The Project Gutenberg EBook of Smmtliche Werke 4: Mirgorod, by Nikolai Gogol

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Title: Smmtliche Werke 4: Mirgorod
       Gutsbesitzer der alten Zeit / Tara Bulba / Wij / Wie Iwan
       Iwanowitsch und Iwan Nikiforowitsch sich entzweiten / Die
       Equipage

Author: Nikolai Gogol

Editor: Otto Buek

Translator: Charlotte Knig
            Eugenie Chmelnitzky
            S. Bugow

Release Date: August 2, 2015 [EBook #49576]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SMMTLICHE WERKE 4: MIRGOROD ***




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                            Nikolaus Gogol
                               Mirgorod

                            Nikolaus Gogol
                           Smmtliche Werke
                             In 8 Bnden

                            Herausgegeben
                                 von
                              Otto Buek

                                Band 4

                         Mnchen und Leipzig
                           bei Georg Mller
                                 1910

                            Nikolaus Gogol




                               Mirgorod


                            Herausgegeben
                                 von
                              Otto Buek

                         Mnchen und Leipzig
                           bei Georg Mller
                                 1910




                                Inhalt


   Vorrede des Herausgebers                                           IX
   Mirgorod I                                                          1
     Gutsbesitzer der alten Zeit                                       3
     Tara Bulba                                                      41
   Mirgorod II                                                       241
     Wij                                                             245
     Wie Iwan Iwanowitsch und Iwan Nikiforowitsch sich entzweiten    309
   Novellen                                                          391
     Die Equipage                                                    393
   Anhang                                                            415




                       Vorrede des Herausgebers


Die in diesem Bande vereinigten Erzhlungen bilden die Fortsetzung der
Novellensammlung Abende auf dem Gutshofe bei Dikanka, durch welche
Gogols Name zuerst in der breiteren ffentlichkeit bekannt wurde und die
ihn sogleich an die Seite der ersten Schriftsteller Rulands stellte. Es
ist jedoch kein eigentlich gedanklicher Zusammenhang, der die beiden
Novellenbnde miteinander verbindet; sie bilden nicht etwa ein
durch eine fortlaufende Handlung oder eine einheitliche Idee
zusammengehaltenes Ganzes, sondern sind durchaus selbstndig und
voneinander unabhngig, so wie auch jede einzelne Novelle in ihrer Art
ein in sich geschlossenes und fr sich dastehendes Kunstwerk ist. Was
Gogol trotzdem veranlate, die Novellen Mirgorod als Fortsetzung des
ersten Sammelbandes zu bezeichnen -- das war der gemeinsame Schauplatz
und der gemeinsame Charakter und Stil, der diese Novellen kennzeichnet.
Es ist das Leben jenes eigenartigen kleinrussischen Volksstammes, aus
dem Gogol selbst hervorgegangen ist, das durchgehend den Stoffkreis
dieser Novellen bildet, und es ist jene seltsame Mischung von
ungebundener Phantastik und derber Realistik, in der ihre stilistische
Einheit liegt.

Gogols starkes schriftstellerisches Talent hat sich schon sehr frh
angekndigt; schon whrend seiner Schulzeit bildete sich ein
ausgesprochen parodistischer und karikaturistischer Hang bei ihm aus,
der ihn bei seinen Kameraden und Mitschlern gefrchtet machte. Allein
der Jngling ma diesen Talenten keine ernstere Bedeutung bei, da sein
hochfliegendes Streben eine ganz andere Richtung eingeschlagen hatte. Er
wollte seinen Namen durch eine Grotat verewigen, und seinem Traume
winkte kein geringeres Ziel, als die Reformation und Beglckung seines
Vaterlandes und des ganzen Menschengeschlechtes. Der Staatsdienst
erschien ihm als das einzige Feld, auf dem er seine ehrgeizigen Plne
verwirklichen konnte, und so trieb es ihn gleich nach Vollendung seiner
Studien im Lyzeum zu Njeschin aus seiner kleinrussischen Heimat nach
Petersburg, wo er einen seiner Begabung und seinen Fhigkeiten
angemessenen Wirkungskreis zu finden hoffte. Doch schon die ersten
Schritte auf dem schlpfrigen Boden der Grostadt brachten ihm eine
Enttuschung. Er fand hier keineswegs die Beachtung, die seinem Talente
entsprach und hatte mit schweren Entbehrungen und Nahrungssorgen zu
kmpfen. In diese Zeit fllt sein erster literarischer Versuch, die
Dichtung _Hans Kchelgarten_: ein Idyll im Stile von Johann Heinrich
Vo mit einem starken Einschlag romantischer Stimmungen. Es schildert
die Flucht eines schwrmerischen, fr groe Taten begeisterten Jnglings
aus der Enge und Dumpfheit eines friedlichen provinziellen Daseins an
der Seite der Geliebten, seine Irrfahrten und die Rckkehr des
Enttuschten in den Scho der Familie. Doch dieser Erstling, auf den
Gogol so groe Hoffnungen gesetzt hatte, trug ihm keinen Erfolg ein und
erfuhr von der Kritik eine entschiedene Ablehnung. Erbittert und
verrgert kaufte der Dichter alle Exemplare von dem Verleger zurck, um
sie fr immer zu vernichten, und floh aus Petersburg, wo er so viele
zerstrte Illusionen zurcklie, ins Ausland, um die hlichen Eindrcke
zu vergessen und als neuer Mensch ein neues Leben zu beginnen. Indessen
auch dieser Versuch miglckte. Gogol hielt es im Auslande nicht lange
aus und kehrte schon nach einem Monat wieder nach Petersburg zurck, wo
er als Beamter in das Apanagedepartement eintrat. Allein der Aufstieg
auf der Leiter der Beamtenhierarchie vollzog sich viel zu langsam fr
den hochstrebenden Jngling, auch stand die Ttigkeit, der er sich hier
widmen mute, in einem zu krassen Gegensatze zu jenem Ideal eines freien
Wirkens im Dienste des Vaterlandes und der Menschheit, das ihm
unablssig vorschwebte, und sein Beamtengehalt war viel zu klein, um ihm
eine gesicherte Existenz zu gewhren. Da mochte ihm denn der Gedanke
gekommen sein, sein schriftstellerisches Talent und seine Kenntni
Kleinrulands zu verwerten, um sich die Mittel zum Leben zu erwerben. Er
wollte das russische Publikum mit seiner Heimat und ihren Bewohnern
bekannt machen, zumal sich gerade in jenen romantischen Zeiten ein
besonderes Interesse fr neuentdeckte Lnder und Volksstmme bemerkbar
machte. So entstanden die prachtvollen leben- und kraftstrotzenden
Erzhlungen: Abende auf dem Gutshofe bei Dikanka, durch die Gogol zum
Entdecker einer vllig neuen, damals noch ganz unbekannten Welt wurde,
und die seinen Namen mit einem Schlage berhmt machten. Diese Novellen
zeigen Gogol sogleich auf der Hhe seines Knnens. Das sind wunderbare
farbensatte Bilder kleinrussischen Volkslebens, vorzglich der niederen
Schichten, mit einer derben Realistik und naiven Sinnenfreude an der
knorrigen Urkraft und der grellen Buntheit dieses Lebens gestaltet, und
das Ganze ist in eine phantasievolle Mrchensphre hinaufgerckt, wo die
Geschpfe der Volkssage: die Nixen, Hexen, Wald- und Hausgeister
humorvoll in das irdische Treiben hineinspielen. Gogols junger
Dichterruhm brachte ihn bald in nhere Berhrung mit den bedeutendsten
Vertretern der russischen Dichterschule, vorzglich mit Puschkin, der
mit sicherem Blick sogleich die strkste Seite an Gogols Talent, seine
einzigartige Begabung fr die Darstellung des Engen, Beschrnkten,
Gemeinen und Trivialen herausfand, und in ihm den Dichter des Alltags
entdeckte. Von nun ab gewann Puschkin einen immer strkeren und
entscheidenderen Einflu auf Gogols Schaffen. Diese Zeit geistiger
Freundschaft und Gemeinschaft mit Puschkin ist zugleich die schnste und
heiterste Epoche im Leben Gogols, denn Puschkin verstand es, die
finsteren Schatten, die Gogols Seele schon damals bedrngten, und sie
nachmals vllig in ihren Bannkreis zogen, zu verscheuchen; es ist
zugleich die fruchtbarste Periode in Gogols dichterischem Schaffen, in
der solche Meisterwerke, wie die ersten Kapitel der toten Seelen und der
Revisor entstanden. Auch der Novellenzyklus Mirgorod gehrt diesem
Zeitabschnitt an. Die einzelnen Novellen dieser Sammlung sind unabhngig
von einander entstanden, sie stehen, wie schon erwhnt, ganz selbstndig
da, und bedrfen zu ihrem Verstndnis keineswegs der Kenntnis der
vorhergehender Erzhlungen; trotzdem aber geht etwas wie eine gemeinsame
Idee oder doch eine Grundstimmung durch das Ganze, die das sthetische
Band dieser Novellen bildet. Das ewige Thema in Gogols Leben und Dichten
kndigt sich hier zum ersten Male an: der furchtbare Kontrast zwischen
dem, was fr ihn Leben bedeutet: einem von einem beherrschenden Zweck
erfllten und durchdrungenen Streben, einer Beseelung der materiellen
Daseinsuerungen, ihre Erhebung zu einer geistigen Bedeutung, -- und
dem wirklichen Abbild des menschlichen Treibens, wie es sich uns in
Wahrheit darbietet und das erdrckende bergewicht in allem menschlichen
Geschehen bildet. In dem ersten Teil des Mirgorod tritt dieses Motiv in
einem stark abgetnten Gegensatz hervor. Die Erzhlung Gutsbesitzer aus
der alten Zeit lt es noch kaum merklich anklingen, und die kritische
Stimmung tritt noch stark gegenber dem Gefhl freundlicher Sympathie
fr die Helden dieser Novelle zurck. Mit mildem Humor und warmer Liebe
zeichnet uns Gogol hier das Bild zweier alter Leute, die in zrtlicher
Zuneigung verbunden, langsam dahinwelken. Ihre ganze Existenz wurzelt in
den allerprimitivsten natrlichsten Lebensfunktionen und erhebt sich
keinen Augenblick ber das Niveau der gewhnlichsten materiellen
Bedrfnisse. Sie sind ganz Trieb, ganz Natur, alle geistigen Ansprche
liegen ihnen vllig fern, und das verleiht ihrer Existenz etwas Ganzes,
Harmonisches, von keinem Miklang Getrbtes. Ihre schlichte Einfalt und
ihre natrliche Gte gewinnt unsere Herzen, dennoch aber erscheint uns
dies Dasein mit all seiner ruhigen Heiterkeit und in dem Frieden, der
ber ihm ruht, arm und inhaltsleer, da es in seinem ewig gleichmigen
Abflu durch keinen Zweck und Sinn geadelt wird. So konnte es Gogol wohl
reizen, das Gegenbild dieses Lebens aufzustellen, das trotz all den
freundlichen Seiten, die er ihm abzugewinnen vermochte, doch nur ein
Schatten des wahren Lebens war. Die Gegenwart konnte ihm nicht bieten,
was er suchte, sie erschien ihm grau, de und tot, und so flchtete er
in die Vergangenheit, in die er wie ein echter Romantiker sein
Ideal verlegte, und die er mit der ganzen Farbenpracht einer
verschwenderischen Phantasie ausstattete. Die Geschichte seiner Heimat
hatte von jeher eine starke Anziehungskraft auf ihn ausgebt, und ihr
entnahm er auch den Stoff zu seiner groen Heldendichtung Tara Bulba.
In der freien Ungebundenheit des Kosakentums, in dem groartigen Schwung
dieses noch von keinen staatlichen Schranken beengten und durch die
groen Kmpfe um Volkstum und Religion zu hoher Bedeutung emporgehobenen
Lebens trat ihm eine neue Welt entgegen, in der er sich heimisch fhlte,
und die den strksten Kontrast zu der Monotonie des stumpfen
Dahinvegetierens bildete, das ihn an der Gegenwart so sehr abstie. Die
eigentmlichen Verhltnisse des geschichtlichen Werdens hatten in der
Tat in dem Kosakentum ein Volksgebilde von kraftvoller Eigenart und
Ursprnglichkeit geschaffen. Die Not der Zeit, die Raubzge der Tataren,
die verheerend und verwstend ber Sdruland hinweggezogen waren,
hatten eine Anzahl verwegener Mnner zur Abwehr dieser Horden an den
Ufern und auf den Inseln des Dnjepr zusammengefhrt. Flchtlinge, Ruber
und Freibeuter aus aller Herren Lnder stieen hinzu, und so bildete
sich hier allmhlich jener merkwrdige Freistaat der Saporoger Kosaken
heraus, der bereits gegen Ende des XIV. Jahrhunderts eine imponierende,
den benachbarten Polen und Tataren Schrecken einflende kriegerische
Macht reprsentierte. Das befestigte Hauptlager der Kosaken, die
sogenannte Sjetsch, von dem aus sie ihre Feldzge unternahmen, lag auf
einer der Inseln des Dnjepr; sie hatten ihre eigene originelle
Organisation und eigenartige Sitten und Gebruche, ber die sie mit
Eifersucht wachten. Die hchste Bewegungsfreiheit paarte sich hier mit
einem quellenden Tatendrang, der in den stndig drohenden Gefahren und
in den kriegerischen Aktionen zum Schutze der angestammten Religion und
des eigenen Volkstums eine willkommene Aufgabe fand und so das Entstehen
mchtiger und starker Individualitten begnstigte, die doch durch das
gemeinsame Ziel zu einer festen Gemeinschaft zusammengeschlossen wurden.
Den reichen Stoff, der hier vorlag, hat Gogol mit vollendeter
Meisterschaft bewltigt. Hierbei sind ihm seine tiefen historischen
Studien zustatten gekommen, die er einst mit der Absicht, eine
Geschichte Kleinrulands zu schreiben, unternommen hatte; allein die
streng wissenschaftliche Darstellung war nicht die adquate Form fr
seine geschichtlichen Forschungen. Erst in der Gestalt der Dichtung
gewannen diese fr ihn Leben und Realitt. Indem sich Gogol dem freien
Fluge der Einbildungskraft berlie, gab er uns in einer gewaltigen
Anschauung ein getreueres, lebensvolleres Bild jener historischen
Epoche, als dies je eine wissenschaftliche Rekonstruktion vermchte. In
Tara Bulba steigt ein entschwundenes Zeitalter leibhaftig vor uns
auf. Wir lernen die Vlker in ihrer nationalen Eigenart, in ihrem Hassen
und Lieben kennen, wir erleben den Kampf der Religionen, die Gegenstze
der feindlichen Stmme: der Russen und Polen, des Katholizismus und der
Orthodoxie, die furchtbaren Leiden der Juden usw., und all diese
einzelnen Zge vereinigen sich fr uns zu einem groen historischen
Gemlde und zu einem mchtigen Bardengesang auf das kleinrussische Volk.
Tara Bulba ist neben den Toten Seelen die strkste Dichtung Gogols
und zugleich einer der Gipfelpunkte der russischen Literatur.

In dem patriotischen Heldenlied der Tara Bulba-Dichtung klingt der
erste Teil von Mirgorod aus. Der zweite Teil fhrt uns durch das Grauen
der Gespensternovelle Wij, die wieder an den Stil der Abende auf dem
Gutshofe bei Dikanka anknpft und uns alle Schrecken des
Gespensterglaubens mit einer an die Realistik des Traumes gemahnenden
Intensitt erleben lt, wieder in die Welt des Alltags und zur
Erbrmlichkeit der Gegenwart zurck. Die kstliche Satire vom Streite
Iwan Iwanowitschs und Iwan Nikiforowitschs bildet den uersten Abstich
gegen das grozgige Epos slawischen Lebens: den Tara Bulba. Der Traum
der Phantasie ist ausgetrumt, und die heroische Geste wird abgelst
durch die Grimasse. Die ganze Misere kleinstdtischen Daseins, der
trostlose Stumpfsinn einer geistlosen, jeden ernsten Interessen
entfremdeten Existenz erscheint hier in dem Zerrspiegel eines Humors,
der nur ein Ausdruck fr den Pessimismus des Dichters ist, welcher die
Nichtigkeit und Fratzenhaftigkeit der Welt an dem Ideal freier
Menschlichkeit mit und seine Trnen hinter der Maske des Spottes und
des Gelchters verbirgt.

Diese Erzhlung, mit der der Novellenkreis Mirgorod schliet, leitet
bereits zu dem neuen Stil Gogols hinber, der seine vollkommenste
Ausprgung in dem Roman Die toten Seelen gefunden hat. Die kleine
Erzhlung Die Equipage, die wir dem Mirgorodzyklus als Anhang folgen
lassen, stammt aus einer spteren Zeit, hngt jedoch in bezug auf ihren
Charakter und ihre Grundidee eng mit dem letzteren zusammen.




                             Erster Teil


                   Gutsbesitzer aus der alten Zeit

                            bersetzt von
                          _Charlotte Knig_

Ich liebe es sehr, dies bescheidene Leben jener einsamen Bewohner
entlegener Drfer, die man in Kleinruland gewhnlich Gutsbesitzer aus
der alten Zeit nennt, und die uns gleich verwitterten malerischen
Huschen durch ihre schlichte Einfachheit anziehen. Der Reiz besteht in
dem absoluten Gegensatz zu den neuen, sauberen Gebuden, deren Mauern
noch kein Regen verwaschen hat, deren Dcher kein grner Schimmel
bedeckt und deren vom Mrtel entblte Fassade noch nicht ihre roten
Ziegel hervorstreckt. Ich liebe es, mich mitunter auf Augenblicke in die
Sphre dieses ganz einsamen Lebens zu versenken: da schwingt sich kein
Wunsch ber den Zaun, der das kleine Gehft umgibt, oder ber die Hecke,
die den mit Apfel- und Birnbumen reich bestandenen Garten einschliet.
Kein Verlangen reckt sich ber die von Weiden, Holunder und Birnbumen
beschatteten, schiefen Htten. Auch das Leben der Bewohner ist so still
-- so still da man zeitweise sich selbst vergit und glaubt, die
Leidenschaften, die Begierden und die seltsamen Gelste des bsen
Geistes, die diese Welt beunruhigen, existierten gar nicht und wren nur
Gesichte eines glnzenden, leuchtenden Traumes.

Es ist mir, als she ich es vor meinen Augen -- das niedrige Huschen
mit der Galerie aus kleinen geschwrzten Holzstben, die rund herum das
Haus umgibt, damit man bei Regen und Hagel die Lden schlieen kann,
ohne selbst na zu werden. Hinter ihr erhebt sich ein duftender Faulbaum
und eine lange Reihe niedriger Obstbume, die im Purpurrot der Kirschen
und im saphirblauen Meer der mattbereiften Pflaumen ertrinken. Dort
steht ein langgestreckter Ahorn, in dessen Schatten ein ausgebreiteter
Teppich zur Ruhe einladet, vor dem Hause befindet sich ein gerumiger
Hof, der von frischem kurzem Gras bedeckt ist, in welchem emsige Fe
von dem Speicher bis zur Kche und von der Kche bis zu den
Herrschaftszimmern einen schmalen Weg ausgetreten haben. Eine
langhalsige Gans steht umringt von jungen, flaumigen Kcheln und trinkt
Wasser; der Staketenzaun ist mit Bndeln von getrockneten pfeln, Birnen
und Teppichen behngt, die hier ausgelftet werden; eine Fuhre mit
Melonen steht neben dem Speicher, und der ausgespannte Stier ruht trge
daneben aus. Das alles hat fr mich einen unerklrlichen Zauber,
vielleicht weil ich es nun nicht mehr sehe und weil uns alles so teuer
ist, von dem wir getrennt sind. Gleichviel warum, jedenfalls zog auch
schon damals eine wunderbare angenehme Ruhe durch meine Seele, wenn sich
mein Wagen dem Huschen nherte; frhlich trabten die Pferde auf die
Freitreppe zu, und der Kutscher stieg behaglich vom Bock und zndete
sich ein Pfeifchen an, als kme er zu sich nach Hause -- ja selbst das
Gebell, das die phlegmatischen, schwarzen und braunen Kter anstimmten,
war meinen Ohren angenehm.

Am meisten aber gefielen mir die Besitzer dieser bescheidenen Nester,
die alten Mnner und Frauen, die einem geschftig entgegenkamen und
einen so freundlich begrten. Heut noch im Lrm und Trubel des Lebens,
inmitten moderner Frcke meine ich manchmal ihre Gesichter zu sehen: und
im Halbschlummer steigt dann die Vergangenheit vor mir auf. In ihren
Zgen liegt immer soviel Gte, soviel Treuherzigkeit und Herzensreinheit
-- da man unwillkrlich, wenn auch nur fr kurze Zeit, seine
vermessenen Plne und Absichten vergit und unbewut mit allen Fhlern
in dies schlichte und idyllische Leben hinabtaucht. Bis heute kann ich
zwei von diesen alten Leuten aus dem vorigen Jahrhundert nicht
vergessen, die lngst nicht mehr unter den Lebenden weilen: aber auch
heut noch ist meine Seele von Trauer erfllt, und mein Herz zieht sich
bei dem Gedanken seltsam zusammen, da ich wieder einmal an ihrer
einstigen nun verdeten Wohnung vorbeikommen knnte, und dort, wo einst
ihr niedriges Huschen stand, nur einen Haufen verfallener Htten, einen
moosberzogenen Teich, den verwilderten Garten finden knnte -- und
weiter nichts. Es wird einem so traurig dabei zumute! Wie traurig ist
schon der bloe Gedanke daran. Aber wenden wir uns unserer Erzhlung zu.

Afanassji Iwanowitsch Towstogub und Pulcheria Iwanowna Towstogubicha,
(wie die Bauern aus der Umgegend sie zu nennen pflegten), so hieen jene
alten Leute, von denen ich zu erzhlen begonnen habe. Wenn ich ein Maler
wre und das Bild von Philemon und Baucis auf der Leinwand darstellen
wollte: ich wrde mir nie ein anderes Modell whlen, als diese beiden.
Afanassji Iwanowitsch war 60 Jahre alt, Pulcheria Iwanowna 55. Afanassji
Iwanowitsch war gro von Wuchs, trug bestndig einen mit Kamelot
berzogenen Schafpelz, sa gebeugt da und lchelte immer, sei es nun da
er selbst sprach und erzhlte oder da er einfach zuhrte. Pulcheria
Iwanowna dagegen war stets ernst und lchelte fast nie: in ihren Zgen
und in ihren Augen lag soviel Gte, und soviel Bereitwilligkeit, Sie mit
dem Besten zu bewirten, was sie besa, da Sie ein Lcheln auf diesen
guten Zgen sicher als slich empfunden htten. Die feinen Runzeln auf
ihren Gesichtern hatten etwas so Angenehmes und Liebenswrdiges, da ein
Maler sie sich sicher gemerkt und bei Gelegenheit verwertet htte. Es
schien als konnte man die ganze Geschichte ihres Lebens von ihnen
ablesen: dieses lauteren, ruhigen Lebens, wie es die alten
bodenstndigen, braven und wohlhabenden Familien fhren, die so sehr von
jenen gewhnlichen Kleinrussen abstechen, welche aus den Kreisen von
Teerbrennern und Krmern hervorgehen. Diese erfllen alle Staatsbehrden
und Kanzleien wie die Heuschrecken, ziehen ihren eigenen Landsleuten die
letzten Groschen aus der Tasche, berschwemmen Petersburg mit ihrem
Klatsch, erwerben sich endlich ein Vermgen und hngen dann ihrem
Familiennamen, der immer auf o endet, breitspurig noch ein w an. Nein,
unsere alten Leute hatten keine hnlichkeit mit diesen verchtlichen,
traurigen Geschpfen, ebensowenig wie die wurzelechten kleinrussischen
Familien. Man konnte nicht gleichgltig bleiben, wenn man sah, wie innig
sie einander liebten; obwohl sie sich nicht duzten sondern sich stets
mit Sie anredeten: Sie, Afanassji Iwanowitsch! Sie! Pulcheria Iwanowna!

Afanassji Iwanowitsch, haben Sie den Stuhl durchgesessen?

Jawohl, Pulcheria Iwanowna, seien Sie mir deshalb nicht bse!

Sie hatten nie Kinder gehabt, und daher konzentrierte sich all ihre
Liebe aufeinander. Frher einmal, in seiner Jugend, hatte Afanassji
Iwanowitsch gedient, und hatte es sogar bis zum Sekonde-Major gebracht
-- aber das war schon lange her und lngst vorbei -- Afanassji
Iwanowitsch dachte selbst fast nie mehr an diese Zeit. Mit dreiig
Jahren hatte er geheiratet; er war damals ein forscher Kerl, trug ein
gesticktes Kamisol; und hatte es sogar sehr gescheit angefangen,
Pulcheria Iwanowna zu entfhren, deren Verwandte gegen die Heirat waren,
aber auch dies schien seinem Gedchtnis entschwunden zu sein, jedenfalls
sprach er nie davon. All diese lngst vergangenen und auerordentlichen
Ereignisse waren verdrngt durch das ruhige, einsame Leben, und
verwischt durch jene einschlfernden und doch wieder harmonischen
Trumereien, die Sie berfallen, wenn Sie auf der Veranda sitzen und in
den Garten schauen, wo ein herrlicher Regen niedergeht; klatschend fllt
er auf das Laub der Bume nieder, luft in rieselnden Bchlein ab und
trufelt einen sen Schlummer in Ihre Glieder: unterdessen aber steigt
langsam ein Regenbogen hinter den Bumen auf und leuchtet wie ein
halbzerstrtes Tor in seinen blassen sieben Farben am Himmel auf, ....
oder wenn Sie sanft hin- und hergewiegt in Ihrem Wagen zwischen grnen
Struchern hindurchfahren, wenn die Steppenwachtel schlgt, und
duftendes Gras, Kornhren und Feldblumen durch die Tren Ihres Wagens
dringen und Ihnen liebkosend Gesicht und Hnde streicheln.

Er hrte seinen Gsten, die zu ihm zu Besuch kamen, immer freundlich
lchelnd zu; manchmal sagte er auch selbst wohl ein Wort, aber
grtenteils fragte er sie blo aus. Er gehrte nicht zu jenen Greisen,
die allen Leuten durch ihr unaufhrliches Preisen der alten Zeit und
durch das Schmhen des Neuen lstig fallen: im Gegenteil, er erkundigte
sich stets nach allem und zeigte groes Interesse und lebhafte Teilnahme
fr Ihre Lebensverhltnisse, Ihre Erfolge und Mierfolge -- gewhnlich
interessieren sich ja alle guten alten Leute dafr, obwohl ihre
Teilnahme uns an die Neugierde eines Kindes erinnert, das mit Ihnen
spricht und dabei eingehend das Zifferblatt Ihrer Uhr mustert. Man kann
wohl sagen, da sein Gesicht in solchen Augenblicken vor Gte strahlte.

Die Zimmer des Huschens, in dem unsere Alten lebten, waren klein und
niedrig, wie wir sie gewhnlich bei Leuten aus der guten alten Zeit
antreffen. Jede Stube war mit einem riesigen Ofen versehen, der fast den
dritten Teil des Raumes einnahm. In diesen Zimmern war es immer
furchtbar warm, weil Afanassji Iwanowitsch und Pulcheria Iwanowna beide
die Wrme sehr liebten. Das gesamte Heizmaterial war im Flur
aufgestapelt, der fast bis zur Decke mit Stroh angefllt war, welches in
Kleinruland gewhnlich statt des Holzes verwendet wird. Das Knistern
und die Farbe des brennenden Strohs geben dem Flur an den Winterabenden
etwas besonders Anziehendes, wenn die ausgelassene Jugend, die wohl
drauen einer braunen Schnen nachjagte, pltzlich ganz erfroren
hereinstrmt und sich lachend die Hnde wrmt. Die Zimmerwnde waren mit
Bildern und Bildchen in alten, schmalen Rahmen geschmckt: ich bin
berzeugt, da die Sujets dieser Bilder selbst von den Wirten lngst
vergessen waren, und wenn man ein paar davon entfernt htte, wre es den
Alten sicherlich nicht aufgefallen. Zwei dieser Bilder waren grer und
in l gemalt: das eine stellte einen Bischof dar, das andre Peter III.
Aus einem schmalen Rahmen blickte das ganz von Fliegen beschmutzte
Gesicht der Herzogin von La Vallire hervor. Um die Fensterrahmen herum
und ber den Tren hing eine Menge kleinerer Bilder, die man
unwillkrlich fr Flecke an der Wand hlt und daher nicht nher
betrachtet. Der Fuboden bestand fast in allen Zimmern aus Lehm; aber er
war so schn gepflegt und so sauber gehalten, wie kaum ein Parkett in
einem vornehmen Hause, welches von faulen, schlfrigen Livreedienern
gefegt wird.

Pulcheria Iwanownas Zimmer war ganz mit Kisten und Kasten, Kistchen und
Kstchen verstellt. An den Wnden hingen unzhlige Bndelchen und
Sckchen mit Blumen-, Gemse- und Wassermelonensamen. In den Ecken
standen mehrere Koffer; in diesen und zwischen diesen wurden viele
Knule buntfarbiger Wolle, sowie Stoffreste von altmodischen Kleidern,
die vor einem halben Jahrhundert genht waren, aufbewahrt. Pulcheria
Iwanowna war eine sorgsame Hausfrau und hob alles auf, obschon sie
selbst nicht wute, warum.

Aber das allerbemerkenswerteste im Hause waren die singenden Tren.
Sobald der Morgen graute, hrte man den Gesang der Tren durchs ganze
Haus erschallen. Ich wei nicht, warum sie eigentlich sangen. Vielleicht
waren die verrosteten Angeln schuld daran, vielleicht aber hatte auch
der Mechaniker, der sie gebaut, ein Geheimnis in sie hineingelegt. Was
jedoch am meisten auffiel war dies, da jede Tr ihre eigene Stimme
hatte. Die Schlafzimmertr sang im hchsten Sopran, die des
Speisezimmers krchzte im Ba, dafr gab die Flurtr einen ganz
seltsamen, drhnenden und chzenden Laut von sich, so da man bei
lngerem Hinhren deutlich die Worte Vterchen, mich friert! zu
vernehmen glaubte. Ich wei wohl, da vielen dieses Gerusch nicht
gefllt, aber ich liebe es sehr, und wenn ich es zufllig hre, steigt
sofort das Dorf vor meinem Geiste auf: das niedrige, nur schwach vom
Licht altmodischer Leuchter erhellte Zimmerchen, der Tisch mit dem
Abendessen, die dunkle Mainacht, die durch das geffnete Fenster ber
den gedeckten Tisch fllt, die Nachtigall, welche Garten und Haus und
den Flu in der Ferne mit ihrem Gesang erfllt, das Raunen und Flstern
der Zweige .... Herrgott, welch eine unabsehbare Kette von Erinnerungen
zieht dann an mir vorber!

Die hlzernen Sthle im Zimmer waren, wie das in der alten Zeit blich
war, alle massiv; sie hatten hohe, geschnitzte Lehnen, in der
Naturfarbe, ohne Lack und Anstrich; ja sie waren nicht einmal mit Stoff
bezogen und erinnerten einigermaen an die Sthle, auf welchen auch in
unserer Zeit noch die Bischfe zu sitzen pflegen. In den Ecken standen
_dreieckige_ und vor dem Sopha und dem Spiegel mit dem schmalen,
goldenen Rahmen -- dessen geschnitzte Bltter die Fliegen mit schwarzen
Punkten berst hatten -- _viereckige_ Tische; vor dem Sopha war ein
Teppich mit Vgeln, die wie Blumen, und mit Blumen, die wie Vgel
aussahen, ausgebreitet; das war so ziemlich die gesamte Ausstattung des
anspruchslosen Huschens, in dem unsere alten Leutchen lebten.

Das Mdchenzimmer war von jungen und alten Mdchen in gestreiften
Leinwandrcken erfllt; dann und wann gab Pulcheria Iwanowna ihnen etwas
zu nhen, oder sie lie sie Beeren aussuchen, gewhnlich aber liefen sie
in der Kche umher, oder sie schliefen. Pulcheria Iwanowna hielt es fr
ntig, sie im Hause zu halten und wachte streng ber ihr Betragen; aber
zu ihrem groen Erstaunen verging kaum ein Monat, ohne da der Umfang
des einen oder des andern Mdchens in ganz ungewhnlicher Weise zunahm.
Dies war um so merkwrdiger, als es im ganzen Hause keinen Junggesellen
gab, ausgenommen den Zimmerburschen, der barfu, in einem kurzen grauen
Frack umherlief und entweder a, oder wenn er nicht _da_mit beschftigt
war, ganz sicher schlief. Pulcheria Iwanowna schalt die Schuldige
gewhnlich aus und bestrafte sie streng, um in Zukunft einem
Wiederholungsfall vorzubeugen. An den Scheiben der Fenster summten
unzhlige Fliegen, bertnt von dem tiefen Ba einer Hummel, der
mitunter noch von dem grellen Summen der Wespen untersttzt wurde;
sobald man jedoch ein Licht hineintrug, suchte die ganze Gesellschaft
ihr Nachtlager auf, und eine schwarze Wolke bedeckte die ganze
Zimmerdecke.

Afanassji Iwanowitsch kmmerte sich sehr wenig um die Wirtschaft,
obgleich er manchmal zu den Mhern und Schnittern hinausfuhr und dann
ohne Unterla zusehen konnte, wie sie arbeiteten; die ganze Last der
Verwaltung lag auf den Schultern Pulcheria Iwanownas. Die
wirtschaftliche Leitung Pulcheria Iwanownas bestand in einem
unablssigen ffnen und Schlieen der Vorratskammern und im Salzen,
Trocknen und Einkochen einer unzhligen Menge von Frchten und Gemsen.
Ihr Reich sah auf ein Haar einem chemischen Laboratorium hnlich. Unter
dem Apfelbaum flackerte bestndig ein Feuer und der Kessel oder das
Kupferbecken standen fast immer auf dem eisernen Dreifu: dort kochte
sie ihr Eingemachtes, ihre Geles und Marmeladen aus Honig, Zucker und
wei Gott woraus sonst noch. Unter dem andern Baum vor einem kupfernen
Kessel stand der Kutscher, der bestndig Spiritus auf Pfirsichbltter --
Faulbaumblten -- Tausendgldenkraut -- Kirschkerne usw. destillierte.
Am Schlu dieses Verfahrens war er natrlich nie imstande ein
vernnftiges Wort zu reden, sprach einen solchen Unsinn zusammen, da
Pulcheria Iwanowna nichts verstehen konnte, und ging endlich in die
Kche, um sich schlafen zu legen. Von all diesem unntzen Zeug wurde so
unendlich viel gekocht, getrocknet, eingesalzen usw., da es
wahrscheinlich den ganzen Hof berschwemmt htte (Pulcheria Iwanowna
liebte es, sich ber ihren Bedarf hinaus noch einen Reservevorrat
anzulegen; wenn nur nicht die grere Hlfte all dieser schnen Dinge
von den Dienstmdchen verzehrt worden wre. Sie schlichen sich in die
Vorratskammern und aen sich dort so voll, da sie danach den ganzen Tag
lang sthnten und ber Leibweh klagten.)

In den Ackerbau und die andern wirtschaftlichen Ressorts hatte Pulcheria
Iwanowna nur einen geringen Einblick. Der Verwalter und der Dorflteste
bestahlen sie gemeinsam ganz unbarmherzig. Diese beiden hatten die
Gewohnheit angenommen, im herrschaftlichen Walde ganz wie in ihrem
eigenen zu schalten: sie lieen eine Menge von Schlitten herstellen und
verkauften sie dann auf dem nchsten Markte; auerdem verkauften sie den
benachbarten Kosaken, welche Balken fr ihre Mhlen brauchten, die
dicken Eichenstmme. Einmal wollte Pulcheria Iwanowna ihren Wald
inspizieren. Es wurde auch eine Kutsche mit einer riesigen Schutzdecke
angespannt, als jedoch der Kutscher die Leinen anzog und die Pferde, die
noch in der Miliz gedient hatten, davontrabten, da erfllte die Kutsche
die Luft mit ganz merkwrdigen Tnen, soda man pltzlich Flten,
Schellen und Trommeln zu hren glaubte: jeder Nagel, jede eiserne
Klammer sthnte so laut, da man es sogar bei den ber zwei Werst
entfernten Mhlen hren konnte, wie die Herrschaften ausfuhren. Die
furchtbare Verwstung im Walde konnte Pulcheria Iwanowna natrlich nicht
entgehen: sie sah da viele Eichen fehlten, die ihr schon in ihrer
Jugend als hundertjhrige Bume bekannt gewesen waren. Sie wandte sich
daher an den anwesenden Verwalter, und fragte: Nitschipor, wie kommt
es, da so wenig Eichen da sind? Pa mal auf, da dir die Haare auf
deinem Kopf nicht ausgehen!

Warum? antwortete der Verwalter wie gewhnlich, sie sind
verschwunden, glatt verschwunden. Der Blitz hat sie getroffen, die
Wrmer haben sie gefressen -- sie sind verschwunden, gndige Frau, --
ganz verschwunden.

Pulcheria Iwanowna begngte sich vollkommen mit dieser Antwort. Als sie
jedoch nach Hause kam, befahl sie, die Zahl der Wchter bei den
spanischen Kirschen und bei den groen Winterbirnen zu verdoppeln.

Diese wrdigen Herren, der Verwalter und der Dorflteste, hielten es
auch fr ganz berflssig, dem herrschaftlichen Speicher alles Mehl
zukommen zu lassen, und meinten, da die Herrschaft schon an der Hlfte
genug htte: zu guter Letzt bestand diese Hlfte gar nur aus allerhand
verschimmelten und feuchten Resten, die auf den Mrkten nicht verkauft
worden waren. Gewi stahlen der Verwalter und Dorflteste
auerordentlich viel, und das Gesinde, von der Wirtschafterin abwrts
bis hinab zu den Schweinen, vertilgten eine schreckliche Menge von
pfeln und Pflaumen -- diese Tiere stieen nmlich mit ihren Rsseln oft
gegen die Bume, um sich einen ganzen Fruchtregen herabzuschtteln --
gewi pickten die Sperlinge und Krhen sehr viel an -- gewi beschenkten
die Knechte und Mgde ihren Verwandten in den andern Drfern auf das
reichlichste (sie holten sogar ganze Stcke Leinwand und alter
Hausgewebe aus dem Speicher). Auch fand auerordentlich viel den Weg ins
allgemeine Reservoir d. h. zum Gastwirt, und auch die Gste, die
phlegmatischen Kutscher und Diener mochten nicht wenig wegstehlen:
jedoch die fruchtbare Erde brachte alles in solcher berflle hervor,
und Afanassji Iwanowitsch und Pulcheria Iwanowna hatten so wenig
Bedrfnisse, da diese verheerenden Rubereien in der Wirtschaft
vollkommen unbemerkt blieben.

Unsere beiden alten Leutchen liebten vor allen nach Art der Gutsbesitzer
aus der alten Zeit auch sehr -- zu essen. Kaum brach die Morgenrte an,
(sie standen immer sehr zeitig auf), und kaum begannen die Tren ihr
vielstimmiges Konzert, -- da saen die beiden auch schon bei Tisch und
tranken Kaffee. Nach dem Kaffee ging Afanassji Iwanowitsch gewhnlich in
den Flur, schwenkte sein Taschentuch und rief: Ksch, Ksch! Marsch! fort
von der Treppe ihr Gnse! Im Hofe traf er meist den Verwalter und lie
sich gewohnheitsmig mit ihm in ein Gesprch ein, lie sich mit der
grten Ausfhrlichkeit von allen Arbeiten erzhlen und gab
dann Anweisungen und Befehle, die jeden durch die gediegene
Wirtschaftskenntnis, von der sie zeugten, in Staunen gesetzt htten; ein
Neuling htte es sich sicher nicht trumen lassen, da man einem so
aufmerksamen Hausherrn etwas stehlen knne. Aber der Verwalter war ein
geriebener Herr: er wute, welche Antworten er geben mute, noch besser
aber verstand er sich auf das Wirtschaften.

Dann ging Afanassji Iwanowitsch ins Haus zu Pulcheria Iwanowna zurck
und fragte: Pulcheria Iwanowna, wie denken Sie, wre es nicht Zeit,
einen kleinen Imbi nehmen?

Was knnte man jetzt wohl essen, Afanassji Iwanowitsch? Vielleicht ein
paar in Schmalz gesottene Pfannkuchen? Oder kleine Mohnkuchen? Oder ein
paar gesalzene Pilze?

Meinetwegen -- Pilze oder auch Mohnkuchen, antwortete Afanassji
Iwanowitsch, und pltzlich deckte sich der Tisch mit einem Tischtuch,
Pilzen und Mohnkuchen.

Eine Stunde vor dem Mittagessen nahm Afanassji Iwanowitsch wieder einen
Imbi, trank aus einem alten silbernen Becherchen einen Schnaps und a
ein paar Pilze, getrocknete Fischchen und dergleichen. Um zwlf Uhr
setzte man sich zu Tisch. Auer den verschiedenen Schsseln und
Sauciren standen auf dem Tisch noch zahlreiche Tpfchen, die sorgfltig
zugedeckt und verklebt waren, damit die zahlreichen angenehmen
Erzeugnisse der alten, wohlschmeckenden Kche nicht ihr Aroma verlren.
Beim Mittagstisch drehte sich die Unterhaltung gewhnlich um
Gegenstnde, die eng mit der Mahlzeit verknpft waren.

Mir scheint, sagte zum Beispiel Afanassji Iwanowitsch, da diese
Grtze etwas angebrannt ist. Meinen Sie nicht auch, Pulcheria Iwanowna?

Nein, Afanassji Iwanowitsch, nehmen Sie nur etwas mehr Butter, so wird
sie nicht mehr angebrannt schmecken, oder hier, gieen Sie etwas
Pilzsauce darber --

Hm! vielleicht haben Sie recht, sagte Afanassji Iwanowitsch und
reichte seinen Teller hin. Ich will es mal versuchen.

Nach dem Mittag legte sich Afanassji Iwanowitsch auf ein Stndchen
nieder. Hierauf brachte ihm Pulcheria Iwanowna eine angeschnittene
Wassermelone und sagte: Afanassji Iwanowitsch, versuchen Sie einmal,
sehen Sie nur, was das fr eine schne Melone ist.

Lassen Sie sich nicht dadurch tuschen, da sie in der Mitte so schn
rot ist, Pulcheria Iwanowna, sagte Afanassji Iwanowitsch, indem er sich
eine gute Portion vorlegte, es kommt vor, da Melonen rot und doch
schlecht sind!

Die Melone wurde sofort verzehrt. Hierauf a Afanassji Iwanowitsch noch
einige Birnen und machte mit Pulcheria Iwanowna einen Spaziergang durch
den Garten. Wenn sie wieder nach Hause kamen, besorgte Pulcheria
Iwanowna ihre Geschfte und er setzte sich vor die Tr und sah zu, wie
der Speicher dem Beschauer bald sein Innerstes preisgab, bald wieder
verbarg, und wie die Dienstmdchen sich unaufhrlich stoend und
drngend, allerhand Kram in Holzkisten, Sieben, Mulden und sonstigen
Obstbehltern hin- und hertrugen. Nach einer Weile schickte er nach
Pulcheria Iwanowna, oder er ging selbst zu ihr hin und sagte: Was
sollte ich jetzt wohl essen, Pulcheria Iwanowna?

Ja, was knnte man wohl essen ....! meinte Pulcheria Iwanowna, soll
ich Ihnen vielleicht Quarkkuchen mit Beerenfllung bringen lassen, die
ich eigens fr Sie aufbewahren lie?

Ja, das wre ausgezeichnet, sagte Afanassji Iwanowitsch.

Oder vielleicht wollen Sie etwas rote Grtze essen?

Auch das lt sich hren, antwortete Afanassji Iwanowitsch, und gleich
darauf wurde all dieses hereingebracht und, wie zu erwarten war, mit
Appetit verzehrt.

Vor dem Abendbrot versorgte sich Afanassji Iwanowitsch noch mit diesem
oder jenem. Um 10 Uhr setzte man sich zum Abendbrot. Darauf ging man
sofort schlafen, und eine allgemeine Stille senkte sich auf diesen
ttigen und doch ruhevollen Erdenwinkel herab.

Das Schlafzimmer Afanassji Iwanowitschs und Pulcheria Iwanownas war so
warm, da ein anderer kaum einige Stunden in ihm htte zubringen knnen;
aber Afanassji Iwanowitsch schlief noch eigens auf der Ofenbank, um es
wrmer zu haben, obgleich die Hitze ihn des Nachts einige Male zwang,
aufzustehen und im Zimmer auf und ab zu laufen. Hin und wieder sthnte
er leise im Gehen.

Gewhnlich fragte dann Pulcheria Iwanowna: Warum sthnen Sie so,
Afanassji Iwanowitsch?

Wei Gott, Pulcheria Iwanowna, sagte Afanassji Iwanowitsch, ich habe
wohl ein wenig Leibdrcken!

Sollten Sie nicht vielleicht etwas zu sich nehmen, Afanassji
Iwanowitsch?

Ich wei nicht, Pulcheria Iwanowna; wird mir das auch bekommen?
brigens, was knnte ich denn essen?

Nun, etwas saure Milch oder ein paar geschmorte Birnen?

Ja, so etwas -- das wre noch das Einzige, murmelte Afanassji
Iwanowitsch; die schlfrige Magd mute alle Schrnke durchsuchen, und
Afanassji Iwanowitsch a einen Teller Milch oder Birnen, wonach er
gewhnlich erklrte: Mir scheint, es ist mir schon wieder besser.

Mitunter, wenn es schon heller war und eine angenehme Wrme im Zimmer
herrschte, wurde Afanassji Iwanowitsch ganz munter; dann liebte er es
wohl, ein wenig mit Pulcheria Iwanowna zu scherzen.

Was wrden wir machen, Pulcheria Iwanowna, wenn pltzlich Feuer im
Hause ausbrche? Wohin wrden wir uns flchten? fragte er.

Gott behte uns davor! sagte Pulcheria Iwanowna und schlug ein Kreuz.

Gewi -- aber nehmen wir einmal an, unser Haus wrde niederbrennen?
Wohin wrden wir dann ziehen?

Gott wei, was Sie da schwatzen, Afanassji Iwanowitsch! Wie kann denn
unser Haus abbrennen! Das wird Gott nie zulassen!

Hm -- und wenn es doch abbrennt?

Nun dann werden wir in die Kche bersiedeln. Sie mten dann fr
einige Zeit in dem Zimmer wohnen, wo jetzt die Wirtschafterin haust.

Und wenn die Kche mit abbrennt?

Auch das noch! Das wrde Gott nie zulassen, da Haus und Kche so
pltzlich niederbrennen. Dann mten wir ja in den Speicher ziehen, bis
das neue Haus fertig ist.

Hm -- wenn nun aber auch der Speicher mit abbrennt?

Herrgott, was Sie nur reden! Ich will nichts davon hren, es ist eine
Snde, so zu sprechen. Gott straft einen fr solche Reden!

Aber Afanassji Iwanowitsch sa zufrieden lchelnd auf seinem Stuhl und
freute sich, da er Pulcheria Iwanowna ein wenig geneckt hatte.

Am allerinteressantesten erschienen mir jedoch die alten Leutchen, wenn
sie Besuch hatten. Dann nahm in ihrem Hause alles einen andern Anstrich
an. Man kann wohl sagen, diese prchtigen Menschen lebten ganz fr ihre
Gste. Das Beste, was sie hatten, wurde herausgesucht, und sie
wetteiferten miteinander, dem Gast die schnsten Erzeugnisse der ganzen
Wirtschaft vorzusetzen. Und was dabei das Angenehmste war: in all ihrer
Liebenswrdigkeit lag auch nicht eine Spur von Aufdringlichkeit. Die
Treuherzigkeit, Geflligkeit und Gte leuchtete ihnen aus den Augen und
stand ihnen so gut, da man unwillkrlich ihren Einladungen Folge
leistete. Diese Gte und Freundlichkeit quoll aus der schlichten Einfalt
ihrer braven und ehrlichen Seelen, und ihre Liebenswrdigkeit hatte
nichts mit der eines Staatsbeamten gemein, der es mit Ihrer Hilfe zu
etwas gebracht hat, Sie seinen Wohltter nennt und vor Ihnen kriecht.
Der Gast durfte nie am selben Tag wieder gehn: er mute durchaus bei den
Alten bernachten.

Wie kann man blo zu so spter Stunde noch einen so weiten Weg
antreten? pflegte Pulcheria Iwanowna zu sagen. (Gewhnlich wohnte der
Gast drei oder vier Werst weit von ihnen.)

Natrlich, sagte Afanassji Iwanowitsch, wer wei, was einem alles
passieren kann: es gibt doch Ruber und andres Gesindel, die einen
berfallen knnen!

Gott mge Sie vor Rubern bewahren, sagte Pulcheria Iwanowna, warum
sprichst du zur Nacht von solchen Dingen. Ich sage es nicht der Ruber
wegen, -- man sollte berhaupt nicht in solch einer Dunkelheit fahren!
Ja, und Ihr Kutscher -- ich kenne doch Ihren Kutscher, er ist so ein
drftiger, kleiner Kerl, den wirft jede Stute um -- und dann ist er
jetzt sicherlich schon betrunken und schlft irgendwo.

Und dem Gast blieb nichts anderes brig: er mute bleiben. brigens
waren der Abend in dem niedrigen, warmen Zimmer, die treuherzige,
erwrmende und zugleich einschlfernde Unterhaltung, und der Geruch, der
von den nahrhaften und meisterhaft zubereiteten Gerichten, die den Tisch
besetzten, aufstieg, eine entsprechende Belohnung. Ich sehe Afanassji
Iwanowitsch noch ganz deutlich vor mir, wie er gebeugt im Lehnstuhl
sitzt und dem Gaste voller Aufmerksamkeit, ja mit Entzcken zuhrt.
Zuweilen war auch von Politik die Rede. Der Gast, der meist auch nur
selten aus dem Dorf herauskam, teilte dann wohl mit wichtiger und
geheimnisvoller Miene seine Vermutungen mit und erzhlte, da die
Franzosen sich heimlich mit den Englndern verbndet htten, um
Bonaparte wieder einmal auf Ruland loszulassen; oder er erzhlte
einfach von dem bevorstehenden Kriege. Dann pflegte Afanassji
Iwanowitsch wohl zu antworten, indem er Pulcheria Iwanowna scheinbar gar
nicht beachtete:

Ich denke auch daran, in den Krieg zu gehen --: warum sollte ich auch
nicht in den Krieg gehen?

Was er da wieder redet -- das fehlt gerade noch, unterbrach ihn
Pulcheria Iwanowna. Glauben Sie ihm nicht, wandte sie sich an den
Gast, wie kann er in seinem Alter noch in den Krieg ziehen -- der erste
beste Soldat schiet ihn ja gleich tot; bei Gott, er schiet ihn tot.
Ja, er wird auf ihn anlegen, zielen und ihn niederschieen.

Nun und was ist dabei? erwiderte Afanassji Iwanowitsch, ich werde ihn
auch niederschieen!

Hren Sie nur, was er wieder spricht, fiel ihm Pulcheria Iwanowna ins
Wort, wie kann er denn in den Krieg gehen! Seine Pistolen sind ja
lngst verrostet und liegen schon lange in der Rumpelkammer. Sie sollten
sie nur ansehen: das sind ganz grliche Dinger, bevor man abdrckt,
sprengt einem das Pulver das ganze Zeug auseinander. Er wird sich die
Hnde verstmmeln, und das Gesicht verunstalten, er wird sich noch fr
ewige Zeiten unglcklich machen!

Und wenn schon, sagte Afanassji Iwanowitsch, ich werde mir eben ein
neues Gewehr kaufen -- und mir einen Sbel und einen Kosakenspie
anlegen.

Dummheiten, Dummheiten! Pltzlich fllt ihm etwas ein, und dann geht es
los! sagte Pulcheria Iwanowna ganz rgerlich. Ich wei ja, da er
spat, aber es ist doch unangenehm, so etwas anhren zu mssen. Sehen
Sie, so spricht er immer, mitunter wird einem ganz bange, wenn man ihn
so reden hrt.

Aber Afanassji Iwanowitsch sa hchst befriedigt darber, da er
Pulcheria Iwanowna etwas gengstigt hatte, ganz zusammengebeugt in
seinem Stuhl und lachte vergngt.

Pulcheria Iwanowna war immer am interessantesten fr mich, wenn sie
einen Gast zu Tische fhrte. Dies hier, -- sagte sie, indem sie den
Verschlu einer Karaffe entfernte, ist ein Schnaps, der auf Holz oder
Salbei abgesetzt ist, der ist besonders gut gegen Schmerzen im
Schulterblatt oder im Kreuz -- oder der hier ist aus Tausendgldenkraut
und sehr ntzlich gegen Ohrensausen und Flechten im Gesicht; und der da
ist aus Pfirsichkernen destilliert, nehmen Sie doch ein Glschen -- ein
herrlicher Duft nicht wahr? Wenn man beim Aufstehen zufllig gegen eine
Tisch- oder Schrankecke stt und sich eine Beule auf der Stirn holt,
dann hat man nur ntig, vor dem Mittag-Essen ein Glschen davon zu
nehmen -- und die Beule ist wie weggeblasen; in einer Minute ist alles
spurlos verschwunden. Hierauf folgte eine Lobrede auf die brigen
Karaffen, und fast alle hatten irgend eine heilkrftige Wirkung. Wenn
sie den Gast in diese vollstndige Apotheke eingefhrt hatte, so
geleitete sie ihn vor eine ganze Sammlung von Tellern. Das hier sind
Pilze mit Pfefferkraut, und da das mit Nelken und Walnssen. Eine Trkin
hat mich gelehrt, sie einzusalzen -- das war damals, als noch die Trken
bei uns in der Gefangenschaft lebten. Eine so brave Trkin, man merkte
es ihr garnicht an, da sie Mohammed anbetete; sie betrug sich ganz
unauffllig, ganz wie unsereiner und wollte nur kein Schweinefleisch
essen: unser Gesetz verbietet uns das, pflegte sie zu sagen. Diese
Pilze da sind mit Johannisbeerblttern und Muskatnssen angerichtet, und
das da sind groe Feldnelken, es ist das erste Mal da ich es versuche,
sie mit Essig aufzukochen, ich wei nicht, ob sie gut schmecken werden.
Der Priester Iwan hat mir das Geheimnis mitgeteilt: man mu vor allem
einen kleinen Zuber mit Eichenblttern auslegen, dann Pfeffer und Salz
darauf streuen und zuletzt die Blten von Mausehrchen darber legen:
aber so, da die Schwnzchen alle nach oben zu liegen kommen. -- Dies
hier sind Pastetchen, mit Ksefllung -- die dort mit Schmalz, und das
sind Afanassji Iwanowitschs Lieblingspasteten mit Kraut und
Buchweizengrtze.

Ja, fgte Afanassji Iwanowitsch hinzu, ich liebe sie sehr, sie sind
so weich und etwas suerlich.

Pulcheria Iwanowna war berhaupt immer in bester Laune, wenn sie Besuch
hatte. Die brave Alte! Sie ging vollkommen in ihren Gsten auf. Ich
besuchte sie sehr gern, obgleich ich mich jedesmal schrecklich bera,
wie alle ihre Gste, was mir sehr schdlich war, aber ich freute mich
doch immer wieder, zu ihnen zu fahren. brigens glaube ich, da die Luft
in Kleinruland eine besondere, die Verdauung befrdernde Eigenschaft
haben mu: wenn es _hier_ jemand einfiele, sich so zu beressen, so
wrde er zweifellos sehr bald auf dem Tisch statt auf dem Bette liegen.

Die guten alten Leutchen .... Jedoch meine Erzhlung nhert sich einem
sehr traurigen Ereignis, das das Leben dieses friedlichen Winkels fr
immer vernderte. Dieses Ereignis wirkt um so berraschender, als es
durch einen ganz belanglosen Vorfall verursacht wurde. Aber nach dem
seltsamen Lauf der Welt haben kleine Ursachen noch immer groe Wirkungen
gezeitigt, und umgekehrt groe Unternehmungen oft nur winzige Erfolge
gehabt. Irgend ein Eroberer sammelt alle Krfte seines Reichs und kmpft
viele Jahre lang, seine Feldherrn zeichnen sich aus und werden berhmt,
und die ganze Geschichte schliet mit der Eroberung eines Fleckchens
Erde, auf welchem man kaum ein paar Kartoffeln pflanzen kann. Und
umgekehrt, ein andermal geraten zwei Wurstfabrikanten aus zwei
verschiedenen Stdten wegen irgendeiner Bagatelle aneinander, der Streit
zieht die Stdte und alle Drfer und Flecken mit hinein, und pltzlich
ist das ganze Reich in Mitleidenschaft gezogen. Aber lassen wir diese
Betrachtungen -- sie gehren nicht hierher; ich liebe berhaupt keine
Betrachtungen, die nur Betrachtungen bleiben.

Pulcheria Iwanowna besa ein graues Ktzchen, welches fast immer zu
einem Knul zusammengeballt zu ihren Fen lag. Manchmal streichelte
Pulcheria Iwanowna es freundlich und kraute ihm mit den Fingern den
Hals, den das verwhnte Ktzchen so hoch als mglich emporstreckte. Man
kann nicht gerade sagen, da Pulcheria Iwanowna das Ktzchen besonders
liebte, aber sie hatte sich daran gewhnt, es immer bei sich zu haben.
Afanassji Iwanowitsch neckte sie mitunter wegen ihrer Zuneigung zu dem
Tierchen.

Ich begreife nicht, was Sie an der Katze finden, Pulcheria Iwanowna,
was fr einen Nutzen hat sie? Wenn Sie noch einen Hund htten, -- das
wre ganz etwas anderes -- einen Hund kann man mit auf die Jagd nehmen;
aber was macht man mit einer Katze?

Schweigen Sie nur still, Afanassji Iwanowitsch. Sie wollen ja nur so
reden, und weiter nichts. Ein Hund ist nicht reinlich, ein Hund macht
viel Schmutz, und wirft alles um -- aber eine Katze ist ein stilles
Geschpf, die wird niemandem etwas zuleide tun.

brigens machte sich Afanassji Iwanowitsch weder aus Hunden noch Katzen
etwas, er redete nur so, um Pulcheria Iwanowna wieder einmal zu necken.

Hinter dem Garten befand sich ein groer Wald, der von dem
unternehmenden Verwalter bisher noch verschont geblieben war; vielleicht
weil der Lrm des Fllens leicht bis zu den Ohren Pulcheria Iwanownas
dringen konnte. Dieser Wald war sehr verwildert und verwahrlost; die
alten Baumstmme waren mit wilden Haselnustruchern bewachsen und sahen
wie befiederte Taubenfe aus. In diesem Walde hausten auch wilde
Waldkater. Diese wilden Waldkater darf man jedoch nicht mit jenen khnen
Helden verwechseln, die auf den Huserdchern herumlaufen; sie sind in
der Stadt trotz ihrer schlechten Manieren weit zivilisierter als im
Walde. Die Waldkatzen sind dagegen ein finsteres und wildes Volk; sie
sind immer elend und mager, und miauen mit einer groben, unartikulierten
Stimme. Manchmal dringen sie durch unterirdische Gnge in die Speicher
ein und stehlen Speck, oder sie springen durch das Kchenfenster, wenn
sie merken, da der Koch ins Feld gegangen ist. berhaupt fehlt es ihnen
an allen edleren Regungen, sie leben nur von Raub und wrgen die jungen
Sperlinge in den eigenen Nestern. Diese Kater hatten seit lngerer Zeit
ein Liebesverhltnis mit dem schchternen Ktzchen Pulcheria Iwanownas
angeknpft, sie beschnffelten es durch ein Loch im Speicher und lockten
es endlich zu sich, so wie wohl ein Trupp Soldaten eine dumme
Bauerndirne verfhrt. Pulcheria Iwanowna bemerkte bald das Verschwinden
der Katze und schickte Leute aus, um sie zu suchen; aber die Katze
konnte nicht aufgesprt werden. So vergingen drei Tage, Pulcheria
Iwanowna bedauerte den Verlust der Katze, aber bald war sie ganz
vergessen. Eines Tages, als Pulcheria Iwanowna eben ihren Gemsegarten
revidiert hatte und mit einer Menge eigenhndig gepflckter frischer
Gurken fr Afanassji Iwanowitsch zurckkehrte, vernahm sie zu ihrer
berraschung ein jmmerliches Miauen. Unwillkrlich lockte sie das
Ktzchen, rief Ksch, ksch, und pltzlich kam eine graue, magere,
elende Katze aus dem Steppengras hervorgekrochen, der man es deutlich
ansah, da sie schon einige Tage nichts zu fressen bekommen hatte.
Pulcheria Iwanowna lie nicht nach, sie zu rufen, aber die Katze blieb
stehen, miaute und wagte es nicht, nher zu kommen; sie war
augenscheinlich in der Zwischenzeit sehr verwildert. Pulcheria Iwanowna
ging voraus und hrte nicht auf, die Katze zu locken, die ihr allmhlich
ngstlich bis zum Speicher nachschlich. Als die Katze jedoch die alten
Pltze wiedererkannte, folgte sie ihrer Herrin bis ins Zimmer. Pulcheria
Iwanowna befahl sogleich, ihr Milch und Fleisch zu bringen, setzte sich
vor ihr nieder und freute sich ber die Gier, mit der ihr Liebling ein
Stck nach dem andern verschlang und die Milch ausleckte. Die graue
Vagabundin wurde zusehends dicker und fra schon nicht mehr so gierig.
Pulcheria Iwanowna streckte die Hand aus, um sie zu streicheln, aber die
Undankbare hatte sich offenbar schon zu sehr an die wilden Kater
gewhnt, oder sie hatte den Kopf voll romantischer Ideen und glaubte
wohl, Armut und Liebe sei besser als ein Palast (und die Kater waren arm
wie Kirchenmuse), kurzum, sie sprang aus dem Fenster und keiner von den
Knechten und Mgden vermochte sie einzufangen.

Die alte Frau wurde nachdenklich. Der Tod ist zu mir gekommen,
murmelte sie vor sich hin, und hinfort konnte sie nichts mehr
zerstreuen.

Den ganzen Tag war sie traurig. Vergeblich scherzte Afanassji
Iwanowitsch und wollte wissen, warum sie pltzlich so melancholisch
geworden sei, Pulcheria Iwanowna schwieg, oder sie gab Antworten, die
Afanassji Iwanowitsch unmglich befriedigen konnten. Am nchsten Tage
sah sie ganz verndert aus.

Was fehlt Ihnen, Pulcheria Iwanowna? Am Ende sind Sie gar krank?
Nein, ich bin nicht krank, Afanassji Iwanowitsch! Ich mu Ihnen etwas
sehr Merkwrdiges mitteilen. Ich wei, da ich diesen Sommer sterben
werde: der Tod ist schon bei mir gewesen, um mich zu holen. Afanassji
Iwanowitschs Mund verzog sich schmerzlich, aber er suchte das in seiner
Seele aufsteigende traurige Gefhl zu berwinden und sagte lchelnd:
Gott wei, was Sie reden, Pulcheria Iwanowna. Sie haben gewi statt des
blichen Krutertranks ein Glschen Pfirsichschnaps getrunken!

Nein, Afanassji Iwanowitsch, ich habe keinen Pfirsichschnaps
getrunken, antwortete Pulcheria Iwanowna.

Afanassji Iwanowitsch bereute, da er Pulcheria Iwanowna geneckt hatte:
er sah sie an, und eine Trne hing an seiner Wimper.

Ich bitte Sie, Afanassji Iwanowitsch, erfllen Sie meinen Wunsch,
sagte Pulcheria Iwanowna, und lassen Sie mich wenn ich sterbe, an der
Kirchhofsmauer beerdigen. Ziehen Sie mir das graue Kleid an, wissen Sie
-- das mit den kleinen Blmchen auf dem braunen Saum. Ziehen Sie mir
nicht das Atlaskleid mit dem himbeerroten Streifen an -- Tote brauchen
keine Kleider -- was sollte ich auch damit? Aber Ihnen kann es noch von
Nutzen sein, Sie knnen sich einen schnen Schlafrock daraus machen
lassen: wenn Gste kommen, knnen Sie sich doch sehen lassen, und sie
wrdig empfangen.

Gott wei, was Sie da schwatzen, Pulcheria Iwanowna, sagte Afanassji,
wer kann denn wissen, wann er sterben wird, und Sie erschrecken mich
jetzt mit solchen Worten.

Nein, Afanassji Iwanowitsch, ich wei schon, wann ich sterben werde.
Aber Sie drfen nicht um mich trauern. Ich bin schon alt, wir werden uns
bald im Jenseits wiedersehen.

Aber Afanassji Iwanowitsch schluchzte wie ein Kind.

Afanassji Iwanowitsch, es ist eine Snde, so zu weinen. Versndigen Sie
sich nicht an Gott, erzrnen Sie ihn nicht mit Ihrem Schmerz. Ich
bedaure nicht, da ich sterben soll, nur das eine tut mir leid (ein
tiefer Seufzer unterbrach fr einen Augenblick ihre Rede), es tut mir
leid, da ich nicht wei, wem ich _Sie_ anvertrauen soll. Wer wird fr
Sie sorgen, wenn ich sterbe? Sie sind ja wie ein kleines Kind -- wer fr
Sie sorgen will, mte Sie lieb haben! Und bei diesen Worten lag ein
solch tiefes, herzinniges Mitleid in ihren Zgen, da ich nicht wei, ob
ihr jemand in diesem Augenblick ohne Bedauern htte in die Augen sehen
knnen.

Hierauf wandte sie sich an die Wirtschafterin, die sie hatte rufen
lassen, und sagte: Pa mir auf, Jawdocha, und sorge fr den Herrn, wenn
ich sterbe, hte ihn wie deinen Augapfel, und wie dein eigenes Kind.
Achte darauf, da man in der Kche stets seine Lieblingsgerichte kocht,
und da Du ihm immer reine Wsche und reine Kleider gibst, achte darauf
da er anstndig angezogen ist, wenn Gste kommen: sonst kann es noch am
Ende passieren, da er im einen alten Schlafrock herauskommt, er vergit
doch jetzt schon manchmal, ob es Feiertag oder ein Wochentag ist. La
ihn nicht aus den Augen, Jawdocha, ich werde in jener Welt fr dich
beten, und Gott wird dich belohnen. Vergi nicht, Jawdocha, du bist
schon alt, und hast auch nicht mehr lange zu leben, hufe keine Snde
auf deine Seele. Wenn du nicht auf den Herren acht gibst, so wirst du
nie wieder glcklich werden auf dieser Erde, ich werde Gott selbst
bitten, dir kein seliges Ende zu gewhren. Du selbst wirst unglcklich
sein, deine Kinder werden unglcklich werden, und dein ganzes Geschlecht
wird ohne Gottes Segen sein.

Die arme Alte! In diesem Moment dachte sie nicht an den gewaltigen
Augenblick, der ihrer harrte, nicht an ihre eigene Seele, noch an das
zuknftige Leben -- sie dachte nur an ihren armen Kameraden, mit dem sie
ihr Leben geteilt und den sie nun verwaist und hilflos zurcklassen
mute. Mit der grten Geschftigkeit und Eile richtete sie alles so
ein, da Afanassji Iwanowitsch nach ihrem Tode ihre Abwesenheit nicht
merken sollte. Ihre berzeugung von der Nhe ihres Todes war so stark,
ihre Seele war so davon erfllt, da sie wirklich nach einigen Tagen
bettlgerig wurde und keine Nahrung mehr zu sich zu nehmen vermochte.
Afanassji Iwanowitsch war die Aufmerksamkeit selbst, er wich keinen
Augenblick von ihrem Bette. Vielleicht sollten Sie doch etwas essen,
Pulcheria Iwanowna, sagte er, und sah ihr ngstlich in die Augen. Aber
Pulcheria Iwanowna sprach kein Wort. Endlich, nach langem Schweigen,
schien es, als wollte sie etwas sagen, ihre Lippen bewegten sich, und --
ihre Seele war entflohen.

Afanassji Iwanowitsch war aufs hchste betroffen. Das alles erschien ihm
so unsinnig und schrecklich, da er nicht einmal zu weinen vermochte.
Trben Auges blickte er auf die Tote, wie wenn er nicht verstnde, was
dieser kalte Leichnam zu bedeuten htte.

Man legte die Verstorbene auf den Tisch, zog ihr das Kleid an, welches
sie sich selbst ausgesucht hatte, und gab ihr eine Wachskerze in die
gefalteten Hnde. Teilnahmslos sah er allem zu. Eine groe Volksmenge
aus den verschiedensten Stnden erfllte den Hof; eine groe Anzahl
Gste war zur Beerdigung gekommen; im Hofe wurden lange Tische gedeckt,
Gebck aus Reis und Rosinen (das russische Gericht, das bei keinem
Totenmahl fehlen darf), Schnpse und Kuchen standen in groen Massen
umher, die Gste weinten, betrachteten die Tote, unterhielten sich ber
ihren Charakter und sahen Afanassji Iwanowitsch an: er aber ging wie
abwesend herum. Endlich trug man die Verstorbene hinaus, das Volk
strmte hinterher, und auch er folgte mechanisch nach. Die Geistlichkeit
erschien in vollem Ornat, die Sonne stand leuchtend am Himmel, die
Suglinge schrien auf den Armen ihrer Mtter, die Lerchen sangen, und
eine Unzahl nur mit einem Hemde bekleideter Kinder lief durcheinander
und tollte am Wege herum. Endlich stellte man den Sarg neben dem Grabe
nieder, und bat ihn heranzutreten und die Verstorbene zum letztenmal zu
kssen. Er trat hinzu und kte sie, Trnen fllten seine Augen, aber es
waren kalte, gefhllose Trnen. Der Sarg wurde hinabgelassen, der
Priester ergriff als erster die Schaufel und warf eine Handvoll Erde
hinunter: unter dem wolkenlosen Himmel stimmte der volle, langgezogene
Chor des Vorsngers und zweier Kirchendiener das Lied vom ewigen
Gedenken an. Die Totengrber ergriffen den Spaten, und bald fllte Erde
das Grab und machte es dem Boden gleich. Da drngte Afanassji
Iwanowitsch sich vor, und alle wichen zurck und machten ihm Platz, um
zu sehen, was er tun wrde. Er aber hob die Augen empor, blickte
verstrt um sich und sagte: So also, ihr habt sie schon begraben! Warum
...? ... Er stockte und brachte den Satz nicht zu Ende. Aber als er
nach Hause kam, und sah, da sein Zimmer leer war, und da sogar der
Stuhl, auf dem Pulcheria Iwanowna zu sitzen pflegte, fehlte: da weinte
er, da weinte er trostlos und bitterlich -- und Trnenstrme strzten
aus seinen trben Augen.

Seitdem sind fnf Jahre vergangen. Welches Leid stillt nicht die Zeit?
Welche Leidenschaft hlt stand im ungleichen Kampfe mit der Zeit? Ich
kannte einen jungen blhenden Mann in voller Jugendkraft, erfllt von
Edelmut und herrlichen Gaben, ich kannte ihn damals, als er
leidenschaftlich verliebt war: seine Liebe war zrtlich, glhend,
wahnsinnig, brutal und schchtern zugleich; und in meiner Gegenwart,
fast vor meinen Augen, raffte der unersttliche Tod den Gegenstand
seiner Liebe, -- ein zartes, engelgleiches Mdchen dahin. Ich habe nie
solch' furchtbare Ausbrche des Seelenschmerzes, eines wahnsinnigen,
verzehrenden Jammers, und einer so brennenden Verzweiflung gesehen wie
die, die den unglcklichen Liebenden durchrasten. Ich htte nie gedacht,
da der Mensch selbst sich eine solche Hlle schaffen knnte, in der
kein Schatten, kein Bild, -- nichts vorhanden ist, was auch nur im
entferntesten einer Hoffnung hnlich sieht ... Man gab sich Mhe, ihn
nicht aus den Augen zu lassen. Man versteckte alle Waffen, mit denen er
sich vielleicht htte ein Leid antun knnen. Nach zwei Wochen aber hatte
er pltzlich die Herrschaft ber sich selbst wiedergewonnen, er begann
wieder zu lachen und zu scherzen; man gab ihm die Freiheit, und das
erste, wozu er sie benutzte, war -- sich einen Revolver zu kaufen. Eines
Tages wurden seine Verwandten durch einen pltzlichen Schu
aufgeschreckt: sie liefen hinzu und fanden ihn mit zerschmettertem
Schdel. Der schnell herbeigerufene Arzt, dessen Kunst damals in aller
Munde war, fand noch einige Lebenszeichen bei ihm, auch war die Wunde
nicht unbedingt tdlich; und zu aller Erstaunen wurde er wieder
hergestellt. Die Aufsicht ber ihn wurde noch verschrft, sogar bei
Tisch legte man nie ein Messer in seine Nhe. Man versuchte alles von
ihm fern zu halten, womit er sich htte tten knnen. Aber nur zu bald
fand er wieder eine Gelegenheit und warf sich unter die Rder eines
Wagens. Arme und Beine wurden ihm zerquetscht: aber auch diesmal genas
er wieder. Ein Jahr spter sah ich ihn in einer groen Gesellschaft. Er
sa auf einem Stuhl und sagte frhlich: ^petit ouvert^, indem er eine
Karte verdeckte; und hinter ihm, auf die Stuhllehne gesttzt, stand
seine junge Frau und spielte mit seinen Marken.

Fnf Jahre waren seit dem Tode Pulcheria Iwanownas vergangen, als ich
wieder in diese Gegend kam. Ich fuhr nach dem Gut Afanassji
Iwanowitschs, um meinen alten Nachbar zu besuchen, bei dem ich so
manchen frohen Tag verbracht und mir so oft an den schmackhaften
Erzeugnissen der liebenswrdigen Hausfrau den Magen verdorben hatte. Als
ich in den Hof einfuhr, erschien mir das Haus um zehn Jahre lter: die
Bauernhtten hatten sich zur Seite geneigt und ihre Bewohner
wahrscheinlich auch; Zaun und Flechtwerk im Hofe waren ganz zerstrt,
und ich sah selbst, wie die Kchin einen Pfahl herauszog, um den Ofen
anzuheizen, obwohl sie nur zwei Schritte htte machen brauchen, um das
dort aufgeschichtete Reisig zu erreichen. Melancholisch fuhr ich bei der
Treppe vor; dieselben schwarzen und braunen Hunde, die aber jetzt schon
blind waren oder verkrppelte Beine hatten, schlugen an und wedelten mit
ihren zottigen Schwnzen, die voller Kletten waren. Der Alte kam mir
entgegen. Ja das war _er_! Ich erkannte ihn sofort, aber er war doppelt
so tief zusammengesunken wie frher. Er erkannte und begrte mich mit
dem wohlbekannten Lcheln. Ich trat nach ihm ins Zimmer. Es schien, als
sei hier noch alles unverndert, aber ich entdeckte berall eine
schreckliche Unordnung, -- berall machte sich ein empfindlicher Mangel
von etwas bemerkbar -- mit einem Wort, ich empfand jenes Gefhl, das uns
beschleicht, wenn wir zum erstenmal die Wohnung eines Witwers betreten,
den wir nie anders, als an der Seite seiner Lebensgefhrtin gesehen
haben, von der er sich nie trennte: Ein Gefhl, _jenem_ gleich, das wir
empfinden, wenn wir einen Menschen ohne Beine sehen, den wir nie anders
als vllig gesund kannten. An allem merkte ich die Abwesenheit der
sorgsamen Pulcheria Iwanowna; bei Tisch legte man ein Messer ohne Griff
auf; die Speisen waren nicht mehr mit der gleichen Kunstfertigkeit
zubereitet. Und nach der Wirtschaft wagte ich gar nicht erst zu fragen;
ich frchtete mich sogar, einen Blick in die Wirtschaftsrume zu werfen.

Als wir uns zu Tisch setzten, band das Mdchen Afanassji Iwanowitsch die
Serviette vor; und es war gut, da sie es tat, sonst htte er seinen
Schlafrock ganz mit Sauce begossen. Ich versuchte es, ihn ein wenig zu
zerstreuen und erzhlte ihm allerlei Neuigkeiten. Er hrte mir mit dem
gleichen Lcheln zu, aber mitunter war sein Blick vllig abwesend; kein
Gedanke leuchtete aus ihm hervor, und er war ganz leer. Hufig erhob er
den Lffel mit dem Brei, aber statt ihn zum Munde zu fhren, fhrte er
ihn zur Nase; statt mit seiner Gabel ein Stck Hhnchen aufzuspieen,
stie er mit ihr gegen die Karaffe, und dann nahm das Mdchen seine Hand
und fhrte sie zum Huhn. Manchmal muten wir einige Minuten lang warten,
bis das nchste Gericht aufgetragen wurde. Afanassji Iwanowitsch
bemerkte es auch und sagte: Warum bringt man uns denn so lange nichts
zu essen? Aber ich sah durch den Spalt, da der Junge, welcher uns
bediente, garnicht darauf achtete, sondern den Kopf auf die Bank
gelehnt, dalag und schlief.

Diese Speise, sagte Afanassji Iwanowitsch, als man uns eine sogenannte
Nonne mit saurer Sahne vorsetzte, diese Speise, fuhr er fort, und ich
sprte wie seine Stimme zu zittern begann und Trnen seine bleischweren
Augen erfllten, -- aber er nahm alle Kraft zusammen, versuchte sich zu
beherrschen -- diese Speise, welche die Ver -- Ver -- Verstorb .....
und pltzlich schluchzte er laut auf, die Hand sank auf den Teller, der
Teller fiel zu Boden und zerbrach, und die Sauce ergo sich ber ihn. Er
sa wie leblos da, steif hielt er den Lffel in der Hand, und
Trnenbche flossen, wie ein nie versiegender Quell in Strmen auf die
vorgebundene Serviette.

Ich sah ihn an und dachte: Mein Gott, fnf Jahre der alles
verschlingenden Zeit -- und nun ist er ein Greis, ein stumpfsinniger
Greis, er, dessen Leben scheinbar nie durch eine starke Gemtsbewegung
erschttert worden war, dessen ganzes Leben darin bestand, auf einem
hohen Stuhl zu sitzen, und getrocknete Fische oder Beeren zu verzehren,
-- oder harmlose Geschichten anzuhren: und nun dieser heie, nie
endende Gram! Was ist denn das Strkere in uns: die Leidenschaft oder
die Gewohnheit? Sind unsere heftigen Ausbrche, ist der Sturm unserer
Wnsche nur eine Folge der glhenden Jugend, und scheinen sie uns nur
deshalb so schrecklich und verwirrend, weil wir jung sind? Wie dem auch
sein mag, in jenem Augenblick schienen mir all unsere Leidenschaften so
kindisch im Vergleich zu dieser allmhlichen, fast unbewuten Gewhnung.
Wiederholt versuchte er den Namen der Verstorbenen auszusprechen: aber
schon bei der ersten Hlfte des Wortes verzerrte sich sein sonst so
ruhiges, indifferentes Gesicht, und sein kindliches Weinen drckte mir
das Herz ab. Nein, das waren andere Trnen als die, die alte Leute so
leicht bei der Hand haben, wenn sie uns von ihrer trben Lage und ihrem
Unglck vorjammern; das waren auch nicht jene Trnen, die sie so leicht
bei einem Glas Punsch vergieen: nein das waren Trnen, die ungewnscht
und ungerufen hervorstrmten, gehuft durch das schneidende Weh eines
schon erkalteten Herzens.

Er lebte nicht mehr lange. Vor kurzem hrte ich, da er gestorben sei.
Und ist es nicht seltsam, da die Art seines Todes eine gewisse
hnlichkeit mit dem Pulcheria Iwanownas hatte. Eines Tages sollte
Afanassji Iwanowitsch ein wenig im Garten spazieren gehen. Als er
langsam und gedankenlos in seiner gewhnlichen Sorglosigkeit des Weges
einherschritt, da ereignete sich ein merkwrdiger Zufall. Er vernahm
pltzlich, wie jemand hinter ihm mit klarer Stimme seinen Namen rief:
Afanassji Iwanowitsch! Er drehte sich um, aber es war niemand da. Er
sphte nach allen Seiten, blickte hinter die Bsche, -- aber er konnte
niemand entdecken. Der Tag war still, und die Sonne strahlte am Himmel.
Einen Augenblick versank er in Nachdenken, dann belebten sich seine
Zge, und endlich sagte er. Das ist Pulcheria Iwanowna -- sie ruft
mich!

Sicherlich hat schon so mancher Leser einmal eine Stimme gehrt, die ihn
beim Namen ruft; der Volksmund erklrt das so, da eine Seele sich vor
Sehnsucht nach einem Menschen verzehrt und ihn ruft: die Folge aber sei
unbedingt der Tod. Ich mu gestehn, mir war solch ein geheimnisvolles
Rufen immer unheimlich. Ich erinnere mich, es in meiner Kindheit recht
oft gehrt zu haben: manchmal sprach pltzlich hinter mir jemand meinen
Namen aus. Gewhnlich war es ein besonders klarer und sonniger Tag, im
Garten regte sich kein Blatt an den Bumen; berall herrschte eine
beklemmende Stille, selbst die Grille verstummte um diese Tageszeit, und
keine Menschenseele war im Garten. Und doch mu ich sagen: htte mich
die frchterlichste, strmischste Nacht mit der ganzen Hlle der
entfesselten Natur im einsamen Urwalde berfallen: ich wre nicht so
erschrocken gewesen, wie bei dieser schauervollen Stille mitten an
diesem wolkenlosen Tag! Gewhnlich lief ich dann, halb wahnsinnig vor
Schreck, atemlos aus dem Garten und beruhigte mich erst, wenn irgend ein
Mensch mir entgegenkam, dessen Anblick die furchtbare de aus meinem
Herzen verjagte. -- Er gab sich ganz der berzeugung hin, da Pulcheria
Iwanowna ihn gerufen habe. Er unterwarf sich wie ein Kind, magerte ab,
hstelte und schmolz dahin, wie eine Kerze und verlschte endlich wie
diese, wenn nichts mehr vorhanden ist, was ihre Flamme speist.

Legt mich neben Pulcheria Iwanowna -- das war alles, was er vor seinem
Tode zu sagen vermochte.

Man erfllte seinen Willen und beerdigte ihn neben der Kirche, ganz in
der Nhe von Pulcheria Iwanownas Grab. Diesmal waren weniger Gste zur
Beerdigung erschienen, dafr aber zahlreiche arme Leute und Bettler. Das
Herrenhaus wurde jetzt ganz leer. Der unternehmende Verwalter und der
Dorflteste trugen all die altertmlichen Gegenstnde und alles
Hausgert, was die Wirtschafterin brig gelassen hatte, mit sich fort.

Bald erschien, Gott wei woher, irgend ein entfernter Verwandter, der
Erbe des Gutes; er war ein groer Reformer, und hatte, ich wei nicht
mehr, in welchem Regiment als Leutnant gedient. Er bemerkte sofort die
groe Unordnung und Verwahrlosung in der Wirtschaft und beschlo dies
alles mit Stumpf und Stil auszurotten, zu reformieren und eine neue
Ordnung einzufhren. Er schaffte sich sechs prachtvolle englische
Sicheln an, lie an jeder Htte eine Nummer befestigen und richtete
alles so vortrefflich ein, da das Landgut nach sechs Monaten unter
Kuratel gestellt wurde. Die wohlweise Vormundschaft (welche aus einem
ehemaligen Assessor und irgend einem Stabsoffizier in einer verblichenen
Uniform bestand), vertilgte in krzester Zeit alle Hhner und Eier. Die
Htten, welche schon fast auf der Erde lagen, strzten jetzt vllig ein,
die Bauern ergaben sich dem Trunk und machten sich zum grten Teil aus
dem Staube. Der Besitzer, der im brigen mit seinen Vormndern auf
freundschaftlichem Fue lebte und mit ihnen Punsch trank, kam nur hchst
selten auf sein Gut und verweilte nie lange dort. Er fhrt bis heute auf
allen Jahrmrkten Kleinrulands umher und erkundigte sich genau nach den
Preisen fr die Erzeugnisse: als da sind: Mehl, Hanf, Honig usw., die
^en gros^ verkauft werden, aber er selbst kauft nur Kleinigkeiten: wie
Feuersteine, einen Nagel zum Reinigen der Pfeife und berhaupt alles,
was im Gesamtpreis den Wert eines Rubels nicht bersteigt.


                     Tara Bulba. Eine Erzhlung

                            bersetzt von
                         Eugenie Chmelnitzky


                            Erstes Kapitel

Dreh dich mal um, Junge! Siehst du aber komisch aus! Was tragt ihr denn
da fr Talare? Geht ihr auf der Akademie alle so angezogen?

Mit diesen Worten begrte der alte Bulba seine beiden Shne, die im
Seminar von Kiew studiert hatten und nun in das vterliche Haus
zurckkamen.

Die jungen Leute waren eben vom Pferde gestiegen. Das waren zwei derbe
Burschen, ernst und mitrauisch dreinschauend wie alle, die das Seminar
erst eben verlassen haben. Auf ihren frischen, wetterfesten Gesichtern
keimte schon der erste Flaum, den noch kein Rasiermesser berhrt hatte.
Sie waren ganz verblfft ber den Empfang, den ihr Vater ihnen bereitet
hatte, und standen mit unbeweglich zur Erde gesenkten Augen da.

Halt, so lat euch doch erst mal grndlich ansehen, fuhr er fort,
indem er sie hin- und herschob und sie von allen Seiten betrachtete.

Herrgott, habt ihr lange Kittel an! So etwas gibt es ja gar nicht
wieder! Lauft doch mal ein bichen herum. Ich will doch mal sehen, ob
ihr nicht ber eure eigenen Rocksche stolpert und hinfallt.

Vater, hr doch auf und la die Scherze, sagte endlich der ltere.

So ein stolzer Bursche! Und warum soll man denn nicht einmal lachen
knnen?

Weil es mir nicht gefllt. Du bist zwar mein Vater, aber wenn du dich
ber mich lustig machst -- bei Gott, so prgle ich dich durch!

Na, du bist ja ein netter Sohn! Was sagst du? Mich verprgeln? rief
Tara Bulba und trat vor Erstaunen einige Schritte zurck.

Jawohl, wenn es sein mu, prgele ich auch den eigenen Vater durch. Ich
lasse mich von niemandem beleidigen, von niemandem!

Und wie willst du dich mit mir schlagen? Welche Waffe wnschst du? Etwa
die Faust?

Das ist mir vllig gleichgltig.

Na, dann meinetwegen los, sagte Bulba und streifte seine rmel auf,
ich will doch mal sehen, ob du im Faustkampf deinen Mann stellen
kannst.

Und statt sich nach so langer Trennung herzlich zu begren und zu
plaudern, begannen Vater und Sohn aufeinander loszuschlagen, da es nur
so von Rippensten und Faustschlgen auf Leib und Brust und Bauch
hagelte. Bald traten sie zurck und blickten sich an, bald gingen sie
wieder aufeinander los.

Seht euch das nur mit an, liebe Leute, der Alte ist ganz verrckt
geworden, ganz und gar verrckt, sagte die blasse, magere, gute Mutter,
die auf der Schwelle stand und noch nicht dazu gekommen war, ihre teuren
Sprlinge zu umarmen. Eben sind die Kinder nach Hause gekommen, man
hat sie ber ein Jahr nicht gesehen; ihm aber rappelt's, und er beginnt
mit Fusten auf sie einzuschlagen.

Ja, der drischt wundervoll, sagte Bulba und trat zurck. Bei Gott,
das hat er fein raus, fuhr er fort, indem er sich etwas verschnaufte,
es wre beinahe besser gewesen, ihn nicht erst in Versuchung zu
bringen. Das gibt mal einen prachtvollen Kosaken. Ausgezeichnet, mein
Junge, und jetzt wollen wir uns endlich ein paar ordentliche Ksse
geben. Und Vater und Sohn kten sich. Brav, mein Junge! Prgle nur
jeden so durch, wie eben mich! La dir nichts gefallen. Aber Dein Anzug
ist wirklich ein bichen komisch. Was baumelt denn da herunter? -- Na
und du? Was stehst du da und lt die Arme hngen? wandte er sich an
den Jngeren. Warum drischst du nicht auch auf mich los, du Hundsfott?

Das ist wieder ein echter Einfall von dir, sagte die Mutter und
umarmte den Jngeren. Wie einem nur so etwas in den Kopf kommen kann!
Das eigene Kind soll seinen Vater prgeln! Ja, als ob jetzt Zeit dazu
wre, wo das arme Kind eben einen so weiten Weg zurckgelegt hat und
noch ganz mde ist -- (das Kind war ber zwanzig Jahre alt und genau
einen Klafter gro) -- Es mte sich jetzt ausruhen und etwas essen. Und
du zwingst ihn, sich mit dir herumzuschlagen.

Na, du bist mir der Rechte, das sehe ich schon, sagte Bulba. Hre
nicht auf ihre Reden, mein Junge, sie ist ein Weib und versteht nichts
davon. Solch eine Verzrtelung! Das weite Feld und ein gutes Pferd --
das ist eure Erholung! Hm, seht ihr diesen Sbel? Das ist eure rechte
Mutter! Das ist alles Schund, was man euch in die Kpfe gestopft hat:
die Akademien, die Bcher, die Fibeln, die Philosophie und dieser ganze
gelehrte Kram -- ich pfeife auf das alles! (Hier bediente sich Bulba
eines Wortes, das sich nicht gut drucken lt.)

Na, es ist schon das beste, ich bringe euch nchste Woche gleich zu den
Saporoger Kosaken. Das ist eine Wissenschaft, das ist die wahre
Wissenschaft und die richtige Schule fr euch. Dort werdet ihr erst zu
Verstande kommen!

Was, nur eine Woche sollen sie hier bleiben? jammerte die alte, drre
Mutter mit Trnen in den Augen, die Armen sollen sich nicht einmal ein
bichen erholen knnen, nicht das Vaterhaus kennen lernen, und ich werde
mich nicht einmal richtig satt sehen knnen an ihnen!

Genug, genug, hr auf zu heulen, Alte! Der Kosak ist nicht dazu da,
sich mit Weibern herumzuplacken. Du mchtest sie dir wohl am liebsten
unter den Rock stecken? und auf ihnen herumsitzen wie auf Hhnereiern!
Schnell, schnell, geh und deck den Tisch und bring uns, was da ist.
Pltzchen, Honigkuchen, Mohnstritzel und hnliche Kindereien kannst du
dir schenken! Schaff lieber einen ganzen Hammel heran und eine Ziege,
und vierzigjhrigen Meth dazu. Und recht viel Schnaps, aber keinen mit
allerlei Unfug, mit allerhand Zustzen, Rosinen und hnlichen
Geschichten, sondern einen unverflschten, prickelnden, schumenden
Schnaps, der einen brennt wie toll.

Und Bulba fhrte seine Shne in die gute Stube, aus der bei ihrem
Eintritt zwei hbsche Dienstmdchen mit goldfarbenen Halsbndern
herausliefen, die gerade die Zimmer aufrumten. Anscheinend waren sie
ber die Ankunft ihrer jungen Herren, denen man nicht gerade
bertriebene Freundlichkeit nachsagte, erschrocken, oder sie wollten
nach Weiberart, aufschreien, den fremden Mnnern entfliehen und sich
lange schamhaft mit dem rmel die Augen verdecken. Die Stube war im
Geschmack jener Zeit ausgestattet, an die sich nur noch in den Balladen
und Volksliedern, wie sie frher in der Ukraine vor versammeltem Volk
von blinden Greisen zu den stillen Klngen der Bandura gesungen wurden,
eine lebendige Erinnerung erhalten hatte im Geschmack jener
kampflustigen, rauhen Zeit, da in der Ukraine die Gefechte und
Schlachten gegen die Union begannen. Alles war sauber und mit farbigem
Ton bestrichen. An den Wnden hingen Sbel, Peitschen, Vogel- und
Fischnetze, Waffen, ein schn gearbeitetes Pulverhorn, ein goldener Zaum
und Zgel mit silbernen Beschlgen. Die Fenster dieser Stube waren
klein, mit runden, trben Scheiben, wie man sie wohl in alten Kirchen
antrifft, und durch die man nur hindurch schauen kann, wenn man die eine
bewegliche Scheibe hinwegschiebt. Fenster und Tren hatten rote
Vorhnge. In den Ecken standen Krge, groe und kleine Flaschen aus
grnem und blauen Glase, ziselierte silberne Becher, vergoldete Tassen
von mannigfaltigster Arbeit: venezianische, trkische und
tscherkessische, die auf mancherlei Wegen, aus dritter und vierter Hand,
wie es in jenen tollen Zeiten blich war, in die Stube des alten Bulba
gelangt waren. Sthle aus Birkenholz standen ringsum an den Wnden, in
der Vorderecke unter den Heiligenbildern ein ungeheurer Tisch, ferner
ein breiter Ofen mit Stufen, Vorsprngen und bunten farbigen Kacheln --
das alles war unsern beiden tapfern Jnglingen wohlbekannt, die
alljhrlich whrend der Ferien nach Hause wanderten -- wobei sie ihre
Fe gebrauchen muten, weil sie noch keine Pferde hatten, und da es zu
jener Zeit noch nicht Sitte war, da Schler ritten. Sie hatten noch
lange, flatternde Mhnen, an denen sie jeder waffentragende Kosak packen
durfte. Erst nach ihrer Entlassung aus der Schule hatte ihnen Bulba ein
paar junge Hengste aus seiner Herde geschickt.

Zur Feier der Ankunft seiner Shne lie Bulba alle anwesenden Hauptleute
und Regimentskommandeure versammeln, und als zwei von ihnen sowie der
Unterhetman Dmitro Towkatsch, sein alter Kampfgenosse, erschienen,
stellte er ihnen sofort seine Shne vor und sagte: Seht euch mal die
tapfren Jungens an! Ich will sie bald nach der Sjetsch schicken. Die
Gste beglckwnschten Bulba und die beiden jungen Leute, und
versicherten ihnen, da das wohlgetan wre, es gbe fr einen jungen
Mann berhaupt keine bessere Schule als die Saporoger Sjetsch.

Nun Brder, nehmt alle am Tisch Platz. Da, wo es jedem am bequemsten
ist. Und jetzt, meine Jungens, wollen wir vor allen Dingen einen Schnaps
trinken, sagte Bulba. Gott segne euch! Bleibt gesund, Kinder. Dein
Wohl Ostap und deins Andrij. Gott gebe, da ihr in der Schlacht immer
Sieger bleibt, da ihr alle Heiden, die Trken und die Tataren
vernichtet, und wenn die Polen unsern Glauben antasten wollen, so gebt
es auch ihnen ordentlich! Gib mal dein Glas her! He, der Schnaps ist
gut? Wie heit eigentlich Schnaps auf lateinisch? Ja, ja, das waren
alles Dummkpfe, die Lateiner, die wuten nicht einmal, da es Schnaps
auf der Erde gibt. Wie hie doch der, der lateinische Verse geschrieben
hat. Ich kann nicht viel lesen und schreiben, und wei es darum nicht
mehr recht ... Horaz, hie er nicht Horaz?

