The Project Gutenberg EBook of Kleinstadtkinder, by Josephine Siebe

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Title: Kleinstadtkinder
       Buben und Mdelgeschichten

Author: Josephine Siebe

Illustrator: Anna Milo Upjohn

Release Date: October 22, 2015 [EBook #50277]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KLEINSTADTKINDER ***




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                           Josephine Siebe
                           Kleinstadtkinder




                           Kleinstadtkinder


                      Buben und Mdelgeschichten
                                 von
                           Josephine Siebe

                           Verlag E. Nister
                               Nrnberg

                       Alle Rechte vorbehalten.




                         Ankunft in Neustadt.


Neustadt, schrie der Schaffner und lief den Zug entlang; Neustadt,
ausstei...gen!

Einige Passagiere guckten zu den Kupeefenstern heraus. So'n Nest,
sagte der eine, und ein anderer ghnte, whrend ein dritter rief:
Fenster zu! S'ist ja so kalt!

Neustadt, abfahren, schrie der Schaffner noch einmal. Es steigt doch
niemand aus, hier steigt nie jemand aus, dachte er.

Aber da -- schon pfiff die Lokomotive -- da wurde noch hastig eine
Kupeetre geffnet, ein Fu wurde sichtbar, eine braune Ledertasche und
-- platsch lag mit Koffer und Plaid ein nicht zu groer, nicht zu
kleiner, nicht zu dicker und nicht zu dnner Herr, so lang er war, auf
dem Bahnhof.

Na, der hat's aber eilig, hat wohl geschlafen, murmelte der Schaffner
und sprang rasch auf, denn der Zug setzte sich pustend in Bewegung.

Zwei Bahnbeamte eilten herbei und halfen dem Herrn wieder auf die Beine,
gebrochen hatte der sich glcklicherweise nichts. Er brummelte etwas von
gefrorenen Stufen, ausgerutscht sein, und braun und blau geschlagen,
dann nahm er seine Sachen, dankte hflich und verlie den Bahnhof.

Da wre ich, dachte er, eine nette Ankunft in dem Nest, wie konnte
ich auch nur so fest einschlafen, beinahe htte ich Neustadt
verschlafen, brrrrrr, wird gewi ein erzlangweiliges Nest sein.

Er trat aus dem Bahnhofsgebude heraus, ging ber einen kleinen, von
Bumen umstandenen Platz, und gelangte an eine Strae, die etwas bergab
fhrte; hier sah er pltzlich das Stdtchen mit all seinen Husern und
Trmen und seinem Hintergrund von bewaldeten Hhen liegen. Der Fremde
verga ber diesem Anblick seinen Fall auf dem Bahnhof, und sein vorhin
so mimutiges Gesicht hellte sich auf. Ja, dies war aber auch schon ein
Anblick, der sich lohnte. In der geruschvollen Grostadt, aus der der
Fremde kam, sah man selten so eine weie, schimmernde Winterpracht. Dort
fiel der Schnee schon grau vom Himmel, und nach wenigen Stunden war er
eine breiige, schmutzige Masse. Hier aber war das ganze Stdtlein in ein
weies Feierkleid gehllt. Die Trme von St. Marien ragten steil und
schlank in die Luft, wie Knigstchter sahen sie aus im Schmuck weier
Hermelinmntel, und nicht weit davon erhob sich der dicke, runde
Schloturm mit weier Kappe, behbig wie ein biederer Bckermeister
schaute er drein. Und das Schlo selbst auf der Hhe mit seinen vielen
kleinen Fenstern und seinen altersgrauen Mauern war berzuckert von oben
bis unten, es glich einer guten Gluckhenne, und all die berschneiten
Huser und Huschen waren ihre Kchlein. Im Rauhreif standen Bsche und
Bume, und die Sonne, die gerade noch einen Abschiedsblick auf das
Stdtchen warf, ehe sie in ihr Wolkenbett rutschte, berstrahlte alles
mit einem zarten Rosenschimmer. Die fernen Berge verschwanden schon in
blaugrauem Dunst, als wollten sie sagen: Schau dir nur erst das
Stdtchen an, es lohnt sich schon, zu uns kommst du spter.

Ja, du lieber Himmel, es lohnt sich wirklich, dachte Doktor Theobald
Frhlich; er guckte rechts und links und gerade aus und meinte, er
knnte sich nicht satt sehen an dem hbschen Stadtbild. Und dies kleine
Stdtchen sollte nun fr immer seine Heimat werden, das erschien ihm auf
einmal gar nicht mehr so schrecklich.

Whrend so der Doktor Theobald Frhlich oben am Bahnhofsplatz stand und
Neustadt bewunderte, stand unten in der Stadt vor der Tre eines
stattlichen, altmodischen Hauses eine alte Frau. Sie hatte ihre Hnde
fest in ihre Schrze eingewickelt und guckte eifrig geradeaus, denn wer
vom Bahnhof kam, mute die Strae herunterkommen, an deren Ende das Haus
lag. Die Straen von Neustadt gingen alle bergauf und bergab; die Brger
behaupteten, ob es stimmt wei freilich niemand, ihr Nestlein sei gerade
wie das groe, gewaltige Rom auf sieben Hgeln erbaut.

Nun mu er doch bald kommen, murmelte die Alte, wo er nur bleibt!

Sie wartete auf niemand anders als auf den Doktor Theobald Frhlich, der
von nun an in dem stattlichen Hause wohnen sollte. Das Haus hatte er von
einer alten Tante geerbt, mit der Bedingung, da er darinnen wohnen
mute, sonst sollte das Haus an entfernte Verwandte fallen. Wer mein
Haus besitzt, der soll es auch lieb haben und gern darin wohnen, hatte
die Tante immer gesagt. Der Doktor Theobald Frhlich war arm, er hatte
auch noch eine Schwester, die in England als Erzieherin sich ihr Brot
verdiente, da dachte er, eine richtige Heimat haben mit der Schwester
zusammen, und sei es auch in Neustadt, sei schlielich besser, als in
Berlin einsam zu leben.

Zu der alten Frau, die die Dienerin der ehemaligen Herrin des Hauses
gewesen war, gesellte sich die Bckermeisterin Gutgesell, die gegenber
an der Ecke der Marienstrae wohnte.

Wo er nur bleibt, der neue Herr? sagte sie und schaute ebenso eifrig
wie die alte Dorothee die Strae hinauf.

Ja eben, 's dauert so lange, brummelte Jungfer Dorothee, vielleicht
kommt er garnicht, nmlich Frau Nachbarin, er ist 'n Dichter, und die
sollen doch was komisch sein.

Ih nee, 'n richtiger, leibhaftiger Dichter! So was haben wir doch nie
in Neustadt gehabt! schrie die Bckermeisterin und schlug die Hnde
zusammen.

Und die alte Dorothee reckte sich stolz und belehrte die Nachbarin, was
ein Dichter sei, und da ihr neuer Herr vielleicht mal sehr berhmt
wrde, htte die Frau Stadtrtin Mller gesagt, noch sei er es freilich
nicht. --

Doktor Theobald Frhlich hatte sich unterdessen das Stdtlein genau
angesehen, dann hatte er einen Mann nach dem Weg gefragt und hatte
erfahren, da er erst die Strae hinunter gehen mte, dann links herum,
dann kme die Marienstrae, die ging steil bergab, und am Kirchplatz
stnde das Haus, das er suchte. Der Doktor fand denn auch die
Marienstrae und schickte sich an, sie hinab zu gehen. Wie er einige
Schritte gegangen war, hrte er pltzlich ein wildes Geschrei hinter
sich, und eine Schar Buben und Mdels kamen mit ihren Schlitten
angefahren. Rechts, schrie ein langer Bengel, links, rief ein
anderer, und auf einmal gab es ein Purzeln und Fallen, zwei Schlitten
waren zusammengefahren, ihre Besitzer plumpsten in den Schnee.

Na, solche Wildfnge, dachte Doktor Frhlich gerade, als ein leerer
Schlitten ihm zwischen die Beine fuhr. Er verlor das Gleichgewicht,
rutschte aus und sa auf einmal auf dem Schlitten und heidi ging es
bergab. Sein Plaid fiel rechts herunter, seine Reisetasche links, er sah
nichts und hrte nichts, er hielt sich nur krampfhaft fest, und dann gab
es einen Ruck, ein Zetergeschrei, und der Doktor Theobald Frhlich lag
im Schnee, und auf der einen Seite sa die alte Dorothee und auf der
anderen die Frau Bckermeisterin, und beide schalten und lachten
durcheinander, denn der fremde Herr hatte sie beide umgerissen.

Verzeihung, murmelte der Doktor, mein Name ist Dr. Theobald Frhlich
-- ich

Du meine Gte, so was, das ist ja mein neuer Herr! schrie Jungfer
Dorothee und verbeugte sich so eilig, da sie mit der Nase beinahe in
den Schnee stippte. Die lustige Frau Bckermeisterin lachte hell auf,
und nun kamen auch die brigen Schlittenfahrer und zwei Buben mit
Reisetasche und Plaid herbei. Es gab ein Hin-und-her von Fragen und
Erklrungen. Der Doktor meinte, so schnell ginge es in Berlin beinahe
nicht mit einem Vorortszug wie in Neustadt mit dem Schlitten.

Die alte Dorothee schalt auf die Buben, die verteidigten sich, sie
htten nichts dafr gekonnt, die Bckermeisterin lachte, und der Doktor
fand seine Ankunft in Neustadt hchst wunderlich. Er war herzlich froh,
als er endlich in seinem Hause in einem behaglichen Zimmer sa und
Dorothee ihm heien Kaffee und selbstgebackenen Kuchen brachte.

Heisa das schmeckte, und wie behaglich das Zimmer war mit den
altmodischen, grnen Samtmbeln und den schnen Bildern an den Wnden!
Spter zeigte ihm Dorothee das ganze Haus von oben bis unten. Da gab es
viele uralte Mbel, viel alten, schnen Hausrat; ein Zimmer gab es, das
war ganz mit steifen, weien Mbeln angefllt, es fhrte auf eine breite
Terrasse, vor der sich ein groer Garten ausbreitete. Der gehrt zum
Hause, sagte die alte Frau stolz, so schnes Obst hat niemand in
Neustadt wie in dem Garten wchst, 's ist ein Staat!

Still war es freilich in dem Hause, und still war es auch in dem
Stdtchen, das sich der Doktor Frhlich am nchsten Morgen grndlich
anschaute. Still, ja, aber heimlich und traut. Und als er gerade zur
Mittagsstunde ber den Schulplatz ging, und aus einem alten ehemaligen
Klostergebude rechts Buben und links Mdchen herauskamen, da war es
vorbei mit der Stille, potztausend ja konnte die Gesellschaft schreien
und lachen! Und am Nachmittag sagte die alte Dorothee: Morgen ist
Nikolaustag.

Nikolaustag, was ist denn das? fragte der Doktor erstaunt.

Je, du meine Gte, das wei der Herr nicht? rief die Alte erstaunt.
Na, Nikolaustag ist halt Nikolaustag, und die selige gndige Frau hat
immer am Nikolaustag allen Kindern, die in der Marienstrae und hier auf
dem Kirchplatz wohnen, Pfefferkuchen, pfel und Nsse geschenkt. Der
Herr Doktor kann's mir glauben, die kommen auch in diesem Jahre. pfel
und Nsse sind da, soll ich noch die Pfefferkuchen holen?

Freilich, freilich, sagte der Doktor Frhlich, beschmt, da er nichts
vom Nikolaustage wute. Er ging dann in ein Zimmer, in dem viele Bcher
standen, dort sah er in einem groen Lexikon nach, was es mit dem
Nikolaustag fr eine Bewandtnis habe.

Er hatte nie eine rechte Heimat gekannt. Als er fnf Jahre alt war und
seine Schwester nur erst wenige Monate zhlte, waren Vater und Mutter
rasch hintereinander gestorben; die beiden Kinder wuchsen bei fremden
Leuten auf. Eins hier, das andere dort. Der Knabe kam bald in eine
Erziehungsanstalt; waren Ferien und seine Kameraden fuhren heim, dann
blieb er allein in der Anstalt. An seine traurige Jugend und an seine
ferne Schwester mute er denken, als am nchsten Tage Buben und Mdels
angelaufen kamen, um sich ihre Nikolausgaben zu holen. Eine lustige
Gesellschaft war es, die da herantrappelte, wie strahlten die Augen, wie
blitzten die weien Zhne, wenn jedes seinen Teil bekam. Einmal kamen
fnf zusammen, zwei Mdels und drei Buben.

Na, das sind die rechten Schelme, sagte die alte Dorothee
lachend, Schatzgrber ihr, gelt, ihr habt gerade den rechten
Pfefferkuchenhunger? Ja, riefen die fnf, und ein Bube, der braune,
krause Haare hatte und Augen rund und dunkel wie zwei Herzkirschen, aber
so unntz wie ein paar Spatzenaugen, rief: Es knnte jede Woche
Nikolaustag sein, das wr mal fein!

So fein wie Schatzgraben, gelt? rief die Alte, da wurden alle fnf rot
wie reife Erdbeeren und lachend liefen sie davon.

Wer waren die fnf, und warum werden sie Schatzgrber genannt? fragte
Doktor Frhlich.

Die fnf sind dicke Freunde; es sind Nachbarskinder und ihren Namen
haben sie von einem dummen Streich, den sie unlngst ausgefhrt haben.
Ich will dem Herrn gern die Geschichte erzhlen, wenn es recht ist.

Am Abend des Nikolaustages schrieb der Doktor Frhlich an seine
Schwester: Komm bald zu mir, hier wird es dir gefallen. Komm noch vor
Weihnachten, damit wir das erstemal das Fest im eigenen Heim, in unserer
neuen Heimat, feiern knnen!

Und dann, als das Abendessen abgetragen war, erzhlte die alte Dorothee
die Geschichte von den fnf Schatzgrbern. Die gefiel dem Doktor
Frhlich so gut, da er sie gleich in ein Buch schrieb. Dahinein schrieb
er im Laufe der Zeit noch manche Geschichte von den Neustdter Kindern,
manche, die ihm erzhlt wurde, und manche, die er selbst sah und hrte.
Auch zwei Mrlein kamen dazu und eine Geschichte aus vergangenen Tagen.

Und so stehen denn die Geschichten in diesem Buch, eine nach der
anderen, so wie sie der Doktor gehrt, sie erlebt und niedergeschrieben
hat.




                        Die fnf Schatzgrber.


In frheren Zeiten, in denen die Stdte noch nicht so gewaltig gro wie
heutzutage zu sein brauchten um mchtig zu sein, war auch Neustadt eine
gar angesehene Stadt im deutschen Reiche gewesen. Wohlstand herrschte,
und die Brger wuten sich gut in mancher Fehde zu verteidigen. Der
dreiigjhrige Krieg aber, der so vieles in Deutschland vernichtete, zog
auch verheerend ber Neustadt hin, die Stadt wurde zum Teil zerstrt,
geplndert, und seitdem gelang es ihr nie wieder, sich zu einstiger
Gre emporzuschwingen. In jener Zeit nun, so berichtete die Sage,
htten die Brger einen groen Schatz vergraben, viel Geld, edle Steine
und silberne und goldene Prunkgefe. Die aber, die den Schatz vergraben
hatten, wurden nachher, als die Feinde die Stadt einnahmen, gettet, und
darum wute spter niemand mehr, wo eigentlich der Schatz vergraben lag.

Von diesem Schatz nun wurde in Neustadt in den Zeiten, die kamen und
gingen, viel gesprochen. Frher hatte wohl mancher in aller Heimlichkeit
sein Grtlein umgegraben, und wurde ein Grundstein zu einem neuen Hause
gelegt oder ein altes, bauflliges Haus eingerissen, immer gab es
etliche, die hofften, der Schatz sollte sich schon finden. Er fand sich
aber nicht, und zuletzt suchte niemand mehr so recht ernsthaft danach.
Die Geschichte von dem Schatz wurde zu einem Mrchen, das den Kindern
erzhlt wurde, und mancher Bube dachte wohl, wenn ich gro bin, suche
ich den Schatz; wuchs er heran, dann verga er gewhnlich sein Vorhaben.

Von dem vergrabenen Schatz nun sprachen an einem sonnenhellen Herbsttag
fnf Kinder, die eintrchtiglich, wie Schwlbchen auf dem Dachfirst, auf
der alten Stadtmauer saen. Dieses letzte Stck der einst so trutzigen
Stadtmauer zog sich jetzt als Grenze zwischen einer engen Gasse und
hbschen, schattigen Anlagen hin. Am Ende dieses Mauerrestes stand ein
runder Turm, es war dies der letzte der acht Wachttrme, die Neustadt
einst besessen hatte. In dem Turm, der noch fest und unversehrt dastand,
wohnte nicht mehr wie einst eine Schar eisenbewehrter Wchter, sondern
ein Pantoffelmacher, Klaus Hippel genannt. Und kriegerisch sah der ganze
Turm auch nicht mehr aus, statt der Feuerbchsen frherer Zeiten hingen
an schnen Tagen zu den kleinen Fenstern des Turmes bunte Pantoffel
heraus, und auf schwankendem Blumenbrettlein blhten Rosen, Geranien und
lichtrote Kapuzinerkresse. Und Klaus Hippel selbst konnte keiner Fliege
etwas zu Leide tun, er hantierte allzeit frhlich mit seinem
Handwerkszeug herum, fertigte wunderschne, warme, weiche Pantoffel und
war gut Freund mit allen Kindern, die sich die Anlagen an der Stadtmauer
zum Spielplatz erkoren hatten.

Auf der alten Stadtmauer zu sitzen war eigentlich von Rats wegen
verboten, aber von Pantoffelmachers wegen durften die Kinder darauf
sitzen so viel sie wollten, sie taten es auch, und niemand kmmerte sich
weiter darum. Vom Turmtor aus fhrte ein eisernes Wendeltreppchen auf
die Stadtmauer hinauf, und Klaus Hippel lachte nur gutmtig, wenn er die
Kinder das Treppchen hinaufklettern sah. Er selbst sa in seinem
Stbchen hinter dem Blumenbrett bei seiner Arbeit, und seine ebenso
frhliche, wie gutmtige Frau Pauline wirtschaftete eifrig in ihrem
kleinen Reich herum, und wenn die beiden alten Leutchen lachten, dann
pfiff Mausel, der Dompfaff, vergngt: O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie
grn sind deine Bltter!

Oben im Turm war ein kleines Museum, da hingen allerlei Waffen und
Rstungen, auch ein paar alte Mbel gab es zu sehen; das Schnste aber
war die Aussicht von oben, ber das weite Land hin bis zum fernen
Gebirge. Paulinchen Pantoffelmacher, wie die lustige kleine Frau im
Stdtchen genannt wurde, brauchte zwar selten das Turmgemach
aufzuschlieen, weil selten genug Fremde sich nach Neustadt verirrten.
Kam wirklich mal jemand, dann rief Klaus Hippel: Aufgepat, ein weier
Spatz fliegt in den Turm.

Die fnf Kinder nun, die an diesem hellen Herbsttag auf der Stadtmauer
saen und von dem Schatz sprachen, waren Pantoffelmachers besondere
Freunde. Im zierlichen, weien Kleidchen sa in der Mitte Brigittchen
Schn; so ganz unrecht trug die Kleine ihren Namen nicht, sie war
wirklich sehr lieblich, hatte lockiges, dunkelblondes Haar, ein zartes,
feines Gesicht und Augen so blau wie zwei Veilchen. Brigittchen war das
einzige Kind eines wohlhabenden Kaufmannes. Reich war der Herr Schn,
dabei aber doch arm, ihm waren vor wenigen Jahren sein liebes Weib und
sein kleiner Sohn gestorben, und nur Brigittchen war brig geblieben.
Eine ltere Verwandte, Frulein Mathilde, htete das Haus; sie meinte,
es sei genug wenn sie dafr sorgte, da die Kleine immer wei wie ein
Maiglckchen angezogen sei. Da ein Kind recht viel Liebe braucht,
gerade so wie eine Blume den Sonnenschein, daran dachte sie nicht, und
wenn der Vater verreist war, was oft geschah, dann wre Brigittchen
recht verlassen gewesen, wenn es nicht so gute Freunde gehabt htte.
Freunde hatte nun freilich die Kleine, wie man sie sich nicht besser
wnschen kann, Freunde, die, wenn es darauf angekommen wre, fr sie
durch Feuer und Wasser gegangen wren. Auch heute saen ihre Freunde mit
ihr zusammen auf der Stadtmauer. Da war zuerst ihre allerallerbeste
Freundin Anne-Marte Fabian und deren Bruder Jrgel. Der Vater der Kinder
war ein tchtiger und beliebter Arzt im Stdtchen, und das Doktorhaus
lag am Kirchplatz, dicht neben Brigittchens Vaterhaus. Dann waren auch
noch die beiden Bckerbuben Wendelin und Severin Gutgesell da, die in
der Marienstrae wohnten, und die dem Brigittchen so treu ergeben waren,
da sie mit Vergngen die schnsten Prgel eingeheimst htten, wenn sie
damit der Kleinen einen Gefallen getan htten. Das verlangte Brigittchen
nun freilich nicht, ja, wenn ihren Freunden nur ein geringes Leid
geschah, so weinte sie so bitterlich, da es beinahe eine berschwemmung
gab. Und dem Weinen nahe war die Kleine auch an diesem Herbsttage;
berhaupt sahen alle fnf Freunde so aus, als sei ihnen die Petersilie
verhagelt, und trotzdem war es doch der erste Tag der Herbstferien und
acht schulfreie wundervolle Tage lagen vor ihnen. Sie waren auch am
Morgen in seliger Lust ausgezogen, um allerlei Vergngliches zu
unternehmen; der erste Besuch sollte Pantoffelmachers gelten, Frau
Paulinchen hatte versprochen, ihnen wieder mal das kleine Museum recht
grndlich zu zeigen, und Klaus Hippel wollte ihnen eine Geschichte aus
seinem Lieblingsbuch vorlesen; dies war eine alte Chronik der Stadt
Neustadt. Aber ach, die erhofften Freuden wurden bald zu Wasser. Statt
sie wie sonst mit Singen, Pfeifen und schalkhaften Worten zu begren,
murmelte der Pantoffelmacher an diesem hellen Morgen nur verdrielich:
Na, seid ihr da? Und tief seufzend nhte er so emsig an seinem
Pantoffel weiter, als stnde jemand barfu neben ihm und schrie: Eil
dich doch, ich friere ja an meine Fe!

An dem Kachelofen aber sa Frau Paulinchen und weinte herzbrechend, und
weil Brigittchen nun mal niemand weinen sehen konnte, ohne mit zu
weinen, flossen auch gleich ihre Trnen, und wenn die Freundin weinte,
mute Anne-Marte auch weinen, und so schluchzten denn die Mdels
jmmerlich los. Den Buben wurde es ungemtlich, Trnen waren ihnen ein
Greuel, Severin, der blonde Bckerbube, ri krampfhaft die Augen auf,
und Wendelin, der Schwarzkopf, knipste sie fest zu. Nur nicht etwa
mitheulen! Jrgel zupfte seine Schwester und brummte: Heul' man nicht
so, es ist ja schrecklich!

Die Ermahnung half nicht viel, und so trat Jrgel dicht an den alten
Klaus heran und fragte: Was ist denn los?

Was nicht angebunden ist, brummte der Pantoffelmacher, potzwetter ja,
hrt doch auf mit dem Geflenne!

Dabei aber rollten dem alten Mann selbst langsam zwei schwere Trnen
ber das runzelige Gesicht, er sah so traurig aus, da die Kinder
fhlten, hier war ein rechtes Leid eingekehrt.

Sie htten es aber wohl so bald nicht erfahren, was geschehen war, wenn
nicht urpltzlich der Schneidermeister Langbein, der trotz seines Namens
so kurz war wie der krzeste Tag im Jahre, in die Stube geflitzt wre:
Nachbar, Nachbar, schrie er aufgeregt, ist's wahr, da euer
Schwiegersohn so viel Geld verloren hat?

Ja, es war so. Mutter Paulinchen rang jammernd die Hnde, und ihr Mann
erzhlte dem Schneidermeister die ganze traurige Geschichte. Der
Schwiegersohn der alten Leute, Friedrich Lange, war ein braver,
rechtlicher Mann, er war als Kassenbote in dem grten Bankgeschft
angestellt. Am vergangenen Tag hatte er Geld austragen sollen, er war
schon seit einigen Tagen krank gewesen, hatte aber seinen Dienst nicht
versumen wollen. An diesem Nachmittag nun wurde ihm auf einmal
schwindelig, gerade als er durch den Stadtwald ging, da hatte er sich
zum Ausruhen ein Weilchen auf eine Bank gesetzt, dann war er weiter
gegangen. Pltzlich aber hatte er seine Geldtasche vermit. Hatte er sie
verloren, war sie ihm gestohlen worden? Er wute es nicht, er war gleich
umgekehrt und hatte gesucht, vergeblich, nirgends war die Tasche zu
finden gewesen. Stundenlang hatte er noch gesucht, war auf die Polizei
gelaufen, den Verlust zu melden, alles vergeblich. Der Direktor der Bank
war, als ihm die Sache erzhlt wurde, so zornig gewesen, da er den
armen Mann gleich entlassen und ihm gedroht hatte, er wrde ihn
anzeigen, wenn er nicht binnen drei Tagen das Geld herbeischaffte. Und
wenn wir zusammen alle unsere ersparten Groschen hergeben, klagte der
alte Klaus, dann reicht es noch nicht einmal, und die gute Stellung hat
mein Schwiegersohn auch verloren, wo wird er nun Arbeit finden.

Es war wirklich sehr trbselig in dem alten Turm gewesen, bedrckt waren
die Kinder von dannen geschlichen, und niedergeschlagen saen sie nun
auf der Stadtmauer und berlegten, wie dem Pantoffelmacher zu helfen
sei. Ach, in ihren Sparbchsen war auch nicht viel Geld. Jrgel sagte
verchtlich, als Brigittchen davon sprach: Das nutzt gar nichts, viel
mehr Geld mssen wir haben.

Wenn wir den Schatz fnden, sagte Wendelin pltzlich sinnend.

Ja wenn, wo liegt er denn, wenn wir das nur wten? brummte Severin.

Im ehemaligen Klostergarten, Heine hat's gesagt, murmelte Wendelin
halblaut, als frchtete er, jemand knnte das groe Geheimnis hren.

Heine war ein Bckergeselle, der fr die beiden Bckerbuben ein Orakel
war. Sie fragten Heine nach allen mglichen Dingen, und wenn Heine etwas
sagte, stimmte es sicher.

Im Klostergarten? rief Jrgel, das knnte schon sein, Klaus hat auch
einmal gesagt, das Kloster sei einst reich und mchtig gewesen?

Wir wollen den Schatz suchen, sagte Brigittchen eifrig. Pat auf, wir
werden ihn finden, dann helfen wir Klaus und schenken allen Leuten was
zu Weihnachten!

Fein, schrie Anne-Marte und baumelte vor Vergngen so mit ihren
Beinchen, da der Mrtel von der alten Stadtmauer herabrieselte.

Fein wr's schon, meinte auch Wendelin, und Severin und Jrgel riefen
wie aus einem Munde: Wir knnen ja mal suchen!

Einen Schatz graben soll aber gefhrlich sein, flsterte Wendelin;
Brigittchen und Anne-Marte quiekten graulich: Nein, nein, wir frchten
uns!

Vor was denn, ihr Mauerschwalben? fragte eine Mnnerstimme. Unten auf
dem Promenadenweg stand ein Herr, der lachend die fnf auf der Mauer
betrachtete. Jrgel erkannte seinen Onkel, Stadtrat Weber, in dem
Spaziergnger und dachte, nun wrde es Schelte geben, weil er auf der
Mauer sa, doch der Onkel nickte ihm nur freundlich zu und ging weiter.
Die fnf aber steckten die Kpfe zusammen und tuschelten und wisperten,
groe Plne waren es, die sie schmiedeten, sie bekamen leuchtende Augen
und heie Wangen und beinahe wren sie zu spt zum Essen gekommen, so
eifrig hatten sie miteinander beraten.

An diesem Nachmittag suchten Wendelin und Severin den Bckergesellen
Heine in der Backstube auf. Der war gerade aufgestanden, denn so ein
armer Bcker mu die Nacht zum Tage machen und umgekehrt. Ein bichen
knurrig und verschlafen sah Heine daher den Buben entgegen, kaum hatte
er aber gehrt, was sie wollten, da wurde er gleich putzmunter. An den
vergrabenen Schatz hatte er nmlich schon lange gedacht, er meinte,
etwas Wahres wrde schon an der Geschichte sein, weil er sich aber nicht
auslachen lassen mochte, hatte er noch mit niemand ernstlich darber
geredet. Auch war er recht furchtsam und meinte, ohne ein Gespenst
knnte es beim Schatzgraben sicher nicht abgehen. Heisa, dachte er
nun, vielleicht finden die Kinder wirklich den Schatz, dann bekommst du
auch deinen Teil, und finden sie ihn nicht, na, dann bist du wenigstens
nicht der Ausgelachte und geschehen kann dir auch nichts. Er gab also
den beiden bereitwilligst Auskunft. Der Schatz liegt sicher unter dem
sogenannten Schwedenstein auf dem alten Klosterhof, sagte er, dort
grabt ihr einfach morgen, wenn es dunkel ist, ihr mt halt so lange
graben, bis ihr den Schatz findet!

Wendelin und Severin nickten. Ja, das war schon recht einfach, wenn nur
die Dunkelheit nicht gewesen wre. Das Graben selbst beunruhigte sie
nicht weiter, denn das Stck vom Klosterhof, auf dem sich der
Schwedenstein befand -- ein altes Steindenkmal, dessen Inschrift niemand
mehr lesen konnte -- war den Buben recht gut bekannt. Es war der
Grasgarten, der an die Bckerei stie, ein stiller, verlorener Winkel,
der auf der einen Seite vom Kreuzgang der Marienkirche begrenzt wurde.
Obstbume standen jetzt da, wo vor langen Zeiten fromme Mnche gewandelt
waren, und die Frau Bckermeisterin Gutgesell trocknete ihre Wsche auf
dem Platz.

Einen richtigen, wohlgepflegten Garten anzulegen, dazu hatte niemand
recht Zeit im Bckerhause; der Vater meinte, ein Grasgarten sei fr die
Buben gerade ein rechter Spielplatz, und an warmen Sommerabenden sa die
Familie gern in der grnen Wildnis, es vermite niemand gepflegte Wege
und zierliche Blumenbeete.

Warum nur abends, am Tage knnen wir doch gerade so gut graben? murrte
Wendelin.

Nee, das geht und geht nicht; wer einen Schatz graben will, der mu es
in der Dunkelheit tun, sonst findet er ihn nicht, und der Mond mu
scheinen, und der scheint morgen gerade, also ist's recht, beharrte
Heine. Der gute Heine war nmlich nicht allein furchtsam, sondern auch
noch schrecklich aberglubisch, es geht schon ber die Hutschnur, wie
sehr, pflegte der Altgeselle Martin zu sagen.

Wie tricht eigentlich der gute Heine mit all seinem Aberglauben war,
das merkten freilich die Buben nicht, und sie glaubten ihm auf's Wort.
Sie seufzten zwar sehr, und der Gedanke an das nchtliche Schatzgraben
legte sich ihnen wie eine Zentnerlast auf das Herz. Uff, chzte
Wendelin, das wird graulich, und Severin sthnte herzbrechend.

Auch Jrgel, Anne-Marte und Brigittchen fanden die Sache sehr
bedenklich. Zwei Tage lang gingen alle fnf mit sorgenvollen Gesichtern
herum. Als aber am dritten Tage Tante Mathilde erzhlte, man habe den
Schwiegersohn vom alten Turmwrter Hippel ins Gefngnis gesteckt, da
schluchzte Brigittchen bitterlich, und weinend sagte sie zu ihren
Freunden: Wir mssen den Schatz holen!

Es traf sich, da am nchsten Tage Doktor Fabian mit seiner Frau ber
Land fuhr, Brigittchens Vater war wieder verreist, so konnten die Kinder
noch nach dem Abendessen in das Bckerhaus eilen, ohne da es jemand
recht beachtete. Komm rechtzeitig wieder, sagte Tante Mathilde zu
Brigittchen, dann vertiefte sie sich in ein Buch und verga darber die
Zeit. Die Kchin Marie bei Doktor Fabian aber sa in der Kche und
strickte, schlief darber ein und merkte es auch nicht, da die Kinder
gar nicht heim kamen. Im Bckerhause war an diesem Abend besonders viel
zu tun; in Neustadt sollte am nchsten Tage ein Turnfest gefeiert
werden, dazu waren viele groe Apfel- und Pflaumenkuchen bei Meister
Gutgesell bestellt worden, es hie also fleiig bei der Arbeit sein.

Geht zu Bett, sagte die Meisterin zu ihren Buben, und weil diese, so
viele dumme Streiche sie auch machten, doch folgsam waren, meinte sie,
ihr Befehl sei ausgefhrt und die Buben wren ins Bett gegangen.

Die aber saen mit ihren Freunden zitternd und zagend in ihrer
Schlafkammer, und je spter es wurde, je graulicher wurde ihnen zu Mute.
Zur Aufmunterung erzhlten sie sich noch allerlei Schauergeschichten,
lauter dummes, unwahres Zeug, und je mehr sie sich erzhlten, je
ngstlicher wurden sie.

Auf einmal klopfte es leise an der Tre, Heine erschien mit einer groen
Stallaterne und drei Spaten. Jetzt la ich euch zur Hintertre hinaus,
s'ist gerade Zehn, und der Mond wird gleich zum Vorschein kommen; nun
macht eure Sache gut. Wenn ihr fertig seid, dann klettert ihr die Leiter
hinauf, die am Fenster der zweiten Backstube steht, und pfeift, ich
mache euch dann die Tre wieder auf und la' euch herein! Lat euch man
nicht von 'n Gespenst oder so was erwischen, weil's nmlich mit dem
Schatzgraben manchmal bedenklich ist, ermahnte er noch. Diese Worte
trugen gerade nicht dazu bei, den Mut der Kinder sonderlich zu strken.

Es ist schrecklich gruslich! wimmerte Anne-Marte. Brigittchen
schluckte krampfhaft die Trnen herunter; sie dachte an den alten, guten
Klaus Hippel und da sie ihm so gern helfen wollte. Ganz mutig tappte
sie also hinter den Buben drein; auch Anne-Marte folgte, als sie die
Freundin so beherzt sah.

Als sich aber die Haustre hinter den Fnfen schlo und sie so allein in
dem einsamen Grasgarten standen, fing es allen an sehr unheimlich zu
werden. Pah, s'ist gar nichts, nur los, rief Jrgel patzig; er guckte
dabei rechts und links, ob sich auch niemand blicken lie.

Wir sind doch schon oft so spt drauen gewesen, prahlten Severin und
Wendelin, und dabei war es, als ob ihnen die Fe am Boden festklebten.
Endlich aber faten sie sich alle an und marschierten tapfer auf den
alten Stein los, der in einer Ecke des Grasgartens stand.

Es war ein etwas strmischer, aber warmer Herbsttag. Der Wind spielte
mit dunklen Wetterwolken am Himmel Haschen, und mal flog eine Wolke da,
mal dorthin, und der Mond, der sich gern in seinem vollen Glanz zeigen
wollte, hatte rechtschaffene Mhe, immer wieder hinter den Wolken
hervorzuschauen. Das Huflein Kinder auf dem alten Klosterhof kam ihm
gewi recht wunderlich vor.

Unter Seufzen und chzen begannen die Buben zu graben. Wendelin hatte
gerade eine kleine Erdscholle ausgehoben, als er flsterte: Es hat
geklirrt!

Unsinn, brummte Severin, ich hab' an die Laterne gestoen.

Ich hab' was, schrie Jrgel und bckte sich. Er hob etwas Schweres,
Dunkles mhsam auf, und flugs beugten alle fnf ihre Nasen darber.

Ein Stein, murrte Wendelin verchtlich, und Jrgel lie den Stein mit
einem groen Plumps wieder fallen.

Ihr mt besser leuchten, ermahnte Severin die Mdels, und Anne-Marte
hielt die Laterne so dicht hin, da es pltzlich einen lauten Krach gab,
Wendelin war mit seinem Spaten in die Laterne gefahren und -- aus war
sie.

Stumm vor Schreck standen die Kinder in der Dunkelheit da. Am liebsten
wren sie alle eins, zwei, drei davon gelaufen, aber sie schmten sich
doch ein bichen ihrer Zaghaftigkeit.

Just kam der Mond hervor, auch vom Bckerhause her strahlten Lichter in
die Dunkelheit hinein, und mutig begannen die Buben wieder zu graben.
Es mu auch ohne Laterne gehen, trsteten sie sich gegenseitig. Es
ist ja gar nicht so dunkel, bewahre, ganz hell!

Es klirrt, schrieen auf einmal alle.

Ich hab' was, frohlockte Severin bald darauf.

Ich auch, rief Jrgel.

Pardauz fuhren die Buben mit ihren Kpfen zusammen, jeder griff nach
etwas.

Mein Spaten, schrie Severin.

Meiner ist's, knurrte Jrgel.

Wo habt ihr den Schatz? Ist's eine groe Kiste? fragten die andern.

Aber es war keine Kiste, im Mondlicht konnten die beiden erkennen, da
einer des anderen Spaten erfat hatte. Das war eine rechte Enttuschung
und sie gruben brummelnd weiter. Ach, war das schwer!

Dauert das lange, ehe ihr den Schatz findet, seufzte Anne-Marte.

Na grab' du doch, sagte Jrgel unwirsch, aber gleich darauf trstete
er wieder: Wir werden ihn schon finden.

Es raschelt was, flsterte Brigittchen pltzlich, da bewegt -- sich
-- was!

Rutsch verschwand der Mond wieder hinter einer Wolke und furchtsam
schauten alle ins Dunkel.

Es ist der Wind, sagte Jrgel mutig, seid nicht so dumm, wer soll uns
denn was tun, losgegraben!

Etliche Minuten schafften die drei Buben eifrig und die Mdels standen
still dabei, frchteten sich und wagten es doch nicht zu sagen.

Potztausend, jetzt ist da was, schrie Severin, und zu gleicher Zeit
jammerte Brigittchen: Mein Bein, mein Bein, ach, mich fat wer an mein
Bein, huhuhu.

Dein Bein ist's? sagte Severin verblfft und lie Brigittchens Bein
los, die ein wenig in das gegrabene Loch getreten war.

Mein Bein ist doch kein Schatz, klagte die Kleine, denn der Bube hatte
krftig zugefat.

Den andern kam die Sache jetzt spahaft vor, sie kicherten laut und
leise und auf einmal war alle Furcht wie weggeblasen. Sie lachten,
schwatzten und gruben, machten Plne, wie sie den Schatz verwenden
wollten, als pltzlich langsam und drhnend die Uhr von St. Marien zu
schlagen begann.

Halb elf ist's schon, murmelte Wendelin, so schrecklich spt. Ach,
ich bin so mde, ghnte Severin, ihm war es eingefallen, wie behaglich
es doch sei im Bett zu liegen und zu schlafen.

Es raschelt wirklich was, quiekte Anne-Marte. Die anderen horchten
ngstlich und gespannt. Der Wind fuhr sausend durch die Baumwipfel und
der Mond sa wieder hinter der dicken Wolke, sein Licht versilberte nur
fein deren Rnder.

Aber durch das Brausen und Sausen kam noch ein anderer Ton, wie ein
chzen klang es, dann wie ein Schnauben und Stampfen.

Die Mdels zitterten wie Espenlaub, Severin und Wendelin hielten ihre
Spaten krampfhaft umfat und nur Jrgel wagte zu sprechen: Es ist
nichts, wenn's windig ist, gibt es oft so komische Tne, sagte er, aber
seine Stimme schwankte ein wenig.

Wenn es nur nicht so dunkel wre, klagte Brigittchen, und es klang als
zirpte ein verflogenes Vgelchen.

Es kommt was! schrie Wendelin und machte einen Satz, lnger als er
selbst war.

Huh! brllte Severin, den ganz unvermutet etwas Ungeheuerliches
angerannt hatte.

Ein wildes Zetergeschrei erhob sich, da war ein Gespenst, ein Ungeheuer,
irgend etwas Furchtbares. Der Mond, der gerade wie ein rechter Schelm
hinter seiner Wolke hervorguckte, lie das unheimliche, schnaubende Ding
im ungewissen Licht riesengro und grauenerregend erscheinen. Zur Ehre
sei's gesagt, da die Buben in dieser Not die Mdels nicht im Stich
lieen, Jrgel ergriff Brigittchens Hand, Wendelin ri Anne-Marte mit
fort, Severin purzelte heulend hinterdrein, und so jagten alle fnf in
wilder Hast dem Hause zu.

Die Leiter hinauf in die Backstube, keuchte Jrgel. Von dort grte
kein Licht, wie verabredet war, die Schatzgrber; Heine mute nicht in
der Backstube sein. Aber dies kmmerte die Kinder herzlich wenig. Eins
nach dem andern hastete zitternd vor Angst die Leiter hinauf und hopste
oben in die Backstube.

Klatsch, war Brigittchen drin, Jrgel folgte. Uff, chzte er, was ist
denn das!

Es ist so weich! schrie Anne-Marte, die ihm folgte. Ich bin in -- in
-- den Teig gefallen, jammerte Wendelin. Plumps, fiel Severin in die
Kammer, es gab einen Krach, ein Angstgeschrei, die Kinder prusteten,
husteten, klagten, heulten, keins wute, was geschehen war, und sie
meinten nicht anders als das Gespenst sei ihnen gefolgt.

Potztausend noch mal, was ist denn hier fr ein Lrm? rief eine
drhnende Stimme. Eine Tr ffnete sich und hell flutete ein breiter
Lichtstrom in die dunkle Backstube.

Meister Gutgesell stand auf der Schwelle, hinter ihm erschien der
Altgeselle, die Meisterin, ein Lehrjunge und ganz im Hintergrunde
tauchte flchtig Heines verstrtes Gesicht auf, es verschwand aber
rasch.

Na, Schockschwerenot, was ist denn das fr eine Bescherung? rief der
Meister und sah entsetzt auf fnf krabbelnde, zappelnde Wesen, die sich
auf -- ungebackenen Pflaumenkuchen herumwlzten und die verschleiert
wurden von einer dichten, weien Mehlwolke; eine groe Backmulde lag
umgestrzt am Boden. Beim Anblick der Eltern begannen die beiden
Bckerbuben Zeter und Mordio zu schreien, Brigittchen und Anne-Marte
halfen ihnen dabei, nur Jrgel schwieg; er war gerade mit dem Gesicht in
einen Pflaumenkuchen gefallen und prustete, leckte und spuckte, um nur
Luft zu bekommen.

Alle guten Geister, was ist das? rief die Meisterin. Sie drngte sich
vor und ergriff eins der kleinen, schreienden Wesen, es war Brigittchen,
die sie erfat hatte.

Das Gespenst! jammerte die Kleine, und klammerte sich an die Frau und
das Gespenst, das Gespenst! erklang es heulend im Chor.

Na, nun schlag's dreizehn! schrie der Meister zornig, was soll denn
das nur bedeuten, Wendelin, du Schlingel, was machst denn du auf dem
Pflaumenkuchen?

Das ist kurios, sagte der Altgeselle, der nicht leicht aus seiner Ruhe
herauskam. So was hab' ich meiner Lebtage noch nicht gesehen.

Na, ich auch nicht, ei, ihr heillose Gesellschaft, ihr! wetterte der
Meister und ergriff Severin rechts und Wendelin links, und spahaft sah
die Sache in diesem Augenblick fr die beiden Buben wirklich nicht aus.

Trotz ihres eigenen Kummers aber sah Brigittchen, da es ihren Freunden
schlimm ergehen sollte, und schluchzend rief sie: Ich -- ich -- bin
dran -- schuld, ich -- ich -- wollte den Schatz -- -- -- --. Weiter kam
sie nicht, der Teig, der ihr im Gesicht klebte, kam ihr in den Mund und
sie schluckte krampfhaft.

Kommt erst mal alle vor, sagte die Meisterin nicht unfreundlich; sie
sah ihren Mann bittend an und der fate Severin und Wendelin und zog sie
mit fort, die Meisterin mit den anderen drei Kindern folgte.

In der Kche wusch ihnen die gutherzige Frau erst die verweinten, mit
Teig und Mehl beschmierten Gesichter ab, dann sollten die kleinen
Missetter erzhlen. Das ging aber nicht so einfach. Erst schrieen alle
durcheinander, dann kamen die beiden Mdels immer wieder ins Heulen, und
Severin und Wendelin sagten nur: Wir haben's doch nicht bse gemeint.
Da nahm sich Jrgel zusammen und tapfer erzhlte er die ganze
schreckliche Geschichte.

