettenmair
tanzte jovial und wie einer, der die Welt kennt und mit der Art
umzugehen wei, die lange Haare hat und Schrzen trgt; der Bruder war
ein steifes Bild dagegen. Der nickte den Takt nicht mit dem Kopfe, der
warf nicht, trat der linke Fu im Niedertakte auf, den Oberleib auf die
rechte Seite und umgekehrt; der fuhr nicht mit khner Genialitt hin und
wieder quer ber den Tanzsaal und stach andere Paare aus; der tanzte
durchaus weder jovial, noch wie einer, der die Welt kennt und mit der
Art umzugehen wei, die lange Haare und Schrzen trgt; und dennoch
blieben alle Blicke auf ihm haften; und Fritz Nettenmair bertraf
vergeblich sich selbst.

Es war der ledernste Ball, den Fritz Nettenmair mitgemacht; er konnte
nicht lederner sein, war Fritz Nettenmair daheim geblieben. Fritz
Nettenmair versicherte es mit hohen Schwren, und die bedeutenden Leute,
die seinen Champagner tranken, stimmten, wie immer, unbedingt in seine
Meinung ein.

Einige bedeutende Frauen sprachen gegen Frau Nettenmair ihre gerechte
freundschaftliche Entrstung ber den Schwager aus. Da dieser nicht die
Schwgerin zuerst zum Tanze aufgezogen, bewies eine unverzeihliche
Miachtung derselben. Frau Nettenmair, die das allgemeine Unrecht an
ihrem jovialen Gatten so tief fhlte, als wre es ihr selber angetan,
sagte, der Schwager habe wohl gewut, da er sich nur einen Korb bei ihr
geholt htte. Aber Apollonius wurde nur immer mehr bewundert und geehrt
und der Ball demzufolge nur immer noch lederner. So ledern, da Fritz
Nettenmair mit seiner Frau zu einer Stunde aufbrach, wo er sonst erst
recht jovial zu werden anfing. Dennoch sammelte er feurige Kohlen auf
des undankbaren Bruders Haupt. Er bat in dessen Namen das Mdchen, dem
Bruder zu erlauben, da er sie heimbegleiten drfe. Dann ging er aus dem
Nebenstbchen wieder in den Saal zu seiner Frau und verlie mit dieser
unter der ungeheucheltsten Verzweiflung der bedeutenden Leute, die noch
Durst nach Champagner hatten, das Haus.

Apollonius fand, als er des aufgentigten Ritterdienstes gegen seine
Dame sich entledigt, die Tr des Vaterhauses offen und alle seine
Bewohner schon im Schlafe. Wenigstens zeigte sich nirgends Licht, und
alles war still. Der Bruder hatte ihm das Kmmerchen links an der
Emporlaube zur Wohnung angewiesen. Zu Apollonius' Glck hatten die sechs
Jahre das Haus nicht verndert, wie seine Bewohner. Er ging leise durch
die Hintertr, an dem freundlich knurrenden Moldau vorbei, dem er voll
Dankbarkeit fr das Zeichen seiner Bestndigkeit den rauhen Hals
streichelte, stieg die Treppe herauf, schritt die Emporlaube entlang und
fand ein Bett in seinem Stbchen. Aber er sa noch lang, ehe er sich
entkleidete, auf dem Stuhl am Fenster und verglich, was er gefunden, mit
dem, was er verlassen.

Gedanken und Bilder des Vergleichs spielten noch in seine Trume hinein.
Der Vater stand wieder vor ihm und kndigte ihm an, er msse noch morgen
nach Kln, und inmitten der Rede brach die rstige Gestalt zusammen und
tappte hilflos mit zitternden Hnden an der Erde herum und schmte sich
ihrer Blindheit. Der Bruder sa dabei und trank Champagner. Die
Schwgerin kam aus dem Hause, das liebliche, offene Gesicht voll
Zutraulichkeit und Aufrichtigkeit von sonst; die Blume, die sie vor
Apollonius hinlegen wollte, fiel aus ihrer Hand, als sie den Bruder
erblickte und der ihm neue, fremde Zug von Leerheit, gedankenloser,
eitler Vergngungssucht, von grollender Bitterkeit gegen Apollonius
legte sich ber sie wie ein schmutziges Spinnengewebe. Er wollte
arbeitend sich vergessen, aber der Bruder rttelte an dem Fahrstuhl, da
er fast hinunterstrzte aus der Schwindelhhe auf das Pflaster und
sagte: ein Besuch fr vierzehn Tage drfe nicht arbeiten. Und sonderbar
war es, da ihm jetzt Kln als seine Heimat erschien und seine
Vaterstadt so fremd, da er sich die bittersten Vorwrfe machte in
seiner Gewissenhaftigkeit. Dann fand er sich wieder auf dem Fahrstuhl
hoch am Turmdach. Da war alles anders, als es sein sollte, die Schiefer
in verkehrter Richtung gedeckt, und nun stak er in die Ausfahrtr
eingeklemmt, ringsum in staubige Spinnengewebe eingewickelt; er hatte
seine Festtagskleider an; sie waren voll Schmutz; er wischte und
brstete, da er schwitzte, und sie wurden nicht rein.

Und so oft er von der vergeblichen Bemhung aufwachte, wiederholte er
sich laut den Entschlu, den er vor dem Niederlegen gefat. Am nchsten
Morgen mute er wissen, was er hier sollte, mute sein Verhltnis zum
Vaterhause ein klares sein. War keine Arbeit fr ihn, so sah ihn der
Morgen noch auf seinem Rckwege nach Kln. --

Mit der Sonne war er auf; aber er mute lange warten, bis es dem Bruder
gefiel, sich von seinem Lager zu erheben. Er benutzte die Zeit zu einem
Gange durch Sankt Georg; er wollte sich selbst berzeugen, was dort zu
tun sei. Als er wieder zurckkam, traf er auf seinen Bruder und einen
Herrn mit ihm, die eben im Begriffe waren, die Wohnstube zu verlassen.
Den Herrn kannte Apollonius noch von frher her als den Deputierten des
Stadtrats fr das Baufach. Sie begrten sich. Sie hatten schon gestern
auf dem Balle sich gesprochen, wo der Herr sich eben nicht als ein
bedeutender Mensch und Brger ausgewiesen, vielmehr zu den Philistern,
Alltagskerlen und Unbedeutenden gehalten hatte. Es schien ihm nicht
unlieb, Apollonius eben jetzt zu begegnen. Nach einigen hergebrachten
Wechselreden kam er auf den Zweck seines Hierseins. Es sollte diesen
Morgen noch eine letzte Beratung von Sachverstndigen stattfinden ber
das, was an Kirchen- und Turmdach zu tun sei, damit das Resultat
derselben noch bei der am Nachmittag stattfindenden Ratssitzung
vorgetragen und Beschlu gefat werden knne. Fritz Nettenmair und der
Ratsbauherr waren eben auf dem Wege nach Sankt Georg, wo sie die brigen
Sachverstndigen bereits versammelt wuten.

Der Bruder wollte seinen Besuch, wie er sagte, nicht mit der Teilnahme
an fremden Geschften beschweren: ebensowenig mochte er ihn -- aber das
sagte er nicht -- allein daheim lassen. Er bestellte Apollonius nach dem
Waldhause, von wo er ihn zu einem Spaziergange abholen wrde. Apollonius
versicherte ganz unbefangen, da er lieber der Verhandlung beiwohnen
mchte, und als der Ratsbauherr ihn sogar als einen Sachverstndigen
mehr zum Mitgehen aufforderte, war kein Vorwand zu finden, es zu
verhindern. Vielleicht hatte Fritz Nettenmair eine Ahnung davon, bald
werde er dem Ankmmling noch weit mehr zu verzeihen haben.

Sie fanden die brige Versammlung, zwei fremde Schieferdeckermeister und
die stdtischen Ratsbauleute, den Ratszimmermann, Maurer und Klempner an
der Turmtre ihrer harrend. Man hatte bereits einige fliegende Rstungen
zum Behufe der Untersuchung an dem Dache angebracht; auf dem
Kirchenboden, der grten davon zunchst, ging die Beratung vor sich.
Apollonius stand bescheiden einige Schritte entfernt, um zu hren und,
wenn er gefragt wrde, auch zu reden. Er hatte das Dach vorhin genau
untersucht und sich eine Meinung von der Sache gebildet.

Die beiden fremden Schieferdecker sprachen sich fr die Notwendigkeit
einer umfassenderen Reparatur aus. Fritz Nettenmair dagegen war
berzeugt, mit einigen kleinen Flickereien, die er angab, sei wiederum
fr Jahre geholfen. Ihm stimmten die Ratsmeister, Zimmermann, Maurer und
Blechschmied eifrig bei; lauter joviale und bedeutende Mnner vom
gestrigen Balle, die gewissenhaft schlossen, wessen Champagner man
trinke, dessen Meinung msse man sein. Die fremden Schieferdecker wuten
recht gut, der Rat frchtete die Kosten einer umfassenderen Reparatur
und verschob die hchst notwendige schon lange von Jahr zu Jahr. Da sie
obendrein selbst keine Aussicht hatten, sich die Reparatur bertragen zu
sehen, so gaben sie sich nicht unntze Mhe, Herrn Fritz Nettenmair
Arbeit und Gewinn aufdringen zu helfen, woran ihm selber nichts gelegen
schien. Sie fanden daher im Laufe der Verhandlung immer mehr, da, je
nachdem man die Sache ansehe, auch Herr Fritz Nettenmair recht habe.
Vielleicht begriff der Ratsbauherr, ein braver Mann, ihre, wie der
bedeutenden Leute Beweggrnde. Er hatte mit unbefriedigtem Gesicht eine
Weile geschwiegen, als ihm Apollonius einfiel. Er sah in dessen Zgen
ein Etwas ausgedrckt, das seiner eigenen Meinung zu entsprechen schien:
Und was sagen Sie? wandte er sich zu ihm.

Apollonius trat bescheiden einen Schritt nher.

Ich wnschte, Sie shen sich die Sache so genau als mglich an, sagte
der Ratsherr.

Apollonius entgegnete, er habe das bereits getan.

Ich brauche Sie nicht darauf aufmerksam zu machen, fuhr der Ratsherr
fort, wie wichtig die Sache ist.

Apollonius verbeugte sich. Der Bauherr hielt zurck, was er noch sagen
wollte. Aus des jungen Mannes Angesicht sprach bei aller Weichheit und
Milde so strenge Gewissenhaftigkeit und eigensinnige Redlichkeit, da
der Ratsherr sich der Ermahnung fast schmte, die er an ihn hatte
richten wollen.

Apollonius begann nun mit den Ergebnissen seiner vorhin angestellten
Untersuchung. Er stellte den Zustand der Stellen dar, die er hatte
prfen knnen und was sich daraus auf die brigen schlieen lie. Seit
achtzig Jahren hatte, das war aus den Kirchenrechnungen bekannt, das
Kirchendach keine umfassendere Reparatur erfahren. Wenn auch die
Schieferdecke bei gutem Material noch weit lnger den Elementen trotzt,
ist das doch nicht mit den Ngeln der Fall, mit denen die
Schieferplatten auf Belattung und Verschalung aufgenagelt sind. Und wo
er geprft, hatte er die Ngel zum Teil vllig zerstrt, zum Teil der
vlligen Zerstrung nahe gefunden. Das Kirchendach war ein sehr steiles
Pultdach; da die Ngel ihre Schuldigkeit nicht mehr taten, hatten sich
viele Platten verschoben und der Nsse das Eindringen gestattet; dort
zeigte sich, selbst wo sie von Eichenholz war, die Belattung und
Verschalung gnzlich morsch; und solche Stellen waren berall.

Es zeigte sich unumgnglich notwendig, die ganze Bedachung umzudecken
und die Belattung und Verschalung der morschen Stellen durch neue zu
ersetzen. Ein Winter noch mute den Zustand um weit mehr verschlimmern,
als durch Verzgerung der Reparatur an Zinsen gespart wurde; denn diese
konnte man ohne den grten Schaden doch nur hchstens bis auf das
nchste Jahr hinausschieben. Er fhrte die Versammelten an Stellen, die
zum Belege dienen konnten. Er zog nicht selbst den Schlu, sondern wute
mit der Kunst, die er von dem Vetter gelernt, die Gegner zu zwingen, das
fr ihn zu tun.

Das Vertrauen und die Achtung des Ratsbauherrn vor unserem Apollonius
wuchs zusehends. Er wandte sich im weiteren Gesprch fast nur an ihn und
schttelte ihm herzlich die Hand, als er die Versammlung verlie. Er
hoffte, Apollonius werde bei dem Werke, wenn es, wie er nun nicht mehr
zweifelte, die Genehmigung des Rats erhielt, sich ttig beteiligen, und
trug ihm auf, ein Gutachten abzufassen, auf welche Weise es am
zweckmigsten anzugreifen sei. Apollonius dankte bescheiden fr das
Vertrauen, dem er wrdig zu entsprechen suchen wolle. ber seine
Mitttigkeit bei der Arbeit selbst, entgegnete er, habe sein Vater als
Meister zu entscheiden.

Ich gehe gleich mit Ihnen, sagte der Ratsbauherr, und spreche mit
ihm.

Hatte gleich der Bruder das Geschft bis jetzt geleitet und wurde er
auch von den bedeutenden Leuten als Meister anerkannt und behandelt, er
war es noch nicht. Der Alte hatte ihn so wenig Meister werden lassen,
als ihm das Geschft frmlich bergeben; er wollte sich, wo er es ntig
fnde, ein souvernes Einschreiten freihalten.

Der alte Herr hrte die Kommenden schon von weitem und tastete sich nach
der Bank in seiner Laube. Da sa er, als sie eintraten. Nach geschehener
Begrung fragte der Bauherr nach Herrn Nettenmairs Befinden.

Ich danke Ihnen, entgegnete der alte Herr; ich leide etwas an den
Augen, aber es hat nichts zu sagen. Er lchelte dazu und der Bauherr
wechselte mit Apollonius einen Blick, der dem Manne Apollonius ganze
Seele gewann. Dann erzhlte er dem alten Herrn die ganze Beratung und
machte, da Apollonius in seiner Bescheidenheit errtete und lange nicht
seine gewhnliche Farbe wiederfand. Der alte Herr rckte seinen Schirm
tiefer in sein Gesicht, um niemand die Gedanken sehen zu lassen, die da
wunderlich miteinander kmpften.

Wer unter den Schirm sehen konnte, htte gemeint, zuerst, der alte Herr
freute sich; der Schatten von Argwohn, mit dem er gestern Apollonius
empfing, schwindet. So braucht er doch nicht zu frchten, der wird mit
dem Bruder gemeine Sache gegen ihn machen! Ja, es erschien ein Etwas auf
dem Antlitz, das sich zu schadenfreuen schien ber die Demtigung des
lteren. Vielleicht wre er nach seiner Weise eingeschritten mit einem
lakonischen: du versiehst meine Stelle von nun an, Apollonius, hrst
du? htte nicht der Bauherr dessen Lob gepriesen und wre das nicht so
verdient gewesen.

Ja, sagte er in seiner diplomatischen Art, seine Gedanken dadurch zu
verbergen, da er sie nur halb aussprach; ja, die Jugend! er ist jung.
-- Und doch schon so tchtig! ergnzte der Bauherr.

Der alte Herr neigte seinen Kopf. Wer ein Interesse daran fand, wie der
Bauherr, konnte glauben, er nickte dazu. Aber er meinte: die Jugend
gilt heutzutag in der Welt! Ja, er fhlte Stolz, da sein Sohn so
tchtig, Scham, da er selber blind, Freude, da Fritz nun nicht mehr
konnte, wie er wollte, da die Ehre des Hauses einen Wchter mehr
gewonnen, Furcht, die Tchtigkeit, der er sich freute, mache ihn selbst
berflssig. Und er konnte nichts dagegen tun; er konnte nichts mehr, er
war nichts mehr. Und als htte Apollonius das ausgesprochen, erhob er
sich straff, wie um zu zeigen, jener triumphiere zu frh.

Der Bauherr bat, der alte Herr mge den Sohn fr die Dauer der Reparatur
hier behalten und dabei ttig sein lassen. Der alte Herr schwieg eine
Weile, als warte er darauf, Apollonius solle sich des Dableibens
weigern. Dann schien er anzunehmen, Apollonius weigere sich, denn er
befahl in seiner grimmigen Krze: du bleibst; hrst du?

Apollonius begab sich auf sein Stbchen, seine Sachen auszupacken. Er
war noch darber, als die Nachricht kam, der Stadtrat habe die Reparatur
genehmigt.

So war es bestimmt: er blieb. Er durfte fr die geliebte Heimat schaffen
und anwenden, was er in der Fremde gelernt.

Wer den ganzen Apollonius Nettenmair mit einem Blicke berschauen
wollte, mute jetzt in sein Stbchen hineinsehen. Das Hauptziel aller
seiner Wnsche war erreicht. Er war voll Freude. Aber er sprang nicht
auf, rannte nicht in der Stube umher, er lie nichts fallen, verlegte
nichts, suchte nicht im Koffer oder auf dem Stuhle, was er in den Hnden
hielt. Die Freude verwirrte ihn nicht, sie machte ihn klarer, ja, sie
machte ihn eigensinniger. Kein Federchen, nicht ein Stubchen auf den
Kleidern, die er auspackte, bersah er; er strich nicht einmal weniger,
als er gewohnt war, darber hin; nur an der Art, wie er es tat, sah man,
was in ihm vorging. Es war zugleich ein Liebkosen der Dinge. Die Freude
ber ein neugewonnenes Gut verdunkelte ihm keinen Augenblick, was er
schon besa. Alles war ihm noch einmal geschenkt, und das Verhltnis zu
jedem seiner Besitzstcke zeigte das Geprge einer liebenden und doch
rcksichtsvollen Achtung. Wenn er an das Lob des Bauherrn dachte, war
seine Freude darber im einsamen Stbchen mit demselben bescheiden
abweisenden Errten gepaart, womit er es in Gegenwart von andern
aufgenommen. Fr ihn gab es kein Allein und kein vor den Leuten.

Als er sich eingerichtet sah, ging er sogleich an das verlangte
Gutachten. Die Reparatur war auf seinen Rat beschlossen worden, er war
nicht allein als seines Vaters Geselle, als bloer Arbeiter dabei
beteiligt; er fhlte, er hatte noch eine besondere moralische
Verpflichtung gegen seine Vaterstadt eingegangen; er mute tun, was in
seinen Krften stand, ihr zu gengen. Er htte keiner solchen Erweckung
bedurft; er htte ohnedies getan, was er vermochte; er kannte sich zu
wenig, um das zu wissen.

In dieser erhhten Stimmung erschien ihm leicht, was sein Dableiben von
seiten des Bruders und der Schwgerin unbehaglich zu machen drohte, zu
berwinden. Der Bruder wnschte sein Gehen ja nur um des Widerwillens
der Schwgerin willen, und der war durch Ausdauer redlichen Mhens zu
besiegen. Seinen Bruder hatte er nie beleidigt; er wollte sich ihm im
Geschfte willig unterordnen. Er dachte nicht, da man beleidigen kann,
ohne zu wissen und zu wollen, ja, da die Pflicht gebieten knne, zu
beleidigen. Er dachte nicht, da sein Bruder ihn beleidigt haben knnte.
Er wute nicht, man knne auch den hassen, den man beleidigt, nicht blo
den Beleidiger.

Unten am Schuppen stand der ungemtliche Geselle grinsend vor Fritz
Nettenmair und sagte: Mit dem ersten Blick hab' ich einen weg. Ja, der
Herr Apollonius! Aber es hat nichts zu sagen. Wird nicht lang dauern
das!

Fritz Nettenmair kaute an den Ngeln und bersah die Gebrde, die ihn
reizen sollte, zu fragen, wie der Gesell das meine mit dem nicht lang
dauern. Er ging nach der Wohnstube und fuhr im Gehen leise gegen einen
jemand auf, der nicht da war: Rechtschaffenheit? Geschftskenntnis, wie
der Alltagsbauratskerl sagt? Ich wei, warum du dich aufdringst und
einnistest, du Federchensucher! du Staubwischer! Tu' unschuldig, wie du
willst, ich -- er machte die Gebrde, die hie: Ich bin einer, der das
Leben kennt und die Art, die lange Haare und Schrzen trgt! Damit
wandte er sich nach der Tr, aber die Wendung war nicht jovial wie
sonst. --

Wie mancher meint die Welt zu kennen und kennt nur sich!

Der Geist des Hauses mit den grnen Fensterladen wute mehr als
Apollonius Nettenmair, wute mehr als alle. Er schaute nachts durch das
Fenster, wo Apollonius bei der Lampe noch immer an seinem Gutachten
schrieb. Auf das Papier vor dem jungen Manne fiel sein bleicher
Schatten, und der Schreibende atmete schwer auf, er wute nicht, warum.
Dann schritt er mit ngstlicher Gebrde den Gang zum Schuppen hin, und
der alte Hund an seiner Kette heulte im Schlafe und wute nicht warum.
Die junge Frau sah seine Hand ber des Gatten Stirne fahren; sie
erschrak, der Gatte erschrak mit und wute nicht warum. Dem alten Herrn
trumte, man trge einen Toten mit Schande in das Haus, und das alte
Haus knackte in allen seinen Balken und wute nicht warum. Und der Geist
wandelte noch lange, als alles schon zu Bette war, durch seine Zimmer,
herauf und herab, her und hin, auf der Emporlaube, im Grtchen, im
Schuppen und im Gang, und rang die bleichen Hnde; er wute, warum.

                   *       *       *       *       *

Zwischen Himmel und Erde ist des Schieferdeckers Reich. Tief unten das
lrmende Gewhl der Wanderer der Erde, hoch oben die Wanderer des
Himmels, die stillen Wolken in ihrem groen Gang. Monden-, jahre-,
jahrzehntelang hat es keine Bewohner, als der krchzenden Dohlen unruhig
flatternd Volk. Aber eines Tages ffnet sich in der Mitte der
Turmdachhhe die enge Ausfahrtr; unsichtbare Hnde schieben zwei
Rststangen heraus. Dem Zuschauer von unten gemahnt es, sie wollen eine
Brcke von Strohhalmen in den Himmel bauen. Die Dohlen haben sich auf
Turmknopf und Wetterfahne geflchtet und sehen herab und struben ihr
Gefieder vor Angst. Die Rststangen stehen wenige Fu heraus und die
unsichtbaren Hnde lassen vom Schieben ab. Dafr beginnt ein Hmmern im
Herzen des Dachstuhls. Die schlafenden Eulen schrecken auf und taumeln
aus ihren Luken zackig in das offene Auge des Tages hinein. Die Dohlen
hren es mit Entsetzen; das Menschenkind unten auf der festen Erde
vernimmt es nicht, die Wolken oben am Himmel ziehen gleichmtig darber
hin. Lang whrt das Pochen, dann verstummt es. Und den Rststangen nach
und quer auf ihnen liegend schieben sich zwei, drei kurze Bretter.
Hinter ihnen erscheint ein Menschenhaupt und ein paar rstige Arme. Eine
Hand hlt den Nagel, die andere trifft ihn mit geschwungenem Hammer, bis
die Bretter fest aufgenagelt sind. Die fliegende Rstung ist fertig. So
nennt sie ihr Baumeister, dem sie eine Brcke zum Himmel werden kann,
ohne da er es begehrt. Auf die Rstung baut sich nun die Leiter und,
ist das Turmdach sehr hoch, Leiter auf Leiter. Nichts hlt sie zusammen,
als der eiserne Lngehaken, nichts hlt sie fest, als auf der Rstung
vier Mnnerhnde und oben die Helmstange, an der sie lehnt. Ist sie
einmal ber der Ausfahrtr und an der Helmstange mit starken Tauen
angebunden, dann sieht der khne Schieferdecker keine Gefahr mehr in
ihrem Besteigen, so weh dem schwindelnden Menschenkinde tief unten auf
der sichern Erde wird, wenn es heraufschaut und meint, die Leiter sei
aus leichten Spnen zusammengeleimt wie ein Weihnachtsspielwerk fr
Kinder. Aber ehe er die Leiter angebunden hat und um das zu tun, mu er
erst einmal hinaufgestiegen sein -- mag er seine arme Seele Gott
befehlen. Dann ist er erst recht zwischen Himmel und Erde. Er wei, die
leichteste Verschiebung der Leiter -- und ein einziger falscher Tritt
kann sie verschieben -- strzt ihn rettungslos hinab in den sichern Tod.
Haltet den Schlag der Glocken unter ihm zurck, er kann ihn erschrecken!

Die Zuschauer unten tief auf der Erde falten atemlos unwillkrlich die
Hnde, die Dohlen, die der Steiger von ihrem letzten Zufluchtsorte
verscheucht, krchzen wildflatternd um sein Haupt; nur die Wolken am
Himmel gehen unberhrt ihren Pfad ber ihn hin. Nur die Wolken? Nein.
Der khne Mann auf der Leiter geht so unberhrt, wie sie. Er ist kein
eitler Wagling, der frevelnd von sich reden machen will; er geht seinen
gefhrlichen Pfad in seinem Berufe. Er wei, die Leiter ist fest; er
selbst hat das fliegende Gerst gebaut, er wei, es ist fest; er wei,
sein Herz ist stark und sein Tritt ist sicher. Er sieht nicht hinab, wo
die Erde mit grnen Armen lockt, er sieht nicht hinauf, wo vom Zug der
Wolken am Himmel der tdliche Schwindel herabtaumeln kann auf sein
festes Auge. Die Mitte der Sprossen ist die Bahn seines Blickes und oben
steht er. Es gibt keinen Himmel und keine Erde fr ihn, als die
Helmstange und die Leiter, die er mit seinem Tau zusammengeknpft. Der
Knoten ist geschlungen; die Zuschauer atmen auf und rhmen auf allen
Straen den khnen Mann und sein Tun hoch oben zwischen Himmel und Erde.
Schieferdecker spielen die Kinder der Stadt eine ganze Woche lang.

Aber der khne Mann beginnt nun erst sein Werk. Er holt ein anderes Tau
herauf und legt es als drehbaren Ring unter dem Turmknopf um die Stange.
Daran befestigt er den Flaschenzug mit drei Kloben, an den Flaschenzug
die Ringe seines Fahrzeugs. Ein Sitzbrett mit zwei Ausschnitten fr die
herabhngenden Beine, hinten eine niedrige, gekrmmte Lehne, hben und
drben Schiefer-, Nagel- und Werkzeugkasten; zwischen den Ausschnitten
vorn das Haueisen, ein kleiner Ambos, darauf er mit dem Deckhammer die
Schiefer zurichtet, wie er sie eben braucht; dies Gert, von vier
starken Tauen gehalten, die sich oberhalb in zwei Ringe fr den Haken
des Flaschenzugs vereinigen, das ist der Hngestuhl, wie er es nennt,
das leichte Schiff, mit dem er hoch in der Luft das Turmdach umsegelt.
Mittels des Flaschenzugs zieht er sich mit leichter Mhe hinauf und lt
sich herab, so hoch und tief er mag; der Ring oben dreht sich mit
Flaschenzug und Hngestuhl, nach welcher Seite er will, um den Turm. Ein
leichter Fusto gegen die Dachsthle setzt das Ganze in Schwung, den er
einhalten kann, wo es ihm gefllt. Bald bleibt kein Menschenkind mehr
unten stehen und sieht herauf; der Schieferdecker und sein Fahrzeug sind
nichts Neues mehr. Die Kinder greifen wieder zu ihren alten Spielen. Die
Dohlen gewhnen sich an ihn; sie sehen ihn fr einen Vogel an, wie sie
sind, nur grer, aber friedlich, wie sie; und die Wolken hoch am Himmel
haben sich nie um ihn gekmmert. Die Damen neiden ihm die Aussicht. Wer
konnte so frei ber die grne Ebene hinsehen und wie Berge hinter Bergen
hervorwachsen, erst grn, dann immer blauer, bis wo der Himmel, noch
blauer, sich auf die letzten sttzt! Aber er kmmert sich so wenig um
die Berge, wie die Wolken sich um ihn. Tag fr Tag hantiert er mit
Flickeisen und Klaue, Tag fr Tag hmmert er Schiefer zurecht und Ngel
ein, bis er fertig ist mit hmmern und nageln. Eines Tages sind Mann,
Fahrzeug, Leiter und Rstung verschwunden. Das Entfernen der Leiter ist
so gefhrlich als ihre Befestigung, aber es faltet niemand unten die
Hnde, kein Mund rhmt des Mannes Tat zwischen Himmel und Erde. Die
Krhen wundern sich eine ganze Woche lang, dann ist es, als htten sie
vor Jahren von einem seltsamen Vogel getrumt. Tief unten lrmt noch das
Gewhl der Wanderer der Erde, hoch oben gehen noch die Wanderer des
Himmels, die stillen Wolken, ihren groen Gang, aber niemand mehr
umfliegt das steile Dach, als der Dohlen krchzender Schwarm.

Apollonius hatte zum Behufe seines Gutachtens noch manche Untersuchungen
angestellt. Das Turmdach war mit Metall gedeckt; diese Decke lag schon
nahe an zweihundert Jahre. Als er sie auf seinem Fahrzeuge umfuhr, fand
er die Metallplatten der vlligen Auflsung nah. Das hatte man
gefrchtet. Bleideckung auf hohen Gebuden kommt ungleich teurer als
Deckung mit Schiefer, wenn man diesen in der Nhe hat. Den
Schieferbedarf nimmt der Decker in seinem Fahrzeug mit hinauf, das kann
er mit den ungleich schwereren Bleiplatten nicht. Die ganze Deckung mit
Schiefer besorgt der Arbeiter von seinem Fahrzeuge aus; Bleideckung
macht feste Gerste ntig. Apollonius tat den Vorschlag, auch das
Turmdach mit Schiefer einzudecken. Der Blechschmied, ein Bedeutender,
wandte zwar ein, die Alten htten die Sache so gut verstanden, als die
Leute in Kln, -- das sollte ein Stich auf Apollonius sein. Und der
Bruder war damit einverstanden: htten die Alten gemeint, Schiefer tue
es so gut als Blei, sie htten gleich Schiefer genommen. Damals waren
eben noch keine Schiefergruben in nchster Nhe vorhanden; der Schiefer
htte weit hergeholt und so die Schieferdeckung teurer kommen mssen als
die mit Blei. Das Kirchendach war damals mit Ziegeln und erst spter, da
die Schiefergruben in der Nhe schon im Gang, mit Schiefer gedeckt
worden. Das wuten der Blechschmied und Fritz Nettenmair nicht oder
wollten es nicht wissen. Den letzteren drckte das wachsende Ansehen des
Bruders. Aber Apollonius wute es und konnte damit den Einwurf
entkrften.

Sein Vorschlag war angenommen worden. Man wollte die ganze Leitung der
Reparatur in Apollonius Hnde legen. Um seinen Bruder nicht zu krnken,
bat er, davon abzusehen. So wenig wollte er den Bruder krnken, da er
nicht einmal aussprach, warum er so bitte. Er war von Kln her gewhnt,
selbstndig zu handeln; wie er seinen Bruder wiedergefunden hatte, sah
er manche Hemmung durch ihn voraus. Er wute es, er lud sich eine
schwere Last auf, als er dem Bauherrn versprach, die Sache solle unter
dem zweikpfigen Regiment nicht leiden. Der wackere Bauherr, der
Apollonius erriet und ihn darum nur mehr achtete, schaffte ihm die
Genehmigung des Rats und nahm sich im stillen vor, wo es ntig sein
sollte, seinen Liebling und dessen Anordnungen gegen den Bruder zu
vertreten.

Es war eine schwere Aufgabe, die Apollonius sich gesetzt; sie war noch
viel schwerer, als er wute. Sein Hiersein hatte den Bruder von Anfang
nicht gefreut; Apollonius schob das auf den Einflu der Schwgerin; er
war ihm seitdem noch fremder geworden -- kein Wunder! Apollonius hatte
ja bereits des Bruders Eitelkeit und Ehrsucht kennen gelernt; dieser
fhlte sich durch das, was seither geschehen, gegen Apollonius
zurckgesetzt. Den Widerwillen der Schwgerin meinte Apollonius durch
Zeit und redliches Mhen, die gekrnkte Ehrsucht des Bruders durch
uere Unterordnung zu vershnen. War kein weiteres Hindernis vorhanden,
durfte er hoffen, die Aufgabe, so schwer sie schien, zu lsen. Aber was
zwischen ihm und dem Bruder stand, war ein anderes, ein ganz anderes,
als er meinte. Und da er es nicht kannte, machte es nur gefhrlicher.
Es war ein Argwohn, aus dem Bewutsein einer Schuld geboren. Was er tat,
die vermeinten Hindernisse aus dem Weg zu rumen, mute das wirkliche
nur wachsen machen.

Wre er nicht zurckgekommen! htte er dem Vater nicht gehorcht! wre er
drauen geblieben in der Fremde!

An der Turmspitze hngt das Fahrzeug; nun wird es auch auf dem
Kirchendach lebendig. Rstige Hnde hmmern den Seilhaken in die
Verschalung und schleifen mit starkem Tau den Dachstuhl daran. Er
besteht in zwei Dreiecken, aus festen Bohlen zusammengezimmert. Der
Neigungswinkel des Daches hat das Verhltnis seiner Seiten bestimmt.
Denn unten liegt er strohumwunden in ganzer Breite auf der Dachflche
auf, whrend er oben die quer bergelegten Bretter wagrecht emporhlt.
Darauf steht oder kniet der hmmernde Schieferdecker; neben ihm
handrecht hngt der Kasten fr Ngel und Schieferplatten, mit seiner
Hakenspitze in die Verschalung eingetrieben.

Apollonius berlie dem Bruder die berweisung der Arbeit. Fritz
Nettenmair tat erst wunderlich, indem er zu verstehen gab, er meine,
Apollonius sei gekommen, hier den Herrn zu spielen und nicht den Diener.
Es lag in der argwhnischen Richtung, die sein Denken einmal angenommen,
allem, was der Bruder tun mochte, eine Absicht, eine planmige
Berechnung unterzulegen. Er vermutete deshalb, Apollonius wnsche die
Arbeit auf dem Kirchdach zu bernehmen. Wer hier schaffte, konnte zu
jeder Zeit sehen, ob das Fahrzeug am Turmdach besetzt war oder ledig an
der fliegenden Rstung hing. Er tat arglos, er nehme an, Apollonius sei
lieber bei der Umdeckung des Turmdaches beschftigt, die er ja selber
vorgeschlagen. Apollonius weigerte sich nicht. Fritz meinte, er willige
ein, obgleich es ihm unangenehm sei, was er aber nicht merken lasse;
Fritz hatte die Empfindung eines Menschen, dem es gelungen, einen
Widersacher zu berlisten. Eine Empfindung, die sich erneute, so oft er
von seiner Arbeit auf dem Dachstuhle hinaufsah nach dem Fahrzeug der
fliegenden Rstung am Turm, mit der Gewiheit, der Bruder knne das
Fahrzeug nicht verlassen und heimgehen, ohne da er es sehe und ihm
zuvorkommen knne. Dann war ihm Apollonius der Trumer und er selbst war
der, der die Welt kannte. Im andern Augenblick vielleicht sah er wieder
den Arglistigen im Bruder und fand es wohltuend, sich dagegen als den
Arglosen zu bemitleiden, dem jener Schlingen lege, um nur den Bruder
hassen zu drfen, der ihn hasse. Ihm fehlte das Klarheitsbedrfnis
Apollonius', das diesem den Widerspruch gezeigt und den erkannten zu
tilgen gezwungen htte. Vielleicht hatte er ein Gefhl von dem
Widerspruch und unterdrckte es absichtlich. So setzte sein
Schuldbewutsein den Ha als wirklich voraus, den es verdient zu haben
sich vorwerfen mute.

Bald merkte Apollonius, hier war nicht die Ordnung, das rasche und genau
berechnete Ineinandergreifen, an das er in Kln sich gewhnt, ja nur,
wie es der Vater frher hier gehandhabt. Der Decker mute
viertelstundenlang und lnger auf die Schieferplatten warten; die
Handlanger leierten und hatten in der Unordnung und Trgheit der Behauer
und Sortierer eine gute Entschuldigung. Der Bruder lachte halb mitleidig
ber Apollonius Klage. Eine solche Ordnung, wie der sie verlangte,
existiere nirgends und war auch nicht mglich. Bei sich verspottete er
wieder den Trumer, der so unpraktisch war. Und wre die Ordnung mglich
gewesen, die Arbeit war im Taglohn verdungen. Die verlorene Zeit wurde
bezahlt wie die angewandte. Und als Apollonius selbst dazu tat, den
Schlendrian abzustellen, da war er dem Bruder wiederum der Wohldiener
des Bauherrn und des Rates, er selber der schlichte Mann, der solche
Kunstgriffe verschmht. Da wollte ihn jener nur vollends aus dem Sattel
heben und hatte noch Schlimmeres im Sinn, was ihm aber nicht gelingen
sollte mit aller seiner Arglist; da war Apollonius eigens darum
heimgekommen. Und doch meinte er, der Trumer werde sich die Hrner
ablaufen, wenn er ins Werk setzen wollte, was ihm selbst, der die Welt
kannte, nicht gelang. Ihm, der schrfer auf dem Zeuge war als selbst der
im blauen Rock zu seiner Zeit gewesen.

Fritz Nettenmair meinte den alten Herrn noch zu bertreffen, wenn er
noch schriller auf dem Finger pfiff, noch grimmiger hustete und noch
entschiedener ausspuckte. Was an dem alten Herrn das wirklich
respektgebietende war, die Folgerichtigkeit, die auch, wo sie in
Eigensinn ausartet, Achtung wirkt, die ruhige, in sich gefate Wrde
einer tchtigen Persnlichkeit, das bersah er. Wie er es selbst nicht
besa, fehlte ihm auch der Sinn, es an andern wahrzunehmen. Stand seine
Gestalt berhaupt im Widerspruch mit der Haltung des alten Herrn, die er
ihr aufknstelte, so widersprach ihr seine Unruhe und innere
Haltlosigkeit jeden Augenblick. Die diplomatische Art zu reden schien er
dem alten Herrn nur abgeborgt zu haben, um seine eigene
Oberflchlichkeit und Gehaltlosigkeit zu verspotten. Aus dem steifen
Wesen des blauen Rockes fiel er dann zu Zeiten pltzlich in seine eigene
herablassende Jovialitt und in eine Region derselben, wo der Spa den
Abstand von Vorgesetzten und Untergebenen mit schmutzigen Fingern
auslschte, als wre er nie gewesen. Rckte er sich dann ebenso
pltzlich in der Autoritt gewaltsam wieder zurecht, so brachte das die
verlorene Achtung nicht wieder, es beleidigte nur. Zu alledem kam noch,
da er sich von manchem Arbeiter bersehen und in schwierigen Fllen sie
machen lassen mute, was sie wollten.

Apollonius dagegen hatte von Natur und aus der Schule beim Vetter, was
dem Bruder fehlte; er besa die Wrde der Persnlichkeit, die
Folgerichtigkeit bis zum Eigensinn. Seine innere Sicherheit galt; sie
mute sich nicht geltend machen -- er war des sichtbaren Mhens um
Achtung berhoben, welches so selten seinen Zweck erreicht, ja
gemeiniglich ihn verfehlt. Und so gelang ihm, was er wollte. Bald war
die musterhafteste Ordnung beim Bau und alle schienen sich wohl dabei zu
befinden, nur Fritz Nettenmair nicht. Das rasche Ineinandergreifen, das
wie im Geleise einer unsichtbaren Notwendigkeit ging, machte das Wesen
im blauen Rocke, in welchem er sich so gro fhlte, berflssig. Noch
ein Grund zum Unbehagen daran war, da die neue Ordnung von dem Bruder
ausging; von demselben, dem er schon so viel zu verzeihen hatte und dem
er immer weniger verzeihen mochte. Er wute nicht, oder wollte nicht
wissen, welchen Zauber eine geschlossene Persnlichkeit ausbt, obgleich
er selbst widerwillig sie anerkennen mute, und noch weniger, da diese
ihm fehlte und der Bruder sie besa. Er war bei sich einig, der Bruder
hatte Mittel angewandt, die zu brauchen er selbst mit Genugtuung sich zu
edel fhlte. Dadurch hatte jener die Leute ihm abspenstig gemacht.
Apollonius hatte keine Ahnung von dem, was in dem Bruder vorging; der
war gegen ihn, wie man gegen Arglistige sein mu, auf der Hut; denn
solche Feinde kann man nur mit ihren eigenen Waffen besiegen. Die
brderliche Freundlichkeit und Achtung, mit der ihn Apollonius
behandelte, war eine Maske, unter der dieser seine schlimmen Plne
sicherer zu bergen meinte; er vergalt ihm, und machte ihn leichter
unschdlich, wenn er unter derselben Maske seine Wachsamkeit barg. Die
gutmtige Willigkeit Apollonius', sich ihm uerlich unterzuordnen,
erschien dem Bruder wie eine Verhhnung, an der die Arbeiter, von dem
Arglistigen gewonnen, wissend teilnahmen. In seiner Empfindlichkeit
griff er selbst nach den Mitteln, die er bei diesem voraussetzte. Offen
ihm entgegenzutreten, verhinderte der Umstand, da Apollonius ihm selbst
imponierte, wenn er auch diesen Grund nicht htte gelten lassen. Er
legte den blauen Donnerrock beiseite und stieg bis auf die unterste
Sprosse seiner Jovialitt herab. Er begann, durch Winke, dann allmhlich
durch Worte, sein Mitleid mit den Arbeitern zu zeigen, die unter der
Tyrannei eines wohldienerischen Eindringlings seufzten, wie er ihnen
bewies; da er nicht den Mut hatte, sie zu offener Widersetzlichkeit zu
reizen, suchte er sie zu einzelnen kleinen Ausgriffen zu verleiten. Er
begann, sie tglich zu traktieren. Sie aen und tranken, blieben aber
wie zuvor in dem Geleise, das Apollonius vorgezeichnet.

Der gemeine Mann hat den scharfen Blick des Kindes fr die Strken und
Schwchen seiner Vorgesetzten. Durch dies Bemhen, das sie
durchschauten, verlor Fritz Nettenmair noch den letzten Rest seiner
Achtung; sie lernten daraus, wenn sie es noch nicht wuten, mit wem sie
es verderben durften, mit wem nicht. Und wren sie ungewi gewesen, so
htte sie das ungleiche Benehmen des Bauherrn gegen die beiden Brder
bestimmen knnen. Und da sie nicht so fein waren, und auch nicht die
Grnde dazu hatten, wie Fritz Nettenmair, gab sich ihre Meinung
unverholen kund. Sie nahmen sich Dinge gegen ihn heraus, die ihm
zeigten, da der Erfolg seiner Herablassung ein ganz anderer war, als
den er beabsichtigte. Nun zog er zrnend die Wolke des blauen Rockes
wieder um sich zusammen, pfiff schrillender als je, so da es drben in
der groen Glocke wiedertnte; ging auf doppelten Stelzen, zog die
Schultern noch einmal so hoch am schwarzhaarigen Kopfe herauf; der Grimm
und die Entschiedenheit seines frheren Hustens und Ausspuckens war ein
Kinderspiel gegen sein jetziges. Aber die Arbeiter wuten bald,
dergleichen geschah nur in Apollonius Abwesenheit, und dessen zuflliges
Kommen brachte, wie der aufgehende Vollmond, die schwersten Gewitter aus
der Fassung.

Fritz Nettenmair mute an der Wiederherstellung seiner verlorenen
Bedeutung auf dem Schauplatz der Reparatur verzweifeln. Natrlich
schrieb er auch das Ergebnis seiner falschen Maregeln auf Apollonius'
immer wachsende Rechnung. Das Gefhl, berflssig zu sein, packte ihn,
wie den alten Herrn, brachte aber nicht ganz dieselben Wirkungen hervor.
Was dem alten Herrn das Grtchen, das wurde nun dem lteren Sohne der
Schieferschuppen. Wenigstens so lange er Apollonius auf seinem Fahrzeug
oder auf dem Kirchendache sah. Aber er brachte den blauen Rock nun auch
mit in die Wohnstube. Seine Kinder -- das war leicht, da er selbst sich
nicht um sie bekmmerte, -- hatte der Bruder ja auch -- und natrlich
mit schlechten Mitteln -- gewonnen. Die schlechten Mittel waren eben
die, die er selbst nie anwendete: unabsichtliche Gte und weise Strenge
der Liebe. Aber auch in seiner Frau sah er immer mehr etwas wie einen
natrlichen Bundesgenossen des Bruders gegen ihn. Das sah er lange
vorher, ehe er noch den geringsten wirklichen Anla dazu hatte, und das
war der Schatten, den seine Schuld in die Zukunft seiner Phantasie warf.
Ihr altes Gesetz wird ihn zwingen, durch die Verkehrtheit seiner
Abwehrmittel den Schatten selber zu verwirklichen, lebendigen Gestalt zu
machen und vergeltend in sein Leben hereinzustellen.

Ahnungsvolle Furcht schien ihm, in lichten Zwischenblicken
vorberflatternd, von diesem Kommen zu sagen, das vernderte Benehmen
gegen seine Frau msse es beschleunigen. Dann war er pltzlich doppelt
freundlich und jovial gegen sie, aber auch diese Jovialitt trug ein
Etwas von der Natur des schwlen Bodens an sich, aus dem sie erwuchs.

Man preist ein Heilmittel gegen solche Krankheit; es heit Zerstreuung,
Vergessen seiner selbst. Als ob der Steuermann beim Erblicken des
drohenden Riffs, als ob man da sich vergessen msse, wo es doppelt
Vorsehen gilt. Fritz Nettenmair nahm es.

Von nun an fehlte er bei keinem Balle, bei keinem ffentlichen
Vergngen; er empfand sich fr immer der Gefahr entflohen, war er nur
eine Stunde lang fern von dem Orte, wo er sie drohen sah. Er war mehr
auer als in seinem Haus. Und nicht er allein. Seiner Frau hielt er das
Heilmittel noch ntiger als ihm. Das rchende Schuldbewutsein nahm, was
nur als mglich in der Zukunft war, als schon wirklich in die Gegenwart
voraus. Und seine Frau stand noch so sehr auf seiner Seite, da sie dem
Bruder nun zrnte, dessen Einflu sie in dem vernderten Benehmen des
Gatten erkannte, -- nur nicht in dem Sinne, in dem er es wirklich war.
Sie hatte ja nur Beleidigendes von dem Bruder erwartet. Diese Erwartung
hatte schon dem Kommenden nur die eine Wange zugewandt und die Wange so
mit Rot gefrbt, als wre sie schon erfllt. Wute sie denn nicht, er
war nur gekommen, um sie zu beleidigen?

Apollonius, auf den dies alles wie eine schwere Wolke drckte, wie eine
unverstandene Ahnung, begriff nur das eine: der Bruder und die
Schwgerin wichen ihm aus. Er vermied die Orte, die sie aufsuchten. Er
htte sie schon vermieden aus dem innersten Bedrfnis seiner Natur, das
auf Zusammenfassen, nicht auf Zerstreuen ging. Die Einsamkeit wurde ihm
ein besser Heilmittel, als den beiden die Zerstreuung. Er sah, wie
anders die Schwgerin war, als sie ihm vordem geschienen. Er mute sich
Glck wnschen, da seine sesten Hoffnungen sich nicht erfllt. Die
Arbeit gab ihm genug Empfinden seiner selbst; was sie frei lie, fllten
die Kinder aus. In dem natrlichen Bedrfnis ihres Alters, sich an einem
fertigen Menschenbilde aufzuranken, das, Liebe gebend und nehmend, ihr
Muster wird, und ihr Ma der Personen und Dinge, drngten sie sich um
den Onkel, der ihrer so freundlich pflegte, als fremd die Eltern sie
vernachlssigten. Wie konnte er wissen, da er damit die Schuld wachsen
machte in seiner Rechnung beim Bruder.

Und der alte Herr im blauen Rock? Hatte er von den Wolken, die sich
rings aufballten um sein Haus, in seiner Blindheit keine Ahnung? Oder
war sie es, was ihn zuweilen anfate, wenn er, Apollonius begegnend,
gleichgltige Worte mit ihm wechselte. Dann kmpften zwei Mchte auf
seiner Stirn, die der Sohn vor dem Augenschirm nicht sah. Er will etwas
fragen, aber er fragt nicht. Der alte Herr hat sich so tief in die Wolke
eingesponnen, da kein Weg mehr von ihm herausfhrt in die Welt um ihn
und keiner mehr hinein. Er gibt sich das Ansehen, als wisse er um alles.
Tut er anders, so zeigt er der Welt seine Hilflosigkeit und fordert die
Welt selber auf, sie zu mibrauchen. Und wenn er fragt, wird man ihm die
Wahrheit sagen? Nein! Er hlt die Welt so verstockt gegen ihn, als er
gegen sie ist. Er fragt nicht. Er lauscht, wo er wei, man sieht ihn
nicht lauschen, fieberisch gespannt auf jeden Laut. Aus jedem hrt er
etwas heraus, was nicht drin ist; seine gespannte Phantasie baut Felsen
daraus, die ihm die Brust zerdrcken, aber er fragt nicht. Er trumt von
nichts als von Dingen, die Schande bringen ber ihn und sein Haus; er
leert die ganze Rstkammer der Entehrung und fhlt jede Schmach durch,
die die Welt kennt. Was keine Schande ist, steigert sich seinem
krankhaft geschrften Ehrgefhl dazu, das keine Ruhe wohlttig
abstumpft, aber er trgt lieber, was die tiefste Schande ist, als da er
fragt. Er tut das Ungeheure in Gedanken, die drohende abzuwenden, aber
er fragt nicht. Wie manches Tun zeigt ungeboren schon der Mutter Seele
sein Bild vorher! Wird eine Zeit kommen, wo des alten Herrn Gedanke
Wirklichkeit wird?

Die Natur der Schuld ist, da sie nicht allein ihren Urheber in neue
Schuld verstrickt. Sie hat eine Zaubergewalt, alle, die um ihn stehen,
in ihren grenden Kreis zu ziehen, und zu reifen in ihm, was schlimm
ist, zu neuer Schuld. Wohl dem, der sich dieser Zauberkraft im
unbefleckten Innern erwehrt. Wird er den Schuldigen selbst nicht retten,
so kann er den brigen ein Engel sein. Diese vier Menschen, in all'
ihrer Verschiedenheit in einen Lebensknoten geknpft, den eine Schuld
versehrt! Welch Schicksal werden sie vereint sich spinnen, die Leute in
dem Haus mit den grnen Lden?

                   *       *       *       *       *

Nun waren schon Wochen vergangen seit Apollonius Zurckkunft, und noch
hatte er die Furcht der Schwgerin nicht wahr gemacht. In den ersten
Tagen las Fritz Nettenmair ein krampfhaftes Zusammennehmen, ein
verzweifeltes Gefatmachen in ihrem Wesen; nun machte dies einem Etwas
Platz, das wie Verwunderung erschien. Er sah, und nur er, wie sie immer
mutiger den Bruder zu beobachten begann, wo der nicht ahnte, ihr Blick
sei auf ihn gerichtet. Sie schien sein Wesen, sein Tun mit ihrer
Erwartung zu vergleichen. Fritz Nettenmair fhlte in ihrer Seele, wie
wenig beide sich glichen. Er mhte sich, den Widerwillen der jungen Frau
zu seiner alten Strke aufzustacheln. Er tat es, whrend er fhlte, wie
vergeblich es war; denn ein einziger Blick auf das milde, rechtschaffene
Antlitz des Bruders mute niederreien, was er mhsam in Zeit von Tagen
aufgebaut. Er fhlte, wie fein er zu Werke gehen mute, und wie plump er
doch zu Werke ging; denn dieselbe Macht, die sein Gefhl fr das Ma
schrfte, ri ihn im Handeln darber hinaus. Er wute, was er begonnen,
mute seinen Gang vollenden zu seinem Verderben. Er suchte Vergessen und
ri seine Frau immer tiefer mit hinein in den Wirbel der Zerstreuung.

Arzneimittel sollen, in bergroer Gabe angewandt, das Gegenteil wirken.
So geschah es mit dem Mittel Fritz Nettenmairs; wenigstens bei der
jungen Frau. Aus dem Alltag der huslichen Arbeit hatte sie sich sonst
nach dem Feste des Vergngens gesehnt; nun dies der Alltag geworden, zog
sie die Sehnsucht nach dem stillen Leben daheim. bersttigt von den
Ehrenbezeigungen der bedeutenden Leute, bemerkte sie nun erst, es gab
auch andere Leute, die ihren Gatten nach anderem Mastabe maen. Sie
begann zu vergleichen, und die Bedeutenden verloren immer mehr gegen die
Alltagsmenschen. Sie dachte an den ledernen Ball den Abend von
Apollonius Ankunft. Damals war sie Apollonius ausgewichen; sie hatte
Beleidigung von ihm erwartet. Jetzt suchte sie mit den Augen durch den
Saal; niemand sah es als Fritz Nettenmair, der es am wenigsten zu sehen
schien. Denn er lachte und trank wilder und jovialer als je. Sie hatte
nur das Gefhl der Langeweile, das nach Abwechslung aussieht; sie wute
nicht, da sie jemand suchte. Fritz Nettenmair wute es, und wollte vor
Lachen ersticken. Er wute mehr als sie; er wute, wen sie suchte. Gegen
alle andere Welt jovial, tat er gegen sie den blauen Rock an.

