The Project Gutenberg EBook of Politische Schriften und andere Nachtrge
zu seinen Werken, by Heinrich von Kleist

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Title: Politische Schriften und andere Nachtrge zu seinen Werken

Author: Heinrich von Kleist

Editor: Rudolf Kpke

Release Date: January 20, 2016 [EBook #50979]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK POLITISCHE SCHRIFTEN UND ***




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                        Heinrich von Kleist's
                         Politische Schriften
                                 und
                  andere Nachtrge zu seinen Werken.


                         Mit einer Einleitung
                     zum ersten Mal herausgegeben
                                 von
                            Rudolf Kpke.

                            Berlin, 1862.
                       Verlag von A. Charisius.
                     Lderitz'sche Buchhandlung.

                         Friedrich von Raumer
                              zur Feier
                seines sechszigjhrigen Amtsjubilums
                         am 8. December 1861
                      in aufrichtiger Verehrung
                               gewidmet
                                 von
                           dem Herausgeber.






Nur Wenigen ist es beschieden, den Lebenstag zu sehen, der Ihnen,
hochverehrter Herr, heute festlich anbricht. Den Zeitraum eines halben
Jahrhunderts in demselben Kreise durchschritten zu haben, ist kein
alltglicher Ruhm unter Menschen, dasselbe Zeitma in verschiedenen
Kreisen des Wirkens zu erfllen, ist dem Einzelnen noch seltener
vergnnt; doch wo fnf reichen Jahrzehnten ein sechstes hinzugelegt
wird, ist es unter den seltenen Festen das seltenste.

Ihnen hat das gegenwrtige Jahr nicht einen, sondern eine Reihe von
Festtagen gebracht, die ein halbes Jahrhundert Ihres Wirkens in
Wissenschaft und Lehramt abschlieen, und vor wenigen Wochen noch mit
dem goldenen Kranze des huslichen Glcks gekrnt worden sind. Der
heutige Tag vollendet Ihr sechszigstes Jahr im Dienste des Vaterlandes.
Wer das in ungeschwchter Kraft des Geistes und Krpers erlebt, den
mchte man versucht sein jenen Mnnern des Alterthums beizuzhlen, die
der hellenische Weise vor allen glcklich pries. Denn Glck ist die
reine Entfaltung der eigenen Natur nach ihrem Gesetze, im Einklange
zugleich mit dem groen Ganzen, dessen dienendes Glied zu sein der
Einzelne bestimmt ist. Eine solche harmonische Verbindung ist das freie
Geschenk hherer Macht, darum ist ein Tag wie der heutige ein Tag des
Glckwunsches, das heit der dankbaren Anerkennung menschlicher Lebens-
und Entwicklungsflle.

Sechszig Jahre, mehr als ein Drittheil unserer Preuischen Geschichte,
berschauen Sie als Staatsmann, als Lehrer und Geschichtschreiber. Von
sieben Knigen haben Sie fnf erlebt und dreien treu gedient. Das
Preuen Friedrichs des Groen, den tiefen Fall der alten Staatsformen
haben Sie gesehen, und dem reformatorischen Gesetzgeber thatkrftig zur
Seite gestanden, als er die Grundlagen des neuen Staates vorbereitete;
Sie sind Zeuge gewesen der groen volksthmlichen Erhebung, haben Ihren
Theil gehabt an den Zeiten innerer Ruhe und wissenschaftlichen Ruhms,
und eine zweite tiefe Erschtterung berwinden helfen, um nochmals in
eine neue Umgestaltung des ffentlichen Lebens einzutreten. Zu allen
Zeiten haben Sie fr Gesetz und volksthmliche Freiheit, fr den Knig
wie fr das Vaterland, fr Preuen wie fr Deutschland als untrennbare
Mchte, mit den Besten im Bunde, unermdet und mavoll gestritten, und
die Unabhngigkeit des Urtheils und Charakters frei bewahrt.

Als Forscher und Geschichtschreiber haben Sie die Vergangenheit des
deutschen Vaterlandes in umfassender Weise zuerst erschlossen, und die
verschiedenen Zeitalter des menschlichen Geschlechts durchmessen. So
mchte ich Ihnen nachrhmen, was ein alter Schriftsteller von einem
Geschichtschreiber seiner Zeit sagt, das schnste Loos sei es
Schreibenswrdiges gethan, Lesenswrdiges geschrieben zu haben. Mgen
Sie mir verstatten das auszusprechen, da Sie, obgleich nicht selten
verkannt, dennoch stets ein Verkleinerer Ihrer selbst gewesen sind.

Als einen ffentlichen Ausdruck dieser Gesinnung, die ich Ihnen lngst
im Herzen bewahre, bitte ich Sie die folgenden Bltter betrachten und
annehmen zu wollen. Ein Zeichen sollen sie sein wissenschaftlicher
Anerkennung, das ein jngerer Fachgenosse Ihnen darzubringen wnscht,
rein menschlicher Hochachtung und aufrichtiger Uebereinstimmung in den
groen Fragen des Lebens, und endlich des Dankes fr die
freundschaftliche Theilnahme, die Sie mir stets bewiesen haben.

Fr diesen Zweck schienen mir diese Bltter vornehmlich geeignet. Denn
sie sind ein Erbstck aus dem Nachlasse des groen Dichters, in dessen
Verehrung und Liebe, wir, wie verschieden an Lebensalter und Stellung,
einander zuerst freundschaftlich begegnet sind; ein bisher unbekannter
Beitrag zu unserer nationalen Litteratur, der Sie, wie der Kunst, auch
unter historischen Studien und politischen Kmpfen eine jugendfrische
Neigung gewahrt haben; der Gesinnungsausdruck eines ebenso hochbegabten
als unglcklichen Dichters, der wie Sie fr die Wiedergeburt des
Vaterlandes gestritten, den Sie selbst noch von Angesicht gekannt haben.
Es irrt mich nicht, da die Berhrungen zwischen Ihnen, dem Staatsmanne,
und dem Dichter nicht freundlicher Art gewesen sind. Persnlich
unangenehme Erfahrungen haben Sie niemals gehindert gerecht zu sein, und
Sie haben darum weder dem Menschen Ihre Theilnahme noch dem Dichter Ihre
Anerkennung versagt. Die damals ausgesprochene Vershnung wird heute zur
historischen Shne. Der Dichter ist nach schwerer Verirrung eingegangen
in die Ehrenhalle unserer Litteratur; Sie haben seitdem fnfzig Jahre
des reichsten Wirkens durchlebt, und stehen heute als gefeierter Greis
voll seltener Jugendfrische und Theilnahme fr Alles was die menschliche
Brust bewegt, am Grabe des Dichters, der am Widerstreit des Lebens zu
Grunde ging.

Und so wte ich Ihnen nur Eines noch zu wnschen, da Ihnen die Flle
der Lebensgter, die Sie besitzen, noch lange erhalten, und mir Ihre
Freundschaft bewahrt bleiben mge.

   _Berlin_, den 8. December 1861.

                                                         Rudolf Kpke.




                               Inhalt.


                                                                   Seite
        Einleitung                                                     1
        I. Prosa.
        1. Politische Satiren.
    1.  Brief eines rheinbndischen Officiers an seinen Freund        63
    2.  Brief eines jungen mrkischen Landfruleins an ihren          64
           Onkel
    3.  Schreiben eines Burgemeisters in einer Festung an einen       68
           Unterbeamten
    4.  Brief eines politischen Pescher ber einen Nrnberger        70
           Zeitungsartikel
    5.  Die Bedingung des Grtners. Eine Fabel                        73
    6.  Lehrbuch der franzsischen Journalistik                       74
    7.  Katechismus der Deutschen, abgefat nach dem Spanischen,      82
           zum Gebrauch fr Kinder und Alte
        2. Politische Aufrufe und Betrachtungen.
    1.  Einleitung zur Zeitschrift Germania                           94
    2.  Aufruf                                                        96
    3.  Was gilt es in diesem Kriege?                                 97
    4.  Einleitung zu den Berliner Abendblttern. Gebet des          100
           Zoroaster
    5.  Von der Ueberlegung. Eine Paradoxe                           101
    6.  Betrachtungen ber den Weltlauf                              103
        3. Erzhlungen und Anekdoten.
    1.  Warnung gegen weibliche Jgerei                              104
    2.  Die Heilung                                                  107
    3.  Das Grab der Vter                                           110
    4.  Der Griffel Gottes                                           112
    5.  Muthwille des Himmels. Eine Anekdote                         113
    6.  Anekdote aus dem letzten Kriege                              114
    7.  Der Branntweinsufer und die Berliner Glocken                115
    8.  Tages-Ereigni                                               116
    9.  Der verlegene Magistrat. Eine Anekdote                       117
   10.  Charit-Vorfall                                              118
   11.  Anekdote                                                     119
   12.  Rthsel                                                      120
   13.  Anekdote                                                     120
   14.  Anekdote                                                     121
        4. Kunst und Theater.
    1.  Empfindungen vor Friedrich's Seelandschaft                   123
    2.  Brief eines Mahlers an seinen Sohn                           125
    3.  Brief eines jungen Dichters an einen jungen Mahler           126
    4.  Theater. Den 2. October: Ton des Tages, Lustspiel von Vo    128
    5.  Unmagebliche Bemerkung                                      129
    6.  Schreiben aus Berlin, den 28. October                        131
    7.  Die sieben kleinen Kinder                                    132
    8.  Von einem Kinde, das kindlicher Weise ein anderes Kind       133
           umbringt
        5. Gemeinntziges.
    1.  Allerneuester Erziehungsplan                                 136
    2.  Entwurf einer Bombenpost                                     145
    3.  Schreiben aus Berlin. 15. October                            147
    4.  Aronautik                                                   149
        II. In Versen.
    1.  Eine Legende nach Hans Sachs. Gleich und Ungleich            153
    2.  Eine Legende nach Hans Sachs. Der Welt Lauf                  156
    3.  Epigramme:
        1. Auf einen Denuncianten. Rthsel                           160
        2. Wer ist der Aermste?                                      160
        3. Der witzige Tischgesellschafter                           160
        4. An die Verfasser schlechter Epigramme                     160
        5. Nothwehr                                                  160
        Anmerkungen                                                  161




                             Einleitung.




                                  I.


   Wehe, mein Vaterland, dir! Die Leier zum Ruhm dir zu schlagen,
   Ist, getreu dir im Schoo, mir, deinem Dichter, verwehrt,

schrieb Heinrich von Kleist auf das Titelblatt seines vaterlndischen
Dramas die Hermannsschlacht, als er es im Jahre 1808 vollendet hatte. Es
war eine Grabschrift, die er dem Vaterlande, seiner Dichtung, sich
selbst setzte, und in finsterm Ha sich in das Schweigen der
Hoffnungslosigkeit zu vergraben, schien der letzte Trost, den das Leben
ihm noch nicht geraubt hatte. Voll Liebe zum Vaterlande will er ihm zum
Ruhme singen, aber in der Gegenwart sieht er es schmachbedeckt in den
Staub getreten; er wendet den Blick rckwrts, der ruhmvollen
Vergangenheit entlehnt er den Stoff seiner Dichtung, im Sturme will er
sein Volk mit sich fortreien, aber die Hrer verschlieen ihm das Ohr.
Fr die Enkel ist es gefhrlich geworden, dem Heldenliede von den Thaten
der Ahnen zu horchen, der Snger schliet sein letztes Lied, er
wnscht mit ihm zu enden, und legt die Leier thrnend aus den
Hnden![1] Keine Bhne will sich seinem vaterlndischen Schauspiel
ffnen. Zurckgewiesen von den Seinen verschliet er einsam den Schmerz
und das Elend des eigenen Lebens, die Schmach und den Gram Deutschlands
in jene Worte, die zur schwer lastenden Anklage eines selbstvergessenen
Volks werden.

Dennoch nennt sich Kleist den Dichter seines Vaterlandes; getreu bleibt
er ihm im Schoo, whrend viele andere, denen es Macht, Ehre, Ruhm
gegeben hatte, untreu geworden waren, es durch That, Wort oder verzagtes
Schweigen verrathen hatten. Nicht Frsten und Volksstmme, Generale und
Staatsmnner allein, auch Mnner der Wissenschaft und Dichter hatten das
gethan. In das Unendliche hatte sich die Wissenschaft versenkt und die
Welt durchmessen, das Vaterland, in dem sie aufgewachsen war, blieb ihr
fast fremd; in Griechenland und Rom lebte die Dichtung, in Deutschland
nicht. Weder die eine noch die andere ahnte das Verderben, das sich
heranwlzte, bestrzt hatten sie geschwiegen, als es hereinbrach, oder
den fremden Gewalthaber als den Vollzieher des Weltgeschicks wohl gar
bewundert und gepriesen. Kleist wollte nichts als sein Deutschland, sein
oft geschmhtes Brandenburg, ob auch hier die Knstlerin Natur bei der
Arbeit eingeschlummert, ob es auch gerade jetzt doppelt arm und de
sein mochte; er wollte es, weil es das Vaterland war.[2] Aus ihm sprach
die Stimme des lang eingeschlferten Gewissens, das laut mahnte, dem
Zwiespalt zwischen Weltbrgerthum und Volkssinn, Staat und Vaterland,
Wissenschaft und Leben ein Ende zu machen, und die tiefsten Krfte zum
Kampfe aufzurufen. Jene Verse, wie sein Drama, waren ein erster
erschtternder Ausdruck der Wiedervereinigung der Dichtung mit dem
Vaterlande, und darum lassen sie selbst in der Hoffnungslosigkeit die
Rettung ahnen; es liegt in ihnen der Wendepunkt des deutschen Lebens.
Denn anders mute es werden, sobald diese Ueberzeugung allgemein ward;
selbst die hchsten Gter der Menschheit, denen man so lange
nachgetrachtet hatte, verloren ihre bildende und heiligende Kraft, wenn
sie durch den volksthmlichen Muth nicht mehr geschirmt wurden. Es brach
die Zeit an, wo Schleiermacher und Fichte Volksredner waren, Arndt durch
Lied und That wirkte und ein jngeres Dichtergeschlecht heraufwuchs, das
nicht mehr classisch, sondern vaterlndisch sein wollte, selbst zum
Schwerte griff und kmpfend fiel, wie Krner, oder das Glck der Sieger
beneidend, den Sieg feierte, wie Schenkendorf und Rckert.

Nicht so glcklich war Kleist; in die Mitte gestellt, zwischen die
schonungslose Uebermacht der Gegenwart und die zweifelhafte Zukunft, hat
er weder den Kampf noch den Sieg erlebt, und gleichgltig haben sich
seine Zeitgenossen von ihm abgewandt. Den Weltklugen zu mystisch, den
Frommen zu ruchlos, den Politikern zu unpraktisch, den Zahmen zu wild,
dem Meister der Kunst zu roh und formlos, fand er bei seinem Leben nur
wenige Freunde, und als der widerwrtige Streit ber seinem Grabe
verstummt war, ward er im Toben des Volkskampfes, den er erwecken
wollte, fast vergessen, und die Krnze, nach denen er gegeizt hatte,
wurden andern zu Theil.

Gewi war er als Mensch weder im Leben noch im Tode frei von schwerer
Schuld, aber so oft dies auch gesagt worden ist, dem Dichter ist die
folgende Zeit langer Ruhe kaum gerecht, geschweige denn gnstig,
geworden. Zehn Jahr spter hat ihn Tieck in das Gedchtni des
genieenden Geschlechtes, dem die starke, mnnliche Dichtweise unbequem
geworden war, zurckgerufen. Ihm, seiner reinen Anerkennung verdankt man
es, wenn Kleist's Stelle in der Litteraturgeschichte gesichert ist. Auch
das ist langsam und zgernd geschehen. In fnfzig Jahren sind nur zwei
Gesammtausgaben erschienen, und zwischen beiden liegt ein Menschenalter.
Nicht ohne Mhe haben sich drei seiner Dramen auf der Bhne
eingebrgert, gerade das vollendetste, das vorzugsweise heimische,
mute, der Gefahr des Unterganges kaum entzogen, am lngsten gegen das
Vorurtheil kmpfen, und die Hermannsschlacht, die schon vor einem halben
Jahrhundert znden sollte, hat ihre Hrer bis heute nicht gefunden.

Auch die Nachlese, so ergiebig bei andern Dichtern, und die Kunde von
seinem Leben ist demselben Migeschick verfallen. Einen groen Theil
seiner Schriften hat er in selbstqulerischer Verachtung zerstrt; was
sonst zu hoffen, war verschollen oder in unbekannten Zeitschriften
begraben, und erst Julian Schmidt's Ausgabe hat aus dem Phbus einen
Theil des Vergessenen wieder ans Licht gebracht. Vereinzelt und zufllig
sind manche Briefe von ihm zum Vorschein gekommen und unbeachtet
geblieben; die spter von E. v. Blow und Koberstein herausgegebenen
greren Sammlungen sind, wenn auch die erste, fast einzige Quelle, doch
nicht umfassend genug, um auf sein dunkles Leben ein berall gengendes
Licht zu werfen. Blow's freilich nicht erschpfende doch verdienstliche
Lebensbeschreibung blieb in der politischen Sturmzeit von 1848, wie
vierzig Jahre frher der lebende Dichter, fast unbeachtet. Erst in den
letzten Jahren hat man sich ihm aus dem Gesichtspunkte der allgemeinen
Zeitgeschichte, in der er in so fragwrdiger Gestalt hervortritt, wieder
mehr zugewendet.[3] Dennoch scheint eine Seite seines zerrissenen Lebens
der nheren Besprechung wrdig und bedrftig, von allen die erhebendste
und reinste, in der sich die jhen Widersprche vielleicht am ersten
ausgleichen, die vaterlndische. Ich wrde es nicht unternehmen, allein
auf Grund des schon benutzten Stoffes darber zu reden, aber ich bin
glcklich genug Neues, bisher Unbekanntes oder Vergessenes, hinzufgen
zu knnen, und halte es fr eine That der Gerechtigkeit, die folgende
nicht geringfgige Nachlese zu Kleist's Schriften der Oeffentlichkeit zu
bergeben. Eben hier erscheint er vorzugsweise als politischer
Schriftsteller, von dieser Thtigkeit mindestens gewinnt man ein
bedeutend vollstndigeres Bild.

Zuerst habe ich Rechenschaft von den Quellen, aus welchen diese
Nachtrge geschpft sind, abzulegen. Theils sind sie handschriftlicher
Art, theils gehren sie vergessenen Drucken an; von jenen spreche ich
zuerst.

Nicht alles, was Tieck aus dem Nachlasse Kleist's besa, hat er in seine
Ausgabe aufgenommen. Auch finden sich, schreibt er, in seinem
Nachlasse Fragmente aus jener Zeit (1809), die alle das Bestreben
aussprechen, die Deutschen zu begeistern und zu vereinigen, sowie die
Machinationen und Lgenknste des Feindes in ihrer Ble hinzustellen:
Versuche in vielerlei Formen, die aber damals vom raschen Drang der
Begebenheiten berlaufen, nicht im Druck erscheinen konnten, und auch
jetzt, nach so manchem Jahre und nach der Vernderung aller
Verhltnisse, sich nicht dazu eignen.[4] Also Schriftstcke
politischen, vaterlndischen Inhalts, die ein Aufruf an das Volk sein
sollten, jedoch nie zur Verwendung gekommen sind, waren es, die Tieck im
Jahre 1821 vor sich hatte. Zunchst scheint ihn die Rcksicht auf die
Erregung des eben durchgekmpften Vlkerkrieges, die jetzt friedlichern
Stimmungen Platz machen sollte, von der Verffentlichung abgehalten zu
haben, und noch 1826 glaubte er dabei stehen bleiben zu mssen. Auch
mochten ihm diese Fragmente im Vergleiche mit den groen Dichtungen
minder bedeutend scheinen. Er sah in Kleist einen befreundeten
gleichzeitigen Dichter, dem er aus den vollendetsten Werken ein Denkmal
errichten wollte, von welchem er das Geringfgigere meinte ausschlieen
zu knnen. Ueberhaupt war seine Kritik ein Ausdruck der Begeisterung fr
den Gegenstand, mehr sthetisch, allgemein anschauend und nachdichtend
als historisch philologisch; er konnte zufrieden sein, den Dichter und
dessen Werke der Vergessenheit entrissen und in genialen Zgen ein gro
gehaltenes Bild beider entworfen zu haben. Ganz anders stand es, als
zweiundzwanzig Jahre spter Blow in der Vorrede zum Leben Kleist's
schrieb:[5] Die schon von Tieck besprochenen zerstreuten politischen
Bltter aus dem Jahre 1809 habe ich ebenfalls durchgesehen und des
Druckes meist unwerth befunden. Diese Reliquien, die er damals noch
unverkrzt in Hnden hatte, legte er also in demselben Augenblicke als
unwichtig bei Seite, wo er den Untergang oder die absichtliche
Zurckhaltung anderer beklagte. Der Umstand allein htte den Biographen
bestimmen sollen, nicht seinem persnlichen Geschmacksurtheil ber den
Werth dieser Bltter, sondern dem historischen Gesetze zu folgen, das zu
retten gebietet, was noch zu retten ist, damit das Bild des Dichters so
getreu als mglich hergestellt werden knne. Das verlangte die
inzwischen zur Wissenschaft herangereifte Litteraturgeschichte, die auch
fr die Schriftsteller der nchsten Vergangenheit eine willkrliche
Kritik dieser Art nicht mehr duldete. Nicht ohne ironisches Lcheln ber
Kleist's naive Absicht begngte er sich, einen dieser Aufstze,
berschrieben: Was gilt es in diesem Kriege? sorglos abdrucken zu
lassen. Von Tieck hatte Blow diese Papiere erhalten; im Nachlasse des
einen oder des andern muten sie aufbewahrt sein.

Unter den zahlreich angesammelten Handschriften Tieck's fand sich in der
That eine, die aus dem Nachlasse Kleist's herstammte, eine Abschrift der
Penthesilea, vom Dichter durchgesehen und nicht ohne bedeutende
Vernderungen einzelner Verse und Worte von seiner Hand. Aus der
Vergleichung mit der Tieckschen Ausgabe, welcher der Druck von 1808 zu
Grunde liegt, und den nicht unerheblich abweichenden Bruchstcken im
Phbus, ergab sich diese Handschrift als eine dritte noch frhere
Bearbeitung selbstndigen Charakters, die auf's neue beweist, wie
sorgfltig Kleist seine Dichtungen im einzelnen durcharbeitete. Dagegen
schien sich die nah liegende Vermuthung, der Herausgeber der
Kleist'schen Schriften werde von seinen Sammlungen mehr als dieses eine
Erinnerungszeichen bewahrt haben, nicht zu besttigen, als sich spter,
bei der Durchsicht eines Restes ungeordneter Papiere, noch eine Anzahl
Bltter nach und nach unerwartet zusammenfanden. Es war ein Theil des
groartigen Bruchstcks Robert Guiskard, das Kriegslied der Deutschen,
das Sonett an die Knigin von Preuen und das an den Erzherzog Karl im
Mrz 1809, denen sich einiges Prosaische anschlo; im Ganzen 28
Halbbogen und 6 Bltter in Quart blulich grauen Streifenpapiers, dessen
hheres Alter nicht bezweifelt werden konnte. Nur freilich waren es
nicht Kleist's Schriftzge, sondern die altmodisch steife Hand eines
schsischen Schreibers, von der alles, nach der Tinte zu urtheilen, fast
in einem Zuge geschrieben worden war. Zwar beginnt die Zhlung der
Seiten mehr als einmal von vorn und manche Bltter sind gar nicht
bezeichnet, aber offenbar liegt hier ein Bruchstck einer Handschrift
vor, die wenngleich sehr verschiedenartigen Inhalts, doch uerlich ein
Ganzes bilden sollte.

Bei nherer Untersuchung des prosaischen Theils fanden sich mehrere
bisher unbekannte Aufstze: fnf Halbbogen, unter der Ueberschrift
Satyrische Briefe, deren drei numerirt aufeinander folgen: 1. Brief
eines rheinbndischen Officiers an seinen Freund; 2. Brief eines jungen
mrkischen Landfruleins an ihren Onkel; 3. Schreiben eines
Burgemeisters in einer Festung an einen Unterbeamten; welchen sich ohne
Zahlenbezeichnung ein vierter anschliet Brief eines politischen
Pescher (so) ber einen Nrnberger Zeitungsartikel. Auf einem
Quartblatt folgte die Bedingung des Grtners, eine Fabel; dann vier
Halbbogen Lehrbuch der franzsischen Journalistik, sechs Halbbogen und
ein Blatt Katechismus der Deutschen, abgefat nach dem Spanischen zum
Gebrauch fr Kinder und Alte, jedes Stck mit besonderer Seitenzhlung;
endlich noch vier nicht paginirte Halbbogen, drei Stcke enthaltend,
eines mit der Aufschrift Einleitung, ein anderes ohne Titel beginnend
mit der Anrede Zeitgenossen, das dritte mit der Ueberschrift Was gilt
es in diesem Kriege? Eben dieses Blatt hatte Blow herausgegriffen; es
war also kein Zweifel mehr, die politischen Bltter Kleist's, die er
nach Tieck's Vorgang bei Seite gelegt hatte, waren noch erhalten. Gewi
ein glcklicher Fund, der durchaus Neues ans Licht brachte und fr
manchen andern Verlust entschdigen konnte. Die nchste Frage, ob er
vollstndig sei, beantwortete sich leider verneinend. Die Seitenzahlen
des Katechismus ergeben, da der dritte und sechste Halbbogen fehle; das
Lehrbuch der franzsischen Journalistik bricht mit Paragraph 25, die
Einleitung mitten im Satze ab; ursprnglich muten diese Bltter
vollzhlig gewesen sein.

Ohne besondere Veranlassung zur Herausgabe und andern Arbeiten
hingegeben, hatte ich mich lngere Zeit bei diesem Ergebni beruhigt,
als die Briefe Kleist's an seine Schwester mich zu jenen politischen
Bruchstcken zurckfhrten; denn was etwa noch gefehlt htte, ein
bestimmtes Zeugni des Verfassers selbst, fand sich hier. Am 17. Juni
1809 nach der Schlacht von Wagram und dem Waffenstillstand von Znaym
schrieb er von Prag aus, wohin ihn seine Hoffnungen auf Oesterreich
gefhrt hatten, an seine Schwester: Gleichwohl schien sich hier durch
B. (Brentano?) und die Bekanntschaften, die er mir verschaffte, ein
Wirkungskreis fr mich erffnen zu wollen. Es war die schne Zeit nach
dem 21. und 22. Mai, und ich fand Gelegenheit meine Aufstze, die ich
fr ein patriotisches Wochenblatt bestimmt hatte, im Hause des Grafen v.
Kollowrat vorzulesen. Man fate die Idee, dieses Wochenblatt zu Stande
zu bringen, lebhaft auf, Andere bernahmen es, statt meiner den Verleger
herbeizuschaffen, und nichts fehlte als eine hhere Bewilligung, wegen
welcher man geglaubt hatte, einkommen zu mssen. So lange ich lebe,
vereinigte sich noch nicht so viel, um mich eine frohe Zukunft hoffen zu
lassen, und nun vernichten die letzten Vorflle nicht nur diese
Unternehmung, -- sie vernichten meine ganze Thtigkeit berhaupt.

Also ein Theil der Aufstze, die Kleist im Frhjahr 1809 fr ein
patriotisches Wochenblatt bestimmt hatte, ist in diesen Blttern
enthalten, nach allen ueren Zeugnissen kann seine Autorschaft keinem
Zweifel unterliegen. Heutiges Tages inde, wo es darauf ankommt den
Stoff der abgeschlossenen Litteraturperiode zu sammeln und zu sichten,
wird man bisher unbekannte Schriften eines bedeutendern Dichters nicht
leicht aus der Hand geben, ohne sie einer allseitigen Durchforschung
unterworfen zu haben, auch wenn ihre Aechtheit feststeht. Es ist daher
gerathen, auch diese Briefe und Aufrufe nach Form und Inhalt nher zu
prfen; auch schon aus dem Grunde, weil dies zugleich fr einige andere
Stcke, deren Kleistischer Ursprung uerlich weniger verbrgt ist, den
erforderlichen Mastab gewhren wird. Um die stilistische Gestaltung
dieser politischen Aufstze zu beurtheilen, wird man zunchst auf eine
etwas allgemeinere Betrachtung der Prosa Kleist's hingewiesen.

Seine prosaischen Schriften, uerlich weniger umfassend als die
versificirten Dichtungen, bestehen aus Erzhlungen und Briefen. Nur in
jenen erscheint er in voller bewuter Kraft, in ihnen wird man daher den
Schriftsteller studieren knnen, whrend diese vom Augenblicke
eingegeben, ungleich und schwankend, bald lehrhaft, bald fieberisch
erregt und abspringend den Menschen und den jhen Wechsel seiner
Stimmungen auch in der Form zeigen. In der darstellenden Prosa ist er
Meister, so da Tieck der Ansicht war, hier entfalte sich sein Talent
vielleicht noch glnzender als im Drama. Knnte man einige Auswchse
beseitigen, die in seiner Natur wurzeln und von der vollendetern
Handhabung der Form unabhngig sind, man wrde von seinen acht
Erzhlungen die vier ersten greren und sorgfltig durchgearbeiteten
mustergltig nennen knnen. In der Haupttugend aller Erzhlung beruhen
ihre Vorzge, in der durchsichtigsten Gegenstndlichkeit. Ueberall
treten Personen und Verhltnisse in festen und krftigen Umrissen, bis
zur sinnlichen Greifbarkeit deutlich hervor. Alles ist Bewegung, Leben,
That, nirgend eine Stockung, eine todte Beschreibung, die sich abmht
viele einzelne Zge zusammen zu lesen, und es eben darum nie zu einem
ganzen Bilde bringt, whrend hier die glckliche Einflechtung _eines_
unscheinbaren Zuges auf einzelne Personen und ganze Gruppen einen hellen
Rckstrahl wirft, der das Ganze in neuem berraschendem Lichte
erscheinen lt. Weil der Dichter diese Gestalten als ob sie lebten mit
seinem Auge sah und darstellte, erweckt er in der Seele des Lesers,
diesem unbewut, die Kraft des dichterischen Nachschaffens. Mit der
Selbstentuerung eines Geschichtschreibers oder Dramatikers
verschwindet er hinter seiner Darstellung, nirgend sieht man ihn mit
zufahrender Hand in das Spiel hineingreifen und die Tuschung
ungeschickt selbst zerstren, nirgend sich mit seinen Empfindungen und
Betrachtungen aufdrngen; auch nicht in den Reden und Handlungen der
Personen findet man ihn, weil sie berall ganz eigenthmlich, aus ihrer
Stimmung, unter diesen gegebenen Umstnden fhlen und handeln. Nur aus
der Gesammtwirkung aller Krfte, die er spielen lt, ist sein letzter
Gedanke zu erkennen. Und weil er seinen Menschen so wenig als sich
selbst Abschweifungen philosophierender Betrachtung oder
berschwellenden Gefhls verstattet, haben sie nichts von der
idealistischen Weise anderer Dichtergestalten; sie sind vielmehr von
einer realistischen Derbheit, die in Hrte und Schroffheit bergehen
kann, aber eben darum scheinen sie aus Phantasiegeschpfen zur Hhe
historischer Charaktere, in denen sich ganze Menschengattungen und
Zeiten darstellen, emporzuwachsen.

Er selbst nhert sich dadurch, so weit sich das von dem Dichter sagen
lt, der Grenze des Geschichtschreibers. Ohne es sein zu wollen, oder
auch nur den Anspruch des historischen Romanstils zu erheben, hat ihn
sein historischer Realismus auf den geschichtlichen Boden gefhrt.
Unmittelbar aus dem Leben, aus Gegenwart oder Vergangenheit schpft er
den Stoff, wie schon seine Vorliebe fr die Anekdote beweist, die er da
und dort aufgegriffen hat, und von denen er manche bis zur Erzhlung
ausspinnt. Auf diese lebendige Quelle deutet er bei der Marquise von
O. mit dem wichtigen Zusatze, der sich nur im Phbus, nicht aber in den
Ausgaben findet, selbst hin: Nach einer wahren Begebenheit, deren
Schauplatz vom Norden nach dem Sden verlegt worden.[6] Wieder aber hat
er diese Episode, in der er die ganze Flle seines Talents entfaltet, in
den Hintergrund des groen gleichzeitigen Revolutionskrieges eingefgt.
Ebenso hat er im Kohlhaas, dem Erdbeben in Chili, der Verlobung in
St. Domingo sich groen historischen Verhltnissen entweder
angeschlossen, oder deren Natur an einem einzelnen Falle meisterhaft
dargestellt; wie denn die erste Erzhlung, sicherlich ohne da er es
beabsichtigte, zugleich eine ergreifende Darstellung des Stndekampfes
geworden ist, der unter der Nachwirkung der Reformation in ganz
Deutschland entbrannte. Selbst die Verirrungen, in denen er unerwartet
eine andere Seite seines Innern herauskehrt, und sich mit vollstndiger
Verleugnung des historischen Charakters auf das Gebiet des dunkeln Wahns
verlocken lt, dienen nur dazu, die Kraft seiner Darstellung in
hellerem Lichte erscheinen zu lassen; denn auch die Traumgebilde seiner
Phantasie hat er so mit Fleisch und Blut zu bekleiden gewut, da man
sie sieht, ohne an ihre Wahrheit zu glauben. Sein Kohlhaas bleibt
trotz des unhistorischen Vornamens Michael und trotz des mythischen
Kurfrsten von Sachsen, bei dem der Historiker von Fach nur mit
Haarstruben an den standhaften Johann Friedrich denken kann, nach
Auffassung und Darstellung eine fast vollendete historische Erzhlung,
deren Grundzge dem Thatschlichen entsprechen. Denn die Zurckhaltung
der Pferde, die Rechtsverweigerung und Verschleppung schsischer Seits,
die Niederbrennung der Vorstadt von Wittenberg, das Gesprch mit Luther
sind historisch.[7] Nach ihrer Kunstform knnte sie ohne Uebertreibung
ein in Prosa ausgelstes Epos genannt werden.

Auch sind seine Erzhlungen von der modernen Novelle, dem historischen
Roman und dem, was heute dafr gelten will, sehr verschieden. Die
Novellenhelden sind berwiegend Trger der Reflexion, sie kmpfen die
Gegenstze nicht nach auen wirkend, durch die That aus, sondern in
dialectischem Ringen mit sich selbst, sie ziehen die ganze Welt in den
Strom ihrer Betrachtungen hinein, und dessen ungeachtet verblassen sie
zu Schatten, die nach dem Lehrbuche sprechen. Andererseits in den
neueren sogenannten historischen Romanen, die mit der Macht der
Geschichte den Zauber der Dichtung zu verbinden whnen, werden die
historischen Riesen auf das zwerghafte Ma einer schwchlichen Phantasie
herabgedrckt, die eigentlich nur deshalb ihre Zuflucht zur Geschichte
nimmt, weil diese mit der unbersehbaren Flle eigenthmlicher Gestalten
der drftigen Erfindung zu Hlfe kommt. Der falsche Schein historischer
Kenntni soll die Mngel der Dichtung verdecken, und schlielich
verliert jede von beiden den reinen und ursprnglichen Charakter durch
die Verbindung mit der anderen.