Sieh mal einer den Vater an, dachte der ltere Bruder Ostap, der alte
Mops wei alles und verstellt sich so.

Ich mein', der Archimandrit hat euch nicht einmal Schnaps zu riechen
gegeben, fuhr Tara fort, aber gesteht mal Jungens, man hat euch doch
den Rcken und alles, was ein Kosak sonst noch hat, tchtig mit Birken-
und frischen Kirschenruten bestrichen? Oder hat's wohl gar
Peitschenhiebe gegeben, da ihr mir schon gar zu klug zu sein scheint.
Man hat euch wohl nicht nur Sonnabends, sondern auch am Mittwoch und
Donnerstag damit regaliert?

La das doch, Vater, sagte Ostap kaltbltig, was geschehen ist, ist
geschehen.

Mag's doch jetzt mal einer versuchen! sagte Andrij, er soll nur
kommen, und uns anrhren; wenn mir so ein Tatarenkerl in den Weg kme,
der sollte schon erfahren, was ein Kosakensbel fr ein Ding ist.

Brav, Shnchen, brav, bei Gott. Wenn die Sache so steht, so fahre ich
selbst mit euch. Bei Gott, das tu ich. Was zum Teufel, soll ich denn
hier sitzen und warten? Soll ich etwa Buchweizen sen, nach den Schafen
und Schweinen schauen, den Hauswirt spielen oder gar mit meinem Weib
schn tun? Der Teufel soll sie holen, ich bin ein Kosak und mache solche
Dinge nicht! Was macht's, da es jetzt keinen Krieg gibt! Ich gehe mit
euch zu den Saporogern -- ich will mich dort ein wenig austoben. Bei
Gott, ich fahre mit.

Und der alte Bulba regte sich immer mehr und mehr auf, und geriet
endlich vollkommen in Zorn, stand auf, stampfte mit dem Fu und nahm
eine energische Haltung an. Morgen geht's los. Wozu sollen wir es
aufschieben! Welchen Feind knnen wir denn hier abfangen? Was soll mir
diese Htte? Wozu brauchen wir das alles? Wozu sind diese Tpfe? Und
bei diesen Worten nahm er die Tpfe und Flaschen, warf sie auf den Boden
und zertrmmerte sie. Die arme alte Frau, die an dies Benehmen ihres
Mannes schon gewhnt war, sa auf der Bank und sah traurig vor sich hin.
Sie wagte nichts zu sagen: als sie jedoch von dem schrecklichen
Entschlu ihres Mannes hrte, konnte sie die Trnen nicht mehr
zurckhalten; sie sah ihre Kinder an, von denen sie sich so schnell
trennen sollte -- und niemand htte wohl die ganze stumme verhaltene
Kraft ihres Kummers beschreiben knnen, der, wie es schien, in ihren
Augen und den krampfhaft aufeinandergepreten Lippen zitterte.

Bulba war schrecklich eigensinnig. Das war einer jener Charaktere, wie
sie nur in dem harten XV. Jahrhundert, in einem von halben Nomaden
bewohnten Winkel Europas geboren werden konnten, als noch das ganze alte
Sd-Ruland, von seinen Frsten verlassen, durch die unaufhaltsamen
berflle der mongolischen Ruber von Grund auf verwstet und verheert
wurde; als die Menschen ihres Herdes und jeglicher Habe beraubt, immer
tollkhner und verwegener wurden, sich im Angesicht der stndigen Gefahr
und der furchtbaren Feinde in ihren abgebrannten Husern niederlieen
und sich, der Furcht spottend -- daran gewhnten, dem Kampf mutig ins
Auge zu schauen; als der alte, friedliche slavische Geist von der
kriegerischen Flamme erfat wurde, als das Kosakentum, dieses machtvolle
Symbol der russischen Natur, erstand und alle an den Flssen gelegenen
Gegenden, alle Fhren und alle niedrigen und bequem liegenden Pltze von
Kosaken berschwemmt wurden, deren Zahl niemand anzugeben wute und
deren khne Kameraden einem Sultan auf seine Frage nach ihrer Anzahl
antworten durften:

Wer soll das wissen? Die ganze Steppe ist mit ihnen berst, und wo
sich nur ein Hgelchen erhebt, da ist auch schon ein Kosak. Es war
wirklich eine ungewhnliche Erscheinung der russischen Kraft, die der
Feuerstrahl des Unglcks aus der russischen Brust geschlagen hatte. An
Stelle der frheren Lehnsgter, der mit Hundewrtern und
Oberjgermeistern bevlkerten kleinen Stdte, an Stelle der kleinen
Frsten, die sich gegenseitig bekriegten und ihre Stdte verhandelten,
entstanden trotzige Niederlassungen, Kosakendrfer und Ortschaften, die
durch die gemeinsame Gefahr und den Ha gegen die heidnischen Ruber
verbunden waren. Es ist jedem aus der Geschichte bekannt, wie ihr ewiger
Kampf und ihr ruheloses Leben Europa vor den bestndigen Angriffen der
Mongolen gerettet haben, die es zugrunde zu richten drohten. Die
polnischen Knige, die an Stelle der Lehnsfrsten die Herrscher dieser
groen Lndereien geworden waren, begriffen -- obgleich sie zu weit
entfernt und zu schwach waren -- sehr wohl die Bedeutung der Kosaken und
den Vorteil dieses so kampffrohen und wachsamen Lebens.

Sie spornten die Kosaken sogar an und leisteten ihren Neigungen
Vorschub. Unter ihrer durch ihre Entfernung nur wenig drckenden
Herrschaft schufen die Hetmane, die selbst aus der Mitte der Kosaken
gewhlt wurden, die Drfer und Ansiedelungen in regelrechte Truppenlager
und Reviere um. Dies waren zwar keine regulren Truppen -- die htte man
hier vergebens gesucht -- aber im Kriegsfall, wenn eine allgemeine
Bewegung durch das Land ging, stellte sich jeder Kosak in hchstens acht
Tagen hoch zu Ro in voller Rstung ein. Ein jeder erhielt vom Knige
fr seine Dienste nur einen Dukaten, und doch wurde innerhalb zwei
Wochen ein solches Heer aufgestellt, wie es keine Rekruten-Aushebung
htte schaffen knnen. Wenn der Krieg beendet war, kehrte jeder Krieger
zu seinen Wiesen und Weidepltzen, oder zu den Ufern des Dniepr zurck,
lebte dort als Fischer weiter, handelte, braute Bier, und wurde wieder
ein freier Kosak.

Die Auslnder waren damals mit Recht erstaunt ber die auerordentlichen
Fhigkeiten des Kosaken. Es gab kein Gewerbe, das er nicht verstand:
Wein keltern, Wagen bauen, Pulver mahlen, Schmiede- und
Schlosserarbeiten verrichten und dazu die ganzen Nchte hindurch
bummeln, trinken und zechen, wie nur irgend ein Russe das vermag -- das
alles war so recht nach seinem Geschmack. Neben den registrierten
Kosaken, die es fr ihre unabweisliche Pflicht hielten, sich im
Kriegsfalle zur Verfgung zu stellen, konnte man im Notfalle auch noch
jederzeit ganze Scharen von Freiwilligen zusammenbringen; zu diesem
Zwecke muten die Unterhauptleute nur einmal durch alle Mrkte und
Pltze der Drfer und Stdtchen hindurchfahren und von ihren Wagen herab
laut verkndigen: Hallo, ihr Bierbuche und Bierbrauer! Hrt doch
endlich auf, immer nur Bier zu brauen, hinter dem Ofen herumzuliegen und
die Fliegen mit euren dicken Wnsten zu msten. Macht euch auf, Ruhm und
Ritterehre zu erwerben! Hallo, ihr Ackerleute, ihr Bauern, Schafhirten
und Weiberknechte! Ihr seid lange genug hinter dem Pfluge
einhergelaufen, habt eure gelben Stiefel mit Erde beschmutzt und mit den
Weibern scharwenzelt. Wollt ihr eure Ritterehre ganz vergessen? Auf,
Kerls, es ist Zeit, wieder Kosakenruhm zu erwerben! Solche Worte waren
gleich Funken, die in trockenes Holz fielen. Der Ackermann zerbrach
seinen Pflug, die Bierbrauer verlieen ihre Kbel und zertrmmerten ihre
Fsser, die Hndler und Handwerker lieen ihr Handwerk und ihren Laden
zum Teufel gehen, zerbrachen zu Hause das Geschirr, und wer es nur
irgendwie durchsetzen konnte, schwang sich aufs Pferd. Kurz, der
russische Charakter kam hier mchtig und herrlich zur Entfaltung und
zeigte sich in einer neuen, krftigen Gestalt.

Tara gehrte noch zu den alten Kosakenhuptlingen von echtem Schrot und
Korn: sein ganzer Charakter war dazu angetan, die Gefahren und die
Unruhe des Krieges auf sich zu nehmen, und er zeichnete sich durch ein
grobes, aber offenes und gerades Wesen aus. Damals machte sich bereits
der Einflu Polens im russischen Adel bemerkbar. Viele hatten polnische
Sitten angenommen, fhrten ein ppiges Leben, besaen eine glnzende
Dienerschaft, Falken, Hunde und ein groes Gefolge, und hielten zudem
rauschende Feste und Bankette ab. All das war Tara verhat. Er liebte
das einfache Leben der Kosaken, entzweite sich oft mit seinen Genossen,
die der Warschauer Art zugeneigt waren, und nannte sie Sklaven der
polnischen Pane. Nie gnnte er sich Ruhe und er hielt sich fr den
rechtmigen Beschtzer der rechtglubigen Kirche. Unerwartet und
eigenmchtig kam er in die Drfer, wo man ber den Druck der Pchter
oder ber die allzu harten neuen Steuern klagte, die auf den Hfen
lasteten. Dort hielt er selbst inmitten seiner Kosaken Gericht ab. Er
hatte es sich zur Regel gemacht, in drei Fllen stets zum Sbel zu
greifen, erstlich wenn die Kommissare den ltesten der Gemeinde nicht
die ntige Achtung erweisen wollten und mit der Mtze auf dem Kopfe vor
ihnen standen; zweitens, wenn sie ber die rechtglubige Kirche
spotteten und die Sitten der Vorfahren belchelten, und endlich
drittens: wenn es sich um Feinde, Trken und Mohammedaner handelte,
gegen die er es stets fr erlaubt hielt, zum Ruhme der Christenheit das
Schwert zu ziehen.

Jetzt freute er sich schon im voraus bei dem Gedanken, mit seinen beiden
Shnen in der Sjetsch einzutreffen und dort laut verkndigen zu knnen:
Seht mal her, was ich euch fr tchtige Kerle mitgebracht habe! Er
freute sich darauf, sie all seinen kampferprobten Freunden zu zeigen und
dann ihre ersten groen Taten in der Kriegs- und Fechtkunst, die er
ebenfalls fr die Haupttugend eines Ritters hielt, miterleben zu drfen.
Zuerst wollte er sie allein fortschicken; aber angesichts ihrer frischen
Jugend, ihres krftigen Wuchses und ihrer mnnlichen Schnheit loderte
sein kriegerischer Geist empor, und er beschlo, sich schon am nchsten
Tage selbst mit ihnen auf den Weg zu machen, wenn ihn auch keine andere
Notwendigkeit zu dieser Reise veranlate, als allein sein eigensinniger
Wille. Er war bereits aufs uerste beschftigt und erteilte Befehle,
whlte die Pferde, Geschirr und Sattelzeug fr seine jungen Shne aus,
sah sich in den Stllen und Speichern um und bestimmte die Diener, die
morgen mit ihnen zusammen aufbrechen sollten. Seine mter bergab er dem
Unterhauptmann Towkatsch, und befahl ihm zugleich aufs strengste, sich
unverzglich mit der ganzen Schar einzufinden, sowie er aus der Sjetsch
eine Nachricht von ihm erhalte. Obgleich er noch ein wenig angeheitert
war, und der Branntwein noch in seinem Kopfe rumorte, verga er doch
nichts: er befahl sogar, die Pferde zu trnken, ihnen den schnsten und
besten Weizen in die Krippe zu schtten, und kam endlich ganz ermdet
von all seinen Besorgungen zu Hause an.

Jetzt heit es, ausschlafen, Kinder, und morgen, da machen wir, was
Gott uns eingiebt. Ja, und mach uns keine Betten zurecht. Wir brauchen
kein Bett; wir werden auf dem Hofe schlafen.

Die Nacht hatte ihre Schwingen noch kaum ber den Himmel gebreitet, aber
Bulba pflegte sich stets frh zur Ruhe zu begeben. Er streckte sich auf
dem Teppich aus und bedeckte sich mit einem kurzen Schafspelz, denn die
Nachtluft war ziemlich frisch, und Bulba hllte sich gern tchtig ein,
wenn er zu Hause war. Es dauerte nicht lange, da begann er schon zu
schnarchen, und bald folgte der ganze Hof seinem Beispiel; alles, was in
den verschiedenen Ecken herumlag, schnarchte, pfiff und grunzte in den
verschiedensten Tnen im schnsten Konzert. Zuallererst schlief der
Wchter ein: er hatte zur Feier der Ankunft der jungen Herren am meisten
getrunken.

Nur die arme Mutter schlief nicht. Sie schlich sich an das Kopfende
ihrer Herren Shne, die nebeneinander lagen, kmmte ihre jungen, wirren
Locken mit einem Kamme und netzte sie mit ihren Trnen. Sie blickte sie
an, blickte sie vollen Herzens an, als wre sie ganz Auge geworden --
und konnte sich nicht satt an ihnen sehen. Sie hatte sie an ihrer
eigenen Brust genhrt; hatte sie selbst gehegt und gepflegt und
grogezogen -- und jetzt sollte sie sie nur einen kurzen Augenblick bei
sich sehen!

Meine Shne, meine lieben Shne! Was wird aus euch werden? Was erwartet
euch? sagte sie, und die Trnen blieben in den Runzeln hngen, die ihr
einstmals so schnes Gesicht gnzlich verndert hatten. Wirklich, sie
war zu bedauern, wie jede Frau in dieser kampflustigen Zeit. Nur _einen_
Augenblick hatte sie die Liebe, die ersten hitzigen Triebe der
Leidenschaft, die erste strmische Glut der Jugend kennen gelernt, und
schon hatte ihr rauher Geliebter sie verlassen, um sie gegen den Sbel,
die Kameraden und Zechgelage einzutauschen. Gewhnlich sah sie ihren
Mann zwei, drei Tage im Jahr; es kam aber auch vor, da sie jahrelang
nichts von ihm hrte. Aber selbst wenn sie ihn dann sah, wenn sie
zusammen lebten -- was war das fr ein Leben! Sie mute jede Beleidigung
ber sich ergehen lassen, sie erhielt sogar Schlge, und die
Liebkosungen, die ihr zuteil wurden, warf man ihr nur wie aus Gnade hin.
Sie war ein seltsames Wesen, mitten in diesem Kreise unbeweibter Reiter,
denen das unbndige Saporoger Leben seinen rauhen Charakter mitgeteilt
hatte. Ihre an Glck und Genssen arme Jugend war dahingeschwunden; ihre
wunderschnen frischen Wangen und Brste waren ungekt verblht und
hatten sich vorzeitig mit Runzeln bedeckt. Alle Liebe, alle Gefhle,
alles was eine Frau an Zartheit und Leidenschaft in sich birgt, hatte
sich bei ihr ausschlielich in mtterliches Empfinden verwandelt. Voller
Glut und Leidenschaft, und mit Trnen in den Lidern hing sie wachsam wie
eine Steppenmve an ihren Kindern. Ihre Shne, ihre lieben Shne sollten
ihr genommen werden -- und sie wrde sie niemals wiedersehen! Wer wei,
vielleicht wrden die Tataren ihnen schon in der ersten Schlacht die
Kpfe abhauen, und sie wrde nie erfahren, wo ihre Leiber hingekommen
seien, die unbeachtet am Wege lagen und die vielleicht ein
vorbeifliegender Raubvogel zerfleischte. Wie gern htte sie fr jeden
Tropfen ihres Blutes ihr ganzes Leben hingegeben! Weinend schaute sie
ihnen in die Augen, die der allmchtige Schlaf schon zu schlieen
begann: Vielleicht, sprach sie leise vor sich hin, vielleicht wird
Bulba, wenn er aufwacht, die Reise doch noch auf zwei Tage verschieben,
vielleicht wollte er nur deshalb so frh aufbrechen, weil er zu viel
getrunken hat.

Der Mond beleuchtete schon lngst den Hof, der voller Schlfer lag, und
blickte auf das Weidengestrpp und all das hohe Steppengras herab, das
den Hof gleichsam umzunte. Sie aber sa immer noch zu Hupten ihrer
geliebten Shne, blickte nicht einen Augenblick von ihnen weg und dachte
nicht an Schlaf. Die Pferde, die bereits die Morgendmmerung witterten,
lagen im Grase und fraen bald nicht mehr; die Wipfel der Weiden
zitterten, und ein leises Flstern glitt wie ein Strom bis zu ihren
Wurzeln herab. Sie sa da, bis es hell wurde, versprte nicht die
leiseste Mdigkeit und wnschte insgeheim, da die Nacht recht lange
dauern mchte. Von der Steppe her hrte man das leise Wiehern der
Fllen, und am Himmel leuchtete der erste Streifen der Morgenrte auf.

Pltzlich erwachte Bulba und sprang empor. Er erinnerte sich an alle
Anordnungen, die er gestern getroffen hatte. Hallo, ihr Burschen, jetzt
ist es vorbei mit dem Schlafen! Es ist Zeit, hchste Zeit. Trnkt die
Gule! Und wo ist die Alte? (So nannte er gewhnlich seine Frau.)
Schnell, schnell Alte, mach das Essen bereit: wir haben einen langen Weg
vor uns!

Die arme Alte ging traurig und ihrer letzten Hoffnung beraubt, ins Haus.
Whrend sie trnenden Auges alles vorbereitete, was zum Frhstck
erforderlich war, erteilte Bulba seine Befehle, machte sich im Stall zu
schaffen und suchte selbst den kostbarsten Schmuck fr seine Shne aus.

Die Seminaristen schienen pltzlich wie umgewandelt. Statt der alten
schmutzigen Stiefel hatten sie nun welche aus rotem Saffianleder mit
silbernen Beschlgen; die Beinkleider, die so weit waren, wie das
schwarze Meer, schlugen tausend Falten und wurden durch einen goldenen
Gurt zusammengehalten, an dem lange schmale Riemen mit Troddeln und
anderem Zierat fr die Tabakspfeife angebracht waren. Ihre feuerroten
Kosakenrcke schnrten bunt gestickte Grtel ein, in denen schn
ziselierte trkische Pistolen staken, und ihre Fe umklirrte ein
mchtiger Sbel. Ihre nur wenig gebrunten Gesichter schienen noch
schner und weier geworden zu sein, und ihre jnglingshaften schwarzen
Schnurrbrte lieen die helle Farbe und die gesunde kraftvolle Blte
ihrer Jugend noch strker hervortreten. Mit ihren in eine goldene Spitze
auslaufenden Schaffellmtzen sahen sie tatschlich wunderschn aus. Die
arme Mutter! Als sie sie erblickte, vermochte sie kein Wort
hervorzubringen, und die Trnen blieben ihr in den Augen stecken.

Nun Jungens, es ist alles fertig. Jetzt ist keine Zeit mehr zu
verlieren! sagte Bulba endlich. Doch wir wollen uns vor der Abreise
nach christlichem Brauch erst noch einmal niedersetzen.

Alle lieen sich nieder, selbst die Knechte, die bisher ehrerbietig an
der Tr gestanden hatten.

So, jetzt segne deine Kinder, Mutter, sagte Bulba, bete zu Gott, da
sie wacker kmpfen, stets die Ritterehre hochhalten und den christlichen
Glauben beschtzen mgen -- sonst sollen sie lieber zugrunde gehen, und
ihre Spur mag vom Erdboden getilgt werden! Kinder, geht zu eurer Mutter
hin, das mtterliche Gebet schtzt einen zu Wasser wie zu Lande!

Die Mutter umarmte sie, schwach wie jede Mutter, zog zwei kleine
Heiligenbildchen hervor und legte sie ihnen schluchzend um den Hals.
Die heilige Jungfrau mge euch beschirmen ... Vergesst eure Mutter
nicht, Kinder ... lat uns ab und zu eine Nachricht zukommen ... Mehr
vermochte sie nicht zu sagen.

Nun kommt, Jungens, sagte Bulba. Die gesattelten Pferde standen vor
der Tr. Bulba schwang sich auf seinen Teufel, der sich wtend
aufbumte, wie wenn er eine Last von zwanzig Zentnern auf sich fhlte.
-- Tara war nmlich auerordentlich schwer und umfangreich.

Als die Mutter sah, da ihre Shne bereits die Pferde bestiegen,
schmiegte sie sich an den Jngeren, dessen Zge mehr Zrtlichkeit fr
sie verrieten. Sie ergriff seine Zgel, klammerte sich an seinen Sattel
und wollte, die Augen voll Verzweiflung auf ihn geheftet, nicht von ihm
lassen. Zwei krftige Kosaken packten sie vorsichtig an und trugen sie
in das Haus zurck. Aber als die Kavalkade gerade das Tor passiert
hatte, lief sie, was in keinem Verhltnis zu ihrem Alter stand, mit der
Behendigkeit einer jungen Ziege vor das Tor, hielt das Pferd mit
unbegreiflicher Kraft an und umarmte ihren Sohn mit einer geradezu
rasenden und sinnlosen Leidenschaft. Man mute sie zum zweiten Male
fortschleppen.

Trbsinnig ritten die jungen Kosaken davon, indem sie sich aus Furcht
vor dem Vater krampfhaft bemhten, die Trnen zurckzuhalten, der selbst
etwas bewegt war, obgleich er sich's nicht merken lie. Es war ein
trber Tag, das Grn schimmerte grell, und die Vgel zwitscherten wild
durcheinander. Nachdem unsere Freunde ein Weilchen geritten waren,
schauten sie sich um: das Gehft schien wie in den Boden gesunken zu
sein, nur die beiden Schornsteine ihres bescheidenen Huschens und die
Wipfel der Bume waren noch zu erblicken, in deren sten sie frher wie
Eichhrnchen herumgeklettert waren. Nun lag die weite Wiese vor ihnen,
die die Erinnerungen an ihr ganzes Leben wachrief: seit den Jahren da
sie sich auf dem betauten Gras herumgetummelt hatten, bis zu der Zeit,
wo sie den schwarzugigen Kosakenmdchen auflauerten, die mit ihren
flinken jungen Fchen ngstlich ber die Wiese liefen. Jetzt sah man
nur noch die Stange ber dem Brunnen, die mit ihrem oben befestigten
Wagenrad einsam in den Himmel ragte, und die Ebene, die sie durchritten
hatten, schien ihnen fast wie ein Berg, der alles verdeckte. -- Lebt
wohl, ihr kindlichen Spiele, lebt alle, alle wohl!


                           Zweites Kapitel

Die drei Reiter ritten schweigend vor sich hin. Der alte Tara dachte an
die Vergangenheit, seine Jugend zog an ihm vorber: die
dahingeschwundenen Jahre, die der Kosake beweint, der sein ganzes Leben
lang jung zu bleiben wnscht. Er dachte daran, wem von seinen einstigen
Kameraden er wohl in der Sjetsch begegnen wrde. Er rechnete aus, welche
von ihnen bereits gestorben wren, und wer wohl noch am Leben sein
mochte. In seinem Auge glnzte eine stumme Trne, und sein ergrauter
Kopf hing traurig herab ...

Seine Shne waren mit ganz andern Gedanken beschftigt. Doch es ist
Zeit, etwas Nheres ber sie mitzuteilen. Mit zwlf Jahren waren sie auf
das Seminar von Kiew geschickt worden, denn alle hheren Wrdentrger
jener Zeit hielten es fr ntig, ihren Shnen eine gelehrte Erziehung
zuteil werden zu lassen, obschon dies zu keinem andern Zweck geschah,
als damit sie nachher alles Gelernte wieder vollstndig vergessen. Bei
ihrem Eintritt ins Seminar waren sie, wie alle Jnglinge ihrer Art, noch
sehr wild und richtige Naturburschen; dort aber wurden sie gewhnlich
etwas abgeschliffen und nahmen bald durch die gleichmige Erziehung
Gewohnheiten an, die da machten, da sie sich alle ein wenig hnlich
sahen. Ostap, der ltere, begann seine Laufbahn damit, da er noch im
ersten Jahre die Flucht ergriff. Man brachte ihn zurck, prgelte ihn
frchterlich durch und setzte ihn hinter die Bcher. Viermal vergrub er
sein Lesebuch in die Erde, und viermal wurde ihm ein neues angeschafft,
nachdem er das alte unmenschlich zerrissen hatte. Er htte es zweifellos
noch zum fnftenmal versucht, wenn ihm sein Vater nicht feierlich
geschworen htte, ihn volle zwanzig Jahre als Knecht ins Kloster zu
schicken und ihm nicht angedroht htte, er solle die Sjetsch niemals zu
Gesicht bekommen, wenn er sich auf der Akademie nicht alle
Wissenschaften aneignen werde. Es ist interessant, da derselbe Tara
Bulba dies sagte, der ber alle Gelehrsamkeit spottete und, wie wir
gesehen haben, seinen Kindern empfahl, sich nicht mit solchen Dingen zu
beschftigen! Seit dieser Zeit begann Ostap mit auerordentlichem Flei
ber dem langweiligen Buche zu brten und wurde bald einer der besten
Schler. Das damalige Unterrichtssystem nahm nicht die geringste
Rcksicht auf das wirkliche Leben; denn diese scholastischen,
grammatikalischen, rhetorischen und logischen Finessen paten gar nicht
zu dem Zeitalter, wurden nie angewendet und wurden im Leben nie wieder
gebraucht. Die, die sie beherrschten, konnten ihr Wissen, auch wenn es
weniger scholastisch war, nirgends anbringen. Die damaligen Gelehrten
waren bei ihrer Weltfremdheit, und weil es ihnen an der ntigen
Erfahrung fehlte, fast noch unwissender, als die andern Menschen.
Auerdem mute ihnen auch die republikanische Verfassung der Seminare --
diese ungeheuere Anzahl gesunder, krftiger, junger Leute, Lust zu einer
Ttigkeit einflen, die gar nichts mit den Studien, die sie trieben, zu
tun hatte. Oft genug erzeugten auch die schlechte Kost, die hufigen
Hungerstrafen und die Bedrfnisse, die in einem frischen, gesunden,
jungen Manne erwachen, jenen Unternehmungsgeist in ihnen, dem sie
nachher in der Saporoger Sjetsch ungehemmten Lauf lassen konnten. Die
hungrigen Seminaristen streiften durch die Straen Kiews und zwangen
alle zur peinlichsten Vorsicht. Die Hkerfrauen, die auf dem Markte
saen, bedeckten ihre Pasteten, Brezeln und Krbissamen stets mit den
Hnden wie das Adlerweibchen seine Jungen, wenn sie einen Seminaristen
vorbeikommen sahen. Der Konsul, dessen Pflicht es war, die ihm
untergebenen Kameraden im Zaum zu halten, hatte so riesige Taschen in
seinen weiten Beinkleidern, da er den ganzen Kramladen der etwas
eingeschlafenen Handelsfrau darin htte unterbringen knnen. Diese
Seminaristen bildeten eine abgeschlossene Welt fr sich. Zu den hheren
Kreisen, die sich aus dem russischen und polnischen Adel
zusammensetzten, hatten sie keinen Zutritt. Selbst der Wojewode Adam
Kissel fhrte sie trotz des Protektorates ber das Seminar, das er
bernommen hatte, nicht in die gute Gesellschaft ein, und erlie den
Befehl, sie recht streng zu halten. brigens war diese Anordnung ganz
berflssig, denn der Rektor und die geistlichen Professoren sparten
weder Ruten noch Peitsche, und oft genug zchtigten die Liktoren ihre
Konsuln auf ihren Befehl so frchterlich, da jene sich noch wochenlang
die Beinkleider kratzten. Vielen machte das kaum etwas aus, und brannte
es nur ein wenig strker, als ein gut gepfefferter Schnaps; andere
jedoch bekamen die stndigen Zchtigungen grndlich satt und brannten
nach dem Saporog durch, wenn sie den Weg dorthin zu finden wuten und
nicht wieder eingefangen wurden. Ostap Bulba blieb, obschon er die Logik
und die Gottesgelahrtheit mit groem Eifer zu erlernen begonnen hatte,
keineswegs von den ewigen Prgelstrafen verschont. Es ist nur zu
natrlich, da diese Behandlung schlielich den Charakter verhrten und
ihm jene gewisse Festigkeit geben mute, die den Kosaken stets eigen
war. Ostap galt immer fr einen der besten Kameraden. Er verfhrte
selten andere zu frechen Unternehmungen -- wie etwa zu Raubzgen in
fremde Obst- und Gemsegrten; dafr aber war er einer der ersten, die
sich unter die Fahne eines khnen, unternehmungslustigen Seminaristen
stellten, und nie, und unter keinen Umstnden htte er einen Kameraden
verraten: weder Peitschenhiebe noch Rutenstreiche konnten ihn dazu
veranlassen. Er war gleichgltig und voller Verachtung gegen alle
Leidenschaften, die nicht auf den Krieg oder ein Fre- und Saufgelage
abzielten. Wenigstens dachte er fast an nichts anderes. Gleichgestellten
gegenber besa er eine groe Offenheit. Er besa eine gewisse Gte,
soweit dies in dieser Zeit und bei einem solchen Charakter mglich war.
Die Trnen der armen Mutter hatten sein Herz auerordentlich bewegt, und
es war allein dies Gefhl, das ihn jetzt verwirrte und ihn zwang,
nachdenklich den Kopf zu senken.

Sein jngerer Bruder Andrij hatte lebhaftere und bestimmtere
Empfindungen. Das Lernen machte ihm mehr Vergngen, und er bedurfte dazu
keiner besonderen Anstrengung, die ein schwerflliger und harter
Charakter stets dabei anwenden mu. Er war erfinderischer als sein
Bruder, war fter Anfhrer bei gefhrlichen Unternehmungen und verstand
es, dank seiner Schlauheit und Intelligenz manches Mal der Strafe zu
entgehen; whrend sein Bruder Ostap gleichmtig und ganz von selbst
seinen Rock ablegte und sich auf den Boden streckte, ohne auch nur daran
zu denken, da er um Gnade bitten knnte. Andrijs Seele drstete
gleichfalls nach Heldentaten, aber sie war auch andern Empfindungen
zugnglich. Als er das achtzehnte Jahr berschritten hatte, bemchtigte
sich seiner ein heftiges Bedrfnis nach Liebe. Immer hufiger tauchte
das Weib vor seinen erregten Sinnen auf; whrend er philosophischen
Disputen beiwohnte, umschwebte es ihn: jung, schwarzugig und zart.
Unablssig glaubte er ein Paar glnzende krftige Brste oder einen
wundervollen zarten nackten Arm vor sich zu sehen; das Kleid, das die
jungfrulichen und zugleich starken Glieder einhllte, hauchte in seiner
Phantasie eine unaussprechliche Wollust aus. Er verbarg diese
leidenschaftlichen Wallungen seiner Seele sorgfltig vor den Kameraden;
denn in jener Zeit galt es fr schmachvoll und ehrlos, wenn ein Kosak an
Weiber und Liebe dachte, ehe er an einer Schlacht teilgenommen hatte.
berhaupt war er in den letzten Jahren, die er im Seminar verbrachte,
immer seltener Anfhrer einer Rotte, und irrte meist in irgend einem
einsamen Winkel Kiews, zwischen Kirschgrten und kleinen Husern umher,
die verfhrerisch auf die Strae hinausblickten. Hin und wieder geriet
er auch in das aristokratische Stadtviertel, in das jetzige Alte Kiew,
wo die kleinrussischen und polnischen Adligen wohnten und die Huser
einen etwas bizarren Baustil hatten. Als er dort eines Tages tief in
Gedanken versunken umherschlenderte, htte ihn beinahe die Kutsche eines
polnischen Pans berfahren, und der auf dem Bock sitzende Kutscher mit
einem frchterlichen Mundwerk versetzte ihm unter greulichen Flchen
einige ziemlich krftige Peitschenhiebe. Der junge Seminarist geriet in
Wut: voll unsinniger Khnheit packten seine krftigen Fuste das hintere
Rad, und brachten den Wagen zum Stehen. Aber der Kutscher, der eine
Abrechnung befrchtete, versetzte den Pferden einen heftigen Schlag, sie
zogen stark an -- soda Andrij, der glcklicherweise seine Hand
zurckgezogen hatte, umgeworfen wurde, und mit dem Gesicht mitten in den
Schmutz fiel. Da vernahm er pltzlich ein helles wohlklingendes Lachen
ber sich. Er sah empor und erblickte am Fenster ein Mdchen von
wunderbarer Schnheit, wie er noch nie ein hnliches gesehen hatte; ihre
Augen waren schwarz, und ihr Antlitz schimmerte so wei wie Schnee, den
die Morgensonne bescheint. Sie lachte aus voller Kehle, und ihr Lachen
verlieh ihrer blendenden Schnheit einen geradezu berwltigenden Reiz.
Er stand ganz verdutzt da. Traumverloren starrte er sie an und wischte
sich zerstreut den Schmutz von seinem Gesicht, jedoch so ungeschickt,
da er sich nur noch mehr entstellte. Wer war dieses schne Mdchen? Er
suchte es von den Bedienten zu erfahren, die reichgeschmckt vor dem
Tore standen und einen jungen Bandura[1]spieler umringten. Die Knechte
und Mgde brachen jedoch in ein strmisches Gelchter aus, als sie sein
schmutziges Gesicht erblickten, und wrdigten ihn keiner Antwort.
Endlich hrte er, da die Unbekannte die Tochter des fr einige Zeit
hier weilenden Wojewoden von Kowno sei. In der nchsten Nacht kletterte
er mit einer nur den Seminaristen eigenen Frechheit ber den Zaun,
gelangte so in den Garten und erklomm geschwind einen Baum, dessen
Zweige das Dach des Hauses berhrten. Von dort schwang er sich auf das
Dach und gelangte so durch den Schornstein direkt in das Schlafzimmer
der Schnen, die gerade vor einer Kerze sa und ihre kostbaren Ohrringe
ablegte. Als die schne Polin pltzlich einen unbekannten Mann vor sich
erblickte, erschrak sie derartig, da sie kein Wort hervorzubringen
vermochte, als sie jedoch bemerkte, da der Seminarist mit gesenkten
Augen vor ihr stand und vor Schchternheit kaum zu atmen wagte, und als
sie denselben Jngling in ihm erkannte, der vor ihren Augen in den
Straenkot gefallen war, brach sie in ein erneutes bermtiges Lachen
aus. Allerdings kam noch dazu, da Andrij garnicht schrecklich aussah,
sondern ein sehr hbscher Junge war. Sie lachte von ganzem Herzen und
trieb allerlei Kurzweil mit ihm. Wie alle Polinnen war auch sie sehr
launenhaft; aber ihre Augen, ihre wundervollen, durchdringend klaren
Augen hatten jenen langen Blick, der Bestndigkeit verrt. Der
Seminarist rhrte keinen Finger, er stand wie gefesselt da, als endlich
die Tochter des Wojewoden khn auf ihn zutrat, ihm ihr strahlendes
Diadem auf den Kopf setzte, ihm die Lippen mit ihren Ohrringen behngte
und ihn in ein durchsichtiges, golddurchwirktes, mit Festons verziertes
Hemdchen aus Nesseltuch hllte. Sie putzte ihn heraus und trieb tausend
Dummheiten mit ihm -- keck und kindlich, wie es die Art der
leichtsinnigen Polinnen ist, was unsern armen Seminaristen in noch
grere Verlegenheit brachte. Er machte eine recht komische Figur, wie
er mit offenem Mund dastand und regungslos in ihre leuchtenden Augen
starrte. Pltzlich vernahm man ein Gerusch an der Tr; sie erschrak
aufs heftigste und befahl ihm, sich unter dem Bett zu verstecken. Als
die Gefahr vorber schien, rief sie ihre Kammerzofe, eine gefangene
Tatarin, und befahl ihr, ihn vorsichtig in den Garten hinaus zu fhren,
damit er von dort aus ber den Zaun auf die Strae gelangen knne. Aber
diesmal kam der Seminarist nicht so glcklich hinber: der Wchter
erwachte, packte ihn krftig an den Beinen, und die herbeieilenden
Knechte walkten ihn auf der Strae so lange durch, bis ihn seine flinken
Beine retteten. Seit dieser Zeit war es fr ihn gefhrlich, an dem Hause
seiner Angebeteten vorberzugehen, denn der Wojewode verfgte ber eine
sehr zahlreiche Dienerschaft. Dagegen sah er sie einmal in der
katholischen Kirche: sie bemerkte ihn und lchelte ihm aufs
liebenswrdigste zu, wie einem guten, alten Bekannten. Hierauf begegnete
er ihr noch einmal ganz flchtig; bald darauf reiste der Wojewode von
Kowno ab, und statt der schnen, schwarzugigen Polin starrte ein
feistes, gleichgltiges Gesicht aus den Fenstern heraus.

[Funote 1: Eine Art Mandoline.]

Das war es, woran Andrij dachte, als er mit gesenktem Kopf, und die
Augen starr auf die Mhne seines Pferdes gerichtet, dahinritt.

Unterdessen hatte sie die Steppe in ihre grnen Arme aufgenommen, und
das hohe Gras verbarg sie von allen Seiten, da nur noch die schwarzen
Kosakenmtzen zwischen den hren hervorschimmerten.

He, Jungens, weshalb seid ihr denn pltzlich so still geworden, sagte
Bulba, endlich aus seinen Trumen erwachend, ihr seid mir rechte
Mnche! Ah, jagt doch alle trben Gedanken zum Teufel! Steckt euch eine
Pfeife in den Mund, wir wollen eins rauchen, den Gulen die Sporen geben
und dahinsausen, da uns kein Vogel einholen soll!

Und die Kosaken beugten sich ber die Pferde und verschwanden im Grase.
Bald konnte man auch die schwarzen Mtzen nicht mehr sehen. Nur die
lange Flucht des niedergetretenen Grases zeugte von ihrem schnellen
Ritte.

Die Sonne strahlte lngst am klaren Himmel und ergo ihr belebendes,
wrmespendendes Licht ber die ganze Steppe. Alle Schlfrigkeit und
Traurigkeit verschwand augenblicklich aus der Seele der Kosaken, und
ihre Herzen schwangen sich empor gleich flinken Vgeln.

Je tiefer sie in die Steppe hineinkamen, um so schner wurde sie. Damals
war der ganze Sden, jene groe Strecke, die jetzt Neuruland bildet und
sich bis zum schwarzen Meer erstreckt, noch eine grne, jungfruliche
Wste. Der Pflug hatte diese unermelichen Wogen wilden Grases noch nie
berhrt, und nur die Pferde, die wie in einem Walde in ihm
untertauchten, stampften es zuweilen nieder. Es gab kaum etwas Schneres
in der Natur: die ganze Erdoberflche glich einem grngoldenen Ozean,
berst von Millionen der mannigfaltigsten Blumen. Zwischen den
schlanken, hohen Grashalmen schimmerten hellblaue, blaue und lila Blten
hervor; gelber Ginster ragte mit seiner pyramidenfrmigen Spitze empor;
weier Klee glnzte mit seinen schirmartigen Kpfchen auf der
Oberflche; die wei Gott wie hierher verpflanzten Weizenhren schossen
gleich einem Dickicht in die Hhe, und ab und zu flogen ein paar
Schnarchhhner mit vorgestreckten Hlsen hindurch. Die Luft war von
tausend verschiedenen Vogelstimmen erfllt. Mit weit ausgebreiteten
Flgeln schwebten die Habichte unbeweglich am Himmel, ihre Augen
unverwandt auf das Gras gerichtet. Von einem fernen See tnten die
Schreie einer weit abseits vorberziehenden Wolke wilder Gnse herber.
Mit gemessenem Flgelschlage erhob sich eine Mve aus dem Grase und
badete sich voller Lust in den blauen Luftwellen. Da war sie schon in
der Hhe verschwunden und erglnzte nur noch ganz fern wie ein schwarzer
Punkt, aber pltzlich wendete sie ihren Flug und leuchtete hell auf in
den blendenden Sonnenstrahlen -- hol' euch der Teufel, ihr Steppen, wie
herrlich seid ihr doch ...!

Unsere Reisenden machten nur auf wenige Minuten Rast, um Mahlzeit zu
halten. Ihr Gefolge, das aus zehn Kosaken bestand, sprang von den
Pferden und band die hlzernen Branntweinflaschen und die Krbisse, die
als Trinkgefe dienten, ab. Man a nur etwas Brot, Speck oder Zwieback
und hnliches, trank nicht mehr als ein einziges Glas, und auch dies nur
der Strkung wegen, denn Tara Bulba erlaubte es nie, sich unterwegs
vollzutrinken, und darauf wurde der Weg bis zum Abend fortgesetzt.

In der Dmmerung vernderte die Steppe vollkommen ihr Gesicht. Ihre
ganze bunte, von den letzten hellen Sonnenstrahlen beschienene
Oberflche wurde allmhlich immer dunkler, soda der Schatten der
Kosaken in scharfen Konturen ber sie hinglitt, und nahm bald einen
dunkelgrnen Schimmer an. Der Erde entstrmten immer strkere Dfte:
jedes Blmchen, jeder Grashalm atmete Ambra aus, und die ganze Steppe
schien ein Meer von Wohlgerchen geworden zu sein. An dem dunkelblauen
Himmel schien ein riesenhafter Pinsel rtlichgoldene Streifen gezogen zu
haben; hin und wieder sah man ein paar durchsichtige Wlkchen
aufleuchten, und ein frischer, wohltuender Wind strich lockend, wie
grne Meereswellen, kaum merklich ber die Spitzen der Grser hin, so
lind, da er kaum die Wangen berhrte. Die ganze Musik, die den Tag
erfllte, war verklungen und durch eine andere ersetzt. Bunte Ziesel
kamen aus ihren Schlupflchern, setzten sich auf ihre Hinterpftchen und
pfiffen durchdringend ber die Steppe hin; immer deutlicher wurde das
Zirpen der Grillen. Zuweilen tnte von irgend einem einsamen See her der
silberhelle Schrei eines Schwanes durch die Luft. Die Reisenden machten
mitten auf dem Felde halt, suchten sich ein Nachtlager und zndeten ein
Feuer an, auf welches sie einen Kessel stellten, um sich ihr Kulisch zu
kochen. Bald dampfte der Kessel und der Rauch stieg schrg in die
Luft. Nachdem die Kosaken ihr Abendbrot eingenommen und die
aneinandergekoppelten Pferde freigelassen hatten, damit diese ruhig
grasen konnten, begaben sie sich zur Ruhe und lagerten sich auf ihren
Kitteln. Die nchtlichen Gestirne blickten hell und klar auf sie hinab.
Das Knistern, Pfeifen und Summen der ganzen unendlichen Insektenwelt,
die im Grase schwirrte, klang an ihr Ohr. All diese Tne hallten wie
Musik durch die Nacht, luterten sich in der frischen Luft und wiegten
den mden Sinn langsam in Schlaf. Wenn einer der Reisenden erwachte und
sich erhob, lag die Steppe, best mit den blitzenden Funken schwirrender
Leuchtkfer, vor ihm. Bisweilen wurde der Nachthimmel an verschiedenen
Stellen vom fernen Flammenschein des trockenen Schilfrohres beleuchtet,
das auf den Wiesen und Flssen verbrannt wurde. Eine dunkle Schaar von
Schwnen, die nach Norden flog, erschien pltzlich in rosig-silbernes
Licht getaucht am Himmel, was so aussah, wie wenn rote Tcher am
dunkelen Horizont flatterten.

Die Reisenden ritten vorwrts, ohne irgend ein Abenteuer zu erleben.
Nirgends gewahrten sie Bume; berall umgab sie die gleiche endlose,
freie, herrliche Steppe. Hin und wieder nur sah man in der Ferne an den
Ufern des Dniepr die Wipfel eines Waldes blau aufleuchten, und nur
einmal machte Tara seine Shne auf einen kleinen schwarzen Punkt fern
im Grase aufmerksam und sagte: Seht mal Jungens, da trabt ein Tatar.
Ein kleiner, mit einem Schnurrbart geschmckter Kopf richtete seine
schmalen Augen auf sie, schnffelte vorsichtig wie ein Jagdhund in der
Luft herum und verschwand wie ein Reh, als er bemerkte, da die Kosaken
dreizehn Mann hoch waren. Hallo, Jungens, versucht mal den Tataren
einzuholen! Ah -- lat es lieber sein, ihr werdet ihn ja doch nicht
fangen. Sein Gaul ist schneller als mein >Teufel<. Bulba traf jedoch
entsprechende Vorsichtsmaregeln, da er einen Hinterhalt befrchtete. Er
ritt mit seinem Zuge bis zu einem kleinen Flu, der Tatarka hie und in
den Dnjepr mndet; dort sprangen sie ins Wasser, lieen sich mitsamt
ihren Pferden eine Zeitlang von der Strmung treiben, um ihre Spur zu
verwischen, und setzten erst hiernach an dem andern Ufer ihren Ritt
fort.

Drei Tage nach diesem Abenteuer befanden sie sich endlich in der Nhe
des Ortes, der das Ziel ihrer Reise war. Die Luft wurde pltzlich
merklich khler, ein Zeichen, da der Dnjepr nicht mehr fern war. Da
glnzte er auch schon in der Ferne, und hob sich als ein dunkler
Streifen vom Horizont ab. Seine kalten Wellen rollten dahin, kamen immer
nher und nher heran, und schienen endlich die Hlfte der ganzen
Erdoberflche zu umfassen. Das war jene Stelle, wo der Dnjepr, bis dahin
von Stromschnellen eingeengt, seinen Lauf ungehindert entfalten und dem
Meere gleich, fessellos, dahinrauschen kann, wo die in ihm verstreuten
Inseln seine Ufer noch weiter zurckdrngen, und seine Wellen, weder von
Felsen noch Dmmen gebrochen, sich breit ber das Land ergieen.

Die Kosaken saen ab, bestiegen die Fhre und gelangten nach einer
dreistndigen berfahrt an die Insel Chortiza, wo sich damals die so oft
ihren Aufenthalt wechselnde Sjetsch befand.

Ein Haufen Volks stritt sich gerade am Ufer mit den Fhrleuten herum.
Die Kosaken zumten ihre Pferde auf. Tara reckte sich gewichtig empor,
zog seinen Gurt fester zusammen und strich sich stolz mit der Hand ber
den Schnurrbart. Seine jungen Shne musterten sich ebenfalls von Kopf
bis zu Fu, nicht ohne eine gewisse Angst und ein unklares Wohlgefallen,
und alle ritten in die Vorstadt hinein, die eine halbe Werst von der
Sjetsch entfernt lag. Bei ihrer Ankunft wurden sie durch den Lrm von
fnfzig Schmiedehmmern betubt, die in fnfundzwanzig unterirdischen
und mit Rasen bedeckten Schmieden niederfielen. Auf der Strae saen
riesige Gerber und walkten unter dem Schutzdach die Ochsenhute mit
ihren muskulsen Hnden. Zahlreiche Krmer saen unter ihren Zelten vor
ganzen Haufen von Feuersteinen und Pulver; ein Armenier bot teure Tcher
zum Verkauf aus, ein Tatar drehte ein in Teig gehlltes Lamm am
Bratspie, ein Jude zog mit vorgestrecktem Kopf Branntwein aus einem Fa
ab. Der erste Mensch, der ihnen begegnete, war ein Saporoger, der mit
weit ausgestreckten Hnden und Fen mitten auf dem Wege schlief. Tara
Bulba konnte nicht umhin, haltzumachen und ihn mit groem Vergngen zu
betrachten. Du hast es dir aber ordentlich bequem gemacht! Verdammt
noch einmal, bist du ein prchtiger Bursche! rief er aus und hielt an.
Das Bild, das sich ihnen darbot, war in der Tat sonderbar genug: der
Saporoger lag breit wie ein Lwe mitten auf dem Wege, sein stolz
zurckgeworfener Haarschopf bedeckte mindestens drei Fu vom Boden, und
die Beinkleider aus teurem roten Tuch waren mit Teer beschmutzt, um die
vollkommene Verachtung ihres Besitzers gegen solche Dinge recht deutlich
zu zeigen. Nachdem Bulba sich an diesem Bilde sattgeschaut hatte, ritt
er weiter durch die engen Straen, die voll von Handwerkern, welche
ihren Beruf gleich hier an Ort und Stelle ausbten, und von Leuten aller
mglichen Nationalitt war, die den Vorort bevlkerten. Es sah hier fast
so aus wie auf einem Jahrmarkt, der die ganze Sjetsch kleidete und
nhrte, da diese sich ja nur aufs Herumlungern und Schieen verstand.

Endlich hatten sie die Vorstadt hinter sich und erblickten einige
zerstreut liegende Gebude, die mit Rasen oder auch, nach tatarischer
Art, mit Filz bedeckt waren. Vor einzelnen von ihnen standen Kanonen.
Nirgends sah man einen Zaun oder eins jener niedrigen Huser mit einem
Schutzdach auf niedrigen Holzsulen, wie man sie in der Vorstadt fand.
Ein kleiner Wall und ein Verhau, ohne die geringste Bewachung, zeugten
von einer unglaublichen Sorglosigkeit. Einige riesenhafte Saporoger
Kosaken, die mit ihrer Pfeife in den Zhnen mitten auf dem Wege
herumlagen, schauten die Ankmmlinge ziemlich gleichgltig an und
rckten nicht vom Fleck. Tara ritt mit seinen Shnen vorsichtig
zwischen ihnen hindurch und sagte: Guten Tag, meine Herren.
Gleichfalls, antworteten die Saporoger. berall, und auf dem ganzen
Felde, sah man in malerischen, bunten Gruppen groe Mengen Volkes
lagern. Ihre gebrunten Gesichter zeugten davon, da sie im Pulverdampf
der Schlacht gesthlt waren und mancherlei Ungemach erfahren hatten. Das
also war sie, die Sjetsch! Das war die Hhle, aus der all die Helden
hervorgingen, stark und stolz wie Lwen! Das war der Ort, von dem aus
sich Rittertum und Freiheit ber die ganze Ukraine ergo!

Die Reisenden lenkten ihre Pferde nach einem gerumigen Platze, wo sich
gewhnlich der Rat versammelte. Auf einem groen umgestrzten Fasse sa
ein Saporoger, ohne Hemd; er hielt es in der Hand und stopfte langsam
und bedchtig die Lcher. Wiederum versperrte ihnen ein ganzer Haufen
von Musikanten den Weg, in deren Mitte ein junger Saporoger, die Mtze
auf dem Ohr und mit hocherhobnen Hnden, einen Tanz auffhrte. Er schrie
fortwhrend: Spielt doch schneller, ihr Musikanten! Thomas, schenk
tchtig Branntwein ein, spar doch nicht so bei rechtglubigen Christen.
Und Thomas, der ein angeschwollenes Auge hatte, reichte jedem, der an
ihn herantrat, einen ungeheuren Becher. Um den jungen Saporoger herum,
fhrten vier Alte mit kleinen Schritten allerlei Tnze aus; bald flogen
sie zur Seite wie ein Wirbelwind, wobei sie fast die Kpfe der
Musikanten berhrten, bald setzten sie sich unvermutet nieder und
begannen mit ihren silberbeschlagenen Abstzen laut und hart auf den
festgetretenen Fuboden zu stampfen. Dumpf drhnte die Erde in der
ganzen Umgebung, und die Hopps und Topps, die mit den klingenden Sporen
der Stiefel geschlagen wurden, schallten laut durch die Luft. Ein Kosak
aber schrie lauter als alle andern und drehte sich mit den andern im
Tanze. Sein Haarzopf flatterte im Winde, die starke Brust war ganz
entblt, ber die Schulter aber hatte er den warmen Wintermantel
geworfen, so da ihm der Schwei unaufhrlich in Strmen von der Stirn
lief.

Zieh doch wenigstens den Pelz aus, sagte endlich Tara. Sieh doch,
wie du dampfst.

Das geht nicht, schrie der Saporoger.

Weshalb nicht?

Das geht nicht, das ist bei mir nun mal nicht anders: habe ich ihn erst
einmal abgenommen, so vertrinke ich ihn auch!

Der junge Bursche hatte schon lngst keine Mtze, keinen Grtel am Rock
und kein buntes Tuch mehr: alles war schon dorthin gewandert, wo es
hingehrte. Der Haufen wurde immer grer, neue Ankmmlinge schlossen
sich dem Tanze an, und man konnte nicht ohne Bewegung sehen, wie hier
alles an dem tollsten, leidenschaftlichsten aller Tnze, den die Welt je
gesehen hat, und der nach seinen krftigen Erfindern Kosatschok
benannt ist, teilnahm.

Se ich blo nicht zu Pferde, rief Tara aus, wahrhaftig, ich wollte
selbst loslegen und mittanzen!

Unterdessen mischten sich hie und da auch einzelne graue, alte Mnner
unter die Menge, die in der ganzen Sjetsch wegen ihrer Verdienste
geachtet und schon oft Kosakenlteste gewesen waren. Tara traf bald
eine Unzahl Bekannte, und Ostap und Andrij hrten fortwhrend
Begrungsworte: Holla, da bist du ja, Petscheriza! Guten Tag,
Kosolup! Wo kommst du denn her, Tara? Wie geht's Doloto? Guten
Tag, Kirdjaga! Guten Tag, Gustyj! Ich htte nie geglaubt, dich in
diesem Leben noch einmal wieder zusehen, Remen!

Und all die Helden, die hier aus der groen Wildnis des stlichen
Rulands zusammengekommen waren, kten einander, und zahllose Fragen
flogen hin und her.

Was macht Kasjan? Und Borodawka? Wo steckt Kolopjor? Und
Pidsyschok? Und Tara bekam fortwhrend Antworten wie etwa folgende:
Borodawka sei in Tolopan aufgeknpft, Kolopjor sei bei Kisikirmen
lebendigen Leibes geschunden worden, Pidsyschoks Kopf sei eingesalzen
und in einem Fasse nach Konstantinopel geschickt worden usw. Und der
alte Bulba blickte traurig zu Boden und sagte gedankenvoll: Und waren
doch so wackere Kosaken!


                           Drittes Kapitel

Nun lebte Tara Bulba bereits seit einer Woche mit seinen Shnen in der
Sjetsch. Ostap und Andrij beschftigten sich nur wenig mit den
militrischen bungen. Die Sjetsch liebte es nicht, mit solch
langweiligen Dingen ihre Zeit zu verlieren. Die jungen Leute wurden
durch die Erfahrung erzogen und im Feuer der Schlachten ausgebildet, und
daher muten diese unaufhrlich erneuert werden. Die Kosaken fanden es
langweilig, sich in den Ruhezeiten mit irgendwelchen bungen abzugeben:
sie versuchten sich hchstens mal im Scheibenschieen, oder
veranstalteten groe Ritte, oder jagten in der Steppe und auf den Wiesen
nach wilden Tieren; die brige Zeit war den Zechgelagen und hnlichen
Vergngungen gewidmet -- ein Zeichen der groen Leidenschaftlichkeit
ihrer Seelen. berhaupt war die ganze Sjetsch eine auerordentliche
Erscheinung: hier herrschte eine nie endenwollende Feier, gleichsam ein
Fest, das lrmvoll begonnen, ewig fortdauerte. Einige von den Bewohnern
trieben ein Handwerk, andere hatten Kramlden und handelten mit allerlei
Dingen -- die meisten jedoch lungerten von frh bis spt herum, wenn
ihre Taschen ihnen noch eine Mglichkeit dazu boten, und das erworbene
Geld noch nicht in die Hnde der Kaufleute und Gastwirte bergegangen
war. Dieses allgemeine Zechen und Prassen hatte etwas geradezu
Sinnbetrendes an sich. Das war kein Haufe von Zechern, die aus
Verzweiflung und Elend tranken, das war eine vllig ursprngliche und
unbndige Frhlichkeit. Wer hierher kam, verga alles und lie alles
liegen, was ihn bisher beschftigt hatte. Man kann sagen: er pfiff auf
seine Vergangenheit. Sorglos ergab er sich der Freiheit, dem geselligen
Zusammensein mit gleichen Naturen und Abenteurern wie er selbst, die
weder Angehrige, Familie, noch Haus und Hof besaen, sondern nur den
freien Himmel und ein ewiges Verlangen nach ewigen Festen und Feiertagen
in ihrer Seele trugen. So entstand jene fessellose Frhlichkeit, die aus
keiner andern Quelle htte kommen knnen. Die Erzhlungen und
Geschichten der mitten zwischen dem versammelten Volk faul auf den Boden
Lagernden reizten so zum Lachen und atmeten solches Leben, da es schon
der ganzen Gelassenheit des Saporogers bedurfte, eine unbewegte Miene
beizubehalten und nicht einmal mit den Mundwinkeln zu zucken -- ein
Charakterzug, der den Kleinrussen bis heut' noch von seinen
sdrussischen Brdern unterscheidet. Es war eine trunkene, lrmende
Frhlichkeit, aber nicht in einer verrucherten Schenke, wo der Mensch
in einer finsteren, bizarren Ausgelassenheit Vergessenheit von seinem
Schmerz sucht, dies war vielmehr ein enger Kreis von Freunden und
Schulgenossen. Der einzige Unterschied bestand darin, da die Menschen
hier, statt hinter der Fibel zu sitzen und trockene Erklrungen des
Lehrers ber sich ergehen zu lassen, auf fnftausend Pferden ausritten
und allerhand khne Raubzge unternahmen; statt der Wiese, wo Ball
gespielt wurde, hatten sie die weite unbegrenzte Steppe, die keinem von
ihnen Sorgen machte, die von niemandem bewacht wurde, und wo blo hier
und da der flinke Kopf eines Tataren auftauchte, oder ein Trke finster
und unbeweglich unter dem grnen Turban hervorschaute. Ferner kam hinzu,
da sie hier nicht ein fremder Wille zusammenfhrte, wie in der Schule,
sondern eigner Entschlu: hatten sie doch selbst Vter und Mtter
verlassen und waren dem elterlichen Hause heimlich entlaufen. Hier gab
es Mnner, deren Hals der Strick bereits berhrt hatte, und die statt
des blassen Todes noch mit Mhe das Leben erwischten, dies unbndige
Leben voll herrlichen Genusses und Frhlichkeit; hier hausten Menschen,
die aus einer edlen Gewohnheit keine Kopeke in der Tasche behalten
konnten, und wieder andere, die bisher einen Dukaten fr einen groen
Schatz gehalten hatten, und denen man dank den jdischen Pchtern die
Taschen umkehren konnte, ohne Gefahr zu laufen, da etwas herausfiele.
Hier befanden sich Seminaristen, die die akademischen Ruten nicht
vertragen und in der Schule keinen Buchstaben gelernt hatten -- zugleich
aber auch solche, die ihren Horaz und Cicero kannten und ber das Wesen
der rmischen Republik Bescheid wuten. Hier traf man viele jener
Offiziere, die sich spter in den kniglichen Heeren auszeichneten,
sowie jene erprobten Parteignger, die die edle berzeugung hegten, da
es gleichgltig sei, wo man kmpfe, wenn man nur berhaupt kmpfen
konnte, denn es sei eines ritterlichen Mannes nicht wrdig, ein Leben
ohne Kmpfe und Schlachten zu fhren. Endlich gab es auch eine Anzahl
solcher, die nur in die Sjetsch gekommen waren, um sagen zu knnen: sie
seien in der Sjetsch gewesen und seien folglich im Kampf gesthlte
Krieger. Aber was gab es hier nicht? Diese sonderbare Republik war
durchaus ein Bedrfnis jener Zeit. Fr Liebhaber des kriegerischen
Lebens, goldener Becher, reicher Gewebe, Dukaten und Schaumnzen gab es
hier jederzeit genug zu tun. Nur die Verehrer der Frauen kamen nicht auf
ihre Rechnung: denn nicht einmal in der Vorstadt der Sjetsch durfte sich
eine Frau zeigen ... Ostap und Andrij fanden es sonderbar, da niemand
die zahlreichen Menschen, die mit ihnen in die Sjetsch gekommen waren,
nach ihrer Herkunft und ihrem Namen fragte. Sie kamen hierher, als ob
sie in ihr eigenes Haus zurckkehrten, das sie erst vor einer Stunde
verlassen hatten. Der Ankmmling meldete sich blo beim Hauptmann, der
gewhnlich fragte: Gr Gott. Glaubst du an Christus? Ja, ich
glaube, antwortete der Ankmmling. Auch an die heilige Dreieinigkeit?
Auch das. Besuchst du die Kirche? Ja, ich besuche sie. Gut,
bekreuzige dich einmal. Der Ankmmling tat es. Schn, sagte der
Hauptmann, geh und whl dir selbst das Kosakendorf, das dir gefllt.
Und damit war die Zeremonie beendet. Die ganze Sjetsch betete in
derselben Kirche und war bereit, sie bis zum letzten Blutstropfen zu
verteidigen, trotzdem sie von Fasten und Enthaltsamkeit nichts wissen
wollte. Nur die, nebenbei bemerkt, uerst geldgierigen Juden, Armenier
und Tataren wagten es, sich in der Vorstadt niederzulassen und hier ihre
Kramlden aufzuschlagen, denn die Saporoger handelten nur ungern und
zahlten gewhnlich so viel Geld, als sie mit einem Griff aus der Tasche
holten. brigens war das Los dieser habschtigen Hndler sehr traurig;
man konnte sie fast mit den armen Leuten vergleichen, die am Fue des
Vesuvs wohnten, denn sobald es den Saporogern an Geld fehlte,
zertrmmerte die rohe Bande die Buden der Krmer und nahm sich alles,
was sie brauchte, auch ohne Zahlung.

Die Sjetsch bestand aus mehr als sechzig Niederlassungen, die ebenso
viele vllig voneinander unabhngige Republiken darstellten. Sie glichen
Schulen oder Seminaren, deren Zglinge in der Anstalt gekleidet und
bekstigt werden. Niemand besa etwas, oder legte sich Vorrte an, alles
befand sich in den Hnden des Kosakenhauptmanns, den man deshalb auch
gewhnlich Vterchen nannte. Er verwaltete das Geld, die Kleidung, den
gesamten Speisevorrat, den Roggen- und Weizenteig, die Grtze und sogar
das Heizmaterial: auch das Barvermgen wurde ihm zur Aufbewahrung
gegeben. Zwischen den einzelnen Niederlassungen brachen des fteren
Streitigkeiten aus, die sogleich in Schlgereien ausarteten. Der
Marktplatz fllte sich mit den Bewohnern der Drfer, und man bearbeitete
sich so lange mit den Fusten, bis irgend eine Partei niedergekmpft
war, und dann begann ein Zechgelage und ein groer Jubel. Das war die
Sjetsch, die eine so starke Anziehungskraft auf die jungen Leute
ausbte.

Ostap und Andrij strzten sich mit der ganzen Leidenschaft der Jugend in
dieses Freudenmeer, vergaen schnell das vterliche Haus, das Seminar
und alles, was ihre Seele bisher bewegt hatte, und gaben sich ganz dem
neuen Leben hin. Alles fesselte sie hier: die wilden Sitten der Sjetsch,
ihr einfaches Gerichtswesen und ihre Gesetze, die ihnen freilich
manchmal fr eine freie Republik gar zu streng erschienen. Wurde ein
Kosak beim Diebstahl irgend einer Kleinigkeit ertappt, so galt dies fr
eine dem gesamten Kosakentum zugefgte Beleidigung: er wurde fr ehrlos
erklrt, an den Schandpfahl gebunden, und es wurde eine Holzkeule neben
ihn gelegt, mit der jeder Vorbergehende ihm einen Schlag versetzen
mute, bis man ihn zu Tode gemartert hatte. Den sumigen Schuldner
schmiedete man mit einer Kette an eine Kanone, wo er so lange gefesselt
blieb, bis einer seiner Kameraden ihn auslste und seine Schuld beglich.
Den strksten Eindruck aber bte die unerhrt grausame Strafe, mit der
der Mord bestraft wurde, auf Andrij aus: vor den Augen des Verurteilten
wurde eine Grube gegraben, in die er lebendig hinabgestrzt wurde, dann
senkte man den Sarg mit dem Leichnam des Ermordeten in die Grube hinab
und schttete Erde darber. Noch lange nachher mute Andrij an diesen
entsetzlichen Brauch zurckdenken, und fortwhrend stand der mitsamt dem
grauenhaften Sarge lebendig begrabene Mensch vor seinen Augen.

Die beiden jungen Kosaken wurden schnell beliebt bei ihren Kameraden.
Oft begaben sie sich mit ihren Lagergenossen und zuweilen auch mit dem
ganzen Bezirk oder auch mit benachbarten Niederlassungen in die Steppe
zur Jagd auf unabsehbare Scharen von Vgeln, Hirschen und Ziegen, oder
sie zogen bis an die Seen, Bche und Strme, die jedem Dorf durch das
Los zugeteilt wurden, um zu angeln, ihre Netze auszuwerfen und reiche
Beute fr ihr Lager mitzubringen. Obgleich es keine Wissenschaften gab,
in der der Kosak geprft wurde, machten sie sich doch unter den andern
jungen Leuten durch ihre ehrliche Khnheit und ihre Erfolge bemerkbar.
Gewandt und sicher schossen sie ins Ziel und durchschwammen den Dnjepr
selbst gegen die Strmung: eine Tat, fr die der Neuling feierlich in
den Kreis der Kosaken aufgenommen wurde.

Jedoch der alte Tara sah sich nach einer anderen Ttigkeit fr sie um.
Das mige Leben seiner Shne war nicht nach seinem Wunsch: er verlangte
ernstere Aufgaben fr sie. Oft dachte er nach, wie er die Sjetsch zu
einem khnen Zuge bewegen knne, bei dem es eine einem Ritter geziemende
Bettigung gab. Endlich aber ging Tara eines Tages zum Hauptmann und
sagte ohne Umschweife zu ihm: Hauptmann, es wr' Zeit, da die
Saporoger sich wieder einmal tchtig austobten.

Es ist keine Gelegenheit dazu vorhanden, antwortete der Hauptmann,
indem er seine kleine Pfeife aus dem Munde nahm und ausspuckte.

Was, keine Gelegenheit? Man knnte doch gegen die Trken oder gegen die
Tataren losgehen!

Nein, das kann man nicht. Weder gegen die Trken noch gegen die
Tataren, antwortete der Hauptmann und steckte kaltbltig seine Pfeife
zwischen die Zhne.

Und warum nicht?

Weil wir dem Sultan versprochen haben, Frieden zu halten.

Aber er ist doch ein Mohammedaner, und Gott und die heilige Schrift
befehlen, die Heiden auszurotten!

Wir haben kein Recht dazu. Ja, wenn wir nicht bei unserm Glauben
geschworen htten, dann ginge es vielleicht, so aber ist es unmglich.

Warum unmglich? Wie kannst du sagen, wir htten kein Recht dazu? Sieh
mal, ich habe zwei Shne, beide sind junge Burschen. Weder der eine noch
der andere war ein einziges Mal in der Schlacht, und da behauptest du,
wir htten kein Recht dazu, und sagst, die Saporoger drften nicht in
den Kampf ziehen!

Nein, es geht nicht.

Wie es scheint, soll wohl die ganze Kosakenkraft unntz vergeudet
werden, der Mensch soll wohl tatenlos faulen wie ein Hund, und weder das
Vaterland noch die ganze Christenheit soll einen Nutzen von ihm haben?
Wozu leben wir denn da -- warum zum Teufel leben wir denn berhaupt?
Bitte, erklre mir das! Du bist ein kluger Mensch, sie haben dich nicht
umsonst zum Hauptmann gewhlt; also sprich: wozu leben wir?

Der Hauptmann antwortete nicht auf diese Frage. Er war ein starrkpfiger
Kosak. Er schwieg eine Weile still und meinte dann: Einen Krieg gibt es
dennoch nicht!

Es gibt also keinen Krieg? fragte Tara wiederum.

Nein.

Es ist also garnicht daran zu denken?

Nein, es ist garnicht daran zu denken.

Warte nur, verdammter Teufel! murmelte Bulba vor sich hin, du sollst
mich kennen lernen. Und er beschlo, sich an dem Hauptmann zu rchen.

Er besprach die Sache mit dem einen und dem andern und veranstaltete ein
groes Gelage; eine Anzahl angeheiterter Kosaken strzte auf den
Marktplatz, wo sich die Pauken befanden, die an einem Pfahl hingen und
gewhnlich zum Zeichen einer beabsichtigten Ratsversammlung geschlagen
wurden. Da sie die Schlegel nicht fanden, die meist beim Paukenschlger
verwahrt zu werden pflegten, nahm jeder ein Holzscheit in die Hand und
hieb damit auf die Pauken los. Auf diesen Lrm kam zuerst der
Paukenschlger herbeigelaufen, ein langer Kerl mit einem einzigen Auge,
das trotzdem recht verschlafen aussah.

Wer wagt es, die Pauken zu schlagen? schrie er.

Schweig! Nimm deine Schlegel und schlag drauf los, wenn man dir's
befiehlt! antworteten die angeheiterten Hauptleute.

Der Paukenschlger holte sofort die Schlegel, die er mitgenommen hatte,
aus seiner Tasche, da er schon mit dem Ausgang solcher Vorgnge vertraut
war. Die Pauken erdrhnten -- und bald versammelten sich die schwarzen
Scharen der Saporoger wie Hummeln auf dem Platz. Alle scharten sich zu
einem kleinen Kreise zusammen, und nach dem dritten Schlage erschienen
endlich auch die ltesten: der Hauptmann mit der Keule, dem Zeichen der
Wrde, in der Hand, der Richter mit dem Heeressiegel, der Schreiber mit
dem Tintenfa und der Kosakenfhnrich mit dem Stabe. Der Hauptmann und
die ltesten nahmen ihre Mtzen ab und verbeugten sich nach allen Seiten
gegen die Kosaken, die, die Arme in die Seiten gestemmt, stolz
dastanden.

Was bedeutet diese Versammlung? Was wollt ihr, Herren? fragte der
Hauptmann, aber lautes Fluchen und Schreien lieen ihn nicht zu Ende
sprechen.

Leg die Keule nieder! Leg sie sofort nieder, du Teufelssohn! Wir wollen
dich nicht mehr! schrien einige Kosaken aus der Menge heraus. Andere,
aus Lagern, die noch nchtern waren, widersprachen, und es dauerte nicht
lange, so begann zwischen Nchternen und Trunkenen ein regelrechter
Faustkampf. Alles schrie und lrmte durcheinander.

Der Hauptmann wollte sprechen, aber da er wute, da die wtende und
eigensinnige Menge ihn, wie das in solchen Fllen ja immer geschieht,
dafr zu Tode prgeln wrde, verbeugte er sich tief, legte die Keule
nieder und verschwand in der Menge.

Befehlt ihr, Herren, da auch wir die Zeichen unserer Wrde
niederlegen? fragten der Richter, der Schreiber und der
Kosakenfhnrich. Sie machten sich schon bereit, Tintenfa, Stab und
Heeressiegel niederzulegen.

Nein, ihr sollt bleiben, schrie man aus der Menge, wir wollen nur den
Hauptmann los sein. Was ist das fr ein Weib! Wir brauchen einen Mann
zum Hauptmann!

Wen wollt ihr denn aber zum Hauptmann whlen? fragten die ltesten.
Whlt Kukubjenko, schrie ein Teil. Nein, wir wollen Kukubjenko
nicht, schrie ein anderer. Er ist noch zu jung, er hat ja kaum die
Kinderschuhe abgelegt.

Schilo soll unser Hauptmann sein, schrien verschiedene, Schilo soll
Hauptmann sein!

Da euch der Schilo in den Leib fahre! schrien andere wieder
durcheinander. Was ist denn das fr ein Kosak? dieser Hundsfott stiehlt
ja wie ein Tatar! Der Teufel soll ihn holen, steckt ihn in den Sack, den
Sufer!

Borodaty, whlen wir doch Borodaty zum Hauptmann!

Wir wollen Borodaty nicht! Zum Teufel mit Borodaty!

Ruft Kirdiaga, flsterte Tara Bulba einigen zu.

Kirdiaga, Kirdiaga, schrie die Menge. Borodaty, Borodaty! Kirdiaga,
Kirdiaga! Schilo! Zum Teufel mit Schilo! Kirdiaga!

Die Genannten traten sofort aus der Menge heraus, damit man nicht
glauben sollte, sie suchten ihre Wahl durch persnliche Anteilnahme zu
befrdern.

Kirdiaga! Kirdiaga! Dieser Name erklang fter als die andern.
Borodaty! Endlich wurde die Sache durch die Fuste ausgefochten, und
Kirdiaga trug den Sieg davon.

Schnell, holt den Kirdiaga, riefen viele Stimmen, und sogleich
sonderten sich zehn Kosaken von der Menge ab. Einige von ihnen waren so
bezecht, da sie sich kaum aufrecht halten konnten. Sie begaben sich
direkt zu Kirdiaga, um ihn von der Wahl zu unterrichten.

Kirdiaga war zwar ein schon recht bejahrter, aber kluger Kosak, der
schon lange in seine Strohhtte zurckgekehrt war und so tat, als ob er
nichts von dem Vorgefallenen wte. Nun, meine Herren, was wnscht
ihr? fragte er.

Komm, du bist zum Hauptmann gewhlt worden.

Aber ich bitte euch, ihr Herren, sagte Kirdiaga, wie komme ich zu
einer solchen Ehre? Wie kann ich euer Hauptmann sein? Ich bin ja gar
nicht klug genug, um eine solche Wrde zu tragen! Als ob ihr im ganzen
Heere keinen Besseren finden knntet, als mich!

Komm schnell, hrst du! schrien die Saporoger. Zwei von ihnen packten
ihn bei den Armen, und so sehr er sich auch mit den Fen gegen den
Boden stemmte, er wurde doch schlielich unter andauernden
Schimpfworten, Rippensten und aufmunternden Zurufen auf den Platz
gebracht. Strube dich doch nicht, du Satan! Nimm doch das Ehrenamt an,
wenn man es dir anbietet! Auf diese Weise wurde Kirdiaga in den Kreis
der Kosaken geschleppt.

Nun Herrschaften! riefen die, die ihn hergebracht hatten, laut aus,
seid ihr einverstanden, da dieser Kosak unser Hauptmann wird?

Ja, wir sind alle einverstanden, schrie die Menge, und das ganze Feld
hallte wider von ihrem Geschrei.

Einer von den ltesten hob die Keule auf und berreichte sie dem
neuerwhlten Hauptmann. Der Sitte gem weigerte sich Kirdiaga zunchst,
sie anzunehmen. Der lteste bot sie ihm darauf zum zweiten Male an, und
Kirdiaga wies sie zum zweiten Male zurck. Erst beim dritten Mal nahm er
die Keule an. Nunmehr brach die Menge in ein lautes Beifallsgebrll aus
und wiederum hallte das Feld vom Geschrei der Kosaken wider. Darauf
traten vier von den ltesten Kosaken mit grauen Kpfen und Brten aus
der Mitte des Volkes heraus. (Ganz Alte gab es in der Sjetsch nicht,
denn kein Saporoger starb eines natrlichen Todes.) Jeder von ihnen nahm
eine Handvoll Erde, die um jene Zeit durch den Regen in Kot verwandelt
war, und legte sie Kirdiaga aufs Haupt. Die nasse Erde rann ihm vom Kopf
herunter, flo ihm ber den Schnurrbart und ber die Wangen, und
beschmutzte ihm das ganze Gesicht. Aber Kirdiaga blieb stehen, rhrte
sich nicht von der Stelle und dankte den Kosaken fr die ihm erwiesene
Ehre.

So endete diese hchst geruschvolle Wahl, ber die sich vielleicht
niemand so innig freute, wie Bulba. Zunchst, weil er sich an dem
frheren Hauptmann gercht hatte, und dann war Kirdiaga sein alter
Kamerad, der mit ihm die gleichen Kriegszge zu Wasser und zu Lande
gemacht, und mit dem er die Mhen und Gefahren des Kriegslebens geteilt
hatte. Die Menge zerstreute sich, um die Wahl sofort zu feiern, und nun
erhob sich ein Jubel, wie ihn Ostap und Andrij bisher noch nicht erlebt
hatten. Die Schnapslden wurden verwstet, Met, Branntwein und Bier
wurden heruntergegossen, ohne da jemand an Bezahlung dachte, und die
Gastwirte waren schon zufrieden, da sie selbst verschont blieben. Die
ganze Nacht hindurch brllte und sang man Lieder, in denen die
Heldentaten gefeiert wurden, und der aufgehende Mond beleuchtete noch
lange die Haufen von Musikanten, die mit Banduren, Teorben und runden
Balaleiken durch die Straen zogen, sowie die Kirchensnger, die man
sich in der Sjetsch zur Abhaltung des Gottesdienstes und zur Lobpreisung
der Taten der Saporoger hielt. Endlich begann sich der Rausch und die
Mdigkeit auch der starken Kpfe zu bemchtigen. Bald da, bald dort sank
ein Kosak zur Erde, ein Kamerad umarmte den andern, und wurde rhrselig
-- ja mancher begann sogar zu weinen und taumelte dann zusammen mit dem
andern zu Boden. Dort wlzte sich ein ganzer Haufen herum; ein Kosak
suchte sich einen mglichst bequemen Ruheplatz und legte sich dabei
gerade auf einen Holzklotz. Ein einziger, der strker war als die
brigen, hielt noch allerhand unzusammenhngende Reden, aber endlich tat
es auch diesem der Rausch an -- er fiel nieder -- und die ganze Sjetsch
versank in Schlummer ...


                           Viertes Kapitel

Gleich am nchsten Tage beriet sich Tara Bulba mit dem neuen Hetman,
wie man die Saporoger zu einem Kriegszuge anstacheln knnte. Der Hetman
war ein kluger, gewiegter Kosak, er kannte die Saporoger und sagte daher
zuerst:

Den Eid knnen wir nicht brechen. Das geht auf keinen Fall. Dann
schwieg er eine Weile und fuhr fort:

Es macht nichts, es geht auch so. Wir werden den Eid nicht verletzen,
aber ein Vorwand wird sich schon finden. Sorge nur dafr, da sich das
Volk wieder versammelt, aber nicht auf meinen Befehl hin, sondern aus
freiem Antriebe ... ihr wit ja selbst am besten, wie das gemacht wird.
Dann kommen wir sogleich mit den ltesten auf den Platz geeilt, als ob
wir von nichts wten.

Es war noch keine Stunde seit diesem Gesprch vergangen, als schon die
Pauken erdrhnten. Sogleich war auch wieder eine ganze Menge von
betrunkenen und unvernnftigen Kosaken zur Stelle. Tausende von
Kosakenmtzen fllten pltzlich den Platz. Ein mchtiges Stimmengewirr
erhob sich. berall ertnten Fragen: Was ist geschehen? Warum hat man
uns zusammengerufen? Niemand antwortete. Endlich tnte es aus dieser
und jener Ecke hervor: So vergeudet man die Kosakenkraft! Es gibt
keinen Krieg! Die Vorsteher haben sich hinter den Ofen gelegt, und
schwimmen in ihrem Fett! Es gibt keine Gerechtigkeit mehr in der Welt!
Die Kosaken hrten erst eine Weile zu und stimmten dann mit in das
Geschrei ein: Wahrhaftig, es gibt keine Gerechtigkeit in der Welt. Die
ltesten schienen ber die Vorwrfe sehr bestrzt zu sein. Endlich trat
der Hetman vor und sagte: Werte Herren Saporoger! erlaubt ihr mir, eine
Rede zu halten?

Rede!

Werte Herren, es wird jetzt darber gesprochen, und ihr wit es am
besten, da viele Saporoger bei den Juden in den Schenken und auch bei
den eigenen Kameraden viele Schulden haben! Kein Teufel traut ihnen
mehr. Auerdem spricht man darber, da es bei uns eine groe Anzahl von
jungen Burschen gibt, die noch nie mit eigenen Augen eine Schlacht
gesehen haben -- whrend ihr doch selbst wit, werte Herren, da so ein
junger Mensch ohne Krieg nicht leben kann. Was ist denn das auch fr ein
Saporoger, der sich noch nie mit den Heiden herumgeschlagen hat!

Er spricht ausgezeichnet, dachte Bulba.

Denkt brigens nicht, ihr Herren, da ich das sage, um den Frieden zu
stren. Gotte behte mich! Ich meine das nur so. Und ein Gotteshaus
haben wir -- es ist eine wahre Snde, wie es aussieht! Solange schon
blht die Sjetsch durch Gottes Gnade, und bis jetzt sind die
Heiligenbilder -- von dem ueren wage ich garnicht zu sprechen -- noch
immer ohne jeden Schmuck! Htte ihnen wenigstens noch jemand ein
silbernes Gewand geschmiedet! So aber haben sie nur gerade das erhalten,
was ihnen der eine oder der andere Kosak hinterlassen hat. Diese Gaben
waren aber meistens recht rmlich, hatten sie doch schon bei Lebzeiten
alles vertrunken. Ja, also ich rede nicht etwa, um den Krieg gegen die
Unglubigen zu predigen: wir haben dem Sultan Frieden geschworen, und es
wre eine groe Snde ihn zu brechen, denn wir haben auf unsern Glauben
geschworen.

Was schwatzt er denn da durcheinander, sagte Bulba vor sich hin.

Ihr seht also, werte Herren, da sich ein Krieg nicht so leicht
beginnen lt: das wre gegen unsere Ritterehre. Aber ich in meinem
einfltigen Verstande denke mir folgendes: Man mte einmal allein die
Jungen auf Khnen ein bichen an der Kste Anatoliens herumstreifen
lassen! Was denkt ihr darber, ihr Herren?

Fhre uns, fhre uns alle dahin, schrie die Menge von allen Seiten,
fr unsern Glauben opfern wir gern unser Leben.

Der Hetman erschrak. Er hatte durchaus nicht die Absicht, alle Saporoger
in Aufruhr zu bringen; jedenfalls hielt er es in diesem Falle fr
ehrlos, den Frieden zu brechen. Gestattet mir noch einige Worte, werte
Herren.

Hr auf, riefen die Saporoger, was Besseres kannst du ja doch nicht
sagen!

Nun, wenn ihr meint, so mge es denn sein. Ich bin der Knecht eures
Willens. Wie es ja schon in der Schrift heit: Volkes Stimme -- Gottes
Stimme. Es lt sich nichts Klgeres erdenken, als was das ganze Volk
ersonnen hat. Aber, werte Herren, ihr wit, da der Sultan das
Vergngen, das sich unsere tapfern Burschen gestatten werden, nicht
ungestraft lassen wird? Allein inzwischen mssen auch wir uns rsten und
frische Krfte sammeln, dann brauchen wir niemand zu frchten. Aber
whrend unserer Abwesenheit knnten die Tataren die Sjetsch berfallen:
diese trkischen Hunde wagen es nicht, einem ins Gesicht zu sehen und
einem offen gegenberzutreten, dagegen beien sie einem gern von hinten
in die Fersen, und das grndlich. Hm, und um die Wahrheit zu sagen: wir
verfgen auch nicht ber so viel Boote und Pulver, wie wir bentigten,
wenn alle mitziehen wollten. Im brigen: was mich betrifft -- ich bin zu
allem bereit: ich bin nur der Knecht eures Willens.

Der listige Hetman schwieg. Einzelne Haufen begannen miteinander zu
beratschlagen, ebenso die Hauptleute der einzelnen Heerabteilungen. Zum
Glck waren nicht allzuviele von ihnen betrunken, und man beschlo
daher, sich dem vernnftigen Rat zu fgen.

Sofort wurden einige Leute ans gegenberliegende Ufer des Dnjepr nach
dem Zeughaus gesandt, wo sich in unzugnglichen Verstecken, unter dem
Wasser und im Schutt, die Kriegeskasse, sowie ein Teil der vom Feinde
erbeuteten Waffen befanden. Die andern machten sich schnell an die
Boote, um sie grndlich zu besichtigen und fr die Reise auszursten. In
einem Augenblick war das Ufer vom Volk berschwemmt. Die Zimmerleute
kamen mit dem Beil in der Hand herbeigeeilt. Alte, sonnenverbrannte,
breitschultrige Saporoger, mit graumelierten und schwarzen Schnurrbrten
standen mit aufgeschrzten Schifferhosen bis zu den Knien im Wasser und
zogen die Boote an einem festen Tau vom Ufer herab. Andre schleppten
fertige, trockene Balken und Baumstmme herbei. Da wurde ein Kahn mit
Brettern verschlagen, dort kehrte man einen um und kalfaterte und teerte
ihn. Hier befestigte man nach Kosakenbrauch lange Schilfbndel an den
Kahnwnden, damit die Meereswellen die Boote nicht zum Kentern bringen
sollten. Etwas abseits am Ufer wurden kupferne Kessel aufgestellt, in
denen man Pech zum Teeren der Boote siedete. Die lteren und Erfahrenen
belehrten die Jungen, ringsum hallte alles von dem Lrm der Arbeit
wider, das ganze Ufer war voller Leben und Bewegung.

Unterdessen nherte sich dem Ufer eine groe Fhre, deren Bemannung
schon von fern mit den Hnden winkte. Es waren Kosaken in zerlumpten
Rcken. Ihre zerrissene Bekleidung -- mehrere von ihnen hatten nichts
als ein Hemd an und eine kurze Pfeife in den Zhnen -- bewies, da sie
soeben einer groen Gefahr entronnen waren oder ihr gesamtes Besitztum
vertrunken und verbummelt hatten. Aus ihrer Mitte trat ein kleiner,
breitschultriger Kosak von etwa fnfzig Jahren hervor, und stellte sich
vorn auf die Fhre. Er schrie und bewegte die Arme noch heftiger, als
die andern: aber der Lrm und das Klopfen der Arbeiter bertnte seine
Stimme. Wie kommt ihr hierher, fragte der Hetman, als die Fhre ans
Ufer stie. Alle Arbeiter stellten die Arbeit ein, lieen Beil und
Meiel ruhen und schauten voller Erwartung drein.

Wir haben Unglck gehabt, schrie der kleine Kosak auf der Fhre.

Was fr ein Unglck?

Erlauben die Herren Saporoger einige Worte?

Sprich.

Wollt ihr nicht lieber eine Versammlung abhalten?

Sprich, wir sind alle hier.

Das Volk drngte sich zu einem Haufen zusammen.

Habt ihr denn garnichts davon gehrt, was in der Ukraine vorgeht?

Was denn? fragte einer der Hauptleute.

Was? euch hat wohl der Tatar die Ohren verstopft, da ihr nichts gehrt
habt!

So sprich doch, was geschehen ist!

Es geschieht etwas, was wir seit unserer Geburt und unserer Taufe nicht
gesehen haben!

So sag doch endlich, was es ist, du Hundessohn! schrie einer aus der
Menge, der die Geduld zu verlieren schien.

Es ist eine Zeit angebrochen, wo selbst die heiligen Kirchen nicht mehr
uns gehren!

Weshalb gehren sie uns nicht?

Sie sind jetzt an die Juden verpachtet. Wenn man die Juden nicht erst
bezahlt, kann man keine Messe mehr darin abhalten.

Was faselst du?

Und wenn so ein Judenhund mit seiner unreinen Hand nicht ein Zeichen
ber die Hostie macht, kann man auch kein Ostern mehr feiern.

Er lgt, Brder, es ist unmglich, da der unreine Jude ein Zeichen
ber die Hostie macht!

Hrt zu, ich werde euch noch ganz andere Dinge erzhlen. Katholische
Geistliche fahren jetzt in Bauernwagen in der Ukraine herum. Das ist ja
freilich noch kein Unglck, da sie in Bauernwagen herumfahren; wohl
aber das, da sie statt der Pferde rechtglubige Christen vorspannen.
Ja, noch mehr hrt mal weiter: man erzhlt, da sich die Judenweiber
Rcke aus den Gewndern der Geistlichen nhen! So liegen die Dinge in
der Ukraine! Und ihr sitzt hier in der Sjetsch und unterhaltet euch! Ja,
man sieht, der Tatar hat euch einen solchen Schrecken eingeflt, da
ihr weder Augen noch Ohren noch sonst etwas habt, da ihr nichts davon
merkt, was in der Welt vorgeht!

Halt, halt, unterbrach ihn hier der Hetman, der bis dahin mit zu Boden
gesenkten Augen dagestanden hatte, wie alle Saporoger, die sich bei
wichtigen Angelegenheiten nie von dem ersten Eindruck hinreien lassen,
sondern schweigen, bis ihre Erbitterung im stillen um so mchtiger
anschwillt. Hr auf, hr auf, hier habe ich auch noch ein Wort
mitzureden. Und was habt ihr -- der Teufel soll eurem Vater das Fell
gerben -- was habt ihr getan? Hattet ihr denn keine Sbel, he? Wie
konntet ihr denn solche Niedertrchtigkeiten zulassen?

Wie man eine solche Niedertrchtigkeit unbestraft lassen kann! He?
Versuch doch nur was anzufangen, wo uns allein fnfzigtausend Polen
gegenberstanden. Und dann, wir wollen unsere Schande nicht
verheimlichen; es gab auch Hunde unter uns, die schon den feindlichen
Glauben angenommen hatten!

Und was taten euer Hetman und eure Heerfhrer?

Unser Hetman hat etwas getan, wovor uns alle Gott bewahre!

Wie? was sagst du?

Hrt zu: Unser Hetman liegt jetzt eingepkelt in einem kupfernen Kessel
zu Warschau und die Kpfe und Hnde unserer Hauptleute werden zur
Augenweide fr alles Volk auf den Jahrmrkten herumgeschleppt. So ist es
unsern Anfhrern gegangen!

Die ganze Volksmasse geriet in Bewegung. Zuerst herrschte tiefes
Schweigen, wie es wohl einem schweren Unwetter vorhergeht, dann aber
hallte pltzlich das ganze Ufer von wilden Reden, Ausrufen und Schreien
wider.

Was, die Juden haben die christlichen Kirchen gepachtet! Die
katholischen Geistlichen spannen rechtglubige Christen an ihre
Deichseln!! Wie, man duldet auf russischem Boden solche Grausamkeiten
von den verfluchten Unglubigen! Und da sie so mit unsern Heerfhrern
und Hetmans umgehen! Das kann nicht sein, das darf nicht sein!

So hallte es aus allen Ecken. Die Saporoger schrien sehr laut: sie
empfanden ihre Kraft. Das war nicht mehr das Aufbrausen eines
leichtsinnigen Vlkchens; das war die Erregung bedachtsamer und
mnnlicher Charaktere, die langsam in Hitze gerieten, aber, einmal
entflammt, ihr inneres Feuer lange und dauernd bewahrten.

Die ganze Judenbande mu gehenkt werden, schrie es aus der Menge, sie
sollen ihren Judenweibern keine Rcke mehr aus den geistlichen Gewndern
nhen! Sie sollen keine Zeichen auf den heiligen Hostien machen!

Ersauft doch dies ganze Heidenpack im Dnjepr! Diese Worte, die einer
aus der Menge gerufen hatte, zndeten blitzartig in allen Kpfen. Die
Menge strzte in die Vorstadt, mit dem festen Entschlusse, die ganze
Judenschaft umzubringen.

Die armen Kinder Israel verloren ihre Geistesgegenwart und ihren
letzten, schon ohnedies nicht allzu groen Mut, sie versteckten sich in
leeren Branntweinfssern und in den fen, und verkrochen sich sogar
unter den Rcken der Jdinnen. Aber die Kosaken wuten sie berall zu
finden.

Erlauchte Herren, schrie ein langer spindeldrrer Jude, indem er sein
mitleiderregendes, schreckentstelltes Haupt aus der Menge seiner Freunde
hervorstreckte. Erlauchte Herren! lat mich euch nur ein Wort sagen,
ein einziges Wort. Wir werden euch etwas mitteilen, was ihr noch nie
gehrt habt -- etwas so Wichtiges; man kann garnicht sagen, wie wichtig
es ist!

Gut, mag er sprechen, sagte Bulba, der es immer liebte, auch den
schuldigen Teil anzuhren.

Erlauchte Herren, sprach der Jude, solche Herren hat man noch nie
gesehen! So edle, gute und tapfere Mnner gab es noch nie auf Erden.
Seine Stimme erstarb und zitterte vor Angst. Wie wre es mglich, da
wir schlecht von den Saporogern dchten! Die gehren ja gar nicht zu
uns, die in der Ukraine die Kirchen pachten! Bei Gott, sie gehren nicht
zu uns! Das sind ja gar keine Juden! Der Teufel wei, was das fr Leute
sind, das sind solche Schufte, die man blo anspucken und ausrotten
sollte! Alle hier werden es mir besttigen! Nicht wahr, Schloma, nicht
wahr, Schmuhl?

Bei Gott! Ob es wahr ist, riefen Schloma und Schmuhl aus der Menge;
sie trugen zerrissene Mtzen und waren so bleich wie Kalk. Wir haben es
nie mit den Feinden gehalten, fuhr der lange Jude fort, und die
Katholiken mgen uns berhaupt gestohlen bleiben. Der Teufel kmmere
sich um sie. Wir fhlen mit den Saporogern wie mit unsern eigenen
Brdern ...

Was! Die Saporoger sollen eure Brder sein! rief einer aus der Menge.
Verfluchte Juden, das berlebt ihr nicht! In den Dnjepr mit ihnen,
werte Herren, wir wollen diese verfluchten Hunde ersufen! Diese Worte
wirkten wie ein Signal. Man packte die Juden bei den Hnden und warf sie
in die Wogen. Von allen Seiten ertnte ein jmmerliches Schreien, aber
die rauhen Saporoger lachten nur, als sie die mit Schuhen und Strmpfen
bekleideten Fe der Juden in der Luft herumzappeln sahen.

Der arme Redner, der durch seine Worte das Unglck selbst
heraufbeschworen hatte, wand sich aus dem Kaftan heraus, bei dem man ihn
bereits gepackt hatte, warf sich in seinem scheckigen und engen Kamisol
Bulba zu Fen und flehte ihn mit jmmerlicher Stimme an: Groer,
erlauchter Herr! Ich habe Euern Bruder gekannt, den seligen Dorosch! Er
war die Zierde des ganzen Rittertums. Ich habe ihm achthundert Zechinen
gegeben, als er Geld brauchte, um sich aus der Gefangenschaft der Trken
auszulsen!