Er wird sie bald dahin bringen, den sonst Gefrchteten mit ihm zu
vergleichen.

Sie sa im Garten, whrend der alte Herr seine schweren Mittagstrume
trumte. Fritz Nettenmair lag in der Stube auf dem Sofa und trug die
Nachwehen einer durchschwrmten Nacht. Vorher hatte er nach dem
Turmdache gesehen. Sie fhlte sich so eigen wohl daheim. Und sollte sie
nicht? Spielten nicht ihre Kinder um sie? Sie dachte nicht daran, wie
oft sie sich von den Kindern fortgesehnt in den Wirbel, der sie nicht
mehr lockte. Sie nhte. Die Knaben spielten zu ihren Fen, so still,
als wre der alte Herr zugegen. Doch nicht so; war der alte Herr im
Grtchen, sie htten sich gar nicht hinein getraut. Das Mdchen hatte
die Mutter umschlungen, die selber, in der Unberhrtheit ihres Wesens,
noch ein Mdchen schien. Wenig mehr von der hnlichkeit mit ihrem Gatten
lag in ihren Zgen. Sie war nur eine uerliche gewesen, nur uerliches
schien die heiteren Linien berhrt zu haben: kein tiefinneres Erlebnis
hatte seine Marke ihnen aufgeprgt.

Das kleine Mdchen hatte dem erwachsenen, seiner Mutter, von Puppen,
Blumen, Kindern, und in seiner Weise manches zweimal, manches nur halb
erzhlt. Jetzt erhob sie mit altkluger Ernsthaftigkeit das Kpfchen, sah
die Mutter bedenklich an und sagte: Was das nur ist?

Was? fragte die Mutter.

Wenn du dagewesen bist und fortgehst, sieht er dir so traurig nach.

Wer? fragte die Mutter.

Nun, der Onkel Apollonius. Wer sonst? Hast du ihn gescholten? oder
geschlagen, wie mich, wenn ich Zucker nehme und nicht frage? Du hast ihm
doch gewi etwas getan; sonst wr' er nicht so betrbt.

Das Mdchen plauderte weiter und verga den Onkel bald ber einen
Schmetterling. Die Mutter nicht. Die Mutter hrte nicht mehr, was das
Mdchen plauderte. Was war das doch fr ein eigenes Gefhl, wohl und weh
zugleich! Sie hatte die Nadel fallen lassen und merkte es nicht. War sie
erschrocken? Es war ihr, als wre sie erschrocken, etwa so, wie man
erschrickt, hat man mit einem Menschen geredet, und wird pltzlich inne,
es ist ein andrer, als mit dem man zu reden meinte. Sie hatte gemeint,
Apollonius wolle sie beleidigen, und nun sagt das Kind: du hast ihn
beleidigt. Sie blickte auf und sah Apollonius vom Schuppen her nach dem
Hause kommen. In demselben Augenblicke stand ein andrer Mann zwischen
ihr und dem Vorbergehenden, als wre er aus der Erde gewachsen. Es war
Fritz Nettenmair. Sie hatte ihn nicht nahen gehrt.

Er kam in seltsamer Hast von einer gleichgltigen Frage auf den
ledernen Ball. Er erzhlte, was die Leute darber meinten, wie
jedermann sich beleidigt fhle von der Beschimpfung, da Apollonius sie
damals nicht aufgezogen, nicht einmal zum ersten Tanze. Eigen war es,
wie sie jetzt daran erinnert wurde, empfand sie es strker als je; aber
nicht zrnend, nur wie mit wehmtigem Schmerze. Sie sagte das nicht. Es
war nicht ntig. Fritz Nettenmair war wie ein Mensch im magnetischen
Schlaf. Er brauchte sie nicht anzusehen; mit geschlossenen Augen, von
einem Baumblatt, einer Zaunlatte, von einer weien Wand las er ab, was
sein Weib fhlte.

Wir werden ihn bald los werden, denk' ich, fuhr er fort, als htte er
nicht an der Stallwand gelesen. Es ist kein Platz fr zwei Haushlte
hier. Und die Anne ist weiten Raum gewhnt.

So hie das Mdchen, mit der Apollonius am ledernen tanzen, die er
heimbegleiten mute. Sie war seither fter hier gewesen, unter
Vorwnden, die ihre hochrote Wange Lgen strafte. Auch ihr Vater, ein
angesehener Brger, hatte sich um Apollonius Bekanntschaft bemht, und
Fritz Nettenmair hatte die Sache gefrdert, wie er konnte.

Die Anne? rief die junge Frau wie erschreckend.

Gut, da sie nicht lgen kann, dachte Fritz Nettenmair erleichtert.
Aber es fiel ihm ein, ihr Unvermgen, sich zu verstellen, kam ja auch
dem argen Plan des Bruders zu gut. Er hatte die Eifersucht als letztes
Mittel angewandt. Das war wieder eine Torheit, und er bereute sie schon.
Sie kann sich nicht verstellen; und wre er noch ganz der alte Trumer,
ihre Aufregung mu ihm verraten, was in ihr vorgeht; ihre Aufregung mu
ihr selber verraten, was in ihr vorgeht. Noch wei sie es selbst ja
nicht. Und dann -- er stand wieder an dem Punkte, zu dem jeder Ausgang
ihn fhrt; er sah sie sich verstehen; und dann, zwngte er zwischen
den Zhnen hervor, da jede Silbe daran sich blutig ri, und dann --
wird sie's schon lernen!

Der Bruder erwartete ihn in der Wohnstube. Er mu doch einen Vorwand
machen, warum er da vorbeikam, wo er sie allein dachte, da er wei, ich
hab' ihn gesehen. So dachte er und folgte dem Bruder.

Apollonius wartete wirklich in der Wohnstube auf ihn. Der Bruder gab
sich durch seine Wendung auf den Fersen recht, als er ihn sah.
Apollonius suchte den Bruder auf, ihn vor dem ungemtlichen Gesellen zu
warnen. Er hatte manches Bedenkliche ber ihn gehrt, und wute, der
Bruder vertraute ihm unbedingt. Und da befiehlst du, ich soll ihn
fortschicken? fragte Fritz, und konnte nicht verhindern, da sein Groll
einmal durchschimmerte durch seine Verstellung. Apollonius mute aus dem
Tone, mit dem er sprach, seine wahre Meinung herauslesen. Sie hie: du
mchtest auch in den Schuppen dich eindrngen, und mich von da
vertreiben. Versuch's, wenn du's wagst!

Apollonius sah dem Bruder mit unverhehltem Schmerz in das Auge. Er fuhr
mit der Hand ber des Bruders Rockklappe, als wollte er wegwischen, was
sein Verhltnis zu dem Bruder trbte, und sagte:

Hab' ich dir was zu leid' getan?

Mir? lachte der Bruder. Das Lachen sollte klingen, wie: Ich wte
nicht was? aber es klang: Tust du was andres, willst du was andres
tun, als wovon du weit, da es mir leid ist?

Ich wollte schon lange dir etwas sagen, fuhr Apollonius fort, ich
will's morgen; du bist heute nicht gelaunt. Das mit dem Gesellen mutest
du erfahren, und es war nicht so gemeint, wie du's aufnahmst.

Freilich! Freilich! lachte Fritz. Ich bin berzeugt. Es war nicht so
gemeint.

Apollonius ging, und Fritz ergnzte seine Rede: Es war nicht so
gemeint, wie du, Federchensucher, mich glauben machen willst. Und anders
gemeint, als ich's aufnahm? Du meinst, ich hab' -- -- Der Geselle ist
ein schlechter Kerl; aber du httest mich nicht gewarnt, httest du
keinen Vorwand gebraucht. Er machte seine berlegene Wendung auf den
Fersen; in seinen verwsteten Zustand hinein hatte ihn die glckliche
Anwendung von des alten Herrn diplomatischer Kunst, durch Halbsagen zu
verschweigen, gefreut.

Die Freude war schnell vorbergehend, die alte Sorge schraubte ihn
wieder auf ihre Marterbank. Und noch eine jngere hatte sich ihr
zugesellt. Er hatte das Geschft vernachlssigt; der Geselle, in seiner
Abwesenheit Herr im Schuppen, hatte Gelegenheit genug gehabt, ihn zu
bestehlen, und sie gewi benutzt. Bei der Reparatur war er schon lange
nicht mehr ttig; Apollonius mute einen Gesellen mehr annehmen, und fr
den Bruder einstellen. Er verdiente schon lange nichts mehr, und
versumte doch dabei kein ffentlich Vergngen. Die Achtung der
bedeutenden Leute zeigte eine wachsende Neigung zum Sinken und war nur
durch wachsende Massen von Champagner aufrecht zu erhalten. Er hatte
sich in Schulden gesteckt, und vergrerte sie noch tglich. Und doch
mute einmal der Augenblick kommen, wo der mhsam erhaltene Schein von
Wohlhabenheit verging. Er wute, da er nur so lang der Geachtete war,
als der Jovialste der Jovialen galt. Er war klug genug, den Unwert
solcher Achtung und solchen Bemhens um ihn zu erkennen, aber nicht
stark genug, es entbehren zu knnen. Es war ein kleiner Zuwachs zu der
alten Marter, und jene wie diese kam ihm von dem Bruder, nur von ihm!

Wohligs Anne war fter dagewesen seit Apollonius Ankunft, und die junge
Frau hatte in dem Glauben, der in naiven Gemtern die natrliche Folge
der eigenen Wahrhaftigkeit ist, an ihren gesuchtesten Vorwnden nicht
gemkelt. Heute war das anders. Sie war pltzlich so scharfsichtig
geworden, da der erkannte Vorwand ihr in der Gre eines
unverzeihlichen Verbrechens erschien. Das Mdchen war ihr zuwider, das
so falsch sein konnte, und sie selbst zu ehrlich, das zu verbergen. Anne
suchte den Grund dieses Benehmens in dem Widerwillen der jungen Frau
gegen den Schwager. Es war ja bekannt, die junge Frau gnnte dem armen
Menschen die Liebe des Bruders nicht. Sie hatte selbst geuert, sie
wrde ihm einen Korb geben, wenn er es wagen wrde, sie zum Tanze
aufzufordern. Und dem guten Apollonius war es anzusehen, sie lie ihn
des Aufenthalts in seinem Vaterhause nicht froh werden. Die Gereiztheit
machte auch die Anne ehrlich; sie sprach von ihren Gedanken aus, was
ausgesprochen werden konnte, ohne den zarten Punkt ihrer Neigung
blozugeben. Christiane mute den Vorwurf nun auch aus fremdem Munde
vernehmen, den schon das eigene Kind ihr gemacht.

Das Mdchen ging. Apollonius kam, vom Bruder zurck, wieder vorber. Er
konnte das Mdchen noch gehen sehen. Aber nichts zeigte sich in seinem
Gesichte, was ihrer nur halb verstandenen Furcht recht gegeben htte.
Und so sah auch Fritz Nettenmair, der dem Bruder aus dem Versteck der
Hintertr nachblickte, auf ihrem Antlitz nicht soviel, als er
gefrchtet, zu sehen.

Das Kind sagt: du hast ihm was getan; die Anne sagt: du hassest ihn, du
lssest ihn nicht froh werden. Und sein traurig Nachblicken -- bald
ertappte sie ihn selbst unbemerkt dabei -- sagt dasselbe. Wie ein Blitz
und mit freudigem Lichte zuckte es dazwischen, er sah der Anne nicht
traurig nach und auch nicht freudig, nein! gleichgltig, wie jedem
andern sonst. Ihr wird gesagt: du hassest ihn; du hast ihn beleidigt und
du willst ihn krnken, und sie hat geglaubt, er hasse sie, er will sie
krnken. Und hat er sie nicht gekrnkt? Sie blickt in lang vergangene
Zeit zurck, wo er sie beleidigte. Sie hat ihm schon lang nicht mehr
darum gezrnt, sie hat nur neue Beleidigung gefrchtet. Kann sie jetzt
noch darum zrnen, wo er ein so andrer ist; wo sie selbst wei, er
beleidigt sie nicht; wo die Leute sagen und sein trauriger Blick: sie
beleidige ihn? Und wie sie zurcksinnt, eifrig, so eifrig, da die Musik
wieder um sie klingt, und sie wieder unter den Gespielinnen sitzt, im
weien Kleid mit den Rosaschleifen, im Schiehaus auf der Bank den
Fenstern entlang, und wieder aufsteht, von dem dunklen Drang getrieben,
und durch die Tanzenden hindurch trumend nach der Tre geht -- da
drauen; ist das nicht dasselbe Gesicht, das ihr jetzt nachsieht, wenn
sie geht, so ehrlich, so mild in seiner Wehmut? ist es nicht dasselbe
eigene Mitleid, das jetzt auf Schritt und Tritt mit ihr geht, und sie
nicht lt, wie damals? Dann wich sie ihm aus, und sah ihn nicht mehr
an, denn er war falsch. Falsch! Ist er es wieder? Ist er es noch?

Eine Nachtigall schlug in dem alten Birnbaume ber ihr, so wunderbar und
wie gewaltttig innig und tief. Vom Georgenturm bliesen vier Posaunen
den Abendchoral. ber ihnen, und wie von ihren schwellenden Tnen
getragen fuhr Apollonius auf seinem leichten Schiff. Das Abendrot
vergoldete die Fden, in denen es hing. Wohin sie sah, glnzten die
treuen, trauernden Augen, die ihm gehrten, mit denen er ihr nachsah,
wenn sie ging. Das kleine Mdchen sah mit ihnen auf zu ihr, und erzhlte
vom Onkel, wie lieb und gut er sei. Oder erzhlte sie von damals? Es war
keine Zeit mehr, sonst und jetzt war eins. Die letzte hnlichkeit mit
Fritz Nettenmair war aus ihrem Antlitz verschwunden. Ihre Seele
schauerte hoch oben zwischen Himmel und Erde. Was sie ansah, war ein
Rtsel mit ser Deutung, aber sie kannte sie nicht. Sie selbst war sich
ein Rtsel. Ihrem Gatten war sie es nicht.

                   *       *       *       *       *

Fritz Nettenmair dachte den ganzen Tag, was das sein mge, was
Apollonius ihm morgen sagen wolle; morgen; weil ich heute nicht gelaunt
bin? Gelaunt? Ich habe den Federchensucher in meine Karten sehen lassen.
Htt' ich's nicht, wr' er plump herausgegangen; nun hab' ich ihn
gewarnt und vorsichtig gemacht. Ich bin zu ehrlich mit solch einem
falschen Spieler; ich mu verlieren. Gut; ich will morgen gelaunt
sein, ich will tun, als wr' ich blind und taub! als sh' ich nicht, was
er will, und wr's noch deutlicher. Eine Spinnenwebe auf meine
Rockklappen, damit er was zu brsten hat. Ich kann's nicht leiden, wenn
mir so einer ins Gesicht sieht, solch ein Heuchler!

So vorbereitet und entschlossen, den Lister zu berlisten, glt es auch
die schwerste Probe von Selbstbeherrschung, fand Apollonius den Bruder
am folgenden Tage seiner harrend. Auch Apollonius hatte seinen Entschlu
gefat. Er wollte sich von keiner Laune des Bruders mehr irren lassen;
es kam ja eben darauf an, allen diesen Launen ihre Quelle abzuschneiden.
Fritz bot ihm den unbefangensten, jovialsten guten Morgen, der ihm zu
Gebote stand.

Wenn du mich ruhig und brderlich anhren willst, sagte Apollonius,
so hoff' ich, dieser Morgen soll der beste sein fr dich und mich und
uns alle.

Und uns alle, wiederholte Fritz, und legte von seiner Erklrung der
drei Worte nichts in seinen Ton. Ich wei, da du immer an uns alle
denkst; darum rede nur jovial vom Herzen weg, ich mach's auch so.

Apollonius lie die beabsichtigte Einleitung weg. Er hatte klug und
vorsichtig sein gelernt, aber klug und vorsichtig gegen einen Bruder
sein, htte ihm Falschheit geschienen. Selbst, htte er die Falschheit
des Bruders gekannt, er wre nicht auf dessen Gedanken von den gleichen
Waffen gekommen. Er htte sich seine Erfahrung als Tuschung ausgeredet.

Ich glaube, Fritz, begann er herzlich, wir htten anders
gegeneinander sein sollen, als wir seither gewesen sind. Er nahm aus
Gutmtigkeit die halbe Schuld auf sich. Der Bruder schob ihm in Gedanken
die ganze zu, und wollte jovial das Gegenteil versichern, als Apollonius
fortfuhr: Es war nicht zwischen uns, wie sonst, und wie es sein sollte.
Die Ursache davon ist, soviel ich wei, nur der Widerwille deiner Frau
gegen mich. Oder weit du noch eine andere?

Ich wei keine, sagte der Bruder mit bedauerndem Achselzucken; aber er
dachte an Apollonius' Heimkunft gegen seinen Rat, an den Ball, an die
Beratung auf dem Kirchenboden, an seine Verdrngung von der Reparatur,
an den ganzen Plan des Bruders, an das, was davon ausgefhrt, an das,
was noch auszufhren war. Er dachte daran, da Apollonius eben an dem
letzteren arbeite, und wieviel darauf ankomme, seine nchste Absicht zu
erraten und zu vereiteln.

Apollonius sprach indes fort und hatte keine Ahnung von dem, was in dem
Bruder vorging. Ich wei nicht, woher der Widerwille deiner Frau gegen
mich kommt. Ich wei nur, da er von nichts kommen kann, was ich mit
Absicht getan htte, mir ihn zu verdienen. Kannst du mir den Grund
sagen? Ich will sie nicht anklagen; es ist mglich, da ich etwas an mir
habe, das ihr mifllt. Und dann ist's gewi nichts, was zu loben oder
nur zu schonen wre. Und ich will dann ebenso gewi der letzte sein, es
zu schonen, wei ich nur, was es ist. Weit du's, so bitte, sag' es mir.
Etwas Schlimmes darfst auch du nicht an mir schonen, und tte dir's auch
noch so weh. Weit du's und sagst mir's nicht, so ist's nur darum. Aber
du krnkst mich nicht damit, gewi nicht, Fritz. --

Fritz Nettenmair tat, was Apollonius eben getan; er ma den Bruder in
seinen Gedanken nach sich. Das Ergebnis mute zu Apollonius' Nachteil
ausfallen. Apollonius nahm sein gedankenvolles Schweigen fr eine
Antwort.

Weit du's nicht, fuhr er fort, so la uns zusammen zu ihr gehen, und
sie fragen. Ich mu wissen, was ich tun soll. Das Leben seither darf
nicht so fortgehen. Was wrde der Vater sagen, wenn er's wte! Mir
ist's Tag und Nacht ein Vorwurf, da er es nicht wei. Es ist fr uns
alle besser, Fritz. Komm, la es uns nicht verschieben.

Fritz Nettenmair hrte nur die Zumutung des Bruders. Er sollte ihn zu
ihr fhren! Er sollte ihn _jetzt_ zu ihr fhren! Wute Apollonius schon
von ihrem Zustand, und wollte ihn benutzen? Es bedurfte der Frage nicht;
wenn sie sich jetzt nur sahen, muten sie sich verstehen. Dann war es
da, was zu verhindern er seit Wochen sich keine Stunde lang Ruhe
gegnnt. Dann war es da, wovon er wute, es mute kommen, und doch
Verzweiflungsanstrengungen machte, ihm das Kommen zu wehren. Sie durften
jetzt nicht einander gegenberstehen; sie durften sich jetzt nicht
sehen, bis er eine Scheidemauer zwischen sie gebaut. Woraus? Darauf zu
sinnen war jetzt nicht Mue. Einen Vorwand mute er haben, den Gang zu
ihr zu verhindern; Zeit, den Vorwand zu finden. Und nur um Zeit zu
gewinnen, lachte er:

Freilich! jovial fragen. Wer fragt, wird berichtet. Aber wie fllt dir
das eben jetzt ein? Eben jetzt? Ein Gedanke, der ihn berwltigend traf
wie ein Blitz wurde ohne seine Wahl zu dieser Frage.

Apollonius war schon an der Tr. Er wandte sich zurck zum Bruder und
antwortete mit einer Freude, die diesem eine teuflische schien, weil er
ihm nicht in das ehrliche Gesicht sah. Dafr wrde Apollonius in des
Bruders Antlitz ein Etwas von Teufelsangst ertappt haben, htte dieser
es ihm zugewandt. Und vielleicht dennoch nicht. Er wrde den Bruder
vielleicht fr krank gehalten haben, so ohne die mindeste Ahnung von
dem, was den Bruder dabei ngsten knne, als er war. Ja, was ihn freute,
mute ja auch den Bruder freuen.

Frher, entgegnete Apollonius, mut' ich frchten, sie noch mehr zu
erzrnen. Und das wrde dir noch weniger lieb gewesen sein als mir.

Der Bruder lachte und bejahte in seiner jovialen Weise mit Kopf und
Schultern, um nur etwas zu tun. Und sein: Und jetzt? schien nun vom
Lachen halb erstickt, nicht von etwas anderem.

Deine Frau ist anders seit einiger Zeit, fuhr Apollonius vertraulich
fort. --

Sie ist, -- antwortete Fritz Nettenmair's Zusammenzucken wider seinen
Willen, und wollte sagen, wofr er sie hielt. Es war ein arges Wort.
Aber wrde er selbst, der sie dazu gemacht, es ihm sagen? Nein, es ist
noch nicht da, was er frchtet. Und wenn es kommen mu; er kann es noch
verzgern. Er hlt mit Gewalt seiner Erregung den Mund zu. Er fragte
gern: Und woher weit du, da sie -- anders ist? wte er nicht, seine
Stimme wird zittern und ihn verraten. Er mu ja wissen, wer es dem
Bruder verraten hat. Hat er sie schon gesprochen? Hat er es ihr von fern
aus den Augen gelesen? Oder ist ein Drittes im Spiel? ein Feind, den er
schon hat, ehe er wei, ob er vorhanden ist.

Apollonius scheint ein Etwas von des Bruders unglckseliger Lesegabe
angeflogen. Der Bruder fragt nicht; sein Gesicht ist abgewandt; er kramt
tief im Schranke und sucht wie ein Verzweifelnder und kann nicht finden;
und doch antwortet ihm Apollonius.

Dein nnchen hat mir's gesagt, entgegnet er und lacht, indem er an das
Kind denkt. Onkel, sagte das nrrische Kind, die Mutter ist nicht
mehr so bs auf dich; geh' nur zu ihr und sprich: ich will's nicht mehr
tun; dann ist sie gut und gibt dir Zucker. So hat sie mich auf den
Gedanken gebracht. Es ist wunderbar, wie's manchmal ist, als redete ein
Engel aus den Kindern. Dein nnchen kann uns allen ein Engel gewesen
sein.

Fritz Nettenmair lachte so ungeheuer ber das Kind, da sich Apollonius
Lachen wieder an dem seinigen anzndete. Aber er wute, es war ein
Teufel, der aus dem Kinde geredet; ihm war das Kind ein Teufel gewesen
und konnte es noch mehr werden. Und doch mute er noch ber das Kind
lachen, ber das joviale Kind mit seinem verfluchten Einfall. So sehr
mute er lachen, da es gar nicht auffiel, wie zerstckt und krampfhaft
klang, was er entgegnete. Morgen meinetwegen oder heute nachmittag
noch; jetzt hab' ich unmglich Zeit. Jetzt begleit' ich dich nach Sankt
Georg. Ich hab' einen ntigen Gang. Morgen! ber das verwnschte Kind!

Apollonius hatte keine Ahnung, wie ernst das lachende verwnscht
gemeint war. Er sagte, selbst noch ber das Kind lachend: Gut. So
fragen wir morgen. Und dann wird alles anders werden. Ich freue mich wie
das Kind, und du dich gewi auch, Fritz. Es soll ein ganz ander Leben
werden als seither. Der gute Apollonius freute sich so herzlich ber
des Bruders Freude! Noch als er bereits wieder auf seinem Fahrzeuge um
das Kirchendach flog.

Ebenso rastlos umschwankte seines Bruders Furcht das dunkle Etwas, das
ber ihm schwankte und ihn zu begraben drohte; noch emsiger hmmerte
sein Herz an den brechenden Planen, den Sturz zu hindern; aber sein
Gedankenschiff hing nicht zwischen Himmel und Erde, von des Himmels
Licht bewahrt; es taumelte tiefer und immer tiefer, zwischen Erd' und
Hlle, und die Hlle zeichnete ihn immer dunkler mit ihrer Glut.

                   *       *       *       *       *

nnchen hatte die Mutter wieder umschlungen, die in der Laube sa. Sie
sah wieder mit Apollonius Augen zu ihr auf und erzhlte ihr von ihm. Und
kam sie nach Kinderweise von ihm ab, so leitete die Mutter mit
unbewuter Kunst sie wieder zu ihm zurck. Dann rauschte es einen
Augenblick in den Blttern der Laube hinter ihr. Sie dachte, es sei der
Wind oder hrte es gar nicht; vielleicht, weil es nicht von Apollonius
sprach. Htte sie hingesehen, sie wre entsetzt aufgesprungen von der
Bank. Was die Bltter rauschen machte, war das strmische Erzittern
einer geballten Faust. Darber stand ein rotes Gesicht, verzerrt von der
Anstrengung die die gehobene Faust zurckhielt, sonst htte sie das
lchelnde Gesicht des Kindes getroffen, das, so jung, schon eine
Kupplerin war. Das lchelnde, vatermrderische Gesicht! Das Kind hat ein
blaues Kleidchen an; blau ist die Lieblingsfarbe Apollonius'. Sein Kind
trgt seines Todfeindes Livree. Und die Mutter -- o, Fritz Nettenmair
kann sich noch auf die Zeit besinnen, wo sie tglich so gekleidet ging
wie heute. Und frchtet sie das nicht? Glaubt sie, was damals
vorgegangen, gibt ihr ein Recht, ihn nicht zu frchten? Ein Recht, in
Schande zu leben, weil es seine Schande ist? Das alles reit an der
gehobenen Faust.

Jetzt sagt die Mutter vor sich hin und hat das Mdchen vergessen: Der
arme Apollonius! -- Was hlt die Faust zurck? -- Ich mu Fritz sagen,
wie er mich dauert. Er ist gut. Nicht, nnchen? nnchen singt und hrt
auf die Frage nicht. Sie bedarf auch keiner Antwort. Fritz ist zornig
auf ihn, weil er mich einmal gekrnkt hat. Ich hab's lang vergessen. Er
ist anders, und Fritz tut ihm unrecht, wenn er meint, er ist noch immer
so. Und vielleicht ist er nie so gewesen, und die Menschen haben Fritz
belogen. Wir wollen gut sein gegen ihn, damit er froh wird. Ich kann's
nicht mehr ertragen, wie er traurig ist. Ich will's ihm sagen, dem
Fritz. So schliet die junge Frau ihr Selbstgesprch; ihr ganzes s
vertrauliches Mdchenwesen ist wieder aufgewacht, und Fritz Nettenmair
begreift, das Tun, zu dem der Zorn ihn hinreien will, zu erschaffen,
was noch nicht ist, mu beschleunigen, was kommen wird. Er ist arm
geworden, entsetzlich arm. Die Zukunft ist nicht mehr sein; er darf
nicht auf Tage hinaus rechnen; er lebt nur noch von Augenblick zu
Augenblick; er mu festhalten, was zwischen dem Gegenwrtigen ist und
dem Nchstkommenden. Und dazwischen ist nichts, als Qual und Kampf.

Er hat die Frau bis jetzt geliebt, wie er alles tat, wie er selbst war,
oberflchlich -- und jovial. Das Gewissen hat seine Seele ausgetieft.
Die Furcht vor dem Verlust hat ihn ein ander Leben gelehrt. Das Leben
lehrte ihn wiederum ein ander Frchten. Htte er sie frher so geliebt,
wie jetzt, ihre tiefste Seele htte sich ihm vielleicht geffnet, sie
htte auch ihn geliebt. Sie haben Jahre zusammengelebt, sind
nebeneinander gegangen, ihre Seelen wuten nichts von einander. Dem
Leibe nach Gattin und Mutter ist ihre Seele ein Mdchen geblieben. Er
hat die tieferen Bedrfnisse ihres Herzens nicht geweckt, er kannte sie
nicht; er htte sie nicht befriedigen knnen. Er erkennt sie erst, wie
sie sich einem Fremden zuwenden. Er fhlt erst, was er besa, ohne es zu
haben, nun es einem andern gehrt. Mit welcher Empfindung sieht er die
Knospe ihres Angesichts sich entfalten, die er schon fr die Blume
hielt! Welch nie geahnter Himmel ffnet sich da, wo er sonst Genge
hatte, sein eigen Spiegelbild zu finden. Und wie viel er sah; all den
Reichtum an hingebendem Vertrauen, an Opferfhigkeit, an verehrendem
Aufstaunen und dienendem Ergeben zu fassen, der in der Morgenrte dieses
reinen Angesichts aufging, war sein Auge, auch krankhaft weit geffnet,
noch zu eng. Sein Schmerz bermannte einen Augenblick seinen Ha. Er
mute sich fortschleichen, um das Gestndnis seiner Schuld vor dem
Antlitz zu flchten, dessen Blick er jetzt wie ein Verbrecher frchtete,
so sanft es war.

Gegen Abend wurde die junge Frau pltzlich von zwei Mnnerstimmen aus
ihren Trnen geweckt. Sie sa unfern der verschlossenen Schuppentr im
Grase. Fritz war eben mit dem Bruder von der Hintergasse in den Schuppen
getreten. Sie hrte, er zog den Bruder mit Wohlig's Anne auf. Anne sei
die beste Partie in der ganzen Stadt und der Bruder ein Spitzbube, der
die Welt kenne und die Art, die lange Haare und Schrzen trgt. Die Anne
nhe schon an ihrer Aussteuer, und ihre Basen trgen die Heirat mit
Apollonius von Haus zu Hause. Die junge Frau hrte ihn fragen, wann die
Hochzeit sei? Sie hatte sich entfernen wollen; sie verga es; sie verga
das Atmen. Und darauf htte sie fast laut aufgejubelt: Apollonius sagte,
er heirate gar nicht, die Anne nicht, noch sonst eine.

Der Bruder lachte. Drum hast du den Abend deiner Heimkehr nur mit der
Anne getanzt und sie heimgeleitet?

Mit deiner Frau htt' ich getanzt, entgegnete Apollonius. Du warntest
mich, deine Frau wrde mir einen Korb geben, weil sie so unwillig auf
mich war. Ich wollte nun gar nicht tanzen. Du brachtest mir die Anne,
und wie du gingst, fragtest du sie, ob ich sie heimbegleiten drfte. Da
konnt' ich nicht anders. Ich habe nie daran gedacht, die Anne --

Zu heiraten? lachte der Bruder. Nun, sie ist auch zum -- Spae hbsch
genug und der Mhe wert, sie vernarrt in dich zu machen.

Fritz! rief Apollonius unwillig. Aber es ist nicht dein Ernst,
besnftigte er sich selbst. Ich wei, du kennst mich besser; aber auch
im Scherz soll man einem braven Mdchen nicht zu nahe treten.

Pah, sagte der Bruder, wenn sie es selbst tut. Was kommt sie uns ins
Haus und wirft sich dir an den Kopf?

Das hat sie nicht, entgegnete Apollonius warm. Sie ist brav und hat
sich nichts Unrechtes dabei gedacht.

Ja, sonst httest du sie zurechtgewiesen, lachte Fritz, und es lag
Hohn in seiner Stimme.

Wut ich, sagte Apollonius, was sie dachte? Du hast sie mit mir
aufgezogen und mich mit ihr. Ich habe nichts getan, was solche Gedanken
in ihr erwecken konnte. Ich htt's fr eine Snde gehalten.

Die Mnner gingen ihren Weg wieder zurck. Christianen fiel es nicht
ein, sie htten auch auf den Gang kommen knnen, wo sie stand. Was von
Offenheit und Wahrheit in ihr lag, war gegen ihren Gatten emprt. Nicht
die Leute hatten ihn belogen; er war selber falsch. Er hatte sie belogen
und Apollonius belogen, und sie hatte irrend Apollonius gekrnkt.
Apollonius, der so brav war, da er nicht ber die Anne spotten hren
konnte, hatte auch ihrer nie gespottet. Alles war Lge gewesen von
Anfang an. Ihr Gatte verfolgte Apollonius, weil er falsch war und
Apollonius brav. Ihr innerstes Herz wandte sich von dem Verfolger ab,
und dem Verfolgten zu. Aus dem Aufruhr all ihrer Gefhle stieg ein
neues, heiliges siegend auf, und sie gab sich ihm in der vollen
Unbefangenheit und Unschuld hin. Sie kannte es nicht. Da sie es nie
kennen lernte! Sobald sie es kennen lernt, wird es Snde. -- Und schon
rauschen die Fe durch das Gras, auf denen die unselige Erkenntnis
naht.

Fritz Nettenmair mute seine neue Scheidemauer aufbauen, ehe er den
Bruder zu seinem Weibe fhrte. Deshalb kam er. Sein Gang war ungleich;
er whlte noch und konnte sich nicht entscheiden. Er wurde noch
ungewisser, als er vor ihr stand. Er las, was sie fhlte, von ihrem
Antlitz; es war zu ehrlich, um etwas zu verschweigen; es kannte zu
wenig, wovon es sprach, um zu denken, es mte dies verbergen. Er
fhlte, mit den alten Verleumdungen werde er nichts mehr bei ihr
vermgen. Er konnte sie ber ihre Gefhle aufklren, sie dann bei ihrer
Ehre, bei ihrem weiblichen Stolze fassen. Er konnte sie zwingen -- wozu?
Zur Verstellung? Zum Leugnen? Zur Verheimlichung, wenn sie -- einmal
wute, was sie wollte? Wrde sie nicht zu sich sagen: den Betrger
betrgen, das Gestohlene heimlich wieder nehmen, ist kein Betrug, kein
Diebstahl? Das war es! Das Bewutsein seiner Schuld verflscht ihm die
Dinge, die Menschen. Er kannte das starke Ehrgefhl seiner Frau, wie die
bis zum Eigensinn feste Rechtlichkeit des Bruders, und er htte beiden
in allem getraut; nur in dem einen traute er ihnen nicht, wo er das
Gefhl hatte, er habe es verdient, von ihnen betrogen zu sein.

So zog er doch den Weg vor, den er bis jetzt gegangen. Er machte einen
kleinen Umweg ber des Federchensuchers Narrheiten. Er wute, kleine
Lcherlichkeiten sind geschickter, eine werdende Neigung zu vernchtern,
als groe Fehler. Er agierte Apollonius, wie er den Weg, den er mit
einem Lichte gemacht, noch einmal zurckging, aus Sorge, er knnte einen
Funken verloren haben; wie es ihn bei Nacht nicht ruhen lie, wenn ihm
einfiel, er hatte bei einer Arbeit seinen gewhnlichen Eigensinn
vergessen, oder ein Arbeiter hatte das strenge Wort nicht verdient, das
er, vom Drang der Geschfte erhitzt, gegeben; wie er aus dem Bette
aufgesprungen, um ein Lineal, das er im schiefen Winkel mit der
Tischkante liegen lassen, in den rechten zu rcken. Dabei strich und
blies Fritz Nettenmair sich eingebildete Federchen von den rmeln. Er
sah wohl, seine Mhe hatte den verkehrten Erfolg. Gereizt dadurch griff
er zu strkeren Mitteln. Er bedauerte die arme Anne, die Apollonius
durch Scheinheiligkeit in sich vernarrt gemacht; und erzhlte, auf wie
gemeine Weise er sie ffentlich verspotte.

Auf den Wangen der jungen Frau war ein dunkles Rot aufgestiegen. Offene,
naive Naturen haben einen tiefen Ha gegen alle Falschheit, vielleicht,
weil sie instinktmig fhlen, wie waffenlos sie vor diesem Feinde
stehen. Sie zitterte vor Erregung, als sie aufstand und sagte: Du
knntest das tun, du; er nicht.

Fritz Nettenmair schrak zusammen. In dem Anblick der Gestalt, die voll
Verachtung vor ihm stand, war etwas, was ihn entwaffnete. Es war die
Gewalt der Wahrheit, die Hoheit der Unschuld dem Snder gegenber. Er
raffte sich mit Anstrengung zusammen. Hat er dir das gesagt? Seid ihr
schon so weit? prete er hervor. Sie wollte nach dem Hause gehen; er
hielt sie auf. Sie wollte sich losreien.

Alles hast du gelogen, sagte sie, ihn hast du belogen, mich hast du
belogen. Ich habe gehrt, was du vorhin im Schuppen mit ihm sprachst.

Fritz Nettenmair atmete auf. So wute sie nicht alles. Mut ich's
nicht? fragte er, indem sein Auge sich der Reinheit des ihren gegenber
kaum aufrechthielt. Mut' ich nicht, um deine Schande zu verhindern?
Soll der Federchensucher dich verachten? Noch drckte ihr Blick den
seinen nieder. Weit du, was du bist? Frag' ihn doch, was eine Frau
ist, die Ehre und Pflicht vergit? An wen denkst du mit Gedanken, wie du
nur an deinen Mann denken solltest? Wenn du wie eine verliebte Dirne
umherschleichst, wo du meinst, ihn zu sehen. Und meinst, die Menschen
sind blind. Frag' ihn doch, wie er so eine nennt? O, die Leute haben
schne Namen fr so eine.

Er sah, wie sie erschrak. Ihr Arm bebte in seiner Hand. Er sah, sie
begann ihn zu verstehen, sie begann sich selbst zu verstehen. Er hatte
ihren Trotz gefrchtet und sah, sie brach zusammen; das Zornesrot
erblich auf ihrer Wange und Schamrte schlug wild ber die bleiche hin.
Er sah, wie ihr Auge den Boden suchte, als fhlte es die Blicke aller
Menschen auf sich gerichtet, als htte der Schuppen, der Zaun, die Bume
Augen, und alle bohrten sich in das ihre. Er sah, wie sie in der Jheit
der Erkenntnis sich selbst so eine nannte, fr die die Leute die schnen
Namen haben.

Der Schmerz strmte seinen Regen ber die schamblutende, brennende
Wange, und die Trnen waren wie l; das Feuer wuchs, als eine Stimme vom
Schuppen klang und sein Tritt. Sie wollte sich gewaltsam losreien, und
sah mit halb wildem, halb flehendem Blicke auf, der sterbend vor den
tausend Augen wieder zu Boden sank. Er sah, sein Auge, das Auge des, der
durch den Schuppen kam, war ihr das schrecklichste. Er hatte seinen
ganzen Mut wieder.

Sag's ihm, prete er leise hervor, was du von ihm willst. Wenn er
ist, wie du meinst, mu er dich verachten.

Fritz Nettenmair hielt die Kmpfende mit der Kraft des Siegers fest, bis
er Apollonius, der fragend aus dem Schuppen sah, gewinkt,
herbeizukommen. Er lie sie und sie floh nach dem Hause. Apollonius
blieb erschrocken auf dem halben Wege stehen.

Da siehst du, wie sie ist, sagte Fritz zu ihm. Ich hab' ihr gesagt,
du wolltest sie fragen. Willst du, so gehen wir ihr nach und sie mu uns
beichten. Ich will sehen, ob meine Frau meinen Bruder beleidigen darf,
der so brav ist.

Apollonius mute ihn zurckhalten. Fritz gab sich nicht gleich
zufrieden. Endlich sagte er: Du siehst aber nun, es liegt nicht an mir.
O, es tut mir leid!

Es war ein unwillkrlicher Schmerz in den letzten Worten, den Apollonius
auf die milungene Ausshnung bezog. Fritz Nettenmair wiederholte sie
leiser, und diesmal klangen sie wie ein Hohn auf Apollonius, wie
hhnisches Bedauern ber eine verfehlte List.

Christiane war nach der Wohnstube gestrzt und hatte die Tr hinter sich
verriegelt. An Fritz dachte sie nicht; aber Apollonius konnte
hereintreten. Sie wlzte den fieberischen Gedanken, hinaus in die Welt
zu fliehen; aber wohin sie sich dachte, im steilsten Gebirg, im tiefsten
Walde begegnete er ihr und sah, was sie wollte, und er mute sie
verachten. Und was wollte sie denn? Wollte sie etwas von ihm? Wenn sie
in Gedanken vor ihm floh und angstvoll eine Zuflucht suchte; war er es
nicht wieder, zu dem sie floh? Wenn sie in Gedanken eine Brust
umschlang, daran sich auszuweinen, war es nicht seine? Der Augenblick,
der sie lehrte, sie wollte etwas Bses, hatte sie ja erst gelehrt, was
sie wollte. nnchen war im Zimmer; sie hatte das Kind nicht bemerkt.
Alles Leben der Mutter war bei ihrem inneren Kampfe; nnchen sah der
Mutter nicht an, was in ihr vorging. Sie zog die Mutter auf einen Stuhl
und umschlang sie nach ihrer Weise und sah zu ihrem Antlitz auf. Die
Mutter traf ihr Blick, als kme er aus Apollonius' Augen. nnchen sagte:

Weit du, Mutter? der Onkel Lonius -- die Mutter sprang auf und stie
das Kind von sich, als wre er es selbst. Sag' mir nichts mehr von --
sag' mir nichts mehr von ihm! sagte sie mit so zorniger Angst, da das
Mdchen weinend verstummte. nnchen sah nicht die Angst, nur den Zorn in
der Mutter Auffahren. Es war Zorn ber sich selbst. Das Mdchen log, als
sie dem Onkel von der Mutter Zorn ber ihn erzhlte. Es bedurfte der
Erzhlung nicht. Hatte er nicht selbst die rote Wange gesehen, mit der
sie seiner und des Bruders Frage auswich; dasselbe Rot der zornigen
Abneigung, mit dem sie den Heimkehrenden empfangen?

Ach, es war ein wunderlich schwles Leben von da in dem Hause mit den
grnen Fensterladen, tage-, wochenlang! Die junge Frau kam fast nicht
zum Vorschein, und mute sie, so lag brennende Rte auf ihren Wangen.
Apollonius sa vom ersten Morgenschein auf seinem Fahrzeug und hmmerte,
bis die Nacht einbrach. Dann schlich er sich leise von der Hintergasse
durch Schuppen und Gang auf sein Stbchen. Er wollte ihr nicht begegnen,
die ihn floh. Fritz Nettenmair war wenig mehr daheim. Er sa von frh
bis in die Nacht in einer Trinkstube, von wo man nach der Aussteigetr
und dem Fahrzeuge am Turmdach sehen konnte. Er war jovialer als je,
traktierte alle Welt, um sich in ihrer lgenhaften Verehrung zu
zerstreuen. Und doch, ob er lachte, ob er wrfelte, ob er trank, sein
Auge flog unablssig mit den Dohlen um das steile Turmdach. Und wie
durch einen Zauber fgte es sich, nie schlich Apollonius durch den
Schuppen, ohne da fnf Minuten frher Fritz Nettenmair in die Haustr
getreten war.

Im Schuppen und in der Schiefergrube schaltete der Geselle an seiner
Statt. Er brachte Fritz Nettenmair den Rapport vom Geschfte; im Anfang
schrieb der joviale Herr davon in dicke Bcher, dann nicht mehr. Die
Zerstreuung wurde ihm immer unentbehrlicher; er hatte keine Zeit mehr
zum Schreiben. Bis er tief in der Nacht wieder heimkam, wandelte der
Geselle in dem Gange von dem Wohnzimmer bis zum Schuppen hin und her. Es
waren in der Nhe Diebsthle vorgekommen; der Geselle stand Wache: Fritz
Nettenmair war daheim ein ngstlicher Mann geworden. Die brigen Leute
wunderten sich ber das Vertrauen Fritz Nettenmair's zu dem Gesellen.
Apollonius warnte ihn wiederholt. Freilich! Er hatte Grnde, die Wache
nicht zu wnschen, am allerwenigsten von dem Gesellen, der ihm nicht
gewogen war. Und das eben war Fritz Nettenmair's Grund, dem Gesellen zu
vertrauen und auf die Warnungen nicht zu hren. Als Fritz Nettenmair zu
dem Bruder gesagt: es tut mir leid, war er des Gesellen gewahr geworden.
In seinem Grinsen hatte er gelesen, der Geselle durchschaute ihn und
wute, was Fritz Nettenmair frchtete. Da bi er die Zhne aufeinander;
eine halbe Stunde spter bertrug er ihm die Wache und die
Stellvertretung in Schuppen und Grube. Es kostete wenig Worte. Der
Geselle verstand, was Fritz ihm sagte, da er sollte; er verstand auch,
was Fritz nicht sagte und dennoch sollte. Fritz Nettenmair traute seiner
Redlichkeit im Geschfte so wenig wie Apollonius. Er erkannte, der
Geselle wrde dort mibrauchen, da er etwas wute, wovon auer ihm und
Fritz Nettenmair niemand Kunde hatte und niemand Kunde haben durfte. Die
Unredlichkeit des Gesellen dort haftete ihm fr seine Redlichkeit, wo er
sie ntiger brauchte. Es war die Sorglosigkeit fieberhafter Angst um
alles andere, was sich nicht auf ihren Gegenstand bezieht.

Der alte Herr im blauen Rock hatte schlimmere Trume als je; er horchte
gespannter als je auf jeden flchtigen Laut, hrte mehr heraus und baute
immer grere Lasten ber seine Brust. Aber er fragte nicht.

                   *       *       *       *       *

Es war eines Abends spt. Fritz Nettenmair hatte vom Fenster der
Weinstube Apollonius sein Fahrzeug verlassen und an das fliegende Gerst
binden sehen, er eilte nach seiner Gewohnheit aus dem Wirtshause, um
noch vor Apollonius heimzukommen. Er traf seine Frau in der Wohnstube
bei einer huslichen Arbeit. Der Geselle trat herein und machte die
gewhnliche Meldung. Dann sagte er seinem Herrn etwas in das Ohr und
ging.

Fritz Nettenmair setzte sich zur Frau an den Tisch. Hier sa er
gewhnlich, bis ein schlrfender Tritt des Gesellen im Vorhaus ihm
sagte, Apollonius sei zu Bett gegangen. Dann suchte er sein Weinhaus
wieder auf; er wute, das Haus war vor Dieben sicher, der Geselle war
bei der Wache.

Das Gefhl, wie er sein Weib in seiner Hand hatte, und sie sich leidend
darin ergab, hatte bisher dem Weine geholfen, einen schwachen
Widerschein in der jovialen Herablassung ber ihn zu werfen, die ehedem
sonnenhaft von jedem Knopfe Fritz Nettenmairs geglnzt. Heute war der
Widerschein sehr schwach. Vielleicht, weil ihr Auge nicht den Boden
gesucht, als es sein Blick berhrte. Er tat einige gleichgltige Fragen
und sagte dann:

Du bist heute lustig gewesen. Sie sollte fhlen, er wisse alles, was
im Hause geschehe, sei er auch selbst nicht drin. Du hast gesungen.

Sie sah ihn ruhig an und sagte: Ja. Und morgen sing' ich wieder; ich
wei nicht, warum ich nicht soll.

Er stand geruschvoll vom Stuhle auf und ging mit lauten Tritten hin und
her. Er wollte sie einschchtern. Sie erhob sich ruhig und stand da, als
erwarte sie einen Angriff, den sie nicht frchtete. Er trat ihr nahe,
lachte heiser und machte eine Handbewegung, vor der sie erschreckend
zurckweichen sollte. Sie tat es nicht. Aber das Rot des beleidigten
Gefhls trat auf ihre Wangen. Sie war scharfsinnig geworden, argwhnisch
dem Gatten gegenber. Sie wute, da er sie und Apollonius bewachen
lie.

Und hat er dir weiter nichts gesagt? fragte sie.

Wer? fuhr Fritz Nettenmair auf. Er zog die Schultern empor und meinte,
er she aus, wie der im blauen Rock. Die junge Frau antwortete nicht.
Sie zeigte nach der Kammertr, in der das kleine nnchen stand. Der
Spion! der Zwischentrger! prete der Mann hervor. Das Kind kam
ngstlich mit zgernden Schritten. Es war im Hemdchen.

Fritz Nettenmair sah nicht das Flehen in des Kindes Blick: er sollte der
Mutter gut sein, die Mutter sei auch gut. Er sah nicht, wie das
husliche Zerwrfnis auf dem Kinde lastete und es bleich gemacht; wie es
den Zustand mit durchlitt, ohne ihn zu verstehen. Er bemerkte nur, wie
gespannt es horchte, um dem erzhlen zu knnen, der es zum Horchen
abgerichtet. Es wollte seine Knie umschlingen, sein Blick, seine
gehobene Faust drngte es zurck. Die Mutter nahm das Kind in stillem
Schmerz auf die Arme und trug es in die Kammer und in sein Bett zurck.
Sie frchtete, was der Mann ihm tun konnte. Was er ihr tun konnte, das
frchtete sie nicht. Sie sagte es dem Manne, als sie wieder hereinkam
und die Tr verschlossen, wie um das Kind vor ihm zu retten.

Ich bin eins geworden mit mir, sagte sie, und in ihren Augen stand das
mit so glnzender Schrift, da der Mann wieder hin und her schritt, um
nicht hineinsehen zu mssen. Ich bin eins geworden mit mir. Die
Gedanken sind gekommen, daran bin ich nicht schuld, und ich habe sie
nicht kommen heien. Ich habe nicht gewut, sie waren bs. Dann hab' ich
mit den Gedanken gekmpft, und ich will nicht md' werden, so lang' ich
lebe. Ich bin mit meiner Seele an dem Bett meiner seligen Mutter
gewesen, wo sie gestorben ist, und habe sie liegen sehen und habe die
drei Finger auf ihr Herz gelegt. Ich habe ihr versprochen, ich will
nichts Unehrliches tun und leiden, und habe sie mit Trnen gebeten, sie
soll mir helfen, nichts Unehrliches tun und leiden. Ich habe so lange
gesprochen und so lange gebeten, bis alle Angst fortgewesen ist, und ich
hab' gewut, ich bin ein ehrlich Weib und ich will ein ehrlich Weib
bleiben. Und niemand darf mich verachten. Was du mir tun willst, davor
frchte ich mich nicht und wehre mich nicht. Du tust's auf dein
Gewissen. Aber dem Kinde sollst du nichts tun. Du weit nicht, wie stark
ich bin und was ich tun kann. Ich leid' es nicht; das sag' ich dir!

Sein Blick flog scheu an der schlanken Gestalt vorber, er berhrte
nicht das bleiche, schne Antlitz; er wute, ein Engel stand darauf und
drohte ihm. O, er erkannte, er fhlte, wie stark sie war; er empfand,
wie mchtig der Entschlu eines ehrlichen Herzens schirmt. Aber nur
gegen ihn! er empfand es an seiner Schwche. Er fhlte, ihr mute
glauben, wer glauben durfte. Dies Recht hatte er im unehrlichen Spiele
verspielt. Er htte ihr glauben mssen, wute er nicht, es mute kommen,
was kommen mute. Sie nicht, niemand konnte es verhindern. Einen
Rettungsweg zeigte ihm sein Engel, ehe er ihn verlie. Wenn er redlich,
unablssig sich mhte, gut zu machen, was er an ihr verschuldet. Wenn er
ihr die Liebe ttig zeigte, die die Angst vor dem Verluste ihn gelehrt.
Hatte er nicht Helfer? Muten die Kinder nicht seine Helfer sein? Und
das Pflichtgefhl, das so stark war? Die tote Mutter, an deren Bett sie
in Gedanken getreten, auf deren Herz sie ihre Schwurfinger gelegt? Aber
eben das, worauf er hofft, ihre Reinheit, scheucht ihn zurck, wie er
sich ihr nahen will. Er ist dem Gespenste seiner Schuld verfallen, dem
Gedanken der Vergeltung, der ihn unwiderstehbar treibt, das zu schaffen,
was er verhindern will. Zu tief hat ihn die lange, stete Gewohnheit, ihn
zu denken, eingegraben. Hoffnung und Vertrauen sind dem Gedanken fremd;
der Ha ist ihm verwandter. Ihn ruft er zu Hilfe. -- Drauen schlrft
der Fu des Gesellen auf dem Sande des Vorhauses. Das Haus ist sicher
vor Dieben. Er kann wieder gehen.

Fritz Nettenmair ist heute im Weinhaus so jovial, als er sein kann.
Seine Schmeichler haben Durst und lassen sich seine Herablassung
gefallen. Er trinkt, schlgt seinen Gsten die Hte ber die Ohren und
das Gesicht und bt mit Stock und Hand manche andere zarte Liebkosungen
und belacht sie als geistreiche Scherze mit bewunderndem Lachen. Er tut
alles, sich zu vergessen; es gelingt ihm nicht.

Knnte er mit seiner jungen Frau tauschen, die unterdes einsam daheim
sitzt! Wonach er sich sehnt: sich zu vergessen, dagegen mu sie sich
wehren. Was er mu, was er mit aller Mhe nicht abwenden kann, danach
ringt sie, und es will ihr nicht gelingen, sich auf sich selbst zu
besinnen. -- Was hilft es, da sie es dem Kinde verbot? alle ihre
Gedanken reden ihr von Apollonius. Sie meinte, sie wich ihm aus, und sie
sieht, er flieht sie. Sie sollte sich freuen, und es tut ihr weh. Ihre
Wangen brennen wieder. Eigen ist es, da sie selbst ihren Zustand
strenger und milder ansieht, je nachdem sie in Gedanken Apollonius
strenger oder milder darber urteilend glaubt. So ist er ihr das
unwillkrliche Ma der Dinge geworden. Wei er, wie sie ist, und
verachtet sie? Er ist so mild und nachsichtig; er hat die Anne nicht
verspottet, nicht verachtet; er hat ihr das Wort geredet gegen
Verachtung und Spott. Hat sie schon, ehe er kam, Gedanken gehabt, die
sie nicht haben sollte, und er hat sie erraten? Ist sie sich doch, als
wre sie mit allem, was sie wei und wnscht, nur ein Gedanke in ihm,
den er wei, wie seine andern. Und sie hat ihn gedauert; und darum sah
er ihr mit traurigem Blicke nach, wenn sie ging? Ja! Gewi! Und nun floh
er sie aus Schonung; sein Anblick sollte nicht Gedanken in ihr wecken,
die besser geschlafen htten, bis sie selber schlief im Sarg. Er
vielleicht selbst hatte es ihrem Manne gesagt oder geschrieben; und
dieser hatte das Mittel gewhlt, sie durch Widerwillen zu heilen.