So sehr Kleist Dramatiker ist, so vermeidet er doch in der Erzhlung in
der Regel den unmittelbaren Dialog, der in neueren Novellen so die
Oberhand gewonnen hat, da der verkehrte Versuch einer wrtlichen
Uebertragung in das Drama hat gewagt werden knnen. Dagegen hat er im
vollsten Verstndnisse dieser Darstellungsweise die indirecte Rede
berwiegend gebraucht. Auch da, wo seine Personen direct reden mten,
ist er epischer Berichterstatter, er lt sie nicht aus dem Rahmen des
Ganzen selbstndig heraustreten, sondern verwandelt ihre Rede in ein
Handeln, von dem er zu erzhlen hat. Es ist bemerkt worden, sein
dramatischer Dialog verrathe in den unruhigen Sprngen, in dem hastigen
Hin- und Wiederfliegen von Frage und Antwort, wodurch die Lebhaftigkeit
zwar gesteigert wird, die innere Erregtheit des Dichters; seiner
erzhlenden Rede ist diese Zerrissenheit durchaus fremd. Mit gleichem
Wellenschlage fliet sie wie ein breiter Strom dahin, auf dem der Hrer
sich mit stets gleicher Theilnahme von einer Windung zur andern tragen
lt.

Mit Vorliebe baut Kleist lange Perioden, architectonisch erheben und
schlieen sie sich, ohne je zu erstarren; der Belege im einzelnen bedarf
es kaum, jede Seite bietet sie dar. Aus vielen herausgegriffen mge
folgende Periode hier eine Stelle finden:[8] Der Rohndler, _dessen_
Wille durch den Vorfall, _der_ sich auf dem Markt zugetragen, in der
That gebrochen war, wartete auch nur, _dem_ Rath des Grokanzlers gem,
auf eine Erffnung von Seiten des Junkers oder seiner Angehrigen, _um_
ihnen mit vlliger Bereitwilligkeit und Vergebung alles Geschehenen
entgegenzukommen: _doch_ eben diese Erffnung zu thun, war den stolzen
Rittern zu empfindlich, _und_ schwer erbittert ber die Antwort, _die_
sie von dem Grokanzler empfangen hatten, zeigten sie dieselbe dem
Kurfrsten, _der_ am Morgen des nchstfolgenden Tages den Kanzler, krank
_wie_ er an seinen Wunden darniederlag, in seinen Zimmern besucht
hatte. Der Wendepunkt dieser Periode liegt in dem _doch_, durch das sie
in zwei gleich wiegende Hlften getheilt wird; jede hat zwei obere
Nebenstze, die einen untern in sich umfassen, in dem eine nhere
Begrndung gegeben wird; beide schlieen mit der Andeutung des Zieles
ab, das erreicht werden soll. Der thatschliche wie stilistische
Nachdruck liegt auf den letzten Worten, sie leiten die Bewegung weiter.
Umsonst versucht der Rohndler seinen Zweck zu erreichen, um so besser
erreichen die Ritter, die keine Vershnung wollen, den ihren, die Rache.
Man gewinnt den vollsten Ueberblick der Parteien, ihrer Stimmung, ihres
Verhltnisses zu einander, ihrer Erfolge. Kleist's Perioden sind
kunstvoll ohne verwickelt, reich ohne berladen zu sein, vielgliederig
ohne Leben und Bewegung zu verlieren. Es ist ein Beweis bedeutender
Meisterschaft, wenn man sich dem Zuge der deutschen Sprache zu
weitlufigen Satzgefgen berlassen darf, weil die strenge Fassung, die
nichts Ueberflssiges hinzufgt, die Mglichkeit eines Vorwurfs der
Weitlufigkeit nicht einmal aufkommen lt.

Noch verschlungener werden sie, wenn sich die mittelbare Rede zu
entfalten beginnt, sei es, da sie den Dialog einfhre, oder ber
Seelenvorgnge berichte. Selten nur wird durch steigende Lebendigkeit
die mittelbare Rede in die unmittelbare fortgerissen, wie in folgender
Periode, die ebenfalls charakteristisch ist:[9] Luther, der unter
Schriften und Bchern an seinem Pulte sa, und den fremden besonderen
Mann die Thr ffnen und hinter sich verriegeln sah, fragte ihn: _wer_
er sei und was er wolle? _und_ der Mann, _der_ seinen Hut ehrerbietig in
der Hand hielt, hatte nicht sobald mit dem schchternen Vorgefhl des
Schreckens, _den_ er verursachen wrde, erwiedert: _da_ er Michael
Kohlhaas der Rohndler sei; als Luther schon: weiche fern hinweg!
ausrief, _und indem_ er vom Pult erstehend nach einer Klingel eilte,
hinzusetzte: dein Odem ist Pest und deine Nhe Verderben! Hufig
dagegen zieht sich die indirecte Rede leicht und geschickt durch die
lngsten Wendungen hin, bisweilen freilich, auch ber die Grenze des
Erlaubten hinaus. So wird z. B. in der Marquise von O. der Inhalt
einer Rede in einer Reihe von Stzen, die durch ein fnfzehnmal
wiederholtes da -- da -- verbunden sind, wiedergegeben.[10] Ich wei
nicht, ob Kleist die Novellen des Cervantes studiert oder auch nur
gekannt hat; aber lebhaft wird man an die hohe Gegenstndlichkeit der
Darstellung, an den vollen klaren Flu der getragenen Perioden des
Spaniers erinnert.

Doch auch bei dem Meister ist das wahrhaft Vollendete immer noch nicht
das Gewhnliche. Jeder Schriftsteller hat Angewohnheiten des Stils,
geringfgig scheinende Eigenthmlichkeiten, die um so hufiger sein
knnen, je leichter sie sich dem Blick, der auf das Ganze gerichtet ist,
entziehen. Aber er kommt dadurch in Gefahr, aus dem Stil in die Manier
zu gerathen, und er wird ihr verfallen, wenn der freie Ausdruck des
Inhalts von der bequemen Gewohnheit geleitet wird, statt sie zu leiten.
Wie Goethe hat auch Kleist dergleichen Angewohnheiten. Es ist die
Vorliebe fr gewisse Bindewrter, die er gebraucht, um die Spannung des
Lesers zu steigern oder herabzustimmen. Am auffallendsten ist das
unzhlige Mal wiederkehrende dergestalt da߫, das er als anschaulichere
Redeweise dem nchtern so da߫ vorzieht. Durch alle Erzhlungen lt
sie sich verfolgen, im Kohlhaas allein sind ohne groe Mhe ein Paar
Dutzend Beispiele dafr aufzufinden. Nicht minder hufig ist der
Gebrauch von gleichwohl, wo es eine Bedingung, einen unerwarteten
Gegensatz ankndigen soll, den man mit dennoch, dessen ungeachtet
einleiten wrde. Ferner die gleichzeitige Ereignisse oder Erwgungen
vorfhrende Redensart nicht sobald -- als, fr kaum, in dem
Augenblick als; ebenso inzwischen, dann das gleichgltige oder
ungeduldig abweisende gleichviel, das bedingende falls fr wenn.
Alle diese Lieblingswendungen sind auch den Dramen, namentlich dem
prosaischen Dialog, nicht fremd.[11] Dagegen hat sich Kleist von einem
andern Fehler, dem auch die Grten verfallen sind, um so reiner
erhalten, von widerlich strender Wortmengerei. Fremdwrter braucht er
in der Regel nur da, wo etwa Kunstausdrcke unvermeidlich sind, berall
bietet sich ihm an der rechten Stelle das rechte deutsche Wort ungesucht
dar. Hier bertrifft er Schiller und den alternden Goethe bei weitem. Es
ist der Ausdruck seiner deutschen Natur; eben darum greift er auch
bisweilen selbst im Verse zu Provinzialismen, die nichts weniger als
edel, aber sehr bezeichnend sind.

Fat man dies Alles zusammen, den knstlerischen Bau der Perioden, seine
Vorliebe fr die mittelbare Rede, die Reinheit seines Ausdruckes, die
unbewuten stilistischen Gewohnheiten, so gewinnt man eine Anzahl von
Merkmalen, nach denen sich mit ziemlicher Gewiheit feststellen lt, ob
man es mit Kleist's Wort und Schrift zu thun habe oder nicht.




                                 II.


Die vier satirischen Briefe bilden gewissermaen ein dramatisches
Ganzes, sehr verschiedene Personen sprechen sich ber dieselben
Ereignisse, jede in ihrer Weise aus. Der rheinbndische Officier, das
Landfrulein, der Burgemeister; diesen ironischen Charakteren steht der
politische Pescher mit seinen einfachen Betrachtungen als Chor
gegenber. Der erste Brief ist in kurz abschneidender franzsirender
Standessprache geschrieben. Das Landfrulein schreibt, wie schon der
Eingangssatz beweist, in der verschlungenen Weise Kleist's;
architectonisch durchgefhrt sind Perioden wie die Allein, wenn die
Ansicht u. s. w. oder: Aber die Beweise, die er mir, als ich zurckkam
u. s. w., denen die beiden letzten des Briefes, mit ihrem inzwischen
und gleichwohl an die Seite gestellt werden knnen. In dem Schreiben
des Burgemeisters (I, 1, 3) gilt es, die pedantische Langstiligkeit
amtlicher Erlasse darzustellen; der Wortschwall ironisirt sich selbst,
er soll betuben und ber die Schmhlichkeit des Inhalts tuschen.
Bezeichnend ist die unbersehbare Periode: Indem wir euch nun diesem
Auftrage gem u. s. w.

Der Brief des politischen Pescher (I, 1, 4) stellt neun genau abgefate
Fragen auf; in der fnften heit es: Ist er es, der den _Knig_ von
Preuen -- zu Boden geschlagen hat, und auch selbst nach dem Frieden
noch mit seinem _grimmigen Fu auf dem Nacken_ desselben _verweilte_?
Diese Bezeichnung vollstndigster Vernichtung ist ein Lieblingsbild
Kleist's. Im fnften Auftritt der Penthesilea sagt Asteria:

   Den _Futritt_ will er, und erklrt es laut,
   _Auf deinen kniglichen Nacken setzen_;

im neunten Auftritt wiederholt Penthesilea:

   Lat ihn den _Fu gesthlt_, es ist mir recht,
   _Auf diesen Nacken setzen_!

Und die Hermannsschlacht beginnt mit den Worten:

   Rom, dieser Riese, der --
   _Den Fu auf_ Ost und Westen _setzet_,
   Des Parthers muthgen _Nacken_ hier,
   Und dort den tapfern Gallier _niedertretend_.

Unter 7 heit es im Briefe: Ist er es, der -- Preuen, _den letzten
Pfeiler Deutschlands sinken_ sah --? Und in den ersten Versen der
Hermannsschlacht:

   Und Hermann der Cherusker endlich,
   Zu dem wir, als _dem letzten Pfeiler_ uns
   Im allgemeinen _Sturz Germanias_ geflchtet --

Endlich in der neunten Frage wird auf den Kaiser Franz folgendes
Gleichni angewendet: der wie Antus, _der Sohn der Erde, von seinem
Fall erstanden ist, um_ das Vaterland _zu retten_. In dem Gedichte vom
1. Mrz 1809 an denselben singt Kleist:

   O Herr, du trittst, der Welt _ein Retter_,
   Dem Mordgeist in die Bahn,
   Und wie _der Sohn der_ duftgen _Erde_
   _Nur sank, damit_ er strker werde,
   _Fllst du_ von Neu'm ihn an.[12]

Die Fabel die Bedingung des Grtners entspricht in ihrer Fassung den
beiden Fabeln, die 1808 im Phbus erschienen.

In ganz anderem Ton ist das Lehrbuch der franzsischen Journalistik
gehalten. Obgleich die knappe Form dieser geschlossenen Reihe von
Erklrungen, Lehrstzen, Aufgaben und Beweisen der entfalteten Rede
keinen Raum gestattet, so haben sich doch auch hier die
Lieblingswendungen eingeschlichen. Es ist bekannt, welche Neigung Kleist
fr diese Darstellungsweise und den strengen Beweis hatte. Wie er zuerst
meinte, seine Lebensaufgabe auf dem Gebiete der Mathematik gefunden zu
haben, so ist er auch spter, namentlich in den Briefen, geneigt, wo die
Leidenschaft nicht durchbricht, seine Gedanken in streng logische
Formeln zu bringen. Leider ist das Lehrbuch der Journalistik in 25
Paragraphen unvollstndig. Wahrscheinlich hatte er es zu Ende gefhrt,
doch sind die letzten Bltter verloren gegangen. Den obersten
Grundstzen und Definitionen folgt im Paragraph 10 die Eintheilung der
Journalistik mit dem ersten Capitel: Von der Verbreitung der
wahrhaftigen Nachrichten in zwei Artikeln von den guten und den
schlechten Nachrichten; ein zweites Capitel von der Verbreitung
falscher Nachrichten mute folgen, und dieses fehlt.

In dem Katechismus der Deutschen hat Kleist die Einfrmigkeit des
katechisirenden Tons, in dem die Antwort das Echo der Frage ist, so zu
beleben gewut, da er durchaus charakteristisch wird, und einzelne
Redewendungen von Vater und Sohn an den dramatischen Dialog, etwa die
einfachen Gegenreden Kthchens in der ergreifenden Scene mit ihrem Vater
erinnern.[13] Auch andere Anklnge fehlen nicht. Die Schilderung des
Erzfeindes findet an mehr als einer Stelle ihr Seitenstck. Sie lautet
7: Als _einen der Hlle entstiegenen Vatermrder_, der herumschleicht
_in dem Tempel der Natur und an allen Sulen rttelt_, auf welchen er
gebaut ist. Im Kthchen von Heilbronn schleudert der alte Theobald dem
Grafen Strahl folgende Worte zu:

   Ein glanzumflossener _Vatermrdergeist_,
   _An jeder der_ granitnen _Sulen rttelnd_,
   _In dem_ urewigen _Tempel der Natur_,
   Ein Sohn _der Hlle_, den u. s. w.

In der Hermannsschlacht sind Raub, Brand und Mord ein
_hllenentstiegener_ Geschwisterreigen und in dem Gedichte Germania
an ihre Kinder ist es eines _Hllensohnes_ Rechte, die das eiserne
Joch der Knechtschaft auferlegt. Im Katechismus 9 soll, wer weder liebt
noch hat, wenn es sich um die Freiheit des Vaterlandes handelt, in die
tiefste, siebente Hlle, in der Hermannsschlacht der Verrther in die
neunte Hlle strzen. Dort wird die Frage verneint, ob nicht das Blut
vieler tausend Menschen nutzlos geflossen, die _Stdte verwstet_ und
_das Land verheert_ worden sei, wenn man im Kampf unterliege. In
dichterischer Sprache wird derselbe Einwand abgewiesen Germania und
ihre Kinder:

   Nicht die Flur ist's, die zertreten
      Unter ihren Rossen sinkt,
   Nicht der Mond, der in den Stdten
      Aus den den Fenstern blinkt,
   Nicht das Weib, das mit Gewimmer
      Ihrem Todesku erliegt.[14]

Die drei folgenden Stcke (I, 2, 1-3) sind nicht blos ein persnlicher
Gefhlsergu, sondern Aufrufe an das Volk, die Kampf und Rache erwecken
sollen. Das erste kndet sich als Einleitung einer Zeitschrift an, und
ist im Tone der glhendsten vom Hasse eingegebenen Beredsamkeit
geschrieben; der Erzherzog Karl ist der volksthmliche Held, _der
Bezwinger des Unbezwungenen_, oder, wie er in dem Siegesliede nach der
Schlacht von Aspern genannt wird, der _Ueberwinder des
Unberwindlichen_. Germania soll der Name dieser Zeitschrift sein;
_Hoch auf den Gipfel der Felsen_ soll sie sich stellen, und den
_Schlachtgesang herabdonnern ins Thal_, wie in dem Gedichte Germania
ihren Kindern zuruft:

   Mit dem Spiee, mit dem Stab
   Strmt _ins Thal der Schlacht hinab_!
   -- --
   _Das Gebirg hallt donnernd_ wieder --
   -- --
   Und vom _Fels herab_ der Ritter,
   Der sein Cherub, _auf ihm steht_.

Die Germania der Zeitschrift will singen: Vaterland, -- welch _ein
Verderben seine Wogen_ auf dich _heranwlzt_. In dem letzten Lied

   Kommt _das Verderben_ mit entbundenen _Wogen_
   Auf Alles, was besteht, _herangezogen_.

Jene will _die Jungfrauen des Landes herbeirufen_, wenn der Sieg
erfochten ist, da _sie sich_ niederbeugen ber die, so gesunken sind;
und das Lied an den Erzherzog Karl nach der Schlacht bei Aspern singt:

   Siehe, die _Jungfraun rief ich herbei des Landes_,
   Da sie zum Kranz den Lorbeer flchten.[15]

Der Grundton der Einleitung ist in dem Gedicht Germania zum gewaltigen
Schlachtgesang geworden, und kaum wird man sich der Ueberzeugung
verschlieen knnen, gerade fr die Erffnung dieser Zeitschrift sei es
geschrieben worden. Der Schlu der Einleitung fehlt; dagegen scheint das
folgende Stck, das ohne Ueberschrift mit dem aus einer andern Schrift
entlehnten Aufrufe Zeitgenossen! beginnt, von Kleist selbst nicht
abgeschlossen zu sein, wenigstens die Abschrift ist nicht vollstndig,
denn mit dem Ausrufe Was? bricht der Text mitten auf der Seite ab. Es
sollen diejenigen, die sich auf den Trmmern des Vaterlandes in die
bequeme Ruhe der Unglubigkeit einwiegen, aufgeschreckt und ihnen die
Augen ber den Abgrund, an dem sie stehen, geffnet werden. Das Ziel des
Kampfes wird bezeichnet in dem Aufruf Was gilt es in diesem Kriege?
Wenn es heit: Deren (der deutschen Nation) Unschuld selbst in dem
Augenblick noch, da der Fremdling sie belchelt oder wohl gar
verspottet, sein Gefhl geheimnivoll erweckt, dergestalt da߫ -- so
giebt dazu die Hermannsschlacht ein treffendes Beispiel, wo der Rmer
von dem Deutschen sagt:

   In einem Hmmling ist, der an der Tiber graset,
   Mehr Lug und Trug, mu ich Dir sagen,
   Als in dem ganzen Volk, dem er gehrt.[16]

Erst im Zusammenhange mit den frheren Stcken erscheint dieser Aufruf,
der weder abgeschlossen noch auch das bedeutendste Stck ist, im rechten
Lichte; um so weniger ist zu begreifen, wie Blow gerade dies zur Probe
mittheilen konnte, um dadurch seine Verurtheilung der anderen
gehaltreicheren Bltter zu rechtfertigen.

Mit den bekannten politischen Gedichten Kleist's stehen diese Aufstze
in nchster Verbindung; sie sind der Ausdruck derselben Zeit und
Stimmung, wie die Hermannsschlacht von 1808, die Gedichte an den Kaiser
Franz und den Erzherzog Karl aus dem Frhjahr 1809, und Germania an ihre
Kinder. Der erste satirische Brief ist unter der Einwirkung des
beginnenden Krieges von 1809 geschrieben, wie die Hindeutung auf die
unglcklichen Kmpfe um und in Regensburg vom 19. bis 23. April beweist;
Napoleons siegverkndendes Blletin, dessen erwhnt wird, ist vom 24.
April datirt. Der vierte Brief schliet sich an einen Artikel des
Nrnberger Korrespondenten aus denselben Tagen an. Die sterreichischen
Landwehren, welche die Fabel anredet, waren durch Erla vom 9. Juni 1808
ins Leben gerufen; die Erhebung der Spanier, auf welche die Ueberschrift
des Katechismus anspielt, hatte im Mai 1808, der Tiroler, deren im Text
gedacht wird, am 9. April 1809 begonnen. Dagegen findet sich nichts, was
auf den Sieg von Aspern am 21. und 22. April 1809 hinwiese. Also diese
fnf Stcke werden Ende April oder Anfang Mai entstanden sein. Ganz
anders lautet der Ton nach der Schlacht von Aspern in der Einleitung zur
Germania; der erste Athemzug der deutschen Freiheit sollte diese
Zeitschrift sein. Derselben Zeit gehren auch die beiden andern Nummern
an. Da folgte die Schlacht von Wagram, und Sieg und Hoffnung, Muth und
Zuversicht, Kraft und Begeisterung sind wiederum mit einem Schlage
vernichtet.

Den Versuch, den Kleist in Prag 1809 machen wollte, durch eine
Zeitschrift auf die Volksstimmung zu wirken, hat er einmal vorher 1808
in Dresden, ein anderes Mal nachher 1810 in Berlin wirklich gemacht.
Dort sollte es eine knstlerisch wissenschaftliche, hier eine
vaterlndische sein. Jenes ist der Phbus, ein Journal fr die Kunst,
zu dessen Herausgabe er sich mit Adam Mller und dem Maler Ferdinand
Hartmann verbunden hatte, dieses die Berliner Abendbltter. Prchtig
ausgestattet, auf weiem Papier in Quart, gro gedruckt, mit
kupfergestochenen Umrissen erschien der Phbus in monatlichen Heften,
auf deren Umschlag der emporsteigende Sonnengott mit seinem Viergespann
zu sehen war. Kleist erblickte wirklich eine neue Hoffnungssonne in
diesem Unternehmen. Aus der Zeitschrift sollte eine Buch-, Karten- und
Kunsthandlung erwachsen, in die er und seine Freunde nach dem Vorbilde
der Fugger und Medici alles hineinwerfen sollten, was man auftreiben
knne. Dichter und Buchhndler zugleich zu sein, darin lag die Hoffnung
des groen Looses; auerdem war Novalis Nachla, Beitrge von Goethe und
Wieland zugesagt. Ruhmredig pries Adam Mller seinem Freunde Gentz, da
es wohl noch keine hnliche Verbindung der Poesie und Philosophie und
der bildenden Kunst gegeben, und meinte jede Vergleichung mit den Horen,
als einer Art von sonntglicher Retraite oder Ressource, und selbst
mit dem Athenum abweisen zu knnen. Dennoch war es kein Treffer; die
gehofften Mittel und Beitrge blieben aus, mit der Migunst der
Buchhndler waren die noch mignstigeren Zeitumstnde im Bunde, und
schon im August 1808 ward es Kleist deutlich, das Journal werde sich auf
die Dauer nicht halten. Am Ende war man zufrieden, es der Waltherschen
Buchhandlung in Dresden berlassen zu knnen, und mit dem zwlften
Monatshefte des Jahres 1808 hrte es auf. Fr uns liegt der berwiegende
Werth desselben darin, da Kleist es zur ersten Niederlage seiner
bedeutendsten Dichtungen gemacht hat.[17]

In dem unscheinbarsten Gewande, der Zeit angemessen, wo man alle
Veranlassung hatte, geruschlos zu wirken, traten die Berliner
Abendbltter seit dem 1. October 1810 auf. Klein Octav, graues
Lschpapier, stumpfe Lettern, die von mittlerer Gre, unter Anwendung
aller Hlfen der Raumersparni, bis zu den kleinsten Augentdtern
hinabstiegen, durch zahllose Druckfehler entstellt, bieten sie einen
ungemein kmmerlichen Anblick dar; uerlich stehen sie auf einer Stufe
mit dem bekannten Berliner Localblatte, der Beobachter an der Spree.
Kein Programm war vorangeschickt, das ber den Zweck des Blatts
Andeutungen gegeben htte, selbst in der ersten Nummer nannten sich
weder Redacteur noch Buchdrucker, und erst unter dem 22. October trat
Kleist in einer von ihm unterzeichneten Erklrung aus dem Dunkel hervor,
whrend die buchhndlerische Spedition von J. E. Hitzig bernommen
wurde. Diese drftigen Bltter haben einige bekannte Dichtungen Kleist's
in die Welt zuerst eingefhrt; sie enthalten aber noch weit mehr, theils
unter seinem Namen, theils unter verschiedenen Zeichen, was nachher im
Sturm eines halben Jahrhunderts verweht und vergessen worden ist. Damals
wenig beachtet, sind sie jetzt ein wichtiges Hlfsmittel zur Litteratur
und Wrdigung des Dichters. Doch gehrt ein vollstndiges Exemplar zu
den grten Seltenheiten des Bchermarkts. Tieck mu sie bei der
Herausgabe des Nachlasses noch gehabt haben; in der Vorrede sagt er, da
sie ungleich und oft flchtig von verschiedenen Verfassern geschrieben,
doch manches Erfreuliche von ihm (Kleist) enthalten, doch geht er auf
eine Ausscheidung desselben nicht ein.[18] Blow erhielt beim Abschlusse
seines Buchs, wie er in der Vorrede sagt, noch ein Exemplar; doch ist es
entweder nicht vollstndig gewesen oder von ihm nicht vollstndig
benutzt worden, denn in dem Anhange giebt er nur zwei Stcke ber das
Marionettentheater und eine Anekdote aus dem letzten preuischen
Kriege; das Uebrige bezeichnet er als unbedeutende gelegentliche
Aufstze und Bemerkungen.[19] Auch der neueste Herausgeber Julian
Schmidt hat der Abendbltter nicht habhaft werden knnen. Ich wrde mich
in gleicher Lage befinden, wenn mich nicht Herr Freiherr W. v. Maltzahn
durch die freundschaftliche Mittheilung derselben aus seinem reichen
Bcherschatze in den Stand gesetzt htte, diese verschttete Quelle
durch eigene Untersuchung wieder zu ffnen. Vor mir liegen 75 Bltter
vom 1. October bis 28. December 1810, ein volles Quartal. Aber wie sich
aus dem Briefe Kleist's an F. v. Raumer vom 21. Februar 1811 in dessen
krzlich erschienenen Lebenserinnerungen und Briefwechsel ergiebt, sind
die Abendbltter erst gegen Ende dieses Monats eingegangen; die letzten
Nummern scheinen ganz verschollen zu sein. Mitarbeiter waren Adam
Mller, A. v. Arnim, Brentano, Friedrich Schulz, Fouqu und einige
andere. Doch litt das Unternehmen an innerer Planlosigkeit, es brachte
bunt zusammengewrfelte Artikel ber Fragen der innern Politik und das
Theater, dichterische Beitrge und Polizeiberichte, und scheiterte
zuletzt an dem Zerwrfni mit den obersten Staatsbehrden, auf deren
Untersttzung Kleist nicht ohne Selbsttuschung gerechnet hatte, wie
seine leidenschaftliche Anklage F. v. Raumers beweist.

Er selbst hat zahlreiche und sehr verschiedenartige Beitrge geliefert.
Aus der Ermittelung und Zusammenstellung derselben wird sich eine nicht
ganz geringe und kaum noch gehoffte Nachernte ergeben, die ich mit den
vorher besprochenen handschriftlichen Bruchstcken zu einem Ganzen
verbinde.

Einiges steht durch die Unterzeichnung, anderes durch den Inhalt fest.
Durch sein offenkundiges H. v. K. bekennt er sich am 5. October zu der
Ode auf den Wiedereinzug des Knigs im Winter 1809; am 17. October zu
dem Artikel Theater. Unmagebliche Bemerkung; am 12. December zu dem
Aufsatze ber das Marionettentheater. Anerkannt hat er durch Aufnahme
in den zweiten Band der Erzhlungen 1811 das Bettelweib von Locarno
vom 11. October, und die heilige Ccilie oder die Gewalt der Musik,
eine Legende hier mit dem Zusatze Zum Taufangebinde fr Ccilie M....
vom 15. November, die erste mit ^mz^, die andere ^yz^ unterzeichnet. Er
wandte also verschiedene Schriftstellerzeichen an, je nachdem er
erkannt, errathen oder verborgen bleiben wollte. Die Wahl solcher
Chiffern ist freilich durchaus willkrlich, und der Versuch ohne
anderweitige Brgschaft aus ihnen einen Schlu auf den Verfasser zu
ziehen, wre sehr milich. Doch sollte der Schriftsteller in diesen
Dingen auch kein entschiedenes System gehabt haben, dennoch wird man
irgend eine Art von Folgerichtigkeit annehmen drfen; wahrscheinlich
werden die einmal gebrauchten Zeichen, sei es in etwas abweichender oder
derselben Verbindung wiederkehren. Auch Kleist wird die Buchstaben ^m^,
^x^, ^y^, ^z^ wiederholt angewendet haben, und wenn ihnen Auffassung und
Darstellung zustimmen, wird man mit annhernder Gewiheit aussprechen
knnen, ob ein Stck von ihm sei oder nicht.

Zunchst nach diesen ueren Zeichen stelle ich die Aufstze zusammen:
^xy^ ist unterzeichnet der Artikel Theater vom 4. October (I, 4, 4
dieser Nachlese). ^x^: die Einleitung, Gebet des Zoroaster vom 1.
October (I, 2, 4); Anekdote aus dem letzten Kriege vom 20. October (I,
3, 6); von der Ueberlegung, eine Paradoxe vom 7. Decbr. (I, 2, 5).
^y^: Brief eines Mahlers an seinen Sohn vom 22. October (I, 4, 2);
Schreiben aus Berlin vom 28. October unter dem 30. Oct. (I, 4, 6);
Brief eines jungen Dichters an einen jungen Mahler 6. November (I, 4,
3). ^z^: Betrachtungen ber den Weltlauf 9. October (I, 2, 6). ^xyz^:
Der Branntweinsufer und die Berliner Glocken, eine Anekdote 19.
October (I, 3, 7). Das Zeichen ^mz^ erscheint in Verbindung mit ^r^.
^rmz^ ist gezeichnet Ntzliche Erfindungen, Entwurf einer Bombenpost
12. Octbr. (I, 5, 2); ^rm^ Aronautik 29., 30. October (I, 5, 4).
^rz^: Der verlegene Magistrat, eine Anekdote 4. October (I, 3, 9).
^r^: Muthwille des Himmels, eine Anekdote 10. October (I, 3, 5). Ein
anderes Mal gesellt sich zu ^x^ noch ^p^. ^xp^ erscheint unter drei
Epigrammen, 24., 31. October (II, 3, 3).

Hier verlassen uns diese Spuren; doch nehme ich fr Kleist noch eine
Anzahl Stcke, die entweder vllig abweichende oder gar keine Zeichen
haben, aus inneren Grnden in Anspruch. Zwei gereimte Epigramme, 12.,
30. Octbr. (II, 3, 3) unter ^st^. Zu dem Aufsatz Empfindungen vor
Friedrich's Seelandschaft (I, 4, 1) ^cb^ unterzeichnet, hat er sich in
der folgenden Erklrung vom 22. October selbst bekannt: Der Aufsatz der
Hrn. L. A. v. A. und C. B. ber Hrn. Friedrich's Seelandschaft (S. 12te
Blatt) war ursprnglich dramatisch abgefat; der Raum dieser Bltter
erforderte aber eine Abkrzung, zu welcher Freiheit ich von Hrn. A. v.
A. freundschaftlich berechtigt war. Gleichwohl hat dieser Aufsatz
dadurch, da er nunmehr ein bestimmtes Urtheil ausspricht, seinen
Charakter dergestalt verndert, da ich zur Steuer der Wahrheit, falls
sich dessen jemand noch erinnern sollte, erklren mu: nur der Buchstabe
desselben gehrt den genannten beiden Hrn.; der Geist aber und die
Verantwortlichkeit dafr, so wie er jetzt abgefat ist, mir. H. v. K.

In dieser Erklrung liegt ein Widerspruch. Hatte er Arnim's und
Brentano's Dialog (denn das allein kann mit der dramatischen Form
gemeint sein) in diese Betrachtung umgesetzt, so gehrte ihm sicherlich
auch der Buchstabe an; sein Stil ist es unverkennbar. Durch das Zeichen
^cb^ wollte er, wie es scheint, Clemens Brentano's Autorschaft wahren.

Kleist gehren ferner an: ^vaa^ bezeichnet die Erzhlung Warnung gegen
weibliche Jgerei 5., 6. November (I, 3, 1); ^ava^, eine Umstellung des
vorigen, die sieben kleinen Kinder 8. Nov. (I, 4, 7); M. F. die beiden
Erzhlungen die Heilung vom 29. November und das Grab der Vter 5.
December (I, 3, 2. 3); und Allerneuester Erziehungsplan unterzeichnet
Levanus 29. October (I, 5, 1). Ohne jedes Zeichen sind folgende Stcke:
Der Griffel Gottes, eine Anekdote 5. October (I, 3, 4); Anekdote aus
dem letzten preuischen Kriege 6. October in Blow's Nachtrag;
Charit-Vorfall 13. October (I, 3, 10); Schreiben aus Berlin 15.
October (I, 5, 3); Anekdote 24. October (I, 3, 11); Rthsel eine
Anekdote, 1. Novbr. (I, 3, 12); Tages-Ereigni߫ 7. Novbr. (I, 3, 8);
von einem Kinde, das kindlicher Weise ein anderes Kind umbringt 13.
November (I, 4, 8); Legende nach Hans Sachs. Gleich und Ungleich 3.
November; und Legende nach Hans Sachs. Der Welt Lauf. 8. December (II,
1, 2); endlich zwei Anekdoten, 22. November und 27. November (I, 3, 13.
14).

Diese Aufstze, nach Werth und Inhalt sehr ungleich, gehen von der
hchsten Betrachtung bis zur niedrigen Tagesanekdote hinab. Mit manchem
Beitrag ist es ihm durchaus Ernst, andere sind nichts als Raumfller und
Lckenber. Um den Beweis anzutreten, sie alle seien von einem
Verfasser, und zwar von Kleist, war es nthig, das Gleichartige in eine
Klasse zu bringen; schon daraus mute sich manches ergeben, was fr die
innere Zusammengehrigkeit spricht. Ich habe sie nach der prosaischen
und dichterischen Form in zwei Abtheilungen geschieden, deren erste
enthlt: 1. Politische Satiren, 2. Politische Aufrufe und Betrachtungen,
3. Erzhlungen und Anekdoten, 4. Kunst und Theater, 5. Gemeinntziges;
worauf die wenigen versificirten Stcke unter dem zweiten Haupttitel
folgen.

Zu dem Politisch Historischen gehren drei Beitrge: die Einleitung,
Gebet des Zoroaster, von der Ueberlegung, eine Paradoxe und
Betrachtungen ber den Weltlauf (I, 2, 4-6). Da der Fhrer des
Blattes die Einleitung geschrieben habe, lt sich ohne Weiteres
annehmen; sie athmet ganz seinen Geist in dem Ingrimm ber das Elend des
Zeitalters, die Erbrmlichkeit, Halbheit, Unwahrhaftigkeit und
Gleinerei, zu deren Bekmpfung er um Kraft betet. Denselben praktischen
Zweck hat die Paradoxe; sie gilt den Deutschen, und findet im Gegensatze
zu den Franzosen den Quell ihres Elends in dem unverhltnimigen
Uebergewicht der gepriesenen Ueberlegung, die den lhmenden Zwiespalt
zwischen Denken und Handeln hervorruft. Wie im Katechismus richtet ein
Vater diese Rede an seinen Sohn. Die Ueberlegung, sagt er scheint nur
die _zum Handeln_ nthige _Kraft, die aus dem herrlichen Gefhle
quillt_, zu verwirren, zu hemmen und zu unterdrcken. Aehnlich im
Katechismus 9: Sie (die Deutschen) reflectirten, wo sie empfinden, oder
handeln sollten, meinten alles durch ihren Witz bewerkstelligen zu
knnen, und gben nichts mehr auf _die_ alte _geheimnivolle Kraft der
Herzen_. Dort wie hier spielt das Gleichni vom Ringer durch. In der
Paradoxe heit es: Der _Athlet_ kann _in dem Augenblick_, da er seinen
Gegner umfat hlt, schlechterdings nach keiner andern Rcksicht --
verfahren -- aber nachher, wenn er gesiegt hat oder _am Boden_ liegt,
mag es zweckmig sein -- zu berlegen, durch welchen Druck er seinen
Gegner _niederwarf_. Und im Katechismus 7: Das wre ebenso feig, als
ob ich die Geschicklichkeit, die einem Menschen im _Ringen_ beiwohnt,
_in dem Augenblick_ bewundern wollte, da er mich _in den Koth wirft_ und
mein Antlitz mit Fen tritt. Derselbe Gedanke endlich, Kraft und That
seien frher als Erkenntni und Betrachtung, das politische Handeln
lter als dessen Darstellung durch die Kunst, die Reflexion das Zeichen
des Verfalls und der Ohnmacht, erhebt sich in den Betrachtungen ber
den Weltlauf zur geschichtsphilosophischen Hhe. Stilistisch sprechen
die langen Perioden, in dem letzten Stck der indirecte Satz mit seinem
fnfmaligen -- da߫ -- fr Kleist.