Solche Dummkpfe, wie ihr fnf aber auch seid, brummte der Meister.

Sechs Dummkpfe, murmelte der Altgeselle und sah strafend nach der
Tre, hinter der Heine zagend lauschte.

Ja, sechs, Heine ist der grte, rief Meister Gutgesell, und husch war
der lange Heine hinter der Tre verschwunden.

Die Meisterin meinte milde und nachsichtig, Strafe htten die Kinder
eigentlich genug gehabt fr ihr heimliches Tun. Da sie in die
Pflaumenkuchen gefallen waren, dafr konnten sie freilich nichts; weil
es viele Kuchen waren, hatte nmlich der Meister sie, was sonst nicht
geschah, in die zweite Backstube auf die Erde stellen lassen. Heine
hatte, als er dies gesehen, die Kinder auf dem Hof abpassen wollen, ber
aller Arbeit aber nicht zur rechten Zeit hinunter gehen knnen.

Meine schnen Kuchen, ein Jammer ist's, brummte Meister Gutgesell
grollend, und Wendelin und Severin senkten ihre Nasen fast bis zur Erde.

Ach -- und -- und dem alten Klaus -- knnen wir -- wir -- nichts
geben, schluchzte Brigittchen, die schon ganz dick verweinte Augen
hatte.

Die Kinder mssen vor allen Dingen nach Hause gebracht werden, sagte
die Meisterin, die in ihrem gtigen Herzen inniges Mitleid mit den
kleinen, verunglckten Schatzgrbern empfand.

's war unser Esel, sagte auf einmal Martin, der Altgeselle, der ein
Weilchen das Zimmer verlassen hatte und eben wieder eintrat.

Was soll denn das heien, was ist denn nun wieder mit unserem Esel?
rief der Meister, der seinen rger noch nicht berwunden hatte und einen
neuen vermutete.

Das Gespenst war er, erwiderte Martin trocken.

Unser Grauchen war -- das Gespenst? schrie Severin und ri den Mund
weit wie eine Schublade auf.

Unsern Esel habt ihr fr ein Gespenst angesehen, o, ihr Bangbxen, ihr
kleinen, trichten Hasenfe, ihr, rief der Meister, und sein
verrgertes Gesicht hellte sich auf; er lachte so herzlich, da seine
Frau, der Geselle und der Lehrjunge mit einstimmten. Anne-Marte, die
ohnehin eine rechte Lachtaube war, kicherte ebenfalls, und zuletzt
lachten alle aus vollem Halse. Selbst Brigittchen lchelte ein wenig,
freilich nicht sehr, ihr war das kleine Herzchen doch recht schwer.

Komm, ich fhre dich selbst heim, sagte die Meisterin liebevoll; sie
hatte das zarte, liebliche Kind besonders in ihr Herz geschlossen. Ihr
Buben geht jetzt zu Bett, aber wirklich, wandte sie sich zu Wendelin
und Severin, und ihr Doktorkinder kommt, ich bringe euch alle
miteinander heim, damit ihr endlich zur Ruhe kommt. Brigittchen ging
mit zaghaften Schritten auf Meister Gutgesell zu, bitte verzeihen Sie,
stammelte sie, und es war, als htte dies Wort die Zungen der anderen
Kinder gelst, bittend umdrngten sie den Meister.

Na, lat man, sagte der gutmtig, um die schnen Kuchen und das gute
Mehl ist's freilich schade, aber es soll euch verziehen sein, nur
versprecht mir, da ihr nicht mehr auf den Gedanken kommt, bei Nacht und
Nebel auf's Schatzgraben auszugehen, das ist dummer Schnickschnack.

Das versprachen die Kinder freilich gern, die Angst lag ihnen noch
schwer in den Gliedern und sie waren alle froh, so heil davon gekommen
zu sein. Mit Freund Heine werde ich aber noch ein ernstes Wrtchen
reden, murmelte Meister Gutgesell, wehe, wenn der mir noch mal den
Kindern solche Narrenpossen vorredet, so ein aberglubisches Geschnack
kann ich meiner Seel' nicht leiden!

Der Altgesell grinste: Einer denkt s'ist ein Gespenst und dann ist's 'n
Esel, so geht's allemal. Schatzgraben, Unsinn, schade um unsern
Pflaumenkuchen.

Ja, schade drum, meinte auch der Meister, aber nun rasch an die
Arbeit, sonst kriegen meine Kunden morgen ob der Gespenstergeschichte
keine Semmeln zum Kaffee.

Die Meisterin brachte die drei Kinder nach Hause; die bekamen an diesem
Abend freilich noch manches Scheltwort zu hren und sie waren alle drei
herzlich froh, als sie erst im Bett lagen. Die Doktorskinder schliefen
bald wie die Murmeltiere, Brigittchen aber lag noch lange mit offenen
Augen da, sie dachte nur immer: Nun wird dem alten Klaus nicht
geholfen.

Es wurde ihm aber doch geholfen, und zwar von niemand anderem als von
Brigittchens Vater.

Die Schatzgrbergeschichte blieb nicht verborgen. Der Lehrjunge, der
frh die Semmeln austrug, erzhlte sie da und dort, und einer erzhlte
sie dem anderen weiter, und alle Leute lachten darber. Die fnf
Schatzgrber hatten mancherlei Neckereien zu tragen, aber dies focht sie
nicht sonderlich an, weil das Ende der Geschichte so gut wurde. Herr
Schn hrte, als er am nchsten Tage von seiner Reise zurckkam, auch
von der Sache, Brigittchen erzhlte ihm selbst alles; er sagte nicht
viel dazu, aber er ging an dem Nachmittag noch selbst zu dem
Bankdirektor und erbot sich, Brge zu sein fr das verlorene Geld. Den
Schwiegersohn der Pantoffelmachersleute, den er nmlich als braven Mann
kannte, stellte er in seinem Geschft an, das verlorene Geld sollte er
nach und nach ersetzen; Herr Schn zahlte edelmtig dem Mann etwas mehr
Gehalt, so da es diesem mglich war, mit der Zeit die Summe zusammen zu
sparen.

Das war ein Jubeltag in dem runden Stadtturm, als Brigittchen in
Begleitung ihrer Freunde selbst die frohe Kunde berbrachte. Da gab es
wieder Lachen, Pfeifen und Singen wie sonst und es war, als htte die
Sonne gemerkt was los war; sie schaute strahlend hell wie ein frohes
Kind in das Stbchen. Ich erzhl' euch morgen die allerschnste
Geschichte aus meiner alten Chronik, sagte Vater Klaus, nur heute
nicht, heute kann ich's vor Freude nicht.

Ich auch nicht, sagte Mutter Paulinchen, sie trieselte dabei ganz in
Gedanken ihr Strickzeug auf, und als sie es sah, lachte sie. Die Kinder
lachten auch und singend und lachend zogen sie dann hinaus, saen im
warmen Sonnenschein auf der alten Stadtmauer und freuten sich, da alles
so gut geworden war.




                              Gertrudis.
                  Eine Geschichte aus alten Zeiten.


Doktor Theobald Frhlich stand in seinem Hause am Fenster und sah
hinaus. Drauen schneite es wieder ein bichen und der Doktor fand
Neustadt heute noch stiller als sonst. Acht Tage war er nun schon hier,
wie lange sie ihm erschienen! Er seufzte ein wenig; eigentlich gab es
doch sehr wenig Unterhaltung in so einem kleinen Nest. Wenn nur erst
seine Schwester da wre, damit er jemand htte, mit dem er so recht nach
Herzenslust plaudern knnte.

Der Herr Doktor sollte spazieren gehen, meinte die alte Dorothee, die
sachte durch das Zimmer ging, und wohl sah, da ihrem Herrn die Stille
nicht sonderlich behagte.

Ja, spazieren gehen, das ist das Beste, dachte der Doktor. Er nahm Hut
und Wettermantel und stapfte bald vergngt durch den Schnee. Sein Ziel
sollte diesmal die alte Stadtmauer bilden. Es dauerte auch nicht lange,
da stand er vor dem alten Wartturm, der eine mchtige weie Kappe trug
und an diesem Wintertag ein bichen grauer und trbseliger als in
Sommerszeiten drein schaute. Das Blumenbrettlein fehlte vor dem Fenster,
auch Pantoffeln hingen nicht wie sonst heraus, nur ein kleines,
schwarzes Schild zeigte an, da man hier Pantoffeln kaufen knnte. Auch
da ein Museum im Turm war, las der Doktor unten am Eingangstore; das
war ihm gerade recht; kurz entschlossen ffnete er die graue,
verwitterte Pforte, und schrill schlug die kleine Trglocke an.

Mutter Paulinchen, ich glaube, es fliegt ein weier Spatz in den Turm,
sagte oben Klaus Hippel.

I nee, bei dem Wetter, meinte die Pantoffelmacherin und lachte, als
htte ihr Mann die spahafteste Sache von der Welt erzhlt.

Ihr Lachen fand Widerhall, denn das Turmstbchen war voller Gste. Mit
roten Wangen, roten Nasen und Ohren, die sie sich drauen in der Klte
geholt hatten, saen Brigittchen, Anne-Marte, Jrgel und die Brder
Gutgesell auf der Ofenbank und auf Mutter Paulinchens groer Truhe.
Meister Hippel erzhlte ihnen gerade wieder etwas aus seiner alten
Chronik.

Es kommt doch wer, Paulinchen, sagte der Pantoffelmacher, und da trat
auch schon Doktor Frhlich in die Stube. Der Doktor verga vor lauter
Erstaunen ordentlich guten Tag zu sagen, denn so etwas wie dieses kleine
Turmgemach hatte er in seinem Leben noch nicht gesehen. Es sah so bunt
und lustig aus wie eine Jahrmarktsbude. Meister Hippel klebte nmlich
jedes Bild das er bekommen konnte, an die Wand, dazwischen hingen rote,
grne und braune Tuch- und Samtpantoffeln, zwei Vogelbauer, eine alte
Landsknechtlanze und ein krummer Sbel; auf einem Brett standen bunte
Teller und Krge, vor den Fenstern blhten trotz des Winters allerlei
Blumen; Blumen und rote Herzen waren auch auf den Schrank und auf die
Truhe gemalt. Dazu trug Frau Paulinchen noch ein blitzeblaues Kleid.

Gelt, kunterbunt sieht's bei uns aus, Herr Doktor Frhlich? sagte
Klaus Hippel.

Der Doktor mute lachen: Ja, woher wissen Sie denn, wer ich bin?

Du meine Gte, in Neustadt werden die Menschen bald bekannt, auerdem
ist die alte Dorothee noch eine Schwestertochter von meines
Schwiegersohns Gromutter, sagte der Pantoffelmacher und zwinkerte
lustig mit den Augen.

Was ist sie denn da, Vater Klaus? rief Jrgel, verdutzt ob der
schwierigen Verwandtschaft.

Ei, sieh mal an, da sind ja die Schatzgrber, sagte der Doktor, der
die Kinder erkannte. Die lachten und wurden ein bichen verlegen, aber
bald berwanden sie ihre Schchternheit, und es dauerte gar nicht lange,
da sa der Doktor im Pantoffelmacherstbchen und plauderte mit allen wie
ein guter, alter Freund.

Mutter Paulinchen zeigte ihm auch das Museum, und die Kinder stiegen die
Turmtreppe mit hinauf, sie wollten erklren helfen. Die Waffen stammen
aus dem dreiigjhrigen Krieg! erzhlte Frau Paulinchen, und diese
hier aus der Franzosenzeit.

Wann war denn der dreiigjhrige Krieg? fragte der Doktor neckend, und
unglckseligerweise richtete er seine Frage gerade an Wendelin.

Der seufzte schwer, Geschichte, Geographie und noch manche andere Fcher
waren seine schwache Seite.

Der war, der war -- als Napoleon lebte, sagte er endlich khn.

Der Doktor lachte, und die anderen Kinder kicherten. Wie lange hat der
Krieg denn gedauert?

Sieben Jahre! rief Wendelin stolz ob seiner gewaltigen Kenntnisse.

Die andern lachten hell auf, nur Brigittchen nicht, der tat es gleich
leid, da der Freund ausgelacht wurde, und schmollend sagte sie: Es ist
doch nicht schlimm, wenn Wendelin ein paar Jahre weniger sagt.

Na eben, brummte Wendelin, der jetzt merkte, da er eine Dummheit
gesagt hatte, meinetwegen kann der dreiigjhrige Krieg auch zehn Jahre
gedauert haben.

Hier sind auch ein paar alte Handschriften, sagte Mutter Paulinchen
mitten in das allgemeine Gelchter hinein, sie sind erst vor ein paar
Jahren gefunden worden, aber gelesen hat sie noch niemand. Es war zwar
mal ein berhmter Professor da, der wollte sie studieren, er hatte
damals aber keine Zeit, und dann ist er gestorben. Doktor Frhlich
bltterte in den alten Pergamentschriften herum, er konnte die
altertmliche Handschrift gut lesen, und die Sache interessierte ihn. Am
liebsten htte er die Bltter mit nach Hause genommen, aber das ging
doch nicht an, Pantoffelmachers durften nichts aus dem Museum verborgen.
Der Herr Brgermeister wird es schon erlauben, meinte Mutter
Paulinchen.

Ich mchte auch wissen, was darin steht, flsterte Brigittchen mit
versonnenen Augen. Die Kleine war ein rechtes Mrchenkind und
Geschichten lesen und hren, war fr sie das allerallergrte Vergngen.

Doktor Frhlich hatte die Worte gehrt, und lchelnd versprach er: Wenn
eine Geschichte darin ist, die Kindern gefallen kann, dann erzhle ich
sie euch, wollt ihr?

Ob sie wollten! Keines sagte nein, und sie versprachen dem Doktor
Frhlich alle, sie wollten ihn recht bald besuchen. Und als er gegangen
war -- er hatte es sehr eilig, vom Herrn Brgermeister die Erlaubnis zu
erbitten, die alten Schriften lesen zu drfen -- da sprachen die
Pantoffelmachersleute und die Kinder noch viel von dem neuen Bekannten.
Aber sie hatten nicht, wie es wohl vorkommt, hinter dem Rcken allerlei
zu tratschen und zu klatschen, sie waren alle miteinander einig, Doktor
Theobald Frhlich sei ein furchtbar netter Herr.

Ach, und ein Dichter ist er, sagte Brigittchen, und ri vor
Bewunderung ihre Veilchenaugen so weit auf, als wollte sie zwanzig
Mrchen auf einmal lesen.

Nu, erwiderte Klaus Hippel, einen Dichter knnen wir in Neustadt auch
gerade gebrauchen, wenn der nur die Augen aufmacht und in die Ohren
keine Watte stopft, dann sieht und hrt er hier so viele Dinge, da er
zehn Bcher voll schreiben kann.

Mein Onkel Mayer sagt, rief Severin ein bichen naseweis, Neustadt
wre ein langweiliges Nest!

Dummer Junge! schrie der Pantoffelmacher rgerlich, wenn das dein
Onkel sagt, na, dann kennt halt dein Onkel Neustadt nicht, aber du
brauchst so was von deiner Heimatstadt nicht nachzuplappern. Schn ist
Neustadt, das sage ich, und ich kenn' es doch, bin mein Lebtag nicht
herausgekommen. Meinetwegen mag Berlin schner sein und Mnchen und Kln
und alle groen Stdte und der Schwarzwald und auch die Schweiz,
Italien, das Meer, was du willst, aber schn ist Neustadt drum. Guckt
euch nur ordentlich darin um. Und wenn der Doktor Frhlich ein rechter
Dichter ist, dann gefllt es ihm hier und er bleibt nicht nur bei uns,
weil er hier ein Haus hat, sondern weil er die Stadt liebt. Damit
punktum; nun macht, da ihr nach Hause kommt, ich wette, ihr habt alle
noch keine Schularbeiten gemacht.

Das stimmte nun. Die Kinder trabten davon und unterwegs sagte Wendelin
zu Anne-Marte: Vater Klaus ist wirklich schrecklich klug, wie konnte er
nur wissen, da wir noch unsere Schularbeiten zu machen haben?

Herr Doktor Frhlich war inzwischen spornstreichs zu dem Brgermeister
Henning gelaufen und hatte dem sein Anliegen vorgetragen, man mchte ihm
gestatten, in den alten Schriften zu lesen. Der Brgermeister hatte
nichts dagegen, ja, er freute sich darber und sagte: Vielleicht lesen
Sie manches, was fr die Neustdter Interesse hat, es ist doch immer
gut, wenn man etwas von seiner Heimat aus alten Zeiten wei߫.

Gleich am nchsten Tage holte sich Doktor Frhlich die alten Schriften
von Klaus Hippel ab und dieser bat: Erzhlen Sie mir auch, was drin
steht, ich hre zu gern alte Geschichten.

Dorothee hatte in dem braunen Kachelofen in der Bcherstube ein
mchtiges Feuer gemacht und es war prachtvoll gemtlich in dem weiten
Raum. Doktor Frhlich sa darin bis in die Nacht hinein und las in den
alten Schriften. Whrend drauen die Flocken fielen, las er wie vor
vielen, vielen Jahren die Leute in Neustadt gelebt und gekmpft hatten,
und wie sie durch Freude und Leid gegangen waren.

Als dann nach zwei Tagen kleine, rotgefrorene Hnde die Glocke an der
Haustre zogen, und Jrgel und Wendelin ein wenig verlegen nach dem
Herrn Doktor Frhlich fragten, da lie die alte Dorothee die beiden in
das Arbeitszimmer ihres jungen Herrn. Na, fragte der, ihr kommt
allein, wo sind denn die andern, ihr denkt wohl, ich soll euch beiden
allein eine feine Geschichte erzhlen?

Die trauen sich noch nicht, sagte Jrgel, Brigittchen sagt, sie
drfte eigentlich nicht zu fremden Menschen gehen.

Na, so was! rief Dorothee, sie ist doch oft zu uns gekommen, wie
meine alte, gndige Frau noch lebte, ich werde sie holen gehen. Nach
einem Weilchen kam die Alte zurck, und richtig, sie brachte die
schchternen drei Schatzgrber mit. Die kamen himmelgern und waren froh,
da sie geholt worden waren. Dann saen alle beisammen in dem
gemtlichen Zimmer, und der Doktor erzhlte ihnen eine der alten
Neustdter Geschichten, er nannte sie:


                              Gertrudis.

In Neustadt war vor etlichen hundert Jahren, in der Mitte des
fnfzehnten Jahrhunderts, Albrecht Mooshage Brgermeister. Damals war
die Stadt noch reich und angesehen, sie gehrte nicht wie heute zu den
Kleinen im Lande. Die Neustdter Brger waren geachtete Handelsleute,
die mit ihren Waren auf die Messen und Mrkte der groen Stdte zogen.
Sie wuten sich auch in vielen Kmpfen gut ihr Recht zu wahren und
verteidigten ihre Stadt tapfer gegen mancherlei Unbill. Damals sah es in
dem alten Wachtturm am Sdtor der Stadt, in dem jetzt Klaus Hippel mit
seiner Frau wohnt, nicht so behaglich aus wie heute. Die Stadtsoldaten
wohnten in den vier Tortrmen, die es gab, und bewachten die Stadt gut.
Es war eine wilde, rauflustige Zeit, und jeder, der durch ein Stadttor
kam und ging, mute Auskunft ber woher und wohin geben. Oft genug waren
auch die Tore geschlossen, und drauen lagerte ein reisiges Heer, um die
Stadt einzunehmen. Das gelang ihnen freilich nicht, erst im
dreiigjhrigen Krieg ist ja dann das arme Neustadt halb zerstrt
worden. Der Brgermeister Albrecht Mooshage war recht ein Mann, um die
Stadt gegen alle Unbill zu verteidigen. Er war wie von Eisen, was er
wollte, das setzte er durch, und es war nicht gut Kirschen essen mit ihm
im Bsen. Als ganz junger Bursche schon hatte er mit einer Handvoll
Sldnern ein groes, bischfliches Heer in die Flucht geschlagen; wie
der Sturmwind war er zwischen die Feinde gefahren, die waren gerannt,
als wre ein bser Geist hinter ihnen. Damals hatten die Ratsherren auf
der Stadtmauer gestanden und aus vollem Halse darber gelacht, der
lteste von ihnen aber hatte gesagt: Der soll mal unser Brgermeister
werden. Er war es auch bald geworden, solch' jungen Brgermeister hatte
Neustadt noch nie gehabt, freilich auch keinen besseren. Denn Albrecht
Mooshage war nicht allein stark, mutig und klug, sondern auch gerecht
und fromm, und er litt kein Unrecht. Er war schon etliche Jahre
Brgermeister, als ihn ein groes Unglck betraf: sein junges Weib
starb. Die schne Frau Regina Mooshage war so mild und gut wie eine
Heilige gewesen, und als sie starb, da weinten und klagten nicht blo
die Leute aus ihrer Sippe, sondern auch alle Armen und Kranken. Dem
Brgermeister blieb nur ein einziges Kind als Trost. Ein Mgdlein, so
fein und blond wie seine Mutter. Die kleine Gertrudis war ein sinniges
Kind, das mit gar ernsthaften Augen um sich sah. Als sie etwa zehn Jahre
alt war, lutete eines Tages in Neustadt wieder einmal die Sturmglocke,
die Feinde ankndigte. Etwa zwei Stunden von Neustadt entfernt liegt
noch heute die Ruine Reiffenstein, damals war sie ein stattliches
Schlo, das den edlen Herren von Stein gehrte. Der Herr Wunibert von
Stein auf Reiffenstein war ein erbitterter Feind der Neustdter, der den
Pfefferscken, so nannte er die Brger, gern etwas am Zeuge flickte. Die
Fehde zwischen Schlo und Stadt war schon sehr alt, niemand wute mehr
recht, wer angefangen hatte, aber mit der Zeit waren beide so giftig auf
einander geworden, da eines dem anderen immer gern einen Schabernack
spielte. Jetzt aber hatte der Herr von Stein auf Reiffenstein in dem
Bischof Albert einen mchtigen Freund gewonnen. Auch der Bischof war aus
irgend einem Grunde den Neustdtern gram, und die beiden beschlossen,
der Stadt einen Fehdebrief zu senden und sie zu belagern.

Der Herzog des Landes war gerade auf einen Reichstag in der Ferne, und
damals handelten die Ritter gern auf eigene Faust, ohne viel zu fragen,
ob sie auch ganz im Recht wren. Von dieser Absicht erhielt der
Brgermeister Albrecht Mooshage durch einen Handelsmann Kunde, der auf
seinem Wege an Schlo Reiffenstein vorbergekommen war. Zu gleicher Zeit
erfuhr er auch, da der zweite Sohn des feindlichen Nachbarn von der
Klosterschule, auf der er zwei Jahre gewesen war, heimkehrte. Sein Weg
fhrte ihn dicht an Neustadt vorbei, und der Ritter wollte erst des
Sohnes Heimkehr abwarten, ehe er die Stadt berfiel. Als Geisel konnte
der kleine Junker der Stadt viel ntzen, und der Stadthauptmann Kunz
Peuchtinger ritt schnell dem Junkerlein zum freundlichen Empfang
entgegen. Etliche Stunden spter brachten die Reiter zwei gefesselte
Troknechte und einen blassen, hbschen Knaben von etwa elf Jahren durch
das Sdtor in die Stadt. Darauf wurden die Tore geschlossen, die
Sturmglocken gelutet. Neustadt war kriegsbereit.

Der Stadthauptmann wollte das Junkerlein in eins der unterirdischen
Verliese werfen lassen, aber dem widersprach der Brgermeister. Es ist
ein Kind, und Schande ber uns, wenn wir Kindern etwas zu Leide tun
wollten, sagte er. Kommt her, Junker, und schwrt, da ihr die Stadt
nicht heimlich verlat, dann sollt ihr in meinem Hause Wohnung finden.

Der blasse Knabe schttelte trotzig die dunklen Locken: Bewacht mich
doch, rief er khn, ich schwre nichts!

Heisa, das Klosterschlerlein will uns Trotz bieten! riefen die
Ratsherren und lachten. Rasch mit ihm ins Verlies, dort soll er schon
sanftmtiger werden.

Nein, nicht ins Verlies, ich stehe fr ihn, sagte Albrecht Mooshage
ernst, dem der Bursche gefiel und dem es leid war, ihn in dem dunklen,
feuchten Keller zu wissen, in dem schon mancher Gefangene elend zu
Grunde gegangen war.

Die Ratsherren waren mit dem Entschlu des Brgermeisters zufrieden.
Dessen Haus war wie eine kleine Festung, und Knechte und Mgde waren
ihrem Herrn so treu ergeben, da niemand heimlich aus- und eingehen
konnte. Albrecht Mooshage nahm den kleinen Junker bei der Hand und
fhrte ihn in sein Haus. Dann rief er sein Tchterlein herbei und sagte:
Da sieh her, Gertrudis, hier bringe ich dir einen Gefhrten, du mut
ihn mir aber wohl hten, ich habe mein Wort verpfndet, da er nicht
entflieht.

Gertrudis sah erstaunt auf den blassen Knaben, der beim Anblick des
lieblichen Mgdleins verlegen den Kopf senkte. Er hatte sich bei dem
berfall tapfer gewehrt, sein Wams war daher zerrissen und beschmutzt
und er schmte sich dessen. Gertrudis hatte gerade von Frau Barbara, der
Haushlterin, einen schnen, roten Frhapfel erhalten, den streckte sie
flink dem Buben hin und sagte lchelnd: Magst du ihn, ich geb' ihn dir
gern.

Der kleine Junker Fridolin nahm den Apfel zwar nicht, aber ber sein
trauriges Gesicht ging ein heller Schein, es war ihm nun nicht mehr so
bang ums Herz als vorher. Er folgte dann willig der Frau Barbara, die
ihn in ein Kmmerlein neben des Hausherren Schlafgemach fhrte, das er
fortan bewohnen sollte. Wohl hatte die Kammer ein vergittertes Fenster,
und Fridolin merkte auch schnell genug, da er immer bewacht wurde,
trotzdem fhlte er seine Gefangenschaft nicht allzusehr. Gertrudis war
so lieb zu ihm wie ein treues Schwesterlein, war er traurig, da wute
sie ihn gar hold zu trsten. Er mute ihr von daheim erzhlen, von
seiner vterlichen Burg, von dem Vater, der zwar ein etwas rauflustiger
Herr war, aber doch gar gut zu den Seinen. Am liebsten aber hrte es
Gertrudis, wenn der Knabe von seiner schnen, frommen Mutter sprach, von
ihrer Gte und wie oft sie ihm, dem lteren Bruder Hans und den kleinen
Schwestern Geschichten aus der Bibel und Mrlein erzhlt hatte, wenn sie
schnurrend die Spindel drehte.

Den Kindern gingen die Tage friedsam hin, sie hrten wenig von dem was
drauen geschah. Der Brgermeister hatte es seinem Hausgesinde verboten,
von der Belagerung der Stadt zu sprechen. Auch Gertrudis durfte in
dieser Zeit nie auf die Strae; das von einer hohen Mauer umfate
Grtchen war der Tummelplatz der Kinder. So erfuhren sie nicht, da vor
den Mauern das feindliche Heer lagerte und zwischen dem Rat und dem
Herrn von Stein und dem Bischof Boten hin und her gingen, die ber den
Frieden unterhandelten. Die Kinder ahnten auch nicht, da eines Tages
der Rat den kleinen Junker kpfen lassen wollte, weil sein Vater sich
nicht in die Friedensbedingungen fgte. -- Der Brgermeister Albrecht
Mooshage aber verteidigte eifrig seinen Schtzling, der Knabe war ihm
lieb geworden, und er atmete erleichert auf, als Bischof und Ritter sich
zum Frieden bequemten. Etliche Monate war Fridolin im Hause des
Brgermeisters gewesen, und aus dem Herbst war inzwischen Winter
geworden, als er seine Freiheit wieder erhielt. Es war am St.
Andreastag, da wurde er feierlich von dem Rat vor das Sdtor gefhrt,
dort erwartete ihn sein Vater, der ihn mit heller Freude in die Arme
schlo. Vorher hatte Gertrudis traurig von ihrem Freunde Abschied
genommen. Sie schenkte ihm ein goldenes Amulett an einem feinen
Kettlein, das sie von ihrer Patin bekommen hatte. Trag' es immer, es
wird dir Glck bringen, bat sie. Fridolin versprach es; er selbst gab
der kleinen Freundin ein Gebetbuch, in das ein frommer Klosterbruder
zierliche Bilder gemalt hatte. Das Buch war des Knaben einziges
Besitztum.

Vergi mich nicht, bat Gertrudis weinend.

Ich vergesse dich nie, und wenn ich gro bin, dann komme ich und hole
dich, dann wirst du meine Frau, beteuerte Fridolin. Er war schon
drauen, da rief ihm Gertrudis noch nach: Sag' deiner Frau Mutter einen
Gru!

Anfangs hoffte Gertrudis immer, sie wrde ihren Freund einmal
wiedersehen, aber Monat auf Monat verging, die Monate wurden zu Jahren,
er kam nicht. Aus der kleinen Gertrudis wurde eine schne Jungfrau, das
schnste Mdchen in der Stadt sagten die Leute. Und das beste und
frmmste, fgten die Armen und Kranken hinzu.

Albrecht Mooshage war noch immer Brgermeister zum Segen der Stadt, die
unter seiner Fhrung an Macht und Ansehen zunahm. Dies aber erregte den
Neid ihrer Nachbarn, und Neider waren es auch, die Neustadt bei dem
Landesherrn, Herzog Bernhardt, verklagten. Besonders der Bischof Albert
war Anklger, mit ihm noch ein Ritter von Scherblingen. Die beiden
behaupteten, die Stadt, die an der Grenze lag, wollte den Herzog an
seinen Nachbar verraten, Hauptanstifter sei der Brgermeister. Der
Herzog, der von heftiger Gemtsart war, fragte nicht lange, ob die Sache
auch wahr sei, er forderte den Brgermeister auf, zu ihm zu kommen und
sich zu rechtfertigen oder die Stadt sollte eine harte Strafe erhalten.

Der Rat und die Brgerschaft baten ihren Brgermeister dringend, nicht
an den Hof des Herzogs zu gehen, sie wollten selbst dessen Zorn Trotz
bieten. Aber Albrecht Mooshage sagte: Ich knnte das nie verantworten,
wenn der Stadt um meinetwillen bles zugefgt wrde, ich gehe und sollte
es mein Leben kosten. Ich wre wahrlich ein schlechter Brgermeister,
knnte ich nicht mein Leben fr die Stadt lassen!

So ging er, begleitet von den Segenswnschen seiner Mitbrger und den
heien, heien Trnen seines Kindes. Bald darauf kam in die Stadt die
Kunde, Albrecht Mooshage sei vom Herzog wegen Hochverrates zum Tode
verurteilt worden, der Stadt selbst wrde, da sich ihr Oberhaupt
freiwillig gestellt htte, nur eine geringe Geldbue auferlegt.
Vergeblich beteuerten Rat und Brgerschaft die Unschuld des
Verurteilten, vergebens boten sie eine hohe Lsesumme fr seine
Freiheit, der Herzog gab nicht nach.

Whrend die ganze Stadt auf Rettung sann, verlie die schne Gertrudis
eines Tages heimlich die Stadt, sie wollte sich dem Herzog zu Fen
werfen und um Gnade bitten. Sie hatte sich in eine Pilgerkutte gehllt,
und, ebenfalls als Pilger verkleidet, folgte ihr der treue Hausverwalter
Kaspar auf dem gefhrlichen Wege. Sie ritten beide in der Frhe eines
sonnigen Frhlingsmorgens zur Stadt hinaus, der Stadthauptmann wute,
wer die Pilger waren, und ungehindert lie er sie durch. Der Weg fhrte
durch einen meilenweiten Wald, in dem die Wege manchmal fast
undurchdringlich waren, und die Reisenden kamen nur langsam vorwrts,
viel zu langsam fr Gertrudis Angst um den geliebten Vater. Sie hatte
keinen Blick fr die Schnheit ringsum, und nicht wie sonst freute sie
sich am Sonnenglanz, an den tausend Blumen und dem Gesang der Vgel. Sie
dachte nur an den Vater, und ob es ihr gelingen wrde, ihn zu befreien.

Sie waren beide schon viele, viele Stunden geritten, als auf einmal ein
schmerzliches Sthnen an ihr Ohr klang. Erschrocken lauschten beide, es
war ein Mensch, der da klagte. Wohl flehte Kaspar angstvoll: Seid
vorsichtig, Jungfrau Gertrudis, kommt rasch weiter, aber mutig ritt
Gertrudis dem Sthnen nach. Wo ein Mensch Hilfe brauchte, da zgerte sie
nie zu helfen, an ihr eigenes Wohlergehen dachte sie nicht. Bald fanden
die Reisenden auch, fest an einen Baum gebunden, einen schnen,
dunkellockigen Jngling in Jgertracht. Er war verwundet, sein ganzes
Gesicht war blutberstrmt, er mochte wohl von Wegelagerern im Walde
berfallen worden sein.

Gertrudis besann sich nicht weiter, sie sprang rasch vom Pferde, lste
mit Kaspars Hilfe die Bande des Gefesselten, der nun befreit ohnmchtig
zusammensank. Rasch und geschickt verband Gertrudis dann des Jnglings
Wunden, die, wie sie bald sah, nicht gefhrlich waren. Dabei verschob
sich die Kapuze ihrer Kutte und der Ohnmchtige, der einige Augenblicke
die Augen aufschlug, sah erstaunt in Gertrudis holdseliges Gesicht. Dann
verlor der Jngling wieder das Bewutsein; er merkte es nicht mehr, da
Kaspar ihn vor sich auf das Pferd nahm und mit ihm weiter ritt. Wir
mssen uns sputen, Herrin, sagte der ngstlich, um noch vor Nacht aus
dem Walde zu kommen, namentlich mit diesem jungen Herrn, dem man wohl
nachstellen mag.

Sie gelangten aber ohne Unfall aus dem Walde heraus bis zu einer
Herberge, dessen Wirtin Kaspar wohl bekannt war. Dort bernachteten
beide, da die Pferde der Ruhe bedurften.

Gertrudis bergab den Verwundeten der Pflege der Wirtin. Ehe sie aber am
Morgen davonritt, sah sie noch einmal nach dessen Wunden, dabei sah sie
ein goldenes Amulett an des Junkers Hals, und nun erkannte sie in diesem
Fridolin, ihren einstigen Gespielen. Da entfloh sie rasch, denn sie
frchtete, er mchte erwachen und sie erkennen. Bei dem eiligen Aufbruch
aber verlor sie ihr Gebetbuch, das sie zum Trost auf ihrem schweren Wege
mitgenommen hatte. Sie merkte es bald, aber sie frchtete sich
umzukehren und rasch ritt sie mit Kaspar weiter.

Als Gertrudis nach einigen Tagen in die Herzogsstadt einritt, da erfuhr
sie zu ihrem Entsetzen, da schon in drei Tagen ihr lieber Vater
hingerichtet werden sollte. Vergebens suchte sie zum Herzog zu gelangen,
der hatte viele Gste auf seinem Schlo, und die Wachen wollten den
Pilger nicht zu ihm lassen. Da beschlo Gertrudis, am Tage des
ffentlichen Gerichtes des Herzogs Gnade zu erflehen. Es gelang ihr
aber, ihren Vater zu sehen. Zwar blickte der Schlieer den Pilger,
dessen Gesicht ganz von einer Kapuze verhllt war, mitrauisch an, aber
als Gertrudis ihm ein Geldstck gab, da lie er sie doch zu dem
Gefangenen. Der sa in einem dumpfen, halbdunklen Verlies, und Gertrudis
wollte schier das Herz brechen, als sie den geliebten Vater so elend
sah. Weinend umschlang sie ihn, der Brgermeister aber erschrak heftig,
als er sein Kind erblickte. Es war damals schon eine recht gewagte
Sache, wenn ein Mgdlein eine Reise tat, Ruber und Wegelagerer gab es
genug auf den Straen, und Frauen pflegten meist nur unter starker
Begleitung zu reisen. Gertrudis erzhlte nun dem Vater, wie sie
hergekommen sei; da sie fr ihn des Herzogs Gnade erflehen wollte,
verschwieg sie jedoch, denn sie frchtete, der Vater mchte in groe
Sorge um sie kommen. Es war den beiden nur ein kurzes Wiedersehen
vergnnt, dann mute Gertrudis scheiden, um nicht den Verdacht des
Schlieers zu erregen. Ihr Vater segnete sie zum Abschied, ermahnte sie
zu allem Guten, und unter bitteren Trnen schieden beide von einander.

In ihrem Pilgergewand lag dann Gertrudis die ganze Nacht vor dem
festgesetzten Gerichtstage im Dom vorm Altar und betete fr ihren Vater.
Dabei kam eine wundersame Ruhe ber sie, es war immer, als hrte sie
eine Glocke tnen: Sei getrost, sei getrost, es wird alles gut werden.
Und als sie am Morgen in den strahlenden Frhlingssonnenschein
hinaustrat, da fate sie des alten Kaspar Hand und sagte zuversichtlich:
Es mu ja gut werden.

Auf dem Anger vor der Stadt hielt an diesem Tage Herzog Bernhardt ein
ffentliches Gericht ab, dort wollte er das letzte Urteil ber den
Brgermeister von Neustadt sprechen, ffentlich sollte der hingerichtet
werden. Viele Leute waren auf dem Anger; auf einem erhhten Platz sa
der Herzog im Kreise seiner Rte und Gste, und alles Volk konnte es
sehen, wie der Gefangene vor den Frsten gefhrt wurde.

In diesem Augenblicke drngte sich ein Pilger vor und mit dem Rufe:
Gnade, Herr, Gnade fr meinen Vater! warf Gertrudis die Kutte ab und
sank zu des Herzogs Fen. Der betrachtete nicht ohne Rhrung das
holdselige Mdchen, und er fragte ernst, aber nicht hart: Wer bist du,
und wie kommst du hierher?

Gertrudis vermochte vor Schluchzen nicht zu sprechen, und Albrecht
Mooshage sagte trb: Es ist mein einziges Kind, gndiger Herr.

Durch die Menge schritt jetzt eilig ein junger Mann in ritterlicher
Kleidung, er sah ein wenig bleich und erschpft aus, aber stolz und
aufrecht trat er vor den Herzog. Gertrudis sah beglckt auf den
Jngling, sie erkannte ihn wohl, und auf einmal erklang wieder hell die
Glocke der Hoffnung in ihrem Herzen.

Was wollt Ihr? fragte der Herzog, er sah den schmucken Junker nicht
ungndig an.

Donner, ja, das ist mein Sohn! rief pltzlich der alte Herr von Stein,
der sich auch in dem Gefolge befand und gerade hinter dem Herzog sa.
Mutig schaute Fridolin von Stein den Herzog und seinen Vater an, dann
sagte er: Ich will meine Bitten mit denen der Jungfrau hier vereinen;
ich schulde ihr heien Dank, sie hat mir vor etlichen Tagen das Leben
gerettet. Dann erzhlte der Junker wie ihm ergangen war, und da er
seine Retterin an dem verlorenen Gebetbuch erkannt habe. Da sei er, kaum
genesen, schnell hierher geritten. Er sagte zuletzt so recht aus
tiefstem Herzen heraus: Mein gndiger Herr, bt Gnade an diesem Mann,
wahrlich, er verdient es!

Ihr bittet fr Eures Hauses Feind? fragte der Herzog und sah den
Junker scharf an.

Ja, da schlag doch das Wetter drein! rief Herr Wunibert von Stein,
aber nichts fr ungut, gndiger Herr, ehrlich whrt am lngsten. Beim
Himmel, ich bin den Neustdtern auch nicht grn, aber fr einen
Hochverrter halte ich ihren Brgermeister doch nicht!

Und pltzlich erhoben sich noch mehr Stimmen fr den Angeklagten, manch'
einer, der aus Zagheit geschwiegen hatte, sprach nun fr ihn. Der
Herzog, der, wenn sein rascher Zorn verraucht war, billig und gerecht
dachte, wandte sich an die Anklger und lie die noch einmal ihre
Beweise vorbringen. Die hatten mancherlei zu sagen, aber wenn einer
ruhig und berlegen prft, kommt er oft zu anderer Ansicht als im ersten
Zorn. So erging es auch dem Herzog; die Beweise erschienen ihm auf
einmal recht lckenhaft und anfechtbar, und so sagte er endlich: Ich
werde die Sache nochmals von andern Rten untersuchen lassen. Dich,
Albrecht Mooshage, Brgermeister von Neustadt, gebe ich frei, so du
schwrst, da du, wenn du schuldig befunden wirst, dich freiwillig
meinem Urteil stellst.

Mein gndiger Herr Herzog, sagte der Brgermeister ruhig, ich kam,
als Ihr rieft, und so werde ich immer kommen, wenn Ihr ruft. Ich bin mir
keiner Schuld bewut!

Da gab ihn der Herzog frei, und das Volk, das alles mit angehrt hatte,
jauchzte laut, die beiden falschen Anklger aber verlieen gar geschwind
die Stadt, es war ihnen recht bnglich zu Mute. Der Herzog, der bald die
vllige Unschuld des Brgermeisters erkannte, verbannte spter beide von
seinem Hofe; er fhrte ber den Bischof Albert Klage beim Papst, der
diesen seines Amtes entsetzte.

Fridolin von Stein verlie neben Albrecht Mooshage und Gertrudis den
Anger, und der alte Herr von Stein auf Reiffenstein sah den dreien etwas
mimutig nach. Er grollte auch gewaltig, als Fridolin ihm spter
erklrte, er wollte Vater und Tochter heimbegleiten. Es sind unsere
Feinde, brummte er. Das mannhafte Auftreten des Brgermeisters, der
bereit gewesen war, sein Leben fr den Frieden seiner Vaterstadt
hinzugeben, hatte ihm aber doch so gefallen, da sein Zorn sich
besnftigte, und es hatte doch auch Gertrudis seinen Sohn gerettet. Das
Ende vom Liede war, da er selbst mit heimritt. Er versicherte zwar,
seine Feindschaft gegen Neustadt sei nicht etwa vorbei, nur sicher
heimgeleiten wollte er Vater und Tochter, das sei Christenpflicht, auch
sei er niemand gern etwas schuldig, selbst einem Mgdlein nicht. Ein
wenig mrrisch ritt also der Ritter an des Brgermeisters Seite
heimwrts, aber war es die sonnenhelle Frhlingspracht, oder war es das
frohe Plaudern seines Sohnes mit Jungfrau Gertrudis, was ihn erheiterte,
kurz und gut, sein Gesicht hellte sich nach und nach auf, er wurde ganz
gesprchig. Der alte Kaspar ritt hinterdrein und dachte in seinem Sinn:
Ob es nun nicht immer so friedlich in der Welt zugehen knnte.

Die Neustdter aber meinten schier, sie mten auf den Rcken fallen,
als an einem Sonntag Mittag ihr Brgermeister heil und unversehrt in die
Stadt einritt, neben ihm die beiden Herren von Stein auf Reiffenstein.
Die Freude war so gro, da, wie der Chronist schreibt: das Geschrei
kein Ende nehmen wollte. Im Mai des folgenden Jahres, schreibt dann
der Chronist weiter, hielt Herzog Bernhardt Einzug in seine vielliebe
und getreue Stadt Neustadt. Und ritten ihm Rat und Brgerschaft bis vor
das Sdtor entgegen, und konnte jeglicher merken, mit welcher
Freundlichkeit unser gndiger Herr Herzog mit unserer lieben Stadt
Brgermeister, Herrn Albrecht Mooshage, sprach. Und dessen Jungfrau
Tochter grte er mit gar freundlichem Lachen und verlobte sie alsbald
mit dem Junker Fridolin von Stein. Hatte auch des Junkers Herr Vater
nichts mehr dawider zu sagen und war doch einstens so feindlich unserer
Stadt gesinnt.

Wie geht's denn weiter? fragte Wendelin, kaum da der Doktor das
letzte Wort gesprochen hatte.

Der lachte: Ja, Kinder, die Geschichte ist halt zu Ende. Aber
jedenfalls ist es dem Brgermeister und seinen Kindern gut gegangen.
Albrecht Mooshage hat noch viele Jahre sein Amt verwaltet, nachher wird
der Herr Fridolin von Stein als Brgermeister genannt. Von dem sagte der
Chronist auch, da er ein gerechter und frommer Mann gewesen sei. Er hat
auch auf Bitten seiner Frau das Gertrudenspital erbaut und hat es nach
seiner viellieben Hausfrau so genannt. Die schne Gertrudis ist eine
glckliche Frau geworden, sie ist aber nicht allein glcklich gewesen,
sie hat auch andere glcklich gemacht, und das ist das Beste, was man
von einem Menschen sagen kann.