War es Zufall, da sie in diesem Augenblicke nach ihres Mannes
Schreibpult blickte? Sie sah, er hatte den Schlssel abzuziehen
vergessen. Sie erinnerte sich, er war nie so nachlssig gewesen. Sonst
hatte sie keine Acht darauf gehabt; jetzt erst fiel ihr auf, er war,
wute er sie zugegen, nicht auf Augenblicke aus dem Zimmer gegangen,
ohne zu schlieen und den Schlssel abzuziehen. Im obersten Fache rechts
lagen Apollonius' Briefe; ihr Blick war sonst der Stelle ausgewichen.
Jetzt ffnete sie das Pult und zog das Fach heraus. Ihre Hnde
zitterten, ihre ganze Gestalt bebte. Nicht aus Furcht, ihr Mann knnte
sie dabei berraschen. Sie mute wissen, wie es stand zwischen ihr,
Apollonius und ihrem Mann; sie htte diesen gefragt; sie htte sich
nicht selbst geholfen, konnte sie ihrem Manne trauen. Sie bebte vor
Erwartung, was sie finden wird. Ob sie etwas davon ahnt, was sie finden
wird?

Es waren viele Briefe in dem Fach; alle lagen offen und entfaltet darin,
und alle schienen nur Abdrcke eines einzigen zu sein, so sehr glichen
sie sich; nur da die Zge in den ersten weicher erschienen. Wie
abgezirkelt stand die Anrede in jedem genau auf derselben Stelle; genau
um ebenso viel Zoll und Linien darunter der Beginn des Briefes. Der
Abstand der schnurgeraden Zeilen voneinander und vom Rande des Bogens
war in allen der gleiche; nichts war ausgestrichen; keine kleinste
Unregelmigkeit verriet die Stimmung des Schreibers oder eine
Vernderung derselben; ein Buchstabe genau wie der andere.

Sie berhrte die Briefe alle, einen um den anderen, ehe sie las. Mit
jedem schlug neue glhende Rte ber ihre Wangen, als berhrte sie
Apollonius selbst, und sie zog die Hand unwillkrlich zurck. Jetzt fiel
mit einem Briefe eine kleine metallene Kapsel in den Kasten zurck; die
Kapsel fuhr auf, und heraus fiel eine kleine, drre Blume. Ein kleines,
blaues Glckchen. Solch eines, wie sie einst auf die Bank gelegt, damit
er es finden sollte. Sie erschrak. Jene hatte Apollonius ja noch
denselben Abend mit Spott und Hohn unter seinen Kameraden ausgeboten und
gefragt, was sie gben, und dann unter dem Lachen aller dem Bruder
feierlich zugeschlagen. Dieser brachte sie ihr und erzhlte ihr es
whrend des Tanzens, und Apollonius sah zum Saalfenster herein, hhnend,
wie der Bruder sagte. Jene hatte sie zerpflckt; das junge Volk war ber
die Trmmer hingetanzt. Die Blume in der Kapsel war eine andere. Es
mute in dem Briefe stehen, von wem sie war oder wem sie Apollonius
schickte.

Und doch war es dieselbe Blume. Sie las es. Wie ward ihr, als sie las,
es war dieselbe! Trne um Trne strzte auf das Papier, und aus ihnen
quoll ein rosiger Duft und verhllte die engen Wnde des Stbchens. In
dem Duft regte sich ein Wehen, wie von leichtem Morgenwind im Lenz, wenn
er die leichten Nebel flatternd ballt und durch die Risse goldener
Himmel lacht und goldene Hhen. Und immer weiter wird der Blick, und wie
der Schleier wogend tief und tiefer sinkt, steigen rauschende Wlder
auf, grne Wiesen mit ihrem Blumenschmelz, trauliche Grten mit laubigen
Schatten, Huser mit glcklichen Menschen. O, es war eine Welt von
Glck, von Lachen und Weinen vor Glck, die aus den Trnen stieg, jede
frbte sie regenbogenglnzender, jede rief: sie war dein, und die letzte
jammerte: und sie ist dir gestohlen! Die Blume war von ihr; er trug sie
auf seiner Brust in Sehnsucht, Hoffen und Frchten, bis die des Bruders
war, deren er dabei gedachte. Dann warf er sie, die Botin des Glckes,
dem geschiedenen nach. Er war so brav, da er fr Snde hielt, die arme
Blume dem vorzuenthalten, der ihm die Geberin gestohlen. Und an solchem
Manne htte sie hngen drfen, sich mit allen Pulsen in ihn
drngen, ihn mit tausend Armen der Sehnsucht umschlingen zum
Nimmerwiederfahrenlassen! Sie htte es gekonnt, gedurft, gesollt! es
wre nicht Snde gewesen, wenn sie es tat; es wre Snde gewesen, tat
sie es nicht. Und nun wre es Snde, weil der sie und ihn betrogen, der
sie nun qulte um das, was er zur Snde gemacht? Der sie zur Snde
zwang; denn er zwang sie, ihn zu hassen; und auch das war Snde, und
durch seine Schuld. Der sie zwang -- er zwang sie zu mehr, zu Gedanken,
die mit Gott im Himmel hadern wollten, zu Gedanken, die aus der Liebe
und dem Hasse, die Gott verbot, ein Recht machen wollten, zu schrecklich
klugen, verfhrerisch flsternden, wilden, heien, verbrecherischen
Gedanken. Und wies sie diese schaudernd von sich, dann sah sie
unabsichtliche Snde unabwendbar drohen. Mit entsetzlich sem Bangen
wute sie den Mann so nahe, der ihr fremd sein sollte, der ihr nicht
fremd war, vor dem sie in der Angst ihrer Schwche keine Rettung sah.
Sie floh vor ihm, vor sich selbst in die Kammer, wo ihre Kinder
schliefen, wo ihre Mutter gestorben war. Dorthin, wo ihr so heilig
wurde, hrte sie das leise Regen der unschuldig schlummernden Leben, zu
deren Hterin sie Gott gesetzt; die ruhigen Hauche hinflstern durch die
stille, dunkle Nacht. Jeder Hauch ein sorglos s aufgelstes
Sichbefehlen an die unbekannte Macht, die das All in ihren Mutterarmen
trgt. Sie ging von Bett zu Bett und lag kniend regungslos davor, und
legte die Stirn an die scharfen Brettkanten.

Vom Sankt Georgenturme her klangen die Glocken, wie sie der Schritt der
Zeit berhrte; und er hielt nicht an im Wandern. Es schlug viertel,
halb, dreiviertel, ganz und wieder viertel und wieder halb. Das leise
Weben der schlummernden Kinderseelen zitterte um sie. Sie lag, die
heien Hnde gefalten, lange, lange. Da stieg es empor aus dem leisen
Weben, silbern wie ein Ostermorgenglockenklang. Was frchtest du dich
vor ihm? Und sie sah all ihre Engel um sich knien, und er war einer von
ihren Engeln, der schnste und der strkste und der mildeste. Und sie
durfte zu ihm aufsehen, wie man zu seinen Engeln aufsieht. Sie stand auf
und ging in die Stube zurck. Die Briefe breitete sie auf dem Tische
aus, dann ging sie zur Ruhe. Ihr Besitzer sollte wissen, wenn er
heimkehrte und die Briefe fand, sie hatte sie gelesen. Nicht um ihn zu
erschrecken, nicht als Anklage, wie sie auch von ihm denken mochte. Er
las davon ab, was das Bewutsein seiner Schuld darauf schrieb; er las
aus seiner Beleidigung ihr Rachedrohen und ihre Plne, es in das Werk zu
setzen. Er kannte ihre Wahrhaftigkeit; wre er so rein gewesen als sie,
er htte gewut, sie hatte nur dem Triebe ihrer ehrlichen Natur gengt.
Sie schied schwer von den Briefen: aber sie gehrten nicht ihr. Nur die
Kapsel mit der drren Blume nahm sie weg und wollt ihm am Morgen sagen,
da sie es getan.

Fritz Nettenmair sa noch ganz allein im Weinhaus. Das Haupt hing ihm
mde auf die Brust herab. Er rechtfertigte vor sich seinen Ha und sein
Tun. Der Bruder und sie waren falsch; der Bruder und sie waren schuld,
nicht er, da er hier vergeudete, was seinen Kindern gehrte. Wer ihm
ihr Herz gestohlen, konnte fr sie sorgen. Eben war es ihm gelungen,
sich zu berzeugen, als daheim die Kammertre ging. Die Frau war wieder
vom Bett aufgestanden und legte auch die Kapsel mit der Blume wieder zu
den Briefen. Apollonius hatte sie nicht behalten, sie durfte es auch
nicht. Der Gatte dachte noch nicht an das Heimgehen, als sie die Decke
wieder ber ihre reinen Glieder breitete. ber dem Gedanken, sofort
sollte Apollonius ihr Leitstern sein, und wenn sie handelte wie er,
blieb sie rein und bewahrt, schlief sie ein und lchelte im Schlummer,
wie ein sorglos Kind.

                   *       *       *       *       *

Das Leben in dem Hause mit den grnen Laden wurde immer schwler. Die
gegenseitige Entfremdung der Gatten nahm mit jedem Tage zu. Fritz
Nettenmair behandelte die Frau immer rcksichtsloser, wie seine
berzeugung wuchs, durch Schonung sei nichts mehr zu gewinnen. Diese
berzeugung flo aus der immer klteren Ruhe der Verachtung, die sie ihm
entgegensetzte; er dachte nicht, da er selbst sie zu dieser Verachtung
zwang. Es war eine unglckliche, immer steigende Wechselwirkung. So
wenig Apollonius mit dem Bruder und der Schwgerin zusammentraf, ihr
Zerwrfnis mute er bemerken. Es machte ihn unglcklich, da er die
Schuld davon trug. In welcher Weise er sie trug, das ahnte er nicht.
Whrend die Schwgerin mit liebender Verehrung an ihm hing und sich und
ihrem ganzen Hauswesen seine Physiognomie aufprgte, grbelte er ber
den Grund ihres unbesiegbaren Widerwillens. Der Bruder tat nichts,
diesen Irrtum zu berichtigen; er besttigte ihn vielmehr. Zuweilen,
indem er ihn berlegen bei sich verlachte, wenn Weinlaune und
geschmeichelte Eitelkeit ihre Wirkung taten. Der Stunden der
Erschlaffung, der Unzufriedenheit mit sich selbst waren freilich mehr.
Dann zwang er sich, Verstellung darin zu sehen, um an dem Mitleid mit
sich selber den Ha gegen die andern, in dem ihm wohl war, zu schrfen.

Apollonius wute wenig von der Lebensweise des Bruders. Fritz Nettenmair
verbarg sie ihm aus dem unwillkrlichen Zwang, den Apollonius' tchtiges
Wesen ihm abntigte, den er aber niemand, am wenigsten sich selber,
eingestanden haben wrde. Und die Arbeiter wuten, da sie Apollonius
mit nichts kommen durften, was nach Zutrgerei aussah, am wenigsten,
wenn es seinen Bruder betraf, den er gern von allen geachtet gesehen
htte, mehr als sich selbst. Aber er hatte bemerkt, Fritz sah ihn als
einen Eindringling in seine Rechte an, der ihm Geschft und Ttigkeit
verleidete. Apollonius fhlte sich von dem Tage seiner Rckkehr nicht
wohl daheim; er war seinen Liebsten hier eine Last; er dachte oft an
Kln, wo er sich willkommen wute. Bis jetzt hielt ihn die moralische
Verpflichtung, die er in Rcksicht der Reparatur auf sich genommen.
Diese ging mit raschen Schritten ihrer Vollendung entgegen. So durfte
der Gedanke seine Verwirklichung fordern, und er teilte ihn dem Bruder
mit.

Es wurde Apollonius anfangs schwer, den Bruder zu berzeugen, es sei ihm
Ernst mit der Rckkehr nach Kln. Fritz hielt es erst fr einen listigen
Grund, ihn sicher zu machen. Der Mensch gibt ebenso schwer eine Furcht
auf als eine Hoffnung. Und er htte sich eingestehen mssen, er habe den
zwei Menschen Unrecht getan, die des Unrechtes an ihm anzuklagen ihm
eine Gewohnheit geworden war, in der er eine Art Behagen fand. Er htte
dem Bruder ein zweites Unrecht verzeihen mssen, das dieser von ihm
gelitten. Er fand sich erst darein, als es ihm gelungen war, in dem
Bruder wieder den alten Trumer zu sehen, und in dessen Vorhaben eine
Albernheit; als er ein unwillkrliches Eingestndnis darin sah, der
Bruder begreife in ihm den berlegenen Gegner und gehe aus Verzweiflung
am Gelingen seines schlimmen Planes. In dem Augenblick erwachte die
ganze alte joviale Herablassung, wie aus einem Winterschlaf. Seine
Stiefel knarrten wieder: da ist er ja! und: nun wird's famos! luteten
seine Petschafte den alten Triumph.[2] Die Stiefel bertnten, was ihm
sein Verstand von den notwendigen Folgen seiner Verschwendung, von
seinem Rckgange in der allgemeinen Achtung vorhielt. Es war ihm, als
sei alles wieder so gut als je, war nur der Bruder fort. Er glaubte
sogar vorgreifend an seine auerordentliche Gromut, dem Bruder zu
verzeihen, da er dagewesen. Er richtete sich vor dem Bruder schon in
der ganzen alten Gre wieder auf, in der er als alleiniger Chef des
Geschfts dem Ankmmling gegenbergestanden; er winkte ihm mit seinem
herablassendsten Lachen zu, da er es schon bei dem im blauen Rock
durchsetzen wolle; er selber msse Apollonius fortschicken.

[Funote 2: Die von der Uhrkette herabhngenden Petschafte.]

Die junge Frau fhlte anders. Fritz Nettenmair war zu klug, ihr
vorlufig davon zu sagen. Aber der alte Valentin war nicht so klug und
wute nicht, warum er so klug sein sollte. Der alte Valentin war ein
nrrischer Geselle. Dem alten Herrn sagte er nichts. Es war wunderlich,
wie gewissenhaft er seine Pflicht an das Haus verteilte, der ehrlichste
Achseltrger, den es je gegeben. Er verriet den jungen Leuten nie etwas,
was er dem alten Herrn abgemerkt; aus Treue gegen den blauen Rock
verbarg er es den Jungen so angestrengt, als der alte Herr selbst. Aber
er war auch den Jungen so treu ergeben, da der alte Herr von ihnen
nichts durch ihn erfuhr, als was sie selber wollten, und htte der alte
Herr getan, was er nie tat, nmlich ihn danach gefragt.

Der jungen Frau war es, als sollte ihr Engel von ihr scheiden. Sie
empfand, da sie in seiner Nhe sicherer vor ihm war als von ihm
entfernt; denn all der Zauber, der ihren Wnschen wehrte, sndhaft zu
werden, flo ja aus seinen ehrlichen Augen auf sie nieder; von der
Stirn, die so rein war, da ein sndhafter Blick verzweifelte, sie
befleckend in sein Begehren mitzureien, und selbst gereinigt und
reinigend in die Seele zurckkam, die ihn geschickt.

Apollonius sollte nicht gehen, und das durch des Bruders Schuld, den
allein in der ganzen Stadt sein Gehen freute. Freilich wird er die
Schuld nicht anerkennen; auch diese wird er von sich ab und auf den
Bruder schieben. Apollonius hatte auch dem Bauherrn von seinem
Entschlusse gesagt. Es befremdete ihn, da der brave Mann -- der sonst
alles, was Apollonius tun wrde, schon im voraus gebilligt, als knnte
Apollonius nichts tun, was er nicht billigen mte -- die Mitteilung mit
fremder, wie verwundert einsilbiger Klte aufnahm. Er drang in ihn, ihm
den Grund dieser Vernderung zu sagen. Die braven Mnner verstndigten
sich leicht. Der Bauherr sagte ihm, nachdem er sich gewundert,
Apollonius damit unbekannt zu finden, was er von des Bruders Lebensweise
wute, und war der Meinung, Geschft und Haus seines Vaters knne ohne
Apollonius' Hilfe nicht bestehen. Er versprach, sich weiter nach der
Sache zu erkundigen und war bald imstande, Apollonius nhere
Aufklrungen zu geben. Hier und da in der Stadt war der Bruder nicht
unbedeutende Summen schuldig, das Schiefergeschft war, besonders in der
letzten Zeit, so saumselig und ungewissenhaft betrieben worden, da
manche vieljhrige Kunden bereits abgesprungen waren und andere im
Begriff standen, es zu tun. Apollonius erschrak. Er dachte an den Vater,
an die Schwgerin und ihre Kinder. Er dachte auch an sich, aber eben das
eigene starke Ehrgefhl stellte ihm zuerst vor, was der alte, stolze,
rechtliche, blinde Mann leiden mte bei der Schande eines mglichen
Konkurses. Er fand sein Brot; aber des Bruders Weib und Kinder? Und sie
waren des Darbens nicht gewohnt. Er hatte gehrt, das Erbe der Frau von
ihren Eltern war ein ansehnliches gewesen. Er schpfte Hoffnung, es
knne noch zu helfen sein. Und er wollte helfen. Kein Opfer von Zeit und
Kraft und Vermgen sollte ihm zu schwer werden. Konnte er den Verfall
nicht aufhalten, darben sollten die Seinigen nicht.

Der wackere Bauherr freute sich ber seines Lieblings Denkart, auf die
er gerechnet; es hatte ihn befremdet, da sie sich nicht schon frher
gezeigt. Er bot Apollonius seine Hilfe an; er habe weder Frau noch
Kinder, und Gott habe ihn etwas erwerben lassen, um einem Freunde damit
zu helfen. Noch nahm Apollonius kein Anerbieten an. Er wollte erst
sehen, wie es stand, um sich Gewiheit zu verschaffen, ob er ein
ehrlicher Mann bleiben konnte, wenn er den freundlichen Erbieter beim
Worte nahm.

Es kamen schwere Tage fr Apollonius. Der alte Herr durfte noch nichts
wissen und, wenn seine Ehre aufrechtzuerhalten war, auch nicht erfahren,
da sie gewankt. Apollonius bedurfte dem Bruder gegenber seine ganze
Festigkeit und seine ganze Milde. Er mute ihm tglich imponieren und
stndlich verzeihen. Schon das war nicht leicht, den Stand seines
Vermgens, seine Glubiger und den Betrag der Schulden von ihm zu
erfahren. Vergebens machte Apollonius seine gute Meinung geltend, der
Bruder glaubte ihm nicht; und htte er ihm glauben mssen, er htte ihn
darum nicht weniger gehat. Er hate sich selbst in Apollonius, und
hate ihn darum um so mehr, je hassenswerter sein eigenes Tun ihm
erschien.

Als Apollonius die Glubiger und die Betrge wute, untersuchte er den
Stand des Geschfts und fand ihn verwirrter, als er gefrchtet. Die
Bcher waren in Unordnung; in der letzten Zeit war gar nichts mehr
eingetragen worden. Es fanden sich Briefe von Kunden, die sich ber
schlechte Ware und Saumseligkeit beklagten, andere mit Rechnungen von
dem Grubenbesitzer, der neue Bestellungen nicht mehr kreditieren wollte,
da die alten noch nicht bezahlt waren. Das Vermgen der Frau war zum
grten Teile vertan; Apollonius mute den Bruder zwingen, die Reste
davon herauszugeben. Er mute mit den Gerichten drohen. Was litt
Apollonius mit seinem ngstlichen Ordnungsbedrfnis mitten in solcher
Verwirrung; was mit seinem starken Ehrgefhl fr seine Angehrigen, dem
Bruder gegenber! Und doch sah dieser in jeder uerung, jedem Tun des
Leidenden nur schlecht verhehlten Triumph. Nach unendlichen Mhen gelang
Apollonius eine bersicht des Zustandes. Es ergab sich: wenn die
Glubiger Geduld zeigten und man die Kunden wieder zu gewinnen
vermochte, so war mit strenger Sparsamkeit, mit Flei und
Gewissenhaftigkeit die Ehre des Hauses zu retten, und ermdete man
nicht, konnten die Kinder des Bruders ein wenigstens schuldenfreies
Geschft einst als Erbe bernehmen. Apollonius schrieb sogleich an die
Kunden, dann ging er zu den Glubigern des Bruders. Die ersten wollten
es noch einmal mit dem Hause versuchen; man sah, sie gingen sicher; ihre
neuen Bestellungen waren wenig mehr als Proben. Bei den Glubigern hatte
er die Freude, zu sehen, welches Vertrauen er bereits in seiner
Vaterstadt gewonnen. Wenn er die Brgschaft bernahm, blieben die
schuldigen Summen als Kapitale gegen billige Zinsen zur allmhlichen
Tilgung stehen. Manche wollten ihm noch bares Geld dazu anvertrauen. Er
machte keinen Versuch, die Wahrheit dieser Versicherungen auf die Probe
der Tat zu stellen, und gewann dadurch das Vertrauen der Versichernden
nur noch mehr. Nun stellte er dem Bruder anspruchlos und mit Milde dar,
was er getan und noch tun wolle. Vorwrfe konnten nichts helfen, und
Ermahnungen hielt er fr unntz, wo die Notwendigkeit so vernehmlich
sprach. Der Bruder konnte, wenn Apollonius die Leitung des Ganzen, des
Geschftes und des Hauswesens, alle Einnahmen und Ausgaben von nun an
allein und vollkommen selbstndig bernahm, keine willkrliche
Beeintrchtigung darin sehen. In der Sache, in der er seine Ehre zum
Pfande gesetzt, mute Apollonius frei schalten knnen. Das ungestrte
Zusammenwirken all der Ttigkeiten, durch die allein der beabsichtigte
Erfolg zu erreichen war, verlangte die Leitung einer einzigen Hand.

Das Verkaufsgeschft mute vor allen Dingen wieder in Aufnahme gebracht
werden. Der Grubenherr hatte immer schlechtere Ware geliefert und der
Bruder solche fr gute annehmen mssen, um nur berhaupt Ware zu
erhalten; die Anerbieten der brigen Glubiger, die Schuld als Kapital
stehen zu lassen, nahm er an, um mit dem, was von den Vermgensresten
der Frau zunchst flssig gemacht werden konnte, dem Grubenherrn die
alte Schuld abzutragen und eine bedeutende neue Bestellung sogleich bar
zu bezahlen. So erhielt man wieder und zu billigerem Preise gute Ware,
und konnte auch seine Abnehmer bewhren. Der Grubenherr, der bei dieser
Gelegenheit Apollonius und dessen Kenntnis des Materials und seiner
Behandlung kennen lernte, machte ihm den Antrag, da er alt und
arbeitsmde sei, die Grube zu pachten. Bei den Bedingungen, die er
stellte, konnte Apollonius auf groen Nutzen rechnen, aber so lange er
noch in schwerer Lage auf sich allein stand, durfte er seine Krfte
nicht zwischen mehrere Unternehmungen teilen.

Apollonius entwarf seinen Plan fr das erste Jahr und setzte ein
Gewisses fest, das der Bruder zur Fhrung des Hausstandes allwchentlich
von ihm in Empfang zu nehmen hatte. Er entlie von den Leuten, wer nur
irgend zu entbehren war. Den ehrlichen Valentin machte er zum Aufseher
fr die Zeit, wo er selbst in Geschften auswrts sein mute. Es lag
begrndeter Verdacht vor, da der ungemtliche Geselle sich mancher
Veruntreuung schuldig gemacht. Fritz Nettenmair, der an dem Wchter
seiner Ehre wie an ihrem letzten Bollwerke festhielt, tat alles, ihn zu
rechtfertigen und dadurch im Hause zu erhalten. Der Geselle hatte zu
allem, was man ihm vorwarf, ausdrcklichen Befehl von ihm gehabt.
Apollonius htte den Gesellen gern gerichtlich belangt; er mute sich
begngen lassen, ihn abzulohnen und ihm das Haus zu verbieten.
Apollonius war unerbittlich, so mild er seine Grnde dem Bruder vortrug.
Jeder Unbefangene mute sagen, er durfte nicht anders, der Geselle mute
fort. Auch Fritz Nettenmair dachte, als er allein war, aber mit wildem
Lachen: Freilich mu er fort! In dem Lachen klang eine Art Genugtuung,
da er recht gehabt, eine Schadenfreude, mit der er sich selbst
verhhnte:

Der Federchensucher wre ein Narr, wenn er ihn nicht schickte. Ein
Narr, wie ich einer war, da ich glaubte, er wrde ihn doch behalten. O,
ich bin zu ehrlich, zu dummehrlich gegen so einen. Was gehen ihn meine
Schulden an? In seiner Gewalt wollte er mich haben; darum zwang er mich,
Schulden zu machen, damit er den Gesellen fortschicken konnte, der ihm
hinderlich war. Herr im Hause wollte er sein, darum verdrngte er mich
aus einer Stellung nach der andern, damit er mich einschchtern knnte,
da ich leiden mte, was er will, um mit ihr zusammen zu kommen ohne
mich. Und wenn er recht hat, warum lt er sich soviel von mir gefallen?
Ein ehrlicher Kerl, wie ich, wre anders gegen mich. Es ist sein bses
Gewissen. Er wre nicht so, wenn er nicht falsch wre. Eine Zwickmhle
ist's. Was das Einschchtern nicht hilft, soll das Einschmeicheln
helfen. Er ist mir nicht klug genug. Ich bin einer, der die Welt besser
kennt, als der Trumer!

Was auch Apollonius ihm zeigen mochte, Strenge und Milde bestrkte ihn
nur in dem Gedanken, der ihn um so weniger loslie, je lnger er ihn
hegte, und um so durstiger wurde, sein Herzblut zu trinken, je lnger er
ihn damit ftterte. Er sah kein ueres Hindernis mehr, das die
verbrecherische Absicht des Bruders verhindern konnte.

Von nun an wechselte sein Seelenzustand zwischen verzweifelter Ergebung
in das, was nicht mehr zu verhindern, ja! was wohl schon geschehen war,
und zwischen fieberischer Anstrengung, es dennoch zu verhindern. Danach
gestaltete sich sein Benehmen gegen Apollonius als unverhehlter Trotz
oder als kriechend lauernde Verstellung. Beherrschte ihn die erste
Meinung, dann suchte er Vergessen Tag und Nacht. Zu seinem Unglck hatte
der Geselle im nahen Schieferbruche Arbeit gefunden und war ganze Nchte
lang sein Gefhrte. Die bedeutenden Leute wandten sich von ihm und
rchten sich mit unverhohlener Verachtung fr das Bedrfnis, das er
ihnen geweckt und nicht mehr befriedigen konnte; sie vergalten ihm nun
die joviale Herablassung, die sie von ihm ertrugen, solange er sie mit
Champagner bezahlte. Er wich ihnen aus und folgte dem Gesellen an die
Orte, wo dieser heimisch war. Hier griff er die joviale Herablassung um
eine Oktave tiefer. Nun ertnten die Branntweinkneipen von seinen Spen
und diese nahmen immer mehr von der Natur der Umgebung an. Hatten sie
doch in besseren Zeiten eine wie vordeutende Verwandtschaft mit diesen
gezeigt. Es kam die Zeit, wo er sich nicht mehr schmte, der Kamerad der
Gemeinheit zu sein.

Whrend Apollonius den Tag ber fr die Angehrigen des Bruders auf
seinem gefhrlichen Schiff hmmert, und die Nchte ber Bchern und
Briefen sitzt und sich den wohlverdienten Bissen abdarbt, um mit
liebendem Eifer gut zu machen, was der Bruder verdorben, erzhlt dieser
in den Schenken, wie schlecht Apollonius an ihm gehandelt, weil er brav
sei und der Bruder schlecht. Er erzhlte es so oft, da er es selbst
glaubte. Er bedauert die Glubiger, die sich von dem Scheinheiligen
brgen lieen, der sie alle betrgen wird, und erzhlt dabei ersonnene
Geschichten, die sein Bedauern glaubhaft machen sollen. Lge es an ihm,
Apollonius hmmerte vergebens und wachte vergebens bei seinen Bchern
und Briefen. Aber es glaubt ihm niemand; er untergrbt nur, was er
selbst noch von Achtung besitzt. Apollonius' Vorstellungen setzt er Hohn
entgegen. Dennoch hofft Apollonius, er wird seine Treue noch erkennen
und sich bessern. Seine Hoffnung zeugt besser von seinem eigenen Herzen,
als von seiner Einsicht in das Gemt des Bruders. Kommt diesem der
Gedanke seiner Verdorbenheit, dann hat er einen Grund mehr, den
Federchensucher zu hassen, und die arme Frau mu es entgelten, kehrt er
zu einer Zeit heim, wo sich Apollonius schon wieder zum Ausgehen rstet.

                   *       *       *       *       *

Dcher, die mit Metall oder Ziegeln eingedeckt sind, machen in der Regel
erst nach einer Reihe von Jahren eine Reparatur ntig; bei
Schieferdchern ist es anders. Durch die Rstungen und das Besteigen der
Dachflche whrend des Eindeckens entstehen unvermeidlich allerlei
Beschdigungen der Schieferplatten, die sich nicht immer sogleich
zeigen. Die ersten drei Jahre nach beendeter Ein- oder Umdeckung
verlangen oft bedeutendere Nachbesserungen als die fnfzig
Nchstfolgenden. Zu dieser alten Erfahrung gab auch das Kirchendach von
Sankt Georg seinen Beleg. Die Schieferdecke des Turmes dagegen, die
Apollonius allein besorgt, legte gengendes Zeugnis ab von ihres
Schpfers eigensinniger Gewissenhaftigkeit. Die Dohlen, die sie
bewohnten, htten noch lange Zeit Ruhe gehabt vor seinem Fahrzeug, htte
nicht ein alter Klempnermeister seinen kirchlichen Sinn durch Stiftung
eines blechernen Zierates an den Tag legen wollen. Es war ein
Blumenkranz, den Apollonius dem Turmdach umlegen sollte, um
dessentwillen er diesmal seine Leiter an der Helmstange anknpfte. Vor
etwas mehr als einem halben Jahre hatte er sie abgenommen.

Unterdes war sein angestrengtes Bestreben nicht ohne Erfolg geblieben.
Die alten Kunden hatte er festgehalten und neue dazugewonnen. Die
Glubiger hatten ihre Zinsen und eine kleine Abschlagszahlung fr das
erste Jahr; das Vertrauen und die Achtung vor Apollonius wuchs mit jedem
Tage; mit ihnen seine Hoffnung und seine Kraft, die er mit verdoppelter
Anstrengung bezahlte.

Knnte man nur dasselbe von seinem Bruder sagen! von dem Verstndnis der
beiden Gatten!

Es war ein Glck fr Apollonius, da er mit seiner ganzen Seele bei
seinem Vorhaben sein mute, da er keine Zeit brig behielt, dem Bruder
Schritt fr Schritt mit Auge und Herz zu folgen, zu sehen, wie der immer
tiefer sank, den zu retten er sich mhte. Wenn er sich freute ber sein
Gelingen, so war es aus Treue gegen den Bruder und dessen Angehrige;
der Bruder sah etwas andres in seiner Freude und dachte auf nichts, als
sie zu stren.

Es kam weit mit Fritz Nettenmair.

Im Anfang hatte er den grten Teil des wchentlich fr seinen Hausstand
Ausgesetzten der Frau bergeben. Dann behielt er immer mehr zurck und
zuletzt trug er das ganze dahin, wohin ihm das Bedrfnis, durch
Traktieren sich Schmeichler zu erkaufen, treuer gefolgt war, als die
Achtung der Stadt. Die Erfahrung an den bedeutenden Leuten hatte ihn
nicht bekehrt. Die Frau hatte sich kmmerlicher und kmmerlicher
behelfen mssen. Der alte Valentin sah ihre Not, und von nun an ging das
Haushaltsgeld nicht mehr durch ihres Mannes, sondern durch Valentins
Hnde. Zuletzt wurde Valentin ihr Schatzmeister und gab ihr nie mehr,
als sie augenblicklich bedurfte, weil das Geld in ihren Hnden nicht
mehr vor dem Manne sicher war. Sie mute das, wie alles, von ihm
entgelten. Er war schon gewohnt, an der ganzen Welt, die ihn verfolgte,
an sich selbst, an dem Gelingen Apollonius', in ihr sich zu rchen.
Valentin htte ihn schon lang darum bei Apollonius verklagt, wenn nicht
die Frau selber ihn daran gehindert htte. Es war ihr eine Genugtuung,
um den Mann zu leiden, der ja um sie und ihre Kinder noch mehr litt.
Wute sie Apollonius im Sturm auf der Reise, dann weilte sie stundenlang
im unbedeckten Hofe: das Wetter, das ihn traf, sollte auch sie treffen;
sie wollte eine gleich schwere Last tragen, wenn sie die seine nicht
erleichtern konnte. Soweit trieb sie ihre Opferlust.

Sonst benutzte sie die Zeit, die ihr Wirtschaft und Kinder brig lieen,
zu allerlei Arbeiten, die Valentin als ihr Agent vertrieb. Das Geld
dafr verwandte sie zum Teil -- sie konnte lieber hungern, wenn auch
nicht ihre Kinder hungern sehen -- die Wohnstube mit allerlei zu
schmcken, wovon sie wute, da Apollonius es liebte. Und doch wute
sie, Apollonius kam nie dahin, er sah es nie. Aber sie htte es nicht
getan, wute sie, er wrde es sehen. Ihr Gatte sah es, so oft er in die
Stube trat. Ihm entging nichts, was seinem Zorne und seinem Hasse einen
Vorwand entgegenbringen konnte. Er sah die Haare seiner Knaben in
Schrauben gedreht, wie sie Apollonius trug; er sah die hnlichkeit
Apollonius in den Zgen der Frau und der Kinder entstehen und wachsen;
er hatte ein Auge fr alles, was seines Weibes Verehrung fr den Bruder,
was ihr bewutes, selbst was ihr unbewutes Sichhineinbilden in des
Verhaten eigenste Eigenheit ausplauderte; er verfolgte dessen Einflu
bis zu dem rechtwinkligen Stande der Wirbel an der Fenstersule. Dann
begann er auf Apollonius zu schimpfen, und in Ausdrcken, als mte nun
auch er zeigen, wieviel man von fremder Art annehmen knne.

Waren die Kinder zugegen, dann war es der Frau erste Sorge, sie zu
entfernen. Sie sollten seine Roheit nicht kennen und den Vater verachten
lernen. Nicht um seinet-, um der Kinder willen. Er verriet nicht, wie
gern er die Spione los war. Ihm war es nicht um die Kinder, nur um
sich selbst. So einsam hatte ihn die Verderbnis schon gemacht. Er
frchtete die Anklage der Kinder bei Apollonius. Er dachte nicht, da
die Frau selbst ihn verklagen knnte, von der er doch annahm, sie treffe
sich mit Apollonius. Leidenschaft und wstes Leben hatten sein geringes
Klarheitsbedrfnis aufgezehrt. Seine Voraussetzungen mochten sich
widersprechen, widersprachen sie nur nicht der Stimmung des Augenblicks,
der Eigenwilligkeit seiner Leidenschaft. Alles, was er im Zimmer sah,
war ihm ein neuer Beweis seiner Schande. Wie sollte er glauben, es habe
einen andern Zweck, als von Apollonius bemerkt zu werden! Wenn sie ihm
dann sagt, sie mge er schimpfen, nur Apollonius nicht, dann zeigt ihm
das scharfe Auge der Eifersucht, wie sie einen Genu darin findet, um
Apollonius zu leiden. Er wirft es ihr vor, und sie leugnet's nicht. Sie
sagt ihm: weil er um mich leidet und um meine Kinder. Er gibt sein
mhsam Erspartes her, um zu ersetzen, wenn der Mann ihren Kindern das
wchentlich Ausgesetzte raubt.

Und das sagt er dir? Das hat er dir gesagt! lacht der Mann mit wilder
Freude, sie auf dem Gestndnis zu ertappen, da sie sich mit ihm trifft.

Er nicht, zrnt die Frau, weil der Verachtete Apollonius mit seinem
Mae mit. Er, der Gatte, verkleinert, was andre fr ihn taten, und
rckt, was er fr andre tut, diesen unaufhrlich und bertreibend vor.
Apollonius dagegen vergrert das Empfangene; von dem, was er erweist,
redet er nicht, oder er selbst verkleinert es, um dem andern Bitte,
Annahme und Verpflichtungsbewutsein zu erleichtern. Apollonius selbst
sollte es sagen! Der alte Valentin hat es gesagt. Der hat ja die Uhr
selbst als seine verkauft, die Apollonius von Kln mitbrachte.
Apollonius hat ihm verboten, es ihr zu sagen.

Und auch zu sagen, da er's ihm verboten hat? lachte der Gatte. Aber
es ist ein Etwas von Verachtung in seinem Lachen. Solche Dinge kann man
freilich dem Trumer zutrauen; aber jetzt will er es ihm nicht zutrauen.
Freilich, lacht er noch wilder. Ein noch Dmmerer als der Trumer
wei, umsonst tut's keine. Die Schlechteste hlt sich eines Preises
wert. Eine mit solchen Haaren und mit solchen Augen, solchem Leib! Er
greift ihr in die Haare und sieht ihr in die Augen mit einem Blick, vor
dem die Reinheit errten mu, den nur die Verworfenheit lachend ertrgt.
Er nimmt das Errten fr ein Gestndnis und lacht noch wilder. Du
willst sagen, ich bin noch schlechter als er. Hahaha! Du hast recht. Ich
habe eine solche geheiratet. Das htte er nicht. Dazu ist er doch nicht
schlecht genug!

Jeder Tag, jede Nacht brachte solche Auftritte. Wute Fritz Nettenmair
den Bruder auswrts oder auf seiner Kammer und den alten Herrn im
Grtchen, dann lie er seinen Zorn an Tischen und Sthlen aus. An der
Frau selber sich zu vergreifen, wagte er noch nicht. Erst mu ihn die
Wut einmal ber den Zauberkreis hinwegreien, den ihre Unschuld, die
Hoheit stillen Duldens um sie zieht. Ist es einmal geschehen, dann hat
der Zauber seine Macht verloren und er wird zuletzt aus bloer
Gewohnheit tun, wovor er jetzt noch zurckschreckt. Die Menschen wissen
nicht, was sie tun, wenn sie sagen: ich tu's ja nur dies einemal. Sie
wissen nicht, welch wohlttigen Zauber sie zerstren. Da einmal nie
einmal bleibt. --

Der alte Valentin mute doch nicht Wort gehalten haben oder es fhrte
Apollonius ein Zufall an der Tr vorbei, als der Bruder ihn fern
glaubte. Er hrte das Poltern, den wilden Zornesausbruch des Bruders, er
hrte den reinen Klang von der Stimme der Frau dazwischen, noch in der
Aufregung rein und wohlklingend. Er hrte beide, ohne zu verstehen, was
sie sprachen. Er erschrak. Soweit hatte er sich das Zerwrfnis nicht
vorgestellt. Er mute tun, was er konnte, den Zustand zu bessern.

Der Bruder blieb erst wie versteinert in seiner drohenden Stellung, als
er den Eintretenden erblickte. Er hatte das Gefhl eines Menschen, der
pltzlich bei einem Unrechte berrascht wird. Htte ihn Apollonius
angelassen, wie er verdiente, er wre vor ihm gekrochen. Aber Apollonius
wollte ja vershnen und sprach das ruhig und herzlich aus. Er htte es
freilich wissen knnen, er hatte es oft genug erfahren, seine Milde gab
dem Bruder nur Mut zu hhnendem Trotz; er erfuhr es jetzt wieder. Fritz
verhhnte ihn wild lachend, da er einen Vorwand mache, wo er Herr sei.
Ob er sich deshalb zum Herrn des Hauses gemacht? Er wute, er an
Apollonius' Stelle wre anders aufgetreten. Er htte es die fhlen
lassen, die er in seiner Gewalt wute. Er war ein ehrlicher Kerl und
brauchte nicht schn zu tun. Dazu fiel ihm ein, wie oft er vergeblich
die Tr umschlichen, um Apollonius in der Stube zu berraschen. Jetzt
war er ja da in der Stube. Er war hereingetreten, weil er ihn nicht zu
finden meinte. Apollonius war es, der erschrecken mute, Apollonius war
der Ertappte, nicht er. Die Vershnung war nur der erste beste Vorwand,
nach dem Apollonius griff. Darum war er so kleinlaut. Darum erschrak die
Frau, die ihn glauben machen wollte, Apollonius komme nie in das Zimmer.
Darum sah sie so flehend zu ihm auf. Der verachtende Blick, mit dem sie
ihn noch eben gemessen, war mit der Larve der erheuchelten Unschuld
pltzlich von ihrem schuldbewuten Angesicht gerissen. Nun wute er
gewi: es war nichts mehr zu verhindern, nur noch zu vergelten. Er
konnte nun dem Bruder zeigen, er kannte ihn, hatte ihn immer gekannt.

Er wies auf die Frau. Sie bettelt, ich soll gehen. Wozu? Ich sehe zum
Fenster hinaus. Das ist ebensogut. Ich sehe nicht, was ihr treibt.

Apollonius verstand ihn nicht. Die Frau wute es, ohne ihn anzusehen.
Sie wollte hinaus. In seiner Gegenwart erniedrigt zu werden bis zum Kot
unter den Fen, das trug sie nicht. Der Gatte hielt sie fest mit wildem
Griff. Er packte sie wie ein Raubvogel. Sie htte laut schreien mssen,
zehrte der Seelenschmerz den krperlichen nicht auf.

Kehr' dich nicht daran, da sie fort will, schluchzte Fritz Nettenmair
vor krampfhaftem Lachen und fate den Bruder so mit den Augen, wie er
die Frau mit seiner Hand gepackt hielt. Brauchst nicht ngstlich zu
sein. Ich kehre nur den Rcken, so ist sie wieder da. So redet doch
miteinander. Du, sag' ihm, da du ihn nicht leiden kannst; ich glaub's
ja; was glaubt ein Mann so einer nicht? Und du, gib ihr Lehren, von
Kln, wo du alles gelernt hast, wie man seinen Bruder von Haus und
Geschft vertreibt, um -- nun, um -- hahaha! sag' ihr doch: ein Weib
soll willig sein. Was? O solch ein willig Weib ist -- sag' ihr doch, was
so eine ist. Sie wei es noch nicht, die -- Unschuld! hahaha!

Apollonius begriff nichts von dem, was er hrte und sah; aber der
Mibrauch der mnnlichen Strke an einem ohnmchtigen Weibe emprte ihn.
Unwillkrlich ri dies Gefhl ihn hin. Er verdoppelte seine ohnedies dem
Bruder weit berlegene Kraft, als er den packenden Arm fate, so da
dieser die Beute loslie und herabfiel wie gelhmt. Die Frau wollte
hinaus, aber sie brach kraftlos zusammen. Apollonius fing sie auf und
lehnte sie in das Sofa. Dann stand er wie ein zrnender Engel vor dem
Bruder.

Ich habe dich durch Milde gewinnen wollen, aber du bist sie nicht wert.
Ich habe viel von dir ertragen und will's noch, sagte Apollonius; du
bist mein Bruder. Du gibst mir schuld, ich habe dich in das Unglck
gestrzt; Gott ist mein Zeuge, ich habe alles getan, was ich wute, dich
zu halten. Fr wen hab' ich getan, was du mir vorwirfst, als fr dich
und um deine Ehre, und deine Frau und deine Kinder zu retten? Wer hat
mich dazu gezwungen, gegen dich streng zu sein? Fr wen schaff' ich? Fr
wen wach' ich? Wenn du wtest, wie mich schmerzt, da du mich zwingst,
dir aufzurcken, was ich fr dich tue! Wei es Gott, du zwingst mich
dazu; ich hab's noch nicht getan, weder vor andern, noch vor mir selbst.
Du weit es selbst, da du nur einen Vorwand suchst, um unbrderlich
gegen mich zu sein. Ich wei es und will dich ertragen forthin wie bis
jetzt. Aber da du aus der Abneigung deiner Frau gegen mich einen
Vorwand machst, auch sie zu qulen und sie zu behandeln, wie kein braver
Mann ein braves Weib behandelt, das dulde ich nicht.

Fritz Nettenmair lachte entsetzlich auf. Der Bruder hatte ihn auf alle
Weise in Schande gebracht und wollte noch den Tugendhaften gegen ihn
spielen, den unschuldig Beleidigten, den ritterlichen Beschtzer der
unschuldig Beleidigten. Ein braves Weib! Ein so braves Weib! O
freilich! Ist sie's nicht? Du sagst's und du bist ein braver Mann. Haha!
Wer mu es besser wissen, ob ein Weib brav ist, als solch ein braver
Mann? Du hast mich nicht um alles gebracht? Du mut mich noch um meinen
Verstand bringen, damit ich dein Mrchen glaube. Sie ist dir abgeneigt?
sie kann dich nicht leiden? Ja, du weit's noch nicht, wie sehr. Ich
darf nur fort sein, so wird sie dir's sagen. Dann wird dir's schlecht
gehen! Sie wird dich erdrcken, damit du ihr's glaubst. Wenn ich dabei
bin, sagt sie's nicht. So was sagt eine nicht, wenn der Mann dabei ist,
wenn sie brav ist, wie die. Warum sagst du nicht, du kannst auch sie
nicht leiden? O, ich hab' schon keinen Verstand mehr! Ich glaub' schon
alles, was ihr mir sagt!

Fritz Nettenmair war in der Vergelichkeit der Leidenschaft berzeugt,
die beiden hatten das Mrchen von der Abneigung erfunden.

Apollonius stand erschrocken. Er mute sich sagen, was er nicht glauben
wollte. Der Bruder las in seinem Gesichte Schrecken ber ein
aufdmmerndes Licht, Unwille und Schmerz ber Verkennung. Und es war
alles so wahr, was er sah, da er selbst es glauben mute. Er verstummte
vor den Gedanken, die wie Blitze ihm durch das Hirn schlugen. So war's
doch noch zu verhindern gewesen! noch aufzuhalten, was kommen mute! Und
wieder war er selbst -- -- Aber Apollonius -- das sah er trotz seiner
Verwirrung -- zweifelte noch und konnte nicht glauben. So war sein
Wahnsinn wohl noch gut zu machen, so war es vielleicht noch zu
verhindern, so war noch aufzuhalten, was kommen mute, und wenn auch nur
fr heut' und morgen noch. Aber wie? wenn er einen wilden Scherz daraus
machte? Dergleichen Scherze fielen an ihm nicht auf, und Apollonius war
ihm ja schon wieder der Trumer geworden, der alles glaubte, was man ihm
sagte. Und er selbst wieder einer, der das Leben kennt, der mit Trumern
umzugehen wei. Er mute es wenigstens versuchen. Aber schnell, ehe
Apollonius die Fremdheit des Gedankens berwunden, mit dem er kmpfte.
Er brach in ein Gelchter aus, eine schaurige Karikatur des jovialen
Lachens, womit er sich ehedem seine eigenen Einflle zu belohnen
pflegte. Es war verwnscht, da Apollonius sich glauben machen lie,
Fritz Nettenmair sei eiferschtig! Der joviale Fritz Nettenmair! Und
noch dazu auf ihn. Es war noch nichts Verwnschteres auf der Welt
passiert als das! Er las in der Frau Gesicht, wie die Wendung sie
erleichterte. Er wagte es, sich auf sie zu berufen, wie verwnscht das
sei. Ihre Bejahung machte ihn noch khner. Er lachte nun ber die Frau,
die so verwnscht sei, ihm zornig vorzuhalten, da er sie von der Gnade
des Gehaten abhngig gemacht, und lachte, da daher die kleinen
Ehezwiste kamen. Er lachte ber Apollonius, da er einen kleinen Zank so
ernst nahm. Wo waren die Eheleute, bei denen dergleichen nicht vorkam?
Man sah eben, da Apollonius noch ein Junggeselle war!

Apollonius hrte von der Hausflur die Stimme des Bauherrn, der nach ihm
fragte; er ging rasch hinaus, damit der Bauherr nicht hereinkomme und
Zeuge des Auftritts werde. Der Bruder hrte sie zusammen weggehen. Er
war noch keineswegs beruhigt. Das ehrliche Gesicht Apollonius' hatte,
als er hinausging, noch immer mit dem Gedanken gekmpft. Fritz
Nettenmair war voll Wut ber sich selbst und mute sie an der Frau
auslassen. Er fhlte in dem Augenblick, da er alles tue, was ein Weib
schlecht machen kann. Ihr Blick verriet ihm, wie sie sich selbst
verachtete wegen des Ja, das sie sich hatte abzwingen lassen mssen, wie
sie sich sagte, da nun nichts mehr an ihr zu verderben sei. Er mute es
frchten, wenn sie das sich selbst sagte. Er durfte sie soweit nicht
kommen lassen. Er wute das, und gleichwohl hhnte er, sie knne ja auch
lgen, so geschickt, als irgendeine. Er war nie sein Herr gewesen; jetzt
war er es weniger als je.

                   *       *       *       *       *

In Fritz Nettenmair kmpfte heute eine Leidenschaft die andere nieder.
Die wste Gewohnheit, im Trunk sich zu vergessen, zog ihn an hundert
Ketten aus dem Hause; die Furcht der Eifersucht hielt ihn mit tausend
Krallen darin fest. Hatte der Bruder noch nicht daran gedacht, was er
haben konnte, wenn er nur wollte; er selbst hatte ihn nun auf den
Gedanken gebracht. Und war der Bruder so brav, als er sich stellte,
seine alte Liebe, die Liebe und Schnheit der Frau -- Fritz Nettenmair
hatte es nie so lebhaft gefhlt, wie schn die Frau war -- seine eigene
Abhngigkeit von Apollonius, der Ha der Frau gegen ihn, die Gelegenheit
des Zusammenwohnens, und, was all diesen Dingen erst die Gewalt gab ber
seine Furcht, das Bewutsein seiner Schuld! Und war Apollonius so brav,
als er sich stellt -- solchen Mchten gegenber kann er ihm nicht
trauen. Den ganzen Tag rechnete er an seiner Angst herum und lie seine
Frau nicht aus seinen Augen. Erst wie es ruhig wird um ihn, die Frau die
Kinder zu Bett gebracht hat und selbst zur Ruhe gegangen ist, erst als
er kein Licht mehr sieht in Apollonius' Fenstern, da lassen ihn die
Krallen und die Ketten ziehen desto strker. Er verschliet die
Hintertr, die Apollonius von den Rumen des Hauses trennt, er schiebt
auch noch den Riegel vor, er schliet sogar die Treppentr der
Emporlaube und zuletzt die Tr, durch die er geht. Er hat Ursache zu
eilen, ohne da er es wei. Der Geselle darf nicht lang mehr warten.
Fritz Nettenmair wei es noch nicht: Apollonius hat es beim Grubenherrn
dahin gebracht, da der Geselle aus der Arbeit entlassen ist; und bei
der Polizei, da er morgen sich nicht mehr in der Gegend betreten lassen
darf. Der Geselle ist fertig zur Abreise; von dem Wirtshause hinweg geht
er in die weite Welt; er will nur noch Abschied nehmen von seinem
ehemaligen Herrn und ihm noch etwas sagen.

Es gibt nicht viel mehr auf der Welt, woran Fritz Nettenmair hngt. Der
Weg, den er geht, fhrt immer weiter ab von dem, was ihm das Liebste
war; es ist unwiederbringlich fr ihn verloren. Der Bewunderte und
Geschmeichelte wird er nie wieder. An seiner Frau hngt er nur noch
durch die glhende Kette der Eifersucht gefesselt. An dem Vater hat er
nie gehangen; den Bruder hat er. Er hat und wei sich gehat oder
glaubt sich gehat in seinem Wahn. Das kleine nnchen wrde sich an ihn
drngen mit aller Kraft eines liebebedrftigen Kinderherzens, aber er
scheucht das Kind mit Ha von sich; sie ist ihm der Spion. Nur an
einem Menschen hngt noch sein Herz, an dem, der es am wenigsten um ihn
verdient. Er kennt ihn und wei, der Mensch hat ihn betrogen, hat
geholfen, ihn zugrunde zu richten, und dennoch hngt er an ihm. Der
Mensch hat Apollonius, er ist der einzige auer ihm, der Apollonius
hat, und deshalb hngt Apollonius' Bruder an ihm!