Du kanntest meinen Bruder? fragte Bulba.

Bei Gott, ich kannte ihn! Was war das fr ein gromtiger Herr!

Und wie heit du?

Jankel.

Gut, sagte Tara und wandte sich nachdenklich an die Kosaken. Wenn es
sein mu, werden wir immer noch genug Zeit haben, den Juden aufzuknpfen
-- jetzt aber berlat ihn mir.

Mit diesen Worten fhrte Tara ihn zu seinem Wagen, neben dem seine
Kosaken standen. Nun, krieche unter den Wagen, bleib dort liegen und
rhr dich nicht vom Fleck; und ihr, Brder, lat mir den Juden nicht
entweichen!

Hierauf begab er sich nach dem Platz, wo die ganze Schar bereits
versammelt war. Alle hatten das Ufer und die Arbeit an den Khnen
augenblicklich verlassen, stand doch jetzt ein Kriegszug zu Lande und
nicht zu Wasser bevor, und man bedurfte der Schiffe und der Kosakenboote
nicht mehr, wohl aber der Wagen und Pferde. Jetzt wollten alle mit in
den Krieg, Alt und Jung; im Einverstndnis mit dem Rate der ltesten,
dem Hetman, den Hauptleuten und dem ganzen Heer der Saporoger beschlo
man, direkt nach Polen zu ziehen, um sich fr alles Bse, fr die
Schndung des heiligen Glaubens und der Kosakenehre, zu rchen, in den
eroberten Stdten Beute zu machen, Drfer und Scheunen in Brand zu
setzen und berall in der Steppe seinen Ruhm zu verbreiten. Alles
rstete und bewaffnete sich. Der Hetman schien um mehrere Zoll gewachsen
zu sein. Das war nicht mehr der schchterne Vollstrecker der launischen
Wnsche eines ungezhmten Volkes; das war ein unbeschrnkter Gebieter,
ein Despot, der nur zu befehlen verstand. Alle die eigenwilligen und
stolzen Ritter standen bewegungslos in Reih und Glied mit ehrerbietig
gesenkten Kpfen, und keiner erhob die Augen, wenn der Hetman Befehle
erteilte. Er tat es ruhig, ohne viel Geschrei und ohne sich zu
bereilen, aber bedchtig wie ein alter, vielerfahrener Kosak, der nicht
zum erstenmal einen klug erdachten Plan zur Ausfhrung bringt.

Seht euch um, seht euch recht gut um, sagte er, bringt die Wagen und
Teereimer in Ordnung, prft eure Gewehre. Nehmt nicht zu viel Kleidung
mit euch: ein Hemd und zwei Paar Hosen pro Mann und einen Topf mit
Hirsebrei -- keiner soll mehr bei sich fhren. In den Wagen wird schon
soviel Vorrat sein, als unbedingt ntig ist. Jeder Kosak soll ein Paar
Pferde mit sich fhren, auch nehmen wir zweihundert Paar Ochsen mit, da
wir ihrer bei den Furten und in den morastigen Gegenden bedrfen
knnten. Und, werte Herren, haltet vor allem auf Ordnung! Ich wei, da
es einige unter euch gibt, die, sobald Gott eine reiche Beute schickt,
sich sofort die Fe in Nanking und Seide hllen. Lat euch nicht vom
Teufel verfhren, werft allen Tand fort und nehmt euch hchstens ein
Gewehr mit, wenn es gut ist, und ein paar Dukaten oder etwas Silbergeld
-- das sind Dinge, die nicht viel Raum einnehmen und die man immer
gebrauchen kann.

Und das sage ich euch im voraus, werte Herren: sollte sich jemand von
euch whrend des Feldzuges betrinken, so lasse ich ihn ohne jedes
Gerichtsverfahren, wie einen Hund beim Genick packen, an den Wagen
binden, und -- mag er der tapferste Kosak sein -- er wird sofort wie ein
Hund erschossen und ohne Begrbnis den Vgeln zum Fra berlassen, denn
jemand, der sich im Feldzug betrinkt, ist eines christlichen
Begrbnisses unwrdig. Ihr aber, ihr jungen Mnner, gehorcht in allem
den Alten. Wenn euch eine Kugel trifft oder ein Sbel euch am Kopf oder
sonstwo verwundet: legt dem keine groe Bedeutung bei; mischt eine
Ladung Pulver in einem Becher Schnaps, trinkt ihn mit einem Satz aus,
und alles geht vorber, ohne jedes Fieber; oder wenn die Wunde nicht gar
zu gro ist, so legt einfach etwas Erde darauf, nachdem ihr sie erst auf
der Handflche mit etwas Speichel verrieben habt: dann heilt sie bald
zu. Und nun, an eure Arbeit, ihr Jungen, an die Arbeit, aber ohne Eile
und mit Bedacht!

So sprach der Hetman, und sobald er seine Rede beendet hatte, machten
sich alle Kosaken sofort an ihre Arbeit. Die ganze Sjetsch wurde
nchtern und nirgends war ein Betrunkener mehr zu sehen, als htte es
unter den Kosaken nie welche gegeben. Die einen brachten die Rderreifen
in Ordnung und ersetzten die alten Wagenachsen durch neue, andere trugen
Scke mit allerhand Vorrten in die Wagen oder luden Waffen auf, andere
wieder trieben die Pferde und Ochsen zusammen. Von allen Seiten hrte
man das Stampfen der Pferde, das Einschieen der Gewehre, das Klirren
der Sbel, das Gebrll der Ochsen, das Knarren der schwerbepackten Wagen
und das laute Schreien und Rufen der Krieger. Bald dehnte sich das
Kosakenlager ber das ganze Feld aus. Und der htte lange laufen knnen,
der es von Anfang bis Ende htte durchqueren wollen. In der kleinen
Holzkirche hielt der Geistliche einen Gottesdienst ab und besprengte
alle mit Weihwasser, und alle kten das Kreuz. Als das Lager sich in
Bewegung setzte und aus der Sjetsch hinauszog, da sahen sich alle
Saporoger noch einmal um. Leb wohl, du, unsere Mutter, riefen sie fast
einstimmig, mge dich Gott vor jedem Unglck bewahren!

Als sie durch die Vorstadt zogen, bemerkte Tara Bulba, da der Jude
Jankel sich bereits wieder eine Bude mit einem Schutzdach eingerichtet
hatte und Feuersteine, Decken, Pulver und allerlei ntzliche Dinge, die
ein Heer im Kriege brauchen kann, ja sogar Zwieback und Brot feilbot.
So ein Teufelskerl dieser Jude, dachte Tara, sprengte an ihn heran
und sagte: Du Narr, was sitzt du hier? Willst du, da man dich wie
einen Sperling niederschiet?

Jankel trat vorsichtig zu ihm heran, machte ihm mit beiden Hnden
allerhand Zeichen, als wolle er ihm ein Geheimnis mitteilen, und sagte:
Wenn der Herr nur schweigen und es sonst keinem sagen wollte; unter den
Kosakenwagen befindet sich einer, der mir gehrt, ich fhre allerlei
ntzliche Dinge fr die Kosaken mit, und will euch unterwegs den
Proviant so billig liefern, wie noch nie ein anderer Jude; bei Gott, es
ist so, so wahr mir Gott helfe!

Tara Bulba zuckte die Achseln; er wunderte sich ber die zhe, flinke
Natur des Juden und ritt ins Lager zurck.


                           Fnftes Kapitel

Bald war der ganze Sdwesten Polens eine Beute des Schreckens. berall
erklang der Ruf: Die Saporoger, die Saporoger sind gekommen! Alles was
sich in Sicherheit bringen konnte, tat es. Alles machte sich auf und
davon, wie es in jenem barbarischen, sorglosen Zeitalter Sitte war, wo
man weder Festungen noch Burgen kannte, und wo der Mensch sich seine
Strohhtte an dem ersten besten Ort baute. Man dachte: es hat ja doch
keinen Sinn, Arbeit und Geld an ein Haus zu wenden, wenn der Tatar es ja
doch zerstrt. Alles geriet in Bewegung und Unruhe; der eine vertauschte
Pflug und Heerde gegen Pferd und Flinte und trat in das Heer ein, ein
anderer versteckte sich und sein Vieh und trug fort, was er tragen
konnte. Gewi stie man hin und wieder auch auf solche, die die Gste
mit der Waffe in der Hand empfingen, aber die weitaus grere Zahl
entfloh schon vorher. Alle wuten es, da es eine schwere Sache ist,
sich mit jenem wilden und kriegerischen Haufen einzulassen, der den
Namen des Saporoger Heeres trug, und der trotz seiner uerlichen
Willkr und Unordnung eine Ordnung zu halten wute, wie sie in der
Schlacht erforderlich ist. Die Reiter berlasteten und erhitzten ihre
Pferde nicht; die Fugnger schritten nchtern hinter den Wagen her; das
ganze Feldlager bewegte sich nur nachts vorwrts, bei Tage ruhte es aus
und zwar auf freien und unbewohnten Pltzen und Wldern, die damals noch
im berflu vorhanden waren. Man sandte Kundschafter und Spione voraus,
um sich ber die jeweilige Lage zu unterrichten. Oft tauchte die ganze
Schar gerade an den Orten auf, wo man sie am wenigsten erwartete -- und
dann sagten alle dem Leben Ade. Die Drfer wurden an allen Ecken und
Enden angezndet; das Vieh und die Pferde, die dem Heere nicht folgen
konnten, wurden an Ort und Stelle niedergemacht. Es schien, als ob die
Kosaken es mehr auf ein schwelgerisches Leben abgesehen hatten, als auf
einen Feldzug. Die Haare stehen einem noch heute zu Berge, wenn wir uns
jene schrecklichen Zeichen der Grausamkeit eines halbwilden Zeitalters
ins Gedchtnis rufen, wie sie die Saporoger berall offenbarten.
Erschlagne Suglinge, Frauen mit abgeschnittenen Brsten, das waren ihre
Heldentaten; und wenn sie jemand in Freiheit setzten, zogen sie ihm
vorher bis zu den Knien die Haut von den Fen ab. Kurz, die Kosaken
zahlten ihre frheren Schulden mit harter Mnze heim. Als der Abt eines
Klosters hrte, da sie im Anzuge seien, sandte er ihnen zwei Mnche
entgegen und lie ihnen sagen, sie handelten nicht so, wie es sich
gehre; zwischen den Saporogern und der Regierung sei Frieden
geschlossen, daher verletzten sie ihre Pflicht gegen den Knig und
zugleich damit das Vlkerrecht. Hierauf erwiderte ihnen der Hetman:
Sage deinem Erzbischof in meinem und aller Saporoger Namen, da er
nichts zu befrchten hat, die Kosaken znden sich ja blo ihre Pfeifen
an.

Bald war die majesttische Abtei von vernichtenden Flammen erfat, und
die mchtigen gotischen Fenster schauten dster durch das lodernde
Glutmeer. Flchtige Haufen von Mnchen, Juden und Frauen erfllten
pltzlich alle Stdte, in denen nur ein Schein von Hoffnung auf die
Garnison und die stdtische Besatzung bestand. Die von der Regierung von
Zeit zu Zeit, aber meist immer zu spt zu Hilfe gesandten Detachements
fanden die Kosaken entweder nicht oder gaben bei dem ersten Zusammensto
Fersengeld und flchteten sich auf ihren wackeren Pferden. Es kam auch
vor, da einige knigliche Heerfhrer, die in frheren Schlachten
siegreich geblieben waren, beschlossen, sich den Saporogern mit
vereinten Krften entgegenzustellen. Das aber waren gerade die
Gelegenheiten, in denen die jungen Kosaken ihre Krfte prften: sie
verabscheuten die Geldgier und die Nichtswrdigkeiten gegenber dem
wehrlosen Feind, hier aber brannten sie vor Verlangen, sich vor den
Alten auszuzeichnen und sich Mann gegen Mann im offenen Kampfe mit dem
kecken und prahlerischen Polen zu messen, der auf seinem stolzen Ro im
prchtigen, vom Winde geblhten Mantel mit den herabhngenden rmeln
angesprengt kam.

Das war eine frhliche Wissenschaft; sie hatten schon viel reiches
Pferdegeschirr, kostbare Sbel und Gewehre erbeutet. Im Verlauf eines
Monats hatten die Jnglinge alles Knabenhafte abgelegt, und die kaum
flgge gewordenen Jungen waren zu Mnnern herangereift; ihre
Gesichtszge, die bisher eine gewisse jugendliche Sanftheit aufwiesen,
waren nun streng und ernst. Der alte Tara sah mit Freuden, wie seine
beiden Shne berall die ersten waren. Ostap schien schon in der Wiege
dazu bestimmt zu sein, ein Kmpferdasein zu fhren, und Heldentaten zu
verrichten. Nichts brachte ihn in Verwirrung oder lie ihn den Kopf
verlieren; mit einer fr einen zweiundzwanzigjhrigen Jngling fast
unverstndlichen Kaltbltigkeit wute er im Augenblick die Gefahr und
die Sachlage zu berblicken; und er fand auch sofort ein Mittel, der
Gefahr auszuweichen, aber so da er sie um so sicherer berwand. Seine
Bewegungen zeigten schon Erfahrung und Selbstvertraun: man erkannte in
ihm sofort den zuknftigen Fhrer. Sein Krper schwoll von Kraft; und
seine ritterlichen Tugenden hatten etwas von der gewaltigen Kraft des
Lwen.

Oh, der wird mit der Zeit noch ein tchtiger Hetman werden, sagte der
alte Bulba, ja, ja, das gibt einen ausgezeichneten Feldherrn ab, der
stellt noch den Vater in Schatten.

Andrij war wie bezaubert von der wundervollen Musik der Kugeln und
Schwerter. Er kannte die Bedeutung des berlegens, Berechnens und des
Ausmessens der eignen und fremden Krfte nicht. Die Schlacht war ihm ein
tolles, wonniges Vergngen, und ihm war in solchen Augenblicken zumute,
wie einem Menschen bei einem Feste, wenn das Gesicht glht, alles vor
den Augen schwirrt und durcheinandergeht, die Schdel herabsausen, die
Rosse drhnend zu Boden strzen, und er wie trunken im Lrm der Kugeln
und zwischen blitzenden Sbeln dahinfliegt, und nach allen Seiten um
sich haut, ohne selbst die Hiebe zu empfinden, die er empfngt. Oft
genug wunderte sich der Vater auch ber Andrij, wenn er sah, wie er, von
seiner wilden Leidenschaft hingerissen, sich an Dinge wagte, die ein
Kaltbltiger und berlegender stets gemieden htte, und in seinem
rasenden Draufgngertum Wunder verrichtete, ber die selbst alte in
Schlachten ergraute Kosaken in Staunen geraten muten. Dann bewunderte
ihn der alte Tara und sagte wohl: Auch er ist ein tchtiger Krieger --
der Feind vermag nichts gegen ihn. Er ist kein Ostap, aber doch ein
tchtiger, ein sehr tchtiger Krieger.

Man hatte beschlossen, direkt gegen die Stadt Dobno zu marschieren, die,
wie es hie, reiche Schtze barg und begterte Brger beherbergte. In
anderthalb Tagen war der Weg zurckgelegt, und die Saporoger standen
bereits vor der Stadt. Die Einwohner hatten beschlossen, sich bis zum
letzten Blutstropfen, ja bis zum uersten zu verteidigen, und wollten
lieber auf den Mrkten und an den Schwellen ihrer Huser sterben, als
den Feind in ihr Heim hineinlassen. Ein groer Erdwall umgab die Stadt;
wo er zu niedrig war, da erhob sich eine steinerne Mauer, oder ein Haus,
das als Batterie diente, oder endlich ein aus eichenen Bohlen
errichteter Zaun. Die Besatzung war stark und empfand die ganze
Bedeutung der Lage. Die Saporoger hatten schon einen wilden Sturm gegen
den Wall versucht, aber ein Karttschenfeuer prasselte auf sie herab.
Auch die Brger und die sonstigen Stadtbewohner schienen die Hnde nicht
in den Scho legen zu wollen und eilten in Massen auf die Stadtmauern.
Der feste Wille zu einem verzweifelten Widerstand war in ihren Augen zu
lesen: die Frauen beschlossen ebenfalls, an der Verteidigung
teilzunehmen, warfen Steine, Fsser und Tpfe voll siedendem Pech auf
die Kpfe der Saporoger und schtteten zuletzt Scke voll Sand ber sie
aus, die ihnen die Augen blendeten. Die Saporoger hatten es nicht gern
mit Festungen zu tun, Belagerungen waren eben ihre Sache nicht. Der
Hetman ordnete daher den Rckzug an und sagte: Genug, werte Herren und
Brder, wir ziehen uns zurck. Aber ihr sollt mich einen schlechten
Tataren und nicht einen Christen nennen, wenn wir auch nur einen aus der
Stadt herauslassen. Mgen sie alle vor Hunger krepieren, die Hunde! Das
Heer zog sich zurck, umzingelte die Stadt und begann zum Zeitvertreib
die Umgebung zu verwsten. Man zndete die umliegenden Drfer und die
noch nicht eingebrachten Getreidehaufen an und hetzte die Pferde in
Massen auf die von der Sichel noch unberhrten Felder, auf denen sich
wie zum Trotze fette hren wiegten -- die Frucht eines auerordentlich
guten Jahres, das den Bauern eine reichliche Ernte versprach. Voller
Schrecken sahen die Brger in der Stadt, wie ihre Existenzmittel
vernichtet wurden. Unterdessen hatten die Saporoger ihre Wagen in zwei
Reihen um die Stadt gezogen, und gerade so wie in der Sjetsch in
einzelnen Quartieren ihr Lager aufgeschlagen; sie rauchten ihre Pfeifen,
tauschten miteinander ihre erbeuteten Waffen aus, spielten Bockspringen,
Gerade und Ungerade, wie sichs traf, und noch andere Glcksspiele und
blickten hie und da mit geradezu mrderischer Kaltbltigkeit nach der
Stadt hin. Nachts wurden Feuer angezndet, jedes Quartier kochte sich
seinen Brei in mchtigen kupfernen Kesseln, und die Wachen, die die
ganze Nacht kein Auge schlieen durften, standen um das Feuer herum.

Bald aber wurden den Saporogern die Tatenlosigkeit und die andauernde
Nchternheit, der keine Unternehmungen das Gleichgewicht hielten,
langweilig. Der Hetman ordnete sogar an, eine doppelte Ration Wein
auszuteilen, wie es im Heer hin und wieder zu geschehen pflegte, wenn
keine Schlachten oder sonstige schwierige Unternehmungen bevorstanden.
Den jungen Kosaken und besonders Tara Bulbas Shnen gefiel ein solches
Leben ganz und gar nicht. Andrij war die Ungeduld schon von weitem
anzusehen. Du unvernnftiger Bursche, sagte Tara zu ihm, hab Geduld,
Kosak! -- und du wirst Hetman! Nicht der ist ein guter Krieger, der nur
in schwierigen Lagen den Kopf oben behlt, sondern der, der den Mut
nicht sinken lt, auch wenn es nichts zu tun gibt, der alle Dinge
ertrgt und endlich doch seinen Willen durchsetzt. Aber ein feuriger
Jngling versteht einen Greis nicht so leicht: ihre Natur ist zu
verschieden, und sie sehen die gleiche Sache mit ganz andern Augen an.

Inzwischen aber war Tara' Aufgebot unter Towkatschs Fhrung angekommen,
und mit ihm zwei Hauptleute, ein Schreiber und andere Offiziere; die
Gesamtzahl der Kosaken betrug jetzt mehr als viertausend. Darunter
befanden sich auch viele Freiwillige, die ganz von selbst auf das bloe
Gercht von den Kmpfen und ungerufen zu ihnen gestoen waren. Die
Hauptleute brachten Tara' Shnen den Segen der alten Mutter und je ein
Heiligenbild aus Zedernholz aus dem Meschigorski-Kloster von Kiew mit.
Beide Brder hingen sich die heiligen Bilder um den Hals und verfielen
unwillkrlich in Trumereien, als sie so an die alte Mutter erinnert
wurden. Was prophezeite, was verhie dieser Segen? Den Sieg ber den
Feind, eine reiche Beute und frohe Rckkehr in die Heimat, ewige
Preisgesnge der Lautenspieler -- oder ...? Aber die Zukunft kennt
keiner -- und wie Herbstnebel, der aus dem Sumpf emporsteigt, liegt sie
vor dem Menschen: blind fliegen die Vgel, ngstlich mit den Flgeln
schlagend, hin und her, sie erkennen einander nicht -- das Tubchen
nicht den Habicht und der Habicht nicht das Tubchen -- und niemand
wei, ob nicht das Verderben schon auf ihn wartet, whrend er weiter
fliegt ...

Ostap beschftigte sich wieder mit seinen Angelegenheiten und lebte sein
gewhnliches Lagerleben, aber Andrij empfand -- er wute selbst nicht
warum -- eine gewisse Unruhe im Herzen. Die Kosaken hatten ihr
Abendessen bereits eingenommen, das Abendrot war lngst verglht, und
die Luft war voll von der Pracht einer wundervollen Julinacht. Allein
Andrij suchte sein Lager nicht auf, er legte sich nicht schlafen und
versenkte sich unwillkrlich in das Bild, das sich vor ihm ausbreitete.
Am Himmel leuchteten viele Sterne voll weien und khlen Glanzes auf.
Das Feld war ber eine weite Strecke hin mit Wagen bedeckt, die allerlei
schne Dinge und den Proviant bargen, den man dem Feinde geraubt hatte,
und an denen mit Teer gefllte Eimer hingen. Neben und unter den Wagen,
und nicht weit davon entfernt lagen die Saporoger weit ausgestreckt auf
dem Grase. Sie waren in den verschiedensten, malerischsten Stellungen
eingeschlafen: der eine hatte sich ein Bndel, der andere die Mtze
unter den Kopf geschoben, ein dritter benutzte einfach den Krper seines
Kameraden als Kissen. Neben jedem Kosaken lag ein Sbel, eine Bchse,
eine kurze Pfeife mit Kupferbeschlag und einem eisernen Stbchen, sowie
ein Feuerstein. Schwerfllige Ochsen lagen, die Beine unter den Krper
gezogen, auf dem Felde, und ihre groen weilichen Massen glichen von
ferne grauen Felsblcken, die auf den abschssigen Feldern verstreut
lagen. Von allen Seiten ertnte das Schnarchen der auf dem Grase
ruhenden Krieger, dem vom Felde her die ber ihre Fesselung unwilligen
Hengste mit lautem Gewieher antworteten.

Diese Julinacht bot indessen auch majesttische und drohende Bilder dar:
den Widerschein der brennenden Drfer im Umkreis. Hier stieg die Flamme
stolz und kniglich zum Himmel auf, dort loderte sie pltzlich -- von
neuer Nahrung gespeist -- wie ein entfesselter Wirbel pfeifend bis zu
den Sternen empor, und ihre Funken erloschen erst fern am Horizont.
Drohend wie ein Karthuser Mnch stand das abgebrannte schwarze Kloster
da und lie bei jedem Aufleuchten des Feuers seine ganze dstere Gre
sehen; etwas weiter brannte der Klostergarten, man glaubte die in Rauch
gehllten Bume prasseln zu hren, und, so oft die Flammen
hervorzngelten, fiel ihr Schein pltzlich mit violettem,
phosphoreszierendem Licht auf die reifen Pflaumenbschel oder
verwandelte hie und da die gelben Birnen in eitel Gold, bisweilen aber
tauchte gleich einer schwarzen Masse der elende Krper eines an einem
Baumast oder an einer Mauer hngenden Juden oder Mnches auf, der
zugleich mit dem Gebude seinen Untergang gefunden hatte. In gemessener
Entfernung umkreisten Vgel, die kleinen schwarzen Kreuzen auf einem
feuerroten Felde glichen, den Brandherd.

Die umzingelte Stadt schien im Schlaf versunken, ihre Trme, Dcher,
Zune und Mauern leuchteten stumm im Widerschein der fernen Brnde ...
Andrij schritt durch die Reihen der Kosaken. Die Scheiterhaufen, an
denen die Wchter saen, drohten jeden Augenblick zu verlschen, und die
Wchter selbst waren eingeschlafen, nachdem sie ihren krftigen
Kosakenappetit reichlich befriedigt hatten. Er wunderte sich nicht wenig
ber ihre Sorglosigkeit und dachte darber nach, wie gut es doch sei,
da kein starker Feind in der Nhe und da nichts zu frchten wre.
Endlich nherte auch er sich einem der Wagen, kletterte hinauf und legte
sich auf den Rcken, nachdem er die gefalteten Hnde unter den Kopf
geschoben hatte. Aber er konnte nicht einschlafen und blickte lange zum
Himmel empor, der sich in seiner ganzen Unendlichkeit offen vor ihm
ausbreitete; die Luft war rein und durchsichtig, das Sternenheer, das
die Milchstrae bildete, zog sich schrg gleich einem Grtel ber den
Himmel hin, und alles war wie mit Licht berflutet. Von Zeit zu Zeit
schien Andrij alles zu vergessen, ein leichter Schlummer verhllte wie
ein Nebel den Himmel, der sich jedoch bald wieder aufklrte und ganz
sichtbar wurde.

Mit einem Male war es ihm, als nhere sich ihm ein sonderbares
menschliches Gesicht. Er glaubte natrlich, es sei ein Traum, der sich
gleich wieder verflchtigen werde, ffnete die Augen weit und sah, da
sich wirklich ein welkes und verhrmtes Gesicht ber ihn gebeugt hatte
und ihm in die Augen starrte. Lange, kohlschwarze, ungekmmte
Haarstrhnen krochen wild aus dem dunklen, leicht bergeworfenen
Kopftuch hervor. Das sonderbare Leuchten des Auges und die totenhafte
Blsse des mageren Antlitzes mit den scharf hervortretenden Zgen
verstrkten seine Meinung, ein Gespenst vor sich zu haben. Unwillkrlich
griff er nach der Flinte und stie fast krampfhaft hervor:

Wer bist du? Bist du ein Teufel, so hebe dich weg, weit fort aus meinen
Augen, bist du aber ein Mensch, so scherzest du zur Unzeit, ich nehme
mein Gewehr und schiee dich nieder!

Statt jeder Antwort legte die Erscheinung den Finger an den Mund und
schien hierdurch um Schweigen zu flehen. Er lie den Arm sinken und
begann, sie aufmerksamer zu betrachten. An den langen Haaren, dem Hals,
der braunen halbentblten Brust erkannte er eine Frau. Sie schien eine
Auslnderin zu sein: ihr Gesicht hatte eine gelblich-braune Farbe und
war durch Krankheit vllig abgemagert, die breiten Knochen traten stark
unter den eingefallenen Wangen hervor; der schmale Schlitz der
Augenlider stieg bogenfrmig nach oben empor. Je lnger er sie
betrachtete, um so bekannter schienen ihm ihre Zge. Endlich hielt er es
nicht mehr aus und fragte:

Sprich, wer bist du? Ich glaube, dich schon einmal gekannt oder gesehen
zu haben?

Vor zwei Jahren in Kiew ....

Vor zwei Jahren in Kiew, wiederholte Andrij und suchte sich an alles
zu erinnern, was sein Gedchtnis ihm aus seiner Seminarzeit noch
aufbehalten hatte. Noch einmal fate er sie fest ins Auge und pltzlich
schrie er laut auf: Du -- du bist die Tatarin! Die Zofe des Fruleins,
der Tochter des Wojewoden!

Pst! machte die Tatarin, faltete flehend die Hnde und sah sich
zitternd um, ob nicht etwa jemand durch Andrijs lauten Schrei erwacht
sei.

Sprich doch, sprich doch, weshalb bist du hier, flsterte ihr Andrij
beinah atemlos zu, die innere Erregung lie ihn jeden Augenblick inne
halten. Wo ist das Frulein? Lebt sie noch?

Sie ist hier, in der Stadt!

In der Stadt? wiederholte er und htte beinah aufgeschrien; er fhlte
wie sein ganzes Blut pltzlich zum Herzen strmte, warum ist sie in der
Stadt?

Weil der alte Herr dort ist, er ist seit anderthalb Jahren Wojewode in
Dubno.

Und ist sie verheiratet? So sprich doch, sprich! Wie merkwrdig du
bist! Was macht sie jetzt?

Sie hat seit zwei Tagen nichts mehr gegessen!

Was?

Die Einwohner unserer Stadt haben schon lange kein Stck Brot mehr
gesehen, sie nhren sich nur noch von Erde ...

Andrij erstarrte vor Entsetzen.

Das Frulein hat dich von der Stadtmauer aus bei den Saporogern gesehen
und mir den Auftrag gegeben: Geh und sag dem Ritter: wenn er sich
meiner erinnert, soll er zu mir kommen, wenn nicht -- so soll er dir ein
Stck Brot fr meine alte Mutter geben -- ich kann nicht sehen, wie
meine Mutter vor meinen Augen stirbt. Es ist besser, ich sterbe zuerst
und dann sie. Bitte ihn, umschlinge seine Knie und ksse seine Fe; er
hat auch eine alte Mutter, er soll mir um ihretwillen ein Stck Brot
geben.

Die widerstreitendsten Gefhle erwachten in Andrij und bewegten die
Brust des jungen Kosaken.

Wie ist dir's nur gelungen, hierher zu kommen?

Ich habe einen unterirdischen Gang benutzt.

Gibt es denn einen unterirdischen Gang hierher?

Ja.

Wo ist er?

Wirst du uns auch nicht verraten, Ritter?

Ich schwre dir's beim heiligen Kreuz.

Man geht erst am Ufer entlang und berschreitet das Flchen an der
Stelle, wo das viele Schilf wchst.

Und er fhrt direkt in die Stadt hinein?

Gerade in das stdtische Kloster.

Komm, komm, la uns sogleich gehn.

Aber um Christi und der heiligen Jungfrau willen -- erst ein Stck
Brot!

Schon gut, du sollst es haben. Bleib hier am Wagen stehen, oder besser,
leg dich hinein, so wird dich niemand sehen, alle schlafen, ich komme
gleich zurck.

Und er eilte zu dem Wagen, in dem die Vorrte seiner Truppe aufbewahrt
wurden. Sein Herz klopfte zum Zerspringen. Die ganze Vergangenheit,
alles, was durch das stndige Lagerleben, durch das rauhe Soldatendasein
betubt war -- erwachte auf einmal wieder und lie ihn die Gegenwart
vllig vergessen. Wieder tauchte die stolze Frau wie aus dunklen
Meeresfluten vor ihm empor, wieder leuchteten ihre herrlichen Arme in
seinem Innern auf, ihre Augen, ihre lachenden Lippen, die dichten,
dunkelbraunen Haare, die in krausen Locken ber ihren Busen fielen --
die festen, schngeformten Glieder ihrer jungfrulichen Gestalt. Nein,
dieses Bild war nie aus seinem Herzen geschwunden, es hatte nur fr
einige Zeit andern mchtigen Gefhlen Platz machen mssen, aber hufig
genug hatte es den tiefen Schlaf des jungen Kosaken beunruhigt, und oft
lag der Erwachte schlaflos auf seinem Lager, ohne sich den Grund hierfr
erklren zu knnen ...

Er ging, sein Herz klopfte bei dem Gedanken, sie wieder zu sehen, immer
strker und strker, und seine jungen Knie wankten unter ihm. Als er die
Wagen endlich erreicht hatte, wute er nicht mehr, weshalb er gekommen
war; er fuhr sich mit der Hand ber die Stirn und versuchte es, sich an
das zu erinnern, was er eigentlich beabsichtigte. Endlich zuckte er
zusammen, ein wilder Schrecken erfllte ihn; pltzlich kam es ihm in den
Sinn, da sie vor Hunger stirbt. Schnell lief er zu dem Wagen heran und
steckte sich mehrere groe schwarze Brote unter den Arm; aber da ergriff
ihn ein Zweifel, ob diese Nahrung, die wohl fr einen krftigen, nicht
sehr whlerischen Saporoger gengen mochte, fr ein so zartes Wesen wie
sie nicht zu grob und zu schwer sein wrde. Er erinnerte sich, da der
Hetman die Kosaken, denen die Bereitung des Breis oblag, noch gestern
ausgescholten hatte, weil sie das ganze Buchweizenmehl verbraucht
hatten, obwohl es fr drei Mahlzeiten ausgereicht htte. Fest davon
berzeugt, da er noch gengend Brei finden wrde, holte er den
Feldkessel seines Vaters hervor und ging damit zum Koch seiner
Abteilung, der zwischen zwei Kesseln schlief, die wohl zehn Eimer fassen
mochten und unter denen noch die Asche glimmte. Als er in die Kessel
hineinblickte, sah er zu seinem Erstaunen, da beide leer waren. Die
Kosaken muten geradezu unmenschliche Krfte entwickelt haben, um alles
aufzuessen, zumal seine Abteilung weniger Krieger zhlte als die andern.
Er blickte auch in die Kessel der anderen Abteilungen hinein, es war
alles leer. Unwillkrlich fiel ihm das Sprichwort ein: Die Saporoger
sind wie Kinder: ist wenig da, so begngen sie sich mit wenig, ist viel
da, so lassen sie nichts brig. brigens mute sich im Wagen seines
Vaters noch ein Sack mit Weibrot befinden, den man bei der Plnderung
der Klosterkche entdeckt hatte. Er ging geradewegs zum vterlichen
Wagen, aber er fand den Sack nicht mehr vor. Ostap hatte ihn sich unter
den Kopf gelegt und schnarchte, auf der Erde ausgestreckt, so laut, da
es durch das ganze Feld schallte. Andrij ergriff den Sack mit einer Hand
und ri ihn unter Ostaps Kopf hervor, soda dieser auf den Boden sank.
Ostap fuhr schlaftrunken auf und schrie mit geschlossenen Augen aus
voller Kehle: Greift, greift den verfluchten Polen, greift ihn, fangt
doch sein Pferd, fangt sein Pferd! Halt den Mund, sonst schlag ich
dich tot, rief Andrij voller Schrecken und wollte mit dem Sack
dreinschlagen. Aber Ostap war ohnehin schon wieder verstummt und
schnarchte so laut, da sich das Gras, auf dem er schlief, unter seinen
Atemzgen hin- und herbewegte. Andrij sah sich scheu nach allen Seiten
um, um sich darber zu vergewissern, ob nicht Ostaps Geschrei einen von
den Kosaken aufgeweckt htte. In dem benachbarten Lager hatte sich in
der Tat ein zottiger Kopf aufgerichtet und sah sich um, sank jedoch
gleich wieder zu Boden. Andrij wartete noch zwei Minuten und zog dann
mit seiner Last ab. Die Tatarin lag noch immer mit krampfhaft
angehaltenem Atem auf dem Wagen.

Steh auf, komm! Alle schlafen, frchte dich nicht! Kannst du vielleicht
eins von diesen Broten tragen, wenn ich keinen Platz fr sie alle finden
sollte? Mit diesen Worten lud er sich die Scke auf den Rcken, nahm,
als sie an einem Wagen vorbeigingen, noch einen Sack mit Hirse mit,
ergriff selbst die Brote, die er der Tatarin zum Tragen geben wollte,
und schritt dann, von seiner Last ein wenig zusammengebeugt, mutig durch
die Reihen der schlafenden Saporoger hindurch.

Andrij! rief der alte Bulba in dem Augenblick, als der Sohn an ihm
vorbeikam. Sein Herz stockte, er blieb stehen und fragte zitternd: Was
willst du?

Du hast ein Weib bei dir! Wenn ich aufstehe, prgle ich dich durch, so
gro du bist. Die Weiber fhren einen nie zum Guten!

Und mit diesen Worten sttzte er den Kopf in die Hand und betrachtete
aufmerksam die in ihr Tuch eingehllte Tatarin.

Andrij stand mehr tot wie lebendig daneben. Er hatte nicht den Mut,
seinem Vater ins Gesicht zu blicken. Doch als er endlich die Augen zu
erheben wagte und ihn ansah, hatte der alte Bulba wieder den Kopf auf
die Hand gesttzt und schlief.

Andrij schlug ein Kreuz. Der Schrecken wich ebenso schnell aus seinem
Herzen, wie er gekommen war. Als er sich nach der Tatarin umwandte, sah
er sie in ihr schwarzes Tuch gehllt, unbeweglich wie eine Granitsule
vor sich stehen, und der Widerschein der fernen Feuersbrunst spiegelte
sich in ihren Augen, die starr waren wie die einer Toten. Er zupfte sie
am rmel, und beide gingen, sich unablssig umschauend, zusammen
vorwrts, bis sie endlich an einem Berghang vorbei in ein tiefes Tal
oder an eine Bschung gelangten, auf deren Grunde sich ein Flchen
trge dahinschlngelte; das Tal war mit Riedgras bewachsen und mit
zahlreichen kleinen Erdhgeln berst. Nachdem sie die Schlucht betreten
hatten, konnten sie von dem Feld aus, auf dem die Saporoger lagerten,
nicht mehr gesehen werden. Wenigstens sah Andrij, als er sich umwandte,
die abschssige Bschung sich hinter ihm gleich einer steilen Wand fast
manneshoch erheben. Auf der Hhe schwankten einige groe Feldblumen hin
und her, und ber ihnen stieg der Mond schrg gleich einer Sichel aus
gemnztem Golde am Himmel empor. Ein leichter aus der Steppe
herabwehender Wind lie vermuten, da es nicht mehr lange bis
Tagesanbruch sei. Aber nirgends ertnte ein ferner Hahnenschrei: es gab
schon seit langer Zeit weder in der Stadt noch in der ausgeplnderten
Umgebung einen Hahn mehr.

Auf einem schmalen Brett berschritten sie den Flu, dessen jenseitiges
Ufer sich noch hher erhob als das andere und in Form eines steilen
Abhanges emporstieg. Es schien dies der strkste und von Natur auch der
sicherste Punkt der stdtischen Befestigungen zu sein; wenigstens war
der Erdwall hier niedriger, und doch war von der Besatzung dahinter
nichts zu sehen. Allerdings erhoben sich dafr in einiger Entfernung die
starken Klostermauern. Das steile Ufer war berall mit Steppengras
bewachsen, und der schmale Raum zwischen ihm und dem Flchen war mit
mannshohem Schilfrohr bedeckt. Oben auf der Bschung sah man die
berreste eines geflochtenen Zauns, der wohl frher einen Gemsegarten
umfriedet hatte; davor wuchsen Disteln mit groen breiten Blttern, aus
welchen Gnsefu, stachelichte Kletten und Sonnenblumen hervorragten,
die ihr Haupt stolz in die Luft streckten. Hier angelangt zog die
Tatarin ihre Schuhe mit den hohen Abstzen aus und ging barfu weiter,
wobei sie sorgfltig ihr Kleid emporhob, denn der Weg wurde jetzt
sumpfig und feucht. Sie bahnten sich mhsam einen Pfad durch das
Rhricht, bis sie vor einem Haufen Reisig und Faschinen haltmachten. Sie
entfernten das Reisig und fanden eine Art Erdhhle, deren ffnung wenig
grer als die eines Backofens war. Die Tatarin bckte sich und ging
voran, Andrij folgte ihr ebenfalls so gebckt wie mglich, um mit seinen
Scken hindurchzukommen, und bald befanden sich beide in vollkommener
Finsternis.


                           Sechstes Kapitel

Andrij vermochte sich in dem finstern schmalen Gang kaum zu bewegen,
zumal er hinter der Tatarin her schleichen mute, und noch dazu mit den
vielen Brotscken vollauf bepackt war. Gleich werden wir wieder sehen,
sagte seine Fhrerin, wir sind schon nahe an der Stelle, wo ich die
Lampe hingestellt habe.

Und in der Tat, die dunklen Wnde begannen sich allmhlich zu erhellen.
Sie erreichten einen kleinen Vorplatz, auf dem sich eine Kapelle zu
befinden schien, wenigstens stand ein schmales Tischchen in der Form
eines Altars an der Wand, ber dem ein vllig verwaschenes und
verblichenes Bild der heiligen Jungfrau angebracht war. Ein kleines
silbernes Lmpchen, das vor ihm hing, beleuchtete es notdrftig. Die
Tatarin bckte sich und hob eine kupferne Lampe vom Boden auf, die sie
hier zurckgelassen hatte und an deren schlankem, schmalem Fu ein
Kettchen mit einer Zange, einer Nadel zum Ordnen des Dochtes und ein
Lschhorn hing. Sie zndete die Lampe an dem Lmpchen vor dem
Heiligenbild an. Die Helligkeit verstrkte sich, und wie sie beide halb
von dem Lichte bestrahlt und halb im tiefsten nachtschwarzen Schatten
dahinschritten, erinnerten sie an eins der Gemlde von Gherardo dalle
Notti. Das frische, von Gesundheit und Jugend strotzende Gesicht des
schnen Kosaken bildete einen schneidenden Gegensatz zu dem erschpften
und bleichen Antlitz seiner Gefhrtin. Der Durchgang verbreiterte sich
allmhlich, so da Andrij in die Hhe zu blicken vermochte. Neugierig
betrachtete er die Erdwnde, die ihn an die Hhlen in Kiew gemahnten.
Ganz wie dort gab es auch hier Nischen in den Wnden, die Srge bargen.
An einigen Stellen lagen menschliche Gebeine verstreut, die infolge der
Feuchtigkeit morsch geworden und zu Staub zerfallen waren. Offenbar
hatten hier einst heilige Anachoreten gelebt, die sich vor den Strmen
der Welt, vor dem Elend und den Versuchungen hierher geflchtet hatten.
Die Feuchtigkeit war so stark, da ihre Fe bisweilen durch Wasser
waten muten. Andrij mute oft stehen bleiben, um seine Gefhrtin
ausruhen zu lassen, die immer wieder von der Mdigkeit berwltigt
wurde. Das winzige Stckchen Brot, das sie gierig verschlungen hatte,
verursachte ihrem der Nahrung fast entwhnten Magen starke Schmerzen,
und oft verharrte sie minutenlang regungslos auf ein und derselben
Stelle.

Endlich erblickten sie eine kleine eiserne Tr. Gott sei Dank, wir sind
zur Stelle, sagte die Tatarin mit schwacher Stimme und erhob ihre Hand,
um ans Tor zu pochen. Aber ihre Kraft versagte. Statt ihrer pochte
Andrij krftig an die Pforte: man hrte sie stark widerhallen, was auf
einen groen, freien Raum hinter der Tre hindeutete. Das Echo wurde
gedmpfter, als ob es auf hohe Wlbungen gestoen sei. Nach zwei Minuten
hrte man einen Schlsselbund rasseln, und es schien, als ob jemand die
Treppe herunterkme. Endlich ffnete sich die Tr: auf der engen Treppe
vor ihnen stand ein Mnch, den Schlsselbund und eine brennende Kerze in
den Hnden. Beim Anblick eines jener katholischen Mnche, die die
Kosaken so haten und verachteten und mit denen sie fast noch
unmenschlicher umzugehen pflegten, als mit den Juden, blieb Andrij
unwillkrlich stehen, und auch der Mnch fuhr einen Schritt zurck, als
er einen Saporoger Kosaken erblickte. Jedoch die Tatarin flsterte ihm
etwas zu, was Andrij nicht verstand, den andern jedoch zu beruhigen
schien. Er leuchtete ihnen voran, schlo die Tr hinter ihnen, fhrte
sie eine Treppe hinauf, und bald befanden sie sich in dem hohen, dunklen
Gewlbe der Klosterkirche. Vor einem der Altre, auf denen hohe Leuchter
mit Kerzen standen, kniete ein Priester und betete leise. Rechts und
links von ihm knieten zwei junge Chorknaben in violetten und mit weien
Spitzen besetzten Megewndern, die Rauchfsser in den Hnden
schwingend. Sie flehten den Herrn um ein Wunder an: sie baten ihn, er
mge die Stadt erretten, die mutlos gewordenen Gemter wieder strken,
ihnen Geduld schenken und dem Versucher wehren, der sie mit
Unzufriedenheit, Kleinmut und schwachmtigen Klagen ber die irdischen
Leiden heimsuche. Einige Frauen, die wie Gespenster aussahen, lagen auf
den Knien; sie sttzten oder legten ihre erschpften Hupter auf die
Lehnen der Kirchensthle und die dunklen Holzbnke vor ihnen; auch sah
man einige Mnner, welche traurig an den Sulen und viereckigen
Wandpfeilern, die die Seitenschiffe des Gewlbes trugen, niedergekniet
waren. Das buntbemalte Fenster oberhalb des Altars erglnzte im
rtlichen Licht des Morgenrots und warf hellblaue, gelbe und
andersfarbige Lichtstrahlen auf den Fuboden, die die ganze Kirche
pltzlich mit Licht erfllten. Der Altar in der entfernten Nische schien
wie in Glanz getaucht, und gleich einer regenbogenfarbenen Wolke blieb
der Weihrauch in der Luft hngen. Andrij blickte nicht ohne Bestrzung
aus seiner dunklen Ecke auf das Wunder, das das Licht hier bewirkt
hatte. Im selben Augenblicke durchbrauste das mchtige Rauschen der
Orgel die ganze Kirche, es schwoll strker und strker an, wurde endlich
zu einem gewaltigen Donner und lste sich pltzlich wieder in himmlische
Musik auf und schwebte hoch bis zur Wlbung empor, mit seinen
wunderbaren harmonischen Klngen an zarte Mdchenstimmen gemahnend. Dann
wieder schwoll es zu einem vollen Rauschen und Donner an und verstummte.
Lange noch hallten die mchtigen Klnge zitternd im Gewlbe nach, und
mit halbgeffnetem Munde ergab sich Andrij dem Zauber der gewaltigen
Musik.

Doch da fhlte er, wie ihn jemand an seinem Rockscho zupfte. Es ist
Zeit, sagte die Tatarin. Von niemand bemerkt durchschritten sie die
Kirche und gelangten zu einem Platz, der sich vor ihr befand. Lngst
schon leuchtete das Morgenrot am Himmel, und alles verkndete den
Sonnenaufgang. Der viereckig geformte Platz war vollkommen leer, und nur
die hlzernen Tischchen, die berall herumstanden, wiesen darauf hin,
da hier vielleicht noch vor einer Woche Lebensmittelmarkt abgehalten
worden war. Die Straen, die zu jener Zeit noch nicht gepflastert
wurden, stellten einen groen, eingetrockneten Schmutzhaufen dar. Der
Platz war von kleinen einstckigen Husern aus Stein oder Lehm umgeben,
deren Wnde bis an die Giebel von hlzernen Pfhlen und mchtigen Balken
durchzogen und ihrerseits wieder von Querbalken durchschnitten wurden.
Dies war die Bauart, in der die Bewohner jener Gegend ihre Huser
bauten, wie man das jetzt noch vereinzelt in Polen und Litauen antrifft.
Sie hatten alle unverhltnismig hohe Dcher und eine Unmenge von
Fenstern und Luken. Auf der einen Seite, in der Nhe der Kirche stand
ein Gebude, das alle andern bedeutend berragte und das sich
vollstndig von ihnen unterschied. Wahrscheinlich war es das Rathaus
oder irgend ein anderes stdtisches Gebude. Es hatte zwei Stockwerke
und darber einen Aussichtsturm mit zwei Bogengngen, auf dem ein
Wachtposten hin und her patrouillierte. In das Dach war das groe
Zifferblatt einer Uhr eingefgt. Der Platz war wie ausgestorben, Andrij
kam es jedoch so vor, als hre er ein leises Sthnen. Als er sich umsah,
bemerkte er auf der anderen Seite des Platzes eine Gruppe von zwei bis
drei Menschen, die fast regungslos auf dem Boden lagen. Er betrachtete
sie aufmerksam, um sich zu vergewissern, ob es Schlafende oder Tote
seien und stie pltzlich auf ein Etwas, das zu seinen Fen lag. Es war
der tote Krper einer Frau, offenbar einer Jdin. Sie schien noch ganz
jung zu sein, obgleich ihre entstellten und erschpften Zge keinerlei
Schlsse darber zulieen. Ihr Haupt war in ein rotes Tuch gehllt, ihre
Ohren zierten zwei Reihen Perlen aus Wachs oder Glas, und zwei oder drei
lange krause Locken glitten ihr den eingefallenen Hals mit den
angeschwollenen Adern hinab. Neben ihr lag ein Kind, das die verdorrte
Brust der Mutter krampfhaft in seinen Hnden hielt und sie in
unwillkrlichem Zorn darber, da sie keine Milch mehr gab, immer wieder
mit den kleinen Fingern zusammenprete. Das Kind weinte und schrie nicht
mehr, nur die sich leise hebende und senkende Brust lie daraus
schlieen, da es noch nicht tot oder wenigstens erst im Begriff war,
den letzten Atemzug auszuhauchen. Sie lenkten wieder in die Straen ein
und wurden pltzlich von einem Tobschtigen angehalten, der sich
angesichts der kostbaren Last, die Andrij mit sich schleppte, wie ein
Tiger auf sie warf und sich mit dem Schrei Brot an ihnen
festklammerte. Aber seine Krfte waren schwcher als seine Gier. Andrij
stie ihn zurck, soda er zu Boden fiel. Von Mitleid berwltigt, warf
er ihm eins der Brote zu, auf das sich jener wie ein toller Hund strzte
und es gleich auf der Strae zerbi und zernagte; bald darauf verschied
er jedoch infolge der langen Entbehrungen unter schrecklichen Krmpfen.
Fast bei jedem Schritte wurden sie durch grauenvolle Opfer der
Hungersnot in Schrecken gesetzt. Es schien, als ob viele ihre Qualen zu
Hause nicht ertragen konnten und mit Absicht auf die Strae hinausgeeilt
waren, weil sie hofften, in der frischen Luft Nahrung und Strkung zu
finden. Vor der Tr eines Hauses sa eine alte Frau; es war unmglich,
zu erkennen, ob sie nur eingeschlafen, bereits tot, oder einfach in
Trume versunken war; jedenfalls hrte und sah sie nichts mehr und sa
nur, mit auf die Brust gesenktem Haupte, regungslos da. Von dem Dach
eines anderen Hauses hing ein langer drrer Krper an einer Schnur
herab. Der arme Kerl hatte die Hungerqualen nicht lnger zu ertragen
vermocht und es vorgezogen, seinem Leben freiwillig ein Ende zu machen.

Angesichts dieser furchtbaren Zeugen des Hungers hielt es Andrij nicht
lnger aus und fragte die Tatarin:

Konntet ihr denn in der Tat garnichts finden, um euer Leben zu fristen?
Wenn die uerste Not an den Menschen kommt, dann gibt es keine Wahl,
dann mu er essen, was ihm frher vielleicht Ekel einflte, und wenn er
sich erst von jenen Wesen nhrt, die das Gesetz zu essen verbietet --
dann darf er eben alles essen! Es ist schon alles aufgegessen, sagte
die Tatarin, alles Vieh ist fort, und es ist kein Pferd, kein Hund, ja
nicht einmal eine Maus mehr in der Stadt zu finden. Wir haben hier in
der Stadt nie Vorrte gehabt, es wurde uns ja alles von den Bauern
geliefert.

Ja, wie konntet ihr denn dann, wo euch ein so schrecklicher Tod droht,
noch immer daran denken, die Stadt zu verteidigen?

Vielleicht htte der Wojewode sie auch schon dem Feinde berlassen,
aber gestern sandte uns der Oberst, der sich in Budschaki befindet,
einen Habicht mit der Weisung, uns auf keinen Fall zu ergeben; er komme
uns mit einem Regiment zur Hilfe und warte nur noch auf den andern
Oberst, um gemeinsam mit ihm zu unserer Entsetzung zu eilen. Sie werden
jeden Augenblick erwartet ... Doch, wir sind vor unserm Hause
angelangt.

Andrij hatte schon von weitem ein Haus bemerkt, das sich wesentlich von
den andern unterschied und von einem italienischen Architekten gebaut zu
sein schien; es war aus schnen schmalen Ziegelsteinen errichtet und
zwei Stockwerke hoch. Die Fenster des unteren waren mit weit
hervorstehenden Gesimsen eingefat; das obere bestand vollstndig aus
kleinen Bgen, die eine Galerie bildeten, dazwischen befanden sich
Gitter mit Wappenschilden. Eine breite Auentreppe aus buntfarbigen
Ziegelsteinen fhrte direkt auf den Platz. Unten zu beiden Seiten der
Treppen saen Schildwachen, sie hielten ebenso malerisch wie symmetrisch
mit der einen Hand die Hellebarde und sttzten ihre Kpfe auf die
andere, so da sie mehr zwei steinernen Bildsulen als lebendigen
Menschen glichen. Sie schliefen oder schlummerten nicht etwa, schienen
aber doch unempfindlich gegen alles zu sein und wrdigten die beiden
Personen, die jetzt die Treppe hinaufgingen, kaum eines Blicks. Oben
trafen Andrij und die Tatarin einen reich gekleideten und von Kopf bis
zu Fu bewaffneten Ritter, der ein Gebetbuch in der Hand hielt. Er
richtete seine ermdeten Augen auf sie, die Tatarin sagte ihm jedoch ein
paar Worte, und er versenkte sich sogleich wieder in sein offnes
Gebetbuch. Sie traten in das erste Zimmer, das ziemlich gerumig war und
als Empfangsraum zu dienen schien, oder vielleicht auch einfach ein
Vorzimmer war; dies war vllig mit Soldaten, Dienern, Hundewrtern,
Mundschenken und anderen Bedienten angefllt, wie sie ein polnischer
Magnat, ob er nun Offizier oder Rittergutsbesitzer ist, braucht, um die
Wrde seines Standes ins rechte Licht zu setzen; sie saen alle in den
verschiedensten Stellungen an den Wnden herum. Der ganze Raum war von
dem Qualm einer erloschenen Kerze erfllt, und zwei andere in
auerordentlich groen, fast mannshohen Leuchtern brannten noch mitten
im Zimmer, trotzdem der Morgen schon lngst durch das groe vergitterte
Fenster hineinblickte. Andrij wollte schon auf eine breite, mit Wappen
und verschiedenen Schnitzereien verzierte Eichentr zugehen; die Tatarin
zupfte ihn jedoch am rmel und wies auf eine kleine Pforte in der
Seitenwand. Durch diese gelangten sie in einen Gang und dann in ein
Zimmer, das Andrij eingehend besichtigte. Das Licht, das durch die
Spalte des Fensterladens hineindrang, kte die blau und rot gefrbten
Vorhnge, das vergoldete Gesims und die Malereien an den Wnden. Die
Tatarin bedeutete Andrij, hier zu bleiben und ffnete die Tr zu einem
andern Zimmer, aus der ein Lichtschein hereindrang. Er vernahm das leise
Flstern einer Stimme, die sein ganzes Innere erbeben machte. Mit einem
flchtigen Blick durch die Tr erkannte er eine schlanke weibliche
Gestalt mit langen prachtvollen Haarflechten, die ber den hocherhobenen
Arm herabwallten. Die Tatarin kam zurck und bat ihn, hineinzugehen. Es
war ihm spter ganz unmglich, anzugeben, wie er in das Zimmer gelangt
war und wie sich die Tr hinter ihm geschlossen hatte. Im Zimmer
brannten zwei Kerzen und ein Lmpchen, das vor dem Heiligenbild
angebracht war: darunter befand sich nach katholischer Sitte ein hoher
Hausaltar mit mehreren Stufen, auf denen man beim Beten niederknien
konnte. Aber das war es nicht, was Andrijs Augen suchten. Er wandte sich
nach der andern Seite und erblickte ein Weib, das in einer schnellen
Bewegung erstarrt und versteinert zu sein schien. Es war, als htte sich
ihre schlanke Gestalt ihm entgegenwerfen wollen und sei nun pltzlich
wie erstarrt stehen geblieben. Nicht minder bestrzt blieb auch er vor
ihr stehen. Denn nicht so hatte er sie wiederzusehen geglaubt. Das war
_sie_ nicht, das war nicht jenes Mdchen mehr, das er frher gekannt
hatte. Sie hatte nichts, was an jene gemahnte: nein, sie war noch einmal
so schn und herrlich anzuschauen wie ehemals. Damals hatte sie noch
etwas Unreifes und Unvollendetes -- jetzt dagegen glich sie einem
vollkommenen und bis auf den letzten Pinselstrich vollendeten Kunstwerk.
Jene war ein wunderschnes, leichtsinniges Mdchen, diese ein zu edler
Schnheit erblhtes Weib. Ihre emporblickenden Augen verhieen ein
unendliches Gefhl: nicht nur Bruchstcke und Andeutungen von Gefhlen,
sondern ein ganzes, volles Gefhl. In ihren Augen schimmerten Trnen,
die noch nicht ganz getrocknet waren, und verliehen ihnen einen feuchten
Glanz, der bis zum Herzen drang. Busen, Schultern und Hals hatten jene
wundervollen Formen angenommen, die der vollendeten Schnheit eigen
sind, die Haare, die ehemals ihr Antlitz in leichten Locken umringelten,
hatten sich in eine starke, prachtvolle Flechte verwandelt; ein Teil war
hochgesteckt, whrend der andere ber die ganze Lnge des Arms, und in
seinen langen Wellen ber den wundervollen Busen fiel. Jeder Zug ihres
Gesichtes schien sich verndert zu haben. Vergebens bemhte Andrij sich,
den einen oder den andern, so wie er in seiner Erinnerung lebte, ins
Gedchtnis zurckzurufen -- er vermochte es nicht. So tief ihre Blsse
auch war, sie verdunkelte ihre wundervolle Schnheit nicht, sondern
verlieh ihr eher noch etwas Hinreiendes und unbezwinglich Sieghaftes.
Andrij fhlte sich von einem ehrfurchtsvollen Schauder durchzittert und
blieb unbeweglich vor ihr stehen. Auch sie schien ber den Anblick des
Kosaken, der in seiner ganzen Schnheit und der mnnlichen Kraft seiner
Jugend vor ihr stand, betroffen zu sein, obschon selbst die
Bewegungslosigkeit seiner Glieder etwas von der Ungezwungenheit und
Freiheit ihrer Bewegungen offenbarte. Mut und Festigkeit strahlte aus
seinen Augen, die von sammetweichen, khngeschwungenen Brauen beschattet
wurden; die braunen Wangen spiegelten das ganze Feuer einer noch
unverbrauchten Jugend wieder, und der zarte Flaum seines Schnurrbarts
glnzte wie Seide.

Nein, ich habe nicht die Kraft, dir zu danken, hochherziger Ritter,
sagte sie mit zitternder, silberheller Stimme, Gott allein kann dir's
lohnen und nicht ein schwaches Weib wie ich .... Sie senkte die Augen,
und die herrlichen Lider mit den, langen Pfeilen gleichenden, Wimpern
legten sich in wundervollen, schneeweien Halbkreisen darber, ihr
herrlicher Kopf hatte sich geneigt, und eine leise Rte berzog den
unteren Teil des Gesichts. Andrij wute nicht, was er antworten sollte;
er wollte alles aussprechen, was seine Seele erfllte, so
leidenschaftlich, wie er es in seinem Innern empfand -- und vermochte es
nicht. Er fhlte, da ihm etwas die Lippen verschlo, da es ihm, der im
Seminar und in dem Wanderleben des Krieges aufgewachsen war, nicht
gelingen wrde, die Antwort auf diese Worte zu finden, und der Zorn
gegen seine Kosakennatur stieg in ihm auf.

In diesem Augenblick trat die Tatarin ins Zimmer. Sie hatte das von
Andrij mitgebrachte Brot bereits in Scheiben geschnitten und trug es auf
einer goldenen Schale herein, die sie vor ihrer Herrin hinstellte.

Das schne Mdchen sah ihre Dienerin lange an, betrachtete das Brot,
blickte Andrij an, und ihre Augen leuchteten vielsagend auf. Dieser
rhrende Blick, in dem sich ihre Ohnmacht und Unfhigkeit, ihre Gefhle
auszusprechen, ausdrckten, war fr Andrij verstndlicher als alle
Worte. Es wurde ihm pltzlich leicht ums Herz, wie wenn sich alles in
ihm gelst htte. Die Bewegungen und Gefhle seines Herzens, die bisher
noch mhsam gezgelt wurden, fhlten sich jetzt frei, aller Fesseln
ledig und wollten sich schon in einem endlosen Redestrom ergieen, als
sich die Schne pltzlich der Tatarin zuwandte und unruhig fragte:

Und die Mutter? Hast du der Mutter etwas gebracht?

Sie schlft.

Und dem Vater?

Ihm habe ich etwas gebracht; er sagte, er wolle selbst kommen, um dem
Ritter zu danken.

Sie nahm eine Scheibe Brot und fhrte sie zum Munde. Mit
unaussprechlichem Vergngen sah Andrij, wie sie es mit ihren weien
schimmernden Fingern zerbrach und a. Pltzlich aber erinnerte er sich
an den Mann, der vor Hunger tobschtig geworden war und in seiner
Gegenwart seinen Geist aufgegeben hatte, als er ein Stck Brot
verschlang. Er wurde bleich, ergriff ihre Hand und rief:

Genug! I nicht weiter! Du hast so lange nicht gegessen. Das Brot ist
Gift fr dich. Sie lie sofort die Hand sinken, legte das Brot auf den
Teller und sah ihm wie ein gehorsames Kind in die Augen. O wenn das Wort
nur etwas ausdrcken knnte! Aber weder Meiel noch Pinsel, noch die
allmchtige Sprache vermgen das wiederzugeben, was in solch einem Blick
einer Jungfrau liegt und was nur das Gefhl der Rhrung auszudrcken
vermag, das der empfindet, der einen solchen Blick auf sich gerichtet
fhlt.

Herrin, rief Andrij von den tiefsten, innigsten und heiligsten,
berquellenden Empfindungen erfllt aus, was verlangst du? Was willst
du? Befiehl! Fordere jeden Dienst von mir, selbst den unmglichsten, den
es auf der Welt gibt -- und ich eile, um ihn auszufhren. Befiehl mir,
was menschliche Kraft nicht auszufhren vermag -- ich werde es tun, und
sollte ich mich dabei ins Verderben strzen. Ja, ins Verderben strzen!
Fr dich zu sterben -- o ich schwre es dir beim heiligen Kreuz -- ist
Sigkeit fr mich. Aber Worte sagen ja nichts. Ich besitze drei
Gehfte, die Hlfte der vterlichen Herden, alles, was meine Mutter dem
Vater mit in die Ehe gebracht, und sogar das, was sie vor ihm
verheimlicht hat, -- alles dies gehrt mir. Kein Kosak besitzt solche
Waffen wie ich; allein fr den Griff meines Sbels bietet man mir die
beste Roherde und noch dreitausend Schafe dazu. Von all dem will ich
mich lossagen, es verlassen, verbrennen, ins Wasser werfen, wenn du mir
nur ein Wort sagst oder deine zarten schwarzen Augenbrauen nur leise
bewegst! Ich wei wohl, da ich vielleicht dumme Dinge rede, die hier
ganz und gar nicht angebracht sind, und nicht hierher gehren; ich wei,
da es sich fr mich, der sein ganzes Leben in dem Seminar und der
Sjetsch zugebracht hat, nicht schickt, so zu reden, wie es dort Sitte
ist, wo Knige, Frsten und die Edelsten der Ritterschaft sich
einfinden. Ich sehe wohl, da du ein anderes Geschpf Gottes bist wie
wir alle, und da alle Bojarenfrauen nebst ihren Tchtern weit unter dir
stehen. Wir sind nicht wert, deine Sklaven zu sein, nur die himmlischen
Engel sind wrdig, dir zu dienen.

Mit steigender Verwunderung, gespannten Ohres und ohne ein Wort zu
verlieren, vernahm die Jungfrau diese offene und begeisterte Rede, in
der sich die junge, kraftvolle und leidenschaftliche Seele ausprgte wie
in einem Spiegel. Jedes dieser einfachen Worte, das mit einer Stimme
gesprochen wurde, die aus tiefstem Herzensgrunde kam, war voller Kraft
und Leidenschaft. Sie neigte ihr schnes Antlitz vor, warf die
widerspenstigen Haare weit zurck, ffnete die Lippen und sah ihn lange
mit offnem Munde an. Sie wollte etwas sagen, allein sie hielt inne, denn
sie erinnerte sich pltzlich, da der Ritter eine andere Bestimmung
hatte, da sein Vater, seine Brder, sein Vaterland als strenge Richter
hinter ihm standen, sie dachte daran, was fr schreckliche Menschen die
Saporoger waren, die die Stadt belagerten, und wie sie und alle in der
Stadt einem furchtbaren Tode verfallen wren -- und ihre Augen fllten
sich mit Trnen; schnell ergriff sie ihr kunstvoll gesticktes
Seidentuch, bedeckte ihr Gesicht, und in wenigen Augenblicken war das
Tuch ganz feucht von ihren heien Trnen. Lange sa sie so da, den
wunderschnen Kopf zurckgelehnt, ihre schneeweien Zhne in die
herrliche Unterlippe drckend, als ob sie pltzlich den Bi einer
giftigen Schlange gefhlt htte, und ohne das Tuch vom Gesicht zu
nehmen, damit Andrij ihren herzzerreienden Schmerz nicht she.

Sprich doch ein Wort, sagte Andrij und ergriff ihre sammetweiche Hand.
Bei dieser Berhrung strmte es wie glhendes Feuer durch seine Adern,
und er prete ihre Hand zusammen, die gefhllos in der seinen lag. Aber
sie schwieg und verharrte regungslos in derselben Stellung, ohne das
Tuch vom Gesicht hinwegzuziehen.

Weshalb bist du so traurig? Sage mir doch, weshalb du so traurig bist?

Da warf sie das Tuch fort, schlug die ins Gesicht fallenden reichen
Haarstrhnen zurck und brach in bittere Worte der Klage aus, die sie
mit leiser, ganz leiser Stimme vor sich hinsprach, gleich dem Winde, der
sich an einem schnen Abend erhebt und durch das dichte Rohr am Wasser
fhrt. Da geht es pltzlich wie ein Flstern durch das Rohr, da singen
und klingen klagende, zarte Tne durch die Luft. Der Wanderer bleibt
stehen und lauscht ihnen mit einer unerklrlichen Schwermut, und er
merkt nicht das Nahen des Abends, noch die heiteren Lieder der Arbeiter,
die vom Feld und von der Ernte zurckkehren, noch das Rasseln eines fern
vorbeirollenden Wagens.

Bin ich nicht ewig bemitleidenswert? Ist die Mutter nicht unselig, die
mich zur Welt gebracht hat? Gibt es ein Los, bitterer als das meine?
Qulst du mich nicht zu Tode, schreckliches Schicksal! Alles hast du mir
zu Fen gelegt: die besten Mnner der ganzen Schlachta, die reichsten
Herren, Grafen und fremden Barone und die hchste Blte unserer
Ritterschaft? Alle liebten sie mich, und jeder htte meine Gegenliebe
fr das grte Glck gehalten. Ich brauchte nur mit der Hand zu winken,
und jeder von ihnen, der Schnste und Vornehmste von Angesicht und
Herkunft wre mein Gatte geworden. Und keinem von ihnen hast du,
grausames Schicksal, mein Herz zugewendet. Den besten Helden unseres
Vaterlandes hast du es entzogen und den Betrungen eines Fremden, eines
Feindes berliefert. Warum, o heilige Mutter Gottes, um welcher Snden
und schwerer Verbrechen willen verfolgst du mich so grausam, so
unbarmherzig? In berflu, Reichtum und Pracht sind meine Tage
verflossen. Die herrlichsten auserlesensten Speisen, die sesten Weine
bildeten meine tgliche Nahrung. Und warum, wozu war das alles? Nur
dazu, um mich zuletzt eines schrecklichen Todes sterben zu lassen, wie
ihn kaum der letzte Bettler im Lande stirbt! Doch nicht genug, da ich
zu einem so schrecklichen Los verurteilt bin, nicht genug, da ich vor
meinem Ende Vater und Mutter in unertrglichen Qualen dahinwelken sehen
mu, sie, fr die ich, wenn ich ihnen nur helfen knnte, tausendmal mein
Leben hingeben wrde! Nein, das alles gengt noch nicht, ich mu auch
noch, bevor ich sterbe, Worte vernehmen und eine Liebe kennen lernen,
wie ich sie noch nie erfahren habe! Er mu mir mit seinen Worten das
Herz zerreien, auf da mein bitteres Los noch bitterer werde, auf das
ich mein junges Leben noch mehr betrauere, da mir mein Tod noch
schrecklicher dnke, und da ich dir, o grausames Schicksal, und dir,
heilige Mutter Gottes, -- vergib mir die Snde -- noch im Sterben so
furchtbare Vorwrfe mache!

Endlich verstummte sie, und ein Ausdruck qualvollster Hoffnungslosigkeit
spiegelte sich in ihrem Antlitz. Jeder Zug ihres Gesichts verriet eine
tiefe nagende Schwermut, alles, die traurig gesenkte Stirn, die
niedergeschlagenen Augen und die auf den leise glhenden Wangen
versiegenden Trnen -- alles schien zu sagen: Dies Angesicht wei nichts
von Glck!

Nie ward es erhrt auf dieser Welt, es kann nicht sein und ich dulde es
nimmer, sprach Andrij, da die schnste und edelste der Frauen ein so
bitteres Los ertragen sollte, sie, die dazu geboren ist, die Besten und
Edelsten unserer Zeit vor sich wie vor einem Heiligtume knien zu sehen!
Nein, du sollst nicht sterben! Du sollst nicht sterben; ich schwre es
bei meiner Geburt und bei allem, was mir teuer ist auf dieser Welt -- du
wirst nicht sterben! Sollte es aber trotz allem so kommen, sollte dies
bittere Schicksal weder durch Kraft, noch Gebet, noch Mut abgewendet
werden knnen, so werden wir zusammen sterben, und ich zuerst vor dir
und zu deinen herrlichen Fen; erst wenn ich tot bin, wird man mich von
dir trennen knnen.

Tusche nicht dich und mich, Ritter, sagte sie leise, ihr schnes
Haupt schttelnd, ich wei es, ich wei es zu meinem bitteren Leid nur
zu wohl, da du mich nicht lieben darfst, und ich kenne deinen Beruf und
deine Pflicht: Dich ruft der Vater, die Kameraden, das Vaterland; wir
aber sind -- deine Feinde!

Was sind mir Vater, Vaterland und Kameraden, rief Andrij, ungestm
sein Haupt schttelnd und sich machtvoll emporreckend, da seine Gestalt
der Balsampappel am Ufer glich. Wenn es denn sein mu, nun wohl, so
habe ich niemand, niemand, niemand, wiederholte er mit einer Stimme und
Handbewegung, mit der wohl ein wackerer Kosakenheld seinen
unerschtterlichen Entschlu zu einer unerhrten Tat zum Ausdruck
bringt, der kein anderer gewachsen ist. Wer sagt, da die Ukraine mein
Vaterland ist? Wer hat sie mir zum Vaterland gegeben? Das Vaterland ist
da, wo es unsere Seele sucht, ist das, was ihr das liebste ist. Mein
Vaterland -- das bist du! Du bist mein Vaterland! Und dieses Vaterland
will ich in meinem Herzen tragen! So lange ich lebe, werde ich es dort
tragen: und ich mchte sehen, welcher Kosak es wagen will, dich aus
meinem Herzen zu reien. Ja, alles was ich besitze, will ich weggeben,
verschenken, verkaufen und zugrunde richten fr dies mein Vaterland!

Einen Augenblick schien es, als ob sie zu einer herrlichen Bildsule
erstarrt sei. Dann sah sie ihm fest in die Augen, schluchzte laut auf
und schlang ihm mit jener wundersamen hingebenden Leidenschaft, deren
nur eine gromtige und zu starken Gefhlsausbrchen neigende Frau fhig
ist, die nichts von Berechnung wei, ihre herrlichen, schneeweien Arme
um den Hals. In diesem Augenblick hrte man von der Strae ein wirres
Geschrei hereindringen, das von Posaunensten und Paukenklngen
begleitet wurde. Aber Andrij hrte nichts davon: er fhlte nur die
wohlige Wrme ihres sen Atems, ihre wundervollen Lippen, fhlte nur,
wie ihre Trnen in Strmen ber sein Antlitz flossen, und wie ihr reich
herabwallendes, duftendes Haar ihn wie in dunkel glnzende Seide
einhllte.

Pltzlich kam die Tatarin mit einem Freudenschrei hineingestrmt. Wir
sind gerettet, gerettet, rief sie ganz auer Atem, die Unseren sind in
die Stadt gedrungen und haben Brot, Weizen, Mehl und gefangene Saporoger
mitgebracht. Aber niemand wollte hren, was fr Unserige in die Stadt
gedrungen, was sie mitgebracht htten, und welche Saporoger gefangen
worden seien. Von berirdischen Gefhlen erfllt, kte Andrij die s
duftenden Lippen, die sich an seine Wange geschmiegt hatten, und diese
Lippen lieen ihn nicht ohne Antwort. Sie erwiderten seine Liebkosungen,
und in diesem gegenseitigen, ineinanderschmelzenden Ku empfanden beide,
was der Mensch nur einmal im Leben zu empfinden vermag.

Der Kosak war verloren! Fr immer verloren fr das ritterliche
Kosakentum! Niemals mehr wrde er die Sjetsch, niemals die vterlichen
Fluren und nie mehr sein Gotteshaus wiedersehen! Und nie mehr sollte die
Ukraine ihn wiederfinden, ihn, der einer ihrer tapfersten Shne war und
sie mit seinem Leben zu verteidigen gelobt hatte! Rauf dir die grauen
Haare aus deinem Schopf, alter Tara, und verfluche Tag und Stunde, da
du zu deiner Schmach dir einen solchen Sohn erzeugtest.


                          Siebentes Kapitel

Im Lager der Saporoger herrschte Lrm und Bewegung. Anfangs vermochte
niemand genaue Auskunft zu geben, wie es geschehen konnte, da die
Truppen in die Stadt eindrangen. Doch bald wurde festgestellt, da die
ganze Perejaslawsche Abteilung, die ihr Lager vor einem Seitentor der
Stadt aufgeschlagen hatte, am Abend vorher total betrunken gewesen war.
So war es weiter nicht wunderbar, da die Hlfte von ihnen erschlagen
und der Rest, noch ehe man recht wute, was passiert war, gefangen
wurde. Bevor noch die benachbarten Abteilungen, vom Lrme aufgeschreckt,
zu den Waffen greifen konnten, zogen die Truppen schon durch das
Stadttor ein; ihre letzten Reihen verteidigten sich gegen den
nachstrmenden Feind, indem sie einige Schsse auf die schlaftrunkenen
und noch nicht ganz nchternen Saporoger abgaben, die sie ohne jede
Ordnung zu verfolgen suchten.

Der Hetman lie alle Kosaken ohne Ausnahme zusammenkommen, und als sie
alle schweigend und mit den Mtzen in den Hnden im Kreise herumstanden,
sagte er: Ihr seht, liebe Herren und Brder, was sich diese Nacht
ereignet hat. Dahin also hat uns der Trunk gebracht! Eine solche Schmach
hat uns der Feind angetan! Das scheint bei euch wohl Brauch zu sein;
wenn man eure Rationen verdoppelt, so seid ihr gleich bereit, euch
derart vollzutrinken, da der Feind aller christlichen Streiter euch
nicht nur die Hosen abziehen, sondern euch wohl gar ins Gesicht speien
kann, ohne da ihr etwas davon merkt!

Die Kosaken standen alle mit gesenkten Kpfen und schuldbewut da. Nur
der Hauptmann Kukubenko von der Nesamaikow-Abteilung erwiderte:

Halt mal, Vterchen! es ist zwar nicht vorschriftsmig, da man
Einspruch gegen das erhebt, was der Hetman im Angesicht des ganzen
Heeres sagt, aber die Sache war doch nicht ganz so, und darum will ich
reden. Nicht ganz mit Recht hast du dem gesamten christlichen Heer einen
Vorwurf gemacht. Freilich wren _die_ Kosaken des Todes schuldig
gewesen, die sich im Feldzug, im Kampf oder whrend eines schweren
Unternehmens vollgetrunken htten. Wir aber fhrten ein unttiges
Lagerleben vor der Stadt, aus dem uns keine Arbeit aufrttelte. Es
herrschten ja weder Fasten, noch sonst eine Zeit, whrend der die
christliche Kirche eine strenge Enthaltsamkeit vorschreibt: wie sollte
es da ausbleiben, da sich der Mensch, wenn er doch gar nichts zu tun
hat, aus Langeweile einmal ordentlich betrinkt? Das ist doch keine
Snde! Aber wir wollen ihnen schon zeigen, was es heit, ber wehrlose
Menschen herfallen. Wir haben's ihnen schon frher tchtig gegeben,
jetzt aber wollen wir es ihnen so heimzahlen, da ihre Fe sie nicht
mehr nach Hause tragen sollen!

Die Rede des Hauptmanns gefiel den Kosaken. Sie erhoben wieder das
Haupt, und viele von ihnen gaben durch Nicken des Kopfes ihre Zustimmung
zu erkennen und sagten: Kukubenko hat gut gesprochen! Allein Tara
Bulba, der nicht weit vom Hetman stand, sprach: Nun, Hetman, Kukubenko
hat wohl die Wahrheit gesprochen. Was kannst du hierauf antworten?

Was ich antworte? Das will ich dir sagen: Selig ist der Vater, der
einen solchen Sohn gezeugt hat. Es ist noch kein Zeichen von groer
Weisheit, ein Wort des Vorwurfs zu sagen, es ist ein weit greres, sich
bei dem Unglck eines Menschen nicht lustig zu machen, sondern ihm Mut
einzureden, so wie die Sporen das Pferd zu neuen Leistungen antreiben,
das sich an der Trnke erfrischt hat. Ich hatte selbst die Absicht, euch
spter ein paar trstliche Worte zu sagen, Kukubenko ist mir jedoch
zuvorgekommen.

Auch der Hetman hat gut gesprochen, tnte es jetzt aus den Reihen der
Saporoger. Ein gutes Wort, wiederholten andere. Sogar die ltesten
unter ihnen, die wie blaue Tuberiche dastanden, nickten mit den Kpfen,
rmpften die mit grauen Schnurrbrten gezierten Lippen und sagten leise:
Ja, ja, das war gut gesprochen.

So hrt denn, ihr Herren, fuhr der Hetman fort, die Stadt zu
erstrmen, ihre Mauern zu erklimmen und unterirdische Gnge anzulegen,
wie es die auslndischen deutschen Meister tun -- die der Teufel holen
mag -- das ist nicht Kosakenart und auch nicht ihre Sache. Aber nach dem
zu urteilen, wie die Sache liegt, so ist der Feind nur mit wenig
Vorrten in die Stadt eingezogen. Er hat ja nur ein paar Wagen mit sich
gefhrt. Die Leute in der Stadt sind ausgehungert und werden daher alles
auf einmal aufessen; auch die Pferde brauchen ja Heu -- ich wei nicht,
vielleicht schttet ihnen einer ihrer Heiligen etwas auf ihre Gabeln
herunter -- Gott mag es wissen -- ihre Priester verstehen sich zwar mehr
auf Worte. Sei dem nun wie ihm wolle, jedenfalls sollen sie uns nicht
aus der Stadt herauskommen. Teilt euch also in drei Haufen und besetzt
die drei Wege, die zu den drei Toren fhren. Fnf sollen sich vor dem
Haupttor und je drei vor den beiden anderen aufstellen. Die Djadkiwsche
und Korsunsche Abteilung dagegen bleiben im Hinterhalt liegen. Ebenso
der Hauptmann Tara mit seiner Abteilung. Die Titarewsche und
Timoschewsche Abteilung decken die Vorrte auf der rechten Seite der
Wagen. Die Abteilung Schtscherbinow und Teblikow die linke! Und ihr, ihr
Jungen, die ihr Haare auf den Zhnen habt, tretet mal hervor aus euren
Reihen, um den Feind ein wenig zu reizen! Der Pole ist ein hohler
Patron, er vertrgt keine Beschimpfungen, und vielleicht kommen sie noch
heute aus den Toren herausgelaufen. Die Hauptleute sollen ihre
Abteilungen gut im Auge behalten! Wem es an Kosaken fehlt, der soll sie
aus den Resten der Perejaslawschen Abteilung ergnzen. Mustert sie noch
einmal ordentlich. Gebt jedem Kosaken vorher noch ein Glas Branntwein,
damit er wieder nchtern wird und ein Stck Brot zur Strkung. Aber ihr
seid sicher noch alle satt von gestern, denn -- der Wahrheit die Ehre --
ihr habt euch gestern so voll gegessen, da ich mich hchlichst wundere,
wie heute nacht keiner von euch geplatzt ist. Ja, und noch eins habe ich
euch zu sagen: sollte irgend so ein jdischer Schankwirt einem Kosaken
ein Ma Branntwein verkaufen, so lasse ich dem Hund ein Schweinsohr an
die Stirn nageln und ihn an den Beinen aufhngen! Doch nun ans Werk, ihr
Brder, auf! Frisch ans Werk!

Der Hetman gab seine Anweisungen, und alle verneigten sich tief vor ihm
und begaben sich, ohne die Mtzen aufzusetzen, zu ihren Wagen und ins
Lager zurck; erst als sie schon ganz weit waren, bedeckten sie wieder
ihre Hupter. Alle begannen sich zu rsten und zum Kampfe vorzubereiten,
sie prften die Sbel und Lanzen, schtteten Pulver aus den Scken in
die Pulverhrner, rckten und stellten die Wagen zurecht und suchten
sich die besten Pferde aus.

Als Tara zu seiner Abteilung zurckkehrte, dachte er lange darber
nach, wo wohl Andrij weilen knnte, und er konnte es sich durchaus nicht
erklren, wo er geblieben war. Er fragte sich, ob man ihn vielleicht
zusammen mit den andern gefangen genommen oder ihn im Schlafe gefesselt
habe -- aber nein, Andrij war nicht der Mann, sich lebend gefangen
nehmen zu lassen. Unter den erschlagenen Kosaken war er auch nicht zu
finden. Tara verfiel in tiefes Sinnen und schritt drauen seine
Abteilung ab, ohne zu hren, da ihn schon lange jemand beim Namen rief.
Wer will was von mir, sagte er endlich, wie aus einem Traume
erwachend. Vor ihm stand der Jude Jankel.

Herr Hauptmann, Herr Hauptmann, sagte der Jude schnell und hastig, wie
wenn er ihm eine wichtige Nachricht mitzuteilen htte, ich war in der
Stadt, Herr Hauptmann.

Tara sah den Juden an und wunderte sich, da er es fertiggebracht
hatte, sich in die Stadt zu stehlen.

Wer zum Teufel hat dich denn da hineingebracht?

Ich will's Euch sofort erzhlen, sagte Jankel. Wie ich bei
Tagesanbruch das Schreien und Schieen der Kosaken hrte, da ergriff ich
so schnell wie mglich meinen Kaftan und lief ohne ihn anzuziehen so
rasch ich konnte dorthin; erst unterwegs fuhr ich in die rmel. Ich
wollte nmlich die Ursache des Lrms erfahren und nachsehen, warum die
Kosaken in so frher Stunde schieen. Ich lief immer vorwrts und kam
grad in dem Augenblick an das Tor, als das letzte Regiment in die Stadt
einzog. Pltzlich sehe ich den Herrn Fhnrich Galjandowitsch an der
Spitze der Truppen. Ich kenne ihn sehr gut, er schuldet mir schon seit
drei Jahren hundert Dukaten. Ich ging also hinter ihm her, wie wenn ich
ihn an seine Schuld mahnen wollte, und gelangte auf diese Weise in die
Stadt.

Wie bist du denn in die Stadt hineingekommen, wenn du doch nur eine
Schuld eintreiben wolltest, sagte Bulba, hat er dich denn nicht sofort
aufhngen lassen wie einen Hund?

Ja, bei Gott, das wollte er tun! antwortete der Jude. Seine Diener
hatten mich schon gepackt und mir den Strick um den Hals gelegt; ich
aber flehte den Herrn an und sagte, da ich mit meiner Schuld warten
wrde, solange der Herr es wnscht, ja ich versprach ihm sogar ihm noch
mehr zu leihen, wenn er mir nur helfen wolle, das Geld von den anderen
Rittern einzutreiben; denn der Herr Fhnrich hatte -- um gleich alles zu
sagen -- nicht einen einzigen Dukaten in der Tasche. Wenn er auch viel
Land, einige Gter, vier Schlsser und Grund und Boden besitzt, der bis
an das Tor der Stadt Schkloff reicht, er hatte doch keinen baren
Groschen -- wie ein rechter Kosak! Und wenn ihn jetzt zum Beispiel nicht
ein paar Breslauer Juden ausgerstet htten, htte er gar nicht in den
Krieg ziehen knnen. Deshalb war er auch nicht zum Reichstag gekommen.

Und was hast du in der Stadt gemacht? Hast du die Unsrigen gesehen?

Gewi! Da gibt es doch viele von unseren Leuten. Den Itzig, den Rachum,
den Schmul, den Chaiwalch, einen jdischen Pchter ...

Hol der Teufel die Hunde, rief Bulba rgerlich, was geht mich deine
Judensippe an. Ich frage dich nach unsern Saporogern!

Unsere Saporoger habe ich nicht gesehen, nur den Herrn Andrij.

Du hast Andrij gesehen, rief Bulba, sprich, wo hast du ihn gesehen?
In einem unterirdischen Gewlbe? Unter der Erde? Im Kerker? Hat man ihn
entehrt und mit Schmach bedeckt? Ist er gefesselt?

Wer htte gewagt, Herrn Andrij zu fesseln! Nein, er ist jetzt ein
vornehmer Ritter -- bei Gott, ich habe ihn kaum wiedererkannt! Sein
Schulterbesatz ist eitel Gold, auch seine rmel sind mit Gold gestickt,
er hat einen goldenen Spiegel, und seine Mtze glnzt von lauter Gold.
Am Grtel schimmert Gold, und berall ist Gold, und alles an ihm ist
Gold! Wie die Sonne im Frhling glnzt, wenn im Garten jedes Vgelchen
zwitschert und singt und die Kruter duften, so glnzt und schimmert
auch er von Gold. Der Wojewode hat ihm auch das schnste Pferd
geschenkt, ein Pferd, das allein zweihundert Gulden kostet.

Bulba stand wie erstarrt da. Weshalb hat er denn die fremde Rstung
angelegt?

Weil sie schner ist, hat er sie angelegt. Und er reitet berall umher;
die andern reiten auch berall umher, und er gibt ihnen und sie geben
ihm gute Lehren, wie wenn er der reichste unter den polnischen Herren
wre.

Wer konnte ihn dazu zwingen?

Ich sage nicht, da ihn jemand gezwungen hat. Wei denn der Herr nicht,
da er aus freiem Willen zu ihnen bergegangen ist?

Wer ist bergegangen?

Nun, der Herr Andrij!

Wohin ist er bergegangen?

Auf ihre Seite. Er gehrt doch jetzt schon ganz zu ihnen.

Du lgst, Schweinehund!

Wie sollte ich denn lgen? Bin ich etwa ein Narr, da ich lgen werde?
Ich wrde mich ja um meinen eigenen Kopf bringen. Wei ich nicht, da
man den Juden aufhngen wird wie einen Hund, wenn er den Herrn belgt?

Du willst also sagen, da er sein Vaterland und seinen Glauben verraten
hat?

Ich sage doch nicht, da er verraten hat -- ich habe nur gesagt, da er
zu ihnen bergegangen ist.

Du lgst, Satan von einem Juden! So etwas ist noch nie dagewesen in der
ganzen Christenheit! Du lgst, Hund!

Das Gras soll wachsen auf der Schwelle meines Hauses, wenn ich lge!
Anspeien soll jeder das Grab meines Vaters, meiner Mutter, meines
Schwiegervaters, meines Vaters Vaters und des Vaters meiner Mutter, wenn
ich lge. Wenn der Herr es wnscht, will ich sogar sagen, warum er zu
ihnen bergegangen ist.

Nun?!

Der Wojewode hat eine schne Tochter -- heiliger Gott, ist die schn!
... Bei diesen Worten versuchte der Jude ihre Schnheit, so gut er es
konnte, mit seinem Gesicht auszudrcken: er breitete die Hnde aus,
zwinkerte mit den Augen und verzog den Mund, als ob er etwas Kstliches
genossen htte.

Nun, was soll das?

Fr sie hat er alles getan und ist bergegangen. Wenn sich ein Mensch
verliebt, geht es mit ihm wie mit einer Stiefelsohle, die man biegen
kann, wie man will, wenn man sie erst im Wasser aufgeweicht hat ...

Bulba versank in tiefes Sinnen. Er dachte daran, wie gro die Macht
eines schwachen Weibes ist. Wieviel Starke sie schon ins Verderben
gestrzt hatte, und da Andrijs Natur ihr nur allzuleicht unterlag. Und
lange stand er wie versteinert auf einer Stelle.

Hrt, Herr, ich will Euch alles ausfhrlich erzhlen, sagte der Jude.

Im selben Augenblick, wie ich den Lrm hrte und sah, wie die Soldaten
durch das Stadttor einzogen, da steckte ich fr alle Flle eine
Perlenschnur zu mir; ich sagte mir: es gibt doch in der Stadt schne
Edelfrauen, die werden mir schon ein paar Perlen abkaufen, auch wenn sie
nichts zu essen haben. Und kaum da mich die Knechte des Fhnrichs
losgelassen hatten, da lief ich schnell nach dem Hause des Wojewoden, um
die Perlen zu verkaufen. Dort fragte ich eine Dienerin, eine Tatarin
aus, von der ich alles erfuhr. Es wird bald Hochzeit gefeiert, sowie die
Saporoger verjagt sind. Der Herr Andrij hat versprochen, die Saporoger
fortzujagen.

Und du hast ihn nicht sofort totgeschlagen, den Satan! schrie Tara.

Warum totschlagen? Er ist doch aus freien Stcken bergegangen! Was
kann _er_ dafr? Es geht ihm dort besser als hier: so ist er eben zu
ihnen gegangen!

Hast du ihn von Angesicht gesehen?

Bei Gott, von Angesicht zu Angesicht! Welch ein vornehmer Herr! Weit
schner als alle andern! Gott schenke ihm Gesundheit -- er hat mich
sogleich erkannt und als ich zu ihm herantrat, sagte er sofort ...

So? Was hat er gesagt!

Er sagte ... doch nein, er winkte mir erst mit der Hand, und dann erst
sagte er: Jankel. Worauf ich sagte: Herr Andrij! Jankel, sag dem
Vater, sag dem Bruder, sag den Kosaken, sag den Saporogern, sag ihnen
allen, da der Vater mir von heute ab kein Vater, der Bruder kein
Bruder, der Kamerad kein Kamerad mehr ist, und da ich mit ihnen kmpfen
werde, mit ihnen allen kmpfen werde!

Du lgst, satanischer Judas! schrie Tara auer sich, du lgst,
verfluchter Hund! Du hast auch Christus gekreuzigt, du gottverfluchtes
Geschpf! Satan, ich erschlage dich! Fliehe, flieh von hier -- sonst
bist du gleich des Todes! Mit diesen Worten ri Tara seinen Sbel aus
der Scheide, und der erschrockene Jude ergriff die Flucht und lief, so
schnell er konnte, davon, so weit ihn seine trockenen drren Beine
trugen. Lange lief er, ohne sich umzusehen, durch das Kosakenlager,
immer weiter und weiter ber das freie Feld, obgleich ihn Tara garnicht
verfolgte -- er hatte es sich berlegt, da es unvernnftig sei, seinen
Zorn an dem ersten besten auszulassen.

Jetzt erinnerte er sich daran, da er Andrij in der vorigen Nacht mit
einem Weibe durch das Lager habe gehen sehen, und er lie sein graues
Haupt mutlos herabsinken. Aber er wollte noch immer nicht daran glauben,
da ihm eine solche Schmach htte angetan werden knnen und da der
eigene Sohn seinen Glauben und seine Seele verraten konnte. Endlich
ermannte er sich, fhrte seine Abteilung in den erwhnten Hinterhalt und
verschwand im Walde, dem einzigen, der noch nicht von den Kosaken
niedergebrannt war. Die andern Saporoger, das Fuvolk wie die Reiter,
rckten in drei Zgen bis an die drei Tore vor. Eine Abteilung zog
hinter der andern her: die Abteilungen Uman, Popowitschew, Kanew,
Steblikiw, Nesamaikow, Gurgusiw, Tymoschew usw. Nur die Abteilung
Perejaslaw fehlte. Diese hatte nmlich am Abend vorher ein uerst
strmisches Zechgelage veranstaltet, und die Folge davon war, da einige
von ihnen gefesselt im feindlichen Lager und andere gar nicht erwachten,
sondern sogleich in die feuchte Erde gebettet wurden. Chlib, der
Hauptmann, wurde ohne Hemd und Hose ins polnische Lager gebracht.

In der Stadt hrte man bald von der Bewegung im Kosakenlager. Alle
liefen auf die Wlle hinaus, und ein prchtiges Bild entfaltete sich vor
den Augen der Kosaken. Die polnischen Ritter standen, einer immer
schner als der andere, auf den Wllen. Die kupfernen Helme, mit
schwanenweien Federn geziert, glnzten wie kleine Sonnen. Andere trugen
leichte rosa und hellblaue Mtzen, deren oberer Teil auf der Seite etwas
eingebogen war. Ihre Rcke mit den herabhngenden rmeln waren mit
Goldstickereien oder einfachen Schnren versehen; sie hatten
reichverzierte Sbel und Waffen, die die polnischen Herren teuer genug
bezahlt haben mochten, und vielerlei andere Schmuckgegenstnde. In der
vordersten Reihe stand der Oberst von Budschakow in wrdiger Haltung mit
einer roten, goldgestickten Mtze. Der Oberst war bedeutend grer und
strker als alle brigen, und sein weiter kostbarer Rock war fast zu eng
fr seine mchtige Hhnengestalt. Auf der anderen Seite, ganz nahe am
Seitentor, stand ein anderer Oberst, ein kleiner drrer Mann, dessen
winzige, scharfe Augen lebhaft unter dichten Augenbrauen hervorblickten;
er drehte sich schnell nach allen Seiten um, und seine hagere Hand wies
gebieterisch bald hierher und bald dorthin. Man sah, da er trotz seiner
Kleinheit sich trefflich auf das Kriegshandwerk verstand. Unweit von ihm
stand der Fhnrich, ein langer Kerl mit einem dichten buschigen
Schnurrbart und einer fast zu frischen Gesichtsfarbe; der Herr liebte
die starken Getrnke und war der Freund einer reichbesetzten Tafel.
Hinter ihnen sah man noch viele viele Ritter, von denen sich ein Teil
auf eigene Kosten bewaffnet und ausgerstet hatte, der andere dagegen
auf Kosten der Staatskasse oder mit jdischem Gelde, da diese Herrn all
ihr Hab und Gut, das die Schlsser der Vter bargen, versetzt hatten. Es
gab darunter auch eine nicht geringe Zahl von jenen Schmarotzern, die
das Gefolge der Senatoren zu bilden pflegten, und die an ihrer Tafel
sitzen durften, um ihren Glanz zu erhhen; oft genug stahlen sie dort
als Entgelt die silbernen Becher von den Tischen und aus den Schrnken
weg und lenkten vielleicht schon morgen, ihrer Ehre entkleidet, vom
Kutscherbock herab die Pferde eines groen Herrn. Da gab es alle
mglichen Sorten und Gattungen von Menschen. Manch einer besa noch
nicht genug, um sich einen Becher Branntwein zu kaufen: fr den Krieg
aber hatten sie sich alle aufs schnste herausgeputzt.