Ein Weilchen noch schwatzten die Kinder dies und das, Doktor Frhlich
beantwortete ihnen noch allerlei Fragen, dann liefen sie heim, und auf
dem Heimweg sagte Jrgel zu Brigittchen: Ich mchte auch so werden wie
Albrecht Mooshage. Und ich wie Gertrudis, flsterte Brigittchen und
wurde ganz rot dabei. Jrgel aber rief: Es ist doch fein, da unser
Neustadt schon so alt ist und eine so wichtige Stadt war!

Das sagte Klaus Hippel auch, als er die Geschichte erfuhr, und da just
der alte Sdtorturm der war, in dem er wohnte, freute ihn am
allermeisten.




                           Weihnachtsaugen.


Die Tage vor Weihnachten sind zwar, so behaupten wenigstens die
erwachsenen Leute, recht kurz, den Kindern erscheinen sie aber mitunter
endlos lang, und als Severin Gutgesell drei Tage vor dem Feste sagte:
Ich glaube, diesmal wird es berhaupt nicht Weihnachten, da fand sein
Bruder Wendelin, da er vollstndig Recht htte.

An eben diesem Tage wurde auch dem Doktor Theobald Frhlich die Zeit
herzlich lang. Er hatte zwar noch sehr viel in seinen alten Schriften zu
lesen und gehrte auch sonst nicht zu den Leuten, die sich vor lauter
Faulheit langweilen, aber an diesem Tage meinte er doch, die Uhr rcke
recht, recht langsam vorwrts. Und war der Doktor ungeduldig, so war es
die alte Dorothee nicht minder. Wohl zehnmal erinnerte sie: Ist es noch
nicht Zeit, auf den Bahnhof zu gehen? Der Weg streckt sich.

Endlich rief ihr Herr: Dorothee, jetzt gehe ich, Zeit ist noch
reichlich, aber stillsitzen kann ich nicht mehr. --

Ist auch recht! rief die Alte, das Kaffeewasser wird gleich
hingesetzt; du meine Gte, so ein junges Ding, und kommt
mutterseelenallein aus einem fremden Lande angereist.

Aber nun bleibt sie hier, hurra! rief der Doktor, und krach, fiel die
Haustr hinter ihm zu.

Er hatte auch Grund zu Freude und Ungeduld, denn er ging auf den
Bahnhof, um seine Schwester Helene abzuholen, die nun wirklich, gerade
zur rechten Zeit, um ordentlich mit dem Bruder Weihnachten zu feiern, in
Neustadt anlangte.

Frulein Helene Frhlich, die immer aussah, als wre ihr Name eigens fr
sie erfunden worden, hatte Neustadt nicht verschlafen, sie fiel auch
nicht auf dem Bahnsteig hin wie ihr Bruder, sondern direkt in dessen
weitgeffnete Arme hinein. Weinend und lachend zugleich lagen sich die
Geschwister in den Armen. Drei Jahre hatten sie sich nicht gesehen, eine
halbe Ewigkeit schien ihnen dies zu sein. So strahlend sahen beide aus
in der Wiedersehensfreude, da alle Leute, die auf dem Bahnhof waren,
anfingen, sich mit zu freuen. Der Herr Inspektor lachte, und der Mann,
der die Billetts knipste, auch, ein altes Frauchen sagte: Nu ja, man
denkt s'ist heute schon Weihnachten.

Ja wirklich, hier ist Weihnachten, rief Helene jubelnd, hier ist doch
Schnee, weier, weicher Schnee. In Hamburg regnete es, als ich
durchfuhr, in London war dicker, gelber Nebel bei meiner Abreise, aber
hier ist Winter, ist Weihnachtswetter, nein, wie froh bin ich.

Und Arm in Arm schritten die Geschwister durch die verschneiten Straen
dem Hause zu, das ihnen gehrte, und in dem sie nun vereint Weihnachten
feiern wollten.

Sieh da, dort ist das Dach, das ist schon unser Haus! rief der Bruder,
und die Schwester blieb stehen, und beide sahen so eifrig auf das
Stckchen Dach, da sie fast den schchternen Gru berhrten, den ein
kleines, weigekleidetes Mdchen ihnen bot.

Das ist ja Brigittchen! rief Doktor Frhlich und gab der Kleinen die
Hand.

Da sieh, Lene, wir beide hier sind schon recht gute Freunde
miteinander, nicht wahr, Brigittchen?

Die Kleine nickte, sie reichte der fremden Dame etwas zaghaft ihr
Hndchen, und Helene Frhlich beugte sich liebreich zu dem Kinde herab
und schaute in die Veilchenaugen, die heute so bitterernst
dreinschauten.

Aber Kind, du machst ja keine Weihnachtsaugen, rief Helene, freust du
dich nicht auf Weihnachten?

Nein, flsterte Brigittchen scheu und senkte den Blick, dann huschte
sie eilig davon.

Warum ist die Kleine so traurig? fragte Helene, aber ihr Bruder konnte
ihr darauf keine Antwort geben. Da mut du Dorothee fragen, die wei es
vielleicht, sagte er.

Dazu kam Helene Frhlich zwar nicht so bald; sie wurde von der alten
Magd mit so viel herzlicher Freude und so heiem Kaffee begrt, und
mute gleich das Haus von oben bis unten ansehen, da sie zuerst gar
nicht recht zur Besinnung kam.

Hier ist die Bibliothek, sagte der Bruder.

Dort nach dem Garten hinaus liegt Fruleins Zimmer, rief Dorothee,
und hier ist der Kaffeetisch gedeckt.

Ja, ja, erst Kaffee trinken, aber sieh' mal hier hinaus, Lene! schrie
der Bruder aufgeregt.

Ist es auch warm genug hier, und wieviel Kopfkissen will Frulein
haben? fragte Dorothee.

Und so ging es eine Weile fort, und dazwischen lachte Helene, umarmte
den Bruder, umarmte die alte Magd und rief: Ich freue mich ja so, ich
freue mich ja so sehr!

Und ber dem Zeigen und Bewundern, Freuen, Kaffeetrinken und Treppauf-,
Treppablaufen kam der Abend heran, die Geschwister saen zusammen und
erzhlten sich von der Zeit, in der sie sich nicht gesehen hatten; da
sagte auf einmal Helene: Ich mu Dorothee fragen, warum Brigittchen
keine Weihnachtsaugen hatte.

Nun, das wute die alte Magd freilich. Sie erzhlte, da Brigittchens
Mutter vor fnf Jahren etliche Wochen vor Weihnachten gestorben sei,
seitdem wrde wohl das Fest im Hause gefeiert, der Hausherr kmmere sich
aber nicht viel darum; Frulein Mathilde besuche meist ein paar
Freundinnen, und so sei die Kleine gewhnlich allein. Was ntzen ihr da
die vielen prchtigen Geschenke, sagte die Alte, Mitfreude und Liebe
braucht so ein Kind, und daran fehlt es halt.

Mitfreude und Liebe brauchen auch groe Menschen, rief Helene
Frhlich, wir wollen Weihnachten zusammenfeiern, Theo, aber auch andere
nicht vergessen. Wissen Sie nicht ein paar arme Familien, Dorothee,
denen wir bescheren knnen?

Die Alte lachte ber das ganze Gesicht, sie sah aus wie das reine
Behagen, so gefiel es ihr, und sie wute gleich etliche Leute zu nennen,
bei denen die Weihnachtsfreude wohl angebracht war.

Morgen kaufen wir zusammen ein, sagte Doktor Frhlich, und
Weihnachtsbume mssen wir schmcken, na, wir knnen uns tummeln, um
fertig zu werden.

So viel frhliche Lust hatte das alte Haus lange nicht gesehen, wie in
diesen Tagen. Mitten in aller Geschftigkeit dachte Helene Frhlich aber
doch an Brigittchens traurige Augen, und wie sie dem armen, reichen
Kinde zur rechten Weihnachtsfreude helfen knnte. Ich mchte sie zu
unseren Armen mitnehmen, ob sie wohl darf? fragte sie die alte
Dorothee.

Ei, da gehe ich halt einfach hinber und frage, erwiderte diese.

Frulein Mathilde von drben ist doch manchmal bei meiner seligen
gndigen Frau gewesen, und das Brigittchen kam oft, da wird es wohl auch
heute die Erlaubnis bekommen, zumal der Herr Schn erst gegen Abend von
einer Reise wiederkommt, und die Bescherung spt sein wird.

Gesagt, getan. Dorothee ging ins Nachbarhaus, und Frulein Mathilde
erlaubte den Besuch; sie fand es recht bequem, das Kind auf einige
Stunden in guter Obhut zu wissen. Und Brigittchen freute sich. Die
schne Geschichte, die Doktor Frhlich erzhlt hatte, lag ihr noch im
Sinn. Froh, aber doch wieder zaghaft, ging sie gleich nach dem
Mittagessen hinber in das Nachbarhaus. Ja, wenn die Freunde mitgewesen
wren, dann htte sie schon Mut gehabt, allein aber war sie ein rechtes
Furchthschen. Doch die Freunde hatten nun mal keine Zeit. Anne-Marte
hatte am Morgen nur einmal das Nschen zur Tre hineingesteckt und
gerufen: Ich habe noch mein Kissen fr Muttel fertig zu nhen!
Wendelin und Severin rhrten sich an diesem Tage gar nicht zum Hause
hinaus, aus Angst, sie knnten etwas Wundervolles verpassen; nur Jrgel
war eine halbe Stunde mit seiner kleinen Freundin Schlitten gefahren.

Beinahe wre Brigittchen an der Tre wieder umgekehrt, so schwer
erschien es ihr, allein zu der fremden Dame zu gehen, doch diese hatte
schon Umschau gehalten, und sie holte sich geschwind ihren Gast herein.
Sie begrte das Kind liebevoll und sagte heiter: Erst mut du mir
helfen Bume putzen, nachher gehen wir miteinander und tragen
Weihnachtsgaben fort, willst du?

Brigittchen nickte nur. Erst war es, als htte sie ihren Mund vergessen,
und vertrumt blickte sie sich um, als sie in ein Zimmer gefhrt wurde,
in dem drei kleine Tannenbume standen; allerhand glitzernder Schmuck
lag dabei, rote pfel und buntes Zuckerwerk.

Helene Frhlich begann geschwind ein blitzendes Sternlein nach dem
anderen an die grnen Zweige zu hngen, dabei rief sie munter: Hilf
mir, Brigittchen, da, hnge den Apfel dorthin, hierher einen
Schokoladenkringel, tummle dich, geschwind, geschwind, wenn die Sonne
untergeht, mssen wir fertig sein!

Die Kleine griff zaghaft in den schimmernden Tand hinein. Wie
wunderhbsch das doch war, da sie all' die feinen, zierlichen Dinge an
die Bumchen hngen durfte; da war ein Sternlein, da ein
Weihnachtsengel, eine silberne Glocke, leuchtende Kugeln und Ketten.

Wir wollen auch dabei singen, sagte Frulein Helene, und mit heller
Stimme begann sie:

   Alle Jahre wieder kommt das Christuskind!

Ei, da fiel Brigittchen geschwind ein, und auf einmal tnte in den
hellen Zweigesang hinein eine tiefe Stimme; Doktor Frhlich war in das
Zimmer getreten, er wollte nun auch mitsingen. Es klang aber ganz
wunderlich, wenn er so tief dazwischen brummte; dichten konnte er wohl,
aber nicht singen.

Seine Schwester lachte, und Brigittchen kicherte vergngt hinter ihrem
Bumchen. Nun kam die alte Dorothee auch herbei und wollte auch
mitsingen; sang aber der Herr Dichter so tief, als wollte er in einen
Keller fallen, so sang sie so hoch, als wollte sie auf einen Turm
klettern. Frulein Helene kam darber aus dem Takt, und mit einem
frhlichen Gelchter endete der Gesang.

Inzwischen waren die Bumchen fertig geworden, und drauen begann sacht
die Dmmerung heraufzuziehen. Dann ging es hinaus. Mit Bumchen und
Paketen voll beladen gingen die Geschwister, Brigittchen und Dorothee
durch die engen Glein, die hinter St. Marien lagen. In einem schmalen,
altertmlichen Haus kletterten Doktor Frhlich, Frulein Helene und
Brigittchen drei steile, enge Treppen hinauf, und oben fhrte eine
blasse Frau sie in eine armselige Stube.

Wir sind alle in der Kche, ach! die Kinder knnen es kaum erwarten,
sagte sie, und ihr Blick fiel sehnschtig auf die Pakete.

Jetzt spielen wir Weihnachtsmann, Brigittchen, sagte Helene Frhlich,
und sie begann geschwind die Pakete auszupacken. Wie in einem Mrchen
war es, lauter schne Dinge kamen zum Vorschein, Spielsachen,
Kleidungsstcke, Pfefferkuchen und Weihnachtsstriezel. Auf den Tisch
wurde ein sauberes Tuch gelegt, das Bumchen darauf gestellt und eins,
zwei, drei war die ganze Stube in ein trauliches Weihnachtszimmer
verwandelt. Doktor Frhlich zog eine kleine Glocke hervor und klingelte,
und die blasse Frau und fnf Kinder traten in das Zimmer. Eilig
polterten sie herein, aber dann blieben sie alle an der Tre stehen und
sahen auf das schimmernde Bumchen und all' die schnen Sachen, und ihre
Augen strahlten und glnzten, als seien auch darin Lichter angezndet.

Nun komm husch fort, flsterte Frulein Helene Brigittchen zu. Sacht
schlichen sich die Geschwister und die Kleine aus dem Zimmer, so
heimlich, da Mutter und Kinder in ihrer Freude es gar nicht merkten.

Und weiter ging es, in eine Familie wo der Vater krank lag, er war bei
einem Bau verunglckt, auch hier gab es helle Weihnachtsfreude, und der
Jubel drang den freundlichen Gebern noch auf die Treppe nach.

Nun nach dem Gertrudenspital, sagte Dorothee, zu den drei Frauen, die
meine selige gndige Frau immer beschenkt hat.

Das Gertrudenspital lag dicht an der Stadtmauer; der Weg dahin fhrte an
dem runden Wartturm vorbei, hell leuchteten dessen Fenster in die
Dmmerung hinaus. Brigittchen, deren Scheu vor Frulein Helene schon
ganz verschwunden war, erzhlte dieser von Klaus Hippel und Frau
Paulinchen, und sie htte gern noch mehr erzhlt, aber da war man schon
am Gertrudenspital angelangt. Es war jetzt ein Heim fr alte Frauen, die
hier in ruhigem Frieden ihren Lebensabend verbrachten. Drei von diesen
Frauen hatte die verstorbene Tante der Geschwister immer mit allerlei
Ewaren beschenkt, und diese drei Frauen saen an diesem Weihnachtsabend
recht betrbt beieinander. Zu allen andern kamen Angehrige und brachten
ihnen etwas zur Weihnachtsfreude, zu ihnen wrde wohl niemand kommen,
dachten sie, denn ihre alte Beschtzerin war tot.

Auf einmal aber trappelte und klingelte es drauen, und herein spazierte
Frulein Helene, ein brennendes Bumchen in der Hand, Brigittchen und
Dorothee schleppten Pakete herbei, und flink hellten sich da die alten
Gesichter auf, es gab auch hier echten Weihnachtsjubel.

Ach, und das feine Bumchen, sagte Trine Tillmann, die lteste der
Frauen, da mssen wir doch nachher gleich die kleine Jantge holen, die
hat doch kein bichen Weihnachtsfreude.

Wer ist denn Jantge? fragte Frulein Helene.

Und Trine Tillmann erzhlte, Jantge sei eine kleine Waise, von weit her
sei sie gekommen, von der hollndischen Grenze, hier im Spital sei ihre
Urgromutter untergebracht, niemand weiter htte die Kleine auf der
ganzen Welt als die alte Frau. Es sei eine besondere Gte von dem Herrn
Brgermeister, da er erlaubt htte, da Jantge vorlufig hier bleiben
durfte; was spter aus dem Kind wrde, das wute noch niemand. Ein
frhliches Leben htte die Kleine nun freilich nicht unter all' den
alten Frauen, zumal die Urgromutter recht schwach und hinfllig sei.
Aber ein liebes Mdelchen wre Jantge, allezeit freundlich und gefllig,
ein rechter kleiner Sonnenstrahl.

Htte ich das gewut, sagte Frulein Helene betrbt, wie gern htte
ich etwas fr das Kind mitgebracht.

Sie soll von dem Baum nehmen was sie mag, und Pfefferkuchen und pfel
soll sie auch von uns haben, trstete Trine Tillmann.

Ja, das soll sie, sagte die alte Brbe Bach, s'ist wirklich ein
liebes Kind.

Als die Geschwister Frhlich und Brigittchen nach herzlichem Abschied
von den drei Frauen heimgingen und den langen Flur des alten Gebudes
durchschritten, sahen sie durch eine offenstehende Tr in ein
schlichtes, sauberes Zimmer hinein. Dort sa eine alte Frau im
Lehnstuhl, und ein kleines, blondes Mdchen brachte ihr sorgsam einen
heien Trank in einer Tasse.

Das ist gewi Jantge, flsterte Brigittchen und schaute die Kleine
aufmerksam an, die wohl in ihrem Alter sein mochte; sie hatte auch so
blonde Haare wie sie selbst, die schauten unter einem weien Mtzchen
hervor, und eine groe, hellblaue Schrze hatte sie vorgebunden.

Ja, das wird wohl die kleine Jantge sein; aber nun komm rasch, Kind,
sonst schilt deine Tante, da wir zu lang geblieben, sagte Frulein
Helene Frhlich. Heiter stapften die Wanderer bald darauf durch den
Schnee wieder heimwrts. Wieder kamen sie am runden Turm vorbei, hinter
dessen Fenster sah man jetzt die Kerzen eines Christbaumes strahlen.

Nun ist es bald Zeit, flsterte Brigittchen, und Freude lag in ihrem
Stimmchen.

Jetzt hast du Weihnachtsaugen, Kind, sagte Helene Frhlich, als sie
der Kleinen unter der Laterne, die gerade vor dem Schnschen Hause
brannte, lebewohl sagte. Behalte deine Weihnachtsaugen und vergi
nicht, mich in den Feiertagen zu besuchen!

Brigittchen hob sich auf den Zehenspitzen empor, legte ihre rmchen um
des Fruleins Hals und sagte ganz leise: Ich hab' Sie lieb.

Ein Weilchen hielt Frulein Helene das Kind zrtlich in ihren Armen,
lieb und warm wie eine Mutter, dann sagte sie heiter: Nun geh Kleine;
frhliche Weihnacht, sing auch ein Lied unterm Tannenbaum!

Dann ging Brigittchen in ihr Vaterhaus, dort sa sie noch eine halbe
Stunde im dunklen Zimmer, bis hell die Glocke erklang und alle
Hausbewohner das Bescherungszimmer betraten. Wie immer ging auch diesmal
die Bescherung schnell vorbei, die Dienstleute nahmen ihre Sachen,
sagten danke und gingen hinaus; drinnen kann man sich doch nicht recht
freuen, meinten sie. Der Hausherr verlie schon nach fnf Minuten das
Zimmer, und Frulein Mathilde rstete sich zum Fortgehen, sie trug der
Kchin noch auf, bald den Baum auszulschen und sagte zu Brigittchen:
Na Kind, nun spiele nur schn mit all deinen hbschen Sachen,
langweilen wirst du dich wohl nicht.

Da sa nun Brigittchen mutterseelenallein in dem prchtigen Zimmer und
schaute auf den brennenden Baum und all die vielen, vielen Spielsachen.
Es war alles recht schn, aber ihre Weihnachtsaugen htte Brigittchen
doch beinahe verloren. Zur rechten Zeit aber fiel ihr ein, wie lustig am
Nachmittag das Singen im Nachbarhaus gewesen war, und da Frulein
Helene ermahnt hatte, sie sollte auch bei sich ein Weihnachtslied
singen. Sie nahm eine der drei neuen Puppen auf den Arm, holte flugs
Lilli, Milli und Cilli, die anderen Puppenkinder herbei, setzte sich mit
ihnen auf das Sofa und fing an, ein Weihnachtslied zu singen. Stille
Nacht, heilige Nacht. Sie sang erst leise und zaghaft, dann mit immer
hellerem Stimmchen, wie ein kleiner Vogel, der sich im Sonnenschein
seines Lebens freut.

Drauen in der Kche wurden die Dienstmdchen pltzlich still. Unser
Brigittchen singt, sagten sie. So selten war des Kindes Stimme im Hause
zu hren, da es ihnen fast wie ein Wunder vorkam, da die Kleine sang.
Ihnen fiel auch ein, wie einsam doch das Kind sei, niemand von ihnen
hatte sich heute noch recht um die Kleine gekmmert. Sie schlichen sich
an die Tre und lauschten, und wie sie so die alten trauten Lieder
hrten, da wurde es ihnen erst so recht weihnachtlich, feierlich zu
Mute.

Auch Herr Schn hrte den Gesang, auch er dachte dabei daran, wie einsam
eigentlich sein Kind sei, und auch er stand auf und betrat leise das
Bescherungszimmer. Da sa Brigittchen im Kreise ihrer Puppen, wie ein
richtiges kleines Mtterchen, und ihre Augen strahlten wie die Kerzen am
Lichterbaum. Jauchzend hell sang sie:

   Alle Jahre wieder
   Kommt das Christuskind,
   Auf die Erde nieder,
   Wo wir Menschen sind.

Auf einmal sah die kleine Sngerin ihren Vater, da unterbrach sie
verlegen ihren Gesang. Wie schade! sagten die Mgde an der Tre. Herr
Schn aber ging rasch auf sein kleines Mdchen zu, nahm es auf den Arm
und bat: Sing noch ein Lied, mein Kind, es gefllt mir so!

Ei wie gern sang da Brigittchen, sie sang alle Lieder, die sie kannte,
und zuletzt sangen die Mgde mit und der Gesang rauschte durch das Haus,
da es ein richtiges, frohes Weihnachtshaus wurde.

Noch immer brannten die Lichter am Baum und Herr Schn sagte, sie
sollten auch brennen bleiben, er wollte mit seinem Kind unterm
Weihnachtsbaum zusammen Abendbrot essen.

Das wurde ein frhliches Mahl, smtliche Puppen durften dabei sitzen,
groe und kleine, alte und neue. Vater und Kind schmausten munter
zusammen und dabei erzhlte Brigittchen von den Geschwistern Frhlich
gegenber am Kirchplatz, von der Weihnachtswanderung und von Jantge im
Gertrudenspital. Sie erzhlte auch, was Frulein Helene von den
Weihnachtsaugen gesagt hatte. Hab' ich auch noch welche, Vterchen?
fragte die Kleine besorgt, denn sie hatte Angst, sie knnte die
Weihnachtsaugen verloren haben, und darber wre Frulein Helene gewi
traurig gewesen.

Freilich hast du sie noch, sagte Herr Schn. Er sah tief in die
strahlenden Veilchenaugen seines Kindes, und er dachte, das fremde
Frulein mte doch sehr lieb und gut sein, das seinem Kinde zu diesen
leuchtenden Weihnachtsaugen verholfen hatte.

Und dann sa Brigittchen auf ihres Vaters Knieen, sie schmiegte ihr
Kpfchen an seine Brust und leise vertraute sie ihm einen groen
Herzenswunsch an. Sie wollte einen Teil ihrer neuen Spielsachen der
kleinen Jantge im Gertrudenspital schenken. Darf ich, Vterchen? bat
sie.

Ja, du darfst, mein Kind, und weit du was, morgen gehen wir
miteinander zu Frhlichs hinber und dann bittest du Frulein Helene,
da sie mit dir zu Jantge geht!

Das war ein schner Feiertagsplan. Brigittchen jubelte laut und dann
schwatzte sie noch ein Weilchen mit ihrem Vater, fragte, welche Puppe
sie nehmen sollte und welches Buch, bis auf einmal der Sandmann kam, und
die strahlenden Weihnachtsaugen sich schlossen. --

Am nchsten Vormittag ging Herr Schn mit Brigittchen wirklich zu den
Geschwistern hinber, und Vater und Kind wurden mit herzlicher Freude
empfangen. Frulein Helene war auch gleich bereit, mit Brigittchen am
Nachmittag zu Jantge zu gehen, ja, sie kam auch mit hinber, sah sich
Brigittchens Bescherung an und half fr Jantge aussuchen. Eine Puppe,
ein Buch, ein zierliches Arbeitskrbchen und noch allerlei hbsche
Sachen aus Marzipan und Schokolade.

Gleich nach dem Mittagessen, diesmal noch am lichten Tag, traten
Frulein Helene und Brigittchen ihre Wanderung an. Der Schnee knirschte
unter ihren Tritten, denn es war bitterkalt geworden, aber den beiden
war es so froh und warm ums Herz, da sie nicht viel von der Klte
sprten.

In Trine Tillmanns Stube saen alle Insassinnen des Gertrudenspitals,
auer Jantges kranker Urgromutter, zusammen und aen Weihnachtsstriezel
und tranken Kaffee dazu, auch Jantge war da, da die Urgromutter
schlief. Die Kleine sa am Fenster vor dem Tannenbumchen, an dem sie
sich gar nicht sattsehen konnte, und sie hatte so strahlende
Weihnachtsaugen, als htte sie eine glnzende Bescherung bekommen. Als
nun aber Brigittchen ein wenig verlegen und doch herzensfroh ihre
Herrlichkeiten vor dem kleinen Fremdling auspackte, da jubelte Jantge
laut auf.

Eine Puppe, eine Puppe, jauchzte sie und prete das weigekleidete
Lockenkind zrtlich an ihr kleines Herz.

Brigittchen war auch Kindern gegenber oft ein bischen scheu, und Jantge
verga auch leicht vor Schchternheit den Mund aufzutun, aber die Puppe
vereinte die beiden rasch, sie fanden sich im frhlichen Spiel und nach
zehn Minuten waren sie miteinander einig, da das Puppenkind unbedingt
Helene heien mte.

Brigittchen wurde das Scheiden beinahe schwer. Du mut mich besuchen,
bat sie.

Trine Tillmanns versprach dafr zu sorgen, und Frulein Helene sagte
auch, sie wrde Jantge einmal einladen. So trennten sich denn die
Kinder, auf ein frhliches Wiedersehen hoffend, und fr Brigittchen kam
der Heimweg durch die stille Stadt an Frulein Helenes Hand. Das war
wundervoll, so durch die stillen, weien Straen zu gehen, auf denen
heute kaum ein Mensch zu sehen war, und zu lauschen, wie Frulein Helene
erzhlte, von diesem und jenem, von dem Weihnachtsfest im groen London,
von einsamen und glcklichen Kindern, von heiteren Tagen, die kommen
wrden, und da sie beide miteinander gute Freundschaft halten wollten.

Helene Frhlich hatte so eine liebe, zrtliche Stimme, die spaziert
durch alle Herztren hinein, sagte spter einmal Klaus Hippel. Und das
war wahr, Brigittchen sprte es auch. Auer ihrem Vater gab es gar
keinen Menschen auf der Welt, zu dem sie ein so groes Vertrauen hatte
wie zu Frulein Helene. Diese mute es wohl gemerkt haben, denn auf
einmal sagte sie liebevoll: Willst du mich Tante nennen, mein kleines
Mdel?

Ach, Brigittchen wollte schon, glckselig sah sie zu der neuen Freundin
auf. Tante Helene, Tante Helene, zwitscherte sie wie ein Vgelchen,
das sein erstes Liedchen probiert.

Vor der Haustre gab es noch einen herzlichen Abschied, dann hpfte
Brigittchen in das Haus hinein, um drinnen ihrem Vater alles, alles zu
erzhlen.

Herr Schn sah immer wieder in die strahlenden Weihnachtsaugen seines
Kindes und leise begann sein trauriges Herz froh zu werden. Als
Brigittchen beim Zubettgehen sagte: Weihnachten ist zu
wunderwunderschn, da nickte er und sagte: Es war ein gesegnetes
Fest!

Im Frhlichschen Hause aber saen Bruder und Schwester zusammen unter
dem Weihnachtsbaum, den sie sich wieder angebrannt hatten; sie erzhlten
sich von ihrer harten, freudlosen Jugend und von dem Glck der
Gegenwart. Auch sie sagten beide zu einander aus dankbarem Herzen
heraus: Es war ein gesegnetes Fest!




                         Ein Fastnachtsspiel.


Die alte Dorothee pflegte von Klaus Hippel zu sagen: Ein Kindskopf ist
er und bleibt er, so alt wie er ist, und nichts als Flausen hat er im
Sinn.

Das stimmte und stimmte auch wieder nicht. Klaus Hippel konnte, wenn es
darauf ankam, so ernsthaft und verstndig wie ein Brgermeister sein,
freilich war er auch wieder ein lustiger Geselle, und wenn ihn die
Sorgen nicht allzusehr drckten, dann war er heiter und guter Dinge.

Seine grte Lust war in alten Bchern zu lesen, und Mrchen und Sagen
wute er mehr, als in zwanzig Kinderbchern stehen. Und wenn Klaus
Hippel erzhlte, dann war es immer, als sei er just dabei gewesen, als
sei er mit Held Roland durch das Tal von Ronceval geritten, oder wre
selbst allen schnen Frauen und Rittern im Zauberwalde irgendwo
begegnet. Besonderen Spa machte es ihm auch, wenn sich die Leute zu
Scherz und Kurzweil verkleideten; als daher Jrgel eines Tages sagte:
Vater Klaus, knnen wir bei dir nicht einmal Fastnacht feiern? da war
er gleich mit Freuden dazu bereit.

Bald nach Weihnachten hatte Jrgel das gesagt, und von dem Tage an
sprachen die Kinder immer mit heimlicher Lust von dem Fastnachtsspiel
bei Klaus Hippel. Der Pantoffelmacher hatte sich nmlich vorgenommen,
selbst ein wundervolles Ritterstck zu schreiben; darin kamen zwei
Ritter, eine Prinzessin, ihre Hofdamen und ein bser Zauberer vor.
Severin und Wendelin sollten die Ritter spielen, Jrgel den Zauberer,
Brigittchen war die Prinzessin und Anne-Marte und Jantge ihre Hofdamen.
(Jantge war von den fnf Schatzgrbern rasch als Freundin angenommen
worden, und sie durfte natrlich auch beim Fastnachtsspiel nicht
fehlen.) Die Prinzessin brauchte nichts weiter zu tun als immer Ach und
Weh zu seufzen, nur am Schlu mute sie rufen:

   Teurer Ritter, du hast mich befreit,
   Ich danke dir in aller Ewigkeit!

Die Hofdamen brauchten nur Ach und Weh zu sagen und zuletzt Hurra zu
schreien.

Die Ritter hatten es etwas schwerer; erstens muten sie mit ihren Sbeln
rasseln, zweitens muten sie den Zauberer furchtbar ausschelten und ihn
zuletzt mit einem wilden Triumphgeschrei in einen Turm sperren. Der Turm
war Mutter Paulinchens Kleiderschrank. Am schwersten hatte es der
Zauberer; der war bei dem Stck die Hauptsache, er mute sich nmlich in
ein wildes Tier verwandeln, brllen und pltzlich ein Rotfeuer anznden.
Klaus Hippels alte Pelzjacke war das Lwenfell, und eine Schachtel
Rotfeuer hatte sich Jrgel sogar von seinem Taschengeld erstanden; damit
nichts passierte, durfte er aber nur ein einziges Hlzchen anznden.

Wundervoll sollte das Spiel werden; Zuschauer waren die
Pantoffelmachersleute und Schneider Langbein mit seiner Frau. Am letzten
Tag meldeten sich noch die Geschwister Frhlich an, worber Frau
Paulinchen in groe Aufregung geriet. Sie hatte nur drei Sthle, und
einer davon wurde noch als Thronsessel fr die Prinzessin gebraucht.

Es wird schon gehen, sagte der Pantoffelmacher, nur den Mut nicht
verlieren.

Es ist doch eine groe Ehre, da so vornehme Leute zu uns kommen, mit
was soll ich sie denn bewirten? klagte die Pantoffelmacherin.

Ja, du meine Gte, da war guter Rat teuer.

Ihr Mann sah etwas verlegen drein; Punsch und Pfannkuchen mu es zu
Fastnacht geben, aber woher sollten sie beides nehmen?

Pantoffelmachers waren arme Leute und just diesen Winter ging es
besonders knapp bei ihnen zu, was sie erbrigen konnten, das gaben sie
dem Schwiegersohn, damit der bald seine Schuld abtragen konnte. Und
Fremde kamen auch nicht, das Museum anzusehen; das Trinkgeld gehrte
nmlich den Turmbewohnern, dafr muten sie aber auch oben immer alles
in Stand halten.

Hm, ja, hm, brummte der alte Klaus nachdenklich. Dann nach einem
Weilchen schrie er, einen roten Samtpantoffel in der Luft schwenkend,
wegen Punsch und Pfannkuchen kommen die Leute nicht zu uns, sondern
wegen meines Stckes, das hat der Doktor selbst gesagt, nmlich weil er
auch ein Dichter ist. Und wenn Nachbar Langbein denkt, er kriegt Punsch
und Pfannkuchen, na, dann bekommt er halt die Nase auf die Tischecke,
wie meine selige Mutter zu sagen pflegte, wenn wir was haben wollten und
es nicht bekamen.

Punsch und Pfannkuchen wren aber doch fein, ich wollte ich htte
beides, sagte Frau Pauline seufzend.

Es war im alten Wchterturm an diesem Morgen just wie in einem Mrchen,
wo sich einer nur etwas zu wnschen braucht und gleich geht es in
Erfllung. Kaum hatte Frau Paulinchen ihren Wunsch ausgesprochen, so
erschien auch schon die Fee, diesmal freilich war es die alte Dorothee.
Die brachte eine groe Schssel Pfannkuchen, selbstgebackene sagte
sie, dazu eine Flasche Punsch und schne Gre von Frulein Helene.

Na, rief Klaus Hippel vergngt, wenn das heute so mit dem Wnschen
geht, dann wnsche ich mir auch geschwind irgend etwas ganz Besonderes,
etwas so -- --

Klatsch fuhr er da mit seinem roten Pantoffel, an dem er gerade nhte,
durch die Fensterscheibe und knax war ein groes Loch darin und der
Pantoffel lag drauen auf der Stadtmauer.

Etwas verblfft schaute der Meister sich um, Dorothee lachte ein bichen
rgerlich. Das kommt davon, Gevatter, wenn man so wild herumfuchtelt;
ist das eine Art, so mit den Armen rechts und links auszuschlagen,
beinahe htte ich noch eine Kopfnu dabei gekriegt. Nee, wie kann man
nur so alt sein und noch so hitzig! Nun sorgt nur dafr, da bis zum
Nachmittag das Loch im Fenster wieder heil ist, so was kann mein
Frulein nicht vertragen; Lcher in den Fenstern sind wir nicht
gewhnt.

Damit ging Dorothee hinaus, langsam und gewichtig, so zart wie eine Fee
pflegte die gute Alte nicht zu gehen.

Meister Hippel aber beschaute ein bichen kleinlaut den Schaden, dann
ging er zum Glaser und versprach diesem, ihm das nchste Mal seine
Pantoffel umsonst zu flicken, wenn er ihm sein Fenster auch umsonst
flicken wollte. Das tat der Glaser auch, und als die Gste am Nachmittag
kamen, sah man nichts mehr von dem Loch im Fenster.

Zuerst kamen die Kinder, gleich alle sechs zusammen. Sie kamen, wie
Kinder eben meist kommen, mit viel Lachen und Schwatzen, mit viel
frhlicher Lust.

Brigittchen hatte einen weien Schleier und eine Goldpapierkrone
mitgebracht, das war ihr Prinzessinnengewand. Erst hatte Tante Mathilde
den Besuch gar nicht erlauben wollen, und da Brigittchen nicht, wie
viele andere Kinder, mit Bitten und Schmollen eine Erlaubnis erzwingen
konnte, wre beinahe nichts daraus geworden. Glcklicherweise aber war
Frulein Helene gekommen und Brigittchen zu Liebe hatte diese gesagt,
sie wrde dann auch zu der Fastnachtsfeier gehen. Frulein Helene hatte
dann auch zwei buntseidene Tcher fr die Hofdamen geliehen, und weil
Frulein Helene ging, erlaubte auch Frau Doktor Fabian die
Fastnachtsfeier.

Jrgel hatte sich eine alte Maske mitgebracht, die er als Zauberer
tragen wollte. Klaus Hippel hatte fr die Ritter Severin und Wendelin
aus dem Museum zwei Helme und Schwerter geholt. Der gute Alte dachte
sich nichts dabei, und die Kinder auch nicht und doch wre beinahe eine
schlimme Geschichte daraus geworden.

Vorlufig waren alle ungemein lustig, selbst das sonst so stille
Brigittchen kam gar nicht aus dem Kichern heraus. Und als noch alle von
dem Pfannkuchen- und Punschwunder des Morgens erfuhren, da wurde die
kleine Turmstube beinahe zu eng fr all den frhlichen Lrm.

Meister Hippels Fensterplatz in der tiefen Nische der dicken Mauer, das
war das Schlo, in dem die Prinzessin mit ihren Dienerinnen gefangen
sa, und vor dem Schlo sollte sich der Kampf mit dem Zauberer
abspielen. Die Zuschauer kamen zur rechten Zeit. Die Spieler steckten
derweil hinter einem groen Brett, das Frau Paulinchen an die Kommode
angestellt hatte, nur die Prinzessin sa mit ihren Hofdamen im Erker,
und als Schneider Langbein mit seiner Frau als erste Zuschauer kamen, da
ging das Seufzen und Sthnen der Gefangenen los, es war zum
Steinerweichen. Anne-Marte mute sich zwar immer wieder umdrehen, sie
konnte und konnte das Kichern nicht unterdrcken.

Fr die Gste waren die zwei Sthle an der Tre aufgestellt worden, dem
Fenster gerade gegenber, und die Geschwister Frhlich kamen auch sehr
pnktlich, gleich nach dem Schneidermeister und seiner Frau.

Doktor Frhlich sah die Helme der Ritter Severin und Wendelin ber dem
Brett hervorragen. Die sind aus dem Museum, dachte er, ei, ei,
Meister Klaus, sollte das erlaubt sein! Er wollte aber das Vergngen
nicht gleich durch einen Tadel stren, darum sagte er nichts.

Brigittchen verga ganz ihre Prinzessinnenrolle, und ihre Tante Helene
bekam Gre, Kopfnicken, ja sogar ein Kuhndchen sandte die gefangene
Prinzessin aus ihrem Schlo heraus ins Weite.

Los! rief da der Pantoffelmacher mit solcher Donnerstimme, da die
Hofdame Jantge das Schlsselbund, das Mutter Paulinchen ihr zur
Vervollstndigung ihres Kostms gegeben hatte, mit einem lauten Krach
auf den Boden warf. Darber kam Anne-Marte ins Kichern und nur
Brigittchen konnte nach Vorschrift: Ach und Weh klagen. Sie tat es
auch so jmmerlich, als htte sie mindestens seit drei Tagen
Zahnschmerzen.

Hinter dem Brett, vielmehr aus dem Zauberwald hervor, strzten jetzt die
Ritter Severin und Wendelin. Severin kam das Schwert zwischen die Beine
und seinem Bruder rutschte der Helm so jh ber die Nase, da Meister
Hippel zuspringen mute, um den armen Ritter aus seiner unangenehmen
Lage zu befreien.

Inzwischen hatten sich die gefangenen Jungfrulein so in das Klagen
gefunden, da sie immer lauter und jmmerlicher schrieen, und niemand
verstand ber dem Geschrei den Zauberer Jrgel, der nun auch aus dem
Zauberwald angerannt kam und rief:

   Ha, ich seh zwei Ritter gehn,
   Die sollen gleich verzaubert stehn!

Halt' doch den Mund und schrei nicht so! flsterte der grimme Zauberer
gleich darauf seiner Schwester Anne-Marte zu.

Kikikiki, pruschte diese los.

Ritter Wendelin deklamierte mit schellender Stimme:

   Den Mann da will ich fragen,
   Er soll mir gleich mal sagen,
   Wer -- --

Klapp, rutschte ihm der Helm wieder ber die Nase, er verga seine Rolle
und schrie jmmerlich Au, au!

Setz' das Ding ab, flsterte Meister Hippel so laut, da man es
beinahe auf der Stadtmauer hren konnte.

Das war aber nicht so einfach; da langte Jantge aus dem Schlo heraus
und befreite den armen Ritter aus seiner unangenehmen Lage.

   Ich will dir sagen wie ich hei',
   Ich bin der Zauberer Alleswei߫

brllte Jrgel, da rief unversehens seine Schwester: Deine Maske hat ja
ein Loch!

Aber Anne-Marte, sei doch still, tuschelte Brigittchen ngstlich, und
Jantge sthnte laut: Ach, ach, ach!

   Ei, dann sag' mir, wo ich finde,
   Die Knigstochter Hildelinde?

sagte Severin laut und rasselte mit seinem Schwert, wie Doktor Fabians
Hofhund Sultan mit seiner Kette.

Es klingelt; ein weier Spatz fliegt in den Turm, rief da pltzlich
Mutter Paulinchen, und verga im Augenblick das ganze Spiel.

Unsinn, brummte der Meister, der nicht gern gestrt sein wollte. Es
wird eins von den Kindern sein, das findet schon die Treppe herauf. Sei
nur still und stre nicht!

   Willst sie wohl gar befrei'n?
   Guter Ritter, das la sein!

schrie der Zauberer Jrgel mit so hohnvoller, grimmiger Schadenfreude,
da Meister Hippel spter sagte, es wre ihm durch und durch gegangen.

Die Ritter Wendelin und Severin aber kamen um ihre khne, von
Sbelrasseln begleitete Antwort, denn an der Tre drauen polterte und
klopfte es.

Mutter Paulinchen schrie vor Schreck auf, sie ri in ihrer Aufregung
ihren Nhkorb herunter, der neben ihr auf einem Tischchen gestanden
hatte.

Schneidermeister Langbein aber ffnete die Tre, und nun sahen die
Anwesenden zwei fremde Herren und eine Dame drauen stehen, die erstaunt
das Stbchen und seine Insassen musterten. Sind wir hier recht, wir
mchten das Museum sehen? fragte der ltere der beiden Herren.

Ja, jawohl, rief Meister Hippel, Paulinchen hol' den Schlssel!

Aber der Schlssel war nicht so geschwind gefunden, Frau Paulinchen
suchte, die Schneidermeisterin suchte, die Kinder begannen zu suchen, wo
war er nur?

Inzwischen war Doktor Frhlich auf die Fremden zugegangen und erklrte
ihnen, was fr eine Feier hier stattfinde.

Die Fremden lachten, die Dame sagte etwas spttisch: Knnen wir nicht
zuhren? Ei gewi, sagte Meister Hippel, der dies fr eitel
Freundlichkeit hielt, Paulinchen, wo ist nur der Schlssel?

Ja, wo war er denn nur? Alles suchte, alles kramte, bis pltzlich
Meister Langbein sagte: Haben Sie ihn vielleicht in der Tasche, Frau
Nachbarin?

Richtig, da war er! Ganz gemtlich steckte er drin.

Jrgel hat ihn reingezaubert, flsterte Wendelin Anne-Marte zu.

Die Fremden kletterten die Treppen hinauf und oben zeigte ihnen Mutter
Paulinchen die Schtze; Severin und Wendelin waren hinterher getrappt,
sie stellten Helme und Schwerter fein suberlich an ihren Platz.

Hier geht es aber gemtlich zu, die richtige Kleinstadt, flsterte die
Dame lachend einem ihrer Begleiter zu.

Siehst du, sagte der verdrossen, ich sagte es doch gleich, es lohnt
sich nicht, hier erst auszusteigen, was hat man denn in so einem Nest?

Ist der Kram alles, was in dem Museum ist? fragte der andere Herr.

Ja, murmelte Mutter Paulinchen verlegen, sie merkte wohl, wie klein
und lcherlich die Fremden alles fanden, und so wies sie nicht, wie sie
es sonst tat, auf die reizvolle Aussicht hin, die man vom Turm aus
hatte. Und doch war die Landschaft, die drauen von silbergrauem Dunst
matt verschleiert lag, unendlich lieblich.

Nebenbei benutzen Sie wohl die Sachen zu Ihren Fastnachtsspielen?
fragte der jngere der Herren spttisch.

Frau Paulinchen schwieg, aber das Herz tat ihr weh, da die Fremden das
Museum, das ihr Stolz war, so geringschtzig behandelten. Und es gab
doch mancherlei zu sehen, was der Mhe lohnte, das wute sie.