Fritz Nettenmair begleitete den Gesellen eine Strecke Wegs. Der Geselle
will schneller ausschreiten und dankt darum fr weitere Begleitung. Wenn
andre scheiden, ist ihr letztes Gesprch von dem, was sie gemeinsam
lieben; das letzte Gesprch Fritz Nettenmairs und des Gesellen ist von
ihrem Ha. Der Geselle wei, Apollonius htte ihn gern in das Zuchthaus
gebracht, wenn er gekonnt. Wie sie nun einander scheidend
gegenberstehen, mit der Geselle den andern mit seinem Blick. Es war
ein bser, lauernder Blick, ein grimmig verstohlener Blick, welcher
Fritz Nettenmair fragte, ohne da er es hren sollte, ob er auch reif
sei zu irgend etwas, was er nicht aussprach. Dann sagte er mit einer
heiseren Stimme, die einem andern aufgefallen wre, aber Fritz
Nettenmair war die Stimme gewhnt: Und was ich sagen wollte: ihr werdet
bald Trauer haben. Ich hab' ihn neulich gesehen. Er brauchte keinen
Namen zu nennen, Fritz Nettenmair wute, wen er meinte. Es gibt Leute,
die mehr sehen, als andere, fuhr der Geselle fort. Es gibt Leute, die
einem Schieferdecker ansehen, wenn er noch in dem Jahre herunter mu,
da sie ihn getragen bringen und sehen ihn daliegen, nur er selber nicht
mehr. Ein alter Schieferdeckergesell hat mir das Geheimnis gesagt, wie
man zu dem Fronweiblick kommt. Ich hab' ihn. Und nun leb' wohl. Und
ergib dich drein, wenn sie ihn getragen bringen.

Der Geselle war von ihm geschieden; seine Schritte verklangen schon in
der Ferne. Fritz Nettenmair stand noch und sah in die weigrauen Nebel
hinein, in denen der Geselle verschwunden war. Sie hingen wagrecht ber
den Wiesen an der Strae wie ein ausgebreitet Tuch. Sie stiegen empor
und verdichteten sich zu seltsamen Gestalten, sie kruselten sich,
flossen auseinander und sanken wieder nieder, sie bumten wieder auf.
Sie hingen sich in das Gezweig der Weiden am Weg, und wie diese bald
verhllten, bald frei lieen, schien es ungewi, gerann der Nebel zu
Bumen, oder zerflossen die Bume zu Nebel. Es war ein traumhaftes
Treiben, ein unermdlich Weben ohne Ziel und Zweck. Es war ein Bild
dessen, was in Fritz Nettenmairs Seele vorging, ein so hnlich Bild, da
er nicht wute, sah er aus sich heraus oder in sich hinein. Da war ein
nebelhaftes Herabbiegen und Hndezusammenschlagen um eine bleiche
Gestalt am Boden, dann ein langsam wallender Leichenzug; und bald war es
der Feind, bald war es der Bruder, der dort lag, den sie trugen. Bald
zuckte es in greller Schadenfreude auf, bald sank es in Mitleid
zusammen, bald mischten sich beide und das eine wollte das andere
verstecken. Der dort lag, den sie trugen, ihm verzieh er alles. Er
weinte um ihn; denn durch die Pausen des Grabgesangs klang leise ein
lustiger Schottischer, den die Zukunft aufstrich: Da kommt er ja! Nun
wird's famos. Und neben dem Toten lag unsichtbar eine zweite Leiche,
seine Furcht vor dem, was kommen mute, lag der arme Bruder nicht tot.
Und im Sarg trieb verstohlen Fritz Nettenmairs altes joviales Glck neue
Keime. Fritz Nettenmair fhlt sich einen Engel; er wnscht, der Bruder
mte nicht sterben, weil -- er wei, da der Bruder sterben mu.

Er geht noch immer im Nebel, als das Pflaster der Stadt schon wieder
unter seinen Tritten hallt. Sein Weg fhrt ihn am roten Adler vorber.
Die Saalfenster sind erleuchtet, Musik klingt herab. Fritz Nettenmair
bleibt stehen und sieht hinauf und bewegt unwillkrlich die Hand in der
Tasche, wie sonst, als er noch Geld darin hatte, damit zu klappern. Er
hat den Gesellen, den letzten Freund, von dem er mit Schmerz geschieden,
schon vergessen. Der Gesell ist ein schlechter Kerl; gut, da er fort
ist. Er hat eine Vergangenheit vergessen, er vergit die Gegenwart,
denn die Zukunft ist wieder sein; sie wohnt da oben und lacht mit hellen
Augen zu ihm herab. Er hat sich so sehr daran gewhnt, alles, was ihn
drckt, mit seinem Bruder zusammenzudenken, da er es mit ihm in ein
Grab steigen sieht. An die Zerrttung seines Wohlstandes mag er sich
nicht erinnern. Er denkt nicht gern an unangenehme Dinge, ehe er sie
fhlt. Ist es nicht genug, da er wei, er wird den Bruder verlieren?
Und wenn sich die Dinge selber ihm aufdrngen, dann hilft ihm sein
Leichtsinn. Wie er schnell darber hindenkt, findet er fr alles Rat,
und was ihm heute nicht einfllt, das wird ihm morgen einfallen; morgen
ist auch ein Tag. Und er ist einer, der --. Die Wendung, mit der er in
seinen Weg einschwenkt, gelingt ihm so jovial als je.

Es wird ihm doch wieder eigen zumut, denkt er sich, da man zu der Tr,
die er eben aufschlo, einen Sarg heraustragen wird. Unwillkrlich macht
er Platz, wie um Sarg und Zug vor sich vorbeizulassen. In das
Unabnderliche, sagt er leise, wie sich berhrend, was er einem
Trstenden zu antworten habe, wenn es soweit sei, in das Unabnderliche
mu sich der Mensch ergeben. Und wie er die Achsel zu den Worten zuckt,
da wird er einen leisen, schlanken Lichtschein gewahr. Ein Stck davon
luft ber seinen rmel, ein anderes liegt wie abgebrochen und
herabgefallen neben ihm auf dem Pflaster. Er spht auf; der Schein kommt
daher, wo der untere Abschnitt des Ladens nicht fest an das Fenstersims
schliet. Drinnen in der Wohnstube ist Licht. So spt? Der Atem stockt
dem Lauschenden, der Alp sitzt wieder auf seiner Brust. Der Bruder lebt
ja noch; und was kommen mute, wenn er leben bliebe, kann noch kommen,
ehe er stirbt, oder -- es ist schon da! Wie ihm die Hnde fliegen, doch
ist die Tr leise wieder verschlossen und im Augenblick. Ebenso leise,
ebenso schnell ist er an der Hintertr. Sie ist nicht offen, aber nur
einmal herumgeschlossen; und Fritz Nettenmair wei es, er kann schwren,
er hat den Schlssel zweimal im Schlo herumgedreht, als er ging. Er
schleicht und tappt sich zur Stubentr; er hat die Klinke gefunden und
drckt sie leise; die Tr geht auf; ein trber Lichtschein fllt auf die
Flur. Der Schimmer kommt von einem verdeckten Lichte auf dem Tisch;
neben diesem steht im Schatten ein kleines Bett; es ist nnchens Bett,
und ihre Mutter sitzt daran.

Christiane merkt nicht, da die Tr sich ffnet. Sie hat den Kopf weit
vornbergebeugt ber das Bett; sie singt leise und wei nicht, was sie
singt; sie horcht voll Angst, aber nicht auf ihren Gesang; ihre Augen
wrden weinen, machten Trnen den Blick nicht trbe. Aber nun kann die
Rte auf des Kindes Wange wiederkommen, nun kann der eigene, fremde Zug
um des Kindes Augen und Mund verschwinden; und sie sh' es nicht und
ngstigte sich noch vergeblich. Ihr ist es, als mte jene wiederkehren
und dieser gehen, wenn sie sich nur recht angestrengt mhte, dieses
Kehren und Gehen zu bemerken. Und dabei kann sie doch noch daran denken,
wie pltzlich das gekommen ist, was sie so sehr bengstigt; wie das
nnchen auf einmal im Bette neben ihrem wie mit fremder Stimme
aufgeschrien, dann nicht mehr hat sprechen knnen; wie sie aufgesprungen
und sich angekleidet; wie sie in der Angst den Valentin, und dieser,
ohne ihr Wissen, den Apollonius geweckt. Der alte Gesell hatte alle
Schlssel im Hause probiert, bis sich ergab, der Schuppenschlssel
schliee die Hintertr; das wute sie nicht. Desto lebendiger stand es
vor ihr, wie Apollonius hereingetreten, wie ihr bei seinem unerwarteten
Kommen gewesen, wie sie voll Schreck und Scham und doch voll wunderbarer
Beruhigung sich gefhlt. Apollonius hatte sogleich den Arzt, dann
Arzneien geholt. Er hatte an dem Bettchen gestanden und sich ber das
nnchen gebeugt, wie sie jetzt tat. Er hatte sie voll Schmerz angesehen
und gesagt, nnchens Krankheit komme von dem ehelichen Zerwrfnis, und
es werde nicht gesund, hre dies nicht auf. Er hatte von den Wundern
erzhlt, die einer Mutter mglich wrden, und wie sich der Mensch
bezwingen knne und msse. Dann hatte er dem Valentin noch manches des
nnchens wegen anbefohlen und war gegangen aus Sorge, der Bruder knnte
sonst in seinem Irrwahn glauben, er wolle ihn auch von dem Krankenbett
seiner Kinder vertreiben. Der Jammer, die Angst wollten sie in
Apollonius' Arme jagen; es war ihr, als wre alles gut, lge sie an
seiner Brust, als drfte sie ihn nicht wieder von sich lassen. Aber wie
er so zu Hupten des Kindes stand und sprach, da kam er ihr so herrlich
vor, wie ein Heiliger, vor dem sie nur auf den Knien liegen drfe. Der
Bettschirm hllte die groe, schlanke Gestalt in seinen Schatten, nur
seine Stirn und seine hohe Scheitel waren sichtbar und erschienen, von
dem Lichte auf dem Tische angestrahlt, wie in einer Glorie. Dachte sie
von ihm weg zu ihrem Gatten, dann krampfte eisiger Frost ihr Herz
zusammen, und Widerwillen bumte sich darin wie ein Riese gegen den
bloen Gedanken auf. Aber Apollonius hatte gesagt, nnchen werde nicht
wieder gesund, wenn das Zerwrfnis nicht ende. Er hatte gesagt, der
Mensch knne und msse sich bezwingen; sie wollte sich bezwingen, weil
er es gesagt. Einer Mutter seien Wunder mglich fr ihr Kind; dachte sie
an Apollonius' Gesicht, wie er so sprach, mute ihr das grte Wunder
mglich werden.

Fritz Nettenmair trat herein. Er dachte an nichts, als da Apollonius
dagewesen sein msse, wenn er auch jetzt nicht mehr da war. Es flirrte
ihm vor den Augen vor Wut. Er wre auf die Frau losgestrzt, sah er
nicht den alten Valentin an der Kammertre sitzen. Er wollte warten, bis
dieser einmal das Zimmer verliee, und schlich sich nach dem Stuhle am
Fenster, wo er sonst immer gesessen, und als wie ein andrer, denn jetzt!
Die Frau hrte seinen leisen Tritt; sein Antlitz konnte sie nicht sehen.
Ihr schien, er wute um nnchens Zustand und ging deshalb so leise. Sie
sah nnchen mit einem Blicke an, der sagte, was sie jetzt tun wollte,
tat sie nur um ihr krankes Kind; ein Blick nach der Tr, aus der er
gegangen war, setzte hinzu: und weil er's gesagt.

Da ist der Vater, nnchen, sagte sie dann. Sie redete eigentlich mit
dem Gatten, der am Fenster sa; aber sie konnte ihm ihr Gesicht nicht
zuwenden, ihre Rede nicht unmittelbar an ihn richten. Du hast immer
nach ihm gefragt. Du hast gemeint, wenn er kommt, wird er sein, wie er
sonst war, eh' du krank geworden bist. Deine Mutter will's auch -- um
deinetwillen.

Ihre Stimme klang so tief aus der Brust herauf, da der Mann seinen
Groll mit Gewalt festhalten mute. Er dachte: Sie tut so s, um dich
zu hintergehen. Sie haben's verabredet, als er da war. Und der Groll
schwoll nur noch grimmiger an den weichen Klngen, mit denen sie
fortfuhr:

Und du gehst noch nicht in den Himmel. Nicht, nnchen? Du bist ja ein
so gut, lieb Kind und bleibst noch bei Vater und Mutter. Wenn nur -- du
hast kein Herz vor dem Vater, du dumm lieb nnchen, weil er laut
spricht. Er meint's nicht bs deshalb.

Sie hielt inne; sie erwartete die Antwort von dem Vater, nicht von dem
Kinde. Sie erwartete, er werde an das Bett treten zu dem Kinde und
sprechen, wie sie, und durch das Kind mit ihr. Wie sie von ihm denken
mochte, das Kind war doch sein Kind, und es war krank.

Der Mann schwieg und blieb ruhig auf seinem Stuhle sitzen. Ein halb
Vaterunser lang hrte man nichts als das Ticken der Uhr, und das wurde
immer schneller, wie das Klopfen eines Menschenherzens, das Schlimmes
kommen ahnt; die Flamme des Lichtes zuckte wie vor Furcht.

Valentin stand auf von seinem Stuhle, um das Licht zu putzen.

Die Brust des Kindes rchelte; es wollte sprechen, es konnte nicht; es
wollte mit den Hnden nach dem Vater langen, es konnte nicht; es konnte
nichts, als die Arme seiner Seele nach dem Vater ausstrecken. Aber des
Vaters Seele sah die flehenden nicht; in ihren Hnden hielt sie
krampfhaft ihren Groll und hatte keine Hand frei fr das Kind. Er hrt
das Rcheln, aber er wei, das Kind ist abgerichtet von seinen Feinden,
es hat kein kindlich Herz gegen ihn; und wre es wirklich krank, so wre
es absichtlich krank geworden, um ihn betrgen zu helfen, und strbe es,
so wrde sein Sterben noch ein Kupplerdienst sein, den es seinen Feinden
tut. Wre sein Auge nicht selber so krank, da es ihm auen nur immer
das eine zeigt, ber dem seine Seele innen unablssig brtet, er mte
es am Gesichte der Mutter sehen, an dem Ton ihrer Stimme hren, sie
verstellt sich nicht, das Kind ist wirklich krank und sehr krank; aber
ihre Weichheit, ihre Angst ist ihm nur die Angst des Gewissens, die
Angst vor seiner Strafe, die sie verdient, fhlt und doch entwaffnen
will. Valentin tritt von dem Lichte weg und geht hinaus, um sich drauen
auszuweinen. Der Mann steht auf und nhert sich leise der Frau, ohne da
sie ihn bemerkt. Er will sie berraschen und das gelingt ihm. Sie
erschrickt, wie sie pltzlich ber dem Bette jh vor sich ein
entstelltes Menschenantlitz sieht. Sie erschrickt, und er pret durch
die Zhne: du erschrickst? Weit du warum?

Sie hat ihm selber sagen wollen, da Apollonius in der Stube gewesen
ist, aber noch hat sie es nicht gekonnt; vor dem Bette des kranken
Kindes durfte sie es nicht; weil sie wei, er wird auffahren; den
Anblick seiner Roheit hat sie dem Kinde erspart, als es noch gesund war,
wenn sie es vermochte; jetzt konnte der Schreck dem kranken Kinde den
Tod bringen. Sie antwortet ihm nicht, aber sie sieht ihn flehend an und
zeigt mit einem Augenwinke auf das Kind.

Er war da! War er nicht da? fragt er; nicht um zu erfahren, wonach er
fragt, sondern um zu zeigen, da er es nicht erst zu erfahren braucht.
Seine Faust hebt sich geballt; nnchen kmpft, sich aufzurichten. Er
sieht es nicht; die Frau sieht es; ihre Angst wchst. Sie schlgt die
Hnde zusammen, sie sieht ihn an mit einem Blicke, in dem alles steht,
was ein Weib versprechen, was ein Weib drohen kann; er sieht nur ihr
Erschrecken, da er es wei, was geschah, und die Faust fllt nieder auf
ihre Stirn.

Ein Schrei klingt; das Kind rollt sich in Krmpfen zusammen, die Mutter,
ber es hingestrzt, weint laut. Valentin kommt hereingeeilt, Fritz
Nettenmair geht in die Kammer.

Er wei nicht, was in ihm Herr ist, befriedigte Rache, oder Schreck ber
das, was er getan. Er sinkt auf das Bett, als htte der Schlag, den er
gefhrt, ihn selbst betubt; er hrt nur halb, wie Valentin nach dem
Arzt luft. Ebenso hrt er diesen kommen und gehen, ebenso lauscht er,
ob er nicht Apollonius' Flstern und seinen leisen Schritt vernehmen
kann. Sich zu zeigen, wagt er nicht; Scham hlt ihn davon zurck. Er
rechtfertigt sein Tun und nennt nnchens Krankheit eine Pimpelei: Heute
wollen Kinder sterben und morgen sind sie lebendiger als je!

Aus dem fieberischen Horchen und Sichberuhigen wird ein fieberisches
Trumen. Er sieht Apollonius, wie er seine Leiter an der Helmstange
festbinden will, und sagt sich bei jedem Schritt des Steigenden
fortwhrend wie trstend: Jetzt wird er fallen! jetzt! aber Apollonius
fllt nicht. Jeden Augenblick erwartet er, die Taue sollen reien, in
welchen Apollonius mit seinem Fahrzeuge hngt; sie reien nicht. In
diese Trume hinein hrt er die Tr der Stube gehen; der Traum macht
einen Fall daraus, den Fall eines schweren Krpers aus ungeheurer Hhe.
Da wird ihm leicht, als wre nun alles gut. Im Halbschlummer hrt er in
der Stube leises Gehen, leises Reden, leises Weinen, und dazwischen ist
es wieder still.

Das leise Schluchzen, das zum lauten wird und sich wiederum bewltigt,
als sei ein Schlafender in der Nhe, den es nicht wecken will, und
wieder ausbricht, da es den Schlfer nicht wecken _kann_, und wieder
leise wird, weil es wie ber sich selbst erschrickt, da es laut ist:
wer kennt es nicht? wer errt es nicht, wenn er es nicht kennt?

Fritz Nettenmair wei es im Halbschlaf: in der Stube liegt ein Toter.
Sie haben ihn gebracht. In das Unabnderliche mu der Mensch sich
ergeben.

Zum erstenmal seit vielen Monden schlft er wieder ruhig.

Und warum sollte er nicht? Aus dem leisen Weinen wird ein lustiger
schottischer Walzer. Da ist er ja! Nun wird's famos! klingt es aus der
Ferne vom roten Adler herein in seinen Schlaf.

Das Leisegehen und Leisereden aber war wirklich und dauerte fort; und
eine Leiche war in der Stube, eine schne Kinderleiche. Whrend Fritz
Nettenmair von Leitern und Fahrzeugen trumte, hatte des kleinen
nnchens Seele sich zu einem besseren Vater gerettet. Der Leib lag starr
in dem kleinen Bettchen. Der Zwist der Eltern hatte das Kind krank
gemacht; Schmerz ber die wilde Tat des Vaters an der Mutter hatte ihm
das kleine Herz gebrochen.

Fritz Nettenmair schlief noch den Schlaf eines Bewahrten, als der neue
Tag anbrach. Apollonius war schon lange munter; vielleicht hatte er gar
nicht geschlafen. Der Kampf, den sein Bruder noch in seinem Angesicht
gelesen, als er ihn mit dem Bauherrn das Haus verlassen sah, und den die
Mhen des Tages kaum zurckgedrngt, scheuchte nachts den Schlummer von
seinem Bett. Der Bruder hatte recht gesehen, seine scherzhafte Wendung
des Gesprchs hatte ihren Zweck nicht erreicht. Und wenn Apollonius das
Buch seiner Erinnerungen zurckbltterte, mute er sich in seiner
Meinung, der Bruder sei eiferschtig auf ihn, bestrkt fhlen. Gar
manches, das er nicht begriffen, als er es geschehen sah, erhielt Licht
von dieser Annahme und half sie wiederum besttigen. Die Abneigung der
Frau schien ein bloer Vorwand des Bruders, ihn von ihr fernzuhalten.
Der Bruder mute gemeint haben, er knne sie anders als mit den Augen
eines Bruders und Schwagers ansehen. Und das schien begreiflich, da
Fritz wute, sie war ihm mehr gewesen, bis sie seine Schwgerin wurde.
Er htte das dem Bruder gern in Gedanken zum Vorwurf gemacht, mute er
sich nicht gestehen, sein Mitleid, das des Bruders rohe Behandlung der
Frau hervorgerufen, hatte seinen Empfindungen fr sie eine Wrme
gegeben, die ihn selbst beunruhigte. Er frchtete nicht, da ihn diese
hinreien knnte, des Bruders Furcht wahr zu machen, aber seine strenge
Gewissenhaftigkeit machte sich diese Wrme schon zum Verbrechen. Aber,
fiel ihm dann ein, hat die Frau nicht wirklich ihm Abneigung gezeigt?
und fhlte sie Abneigung gegen ihn, wie konnte der Bruder dann frchten?
Der Bruder hatte im Tone des Vorwurfs sie ein Mrchen genannt, also
glaubte er nicht daran und meinte, die Frau heuchle sie nur und empfinde
sie nicht. Der Vetter hatte oft von der Natur der Eifersucht
gesprochen, wie sie aus sich selbst entstehe und sich nhre, wie ihr
Argwohn ber die Grenzen des Wirklichen, ja des Mglichen hinausgreife,
und zu Taten verfhre, die sonst nur der Wahnsinn vollbringt. Einen
solchen Fall sah Apollonius vor sich und bedauerte den Bruder und fhlte
schmerzlich Mitleid mit der Frau.

Aus solchen Gedanken und Empfindungen schreckte ihn Valentin, der ihn
hinunterrief. Er kam unruhiger wieder herauf, als er hinuntergegangen
war. Es war nicht allein nnchens Zustand, die er wie ein Vater liebte,
was auf seiner Seele lag; auch das Mitleid mit nnchens Mutter war
gewachsen, und eine Furcht war neu hinzugekommen, die er sich gern
ausgeredet htte, wre solch ein Verfahren mit seinem Klarheitsbedrfnis
und seiner Gewissenhaftigkeit vereinbar gewesen. Als der erste Schimmer
des neuen Tages durch sein Fenster fiel, stand er auf von dem Stuhle,
auf dem er seit seiner Zurckkunft gesessen. Es war etwas Feierliches in
der Weise, wie er sich aufrichtete. Er schien sich zu sagen: Ist es,
wie ich frchte, mu ich fr uns beide einstehen; dafr bin ich ein
Mann. Ich habe gelobt, ich will meines Vaters Haus und seine Ehre
aufrecht erhalten und ich will in jedem Sinne erfllen, was ich gelobt!
--

Fritz Nettenmair erwachte endlich. Er wute nichts mehr von den
Traumbildern der Nacht; nur die befriedigte Stimmung, das Werk
derselben, war ihm geblieben. Er besann sich vergebens, was diese
Stimmung, die ihm so lange fremd gewesen, hervorgerufen haben knnte.
Was ihm von den Erlebnissen der vergangenen Nacht einfiel, war nicht
geeignet, sie zu erklren. Er wute nur noch, da seine Frau ein
Pimpeln des Spions zu einer Krankheit vergrert hatte, um einen
Vorwand zu erhalten, mit ihm zusammen zu sein. Mit ihm! Nicht blo im
Gesprch mit dem Gesellen, auch mit sich und seiner Frau nannte er
Apollonius' Namen nicht, vielleicht, weil sein Ha gegen den Mann auf
den Namen bergegangen war, vielleicht, weil er Tag und Nacht nur an
zwei Menschen dachte, und diese nicht miteinander zu verwechseln waren.
Er hatte nichts mehr auf der Welt als seinen Ha; und der kannte nur
zwei Menschen, ihn und sie. Er dachte schon, wie er der Pimpelei ein
Ende machen wollte. Mit diesem Gedanken trat er aus der Tr und stand --
vor einer Leiche. Ein Schauder fate ihn an. Da stand das tote Kind vor
ihm wie ein Warnungszeichen: nicht weiter auf dem Wege, den du
eingeschlagen hast! Da lag das Kind, das sein Kind war, tot. Sonst
scheuchte er es von sich; jetzt blieb es und frchtete sich nicht mehr
und fragte ihn, ob er es noch hassen kann, ob er es noch mit dem Namen
nennen kann, mit dem er es im Hasse genannt. Gestern sah er es nicht,
wie er ber seine Angst hin den Schlag fhrte; der Vater des Kindes nach
der Mutter des Kindes und ber den sterbenden Leib des Kindes hin.
Gestern sah er es nicht, wie er darber gebeugt stand; jetzt sieht er
es, wohin er die entsetzten Augen wendet, um den Anblick zu entfliehen.
Da steht das Kind vor ihm, ein Anklger und ein Zeuge. Es zeugt fr die
Mutter. Sie wute es sterbend, und am Sterbebette ihres Kindes tut die
Verworfenste nicht, was er ihr zugetraut. Es klagt ihn an. Er hat eine
Mutter am Sterbebette ihres Kindes geschlagen. Das kann kein Mann und
wre das Weib schuldig. Und sie war es nicht; das zeugt das Kind. Jetzt
wei er, was das bleiche, stumme Antlitz der Mutter rief: Du ttest das
Kind; schlag nicht! Und er hat doch geschlagen. Er hat das Kind
gettet. Das trifft ihn wie ein Wetterstrahl, da er zusammensinkt vor
dem Bette des Kindes, ber das hin er die Mutter geschlagen; vor dem
Bette, in dem sein Kind starb, weil er seines Kindes Mutter schlug.

Dort lag er lang. Der Blitz, der ihn hingestreckt, hatte
zurckgeleuchtet mit grausamer Klarheit; er hatte die beiden unschuldig
gesehen, die er verfolgt. Und keine Schuld, als die seine. Er allein hat
das Elend aufgetrmt, das erdrckend auf ihm liegt, Last auf Last,
Schuld auf Schuld. Des Kindes Tod ist der Gipfel. Und vielleicht ist er
es noch nicht! Der Elende sieht, er mu zurck. Er hascht nach jedem
Strohhalm von Gedanken, der ihn retten knnte. Da hrt er die weichen
Klnge wieder, denen er gestern sein Herz verschlossen: Du hast
gemeint, wenn er kommt, wird er wieder sein, wie er sonst war, ehe du
krank geworden bist. Deine Mutter will's auch. -- Die Klnge waren eine
weiche Hand, die die Seele der Frau nach seiner Seele ausstreckte und
zur Vershnung bot; sein Schmerz, seine Angst faten hastig nach der
ausgestreckten. Er sah das Kind im Hemdchen an der Kammertr stehen, wo
es so oft gestanden, wenn seine Heftigkeit es aus dem Schlummer geweckt;
die Hndchen gefalten; die Augen so schmerzlich flehend: er solle doch
gut sein mit der Mutter; und so ngstlich zugleich: er soll doch nicht
zrnen, da es fleht. Nun, da es zu spt war, sah er, das Kind wollte
sein Engel sein. Aber es war ja noch nicht zu spt! Er hrte den leisen
Schritt seiner Frau auf dem Flur der Stubentr nahen. Er hrte sie die
Tr ffnen. Stand nnchen jetzt in der Kammertr, es mute lcheln. Er
wollte gut sein; er wollte sein, wie er war, ehe nnchen krank geworden
ist. Er streckte der Eintretenden die Hand entgegen. Sie sah ihn und
schrak zusammen. Sie war so bleich, wie das tote nnchen, selbst ihre
sonst so blhenden Lippen waren bleich. Der Hals, die schnen Arme, die
weichen Hnde waren bleich; das sonst so glnzende Auge war matt. All
ihr Leben hatte sich in ihr tiefstes Herz zurckgezogen und weinte da um
ihr gestorben Kind. Als sie ihn sah, stie ein Zittern durch ihren
ganzen Krper. Mit zwei Schritten stand sie zwischen der Leiche und ihm;
als wollte sie das Kind noch jetzt vor ihm schtzen. Und doch nicht so.
Weder Furcht noch Angst bebte um den kleinen Mund; er war fest
geschlossen. Ein ander Gefhl war es, was die schn gewlbten
Augenbrauen drngend herabfaltete und aus den sonst so sanften Augen
flammt. Er sah, es war nicht mehr das Weib, das die schmelzenden
Friedensworte gesprochen; die war mit ihrem Kinde gestorben in dieser
schrecklichen Nacht. Das Weib, das vor ihm stand, war nicht mehr die
Mutter, die zu ihm hinhoffte, deren Kind er retten konnte; es war die
Mutter, der er das Kind gettet. Eine Mutter, die den Mrder fortwies
aus der heiligen Nhe des Kindes. Ein bleichschreckender Engel, der den
befleckenden Berhrer fortzrnt von seinem Heiligtum. Er sprach -- o
htte er gestern gesprochen! Gestern hatte sie sich nach dem Worte
gesehnt; heute hrte sie es nicht.

Gib mir deine Hand, Christiane, sagte er. Sie zog ihre Hand krampfhaft
zurck, als htte er sie schon berhrt. Ich habe mich geirrt, fuhr er
fort; ich will's euch ja glauben, ich seh' es ein; ich will's nicht
wieder! Ihr seid besser als ich.

Das Kind ist tot, sagte sie, und selbst ihre Stimme klang bleich.

La mich in dieser schrecklichen Angst nicht ohne Trost. Kann ich
anders werden, so kann ich's nur jetzt, und wenn du mir die Hand gibst
und richtest mich auf, sagte der Mann. Sie sah auf das Kind, nicht auf
ihn.

Das Kind ist tot, wiederholte sie. Hie das, es war ihr gleichgltig,
was mit ihm werden sollte, da seine Besserung das Kind nicht mehr
rettete? Oder hatte sie ihn vergessen und sprach mit sich selbst? Der
Mann richtete sich halb auf; er fate ihre Hand mit angstvoller Gewalt
und hielt sie fest.

Christiane, schluchzte er wild, da lieg' ich wie ein Wurm. Tritt mich
nicht! Tretet mich nicht! Um Gottes willen, erbarme dich! Ich knnt's
nicht vergessen, htt' ich vergebens gelegen, wie ein Wurm. Denk daran!
Um Gottes willen, denk daran; du hast mich jetzt in deiner Hand. Du
kannst aus mir machen, was du willst. Ich mach' dich verantwortlich. Du
bist Schuld an allem, was noch werden kann. -- Endlich war es ihr
gelungen, ihre Hand ihm zu entreien; sie hielt sie weit von sich, als
ekelte ihr davor, weil er die Hand berhrt.

Das Kind ist tot, sagte sie. Er verstand, sie sagte: Zwischen mir und
dem Mrder meines Kindes kann keine Gemeinschaft mehr sein, auf Erden
nicht und nicht im Himmel.

Er stand auf. Ein Wort der Verzeihung htte ihn vielleicht gerettet!
Vielleicht! Wer wei es! Die Klarheit, die ihn jetzt zur Reue trieb, war
die Klarheit eines Blitzes, was jetzt in ihm wirkte, nahm seine Gewalt
von der Jheit der berraschung. Wenn das Kind in der Erde ruht, dessen
pltzlicher Anblick ihn zurckgebumt, wird sein Warnungsbild bleicher
und bleicher werden; jede Stunde wird dem Gedanken an diesen Augenblick
von der Macht seiner Schrecken rauben. Zu tief hat er die Geleise des
alten Wahngedankens eingedrckt, um ihn fr immer zu verwischen, zu weit
ist er gegangen auf dem gefhrlichen Wege, um noch umkehren zu knnen.
Die Klarheit des Blitzes mute schwinden und der alte Wahn hllte die
Dinge wieder in seine verstellenden Nebel. Fritz Nettenmair heulte auf
oder lachte auf; die Frau fragte sich nicht, was er tat; tiefer Abscheu
gegen ihn verschlo ihr Ohr, ihre Augen, ihre Gedanken. Er taumelte in
die Kammer zurck. Sie sah es nicht, aber sie fhlte es, da seine
Gegenwart nicht mehr den Raum entweihte, darin das Heiligenbild ihres
Mutterschmerzes stand. Leise weinend sank sie ber ihr totes Kind.

                   *       *       *       *       *

Die Reparatur des Kirchendaches hatte begonnen. Apollonius wollte diese
erst beenden, bevor er die Krnung des Turmes mit der gestifteten
Blechzier unternahm. Daneben mute er das Begrbnis des kleinen nnchens
besorgen; Fritz kmmerte sich nicht darum. Er mute sich auch dieser
Hausvaterpflicht unterziehen. Er fhlte sich schmerzlich wohl darin.
Kosteten ihm doch die schwereren kein Opfer! Er hatte ja nicht andere,
sere Wnsche zu bekmpfen und zu besiegen gehabt, als er die Pflicht
gegen des Bruders Angehrige auf sich genommen; er war ja eben nur dem
eigensten Triebe seiner Natur gefolgt. Es lag in dieser Natur, da er
ganz sein mute, was er einmal war. Seit er die Hoffnungen seiner
Jugendliebe und damit diese selbst aufgegeben hatte, war ihm ohnehin der
Gedanke eines eigenen Hausstandes fremd geworden. Er kannte keinen
anderen Lebenszweck, als die Erfllung jener Pflicht. Aber sie stand
nicht als drres, despotisches Gesetz auer ihm vor den Augen seiner
Vernunft; sie durchdrang sein ganzes Wesen mit der befruchtenden Wrme
eines unmittelbaren Gefhls. So war es seit Monaten gewesen. Wenn er mit
seinem Fahrzeug das Turmdach umflog, whrend er hmmernd auf dem
Dachstuhle kniete, waren die Gestalten der Kinder seines Bruders, seine
Kinder, um ihn. Schneller als sein Schiff flog seine Phantasie der Zeit
voraus. Wie sein Schiff um das Turmdach, drehte sich sein ganzes Denken
um die Stunde, wo die Shne erwachsen waren und er ihnen das
schuldenfreie Geschft bergab, wo nnchen aussah wie ihre Mutter und er
ihre jungfruliche Hand in die Hand eines braven Mannes legte. nnchens
rosiges Gesicht stand vor ihm, so oft er aufsah von seinen
Schieferplatten. Als es ihn so schalkhaft anlachte, war es sein
Liebling; wie das Gesichtchen immer trber und bleicher wurde, war sie
es nur immer mehr; er sah sie oft doppelt durch das Wasser in seinen
Augen. Jetzt -- o manchmal war es ihm, als arbeite er nun umsonst! Und
es war noch etwas hinzugekommen, was ihn immer mehr bengstigte. Aus dem
Mitleid mit der gequlten Frau, die um ihn geqult wurde, blhte die
Blume seiner Jugendliebe wieder auf und entfaltete sich von Tag zu Tag
mehr. Was des Bruders Hohn und Undankbarkeit gegen ihn nicht vermocht,
das gelang seinem Benehmen gegen die Frau. Apollonius fhlte sein Herz
erkalten gegen den Bruder. Es trieb ihn, die Frau zu schtzen; aber er
wute, seine Einmischung gab sie nur hrteren Mihandlungen preis. Er
konnte nicht mehr fr sie tun, als da er sich so entfernt hielt von ihr
als mglich. Und nicht allein wegen des Bruders; auch um ihrer selbst
willen, wenn er richtig gesehen hatte. Hatte er richtig gesehen? Er sagt
sich hundertmal nein. Er sagt es sich mit Schmerzen; desto fter und
dringender sagte er es sich und fhlte, er drfe sie nicht sehen, auch
um seinetwillen. Es peinigte ihn, wenn gleichgltige Dinge verworren und
unsymmetrisch lagen und er sie nicht ordnen konnte; hier sah er
Miverhltnisse und Widersprche in das innerste Leben dessen, was ihm
das Heiligste war, gedrungen, in das Herz seiner Familie, in sein
eigenes, und er mute sie wachsen sehen und die Hnde waren ihm
gebunden!

Immer dunkler, immer schwler wurde das Leben in dem Haus mit den grnen
Laden, seit das kleine nnchen daraus fortgetragen war. Es wurde immer
dunkler und schwler in Fritz Nettenmair's Brust und Hirn. Er hatte
umkehren wollen auf dem Wege, in dessen Mitte ihn das Bild des toten
nnchens und die Klarheit, die es ber die zurckgelegte Strecke go,
geschreckt. Er wre umgekehrt, nahm die Frau die gebotene Hand an. Er
meinte es wenigstens. Aber sie hatte ihn zurckgewiesen, ihm ein Antlitz
von Abscheu und Verachtung gezeigt; er hatte gesehen, sie nannte ihn in
ihrem Herzen den Mrder des Kindes; ihr Auge hatte ihm die Rache
gedroht, und da war es wieder da gewesen, das alte Gespenst, die
schuldgeborene Furcht. Hat sie es doch nicht getan, was er frchtet, nun
wird sie es tun, um ihn fr den Schlag zu strafen, an dem nnchen starb.
Je mehr er daran herumgreift mit seinen Gedanken, desto klarer fhlt er,
wie gelegen seinen Feinden, -- und sie sind seine Feinde; sie haben ihm
ein Unrecht zu vergelten -- wie gelegen seinen Feinden dieser Schlag
kam. Dann sieht er, da die Frau ihn warnen konnte. Sie sagte nicht:
Schlag' nicht, das Kind ist krank; es ist sein Tod, wenn du schlgst.
Nein! Ein Wort von ihr konnte den Schlag verhten; sie sprach es nicht.
O, es ist klar, sonnenklar: sie reizte ihn absichtlich durch ihr
Schweigen zu der wilden Tat. Aber wie? ihres Kindes Tod htte sie
gewollt? Den kann kein Weib wollen. Ja, sie dachte selbst nicht, da es
sterben wrde; sie wollte nur den Vorwand zum Hasse, zum Betruge aus
Ha, da er sie am Bette des kranken Kindes geschlagen. Sie dachte
nicht, da es sterben wrde, und wie es doch starb, wlzte sie die
Schuld von sich auf ihn. Und er war wieder der dumme Ehrliche gewesen;
auch in diese Schlinge war er gegangen in seiner Arglosigkeit; vor ihr
hatte er gelegen, wie ein Wurm, vor ihr, die vor ihm htte liegen
sollen. Und sie hatte ihn noch zurckgestoen, mit Verachtung
zurckgestoen! So oft er an den Augenblick dachte, machte er sie
verantwortlich fr alles, was noch kommen konnte. Was noch aus ihm
werden konnte, dazu hatte sie ihn gemacht. Er hatte die Hand geboten; er
war ohne Schuld. Dann brtete er, was aus ihm noch werden knne, und das
Schlimmste war ihm nicht schlimm genug, die Schuld zu vergrern, die er
auf sie wlzte. Mit reuigem Entsetzen sollte sie sehen, was sie getan,
als sie ihn zurckstie. Je nher er drohen sah, was kommen mute, desto
wilder wurde seine Liebe oder auch sein Ha; denn beide waren zusammen
in dem Gefhl, das sie immer glhender ihm einflte. Desto gelehriger
lernten seine Augen jeden kleinsten Reiz ihrer Gestalt, desto
schmerzender stach diese Schnheit durch seine Augen in sein Herz. Diese
verruchte Schnheit, die die Ursache all seines Elends war; diese
fluchvolle Schnheit, um derentwillen der eigene Bruder ihn aus Schuppen
und Haus verdrngt und der Verachtung der Welt und des Weibes selbst
preisgegeben. Er fing an, ber Gedanken zu brten, wie er diese
Schnheit vernichten konnte, damit sie ein Ekel wurde dem Buhlen, der um
seinen Zweck betrogen, ihn umsonst elend gemacht hatte. Und dachte er
sich das ausgefhrt, dann lachte er in so heller Schadenfreude auf, da
seine starknervigen Trinkkameraden erschraken, und die Leute, die ihm
begegneten, unwillkrlich innehielten in ihrem Gang. Und doch war der
Gedanke nur ein Vorlufer eines noch schlimmeren. Dazwischen fiel ihm
dann der Fronweiblick ein, sein Traum nach der wilden Tat wurde zur
Wirklichkeit; stundenlang stand er bald da, bald dort, wo man Apollonius
auf dem Kirchdache arbeiten sah, und blickte hinauf und wartete und
zhlte. Jetzt mssen die Bretter unter dem Hmmernden brechen, jetzt mu
das Tau reien, daran der Drahtstuhl hngt. Jetzt mssen die Leute, die
eben noch so gleichgltig aus den Fenstern sehen oder ber die Strae
gehen, aufschreien vor Schrecken. Dann zhlte er immer fieberhastiger,
der kalte Schwei rann ihm ber die Stirn; und die Bretter brachen
nicht, das Tau ri nicht, die Leute schrien nicht auf vor Schrecken. Und
immer wilder lachte er vor sich hin, wenn er nach langem Warten mde und
verzweifelt weiter ging: Wr's nur mein Unglck, knnt' er mich nur
noch elender damit machen, als er mich schon gemacht hat, er wre lngst
schon tot. Nur weil mich sein Leben elend macht, lebt er noch. Er will
nicht eher sterben, bis er mich ganz elend gemacht hat!

Diese Furcht lie ihn nicht los, sie prete ihn immer erstickender. Trug
er sie spt in der Nacht heim, dann machte der ruhige Schlaf seiner Frau
ihn wtend: Die schlief ruhig, die ihn nicht schlafen lie! Er setzte
sich an ihr Bett und rttelte sie auf und erzhlte ihr leise in das Ohr,
was er an ihrem Liebsten tun will. Es waren grausige Dinge. Wenn die
Glieder ihr flogen vor Angst und Entsetzen, dann lachte er zufrieden
auf, da er doch etwas hatte, sie aus der stummen Verachtung zu
scheuchen, womit sie sich gegen ihn gewappnet, und verga daran
minutenlang seine Qual. Dann lachte er fast jovial; er hat ihr Angst
machen wollen. Es ist nur einer von Fritz Nettenmairs neumodischen
Spen. So weit haben sie ihn doch noch nicht gebracht, im Ernst an
solche Dinge zu denken. Aber wenn sie Apollonius davon sagt, dann mu er
es, und sie trgt die Schuld. Er bewacht ihr jeden Tritt, sie kann
nichts tun, was er nicht erfhrt. Und lt sie es ihm durch einen
Dritten wissen, so wird er es ihm ansehen. O, Fritz Nettenmair ist
einer, der --!

Den ganzen Tag ber, die halben Nchte geht dann die Frau wie im Fieber
umher. An leidenschaftlicher Angst wchst ihre Liebe zu Apollonius zur
Leidenschaft. Und sie kann es nicht hindern, denn die Leidenschaft mehrt
wiederum die Angst; vor dem Gedanken der Angst hat kein anderer Platz in
ihrer Seele. Hin zu ihm will sie strzen, ihn mit pressenden Armen
umfangen, ihn beschwren -- dann wieder will sie in die Gerichte -- aber
es ist ja nur ein wilder Scherz, und sie wird ihn erst zum Ernste
machen, sagt sie jemand davon. Sie geht nicht mehr aus der Stube, tritt
nicht mehr an ein Fenster vor Furcht; sie will jeden Schritt meiden,
jede Bewegung, alles, was nur als ein Umsehen nach Apollonius erscheinen
knnte. Sie hat nicht mehr den Mut, mit jemand zu reden, weil ihr Mann
es erfahren und meinen kann, sie trgt ihm eine Botschaft an Apollonius
auf. Und der Mann sieht ihre wachsende Leidenschaft, sieht, wie wiederum
sein Mittel, was kommen mu, aufzuhalten, es nur beschleunigen wird, und
wartet und zhlt immer ungeduldiger, da die Bretter nicht brechen und
das Tau nicht reit.

Es war eine trbe, schwle Nacht. Die Nacht vor dem Tage, an welchem
Apollonius die Bekrnzung des Turmdaches beginnen wollte. Fritz
Nettenmair schlich durch die Hintertr auf den Gang nach dem Schuppen,
um nach Apollonius' Fenster hinaufzusehen. Wenn er das Licht darin
erloschen sah, pflegte er die Hintertr zu verschlieen und seinen
wsten Neigungen nachzugehen. Seit jener Nacht, wo Valentin die
Hintertr mit dem Schuppenschlssel geffnet, hngte Fritz Nettenmair an
den Riegel noch ein Vorlegeschlo. Apollonius war noch nicht zu Bett
gegangen. Fritz Nettenmair wute, Apollonius lschte in seiner
eigensinnigen Vorsicht nie das Licht, wenn er schon in das Bette
gestiegen war. Es stand dem Bette fern auf seinem Schreibtisch; dort
setzte er es in ein Becken und lschte es, ehe er nach dem Bette ging.
Fritz Nettenmair ballte die Faust nach dem Fenster hinauf. Apollonius
zgerte ihm auch hier zu lang. Er war mde und ging nach dem Schuppen.
Der Schlssel zur Hintertr schlo auch den Schuppen. Es war dunkel
darin.

Wenn der Schieferdecker seine Platten zurichtet, sitzt er rittlings auf
einer Bank, in deren Mitte das Haueisen, sein kleiner Ambos
eingeschlagen ist. An eine solche stie Fritz Nettenmair mit dem Bein
und nahm den Sto als eine Aufforderung, sich zu setzen. Durch eine
Lcke konnte er nach Apollonius' Fenster sehen; er wollte das Auslschen
des Lichtes hier erwarten. Der Schieferdecker verrichtet oft
Zimmermannsarbeit, er fhrt daher auch ein kleines Zimmerbeil unter
seinem Werkzeuge. Ein solches hatte auf der Bank gelegen; es war
herabgefallen, als er sich gesetzt. Er hob es auf und hielt es
absichtslos in seinen Hnden; denn seine Gedanken waren mit ihm in der
Kammer: er sa am Bette der Frau und ngstigte sie mit Drohungen. Der
rger ber das Zgern Apollonius' machte sich darin Luft; dieses Zgern
hinderte ihn, sich im Trunk Betubung zu suchen. Er hat seine Hand auf
das Bett der Frau gesttzt und fhlt an den Bewegungen der Decke das
Zittern ihrer Glieder. Er fhlt sich in ihre Angst hinein, er fhlt, wie
er selbst Apollonius zu ihrem einzigen Gedanken macht; wie sie morgen
ihm entgegenstrzen mu, wenn er von der Arbeit heimkommt. Und wren sie
nicht seine Teufel, wren sie Engel, es mte morgen kommen, was er
verhten will. Wenn sie ihn mit der Glut der Angst umfat, das schne,
fluchvoll schne Weib, er mte nicht Blut in seinen Adern haben -- und
htte er nie den Gedanken gehabt, mit dem er doch einschlft und
aufwacht Tag fr Tag, er mte jetzt den Gedanken denken. Es mu kommen,
wovor die bloe Furcht Fritz Nettenmair zu dem elendesten der Menschen
gemacht, der sich selbst anspeien knnte; geschieht nicht morgen noch,
was der Fronweiblick weissagt. Und nun steht er wieder an der
Straenecke und sieht wieder hinauf und harrt und zhlt verzweifelter
als je; er badet sich in Angstschwei, und die Bretter brechen nicht und
das Tau reit nicht. O, er wird den Fronweiblick zum Mrchen machen, er
wird leben bleiben, das Jahr, zehn Jahr, hundert Jahr, aus Ha gegen
ihn. Und er zhlt immer noch eins, zwei; er sagt: nun mu -- da hrt er
das Gerusch eines zerreienden Taues und fhrt auf aus seinem wachen
Fiebertraum. Die wilde, angstvolle Freude ist vergeblich; er steht nicht
an der Ecke und sieht nach dem Kirchendache hinauf. Er sitzt im
Schuppen; es ist Nacht. Aber das Gerusch hat er gehrt. Das war keine
Vorspiegelung der Phantasie. Und von dort her kam es. Seine Haare stehen
empor. Dort liegen die Hngsthle und die Flaschenzge mit ihren Tauen.
Er hat hundertmal erzhlen hren; jeder Schieferdecker wei, was es
sagen will, das vorspukende Gerusch. Aber dreimal mu es klingen, als
wenn ein Tau zerrisse; und er hat es erst einmal gehrt. Er lauscht, er
pret die Faust auf das Herz. Vor seinen Schlgen, vor dem Brausen des
Blutes die Adern hinauf und herab, wird er es nicht hren, wenn es noch
mal klingt und noch einmal. Er lauscht und lauscht und das Gerusch
wiederholt sich nicht. Da fhrt ein Gedanke wie ein dunkelglhender
Blitz durch den Krampf, in den all seine Gefhle zusammengeballt sind;
der Gedanke, dem Schicksal nachzuhelfen. Er hat das Zimmerbeil immer
noch in seinen Hnden; absichtslos ist er mit der Handflche an der
Schneide hingefahren; jetzt kommt ihm zum Bewutsein, das Beil ist
scharf, die Ecke spitzig. Eine ganze Reihe von Gedanken steht fertig da;
es ist, als stnden sie schon lang, und der Blitz hat sie nur sichtbar
gemacht. Morgen knpft Apollonius seine Leiter an die Helmstange, dann
das Tau mit Flaschenzgen und Fahrzeug. Fritz Nettenmair greift um sich
und hat das Tau in der Hand. Das Schicksal will seine Hilfe; darum legt
es selber ihm Tau und Beil in die Hand. Wer wei, da er hier war? Drei,
vier Stiche mit dem Beil im Kreise um das Tau, kaum zu sehen, werden zu
einem einzigen groen Ri, wenn das Gewicht eines starken Mannes am Tau
zieht und die wuchtende Bewegung des Fahrzeugs um den Turm das Gewicht
des Mannes vergrert. Wer sieht den Stichen an, da sie absichtlich
gemacht sind? Ein Tau, das, getragen, halb an der Erde fortschleift,
kann an allerlei Scharfes stoen. Das Schicksal hat den Schieferdecker,
der zwischen Himmel und Erde hngt, in seiner Hand. Das Schicksal hlt
ihn oder lt ihn fallen, nicht das Seil oder ein Schnitt darin. Will es
ihn halten, schadet kein Schnitt; soll er fallen, reit ein unversehrtes
Seil. Und das Schicksal hat ihn schon gezeichnet. Ein Tag frher, einer
spter, was ist das, wenn er doch fallen mu? Ein Tag spter, und es
packt einen Verbrecher. Meint es das Schicksal nicht gut, nimmt es ihn
vorher aus der Welt? --

All diese Gedanken schlug mit einem Schlage jener eine aus Fritz
Nettenmairs Seele! im Nu war er entglommen; im Nu schlgt der
Hllenfunke zur Flamme auf. Er hat das Tau in der linken Hand; er hebt
das Beil -- und lt es schaudernd fallen. An dem Beile glnzt Blut;
durch die ganze Lnge des Schuppens ragt ein blutiger Streif. Fritz
Nettenmair flieht aus dem Schuppen. Er flhe gern aus sich selbst
heraus; kaum hat er den Mut, nach Apollonius' Fenster aufzusehn. Ein
heller Lichtstrahl kommt von da, Fritz Nettenmair weicht vor ihm hinter
einen Busch. Jetzt bewegt der Strahl sich zurck. Apollonius war
aufgestanden an seinem Tische und hatte das Licht hoch in die Hhe
gehalten. Er hatte das Licht geputzt. Es konnte eine glhende Schnuppe
aus der Schere neben den Leuchter unter die Papiere gefallen sein; es
war nicht geschehen, und er stellte das Licht wieder an seine Stelle.
Fritz Nettenmair kannte seines Bruders ngstliche Gewissenhaftigkeit; er
hatte ihn das Licht mehr als hundertmal so heben sehen; er begriff, es
war kein Blut, was ihn erschreckt. Der Widerschein der Flamme war durch
Fenster und Luke gefallen und hatte rot von dem Stahle des Beiles und
durch die Nacht des Schuppens geglnzt. Dennoch stand Fritz Nettenmair
bebend hinter seinem Busche. Der gespenstige Schauder verlie ihn, aber
nicht so schnell das Grauen ber das, was er gewollt, und da es war,
als htte ihm der Bruder noch zu seinem Werke leuchten wollen. Bald
verlosch Apollonius' Licht. Fritz Nettenmair konnte zurckkehren und
sein Werk vollenden, es strte ihn niemand mehr. Er tat es nicht, aber
er rckte sich wieder in seinem Hasse zurecht. Er sagte sich: so weit
sollen sie ihn nicht bringen. Die _Schuld_ des Gedankens wlzt er auf
die, auf die er alles wlzt; da er den Gedanken nicht _ausgefhrt_,
rechnet er sich zu. Er wei, jeder andere an seiner Statt htte schlimm
getan.

Nun verschliet er Hintertr und Vorlegeschlo, zuletzt die Haustr; und
geht. Er will trinken, bis er nichts mehr von sich wei. Heut hat er
mehr zu vergessen, als je. Er geht. Ob er nicht wieder kommen wird?
heute nicht; aber morgen, bermorgen, berbermorgen? wenn der Gedanke
seine Fremdheit fr ihn verloren hat? Gewohnheit macht selbst mit dem
Teufel vertraut. Dazu sollen sie ihn nicht bringen! Ob die Stunde nicht
kommen wird, wo er bereut, da er sich nicht soweit bringen lassen, und
sich doch noch soweit bringen lt? Zudem, wozu jeder andere an seiner
Stelle sich htte bringen lassen?

Immer dunkler, immer schwler wurde das Leben in dem Hause mit den
grnen Lden. Wer jetzt hineinsieht, glaubt es mir nicht, wie dunkel,
wie schwl es einmal war.