Unter I, 3, 1-3 folgen drei etwas ausgefhrtere Erzhlungen Warnung
gegen weibliche Jgerei ^vaa^, die Heilung und das Grab der Vter,
beide M. F. gezeichnet. Das knnte etwa auf Fouqu zu deuten scheinen,
doch hat dieser nur wenige unbedeutende Zeilen unter d. l. M. F.
beigesteuert; auch hat der Stil durchaus nichts von seiner Manier. Diese
drei Erzhlungen gehren zusammen, sie sind von einem Verfasser; in
allen dieselbe Anschaulichkeit, dieselbe Lebendigkeit der Darstellung,
verschlungene Perioden und indirect wiederholte Reden und Betrachtungen.
Mit ungemeiner Kraft, hchst ergreifend ist in der Heilung die Spitze
der ganzen Begebenheit in eine einzige Periode zusammengedrngt: Wie
mute nun dem Leichtsinnigen zu Muthe werden, u. s. w. die in wenigen
Strichen ein Grauen erregendes Bild vorfhrt. Auch dergestalt da߫
fehlt hier nicht. In gleicher Weise wird in dem Grab der Vter die
Summe des Ganzen in einem Bilde, in einer Periode ausgesprochen. Da
standen sie aber pltzlich u. s. w. Die erste Erzhlung ist mehr
humoristischer Natur. Alle drei stehen auf der Grenze der Erzhlung und
Anekdote und schlieen sich insofern dem Bettelweib von Locarno an,
einer Anekdote spukhaften Inhalts, welche die Reihe dieser kleinen
Skizzen, die den Rahmen des Blattes fllen, erffnet.

Es folgt eine Gallerie von elf Anekdoten verschiedenen Inhalts, zum
Theil als solche bezeichnet; einige sehr charakteristisch und
unmittelbar dem Leben entlehnt, der Form nach Papierschnitzel, die
nebenher vom Schreibtisch abgefallen waren. Manche mochten Zge sein,
die zu knftiger Verwendung in irgend einem greren Bilde vorlufig
hingeworfen waren. Der Griffel Gottes (I, 3, 4), ohne Unterzeichnung,
trgt das Geprge einer solchen Notiz zu einer spter auszufhrenden
Erzhlung. Ins Lcherliche wird das Grausige verkehrt in der Anekdote
Muthwille des Himmels ^r.^, in der man Kleist's Feder wieder erkennen
wird. Auch spricht der Schauplatz dafr, seine Vaterstadt Frankfurt an
der Oder, wo er dies Geschichtchen gehrt haben mochte. Es ist wie die
folgenden 6 bis 9 eine der beliebten Militairanekdoten. Kleist war
diesen Kreisen, seiner abweichenden Denk- und Lebensweise ungeachtet,
nicht entfremdet; noch 1810 war von seinem Rcktritt in den Dienst in
allem Ernst die Rede.[20] Bei der lebhaften Theilnahme, die man nach
altpreuischer Ueberlieferung an militairischen Dingen nahm, und der
Beschrnkung, der die Tagesbltter damals doppelt unterlagen, war es
nicht zu verwundern, wenn kleine Soldatengeschichten, Witze und
Disciplinarflle einen willkommenen Stoff darboten. War doch der Soldat
neben dem Schauspieler der einzige ffentliche Charakter! Eine
eigenthmliche Art dieser Anekdoten bilden die Zge der Tapferkeit
Einzelner, die man aus den Nachrichten des letzten Krieges zu sammeln
begann. Zum Troste ber die Vergangenheit, da der alte Geist wieder
erwachen werde, suchte man sie auf. In dem Sinne nahm Kleist diese
kleinen Geschichten; den unter der Asche glimmenden Funken dachte er
wohl mit solchen Erinnerungen, soweit er vermochte, zu unterhalten. Von
den beiden Anekdoten aus dem letzten preuischen Kriege ist die erste,
die Blow bereits mitgetheilt hat, gar nicht, die zweite ^x^
unterzeichnet. Mit dieser dramatischen Lebendigkeit konnte nur Kleist
den preuischen Husaren vorfhren, der in der Nhe des siegreichen
Feindes seinen Danziger mit grter Seelenruhe trinkt, sich schnuzt,
die Pfeife anzndet, ber die Feinde herfllt, da sie die Schwerenoth
kriegen sollen, und auf drei franzsische Chasseurs dergestalt
einhaut, da߫ sie aus dem Sattel strzen. Die Umstndlichkeit des
dramatisch gehaltenen Gesprchs, das regelmig wiederkehrende spricht
er fr sagte er erinnert lebhaft an den Dialog zwischen Eva und dem
Dorfrichter in der zweiten Bearbeitung des zerbrochenen Krugs. Wenn er
sagt, auf der Reise nach Frankfurt habe er diese Geschichte in einem
Dorfe bei Jena gehrt, so konnte das damals geschehen sein, als er im
Frhjahr 1807 nach Joux als Gefangener gefhrt wurde. Verwandt (und
wieder nicht ohne dergestalt da߫) aber cynisch und hoch humoristisch
ist die Anekdote 6. Gleichgltiger sind die drei folgenden Geschichten,
militairische Disciplinarflle; 7 ^xyz^, 8 ohne Zeichen, 9 ^rz^.
Komischen Inhalts sind die fnf letzten Anekdoten; 10, eine
Tagesneuigkeit, zugleich eine Satire auf die Aerzte; 11 bis 14 smmtlich
ohne Zeichen, doch durch gleichwohl und dergestalt da߫ hinreichend
kenntlich gemacht.

Der vierten Abtheilung Kunst und Theater gehren acht Nummern an. Die
beiden Briefe eines Mahlers an seinen Sohn, und eines jungen Dichters
an einen jungen Mahler, mit ^y^ bezeichnet, gehren zu einander. Der
erste, der ironisirend in dem einfachen Stil des kunstliebenden
Klosterbruders beginnt, um cynisch zu enden, ist ein Ausfall gegen die
junge Malerschule, der Gemth und Andacht, Beruf und Studium ersetzen
soll. Im zweiten fordert der Dichter den Maler auf, von dem
verhimmelnden Nachbilden alter Meister abzustehen, weil der Knstler
sein eigenes Innerste zur Anschauung bringen solle, da das wesentlichste
Stck der Kunst die Erfindung nach eigenthmlichen Gesetzen sei. Die
Dichtung soll mit der Malerei auseinandergesetzt werden. Schon im Phbus
hatte Kleist in einer Anmerkung zu dem Gedichte nach Hartmanns Gemlde
der Engel am Grabe des Herrn etwas Aehnliches angekndet; er wollte in
dieser fortgesetzten Verbindung zweier so verschiedener Kunstleistungen
eine Sammlung von Beispielen geben, an denen vielleicht die alte
wichtige Frage von den Grenzen der Malerei und Poesie errtert werden
knne.[21] Die folgenden Nummern dieses Abschnitts sind, mit Ausnahme
der letzten Abhandlung ber das Marionettentheater, gelegentliche
Bemerkungen, die durch das Berliner Theater veranlat wurden. Die erste
Theater ^xy^ (I, 4, 4) ist eine feine Kritik Iffland's, der sehr
vorsichtig als Manierist bezeichnet wird. Die Hinweisung auf Kant's
Kritik der Urtheilskraft an dieser Stelle lt den Kantianer Kleist
sogleich errathen. In der unmageblichen Bemerkung (I, 4, 5) tritt er
in seinem H. v. K. mit einem Angriffe auf die Theaterleitung offen
hervor. Die Direction soll wahre Kritik ben; ist sie geneigt, der Menge
zu schmeicheln, mu sie unter die Aufsicht des Staats gestellt werden.
Nicht ohne Gereiztheit spricht er gegen Iffland, dem er in Folge der
Zurckweisung des Kthchen von Heilbronn schon am 12. August 1810 einen
sarkastisch bittern Brief geschrieben hatte. Das Schreiben aus Berlin
28. Oktober ^y^ (dergestalt, gleichwohl) bei Gelegenheit der Oper
Aschenbrdel; die sieben kleinen Kinder ^ava^, worin vom Theater
grere Bercksichtigung des Volksthmlichen, besonders norddeutscher
Dialecte gefordert wird; der Artikel ohne Zeichen Von einem Kinde, das
kindlicher Weise ein anderes Kind umbringt, der an eine Anekdote
geknpft eine anerkennende Erwhnung des Vierundzwanzigsten Februar von
Z. Werner enthlt; das Alles sind mehr oder weniger Anklagen der
Direction des Berliner Theaters, in denen sich das feindliche Verhltni
Kleist's und Iffland's abspiegelt.

Endlich gemeinntzigen Inhalts sind die vier Nummern der fnften
Abtheilung: Allerneuester Erziehungsplan, Entwurf einer Bombenpost
^rmz^ (dergestalt da߫), Schreiben aus Berlin 15. Oktober ohne
Zeichen (gleichwohl), Aronautik ^rm^ (dergestalt da߫). Der erste
Aufsatz trgt freilich nur die Maske der Gemeinntzigkeit, denn er ist
eine Satire gegen die neuesten Erziehungsreformatoren; gegen Ende werden
Pestalozzi und Zeller namentlich genannt. Schon in seinem Epigramme
hatte Kleist den Pdagogen das bittere Wort gesagt:

   Setzet, ihr trft's mit eurer Kunst und erzgt uns die Jugend
   Nun zu Mnnern wie ihr: lieben Freunde, was wr's?

Hier stellt er allen Plnen, die zum Heil der Menschheit gemacht werden,
den originellen und humoristischen Gedanken entgegen, statt der
Tugendschulen zur Abwechselung einmal Lasterschulen zu grnden und durch
die Macht des Gegensatzes zu wirken. Da Kleist der Verfasser sei,
obgleich er in den einleitenden Worten und in den Anmerkungen als
Kritiker dieser abentheuerlichen Unternehmung spttisch und vorsichtig
auftritt, beweist unzweifelhaft der periodisch ausgefhrte Stil,
namentlich in den erzhlenden Episoden, wo er einmal sogar auf sein
zeitweiliges Zusammenleben mit seiner Schwester anspielt. Die
Unterschrift Levanus ist eine ironische Hinweisung auf Jean Paul's
Levana, das Ganze kein geringer Beweis fr seine satirische Ader. In den
drei folgenden Aufstzen werden Telegraphie und Post, die Frage, ob der
Luftballon gelenkt werden knne, besprochen. Es sind Actenstcke zu
Kleist's Leben, der als Techniker und erfindungslustiger Planmacher
seine frheren Studien auf dem Gebiete der Naturwissenschaften praktisch
zu verwenden sucht.

Eine viel geringere Ausbeute bieten die Abendbltter fr die zweite
Hauptabtheilung; Beitrge in Versen sind die Ausnahme. Unter den drei
Stcken, als deren Verfasser ich Kleist erkenne, sind die beiden
Legenden nach Hans Sachs Gleich und Ungleich und der Welt Lauf, ohne
Zeichen, Holzschnitte in der Art des alten Meisters, dem nur die
Grundzge angehren, und deren freie Behandlung nicht minder meisterhaft
ist.[22] Diese Verse erinnern an das Gedicht der Engel am Grabe des
Herrn; nur sind sie, dem Stoffe gem, in den humoristischen Ton
umgebogen. Der Dialog mit dem regelmig eingeschalteten spricht er,
die dramatisch lebendigen Gestalten des tlpelhaften Knechts und der
flinken Magd lassen Kleist's Hand nicht verkennen. In den fnf
Epigrammen ^xp^ und ^st^ wechseln, wie in seinen anerkannten, Frage und
Antwort; die Distichen sind metrisch hier wie dort gleich unbeholfen.




                                 III.


Ueberblickt man diese Nachtrge, so gehren sie, mit Ausnahme der
dramatischen, allen Stilgattungen Kleist's an; es sind Erzhlungen in
Prosa und Versen, Dialoge, Briefe, Betrachtungen. Von einer neuen Seite
als Kritiker, bedeutender als Satiriker zeigt er sich; die Grundlage
seiner Satire ist der Patriotismus. Fr Auffassung komischer Contraste
war er kaum minder befhigt als fr die Behandlung des tragischen
Conflicts, nur ist seine Darstellung des Komischen schroff und gewaltsam
wie seine Tragik, es fehlt ihr die Ruhe und Behaglichkeit, die er auf
dem Gebiet der Erzhlung so trefflich zu bewahren wei, sie wird fr die
Charaktere vernichtend, wie im zerbrochenen Kruge, wo man zweifeln kann,
ob der Haupttrger des Lustspiels noch komisch sei. Auch hier zeigt sich
eine Leidenschaftlichkeit, die zum Ingrimm steigt, sobald persnliche
Beweggrnde hinzukommen. Wenn ihn die sittlichen Anforderungen, denen
gegenber die Welt so klein und elend erschien, auf die Satire
hinleiteten, so drngte ihn seine Leidenschaft darber hinaus zum
Pasquill. Seine Epigramme sind meist rein persnlicher Natur, zu Schutz
und Angriff fr seine Dichtungen gegen die Kritiker gerichtet; sie sind
bitter und heftig. Nach der ungnstigen Aufnahme der Penthesilea und des
zerbrochenen Kruges schonte er weder Weimar noch Goethe. Ein Pasquill
sondergleichen war sein Brief an Iffland, ein ungeheurer Witz von der
Art, wie er ihn in der Anekdote aus dem letzten Kriege erzhlt hat. Um
wie viel tdtlicher muten seine Pfeile sein, wenn der Zorn fr das
Vaterland sie entsandte, wenn er die ganze Wucht des Hasses auf den
Feind seines Volkes schleuderte.

Wenn man sagen darf, der Mensch trage sein Schicksal in der eigenen
Brust, in seinen Anlagen sei es ihm beschieden, so gilt das von ihm.
Sehr verschiedene Elemente lagen in seiner Seele neben einander, er
bestand gewissermaen aus mehreren Menschen; bald trat dieser bald jener
hervor, oder sie fhrten unter einander einen dmonischen Krieg, dem er
mit einer eisigen Selbstentuerung zusehen konnte, als sei es ein Spiel
fremdartiger Gewalten. Und doch war die Gesammtheit dieser ringenden
Krfte nichts anderes als er selbst. In doppeltem und dreifachem
Gegensatze fhlte er sich gegen Welt und Menschen, die er abwechselnd
mied, verachtete, hate und bekmpfte. Eine rastlose Unruhe trieb ihn
zum Wirken in welcher Gestalt auch immer; aber ebenso zog es ihn in die
abgeschiedenen Rume rein geistiger Arbeit, die ihre Welt aus sich
auferbaut. Da lagen wieder zwei Wege vor ihm, beide gleich einladend;
fr den einen drngte sich ihm der Verstand als Fhrer auf, whrend
Herz, Gefhl und Phantasie ihn auf den andern locken wollten. Er hatte
eine entschiedene Lust am Abstracten, die Dinge sich durch den
Schematismus des Verstandes zu unterwerfen, schien ihm der einzig
wrdige Beruf, und whrend seine scharfe berall ins einzelne dringende
Beobachtung ihm die Welt als eine Masse zusammenhangsloser und doch
unfreier Atome zeigte, setzte er ihr den Stolz des unabhngigen Denkers
entgegen, der, auf die Allmacht des Gedankens trotzend, sich seine
Stelle erobern will. Er ist berzeugt, es sei mglich, das Schicksal zu
leiten, aus sich heraus will er seinen Lebensplan bilden; das
Kennzeichen eines freien Menschen, der nach sichern Principien handelt,
ist Consequenz, Zusammenhang und Einheit des Betragens. Wer keinen
Lebensplan hat, schwankt zwischen unsichern Wnschen und ist eine Puppe
am Drahte des Schicksals. Dieser Zustand scheint ihm verchtlich, bei
weitem wnschenswerther wre ihm der Tod. Er whlt die Wissenschaft als
Fhrerin, und welche eher als die Philosophie, die dem bildungsgierigen
Jnger Sicherheit des Erkennens und Handelns zugleich verheit? Aber
_die_ Wissenschaft erscheint doch nicht als Philosophie allein, sie
spaltet sich in viele Wissenschaften, und seines ersten Entschlusses
ungeachtet verfllt er bald dem Zweifel. Am Ende ziehen alle ihn in
gleicher Weise an. Soll er nur einer folgen? Aber er kann sich nicht
vergraben wie der Maulwurf im Loch, wie die Raupe einspinnen im Blatt.
Soll er ruhelos von einer zur andern gehen? Aber ebenso wenig vermag er
stets auf der Oberflche zu schwimmen. Er leidet Tantalusqualen, weil er
in seinem Heihunger nicht alles zugleich verschlingen kann, und voll
Widerwillen stt er die ganze Mahlzeit von sich.

Er sucht die Wahrheit, weil sie Wahrheit ist. Aber ist sie auf diesem
Wege zu finden? Was hat ihm die abstracte Wissenschaft nicht verheien,
und was hat sie gehalten? Er wird ein Opfer der Zweifel, die sie
erweckt, es scheint ihm unmglich irgend etwas zu wissen, irgend ein
Eigenthum zu erwerben, das uns ber das Grab folgt, alles Mhen und
Ringen ist vergeblich; ihn ekelt vor Bchern und allem was Wissenschaft
heit, mge man aufgeklrt oder unwissend sein, man hat dabei ebensoviel
verloren als gewonnen. Er beklagt die traurige Klarheit, die ihm
geworden, die ihm alles, was ihn umgiebt, und ihn selbst in seiner
armseligen Ble zeigt. Der Verstand, die nagende Skeptik haben sich
selbst vernichtet: Jede erste Bewegung, alles Unwillkrliche, ruft er
aus, ist schn, und schief und verschroben alles, sobald es sich selbst
begreift. O, der Verstand, der unglckliche Verstand! Studiere nicht zu
viel, folge dem Gefhl! Hatte er doch schon frher bei seinen logischen
Studien geseufzt: nur im Herzen, nur im Gefhle, nicht im Kopfe, nicht
im Verstande wohnt das Glck, es kann nicht wie ein mathematischer
Lehrsatz bewiesen werden.[23]

Aber noch ein Mittel giebt es, welches den Mann gro macht und ber alle
Zweifel hinweghebt, es ist Handeln, das besser ist als Wissen; denn es
liegt eine Schuld auf dem Menschen, die wie eine Ehrenschuld jeden, der
Ehrgefhl hat, unaufhrlich mahnt. Auch ihn treibt der Ehrgeiz, dieses
gefhrliche Ding, dessen Folgen fr ein empfindliches Gemth nicht zu
berechnen sind. Er durstet nach Thaten und Erfolgen auf irgend einem
Felde. Aber wie soll man handeln, wenn man nicht wei, was recht ist?
Wird sich fr ihn eine Stelle finden, wo Pflicht und Neigung, That und
Einsicht zusammengehen? Umsonst sieht er sich danach um; umsonst klagt
er sich des allgemeinen Fehlers der Deutschen an, deren Verstand durch
einige scharfsinnige Lehrer einen Ueberwitz bekommen habe, der sie die
alte geheimnivolle Kraft der Herzen verachten lt. Umsonst sagt er
sich und seinen Lebensplnen zum Trotz: die Ueberlegung findet ihren
Zeitpunkt weit schicklicher nach als vor der That; die Menschen machen
einen falschen Gebrauch von ihr; whrend sie das Gefhl fr knftige
Flle reguliren soll, hemmt sie jetzt nur die That, die sich aus der
augenblicklichen Eingebung, nicht aus der Berechnung ergiebt. Er hat
Recht, denn die That ist unmittelbar eins, wie Blitz und Schlag; wer
wirklich handelt, hat keine Zeit zu rechnen, und wer berechnet, handelt
nicht. Doch zum stoweisen ja gewaltsamen Handeln gebricht es ihm weder
an Entschlu noch Kraft; mit dem rasenden Muthe eines verzweifelnden
Spielers will er dann alles auf eine Nummer setzen, er greift ber sein
Ziel hinaus, und was anfangs sorgliche Ueberlegung war, endet als
klgliche Uebereilung. Denn was kommt bei allen Erfahrungen heraus?
Eines ganzen Lebens bedarf man, um leben zu lernen, Niemand ahnt den
Zweck seines Daseins, und die Vernunft reicht nicht hin, die Seele und
die Dinge zu begreifen. Und an dieses rthselhafte Ding, das wir
besitzen, wir wissen nicht von wem, das uns fortfhrt, wir wissen nicht
wohin, ob wir darber schalten drfen, eine Habe, die nichts werth ist,
wenn sie uns etwas werth ist, ein Ding, wie ein Widerspruch, flach und
tief, de und reich, wrdig und verchtlich, vieldeutig und
unergrndlich, an dieses Ding ist der Mensch gefesselt durch
Naturnothwendigkeit! Da giebt es keine Verantwortlichkeit, wir mgen
thun, was wir wollen, wir thun recht! Frwahr jene orakelhaften Verse,
die in Thun ber der Hausthre zu lesen waren, und die Kleist so liebte:

   Ich komme, ich wei nicht von wo,
   Ich bin, ich wei nicht was,
   Ich fahre, ich wei nicht wohin;

waren sein Lebenszeichen, nur der vierte Vers:

   Mich wundert, da ich so frhlich bin!

pate auf ihn nicht.[24]

In der Knechtschaft der Schulmeinungen, die er sich auferlegt hat,
vermag sich seine reiche Natur nicht zu entfalten; nun er sie abgeworfen
hat, und die Skeptik ihm auch das Handeln verleidet, durchbrechen Gefhl
und Phantasie, so lange gewaltsam zurckgehalten, jeden Damm um so
mchtiger. Nur seinem Herzen will er folgen, er ist berzeugt, wenn ein
Werk nur recht frei aus dem Schooe des menschlichen Gemths hervorgehe,
dann msse es auch der ganzen Menschheit angehren. Vergessene oder
ungeahnte Krfte regen sich, aus der Flle lebendiger Anschauungen
beginnt die Phantasie ihre schaffende Thtigkeit, er fhlt sich als
Schpfer ideeller Gestalten. Als Knstler winkt ihm jetzt ein hchstes
Ziel, der Lorbeer des Dichters, und seinem Namen soll ein Platz unter
den Sternen nicht fehlen. Es gehrt zu den Dunkelheiten in Kleist's
Leben, da die Zeit, wo er sich der Dichtung entschieden zuwandte, nicht
mit Sicherheit festzustellen ist. Im Sommer 1801 in Paris, wohin er vor
seinen abstracten Studien geflohen war, angeblich um praktische Zwecke
zu verfolgen, einsam im endlosen Menschengewhle, versenkt er sich in
seine Phantasien; wie ein stiller Tag nach dem Sturme steigt die Ruhe in
seiner Seele wieder auf, und zum ersten Mal verrth er, da er ein
dichterisches Geheimni habe. Aber der Friede ist nur von kurzer Dauer.
Rastlos arbeitet er. Whrend ihm angstvoll das Hchste zu erreichen, der
Schwei von der Stirne rinnt, und er jeden Blutstropfen seines Herzens
fr den Buchstaben geben mchte, entflieht die Begeisterung, der
Verstand schleicht herbei, und indem er einzelne Mngel aufdeckt,
flstert er ihm hmisch und selbstqulerisch ins Ohr, Vollendung sei ihm
doch nicht gegeben. Was soll er lnger die Kraft an ein Werk setzen, das
ihm zu schwer ist? Am Einzelnen geht das Ganze zu Grunde, verzweifelnd
zerstrt er mit eigener Hand ein Dichterwerk, das auf den hchsten Ruhm
Anspruch hat, kaum in irgend einem Augenblicke seines Lebens stolzer als
jetzt, wo er vor keinem lebenden Dichter aus den Schranken weicht,
sondern sich vor der Gre eines kommenden, ein Jahrtausend im Voraus
beugt. Demjenigen, der das ausspricht, was er gewollt hat, ist ein
Denkmal gewi![25]

Doch irgendwo mu es auch fr ihn einen Balsam geben; schon der bloe
Glaube daran strkt ihn. Aber wo? Mit dem Waffenhandwerk und der
Kantischen Philosophie hat er es versucht, mit Hebeln und Schrauben will
er die Natur bezwingen, er ist Dichter und will Bauer werden, er will
sich frei selbst bestimmen, das Schicksal leiten, und fhlt sich bald
als eine jener Drahtpuppen, die er so tief verachtet; berall tritt
seinen Plnen ein dunkles Etwas entgegen, das sie mit furchtbarer
Dialektik in ihr Gegentheil umwendet und ihn selbst hin- und widerwirft.
Mit dem Forschen, Dichten, Handeln hat er es versucht, berall Stck-
und Flickwerk gefunden, whrend seiner Seele das Ganze vorschwebt;
abhngig, bedingt in allem fhlt er sich, und nach dem Letzten,
Unbedingten geht sein Streben. Da er es nicht findet, strzt er, der
strenge Realist, sich in den Abgrund des mystischen Geheimnisses, wo er
das Ganze in seinem Urzusammenhange zu erfassen meint.

Auch das ist ein Rthsel in Kleist's Leben, wann er sich dieser dunkeln
Richtung, die ein Ergebni seiner wachsenden Hoffnungslosigkeit war,
zuerst berlassen habe. In den vertraulichen Briefen findet sich kaum
eine Spur davon, sie sind nach wie vor im Tone bitterer Verachtung oder
rationell scharf gehalten. Auch seine ersten Dichtungen sind weit davon
entfernt, die Schroffensteiner in ihrer grausigen Hrte durchaus
realistisch, ebenso Penthesilea, Robert Guiskard. Nach dem Unglck von
1806 schrieb er noch seine beiden Lustspiele und gleichzeitig die
Marquise von O. Dagegen zeigt sich dieser dunkle Schatten zuerst im
Kohlhaas, milder im Kthchen von Heilbronn, dessen erste Bruchstcke im
Mai 1808 erschienen, und in voller Strke in den Beitrgen zu den
Abendblttern. Der Wendepunkt mag die Gefangenschaft in Frankreich im
Frhjahr 1807 gewesen sein; auch hier, in der Einsamkeit seiner Zelle,
beschftigt er sich dichterisch. Aber immer dsterer scheinen sich die
Wolken um ihn zusammengezogen zu haben. So zerrten ihn abstracter
Verstand und verzehrendes Gefhl, trockner Schematismus und glhende
Phantasie, gemeine Deutlichkeit und dunkle Mystik, himmelstrmender Muth
und ermattende Verzagtheit einer willenlosen Beute gleich hin und her.
Die Phantasie verdunkelte den Verstand, der Verstand hemmte die
Phantasie, beide lhmten die Kraft des Handelns, gegenseitig verdarben
sie ihr Spiel. Jede allein htte einen tchtigen Menschen ausstatten
knnen, sie alle in diesem Mae vereinigt, vernichteten den Besitzer,
der fr sein Glck zu viel oder zu wenig hatte. Das fhlte er nur
allzuwohl; in schmerzlicher Verzweiflung ruft er aus: Die Hlle gab mir
meine halben Talente, der Himmel schenkt dem Menschen ein ganzes oder
gar keins! So ward er immer bitterer gegen die Menschen, die ihn nicht
verstehen, nicht verstehen knnen, denn er versteht sich selber
nicht![26] Htte Kleist, wenn man dieser Betrachtung nachgehen darf,
eine groe sittliche Kraft in sich getragen, er htte den Streit seines
Innern durch Unterwerfung unter ein oberstes Gesetz zur Ruhe gebracht;
htte er die Selbstbescheidung besessen, ein Talent still anzubauen, sei
es, der wissenschaftlichen Forschung, oder, wozu er gewi viel hhern
Beruf hatte, allein der Poesie zu leben, vielleicht da er gerettet
worden wre!

Diesen Zwiespalt, den er berall wiederfand, hat er in seinen Dichtungen
unter verschiedenen Formen dargestellt, jene geheimnivolle Wandelung,
wie Menschen und Verhltnisse in rthselhafter Verkettung ihre
ursprngliche Natur und Freiheit verlieren, um zu werden, was sie nicht
werden wollen; Tugenden verkehren sich in Laster, aus der besten Absicht
wchst das Verderben empor, und wie zum Hohne menschlicher Weisheit,
fhrt der Frevel zur Vershnung. Durch den abgeschmackten Aberglauben
eines einfltigen Mdchens gehen blutsverwandte Familien in den
Schroffensteinern zu Grunde; Penthesilea's heie Liebe verzerrt sich zum
todbringenden Vampyrismus; Kohlhaas wird durch sein Rechtsgefhl zum
Verbrecher und Landschdiger, und fr zwei Pferde fallen Menschen und
Stdte als Shnopfer; die Selbstverleugnung der jungen Creolin bringt
ihr den Tod von der Hand des Geliebten; der ritterliche Kmpfer fr
Tugend und Recht erliegt im feierlichen Gottesgericht; und im Findling
wird der vterliche Wohlthter von der Schlange, die er im Busen erwrmt
hat, zu Tode gestochen. Umgekehrt wird der thierische Frevel in der
Marquise v. O. wider aller Menschen Erwarten zur shnenden Liebe; im
Erdbeben von Chili werden durch den Untergang Tausender in einem
pltzlichen Naturereigni im Augenblicke des Todes der Inquisition ihre
Opfer entrissen, freilich um ihn gleich darauf whrend des Dankgebetes
fr die wunderbare Rettung desto furchtbarer zu erleiden; und in der
heiligen Ccilie werden die Snder zu Boden geschmettert, als sie die
Hnde zum Tempelraube erheben. In der Heilung (I, 3, 2) wird der
Wahnsinn durch den Wahnsinn geheilt; und im Grabe der Vter (I, 3, 3)
eine Ehe im Grabe geschlossen. Satirisch gewendet erscheint dieselbe
Ansicht in dem allerneuesten Erziehungsplan (I, 5, 1), der eine Schule
der Tugend durch das Laster zu errichten vorschlgt. Milder sind
Kthchen von Heilbronn und der Prinz von Homburg. Dort wird der
ritterliche Starrsinn durch die reine Natur des einfachen Mdchens
unterworfen, hier wird der Prinz trumend ein rettender Schlachtenheld,
um wachend in eisiger Todesfurcht zu verzagen. Eine groartige Wendung
erhlt dieser Gedanke in der Hermannsschlacht; aus der tiefsten
Knechtschaft erwchst die Freiheit, darin liegt hier zugleich die
Vershnung. Aber berwiegend sind es Nachtstcke, fern von allem
Idealismus der classischen Periode.

Ueberhaupt steht Kleist in entschiedenem Gegensatze zu Goethe und
Schiller. Ihrer ausgleichenden Classicitt setzte er mit khner Hand den
schreienden Zwiespalt, das Grausige in seiner Nacktheit entgegen, den
allgemeinen idealen Gestalten derb realistische, dem Antiken das
volksthmlich Deutsche, Provinzielle, unbekmmert ob seine Dissonanzen
das verwhnte Ohr zerschnitten, und seine lebenswahre Grobheit dem
classisch gebildeten Sinne brutal schien. Goethe's und Schiller's
Dichtung war in ihrer Wurzel deutsch, aber doch kosmopolitisch
vielseitig; Kleist hat seine Rthsel in deutsche Stoffe und Charaktere
hineingelegt, er war volksthmlich und einseitig. So griff er als
vaterlndischer Dichter in den groen Kampf der Befreiung ein.

Tiefer Schmerz erfate ihn, als er den ungeheuern Sturz aller
Verhltnisse berschaute. Schon im Herbst 1806 rief er seiner Schwester
zu: Es wre schrecklich, wenn dieser Wthrich sein Reich grndete! Nur
ein sehr kleiner Theil der Menschen begreift, was fr ein Verderben es
ist, unter seine Herrschaft zu kommen. Wir sind die unterjochten Vlker
der Rmer. In diesen Worten liegt der Keim seiner Hermannsschlacht. Er
selbst fllt in die Hand des Feindes, mit jedem Siege wchst das
Verderben, er zweifelt, ob in hundert Jahren noch Jemand im deutschen
Norden deutsch sprechen werde.[27] In dem einen Leiden des Vaterlandes
geht jetzt alles Leid, auch das seine auf. Der Ingrimm, der an seinem
Herzen wie ein Geier nagt, wendet sich von den kleinen Menschen und
Verhltnissen auf die groen und grten, auf den Dmon der Zeit, auf
Napoleon den Korsenkaiser. In der erstarkenden Liebe zum alten
Vaterlande sammelten sich seine Krfte noch einmal. Sie war nicht blos
ein verneinender Ha gegen das Fremde, fr ihn ward sie eine Luterung,
aus der seine Dichtung reiner hervorging, und seine drei groen
vaterlndischen Dramen erwuchsen. Er hatte wieder ein Ziel gefunden; es
war kein willkrliches, durch die groen Ereignisse ward es ihm gegeben,
es war die Wiedererweckung des erstorbenen Gefhls fr Freiheit und
Volksehre. So dichtete er die Hermannsschlacht, ein gewaltiges politisch
historisches Doppelbild, das in der Vergangenheit das Unheil der
Gegenwart und das Heil der Zukunft im Spiegel der Poesie erscheinen
lie. Seine Rmer und Germanen bedeuten Franzosen und Deutsche, und doch
sind sie nichts weniger als Typen; es sind Menschen aus dem Volke der
Welteroberer und der Urgermanen; gerade hier hat sich die Dichterkraft
glnzend bewhrt.

Rom und sein Augustus will in Deutschland nur einen Frsten dulden, der
seinem Thron auf immer sich verbinde. Es kennt diese kleinen Herren,
die um ein Wort, einen leeren Vorzug, eine scheinbare Selbstndigkeit,
die nur durch Demthigung vor dem fremden Herrscher erkauft werden kann,
streiten, und lieber diesem als einem aus ihrer Mitte sich unterwerfen.
Sie fallen sich wie zwei Spinnen an, und

   -- Es bricht der Wolf, o Deutschland,
   In deine Hrde ein, und deine Hirten streiten
   Um eine Hand voll Wolle sich!