Es hatte mancher Besucher schon anerkannt. Man findet selten so ein
schnes Stckchen Vergangenheit so wohl erhalten, hatte einmal ein sehr
berhmter Gelehrter gesagt. Der junge Herr schrieb dabei immerzu in sein
Notizbuch, er sah sich aber garnicht um, nur auf die alten,
schngeschnitzten Mbel warf er einen flchtigen Blick. Ganz passabel,
murmelte er.

Als die Pantoffelmacherin von der ruhmreichen Vergangenheit der Stadt
erzhlen wollte, unterbrach sie der ltere Herr: Lassen Sie nur, gute
Frau, wer wei, ob das geschichtlich verbrgte Tatsachen sind, solche
kleinen Nester, wie Ihre Stadt, brsten sich gern mit ihrer
Vergangenheit. Ich denke, wandte er sich an seine Begleiter, wir gehen
jetzt, wir haben genug von Neustadt's Reizen gesehen!

Damit gingen die drei. Das Trinkgeld war so reichlich wie selten, und
doch hatte Frau Paulinchen wenig Freude dran. Manche bescheidene Gabe
hatte ihr mehr Freude gemacht, wenn nmlich der Geber in hellem
Entzcken die Rundsicht vom Turme genossen hatte.

Die Fremden gingen, und die Frau kehrte in ihre Stube zu dem
unterbrochenen Spiel zurck. Dort hatten die Kinder einstimmig erklrt,
vor den Fremden wollten sie nicht spielen, und zur Abwehr waren sie alle
miteinander in den Zauberwald zwischen Brett und Kommode gekrochen; da
es darin etwas eng zuging, erhhte nur das Vergngen.

Die Geschwister Frhlich hatten wohl den Spott der Fremden gemerkt,
Frulein Helene dachte mit nachsichtigem Lcheln an den erstaunten
Blick der Dame, die fand es sicher komisch, da sie hier im
Pantoffelmacherstbchen sa und dem Spiel der Kinder lauschte. Wie
kleinstdtisch ist diese Fastnachtsfeier, hatte die Fremde geflstert.

Sie wei eben nicht, wie traut und heimlich es in einer kleinen Stadt
sein kann, dachte Helene Frhlich, und sie sah sich selbst wieder so
einsam und verlassen in dem riesengroen London sitzen.
Mutterseelenallein war sie gewesen, und niemand hatte sich um sie
gekmmert.

Warum bist du so traurig, Tante Helene? fragte auf einmal ein liebes
Stimmchen. Prinzessin Brigittchen war aus dem Zauberwalde
hervorgekrochen, weil sie gesehen hatte, wie sinnend und betrbt ihre
Tante auf einmal dreinsah.

Ich bin nicht traurig, mein Herzel, sagte Frulein Helene, und ihre
Stimme klang auf einmal wieder froh und hell. Sie nahm ihre kleine
Freundin auf den Scho, und Brigittchen schmiegte sich ganz fest an sie
an und sagte wieder wie so oft: Ich hab' dich lieb!

Just in diesem Augenblick trat Frau Paulinchen in das Zimmer, und ihr
Mann rief ganz enttuscht: Wo sind denn die fremden Herrschaften
geblieben?

Seine Frau erzhlte von dem Besuch, aber sie mute zweimal erzhlen, ehe
es der gute Klaus Hippel begriff, da es den Fremden ganz und garnicht
oben im Turm gefallen hatte. Nicht gefallen bei uns! rief er einmal
ber das andere erstaunt, ja, wie ist denn so was mglich! Ich bin zwar
noch nie aus Neustadt herausgekommen, aber so was Schnes wie unseren
Turm, die Aussicht und das Museum, habe ich in meinem Leben noch nicht
gesehen, wirklich und ganz gewi nicht, na, so was aber auch!

Ein Weilchen verging mit Hin- und Herreden, ehe das Spiel fortgesetzt
werden konnte. Frau Paulinchen wollte die Schwerter und Helme wieder von
oben herunterholen, aber Doktor Frhlich meinte, es ginge auch so, einer
der Ritter knnte seinen Spazierstock, der andere die Ofengabel nehmen.
Und es ging wirklich so, das Spiel wurde in aller Frhlichkeit
fortgesetzt, die gefangene Prinzessin und ihre Hofdamen chzten und
sthnten zum Erbarmen, die Ritter brllten machtvoll, der Zauberer
zauberte gar erstaunlich, aber zuletzt half ihm alle Zauberei nichts, er
wurde eingesperrt, die Prinzessin befreit und von Ritter Wendelin als
Braut heimgefhrt. --

Es war wirklich ein wunderschnes Stck gewesen, Mutter Paulinchen und
die Schneidermeisterin weinten vor Rhrung, und der Pantoffelmacher war
so aufgeregt, da er zuletzt alle Verse mitsagte. Kurz, es war
wunderschn, Klaus Hippel sagte es immerzu, und der mute es doch
wissen, er hatte ja das Stck gedichtet.

Da es nachher Pfannkuchen gab und fr die Erwachsenen Punsch, trug
nicht wenig zur Lust bei. Und Frulein Helene zeigte dabei, da sie auch
etwas von Zauberei verstand, sie gab nmlich jedem Kind einen besonders
groen Pfannkuchen, recht dick mit Zucker bestreut und sagte: Et mal
die, sie sind besonders gut, brecht sie aber auseinander.

Mit dem Auseinanderbrechen ging es aber nicht so recht, bis schlielich
alle Kinder wie aus einem Munde riefen: Die sind ja gar nicht echt. Es
fanden sich allerlei hbsche Mtzen aus Seidenpapier in den angeblichen
Pfannkuchen, mit denen sich die Kinder geschwind schmckten.

Die Frhlichkeit im Turmstbchen wurde immer grer und es gab betrbte
Gesichter bei Wirtin und Gsten, als Frulein Helene zum Aufbruch
mahnte. Aber trotzdem wurde auch der Heimweg recht fastnachtslustig.
Niemand hatte etwas dagegen, da die Kinder in den stillen Straen,
durch die ihr Weg sie fhrte, frhliche Lieder sangen. Hchstens da mal
jemand, der ihnen begegnete, sich umdrehte und sagte: Ei, seid ihr aber
lustig!

Und morgen ist Aschermittwoch, sagte Wendelin, als man auf dem
Kirchplatz angelangt war, ich hab' schon eine feine Rute, da will ich
ordentlich kehren.

Mich bekommst du nicht, neckte Anne-Marte kichernd.

Mich auch nicht! rief Brigittchen.

Na, wartet nur, ich kehre euch allen den Staub ab, rief Wendelin
protzig, dann mt ihr mir was schenken!

Ich auch, ich auch! riefen Jrgel und Severin, nehmt euch nur in
acht, Mdels!

Nach dieser Mahnung nahmen alle frhlich Abschied von einander. Nur
Brigittchen brauchte sich noch nicht von Frulein Helene zu trennen, die
Geschwister Frhlich waren von Herrn Schn und Frulein Mathilde zum
Abend eingeladen worden, und der Kleinen erschien dies beinahe als der
schnste Teil des Tages. Ihre neue Tante brachte sie zu Bett und es gab
zum Schlu noch ein heiteres Einschlafemrlein, bei dessen Worten
Brigittchen sacht in das Traumland hinber schlummerte. --

Der Aschermittwoch brach an. Die Wolken schienen es fr ihre Pflicht
anzusehen, den Sonnenglanz zu dmpfen. Grau und glanzlos war der Himmel,
ein feiner, grauer Dunst hllte die Stadt ein und die Leute sagten, es
sei richtiges Aschermittwochwetter, die Asche hinge frmlich in der
Luft.

Severin und Wendelin kmmerten sich wenig um das trbe Wetter; als sie
nach dem ersten Frhstck mit Jrgel vereint zur Schule trabten, da
waren alle drei eitel Lust und Frhlichkeit, man sah es ihnen schon an
den Nasenspitzen an, da sie etwas Lustiges ausheckten. So lustig
erschien es ihnen, da Severin noch in der Klasse mit Lachen daran
denken mute, wofr er freilich von dem Geschichtslehrer Doktor Kittel
einen regelrechten Rffel bekam.

Kaum war die Schule aus, da rasten die drei wie besessen heim, um ja
nicht die Mdels zu verpassen, die immer etliche Minuten spter kamen.

Wendelin und Severin guckten daheim rasch in die Ecke hinter der
Haustre und riefen enttuscht: Ja, wo sind sie denn? Es waren nicht
etwa die Mdels, die sie suchten, sondern Tannenreiser, die ihnen
gestern die Butterfrau als Aschermittwochsruten mitgebracht hatte.
berall sahen die Buben hin, nirgends waren die Ruten zu entdecken, bis
sie diese schlielich doch in dem Vorraum der Backstube in einem Winkel
fanden. Es war aber auch die allerhchste Zeit, die Marienstrae entlang
schwatzte und kicherte das schon, die Mdels kamen aus der Schule.

Der alte Steuerrat Mller, der in der Marienstrae wohnte und stets um
diese Zeit am Fenster seine Zigarre rauchte, sagte dann immer halb
rgerlich, halb lachend zu seiner Frau: Hre nur, die Gnslein sind auf
dem Heimmarsch!

Anne-Marte und Brigittchen gingen, wie sich das fr Herzensfreundinnen
schickt, Arm in Arm, mit ihnen ging ihre Klassengenossin Christine
Hardenberg. Anne-Marte erzhlte gerade etwas furchtbar Lustiges, denn
Anne-Marte erlebte immer lustige Sachen, ber die sie sich selbst halb
tot lachen wollte. Die Geschichte fesselte die drei Mdels so, da weder
Brigittchen noch Anne-Marte an die Drohung ihrer Kameraden dachten, als
sie in aller Vergnglichkeit an dem Bckerhause vorbei gingen.

Da auf einmal, mit dem wilden Geschrei: Aschermittwoch,
Aschermittwoch! strzten Severin, Wendelin und Jrgel hervor und
kehrten die Mdels von oben bis unten ab.

Die quiekten, lachten und schrieen, drehten sich wie Kreisel, wehrten
sich, andere kamen hinzu, es war ein Tumult und Lrm und das Jauchzen
tnte die Marienstrae hinauf und hinab. Pltzlich riefen zwei, drei
Stimmchen: Aber, wie seht ihr denn aus?

Anne-Marte und Brigittchen trugen weie Jacken und weie Mtzen, und
diese hatten unversehens lauter schwarze Streifen bekommen, aber Jrgel,
Wendelin und Severin kehrten immer eifriger, mit immer erneuter Lust und
sie kmmerten sich gar nicht um die Rufe: Hrt auf, hrt auf!

Und wer von ihnen gekehrt wurde, bekam schwarze Streifen, aber das sahen
sie gar nicht, erst als ein Mdel anfing zu heulen, lieen die Buben
nach, und Anne-Marte rief scheltend: Pfui, wie abscheulich seid ihr,
wie knnt ihr uns so schwarz machen!

Da sahen nun erst die drei Missetter betroffen, was sie angerichtet
hatten, unter der Mdchenschar aber erhob sich so ein gewaltiges Jammern
und Klagen, da die Vorbergehenden stehen blieben und auch Frau
Bckermeister Gutgesell aus dem Laden heraustrat, um zu sehen, was
geschehen sei. Sie sah ihre beiden Buben wie ein paar begossene Pudel
stehen, vergeblich versuchten die Missetter nmlich auszureien, die
entrsteten Mdchen hatten sie umringt und ber alles Schreien und
Klagen hinweg tnte Anne-Martes Stimme, die dem Bruder und den Freunden
eine Strafrede hielt.

Ich gehe nie wieder mit euch, nie wieder, nie wieder, nein, ich bin
euch bitterbse! rief die Kleine immer wieder.

Frau Gutgesell brach sich Bahn durch die aufgeregte Schar und wutsch!
ergriff sie Wendelin und Severin, hielt sie fest und fragte streng: Was
habt ihr getan?

Ein Durcheinander von anklagenden Stimmen erhob sich, die Buben aber
schrieen immer wieder: Wir knnen nichts dafr!

Zeigt mal eure Ruten her, gebot die Mutter, und niedergeschlagen gaben
alle drei ihre Tannenzweige hin. Aber Bengels, die sind ja ganz schwarz
voll Ru, ei, ihr unntzes Gesindel, na wartet, das soll euch schlecht
bekommen! rief Frau Gutgesell rgerlich. Wir knnen nichts dafr,
jammerten die Buben.

Sie haben es vielleicht nicht gewut, sagte auf einmal ein liebes
Stimmchen in allen Tumult hinein. Brigittchen tat es leid, trotzdem ihr
weies Jckchen lauter schwarze Streifen hatte, da die Freunde gar so
arge Missetter sein sollten.

Die Gemsefrau Lehmann, die neben der Bckerei wohnte und die um des
Lrmes willen, den die Bckerbuben manchmal vollfhrten, einen rechten
Groll auf diese hatte, rief: Ih, die wr'n es schon gewut haben, das
sind 'n paar Schlimme!

Sie sind gar nicht schlimm, verteidigte Brigittchen mutig die Freunde,
und sie haben's sicher nicht gewut, da die Ruten schwarz waren!

Nein, nein, jammerten die Buben, die von ihrer Mutter krftig mit fort
gezogen wurden. Das werden wir mal drin untersuchen, sagte die
grollend. Sie rgerte sich sehr, da die Unart ihrer Buben einen
regelrechten Straenauflauf verursacht hatte. Denn aus allen Husern
guckten die Menschen, sie standen auf der Strae und redeten, und wenn
die drei Missetter die Prgel wirklich gekriegt htten, die ihnen von
den Leuten zugedacht wurden, dann wre es ihnen wohl schlimm ergangen.

Nun, was ist denn hier fr ein Geschrei und Gelrm, 's ist doch nicht
mehr Fastnacht? fragte recht gemtlich in das Tosen hinein Heine, der
in der offenen Ladentre stand.

Wir haben die Ruten ganz gewi nicht schwarz gemacht, klagten Wendelin
und Severin wieder.

Jrgel schwieg trotzig, er fhlte sich ganz unschuldig! Er war aber ein
zu guter Freund und zu stolz, um alle Schuld auf die beiden anderen zu
schieben. Ja, und ob die nicht doch ein bichen die Ruten geschwrzt
hatten, wie konnte er dies wissen!

Da seh'n Sie mal, Herr Geselle, rief die Grnwarenfrau Lehmann jetzt
giftig, wie arg die Jungens sind, haben alle Mdels mit ruigen Ruten
abgekehrt, da das Brigittchen Schn ist ganz schwarz geworden! Heine
machte ein halb verdutztes, halb verlegenes Gesicht, ihm ging nmlich,
wie man sagt, ein Seifensieder auf.

Er hatte in der Nacht mit Tannenreisern, die er im Hausflur
gefunden hatte, fix mal ein Zugloch von Ru gesubert und die
Aschermittwochsruten so recht eingeschwrzt. Er fragte, woher die Zweige
stammten und die Geschichte klrte sich bald auf, die Buben waren
wirklich unschuldig. Trotzdem Frau Lehmann wohl zehnmal rief: Ich
glaub's nicht, die sind unntz!

Hei, wie reckten sich die drei im Gefhl ihrer Unschuld, ordentlich
stolz sahen sie aus, die Mdels standen ganz betreten da, sie wuten
nicht, ob sie lachen oder weinen, bse oder gut sein sollten.

Der Ru geht ab, trstete Heine, wenn ihr im Backofen gesessen
httet, dann mchtet ihr erst schwarz sein, potz Wetter, ja!

Machen Sie keine dummen Witze, Heine, sagte die Meisterin rgerlich,
fr die Mdels ist die Sache schlimm und meine Buben sollen mit zu den
Eltern gehen, wo es ntig ist, und die Geschichte erzhlen, damit die
Mdels keine Schelte bekommen. Denn dumm war es doch von den Buben, sie
brauchten auch nicht so wild darauf loszukehren!

Diese Worte dmpften den Stolz der Buben ein wenig, und ordentlich
gekrnkt waren sie erst, als alle Mdels erklrten, sie brauchten keine
Begleiter, sie wrden daheim schon die Geschichte erzhlen. Und heidi!
liefen alle davon, die gekehrten und die nicht gekehrten.

Am Nachmittag aber war schon alles wieder vergessen, es war eben ein
kleiner Aschermittwochsrger gewesen, weiter nichts, und keine
Freundschaft ging darum auseinander.

Fr den armen Klaus Hippel aber kam ein rechter Aschermittwochsrger
noch nachgehinkt und fr manchen anderen Neustdter auch.

Vierzehn Tage nach der Fastnachtsfeier sa der Herr Brgermeister eines
Morgens in seinem Arbeitszimmer und las Zeitungen. Auf einmal schlug er
wtend mit der Faust auf den Tisch, na, das ging ihm doch ber den Spa.
In einer Zeitung, die in einer groen Stadt erschien, las er nmlich
eine Beschreibung von Neustadt, man hatte sie ihm zugeschickt und sie
noch mit einem dicken, roten Strich angezeigt.

Wenn einer nun seine Heimat liebt und wei, wie schn und traut sie ist,
und dann kommt jemand und schildert diese Heimat als hlich und eng und
hat nichts fr sie als Hohn und Spott, da soll man sich nicht rgern.
Dem Herrn Brgermeister ging es so, er liebte Neustadt wie keinen Fleck
auf der weiten Erde; er wute wohl, da manches darin fehlte, was groe
Stdte besitzen, aber lieblich und behaglich war das Stdtchen doch. Nun
stand da in der Zeitung, Neustadt sei das langweiligste, unschnste,
schmutzigste Nest der Welt. Da sollte man sich nicht rgern!

Und wie dem Herrn Brgermeister, so ging es den Stadtrten, den Brgern,
alle, alle rgerten sie sich ber den boshaften Schreiber.

Am meisten taten dies Klaus Hippel und Frau Paulinchen, denn am
allerschlechtesten war das Museum weggekommen, von dem Fastnachtsspiel
und von den geborgten Ritterhelmen stand auch etwas in dem Artikel.

Es war wirklich ein Glck, da Doktor Frhlich die Geschichte schon
vorher dem Brgermeister erzhlt hatte, sonst wre es dem armen
Pantoffelmacher vielleicht schlimm ergangen. Eine Strafrede bekam er
ohnehin, die war gesalzen, und noch nach Wochen seufzte er tief, wenn er
daran dachte. Sein einziger Trost war nur, da Doktor Frhlich
versprach, er wollte auch etwas ber Neustadt schreiben, er wollte
erzhlen, was fr ein liebliches, anmutiges Fleckchen es sei und da
neben der Marienkirche und dem Schlo der alte Turm das allerschnste im
Stdtchen sei. --

Das hat der junge Herr vom Fastnachtstag geschrieben, sagte Frau
Paulinchen, nein, so etwas, nicht einmal richtig umgesehen hatte er
sich!

Ein abscheulicher Windbeutel ist's, schrie der Meister, und seit der
Zeit sagte er immer, wenn ein Fremder sich dem Turm nahte: Paulinchen,
pa auf, ein Windbeutel kommt. Wirf ihn hinaus, wenn er etwas
aufschreiben will!

Bis eines Tages ein Maler kam, der voll Entzcken den Turm von unten und
oben, von vorn und hinten, mit Pantoffeln und ohne Pantoffeln, von innen
und auen, am Morgen, am Mittag und im Abenddmmern malte, da shnte
sich Meister Hippel wieder mit den Fremden aus. Er wurde wieder lustig
wie zuvor, pfiff und sang im Turmerker, nhte Pantoffeln, erzhlte
Geschichten und rief, wenn ein Fremder kam:

Aufgepat, ein weier Spatz fliegt in den Turm!




                    Durch der Schneeknigin Reich.
                          Ein Wintermrchen.


Die Kinder sprachen schon vom Frhling wie von etwas, das ganz, ganz
nahe war.

Doch der Winter war anderer Meinung, er fand, es sei noch nicht Zeit fr
den Frhling zu kommen. Schwipp, schwapp war er eines Tages wieder da,
mit Schneegestber, Nordwind und Klte. Im Nu war das Land wieder wei
und still und die Schneeglckchen, die schon die allergrte Lust
gezeigt hatten, sich in der Welt umzusehen, krochen flugs in ihr braunes
Erdbettlein zurck, unten erzhlten sie den andern Blumen und Grsern:
Brrr, oben ist es schrecklich, wir begreifen gar nicht, wie es nur die
Menschen aushalten knnen!

Na, so schlimm war es nun doch nicht, die Klte reichte nicht einmal
recht zum Naseerfrieren. Aber schelten taten die Menschen doch, sie
hatten sich schon zu sehr auf den Frhling gefreut.

Auch in Neustadt gab es wieder Schneegestber, und die fnf Schatzgrber
und Jantge, die schon davon gesprochen hatten, da sie die Kreisel
drehen wollten und an der Stadtmauer Veilchen suchen, standen eines
Tages recht mimutig vor dem Schn'schen Hause und schalten auf den
Winter. Ein bichen undankbar war das ja nun, denn als der Winter
einzog, hatten sie ihn beinahe nicht erwarten knnen und den ersten
Schnee hatten sie mit Jubel begrt.

Es war Sonnabend Nachmittag, und die sechs Kameraden htten gern irgend
etwas Lustiges unternommen. Aber Brigittchen durfte nicht Schlitten
fahren, weil der Wind so sehr wehte, zu Klaus Hippel konnten die Kinder
auch nicht gehen, denn der war an diesem Tage ber Land gefahren.

Wir wollen zu Frulein Helene und zum Herrn Doktor gehen, schlug
Wendelin vor.

Uneingeladen? fragte Anne-Marte ein wenig zaghaft, geht das denn?
Mutter hat gesagt, wir drften nicht uneingeladen berall hingehen, es
schickt sich nicht!

Brigittchen geht erst und fragt, ob uns Frulein Helene nicht einladen
will, sagte Jrgel.

Brigittchen war damit einverstanden; zu Frulein Helene gehen, war fr
sie etwas Wundervolles. Sie lief auch flugs ber den Kirchplatz und
kehrte schon nach wenigen Minuten mit dem Freudenrufe zurck: Wir sind
eingeladen! Geschwind liefen die Doktorskinder und die Bckerbuben zu
ihren Mttern und verkndeten diesen die Neuigkeit: Wir sind zu
Frhlichs eingeladen, drfen wir gehen?

Frau Bckermeister Gutgesell sagte ja, ohne alle Fragen, die Doktorin
aber wollte wissen, wie es mit der Einladung gekommen sei. Treuherzig
erzhlte es Jrgel und die Mutter lachte: Na, meinte sie, das ist
freilich eine einfache Art, zu einer Einladung zu kommen, doch geht
schon, Frulein Helene ist aber beinahe zu gut zu euch Wildfngen!

Wenige Minuten spter standen die sechs Kinder in dem Flur des
Frhlich'schen Hauses, und Frulein Helene half ihnen die Mntel
ausziehen. Die alte Dorothee hatte ein wenig gebrummt ber die
Sonnabendgste, aber schlielich, als sie sah, mit welcher Freude die
Kinder ankamen, ging sie doch in die Kche, um ihre berhmte Schokolade
zu kochen. Nirgends, aber auch nirgends schmeckte Schokolade so gut wie
die von Dorothee gekochte, die Kinder sagten es und da mute es doch
stimmen.

Heute gibt es aber etwas Besonderes, sagte Frulein Helene, mein
Bruder hat ein Mrchen geschrieben, das will er euch erzhlen.

Ein Mrchen! jubelte Brigittchen frhlich, kommt eine Prinzessin
darin vor?

Sogar eine Knigin und viel, viel Schnee, erwiderte Helene Frhlich,
nun kommt herein, erst spielen wir etwas, dann trinken wir Schokolade
und zuletzt bekommt ihr das Mrchen vorgesetzt!

Und so wurde es auch. Wendelin sagte zu Jantge: Es ist doch sehr gut,
da wir heute eingeladen worden sind. Das fanden die anderen Kinder
auch, es war urgemtlich in dem groen, altmodischen Wohnzimmer, und die
Kinder bekmmerte es nicht, da es drauen immer toller strmte und
schneite. Als nach lustigen Spielen und einer frhlichen Schmauserei
sacht die Dmmerung hereinbrach, da erzhlte Doktor Theobald Frhlich
den Kindern ein Schneemrchen, er sagte, die wirbelnden Schneeflocken
drauen htten es ihm erzhlt, das Mrchen aber nannte er:


                    Durch der Schneeknigin Reich.

Es war ein Wintertag wie heute. Weiche, weie Flocken sanken vom Himmel
auf die Erde herab, die darunter trumend schlief. In einer kleinen
Stadt, die noch ein wenig kleiner und winkeliger als Neustadt war, lag
der Schnee so hoch, da das ganze kleine Nest wie in einem dicken,
riesengroen Federbett lag. Im letzten Haus des Stdtchens, das schon
auf freiem Felde stand, wohnte eine arme Witwe mit ihrem Sohn.
Schwerkrank lag der in seinem Bette und der Arzt, der vor etlichen
Stunden dagewesen war, hatte gesagt: Gute Frau, ich kann euch nicht
mehr helfen, alle meine Pillen und Tropfen ntzen nichts mehr gegen
diese Krankheit.

Die arme Witwe konnte nicht mehr weinen, so gro war ihr Jammer,
verzweifelt starrte sie in die weie Winterpracht hinaus. Gab es denn
kein Mittel mehr, um ihren Sohn, ihr einziges, geliebtes Kind zu retten?

Wie sie so sa in ihrem Herzeleid, hrte sie auf einmal zwei Krhen vor
den Fenstern krchzen. Es war ihr, als riefen die beiden immerzu: Geh'
zur weisen Frau, geh' zur weisen Frau!

Da kam es ihr in den Sinn, da drauen auf der Landstrae eine alte Frau
wohnte, die wegen ihrer Gte und Klugheit berhmt im Lande war und bei
der schon mancher in Sorge und Not Hilfe und Rat gefunden hatte. Die
arme Witwe hllte ihren Sohn in warme Decken, nahm ihn auf den Arm und
lief so schnell ihre Fe sie trugen, zu der weisen Frau hin.

Die sa in ihrem Stbchen, in dem die Blumen blhten und die Vgel
sangen, als sei Frhling. Finken und Zeisige und ein gar klug drein
schauender Starmatz hpften zwischen den Blumenstcken herum, und die
weie Katze, die zu ihrer Herrin Fen lag, dachte gar nicht daran, den
Vgeln etwas zuleide zu tun.

So friedlich war es bei der weisen Frau, da in dem Herzen der armen
Witwe die Hoffnung zu blhen begann, und flehend klagte sie der Frau ihr
Leid: Mein Sohn ist mein einziges Glck auf der Welt, nun ist er so
krank, er leidet so groe Schmerzen und niemand kann ihm helfen, weit
du keinen Rat?

Du armes Weib, sagte die weise Frau und sah die Bittende traurig an,
ich kann dir wenig Trost geben; wohl wei ich einen Arzt, der einen
Wundertrank besitzt, aber der Weg zu ihm ist so mhsam und schwer um
diese Winterzeit, noch nie ging ein Mensch diesen Weg zu Ende!

Ach! rief die Mutter, sage mir nur geschwind den Weg, fr mein Kind
ist mir nichts zu schwer, keine Mhsal ist mir zu gro!

Ich will dir gern den Weg zeigen, erwiderte die weise Frau. Der Arzt
wohnt am Ende eines groen Waldes, durch den mut du wandern, wenn du zu
ihm gelangen willst. Aber ich sage dir, der Weg ist unendlich schwer,
denn in dem Walde haust die Schneeknigin, sie hat ein Herz von Eis und
wenn ein Mensch in ihre Macht fllt, dann kt sie ihn, bis er zu Eis
erstarrt, sie kennt kein Erbarmen und gibt keiner Bitte Gehr. Sie kann
dir freilich nichts tun, solange du ohne dich umzuschauen vorwrts
schreitest. Aber du darfst ja nicht stehen bleiben, nicht rasten, dich
nicht umsehen, denn sonst verfllst du der Macht der Schneeknigin.
Glaube mir, es haben schon viele Menschen versucht, den Wald zu
durchschreiten, aber es ist noch niemand gelungen. Meinst du aber die
Kraft zu haben, dann will ich mein Wglein rsten, ich habe ein
schwarzbraunes Pferdchen, das luft schneller als der Wind, das trgt
dich in kurzer Zeit bis an den Wald.

Ach bitte, bitte, liebe Frau, rief die arme Mutter, rste rasch dein
Wglein, damit ich schnell bis an den Wald komme, ich frchte mich gar
nicht, ich kann es nicht glauben, da die Schneeknigin strker sein
soll, als einer Mutter Liebe!

Wie du willst, sagte die weise Frau. Sie ging und spannte geschwind
ihr Pferdchen an und sie fuhr die Witwe dann selbst bis an den Wald. Das
Pferdchen lief wirklich so schnell, da der Wind hinterher jagte, nicht
mitkonnte, er wurde ganz rgerlich darber und fing in einem Dorf so zu
schelten an, da die Bauersleute erschrocken zu einander sagten: Hrt
nur, wie der Wind pfeift, nein, so ein schlechtes Wetter!

Als der Wagen an den Wald der Schneeknigin anlangte, zogen gerade
Wolken ber die Sonne dahin, die stand dahinter wie eine groe, weie
Blte.

Herzlich dankte die Witwe der weisen Frau, dann nahm sie sorgsam ihren
Sohn auf den Arm, der leise vor Schmerzen weinte, und unverzagt betrat
sie den Wald.

Hohe, schneebedeckte Tannen ragten empor, von ihren Zweigen hernieder
hingen lange Eiszapfen und am Wege blhten groe, seltsam geformte
Eisblumen, die schimmerten und flimmerten wie von tausend Diamanten
best. Der Fu der Wanderin versank tief in der weichen Schneedecke, und
immer dichter fiel der Schnee herab, langsam, lautlos sank Flocke auf
Flocke hernieder und die Luft war von Schnee erfllt.

Tiefe, schauerliche Stille herrschte ringsum und kein Vogelschrei wurde
hrbar. Das Schweigen legte sich beklemmend auf das Herz der Frau und
eine groe Angst erfate sie. Es war ihr, als wchsen die Tannen immer
dichter zusammen, als wrde der Schnee tiefer und tiefer. Aber da weinte
leise das kranke Kind in ihren Armen und mutig schritt sie vorwrts, um
die Rettung fr ihr Kind zu suchen.

Doch pltzlich wuchsen die Flocken, sie wurden grer und grer. Aus
den wirbelnden Sternchen wurden zarte, weie, schleierumhllte
Mdchengestalten. Die wiegten und neigten sich in der Luft und die
hauchten der armen Frau in das Gesicht, da es sie eisig durchdrang, und
sie fhlte, wie die Fe ihr erstarrten.

Und so schwer schien ihr Kind zu werden und immer dichter kamen die
weien Gestalten, ihre Schleier streiften die Wangen der Mutter, da war
es dieser, als wrde sie mit Messern geschnitten.

Auf einmal ging jh ein Brausen durch die Luft. Pfeifend wehte der Wind,
und die arme Frau kam immer schwerer vorwrts. Da erblickte sie vor sich
eine hohe weie Gestalt in wehendem Mantel, der mit Diamanten umsumt
war. Auf ihrem Haar, das schwrzer als die Nacht war, lag eine funkelnde
Krone. Das Antlitz war weier als der Schnee und furchtbar waren die
Augen, hart, grausam, und sie schimmerten blaugrn wie der See, wenn er
zu Eis erstarrt ist.

Das war die Schneeknigin! Die arme Mutter fhlte es, und ihre Angst
wuchs. Lachend streckte die Schneeknigin die weien Arme aus, und dann
begann sie zu sprechen und ihre Stimme klang wie springendes Eis: Eile
doch nicht so, arme Frau, komm, raste ein wenig in meinem Reich. Ich
sehe es ja, du bist mde, und dein Weg ist noch weit. Komm, ruhe dich
aus im weichen Schnee und gib mir dein Kind, ich will es gesund kssen!

Eine groe Mdigkeit berfiel die arme Mutter, sie fror nicht mehr, sie
war nur mde, ach, so mde, und das Kind in ihrem Arme wurde immer
schwerer, sie brach fast unter der Last zusammen. Aber sie dachte an die
Warnung der weisen Frau und in der Angst ihres Herzens rief sie laut:
Lieber Gott, hilf mir doch!

Da wich die Schneeknigin langsam zurck. Aber ihr Mantel umflatterte
die Frau, da diese den Weg nicht zu erkennen vermochte, und es wurde
dunkler und dunkler. Die Nacht senkte ihre Schatten herab und der armen
Mutter wurde es bitterangst in dieser Dunkelheit, in der sie den Weg
nicht mehr zu erkennen vermochte. In ihrer Not rief sie wieder: O Mond,
du lieber Mond, habe doch Erbarmen und leuchte mir um meines Kindes
willen!

Ganz sacht verbreitete sich da ein silberner Schein ber den Wald und es
begann wundersam zu leuchten. Silbernes Licht glitt an den Stmmen der
Tannen herab und legte sich hell auf den Weg. An dem dunklen Nachthimmel
schwebten silberumsumte Wlkchen, und dann stieg klar und voll ber den
dunklen Bumen der Mond empor.

Dankbar sah die arme Witwe zu ihm auf, das liebe Himmelslicht lchelte
gerade so sanft und mild auf sie herab, wie in den einsamen Nchten, da
sie am Bett ihres Kindes gewacht hatte. Neuer Mut zog in ihr verzagtes
Herz, und tapfer schritt sie vorwrts. Ich werde mein Ziel dennoch
erreichen, dachte sie.

Doch die Schneeknigin gab es nicht auf, Mutter und Kind in ihre Gewalt
zu bekommen, sie begann mit ihren weien Fruleins zu singen, das klang
lockend und sehnsuchtsvoll.

Die arme Frau hrte ganz deutlich die Worte, die die Knigin mit ihren
Dienerinnen sang:

   Walle, walle, Schleier wei,
   Flocke, Flocke, falle du,
   Hllt die Erd' in Schnee und Eis,
   Deckt die jungen Saaten zu!

   Walle, walle weier Schnee,
   Flocke auf Flocke fall' herab,
   Tut es auch den Blten weh,
   Sterben auch die Bltter ab!

   Ohn Erbarmen schwingt den Stab,
   Winters schne Tochter leis,
   Weier Schnee deckt Grab auf Grab,
   Erde ist gebannt in Eis.

   Und mit weien Armen sacht,
   Will dein Kindlein ich umhllen.
   Komm, mit meiner weien Pracht,
   Will ich seine Schmerzen stillen.

   Walle, walle, Schleier wei,
   Flocke, Flocke, falle du,
   Hllt die Erd' in Schnee und Eis,
   Alles Leben decket zu!

Von dem Gesang aber erwachte der kranke Knabe, der auf den Armen seiner
Mutter eingeschlafen war; er schlug die Augen auf und sah die
schimmernde Gestalt der Schneeknigin. Ei, Mutter, rief er, sieh doch
dort die wunderschne Prinzessin mit der Krone! Mutter, sie winkt mir,
ich will zu ihr, sie hat gewi ein schnes Schlo!

Der Kranke versuchte, aus den Armen der Mutter herabzugleiten, doch
verzweifelt hielt die ihn fest und rasch ri sie sich ihr Tuch vom Kopf
und verhllte damit das Gesicht des Kindes. Aber eine der weien
Gestalten blies das Tuch fort und nun jubelte der Kleine: Mutter,
Mutter, die Prinzessin ist wieder da, ich will zu ihr, ach bitte, bitte,
la mich doch los!

Da, in dieser hchsten Not, kamen der armen Witwe die Trnen, die seit
Wochen versiegt waren. Ein paar heie, schwere Tropfen rannen aus ihren
Augen, sie fielen gerade auf die Hnde der Schneeknigin, die eben nach
dem Knaben greifen wollte.

Mit einem lauten, gellenden Schrei wich die Schneeknigin zurck.
Menschentrnen brannten sie wie Feuer und jh verstummte auch der Gesang
ihrer weien Dienerinnen.

Die Mutter ergriff wieder fester ihr Kind, sie nahm alle ihre Kraft
zusammen und versuchte den Ausgang des Waldes zu gewinnen. Fern, fern
sah sie ein Lichtlein schimmern, ach! gewi wohnte dort der berhmte
Arzt.

Aber nun begann es wieder zu schneien, still, lautlos, immer dichter
fiel der Schnee, und so viele Mhe sich der Mond auch gab, sein Licht
erhellte immer schwcher die Dunkelheit. Die arme Witwe sah das weie
Verderben wachsen, sie kam kaum noch vorwrts, schon sank sie bis ber
die Kniee in den Schnee ein, und nun fing ihr Kind auch noch jmmerlich
an, vor Schmerzen zu weinen.

Verzweifelt schluchzte die Mutter auf, und wieder rannen ihr ein paar
Trnen aus den Augen, es waren die allerletzten, die sie besa. Die
fielen auf den Schnee nieder und pltzlich schmolz dieser darunter, wie
unter dem Ku der Frhlingssonne. Leichter konnte die Frau schreiten,
und sie nahm noch einmal ihre Kraft zusammen und erreichte glcklich den
Ausgang des Waldes. Dort aber brach sie ohnmchtig zusammen. --

Als sie wieder erwachte, befand sie sich in einem hellen, behaglichen
Stbchen. In einer Ecke prasselte und glhte ein kleines fchen, und ein
Kater lag davor und schnurrte, als mte er Leinwand zu zwlf Hemden
spinnen. Und wie bei der weisen Frau jenseits des Waldes, blhten auch
hier bunte Blumen trotz der Winterklte, und allerlei bunte,
fremdlndische Vgel hpften und piepsten im Zimmer herum.

Vor einem schneeweien Bettchen, das an der einen Seite der Stube stand,
sa ein alter Mann, in dem Bett aber lag ihr Kind, das schlief fest und
es hatte blhende Wangen und sah so frisch und gesund aus wie ein
pfelchen.

Mein Kind lebt, jubelte die Mutter, Gott sei gedankt, es wird
gesund!

Ja, freilich wird es gesund, sagte der alte Mann, der der berhmte
Arzt war, und weit du, was das Heilmittel war, das ihm geholfen hat?

Wie soll ich das wissen, sagte die arme Witwe, ich bin doch nicht
weise und gelehrt!

Der Arzt lchelte: Und du hast doch das Mittel selbst angewandt:
Mutterliebe und Muttertrnen haben dein Kind gesund gemacht!

In diesem Augenblick schlug der Kleine seine Augen auf. Als er seine
Mutter sah, streckte er jauchzend seine rmchen nach ihr aus: Mutter!
rief er, ich habe von einer wunderschnen Knigin getrumt, das war
fein! Ach, und so schn hat sie gesungen! Hr' das Lied, ich kann es
noch. Er sang mit feinem Stimmchen das Lied, und der Arzt sagte: Dein
Sohn, Frau, wird einst sehr berhmt werden; wenn einer das Lied der
Schneeknigin behlt, dann wird er viel Ruhm und Glck im Leben
gewinnen.

Mge er gut werden, das ist die Hauptsache, sagte die Mutter innig.

Bis der Frhling kam, blieb die Witwe im Hause des Arztes, dann kehrte
sie mit ihrem gesunden Kind in die Heimat zurck. Diesmal war es
wundervoll durch den Wald zu gehen, den die Schneeknigin lngst,
grollend ber des Frhlings Sieg, verlassen hatte.

Und aus dem kleinen Jungen der armen Witwe wurde spter ein
hochberhmter Knstler. Wohin er auch mit seiner Geige kam und spielte,
berall jubelten ihm die Menschen entgegen; das schnste Lied aber, das
er spielte, war das Lied, das ihm einst die Schneeknigin mit ihren
weien Fruleins vorgesungen hatte.

Seiner Mutter, die er liebte, wie nur ein guter Sohn seine Mutter lieben
kann, baute er ein schnes Haus, das in einem wundervollen Garten lag.
Er selbst heiratete dann eine Grfin und alle zusammen lebten in dem
schnen Haus glcklich und zufrieden, und wenn sie nicht gestorben sind,
leben sie heute noch. --

Aus ist die Geschichte, sagte Frulein Helene mit ihrer lieben, warmen
Stimme. Sie nahm Brigittchen auf den Arm und sah der Kleinen in die
Veilchenaugen, die auf einmal so traurig aussahen. Was fehlt dir, mein
Liebling?

Wenn ich doch eine Mutter htte, flsterte die Kleine betrbt. Niemand
hrte das, denn die anderen Kinder beredeten die Geschichte laut und
ausfhrlich, nur Jantge sah still drein und Frulein Helene sagte: Sei
dankbar, Brigittchen, fr das, was du hast; sieh, Jantge hat nicht
einmal einen Vater.

Da wurde Brigittchen still, nachher ging sie zu Jantge hin und war so
liebevoll zu der kleinen Freundin, da Severin beinahe eiferschtig
wurde, und er gab sich erst zufrieden, als er beim Heimweg zwischen
Jantge und Brigittchen gehen durfte.

Es war doch fein, da uns Frulein Helene eingeladen hat, sagten die
Kinder, als sie heimgingen.

Das Schnste war doch die Geschichte, rief Brigittchen.

Die andern stimmten ihr zu, nur Severin war sich noch nicht klar, ob die
Schokolade, das Spielen oder die Geschichte am schnsten gewesen sei,
und am liebsten htte er sich zu morgen gleich wieder einladen lassen,
um darber zu entscheiden.

Aber das gab es nicht, dafr aber gab es Tauwetter und der Schnee lief
so geschwind vor der Sonne von dannen, da smtliche Schneemnner im
Stdtchen umpurzelten. Und von den Dchern rannte der Schnee herunter,
eins, zwei, drei, klatsch, da lag er unten auf der Strae, wurde
schmutzig, wurde zu Wasser, und weg war er. Auf den Dchern aber saen
die Vgel und zwitscherten und piepten und wenn einer ganz genau
hinhrte, dann verstand er, was die Vgel riefen, nichts anderes als:
Es wird Frhling, es wird Frhling!




                             Osterwasser.


Er kam nun wirklich immer nher der Frhling! Der Winter raffte seinen
weien, schon ein bichen zerfetzten Mantel zusammen und zog brummelnd
davon. Manchmal drehte er sich noch herum und warf den Menschen, deren
Jauchzen ihm nachtnte, rgerlich eine Handvoll Schnee auf die Kpfe.
Aber das schadete nicht mehr viel, man merkte es doch an allen Ecken und
Enden, da der Frhling kommen wollte. --

Doktor Frhlich und seine Schwester merkten es auch, wenn sie in ihrem
Garten spazieren gingen. Da schaute ein grnes Spitzchen heraus und da
eins, die Krokusse waren drauen, ehe man sich's versah, wie kleine
Soldaten standen sie in ihren blauen, gelben und weien Rcklein auf der
braunen Erde. Und die Schneeglckchen kamen, die Leberblmchen, auch die
Hyazinthen steckten ihre dicken Kpfe hervor. Der Garten war der Wunder
voll. Jeden Tag entdeckten die Geschwister etwas Neues, Schnes, und
Brigittchen, die tglich den Weg ins Nachbarhaus fand, jauchzte mit ber
all die kstlichen Frhlingswunder.

Die beiden Geschwister dachten und sprachen von ihrem einsamen Leben in
den Weltstdten, dort war der Frhling gekommen und vergangen und sie
hatten ihn kaum recht gesprt, aber hier in dem kleinen Stdtchen gab es
so viel Frhlingsahnen und so viele Frhlingsfreude, da jeder Tag wie
im Feierkleid dahinging.

Brigittchen sang kleine, frhliche Frhlingslieder, der Doktor grub im
Garten die Beete um, und manchmal kam auch Herr Schn mit hinber ins
Nachbarhaus, und Frulein Helene zeigte ihm alle Blumen und die Knospen
an den Bumen und Struchern.

Die Kinder aber sagten zu einander: Nun fangen bald die Osterferien
an!

Manch ein Bube und manch ein Mdelchen sagte dies freilich recht
bedrckt, das waren die, die ans Sitzenbleiben und an schlechte Zensuren
dachten. Zu denen gehrten aber die fnf Schatzgrber nicht, selbst
Wendelin und Severin, die sich gerade nicht immer durch besonderen Flei
auszeichneten, hatten in den letzten Wochen noch mit beinahe
unheimlichem Eifer gearbeitet und hatten so die Klippe des
Sitzenbleibens khn umschifft. So redeten sie denn auch sehr stolz und
sicher von den Osterferien und von Feiertagslust, als sie mit den drei
Mdels und Jrgel in Meister Hippels Turmstbchen saen, es war kurz vor
Ostern, ein Tag vor Schulschlu.

Klaus Hippel erzhlte den Kindern allerlei, und dabei sagte er auch:
Ich hab's zwar noch nie gesehen, aber mglich ist's schon, da die
Sonne am Ostermorgen einen Hopps macht und ein Weilchen tanzt!