                   *       *       *       *       *

Von dieser Nacht an ngstigte Fritz Nettenmair die Frau nicht mehr durch
Drohungen auf Apollonius; er begann sogar, sie mit einer gewissen
Freundlichkeit zu behandeln. Dazwischen verlor er sich stundenweise in
stummes Vorsichhinsinnen, aus dem er aufschrak, wenn er sich beobachtet
sah. Dann war er noch freundlicher als sonst, und brachte Scherze aus
seiner besten Zeit; er versuchte sich sogar wieder an der Arbeit. Aber
die Frau wurde nur noch ngstlicher; sie vermied noch mehr als seither,
was dem Manne Anla zum Glauben geben konnte, sie wolle sich Apollonius
nhern. Sie wute nicht, warum. Und wenn sie ihre Furcht Torheit nannte,
sie mute frchten. Apollonius sah mit Freuden die nderung des Bruders
und suchte ihn auf alle Weise darin zu frdern. Er wute nicht, wie der
Bruder seine Freude auslegte!

Unterdes hatte Apollonius die Umkrnzung des Turmdachs von Sankt Georg
mit der gestifteten Zier begonnen. Er hatte die Rstungen wiederum
herausgeschoben und innen am Geblke des Dachstuhls festgenagelt; die
Bretter darauf befestigt, auf die fliegende Rstung die Leiter gestellt
und diese an der Helmstange festgebunden; er hatte wiederum den hnfenen
Ring um die Helmstange gelegt, daran den Flaschenzug, und an diesem
seinen Hngestuhl befestigt. Die gestiftete Blechzier bestand aus
einzelnen, halbmannslangen Stcken, mit denen sich handlich umgehen
lie. Das Ganze sollte, nach des Stifters Angabe, der selbst die Kosten
der Befestigung trug, zwei Girlanden vorstellen, die sich in
gleichlaufenden Kreisen mit herabhngenden Bgen um das Turmdach
schlangen. Je fnf jener Stcke, bei der oberen drei, bildeten einen
dieser Bgen. Sie muten an ihren Enden durch eingeschlagene Niete
verbunden, und jedes einzelne noch durch starke Ngel auf die
Verschalung befestigt werden. Da die Rnder der Schieferplatten sich
berall decken, war es ntig, an den Stellen, wo die Vernagelung
stattfinden sollte, die Schiefer mit Bleiblechen umzutauschen. Dasselbe
geschieht, wo die sogenannten Dachhaken in die Verschalung eingetrieben
werden, an welche bei Reparaturen der Schieferdecker seine Leiter hngt.
Die Flche, mit welcher der Dachhaken, nachdem seine gekrmmte Spitze
eingetrieben ist, durch noch zwei starke Ngel auf die Verschalung
aufgenagelt wird, darf man nicht mit Schieferplatten berdecken. Bei
Befestigung der an dem hervorstehenden Haken aufgehngten Leiter kommt
seine Flche in Vibration, die die Schieferplatten aufwuchten und
beschdigen wrde. Sie wird deshalb mit einer Bleiplatte berdeckt. Der
Zierat kam, wenn der Wind sich darin fing, in eine hnliche Bewegung.
Dann war noch eins zu bedenken. Die Dachhaken liefen, je neun und einen
halben Fu voneinander entfernt, in gleichlaufenden Kreisen um das
Turmdach; zwischen je zwei Kreisen befand sich ein Raum von fnf Fu. Es
galt, den Zierat so anzubringen, da er keinen dieser Dachhaken
berdeckte.

Apollonius war fleiig bei der Arbeit. Der Blechschmiedmeister, der
seine Zier so bald als mglich prangen sehen wollte, hatte sich weniger
ber ihn zu beklagen, als Apollonius mit dem Meister zufrieden sein
konnte. Im Anfang trieb dieser, bald mute Apollonius den Meister
treiben.

Es fehlte noch der Teil der oberen Girlande, der als Bogen ber der
Aussteigetr hngen sollte. Apollonius konnte nicht feiern, bis er das
Material dazu erhielt. Von einem nahen Dorfe hatte man ihn wegen einer
kleinen Reparatur beschickt; er lie sein Fahrzeug bis auf seine
Zurckkunft an dem Turmdach von Sankt Georg hngen, und ging nach
Brambach.

Es war den Tag darauf, da der alte Valentin an die Wohnstubentr
pochte. Er war schon einigemal an der Tr gewesen und wieder
fortgegangen. Sein ganzes Wesen drckte Unruhe aus. Etwas, woran er
immer denken mute, machte ihn so zerstreut, da er meinte, er msse ein
Herein in Gedanken berhrt haben; er legte das Ohr an das
Schlsselloch, als setze er voraus, es msse noch jetzt zu hren sein,
wenn man sich nur recht mhe. Die Unruhe weckte ihn aus der Zerstreuung.
Er pochte zum zweiten- und zum drittenmal, und als der Ruf immer noch
ausblieb, fate er Mut, ffnete und trat in die Stube. Die junge Frau
war ihm schon seit einiger Zeit immer ausgewichen. Sie tat es auch
diesmal; aber heute mute er sie sprechen. Sie sa, absichtlich von den
Fenstern entfernt, an der Kammertre. Der Alte sah nicht, da sie ebenso
unruhig war als er, und sein Hiersein sie noch mehr ngstigte. Er
entschuldigte sein Eindringen. Als sie eine Bewegung machte, sich zu
entfernen, versicherte er, sein Bleiben solle kurz sein; er wre nicht
mit Gewalt hereingedrungen, wenn ihn nicht etwas triebe, was vielleicht
sehr wichtig sei. Er wnsche das nicht, aber es sei doch mglich. Die
Frau horchte und sah immer ngstlicher bald nach den Fenstern, bald nach
der Tr. Msse er ihr etwas sagen, soll er's, so schnell er knne.
Valentin schien zugleich auf die ngstlichen Blicke der Frau zu
antworten, als er begann:

Herr Fritz sind auf dem Kirchendach von Sankt Georg. Ich hab' ihn eben
noch vom Hofe aus gesehen.

Und hat er hierher gesehen? Hat er Euch ins Haus gehen sehen? fragte
die Frau in einem Atem.

Bewahre, sagte der Alte; er arbeitet heute wie ein Feind. Denkt an
kein Essen und Trinken. Wenn ein Mensch so arbeitet -- -- Der Alte
brach ab und dachte seinen Satz fertig: so hat er was vor. Die Frau
schwieg auch. Sie kmpfte mit dem Gedanken, dem treuen Alten ihre ganze
Angst anzuvertrauen. Der Alte merkte nichts davon. Der Nachbar da, Sie
wissen's wohl, fuhr er fort, kann zu Zeiten keine Nacht schlafen. Da
hat er die Nacht, eh' Herr Apollonius nach Brambach gegangen ist, zu
seinem Kchenfenster heraus, einen in unseren Schuppen schleichen sehen,
den Gang vom Hause hinter. Der Alte sagte nicht, wen der Nachbar
gesehen; wahrscheinlich sollte die junge Frau ihn danach fragen. Sie tat
es nicht; sie hatte seine Geschichte nicht gehrt. Er fuhr fort: Den
Abend vorher, eh' Herr Apollonius nach Brambach gegangen ist, hat er das
Zeug aussuchen wollen, das er hat mitnehmen wollen; er hat alles
untersucht; das tut er immer: aber er hat sich nicht entschlieen
knnen. Und das ist so merkwrdig, da Herr Fritz auf einmal so fleiig
geworden ist.

Apollonius' Name weckte die junge Frau: sie horchte, als der Alte
fortfuhr: Daran hab' ich erst vorhin im Schuppen gedacht. Wie mir der
Nachbar da erzhlt hat, da einer in den Schuppen geschlichen ist, hab'
ich gedacht: was mu der dort gewollt haben, der dort hineingeschlichen
ist, und bei Nacht. Und wie ich aufgesehen hab' und hab' den Herrn Fritz
so arbeiten sehen, da ist eine Unruh ber mich gekommen und hat mich in
den Schuppen hineingetrieben wie mit dem Stock hinter mir her. Da hab'
ich mir alles mgliche vorgestellt, was einer drin hat machen knnen,
der hineingeschlichen ist. Erst hab' ich das Zimmerbeil an der Tr
liegen sehen, das dahin gehrt, wo das andere Werkzeug ist. Da hab' ich
gedacht: Hat er was mit dem Beile gemacht? Und hab' mir wieder
vorgestellt, was einer mit dem Beil drin machen kann, der bei Nacht
hineingeschlichen ist. Mir ist der Gedanke gekommen, es knnt' was an
den Leitern sein. Aber ich hab' nichts gefunden daran. An dem
Hngestuhl, der noch dort lag, war auch nichts. Da fing ich an, die
Kloben zu betrachten und endlich das Seilwerk. Da war an einem was, als
wr's hier und da an was Hartes angetroffen, und das htt' das Seil
verschunden. Da denk' ich: das geschieht oft und will's schon wieder
hinlegen. Aber ich denk' auch wieder: sonst ist nichts; und wenn einer
hineinschleicht, hat er was gewollt; und wenn er das Beil gehabt hat,
hat er auch was damit gemacht. Da seh' ich genauer zu und -- Gott beht'
einen Christenmenschen! Da war hier mit dem Beil hineingestochen, und
dort, und noch einmal, und noch einmal. Ich werf's ber den Balken und
hng' mich daran, da klaffen die Stiche auf; ich glaub', wenn ein
Fahrzeug daran wuchtet, das Seil ist imstande, zu zerreien. Der Alte
war ganz bleich geworden ber seiner Erzhlung. Die Frau hatte immer
angstvoller an seinem Munde gehangen; sie war in den Stuhl
zurckgefallen und konnte kaum sprechen.

Er hat gedroht, chzte sie. Der Alte verstand nicht, was sie sagte.

Den Abend vorher war's noch nicht, fuhr er fort. Herr Apollonius, der
hat ein Aug' fr einen Mckenstich. Er htt's gefunden, wie er alles
untersucht hat. Nun denk' ich, der die Beilstiche gemacht hat, hat die
Untersuchung mit angesehen und hat gemeint, Herr Apollonius wird das
Zeug nicht noch einmal untersuchen, wenn er's morgen braucht. Und da ist
er bei Nacht hineingeschlichen.

Valentin, schrie die Frau auf und fate ihn bei den Schultern, halb,
wie um ihn zu zwingen, er soll ihr die Wahrheit sagen, halb, um sich an
ihm aufrechtzuerhalten. Er hat's doch nicht mitgenommen? Valentin, so
sag's doch nur!

Das nicht, sagte Valentin. Aber den andern Hngestuhl, der darin lag,
und das Seilzeug dazu, und noch mehr.

Und waren auch dort Stiche drin? fragte die Frau in noch immer
steigender Angst. Der Alte sagte:

Ich wei nicht. Aber der sie gemacht hat, hat nicht gewut, welches
Herr Apollonius mitnehmen wird.

Wenn er sicher gegangen ist, so hat er alle beide -- und ich bin
schuld, sthnte die Frau. Er hat lange gedroht, er will ihm was tun.
Er tat, als wr's einer von seinen Spen. Wenn ich's jemand sagte,
wollt' er's im Ernste tun.

Wer so scherzt, sagte Valentin, der macht auch solchen Ernst.

Die Frau zitterte so heftig an allen Gliedern, da der Alte seine Angst
um Apollonius ber der Angst um sie verga. Er mute sie halten, da sie
nicht umfiel. Aber sie stie ihn von sich und flehte und drohte
zugleich: Rett' ihn, Valentin, rett' ihn. Hilf, Valentin! Ach Gott,
sonst hab' ich's getan. Sie betete zu Gott um Rettung und jammerte
immer dazwischen auf, er sei tot und sie trage die Schuld. Sie rief
Apollonius selbst mit den zrtlichsten Namen, er solle nicht sterben.
Valentin suchte in der Angst nach einer Beruhigung fr sie und fand ein
Etwas davon fr sich selbst mit. Wenn es auch nicht beruhigen konnte, so
gab es doch Hoffnung, da Apollonius schon auf dem Rckweg sein msse.
Er habe gewi das Tauwerk noch einmal untersucht. Wr' er verunglckt,
man mte es nunmehr wissen. Zehnmal mute er ihr das vorsagen, eh' sie
nur verstand, was er meinte. Und nun erwartete sie den Boten, der die
grliche Nachricht bringen konnte, und schrak bei jedem Laut. Ihr
eigenes Schluchzen hielt sie fr die Stimme des Boten. Valentin lief
endlich, da ihre Angst und Ratlosigkeit ihn selber mit ergriff, zu dem
alten Herrn, ihn hereinzuholen zu der Frau. Er wute nicht, was
beginnen; und vielleicht war noch zu retten, wenn man etwas tat;
vielleicht wute der alte Herr, was zu tun war, um zu retten.

Der alte Herr sa in seiner kleinen Stube. Wie er sich immer tiefer in
die Wolken einspann, die ihn von der Welt auer ihm trennten, wurde ihm
zuletzt auch das Grtchen fremd. Besonders hatte ihn die ewige Frage:
Wie geht's, Herr Nettenmair? dort vertrieben. Er fhlte, man konnte ihm
sein: Ich leide etwas an den Augen, aber es hat nichts zu sagen, nicht
mehr glauben, und seitdem hrte er in jener Frage eine Verhhnung.
Apollonius war, so sehr er mit ihm litt, das Zurckziehen des alten
Herrn und seine zunehmende Menschenscheu nicht unwillkommen. Je tiefer
der Bruder fiel, desto schwerer war es geworden, dem alten Herrn den
Zustand des Hauses zu verbergen und etwaige Zutrger abzuhalten, von
denen er in seinem Grtchen nicht abzuschlieen war; es schien zuletzt
unmglich. Apollonius wute freilich nicht, da der alte Herr in seinem
Stbchen Qualen litt, die, wenn auch auf bloer Einbildung beruhend,
denen gleichkamen, vor denen er ihn schtzen wollte. Hier sa der alte
Herr den langen Tag, zusammengesunken hinter dem Tische auf seinem
Lederstuhl, und brtete nach seiner alten Weise ber allen Mglichkeiten
von Unehre, die sein Haus treffen konnten oder schritt mit hastigen
Schritten hin und her, und das Rot seiner eingefallenen Wangen und die
heftig kmpfende Bewegung seiner Arme zeigte, wie er in Gedanken das
uerste tat, die drohenden abzuwenden. Nur der Bauherr, der mit
Apollonius im Verstndnisse war, wurde zu ihm gelassen. Der alte Herr,
der dem Gast, wie jedem andern, sein Inneres verbarg, erriet bei diesem
dieselbe Verstellung, und bestrkte sich daran in der Meinung, da er
durch Fragen nichts erfahren und nur seine Hilflosigkeit offenbar machen
knne. Je heier es in ihm kochte, desto eisiger erschien sein ueres.
Es war ein Zustand, der in vlligen Wahnsinn bergehen mute, wenn nicht
die Auenwelt eine Brcke zu ihm schlug und ihn mit Gewalt aus seiner
Vereinzelung herausri.

Heute geschah ihm diese Gewalt. Eben sa er wieder brtend auf seinem
Stuhle, als den Valentin die Angst zu ihm hineintrieb. Den Gesellen
zwang die alte Gewohnheit, ohne da er es wute, die Tre leise zu
ffnen und ebenso hereinzutreten; aber der alte Herr empfand mit seinem
krankhaft verschrften Gefhle sogleich das Ungewhnliche. Seine
Erwartung nahm natrlich denselben Gang, den all sein Denken verfolgte.
Es war eine dem Hause drohende Schmach, was die sonst immer gleiche
Weise Valentins vernderte; es mute eine entsetzliche sein, da sie den
alten Gesellen aus der Fassung brachte und seine Verstellung durchbrach.
Der alte Herr zitterte, als er aufstand von seinem Stuhl. Er kmpfte mit
sich, ob er fragen sollte. Es war nicht ntig. Der alte Gesell beichtete
ungefragt. Er erzhlte mit fliegender Brust seine Befrchtungen und was
sie rechtfertigte. Der alte Herr erschrak, so gut ihn seine Einbildungen
auf die Wirklichkeit vorbereitet hatten; aber der Gesell sah nichts
davon im ueren seines Herrn; der hrte ihn an wie immer, wie wenn er
das gleichgltigste zu sagen hatte. Als er ausgesprochen, htte das
schrfste Auge kein Zittern mehr an der hohen Gestalt wahrgenommen. Der
alte Herr hatte den festen Boden der Wirklichkeit wieder unter seinen
Fen; er war wieder der Alte im blauen Rock. Er stand so straff vor dem
alten Gesellen wie sonst, so straff und ruhig, da Valentins Seele sich
an ihm aufrichtete. Einbildungen! sagte er dann mit seinem alten
grimmigen Wesen. Ist kein Geselle da? Valentin rief einen herbei, der
eben Schiefer abholen wollte. Der alte Herr schickte ihn nach Brambach,
Apollonius auf der Stelle heimzuholen. Der Geselle ging. Geht er Ihm
nicht schnell genug, Er altes Weib, so hei' Er ihn eilen, damit Er bald
erfhrt, da Er sich um nichts gengstigt hat. Aber kein Wort von seinem
Sums da! Und schlie' Er die Frau ein, damit sie nichts Albernes
anfngt. Valentin gehorchte. Das zuversichtliche Wesen des alten Herrn
und da nun wirklich etwas getan war, hatte krftiger auf ihn gewirkt,
als hundert triftige Grnde vermocht htten. Er teilte seine Ermutigung
der Frau mit. Er war zu eilig, um ihr zu sagen, worauf sie sich
grndete. Htte er Zeit gehabt, wahrscheinlich htte er die Frau weniger
beruhigt verlassen, und er selbst ahnte nichts weniger, als da der alte
Herr innerlich berzeugt war von der Schuld seines lteren und von der
Gefahr, wenn nicht vom Tode seines jngeren Sohnes, whrend er ihm seine
Befrchtungen als leere Grillen ausreden wollte, und den Boten nur
geschickt zu haben schien, um ihn und die Frau zu beruhigen.

Nun wird der alte Narr doch, sagte Herr Nettenmair, nachdem Valentin
zu ihm zurckgekehrt war, dem Nachbar das ganze Mrchen, das er sich
zusammenspintisiert hat, erzhlt haben, und die Frau sechs Basen damit
in die Stadt herumgeschickt haben.

Valentin merkte nichts von der fieberhaften Spannung, mit der der alte
Herr auf seine in einen Ausruf verkleidete Frage die Antwort erwartete.
Werd' ich doch nicht, sagte er eifrig. Des alten Herrn Vermutung
krnkte ihn. Ich hab' ja da selbst noch nichts Arges gemeint, und die
Frau Nettenmair hat keinen Menschen gesprochen seitdem.

Der alte Herr schpfte neue Hoffnung. Whrend Valentins Abwesenheit
hatte er sich einen Augenblick dem ganzen Schmerz hingegeben, den ein
Vater in seinem Falle nur empfinden konnte; aber er hatte sich gesagt:
man drfe nicht in unttigem Jammer dem Verlorenen nachwerfen, was noch
zu erhalten sei. Waren die Shne verloren, so war doch die Ehre des
Hauses, seine, der Frau und der Kinder Ehre vielleicht noch zu retten.
Nun kam dem alten Herrn bei dem wirklichen Falle die bung zu statten,
die er bei seiner Einbildung aller Mglichkeiten gewonnen hatte. Wenn
die krankhaft gewachsene Empfindlichkeit seines Ehrgefhls ihn spornte,
vor dem uersten nicht zurckzuschrecken, so gingen seine Gedanken nun
bei dem wirklichen Falle nur denselben fieberischen Gang, den zu nehmen
sie sich an den wesenlosen Ausgeburten seiner Furcht gewhnt.
Verheimlichung alles dessen, was zu einem Verdachtsgrunde auf den
lteren Sohn werden konnte, stellte sich ihm als nchste Notwendigkeit
dar. Hatten Valentin und die Frau noch niemand mitgeteilt, was sie
wuten, so konnte anderes dergleichen bereits bekannt sein. Solch ein
verbrecherischer Gedanke entspringt nicht aus dem Ungefhr. Er ist die
Blte eines Giftbaumes mit Stamm und Zweigen. Valentin mute ihm
erzhlen, was seit Apollonius' Zurckkunft im Hause geschehen war. Wute
Valentin von Fritz Nettenmairs Eifersucht nichts, oder wollte er dem
alten Herrn, dessen argwhnische Gemtsart er kannte, nichts davon
sagen; seine Erzhlung wurde die Geschichte eines leichtsinnigen, ehr-
und vergngungsschtigen Verschwenders, der, trotz aller Bemhungen
seines besseren Bruders, ihn zu halten, bis zum gemeinen Wstling und
Trunkenbold herabsank; zugleich die Geschichte eines treuen Bruders, der
dem Verschwender notgedrungen die Sorge um Ehre und Bestand von Geschft
und Haus aus den Hnden nimmt, um diese Ehre zu retten, und von dem
Gefallenen dafr bis in den Tod verfolgt wird.

Der alte Herr sa regungslos. Nur die Rte, die immer brennender auf die
mageren Wangen trat, gab Kunde von dem, was er mit der Ehre seines
Hauses litt. Sonst schien er alles schon zu wissen. Es war das seine
alte Weise; er wandte sie hier vielleicht auch deswegen an, weil er
meinte, der Gesell wrde dann um so weniger wagen, etwas zu verschweigen
oder wider besseres Wissen zu verndern. Die innere Aufregung hinderte
ihn, zu bemerken, in welchen Widerspruch dieser Anschein mit seinem
Gefhl fr Ehre trat. Valentin suchte nicht den Schatten zu vertiefen,
der auf Fritz Nettenmairs Handeln fiel; aber wie er den alten Herrn
kannte, schien es ihm ntig, das brave Tun Apollonius' in das hellste
Licht zu stellen. Er kannte den alten Herrn doch nur halb. Er
verrechnete sich in der Wirkung, die er damit beabsichtigte, wenn er die
kindliche Schonung pries, mit der Apollonius die Kunde von der Gefahr
dem Ohr des alten Herrn fern gehalten. Er verdarb damit, was seine
schlichte Erzhlung getan, des Sohnes Verdienst um das Teuerste, was der
alte Herr wute, darzustellen. Der alte Herr sah nur immer mehr die
Furcht wahr gemacht, die ihm Apollonius' Tchtigkeit erregt hatte.
Apollonius hatte ihm die Gefahr unkindlich verschwiegen, um die Rettung
sich allein beimessen zu knnen. Oder er hielt seinen Vater fr den
hilflosen Blinden, der nichts mehr war und nichts mehr vermochte, als
hchstens ihn zu hindern. Und das vergab ihm der alte Herr noch weniger
-- trotz seines Schmerzes um den Toten, der der Sohn ihm bereits war. Er
wurde immer berzeugter, er selbst htte es nicht soweit kommen lassen,
wenn er darum gewut und die Sache in seine Hand genommen, und
Apollonius drfe niemand seines Mordes anklagen, als den eigenen
Vorwitz. Diese Gedanken muten natrlich vor dem zunchst notwendigen
zurcktreten. Was er bis jetzt von der Vorgeschichte des
brudermrderischen Gedankens wute, konnte den entstandenen Verdacht
verstrken, aber ihn nicht entstehen machen, wenn nicht ein anderes, das
ihm noch unbekannt war, dazu trat. Er mute von dem schuldigen Sohne
selbst erfahren, ob es solch ein anderes gab. Sein Entschlu war fr
alle Flle gefat. Er verlangte Hut und Stock. Ein andermal wre
Valentin ber diesen Befehl erstaunt, vielleicht sogar erschrocken. Ist
man durch ein Auerordentliches aufgeregt, wie es der Gesell eben war,
kommt nur das unerwartet, was sonst das Gewhnliche hie, was an den
alten, ruhigen Zustand erinnert. Indes Valentin das Befohlene
herbeibrachte und der alte Herr sich zum Ausgehen bereitete, zeigte
dieser ihm noch einmal, wie grundlos und tricht seine Befrchtungen
seien. Wer wei, sagte der alte Herr grimmig, was der Nachbar gesehen
hat. Wie will er bei Nacht einen erkennen, der so weit entfernt von ihm
ist? Und Er dazu mit seinen Beilstichen! Nun drfte dem Jungen in
Brambach das Seil gerissen sein oder mte sonst zufllig verunglckt
sein, so wird Er sich steif und fest einbilden, seine eingebildeten
Beilstiche sind schuld gewesen, und der hat sie gemacht, den der Nachbar
-- der so einfltig ist als Er -- will haben in den Schuppen schleichen
gesehen. Und sagt Er ein Wort davon, oder ist Er so klug, da Er in
Rtseln zu verstehen gibt, was Er sich einbildet in seinem alten
Narrenschdel, so ist den andern Tag die ganze Stadt voll davon. Nicht
weil's wahrscheinlich wre, was Er da ausgeheckt hat, und kein
vernnftiger Mensch glauben kann, sondern weil die Leute froh sind,
einem andern das Schlimmste nachzureden. Gott wird ja vor sein, da der
Junge nicht zu Unglck kommt, aber es kann geschehen, und es ist
vielleicht schon geschehen. Wie leicht kommt einer hinter dem Ofen dazu,
geschweige ein Schieferdecker, der zwischen Himmel und Erde schwebt wie
ein Vogel, aber keine Flgel hat wie ein Vogel. Darum mit ist die edle
Schieferdeckerkunst eine so edle Kunst, weil der Schieferdecker das
sichtlichste Bild ist, wie die Vorsehung den Menschen in ihren Hnden
hlt, wenn er in seinem ehrlichen Berufe hantiert. Und lt sie ihn
fallen, so wei sie, warum; und der Mensch soll nicht Gespinste drum
hngen, die ber einen andern Unglck oder gar Schande bringen knnen.
Ich bin gewi, die Sache wird sich ausweisen, wie sie ist, und nicht,
wie Er sie sich da zusammengengstelt hat. Denn --

Soweit war der alte Herr in seiner Rede gekommen, da hrte man drauen
eine Last niedersetzen. Der alte Herr stand einen Augenblick stumm und
wie versteinert da. Der Valentin hatte durch das Fenster den
Blechschmiedegesellen kommen sehen, der eben ablud.

Der Jrg vom Blechschmied, sagte Valentin, der die blechernen
Girlanden vollends bringt.

Und da ist Er erschrocken mit seinen Einbildungen und hat gemeint, sie
bringen wer wei wen. Wo ist der Fritz?

Auf dem Kirchendach, entgegnete Valentin.

Gut, sagte Herr Nettenmair. Sag' Er dem Blechschmied, er soll
hereinkommen, wenn er fertig ist. Der Geselle tat's. Bis jener
hereinkam, fuhr Herr Nettenmair noch mit gedmpfteren Tnen in seiner
Strafpredigt fort. Er sprach davon, wie Menschen sich Einbildungen
zusammendichteten und sich darber ngsteten, wie ber wirkliche Dinge;
wie die Gedanken dem Menschen ber den Kopf wchsen und ihm keine gute
Stunde lieen, wenn er nicht gleich im Anfang sich ihrer erwehre. Es
war, als wollte der alte Herr sich ber sich selbst lustig machen. Er
dachte nicht daran, da er Valentin ber seinen eigenen Fehler
abkanzelte. Dagegen fhlte sich Valentin beschmt, als treffe ihn die
Strafe verdientermaen; und er hrte dem alten Herrn mit Andacht und
Zerknirschung zu, bis der Blechschmiedgesell hereinkam. Herr Nettenmair
fate den Stock, den ihm Valentin in die Hnde gab, setzte den Hut tief
in die Stirne, um der Welt so viel als mglich von dem unfreiwilligen
Gestndnis der toten Augen zu entziehen, und schttelte sich
majesttisch in dem blauen Rock zurecht. Valentin wollte ihn fhren,
aber er sagte: die Frau braucht Ihn, und Er wird wissen, was Er in
meinem Hause zu tun hat. Valentin verstand den Sinn der diplomatischen
Rede. Der alte Herr machte ihn verantwortlich fr das Benehmen der Frau.
Herr Nettenmair aber wandte sich nun dahin, wo des Blechschmiedegesellen
Respekt in ein leises Ruspern ausbrach, und fragte ihn, ob er Zeit
habe, ihn bis auf das Turmdach von Sankt Georg zu begleiten, wo sein
lterer Sohn arbeite. Der Blechschmied bejahte. Valentin wagte noch den
Vorschlag, Herrn Fritz lieber rufen zu lassen. Der alte Herr sagte
grimmig: ich mu ihn oben sprechen. Es ist wegen der Reparatur. Darauf
wandte er sich wieder zu dem Blechschmiedegesellen. Ich werde Seinen
Arm nehmen, sagte er mit herablassendem Grimm. Ich leide etwas an den
Augen, aber es hat nichts zu sagen.

Valentin sah den Gehenden eine Weile kopfschttelnd nach. Als der alte
Herr aus seinen Augen war, fiel die Zuversicht, die er der resoluten
Gegenwart des alten Herrn verdankte, wieder zusammen. Er schlug die
Hnde ineinander vor Angst; da ihm aber einfiel, er stehe in der Haustr
und sei verantwortlich fr jedes Gerede, das der Ausdruck seiner
Einbildungen veranlassen konnte, tat er, als habe er die Hnde
ineinandergelegt, um sie behaglich zu reiben.

Der Blechschmiedegeselle hatte gehrt, Herr Nettenmair sei schon seit
Jahren blind; der selbst hatte ihm gesagt, sein Augenleiden sei
unbedeutend; er merkte aber bald, die Leute mchten doch recht haben.
Nun nickte ein rasch Vorbergehender, und auf sein Wie geht's?
lchelte der alte Herr wiederum: Ich leide etwas an den Augen, aber es
hat nichts zu sagen. ber jeden andern an Herrn Nettenmairs Stelle
wrde der Gesell gelacht haben; aber die mchtige Persnlichkeit des
alten Mannes setzte ihn so in Respekt, da er den Widerspruch seiner
sinnlichen Wahrnehmung mit dessen Worten auf sich beruhen lie, und
zugleich seinen Sinnen glaubte: Herr Nettenmair sei blind, und Herrn
Nettenmair selbst: es habe nichts zu sagen.

Das Erscheinen des alten Herrn auf der Strae war ein Wunder und
sicherlich wrde es Aufsehen gemacht haben und der alte Herr durch
hundert Hndeschttler und Frager aufgehalten worden sein, htte nicht
ein anderes die Aufmerksamkeit von ihm abgelenkt. Da lief ein halblaut
und schnell Ausgesprochenes durch die Straen. Zwei, drei blieben
stehen, das Nherkommen eines Dritten, Vierten abwartend, der sich
merken lie, er wisse das, was sie zehn andere hnliche Gruppen bilden
sahen. Dort verkndete es einer im schnellen vorbereilen. Und immer
begann es mit einem: Wit ihr schon? das oft von einem: Aber was ist
denn geschehen? herausgefordert war. Herr Nettenmair brauchte nicht zu
fragen; er wute, ohne da es ihm einer zu sagen brauchte, was geschehen
war; aber er durfte sich nicht merken lassen, wie er wute, da man
eigentlich ihn htte fragen mssen; man wollte nicht allein wissen, was
geschehen war; auch das wie und wodurch und das warum. Der
Blechschmiedegeselle meinte, Herr Nettenmair wollte an ihm niedersinken,
aber der alte Herr hatte sich nur an den Fu gestoen, es hatte nichts
zu sagen. Der Gesell fragte einen Vorbereilenden. Ein Schieferdecker
ist verunglckt in Brambach. Wie denn? fragte der Gesell. Ein Seil
ist zerrissen. Weiter wei man noch nichts. Herr Nettenmair fhlte, wie
der Gesell erschrak, und da er ber den Gedanken erschrak, der Sohn des
Mannes war verunglckt, den er fhrte. Er sagte: Es wird in Tambach
gewesen sein. Die Leute haben falsch gehrt. Es hat nichts zu sagen.
Der Gesell wute nicht, was er von der Gleichgltigkeit des Herrn
Nettenmair denken sollte. Der sagte zu sich, indem das brennende Rot auf
seine Wangen trat: Ja, es mu sein. Es mu sein. Er dachte daran, es
gab etwas, womit man allen Gerichten, allen Untersuchungen aus dem Wege
gehen kann. Das Etwas, das er meinte, mute ein hartes Etwas sein; denn
er bi die Zhne zusammen, als er mit dem Kopfe nickte und zu sich
sagte: Es mu sein. Nun mu es sein. Der Gesell ging, den alten Herrn
fhrend, wie im Traume neben ihm die Turmtreppe von Sankt Georg hinan.
Die Leute hatten recht; Herr Nettenmair war doch ein eigener Mann!

Der alte Herr hatte gesagt, er msse den Sohn auf dem Kirchendach
sprechen -- wegen der Reparatur. Er hatte ohne Absicht in seiner
diplomatischen Art geredet.

Es mute auf dem Kirchendache sein, und es galt eine Reparatur, aber
nicht die des Kirchendachs.

                   *       *       *       *       *

Zwischen Himmel und Erde ist des Schieferdeckers Reich. Zwischen Himmel
und Erde, hoch oben auf dem Kirchendach von Sankt Georg, schaffte Fritz
Nettenmair, als der alte Herr sich die Treppe zu ihm hinauffhren lie.
Hier herauf war Fritz Nettenmair geflohen vor den Augen der Menschen,
die er alle auf sich gerichtet meinte, hier herauf hatte er sich
geflchtet, vor seinen Gedanken in einen wtenden Flei. Er hatte die
ganze Hlle in seiner Brust mit heraufgebracht; und wie angestrengt er
schaffte, der Schwei, der ihm auf der Stirne stand, war nicht der warme
redlichen Mhens, es war der kalte Schwei der Gewissensangst. Er
hmmerte Schiefer zurecht und nagelte sie fest, so angstvoll hastig, als
nagelte er den Weltenbau fest, der sonst einstrzen mte in der
nchsten Viertelstunde. Aber seine Seele war nicht bei dem Hmmern, sie
war dort, wo unaufhrlich Stricke rissen und verunglckende
Schieferdecker polternd hinabstrzten in den gewissen Tod. Zuweilen
hielt er pltzlich inne; es war ihm, als mte er hinunterrufen: Nach
Brambach! Er soll nicht die Leiter besteigen! er soll sich nicht auf
sein Fahrzeug setzen. Aber dann blieben die vielen Hunderte, die wie
Ameisen da unten durcheinanderliefen, in Schreck versteinert stehen, und
soviel Paar Augen, berfllt mit Grauen und Abscheu, starrten herauf,
und der Hscher kam und stie ihn vor sich her die Treppe herunter; und
vielleicht war es doch zu spt! Dann einmal faltete er die Hnde ber
den Deckhammer und gelobte: strbe Apollonius nicht, er will ein braver
Mann werden. Er denkt nicht, da ihn das reuen wird, sobald er
Apollonius gerettet wei. -- Da kommt jemand die Treppe herauf -- ist's
der Hscher schon? Nein. Es wei niemand, was er getan. Er verzerrt sein
Gesicht in Trotz und fragt: Wer will mir was anhaben? Jetzt hrt er
Stimmen, und die Klnge der einen davon treffen wie Hammerschlge auf
sein gequltes Herz. Das ist die einzige Stimme, die er hier zu hren
nicht erwartet. Wird der fragen, dem sie gehrt: Wo ist dein Bruder
Abel hin? Nein. Er will dem Sohne sagen, da jener verunglckt ist; er
meint, es ist ein Unglckstag und er soll heute nicht mehr arbeiten. Und
fragt er doch, die Antwort ist fast so alt als das Menschengeschlecht:
Soll ich meines Bruders Hter sein? Dabei kommt's ihm wie eine
Erleichterung, da ihm einfllt, der Vater ist blind. Denn er wei,
seine sehenden Augen knnte er jetzt nicht ertragen. Er hmmert und
nagelt immer hastiger. Er wrde dem Vater ausweichen, wenn er knnte,
aber der Dachstuhl ist schmal und der Alte spricht schon am
Aussteigeloch im Dache. Er will ihn nicht eher bemerken, als bis er mu.
Nun ist's schon gut, hrt er den Alten sagen. Mach' Er Seinem Meister
mein Kompliment; und da ist etwas fr Ihn. Trink' Er eine Gesundheit
dafr. Fritz Nettenmair hrt, der alte Herr setzt sich auf die
blogelegte Latte im Aussteigeloch, und wei, der alte Herr fllt die
ganze ffnung mit seiner Gestalt. Er hrt den Dank des Gesellen und
seine Tritte, wie sie immer ferner klingen.

Schnes Wetter, sagt Herr Nettenmair. Der Sohn errt, der Alte will
wissen, ob noch jemand in der Nhe ist. Es antwortet niemand; Fritz
Nettenmair stirbt der Ton in der Brust; er hmmert immer lauter und
hastiger. Er wnscht, die Stunde, der Tag, das Leben wr' zu Ende.
Fritz, ruft der Alte. Er ruft noch einmal, und er ruft noch einmal.
Fritz Nettenmair mu endlich antworten. Er denkt an den Ruf: Kain, wo
bist du? Hier, Vater, entgegnet er und hmmert fort.

Der Schiefer ist fest, sagte der Alte gleichgltig; ich hr's am
Klange; er blttert nicht.

Ja, entgegnete Fritz mit klappernden Zhnen, er nimmt kein Wasser.

Er ist besser geworden als frher, fhrt der Alte fort; sie sind
tiefer in den Bruch hineingekommen. Es scheint, du bist allein. Ein
Ja erstirbt im Munde des Sohnes. Je tiefer er lagert, desto fester
ist das Gestein. Ist keine Rstung weiter in der Nhe?

Keine.

Gut. Komm hierher. Hier vor mich. --

Was soll ich?

Hierher kommen. Was gesagt sein mu, mu leise gesagt sein.

Fritz Nettenmair trat, in allen Gelenken schlotternd, vor den Vater. Er
wute, der war blind, und doch suchte er seinem Blicke auszuweichen. Der
Alte rang nach Fassung, aber davon sprach kein Zug in dem verwitterten
Gesicht; nur die Dauer seines Schweigens und sein Atem, der das schwere,
chzende Wandeln des Perpendikels an der nahen Turmuhr wie ein mdes
Echo nachzuklingen schien. Fritz Nettenmair ahnte aus den
Vorbereitungen, was kommen msse. Er rang nach Trotz. Wenn er's in
seinem Argwohn errt, wer will mir's beweisen? Und knnt' er's beweisen,
er gibt mich nicht an; davor bin ich sicher. Warum auch sonst will er
leise reden? mag er sagen, was er will, ich wei nichts, ich bin nichts
gewesen, ich hab' nichts getan. Sein Gesicht rang sich aus dem Zittern
aller Muskeln bis zum wildesten Ausdrucke des Trotzes hindurch. Der alte
Herr schwieg noch immer. Gedmpft klang das Treiben der Straen in die
Hhe herauf; unten lag schon violetter Schatten, um das Fahrzeug
Apollonius' bebte der letzte Sonnenstrahl. Etwas ferner rauschte ein Zug
vom Felde heimkehrender Tauben vorbei. Es war ein Abend voll
Gottesfrieden. Tief unten weit hingedehnt die grne Erde; oben hoch der
Himmel, wie ein Kelch aus blauem Kristall darber gedeckt. Kleine,
rosige Wlkchen wie Flocken hingestreut. Der Lrm von unten erlosch
immer mehr. Die Luft trug einzelne Tne einer fernen Glocke mit sich und
schlug sie leise spielend wie wiederkehrende Wellen gegen das Dach. Dort
ber der nchsten grnen Hhe, wo sie herkommen, liegt Brambach. Es mu
das Abendgelute von Brambach sein. Hoch am Himmel und tief auf der
Erde, berall Gottesfrieden und s aufgelstes Hinsehnen nach Ruhe. Nur
zwischen Himmel und Erde die beiden Menschen auf dem Kirchdach zu Sankt
Georg fhlen nicht seine Flgel. Nur ber sie vermag er nichts. In dem
einen brennt der Wahnsinn berreizten Ehrgefhls, in dem andern alle
Flammen, alle Qualen der Hlle.

Wo ist dein Bruder? drang es endlich zwischen den Zhnen des einen
hervor.

Ich wei nicht. Wie soll ich's wissen? bumt sich im andern der Trotz.

Du weit nicht? Der alte Herr flsterte nur, aber jedes seiner Worte
schlug wie ein Donner in die Seele des Sohnes. Ich will dir's sagen.
Drben in Brambach liegt er tot. Das Seil ist ber ihm zerrissen und du
hast's mit Beilstichen zerschnitten. Der Nachbar hat dich in den
Schuppen schleichen sehn. Du hast vor deiner Frau gedroht, du willst es
tun. Die ganze Stadt wei es; eben tragen sie's in die Gerichte. Der
erste, der nun die Treppe heraufkommt, ist der Hscher, der dich vor den
Richter fhrt. --

Fritz Nettenmair brach zusammen; die Rstung knackte unter ihm. Der Alte
horchte auf. Fiel der Elende am Rande des Gerstes zusammen, so strzte
er hinab in die Tiefe, und alles war vorber! Alles, was sein mute, war
getan! Eine Lerche stieg aus einem nahen Garten in die Hhe und streute
ihr lustiges Tirili ber Bume und Huser hin. Glcklichere Menschen
hrten den Gesang aus der Ferne; Arbeiter lieen den Spaten ruhen,
Kinder Peitsche und Kreisel, und suchten mit himmelaufgewandten Augen
den schwebenden Punkt, und horchten mit verhaltenem Atem hinauf. Der
alte Herr Nettenmair hrte die nahe Lerche nicht; er hielt auch den Atem
an, aber er horchte hinunter, nicht hinauf. Und es war nichts, das wie
Lerchengesang klingt, was er erhorchen wollte. Es war ein Poltern auf
dem Dach unter ihm, ein gebrochener Angstruf. Er horchte erst voll
Hoffnung, dann voll Angst. Nichts klingt herauf. Vor ihm auf den
Brettern des Gerstes rchelt ein schwerer Atem. Er hrt, der Zufall,
der ihm mitleidig helfend vorgreifen konnte, hat es nicht getan. Er mu
es tun, denn getan mu es sein. Sonst zeigen die Menschen mit den
Fingern auf die Kinder: Die sind's, deren Vater seinen Bruder erschlug
und auf dem Hochgericht oder im Zuchthause starb. Und wo es lngst
vergessen ist, da drfen sie sich nur zeigen, da wird es wieder wach; da
deuten die Menschen wieder mit den Fingern und wenden mit Schaudern sich
von ihnen ab. Das Vertrauen, das er von den Eltern erbt, ist das
Kapital, womit der Mensch anfngt. Es mu ihm erwiesen werden, eh' er's
hat verdienen knnen, damit er lernt, Vertrauen zu verdienen. Wer wird
ihnen Vertrauen erweisen, die mit ihres Vaters Schande gezeichnet gehen?
Wie sollen sie Vertrauen verdienen lernen? Mitten unter den Menschen von
den Menschen ausgestoen, mssen sie nicht werden, wie ihr Vater war?
Und sein eigenes langes Leben voll Anstrengung, Ehre zu erwerben und zu
bewahren, wird rckwrts angesteckt von des Sohnes Schmach. Die Kinder
hlt man fr fhig zu tun, wie der Vater tat, und es kann kein ehrlicher
Vater gewesen sein, der solchen Sohn hatte! -- Immer brennender glhte
die Rte auf der eingefallenen Wange; die zusammengesunkene Brust
richtete sich keuchend empor. Er machte unwillkrlich eine vordeutende
Bewegung mit dem Arm. Fritz Nettenmair ahnte ihren Sinn und wollte sich
aufraffen und wre wieder umgesunken, sttzte er sich nicht mit beiden
Hnden. So lag er auf Hnden und Knien vor dem Alten, als er den
Angstruf ausstie: Was willst du, Vater? Womit gehst du um?

Ich will sehen, erwiderte der Alte mit pfeifendem Flstern, ob ich's
tun mu oder ob du's tun wirst, was getan sein mu. Und getan mu es
sein. Noch wei niemand etwas, was zur Untersuchung fhren kann vor den
Gerichten, als ich, deine Frau und der Valentin. Fr mich kann ich
stehen, aber nicht fr die, da sie nicht verraten, was sie wissen. Wenn
du jetzt herabfllst von der Rstung, so da die Leute meinen knnen, du
bist ohne Willen verunglckt, dann ist die grte Schande verhtet. Der
Schieferdecker, der verunglckt, steht vor der Welt als ein ehrlicher
Toter, so ehrlich als der Soldat, der auf dem Schlachtfeld gestorben
ist. Du bist einen solchen Tod nicht wert, Bankrottierer. Dich sollte
der Henker auf einer Kuhhaut hinausschleifen auf den Richtplatz,
Schandbube, der du den Bruder umgebracht hast und hast vergiften wollen
das zuknftige Leben der unschuldigen Kinder und mein vergangenes, das
voll Ehre gewesen ist. Du hast Schande genug gebracht ber dein Haus, du
sollst nicht noch mehr Schande darber bringen. Von mir sollen sie nicht
sagen, da mein Sohn, und von meinen Enkeln nicht, da ihr Vater auf dem
Blutgerst oder im Zuchthause gestorben ist. Du betest jetzt ein
Vaterunser, wenn du noch beten kannst. Dann wendest du dich, als
wolltest du wieder zu deiner Arbeit gehen, und trittst mit dem rechten
Fu ber die Rstung. Sag' ich, der Schreck ber seines Bruders Unglck
hat ihn schwindeln gemacht: mir glauben's die Gerichte und die Stadt.
Das ist's, was ein Leben einbringt, das anders gewesen ist als deins.
Tust du's nicht gutwillig, so strz' ich mit dir hinab und du hast auch
mich auf deinem Gewissen. Die Leute wissen, ich leide an den Augen; ich
bin gestrauchelt und hab' mich an dir anhalten wollen und hab' dich
mitgerissen. Meines Lebens ist nach dem, was ich heut' erfahren hab',
keine Dauer mehr und kein Wert; ich bin am Ende, aber die Kinder fangen
erst an. Und auf den Kindern soll keine Schande haften, so wahr ich
Nettenmair heie. Nun besinn' dich, wie es werden soll. Ich zhle
fnfzehn Paar Schlge an dem Perpendikel dort.

Fritz Nettenmair hatte mit wachsendem Entsetzen die Rede des Vaters
gehrt. Da seine Tat noch nicht ffentlich bekannt war, gab ihm
Hoffnung. Die Angst vor dem gedrohten Tode weckte einen Teil seiner
Krfte wieder. Er flchtete sich wieder in seinen Trotz. Hastig sagte
er, nachdem der Alte ausgeredet hatte: Ich wei nicht, was du willst.
Ich bin unschuldig. Ich wei nicht, was du da von Beilstichen sagst. Er
erwartete, der Vater wrde auf seine Einwendungen eingehen, wenn auch
erst unglubig. Aber der Alte begann ruhig zu zhlen. Eins -- zwei. --
Vater, fiel er ihm mit steigender Angst in das Zhlen, und der Trotz
seines Tones brach im Flehen: Hr' mich doch nur. Die Gerichte hren
einen und du hrst mich nicht. Ich will mich ja hinunterstrzen, weil du
mich tot haben willst, ich will sterben, wenngleich unschuldig. Aber
hre mich nur erst! Der alte Herr entgegnete nicht; er zhlte fort. Der
Elende sah, sein Urteil war gesprochen. Der Vater glaubte nicht, was er
auch sagen mochte; und er wute, was der eigensinnige alte Mann sich
einmal vorgenommen, das fhrte er unerbittlich aus. Er wollte sich
darein ergeben, da kam ihm der Gedanke, noch einmal zu flehen; dann fiel
ihm ein: er konnte den Alten zurckwerfen und ber ihn hin entfliehen,
dann: er wollte sich anhalten, wenn der Alte sich an ihn hing, um nicht
mitzustrzen. Das konnte ihm kein Mensch verdenken. Dazwischen sah er
schaudernd, was ihn erwartete, wenn er floh und die Gerichte faten ihn
doch. Es war besser, er starb jetzt. Aber noch Schrecklicheres erwartete
ihn ber dem Tode drben. Er sann zurck und lebte sein ganzes Leben im
Augenblicke noch einmal durch, um zu finden, der ewige Richter konnte
ihm verzeihen. Seine Gedanken verwirrten sich; er war bald dort, bald
da, und hatte vergessen, warum. Er sah die Nebel sich ballen, in denen
der Gesell verschwunden war, zugleich sah er zu den hellen Fenstern des
roten Adlers auf, es klang: Da kommt er ja! Nun wird's famos! Er stand
an den Straenecken und zhlte und die Bretter wollten unter Apollonius
nicht brechen, die Stricke ber ihm nicht reien; er stand wieder vor
der Frau und sagte ber des sterbenden nnchens Bett gebeugt: weit du,
warum du erschrickst? und holte aus zu dem unseligen Schlage; selbst
da er vor dem Vater dalag und hin und her sann in grlich angstvoller
Hast, kam ihm vorberfliehend wie in einem Fiebertraum. Dann war's ihm,
als kme er zu sich und unendliche Zeit sei vergangen zwischen dem
Augenblick, wo der Vater die Perpendikelschlge zu zhlen begonnen, und
jetzt. Es msse ja alles gut sein. Er msse sich nur besinnen, ob er
ber den Vater hinweggeflohen, oder ob er sich angehalten als ihn der
Vater mit sich hinunterreien wollte. Aber da lag er noch, dort sa der
Vater noch. Er hrte ihn Neun zhlen und dann schweigen. Die Besinnung
verlie ihn vllig.

Der alte Herr aber schwieg wirklich. Er zhlte nicht mehr. Sein scharfes
Ohr hrte einen eilenden Schritt auf der Treppe. Er griff nach dem Sohne
und hielt ihn, wie um seiner gewi zu sein, da er ihm nicht entgehe. Er
fhlte an der Klte und Widerstandslosigkeit des Gliedes, das er gefat,
es sei unntig, den Sohn zu halten! er msse ohnmchtig sein. Eine neue
Sorge wuchs ihm daraus. War der Sohn ohnmchtig, so mute er, wenn
mglich, das fremden Blicken entziehen. Auch diese Ohnmacht konnte den
Verdacht entstehen oder wachsen machen. Er erhob sich und wandte sich
von der Dachluke nach dem Kommenden. Er war unschlssig, sollte er die
Luke mit seinem Krper decken oder dem Kommenden entgegengehen. Der
Geselle, den er vorhin nach Brambach geschickt -- denn dieser war's, der
so eilig kam -- hustete auf der Treppe. Den konnte er abhalten von der
Rstung; ja, er konnte ihm vielleicht den Anblick des darauf Liegenden
entziehen, wenn er ihm entgegenging und ihn noch auf der Treppe
abfertigte. So vielleicht gewisser, als wenn er vor der Luke stehen
blieb, da es wahrscheinlich war, er verdecke dieselbe doch nicht vllig.
Jetzt fhlte der alte Herr erst, wie das, was er heute erfahren, seine
Krfte gelhmt. Aber der Gesell merkte nichts davon als er den alten
Herrn, an den Treppenbalken gelehnt, ihm den Weg versperren sah.

Soll ich ihn herholen, Herr Nettenmair? fragte der Geselle, indem er
auf der Treppe stehen blieb.

Wen? fragte Herr Nettenmair dagegen. Er hatte Mhe, seine knstliche
Ruhe zu bewahren. War der Geselle in Brambach gewesen, so konnte er
nicht so ruhig sprechen, er mochte sprechen, von wem er wollte.

Nun, er wird nunmehr daheim sein, entgegnete der Geselle. Der alte
Herr wiederholte seine Frage nicht, er mute sich an dem Balken
festhalten, an dem er lehnte. Er war schon auf dem Wege, fuhr der
Geselle fort; ich bin mit ihm ans Tor gegangen. Da hat er mich zum
Blechschmied geschickt, ich sollte fragen, ob das Blechzeug endlich
fertig wr. Der Jrg sagte, er htt's schon hingeschafft, und km' eben
vom Turmdach von Sankt Georg, da htt' er den alten Herrn Nettenmair
hinaufgefhrt. Da hab' ich gemeint, er wird noch oben sein; und weil's
so eilig war, wollt' ich ihn fragen, ob ich vielleicht den Herrn
Apollonius heraufschicken soll.

Jetzt erst gelang's Herrn Nettenmair, den Balken, an dem er sich hatte
festhalten mssen, herauf und herunter zu betasten, als ob er ihn nur
umfat, um ihn zu untersuchen. Da er fhlte, seine Hnde zitterten, gab
er seine Untersuchung auf. Er sagte so grimmig, als er im Augenblick
vermochte: Ich komme selber hinunter. Wart' Er auf dem Absatz, bis ich
Ihn rufe. Der Geselle gehorchte. Herr Nettenmair schpfte tief Atem,
als er sich nicht mehr beobachtet wute. Aus dem Atem ward ein
Schluchzen. Jetzt, da der Seelenkrampf, in dem er sich seit Valentins
Mitteilung befunden, sich zu lsen begann, trat erst der Vaterschmerz
hervor, den die leidenschaftliche Anstrengung fr die Ehre des Hauses
bisher nicht zu Worte hatte kommen lassen. Er fand nun erst Zeit, das
Unglck des rechtschaffenen Sohnes zu beweinen, als sich zeigte, es
hatte ihn nicht getroffen. Aber es fiel ihm ein, der brave Sohn schwebt
noch immer in der gleichen Gefahr, so lange der Schlimme sich in seiner
Nhe befindet. Auch diesen Fall hatte er in seinem Plane vorgesehen und
sich gesagt, was er dann tun msse. Die bisherige Kraft, die nur eine
angemate war, htte ihn mit dem Krampfe verlassen, galt es nicht noch
immer die Rettung des braven Sohnes und die Ehre seines Hauses. Er
tastete sich nach der Dachluke hin. Fritz Nettenmair war unterdes aus
seiner Betubung wieder erwacht, und es war ihm gelungen, aufzustehen.
Der alte Herr hie ihn von der Rstung hereintreten und sagte: Morgen
vor Sonnenaufgang bist du nicht mehr hier. Sieh, ob du in Amerika
wiederum ein anderer Mensch werden kannst. Hier bist du in Schande und
bringst Schande. Nach mir gehst du heim; Geld sollst du haben; du machst
dich fertig. Du hast seit Jahren nichts fr Weib und Kind getan, ich
sorge fr sie. Vor Tagesanbruch bist du auf dem Weg. Hrst du?