Aber das rmische Bndni wird Unterdrckung, die verheiene Freiheit
Knechtschaft, das Gebiet der Neutralen wird schonungslos verletzt, es
wird jedwedem Gruel des Krieges Preis gegeben, und die Abtrnnigen um
den Lohn der fluchwrdigen Feigherzigkeit betrogen. Ausgepret wird das
deutsche Land bis auf den letzten Blutstropfen, denn fr wen erschaffen
ward die Welt, wenn nicht fr Rom? Wie Elephant und Seidenwurm zu Roms
Schmuck hergeben mssen, was die Natur ihnen verlieh, so der Deutsche;
er ist eine Bestie, die auf vier Fen in den Wldern luft, und
ausgeweidet und dann gepelzt wird. Wer erkennte nicht in dem Latier,
der keine andere Volksnatur verstehen konnte und ehren als nur seine
den Franzosen? Napoleon's hhnende Politik, die mit zweizngiger List
die Schwachen umgarnt, Krieg fhrt mitten im Frieden, das Markten
deutscher Frsten in Paris um Fetzen deutschen Gebiets, das Anfachen der
Eifersucht Oesterreichs und Preuens, die Kriecherei der Rheinbndler,
das Hinzerren der Schwche Preuens, die blutige Verwstung Hessens,
Thringens, der preuischen Lande? Varus mit seinem schneidenden Wort:

   Was bekmmerts mich? Es ist nicht meines Amtes
   Den Willen meines Kaisers zu ersphn.
   Er sagt ihn, wenn er ihn vollfhrt will wissen;

ist das lebendige Ebenbild jener eisernen Marschlle, Mortier, Ney,
Davoust; und Ventidius, der galante Friseurknste treibt, einer der
jngeren franzsischen Officiere, die im Boudoir der Damen die
gefhrlichste Politik geheimer Verfhrung trieben.[28]

In derselben Stimmung sind die satirischen Briefe entstanden. Nicht
entschieden genug knnen die offnen oder geheimen Bundesgenossen der
Feinde im Vaterlande selbst der Verachtung preisgegeben werden. Der
rheinbndische Officier, der sich mit dem elenden Troste entschuldigt,
ein Deutscher knne seinen Landsleuten im Hauptquartier Napoleon's durch
Milderung der Einquartirung die besten Dienste leisten; das
Landfrulein, wie Kleist von seiner Thusnelda sagte, eins von den
Weiberchen, die einfltig genug sind, sich von franzsischen Manieren
fangen zu lassen, das den Verfhrer heirathen will, an dessen Rock das
Blut ihrer Brder und Verwandten klebt; der Festungscommandant, der die
Huser der Brger verbrennt und die Vertheidigungsmittel aus der Stadt
schafft; sie alle waren nur zu getreue Abbilder ganzer Classen von
Verrthern. Man wute ja, welche schmachvollen Eroberungen die Franzosen
in den Familien gemacht hatten, und mochten auch manche Schilderungen
bswillig bertrieben sein, so war es doch z. B. eine amtlich
festgestellte Thatsache, da eine sechszigjhrige Wittwe einen
zwanzigjhrigen franzsischen Soldaten heirathete, und zu dessen Gunsten
ihren eigenen Sohn enterbte. Was will des Dichters Satire bedeuten gegen
diese furchtbarste Satire der Thatsachen? Die Commandanten von Cstrin
und Magdeburg hatten ja kurz vor der Capitulation die Vorstdte
niederzubrennen gedroht oder wirklich niedergebrannt; und in dem
Kniglichen Publicandum vom 6. December 1806 waren sie, und diese ganze
Gattung, bezeichnet worden als Knechte, die ihre Pferde abstrngen, um
davonzujagen.[29]

War diese Satire zermalmend, so war der Gedanke, die Trugpolitik des
Feindes als System darzustellen und die Lgenknste der franzsischen
Journale nach Lehrstzen zu entwickeln, vielleicht der geistvollste, den
Kleist in dieser Ideenverbindung hatte. Er war im Sinne Swift's gefat.
Was ein politischer Weiser, der dies Treiben an der Quelle studiert
hatte, der Graf Schlabrendorf davon sagte, stellte Kleist systematisch
dar: Es ist gar keine Kunst, eine Unwahrheit zu erfinden. Jeder
Flachkopf kann das. Die eigentliche Kunst besteht darin, aus zweien
Stzen, die, jeder einzeln, wahr sind, durch arglistige Zusammenstellung
einen dritten herauszubringen, der eine Lge ist. Das ist die vornehmste
Art der Rabulisterei, aber auch zugleich die gemeinste. Oder wie Kleist
die Aufgabe stellt: Alles was in der Welt vorfllt, zu entstellen, und
gleichwohl ziemliches Vertrauen zu haben. Mit sarkastischer
Folgerichtigkeit entwickelt er den ganzen Vorrath von Trug- und
Gewaltmitteln, und der letzte Zweck ist: die Regierung ber allen
Wechsel der Begebenheiten hinaus sicher zu stellen, und die Gemther,
allen Lockungen des Augenblickes zum Trotz, in schweigender
Unterwrfigkeit unter das Joch derselben niederzuhalten.[30]

Diesen geheimen Knsten des Feindes gegenber konnte dem Volke nicht
eindringlich genug wiederholt werden, was es zu thun habe, um sich aus
dem Elende zu retten. Keine Form war dem furchtbaren Humor geeigneter
als der Katechismus, der die christlichen Grundwahrheiten als Gebote
Gottes lehrt, und in dem Alte und Kinder Trost und Heil suchen. Einige
Jahre frher hatten die Grnder der romantischen Schule gar manches zur
Religion machen wollen; hier sollte mit der Vaterlandsliebe als Religion
Ernst gemacht werden. Hatte der Kosmopolitismus sich der religisen
Weihe gerhmt, so war auch das Volk, das deutsche Volk, die lebendige
Darstellung eines Gedankens aus dem gttlichen Geiste, und die Heils-
und Rettungslehre vom Vaterlande sollte Alten und Jungen eingeprgt
werden.

Ein Mann wie Kleist konnte nur der Partei angehren, die Preuen je eher
je besser in den Kampf fhren, alles an alles setzen und lieber ruhmvoll
untergehen, als schmhlich leben wollte. Nur zu Stein, Scharnhorst,
Gneisenau konnte er stehen, zu den sogenannten Exaltirten, wie damals
die deutsche Partei genannt wurde. Volksbewaffnung, Volkskrieg war ihr
Gedanke; der Norddeutsche konnte so gut, wie Spanier und Tiroler, sein
Joch zertrmmern, Katt, Drnberg, Schill erhoben sich, das Ma war
bervoll, das Volk genug geknechtet, geschmht, getreten, um endlich in
voller Wuth hervorzubrechen. Was Staatsmnner beriethen und Generale
vorbereiteten, sprach er 1808 in der Hermannsschlacht als letztes
Rettungsmittel aus; wie Gneisenau wollte sein Hermann, die Germanen
sollten Weib und Kind zusammenraffen, ihre Gter verkaufen, die Fluren
verwsten, die Heerden erschlagen, die Pltze niederbrennen, denn der
That bedarf es, nicht der Verschwrung, Schwtzer mgen Deutschland zu
befreien mit Chiffern schreiben und einander Boten senden, die die Rmer
hngen, er will einen Krieg

   Entflammen, der in Deutschland rasselnd
   Gleich einem drren Walde um sich greifen
   Und auf zum Himmel lodernd schlagen soll!
   -- --
   Die ganze Brut, die in den Leib Germaniens
   Sich eingefilzt, wie ein Insectenschwarm,
   Mu durch das Schwerdt der Rache jetzo sterben.
   -- --
   Die Guten mit den Schlechten. Was! Die Guten!
   Das sind die Schlechtesten! Der Rache Keil
   Soll sie zuerst vor allen Andern treffen!

Und das sollte von der Bhne herab verkndet werden; am 1. Januar 1809
sandte Kleist die Hermannsschlacht dem Wiener Burgtheater; sein
Schauspiel schien ihm des Erfolges sicher zu sein. Das ist auch der
Grundton seines Katechismus.[31]

In sechszehn Capiteln spricht er von Deutschland berhaupt, von der
Liebe zum Vaterlande, von der Zertrmmerung des Vaterlandes, vom
Erzfeind, von der Erziehung der Deutschen, der Verfassung der Deutschen,
den freiwilligen Beitrgen, den obersten Staatsbeamten, vom
Hochverrathe. Die fehlenden Capitel handelten augenscheinlich von den
Mitteln, den Erzfeind zu bekmpfen, von der Organisation des Kampfes,
vom Aufstande des Volks. Auch hier geht er von der Gegenwart aus. Auf
der Karte giebt es seit 1805 kein Deutschland mehr. Wo find ich dies
Deutschland? wo liegt es? lautet die bittere Frage. Dennoch hat es ein
unverlierbares Dasein in der Liebe derer, die ihm anhangen, weil es das
Vaterland ist. Aber es ist zertrmmert worden von dem Korsenkaiser, den
die Deutschen nie beleidigt haben, und der sie mitten im Frieden
unterjocht. Und warum that er es? Weil er ein bser Geist ist, der
Erzfeind, der Anfang alles Bsen, das Ende alles Guten! So braust der
Strom eines vernichtenden Zornes hin, der umsonst nach Ausdrcken und
Bildern sucht, durch die seine ganze Flle sich ergieen knne. Der
Deutsche soll sich vergegenwrtigen, was er gelitten habe, des Morgens,
wenn er sich vom Lager erhebt, des Abends, wenn er zur Ruhe geht; die
hchsten Gter, die Gott dem Menschen verliehen, Gott, Vaterland,
Kaiser, Freiheit, Liebe und Treue, Schnheit, Wissenschaft und Kunst
soll er wieder erringen, den Erzfeind hassen, aus allen Krften
bekmpfen, alles entbehren, alles opfern, und wenn auch kein Mensch am
Leben bliebe, dennoch mte gekmpft werden, weil es Gott lieb ist,
wenn Menschen ihrer Freiheit wegen sterben, weil es ihm ein Gruel ist,
wenn Sclaven leben!

So predigte er die Religion der volksthmlichen Selbstndigkeit, des
nationalen Hasses, so dachten und sprachen Stein, Blcher, Fichte. Man
mu der Nation das Gefhl der Selbstndigkeit einflen, schrieb
Scharnhorst an Clausewitz, man mu ihr Gelegenheit geben, da sie mit
sich selbst bekannt wird, da sie sich ihrer selbst annimmt; nur erst
dann wird sie sich selbst achten, und von Andern Achtung zu erzwingen
wissen! Und Stein an Wittgenstein: Die Erbitterung nimmt in
Deutschland tglich zu, und es ist rathsam, sie zu nhren und auf die
Menschen zu wirken. -- Die spanischen Angelegenheiten machen einen sehr
lebhaften Eindruck und beweisen handgreiflich, was wir lngst htten
glauben sollen. Es wird sehr ntzlich sein, sie mglichst auf eine
vorsichtige Art zu verbreiten. Endlich Blcher: Mein Rath ist zu den
Waffen unsere und die gantze deutsche Nation aufzuruffen, den
vaterlndischen boden zu verteidigen, die waffen im allgemeinen nicht
ehender nieder zu legen, bis ein Volck, da uns unterjochen wollte, vom
dieseitigen Reinufer vertrieben sei; jeder deutsche der mit den waffen
wider uns getroffen werde, habe den Tod verwrkt; ich wei nicht, warum
wihr uns nicht den Tihrollern und Spaniern gleich achten wollen! So der
Held, der Staatsmann, der Dichter.

Doch dazu waren in Preuen die Dinge noch nicht reif; aber um so
mchtiger erhob sich Oesterreich, das, seiner alten Natur entsagend,
sich an die Kraft des Volkes wandte. Wie zndende Funken schlugen die
Aufrufe des Kaisers und des Erzherzogs Karl ein, als deren Verfasser man
Friedrich Schlegel und Gentz nannte. Wir kmpfen, sagte der Erzherzog
in seinem Aufruf an die deutsche Nation, um die Selbstndigkeit der
sterreichischen Monarchie zu behaupten, um Deutschland die
Unabhngigkeit und National-Ehre wieder zu verschaffen, die ihm
gebhren. Dieselben Anmaungen, die uns jetzt bedrohen, haben
Deutschland bereits gebeugt. Unser Widerstand ist seine letzte Sttze
zur Rettung. Unsere Sache ist die Sache Deutschlands! Und in einem
andern: Die Masse der Nation selbst hat sich in ihrem gerechten
Unwillen erhoben und die Waffen ergriffen! -- Der jetzige Augenblick
kehrt nicht zurck in Jahrhunderten! Ergreift ihn, damit er nicht fr
Euch auf immer entfliehe! Ahmet Spaniens groes Beispiel nach! --
Zeiget, da auch Euch Euer Vaterland und eine selbstndige deutsche
Regierung und Gesetzgebung theuer sei, da Ihr Entschlu und Kraft habt,
es aus der entehrenden Sclaverei zu reien, es frei, nicht unter fremdem
Joche erniedrigt, Euren Kindern zu hinterlassen.[32] Noch einmal
erhoben die Habsburger das Banner des deutschen Volkes, sie gaben das
Zeichen zum Kampf, und noch einmal leuchteten das alte Kaiserthum, das
alte Reich in einem zauberischen Glanze volksthmlicher Gre, den sie
seit dem Untergange der Hohenstaufen in Wirklichkeit nie gehabt hatten.
Die Vergangenheit enthielt was die Zukunft versprach, was der Gegenwart
fehlte. Daher, wie bei vielen Andern, die zum sterreichischen Heere
eilten, auch bei Kleist, dem Brandenburger, die Begeisterung fr
Oesterreich, fr Franz den Zweiten, den alten Kaiser, den Vormund, Vater
und Wiederhersteller der Deutschen, der den gromthigen Kampf fr das
Heil des unterdrckten und bisher noch wenig dankbaren Deutschland
unternommen hat; fr den Erzherzog Karl, der die gttliche Kraft das
Werk an sein Ziel hinaus zu fhren dargethan hat.

Wohin dieser Kampf fr Gottes heilige Ordnung endlich fhren mute,
ahnte er; wie der Deutsche zum Deutschen zurckkehren, alle sich
gemeinsam umwenden wrden gegen den Feind, den Rhein ereilen, um dann
nach Rom selbst aufzubrechen, wir oder unsere Enkel, damit der
Weltkreis endlich Ruhe gewinne. Ueber diese Erfllung hinaus sah er
_einen_ Herrscher an der Spitze des Vaterlands, von dem er im Prinzen
von Homburg sagte:

   Das wird sich ausbaun herrlich, in der Zukunft,
   Erweitern unter Enkels Hand, verschnern,
   Mit Zinnen, ppig, feenhaft, zur Wonne
   Der Freunde und zum Schrecken aller Feinde.[33]

So eilte sein Seherblick ber fnf verhngnivolle Jahre fort; in seinem
Prinzen von Homburg ahnte er den knftigen York und nahm die Siege von
1813 und 1815 voraus. Doch nicht so gut wie seinem Helden ward es ihm
selbst. Den Glauben an den Sieg der ewigen Mchte, der den Dichter
begeisterte, vermochte der Mensch nicht festzuhalten, und sein Zweifel
fhrte ihn in den Tod. Weil sein Dichterglaube der Zeit voraneilte,
verlieen ihn die Zeitgenossen; und kraftlos schien sein Wort zu
verhallen. Die Hermannsschlacht, der Prinz von Homburg kamen nicht zur
Darstellung, nicht einmal zum Druck; seine Aufrufe, die ganz Deutschland
galten, mute er bei verschlossenen Thren vorlesen, dann wurden sie
vergessen. Er hatte gehofft, jetzt werde Deutschland sich erheben, es
erhob sich nicht; er hatte gehofft, jetzt werde Oesterreich siegen, es
ward geschlagen. Auch die Hoffnung auf die Rettung des Vaterlandes, an
der er sich noch einmal aufgerichtet hatte, scheiterte, und er mit ihr.
Htte er sterben knnen auf dem Schlachtfelde, mit dem Degen in der
Faust, wie sein Vorfahr Ewald von Kleist, wie Theodor Krner, er wre
glcklich gewesen. Er ist gefallen wie Schill, weil es noch nicht an der
Zeit war; aber nicht wie der Held, dessen Untergang noch ein Sieg ist,
sondern im Streite mit sich selbst. Zu seinem Verderben reichen sich
jetzt Phantasie und Verstand die Hnde, die Verzweiflung, die ihm von
jener ausgemalt wird, beweist ihm dieser, und mit trgerisch kalter
Ueberlegung, die er unaussprechliche Heiterkeit nennt, wird er fremden
Blutes schuldig und giebt sich dann den Tod. Voreilig greift er in sein
Geschick, beraubt sich des Hchsten, was er ersehnt hat, und in
tragischer Ueberstrzung endet der tragische Dichter.

Kleist hat sich selbst gerichtet, aber seine Stelle in der Litteratur
und Geschichte unseres Volkes bleibt ihm unvergnglich. Jene Zeit hat
seinen Mahnruf berhrt; desto eindringlicher tnt er zu uns herber; es
ist die Stimme des Propheten, die sich nach mehr als fnfzig Jahren
warnend aus dem Grabe erhebt. Oder htten wir etwa Veranlassung, sie
heute zu berhren? Wre sie wirklich nur ein geschichtliches Zeugni
vergangener Zeiten? Wollte Gott, wir knnten es sagen! Noch ist der
Ueberwitz bei uns zu Hause, noch treiben wir Handel und Wandel im
Schweie des Angesichts, whrend andere die Frchte deutscher Arbeit
genieen; noch hadern die Hirten um eine Hand voll Wolle, noch gilt das
Ganze als Verrath am Einzelnen, und jeder Zoll will ein Knig sein.
Wieder haben sich die Epigonen der Eroberer erhoben und werfen ihre
lsternen Blicke auf die deutsche Erde, wieder spinnt die Trugpolitik
die unsichtbaren zhen Fden ihres Netzes, wieder heulen die Wlfe an
den deutschen Marken. Sollte das alte Chaos je wiederkehren? Wre das
mglich nach so vielen Opfern, schweren Kmpfen und schmerzlichen
Erfahrungen? Nimmermehr! Auch Vlker lernen aus der Geschichte, nur
langsamer als der Einzelne; schwerer hat keines dafr gezahlt, als das
deutsche. Mge es durch die That zeigen, es habe Kleist's groes Wort
endlich erkennen gelernt:

Vergebt, verget, vershnt, umarmt und liebt euch!




                               Nachtrag
                                  zu
                    Heinrich von Kleist's Werken.





                              I. Prosa.




                        1. Politische Satiren.


    1. Brief eines rheinbndischen Officiers an seinen Freund.[34]

Auf meine Ehre, mein vortrefflicher Freund, Sie irren sich. Ich will ein
Schelm sein, wenn die Schlacht von Jena, wie Sie zu glauben scheinen,
meine politischen Grundstze verndert hat. Lassen Sie uns wieder einmal
nach dem Beispiel des schnen Sommers von 1806 ein patriotisches
Convivium veranstalten (bei Sala schlag ich vor,[35] er hat frische
Austern bekommen und sein Burgunder ist vom Beten), so sollen Sie
sehen, da ich noch ein ebenso enthousiastischer Anhnger der Deutschen
bin wie vormals. Zwar der Schein, ich gestehe es, ist wider mich. Der
Knig hat mich nach dem Frieden bei Tilsit auf die Verwendung des
Reichsmarschalls Herzogs von Auerstdt,[36] dem ich einige Dienste zu
leisten Gelegenheit [hatte],[37] zum Obristen avancirt. Man hat mir das
Kreutz der Ehrenlegion zugeschickt, eine Auszeichnung, mit welchem ich,
wie Sie selbst einsehen, ffentlich zu erscheinen, nicht unterlassen
kann; ich wrde den Knig, dem ich diene, auf eine zwecklose Weise
dadurch compromittiren.

Aber was folgt daraus? Meinen Sie, da diese Armseeligkeiten mich
bestimmen werden, die groe Sache, fr die die Deutschen fechten, aus
den Augen zu verlieren? Nimmermehr! Lassen Sie nur den Erzherzog Carl,
der jetzt ins Reich vorgerckt ist, siegen, und die Deutschen, sowie er
es von ihnen verlangt hat, ^en masse^ aufstehen, so sollen Sie sehen,
wie ich mich alsdann entscheiden werde.[38]

Mu man denn den Abschied nehmen und zu den Fahnen der Oesterreicher
bergehen, um dem Vaterlande diesen Augenblick ntzlich zu sein? Mit
nichten! Ein Deutscher, der es redlich meint, kann seinen Landsleuten in
dem Lager der Franzosen selbst, ja in dem Hauptquartier des Napoleon,
die wichtigsten Dienste thun. Wie mancher kann der Requisition an
Fleisch oder Fourage vorbeugen; wie manches Elend der Einquartirung
mildern?

Ich bin mit wahrer Freundschafft u. s. w.

N. S.

Hierbei erfolgt feucht, wie es eben der Courier berbringt, das erste
Blletin der franzsischen Armee. Was sagen Sie dazu? Die
sterreichische Macht total pulverisirt, alle Corps der Armee
vernichtet, drei Erzherzge todt auf dem Platz![39] -- Ein verwnschtes
Schicksal! Ich wollte schon zur Armee abgehn. Herr von Montesquiou, hat,
wie ich hre, das Blletin nunmehr anhero gebracht, und ist dafr von
Sr. Majestt mit einer Tabatiere, schlecht gerechnet 2000 Ducaten an
Werth beschenkt worden.


    2. Brief eines jungen mrkischen Landfruleins an ihren Onkel.

Theuerster Herr Onkel,

Die Regungen der kindlichen Pflicht, die mein Hertz gegen Sie empfindet,
bewegen mich, Ihnen die Meldung zu thun, da ich mich am 8ten d. von
Verhltnissen, die ich nicht nennen kann, gedrngt, mit dem jungen Hrn.
^Lefat^, Capitain bei dem 9. franzsischen Dragonerregiment, der in
unserm Hause zu P... einquartiert war, verlobt habe.[40]

Ich wei, gndigster Onkel, wie Sie ber diesen Schritt denken. Sie
haben sich gegen die Verbindungen, die die Tchter des Landes, so lange
der Krieg fortwhrt, mit den Individuen des franzsischen Heers
vollziehn, oftmals mit Heftigkeit und Bitterkeit erklrt. Ich will Ihnen
hierin nicht ganz Unrecht geben. Man braucht keine Rmerinn oder
Spartanerinn zu sein, um das Verletzende, das allgemeine betrachtet
darin liegen mag, zu empfinden. Diese Mnner sind unsere Feinde; das
Blut unserer Brder und Verwandten klebt, um mich so auszudrcken, an
ihren Rcken, und es heit sich gewissermaen, wie Sie sehr richtig
bemerken, von den Seinigen lossagen, wenn man sich auf die Parthei
derjenigen herber stellt, deren Bemhen ist sie zu zertreten, und auf
alle ersinnliche Weise zu verderben und zu vernichten.

Aber sind diese Mnner, ich beschwre Sie, sind sie die Urheber des
unseeligen Kriegs, der in diesem Augenblick zwischen Franzosen und
Deutschen entbrannt ist? Folgen sie nicht, der Bestimmung eines Soldaten
getreu, einem blinden Gesetz der Nothwendigkeit, ohne selbst oft die
Ursach des Streits, fr den sie die Waffen ergreifen, zu kennen? Ja,
giebt es nicht Einzelne unter ihnen, die den rasenden Heereszug, mit
welchem Napoleon von Neuem das deutsche Reich berschwemmt,
verabscheuen, und die das arme Volk, auf dessen Ausplnderung und
Unterjochung es angesehen ist, aufs Innigste bedauern und bemitleiden?

Vergeben Sie, mein theuerster und beter Oheim! Ich sehe die Rthe des
Unwillens auf Ihre Wangen treten! Sie glauben, ich wei, Sie glauben an
diese Gefhle nicht; Sie halten sie fr die Erfindung einer satanischen
List, um das Wohlwollen der armen Schlachtopfer, die sie zur Bank
fhren, gefangen zu nehmen. Ja, diese Regung, selbst wenn sie vorhanden
wre, vershnt Sie nicht, Sie halten den Ihrer doppelten Rache fr
wrdig, der das Gesetz des gttlichen Willens anerkennt und gleichwol
auf eine so lsterliche und hhnische Weise zu verletzen wagt.

Allein, wenn die Ansicht, die ich aufstellte, allerdings nicht gemacht
ist, die Mnner, die das Vaterland eben[41] vertheidigen, zu entwaffnen,
indem sie unmglich, wenn es zum Handgemenge kmmt, sich auf die Frage
einlassen knnen, wer von denen, die auf sie anrcken, schuldig ist oder
nicht: so verhlt es sich doch, mein gndigster Onkel, mit einem Mdchen
anders; mit einem armen schwachen Mdchen, auf dessen leicht bethrte
Sinne, in der Ruhe eines monatlangen Umgangs, alle Liebenswrdigkeiten
der Geburt und der Erziehung einzuwirken Zeit finden, und das, wie man
leider wei, auf die Vernunft nicht mehr hrt, wenn das Herz sich
bereits fr einen Gegenstand entschieden hat.

Hier lege ich Ihnen ein Zeugni bei, das Hr. ^v. Lefat^ sich auf die
Forderung meiner Mutter von seinem Regimentschef zu verschaffen gewut
hat. Sie werden daraus ersehen, da das, was uns ein Feldwebel von
seinem Regiment von ihm sagte, nmlich da er schon verheiratet sei,
eine schndliche und niedertrchtige Verlumdung war. Hr. ^v. Lefat^ ist
selbst vor einigen Tagen in B.-- gewesen, um das Attest, das die
Declaration vom Gegentheil enthlt, formaliter von seinem Obristen
ausfertigen zu lassen. Ueberhaupt mu ich Ihnen sagen, da die niedrige
Meinung, die man hier in der ganzen Gegend von diesem jungen Manne hegt,
mein Herz auf das Empfindlichste krnkt. Der Leidenschaft, die er fr
mich fhlt, und die ich als wahrhaft zu erkennen, die entscheidendsten
Grnde habe, wagt man die schndlichsten Absichten unterzulegen. Ja,
mein voreiliger Bruder geht soweit mich zu versichern, da der Obrist,
sein Regimentschef, gar nicht mehr in B.-- sei --, und ich bitte Sie,
der Sie sich in B.-- aufhalten, dem Ersteren darber nach angestellter
Untersuchung die Zurechtweisung zu geben. Ich leugne nicht, da der
Vorfall, der sich vor einiger Zeit zwischen ihm und der Kammerjungfer
meiner Mutter zutrug, einige Unruhe ber seine sittliche Denkungsart zu
erwecken geschickt war. Abwesend, wie ich an diesem Tage von P.-- war,
bin ich gnzlich auer Stand ber die Berichte dieses albernen und
eingebildeten Geschpfs zu urtheilen. Aber die Beweise, die er mir, als
ich zurckkam und in Thrnen auf mein Bette sank, von seiner
ungetheilten Liebe gab, waren so eindringlich, da ich die ganze
Erzhlung als eine elende Vision verwarf, und von der innigsten Reue
bewegt, das Band der Ehe, von dem bis dahin noch nicht die Rede gewesen
war, jetzt allererst knpfen zu mssen glaubte. -- Wren sie es weniger
gewesen, und Ihre Laura noch frei und ruhig wie zuvor!

Kurz, mein theuerster und beter Onkel, retten Sie mich!

In 8 Tagen soll, wenn es nach meinen Wnschen geht, die Vermhlung sein.

Inzwischen wnscht Hr. ^v. Lefat^, da die Anstalten dazu, auf die meine
gute Mutter bereits in zrtlichen Augenblicken denkt, nicht eher auf
entscheidende Weise gemacht werden, als bis Sie die Gte gehabt haben
ihm das ^Legat^ zu berantworten, das mir aus der Erbschaft meines
Grovaters bei dem Tode desselben zufiel, und Sie, als mein Vormund bis
heute geflligst verwalteten. Da ich grojhrig bin, so wird diesem
Wunsch nichts im Wege stehn, und indem ich es mit meiner zrtlichsten
Bitte untersttze, und auf die schleunige Erfllung desselben antrage,
indem sonst die unangenehmste Verzgerung davon die Folge sein wrde,
nenne ich mich mit der innigsten Hochachtung und Liebe u. s. w.


      3. Schreiben eines Burgemeisters in einer Festung an einen
                            Unterbeamten.

Sr. Excellenz der Hr. Generallieutenant von F., ^Commendant^ der
hiesigen Garnison, haben sich auf die Nachricht, da der Feind nur noch
drey Meilen von der Festung stehe, auf das Rathhaus verfgt, und
daselbst, in Begleitung eines starken Detaschements von Dragonern, 3000
Pechkrnze verlangt, um die Vorstdte, die das Glacis embarrassiren,
danieder zu brennen.

Der Rath der Stadt, der unter solchen Umstnden das Ruhmvolle dieses
Entschlusses einsah, hat, nach Abfhrung einiger renitirenden
Mitglieder, die Sache ^in pleno^ erwogen, und mit einer Majoritt von 3
gegen 2 Stimmen, wobei meine wie gewhnlich fr 2 galt, und Sr.
Excellenz die 3 supplirten, die verlangten Pechkrnze ohne Bedenken
bewilligt. Inzwischen ist nun die Frage, und wir geben Euch auf Euch
gutachtlich darber auszulassen,

   1. Wie viel an Pech und Schwefel, als den dazu gehrigen
   Materialien, zur Fabrication von 3000 Pechkrnzen erforderlich
   sind; und

   2. ob die genannten Combustibeln in der berechneten Menge zur
   gehrigen Zeit herbeizuschaffen sind?

Unseres Wissens liegt ein groer Vorrath von Pech und Schwefel bei dem
Kaufmann M. in der N..schen Vorstadt, P..sche Gasse Num. 139.

Inzwischen ist dies ein auf Bestellung der Dnischen Regierung
aufgehufter Vorrath, und wir besitzen bereits, in Relation wie wir mit
derselben stehen, den Auftrag dem Kaufmann M. den Marktpreis davon mit
3000 fl. zuzufertigen. Indem wir Euch nun, diesem Auftrage gem, die
besagte Summe fr den Kaufmann M. in guten Landespapieren, demselben
auch sechs Wgen oder mehr und Psse, und was immer zur ungesumten
Abfhrung der Ingredienzen an den Hafen-Platz erforderlich sein mag,[42]
bewilligen, beschlieen wir zwar von diesem Eigenthum der Dnischen
Regierung Behufs einer Niederbrennung der Vorstdte keine Notiz zu
nehmen; indessen habt Ihr das gesammte Personale der untern
Polizeibeamten zusammenzunehmen, und alle Gewlbe und Lden der Kauf-
und Gewerksleute, die mit diesen Combustibeln handeln oder sie
verarbeiten, aufs Strengste und Eigensinnigste zu durchsuchen, damit,
dem Entschlu Sr. Excellenz gem, unverzglich die Pechkrnze
verfertigt und mit Debarrassirung des Glacis verfahren werden mge.

Nichts ist nothwendiger, als in diesem Augenblick der herannahenden
Gefahr Alles aufzubieten, und kein Opfer zu scheuen, das im Stande ist
dem Staat diesen fr den Erfolg des Kriegs hchst wichtigen Platz zu
behaupten. Sr. Excellenz haben erklrt, da wenn ihr auf dem Markt
befindlicher Pallast vor dem Glacis lge, sie denselben zuerst
niederbrennen und unter den Thoren der Vestung bernachten wrden. Da
nun unser, sowohl des Burgemeisters, als auch Euer, des Unterbeamten,
Haus, in dem angegebenen Fall sind, indem sie von der Q...schen Vorstadt
her mit ihren Grten und Nebengebuden das Glacis betrchtlich
embarrassiren, so wird es blo von Euren Recherchen und von dem Bericht
abhangen, den Ihr darber abstatten werdet, ob wir den Andern ein
Beispiel zu geben, und den Pechkranz zuerst auf die Giebel derselben zu
werfen haben.

Sind in Gewogenheit u. s. w.


      4. Brief eines politischen Pescher ber einen Nrnberger
                           Zeitungsartikel.

Erlaube mir, Vetter Pescher, da ich Dir in der verwirrten Sprache, die
krzlich ein Deutscher mich gelehrt hat, einen Artikel mittheile, der in
einer Zeitung dieses Landes, wenn ich nicht irre, im Nrnberger
Correspondenten gestanden hat, und den ein Grnlnder, der in Island auf
einem Kaffeehause war, hierher gebracht hat. Der Zeitungsartikel ist
folgenden sonderbaren Inhalts:[43]

Es sind nicht sowohl die Franzosen, welche die Freiheitsschlacht, die
bei Regensburg gefochten ward, entschieden haben, als vielmehr die
Deutschen selbst. Der tapfere Kronprinz von Bayern hat zuerst an der
Spitze der rheinbndischen Truppen die Linien der Oesterreicher
durchbrochen. Der Kaiser Napoleon hat ihn am Abend der Schlacht auf dem
Wahlplatz umarmt, und ihn den Helden der Deutschen genannt.[44]

Ich versichere Dich, Vetter Pescher, ich bin hinausgegangen auf den
Sandhgel, wo die Sonne brennt, und habe meine Nase angesehen
stundenlang, und wieder stundenlang, ohne im Stande gewesen zu sein den
Sinn dieses Zeitungsartikels zu erforschen. Er verwischt Alles, was ich
ber die Vergangenheit zu wissen meine, dergestalt, da mein Gedchtni
wie ein weies Blatt aussieht, und die ganze Geschichte derselben von
Neuem darin angefrischt werden mu.

Sage mir also, ich bitte Dich:

1. Ist es der Kaiser von Oesterreich, der das deutsche Reich im Jahre
1805 zertrmmert hat?[45]

2. Ist er es, der den Buchhndler Palm erschieen lie, weil er ein
dreistes Wort ber diese Gewaltthat in Umlauf brachte?[46]

3. Ist er es, der durch List und Rnke die deutschen Frsten entzweite,
um ber die Entzweiten nach der Regel des Csar zu herrschen?

4. Ist er es, der den Kurfrsten von Hessen ohne Kriegserklrung aus
seinem Lande vertrieb, und einen Handlungscommis -- wie heit er schon?
-- der ihm verwandt war, auf den Thron desselben setzte?[47]

5. Ist er es, der den Knig von Preuen, den ersten Grnder seines
Ruhms, in dem undankbarsten und ungerechtesten Kriege zu Boden
geschlagen hat, und auch selbst nach dem Frieden noch mit seinem
grimmigen Fu auf dem Nacken desselben verweilte?[48]

6. Ist es dagegen der Kaiser Napoleon, der durch unglckliche Feldzge
erschpft, die deutsche Krone auf das Machtwort seines Gegners
niederzulegen genthigt war?[49]

7. Ist er es, der mit zerrissenem Herzen Preuen, den letzten Pfeiler
Deutschlands, sinken sah, und, so zerstreut seine Heere auch waren,
herbei geeilt sein wrde ihn zu retten, wenn der Friede von Tilsit nicht
abgeschlossen worden wre?[50]

8. Ist er es, der dem betrogenen Kurfrsten von Hessen auf der Flucht
aus seinen Staaten einen Zufluchtsort in den seinigen vergnnt hat?[51]

9. Ist er es endlich, der sich des Elends, unter welchem die Deutschen
seufzen, erbarmt hat, und der nun, an der Spitze der ganzen Jugend, wie
Anteus, der Sohn der Erde, von seinem Fall erstanden ist, um das
Vaterland zu retten?