Die Kosaken standen gelassen vor den Stadtmauern. An ihnen war auch
nicht eine Spur von goldenem Zierat zu bemerken, nur ab und zu blitzte
es an einem Sbelgriff oder einem Gewehrkolben auf. Die Kosaken liebten
es nicht, sich zur Schlacht reich zu schmcken. Ihre Panzer und Kleider
waren alle hchst einfach und bescheiden: blo ihre schwarzen
Lammfellmtzen mit den roten Spitzen konnte man weithin schimmern sehen.

Zwei Kosaken lsten sich von den Reihen der Saporoger ab und sprengten
nach vorn; der eine war noch ganz jung, der andere etwas lter, beide
hatten Haare auf den Zhnen, verstanden sich gut aufs Reden, doch auch
nicht minder gut auf das Handeln. Sie hieen Ochrim Nasch und Mykyta
Golokopytenko. Ihnen folgte Demid Popowitsch, ein stmmiger Kosak, der
sich schon lange in der Sjetsch aufhielt, bei Adrianopel gekmpft und
schon mancherlei erlebt und erfahren hatte: sollte er doch bereits
einmal lebendigen Leibes auf einem Scheiterhaufen verbrannt werden;
damals war er mit geteertem und geschwrzten Kopf und abgesengten
Schnurrbart in der Sjetsch erschienen, aber Popowitsch hatte sich bald
wieder erholt und sich einen langen Schopf, der ihm bis bers Ohr
herabhing, und einen pechschwarzen, buschigen Schnurrbart wachsen
lassen. brigens konnte Popowitsch oft recht bissig werden.

Ja, das mu man sagen, schne Kleider habt ihr an, ihr tapferen Ritter;
ich mchte nur wissen, ob euer Mut und eure Tapferkeit ebenso gro ist?

Ich will's euch schon zeigen, rief der dicke Oberst von oben herab,
ich lasse euch allesamt binden und an die Kette legen. Gebt eure
Gewehre und Pferde her, ihr Knechtsseelen. Habt ihr's gesehen, wie ich
eure Leute habe binden lassen? Hollah, schleppt doch mal die Saporoger
auf den Wall!

Und die aneinandergebundenen Saporoger wurden auf den Wall geschleppt.
Zuerst erschien der Hauptmann der Abteilung, Chlib, ohne Hemd und Hose
-- ganz so, wie man ihn im Rausche erwischt hatte. Er lie den Kopf tief
sinken, denn er schmte sich, da er sich vor den Kosaken in seiner
Ble zeigen mute, und da er schlaftrunken wie ein Hund in
Gefangenschaft geraten war. Sein mchtiger Kopf war in der einen Nacht
ergraut.

Sei nicht traurig, Chlib, wir werden dich schon befreien, riefen ihm
die Kosaken von unten zu.

Sei nicht traurig, Freund, fgte der Hauptmann Borodaty hinzu, es ist
nicht deine Schuld, da sie dich nackt gefat haben, jedem Menschen kann
solch ein Unglck passieren. Sie mssen sich schmen, da sie dich so
hergebracht und nicht einmal deine Ble anstndig bedeckt haben.

Ihr scheint ja gegen Schlafende besonders tapfer zu sein, sagte
Golokopytenko und blickte zum Wall empor.

Wartet's nur ab, wir werden euch schon eure Mhnen abschneiden, riefen
ihnen jene zu.

Das mchte ich doch sehen, wie sie es fertig bringen werden, uns die
Mhnen abzuschneiden, sagte Popowitsch, dann wandte er sich auf seinem
Pferde zu seinen Leuten um, sah sie an und sagte: brigens ist es
vielleicht doch wahr, was die Polen sagen; wenn der Dicke ihr Fhrer
ist, brauchen sie sich nicht zu frchten, das ist eine gute Schutzwehr.

Weshalb glaubst du, da sie dann in Sicherheit sind? fragten die
Kosaken, welche wuten, da sich Popowitsch wahrscheinlich schon auf
eine Antwort vorbereitet hatte.

Na, einfach deshalb, weil sich das ganze Heer hinter ihm verstecken
wird. Hchstens, da man hinter seinem dicken Wanst einen mit der Lanze
hervorholt!

Alle Kosaken brachen in ein schallendes Gelchter aus und noch lange
schttelten einzelne von ihnen den Kopf und sagten:

Ja ja, der Popowitsch! Der versteht's! Wenn der es auf einen abgesehen
hat, dann ... Allein die Kosaken sagten nicht, was dann kommt.
Schnell fort -- schnell fort von den Mauern, rief der Hetman, denn die
Polen schienen die boshaften Bemerkungen nicht vertragen zu knnen, und
der Oberst hatte schon mit der Hand ein Zeichen gegeben.

Kaum waren die Kosaken einige Schritte zurckgewichen, da hagelten auch
schon die Karttschen von den Wllen herab. Auf dem Wall geriet alles in
Bewegung, selbst der graue Wojewode kam zu Pferde herangesprengt. Die
Tore ffneten sich, und das Heer zog hindurch. Vorne in wohlgeordneten
Reihen ritt ein Trupp Husaren in schn gestickten Rcken, dann kamen,
eine Abteilung Lanzenreiter und Schwerbewaffnete in schweren
Kupferhelmen und schlielich etwas abseits und in einiger Entfernung die
vornehmsten von den Rittern, jeder nach seinem besonderen Geschmack
gekleidet. Die stolzen Herren wollten sich nicht unter die andern
mischen, und wer von ihnen ber kein Kommando verfgte, ritt allein mit
seinen Dienern. Dann folgten von neuem lange Reihen von Soldaten, hinter
denen ein Fhnrich einherritt. Dann wieder mehrere Reihen Soldaten und
hinter ihnen der dicke Oberst; und endlich ganz zu letzt kam der kleine
Hauptmann hinter dem Heere dahergesprengt.

Hindert sie, hindert sie, ihre Stellungen einzunehmen, rief der
Hetman, rckt auf sie los; alle Abteilungen vor! Lat die andern Tore
im Stich. Die Abteilung Tytarew greift von der einen Seite an, die
Djadkiwsche Abteilung von der andern. Kukubenko und Palywoda, fallt
ihnen in den Rcken! Bringt sie in Verwirrung und sprengt sie
auseinander.

Die Kosaken rckten von allen Seiten heran. Sie drngten die polnischen
Reihen zurck, brachten sie in Verwirrung und gerieten selbst in ein
wirres Durcheinander. Man lie sich nicht einmal Zeit, die Gewehre zu
laden und abzufeuern, sondern zog sofort das Schwert und gebrauchte die
Lanze. Alles drngte sich zu einem Haufen zusammen, und jeder hatte
Gelegenheit, seinen Mut und seine Kraft zu zeigen.

David Popowitsch sbelte drei gemeine Soldaten nieder, warf zwei der
tapfersten Edelleute von den Pferden und rief: Sind das schne Pferde!
Solche Pferde hatte ich mir lngst gewnscht! Er jagte die Rosse weit
ins Feld hinaus und rief einigen Kosaken zu, sie sollten sie festhalten.
Dann strzte er sich wieder in den Haufen und warf sich ber die am
Boden liegenden Edelleute: den einen erschlug er und dem andern warf er
eine Schlinge um den Hals, band ihn am Sattel fest und schleifte ihn
ber das ganze Feld, nachdem er ihm zuvor seinen Sbel mit dem kostbaren
Griff abgenommen und seinen Beutel mit Goldstcken vom Grtel abgerissen
hatte.

Kobita, ein wackerer und noch junger Kosak, war ebenfalls mit einem der
tapfersten der polnischen Kmpfer handgemein geworden; das war ein
langer Kampf; jetzt brauchten sie bereits ihre Fuste ... der Kosak
hatte schon beinahe die Oberhand gewonnen, den Feind niedergeworfen und
ihm ein langes trkisches Messer in die Brust gestoen. Aber er hatte
dabei nicht acht auf sich gegeben; im selben Augenblick durchbohrte ihm
eine heie Kugel die Schlfe. Einer der edelsten Herren, der schnste
Ritter aus einem der ltesten Frstengeschlechter hatte ihn
hingestreckt. Schlank wie eine Pappel sa er auf seinem Schimmel, und
hatte schon manch hohes Beispiel von seinem Heldenmut gegeben; zwei
Saporoger hatte er geradezu zerspalten, den Fedor Korsch, einen wackeren
Kosaken, samt seinem Pferde niedergehauen, den Gaul erschossen, und den
Reiter unter dem Rosse mit ein paar Lanzenstichen gettet, vielen andern
hatte er den Kopf oder die Arme abgeschlagen und endlich den Kosaken
Kobita durch eine wohlgezielte Kugel, die jenem die Schlfe durchbohrte,
niedergestreckt.

Das ist ein Kerl, mit dem ich einmal meine Krfte messen mchte, rief
der Hauptmann Kukubenko von der Abteilung Nesamaikow aus. Er gab seinem
Pferde die Sporen, sprengte von hinten an ihn heran und schrie so laut,
da alle, die in der Nhe standen, bei diesem unmenschlichen Gebrll
erbebten. Der Pole wollte schnell sein Pferd herumreien, um ihm von
Angesicht zu Angesicht gegenberzutreten; aber das Pferd gehorchte ihm
nicht. Erschreckt von dem entsetzlichen Geschrei sprang es zur Seite,
und so gelang es Kukubenko, dem Ritter eine Kugel in den Leib zu jagen.
Sie drang ihm ins Schulterblatt, und er strzte vom Pferde. Aber auch
jetzt ergab sich der Pole noch nicht, sondern versuchte es noch immer,
seinem Gegner einen Schlag zu versetzen, doch sein kraftloser Arm
vermochte den Sbel nicht mehr emporzuheben. Unterdessen ergriff
Kukubenko mit beiden Hnden seinen schweren Pallasch und stie ihn dem
Polen in das erbleichende Antlitz. Der Sbel hieb ihm zwei von den
milchweien Zhnen heraus, spaltete die Zunge, zerschmetterte den
Halswirbel und drang noch tief in die Erde hinein. So nagelte er ihn fr
ewig an die feuchte Erde fest. Das edle rote Ritterblut spritzte hoch
empor, so rot wie die Dolden der Eberesche am Flusse, und frbte den
gelben goldgestickten Rock des Ritters. Aber Kukubenko kmmerte sich
nicht mehr um ihn und strzte mit seinen Nesamaikow-Kosaken mitten ins
Gedrnge hinein.

Ei, wie kann man nur eine so kostbare Rstung liegen lassen, rief der
Hauptmann der Uman-Abteilung, Borodaty, der die Seinen verlassen hatte
und nach der Stelle geritten war, wo der von Kukubenko erschlagene
Edelmann in seinem Blute lag.

Sieben Edelleute habe ich eigenhndig erschlagen, aber noch bei keinem
habe ich eine so kostbare Rstung gesehen! Von der Beute angelockt,
bckte sich Borodaty, um dem Toten die kostbare Rstung abzunehmen;
schon bemchtigte er sich des trkischen Dolches mit dem Griff aus
farbigen leuchtenden Edelsteinen, lste das Tschchen mit den Dukaten
vom Grtel ab und zog ihm einen Beutel mit feiner Wsche, kostbarem
silbernem Zierat und einer schnen Mdchenlocke, die hier zur Erinnerung
aufbewahrt wurde, aus dem Busen. So kam es, da Borodaty es nicht hrte,
wie der Fhnrich mit der roten Nase, den er schon einmal aus dem Sattel
geworfen und einen krftigen Denkzettel versetzt hatte, hinterrcks auf
ihn eindrang. Der Fhnrich holte tchtig aus und gab ihm mit dem Sbel
einen furchtbaren Hieb ber den niedergebeugten Nacken. Die Beutegier
trug dem Kosaken nichts Gutes ein; sein mchtiges Haupt flog ihm von den
Schultern, der kopflose Leichnam brach zusammen und trnkte den Boden
ringsherum mit seinem Blute. Die rauhe Kosakenseele stieg zrnend und
murrend, aber zugleich voller Verwunderung, da sie schon so frh aus
dem starken Krper entweichen mute, zum Himmel empor. Kaum aber hatte
der Fhnrich die Mhne des Hauptmanns gepackt, um sie an seinen Sattel
zu binden, da nahte auch ihm schon der schreckliche Rcher.

Wie ein am Himmel schwebender Habicht, der pltzlich, nachdem er mit
seinen starken Flgeln manch gewaltigen Kreis beschrieben hat, mit
ausgebreiteten Schwingen an einer Stelle hngen bleibt und dann wie ein
Pfeil auf die singende Wachtel am Wege herabstt, so strzte sich
Tara' Sohn, Ostap, auf den Fhnrich und warf ihm schnell den Strick um
den Hals. Das rote Antlitz des Fhnrichs wurde noch rter, als ihm die
grausame Schlinge die Kehle zuschnrte; er griff nach der Pistole, aber
die krampfhaft zusammengedrckte Hand vermochte nicht mehr zu zielen,
und die Kugel flog nutzlos ins Feld hinaus. Sofort lste Ostap die
seidene Schnur vom Sattel des Fhnrichs, die dieser zur Fesselung der
Gefangenen mit sich fhrte, und band ihm mit seiner eigenen Schnur Hnde
und Fe zusammen; das Ende befestigte er an seinem Sattel und schleifte
dann den Polen ber das Feld, indem er alle Kosaken der Abteilung Uman
laut ermahnte, ihrem Hauptmann die letzte Ehre zu erweisen.

Als die Uman-Kosaken hrten, da ihr Hauptmann Borodaty gefallen sei,
verlieen sie das Schlachtfeld und eilten herbei, um seinen Leichnam in
Sicherheit zu bringen. Dann gingen sie sofort zu Rate, wen sie zu ihrem
Hauptmann whlen sollten. Endlich sagten sie: Wozu sollen wir lange
berlegen? Wir knnen ja doch keinen bessern Hauptmann bekommen als
Ostap Bulba; er ist zwar der jngste von uns, aber er hat soviel
Verstand wie ein lterer Mann.

Ostap nahm die Mtze ab und dankte allen Kameraden fr die Ehre, ohne
sich erst lange mit seiner Jugend oder seiner geringen Erfahrung zu
entschuldigen, denn er wute, da man whrend des Krieges keine Zeit zu
solchen Dingen hat. Er fhrte seine Kosaken sogleich dorthin, wo das
Gedrnge am grten war, und bewies so, da sie nicht bel beraten
waren, als sie ihn zum Hauptmann whlten. Als die Polen merkten, da die
Sache doch etwas ernst wurde, zogen sie sich zurck und strmten quer
ber das Feld, um sich am andern Ende wieder zu sammeln. Der kleine
Hauptmann gab den vierhundert Mann, die in der Nhe des Tores standen
und noch nicht am Gefecht teilgenommen hatten, ein Zeichen -- und ein
Karttschenregen hagelte auf die Reihen der Kosaken nieder; sie trafen
jedoch nur wenige. Dafr aber streiften einige Kugeln die Ochsenherden
der Kosaken, die die Schlacht mit entsetzten Blicken anstarrten. Die
erschrockenen Ochsen brllten laut auf, strmten auf das Kosakenlager
zu, zertrmmerten die Wagen und traten viele Leute zu Boden. In diesem
Augenblick jedoch strzte Tara mit seiner Abteilung aus dem Hinterhalte
hervor und verlegte den Tieren den Weg, die aufs hchste gereizt, kehrt
machten und sich mit angstvollem Gebrll auf die polnischen Regimenter
strzten, die Reiter ber den Haufen warfen und alles zerstampften und
zertraten.

Hallo, Dank ihr Ochsen! schrien die Saporoger, ihr habt uns whrend
des ganzen Feldzuges schon manchen Nutzen gebracht und jetzt leistet ihr
uns gar noch Kriegsdienste!

Und mit frischen Krften strzten sie sich auf den Feind. Da wurde manch
ein Pole niedergemetzelt, und viele von den Kosaken zeichneten sich
durch ihre Kraft und ihren Heldenmut aus! Meteliza, Schilo, die beiden
Pisarenko, Wowtusenko und noch mancher andere.

Die Polen sahen, da es schlecht mit ihnen stand, und so befahlen sie
denn, die Fahnen zu hissen und das Stadttor zu ffnen. Knarrend ffnete
sich das eisenbeschlagene Tor und nahm die sich stoenden und
drngenden, erschpften und bestaubten Reiter auf wie der Stall die
Schafe. Viele Saporoger sprengten ihnen nach, aber Ostap hielt seine
Leute zurck und sagte: Haltet euch fern von den Mauern, werte Herren
und Brder, haltet euch fern von ihnen. Es ist gefhrlich, sich ihnen zu
nhern. Er hatte die Wahrheit gesprochen, denn die Polen schleuderten
alles, was sie in die Hnde bekamen, von den Mauern herab, und hierbei
wurde mancher Kosak gefhrlich verletzt. In diesem Augenblicke ritt der
Hetman an Ostap heran, lobte ihn und sagte:

Der Hauptmann ist zwar noch jung, aber er leitet seine Schar wie ein
alter, gewiegter Heerfhrer!

Der alte Bulba wandte sich um, um zu sehen, von was fr einem neuen
Hauptmann die Rede sei, und erblickte Ostap, der mit der Mtze auf dem
Ohr und mit dem Hauptmannsstab in der Hand an der Spitze seiner Leute
hoch zu Rosse sa. Das ist ein Kerl! rief der Alte, ihn voller Freude
betrachtend und dankte allen Uman-Kosaken fr die seinem Sohne erwiesene
Ehre.

Die Kosaken kehrten wieder um und machten sich bereit, ihr Lager
aufzusuchen, als die Polen abermals, diesmal aber bereits in zerrissenen
Gewndern auf den Wllen der Stadt erschienen. An vielen kostbaren
Kleidern klebte geronnenes Blut, und die schnen Kupferhelme waren mit
Staub bedeckt.

Na, habt ihr uns zusammengebunden?, riefen ihnen die Saporoger von
unten zu.

Ich werde euch schon fassen, schrie der dicke Oberst immer wieder von
oben herab und drohte mit einem Strick; die erschpften und bestaubten
Krieger wollten noch immer nicht aufhren, Drohungen auszustoen, und
die Heibltigsten lieen es auf beiden Seiten nicht an krftigen Worten
fehlen.

Endlich zerstreuten sich alle miteinander. Die einen begaben sich, vom
Kampf ermdet, zur Ruhe, die andern legten Erde auf ihre Wunden und
zerrissen Tcher und die kostbaren Gewnder, die sie dem Feinde
abgenommen hatten, um sich zu verbinden. Die, die sich etwas frischer
fhlten, brachten die Erschlagenen fort und erwiesen ihnen die letzte
Ehre; sie gruben ihnen mit einem Schwert oder einer Lanze ein Grab und
trugen die Erde in ihren Mtzen und Rockschen fort; andchtig legten
sie die toten Kosaken hinein und schtteten frische Erde ber sie, damit
ihnen Krhen und Adler nicht die Augen aushacken sollten. Die Leichen
der Polen banden sie zu je zehn und mehr an die Schweife wilder Rosse
und lieen diese zgellos ber das ganze Feld rasen, ja, sie jagten noch
hinter ihnen her und schlugen sie auf die Lenden. Die rasenden Pferde
flogen ber Furchen, Hgel, Grben und Bche und schleiften die mit Blut
und Staub bedeckten Krper der Polen ber den Erdboden.

Dann lagerten sich die Kosakenschaaren im Kreise, um ihr Abendessen
einzunehmen, und redeten des langen und breiten ber die Heldentaten,
die ein jeder vollbracht hatte, zur Nacheiferung und zum Gedchtnis fr
die Neuhinzukommenden und die Nachfahren. Es dauerte lange, ehe sie sich
niederlegten, aber lnger als alle blieb der alte Tara auf, der
fortwhrend darber nachsann, was es wohl bedeuten mochte, da Andrij
sich nicht unter den feindlichen Kriegern befunden hatte. Ob sich der
Judas vielleicht geschmt hatte, gegen die Seinen zu kmpfen, oder ob
der Jude gelogen und Andrij einfach gefangen war? Aber er mute doch
wieder daran denken, wie empfnglich sein Herz fr die Worte der Frauen
war, ein tiefer Gram erfate Tara, und er verfluchte im tiefsten Innern
die Polin, die seinen Sohn bezaubert hatte. Oh er wollte seinen Schwur
halten; ohne nur im geringsten ihrer Schnheit zu achten, wollte er sie
an ihren schnen ppigen Haaren packen und zwischen den Kosaken hindurch
ber das ganze Feld schleifen. Staub und Blut sollten ihre schnen
Brste und Schultern bedecken und mochten sie noch so wei sein und
schimmern wie der ewige Schnee auf den Berggipfeln, sie sollten gegen
die harte Erde schlagen und von ihr zerfetzt und zerrissen werden. In
tausend Stcke wollte er ihren wunderbaren schwellenden Krper reien,
und die Teile in den Wind zerstreuen. Aber Bulba wute nicht, was Gott
dem Menschen fr den morgigen Tag aufbehalten hat ..... er verga
endlich seinen Schmerz und schlief ein. Die Kosaken plauderten noch
immer miteinander, und die ganze Nacht hindurch standen nchterne
Wachtposten bei den Lagerfeuern und blickten scharfen Auges nach allen
Seiten.


                            Achtes Kapitel

Die Sonne stand noch nicht im Zenit, als sich die Saporoger bereits zu
einer allgemeinen Beratung versammelten. Aus der Sjetsch war die
Nachricht gekommen, da die Tataren sie whrend der Abwesenheit der
Kosaken berfallen und vllig ausgeplndert, ja da sie sogar die
Schtze, die die Kosaken unter der Erde versteckt hielten, ausgegraben
und alle, die zu Hause geblieben waren, totgeschlagen oder in die
Gefangenschaft gefhrt htten, und da sie mit den geraubten Rinder- und
Roherden geradewegs nach Perekop gezogen wren. Nur einem einzigen
Kosaken, Marim Goloducha, war es unterwegs gelungen, sich aus den Hnden
der Tataren zu befreien; er hatte den Mirza erstochen, dessen mit
Zechinen gefllten Beutel geraubt und sodann in tatarischer Kleidung und
auf einem Tatarenpferde einen Tag und zwei Nchte auf der Flucht vor
seinen Verfolgern zugebracht. Hierbei hatte er sein eigenes Pferd zu
Tode gehetzt, ein anderes bestiegen, das er ebenfalls zu Schanden
geritten hatte, und so war er erst am dritten Tage ins Lager der
Saporoger gekommen, nachdem er unterwegs erfahren, da diese bei Dubno
standen. Er vermochte nur noch zu sagen, da das Unglck geschehen war;
wie es aber geschehen konnte, ob die zurckgebliebenen Saporoger sich
nach Kosakenart betrunken hatten und dann im Rausch gefangen genommen
worden, und wie die Tataren die Stelle entdeckt hatten, an der sich der
Kriegsschatz befand -- von alledem vermochte er nichts zu sagen. Der
Kosak war furchtbar erschpft und am ganzen Krper geschwollen; der
heie Wind hatte ihm das Gesicht verbrannt, genug, er sank sofort nieder
und verfiel in einen tiefen Schlaf.

In solchen Fllen war es bei den Saporogern Sitte, den Rubern
unverzglich nachzujagen und sie noch unterwegs einzuholen, denn es
konnte sonst leicht geschehen, da die Gefangenen pltzlich auf den
kleinasiatischen Bazaren, in Smyrna, auf der Insel Kreta oder an anderen
Orten auftauchten, und Gott allein mochte wissen, wo man den buschigen
Schdeln der Saporoger noch sonst begegnete. Das war der Grund, weswegen
die Saporoger sich versammelt hatten. Sie alle, vom ersten bis zum
letzten, hatten ihre Mtzen aufbehalten, denn sie waren nicht
hergekommen, um von ihrem Hetman Befehle zu hren, sondern um sich als
Gleichgestellte miteinander zu beraten. Die ltesten sollen zuerst
sprechen, riefen einige Stimmen aus der Menge. Nein, Hetman, gib du
uns einen Rat, sagten andere.

Der Hetman nahm die Mtze ab, nicht mehr als ihr Anfhrer, sondern als
ihr Kamerad, dankte fr die Ehre und sprach: Es gibt viele unter uns,
die lter sind, als ich, und viele, die einen klgeren Rat erteilen
knnten, da man mir aber die Ehre erwiesen hat, mich zu fragen, so ist
dies mein Rat: Verliert keine Zeit, Kameraden, und setzt den Tataren
nach, denn ihr wit ja selbst, was der Tatar fr ein Mensch ist. Er wird
mit seinem geraubten Schatz kaum auf unsere Ankunft warten, sondern ihn
sofort verschleudern, soda auch nicht eine Spur von ihm brig bleibt.
Dies also ist mein Rat. Wir mssen aufbrechen, wir haben uns hier schon
genug Bewegung gemacht. Die Polen wissen, wer die Kosaken sind, wir
haben unsern Glauben nach Krften gercht. Die ausgehungerte Stadt aber
kann fr uns nicht mehr viel bedeuten. Darum lautet mein Rat: Brechen
wir auf!

Aufbrechen, aufbrechen! schrieen die Abteilungen der Saporoger. Aber
diese Worte wollten Tara Bulba wenig gefallen. Finster runzelte er
seine rabenschwarzen, leicht ergrauten Augenbrauen, die dem dichten
Gestrpp glichen, das auf dem Scheitel eines Berges wchst und dessen
Spitzen mit feinen weien Nadeln bereift sind. Nein, dein Rat ist nicht
gut, Hetman, sagte er, deine Worte sind nicht richtig, du scheinst zu
vergessen, da die Unsern in der Gefangenschaft bei den Polen zurck
bleiben. Du scheinst zu wollen, da wir das erste und heiligste Gesetz
der Freundschaft miachten; da wir unsere Brder in Stich lassen, damit
man ihnen bei lebendigem Leibe die Haut abzieht oder ihren Kosakenleib
vierteilt und ihn dann durch alle Stdte und Drfer schleppt, wie sie
das bereits mit dem Hetman und den besten Helden der Ukraine gemacht
haben. Haben sie unser Heiligstes noch nicht genug beschimpft? Was sind
wir denn? frage ich euch alle. Was ist das fr ein Kosak, der seinen
Kameraden in der Not verlt und zugibt, da er in der Fremde verreckt
wie ein Hund? Wenn es schon so weit gekommen ist, da niemand die
Kosakenehre mehr heilig hlt und da jeder sich erlaubt, uns ins
Angesicht und auf unseren groen Schnurrbart zu speien, und Schimpfworte
auf uns zu hufen -- so soll wenigstens mir keiner einen Vorwurf machen
knnen. Ich bleibe hier und wenn ich der einzige bin!

Alle anwesenden Saporoger begannen zu schwanken.

Tapferer Oberst entgegnete hierauf der Hetman, hast du denn
vergessen, da es ebenfalls unsere Kameraden sind, die sich in den
Hnden der Tataren befinden? Da ihr Leben ein ewiges Sklaventum unter
den Heiden sein wird, entsetzlicher als der schrecklichste Tod, wenn wir
sie nicht befreien? Hast du denn vergessen, da sie unsern gesamten
Schatz besitzen, der mit teurem Christenblute erkauft ist?

Die Kosaken wurden nachdenklich und wuten nicht, was sie sagen sollten.
Keiner von ihnen wollte in blen Ruf kommen. Da trat der lteste aus dem
Heere der Saporoger, Kajan Bowdjug, hervor. Er war hochgeehrt bei den
Kosaken, war schon zweimal Hetman gewesen und galt auch im Kriege als
ein tchtiger Kosak, aber jetzt war er schon sehr alt und nahm an keinem
Feldzuge mehr teil, auch liebte er es nicht, Rat zu erteilen, sondern
der alte Kmpe zog es vor, im Kreise der Kosaken auf dem Rcken zu
liegen und den Erzhlungen ber vergangene Abenteuer und Feldzge der
Kameraden zu lauschen. Er mischte sich nie in ihre Reden, sondern hrte
nur aufmerksam zu und drckte mit den Fingern die Asche in seiner kurzen
Pfeife zusammen, die er nie aus dem Munde lie. So sa er lange da, die
Augen halb geschlossen, und die Kosaken wuten nie, ob er zuhre oder
schon schlafe. Whrend der letzten Feldzge war er stets zu Hause
geblieben, aber diesmal hatte es ihn aufgerttelt. Nach Kosakenart hatte
er seine Hand geschwungen und gesagt: Ach was, diesmal komme ich mit
euch. Vielleicht kann ich dem Kosakentum noch irgendwie ntzlich sein.
Alle Kosaken verstummten, als er jetzt vor die Versammlung trat, denn
schon lange hatte man kein Wort aus seinem Munde gehrt. Jeder wollte
wissen, was Bowdjug zu sagen hatte.

Auch an mich ist jetzt die Reihe gekommen, einige Worte zu sagen, ihr
Herren und Brder, begann er, so hrt denn, was euch ein alter Mann
sagt, Kinder. Der Hetman hat weise gesprochen; als Fhrer des
Kosakenheeres, der verpflichtet ist, den Besitz des Heeres zu hten und
zu bewahren, konnte er gar nichts Weiseres sagen. Das lat euch zuerst
gesagt sein. Jetzt aber hrt, was ich euch weiter mitzuteilen habe. Und
zwar mu ich euch folgendes sagen. Auch der Oberst Tara hat eine groe
Wahrheit ausgesprochen! Gott mge ihm ein langes Leben bescheren, und
mge es noch oft solche Obersten in der Ukraine geben! Die erste Pflicht
und die hchste Ehre des Kosaken ist es, Waffenbrderschaft zu halten.
Solange ich auf der Welt bin, ihr Herren und Brder, habe ich es noch
nicht erlebt, da der Kosak seinen Kameraden in Stich gelassen oder
verraten htte. Sowohl die einen wie die andern sind unsere Kameraden;
ob ihrer nun viele oder wenige sind, das ist ganz gleich, sie sind alle
unsere Kameraden und uns alle gleich lieb und wert. Ich will also
folgendes sagen: Diejenigen, denen die Gefangenen der Tataren besonders
lieb sind, sollen sich an die Verfolgung der Tataren machen, die
dagegen, denen die von den Polen Fortgeschleppten mehr am Herzen liegen,
und die deren gerechte Sache nicht verlassen wollen, sollen hier
bleiben. Der Hetman mag seiner Pflicht gem mit der einen Hlfte die
Tataren verfolgen, die andere Hlfte aber soll sich unterdessen einen
eigenen stellvertretenden Hetman whlen. Und fr dieses Amt eignet sich,
wenn ihr einem Graukopf folgen wollt, niemand besser, als Tara Bulba.
Es gibt keinen unter uns, der ihm an Mut und Tapferkeit gleich ist.

So sprach Bowdjug und verstummte; und alle Kosaken freuten sich, da sie
der Alte so auf den richtigen Weg gewiesen hatte. Alle warfen ihre
Mtzen in die Luft und riefen: Dank dir, Vterchen! Du hast immer
geschwiegen, und geschwiegen, du hast lange geschwiegen, und nun endlich
hast du das einzig Richtige und Wahre gesagt. Du hast nicht vergebens
erklrt, als du mit uns in den Feldzug zogst, da du dem Kosakentum
ntzen knntest: Nun ist es wirklich so gekommen.

Seid ihr damit einverstanden? fragte der Hetman.

Ja, wir sind Alle einverstanden, riefen die Kosaken.

Die Versammlung ist also beendet?

Die Versammlung ist beendet, riefen die Kosaken.

So vernehmt denn jetzt den Heeresbefehl, Kinder, sagte der Hetman,
trat vor und setzte die Mtze auf; und alle Saporoger, so viel ihrer da
waren, nahmen die ihren ab und hrten ihn entblten Hauptes und mit zu
Boden gesenkten Blicken an, wie es bei den Kosaken Sitte war, wenn einer
der ltesten sprechen wollte. Jetzt teilt euch in zwei Teile, ihr
Herren und Brder. Wer gehen will, begebe sich auf die rechte Seite, wer
bleibt, auf die linke. Geht der grere Teil einer Abteilung mit, so
folgt ihnen auch der Fhrer, ist es jedoch nur der kleinere Teil, so
mgen sich die brigbleibenden einer anderen Abteilung anschlieen.

Und Alle teilten sich in zwei Gruppen und stellten sich teils auf die
rechte, teils auf die linke Seite. Wohin sich der grere Teil einer
Abteilung begab, dahin folgte auch der Fhrer: kleinere Teile schlossen
sich an die greren Abteilungen an. Und es stellte sich heraus, da
beide Gruppen fast gleichstark waren. Folgende Abteilungen hatten sich
zum Bleiben entschlossen: beinahe die ganze Abteilung Nesamaikow, die
grere Hlfte der Abteilung Popowitsch, die ganze Abteilung Uman und
Kanew, und die grere Hlfte der Steblikiwschen und Tymoschewschen
Abteilungen. Die brigen Abteilungen zogen es vor, die Tataren zu
verfolgen. Auf beiden Seiten gab es viele tapfere und wackere Kosaken.
Unter denen, die beschlossen hatten, den Tataren nachzujagen, befanden
sich: ein wackerer, alter Kosak, Tscherewaty, ferner Pokotypole, Lemisch
und Prokopowitsch Choma. Auch Demid Popowitsch hatte sich ihnen
angeschlossen, denn er hatte eine recht hohe Meinung von sich und liebte
es nicht, lange an ein und demselben Ort zu sitzen: er hatte sich nun
mit den Polen gemessen, jetzt wollte er es wieder einmal mit den Tataren
aufnehmen. Die Anfhrer der einzelnen Abteilungen waren folgende:
Nostjugan, Pokryschka, Newylytschki und noch viele andere wackere und
tapfere Kosaken, die Schwert und Kraft im Kampf gegen die Tataren
erproben wollten. Aber nicht weniger tapfere und brave Kosaken waren
unter denen, die da bleiben wollten: die Abteilungsfhrer Demytrowitsch,
Kukubenko, Wertychwist, Balaban, Bulbenko und Ostap. Auer ihnen gab es
da noch viele andere berhmte und gewaltige Kosaken: Wowtusenko,
Tscherewytschenko, Stepan Guska, Ochrim Guska, Mykola Gustyj,
Sadoroschny, Metelizja, Iwan Sakrutyguba, Mossy Schilo, Degtjarenko,
Sydorenko, die drei Pissarenko und noch viele andere ausgezeichnete
Kosaken, alles erfahrene, und erprobte Leute. Sie waren an den Ksten
Anatoliens, in den Steppen der Krim, auf allen groen und kleinen
Flssen, die in den Dnjepr mnden, und in den Schluchten und auf den
Inseln dieses Flusses gewesen; sie hatten die Moldau, die Wallachei und
die Trkei besucht, hatten das ganze schwarze Meer mit ihren
zweiruderigen Kosakenbooten durchkreuzt und mit deren fnfzig die
grten und reichsten Schiffe berfallen, nicht wenig Galeeren zum
Kentern gebracht und viel, sehr viel Pulver in ihrem Leben verschossen.
Oft genug hatten sie kostbare Seiden- und Sammetstoffe zerrissen um sich
Fulappen daraus zu verfertigen, und ihre Beutel am Hosengurt mit
goldenen Zechinen vollgestopft. Und wieviel Geld und Gut jeder von ihnen
schon vertrunken und verjubelt hatte, -- einem andern htte es fr das
ganze Leben gereicht -- das war garnicht auszurechnen. Sie hatten nach
Kosakenart alles verschwendet: alle Welt bewirtet, und Musikanten
bestellt, damit alles, was da lebte, lustig sei! Noch jetzt hatten die
meisten irgendwo Wertgegenstnde vergraben: Becher, silbernes
Trinkgeschirr und Armbnder, die sie im Schilf auf den Inseln des Dnjepr
versteckt hielten, damit die Tataren sie nicht auffinden konnten, wenn
es diesen gelingen sollte, die Sjetsch in einem unglcklichen Augenblick
pltzlich zu berfallen. Aber es wre den Tataren schwer geworden, diese
Schtze zu finden, wuten doch oft die Besitzer selbst nicht mehr, wo
sie sie vergraben hatten. Das waren die Kosaken, die da bleiben wollten,
um die treuen Waffenbrder und den christlichen Glauben an den Polen zu
rchen. Der alte Kosak Bowdjug wollte gleichfalls mit ihnen
zurckbleiben und sagte: Ich bin nicht mehr jung genug, um hinter den
Tataren herzulaufen; auch dies ist ein Platz, wo man einen ehrlichen
Kosakentod sterben kann! Schon lange bete ich zu Gott, da ich, wenn ich
denn sterben soll, mein Leben im Kampf fr die heilige Sache Christi
hingeben drfe. Nun ist es so gekommen. Einen schneren Tod kann es fr
einen alten Kosaken nirgends geben.

Nachdem sie auseinandergegangen waren und sich in zwei Gruppen nach den
Abteilungen aufgestellt hatten, schritt der Hetman die Reihen ab und
sagte:

Nun ihr Herren und Brder, sind die beiden Teile miteinander
zufrieden?

Wir sind alle zufrieden Vterchen, riefen die Kosaken.

Nun, dann kt euch und drckt euch zum Abschied die Hnde, denn Gott
wei, ob ihr euch noch einmal im Leben wiederseht. Gehorcht eurem
Hetman, und tut euer Bestes: ihr wit ja selbst, was die Kosakenehre von
euch fordert.

Und alle Kosaken, so viele ihrer waren, kten einander. Die Fhrer
machten den Anfang, sie strichen sich ber ihre grauen Schnurrbrte und
kten sich dreimal, dann drckten sie sich die Hnde und hielten sie
lange fest, als ob sie sagen wollten: Werden wir uns noch einmal wieder
sehen, Herr Bruder oder nicht?

Sie sagten aber doch nichts, sondern schwiegen, und ihre grauen Kpfe
versanken in Nachdenken. Auch die Kosaken nahmen Abschied von einander;
alle insgesamt, denn sie wuten, da es fr beide Teile viel zu tun gab.
Sie beschlossen aber, sich nicht sofort zu trennen, sondern bis zum
Anbruch der Nacht zu warten, damit der Feind nichts davon merke, da das
Kosakenheer kleiner geworden sei. Dann begaben sich alle in die
einzelnen Lager, um sich ihr Mittagsmahl zu bereiten.

Nach der Mahlzeit legten sich alle, die nach Hause gehen wollten zur
Ruhe nieder; sie schliefen lange und fest, wie wenn sie ahnten, da dies
das letzte Mal sei, wo sie sich als freie Mnner auf freiem Felde
ausschlafen konnten. Sie schliefen bis zum Sonnenuntergang: bei Anbruch
der Dunkelheit aber standen sie auf, um ihre Wagen zu schmieren. Als sie
fertig waren, schickten sie die Wagen voraus, sie selbst aber grten
ihre Kameraden nochmals mit den Mtzen und schritten langsam und still
hinter den Wagen her; die Berittenen zogen in guter Ordnung, ohne die
Pferde durch Schreien und Pfeifen anzuspornen, hinter den Fugngern
her, und bald waren sie in der Dunkelheit verschwunden. Nur hie und da
hrte man noch das dumpfe Pferdegetrappel und hin und wieder das Knarren
eines Rades herberschallen, das noch nicht recht in Gang gekommen oder
whrend der nchtlichen Dunkelheit schlecht geschmiert worden war.

Und lange noch winkten ihnen die zurckgebliebenen Kameraden zu,
obgleich nichts mehr von ihnen zu sehen war. Als sie aber zu ihren
Lagerpltzen zurckgekehrt waren, und als sie bei dem sternhellen Himmel
sahen, da die gute Hlfte der Wagen nicht mehr da war, und da viele
ihrer Brder fehlten, da wurde es ihnen traurig und bang ums Herz, sie
wurden unwillkrlich nachdenklich und lieen ihre unruhigen Kpfe
herabsinken.

Tara sah, wie schwermtig die Kosaken wurden, und wie sich ihrer Kpfe
eine gewisse Verzagtheit, die eines tapferen Mannes unwrdig ist,
bemchtigte; aber er schwieg, er wollte ihnen Zeit lassen, bis sie sich
an den Schmerz gewhnten, den der Abschied der Kameraden in ihnen
hervorgerufen hatte. Im stillen nahm er sich jedoch vor, sie pltzlich
durch den Kosaken-Kriegsruf aufzurtteln, um ihrer Seele wieder neuen
frischen Mut und neue Strke einzuflen. Jene Strke, deren nur die
slavische Rasse fhig ist, diese weitherzige, mchtige Rasse, die sich
zu den andern Rassen verhlt, wie das Meer zu einem seichten Flchen.
Wenn die Zeit strmisch ist, dann bricht es in ein drhnendes Gebrll
und Gedonner aus und wirft und trmt gewaltige Wogenmassen auf, wie es
ein kraftloser Flu nie vermag; wenn aber Windstille und Ruhe herrscht,
dann streckt es seine unabsehbare, klare Spiegelflche aus: den Augen
ein ewiges Labsal, und klarer und reiner als je einer der Flsse.

Tara befahl seinen Dienern, einen Wagen, der gesondert dastand,
auszupacken. Es war der grte und strkste von allen Kosakenwagen.
Seine Rder waren mit doppelten mchtigen Reifen beschlagen, er war hoch
beladen, mit Decken und starken Ochsenfellen bespannt und mit gut
geteerten Stricken umwunden. Im Innern befanden sich Gefe und Fsser
mit gutem alten Wein, der lange in Tara' Kellern gelagert hatte. Er
hatte diesen Vorrat fr einen feierlichen Augenblick aufgespart, damit
ein jeder Kosak -- wenn der groe Augenblick gekommen war und groe
Taten winkten, die wrdig waren, der Nachwelt berliefert zu werden --
einen kstlichen Schluck dieses verbotenen Trunkes koste, auf da der
groe Moment in dem Menschen auch ein groes Gefhl auslse. Auf den
Befehl des Obersten liefen die Knechte sofort zu den Wagen, hieben mit
ihren Sbeln die dicken Stricke durch, nahmen die starken Ochsenhute
und Decken ab und zogen die Gefe und Fsser vom Wagen herunter.

Nehmt nur alle, sagte Bulba, alle, so viele ihr seid, ein jeder
nehme, was er bei der Hand hat: einen Becher, einen Eimer, mit dem er
sonst sein Pferd trnkt, einen Fausthandschuh oder die Mtze, oder wenn
es gar nicht anders geht, so haltet einfach die Hnde unter.

Und alle Kosaken, soviel ihrer da waren, taten, wie Tara ihnen gebot;
der eine hielt einen Becher unter, ein anderer einen Eimer, aus dem er
sonst sein Pferd trnkte, ein dritter seinen Fausthandschuh und wieder
andere die Mtze, viele aber hielten einfach beide Hnde hin. Und Tara'
Knechte schenkten ihnen allen den Wein aus Gefen und Fssern ein.
Allein Tara gebot ihnen, nicht eher davon zu kosten, als bis er ihnen
ein Zeichen gbe, damit alle den Wein auf einmal austrnken. Man sah es
ihm an, da er etwas sagen wollte. Tara wute, da, so stark auch die
Wirkung an und fr sich ist, die ein guter alter Wein auf das Gemt des
Menschen ausbt, und so sehr er ihn ermutigt und belebt, der Einflu des
Trunkes auf Geist und Gemt noch doppelt so stark ist, wenn er von einem
guten Wort begleitet wird. Ich habe Euch nicht deshalb zu diesem Trunke
eingeladen, werte Herren und Brder, sprach Bulba, weil ihr mich zu
euerem Fhrer erwhlt habt, so sehr ich mir das auch zur Ehre anrechne,
und auch nicht um den Abschied von unseren Kameraden zu feiern, -- das
wrde sich wohl in anderen Zeiten besser geziemen als gerade in diesem
Augenblick. Groe, schwere Taten, edlen Schweies wert, harren unser,
Taten, die den gewaltigen Mut der Kosaken erfordern! Und darum,
Kameraden, lat uns den Wein austrinken auf einen Zug: vor allem auf den
heiligen christlichen Glauben, damit endlich die Zeit kommt, wo sich der
eine wahre und heilige Glaube ber den ganzen Erdboden verbreite und
alle Mohammedaner, soviel ihrer auch sind, glubige Christen werden. Und
zugleich lat uns auf die Sjetsch trinken, auf da diese noch lange
bestehen mge zum Schrecken und Verderben der Mohammedaner, und auf da
alle Jahre recht viele brave Kosaken, einer tchtiger und schner als
der andere, aus ihr hervorgehen mgen. Und endlich lat uns auch gleich
auf unsern eigenen Ruhm trinken, auf da Kinder und Kindeskinder sich
von uns erzhlen, da es einst Kosaken gegeben habe, die nicht Verrat
gebt an der Freundschaft und die eigenen Waffenbrder nicht in Stich
gelassen haben! Also es lebe der Glaube, werte Herren. Es lebe der
Glaube!

Es lebe der Glaube! donnerten alle, die in den vordersten Reihen
standen mit ihren tiefen Bastimmen los. Auf unsern Glauben! fielen
auch die ferner Stehenden ein, und alle Anwesenden, die Alten und die
Jungen, leerten die Becher auf ihren Glauben.

Auf die Sjetsch! sagte Bulba und hob den Arm hoch ber den Kopf empor.

Auf die Sjetsch! riefen die in den vordersten Reihen mit lauter
Stimme. Auf die Sjetsch!, sagten die Alten leise und strichen sich die
grauen Schnurrbrte; und die Jungen wiederholten wie ein junger Falke,
der aus dem Schlafe erwacht: Auf die Sjetsch! -- und weithin drang
ber das Feld der Ruf, mit dem die Kosaken ihrer Sjetsch gedachten.

Jetzt noch einen letzten Trunk, Kameraden: auf unsere Ehre und unseren
Ruhm und auf alle Christen, die in der Welt leben!

Und alle Kosaken, vom ersten bis zum letzten, tranken den letzten
Schluck auf Ehre und Ruhm und auf alle Christen, die irgendwo in der
Welt lebten. Und lange noch wiederholten die einzelnen Gruppen und
Abteilungen:

Auf das Wohl aller Christen, die in der Welt leben!

Die Becher waren geleert, doch noch immer standen die Kosaken mit
erhobenen Hnden da; allein wenn auch der Wein ihre Augen heller und
freudiger glnzen machte, -- sie waren doch immer noch ernst und
nachdenklich. Nicht an Beute und Kriegsglck dachten sie jetzt, auch
nicht daran, ob ihnen wohl goldene Dukaten, kostbare Waffen, gestickte
Rcke und Tscherkessenpferde beschieden sein wrden: sie saen sinnend
da wie eine Schar von Adlern, die sich hoch oben auf den Spitzen
steinerner Felsen und steiler Berge niedergelassen haben, von wo aus man
das weite grenzenlose Meer erblickt, wie es mit Galeeren, Segelschiffen
und allerlei Fahrzeugen, gleichwie mit kleinen Vgeln, best ist, -- das
Meer mit seinen in der Ferne verschwimmenden Meerbusen und Gestaden, mit
Stdten, die wie Fliegen, und mit Wldern, deren Bume wie niedrige
Grashalme aussehen. Mit Adlerblick berschauten sie die ganze Ebene und
ihr von ferne winkendes Schicksal. Einst wrde das ganze weite Feld, mit
all seinen Wegen und Verstecken, mit nackten weien Kosakenknochen
bedeckt sein, und auf dem von Kosakenblut gedngten Boden wrde man
zertrmmerte Wagen, zerbrochene Sbel und Lanzen erblicken; berall
wrden dicht behaarte Kpfe mit zerzausten und blutigen Mhnen und tief
herabhngenden Schnurrbrten herumliegen, die Adler wrden sich auf die
Leichen strzen und ihnen mit ihren Schnbeln die Kosaken-Augen
heraushacken. Aber wie schn und herrlich war doch trotz allem ein so
weites, freies Sterbelager! Keine ihrer groen Taten wrde vergessen
werden, und der Kosakenruhm wrde nie vergehen und nie sich verlieren
wie die kleine Kugel, die den Flintenlauf verlassen hat. Ein
Bandura-Spieler mit einem weien, bis an den Grtel reichenden Bart
wrde einst von ihm singen oder vielleicht auch ein weihaariger Greis,
der aber noch immer ein Bild kraftvoller mnnlicher Schnheit ist: ein
Wahrsager und Prophet, wrde er mit gewaltigen, mchtigen Worten von ihm
knden! Und weithin ber die Welt wrde sich der Ruhm der Kosaken
verbreiten, und alle, die nach ihnen geboren wrden, wrden von ihnen
reden. Denn leicht verbreitet sich ein gewaltiges Heldenwort, leicht wie
der Ton aus schallendem Glockenerz, in das der Meister viel kstliches
und reines Silber gemischt hat, auf da der herrliche Klang in alle
Stdte und Drfer, Palste und Htten dringe, und alle Christen zum
heiligen Gebete rufe.


                           Neuntes Kapitel

In der Stadt hatte noch niemand etwas davon erfahren, da die Hlfte der
Saporoger abgezogen war, um die Tataren zu verfolgen. Vom Rathausturm
bemerkte man allerdings, da ein Teil der Wagen hinter dem Walde
verschwunden war, allein man glaubte, da die Kosaken den Leuten in der
Stadt einen Hinterhalt legen wollten, und so dachte auch der welsche
Ingenieur. Mittlerweile aber hatte sich die Meinung des Hetmans
besttigt: in der Stadt machte sich wieder ein groer Mangel an
Lebensmitteln bemerkbar: wie stets in diesen Zeiten, so hatte man es
auch diesmal nicht fr ntig gehalten, die Bedrfnisse des Heeres im
voraus zu berechnen. So versuchte man denn, einen Ausfall aus der Stadt
zu machen -- indes die Hlfte der Waghalsigen wurde auf der Stelle von
den Kosaken niedergemacht, und die andern wurden mit leeren Hnden in
die Stadt zurckgeschickt. Die Juden aber wuten den Ausfall gut
auszunutzen: sie kriegten alles heraus: wohin und weshalb die Saporoger
fortgezogen waren, welche Fhrer, welche Abteilungen und wieviel Leute
an Ort und Stelle zurckgeblieben waren, und was sie zu tun
beabsichtigten -- kurz, man war in der Stadt bald darauf aufs genaueste
ber alles unterrichtet.

Die Fhrer schpften neuen Mut und entschlossen sich, den Kosaken eine
Schlacht zu liefern. Tara erriet diese Absicht schon an dem Lrm und
der Bewegung in der Stadt, worauf auch er schnell alle Anstalten traf,
alle ntigen Befehle und Anordnungen gab und die einzelnen Abteilungen
in drei Lager teilte, indem er sie von Proviantwagen wie mit
Festungswllen umstellen lie, -- eine Kampfart, in der die Saporoger
unbesieglich waren. Zwei Abteilungen befahl er, sich in den Hinterhalt
zu legen, und einen Teil des Feldes lie er mit spitzen Pfeilen,
zerbrochenen Sbeln und Lanzen spicken, um, wenn es glcken sollte, die
feindliche Reiterei hineinzujagen. Als alles aufs trefflichste instand
gesetzt war, hielt er eine Ansprache an die Kosaken: nicht etwa um sie
zu ermutigen oder anzufeuern -- er wute, da sie auch ohnedies mutig
und tapfer genug waren, sondern einfach weil er selbst einmal
aussprechen wollte, was er auf dem Herzen hatte.

Werte Herren, ich will euch sagen, was unsere Kameradschaft bedeutet.
Ihr habt von den Vtern und Grovtern vernommen, wie unser Land berall
geehrt wurde: die Griechen haben es kennen gelernt, und von
Konstantinopel erhielt es Dukaten als Tribut; es hatte herrliche Stdte,
Kirchen und Frsten -- Frsten von altem russischen Adel, seine eigenen
Frsten und nicht katholische Ketzer. Und nun haben uns die Unglubigen
alles geraubt, und es ist alles verloren gegangen: nur wir arme Waisen
sind brig geblieben -- und wie eine Witwe, deren starker Mann
dahingegangen ist, ist auch unser Land verwaist und schutzlos geworden.
In einer solchen Zeit haben wir uns die Hnde gereicht, Kameraden, um
Brderschaft miteinander zu schlieen! Und das ist es, worauf unsere
Kameradschaft gegrndet ist! Es gibt keine heiligeren Bande als die der
Waffenbrderschaft; der Vater liebt sein Kind, die Mutter liebt ihr
Kind, das Kind liebt Vater und Mutter, doch was bedeutet das alles,
Brder? Auch das Tier liebt ja sein Junges! Eine _Seelen_gemeinschaft
die noch ber die Blutsbande hinausgeht, die kann nur bei _Menschen_
bestehen! Auch in andern Lndern haben treue Freunde und Kameraden
zusammengehalten, aber nirgends noch gab es solche, wie die russische
Erde sie hervorbrachte. Viele von euch haben lange, lange Zeit in der
Fremde geschmachtet, gewi, auch dort gibt es Menschen -- auch sie sind
von Gott erschaffen worden, und man kann mit ihnen sprechen wie mit
seinesgleichen. Aber wenn es sich um Worte handelt, die die ganze Seele
aufrhren, da merkt man sofort den Unterschied! Gewi, es sind kluge
Leute, und doch fehlt es ihnen an etwas, es sind Menschen wie wir, und
doch ganz anders geartet. Nein Brder, so lieben, wie ein russisches
Herz es kann -- ich meine nicht mit dem _Verstande_ oder irgend etwas
hnlichem, sondern mit allem, was uns Gott gegeben hat, mit alledem, was
im Menschen verborgen ist -- ah, sagte Tara, indem er die Hand sinken
lie, sein graues Haupt schttelte und mit dem Schnurrbart zuckte,
nein, so kann kein anderer lieben! Ich wei wohl, es sind jetzt
schlimme Sitten in unser Land gedrungen, alle Leute denken nur an ihre
Heuschober, ihre Kornspeicher, ihre Roherden und legen den allergrten
Wert darauf, da die versiegelten Metflaschen in ihren Kellern nur ja
unberhrt bleiben; sie nehmen der Teufel wei was fr heidnische Sitten
an, verachten ihre eigene Sprache und wollen kaum noch mit ihren eigenen
Stammesgenossen sprechen, ja sie verkaufen den eigenen Bruder wie irgend
ein seelenloses Vieh, das man auf dem Markte feilbietet. Die Gunst eines
fremden Knigs, ja nicht einmal eines Knigs, sondern nur das
schmhliche Wohlwollen eines polnischen Magnaten, der sie mit seinen
gelben Stiefeln ins Gesicht schlgt, liegt ihnen mehr am Herzen als alle
Brderschaft. Aber auch im letzten Lumpen, so niedrig und gemein er auch
sein mag, selbst wenn er sich noch so sehr in Staub, Schmutz und
Unterwrfigkeit wlzt, auch in ihm, Brder, lebt noch ein Fnkchen
russischen Gefhls, und der Tag kommt, an dem er wieder erwacht und zur
Besinnung kommt; dann wird er sich wie ein Verzweifelter gegen die Brust
schlagen, sich am Kopfe fassen, sein schndliches Leben laut verfluchen,
und seine schmachvolle Tat mit tausend Qualen shnen wollen. So mgen
sie denn alle wissen, was die Kameradschaft in russischen Landen
bedeutet! Und wenn es denn gilt, zu sterben, so wird niemand von ihnen
so zu sterben wissen wie wir. Niemand, niemand! Das bringt ihre
Musenatur nicht fertig!

So sprach der Hauptmann, und als er seine Rede beendet hatte, schttelte
er noch lange sein silberweies Haupt, das in den vielen Kosakenzgen
ergraut war.

Alle Umstehenden hatte seine Rede aufs tiefste ergriffen und bis ins
Innerste erschttert. Die ltesten verharrten in vlliger
Bewegungslosigkeit, sie hatten ihre grauen Hupter zu Boden gesenkt, und
in ihren alten Augen glnzte eine verstohlene Trne, die sie langsam mit
dem rmel fortwischten. Dann aber erhoben sie alle wie auf Verabredung
gleichzeitig die Hnde und schttelten die greisen Hupter.

Der alte Tara mute wohl mancherlei Vertrautes und Schnes wachgerufen
haben, das tief im Herzen der Menschen schlummert, eines Menschen, der
durch Not, Mhsal, Leichtsinn und allerhand Migeschick klger geworden
ist oder der zwar noch nicht alles erfahren, aber doch in seiner jungen
reinen Seele vieles empfunden hat, zur Freude seiner greisen Eltern, die
ihn erzeugt haben.

Doch schon kam das feindliche Heer aus der Stadt herangezogen, die
Pauken und Posaunen drhnten, und die Ritter nahten, die Hnde in die
Seiten gestemmt, auf ihren stolzen Rossen, umgeben von zahllosen
Reisigen. Der dicke Oberst teilte Befehle aus. Ohne Verzug rckten die
Polen gegen die Kosakenlager vor und legten drohend ihre Gewehre an,
wobei ihre Augen zornig funkelten und ihre Kupferrstungen glnzten.

Kaum hatten die Kosaken gesehen, da sie nur noch auf Schuweite
entfernt waren, so ergriffen auch sie ihre sechs Fu langen Gewehre und
erffneten ein ununterbrochenes Feuer. Das dumpfe Knattern tnte ber
alle Wiesen und Felder und wuchs zu einem bestndigen Donner an. Das
ganze Schlachtfeld war in Rauch gehllt, aber die Saporoger fuhren fort
zu schieen, ohne auch nur die geringste Pause eintreten zu lassen, die
hinteren Reihen taten hierbei nichts, als da sie die Gewehre luden, die
sie den vorderen reichten, worber der Feind aufs uerste bestrzt war,
da er nicht begreifen konnte, wie die Kosaken zum Schu kmen, ohne die
Gewehre zu laden. Infolge des dichten Rauchs, der beide Heere einhllte,
war es vllig unmglich, wahrzunehmen, wie bald der eine, bald der
andere in den Reihen fehlte; doch die Polen fhlten sehr wohl, da ein
wahrer Kugelregen auf sie niederprasselte, und da der Kampf sehr ernst
wurde; als sie sich ein wenig zurckzogen, um aus dem Pulverrauche
herauszukommen, und sich ein wenig umsahen, merkten sie, da in ihren
Reihen viele fehlten, whrend bei den Kosaken hchstens zwei oder drei
vom Hundert gefallen waren. Die Kosaken aber setzten ihr Gewehrfeuer
unablssig fort, ohne auch nur einen Augenblick inne zu halten.

Selbst der auslndische Ingenieur wunderte sich ber diese noch nie
gesehene Kampfart und erklrte laut und vor allen Leuten:

Wackere Kerls diese Saporoger! So sollte man berall kmpfen, auch in
anderen Lndern. Und er riet, unverzglich die Kanonen auf das Lager zu
richten. Dumpf brllten die Kanonen aus ihren weiten ehernen Schlnden,
weithin und drhnend erbebte der Erdboden, und das ganze Schlachtfeld
hllte sich in noch dichteren Pulverdampf. In den Straen und Pltzen
der benachbarten und entfernteren Stdte machte sich der Pulvergeruch
bemerkbar, allein die Polen hatten zu hoch gezielt: die glhenden Kugeln
beschrieben einen zu groen Bogen, flogen mit schrecklichem Getse ber
die Kpfe des gesamten Lagers hinweg und bohrten sich tief in den Boden
ein, wobei sie das schwarze Erdreich vllig aufwhlten und hoch in die
Luft schleuderten. Angesichts einer solchen Ungeschicklichkeit raufte
sich der welsche Kriegsknstler die Haare und begann die Kanonen nun
selbst zu richten, ohne darauf zu achten, da die Kosaken ununterbrochen
feuerten.

Tara hatte von weitem die Gefahr bemerkt, die der ganzen Abteilung
Nesamaikow und Steblikiw drohte, und rief mit drhnender Stimme: Alle
Mann hinter den Wagen vor, und sofort auf die Pferde! Allein die
Kosaken htten kaum noch Gelegenheit gehabt, das eine oder das andere zu
tun, wenn nicht Ostap sich mitten in die Schlachtreihe des Feindes
gestrzt htte: hierbei schlug er sechs Kanonieren die Lunten aus den
Hnden, bei vier anderen miglckte ihm jedoch dieser waghalsige
Versuch, und die Polen trieben ihn wieder zurck. Nun aber ergriff der
auslndische Hauptmann selbst die Lunte, um sie an ein Riesengeschtz zu
legen, wie es noch keiner von den Kosaken bisher gesehen hatte: Es bot
mit seinem furchtbaren Schlunde einen schrecklichen Anblick dar, und
hundert Tode blickten aus ihm hervor. Und als es erdrhnte und zugleich
mit ihm noch drei andere ihren ehernen Mund ffneten, und ein vierfacher
Sto den ganzen Erdboden erschtterte -- welch entsetzliches Unheil
richteten sie da an! Wie viele Kosaken blieben auf der Walstatt! Manch
alte Mutter sollte ihren gefallenen Sohn beklagen und mit den knochigen
Hnden ihren welken Busen schlagen! Wie viele Witwen in Gluchow,
Nemirow, Tschernigow und in anderen Stdten sollten ihre Mnner
beweinen! Tag fr Tag sollten die Brute auf den Markt hinauslaufen,
jeden Vorbergehenden festhalten und ihm in die Augen blicken, ob sich
nicht der unter ihnen befindet, der ihr der Liebste ist! Aber viele
Soldaten sollten durch die Stadt ziehen, doch der ber alles Geliebte
sollte nicht unter ihnen sein!

Die Hlfte der Abteilung Nesamaikow war wie weggeblasen. Wie der Hagel
ein ganzes Erntefeld niedermht, aus dem jede hre gleich einem
vollwertigen Dukaten glnzt, so wurden sie erschlagen und
niedergestreckt!

Wie da aber die Kosaken vorwrtsstrmten! Wie sie sich alle auf den
Feind strzten! Der Hauptmann Kukubenko schumte vor Wut, als er sah,
da die Hlfte seiner Leute nicht mehr da war. Mitten ins feindliche
Zentrum warf er sich jetzt mit dem Rest seiner Abteilung. Den ersten,
der ihm begegnete, hieb er in seiner Wut in Stcke zusammen; zahllose
Ritter strzte er von ihren Rossen, indem er Ro und Reiter mit seiner
Lanze durchbohrte: schon hatte er sich bis zu den Kanonieren
durchgeschlagen und sich einer Kanone bemchtigt, als er sah, da die
Befehlshaber der Abteilungen Uman und Stephan Guska die Riesenkanone
fortschleppten. Er berlie dies also jenen Abteilungen und sprengte mit
den Seinen in den feindlichen Haufen zurck. Und immer ffnete sich eine
Gasse, wo sich die Krieger von Nesamaikow zeigten! Wo sie eine Wendung
machten, da tat sich eine Strae auf. Man sah, wie die Reihen der Polen
sich immer mehr lichteten und wie ein Haufen nach dem andern niedersank.
In der Nhe der Wagen stand Wowtusenko, vor ihm Tscherewitschenko,
hinter dem letzten Wagen Degtarenko und noch weiter zurck der
Abteilungsfhrer Wertychwist. Zwei Edelleute hatte Degtarenko bereits
mit seiner Lanze durchbohrt und war jetzt an den dritten geraten, der
sich so leicht nicht ergeben wollte. Dieser Pole war uerst gewandt und
stark, er trug eine prachtvolle Rstung, und fnfzig Krieger bildeten
sein Gefolge.

Er versetzte Degtarenko einen gewaltigen Streich, warf ihn zu Boden und
schrie jetzt, den Sbel hoch ber ihm schwingend: Ihr Hunde von
Kosaken, es gibt keinen unter euch, der es mit mir aufzunehmen wagte!

Doch, es gibt einen, sagte Mossy Schilo und trat vor. Er war ein
starker Kosak, der die Kosaken schon oft zu Wasser befehligt und schon
manches Migeschick erlebt hatte. Die Trken hatten ihn und seine Leute
einst bei Trapezunt ergriffen und sie alle als Sklaven auf die Galeere
geschleppt; ganze Wochen lang hatten sie ihnen kein Brot gegeben und sie
ekles Meerwasser trinken lassen. Allein die armen Sklaven erlitten und
ertrugen alles, nur um ihren heiligen Glauben nicht abzuschwren. Der
Hauptmann, Mossy Schilo, vermochte jedoch diesen Zustand nicht mehr zu
ertragen: er trat das heilige Gebot mit Fen, schlang den abscheulichen
Turban um sein sndiges Haupt und gewann dadurch das Vertrauen des
Paschas, der ihn zum Schlieer und Oberaufseher ber das Schiff und alle
Sklaven machte. Da wurden die armen Sklaven sehr traurig; sie wuten,
wenn ein Bruder den Glauben verrt und zu den Bedrckern bergeht, dann
wird es unter seiner Herrschaft noch viel schlimmer als unter der eines
Unglubigen. Und so kam es auch. Mossy Schilo legte allen neue Ketten
an, schlo je drei zusammen, fesselte sie mit furchtbaren Stricken, die
sich bis auf die weien Knochen ins Fleisch einschnitten und versetzte
ihnen krftige Hiebe ber Nacken und Kopf. Als jedoch die Trken voller
Freude, da sie einen solchen Aufseher gewonnen hatten, ihre religisen
Vorschriften vergaen, sich zum Schmausen niederlieen und sich ganz
sinnlos betranken, da trug Mossy Schilo alle vierundsechzig Schlssel
herbei und gab sie den Gefangenen, lie sie ihre Ketten aufschlieen,
die Fesseln ins Meer werfen, statt ihrer einen Sbel in die Hand nehmen
und alle Trken niedermetzeln. Die Kosaken machten eine groe Beute und
kehrten ruhmbedeckt in die Heimat zurck; und lange noch sangen die
Bandurenspieler von Mossy Schilo. Man htte ihn wohl zum Hetman gewhlt,
wenn er nicht ein so seltsamer Kosak gewesen wre. Manchmal vollfhrte
er Dinge, die auch dem Weisesten nicht eingefallen wren; ein anderes
Mal plagte ihn einfach der Teufel. Er vertrank und verjubelte alles, was
er besa; in der Sjetsch war er jedem etwas schuldig, und dazu kam noch,
da er einmal einen Diebstahl begangen hatte -- wie ein gewhnlicher
Straenruber. Eines Nachts stahl er eine vollstndige Kosakenausrstung
aus einer benachbarten Abteilung und gab sie einem Schenkwirt zum Pfand.
Wegen dieser schimpflichen Tat wurde er auf den Markt geschleppt, an
einen Pfahl gebunden, und es wurde ein Knittel neben ihn gelegt, mit dem
ihm jeder einen krftigen Schlag versetzen mute; es fand sich aber
keiner unter den Saporogern, der den Knittel wider ihn erhoben htte:
denn sie gedachten alle seiner frheren Verdienste. So war der Kosak
Mossy Schilo.

Es gibt doch noch Mnner, ihr Hunde, die euch niederzuhauen wissen,
sagte er und fiel ber den Polen her. Und beide hieben wild aufeinander
los. Die Schulterstcke und Brustharnische verbogen sich unter ihren
Schlgern. Der wtende Pole spaltete ihm den eisernen Panzer, und sein
Schwert drang tief in seinen Krper. Das Hemd des Kosaken frbte sich
blutrot, aber Schilo achtete nicht darauf: er hob seinen sehnigen Arm
(und wie schwer war dieser stmmige Arm!) und versetzte dem Polen einen
furchtbaren Hieb, der ihn betubte. Der kupferne Helm flog in Stcke,
der Pole schwankte und fiel zu Boden, und Schilo schickte sich gerade
an, dem Betubten den Garaus zu machen; -- ach htte er doch den Feind
nicht vollends totgeschlagen und sich lieber umgedreht! Allein der Kosak
tat es nicht, im selben Augenblick aber stie ihm einer der Leute des
Erschlagenen sein Messer in den Hals. Schilo drehte sich um und htte
den Waghalsigen vielleicht noch erreicht, aber er verschwand rechtzeitig
im Pulverdampf. Unterdessen knatterten von allen Seiten die
Luntenbchsen, Schilo schwankte, er fhlte, da seine Wunde tdlich war.
Er sank nieder, prete die Hand an die Wunde, wandte sich an seine
Kameraden und schrie: Lebt wohl, werte Herren und Waffenbrder! Mge es
ewig leben, das rechtglubige Ruland, und ewig sei sein Ruhm und seine
Ehre! Er schlo die brechenden Augen, und die Kosaken-Seele entfloh aus
dem rauhen Kriegerleib. Da aber kam Sadoroschny mit seinen Leuten
herangerast, auch der Hauptmann Wertychwist durchbrach die Reihen, und
Balaban machte sich zum Angriff bereit.

Hallo, ihr Herren, rief Tara zu den Hauptleuten herber, habt ihr
noch Pulver in den Hrnern? Ist eure Kosakenkraft noch nicht erlahmt?
Steht der Kosak noch fest und beugt er sich nicht?

Noch ist Pulver in den Hrnern, Vterchen, noch ist die Kosakenkraft
umgebrochen, und noch steht der Kosak fest und beugt sich nicht!

Und die Kosaken drangen heftig auf den Feind ein und brachten die Reihen
des Gegners in Verwirrung. Der kleine Hauptmann lie die Trommel rhren
und acht bunte Fahnen aufrollen, um seine Leute, die ber das ganze Feld
zerstreut waren, wieder zusammenzubringen. Die Polen strmten den
Bannern zu, kaum hatten sie sich jedoch wieder in Reih und Glied
aufgestellt, als der Hauptmann Kukubenko mit seinen Leuten wieder in das
Zentrum einfiel und sich ohne weiteres auf den dicken Hauptmann strzte.
Der hielt nicht stand, wandte sein Pferd und galoppierte davon, allein
Kukubenko setzte ihm weit ber das Feld nach und verlegte ihm den Weg zu
dem Heere. Als Stephan Guska das auf dem linken Flgel bemerkte,
sprengte er seinerseits herbei, um ihm behilflich zu sein; den Kopf auf
den Hals des Pferdes gebeugt und eine Schlinge in der Hand, so wartete
er einen gnstigen Augenblick ab und warf dem Polen pltzlich die
Schlinge um den Hals: der Hauptmann wurde rot, griff mit beiden Hnden
nach dem Strick und suchte ihn zu zerreien, aber da bohrte ihm der
Kosak mit einem kraftvollen Sto die tdliche Lanze in den Leib, und
festgenagelt blieb jener am Boden liegen. Aber auch Guska stand nichts
Gutes bevor. Die Kosaken hatten kaum Zeit, sich umzusehen, da drangen
ihm schon vier Lanzen in den Leib. Er vermochte gerade noch die Worte
hervorzubringen:

Mgen doch alle Feinde untergehen, und mge das russische Reich ewig,
ewig blhen und gedeihen! -- dann verschied er.

Die Kosaken sahen sich um, hei, wie da Meteliza den Polen zusetzte und
bald den einen, bald den andern niederschlug; von der andern Seite her
rckt der Hauptmann Newelytschki mit seinen Leuten heran; bei dem Wagen
steht Sagruriguba und teilt Hieb auf Hieb aus: noch weiter zurck hat
Pissarenko der Dritte bereits eine ganze Schar in die Flucht getrieben,
und an einer andern Stelle ist man schon handgemein und kmpft hoch oben
auf den Wagen.

Hallo, meine Herren, rief hier der Hauptmann Tara, der allen
voranritt, ist noch Pulver in den Hrnern? Ist die Kosakenkraft noch
ungebrochen? Stehen die Kosaken noch fest und beugen sie sich nicht?

Noch ist Pulver in den Hrnern, Vterchen! Die Kosakenkraft ist noch
ungebrochen, noch stehen die Kosaken fest, noch beugen sie sich nicht.

Schon war Bowdjug vom Wagen gefallen. Eine Kugel hatte ihn gerade in das
Herz getroffen, aber er raffte noch einmal seine ganze Kraft zusammen
und rief: Ich trauere nicht, da ich Abschied von der Welt nehmen mu!
Gott gebe jedem ein solches Ende! Hoch lebe Ruland bis in alle
Ewigkeit! Und Bowdjugs Seele stieg zum Himmel empor, um den lngst
hinbergegangenen Genossen zu berichten, wie man in Ruland zu kmpfen,
und vor allem, wie man dort fr den heiligen Glauben zu sterben wei!

Bald darauf strzte auch der Hauptmann Balaban zu Boden. Er hatte drei
tdliche Wunden erhalten: eine von einer Lanze, eine von einer Kugel und
eine von einem schweren Sbel. Und war doch einer der wackersten Kosaken
gewesen! Er war Hetman und hatte viele Zge zur See unternommen, vor
allen aber war sein Zug an die Ksten Anatoliens berhmt. Viele Zechinen
hatten sie damals erbeutet, kostbare trkische Stoffe, Gewebe und
allerlei Schmuck. Aber auf der Heimfahrt traf sie groes Unheil. Die
rmsten kamen pltzlich unter den Regen der trkischen Geschosse. Es
hagelte nur so auf sie los, die Hlfte ihrer Schiffe und Khne kenterte,
und viele Kosaken strzten ins Wasser, jedoch das an den Seiten der
Fahrzeuge befestigte Schilf rettete sie vor dem Untergange. Balaban
ruderte mit Aufbietung aller Krfte vorwrts, immer mitten in der Sonne,
und ward so unsichtbar fr das trkische Schiff. Die ganze Nacht
schpften er und seine Leute mit Schaufeln und Mtzen das Wasser aus den
Boten und besserten die beschdigten Stellen aus. Dann machten sie sich
Segel aus ihren weien Kosakenhosen, setzten sich in die Khne und
entkamen so den schnellsten trkischen Schiffen. Sie erreichten nicht
nur unversehrt die Sjetsch, sondern brachten auch dem Archimandriten des
Klosters Meschigorsk zu Kiew noch ein goldgesticktes Amtsgewand und
einen Rahmen aus reinem Silber fr den heiligen Pokrow in der Sjetsch
mit. Und lange noch rhmten die Bandurenspieler die Geschicklichkeit und
das Glck der Kosaken ... Da er den Tod herannahen fhlte, senkte er das
Haupt und murmelte leise: Mir scheint, ihr Brder, ich sterbe einen
schnen Tod. Sieben Feinde habe ich in Stcke gehauen, neun mit der
Lanze durchstoen, viele hat mein Pferd niedergetreten, und ich wei
nicht mehr, wieviele meine Kugel getroffen hat ... So mge denn das
russische Reich ewig blhen! Und seine Seele entfloh.

Kosaken, Kosaken! Opfert doch nicht die schnste Blte eures Heeres!
Schon war Kukubenko umzingelt, schon waren von der Abteilung Nesamaikow
nur noch sieben Mann brig geblieben, und auch deren Kraft war
erschpft. Schon ist Kukubenkos Gewand ber und ber mit Blut bespritzt
... Tara, der seine schlimme Lage bersieht, eilt ihm sofort zu Hilfe.
Aber die Kosaken kommen zu spt: Eine Lanze war ihm ins Herz gedrungen,
noch bevor es gelang, die ihn umzingelnden Feinde davonzujagen. Stumm
sank er in die offenen Arme der Brder, und sein junges Blut scho in
Strmen aus seinen Wunden hervor, gleich einem kstlichen Wein, den
unvorsichtige Diener in glsernen Gefen aus dem Keller tragen: gerade
am Eingang des Gemaches gleiten sie aus, lassen die Kanne fallen, sie
zerschellt, und ihr ganzer Inhalt ergiet sich ber den Estrich. Was
hilft es, da der Hausherr herbeieilt und sich an den Kopf greift, da er
den Wein doch fr ein besonders glckliches Ereignis in seinem Leben
aufbewahrt hatte, um sich, so Gott wollte, noch einst als Greis mit
einem Jugendfreunde bei einem Becher der frheren, besseren Zeiten zu
erinnern, als der Mensch noch anderer und reinerer Freuden fhig war.
Kukubenko blickte langsam um sich und sagte: Ich danke Gott, da er
mich vor euren Augen sterben lt, Kameraden. Mchten doch unsere Shne
und Enkel noch tchtiger sein als wir, und ewig blhe und gedeihe
Christi geliebtes russisches Reich! Und er hauchte sterbend seine junge
Seele aus. Die Engel nahmen sie in ihre Hnde und trugen sie gen Himmel.
Wie wohl wird es ihm dort sein! Setz dich neben mich, Kukubenko, wird
Christus sagen, du hast deine Brder nicht im Stich gelassen, hast nie
die Ehre verletzt, hast keinen im Unglck verlassen und hast immer meine
heilige Kirche behtet und beschtzt. Alle Kosaken waren durch den Tod
Kukubenkos aufs tiefste erschttert. Ihre Reihen waren schon stark
gelichtet, und viele, viele Tapfere fehlten, aber trotz alledem standen
die Kosaken noch ihren Mann und hielten sich wacker.

Nun, ihr Herren, rief Tara den brigen Befehlshabern zu, ist noch
Pulver in den Hrnern? Sind die Sbel noch nicht stumpf geworden? Ist
die Kraft der Kosaken noch ungebrochen? Stehen die Kosaken noch ihren
Mann?

Noch ist Pulver da, Vterchen, die Sbel sind noch scharf, die
Kosakenkraft ist noch ungebrochen, und noch stehen die Kosaken ihren
Mann!

Und wieder strzten sie sich in die Feinde, als htten _sie_ noch keine
Verluste erlitten. Nur noch drei Befehlshaber waren am Leben, berall
flossen Bche von Blut, und hoch trmten sich die Leichen der Kosaken
und der Feinde. Tara blickte zum Himmel: ein Zug Falken flog vorber.
Ja, einer wird sich sicher freuen, murmelte er vor sich hin. Und schon
war Meteliza von einer Lanze durchbohrt, schon drehte sich das Haupt des
zweiten Pissarenko im Kreise herum, seine Augen brachen, und schon
strzte Ochrim Guska vom Rosse herab und sank gevierteilt zu Boden.

Wohlan denn, sagte Tara und schwenkte sein Tuch hoch in der Luft.
Ostap verstand das Zeichen, er brach aus dem Hinterhalt hervor und fiel
mit unerhrter Kraft ber die polnische Reiterei her. Die Polen hielten
dem starken Ansturm nicht stand, und er trieb sie gerade nach dem Platz,
wo die Pfhle und abgebrochenen Lanzen in die Erde gerammt waren. Die
Pferde strauchelten, strzten, und die Polen flogen ber ihre Kpfe
hinweg zu Boden. Jetzt feuerten auch die Kosaken der Korsunabteilung,
die die Reserve bildeten und weit hinter den Wagen standen, ihre Bchsen
auf die Polen ab, da sie sahen, da diese sich nur in Schuweite von
ihnen befanden. Die Polen gerieten in Verwirrung und verloren den Mut,
whrend die Kosaken von neuer Hoffnung erfllt wurden. Jetzt ist der
Sieg unser, schallten die Stimmen der Saporoger von allen Seiten, die
Posaunen ertnten, und die Siegesbanner flatterten auf. Die geschlagenen
Polen flohen nach allen Richtungen auseinander und suchten, wo sie sich
verstecken knnten. Nein, noch ist der Sieg nicht unser, sagte Tara
mit einem Blick auf das Stadttor, und er hatte die Wahrheit gesagt. Die
Tore ffneten sich, und eine Schar Husaren, der Stolz der gesamten
Reiterei, kam hervorgesprengt. Sie saen insgesamt auf dunkelbraunen,
schnellfigen Pferden, voran sprengte ein Ritter, schner und mutiger
als alle andern; sein schwarzes Haar wehte unter dem kupfernen Helm
hervor, und am Arme trug er eine kostbare Binde, die die schnste unter
den Polinnen ihm gestickt hatte. Tara war starr vor Schreck, als er
Andrij erkannte. Der aber flog, ganz vom Feuer und dem Wten der
Schlacht ergriffen und von dem einen Wunsche getrieben, sich das um den
Arm gewundene Zeichen zu verdienen, dahin wie ein junger Jagdhund, der
schnste, schnellste und jngste von der ganzen Meute. Der Jger ruft
ihm zu -- und er rast fort, die Fe wie eine gerade Linie in die Luft
streckend, den Krper zur Seite geneigt, den Schnee aufwhlend und alle
Hasen in seinem Laufe zehnmal berholend. Der alte Tara blieb stehen
und sah zu, wie er sich einen Weg bahnte, alles vertrieb, in Stcke
zusammenschlug und nach rechts und links hin Hiebe austeilte. Das konnte
Tara nicht lnger mit ansehen, und er rief laut aus: Was, auf die
eigenen Brder schlgst du los, du Satanskind?! Allein Andrij sah
nicht, wen er vor sich hatte: ob es die eigenen Kameraden oder Fremde
waren, er sah nichts als Locken: ein paar lange, lange Locken, einen
schwanenweien Busen, einen schneeweien Hals, zwei alabasterne
Schultern, und alles, was geschaffen ist fr wahnsinnige, glhende
Ksse.

Hallo, ihr Burschen, lockt mir mal den Reiter in den Wald! Schnell,
lockt ihn mir nur hinein, rief Tara. Und schon machten sich dreiig
der schnellsten Kosaken daran, ihn in den Wald zu locken. Sie rckten
ihre hohen Mtzen zurecht und strmten auf ihren Rossen dahin, um den
Husaren den Weg zu verlegen. Sie griffen die Vorderreihen von der Seite
an, sprengten sie auseinander und trennten sie von den hinteren Reihen,
wobei sie beiden einen tchtigen Denkzettel verabreichten. Hierbei
versetzte Golokopytenko Andrij eins mit der flachen Klinge ber den
Rcken, und dann jagten die Kosaken alle auf und davon, so schnell sie
nur konnten, um den Husaren zu entschlpfen.

Da aber geriet Andrij in Wut! Das junge Blut strmte wild durch all'
seine Adern. Er gab seinem Rosse die Sporen und jagte aus aller Kraft
hinter den Kosaken her, ohne sich umzusehen und ohne zu bemerken, da
ihm nur zwanzig von seinen Leuten folgten. Die Kosaken sprengten mit
Windeseile auf ihren Pferden dahin und ritten auf den Wald zu. Auch
Andrij raste auf seinem Rosse weiter, und schon hatte er Golokopytenko
erreicht, als pltzlich eine starke Hand seinem Pferde in die Zgel
fiel. Andrij blickte auf: vor ihm stand Tara! Er erbebte am ganzen
Krper und wurde totenbleich, wie ein Schler, der unberlegterweise
einen Kameraden geprgelt und von diesem mit dem Lineal einen Schlag auf
den Kopf erhalten hat: pltzlich lodert er auf wie Feuer, springt von
der Bank, um hinter seinem Mitschler herzujagen und ihn in Stcke zu
reien -- da erblickt er den Lehrer, der gerade die Klasse betritt: der
ganze leidenschaftliche Zorn legt sich pltzlich, und seine ohnmchtige
Wut ist wie fortgeblasen. So verschwand Andrijs Zorn augenblicklich, als
htte er nie in ihm getobt. Er sah nur noch seinen furchtbaren Vater vor
sich.

Nun, was sollen wir jetzt machen? sagte Tara, und blickte ihm offen
ins Antlitz. Aber Andrij konnte kein Wort hervorbringen und stand mit
gesenkten Blicken da.

Nun, mein Shnchen, haben dir deine Polen geholfen?

Andrij vermochte noch immer nichts zu sagen.

Also Verrat und Tcke! Den Glauben verkaufen! Die Seinen verraten! Nun,
steig mal vom Pferde herunter.

Gehorsam wie ein Kind stieg Andrij vom Pferde und blieb mehr tot als
lebendig vor Tara stehen.

Steh still und rhre dich nicht. Ich habe dich gezeugt -- ich werde
dich auch tten, sagte Tara, trat einen Schritt zurck und nahm das
Gewehr von der Schulter. Andrij war totenbleich geworden, man sah nur,
wie sich seine Lippen leise bewegten und einen Namen flsterten: aber
das war nicht der Name seines Vaterlandes, oder der seiner Mutter, oder
seiner Brder -- es war der Name der schnen Polin. Tara drckte los.

Wie die hre im Felde von der Sichel getroffen dahin sinkt, wie ein
junges Lamm, das den tdlichen Stahl im Herzen sprt, so lie Andrij den
Kopf sinken und strzte lautlos, und ohne ein Wort zu sagen, auf das
Gras.

Der Kindesmrder blieb stehen und betrachtete lange den leblosen
Leichnam. Er war schn auch noch im Tode: das khne Gesicht, das eben
noch Kraft und Heldentum atmete, und einen unwiderstehlichen Reiz auf
die Frauen ausbte, trug noch immer den Stempel vollendeter Schnheit.
Die schwarzen Brauen lieen seine bleichen Zge wie ein Trauerflor noch
strker hervortreten.

Was fehlte ihm zu einem braven Kosaken! sagte Tara, ist er nicht
gro gewachsen, sind seine Brauen nicht schwarz, hat er nicht das
Gesicht eines Edelmanns und einen starken Arm in der Schlacht? Und mute
doch zugrunde gehen. Ruhmlos zugrunde gehen -- wie ein rudiger Hund.

Vater, was hast du getan? Du hast ihn gettet? fragte Ostap, der in
diesem Augenblick herangesprengt kam.

Tara nickte mit dem Kopf.

Ostap blickte dem Toten bange in die Augen. Er empfand Mitleid mit dem
Bruder und sagte: Vater, wir wollen ihm ein ehrliches Begrbnis
bereiten, damit die Feinde ihn nicht beschimpfen und die Raubvgel
seinen Krper nicht zerhacken. Man wird ihn auch schon ohne uns
begraben, sagte Tara, und es wird ihm nicht an Klageweibern und
hnlichen Dingen fehlen!

Einige Sekunden schwankte er, ob er ihn den Wlfen zum Frae berlassen,
oder den tapferen Ritter in ihm ehren sollte, den jeder Krieger achten
mu, wer er auch sei -- da sah er pltzlich Golokopytenko heransprengen.
Es steht Schlimm um uns, Hauptmann, die Polen haben Verstrkungen
erhalten, neue Truppen sind ihnen zu Hilfe gekommen! Und kaum hatte
Golokopytenko dies gesagt, als sich Wowtusenko ihnen eiligst nherte:
Uns droht Unheil, Hauptmann, neue Truppen rcken heran ... Kaum hatte
Wowtusenko ausgeredet, als Pissarenko ohne Ro herbeigeeilt kam: Wo
bleibst du Vterchen? Die Kosaken suchen dich. Die Hauptleute
Newelytschki, Sadoroschni und Tscherewitschenko sind erschlagen; aber
die Kosaken halten noch stand; sie wollen nicht sterben, bevor sie noch
einmal dein Antlitz geschaut haben: sie wollen, da du sie anblickst in
ihrer Todesstunde!

Zu Pferd, Ostap, rief Tara und sprengte davon, um die Kosaken
aufzusuchen, sie noch einmal zu sehen und sie noch einmal vor ihrem Tode
den Hauptmann sehen zu lassen. Aber sie hatten den Wald noch nicht
verlassen, als die Feinde sie pltzlich von allen Seiten umzingelten,
und berall zwischen den Bumen Reiter mit geschwungenen Schwertern und
Lanzen auftauchten. Ostap, Ostap, ergib dich nicht, schrie Tara, zog
seinen blitzenden Sbel und hieb nach allen Seiten um sich. Sechs Feinde
hatten sich auf Ostap gestrzt -- aber das war ihr Unglck. Dem einen
flog der Kopf von den Schultern, ein anderer machte kehrt und floh
entsetzt davon, dem dritten fuhr die Lanze in die Rippen; der vierte war
etwas mutiger, er hatte den Kopf zur Seite gewandt und war so einer
heien Kugel entgangen, die seinem Pferde in die Brust drang. Doch
dieses bumte sich wtend auf, strzte zu Boden und begrub den Reiter
unter sich. Gut, Shnchen, gut, Ostap, rief Tara, ich bin gleich bei
dir! Er wute sich der Andrngenden noch immer zu erwehren. Tara
sbelt und haut um sich, bald gibt er dem, bald dem einen Hieb ber den
Schdel, aber er blickt immer vor sich nach Ostap; da sieht er
pltzlich, wie sich wenigstens acht Feinde auf den Sohn strzen. Ostap,
Ostap, weich nicht zurck! Aber schon haben sie Ostap bezwungen, schon
hat ihm einer die Schlinge um den Hals geworfen, schon bindet man ihn
und schleppt ihn fort. Ostap, Ostap, schreit Tara, bahnt sich einen
Weg zu ihm und haut alles um sich herum in Stcke. Ach Ostap, Ostap
...!

Aber pltzlich trifft ihn selbst etwas wie ein schwerer Stein. Ein
Schwindel berfllt ihn, alles dreht sich um ihn. Einen Augenblick
kreist alles vor seinen Blicken: Kpfe, Lanzen, der Rauch, das Flackern
des Feuers, die Baumzweige mit ihren Blttern blitzen vor ihm auf. Wie
eine gefllte Eiche strzt er zu Boden, und Nebel bedeckt seine Augen.


                           Zehntes Kapitel

Ich habe wohl lange geschlafen! sagte Tara wie nach einem Rausch aus
schwerem Schlafe erwachend, und er versuchte es, die ihn umgebenden
Gegenstnde zu erkennen. Dabei fhlte er eine entsetzliche Schwche in
seinen Gliedern. Die Wnde und Ecken des ihm ganz unbekannten Zimmers
bewegten sich leise hin und her. Endlich bemerkte er, da sein Kamerad
Towkatsch neben ihm sa und jedem seiner Atemzge zu lauschen schien.

Ja, dachte Towkatsch, du wrst vielleicht fr immer eingeschlafen!
Er sagte nichts, sondern drohte nur mit dem Finger und machte ihm ein
Zeichen, da er schweigen solle.

So sag mir doch, wo ich jetzt bin? fragte Tara von neuem. Er strengte
seinen Verstand an und bemhte sich, sich das Vergangene wieder ins
Gedchtnis zu rufen.

So schweig doch, fuhr ihn der Gefhrte scharf an, was willst du noch
wissen? Siehst du denn nicht, da du ganz zerhauen bist? Schon zwei
Wochen galoppiere ich mit dir herum, ohne mir Zeit zum Atmen zu gnnen,
und whrend dieser Zeit sprichst und schwatzt du im Fieber allen
mglichen Unsinn zusammen. Es ist heute das erstemal, da du ruhig
eingeschlafen bist. So schweige doch endlich, wenn du nicht selbst das
Unheil auf dich herabrufen willst.

Tara strengte sich aus aller Kraft an, seine Gedanken zu sammeln und
sich das Vergangene ins Gedchtnis zu rufen. Die Polen hatten mich aber
doch gepackt und mich ganz umzingelt? Ich hatte doch gar keine
Mglichkeit, zu entkommen?

So schweig doch, hrst du, du Teufelssohn! schrie Towkatsch rgerlich
wie eine ungeduldige Wrterin, die ein unartiges und unruhiges Kind
anschreit. Was hast du davon, wenn du weit, wie du davongekommen bist!
Sei froh, da es so ist! Es fanden sich eben Mnner, die dich nicht im
Stich gelassen haben -- und nun sei zufrieden. Wir haben noch manche
Nacht zu reiten. Du meinst wohl, da sie dich fr einen Kosaken halten?
Nein, man hat deinen Kopf auf zweitausend Dukaten geschtzt!

Und Ostap? rief Tara pltzlich, indem er sich aufzurichten versuchte.
Jetzt erst erinnerte er sich, wie man Ostap gefangen und vor seinen
Augen gebunden hatte, und da er sich jetzt in den Hnden der Polen
befand. Und Schmerz und Trauer bermannten den Alten. Er ri die
Verbnde von seinen Wunden, schleuderte sie weit von sich und wollte
laut etwas sagen -- aber er sprach nur unzusammenhngende Worte, das
Fieber bemchtigte sich seiner aufs neue, und er begann wieder zu
phantasieren und allerhand unzusammenhngendes Zeug zu reden.
Unterdessen stand sein treuer Gefhrte neben ihm und berschttete ihn
mit zahllosen Schmhungen und Vorwrfen. Endlich packte er ihn an Hnden
und Fen, wickelte ihn ein wie ein Kind und brachte die Verbnde wieder
in Ordnung. Dann hllte er ihn in eine Ochsenhaut, band sie mit Bast
zusammen, befestigte seine Last mit Stricken am Sattel und ritt mit ihm
auf und davon.

Und wenn du auch unterwegs sterben solltest, ich bringe dich doch in
die Heimat zurck. Ich werde es nicht zulassen, da die Polen deine
Kosakenehre beschimpfen, deinen Krper in Stcke reien und ins Wasser
werfen. Soll dir denn der Adler durchaus die Augen aushacken -- so mag
es wenigstens unser Steppenadler sein und kein polnischer Adler, keiner
der aus polnischen Lndern kommt. Tot oder lebendig -- ich bringe dich
in die Ukraine zurck.

So sprach der treue Gefhrte. Und er ritt Tag und Nacht rastlos dahin,
bis er den vllig Bewutlosen wirklich in die Sjetsch der Saporoger
brachte. Dort behandelte er ihn unermdlich mit Krutern und Umschlagen,
machte eine erfahrene, kenntnisreiche Jdin ausfindig, die Tara einen
Monat lang allerlei Getrnke einflte -- und so fing er denn wirklich
an, sich zu erholen. Ob es nun die Medizin oder seine eigene eiserne
Natur war -- genug, nach anderthalb Monat stand er wieder auf den
Beinen. Die Wunden waren verheilt, und nur die Sbelnarben bezeugten
noch, wie schwer der alte Kosak einst verwundet worden war. Allein er
war immer traurig, und sein Gemt war sehr verdstert. Drei tiefe Falten
hatten sich in seine Stirn gegraben und schwanden nicht mehr von ihr.
Soweit er um sich blicken mochte: alles war ihm neu in der Sjetsch. Die
alten Waffenbrder waren alle tot. Keiner von denen, die einst fr die
gerechte Sache, den Glauben und die Kameradschaft gekmpft hatten, war
noch da, und auch jene, die zusammen mit dem Hetman die Tataren verfolgt
hatten, waren nicht mehr am Leben. Sie alle waren tot und elend
umgekommen. Die einen waren einen ehrlichen Tod im Kampfe gestorben, die
andern vor Hunger und Erschpfung in den Salzgrnden der Krim zugrunde
gegangen, andere wieder waren, unfhig diese Schmach zu ertragen, in der
Gefangenschaft umgekommen. Auch der frhere Hetman war tot, keiner von
den alten Kriegsgefhrten war mehr am Leben, und lngst schon wuchs Gras
ber ihnen, die einst so kraftvolle und mutige Kosaken gewesen waren.