Fritz Nettenmair wankte. Eben noch hatte er dem unausbleiblichen Tode in
die Augen gesehen; nun sollte er leben! Leben, wo niemand wute, was er
getan, wo ihn nicht jedes zufllige Gerusch mit dem Wahnbild des
Hschers schrecken durfte. In diesem Augenblicke fhlte er selbst das
als ein Glck, da er fern sein sollte von dem Weibe, um das er alles
getan, was er getan, und in deren Anschauen er Tag fr Tag alles
mitsehen sollte, was er getan; die seine Tat wute, von der jeder Blick
eine Drohung war, ihn der Vergeltung zu berliefern. Es graute ihm vor
dem Hause, in dem ihn stndlich alles erinnern mute an das, was er
unter dem fremden Himmel ganz zu vergessen hoffte, und sich vormachte,
durch ein neues Leben abben zu wollen. Am liebsten wre er sogleich
unmittelbar von der Stelle, wo er jetzt stand, dem Rettungshafen
zugeeilt.

Apollonius ist nicht gestrzt, fuhr der Alte fort und Fritz
Nettenmairs ganzer neuer Himmel versank. Das alte Gespenst hatte ihn
wieder in seinen Fusten. Nun liebte er wieder das Weib, das zu fliehen
er eben noch sich gefreut. Mit dem Gegenstande seines Hasses lebte der
Ha und die Liebe wieder auf, und beide waren Hllenflammen. Er meinte,
alles habe er gekonnt; Sterben war ein Scherz, lag nur auch der
Nebenbuhler tot. Gewissensangst, das drohende Jenseits, alles war
ertrglich, nur eins nicht: sie in seinen Armen zu wissen. Der Alte
hatte des Sohnes Ja erwartet. Du gehst, sagte er, als dieser schwieg.
Du gehst. Du bist morgen vor Tag noch auf dem Weg nach Amerika, oder
ich bin auf dem Weg in die Gerichte. Soll Schande sein, so ist's besser
bloe Schande, als Schande und Mord. Denk', ich hab's geschworen, und
nun tu', was du willst.

Der alte Herr rief den Gesellen herauf und lie sich heimfhren.

                   *       *       *       *       *

Unterdes war das Gercht, das dem alten Herrn auf seinem Wege nach Sankt
Georg begegnet war, auch in die Strae gekommen, wo das Haus mit den
grnen Laden steht. Vor den Fenstern erzhlte es ein Vorbergehender
einem andern. Die Frau hrte nichts als: Wit ihr's schon? In Brambach
ist ein Schieferdecker verunglckt. Dann sank sie vom Stuhle, von dem
sie aufspringen wollte, auf die Dielen. Wiederum mute der alte Valentin
seinen Schmerz um Apollonius ber der Angst und Sorge um die Frau
vergessen. Er eilte hinzu. Den Fall ganz verhindern konnte er nicht, nur
den Kopf der Frau vor der scharfen Kante des Stuhlbeins bewahren. Da sa
er neben der liegenden Frau auf den Fen und hielt in den zitternden
Hnde Nacken und Kopf der Frau. Von seinem Griffe war ihr das volle,
dunkelbraune Haar ber der Stirne aufgegangen und verdeckte das bleiche
Gesicht. Ihre vorderen Haare hatten einen Drang, sich in natrlichen
Locken zu kruseln, den sie durch das scharfe Anziehen der Scheitel nur
vorbergehend berwinden konnte. Es war, als htten sie die Ohnmacht
ihrer Besitzerin benutzt, ihm nachzugeben. Der alte Valentin machte sich
die Hnde frei, indem er ihre Last vorsichtig leise auf den Boden
gleiten lie, und versuchte die Haare aus dem Gesicht zu streichen. Er
mute sehen, ob sie noch lebe. Das verursachte ihm lange Zeit
vergebliche Mhe; die Angst machte seine alten Hnde noch ungeschickter;
dazu kam die eigene Scheu, die einen alten Junggesellen unerbittlich in
so enger weiblicher Nhe befngt; und der Eigensinn der Haare, die immer
wieder im krausen Gelock ber dem Gesichte zusammenschlugen. Der Hals-
und der Schlfenpuls wehrten sich dagegen, er sah, wie sie die Haare mit
ihren Schlgen bewegten und fate wieder Hoffnung. Auf dem Tisch stand
eine Flasche mit Wasser; er go sich davon in die hohle Hand und
spritzte es ihr auf Haare und Gesicht. Das wirkte. Sie machte eine
Bewegung; er half ihr den Oberleib aufrichten und sttzte ihn. Sie
strich sich nun selbst die widerstrebenden Haare aus dem Gesicht und sah
sich um. Ihr Blick hatte etwas so Fremdes, da der Valentin von neuem
erschrak. Dann nickte sie mit dem Kopfe und sagte mit leiser Stimme:
Ja. Valentin verstand, sie sagte sich, sie habe die schreckliche
Nachricht gehrt und nicht getrumt. An dem Ton ihrer Stimme hrte er,
sie sagte sich wohl, was geschehen, aber sie begriff es nicht. Es war,
als ginge es nicht sie an, was sie sich sagte, und als besnne sie sich,
wen es wohl treffen mge. Sie ahnte wohl, es war Schreck und Schmerz,
wenn sie dahinter kam, aber sie wute in dem Augenblicke nicht,
was Schreck ist und Schmerz; ein traumhaftes Vorgefhl von
Hndezusammenschlagen, Erbleichen, Umsinken, Aufspringen, hnderingendem
Umhergehen, Mdigkeit, die auf jeden Stuhl, an dem sie vorbeiwankt,
niedersinken mchte, und doch weiter getrieben wird von fortwhrendem
wildem Zurckbumen und wieder matt nach vorn auf die Brust Sinken des
Kopfes; ein traumhaftes Vorgefhl von alledem wandelte in der Stube vor
ihr, wie ihr eigenes, undeutliches, fernes Spiegelbild, hinter einem
bergenden Florschleier. Nher und unterscheidbarer war ein dumpfer Druck
ber der Herzgrube, der zum stechenden Schmerze wuchs, und das
angstvolle Wissen, er msse sie ersticken, wenn sie das Weinen nicht
finden knne, das alles heilen msse. So sa sie lange regungslos und
hrte nichts von alledem, was der alte Valentin in seiner Angst ihr
vorsprach. Es war nichts daran verloren; der Alte glaubte selbst nicht
an seine Trostgrnde, wenn er ihr beweisen wollte, Apollonius knne
nicht verunglckt sein; er sei zu vorsichtig dazu und zu brav. Und
vollends die Geschichte aus seiner Jugend, wo sich Leute, die nun lange
tot sind, von einem hnlichen Gerchte vergeblich hatten abschrecken
lassen! Er wute es und erzhlte doch immerfort und beschrieb die
Personen, als mte es die Frau unfehlbar beruhigen, wenn sie den alten
Amtmann Kern und seine Haushlterin vor den Augen ihres Geistes she,
wie sie damals leibten und lebten. Er htte sein Leben hingegeben, um
ihr zu helfen; er wute in seiner Ratlosigkeit nicht, wie? So suchte er
sich selbst ber die Angst des Augenblicks durch immer eifrigeres
Erzhlen hinauszuhelfen. Dabei belauschte er die kleinste Bewegung in
den Zgen des bleichen, schnen Gesichts; und je schner und
jugendlicher es ihm vorkam, desto schwerer schien ihm, was sie litt, und
desto eifriger wurde sein Erzhlen. Als eine siebzehnjhrige Braut hatte
er sie in das Haus mit den grnen Laden einziehen sehen, acht Jahre
hatte er in ihrer Nhe gelebt. Die bis in ihr vierundzwanzigstes ein
innerlich unberhrtes, heiter mit den Dingen spielendes Kind gewesen;
was hatte sie in den letzten zwei Jahren erduldet! Und wie schn war sie
immer geblieben in ihrem Dulden, wie schn hatte sie geduldet! Nun lag
sie zerbrochen als halb aufgeschlossene Blume da vor seinen alten Augen,
die so oft um sie geweint; mehr ber die Milde und unbewute,
unzerstrbare Hoheit, womit sie ihr Unglck trug, als ber ihr Unglck
selbst. Es gibt rhrende Gestalten, die die Angst, die selbst der Zorn
nicht entstellt; und in all ihrem Tun, selbst in ihrem Lcheln, selbst
in ihrer lauten Freude uns bewegen, deren Anblick uns rhrt, ohne da
wir an einen Schmerz, an ein Leiden bei ihrem Anschauen denken mssen.
Es ist auch keine schmerzliche Rhrung, die wir da empfinden; und der
Schmerz selbst hat auf solchem Gesicht eine wunderbare Kraft, uns
zugleich zu trsten und rhrend zu erheben, indem er uns zum tiefsten
Mitleid mit seinem Trger dahinreit. Als eine solche Gestalt hatte
Christiane, so lang er sie kannte, vor des alten Valentin Augen
gestanden, als eine solche lag sie jetzt vor ihm da.

Endlich hatte sie das Weinen gefunden. Der alte Valentin lebte wieder
auf; er sah, sie war gerettet. Er las es in ihrem Gesicht, das, so
ehrlich, wie sie selbst, nichts verschweigen konnte. Er sa und hrte
mit so freudiger Aufmerksamkeit auf ihr Weinen, als wr's ein schnes
Lied, das sie ihm vorsnge. In den Augenblicken, wo der Mensch der
strkeren Natur sich ohne Abzug hingeben mu, erkennt man am sichersten
seine wahre Art. Was von Tierheit im Menschen unter der hergebrachten
Schminke sogenannter Bildung oder vorstzlicher Verstellung verborgen
lag, trat dann unverhohlen hervor in den Bewegungen des Krpers und in
dem Ton der Stimme. Der alte Valentin hrte die reine Melodie in
Christianens Stimme im hingegossenen Weinen, welche sie nach dem Schlag
ber nnchens Bett im Doppelschrei von Schmerz und Entrstung nicht
verloren hatte. Sie hatte sich ausgeweint und erhob sich; der alte
Valentin htte ihr nicht zu helfen gebraucht. Sie machte sich zum
Ausgehen fertig. Ihr Wesen hatte etwas feierlich Entschiedenes
angenommen. Valentin sah's mit Erstaunen und Sorge. Ihm fiel seine
Verantwortlichkeit ein. Er fragte ngstlich, sie wolle doch nicht fort?
Sie nickte mit dem Kopfe. Aber ich darf Sie nicht fortlassen, sagte
er. Der alte Herr hat mir's mit Ketten auf die Seele gebunden.

Ich mu, sagte sie. Ich mu in die Gerichte. Ich mu sagen, da ich
schuld bin. Ich mu meine Strafe leiden. Der Grovater wird sich meiner
Kinder annehmen. Ich mchte den Herren sagen, sie sollen ihn zu dem
nnchen legen; er hat's so lieb gehabt. Ich mchte auch dabei liegen,
aber das werden sie nicht tun. Nein, davon will ich nichts sagen.

Valentin wute nicht, was er erwidern sollte. Er durfte sie nicht
fortlassen und sah an ihrer Entschiedenheit, er wrde sie nicht
aufhalten knnen. Wenn nur der alte Herr erst da wre! dachte er. Er
sagte: Tten Sie dem alten Valentin nichts auf der Welt zu lieb?

Sie sah ihn aus ihrem Schmerze freundlich an und entgegnete: Wie Ihr
fragen knnt! Ihr habt ihn immer lieb gehabt, und das verge ich Euch
nicht, so lang ich noch lebe. Er ist gestorben und ich mu auch sterben.
Kann ich Euch noch etwas tun, eh' ich gehen mu, so drft Ihr's nur
sagen. Wenn ich's auch tun kann und wenn Ihr nicht verlangt, da ich
nicht gehen soll.

Nein, sagte der Alte. Das nicht. Aber wenn Sie nur so lange
bleiben wollten, bis der alte Herr zurckkommt, da ich meiner
Verantwortlichkeit ledig bin. Dem Alten war's nicht allein um sich zu
tun. Er hoffte zugleich, der alte Herr wrde in seiner Geistesgegenwart
ein Mittel finden, wodurch sie von ihrem Vorhaben abzubringen sei.

Die Frau nickte ihm zu. So lang will ich warten, entgegnete sie.

Den Alten trieb Sorge und Hoffnung hinaus, zu sehen, ob Herr Nettenmair
noch immer nicht komme. Christiane holte ihr Gesangbuch vom Pulte und
setzte sich damit an den Tisch.

Der Valentin blieb lnger aus, als er selbst gedacht hatte. Als er
wieder hereinkam, war er nicht mehr der, der vorhin hinausgegangen. Er
war verwirrt und verlegen, aber ganz anders verwirrt als vorhin. Er
stand immer im Begriff, etwas zu tun oder zu sagen, worber er erschrak
und etwas anderes tat oder sagte und wiederum ungewi schien, ob er
nicht auch darber erschrecken sollte. Immer und wenn er gar nichts
gesagt hatte, meinte er, er habe zuviel gesagt. Manchmal war's, als ob
er lachte; dann sah er wieder desto trauriger aus. Und das pate nicht
zu dem, was er sprach; denn er redete vom Wetter. Dazwischen machte er
sich viel an der Tr zu schaffen, die er immer wieder einmal ffnete;
zuletzt blieb er im Hausflur stehen, wo er den Gang nach dem Schuppen
hin bersehen konnte; und es waren die wunderlichsten Vorwnde, durch
die er all diese Ttigkeiten rechtfertigte. Die junge Frau bemerkte erst
die Vernderung nicht, dann bewunderte sie ihn verwundert und immer
ahnungsvoller. Zuletzt hatte er sie angesteckt mit seinem Wesen. Wenn er
unwillkrlich lachte, glhte sie in Hoffnung auf, wenn er dann ein
trauriges Gesicht machte, drckte sie die Hnde zusammen und wurde
wieder bleich. Sie folgte seinen Augen, ihm selbst nach der Tr und
erschrak, so oft er sie ffnete. Dabei sprachen sie immer vom Wetter;
wren sie ruhig gewesen, sie htten ber ihre eigenen Reden lachen
mssen; aber man sah, er frchtete sich, etwas zu sagen, sie frchtete
sich, nach dem Etwas zu fragen. Zuletzt prete sie beide Hnde bald
gegen das Herz, das das Mieder durchschlagen wollte, bald gegen die
brennenden, hmmernden Schlfen. Der Alte meinte sie endlich vorbereitet
genug, das Wetter fahren zu lassen. Ja, sagte er, es ist ein Tag, wo
die Toten aufstehen mchten, und wer wei -- aber tun Sie mir noch das
zulieb und erschrecken Sie nicht. Sie erschrak dennoch. Sie sagte zu
sich: Aber es ist ja nicht mglich! Und sie erschrak doch eben, weil
es mehr als mglich, weil es gewi war. Da sehen Sie einmal dahinter,
schluchzte der Alte, der nur lachen wollte. Sie sah den Gang hin; sie
hatt' es getan, eh' der Alte sie dazu aufforderte. Der alte Valentin
eilte aus der Vordertr, dem alten Herrn die Freudenpost zu bringen;
selig und stolz auf sein klug durchgefhrtes Werk. Die junge Frau hielt
sich fest an dem Trpfosten, als sie den Schritt hrte durch den
Schuppen. Aber auch der Trpfosten stand nicht mehr fest, sie selbst
nicht mehr auf dem festen Boden; sie schwindelte zwischen Himmel und
Erde. Und als sie ihn kommen sah, war nichts mehr auf der Welt fr sie,
als der Mann, um den sie wochenlang mehr als Todesangst geduldet; alles
ging um sie im Wirbel, erst die Wnde, der Boden, die Decke, dann Bume,
Himmel und grne Erde; ihr war, als ginge die Welt unter und sie wrde
erdrckt im Wirbel, hielt sie sich nicht fest an ihm. Sie fhlte, wie
sie hinsank, dann nichts mehr.

Apollonius war hinzugeeilt und hatte sie aufgefangen. Da stand er und
hielt das schne Weib in seinen Armen, das Weib, das er liebte, das ihn
liebte. Und sie war bleich und schien tot. Er trug sie nicht in die
Stube, er lie sie nicht hinabgleiten auf die Erde, er tat nichts, sie
zu beleben. Er stand verwirrt; er wute nicht, wie ihm geschehen war, er
mute sich besinnen. Der alte Valentin hatte ihn noch nicht gesprochen;
er hatte nur durch den Gesellen, der vom Blechschmied, der nach Sankt
Georg eilte, erfahren, Apollonius folge ihm und werde bald hier sein.
Apollonius war vom Nagelschmied am Tor aufgehalten worden. Dann hatte er
geeilt, dem Befehle des Vaters nachzukommen. Da ihn der Vater rufen
lie, hatte ihn befremdet; er konnte sich nicht denken, warum. Von dem
Sturze eines Schieferdeckers in Tambach hatte er gehrt, aber er wute
nicht, da das Gercht die Ortsnamen verwechselt hatte, und da jemand
glauben knnte, ihn habe das Unglck getroffen. So gnzlich
unvorbereitet auf das, was ihm der nchste Augenblick bringen sollte,
war er durch den Schuppen gekommen. Er wollte sogleich zu dem Vater auf
dessen Stbchen, da hatte er die junge Frau den Gang herstrzen und mit
dem Umsinken kmpfen sehen und war ihr entgegengeeilt. Und nun hielt er
sie in den Armen. Die Gestalt, die er schmerzlich mhsam und doch
vergebens, seit Wochen von sich abzuwehren gerungen, deren bloes
Gedankenabbild all sein Wesen in eine Bewegung brachte, die er sich als
Snde vorwarf, lag in schwellender, atmender, lastender,
wonnengstigender Wirklichkeit an ihn hingegossen. Ihr Kopf lehnte
rckwrts gesunken ber seinen linken Arm; er mute ihr in das Antlitz
sehen, das schner, gefhrlich schner war, als alle seine Trume es
malen konnten. Und jetzt berflog ein Rosenschein das weie Antlitz bis
in die weichen, braunen Haare, die in den milden, selbstgeschlungenen
Locken ber die Schlfe hinabrollten, die tiefen, blauen Augen ffneten
sich, und er konnte ihrer Gewalt nicht entfliehen. Und nun sah sie ihn
an und erkannte ihn. Sie wute nicht, wie sie hierher und in seine Arme
gekommen, sie wute nicht, da sie in seinen Armen lag; sie wute
nichts, als da er lebte. Wie konnte sie noch einen Gedanken denken
neben dem! Sie weinte und lachte zugleich, sie umschlang ihn mit beiden
Armen, um seiner gewi zu sein. Und doch fragte sie noch in angstvoll
drngender Hast: Und bist du's denn auch? Bist du's auch gewi? Und
lebst noch? Und bist nicht gestrzt? Und ich habe dich nicht gettet?
Und du bist's? Und ich bin's? Aber er -- er kann kommen! Sie sah sich
wild um. Er will dich tten. Er wird nicht eher ruhen. Sie umfate
ihn, als wollte sie ihn mit ihrem Leibe decken gegen einen Feind; dann
verga sie die Angst ber der Gewiheit, da er noch lebte, und lachte
wieder und weinte zugleich und fragte ihn wieder, ob er auch noch lebe,
ob er's auch noch sei. Aber sie mute ihn ja warnen. Sie mute ihm alles
sagen, was jener ihm getan und was er ihm noch zu tun gedroht. Sie mute
es schnell; jeden Augenblick konnte jener kommen. Warnung, s
unbewutes Liebesgeschwtz, Weinen, Lachen; Seligkeit, Angst, Schmerz um
das verlorene Glck; Anklage wie des Kindes beim Vater; das Bedrfnis
der Liebe, mit allem, was sie ist, was sie freut, was sie bekmmert, ein
Gedanken seines Geistes, ein Gefhl seiner Seele zu sein, das er denkt
und fhlt wie seine andern; brutliche Verwirrung und Vergessen der
ganzen Welt ber den einen Augenblick, der ihr eigentliches Dasein ist,
-- denn alles, was war und werden kann, ist blo Schatten -- was sie
erzhlt, hat sie getrumt und erlebt, fhlt und wei es erst jetzt; was
gewesen ist und kommen wird, ist gewesen und kommt nur, damit dieser
Augenblick sein kann; vor und nach diesem Augenblick ist die Zeit zu
Ende; -- alles das durchdrang sich, alles das zitterte zugleich in jedem
einzelnen Klang der fliegenden, sich pressenden Rede. Er hat mich und
dich belogen. Er hat mir gesagt, du verhhntest mich und httest meine
Blume vor den Gesellen ausgeboten. Und du weit's ja noch, beim
Pfingstschieen die Blume, das kleine Glckchen, das ich liegen lie.
Und du hast's ihm geschickt. Ich hab's gesehen. Ich wute nicht, warum.
Du hast mich gedauert. Da du so still warst und trb und so allein, das
hat mir weh getan. Da hat er mir beim Tanz gesagt, du httest deinen
Spott ber mich. Da gingst du in die Fremde und er hat mir gesagt, wie
du in deinen Briefen ber mich spottest: das tat mir weh. Du glaubst
nicht, wie weh mir das tat, wenn ich schon nicht gewut hab', warum. Der
Vater wollte, ich sollte ihn frein. Und wie du kamst, hab' ich mich vor
dir gefrchtet; du hast mich immer noch gedauert und ich hab dich immer
noch geliebt und wut es nur nicht. Er selbst hat mir's erst gesagt. Da
bin ich dir ausgewichen. Ich wollte nicht schlecht werden und will's
auch nicht. Gewi nicht. Dann hat er mich gezwungen, zu lgen. Dann hat
er mir gedroht, was er dir tun wollte. Er wollte machen, da du strzen
mtest. Es wr' nur Scherz; aber, sagt' ich's dir, dann wollt' er's im
Ernste tun. Seitdem hab' ich keine Nacht geschlafen; die ganzen Nchte
hab' ich aufgesessen im Bett und bin voll Todesangst gewesen. Ich hab
dich in Gefahr gesehn und durft' es dir nicht sagen und durft' dich
nicht retten. Und er hat die Seile zerschnitten mit der Axt in der
Nacht, eh' du nach Brambach gingst. Der Valentin hat mir's gesagt, der
Nachbar hat ihn in den Schuppen schleichen sehen. Ich hab' dich tot
gemeint und wollte auch sterben. Denn ich wr' schuld gewesen an deinem
Tode und strbe tausendmal um dich. Und nun lebst du noch und ich kann's
nicht begreifen. Und es ist alles noch, wie es war; die Bume da, der
Schuppen, der Himmel, und du bist doch nicht tot. Und ich wollte auch
sterben, weil du tot warst. Und nun lebst du noch, und ich wei nicht,
ist's wahr oder trume ich's nur. Ist's denn wahr? Sag' du mir's doch:
ist's wahr? Dir glaub' ich alles, was du sagst. Und sagst du, ich soll
sterben, so will ich's, wenn du's nur weit. Aber er kann kommen.
Vielleicht hat er gelauscht, da ich dir's sagte, was er will. Schick'
den Valentin in die Gerichte, da sie ihn fortfhren und er dir nichts
mehr tun kann!

So schwrmte, lachte und weinte das fiebernde Weib in seinen Armen fort.
Alles vergessend, wie ein Kind an einem Abgrund spielend, den es nicht
sieht, ruft sie unbewut eine Gefahr herbei, tdlicher als die, ber
deren Vorbeigehen sie jubelt, drohender als die, wogegen sie den Mann
mit ihrem Leibe decken will. Sie ahnt nicht, was ihr leidenschaftlich
Tun, die Sigkeit ihrer unbekmmerten Hingebung, was ihre Liebkosungen,
was ihr warmes, schwellendes Umfangen in dem Manne aufregen mu, der sie
liebt; da sie alles tut, was den Mann, dessen Rechtlichkeit und Edelmut
sie sich so unbekmmert anheim gibt, Rechtlichkeit und Edelmut im
Tumulte des Blutes vergessen machen kann. Sie hat keine Ahnung, welchen
Kampf sie in ihm entzndet und wie sie ihm den Sieg erschwert, wenn
nicht unmglich macht. Und er wei nun, das Weib in seinen Armen war
sein; der Bruder hat ihn um sie und sie um ihn betrogen. Jetzt wei
er's, wo das Weib in seinen Armen ihm die Gre des Glckes zeigt, um
das der Bruder ihn betrogen hat. Er hat sie geraubt und noch mihandelt;
und fr alles, was er um ihn gelitten, getan, verfolgt er ihn noch und
steht ihm nach dem Leben. Gehrt das Weib dem, der sie ihm gestohlen,
der sie mihandelt, den sie hat? Oder ihm, dem sie schndlich gestohlen
worden ist, der sie liebt, den sie liebt? Das alles waren nicht
deutliche Gedanken; hundert einzelne Empfindungen, die, in den Strom
eines tiefen und wilden Gefhls hingerissen, durch seine Adern strzten
und die Muskeln seiner Arme spannten, etwas, das sein ist, an sein Herz
zu pressen. Aber eine dunkle Angst drngt dem Strom entgegen und hlt
die Muskeln wie im Starrkrampfe fest. Das Gefhl, er will etwas tun und
er ist sich nicht klar, was es ist, wohin es fhren kann; eine ferne
Erinnerung, da er ein Wort gegeben hat, das er brechen wird -- er lt
sich fortreien; die dunkle Vorstellung, als stehe er wie an seinem
Tische und, bewege er sich, ehe er sich umgesehen, knne er etwas wie
ein Tintenfa auf etwas wie Wsche oder ein wertvolles Papier werfen:
Alledem lag die angstvolle Vorahnung zugrunde, er knne mit einer
Bewegung etwas verderben, was nicht wieder gut zu machen sei. Er rang
schon lange unter den berauschenden Tnen nach etwas, bevor er wute,
da er rang und da dies Etwas die Klarheit war, das Grundbedrfnis
seiner Natur. Und nun kam sie ihm und sagte: das Wort, das du gegeben
hast, ist, die Ehre des Hauses aufrechtzuerhalten, und was du tun
willst, mu sie zernichten. Er war der Mann und mute fr sich und sie
einstehen. Die Klarheit brandmarkte den Verrat, den er mit einem Drucke,
mit einem Blicke, an dem rhrenden, unbedingten Vertrauen ben wrde,
das aus des Weibes Hingebung sprach, mit aller Schmach, die sie fand.
Sie zeigte ihm die Reinheit des Gesichtes, das an seinem Herzen lag und
schwrmend zu ihm aufsah, und wie er mehr an ihr und an sich selbst
verderben wrde, als das war, worber er ihren und seinen Feind
anklagte. Noch stand die heilige Scheu schtzend zwischen ihm und ihr,
die ein einziger Druck, ein einziger Blick fr immer verscheuchen
konnte. Und doch sah er angstvoll sich nach einem Helfer um. Wenn nur
Valentin kme, dann mut' er sie aus seinen Armen lassen. Valentin kam
nicht. Aber die Scham ber seine Schwche, die die Hilfe auen suchte,
wurde zum Helfer. Er legte die Kraftlose sanft auf den Rasen. Als er die
weichen Glieder aus den Hnden lie, verlor er sie erst. Er mute sich
abwenden und konnte einem lauten Schluchzen nicht wehren. Da sah der
jngste Knabe neugierig in den Hof. Er eilte hin, hob das Kind in seine
Arme, drckte es an sein Herz und stellte es zwischen sich und sie. Es
war eigen; mit dem Drucke, mit dem er das Kind an sein Herz gedrckt,
entband sich der wilde Drang, und nun lsten sich die gespannten
Muskeln. Er hatte sie in dem Kinde an sein Herz gedrckt, wie allein er
sie an sein Herz drcken durfte.

Die Frau sah ihn den Knaben zwischen sich und ihn stellen und verstand
ihn. Glhende Rte stieg ihr bis unter die wilden, braunen Locken. Sie
wute nun erst, da sie in seinen Armen gelegen, da sie ihn umfat und
mit ihm gesprochen hatte, wie es nur erlaubte Liebe darf. Sie sah nun
erst die Gefahr, an deren Abgrund sie ihn und sich gestellt. Sie
richtete sich auf den Knien auf, als wollte sie ihn flehen, sie nicht zu
verachten. Zugleich fiel ihr wieder ein, der Mann konnte sie belauscht
haben und die Drohung noch vollziehen. Dann hatte sie ihn durch die
Freude ber seine Rettung erst verdorben. Er sah das alles und litt es
mit ihr. Er hatte sich abgekmpft, ihr nicht zu zeigen, was in ihm
vorging; aber in seinem Innern war der Kampf selbst nicht ausgekmpft.
Er neigte sich zu ihr und sagte: Du bist meine brave Schwester. Du bist
braver als ich. Und ber uns und deinem Manne ist Gott. Aber nun geh'
hinein, Schwester, liebe, brave Schwester. Sie wagte nicht aufzusehen,
aber durch die gesenkten Lider sah sie seine Milde, das tiefe,
unauslschbare Wohlwollen, die unvertilgbare Menschenachtung auf seiner
leuchtenden Stirne und um den sanften Mund. Und wie er ihr bewuter und
unbewuter Mastab war, wute sie nun, sie war nicht schlecht, sie
konnt' es nicht werden; er trug sie bewahrt, wie die Mutter das Kind
vorsichtig auf starken Armen. Er wuchs ihr, wie sie ihn durch die
gesenkten Lider sah, mit dem Haupte bis an den Himmel. Sie wute, da
ihm der Mann nicht schaden konnte. Apollonius gab ihr den Knaben in den
Arm und bot die Hand, sie aufzurichten. Sie bebte unter der Berhrung,
und wie sie noch auf den Knien lag, stieg ihr Gedanke in ihm auf wie ein
Gebet. Er fhrte sie an die Tr. Vom Schuppen her kam Herr Nettenmair
mit dem Gesellen. Fritz Nettenmair, der ihnen nachschlich, sah noch, wie
er sie fhrte.

                   *       *       *       *       *

Von allem, was er heute gewollt und gelitten, stand nichts in Herrn
Nettenmairs verknchertem Antlitz zu lesen, als er heimkam. Die junge
Frau und Valentin muten eine Predigt ber grundlose Einbildungen
anhren; denn die Geschichte hatte sich ausgewiesen, wie sie war, nicht
wie sie der Valentin zusammengengstelt hatte. Die Reise Fritz
Nettenmair's gedachte er als eines lang von demselben gehegten, aber von
ihm erst heute genehmigten Vorhabens. Apollonius erhielt den Befehl,
sogleich mit den Geschftsbchern auf des alten Herrn Stube zu kommen.
Der alte Herr gab vor, er wollte den Stand des Geschftes genau kennen
lernen; sein wahrer Zweck dabei war, Apollonius so lange bei sich in
Sicherheit zu behalten, bis sein Bruder abgereist sei. Apollonius
konnte, ohne wegen der nchsten laufenden Ausgaben in Verlegenheit zu
kommen, das Geld zu des Bruders Reise bis Hamburg verschaffen. Dort
wute er einen frheren Klner Freund, der sich in sehr guten
Verhltnissen befand, und der, um manche geleistete Dienste zu
vergelten, ihm fter, und noch neulich eine Geldhilfe angeboten hatte.
Auf des Vaters Stbchen schrieb er an ihn. Der Freund sollte dem Bruder
einen Platz auf einem Passagierschiffe besorgen, seine Aufenthaltskosten
bestreiten und ihm -- aber nicht eher, als unmittelbar vor der Abfahrt
-- eine gewisse Summe Geldes bermachen; alles auf Apollonius Rechnung.
Valentin mute noch den Abend auf die Post, um den Brief aufzugeben und
Fritz Nettenmair einschreiben zu lassen. Der Wagen ging eine Stunde vor
Sonnenaufgang ab; noch eine Stunde frher sollte Valentin auf dem Zeuge
sein und sich bei dem alten Herrn melden.

So war das Leben in dem Hause mit den grnen Laden immer schwler
geworden. Diese Nacht mit ihrer stillen Unruhe gleich der angstvollen
Stille, darin die Krfte eines Meersturms seinen Ausbruch vorbereiten.
Es war ein eigenes Treiben. Wer in dieser Nacht in das Haus, aber nicht
in die Seele der Menschen htte hineinsehen knnen, der wre aus einer
Befremdung in die andere gefallen. Sonst, wenn ein Glied einer Familie
zu einer Reise sich rstet, von der es vielleicht nicht wieder
heimkehren wird, drngen sich die brigen um ihn. Je weniger der
Augenblicke werden, die er noch mit ihnen zubringen kann, je tiefer
werden sie ausgenossen. Jahre des gewhnlichen Miteinanderlebens drngen
sich in ihnen zusammen. Jeder Blick, jedes Wort, jeder Hndedruck wird
als ein ewiges Andenken gegeben und genommen. Stundenweit her kommen die
Freunde des Scheidenden, ihn noch einmal zu sehen. Nach Fritz Nettenmair
sahen die Leute im Hause nicht. Sie schauderten, ihm zu begegnen, als
wr er ein schreckendes Gespenst. Und wie ein solches schlich er darin
umher und wich den Menschen aus, wie sie ihm. Und die Menschen, denen er
ausweicht, die ihm ausweichen, sind nicht fremde; sein Vater ist's, sein
Bruder, sein Weib und seine Kinder. Ein Reisender, der nicht gesehen
wird, der sich nicht sehen lt, der kein Lebewohl gibt und kein
Lebewohl nimmt, und der doch freiwillig reist, und dessen Reise die
andern wissen und genehmigen!

Apollonius mute dem alten Herrn die Geschftsbcher vorlesen, ein
wunderlich zweckloses Werk! Denn weder er noch der alte Herr war im
Geiste bei den Zahlen. Und der alte Herr tat noch dazu, als wisse er
alles schon. Da Apollonius ihm die Gefahr des Hauses verschwiegen,
erwhnte er natrlich nicht; von den Gedanken, die sich bei ihm daran
knpften, lie er keinen sehen. Aus seinen diplomatischen Reden, zu
denen er sich bisweilen zusammenraffte, um dem Schattenspiel vor dem
Sohne einen Schein der Wirklichkeit zu geben, konnte man vielleicht
erraten, wenn man genauer aufmerkte, als es Apollonius mglich war, der
alte Herr habe alles gehen lassen, um zu zeigen, wohin es kommen msse,
wenn er die Hand vom Ruder abziehe, und da er gesinnt sei, von nun an
selbst wieder das Schiff zu leiten. Dazwischen fragte er den Sohn einmal
wie beilufig, ob er etwas Genaueres von dem Verunglckten in Tambach
wisse. Apollonius konnte ihm sagen, er kenne den Mann; es sei derselbe
ungemtliche Geselle, der vordem bei ihnen gewesen. So? sagte der alte
Herr gleichgltig. Und wei man, was die Ursache war? Apollonius hatte
gehrt, das Seil, das ber dem Verunglckten gerissen, sei ein fast
neues, aber es msse an der Stelle des Risses rundum mit einem scharfen,
spitzen Werkzeug durchschnitten gewesen sein. Der alte Herr erschrak. Er
ahnte einen Zusammenhang, auf den auch andere kommen konnten. Valentin,
wute er, hatte vorhin beredet, der Arbeiter, der den Karren mit dem
Handwerkszeug nach Brambach gefahren, msse auf dem Rckweg ein
Anschleifeseil verloren haben. Apollonius hatte den Valentin damit
beruhigt, er habe das Seil in Brambach verliehen. Der alte Herr war nun
berzeugt, auch Apollonius msse einen Zusammenhang ahnen, wenn nicht
mehr als nur ahnen; und habe durch die Antwort des Valentin ihn den
Augen des alten Gesellen entziehen wollen. Er sah, da Apollonius in
seinem, des alten Herrn, Geiste verfuhr. Von dieser Seite war also
nichts zu frchten. Aber es konnten Umstnde im Spiele sein, die trotz
Apollonius' Vorsicht eine Entdeckung herbeizufhren drohten. Er lie
seine Zurckhaltung, so schwer dies ihm fiel, diesmal beiseite, und auf
wiederholte Fragen mute Apollonius sagen, was er wute. Es war
folgendes. Den ersten Tag hatte Apollonius in Brambach nur die Leiter
gebraucht. Der Geselle war in dem Wirtshaus gewesen, als er ankam.
Denselben Abend noch hatte er ihn ber den Hof schleichen sehen. Am
andern Morgen fehlte das Seil. Er hatte sogleich Verdacht auf den
Gesellen, aber nach seiner gewissenhaften Weise zgerte er, ihn
auszusprechen. Auf dem Heimwege, vor dem Tor der Stadt, erfuhr er das
Unglck, das ihn getroffen; zugleich, da der Geselle bei keinem Meister
gestanden, sondern auf eigene Hand die kleine Reparatur an dem
Schieferdache in Tambach unternommen. Ein Stck des von ihm
hinterlassenen Handwerkszeugs, ein Zimmerbeil, war schon von dem
rechtmigen Besitzer beansprucht worden. Bald darauf machte die Warnung
Christianens ihn gewi, das Seil, durch dessen Zerreien der Geselle
verunglckt, war das seine. Wie die Sache nun stand, durfte er sich
natrlich nicht zu dem Eigentumsrechte daran bekennen; er mute seiner
Ehrlichkeit sogar den Zwang antun, durch Erdichtungen fremder Vermutung
der Wahrheit zuvorzukommen.

Der alte Herr gebot dem Sohne, weiter zu lesen. Apollonius tat es, aber
im Geiste waren beide wiederum bei andern Dingen. Apollonius wollte sich
zwingen. Es war seiner sonstigen Art geradezu entgegen, nicht mit ganzer
Seele bei der Sache zu sein, die er trieb. Es gelang ihm nicht. So griff
fremde Zerrttung auch in diese gleichgewichtige, wohlgeordnete Seele
herber. -- Endlich kam Valentin, erhielt das Reisegeld fr Fritz
Nettenmair und die Anweisung an den Hamburger Freund und die Weisung,
das Gepck des Reisenden nach dem Posthofe zu tragen, und etwaigen
Auftrages harrend in seiner Nhe zu bleiben, bis er abgefahren sei. Eine
Stunde spter kam er zurck und hatte den Befehl vollzogen. Er erzhlte,
Fritz Nettenmair freue sich auf das neue Leben in Amerika. Sie sollten
sich wundern ber ihn, wenn sie ihn wiedershen. Er konnte kaum die Zeit
erwarten. Der alte Herr richtete sich innerlich hoch auf; er meinte
grimmig, Apollonius knne vor Schlaf in den Augen nicht mehr lesen, und
schickte ihn ins Bett. Das begonnene Werk fortzusetzen, msse sich ein
andermal Zeit finden.

                   *       *       *       *       *

Und Fritz Nettenmair? Wie war ihm zumute in dieser Nacht? Als er,
ruhelos wie ein gequlter Geist, bald hnderingend, bald fusteballend
den Gang vom Hause nach dem Schuppen und wieder vom Schuppen nach dem
Hause schlich? Bald schrak er vor einem fallenden Blatt zusammen, bald
wnschte er, das Haus strzte ber ihn und begrbe ihn. So oft er den
Weg durch den Gang zurcklegte, so oft bumte sich seine Seele im
wildesten Trotz empor und sank wiederum in die hingebendste
Hilflosigkeit zurck. Er war entschlossen, zu gehen -- und sie dem
Gehaten zu berlassen? Da sie ihn hhnten? Sie hatten ihn ja so weit
gebracht, um ihn los zu werden; dann war ihr einziger Wunsch erfllt.
Nein! er wollte bleiben! er mute bleiben! -- und dann faten ihn wieder
die Gerichte -- denn der im blauen Rock hielt sein Wort -- und schlossen
ihn mit Ketten fest und -- dann war's dasselbe. Sie hatten wieder ihren
Zweck erreicht. -- Fritz Nettenmair bewegte heftig die Arme vor sich
hin, als rttelte er schon an den Gittern des Kerkerfensters und atmete
so mhsam, als erstickte ihn schon der Dunst der feuchten Wnde. Dann
berfiel ihn in pltzlicher Abspannung das ganze Bewutsein seines
grenzenlosen Elends, der Jammer gnzlicher Verlassenheit. Goldene Bilder
stiegen auf; die verlorene Seligkeit marterte ihn mehr, als die
gewonnene Verdammnis. Da hpfte er als schuldloses Kind den Gang hin,
dem entlang er jetzt die berlast seines Elends schleppte; da waren
Menschen, die ihn liebten. Wie klang der Mutter Stimme, die ihn rief, so
s! Und jetzt liebte ihn niemand mehr. Die fremden Menschen verachteten
ihn; die ihn lieben sollten, schauderten vor ihm. O, nur ein einzig
Herz, dem sein Scheiden weh tte, und er ginge und wrde ein anderer
Mensch! Jetzt sieht er jeden freundlichen Blick, den er in der
Verblendung seiner Leidenschaft nicht beachtet. Das Lcheln um die
angstzuckenden Lippen des kleinen nnchens steigt vor ihm auf; jetzt
erkennt er die unermdliche Liebe, die er zurckstie, die immer wieder
kam, so oft er sie zurckstie, bis er ihr Gef zerbrach; jetzt, wo sie
ihn retten knnte, wr sie nicht tot durch seine Schuld; jetzt ergreift
ihn das Mitleid mit dem Kinde mit so schmerzlicher Gewalt, da er sein
eigen Elend darber verge, wr's nicht ein Teil davon. Das nnchen ist
tot, aber er hat noch Kinder; sie mssen ihn lieben, sie sind ja sein.
Sein Herz schreit nach einem Liebeswort. Seine Arme ffnen sich
krampfhaft, etwas, was sein ist, an sein Herz zu pressen, damit er wei,
er ist nicht verloren; und verloren ist keiner, der noch einen Menschen
hat auf der Welt. Mit erneuten Krften eilt er den Gang, den Hausflur
hindurch, durch Stuben- und Kammertr. Ein Nachtlicht, vom Schirm
bedeckt, gibt dem Vater Schein genug, seine Kinder zu sehen. An dem
nchsten kleinen Bette sinkt er in die Knie. Ein lngst verlernter Laut
flstert durch seine Lippen, und wie ihn diese Lippen nie flstern
gekonnt. Fritz! Er will die Kinder nur einmal an sein Herz drcken,
ihre Liebe sehen und -- gehen. Gehen und ein anderer Mensch werden, ein
besserer, ein glcklicherer! Der Kleine erwacht! er meint, die Mutter
hat ihn gerufen. Lchelnd ffnet er die groen Augen und -- erschrickt.
Vor dem Mann an seinem Bette frchtet er sich. Es ist ein fremder Mann.
Ein schlimmerer Mann, als ein fremder Mann. O, nur ein zu bekannter
Mann! Und doch fremder als fremd. Es ist der Mann, der das Kind so oft
zornig angeblickt, der Mann, vor dem die Mutter es in die Kammer schlo,
weil es nicht sehen sollte, was der Mann ihr tat. Und dann stand es
zitternd und horchte an der Tr, dann ballten sich die kleinen Hndchen
im ohnmchtigen Zorn. Er hat ja das Kind ihn hassen gelehrt, nicht ihn
lieben.

Fritz, sagte der Vater voll Angst; ich gehe fort, ich komme nicht
wieder. Aber ich schicke dir schne pfel und Bilderbcher und denke
jeden Augenblick tausendmal an dich.

Ich will nichts von dir, sagte der Knabe furchtsam, trotzig. Onkel
Lonius gibt mir pfel; ich mag deine nicht.

Hast auch du mich nicht lieb? sagt der Vater mit brechender Stimme am
zweiten Bettchen.

Der kleine Georg flieht zum Bruder in dessen Bett. Dort halten sich die
Kinder in Angst umschlungen. Dennoch ist er trotzig, und so viel
Widerwillen, als ein Kindesauge fassen kann, blickt aus dem seinen. Die
Mutter hab' ich lieb, den Onkel Lonius hab' ich lieb, sagt das Kind;
dich mag ich nicht. La' uns gehen, ich sag's dem Onkel Lonius!

Fritz Nettenmair lacht im wilden Hohn und schluchzt zugleich im
hilflosen Schmerz. Die Kinder sind ja nicht mehr sein. Er ist ja ihr
Vater nicht mehr. Er ist's. Er! _Seine_ Kinder sind's. Er ist ihr Vater.
Er, der ihm alles genommen, hat ihm auch die Kinder genommen. Das, was
man dem Elendesten lt. Wenn Er gehen mte, _Er!_ die Kinder hingen
sich an ihn; eher rissen die Hndchen, als da sie _ihn_ lieen. Und das
Weib hier, das schne Weib mit dem Engelsantlitz, auf das selbst die
Lampe liebend all ihre Strahlen sammelt und mehr Glanz von ihr gewinnt,
als sie von der Lampe; dieses Weib, _Sein_ Weib, _Seins!_ auch _Sein_,
wie alles, was einmal mein war! Sie ist in ihren Kleidern zu Bett
gegangen; sie kann die Stunde nicht erwarten, wo ich gehe; und ginge Er,
die Rosen wrden bleich, sie flsse sterbend in ihn hinber, um nicht
getrennt von _ihm_ zu sein. Wie sie auffahren wrde, sagt ihr einer in
den Traum hinein, den sie von ihm trumt, denn sie lchelt, _er_ geht!
Er, _ihr_ -- Nein! ich will nicht gehen! Nein! ich kann nicht gehen!
Lieber tausendmal sterben! Und er hat ja dem Tode schon ins Gesicht
gesehen, vor Stunden erst, als er vor dem Vater auf der Rstung
hingestreckt lag. Es war ein Kinderspiel, das Sterben, gegen solch ein
Leben. Es war -- denn auch er war tot. Es wr es noch, wr auch Er noch
tot. Und er wr an ihr gercht, an ihr hier mit dem teuflischen
Engelslcheln; und er wr an dem Vater gercht, der ihn von Beaten ri,
von seinem guten Engel. Und an den Knaben, die ihn zurckstoen, an dem
guten nnchen, das ihn verderben half und noch Tag und Nacht ihn qult.
Er wre -- aber er war's ja nicht. Er mute gehen; er wurde noch
elender, als er war; und die er hate, die ihn verdorben, wurden
glcklich durch sein Gehen. Er machte sie alle wieder zu Teufeln, um von
ihrem Glanze nicht vernichtet zu werden. Er hate in ihnen wieder, was
er an ihnen getan; er hate in ihnen selbst die Gewalt, die er sich
antun mute, Teufel in ihnen zu sehen. Und brach ihr Glanz dennoch durch
die Schwrze, in die er sie angstvoll vor sich versteckte, standen sie
als Engel ber ihm, und so hate er sie noch mit dem Neide der Teufel.
Er hatte die Grenze berschritten, ber welche keine Rckkehr mehr ist.
Wie er die Frau in ihrer Schnheit dort liegen sah, trat ihn noch einmal
der Gedanke an, diese Schnheit zu vernichten. Aber die einmal geweckte
Erinnerung an den Augenblick, wo er todgefat vor dem Vater lag, und an
das, was der Vater mit ihm wollte, erwies sich mchtiger und vertrieb
ihn. Das Bild des Augenblicks blieb ihm und tauschte nur die Personen.
Er malte es immer farbiger aus. Und nun war es eine wilde Freude, was
ihn den Gang zwischen Haus und Schuppen hin und her trieb. Seine Arme
bewegten sich so heftig als vorhin, aber es waren nicht Gitterstbe, mit
denen er rang. Unterdes war der Mond aufgegangen. Das Haus mit den
grnen Laden lag so friedlich in seinem Schimmer da. Kein
Vorbergehender htte ihm die Unruhe angesehen, die es hinter seinen
Wnden barg; keiner den Gedanken geahnt, den darin die Hlle fertig
braute in einem verlorenen Gef.

                   *       *       *       *       *

Apollonius war mde vom Wachen und vom Kampfe, den die gefhrliche Nhe
des geliebten Weibes und das Wissen um des Bruders Betrug und emprenden
Undank in ihm entzndet. Neben diesem war erst noch ein anderer Kampf
aufgeglommen. Der Vater schien nicht an die bse Absicht des Bruders zu
glauben. Vor dem Gedanken, den Arm der Obrigkeit zu seinem Schutze
aufzurufen, schauderte er zurck. Die Schmach fr die Familie, wenn des
Bruders Tat bekannt wurde, mute den Vater tten. Und vielleicht war
auch des Bruders Seele noch zu retten, wenn es gelang, ihn zu
berzeugen, da er geirrt. Aber wie? Wenn er -- ihn versicherte, ihm
schwur, da er in der Frau nur die Schwester sehe? Vor einem halben
Jahre noch htte er das beschwren knnen: heute durfte er es nicht
mehr, heute war es Meineid. Er konnte, wenn der Bruder den entsetzlichen
Plan auf sein Leben nicht aufgab, die Ausfhrung desselben erschweren,
aber nicht unmglich machen. In dem Zustande, in welchem Apollonius sich
jetzt befand, konnte ihm der Tod eher erwnscht sein als schrecklich;
dann hatte aller Kampf, alle Gewissenspein, alle Sorge ein Ende; aber
was sollte aus dem Vater, was aus ihr und den Kindern werden? Und hatte
er sich nicht das Wort gegeben, sie vor Schande und Not zu bewahren?
Diesen neuen Kampf beendete die Mitteilung des Vaters, Fritz wolle nach
Amerika. Aber sie machte den alten Kampf nur schwerer, indem sie dem
Feinde neue Krfte gab. Er wute freilich, da er entschlossen war, die
Wnsche, die er verdammen mute, nicht zur Tat werden zu lassen. Aber
die Wnsche selbst! Wenn kein ueres Hindernis mehr ihrer Erfllung im
Wege stand, mute ihre Gewalt da nicht wachsen? Die Gewissensvorwrfe
mit ihnen? Und die Entfernung von dem Orte, wo sie in der tglichen Nhe
einen unerschpflichen Erneuerungsquell hatten, machte wiederum die
Erfllung des Wortes, das er sich gegeben, der Pflicht, die ihm ohne das
gegebene Wort oblag, unmglich. Er war heftig aufgeregt und bedurfte
Ruhe. Diesen Vormittag noch mute er die Umkrnzung des Turmdaches mit
der Blechzier vollenden, und Fahrzeug, Flaschenzug, Ring und Leiter
wieder herabnehmen. Sein Tritt mute fest, sein Auge klar sein. Fr die
einzige Stunde, bis der Arbeitstag begann, wollte er sich nicht erst
ausziehen und zu Bett legen. Er hatte sich bis jetzt des Sofas, das in
seinem Zimmer stand, noch nicht bedient, darauf zu liegen. Er vermied
alles, was zu Verweichlichung fhren konnte; ein gleich starker
Beweggrund war sein Bedrfnis, Dinge um sich zu haben, die er liebend
hten, an denen er brsten und polieren konnte. Auch in dem Zustand von
Verstrung und Ermdung, worin er vom Vater kam, verga er diese
Schonung nicht. Er fuhr unwillkrlich mit leise liebkosender Hand ber
den Bezug des Sofas und setzte sich dann auf den hlzernen Stuhl, worauf
er beim Schreiben sa. Hier kam ihm der Schlaf frher, als er es
erwartet. Aber es war kein Schlaf, wie er ihn bedurfte; es war ein
ununterbrochener, aufregender Traum. Christiane lag in seinen Armen wie
gestern, er kmpfte wieder, aber diesmal siegte er nicht; er prete sie
an sich. Da stand der Bruder neben ihnen, und sie standen nicht mehr auf
dem Gange zwischen Schuppen und Haus, sondern oben am Turmdach auf der
fliegenden Rstung. Der Bruder wollte ihm die Besinnungslose aus den
Armen reien, um sie zu mihandeln; er warf im schmerzlichen Zorne dem
Bruder alles vor, was er an ihm und ihr getan, und im Kampfe um das Weib
stie er ihn von der Rstung. Er erwachte. Er wollte munter bleiben, um
den Traum nicht noch einmal durchtrumen zu mssen. Als er die Augen
ffnete, war es Tag und Zeit, an die Arbeit zu gehen. Er war aufgeregter
erwacht, als er vom Vater gekommen. Er stand auf. Er hoffte, vor der
frischen Morgenluft, vor der ernchternden Wirkung des Wassers, das er
sich nach seiner Gewohnheit ber Kopf und Arme go, wrden die Bilder
des Traumes, welche die Lebhaftigkeit der alten Wnsche, und damit die
Gewissensvorwrfe ber sie, noch immer steigerten, von ihm in sein
Stbchen zurckfliehen. Aber es geschah nicht; sie gingen mit ihm und
lieen ihn nicht los. Selbst ber der Arbeit nicht. Immer wehte der
Hauch des warmen Mundes an seiner Wange; immer fhlte er sich in ihrem
schwellenden Umfangen, immer quollen ihm die leidenschaftlichen Vorwrfe
gegen den Bruder, der bei ihm stand, aus dem Herzen herauf. Er kannte
sich nicht mehr. Zu den Vorwrfen, die er sich deshalb machen mute, kam
noch die Unzufriedenheit, da er sich nicht mit seiner ganzen
Aufmerksamkeit bei der Arbeit wute. Sonst hatte er gleichsam seine
eigene heitere Tchtigkeit mit hineingearbeitet in seine Arbeit, und
diese mute gut und dauerhaft ausfallen. Heute kam's ihm vor, als
hmmerte er seine unrechten Gedanken hinein, als hmmerte er einen bsen
Zauber zurecht, und die Arbeit knne nicht taugen, nicht haltbar werden.