Vetter Pescher, vergieb mir diese Fragen; ein Europer wird ohne
Zweifel, wenn er den Artikel liest, wissen was er davon zu halten hat.
Einem Pescher aber mssen, wie Du selbst einsiehst, alle die Zweifel
kommen, die ich Dir vorgetragen habe.

Bekanntlich drcken wir mit dem Wort Pescher Alles aus, was wir
empfinden oder denken, drcken es mit einer Deutlichkeit aus, die den
andern Sprachen der Welt fremd ist. Wenn wir z. B. sagen wollen: es ist
Tag, so sagen wir: Pescher; wollen wir hingegen sagen: es ist Nacht, so
sagen wir: Pescher. Wollen wir ausdrcken: dieser Mann ist redlich, so
sagen wir: Pescher; wollen wir hingegen versichern: er ist ein Schelm,
so sagen wir: Pescher. Kurz, Pescher drckt den Inbegriff aller
Erscheinungen aus, und eben darum, weil es Alles ausdrckt, auch jedes
Einzelne.

Htte doch der Nrnberger Zeitungsschreiber in der Sprache der Peschers
geschrieben! Denn setze einmal der Artikel lautete also Pescher, so
wrde Dein Vetter[52] nicht einen, nicht einen Augenblick bei seinem
Inhalt angestoen sein. Er wrde alsdann mit vlliger Bestimmtheit und
Klarheit also gelesen haben:

Es sind nicht sowohl die Franzosen, welche die Schlacht, die das
deutsche Reich dem Napoleon berliefern sollte, gewonnen haben, als
vielmehr die bemitleidenswrdigen Deutschen selbst. Der entartete
Kronprintz von Bayern hat zuerst an der Spitze der rheinbndischen
Truppen die Linien der braven Oesterreicher, ihrer Befreier,
durchbrochen. Sie sind der Held der Deutschen! rief ihm der
Verschlagenste der Unterdrcker zu; aber sein Hertz sprach heimlich:
ein Verrther bist Du, und wenn ich Dich werde gebraucht haben, wirst
Du abtreten!


                    5. Die Bedingung des Grtners.
                             Eine Fabel.

Ein Grtner sagte zu seinem Herrn: Deinem Dienst habe ich mich nur
innerhalb dieser Hecken und Zune gewidmet. Wenn der Bach kommt und
deine Frucht-Beete berschwemmt, so will ich mit Hacken und Spaten
aufbrechen, um ihm zu wehren; aber auerhalb dieses Bezirkes zu gehen,
und, ehe der Strom noch einbricht, mit seinen Wogen zu kmpfen, das
kannst du nicht von deinem Diener verlangen.

Der Herr schwieg.

Und drei Frhlinge kamen und verheerten mit ihren Gewssern das Land.
Der Grtner triefte von Schwei, um dem Geriesel[53], das von allen
Seiten eindrang, zu steuern; umsonst; der Seegen des Jahrs, wenn ihm die
Arbeit auch gelang, war verderbt und vernichtet.

Als der vierte kam, nahm er Hacken und Spaten und gieng auf's Feld.

Wohin? fragte ihn sein Herr.

Auf das Feld, antwortete er, wo das Uebel entspringt. Hier thrm' ich
Wlle von Erde umsonst, um dem Strom, der brausend hereinbricht, zu
wehren: an der Quelle kann ich ihn mit einem Futritt verstopfen.

Landwehren von Oesterreich! Warum wollt ihr blo innerhalb eures Landes
fechten?[54]


             6. Lehrbuch der franzsischen Journalistik.


                             Einleitung.


                                  1.

Die Journalistik berhaupt ist die treuherzige und unverfngliche Kunst
das Volk von dem zu unterrichten, was in der Welt vorfllt. Sie ist eine
gnzliche Privatsache, und alle Zwecke der Regierung, sie mgen heien
wie man wolle, sind ihr fremd. Wenn man die franzsischen Journale mit
Aufmerksamkeit liest, so sieht man, da sie nach ganz eignen Grundstzen
abgefat worden, deren System man die _franzsische Journalistik_ nennen
kann. Wir wollen uns bemhen den Entwurf dieses Systems, so wie es etwa
im geheimen Archiv zu Paris liegen mag, hier zu entfalten.


                              Erklrung.


                                  2.

Die _franzsische Journalistik_ ist die Kunst das Volk glauben zu
machen, was die Regierung fr gut findet.


                                  3.

Sie ist blo Sache der Regierung, und alle Einmischung der Privatleute,
bis selbst auf die Stellung vertraulicher Briefe, die die
Tages-Geschichte betreffen, verboten.


                                  4.

Ihr Zweck ist die Regierung ber allen Wechsel der Begebenheiten hinaus
sicher zu stellen, und die Gemther, allen Lockungen des Augenblicks zum
Trotz, in schweigender Unterwrfigkeit unter das Joch derselben
niederzuhalten.


                    Die zwei obersten Grundstze.


                                  5.

_Was das Volk nicht wei, macht das Volk nicht hei._


                                  6.

_Was man dem Volke dreimal sagt, hlt das Volk fr wahr._


                              Anmerkung.


                                  7.

Diese Grundstze knnte man auch Grundstze des Talleyrand nennen. Denn
ob sie gleich nicht von ihm erfunden sind, so wenig wie die
mathematischen von dem Euklid: so ist er doch der Erste, der sie fr ein
bestimmtes und schlugerechtes System in Anwendung gebracht hat.


                               Aufgabe.


                                  8.

Eine Verbindung von Journalen zu redigiren, welche 1. Alles, was in der
Welt vorfllt, entstellen, und gleichwohl 2. ziemliches Vertrauen haben?


                  Lehrsatz zum Behuf der Auflsung.

Die Wahrheit sagen heit allererst die Wahrheit _ganz_ und _nichts als_
die Wahrheit sagen.


                              Auflsung.

Also redigire man zwei Bltter, deren Eines niemals lgt, das Andere
aber die Wahrheit sagt: so wird die Aufgabe gelt sein.


                               Beweis.

Denn weil das Eine niemals lgt, das Andere aber die Wahrheit sagt, so
wird die _zweite_ Forderung erfllt sein. Weil aber jenes verschweigt
was wahr ist, und dieses hinzusetzet was erlogen ist, so wird es auch,
wie jedermann zugestehen wird, die _erste_ sein. ^q. e. d.^


                              Erklrung.


                                  9.

Dasjenige Blatt, welches niemals lgt, aber hin und wieder verschweigt
was wahr ist, heit der _Moniteur_, und erscheine in officieller Form;
das Andere, welches die Wahrheit sagt, aber zuweilen hinzuthut was
erstuncken und erlogen ist, heie ^Journal de l'Empire^, oder
auch ^Journal de Paris^, und erscheine in Form einer bloen
Privat-Unternehmung.


                    Eintheilung der Journalistik.


                                 10.

Die franzsische Journalistik zerfllt in die Lehre von der Verbreitung
1. _wahrhaftiger_, 2. _falscher_ Nachrichten. Jede Art der Nachricht
erfordert einen eigenen _Modus der Verbreitung_, von welchem hier
gehandelt werden soll.


                              ^Cap. I.^
                  Von den wahrhaftigen Nachrichten.


                              ^Art. 1.^
                            Von den guten.


                              Lehrsatz.


                                 11.

_Das Werk lobt seinen Meister._


                               Beweis.

Der Beweis fr diesen Satz ist klar an sich. Er liegt in der Sonne,
besonders wenn sie aufgeht; in den gyptischen Pyramiden; in der
Peterskirche; in der Madonna des Raphael, und in vielen andern
herrlichen Werken der Gtter und Menschen.


                              Anmerkung.


                                 12.

Wirklich und in der That: man mgte meinen, da dieser Satz sich in der
franzsischen Journalistik [nicht] findet. Wer die Zeitungen aber mit
Aufmerksamkeit gelesen hat, der wird gestehen, er findet sich darin;
daher wir ihn auch dem System zu Gefallen hier haben auffhren mssen.


                             Corollarium.


                                 13.

Inzwischen gilt dieser Satz doch nur in vlliger Strenge fr den
_Moniteur_, und auch fr diesen nur bei guten Nachrichten von
auerordentlichem und entscheidendem Werth. Bei guten Nachrichten von
untergeordnetem Werth kann der Moniteur schon das Werk ein wenig loben,
das ^Journal de l'Empire^ aber und das ^Journal de Paris^ mit vollen
Backen in die Posaune stoen.


                               Aufgabe.


                                 14.

_Dem Volk eine gute Nachricht vorzutragen?_


                              Auflsung.

Ist es z. B. eine gnzliche Niederlage des Feindes, wobei derselbe
Kanonen, Bagage und Munition verloren hat und in die Morste gesprengt
worden ist, so sage man dies, und setze das Punctum dahinter. ( 11) Ist
es ein bloes Gefecht, wobei nicht viel herausgekommen ist, so setze man
im Moniteur eine, im ^Journal de l'Empire^ drei Nullen an jede Zahl, und
schicke die Bltter mit ^Courieren^ in alle Welt. ( 13)


                              Anmerkung.


                                 15.

Hierbei braucht man nicht nothwendig zu lgen. Man braucht nur z. B. die
Blessirten, die man auf dem Schlachtfelde gefunden, auch unter den
Gefangenen aufzufhren. Dadurch bekmmt man zwei Rubriken, und das
Gewissen ist gerettet.


                              ^Art. 2.^
                  _Von den schlechten Nachrichten._


                              Lehrsatz.


                                 16.

Zeit gewonnen, Alles gewonnen.


                              Anmerkung.


                                 17.

Dieser Satz ist so klar, da er, wie die Grundstze, keines Beweises
bedarf, daher ihn der Kaiser der Franzosen auch unter die Grundstze
aufgenommen hat. Er fhrt in natrlicher Ordnung auf die Kunst dem Volk
[eine] Nachricht zu verbergen, von welcher[55] sogleich gehandelt werden
soll.


                             Corollarium.


                                 18.

Inzwischen gilt auch dieser Satz nur in vlliger Strenge fr das
^Journal de l'Empire^ und fr das ^Journal de Paris^, und auch fr diese
nur bei schlechten Nachrichten von der gefhrlichen und verzweifelten
Art. Schlechte Nachrichten von ertrglicher Art kann der Moniteur gleich
offenherzig gestehen, das ^Journal de l'Empire^ aber und das ^Journal de
Paris^ thun als ob nicht viel daran wre.


                               Aufgabe.


                                 19.

_Dem Volk eine schlechte Nachricht zu verbergen?_


                              Auflsung.

Die Auflsung ist leicht. Es gilt fr das Innere des Landes in allen
Journalen Stillschweigen, einem Fisch gleich. Unterschlagung der Briefe,
die davon handeln, Aufhaltung der Reisenden, Verbote in Tabagien und
Gasthusern davon zu reden, und fr das Ausland Confiscation der
^Journale^, welche gleichwohl davon zu handeln wagen; Arretirung,
Deportirung, und Fselierung der Redactoren; Ansetzung neuer ^Subjecte^
bei diesem Geschfft: Alles mittelbar entweder durch Requisition, oder
unmittelbar durch Detaschements.


                              Anmerkung.


                                 20.

Diese Auflsung ist, wie man sieht, nur eine bedingte, und frh oder
spt kommt die Wahrheit ans Licht. Will man die Glaubwrdigkeit der
Zeitungen nicht aussetzen, so mu es nothwendig eine Kunst geben dem
Volk schlechte Nachrichten vorzutragen. Worauf wird diese Kunst sich
sttzen?


                              Lehrsatz.


                                 21.

Der Teufel lt keinen Schelmen im Stich.


                              Anmerkung.


                                 22.

Auch dieser Satz ist so klar, da er nur erst verworren[56] werden
wrde, wenn man ihn beweisen wollte, daher wir uns nicht weiter darauf
einlassen, sondern sogleich zur Anwendung schreiten wollen.


                               Aufgabe.


                                 23.

_Dem Volk eine schlechte Nachricht vorzutragen?_


                              Auflsung.

Man schweige davon ( 5) bis sich die Umstnde gendert haben. ( 15).
Inzwischen unterhalte man das Volk mit guten Nachrichten, entweder mit
wahrhaftigen aus der Vergangenheit, oder auch mit gegenwrtigen, wenn
sie vorhanden sind, als: Schlacht von Marengo, von der Gesandschafft des
Persenschachs[57] und von der Ankunft des Levantischen Kaffes, oder, in
Ermangelung aller, mit solchen die erstunken und erlogen sind; sobald
sich die Umstnde gendert haben, welches niemals ausbleibt, ( 20) und
irgend ein Vortheil, er sei gro oder klein, errungen worden ist, gebe
man ( 14) eine pomphafte Ankndigung davon, und an ihren Schwanz hnge
man die schlechte Nachricht an. ^q. e. des.^


                              Anmerkung.


                                 24.

Hierin ist eigentlich noch der Lehrsatz enthalten: _wenn man dem Kinde
ein Licht zeigt, so weint es nicht_; denn darauf sttzt sich zum Theil
das angegebene Verfahren. Nur der Krze wegen, und weil er von selbst in
die Augen springt, geschah es, da wir denselben ^in abstracto^ nicht
haben auffhren wollen.


                             Corollarium.


                                 25.

Ganz _still zu schweigen_, wie die Auflsung fordert, ist in vielen
Fllen unmglich, denn schon das Datum des Blletins, wenn z. B. eine
Schlacht verloren und das Hauptquartier zurckgegangen wre, verrth
dies Factum. In diesem Fall _antedatire_ man entweder das Blletin, oder
aber _fingire einen Druckfehler_ im Datum, oder endlich lasse das Datum
_ganz weg_. Die Schuld kommt auf den Setzer oder Corrector.


   7. Katechismus der Deutschen, abgefat nach dem Spanischen, zum
                  Gebrauch fr Kinder und Alte.[58]
                        In sechzehn Kapiteln.


                           Erstes Kapitel.
                      Von Deutschland berhaupt.

_Frage._ Sprich, Kind, wer bist Du?

_Antwort._ Ich bin ein Deutscher.

_Fr._ Ein Deutscher? Du scherzest. Du bist in Meien gebohren, und das
Land, dem Meien angehrt, heit Sachsen!

_Antw._ Ich bin in Meien gebohren, und das Land, dem Meien angehrt,
heit Sachsen; aber mein Vaterland, das Land dem Sachsen angehrt, ist
Deutschland, und Dein Sohn, mein Vater, ist ein Deutscher.

_Fr._ Du trumest! Ich kenne kein Land, dem Sachsen angehrt, es mte
denn das rheinische Bundesland sein.[59] Wo find ich es, dies
Deutschland, von dem Du sprichst, und wo liegt es?

_Antw._ Hier, mein Vater. -- Verwirre mich nicht.

_Fr._ Wo?

_Antw._ Auf der Karte.

_Fr._ Ja, auf der Karte! -- Diese Karte ist vom Jahr 1805. -- Weit Du
nicht, was geschehn ist im Jahr 1805, da der Friede von Preburg
abgeschlossen war?

_Antw._ Napoleon, der korsische Kaiser, hat es nach dem Frieden durch
eine Gewaltthat zertrmmert.[60]

_Fr._ Nun? Und gleichwohl wre es noch vorhanden?

_Antw._ Gewi! -- Was fragst Du mich doch!

_Fr._ Seit wann?

_Antw._ Seit Franz der Zweite, der alte Kaiser der Deutschen, wieder
aufgestanden ist, um es herzustellen, und der tapfre Feldherr, den er
bestellte, das Volk aufgerufen hat, sich an die Heere, die er anfhrt,
zur Befreiung des Landes anzuschlieen.


                           Zweites Kapitel.
                    Von der Liebe zum Vaterlande.

_Fr._ Du liebst dein Vaterland, nicht wahr, mein Sohn?

_Antw._ Ja, mein Vater, das thu ich.

_Fr._ Warum liebst Du es?

_Antw._ Weil es mein Vaterland ist.

_Fr._ Du meinst, weil Gott es geseegnet hat mit vielen Frchten, weil
viele schne Werke der Kunst es schmcken, weil Helden, Staatsmnner und
Weise, deren Namen anzufhren kein Ende ist, es verherrlicht haben?

_Antw._ Nein, mein Vater; Du verfhrst mich.

_Fr._ Ich verfhrte Dich?

_Antw._ Denn Rom und das gyptische Delta sind, wie Du mich gelehrt
hast, mit Frchten und schnen Werken der Kunst und Allem, was gro und
herrlich sein mag, weit mehr geseegnet als Deutschland. Gleichwohl, wenn
Deines Sohnes Schicksal wollte, da er darin leben sollte, wrde er sich
traurig fhlen, und es nimmermehr so lieb haben, wie jetzt Deutschland.

_Fr._ Warum also liebst Du Deutschland?

_Antw._ Mein Vater, ich habe es Dir schon gesagt!

_Fr._ Du httest es mir schon gesagt?

_Antw._ Weil es mein Vaterland ist.


                           Drittes Kapitel.
                Von der Zertrmmerung des Vaterlandes.

_Fr._ Was ist Deinem Vaterlande jngsthin widerfahren?

_Antw._ Napoleon, Kaiser der Franzosen, hat es mitten im Frieden
zertrmmert, und mehrere Vlker, die es bewohnen, unterjocht.

_Fr._ Warum hat er dies gethan?

_Antw._ Das wei ich nicht.

_Fr._ Das weit Du nicht?

_Antw._ Weil er ein bser Geist ist.

_Fr._ Ich will Dir sagen, mein Sohn: Napoleon behauptet, er sei von den
Deutschen beleidigt worden.

_Antw._ Nein, mein Vater, das ist er nicht.

_Fr._ Warum nicht?

_Antw._ Die Deutschen haben ihn niemals beleidigt.

_Fr._ Kennst Du die gantze Streitfrage, die dem Kriege, der entbrannt
ist, zum Grunde liegt?

_Antw._ Nein, keineswegs.

_Fr._ Warum nicht?

_Antw._ Weil sie zu weitluftig und umfassend ist.

_Fr._ Woraus also schlieest Du, da die Sache, die die Deutschen
fhren, gerecht sei?

_Antw._ Weil Kaiser Franz von Oesterreich es versichert hat.

_Fr._ Wo hat er dies versichert?

_Antw._ In dem von seinem Bruder, dem Erzherzog Carl, an die Nation
erlassenen Aufruf.

_Fr._ Also wenn zwei Angaben vorhanden sind, die Eine von Napoleon, dem
Korsenkaiser, die Andere von Franz, Kaiser von Oesterreich, welcher
glaubst Du?

_Antw._ Der Angabe Franzens, Kaisers von Oesterreich.

_Fr._ Warum?

_Antw._ Weil er wahrhaftiger ist.


                           Viertes Kapitel.
                            Vom Ertzfeind.

_Fr._ Wer sind Deine Feinde, mein Sohn?

_Antw._ Napoleon und, so lange er ihr Kaiser ist, die Franzosen.

_Fr._ Ist sonst niemand, den Du haest?

_Antw._ Niemand auf der ganzen Welt.

_Fr._ Gleichwohl, als Du gestern aus der Schule kamst, hast Du Dich mit
jemand, wenn ich nicht irre, entzweit?

_Antw._ Ich, mein Vater? Mit wem?

_Fr._ Mit Deinem Bruder; Du hast es mir selbst erzhlt.

_Antw._ Ja, mit meinem Bruder! Er hatte meinen Vogel nicht, wie ich ihm
aufgetragen hatte, gefttert.

_Fr._ Also ist Dein Bruder, wenn er dies gethan hat, Dein Feind, nicht
Napoleon der Korse, noch die Franzosen, die er beherrscht?

_Antw._ Nicht doch, mein Vater! -- Was sprichst Du da?

_Fr._ Was ich da spreche?

_Antw._ Ich wei nicht, was ich darauf antworten soll.[61] -- -- -- --


                         [Siebentes Kapitel.]

_Fr._ Das hab ich Dich schon gefragt. Sage es noch einmahl mit den
Worten, die ich Dich gelehrt habe.

_Antw._ Fr einen verabscheuungswrdigen Menschen, fr den Anfang alles
Bsen und das Ende alles Guten; fr einen Snder, den anzuklagen die
Sprache der Menschen nicht hinreicht, und den Engeln einst am jngsten
Tage der Odem vergehen wird.

_Fr._ Sahst Du ihn je?

_Antw._ Niemals, mein Vater.

_Fr._ Wie sollst Du ihn Dir vorstellen?

_Antw._ Als einen der Hlle entstiegenen Vatermrder, der herumschleicht
in dem Tempel der Natur, und an allen Sulen rttelt, auf welchen er
gebaut ist.

_Fr._ Wann hast Du dies im Stillen fr Dich wiederholt?

_Antw._ Gestern Abend, als ich zu Bette gieng, und heute Morgen, als ich
aufstand.

_Fr._ Und wann wirst Du es wieder wiederholen?

_Antw._ Heute Abend, wenn ich zu Bette gehe, und morgen frh, wann ich
aufstehe.

_Fr._ Gleichwohl, sagt man, soll er viel Tugenden besitzen. Das
Geschfft der Unterjochung der Erde soll er mit List, Gewandtheit und
Khnheit vollziehn, und besonders an dem Tage der Schlacht ein groer
Feldherr sein.

_Antw._ Ja, mein Vater, so sagt man.

_Fr._ Man sagt es nicht blo; er _ist_ es.

_Antw._ Auch gut; er _ist_ es.

_Fr._ Meinst Du nicht, da er um dieser Eigenschafften willen
Bewunderung und Verehrung verdiene?

_Antw._ Du schertzest, mein Vater.

_Fr._ Warum nicht?

_Antw._ Das wre ebenso feig, als ob ich die Geschicklichkeit, die einem
Menschen im Ringen beiwohnt, in dem Augenblick bewundern wollte, da er
mich in den Koth wirft und mein Antlitz mit Fen tritt.

_Fr._ Wer also unter den Deutschen mag ihn bewundern?

_Antw._ Die robusten Feldherrn etwa und die Kenner der Kunst.

_Fr._ Und auch diese, wann mgen sie es erst thun?

_Antw._ Wenn er vernichtet ist.


                           Achtes Kapitel.
                   Von der Erziehung der Deutschen.

_Fr._ Was mag die Vorsehung wohl damit, mein Sohn, da sie die Deutschen
so grimmig durch Napoleon, den Korsen, aus ihrer Ruhe aufgeschreckt hat,
bezweckt haben?

_Antw._ Das wei ich nicht.

_Fr._ Das weit Du nicht?

_Antw._ Nein, mein Vater.

_Fr._ Ich auch nicht. Ich schiee nur mit meinem Urtheil ins Blaue
hinein. Treffe ich, so ist es gut; wo nicht, so ist an dem Schu nichts
verloren. -- Tadelst Du dies Unternehmen?

_Antw._ Keineswegs, mein Vater.

_Fr._ Vielleicht meinst Du, die Deutschen befanden sich schon, wie die
Sachen stehn, auf dem Gipfel aller Tugend, alles Heils und alles Ruhms?

_Antw._ Keineswegs, mein Vater.

_Fr._ Oder waren wenigstens auf guten Wegen, ihn zu erreichen?

_Antw._ Nein, mein Vater; das auch nicht.

_Fr._ Von welcher Unart habe ich Dir zuweilen gesprochen?

_Antw._ Von einer Unart?

_Fr._ Ja; die dem lebenden Geschlecht anklebt.

_Antw._ Der Verstand der Deutschen, hast Du mir gesagt, habe durch
einige scharfsinnige Lehrer einen Ueberwitz bekommen; sie reflectirten,
wo sie empfinden oder handeln sollten, meinten Alles durch ihren Witz
bewerkstelligen zu knnen, und gben nichts mehr auf die alte
geheimnivolle Kraft der Hertzen.

_Fr._ Findest Du nicht, da die Unart, die Du mir beschreibst, zum Theil
auch auf Deinem Vater ruht, indem er Dich catechisirt?

_Antw._ Ja, mein lieber Vater.

_Fr._ Woran hiengen sie mit unmiger und unedler Liebe?

_Antw._ An Geld und Gut, trieben Handel und Wandel damit, da ihnen der
Schwei ordentlich des Mitleidens wrdig von der Stirn triefte, und
meinten ein ruhiges, gemchliches und sorgenfreies Leben sei Alles, was
sich in der Welt erringen liee.

_Fr._ Warum also mag das Elend wohl, das in der Zeit ist, ber sie
gekommen, ihre Htten zerstrt und ihre Felder verheeret worden sein?

_Antw._ Um ihnen diese Gter vllig verchtlich zu machen, und sie
anzuregen nach den hhern und hchsten, die Gott den Menschen beschert
hat, hinanzustreben.

_Fr._ Und welches sind die hchsten Gter der Menschen?

_Antw._ Gott, Vaterland, Kaiser, Freyheit, Liebe und Treue, Schnheit,
Wissenschafft und Kunst.


                           Neuntes Kapitel.
                           Eine Nebenfrage.

_Fr._ Sage mir, mein Sohn, wohin kommt der, welcher liebt? In den Himmel
oder in die Hlle?

_Antw._ In den Himmel.

_Fr._ Und der, welcher hat?

_Antw._ In die Hlle.

_Fr._ Aber derjenige, welcher weder liebt noch hat: wohin kommt der?

_Antw._ Welcher weder liebt noch hat?

_Fr._ Ja! -- Hast Du die schne Fabel vergessen?

_Antw._ Nein, mein Vater.

_Fr._ Nun? Wohin kommt der?

_Antw._ Der kommt in die siebente, tiefste und unterste Hlle.


                           Zehntes Kapitel.
                Von der Verfassung der Deutschen.[62]

-- -- -- --


                         [Zwlftes Kapitel.]

wo sie sie immer treffen mgen, erschlagen.

_Fr._ Hat er dies Allen oder den Einzelnen befohlen?

_Antw._ Allen und den Einzelnen.

_Fr._ Aber der Einzelne, wenn er zu den Waffen griffe, wrde offtmals
nur in sein Verderben laufen?

_Antw._ Allerdings, mein Vater, das wird er.

_Fr._ Er mu also lieber warten, bis ein Haufen zusammengelaufen ist, um
sich an diesen anzuschlieen?

_Antw._ Nein, mein Vater.

_Fr._ Warum nicht?

_Antw._ Du scherzest, wenn Du so fragst.

_Fr._ So rede!

_Antw._ Weil, wenn jedweder so dchte, gar kein Haufen zusammenlaufen
wrde, an den man sich anschlieen knnte.

_Fr._ Mithin -- was ist die Pflicht jedes Einzelnen?

_Antw._ Unmittelbar auf das Gebot des Kaisers zu den Waffen zu greifen,
den Anderen, wie die hochherzigen Tyroler,[63] ein Beispiel zu geben,
und die Franzosen, wo sie angetroffen werden mgen, zu erschlagen.


                         Dreizehntes Kapitel.
                   Von den freiwilligen Beitrgen.

_Fr._ Wen Gott mit Gtern geseegnet hat, was mu der noch auerdem fr
den Fortgang des Kriegs, der gefhrt wird, thun?

_Antw._ Er mu, was er entbehren kann, zur Bestreitung seiner Kosten
hergeben.

_Fr._ Was kann der Mensch entbehren?

_Antw._ Alles bis auf Wasser und Brod, [das] ihn ernhrt, und ein
Gewand, das ihn deckt.

_Fr._ Wie viel Grnde kannst Du anfhren, um die Menschen, freiwillige
Beitrge einzuliefern, zu bewegen?

_Antw._ Zwei. Einen, der nicht viel einbringen wird, und Einen, der die
Fhrer des Kriegs reich machen mu, falls die Menschen nicht mit
Blindheit geschlagen sind.[64]

_Fr._ Welcher ist der, der nicht viel einbringen wird?

_Antw._ Weil Geld und Gut gegen das, was damit errungen werden soll,
nichtswrdig sind.

_Fr._ Und welcher ist der, der die Fhrer des Kriegs reich machen mu,
falls die Menschen nicht mit Blindheit geschlagen sind?

_Antw._ Weil es die Franzosen doch wegnehmen.


                         Vierzehntes Kapitel.
                   Von den obersten Staatsbeamten.

_Fr._ Die Staatsbeamten, die dem Kaiser von Oesterreich und den chten
deutschen Frsten treu dienen, findest Du nicht, mein Sohn, da sie
einen gefhrlichen Stand haben?

_Antw._ Allerdings, mein Vater.

_Fr._ Warum?

_Antw._ Weil, wenn der korsische Kaiser ins Land kme, er sie um dieser
Treue willen bitter bestrafen wrde.

_Fr._ Also ist es fr jeden, der auf einer wichtigen Landesstelle steht,
der Klugheit gem, sich zurckzuhalten, und sich nicht mit Eifer auf
heftige Maasregeln, wenn sie ihm auch von der Regierung anbefohlen sein
sollten, einzulassen?[65]

_Antw._ Pfui doch, mein Vater; was sprichst Du da!

_Fr._ Was? -- Nicht?

_Antw._ Das wre schndlich und niedertrchtig.

_Fr._ Warum?

_Antw._ Weil ein Solcher nicht mehr Staatsdiener seines Frsten, sondern
schon, als ob er in seinem Sold stnde, Staatsdiener des Korsenkaisers
ist, und fr seine Zwecke arbeitet.


                         Funfzehntes Kapitel.
                          Vom Hochverrathe.

_Fr._ Was begeht derjenige, mein Sohn, der dem Aufgebot, das der
Erzherzog Carl an die Nation erlassen hat, nicht gehorcht, oder wohl gar
durch Wort und That zu widerstreben wagt?

_Antw._ Einen Hochverrath mein Vater.

_Fr._ Warum?

_Antw._ Weil er dem Volk, zu dem er gehrt, verderblich ist.

_Fr._ Was hat derjenige zu thun, den das Unglck unter die
verrtherischen Fahnen gefhrt hat, die den Franzosen verbunden, der
Unterjochung des Vaterlandes wehen?

_Antw._ Er mu seine Waffen schaamroth wegwerfen, und zu den Fahnen der
Oesterreicher bergehen.

_Fr._ Wenn er dies nicht thut, und mit den Waffen in der Hand ergriffen
wird, was hat er verdient?

_Antw._ Den Tod, mein Vater.

_Fr._ Und was kann ihn einzig davor schtzen?

_Antw._ Die Gnade Franzens, Kaisers von Oesterreich, des Vormunds,
Retters und Wiederherstellers der Deutschen.


                        Sechszehntes Kapitel.
                               Schlu.

_Fr._ Aber sage mir, mein Sohn, wenn es dem hochherzigen Kaiser von
Oesterreich, der fr die Freiheit Deutschlands die Waffen ergriff, nicht
gelnge, das Vaterland zu befreien: wrde er nicht den Fluch der Welt
auf sich laden, den Kampf berhaupt unternommen zu haben?

_Antw._ Nein, mein Vater.

_Fr._ Warum nicht?

_Antw._ Weil Gott der oberste Herr der Heer-Schaaren ist, und nicht der
Kaiser, und es weder in seiner noch in seines Bruders, des Erzherzog
Carls, Macht steht, die Schlachten, so wie sie es wohl wnschen mgen,
zu gewinnen.

_Fr._ Gleichwohl ist, wenn der Zweck des Kriegs nicht erreicht wird, das
Blut vieler tausend Menschen nutzlos geflossen, die Stdte verwstet und
das Land verheert worden.

_Antw._ Wenngleich, mein Vater!

_Fr._ Was? Wenngleich! -- Also auch, wenn Alles untergienge, und kein
Mensch, Weiber und Kinder mit eingerechnet, am Leben bliebe, wrdest du
den Kampf noch billigen?

_Antw._ Allerdings, mein Vater.

_Fr._ Warum?

_Antw._ Weil es Gott lieb ist, wenn Menschen ihrer Freiheit wegen
sterben.

_Fr._ Was aber ist ihm ein Gruel?

_Antw._ Wenn Sclaven leben!




               2. Politische Aufrufe und Betrachtungen.


              1. Einleitung [zur Zeitschrift Germania].

Diese Zeitschrift soll der erste Athemzug der deutschen Freiheit sein.
Sie soll Alles aussprechen, was whrend der drei letzten, unter dem
Druck der Franzosen verseufzten, Jahre in den Brsten wackerer Deutschen
hat verschwiegen bleiben mssen: alle Besorgni, alle Hoffnung, alles
Elend und alles Glck.

Es bedurfte einer Zeit wie die jetzige, um einem Blatt, wie das
vorliegende ist, das Dasein zu geben. So lange noch keine Handlung des
Staats geschehen war, mute es jedem Deutschen, der seine Worte zu Rathe
hielt, ebenso voreilig als nutzlos scheinen zu seinen Mitbrdern zu
reden. Eine solche Stimme wrde entweder vllig in der Wste verhallt
sein, oder -- welches fast noch schlimmer gewesen wre -- die Gemther
nur auf die Hhen der Begeisterung erhoben haben, um sie in dem zunchst
darauf folgenden Augenblick in eine desto tiefere Nacht der
Gleichgltigkeit und Hoffnungslosigkeit versinken zu lassen.

Jetzt aber hat der Kaiser von Oesterreich an der Spitze seines tapfern
Heeres den Kampf fr seiner Unterthanen Wohl, und den noch
gromthigeren fr das Heil des unterdrckten und bisher noch wenig
dankbaren Deutschlands unternommen. Der kaiserliche Bruder, den er zum
Herrn des Heers bestellte, hat die gttliche Kraft, das Werk an sein
Ziel hinauszufhren, auf eine erhabene und rhrende Art dargethan. Das
Misgeschick, das ihn traf, trug er mit der Unbeugsamkeit der Helden, und
ward in dem entscheidenden Augenblick, da es zu siegen oder zu sterben
galt, der Bezwinger des Unbezwungenen, -- ward es mit einer
Bescheidenheit, die dem Zeitalter, in welchem wir leben, fremd ist.[66]

Jetzt oder niemals ist es Zeit den Deutschen zu sagen, was sie
ihrerseits zu thun haben, um der erhabenen Vormundschafft, die sich ber
sie eingesetzt hat, allererst wrdig zu werden; und dieses Geschfft ist
es, das wir, von der Lust am Guten mitzuwirken bewegt, in den Blttern
der Germania haben bernehmen wollen.

Hoch, auf dem Gipfel der Felsen soll sie sich stellen und den
Schlachtgesang herabdonnern ins Thal! Dich, o Vaterland, will sie singen
und deine Heiligkeit und Herrlichkeit, und welch ein Verderben seine
Wogen auf dich heranwlzt! Sie will herabsteigen, wenn die Schlacht
braut,[67] und sich mit hochroth glhenden Wangen unter die Streitenden
mischen und ihren Muth beleben, und ihnen Unerschrockenheit und Ausdauer
und des Todes Verachtung ins Herz gieen; -- -- und die Jungfrauen des
Landes herbeirufen, wenn der Sieg erfochten ist, da sie sich
niederbeugen ber die so gesunken sind, und ihnen das Blut aus der Wunde
saugen. Mge jeder, der sich bestimmt fhlt dem Vaterlande auf _diese_
Weise zu -- -- --


                             2. [Aufruf.]