Er hrte nur, da man ein groes lrmendes Fest gefeiert hatte. Das
Geschirr war in Stcke zerschlagen, kein Tropfen Wein war brig
geblieben, die Gste und ihre Diener hatten alle kostbaren Becher und
Gefe gestohlen -- und der Hausherr stand traurig da und dachte: O
htte doch jenes Fest gar nicht stattgefunden! Vergebens bemhte man
sich, Tara zu ermuntern und zu zerstreuen. Vergebens rhmten die alten
brtigen Bandurenspieler, die zu zweien oder dreien durch die Sjetsch
kamen, seine Heldentaten unter den Kosaken -- finster und gleichgltig
lie er alles geschehen; auf seinem unbeweglichen Gesicht malte sich ein
tiefes, nie verstummendes Leid, und mit gesenktem Kopf sprach er leise
vor sich hin: Mein Sohn, mein Ostap.

Mittlerweile hatten die Saporoger ein Unternehmen zur See vorbereitet.
Zweihundert Boote fuhren den Dnjepr hinab; pltzlich erblickte man in
Klein-Asien eine Schar von Kosaken mit rasierten Schdeln und langen
Mhnen: und mit Feuer und Schwert verheerten sie die blhenden Ksten.
Die Turbane der mohammedanischen Bevlkerung lagen blutgetrnkt gleich
abgemhten Blumen auf den blutigen Feldern umher, oder schwammen an den
Ufern. Auch manche teerbeschmierte Kosakenhose sah man in Kleinasien und
manch muskulse Faust mit der schwarzen Kugelpeitsche. Die Saporoger
fraen alle Weintrauben auf, vernichteten alle Weinberge, lieen ganze
Haufen Unrat in den Moscheen zurck, umhllten ihre Fe mit kostbaren
persischen Tchern oder banden sie als Grtel um ihre schmutzigen
Kittel. Und noch lange nachher sah man dort die kurzen Tabakpfeifen der
Kosaken herumliegen. Dann fuhren sie frhlich wieder zurck. Allein ein
trkisches Schiff mit zehn Kanonen jagte hinter ihnen her und zerstreute
ihre morschen Boote mit einer Salve aus allen Geschtzen wie scheue
Vgel. Der dritte Teil versank in den Tiefen des Meeres; die brigen
vermochten sich jedoch wieder zu sammeln und erreichten mit zwlf
Fssern voller Zechinen die Mndung des Dnjepr.

Doch dies alles lie Tara vllig kalt. Wie mit der Absicht, zu jagen,
durchstreifte er Felder und Steppen, aber niemals gab sein Gewehr einen
Schu ab. Voller Schwermut legte er es neben sich, whrend er sich
unbeweglich am Meeresgestade niederlie. Lange sa er so mit gesenktem
Kopf da und flsterte immer wieder vor sich hin: Ostap, mein Ostap.
Das ungeheure schwarze Meer lag leuchtend und blitzend vor ihm, im
fernen Schilf schrie eine Mwe, sein grauer Schnurrbart schimmerte
silbern, und eine Trne nach der andern rollte ber seine Wangen.

Endlich aber hielt es Tara nicht lnger aus. Was da auch kommen mag,
ich will hingehen und erfahren, was mit ihm geschehen ist. Ob er noch
lebt, oder schon im Grabe liegt? Vielleicht hat er nicht einmal ein
Grab. Ich mu es erfahren, es koste, was es wolle. Eine Woche spter
war er bereits, hoch zu Ro, mit Lanze und Sbel bewaffnet, den
Reisesack am Sattel und mit einem Kessel voll Weizenbrei, Pulver,
Patronen, einem Koppelseil und sonstigem Gert ausgerstet, in der Stadt
Uman. Er ritt geradewegs auf ein schmutziges Huschen zu, dessen kleine
verrucherte Fenster kaum zu sehen waren. Der Schornstein war mit einem
Lappen zugestopft, und auf dem durchlcherten Dach wimmelte es von
Spatzen. Vor der Tr lag ein Kehrichthaufen, und aus dem Fenster guckte
der Kopf einer Jdin heraus, die ein mit schwrzlichen Perlen besetztes
Hubchen trug.

Ist dein Mann zu Hause? fragte Bulba, stieg vom Pferde und band die
Zgel an einen eisernen Haken, der sich neben der Tr befand.

Ja, er ist zu Hause, antwortete die Jdin und trug eiligst Weizen fr
das Pferd und einen Krug Bier fr den Ritter herbei.

Wo ist denn dein Jude?

Er betet im andern Zimmer, sagte die Jdin, verbeugte sich tief und
wnschte Bulba, als er den Krug an die Lippen fhrte, eine gute
Gesundheit.

Bleib hier, fttere und trnke mein Pferd, ich will mit ihm allein
sprechen. Ich habe Wichtiges mit ihm zu verhandeln.

Dieser Jude war der uns wohlbekannte Jankel. Er war jetzt bereits
Pchter und Schankwirt. Mit der Zeit hatte er alle benachbarten Herren
und Edelleute in seine Hnde bekommen, ihnen nach und nach fast all ihr
Geld abgenommen und sich berhaupt in jener Gegend uerst bemerkbar
gemacht; drei Meilen weit nach allen Richtungen war kein Haus mehr in
einem ordentlichen Zustand, alles verfiel und wurde alt und morsch, alle
Leute hatten sich dem Trunke ergeben, und man bemerkte nichts als Armut
und Elend. Die ganze Gegend sah so aus, als ob hier ein verheerender
Brand stattgefunden, oder als ob die Pest hier gehaust htte. Und htte
Jankel noch zehn Jahre dort gelebt, er htte wahrscheinlich die ganze
Wojewodenschaft zugrunde gerichtet.

Tara trat ins Zimmer. Der Jude sa in einem ziemlich schmutzigen
Leinenrock da und betete; er wandte sich gerade um, um zum letztenmal
auszuspeien wie es seine Religion vorschreibt, als sein Blick pltzlich
auf den hinter ihm stehenden Bulba fiel. Das erste, was dem Juden
einfiel, waren die zweitausend Dukaten, die auf Bulbas Kopf gesetzt
waren, aber er schmte sich gleich wieder seiner Geldgier und bemhte
sich, den unablssigen Hunger nach Geld zu unterdrcken, der an seiner
Seele nagte, wie an der aller Juden.

Hr zu, Jankel, sagte Tara zu dem Juden, der sich vor ihm verbeugte,
und schlo vorsichtig die Tr, damit man ihn nicht sehen sollte, ich
habe dir das Leben gerettet -- die Saporoger htten dich wie einen Hund
in Stcke gerissen -- jetzt ist die Reihe an dir, mir einen Dienst zu
erweisen.

Das Gesicht des Juden verfinsterte sich ein wenig. Was fr einen
Dienst? Wenn es mglich ist, warum nicht?

Genug, kein Wort mehr. Bringe mich nach Warschau.

Nach Warschau? Warum nach Warschau, fragte Jankel, indem er Schultern
und Brauen bestrzt in die Hhe zog.

Schweig. Bring mich nach Warschau. Was auch geschehen mag, ich will ihn
noch einmal sehen und ihm wenigstens noch ein Wort sagen.

Wem ein Wort sagen?

Ihm, Ostap, meinem Sohne!

Hat denn der Herr nicht gehrt, da schon ...

Ich wei, ich wei alles, man bietet zweitausend Dukaten fr meinen
Kopf. Was verstehen die Narren von Preisen! Ich werde dir fnftausend
Dukaten geben.

Da hast du gleich zweitausend (Bulba schttete zweitausend Dukaten aus
seinem ledernen Beutel), die brigen erhltst du, sowie ich
zurckgekehrt bin.

Der Jude ergriff sofort ein Handtuch und bedeckte die Dukaten damit. 
schnes Geld,  feines Geld, sagte er, drehte einen Dukaten in der Hand
herum und prfte einen zweiten mit den Zhnen. Ich denke, der Mensch,
dem der Herr so schne Dukaten abgenommen hat, hat keine Stunde mehr
gelebt; er ist gleich zum Flu gegangen und hat sich ertrnkt -- nachdem
er so herrliche Dukaten gehabt hat!

Ich wrde dich nicht in Anspruch nehmen, vielleicht htte ich auch
allein den Weg nach Warschau gefunden; aber die verfluchten Polen
knnten mich irgendwo erkennen und gefangen nehmen, denn ich verstehe
mich nicht auf Listen und Kunststcke. Ihr Juden aber seid dafr wie
geschaffen. Ihr knnt den Teufel selbst hinters Licht fhren, ihr
beherrscht alle Kniffe. Jetzt weit du, weshalb ich zu dir gekommen bin.
Ja, und ich allein wrde ja auch in Warschau nichts ausrichten. Spann
also sofort an und bringe mich nach Warschau!

Der Herr denkt wohl, das geht so einfach? Man braucht wohl nur die
Stute anzuspannen und zu rufen: He, holla los! Glaubt denn der Herr,
da man ihn so mitnehmen kann, ohne ihn zu verstecken?

Nun, so verstecke mich -- tu was du willst! Steck mich meinetwegen in
ein Fa!

Ei, ei! Meint der Herr, da man ihn stecken kann in ein leeres Fa?
Wei denn der Herr nicht, da jeder denken wird, es sei Branntwein
darin!

Schn, la ihn doch denken, da Branntwein darin ist!

Wie! Er soll denken drfen, da Branntwein darin ist? rief der Jude
aus, ergriff seine Locken mit beiden Hnden und hob sie m die Hhe.

Was setzt dich so in Erstaunen?

Wei denn der Herr nicht, da Gott den Branntwein geschaffen hat, damit
ihn jedermann probiere? Das sind doch alles Leckermuler und
Feinschmecker. Fnf Werst wird der Edelmann herlaufen hinter dem Fa,
wird  Lchelchen hineinbohren, und wenn nichts herauskommt, wird er
sich gleich sagen: der Jude wird schon kein leeres Fa mit sich
herumschleppen, es wird schon was darin sein! Packt den Juden, bindet
den Juden, nehmt dem Juden alles Geld fort, steckt den Juden ins
Gefngnis! Denn alles was es Schlechtes auf der Welt gibt, wird gewlzt
auf den Juden, jeder behandelt den Juden wie einen Hund: alle denken,
wer ein Jude ist, ist kein Mensch.

Nun, so verstecke mich in einem Fischwagen!

Das geht nicht Herr, bei Gott, es geht nicht. In ganz Polen sind die
Menschen jetzt so ausgehungert wie die Hunde: sie wrden die Fische
fortschleppen und den Herrn entdecken.

So setz mich meinetwegen auf den Teufel, aber bring mich hin!

So hrt doch Herr, sagte der Jude, streifte die rmelaufschlge in die
Hhe und streckte seine weit auseinander gespreizten Finger gegen ihn
aus. Wir werden es so machen. Jetzt werden berall Festungen und
Schlsser gebaut: es sind franzsische Baumeister aus Deutschland
angekommen, und deshalb gibt es viele Wagen mit Ziegeln und Steinen auf
der Landstrae. Der Herr soll sich also auf den Boden eines Wagens
ausstrecken, und ich werde ber ihn mit Ziegeln bepacken. Der Herr sieht
gesund und krftig aus, es wird ihm nichts schaden, wenn die Last ein
bichen schwer drckt; ich werde unten in den Wagen eine kleine ffnung
bohren, um dem Herrn die Nahrung zu reichen.

Mach was du willst, nur spann an!

Nach einer Stunde verlie ein Wagen mit Ziegelsteinen, vor den zwei
Mhren gespannt waren, die Stadt Uman. Auf der einen sa der lange
Jankel, und seine groen Hngelocken flatterten lustig unter der
Judenmtze hervor, whrend er auf dem Gaule herumhopste, auf dem er sich
ausnahm wie eine am Wege stehende Meilenstange.


                            Elftes Kapitel

Zu der Zeit, als sich die hier beschriebenen Ereignisse abspielten, gab
es in den Grenzorten keine Zollbeamten und Aufseher, diese Schrecken der
Handelsstdte, und man durfte mit sich schleppen, was man nur wollte.
Nahm jemand eine Revision oder Untersuchung vor, so geschah das mehr zu
seinem eigenen Vergngen, besonders wenn sich allerhand schne und
verlockende Dinge auf dem Wagen befanden: natrlich mute aber auch die
eigene Faust eine gewisse Kraft haben. Nach den Ziegelsteinen gelstete
es jedoch niemanden, und so fuhr der Wagen unbehindert durch das Tor der
Hauptstadt ein. Bulba konnte in seinem engen Kfig nur das Lrmen und
Fluchen der Kutscher hren, sonst vernahm er nichts. Jankel, der
unaufhrlich auf seinem kleinen mit Staub bedeckten Klepper herumhopste,
lenkte nach einigen Umwegen in eine dunkle schmale Strae ein, die den
Namen Schmutz- oder Judenstrae trug, weil beinah smtliche Juden von
Warschau hier wohnten. Diese Strae besa groe hnlichkeit mit der
inneren Seite eines Hinterhofs, und die Sonne schien berhaupt nie ihren
Weg hierher zu finden. Die gnzlich verrucherten Holzhuser mit den
unzhligen Stangen, die aus den Fenstern hervorragten, schienen die
Dunkelheit noch zu vergrern. Hin und wieder schimmerte eine rote
Backsteinwand hervor, aber auch sie war meist schon ganz schwarz. Nur
hie und da leuchtete einem von oben ein in Sonne getauchtes, wei
getnchtes Stck Mauer entgegen und blendete die Augen durch seine
unertrgliche Helligkeit. Alles, was man hier sah, bot einen abstoenden
und wenig erfreulichen Anblick dar: Rhren, Lumpen, Abflle und
zerbrochene Kbel, die man auf die Strae hinausgeworfen hatte, trieben
sich hier herum. Jeder, der etwas besa, was er nicht brauchen konnte,
warf es auf die Strae hinaus und berlie es den Vorbergehenden, ihre
Freude an all dem Unrat zu haben. Ein Reiter, der auf seinem Pferde sa,
reichte mit der Hand bis fast an die Stangen heran, die mitten ber die
Strae, von einem Hause zum andern gezogen waren und auf denen die Juden
ihre Strmpfe, ihre kurzen Hosen und gerucherte Gnse aufzuhngen
pflegten. Hin und wieder blickte das hbsche von nachgedunkelten Perlen
umrahmte Gesichtchen einer Jdin aus dem Fenster hervor, ein Haufen
kleiner schmutziger Judenkinder mit krausen Haaren wlzte sich schreiend
im Unrat herum. Ein rothaariger Jude, dessen ganzes Gesicht mit
Sommersprossen bedeckt war, (was ihm eine gewisse hnlichkeit mit einem
Spatzenei verlieh) blickte aus einem Fenster heraus und sprach Jankel
sofort in seinem Kauderwelsch an, worauf dieser sogleich in den Hof
fuhr. Ein anderer Jude, der gerade durch die Strae kam, blieb stehen
und nahm auch an dem Gesprch teil, und als Bulba endlich unter den
Ziegelsteinen hervorkroch, erblickte er drei Juden, die heftig
aufeinander einsprachen.

Jankel wandte sich an ihn und teilte ihm mit, da alles gehen werde, wie
er es wnsche, da Ostap sich im Stadtgefngnis befinde, und da er,
Jankel hoffe, eine Zusammenkunft zwischen ihnen ermglichen zu knnen,
obgleich die Wachen sehr schwer zu bestechen seien.

Bulba ging mit den drei Juden ins Zimmer hinauf, und diese fingen wieder
an, in ihrer unverstndlichen Sprache miteinander zu sprechen. Tara sah
sich jeden von ihnen genau an. Pltzlich schien ihn etwas innerlich aufs
heftigste erschttert zu haben: sein rauhes, gleichgltiges Gesicht
wurde von einem hell auflodernden Hoffnungsstrahl erleuchtet -- einer
Hoffnung, die den Menschen oft noch in Augenblicken hchster
Verzweiflung heimsucht; sein altes Herz begann laut zu pochen wie bei
einem Jngling.

Hrt, ihr Juden, sagte er, und in seinen Worten klang etwas von einer
bermchtigen Begeisterung mit, ihr knnt alles in der Welt, selbst vom
Grunde des Meeres holt ihr alles herauf, und schon lange heit es im
Sprichwort, da ein Jude sich selbst wegstehlen kann, wenn er es nur
will. Befreit mir meinen Ostap! Verschafft ihm die Gelegenheit, den
Hnden jener Teufel zu entfliehen. Ich habe dem Mann da zwlftausend
Dukaten versprochen -- ich lege noch zwlftausend Dukaten hinzu. Alle
meine kostbaren Becher und alles Gold, das ich in der Erde vergraben
habe, will ich verkaufen, selbst mein Haus und meinen letzten Rock; ich
will mit euch einen Vertrag schlieen, und mein ganzes Leben lang alles
mit euch teilen, was ich im Kriege erbeuten werde!

O es geht nicht, teurer Herr, es geht nicht! sagte Jankel seufzend.

Nein, es geht wirklich nicht, sagte ein anderer Jude.

Die drei Juden sahen einander an.

Vielleicht versucht man es doch, sagte der dritte und schielte mit
ngstlichen Blicken zu den beiden andern hinber, vielleicht hilft
Gott!

Die drei Juden begannen nun deutsch zu sprechen, aber so sehr Bulba auch
hinhorchte, er vermochte nichts zu entrtseln, er hrte nur, da das
Wort Mardochai oft wiederholt wurde, sonst verstand er nichts.

Hre, Herr, sagte Jankel, wir mssen uns mit einem Manne beraten, wie
es noch nie einen in der Welt gegeben hat. Er ist so weise wie Salomo,
wenn er nichts hilft, so kann nichts helfen auf der ganzen Welt. Bleib
hier sitzen, Herr, hier hast du den Schlssel und la niemand herein!
Und die Juden gingen auf die Strae hinaus.

Tara schlo die Tr und blickte durch das kleine Fensterchen auf die
schmutzige Judengasse. Die Juden blieben mitten auf der Strae stehen
und begannen ziemlich heftig miteinander zu reden; bald schlo sich
ihnen ein vierter und fnfter an. Er hrte, wie sie immer und immer
wieder das Mardochai, Mardochai wiederholten. Die Juden blickten
fortwhrend die Strae hinab, endlich sah man in der Tat hinter einem
schmutzigen Hause einen mit jdischen Schuhen bekleideten Fu und dann
ein Paar lange Rocksche auftauchen. Mardochai, Mardochai, schrien
alle Juden wie aus einem Munde. Ein drrer Jude, der etwas kleiner war
als Jankel, aber bedeutend mehr Falten im Gesicht als dieser und eine
beraus groe Oberlippe hatte, nherte sich der ungeduldigen Gruppe, und
alle Juden strzten auf ihn zu und suchten ihn von dem Geschehenen zu
unterrichten, wobei sie einander bestndig unterbrachen. Mardochai
blickte unterdessen mehrere Male nach dem kleinen Fensterchen hin,
woraus Tara schlo, da von ihm die Rede war, bewegte die Hnde hin und
her, hrte zu, unterbrach die Redenden, spie oft nach der Seite aus,
schlug seine Rocksche zurck, steckte die Hnde in die Taschen und
holte ein Paar Klappern hervor, wobei seine abgeschabten Hosen zum
Vorschein kamen. Schlielich machten die Juden einen solchen Lrm, da
der wachehaltende Glaubensgenosse ihnen ein Zeichen geben mute, da sie
schweigen sollten, und Tara begann schon fr seine Sicherheit zu
frchten; dann erinnerte er sich jedoch, da die Juden nicht anders als
auf der Strae verhandeln knnen, und da selbst der Teufel ihre
Sprachen nicht verstehen knne, worauf er sich gleich wieder beruhigte.

Nach ungefhr zwei Minuten betraten die Juden allesamt wieder das
Zimmer. Mardochai ging auf Tara zu, klopfte ihm auf die Schulter und
sagte: Wenn wir mit Gottes Hilfe etwas unternehmen, so wird schon alles
geschehen, was ntig ist!

Tara sah sich diesen Salomon an, wie es noch nie einen zweiten in der
Welt gegeben hatte, und schpfte wieder einige Hoffnung. Und wirklich:
seine Erscheinung flte ein gewisses Vertrauen ein; diese Oberlippe
konnte einen einfach schrecken, ihre Dicke war sicherlich auf uerliche
Ursachen zurckzufhren. Der Salomo hatte einen Bart, der im ganzen aus
fnfzehn Hrchen bestand, und zwar befanden sie sich alle auf der linken
Seite. Sein Gesicht trug soviel Spuren von den Prgeln, die man ihm fr
seine Frechheit verabfolgt hatte, da er wahrscheinlich ihre Zahl gar
nicht mehr kannte und sich daran gewhnt hatte, sie fr Muttermale zu
halten.

Mardochai ging zusammen mit seinen Genossen hinaus, die voller
Bewunderung fr seine Weisheit waren, und Bulba blieb allein zurck. Er
befand sich in einer sonderbaren, ihm vllig ungewohnten Lage: zum
erstenmal in seinem Leben empfand er etwas wie Unruhe, und ein
fieberhafter Zustand hatte sich seiner Seele bemchtigt. Er war nicht
mehr der alte, unerschtterliche Bulba: nicht mehr so stark unbeugsam
wie eine Eiche, sondern kleinmtig und schwach. Bei jedem Gerusch, und
jedesmal wenn sich am Ende der Gasse die Gestalt eines ihm unbekannten
Juden zeigte, zuckte er zusammen. In diesem Zustand verharrte er den
ganzen Tag, a nichts, trank nichts und wich keinen Augenblick von dem
Fenster, das auf die Strae hinausfhrte.

Endlich, -- es war schon spt abends, -- erschienen Mardochai und
Jankel. Tara erstarrte das Herz in der Brust.

Nun, ist alles gut gegangen? fragte er mit der Ungeduld eines wilden
Hengstes.

Aber noch ehe die Juden irgend etwas erwidern konnten, bemerkte Tara,
da Mardochai die letzte Locke fehlte, die sich zwar recht unordentlich
aber doch in krausen Ringen unter der Mtze hervordrngte. Man sah, da
er etwas sagen wollte, aber er stammelte ein so unverstndliches Zeug
zusammen, da Tara kein Wort davon begriff.

Auch Jankel fhrte hufig die Hand an den Mund, wie wenn er sich
erkltet htte.

O weh, lieber Herr, jetzt ist es ganz unmglich! Bei Gott es geht
nicht. Das sind so schlechte Menschen, da man ihnen auf den Kopf
spucken mchte! Mardochai soll es Euch sagen. Mardochai hat Dinge fertig
gebracht, wie noch kein Mensch in der Welt. Aber Gott will nicht, da es
so kommen soll. Es stehen schon dreitausend Soldaten da, die morgen alle
hingerichtet werden sollen.

Tara sah den Juden ins Gesicht, jetzt jedoch schon ohne Ungeduld und
ohne jeden Zorn.

Wenn der Herr ihn sehen will, dann mu es schon morgen in der Frh
sein, noch vor Sonnenaufgang. Die Wachen sind einverstanden, und ein
Aufseher hat versprochen, uns zu helfen. Mge das Glck sie fliehen in
jener Welt -- o weh mir, was sind das fr geldgierige Menschen! Nicht
einmal unter uns gibt es solche Leute: jedem einzelnen habe ich fnfzig
Dukaten geben mssen, und dem Aufseher ... Gut! Fhre mich zu ihm,
sagte Tara entschlossen, und all sein Mut und seine Festigkeit kehrten
wieder in seine Seele zurck. Er war mit Jankels Vorschlag
einverstanden, sich als auslndischer Graf zu verkleiden, der aus
Deutschland gekommen sei. Der schlaue Jude, der alles vorausgesehen,
hatte schon die Kleidungsstcke mitgebracht. Unterdessen war es Nacht
geworden. Der Wirt des Hauses, der uns bekannte rothaarige Jude, mit den
vielen Sommersprossen im Gesicht, schleppte eine elende Matratze herbei,
die er mit einer Strohmatte bedeckte, und legte sie auf die Bank, damit
Bulba sich auf ihr niederstrecken solle. Jankel bereitete sich ein
hnliches Lager aus dem Fuboden, der rothaarige Jude trank ein Glschen
Schnaps, zog seinen Rock aus -- wenn er blo mit Schuhen und Strmpfen
bekleidet herumlief, hatte er groe hnlichkeit mit einem Hhnchen --
und begab sich schlielich mit seiner jdischen Frau in eine Art von
Schrank, und zwei kleine Judenknaben legten sich wie zwei Haushndchen
neben dem Schrank auf den Boden. Aber Tara konnte nicht schlafen.
Unbeweglich sa er da und trommelte mit den Fingern auf dem Tische
herum. Er hatte seine Pfeife im Munde und stie solche Rauchwolken
hervor, da der Jude im Schlafe nieste und seine Nase unter die Decke
steckte. Und kaum erschienen am Himmel die blassen Vorboten des
Morgenrots, als Tara Jankel bereits mit dem Fu stie. Steh auf, Jude,
und reich mir deine Grafenkleidung!

In einem Augenblick war er angezogen: er schwrzte sich seinen
Schnurrbart und seine Brauen, und setzte ein kleines dunkles Mtzchen
auf den Kopf, soda niemand, nicht einmal die Kosaken, die ihm am
nchsten standen, ihn htten erkennen knnen. Er sah nicht lter aus als
ein Mann von etwa fnfunddreiig Jahren. Ein gesundes Rot bedeckte seine
Wangen, und selbst die Narben standen ihm ausgezeichnet und verliehen
ihm etwas Gebieterisches. Das goldverbrmte Gewand kleidete ihn ganz
vorzglich.

Die Straen lagen noch in tiefem Schlafe, und noch war in der Stadt kein
Hndler mit seiner Kiste unter dem Arme zu bemerken. Bulba und Jankel
gelangten vor ein Gebude, das wie ein sitzender Reiter aussah. Es war
niedrig, breit, auerordentlich gro und ganz vor Alter geschwrzt; auf
der einen Seite ragte ein langer, schmaler Turm empor, der wie der Hals
eines Storches aussah und auf dessen Spitze sich das Stck eines Daches
befand. Dieses Gebude hatte die allermannigfaltigsten Funktionen: hier
befanden sich die Kasernen, das Gefngnis und sogar das Kriminalgericht.
Unsere Wanderer traten in das Tor ein und standen gleich darauf in einem
gerumigen Saal, oder vielmehr in einem gedeckten Hof, in dem ungefhr
tausend Menschen nebeneinander schliefen. Ihnen gegenber befand sich
eine kleine Tr vor der zwei Wachen saen, und ein merkwrdiges Spiel
spielten, welches darin bestand, da der eine dem andern mit zwei
Fingern auf die Handflchen zu schlagen suchte. Sie beachteten die
Ankmmlinge kaum und drehten ihre Kpfe erst um, als Jankel zu ihnen
sagte:

Das sind wir, hren Sie meine Herren, das sind wir!

Geht hinein, sagte der eine von ihnen und ffnete mit der einen Hand
die Tr, whrend er seinem Kameraden die andere zum Schlage hinhielt.

Sie betraten einen schmalen dunklen Gang und gelangten in einen
hnlichen Saal mit einigen kleinen Fenstern an der Decke.

Wer da? riefen mehrere Stimmen, und Tara erblickte eine betrchtliche
Anzahl von Kriegern in voller Rstung. Wir haben Befehl, niemanden
hineinzulassen.

Das sind wir, rief Jankel, bei Gott das sind wir, erlauchte Herren!
Aber niemand wollte ihm Gehr schenken. Glcklicherweise trat in diesem
Augenblick ein dicker Mann herein, der seinem Aussehen nach ein
Vorgesetzter sein mute, denn er schimpfte und fluchte mehr als alle
andern zusammen.

Herr, das sind wir, der Herr kennt uns schon -- der Herr Graf wird sich
noch persnlich bedanken!

Lat sie durch, Donnerwetter noch 'mal! Von nun ab aber lat ihr mir
keinen mehr herein, und da mir keiner von euch den Sbel ablegt und
sich auf der Erde herumwlzt!

Die Fortsetzung dieser so eindrucksvollen Rede vernahmen unsere
Reisenden jedoch nicht mehr.

Das sind wir, das bin ich, ein guter Freund, sagte Jankel zu jedem,
der ihm begegnete.

Ist's so weit? fragte er eine der Wachen, als sie endlich an die
Stelle gelangten, wo der Gang zu Ende war.

Kommt nur. Ich wei aber nicht, ob man euch in das Gefngnis selbst
hineinlassen wird! Jan ist jetzt nicht mehr da, statt seiner steht ein
anderer Wache, antwortete ein Wachtposten.

Oh oh, sagte der Jude leise, das ist schlimm, werter Herr!

Schnell, fhr mich weiter, sprach Tara hartnckig. Der Jude
gehorchte.

An der Tr eines unterirdischen Gewlbes, das oben scheinbar spitz
zulief, stand ein Heiduck mit einem dreistckigen Schnurrbart. Der eine
Teil des Bartes war nach hinten gebrstet, der andere nach vorn, und der
dritte hing ihm nach unten herab, soda der Mann aussah wie ein Kater.

Der Jude schrumpfte vllig zusammen und beugte sich fast bis zum
Erdboden herab. Endlich nherte er sich ihm von der Seite. Euer Gnaden,
allerdurchlauchtigster Herr!

Sagst du das zu mir, Jude?

Zu dir, allerdurchlauchtigster Herr!

Hm ... ich bin aber doch nur ein einfacher Heiduck! sagte der
Schnurrbartgewaltige und sein ganzes Gesicht strahlte von Eitelkeit.

Ich dachte, bei Gott, du seist der erhabene Wojewode selbst! Oh oh oh.
Bei diesen Worten schttelte der Jude den Kopf und spreizte die Finger.
Oh oh, wie wrdig und vornehm der Herr aussehen. Bei Gott -- ein
Oberst, wie ein richtiger Oberst! Nur noch ein Trpfchen, und nichts
fehlte zu einem Oberst! Der Herr mte auf einem Pferde sitzen, so
schnell, wie eine Fliege, und Parade abhalten ber alle Regimenter!

Der Heiduck brachte den untern Teil seines Bartes in Ordnung, und seine
Augen strahlten vor Vergngen.

Nein, was sind die Soldaten doch fr ein Volk, fuhr der Jude fort. O
weh mir, was fr ein prchtiges Volk! Schnre, Tressen, das glnzt
ordentlich wie die Sonne! Und die Frulein, die die Herren Soldaten
sehen -- oh oh ... Und der Jude schttelte wieder den Kopf.

Der Heiduck strich sich mit der Hand ber den oberen Teil des Bartes und
gab hierbei einen Laut von sich, der dem Wiehern eines Pferdes glich.

Darf ich den Herrn untertnigst um eine Freundlichkeit bitten? bat der
Jude, der Frst hier ist aus fremden Landen gekommen; er mchte sich
die Kosaken ansehen. Hat er doch in seinem Leben nicht gesehen, was fr
ein Volk die Kosaken sind!

Die Besuche auslndischer Grafen und Barone kamen in Polen ziemlich
hufig vor; oft fhrte sie nichts hin als die bloe Neugierde, sich
diesen halbasiatischen Winkel Europas anzusehen. Moskau und die Ukraine
galt ihnen schon fr Asien. Der Heiduck hielt es daher nach einer
ziemlich tiefen Verbeugung fr ntig, von sich aus noch ein paar Worte
hinzuzufgen.

Ich wei nicht, sagte er, warum Euer Durchlaucht sie sich ansehen
wollen. Das sind ja Hunde und keine Menschen. Und einen Glauben haben
sie, den achtet niemand!

Das lgst du, Teufelsbrut, rief Bulba. Du selbst bist ein Hund! Wie
wagst du, zu sagen, da man unsern Glauben nicht achtet! Euren
ketzerischen Glauben, den verabscheut jeder Rechtglubige!

Aha steht es so! rief der Heiduck, jetzt wei ich, wer du bist, mein
Freund! Du gehrst wohl selbst zu diesen, die hier festsitzen. Warte
mal, ich will mal unsere Leute herbeirufen!

Tara sah ein, wie unvorsichtig er gewesen war, aber Trotz und Wut
hinderten ihn, darber nachzudenken, wie er es wieder gut machen sollte.
Glcklicherweise griff Jankel sofort ein.

Allerdurchlauchtigster Herr! Wie sollte es mglich sein, da der Herr
ist ein Kosak! Und wenn er ein Kosak wre, wie kme er zu einer solchen
Kleidung und zu einem so grflichen Aussehen!

Lg dir doch selbst was vor! Der Heiduck wollte schon seinen riesigen
Mund ffnen, um Lrm zu machen.

Eure knigliche Hoheit! Beruhigen Sie sich! Beruhigen Sie sich um
Gottes willen! schrie Jankel. Wir werden Ihnen so viel geben, wie Sie
noch nie gesehen haben: wir werden Ihnen zwei goldene Dukaten geben!

He, wie? -- zwei Dukaten! Aus zwei Dukaten mache ich mir garnichts, die
gebe ich dem Barbier, wenn er mir die Hlfte meines Bartes rasiert hat.
Hundert Dukaten, Jude! Hier drehte der Heiduck seinen Schnurrbart ...
Wenn du mir nicht sofort hundert Dukaten gibst, so schrei ich sofort
los!

Warum soviel, rief der Jude, der ganz kreidebleich geworden war,
jammernd und ffnete einen ledernen Sckel: er war aber doch glcklich,
da nicht mehr darin war, und da der Heiduck nicht weiter als bis
hundert zhlen konnte.

Herr, lassen Sie uns schnell fortgehen. Sie sehen doch, was das hier
fr schlechte Menschen sind! sagte Jankel, als er bemerkte, da der
Heiduck das Geld nachzhlte, als ob es ihm leid tte, nicht mehr
gefordert zu haben.

Nun, du Satansheiduck? rief Bulba. Das Geld hast du genommen, aber du
denkst nicht daran, uns den Gefangenen zu zeigen? Nun, jetzt mut du ihn
uns zeigen! du hast das Geld angenommen, und darum hast Du kein Recht
uns abzuweisen!

Fort mit euch, geht zum Teufel! Sonst melde ich es sofort! Und man wird
euch gleich ... Ich will euch Beine machen, sage ich euch!

Herr. Herr, kommt schnell, bei Gott, kommt! Hol sie der Teufel! Gott
schicke ihm einen Traum, da ihm bel wird! schrie der arme Jankel.

Bulba wandte sich langsam um und schritt mit gesenktem Kopfe zurck,
wobei ihn Jankel mit Vorwrfen berhufte, der sich ber die nutzlos
weggeworfenen hundert Dukaten fast zu Tode rgerte.

Wozu mutet Ihr ihn denn reizen! Httet Ihr doch den Hund ruhig
schimpfen lassen! Das ist doch nun mal so ein Volk, die mssen immer
schimpfen. O weh mir, was fr ein Glck hat Gott diesen Menschen
geschickt! Hundert Dukaten dafr, da er uns fortjagt; Unsereinem
dagegen reit man die Locken ab, man richtet ihm das Gesicht zu, da man
es gar nicht mehr anschauen mag -- und kein Mensch gibt ihm hundert
Dukaten! O mein Gott! Barmherziger Gott!

Dieser Mierfolg hatte jedoch einen noch tieferen Eindruck auf Bulba
gemacht: eine verzehrende Flamme glhte in seinen Augen.

Vorwrts, sagte Bulba pltzlich, wie aus einem Traum erwachend, komm,
wir wollen auf den Platz gehen. Ich will sehen, wie man ihn foltern
wird.

O weh, gndiger Herr, wozu sollen wir hingehen, wir knnen ihm ja doch
nicht mehr helfen.

Komm, sagte Bulba eigensinnig, und der Jude folgte ihm seufzend, wie
eine Kinderfrau.

Es war nicht schwer, den Platz aufzufinden, wo die Hinrichtung
stattfinden sollte: denn das Volk strmte von allen Seiten dorthin. In
jenen barbarischen Zeiten war das nicht nur fr den Pbel, sondern auch
fr die hheren Kreise eins der beliebtesten Schauspiele. Viele fromme
alte Weiber, eine Unzahl scheuer und ngstlicher junger Mdchen und
Frauen, die nachher die ganze Nacht von blutigen Leichen trumten und im
Schlafe so laut aufschrien, wie das nur noch ein betrunkener Husar
vermag, lieen keine Gelegenheit vorber, sich das Schauspiel anzusehen.
O welch entsetzliche Qualen, schrien manche in hysterischer,
fieberhafter Erregung, hielten sich die Hnde vor die Augen und wandten
sich ab, verharrten aber trotzdem lange auf ihrem Platze. Viele standen
mit weitgeffnetemMunde da, streckten die Arme aus und wren den vor
ihnen Stehenden am liebsten auf den Kopf gesprungen, um besser sehen zu
knnen. Aus der Menge der kleinen, schmalen und gewhnlichen Kpfe ragte
hin und wieder das dicke Gesicht eines Schlchters hervor: er sah sich
den Vorgang mit Kennermienen an und unterhielt sich in einsilbigen
Worten mit einem Waffenschmied, den er Gevatter nannte, weil er sich an
Feiertagen mit ihm zusammen in der gleichen Schenke zu betrinken
pflegte. Wieder andere errterten das Ereignis mit groer Erregung und
Leidenschaftlichkeit; eine dritte Partei ging sogar Wetten ein. Die
meisten der Anwesenden jedoch gehrten zu jener Gattung, die die ganze
Welt und alles, was darin vorgeht gleichgltig ansehen und dabei den
Finger in die Nase stecken. In der ersten Reihe, neben den mit mchtigen
Schnauzbrten gezierten Heiducken, die die Stadtwache bildeten, stand
ein junger Edelmann (er sah wenigstens so aus) -- in ritterlicher
Tracht; er hatte sich mit allem behngt, was er besa, so da nur noch
ein zerrissenes Hemd und ein Paar alte Stiefel in seiner Wohnung
zurckgeblieben waren. Um seinen Hals hatte er zwei Ketten geschlungen,
eine ber die andre, an denen je ein Dukaten hing. So stand er mit
seiner Geliebten Jusysja da und sah sich fortwhrend um, damit nur ja
niemand ihr seidenes Kleid beschmutzte. Er hatte ihr bereits alles
erklrt, so da gar nichts mehr hinzuzufgen blieb. Sieh, geliebte
Jusysja, sagte er dies ganze Volk, das Du hier siehst, ist
hierhergekommen, um zu sehen, wie man die Verbrecher hinrichten wird.
Der da, mit dem Beil und den andern Werkzeugen in der Hand, den, den du
dort siehst, Liebchen: das ist der Henker, der wird das Urteil
vollstrecken. Solange er den Verbrecher rdert und noch auf andere Weise
martert, ist der immer noch am Leben; schlgt er ihm aber den Kopf ab,
dann ist es aus mit ihm, Liebste. Zuerst wird er natrlich schreien und
sich winden -- wenn man ihm aber den Kopf abgeschlagen hat, dann kann er
nicht mehr schreien, und nicht mehr essen, noch trinken, denn er hat ja
keinen Kopf mehr, Liebchen! Und Jusysja hrte das alles voller
Schrecken und Neugier an. Die Dcher der Huser waren von einer groen
Menschenmenge bedeckt. Aus kleinen Luken blickten merkwrdige Gesichter,
mit Schnurrbrten und haubenartigen Kopfbedeckungen hervor. Auf den
Balkonen saen die Edelleute unter Baldachinen. Das schne Hndchen
eines lachenden Fruleins mit einem Gesichtchen, das wie Milchzucker
glnzte, lag lssig auf dem Rand des Gelnders. Edle Herren von
ansehnlicher Beleibtheit blickten mit ernster Miene von oben herab. Ein
Leibeigener in kostbarer Tracht und mit zurckgeschlagenen rmeln
reichte allerhand Speisen und Getrnke herum. Bisweilen warf ein
mutwilliges Mdchen mit schwarzen Augen und weien glnzenden Hndchen
Kuchen und Frchte unter die Menge. Eine Schar hungriger Ritter hielt um
die Wette ihre Mtzen hin, und ein hagerer Edelmann, der mit seinem
Kopfe weit ber alles Volk hinausragte und einen verblichenen roten Rock
mit nachgedunkelten goldenen Schnren trug, fing die se Beute mit
seinen langen Armen zuerst auf, kte sie, drckte sie ans Herz und lie
sie dann im Munde verschwinden. Auch ein Falke, der in einem goldenen
Kfig unter dem Balkon hing, gehrte zu den Zuschauern; er sa mit zur
Seite gebogenem Schnabel und ausgestreckter Kralle da und beobachtete
seinerseits das Volk voller Aufmerksamkeit. Pltzlich begann die Menge
unruhig zu werden und zu lrmen, und man schrie von allen Seiten: sie
kommen, sie kommen, die Kosaken kommen!

Diese kamen mit entblten Huptern und ihren langen Mhnen
herangeschritten; auch ihre Brte waren lang und ungepflegt. Ihr Gang
war weder ngstlich noch bekmmert; stumm und stolz schritten sie daher.
Das kostbare Tuch ihrer Kleider war verschlissen und hing in Fetzen an
ihnen herab: sie beachteten das Volk nicht und gnnten ihm keinen Gru.
Allen voran schritt Ostap.

Was mochte der alte Tara empfinden, als er seinen Sohn erblickte? Was
ging wohl in seiner Seele vor? Er sah aus der Menge nach ihm hin, und
keine seiner Bewegungen ging ihm verloren. Die Kosaken hatten den
Richtplatz betreten. Ostap blieb stehen. Er sollte den bitteren Kelch
als erster leeren. Er sah die Seinen an, hob die Arme empor und sprach
laut: Gebe Gott, da alle Ketzer, die hier stehen, nichts davon
vornehmen, wie ein Christ leidet, und da keiner einen Laut von sich
gebe! Dann beschritt er das Schafott. Brav, mein Sohn, brav, sagte
Bulba leise und lie seinen grauen Kopf tief hinabsinken.

Der Henker ri Ostap die alten Lumpen herunter, Hnde und Fe wurden in
ein eigens zu diesem Zwecke angefertigtes Gestell gesteckt und ... Aber
wozu sollen wir den Leser mit der Beschreibung all der hllischen Qualen
erschttern, bei denen einem jeden die Haare zu Berge stehen mssen. Das
waren die Ausgeburten jenes rohen barbarischen Zeitalters, da der Mensch
sein Leben nur in blutigen Kmpfen hinbrachte und seine Seele gegen alle
menschlichen Gefhle abhrtete. Vergebens kmpften einzelne Menschen,
die in jener Zeit nur seltene Ausnahme bildeten, gegen diese
entsetzlichen Schauspiele. Vergebens wiesen geistig hochbegabte und
aufgeklrte Knige und viele Ritter darauf hin, da solch grausame
Strafen den Rachedurst der Kosaken nur noch mehr entflammen mten. Aber
die Macht des Knigs und die vernnftigen Erwgungen waren ohnmchtig
gegenber der Zgellosigkeit und frechen Willkr der Magnaten, die durch
ihre Unberlegtheit, ihren unbegreiflichen Mangel jeglichen Weitblicks
und durch ihren kindischen Ehrgeiz und kleinlichen Stolz den Reichstag
zu einer Satire auf die Regierung herabgewrdigt hatten. Ostap ertrug
die Qualen und Foltern wie ein Held. Als man ihm die Gelenke an Hnden
und Fen zerbrach, hrte man ihm nicht einmal einen Schrei oder einen
Seufzer entfahren, und selbst als inmitten der totenstillen Menge das
entsetzliche Krachen der Knochen auch dem entferntesten Zuschauer hrbar
wurde, und die jungen Fruleins ihre Augen abwandten -- selbst da
entwich seinen Lippen kein Klagelaut, und zuckte keine Miene in seinem
Gesicht. Tara stand mit gesenktem Haupte in der Menge, aber seine Augen
blickten stolz, und er murmelte beifllig: Bravo, mein Sohn, bravo.

Als man jedoch zu den letzten tdlichen Martern schritt, da schien es,
als ob Ostap seine Selbstbeherrschung verlassen wollte. Er sah sich
rings um: Gott! Lauter fremde, unbekannte Gesichter! O wre doch nur
einer, der ihm nahestand, bei seinem Tode zugegen gewesen. Es war nicht
das Schluchzen und Klagen der schwachen Mutter, oder das irrsinnige
Jammern der Gattin, die sich die Haare zerrauft und gegen den weien
Busen schlgt, was ihn zu hren verlangte, wohl aber htte er jetzt
einen starken Mann sehen mgen, der ihn vor seinem Ende mit einem klugen
Wort erfrischen und trsten konnte. Seine Kraft verlie ihn und in
furchtbarer Seelenqual schrie er auf: Vater, wo bist du? Hrst du das
alles nicht?

Ich hre es, klang es pltzlich durch die allgemeine Stille, und ein
Zittern ging pltzlich durch die millionenstarke Menge. Ein Teil der
bewaffneten Reiter strzte sich sofort mitten unter sie, um sie zu
durchsuchen. Jankel war bleich geworden wie der Tod; als sich die Reiter
ein wenig von ihm entfernt hatten, wandte er sich voller Schrecken um,
um Tara zu suchen; allein dieser stand schon nicht mehr neben ihm und
war spurlos verschwunden.


                           Zwlftes Kapitel

Tara lie bald wieder von sich hren. Ein Heer von
hundertzwanzigtausend Kosaken erschien an den Grenzen der Ukraine. Das
war nicht mehr ein Huflein oder eine kleine Schar, die auf Raub ausging
oder die den Tataren nachsetzen wollte. Nein, die ganze Nation hatte
sich erhoben, denn die Geduld des Volkes war endlich erschpft -- sie
hatte sich erhoben, um sich fr die Verhhnung ihrer Rechte, den
erniedrigenden Schimpf, der ihren Sitten angetan war, die Verletzung des
Glaubens ihrer Vorfahren und ihrer heiligen Gebruche, fr die Schndung
der Kirchen, die Willkr der auslndischen Herren, die Unterdrckung,
die Union und die verhate Herrschaft der Juden in christlichen Landen,
kurz, um sich fr alles zu rchen, was den leidenschaftlichen Ha der
Kosaken hervorgerufen und gesteigert hatte. An der Spitze dieses
unbersehbaren Kosakenheeres stand der junge aber kluge und mutige
Hetman Ostraniza, und ihm zur Seite sein altersgrauer und kampferprobter
Waffenbruder und Berater Gunja. Acht Hauptleute fhrten ebensoviel
Scharen von je zwlftausend Kosaken. Zwei Anfhrer und ein Unterfeldherr
bildeten das unmittelbare Gefolge des Hetmans. Der erste Fahnentrger
ritt mit dem groen Banner allen voran; und noch zahllose andere Fahnen
und Feldzeichen sah man in der Ferne flattern. Die Anfhrer trugen alle
ihre Hetmansstbe. Auerdem befanden sich im Heere noch eine groe Reihe
anderer Wrdentrger, als da sind: Proviantmeister, Stabsoffiziere,
Heerschreiber &c., die von Berittenen und Fuvolk begleitet wurden. Die
Zahl der Freiwilligen war fast ebenso gro, wie die der
Kriegspflichtigen. Von allen Seiten waren die Kosaken zusammengestrmt:
aus Tschigirin, Perejalaw, aus Baturin und Gluchow, von dem unteren
Laufe des Dnjepr, von seinem ganzen Oberlauf und von all seinen Inseln.
Zahllose Roherden und Wagenreihen zogen ber die Felder dahin. Aber
unter den vielen Kosaken, unter diesen acht Abteilungen war eine, die
vor allen ausgezeichnet war, das war die, an deren Spitze Tara Bulba
stand. Alles kam zusammen, um ihm ein gewaltiges bergewicht ber seine
Genossen zu geben: sein vorgercktes Alter, seine Erfahrung, seine
Kunst, ein so groes Heer zu befehligen, und vor allem sein furchtbarer
Ha gegen die Feinde. Selbst den Kosaken erschien seine furchtbare
Wildheit und unbarmherzige Grausamkeit fast bertrieben. Sein ergrauter
Kopf trumte von nichts anderen, als von Galgen und Feuer, und im
Kriegsrate verbreitete sein Wort Schrecken und Vernichtung.

Es wre zwecklos, all die Schlachten, in denen sich die Kosaken
auszeichneten oder den ganzen Verlauf dieses Feldzuges zu beschreiben,
all dieses ist in den Bchern der Geschichte aufgezeichnet. Man wei,
wie man in russischen Landen einen Krieg fr den Glauben fhrt: es gibt
keine furchtbarere Kraft als den Glauben. Er ist unberwindlich und
schrecklich wie ein Felsen, der nicht von Menschenhand geschaffen ist
und der von dem wilden ewig wechselnden Meere umbraust wird: aus der
tiefsten Tiefe des Meeresgrundes erhebt er seine unerschtterlichen, aus
einem einzigen Stcke geschaffenen Mauern bis in den Himmel empor. Er
ist von allen Seiten sichtbar und blickt aufrecht auf die vorbeieilenden
Wogen herab. Und wehe dem Schiff, das zu ihm hingetrieben wird. Seine
kraftlosen Masten und Segel reien in Stcke. Mann und Maus geht unter,
und das Jammergeschrei der Ertrinkenden erfllt ringsum die Luft.

Es ist in den Chroniken ausfhrlich beschrieben, wie die polnischen
Besatzungen aus den erschrockenen Stdten flohen, wie die gewissenlosen
jdischen Pchter, einer nach dem andern, aufgeknpft wurden, wie
wehrlos der knigliche Hetman Nikolaus Potozki mit seinem groen Heere
dieser unberwindlichen Macht gegenberstand, wie er geschlagen und
verfolgt wurde und wie er die bessere Hlfte seines Heeres in einem
kleinen Flchen untergehen lie; wie die furchtbaren Kosakenhorden ihn
in das Stdtchen Polomo einschlossen, und wie der bis zum uersten
getriebene polnische Hetman ihnen mit einem feierlichen Eid im Namen des
Knigs und aller Magnaten vollstndige Genugtuung und die
Wiederherstellung aller frherer Rechte und Privilegien versprach. Aber
die Kosaken waren nicht gesinnt, sich damit zu begngen: wuten sie
doch, welch einen Wert ein polnischer Eid hatte. Und Potozki htte nicht
mehr auf seinem schmucken Renner, der wohl sechstausend Gulden wert war,
die Blicke der Edeldamen und den Neid des Adels auf sich lenken, nicht
mehr im Reichstag lrmen und keine glnzenden Gastmhler zu Ehren der
Senatoren geben knnen, wenn ihn die russische Geistlichkeit, die sich
im Stdtchen befand, nicht gerettet htte. Als nmlich alle Polen in
ihren glnzenden, goldgestickten Megewndern, mit Heiligenbildern und
Kreuzen in den Hnden und allen voran der Erzbischof mit Kreuz und Mitra
ihnen entgegenkamen, da senkten die Kosaken ihre Hupter und nahmen die
Mtzen ab. In jenem Augenblick htten sie wohl niemandem Achtung
erwiesen, selbst dem Knig nicht -- aber gegen ihre Kirche erdreisteten
sie sich nicht, sich aufzulehnen, und daher begrten sie ihre
Geistlichkeit ehrfrchtig. Der Hetman wie die Hauptleute erklrten sich
bereit, Potozki freizugeben, doch lieen sie ihn vorher einen Schwur
leisten, da er alle christlichen Kirchen in Ruhe lassen, der alten
Feindschaft entsagen und dem Kosakentum keinen Schimpf und Schaden mehr
zufgen werde. Nur einer der Hauptleute wollte diesen Friedensschlu
nicht mitmachen: dieser eine war Tara. Er ri sich ein Bschel Haare
aus und rief:

He, du Hetman und ihr Hauptleute! macht doch keine solchen
Weibergeschfte! Traut den Polen nicht: sie werden euch ja doch
verraten! Und als der Heerschreiber den Vertrag vorlegte, und der
Hetman ihn mit seiner mchtigen Faust unterzeichnete, da zog Tara seine
herrliche Klinge, den kostbaren trkischen Sbel von feinstem Stahl,
zerbrach ihn in zwei Stcke wie einen Stab, warf sie weit weg, nach
verschiedenen Richtungen und rief: So lebt denn wohl! So wenig wie
diese beiden Enden sich je zu einem Sbel vereinigen werden, werden auch
wir uns in dieser Welt noch einmal wiedersehen, Kameraden! Seid meiner
Abschiedsworte eingedenk! (Hier wurde seine Stimme lauter, sie erhob
sich gewaltig, und eine ungewohnte Macht ging von ihr aus, so da alle
ber diese propethischen Worte in Verwirrung gerieten.) In Eurer
Todesstunde werdet ihr meiner gedenken! Ihr glaubt, da ihr euch nun
Ruhe und Frieden erkauft habt, ihr glaubt, da ihr jetzt wie die Herren
leben werdet? Das kann ein rechtes Herrenleben werden! Die Haut wird man
dir vom Kopfe ziehen, Hetman, man wird sie mit Buchweizenspreu
ausstopfen und sie auf allen Mrkten herumschleppen und ausstellen! Und
auch ihr, werte Herren, werdet eure Kpfe nicht behalten! In feuchten
Kellern, zwischen steinernen Mauern eingepfercht, werdet ihr elend
verrecken -- wenn man euch nicht etwa lebendig rstet wie Hammel in
glhenden Kesseln.

Doch ihr, Kameraden, fuhr er fort, indem er sich an seine Leute
wandte, wer von euch will einen Tod sterben, wie er selbst ihn sich
wnscht, -- nicht hinter dem Ofen und an der Seite seines Weibes, nicht
trunken hinterm Zaun neben irgend einer Schenke, wie ein stinkendes Aas,
-- sondern einen ehrlichen Kosakentod, zusammen mit allen, auf einem
Lager, wie Braut und Brutigam? Oder wollt ihr vielleicht nach Hause
zurckkehren, eurem Glauben abschwren und die polnischen Priester auf
eurem Rcken schleppen.

Fhre du uns Hauptmann, fhre uns, Herr, riefen alle die zu seiner
Abteilung gehrten, und noch viele andere schlossen sich ihnen an.

Nun also denn, vorwrts rief Tara, drckte seine Mtze noch khner in
die Stirn, warf den Zurckbleibenden einen verchtlichen Blick zu,
richtete sich auf seinem Rosse hoch auf und rief den Seinen zu: Niemand
wage es, uns zu beschimpfen! Auf Freunde, jetzt wollen wir diesen
Katholiken einmal einen Besuch abstatten! Damit gab er seinem Pferd
einen Schlag und strmte davon, und ein ganzer Zug von hundert Wagen,
dem sich viele Kosaken zu Fu und zu Pferde anschlossen, folgte ihm.
Tara wandte sich um und warf den Zurckbleibenden noch einen drohenden
Blick zu -- seine Augen sprhten vor Zorn. Niemand wagte es, sie
zurckzuhalten. Die Abteilung zog Angesichts des ganzen Heeres ab, und
noch viele Male drehte sich Tara nach ihm um, und blitzte sie zornig
an.

Der Hetman und die Kosaken blieben zurck; sie versanken in Gedanken und
schwiegen lange Zeit, wie wenn eine schwere Vorahnung sie bedrckte.
Tara hatte die Wahrheit gesagt. Es kam ganz so, wie er es vorausgesehen
hatte. Kurze Zeit darauf, nach dem Verrat von Kanewo, ward der Kopf des
Hauptmanns und mit ihm der vieler vornehmer Wrdentrger, auf einen
Pfahl gesteckt und ffentlich zur Schau gestellt.

Was aber geschah mit Tara? Er strmte mit seinen Leuten durch ganz
Polen, brannte achtzig Stdtchen und ungefhr vierzig Kirchen nieder und
rckte schon gegen Krakau vor. So manchen Edelmann hatte er schon
niedergemacht und die reichsten und schnsten Schlsser geplndert. Die
Kosaken ffneten die Wein- und Metfsser, welche Jahrhundertelang im
Keller der polnischen Herren gelagert hatten, und lieen den kstlichen
Wein auf den Boden laufen, schnitten die kostbaren Stoffe in Stcke und
verbrannten die Gewnder und Zierrate, die sich in den Kammern befanden.
Schont mir nur nichts, wiederholte Tara fortwhrend, und die Kosaken
schonten selbst die schwarzugigen Frulein mit dem weien Busen und den
lieblichen Gesichtchen nicht, nicht einmal vor den Altren fanden sie
Schutz vor ihnen: Tara lie sie mitsamt den Altren verbrennen. Manch
schneeweie Hand hob sich flehend aus der feurigen Glut zum Himmel: bei
ihrem jmmerlichen Geschrei htte die Erde selbst sich erweicht, und das
Gras der Steppe htte sich mitleidig zu Boden geneigt. Aber die
grausamen Kosaken achteten auf nichts, sie spieten auf den Straen die
Suglinge auf ihre Lanzen und schleuderten sie ihnen in die Flammen
nach. Da ihr verdammten Polen, das ist die Totenfeier fr Ostap,
wiederholte Tara bestndig. Und solche Totenfeiern fr Ostap
veranstaltete er in jedem Dorfe, bis die polnische Regierung endlich
erkannte, das Tara' Toben mehr bedeute als ein einfaches Rauben, sie
erteilte daher Potozki den Auftrag, mit fnf Regimentern auszuziehen, um
Tara unverzglich zu fangen.

Sechs Tage lang entzogen sich die Kosaken auf allerhand Feldwegen der
Verfolgung, die Pferde vermochten die ungewohnte schnelle Flucht kaum zu
ertragen und retteten nur mit Mhe die Kosaken. Potozki erwies sich
jedoch diesmal des ihm gegebenen Auftrags gewachsen: unermdlich
verfolgte er sie und erreichte sie endlich am Ufer des Dnjestr, wo Bulba
eine zerfallene und verlassene Festung bezogen hatte, um dort Rast zu
halten.

Diese Festung stand dicht an den steilen Ufern des Dnjestr, die Wlle
waren niedergerissen, die Mauern waren zerfallen, und die Spitze des
Felsens, die jeden Augenblick zusammenzustrzen und herabzufallen
drohte, war ber und ber mit zerbrochenen Kiesel- und Felssteinen
bedeckt. Hier war es, wo der knigliche Hetman Potozki die Kosaken von
drei Seiten, die mit dem offnen Feld in Verbindung standen, umzingelte.
Vier Tage lang kmpften und verteidigten sie sich, indem sie Felsen und
Ziegelsteine auf die Polen herabschleuderten, aber als die Vorrte und
Krfte zu Ende waren, fate Tara den Entschlu, sich durch die
feindlichen Reihen hindurchzuschlagen. Der Versuch wre beinahe gelungen
-- schon hatten die Kosaken die feindliche Schlachtordnung durchbrochen,
und vielleicht htten ihnen ihre schnellfigen Rosse noch einmal einen
treuen Dienst geleistet, -- da hielt Tara pltzlich mitten im vollen
Lauf inne und rief aus: Halt, ich habe meine Pfeife und meinen Tabak
verloren! Ich will nicht, da die verfluchten Polen auch nur meine
Pfeife in die Hnde bekommen! Und der alte Hauptmann bckte sich und
begann im Grase nach seiner Pfeife zu suchen, die immerdar -- zu Wasser
und zu Lande, im Feldzug und daheim, seine treue Begleiterin gewesen
war. Inzwischen war jedoch ein Trupp Polen herbeigesprengt, und
pltzlich packten ihn ein paar Leute bei den krftigen Schultern. Er
suchte sie mit aller Macht abzuschtteln, aber diesmal fielen die
Heiducken nicht wie ehemals von ihren Rossen herunter. Ach ja, man wird
alt, sagte er, und der schwere, alte Kosak begann bitterlich zu weinen,
doch es war nicht das Alter, das an seiner Niederlage schuld war: er war
der bermacht erlegen, denn mehr als dreiig Mann hielten seine Hnde
und Fe umklammert.

Endlich haben wir dich, alte Krhe! schrieen die Polen, jetzt mssen
wir es uns nur noch berlegen, du Hund, wie wir dich am besten ehren!
Mit Zustimmung des Hetmans wurde er dazu verurteilt, angesichts des
Heeres, lebendig verbrannt zu werden. Ganz in der Nhe befand sich ein
kahler Baumstamm, dessen Spitze vom Blitze zerstrt war. Tara wurde in
eiserne Ketten geschlossen, zum Baume geschleppt und an den Stamm
gefesselt; man erhob ihn so hoch wie mglich ber den Erdboden, damit
man ihn von allen Seiten sehen konnte, nagelte seine Hnde fest und
schichtete einen Scheiterhaufen unter dem Baume auf. Aber Tara blickte
nicht auf den Scheiterhaufen; er dachte nicht an das Feuer, das ihn
verzehren sollte, er sah dorthin, wo die Gewehre knatterten und die
Kosaken sich ihrer Feinde zu erwehren suchten, war doch von seinem
erhhten Platze aus alles zu sehen wie auf der flachen Hand. Schnell,
schnell hinauf, Kameraden, schrie er, besetzt den Hgel hinter dem
Walde! Dorthin knnen sie euch nicht folgen! Aber der Wind trug seine
Worte nicht bis zu ihnen. Sie werden umkommen, nutzlos umkommen sagte
er und blickte verzweifelt nach unten hinab, wo der Dnjestr glnzte.
Pltzlich blitzte eine helle Freude in seinen Augen auf. Er hatte hinter
einem Busch auf dem Flusse vier Nachen erblickt, und so nahm er denn
seine ganze Kraft zusammen und schrie mit lauter Stimme Ans Ufer, ans
Ufer Kameraden! Lauft den kleinen Weg hinunter, den, der zur Linken
liegt! Am Ufer liegen Khne! Bemchtigt euch ihrer sofort, aber aller,
hrt ihr, damit sie euch nicht verfolgen knnen!

Diesmal wehte der Wind von der andern Seite, und den Kosaken entging
keins seiner Worte. Aber fr seine Warnung erhielt er einen solchen Hieb
mit der Keule ber den Schdel, da es ihm dunkel vor den Augen wurde.

Schnell wie der Blitz jagten die Kosaken den Bergsteig hinab, und dicht
hinter ihnen die Verfolger. Sie sahen, da der schmale Pfad sich
vielfach hin und her schlngelt und windet und sich seitwrts verzweigt.
Ach Kameraden, es wird uns nicht glcken seufzten alle und hielten
einen Augenblick inne, dann aber lieen sie ihre Peitschen durch die
Luft sausen -- ein Pfiff, und im Nu flogen ihre Tatarenpferde ber die
Erde hin; lang streckten sie sich in der Luft aus gleich einer Schlange,
setzten im Sprung ber Abgrnde und strzten dann mitten in den Dnjestr
hinein. Nur zwei Kosaken vermochten den Flu nicht mehr zu erreichen:
sie fielen samt ihren Pferden auf die Felsen hinab und blieben dort fr
immer tot liegen, ohne auch nur einen Schrei ausgestoen zu haben. Die
andern aber schwammen bereits mit ihren Pferden im Flusse und banden die
Boote los. Verdutzt blieben die Polen vor dem Abgrunde stehen; ganz
erstaunt ber diese unerhrte Khnheit der Kosaken und noch im Zweifel
ob sie ihnen folgen sollten oder nicht. Nur ein junger Hauptmann, dem
das Blut hei und wild durch die Adern strmte, ein Bruder der schnen
Polin, die den armen Andrij betrt hatte, berlegte nicht lange, nahm
einen Anlauf und warf sich mit seinem Ro in die Fluten: dreimal
berschlug er sich in der Luft mit seinem Pferde und strzte dann jh
auf die spitzen Felsen herab. Das scharfe Gestein ri seinen Krper in
Stcke, der bald im Abgrunde verschwand, und sein mit Blut vermischtes
Gehirn spritzte weit ber Strucher, die an den rauhen Felsenklippen des
Abhanges wuchsen. Als Tara sich von dem Schlage erholt hatte, blickte
er nach dem Dnjestr hinab, die Kosaken saen bereits in den Khnen und
ruderten davon; die Kugeln regneten nur so von oben auf sie herab,
allein sie trafen niemand, und freudig leuchteten die Augen des alten
Hetmans.

Lebt wohl, Kameraden, rief er ihnen von oben zu, denkt an mich, kommt
im nchsten Frhling wieder her und setzt ihnen ordentlich zu. Nun! Was
habt ihr erreicht, ihr teuflischen Polen? Glaubt ihr, es gibt etwas auf
der Welt, wovor der Kosak sich frchtet? Wartet nur, es kommt noch
einmal der Tag, wo ihr erfahren werdet, was der rechte russische Glaube
vermag! Schon jetzt spren es die fernen und die nahen Vlker! Ein Zar
wird erstehen aus dem russischen Blute, und es wird keine Macht der Welt
geben, die sich ihm nicht unterwerfen mte! Schon zngelte die Glut
ber den Scheiterhaufen, das Feuer beleckte seine Fe und schlngelte
sich in einer mchtigen Flamme am Baume empor. Aber gibt es denn
irgendwo in der Welt ein Feuer, gibt es Qualen oder irgend eine Macht,
die die Kraft eines Russen zu berwltigen vermchte?

Ein groer Flu ist der Dnjestr; er hat viele Buchten, viel dichtes
Schilf, viele Sandbnke und gewaltige Untiefen. Es glnzt sein
Wasserspiegel; hell klingt das Schreien der Schwne, und stolz fliegt
die Quker-Ente ber ihn dahin; viele Wasserschnepfen, Rebhhner mit
roten Krpfen und noch manch andere Vgel hausen in dem dichten Rohr
seiner Ufer. Behend und kraftvoll glitten die Kosaken in ihren
zweiruderigen Khnen dahin, wacker legten sie sich in die Ruder, wichen
vorsichtig den Sandbnken aus, scheuchten die ngstlich flatternden
Vgel auf und sprachen preisend von ihrem Hauptmann.






                               Mirgorod
                                 1835
                        Eine Novellen-Sammlung
                            zugleich eine
                      Fortsetzung der Abende auf
                       dem Gutshofe bei Dikanka

               Mirgorod ist eine recht kleine Stadt,
               am Flusse Chorol. Sie hat eine
               Seilfabrik, eine Ziegelei, 4 Wassermhlen
               und 45 Windmhlen.

                                Lehrbuch der Geographie
                                        von Sjablowski.

               Obwohl man in Mirgorod die
               Bretzeln aus schwarzem Teig backt,
               sind sie dort doch recht schmackhaft.

                                Aus dem Tagebuche eines
                                             Reisenden.




                             Zweiter Teil


                            bersetzt von
                          _Charlotte Knig_


                               Wij.[2]

[Funote 2: Wij ist eine ins Riesenhafte gehende Schpfung der
Volksphantasie. So heit nmlich bei den Klein-Russen der Frst der
Gnomen, dessen Augenlider bis an die Erde reichen. Die ganze folgende
Erzhlung ist eine Volkssage. Ich wollte sie vllig unverndert lassen,
und erzhle sie daher fast ebenso schlicht und einfach, wie ich sie
gehrt habe.]

Sowie die helle Glocke ertnte, die an der Pforte des
Bruderschaftsklosters zu Kiew hing, kamen die Schler und Seminaristen
von allen Enden der Stadt in dichten Scharen herbeigeeilt. Die
Grammatiker, die Rhetoriker, die Philosophen und Theologen, sie alle
strebten mit ihren Heften unter dem Arm der Schule zu. Die Grammatiker
waren noch sehr klein; sie balgten sich unterwegs und schimpften sich
mit ihren feinen Diskantstimmen. Fast immer hatten sie zerrissene,
schmutzige Kleider an, und ihre Taschen waren stets mit allerlei Plunder
wie: Kncheln, Federkielpfeifen und angebissenen Pasteten vollgestopft.
Manchmal trugen sie sogar junge Spatzen in der Tasche, und mitunter
begann wohl der eine oder der andere, wenn tiefe Stille in der Klasse
herrschte, zu zwitschern, was seinem Besitzer ein paar tchtige Schlge
auf beide Hnde, und ab und zu auch eine Tracht Prgel mit der Rute aus
jungen Kirschbaumzweigen eintrug. Bei den Rhetorikern ging es schon
solider zu; ihre Kleider waren oft noch vollkommen heil, aber dafr
waren sie im Gesicht fast immer mit einer Trophe in Form einer
rhetorischen Trope geschmckt: entweder versteckte sich ein Auge ganz
unter der geschwollenen Stirn, oder man sah statt der Lippen eine groe
Blase, oder auch ein anderes charakteristisches Merkzeichen. Diese
Rhetoriker sprachen und fluchten im Tenor, die Philosophen aber griffen
eine ganze Oktave tiefer. Ihre Taschen enthielten nichts, auer
krftigen Tabaksblttern. Sie legten sich keine Vorrte an, denn alles,
was ihnen unter die Finger kam, wurde sofort verzehrt. Sie rochen oft
schon von weitem so stark nach Tabak und Schnaps, da ein
vorbergehender Handwerker stets stehen blieb und wie ein Jagdhund in
der Luft herum schnffelte.

Um diese Zeit begann der Marktplatz langsam zu erwachen. Die
Hndlerinnen breiteten ihre Bretzeln, Semmeln, Wassermelonen und
Mohnsamen mit Honig aus und zupften die Vorbergehenden, die Kleider aus
feinem Tuch oder schmuckem Baumwollstoff trugen, an den Rockschen.

Junge Herren, junge Herren, hierher! hierher! riefen sie von allen
Seiten. Sehen Sie nur, was fr Mohnkuchen, was fr schne Brtchen und
Bretzeln -- sie sind ganz ausgezeichnet, bei Gott! Von feinstem Honig --
ich habe sie selbst gebacken!

Eine andere hielt ein langes, gewundenes Gebck aus Teig in die Hhe und
schrie: He, he, die schne Honigstange! Junger Herr kaufen Sie doch
diese Honigstange!

Kaufen Sie ja nichts bei der: Sehen Sie doch diese widerliche Person
an, die hliche Nase, die unsauberen Hnde ...

Die Philosophen und Theologen aber lieen sie in Ruhe; denn diese
liebten es nur zu probieren, und zwar nahmen sie sich immer gleich
eine ganze Hand voll.

Im Seminar angekommen, verteilte sich die ganze Schar sogleich in den
Klassen, die sich in niedrigen aber ziemlich gerumigen Zimmern, mit
breiten Tren, kleinen Fenstern und schmutzigen Bnken befanden.
Pltzlich erfllte ein vielstimmiges Summen die Rume: die lteren
Schler, die sogenannten Auditoren, hrten den jngeren ihre Lektionen
ab; hierbei war der helle Diskant des Grammatikers genau auf den Ton der
kleinen Fensterscheibe abgestimmt, die ihn fast unverndert zurckwarf;
in der Ecke brllte ein Rhetor, dessen Mund und wulstige Lippen
eigentlich mehr zu einem Philosophen paten. Er rezitierte mit tiefer
Bastimme und man vernahm von weitem nichts wie ein dumpfes Bu, bu, bu,
bu ... Die Auditoren, die den jngeren Schlern ihre Lektion berhrten,
schielten mit einem Auge unter die Bank, wo gewhnlich aus der Tasche
des ihnen unterstellten Seminaristen ein Brot, ein Quarkkuchen, oder
Krbissamen hervorblickten.

Traf es sich, da sich die ganze gelehrte Schar etwas frher als ntig
versammelt hatte, oder wenn es bekannt wurde, da die Professoren spter
als sonst kommen wrden, dann inszenierte man unter allgemeinen Beifall
eine Schlacht, an der alle Schler, sogar die Zensoren teilnehmen
muten, die verpflichtet waren, die Ordnung aufrechtzuerhalten, und die
die Moral des ganzen Schlerstandes zu beaufsichtigen hatten. Gewhnlich
entschieden zwei Theologen, wie die Schlacht vor sich gehen, ob jede
Klasse fr sich kmpfen, oder ob alle zusammen zwei Lager, nmlich die
Bursa und das Seminar, bilden sollten. Auf alle Flle machten die
Grammatiker den Anfang, sobald sich dann die Rhetoriker hineinmengten,
liefen sie fort und stellten sich an erhhten Pltzen auf, um den Gang
der Schlacht zu beobachten. Dann kamen die Philosophen mit ihren langen
schwarzen Schnurrbrten an die Reihe, und ganz zuletzt griffen die
Theologen mit ihren grlichen Hosen und den furchtbaren, dicken Hlsen
in die Schlacht ein. Gewhnlich endete der Kampf damit, da die
Theologie smtliche Kmpfer besiegte, die Philosophie aber wurde in die
Klasse gedrngt, rieb sich die Lenden und setzte sich auf die Bnke, um
sich zu erholen. Der Professor, der zu seiner Zeit auch an hnlichen
Kmpfen teilgenommen hatte, merkte beim Eintritt in die Klasse sofort an
den Gesichtern seiner Zuhrer, da es keine ble Schlacht gegeben hatte,
und klopfte den Rhetoren mit Ruten auf die Finger, whrend sein Kollege
in der anderen Klasse die Hnde der Philosophen mit einer Holzleiste
bearbeitete. Mit den Theologen wurde ganz anders verfahren: ihnen wurde,
nach dem Ausdruck des Theologieprofessors, ein Ma grober Erbsen, und
zwar vermittelst eines kurzen Lederriemens zugemessen.

An Festen und an Feiertagen zogen die Seminaristen und Schler mit einem
Puppentheater von Haus zu Haus; manchmal spielten sie auch selbst
Komdie, und dann zeichnete sich immer ein Theologe besonders aus:
irgend ein Riese, der nicht viel kleiner war, als der Glockenturm von
Kiew. Er spielte die Herodias oder Frau Potiphar, die Gemahlin des
gyptischen Kmmerers. Zur Belohnung erhielten sie ein Stck Leinwand,
einen Sack Hirse, die Hlfte einer gebratenen Gans und dergleichen. All
diesem gelehrten Volk, der Bursa, wie dem Seminar -- die eine ererbte
Antipathie gegeneinander hegten -- fehlte es meist an den notwendigen
Subsistenzmitteln, dabei aber waren sie auerordentlich gefrig; es
wre ein Ding der Unmglichkeit gewesen, die Zahl der Kle anzugeben,
die jeder von ihnen beim Abendbrot herunterschlang; so reichten denn
auch die freiwilligen Spenden der wohlhabenden Gutsbesitzer gewhnlich
nicht aus. Daher schickte mitunter der Senat, der nur aus Philosophen
und Theologen bestand, die Grammatiker und Rhetoriker unter Fhrung
eines Philosophen, -- zuweilen aber schlo er sich auch selbst ^in
corpore^ an -- mit Scken auf den Schultern in die fremden Gemsegrten;
an solchen Tagen gab's in der Bursa Krbisbrei. Die Senatoren schlugen
sich den Magen so mit Melonen und Wassermelonen voll, da die Auditoren
am nchsten Tage statt eines Vortrages, deren zwei zu hren bekamen: der
eine drang aus dem Munde, der andere aus dem Magen des Senators hervor.
Die Zglinge der Bursa wie auch die des Seminars trugen lange Rcke,
welche bis _dahin_ reichten; ein technischer Ausdruck, der soviel
besagte als: bis an die Fersen.

Das feierlichste Ereignis fr das Seminar aber war der Anbruch der
Ferien, die Zeit vom Monat Juni an, wo die Bursa gewhnlich nach Hause
entlassen wurde. Dann war die Landstrae wie best von Grammatikern,
Rhetoren, Philosophen und Theologen. Wer kein eigenes Heim besa, zog zu
einem seiner Kameraden. Die Philosophen und Theologen gingen in
_Kondition_, d. h. sie unterrichteten oder bereiteten die Kinder
wohlhabender Leute fr die Schule vor. Dafr erhielten sie einmal im
Jahr ein Paar neue Stiefel und manchmal auch etwas Geld zu einem neuen
Rock. Diese ganze Gesellschaft zog geschlossen aus wie eine
Zigeunerbande, kochte sich ihre Grtze und bernachtete im Freien. Jeder
trug einen Sack, in dem sich ein Hemd und ein Paar Fulappen befanden.
Die Theologen waren besonders sparsam und peinlich: um ihre Stiefeln zu
schonen, zogen sie sie aus, hngten sie auf ihre Stcke, und trugen sie
auf ihren Schultern; das taten sie besonders, wenn es auf der Strae
sehr schmutzig war. Sie krempelten ihre Hosen bis zu den Knien auf und
patschten furchtlos mit den bloen Fen durch die Pftzen. Sowie sie
irgendwo ein Gehft erblickten, schwenkten sie von der Landstrae ab,
nherten sich der stattlichsten Htte, stellten sich vor den Fenstern in
Reih und Glied auf und begannen aus voller Kehle einen Kantus
anzustimmen. Der Hausherr, der gewhnlich ein alter, ansiger Kosak
war, sttzte den Kopf auf beide Hnde und hrte ihnen lange zu, dann
fing er bitterlich an zu weinen und wandte sich an seine Frau: Frau,
was die Scholaren da singen, das mu etwas sehr Gescheites sein. Bring
ihnen doch etwas Speck hinaus, und was sonst noch da ist. Dann wurde
eine ganze Schssel voller Quarkkuchen in den Sack geschttet, dazu ein
gehriges Stck Speck; auch einige Laib Brot verschwanden darin und
manchmal sogar ein zusammengebundenes Huhn. Nachdem sie sich so einen
tchtigen Vorrat angelegt hatten, zogen die Grammatiker, Rhetoren,
Philosophen und Theologen wieder ihres Weges. Je weiter sie jedoch
kamen, um so kleiner wurde die Schar. Allmhlich zerstreute sich alles
und wanderte nach Haus, und es blieben nur die brig, deren Elternhaus
weiter entfernt war, als das der andern.

Einst bogen whrend einer solchen Reise drei Burschen von der Landstrae
ab, um beim ersten besten Gehft, auf das sie stieen, den schon lngst
geleerten Sack mit neuen Vorrten zu versorgen. Dies waren der Theologe
Haljawa, der Philosoph Choma Brut und der Rhetor Tiberius Gorobetz.

Der Theologe war ein groer, breitschultriger Bursche und hatte die
uerst merkwrdige Gewohnheit, alles zu stehlen, was in seine Nhe kam.
brigens hatte er einen sehr finsteren Charakter; wenn er betrunken war,
versteckte er sich im Gebsch, und das Seminar hatte viel Mhe, ihn von
dort hervorzuholen.

Der Philosoph, Choma Brut, war von heiterer Gemtsart, er liebte es
sehr, auf der Bank zu liegen und seine Pfeife zu rauchen; wenn er trank,
lie er sogleich Musikanten kommen und tanzte einen Trepak.[3]

Er hatte schon oft ein Ma grober Erbsen zu kosten bekommen, aber er
ertrug es mit stoischem Gleichmut und sagte nur: niemand entgeht seinem
Schicksal.

Der Rhetor, Tiberius Gorobetz, hatte noch nicht das Recht, einen
Schnurrbart zu tragen, Schnaps zu trinken und zu rauchen. Er trug nur
einen Haarschopf auf dem Scheitel, und sein Charakter war damals noch
wenig entwickelt. Aber aus den groen Beulen auf der Stirn, mit denen er
oft in die Klasse kam, lie sich schlieen, da er einmal einen
tchtigen Soldaten abgeben wrde. Der Theologe Haljawa und der
Philosoph, Choma, zupften ihn oft zum Zeichen ihrer Gnnerschaft am
Schopfe und gebrauchten ihn als Boten.

[Funote 3: Ein russischer Nationaltanz.]

Es war schon Abend, als sie von der Landstrae abbogen; die Sonne war
eben untergegangen, und noch sprte man in der Luft die Wrme des Tages.
Der Theologe und der Philosoph marschierten schweigsam mit der Pfeife im
Munde dahin und der Rhetor, Tiberius Gorobetz, schlug mit seinem Stab
den am Wege wachsenden Disteln die Kpfe ab. Der Weg zog sich zwischen
Gruppen von Eichen und Nubumen dahin, welche die Wiesen beschatteten;
dann und wann unterbrachen Hgel und kleine grne Berge, die so rund
waren wie Kuppeln, die Ebene. Verstreute Ackerfelder, mit reifendem
Getreide bestellt, lieen erkennen, da irgendwo ein Dorf in der Nhe
sein msse. Aber es war schon mehr als eine Stunde vergangen, seit sie
an dem Ackerfelde vorbeigekommen waren, und noch immer war kein Gehft
zu sehn. Die Dmmerung hatte schon den ganzen Himmel eingehllt: nur
fern im Westen schimmerte noch ein schmaler, blauer Streifen Abendrot.

Wei der Teufel, sagte der Philosoph Choma Brut, es sah doch ganz so
aus, als mten wir gleich auf ein Gehft stoen!

Der Theologe schwieg und sah sich nach allen Seiten um, dann steckte er
seine Pfeife wieder in den Mund, und alle drei trabten weiter.

Bei Gott, rief der Philosoph und blieb wieder stehen, es ist rein gar
nichts zu sehen. Hol's der Henker!

Vielleicht erreichen wir doch noch ein Gehft, sagte der Theologe,
ohne seine Pfeife aus dem Munde zunehmen.

Unterdessen war die Nacht hereingebrochen, eine finstere, dunkele Nacht;
die kleinen Wolken am Himmel verstrkten die Finsternis nur noch mehr,
und allem Anscheine nach durfte man weder auf Mond noch Sterne rechnen.
Die Burschen merkten, da sie sich verirrt hatten und lngst vom
richtigen Wege abgekommen waren.

Der Philosoph tastet mit dem Fu nach allen Seiten und rief endlich kurz
aus. Ja, wo ist denn der Weg?

Der Theologe schwieg, und murmelte nach einigem Nachdenken: Ja, die
Nacht ist dunkel ..!

Der Rhetor kniete nieder und versuchte den Weg mit den Hnden zu
befhlen, aber seine Hnde gerieten fortwhrend in einen Fuchsbau
hinein. Ringsumher lag die de Steppe: scheinbar war hier noch nie
jemand vorbei gefahren.

Die Wanderer machten noch einen Versuch, weiterzugehen: aber berall
stieen sie auf die gleiche Wildnis. Der Philosoph fing an zu rufen:
jedoch seine Stimme verhallte ohne in der Umgegend das geringste Echo zu
wecken. Nach einer Weile hrten sie ein schwaches Sthnen, das einige
hnlichkeit mit dem Heulen eines Wolfes hatte.

Teufel -- was ist hier zu machen? sagte der Philosoph.

Was? -- wir bleiben hier und bernachten im Feld, erwiderte der
Theologe und griff in die Tasche, um sein Feuerzeug hervorzuholen und
sich von neuem die Pfeife anzuznden. Aber der Philosoph wollte nicht
darauf eingehen: er hatte die Gewohnheit, vor dem Schlafengehn noch
einen halben Zentner Brot und vier Pfund Speck zu vertilgen, und fhlte
eine unertrgliche Leere im Magen; auch frchtete er sich trotz seiner
heiteren Gemtsart ein wenig vor den Wlfen.

Nein, Haljawa, das geht nicht, sagte er. Wollen wir uns etwa ohne
jede Strkung hinlegen und einschlafen, wie die Hunde? Versuchen wir's
doch noch einmal, vielleicht stoen wir noch auf irgend ein Haus, und
vielleicht glckt es uns wenigstens, vor dem Schlafengehen noch ein
Glschen Schnaps herunterzugieen.

Bei dem Worte Schnaps spuckte der Theologe aus und murmelte:
natrlich, wozu sollten wir auch im Freien bernachten?

Die Burschen gingen weiter und glaubten bald zu ihrer groen Freude in
der Ferne etwas wie Hundegebell zu vernehmen. Sie horchten, von welcher
Seite das Gebell herkam, und schritten frhlich vorwrts. Nach einer
Weile erblickten sie ein Licht.

Ein Gehft, bei Gott, ein Gehft, rief der Philosoph.

Seine Vermutung hatte ihn nicht betrogen. Nach einiger Zeit bemerkten
sie eine Ansiedlung, die nur aus zwei Htten und einem Hof bestand. In
den Fenstern schimmerte Licht; ein Dutzend Pflaumenbume ragte ber den
Zaun. Als die Burschen durch die Spalten zwischen den Brettern des Tores
blickten, gewahrten sie einen Hof, der voller groer Lastwagen stand.
Jetzt erglnzten auch einige Sterne am Himmel.

Hallo Brder, jetzt heit es energisch sein! Koste es was es wolle, wir
mssen uns ein Nachtlager erobern!

Die drei Bildungsbeflissenen klopften einmtig an das Tor und riefen:
Macht auf!

Die Tr der einen Htte knarrte, und einen Augenblick darauf sahen die
Burschen ein altes Weib in einem Pelzrock vor sich.

Wer ist da, rief sie, und hustete dumpf.

Mtterchen, la uns hier bernachten; wir haben uns verirrt, im Freien
ist es ebenso schlimm wie in einem leeren Magen.

Was seid ihr fr Volk?

Harmlose Leute: der Theologe Haljawa, der Philosoph Brut und der Rhetor
Gorobetz.

Es geht nicht, knurrte die Alte, mein Hof ist voll, jeder Winkel ist
besetzt. Wo soll ich hin mit euch? Mit solchen groen, gesunden
Burschen! Meine Htte wird noch einstrzen, wenn ich solche Riesen in
ihr unterbringe. Diese Theologen und Philosophen kenne ich: wenn man
sich erst einmal mit solchen Trunkenbolden einlt, ist man bald ohne
Haus und Hof. Macht, da ihr weiter kommt, hier ist kein Platz fr
euresgleichen!

Erbarme dich Mtterchen! Das geht doch nicht, da ein Christenmensch so
um nichts und wieder nichts umkommen soll. Steck uns, wohin du willst,
wenn wir nur das Geringste anstellen -- dann mgen uns die Hnde
verdorren, Gott wei, was uns da passieren mag ... Hrst du?

Wie es schien, lie sich die Alte ein wenig erweichen. Gut, sagte sie
nach kurzem Bedenken, ich will euch hereinlassen, aber ich werde jedem
von euch einen anderen Ort anweisen; ich habe keine Ruhe, wenn ihr
zusammen bleibt.

Wie du willst, wir fgen uns in alles, antworteten die Burschen. Die
Pforte knarrte, und sie traten in den Hof.

Nun, wie steht's, Mtterchen, sagte der Philosoph, whrend er der
Alten folgte, wenn du, sozusagen ... bei Gott, mir ist's, als ob mir
jemand mit einem Wagen im Magen herumfhrt. Seit heute morgen habe ich
keinen Bissen im Munde gehabt!

Sieh einer an, was der fr Gelste hat, sagte die Alte, nein, ich
habe nichts, und der Ofen ist heute auch gar nicht geheizt worden.

Wir wrden ja morgen alles gehrig bezahlen, fuhr der Philosoph fort,
wahrhaftig -- bar bezahlen. Und er setzte leise hinzu: Hol dir's doch
vom Teufel.

Vorwrts, vorwrts, seid zufrieden mit dem, was man euch gibt. Da mir
der Teufel auch solch feine Herren zufhren mute!

Bei diesen Worten wurde es dem Philosophen Choma ganz wehmtig ums Herz,
pltzlich aber witterte seine Nase den Geruch von getrockneten Fischen.
Er warf einen Blick auf die Hosen des Theologen, der neben ihm ging, und
sah, da ihm ein riesiger Fischschwanz aus der Tasche ragte.

Der Theologe hatte nmlich schon Zeit gefunden, eine ganze Karausche aus
der Fuhre wegzustibizen. Da dies aber nicht aus Habgier, sondern mehr
aus Gewohnheit geschehen war, hatte er seine Karausche lngst vergessen
und sphte schon wieder nach allen Seiten, was er nun noch erwischen
knnte: selbst ein zerbrochenes Rad war nicht sicher vor ihm. Der
Philosoph Choma steckte daher seine Hand in Haljawas Tasche, als sei's
seine eigene, und holte die Karausche hervor.

Die Alte hatte die Burschen bald untergebracht: der Rhetor kam in die
Htte, der Theologe in eine leere Kammer, und den Philosophen fhrte sie
in einen Schafstall.

Als der Philosoph allein war, verspeiste er sofort die Karausche,
untersuchte die geflochtenen Wnde des Stalls, versetzte einem
neugierigen Schwein, das den Rssel aus dem anstoenden Kober hinein
steckte, einen Sto mit dem Fu, und legte sich auf die rechte Seite, um
sofort einzuschlafen wie ein Toter. Da ffnete sich pltzlich die
niedrige Tr, und die Alte trat gebckt in den Stall.

Ah, Mtterchen! Was willst du? sagte der Philosoph.

Aber die Alte ging mit ausgebreiteten Armen gerade auf ihn zu.

Ach so, dachte der Philosoph. Nein, mein Tubchen, du bist mir zu
alt.

Er rckte etwas ab, aber die Alte kam unbekmmert nher.

Hre, Mtterchen, jetzt ist's Fastenzeit, und ich gehre zu den
Menschen, die die Fasten auch fr tausend Goldstcke nicht verletzen,
sagte der Philosoph.

Aber die Alte sprach kein Wort; sie breitete ihre Arme aus und suchte
ihn zu fangen.

Dem Philosophen wurde ganz unheimlich zumute, besonders als er merkte,
da ihre Augen in ungewhnlichem Glanze aufleuchteten. Mtterchen, was
ist mit dir! Geh mit Gott! schrie er.

Aber die Alte sagte noch immer nichts und griff mit beiden Hnden nach
ihm.

Er sprang auf, um fort zu laufen, doch die Alte stellte sich in die Tr,
sah ihn mit funkelnden Augen an und ging von neuem auf ihn los.

Der Philosoph wollte sie mit den Hnden fortstoen, aber er fhlte zu
seinem Erstaunen, da er die Arme nicht bewegen konnte. Seine Fe
rhrten sich nicht vom Fleck, er empfand mit Schrecken, da ihm selbst
die Stimme den Dienst versagte; er wollte etwas sagen, aber seine Lippen
bewegten sich nur, ohne einen Laut hervorzubringen. Er hrte nur, wie
sein Herz schlug und sah, wie die Alte dicht an ihn herantrat, ihm die
Hnde zusammen legte, ihm den Kopf hinabbog und mit katzenartiger
Geschwindigkeit auf seinen Rcken sprang. Sie gab ihm mit dem Besen
einen Schlag auf die Lenden, und er galoppierte wie ein Reitpferd davon
und trug sie auf den Schultern fort. Dies alles geschah so schnell, da
der Philosoph gar nicht zur Besinnung kam; er griff mit beiden Hnden
nach seinen Knien und wollte die Beine festhalten; aber zu seiner
grten Bestrzung bewegten sie sich gegen seinen Willen und machten
Sprnge, wie der beste Tscherkessen-Renner. Erst als sie aus dem Gehft
heraus waren, und sich die weite Schlucht und der kohlschwarze Wald zu
ihrer Rechten ausbreitete, da sagte er zu sich selbst: Aha, das ist
eine Hexe.

Die ihm zugewandte Mondsichel leuchtete hell am Himmel, der schchterne,
nchtliche Glanz breitete sich gleich einer durchsichtigen Decke ber
die Erde und wogte wie eine zarte Rauchwolke hin und her; Wald, Wiesen,
Himmel und Tler, alles schien mit offenen Augen zu schlafen; es war
ganz windstill, nirgends schien sich ein Lftlein zu regen. Etwas
Feuchtes und Laues lag in der mitternchtlichen Khle; die Schatten der
Bume und Strucher fielen gleich Kometenschweifen spitz und kantig auf
die abschssige Ebene. In solcher Nacht jagte der Philosoph Choma Brut,
mit seinem seltsamen Reiter auf dem Rcken, dahin. Ein wunderbar
qulendes, unheimlich ses Gefhl erfllte sein Herz. Er senkte den
Kopf und sah, da das Gras, das seine Fe noch kurz zuvor berhrt
hatten, jetzt tief, tief unter ihm lag, und darberhin flo ein
durchsichtiges Gewsser, krystallhell wie das einer Gebirgsquelle; das
Gras schien den Boden eines hellen, durchsichtigen, bis zum Grunde
klaren Meeres zu bilden, wenigstens sah er deutlich, da er sich mit der
auf seinem Rcken hockenden Alten darin spiegelte. Er sah dort unten
statt des Mondes eine Sonne aufleuchten, er hrte die blauen
Glockenblumen mit gesenkten Kpfchen luten und er bemerkte, wie eine
Nixe aus dem Riedgras hervorschwamm -- ihr Rcken und ihre vollen
prallen Lenden bebten und leuchteten, sie schien ganz aus Licht und
Glanz gewebt. Sie wandte sich ihm zu, und er blickte ihr in ihr Antlitz
mit den klaren, hellen, strahlenden Augen -- sie kam nher, ihrem Munde
entstrmte ein Gesang, der ihm bis in die Tiefen der Seele drang --
jetzt schwamm sie auf der Oberflche -- stimmte ein silberhelles Lachen
an und entfernte sich wieder. Doch nun warf sie sich auf den Rcken.
Ihre Brste, die mit dem sanften Glanze des Porzellans, dem der Schmelz
fehlt, wie durch eine Wolkenhlle hindurchschimmerten, leuchteten aus
ihrer weien, schwellenden, zarten Umgebung hervor; das Wasser rann wie
ein Perlenregen in kleinen Trpfchen auf sie herab, und sie zittert und
bebt und lacht hell aus der Flut hervor. --

Sieht er es oder sieht er es nicht? Trumt er oder ist er wach? Und was
soll das bedeuten? Ist das vielleicht der Wind, oder ist es Musik? Es
klingt und klingt, steigt auf und kommt nher und dringt ihm in die
Seele wie ein unertrglicher jubelnder Triller.

Was ist das, dachte der Philosoph Choma Brut whrend er hinunter
blickte, und raste weiter. Der Schwei flo ihm in Strmen von der
Stirn; er hatte ein dmonisch-ses Gefhl; eine durchbohrende,
qulende, schreckliche Wonne rieselte durch seinen Krper. Manchmal
glaubte er, da er kein Herz mehr habe, und er griff erschrocken mit der
Hand danach. Erschpft und verwirrt begann er alle ihm bekannten Gebete
vor sich hin zu murmeln; er wiederholte alle Geisterbeschwrungen und
fhlte pltzlich etwas wie eine Erleichterung; er merkte, wie sein
Schritt sich verlangsamte, die Hexe klammerte sich weniger fest an
seinen Rcken, er berhrte das dichte Gras, das fr ihn alles
Auergewhnliche verloren hatte, wieder mit den Fen. Die Mondsichel
leuchtete hell am Himmel.