Der Schieferdecker mu besonnen arbeiten. Der Mann, der heute eine
Reparatur unternimmt, mu sich auf die Berufstreue dessen, der
Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte vor ihm hier stand, verlassen. Die
Ungewissenhaftigkeit, die heute ein Dachhaken liederlich befestigt, kann
den Braven, der nach fnfzig Jahren an diesen Haken seine Leiter hngt,
in den Tod strzen. Es war nicht einzusehen, da eine Nachlssigkeit,
ein Versehen in der Arbeit, wie er sie heute vollendete, eine so schwere
Folge nach sich ziehen sollte, aber seine natrliche ngstliche
Genauigkeit war noch von seinen brigen Krften in ihre krankhafte
Spannung mit hineingezogen. Hinter dem Kampfe seines Gewissens mit den
Bildern seines sndhaften Traumes, drohte als dunkle Wolke die Ahnung,
er hmmere in seiner Zerstreuung ein knftiges Unheil fertig.

Er war fertig. Blendend glnzte die neue Blechzier in der Sonne um die
dunkle Flche des Schieferdachs. Ring, Flaschenzug, Fahrzeug und Leiter
waren entfernt; die Arbeiter, die die Leiter whrend des Losknpfens und
Herabsteigens gehalten, waren wieder gegangen. Apollonius hatte die
fliegende Rstung und die Stangen, worauf sie geruht, vom Dachgeblk
abgelst und stand allein auf dem schmalen Brette, das den Weg vom
Balkenkreuz nach der Ausfahrttr hin bildete. Er stand sinnend. Es war
ihm, als htte er irgendwo Ngel einzuschlagen vergessen. Er sah in die
Schiefer- und Nagelkasten seines Fahrzeugs, das neben ihm ber einem
Balken hing. Ein heimlicher, hastiger Schritt tnte unter ihm die
Turmtreppe herauf. Er achtete nicht darauf; denn eben sah er im
Schieferkasten eine zurckgebliebene Bleiplatte liegen. Er hatte nur so
viel Bleibleche mit sich heraufgenommen, als er brauchte; eine war also
von ihm vergessen worden; in der Zerstreuung hatte er eine
Befestigungsstelle bergangen. Aus der Ausfahrttr sah er an der
Turmdachflche hinab und hinauf. War der Fehler auf dieser Turmseite
geschehen, so lie er sich vielleicht ohne Fahrzeug bessern. Er brauchte
vielleicht nur die Leiter, um zu der Stelle zu kommen. Und so war es
auch. Etwa sechs Fu hoch ber ihm, nahe dem Dachhaken, hatte er die
Schieferplatte herausgenommen, aber vergessen, sie durch die Bleiplatte
zu ersetzen und die Blechgirlande mit Ngeln darauf zu befestigen.
Unterdes waren die heimlichen Schritte immer nher gekommen; jetzt hatte
der Eilende das Ende der Steintreppen erreicht und stieg die
Leitertreppe nach dem Dachgeblk herauf. Die Uhr unter ihm hob aus. Es
war auf zwei. Apollonius hatte noch nicht Mittag gemacht; aber, war er
in seiner Arbeit einem Fehler auf die Spur gekommen, dann lie es ihm
nicht Ruh, bis er ihn entfernt. Er war zurckgegangen, um die Leiter
herbeizuholen. Diese lag neben dem Fahrzeug auf dem Balken. Da, indem er
sich darauf herabbeugt, fhlt er sich ergriffen und mit wilder Gewalt
nach der Ausfahrtr zugeschoben. Unwillkrlich fate er mit der Rechten
die untere Kante eines Balkens seitwrts ber ihm; mit der Linken sucht
er vergebens nach einem Halt. Durch diese Bewegung wendet er sich dem
Angreifer zu. Entsetzt sieht er in ein verzerrtes Gesicht. Es ist das
wildbleiche Gesicht seines Bruders. Er hat keine Zeit, sich zu fragen,
wie das jetzt hierher kommt.

Was willst du? ruft er. Was er auch erfahren, er kann sich selbst
nicht glauben. Ein wahnwitziges Lachen antwortet ihm:

Du sollst sie allein haben oder mit hinunter!

Fort! ruft der Bedrohte. Im zornigen Schmerze sind all die Vorwrfe
gegen den Bruder in sein Gesicht heraufgestiegen. Mit seiner ganzen
Kraft stt er mit der freien Hand den Drngenden zurck.

Zeigst du endlich dein wahres Gesicht? hhnte dieser noch wtender.
Von jeder Stelle hast du mich verdrngt, wo ich stand; nun ist die
Reih' an mir. Auf deinem Gewissen sollst du mich haben, du
Federchensucher! Wirf mich hinunter oder du sollst mit!

Apollonius sieht keine Rettung. Die Hand erlahmt, mit der er sich nur
mhsam anhlt an der scharfen Kante des starken Balkens. Er mu den
Bruder mit seiner ganzen Kraft an den Armen fassen, ihn herumdrehen und
hinunterstrzen, oder der Bruder reit ihn mit hinunter. Doch ruft er:
Ich nicht!

Gut! sthnte jener. Auch das willst du auf mich wlzen! Auch dazu
willst du mich bringen! Nun ist's mit deiner Scheinheiligkeit zu End'.
Apollonius wrde einen andern Halt suchen, wt' er nicht, der Bruder
benutzt den Augenblick, wo er den alten lt. Und schon strzt der mit
wildem Anlauf heran! Apollonius' Hand rutscht von der Balkenkante ab. Er
ist verloren, findet er keinen neuen Halt. Er kann vielleicht im Sprunge
den Balken mit beiden Hnden umfassen, aber dann strzt den Bruder, den
kein Widerstand mehr aufhlt, die Gewalt des eigenen Anlaufs durch die
Tr. Da sieht er im Geiste den alten, braven, stolzen Vater, sie und die
Kinder; ihm kommt das Wort, das er sich gab; er ist der einzige Halt der
Seinen; er mu leben. Ein Schwung, und er hat den Balken im Arme; in
demselben Augenblick strzt der Bruder vorbei. Die Gewichte tief unter
ihnen rasseln und es schlgt zwei Uhr.

Die Dohlen, die der Kampf aus ihrer Ruhe gestrt, schieen wild
hernieder bis zur Aussteigetr und schweben in krchzender Wolke dort.
Tief unter ihnen hrt man den Fall eines schweren Krpers auf dem
Straenpflaster. Ein Aufschrei schallt zugleich von allen Seiten.
Bleiche, lebende Gesichter sehen auf ein bleicheres, totes herab, das
blutig auf dem Straenpflaster liegt. Dann verbreitet sich die bleiche
Hast, das Aufschreien, das Zusammeneilen, das Hndeineinanderschlagen
vom Kirchhof wie ein Wirbelwind durch die Straen bis in die
entferntesten Winkel der Stadt. Aber oben hoch die Wolken am Himmel
achten es nicht und gehen unberhrt darber hin weiter ihren groen
Gang. Sie sehen des selbstgeschaffenen Elends so viel unter sich, da
das einzelne sie nicht bewegen kann.

Es hat alles auf der Welt seinen Nutzen, wenn nicht fr den, der es
treibt oder an sich hat, so doch fr andere. So wurde nun, was Schande
ber das Nettenmairsche Haus gebracht, zum Verhter grerer Schande.
Die Trunksucht Fritz Nettenmairs war in der ganzen Stadt bekannt; alle
hatten ihn schon berauscht gesehen, kein Wunder, da jeder, der den Tod
Fritz Nettenmairs erfuhr, ihn jenem Laster auf die Rechnung stellte.
Diese Mhe hatten eigentlich nur die ersten; die anderen erfuhren schon
die fertige Geschichte. Es war gut, da niemand auer dem
Nettenmairschen Hause davon wute, da er nach Amerika gewollt, und da
er selbst, um bei seiner Rckkehr weniger aufzufallen, sich in seinen
Arbeitskleidern, nur den Mantel bergeworfen, in den Postwagen gesetzt
hatte. Der Mantel war unterwegs liegen geblieben, und die ein Recht auf
seine Auslieferung hatten, meldeten sich natrlich nicht. In den bloen
Arbeitskleidern war er zurckgekehrt. Wer von seiner Abreise wute,
setzte voraus, er sei zuerst in seinem Hause gewesen und habe sich da
umgekleidet; wer ihm auf dem Rckweg begegnet war, hatte gemeint, er
komme vom Schieferbruch oder irgend sonst von einer Arbeit oder
Arbeitsrcksprache. Es fiel niemand ein, rckwrts auf dergleichen kaum
beachtete Umstnde Gewicht zu legen, da es nicht galt, die Geschichte
erst zusammenzusetzen, da man sie schon fertig erhielt. Dazu hatte er
vor der Tat an seinem gewhnlichen Zerstreuungsort stark getrunken und
mit seiner Waghalsigkeit geprahlt. Darin hatte er von je, seiner Natur
nach, die hchste Eigenschaft eines vollkommenen Schieferdeckers gesehen
und in der Zeit seiner Ttigkeit genug Beweise davon gegeben, die der
ffentlichkeit nicht unbekannt geblieben waren. Dann hatte er geuert,
jetzt wolle er sein Meisterstck machen und war stark berauscht von der
Schenke nach Sankt Georg gegangen. Alles Umstnde, die herumkamen und
die einmal gefate Meinung nur besttigten. Ein glcklicher Zufall hatte
alle Arbeiter von Sankt Georg entfernt; von dem Kampfe vor dem Sturz
wuten auer Apollonius nur die Dohlen, die dort wohnten. Der Bauherr
hatte sogleich, nachdem er die Geschichte erfahren, seinen Liebling
aufgesucht und brachte diese auf den Turmboden, wo er den Erschpften
sitzend fand, schon vllig fertig mit. So fiel es niemand ein, diesen zu
fragen. Man erzhlte ihm, anstatt ihn erzhlen zu lassen. Es hatte ihn
bei seinem Schmerz in der Seele des Vaters gefreut, da niemand den
wahren Sachverhalt ahnte; die Schande des Bruders und damit des ganzen
Hauses konnte niemand helfen und den Vater tten. Er schwieg daher ber
das, worum man ihn nicht fragte. Der alte Herr erriet, der verlorene
Sohn hatte den Tod absichtlich gesucht. Er fand, es war so gut. Alles,
was er vernahm, bewies ihm, der Unglckliche wollte die Ehre seinem
Hauses schonen. Dennoch ngstigte ihn die Mglichkeit, es mchten noch
Umstnde bekannt werden, die den allgemeinen Irrtum berichtigen knnten.
Natrlich aber lie er sich weder seine Meinung, noch seine Furcht
absehen. Er zeigte sie selbst Apollonius nicht, der im Glauben, der alte
Herr teile die berzeugung der ganzen Stadt, ihm nun auch verschwieg,
wovon er frchten mute, es wrde den Vater unntig erschrecken und
bengstigen. So blieb die erste Meinung unwiderlegt, die Gerichte fanden
keinen Anla, untersuchend einzuschreiten, und die Gefahr, die der Ehre
der Familie gedroht, ging glcklich vorber.

Eines Abends sah man denn die schwarze Bahre vor dem Hause mit den
grnen Fensterladen, das darber wegsah, um sein rosiges Aussehen zu
rechtfertigen. Etwas entfernter standen Frau und Kinder in Gruppen
zusammen, bald leise flsternd, bald voll Aufmerksamkeit, die zeitweilig
bis zur Ungeduld stieg. Dasselbe Treiben, dieselben Empfindungen, mit
der die gebildetere Schicht der Bevlkerung des Augenblickes harrt, wo
der Vorhang vor den rhrenden Gebilden des Dichters aufrauschen soll;
dasselbe Bedrfnis hat die blauen Schrzen hierher gezogen, das dort die
schnsten Gewnder der Stadt versammelt. Zuweilen kommt ein schwarzer
Mantel unter dreieckigem Hute in dsterer Gravitt die Strae daher und
tritt hinter der Bahre hinweg ins Haus. Endlich geht die Tr doppelt
auf. Der Sarg steht auf der Bahre, das Leichentuch bedeckt beides; leise
und in gleichmiger Bewegung hebt sich die schwarze, wallende Masse;
nun ist sie an ihrer Stelle, denn die Trger rcken den Hut zurecht. Und
nun bewegt sich's schwankend, flatternd. Obenauf blitzt der Deckhammer,
den Valentin poliert hat, und sagt, was man jetzt der Erde bergibt, hat
ehrlich zwischen Erde und Himmel hantiert. Die alten Weiber schwemmen
mit sen Trnen hinweg, was von Schmutz auf seinem Andenken liegt.
Innerlich geben sie sich das Wort, niemand, den sie daran hindern
knnen, soll Schieferdecker werden. Es ist gefhrlich, das
Schieferdeckerhandwerk zwischen Himmel und Erde; das predigt der Mann,
der unter dem schwarzen Flattern zwischen den Brettern liegt, so stumm
er ist, mit erschtternder Beredsamkeit. Dann mustern sie den alten
Herrn, den zwei Leidtragende fhren. Er sieht aus, wie der Geist des
ehrlichen Begrbnisses selbst. Doch ber dem schlanken, hohen Apollonius
neben dem wrdigen Bauherrn vergessen sie die ganze Milde, die sie
vorhin gebt; sie graben den Toten wiederum aus den nassen Totenblumen
heraus, womit sie seine menschliche Ble bedeckt. Seinetwegen wr der
Hammer ber ihm voll dunkeln Rosts der Schande, Apollonius ist's, dem er
dankt, da das Werkzeug so ehrenblank ber seinem letzten Bette liegt.
Und ob er's um ihn verdient hat? Das will keine sagen. Knnte sie der
Tote hren vor den Brettern und dem schwarzen Geflatter darum, er htte
dem Bruder noch mehr zu verzeihen. Oder auch nicht zu verzeihen; er
hatte ihm nichts verziehen, nicht was er an Apollonius, nicht was dieser
an ihm getan. Und knnt' er vollends dem Bruder in das Herz sehen, aus
dem der Tod allen Groll verwischt, das sich Vorwrfe macht, weil es
einen Bsewicht sah, wo es den unglcklichen Wahnsinnigen htte bedauern
mssen, er steifte sich noch tiefer in den Neid der Teufel. Dann kommt
die junge Frau an die Reihe, und vllig in der Weise ihres Geschlechts
schlagen die Klageweiber in Ehestifterinnen um. Und wahrlich! sie haben
nicht unrecht; ein schneres Paar, eines, das besser zusammenpate, das
seiner gegenseitig so wert wre, wie dieses, fnden auch tiefere
Beobachter im Bereich der ganzen Stadt nicht aus. Der Zug ging am Roten
Adler vorbei. Es war schon wieder ein Ball da oben, bei dem Fritz
Nettenmair fehlte; gewi ein lederner Ball! Da ist er ja! da ist er ja!
klang dem Zuge entgegen und begleitet ihn unermdlich die ganze Strae
entlang. Aber famos konnte es nicht werden trotzdem. Es war derselbe
Weg, den Fritz Nettenmair zurckging, nachdem er den Gesellen begleitet
hatte. Damals sah er im Geiste den Bruder unter dem Deckhammer und dem
wallenden, schwarzen Behnge, und er ging leidtragend hinter ihm drein.
Nun war's umgekehrt Wirklichkeit geworden, aber Apollonius fhlte
wirklich, was der Bruder nur zur Schau trug. Und fort ging's immer die
Straen hin, die Fritz Nettenmair damals hergekommen war. Und drauen
vor dem Tore zerflossen wiederum die Weiden in Nebel oder Nebel gerann
zu Weiden. Hben und drben trugen Nebelmnner Nebelleichen neben der
wirklichen her. An dem Kreuzweg, wo Fritz Nettenmair damals den Gesellen
im Nebel verschwinden sah, verschwand er heute selbst darin. Ob es ihn
freuen wrde, wenn ihm einer sagte, er wird den Freund wiedersehen? Er
wird ihn wieder begleiten -- wohin? Eben tragen sie in Tambach ihn
hinaus. Sie haben viel zu sprechen miteinander. Fritz Nettenmair kann
dem Gesellen sagen, wie sorgsam er den Gedankenkeim, den jener gegeben,
bis zum Zerschneiden des Seiles ausgebrtet hat, und der Geselle dem
ehemaligen Herrn, da er unter dem Seilschnitt verunglckte, den dieser
gemacht. Der Geistliche, der Fritz Nettenmair die Grabrede hlt -- denn
Fritz Nettenmair wird mit allen Ehren begraben, die seinem Stande ziemen
und fr Geld zu haben sind -- wei nicht, welch fruchtbares Thema ihm
entgeht.

Das letzte Wort der Grabrede war verklungen, die letzte Scholle auf
Fritz Nettenmair's Sarg gefallen, die Leidtragenden waren heimgekehrt;
es war Nacht geworden und wieder Tag, und wieder Nacht geworden und
wieder und wieder Tag und Nacht; andere Dinge hatten Fritz Nettenmairs
Unglcksfall aus dem Munde der Stadt verdrngt und noch andere diese.
Auf sein Grab war ein Stein gesetzt und darauf sein ehrlicher Tod
nochmals vom Bildhauer bescheinigt und der vergelichen Nachwelt mit
Meielstrichen eingeschrft worden. Man sollte meinen, die dstere Wolke
ber dem Haus mit den grnen Fensterladen mte sich in dem Wetterschlag
entladen haben, der den lteren Sohn vom Turmdache von Sankt Georg auf
das Straenpflaster niedergeschmettert, und das Leben msse darin nun so
heiter sich gestalten, als sein uerer Anblick verspricht. Ja, man
konnte es meinen, wenn man die junge Wittib oder ihre Kinder sah! Die
drei schnellkrftigen Wesen hoben die niedergedrckten Kpfchen wieder,
sobald die Last entfernt war, die sie niedergedrckt. Die junge Wittib
sah nicht aus, als wre sie schon Frau, noch weniger, als wre sie schon
eine unglckliche Frau gewesen; sie erschien von Tag zu Tag mehr ein
brutlich Mdchen oder eine mdchenhafte Braut. Und sollte sie nicht?
Wute sie nicht, da er sie liebte? liebte sie ihn nicht? Mute sie
nicht das Necken Dritter darauf bringen, fiel es ihr auch selbst nicht
ein, da ihre Liebe eine erlaubte war? Wie oft mute sie sich fragen
lassen, ob sie schon an ihrer Ausstattung nhe? die Kinder fragen hren,
ob ihnen ein neuer Papa auch recht sei? Konnte sie anders darauf
antworten, als mit stummem Errten und indem sie rasch von etwas anderem
zu sprechen begann? Und so machen es brutliche Mdchen und mdchenhafte
Brute; das wei jeder. Und die Heirat war so natrlich, ja nach den
hergebrachten Begriffen so notwendig, da die Ernsteren und die ber das
Necken hinaus waren, dies unausgesprochen voraussetzten und es eben
deshalb nicht aussprachen, weil es sich ihnen von selbst verstand. Auch
der alte Herr lie es in seiner diplomatischen Art zu reden an
dergleichen Andeutungen nicht fehlen. Christiane sah den Mann, von dem
die Leute meinten, er knne, ja er msse sie heiraten, noch immer hoch
ber sich; es war ihr in dieser Beziehung, wie in allen, Bedrfnis,
Pflicht und Wollust, sich in seinen Willen zu ergeben, den sie den
reinsten und den heiligsten wute. Wenn sie trotz dieser Ergebung
Wnsche und Hoffnungen nhrte, wer wird es nicht natrlich finden? wer
mchte es ihr verdenken?

Der alte Herr war berzeugt, htte er das Regiment behalten, es wre
alles anders gekommen. Hatte er doch, was Apollonius verdorben, noch zu
dem besten Ende gefhrt, das mglich war. Die Not hatte ihm das Heft
noch einmal in die Hand gedrckt und er wollte es nicht wieder fahren
lassen. Die durch den glcklichen Erfolg erhhte Meinung von sich hatte
ihn vergessen lassen, da er schon zweimal zu der Einsicht gezwungen
worden war, eine Leitung im blauen Rock sei nur dann mglich, wenn man
nicht mit fremden Augen sehen msse. Er sollte es zum drittenmal
erfahren. Es war kein Wunder, da er Apollonius' seitherigem Handeln
falsche Beweggrnde unterlegte. Schon als er sich der Tchtigkeit des
Sohnes gefreut hatte, war ihm zugleich die Furcht gekommen, die
Valentins Gestndnis der Verschweigung ihm zur Wahrheit machte. Er sah
hinter der vorgegebenen Schonung des Sohnes um so natrlicher
Eigenmchtigkeit und die Lust, ein verdecktes Spiel zu spielen, als er
ihn dabei nur an dem eigenen Mastabe ma. Es war das Nchstliegende,
da er in dem Sohne die eigenen Neigungen voraussetzte. Schon damals
hatte er mit einer Art Eifersucht empfunden, da er selbst der tchtigen
Jugend des Sohnes gegenber in seiner Blindheit nichts mehr war und
nichts mehr konnte. Der Argwohn, den seine Hilflosigkeit ihn gelehrt,
mute ihm sagen, da Apollonius trotz seines mhsamen Verbergens
dahinter gekommen war, und so sah er auch die Verachtung mit unter den
Beweggrnden vom Handeln des Sohnes.

Seit jener Nacht vor seines lteren Sohnes gewaltsamem Tode war Herr
Nettenmair wiederum als Leiter an die Spitze des Geschfts getreten.
Apollonius berichtete ihm tglich ber den Fortgang der laufenden
Arbeiten und holte seine Befehle ab. Ist eine Arbeit einmal in ihr Gleis
gebracht, dann fhrt sie sich selbst und es bedarf von seiten des
Leitenden nur Beaufsichtigung und gelegentliches Antreiben. Soll aber
eine neue unternommen werden, dann gilt es die Geleise erst zu suchen,
in denen sie laufen kann, und aus diesen wieder das krzeste, das
sicherste und gewinnvollste auszuwhlen. Der Arbeitgeber erschwert oft
die Aufgabe, indem er selbst mit hineinsprechen will, oder besondere
Nebenwnsche hat, die der Meister zugleich miterfllen soll. Ort, Zeit
und Material machen ihre Selbstndigkeit und Eigenartigkeit geltend.
Nicht jede Arbeit kann man jedem Arbeiter anvertrauen; ber der neuen
darf der Meister nicht die bereits laufenden vergessen. Wahl, richtige
Anstellung und Verteilung der Krfte haben ihre Schwierigkeit.
Entfernung, Wetter sprechen dann auch ihr Wort dazu. All das will
berwunden sein, und so berwunden, da neben Wunsch und Vorteil des
Baugebers auch Handwerksehre und Vorteil des Meisters nicht ins Gedrnge
gert. Dazu braucht's offene, klare Augen von raschem berblick. Da
Apollonius diese besa, erkannte der alte Herr schon in dessen erster
Meldung. Diese betraf eine besonders schwierige Aufgabe. Apollonius
stellte sie mit solcher Klarheit dar, da der alte Herr die Dinge mit
leiblichen Augen zu sehen glaubte. Es war ein Fall, in welchem den alten
Herrn seine Erfahrung im Stiche lie. Apollonius machte er keine
Schwierigkeit. Er zeigte drei, vier verschiedene Wege, ihm gerecht zu
werden, und setzte den alten Herrn in eine Verwirrung, welche er kaum zu
verbergen wute. ber die kncherne Stirn unter dem deckenden
Augenschirm zog eine wunderliche wilde Jagd der widersprechendsten
Empfindungen: Freude und Stolz auf den Sohn, dann Schmerz, wie er selbst
nun doch nichts mehr war, doch nichts mehr sein konnte; dann Scham und
Zorn, da der Sohn das wute, und ber ihn triumphiere; Lust, ihn zu
bndigen und ihm zu zeigen, da er noch Herr und Meister sei. Aber wenn
er sich durchsetzen wollte: wrde der Sohn gehorchen? Er konnte nichts
Besseres ersinnen, als der Sohn ihm vorgelegt hatte; befahl er etwas
anderes, so bestrkte er den Sohn in seiner Nichtachtung; und der gab
sich dann das Ansehen, des Vaters Befehl zu vollziehen und tat doch, was
er selber wollte. Und er konnte das nicht hindern, ihn nicht zwingen. Er
mute ja glauben, was der Sohn und was die Leute ihm sagten. Hatte er
nicht anderthalb Jahre lang glauben mssen, was der Sohn ihm sagte, und
die Leute hatten dem Sohn geholfen? Und stellte er einen Fremden dem
Sohne zum Beobachter; war er der Treue des Fremden gewi? Und wenn er
das sein konnte, stellte er nicht selbst dann erst seine Hilflosigkeit
ins Licht, da die ganze Stadt erfuhr, er war ein blinder Mann, der
nichts mehr war und nichts mehr konnte, und mit dem man spielte, wie man
wollte? Es blieb ihm kein Mittel, auch nur den Schein des Regiments
beizubehalten, als seine diplomatische Kunst. Mit grimmvoller Stimme gab
er nun Befehle, die eigentlich unntig waren, weil sie Dinge betrafen,
die sich von selbst verstanden und ohne Befehl getan worden wren. Bei
neuen Arbeiten, die erst in Gang gebracht werden muten, mibilligte er
mit Zorn die Vorschlge Apollonius; und der Befehl, den er endlich gab,
lief doch in der Hauptsache auf die Annahme des Vorschlages hinaus, der
Apollonius als der zweckmigste erschienen war. Hintennach stellte er
sich bei sich selber nach Mglichkeit wieder her; er fand etwas aus, das
er fr klger hielt als den Vorschlag Apollonius'; war er berzeugt,
da, wenn er nur sein Gesicht noch htte, alles doch ganz anders gehen
wrde, dann konnte er sich der Freude und dem Stolz ber die Tchtigkeit
des Sohnes ungehindert hingeben, bis er wiederum in die zornige
Notwendigkeit versetzt wurde, seine diplomatische Kunst anzuwenden.
Apollonius ahnte so wenig von dem Zwang, den er, ohne zu wollen, dem
alten Herrn auflegte, als von dessen Stolz auf ihn. Ihn freute es, da
er dem Vater von den Geschften nichts mehr verheimlichen mute und da
sein Gehorsam der Erfllung seines Wortes nicht im Wege stand. Auch von
dieser Seite her wurde der Himmel ber dem Hause mit den grnen Laden
immer blauer. Aber der Geist des Hauses schlich noch immer hnderingend
darin umher. So oft es Zwei schlug in der Nacht, stand er auf der
Emporlaube an der Tr von Apollonius' Stbchen und hob die bleichen Arme
wie flehend gegen den Himmel empor.

                   *       *       *       *       *

Apollonius hielt sich, war er daheim, noch immer zurckgezogen auf
seinem Stbchen. Der alte Valentin brachte ihm das Essen wie sonst
dahin. Es konnte das nicht wunder nehmen. Das Geschft hatte sich unter
seiner fleiigen Hand vergrert; es wollte gegen frher mehr als
doppelt soviel geschrieben sein. Der Postbote brachte ganze Ste von
Briefen in das Haus. Dazu hatte Apollonius in der letzten Zeit das
vorteilhafte Anerbieten des Besitzers angenommen und die Schiefergrube
gepachtet. Er verstand von Kln her den Betrieb des Schieferbaues und
hatte sich einen frheren Bekannten von daher verschrieben, den er des
Faches kundig und im Leben zuverlssig wute. Seine Wahl erwies sich
geraten; der Mann war ttig; aber Apollonius erhielt trotzdem durch die
Pachtung einen bedeutenden Zuwachs von Arbeit. Der alte Bauherr sah ihn
zuweilen bedenklich an und meinte, Apollonius habe seinen Krften doch
zu viel vertraut. Der jungen Witwe fiel es nicht auf, da Apollonius nur
wenig in die Wohnstube kam. Die Kinder, die er fter zu sich rufen und
kleine Dienste verrichten lie, wobei sie lernen konnten, unterhielten
den Verkehr. Und sie konnten bezeugen, da Apollonius keine Zeit brig
hatte. Sie selber war desto fter auf seiner Stube, doch nur, wenn er
nicht daheim war. Sie schmckte Tren und Wnde mit allem, was sie
hatte, und wovon sie wute, da er es liebte, und hielt sich ganze
Stunden lang arbeitend da auf. Aber auch sie bemerkte die Blsse seines
Angesichts, die jedesmal grer geworden schien, seit sie ihn nicht
gesehen. Wie sie nun ganz sein Spiegel geworden war, spiegelte sie auch
diese Blsse zurck. Sie htte ihn gern erheitert, aber sie suchte seine
Nhe nicht; ihr schien, als ob ihre Nhe das Entgegengesetzte wirke, was
sie zu wirken wnschte. Er war immer freundlich und voll ritterlicher
Achtung gegen sie. Das beruhigte sie wenigstens ber die Furcht, die ihr
bei seinem Sichzurckziehen am nchsten lag. Wie sie alle Tugenden, die
sie kannte, in ihn hineingestellt wie in einen Heiligenschrein, hatte
sie die Wahrhaftigkeit, die ihr die erste von allen war, nicht
vergessen. Und so wute sie, er zwang sich nicht, ihr Achtung zu zeigen,
wenn er sie nicht empfand. Er scherzte selbst zuweilen, besonders wenn
er ihren Blick ngstlich auf seinem immer bleicheren Gesichte haften
sah; aber sie merkte, da trotzdem ihre Gesellschaft ihn nicht heiterer,
nicht gesunder machte. Sie htte ihn gern gefragt, was ihm fehle. Wenn
er vor ihr stand, wagte sie es nicht; wenn sie allein war, dann fragte
sie ihn. Ganze Nchte sann sie auf Worte, ihm das Gestndnis abzulocken,
und sprach mit ihm. Gewi! htte er sie weinen gehrt, gehrt, wie immer
ser und inniger sie schmeichelte und bat, die sen Namen gehrt, die
sie gab, er htte sagen mssen, was ihm fehlte. Ihr ganzes Leben war
dann auf dem Wege zwischen Herz und Mund; trat es ihr einmal ins Ohr,
hrte sie, was sie sprach, dann errtete sie und flchtete ihr Errten
vor sich selbst und der lauschenden Nacht tief unter ihre Decke.

Dem alten, braven Bauherrn vertraute sie ihre Sorge an. Ist's ein
Wunder, sagte er eifrig, wenn einer anderthalb Jahre lang den Tag sich
ber Gebhr angestrengt und die Nacht bei Bchern und Briefen aufsitzt?
Dazu die immer steigende Sorge durch den -- Gott verzeih's ihm, er ist
tot, und von den Toten soll man nichts Bses reden -- durch den Bruder;
am Ende noch der Schreck, der mich drei Tage krank gemacht hat, ber den
-- und wenn seine Witwe dabei ist -- ich hab' ihn nie besonders leiden
knnen, und zuletzt am wenigsten. So ist die Jugend. Ich hab' ihn
hundertmal gewarnt, den braven Jungen. Und nun noch den vermaledeiten
Schieferbruch! Ei was, Gewissenhaftigkeit! Das ist keine, die nicht an
die Gesundheit denkt! Der alte Bauherr hielt der jungen Wittib eine
ganze lange Strafpredigt, die einem galt, der sie nicht hrte. Dann
kamen sie berein, Apollonius msse einen Doktor annehmen, woll' er oder
nicht; und der Bauherr ging auf der Stelle zu dem besten Arzte der
Stadt. Der Arzt versprach, sein Mglichstes zu tun. Er besuchte auch
Apollonius, und dieser lie sich des Arztes Bemhungen gefallen, weil es
die wnschten, die er liebte. Der Arzt fhlte den Puls, kam wieder und
wieder, verschrieb und verschrieb; Apollonius wurde nur noch bleicher
und trber. Endlich erklrte der tchtige Mann, hier sei ein bel, gegen
welches alle Kunst zu kurz falle; so tief hinein, als wo diese Krankheit
sitze, wirke keins von seinen Mitteln.

Apollonius hatte deshalb den Arzt sich verbeten. Er hatte wohl gewut:
fr seine Krankheit gab es keinen Arzt. Wo der Bauherr die Ursache davon
suchte, lag sie nur zum Teile. Die beranstrengung hatte blo den Boden
fr die Schmarotzerpflanze bestellt, die an Apollonius' innerem
Lebensmark zehrte. In Gemtsbewegungen lag ihr Keim, aber nicht in
denen, die der Bauherr wute. Nicht in dem Schrecken ber des Bruders
Unglck, sondern in dem Zustande, worin der Schreck ihn traf. Die ersten
Zeichen der Krankheit schienen krperlicher Natur. In dem Augenblick, wo
der Bruder neben ihm vorbei in den Tod strzte, hatten die Glocken unter
ihnen Zwei geschlagen. Von da an erschreckte ihn jeder Glockenton. Was
ihm schwerere Besorgnis erregte, war ein Anfall von Schwindel. Aller
Schrecken jenes Tages hatte ihm die Unruhe nicht verdunkeln knnen, die
ihn nicht loslie, wenn er eine Ungenauigkeit an einer Arbeit gefunden,
bis sie beseitigt war. Jeder Glockenschlag, der ihn erschreckte, schien
ihm eine Mahnung dazu. Schon den andern Morgen ffnete er, die
Dachleiter in der Hand, die Ausfahrtr. Es war ihm schon aufgefallen,
wie unsicher sein Schritt auf der Leitertreppe geworden war; jetzt, als
er durch die ffnung die ferneren Berge, die er sonst kaum bemerkte,
sich wunderlich zunicken sah, und der feste Turm unter ihm zu schaukeln
begann, erschrak er. Das war der Schwindel, des Schieferdeckers rgster,
tckischster Feind, wenn er ihn pltzlich zwischen Himmel und Erde auf
der schwanken Leiter fat! Vergeblich strebte er, ihn zu berwinden;
sein Vorhaben mute heut' aufgegeben sein. So schwer war Apollonius noch
kein Weg geworden, als der die Turmtreppe von Sankt Georg herab. Was
sollte werden! Wie sollte er sein Wort erfllen, wenn ihn der Schwindel
nicht verlie! Noch denselben Tag hatte er auf dem Nikolaiturme etwas
nachzusehen. Hier mute er mehr wagen als dort; die Glocken schlugen,
als er am gefhrlichsten stand, vom Schwindel fhlte er keine Spur.
Freudig eilte er nach Sankt Georg zurck; aber hier zitterte wieder die
Treppenleiter unter seinen Fen, und wie er hinaussah, nickten die
Berge wieder, schaukelte wieder der Turm. Er war schon auf den untersten
Stufen der Treppe, als oben ein Stundenschlag begann. Die Tne drhnten
ihm durch Mark und Bein, er mute sich am Gelnder festhalten, bis das
letzte Summen verklungen war. Er machte noch Versuch ber Versuch; er
bestieg alle Dcher und Trme mit seiner alten Sicherheit; nur zu Sankt
Georg wohnte der Schwindel. Dort hatte er seine bsen Gedanken in die
Arbeit hineingehmmert; er hatte damals schon gefhlt, er hmmere einen
Zauber zurecht, ein kommend Unheil fertig. Tag und Nacht verfolgte ihn
das Bild der Stelle, wo er die Bleiplatte einzusetzen und den Zierat
festzunageln vergessen. Die Lcke war wie ein bser Fleck, ein Fleck, wo
eine Untat begonnen oder vollbracht ist, und kein Gras wchst, kein
Schatten wird; wie eine offene Wunde, die nicht heilt, bis sie gercht
ist; wie ein leeres Grab, das sich nicht schliet, eh' es seinen
Bewohner aufgenommen hat. War nur die Lcke geschlossen, dann hatte der
Zauber keine Macht mehr. Er konnte das einem Gesellen auftragen, aber
der Gedanke, einen andern seine verwahrloste Arbeit nachbessern zu
lassen, trieb das Rot der Scham auf seine bleichen Wangen. Und die
Bleiplatte, von einem andern aufgenagelt, mute wieder abfallen; die
Lcke rief nach ihm, und nur er konnte sie schlieen. Oder den Gesellen
fate das Verderben, das er dort eingehmmert, der Schwindel, der dort
wohnt, und strzte ihn herab.

Seit das Weib des Bruders in seinen Armen gelegen, fhrte er ein
Doppelleben. Er schaffte den Tag lang auen, nachts sa er in seinem
Stbchen bei seinen Bchern; das spann sich alles mechanisch ab; er war
trotz seines Kmpfens nur mit halber Seele dabei; die andere Hlfte
hatte ihr Leben fr sich, immer schwebte sie mit den Dohlen um die Lcke
an dem Turmdach und brtete, welches kommende Unheil es sei, das er
fertig gehmmert jenen Morgen. Seine Seele trumte den sndhaften Traum
wieder durch, kmpfte den schrecklichen Kampf mit dem Bruder wieder
durch. War es des Bruders Sturz, was er gehmmert hat? Dann fllt ihm
ein, ob's nicht mglich gewesen, den Wahnsinnigen zu retten. Dann suchte
er ngstlich nach den Mglichkeiten, wie der Bruder zu retten gewesen,
und schreckte doch zurck, wenn er dachte, er knnte eine finden. So
hatte ihn des Bruders Schuld aus seinen Fugen gezerrt. Aber auch in
seinem Brten zeigte sich noch der Gegensatz zu seines Bruders Natur. In
jenem berwucherte die Selbstsucht, die schlimme Anlage; in Apollonius
berspannte sich, was Gutes in ihm war: seine Gewissenhaftigkeit,
Anhnglichkeit und sein Sauberkeitsbedrfnis. Er wlzte nicht seine
Schuld ab von sich auf den Bruder; er hob mit liebender Hand die Schuld
des Bruders herber auf sich. Denn immer klarer wird es ihm, da er den
Bruder noch zuletzt vor dem Sturze retten konnte. Er htte die Wege, die
es gab, damals finden mssen, wenn sein Herz und Kopf nicht voll gewesen
wren von den wilden, verbotenen Wnschen; htte er dem Wahnsinnigen
nicht gezrnt, den er htte bedauern sollen. Ja, er hatte dem Bruder das
Unheil fertig gehmmert mit seinen bsen Gedanken. Ohne die Gedanken war
er frher mit seiner Arbeit fertig und der Bruder fand ihn nicht mehr
auf dem Turme; der Bruder kam zu spt und gewann Zeit, seinen Entschlu
zu bereuen. Und war er noch oben, so war er der Strkere, der
Besonnenere, und mute Mittel finden, das Unheil zu verhindern. Auch im
ueren Benehmen zeigte sich dieser Gegensatz mit dem Bruder. Wie dieser
immer selbstschtiger, wilder und rcksichtsloser geworden war, machte
Apollonius das Seelenleiden immer milder und stiller. Er verlor ber dem
eigenen Zustande nicht das Mitgefhl mit fremdem Leiden. Er bedauerte
nicht sich. Dachte er an die Menschen, die ihm liebend nahe standen, so
war sein Schmerz mehr ein Mitleid mit ihrem Mitleid. Selbst sein Sofa
verga er nicht zu streicheln; er tat es, wie man einen Diener trstet,
der das Unglck seines Herrn als sein eigenes fhlt. Natrlich, da auch
ihn die Leute mit der Heirat neckten, die ihnen notwendig schien. Er
mute sich sagen, er dachte wie sie, und da seine Wnsche keine
unerlaubten mehr waren. Aber da sie es einmal gewesen, warf seinen
Schatten herber auf das vorwurfsfreie Jetzt. Seine Liebe, ihr Besitz,
schien ihm wie beschmutzt. Was Verstand und Liebe sagen mochten, er
fhlte in der Heirat eine Schuld. Daher kam's, da Christianens Nhe ihn
nicht heiterer machte. Es gab Augenblicke, wo seine Verdsterung ihm
selbst wie eine Krankheit vorkam, und er hoffte, sie werde vorbergehen.
Aber auch da trat er Christianen nicht nher, so sehr sein Herz ihn zog.
Er blieb gegen sie wie damals, wo er den Knaben zwischen sie und sich
gestellt hatte. Die kleinste Annherung sah er nach seiner Weise fr
eine Bindung an, und dachte er sich die Heirat entschieden, so lastete
wiederum das Gefhl von Schuld auf ihm. Er rckte den Gedanken daran in
eine unbestimmte Zukunft hinaus, dann fhlte er seinen Zustand
ertrglich. Er, der sonst ein unklares Verhltnis nicht ertragen konnte!
Darin aber war er sich noch vllig gleich, da er in seiner Vorstellung
eine mgliche Schuld nur immer als die seine empfand. Sie blieb ihm
unter allen Umstnden heilig und rein.

Dem alten Herrn war in seinem ueren Ehrbegriff ein Zusammenleben wie
Apollonius' und Christianens ohne kirchliche Weihe ein schweres
rgernis. Apollonius konnte ohne Schande nur unter dem Namen ihres
Gatten der jungen, schnen Wittib und ihrer Kinder Schtzer und Erhalter
sein. Nach seiner Weise sprach er ein Machtwort. Er bestimmte die Zeit.
Das unumgngliche Trauerhalbjahr war um; und in acht Tagen sollte die
Verlobung, drei Wochen spter die Hochzeit sein.

Das Leben in dem Hause mit den grnen Laden begann wieder schwl und
schwler zu werden; die neuen Wolken, die unsichtbar darum heraufzogen,
drohten einen herberen Schlag, als in dem die alten sich entladen. Die
junge Wittib durfte nur eine Braut scheinen. Sie tat, wonach man sie
neckend gefragt hatte: sie vervollstndigte ihre Einrichtung. Halbe
Nchte sa sie schneidend und nhend ber weies Linnen und buntes
Bettzeug gebckt. Es fielen Trnen darauf, aber die Freude behielt immer
weniger Anteil an diesen Trnen. Sie sah des geliebten Mannes Zustand
stndlich sich verschlimmern und konnte darber nicht im Irrtum sein,
da die Heirat die Schuld davon trug. Je blasser und hinflliger er
wurde, desto milder und achtungsvoller wurde sein Benehmen gegen sie.
Ja, es war etwas darin, das wie schmerzliches Mitleid und
unausgesprochene Abbitte eines Unrechts oder einer Beleidigung aussah,
deren er sich gegen sie schuldig wisse. Sie wute nicht, was sie davon
denken sollte; nur, da sie nichts denken durfte, was des Bildes, das
sie von ihm in ihrer Seele trug, unwrdig gewesen wre. In seiner
Gegenwart war sie still wie er. Sie sah sein stummes, schmerzliches
Brten; aber erst, wenn sie allein war, und ihre Kinder neben ihr
schliefen, hatte sie den Mut, ihn zu bitten. Stundenlang bat sie dann
wie ein Kind, er soll ihr doch sagen, was ihm fehlt. Sie will es mit ihm
tragen; sie mu ja; ist sie nicht sein?

Und Apollonius selbst? Bis jetzt hatte er den Druck dunklen
Schuldgefhls, der sich an den Gedanken der Heirat knpfte, zu schwchen
vermocht, wenn er unentschieden den Entschlu in unbestimmte Ferne
hinauswies. Dabei hatte ihm die Hoffnung geholfen, jenes Gefhl sei eine
krankhafte Anwandlung, die vorbergehen werde. Nun der alte Herr sein
Machtwort gesprochen, war ihm jedes Mittel genommen. Das Ziel war
bestimmt; mit jedem Tage, mit jeder Stunde trat es ihm nher. Er mute
sich entscheiden. Er konnte nicht. Die Entzweiung seines Innern klaffte
immer weiter auf. Wollte er dem Glcke entsagen, dann wich das Gespenst
der Schuld, aber das Glck streckte immer verlockendere Arme nach ihm
aus. Es nahm seine Ehre zum Bndner. Der Vater entfernte ihn dann; wie
sollte er sein Wort halten? Wo war ein Vorwurf, wenn er das Glck in
seine Arme nahm? Der Vater wollte es; sie liebt ihn und hat ihn immer
geliebt, nur ihn; alle Menschen billigen, ja sie fordern es von ihm.
Dann sah er sie, eh' sie ihm geraubt wurde, wie sie das Glckchen
hinlegte fr ihn, rosig unter der braunen krausen Locke, die sich immer
frei macht; dann bleich unter der Locke von den Mihandlungen des
Bruders, der sie ihm geraubt, bleich um ihn; dann zitternd vor des
Bruders Drohungen, zitternd um ihn; dann lachend, weinend, voll Angst
und voll Glck in seinen Armen. Und so soll er sie halten drfen,
vorwurfslos, die ihm gehrt! Aber durch ihr schwellendes Umfangen, durch
alle Bilder stillen, sanften Glcks hindurch frstelt ihn der alte
Schauder wieder an. So war's schon in seinem Traume, als er mit dem
Bruder kmpfte um sie, und ihn hinabstie von der fliegenden Rstung in
den Tod. Er sagt sich, das war nur im Traum; was man im Traume tat, hat
man nicht getan. Aber wachend hallten die wilden Gefhle des Traumes
nach. Die bsen Gedanken machten ihn unfhig, den Bruder zu retten. Der
Sturz des Bruders machte dessen Weib frei. Er wute das, als er den
Bruder strzen lie. Deshalb ja hatte er ihn im Traume gestrzt. Nun war
es ja, wie in dem schlimmen Traum, der Bruder war tot, und er hatte sein
Weib. Nimmt er des Bruders Weib, die frei wurde durch den Sturz, so hat
er ihn hinabgestrzt. Hat er den Lohn der Tat, so hat er auch die Tat.
Nimmt er sie, wird ihn das Gefhl nicht lassen; er wird unglcklich
sein, und sie mit unglcklich machen. Um ihret- und seinetwillen mu er
sie lassen. Und will er das, dann erkennt er, wie haltlos diese Schlsse
sind vor den klaren Augen des Geistes, und will er wiederum das Glck
ergreifen, so schwebt das dunkle Schuldgefhl von neuem wie ein eisiger
Reif ber seine Blume, und der Geist vermag nichts gegen seine
vernichtende Gewalt. Daneben mahnten immer lauter die Glockenschlge von
Sankt Georg. Immer fieberischer wurde die Unruhe, da der Fehler noch
nicht gebessert war. uere Anlsse schrften noch den Drang. Es hatte
anhaltend geregnet, die Lcke schluckte, die Verschalung sog das Wasser
gierig ein; das Holz mute verfaulen. Trat die Winterklte strker ein,
fror die Nsse im Holz, so warf sich die Verschalung und verletzte die
Schiefer. Die Stadt, die seiner Pflichttreue vertraute, litt Schaden
durch ihn. Jede Nacht weckte ihn der Stundenschlag Zwei. In der Glut des
Fiebers vermischten sich die Schatten. Die Vorwrfe des inneren und
ueren Sauberkeitsbedrfnisses flossen ineinander. Immer
unwiderstehlicher forderte die offene Wunde das Gericht; das ghnende
Grab den, der es schlo. Und er war es, den der Stundenschlag zu
Gerichte rief; er, der das Grab schlieen mute, eh' das gehmmerte
Unheil auf ein unschuldig Haupt fiel. Sich selbst hatte er das kommende
Unheil fertig gehmmert. Er mute hinauf, den Fehler zu bessern. Und
wenn er oben war, dann schlug es Zwei, dann packte ihn der Schwindel und
ri ihn hinab, dem Bruder nach.

Der alte wackere Bauherr drang in den Leidenden; er hatte sich das Recht
erworben, sein Vertrauen zu fordern. Apollonius lchelte trb; er schlug
ihm sein Verlangen nicht ab, aber er schob die Erfllung von Tag zu Tag
weiter hinaus. Von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde sah die schne junge
Braut ihn bleicher werden und blich ihm nach. Nur der alte Herr in
seiner Blindheit sah die Wolke nicht, die mit dem Schlimmsten droht. Es
war wieder schwl geworden und wurde noch immer schwler, das Leben in
dem Hause mit den grnen Laden. Kein Mensch sieht's dem rosigen Hause
an, wie schwl es einmal darin war.

                   *       *       *       *       *

Es war in der Nacht vor dem angesetzten Verlobungstag. Pltzlich war
Schnee, dann groe Klte eingetreten. Einige Nchte schon hatte man das
sogenannte Sankt Elmsfeuer von den Turmspitzen nach den blitzenden
Sternen am Himmel zngeln sehen. Trotz der trockenen Klte empfanden die
Bewohner der Gegend eine eigene Schwere in den Gliedern. Es regte sich
keine Luft. Die Menschen sahen sich an, als fragte einer den andern, ob
auch er die seltsame Bengstigung fhle. Wunderliche Prophezeiungen von
Krieg, Krankheit und Teuerung gingen von Mund zu Munde. Die
Verstndigeren lchelten darber, konnten sich aber selbst des Dranges
nicht erwehren, ihre innerliche Beklemmung in entsprechende Bilder von
etwas uerlich drohend Bevorstehendem zu kleiden. Den ganzen Tag hatten
sich dunkle Wolken bereinander gebaut von entschiedenerer Zeichnung und
Farbe, als sie der Winterhimmel sonst zu zeigen pflegt. Ihre Schwrze
htte unertrglich grell von dem Schnee abstechen mssen, der Berge und
Tal bedeckte und wie ein Zuckerschaum in den bltterlosen Zweigen hing,
dmpfte nicht ihr Widerschein den weien Glanz. Hier und da dehnte sich
der feste Umri der dunklen Wolkenburg in schlappen Busen herab. Diese
trugen das Ansehen gewhnlicher Schneewolken, und ihr trbes Rtlichgrau
vermittelte die Bleischwrze der hheren Schicht mit dem schmutzigen
Wei der Erde und seinen schwrzlichen Scheinen. Die ganze Masse stand
regungslos ber der Stadt. Die Schwrze wuchs. Schon zwei Stunden nach
Mittag war es Nacht in den Straen. Die Bewohner der Untergeschosse
schlossen die Lden; in den Fenstern der hheren Stockwerke blitzte
Licht um Licht auf. Auf den Pltzen der Stadt, wo ein greres Stck
Himmel zu bersehen war, standen Gruppen von Menschen zusammen und sahen
bald nach allen Seiten aufwrts, bald sich in die langen, bedenklichen
Gesichter. Sie erzhlten sich von den Raben, die in groen Zgen bis in
die Vorstdte hereingekommen waren, zeigten auf das tiefe, unruhige,
stoende Geflatter der Dohlen um Sankt Georg und Sankt Nikolaus,
sprachen von Erdbeben, Bergstrzen, wohl auch vom jngsten Tage. Die
Mutigeren meinten, es sei nur ein starkes Gewitter. Aber auch das
erschien bedenklich genug. Der Flu und der sogenannte Feuerteich,
dessen Wasser auf unterirdischen Wegen augenblicklich jedem Teile der
Stadt zugeleitet werden konnte, waren beide gefroren. Manche hofften,
die Gefahr werde vorbergehen. Aber so oft sie hinaufsahen, die dunkle
Masse rckte nicht von der Stelle. Zwei Stunden nach Mittag hatte sie
schon so gestanden; gegen Mitternacht stand sie noch unverndert so. Nur
schwerer, schien es, war sie geworden und hatte sich tiefer
herabgesenkt. Wie sollte sie auch rcken? da nicht ein leiser Lufthauch
auf den Flgeln war; und solche Masse zu zerstreuen und fortzuschieben,
htte es einer Windsbraut bedurft.

Es schlug Zwlf vom Sankt Georgenturm. Der letzte Schlag schien nicht
verhallen zu knnen. Aber das tiefe, drhnende Summen, das so lange
anhielt, war nicht mehr der verhallende Glockenton. Denn nun begann es
zu wachsen; wie auf tausend Flgeln kam es gerauscht und geschwollen und
stie zornig gegen die Huser, die es aufhalten wollten, und fuhr
pfeifend und schrillend durch jede ffnung, die es traf; polterte im
Hause umher, bis es eine andere ffnung zum Wiederherausfahren fand; ri
Lden los und warf sie grimmig zu; quetschte sich sthnend zwischen
nahestehenden Mauern hindurch; pfiff wtend um die Straenecken; zerlief
in tausend Bche; suchte sich und schlug klatschend wieder zusammen in
einen reienden Strom; fuhr vor grimmiger Lust herab und hinauf;
rttelte an allem Festen; trillte mit wildspielendem Finger die
verrosteten Wetterhhne und Fahnen und lachte schrillend in ihr Gechze;
blies den Schnee von einem Dach aufs andere, fegte ihn von der Strae,
jagte ihn an steilen Mauern hinauf, da er vor Angst in alle
Fensterritzen kroch, und wirbelte ganze tanzende Riesentannen aus Schnee
geformt vor sich her.