Zeitgenossen! Glckliche oder unglckliche Zeitgenossen -- wie soll ich
euch nennen? da ihr nicht aufmerken wollet, oder nicht aufmerken
knnet. Wunderbare und sorgenlose Blindheit, mit welcher ihr nichts
vernehmt! O, wenn in euren Fen Weissagung wre, wie schnell wrden sie
zur Flucht sein! Denn unter ihnen ghrt die Flamme, die bald in Vulcanen
herausdonnern, und unter ihrer Asche und ihren Lavastrmen Alles
begraben wird. Wunderbare Blindheit, die nicht gewahrt, da Ungeheures
und Unerhrtes nahe ist, da Dinge reifen, von welchen noch der Urenkel
mit Grausen sprechen wird, wie von atridischen Tischen und Pariser und
Nanter Bluthochzeiten? Welche Verwandlungen nahen! Ja, in welchen seid
ihr mitten inne und merkt sie nicht, und meint, es geschhe etwas
Alltgliches in dem alltglichen Nichts, worin ihr befangen seid! -- ^G.
v. J.^ S. 13.[68]

Diese Prophezeiung -- in der That, mehr als einmal habe ich diese Worte
als bertrieben tadeln hren. Sie flen, sagt man, ein gewisses
falsches Entsetzen ein, das die Gemther, statt sie zu erregen, vielmehr
abspanne und erschlaffe. Man sieht um sich, heit es, ob wirklich die
Erde sich schon unter den Futritten der Menschen erffne; und wenn man
die Thrme und die Giebel der Huser noch stehen sieht, so holt man, als
ob man aus einem schweren Traume erwachte, wieder Athem. Das
Wahrhaftige, was darin liegt, verwerfe man mit dem Unwahrhaftigen, und
sei geneigt die ganze Weissagung, die das Buch enthlt, fr eine Vision
zu halten.

O du, der du so sprichst, du kmmst mir vor wie etwa ein Grieche aus dem
Zeitalter des Slla, oder aus jenem des Titus ein Israelit.

Was? dieser mchtige Staat der Juden soll untergehen? Jerusalem, diese
Stadt Gottes, von seinem leibhaftigen Cherubime beschtzt, sie sollte,
Zion, zu Asche versinken? Eulen und Adler sollten in den Trmmern dieses
salomonischen Tempels wohnen? Der Tod sollte die ganze Bevlkerung
hinwegraffen, Weiber und Kinder in Fesseln hinweggefhrt werden, und die
Nachkommenschafft in alle Lnder der Welt zerstreut, durch Jahrtausende
und wieder Jahrtausende[69] verworfen, wie dieser Ananias prophezeit,
das Leben der Sclaven fhren? Was?


                   3. Was gilt es in diesem Kriege?

Gilt es, was es gegolten hat sonst in den Kriegen, die gefhrt worden
sind auf dem Gebiete der unermelichen Welt? Gilt es den Ruhm eines
jungen und unternehmenden Frsten, der in dem Duft einer lieblichen
Sommernacht von Lorbeern getrumt hat? Oder die Genugthuung fr die
Empfindlichkeit einer Favorite, deren Reitze, vom Beherrscher des Reichs
anerkannt, an fremden Hfen in Zweifel gezogen worden sind? Gilt es
einen Feldzug, der, jenem spanischen Erbfolgestreit gleich, wie ein
Schachspiel gefhrt wird, bei welchem kein Herz wrmer schlgt, keine
Leidenschafft das Gefhl schwellt, kein Muskel, vom Giftpfeil der
Beleidigung getroffen, emporzuckt? Gilt es ins Feld zu rcken von beiden
Seiten, wenn der Lenz kommt, sich zu treffen mit flatternden Fahnen, und
zu schlagen und entweder zu siegen, oder wieder in die Winterquartiere
einzurcken? Gilt es eine Provinz abzutreten, einen Anspruch
auszufechten, oder eine Schuld-Forderung geltend zu machen, oder gilt es
sonst irgend etwas, das nach dem Werth des Geldes auszumessen ist, heut
besessen, morgen aufgegeben, und bermorgen wieder erworben werden kann?

Eine Gemeinschafft gilt es, deren Wurzeln tausendstig,[70] einer Eiche
gleich, in den Boden der Zeit eingreifen; deren Wipfel, Tugend und
Sittlichkeit berschattend, an den silbernen Saum der Wolken rhrt,
deren Dasein durch das Drittheil eines Erdalters geheiligt worden ist;
eine Gemeinschafft, die, unbekannt mit dem Geist der Herrschsucht und
der Eroberung, des Daseins und der Duldung so wrdig ist, wie irgend
eine; die ihren Ruhm nicht einmal denken kann, sie mte denn den Ruhm
zugleich und das Heil aller Uebrigen denken, die den Erdkreis bewohnen;
deren ausgelassenster und ungeheuerster Gedanke noch, von Dichtern und
Weisen auf Flgeln der Einbildung erschwungen, Unterwerfung unter eine
Weltregierung ist, die in freier Wahl von der Gesammtheit aller
Brder-Nationen gesetzt wre. Eine Gemeinschafft gilt es, deren
Wahrhaftigkeit und Offenherzigkeit gegen Freund und Feind gleich
unerschtterlich gebt, bei dem Witz der Nachbarn zum Sprichwort
geworden ist; die ber jeden Zweifel erhoben, dem Besitzer jenes chten
Ringes gleich, diejenige ist, die die Anderen am Meisten lieben; deren
Unschuld, selbst in dem Augenblick noch, da der Fremdling sie belchelt,
oder wohl gar verspottet, sein Gefhl geheimnivoll erweckt; dergestalt,
da derjenige, der zu ihr gehrt, nur seinen Namen zu nennen braucht, um
auch in den entferntesten Theilen der Welt noch Glauben zu finden. Eine
Gemeinschafft, die weit entfernt in ihrem Busen auch nur eine Regung von
Uebermuth zu tragen, vielmehr, einem schnen Gemth gleich, bis auf den
heutigen Tag an ihre eigne Herrlichkeit nicht geglaubt hat; die
herumgeflattert ist unermdlich, einer Biene gleich, Alles, was sie
Vortreffliches fand, in sich aufzunehmen, gleich als ob nichts von
Ursprung herein Schnes in ihr[71] selber wre; in deren Schoo
gleichwohl (wenn es zu sagen erlaubt ist!) die Gtter das Urbild der
Menschheit reiner als in irgend einer andern aufbewahrt hatten. Eine
Gemeinschafft, die dem Menschengeschlecht nichts in dem Wechsel der
Dienstleistungen[72] schuldig geblieben ist, die den Vlkern, ihren
Brdern und Nachbarn, fr jede Kunst des Friedens, welche sie von ihnen
erhielt, eine andere zurckgab; eine Gemeinschafft, die an dem Obelisken
der Zeiten stets unter den Wackersten und Rstigsten thtig gewesen ist;
ja, die den Grundstein desselben gelegt hat, und vielleicht den
Schlublock darauf zu setzen bestimmt war. Eine Gemeinschafft gilt es,
die den Leibnitz und Guttenberg gebohren hat, in welcher ein Guericke
den Luftkreis wog, Tschirnhausen den Glanz der Sonne lenkte, und Keppler
der Gestirne Bahn verzeichnete; eine Gemeinschafft, die groe Namen, wie
der Lenz Blumen, aufzuweisen hat; die den Hutten und Sickingen, Luther
und Melanchthon, Joseph und Friedrich auferzog; in welcher Drer und
Cranach, die Verherrlicher der Tempel, gelebt, und Klopstock den Triumph
des Erlsers gesungen hat. Eine Gemeinschafft mithin gilt es, die dem
ganzen Menschengeschlecht angehrt;[73] die die Wilden der Sdsee noch,
wenn sie sie kennten, zu beschtzen herbeistrmen wrden; eine
Gemeinschafft, deren Dasein keine deutsche Brust berleben, und die nur
mit Blut, vor [dem] die Sonne verdunkelt, zu Grabe gebracht werden soll!


            4. Einleitung [zu den Berliner Abendblttern].
                         Gebet des Zoroaster.
     (Aus einer indischen Handschrift, von einem Reisenden in den
                    Ruinen von Palmyra gefunden.)
                          (1. October 1810.)

Gott, mein Vater im Himmel! Du hast dem Menschen ein so freies,
herrliches und ppiges Leben bestimmt. Krfte unendlicher Art, gttliche
und thierische, spielen in seiner Brust zusammen, um ihn zum Knig der
Erde zu machen. Gleichwohl, von unsichtbaren Geistern berwltigt, liegt
er, auf verwundernswrdige und unbegreifliche Weise, in Ketten und
Banden; das Hchste, von Irrthum geblendet, lt er zur Seite liegen,
und wandelt, wie mit Blindheit geschlagen, unter Jmmerlichkeiten und
Nichtigkeiten umher. Ja, er gefllt sich in seinem Zustand; und wenn die
Vorwelt nicht wre und die gttlichen Lieder, die von ihr Kunde geben,
so wrden wir gar nicht mehr ahnden, von welchen Gipfeln, o Herr! der
Mensch um sich schauen kann. Nun lssest du es, von Zeit zu Zeit,
niederfallen, wie Schuppen, von dem Auge Eines deiner Knechte, den du
dir erwhlt, da er die Thorheiten und Irrthmer seiner Gattung
berschaue; ihn rstest du mit dem Kcher der Rede, da er, furchtlos
und liebreich, mitten unter sie trete, und sie mit Pfeilen, bald
schrfer, bald leiser, aus der wunderlichen Schlafsucht, in welcher sie
befangen liegen, wecke. Auch mich, o Herr, hast du, in deiner Weisheit,
mich wenig Wrdigen, zu diesem Geschft erkoren; und ich schicke mich zu
meinem Beruf an. Durchdringe mich ganz, vom Scheitel zur Sohle, mit dem
Gefhl des Elends, in welchem dies Zeitalter darnieder liegt, und mit
der Einsicht in alle Erbrmlichkeiten, Halbheiten, Unwahrhaftigkeiten
und Gleisnereien, von denen es die Folge ist. Sthle mich mit Kraft, den
Bogen des Urtheils rstig zu spannen, und, in der Wahl der Geschosse,
mit Besonnenheit und Klugheit, auf da ich jedem, wie es ihm zukommt,
begegne: den Verderblichen und Unheilbaren, dir zum Ruhm, niederwerfe,
den Lasterhaften schrecke, den Irrenden warne, den Thoren, mit dem
bloen Gerusch der Spitze ber sein Haupt hin, necke. Und einen Kranz
auch lehre mich winden, womit ich, auf meine Weise, den, der dir
wohlgefllig ist, krne! Ueber Alles aber, o Herr, mge Liebe wachen zu
dir, ohne welche nichts, auch das Geringfgigste nicht, gelingt: auf da
dein Reich verherrlicht und erweitert werde, durch alle Rume und alle
Zeiten, Amen!

                                                                  ^x.^


                       5. Von der Ueberlegung.
                           (Eine Paradoxe.)
                            (7. December.)

Man rhmt den Nutzen der Ueberlegung in alle Himmel; besonders der
kaltbltigen und langwierigen vor der That. Wenn ich ein Spanier, ein
Italiener oder ein Franzose wre: so mgte es damit sein Bewenden haben.
Da ich aber ein Deutscher bin, so denke ich meinem Sohn einst, besonders
wenn er sich zum Soldaten bestimmen sollte, folgende Rede zu halten.

Die Ueberlegung, wisse, findet ihren Zeitpunkt weit schicklicher
_nach_, als _vor_ der That. Wenn sie vorher, oder in dem Augenblick der
Entscheidung selbst, ins Spiel tritt: so scheint sie nur die zum Handeln
nthige Kraft, die aus dem herrlichen Gefhl quillt, zu verwirren, zu
hemmen und zu unterdrcken; dagegen sich nachher, wenn die Handlung
abgethan ist, der Gebrauch von ihr machen lt, zu welchem sie dem
Menschen eigentlich gegeben ist, nmlich sich dessen, was in dem
Verfahren fehlerhaft und gebrechlich war, bewut zu werden, und das
Gefhl fr andere knftige Flle zu reguliren. Das Leben selbst ist ein
Kampf mit dem Schicksal; und es verhlt sich auch mit dem Handeln wie
mit dem Ringen. Der Athlet kann, in dem Augenblick, da er seinen Gegner
umfat hlt, schlechthin nach keiner andern Rcksicht, als nach bloen
augenblicklichen Eingebungen verfahren; und derjenige, der berechnen
wollte, welche Muskeln er anstrengen, und welche Glieder er in Bewegung
sezzen soll, um zu berwinden, wrde unfehlbar den Krzern ziehen, und
unterliegen. Aber nachher, wenn er gesiegt hat oder am Boden liegt, mag
es zweckmig und an seinem Ort sein, zu berlegen, durch welchen Druck
er seinen Gegner niederwarf, oder welch ein Bein er ihm htte stellen
sollen, um sich aufrecht zu erhalten. Wer das Leben nicht, wie ein
solcher Ringer, umfat hlt, und tausendgliedrig, nach allen Windungen
des Kampfes, nach allen Widerstnden, Drcken, Ausweichungen und
Reactionen, empfindet und sprt: der wird, was er will, in keinem
Gesprch, durchsetzen; vielweniger in einer Schlacht.

                                                                  ^x.^


                 6. Betrachtungen ber den Weltlauf.
                            (9. October.)

Es giebt Leute, die sich die Epochen, in welchen die Bildung einer
Nation fortschreitet, in einer gar wunderlichen Ordnung vorstellen. Sie
bilden sich ein, da ein Volk zuerst in thierischer _Rohheit_ und
_Wildheit_ daniederlge; da man nach Verlauf einiger Zeit, das
Bedrfni einer Sittenverbesserung empfinden, und somit die
_Wissenschaft von der Tugend_ aufstellen msse; da man, um den Lehren
derselben Eingang zu verschaffen, daran denken wrde, sie in schnen
Beispielen zu versinnlichen, und da somit die _Aesthetik_ erfunden
werden wrde: da man nunmehr, nach den Vorschriften derselben, schne
Versinnlichungen verfertigen, und somit die _Kunst_ selbst ihren
Ursprung nehmen wrde: und da vermittelst der Kunst endlich das Volk
auf die hchste Stufe menschlicher _Cultur_ hinaufgefhrt werden wrde.
Diesen Leuten dient zur Nachricht, da Alles, wenigstens bei den
Griechen und Rmern, in ganz umgekehrter Ordnung erfolgt ist. Diese
Vlker machten mit der _heroischen_ Epoche, welche ohne Zweifel die
hchste ist, die erschwungen werden kann, den Anfang; als sie in keiner
menschlichen und brgerlichen Tugend mehr Helden hatten, _dichteten_ sie
welche; als sie keine mehr dichten konnten, erfanden sie dafr die
_Regeln_; als sie sich in den Regeln verwirrten, abstrahirten sie die
_Weltweisheit_ selbst; und als sie damit fertig waren, wurden sie
_schlecht_.

                                                                  ^z.^




                    3. Erzhlungen und Anekdoten.


                 1. Warnung gegen weibliche Jgerei.
                          (5. 6. November.)

Die Grfin L... war kurzsichtig, aber sie liebte noch immer die Jagd,
ungeachtet sie niemals gut geschossen hatte. Ihre Jger kannten ihre Art
und nahmen sich vor ihr in Acht; sie scho dreist auf jeden Fleck, wo
sich etwas regte, es war ihr einerlei, was es sein mogte. Abb D......,
einer der gelehrtesten Literatoren, mute sie mit ihrem vierzehnjhrigen
Sohne, dem Grafen Johann, auf einer dieser Treibjagden begleiten, die
Jger suchten ihnen einen sichern Platz zum Anstand, hinter zwei starken
Bumen, aus; der Abb nahm aus Langeweile ein Buch aus seiner Tasche,
das er vom Jagdschlo mitgenommen; es war von Idstdt's Jagdrecht. Der
junge Graf lauerte aufmerksam auf einen Rehbock, der herangetrieben
wurde. In dem Augenblicke, als er losdrcken wollte, fiel ein Schu der
Grfin, den sie ungeschickt und bereilt auf denselben Rehbock thun
wollte, so geschickt durch den schmalen Luftraum, zwischen den beiden
Bumen, die den Abb und den Grafen sicherten, da sich beide zu
gleicher Zeit verwundet fhlten und aufschrieen. Die Grfin wurde bei
diesem Geschrei ohnmchtig, die Jger und die brige Gesellschaft, in
der sich auch ein Wundarzt befand, eilten von allen Seiten herbei und
theilten ihre Sorge zwischen der Grfin und dem jungen Erbgrafen. Die
Gte und Geduld des Abb's ist jedem, der ihn gesehen, aus seinem
Gesichte bekannt, seine Bescheidenheit jedem, der mit ihm gesprochen;
hier erschien aber alles Dreies auf einer merkwrdigen Probe. Kein
Mensch fragte ihn, was ihm fehle, vielmehr drngte man ihn beiseite, und
als er einem sagte: Er glaube zu sterben, der eine Rehposten wre ihm in
der Gegend der Leber durch die Rippen eingeschlagen; so antwortete ihm
jener verstrt: der junge Graf sei durch beide Schulterbltter verletzt.
Der Wundarzt sah nur auf den jungen Grafen, und der arme Abb mute sich
selbst helfen, so gut er konnte, und suchte sich die Wunde mit seinem
Schnupftuche, das er mit dem Rock festknpfte, so gut als mglich zu
verschlieen. Mit Mhe wurde eine Kutsche durch den steinigen hgligten
Wald, bis nahe an den Unglcksort, gebracht. Die Grfin hatte sich
erholt, und empfahl mit vielen Thrnen, dem Wundarzte ihren Sohn; der
Abb wollte ihr mit Klagen, ber seinen Schmerz, keinen Kummer machen,
und stieg sachte mit der letzten Anstrengung dem jungen Grafen in den
Wagen nach. Der Wundarzt hielt den Grafen im Vorsitz, rckwrts sa der
Abb. Der Wagen fuhr sehr langsam, aber der Weg war uneben und stie
unvermeidlich; der Graf litt dabei und seufzte leise, aber der Abb
konnte, bei dem entsetzlichen Druck der Kugel, sich heftiger Seufzer und
einzelner Ausrufungen nicht enthalten. Der Wundarzt hatte schon ein paar
Mal gesagt: Es htte nichts auf sich mit der Wunde des Grafen, er knnte
sich beruhigen; endlich sprach er ganz ernstlich: Ich ehre ihr Mitleid
Herr Abb, aber ich traue ihrem Verstande zu, da sie sich der Ausbrche
desselben erwehren knnen, wenn es dem Gegenstande desselben gefhrlich
werden knnte; ihre Beileidsbezeugungen machen aber den Kranken selbst
besorgter, als das Uebel verdient.

In dem Augenblicke krachte der Wagen ber eine Wurzel, da der arme Abb
kein Wort sagen konnte, sondern um sich verstndlich zu machen, den Rock
aufknpfte; das Tuch fiel herunter und das Blut flo in groer Menge
herab. -- Mein Gott, rief der Wundarzt, sind sie auch verwundet,
wahrhaftig! ja, da mu man sich hier nichts draus machen, ich habe heute
auch ein Paar Schroten von der Frau Grfin in das dicke Fleisch
bekommen, es macht ihr so viel Vergngen und ich singe lustig dabei:

   Es ist ein Schu gefallen,
   Mein, sagt, wer scho da draus?
   Es war ein junger Jger,
   Der scho im Hinterhaus.
   Die Spatzen in dem Garten,
   Die machen viel Verdru,
   Zwei Spatzen und ein Schneider,
   Die fielen von dem Schu,
   Die Spatzen von den Schroten,
   Der Schneider von dem Schreck;
   Die Spatzen in die Schoten,
   Der Abb in den Dreck.

Der gute Abb, der eine gewisse Krnkung empfunden hatte, wie er erst so
verbindlich in dem Hause aufgenommen und im Unglck so ganz vergessen
sei, mute jetzt selbst lchlen, als er bei dieser Anzeige bemerkte, wie
er sich beim Falle auf dem feuchten Boden beschmutzt hatte, dabei
bernahm ihn eine Ohnmacht, von der er erst im Schlosse erwachte. Ich
sah ihn mehrere Jahre nach diesem Vorfalle, den er glcklich berstanden
hatte; ich fhlte die Kugel, sie hatte sich wohl zwei Hnde breit hinter
den Rippen niedergesenkt, und war jetzt unter denselben fhlbar.
Zuweilen litt er noch an Schmerzen und versicherte, da alle Gefahren,
die von den Dichtern einem gewissen Bogengescho aus weiblichen Augen
nachgesagt wrden, nicht mit den Gefahren weiblicher Jgerei zu
vergleichen wren, denn die Geschicklichkeit Dianens mgte wohl so
selten geworden sein, wie ihre anderen Eigenschaften.

                                                                ^vaa.^


                           2. Die Heilung.
                           (29. November.)

In den Zeiten des hchsten Glanzes der altfranzsischen Hofhaltung unter
Ludwig XIV lebte ein Edelmann, der Marquis de Saint Meran, der die
Anmuth, Geistesgewandheit und sittliche Verderbni der damaligen
vornehmen Welt im hchsten Grade in sich vereinigte. Unter andern
unzhlbaren Liebesabentheuern hatte er auch eines, mit der Frau eines
Procuratoren, die es ihm gelang, dem Manne sowohl, als dessen Familie
und ihrer eigenen gnzlich abzuwenden, so da sie deren Schmach ward,
deren Juweel sie gewesen war, und in blinder Leidenschaft das Hotel
ihres Verfhrers bezog. Er hatte zwar nie so viel bei einer
Liebesgeschichte empfunden, als bei dieser, ja, es regten sich bisweilen
Gefhle in ihm, die man einen Abglanz von Religion und Herzlichkeit
htte nennen mgen, aber endlich trieb ihn dennoch, wenn nicht die Lust
am Wechsel, doch die Mode des Wechsels von seinem schnen Opfer wieder
fort, und er suchte nun dieses durch die ausgesuchtesten und
verfeinertsten Grundstze seiner Weltweisheit zu beruhigen. Aber das war
nichts fr ein solches Herz. Es schwoll in Leiden, die ihm keine
Geisteswendung zu mildern vermochte, so gewaltsam auf, da es den
einstmals lichtklaren und lichtschnellen Verstand verwirrte, und der
Marquis, nicht bsartig genug, die arme Verrckte ihrem Jammer und dem
Hohn der Menschen zu berlassen, sie auf ein entferntes Gut in der
Provence schickte, mit dem Befehl, ihrer gut und anstndig zu pflegen.
Dort aber stieg, was frher stille Melancholie gewesen war, zu den
gewaltsamsten phrenetischen Ausbrchen, mit deren Berichten man jedoch
die frohen Stunden des Marquis zu unterbrechen sorgsam vermied. Diesem
fllt es endlich einmal ein, die provenzalische Besizzung zu besuchen.
Er kommt unvermuthet an, eine flchtige Frage nach dem Befinden der
Kranken wird eben so flchtig beantwortet, und nun geht es zu einer
Jagdparthie in die nahen Berge hinaus. Man hatte sich aber wohl gehtet,
dem Marquis zu sagen, da eben heute die Unglckliche in unbezwinglicher
Wuth aus ihrer Verwahrung gebrochen sei, und man sich noch immer
vergeblich abmhe, sie wieder einzufangen. Wie mute nun dem
Leichtsinnigen zu Muthe werden, als er auf schroffem Fugestade an einer
der einsamsten Stellen des Gebirges, weit getrennt von alle seinem
Gefolge, im eiligen Umwenden um eine Ecke des Felsens, der furchtbaren
Flchtigen grad in die Arme rennt, die ihn fat mit alle der
unwiderstehlichen Kraft des Wahnsinns, mit ihrem, aus den Kreisen
gewichenen blitzenden Augenstern, gerad' in sein Antlitz hineinstarrt,
whrend ihr reiches, nun so grliches, schwarzes Haar, wie ein Mantel
von Rabenfittigen, ber ihr hinweht, und die dennoch nicht so entstellt
ist, da er nicht auf den ersten Blick die einst so geliebte Gestalt,
die von ihm selber zur Furie umgezauberte Gestalt, htte erkennen
sollen. -- Da wirrte auch um ihn der Wahnsinn seine grause Schlingen,
oder vielmehr der Bldsinn, denn der pltzliche Geistesschlag zerrttete
ihn dergestalt, da er besinnungslos in den Abgrund hinunter taumeln
wollte. Aber die arme Manon lud ihn, pltzlich still geworden, auf ihren
Rcken, und trug ihn sorgsam nach der Gegend des Schlosses zurck. Man
kann sich das Entsetzen der Bedienten denken, als sie ihrem Herren auf
diese Weise und in der Gewalt der furchtbaren Kranken begegneten. Aber
bald erstaunten sie noch mehr, die Rollen hier vollkommen gewechselt zu
finden. Manon war die verstndige, sittige Retterin und Pflegerin des
bldsinnigen Marquis geworden, und lie frderhin nicht Tag nicht Nacht
auch nur auf eine Stunde von ihm. Bald gaben die herbeigerufnen Aerzte
jede Hoffnung zu seiner Heilung auf, nicht aber Manon. Diese pflegte mit
unerhrter Geduld und mit einer Fhigkeit, welche man fr Inspiration zu
halten versucht war, den armen verwilderten Funken in ihres Geliebten
Haupt, und lange Jahre nachher, schon als sich beider Locken bleichten,
geno sie des unaussprechlichen Glckes, den ihr ber Alles theuren
Geist wieder zu seiner ehemaligen Blthe und Kraft herauferzogen zu
haben. Da gab der Marquis seiner Helferin am Altare die Hand, und in
dieser Entfernung der Hauptstadt wuten alle Theilhaber des Festes von
keinen andern Gefhlen, als denen der tiefsten Ehrfurcht und der
andchtigsten Freude.

                                                                 M. F.


                        3. Das Grab der Vter.
                            (5. Dezember.)

Einem jungen Bauersmann in Norwegen soll einmal folgende Geschichte
begegnet sein. Er liebte ein schnes Mdchen, die einzige Tochter eines
reichen Nachbarn, und ward von ihr geliebt, aber die Armuth des Werbers
machte alle Hoffnung auf nhere Verbindung zu nichte. Denn der
Brautvater wollte seine Tochter nur einem solchen geben, der
schuldenfreien Hof und Heerde aufzuweisen habe, und weil der arme junge
Mensch weit davon entfernt war, half es ihm zu nichts, da er von einem
der uralten Heldenvter des Landes abstammte, ob zwar Niemand einen
Zweifel an dieser rhmlichen uralten Geschlechtstafel hegte. Seiner
Ahnen Erster und Grter sollte auch in einem Hgel begraben sein, den
alle Landleute unfern der Kste zu zeigen wuten. Auf diesen Hgel
pflegte sich denn der betrbte Jngling oftmals in seinem Leide zu
sezzen, und dem begrabnen Altvordern vorzuklagen, wie schlecht es ihm
gehe, ohne da der Bewohner des Hgels auf diesen kleinen Jammer
Rcksicht zu nehmen schien. Meist hatten auch die zwei Liebenden ihre
verstohlenen Zusammenknfte dort, und so geschah es, da einstmals der
Vater des Mdchens den einzig gangbaren steilen Pfad zum Hgel von
ohngefhr herauf gegangen kam, inde die beiden oben saen. Eine
tdtliche Angst befiel die Jungfrau, ihr Liebhaber fate sie in seine
starken Arme, und versuchte, von der andern Seite das Gestein
herabzuklimmen. Da standen sie aber pltzlich, auf glattem Rasen am
schroffen Hange, fest, sie hrten schon die Tritte des Vaters ber sich,
der sie auf diese Weise unfehlbar erblicken mute, schon fhlten sich
beide von Angst und Schwindel versucht, die jhe Tiefe und den
Standkreis hinab zu strzen, -- da gewahrten sie nahe bei sich einer
kleinen Oeffnung, und schlpften hinein, und schlpften immer tiefer in
die Dunkelheit, immer noch voll Angst vor dem Bemerktwerden, bis endlich
das Mdchen erschrocken aufschrie: mein Gott wir sind ja in einem
Grabe! -- Da sahe auch der junge Normann erst um sich, und bemerkte,
da sie in einer lnglichen Kammer von gemauerten Steinen standen, wo
sich inmitten etwas erhub, wie ein groer Sarg. Jemehr aber die
Finsterni vor den sich gewhnenden Augen abnahm, je deutlicher konnte
man auch sehn, da die Masse in der Mitte kein Sarg war, sondern ein
uralter Nachen, wie man sie mit Seehelden an den nordischen Ksten vor
Zeiten einzugraben pflegte. Auf dem Nachen sa, dicht am Steuer, in
aufrechter Stellung, eine hohe Gestalt, die sie erst fr ein
geschnitztes Bild ansahen. Als aber der junge Mensch, dreist geworden,
hinaufstieg, nahm er wahr, da es eine Rstung von riesenmiger Gre
sei. Der Helm war geschlossen, in den rechten Panzerhandschuh war ein
gewaltiges bloes Schwert mit dem goldenen Griffe hineingeklemmt. Die
Braut rief wohl ihrem Liebhaber ngstlich zu, herab zu kommen, aber in
einer seltsam wachsenden Zuversicht ri er das Schwert aus der beerzten
Hand. Da rasselten die mrben Knochen, auf denen die Waffen sich noch
erhielten, zusammen, der Harnisch schlug auf den Boden des Nachens lang
hin, der entsetzte Jngling den Bord hinunter zu den Fen seiner Braut.
Beide flchteten, uneingedenk jeder andern Gefahr, aus der Hle, den
Hgel mit Anstrengung aller Krfte wieder hinauf, und oben wurden sie
erst gewahr, da ein ungeheurer Regengu wthete, welcher den Vater von
da vertrieben hatte, und zugleich mit solcher Gewalt, Steine und Sand
nach der schaurigen Oeffnung hinabzuwlzen begann, da solche vor ihren
Augen verschttet ward, und man auch nachher nie wieder hat da
hineinfinden knnen. Der junge Mensch aber hatte das Schwerdt seines
Ahnen mit heraus gebracht. Er lie mit der Zeit den goldenen Griff
einschmelzen, und ward so reich davon, da ihm der Brautvater seine
Geliebte ohne Bedenken antrauen lie. Mit der ungeheuren Klinge aber
wuten sie nichts bessers anzufangen, als da sie Wirthschafts- und
andere Gerthschaften, so viel sich thun lie, daraus schmieden lieen.

                                                                 M. F.


                        4. Der Griffel Gottes.
                            (5. October.)

In Polen war eine Grfinn von P...., eine bejahrte Dame, die ein sehr
bsartiges Leben fhrte, und besonders ihre Untergebenen, durch ihren
Geiz und ihre Grausamkeit, bis auf das Blut qulte. Diese Dame, als sie
starb, vermachte einem Kloster, das ihr die Absolution ertheilt hatte,
ihr Vermgen; wofr ihr das Kloster, auf dem Gottesacker, einen
kostbaren, aus Erz gegossenen, Leichenstein setzen lie, auf welchem
dieses Umstandes, mit vielem Geprnge, Erwhnung geschehen war. Tags
darauf schlug der Blitz, das Erz schmelzend, ber dem Leichenstein ein,
und lie nichts, als eine Anzahl von Buchstaben stehen, die, zusammen
gelesen, also lauteten: _sie ist gerichtet_! -- Der Vorfall (die
Schriftgelehrten mgen ihn erklren) ist gegrndet; der Leichenstein
existirt noch, und es leben Mnner in dieser Stadt, die ihn sammt der
besagten Inschrift gesehen.


                      5. Muthwille des Himmels.
                            Eine Anekdote.
                            (10. October.)

Der in Frankfurt an der Oder, wo er ein Infanterie-Regiment besa,
verstorbene General Dieringshofen, ein Mann von strengem und
rechtschaffenem Charakter, aber dabei von manchen Eigenthmlichkeiten
und Wunderlichkeiten, uerte, als er, in sptem Alter, an einer
langwierigen Krankheit, auf den Tod darniederlag, seinen Widerwillen,
unter die Hnde der Leichenwscherinnen zu fallen. Er befahl bestimmt,
da niemand, ohne Ausnahme, seinen Leib berhren solle; da er ganz und
gar in dem Zustand, in welchem er sterben wrde, mit Nachtmtze, Hosen
und Schlafrock, wie er sie trage, in den Sarg gelegt und begraben sein
wolle; und bat den damaligen Feldprediger seines Regiments, Herrn P...,
welcher der Freund seines Hauses war, die Sorge fr die Vollstreckung
dieses seines letzten Willens zu bernehmen. Der Feldprediger P...
versprach es ihm: er verpflichtete sich, um jedem Zufall vorzubeugen,
bis zu seiner Bestattung, von dem Augenblick an, da er verschieden sein
wrde, nicht von seiner Seite zu weichen. Darauf nach Verlauf mehrerer
Wochen, kmmt, bei der ersten Frhe des Tages, der Kammerdiener in das
Haus des Feldpredigers, der noch schlft, und meldet ihm, da der
General um die Stunde der Mitternacht schon, sanft und ruhig, wie es
vorauszusehen war, gestorben sei. Der Feldprediger P... zieht sich,
seinem Versprechen getreu, sogleich an, und begiebt sich in die Wohnung
des Generals. Was aber findet er? -- Die Leiche des Generals schon
eingeseift auf einem Schemel sitzen: der Kammerdiener, der von dem
Befehl nichts gewut, hatte einen Barbier herbeigerufen, um ihm
vorlufig zum Behuf einer schicklichen Ausstellung, den Bart abzunehmen.
Was sollte der Feldprediger unter so wunderlichen Umstnden machen? Er
schalt den Kammerdiener aus, da er ihn nicht frher herbeigerufen
hatte; schickte den Barbier, der den Herrn bei der Nase gefat hielt,
hinweg, und lie ihn, weil doch nichts anders brig blieb, eingeseift
und mit halbem Bart, wie er ihn vorfand, in den Sarg legen und begraben.

                                                                  ^r.^


                 6. Anekdote aus dem letzten Kriege.
                            (20. October.)

Den ungeheuersten Witz, der vielleicht, so lange die Erde steht, ber
Menschenlippen gekommen ist, hat, im Lauf des letztverflossenen Krieges,
ein Tambour gemacht; ein Tambour meines Wissens von dem damaligen
Regiment von Puttkammer; ein Mensch, zu dem, wie man gleich hren wird,
weder die griechische noch rmische Geschichte ein Gegenstck liefert.
Dieser hatte, nach Zersprengung der preuischen Armee bei Jena, ein
Gewehr aufgetrieben, mit welchem er, auf seine eigne Hand, den Krieg
fortsetzte; dergestalt, da da er, auf der Landstrae, Alles, was ihm an
Franzosen in den Schu kam, niederstreckte und ausplnderte, er von
einem Haufen franzsischer Gensdarmen, die ihn aufsprten, ergriffen,
nach der Stadt geschleppt, und, wie es ihm zukam, verurtheilt ward,
erschossen zu werden. Als er den Platz, wo die Execution vor sich gehen
sollte, betreten hatte, und wohl sah, da Alles, was er zu seiner
Rechtfertigung vorbrachte, vergebens war, bat er sich von dem Obristen,
der das Detaschement commandirte, eine Gnade aus; und da der Obrist,
inzwischen die Officiere, die ihn umringten, in gespannter Erwartung
zusammentraten, ihn fragte: was er wolle? zog er sich die Hosen ab, und
sprach: sie mgten ihn in den ... schieen, damit das F.. kein L...
bekme. -- Wobei man noch die Shakespearsche Eigenschaft bemerken mu,
da der Tambour mit seinem Witz, aus seiner Sphre als Trommelschlger
nicht herausging.