Vortrefflich, dachte der Philosoph Choma und begann seine
Beschwrungen fast laut herzusagen. Endlich sprang er mit blitzartiger
Schnelligkeit unter der Alten fort, und setzte sich nun seinerseits auf
ihren Rcken. Die Alte lief mit kurzen kleinen Schritten vorwrts, aber
so schnell, da dem Reiter fast der Atem ausging. Er konnte die Erde
kaum noch erkennen; alles war deutlich sichtbar, obgleich es nicht
einmal Vollmond war. Die Tler waren flach, aber die groe Schnelligkeit
mit der sie vorberrasten, lie dem Auge alles unklar und trgerisch
erscheinen. Choma ergriff ein am Boden liegendes Holzscheit, und begann
die Alte aus Leibeskrften zu prgeln. Sie sthnte anfangs wtend und
drohend auf, dann aber schwcher, angenehmer, immer reiner und leiser,
und zuletzt klang es wie Silberglockengelut, und drang ihm tief in die
Seele. Unwillkrlich kam ihm der Gedanke: ist das wirklich noch die
Alte? Ach, ich kann nicht mehr! flsterte sie ganz erschpft und fiel
zu Boden.

Er sprang auf, und sah ihr in die Augen. Die Morgenrte stieg empor, in
der Ferne erstrahlten die Kirchen von Kiew. Vor ihm lag ein wunderbar
schnes Mdchen, mit einem herrlichen zerzausten Zopf, und schweren,
seidenweichen Wimpern, die so lang waren, wie ein Pfeil. Sie breitete
gefhllos ihre nackten, weien Arme aus, richtete die trnenerfllten
Augen nach oben und sthnte.

Choma zitterte am ganzen Krper wie ein Espenblatt. Etwas wie Mitleid,
eine seltsame Aufregung, und eine ihm bis dahin ganz fremde
Schchternheit erfaten ihn. Er sprang auf und lief so schnell er
konnte. Sein Herz klopfte unruhig; er vermochte sich das neue Gefhl,
das ihn gepackt hatte, garnicht zu erklren. In das Gehft
zurckzukehren -- dazu versprte er keine Lust; so lief er denn nach
Kiew, und dachte den ganzen Weg lang ber das unerklrliche Abenteuer
nach.

Es war kaum noch ein Seminarist in der Stadt. Alle waren auf den Drfern
in Kondition, oder auch nicht, da man auf den kleinrussischen Gtern
Kse, Saure Gurken und Quarkkuchen, die so gro sind wie ein Hut, essen
darf, ohne einen Heller dafr zu bezahlen. Die groe baufllige Htte,
in der die Bursa einquartiert war, stand ganz leer, und soviel der
Philosoph auch in allen Ecken herumsuchen mochte -- er lie selbst die
Lcher und Spalten im Dach nicht unbeachtet -- nirgends fand er ein
Stck Speck, ja nicht einmal eine alte Bretzel, die die Seminaristen an
solchen Stellen zu verstecken pflegten.

brigens fand der Philosoph bald ein Mittel, um dies bel abzustellen.
Er ging auf den Markt, spazierte hier drei- bis viermal pfeifend auf und
ab, winkte einer am anderen Ende sitzenden jungen Witwe mit einem gelben
Kopftuch zu, die mit Bndern, Schrot und Rdern handelte, und wurde noch
am selben Tage mit Quarkkuchen aus Weizenmehl, Hhnerbraten usw.
versorgt -- es ist unmglich, aufzuzhlen, was da alles auf dem Tische
stand, der in einem kleinen Lehmhuschen inmitten eines Kirschgartens
gedeckt wurde. Am Abend sah man den Philosophen in der Schenke; er lag
auf der Bank, rauchte wie gewhnlich seine Pfeife und warf dem jdischen
Wirt vor allen Leuten ein kleines Goldstck hin. Vor ihm stand ein Krug
mit Schnaps, er betrachtete die Kommenden und Gehenden mit
gleichgltigen, zufriedenen Blicken und dachte nicht im geringsten mehr
an sein seltsames Abenteuer.

                   *       *       *       *       *

Inzwischen aber verbreitete sich berall das Gercht, die Tochter eines
der reichsten Hauptleute -- der ungefhr 50 Werst von Kiew eine
Besitzung hatte -- sei eines Morgens ganz zerschlagen von einem
Spaziergang zurckgekommen. Sie htte kaum noch die Kraft gehabt, das
vterliche Haus zu erreichen, lge im Sterben, und htte den Wunsch
geuert, der Seminarist Choma Brut aus Kiew solle nach ihrem Tode
whrend dreier Nchte, die Totenmesse bei ihr lesen. Der Philosoph
erfuhr das alles durch den Rektor selbst, der ihn zu sich ins Zimmer
beschied und ihn beauftragte, sich unverzglich auf den Weg zu machen,
da der berhmte Hauptmann zu diesem Zweck ein paar Leute und seinen
Wagen hergeschickt htte.

Der Philosoph zitterte; ein unerklrliches Gefhl berkam ihn. Er konnte
sich selbst keine Rechenschaft ber den Grund geben, aber eine dunkle
Ahnung sagte ihm, da ihm nichts Gutes bevorstnde. Ohne selbst zu
wissen warum, erklrte er geradeheraus, da er nicht hinfahren werde.

Hr' mal Domine Choma, sagte der Rektor (es gab Flle, wo er sehr
hflich mit seinen Untergebenen umging), kein Teufel fragt danach, ob
du fahren willst oder nicht. Ich sage dir nur eins. Wenn du hier den
Strrischen spielst und rsonierst, so lasse ich dir den Rcken und
anliegende Krperteile so mit jungen Birkenruten durchbleuen, da du dir
den Gang ins Bad ersparen kannst. Der Philosoph kratzte sich ein wenig
hinter dem Ohr, ging wortlos hinaus, und setzte seine ganze Hoffnung auf
seine Beine, von denen er bei der ersten gnstigen Gelegenheit Gebrauch
machen wollte. Ganz in Gedanken versunken stieg er die steile Treppe
hinab, die in den pappelumstandenen Hof fhrte und blieb einen Moment
stehen; er hrte den Rektor mit deutlicher Stimme dem Verwalter und noch
jemanden, -- wahrscheinlich einem Boten des Hauptmanns, der nach ihm
gekommen war, -- Befehle erteilen und sagen:

Danke deinem Herrn fr die Grtze und die Eier und sage ihm, sobald die
Bcher, von denen er schreibt, fertig sind, wrde ich sie ihm zusenden;
ich habe sie dem Schreiber schon zur Abschrift bergeben. Und noch was,
mein Lieber, vergi deinen Herrn nicht daran zu erinnern, da ihr auf
eurem Gut so herrliche Fische habt, besonders einen ganz ausgezeichneten
Str: er knnte mir bei Gelegenheit etwas davon schicken; bei uns auf
den Jahrmrkten ist er nicht gut und zu teuer. Und du, Jantuch, gib den
Leuten einen Becher Schnaps; den Philosophen aber bindet mir fest, sonst
luft er euch noch davon.

Sieh doch den Teufelskerl! dachte der Philosoph, er hat es schon
herausgeschnffelt! So'n Schlammbeier!

Er ging hinunter und erblickte einen Wagen, den er zuerst fr einen
Getreideschuppen auf vier Rdern hielt; und wahrhaftig, er war so tief
wie ein Ofen, in dem man Ziegel brennt. Dies war ein gewhnlicher
Krakauer Wagen, in dem an die fnfzig Juden samt ihrer Ware in allen
Stdten herumzufahren pflegen, wo sie nur einen Jahrmarkt wittern. Sechs
gesunde, krftige, ltere Kosaken erwarteten ihn. Die kurzen mit
Troddeln verzierten Rcke aus feinem Tuch bewiesen, da die Kosaken
einem reichen und angesehenen Herrn dienten. Die kleinen Narben auf der
Stirn lieen erkennen, da sie im Kriege gewesen und nicht ganz ruhmlos
gekmpft hatten.

Was bleibt mir brig! Kein Mensch kann seinem Schicksal entgehen,
dachte der Philosoph, wandte sich an die Kosaken und rief mit lauter
Stimme: Gr Gott, Kameraden!

Gr Gott, Herr Philosoph, erwiderten einige von den Kosaken.

Ich soll also mit euch zusammen fahren? Der Wagen kann sich schon sehen
lassen! fuhr er fort und stieg ein. Schade, da keine Musikanten dabei
sind, hier liee sich's gut tanzen!

Ja, es ist ein gerumiger Wagen, sagte der eine Kosak und stieg mit
dem Kutscher auf den Bock. Dieser hatte statt der Mtze, die er in der
Schenke gelassen, ein Tuch um den Kopf gebunden. Die brigen fnf
krochen mit dem Philosophen in die Versenkung und setzten sich dort auf
Scke, die mit allerlei Waren, welche die Kosaken in der Stadt gekauft
hatten, angefllt waren.

Es wre interessant, zu wissen, begann der Philosoph, wieviel Pferde
ntig wren, um den Wagen von der Stelle zu bringen, wenn man ihn mit
allerhand Waren, etwa mit Salz oder Eisenschienen beladen wrde.

Ja, sagte nach einigem Schweigen der Kosak, der auf dem Bock sa, da
wre wohl eine groe Menge dazu ntig.

Mit dieser befriedigenden Antwort glaubte der Kosak sich das Recht
erworben zu haben, den Rest des Weges ber zu schweigen.

Der Philosoph htte gern Genaueres ber den Hauptmann erfahren: ber
seinen Charakter, was man ber seine Tochter wute, die unter so
merkwrdigen Umstnden nach Hause gekommen war und jetzt im Sterben lag,
und deren Geschick nun mit seinem eigenen verknpft wurde; wie sie leben
und was sie zu Hause treiben. Er suchte seine Begleiter auszufragen,
aber wahrscheinlich waren die Kosaken auch Philosophen, denn statt zu
antworten, schwiegen sie still und rauchten, auf den Scken
hingestreckt, weiter.

Nur der eine wandte sich mit dem kurzen Befehl an den Kameraden auf dem
Kutschbock: Pa auf, Owerko, alter Maulaffe; wenn du bei der Schenke an
der Strae nach Tschuchrailowsk vorbeikommst, so vergi nicht anzuhalten
und uns zu wecken, falls einer von uns einschlafen sollte.

Hierauf schlummerte er ziemlich geruschvoll ein. brigens war diese
Ermahnung ganz berflssig, denn kaum nherte sich das Riesengefhrt der
Schenke an der Strae nach Tschuchrailowsk, als alle wie aus einem Munde
losschrien: Halt! Auch waren Owerkos Gule schon so abgerichtet, da
sie von selbst vor jeder Schenke still standen. Trotz des heien
Julitages krochen alle aus dem Wagen und gingen in die niedrige,
schmutzige Stube, wo der jdische Schankwirt seine alten Bekannten
voller Freude begrte. Der Jude holte sofort ein paar Wrste aus
Schweinefleisch herbei, die er unter seinen Rockschen versteckt hielt,
und legte sie auf den Tisch, um sich schleunigst von diesem vom Talmud
verbotenen Gericht abzuwenden. Alle setzten sich um den Tisch herum, und
bald hatte jeder Gast einen Tonkrug vor sich stehen. Auch der Philosoph,
Choma Brut, mute an dem gemeinsamen Mahle teilnehmen. Und da die
Kleinrussen sofort anfangen, sich zu kssen oder zu heulen, wenn sie ein
wenig angetrunken sind, so hallte die Htte bald von schallenden Kssen
wider. La uns anstoen Spirid! Komm her Dorosch, ich will dich
kssen! Einer der Kosaken, der etwas lter war als die anderen, und
dessen Schnurrbart schon grau zu werden begann, sttzte seinen Kopf auf
die Hand und fing bitterlich an zu weinen. Er jammerte, da er weder
Vater noch Mutter habe und ganz allein auf der Welt dastehe. Ein
anderer, der ein groer Schwtzer war, trstete ihn fortwhrend, und
sagte: Weine doch nicht, bei Gott, weine nicht, was ist dann dabei ....
Gott wei schon, warum es so ist.

Ein anderer, namens Dorosch, wurde pltzlich sehr neugierig, wandte sich
an den Philosophen Choma und fragte ihn in einem fort. Ich mchte gern
wissen, was man euch in der Bursa eigentlich beibringt. Das, was der
Vorsnger in der Kirche vorliest, oder etwas anderes?

Frag' doch nicht, sagte der Schwtzer gedehnt, la es doch, gehn wie
es geht. Gott wei schon, wie es am besten ist, Gott wei alles!

Nein, ich will wissen, was in den Bchern steht, sagte Dorosch,
vielleicht ist es etwas ganz anderes, als was der Vorsnger sagt!

Mein Gott, mein Gott, sagte der weise Moralist, wie kann man nur so
sprechen? Gott hat es nun einmal so gemacht: und was Gott gemacht hat,
das lt sich nicht ndern.

Ich will aber alles wissen, was in den Bchern steht; ich will in die
Bursa eintreten, bei Gott, ich werde dort eintreten! Was? was denkst du?
Ich werde nichts lernen? Alles werde ich lernen, alles!

Mein Gott, mein Gott, sagte der Moralist, und legte seinen Kopf auf
den Tisch, er war wirklich nicht mehr imstande, ihn noch lnger auf den
Schultern zu tragen. Die brigen Kosaken sprachen von ihren Herrschaften
und darber, warum wohl der Mond am Himmel leuchte.

Als der Philosoph Choma merkte, wie es in ihren Kpfen aussah, beschlo
er den Moment auszunutzen und sich aus dem Staube zu machen. Zuerst
wandte er sich an den graubrtigen Kosaken, der sich um Vater und Mutter
grmte. Was weinst du Onkelchen? fragte er. Sieh, ich bin auch eine
Waise. Freunde, lat mich laufen! Gebt mir die Freiheit! Wozu braucht
ihr mich?

Lassen wir ihn laufen, sagten einige, er ist ja eine Waise. Lassen
wir ihn gehn, wohin er will.

O mein Gott, mein Gott, sthnte der Moralist, langsam seinen Kopf
erhebend, lat ihn laufen! Mag er gehen, wohin er will!

Und die Kosaken waren schon im Begriff, ihn selbst ins Freie zu fhren,
aber der, der so viel Wibegierde gezeigt hatte, hielt sie zurck und
sagte: Rhrt ihn nicht an; ich will mit ihm ber die Bursa reden, ich
werde selbst in die Bursa eintreten!

brigens wre ihm die Flucht kaum gelungen, denn als der Philosoph sich
vom Tisch zu erheben suchte, fhlte er, da seine Beine wie aus Holz
waren, und er glaubte im Zimmer so viel Tren zu erblicken, da er kaum
die rechte gefunden htte.

Erst gegen Abend fiel es der Gesellschaft ein, da sie sich wieder auf
den Weg machen mte. Sie machten sich's im Wagen bequem, und brachen
auf, indem sie die Pferde antrieben und ein Lied anstimmten, dessen Sinn
und Wortlaut wohl niemand entrtselt htte. Nachdem sie die grere
Hlfte der Nacht gefahren waren, wobei sie bestndig vom Wege abkamen,
obwohl sie ihn fast auswendig kannten, rollten sie endlich einen steilen
Berg ins Tal hinab; der Philosoph erblickte zu beiden Seiten des Weges
Staketzune, Hecken und Dcher, die hier und da zwischen den niedrigen
Bumen hervorschauten. Es war ein groes Dorf, welches dem Hauptmann
gehrte. Mitternacht war lngst vorber; der Himmel war dunkel, nur hier
und da sah man einen einsamen Stern blinken und in keiner Htte war ein
Licht zu entdecken. Sie fuhren von Hundegebell begleitet in das Dorf
ein. Auf beiden Seiten standen Scheunen und kleine Huser mit
Strohdchern; das eine, welches gerade in der Mitte und dem Tor
gegenber lag, war grer als die brigen und schien dem Hauptmann als
Wohnung zu dienen. Das Gefhrt hielt vor einem kleinen Wagenschuppen,
und unsere Reisenden legten sich nieder, um zu schlafen. Der Philosoph
versprte jedoch den Drang, sich die herrschaftlichen Wohnrume
wenigstens von auen anzusehen, aber wie sehr er auch seine Augen
anstrengte; er konnte nichts klar unterscheiden: statt des Hauses
erblickte er einen Bren, und der Schornstein schien ihm dem Rektor zu
gleichen. -- Der Philosoph gab daher seine Bemhungen auf, und ging
schlafen.

Als er wieder erwachte, war der ganze Hof schon in Bewegung: die Tochter
des Hauses war in der Nacht gestorben. Die Diener liefen atemlos hin und
her; ein paar alte Weiber heulten, eine Menge Neugieriger versuchte es,
durch die Ritzen im Zaune zu ersphen, was auf dem herrschaftlichen Hof
vorging. Der Philosoph begann, in aller Ruhe die Sttte zu betrachten,
die er in der Nacht nicht hatte erkennen knnen. Das herrschaftliche
Haus war ein kleines niedriges Gebude, wie man sie in alten Zeiten in
Kleinruland zu bauen pflegte, und hatte ein Strohdach. Die kleine spitz
zulaufende, hohe Giebelwand mit dem einen Fenster, das wie ein nach oben
gerichtetes Auge aussah, war ganz mit blauen und gelben Blumen und roten
Halbmonden bemalt. Sie ruhte auf Eichenpfosten, die oben rund und
kunstvoll gedrechselt und unten sechseckig waren. Unter der Giebelwand
befand sich eine kleine Treppe, und rechts und links standen Bnke. An
den Seiten des Hauses gab es Schutzdcher auf hnlichen und hier und da
gewundenen Sulen. Davor stand ein hoher Birnbaum mit pyramidenfrmiger
Krone in der grnen Pracht seiner bebenden Bltter. In der Mitte des
Hofes befanden sich mehrere, in zwei Reihen geordnete Speicher, die
gleichsam eine breite Strae bildeten, welche direkt zum Herrenhause
fhrte. Hinter den Speichern, dicht beim Tor, standen zwei dreieckige
Kellergebude, die einander gerade gegenber lagen und gleichfalls mit
Stroh gedeckt waren. Ihre dreieckigen Vorderwnde hatten eine niedrige
Tr, und waren mit allerlei Bildern bemalt. Auf der einen war ein Kosak
dargestellt, der auf einem Fa sa und einen Krug mit der Inschrift: Ich
trinke Rest! in die Hhe hob. Die andere hatte der Knstler mit runden
und flachen Flaschen bemalt, und zu beiden Seiten erblickte man, was
wohl besonders schn sein sollte, je ein Pferd, das sich emporbumte,
und ferner mehrere Pfeifen und Schellen, worunter zu lesen war: Der
Wein ist des Kosaken Wonne! Durch das riesige Bodenfenster guckten eine
Trommel und ein paar kupferne Trompeten heraus. Am Tor standen zwei
Kanonen. Dies alles lie vermuten, da der Hausherr sich zu amsieren
liebte, und da der Hof oft von lustigen Gelagen widerhalle. Hinter dem
Tor standen zwei Windmhlen. An der Rckseite des Hauses befanden sich
Grten, und zwischen den Wipfeln der Bume sah man nichts wie die
dunklen Kappen der Schornsteine, der im dichten Grn verborgenen Htten.
Das ganze Dorf lag auf dem breiten und ebenen Vorsprung eines Berges. Im
Norden wurde dies alles von dem steil aufsteigenden Felsen
abgeschlossen, der mit seinem Fu bis dicht an den Hof heranreichte. Von
unten gesehen schien er noch steiler zu sein und auf seinem Gipfel hoben
sich die zerstreut stehenden Stengel des drren Steppengrases schwarz
vom hellen Himmel ab. Die nackte Lehmerde war ganz von Wasserrinnen und
Regenlchern zerrissen und verbreitete eine seltsame Schwermut. Auf dem
abschssigen Abhang sah man an zwei Stellen je eine Htte stehen, deren
eine von einem Apfelbaum beschattet wurde, der an der Wurzel durch
kleine Pflcke gesttzt, mit herangefahrener Erde bedeckt war, und
dessen pfel, die der Wind herunterwarf, bis in den herrschaftlichen Hof
rollten. Vom Gipfel fhrte ein Weg ber den ganzen Berg am Hofe vorbei
bis ins Dorf hinunter. Als der Philosoph den furchtbaren Abhang des
Berges betrachtete, und sich der gestrigen Fahrt erinnerte, sagte er
sich, der Hausherr msse fabelhaft kluge Pferde, oder die Kosaken enorm
harte Kpfe haben, wenn sie nicht einmal im Rausche mitsamt dem riesigen
Gefhrt und dem Gepck Hals ber Kopf in den Hof hinabgerollt waren. Der
Philosoph stand auf dem hchsten Punkte des Hofes: als er sich umwandte
und auf die entgegengesetzte Seite blickte, bot sich ihm ein ganz
anderes Bild dar. Das Dorf zog sich lngs dem Abhange bis in die Ebene
hin. Unabsehbare Wiesen erstreckten sich im Umkreis bis an den Horizont,
deren helles Grn sich in der Ferne immermehr verdunkelte. Im
Hintergrunde sah man eine ganze Reihe von Gehften im blauen Dmmerlicht
dagegen, obgleich sie wohl zwanzig und mehr Werst weit entfernt sein
mochten. Rechts von diesen Wiesen zog sich eine Hgelkette hin, und ganz
hinten erglhte ein dunkler Streifen des Dnjepr.

Welch herrliches Stck Erde, sagte der Philosoph, wie schn liee
sich's hier leben; im Dnjepr und in den Teichen knnte man Fische
fangen, und mit Gewehr und Netz auf Schnepfen und Zwergtrappen jagen;
brigens wird es in diesen Wiesen auch andere Trappen geben. Man knnte
in Hlle und Flle Frchte trocknen, und sie in der Stadt verkaufen,
oder noch besser Schnpse daraus machen, denn Fruchtschnaps geht doch
noch ber Branntwein. -- Herrgott, ich mu mich doch umsehen, wie ich am
besten ausreien knnte.

Hinter dem Zaun bemerkte er einen kleinen Fuweg, der ganz mit
Steppengras bewachsen war; mechanisch setzte er den Fu drauf; er wollte
anfangs nur ein wenig spazieren gehen, und dann still zwischen den
Htten hindurchschlendern und sich ins freie Feld schlagen. Da fhlte er
pltzlich eine krftige Hand auf seiner Schulter.

Hinter ihm stand der alte Kosak, der gestern ber den Verlust von Vater
und Mutter und ber seine Einsamkeit geklagt hatte.

Du hoffst vergeblich, aus diesem Hofe zu entfliehen, Herr Philosoph,
sagte er, das ist kein Haus, wo man davonlaufen kann; -- brigens sind
auch die Wege sehr schlecht und beschwerlich fr Fugnger -- geh lieber
zum Herrn, er erwartet dich schon lngst in seinem Zimmer.

Gut denn, gehn wir, warum auch nicht -- ich habe nichts dagegen,
antwortete der Philosoph und folgte dem Kosaken.

Der Hauptmann war schon alt. Er hatte einen grauen Schnurrbart und sa,
den Kopf auf beide Hnde gesttzt, mit einem Ausdruck dumpfer Trauer am
Tisch. Er mochte fnfzig Jahre alt sein; aber der tiefe Gram in seinen
Zgen und die bleiche, schlechte Farbe bewiesen, da sein Herz ganz
pltzlich gebrochen und vernichtet, und da all seine frhere
Frhlichkeit und das laute sorglose Leben fr immer zerstrt war. Als
Choma mit dem alten Kosak in das Zimmer trat, nahm der Hauptmann die
eine Hand vom Gesichte und nickte unmerklich mit dem Kopfe; Choma und
der Kosak verbeugten sich tief vor ihm und blieben ehrfurchtsvoll an der
Tre stehen.

Wer bist du und wo kommst du her, mein Lieber. Was ist dein Beruf?
fragte der Hauptmann nicht eben freundlich, aber auch nicht schroff.

Ich bin ein Seminarist und heie Choma Brut, der Philosoph.

Und wer war dein Vater?

Ich wei es nicht, gndiger Herr.

Und deine Mutter?

Meine Mutter habe ich auch nicht gekannt. Es ist natrlich
selbstverstndlich, da ich eine Mutter gehabt habe, aber wer sie war,
woher sie stammte und wo sie gelebt hat, das wei ich bei Gott nicht,
gndiger Herr!

Der Alte schwieg und schien einen Augenblick in Grbeleien versunken.

Wie hast du denn meine Tochter kennen gelernt?

Ich habe sie gar nicht kennen gelernt, gndiger Herr, bei Gott, ich
habe sie nie kennen gelernt. Solange ich auf der Welt bin, habe ich noch
nie mit einem Frulein zu tun gehabt. Gott bewahre mich davor, um nichts
Unschicklicheres zu sagen.

Warum hat sie denn aber gerade dich und keinen anderen dazu bestimmt,
an ihrem Sarge zu beten?

Der Philosoph zuckte die Achseln. Mein Gott, wie soll ich das erklren?
Es ist ja bekannt, da die vornehmen Herrschaften manchmal auf Dinge
kommen, die auch der gelehrteste Mensch nicht zu erklren vermag. >Wenn
der Herr will -- mu der Knecht springen<, sagt das Sprichwort.

Lgst du auch nicht, Herr Philosoph?

So wahr ich hier stehe, der Blitz soll mich treffen, wenn ich lge!

Wenn sie nur noch einen Augenblick lnger gelebt htte, sagte der
Hauptmann traurig, dann htte ich gewi alles erfahren. >La niemand
fr mich beten, Vater, schicke gleich in das Kiewer Seminar und la den
Seminaristen Choma Brut kommen. Er soll drei Nchte lang fr meine
sndige Seele beten. Er wei alles ...< was er aber wissen sollte, das
bekam ich nicht mehr zu hren. Nur dies konnte mein Liebling noch sagen,
dann starb sie. Du bist sicherlich durch deinen reinen Lebenswandel und
durch deine Gottesfurcht berhmt, mein Lieber, und sie hat vielleicht
von dir gehrt.

Wer? Ich? sagte der Seminarist und trat vor Erstaunen einen Schritt
zurck. Ich, wegen meines gottesfrchtigen Lebens berhmt? Er sah dem
Hauptmann gerade in die Augen. Gott segne Sie! Herr, was sagen Sie da!
Ich ... ich ... ich schme mich fast, davon zu reden ... aber ich bin am
Abend vor Grndonnerstag noch zur Bckerin gegangen!

Nun, nun ... sie wird schon ihren Grund gehabt haben, als sie diese
Bestimmung traf! Du mut gleich heute beginnen.

Euer Gnaden, gestatten Sie mir, darauf zu erwidern ... natrlich, jeder
Mensch, der die heilige Schrift kennt, kann ja -- je nach den
Verhltnissen ... aber hier wre ein Diakonus oder wenigstens ein
Vorsnger mehr am Platz. Das sind doch verstndige Leute, die da wissen,
wie alles gemacht werden mu ... ich dagegen ... ich habe ja nicht
einmal die Stimme, die dazu ntig ist, ich bin ... wei der Teufel, was
ich bin! Ich sehe ja auch nach nichts aus!

Mach, was du willst, aber ich will alles tun, was mein Liebling
bestimmt hat, und nichts soll mich gereuen. Wenn du von heute an die
blichen drei Nchte bei ihr wachen und beten willst, sollst du
reichlich belohnt werden. Wenn du dich dagegen weigerst -- ich mchte
selbst dem Teufel nicht raten, mich zu reizen!

Der Hauptmann sprach diese letzten Worte mit solch einer Energie aus,
da der Philosoph ihren Sinn vollkommen begriff.

Folge mir, sagte der Hauptmann.

Sie traten in den Flur. Der Hauptmann ffnete die Tr des
gegenberliegenden Zimmers. Der Philosoph blieb einen Augenblick im Flur
stehen, um sich die Nase zu putzen, und trat dann mit einem
unwillkrlichen Schauder ber die Schwelle.

Der ganze Boden war mit rotem chinesischem Tuch bedeckt. In der Ecke,
unter den Heiligenbildern war die Tote auf einem hohen Tisch aufgebahrt.
Sie lag auf einer blausamtenen Decke, die mit goldenen Fransen und
Quasten geschmckt war. Am Kopf- und Fuende standen hohe mit
Schneeballblten umwundene Wachskerzen, die ein mattes Licht
verbreiteten, das in der Helle des Tages verblich. Vor der Leiche sa
der untrstliche Vater; er hatte der Tr den Rcken zugekehrt und
verdeckte das Antlitz der Entschlafenen, soda Choma es nicht sehen
konnte. Der Philosoph war aufs hchste erstaunt ber die Worte, die er
bei seinem Eintritt ins Zimmer vernahm.

Ich weine nicht deshalb, liebes Tchterlein, weil du mir zum Kummer und
Herzeleid, in der Blte der Jahre die Erde verlt, ohne das Alter
erreicht zu haben, das dem Menschen vergnnt ist; ich klage darber, da
ich nicht wei, welcher grimme Feind deinen Tod verursacht hat. Wte
ich, wer es gewagt hat, dich zu beleidigen, oder nur ein bses Wort ber
dich zu sagen -- bei Gott, wenn er ein alter Mann ist, wie ich, er
sollte seine Kinder nicht wiedersehn; -- und wenn er noch jung ist,
sollte er nie wieder zu Vater und Mutter zurckkehren. Seine Leiche
sollte den Vgeln und wilden Tieren der Steppe zum Frae dienen! Weh
mir, du Blume des Feldes, meine kleine Wachtel, du Licht meiner Augen --
ich mu den Rest meiner Tage freudlos und traurig verbringen und mit dem
Saum meines Rockes die kargen Trnen trocknen, die aus meinen alten
Augen tropfen, whrend meine Feinde sich des Lebens freuen, und sich in
der Stille ber den schwachen Greis lustig machen werden!

Er schwieg, ein heftiger Schmerz erschtterte ihn und machte sich in
einem Trnenstrom Luft.

Der Philosoph war tief gerhrt von diesem namenlosen Kummer. Er hustete
ein wenig, stie einen dumpfen krchzenden Ton aus und rusperte sich.

Der Hauptmann wandte sich um und wies ihm einen Platz am kleinen
Lesepult zu Hupten der Toten an. Auf dem Pult lagen mehrere Bcher.

Ich will die drei Nchte schon irgendwie hinbringen und mein Pensum
absolvieren, dachte der Philosoph, dafr wird mir der Herr auch beide
Taschen mit neuen glnzenden Goldstcken anfllen.

Er ging nher, rusperte sich noch einmal und begann zu lesen, ohne sich
umzusehen, denn er hatte nicht den Mut, der Toten ins Gesicht zu
blicken. Eine tiefe Stille umfing ihn: er merkte, da der Hauptmann
hinausgegangen war. Langsam wandte er den Kopf um, um die Tote anzusehen
und ....

Ein Zittern lief durch seine Glieder: vor ihm lag das schnste Mdchen,
das je auf Erden gelebt hatte. Wohl nie noch war in der Form der
Gesichtszge strenge Schnheit so mit Harmonie vereinigt gewesen wie
hier. Sie lag da wie eine Lebende; die herrliche, zarte, schnee- und
silberweie Stirn schien auf eine intensive Gedankenarbeit hinzudeuten,
die feinen edlen Brauen, die wie ein nchtliches Dunkel die sonnige
Helle des Tages durchbrachen -- schwangen sich stolz ber die
geschlossenen Augen; lange Wimpern senkten sich wie eine Schar spitzer
Pfeile auf die vom Feuer geheimer Wnsche glhenden Wangen; die
rubinroten Lippen schienen zu einem seligen Lcheln und zu Ausbrchen
des Glcks und der Freude bereit .... Und doch glaubte er in diesen
Zgen etwas Schauerliches zu entdecken, das sich tief in seine Seele
bohrte. Choma fhlte einen qulenden Schmerz in seinem Herzen; es war,
wie wenn mitten im Wirbel ausgelassener Frhlichkeit und einer sich im
wilden Taumel drehenden Menge jemand einen Choral angestimmt htte. Die
Rubinlippen leuchteten so rot wie Herzblut. Pltzlich glaubte er in
ihrem Gesicht etwas furchtbar Vertrautes zu erkennen; mit vllig
vernderter Stimme schrie er auf: Es ist die Hexe .., erblate, wandte
die Augen ab und begann von neuem die Gebete herunter zu lesen. Es war
dieselbe Hexe, die er gettet hatte.

Als die Sonne herabzusinken begann, wurde die Verstorbene in die Kirche
getragen. Der Philosoph sttzte den schwarzen Sarg mit seiner Schulter
und Eisesklte durchrieselte ihn. Der Hauptmann ging selbst voran, und
hielt die rechte Seite des engen Totengehuses mit der Hand fest. Die
verwitterte hlzerne Kirche mit ihren drei kegelfrmigen Kuppeln stand
trbselig und moosbewachsen am Ende des Dorfes: man sprte, da hier
lange kein Gottesdienst gehalten worden war. Fast vor jedem
Heiligenbilde brannten Kerzen. Der Sarg wurde in der Mitte der Kirche,
gegenber dem Altare hingestellt. Der alte Hauptmann kte die Tote noch
einmal, warf sich nieder, berhrte den Boden mit der Stirn und verlie
mit den Trgern die Kirche, nachdem er den Befehl gegeben hatte, dem
Philosophen gut zu essen zu geben und ihn abends wieder in die Kirche zu
fhren. Als sie in die Kche traten, legten alle, die den Sarg getragen
hatten, einer nach dem andern die Hand an den Ofen, was die Kleinrussen
stets zu tun pflegen, wenn sie eine Leiche gesehen haben. Der Hunger,
welchen der Philosoph um diese Zeit zu spren begann, lie ihn auf
einige Augenblicke die Tote vollstndig vergessen. Allmhlich
versammelte sich hier das ganze Gesinde, denn die Kche des Hauptmanns
war eine Art Klub oder Versammlungsort, und hier strmte alles zusammen,
was im Hofe lebte, selbst die Hunde, die schweifwedelnd vor der Tr
erschienen, um sich einen Knochen und andere Abflle zu holen. Jeder,
der irgendeinen Auftrag erhalten hatte, oder irgendwohin geschickt
worden war, kam immer erst in die Kche, um sich einen Augenblick auf
die Bank zu legen, auszuruhen und eine Pfeife zu rauchen. Alle
Junggesellen, die im Hause lebten und in eleganten Kosakenrcken umher
liefen, lagen fast den ganzen Tag lang auf dem Ofen, oder _auf_ und
_unter_ den Bnken -- mit einem Wort berall, wo sich ein bequemes
Ruhepltzchen fand. Auerdem hatte immer jemand etwas in der Kche
vergessen: seine Mtze, die Peitsche, die fr die fremden Hunde bestimmt
war, oder etwas hnliches. Aber die zahlreichste Gesellschaft fand sich
doch erst zum Abendbrot zusammen, dann kamen auch der Pferdehirt, der
seine Pferde in die Hrden getrieben, und der Viehhirt, der die Khe zur
Trnke gefhrt hatte, und alle die, die am Tage nicht zu sehen gewesen
waren. Beim Abendbrot wurde auch die schweigsamste Zunge redselig. Hier
wurde gewhnlich alles besprochen: wer sich neue Hosen genht hatte, was
sich im Innern der Erde befindet, und wer einen Wolf gesehen hatte. Hier
kamen auch die Witzbolde zu ihrem Recht, an denen unter den Kleinrussen
ja kein Mangel ist.

Der Philosoph setzte sich im Freien, mit vielen andern in einem groen
Kreis, dicht an der Kchenschwelle nieder. Bald erschien eine Frau mit
einem roten Kopftuch an der Tr; sie trug eine Schssel mit heien
Klen in den Hnden und stellte sie in die Mitte vor die Hungrigen hin,
die sich zum Abendessen anschickten. Jeder holte seinen Holzlffel, und
in Ermangelung eines Besseren, ein hlzernes Stbchen aus der Tasche.
Als die Kinnbacken sich langsamer zu bewegen anfingen und der
Wolfshunger der ganzen Gesellschaft ein wenig gestillt war, begannen
mehrere von den Anwesenden, sich zu unterhalten. Das Gesprch wandte
sich natrlich der Verstorbenen zu.

Ist es wahr, fragte ein junger Schafhirt, der an seinem Pfeifenriemen
so viel Knpfe und Messingplatten angebracht hatte, da er dem Kramladen
einer kleinen Hndlerin glich, ist es wahr, da das Frulein -- ohne
da ich ihr deswegen etwas Bses nachsagen wollte, -- es mit dem
Gottseibeiuns zu tun gehabt hat?

Wer? Unser Frulein? sagte Dorosch, der unserem Philosophen schon von
frher bekannt war, ja, das war eine richtige Hexe. Ich will jeden
Schwur darauf ablegen -- da sie eine Hexe war.

Hr auf, Dorosch, hr auf, sagte der andere, der schon whrend der
Fahrt eine groe Neigung gezeigt hatte, alle Gegenstze zu mildern, das
geht uns nichts an, Gott mit ihr! Wozu sollen wir darber sprechen.
Aber Dorosch hatte gar keine Lust zu schweigen; er war erst eben mit dem
Kellermeister in einer wichtigen Angelegenheit in den Keller gegangen,
war nachdem er sich ein paarmal ber zwei oder drei Fsser gebeugt
hatte, sehr aufgerumt von dort zurckgekehrt und redete nun in einem
fort.

Was willst du? Da ich schweigen soll? sagte er, ja sie ist doch aber
auf mir selbst herumgeritten! Bei Gott, sie ist auf mir herumgeritten!

Onkelchen, rief der junge Schafhirt mit den vielen Knpfen, gibt es
ein Zeichen, an dem man eine Hexe erkennen kann?

Nein, antwortete Dorosch, die kann kein Mensch erkennen; du kannst
den ganzen Psalter durchlesen, und erkennst sie doch nicht!

Sag das nicht, Dorosch, man kann sie wohl erkennen, fiel ihm der
Moralist von gestern ins Wort, Gott hat nicht umsonst einem jeden sein
besonderes Abzeichen gegeben: die Gelehrten sagen, da die Hexen hinten
ein kleines Schwnzchen haben.

Wenn sie alt wird, ist jedes Weib eine Hexe, sagte der alte Kosak
kaltbltig.

O, o, ihr seid mir die Rechten, rief die Alte, die eben frische Kle
in die Schssel schttete, ihr seid mir rechte Wildschweine!

Der alte Kosak, der Jawtuch hie, aber den Spitznamen Kowtun erhalten
hatte, schmunzelte vergngt, als er sah, da die Alte sich von seinen
Worten getroffen fhlte, der Viehhirt aber brach in ein so wstes
Gelchter aus, als htten zwei Ochsen sich gegenbergestellt und zu
gleicher Zeit losgebrllt.

Das begonnene Gesprch hatte die Neugierde und den dringenden Wunsch des
Philosophen geweckt, Genaueres ber die Tochter des Hauptmanns zu
erfahren, und er fragte daher, um wieder auf das alte Thema
zurckzukommen, seinen Nachbar:

Ich mchte doch wissen, warum halten alle, die hier beim Abendbrot
sitzen, die Tochter des Herrn fr eine Hexe? Hat sie denn jemanden etwas
Bses zugefgt? Oder ihn gar behext?

Es ist alles schon dagewesen, sagte einer der Zunchstsitzenden, der
ein ganz glattes Gesicht hatte, das so eben war wie eine Schaufel.

Wer erinnert sich nicht noch des Jgers Mikita, oder des ...

Und was ist mit dem Jger Mikita geschehen? fragte der Philosoph.

Halt! Ich will die Geschichte vom Jger Mikita erzhlen, rief Dorosch.

Nein, ich will die Geschichte vom Mikita erzhlen, schrie der
Pferdehirt, es war doch mein Gevatter!

Nein, ich will die Geschichte vom Jger Mikita erzhlen, sagte Spirid.

Lat ihn erzhlen, lat Spirid erzhlen! riefen alle.

Spirid begann. Du hast Mikita nicht gekannt, Herr Philosoph. Ja, das
war ein seltener Mensch. Jeden Hund kannte er wie seinen leiblichen
Vater. Der jetzige Hundeaufseher, Mikolo, der dritte dort in der Reihe,
reicht lange nicht an ihn heran, obgleich er seine Sache auch gut
versteht, aber gegen Mikita ist er nichts wie Schund und Dreck.

Du erzhlst ausgezeichnet, ganz ausgezeichnet, warf Dorosch ein und
nickte zufrieden mit dem Kopfe.

Spirid fuhr fort. Noch ehe du dir den Tabak aus der Nase wischst, hat
der den Hasen gesehen. Es kam vor, da er den Hunden zurief: >Auf,
Ruber, auf Schneller< und sa selbst schon auf dem Gaul und sauste mit
Windeseile davon. Es war unmglich, vorauszusagen, ob er -- die Hunde,
oder die Hunde -- ihn berholen wrden. Der go euch ein Viertel
Branntwein hinunter, wie wenn nichts passiert wre. Ein herrlicher
Jger! Aber pltzlich fing er an, sich in einem fort nach dem Frulein
umzusehen. War er in sie verschossen, oder hatte sie ihn schon behext,
kurz der Mann war verloren, und ein richtiger Weiberknecht geworden.
Wei der Teufel, was aus dem geworden war. Pfui -- man schmt sich, es
auszusprechen.

Ausgezeichnet, sagte Dorosch.

Das Frulein brauchte ihn nur anzusehen, und die Zgel glitten ihm aus
den Hnden. Den >Ruber< nannte er >Brauner<, er stotterte fortwhrend
und trieb wei Gott was fr einen Unsinn. Einmal kam das Frulein in den
Stall, wo er die Pferde putzte. >Erlaub mal, Mikita,< sagte sie, >da
ich meinen Fu auf dich setze.< Und der Esel -- freut sich noch und
sagt: >nicht blo deinen Fu, setz dich ganz auf mich.< Das Frulein hob
den Fu in die Hhe, und wie er ihr nacktes, volles, weies Bein sieht,
da hat mich der Zauber vllig betubt, sagte er. Der Esel bckte sich,
fate ihre beiden nackten Beine mit seinen Hnden und begann zu
galoppieren wie ein Pferd, immer die Felder entlang und immer weiter;
wohin sie eigentlich geritten waren, das wute er nie zu sagen.
Jedenfalls kam er halbtot zurck, und wurde von da ab drr und mager wie
ein Kienspan; als man einmal in den Pferdestall kam, lag an der Stelle,
wo er sonst zu schlafen pflegte, nur ein Haufen Asche und ein leerer
Eimer; er war verbrannt, ganz von selbst verbrannt. Und war doch ein
Jger gewesen, wie man auf der ganzen Welt keinen zweiten findet!

Als Spirid seine Erzhlung beendet hatte, begann man sich allerseits der
Vorzge des frheren Jgers zu erinnern.

Hast du auch nichts von dem Scheptschicha gehrt, wandte sich Dorosch
an Choma.

Nein.

He! Sieh an! Man scheint euch in der Bursa nicht viel Gescheites
beizubringen. Na pa mal auf. Wir haben im Dorf einen Kosaken, Scheptun,
einen feinen Kosaken sag ich dir. Er liebt es zwar, hin und wieder was
zu stibitzen und einen ohne Grund anzulgen -- aber er ist doch ein
feiner Kosak. Seine Htte liegt nicht weit von hier. Einst setzten sich
also Scheptun und seine Frau zum Abendbrot, es war so um dieselbe Zeit
wie jetzt; nach dem Abendessen legten sie sich nieder, und weil das
Wetter schn war, legte sich die Frau auf den Hof, whrend sich Scheptun
in der Htte auf einer Bank ausstreckte, oder nein: die Frau lag in der
Htte auf der Bank und Scheptun auf dem Hof ...

Die Frau legte sich auch nicht auf die Bank, sondern auf den Boden,
rief eine Alte dazwischen, die auf der Schwelle stand und, den Kopf in
die Hand gesttzt, zuhrte.

Dorosch sah sie an, schlug die Augen nieder, sah sie dann noch einmal an
und sagte nach einer Weile: Wenn ich dir ffentlich deinen Unterrock
aufstreife, wird dir das sicher nicht angenehm sein.

Die Warnung verfehlte ihre Wirkung nicht; die Alte schwieg und htete
sich, ihn noch einmal zu unterbrechen.

Dorosch fuhr fort. In der Wiege, welche mitten in der Htte hing, lag
ein einjhriges Kind, ich wei es nicht mehr, ob es ein Knabe oder ein
Mdchen war. Die Frau des Scheptun lag eine Weile da, da hrt sie
pltzlich, wie der Hund vor der Htte scharrt und heult und heult, -- es
war um davonzulaufen. Die Frau erschrickt -- die Weiber sind ja so ein
dummes Volk, steckt ihnen abends die Zunge durch die Trspalte, so
verlieren sie den Kopf vor lauter Angst -- sie denkt aber doch: ich
werde dem verdammten Hund eins auf die Schnauze geben, dann wird er wohl
mit seinem Geheul aufhren. Sie nimmt also die Ofenzange und will die
Tr ffnen, kaum aber hat sie sie ein wenig aufgetan, da springt der
Hund zwischen ihren Beinen hindurch und strzt auf die Wiege des Kindes
los. Jetzt sah die Frau erst, da es gar kein Hund war, sondern das
Frulein -- ja wenn es noch das Frulein gewesen wre, wie sie es sonst
gesehen hatte -- das wre noch nicht so schlimm gewesen; aber die Sache
war eben die und der Umstand der: sie war ganz dunkelblau, und ihre
Augen glhten wie feurige Kohlen. Sie ergriff das Kind, bi ihm die
Gurgel entzwei und fing an, ihm das Blut auszusaugen. Die Frau schrie
blo: Ach und weh, und strzte aus der Htte. Als sie sah, da die Tr
im Flur verschlossen war, kroch sie auf den Dachboden: da sitzt nun das
dumme Weib und zittert, aber pltzlich sieht sie, wie das Frulein ihr
auf den Boden nachklettert -- und hier wirft sich das Frulein ber das
dumme Weib und fngt an, sie zu beien. Am nchsten Morgen holt Scheptun
seine Frau ganz blau und zerbissen vom Boden herunter -- und am
folgenden Tage starb das dumme Weib. Was es nicht fr Dinge und Vorflle
gibt! Ja, ja, wenn sie auch von vornehmer Herkunft ist -- eine Hexe
bleibt sie doch!

Nach dieser Erzhlung blickte sich Dorosch zufrieden im Kreise um und
bohrte seine Finger tief in die Pfeife, um sie von neuem zu stopfen. Das
Hexenthema war unerschpflich, ein jeder brannte darauf, etwas zu
erzhlen. Zu dem einen war die Hexe in Gestalt eines Heuschobers bis
dicht an die Tr gekommen; einem andern hatte sie die Mtze oder die
Pfeife gestohlen; vielen Mdchen im Dorfe hatte sie die Zpfe
abgeschnitten, und andern das Blut eimerweis ausgesogen.

Endlich merkte die ganze Gesellschaft, da sie sich erheblich
verplaudert hatte, denn es war auf dem Hofe stockfinster geworden. Alle
suchten ihr Lager auf, das sich teils in der Kche, teils auf dem
Speicher oder im Hofe befand. Nun, Herr Choma! fr uns ist es jetzt
Zeit, zu der Toten zu gehn, sagte der alte Kosak, indem er sich an den
Philosophen wandte; sie gingen also zu viert -- Spirid und Dorosch kamen
auch mit -- zur Kirche und wehrten mit ihren Peitschen die Hunde ab, die
in Massen auf der Dorfstrae herumlungerten, bellten und sich wtend in
die Peitschengriffe verbissen.

Je mehr sie sich der erleuchteten Kirche nherten, um so lebhafter war
die Angst, die der Philosoph im geheimen in seinem Herzen aufsteigen
fhlte, obschon er sich durch einen tchtigen Krug Schnaps gestrkt
hatte. Die Geschichten und Abenteuer, die er soeben gehrt hatte, hatten
seine Phantasie noch mehr erregt. Die Dunkelheit, die in der Nhe des
Staketenzaunes und unter den Bumen herrschte, erhellte sich ein wenig,
die Strecke wurde freier. Endlich traten sie in die alte Umfriedung vor
der Kirche ein: da gab es keinen Baum, nur des Feld, und dahinter lagen
in nchtliches Dunkel gehllte Wiesen. Die drei Kosaken stiegen mit
Choma die steilen Stufen der Treppe bis zum Flur hinauf und betraten die
Kirche. Hier wnschten sie dem Philosophen eine glckliche Vollendung
seiner Aufgabe und gingen fort, nachdem sie auf Befehl ihres Herrn die
Tr hinter ihm geschlossen hatten.

Der Philosoph war allein. Erst ghnte er ein paarmal, dann streckte er
sich, blies in beide Hnde und sah sich endlich in der Kirche um. In der
Mitte stand der schwarze Sarg. Vor den dunklen Heiligenbildern brannten
Kerzen, aber das Licht erleuchtete nur den Altar und warf einen
schwachen Schimmer bis in die Mitte der Kirche. Der hohe altertmliche
Altar machte einen recht gebrechlichen Eindruck; das durchbrochene und
vergoldete Schnitzwerk hatte nur noch an ganz vereinzelten Stellen
seinen Glanz bewahrt, die Vergoldung war stellenweise abgebrckelt oder
nachgedunkelt. Die Gesichter der Heiligen waren ganz schwarz und
blickten sehr dster und ernst aus den Rahmen. Der Philosoph sah sich
noch einmal um. Nun, sagte er, wovor htte ich mich hier zu frchten?
Kein Mensch kann herein, und gegen Tote und Gespenster aus der andern
Welt habe ich meine Gebete; wenn ich die hersage, wird kein Geist es
wagen, mich auch nur mit einem Finger zu berhren. Ach was, fgte er
resigniert hinzu, also fangen wir an zu lesen. Als er in die Nhe des
Chors kam, erblickte er einige Bndel Kerzen. Das ist ausgezeichnet,
dachte der Philosoph, ich werde die ganze Kirche taghell erleuchten!
Schade nur, da man hier im Gotteshause keine Pfeife rauchen darf!

Und er fing an, jedes Gesims, jedes Lesepult und jedes Heiligenbild mit
Kerzen zu versehen; er sparte nicht mit ihnen, und bald war die ganze
Kirche von Licht erfllt. Nur oben schien die Dunkelheit noch grer
geworden zu sein, und die dsteren Heiligen schauten noch finsterer aus
ihren altmodischen, geschnitzten Rahmen, deren Vergoldung hier und da
aufblitzte. Er nherte sich dem Sarge und blickte verstohlen der Toten
ins Antlitz -- ein leichtes Frsteln durchlief seine Glieder. Er mute
die Augen schlieen vor dieser dmonisch strahlenden Schnheit!

Er wandte sich ab und wollte gehen; aber infolge einer seltsamen
Neugierde, die den Menschen besonders in Augenblicken der Angst zu
qulen pflegt, konnte er es nicht unterlassen, im Fortgehen noch einen
Blick auf die Tote zu werfen, und als derselbe Schauder ihn
durchrieselte, sie noch einmal anzusehen. Und in der Tat, die grausame
Schnheit der Verstorbenen erschien ihm schrecklich. Vielleicht htte
sie diese lhmende Furcht nicht hervorgerufen, wenn sie weniger schn
gewesen wre. In den Zgen war nichts Schlaffes, Trbes, Erstarrtes; es
war dem Philosophen, als wenn ihn die Tote trotz ihrer geschlossenen
Augen anshe. Es schien ihm, als ob eine Trne zwischen den Wimpern des
rechten Auges hervorquelle, und als sie ber die Wange rollte, sah er
deutlich, da es ein Blutstropfen war.

Er trat schnell zum Chor, schlug das Buch auf, und begann, um sich Mut
zu machen, so laut als mglich zu lesen. Seine Stimme schlug gegen die
lngst verstummten, tauben Holzwnde, aber sein voller Ba fand in der
Totenstille kein Echo und erschien dem Leser rauh und fremd. Wovor soll
ich mich frchten, dachte er sich, sie wird doch nicht aus dem Sarge
aufstehen! Sie wird doch Furcht vor dem Wort Gottes haben! Sie soll
ruhig liegen bleiben! Was wre ich fr ein Kosak, wenn ich Furcht htte?
Sicher, ich habe ein wenig zu viel getrunken, daher ist mir's so
unheimlich. Ich will jetzt eine Prise nehmen. Hm, ein feiner Tabak! Ein
herrlicher Tabak! Allein, whrend er die Seiten umbltterte, schielte
er immer wieder nach dem Sarge, und ein unabweisbares Gefhl flsterte
ihm ins Ohr: Jetzt wird sie gleich aufstehen. Da -- jetzt erhebt sie
sich. Jetzt sieht sie hierher!

Aber nichts strte die Totenstille, der Sarg stand unbeweglich da, und
die Kerzen strmten ein ganzes Meer von Licht aus. Wie schrecklich ist
doch eine hellerleuchtete Kirche -- nachts, wenn sie einen Leichnam
beherbergt, und keine Menschenseele in ihr ist!

Er erhob seine Stimme und begann in den verschiedensten Tonarten zu
singen, um den Rest von Angst in seiner Seele zu betuben. Aber immer
wieder wanderten seine Augen zum Sarge, wie wenn sie unwillkrlich
fragen wollten: und was wird geschehen, wenn sie sich pltzlich erhebt,
und aus dem Sarge steigt?

Allein der Sarg rhrte sich nicht. Wenn auch nur das kleinste Gerusch
zu hren gewesen wre! Wenn nur ein lebendes Wesen einen Laut von sich
gegeben htte! Aber nicht einmal ein Heimchen machte sich im Winkel
bemerkbar. Nur dann und wann hrte man das schwache Knistern einer
entfernten Kerze, oder den leicht aufklopfenden Ton eines zu Boden
fallenden Wachstrpfchens.

Wie wenn sie aufstnde!

Sie erhob den Kopf ....

Er schaute wild um sich und rieb sich die Augen. Wahrhaftig, sie lag
nicht mehr, sie sa aufrecht im Sarge. Er wandte den Blick ab, aber im
nchsten Moment sah er wieder mit Schrecken nach dem Sarge. Sie war
aufgestanden -- und ging mit geschlossenen Augen durch die Kirche ...
immer wieder breitete sie die Arme aus, als wolle sie jemanden
umschlingen!

Jetzt kam sie direkt auf ihn zu. In seiner Todesangst beschrieb er einen
Kreis um sich und betete aus Leibeskrften. Er sagte alle Beschwrungen
her, die ihn ein Mnch gelehrt, welcher sein ganzes Leben lang mit Hexen
und bsen Geistern zu tun gehabt hatte.

Dicht vor dem Kreise blieb sie stehen. Man sah, sie hatte nicht die
Macht, ihn zu berschreiten und wurde ganz blau, wie ein Mensch, der
schon vor mehreren Tagen gestorben ist. Choma hatte nicht den Mut, sie
anzusehen, sie war zu schrecklich. Ihre Zhne schlugen aufeinander, und
sie ffnete ihre toten Augen, aber sie vermochte nichts zu sehen. Voller
Wut -- die sich deutlich in ihrem verzerrten Gesichte widerspiegelte --
wandte sie sich nach der anderen Seite, und umschlang mit ihren
ausgebreiteten Armen jeden Pfeiler, und betastete jede Ecke: sie wollte
Choma fangen. Endlich blieb sie stehen, drohte mit dem Finger und legte
sich wieder in ihren Sarg.

Der Philosoph konnte nicht gleich wieder zu sich kommen, und blickte
voller Furcht auf die enge Behausung der Hexe. Da aber ri sich der Sarg
pltzlich mit einem Rucke los und begann mit furchtbaren Pfeifen durch
die Kirche zu fliegen, wobei er die Luft nach allen Richtungen kreuzte.
Der Philosoph sah ihn einen Augenblick dicht ber seinem Kopf, aber er
bemerkte wohl, da er den von ihm beschriebenen Kreis nicht zu berhren
vermochte, und verstrkte seine Beschwrungen. Der Sarg strzte mitten
in der Kirche wieder herab und blieb unbeweglich liegen. Wieder erhob
sich der Leichnam, der jetzt ganz blau und grn aussah. Da ertnte der
ferne Ruf eines Hahnes: der Leichnam sank in den Sarg zurck, und der
Deckel fiel krachend zu.

Dem Philosophen klopfte das Herz zum Zerspringen. Er war ganz in Schwei
gebadet, aber durch den Hahnenschrei ermutigt, fing er an, schneller zu
lesen, bis er sein Pensum Seite fr Seite vollendet hatte. Beim ersten
Frhrot lsten ihn der Vorsnger, und der alte Jawtuch, der damals das
Amt eines Kirchenvorstehers bekleidete, ab.

Nachdem der Philosoph sein fernes Lager erreicht hatte, konnte er noch
lange nicht einschlafen. Endlich aber siegte die Mdigkeit, und er
schlummerte bis zum Mittag. Als er erwachte, glaubte er das ganze
nchtliche Abenteuer getrumt zu haben. Man gab ihm einen Quart Schnaps
zur Strkung. Beim Essen ermunterte er sich vollkommen, flocht ein paar
Bemerkungen in die Unterhaltung ein und a beinahe allein ein ziemlich
ausgewachsenes Ferkel auf. Aber ein unerklrliches Gefhl hielt ihn ab,
von den Ereignissen in der Kirche zu sprechen, und er antwortete auf
alle neugierigen Fragen: Ja, es gab dort mancherlei Wunderbares. Der
Philosoph gehrte zu den Menschen, welche sehr leutselig werden, wenn
man ihnen gut zu essen gibt. Er lag mit der Pfeife zwischen den Zhnen,
auf der Bank, sah alle mit freundlichen Blicken an und spuckte
unaufhrlich aus.

Nach dem Essen befand sich der Philosoph in der besten Laune. Er fand
Zeit, durch das ganze Dorf zu spazieren und schlo fast mit allen
Bekanntschaft; aus zwei Htten wurde er sogar herausgeworfen, und eine
hbsche junge Frau versetzte ihm einen Schlag mit der Schaufel, als er
in seiner Neugierde nachprfen wollte, aus was fr einem Stoff ihr Hemd
und ihr Rock genht wren. Aber je nher der Abend heranrckte, um so
nachdenklicher wurde der Philosoph. Eine Stunde vor dem Abendbrot
versammelte sich fast das ganze Gesinde, um Grtze oder Kltzchen zu
spielen, eine Art Kegelspiel, bei dem man statt der Kugeln lange Stcke
benutzt, und wo der Gewinner dann das Recht hat, auf dem Rcken seines
Partners herumzureiten. Dieses Spiel hatte fr den Zuschauer etwas
uerst Interessantes: oft stieg der Pferdehirt, ein breitschulteriger
Kerl, der aufgeschwemmt war wie ein Pfannkuchen, auf den Rcken des
Schweinehirten, eines elenden, ganz runzligen Mnnchens. Ein anderes Mal
mute der Pferdeknecht seinen Rcken darbieten, und Dorosch sagte
jedesmal, wenn er ihn bestieg: das ist ein krftiger Stier. Die
solideren Leute saen an der Kchenschwelle, rauchten ihre Pfeifen und
blieben immer ernst, auch wenn die Jungen sich ber einen Witz des
Pferdeknechts oder Spirids vor Lachen ausschtten wollten. Choma machte
vergeblich den Versuch, am Spiele teilzunehmen; ein finsterer Gedanke
sa ihm wie ein Nagel im Kopf. Beim Abendbrot gab er sich die grte
Mhe, munter zu sein, aber seine Angst stieg in dem Mae, als die
nchtliche Dmmerung den Himmel berzog.

Nun wird es auch Zeit fr uns, Herr Seminarist, sagte der uns bekannte
alte Kosak, indem er zugleich mit Dorosch aufstand, komm, gehen wir an
die Arbeit!

Man fhrte Choma wie am vorigen Abend in die Kirche und wieder lie man
ihn allein; da stieg die Angst aufs neue in ihm auf. Wieder sah er die
dsteren Heiligenbilder, die glnzenden Rahmen und den bekannten
schwarzen Sarg, der in drohender Stille unbeweglich in der Mitte der
Kirche stand.

Nun, all diese Zaubereien sind mir ja jetzt nichts Neues mehr, sagte
er, das ist nur zum erstenmal so schrecklich. Ja das erstemal ist es
etwas peinlich, -- aber spter ist es schon nicht mehr so schlimm, dann
ist es gar nicht mehr schrecklich.

Eilig betrat er den Chor, beschrieb einen Kreis um sich, sagte einige
Beschwrungen her und begann laut zu lesen, fest entschlossen, die Augen
nicht vom Buche zu erheben und auf nichts zu achten. Er mochte etwa eine
Stunde gelesen haben und begann schon mde zu werden und dann und wann
zu husten; er nahm daher seine Tabaksdose aus der Tasche; ehe er jedoch
eine Prise nahm, schielte er scheu nach dem Sarge. Sein Herz erstarrte.

Die Tote stand vor ihm, dicht vor dem Kreise und bohrte ihre erloschenen
grnen Augen in die seinen. Der Seminarist erbebte, Eisesklte
durchrieselte seinen ganzen Krper. Er heftete seine Augen auf das Buch
und begann seine Gebete und Beschwrungen lauter herzusagen; hierbei
hrte er, wie die Tote mit den Zhnen klapperte, und fhlte, wie sie
ihre Arme ausbreitete, um ihn zu umschlingen. Er schielte mit einem Auge
nach der Toten hin, und sah, da diese nicht dahin griff, wo er stand --
es war also klar, da sie ihn nicht sehen konnte. Sie begann dumpf zu
murren und sprach mit erstorbenen Lippen drohende Worte, die hei
aufzischten wie das Brodeln kochenden Peches. Er htte nicht sagen
knnen, was diese Worte zu bedeuten hatten, aber sie muten etwas ganz
Schreckliches enthalten. In seiner Todesangst begriff jedoch der
Philosoph, da es Beschwrungen waren. Nach ihren Worten erhob sich ein
Sturm in der Kirche, ein Lrm wie von unzhligen Flgeln, die durch die
Luft rauschten. Er hrte, wie die Flgel gegen die Fensterscheiben und
eisernen Fensterrahmen der Kirche schlugen, er hrte es winseln und an
dem Eisen kratzen, eine ungeheuere Kraft stie donnernd gegen die Tr
und wollte sie aufbrechen. Sein Herz schlug fortwhrend zum Zerspringen,
mit geschlossenen Augen las er seine Gebete und Beschwrungen -- endlich
ertnte etwas in der Ferne -- es war ein ferner Hahnenschrei. Der
gepeinigte Philosoph hielt inne und wurde ruhiger.

Als die Ablsung kam, fand man ihn halbtot an der Wand lehnend, und er
stierte die hereintretenden Kosaken mit blden Augen an. Fast mit Gewalt
fhrten sie ihn hinaus und muten ihn unterwegs die ganze Zeit ber
sttzen. Als sie im Herrenhof ankamen, ermannte er sich jedoch und
verlangte einen Quart Branntwein. Nachdem er ihn ausgetrunken hatte,
strich er ber sein Haar und sagte: Es gibt viel Lumpenzeug auf der
Welt. Und so viel Schreckliches ... Hierbei fuhr seine Hand durch die
Luft.

Die Umstehenden lieen bei diesen Worten die Kpfe hngen. Selbst ein
kleiner Junge, den alle im Hof schieben und stoen zu knnen glaubten,
wenn es den Stall zu reinigen oder Wasser zu tragen galt -- selbst
dieser arme Junge sperrte das Maul auf.

In diesem Augenblicke ging eine nicht mehr ganz junge Frau vorber,
deren enganliegendes Oberkleid ihre vollen drallen Hften sehen lie;
sie war die Gehilfin der alten Kchin und ein furchtbar kokettes
Frauenzimmer, dessen Kopftuch immer mit allerhand schnen Dingen
aufgeputzt war: einem Endchen Band, einer Nelke, ja sogar, wenn gar
nichts Besseres zur Hand war, mit einem Stckchen Papier.

Guten Morgen, Choma, sagte sie, als sie den Philosophen erblickte.
Halloh, was ist denn mit dir los! schrie sie auf und schlug die Hnde
zusammen.

Ja was denn, dummes Weib?

Mein Gott, du bist ja ganz grau!

Herrgott, Herrgott! Sie hat wirklich recht! sagte Spirid und sah ihn
genauer an. Du bist wirklich ganz grau geworden, wie unser alter
Jawtuch!

Als der Philosoph dies hrte, lief er schnell in die Kche, wo er ein
kleines dreieckiges und ganz von Fliegen beschmutztes Stckchen Spiegel
an der Wand gesehen hatte; es war mit Vergimeinnicht, Nelken und sogar
mit einer Girlande geschmckt, was darauf hindeutete, da es einer
putzschtigen Kokette bei der Toilette diente. Mit Schrecken sah Choma,
da sie die Wahrheit gesprochen hatte, die Hlfte seines Kopfes war
wirklich ganz wei!

Choma Brut lie den Kopf hngen und berlie sich seinen Gedanken. Ich
will zu dem Herrn gehen, sagte er endlich, ich will ihm alles erzhlen
und ihm erklren, da ich die Gebete nicht mehr lesen will. Er soll mich
gleich nach Kiew zurckschicken.

Mit diesem Entschlu ging er auf die Freitreppe des Herrschaftshauses
zu. Der Hauptmann sa fast regungslos in seinem Zimmer. Der trostlose
Gram, den Choma schon frher auf seinem Gesichte bemerkt hatte,
verdsterte noch immer seine Zge, und seine Wangen waren vielleicht
noch etwas hohler geworden. Man sah, da er nur wenig oder gar keine
Nahrung zu sich nahm. Die ungewhnliche Blsse gab seinem Gesicht eine
geradezu steinerne Unbeweglichkeit.

Guten Morgen, du rmster, sagte er, als er Choma erblickte, der mit
der Mtze in der Hand in der Tre stehen blieb. Nun wie geht's? Ist
alles in Ordnung?

In Ordnung? Jawohl, das ist eine schne Ordnung! Das ist ja der reinste
Hexensabbat, da man am liebsten seine Mtze nehmen und davonlaufen
mchte, soweit einen die Fe tragen!

Wieso?

Ja Herr, Eure Tochter .... Wenn man sich's ordentlich berlegt .... sie
ist ja von vornehmer Abkunft, das wird niemand leugnen .... aber nehmt
es mir nicht bel, Gott gebe ihrer Seele Ruhe ....

Was ist denn mit meiner Tochter?

Sie hat sich dem Teufel verschrieben. Es geschehen solche furchtbaren
Dinge -- da hilft kein Lesen und kein Beten ....

Lies nur, lies. Sie hat dich nicht umsonst hierher gerufen, sie war um
ihr Seelenheil besorgt, das liebe Kind, und wollte alle Versuchungen
durch Gebete zuschanden machen ...

Ich stehe in Ihrer Macht, Herr, aber bei Gott, ich kann nicht mehr!

Lies, lies nur weiter, fuhr der Hauptmann in dem gleichen mahnenden
Tone fort, es ist doch nur noch eine Nacht brig geblieben, und du tust
ein christliches Werk. Ich werde dich gut belohnen.

Und wenn die Belohnung noch so gro wre, Herr! Nein, wie Ihr wollt,
ich lese nicht mehr, sagte Choma entschlossen.

Hr mal, Philosoph, sagte der Hauptmann, und seine Stimme wurde stark
und drohend, ich liebe solche Scherze nicht. So etwas magst du in
deiner Bursa machen, aber nicht bei mir. Wenn ich dich durchprgeln
lasse, dann sieht es etwas anders aus, als bei eurem Rektor -- Weit du,
was ein guter lederner Riemen ist?

Wie sollte ich nicht? sagte der Philosoph und lie die Stimme sinken:
ein jeder wei, was lederne Riemen sind -- ein grere Portion davon --
das kann niemand aushalten.

Ja. Aber du weit wohl noch nicht, wie meine Leute sich aufs Prgeln
verstehen, sagte der Hauptmann drohend und erhob sich; seine Zge
nahmen eine gebieterische und grausame Miene an, in der sich die ganze
Zgellosigkeit seines Charakters spiegelte, die eben nur durch den
Kummer ein wenig eingeschlfert war. Bei mir wird erst geprgelt, dann
Branntwein darauf gegossen, und dann geht's von neuem los. Geh, vollende
deine Arbeit. Tust du es nicht -- so stehst du nie wieder auf; gehorchst
du mir dagegen -- so gibt's tausend Goldstcke!

Herrgott, das ist ja ein Teufelskerl, dachte der Philosoph, als er
hinausging, mit dem darf man nicht spaen. Pa auf, Freundchen, ich
werde Fersengeld geben, da du mich mit all deinen Hunden nicht einholen
sollst.

Choma Brut war fest entschlossen, auszureien. Er wartete nur noch die
Zeit bis nach dem Mittagessen ab, wo das Gesinde sich ins Heu unter den
Speichern zu legen pflegte, um mit offenem Munde in ein so schreckliches
Pfeifen und Schnarchen auszubrechen, da sich der Herrschaftshof in eine
Fabrik zu verwandeln schien.

Endlich war es so weit. Selbst Jawtuch streckte sich in der Sonne aus
und schlo die Augen. Zitternd und zagend schlich sich der Philosoph in
den herrschaftlichen Garten, von wo er leicht und unbemerkt ins freie
Feld zu gelangen hoffte. Der Garten war, wie das gewhnlich der Fall
ist, unglaublich verwildert und schien daher fr allerlei geheime
Unternehmungen besonders geeignet. Mit Ausnahme eines kleinen Fupfades
(der zu wirtschaftlichen Zwecken ausgetreten worden war), waren alle
Wege dicht von Kirschbumen, Holunderstruchern und Kletten verwachsen,
die ihre langen Stengel mit den klebrigen, rosafarbenen Blten hoch
hinaufstreckten. Die Spitzen dieses bunten Gemischs von Bumen und
Struchern war wie mit einem Netze von Hopfenranken berzogen. Sie
bildeten gewissermaen ein Schutzdach, das auf dem geflochtenen Zaune
ruhte und sich in grnen, mit wilden Glockenblumen durchwachsenen
Schlangenwindungen zur Erde hinablie. Hinter dem Zaun, der den Garten
begrenzte, zog sich ein frmlicher Wald von Steppengras hin: hier schien
noch kein neugieriger Blick hineingeschaut zu haben, und die Sense,
welche mit ihrer Klinge diese dicken holzharten Stengel zu schneiden
versucht htte, wre sicher in Stcke zersprungen.

Als der Philosoph ber den Zaun steigen wollte, klapperten seine Zhne,
und sein Herz pochte so heftig, da er selbst erschrak. Die Sche
seines langen Rockes schienen an der Erde festzukleben, als htte sie
dort jemand angenagelt. Als er ber den Zaun stieg, klang pltzlich ein
betubender Pfiff an sein Ohr, und eine Stimme schrie: Wohin, wohin?
Der Philosoph tauchte im Steppengras unter und begann zu laufen, wobei
er in einem fort ber alte Wurzeln stolperte und Maulwrfe zertrat. Er
sah nun, da er nach dem Heidegras noch ein Stck Feld zu passieren
hatte, hinter dem sich eine dichte Dornenhecke hinzog: dort glaubte er
sich gerettet, da er jenseits der Hecke einen direkten Weg nach Kiew zu
finden meinte. Mit einer geradezu unglaublichen Geschwindigkeit durchma
er das Feld, und befand sich pltzlich vor einer dichten Dornbuschhecke.
Er kroch durch die Hecke, wobei er an jedem spitzen Dorn ein Fetzen
seines Gewandes als Tribut zurcklie. Endlich gelangte er zu einem
kleinen Hohlwege, wo eine Weide stand, die mit ihren weit ausgebreiteten
Zweigen ab und zu die Erde berhrte, und wo eine schmale, kristallklare
Quelle wie lauteres Silber erglnzte. Das erste, was der Philosoph tat,
war, da er niederkniete und zu trinken begann -- denn er versprte
einen geradezu unertrglichen Durst. Ein herrliches Wasser, sagte er,
indem er sich die Lippen abtrocknete, hier knnte man fein ausruhen!

Nein, es ist doch besser, wir laufen weiter, vielleicht sind uns die
Verfolger schon auf den Fersen!

Diese Worte ertnten dicht neben seinem Ohr. Er sah sich um -- Jawtuch
stand vor ihm.

So ein Teufel, dieser Jawtuch, dachte der Philosoph, ich wrde dich
mit Vergngen bei beiden Beinen packen und deine verdammte Fratze samt
allen brigen Krperteilen mit einem Eichenknppel bearbeiten!

Wozu hast du so einen groen Umweg gemacht, fuhr Jawtuch fort, es
wre klger gewesen, du httest den Weg gewhlt, den ich gegangen bin:
er fhrt dicht beim Stall vorbei. Dein Anzug tut mir leid. Solch
ausgezeichnetes Tuch. Was hast du fr die Elle bezahlt? -- Doch jetzt
sind wir genug spazieren gegangen: es ist Zeit, nach Hause zu gehen.

Der Philosoph kratzte sich den Hinterkopf und folgte Jawtuch langsam
nach. Jetzt wird mir die verdammte Hexe erst recht die Hlle hei
machen, dachte er. Aber was soll denn das! Wovor habe ich Angst? Bin
ich ein Kosak, oder nicht? Ich habe doch zwei Nchte hintereinander
gelesen, so werde ich denn mit Gottes Hilfe auch wohl noch die dritte
berstehen. Die verfluchte Hexe hat sicherlich viel auf dem Gewissen,
da der Bse so fr sie eintritt.

Mit diesen Gedanken beschftigt, betrat er den Gutshof. Nachdem er sich
durch solche und hnliche Erwgungen Mut gemacht hatte, bat er Dorosch,
der durch die Protektion des Kellermeisters manchmal Zutritt zum
herrschaftlichen Keller hatte, ihm eine Flasche gewhnlichen Branntwein
zu verschaffen. Dann setzten sich beide Kameraden am Speicher nieder und
leerten fast einen halben Eimer, so da der Philosoph pltzlich
aufsprang und schrie: Musikanten her! Musikanten! und ohne zu warten,
bis die Musikanten erschienen, auf einem freien Platz mitten auf dem
Hofe einen Trepak zu tanzen begann. Er tanzte unaufhrlich bis zum
Nachmittag. Das Gesinde, das, wie es in solchen Fllen blich ist, einen
Kreis um ihn gebildet hatte, spuckte zuletzt aus und zog sich zurck.
Kopfschttelnd meinten sie: Wie kann ein Mensch nur so lange tanzen!
Endlich sank der Philosoph auf derselben Stelle nieder und schlief ein;
erst ein Kbel frischen Wassers vermochte ihn zu wecken, als man sich
zum Abendbrot versammelte. Beim Essen redete er viel davon, was ein
rechter Kosak sei, und behauptete, da ein Kosak sich vor nichts
frchten drfe.

Es ist Zeit, sagte Jawtuch, komm la uns gehn.

Ich wollte, ich knnte dir ein Zndholz durch die Zunge bohren,
verfluchtes Schwein! dachte der Philosoph, erhob sich jedoch und sagte
Komm!

Auf dem Wege zur Kirche sah sich der Philosoph fortwhrend um und sprach
ein paar Worte mit seinen Begleitern. Aber Jawtuch schwieg, und selbst
Dorosch blieb stumm.

Es war eine hllische Nacht. Scharen von Wlfen heulten in der Ferne,
selbst das Gebell der Hunde klang unheimlich.

Es hrt sich fast an, als wren das, was dort heult, gar keine Wlfe,
sagte Dorosch. Jawtuch schwieg. Auch der Philosoph wute nichts zu
erwidern.

Sie nherten sich der Kirche und betraten den wackligen Holzboden, der
deutlich verriet, wie wenig sich der Gutsherr um Gott und sein
Seelenheil kmmerte. Jawtuch und Dorosch entfernten sich wie gewhnlich,
der Philosoph blieb allein.

Alles war wie am Tage zuvor. Alles hatte das gleiche, bekannte und
drohende Aussehen. Choma blieb einen Augenblick stehen. Unbeweglich wie
immer stand der Sarg der greulichen Hexe in der Mitte des Gotteshauses.
Ich frchte mich nicht, bei Gott, ich frchte mich nicht, sagte Choma,
beschrieb wie vormals einen Kreis um sich und rief sich alle
Beschwrungen ins Gedchtnis. Die lautlose Stille war schrecklich: die
Kerzen flackerten und erfllten die Kirche mit ihrem hellen Licht. Der
Philosoph schlug eine Seite um, dann die zweite und dritte: da bemerkte
er pltzlich, da er gar nicht das las, was im Buch stand. Vor Schreck
bekreuzigte er sich und begann zu singen. Das beruhigte ihn ein wenig:
das Lesen ging jetzt wieder besser, er schlug eine Seite nach der andern
um.

Da sprang pltzlich -- inmitten der Stille -- der eiserne Sargdeckel
auf. Die Tote richtete sich empor. Sie war noch furchtbarer anzusehen,
als das erstemal. Die Zhne schlugen grlich aufeinander, die Lippen
verzerrten sich krampfhaft und stieen heulende, schreckliche
Verwnschungen hervor. Ein Sturm fegte durch die Kirche. Die
Heiligenbilder strzten zur Erde, und die zerbrochenen Fensterglser
fielen klirrend auf den Boden. Die Tr wurde aus ihren Angeln gerissen,
und eine Unzahl frchterlicher Ungeheuer strzte in das Gotteshaus. Sie
schlugen mit ohrenbetubendem Lrm ihre Flgel zusammen, kratzten mit
ihren Krallen und erfllten die Kirche mit einem schrecklichen Getse.
Alles flog und flatterte hin und her und sphte berall nach dem
Philosophen.

Der letzte Rest seines Rausches war verschwunden. Choma schlug ein Kreuz
ums andere und las alle mglichen Gebete, die er kannte, durcheinander.
Unterdessen aber hrte er, wie die Dmonen um ihn herumtobten, sie
streiften ihn fast mit ihren Flgeln und berhrten ihn mit ihren
widerlichen Schwnzen. Er hatte nicht den Mut, sie sich genauer
anzusehen: er bemerkte nur, da ein riesiges Ungeheuer, das so lang wie
die Wand war, vor ihm stand: Ein dichter Wald von grulichen
durcheinander gewirrten Haaren hllte es ein: durch das Geflecht der
Haare aber blickten zwei grausige Augen hervor, deren Brauen ein wenig
in die Hhe gezogen waren. ber ihm in der Luft schwebte eine Art
Riesenblase, aus deren Zentrum sich Tausende von Zangen und
Skorpion-Stacheln hinausstreckten, an deren Enden groe Klumpen
schwarzer Erde hingen. Alle blickten den Philosophen an, sphten nach
ihm, und konnten ihn doch nicht sehen, denn er war von dem heiligen
Kreise umgeben. Fhrt den Wij her, fhrt den Wij her, schrie pltzlich
die Stimme der Toten.

Mit einem Male trat in der Kirche eine tiefe Stille ein. Aus der Ferne
vernahm man das Heulen der Wlfe, und gleich darauf erdrhnten schwere
Schritte, die im Gotteshause laut widerhallten. Choma warf einen scheuen
Blick auf die Tr und sah, wie ein untersetztes, stmmiges, tppisches
Menschenwesen hineingefhrt wurde. Es war ganz in schwarze Erde gehllt.
Seine gleichfalls mit Erde bedeckten Hnde und Fe streckten sich wie
zhe, knorrige Wurzeln empor, es stie polternd mit den Fen auf den
Boden und stolperte bestndig. Die groen Augenlider hingen ihm bis zur
Erde herab und voller Grauen gewahrte Choma, da sein Antlitz von Eisen
war. Die Geister fhrten das Ungetm an der Hand und brachten es bis an
die Stelle, wo Choma stand.

Hebt mir die Lider empor, ich sehe nicht, sthnte Wij mit
unterirdischer Stimme -- und die ganze Dmonenschar strzte auf ihn zu,
um ihm die Lider empor zu heben.

Eine innere Stimme flsterte dem Philosophen zu: sieh nicht hin. Aber er
hielt es nicht aus und blickte hin.

Da ist er, schrie Wij und deutete mit seinem eisernen Finger auf ihn,
und alle Geister fielen ber den Philosophen her. Atemlos strzte er zu
Boden und gab schreckerfllt seinen Geist auf.

Da krhte der Hahn. Es war schon der zweite Schrei. Die Geister hatten
den ersten berhrt. Die gengstigten Dmonen zerstreuten sich nach
allen Seiten: durch die Tr und durch die Fenster, nur um recht schnell
zu entfliehen. Aber es war schon zu spt, sie blieben zwischen Tren und
Fenstern hngen.

Als der Geistliche die Kirche betrat, blieb er beim Anblick einer
solchen Schndung des Allerheiligsten auf der Schwelle stehen und wagte
es nicht mehr, hier eine Messe abzuhalten. So blieb denn die Kirche mit
den in den Fenstern und Tren festgebannten Ungeheuern in alle Ewigkeit
leer. Wald, Wurzeln, Steppengras und wilde Dornhecken berwucherten sie,
-- und niemand wird je wieder den Weg zu ihr finden.

                   *       *       *       *       *

Als das Gercht von diesen Begebenheiten bis nach Kiew drang und der
Theologe Haljawa von dem Schicksal des Philosophen Choma hrte, versank
er eine Stunde lang in tiefes Nachdenken. Seitdem war eine groe
Vernderung mit ihm vorgegangen. Das Glck war ihm hold gewesen: nach
Beendigung des Kursus war er zum Glckner des allerhchsten
Glockenturmes ernannt worden, und nun erschien er nie anders als mit
einer zerschlagenen Nase, da die Treppe im Turm sehr schlecht gebaut
war.

Hast du schon gehrt, wie es Choma ergangen ist? fragte ihn Tiberius
Gorobetz, als er ihm einmal begegnete, er war jetzt Philosoph und trug
schon einen Schnurrbart.

Es war Gottes Wille, sagte der Glckner, komm in die Schenke, wir
wollen seiner bei einem Glase gedenken.

Der junge Philosoph, der begeistert von seinen neuen Rechten Gebrauch
machte -- seine Hosen, sein Rock, ja selbst seine Mtze rochen stark
nach Alkohol und Tabak -- drckte sofort seine Bereitwilligkeit aus.

Choma war doch ein herrlicher Mensch, sagte der Glckner, als der
lahme Wirt den dritten Krug vor ihm hinstellte, ein famoser Kerl, und
ist so um nichts und wieder nichts umgekommen!

Ich wei, warum er umgekommen ist! Weil er Angst bekommen hat; htte er
sich nicht gefrchtet, so htte die Hexe ihm nichts anhaben knnen. Man
mu nur das Kreuz schlagen, und ihr auf den Schwanz spucken -- dann kann
einem nichts geschehen! Ich kenne das ganz genau. Bei uns in Kiew sind
doch alle Marktweiber Hexen.

Hier nickte der Glckner zum Zeichen seines Einverstndnisses mit dem
Kopf. Aber als er merkte, da seine Zunge sich nicht mehr bewegen und
keine Laute mehr hervorbringen konnte, erhob er sich vorsichtig und ging
taumelnd davon, um sich irgendwo abseits im Steppengras auszustrecken.
Hierbei verga er es jedoch aus alter Gewohnheit nicht, eine alte
Stiefelsohle einzustecken, die auf einer Bank lag.


     Wie Iwan Iwanowitsch und Iwan Nikiforowitsch sich entzweiten


                           Erstes Kapitel.

              Iwan Iwanowitsch und Iwan Nikiforowitsch.

Was fr eine herrliche Pekesche Iwan Iwanowitsch doch hat! Diese
Pelzverbrmung -- Teufel auch -- diese Pelzverbrmung! Blulichgrau, mit
einem weilichen Schimmer! Bei Gott -- ich will ein Schuft sein, wenn es
noch einen zweiten solchen Pelzrock gibt. Ich bitte Sie, sehen Sie sich
das einmal an -- besonders, wenn Iwan Iwanowitsch mit jemand spricht --
betrachten Sie ihn nur in Profil: was ist das fr eine Pracht! Es ist
ganz unbeschreiblich: das leuchtet wie Samt und Silber und Feuer! Bei
Gott, heiliger Wundertter Nikolaus, frommer Knecht Gottes, ich bitte
dich: warum habe ich nicht solch eine Pekesche! Er hat sie sich noch
damals machen lassen, als Agafja Feodosiewna noch nicht so oft nach Kiew
reiste. (Sie kennen doch Agafja Feodosiewna? Dieselbe, die dem Assessor
das Ohr abgebissen hat?)

Und was fr ein Prachtmensch Iwan Iwanowitsch ist! Wie stattlich ist
sein Haus in Mirgorod! Rundherum geht ein Schutzdach auf eichenen
Pfosten, und darunter stehen berall Bnke. Wenn es zu hei wird, zieht
er Pelzrock und Hose aus, legt sich im bloen Hemd unter das Schutzdach
und beobachtet, was im Hofe und auf der Strae vorgeht. Und was fr
herrliche Apfel- und Birnbume vor dem Fenster stehen! Bitte ffnen Sie
nur die Fenster, sofort stecken sie ihre Zweige bis ins Zimmer; aber das
ist blo _vor_ dem Hause. Sehen Sie sich mal erst den Garten an! Was
gibt es da nicht alles! Pflaumen, Kirschen, Weichsel, allerlei Gemse,
Sonnenblumen, Gurken, Melonen, Erbsen -- sogar eine Tenne und eine
Schmiede gibt es da.

Was fr ein Prachtmensch Iwan Iwanowitsch ist! Besonders gern it er
Melonen, das ist sein Lieblingsgericht. Gleich nach dem Mittagessen
begibt er sich im Hemd unter das Schutzdach und befiehlt Gapka, zwei
Melonen aufzutragen, die er eigenhndig zerlegt. Dann nimmt er die Kerne
heraus, wickelt sie in ein Papier und macht sich daran, die Melonen zu
verzehren; Gapka mu ihm das Tintenfa bringen, und er schreibt
eigenhndig auf das Pckchen: Diese Melonen wurden an dem und dem Tage
gegessen. War irgend ein Gast dabei, so wird hinzugefgt: der und der
hat teilgenommen.

Der verstorbene Richter von Mirgorod freute sich immer von Herzen beim
Anblick von Iwan Iwanowitschs Haus. Ja -- das Haus kann sich auch sehen
lassen! Vor allem gefallen mir die vielen Balkone und Erkerchen, welche
von allen Seiten angebaut sind; wenn man es von ferne erblickt, so sieht
man die Dcher, die bereinander liegen -- das erinnert mich immer an
einen Teller voll Pfannkuchen, oder besser an Pilze, die _an_einander
und _ber_einander um _einen_ herum wachsen. brigens sind die Dcher
mit Binsen gedeckt, ber die eine Weide, eine Eiche und zwei Apfelbume
ihre ppigen Zweige ausbreiten. Durch das Gest aber gucken die kleinen
Fensterchen mit ihren geschnitzten weien Lden munter auf die Strae
hinaus.

Was fr ein Prachtmensch ist doch Iwan Iwanowitsch! Der Herr Kommissar
aus Poltawa ist sein guter Bekannter. Dorosch Tarasowitsch Puchiwotschka
besucht ihn stets, wenn er aus Chorol hierherkommt, und Vater Peter der
in Koliberda wohnt, pflegt, wenn einmal fnf Mann hoch bei ihm zu Gaste
sind, stets zu erwhnen, da er niemanden kennt, der seine
Christenpflicht so gut erfllt und so zu leben versteht, wie Iwan
Iwanowitsch.

Mein Gott, wie doch die Zeit vorbeieilt. Damals waren schon zehn Jahre
verflossen, seit er Witwer geworden war. Er hatte keine Kinder. Dafr
hat Gapka, die Magd, welche, die im Hofe spielen. Iwan Iwanowitsch gibt
gewhnlich jedem Kinde eine Bretzel, ein Stckchen Melone oder eine
Birne. Gapka hat auch die Schlssel zu den Kammern und Kellern: nur der
Schlssel zu dem groen Kasten, der in seinem Schlafzimmer steht, und
der zu der mittleren Vorratskammer befindet sich bei ihm; denn Iwan
Iwanowitsch liebt es nicht, jemanden dort hineinzulassen. Gapka ist ein
krftiges Mdel, mit einer groen Schrze, drallen Waden und roten
Backen.

Und was fr ein gottesfrchtiger Mensch Iwan Iwanowitsch ist! Jeden
Sonntag zieht er seine Pekesche an und geht in die Kirche. Nachdem er
sich nach allen Seiten verneigt hat, nimmt er gewhnlich im Chor Platz
und untersttzt den Ba auf das schnste. Ist der Gottesdienst zu Ende,
so unterlt es Iwan Iwanowitsch nie, der Reihe nach alle Bettler
aufzusuchen. Vielleicht hat er oft gar keine Lust, sich mit so
langweiligen Sachen abzugeben, aber seine natrliche Gutmtigkeit lt
ihm keine Ruhe.

Gewhnlich sucht er sich das allerarmseligste Weib, in einem zerfetzten,
aus Lumpen zusammengeflickten Kleide aus und wendete sich teilnahmsvoll
an sie. Nun wie geht es rmste? Woher kommst du Mtterchen?

Ich komme vom Dorf, Herr, seit drei Tagen habe ich weder gegessen noch
getrunken. Die eigenen Kinder haben mich fortgejagt.

Du arme Seele! Und warum bist du hierhergekommen?

Ach Herr, ich stehe hier und bitte um ein Almosen, vielleicht gibt mir
jemand etwas Geld, damit ich mir Brot kaufen kann.

Hm. So. Du mchtest also Brot haben? fragte Iwan Iwanowitsch
gewhnlich.

Wie sollte ich nicht? Ich bin hungrig wie ein Hund.

Hm, hm, sagt Iwan Iwanowitsch gewhnlich weiter: Vielleicht mchtest
du auch Fleisch haben?

Ja alles, was Euer Gnaden mir geben wollen, ich bin mit allem
zufrieden.

Hm, hm, -- ist denn Fleisch besser als Brot?

Ein Hungriger ist nicht whlerisch, Herr. Wir sind mit allem zufrieden,
was Sie geben. Hierbei streckt sie ihm gewhnlich die Hand entgegen.

Nun, Gott mit dir, sagt Iwan Iwanowitsch. -- Ja, was stehst du denn
noch da? Ich schlage dich doch nicht! Und in gleicher Weise wendet er
sich an den zweiten und dritten Bettler und geht endlich nach Hause, zu
seinem Nachbar, Iwan Nikiforowitsch, oder auch zum Polizeimeister, um
einen Schnaps mit ihnen zu trinken.

Iwan Iwanowitsch liebt es auch sehr, wenn man ihm Geschenke macht oder
ihm Leckerbissen bringt. Das letztere hat er besonders gern.

Auch Iwan Nikiforowitsch ist ein ganz prchtiger Mensch. Sein Hof grenzt
an den Iwan Iwanowitschs. Zwei solche Freunde wie diese beiden, hat die
Welt sicher noch nicht gesehen. Anton Prokowjewitsch Pupopus, der bis
zum heutigen Tage noch einen braunen Rock mit hellblauen rmeln trgt
und des Sonntags beim Richter zu Tisch geladen ist, pflegte gewhnlich
zu sagen: der Teufel habe in hchsteigener Person Iwan Iwanowitsch und
Iwan Nikiforowitsch mit einem Schnrchen zusammengebunden: wo der eine
erscheint, da folgt der andere auf dem Fue.

Iwan Nikiforowitsch war nie verheiratet. Man hat wohl davon gesprochen,
er wre einmal verheiratet gewesen, doch das ist eine gemeine Lge. Ich
kenne Iwan Nikiforowitsch sehr genau und kann beschwren, da er niemals
auch nur die Absicht gehabt hat, sich zu verheiraten. Wie solch ein
Klatsch nur entsteht! Einmal hie es, Iwan Nikiforowitsch sei hinten mit
einem Schwanz auf die Welt gekommen. Aber dies ist eine Erfindung, die
so dumm und dabei so abscheulich und unanstndig ist, da ich es nicht
einmal fr ntig halte, sie vor meinen aufgeklrten Lesern zu
widerlegen, denen es sicher bekannt ist, da nur die Hexen, und auch die
nur, sofern sie weiblichen Geschlechts sind, (aber selbst diese blo in
Ausnahmefllen) hinten einen Schwanz haben. brigens gehren ja die
Hexen berhaupt mehr dem weiblichen als dem mnnlichen Geschlecht an.
Trotz der gegenseitigen Zuneigung waren diese seltenen Freunde doch von
der Natur recht verschieden bedacht. Am besten lernt man ihren Charakter
durch eine Nebeneinanderstellung kennen. Iwan Iwanowitsch besitzt die
seltene Gabe, sehr angenehm zu sprechen. Herr Gott, wie kann er
sprechen! Wenn Sie ihm zuhren, haben Sie eine Empfindung -- nein, die
lt sich nur mit dem Gefhl vergleichen, wenn man Ihnen den Kopf kraut
oder mit dem Finger leise, ganz leise ber die Fersen streicht. Man
lauscht und lauscht ... der Kopf sinkt einem herab ... so angenehm, so
ungeheuer angenehm ist das! ... wie ein Schlfchen nach einem Bade. Iwan
Nikiforowitsch hingegen ist das gerade Gegenteil. Er liebt es, zu
schweigen -- aber wenn er einmal ein Wrtchen sagt, dann heit es:
feststehen -- das sitzt, das schneidet schrfer wie das feinste
Rasiermesser! Iwan Iwanowitsch ist mager und von hoher Statur; Iwan
Nikiforowitsch ist kleiner und geht mehr in die Breite. Iwan
Iwanowitschs Kopf gleicht einem Rettich mit dem Schwnzchen nach oben.
Iwan Nikiforowitsch dagegen einem Rettich mit dem Schwnzchen nach
unten. Iwan Iwanowitsch liegt nur nach dem Mittag im bloen Hemde unter
dem Schutzdach, -- abends zieht er seine Pekesche an und geht
irgendwohin, entweder in das Stadtmagazin, an das er Mehl liefert, oder
ins Feld, um Wachteln zu fangen. Iwan Nikiforowitsch liegt den _ganzen
Tag_ im Flur; wenn es nicht gar zu hei ist, legt er sich mit bloem
Rcken in die Sonne und will sich garnicht vom Fleck rhren. Wenn es ihm
gerade einfllt, macht er morgens eine Runde durch den Hof, sieht sich
alles an und legt sich dann nieder. Frher ging er wohl auch einmal zu
Iwan Iwanowitsch hinber. Iwan Iwanowitsch ist ein sehr feiner Herr, nie
gebraucht er ein schmutziges Wort, auch nicht im gewhnlichsten
Gesprch, und daher ist er auch sofort verletzt, wenn er ein solches
hrt. Iwan Nikiforowitsch aber lt sich mitunter etwas gehn. Gewhnlich
steht dann Iwan Iwanowitsch auf und sagt: >Genug, genug, Iwan
Nikiforowitsch, legen Sie sich doch lieber schnell wieder in die Sonne,
statt solche gottlose Reden zu fhren!< Iwan Iwanowitsch wird sehr bse,
wenn er eine Fliege in der Suppe findet -- er gert auer sich, wirft
den Teller hin, und der Wirt bekommt etwas zu hren. Iwan Nikiforowitsch
badet ungemein gern, und wenn er bis zum Halse im Wasser sitzt, liebt er
es sehr, sich ein Tischchen mit der Teemaschine ins Wasser stellen zu
lassen und in der khlen Flut Tee zu trinken. Iwan Iwanowitsch rasiert
sich zweimal wchentlich, Iwan Nikiforowitsch nur einmal. Iwan
Iwanowitsch ist sehr neugierig, Gott bewahre einen jeden davor, ihm
etwas zu erzhlen, und nicht bis zum Schlu zu kommen. Ist er
unzufrieden, so sieht man es ihm sogleich an. uerlich ist es Iwan
Nikiforowitsch sehr schwer anzusehen, ob er zufrieden oder rgerlich ist
-- selbst wenn er sich ber etwas freut, so lt er es sich nicht
merken. Iwan Iwanowitsch hat einen etwas ngstlichen Charakter -- ganz
anders wie Iwan Nikiforowitsch, der so faltenreiche Pluderhosen trgt,
da sie, wenn man sie aufblasen wollte, den Hof mit allen Scheuern und
Wirtschaftsgebuden in sich fassen wrden. Iwan Iwanowitsch hat groe,
ausdrucksvolle tabakfarbene Augen, und sein Mund hat die Form des
Buchstabens V. Iwan Nikiforowitsch hat kleine, gelbliche Augen, die ganz
zwischen den dicken Backen und den buschigen Brauen verschwinden, und
seine Nase gleicht einer reifen Pflaume. Wenn Ihnen Iwan Iwanowitsch
eine Prise anbietet, leckt er erst den Deckel der Tabakdose ab, klopft
mit dem Finger auf sie, reicht sie Ihnen hin und sagt, wenn Sie gut mit
ihm bekannt sind: >Mein Herr, darf ich Sie bitten, sich zu bedienen!<
Sind Sie ihm dagegen fremd, so spricht er: >Mein Herr, ich habe nicht
die Ehre, Ihren Rang und Namen zu kennen, darf ich Sie bitten, sich zu
bedienen!< Iwan Nikiforowitsch dagegen gibt Ihnen einfach die Dose in
die Hand und sagt ganz kurz: >Bedienen Sie sich.< Beide -- Iwan
Iwanowitsch sowohl wie Iwan Nikiforowitsch mgen die Flhe nicht leiden,
und lassen daher nie einen Handelsjuden vorbergehn, ohne ihm ein
Elixier oder ein Pulver gegen diese Insekten abzukaufen -- natrlich
erst, nachdem sie ihn gehrig wegen seines Glaubens ausgescholten haben.

brigens sind beide, sowohl Iwan Iwanowitsch als auch Iwan
Nikiforowitsch, abgesehen von einigen Verschiedenheiten, ganz prchtige
Menschen.