Da man ein Gewitter voraussah, war alles in den Kleidern geblieben. Die
Rats- und Bezirksgewitternachtwachen sowie die Spritzenmannschaften
waren schon seit Stunden beisammen. Herr Nettenmair hatte den Sohn nach
der Hauptwachtstube im Rathause gesandt, um da seine, des
Ratsschieferdeckermeisters Stelle zu vertreten. Die zwei Gesellen saen
bei den Turmwchtern, der eine zu Sankt Georg, der andere zu Sankt
Nikolaus. Die brigen Ratswerkleute unterhielten sich in der Wachtstube,
so gut sie konnten. Der Ratsbauherr sah bekmmert auf den brtenden
Apollonius. Der fhlte des Freundes Auge auf sich gerichtet und erhob
sich, seinen Zustand zu verbergen. In dem Augenblick brauste der
Sturmwind von neuem in den Lften daher. Auf dem Rathausturme schlug es
Eins. Der Glockenton wimmerte in den Fusten des Sturmes, der ihn mit
sich fortri in seine wilde Jagd. Apollonius trat an ein Fenster, wie um
zu sehen, was es drauen gebe. Da leckte eine riesige schwefelblaue
Zunge herein, bumte sich zitternd zweimal an Ofen, Wand und Menschen
auf und verschlang sich spurlos in sich selber. Der Sturm brauste fort;
aber wie er aus dem letzten Glockenton von Sankt Georg geboren schien,
so erhob sich jetzt aus seinem Brausen etwas, das an Gewalt sich so
riesig ber ihn emporreckte, wie sein Brausen ber den Glockenton. Eine
unsichtbare Welt schien in den Lften zu zertrmmern. Der Sturm brauste
und pfiff wie mit der Wut des Tigers, da er nicht vernichten konnte,
was er packte; das tiefe, majesttische Rollen, das ihn berdrhnte, war
das Gebrll des Lwen, der den Fu auf dem Feinde hat, der
triumphierende Ausdruck der in der Tat gesttigten Kraft.

Das hat eingeschlagen, sagte einer. Apollonius dachte: wenn es in den
Turm schlge von Sankt Georg, dort in die Lcke und ich mte hinauf und
es schlge Zwei und -- -- Er konnte nicht ausdenken. Ein Hilfegeschrei,
ein Feuerruf erscholl durch Sturm und Donner. Es hat eingeschlagen,
schrie es drauen auf der Strae. Es hat in den Turm von Sankt Georg
geschlagen. Fort nach Sankt Georg! Jo! Hilfe! Feuerjo! Auf Sankt Georg!
Jo! Feuerjo auf dem Turm von Sankt Georg! Hrner bliesen, Trommeln
wirbelten darein. Und immer der Sturm und Donner auf Donner. Dann rief
es: Wo ist der Nettenmair? Kann einer helfen, ist's der Nettenmair! Jo!
Feuerjo! Auf Sankt Georg! Der Nettenmair! Wo ist der Nettenmair? Jo!
Feuerjo! Auf dem Turm zu Sankt Georg!

Der Bauherr sah Apollonius erbleichen, seine Gestalt noch tiefer in sich
zusammensinken, als seither. Wo ist der Nettenmair? rief es wieder
drauen. Da schlug eine dunkle Rte ber seine bleichen Wangen und seine
schlanke Gestalt richtete sich hoch auf. Er knpfte sich rasch ein, zog
den Riemen seiner Mtze fest unter dem Kinn. Bleib' ich, sagte er zu
dem Bauherrn, indem er sich zum Gehen wandte, so denkt an meinen Vater,
an meines Bruders Weib und seine Kinder. Der Bauherr war betroffen. Das
Bleib' ich des jungen Mannes klang wie: Ich werde bleiben. Eine
Ahnung kam dem Freunde, hier sei etwas, was mit dem Seelenleiden
Apollonius' zusammenhnge. Aber der Ausdruck seines Gesichtes hatte
nichts mehr von dem Leiden; er war weder ngstlich noch wild. Durch
Sorge und Schrecken hindurch fhlte der wackere Mann etwas wie freudige
Hoffnung. Es war der alte Apollonius wieder, der vor ihm stand. Das war
ganz die ruhige, bescheidene Entschlossenheit wieder, die ihn beim
ersten Anblick den jungen Mann gewonnen hatte. Wenn er so bliebe!
dachte der Bauherr. Er hatte nicht Zeit, etwas zu erwidern. Er drckte
ihm die Hand. Apollonius empfand alles, was der Hndedruck sagen wollte.
Wie ein Mitleid zog es ber sein Gesicht hin mit dem wackern Alten, wie
Mibilligung, da er dem braven Alten Schmerz gemacht, und ihm noch mehr
Schmerz machen wollen. Er sagte mit seinem alten Lcheln: Auf solche
Flle bin ich immer bereit. Aber es gilt Eile. Auf frohes Wiedersehen!
Der schnellere Apollonius war dem Bauherrn bald aus den Augen. Auf dem
ganzen Wege nach Sankt Georg, unter dem Geschrei, den Hrnern und
Trommeln, Sturm und Donner, sagte der Bauherr immer vor sich hin:
Entweder sehe ich den braven Jungen nie wieder, oder er ist gesund,
wenn ich ihn wiedersehe. Er legte sich nicht Rechenschaft ab, wie er zu
dieser berzeugung kam. Htt' er's auch sonst gekonnt, es war nicht Zeit
dazu. Seine Pflicht als Ratsbauherr verlangte den ganzen Mann.

Der Ruf: Nettenmair! Wo ist der Nettenmair? tnte dem Gerufenen auf
seinem Wege nach Sankt Georg entgegen und klang hinter ihm her. Das
Vertrauen seiner Mitbrger weckte das Gefhl seines Wertes wieder in ihm
auf. Als er, aus der Fremde zurckkehrend, die Heimatstadt vor sich
liegen sah, hatte er sich ihr und ihrem Dienste gelobt. Nun durfte es
sich zeigen, wie ernst gemeint sein Gelbde war. Er bersann in Gedanken
die mglichen Gestalten der Gefahr, und wie er ihnen begegnen knnte.
Eine Spritze stand bereit im Dachgeblk, Tcher lagen dabei, um damit,
in Wasser getaucht, die gefhrdeten Stellen zu schtzen. Der Geselle war
angewiesen, heies Wasser bereit zu halten. Das Geblke hatte er berall
durch Leitern verbunden. Zum ersten Male seit seiner Heimkunft von
Brambach war er wieder mit ganzer Seele bei einem Werke. Vor der
wirklichen Not und ihren Anforderungen traten die Gebilde seines Brtens
wie verschwimmende Schatten zurck. Die ganze alte Wirkungsfreudigkeit
und Spannkraft war wieder heraufgerufen, das Gefhl der Erleichterung
erhhte sie noch. Mit Gedanken kann man Gedanken widerlegen, gegen
Gefhle sind sie eine schwache Waffe. Vergebens sah sein Geist den
rettenden Weg; er war in der allgemeinen Erschlaffung mit erkrankt.
Jetzt war ein strkeres gesundes Gefhl gegen die starken kranken
Gefhle aufgeglht und hatte sie in seiner Flamme verzehrt. Er wute,
ohne besonders daran zu denken, er hatte den rettenden Entschlu
gefunden, und dieser war die Quelle seines erneuten Daseins. Er wute,
er wird nicht schwindeln, und blieb er doch, so fiel er seiner Pflicht
zum Opfer und keiner Schuld, und Gott und die Dankbarkeit der Stadt
traten statt seiner in das Gelbde fr die Seinen ein.

Der Platz um Sankt Georg war mit Menschen angefllt, die alle voll Angst
nach dem Turmdache hinaufsahen. Der ungeheure alte Bau stand wie ein
Fels in dem Kampf, den Blitzeshelle mit der alten Nacht unermdlich um
ihn kmpfte. Jetzt umschlangen ihn tausend hastige, glhende Arme mit
solcher Macht, da er selber aufzuglhen schien unter ihrer Glut; wie
eine Brandung lief's an ihm hinauf und strzte gebrochen zurck, dann
schlug die dunkle Flut der Nacht wieder ber ihm zusammen. Ebensooft
tauchte die Menge aneinander gedrngter bleicher Gesichter auf um seinen
Fu und sank wieder ins Dunkel zurck. Der Sturm ri die Stehenden an
Hten und Mnteln und schlug mit eigenen und fremden Haaren und
Kleiderzipfeln nach ihnen, und warf sie mit seinem Schneegeriesel, das
in dem Schein der Blitze wie glhender Funkenregen an ihnen
herniederstubte, als wollte er sie's ben lassen, da er vergeblich an
den steinernen Rippen sich wund stie. Und wie die Menschen
bald erschienen, bald verschwanden, so wurde ihr verwirrtes
Durcheinanderreden immer wieder vom Sturm und vom Donner berbraust und
berrollt.

Da rief einer, sich selbst trstend: es ist ein kalter Schlag gewesen.
Man sieht ja nichts. Ein anderer meinte, die Flamme von dem Schlag
knne noch ausbrechen. Ein Dritter wurde zornig; er nahm den Einwand wie
einen Wunsch, der Schlag mge nicht ein kalter gewesen sein, und die
Flamme noch ausbrechen. Er hatte sich schon getrstet, und rchte sich
fr die Unruhe, die der Einwand wieder neu in ihm erregte. Viele sahen,
vor Angst und Klte zitternd, mit den geblendeten Augen stumpf in die
Hhe, und wuten nicht mehr, warum. Hundert Stimmen setzten dagegen
auseinander, welches Unglck die Stadt betreffen knne, ja betreffen
msse, wenn der Schlag kein kalter war. Einer sprach von der Natur der
Schiefer, wie sie, im Brande schmelzend und als brennende Schlacken
straenweit durch die Luft fliegend, schon oft einen beginnenden Brand
im Augenblick ber eine ganze Stadt verbreitet hatten. Andere klagten,
wie der Sturm einen mglichen Brand begnstige, und da kein Wasser zum
Lschen vorhanden sei. Noch andere: und wre welches vorhanden, so wrde
es vor der Klte in den Spritzen und Schluchen gefrieren. Die meisten
stellten in angstvoller Beredsamkeit den Gang dar, den der Brand nehmen
wrde. Strzte das brennende Dachgeblk, so trieb es der Sturm dahin, wo
eine dichte Husermasse fast an den Turm stie. Hier war die
feuergefhrlichste Stelle der ganzen Stadt. Zahllose hlzerne
Emporlauben in engen Hfen, bretterne Dachgiebel, schindelgedeckte
Schuppen, alles so zusammengepret, da nirgends eine Spritze
hineinzubringen, nirgends eine Lschmannschaft mit Erfolg anzustellen
war. Strzte das brennende Dachgeblke, wie nicht anders mglich war,
nach dieser Seite, so war das ganze Stadtviertel, das vor dem Winde lag,
bei dem Sturm und Wassermangel unrettbar verloren. Diese
Auseinandersetzungen brachten ngstlichere so aus der Fassung, da jeder
neue Blitz ihnen als die ausbrechende Flamme erschien. Da jeder nur
eine Seite der Turmdachflche bersehen konnte, begnstigte die
Fortpflanzung des Irrtums. Es war wunderlich, aber man hrte nun von
allen Seiten zugleich das Geschrei: Wo? Wo? Sturm und Donner
verhinderten die Verstndigung. Jeder wollte selbst sehen; so entstand
ein wildes Gedrnge.

Wo hat es hingeschlagen? fragte Apollonius, der eben daher kam. In
die Seite nach Brambach zu, antworteten viele Stimmen. Apollonius
machte sich Bahn durch die Menge. Mit groen Schritten eilte er die
Turmtreppe hinauf. Er war den langsamen Begleitern um eine gute Strecke
voraus. Oben fragte er vergebens. Die Trmersleute meinten, es msse ein
kalter Schlag gewesen sein, und waren doch im Begriff, ihre besten
Sachen zusammenzuraffen, um vom Turme zu fliehen. Nur der Gesell, den er
am Ofen beschftigt fand, besa noch Fassung. Apollonius eilte mit
Laternen nach dem Dachgeblk, um sie da aufzuhngen. Die Leitertreppe
zitterte nicht mehr unter seinen Fen; er war zu eilig, das zu
bemerken. Innen am Dachgeblke wurde Apollonius keine Spur von einem
beginnenden Brande gewahr. Weder der Schwefelgeruch, der einen Einschlag
bezeichnet, noch gewhnlicher Rauch war zu bemerken. Apollonius hrte
seine Begleiter auf der Treppe. Er rief ihnen zu, er sei hier. In dem
Augenblick zuckte es blau zu allen Turmluken herein und unmittelbar
darauf rttelte ein prasselnder Donner an dem Turm. Apollonius stand
erst wie betubt. Htte er nicht unwillkrlich nach einem Balken
gegriffen, er wre umgefallen von der Erschtterung. Ein dicker
Schwefelqualm benahm ihm den Atem. Er sprang nach der nchsten Dachluke,
um frische Luft zu schpfen. Die Werkleute, dem Schlage ferner, waren
nicht betubt worden, aber vor Schrecken auf den obersten Treppenstufen
stehen geblieben. Herauf! rief ihnen Apollonius zu. Schnell das
Wasser! die Spritze! In diese Seite mu es geschlagen haben, von da kam
Luftdruck und Schwefelgeruch. Schnell mit Wasser und Spritze an die
Ausfahrtr. Der Zimmermeister rief, schon auf der Leitertreppe,
hustend: aber der Dampf! Nur schnell! entgegnete Apollonius. Die
Ausfahrtr wird mehr Luft geben, als uns lieb ist. Der Maurer und der
Schornsteinfeger folgten dem Zimmermann, der die Schluche trug, so
schnell als mglich, mit der Spritze die Leitertreppe hinauf. Die andern
brachten Eimer kalten, der Gesell einen Topf heien Wassers, um durch
Zugieen das Gefrieren zu verhindern.

In solchen Augenblicken hat, wer Ruhe zeigt, das Vertrauen, und dem
gefaten Ttigen unterordnen sich die andern ohne Frage. Der Bretterweg
nach der Ausfahrtre war schmal; durch die verstndige Anordnung
Apollonius' fand dennoch alles im Augenblicke seinen Platz. Zunchst
Apollonius nach der Tre stand der Zimmermann, dann die Spritze, dann
der Maurer. Die Spritze war so gewendet, da die beiden Mnner die
Druckstangen vor sich hatten. Zwei starke Mnner konnten das Druckwerk
bedienen. Hinter dem Maurer stand der Schieferdeckergeselle, um ber
dessen Schulter, so oft es ntig, von dem heien Wasser zuzugieen.
Andere betrieben des Gesellen vorheriges Geschft; sie schmolzen Schnee
und Eis und behielten das gewonnene Wasser in der geheizten Trmerstube,
damit es nicht wieder zu Eis fror. Andere waren bereit, als Zutrger
zwischen Dachstuhl und Trmerstube zu dienen, und bildeten eine Art
Spalier. Whrend Apollonius mit raschen Worten und Winken den Plan
dieser Geschftsordnung dem Zimmermann und Maurer mitteilte, die ihn
dann in Ausfhrung brachten, hatte er die Dachleiter schon in der
Rechten und griff mit der Linken nach dem Riegel der Ausfahrtr. Die
Leute hatten die beste Hoffnung; aber als durch die geffnete Tr der
Sturm hereinpfiff, dem Zimmermann die Mtze vom Kopfe ri und Massen
feinen Schneestaubs gegen das Geblke warf und heulend und rttelnd den
Dachstuhl auf- und abpolterte und Blitz auf Blitz blendend durch die
dunkle ffnung brach, da wollte der Mutigste die Hand von dem
vergeblichen Werke abziehen. Apollonius mute sich mit dem Rcken gegen
die Tre kehren, um atmen zu knnen. Dann, beide Handflchen gegen die
Verschalung oberhalb der Tre gestemmt, bog er den Kopf zurck, um an
der ueren Dachflche hinaufzusehen. Noch ist zu retten, rief er
angestrengt, damit die Leute vor dem Sturm und dem ununterbrochenen
Rollen des Donners ihn verstehen konnten. Er ergriff das Rohr des
krzesten Schlauches, dessen unteres Ende der Zimmermann einschraubend
an der Spritze befestigte, und wand sich den obern Teil um den Leib.
Wenn ich zweimal hintereinander den Schlauch anziehe, drckt los.
Meister, wir retten die Kirche, vielleicht die Stadt! Die rechte Hand
gegen die Verschalung gestemmt, bog er sich aus der Ausfahrtr; in der
Linken hielt er die leichte Dachleiter frei hinaus, um sie an dem
nchsten Dachhaken ber der Tre anzuhngen. Den Werkleuten schien das
unmglich. Der Sturm mute die Leiter in die Lfte reien und -- nur zu
mglich war's, er ri den Mann mit. Es kam Apollonius zu statten, da
der Wind die Leiter gegen die Dachflche drckte. An Licht fehlte es
nicht, den Haken zu finden; aber der Schneestaub, der dazwischen
wirbelte und, vom Dache herabrollend, in seine Augen schlug, war
hinderlich. Dennoch fhlte er, die Leiter hing fest. Zeit war nicht zu
verlieren; er schwang sich hinaus. Er mute sich mehr der Kraft und
Sicherheit seiner Hnde und Arme anvertrauen, als dem sicheren Tritt
seiner Fe, als er hinaufklomm, denn der Sturm schaukelte die Leiter
samt dem Mann wie eine Glocke hin und her. Oben, seitwrts ber der
ersten Sprosse der Leiter, hpften bluliche Flammen mit gelben Spitzen
unter der Lcke und leckten unter den Rndern der Schiefer hervor. Zwei
Fu tief unter der Lcke hatte der Blitz hineingeschlagen. Vor einer
Stunde noch war er vor dem Gedanken der bloen Mglichkeit erschrocken,
hierher knnte der Blitz schlagen und er msse herauf -- eine Reihe
dunkler, tdlicher Fiebergebilde hatten sich daran geschlossen -- jetzt
war alles geschehen, wie er sich's vorhin nur gedacht; aber die Lcke
war ihm wie jede andere Stelle des Turmdachs, schwindellos stand er auf
der Leiter und nur ein frisches, tapferes Gefhl erfllte ihn: der
Drang, von Kirche und Stadt die drohende Gefahr zu wenden. Ja, etwas,
was ihm die dunkle Furcht durch Sorge erhht hatte, erwies sich nun
sogar als heilvoll und glcklich. Er erkannte, nur das Wasser, welches
die Lcke wochenlang geschluckt, und das nun im Holze gefroren, lie die
Flamme nicht so schnell berhand nehmen, als ohne dies Hindernis
geschehen wre. Der Raum, den der Brand bis jetzt einnahm, war ein
kleiner. Der Frost in der Verschalung warf die hartnckig immer
wiederkehrenden hpfenden Flmmchen lange zurck, ehe sie bleibend
einwurzeln und von dem Wurzelpunkte aus weiterfressen konnten. Hatten
sie sich einmal zu einer groen Flamme vereinigt und diese den durch
Frost gefeiten Raum unter der Lcke berschritten, dann mute der Brand
bald riesig ber die Turmspitze hinauswachsen, und die Kirche und
vielleicht die Stadt erlag der vereinten Gewalt von Feuer und Sturm. Er
sah, noch war zu retten; und er brauchte die Kraft, die ihm dieser
Gedanke gab. Die Leiter schaukelte nicht mehr blo herber und hinber,
sie wuchtete zugleich auf und ab. Was war das? Wenn der Dachbalken
locker war, -- aber er wute, das konnte nicht sein -- diese Bewegung
war unmglich. Aber die Leiter hing ja gar nicht an dem Haken; er hatte
sie an ein hervorspringendes Eichenblatt der Blechverzierung angehngt,
nahe an einem der Befestigungspunkte; aber das andere Ende des
Girlandenstcks, an dem die Leiter hing, war das, was er zu befestigen
vergessen hatte. Sein Gewicht wuchtete an dem Stcke und zog es mit der
Leiter immer mehr herab und bog die Seite nach vorn, an die er die
Leiter gehngt. Noch einen Zoll tiefer, und das Blatt lag wagrecht und
die Leiter glitt von dem Blatte herab und mit ihm hinunter in die
ungeheure Tiefe. Jetzt mute sich sein neugewonnener Lebensmut bewhren,
und er tat's. Sechs Zoll weit neben dem Blatte war der Haken. Noch drei
leichte Schritte die schwankende Leiter hinauf und er fate mit der
linken Hand den Haken, hielt sich fest daran und hob die Leiter mit der
rechten von dem Blatte herber an den Haken. Sie hing. Die Linke lie
den Haken und fate neben der rechten die Leitersprosse; die Fe
folgten; er stand wieder auf der Leiter. Und jetzt begannen schon die
Schiefer unter der Lcke zu glhen; nicht lang und sie rollten sich
schmelzend, und die brennenden Schlacken trugen das Verderben fliegend
weiter. Apollonius zog die Klaue aus dem Grtel; wenig Ste mit dem
Werkzeug, und die Schiefer fielen abgestreift in die Tiefe. Nun bersah
er deutlich den geringen Umfang der brennenden Flche; seine Zuversicht
wuchs. Zwei Zge an dem Schlauch, und die Spritze begann zu wirken. Er
hielt das Rohr erst gegen die Lcke, um die Verschalung oberhalb des
Brandes noch geschickter zum Widerstande zu machen. Die Spritze bewies
sich krftig; wo ihr Strahl unter den Rand der Schiefer sich einzwngte,
splitterten diese krachend von den Ngeln. Die Flammen des Brandes
knisterten und hpften zornig unter dem herabflieenden Wasser; erst dem
unmittelbar gegen sie gerichteten Strahl gelang es, und auch diesem mehr
durch seine erstickende Gewalt als durch die Natur seines Stoffes, die
hartnckigen zu bezwingen.

Die Brandflche lag schwarz vor ihm, dem Strahl der Spritze antwortete
kein Zischen mehr. Da rasselte das Getriebe der Uhr tief unter ihm. Es
schlug Zwei. Zwei Schlge! Zwei! Und er stand und strzte nicht! Wie
anders war es nun in der Wirklichkeit gekommen, als die fieberischen
Ahnungen gedroht! Wenn er oben war, da schlug es Zwei, da packte ihn der
Schwindel und ri ihn hinab, eine dunkle Schuld zu ben. Das hatten ihm
seine schweren wachen Trume gezeigt. Und er stand doch wirklich oben,
und die Leiter schwankte im Sturme, Schneestaub umwirbelte ihn, Blitze
umzuckten ihn; mit jedem flammte die Schneedecke der Dcher, der Berge,
des Tals, die ganze Gegend in einer ungeheuren Flamme auf, und nun
schlug's Zwei unter ihm, die Glockentne heulten, vom Sturme gezerrt
hinaus in den Aufruhr, und er stand, er stand schwindellos, er strzte
nicht. Er wute, keine Schuld lag auf ihm; er hatte seine Pflicht getan,
wo Tausende sie nicht getan htten; er hatte die Stadt, an der er mit
ganzer Seele hing, er allein, von der furchtbarsten Gefahr befreit. Aber
aller Stolz dieses Gedankens war in dieser Seele nur ein Dankgebet. Er
dachte nicht an die Menschen, die ihn preisen wrden, nur an die
Menschen, die nun wieder aufatmen durften, an das Elend, das verhtet,
an das Glck, welches erhalten war. Und er fhlte selbst nach Monden
wieder, was frei aufatmen heit. Diese Nacht hatte ja auch ihm die Lust
wieder gebracht. Mit Freudigkeit erinnerte er sich jetzt wieder an das
Wort, das er sich gegeben. Menschen wie Apollonius ist's der hchste
Segen einer braven Tat, da sie sich gestrkt fhlen zu neuem, bravem
Tun.

Die Menge unten schrie noch immer: Wo? Wo? und drngte sich
durcheinander, als der zweite Einschlag geschah. Alles stand einen
Augenblick von Schrecken gelhmt. Gott sei Dank! es war wieder kalt!
rief eine Stimme. Nein! nein! dasmal brennt's! Erbarme sich Gott!
entgegneten andere, scharfe Augen sahen, wenn zuweilen zwischen den
Blitzen Dunkel eintrat, die kleinen Flammen wie Lichterchen ber die
Schiefer hpfen. Sie suchten sich und lohten, wenn sie sich fanden,
zuckend in eine grere Flamme zusammen auf; dann flohen sie sich
tanzend und schlugen wieder zusammen. Der Sturm bog und dehnte sich hin
und her; zuweilen schienen sie zu verlschen, dann zngelten sie noch
hher auf als vorhin. Sie wuchsen, das sah man, aber rasch war ihr
Wachstum nicht. Viel schneller und gewaltiger schwoll das neue Feuerjo
durch die ganze Stadt. In angstvoller Spannung bohrten sich alle Blicke
auf der kleinen Stelle fest. Jetzt Hilfe, und es ist noch zu
verlschen! Und wieder klang angstvoll der Ruf: Nettenmair! Wo ist
Nettenmair? durch Sturm und Donner. Eine Stimme rief: Er ist auf dem
Turm. Alle Gemter fhlten das wie eine Beruhigung. Und die meisten
kannten ihn nicht, selbst die meisten unter den Rufern. Und die ihn
nicht kannten, schrien am lautesten. In Augenblicken allgemeiner
Hilflosigkeit klammert sich die Menge an einen Namen, an ein bloes
Wort. Ein Teil schiebt damit die Anforderungen des Gewissens zu eigenem
Mhen, zu eigenem Wagnis von sich; und diese sind's, die dem Helfer, hat
er nicht geholfen, dann unbarmherzig nachrechnen, was er getan und was
er nicht getan. Die andern sind froh, tuschen sie sich nur ber den
nchsten Augenblick hinweg. Was soll er? rief einer. Helfen! Retten!
andere. Und wenn er Flgel htte, in dem Sturm wagt's keiner. Der
Nettenmair gewi! Im tiefsten Herzen wuten auch die vertrauendsten, er
wird's nicht wagen. Der Gedanke, da die Flamme noch gelscht werden
konnte, wenn sie nur zugnglich war, machte die allgemeine Empfindung
peinlicher, da er die stumpfe Ergebung hinderte, wozu die
unausweichliche Not mit milder Hrte zwingt. Als die Ausfahrtr sich
ffnete und die herausgehaltene Leiter sichtbar wurde, als es schien, es
wagt es dennoch einer, wirkte das so erschreckend, als der Einschlag
selbst. Und die Leiter hing und schaukelte hoch oben mit dem Mann, der
daran hinaufklomm, von Schnee umwirbelt, von Blitzen umzuckt; die Leiter
hinauf, die wie aus einem Span geschnitten schien und wie eine Glocke
mit ihm schaukelte, in der entsetzlichen Hhe. Jeder Atem stockte. Aus
Hunderten der verschiedensten Gesichter starrte derselbe Ausdruck nach
dem Manne hinauf. Keiner glaubte an das Wagnis, und sie sahen den
Wagenden doch. Es war wie etwas, das ein Traum wre und doch
Wirklichkeit zugleich. Keiner glaubte es, und doch stand jeder einzelne
selbst auf der Leiter, und unter ihm schaukelte der leichte Span im
Sturm und Blitz und Donner hoch zwischen Himmel und Erde. Und sie
standen doch auch wieder unten auf der festen Erde und sahen nur hinauf;
und doch, wenn der Mann strzte, dann waren sie's, die strzten. Die
Menschen unten auf der festen Erde hielten sich krampfhaft an ihren
eigenen Hnden, an ihren Stcken, ihren Kleidern an, um nicht
herabzustrzen von der entsetzlichen Hhe. So standen sie sicher und
hingen doch zugleich ber dem Abgrunde des Todes, jahrelang, ein Leben
lang, denn die Vergangenheit war nicht gewesen; und doch war's nur ein
Augenblick, seit sie oben hingen. Sie vergaen die Gefahr der Stadt,
ihre eigene ber der Gefahr des Menschen da oben, die ja doch ihre
eigene war. Sie sahen, der Brand war getilgt, die Gefahr der Stadt
vorber; sie wuten es wie in einem Traume, wo man wei, man trumt; es
war ein bloer Gedanke ohne lebendigen Inhalt. Erst als der Mann die
Leiter herabgeklommen, in der Ausfahrtr verschwunden war, und die
Leiter sich nachgezogen hatte, erst als sie nicht mehr oben hingen, als
sie sich nicht mehr an den eigenen Hnden, Stcken und Kleidern
festhalten muten; da erst kmpfte die Bewunderung mit der Angst, da
erst erstickte der Jubel: Zu, braver Junge! in dem Angstruf: Er ist
verloren! Eine alterszitternde Stimme begann zu singen: Nun danket
alle Gott! Als der alte Mann an die Zeile kam: der uns behtet hat,
da erst stand alles vor ihrer Seele, was sie verlieren konnten und was
ihnen gerettet war. Die fremdesten Menschen fielen sich in die Arme,
einer umschlang in dem andern die Lieben, die er verlieren konnte, die
ihm gerettet waren. Alle stimmten ein in den Gesang und die Tne des
Dankes schwollen durch die ganze Stadt, ber Straen und Pltze, wo
Menschen standen, die gefrchtet hatten, und drangen in die Huser
hinein bis in das innerste Gemach, und stiegen bis in die hchste
Bodenkammer hinauf. Der Kranke in seinem einsamen Bett, das Alter in dem
Stuhl, wohin es die Schwche gebannt hielt, sang von ferne mit; Kinder
sangen mit, die das Lied nicht verstanden und die Gefahr, die abgewendet
war. Die ganze Stadt war eine einzige groe Kirche und Sturm und Donner
die riesige Orgel darin. Und wieder erhob sich der Ruf: Der Nettenmair!
Wo ist der Nettenmair? Wo ist der Helfer? Wo ist der Retter? Wo ist der
khne Junge? Wo ist der brave Mann? Sturm und Gewitter waren vergessen.
Alles strzte durcheinander, den Gerufenen suchend; der Turm von Sankt
Georg wurde gestrmt. Den Suchenden kam der Zimmermann entgegen und
sagte, der Nettenmair habe sich einen Augenblick im Trmerstbchen zur
Ruhe gelegt. Nun drangen sie in den Zimmermann, er sei doch nicht
beschdigt? Seine Gesundheit habe doch nicht gelitten? Der Zimmermann
konnte nichts sagen, als da Nettenmair mehr getan habe, als ein Mensch
im gewhnlichen Lauf der Dinge zu tun imstande sei. Bei solchen
Gelegenheiten, wie die Rettung heute, sei der Mensch ein anderer;
hinternach erstaune er selber ber die Krfte, die er gehabt. Aber es
bezahle sich alles. Ihn -- den Zimmermeister -- solle es nicht wundern,
schliefe Nettenmair nach der gehabten Anstrengung drei Tage und drei
Nchte in einem Ritt hintereinander fort. Die Leute schienen bereit,
so lange auf den Treppen zu warten, um den Braven nur gleich nach seinem
Erwachen zu sehen. Unterdes hatte ein angesehener Mann auf dem nahen
Marktplatze eine Geldsammlung begonnen. Geld lohne freilich solch ein
Tun nicht, als der Brave heut bewiesen; aber man knne ihm wenigstens
zeigen, man wisse, was man ihm zu danken habe. In der Stimmung des
Augenblicks, die in jedem einzelnen wiederklang, liefen sogar anerkannte
Geizhlse hastig heim, ihren Beitrag zu holen, unbekmmert darum, da
sie es eine Stunde spter reuen wrde. Wenige von den Wohlhabenderen
schlossen sich aus; die rmeren steuerten alle bei. Der Sammler
erstaunte selbst ber den reichen Erfolg seiner Bemhungen.

Wohl eine halbe Stunde hatte Apollonius gelegen. Ehe er sich gelegt,
hatte er noch gesorgt, da die Laternen vorsichtig ausgelscht wurden.
Er hatte die Ausfahrtre geschlossen und die Spritze leeren, die
Schluche in die Trmerstube bringen lassen, damit der Frost keinen
Schaden daran bringen konnte. Er vermochte kaum mehr zu stehen. Der
Bauherr, der unterdes heraufgekommen war, hatte ihn dennoch halb mit
Gewalt in die Trmerstube hinunterbringen mssen. Dann hatte der Freund
die Tre von innen verriegelt, Apollonius gentigt, die gefrorenen
Kleider auszuziehen, und dann wie eine Mutter an seines Lieblings Bett
gesessen. Apollonius konnte nicht schlafen; der alte Mann litt aber
nicht, da er sprach. Er hatte Rum und Zucker mitgebracht; an heiem
Wasser fehlte es nicht; Apollonius aber, der nie hitziges Getrnk zu
sich nahm, wies den Grog dankend zurck. Der Geselle hatte unterdes
frische Kleider geholt. Apollonius versicherte, er finde sich wieder
vollkommen krftig, aber er zgerte, aus dem Bette aufzustehen. Der Alte
gab ihm lachend die Kleider. Apollonius hatte sich vorhin unter der
Decke ausgezogen, und so zog er sich wieder an. Der Bauherr kehrte sich
ab von ihm und lachte durch das Fenster Sturm und Blitzen zu; er wute
nicht, ob ber Apollonius' Schamhaftigkeit, oder berhaupt aus Freude an
seinem Liebling. Er hatte oft bereut, da er Junggeselle geblieben war;
jetzt freute es ihn fast. Er hatte ja doch einen Sohn, und einen so
braven, als ein Vater wnschen kann.

Auf dem Wege begann eine groe Not fr Apollonius. Er wurde von Arm in
Arm gerissen; selbst angesehene Frauen umfaten und kten ihn. Seine
Hnde wurden so gedrckt und geschttelt, da er sie drei Tage lang
nicht mehr fhlte. Er verlor seine natrliche, edle Haltung nicht; die
verlegene Bescheidenheit dem begeisterten Danke, das Errten dem
bewundernden Lobe gegenber stand ihm so schn an, als sein mutig
entschlossenes Wesen in der Gefahr. Wer ihn nicht schon kannte,
verwunderte sich; man hatte sich ihn anders gedacht, braun, keckugig,
verwegen, bersprudelnd von Kraftgefhl, wohl sogar wild. Aber man
gestand sich, sein Ansehen widersprach dennoch nicht seiner Tat. Das
mdchenhafte Errten einer so hohen, mnnlichen Gestalt hatte seinen
eigenen Reiz, und die verlegene Bescheidenheit des ehrlichen Gesichts,
die nicht zu wissen schien, was er getan, gewann; die milde Besonnenheit
und einfache Ruhe stellte die Tat nur in ein schneres Licht; man sah,
Eitelkeit und Ehrbegierde hatten keinen Teil daran gehabt.

                   *       *       *       *       *

Wir berspringen im Geiste drei Jahrzehnte, und kehren zu dem Manne
zurck, mit dem wir uns im Anfange unserer Erzhlung beschftigten. Wir
lieen ihn in der Laube seines Grtchens. Die Glockentne von Sankt
Georg riefen die Bewohner der Stadt zum Vormittagsgottesdienste; sie
klangen auch in das Grtchen hinter dem Hause mit den grnen
Fensterladen herein. Dort sitzt er jeden Sonntag um diese Zeit. Rufen
die Glocken zum Nachmittagsgottesdienst, dann sieht man ihn, das
silberbeknopfte Rohr in der Hand, nach der Kirche steigen. Kein Mensch
begegnet ihm, der den alten Herrn nicht ehrerbietig grte. Nun sind es
bald dreiig Jahre her, aber es gibt noch Leute, die die Nacht miterlebt
haben, die denkwrdige Nacht, von der wir eben erzhlten. Wer es noch
nicht wei, dem knnen sie sagen, was der Mann mit dem silberbeknopften
Stocke fr die Stadt getan in jener Nacht. Und was er den Morgen nachher
gestiftet, davon kann man Steine zeugen hren. Vor der Stadt am
Brambacher Wege, nicht weit vom Schtzenhaus, erhebt sich aus
freundlichem Grtchen ein stattlicher Bau. Es ist das neue
Brgerhospital. Jeder Fremde, der das Haus besucht, erfhrt, da der
erste Gedanke dazu von Herrn Nettenmair kam. Er mu die ganze Geschichte
jener Nacht hren, die wackere Tat des Herrn Nettenmair, der dazumal
noch jung war; dann, wie man Geld fr ihn gesammelt, und er die
bedeutende Summe an den Rat gegeben als Stamm zu dem Kapital, das der
Bau erforderte; wie sein Beispiel Frucht getragen, und reiche Brger
mehr oder weniger dazu geschenkt und vermacht, bis endlich nach Jahren
ein Zuschu aus der Stadtkasse Beginn und Vollendung des Baues
ermglicht hatte.

War Herr Nettenmair aus der Kirche zurck, dann verbrachte er den Rest
des Sonntags auf seinem Stbchen -- denn da wohnt er noch immer -- oder
er machte einen Gang nach der nahen Schiefergrube, die jetzt ihm gehrt
oder vielmehr seinem Neffen. Die Erfllung des Wortes, das er sich
gegeben, war der Gedanke seines Lebens geblieben. Was er schaffte,
schaffte er fr die Angehrigen seines Bruders; er sah sich nur als
ihren Verwalter an. Begegnete ihm auf seinem Wege ein zierliches,
kleines Mdchen, so dachte er an das tote nnchen. Sein Gedchtnis war
so gewissenhaft als er selbst. Dann rief er das Kind zu sich,
streichelte ihm das Kpfchen, und es mute wunderlich zugegangen sein,
fand sich in den Taschen des blauen Rockes nicht irgend etwas sorglich
in reines Papier Gewickeltes, das er herausnehmen konnte, sich von dem
kleinen Munde einen Dank zu verdienen. Aber das Kind konnte sich erst
freuen, wenn er vorbergegangen war. Bei aller Freundlichkeit hatte die
groe Gestalt etwas so Ernstes und Feierliches, da das Kind vor Respekt
nicht zur Freude kommen konnte. Die Woche ber sa Herr Nettenmair ber
seinen Bchern und Briefen oder beaufsichtigte im Schuppen das Ab- und
Aufladen, das Behauen und Sortieren der Schiefer. Punkt zwlf a er zu
Mittag, punkt sechs zu Abend auf seinem Stbchen; dazu brauchte er eine
Viertelstunde, dann strich er mit leiser Hand ber das alte Sofa und
bewegte sich drei andere Viertelstunden, war es Sommerszeit, im
Grtchen. Mit dem ersten Viertelschlage von eins und sieben Uhr klinkte
er die Staketentr wieder hinter sich zu. Am Sonntag ist's anders; da
sitzt er eine ganze Stunde lang in der Laube und sieht nach dem
Turmdache von Sankt Georg hinauf. Uns bleibt wenig nachzuholen, und der
Leser kennt alles, was dann durch Herrn Nettenmairs Seele geht, was er
abliest vom Turmdache von Sankt Georg. Auch wem das bejahrte, aber immer
noch schne Frauengesicht gehrt, das zuweilen durch das Staket und das
Bohnengelnde daran zu dem Sitzenden herberlauscht, das wei der Leser
nun. Die jetzt weie Locke ber der Stirn, die sich noch immer gern frei
macht, war noch dunkelbraun und voll, und hing auf eine faltenlose Stirn
herab, die Wangen darunter schwellte noch Jugendkraft, die Lippen
blhten noch und die blauen Augen glnzten, als sie dem Manne
entgegeneilte, der eben die Stadt gerettet. Er kte sie leise auf die
Stirn und nannte sie mit dem Namen Schwester. Sie verstand, was er
meinte. Schon damals sah sie zu dem Manne hinauf, mit der Ergebung, ja
Andacht, mit der sie jetzt sein Sinnen belauscht, aber noch ein ander
Gefhl trat auf ihr durchsichtiges Antlitz.

Der alte Herr geriet in Zorn, als Apollonius ihm seinen Entschlu, nicht
zu heiraten, mitteilte. Er lie dem Sohne die Wahl, die Ehre der Familie
zu bedenken oder nach Kln zurckzugehen. Apollonius' Herzen wurde es
schwerer, als seinem Verstande, den Vater zu berzeugen, da nur er die
Familienehre aufrechtzuhalten vermge und bleiben msse. Er wute, nur
seinem Entschlusse treu, blieb er der Mann, sein Wort zu halten. Das
konnte er dem Vater nicht sagen. Erfuhr dieser das wahre Verhltnis der
beiden jungen Leute, so drang er nur noch strker auf die Heirat. Dann
htte er ihm auch sagen mssen, wie sein Bruder den Tod gefunden. Er
htte ihn nur tiefer beunruhigen mssen. Da der Vater im Herzen
berzeugt war, der Bruder hatte durch Selbstmord geendigt, wute er
nicht. Die beiden so nah verwandten Menschen verstanden sich nicht.
Apollonius setzte die innerliche Natur seines eigenen Ehrgefhls bei dem
Vater voraus, und der Alte sah in der Weigerung des Sohnes und dessen
Beweis, er knne der schwierigen Lage des Hauses gerecht werden, nur den
alten Trotz auf seine Unentbehrlichkeit, der es nun nicht einmal mehr
der Mhe wert hielt, zu verbergen: der Vater war in seinen Augen nichts
mehr als ein hilfloser, alter, blinder Mann. Und was diese
Miverstndnisse verursachte und begnstigte, das Zurckhalten, war eben
der Familienzug, den sie beide gemein hatten. Denselben Morgen hatte
eine Deputation des Rats Apollonius den Dank der Stadt gebracht; hatten
die angesehensten Leute der Stadt gewetteifert, ihm ihre Achtung und
Aufmerksamkeit zu beweisen. Ursache genug, eine ehrgeizige Seele zur
berhebung zu reizen, Grund genug fr den alten Herrn, dem Apollonius
als eine solche Seele galt, an dessen berhebung zu glauben. Der alte
Herr mute die Unentbehrlichkeit des Trotzenden anerkennen, und durfte
weder ein Recht noch eine Macht gegen ihn behaupten. Die Gemtsbewegung
und geistige beranstrengung an dem Tag vor dem Tode seines lteren
Sohnes hatten seine letzte Kraft untergraben; nun brach sie vollends
zusammen. Von Tag zu Tag wurde er wunderlicher und empfindlicher. Er
verlangte von Apollonius keine Unterwerfung mehr; er fand eine
selbstqulerische Lust, in seiner diplomatischen Weise dem Sohne dessen
Unkindlichkeit vorzuwerfen, indem er bestndig sein grimmiges Bedauern
aussprach, da der tchtige Sohn von einem alten herrschschtigen Vater,
der nichts mehr sei und nichts mehr knne, sich so viel gefallen lassen
msse. Vergeblich war alles Bemhen des Sohnes, der Alte glaubte nicht
an die Aufrichtigkeit desselben. Dabei konnte er sich in seiner
Wunderlichkeit gleichwohl der Tchtigkeit des Sohnes und der wachsenden
Ehre und des steigenden Wohlstandes seines Hauses freuen; wenn er sich
dies auch nicht merken lie. Er erlebte noch den Ankauf der
Schiefergrube, die Apollonius seither in Pacht gehabt. Der Sohn ertrug
die Wunderlichkeiten des Vaters mit der liebend unermdlichen Geduld,
womit er den Bruder ertragen hatte. Er lebte ja nur dem Gedanken, das
Wort, das er sich gegeben, so reich zu erfllen, als er konnte; und in
diesem war ja auch der Vater mit eingeschlossen. Das Gedeihen seines
Werkes gab ihm Kraft, alle kleinen Krnkungen mit Heiterkeit zu
ertragen.

Den Tag nach der Gewitternacht hatte er dem alten Bauherrn seine ganze
innere Geschichte mitgeteilt. Der alte Bauherr, der bis zu seinem Tode
mit ganzer Seele an ihm hing, blieb sein einziger Umgang, wie er der
einzige war, dem sich Apollonius, ohne seiner Natur ungetreu werden zu
mssen, enger anschlieen konnte.

Einige Tage nach der Nacht mute sich Apollonius zu Bette legen. Ein
heftiges Fieber hatte ihn ergriffen. Der Arzt erklrte die Krankheit
erst fr eine sehr bedenkliche, aber in ihr kmpfte nur der Krper den
Kampf gegen das allgemeine Leiden sieghaft aus, das geistig in dem
Entschlusse jener Nacht seinen rettenden Abschlu gefunden. Die
Teilnahme der Stadt an dem kranken Apollonius gab sich auf mannigfache
Weise rhrend kund. Der alte Bauherr und Valentin waren seine Pfleger.
Diejenige, welche Natur durch Liebe und Dankespflicht zur sorglichsten
Pflegerin des Kranken bestimmt hatte, rief Apollonius nicht an sein
Bett, und sie wagte nicht, ungerufen zu kommen. Die ganze Dauer der
Krankheit hindurch hatte sie ihr Lager auf der engen Emporlaube
aufgeschlagen, um dem Kranken so nah zu sein als mglich. Wenn der
Kranke schlief, winkte ihr der alte Bauherr, hereinzutreten. Dann stand
sie mit gefalteten Hnden, jeden Atemzug des Schlafenden mit Sorge und
Hoffnung begleitend, an dem Bettschirm. Unwillkrlich nahm ihr leiser
Atem den Schritt des seinen an. Sie stand stundenlang und sah durch
einen Ri im Bettschirm zu dem Kranken hin. Er wute nichts von ihrer
Anwesenheit, und doch konnte der Bauherr bemerken, wie leichter sein
Schlaf, wie lchelnder sein Gesicht dann war. Keine Flasche, aus der der
Kranke einnehmen sollte, die er nicht, ohne es zu wissen, aus ihrer Hand
bekam; kein Pflaster, kein berschlag, den nicht sie bereitet; kein Tuch
berhrte den Kranken, das sie nicht an ihrer Brust, an ihrem kssenden
Munde erwrmt. Wenn er dann mit dem Bauherrn von ihr sprach, sah sie, er
war mehr um sie besorgt als um sich; wenn er freundlich trstende Gre
an sie auftrug, zitterte sie hinter dem Bettschirm vor Freude. Wenige
Stunden ruhte sie, und wehte der kalte Winternachtwind durch die locker
schlieenden Laden die kalten Flocken in ihr warmes Gesicht, berhrte
ihr eigener Hauch, auf der Decke gefroren, ihr eisig Hals, Kinn und
Busen, dann war sie glcklich, etwas um ihn zu leiden, der alles um sie
litt. In diesen Nchten bezwang die heilige Liebe die irdische in ihr;
aus dem Schmerz der getuschten sen Wnsche, die ihn besitzen wollten,
stieg sein Bild wieder in die unnahbare Glorie hinauf, in der sie ihn
sonst gesehen.

                   *       *       *       *       *

Apollonius genas rasch. Und nun begann das eigene Zusammenleben der
beiden Menschen. Sie sahen sich wenig. Er blieb in seinem Stbchen
wohnen, Valentin brachte ihm das Essen, wie sonst, dahin. Die Kinder
waren oft bei ihm. Begegneten sich die beiden, begrte er sie mit
freundlicher Zurckhaltung; damit entgegnete sie den Gru. Hatten sie
etwas zu besprechen, so machte es sich jederzeit wie zufllig, da die
Kinder und der alte Valentin oder das Hausmdchen zugegen war. Kein Tag
verging deshalb ohne stumme Zeichen achtender Aufmerksamkeit. Kam er am
Sonntag vom Grtchen heim, so hatte er einen Strau Blumen fr sie, den
Valentin abgeben mute. Er konnte gute Partien machen; es meldeten sich
stattliche Bewerber um sie. Er wies die Antrge, sie die Freier zurck.
So vergingen Tage, Wochen, Monde, Jahre, Jahrzehnte. Der alte Herr starb
und wurde hinausgetragen. Der brave Bauherr folgte ihm, dem Bauherr der
alte Valentin. Dafr wuchsen die Kinder zu Jnglingen auf. Die wilde
Locke ber der Stirn der Witwe, die Schraube ber Apollonius' Stirn
bleichten; die Kinder waren Mnner geworden, stark und mild, wie ihr
Erzieher und Lehrherr; Locke und Schraube waren wei; das Leben der
beiden Menschen blieb dasselbe.

Nun wei der Leser die ganze Vergangenheit, die der alte Herr, wenn die
Glocken Sonntags zum Vormittagsgottesdienste rufen, in seiner Laube
sitzend, vom Turmdach von Sankt Georg abliest. Heute sieht er mehr
vorwrts in die Zukunft als in die Vergangenheit zurck. Denn der ltere
Neffe wird bald Anna Wohligs Tochter zum Altar von Sankt Georg und dann
heimfhren; aber nicht in das Haus mit den grnen Fensterladen, sondern
in das groe Haus daneben. Das rosige ist fr das gewachsene Geschft zu
klein geworden, auch hat der neue Haushalt nicht Platz darin; Herr
Nettenmair hat das groe Haus ber dem Gchen drben gekauft. Der
jngere Neffe geht nach Kln. Der alte Vetter dort, dem Apollonius so
viel dankt, ist lange tot, auch der Sohn des Vetters ist gestorben.
Dieser hat das groe Geschft seinem einzigen Kinde hinterlassen, der
Braut des jngsten Sohnes von Fritz Nettenmair. Beide Paare werden
zusammen in Sankt Georg getraut. Dann wohnen die beiden Alten allein in
dem Hause mit den grnen Fensterladen. Der alte Herr hat schon lange das
Geschft bergeben wollen; die Jungen haben es bis jetzt abzulehnen
gewut. Der ltere Neffe besteht darauf, der alte Herr soll an der
Spitze bleiben. Der alte Herr will nicht. Er hat einen Teil der
Verlassenschaft des alten Bauherrn, den er beerbt, fr den Rest seines
Lebens zurckbehalten; alles andere -- und es ist nicht wenig, Herr
Nettenmair gilt fr einen reichen Mann -- bergibt er den Neffen; das
Zurckbehaltene fllt nach seinem Tode an das neue Brgerhospital. Er
hat sein Wort wahr gemacht; der Deckhammer ber seinem Sarge wird
ehrenblank sein, wie ber wenigen.

Die junge Braut wehrt sich, alles anzunehmen, was die knftige
Schwiegermutter ihr geben will. Wenn diese alles gibt, eins wird sie
behalten; das Eine ist ein Blechkapsel mit einer drren Blume; sie liegt
bei Bibel und Gesangbuch und ist ihrer Besitzerin so heilig als diese.

Die Glocken rufen noch immer. Die Rosen an den hochstmmigen Bumchen
duften, ein Grasmckchen sitzt auf dem Busche unter dem alten Birnbaum
und singt; ein heimliches Regen zieht durch das ganze Grtchen, und
selbst der starkstielige Buchsbaum um die gezirkelten Beete bewegt seine
dunklen Bltter. Der alte Herr sieht sinnend nach dem Turmdach von Sankt
Georg; das schne Matronengesicht lauscht durch das Bohnengelnde nach
ihm hin. Die Glocken rufen es, das Grasmckchen singt es, die Rosen
duften es, das leise Regen durch das Grtchen flstert es, die schnen
greisen Gesichter sagen es, auf dem Turmdach von Sankt Georg kannst du
es lesen: Vom Glck und Unglck reden die Menschen, das der Himmel ihnen
bringe! Was die Menschen Glck und Unglck nennen, ist nur der rohe
Stoff dazu; am Menschen liegt's, wozu er ihn formt. Nicht der Himmel
bringt das Glck; der Mensch bereitet sich sein Glck und spannt seinen
Himmel selber in der eigenen Brust. Der Mensch soll nicht sorgen, da er
in den Himmel, sondern da der Himmel in ihn komme. Wer ihn nicht in
sich selber trgt, der sucht vergebens im ganzen All. La dich vom
Verstande leiten, aber verletze nicht die heilige Schranke des Gefhls.
Kehre dich nicht tadelnd von der Welt, wie sie ist; suche ihr gerecht zu
werden, dann wirst du dir gerecht. Und in diesem Sinne sei dein Wandel:

                      Zwischen Himmel und Erde!

    Typographmaschinensatz der Deutschen Buch- und Kunstdruckerei,
                  G. m. b. H., Zossen-Berlin SW. 11.




Anmerkungen zur Transkription


Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
gekennzeichnet.

Die Schreibweise des Originals wurde weitgehend beibehalten. Lediglich
offensichtliche Druckfehler wurden, teilweise unter Verwendung weiterer
Ausgaben des Textes, wie hier aufgefhrt korrigiert (vorher/nachher):

   [S. 12]:
   ... Holzstmmen gesttzt, zieht es sich lngs des obern Stocks ...
   ... Holzstmmen gesttzt, zieht sie sich lngs des obern Stocks ...

   [S. 15]:
   ... wo man zur Deckung eines neues Gebudes oder zu einer ...
   ... wo man zur Deckung eines neuen Gebudes oder zu einer ...

   [S. 24]:
   ... unserm Helden lieb gewesen, der Bruder htte sie auch im im ...
   ... unserm Helden lieb gewesen, der Bruder htte sie auch im ...

   [S. 25]:
   ... alle Wege seines Denkens fhrten, so hielt er ihn, war er ...
   ... alle Wege seines Denkens fhrten, so hielt es ihn, war er ...

   [S. 26]:
   ... sie zugedacht war. Und unter den leisen, mechanisch
       fortgesetzen ...
   ... sie zugedacht war. Und unter den leisen, mechanisch
       fortgesetzten ...

   [S. 78]:
   ... schrfer auf dem Zuge war als selbst der im blauen Rock ...
   ... schrfer auf dem Zeuge war als selbst der im blauen Rock ...

   [S. 110]:
   ... floh? Wenn sie in Gedanken eine Brust umschlung, daran ...
   ... floh? Wenn sie in Gedanken eine Brust umschlang, daran ...

   [S. 127]:
   ... zu schwer werden. Konnte er den Vorfall nicht aufhalten, ...
   ... zu schwer werden. Konnte er den Verfall nicht aufhalten, ...

   [S. 164]:
   ... die Hand eines braven Mannes legte. nnchens rosiges Gesich ...
   ... die Hand eines braven Mannes legte. nnchens rosiges Gesicht ...

   [S. 171]:
   ... hat hundermal erzhlen hren; jeder Schieferdecker wei, was ...
   ... hat hundertmal erzhlen hren; jeder Schieferdecker wei, was ...

   [S. 280]:
   ... vielmehr seinem Neffen. Die Erfllung des Wortes, da er ...
   ... vielmehr seinem Neffen. Die Erfllung des Wortes, das er ...






End of the Project Gutenberg EBook of Zwischen Himmel und Erde, by Otto Ludwig

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ZWISCHEN HIMMEL UND ERDE ***

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