Die Kinder lachten, nur Brigittchen schaute ernsthaft mit groen,
vertrumten Mrchenaugen drein, ihr schien es gar nicht unmglich, da
die Sonne tanzen knnte.

So ein Unsinn! rief Jrgel.

So, Unsinn? Herr Naseweis und Grnschnabel! schrie der kleine
Pantoffelmacher gergert. Dann glaubst du auch wohl nicht, da
Osterwasser eine besondere Kraft hat?

Ich wei nicht, murmelte Jrgel etwas verlegen, er wute nmlich gar
nichts vom Osterwasser.

Was ist denn Osterwasser, wo gibt es denn das? fragte seine Schwester
Anne-Marte, der schon wieder das Kichern in den Wangengrbchen sa.

Meister Hippel guckte ber seine Brille weg die Kinder forschend an, er
machte ein Gesicht, da niemand wute, ob er ernst oder spahaft gesinnt
war. Na, pat auf, sagte er, Osterwasser nennt man Wasser, das
Kinder, Jnglinge oder Jungfrauen am Ostermorgen gerade vor
Sonnenaufgang aus einer Quelle schpfen. Es ist aber nicht so einfach,
Osterwasser zu holen, man darf kein Wort dabei sprechen, berhaupt nicht
lachen, nicht weinen, schweigend mu man das Wasser holen und auf dem
Heimweg darf man beileibe keinen einzigen Tropfen vergieen, auch darf
die Sonne nicht in den Krug scheinen, und vorher darf es niemand wissen,
der nicht mitgeht.

Das ist aber schwer, flsterte Jantge mit einem kleinen Seufzer.

Na, freilich ist's schwer, brummte der Meister, fr nichts ist
nichts. Das Osterwasser hat aber auch seine besondere Kraft. Es macht
den Menschen schn, verleiht ihm Gesundheit und Reichtum. Ja, guckt mich
nur an, ich bin auch mal Osterwasser holen gegangen, und es htte sicher
viel Glck gebracht. Ich habe auch kein Wort dabei gesprochen und es
vorher niemand gesagt und meinen vollen Krug sorgsam nach Hause
getragen, und wie ich die Treppe hinaufgehen will, kommt mir Muxel,
unser schwarzer Kater entgegengelaufen, ich stolpere, falle, und weg war
mein Osterwasser. Das nchste Jahr war ich krank, dann habe ich es
verschlafen, dann habe ich geheiratet, und so bin ich nie zu Osterwasser
gekommen!

Wie schade! rief Brigittchen mitleidig.

Jrgel lachte, er glaubte nicht recht an das Osterwasser, aber Wendelin
und Severin warfen sich verstndnisvolle Blicke zu, sie glaubten fest
daran, denn Heine, der kluge Heine, hatte auch davon erzhlt.

Nachher auf dem Heimweg sagte Wendelin auf einmal: Wir knnten doch
alle miteinander Osterwasser holen gehen, es wre doch fein!

Ach ja, riefen die drei Mdels wie aus einem Munde.

Jrgel machte ein bedenkliches Gesicht: Es geht uns vielleicht wie mit
dem Schatz und nachher werden wir ausgelacht! Lieber nicht!

Sei doch nicht so eingebildet! rief Severin. Es war dies allerdings
ein hchst ungerechter Vorwurf, aber weil Jrgel Ostern schon nach
Quinta kam, und die Bckerbuben, die freilich ziemlich in gleichem Alter
mit ihm waren, noch in der letzten Vorschulklasse saen, glaubten sie
mitunter, Jrgels Zweifel an Meister Hippels und Heines Erzhlungen sei
nur Einbildung.

Sei doch kein Spielverderber, sagte nun auch Anne-Marte, es ist doch
anders wie beim Schatzgraben, wir brauchen ja nicht im Dunkeln zu
gehen?

Wir wollen doch gehen, flsterte Jantge. Sie dachte bei sich,
vielleicht hilft das Osterwasser der Urgromutter, und darum wollte sie
gehen.

Auch Brigittchen bat: Wir wollen doch gehen! Die kleine Trumerin
lockte das Geheimnisvolle, Mrchenhafte, sie gedachte irgend etwas
Wundervolles zu sehen und zu hren, vielleicht tanzte die Sonne auch
wirklich.

Na, meinetwegen, brummte Jrgel. Im Grunde ging auch er gern, denn wer
konnte es wissen, das Osterwasser hatte doch vielleicht eine besondere
Kraft.

Hoffentlich ist schnes Wetter! sagte Anne-Marte.

Ja, und wir drfen es niemand vorher sagen, da wir gehen, Mdels,
rief Wendelin. Er sah die Freundinnen drohend an, und Brigittchen fiel
das Verbot schwer auf ihr Herzchen, nun durfte sie den Plan auch Tante
Helene nicht verraten, und dies erschien ihr unendlich schwer.

Schnippisch erwiderte Anne-Marte: Tu dich nur nicht so, Wendelin, du
hast es neulich Jantge geklatscht, da ich eine Strafarbeit hatte, wer
konnte denn da seinen Mund nicht halten? Seid ihr nur still, wir werden
schon nichts verraten, nicht wahr Brigittchen und Jantge?

Die beiden gelobten eifrig Schweigen, Wendelin verzog trotzig den Mund,
er wagte aber nichts weiter zu sagen, denn gegen Anne-Marte kam er so
leicht nicht auf, die konnte auf ein Wort vier erwidern.

Die Tage vergingen. Die Ferien kamen, es gab Zensuren und manch ein Bube
ging an diesem Tag mit gesenktem Kopf einher und manches Mdel hatte
verweinte Augen. Dann kam Palmsonntag, an dem die Konfirmanden mit
lieblichem Ernst auf den jungen Gesichtern durch die Straen gingen, und
es den Kleinen, die die groen Geschwister so sahen, auch feierlich und
fromm zu Mute wurde. Am Grndonnerstag suchten die fnf Schatzgrber,
Jantge und noch einige Freunde und Freundinnen, bei den Geschwistern
Frhlich im Garten Eier. Zwischen den Blumen, in den Struchern, in
kunstvoll aus Zweigen zusammengefgten Nestern, in den Winkeln des
kleinen Gartenhauses, berall lagen die bunten Eier. Aber wren sie noch
so versteckt gewesen, die Kinder htten sie doch gefunden, die Lust war
gro und Lachen und Rufen zog wie ein Frhlingslied durch den Garten.

Dann kam der Karfreitag, und das Stdtchen lag in Stille und Schweigen,
um am Ostersonnabend wieder zu neuem Leben zu erwachen. Da lag heller
Sonnenschein ber der Stadt, und alle Hausfrauen gingen auf den Markt,
der auch bunt und frhlingsfrisch aussah. Die Kinder liefen mit auf den
Markt, und sie taten so wichtig, als mten sie an diesem Tag die ganze
Wirtschaft daheim bestellen. In der Marienstrae und in der Langgasse,
die nach dem Markte fhrte, war so viel Leben, da die Bauersleute, die
mit Waren zum Markt gekommen waren, nicht weiter konnten und ber den
Wirrwarr schalten. Aus den Husern heraus strmte der Duft von
frischgebackenen Kuchen, denn in Neustadt hielten die Hausfrauen noch
fest an der alten Sitte, selbst Kuchen zu backen zu den Festzeiten.

Und wer es konnte, der trug einen Strau Ktzchen oder Blumen in sein
Haus und schmckte damit seine Stbchen. Brigittchen bekam von ihrem
Vater die Erlaubnis, den Garten ein wenig zu plndern, und sie rannte am
Nachmittag mit Anne-Marte in das Gertrudenspital, um Jantge die Blumen
zu bringen. Da bekam jede der alten Frauen ein Zweiglein, Jantge
verteilte liebevoll ihre Schtze, und es standen an jedem Fenster des
Spittels zum Osterfest Blumen. So verging der Sonnabend unter Arbeit und
frhlicher Unruhe, und manch einer legte sich am Abend zufrieden mit dem
Gedanken zu Bett: Ach, morgen ist Feiertag!

Der Ostersonntag dmmerte herauf. Der klare, fast wolkenlose Himmel
verhie einen schnen Tag. Noch lagen die Neustdter alle in tiefem
Schlummer, als sich sacht die Tr des Doktorhauses ffnete und
Anne-Marte vorsichtig ihr Nschen herausstreckte. Sie winkte still und
geheimnisvoll dem nachfolgenden Bruder zu und deutete auf die andere
Seite des Platzes; von dorther kamen auf den Fuspitzen, weil der laute
Schall ihrer Schritte sie selbst erschreckt hatte, Wendelin und Severin.
Sie grten stumm und ernsthaft die Freunde und alle schauten auf das
Schn'sche Haus. Kam Brigittchen noch nicht?

Ein Weilchen spter kam auch die Kleine heraus, auch ihr Gru bestand
nur in einem stummen Nicken. Jedes der Kinder trug einen Krug in der
Hand, Anne-Marte hatte einen alten Milchtopf genommen und Severin eine
Kaffeekanne, die Deckel und Schnauze verloren hatte.

In tiefem Schweigen gingen die Kinder durch die Glein. Anne-Marte
hatte ein groes, dickes Malzbonbon im Munde, das war ihr von Jrgel
frsorglich als gutes Mittel gegen unzeitiges Kichern empfohlen worden.
Aber die feierliche Stille des Festmorgens dmpfte Anne-Martes Lachlust,
ihr war es so geheimnisvoll, fast mrchenhaft zu Mut, da das Malzbonbon
eigentlich berflssig war.

Dicht am Gertrudenspital kam Jantge den Gefhrten entgegen, sie trug
einen bunten Tonkrug in der Hand und in ihren Blauaugen stand eine groe
Erwartung.

Am Wachtturm vorbei ging es zur Stadt hinaus. Klaus Hippel und Frau
Paulinchen schliefen noch und ahnten nicht, da ihre kleinen Freunde
ihnen so nahe waren.

Etwa eine Viertelstunde von der Stadt entfernt lag am Rande des Waldes
eine steinumfate Quelle, sie hie die Bonifaziusquelle, weil die Sage
ging, der fromme Heidenbekehrer htte hier einst rastend einen mchtigen
Frsten zum Christentum bekehrt. Die Quelle war das Ziel der Kinder,
dort wollten sie Osterwasser schpfen.

Als sie aus der Stadt herauskamen und auf schmalem Wiesenpfade dem Ziel
zuschritten, merkten sie erst, wie schn der Ostermorgen eigentlich war.
Schon begann sich der Himmel zu frben, und ein Rosenschimmer verdrngte
langsam die Farben der Nacht. Beinahe htte Anne-Marte gesagt: Die
Sonne wird gleich aufgehen, aber im letzten Augenblick besann sie sich
noch, und erschrocken stopfte sie noch ein zweites Riesenbonbon in ihren
Mund. O, nur nicht lachen und sprechen, sonst wich der Zauber!

Selbst Jrgel hatte jetzt alle Zweifel verloren, sogar das Wunder der
tanzenden Sonne erschien ihm nicht mehr unmglich in dieser tiefen
Morgenstille, in diesem seltsamen, fahlen Licht. War es nicht schon ein
Wunder, da Anne-Marte, die kleine Schwatzsuse, wirklich schwieg, als
htte sie berhaupt keinen Mund?

Der Himmel wurde rter, ein schimmernder Glanz verbreitete sich ringsum,
und unwillkrlich liefen die Kinder schneller, um ja nicht zu spt zu
kommen. Schon von ferne hrten sie das sachte Rieseln und Rauschen der
Quelle, wie ein feines Singen klang es, wie ein Klingen aus Mrchenland.

Da waren sie auch schon an der Quelle, deren Wasser rosenrot schimmerte
im Widerschein des Morgenhimmels. Als lgen viele rote Rosen auf dem
feuchten Grunde, so sah es aus. Um Wasser zu schpfen, mute jedes der
Kinder auf ein schwankendes Brett steigen. Mit stummer Gebrde zeigte
Jrgel, wie man das machen mte; er ging zuerst, neigte sich und
schpfte seinen Krug voll Wasser. Nun folgten die Mdels, eine nach der
andern; zaghaft schpften sie, es war ihnen so feierlich zu Mute, und
keiner kam ein Lcheln. Tief neigte sich Brigittchen ber die Quelle,
sie schpfte langsam, andachtsvoll, und sie erstaunte fast, da das
Wasser im Krug nicht rosenfarben war.

Und immer glhender wurde der Himmel im Osten, wie Purpur leuchtete es
und wie Gold, und der Wald begann zu glhen.

Severin war der letzte gewesen, der Wasser geschpft hatte, nun stand er
still auf dem schwankenden Brett und starrte in das Morgenrot; er wute
nicht, da kein Mensch mit bloen Augen lange in dieses helle Licht
schauen kann, und auf einmal begann es ihm vor den Augen zu flimmern, er
sah lauter tanzende, rote, glhende Punkte. Darber verga er sein
Gelbde zu schweigen, er schrie: Die Sonne tanzt, die Sonne tanzt, es
ist doch wahr!

Er schwenkte seinen Krug, hob ein Bein, als wollte auch er tanzen, und
-- plumps -- lag er im Wasser.

Ein fnfstimmiger Entsetzensschrei erscholl. So blitzschnell war alles
gegangen, Severins Rufen und sein Fall, da keins der Kinder recht
wute, wie eigentlich alles geschehen war. Sie riefen und schrieen
durcheinander, die Krge mit Osterwasser fielen zu Boden, alle griffen
sie nach Severin und zogen den vor Schreck ganz stumm gewordenen Buben
aus dem Wasser heraus.

Unser Osterwasser! klagte auf einmal Jantge, und nun fiel es allen
erst ein, da ihr Weg vergeblich gewesen war. Und na waren sie, und
dazu froren sie; Brigittchen hatte sich das Wasser ber das Kleid
geschttet; Jrgel und Wendelin waren in ihrem Eifer, Severin zu retten,
auch bis an die Knie ins Wasser geraten, und so war ihnen alle
feierliche Osterstimmung vergangen. Selbst Anne-Marte, trotzdem sie im
ersten Schreck ihr Malzbonbon ausgespuckt hatte, kicherte nicht, sondern
heulte, Brigittchen zur Gesellschaft mit. Wendelin schalt auf seinen
Bruder, und der, der vor Frost nur so klapperte, rief weinerlich: Sie
haa--at do--o--och ge--getanzt!

So dumm, so dumm, klagte Wendelin, und mit ihm klagten und jammerten
die anderen auch. Da die Sonne inzwischen in vollem Glanz
emporgestiegen war und ihr strahlendes Licht alles berflutete, merkten
sie gar nicht; sie hrten auch nicht die Vogelstimmen, die laut wurden.
Der Jammer war zu gro.

Auf einmal sagte Jrgel: Dort kommt ein Mann! Jantge kreischte
erschrocken auf, und etwas bedenklich sahen die Kinder dem
Nherkommenden entgegen, der einen groen Stock schwenkte und zu rufen
begann. Und jh empfanden sie alle die Einsamkeit der Morgenstille mit
leisem Schauern, so allein fhlten sie sich. Wer es zuerst gesagt hatte,
sie wollten ausreien, wute nachher niemand mehr, aber pltzlich liefen
sie alle miteinander wie Hasen, die den Jger kommen sehen.

Hinter ihnen her aber kam der Mann; sie hrten ihn rufen. Einmal sagte
Brigittchen: Er schreit, wir sollen stehen bleiben, er will uns was
sagen, aber auch sie lief mit den Gefhrten weiter und immer weiter.

Sie hrten den Mann schelten. Potzwetter, steht doch still, ihr Rangen,
hrt doch, hrt!

Und toller und toller nur rannten sie.

Aber da war der alte Turm, nun kam das Gertrudenspital, husch war Jantge
drin, kaum da Brigittchen und Anne-Marte einen flchtigen Hndedruck
erhielten, und weiter ging die wilde Jagd. Durch die bekannten Glein
liefen die Kinder und meinten, hinter sich schnelle Schritte zu
vernehmen, die sie verfolgten. Manch' Fenster ffnete sich, und etliche
Frhaufsteher schauten den Kindern nach und brummten wohl: Ja, was soll
denn das bedeuten, was haben die denn wieder angestiftet?

Auf dem Kirchplatz machten sie endlich alle Halt, keuchend, pustend und
trotzig schauten sie sich um: Nun mochte der Verfolger kommen! Doch --
der war nicht zu sehen. Statt dessen guckte Frau Meister Gutgesell zum
Laden heraus; sie war soeben damit fertig geworden, die Semmeln
einzuzhlen fr ihre Kunden und war einmal vor die Tre getreten, um
Luft zu schpfen, da sah sie ihre Buben und erkannte auch die andern
Kinder. Sie ahnte gleich einen dummen Streich und rief die fnf zu sich.
Ein wenig kleinlaut kamen diese an und erzhlten, sie htten Osterwasser
holen wollen.

Aber Kinder! die Meisterin schttelte mit dem Kopf, auf was fr
nrrische Einflle ihr aber auch immer kommt. Gesund seid ihr, satt zu
essen und mehr habt ihr, und jung seid ihr auch, was sollte euch denn
das Osterwasser, wenn es nmlich wirklich etwas ntzte?

Es soll schn machen, sagte Anne-Marte keck.

Ei, du Grasaffe, du! rief die Meisterin, sei froh, da du gerade und
ordentlich gewachsen bist, gut sehen und gut hren kannst, gib dir nur
Mhe, immer brav zu sein, was brauchst du da noch Schnheit. Und nun
marsch ins Bett; gut war es noch, da ihr ordentlich zurckgerannt seid,
da wird euch das Wasser hoffentlich nichts geschadet haben!

Ich habe Hunger, murmelte Wendelin bedrckt.

Dann nimm dir eine Semmel und dann flott ins Bett, Festkuchen gibt es
jetzt noch nicht, erwiderte die Mutter, die schon wute, warum ihr Bube
Hunger hatte.

Da kommt er, flsterte Brigittchen ngstlich.

ber den Kirchplatz her kam ein Mann, kein Zweifel, es war der
Verfolger.

Das ist aber frech! tuschelte Wendelin.

Der Mann sah aber weder frech noch bse aus, ganz behaglich kam er nher
und rief: Nee, Frau Meisterin, ist das aber eine dumme Gesellschaft,
die Kinder! Da will ich mir den Weg sparen und Ihren Buben sagen, da
Sie mir zu heute Nachmittag noch etliche Kuchen schicken sollen, weil
ich denke, es werden Gste kommen, ja, prost Mahlzeit. Die Bengels sind
davongelaufen wie das richtige, schlechte Gewissen. Ihr da, was habt ihr
denn miteinander angestiftet?

Die Kinder sahen sich verdutzt an; der Mann, das war nmlich Herr Hinze,
der Besitzer einer Gartenwirtschaft, die nicht weit von der
Bonifaziusquelle lag, sie alle waren schon oft dort gewesen.

Osterwasser wollten sie holen, sagte die Meisterin, und sie erzhlte
Herrn Hinze von dem verunglckten Ausflug. Der lachte so drhnend, das
hallte ber den ganzen Kirchplatz hin, und ein wenig beschmt gingen die
Kinder heim. Sie krochen noch einmal in ihre Federnester, freilich ohne
Schelte ob des heimlichen Fortlaufens ging es nicht ab. Aber dann
schliefen sie, trotzdem das Stdtchen schon im vollen Sonnenglanz lag,
noch einmal ein, schliefen, bis die Glocken von St. Marien und St.
Johannis ber die Stadt hinhallten. Da erwachten sie mit dem seligen
Gefhl: es ist Feiertag, es sind Ferien.

Und Severin brummte, als seine Mutter ihn endlich weckte: Sie hat doch
getanzt, ich hab's gesehen!

Dabei blieb er, und er hatte den Triumph, da Heine ihm glaubte und
sagte: Httet ihr mich mitgenommen, dann wre die Sache gescheit
geworden! Na, wer wei!




                        Der goldene Groschen.


In der Vorstadt drauen, schon dicht am freien Felde, wohnten Liesel und
Peter nachbarlich zusammen. Liesels Vater war Stadtrat und Peters Vater
besa eine kleine Grtnerei. Da Liesels Vaterhaus eine hbsche Villa
war, und Peter in einem kleinen Husel wohnte, bei dem das Dach schon
auf dem Erdgescho sa, beeintrchtigte die Freundschaft nicht. Eine
Lcke war im Gartenzaun, durch die man hinber und herber spazieren
konnte, und dies taten die Kinder redlich, und so stand denn auch
Peterle an einem sonnenwarmen Frhlingstag am Gartenzaun und rief: Du,
Liesel, komm einmal rasch her, ich mu dir was Feines erzhlen!

Neugierig kam diese nher. Was gibt es denn?

Jahrmarkt ist, Liese, sagte Peter, und seine Augen leuchteten. Komm
mit, wir gehen zusammen hin!

Ich darf nicht allein in die Stadt, und die Eltern sind fort, die kann
ich nicht fragen, sagte Liesel traurig.

Ach was, rief Peter, ich darf eigentlich auch nicht; aber nur mal
hinlaufen, das schadet doch nichts. Mutter will morgen mit mir hingehen,
weil schulfrei ist; aber morgen ist noch so schrecklich lange. Komm nur,
es merkt's niemand; ich habe auch Geld, einen Groschen, da kaufen wir
uns Schmalzkuchen oder fahren Karussell. Hast du auch Geld?

Ja, sagte Liesel eifrig, die noch ein rechtes Dummerchen war und den
Wert des Geldes wenig kannte, ich habe viel Geld. Onkel Fritz hat mir
einen Groschen geschenkt, aber einen goldenen. Doch mitgehen darf ich
nicht.

Hasenfu, sagte Peter spttisch; was dabei ist, nur mal hingehen! Es
ist ja nicht weit, und dann gleich wieder zurck; das merkt doch
niemand.

Hasenfu mochte Liesel sich nicht gern nennen lassen; unschlssig stand
sie da und berlegte. Sollte sie gehen? War es nicht sehr unartig? Da
bat Peter wieder: Nur einmal hingehen, blo fnf Minuten vor dem
Kasperletheater stehen. Liesel lie sich berreden; sie holte rasch den
goldenen Groschen, der in einem kleinen, hbschen Beutel steckte, und
rannte dann mit Peterle dem Jahrmarktsplatz zu.

War das ein Leben! Bude stand an Bude; in der einen lagen und hingen
Spielsachen, Puppen, Trompeten, Peitschen, Pfeifen, alle mglichen
Dinge; in einer anderen gab es bunte Tpfe, Tassen und Teller, da Hte
und seidene Bnder, dort Pfefferkuchen, Bonbons und Nsse, und berall
roch es nach Schmalzkuchen. Dideldideldei, dideldideldumdum spielte der
Leierkasten am Karussell, und im Puppentheater sah Kasperle, der eine
riesengroe Nase hatte, hinter einem roten Vorhang hervor und schrie
klglich:

   Der Teufel haut mich, o je, o je,
   Wie tun meine hlzernen Beine weh.
   Ach, Buben und Mdels, kommt heran,
   Und schaut mich armes Kasperle an!
   Meine hlzerne Nase wird blau und grn,
   Drei Zhne mu der Doktor mir ziehn!

Und Kasperle hob ein Bein und steckte es in den Mund, da sagte seine
liebe Frau Rosettchen: Steck' auch das zweite in den Mund!

So gro ist sein Maul nicht, schrie der Teufel und grinste.

Flink steckte Kasperle das zweite Bein in den Mund und plumps fiel er
hintenber in ein Loch, weg war er.

Die Kinder jauchzten, die Erwachsenen lachten, und als ein Mann mit
einem Zahlteller kam, rannten die Kinder, als hrten sie die Schulglocke
luten.

Vor einer Schaubude stand ein Mann und rief: Nur immer hereinspaziert,
meine Herrschaften, das grte Wunder der Welt ist hier zu sehen! Und
vor einem Leinenzelt saen rote und blaue Papageien auf einer kleinen
Schaukel; einer schrie krchzend: Lora, schne Lora, will Zucker
haben!

Peter und Liesel rissen Mund und Augen auf, was gab es nur alles zu
sehen. Doch Liesel konnte sich gar nicht recht freuen. Sie dachte immer:
wre doch Mtterchen bei mir!

Erst wollen wir fr meinen Groschen Karussell fahren, sagte Peter,
dann kaufen wir uns fr deinen Groschen etwas Schnes zu essen. Zeig'
mal her, ist es wirklich Gold? Dann knnen wir nmlich schrecklich viel
kaufen!

Aber Liesel hielt ihr Beutelchen ngstlich fest und sagte schchtern:

Fahr' du allein, ich frchte mich.

Peterle lie sich das nicht zweimal sagen; hopps war er oben, kletterte
auf ein Pferd und dideldideldei, dideldideldumdum ging die Fahrt los.
Liese sah einige Minuten zu; weil aber gar so viele Menschen um sie
herum standen, ging sie ein paar Schritte weiter.

Hier herein, kleines Frulein, rief eine schnarrende Stimme, und eine
groe, dicke Frau, die vor einer Bude stand, fate sie am Arm und
schrie: Hast du Geld, dann darfst du rein!

Liesel wich erschrocken zurck. Da lachten ein paar Buben laut auf,
einer fate sie an ihren blonden Zpfen und schrie: Hh, hott,
Pferdchen, lauf! Peter, Peter, jammerte Liese; aber Peterle fuhr
lustig auf dem Karussell, und je ngstlicher die Kleine rief, je
ausgelassener umtobten die wilden Buben sie. Pltzlich kam ein Mann
daher geritten, ganz bunt angezogen, der kndigte an, da abends
Vorstellung im Zirkus sei; da liefen die Buben hinterher und lieen
Liesel gehen. Die Kleine wollte zu Peter zurckkehren, als sie neben
sich einen alten Mann erblickte, auf dessen Schulter ein kleiner Affe
sa, der lauter tolle Sprnge machte und Grimassen schnitt. Das sah
lustig aus; Liesel blieb stehen und sah dem ffchen zu. Dessen Herr
hielt einen schmutzigen, abgetragenen Hut in der Hand und sah jeden, der
an ihm vorberging, bittend an; aber niemand achtete auf ihn. Da seufzte
der alte Mann tief, und Trnen rannen ihm in den weien Bart. Liesel sah
das und fragte mitleidig: Fehlt dir etwas, alter Mann?

Ich habe Hunger, Kind, sagte der traurig, und ich bin so arm, da ich
mir nichts zu essen kaufen kann.

Nur ein Weilchen berlegte Liese; dann holte sie rasch ihren goldenen
Groschen hervor und legte ihn in den Hut des Mannes, und dann lief sie,
so schnell sie konnte, davon, noch ehe der berraschte Alte ihr hatte
danken knnen. Am Karussell standen wieder die bsen Buben; Liesel
traute sich nicht heran; und so rannte sie denn ohne Peterle nach Hause.

Es hatte auch wirklich niemand ihre Abwesenheit bemerkt, aber die Kleine
konnte nicht so vergngt wie sonst spielen; immer mute sie an ihr
heimliches Fortlaufen denken. Nicht wie sonst konnte sie Vater und
Mutter erzhlen, was sie am Nachmittag getan hatte, und der Eierkuchen,
den es zum Abendbrot gab, schmeckte lange nicht so gut wie sonst. Als
sie dann in ihrem weichen, weien Bettchen lag, kam die Mutter zu ihr.
Sanft strich sie der Kleinen ber die Wangen und sagte: Fehlt meinem
Herzenskind etwas?

Da strzten heie Trnen aus Liesels Augen, und schluchzend beichtete
sie der guten Mutter ihre Schuld; auch von dem goldenen Groschen und dem
armen, alten Manne erzhlte sie.

Ernst hrte die Mutter zu; dann nahm sie ihr kleines Mdel zrtlich in
ihre Arme und sagte: Da du dem armen Manne Geld gabst, freut mich, und
weil es dir leid tut, da du ungehorsam warst, will ich dir verzeihen.
Nun la uns zusammen beten, mein Liebling.

Da faltete Liesel ihre Hndchen, sprach ihr Abendgebet und schlief dann
ruhig und friedlich ein, froh, da sie ihre Schuld der Mutter gestanden
hatte.

Am nchsten Morgen, als Liesel gerade ihre Milch trank, kam die Kchin
aufgeregt in das Zimmer und schrie: Ein Polizist ist da, hu! ich graule
mich, und er sagt, er will unsere Liesel holen!

Die Kleine schrie laut auf vor Schreck und wutsch! kroch sie, so schnell
sie konnte, unter den Tisch. Sie ri in der Eile das Tischtuch mit
herab, und klirrend und krachend fielen Milchtasse, Zuckerdose und
Brotkorb und was sonst noch auf dem Tische stand, auf die Erde; htte
die Erde ein Loch gehabt, gewi wre das Liesel mit Vergngen hinein
gekrochen. Pltzlich bekam Liesel recht seltsame Gesellschaft unter dem
Tisch: ein kleines, braunes ffchen sa auf einmal neben ihr und griff
sehr vergngt nach einem Butterhrnchen, das es zu fressen begann.

Liesel, Kind, komm doch hervor! rief die Mutter und zog ihr weinendes
Tchterchen aus seinem Versteck heraus, whrend das ffchen von einem
alten Manne gepackt wurde, der kein anderer war als der Bettler vom
Jahrmarktsplatz. Und da stand auch wirklich ein Schutzmann mitten im
Zimmer, und Liesel verkroch sich angstvoll hinter der Mutter Kleid.

Da ist die Kleine, die mir das Goldstck gegeben hat, sagte der alte
Mann; ich habe es wirklich nicht gestohlen.

Nun klrte sich die ganze Sache auf. Am vergangenen Nachmittag war auf
dem Jahrmarktplatz gestohlen worden, und als Hartmann, so hie der Alte,
sein Goldstck in einem Wirtshaus am Platz wechseln wollte, hatte man
ihn als Dieb festgenommen. Man wute, da er ganz arm war, dazu hatte er
lange neben der Bude, in der gestohlen worden war, gestanden; so hielt
man den armen Alten fr den Dieb. Es war gut, da eine Frau Liesel
erkannt und auch gesehen hatte, wie sie ein Geldstck in den Hut warf,
sonst htte Hartmann vielleicht noch lange unter dem bsen Verdacht
gestanden. Die Eltern und Liesel versicherten dem Schutzmann, da das
Goldstck wirklich ein Geschenk sei. Na, meinte der Schutzmann
zufrieden, dann leben Sie nur wohl; nun kann ich ja gehen, da alles in
Ordnung ist. Er ging; der alte Hartmann aber mute noch bleiben. Die
Mutter holte ein gutes Frhstck herbei, und whrend er a, erzhlte er
von seinem Leben. Durch schwere Krankheit war er in Not geraten, und da
er nicht mehr ordentlich arbeiten konnte, zog er als Leierkastenmann
umher, um sich sein Brot zu verdienen. Vor einigen Wochen war ihm sein
Leierkasten kaput gegangen, und er besa kein Geld, um sich einen neuen
zu kaufen; seitdem ging es ihm sehr schlecht. Manchen Abend habe er
hungrig zu Bett gehen mssen, er und sein ffchen Jolly, sein treuer,
kleiner Freund.

Liesel hatte still zugehrt; wie traurig das alles klang! Pltzlich
sprang sie auf, lief auf die Mutter zu und flsterte bittend: Muttchen,
ich habe doch noch zwei goldene Groschen in meiner Sparbchse; darf ich
die dem armen alten Mann geben?

Ja, das durfte Liesel, und der Alte rief dankbar: Ach, nun kann ich mir
einen neuen Leierkasten kaufen; dann hat alle Not ein Ende! Gleich heute
kann ich noch auf dem Jahrmarkt spielen.

Ich geh aber nie mehr allein hin, rief Liesel und schmiegte sich an
die Mutter an.

Nein, tu das lieber nicht, sagte Hartmann. Diesmal ist es gut
ausgegangen; aber manchmal kommt aus Heimlichkeiten auch etwas Schlimmes
heraus. bermorgen will ich zu dir kommen und dir etwas vorspielen; soll
ich?

Ach ja, und Jolly kommt auch mit, und dann tanzt er, rief Liesel
vergngt; aber wo ist denn Jolly?

Der sa gemtlich unter dem Tisch und fra Zucker, denn die Zuckerbchse
war auf die Erde gefallen, als Liesel sich so schnell unter den Tisch
geflchtet hatte. Sein Herr holte ihn wieder hervor; dann nahmen beide
Abschied, und Liesel durfte sie noch bis zur Tr begleiten.

Eilig lief die Kleine nachher in den Garten, um Peterle alles zu
erzhlen. Der sa unter einem dicken Fliederbusch am Gartenzaun und sah
verweint und verdrossen aus. Erst brummte er und wollte nicht antworten,
als Liesel nach seinen Erlebnissen fragte; dann aber erzhlte er
niedergeschlagen, wie es ihm ergangen war. Er war dreimal hintereinander
Karussell gefahren; so oft durfte er fr seinen Groschen. Da war es ihm
auf einmal ganz schwindelig geworden und plumps war er von seinem
braunen Pferd heruntergefallen. Er hatte sich die Hosen zerrissen, ein
Knie und die Nase blutig geschlagen; daheim hatte er noch Schelte
bekommen, und heute durfte er nicht mit Mutter und Geschwistern auf den
Jahrmarkt gehen.

Du bist dran schuld! schrie er wtend seine kleine Gefhrtin an;
warum bist du nicht mit auf dem Karussell gefahren und warum bist du
berhaupt mit deinem goldenen Groschen weggelaufen; nicht einmal
Schmalzkuchen habe ich essen knnen!

Als Liesel ihm von dem armen, alten Hartmann erzhlte, schmte sich
Peter freilich. Das wollte er aber nicht zeigen, darum brummte er
rgerlich: Ach was, das war dumm, da du dein Goldstck verschenkt
hast. berhaupt der ganze Jahrmarkt ist dumm; ich mag gar nicht mehr
hingehen, alles ist dumm![**::SILENT] Schwapps lief er weg, und Liesel
sah ihm traurig nach; ach, so bse war das Peterle noch nie gewesen!

Am Nachmittag sa der Peter, der gar nicht auf den Jahrmarkt gehen
wollte, bitterlich weinend im Garten, weil die Mutter ihn wirklich nicht
mitgenommen hatte.

Aber das Peterle war doch nicht so bse, wie es den Anschein hatte.
Abends bat der Bube seine Eltern um Verzeihung, und als am bernchsten
Tag der alte Hartmann kam und seiner Freundin Liesel lustige Stcklein
auf dem neuen Leierkasten vorspielte, kam auch Peterle herbei. Seine
Mutter hatte ihm auf seine Bitte Geld aus seiner Sparbchse gegeben; das
brachte er und legte es in Jollys rotes Htchen.

Peter! rief Liesel erfreut und lief auf den Freund zu, bist du nun
wieder gut?

Lachend fate Peter ihre Hnde, und frhlich drehten sich beide im
Kreise herum; Jolly machte lustige Sprnge, und der alte Leiermann
spielte dazu: dideldideldei, dideldideldumdum.




                      In der frhlichen Einkehr.


Ein bichen launenhaft ist der Frhling aber doch. Einmal lt er sich
wer wei wie sehr bitten, ehe er erscheint, das andere Jahr wieder kann
er nicht schnell genug mit allen Blten herauskommen. So ging es in
diesem ersten Frhling, den die Geschwister Frhlich in Neustadt
verlebten. Kaum war Ostern vorbei, da ging auch schon das rechte Blhen
an. Nicht lange dauerte es, da standen alle Obstbume im weien oder
rosenroten Frhlingskleide da; auf den Beeten blhte es, auf den Wiesen,
die Bsche bekamen dicke, dicke Knospen, und eines Tages zndeten die
Kastanien ihre weien Kerzen an, und die ersten Fliedertrauben blhten
auf.

Und es war noch nicht einmal Pfingsten. Im Garten des St.
Gertrudenspitals war auch an einer besonders warmen, sonnigen Stelle der
erste Flieder erblht, und unter diesem Busch sa die kleine Jantge an
einem wunderlieblichen Maitag und weinte herzbrechend. Ihre Zeit im
Gertudenspital war nmlich abgelaufen; die Urgromutter konnte die
Kleine nicht lnger bei sich behalten, denn das Gertrudenstift war fr
alte Frauen, nicht fr kleine Mdchen. Der Herr Brgermeister sagte, es
sei ungesetzlich, da Jantge noch lnger bliebe, denn was der einen
recht sei, sei der andern billig; schon htten zwei Frauen darum
gebeten, auch ihre Enkelkinder zu sich nehmen zu drfen. Jantge sollte
wieder in ihre eigentliche Heimat zurckgeschickt werden, dort mute die
Stadt fr die Kleine sorgen. Die Zukunft lag also wie ein graues
Nebelland vor ihr, nur acht Tage noch, dann sollte sie wieder
zurckreisen, sollte Neustadt verlassen.

Mitten hinein in ihre traurigen Gedanken sagte auf einmal ein liebes
Stimmchen: Jantge, warum weinst du denn?

Brigittchen war es, die die Freundin holen kam und nun betroffen deren
Trnen sah. Wir wollen spazieren gehen, alle miteinander, Herr Doktor
Frhlich und Tante Helene haben uns eingeladen, sagte sie, aber wenn
du weinst, Jantge -- dann freue ich mich auch nicht. Schon tropften dem
weichherzigen Brigittchen auch ein paar Trnlein aus den Veilchenaugen.

Zur rechten Zeit kam Anne-Marte und, wie meist, stand ein Lcheln auf
ihrem Gesichtchen. Als sie Jantges Trnen sah, trstete sie: Weine
nicht, Jantge, acht Tage sind ja noch schrecklich lang; inzwischen --
ach vielleicht finden wir bis dahin den Schatz!

Die Erinnerung an die lustige Geschichte vertrieb wirklich die Trnen,
wie der Frhlingswind die Wolken verjagt, und wenige Minuten spter
trabte Jantge ganz lustig mit den Gefhrtinnen dem alten Stadtturm zu;
dort warteten die Geschwister Frhlich und die drei Buben auf sie. Und
unter Lachen und Scherzen ging es ins Freie, dem Walde zu. Am Waldrand,
etwa anderthalb Stunden von Neustadt entfernt, lag in der Nhe eines
stattlichen Bauerndorfes eine Sommerwirtschaft, Zur frhlichen Einkehr
genannt. Das Haus war ursprnglich ein alter Adelshof gewesen, doch die
Familie, die den Hof besessen hatte, starb aus, und so gegen Anfang des
neunzehnten Jahrhunderts wurde der Hof in ein Wirtshaus verwandelt. Viel
war im Lauf der Zeiten an dem Haus nicht verndert worden, und seine
dicken Mauern schienen auch noch manchem Sturm trotzen zu knnen. Die
Neustdter gingen gern in die Frhliche Einkehr. An warmen Sommertagen
saen in dem von uralten Linden berschatteten Garten immer viele Gste;
man trank dort Kaffee, a Kuchen oder Schwarzbrot mit Butter und Honig,
und das Scheiden wurde den Gsten meist schwer.

Die Kinder kannten das Wirtshaus alle, nur Jantge noch nicht, und
unterwegs erzhlte ihr Brigittchen, wie schn es dort sei. Jetzt im
Frhling mu es besonders schn sein, sagte Frulein Helene, ich habe
es nur im Winter gesehen, und da war es eigentlich ein trauriges Haus;
die beiden Kinder der Wirtsleute lagen schwerkrank, hoffentlich sind sie
gesund geworden!

Wer hat dich, du schner Wald, sangen jetzt die Buben mit heller
Stimme, die am Anfang des Zuges marschierten und zuerst den Wald
betraten.

Hurra, da war der Wald! Wie schn sah er im Frhlingsschmuck aus;
lichtgrner Buchenwald drngte sich zwischen dunklen Tannenwald. An
manchen Stellen liefen die Buchen wie vorwitzige Kinder in den
Tannenwald hinein, und da und dort standen auch Eichen. Die hatten erst
winzige, rotgoldene Blttchen, ja, wunderlich genug sah es aus, mitunter
hielten sie noch zhe die Reste ihres vorjhrigen Laubes fest.

Wir wollen Maiblumen suchen, baten die Mdels, aber Doktor Frhlich
sagte: Spart das lieber fr den Heimweg auf, wir bringen sonst alle
Blumen verwelkt nach Hause!

Mdels mssen doch immer Blumen suchen, brummte Wendelin etwas
verchtlich.

Warum auch nicht! sagte Frulein Helene lachend. brigens sind
Maiblumen meine Lieblingsblumen, nur schade, da sie giftig sind!

Giftig? rief Brigittchen ganz erstaunt.

Ja, erwiderte Doktor Frhlich, das stimmt. Die Wurzeln sind giftig,
aber eine hbsche Blume ist sie darum doch, man braucht sie ja nicht zu
essen. Der Sage nach war die Maiblume der Gttin Ostara geweiht, und bei
den Maifesten unserer Vorfahren war die Maiblume der beliebteste
Schmuck.

Den Mdels zuckte es ordentlich in den Hnden, sie htten gar zu gern
mit Pflcken begonnen, denn an manchen Stellen standen die Maiblumen
ganz dicht, und s stieg ihr Duft zu den Wandernden auf. berhaupt gab
es viel zu sehen und zu hren im Walde. Ein sanftes Rauschen und Raunen
ging durch die Wipfel der Bume, und es zwitscherte und sang laut und
leise, das Pochen des Spechtes ertnte, und pltzlich lie auch der
Kuckuck seine Stimme hren. Mal hier, mal dort, aber vergebens suchten
ihn die Kinder, er war nirgends zu sehen.

Wie viele Tage bleibe ich noch hier? fragte Jantge, als der Kuckuck
ein Weilchen geschwiegen hatte. Da begann er zu schreien; er rief und
rief ohne aufzuhren; erst zhlten die Kinder, aber dann rief es von da
und dort, von berall her Kuckuck, Kuckuck, und Brigittchen flsterte
geheimnisvoll: Jantge bleibt immer hier!

Es schien wirklich so zu sein, denn der Kuckuck rief noch, als die
Wanderer schon die grauen Mauern und das rote Dach der Frhlichen
Einkehr durch die Bume schimmern sahen.

Auf einmal sprten es alle, da sie hungrig und durstig waren, und
selten kamen wohl Gste mit einem solchen Jubelgeschrei in einem
Gasthaus an. Im Garten war Platz in Hlle und Flle, es sa nmlich
niemand drin, und die Kinder konnten zu ihrer Lust alle Tische
durchprobieren; ein Platz erschien ihnen immer verlockender als der
andere.

Aus dem Hause kam eine blasse Frau; sie trug ein schwarzes Kleid und sah
gar nicht frhlingslustig aus. Still nahm sie die Bestellung entgegen,
und traurig glitten ihre Blicke ber die heitere Kinderschar hin. Es
ist die Wirtin, sagte Helene Frhlich halblaut zu ihrem Bruder, ihr
scheint ein Kind gestorben zu sein damals -- oder beide!

Die Geschwister schwiegen und dachten an die traurige Frau; die Kinder
hatten gar nicht auf das Gesprch gehrt, die tollten lachend durch den
Garten. Nur Jantge sa still am Tisch, und sie dachte auch mitleidig an
die Frau, der wohl ein Kind gestorben war.

Ein Viertelstndchen knnte es dauern, bis der Kaffee fertig sei, hatte
die Wirtin gesagt, und die Kinder meinten, sie wollten unterdes die
Schaukel versuchen und sich den Hof mit den Stllen ansehen. Sie
versprachen brav zu sein, und so durften sie gehen, whrend die
Geschwister unter der Linde sitzen blieben. Die Kinder liefen hierhin
und dorthin, die einen wollten dies sehen, die andern das. Komm mit,
rief Brigittchen Jantge zu, und Wendelin schrie: Ich zeig' dir den
Ziegenstall!

Jantge berlegte ein Weilchen, und dann stand sie mit einem Male allein
da. Sie ging zum Garten hinaus, aber statt auf den Hof, kam sie an den
Waldrand, an dem sie einige Schritte entlang ging. Da blieb sie
pltzlich lauschend stehen: Was mochte das fr ein Vogel sein, der so
hbsch pfiff?

Leise ging sie weiter, da sah sie unter einer groen Buche einen Knaben
sitzen, der auf einer Flte aus Rohr blies; es klang fein und melodisch
wie Vogelsang. Jantge lauschte andchtig; das war hbsch, der pfeifende
Knabe hier in dem schnen Walde. Wie gut es der hatte. Ihr fiel wieder
ihr Kummer ein, den sie bei dem frhlichen Wandern fast vergessen hatte.
Sie dachte daran, da sie bald von Neustadt fort mte, und geschwind
kamen ihr die Trnlein wieder, die Brigittchens sanftes Zureden und
Anne-Martes Lachen getrocknet hatten.