                           Zweites Kapitel.

       Aus welchem man erfahren kann, was Iwan Iwanowitsch sich
      wnschte, worber Iwan Iwanowitsch und Iwan Nikiforowitsch
          miteinander sprachen, und wie das Gesprch endete.

Eines Morgens -- es war im Juli -- lag Iwan Iwanowitsch unter seinem
Schutzdach. Der Tag war hei, und die Luft war trocken und flutete in
feinen Strmen auf und ab. Iwan Iwanowitsch war schon auerhalb der
Stadt und im Dorf bei den Schnittern gewesen und hatte schon alle Bauern
und Buerinnen, die ihm begegneten, nach dem Woher, Wohin und Warum
ausgefragt; dabei hatte er sich mde gelaufen und wollte nun ausruhen.
Im Liegen betrachtete er lange den Hof, die Vorratskammern, und die im
Hofe herumlaufenden Hhner und dachte sich: Herr Gott, was bin ich doch
fr ein guter Wirt! Was habe ich nicht alles! Speicher, Gebude, Vgel,
alles was das Herz begehrt, Schnpse und Likre, einen Garten mit Birnen
und Pflaumen, Mohn, Kohl und Erbsen ... was fehlt mir noch? Wirklich,
ich mchte wissen, was mir fehlt?

Mit dieser tiefsinnigen Frage beschftigt, versank Iwan Iwanowitsch in
tiefes Nachdenken, unterdessen aber suchten seine Augen nach neuen
Gegenstnden, schweiften ber den Zaun nach Iwan Nikiforowitsch's Haus
und wurden unwillkrlich von einem merkwrdigen Schauspiel gefesselt.

Ein altes hageres Weib trug verschlissene Kleidungsstcke auf den Hof,
um sie eins nach dem andern zum Auslften auf einen ausgespannten Strick
zu hngen. Bald streckte ein alter Waffenrock mit abgeschabten
Aufschlgen seine rmel in die Luft und umarmte ein Jackett aus
Brokatstoff; neben ihm kam eine Livree mit Wappenknpfen und einem von
den Motten zerfressenen Kragen zum Vorschein; ferner ein Paar fleckige
weie Kaschmir-Beinkleider, die einst Iwan Nikiforowitschs Beine
umspannt hatten, jetzt aber bestenfalls fr seine Finger reichen wrden;
dann wieder hing ein anderes Paar in Form eines A da, dann ein blauer
Kosakenrock, den sich Iwan Nikiforowitsch vor 20 Jahren hatte machen
lassen, als er in die Miliz einzutreten gedachte und sich sogar einen
Schnurrbart wachsen lie. Zuletzt kam zu all diesen schnen Sachen auch
noch ein Degen hinzu, der einer Turmspitze glich, die in die Luft starrt
-- dann wieder flatterten die Rocksche eines graugrnen Kaftans mit
talergroen kupfernen Knpfen im Winde, und zwischen den Schen lugte
eine mit Goldborte verzierte, stark ausgeschnittene Weste hervor. Aber
bald wurde die Weste durch einen alten Unterrock der Gromutter
verdeckt, in dessen groen Taschen man ruhig je eine Melone htte
verstecken knnen. Dies ganze Durcheinander gewhrte Iwan Iwanowitsch
einen hchst unterhaltenden Anblick. Die Strahlen der Sonne beleuchteten
bald einen dunkelblauen oder grnen rmel, einen roten Aufschlag und
einen Teil des Goldbrokats oder sie spielten pltzlich um die
Degenspitze und gaben ihr ein ganz ungewhnliches Aussehen. Dieses bunte
Allerlei weckte Erinnerungen an die Weihnachtskrippe, die herumziehende
Tagediebe in den Drfern aufstellen: die herandrngende Volksmenge
betrachtet den Kaiser Herodes mit der goldenen Krone, oder den Anton,
der eine Ziege herumfhrt; hinter der Krippe quietscht eine Geige, ein
Zigeuner ahmt mit seinen Lippen eine Trommel nach, die Sonne geht
allmhlich unter und die angenehme Khle der sdlichen Nacht schmiegt
sich verstohlen um die frischen Schultern und hochatmenden Busen der
drallen Buerinnen.

Nach einiger Zeit kam die Alte wieder sthnend aus der Vorratskammer,
und trug keuchend einen altmodischen Sattel mit abgerissenen
Steigbgeln, abgeschabten ledernen Pistolentaschen und einer Schabracke
auf dem Rcken heraus, die einst purpurrot gewesen und mit
Goldstickereien und Blechplatten verziert war.

So ein dummes Weib, dachte Iwan Iwanowitsch, bald wird sie auch noch
Iwan Nikiforowitsch in eigener Person hinausschleppen und auslften.

Und in der Tat, Iwan Iwanowitschs Vermutung war nicht so ganz unrichtig.
Nach kaum fnf Minuten erschienen Iwan Nikiforowitschs Pumphosen, die
fast die ganze Hlfte des Hofes einnahmen. Dann schleppte sie noch seine
Mtze und eine Flinte heran.

Was soll das bedeuten, dachte Iwan Iwanowitsch. Ich habe frher nie
eine Flinte bei ihm gesehen! Ja, was fllt ihm ein! Er schiet
eigentlich nicht, und hlt sich doch eine Flinte! Was will er mit ihr?
Es ist brigens ein gutes Gewehr! .. ich wollte mir schon lange ein
solches anschaffen. Ich wnschte sehr, so eine Flinte zu haben ... ich
spiele zu gern mit so einem Flintchen ... He, Alte, Alte! schrie Iwan
Iwanowitsch, und winkte mit dem Finger.

Die Alte kam an den Zaun.

Was hast du da, gute Alte?

Sie sehen doch selbst, eine Flinte.

Was fr eine Flinte?

Was wei ich. Wenn sie mir gehrte, wrde ich vielleicht wissen, woraus
sie gemacht ist, aber sie gehrt doch dem Herrn.

Iwan Iwanowitsch stand auf, besah sich die Flinte von allen Seiten, und
verga ganz, die Alte dafr zu schelten, da sie auch Degen und Flinte
zum Lften herausgebracht hatte.

Wahrscheinlich ist sie aus Eisen, meinte die Alte.

Hm, hm, aus Eisen. Warum sollte sie gerade aus Eisen sein? murmelte
Iwan Iwanowitsch. Hat dein Herr sie schon lange?

Vielleicht -- es ist mglich, da er sie schon lange hat.

Ein vortreffliches Gewehr, fuhr Iwan Iwanowitsch fort. Ich werde es
mir von ihm ausbitten. Wozu braucht er eine Flinte? Oder ich tausche sie
gegen etwas anderes ein. Sag mal Alte, ist dein Herr zu Hause?

Freilich.

Er hat sich wohl hingelegt?

Jawohl.

Gut. Ich werde zu ihm gehen.

Iwan Iwanowitsch zog sich an und nahm einen Knotenstock mit sich, den er
als Waffe gegen die Hunde brauchte; denn in Mirgorod begegnet man auf
der Strae mehr Hunden als Menschen. Dann machte er sich auf den Weg.

Obwohl die Hfe Iwan Iwanowitschs und Iwan Nikiforowitschs aneinander
grenzten, und man aus dem einen in den andern hinbersteigen konnte,
ging Iwan Iwanowitsch doch ber die Strae. Nach dieser Strae mute er
eine kleine Gasse passieren, die ganz ungewhnlich schmal war; wenn es
geschah, da zwei Einspnner sich hier begegneten, so konnten sie nicht
aneinander vorbei und muten so lange stillstehen, bis sie jemand an den
Hinterrdern packte und in die Strae zurckzog. Der Fugnger aber kam
wie mit Blumen geschmckt aus dieser Gasse heraus, da zu beiden Seiten
des Zaunes die Kletten aufs schnste gediehen. An diese Gasse stie
sowohl die Scheune Iwan Iwanowitschs, als auch ein Kornspeicher Iwan
Nikiforowitschs, und ebenso sein Tor und sein Taubenschlag. Iwan
Iwanowitsch trat ans Tor und rttelte an der Trklinke. Aus dem Innern
erscholl Hundegebell, als aber die buntscheckige Gesellschaft sah, da
ein guter Bekannter den Hof betrat, zog sie sich schweifwedelnd zurck.
Iwan Iwanowitsch durchschritt den Hof, auf dem ein buntes Drunter und
Drber herrschte: indische Tauben, die der Besitzer eigenhndig zu
fttern pflegte, Melonen- und Wassermelonenschalen, verstreutes Gemse,
ein zerbrochenes Rad, ein Fareifen, dazwischen ein kleiner Junge in
einem schmutzigen Hemdchen -- mit einem Wort, ein Anblick, wie die Maler
ihn lieben! Die ausgehngten Kleider hllten den ganzen Hof in ihre
Schatten ein und verliehen ihm eine gewisse Khle. Die Alte begrte
Iwan Iwanowitsch mit einer Verbeugung, rhrte sich aber nicht vom Flecke
und ghnte. Vor dem Hause befand sich eine zierliche Treppe mit einem
Schutzdach, das von zwei Eichenpfosten gesttzt wurde: brigens ein sehr
unzureichendes Mittel gegen die Sonne, denn Frau Sonne liebt um diese
Zeit in Kleinruland nicht zu spaen und badet den Spaziergnger von
Kopf bis zu Fu in Schwei. Dies zeigt brigens, wie gro das Verlangen
Iwan Iwanowitschs nach dem so unentbehrlichen Dinge war, da er sich um
diese Zeit hinausgewagt hatte und somit seiner Gewohnheit, das Haus erst
des Abends zu einem Spaziergang zu verlassen, untreu geworden war.

Das Zimmer, welches Iwan Iwanowitsch betrat, war ganz dunkel und die
Lden waren geschlossen. Nur durch das Guckloch im Laden fielen ein paar
Sonnenstrahlen, spielten in Regenbogenfarben und malten eine bunte
Landschaft an die gegenberliegende Wand: da sah man binsengedeckte
Dcher, Bume, die ausgehngten Kleidungsstcke usw. -- alles natrlich
auf den Kopf gestellt, wodurch das Zimmer in ein wundersames, helles
Dmmerlicht gehllt wurde.

Gott helf, sagte Iwan Iwanowitsch.

Guten Tag, Iwan Iwanowitsch, antwortete eine Stimme aus der
Zimmerecke. Erst jetzt bemerkte Iwan Iwanowitsch Iwan Nikiforowitsch,
der auf einem ausgebreiteten Teppich am Boden lag.

Entschuldigen Sie bitte, da ich mich Ihnen im Adamskostm
prsentiere.

Iwan Nikiforowitsch lag ganz nackt und ohne Hemd da.

Bitte, bitte. Haben Sie gut geschlafen, Iwan Nikiforowitsch?

Ausgezeichnet. Und Sie, Iwan Iwanowitsch?

Ich habe auch gut geschlafen.

Sie sind wohl erst eben aufgestanden?

Was? ich soll erst eben aufgestanden sein? Gott behte, Iwan
Nikiforowitsch, wie kann man so lange schlafen. Ich komme eben aus dem
Dorf zurck -- berall wo man hinkommt -- giebt's herrliches Getreide,
groartig sag ich Ihnen! Auch das Heu ist lang, weich und saftig.

Gorpina, schrie Iwan Nikiforowitsch, bring Iwan Iwanowitsch einen
Schnaps und ein paar Rahmkuchen.

Ein herrliches Wetter heut.

Ach loben Sie es doch nicht, Iwan Iwanowitsch. Hol's der Teufel -- man
kommt ja um vor Hitze.

Ist es denn durchaus ntig, den Teufel anzurufen? Ach, Iwan
Nikiforowitsch, Sie werden noch an mich denken, wenn es zu spt sein
wird. Jawohl, Sie werden im Jenseits fr Ihre gottlosen Reden ben
mssen.

Womit habe ich Sie denn beleidigt, Iwan Iwanowitsch? Ich habe doch
weder Ihren Vater noch Ihre Mutter beschimpft. Ich verstehe nicht,
wodurch ich Sie gekrnkt haben knnte.

Lassen wir das, Iwan Nikiforowitsch, lassen wir das.

Bei Gott, ich wollte Sie nicht krnken, Iwan Iwanowitsch.

Merkwrdig, da die Wachteln noch immer nicht ins Rohr gehen.

Wie Sie wollen, Iwan Iwanowitsch, denken Sie was Sie wollen -- ich
hatte wirklich nicht die Absicht, Sie zu krnken.

Ich begreife nicht, warum Sie nicht hineingehen, sagte Iwan
Iwanowitsch, als habe er die Worte gar nicht gehrt. Vielleicht ist
noch die Zeit dazu nicht gekommen, aber mir scheint, es wre jetzt die
rechte Zeit.

Sie sagen, da das Getreide gut steht?

Herrlich, ganz herrlich!

Nun folgte eine lange Pause.

Iwan Nikiforowitsch, warum lassen Sie denn pltzlich alle Ihre Kleider
heraushngen, fragte endlich Iwan Iwanowitsch.

Ach, die verfluchte Alte hat meine guten und fast neuen Kleidungsstcke
verschimmeln lassen: jetzt lasse ich alles auslften; das Tuch ist noch
fein, es ist noch ganz ausgezeichnet, einiges braucht man nur wenden zu
lassen, dann kann man es wieder tragen.

Etwas hat mir besonders gefallen, Iwan Nikiforowitsch.

Was denn?

Sagen Sie bitte, wozu brauchen Sie diese Flinte? Da ist doch eine
Flinte mit herausgehngt! Bei diesen Worten reichte Iwan Iwanowitsch
seinem Freunde eine Prise. Darf ich Sie bitten, sich zu bedienen?

Bitte bedienen sie sich selbst, ich nehme von meinem eigenen, dabei
tastete Iwan Nikiforowitsch mit den Hnden umher und fand endlich seine
Dose. So ein dummes Weib! Sie will die Flinte also auch auslften? Der
Jude in Sorotschintzy macht einen ausgezeichneten Tabak. Ich wei nicht,
was er hineintut -- es ist so etwas Aromatisches, und erinnert ein wenig
an Krauseminze. Aber bedienen Sie sich doch.

Hm, sagen Sie doch Iwan Nikiforowitsch, um wieder auf die Flinte
zurckzukommen, was wollen Sie mit ihr anfangen? Sie brauchen sie doch
nicht?

Ich brauche sie nicht? Ja und wenn ich nun einmal schieen will?

Gott behte sie, Iwan Nikiforowitsch, wann wollen Sie denn schieen?
Vielleicht beim jngsten Gericht? So viel ich wei und von andern
erfahren konnte, haben Sie noch nie eine Ente gettet, ja Gott der Herr
hat Ihnen auch gar nicht die Natur dazu gegeben, da Sie schieen
sollten. Sie haben eine stattliche Figur, ein elegantes Auftreten: wie
wollen Sie in den Smpfen umherwaten, wenn das Kleidungsstck, das ich
aus Anstandsrcksichten nicht nennen mchte, schon jetzt ausgelftet
werden mu? Was wird erst dann sein? Was Sie brauchen, ist Ruhe,
Erholung. (Wir haben schon oben erwhnt, da Iwan Iwanowitsch
ungewhnlich schn sprechen konnte, wenn es galt, jemanden zu
berzeugen. Nein, wie er redete, Herrgott, wie er redete!) Ja, ja,
Ihnen stehen nur edle Handlungen an. Was meinen Sie, wie wr's, wenn Sie
mir die Flinte geben wrden?

Wie knnte ich! So eine teure Flinte! So eine ist fr kein Geld mehr zu
haben. Die stammt noch aus der Zeit, als ich in die Miliz eintreten
wollte, da habe ich sie von einem Tataren erstanden, und jetzt sollte
ich sie so mir nichts dir nichts weggeben? Ich bitte Sie, das ist doch
ein unentbehrliches Instrument.

Unentbehrlich? Wozu?

Wozu -- wozu? Und wenn nun Ruber mein Haus berfallen! Ausgezeichnet!
Nicht unentbehrlich! ... Gottlob, jetzt bin ich ruhig und frchte mich
vor nichts; denn ich wei, in meiner Kammer steht eine Flinte!

Eine nette Flinte, Iwan Nikiforowitsch, der Hahn ist ja total
verdorben!

Was macht denn das? Und wenn der Hahn nun wirklich verdorben wre! Man
kann ihn doch reparieren! Man mu ihn nur ein bichen mit Hanfl
einschmieren, damit er nicht rostet!

Nach Ihren Worten knnte man vermuten, da Sie nicht die geringste
Freundschaft fr mich hegen, Iwan Nikiforowitsch, Sie wollen mir
durchaus kein Zeichen Ihrer Sympathie geben?

Iwan Iwanowitsch, wie knnen Sie sagen, da ich Ihnen kein Zeichen
meiner Sympathie gebe. Schmen Sie sich! Ihre Ochsen weiden auf meiner
Wiese, und ich habe sie noch nie zum Pflgen benutzt. Jedesmal, wenn Sie
nach Poltawa fahren, bitten Sie mich um meinen Wagen, und habe ich es
Ihnen je abgeschlagen? Ihre Kinder klettern ber den Zaun, springen in
meinen Garten und spielen mit meinen Hunden -- und ich sage nichts;
mgen sie doch spielen, solange sie nur nichts anrhren, mgen sie doch
spielen ...

Nun, wenn Sie mir Ihre Flinte durchaus nicht verehren wollen -- so
wollen wir tauschen.

Und was wrden Sie mir dafr geben? Bei diesen Worten sttzte sich
Iwan Nikiforowitsch auf seinen Arm und sah Iwan Iwanowitsch ins Gesicht.

Ich wrde Ihnen das braune Schwein dafr geben, das ich in meinem Stall
gemstet habe. Eine groartige Sau! Passen Sie auf -- im nchsten Jahre
wirft sie Ihnen schon Ferkel.

Ich verstehe nicht, Iwan Iwanowitsch, wie Sie so sprechen knnen. Was
soll ich mit Ihrem Schwein? Soll ich etwa dem Teufel ein Fest geben?

Schon wieder! Sie knnen nicht reden, ohne den Teufel anzurufen. Es ist
eine Snde, Iwan Nikiforowitsch, bei Gott, es ist eine Snde!

Sie sind mir der Rechte, Iwan Iwanowitsch! Fr eine Flinte bieten Sie
mir wei der Teufel was -- eine Sau!

Warum ist eine Sau wei der Teufel was, Iwan Nikiforowitsch?

Warum? Bitte urteilen Sie doch selbst: eine Flinte -- da wei doch
jeder, was das fr ein Gegenstand ist -- und Sie bieten mir wei der
Teufel was -- eine Sau! Wren Sie es nicht, der mir diesen Vorschlag
machte, ich knnte es wahrhaftig fr eine Beleidigung halten.

Was finden Sie denn so Schlimmes an einem Schwein?

Ja fr was halten Sie mich denn eigentlich, da ich ein Schwein ...

Bitte setzen Sie sich, setzen Sie sich, ich rede nicht mehr davon.
Behalten Sie Ihre Flinte; mge sie in irgend einem Winkel Ihrer Kammer
verrosten und verderben -- ich rede kein Wort mehr davon.

Hier trat eine lange Pause ein.

Man spricht davon, begann endlich Iwan Iwanowitsch, da drei Knige
unserm Kaiser den Krieg erklrt haben.

Ja, Peter Fjodorowitsch erzhlte mir davon. Was ist das fr ein Krieg?
Warum fhrt man ihn?

Das kann ich nicht genau sagen, Iwan Nikiforowitsch, antwortete Iwan
Iwanowitsch, ich glaube, die Knige verlangen von uns, da wir alle den
trkischen Glauben annehmen sollen.

Sieh einer an, was die Narren ausgeheckt haben, sagte Iwan
Nikiforowitsch und hob den Kopf in die Hhe.

Verstehen Sie? Der Kaiser aber hat ihnen den Krieg erklrt. Nehmt mal
lieber selber den christlichen Glauben an! sagte er.

Was meinen Sie, Iwan Iwanowitsch, die Unsern werden sie doch besiegen?

Ganz sicher, Iwan Nikiforowitsch! Sie wollen mir also Ihre Flinte nicht
eintauschen?

Ich bin wirklich erstaunt, Iwan Iwanowitsch, ich glaubte immer, Sie
seien ein Mann von einer gewissen Bildung, und heute reden Sie wie ein
Kind. Bin ich denn ein Narr?

Bleiben Sie sitzen, bleiben Sie sitzen, Gott mit ihr, mag sie
verrosten, ich sage kein Wort mehr.

In diesem Augenblick wurde der Imbi aufgetragen.

Iwan Iwanowitsch nahm einen Schnaps und a einen Rahmkuchen dazu. Hren
Sie, Iwan Nikiforowitsch, ich gebe Ihnen auer dem Schwein noch zwei
Scke Hafer; Sie haben ja keinen gest. Sie mssen also dieses Jahr
sowieso welchen kaufen.

Bei Gott, Iwan Iwanowitsch, um mit Ihnen zu reden -- mu man Erbsen
gefressen haben. (Das war noch gar nichts, Iwan Nikiforowitsch konnte
noch ganz andere Sachen vom Stapel lassen.) Wo in aller Welt ist es
erhrt, da man eine Flinte fr zwei Scke Hafer eingetauscht htte?
Ihre Pekesche werden Sie mir wohl nicht anbieten, da bin ich sicher.

Sie vergessen, Iwan Nikiforowitsch, da Sie noch das Schwein dazu
bekommen.

Was, zwei Scke Hafer und ein Schwein fr eine Flinte?

Ist das vielleicht zu wenig?

Fr eine Flinte?

Jawohl, fr eine Flinte!

Zwei Scke fr eine Flinte?

Die Scke sind doch nicht leer, sondern voll Hafer. Und das Schwein --
das Schwein haben Sie vergessen?

Geben Sie doch Ihrem Schwein einen Ku, oder wenn's Ihnen besser pat:
dem Teufel.

Weh dem, der mit Ihnen anbindet! Warten Sie ab, fr solche gottlose
Reden wird man Ihnen in jener Welt die Zunge mit glhenden Nadeln
spicken! Wenn man mit Ihnen gesprochen hat, mu man sich wahrhaftig Kopf
und Hnde waschen, und den ganzen Krper ausruchern!

Gestatten Sie, Iwan Iwanowitsch, eine Flinte ist ein nobler Gegenstand,
mit dem man sich aufs schnste unterhalten kann, und zugleich der
angenehmste Zimmerschmuck ...

Iwan Nikiforowitsch, Sie sprechen von Ihrer Flinte grad wie der Narr
von seinem Futtersack, sagte Iwan Iwanowitsch, der allmhlich anfing,
rgerlich zu werden.

Und Sie, Iwan Iwanowitsch, Sie sind der reinste Gnserich!

Htte Iwan Nikiforowitsch nur gerade dies Wort nicht gebraucht, die
beiden Freunde htten sich gestritten und wren dann wie immer in aller
Freundschaft geschieden; jetzt aber passierte etwas ganz anderes. Iwan
Iwanowitsch wurde feuerrot. Was haben Sie da gesagt, Iwan
Nikiforowitsch? fragte er mit erhobener Stimme.

Ich sage, da Sie einem Gnserich gleichen, Iwan Iwanowitsch.

Was wagen Sie, mein Herr! Sie vergessen allen Anstand, Sie vergessen
alle Achtung, die Sie meinem Stande und meiner Familie schuldig sind!
Wie knnen Sie es wagen, einen Menschen mit einem so schimpflichen Namen
zu belegen?

Was ist denn Schimpfliches daran? Und was fuchteln Sie so mit den
Hnden, Iwan Iwanowitsch?

Ich wiederhole. Wie konnten Sie es wagen, den Anstand so grblich zu
verletzen und mich einen Gnserich zu nennen?

Ich huste Ihnen was, Iwan Iwanowitsch! Was gackern Sie denn so?

Jetzt konnte sich Iwan Iwanowitsch nicht lnger beherrschen. Seine
Lippen zitterten, sein Mund verlor die gewhnliche Form (aus dem V wurde
ein O), er blinzelte so mit den Augenwimpern, da einem angst und bange
werden konnte. Das passierte Iwan Iwanowitsch uerst selten, er mute
schon auerordentlich erzrnt sein. So erklre ich Ihnen hiermit, rief
Iwan Iwanowitsch, von heute ab kenne ich Sie nicht mehr!

Groes Unglck! Bei Gott, das soll mir keine Trne auspressen,
antwortete Iwan Nikiforowitsch. -- Aber er log, bei Gott, er log. Es tat
ihm schrecklich leid.

Ich werde nie wieder die Schwelle Ihres Hauses betreten!

Aha! rief Iwan Nikiforowitsch; er wute vor Verdru nicht, was er tun
sollte -- und sprang ganz gegen seine Gewohnheit auf.

Hallo Alte.

In der Tr erschienen das alte drre Weib und ein kleiner Junge, der in
einem groen langen Rock steckte und sich bestndig darin verwickelte.

Nehmen Sie Iwan Iwanowitsch bei der Hand und fhren Sie ihn hinaus!

Was? Mich? Einen Edelmann? rief Iwan Iwanowitsch voller Wrde und
Entrstung. Wagt es nur, in meine Nhe zu kommen. Ich vernichte Euch
samt Eurem dummen Herrn. Und keine Krhe soll Euer Grab finden! (Iwan
Iwanowitsch konnte sehr wuchtig sprechen, wenn er bis in die tiefste
Seele erschttert war.)

Die ganze Gruppe hatte etwas Imposantes an sich. In der Mitte des
Zimmers stand Iwan Nikiforowitsch in seiner ganzen nackten Schnheit
ohne jede Dekoration; dazu die Alte mit aufgerissenem Munde, einem
dummen Gesicht und gengstigter Miene! Iwan Iwanowitsch aber stand da
wie ein rmischer Tribun mit erhobener Rechte -- es war ein gewaltiger
Augenblick, ein Schauspiel von wunderbarer Gre! Und doch war nur ein
Zuschauer da: der Knabe in dem Uniformrock, der ruhig dastand und sich
mit dem Finger die Nase putzte. Endlich ergriff Iwan Iwanowitsch seine
Mtze. Sie benehmen sich sehr vornehm, Iwan Nikiforowitsch, sehr
vornehm. Ich werde es nicht vergessen.

Gehen Sie, Iwan Iwanowitsch, gehen Sie! Sehen Sie sich vor, da Sie mir
nicht in den Weg kommen, sonst .... ich knnte Ihnen, Iwan Iwanowitsch
.... ich knnte Ihnen ihre ganze Visage verbluen!

Daraus mache ich mir soviel, Iwan Nikiforowitsch, antwortete Iwan
Iwanowitsch, drehte ihm eine lange Nase, und warf die Tre ins Schlo.
Man hrte sie jedoch sofort wieder knarren, sie ffnete sich, und Iwan
Nikiforowitsch erschien in der Trffnung. Er wollte noch etwas sagen --
aber Iwan Iwanowitsch eilte davon, ohne sich umzusehen.


                           Drittes Kapitel.

        Was nach dem Streit zwischen Iwan Iwanowitsch und Iwan
                       Nikiforowitsch geschah.

So entzweiten sich die beiden Ehrenmnner, Mirgorods Stolz und Zierde;
sie entzweiten sich -- und warum? Wegen einer Kleinigkeit! wegen eines
Gnserichs! Sie mieden sich, und brachen alle Beziehungen zueinander ab,
sie, die doch frher als unzertrennliches Freundespaar gegolten hatten!
Frher hatten sie jeden Tag zueinander geschickt und sich gegenseitig
nach ihrem Befinden erkundigt, oder auf ihren Balkonen ausgestreckt
miteinander geplaudert und sich so viel Angenehmes gesagt, da es ein
Vergngen war, ihnen zuzuhren. Des Sonntags gingen sie oft -- Iwan
Iwanowitsch in seiner vornehmen Pekesche und Iwan Nikiforowitsch in
seinem gelblich-braunen, leinenen Kosakenrock -- Arm in Arm zur Kirche;
und wenn Iwan Iwanowitsch, der sich durch sein scharfes Auge
auszeichnete, zuerst eine Pftze oder einen Schmutzhaufen auf der Strae
erblickte -- was auch in Mirgorod manchmal vorkommt -- dann sagte er
immer zu Iwan Nikiforowitsch: Geben Sie acht, bitte treten Sie nicht
hierher, hier ist etwas nicht ganz in Ordnung. Aber auch Iwan
Nikiforowitsch lie es nicht an rhrenden Freundschaftsdiensten fehlen.
So weit entfernt er auch von Iwan Iwanowitsch stehen mochte, stets hielt
er ihm die Dose hin und murmelte, Bitte bedienen Sie sich. Und welch
herrlichen Hausstand hatten beide! .... Und diese beiden Freunde ....!
Als ich es erfuhr, war ich wie vom Blitz getroffen. Ich wollte es lange
Zeit nicht glauben. Gerechter Gott! Iwan Iwanowitsch hat sich mit Iwan
Nikiforowitsch entzweit! Diese Ehrenmnner! Was ist noch von Dauer auf
dieser Erde?

Als Iwan Iwanowitsch nach Hause kam, war er in heftiger Erregung. Sonst
ging er gewhnlich in den Stall, um nachzusehen, ob die junge Stute auch
ihr Heu fra (Iwan Iwanowitsch hatte eine hellbraune Stute mit einem
weien Fleck auf der Stirn -- ein reizendes Pferdchen), dann ftterte er
eigenhndig die Truthhner und die Ferkel, und ging endlich wieder ins
Haus zurck, um Holzgeschirr zu schnitzen (er war uerst geschickt, und
stellte die verschiedensten Gegenstnde aus Holz her wie der gewandteste
Drechsler), oder er las in einem Buche, das bei Ljubi, Gari und Popow
gedruckt war (an den Titel erinnerte sich Iwan Iwanowitsch nicht mehr,
die Dienstmagd hatte vor lngerer Zeit die obere Hlfte des Titelblattes
abgerissen, und einem Kinde zu spielen gegeben), oder er legte sich
unter das Schutzdach und ruhte aus. Heute aber tat er nichts von
alledem. Im Gegenteil, er schalt Gapka, die ihm gerade entgegenkam, aus,
weil sie mig umher schlendere, obgleich sie Grtze nach der Kche
trug, und warf einen Stock nach einem Hahn, der bis an die Treppe
herangekommen war, um das gewohnte Futter in Empfang zu nehmen. Und als
ihm der kleine schmutzige Junge im zerrissenen Hemdchen entgegenlief,
und Papa, Papa, einen Kuchen zu schreien anfing, drohte er ihm mit dem
Finger und stampfte so laut mit dem Fue, da der erschreckte Knabe sich
schleunigst aus dem Staube machte.

Endlich besann er sich jedoch und nahm seine gewohnte Beschftigung
wieder auf. Er a sehr spt zu Mittag, und es dmmerte schon, als er
sich auf der Veranda zur Ruhe niederlegte. Die ausgezeichnete Rbensuppe
mit Tubchen, die Gapka zubereitet hatte, verbannte die Ereignisse des
Morgens vollstndig aus seinem Gedchtnis.

Wieder begann Iwan Iwanowitsch mit Vergngen nach allem zu sehen, was in
seinem Haushalt vorging, und als seine Augen ber des Nachbars Hof
glitten, sagte er, wie im Selbstgesprch zu sich: heut war ich ja noch
nicht bei Iwan Nikiforowitsch, ich mu doch mal rbergehn. Hierauf nahm
er seine Mtze und seinen Stock und ging auf die Strae, aber kaum hatte
er das Haustor verlassen, als ihm sein Streit mit dem Nachbar einfiel.
rgerlich spuckte er aus und ging wieder in das Haus hinein. Ein
hnlicher Vorgang spielte sich auf dem Hofe des Iwan Nikiforowitsch ab.
Iwan Iwanowitsch sah, wie die Alte schon den Fu auf den Zaun setzte, um
in seinen Hof zu klettern, als pltzlich Iwan Nikiforowitschs Stimme
erscholl: Zurck, zurck, es ist nicht ntig. Iwan Iwanowitsch wurde
sehr traurig. Es ist sehr mglich, da sich die beiden Ehrenmnner schon
am nchsten Tage wieder vershnt htten, wenn nicht ein ganz besonderes
Ereignis im Hause Iwan Nikiforowitschs jede Hoffnung auf eine Einigung
vernichtet und l in die schon verglimmende Flamme der Feindschaft
gegossen htte.

Am Abend dieses Tages kam Agafja Fedosiewna zu Iwan Nikiforowitsch.
Agafja Fedosiewna war weder verwandt noch verschwgert mit Iwan
Nikiforowitsch, sie war nicht einmal seine Gevatterin. Eigentlich hatte
sie also gar keinen Grund, ihn zu besuchen, und er war auch nicht
sonderlich erfreut ber ihre Anwesenheit: aber nichtsdestoweniger kam
sie fters zu ihm und blieb mitunter einige Wochen und noch lnger bei
ihm. Dann nahm sie die Schlssel und die ganze Wirtschaft unter ihre
Obhut. Das war nun Iwan Nikiforowitsch sehr unangenehm, aber zum
allgemeinen Erstaunen gehorchte er ihr wie ein Kind, und so oft er mit
ihr in Streit geriet, zog er immer den krzeren.

Ich mu gestehn, ich begreife es nicht, warum es in der Welt so
eingerichtet ist, da uns die Frauen so geschickt an der Nase zu packen
wissen, wie den Henkel einer Teekanne. Sind vielleicht ihre Hnde
besonders dazu geeignet, oder taugen unsere Nasen zu nichts anderem?
Obschon Iwan Nikiforowitschs Nase eine groe hnlichkeit mit einer
Pflaume hatte, packte sie ihn doch an dieser Nase und zog ihn wie ein
Hndchen hinter sich her. Whrend ihrer Anwesenheit vernderte er sogar
unwillkrlich seine gewohnte Lebensweise: er lag nicht soviel in der
Sonne, und wenn er es tat, nicht mehr nackt, sondern mit Hemd und Hosen
bekleidet da, obwohl Agafja Fedosiewna gar keinen Wert darauf legte; sie
liebte es, keine Umstnde zu machen, und als Iwan Nikiforowitsch einmal
das Fieber bekam, rieb sie ihn eigenhndig vom Kopf bis zu den Fen mit
Terpentin und Essig ein. Agafja trug eine Haube auf dem Kopfe, hatte
drei Warzen auf der Nase, und ging in einem kaffeebraunen Morgenkleid
mit gelben Blumen einher. Ihre Figur hnelte einem Fa, und darum war es
ebenso schwer, ihre Taille zu entdecken, wie ohne Spiegel seine eigene
Nase zu sehen. Ihre Beinchen waren kurz und hatten die Form zweier
Kissen. Des Morgens a sie gesottene Rben, sie verstand es, zu
klatschen und meisterlich zu schimpfen, aber whrend all dieser
mannigfaltigen Bettigungsweisen vernderte sich ihr Gesichtsausdruck
nicht einen Augenblick -- eine Erscheinung, die nur bei Frauen zu
beobachten ist.

Seit sie angekommen war, ging alles drunter und drber. Iwan
Nikiforowitsch, vershne dich nicht mit ihm, bitte ihn nicht um
Verzeihung, er will dich ins Unglck strzen, das ist so ein Mensch! Du
kennst ihn noch nicht! Und das verdammte Weib schwatzte und lag ihm
fortwhrend in den Ohren, und die Folge war, da Iwan Nikiforowitsch
nichts mehr von Iwan Iwanowitsch wissen wollte.

Alles nahm jetzt ein anderes Aussehen an; wenn der Hund des Nachbarn auf
den Hof kam, griff man zum ersten besten Gegenstand, den man in die Hand
bekam, und verabfolgte ihm eine Tracht Prgel; wenn einmal ein Kind ber
den Zaun kletterte, kam es heulend zurck, hob das Hemdchen in die Hhe
und zeigte die Striemen auf seinem Rcken; selbst die Alte betrug sich
so unanstndig, da Iwan Iwanowitsch, dieser delikate Mensch, als er
eines Tages eine Frage an sie richtete, nur auszuspucken vermochte, und
vor sich hinmurmelte: Ein widerliches Weib -- die ist noch schlimmer
als ihr Herr.

Und endlich, um das Ma der Krnkungen voll zu machen, baute der
verhate Nachbar, gegenber Iwan Iwanowitschs Haus, gerade an der
Stelle, wo man so bequem hinbersteigen konnte, einen Gnsestall, nur,
um seine Beleidigung noch besonders zu verschrfen. Dieser, fr Iwan
Iwanowitsch so peinliche Bau wurde mit geradezu diabolischer
Schnelligkeit, im Laufe eines Tages hergestellt.

Iwan Iwanowitschs Wut war grenzenlos, er sehnte sich nach Rache.
brigens lie er sich seinen rger nicht merken, obgleich der Stall
sogar einen Teil seines Terrains einnahm. Aber sein Herz pochte so
heftig, da es ihm ungemein schwer fiel, die uere Ruhe zu wahren.

So verbrachte er den Tag und die Nacht kam heran. ... Oh, wenn ich ein
Maler wre, -- wie wollte ich die Herrlichkeit der Nacht auf die
Leinwand bannen. Ich wrde darstellen, wie ganz Mirgorod schlft, wie
zahllose Sterne unbewegt herniederblicken, wie nahes und entfernteres
Hundegebell die tiefe Stille durchbricht, wie der verliebte Kster
herbeigelaufen kommt und mit ritterlicher Furchtlosigkeit ber den Zaun
klettert, wie die weien Huser im Mondschein noch viel weier und die
sie beschattenden Bume noch viel dunkler erscheinen; schwrzer als
sonst ruht der Schatten der Bume auf der Erde, Blumen und Grser
beginnen strker zu duften, und die Heimchen, diese unermdlichen Ritter
der Nacht, lassen von allen Seiten ihre schrillen Lieder erklingen. Ich
wrde darstellen, wie in einer der niedrigen Lehmhtten die
schwarzgelockte Bewohnerin auf einsamem Lager hingestreckt, mit wogendem
Busen von einem Husaren mit Sporen und Schnurrbart trumt, whrend die
Strahlen des Mondes auf ihren Wangen spielen. Ich wrde malen, wie der
dunkle Schatten einer Fledermaus ber den weien Weg huscht und sich auf
den weien Schornsteinen der Stadt niederlt. Allein Iwan Iwanowitsch
zu malen, der in dieser Nacht mit der Sge in der Hand aus seinem Hause
trat: das wrde mir kaum gelingen. Zu zahlreich waren die Gefhle, die
sich in seinem Antlitz spiegelten! Leise, ganz leise schlich er zum
Gnsestall. Iwan Nikiforowitschs Hunde wuten noch nichts von dem Streit
ihrer Herren, und erlaubten ihm daher als einem alten Freunde, dicht an
den Stall heranzuschleichen, der auf vier Eichenpfhlen stand. Als er
sich an den einen Pfosten herangedrngt hatte, legte er die Sge an und
begann zu sgen. Der Lrm, welchen die Sge verursachte, zwang ihn, sich
in einem fort umzusehen, aber der Gedanke an die erlittene Schmach gab
ihm immer wieder neuen Mut. Der erste Pfahl war durchgesgt, und Iwan
Iwanowitsch machte sich an den zweiten. Seine Augen brannten, und vor
Angst vermochte er nichts zu sehen. Pltzlich schrie Iwan Iwanowitsch
auf, er erstarrte und glaubte einen Leichnam vor sich zu sehen, aber er
ermannte sich bald wieder, als er sah, da es nur eine Gans war, die den
Hals nach ihm ausstreckte. rgerlich spuckte Iwan Iwanowitsch aus, und
setzte seine Arbeit fort. Der zweite Pfahl war durchgesgt, -- der Bau
erzitterte. Als Iwan Iwanowitsch den dritten Pfosten in Angriff nahm,
schlug sein Herz so heftig, da er seine Arbeit einigemale unterbrechen
mute. Schon war mehr als die Hlfte des Pfahls durchgesgt, als
pltzlich das ganze schwankende Gebude zu erzittern begann -- Iwan
Iwanowitsch hatte kaum Zeit beiseite zu springen -- da strzte es auch
schon krachend zusammen. Die Sge krampfhaft in der Hand haltend, lief
er tdlich erschreckt in sein Haus und warf sich auf sein Bett; er hatte
nicht den Mut, durch das Fenster die Folgen seiner furchtbaren Tat zu
beobachten. Ihm schien, als ob alle Knechte und Mgde Iwan
Nikiforowitschs sich versammelt htten -- das alte Weib, Iwan
Nikiforowitsch, der Junge in dem unendlichen Rock, sie alle kamen mit
Keulen bewaffnet und von Agafja Fedosiewna gefhrt heran, um sein Haus
zu zertrmmern.

Den ganzen folgenden Tag brachte Iwan Iwanowitsch wie im Fieber zu. Er
glaubte, da seine verhaten Gegner ihm aus Rache mindestens das Haus
anznden wrden, und daher befahl er Gapka in einem fort, berall
nachzusehen, ob nicht irgendwo trockenes Stroh herumliege. Um jeder
Gefahr vorzubeugen, beschlo er endlich, Iwan Nikiforowitsch
zuvorzukommen, und beim Mirgoroder Kreisgericht eine Klage gegen ihn
einzureichen. Worin diese Klage bestand, -- das kann der Leser aus dem
nchsten Kapitel erfahren.


                           Viertes Kapitel.

   Was sich vorm Mirgoroder Kreisgericht fr eine Szene abspielte.

Welch eine herrliche Stadt ist doch Mirgorod! Was gibt es da nicht fr
Gebude, mit Stroh-, Schilf- und sogar mit Holzdchern! Rechts eine
Strae, links eine Strae; berall wundervolle, von Hopfen umschlungene
Zune, auf denen hie und da Tpfe hngen; Sonnenblumen strecken ihre
sonnenhnlichen Kpfe ber sie hinweg, roter Mohn und schwellende
Krbisse ... eine wahre Pracht. Die Zune sind stets mit allerhand
Gegenstnden geschmckt -- einem ausgespannten Unterrock, einem Hemd,
oder einem paar Hosen -- die sie noch malerischer erscheinen lassen. In
Mirgorod gibt es weder Diebe noch Gauner, und daher hngt dort jeder
hin, was ihm einfllt. Wenn Sie einmal den Marktplatz besuchen, so
werden Sie sicher einen Augenblick stehen bleiben, um sich an dem Bild
zu erfreuen; Sie bemerken da eine Pftze -- eine ganz wunderbare Pftze.
Eine Pftze, wie Sie sie vorher noch nie gesehen haben! Sie erstreckt
sich fast ber den ganzen Platz. Eine herrliche Pftze! Die Huser und
Huserchen, welche um sie herum stehen, und die man von fern fr
Heuschober halten knnte, sind ganz in Bewunderung der Schnheit dieses
Gewssers versunken.

Das schnste Haus in der Stadt ist aber nach meiner Ansicht das
Kreisgericht. Es kmmert mich nicht im mindesten, ob es aus Eichen- oder
Birkenholz gebaut ist, aber -- meine Herrschaften -- es hat acht
Fenster! Acht Fenster Front auf den Platz und auf die Wasserflche
hinaus, die ich eben erwhnte, und die der Polizeimeister einen See
nennt. Es ist das einzige Haus, welches mit brauner Granitfarbe
angestrichen ist; alle andern Huser in Mirgorod sind ganz einfach
geweit. Das Dach ist aus Holz und wre sogar auch rot angestrichen
worden, wenn die Kanzleidiener nicht das dazu bestimmte l mit Zwiebeln
angerichtet und aufgegessen htten, weil es gerade Fastenzeit war. Und
so blieb das Dach ungestrichen. Das Haus hat eine Veranda, die auf den
Platz hinausfhrt; auf dieser sieht man oft Hhner herumspazieren,
denn meist ist Grtze oder sonst etwas Ebares auf dem Boden verstreut,
was brigens nicht mit Absicht geschieht, sondern eher eine Folge der
Unvorsichtigkeit der Klienten ist. Das Haus ist in zwei Teile geteilt:
in der einen Hlfte befindet sich die Kanzlei und in der andern das
Arrestlokal. In der Hlfte, wo die Kanzlei liegt, gibt es zwei reine,
schn getnchte Zimmer: das eine ist leer und dient als Vorraum fr die
Klienten, das andere enthlt einen mit Tintenklexen verzierten Tisch,
auf dem sich ein Spiegel befindet; auerdem stehen noch vier
Eichensthle mit hohen Lehnen darin, und an den Wnden ein paar
eisenbeschlagene Kisten, in denen Ste von Protokollen aufbewahrt
werden. Damals stand gerade auf einer dieser Kisten ein frisch
gewichster Stiefel.

Die Sitzung hatte schon frh morgens begonnen. Der Richter, ein
wohlbeleibter Herr, der freilich nicht ganz so dick war wie Iwan
Nikiforowitsch, hatte ein gutmtiges Gesicht und trug einen schmierigen
Schlafrock. Er rauchte aus seinem Pfeifchen, trank Tee und unterhielt
sich mit dem Gerichtsschreiber. Sein Mund befand sich dicht unter seiner
Nase, und daher konnte er die Oberlippe nach Herzenslust beschnffeln.
Diese Oberlippe diente ihm als Tabaksdose, da der Tabak, obgleich fr
die Nase bestimmt, gewhnlich auf die Lippe herunterfiel und da liegen
blieb. -- Wie gesagt, der Richter unterhielt sich mit dem
Gerichtsschreiber. Etwas seitwrts stand ein barfiges Mdchen, das ein
Tablett mit Tassen in der Hand hielt. Am Ende des Tisches las der
Sekretr einen Gerichtsbeschlu vor, aber mit so monotoner, trbseliger
Stimme, da sogar der Angeklagte eingeschlafen wre, wenn er ihm
zugehrt htte. Dem Richter wre es zweifellos schon eher passiert, wenn
er nicht gerade in ein interessantes Gesprch vertieft gewesen wre.

Ich habe mich absichtlich bemht, herauszubekommen, sagte der Richter,
indem er seinen schon ein wenig abgekhlten Tee schlrfte, wie man das
macht, da sie so hbsch singen. Ich hatte vor zwei Jahren eine
prachtvolle Drossel. Und was denken Sie wohl, pltzlich war sie ganz
verdorben, und begann, wei Gott wie zu singen, immer schlechter,
schlechter und schlechter ... Sie fing an, zu schnarchen und zu krchzen
-- rein um sie fortzuwerfen. Dabei hing die ganze Geschichte mit einer
Kleinigkeit zusammen. Wissen Sie, woher das kommt? An der Kehle bildet
sich ein Blschen, nicht grer als eine kleine Erbse. Dieses Blschen
mu man blo mit einer Nadel aufstechen. Sachar Prokoffjewitsch hat es
mich gelehrt, nmlich ... wenn Sie wollen, erzhle ich Ihnen, wie das
war. Ich komme also zu ihm ...

Demian Demianowitsch, soll ich jetzt die andere Sache vorlesen?
unterbrach hier der Sekretr, der schon seit einigen Minuten mit seiner
Vorlesung zu Ende war, die Unterhaltung.

Sind Sie schon fertig? Denken Sie blo! Wie schnell das geht! Ich habe
kein Wort gehrt. Ja wo ist sie denn? Geben Sie her, ich will gleich
unterschreiben. Haben Sie noch etwas?

Die Sache des Kosaken Bokitka wegen der gestohlenen Kuh.

Gut, lesen Sie! -- Also ich komme zu ihm ... ich kann Ihnen sogar ganz
ausfhrlich erzhlen, was er mir alles vorgesetzt hat. Zum Schnaps wurde
ein groartiger Str gereicht. Ja, das war nicht solch ein Str (hier
schnalzte der Richter mit der Zunge, schmunzelte, zog die Oberlippe in
die Hhe und sog den Duft, aus seiner immer bereit stehenden Tabaksdose
ein) wie ihn unser Strladen hier liefert. Den Hering habe ich nicht
gegessen, -- Sie wissen ja, er verursacht mir immer Sodbrennen, hier
unterm Herzen; dafr entschdigte ich mich beim Kaviar; ein herrlicher
Kaviar! Wirklich, das mu ich sagen: ein herrlicher Kaviar! Dann trank
ich einen Pfirsichschnaps, der auf Tausendgldenkraut abgesetzt war. Es
war auch noch Safranschnaps da -- aber Sie wissen ja, Safranschnaps mag
ich nicht. Verstehen Sie mich auch richtig.

Dieser Schnaps ist sehr gut zu Anfang, um den Appetit zu reizen, wie man
zu sagen pflegt, und dann wieder als Abschlu ... Ah! aber was hre ich,
was sehen meine Augen ... schrie der Richter pltzlich auf, als er den
eben eintretenden Iwan Iwanowitsch erblickte.

Gr Gott! Alles Gute ber Sie, sagte Iwan Iwanowitsch und grte mit
der ihm eigenen Zuvorkommenheit nach allen Seiten. Mein Gott, wie wute
er alle durch seine Umgangsformen zu bezaubern! Eine solche
Formsicherheit habe ich sonst bei niemandem gefunden. Er war sich aber
auch durchaus seiner Wrde voll bewut und nahm die allgemeine
Hochachtung als etwas Selbstverstndliches hin. Der Richter bot Iwan
Iwanowitsch hchst eigenhndig seinen Stuhl an und sog dabei allen Tabak
von der Oberlippe ein, was bei ihm stets ein Zeichen groer
Zufriedenheit war.

Was kann ich Ihnen anbieten, Iwan Iwanowitsch, fragte er. Wnschen
Sie eine Tasse Tee?

Verbindlichen Dank, nein, antwortete Iwan Iwanowitsch, machte eine
Verbeugung und setzte sich.

Aber ich bitte Sie, ein Tchen, wiederholte der Richter.

Nein, danke, danke bestens fr Ihre Gastfreundlichkeit! antwortete
Iwan Iwanowitsch mit einer Verbeugung und setzte sich wieder.

Eine einzige Tasse, wiederholte der Richter.

Nein, bitte, inkommodieren Sie sich nicht, Demian Demianowitsch! Dabei
verbeugte sich Iwan Iwanowitsch wieder und setzte sich.

Ein Tchen?

Nun, denn, meinetwegen, _ein_ Tchen, sagte Iwan Iwanowitsch und
streckte die Hand nach dem Teebrett aus.

Himmel! Welch eine Flle von feinstem Takt besitzt doch mitunter ein
Mensch! Es ist nicht zu sagen, welch angenehmen Eindruck solche
Umgangsformen machen.

Befehlen Sie noch ein Tchen!

Herzlichen Dank, erwiderte Iwan Iwanowitsch, indem er die umgestlpte
Tasse auf das Teebrett zurcksetzte und sich verbeugte.

Bitte bedienen Sie sich doch, Iwan Iwanowitsch.

Ich kann nicht -- verbindlichsten Dank. Hierbei machte Iwan
Iwanowitsch eine Vorbeugung und setzte sich wieder.

Iwan Iwanowitsch, tun Sie mir den Gefallen! Nur _ein_ Tchen!

Nein, haben Sie vielen Dank fr Ihre Gastfreundlichkeit. Hierbei erhob
er sich, machte eine Verbeugung und setzte sich.

Nur ein Tchen! Ein einziges Tchen!

Iwan Iwanowitsch streckte seine Hand nach dem Teebrett aus und nahm eine
Tasse.

Wei der Teufel, wie dieser Mann es verstand, seine Wrde zu wahren!

Demian Demianowitsch, sagte Iwan Iwanowitsch, indem er den Rest aus
seiner Tasse schlrfte, ich habe ein wichtiges Anliegen -- ich will
eine Klage einreichen. Hierbei stellte Iwan Iwanowitsch die Tasse hin
und zog einen voll beschriebenen Stempelbogen aus der Tasche. Eine
Klage gegen meinen Feind, meinen Todfeind!

Gegen wen denn?

Gegen Iwan Nikiforowitsch Dowgotschun.

Bei diesen Worten fiel der Richter fast vom Stuhle. Was sagen Sie?
rief er aus und schlug die Hnde zusammen. Iwan Iwanowitsch, was ist
Ihnen? Sind Sie es, der das spricht?

Sie sehen doch selbst, da ich es bin!

Gott und alle Heiligen schtzen Sie! Wie? Sie! Iwan Iwanowitsch, ein
Feind von Iwan Nikiforowitsch? So etwas kommt ber Ihre Lippen?
Wiederholen Sie das noch einmal! Hat sich vielleicht jemand hinter Ihren
Rcken versteckt und spricht fr Sie?

Was ist denn so Unwahrscheinliches daran? Ich kann ihn nicht mehr
sehen. Er hat mich tdlich beleidigt! Er hat meine Ehre verletzt!

Heilige Dreieinigkeit! Wie soll ich das blo meiner Mutter beibringen!
Wenn ich mich mit meiner Schwester zanke, sagt die Alte tglich: Kinder
ihr lebt ja zusammen wie Hund und Katze, nehmt euch doch ein Beispiel an
Iwan Iwanowitsch und Iwan Nikiforowitsch, das sind einmal Freunde; ja
das sind echte, wahre Freunde und Ehrenmnner! Da haben wir es -- schne
Freunde das! Aber erzhlen Sie doch -- was ist geschehen! Was ist los?

Das ist eine delikate Sache, Demian Demianowitsch; mit Worten kann man
so etwas gar nicht wiedergeben, lassen Sie sich lieber meine Klage
vorlesen. Bitte fassen Sie sie hier an -- von dieser Seite: es ist so
vornehmer.

Bitte lesen Sie vor, Tara Tichonowitsch, sagte der Richter und wandte
sich an den Sekretr.

Tara Tichonowitsch nahm die Bittschrift in Empfang, schnaubte sich mit
Hilfe zweier Finger die Nase (so machen es nmlich alle Sekretre in den
Kreisgerichten) und begann zu lesen.

Der Edelmann und Gutsbesitzer des Mirgoroder Kreises Iwan Iwanowitsch
Pererepenko, erlaubt sich folgende Eingabe an das Gericht zu machen. Der
Anla dazu ist in folgenden Punkte enthalten:

1) Der aller Welt durch seine gottlosen, jedermann zur Wut reizenden,
alles Ma bersteigenden, gesetzwidrigen Handlungen bekannte Edelmann:
Iwan Nikiforowitsch Dowgotschun hat mich am 7. Tage des Monats Juli 1810
tdlich beleidigt, indem er sowohl meine persnliche Ehre angegriffen,
als auch die Wrde meines Standes und meiner Familie herabzusetzen und
zu demtigen getrachtet hat. Dabei hat genannter Edelmann selbst ein
garstiges ueres, einen znkischen Charakter und steckt voller
Gotteslsterungen und persnlicher Schimpfworte.

Hier hielt der Vorleser einen Moment inne, um sich wieder zu schneuzen,
der Richter aber kreuzte voller Bewunderung die Arme und murmelte vor
sich hin: Was fr eine gewandte Feder! Herrgott, wie der Mann
schreibt!

Iwan Iwanowitsch bat den Schreiber, weiter zu lesen, und Tara
Tichonowitsch fuhr fort: Genannter Edelmann, Iwan Nikiforowitsch
Dowgotschun gab mir ffentlich, als ich mit freundschaftlichen
Vorschlgen zu ihm kam, einen beleidigenden und ehrenrhrigen Namen,
nmlich Gnserich, obgleich es dem Mirgoroder Kreis bekannt ist, da
ich mich nie nach diesem widerlichen Vogel genannt, und auch in Zukunft
nicht die Absicht habe, mich nach ihm zu nennen. Der Beweis fr meine
adelige Herkunft ist schon damit gefhrt, da der Tag meiner Geburt, wie
die an mir vollzogene Taufe in dem Kirchenbuche, das sich in der
Drei-Heiligen-Kirche befindet, eingetragen ist. Ein Gnserich hingegen
kann, wie jedermann, der nur im geringsten mit den Wissenschaften
vertraut ist, nicht in einem Kirchenbuch eingetragen sein, da ein
Gnserich kein Mensch, sondern ein Vogel ist. Dieses wei sogar ein
jeder, der nicht einmal ein Seminar besucht hat. Aber trotzdem ihm alles
so gut bekannt war, hat mich genannter bsartiger Edelmann mit diesem
garstigen Worte beschimpft, _nur_ um meiner Ehre, meinem Rang und Stand
eine tdliche Beleidigung zuzufgen.

2) Derselbe unanstndige und unerzogene Edelmann hat es auch auf mein,
mir von meinem Vater, dem seligen Iwan und Sohn des Onisius-Pererepenko,
der dem geistlichen Stande angehrte, vererbtes Stammeigentum abgesehen,
indem er nur, allen Vorschriften entgegen, direkt vor meine Veranda
einen Gnsestall hingebaut hat, allein in der Absicht, die mir angetane
Beleidigung noch zu verschrfen; denn der genannte Stall stand bis dahin
an einem vortrefflichen Platze und war noch in gutem Zustande. Aber die
ekelhafte Absicht des oben genannten Edelmanns war einzig und allein
die, mich zum Augenzeugen unanstndiger Geschehnisse zu machen, da es
doch aller Welt bekannt ist, da kein Mensch zwecks anstndiger
Verrichtungen in einen Stall geht, besonders nicht in einen Gnsestall.
Bei dieser gesetzwidrigen Handlung standen die beiden vorderen Pfosten
noch dazu auf meinem Terrain, das ich noch zu Lebzeiten meines seligen
Vaters Iwan, des Onisius-Pererepenkos Sohn, erhalten habe, und das beim
Speicher beginnt und in gerader Linie bis zu der Stelle geht, wo die
Weiber ihre Tpfe waschen.

3) Der oben geschilderte Edelmann, dessen Name und Familie schon allein
Ekel erregen, trgt sich mit der nichtswrdigen Absicht, mir das Haus
ber dem Kopfe anzuznden, was aus den unten angefhrten Anzeichen
deutlich hervorgeht: 1. geht jener schlechte Edelmann in letzter Zeit
viel aus seinem Hause heraus, was er frher aus Faulheit und infolge
seiner nichtswrdigen krperlichen Flle nicht zu tun pflegte; 2. brennt
er in seiner Gesindestube, welche dicht an dem Zaune liegt, der mein von
meinem seligen Vater Iwan des Onisius Sohn Pererepenko geerbtes Eigentum
umgibt, tglich und ungewhnlich lange Licht. Das beweist deutlich seine
verbrecherischen Plne, da bis jetzt nicht nur das Talglicht, sondern
auch die Tranlampe aus schmutzigem Geiz frhzeitig ausgelscht wurde.

Und daher bitte ich den genannten Edelmann, Iwan Nikifors Sohn,
Dowgotschchun der Brandstiftung, der Beleidigung meines Ranges, Namens
und Geschlechts, der ruberischen Aneignung fremden Eigentums und
hauptschlich der niedertrchtigen und anstigen Hinzufgung des Wortes
Gnserich zu meinem Familiennamen schuldig zu sprechen, ihm eine
Strafe aufzuerlegen, zur Zahlung der Unkosten, zum Schadenersatz zu
verurteilen, ihn des ferneren wegen dieser Verbrechen ins Stadtgefngnis
zu werfen und das Urteil gem meiner Eingabe sofort und widerspruchslos
zu vollstrecken.

Geschrieben und aufgesetzt vom Edelmann und Mirgoroder Gutsbesitzer
Iwan, Iwans Sohn, Pererepenko.

Nach Beendigung der Vorlesung nherte sich der Richter Iwan Iwanowitsch,
fate ihn bei einem seiner Knpfe und begann ungefhr folgendermaen auf
ihn einzureden: Was machen Sie da, Iwan Iwanowitsch? Frchten Sie denn
Gott garnicht? Vernichten Sie diese Klage, mge sie verschwinden (mag
ihr der Teufel im Traum erscheinen)! Nehmen Sie lieber Iwan
Nikiforowitsch bei den Hnden und kssen Sie sich; kaufen Sie sich
Santurinischen oder Nikopolsker Wein, oder machen Sie einfach einen
kleinen Punsch zurecht und laden Sie mich dazu ein! Wir trinken ihn
zusammen, und alles ist vergessen.

Nein Demian Demianowitsch, das ist keine so einfache Sache, sagte Iwan
Iwanowitsch mit der Wrde, die ihm so wohl anstand, das ist keine
Angelegenheit, die man durch einen freundschaftlichen Vergleich
erledigen knnte. Adieu. Leben Sie wohl meine Herren, fuhr er mit der
gleichen Wrde fort, indem er sich an alle Anwesenden wandte. Ich
hoffe, da meine Eingabe die ihr gebhrende Bercksichtigung finden
wird. Mit diesen Worten ging er und lie die Kanzlei in der grten
Bestrzung zurck. Der Richter sa sprachlos da; der Sekretr nahm eine
Prise, die Schreiber warfen die zerbrochene Flasche um, die als
Tintenfa diente, und der Richter fuhr in seiner Zerstreutheit mit dem
Finger durch die Tintenlache, die sich auf dem Tische gebildet hatte.

Was sagen Sie dazu, Dorofej Trofimowitsch, sagte der Richter, indem er
sich nach einer Pause an den Gerichtsschreiber wandte.

Ich sage garnichts, antwortete der Gerichtsschreiber.

Was nicht alles auf der Welt passiert, fuhr der Richter fort. Kaum
hatte er dies gesagt, als die Tr knarrte, und die vordere Hlfte von
Iwan Nikiforowitsch in der Kanzlei erschien, -- die andere befand sich
noch im Vorraum. Iwan Nikiforowitschs Erscheinen, zumal vor Gericht, war
etwas so Auergewhnliches, da der Richter laut aufschrie, der Sekretr
seine Lektre unterbrach, der eine Kanzleibeamte, welcher einen kurzen
Frack aus Frieswolle trug, die Feder in den Mund steckte, und ein
anderer eine Fliege verschluckte; sogar der Invalide, welcher den Dienst
eines Feldjgers und Wchters versah, und bisher in der Tr gestanden
hatte und sich unter seinem schmutzigen an der Schulter mit Stickereien
geschmckten Hemde kratzte, selbst dieser Invalide ri das Maul auf und
trat irgend jemandem auf den Fu.

Was verschafft uns die Ehre? Was gibt's? Wie ist Ihr wertes Befinden,
Iwan Nikiforowitsch?

Aber Iwan Nikiforowitsch war halbtot vor Schrecken, denn er war zwischen
der Tre eingekeilt und konnte keinen Schritt vorwrts noch rckwrts
machen. Vergebens schrie der Richter in das Vorzimmer hinaus, jemand
solle Iwan Nikiforowitsch von hinten in den Gerichtssaal schieben, aber
im Vorraum befand sich nur eine alte Bittstellerin, die mit ihren
knchernen Hnden trotz der grten Anstrengung nichts ausrichten
konnte. Da trat ein Kanzleibeamter mit wulstigen Lippen, breiten
Schultern, dicker Nase, schielenden, weinseligen uglein und zerfetzten
rmeln vor, schritt auf Iwan Nikiforowitschs vordere Hlfte zu, legte
ihm die Hnde wie einem kleinen Kinde auf der Brust zusammen und winkte
dem Invaliden. Dieser stemmte sich mit den Knien gegen Iwan
Nikiforowitschs Bauch und prete ihn trotz seines klglichen Sthnens
wieder in den Vorraum. Darauf schob man die Riegel zurck und ffnete
die zweite Hlfte der Flgeltr. Der Kanzleibeamte und der Invalide
hatten bei ihrer gemeinschaftlichen Anstrengung einen so starken Duft
ausgestrmt, da die ganze Kanzlei fr einige Zeit gleichsam in einen
Schnapsausschank verwandelt schien.

Sie haben sich doch hoffentlich nicht weh getan, Iwan Nikiforowitsch?
Ich werde es meiner Mutter sagen, die wird Ihnen ein Elixier zuschicken;
wenn Sie sich Rcken und Kreuz damit einreiben, wird alles wieder
vergehen!

Iwan Nikiforowitsch sank auf einen Stuhl; er stie immer wieder
verzweifelte Seufzer aus; sonst war nichts aus ihm herauszubringen.
Endlich sprach er mit einer vor Ermattung kaum hrbaren Stimme: Ist's
gefllig? Dann zog er seine Tabaksdose aus der Tasche und sagte:
Bitte, bedienen Sie sich!

Ich freue mich sehr, Sie hier zu sehen, sagte der Richter, aber ich
kann mir nicht vorstellen, was Sie bewogen hat, diese Mhe auf sich zu
nehmen und uns mit einer so angenehmen berraschung zu erfreuen.

Mit einer Bitte ..., das war alles, was Iwan Nikiforowitsch zu sagen
vermochte.

Mit einer Bitte? Mit was fr einer Bitte?

Mit einer Klage ... (hier ging ihm der Atem aus, und es entstand eine
neue Pause), oh ... mit einer Klage gegen diesen Ruber .... gegen Iwan
Iwanowitsch Pererepenko!

Mein Gott, Sie auch! Zwei solche seltene Freunde! Eine Klage gegen
einen so tugendhaften Menschen!

Er ist der Teufel in eigener Person! stie Iwan Nikiforowitsch hervor.

Der Richter schlug ein Kreuz.

Bitte nehmen Sie die Eingabe und lesen Sie!

Da ist nichts zu machen, Tara Tichonowitsch lesen Sie, sagte der
Richter, indem er sich verdrielich an den Sekretr wandte: dabei
beschnffelte seine Nase die Oberlippe, was sie sonst nur in den
Augenblicken zu tun pflegte, wenn ihm etwas besonders Angenehmes
passierte. Diese Eigenmchtigkeit seiner Nase verursachte dem Richter
noch mehr Verdru, und um ihre Frechheit zu bestrafen, nahm er sein
Taschentuch heraus und wischte sich allen Tabak von der Oberlippe.

Der Sekretr nahm wie gewhnlich einen Anlauf, was er vor der Lektre
eines Schriftstckes stets zu tun pflegte, -- natrlich abermals ohne
Hilfe eines Taschentuchs, und begann mit monotoner Stimme
folgendermaen:

Der Edelmann des Mirgorodschen Kreises Iwan, Nikiforows Sohn,
Dowgotschun, wendet sich mit einem Gesuch an das Kreisgericht von
Mirgorod, der Inhalt dieses Gesuches ist in folgenden Punkten dargelegt:

1. Iwan Iwans Sohn, Pererepenko, der sich selbst einen Edelmann nennt,
fgt mir in seiner haerfllten Bosheit und deutlichen Migunst allerlei
Heimtcke, Verluste und andere teuflische und schreckenerregende
Schdigungen zu. Gestern um Mitternacht hat er sich wie ein Ruber mit
Beilen, Sgen, Stemmeisen und anderen Schlosserwerkzeugen in meinen Hof
geschlichen und daselbst meinen eigenen, dort befindlichen Stall
eigenhndig in schamloser Weise zerstrt, obgleich ich ihm meinerseits
gar keine Veranlassung zu einer so gesetzwidrigen und ruberischen
Handlung gegeben habe.

2. Derselbe Edelmann Pererepenko trachtet mir sogar nach dem
Leben; diesen Plan hat er schon bis zum 7. dieses Monats im
geheimen geschmiedet, hierauf aber besuchte er mich, fing in
freundschaftlich-listiger Weise an, mir eine Flinte, die sich im Zimmer
befand, abzuschmeicheln, und bot mir mit dem ihm eigenen Geiz, allerlei
unbrauchbare Gegenstnde: unter anderem ein braunes Schwein und zwei Ma
Hafer zum Ersatz dafr an. Da ich aber sofort seine verbrecherische
Absicht durchschaute, versuchte ich ihn auf alle mgliche Weise davon
abzubringen, aber der obengenannte Halunke und Lump, Iwan, Iwans Sohn,
Pererepenko, beschimpfte mich in gemeiner burischer Weise und verfolgt
mich seit jener Zeit mit unvershnlichem Ha. Dabei ist der oben des
fteren genannte rasende Edelmann und Ruber Iwanowitsch Pererepenko
auerdem von sehr schimpflicher Herkunft. Seine Schwester war eine
weltbekannte Herumtreiberin, und zog mit dem Jgerregiment, das vor fnf
Jahren in Mirgorod lag, davon, ihren Mann aber hat sie in die Liste der
Bauern eintragen lassen. Und ebenso waren sein Vater und Mutter sehr
verbrecherische Leute, und beide unglaubliche Sufer. Der oben erwhnte
Edelmann und Ruber Pererepenko hat jedoch durch seine viehische und
abscheuerregende Handlungsweise seine Verwandten noch bertroffen, und
vollbringt unter dem Schein der Gottesfrchtigkeit die allerschlimmsten
Ansto erregenden Sachen. Er hlt die Fasten nicht ein, denn am Vorabend
des heiligen Philippus kaufte sich dieser Gottlose zum Beispiel einen
Hammel, befahl seiner Konkubine Gapka, das Tier am nchsten Tage zu
schlachten, und redete sich nachher damit heraus, da er den Talg fr
Licht und Lampe bentigt habe.

Daher ersuche ich darum, den genannten Edelmann, als Ruber,
Gotteslsterer und Halunken, der schon mehrfach des Raubes und
Diebstahls berfhrt worden ist, in Ketten zu legen, in den Turm zu
sperren, oder ins Staatsgefngnis berzufhren, und dort nach Lage der
Dinge seines Ranges und Eigentums zu entuern, tchtig mit Ruten
auszupeitschen, oder ntigenfalls zur Zwangsarbeit nach Sibirien zu
verschicken, ihn zur Zahlung der Unkosten und zu Schadenersatz zu
verurteilen und das Urteil laut diesem meinen Gesuche zu vollstrecken.

Diese Eingabe hat Iwan, Nikiforows Sohn, Dowgotschchun, Edelmann des
Mirgorodschen Kreises eigenhndig unterschrieben.

Kaum hatte der Sekretr die Eingabe verlesen, als Iwan Nikiforowitsch
schon nach seiner Mtze griff, sich verbeugte und anscheinend wieder
gehen wollte.

Wo wollen Sie hin, Iwan Nikiforowitsch? rief ihm der Richter nach,
bleiben Sie doch noch einen Augenblick sitzen. Trinken Sie doch erst
eine Tasse Tee. Oryschko, was stehst du da, dummes Mdel, und
liebugelst mit den Schreibern? Lauf schnell und bring Tee.

Aber Iwan Iwanowitsch war voller Angst, weil er sich so weit vom Hause
entfernt hatte und da er sich der gefhrlichen Quarantne beim Eintritt
erinnerte, schon zur Tr hinausgeschlpft und sagte nur: Bitte machen
Sie keine Umstnde, ich werde mit Vergngen ... Nach diesen Worten
schlo er die Tr hinter sich und lie den ganzen Gerichtshof in
hchstem Staunen und grter Bestrzung zurck.

Es war nichts zu machen. Beide Eingaben wurden angenommen, und die Sache
wre sicherlich sehr interessant geworden, wenn nicht ein
unvorhergesehener Umstand ihr noch eine weit grere Bedeutung
verliehen htte. Als der Richter die Amtsstube in Begleitung des
Gerichtsschreibers und des Sekretrs verlassen, und die Schreiber die
verschiedenen Gegenstnde, die die Klienten mitgebracht hatten, als da
sind: Hhner, Eier, Brote, Pasteten, Torten und allerlei Plunder in
einen Sack stopfen wollten, kam ein braunes Schwein in das Zimmer
gelaufen und packte zur groen berraschung aller Anwesenden -- nicht
etwa eine Pastete oder eine Brotrinde -- sondern Iwan Nikiforowitschs
Eingabe, die so nah am Tischrande lag, da ein paar Seiten
hinberhingen. Sobald das Schwein die Eingabe ergriffen hatte, lief es
schnell davon, so da niemand von den Kanzleibeamten es einholen konnte,
trotz aller Lineale und Tintenfsser, die sie ihm nachschleuderten.
Dieses auerordentliche Ereignis verursachte einen frchterlichen
Wirrwarr, da noch keine Kopie von der Eingabe angefertigt worden war.
Der Richter, oder vielmehr der Gerichtsschreiber und der Sekretr
berieten sich lange ber diesen unerhrten Vorgang; endlich wurde
beschlossen, da man einen Bericht aufsetzen und den Polizeimeister
davon benachrichtigen msse, da die Untersuchung dieser Angelegenheit in
das Ressort der stdtischen Polizei gehre. Noch am selben Tage wurde
ihm ein Bericht zugesandt, der die Nummer 389 trug, und hierauf erfolgte
eine sehr interessante Auseinandersetzung, ber die der Leser im
folgenden Kapitel Nheres erfahren kann.


                           Fnftes Kapitel.

          In welchem von der Beratung zweier hochgeachteter
            Persnlichkeiten aus Mirgorod berichtet wird.

Kaum hatte Iwan Iwanowitsch seine huslichen Angelegenheiten geordnet
und war wie gewhnlich unter das Schutzdach getreten, um sich ein wenig
auszuruhen, als er zu seinem unbeschreiblichen Erstaunen an der Pforte
etwas Rtliches schimmern sah. Das war der rote Aufschlag an der Uniform
des Polizeimeisters. Dieser Aufschlag hatte ebenso wie der Kragen einen
gewissen gleichmigen Glanz und war im Begriff, sich an den Rndern in
ein Stck Lackleder zu verwandeln. Iwan Iwanowitsch dachte sich: Hm!
Garnicht bel, da Peter Fedorowitsch kommt, um die Sache zu
besprechen. Als er aber sah, wie schnell der Polizeimeister daherkam
und mit den Armen schlenkerte, was gewhnlich nur in Ausnahmefllen
geschah, war er sehr verwundert. Der Amtsrock des Polizeimeisters hatte
nur acht Knpfe, der neunte war ihm vor zwei Jahren whrend der
Einweihung der neuen Kirche abgesprungen, und die Polizisten hatten ihn
bis jetzt nicht finden knnen, obgleich sie der Polizeimeister bei dem
tglichen Rapport immer wieder fragte: Hat der Knopf sich gefunden?
Diese acht Knpfe waren bei ihm so angeordnet, wie die alten Weiber ihre
Bohnen zu pflanzen pflegen: einer rechts, der andere links. Das linke
Bein war ihm bei der letzten Kampagne angeschossen worden, daher hinkte
er, und warf es so stark zur Seite, da die Arbeit des rechten Beines
dadurch fast vllig in Frage gestellt wurde. Je schneller der
Polizeimeister mit seinem Fuwerk manvrierte, um so langsamer kam er
von der Stelle, und daher hatte Iwan Iwanowitsch Zeit, sich in allerlei
Vermutungen zu ergehen: warum der Polizeimeister zum Beispiel mit seinem
Arm herumschlenkerte usw. Iwan Iwanowitsch beschftigte sich um so mehr
mit dieser Frage, als er sah, da der Polizeimeister einen neuen Degen
umgeschnallt hatte, die Angelegenheit also unzweifelhaft von groer
Wichtigkeit sein mute.

Peter Fedorowitsch, ich habe die Ehre, rief Iwan Iwanowitsch, der, wie
erwhnt, sehr neugierig war und seine Ungeduld nicht lnger zgeln
konnte, als er bemerkte, da der Polizeimeister die Veranda im Sturme
nahm, obschon er noch immer zu Boden blickte und mit seinem Gehwerk in
Konflikt geriet, weil er die Stufe auf keine Weise mit einem Satz
erreichen konnte.

Ich wnsche meinem liebenswrdigen Freund und Gnner Iwan Iwanowitsch
einen schnen guten Tag, antwortete der Polizeimeister.

Bitte nehmen Sie doch Platz. Ich sehe, Sie sind ermdet. Ihr
verwundetes Bein erschwert Ihnen das Gehen ...

Mein Bein, schrie der Polizeimeister, und ma Iwan Iwanowitsch mit
einem jener Blicke, wie ihn ein Riese auf einen Zwerg, oder ein
gelehrter Pedant auf einen Tanzlehrer wirft. Hierbei streckte er das
Bein aus und stampfte damit auf den Boden; aber dieser Wagemut kam ihm
teuer zu stehen. Sein ganzer Krper fing an zu wanken, und er schlug mit
der Nase auf das Gelnder; der weise Hter der Ordnung tat jedoch, als
sei nichts geschehen, richtete sich sofort wieder auf und griff in die
Tasche, als suche er seine Tabaksdose. -- Ich will Ihnen nur sagen,
verehrtester Freund und Gnner Iwan Iwanowitsch, da ich in meinem Leben
noch ganz andere Mrsche gemacht habe. Scherz beiseite, wahrhaftig, was
habe ich nicht schon fr Mrsche gemacht! Zum Beispiel whrend der
Campagne von 1807 ... Ich will Ihnen erzhlen, wie ich einmal zu einer
niedlichen Deutschen ber den Zaun geklettert bin ... Bei diesen Worten
zwinkerte der Polizeimeister mit dem einen Auge, und ein teuflisches,
spitzbbisches Grinsen glitt ber sein Gesicht.

Wo sind Sie denn heut schon berall gewesen? fragte Iwan Iwanowitsch,
indem er den Polizeimeister unterbrach, denn er wollte das Gesprch
mglichst schnell auf die Ursache seines Besuches lenken. Er htte sehr
gern ohne Umschweife gefragt, was der Polizeimeister ihm mitzuteilen
habe, aber seine noble Lebensart fhrte ihm die ganze Unhflichkeit
dieser Frage vors Gemt, und Iwan Iwanowitsch mute sich beherrschen und
ruhig die Lsung abwarten, wenngleich sein ungeduldiges Herz heftig
pochte.

Wenn Sie gestatten, will ich Ihnen erzhlen, wo ich berall war,
antwortete der Polizeimeister. Vor allem kann ich Ihnen melden, da
heute ein herrliches Wetter ist.

Bei diesen Worten traf Iwan Iwanowitsch fast der Schlag.

Gestatten Sie, fuhr der Polizeimeister fort, ich komme heute in einer
sehr wichtigen Angelegenheit zu Ihnen. -- Hier nahm der Polizeimeister
den gleichen bekmmerten Gesichtsausdruck, die gleiche Miene, und die
gleiche Haltung an, wie vorhin, als er die Balkonstufe zu strmen
versuchte. Iwan Iwanowitsch erholte sich ein wenig, obgleich er wie im
Fieber zitterte, und stellte scheinbar unbefangen nach seiner Art die
Frage: Was fr eine wichtige Angelegenheit ist denn das ... ist sie
wirklich so wichtig?

Hren Sie ... vor allem erlaube ich mir, Ihnen, verehrter Freund und
Gnner Iwan Iwanowitsch, zu bemerken, da Sie ... d. h. ich meinerseits,
verstehen Sie wohl, ich habe nichts ... aber der Standpunkt der
Regierung, der Standpunkt der Regierung erheischt es ... Sie haben die
Polizeiverordnung verletzt.

Was sagen Sie, Peter Feodorowitsch? Ich verstehe kein Wort?

Ich bitte Sie, Iwan Iwanowitsch, wie knnen Sie denn das nicht
verstehen! Ihr eigenes Tier hat ein sehr wichtiges amtliches
Schriftstck gestohlen, und Sie wollen noch behaupten, Sie verstnden
kein Wort?

Was fr ein Tier?

Mit Erlaubnis zu sagen: Ihr eigenes braunes Schwein.

Ja, bin ich denn schuld daran? Warum lassen die Gerichtsdiener die Tr
offen?

Aber Iwan Iwanowitsch, es ist doch Ihr eigenes Tier! Also sind Sie doch
verantwortlich!

Ich bin Ihnen sehr verbunden, da Sie mich mit einem Schwein
identifizieren.

Bitte, das habe ich durchaus nicht gesagt, Iwan Iwanowitsch. Bei Gott,
das habe ich nicht gesagt: Bitte urteilen Sie selbst nach Ihrem eigenen
Gewissen. Es ist Ihnen zweifellos bekannt, da es nach den amtlichen
Vorschriften unreinen Tieren verboten ist, in der Stadt und vor allem in
wichtigsten Verkehrsstraen zu promenieren. Sie mssen doch selbst
zugeben, da so etwas streng verboten ist.

Herrgott, was Sie zusammenreden! Eine groe Sache, wenn ein Schwein
einmal auf die Strae luft!

Gestatten Sie mir, Ihnen zu bemerken, Iwan Iwanowitsch, gestatten Sie
... gestatten Sie, -- das ist eben ganz unmglich! Was ist da zu machen.
Die Obrigkeit will es so -- und wir mssen gehorchen. Ich widerspreche
nicht, es kommt vor, da Hhner und Gnse in den Straen, oder sogar auf
den Pltzen herumlaufen -- aber wohl bemerkt: Hhner und Gnse. Ich habe
doch noch im vorigen Jahr die Verordnung erlassen, da Schweine und
Ziegen auf den ffentlichen Pltzen nicht geduldet werden drfen, und
ich habe diese Verordnung in der Versammlung ffentlich und vor allem
Volke laut vorlesen lassen.

Nein, Peter Fedorowitsch, ich kann hierin nur eins sehen: da Sie mich
durchaus beleidigen wollen.

Nein, nein, das drfen Sie nicht sagen, da ich Sie beleidigen will,
verehrter Freund und Gnner. Erinnern Sie sich doch geflligst: ich habe
kein Wort gesagt, als Sie im vorigen Jahr Ihr Dach um eine Arschin hher
setzen lieen, als das gesetzliche Ma es erlaubt. Im Gegenteil, ich
tat, als bemerkte ich nichts davon. Glauben Sie nur, Verehrtester, da
ich auch jetzt -- sozusagen vollkommen ... aber meine Pflicht, oder ...
mit einem Wort mein Amt fordert, da ich auf Reinlichkeit halten mu.
Urteilen Sie doch selbst, wenn pltzlich auf der Hauptstrae ...

Auch was Schnes -- diese Ihre Hauptstrae! Wo die alten Weiber allen
Unrat hinwerfen, den sie nicht brauchen knnen.

Erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, Iwan Iwanowitsch, da Sie es sind,
der mich beleidigt. Es ist wahr, es geschieht manchmal, aber doch nur in
der Nhe von Zunen, Speichern oder Kammern; aber da sich eine
trchtige Sau auf die Hauptstrae, oder auf den Platz hinauswagt, das
ist so eine Sache ....

Was ist denn dabei, Peter Feodorowitsch! Ein Schwein ist doch auch ein
Geschpf Gottes.

Zugegeben. Alle Welt wei, da Sie ein gelehrter Mann sind. Sie kennen
die Wissenschaften und viele andere Dinge. Ich habe mich natrlich nicht
mit den Wissenschaften befat; das Schnellschreiben habe ich erst mit
dreiig Jahren gelernt. Wie Sie wissen, war ich Gemeiner.

Hm, sagte Iwan Iwanowitsch.

Ja, fuhr der Polizeimeister fort, im Jahre 1801 war ich Leutnant der
4. Kompagnie im 42. Jgerregiment. Unser Kommandant war, wie Sie
vielleicht wissen, ein gewisser Hauptmann Jeremeew. Hierbei senkte der
Polizeimeister seine Finger in die Tabaksdose, welche Iwan Iwanowitsch
ihm hinhielt, und zerrieb den Tabak zwischen den Hnden.

Hm, erwiderte Iwan Iwanowitsch.

Aber es ist meine Pflicht, mich den Forderungen der Obrigkeit zu
unterwerfen, fuhr der Polizeimeister fort. Wissen Sie auch, Iwan
Iwanowitsch, da die Entwendung eines amtlichen Schriftstckes, genau so
wie jegliches andere Verbrechen, vor das Kriminalgericht gehrt?

Das wei ich so gut, da ich Ihnen, wenn Sie wnschen, sogar einen
Vortrag darber halten knnte. Aber das bezieht sich auf Menschen, so z.
B. wenn Sie ein Dokument gestohlen htten. Aber ein Schwein -- ein Tier,
ein Geschpf Gottes ...

Sie mgen recht haben, aber das Gesetz lautet: der des Diebstahls
Schuldige -- ich bitte Sie genauer hinzuhren. -- Der Schuldige! Hier
ist weder vom Stand, noch von der Gattung, noch vom Geschlecht die Rede,
also kann auch ein Tier der Schuldige sein. Aber wie Sie wollen, das
Tier mu bis zur Verkndigung des Urteils als Ruhestrer der Polizei
ausgeliefert werden.

Nein, Peter Feodorowitsch, das wird nun nicht geschehen, sagte Iwan
Iwanowitsch kaltbltig.

Wie Sie meinen, ich mu mich jedoch an die Vorschriften der Regierung
halten.

Wie? Sie drohen mir! Sie wollen wahrscheinlich den einarmigen Soldaten
herschicken, um es holen zu lassen. Ich werde meiner Magd befehlen, ihm
mit der Ofenzange heimzuleuchten, die wird ihm auch noch seine gesunde
Hand entzweischlagen!

Ich will nicht mit Ihnen streiten. Falls Sie der Polizei das Schwein
nicht auszuliefern gedenken, so tun Sie mit ihm, was Ihnen beliebt;
schlachten Sie es meinetwegen zu Weihnachten, machen Sie Schinken
daraus, oder verzehren Sie es. Ich mchte Sie jedoch bitten, falls Sie
Wrste daraus machen sollten, mir ein paar von der Sorte zu schicken,
die Ihre Gapka so kunstvoll aus Blut und Schmalz zuzubereiten versteht.
Meine Agrafjena Trifonowna mag sie so gern.

Mit Vergngen; ein paar Wrste will ich Ihnen gern schicken.

Sie werden mich sehr zu Danke verpflichten, verehrter Freund und
Gnner. Jetzt gestatten Sie mir jedoch, Ihnen noch ein Wort zu sagen.
Ich habe von allen unseren Bekannten und vom Richter den Auftrag, Sie
sozusagen mit Ihrem Freunde Iwan Nikiforowitsch zu vershnen.

Was, mit diesem ungebildeten Menschen! Ich soll mich mit diesem Grobian
vershnen! Niemals! Das wird nie geschehen! Das wird nie geschehen!
Iwan Iwanowitsch befand sich in einer sehr entschlossenen Stimmung.

Wie Sie wnschen, antwortete der Polizeimeister, und regalierte jedes
Nasenloch mit einer Prise, ich wage nicht, Ihnen einen Rat zu geben,
aber erlauben Sie mir, zu bemerken: jetzt sind Sie verfeindet, aber wenn
Sie sich vershnen ...

Allein Iwan Iwanowitsch begann von der Wachteljagd zu erzhlen, was er
gewhnlich tat, wenn er das Gesprchsthema wechseln wollte. Und so mute
der Polizeimeister unverrichteter Sache abziehen.


                          Sechstes Kapitel.

      Aus welchem der Leser alles erfahren kann, was es enthlt.

Wie sehr man auch im Gericht die Tatsache geheim zu halten suchte: es
half nichts, am nchsten Tag schon wute ganz Mirgorod, da Iwan
Iwanowitschs Schwein Iwan Nikiforowitschs Eingabe gestohlen hatte. Der
Polizeimeister selbst war der erste, dem das Geheimnis in einem
unbewachten Augenblicke entschlpfte. Als man es Iwan Nikiforowitsch
erzhlte, sagte er weiter nichts als: war es vielleicht das braune?

Aber Agafja Fedossiewna, die gerade anwesend war, fiel ber Iwan
Nikiforowitsch her. Was fllt dir ein, Iwan Nikiforowitsch? Wie wird
man dich auslachen! Wie wird man sich ber deine Dummheit lustig machen,
wenn du dazu schweigst! Und du willst ein Edelmann sein! Du wrst ja
schlimmer als das alte Weib, welche die Honigkuchen verkauft, die du so
gern it! Und die Unermdliche lie nicht eher nach, als bis sie ihn
berredet hatte. Sie trieb irgendwo einen Menschen in mittleren Jahren
auf: einen brnetten Herrn, voller Flecken im Gesicht, in einem
dunkelblauen Rock und mit geflickten rmeln -- einen rechten Tintenkuli
und Winkelkonsulenten. Dieser Mensch schmierte seine Stiefeln mit Teer,
hatte immer drei Federn hinterm Ohr und trug eine mit einem Schnrchen
befestigte Glasblase am Knopfe, welche er als Tintenfa benutzte. Er a
neun Pasteten auf einen Sitz und steckte die zehnte ein, dabei war er
imstande, so viel Verleumdungen auf einen Stempelbogen zu schreiben, da
kein Schreiber es fertig brachte, sie in einem Zug herunter zu lesen,
ohne dazwischen mehrmals zu husten und zu niesen. Dieses kleine,
menschenhnliche Wesen whlte berall herum, strengte sich aus
Leibeskrften an, und braute endlich folgendes Schriftstck zusammen:

An das Kreisgericht zu Mirgorod von dem Edelmann Iwan, Nikiforows Sohn,
Dowgotschun.

Betreffend der von mir, dem Edelmann Iwan Nikiforows Sohn, Dowgotschun,
eingereichten Eingabe gegen den Edelmann Iwan Iwans Sohn, Pererepenko,
welche das Kreisgericht zu Mirgorod anzunehmen sich bereit erklrt hat:
Jenes freche, eigenmchtige Verfahren des braunen Schweins, ist trotz
der Geheimhaltung zu fremder Leute Ohren gedrungen. Diese
Unterlassungssnde aber und diese Nachsicht erfordert, als bswillig,
und beabsichtigt, ein unverzgliches Eingreifen der Gerichte, denn jenes
Schwein ist ein unvernnftiges Tier, und daher um so eher zum straflosen
Raub von Dokumenten geeignet. Hieraus geht klar hervor, da das oft
genannte Schwein nicht anders als von dem Gegner, dem sogenannten Iwan,
Iwans Sohn, Pererepenko, der schon hufig des Raubes, des Trachtens nach
dem Leben anderer und der Gotteslsterung berfhrt wurde, dazu
angestiftet worden ist. Aber das Gericht zu Mirgorod hat mit der ihm
eigenen Parteilichkeit fr seine Person sein geheimes Einverstndnis zu
erkennen gegeben, da ohne dieses Einverstndnis jenes Schwein nicht zur
Entwendung des Dokumentes zugelassen werden konnte, insbesondere da das
Mirgoroder Kreisgericht mit Amtsdienern wohl versehen ist: hierfr
gengt es als Beweis zu erwhnen, da sich zu jeder Zeit ein Soldat im
Empfangszimmer befindet, der, obwohl er ein schielendes Auge und eine
etwas verkrppelte Hand hat, durchaus dazu geeignet ist, ein Schwein mit
einem Knittel zu schlagen und davonzujagen. Aus allem diesen geht die zu
groe Nachsicht des Gerichts von Mirgorod, sowie die unzweifelhafte,
jdische Teilung eines Vorteils auf Grund gemeinschaftlichen
bereinkommens hervor. Jener oben erwhnte Ruber und Edelmann, Iwan
Iwans Sohn Pererepenko, hat, nachdem er sich dergestalt entehrt hat, im
Vertrauen hierauf diese Affre in Szene gesetzt. Daher bringe ich, der
Edelmann Iwan Nikiforows Sohn Dowgotschun, dem Kreisgerichte zur
Kenntnis, da, falls jenem Schwein oder dem mit ihm in Einverstndnis
handelnden Edelmann Pererepenko die genannte Eingabe nicht abverlangt,
und das Urteil nicht nach Recht und Gerechtigkeit zu meinem Gunsten
gesprochen wird, ich, der Edelmann Iwan Nikiforows Sohn Dowgotschun,
fest entschlossen bin, dem Appellationsgericht eine Klage wider jenes
Gericht als wegen gesetzwidriger Beihilfe einzureichen, mit der in
gebhrender Form vorgebrachten Bitte um Desolvierung der Sache zur
Revision.

Der Edelmann des Mirgoroder Kreises Iwan Nikiforows Sohn Dowgotschun.