                                                                  ^x.^


          7. Der Branntweinsufer und die Berliner Glocken.
                            Eine Anekdote.
                            (19. October.)

Ein Soldat vom ehemaligen Regiment Lignowski, ein heilloser und
unverbesserlicher Sufer, versprach nach unendlichen Schlgen, die er
deshalb bekam, da er seine Auffhrung bessern und sich des Brannteweins
enthalten wolle. Er hielt auch, in der That, Wort, whrend drei Tage:
ward aber am Vierten wieder besoffen in einem Rennstein gefunden, und,
von einem Unterofficier, in Arrest gebracht. Im Verhr befragte man ihn,
warum er, seines Vorsatzes uneingedenk sich von Neuem dem Laster des
Trunks ergeben habe? Herr Hauptmann! antwortete er; es ist nicht
meine Schuld. Ich ging in Geschften eines Kaufmanns, mit einer Kiste
Frbholz, ber den Lustgarten; da luteten vom Dom herab die Glocken:
_Pom_meranzen! _Pom_meranzen! _Pom_meranzen! Lut', Teufel, lut,
sprach ich, und gedachte meines Vorsatzes und trank nichts. In der
Knigsstrae, wo ich die Kiste abgeben sollte, steh ich einen
Augenblick, um mich auszuruhen, vor dem Rathhaus still: da bimmelt es
vom Thurm herab: Kmmel! Kmmel! Kmmel! -- Kmmel! Kmmel! Kmmel!
Ich sage zum Thurm: bimmle du, da die Wolken reien -- und gedenke,
mein Seel, gedenke meines Vorsatzes, ob ich gleich durstig war, und
trinke nichts. Drauf fhrt mich der Teufel, auf dem Rckweg, ber den
Spittelmarkt; und da ich eben vor einer Kneipe, wo mehr denn dreiig
Gste beisammen waren, stehe, geht es, vom Spittelthurm herab:
Anisette! Anisette! Anisette! Was kostet das Glas, frag' ich? Der
Wirth spricht: Sechs Pfennige. Geb' er her, sag' ich -- und was weiter
aus mir geworden ist, das wei ich nicht.

                                                                ^xyz.^


                          8. Tages-Ereigni.
                            (7. November.)

Das Verbrechen des Ulahnen Hahn, der heute hingerichtet ward, bestand
darin, da er dem Wachtmeister _Pape_, der ihn, eines kleinen
Dienstversehens wegen, auf hheren Befehl, arretiren wollte, und
deshalb, von der Strae her, zurief, ihm in die Wache zu folgen, indem
er das Fenster, an dem er stand, zuwarf, antwortete: von einem solchen
Laffen liee er sich nicht in Arrest bringen. Hieraus verfgte der
Wachtmeister Pape, um ihn mit Gewalt fortzuschaffen, sich in das Zimmer
desselben: strzte aber, von einer Pistolenkugel des Rasenden getroffen,
sogleich todt zu Boden nieder. Ja, als auf den Schu, mehrere Soldaten
seines Regiments herbeieilten, schien er sie, mit den Waffen in der
Hand, in Respect halten zu wollen, und jagte noch eine Kugel durch das
Hirn des in seinem Blute schwimmenden Wachtmeisters; ward aber
gleichwohl, durch einige beherzte Cameraden, entwaffnet und ins
Gefngni gebracht. Se. Maj. der Knig haben, wegen der Unzweideutigkeit
des Rechtsfalls befohlen, ungesumt mit der Vollstreckung des, von den
Militair-Gerichten gefllten, Rechtsspruchs, der ihm das Rad zuerkannte,
vorzugehen.


                     9. Der verlegene Magistrat.
                            Eine Anekdote.
                            (4. October.)

Ein H...r Stadtsoldat hatte vor nicht gar langer Zeit, ohne Erlaubni
seines Offiziers, die Stadtwache verlassen. Nach einem uralten Gesetz
steht auf ein Verbrechen dieser Art, das sonst der Streifereien des
Adels wegen, von groer Wichtigkeit war, eigentlich der Tod. Gleichwohl,
ohne das Gesetz mit bestimmten Worten aufzuheben, ist davon seit vielen
hundert Jahren kein Gebrauch mehr gemacht worden: dergestalt, da statt
auf die Todesstrafe zu erkennen, derjenige, der sich dessen schuldig
macht, nach einem feststehenden Gebrauch, zu einer bloen Geldstrafe,
die er an die Stadtcasse zu erlegen hat, verurtheilt wird. Der besagte
Kerl aber, der keine Lust haben mochte, das Geld zu entrichten,
erklrte, zur groen Bestrzung des Magistrats: da er, weil es ihm
einmal zukomme, dem Gesetz gem, sterben wolle. Der Magistrat, der ein
Miverstndni vermuthete, schickte einen Deputirten an den Kerl ab, und
lie ihm bedeuten, um wieviel vorteilhafter es fr ihn wre, einige
Gulden Geld zu erlegen, als arquebusirt zu werden. Doch der Kerl blieb
dabei, da er seines Lebens mde sei, und da er sterben wolle:
dergestalt, da dem Magistrat, der kein Blut vergieen wollte, nichts
brig blieb, als dem Schelm die Geldstrafe zu erlassen, und noch froh
war, als er erklrte, da er, bei so bewandten Umstnden am Leben
bleiben wolle.

                                                                 ^rz.^


                         10. Charit-Vorfall.
                            (13. October.)

Der von einem Kutscher krzlich bergefahrne Mann, Namens Beyer, hat
bereits dreimal in seinem Leben ein hnliches Schicksal gehabt;
dergestalt, da bei der Untersuchung, die der Geheimerath Hr. K. in der
Charit mit ihm vornahm, die lcherlichsten Miverstndnisse vorfielen.
Der Geheimerath, der zuvrderst seine beiden Beine, welche krumm und
schief und mit Blut bedeckt waren, bemerkte, fragte ihn: ob er an diesen
Gliedern verletzt wre? worauf der Mann jedoch erwiederte: nein! die
Beine wren ihm schon vor fnf Jahren, durch einen andern Doktor,
abgefahren worden. Hierauf bemerkte ein Arzt, der dem Geheimenrath zur
Seite stand, da sein linkes Auge geplatzt war; als man ihn jedoch
fragte: ob ihn das Rad hier getroffen htte? antwortete er: nein! das
Auge htte ihm ein Doktor bereits vor 14 Jahren ausgefahren. Endlich,
zum Erstaunen aller Anwesenden, fand sich, da ihm die linke
Rippenhlfte, in jmmerlicher Verstmmelung, ganz auf den Rcken gedreht
war; als aber der Geheimerath ihn fragte: ob ihn des Doktors Wagen hier
beschdigt htte, antwortete er: nein! die Rippen wren ihm schon vor 7
Jahren durch einen Doktorwagen zusammengefahren worden. -- Bis sich
endlich zeigte, da ihm durch die letztere Ueberfahrt der linke
Ohrknorpel ins Gehrorgan hineingefahren war. -- Der Berichterstatter
hat den Mann selbst ber diesen Vorfall vernommen, und selbst die
Todtkranken, die in dem Saale auf den Betten herumlagen, muten, ber
die spahafte und indolente Weise, wie er dies vorbrachte, lachen. --
Uebrigens bessert er sich; und falls er sich vor den Doktoren, wenn er
auf der Strae geht, in Acht nimmt, kann er noch lange leben.


                            11. Anekdote.
                            (24. October.)

Bach, als seine Frau starb, sollte zum Begrbni Anstalt machen. Der
arme Mann war aber gewohnt, Alles durch seine Frau besorgen zu lassen;
dergestalt da da ein alter Bedienter kam, und ihm fr Trauerflor, den
er einkaufen wollte, Geld abforderte, er unter stillen Thrnen, den Kopf
auf einen Tisch gesttzt, antwortete: sagt's meiner Frau. --


                             12. Rthsel.
                            (1. November.)

Ein junger Doktor der Rechte und eine Stiftsdame, von denen kein Mensch
wute, da sie mit einander in Verhltni standen, befanden sich einst
bei dem Commendanten der Stadt, in einer zahlreichen und ansehnlichen
Gesellschaft. Die Dame, jung und schn, trug, wie es zu derselben Zeit
Mode war, ein kleines schwarzes Schnpflsterchen im Gesicht, und zwar
dicht ber der Lippe, auf der rechten Seite des Mundes. Irgend ein
Zufall veranlate, da die Gesellschaft sich auf einen Augenblick aus
dem Zimmer entfernte, dergestalt, da nur der Doktor und die besagte
Dame darin zurckblieben. Als die Gesellschaft zurckkehrte, fand sich,
zum allgemeinen Befremden derselben, da der Doctor das
Schnpflsterchen im Gesichte trug, und zwar gleichfalls ber der Lippe,
aber auf der linken Seite des Mundes. --


                            13. Anekdote.
                           (22. November.)

Zwei berhmte Englische Baxer, der Eine aus Portsmouth gebrtig, der
Andere aus Plymouth, die seit vielen Jahren von einander gehrt hatten,
ohne sich zu sehen, beschlossen, da sie in London zusammentrafen, zur
Entscheidung der Frage, wem von ihnen der Siegerruhm gebhre, einen
ffentlichen Wettkampf zu halten. Demnach stellten sich beide, im
Angesicht des Volks, mit geballten Fusten, im Garten einer Kneipe,
gegeneinander, und als der Plymouther den Portsmouther, in wenig
Augenblicken, dergestalt auf die Brust traf, da er Blut spie, rief
dieser, indem er sich den Mund abwischte: brav! -- Als aber bald darauf,
da sie sich wieder gestellt hatten, der Portsmouther den Plymouther, mit
der Faust der geballten Rechten, dergestalt auf den Leib traf, da
dieser, indem er die Augen verkehrte, umfiel, rief der Letztere: das ist
auch nicht bel --! Worauf das Volk, das im Kreise herumstand, laut
aufjauchzte, und, whrend der Plymouther, der an den Gedrmen verletzt
worden war, todt weggetragen ward, dem Portsmouther den Siegesruhm
zuerkannte. -- Der Portsmouther soll aber auch Tags darauf am Blutsturz
gestorben sein.


                            14. Anekdote.
                           (27. November.)

Der Czar Iwan Basilowitz, mit dem Beinamen der Tyrann, lie einem
fremden Gesandten, der, nach der damaligen Europischen Etikette, mit
bedecktem Haupte vor ihm erschien, den Hut auf den Kopf nageln. Diese
Grausamkeit vermogte nicht den Botschafter der Knigin Elisabeth von
England, Sir Jeremias Bowes abzuschrecken. Er hatte die Khnheit den Hut
auf dem Kopfe, vor dem Czaar zu erscheinen. Dieser fragte ihn, ob er
nicht von der Strafe gehrt htte, die einem andern Gesandten
widerfahren wre, welcher sich eine solche Freiheit herausgenommen? Ja,
Herr, erwiderte Bowes, aber ich bin der Botschafter der Knigin von
England, die nie, vor irgend einem Frsten in der Welt, anders, wie mit
bedecktem Haupte erschienen ist. Ich bin ihr Reprsentant, und wenn mir
die geringste Beleidigung widerfhrt, so wird sie mich zu rchen
wissen. Das ist ein braver Mann, sagte der Czaar, indem er sich zu
seinen Hofleuten wandte, der fr die Ehre seiner Monarchin zu handeln
und zu reden versteht: wer von Euch htte das nmliche fr mich gethan?

Hierauf wurde der Bothschafter der Favorit des Czars. Diese Gunst zog
ihm den Neid des Adels zu. Einer der Groen, der zuweilen den vertrauten
Ton mit dem Monarchen annehmen durfte, beredete ihn, die
Geschicklichkeit des Bothschafters auf die Probe zu stellen. Man sagte
nmlich, da er ein sehr geschickter Reuter wre. Nun wurde ihm, um den
Beweis davon zu fhren, ein ungebndigtes sehr wildes Pferd vor dem Czar
zu reiten gegeben, und man hoffte, da Bowes zum wenigsten mit einer
derben Lhmung das Kunststck bezahlen wrde. Indessen widerfuhr der
neidischen Eifersucht der Verdru, sich betrogen zu sehn. Der brave
Englnder bndigte nicht nur das Pferd, sondern er jagte es dermaen
zusammen, da es kraftlos wieder heimgefhrt wurde, und wenige Tage
nachher crepirte. Dieses Abentheuer vermehrte den Credit des
Bothschafters bei dem Czar, der ihm jederzeit nachher die
ausgezeichnetsten Beweise seiner Huld widerfahren lie.

   (Barrow's Sammlung von Reisebeschreibungen nach der franzsischen
                    Uebersetzung von Targe. 1766.)




                        4. Kunst und Theater.


            1. Empfindungen vor Friedrichs Seelandschaft.
                            (13. October.)

Herrlich ist es, in einer unendlichen Einsamkeit am Meeresufer, unter
trbem Himmel, auf eine unbegrnzte Wasserwste, hinauszuschauen. Dazu
gehrt gleichwohl, da man dahin gegangen sei, da man zurck mu, da
man hinber mgte, da man es nicht kann, da man Alles zum Leben
vermit, und die Stimme des Lebens dennoch im Rauschen der Fluth, im
Wehen der Luft, im Ziehen der Wolken, dem einsamen Geschrei der Vgel,
vernimmt. Dazu gehrt ein Anspruch, den das Herz macht, und ein Abbruch,
um mich so auszudrcken, den Einem die Natur thut. Dies aber ist vor dem
Bilde unmglich, und das, was ich in dem Bilde selbst finden sollte,
fand ich erst zwischen mir und dem Bilde, nehmlich einen Anspruch, den
mein Herz an das Bild machte, und einen Abbruch, den mir das Bild that;
und so ward ich selbst der Kapuziner, das Bild ward die Dne, das aber,
wo hinaus ich mit Sehnsucht blicken sollte, die See, fehlte ganz. Nichts
kann trauriger und unbehaglicher sein, als diese Stellung in der Welt:
der einzige Lebensfunke im weiten Reiche des Todes, der einsame
Mittelpunct im einsamen Kreis. Das Bild liegt, mit seinen zwei oder drei
geheimnivollen Gegenstnden, wie die Apokalypse da, als ob es Joungs
Nachtgedanken htte, und da es, in seiner Einfrmigkeit und
Uferlosigkeit, nichts, als den Rahm, zum Vordergrund hat, so ist es,
wenn man es betrachtet, als ob Einem die Augenlieder weggeschnitten
wren. Gleichwohl hat der Mahler Zweifels ohne eine ganz neue Bahn im
Felde seiner Kunst gebrochen; und ich bin berzeugt, da sich, mit
seinem Geiste, eine Quadratmeile mrkischen Sandes darstellen liee, mit
einem Berberitzenstrauch, worauf sich eine Krhe einsam plustert, und
da dies Bild eine wahrhafte Ossianische oder Kosegartensche Wirkung
thun mte. Ja, wenn man diese Landschaft mit ihrer eignen Kreide und
mit ihrem eigenen Wasser mahlte; so, glaube ich, man knnte die Fchse
und Wlfe damit zum Heulen bringen: das Strkste, was man, ohne allen
Zweifel, zum Lobe fr diese Art von Landschaftsmahlerei beibringen kann.
-- Doch meine eigenen Empfindungen, ber dies wunderbare Gemhlde, sind
zu verworren; daher habe ich mir, ehe ich sie ganz auszusprechen wage,
vorgenommen, mich durch die Aeuerungen derer, die paarweise, von Morgen
bis Abend, daran vorbergehen, zu belehren.

                                                                 ^cb.^


                2. Brief eines Mahlers an seinen Sohn.
                            (22. October.)

Mein lieber Sohn,

Du schreibst mir, da du eine Madonna mahlst, und da dein Gefhl dir,
fr die Vollendung dieses Werks, so unrein und krperlich dnkt, da du
jedesmal, bevor du zum Pinsel greifst, das Abendmal nehmen mgtest, um
es zu heiligen. La dir von deinem alten Vater sagen, da dies eine
falsche, dir von der Schule, aus der du herstammst, anklebende
Begeisterung ist, und da es, nach Anleitung unserer wrdigen alten
Meister, mit einer gemeinen, aber brigens rechtschaffenen Lust an dem
Spiel, deine Einbildungen auf die Leinwand zu bringen, vllig abgemacht
ist. Die Welt ist eine wunderliche Einrichtung; und die gttlichsten
Wirkungen, mein lieber Sohn, gehen aus den niedrigsten und
unscheinbarsten Ursachen hervor. Der Mensch, um dir ein Beispiel zu
geben, das in die Augen springt, gewi, er ist ein erhabenes Geschpf;
und gleichwohl, in dem Augenblick, da man ihn macht, ist es nicht
nthig, da man die, mit vieler Heiligkeit, bedenke. Ja, derjenige, der
das Abendmahl darauf nhme, und mit dem bloen Vorsatz ans Werk gienge,
seinen Begriff davon in der Sinnenwelt zu construiren, wrde ohnfehlbar
ein rmliches und gebrechliches Wesen hervorbringen; dagegen derjenige,
der, in einer heitern Sommernacht, ein Mdchen, ohne weiteren Gedanken,
kt, zweifelsohne einen Jungen zur Welt bringt, der nachher, auf
rstige Weise, zwischen Erde und Himmel herumklettert, und den
Philosophen zu schaffen giebt. Und hiermit Gott befohlen.

                                                                  ^y.^


        3. Brief eines jungen Dichters an einen jungen Mahler.
                            (6. November.)

Uns Dichtern ist es unbegreiflich, wie ihr euch entschlieen knnt, ihr
lieben Mahler, deren Kunst etwas so Unendliches ist, Jahre lang
zuzubringen mit dem Geschft, die Werke eurer groen Meister zu copiren.
Die Lehrer, bei denen ihr in die Schule geht, sagt ihr, leiden nicht,
da ihr eure Einbildungen, ehe die Zeit gekommen ist, auf die Leinewand
bringt; wren wir aber, wir Dichter, in eurem Fall gewesen, so meine
ich, wir wrden unsern Rcken lieber unendlichen Schlgen ausgesetzt
haben, als diesem grausamen Verbot ein Genge zu thun. Die
Einbildungskraft wrde sich, auf ganz unberwindliche Weise, in unseren
Brsten geregt haben, und wir, unseren unmenschlichen Lehrern zum Trotz,
gleich, sobald wir nur gewut htten, da man mit dem Bschel, und nicht
mit dem Stock am Pinsel mahlen msse, heimlich zur Nachtzeit die Thren
verschlossen haben, um uns in der Erfindung, diesem Spiel der Seeligen,
zu versuchen. Da, wo sich die Phantasie in euren jungen Gemthern
vorfindet, scheint uns, msse sie, unerbittlich und unrettbar, durch die
endlose Unterthnigkeit, zu welcher ihr euch beim Copiren in Gallerieen
und Slen verdammt, zu Grund und Boden gehen. Wir wissen, in unsrer
Ansicht schlecht und recht von der Sache nicht, was es mehr bedarf, als
das Bild, das euch rhrt, und dessen Vortrefflichkeit ihr euch
anzueignen wnscht, mit Innigkeit und Liebe, durch Stunden, Tage,
Wochen, Monden, oder meinethalben Jahre, anzuschauen. Wenigstens dnkt
uns, lt sich ein doppelter Gebrauch von einem Bilde machen; einmal
der, den ihr davon macht, nmlich die Zge desselben nachzuschreiben, um
euch die Fertigkeit der mahlerischen Schrift einzulernen; und dann in
seinem Geist, gleich vom Anfang herein, nachzuerfinden. Und auch diese
Fertigkeit mte, sobald als nur irgend mglich, gegen die Kunst selbst,
deren wesentlichstes Stck die Erfindung nach eigenthmlichen Gesetzen
ist, an den Nagel gehngt werden. Denn die Aufgabe, Himmel und Erde! ist
ja nicht, ein Anderer, sondern ihr selbst zu sein, und euch selbst, euer
Eigenstes und Innerstes, durch Umri und Farben, zur Anschauung zu
bringen! Wie mgt ihr euch nur in dem Maae verachten, da ihr willigen
knnt, ganz und gar auf Erden nicht vorhanden gewesen zu sein; da eben
das Dasein so herrlicher Geister, als die sind, welche ihr bewundert,
weit entfernt, euch zu vernichten, vielmehr allererst die rechte Lust in
euch erwecken und mit der Kraft, heiter und tapfer, ausrsten soll, auf
eure eigne Weise gleichfalls zu sein? Aber ihr Leute, ihr bildet euch
ein, ihr mtet durch euren Meister, den Raphael oder Corregge, oder wen
ihr euch sonst zum Vorbild gesetzt habt, hindurch; da ihr euch doch ganz
und gar umkehren, mit dem Rcken gegen ihn stellen, und, in
diametral-entgegengesetzter Richtung, den Gipfel der Kunst, den ihr im
Auge habt, auffinden und ersteigen knntet. -- So! sagt ihr und seht
mich an: was der Herr uns da Neues sagt! und lchelt und zuckt die
Achseln. Demnach, ihr Herren, Gott befohlen! Denn da Copernicus schon
vor dreihundert Jahren gesagt hat, da die Erde rund sei, so sehe ich
nicht ein, was es helfen knnte, wenn ich es hier wiederholte. Lebet
wohl!

                                                                  ^y.^


    4. Theater. Den 2. October: Ton des Tages, Lustspiel von Vo.
                            (4. October.)

Kant sagt irgendwo, in seiner Kritik der Urtheilskraft, da der
menschliche Verstand und die Hand des Menschen, zwei, auf nothwendige
Weise, zu einander gehrige und auf einander berechnete, Dinge sind. Der
Verstand, meint er, bedrfe, falls er in Wirksamkeit treten solle, ein
Werkzeug von so mannichfaltiger und vielseitiger Vollkommenheit, als die
Hand; und hinwiederum zeige die Struktur der Hand an, da die
Intelligenz, die dieselbe regiere, der menschliche Verstand sein msse.
Die Wahrheit dieses, dem Anschein nach paradoxen Satzes, leuchtet uns
nie mehr ein, als wenn wir Herrn Iffland auf der Bhne sehen. Er drckt
in der That, auf die erstaunenswrdigste Art, fast alle Zustnde und
innerliche Bewegungen des Gemths damit aus. Nicht, als ob, bei seinen
theatralischen Darstellungen, nicht seine Figur berhaupt, nach den
Forderungen seiner Kunst, zweckmig mitwirkte: in diesem Fall wrde
das, was wir hier vorgebracht haben, ein Tadel sein. Es wird ihm, in der
Pantomimik berhaupt, besonders in den brgerlichen Stcken, nicht
leicht ein Schauspieler heutiger Zeit gleichkommen. Aber von allen
seinen Gliedern, behaupten wir, wirkt, in der Regel, keins, zum Ausdruck
eines Affekts, so geschftig mit, als die Hand; sie zieht die
Aufmerksamkeit fast von seinem so ausdrucksvollen Gesicht ab: und so
vortrefflich dies Spiel an und fr sich auch sein mag, so glauben wir
doch, da ein Gebrauch, miger und minder verschwenderisch, als der,
den er davon macht, seinem Spiel (_wenn_ dasselbe noch etwas zu wnschen
brig lt) vortheilhaft sein wrde.

                                                                 ^xy.^


                 5. Theater. Unmagebliche Bemerkung.
                            (17. October.)

Wenn man fragt, warum die Werke Gthe's so selten auf der Bhne gegeben
werden, so ist die Antwort gemeinhin, da diese Stcke, so vortrefflich
sie auch sein mgen, der Casse nur, nach einer hufig wiederholten
Erfahrung, von unbedeutendem Vortheil sind. Nun geht zwar, ich gestehe
es, eine Theater-Direction, die, bei der Auswahl ihrer Stcke, auf
nichts, als das Mittel sieht, wie sie besteht, auf gar einfachem und
natrlichem Wege, zu dem Ziel, der Nation ein gutes Theater zu Stande zu
bringen. Denn so wie, nach Adam Smith, der Bcker, ohne weitere
chemische Einsicht in die Ursachen, schlieen kann, da seine Semmel gut
sei, wenn sie fleiig gekauft wird: so kann die Direktion, ohne sich im
Mindesten mit der Kritik zu befassen, auf ganz unfehlbare Weise,
schlieen, da sie gute Stcke auf die Bhne bringt, wenn Logen und
Bnke immer, bei ihren Darstellungen, von Menschen wacker erfllt sind.
Aber dieser Grundsatz ist nur wahr, wo das Gewerbe frei, und eine
uneingeschrnkte Concurrenz der Bhnen erffnet ist. In einer Stadt, in
welcher mehrere Theater neben einander bestehn, wird allerdings, sobald
auf irgend einem derselben, durch das einseitige Bestreben, Geld in die
Casse zu locken, das Schauspiel entarten sollte, die Betriebsamkeit
eines andern Theaterunternehmers, untersttzt von dem Kunstsinn des
besseren Theils der Nation, auf den Einfall gerathen, die Gattung, in
ihrer ursprnglichen Reinheit, wieder festzuhalten. Wo aber das Theater
ein ausschlieendes Privilegium hat, da knnte uns, durch die Anwendung
eines solchen Grundsatzes, das Schauspiel ganz und gar abhanden kommen.
Eine Direction, die einer solchen Anstalt vorsteht, hat eine
Verpflichtung sich mit der Kritik zu befassen, und bedarf wegen ihres
natrlichen Hanges, der Menge zu schmeicheln, schlechthin einer hhern
Aufsicht des Staats. Und in der That, wenn auf einem Theater, wie das
Berliner, mit Vernachlssigung aller andern Rcksichten, das hchste
Gesetz, die Fllung der Casse wre: so wre die Scene unmittelbar, den
spanischen Reutern, Taschenspielern und Faxenmachern einzurumen; ein
Specktakel bei welchem die Casse, ohne Zweifel, bei weitem erwnschtere
Rechnung finden wird, als bei den gtheschen Stkken. Parodieen hat man
schon, vor einiger Zeit, auf der Bhne gesehen; und wenn ein
hinreichender Aufwand von Witz, an welchem es diesen Producten zum Glck
gnzlich gebrach, an ihre Erfindung gesetzt worden wre, so wrde es,
bei der Frivolitt der Gemther, ein Leichtes gewesen sein, das Drama
vermittelst ihrer, ganz und gar zu verdrngen. Ja, gesetzt, die
Direction kme auf den Einfall, die gtheschen Stcke so zu geben, da
die Mnner die Weiber- und die Weiber die Mnnerrollen spielten: falls
irgend auf Costme und zweckmige Carrikatur einige Sorgfalt verwendet
ist, so wette ich, man schlgt sich an der Casse um die Billets, das
Stck mu drei Wochen hinter einander wiederholt werden, und die
Direction ist mit einemmal wieder solvent. -- Welches Erinnerungen sind,
werth, wie uns dnkt, da man sie beherzige.

                                                              H. v. K.


                       6. Schreiben aus Berlin.
                            (30. October.)

                                                      Den 28. October.

Die Oper Cendrillon, welche sich Mad. Bethmann zum Benefiz gewhlt hat,
und Herr Herclots bereits, zu diesem Zweck, bersetzt, soll, wie man
sagt, der zum Grunde liegenden franzsischen Musik wegen, welche ein
dreisilbiges Wort erfordert, _Ascherlich_, _Ascherling_ oder
_Ascherlein_ u. s. w. nicht _Aschenbrdel_ genannt werden. Brdel, von
Brod oder, altdeutsch Brhe (^brode^ im Franzsischen) heit eine mit
Fett und Schmutz bedeckte Frau; eine Bedeutung, in der sich das Wort,
durch eben das, in Rede stehende, Mhrchen, in welchem es, mit dem
Muthwillen freundlicher Ironie, einem zarten und lieben Kinde von
beraus schimmernder Reinheit an Leib und Seele, gegeben wird, allgemein
beim Volk erhalten hat. Warum, ehe man diesem Mhrchen dergestalt, durch
Unterschiebung eines, an sich gut gewhlten, aber gleichwohl
willkhrlichen und bedeutungslosen Namens, an das Leben greift, zieht
man nicht lieber, der Musik zu Gefallen, das del in d'l zusammen,
oder elidirt das d ganz und gar? Ein sterreichischer Dichter wrde ohne
Zweifel keinen Anstand nehmen, zu sagen: _Aschenbrd'l_ oder
_Aschenbrl_.

Ascherlich oder Aschenbrd'l selbst wird Mademois. Maas; Mad. Bethmann,
wie es heit, die Rolle einer der eiferschtigen Schwestern bernehmen.
Mlle. Maas ist ohne Zweifel durch mehr, als die bloe Jugend, zu dieser
Rolle berufen; von Mad. Bethmann aber sollte es uns leid thun, wenn sie
glauben sollte, da sie, ihres Alters wegen, davon ausgeschlossen wre.
Diese Resignation kme (wir meinen, wenn nicht den gresten, doch den
verstndigsten Theil des Publicums, auf unserer Seite zu haben) noch um
viele Jahre zu frh. Es ist, mit dem Spiel dieser Knstlerin, wie mit
dem Gesang manchen alten Musikmeisters am Fortepiano. Er hat eine, von
manchen Seiten mangelhafte, Stimme und kann sich, was den Vortrag
betrift, mit keinem jungen, rstigen Snger messen. Gleichwohl, durch
den Verstand und die ungemein zarte Empfindung, mit welcher er zu Werke
geht, fhrt er, alle Verletzungen vermeidend, die Einbildung, in
einzelnen Momenten, auf so richtige Wege, da jeder sich mit
Leichtigkeit das Fehlende ergnzt, und ein in der That hheres Vergngen
geniet, als ihm eine bessere Stimme, aber von einem geringern Genius
regiert, gewhrt haben wrde. -- Mad. Bethmanns grester Ruhm, meinen
wir, nimmt allererst, wenn sie sich anders auf ihre Krfte versteht, in
einigen Jahren (in dem Alter, wo Andere ihn verlieren) seinen Anfang.

                                                                  ^y.^


                    7. Die sieben kleinen Kinder.
                            (8. November.)

Was mag aus einer Bande kleiner Snger geworden sein, die im vorigen
Jahre sich sehr hufig in vielen Straen Berlins mit wenigen Liedern
hren lieen, die aber so wunderbar auf einzelne Tne eingesungen waren,
da sie am ersten einen Begriff von der Russischen Hrnermusik geben
konnten? Sie wurden, nach dem einen ihrer bekanntesten Lieder, meist die
sieben kleinen Kinder genannt. Das Lied erzhlte von Kindern, denen zu
spt Brod gereicht worden, nachdem sie lange geschrieen und endlich aus
Hunger gestorben waren. -- Ist es diesen armen Schelmen, die wir immer
mit besonderem Vergngen gehrt, etwa auch so ergangen?

Diese Kinder waren jedermann so bekannt, alle Kinder sangen ihnen nach,
da wir es kaum begreifen knnen, da sie nicht in irgend ein lustiges
Stck z. B. Rochus Pumpernickel, auf der Strae eingefhrt worden, wo
sie gewi die allgemeinste Wirkung hervorgebracht htten. Leider aber
begngen sich unsre Theater-Dichter die Spe fremder Stdte, besonders
Wiens, zu wiederholen; was aber bey uns lustig und erfreulich, dafr
haben sie keine Fassung. So finden sich manche auf unserer Bhne, die
den Wiener oder Schwbischen Dialekt recht gut nachsprechen, aber
keiner, der z. B. gut pommersch-plattdeutsch redete, was in der Rolle
des Rochus Pumpernickel sicher recht eigenthmliche Wirkung bei uns
thte.

                                                                ^ava.^


      8. Von einem Kinde, das kindlicher Weise ein anderes Kind
                              umbringt.
                           (13. November.)

In einer Stadt Franecker genannt, gelegen in Westfriesland, da ist es
geschehen, da junge Kinder, fnf- sechsjhrige, Mgdlein und Knaben mit
einander spielten. Und sie ordneten ein Bblein an, das solle der
Metzger sein, ein anderes Bblein, das solle Koch sein, und ein drittes
Bblein, das solle eine Sau sein. Ein Mgdlein, ordneten sie, solle
Kchin sein, wieder ein anderes, das solle Unterkchin sein; und die
Unterkchin solle in einem Geschirrlein das Blut von der Sau empfahen,
da man Wrste knne machen. Der Metzger gerieth nun verabredetermaen
an das Bblein, das die Sau sollte sein, ri es nieder und schnitt ihm
mit einem Messerlein die Gurgel auf; und die Unterkchinn empfing das
Blut in ihrem Geschirrlein. Ein Rathsherr, der von ungefhr vorbergeht,
sieht dies Elend; er nimmt von Stund' an den Metzger mit sich, und fhrt
ihn in des Obersten Haus, welcher sogleich den ganzen Rath versammeln
lie. Sie saen all' ber diesen Handel, und wuten nicht, wie sie ihm
thun sollten, denn sie sahen wohl, da es kindlicher Weise geschehen
war. Einer unter ihnen, ein alter weiser Mann, gab den Rath, der oberste
Richter solle einen schnen rothen Apfel in die eine Hand nehmen, in die
andere einen rheinischen Gulden, solle das Kind zu sich rufen, und beide
Hnde gleich gegen dasselbe ausstrecken; nehme es den Apfel, so solle es
ledig erkannt werden, nehme es aber den Gulden, so solle man es auch
tdten. Dem wird gefolgt; das Kind aber ergreift den Apfel lachend, wird
also aller Strafe ledig erkannt.

Diese rhrende Geschichte aus einem alten Buche gewinnt ein neues
Interesse durch das letzte kleine Trauerspiel Werners, der vier und
zwanzigste Februar genannt, welches in Weimar und Lauchstdt schon oft,
und mit einem so lebhaften Antheil gesehen worden ist, als vielleicht
kein Werk eines modernen Dichters. Das unselige Mordmesser, welches in
jener Tragdie der unruhige Dolch des Schicksals ist, (vielleicht
derselbe, den Mackbeth vor sich her zur Schlafkammer des Knigs gehen
sieht) ist dasselbe Messer, womit der eine Knabe den anderen getdtet,
und er empfngt in jener That seine erste blutige Weihe. Wir wissen
nicht, ob Werner die obige Geschichte ganz gekannt oder erzhlt hat,
denn jenes treflichste und darstellbarste Werk Werners, zu dem nur drei
Personen, Vater und Mutter und Sohn, nur eine doppelte durchgeschlagene
Schweizer Bauerstube, ein Schrank, ein Messer und etwas Schnee, den der
Winter gewi bald bringen wird, die nthigen Requisite sind, ist auf
unserer Bhne noch nicht aufgefhrt worden. Gleichwohl besitzen wir
mehr, als die Weimaraner, um es zu geben, einen Iffland, eine Bethmann
und Schauspieler, um den Sohn darzustellen, im Ueberflu. Mge diese
kleine Mittheilung den Sinn und den guten Willen dazu anregen.




                          5. Gemeinntziges.


                   1. Allerneuester Erziehungsplan.
                  (29-31. October; 9. 10. November.)

Zu welchen abentheuerlichen Unternehmungen, sei es nun das Bedrfni,
sich auf eine oder die andere Weise zu ernhren, oder auch die bloe
Sucht, neu zu sein, die Menschen verfhren, und wie lustig dem zufolge
oft die Insinuationen sind, die an die Redaction dieser Bltter
einlaufen: davon mge folgender Aufsatz, der uns krzlich zugekommen
ist, eine Probe sein.