Erschrocken hielt der Knabe in seinem Blasen inne, wer weinte denn da?
Verwundert sah er auf das kleine, blonde Mdchen mit dem seltsamen,
weien Hubchen, das wie aus der Erde gewachsen neben ihm stand und
weinte.

Wer bist du, und warum weinst du denn? fragte er.

Leise weinend gab Jantge Antwort.

Der Bube htte das fremde Kind gern getrstet, aber er war ein scheuer,
kleiner Bursch, ihm fiel nichts ein, was er sagen konnte, und
unwillkrlich nahm er seine Flte und blies darauf, so schn er es
konnte.

Wirklich versiegten auch Jantges Trnen, sie setzte sich neben den Buben
und lauschte andchtig dem Spiel; lange, lange htte sie so sitzen
mgen.

Inzwischen hatte aber die Wirtin der Frhlichen Einkehr den Kaffee
gebracht, und Frulein Helene rief nach den Kindern. Die kamen auch
schnell herbei, nur Jantge fehlte; wo war sie denn? Man rief und suchte;
hell tnten die Kinderstimmen durch die Stille, Frau Vogeler, die
Wirtin, kam auch und half suchen, und sie war es, die Jantge fand.

Die Kleine sa noch immer still neben dem Buben und lauschte dessen
Fltenspiel, sie hatte das Rufen gar nicht gehrt. Sie schrak zusammen,
als die ernste Frau im schwarzen Kleid sie bei ihrem Namen rief.

Der Knabe lie still seine Flte sinken; traurig fragte er die Kleine:
Mut du schon fort?

Da tnten schon ganz nahe Wendelins und Anne-Martes Stimmen: Jantge,
Jantge, wo bist du?

Hier! rief Jantge. Sie sprang eilig auf und wollte davonlaufen, aber
dann kehrte sie pltzlich um, eilte auf den fremden Buben zu und
flsterte errtend: Ich danke schn! Und weg war sie.

Frau Vogeler aber ging mit dem Knaben Hand in Hand still dem Hause zu.
Als sie beide durch den Garten schritten, sagte Jantge, die schon im
frhlichen Kreise unter der Linde sa: Das ist der Junge, der so schn
gespielt hat!

Dann ist wohl das Tchterchen der Frau gestorben, sagte Frulein
Helene sinnend. Arme Mutter!

Du mut den Ziegenbock sehen, rief Severin, fr den das Schnste an
der Frhlichen Einkehr der schwarze Ziegenbock war. Er rgerte sich
ordentlich, da die Kleine immer von dem fremden Jungen und seinem
Blasen sprach. Kaum hatte er den letzten Bissen gegessen, da rief er
auch schon wieder: Komm Jantge, ich zeig' dir den Ziegenbock!

Aber bleibt nicht lange, ermahnte Frulein Helene.

Wir wollen auch mit, riefen die andern, und heidi setzten sich alle in
Bewegung, um das Wunder des Hofes, den Ziegenbock, anzuschauen. Es war
dies freilich leichter vorgenommen als ausgefhrt; weder auf dem Hof
noch im Stall war der Ziegenbock zu sehen. Da solche Tiere mitunter
auch im Garten spazieren gehen, daran dachten die Kinder nicht, und
betrbt kehrten sie wieder um.

Und gerade als Jantge an der Tre des Gemsegartens vorbeiging, kam Herr
Ziegenbock heraus. Ob er sich ber das kleine Mdchen erschrocken hatte,
ob er sich ber ihr lustiges Springen rgerte, wer konnte das wissen,
jedenfalls benahm sich der Ziegenbock so unntz und abscheulich, da
Severin ihn seitdem viel weniger bewunderte.

Mit gesenktem Kopf lief er auf Jantge zu, und ehe die Kleine wute, wie
ihr geschah, flog sie in einem weiten Bogen kopfber in das Gras.

Wer sich nun erschrak, das war der Ziegenbock. Die Kinder brllten so
krftig los, da der schwarze Unhold entsetzt entfloh; bis in seinen
Stall hinein lief er, dort blieb er mucksstill vor Schreck stehen.

Jantge ist tot, jammerte Brigittchen. Jantge, Jantge, der Ziegenbock,
der Ziegenbock! gellte es heulend und klagend durcheinander.

Aus dem Garten kamen die Geschwister Frhlich angerannt, aus dem Hause
die Wirtin, eine Magd und der kleine Junge, und alle riefen sie: Was
ist geschehen, was ist geschehen? Jantge, was fehlt dir?

Gar nichts, sagte die Kleine auf einmal ganz freundlich und stand auf.
Sie hatte sich nur ein bichen erschrocken, sonst tat ihr nicht eine
Fingerspitze weh.

Aber dein Kleid! rief Anne-Marte.

Das sah nun freilich bs aus; das Rckchen war zerrissen, die weie
Bluse beschmutzt. Es ist mein allerbestes, klagte Jantge, wenn das
Urgromutter sieht!

Sei nicht traurig, trstete Frulein Helene, wir werden schon Rat
schaffen. Schlimm ist nur, da deine Kleider ganz na sind; o weh, du
bist ja gerade in eine Pftze gefallen!

Ich kann dem Kind ein Kleid leihen, sagte da Frau Vogeler leise und
traurig. Ich hab' genug Sachen von meiner Marie. Komm mit hinein,
Kleine, und weine nicht um deine Sachen.

Frulein Helene folgte mit Jantge der Wirtin, die andern blieben drauen
und besprachen voller Eifer und mit viel Geschrei den Fall Ziegenbock
und Jantge.

Drinnen aber, in einem groen, altmodisch eingerichteten Zimmer, das ein
wenig dmmerig war von dem Schatten, den die alten Linden ber die
Fenster warfen, ffnete Frau Vogeler eine alte Truhe. Sie nahm ein
blaues Kleid daraus, das mute Jantge anziehen, und es sah aus, als wre
es eigens fr sie gemacht. So ein wunderfeines Kleid hatte Jantge noch
nie besessen, wie eine Prinzessin kam sie sich darin vor und staunend
beguckte sie sich. Aus den Augen der Wirtin aber rannen Trnen, schwere
Trnen, und Frulein Helene, die dies sah, flsterte liebevoll: Arme
Frau. Dann sagte sie freundlich: Geh nun hinaus, Jantge, aber nimm das
Kleid in acht!

Und wieder sagte Jantge, wie vorher bei dem Spiel des Knaben, ein wenig
verlegen zu der Frau: Ich danke schn! Dann ging sie hinaus, und
drauen vor der Tre stand der kleine Fltenspieler und sah sie an und
sagte: Du siehst wie Marie aus!

War Marie deine Schwester? fragte Jantge.

Der Bube nickte; dann murmelte er: Ich heie Karl!

Komm mit, Karl, bat Jantge, und ganz zutraulich ging der Kleine mit
ihr und sa dann unter den andern Kindern, denen Doktor Frhlich etwas
von der Linde erzhlte. Er sagte, da diese ein uralter heiliger Baum
sei, der einst der Gttin Frigga oder Freia geweiht war. Kaiser Karl der
Groe habe einst berall in seinen Landen Linden anpflanzen lassen, und
seitdem sei die Linde eigentlich so recht der Schutz- und Schirmbaum des
deutschen Hauses geworden.

Erzhlen Sie uns eine richtige Lindengeschichte, baten die Mdels,
doch da kam schon Frulein Helene mit der Wirtin aus dem Hause, es war
Zeit, den Heimweg anzutreten.

Komm' bald wieder, bat Karl, als Jantge von ihm Abschied nahm.

Ich kann nicht, ich gehe weit fort, sagte die Kleine. Aber das
Kleid! rief sie pltzlich erschrocken.

Ich hole es mir ab, sagte Frau Vogeler und strich sanft ber Jantges
rosige Wangen. Ich komme in den nchsten Tagen in die Stadt, dann
bringe ich dir dein Kleid wieder, es soll bis dahin rein und heil sein!

Auf Wiederseh'n, auf Wiederseh'n! riefen die andern Kinder frhlich,
nur Jantge schwieg, sie wute, sie kam so bald nicht wieder in die
Frhliche Einkehr.

Und nun ging es heimwrts durch den Wald. Die Sonne malte groe, lichte
Tupfen auf den Waldboden, als dchte sie, es wren noch nicht genug
Blumen da. Dabei gab es so viel Maiblumen, da selbst Wendelin fand, es
sei doch ganz hbsch, einen Blumenstrau zu pflcken.

Alle suchten mit groem Eifer, nur Jantge ging immer vorsichtig am
Wegrand, damit das geborgte Kleid keinen Schaden nahm.

Ich krieg' die meisten! rief Anne-Marte. Sie hatte ihren Hut
abgenommen und sammelte da hinein hurtig wie ein Vgelein, das Krner
pickt.

Tu dich nur nicht so! riefen Jrgel und Severin.

Pfui, seid ihr abscheulich! rief Anne-Marte entrstet und drehte sich
um. Es hielt jemand ihren Hut fest, und sie dachte nicht anders, als es
sei dies einer der Buben. rgerlich ri sie den Hut fort, und in weitem
Bogen flogen die Maiglckchen heraus, der Hut aber hing an einem weit
vorstehenden, knorrigen Eichenast.

Der hat dir die Blumen nicht gegnnt, neckte Doktor Frhlich. Sieh
mal, wie er aussieht, wie ein richtiges, verhutzeltes Waldmnnchen!

Es ist abscheulich, murrte Anne-Marte, doch schon kam Brigittchen
herbei und trstete: Ich helf' dir jetzt suchen. Ich auch! rief
Jantge.

Und geschwind bekam Anne-Marte wieder einen groen Strau zusammen. Es
war aber auch Zeit, denn schon lichtete sich der Wald, und im
Abendsonnenschein lagen Wiesen, Felder und dahinter die Stadt vor den
Heimkehrenden. Mit Singen zogen sie alle lustig am alten Wartturm
vorbei. Klaus Hippel schwenkte einen Pantoffel zum Fenster heraus ber
das schwebende Blumenbrettlein hinweg und begrte die Wanderer.

Mutter Paulinchen soll Maiblumen haben, sagten die Mdels, und
geschwind gab jedes etwas von seinem Strau; Brigittchen trug den Strau
hinauf, und lachend rief die Pantoffelmacherin den andern ihren Dank aus
dem Fenster zu.

Wenn Pfingsten schnes Wetter ist, dann gehen wir wieder spazieren, wer
mitkommen will, ist eingeladen, sagte Doktor Frhlich beim Abschied.

Ach, Pfingsten mu ja schnes Wetter sein! riefen die Mdels und
Buben, und dann liefen sie alle mit Schndank und Gutenacht nach Hause.
--

Drei Tage spter sa Jantge wieder im Sonnenschein unter dem blhenden
Fliederstrauch. Diesmal weinte sie zwar nicht, aber hell und froh wie
Maienwetter war ihr Gesichtchen auch nicht. Sie strickte emsig ein paar
Pulswrmer, dies sollte ihr Abschiedsgeschenk fr die Urgromutter
werden, denn diese fror trotz aller Maiensonne noch tchtig. Frulein
Helene hatte der Kleinen die Wolle geschenkt und die Arbeit angefangen,
und Jantge strickte, als se die alte Dorothee daneben und strickte mit
ihr Hund und Hase.

In ihrem Eifer merkte Jantge gar nicht, da jemand auf sie zukam. Erst
als ein dunkler Schatten auf ihre Arbeit fiel, sah sie auf. Vor ihr
standen Frau Vogeler und Karl aus der Frhlichen Einkehr.

Sie hatte gewut, da Frau Vogeler kommen wrde, aber nun diese vor ihr
stand, war es der Kleinen doch eine groe berraschung, und sie wute
nichts zu sagen als: Es ist nichts an das Kleid gekommen!

Da lchelte Frau Vogeler ein wenig; dabei sah sie so lieb und gtig aus,
da Jantge jede Scheu vor ihr verlor. Ich will zu deiner Gromutter,
Kind, sagte die Frau, Karl mag unterdessen bei dir bleiben, er hat
sich sehr gefreut, da er dich besuchen darf. --

Whrend die Mutter in das Haus ging, erzhlte Karl seiner neuen Freundin
von der Fahrt nach der Stadt, von daheim, und da er neulich den
schwarzen Ziegenbock ausgescholten htte.

Sie schwatzten beide miteinander wie die allerbesten, allerltesten
Freunde, und die Zeit lief ihnen dahin, als htte sie
Siebenmeilenstiefel an.

Inzwischen sa drinnen im Spittelstbchen Frau Vogeler neben der
Urgromutter und erzhlte der Alten von ihrem Kind, das im Winter
gestorben war. Die kleine, verwaiste Jantge, die drauen unter dem
Fliederbusch mit Karl schwatzte, wute nicht, da in dieser Stunde fr
sie wie eine Wunderblume ein groes, groes Glck aufblhte. Der alten
Urgromutter aber rannen heie Freudentrnen ber die Wangen: Meine
Jantge soll eine Heimat haben, ganz in meiner Nhe, welch' Glck! sagte
sie.

Du sollst zu deiner Urgromutter kommen, Jantge, rief Trine Tillmann
in das frhliche Plaudern der Kinder hinein. N, guck mal, was hast du
denn da for'n Jungen? Der ist ja wohl reinweg vom Himmel runter
gefallen, n, so was!

Die Kinder lachten ber die Verwunderung der Alten, und lachend kamen
beide in das Zimmer der Urgromutter. Da hrte Jantge denn von dem
groen Glck, das ihr widerfahren sollte. In der Frhlichen Einkehr
sollte sie eine Heimat finden. Die Wirtsleute wollten sie zu sich
nehmen, und sie sollte des kleinen Karl Schwester werden. Helene
Frhlich hatte von Jantges Armut und Verlassenheit gesprochen, als Frau
Vogeler ihr von ihrem toten Tchterchen erzhlte. Das Frulein Frhlich
ist eine, die gern alle Menschen froh machen mchte, sagte die Frau
dankbar, na, meinst du, Jantge, ob du bei uns auch froh sein wirst?

Da jubelte Jantge auf, und Karl jubelte mit, es war ihnen beiden, als
stnden sie mitten unterm brennenden Weihnachtsbaum. Die Urgromutter
und die Mutter nickten: So war es gut.

Ein Viertelstndchen spter lief Jantge mit ihrem neuen Bruder zu
Frhlichs, zu Anne-Marte und Jrgel, zu Brigittchen und den Bckerbuben,
um Abschied zu nehmen, denn sie sollte gleich mit in die neue Heimat
kommen. Es ist ja nicht weit, sagten die Kinder trstend zu einander,
wir besuchen dich bald. Zu Pfingsten, rief Severin, dem es gar nicht
gefiel, da Jantge fort sollte.

Wenn es nicht regnet, sagte Martin, der dabei stand.

Pfingsten regnet's nie, brummte Wendelin, und recht laut und patzig
schrie er Jantge noch ber den ganzen Kirchplatz nach: Pfingsten auf
Wiedersehen!

Wenn's nicht regnet, sagte Martin und lachte sich eins.

Durch den Wald, durch den sie neulich gewandert war, fuhr Jantge am
Nachmittag der neuen Heimat entgegen. Ihr kleines Herz war voll
Dankbarkeit und Freude, und Frau Vogeler dachte, als sie die strahlenden
Blauaugen sah: Es ist gut, da ich das Kind in unser Haus geholt habe!

Vor der Frhlichen Einkehr stand der Wirt und rief den Ankommenden
einen heiteren Gru entgegen. Als er Jantge aus dem Wagen hob, schaute
er ihr prfend in das Gesicht, und dann rief auch er: Frau, es ist gut,
da du das Kind geholt hast. Willkommen daheim, mein Mdel, Gott segne
deinen Eingang!

Der kleinen Jantge war es zu Mute wie einem Vglein, das sein Nest
verloren hatte, und das eine liebe, weiche Hand sacht wieder in ein
Nestlein legt, eins, in das warm die Sonne hineinscheint. Nach acht
Tagen sagten alle Leute im Hause unsre Jantge! Die Kleine selbst
dachte, wie Klaus Hippel von seinem Turm, da es wohl auf der weiten
Welt keinen schneren Ort geben knnte als das alte Haus am Waldrand.

Und da sie es noch heute findet, kann jeder sehen, der Einkehr hlt in
der Frhlichen Einkehr.




                  Christoffel will ein Knig werden.


Pfingsten regnet es nicht, es regnet nie zu Pfingsten, sagte Wendelin
jeden Tag, der das liebliche Fest nher brachte.

Aber es regnete doch, und wie!

Strippen regnet es, sagten die einen, die anderen sagten
Betteljungen. Es flo und go vom Himmel herab, als sen oben am
Himmelsrand smtliche Engelein und schtteten das Wasser mit Mulden aus.
Die Sonne schaute berhaupt nicht heraus, sie schien es vollstndig
vergessen zu haben, da Pfingsten war, gewi hatte die gute Dame ihren
Taschenkalender verlegt.

Und alle Menschen machten bitterbse und trbselige Gesichter. Da lagen
nun die neuen Sommerhte, weien Pfingstkleider und die Staatsanzge,
und niemand konnte sie anziehen. Und alle schnen Spaziergeh- und
Spazierfahrplne fielen plumps ins Wasser, weichten darin auf und
konnten nicht mehr bentzt werden. Und vor den Toren in den Kaffeegrten
saen die Wirte und schauten betrbt all die leckeren Festkuchen an,
niemand wrde kommen und sie aufessen.

Im Wald rgerten sich die Bume und die Blumen fast grn und blau. Der
Regen rann und rauschte, und niemand wrde kommen und sie alle in ihrer
Frhlingspracht sehen. Die Vglein, die sich die allerschnsten
Jubellieder einstudiert hatten, rgerten sich nicht minder, und alles
schalt und schimpfte: Der dumme Regen, so ein abscheulicher Regen. Der
konnte doch auch noch drei Tage warten, so eilig war es gar nicht.
Dummer Regen!

Es regnet Blasen, also hlt der Regen auch noch morgen an, sagte der
Obergeselle Martin. Er hatte zwar immer zu Wendelin und Severin gesagt:
Es kann doch zu Pfingsten regnen, nun es aber regnete, war er genau so
brummig und schlecht gelaunt wie die anderen Leute.

Es war ein Jammer.

In ganz Neustadt wachten am Pfingstmorgen eigentlich nur zwei Menschen
recht vergngt auf, das waren die Pantoffelmachersleute in ihrem alten
Turm.

Wie das rauscht, Paulinchen, sagte Klaus Hippel behaglich, als er
erwachte, es klingt wie ein Konzert.

Und als die beiden Alten dann von ihrem Fenster in die graue,
nebelverhllte Ferne sahen, da sagte der Pantoffelmacher so recht von
Herzen zufrieden: Paulinchen, sieh nur, wie gut sich so ein Regenwetter
von unserem Turm aus ansieht. Weit du, das ist ein Wetter zum
Geschichtenerzhlen, ich lese dir nachher was von meiner Chronik vor!
Dann haben wir beide einen rechten Festtag!

Weil Doktor Frhlich auch ein Dichter war, wie Klaus Hippel, dachte er
auch, Geschichtenerzhlen sei gut am verregneten Festtag, und flink fiel
ihm auch eine Geschichte ein.

Das abscheuliche Regenwetter, klagten auch die fnf Schatzgrber. Ihre
Gesichter hellten sich aber sehr auf, als pitsch, patsch, durch
Wasserlachen und Pftzen die alte Dorothee ber den Kirchplatz ging und
bei Schns, Doktors und Bckermeisters klingelte, einen schnen Gru von
ihrer Herrschaft bestellte, und die lie die Kinder zu Schokolade, Spiel
und Geschichtenerzhlen fr den Nachmittag einladen.

Potzhundert, das war noch was!

Htte der Barometer sich nur einmal Brigittchens strahlende
Veilchenaugen angeschaut, er wre gewi gleich auf Schnes Wetter
gestiegen. Auf einmal war der Vormittag nicht mehr langweilig, der Regen
strte die Kinder nicht mehr, und bald nach Tisch patschten alle fnf
Schatzgrber seelenvergngt ber den Kirchplatz.

Wir sind da! riefen Wendelin und Severin, als Dorothee die Tre
ffnete.

Na, das merke ich schon, meinte diese, geklingelt habt ihr, als wr't
ihr die Feuerwehr! Erst die Fe ordentlich reinemachen, damit es keine
Schmutztapfen gibt!

Frulein Helene ffnete die Tre zum Gartenzimmer und hie ihre Gste
willkommen. Drinnen im Zimmer standen da und dort groe Bschel
blhender Blumen, die ganze lachende Frhlingspracht war in das Zimmer
gekommen, und man merkte es gar nicht, da drauen schlechtes Wetter
war. Und ein ganzes Dach voll Spatzen htte nicht so viel Lrm machen
knnen wie die fnf Gste, da merkte man nichts von Regenstimmung, von
verdrossener Laune; eitel Sonnenschein war es! Und als die Kinder sich
ein wenig mde und satt gelacht, gespielt, getrunken und gegessen
hatten, da fragten sie wie rechte kleine Nimmersatte: Kommt nun die
Geschichte?

Und wirklich, die Geschichte kam; es war eine Geschichte, in der Blumen,
Sonnenschein und hnliche Dinge vorkamen, wie es sich fr eine rechte
Pfingstgeschichte schickt, und Doktor Frhlich nannte sie:


                 Christoffel will ein Knig werden.

Es war einmal ein Hirtenbube, das ist nun nichts Seltenes, denn
Hirtenbuben gab es, und gibt es genug auf der Welt. Und der Christoffel,
so hie der Bube, war nicht einmal ein besonderer Hirtenbube, er konnte
weder schn singen noch pfeifen, noch wute er verborgene Schtze zu
finden, sehr schn war er auch nicht und sehr klug -- na, das war er
halt auch nicht. Trotzdem hielt er sich, wie das mitunter in der Welt
vorkommt, fr den allerschnsten, allerklgsten, allerliebenswrdigsten,
allertapfersten Hirtenbuben der Welt.

Manchmal, wenn er auf der grnen Bergwiese sa und weit ins Land
hineinschaute, bis zu dem fernen, klaren Bergsee, dann dachte er: Ich
heirate sicher noch einmal eine richtige Prinzessin! Eine mit einer
goldenen Krone auf dem Kopfe, potz Wetter, dann werde ich Knig, na,
dann sollen aber die Leute Augen machen!

Seine Muhme, Trine-Rosine, der er einmal von seiner knftigen Prinzessin
erzhlte, sagte zwar: Christoffel, bei dir rappelt es, kennst du nicht
das Wort, Schuster bleib' bei deinen Leisten. Wenn du gro bist, magst
du Nachbars Marie heiraten, das wre das Rechte!

Pah, dachte Christoffel, Mariele ist ein Bauernmdchen, das knnte
mir gerade passen, ich heirate eine Prinzessin, und damit punktum!

Dem Mariele erzhlte er auch von seinen Hoffnungen, und die sanfte
Kleine war ganz traurig darber, sie hatte den Stoffel lieb und dachte:
Wenn er eine Prinzessin heiratet, dann geht er in die weite Welt und
will gar nichts mehr von mir wissen!

An einem Pfingstsonnabend saen die beiden Kinder wieder zusammen auf
der Bergwiese; gar lieblich lag das Tal im frischen Grn zu ihren Fen,
und aus der Ferne grten die weien Schneeberge herber. Weit',
Mariele, sagte Christoffel pltzlich, ich wandere noch heute in die
weite Welt hinaus!

Dem Mariele blieb vor Schreck der Mund offen stehen, und ganz entsetzt
starrte die Kleine den Buben an.

Na, was schaust du mich so an? brummte der, ich geh', und damit
punktum. Das pat mir nicht, Geien hten, in die Schule gehen, n, ich
geh' in die Welt und heirate eine Prinzessin! Mach' nur nicht so ein
Geschrei, ich geh'!

Das arme Mariele schrie gar nicht, es schaute nur den Buben so traurig
an, da es diesem ordentlich weh ums Herz wurde. Und wie gut die kleine
Freundin war, das sah er jetzt wieder. Sie gab ihm ihr ganzes Brot mit
zur Wegzehrung und noch einen Batzen dazu, den sie am Morgen erst als
Pfingstgeschenk von ihrer Patin erhalten hatte. Dann nahm sie Abschied
von dem Buben, wnschte ihm alles Glck und bat ihn, sie ja nicht zu
vergessen, wenn er erst seine Prinzessin htte. So schwer wurde dem
Mariele das Scheiden, da ihr immer tropf, tropf, tropf, die Trnlein
ber die Wangen liefen und in das Bchlein fielen, das vom Berg herunter
kam.

Na nu, Menschentrnen an so einem schnen Tag, was hat denn das zu
bedeuten? dachte das Bchlein. Flink nahm es die glnzenden Tropfen und
lief mit ihnen bergab, dem Christoffel nach.

Der Bube ging ganz wohlgemut an diesem hellen Morgen in die weite Welt
hinein. Er streckte seine Stupsnase in die Luft, dachte an die
Prinzessin, die er heiraten wrde, an das prchtige Schlo, in dem er
dann wohnen wrde, darin gab es gewi auf goldenen Tellern alle Tage --
-- -- pardauz! da purzelte Christoffel ber einen Stein, und weil er
gerade ins Rollen kam, rollte und rollte er, bis er im Tal anlangte.
Das ging schnell, dachte er, und weil er von der Purzelei Hunger
gekriegt hatte, fing er an zu essen und a alles auf, was er in seiner
Tasche hatte, sein Brot und Marieles Brot, und er htte noch mehr
gegessen, wenn er mehr gehabt htte. Ein Weilchen lag er dann noch,
schaute blinzelnd in die Sonne und dachte: Wenn ich doch auf einem
Wagen in die weite Welt fahren knnte!

Wenn du mir einen Batzen gibst, nehm' ich dich mit, sagte da auf
einmal dicht neben ihm eine Stimme.

Erschrocken blickte Christoffel auf, er sah ein kleines, verhutzeltes
Mnnlein auf einem Wagen sitzen, der von einem mageren, schwarzen Pferde
gezogen wurde.

Ohne sich lange zu besinnen, zog der Bube den Batzen heraus, den er von
Mariele erhalten hatte, und gab ihn dem Fuhrmann.

Just in diesem Augenblick lief das Bchlein mit Marieles Trnen an ihm
vorbei und murmelte: Bist du aber dumm, bist du aber dumm!

Aber das Bchlein konnte viel murmeln. Christoffel kmmerte sich nicht
darum. Hurtig kletterte er auf den Wagen, und heidi! los ging die Fahrt.
Potz Wetter ja, konnte das magere Pferdchen laufen! Das ging wie der
Sturmwind, und dem Buben verging fast Hren und Sehen. Die Strae
entlang gings, in den Wald hinein, mitten hindurch, da wo gar keine Wege
mehr waren. Dem Buben wurde es himmelangst bei der tollen Fahrt. Ich
will hinunter, ich will hinunter! schrie er.

Aber er konnte lange schreien, der Kutscher sah sich gar nicht um, nur
sein schrilles Lachen hrte der Bube.

Immer wilder jagte das Pferd. Hussa! ging es einen steilen Berg hinauf,
die Steine kollerten und rieselten nur so. Der Wagen flog hin und her,
aber das Pferdchen lief wie eine Gemse, und von seinen Hufen sprhten
Funken auf. Rechts und links ghnten tiefe Abgrnde, ein Wildbach scho
brausend ins Tal und schnurr ging der Wagen hindurch, und das Wasser
spritzte hoch auf. Nun ging es einen Abhang hinunter, jenseits wieder
einen Berg hinauf. Es war wirklich eine Fahrt, fr die selbst ein Batzen
zu viel war.

Runter, runter, jammerte Christoffel, der im Wagen hin und her flog
wie ein Gummiball, mal lag er, mal sa er, mal war er vorn, mal hinten,
mal hielt er die Beine in die Luft, mal die Nase. Das sollte nun ein
Vergngen sein, und immer ngstlicher wurde sein Schreien: Runter, ich
will runter!

Da war es ihm pltzlich, als riefen sanfte Stimmen: Halt' dich fest,
halt' dich fest! Tief bogen sich die ste uralter Tannen ber ihn, und
unwillkrlich griff Christoffel in die Zweige, hielt sich fest, und
ritsch! -- fuhr der Wagen unter ihm fort. Mit einem bitterbsen Gesicht
drehte sich das Mnnlein auf dem Bock herum, hu, hatte der Augen! Der
Bube mute an das Mrchen von dem bsen Berggeist denken, das ihm die
Muhme Trine-Rosine erzhlt hatte. Von dem Berggeist, der Kinder entfhrt
und sie hoch oben auf den Gipfeln, in Abgrnden und Schluchten, die nie
eines Menschen Fu betritt, gefangen hlt. Ob das wohl der Berggeist
gewesen war?

Sacht neigten sich die ste der Tanne, an denen Christoffel sich fest
hielt, zu Boden, und der Bube stand nun mitten im einsamen, wilden
Bergwald. Er kannte keinen Weg, und so ging er denn unverzagt gerade
darauf los. Irgendwo werde ich schon raus kommen, dachte er.

Es war sehr schn im Walde an diesem Pfingstsonnabend; Bume, Bsche und
Blumen, Gras und Kruter, alles sah taufrisch und frhlingslustig aus,
und die Vgel zwitscherten und sangen laut und leise ihre allerschnsten
Pfingstlieder. Ein Weilchen wanderte der Bube so dahin, immer dichter
wurde der Wald, und mitunter versperrten ihm riesengroe, mit Moos
bewachsene Steine den Weg. Ein Bchlein lief an ihm vorbei, das
murmelte: Geh links, geh links, und Christoffel meinte Marieles Stimme
zu hren, er wute aber nicht, da es das Bchlein war, das Marieles
Trnen mit sich fhrte.

Er ging wirklich links, und als er ein Weilchen links gegangen war, kam
er pltzlich auf einer weiten Lichtung an, eine groe, blhende Wiese
lag zwischen den blauschwarzen Tannen. Mitten auf der Wiese lag ein
Garten, und in dem Garten stand ein Haus, nein, ein Schlo war es, eins,
das ein goldenes Dach hatte. Viel war sonst von dem Schlo nicht zu
sehen, es war nmlich von unten bis oben mit Pfingstrosen berwachsen,
und weil gerade Pfingsten war, blhten auch die Rslein, rote und weie.
Selbst ber die Fenster hinber hingen die Rosenranken wie zarte
Schleier.

Zaghaft trat der Bube nher, am Gartenzaun blieb er stehen und schaute
hinein. War das eine blhende, duftende Pracht! Tausende von Blumen
blhten in allen Formen und Farben. Schlichte Wald- und Wiesenblmlein
und stolze, farbenprangende Gartenblumen. Und wie Christoffel so stand
und schaute, tat sich auf einmal die goldene Haustr auf, und heraus
trat ein Mgdlein, ein feines, zierliches Kind, es trug eine Haube aus
braunem Samt, die sah aus wie ein Schmetterlingskopf. Das Mgdlein ging
durch den Blumenwald hindurch, da neigte es sich zu einer groen, bunten
Tulpe herab, dort strich es sanft einem Maiglckchen ber das weie
Kleid. Vor einigen groen Feuerlilien blieb das Mgdlein stehen, und,
Wunder ber Wunder, der Bube hrte ganz deutlich, wie die Feuerlilien
flsterten, sie schienen dem Kinde etwas zu erzhlen.

Christoffel spitzte die Ohren wie eine kleine Maus, er wollte doch auch
hren, was die Blumen zu sagen hatten, und wirklich, er konnte es
verstehen; sie riefen: Melinde, schau dich um, am Zaun da steht ein
dummer, neugieriger Bube.

Dumm nannten ihn die Feuerlilien, na, das war doch aber frech!
Christoffel wurde krebsrot vor Zorn, und rgerlich rief er: Ich bin
nicht dumm, ich bin sehr gescheit, ich bin ein Hirtenknabe und will eine
Prinzessin heiraten!

Da fingen pltzlich alle Blumen an zu lachen, die kleinen Wald- und
Wiesenblumen kicherten, bei den Maiglckchen klang es wie ein feines
Luten, die Tulpen lachten breit und derb, die Feuerlilien lachten
ordentlich drhnend, und manche Blte platzte gleich vor Lachen weit
auf, und die hngenden Herzen bammelten hin und her vor Vergngen.

Mgen sie doch lachen, dachte Christoffel, und ganz keck sagte er zu
dem lieblichen Kinde: Bist du eine Prinzessin, dann will ich dich
heiraten. Hirtenbuben heiraten doch meist Prinzessinnen, willst du?

Die Kleine lachte und rief frhlich: Gewi bin ich eine Prinzessin, und
zwar bin ich die Schmetterlingsknigin. Ich wohne bei meiner Muhme, der
Blumenknigin, komm nur herein und sei unser Gast!

Just in diesem Augenblick trat aus dem Hause eine wunderschne Frau; sie
trug ein Kleid, das schimmerte wie die liebe Sonne und war so zart und
fein wie ein Blumenblatt. Frau Muhme, rief die kleine
Schmetterlingsknigin, schaut doch her, hier ist ein Hirtenbube, der
mich heiraten will!

Da kicherten und lachten wieder alle Blumen, die wunderschne Frau aber
sagte: Wenn meine Nichte dich will, dann mag sie dich heiraten, tritt
nur nher und sieh, wie es dir bei uns gefllt, denn, wenn dich Melinde
heiratet, dann mut du immer hier bleiben und darfst nie das Haus und
den Garten verlassen!

Christoffel zog ein langes Gesicht, das pate ihm nun schon nicht recht,
er hatte sich gerade als Allerschnstes bei der Geschichte gedacht, da
er, wenn er erst ein Prinz oder Knig sein wrde, in seiner goldenen
Kutsche in sein Heimatdorf fahren mchte, damit ihn dort die Leute auch
alle recht bewunderten. Alle sollten sie ihn anstaunen, ihn, den
vornehmen Herrn, die Eltern, die Freunde, Muhme Trine-Rosine und
Mariele, sogar der Herr Schulmeister. Nun komm doch, tritt nher! rief
Melinde.

Zgernd betrat Christoffel den Garten, und als er mit seinen dicken
Bergschuhen ber den feinen, bunten Kies schritt, der wie lauter
Edelsteine glnzte und schimmerte, da kicherten die Blumen wieder laut
und leise, und eine dicke Feuerlilie rief neckend: Tritt sacht auf,
Prinzlein, tritt sacht auf!

Der Bube wurde blutrot und stapfte und stolperte nun erst recht
ungeschickt durch den Garten.

Du stt uns ja, au weh, du trittst auf meine Wurzeln! so riefen die
Blumen rgerlich. Da nahm Melinde den Buben an der Hand und fhrte ihn
selbst in das Schlo mit dem goldenen Dach. Wie sie die Tre ffnete, da
wre der Christoffel beinahe hingeplumpst vor Staunen, denn es glitzerte
und schimmerte so vor seinen Augen, da er ganz geblendet war. Er sah in
einen wundervollen Saal hinein, dessen Wnde und dessen Fuboden ganz
von blulichem Glas waren, darber wlbte sich ein Dach, das aussah wie
der dunkelblaue Nachthimmel, an dem unzhlige Sternlein erstrahlten. Und
durch die Glaswnde hindurch sah man wunderbare Landschaften; da war ein
Wald voll Palmen, an denen sich seltsam geformte Orchideen emporrankten,
man sah das blaue Meer auf- und abwogen, und auf der anderen Seite
wieder sah man unendliche weite Wiesen, dann das Hochgebirge mit seinen
schimmernden Schneebergen.

Wir knnen von unserem Schlo aus in alle Lnder der Welt schauen,
sagte Melinde, die des Buben Staunen bemerkte. Doch komm', jetzt wollen
wir zusammen zu Mittag essen!

ber all dem Wunderbaren, was es zu sehen gab, hatte Christoffel gar
nicht mehr daran gedacht, da er nach der tollen Fahrt eigentlich recht
hungrig war. Als die kleine Prinzessin nun aber vom Essen sprach, da
fing sein Mglein gleich an gewaltig zu knurren. Heisa, dachte er,
das ist recht, da es etwas zu essen gibt, und im Geiste sah er schon
allerlei leckere Dinge vor sich, die er zwar noch nie in seinem Leben
gekostet hatte und die er nur aus den Erzhlungen von Muhme Trine-Rosine
kannte. Wenn einer essen will, mu er sich aber an einen Tisch setzen,
und wenn dieser Tisch in der Mitte eines riesengroen Saales steht, mu
man den Saal durchschreiten, um an den Tisch zu gelangen. Das wollte
Christoffel auch ganz gern tun, aber, du lieber Himmel! das war eine
schwierige Sache, auf dem glnzenden Glasboden zu gehen. Er rutschte und
schlitterte und pardauz, lag er nach drei Schritten, so kurz er war, da.
Und mit dem Aufstehen ging es auch nicht so leicht. Kaum dachte er, nun
bin ich hoch, plumps, da lag er wieder, und das lose Prinzelein lachte
dazu aus vollem Halse. berhaupt war es ein Schwirren, Klingen und
Lachen im Saal, da es Christoffel himmelangst wurde. Als er nach dem
viertenmal Aufstehen sich wieder recht krftig hingesetzt hatte, da
schaute er sich erst mal ein bichen um. Nun sah er wunderfeine, kleine
Mnnlein und Frulein im Saal herumspazieren, die hatten
veilchenfarbene, dottergelbe, schneeweie, grasgrne, himmelblaue und
sonst was fr Kleider an, es waren die Blumenelfen, die im Schutz der
Blumenknigin wohnten. Auch bunte, schillernde Schmetterlinge flogen in
Scharen aus dem Saal hinaus und hinein.

Das war nun wirklich allerliebst, und Christoffel verga ein Weilchen
wieder sein knurrendes Mglein und ri vor Erstaunen Mund und Nase weit
auf.

Aber, komm doch! drngte endlich Melinde und reichte dem Buben die
Hand, und an der Hand seiner kleinen Fhrerin gelangte der endlich
unversehrt an einen goldenen Tisch, der inmitten des Saales stand.
Setze dich, zwitscherte die kleine Prinzessin.

Christoffel wollte sich auf ein goldenes Sthlchen setzen, aber das
rutschte davon wie ein Schlitten auf dem Eise, und der Bube sa nun zum
sechstenmale auf dem Boden. Wieder half Melinde, und endlich sa
Christoffel am Tisch und dachte vergngt: Nun kann's losgehen, ob es
wohl Hhnerbraten gibt oder -- gar eine Torte?

Einige Blumenelfen kamen herbei und brachten zierliche, goldene
Schsseln und ein goldenes Krglein. Heute gibt es Rosenmus und
Gnseblmchenwein, sagte Melinde, da, lang' nur zu, eine
Veilchenpastete sollst du dann auch noch zu kosten bekommen! Hier, ich
lege dir vor!

Ganz entsetzt starrte Christoffel auf die winzigen Portionen, die
Melinde ihm vorlegte, und wie das Zeug schmeckte! Lange nicht so gut wie
Muhme Trine-Rosines Pfingstkuchen. Der Gnseblmchenwein schmeckte wie
einfaches Quellwasser, und die Veilchenpastete war nicht grer als ein
Fingerhut.

Wie du schnell it, sagte Melinde erstaunt, als Christoffel die ganze
Veilchenpastete mit einem Male hinunterschluckte. Nein, so etwas, du
wirst dir den Magen verderben!

Von dem Bichen, murmelte Christoffel kleinlaut. Er war nun erst recht
hungrig geworden und verlangend sah er sich um.

Eia, rief Melinde da, wir bekommen noch Erdbeeren, die sollen uns
schmecken!

Zwei Elfen trugen auf einem groen Blatt zwei Erdbeeren herbei, und das
Prinzechen schaute den Buben fragend an: Kannst du auch eine ganze
Erdbeere vertragen?

Blo eine? rief Christoffel klglich, hundert kann ich essen, und
schwapp schluckte er beide Erdbeeren hinunter; ich habe Hunger, klagte
er. So ein Vielfra! wisperten die Elfen, und auf einmal kamen aus
allen Ecken Elfen und Schmetterlinge herbei, umstanden und umflatterten
den Buben, Melinde aber fing an zu weinen. Er hat mir meine Erdbeere
weggegessen, nein, wie kann man so viel essen!

Er hat einen Mund wie eine Hhle, wisperte ein Elfchen, das in einem
rosenroten Gewand steckte, und ein Schmetterling setzte sich auf
Christoffels kleine, dicke Stupsnase, um sich genau den groen Mund
anzusehen.

Haizih, haizih! nieste der Bube, den dies mchtig kitzelte. Hopsa,
flog da der Schmetterling in einem weiten Bogen von der Nase herunter,
und die Elfen purzelten und kugelten bereinander und schrieen gar
klglich vor Schreck. Melinde aber verschluckte sich so am
Gnseblmchenwein, da sie hustete und prustete. Es entstand ein solcher
Wirrwarr, ein solches Geschwirr und Geschrei, da die Blumenknigin
eiligst hereinkam, und wehklagend und jammernd strzten die Elfen auf
sie zu: Er hat mit seiner Nase geschossen, da, einen Schmetterling hat
er totgeschossen, klagten alle.

Der arme Christoffel sa ganz verdattert auf seinem goldenen Sthlchen,
er hatte doch nur geniest, war denn das so schlimm? In dem Gesicht der
Blumenknigin blhte sacht ein holdes Lcheln auf, und mit gar lieben,
sanften Worten beruhigte sie die erregte Schar und schalt auch ein
wenig, da man nicht freundlich genug gegen den Gast sei. Melindes
Trnen versiegten. Lchelnd nahm sie Christoffels Hand und sagte: Komm
jetzt zum Abendtanz auf die Wiese, die Sonne wird bald sinken, dann
mssen wir alle schlafen gehen, vorher tanzen wir aber noch alle
miteinander!

Christoffel ging ein wenig kleinlaut mit Melinde hinaus, und singend,
wispernd, schwirrend folgten ihnen alle Elfen und Schmetterlinge. Im
Garten dufteten die Blumen wunders im Glanz der scheidenden Sonne.
Nun la uns tanzen, sagte Melinde auf der Wiese zu Christoffel, sie
fate ihr Kleidchen zierlich an, ihre weiten rmel flogen, und sie sah
aus wie ein groer, schwebender Schmetterling.

Ach! das Tanzen war des Christoffels schwache Seite; er hopste ber die
Wiese wie ein junger Ziegenbock, der das Laufen noch nicht gelernt hat.

Au, au, du trittst mich ja, jammerte Melinde, pfui, bist du
ungeschickt mit deinen schweren Stiefeln. Zieh sie doch aus! Verlegen
gehorchte der Bube, er hatte schne, blitzeblaue Strmpfe an; daran, da
sie etliche Lcher hatten, dachte er nicht. In Strmpfen hopste er mit
Melinde ber die Wiese, da begannen pltzlich die Elfen zu kichern: Er
hat in der rechten Hacke ein Loch, hihihi, die groe Zehe guckt am
linken Fu heraus, hihihi! Christoffel wurde puterrot, Melinde aber
lie rgerlich seine Hand los: Pfui, ich mag nicht mehr mit dir
tanzen, rief sie schnippisch, wenn man Lcher in den Strmpfen hat,
tanzt man mit keiner Prinzessin!

Kommt alle hinein, die Sonne sinkt, rief da die Blumenknigin.

Flugs liefen und flogen sie alle dem Hause zu. Allein, die Stiefeln in
der Hand, folgte Christoffel sehr niedergeschlagen. Als er an dem Haus
mit dem goldenen Dach anlangte, war die Prinzessin schon darin
verschwunden, und am liebsten wre er wieder umgekehrt, die
Blumenknigin aber nahm ihn an der Hand und fhrte ihn in ein kleines
Gemach, in dem ein goldenes Bettchen stand. Hier magst du heute
schlafen, sagte sie, morgen wollen wir dann weiter sehen, wie es dir
bei uns gefllt!

Sie ging, und Christoffel blieb allein. Ja, wunderfein und zierlich war
das Bettchen schon, aber so klein, wie sollte er da nur hineinkommen? Er
zog sich aber doch aus und kletterte in das Bett. Es wird schon gehen,
dachte er; aber das Bett war doch nicht fr einen kleinen, dicken
Menschenjungen gemacht; als Christoffel hineinplumpste, da ging es
gleich mit einem groen Krach mitten auseinander, und der Bube lag am
Boden.

Na, ist auch recht, dachte er, als er sich vom Schreck etwas erholt
hatte, drehte sich um und schlief ein wie ein Murmeltier zu Winters
Anfang. Er schlief, bis ihm die helle Pfingstsonne auf die Nase schien,
da wachte er auf, und da fhlte er auch gleich, da ihm etwas
schrecklich weh tat. Was ist denn das? dachte er, mir ist's ja so
schlimm, o je, o je! Nun begann sein Mglein furchtbar zu knurren, und
er merkte, da es der Hunger war, der ihn qulte. Hurtig sprang er aus
dem Bett und zog sich an. Frhstck, das war sein einziger Gedanke. Als
er in den Garten kam, spazierte Melinde schon zwischen den Blumen auf
und ab, sie nickte ihm freundlich zu und rief: Komm rasch frhstcken!