Dieses Schriftstck tat seine Wirkung. Der Richter gehrte, wie alle
gutmtigen Menschen, zu der ngstlichen Brderschaft. Er wandte sich an
den Sekretr. Aber der Sekretr ffnete seine dicken Lippen, stie nur
ein Hm hervor, ... und sein Gesicht nahm jene gleichgltige,
teuflisch-zweideutige Miene an, mit der etwa Satan eins seiner Opfer
betrachtet, das ihm ins Garn ging und sich hilflos zu seinen Fen
windet. Es blieb nur noch ein Mittel brig: die beiden Feinde zu
vershnen. Aber wie sollte man das anfangen, da bisher alle Versuche
erfolglos geblieben waren. Man beschlo immerhin noch einen letzten
Versuch zu machen, aber Iwan Iwanowitsch erklrte kurz und bndig: er
wolle nicht, und wurde sogar ernstlich bse. Iwan Nikiforowitsch kehrte
dem Vermittler statt einer Antwort den Rcken und sagte kein Wort. So
ging denn der Proze mit der bekannten Geschwindigkeit, durch welche
sich die Gerichte auszeichnen, vorwrts. Das Papier wurde abgestempelt,
in die Listen eingetragen, numeriert, geheftet und unterschrieben, und
dies alles geschah an ein und demselben Tage; dann wurde es endlich in
den Schrank gelegt, und blieb ein, zwei, drei Jahre usw. liegen. Viele
Brute fanden Zeit, ihre Hochzeit zu feiern, in Mirgorod wurde eine neue
Strae angelegt, der Richter verlor einen Backenzahn und zwei
Schneidezhne, auf Iwan Iwanowitschs Hof liefen noch mehr Kinder herum
als frher (Gott allein wei, wo sie herkamen), Iwan Nikiforowitsch
baute Iwan Iwanowitsch zum Trotz einen neuen Gnsestall, der sich
freilich in einiger Entfernung von der Stelle befand, auf der der
frhere gestanden hatte, ja er verbaute sich ganz gegen Iwan
Iwanowitsch, so da diese wrdigen Mnner sich fast nie mehr von
Angesicht zu Angesicht sahen: die Prozeakten aber lagen noch immer in
schnster Ordnung im Schrank, der von den vielen Tintenklexen allmhlich
ganz marmoriert wurde.

Unterdessen aber trat ein fr ganz Mirgorod uerst wichtiges Ereignis
ein: der Polizeimeister gab eine Assemblee. Wo nehme ich Pinsel und
Farben her, um die ganze Groartigkeit der Auffahrt, den Glanz und die
Pracht des Festmahls zu schildern. Nehmen Sie eine Uhr, ffnen Sie sie
und sehen Sie sich an, was darin vorgeht. Nicht wahr, das ist ein
furchtbares Durcheinander? Und nun stellen Sie sich vor, da ebenso
viele, wenn nicht noch viel mehr Rder auf dem Hofe des Polizeimeisters
nebeneinander standen. Was gab es da nicht fr Wagen und Kutschen! Die
einen hinten ganz breit und vorne schmal, die andern vorn breit und
hinten schmal; die eine war eine leichte Kalesche und zugleich ein
schwerer Lastwagen, die andere weder Kalesche noch Lastwagen, die eine
glich einem gewaltigen Heuschober oder einer dicken Kaufmannsfrau, die
andere einem flinken Juden oder einem Skelett, das sich noch nicht ganz
aus seiner Haut gelst hat. Die einen sahen im Profil geradezu aus wie
eine Pfeife mit einem Pfeifenrohr, und andere lieen sich wieder
berhaupt mit garnichts vergleichen, sondern waren ganz seltsame Gebilde
von furchtbarer Hlichkeit und auerordentlich phantastischen Formen.
ber dieses Chaos von Rdern und Kutschbcken erhob sich eine besondere
Art von Wagen; er hatte ein riesengroes Fenster, das von einem dicken
Querholz durchkreuzt war. Die Kutscher in Kosakenrcken, grauen
Bauernkitteln und -Jacken, mit den verschiedensten Schaffell- und andern
Mtzen fhrten, mit der Pfeife im Munde, ihre ausgespannten Pferde im
Hofe herum. Nein, was war das fr eine herrliche Assemblee, die der
Polizeimeister gab! Gestatten Sie, da ich Ihnen die Namen aller
Anwesenden aufzhle: Tara Tarassowitsch, Jewil Akinfowitsch, Ewtichij
Ewtichijewitsch, Iwan Iwanowitsch (nicht der bekannte Iwan Iwanowitsch,
sondern ein anderer), Sawa Gawrilowitsch, unser Iwan Iwanowitsch,
Eleutherij Eleutheriewitsch, Makar Nazarjewitsch, Thomas Grigorjewitsch
... nein, ich kann nicht weiter, ich habe keine Kraft mehr. Und wieviel
Damen da waren! -- brnette und weiwangige, lange und kurze, so dicke
wie Iwan Nikiforowitsch und so magere, da man meinte, sie in die
Degenscheide des Polizeimeisters stecken zu knnen. Und wieviel
verschiedene Hauben, wie viele Kleider es da gab! rote, gelbe,
kaffeebraune, grne, blaue, neue, gewendete, umgearbeitete -- und dann
diese Bnder, Tcher, Ridicules! Ade, ihr armen Augen! Nach diesem
Schauspiel werdet ihr zu nichts mehr fhig sein. Und welch lange Tafel
da gedeckt war! Wie alles durcheinander schwatzte! Welch ein Lrm sich
berall erhob! Was ist eine Mhle mit all ihren Mhlsteinen, Rdern und
ihrem Stampfwerk dagegen! Ich kann nicht mit Bestimmtheit sagen, wovon
man sprach, aber man darf annehmen, da von vielen angenehmen und
ntzlichen Dingen die Rede war: vom Wetter, von Hunden, von Weizen,
Hauben, Hengsten u. s. w. Endlich, sagte Iwan Iwanowitsch -- nicht unser
Iwan Iwanowitsch, sondern der andere, der mit dem schielenden Auge: Es
wundert mich sehr, da mein rechtes Auge (der schielende Iwan
Iwanowitsch ironisierte sich immer selbst), Iwan Nikiforowitsch, Herrn
Dowgotschchun nicht sieht.

Er wollte nicht kommen, sagte der Polizeimeister.

Warum denn nicht?

Herrgott, es sind schon bald zwei Jahre, da sich Iwan Iwanowitsch und
Iwan Nikiforowitsch entzweit haben, und wo der eine ist, geht der andere
auf keinen Fall hin.

Was Sie sagen! Hierbei erhob der schielende Iwan Iwanowitsch seinen
Blick gen Himmel und faltete die Hnde: Was soll nur werden, wenn auch
die Leute mit gesunden Augen sich nicht mehr vertragen wollen. Wie soll
ich mit meinem schielenden Auge in Frieden leben! Bei diesen Worten
lachten alle aus vollem Halse. Der schielende Iwan Iwanowitsch war sehr
beliebt, weil er immer Witze machte, die dem damaligen Zeitgeschmack
angepat waren. Sogar der groe drre Herr im Friesrock und mit dem
Pflaster auf der Nase, der bisher unbeweglich in der Ecke gesessen und
keine Miene verzogen hatte -- auch da nicht, als ihm eine Fliege in die
Nase flog -- sogar dieser Herr stand jetzt auf, und nherte sich dem
Kreise, der sich um den schielenden Iwan Iwanowitsch gebildet hatte.
Hren Sie, sagte der schielende Iwan Iwanowitsch, als er sah, da der
Kreis um ihn herum gengend gro war, hren Sie, statt da Sie sich
jetzt an meinem schielenden Auge ergtzen, wollen wir doch lieber unsere
beiden Freunde vershnen! Iwan Iwanowitsch unterhlt sich gerade mit den
Frauensleuten ... wollen wir doch heimlich nach Iwan Nikiforowitsch
schicken und die beiden zusammenfhren?

Der Vorschlag Iwan Iwanowitschs wurde einstimmig angenommen; man
beschlo, sofort nach Iwan Nikiforowitsch zu schicken und ihn zum
Polizeimeister zu Tisch zu bitten, es koste, was es wolle. Aber vorher
gab es noch eine wichtige Frage zu lsen: wen sollte man mit diesem
verantwortungsvollen Auftrag betrauen? Das brachte alle in Verlegenheit.
Lange wurde hin und her gestritten, wer wohl fr derartige diplomatische
Missionen am geeignetsten sei: endlich aber wurde einstimmig
beschlossen, Anton Prokofjewitsch Golopu zu diesem Zwecke zu entsenden.

Doch ich mu den Leser zuvor mit dieser auerordentlichen Persnlichkeit
bekannt machen. Anton Prokofjewitsch war ein vollkommen tugendhafter
Mensch in des Wortes hchster Bedeutung. Schenkte ihm einer der
Mirgoroder Honoratioren ein Halstuch oder ein Paar Unterhosen, so
bedankte er sich; gab ihm jemand einen Nasenstber, so bedankte er sich
gleichfalls. Fragte man ihn: Anton Prokofjewitsch, warum haben Sie
einen braunen Rock mit hellblauen rmeln an? so antwortete er
gewhnlich: Sie haben ja nicht einmal einen solchen! Warten Sie, wenn
er etwas abgetragen ist, wird sich schon alles ausgleichen. Und
tatschlich: mit der Zeit begann das hellblaue Tuch unter dem Einflu
der Sonne braun zu werden, und jetzt pat es schon ganz gut zu der Farbe
des Rocks. Was aber am bemerkenswertesten war, war dies, da Anton
Prokofjewitsch die Angewohnheit hatte, im Sommer Tuch- und im Winter
Nankinganzge zu tragen. Anton Prokofjewitsch besitzt kein eigenes Haus.
Einst besa er eins am Ende der Stadt, aber er verkaufte es, erstand
sich fr den Erls drei braune Pferde und einen kleinen Wagen, und fuhr
von einem Gutsbesitzer zum andern zu Besuch. Aber da die Pferde ihm doch
viel Umstnde machten, und er in einem fort Geld fr Hafer brauchte, so
tauschte Anton Prokofjewitsch sie gegen eine Geige, ein Dienstmdchen
und fnfundzwanzig Rubel ein. Die Geige verkaufte er spter wieder, und
das Mdchen tauschte er gegen einen Saffiantabaksbeutel ein -- aber
dafr hat er jetzt auch einen Tabaksbeutel wie kein zweiter. Allerdings
mute er diesen Genu teuer erkaufen: er kann nun nicht mehr von einem
Dorf ins andere fahren, er mu in der Stadt bleiben und in den
verschiedensten Husern, gewhnlich bei Edelleuten, bernachten, denen
es Spa macht, ihm Nasenstber zu geben. Anton Prokofjewitsch liebt es,
gut zu essen, und spielt recht gut Schafskopf oder auch Mhle. Es war
immer seine Art, sich unterzuordnen, und darum ergriff er auch jetzt
Stock und Mtze, und machte sich ohne weiteres auf den Weg.

Unterwegs berlegte er sichs, wie er Iwan Nikiforowitsch bewegen knnte,
die Assemblee zu besuchen. Die schroffe Art des sonst gewi wrdigen
Mannes, machte sein Unternehmen fast zu einer Unmglichkeit. Wie sollte
sich auch Iwan Nikiforowitsch dazu entschlieen, da ihm doch schon das
bloe Aufstehen soviel Mhe machte? Aber angenommen selbst, da er
aufstnde, wie sollte er dahin gehen wollen, wo -- und das wute er
zweifellos -- wo sein unvershnlicher Feind sich befand? Je lnger Anton
Prokofjewitsch darber nachdachte, um so mehr Hindernisse trmten sich
auf. Es war ein schwler Tag, die Sonne brannte vom Himmel herab, Anton
Prokofjewitsch war wie in Schwei gebadet. Obschon er oft Nasenstber
bekam, war er in mancherlei Hinsicht ein gewiegter Mensch (nur beim
Tauschen hatte er manchmal Unglck). Er wute sehr gut, wann man den
Narren spielen mute, und fand sich mitunter in Situationen und
Verhltnissen zurecht, in denen selbst ein Kluger sich keinen Rat gewut
htte.

Whrend sein erfinderischer Geist nach Mitteln und Wegen suchte, Iwan
Nikiforowitsch zu berreden, gelangte Anton Prokofjewitsch allmhlich
bis ans Haus und wollte schon mutig der Entscheidung entgegengehen, als
ihn ein ganz unvorhergesehener Umstand ein wenig in Verlegenheit
brachte. Hier ist es brigens am Platz, dem Leser die Mitteilung zu
machen, da Anton Prokofjewitsch unter anderm auch ein Paar recht
merkwrdige Hosen besa; sobald er dieses Paar trug, bissen ihn die
Hunde immer in die Waden. Unglcklicherweise mute er gerade heute diese
Hosen anhaben. Er war noch ganz in Gedanken vertieft, als ihn pltzlich
ein frchterliches Hundegebell aufschreckte, das von allen Seiten an
sein Ohr schlug. Anton Prokofjewitsch begann so zu schreien, (lauter als
er kann man berhaupt garnicht schreien), da nicht nur das bekannte
alte Weib und der Besitzer des unfrmlichen Rocks ihm entgegenliefen,
sondern auch die Jungens aus Iwan Iwanowitschs Hause hinzugerannt kamen.
Und obgleich die Hunde nur Zeit gehabt hatten, nach einem seiner Beine
zu schnappen, setzte doch dies Anton Prokofjewitschs Mut betrchtlich
herab, und so trat er denn mit einer gewissen Befangenheit in den Flur.


                    Siebentes und letztes Kapitel.

Ah guten Tag, warum necken Sie denn meine Hunde? rief Iwan
Nikiforowitsch, als er Anton Prokofjewitsch erblickte, denn man sprach
allgemein nicht anders, als in scherzendem Tone mit ihm.

Mgen sie alle verrecken! Wer denkt daran, sie zu necken! versetzte
Anton Prokofjewitsch.

Sie schwindeln!

Bei Gott nicht! Peter Fedorowitsch lt Sie zu Tisch bitten.

Hm.

Bei Gott, er bittet Sie so dringend darum; ich kann es wirklich gar
nicht ausdrcken. >Was soll das heien<, sagt er, >Iwan Nikiforowitsch
geht mir ja aus dem Wege, wie einem Feinde. Er kommt nicht mehr zu mir;
man sitzt nie mehr zusammen, und plaudert nicht mehr miteinander<.

Iwan Nikiforowitsch strich sich ber das Kinn.

>Wenn Iwan Nikiforowitsch heute wieder nicht kommt, dann wei ich
wirklich nicht, was ich davon halten soll. Sicher fhrt er etwas gegen
mich im Schilde. Anton Prokofjewitsch, tun Sie mir doch den Gefallen,
sehen Sie zu, ob Sie ihn nicht berreden knnen.< Nun, was meinen Sie
Iwan Nikiforowitsch? Kommen Sie mit? Sie finden dort eine reizende
Gesellschaft beisammen!

Aber Iwan Nikiforowitsch lag ruhig da und betrachtete einen Hahn, der
auf einem Fue stand und aus voller Kehle krhte.

Wenn Sie wten Iwan Nikiforowitsch, fuhr der eifrige Abgeordnete
fort, was Peter Fedorowitsch fr einen herrlichen Str und fr einen
frischen Kaviar bekommen hat!

Hier wandte ihm Iwan Nikiforowitsch das Gesicht zu und begann
aufmerksamer zuzuhren.

Dies ermutigte den Abgesandten. Kommen Sie schnell. Thomas
Grigorjewitsch ist auch da. Was ist denn nur? fgte er hinzu, als er
sah, da Iwan Nikiforowitsch noch immer in der gleichen Stellung liegen
blieb, gehen wir -- oder gehen wir nicht?

Ich mag nicht.

Anton Prokofjewitsch war durch dieses Ich mag nicht ganz verblfft. Er
hatte geglaubt, da seine berzeugenden Vorstellungen den so wrdigen
Mann schon vllig gewonnen hatten: und nun mute er ein glattes Nein
vernehmen.

Warum wollen Sie denn nicht, fragte er fast verdrielich, obgleich ihm
so etwas nur ganz selten passierte, (nicht einmal dann, wenn man ihn,
wie das der Richter und der Polizeimeister zu ihrem Vergngen zu tun
pflegten, ein Stck brennendes Papier auf den Kopf legte).

Iwan Nikiforowitsch nahm eine Prise.

Nun denn, machen Sie was Sie wollen, Iwan Nikiforowitsch, obgleich ich
nicht verstehe, was Sie zurckhlt.

Wozu soll ich hingehen, sagte endlich Iwan Nikiforowitsch, der Ruber
ist ja doch da. So nannte er gewhnlich Iwan Iwanowitsch. Gerechter
Gott! und wie lange war es her ...

Bei Gott, er ist nicht da! So gewi ein gerechter Gott im Himmel lebt,
er ist nicht da! Mich soll auf der Stelle der Blitz treffen! antwortete
Anton Prokofjewitsch, der gewhnt war, Gott in jeder Stunde zehnmal
anzurufen. Kommen Sie schnell, Iwan Nikiforowitsch.

Sie schwindeln ja, Anton Prokofjewitsch, er ist sicher da!

Bei Gott nein, so wahr mir Gott helfe, nein! Ich will nie von dieser
Stelle weichen, wenn er da ist! Urteilen Sie selbst, warum sollte ich
lgen? Hnde und Fe sollen mir verdorren ... Wie, Sie glauben mir noch
immer nicht? Ich will hier vor Ihren Augen verrecken! Mein Vater, und
meine Mutter und ich selbst, wir mgen alle um unsere Seligkeit kommen,
wenn es nicht wahr ist! Glauben Sie mir noch immer nicht?

Diese Beteuerungen beruhigten Iwan Nikiforowitsch vollkommen. Er befahl
seinem Kammerdiener in dem endlosen Frack, ihm seine Hosen und seinen
Nankingrock zu bringen.

Ich halte es fr ganz berflssig zu beschreiben, wie Iwan
Nikiforowitsch seine Hosen anzog, wie man ihm die Halsbinde umwickelte
und wie man ihm endlich in den Rock hineinhalf, der hierbei unter dem
linken rmel platzte. Es gengt, wenn ich sage, da er whrend dieser
ganzen Zeit eine wrdige Ruhe bewahrte und mit keinem Wort auf die
Vorschlge Anton Prokofjewitschs einging, der ihm durchaus seinen
trkischen Tabaksbeutel gegen etwas andres eintauschen wollte.

Unterdessen wartete die ganze Gesellschaft mit Ungeduld auf den
entscheidenden Moment, wo Iwan Nikiforowitsch erscheinen, und wo endlich
der allgemeine Wunsch in Erfllung gehen wrde, die beiden Ehrenmnner
zu vershnen. Viele waren nahezu berzeugt, da Iwan Nikiforowitsch
garnicht kommen wrde. Der Polizeimeister wollte sogar mit dem
schielenden Iwan Iwanowitsch eine Wette eingehen, da er nicht kommen
wrde. Die Wette kam jedoch nicht zustande, weil der schielende Iwan
Iwanowitsch vorschlug, der Polizeimeister solle sein angeschossenes Bein
gegen sein schielendes Auge einsetzen; -- der Polizeimeister fhlte sich
ernstlich verletzt, aber die ganze Gesellschaft lachte im geheimen ber
diesen Scherz. Niemand wollte sich zu Tisch setzen, obwohl es schon
lngst zwei Uhr war, eine Zeit, zu der man in Mirgorod auch bei den
feinsten Diners lngst zu Mittag speist. Sowie Anton Prokofjewitsch in
der Tr erschien, umringte ihn die ganze Gesellschaft augenblicklich,
aber Anton Prokofjewitsch hatte auf die zahlreichen Fragen nur ein
entschiedenes und lautes: Er kommt nicht! Kaum war das Wort gefallen,
als ein Hagelwetter von Scheltworten, Vorwrfen und vielleicht sogar
Pffen seinen Kopf fr die verfehlte Mission bedrohte, doch da tat sich
die Tre auf, und Iwan Nikiforowitsch trat herein.

Wenn in diesem Augenblick Satan in hchsteigener Person, oder irgend ein
Verstorbener eingetreten wre -- sie htten bei den Anwesenden kein
solches Erstaunen erregt, wie das unerwartete Erscheinen Iwan
Nikiforowitschs. Anton Prokofjewitsch aber hielt sich die Seiten vor
Lachen und freute sich unbndig, da er die ganze Gesellschaft so zum
Narren gehalten hatte.

Wie dem auch sei, alle hielten es fr vllig unwahrscheinlich, da Iwan
Nikiforowitsch sich in so kurzer Zeit hatte ankleiden knnen, wie es
sich fr einen Edelmann ziemt. Iwan Iwanowitsch war in diesem Moment
gerade nicht im Zimmer, er war aus irgend einem Grunde eben
hinausgegangen. Als man sich vom ersten Erstaunen erholt hatte, uerte
die ganze Gesellschaft ihren lebhaften Anteil an dem Wohlbefinden Iwan
Nikiforowitschs, und alle sprachen ihre Freude ber die Zunahme seiner
Krperflle aus. Iwan Nikiforowitsch kte alle Anwesenden und sagte:
Sehr verbunden.

Unterdessen aber drang der Duft der Rbensuppe in das Zimmer und
kitzelte in angenehmster Weise die Nasen der hungrigen Gste. Alle
gingen ins Ezimmer. Eine lange Reihe von stillen und gesprchigen,
dicken und dnnen Damen zog voran, und die lange Tafel erstrahlte in
allen Farben. Ich werde nicht alle Speisen beschreiben, die aufgetragen
wurden, werde nichts ber die Kndel in saurer Sahne und das Gekrse,
das es zur Rbensuppe gab, sagen, auch nicht von dem Truthahn mit der
Pflaumen- und Rosinenfllung, noch von der Speise, die einem in Kwas[4]
eingeweichten Paar Stiefeln gleicht, noch von der Sauce, dem
Schwanenliede des alten Kochs, noch vom Pudding, der brennend serviert
wurde, was die Damen immer sehr ngstigt und zugleich unterhlt. Ich
werde nicht von diesen Speisen sprechen, denn ich mu gestehn, da ich
sie viel lieber verzehre als mich des weiteren ber sie auslasse.

[Funote 4: Eine Art kalte Schale.]

Iwan Iwanowitsch hatte besonders einem mit Meerrettich zubereiteten
Fisch Geschmack abgewonnen. Er beschftigte sich eifrig mit dieser
ntzlichen und nahrhaften Veranstaltung, lste die allerkleinsten Grten
heraus und legte sie auf den Rand des Tellers. Dabei blickte er zufllig
auf sein Visavis. Himmlischer Vater, war das merkwrdig! Ihm gegenber
sa Iwan Nikiforowitsch.

In demselben Augenblick sah auch Iwan Nikiforowitsch auf .... Nein --
ich kann nicht weiter! Man reiche mir eine andere Feder, nein -- die
meine ist viel zu matt und tot. Fr dieses Bild bedrfte sie eines weit
feineren Kieles! Der Ausdruck groer Verwunderung, die sich in ihren
Gesichtern spiegelte, gab ihren Zgen etwas Steinernes. Jeder von ihnen
erblickte das lngst vertraute Gesicht, jeder von ihnen war dem Anschein
nach unwillkrlich bereit, zum Freunde, der so unerwartet vor ihm sa,
hinzutreten und ihm die Tabaksdose mit den Worten hinzuhalten: Bitte,
bedienen Sie sich oder Darf ich Sie bitten, sich zu bedienen!
Zugleich aber hatten die Gesichter etwas Furchtbares und
Unheilverkndendes. Iwan Iwanowitsch und Iwan Nikiforowitsch waren wie
in Schwei gebadet.

Alle Anwesenden, soviel ihrer bei Tische waren, verstummten vor Spannung
und konnten die Augen nicht von den einstigen Freunden wegwenden. Die
Damen, die bis dahin in ein sehr interessantes Gesprch ber die
Entstehung der Kapaunen vertieft waren, brachen pltzlich ab. Alles
schwieg. Es war ein Bild, wrdig des Pinsels eines groen Knstlers.

Endlich zog Iwan Iwanowitsch sein Taschentuch hervor und begann sich zu
schneuzen. Iwan Nikiforowitsch aber sah sich um und suchte mit den Augen
nach dem Ausgang.

Aber der Polizeimeister hatte schon bemerkt, was mit ihnen vorging, und
lie die Tre noch fester verschlieen. Die beiden Freunde wandten sich
daher wieder ihren Speisen zu und wrdigten einander keines Blickes
mehr.

Sowie jedoch das Diner zu Ende war, sprangen die beiden alten Freunde
von ihren Sitzen auf und sahen sich nach ihren Mtzen um, um sich
schleunigst davonzumachen. Da jedoch winkte der Polizeimeister, und Iwan
Iwanowitsch (nicht unser Iwan Iwanowitsch, sondern der andere, mit dem
schielenden Auge) stellte sich hinter Iwan Nikiforowitsch, whrend der
Polizeimeister hinter Iwan Iwanowitsch trat. Beide begannen, sie von
hinten zu stoen, um sie gegeneinander zu drngen und nicht eher
loszulassen, als bis sie sich die Hnde gereicht htten. Iwan
Iwanowitsch (mit dem schielenden Auge) schob Iwan Nikiforowitsch, wenn
auch ein wenig schief, doch immerhin ganz geschickt nach der Stelle, wo
Iwan Iwanowitsch stand; der Polizeimeister dagegen nahm die Richtung
etwas zu sehr nach der Seite, da er mit seinen strrischen
Gehwerkzeugen, die ihrem Kommandanten diesmal garnicht parierten,
durchaus nicht zurechtkommen konnte. Wie zum Trotz schwenkte er das Bein
gar zu weit zurck und nach der entgegengesetzten Richtung (das kam
mglicherweise daher, weil bei Tisch sehr viel verschiedene Getrnke
gereicht worden waren) -- jedenfalls fiel Iwan Iwanowitsch auf eine Dame
in einem roten Kleide, die sich aus Neugierde bis in die Mitte gedrngt
hatte. Dieses Omen lie nichts Gutes vermuten. Um die Sache wieder
einzurenken, trat der Richter an die Stelle des Polizeimeisters, sog mit
der Nase allen Tabak von der Oberlippe auf und drngte Iwan Iwanowitsch
nach der andern Seite. Das ist die in Mirgorod bliche Art der
Vershnung, sie erinnert entfernt an das Ballspiel. Kaum aber hatte der
Richter Iwan Iwanowitsch einen Sto gegeben, als auch Iwan Iwanowitsch
mit dem schielenden Auge sich aus allen Krften gegen Iwan
Nikiforowitsch stemmte und ihn vorwrts stie. Der Schwei flo Iwan
Iwanowitsch von der Stirne herab wie das Regenwasser von einem Dach.
Aber trotzdem beide Freunde sich heftig strubten, wurden sie doch
aneinandergedrngt, da beide Parteien von den Gsten tchtig untersttzt
wurden.

Man umringte sie von allen Seiten und lie sie nicht frher auseinander,
als bis sie sich die Hnde gereicht hatten.

Gott mit Ihnen Iwan Nikiforowitsch, und Iwan Iwanowitsch, sagen Sie
doch ehrlich: warum haben Sie sich entzweit! Es war doch nur ein Unsinn!
Schmen Sie sich doch vor Gott und vor den Menschen!

Ich wei nicht, sagte Iwan Nikiforowitsch, der vor Mdigkeit laut
schnaufte, (kein Zweifel, er war durchaus nicht abgeneigt, sich zu
vershnen) ich wei nicht, was ich Iwan Iwanowitsch getan habe. Aber
warum hat er meinen Stall zerstrt? Warum wollte er mich zugrunde
richten?

Ich bin mir keiner bsen Absicht bewut, sagte Iwan Iwanowitsch, ohne
Iwan Nikiforowitsch anzusehen, ich schwre vor Gott und vor Ihnen
allen, verehrte Freunde und Edelleute, ich habe meinem Feinde nichts
getan! Warum verleumdet er mich, warum beschimpft er immer wieder meinen
Rang und meinen Namen?

Was habe ich Ihnen denn fr einen Schaden zugefgt, Iwan Iwanowitsch?
sagte Iwan Nikiforowitsch. Noch einen Augenblick der Aussprache -- und
die lange Feindschaft war dicht daran, ganz zu verlschen. Schon griff
Iwan Nikiforowitsch in die Tasche, um seine Tabaksdose hervorzuholen und
zu sagen: Bitte bedienen Sie sich.

Ist das vielleicht kein Schaden, antwortete Iwan Iwanowitsch, ohne die
Augen zu erheben, wenn Sie, geehrter Herr, mich, meinen Rang und meine
Familie durch ein Wort beschimpft haben, das hier zu wiederholen, nicht
anstndig wre!

Iwan Iwanowitsch, erlauben Sie mir, Ihnen in aller Freundschaft zu
sagen: (hierbei packte Iwan Nikiforowitsch Iwan Iwanowitsch beim Knopf,
ein Zeichen seiner innigsten Sympathie) der Teufel wei, weswegen Sie
sich beleidigt gefhlt haben: weil ich Sie einen Gnserich genannt
habe!

Iwan Nikiforowitsch sah sofort ein, was fr eine Unvorsichtigkeit er
begangen hatte, als er dies Wort aussprach -- aber es war schon zu spt,
das Wort war heraus. Jetzt ging alles zum Teufel! War doch Iwan
Iwanowitsch schon damals, unter vier Augen und ohne Zeugen, bei Nennung
dieses Wortes ganz auer sich und in eine Wut geraten, die ich, wei
Gott, keinem Menschen wnschen mchte; urteilen Sie also selbst, meine
verehrten Leser, was sollte nun geschehen, jetzt, wo das tdliche Wort
in Gesellschaft, in Gegenwart vieler Damen gefallen war -- denn da
liebte es Iwan Iwanowitsch besonders, seine noble Lebensart zu zeigen.
Wre Iwan Nikiforowitsch etwas anderes eingefallen, htte er _Vogel_
statt _Gnserich_ gesagt, die Sache htte sich noch einrenken lassen,
aber so .... war natrlich alles vorber!

Iwan Iwanowitsch warf Iwan Nikiforowitsch einen Blick zu -- einen Blick!
Htte dieser Blick ausbende Gewalt gehabt, Iwan Nikiforowitsch wre zu
Staub und Asche verbrannt worden. Die Gste verstanden diesen Blick und
bemhten sich, sie zu trennen. Und dieser Mann, das Muster aller
Freundlichkeit, der keinen Bettler vorbergehen lassen konnte, ohne ihn
anzusprechen und auszufragen, dieser Mann lief in maloser Wut davon. So
mchtig sind die Strme der Leidenschaft!

Einen ganzen Monat hrte man nichts von Iwan Iwanowitsch. Er schlo sich
in seinem Hause ein. Der vorsintflutliche Kasten wurde geffnet, und es
wurden alle mglichen Dinge aus ihm hervorgeholt -- ja was denn?
Silberrubel, alte vom Grovater ererbte Silberrubel. Und diese
Silberrubel wanderten in die schmutzigen Hnde von Tintenklexern
hinber. Die Sache ging an den Appellationshof weiter, und erst als Iwan
Iwanowitsch die freudige Nachricht erhielt, da seine Sache morgen
entschieden sein wrde, erst da entschlo er sich endlich, wieder einen
Blick in die Welt zu tun und etwas auszugehen. Oh, weh! Seit jenem Tage
benachrichtigt ihn das Appellationsgericht tglich im Laufe von zehn
Jahren, da die Entscheidung morgen fallen werde.

                   *       *       *       *       *

Vor fnf Jahren kam ich einmal durch Mirgorod. Ich hatte mir eine
ungnstige Zeit zum Reisen ausgesucht. Es war Herbst, das Wetter war
feucht und trbe, berall lag Schmutz und Nebel. Ein unnatrliches Grn
-- die Folge des trbseligen, ununterbrochenen Regens -- bedeckte wie
ein dnnes Netz die Felder und Wiesen, und das stand ihnen so an, wie
einem Greise Torheiten, oder einer alten Frau Rosen anstehen. Meine
Stimmung war damals sehr vom Wetter abhngig: ich wurde stets traurig,
sowie das Wetter schlecht war. Nichtsdestoweniger fhlte ich mein Herz
heftiger schlagen, als ich mich Mirgorod nherte. Herrgott, wieviel
Erinnerungen drngten sich mir auf! Ich hatte Mirgorod zwlf Jahre lang
nicht gesehen. Damals lebten hier zwei einzigartige Freunde in rhrender
Liebe vereinigt. Und wie viele berhmte Mnner waren seitdem gestorben!
Der Richter Demian Demianowitsch war schon tot, auch Iwan Iwanowitsch
mit dem schielenden Auge hatte das Zeitliche gesegnet. Ich fuhr durch
die Hauptstrae. berall ragten Stangen mit aufgehefteten Strohbndeln
empor; offenbar fand gerade eine neue Planierung statt. Einige von den
Htten waren abgetragen, und die Reste von Zunen und Flechtwerk standen
ganz melancholisch da.

Es war ein Feiertag, ich lie meinen mit Matten gedeckten Wagen vor der
Kirche halten und trat so leise ein, da niemand sich umsah. Freilich,
es war ja auch niemand da, der sich htte umsehen knnen. Die Kirche war
fast leer, es war kaum ein Mensch darin: augenscheinlich frchteten sich
auch die Allerfrmmsten vor dem Straenschmutz. Die Kerzen machten bei
dem trben oder besser krnklichen Tageslicht einen fast bengstigenden
Eindruck; die Hallen waren dster, und die runden Scheiben der
lnglichen Kirchenfenster waren feucht von Regentrnen. Ich trat in die
Vorhalle und wandte mich an einen ehrwrdigen Mann mit grauen Haaren.
Gestatten Sie mir die Frage, lebt Iwan Nikiforowitsch noch? In diesem
Augenblick flackerte das Lmpchen vor dem Gottesbild heller auf, und das
Licht fiel gerade auf das Gesicht meines Nachbars. Wie sehr erstaunte
ich, als ich bei nherem Hinsehen bekannte Zge entdeckte. Das war Iwan
Nikiforowitsch in eigener Person, aber wie hatte er sich verndert!

Sind Sie gesund Iwan Nikiforowitsch? Wie alt Sie geworden sind!

Ja, ich bin alt geworden, antwortete Iwan Nikiforowitsch. Ich bin
heute aus Poltawa gekommen.

Was Sie sagen! Bei dem schlechten Wetter sind Sie nach Poltawa
gefahren?

Was soll man machen -- der Proze!

Unwillkrlich seufzte ich.

Iwan Nikiforowitsch hatte meinen Seufzer gehrt und sagte: Beunruhigen
Sie sich nicht; ich habe die bestimmte Nachricht erhalten, da die Sache
in der nchsten Woche entschieden sein wird, und zwar zu meinen
Gunsten.

Ich zuckte die Achseln und ging, um mich nach Iwan Iwanowitsch zu
erkundigen.

Iwan Iwanowitsch ist hier, er ist oben auf dem Chor, sagte mir jemand.
Ich erblickte eine magere Gestalt. War das wirklich Iwan Iwanowitsch?
Sein Gesicht war mit Runzeln bedeckt, die Haare waren schneewei, und
nur die Pekesche hatte sich nicht verndert. Nach der ersten Begrung
wandte sich Iwan Iwanowitsch mit dem heiteren Lcheln, das seinem
trichterfrmigen Gesicht so gut stand, zu mir hin und sagte: Soll ich
Ihnen eine frohe Neuigkeit mitteilen?

Eine Neuigkeit? fragte ich.

Morgen wird meine Sache entschieden; das Appellationsgericht hat es mir
bestimmt versprochen!

Ich seufzte noch tiefer und beeilte mich mit dem Abschied, da ich in
einer sehr wichtigen Angelegenheit reiste. Ich bestieg meinen Wagen. Die
elenden Gule, die in Mirgorod unter dem Namen Kurierpferde bekannt
sind, zogen an und verursachten mit ihren, in der grauen Schmutzmasse
einsinkenden Hufen ein unangenehmes Gerusch. Der Regen flo in Strmen
auf den auf dem Bock sitzenden Juden herab, der sich durch eine Matte zu
schtzen suchte. Die Feuchtigkeit drang mir durch Mark und Bein. Der
wehmtige Schlagbaum mit dem Wrterhuschen, in dem der Invalide seine
graue Uniform flickte, zog langsam an mir vorber. Und wieder breitete
sich das stellenweise aufgewhlte schwarze, hie und da grnlich
schimmernde Feld vor mir aus: nasse Krhen und Raben, der monotone Regen
und ein trnenfeuchter, trostlos grauer Himmel!

Es ist eine traurige Welt, meine Herren!




                               Novellen


                            bersetzt von
                       S. Bugow und Mario Spiro


                             Die Equipage

Das Stdtchen B. sah viel frhlicher aus, seitdem das ***er
Kavallerieregiment in ihm Quartier genommen hatte, bis dahin war es dort
entsetzlich langweilig gewesen. Wenn man einmal durch die Stadt fuhr und
einen Blick auf die niedrigen, getnchten Huschen warf, die mit einem
ganz unglaublich sauren Gesicht dreinschauen, so ... nein es ist
unmglich auszudrcken, wie es einem da ums Herze wurde, -- so
trbselig, als ob man sein ganzes Geld verspielt, oder bei einer
unpassenden Gelegenheit eine groe Dummheit gemacht htte, -- mit einem
Worte: es war einem gar nicht gut zumute. Der Lehm hatte sich infolge
des Regens von den Husern gelst, und die Wnde hatten ihre
ursprngliche Weie verloren und waren ganz scheckig geworden; die
Dcher sind meistens mit Rohr gedeckt, wie es in unseren sdlichen
Stdten Brauch ist. Die kleinen Grtchen, die die Huser umgaben, waren
lngst verschwunden, da der Stadthauptmann die Bume des besseren
Aussehens wegen hatte fllen lassen. Auf den Straen begegnete man
keiner Seele, es sei denn, da ein Hahn quer ber den Fahrdamm ging, der
infolge des hohen Staubes so weich wie ein Kissen war. Dieser Staub
verwandelt sich beim geringsten Regen in Dreck, und dann fanden sich in
den Straen des Stdtchens B. jene fetten Tiere ein, die von dem
zustndigen Stadthauptmann Franzosen genannt wurden, streckten die
ernsten Schnauzen aus ihren Badewannen und stimmten ein solches Grunzen
an, da dem Vorberfahrenden nichts brig blieb, als die Pferde zu
schnellerem Laufe anzutreiben. Allerdings war es schwer, im Stdtchen B.
einem solchen zu begegnen. Nur selten, ganz selten, rasselte ein mit
einem Nankingrock bekleideter Gutsbesitzer, der elf Bauernseelen sein
eigen nannte, auf einem kleinen Wagen oder Wgelchen hindurch, indem er
hinter den aufgestapelten Mehlscken hervorlugte und mit der Peitsche
auf die braune Stute einhieb, der stets ein Fllen folgte. Der
Marktplatz selbst hatte ein etwas trauriges Aussehen: das Haus des
Schneiders ging trichterweise nicht mit der Fassade, sondern mit einer
Ecke auf den Platz hinaus; ihm gegenber wurde bald an die fnfzehn
Jahre lang an einem steinernen Hause mit zwei Fenstern gebaut, und
ferner sah man dort einen ganz fr sich stehenden modernen Bretterzaun,
der grau angestrichen war, damit er nicht so von dem Schmutze abstach.
Diesen hatte der Stadthauptmann einmal in seiner Jugend, als er noch
nicht die Gewohnheit hatte, gleich nach dem Mittagessen zu schlafen und
zur Nacht ein gewisses, aus getrockneten Stachelbeeren bereitetes Gebru
zu trinken, zum Muster fr die anderen Bauten errichten lassen. Sonst
begegnete man berall nur geflochtenen Zunen. Mitten auf dem Platze
standen mehrere winzige Buden, in denen man immer einen Bund Bretzeln,
ein Weib in einem roten Kopftuch, ein Pud Seife, ein paar Pud bittere
Mandeln, Schrot zum Schieen, starkes baumwollenes Zeug und zwei
Ladenburschen finden konnte, die zu jeder Tageszeit vor den Tren
standen und Swajka[5] spielten. Sowie jedoch das Kavallerieregiment im
Kreisstdtchen B. Quartier genommen hatte, nderte sich alles ganz
pltzlich. Das Straenbild wurde bunter, belebte sich -- und nahm, mit
einem Wort, ein ganz anderes Aussehen an; die niedrigen Huschen sahen
des fteren einen gewandten, schlanken Offizier mit einem Federbusch auf
dem Kopfe vorbergehen, der zu einem Kameraden ging, um sich mit ihm
ber die Avancementverhltnisse und den vorzglichen Tabak zu
unterhalten, oder ein Spielchen zu machen, bei dem eine Droschke den
Einsatz bildete: ein Gefhrt, das man wohl mit Recht die
Regimentsdroschke nennen konnte, da sie, ohne das Regiment zu verlassen,
bei allen die Runde machte: -- heute fuhr der Major in ihr, morgen
erschien sie in der Remise eines Leutnants, und eine Woche darauf war
sie wieder beim Major, dessen Bursche sie grndlich mit l einschmierte.
Die geflochtenen Zune zwischen den Husern waren berall mit
Soldatenmtzen geziert, die in der Sonne hingen; stets flatterte ein
grauer Mantel vom Tore herab, und in den Gchen stie man immer auf
Soldaten, deren Schnurrbrte so borstig waren, wie eine Stiefelbrste.
Diese Schnurrbrte fehlten nirgends: wenn sich die Kleinbrgerinnen
einmal mit ihren Krgen auf dem Marktplatze versammelten -- so guckten
hinter ihren Schultern ganz sicher ein paar solche Schnurrbrte hervor.
Die Offiziere brachten etwas Leben in die Gesellschaft, die bis dahin
nur aus dem Richter, der zusammen mit einer Diakonuswitwe ein Haus
bewohnte, und dem Stadthauptmann bestand: einem ruhigen und bedchtigen
Menschen, der aber den ganzen Tag ber -- vom Mittagessen bis zum Abend,
und vom Abend bis zum nchsten Mittagessen -- zu schlafen geruhte. Die
Gesellschaft wurde noch zahlreicher und interessanter, nachdem das
Quartier des Brigadegenerals hierher verlegt wurde. Die Gutsbesitzer aus
der Umgebung, von deren Existenz bis dahin niemand etwas geahnt hatte,
fingen jetzt an, des fteren in dem Kreisstdtchen zu erscheinen, um mit
den Herren Offizieren zusammenzutreffen, oder manchmal eine Partie Whist
mit ihnen zu spielen, ein Spiel, von dem ihr durch die vielen Gedanken
an die Aussaaten, die Auftrge der Ehefrau und an die Hasenjagden
abgeplagtes Gehirn nur noch eine ganz dunkle Ahnung hatte.

[Funote 5: Das Spiel besteht darin, da ein langer Nagel mit schwerem
Kopfe so geworfen wird, da er sich innerhalb eines eisernen Ringes in
die Erde einbohrt.]

Es tut mir sehr leid, da ich mich nicht daran erinnern kann, was die
Veranlassung war, da der Brigadegeneral einmal ein groes Diner gab;
die Vorbereitungen, die zu diesem Feste getroffen wurden, waren ganz
auerordentlich; schon am Stadttor konnte man hren, wie in der Kche
des Generals mit den Messern geklappert wurde. Ja, fr dieses Diner
waren die ganzen Marktvorrte aufgekauft worden, soda der Richter mit
seiner Diakonuswitwe nichts als Kuchen aus Buchweizenmehl und
Kartoffelbrei zu essen bekam. Der kleine Hof, der zu der Wohnung des
Generals gehrte, war ganz mit Droschken und Kaleschen gefllt. Die
Gesellschaft bestand ausschlielich aus Herren: aus den Offizieren des
Regiments und einigen Gutsbesitzern des Kreises. Von den letzteren war
Pythagor Pythagorowitsch Tschertokutski sicher der bemerkenswerteste.
Dies war einer der vornehmsten Aristokraten des B.er Kreises, der bei
den Wahlen mehr Lrm machte, als alle andern zusammen und stets in einer
prchtigen Equipage zu erscheinen pflegte. Er hatte frher bei einem
Kavallerieregiment gedient und zu den schneidigsten und angesehensten
Offizieren gehrt; wenigstens war er auf allen Bllen und Festen und
berall dort zu sehen gewesen, wo sein Regiment sich gerade aufhielt;
darber kann man sich brigens am besten bei den Jungfrauen des Tambower
und Ssimbirsker Gouvernements erkundigen, doch ist es nicht unmglich,
da er auch in den brigen Gouvernements zu einer gewissen Berhmtheit
gelangt wre, htte er nicht infolge einer sogenannten unliebsamen
Affre seinen Abschied genommen. Hatte _er_ jemandem eine Ohrfeige
verabfolgt, oder hatte er selbst eine solche erhalten, dessen kann ich
mich nicht mehr genau entsinnen; die Hauptsache war, da er ersucht
wurde, seinen Abschied zu nehmen. Darum hatte er aber doch nicht das
geringste an seiner Wrde eingebt; er trug einen Frack mit einer
langen Taille, der die Form eines Waffenrockes hatte, Sporen an den
Stiefeln und einen Schnurrbart unter der Nase, weil sonst wohl gar noch
ein Edelmann annehmen konnte, da er bei den Futruppen gedient htte,
die er verchtlich Fuschleicher oder manchmal gar Trampeltiere
nannte. Er besuchte smtliche Jahrmrkte, auf denen es immer sehr
lebhaft zuging, und wo sich das ganze Innere Rulands, das aus Mttern,
Kindern, Tchtern und dicken Gutsbesitzern besteht, auf Wagen,
Kaleschen, Dormeusen und solchen Karossen, wie sie noch niemand, auch
nur im Traume gesehen hatte, zu seiner Kurzweil versammelt. Er erriet
stets mit dem ihm angeborenen Sprsinn, wo ein Kavallerieregiment stand,
und kam sofort angefahren, um den Herren Offizieren einen Besuch
abzustatten; dann sprang er vor ihren Augen hchst gewandt aus seiner
Equipage oder Droschke und war sofort mit ihnen bekannt. Bei den letzten
Wahlen gab er dem Adel ein prachtvolles Diner, bei welcher Gelegenheit
er ffentlich erklrte: falls er zum Adelsmarschall gewhlt wrde, wolle
er aufs beste fr die Herren Edelleute sorgen. berhaupt benahm er sich
stets als Grandseigneur, wie man sich in der Provinz auszudrcken
pflegte; -- er heiratete ein recht hbsches Mdchen, das ihm zweihundert
Bauernseelen und einige tausend Rubel als Mitgift in die Ehe brachte.
Das Geld wurde sofort in einem Gespann von sechs prchtigen Pferden,
vergoldeten Trschlssern, einem zahmen Hausaffen und einem
franzsischen Hofmeister angelegt. Auf die zweihundert Seelen, die
zusammen mit den eigenen zweihundert vierhundert ausmachten, wurde zur
Frderung gewisser kommerzieller Unternehmungen, eine Hypothek
aufgenommen. Mit einem Wort, er war ein Gutsbesitzer ^comme il faut^, d.
h. ein hchst achtbarer und ehrenwerter Gutsbesitzer. Auer ihm nahmen
noch einige andere Gutsbesitzer, ber die aber nichts zu sagen ist, an
dem Diner des Generals teil. Alle brigen Gste waren Militrs, die
demselben Regiment angehrten; zwei von ihnen, ein Oberst und ein
ziemlich dicker Major, waren Stabsoffiziere. Der General selbst war sehr
krftig und korpulent, im brigen aber nach der Ansicht der Offiziere
ein vortrefflicher Vorgesetzter, und hatte eine recht volle, gewichtige
Bastimme. Das Diner war ganz ungewhnlich groartig. Der Str, der
Hausen, der Sterlet, die Trappgnse, der Spargel, die Wachteln, die
Rebhhner und die Pilze -- legten Zeugnis davon ab, da der Koch seit
einem ganzen Tage nichts Alkoholisches zu sich genommen hatte; auerdem
hatten ihm die ganze Nacht hindurch vier Soldaten mit Messern in den
Hnden bei der Zubereitung von Frikassees und Gelees helfen mssen. Eine
Unmenge von langhalsigen Flaschen voll Haute Lafitte, und von
kurzhalsigen voll Madeira, der wunderbare Sommertag, die sperrangelweit
geffneten Fenster, die auf dem Tische stehenden Teller mit Eis, die
zerknitterten Hemden unter den weiten Frcken, ein wahres Kreuzfeuer von
Gesprchen, das von dem tiefen Ba des Generals bertnt und mit
Champagner gelscht wurde; dies alles pate ganz vortrefflich
zueinander. Nach dem Diner erhoben sich die Gste mit der angenehmen
Empfindung einer gewissen Magenflle, zndeten sich Pfeifen mit langen
und kurzen Rhren an und traten, mit einer Tasse Kaffee in der Hand auf
die Terrasse hinaus.

                   *       *       *       *       *

Ja, jetzt knnte man sie besichtigen, sagte der General. Ach bitte,
mein Lieber --, sprach er zu seinem Adjutanten, einem jungen Herrn von
recht sicherem Auftreten und angenehmem ueren, lassen Sie doch die
braune Stute herfhren! Sie sollen gleich selbst sehen. Dabei tat der
General einen Zug aus der Pfeife und blies den Rauch weit aus. Sie hat
hier noch nicht die richtige Pflege: dieses verdammte Nest hat keinen
einzigen anstndigen Stall. Dabei ist es -- er tat wieder zwei Zge aus
der Pfeife -- ein wirklich ganz famoser Gaul!

Besitzen Exzellenz ihn schon lange? meinte Tschertokutzky, der
gleichfalls ein paar Zge tat.

Paff paff paff pa .. paff, oh, nicht gar so lange; es sind erst zwei
Jahre her, da ich ihn vom Gestt bezogen habe.

Und haben Exzellenz ihn schon zugeritten erhalten -- paff paff! --
oder ihn erst hier zureiten lassen?

Paff, paff, pa, pa, pa .. a .. ff. Erst hier, und der General
verschwand vllig in einer Rauchwolke.

Inzwischen kam ein Soldat aus dem Stall herbeigesprungen, es ertnten
Hufschlge, und kurze Zeit darauf erschien ein zweiter in einem weien
Kittel mit einem ungeheuren schwarzen Schnurrbart; er fhrte ein scheues
zitterndes Pferd am Zaume, das pltzlich den Kopf erhob und den auf dem
Boden kauernden Soldaten mitsamt seinem Schnurrbart beinahe in die Luft
ri.

Na, na, Agraphena Iwanowna! sagte dieser, indem er das Tier unter die
Terrasse fhrte.

Die Stute hie nmlich Agraphena Iwanowna; krftig und wild wie eine
sdlndische Schne, schlug sie mit den Hufen drhnend gegen die
hlzerne Terrasse und blieb pltzlich stehen.

Der General nahm die Pfeife aus dem Munde und besichtigte Agraphena
Iwanowna mit zufriedener Miene. Selbst der Oberst kam die Stufen
herunter gegangen und fate Agraphena Iwanowna bei der Schnauze, und
auch der Major strich Agraphena Iwanowna ber die Beine; die brigen
aber schnalzten nur mit der Zunge.

Tschertokutzky schritt die Treppe hinab und trat gleichfalls an sie
heran. Der Soldat stand stramm, hielt den Zaum in der Hand, und sah den
Besuchern mit einem solchen Ausdruck in die Augen, als ob er sie
auffressen wollte.

Sehr, _sehr_ gut! meinte Tschertokutzky. Ein echtes Rassepferd!
Erlauben Exzellenz mir die Frage, welche Gangart es hat?

O, es hat eine recht gute Gangart; nur ... wei der Teufel ... dieser
Schafskopf von einem Feldscher hat ihm solche verteufelte Pillen
eingegeben, und nun mu es schon seit zwei Tagen immerwhrend niesen.

Ein prchtiges Tier, in der Tat! Haben Exzellenz auch die dazu gehrige
Equipage?

Eine Equipage? Das ist doch aber ein Reitpferd!

Das wei ich; ich habe Sie nur deshalb danach gefragt, Exzellenz, um zu
erfahren, ob Sie auch einen Wagen fr Ihre andern Pferde besitzen?

Hm, allzuviel Wagen habe ich ja nun gerade nicht. Offen gestanden
mchte ich eigentlich schon lange eine moderne Equipage haben. Ich habe
meinem Bruder, der jetzt in Petersburg lebt, schon darber geschrieben,
wei aber nicht, ob er mir eine schicken wird oder nicht!

Meiner Meinung nach, bemerkte der Oberst, werden die besten Equipagen
entschieden in Wien hergestellt, Exzellenz.

Paff, paff, paff ... Sie haben vollkommen Recht.

Ich besitze eine ganz auerordentlich schne Equipage, Exzellenz, ein
echtes Wiener Fabrikat.

Welche? Die, in der Sie hierhergefahren kamen?

Nein, das ist nur so ein Reisewagen, den ich bei meinen Reisen benutze,
jene dagegen ... ist ganz entzckend leicht; wie eine Pflaumfeder, sage
ich Ihnen: wenn Sie hineinsteigen, berkommt Sie ein Gefhl, gerade als
ob -- mit Eurer Exzellenz Erlaubnis -- als ob Sie in der Wiege liegen
und von der Amme hin und her geschaukelt werden!

Also ist sie wohl sehr bequem?

O sehr, sehr bequem; die Kissen und die Sprungfedern, alles sieht aus
wie gemalt.

Das ist schn.

Und wie gerumig sie ist! Das heit, Exzellenz, ich habe noch nie eine
zweite gesehen, die ihr gleich kme. Als ich noch im Dienste stand, da
habe ich einmal zehn Flaschen Rum und zwanzig Pfund Tabak im
Kutschkasten untergebracht, und dazu hatte ich noch extra sechs
Uniformen, sehr viel Wsche und zwei Pfeifenrohre von betrchtlicher
Lnge bei mir, Exzellenz; auerdem knnte man in ihren Taschen noch
einen ganzen Ochsen verstecken.

Das ist schn.

Ich habe viertausend Rubel fr sie bezahlt, Exzellenz.

Nach dem Preise zu urteilen, mu sie sehr schn sein. Und Sie haben sie
selbst gekauft?

Nein, Exzellenz, ich habe sie ganz zufllig erworben. Ein Kamerad von
mir hatte die Equipage gekauft; ein ganz seltener Mensch, ein alter
Jungfreund, mit dem Sie sicher auch innige Freundschaft schlieen
wrden, Zwischen uns gab es kein Mein und Dein. Ich habe sie ihm im
Kartenspiel abgewonnen. Wrden Exzellenz nicht so freundlich sein und
mir die Ehre erweisen, morgen bei mir zu Mittag zu speisen? Sie knnten
dann auch gleich die Equipage besichtigen.

Ich wei nicht, was ich Ihnen darauf antworten soll ... Ich allein, das
wre ein wenig ... Es sei denn, Sie gestatten, da ich zusammen mit den
Herren Offizieren ...?

Natrlich sind mir die Herren Offiziere gleichfalls willkommen. Meine
Herren! Ich wrde es mir als groe Ehre anrechnen, wenn ich das
Vergngen haben drfte, Sie in meinem Hause zu sehen.

Der Oberst, der Major und die brigen Offiziere dankten mit einer
hflichen Verbeugung.

Ich bin selbst der Meinung, Exzellenz, da, wenn man sich einmal irgend
ein Ding anschafft, es auch unbedingt gut sein mu; wenn es nicht gut
ist, so sollte man es lieber gar nicht erst kaufen. Bei mir z. B. ...
Wenn Sie mir die Ehre erweisen wollen, mich morgen zu besuchen, werde
ich Ihnen einige Gegenstnde zeigen, die ich zu wirtschaftlichen Zwecken
bei mir eingefhrt habe ...

Der General sah vor sich hin und blies eine Rauchwolke aus.

Tschertokutzky war sehr zufrieden, da er die Herren Offiziere zu sich
eingeladen hatte; er bestellte schon im Geiste allerhand Saucen und
Pasteten und wute nicht, ob er sich zum Whist niedersetzen sollte oder
nicht.

Aber als die Herren Offiziere ihn mehrere Male dazu aufforderten, schien
ihm eine Weigerung unvereinbar mit den Gesetzen des Anstandes zu sein --
und so nahm er denn gleich ihnen an einem Tische Platz. Er merkte gar
nicht, wie sich ein Glas Punsch neben ihm einfand, das er in seiner
Zerstreuung sofort leerte. Nach zwei Runden fand Tschertokutzky wieder
ein Glas Punsch vor, und er leerte es abermals in seiner Zerstreuung,
nachdem er zuvor erklrt hatte: Es ist Zeit meine Herren, da ich nach
Hause komme, es ist wirklich Zeit.

brigens setzte er sich gleich wieder, um noch eine weitere Partie zu
spielen. Unterdessen hatten die Gesprche in den verschiedenen
Zimmerecken ganz private Bahnen eingeschlagen. Die Whistspieler waren
ziemlich schweigsam; die dagegen, die nicht mitspielten, sondern abseits
auf dem Sofa saen, unterhielten sich auf das eifrigste.

In einer Ecke erzhlte der Stabsrittmeister, auf ein Kissen gelehnt und
mit der Pfeife im Munde, ziemlich frei und zwangslos von seinen
Liebesabenteuern und hielt die Aufmerksamkeit des Kreises, der sich um
ihn gebildet hatte, vollstndig gefesselt. Ein auergewhnlich dicker
Gutsbesitzer mit kurzen Armen, die eine gewisse hnlichkeit mit zwei
ausgewachsenen Kartoffeln hatten, hrte ihm mit zuckerser Miene zu und
bemhte sich nur, ihm mit seiner kurzen Hand von Zeit zu Zeit hinter den
breiten Rcken zu langen, um ihm die Tabaksdose aus der Rocktasche zu
ziehen. In einer anderen Ecke entspann sich ein ziemlich heier Streit
ber das Exerzieren der Schwadronen, und Tschertokutzky, der schon
zweimal einen Buben statt der Dame ausgespielt hatte, mischte sich
pltzlich in das fremde Gesprch und schrie von seinem Tisch aus
herber: In welchem Jahr war das? oder In welchem Regiment?, ohne
selbst zu bemerken, da seine Frage sehr oft gar nichts mit dem
Gegenstand der Unterhaltung zu tun hatte. Einige Minuten vor dem Souper,
hrte der Whist endlich auf; er wurde aber noch im Gesprche
fortgesetzt, und es schien, als ob alle Kpfe von ihm eingenommen seien.
Tschertokutzky erinnerte sich recht gut, da er sehr viel gewonnen, aber
mit den Hnden nichts einkassiert hatte, und da er, als er sich vom
Tisch erhob, sehr lange in der Haltung eines Menschen da stand, der kein
Taschentuch bei sich hat. Inzwischen war das Souper serviert worden. Es
versteht sich von selbst, da kein Mangel an Weinen war, und da
Tschertokutzky sich manchmal fast gegen seinen eigenen Willen
einschenken mute, weil immer rechts und links von ihm ein paar
Weinflaschen standen.

Das Tischgesprch zog sich in die Lnge, nahm aber eine etwas
eigentmliche Wendung: ein Oberst, der die Kampagne von 1812 mitgemacht
hatte, erzhlte von einer Schlacht, die niemals stattgefunden hatte, und
entfernte darauf, aus einem ganz unbegreiflichen Grunde, den Pfropfen
von einer Karaffe und steckte ihn in den Kuchen. Kurz, als alle
aufbrachen, war es schon drei Uhr, und die Kutscher muten einige
Personen wie einen Warenballen in die Arme nehmen und forttragen;
Tschertokutzky aber verbeugte sich, als er schon im Wagen sa, trotz
seiner aristokratischen Formen noch einmal so tief und mit einem solchen
Schwunge, da er, als er daheim anlangte, in seinem Schnurrbart zwei
Kletten mit nach Hause brachte.

Hier lag schon alles in tiefem Schlafe. Nur mit Mhe gelang es dem
Kutscher, den Kammerdiener aufzufinden, der den Herrn durch den Salon
geleitete, und ihn dem Stubenmdchen berantwortete; dieses folgte
Tschertokutzky, so gut es ging, bis zum Schlafzimmer, wo er sich neben
seinem jungen, hbschen Frauchen, das in seinem schneeweien Nachthemd
hchst anmutig dalag, ins Bett fallen lie. Die Erschtterung, die
dieser Fall ihres Ehegatten verursachte, weckte sie aus dem Schlaf. Sie
reckte sich, schlug ihre Augen auf, kniff sie ganz rasch dreimal
hintereinander zusammen, und ffnete sie wieder mit einem schmollenden
Lcheln; da sie aber sah, da er ihr diesmal durchaus keine Liebkosung
erweisen wollte, drehte sie sich verdrossen auf die andere Seite um und
schlief, die frische Wange auf die Hand gesttzt, bald wieder ein.

Es war eine Tageszeit, die auf dem Lande keineswegs fr besonders _frh_
angesehen wird, als die junge Herrin neben dem schnarchenden Gemahl
erwachte. Sie erinnerte sich, da er gestern erst gegen 4 Uhr nachts
nach Hause gekommen war, und es tat ihr leid, ihn zu wecken. So
schlpfte sie denn in ihre Morgenschuhe, die sich ihr Gatte aus
Petersburg verschrieben hatte, trat mit einem weien Neglig bekleidet,
das an ihr herabflo wie ein rieselndes Gewsser, in ihr Ankleidezimmer,
wusch sich mit Wasser, das so frisch war wie sie selbst, und lie sich
vor dem Toilettenspiegel nieder. Nachdem sie einige prfende Blicke
hineingeworfen hatte, stellte sie fest, da sie heute uerst
vorteilhaft aussah. Dieser anscheinend unbedeutende Umstand veranlate
sie, genau zwei Stunden lnger als gewhnlich vor dem Spiegel zu
verbringen; endlich zog sie sich sehr niedlich an und begab sich in den
Garten, um sich etwas zu erfrischen. An diesem Morgen war das Wetter so
herrlich, wie es nur ein sdlicher Sommertag hervorzubringen vermag. Die
Sonne, die bereits den Hhepunkt berschritten hatte, sengte einen mit
der ganzen Glut ihrer Mittagsstrahlen. Aber unter dem Laub der Alleen
konnte man, ohne von ihnen belstigt zu werden, spazieren gehen. Die von
der Sonne erwrmten Blumen verdreifachten ihren Duft. Die hbsche
Hausfrau hatte ganz vergessen, da es bereits zwlf Uhr geschlagen
hatte, und da ihr Gatte noch immer nicht erwacht war. Schon drang das
nachmittgliche Schnarchen zweier Kutscher und eines Groom, die im Stall
hinter dem Garten schliefen, an ihr Ohr, sie aber weilte noch immer in
der lauschigen Allee, von der sie einen freien Blick nach der Landstrae
hin hatte, und blickte zerstreut in die menschenleere Einsamkeit, als
pltzlich eine Staubwolke, die sich in der Ferne erhob, ihre
Aufmerksamkeit fesselte. Sie sphte scharf hin und unterschied bald
einige Wagen. Voran fuhr eine offene, zweisitzige Equipage, in der der
General sa, dessen schwere Epauletten in der Sonne glnzten, und neben
ihm sa der Oberst. Dieser folgte eine zweite, viersitzige; sie barg den
Major mit dem Adjutanten des Generals und noch zwei Offizieren,
die ihnen gegenber saen. Dann kam die allgemein bekannte
Regimentsdroschke, die diesmal im Besitze des dicken Majors war. Hinter
der Droschke fuhr ein viersitziger Bon-Voyage her, in dem vier Leutnants
Platz genommen hatten, whrend ein fnfter in ihren Armen ruhte. Und
endlich hinter diesem gewahrte man drei Offiziere auf herrlichen dunklen
Apfelschimmeln.

Kommen sie wirklich zu uns? fragte sich die Hausfrau. Ach, Herrgott!
Sie wenden und fahren tatschlich auf die Brcke zu. Sie schrie auf,
schlug die Hnde zusammen und lief ber Beete und Blumen hinweg direkt
in das Schlafzimmer ihres Mannes. Dieser lag noch immer da und schlief
wie ein Toter.

Steh auf! Steh schnell auf! rief sie und packte ihn am Arm.

Wie? ghnte Tschertokutzky, der sich mchtig reckte, ohne die Augen zu
ffnen.

Steh auf, Mnne! Hrst du, die Gste kommen!

Gste? Was fr Gste? Nach diesen Worten grunzte er leise vor sich hin
wie ein Kalb, das mit der Schnauze das Euter der Mutter sucht. Hm, hm!
brummte er, reich mir doch dein Hlschen her, mein Herzblatt, ich will
dir einen Ku geben.

Beeile dich doch um Gotteswillen mit dem Aufstehen, Schatz! Der General
kommt mit seinen Offizieren. Ach, Herrgott, du hast ja eine Klette im
Schnurrbart!

Der General? Was, er kommt schon? Aber weshalb hat mich denn, hol's der
Teufel, niemand geweckt? Und das Diner? Was ist mit dem Diner? Ist auch
alles fertig, wie es sich gehrt?

Was fr ein Diner?

Hab ich denn keins bestellt?

Du? Du bist ja erst um 4 Uhr nachts nach Hause gekommen? So sehr ich
mich auch bemhte, dich auszufragen, du wolltest mir nicht antworten.
Ich habe dich nicht geweckt, Mnne, weil du mir leid tatest. Die
letzten Worte sagte sie mit einer uerst schmachtenden und bittenden
Stimme.

Eine Minute lang lag Tschertokutzky mit weit aufgerissenen Augen wie vom
Blitz getroffen auf seinem Lager. Endlich sprang er im bloen Hemde aus
dem Bette, wobei er garnicht daran dachte, da das eigentlich
unanstndig sei.

Ach ich dummes Pferd! sagte er und schlug sich an die Stirn. Ich habe
sie ja zum Mittagessen eingeladen. Was tun? Sind sie noch weit von
hier?

Ich wei nicht. Sie mssen jeden Augenblick eintreffen.

Verstecke dich, Schatz. He! Wer da! Du Mdel, komm mal her! Was
frchtest du dich, dumme Gans? Die Offiziere knnen jeden Augenblick
hier sein! Sag ihnen, der Herr sei nicht zu Hause. Sage, da er heute
garnicht mehr zurckkommt, er sei schon ganz frh am Morgen abgereist.
Hrst du, und sage es auch allen Knechten und Mgden! Geh schnell!

Mit diesen Worten packte er eiligst den Schlafrock zusammen und lief
spornstreichs in die Remise, um sich dort zu verstecken, da er hier am
sichersten zu sein glaubte. Als er es sich aber in einem Winkel bequem
machen wollte, sah er, da er auch hier noch bemerkt werden knne. Das
da wird besser sein, schwirrte es ihm durch den Kopf; sofort lie er
das Trittbrett der gerade dastehenden Equipage herunter, sprang in sie
hinein, schlug die Tre hinter sich zu, bedeckte sich vorsichtshalber
mit dem Vorhang und dem Lederschurz und sa muschenstill da, indem er
sich in seinen Schlafrock hllte und niederkauerte.

Unterdessen waren die Wagen bei der Terrasse vorgefahren. Der General
stieg heraus und schttelte sich tchtig. Nach ihm erschien der Oberst,
der den Federbusch auf seiner Mtze zurechtrckte. Dann sprang der dicke
Major mit dem Sbel unter dem Arm heraus, sodann entstiegen die
schlanken Leutnants mitsamt dem Fhnrich, der auf ihren Armen gesessen
hatte, dem Bon-Voyage, und endlich saen die drei Reiter ab.

Der Herr ist nicht zu Hause! sagte der Lakai, der sich auf die
Terrasse hinausbegeben hatte.

Wieso nicht zu Hause? Er kommt aber doch zum Mittagessen?

Nein, der Herr ist fr den ganzen Tag verreist. Er wird frhestens
morgen um diese Zeit zurckerwartet!

Da haben wir's! sagte der General. Wie kommt denn das?

Das mu ich sagen, das ist aber ein schner Streich, sagte der Oberst
lachend.

Nein, wie kann man nur so etwas tun? fuhr der General ziemlich
rgerlich fort.

Ja ... zum Teufel! ... Wenn du einen nicht empfangen kannst, weshalb
ldst du uns denn dann ein?

Ich verstehe nicht, wie man so etwas tun kann, Exzellenz! sagte ein
junger Offizier.

Was? fragte der General, der dieses Fragewort stets anzuwenden
pflegte, wenn er mit einem Offizier sprach.

Ich meinte nur, wie kann man blo so handeln, Exzellenz?

Natrlich! Ja, wenn es absolut nicht anders geht usw., so teilt man es
einem doch wenigstens vorher mit, oder man ladet einen lieber berhaupt
nicht erst ein.

Ja, Exzellenz, was knnen wir tun? Wollen wir nach Hause fahren? sagte
der Oberst.

Selbstverstndlich! Es bleibt uns ja gar nichts anderes brig. Aber wir
knnen uns schlielich die Equipage auch ohne ihn ansehen. Er wird sie
wohl kaum mitgenommen haben. He, holla, wer ist da? komm mal her,
Brderchen!

Zu Befehl!

Bist du der Stallknecht?

Jawohl, Eure Exzellenz!

Zeig uns doch mal die neue Equipage, die dein Herr sich unlngst
angeschafft hat!

Bitte, kommen Sie mit mir in die Remise!

Und der General begab sich mitsamt den Offizieren dorthin.

Gestatten Sie, ich werde sie ein wenig herausziehen. Hier ist es zu
dunkel!

Genug, genug, es ist schon gut!

Der General und die Offiziere gingen um die Equipage herum und sahen
sich die Rder und Sprungfedern sorgfltig an.

Hm, das ist doch nichts Besonderes, meinte der General. Eine ganz
gewhnliche Equipage!

Ein hchst unansehnliches Ding, besttigte der Oberst. An der ist
wahrhaftig nicht viel Gutes zu entdecken.

Mir scheint, Exzellenz, sie ist gar keine 4000 Rubel wert, meinte
einer der jungen Offiziere.

Was?

Ich sage, da sie meiner Meinung nach gar keine 4000 Rubel wert ist,
Exzellenz!

Ach was! 4000! Sie ist keine 2000 wert! An dem Ding ist doch gar nichts
dran! Es mte denn sein, da es drinnen etwas Besonderes zu sehen gibt.
Bitte, mein Lieber, schnalle doch mal den Lederschurz ab.

Und Tschertokutzky bot sich den Blicken der Offiziere dar; er sa in
seinen Schlafrock gehllt, in einer seltsamen Stellung zusammengekauert
am Boden der Kutsche.

Ach, Sie sind _hier_? sagte ganz verdutzt der General.

Er schlug die Tr zu, bedeckte Tschertokutzky mit dem Schurz und fuhr
mit seinen Herren Offizieren von dannen.




                                Anhang


                               Mirgorod

Beide Teile dieser Novellensammlung erschienen im April des Jahres 1835.
Die Unterschrift des Zensors trgt das Datum den 29. Dezember 1834.


                       Mirgorod (Erster Teil.)

I. _Gutsbesitzer aus der alten Zeit._ Der erste Entwurf dieser Novelle
stammt aus dem Jahre 1833. 1834 arbeitete Gogol sie noch einmal fr den
Druck um.

II. _Tara Bulba._ Die erste Fassung dieser Erzhlung stammt aus dem
Jahre 1834. In den Jahren 1839-1842 arbeitete Gogol den ursprnglichen
Text fr den zweiten Band seiner gesammelten Werke noch einmal um. Unser
Text geht auf diese letzte Fassung zurck.


                       Mirgorod (Zweiter Teil.)

III. _Wij._ Diese Erzhlung ist 1833 begonnen und 1834 noch einmal fr
die erste Ausgabe von Mirgorod umgearbeitet. Die erste Ausgabe
enthielt noch eine Funote, die am Schlu der Erzhlung, unter dem
Strich, abgedruckt war, und folgenden Wortlaut hatte: Ein _Versehen_.
In dieser Erzhlung ist aus Unachtsamkeit die Hlfte einer Seite
ausgelassen, aus der wir erfahren, wie der Bursche Choma Brut in der
Tochter des Hauptmanns die Hexe wiedererkannte, die ihm in Gestalt einer
alten Frau begegnet war. Vermutlich meint der Verfasser folgende Zeilen
des handschriftlichen Textes, die im Drucke weggefallen sind. >Er kennt
mich, er erinnert sich sicher noch an den Schafs .... Was aber dort im
Schafs .... vorgefallen ist, habe ich nicht mehr gehrt. Das liebe Kind
hatte nur noch Zeit diese Worte zu sagen, -- dann legte sie sich hin und
starb.< Ein bermchtiger Schmerz lie den Hauptmann einen Augenblick
inne halten. >Du mut wissen<, sagte er, nachdem er sich ein wenig
erholt hatte, >was das zu bedeuten hat, im Schafs ....< -- >Gott mag
wissen, was das heit, Herr Hauptmann. Ich habe einen Schafspelz.
Vielleicht meinte sie den. Vielleicht hat sie mich einmal auf dem Bazar
oder sonstwo in ihm gesehen<. Gogol hat dann den _Wij_ fr die erste
Ausgabe seiner gesammelten Werke noch einmal umgearbeitet. Hierbei hat
er, abgesehen von mehreren unwesentlichen Verbesserungen, noch folgenden
Stellen eine vernderte Fassung gegeben.

1) Seite 262 von den Worten an: Sie sthnte anfangs wtend bis zum
Ende des Absatzes Choma zitterte am ganzen Krper Seite 263. In der
ersten Bearbeitung lautete die Stelle folgendermaen: und er begann mit
aller Gewalt auf die Alte loszuschlagen. Nach einigen Schlgen merkte
er, da sie immer langsamer und langsamer zu laufen begann, der
Philosoph aber schlug immer eifriger auf sie ein. Endlich hielt die Hexe
es nicht mehr aus, fing an zu wanken und brach unter seinen Schlgen
zusammen. Unterdessen war der Tag angebrochen, die Vgel jubilierten in
den stillen, schlaftrunkenen Haselnustruchern; vor ihm, wie auf der
Handflche, lag Kiew mit seinen lnglichen birnenfrmigen Kuppeln. Er
sprang auf, warf einen Blick auf die vor ihm liegende und kaum noch
atmende Hexe, und er konnte sich sein eigenes Gefhl nicht erklren: sah
er doch, wie ihr Gesicht sich verjngte, und wie ein schneeweier Glanz
in ihm aufleuchtete; jetzt kam sie ihm garnicht mehr alt vor, ein
eigentmlicher, halb lieblicher, halb abstoender Zug umspielte ihre
Lippen und drang ihm schneidend bis ins Herz hinein. Er fhlte etwas wie
Mitleid in sich aufsteigen, aber er wollte nicht lnger bei ihr bleiben,
und machte sich schleunigst auf den Weg nach der Stadt, whrend er
unaufhrlich ber dies seltsame Abenteuer nachsann.

2) _Die Zeilen_: Pltzlich glaubte er in ihrem Gesicht etwas furchtbar
Vertrautes zu erkennen. -- Es war dieselbe Hexe, die er gettet hatte.
(Seite 280) lauteten in der ersten Fassung folgendermaen: >Das ist ja
die Hexe, die ich gettet habe,< schrie er entsetzt auf, als er sie sich
nher ansah. Und in der Tat, ihr Gesicht trug dieselben Zge, die ihn
damals in Erstaunen gesetzt hatten, als er statt des alten Weibes eine
Jungfrau vor sich liegen sah >Ah, das also war der Grund, warum ich fr
sie beten sollte.< Voll inneren Grauens blickte er auf sie: jeder Zug
ihres Gesichtes schien ihm jetzt etwas Schreckliches und Drohendes zu
haben, und kalter Schwei rann ihm von der Stirn herab.

3) Auch die folgende Stelle hat eine Umarbeitung erfahren. (Seite 293:
Wieder erhob sich der Leichnam, der jetzt ganz blau und grn aussah.
Die Lippen der Toten bewegten sich und schienen etwas sagen zu wollen.
Sie stampfte mit ihrem zarten, fast knochenlosen Fu dumpf auf den
Boden, und die ganze Kirche erzitterte. Er glaubte zu hren, wie sich
etwas auf sie legte, und an den Fenstern erschienen allerhand
schreckliche Gestalten von furchtbarer Hlichkeit. Aber in diesem
Augenblick ertnte ein ferner Hahnenschrei, und die Leiche sank in den
Sarg zurck.

4) Ferner ist folgende Stelle stark gekrzt und umgearbeitet worden.
Seite 304: Er lie den Kopf sinken und fuhr in seinen Beschwrungen
fort, da hrte er pltzlich, wie die Tote mit den Zhnen knirschte und
die Hnde hin und her zu bewegen begann, als wolle sie ihn fassen. Er
blickte vorsichtig nach ihr hin, und sah, da die Leiche gar nicht dahin
griff, wo er stand, und da sie ihn gar nicht sehen konnte. Dieser
Mierfolg schien die Tote rasend zu machen, sie knirschte wieder mit den
Zhnen, trat in die Mitte der Kirche und stampfte abermals mit dem Fue,
aber es gab nur einen kurzen dumpfen Ton, ihre Lippen verzerrten sich
und schienen etwas vor sich hin zu murmeln; allein man hrte nicht, was
es war. Der Philosoph vernahm, wie die Wnde der Kirche zu sthnen
begannen, ein seltsames Murren und ein schneidendes Gewimmer drang unter
dem dumpfen Gewlbe hervor, von den Fenstern her erscholl ein
widerwrtiges Kratzen und pltzlich drang aus Tren und Fenstern mit
furchtbarem Lrm und Getse eine Unzahl von Gnomen von schrecklichem und
abstoendem uern herein, wie sie noch nie jemand -- nicht einmal im
Traume gesehen hat. Der Philosoph sah pltzlich eine ungeheure Menge
widerwrtiger Flgel, Fe und Gliedmaen vor sich, die er in seiner
Angst gar nicht einzeln zu unterscheiden vermochte. Hoch ber alle
hinaus ragte ein seltsames Wesen, das die Form einer Pyramide hatte und
ganz mit Schleim bedeckt war. Statt der Fe besa es zwei Knochen, die
die Gestalt eines halben menschlichen Kinnbackens hatten; oben von der
Spitze dieser Pyramide hing eine lange Zunge herab, die das Ungeheuer
bestndig ausstreckte und nach allen Seiten hin und her bewegte. Auf dem
gegenberliegenden Chor sa etwas Groes, Weies mit zwei langen weien
Scken, die es statt der Beine herabhngen lie; an Stelle der Arme,
Augen und Ohren hatte es gleichfalls Scke, die tief herunterhingen. Ein
wenig weiter reckte sich etwas Schwarzes empor, das ganz mit Schuppen
bedeckt war, es hatte eine Unzahl von feinen dnnen Hnden, die es ber
der Brust gekreuzt hielt, und statt des Kopfes eine blau schimmernde
Menschenhand. Ein riesenhafter Schwabenkfer fast von der Gre eines
Elefanten, war an der Tr stehen geblieben und streckte seine Fhler
durch die Trffnung herein, von der Spitze der Kuppel fiel etwas
Schwarzes lrmend in die Mitte der Kirche herab: es bestand aus lauter
Beinen, die sich auf dem Boden hin und her bewegten und sich
unaufhrlich zusammenkrmmten, wie wenn das Ungeheuer sich erheben
wollte. Ein rtlich-blaues Wesen ohne Hnde und ohne Beine streckte zwei
lange Rssel in die Luft hinaus und schien nach jemand zu suchen, und
eine gewaltige Menge anderer Geschpfe, die das erschrockene Auge schon
nicht mehr zu unterscheiden vermochte, ging, flog und kroch in allen
Richtungen durcheinander; eins bestand einzig und allein aus einem Kopf,
ein anderes aus einem abscheulichen Rachen, ein drittes aus einem
Flgel, welcher mit unertrglichem Zischen durch die Luft flog. Choma
schlo die Augen und hatte nicht mehr den Mut, hinzublicken. Er hrte
nur, da diese ganze Gesellschaft nach ihm suchte, er bemhte sich
krampfhaft, sich aller Beschwrungen, die er kannte, zu erinnern, und
sprach sie mit hastiger, stockender Stimme vor sich her.

Die Angst und das Entsetzen trieben ihm den Schwei auf die Stirn. Es
schien ihm, als msse er vor lauter Schrecken sterben, wenn das Bein
eines dieser Ungeheuer von so abstoendem uern ihn berhren wrde.
Schon sah er, wie eine dieser Migeburten seine langen Rssel
ausstreckte, und wie einer von diesen ber den Strich hinaus langte ...
O Gott! Aber da ertnte ein Hahnenschrei, die ganze Schar erhob sich mit
einem Male und flog zu den Tren und Fenstern hinaus.

5) Vollkommen verndert ist auch der Schlu der Erzhlung, der in der
ersten Fassung folgenden Wortlaut hatte: Pltzlich vernahm er inmitten
der Stille aufs neue das widerwrtige Kratzen, Pfeifen, Klirren und
Lrmen an den Scheiben. ngstlich schlo er die Augen und hrte einen
Augenblick auf, zu lesen. Ohne die Augen zu ffnen, vernahm er
pltzlich, wie ein ganzer Haufen von Ungeheuern mit Getse auf den Boden
fiel, das von einem schrecklichen dumpfen oder hellen Gepolter, zarten
Geruschen, wie wenn etwas Weiches herabfiele, oder widerlichem Gewinsel
begleitet war. Er ffnete seine Augen ein wenig, schlo sie aber schnell
wieder. Entsetzen umfing ihn; es waren dieselben Gnomen von gestern, nur
mit dem Unterschiede, da er noch eine ganze Menge neuer unter ihnen
erblickte. Nahezu ihm gegenber stand etwas Kohlschwarzes, dessen
dunkles Skelett deutlich hervortrat, und zwischen dessen dunklen Rippen
der gelbe Leib deutlich durchschimmerte. Etwas abseits stand ein langes,
mageres Wesen, das einem Stocke glich und aus lauter Augen mit langen
Wimpern zusammengesetzt zu sein schien. Etwas weiter sah er ein
riesenhaftes Ungeheuer, das beinahe die ganze Wand einnahm und in einen
dichten Wald von durcheinander gewirrten Haaren eingehllt war. Aus
diesem Haarnetz blickten zwei entsetzliche Augen hervor. Voller Angst
schaute er empor: ber ihm in der Luft schwebte etwas wie eine gewaltige
Blase, die aus ihrer Mitte tausend Krebsscheren und Skorpionenstacheln
hervorstreckte, an denen mchtige Klumpen schwarzer Erde hingen.
Entsetzt richtete er seine Augen wieder auf sein Buch. Die Gnomen
machten einen frchterlichen Lrm mit ihren Schuppenschwnzen, ihren mit
Krallen versehenen Fen und ihren rauschenden Flgeln, und er hrte,
wie sie ihn allesamt in allen Ecken suchten. Das alles machte, da der
letzte Rest seines Rausches verschwand, der noch im Kopfe des
Philosophen rumorte, und voller Eifer las er seine Gebete herunter. Er
hrte, wie jene vor Wut rasten, weil sie ihn nicht zu finden vermochten.
>Wie wenn sich nun pltzlich die ganze Schar auf mich strzte?< dachte
er und schrak bei diesem Gedanken zusammen. >_Wij!_ lat uns den _Wij_
holen< schrie eine Menge seltsamer Stimmen durcheinander, und es schien
ihm, wie wenn ein Teil der Gnomen sich entfernte. Dennoch aber stand er
mit geschlossenen Augen da, und wagte es nicht aufzublicken. >Wij, Wij,<
schrien alle mit lauter Stimme, und aus der Ferne ertnte Wolfsgeheul
und dumpfes Hundegebell. Die Tr sprang krachend auf, und Choma hrte,
wie eine ganze Schar von Geistern hereinstrzte, dann wurde es pltzlich
still, wie in einem Grabe. Er wollte die Augen ffnen, aber eine innere
Stimme flsterte ihm zu: >sieh nicht hin<. Er nahm alle Kraft zusammen
.. doch eine unbegreifliche, vielleicht aus der Angst stammende
Neugierde machte, da sein Auge sich wie von selbst ffnete. Vor ihm
stand ein riesengroes Geschpf von menschlicher Gestalt, dessen
Augenlider bis zur Erde herabhingen. Voller Grauen bemerkte der
Philosoph, da das Antlitz dieses Wesens von Eisen war, und er richtete
seine glhenden Augen wieder auf sein Buch. >Hebt mir die Lider empor,<
sagte Wij mit unterirdischer Stimme, und die ganze Dmonenschar strzte
auf ihn zu, um ihm die Lider emporzuheben. >Sieh nicht hin,< flsterte
eine innere Stimme dem Philosophen zu. Aber er hielt es nicht aus und
blickte hin. Zwei schwarze Kanonenkugeln starrten ihm gerade in die
Augen, und eine eiserne Hand erhob sich und wies mit dem Finger auf ihn.
>Da ist er,< schrie Wij, und alle Dmonen, die in der Kirche waren, all
die scheulichen Ungeheuer fielen zusammen ber ihn her, und leblos
strzte er zu Boden. Der Hahn krhte schon zum zweitenmal, den ersten
Schrei hatten die Geister berhrt. Jetzt erhoben sich die
Dmonenscharen und wollten davonfliegen, aber es war schon zu spt, sie
kamen nicht vom Flecke und blieben regungslos zwischen Tren und
Fenstern, an der Kuppel und in den Ecken und Winkeln hngen ... Da
ffnete sich die Tr, und ein Geistlicher, der aus einem fernen Dorfe
gekommen war, um die Totenmesse abzuhalten und die Tote zu begraben,
betrat die Kirche. Entsetzt wich er zurck, als er diese Schndung des
Allerheiligsten erblickte, und er wagte es nicht, das gttliche Wort in
diesen Rumen erklingen zu lassen. So blieb denn seit jener Zeit in
dieser Kirche alles, wie es war. Auch heute noch sind die Ungeheuer dort
in den Fenstern festgebannt. Die Kirche ist mit Moos bewachsen, und von
Bumen und Struchern berwuchert, die ihre Wurzeln bis in die Wnde und
Mauern hineinsenken: nie wird sie von einem menschlichen Fue betreten,
und keine Seele wei, wo und in welcher Gegend sie sich befindet.

IV. _Wie Iwan Iwanowitsch und Iwan Nikiforowitsch sich entzweiten._
Diese Erzhlung ist nach Gogols eigenem Zeugnis im Jahre 1831 entworfen;
im April des Jahres 1833 befand sie sich bei Smirdin, der sie im
Almanach Nowosselje (Neues Heim) abdruckte. Die Unterschrift des
Zensors trgt das Datum den 18. April 1834. Am 7. April desselben
Jahres las Gogol diese Erzhlung Puschkin vor.


                               Novellen

V. _Die Equipage._ Der erste Entwurf dieser Erzhlung stammt aus dem
Jahre 1835; im September desselben Jahres wurde sie noch einmal fr
Puschkins Zeitschrift umgearbeitet, und im ersten Bande des Sowremennik
(Der Zeitgenosse) abgedruckt. Die Unterschrift des Zensors trgt das
Datum den 31. Mrz 1836.

                Druck von Mnicke & Jahn, Rudolstadt.




Anmerkungen zur Transkription


Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt
sind, wurden ^so^ markiert.

Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch
Variationen in der Transliteration der russischen Namen wurden nicht
verndert. Lediglich offensichtliche Druckfehler wurden, teilweise unter
Zuhilfenahme der russischen Originaltexte, korrigiert wie hier
aufgefhrt (vorher/nachher):

   [S. IX]:
   ... durchgehends den Stoffkreis dieser Novellen bildet, ...
   ... durchgehend den Stoffkreis dieser Novellen bildet, ...

   [S. XII]:
   ... wie die ersten Kapitel der toten Seelen und der Revisior ...
   ... wie die ersten Kapitel der toten Seelen und der Revisor ...

   [S. 13]:
   ... Afanassji Inwanowitsch kmmerte sich sehr wenig ...
   ... Afanassji Iwanowitsch kmmerte sich sehr wenig ...

   [S. 28]:
   ... Pulcheria Iwanowka bedauerte den Verlust der Katze, aber ...
   ... Pulcheria Iwanowna bedauerte den Verlust der Katze, aber ...

   [S. 32]:
   ... sprach kein Wort. Endlich, nach langen Schweigen, schien ...
   ... sprach kein Wort. Endlich, nach langem Schweigen, schien ...

   [S. 43]:
   ... Hergott, habt ihr lange Kittel an! So etwas gibt ...
   ... Herrgott, habt ihr lange Kittel an! So etwas gibt ...

   [S. 45]:
   ... den Jngeren. Warum drischt du nicht auch auf ...
   ... den Jngeren. Warum drischst du nicht auch auf ...

   [S. 46]:
   ... Meth dazu. Und recht viel Schlaps, aber keinen mit allerlei ...
   ... Meth dazu. Und recht viel Schnaps, aber keinen mit allerlei ...

   [S. 47]:
   ... sauber und mit farbigen Ton bestrichen. An den Wnden ...
   ... sauber und mit farbigem Ton bestrichen. An den Wnden ...

   [S. 58]:
   ... Morgenrte auf. ...
   ... Morgenrte auf. ...

   [S. 67]:
   ... weilenden Woijewoden von Kowno sei. In der nchsten ...
   ... weilenden Wojewoden von Kowno sei. In der nchsten ...

   [S. 92]:
   ... sich hinter dem Ofen gelegt, und schwimmen in ihrem ...
   ... sich hinter den Ofen gelegt, und schwimmen in ihrem ...

   [S. 99]:
   ... groen Mut, sie versteckten sich in leeren Brantweinfssern ...
   ... groen Mut, sie versteckten sich in leeren Branntweinfssern ...

   [S. 101]:
   ... Kosakenbote nicht mehr, wohl aber der Wagen und ...
   ... Kosakenboote nicht mehr, wohl aber der Wagen und ...

   [S. 112]:
   ... Felsblcken, die auf den abschssigen Felder verstreut ...
   ... Felsblcken, die auf den abschssigen Feldern verstreut ...

   [S. 112]:
   ... lagen. Von allen Seiten ertnte das Scharchen der auf ...
   ... lagen. Von allen Seiten ertnte das Schnarchen der auf ...

   [S. 118]:
   ... sein wrde. Er erinnerte sich, da der Hetmann die ...
   ... sein wrde. Er erinnerte sich, da der Hetman die ...

   [S. 135]:
   ... deine Sklaven zu sein, nur die himmlichen Engel sind ...
   ... deine Sklaven zu sein, nur die himmlischen Engel sind ...

   [S. 136]:
   ... fallenden reichen Haarstrhne zurck und brach in bittere ...
   ... fallenden reichen Haarstrhnen zurck und brach in bittere ...

   [S. 158]:
   ... mit beiden Hnden seinen schweren Pallasch und und ...
   ... mit beiden Hnden seinen schweren Pallasch und ...

   [S. 162]:
   ... an krftigen Worten fehlten. ...
   ... an krftigen Worten fehlen. ...

   [S. 170]:
   ... gesenken Blicken an, wie es bei den Kosaken Sitte war, ...
   ... gesenkten Blicken an, wie es bei den Kosaken Sitte war, ...

   [S. 175]:
   ... auf das der groe Moment in dem Menschen auch ein ...
   ... auf da der groe Moment in dem Menschen auch ein ...

   [S. 205]:
   ... der Kosaken herumlegen. Dann fuhren sie frhlich ...
   ... der Kosaken herumliegen. Dann fuhren sie frhlich ...

   [S. 209]:
   ... Fnft Werst wird der Edelmann herlaufen hinter dem ...
   ... Fnf Werst wird der Edelmann herlaufen hinter dem ...

   [S. 225]:
   ... Viele standen mit weitgeffnetenMunde da, streckten ...
   ... Viele standen mit weitgeffnetemMunde da, streckten ...

   [S. 226]:
   ... mit ernster Miene von oben herab. Ein Leibeigener in in ...
   ... mit ernster Miene von oben herab. Ein Leibeigener in ...

   [S. 234]:
   ... euren Glauben abschwren und die polnischen ...
   ... eurem Glauben abschwren und die polnischen ...

   [S. 237]:
   ... Heiduken nicht wie ehemals von ihren Rossen herunter. ...
   ... Heiducken nicht wie ehemals von ihren Rossen herunter. ...

   [S. 249]:
   ... des Grammatiker genau auf den Ton der kleinen ...
   ... des Grammatikers genau auf den Ton der kleinen ...

   [S. 253]:
   ... Rhetoren Tiberius Gorobetz. ...
   ... Rhetor Tiberius Gorobetz. ...

   [S. 258]:
   ... bei Gott, mir ist's, als ob mir jemand mit einen Wagen ...
   ... bei Gott, mir ist's, als ob mir jemand mit einem Wagen ...

   [S. 258]:
   ... Bei diesem Worten wurde es dem Philosophen ...
   ... Bei diesen Worten wurde es dem Philosophen ...

   [S. 259]:
   ... Als der Philosoph allein war, vespeiste er sofort die ...
   ... Als der Philosoph allein war, verspeiste er sofort die ...

   [S. 262]:
   ... sich weniger fest an seinem Rcken, er berhrte das dichte ...
   ... sich weniger fest an seinen Rcken, er berhrte das dichte ...

   [S. 291]:
   ... Ich will jetzt eine Priese nehmen. Hm, ein feiner ...
   ... Ich will jetzt eine Prise nehmen. Hm, ein feiner ...

   [S. 301]:
   ... die Erde berhrte, und wo eine schmale, kirstallklare Quelle ...
   ... die Erde berhrte, und wo eine schmale, kristallklare Quelle ...

   [S. 318]:
   ... Buchstabens V. Iwan Nikiforowisch hat kleine, gelbliche ...
   ... Buchstabens V. Iwan Nikiforowitsch hat kleine, gelbliche ...

   [S. 318]:
   ... Handelsjuden vorbergehn, ohne ihm ein Elexier oder ...
   ... Handelsjuden vorbergehn, ohne ihm ein Elixier oder ...

   [S. 340]:
   ... ihm immer wieder neuem Mut. Der erste Pfahl war ...
   ... ihm immer wieder neuen Mut. Der erste Pfahl war ...

   [S. 347]:
   ... Demian Demianowisch, sagte Iwan Iwanowitsch, ...
   ... Demian Demianowitsch, sagte Iwan Iwanowitsch, ...

   [S. 358]:
   ... den Polizeiminister davon benachrichtigen msse, da die ...
   ... den Polizeimeister davon benachrichtigen msse, da die ...

   [S. 361]:
   ... gemacht! Zum Beispiel whrend der Camapagne von ...
   ... gemacht! Zum Beispiel whrend der Campagne von ...

   [S. 361]:
   ... zu einer niedlichen Deutschen ber den Zaun geklettet ...
   ... zu einer niedlichen Deutschen ber den Zaun geklettert ...

   [S. 365]:
   ... welche Iwan Iwanowitsch im hinhielt, und zerrieb den ...
   ... welche Iwan Iwanowitsch ihm hinhielt, und zerrieb den ...

   [S. 371]:
   ... der von den vielen Tintenklexen allmhlich ganz mormoriert ...
   ... der von den vielen Tintenklexen allmhlich ganz marmoriert ...

   [S. 372]:
   ... Makar Nazarjewitsch, Thomas Grigojewitsch ... ...
   ... Makar Nazarjewitsch, Thomas Grigorjewitsch ... ...

   [S. 382]:
   ... Iwan Iwanowitsch hatte besonders einem mit Meerretich ...
   ... Iwan Iwanowitsch hatte besonders einem mit Meerrettich ...

   [S. 401]:
   ... und blie den Rauch weit aus. Sie hat hier noch ...
   ... und blies den Rauch weit aus. Sie hat hier noch ...






End of Project Gutenberg's Smmtliche Werke 4: Mirgorod, by Nikolai Gogol

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THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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