Wo ist das Frhstck? Wie ein Kreisel drehte sich Christoffel rund um,
hungrig schaute er da und dorthin, aber nirgends erblickte er einen
gedeckten Tisch. Da sah er, wie Melinde den Tau aus den Blumen
schlrfte, und als die kleine Knigin das verblffte Gesicht des Buben
bemerkte, sagte sie: Komm nur und trinke dich ordentlich satt am Tau,
damit du mir nachher zu Mittag nicht wieder alles vor der Nase weg it.

Tau sollte er trinken, das sollte sein ganzes Frhstck sein! Vor
Entsetzen erhob Christoffel ein so jmmerliches Geschrei, da alle
Blumen zu zittern begannen und die Blumenknigin und viele Elfen und
Schmetterlinge herbei kamen: Was ist dir denn, was fehlt dir? riefen
sie erschrocken.

Hunger, Hunger hab' ich, brllte der Bube, huhuhu, ich habe solchen
Hunger, ich sterbe vor Hunger!

Holt ihm rasch eine Veilchenpastete, rief die Blumenknigin mitleidig,
oder nein, wir wollen ihn in die Vorratskammer fhren, da mag er essen,
was ihm gefllt!

Melinde, die vor lauter Mitgefhl mit weinte, fhrte den Buben selbst in
die Vorratskammer, und die Blumenknigin, alle Elfen und Schmetterlinge
folgten. In der Vorratskammer standen viele goldene Schsseln und Krge,
aber alle waren sie so klein, viel zu klein fr Christoffels Hunger. Im
Umsehen hatte der zehn Veilchenpasteten hinuntergeschluckt und einen
Topf voll Rosenmus ausgeschleckt, und ehe die anderen recht wuten, wie
und was, hatte er die ganze Vorratskammer leer gegessen. --

Da erhob sich ein groer Tumult unter den Elfen und Schmetterlingen und
zornig riefen sie: Der soll nicht unser Knig werden, der it uns ja
alles, alles auf!

Auch Melinde weinte: Ich will keinen Mann, der so schrecklich viel it,
nein, den mag ich nicht!

Ich will auch nicht hier bleiben, hier gibts ja nicht mal ordentlichen
Pfingstkuchen, hier wird man ja nie satt, trotzte der Bube auf.

Er ist noch nicht satt, schrieen alle entsetzt und schwirrten,
wisperten, riefen und schalten alle so durcheinander, da es dem
Christoffel himmelangst wurde, und er rasch ans Ausreien dachte. Er
lief geschwind zur Tre hinaus, schwapp war er drauen. Er kam aber auf
der anderen Seite des Hauses heraus, und weil er Angst hatte, man knnte
ihn verfolgen, rannte er so schnell er konnte. Darber sah er nicht ein
tiefes Loch, und pardauz, fiel er in das Loch hinein. Er rutschte und
rutschte immer tiefer, und pltzlich sa er mitten in einer weiten Halle
unter lauter kleinen, seltsamen, braunen, verhutzelten Leutchen. Es
waren Wurzelmnnlein und Weiblein, unter die er geraten war; voll
Erstaunen sahen die den Gast an, der so unversehens in ihr Reich
gefallen war.

Wer bist du denn? fragte ein kleiner Wurzelmann, der eine Krone aus
Bergkristall auf dem Haupte trug.

Ich bin der Christoffel, ein Hirtenbube, und mchte eine Knigstochter
heiraten und Knig werden. Muhme Trine-Rosine sagt, so was sei schon
fters vorgekommen, stammelte der Kleine.

Na, das trifft sich mal gut, rief der Wurzelknig, ich suche einen
Mann fr meine Tochter Braunella, einen Wurzelmann mchte sie nicht gern
heiraten. Komm einmal her, Braunella, wenn dir der Menschenjunge
gefllt, und er immer bei uns bleiben will, dann kannst du ihn
heiraten!

Ein kleines Frulein kam herbei, ganz braun im Gesicht, mit einem grnen
Kleide an; Melinde war freilich viel hbscher gewesen, aber Braunella
sah man es an, da sie eine Knigstochter war, sie hatte eine goldene
Krone auf dem Kopfe. Sie klatschte in die Hnde und rief vergngt: Ja,
den will ich, der soll mein Mann werden!

Christoffel sah sich bedenklich um, oben bei der Blumenknigin war es
viel hbscher gewesen als hier im dmmrigen Wurzelreich, hier roch es so
sumpfig und dumpf. Hier sollte er sein ganzes Leben lang bleiben, das
mochte ihm gar nicht recht gefallen, und was ntzte es ihm denn, wenn er
Knig wurde, und niemand daheim wute es. Aber die Wurzelleute schienen
es gar nicht anders zu erwarten, als da er blieb. Der Knig rief mit
lauter Stimme: Flugs rstet ein festliches Mal, es soll unserem Gast zu
Ehren gebratene Regenwrmer geben.

Eia, o, wie fein! riefen die Wurzelleute alle durch einander; ein
kleiner, dicker Wurzelmann schnalzte ordentlich mit der Zunge vor
Vergngen.

Christoffel aber schrie entsetzt: Gebratene Regenwrmer, pfui, wie kann
man so etwas essen! Ganz schlimm wurde es ihm bei dem Gedanken an diese
Speise. Na, hier war er recht aus dem Regen in die Traufe gekommen, da
waren die Veilchenpasteten der Blumenknigin schon besser gewesen, und
die kleine Wurzelprinzessin gefiel ihm auch gar nicht. Ratlos sah er
sich um, hinein war er gekommen in das Wurzelreich, wie aber sollte er
wieder hinaus kommen? Da hrte er pltzlich neben sich ein sachtes
Murmeln, es klang genau wie Marieles Stimme, es war das Bchlein, das
Marieles Trnen trug, und das ein Stck durchs Wurzelreich flo. Ich
nehm' dich mit, ich nehm' dich mit, sang es.

Heisa, da besann sich Christoffel nicht lange, er lief rasch dahin, von
wo das Murmeln erklang, da sah er es schimmern wie flssiges Silber, und
strker hrte er das Rauschen. Hopps sprang er in den Bach! Er reit
aus, er reit aus, schrieen die Wurzelleute wtend. Aber schon hatte
das Bchlein den Buben aufgenommen, der rutschte, glitt, kollerte, es
sauste und brauste ihm um die Ohren, er wurde gepufft und gestoen, das
Wasser rauschte ber ihn hinweg, ganz in der Ferne hrte er das Geschrei
der Wurzelleute, und pltzlich wurde es ganz hell um ihn her. Verdutzt
schaute er sich um, er lag im hellen Sonnenschein am Fu eines Berges,
und nicht weit davon murmelte ein Bchlein.

Da liegt der Christoffel, rief eine helle Stimme, und das Mariele
beugte sich ber ihn.

Christoffel, Christoffel, rief es von allen Seiten, wo warst du denn,
wo hast du gesteckt, und wie siehst du aus?

Mnner und Frauen, Buben und Mdels kamen herbeigelaufen und riefen
durcheinander: Der Christoffel ist wieder da! Wo warst du denn nur
Bube, sag' doch!

Christoffel richtete sich auf, seine Glieder schmerzten, und ganz na
war er, nein und wie schmutzig er aussah! Er rieb sich den Kopf, der tat
ihm so weh, da er kaum aus den Augen sehen konnte. Stotternd begann er
zu erzhlen, von dem Berggeist, der Schmetterlingsknigin und dem
Wurzelreich.

Verdutzt hrten die Dorfleute ihm zu, was schwatzte denn der Bube nur?
Er hat Fieber, er mu ins Bett und Lindenbltentee trinken, sagte da
jemand; es war Muhme Trine-Rosine. Sie hob den Buben auf und trug ihn
ohne weiteres heim, zog ihn aus und legte ihn ins Bett.

Ich habe Hunger, ich will Pfingstkuchen, schrie Christoffel.
Papperlapapp, sagte die Muhme, Lindenbltentee gibt es, und drei Tage
nichts zu essen, das ist das beste Mittel gegen Fieber.

Pfingstkuchen! rief der Bube jmmerlich; da bekam er eine riesengroe
Tasse Tee, und allemal, wenn er den Mund aufmachte und Pfingstkuchen
rief oder etwas erzhlen wollte, bekam er wieder Tee. So ging es drei
Tage, dann sagte Muhme Trine-Rosine: Jetzt kannst du aufstehen!

Aber der Pfingstkuchen war alle, und was das Schlimmste war, wenn
Christoffel von seinen Erlebnissen erzhlen wollte, dann glaubte es ihm
niemand. Und dabei wre er beinahe zweimal Knig geworden, es war doch
toll.

Nur Mariele glaubte ihm alles; der erzhlte er oft von seinen
Erlebnissen. Er sagte aber, er wolle nun doch daheim bleiben, das
Knigwerden htte er satt. Nur manchmal, wenn er schlechter Laune war,
weil er in der Schule einen Tadel bekommen hatte, dann rief er: Ich
gehe in die weite Welt und werde ein Knig.

Und trinkst Tau und it gebratene Regenwrmer! sagte Mariele; da war
er dann still.

So blieb er ein Hirtenbube, spter wurde er ein Bauer, heiratete das
Mariele und blieb in seinem Dorf bis an sein Lebensende. --

Der Doktor Frhlich schwieg, und die Kinder saen ein Weilchen still;
auf einmal sagte Wendelin: Pfui, gebratene Regenwrmer, die mchte ich
auch nicht.

Ich wr' aber doch bei der Blumenknigin und Melinde geblieben,
flsterte Brigittchen versonnen.

Es hrt auf zu regnen, ich glaube, wir bekommen gutes Wetter, rief
pltzlich die alte Dorothee ins Zimmer hinein.

Da sprangen alle auf und rannten ans Fenster, wirklich es regnete
sachter und der graue Himmel hatte feine, helle Schlitze bekommen.
Gutwetteraugen nannte es Frulein Helene.

Es wird schn, da knnen wir morgen Jantge in der >Frhlichen Einkehr<
besuchen, riefen die Kinder jubelnd.

Ein Weilchen spter patschten sie vergngt durch die Pftzen heimwrts,
alle fanden sie einmtig, da es doch ein wundervoller Pfingsttag
gewesen sei, und morgen, morgen wrde es sicher schnes Wetter sein.

Pfui, n, gebratene Regenwrmer, sagte Wendelin noch einmal vor dem
Einschlafen.

Brigittchen aber wandelte im Traum durch den Garten der Blumenknigin,
fein, schn und licht trat ihr die entgegen und fragte: Was wnscht du
dir, Brigittchen, in meinem Reich hat jeder einen Wunsch frei am
Pfingsttag!

Eine Mutter, wie Jantge eine bekommen hat, flsterte die Kleine. Da
wachte sie halb auf, jemand hatte sich ber sie geneigt und strich ihr
sanft ber das Gesichtchen, es war ihr Vater. Was schwtzt mein kleines
Mdchen im Traum? fragte er.

Ich mchte eine Mutter, murmelte Brigittchen noch einmal, dann schlief
sie weiter und merkte es nicht, da ihr Vater lange, lange in tiefem
Sinnen an ihrem Bettchen sa. Er dachte an den Pfingstwunsch seines
kleinen Mdchens, und wie er den erfllen knnte.




                              Mohrchen.
                  Die Geschichte einer Feindschaft.


Im Winter hatte Fritz Brinkmann einen schwarzen Hund gefunden, der
berfahren worden war. Der Knabe war gerade vom Schlittenfahren
heimgekommen, just an dem Tage war es gewesen, an dem Doktor Frhlich
nach Neustadt kam, und zu den lustigen Schlittenfahrern in der
Marienstrae hatte Fritz auch gehrt. Dicht bei dem Hause seines
Grovaters, der in einer stillen Vorstadtstrae wohnte, hatte der Knabe
den Hund gefunden; flehend hatte ihn der mit treuen, klugen Augen
angesehen, und Fritz hatte ihn ohne langes Besinnen auf seinen Schlitten
geladen und heimgefahren.

Die Groeltern -- Fritz war Waise und wurde bei seinem Grovater, dem
alten Geheimrat Brinkmann erzogen -- erlaubten es gern, da der Knabe
den Hund pflegte, bis sein Besitzer kme. Aber niemand meldete sich, um
Mohrchen -- so wurde der neue Hausgenosse ob seines schwarzen Felles
genannt -- abzuholen. Die Tage gingen und kamen, die Luft wurde milder,
der Schnee verschwand, und immer noch war Mohrchen im Hause. Seine
Wunden waren lngst geheilt, und aus dem mageren, ruppigen Tiere war ein
hbscher Hund mit glnzend schwarzem Fell geworden, der lustig seinen
kleinen Herrn berall hin begleitete. Ein Freund war er, so treu, gut
und anhnglich, wie leicht kein besserer zu finden war. Alle
Klassengenossen von Fritz bewunderten Mohrchen rckhaltlos, und vor
seiner Klugheit hatten sie den allergrten Respekt. Sogar Doktor Halbe,
der Klassenlehrer, sagte einmal, als er Mohrchen zu sehen bekam: Er
sieht sehr klug aus. Den Buben war dies soviel, als htte Mohrchen
einen hohen Orden bekommen, und Fritz kam an diesem Tage mit so
strahlenden Augen heim, da seine Gromutter dachte, er wre mindestens
Klassenerster geworden; leider, leider war dies gerade nicht der Fall,
der Fritzel hielt sich mehr in der Klassenmitte auf.

Und mit allen Hausbewohnern war Mohrchen auch bald gut Freund, nur mit
der alten Berta, der Kchin, nicht. -- Ich kann Hunde kein bichen
leiden, sagte diese, wenn Fritz ihr von Mohrchens Tugend und Weisheit
erzhlte. Sind sie wei, dann mag's noch gehen; aber so ein schwarzes
Tier sieht aus wie ein Schornsteinfeger, und die machen die Kche
schmutzig, und darum kann ich Schornsteinfeger und Hunde nicht leiden,
damit basta!

Kam das arme Mohrchen wirklich einmal in die Kche, dann schrie Berta,
zornig einen Quirl oder Kochlffel schwingend: Raus mit dem
Schornsteinfeger, basta, basta!

Berta war eigentlich nur so bse auf Mohrchen, weil sie eiferschtig
war. Fritz war ihr ganz besonderer Liebling, und sie meinte, seit
Mohrchen im Hause wre, kmmerte er sich nicht mehr soviel wie sonst um
sie. In ihrem rger gab sie Schnurrhans, dem Kater, immer die besten
Bissen. Der wurde, weil er gar so gute Pflege hatte, immer dicker und
fauler und ging zuletzt berhaupt nicht mehr auf die Musejagd, er sa
wie ein dicker Muff in der Sonne und rhrte sich kaum. Je unfreundlicher
aber Berta zu Mohrchen war, je weniger kam Fritz zu ihr; er lief mit
seinem schwarzen Freund im Garten herum; zuletzt mieden sie beide die
Kche und Bertas Nhe.

So war der Frhling ins Land gekommen. An einem schon recht heien und
schwlen Maitage fuhren die Groeltern ber Land, und Fritz blieb mit
Berta und Luise, dem Stubenmdchen, allein im Hause zurck. Bange dich
nicht, mein Jungchen, hatte die Gromutter beim Abschied zrtlich
gesagt.

Ach nein, ich habe ja Mohrchen, rief Fritz frhlich.

Berta hrte dies und wtend blickte sie auf den Hund. Warte nur,
brummte sie, heute gibts nur Wassersuppe zu Mittag.

Mohrchen empfand an diesem heien Tage rechten Durst, denn nicht wie
sonst stand ein Schsselchen mit Wasser auf seinem Platze. Da sein
kleiner Herr und Freund noch in der Schule war, rannte der Hund umher
und suchte Luise. Dabei kam er auch in den offenstehenden Keller, in dem
Berta herumhantierte. Wart', du abscheuliches Tier! rief diese und
erhob drohend eine Latte. Erschrocken flchtete Mohrchen und geriet in
seiner Angst in den Kohlenkeller.

Ei, da magst du bleiben, bis Fritz nach Hause kommt, rief Berta
hhnisch, und schwapp! schlug sie die Tre zu, die sie fest verschlo;
so war denn Mohrchen nun ein Gefangener.

Als Fritz bald darauf heimkam, galt seine erste Frage dem schwarzen
Freund. Berta brummte einige unverstndliche Worte; lgen wollte sie
doch nicht, aber auch nicht eingestehen, da sie den Hund eingesperrt
hatte. I nur jetzt dein Mittagsbrot; er wird dann schon kommen, sagte
sie und nahm sich vor, gleich den Hund herauszulassen. Aber da kam eine
Bauersfrau, die Butter brachte, dann die Waschfrau; so verging die Zeit,
und es mochte wohl eine gute Stunde verflossen sein, ehe Berta an Fritz
und an das eingesperrte Mohrchen dachte. Eilig ging sie und ffnete die
Kellertre; scheu kroch der Hund heraus. Wenn er nicht schon ein
Mohrchen gewesen wre, so htte man ihn jetzt eins nennen knnen. Die
weien Pftchen und die hellen Flecken an seinem Schnuzchen und an
seiner Brust waren durch den Kohlenstaub ganz schwarz geworden. Pfui,
du Schornsteinfeger, wie siehst du aus! schalt Berta und dachte gar
nicht daran, wie ungerecht ihre Vorwrfe waren. Lauf' in den Garten zu
Fritz, basta! schrie sie barsch, und Mohrchen schlich verschchtert von
dannen.

Da kam Luise aus dem Garten und sagte: Ich wei gar nicht, wo Fritz
hingekommen ist; Jrgel Fabian war da und wollte ihn besuchen; da habe
ich berall gesucht, aber der Junge ist nirgends zu finden. -- Geh',
such' ihn, Mohrchen! rief sie dem Hunde zu. Der wandte sich um und sah
das Mdchen mit seinen klugen Augen verstndig an, dann stie er ein
kurzes Bellen aus und rannte davon.

Fritz wird auf seinem Lieblingsplatz im Garten, auf dem groen
Apfelbaum sitzen, meinte Berta.

Nein, entgegnete Luise, da ist er nicht; ich habe rechte Angst um
ihn, weil ein Gewitter zu kommen scheint.

Erschrocken sah Berta zum Himmel auf. Der war weigrau, und hinter dem
steilen Dach der Marienkirche stieg dunkles Gewlk empor.

Bleib' hier, rief Berta jetzt ngstlich, ich werde Fritz suchen,
vielleicht ist er zu Doktor Fabians gegangen. Aber Fritz war nicht
dort, und wo Berta auch nach ihm fragte, niemand hatte ihn gesehen, nur
die Obstfrau sagte, Fritz sei vor einiger Zeit an ihr vorbeigelaufen,
der Waldstrae zu. Whrend Berta so herumrannte, den Knaben zu suchen,
war es immer dunkler geworden; eine fahle, bleigraue Dmmerung legte
sich ber das Stdtchen, und auf einmal erhob sich ein heftiger Wind und
ferner Donner rollte. Angsterfllt eilte die alte Kchin heim;
vielleicht war Fritz unterdessen zurckgekehrt, aber Luise kam ihr
weinend entgegen und rief: Er ist immer noch nicht da.

Es wurde dunkler und dunkler; grell zuckten die Blitze hernieder,
unheimlich rollte der Donner, und breite Regenwasserbche rannen ber
die Straen.

Berta lief trotz Luisens Bitten, die sich vor dem Unwetter frchtete,
wieder auf die Strae und suchte Fritz. Der Schneidermeister Langbein,
den sie traf, hatte den Knaben nach dem Walde rennen sehen. Schicken
Sie ihm Mohrchen nach, Mamsell Berta, rief er, der findet ihn schon,
der riecht mehr als hundert Menschennasen zusammen. Und Berta lief
heim; der Schneider ging zu ihrer Beruhigung mit, aber Mohrchen war
nirgends zu finden.

Die alte Berta war ganz verzweifelt. Ich bin schuld daran, warum habe
ich den Hund eingesperrt! Ach, guter Gott, hilf mir doch! jammerte sie.

Jetzt hrt der Regen auf, das Gewitter hat sich bald verzogen; da werde
ich nach dem Walde gehen und den Buben suchen. Weinen Sie nicht mehr,
Mamsell Berta, trstete der Meister.

Mohrchen, dort kommt Mohrchen! schrie Luise auf einmal freudig.
Triefend und keuchend kam der Hund gelaufen. Die Zunge hing ihm weit
heraus, und sein sonst so glnzendes Fell war mit dickem, grnlichem
Schlamm bedeckt.

Er ist im Wildmoor gewesen, riefen der Meister und Luise entsetzt, und
Berta sthnte: Im Moor, im Moor! Da zog und zerrte jemand an ihrem
Kleid, es war Mohrchen. Flehend sah der Hund zu ihr auf, dann rannte er
zu Luise und zerrte auch diese, als wollte er sagen: Komm mit!

Der Hund will uns fhren, rief das Mdchen.

Er wei, wo Fritz ist. Ich sag's ja, der hat Verstand wie 'n
Professor, sagte der Meister und fgte hinzu: Ich laufe schnell zum
Grtner Schulz, der soll seinen Wagen anspannen, dann kommen wir
schneller hin.

Mohrchen zog schon wieder an Bertas Kleid und sah flehend zu ihr empor.

Ich komme, Mohrchen, ich komme, schluchzte diese.

Wenige Minuten spter hielt auch der Grtner mit seinem Wgelchen vor
der Tr. Berta und der Meister stiegen ein, Mohrchen raste voran, und
heidi, fort ging die Fahrt, dem nahen Walde zu. Mitten drin im Wald lag
das sogenannte Wildmoor. Es war eine weite, grne Flche, auf der im
Sommer allerlei schne, seltene Blumen blhten, Wasserpflanzen mit
durchsichtigen Stengeln und glnzenden Blttern. Immer herrschte hier
eine tiefe, fast traumhafte Stille, und nur an sehr heien Sommertagen
schossen schimmernde Libellen und andere Insekten ber den grnen Grund.

Die Schnheit des Wildmoors aber war recht trgerisch. Fr jemand, der
den Weg nicht genau kannte, war es gefhrlich, darber zu gehen, da er
leicht in eins der tiefen Moorlcher geriet, die unter der schnen,
grnen Decke verborgen lagen, und aus denen es schwer war, ohne fremde
Hilfe wieder herauszukommen.

Das Gewitter hatte sich vllig verzogen, und die Sonnenstrahlen rannen
schon wieder durch das dichte Bltterdach des Waldes. Da erscholl
Wagenrollen und Hundegebell, und bald darauf eilten Berta und Meister
Langbein an den Rand des Moores. Das lag in stiller Verlassenheit da,
nichts regte sich; so weit auch Berta zu sehen vermochte, sie erblickte
nicht die geringste Spur des vermiten Knaben.

Fritz, Fritz! rief sie in namenloser Herzensangst. Doch da zerrte sie
Mohrchen wieder am Kleide, und auf einmal ertnte eine schwache Stimme:
Berta, hier bin ich!

Eilig rannte diese dem Hunde nach und unter einer dicken Buche, nahe am
Rande des Moores, fand sie den Knaben. Er kauerte in einer kleinen
Erdhhle und war ber und ber mit Schlamm und Schmutz bedeckt.

Mit einem Jubelschrei strzte Berta auf den so angstvoll Gesuchten zu.
Mein Herzensjunge, rief sie weinend vor Freude und hob den Knaben
empor, dem lieben Gott sei Dank, da wir dich gefunden haben.

Mohrchen sprang und tanzte kreuz und quer und bellte laut vor Freude.
Und pltzlich lag Meister Langbein, er wute nicht wie, so kurz er war,
auf der Erde; das frhliche Mohrchen hatte ihn umgerissen. Aber der
Meister schalt nicht, sondern sagte: Bist ein braver Hund, Mohrchen,
wirklich ein Staatskerl; morgen schenke ich dir 'nen Wurstzipfel; hast
ihn verdient. Magst du lieber Blut- oder Leberwurst? Merkwrdigerweise
gab Mohrchen auf diese Frage trotz seiner Klugheit keine Antwort.

Berta sagte nichts, aber sie streichelte Mohrchen so sanft, und dieser
leckte ihr zutraulich die Hand, als sei nie Feindschaft zwischen ihnen
gewesen. Fritz wurde rasch in warme Decken gehllt und in den Wagen
gehoben. Whrend der Heimfahrt erzhlte er seine Erlebnisse. Mohrchen
hatte er suchen wollen und war einem fremden, schwarzen Hund, den er fr
Mohrchen hielt, bis zum Walde nachgelaufen. Dort hatte er ihn aus den
Augen verloren und war dann kreuz und quer gerannt, bis er sich zuletzt
mde unter einen Baum gelegt hatte. Er mute wohl eingeschlafen sein;
ein furchtbarer Donner weckte ihn, und angstvoll war er aufgesprungen
und davon gelaufen. Dabei hatte er den Weg verfehlt und war an das Moor
gekommen. Ohne Ahnung der Gefahr hatte er es betreten, doch schon nach
wenigen Schritten sank er tief ein. In seiner Herzensangst schrie er
laut um Hilfe. Da hrte er pltzlich Hundegebell.

Mohrchen, Mohrchen! schrie er, und wirklich -- nach einigen Minuten
kam Mohrchen, der die Spur seines kleinen Herrn gefunden hatte. Schwer
nur war es Fritz gelungen, aus dem Moorloch herauszukommen, aber
Mohrchen hatte unermdlich gezerrt und gezogen. Freilich, Fritzens Jacke
war dabei ganz und gar zerrissen. Dann hatte das treue Tier den Knaben
fest am Kittel gepackt und ihn sicher vom Moor geleitet. Fritz wute nur
noch, da er unter eine Buche gekrochen war; dann hatte er das
Bewutsein verloren. Das tapfere Mohrchen aber war nach Hause geeilt und
hatte Hilfe geholt.

Ein Staatskerl, wirklich ein Staatskerl! rief Meister Langbein und
streichelte den braven Hund.

In Neustadt hatte sich rasch die Kunde von Fritzens Verschwinden
verbreitet, und eine Anzahl Erwachsener und viele, viele Kinder der
Stadt kamen den Heimkehrenden entgegen und begrten diese mit lautem
Hurra! Am allermeisten aber schrieen Fritzens Klassengenossen, einer
brllte immer lauter als der andere.

Ein Fremder, der an diesem Tage in Neustadt war, dachte, es wre Feuer
ausgebrochen oder der Landesherr kme. Er lief auch auf die Strae und
hrte dort immer Mohrchen rufen. Nein, sagte er lachend, wie
kleinstdtisch die Leute sind! Wenn ein Neger zu sehen ist, rennen sie
sich beinahe die Fe ab.

Da sieht man doch, wie die Leute in der Fremde sehen und hren, sagte
spter Klaus Hippel oft, wenn er die Geschichte erzhlte, mich wunderts
nur, da die Fremden nicht noch mehr Unsinn von Neustadt zu berichten
wissen!

Doch an diesem Tage rief auch Klaus Hippel, der gerade auf der Strae
war: Hurra Mohrchen! Und so unter Jubelgeschrei wurde Fritz
heimgebracht.

Die Groeltern waren inzwischen zurckgekommen und harrten in Angst und
Sorge ihres Lieblings. Der wurde eiligst von Schlamm und Schmutz befreit
und in sein Bett gebracht. Er bekam heien Tee zu trinken, trotz der
Sommerwrme. Er schlief auch bald ein, und Mohrchen und Berta wachten in
dieser Nacht zusammen an seinem Lager. Die Alte konnte nicht schlafen
vor Sorge, der Knabe knne krank werden. Sie sa in stillem Gebet an
seinem Bett, neben ihr lag Mohrchen und sah manchmal mit seinen klugen,
treuen Augen zu ihr auf. Dann nickte sie ihm zu und flsterte leise:
Mein tapferes Mohrchen, ich will gut machen, was ich an dir verschuldet
habe!

Fritz schlief wie ein kleines Murmeltier in dieser Nacht, und als er am
nchsten Morgen erwachte, da hatte er strahlende Augen und rosige
Wangen. Sein Frhstck schmeckte ihm wie noch nie, er a vier Wecken,
und als er beim fnften war, rief er pltzlich: Aber Mohrchen, wie
siehst du denn aus!

Das arme Mohrchen! Niemand hatte daran gedacht, ihm den Schlammpelz
abzuwaschen. Der Schmutz war nun festgetrocknet, und eine harte,
schwarze Kruste bedeckte an einzelnen Stellen sein Fell.

Ich werde ihn gleich in warmem Wasser baden, sagte Berta eifrig.

Du, Berta? rief Fritz verwundert.

Ja, ich, murmelte diese, brauchst nicht so verwundert zu sein, was
notwendig ist, ist notwendig; na und berhaupt, ein Prachtkerl ist das
Mohrchen, damit basta!

Hurra! schrie Fritz und umhalste die alte Berta, da diese beinahe
selbst in das Waschfa gefallen wre. Damit hatte die Feindschaft
zwischen Berta und Mohrchen ein Ende, sie wurde die allerdickste
Freundschaft von der Welt.

Vor dem Waschhaus, im schnen, warmen Sonnenschein, wurde Mohrchen bald
darauf in einer groen Wanne gebadet. Er lie sich das wohl gefallen,
und sein kleiner Herr stand mit strahlenden Augen daneben und
streichelte mitunter Bertas Arm. Ich hab' dich wieder genau so lieb,
wie frher, Bertachen, versicherte Fritz, nein, noch ein bichen
lieber, weil du so gut zu Mohrchen bist! Berta lachte frhlich;
Mohrchen platschte behaglich im Wasser herum, und so wurde, whrend der
weie Seifenschaum allen Schlamm herabschwemmte, die alte Freundschaft
wieder fest geschlossen. Schnurrhans sa blinzelnd auf dem Fensterbrett;
er war nicht ganz zufrieden mit der Sache; er ahnte, da er fortan nicht
mehr allein alle guten Bissen bekommen wrde. Und so geschah es auch;
fr Schnurrhans aber war das nur gesund, sonst wre er zu dick und rund
geworden.




                         O diese Bckerbuben!


Gerade ehe sich die Pfingstferien noch hflich verabschiedeten, nderte
sich das Wetter, und es gab einen so strahlenden Sonnenschein, da die
fnf Schatzgrber am Morgen alle als erstes Wort sagten: Heute gehen
wir!

So wurde es auch. Am Nachmittag marschierten die Geschwister Frhlich
mit den fnf Kindern hinaus in die Frhliche Einkehr. Dort wurden sie
von Jantge mit groem Jubel begrt, als htten sie sich alle zusammen
mindestens seit zehn Jahren nicht gesehen. Jantge blhte wie ein
Rslein, sie sah so glcklich aus, da Frulein Helene leise zu ihrem
Bruder sagte: Wie gut fr das Kind, da es eine Heimat gefunden hat!

Jantge war glcklich in der neuen Heimat, das sah man, da brauchte
niemand zu fragen: Gefllt es dir hier? Ihr drittes Wort aber war
Karl. Was Karl tat und sagte, wie Karl wundervoll spielte und wie lieb
er sei, davon erzhlte sie unaufhrlich. Und Karl schien nicht minder
entzckt von dem neuen Schwesterlein; Jantge hier und Jantge da, hie
es. Das ging so hin und her, und die Geschwister Frhlich hatten ebenso
ihre helle Freude an den eintrchtigen Pflegegeschwistern, wie die
Wirtsleute.

Nur einer war damit unzufrieden, einer grollte, Severin. Seiner Meinung
nach htte sich Jantge viel mehr ber seinen Besuch freuen mssen, und
da sie immer Karl lobte, nur von Karl sprach, rgerte ihn. Das ist
dumm, sagte er zu seinem Bruder, sie tut, als ob Karl ein Wundertier
wre!

Hm, brummte Wendelin, der gerade daran dachte, wie lange es wohl noch
dauern wrde, bis die Stachelbeeren reif wren.

Karl mute auch auf seiner Flte blasen, und alle fanden, es klnge sehr
hbsch. Jantge aber war entzckt, sie strahlte, dreimal fragte sie
Severin: Spielt er nicht fein?

Dreimal antwortete Severin nur hm, zuletzt lief er wtend fort. Auf
dem Heimweg, whrend die anderen Kinder lustig schwatzten, war er sehr
brummig, er war wtend, da seine Freundin Jantge sich so wenig um ihn
gekmmert hatte, und am Abend beim Zubettgehen sagte er zu Wendelin:
Ich geh nicht mehr mit in die Frhliche Einkehr!

Wendelin erwiderte gar nichts, er schlief schon, er lag im Bette und
pustete wie eine kleine Dampfmaschine, und selbst der rgerliche Puff,
den ihm sein Bruder Severin versetzte, ermunterte ihn nicht mehr. Ich
lern's auch; was der kann, kann ich auch, murmelte Severin, und dann
schlief er ebenfalls ein.

Am nchsten Tag hatte Severin ein Geheimnis vor seinem Bruder Wendelin,
vor seiner Mutter, vor Heine, kurz vor allen Leuten im Hause, auch vor
seinen Freunden. Gleich nach dem Mittagessen entschlpfte er und ging
die Langgasse hinunter bis auf den Markt, dann trat er zagend und
verlegen in das Geschft des Herrn Friedlein. Dort erhielt man die
wundervollsten Sachen, Porzellantassen und Spazierstcke, Bilderrahmen
und Hosentrger, Tafelaufstze und Handschuhe, was man wollte. Wenn
irgend jemand in Neustadt irgend jemand etwas schenken wollte, und er
wute nicht recht was, dann ging er zu Herrn Friedlein, da fand er
sicher etwas. Warenhaus nannte Herr Friedlein sein Geschft, und er
erzhlte es jedem, der es hren wollte, was Wertheim in Berlin ist, das
bin ich in Neustadt, mehr hat der auch nicht als ich.

Severins Herz klopfte hrbar, als er den Laden betrat; er sah sich scheu
um, ob ihn auch niemand bemerkte, es war aber kein Mensch auf der Strae
zu sehen. Drinnen im Laden stand eine Frau, die guckte Severin an und
sagte: Na, wo kommst du denn her? -- Es war seine Tante.

Severin wurde blutrot, aber Herr Friedlein, der selbst im Laden war,
fragte: Du willst wohl einen Bleistift? Es gab nmlich gerade billige
Bleistifte zu verkaufen.

Na, dann suche dir mal einen aus, sagte seine Tante, einen Groschen
schenke ich dir dazu!

Das war nun sehr nett von der Tante, und Severin kramte auch hchst
vergngt in dem Bleistiftkasten herum, drei bekam man fr einen
Groschen. Es dauerte recht lange, ehe er seine Entscheidung getroffen
hatte, seine Tante bezahlte den Groschen und sagte lachend zu Herrn
Friedlein: Das wre wohl etwas langweilig, wenn alle Kunden so viel
Zeit zu ihren Einkufen brauchten, nicht wahr?

Herr Friedlein nickte und dann ghnte er, er htte nmlich gern wie
jeden Tag sein Mittagschlfchen gemacht. In Neustadt pflegte sonst kein
Mensch zwischen ein und drei Uhr etwas einzukaufen, so was tun nur
Leute in den langweiligen Grostdten, sagte Herr Friedlein immer.
Ordentlich erschrocken fuhr er zusammen, als Severin auf einmal, als
seine Tante den Laden verlassen hatte, mit lauter Stimme rief: Ich
mchte eine Flte!

Was? sagte der Kaufmann verdutzt. Junge, du bist wohl nicht klug,
eine Flte hat noch niemand bei mir verlangt. Kann's nicht eine
Mundharmonika sein?

Nein, stotterte Severin, 's mu eine Flte sein. Karl hat auch eine!

Herr Friedlein berlegte. Er lie nie gern jemand aus seinem Laden
fortgehen, ohne da er etwas gekauft hatte, und pltzlich fiel ihm ein
was er Severin als Flte geben knnte. Er holte ein schwarzes Ding
herbei, das sei etwas Wundervolles, viel, viel besser als eine Flte,
erzhlte er, es sei eine Okarina, und wenn ihm Severin zwei Mark geben
wrde, dann sollte er das kostbare Instrument bekommen.

Wenn gerade eine Klappe dagewesen wre, dann wre der Bube gewi in die
Erde gerutscht vor Entsetzen ber den unglaublichen Preis. Er blieb ganz
verdattert stehen und starrte den Kaufmann mit offenem Munde an, als
wre dieser ein Geist. Sehr klug sah Severin gerade nicht aus, und Herr
Friedlein brummte rgerlich und verstndnisvoll. Schneid' nicht so 'n
Gesicht, dummer Bengel! Wie viel Geld hast du denn?

Seufzend griff Severin in die Hosentasche und holte ein altes,
abgenutztes Portemonnaie heraus, dreiundachtzig Pfennige, zwei
Stahlfedern, fnf Spielmarken, ein Zinnsoldat, ein Malzbonbon und ein
Stck Kreide, die alles angeschmiert hatte, waren darin. Herr Friedlein
sah seine Okarina an, ein Stckchen war schon davon abgeschlagen und
einen ganz kleinen Sprung hatte sie auch schon. Na, meinetwegen, sagte
er gndig, da nimm sie fr das Geld, du kannst aber froh sein ber den
Einkauf, so was passiert nicht alle Tage!

Schweigend nahm Severin seine Okarina, stumm ging er hinaus, und erst
als er auf der Langgasse war, blieb er stehen. Da hatte er nun all sein
Geld ausgegeben, dreiundachtzig Pfennige, beinahe ein Knigreich htte
er sich dafr kaufen knnen, so meinte er. Freilich eine -- eine, ja wie
hie das Ding doch gleich -- hatte Karl nicht. Aber wie das Instrument
hie, mute er wissen, fr dreiundachtzig Pfennige konnte er dies
verlangen. Er raste zurck, ri die Ladentre auf, da die Klingel
frmlich hopste und sprang. Ebenso schnell sprang Herr Friedlein in der
Ladenstube von seinem Sofa auf, er war gerade ein bichen eingeschlafen
gewesen; er strzte in den Laden, sicher war jemand da, der sehr viel
kaufen wollte.

Wie heit die Pfeife? schrie ihm Severin entgegen.

Okarina, du unntzer Bengel, rief Herr Friedlein zornig, was fllt
dir ein, so zu klingeln! Aber Severin war schon wieder drauen, er lief
ber den Markt, durch die Langgasse und sagte immer vor sich hin:
Onetrina, Onetrina! Na, das war mal ein putziger Name.

Du vergit wohl ganz das Gren, mein Sohn? fragte da auf einmal
jemand mahnend, und Severin sah den Herrn Direktor vor sich stehen. Er
ri die Mtze vom Kopfe und stammelte: Onetrina, Onetrina! Der Herr
Direktor Weidlich ging kopfschttelnd weiter und murmelte: Der Knabe
ist wohl etwas dumm, mir scheint, er htte Ostern sitzen bleiben sollen!
Ich mu etwas auf ihn achten! --

An diesem Nachmittag lie Klaus Hippel pltzlich den Pantoffel, an dem
er gerade nhte, zur Erde fallen; erschrocken lauschte er, dann sagte er
zu seiner Frau Paulinchen: Nun hre doch nur, da schreit der Kauz gar
wohl am hellen Tage!

Das bedeutet gewi ein Unglck, jammerte die Pantoffelmacherin. Ih
wo, das bedeutet gar nichts, sagte ihr Mann vergngt, wenn ich nur
wte, wo der Kauz sitzt?

Das war freilich ein sonderbarer Kauz, der da, etwas versteckt von
allerlei Gebsch, drauen auf der Wiese vor dem Turm stand und mit
vollen Backen auf seiner Okarina blies. Uhuhuhu -- pfpfpf ging das, es
klang so jmmerlich, da Klaus Hippel verwundert sagte: Na, nun wei
ich nicht, hat der Kauz, der so schreit, Leibschmerzen, oder ist es ein
Hund, der heult, so was habe ich noch nie gehrt!

Wenn Klaus Hippel auch so dachte, Severin dachte eben anders; er ging
sehr befriedigt von seinem Spiel heim. Weil er sehr zum berflu, wie er
fand, noch Schularbeiten zu machen hatte, konnte er an diesem Tage nicht
weiter blasen. Am Abend vor dem Schlafengehen vertraute er aber Wendelin
das groe Geheimnis an, und der bewunderte denn auch das wunderbare
Instrument gebhrend. La mich auch drauf blasen, bat er, doch davon
wollte Severin nichts wissen, er allein wollte besser spielen als Karl.
Als aber Wendelin gar so beweglich bat und sich erbot, einen Groschen zu
dem Kaufgeld zuzugeben, erlaubte es Severin endlich. Damit nun aber
niemand im Hause die wunderbaren Tne zu hren bekam, kroch Wendelin
unter die Bettdecke. Dumpf und schauerlich kamen die Tne darunter
hervor, Severin lauschte voll Andacht, endlich rief er aus: Weit du,
ich krieche mal unter Heines Bett, dann denkt der, es spukt!

Der Vorsatz war nun nicht gerade lobenswert, aber leider fand er
Wendelins vollen Beifall. Der Bube quiekte vor Vergngen, hopste im Bett
herum, strampelte und jauchzte und zuletzt schliefen die Brder sehr
vergngt ein. --

Am nchsten Tag gab es viel Unruhe im Bckerhaus. Frau Gutgesell hatte
Kaffeegste, da gab es genug zu tun und anzuordnen. Die Staatsstube
wurde noch einmal gewischt und gescheuert, obgleich kein Stubchen darin
lag. Den Buben war das Betreten dieses feierlichen Raumes bei Strafe
verboten, berhaupt waren die zwei an dem Tage immer im Wege. Da sollten
sie nicht sein und das nicht tun, dabei hatten sie gerade noch mehr als
sonst Lust zu allerlei Dummheiten. Ihre Mutter sagte seufzend: Na, was
werdet ihr heute noch anrichten! Zuletzt verschwanden aber die Buben,
und als die Gste kamen, waren sie gar nicht zu sehen. Pnktlich um vier
Uhr erschienen die Damen, und bald darauf saen alle vergngt in der
Staatsstube beisammen, lobten Kaffee und Kuchen und erzhlten sich dies
und das.

Auf einmal horchte Frau Gutgesell erschrocken auf: was war das, welcher
Lrm entstand drauen?

Da strzte auch schon Marie, die Magd, mit dem Schreckensruf in das
Zimmer: Feuer, Feuer!

Ein wildes Angstgeschrei erhob sich, alle Gste sprangen auf, eine
Kaffeetasse und der Milchtopf fielen um, Kuchenstcke und Arbeitsbeutel
rollten zu Boden, die Damen rannten hinaus und bald gellte der Angstruf:
Feuer, Feuer! bis auf die Strae hinaus.

Huh! schrie die Grnwarenhndlerin Lehmann und purzelte mit einem
Korbe unreifer Stachelbeeren auf die Strae. Alles was flinke Beine
hatte, rannte dem Rufe nach, alle Fenster ffneten sich, berall
schauten Leute heraus und einer fragte den andern: Wo brennt's denn?
Sieht man das Feuer?

Und pltzlich jagte eine wunderliche Gestalt aus dem Bckerhause heraus;
Heine war es. Er hatte sich in eine groe, rotkarierte Bettdecke
gewickelt, die ihm halb nachschleppte, ein dickes, blaugewrfeltes
Kopfkissen hielt er im Arm, als sei es ein kostbarer Schatz. Und so
rannte der Geselle die Marienstrae entlang und schrie unaufhrlich:
Feuer, Feuer!

Bald kamen von berall her die Menschen angerannt, die Feuerwehr kam mit
fr Neustadt ganz auergewhnlicher Eile angerasselt, sie hatte es
nmlich nicht weit.

Feuer, Feuer! schrie alles im Bckerhause; Meister Gutgesell rannte
hierhin und dahin. Ja, Potzwetter, wo brannte es denn?

In Heines Stube, rief Martin, und Meister und Altgeselle strzten
hinauf; Heine hatte seine Stube in der Mansarde.

Doch in der Stube war kein Fnkchen zu sehen, es roch kein Bichen nach
Rauch, etwas Merkwrdiges aber erblickte der Meister, das waren vier
Beine, die unter dem Bett hervorragten und die gerade, als er das Zimmer
betrat, zappelnd darunter verschwinden wollten. Kurz entschlossen
ergriff der Meister zwei Beine, Martin die anderen, und schwapp kamen
Severin und Wendelin mit feuerroten, verheulten Gesichtern unter dem
Bette vor.

Dumme Bengels, seid doch nicht so furchtsam, das ganze Haus brennt doch
noch nicht, wit ihr denn, wo's brennt?

Hup, hup, hup, schluchzte Severin, e--s brennt ja gar nicht!

Heine, heulte Wendelin, dachte, weil -- weil -- wir doch blo Spa
gemacht haben!

Feuer, Feuer, schrie es drauen, und der dicke Brandmeister Schulze
keuchte die Treppe im Bckerhause empor: Ja, wo brennt's denn, ich sehe
ja nichts und ich rieche nichts. Herr Meister, Herr Meister, sagen Sie
mir doch, wo es brennt?

Hier, brummte der Meister und -- klatsch bekam Wendelin einen
Katzenkopf rechts, und Severin einen links. Dann nahm der Meister seine
Buben beim Kragen und zog sie die Treppe mit hinunter. Es brennt gar
nicht, es brennt gar nicht, schrie er so laut, da es drhnend das Haus
durchhallte.

Der dicke Brandmeister kugelte vor Eilfertigkeit fast die Treppe
hinunter. Nicht spritzen, nicht spritzen, rief er seinen Leuten zu,
und das war gut, denn diese standen schon bereit und htten beinahe
einen Wasserstrahl in das offenstehende Fenster der Staatsstube gesandt.

Es brennt gar nicht, rief drauen einer dem andern zu. Die Buben
haben eine Dummheit gemacht, rief ein Lehrjunge, und gleich flog das
Wort weiter. Frau Lehmann, die noch immer inmitten ihrer verschtteten
Stachelbeeren sa, stand auf und rief entrstet: Was, es brennt nicht
einmal, da habe ich mich umsonst erschrocken, na, ich sag's ja, heillose
Buben sind's, die beiden!

Da kommt Heine, n, seht doch wie der Heine aussieht! riefen einige
Stimmen lachend. Heine rannte ganz verwirrt in das Bckerhaus zurck,
und als die Damen, die alle mit dem Meister, Altgesellen und
Brandmeister um die heulenden Buben herumstanden, den Gesellen in seinem
wunderlichen Aufzuge erblickten, lachten und schrieen sie: Himmel, wie
sieht der Mensch aus!

Zieh dich rasch an und dann komm und erzhle, was geschehen ist! rief
der Meister dem Gesellen zu.

Aber der war so verdattert, da er nur immer rief: Ich hab's doch Feuer
blasen hren, ganz gewi, ganz gewi!

Habt ihr geblasen? fragte der Meister seine Buben.

Ja, jammerten beide, blo -- 'n bichen.

Wo? fragte der Vater weiter und sah die beiden Schlingel strafend an.

Unter -- unter Heines Bett, kam ngstlich die Antwort.

Ach so, und der gute Heine hat geschlafen und ist von eurem Geblase
aufgewacht und hat gedacht es brennt, sagte der Meister
verstndnisvoll.

Pfui, ihr abscheulichen Jungens, schrie Heine und strzte mit seiner
Bettdecke und seinem Kopfkissen davon; er fing pltzlich an, sich
mchtig zu schmen, da er nun erst recht zur Besinnung kam.

Das ist meiner Seele eine hchst kuriose Geschichte, ich glaube, die
kommt in den Anzeiger! sagte der dicke Brandmeister. brigens mu Herr
Heine gewi noch Strafe fr unbefugtes Alarmieren der Feuerwehr zahlen!
Empfehle mich den Herrschaften. Herr Schulze ging davon, bald rasselte
die Feuerwehr durch die Marienstrae, oben in seinem Zimmer kroch Heine
wtend in sein Bett, die Damen kehrten an ihren Kaffeetisch zurck --
und die Buben?

Ach, die Buben! Schlge gab es freilich nicht, aber viel Kummer kam ber
beide. Severin spielte nicht mehr auf seiner Okarina, denn die
verschwand fr einige Zeit in des Vaters Schrank. Und der Bube dachte
manchmal seufzend: Htte ich meine dreiundachtzig Pfennige noch, dann
knnte ich mir dies oder jenes kaufen! Drei Tage Katzentisch gab es
auch, und am Katzentisch gibt es bekanntlich keine Leckerbissen. Das
allerschlimmste aber war, die Geschichte kam wirklich in den Neustdter
Anzeiger fr Stadt und Umgebung.

Wendelin und Severin wren am liebsten vor lauter Schmen im Bett
geblieben, so wenig sie auch sonst fr Kranksein schwrmten. Auch in ein
Mauseloch wren sie himmelgern gekrochen, nur gerade in die Schule zu
gehen, dazu hatten sie recht wenig Lust. Aber sie muten hinein, muten
alle Fragen und alle Neckereien aushalten, es zeigte sich hierbei
wieder, da gute Freunde schon etwas wert sind. Jrgel stand tapfer zu
den beiden, auch Fritz Brinkmann hielt zu ihnen, und ebenso Brigittchen
und Anne-Marte. Das sanfte Brigittchen wurde ganz kampfbereit, wenn
jemand etwas gegen die beiden Freunde sagte.

Freilich sprach ganz Neustadt von den Bckerbuben und von Heine mit dem
Bettuch und dem Kopfkissen. Es ist nun aber eine alte Geschichte, da
gemeinsames Leid verbndet, und Heine, der erst fuchswild ber den
Streich gewesen war, den die beiden ihm gespielt hatten, fand nun, es
sei gar nicht so schlimm gewesen wie die Leute die Geschichte machten.
Aus lauter rger darber shnte er sich mit den Buben aus; es wurde
wieder eine ganz dicke Freundschaft. Als die Grnwarenhndlerin Lehmann
einmal sagte: Sie haben mir recht leid getan, Herr Heine, die Bengels
drben sind auch recht schlimm, da brummte er: Sie haben eben immer
was an den Buben zu tadeln, Madame Lehmann, es soll jeder vor seiner
eigenen Tre kehren, die Buben sind besser als Ihre alten Holzpfel, die
sie mir vor etlichen Wochen verkauft haben!

Klaus Hippel aber sagte, es sei der beste Spa seit langer Zeit gewesen,
und weil der Pantoffelmacher lachte, lachten die Buben zuletzt auch. Da
hrten bald die Neckereien auf, das ist mal so, wer mitlacht fhrt am
besten. Am heitersten aber lachte Jantge ber die Geschichte, denn
Severin ging das nchste Mal doch mit in die Frhliche Einkehr, dort
shnte er sich mit Jantge und Karl aus und gab es auf, eiferschtig zu
sein.

Es kommt ja doch nichts dabei heraus.




                Die Schatzgrber finden einen Schatz.


Sommerreisen sind in Neustadt nicht eine so allgemeine Modesache, wie in
den groen Stdten. Die Erwachsenen fahren wohl hierhin und dahin, aber
die Familien, in denen Kinder sind, die bleiben gern daheim. Die meisten
Huser haben Grten, und wer selbst keinen Garten hat, der geht in
Nachbars Garten spielen; drauen im Freien, in dem schnen Wald, ist man
auch schnell genug. Ja, Neustadt ist so hbsch, da regelmig zwei alte
Prinzessinnen das sonst unbewohnte Schlo im Sommer beziehen. Sie kommen
jedes Jahr bald nach Pfingsten, manchmal auch vor dem Fest, und sie
bleiben, bis in dem alten Schlogarten die Bume ihre goldroten Kleider
angezogen haben.

Wenn die Prinzessinnen Emma und Marie, zwei freundliche, alte Damen,
Einzug halten, dann steht das ganze Stdtchen beinahe auf dem Kopf,
namentlich die Kinder laufen sich die Beine ab, um die Prinzessinnen zu
sehen, und drei Tage lang fragen sich die Leute untereinander: Hast du
sie schon gesehen? Nachher ist es eine gewohnte Sache, nur die Kinder,
die rennen jedesmal, wenn der frstliche Wagen zu sehen ist, hinterher,
schreien hurra und guten Tag; dies gehrt in Neustadt zum besonderen
Kindervergngen.

Etliche Tage nach dem blinden Feuerlrm hielten denn auch die
Prinzessinnen wieder ihren Einzug in Neustadt, und Severin und Wendelin
rannten trotz ihres Kummers auch an den Schloberg, um die Einfahrt mit
anzusehen. Sie schrieen hurra, so laut sie konnten; sie standen mit
Brigittchen, Anne-Marte und Jrgel zusammen und sagten auch, wie Klaus
Hippel immer sagte, wenn die Prinzessinnen da waren: So, nun ist es
richtiger Sommer!

Die beiden alten Damen nickten den Kindern freundlich zu, und Prinzessin
Emma sagte zu Prinzessin Marie: Glaubst du, da Kinder wo anders so
laut schreien knnen wie in Neustadt?

Nein, erwiderte Prinzessin Marie lachend, ich glaube es nicht, aber
hbsch ist doch unser Neustadt, ich bin doch recht froh, da ich wieder
da bin!

Ja, hbsch war es in Neustadt, in den sonnenhellen Sommertagen ebenso
wie in den heimlichen, traulichen Wintertagen. Die fnf Schatzgrber
fanden es in diesem Jahre besonders hbsch; es gab so viele lustige
Waldspaziergnge, zu denen die Geschwister Frhlich die Kinder
mitnahmen, und bei denen es allemal sehr vergngt zuging. Nur einen
Fehler hatten diese Tage, sie gingen immer mit der allergrten Eile zu
Ende. Die Sonne purzelte dann nur so in ihr Wolkenbett, wutsch, war sie
drin, zog sich ein dickes Wolkenkissen ber die Nase, und die Kinder
hatten das Nachsehen.

Immer weiter schritt der Sommer vor. Der Flieder verblhte, der Jasmin
duftete, und die Rosen entfalteten sich. Die Erdbeeren reiften, dann
auch das Strauchobst, und eines Tages hatte Frau Lehmann die ersten im
Lande gereiften Kirschen. Klaus Hippels Blumenbrettlein brach fast unter
seiner blhenden Flle, und von ihren Spaziergngen kamen die Neustdter
Kinder jetzt mit Kornblumenstruen beladen heim.

Und auf einmal waren die Sommerferien da. Sie wurden mit noch mehr Jubel
begrt als die Prinzessinnen, und durch Neustadts Straen und Glein
brauste an dem ersten Ferientage der Kinderjubel wie ein Strom.

Die fnf Schatzgrber saen auch an diesem ersten Ferientage auf der
Stadtmauer und schmiedeten Ferienplne -- von Schularbeiten stand aber
leider nicht viel darin. Wie die fnf Freunde so saen und schwatzten,
kamen auf einmal, von einer Hofdame und einem Kammerherrn gefolgt, die
beiden Prinzessinnen durch das Stadtwldchen daher. Die Kinder
erschraken, sie wren am liebsten schleunigst entflohen, daran war aber
nicht mehr zu denken. Wendelin zog zwar eiligst seine Beine hinauf,
dabei lste sich einer seiner Turnschuhe, die er trug, und plumps fiel
der Schuh gerade vor Prinzessin Emma nieder. Prinzessin Marie sah zu der
Mauer empor, und plumps, da fiel der zweite Schuh gerade vor ihrer Nase
auf den Weg.

Wie unschicklich, sagte das Hoffrulein entrstet und warf einen
strafenden Blick auf Wendelins braunbestrumpfte Fe, am linken guckte
die groe Zehe ganz lustig aus dem Strumpf heraus.

Die Prinzessinnen lchelten nachsichtig. Ja, sie blieben sogar stehen
und fragten die fnf Mauerschwalben gar freundlich nach ihren Namen. Das
war ein Ereignis! Die Kinder machten zwar kaum den Mund auf; nachher
taten sie sich aber unendlich wichtig, und selbst Heine sagte: Das
htte in der Zeitung stehen sollen, nicht die dumme Feuergeschichte!

Und was Heine sagte, das war wahr.

Die Prinzessinnen gingen auch, wie jedes Jahr, in den alten Stadtturm,
um sich die Aussicht und das Museum anzusehen, und Klaus Hippel und
seine Frau Paulinchen waren wie jedes Mal sehr stolz ber den Besuch.
Sonst hatten die Pantoffelmachersleute aber wenig Freude in diesen
warmen Sommertagen. Frau Paulinchen hatte einen schlimmen Fu bekommen,
und dann lastete noch schwer ein anderer Kummer auf den alten Leuten.
Bald nach Pfingsten hatte der Schwiegersohn, Friedrich Lange, zufllig
gehrt, wie zwei seiner jetzigen Arbeitsgenossen von ihm sprachen; der
eine sagte: Ich glaube es doch, da er ein Dieb ist und damals im
Herbst das Geld genommen hat. Sicher ist die ganze Geschichte nur
erlogen! Darauf sagte der zweite: Man mu sich vor ihm in Acht
nehmen! Der brave Friedrich Lange hatte gemeint, da der Verdacht, der
auf ihm ruhte, lngst vergessen wre, und das Wort Dieb traf ihn so
schwer, da er seitdem wie verstrt herumging. Seine Frau, seine
Schwiegereltern und seine Freunde, alle suchten ihn zu trsten, aber
vergeblich; der arme Mann wurde ganz tiefsinnig. Wenn einer ihn nur
ansah, dann dachte er schon: Er sieht in dir einen Dieb.

Es war ein Jammer; Frau und Kinder und die alten Eltern litten mit ihm,
und alle vermochten sie doch trotz ihrer innigen Liebe nicht zu helfen.
Viele Klagen hrte zwar niemand von den Pantoffelmachersleuten, aber die
alte Lustigkeit war wieder aus dem Turm entflohen.

So vergingen die Tage des Sommers in Heiterkeit fr die Kinder, in
Sorgen fr die Pantoffelmachersleute, und pltzlich hie es: In acht
Tagen fngt die Schule wieder an!

Es war ein trber, grauer Tag, an dem die fnf Schatzgrber den
Entschlu faten, endlich einmal die Ferienarbeiten richtig in Angriff
zu nehmen. Es wird auch Zeit, sagte Frau Doktor Fabian, ihr tut ja,
als wren die Bcher berhaupt nicht mehr auf der Welt.

Trotz aller guten Vorstze -- Anne-Marte hatte sich sogar Watte in die
Ohren gestopft, um nichts zu hren, was sie ablenken knnte -- wurde an
diesem Tage aus der Arbeit nicht viel. Es war so schwl, kein Lftchen
wehte, selbst die Erwachsenen seufzten bei ihrer Arbeit. Die Bume
standen so still in der grauen Luft, als wren sie aus Stein; unruhig
huschten die Schwalben ber den Kirchplatz; sie flogen so tief, da das
Gras, das hier und da zwischen den Steinen wuchs, von ihrer Berhrung
zitterte. Es wird ein Gewitter geben, sagten alle Leute und schauten
nach dem Himmel empor. Wie eine graue Decke hing der ber der Erde, von
der Sonne sah man nur einen blassen, hellen Schein.

Gegen zwei Uhr wurde es ganz dunkel. Klaus Hippel sah von seinem
Turmfenster aus dicke, schwere Wolken am Himmel emporsteigen, wie dunkle
Berge trmten sie sich auf, und oben hatten sie einen breiten,
schwefelgelben Rand. Es dauerte auch nicht lange, da sauste der Sturm
durch die Straen, das Gewitter brach los. Blitze zuckten; der Donner
rollte dumpf und drhnend, und pltzlich war es, als platzte der Himmel,
solche Regenmassen prasselten hernieder, und immer lauter heulte der
Sturm. Der alte Wachtturm schwankte ordentlich bei diesem Tosen des
Wetters, und die Pantoffelmachersleute schauten sich zagend an: So ein
Wetter haben wir lange nicht gehabt, murmelte Klaus Hippel. Und wie er,
so sagten auch die anderen Neustdter. Angstvoll blickte jeder hinaus,
und Schrecken ergriff alle, als die Feuerwehr klingelnd durch die
Straen fuhr; es hatte aber nur in einen Schornstein eingeschlagen. Dann
krachte wieder so ein heftiger Donnerschlag, da alle Fenster zitterten,
und auf dem Kirchplatz lag eine Linde zerschmettert am Boden. Der Sturm
ri Ziegel von den Dchern, und die Bume neigten sich tief vor seiner
Macht. Bis in die Nacht hinein dauerte das Unwetter, dann lie es nach,
und am nchsten Morgen strahlte die Sonne hell ber Neustadt. Alles
blinkte und blitzte wie frischgewaschen, und der Himmel hatte kein
Fleckchen an seinem blauen Kleid. In dem hellen Sonnenschein aber sah
man recht, wie arg das Unwetter gehaust hatte; in den Grten waren die
Beete zerwhlt, und der kleine Mhlbach am sdlichen Stadtende gebrdete
sich wie ein wildgewordener Strom, so dick geschwollen vom Regenwasser
brauste er einher.

Im Stadtwald, auf den Promenaden lagen entwurzelte Bumchen und Haufen
niedergebrochener ste.

Da knnte man gut Reisig sammeln, meine Holzkammer ist ohnehin leer,
sagte Frau Paulinchen betrbt, als Brigittchen, Anne-Marte, Jrgel und
die beiden Bckerbuben ihr am Nachmittag erzhlten, wie es drauen
aussah. Die Kinder waren gekommen, um zu fragen, ob der Turm bei dem
Sturm geschwankt htte; Jrgel hatte nmlich gesagt, dies knnte wohl
sein.

Natrlich hat er geschwankt, wie ein Baum, hin und her! sagte Klaus
Hippel, der fast beleidigt war, da seinem Turm so wenig zugetraut
wurde.

Die Kinder bedauerten einstimmig, da sie nicht dabei gewesen wren,
aber Mutter Paulinchen sagte, es wre sehr unheimlich gewesen. Dann
seufzte sie wieder: Ach knnte ich doch heute ordentlich Reisig suchen
gehen, aber mein Fu ist zu schlimm!

Und ich mu die Pantoffeln hier heute noch liefern, brummte Klaus
Hippel. Schade, heute ist gerade Freiholztag!

Wir wollen Reisig suchen, rief Anne-Marte vergngt. Ja, stimmten
Jrgel, Brigittchen und Severin freudig ein, nur Wendelin war von dem
Plan nicht sehr entzckt.

Na, du mit deinem weien Kleid, Brigittchen, da mchte deine Tante
schn schelten! meinte Mutter Paulinchen bedenklich. Ach, ich laufe
fix zu Frida Mller, die borgt mir eine Schrze, sagte Brigittchen,
dann holen wir Holz, deinen ganzen Stall voll.

Schwupps, war die Kleine auch schon zur Tre hinaus, und Anne-Marte
folgte ihr. Frida Mller war die Tochter einer Waschfrau, sie war in
gleichem Alter mit Brigittchen und Anne-Marte. Ihre Mutter wusch bei
Fabians und bei Schns, und Frida holte sie manchmal ab und spielte dann
mit den Freundinnen, die Frida beide sehr nett fanden. Die Waschfrau
Mller wohnte in der Turmgasse, die dicht am alten Stadtturm lag, es war
also kein weiter Weg, den die Mdels zurckzulegen hatten. Und Frida war
daheim und sehr bereit, zu helfen. Sie holte rasch einen blauen Rock und
eine Schrze herbei, ja ein Kopftuch holte sie auch, weil Brigittchen
ihren weien Staatshut aufhatte, und statt der feinen, braunen Schuhchen
zog diese ein Paar von Fridas Alltagsschuhen an.

Bald war die Kleine in ein richtiges Holzmdel umgewandelt, auch
Anne-Marte bekam eine blaue Schrze und ein Kopftuch, und Frida Mller
sagte noch: Es kann alles schmutzig werden, es geht zu waschen.
Kichernd vor Vergngen kamen nach einem Weilchen beide in den Turm
zurck.

Potzhundert, ihr seht aber schmuck aus! rief Meister Hippel lachend,
nun bin ich nur neugierig, wie viel Reisig ihr anbringen werdet!

Schrecklich viel, riefen alle fnf, dann eilten sie hinaus, dem
Stadtwald zu. Sie fanden, es sei ein wundervolles Vergngen, Reisig zu
suchen. Namentlich da so viele ste am Boden lagen, da brauchte man nur
zuzugreifen.

Ein bichen na war es zwar von dem gestrigen Regen, aber das strte die
Kinder weiter nicht, sie suchten mit brennendem Eifer, und bald war der
kleine Handwagen, den die Pantoffelmacherin ihnen mitgegeben hatte,
hochbeladen. Nun nehmen wir jeder noch ein kleines Bund auf den
Rcken, schlug Jrgel vor, na, dann soll Meister Hippel uns aber nicht
auslachen!

Wendelin brummte ein wenig, er war nicht sehr dafr eingenommen, da er
sich so oft bcken mute, aber weil Brigittchen so voll Eifer war, tat
er auch mit.

Ich bin Pferd, rief Anne-Marte, als alle Bndel fertig waren.

Ich auch, schrie Severin.

Und wir sind Vorreiter, rief Jrgel und fate Brigittchens Hand, und
lustig ging die Fahrt los.

Wendelin mu schieben. Aber ordentlich, nicht blo so tun, gebot
Anne-Marte.

Ein bichen seufzend gehorchte Wendelin, er wre lieber Kutscher gewesen
und htte sich ziehen lassen.

Das war eine lustige Fahrt durch den Wald mit dem beladenen Wagen. Die
beiden Pferde rasten in wilder Eile vorwrts, aber die Vorreiter waren
noch geschwinder. Am Rande des Wldchens, da wo die Stadtmauer anfngt,
stolperte Brigittchen pltzlich an einem kleinen Abhang, und trotz
Jrgels freundlicher Mahnung, nicht zu fallen, lag sie pltzlich platt
am Boden in dem feuchten Moos. Ihr erster Gedanke war: Gut, da ich
mein weies Kleid nicht anhabe. Dann aber sah sie auf einmal etwas
Merkwrdiges vor sich im Moos liegen, und sie blieb einfach liegen, um
sich das Ding genauer anzusehen.

Steh doch nur auf, mahnte Jrgel, hast du dich geschlagen?

Nein, erwiderte Brigittchen sehr vergngt und krabbelte empor, sieh
mal, ich hab' hier was gefunden.

Sie erhob sich und reichte Jrgel ein schwarzes, nasses Ding hin, das
der verwundert von allen Seiten betrachtete. Es ist so schmutzig,
sagte er verchtlich.

Aber so schwer, meinte Brigittchen, es ist ein Paket, wer wei was
drin ist.

Na, Kuchen sicher nicht! rief Jrgel neckend.

Ein Schatz vielleicht, sagte Brigittchen, ich nehme das Paket Vater
Klaus mit!

Vorsicht, aus dem Wege! riefen jetzt Anne-Marte und Severin; sie
fuhren mit ihrem Wagen den Abhang hinunter. Wendelin schien zu denken,
es ginge bergauf, er schob mit aller Macht und pardauz berschlug sich
der Wagen am Abhang. Die Reisigbndel flogen hierhin und dahin,
Wendelin, durch den jhen Anprall erschreckt, scho in einem weiten
Purzelbaum ber alles hinweg, und eine Weile kollerten Kinder, Wagen und
Reisigbndel durcheinander. Dem armen Wagen knackten alle Knochen im
Leibe, den Kindern hatte das Durcheinander aber weiter nichts geschadet,
sie fanden es vielmehr hchst lcherlich. Wer nicht gefallen war, setzte
sich ins Moos, um sich ordentlich auszulachen. Heil, unzerbrochen, nur
ein wenig schmutzig, standen sie endlich auf.

Mein schwarzes Ding, rief Brigittchen, die noch am Boden sa, und sah
sich suchend um.

Es war weg, und Anne-Marte rief: La es doch liegen. Aber Brigittchen
wollte ihren Fund nicht im Stich lassen, und so halfen ihr denn auch die
anderen suchen. Schlielich fand es sich, da Brigittchen auf dem
schwarzen Ding gesessen hatte, was zu neuem Gelchter Anla gab. So
kamen die Fnf lachend und hchst vergngt mit ihrer Holzlast am Turm
wieder an, und Mutter Paulinchen kam erfreut die Treppe herab gehumpelt.
Das lobe ich mir, sagte sie, nein, so eine Freude!

Jetzt mu Vater Hippel aber noch meinen Fund sehen, rief Brigittchen
und hopste die Treppe hinauf, und oben hielt sie dem Pantoffelmacher das
schwarze Ding vor die Nase: Das hab' ich gefunden!

Was ist denn das? brummelte der, ist wohl gar 'n toter Maulwurf oder
so was!

Die Kinder kicherten, der Alte aber rckte seine Brille zurecht, um den
Fund genauer anzusehen. Aber pltzlich wurde er leichenbla und seine
Hnde zitterten. Hastig lste er einen Riemen, mit dem das schwarze Ding
zugeschnallt war, eine rotbraune, aber auch verwitterte Tasche kam
heraus. Mutter! rief Klaus Hippel mit bebender Stimme, Mutter,
wahrhaftig, es ist die Tasche von unserm Friedrich!

Du lieber Gott! stammelte Frau Paulinchen und faltete die Hnde, wie
ist das mglich?

Die Kinder standen in stummem Staunen da, wie ein Mrchen schien ihnen,
was sie sahen. Der alte Mann hatte unterdessen die Tasche geffnet, in
der einige schwere Rollen steckten. Das Geld ist drin, lieber Gott, ist
das ein Glck! murmelte er, und dicke Trnen liefen ber seine
gefurchten Wangen. Und dann lagen sich die beiden alten Leute in den
Armen und weinten und lachten, und die Kinder jubelten mit ihnen. Es
war feierlicher als Weihnachten, sagte Brigittchen spter.

Unsere Kinder mssen es wissen, sagten die Alten.

Wir gehen hin und sagen es, riefen die Kinder wie aus einem Munde, und
ehe Pantoffelmachers noch etwas sagen konnten, strmten sie schon alle
fnf die Treppe hinab. Die Turmgasse entlang gings, an Frida Mller
vorbei, und Brigittchen dachte gar nicht an ihren seltsamen Anzug.

Das Kontor des Herrn Schn lag am Markt, dorthin lenkten die Kinder ihre
Schritte, denn dort war um diese Zeit Friedrich Lange zu finden. Es war
ein hohes, altes Haus, in dem sich das Kontor befand. Durch einen
breiten, gewlbten Hausflur ging es hindurch und schrill schlug die
Klingel an, als die Kinder ffneten. Herr Schn stand gerade in dem
ersten Arbeitszimmer und sprach mit dem Brgermeister, der ihn besucht
hatte und nun wieder gehen wollte. In diesem Augenblick strmten
atemlos, na, schmutzig und zerzaust die fnf Kinder ohne weiteres
herein, und alle fnf zusammen schrieen sie: Wir haben das Geld
gefunden, die Tasche, die --

Welches Geld, welche Tasche? Ja, was soll denn das heien? rief Herr
Schn verblfft. Dann erkannte er sein Tchterchen und sagte rgerlich:
Aber Kind, wie siehst du aus! Doch Brigittchen, die sonst bei jedem
Tadel am liebsten weinte, war ber ihren Fund so aufgeregt, da sie laut
jubelte: Ich habe die Tasche gefunden, die richtige Tasche, Klaus
Hippel sagte es, und das Geld wre auch drin!

Brigittchen hat die Tasche gefunden! jauchzten die anderen Kinder,
Friedrich Langes Tasche!

Meine Tasche! schrie Friedrich Lange; er sprang von seinem Platze auf,
wo er Pakete gepackt hatte, ist's wahr, ist's wahr?

Ja, sagten die Kinder leise und sahen schchtern auf den Mann, der
sich an die Wand lehnen mute, um nicht umzusinken. Er faltete die
zitternden Hnde und schluchzte: Mein Gott, ich danke dir, nun darf
mich niemand mehr einen Dieb nennen!

Herr Schn und der Brgermeister sahen erschttert auf Friedrich Lange;
sie fhlten es jetzt beide, wie sehr der gelitten haben mochte. Die
Kinder muten nun von ihrem Fund erzhlen, und sie taten das mit mehr
Eifer und Geschrei, als gerade gut war, um aus der Geschichte klug zu
werden. Manchmal schrieen sie alle fnf durcheinander, und Brigittchen
war so bei der Sache, da sie sich sogar platt auf die Erde warf, um die
Sache recht anschaulich zu machen. Herr Schn sah ganz erstaunt auf sein
Tchterchen, er kannte das daheim so stille Kind gar nicht wieder, nein,
und was fr einen seltsamen Anzug sie nur trug und wie schmutzig sie
aussah! Aber Brigittchen merkte davon in ihrer Herzensfreude nichts, sie
lief auch mit ihren Freunden mit, als die beiden Herren und Friedrich
Lange eiligst zu dem Pantoffelmacher gingen, um zu sehen, ob es auch
wirklich die rechte Tasche sei, die gefunden worden war.

Friedrich Lange konnte kaum sprechen, und die alten, steilen Turmtreppen
sprang er nur so empor, und dann sah er schon bei seinem Eintritt auf
dem Tisch die Tasche liegen, die ihm und den Seinen so viel Kummer
bereitet hatte. Eine Nachbarin hatte inzwischen eiligst Frau Lange und
die Kinder herbeigeholt, und die Familie stand andachtsvoll vor dem
Tisch; ach, nun hatte ihr Kummer ein Ende!

's ist nicht zu sagen, nicht zu sagen, was fr Dinge alles auf der Welt
passieren, schrie Klaus Hippel und rannte aufgeregt in der Stube herum,
aber freilich, wo anders mag nicht so viel geschehen als gerade in
Neustadt. Meine Gte, meine Gte, so eine Stadt, und solche Kinder, die
Holz holen und Taschen finden! Paulinchen, koch' Kaffee, mir wird es
schwach! Und Paulinchen kochte Kaffee; Herr Schn aber versprach, er
wolle zur Feier des Tages eine Flasche Wein schicken, worber der
Pantoffelmacher in neue Aufregung geriet.

Es war ein Leben in dem kleinen Turmstbchen, da der alte Turm beinahe
vor Staunen zu wackeln begann. Und dann redeten alle davon, wo wohl die
Tasche gesteckt haben mchte. Sie hatte sicher wohl geborgen unter Moos
und Laub am Waldrand gelegen und der heftige Gewitterregen hatte sie
emporgesplt.

Nun haben wir doch einen Schatz gefunden, jubelte Brigittchen und
tanzte mit Anne-Marte in der Stube herum, obgleich das bei der Enge, die
herrschte, kaum mglich war. Tralala, tralala, wir haben einen Schatz
gefunden!

Dann liefen die Mdels zu Frida Mller und tauschten ihre Kleider ein;
sie erzhlten die wunderbare Geschichte, und Frida Mller sagte, es wre
doch fein, da Brigittchen gerade ihre, Fridas Sachen, dabei angehabt
htte. Nachher liefen alle fnf Schatzgrber zu den Eltern, zu
Frhlichs, und jedem, den sie dabei noch unterwegs trafen, erzhlten sie
von ihrem Fund. Die Bckerbuben erzhlten es sogar, trotz sonstiger
Feindschaft, der Grnwarenhndlerin Lehmann, und diese fand die Sache so
erstaunlich, da sie jedem Buben eine Birne gab und sagte: Erzhlt es
nochmal, recht langsam, und quatscht nicht so durcheinander, damit ich
alles verstehe. Wir sind ja verwandt, Friedrich Lange und ich, seine
Gromutter und meiner Schwiegermutter Tante waren Cousinen im dritten
Grade. Nein, da ihr dummen Bengels auch immer dabei sein mt, wenn
etwas los ist!

Klaus Hippel guckte von diesem Tage an wieder mit so frohen Augen von
seinem Turm ins Weite, wie ein Knig ber sein Land. Mutter Paulinchens
Fu ward auch bald besser, und die Blumen am Turmfenster blhten so
ppig, als wollten sie ein Lob- und Danklied singen. Das sagte Friedrich
Lange; freilich, der hrte in diesen Tagen, die kamen und gingen,
berall Lob- und Danklieder, in seinem Herzen selbst aber erklang das
frhlichste Danklied.




       Eine Geschichte, die traurig anfngt und frhlich endet.


Gerade am letzten Tag der groen Ferien wurde Brigittchen krank. Es war
kein Schulfieber, wie es wohl manchmal kleine Faulpelze bekommen, wenn
sie wieder zur Schule gehen sollen, denn Brigittchen ging gern zur
Schule. Die Kleine war auch am Tage vorher vergngt gewesen wie ein
kleiner Spatz, der einen frchtereichen Kirschbaum entdeckt hat. In der
Nacht aber bekam sie pltzlich Halsschmerzen, und als Doktor Fabian am
nchsten Tage kam, da machte er gleich ein recht ernstes Gesicht.

Bald wute es die ganze Nachbarschaft, Brigittchen Schn ist krank. Und
leise sagten die Leute zu einander: Es steht schlimm mit der Kleinen,
sie wird vielleicht sterben. Wie ein leises Weinen erklang dies Wort da
und dort im Stdtchen. Auch Anne-Marte, Jrgel und die beiden
Bckerbuben hrten es, und auf einmal war alle ihre Lust am Spiel dahin.
Ihr Lachen verstummte, bedrckt gingen sie zur Schule, und nach der
Schule liefen sie auf den Kirchplatz und sahen zu dem Schnschen Hause
empor. Dort hinter den wei verhngten Fenstern lag ihre holde, kleine
Freundin krank, so schwer krank. Anne-Marte weinte und die Buben machten
wtende Gesichter, als knnten sie damit die Krankheit vertreiben. Dann
rannten sie zu den Pantoffelmachersleuten in dem alten Stadtturm, um
dort von Brigittchen zu sprechen. Frau Paulinchen sa auf ihrer bunten
Truhe und weinte sich schier die Augen aus, und Klaus Hippel murmelte
immer traurig vor sich hin: Unser Brigittchen ist krank, ach nee, unser
liebes Brigittchen!

Was war aber all die Sorge der anderen Leute gegen die heie Angst, die
der Vater um sein Kind im Herzen trug. Herr Schn wich nicht von dem
Bett seines Lieblinges, und sein Denken war ein einziges stummes Gebet:
Lieber Gott, erhalte mein Kind! Mit ihm aber wachte noch jemand Tag
und Nacht bei der kleinen Kranken, Helene Frhlich war es. Am ersten
Tage war sie still in das Zimmer getreten, sie war mit einem lieben
Lcheln und warmen, trstenden Worten gekommen. Wie die Sonne im Mrz
die Frhlingshoffnung bringt, so brachte Helene Frhlich die Hoffnung
ins Krankenzimmer. Es mu ja besser werden, dachte der Vater, wenn er in
die lieben Augen der freundlichen Pflegerin schaute. Und alle im Hause
fanden, es sei ein rechter Trost, da Frulein Helene da sei, und
Brigittchen fand sogar das Kranksein nicht schlimm, wenn Tante Helene am
Bett sa, die Medizin reichte und ganz sachte und lind ber die
fieberheie Stirne strich.

Und wie der Vater, so betete auch Helene Frhlich im Herzen in jeder
Stunde: Lieber Gott, erhalte das Kind! Das Gebet, das so aus tiefstem
Herzensgrunde emporstieg, fand Erhrung, und es kam der Augenblick, da
Doktor Fabian tief aufatmend sagte: Gottlob, nun ist die Gefahr
vorber!

Wie ein Jubelruf klang das Wort ber den Kirchplatz hin, in die Gassen
und Gchen hinein. Brigittchen Schn wird gesund! Wissen Sie schon,
dem Brigittchen geht es besser, sagten die Leute zu einander. In einer
kleinen Stadt ist das halt anders, wie etwa in London, Berlin oder sonst
einer groen Stadt, wo die Leute nicht wissen, wer im Hause Freude oder
Leid trgt. In Neustadt kmmert sich eben einer um den andern, manchmal
vielleicht ein bichen viel, und Klatsch und Tratsch entsteht daraus,
aber in Trauerstunden und Freudentagen mchte doch keiner die Teilnahme
der anderen entbehren.

Brigittchen Schn geht es besser, sagte darum auch die Bckermeisterin
Gutgesell zu jedem, der in den Laden kam, und die gute Frau hatte
darber eine solche Herzensfreude, da sie gleich einem armen Weibe ein
groes Stck Kuchen zum Brot zugab.

Brigittchen wird gesund, riefen auch Wendelin und Severin und
purzelten in der Seligkeit ihres Herzens in Frau Lehmanns
Grnwarenkeller hinein.

Du meine Gte, nee ist das eine Freude! rief diese und verga mal
wieder, da sie sich eigentlich immer ber die Buben rgerte.

Am Bett der kleinen Kranken aber saen der Vater und Helene Frhlich
still beieinander, Hand in Hand. Die Sorge um das Kind, das ihnen beiden
so lieb war, hatte sie vereint, und Helene Frhlich hatte versprochen,
sie wollte Brigittchen eine treue Mutter werden. Als die Kleine nach
langem, gesunden Schlaf die Veilchenaugen aufschlug, da beugte sich
Tante Helene ber sie und sagte liebevoll: Nun will ich immer deine
Mutter sein!

Mutter, flsterte Brigittchen selig, ach, nun habe ich auch eine
Mutter, wie Jantge!

Freude hilft gesund machen. Dem Brigittchen half sie sicher. Das geht
ja wie mit 'nem Schnellzug, sagte Doktor Fabian, potzwetter, das htte
ich nicht gedacht, da unser Sorgenkind so schnell gesund werden wrde.
Freilich, wenn einen Vater und Mutter so gut pflegen, da ist es keine
Kunst!

Es dauerte denn auch nicht lange, da fuhren Vater und Mutter mit
Brigittchen im Sonnenschein spazieren. Hinter dem Wagen her liefen mit
einem ungeheuren Freudenschrei alle Buben und Mdels vom Kirchplatz, aus
der Marienstrae und aus den Glein ringsum. Es war just so, als
hielten die Prinzessinnen Einzug. Und Brigittchen sa im Wagen und
lachte so vergngt, da sie ganz rosige Bckchen bekam. Wie wunderschn
war es doch auf der Welt!

Aus dem Fenster des alten Stadtturms sahen Klaus Hippel und Frau
Paulinchen ber das Blumenbrettlein hinweg und beide nickten und
winkten, als Brigittchen unten vorbeifuhr. Der Pantoffelmacher aber
sagte: Es ist eine richtige, feine Geschichte, wie das Brigittchen zu
einer Mutter gekommen ist. Ich sag's ja immerzu, in Neustadt passiert so
viel, wie nirgends in der Welt. Nee, nee, und die dummen Leute sagen
immer, so 'ne kleine Stadt sei langweilig!

Der Sommer verging und der Herbst kam. An einem Oktobertag, der so warm
und hell war, da er ganz gut htte sagen knnen: Schaut mich nur an,
ich bin eigentlich ein Augusttag! sangen und tnten die Glocken von St.
Marien: Hochzeit, Hochzeit! In allen Ecken und Winkeln des Stdtchens
hrten die Leute das Singen und Klingen, hrten es, da Herr Schn und
Helene Frhlich Hochzeit feierten miteinander. Glck und Heil!
jubelten die Glocken, und Glck und Heil, Freude und Segen, sangen auch
die Glocken in manchen Herzen. Es gab in Neustadt viele Menschen, die
sich ehrlich mitfreuten und die dem Brautpaar gute Tage wnschten.

Der ganze Kirchplatz und die Marienstrae dazu aber waren vom frhen
Morgen an in groer Aufregung. Vom Hause der Braut aus bis zur Kirche
waren Teppiche gelegt und Blumen gestreut, und ber Teppiche und Blumen
hinweg schritt Helene Frhlich in die alte Kirche hinein. Sie ist so
schn wie eine Rose, sagten die Leute; die alte Dorothee aber dachte in
ihrem Herzen: Sie ist so schn, weil sie so gut ist.

Blitzeblank, in neuen Kleidern und Anzgen, die Augen so strahlend, als
wren sie frisch geputzt, gingen die fnf Schatzgrber, Jantge und Karl
vor dem Brautpaar her und streuten Blumen. Sie kamen sich alle mit
einander ungeheuer wichtig vor. Wendelin und Severin trugen ihre Nasen
so hoch, als hinge an der obersten Kirchturmspitze eine Blume, an der
sie riechen mten.

Frau Lehmann sah die Buben ganz verdutzt an und sagte zu Heine, der
neben ihr stand: Man erkennt wirklich die Bengels kaum wieder, so
manierlich sehen die aus.

Es war eine frhliche Hochzeit, die nicht nur in dem alten Haus am
Kirchplatz gefeiert wurde, die auch die alten Frauen im Gertrudenspital
feierten, Pantoffelmachers im Stadtturm, und manche arme Familie da und
dort. Helene Frhlich hatte schon dafr gesorgt, da es an ihrem
Hochzeitstag auch anderen gut ging. Und lustig, wie berall, ging es
auch am Kindertisch zu. Anne-Marte kam zuletzt gar nicht mehr aus dem
Lachen heraus, und die Bckerbuben hatten nur eine Klage, die, da man
sich in guten Anzgen in Acht nehmen mu. Jrgel hielt sogar eine Rede,
gerade so, wie es Doktor Frhlich am Tisch der Groen tat. Seine
Gefhrten sagten alle, er wrde gewi noch mal ein Dichter werden, es
wre zu fein gewesen.

Die strahlendsten Augen aber hatte Brigittchen, und in ihrem Herzlein
sang und klang auch eine Glocke: Mutter, Mutter, Mutter! tnte das
immerzu. Und zwischen dem Elternpaar, das an der Hochzeitstafel sa, und
ihrem kleinen Mdel am Kindertisch, ging immerzu ein Nicken und Winken
hin und her, das hie: Ja, wir sind glcklich, wir drei zusammen.

Dann war das Fest zu Ende, die Lichter verlschten, die Gste gingen
nach Haus. Nun wird es aber wieder einsam im Hause werden, sagte
Doktor Frhlich ein wenig betrbt, als seine Schwester mit ihrem Manne
Abschied nahm. Nun lt du mich wieder allein!

Ich gehe ja nur ber den Kirchplatz, nicht nach London, Brderlein,
trstete diese, ich bleibe ja in Neustadt!

Ach ja, in Neustadt, sagte der Doktor vergngt, es ist uns beiden
wirklich eine Heimat geworden.

Ja, eine Heimat, eine liebe Heimat, rief Helene dankbar, es ist gut
sein in ihr. Ich glaube beinahe, Klaus Hippel hat Recht, Neustadt ist
eine ganz besondere Stadt!

Bum schlug die Uhr von St. Marien, es war, als wollte sie rufen: So
ist es recht!

Und wer es nicht glaubt, da Neustadt eine besondere Stadt ist, ja der
mu eben zu Klaus Hippel gehen und fragen, der berzeugt ihn sicher.




                         Inhalts-Verzeichnis.


                                                            Seite
   Ankunft in Neustadt                                          5
   Die fnf Schatzgrber                                       12
   Gertrudis. Eine Geschichte aus alten Zeiten                 30
   Weihnachtsaugen                                             48
   Ein Fastnachtsspiel                                         62
   Durch der Schneeknigin Reich                               80
   Osterwasser                                                 92
   Der goldene Groschen                                       103
   In der frhlichen Einkehr                                  111
   Christoffel will ein Knig werden!                         124
   Mohrchen                                                   144
   O diese Bckerbuben                                        153
   Die Schatzgrber finden einen Schatz                       163
   Eine Geschichte, die traurig anfngt und frhlich endet    175




Anmerkungen zur Transkription


Die Schreibweise und Grammatik der Vorlage wurden weitgehend
beibehalten. Lediglich offensichtliche Fehler wurden berichtigt wie hier
aufgefhrt (vorher/nachher):

   [S. 13]:
   ... pfiff Mausel, der Dompfaff, vergngt: O Tannnenbaum, o
       Tannenbaum, ...
   ... pfiff Mausel, der Dompfaff, vergngt: O Tannenbaum, o
       Tannenbaum, ...

   [S. 47]:
   ... das letzte Wort gespochen hatte. ...
   ... das letzte Wort gesprochen hatte. ...

   [S. 62]:
   ... wre selbst allen schnen Frauen und Rittern im Zauberwalde
       Irgendwo ...
   ... wre selbst allen schnen Frauen und Rittern im Zauberwalde
       irgendwo ...

   [S. 121]:
   ... Erst als ein dunkter Schatten auf ihre Arbeit fiel, sah sie
       auf. Vor ...
   ... Erst als ein dunkler Schatten auf ihre Arbeit fiel, sah sie
       auf. Vor ...

   [S. 157]:
   ... vollen Backen auf seiner Okarina blie. Uhuhuhu -- pfpfpf
       ging das, ...
   ... vollen Backen auf seiner Okarina blies. Uhuhuhu -- pfpfpf
       ging das, ...

   [S. 159]:
   ... Huh! schrie die Grnewarenhndlerin Lehmann und purzelte
       mit ...
   ... Huh! schrie die Grnwarenhndlerin Lehmann und purzelte mit ...






End of the Project Gutenberg EBook of Kleinstadtkinder, by Josephine Siebe

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number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

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facility: www.gutenberg.org

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Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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