                    Allerneuester Erziehungsplan.

Hochgeehrtes Publicum,

Die Experimental-Physik, in dem Capitel von den Eigenschaften
elektrischer Krper, lehrt, da wenn man in die Nhe dieser Krper,
oder, um kunstgerecht zu reden, in ihre Atmosphre, einen unelektrischen
(neutralen) Krper bringt, dieser pltzlich gleichfalls elektrisch wird,
und zwar die entgegengesetzte Elektricitt annimmt. Es ist als ob die
Natur einen Abscheu htte, gegen Alles, was, durch eine Verbindung von
Umstnden, einen berwiegenden und unfrmlichen Werth angenommen hat;
und zwischen je zwei Krpern, die sich berhren, scheint ein Bestreben
angeordnet zu sein, das ursprngliche Gleichgewicht, das zwischen ihnen
aufgehoben ist, wieder herzustellen. Wenn der elektrische Krper positiv
ist: so flieht aus dem unelektrischen Alles, was an natrlicher
Elektricitt darin vorhanden ist, in den uersten und entferntesten
Raum desselben, und bildet, in den, jenem zunchst liegenden
Theilen eine Art von Vacuum, das sich geneigt zeigt, den
Elektricitts-Ueberschu, woran jener, auf gewisse Weise, krank ist, in
sich aufzunehmen; und ist der elektrische Krper negativ, so huft sich,
in dem unelektrischen, und zwar in den Theilen, die dem elektrischen
zunchst liegen, die natrliche Elektricitt schlagfertig an, nur auf
den Augenblick harrend, den Elektricitts-Mangel umgekehrt, woran jener
krank ist, damit zu ersetzen. Bringt man den unelektrischen Krper in
den Schlagraum des elektrischen, so fllt, es sei nun von diesem zu
jenem, oder von jenem zu diesem, der Funken: das Gleichgewicht ist
hergestellt, und beide Krper sind einander an Elektricitt vllig
gleich.

Dieses hchst merkwrdige Gesetz findet sich, auf eine, unseres Wissens,
noch wenig beachtete Weise, auch in der moralischen Welt; dergestalt,
da ein Mensch, dessen Zustand indifferent ist, nicht nur augenblicklich
aufhrt, es zu sein, sobald er mit einem Anderen, dessen Eigenschaften,
gleichviel auf welche Weise, bestimmt sind, in Berhrung tritt: sein
Wesen wird sogar, um mich so auszudrcken, gnzlich in den
entgegengesetzten Pol hinbergespielt; er nimmt die Bedingung + an, wenn
jener von der Bedingung -, und die Bedingung -, wenn jener von der
Bedingung + ist.

Einige Beispiele, hochverehrtes Publicum, werden dies deutlicher machen.

Das gemeine Gesetz des Widerspruchs ist jedermann, aus eigner Erfahrung,
bekannt; das Gesetz, das uns geneigt macht, uns, mit unserer Meinung,
immer auf die entgegengesetzte Seite hinber zu werfen. Jemand sagt mir,
ein Mensch, der am Fenster vorbergeht, sei so dick, wie eine Tonne. Die
Wahrheit zu sagen, er ist von gewhnlicher Corpulenz. Ich aber, da ich
ans Fenster komme, ich berichtige diesen Irrthum nicht blo: ich rufe
Gott zum Zeugen an, der Kerl sei so dnn, als ein Stecken.

Oder eine Frau hat sich, mit ihrem Liebhaber, ein Rendezvous menagirt.
Der Mann, in der Regel, geht des Abends, um Triktrak zu spielen, in die
Tabagie; gleichwohl, um sicher zu gehen, schlingt sie den Arm um ihn,
und spricht: mein lieber Mann! Ich habe die Hammelkeule, von heute
Mittag, aufwrmen lassen. Niemand besucht mich, wir sind ganz allein;
la uns den heutigen Abend einmal in recht heiterer und vertraulicher
Abgeschlossenheit zubringen. Der Mann, der gestern schweres Geld in der
Tabagie verlor, dachte in der That heut, aus Rcksicht auf seine Casse,
zu Hause zu bleiben; doch pltzlich wird ihm die entsetzliche Langeweile
klar, die ihm, seiner Frau gegenber, im Hause verwartet. Er spricht:
liebe Frau! Ich habe einem Freunde versprochen, ihm im Triktrak, worin
ich gestern gewann, Revange zu geben. La mich, auf eine Stunde, wenn es
sein kann, in die Tabagie gehn; morgen von Herzen gern stehe ich zu
deinen Diensten.

Aber das Gesetz, von dem wir sprechen, gilt nicht blo von Meinungen und
Begehrungen, sondern auf weit allgemeinere Weise, auch von Gefhlen,
Affecten, Eigenschaften und Charakteren.

Ein Portugiesischer Schiffskapitain, der, auf dem Mittellndischen Meer,
von drei Venetianischen Fahrzeugen angegriffen ward, befahl,
entschlossen wie er war, in Gegenwart aller seiner Officiere und
Soldaten, einem Feuerwerker, da sobald irgend auf dem Verdeck ein Wort
von Uebergabe laut werden wrde, er, ohne weiteren Befehl, nach der
Pulverkammer gehen, und das Schiff in die Luft sprengen mgte. Da man
sich vergebens, bis gegen Abend, gegen die Uebermacht herumgeschlagen
hatte, und allen Forderungen, die die Ehre an die Equipage machen
konnte, ein Genge geschehen war: traten die Officiere in vollzhliger
Versammlung den Capitain an, und forderten ihn auf, das Schiff zu
bergeben. Der Capitain, ohne zu antworten, kehrte sich um, und fragte,
wo der Feuerwerker sei; seine Absicht, wie er nachher versichert hat,
war, ihm aufzugeben, auf der Stelle den Befehl, den er ihm ertheilt, zu
vollstrecken. Als er aber den Mann schon, die brennende Lunte in der
Hand, unter den Fssern, in Mitten der Pulverkammer fand: ergriff er ihn
pltzlich, von Schrecken bleich, bei der Brust, ri ihn, in
Vergessenheit aller anderen Gefahr, aus der Kammer heraus, trat die
Lunte, unter Flchen und Schimpfwrtern, mit Fen aus und warf sie in's
Meer. Den Officieren aber sagte er, da sie die weie Fahne aufstecken
mgten, indem er sich bergeben wolle.

Ich selbst, um ein Beispiel aus meiner Erfahrung zu geben, lebte, vor
einigen Jahren, aus gemeinschaftlicher Kasse, in einer kleinen Stadt am
Rhein, mit einer Schwester. Das Mdchen war in der That blo, was man,
im gemeinen Leben, eine gute Wirthinn nennt; freigebig sogar in manchen
Stcken; ich hatte es selbst erfahren. Doch weil ich locker und lose
war, und das Geld auf keine Weise achtete: so fieng sie an zu knickern
und zu knausern; ja, ich bin berzeugt, da sie geizig geworden wre,
und mir Rben in den Caffe und Lichter in die Suppe gethan htte. Aber
das Schicksal wollte zu ihrem Glcke, da wir uns trennten.

Wer dies Gesetz recht begreift, dem wird die Erscheinung gar nicht mehr
fremd sein, die den Philosophen so viel zu schaffen giebt: die
Erscheinung, da groe Mnner, in der Regel, immer von unbedeutenden und
obscuren Eltern abstammen, und eben so wieder Kinder gro ziehen, die in
jeder Rcksicht untergeordnet und geringartig sind. Und in der That, man
kann das Experiment, wie die moralische Atmosphre, in dieser Hinsicht,
wirkt, alle Tage anstellen. Man bringe nur einmal Alles, was, in einer
Stadt, an Philosophen, Schngeistern, Dichtern und Knstlern, vorhanden
ist, in einen Saal zusammen: so werden einige, aus ihrer Mitte, auf der
Stelle dumm werden; wobei wir uns, mit vlliger Sicherheit, auf die
Erfahrung eines jeden berufen, der solchem Thee oder Punsch einmal
beigewohnt hat.

Wie vielen Einschrnkungen ist der Satz unterworfen: da schlechte
Gesellschaften gute Sitten verderben; da doch schon Mnner wie Basedow
und Campe, die doch sonst, in ihrem Erziehungs-Handwerk, wenig
gegenstzisch verfuhren, angerathen haben, jungen Leuten zuweilen den
Anblick bser Beispiele zu verschaffen, um sie von dem Laster
abzuschrecken. Und wahrlich, wenn man die gute Gesellschaft, mit der
schlechten, in Hinsicht auf das Vermgen, die Sitte zu entwickeln,
vergleicht, so wei man nicht, fr welche man sich entscheiden soll, da,
in der guten, die Sitte nur nachgeahmt werden kann, in der schlechten
hingegen, durch eine eigenthmliche Kraft des Herzens erfunden werden
mu. Ein Taugenichts mag, in tausend Fllen, ein junges Gemth, durch
sein Beispiel, verfhren, sich auf Seiten des Lasters hinber zu
stellen; tausend andere Flle aber giebt es, wo es, in natrlicher
Reaction, das Polar-Verhltni gegen dasselbe annimmt; und dem Laster,
zum Kampf gerstet, gegenber tritt. Ja, wenn man, auf irgend einem
Platze der Welt, etwa einer wsten Insel, Alles was die Erde an
Bsewichtern hat, zusammenbrchte: so wrde sich nur ein Thor darber
wundern knnen, wenn er, in kurzer Zeit, alle, auch die erhabensten und
gttlichsten, Tugenden unter ihnen antrfe.

Wer dies fr paradox halten knnte, der besuche nur einmal ein Zuchthaus
oder eine Festung. In den von Frevlern aller Art, oft bis zum Sticken
angefllten Kasematten, werden, weil keine Strafe mehr, oder doch nur
sehr unvollkommen, bis hierher dringt, Ruchlosigkeiten, die kein Name
nennt, verbt. Demnach wrde, in solcher Anarchie, Mord und Todtschlag
und zuletzt der Untergang Aller die unvermeidliche Folge sein, wenn
nicht auf der Stelle, aus ihrer Mitte, welche auftrten, die auf Recht
und Sitte halten. Ja, oft setzt sie der Commendant selbst ein; und
Menschen, die vorher aufstzig waren gegen alle gttliche und
menschliche Ordnung, werden hier, in erstaunenswrdiger Wendung der
Dinge, wieder die ffentlichen geheiligten Handhaber derselben, wahre
Staatsdiener der guten Sache, bekleidet mit der Macht, ihr Gesetz
aufrecht zu erhalten.

Daher kann die Welt mit Recht auf die Entwikkelung der
Verbrecher-Kolonie in Botany-Bay aufmerksam sein. Was aus solchem, dem
Boden eines Staats abgeschlmmten Gesindel werden kann, liegt bereits in
den nordamerikanischen Freistaaten vor Augen; und um uns auf den Gipfel
unserer metaphysischen Ansicht zu schwingen, erinnern wir den Leser blo
an den Ursprung, die Geschichte, an die Entwikkelung und Gre Roms.

In Erwgung nun[1]

   1) da alle Sittenschulen bisher nur auf den Nachahmungstrieb
   gegrndet waren, und statt das gute Princip, auf eigenthmliche
   Weise im Herzen zu entwickeln, nur durch Aufstellung sogenannter
   guter Beispiele zu wirken suchten;[2]

   2) da diese Schulen, wie die Erfahrung lehrt, nichts eben, fr
   den Fortschritt der Menschheit Bedeutendes und Erkleckliches
   hervorgebracht haben;[3]

   das Gute aber 3) das sie bewirkt haben, allein von dem Umstand
   herzurhren scheint, da sie schlecht waren, und hin und wieder,
   gegen die Verabredung, einige schlechten Beispiele mitunter
   liefen;

in Erwgung, sagen wir, aller dieser Umstnde, sind wir gesonnen, eine
sogenannte _Lasterschule_, oder vielmehr eine _gegenstzische_ Schule,
eine Schule durch Laster, zu errichten.[4]

[Funote 1: Jetzt rckt dieser merkwrdige Pdagog mit seinem neuesten
Erziehungsplan heraus.

                                                   (_Die Redaction._)]

[Funote 2: So! -- Als ob die pdagogischen Institute nicht, nach ihrer
natrlichen Anlage, schwache Seiten genug darbten.

                                                   (_Die Redaction._)]

[Funote 3: In der That! -- Dieser Philosoph knnte das Jahrhundert um
seinen ganzen Ruhm bringen.

                                                   (_Die Redaction._)]

[Funote 4: ^Risum teneatis, amici!^

                                                   (_Die Redaction._)]

Demnach werden fr alle, einander entgegenstehende Laster, Lehrer
angestellt werden, die in bestimmten Stunden des Tages, nach der
Reihe, auf planmige Art, darin Unterricht ertheilen; in der
Religionssptterei sowohl als in der Bigotterie, im Trotz sowohl als in
der Wegwerfung und Kriecherei, und im Geiz und in der Furchtsamkeit
sowohl, als in der Tollkhnheit und in der Verschwendung.

Diese Lehrer werden nicht blo durch Ermahnungen, sondern durch
Beispiele, durch lebendige Handlung, durch unmittelbaren praktischen,
geselligen Umgang und Verkehr zu wirken suchen.

Fr Eigennutz, Plattheit, Geringschtzung alles Groen und Erhabenen und
manche anderen Untugenden, die man in Gesellschaften und auf der Strae
lernen kann, wird es nicht nthig sein, Lehrer anzustellen.

In der Unreinlichkeit und Unordnung, in der Zank- und Streitsucht und
Verlumdung wird meine Frau Unterricht ertheilen.

Lderlichkeit, Spiel, Trunk, Faulheit und Vllerei, behalte ich mir
bevor.

Der Preis ist der sehr mige von 300 Rthl.

N. S.

Eltern, die uns ihre Kinder nicht anvertrauen wollten, aus Furcht, sie
in solcher Anstalt, auf unvermeidliche Weise, verderben zu sehen, wrden
dadurch an den Tag legen, da sie ganz bertriebene Begriffe von der
Macht der Erziehung haben. Die Welt, die ganze Masse von Objecten, die
auf die Sinne wirken, hlt und regiert, an tausend und wieder tausend
Fden, das junge, die Erde begrende, Kind. Von diesen Fden, ihm um
die Seele gelegt, ist allerdings die Erziehung Einer, und sogar der
wichtigste und strkste; verglichen aber mit der ganzen Totalitt, mit
der ganzen Zusammenfassung der brigen, verhlt er sich wie ein
Zwirnsfaden zu einem Ankertau, eher drber als drunter.

Und in der That, wie milich wrde es mit der Sittlichkeit aussehen,
wenn sie kein tieferes Fundament htte, als das sogenannte gute Beispiel
eines Vaters oder einer Mutter, und die platten Ermahnungen eines
Hofmeisters oder einer franzsischen Mamsell. -- Aber das Kind ist kein
Wachs, das sich in eines Menschen Hnden, zu einer beliebigen Gestalt
kneten lt: es lebt, es ist frei, es trgt ein unabhngiges und
eigenthmliches Vermgen der Entwickelung, und das Muster aller
innerlichen Gestaltung, in sich.

Ja, gesetzt, eine Mutter nhme sich vor, ein Kind, das sie an ihrer
Brust trgt, von Grund aus zu verderben: so wrde sich ihr auf der Welt
dazu kein unfehlbares Mittel darbieten, und, wenn das Kind nur sonst von
gewhnlichen, rechtschaffenen Anlagen ist, das Unternehmen, vielleicht
auf die sonderbarste und berraschendste Art, daran scheitern.

Was sollte auch, in der That, aus der Welt werden, wenn den Eltern ein
unfehlbares Vermgen beiwohnte, ihre Kinder nach Grundstzen, zu welchen
sie die Muster sind, zu erziehen: da die Menschheit, wie bekannt,
fortschreiten soll, und es mithin, selbst dann, wenn an ihnen nichts
auszusetzen wre, nicht genug ist, da die Kinder werden, wie sie;
sondern besser.

Wenn demnach die uralte Erziehung, die uns die Vter, in ihrer Einfalt,
berliefert haben, an den Nagel gehngt werden soll: so ist kein Grund,
warum unser Institut nicht, mit allen andern, die die pdagogische
Erfindung, in unsern Tagen, auf die Bahn gebracht hat, in die Schranken
treten soll. In unsrer Schule wird, wie in diesen, gegen je Einen, der
darin zu Grunde geht, sich ein andrer finden, in dem sich Tugend und
Sittlichkeit auf gar robuste und tchtige Art entwickelt; es wird Alles
in der Welt bleiben, wie es ist, und was die Erfahrung von Pestalozzi
und Zeller und allen andern Virtuosen der neuesten Erziehungskunst, und
ihren Anstalten sagt, das wird sie auch von uns und der unsrigen sagen:
Hilft es nichts, so schadet es nichts.

   Rechtenfleck im Holsteinischen,
   den 15. Oct. 1810.

                                                      _C. J. Levanus_,
                                                            Conrector.


         2. Ntzliche Erfindungen. Entwurf einer Bombenpost.
                            (12. October.)

Man hat, in diesen Tagen, zur Befrderung des Verkehrs, innerhalb der
Grnzen der vier Welttheile, einen elektrischen Telegraphen erfunden;
einen Telegraphen, der mit der Schnelligkeit des Gedankens, ich will
sagen, in krzerer Zeit, als irgend ein chronometrisches Instrument
angeben kann, vermittelst des Elektrophors und des Metalldraths,
Nachrichten mittheilt, dergestalt, da wenn jemand, falls nur sonst die
Vorrichtung dazu getroffen wre, einen guten Freund, den er unter den
Antipoden htte, fragen wollte: wie geht's dir? derselbe, ehe man noch
eine Hand umkehrt, ohngefhr so, als ob er in einem und demselben Zimmer
stnde, antworten knnte: recht gut. So gern wir dem Erfinder dieser
Post, die, auf recht eigentliche Weise, auf Flgeln des Blitzes reitet,
die Krone des Verdienstes zugestehn, so hat doch auch diese
Fernschreibekunst noch die Unvollkommenheit, da sie nur, dem Interesse
des Kaufmanns wenig ersprielich, zur Versendung ganz kurzer und
lakonischer Nachrichten, nicht aber zur Uebermachung von Briefen,
Berichten, Beilagen und Packeten taugt. Demnach schlagen wir, um auch
diese Lcke zu erfllen, zur Beschleunigung und Vervielfachung der
Handels-Communikationen, wenigstens innerhalb der Grnzen der
cultivirten Welt, eine _Wurf-_ oder _Bombenpost_ vor; ein Institut, das
sich auf zweckmig, innerhalb des Raums einer Schuweite, angelegten
Artillerie-Stationen, aus Mrsern oder Haubitzen, hohle, statt des
Pulvers, mit Briefen und Paketen angefllte Kugeln, die man ohne alle
Schwierigkeit, mit den Augen verfolgen, und wo sie hinfallen, falls es
ein Morastgrund ist, wieder auffinden kann, zuwrfe; dergestalt, da die
Kugel, auf jeder Station zuvrderst erffnet, die respektiven Briefe fr
jeden Ort herausgenommen, die neuen hineingelegt, das Ganze wieder
verschlossen, in einen neuen Mrser geladen, und zur nchsten Station
weiter spedirt werden knnte. Den Prospectus des Ganzen und die
Beschreibung und Auseinandersetzung der Anlagen und Kosten behalten wir
einer umstndlicheren und weitlufigeren Abhandlung bevor. Da man auf
diese Weise, wie eine kurze mathematische Berechnung lehrt, binnen Zeit
eines halben Tages, gegen geringe Kosten von Berlin nach Stettin oder
Breslau wrde schreiben oder respondiren knnen, und mithin, verglichen
mit unseren reitenden Posten, ein zehnfacher Zeitgewinn entsteht, oder
es eben soviel ist, als ob ein Zauberstab diese Orte der Stadt Berlin
zehnmal nher gerckt htte: so glauben wir fr das brgerliche sowohl
als handeltreibende Publicum, eine Erfindung von dem gresten und
entscheidendsten Gewicht, geschickt, den Verkehr auf den hchsten Gipfel
der Vollkommenheit zu treiben, an den Tag gelegt zu haben.

   Berlin d. 10. Oct. 1810.

                                                                ^rmz.^


                       3. Schreiben aus Berlin.
                            (15. October.)

                                                       10 Uhr Morgens.

Der Wachstuchfabrikant Hr. _Claudius_ will, zur Feier des Geburtstages
Sr. Knigl. Hoheit, des Kronprinzen, heute um 11 Uhr mit dem Ballon des
Prof. J.[74] in die Luft gehen, und denselben, vermittelst einer
Maschine, unabhngig vom Wind, nach einer bestimmten Richtung
hinbewegen. Dies Unternehmen scheint befremdend, da die Kunst, den
Ballon, auf ganz leichte und naturgeme Weise, ohne alle Maschienerie,
zu bewegen, schon erfunden ist. Denn da in der Luft alle nur mgliche
Strmungen (Winde) bereinander liegen: so braucht der Aronaut nur,
vermittelst perpendikularer Bewegungen, den Luftstrom aufzusuchen, der
ihn nach seinem Ziele fhrt: ein Versuch, der bereits mit vollkommnem
Glck, in Paris, von Hrn. Garnerin, angestellt worden ist.

Gleichwohl scheint dieser Mann, der whrend mehrerer Jahre im Stillen
dieser Erfindung nachgedacht hat, einer besondern Aufmerksamkeit nicht
unwerth zu sein. Einen Gelehrten, mit dem er sich krzlich in
Gesellschaft befand, soll er gefragt haben: ob er ihm wohl sagen knne,
in wieviel Zeit eine Wolke, die eben an dem Horizont heraufzog, im
Zenith der Stadt sein wrde? Auf die Antwort des Gelehrten: da seine
Kenntni so weit nicht reiche, soll er eine Uhr auf den Tisch gelegt
haben, und die Wolke genau, in der von ihm bestimmten Zeit, im Zenith
der Stadt gewesen sein. Auch soll derselbe, bei der letzten Luftfahrt
des Professor J. im Voraus nach Werneuchen gefahren, und die Leute
daselbst versammelt haben: indem er aus seiner Kenntni der Atmosphre
mit Gewiheit folgerte, da der Ballon diese Richtung nehmen, und der
Professor J. in der Gegend dieser Stadt niederkommen msse.

Wie nun der Versuch, den er heute, gesttzt auf diese Kenntni,
unternehmen will, ausfallen wird: das soll in Zeit von einer Stunde
entschieden sein. Hr. Claudius will nicht nur bei seiner Abfahrt, den
Ort, wo er niederkommen will, in gedruckten Zetteln bekannt machen: es
heit sogar, da er schon Briefe an diesem Ort habe abgeben lassen, um
daselbst seine Ankunft anzumelden. -- Der Tag ist in der That, gegen
alle Erwartung, seiner Vorherbestimmung gem, ausnehmend schn.

N. S.

                                                    2 Uhr Nachmittags.

Hr. Claudius hatte beim Eingang in den Schtzenplatz Zettel austheilen
lassen, auf welchen er, lngs der Potsdammer Chaussee, nach dem
Luckenwaldschen Kreis zu gehen, und in einer Stunde vier Meilen
zurckzulegen versprach. Der Wind war aber gegen 12 Uhr so mchtig
geworden, da er noch um 2 Uhr mit der Fllung des Ballons nicht fertig
war; und es verbreitete sich das Gercht, da er vor 4 Uhr nicht in die
Luft gehen wrde.


                            4. Aronautik.
        S. Haude u. Spenersche Zeitung, den 25. Okt. 1810.[75]
                          (29. 30. October.)

Der, gegen die Abendbltter gerichtete, Artikel der Haude und
Spenerschen Zeitung, ber die angebliche Direction der Luftblle ist mit
soviel Einsicht, Ernst und Wrdigkeit abgefat, da wir geneigt sind zu
glauben, die Wendung am Schlu, die zu dem Ganzen wenig pat, beruhe auf
einem bloen Miverstndni.

Demnach dient dem unbekannten Hrn. Verfasser hiemit auf seine, in
Anregung gebrachten Einwrfe zur freundschaftlichen Antwort:

1) da wenn das Abendblatt, des beschrnkten Raums wegen, den
unverklausulirten Satz aufgestellt hat: die Direction der Luftblle sei
erfunden; dasselbe damit keineswegs hat sagen wollen: es sei an dieser
Erfindung nichts mehr hinzuzusetzen; sondern blo: das Gesetz einer
solchen Kunst sei gefunden, und es sei, nach dem, was in Paris
vorgefallen, nicht mehr zweckmig, in dem Bau einer, mit dem Luftball
verbundenen, Maschiene eine Kraft zu suchen, die in dem Luftball selbst,
und in dem Element, das ihn trgt, vorhanden ist.

2) Da die Behauptung, in der Luft seien Strmungen der vielfachsten und
mannigfaltigsten Art enthalten, wenig Befremdendes und Auerordentliches
in sich fat, indem unseres Wissens, nach den Aufschlssen der neuesten
Naturwissenschaft, eine der Hauptursachen des Windes, chemische
Zersetzung oder Entwickelung betrchtlicher Luftmassen ist. Diese
Zersetzung oder Entwickelung der Luftmassen aber mu, wie eine ganz
geringe Einbildung lehrt, ein concentrisches oder excentrisches, in
allen seinen Richtungen diametral entgegengesetztes, Strmen der in der
Nhe befindlichen Luftmassen veranlassen; dergestalt, da an Tagen, wo
dieser chemische Proze im Luftraum hufig vor sich geht, gewi ber
einem gegebenen, nicht allzubetrchtlichen Kreis der Erdoberflche, wenn
nicht alle, doch so viele Strmungen, als der Luftfahrer, um die
willkhrliche Direction darauf zu grnden, braucht, vorhanden sein
mgen.

3) Da der Luftballon des Hrn. Claudius selbst (in sofern ein einzelner
Fall hier in Erwgung gezogen zu werden verdient) zu dieser Behauptung
gewissermaen den Beleg abgiebt, indem ohne Zweifel als derselbe 5 Uhr
durchaus westlich in der Richtung nach Spandau und Stendal aufstieg,
niemand geahndet hat, da er, innerhalb zwei Stunden, durchaus sdlich,
zu Dben in Sachsen niederkommen wrde.

4) Da die Kunst, den Ballon _vertical_ zu dirigiren, noch einer groen
Entwickelung und Ausbildung bedarf, und derselbe auch wohl, ohne eben
groe Schwierigkeiten, fhig ist, indem man ohne Zweifel durch
Vernderung nicht blo des absoluten, sondern auch specifischen Gewichts
(vermittelst der Wrme und der Expansion) wird steigen und fallen und
somit den Luftstrom mit grerer Leichtigkeit wird aufsuchen lernen,
dessen man, zu einer bestimmten Reise, bedarf.

5) Da Hr. Claudius zwar wenig gethan hat, die Aufmerksamkeit des
Publikums, die er auf sich gezogen hat, zu rechtfertigen; da wir aber
gleichwohl dahingestellt sein lassen, in wiefern derselbe, nach dem
Gesprche der Stadt, in der Kunst, von der Erdoberflche aus die
Luftstrmungen in den hheren Regionen zu beurtheilen, erfahren sein
mag: indem aus der Richtung, die sein Ballon anfnglich westwrts gegen
Spandau und spterhin sdwrts gegen Dben nahm, mit sonderbarer
Wahrscheinlichkeit hervor zu gehen scheint, da er, wenn er aufgestiegen
wre, sein Versprechen erfllt haben, und vermittelst seiner
mechanischen Einwirkung, in der Diagonale zwischen beiden Richtungen,
ber der Potsdammer Chaussee, nach dem Luckenwaldischen Kreise,
fortgeschwommen sein wrde.

6) Da wenn gleich das Unternehmen vermittelst einer, im Luftball
angebrachten Maschiene, den Widerstand ganz contrairer Winde aufzuheben,
unbersteiglichen Schwierigkeiten unterworfen ist, es doch vielleicht
bei Winden von geringerer Ungnstigkeit mglich sein drfte, den Sinus
der Ungnstigkeit, vermittelst mechanischer Krfte, zu berwinden, und
somit, dem Seefahrer gleich, auch solche Winde, die nicht genau zu dem
vorgeschriebenen Ziel fhren, ins Interesse zu ziehen.

Zudem bemerken wir, da wenn 7) der Luftschifffahrer, aller dieser
Hlfsmittel ungeachtet, Tage und Wochen lang auf den Wind, der ihm
passend ist, warten mte, derselbe sich mit dem Seefahrer zu trsten
htte, der auch Wochen, oft Monate lang, auf gnstige Winde im Hafen
harren mu: wenn er ihn aber gefunden hat, binnen wenigen Stunden damit
weiter kommt, als wenn er sich, von Anfang herein, whrend der ganzen
verlornen Zeit, zur Axe oder zu Pferde fortbewegt htte.

Endlich selbst zugegeben 8) -- was wir bei der Mglichkeit, auch selbst
in der wolkigsten Nacht, den Polarstern, wenigstens auf Augenblicke,
aufzufinden, keinesweges thun -- dem Luftschiffer fehle es schlechthin
an Mittel, sich in der Nacht im Luftraum zu orientiren: so halten wir
den von dem unbekannten Hrn. R. berechneten Irrthum von 6 Meilen, auf
einen Radius von 30 Meilen, fr einen sehr migen und ertrglichen. Der
Aronaut wrde immer noch, wenn ^x^ die Zeit ist, die er gebraucht haben
wrde, um den Radius zur Axe zurckzulegen, in ^x^/5 den Radius und die
Sehne zurcklegen knnen. Wenn er dies, gleichviel aus welchen Grnden,
ohne seinen Ballon, nicht wollte, so wrde er sich wieder mit dem
Seefahrer trsten mssen, der auch oft, widriger Winde wegen, statt in
den Hafen einzulaufen, auf der Rhede vor Anker gehen, oder gar in einen
andern ganz entlegenen Hafen einlaufen mu, nach dem er gar nicht bei
seiner Abreise gewollt hat.

                   *       *       *       *       *

Was Hr. Garnerin betrift, so werden wir im Stande sein, in Kurzem
bestimmtere Facta, als die im 13ten Abendblatt enthalten waren, zur
Erwiderung auf die gemachten Einwrfe, beizubringen.

                                                                 ^rm.^




                            II. In Versen.




                   1. Eine Legende nach Hans Sachs.
                         Gleich und Ungleich.
                            (3. November.)


   Der Herr, als er auf Erden noch einherging,
   Kam mit Sanct Peter einst an einen Scheideweg,
   Und fragte, unbekannt des Landes,
   Das er durchstreifte, einen Bauersknecht,
   Der faul, da, wo der Rain sich spaltete, gestreckt
   In eines Birnbaums Schatten lag:
   Was fr ein Weg nach Jericho ihn fhre?
   Der Kerl, die Mnner nicht beachtend,
   Verdrielich, sich zu regen, hob ein Bein,
   Zeigt auf ein Haus im Feld', und ghnt' und sprach: da unten!
   Zerrt sich die Mtze ber's Ohr zurecht,
   Kehrt sich, und schnarcht schon wieder ein.
   Die Mnner drauf, wohin das Bein gewiesen,
   Gehn ihre Strae fort; jedoch nicht lange whrt's,
   Von Menschen leer, wie sie das Haus befinden,
   Sind sie im Land' schon wieder irr.
   Da steht, im heien Strahl der Mittagssonne,
   Bedeckt von Aehren, eine Magd,
   Die schneidet, frisch und wacker, Korn,
   Der Schwei rollt ihr vom Angesicht herab.
   Der Herr, nachdem er sich gefllig drob ergangen,
   Kehrt also sich mit Freundlichkeit zu ihr:
   Mein Tchterchen gehn wir auch recht,
   So wie wir stehn, den Weg nach Jericho?
   Die Magd antwortet flink: Ei, Herr!
   Da seid ihr weit vom Wege irr gegangen;
   Dort hinterm Walde liegt der Thurm von Jericho,
   Kommt her, ich will den Weg euch zeigen.
   Und legt die Sichel weg, und fhrt, geschickt und emsig,
   Durch Aecker, die der Rain durchschneidet,
   Die Mnner auf die rechte Strae hin,
   Zeigt noch, wo schon der Thurm von Jericho erglnzet,
   Grt sie und eilt zurcke wieder,
   Auf da sie schneid', in Rstigkeit, und raffe,
   Von Schwei betrieft, im Waizenfelde,
   So nach wie vor.
   Sanct Peter spricht: O Meister mein!
   Ich bitte dich, um deiner Gte willen,
   Du wollest dieser Maid die That der Liebe lohnen,
   Und, flink und wacker, wie sie ist,
   Ihr einen Mann, flink auch und wacker, schenken.
   Die Maid, versetzt der Herr voll Ernst,
   Die soll den faulen Schelmen nehmen,
   Den wir am Scheideweg im Birnbaumsschatten trafen;
   Also beschlo ich's gleich im Herzen,
   Als ich im Waizenfeld sie sah.
   Sanct Peter spricht: Nein Herr, das wolle Gott verhten.
   Das wr' ja ewig Schad' um sie,
   Mt' all' ihr Schwei und Mh' verloren gehn.
   La einen Mann, ihr hnlicher, sie finden,
   Auf da sich, wie sie wnscht, hoch bis zum Giebel ihr
   Der Reichthum in der Tenne flle.
   Der Herr antwortet, mild den Sanctus strafend:
   O Petre, das verstehst du nicht.
   Der Schelm, der kann doch nicht zur Hllen fahren.
   Die Maid auch, frischen Lebens voll,
   Die knnte leicht zu stolz und ppig werden.
   Drum, wo die Schwinge sich ihr allzuflchtig regt,
   Henk' ich ihr ein Gewichtlein an,
   Auf da sie's beide im Maae treffen,
   Und frhlich, wenn es ruft, hinkommen, er wie sie,
   Wo ich sie Alle gern versammeln mchte.




                   2. Eine Legende nach Hans Sachs.
                            Der Welt Lauf.
                            (8. December.)


   Der Herr und Petrus oft, in ihrer Liebe beide,
   Begegneten im Streite sich,
   Wenn von der Menschen Heil die Rede war;
   Und dieser nannte zwar die Gnade Gottes gro,
   Doch wr' er Herr der Welt, meint er,
   Wrd' er sich ihrer mehr erbarmen.
   Da trat, zu einer Zeit, als lngst, in beider Herzen,
   Der Streit vergessen schien, und just,
   Um welcher Ursach wei ich nicht,
   Der Himmel oben auch voll Wolken hieng,
   Der Sanctus migestimmt, den Heiland an, und sprach
   Herr, la, auf eine Handvoll Zeit,
   Mich, aus dem Himmelreich, auf Erden niederfahren,
   Da ich des Unmuths, der mich griff,
   Vergess' und mich einmal, von Sorgen frei, ergtze,
   Weil es jetzt grad' vor Fastnacht ist.
   Der Herr, des Streits noch sinnig eingedenk,
   Spricht: Gut; acht Tag' geb' ich dir Zeit,
   Der Feier, die mir dort beginnt, dich beizumischen;
   Jedoch, so bald das Fest vorbei,
   Kommst du mir zu gesetzter Stunde wieder.
   Acht volle Tage doch, zwei Wochen schon, und mehr,
   Ein abgezhlter Mond vergeht,
   Bevor der Sanct zum Himmel wiederkehrt.
   Ei, Petre, spricht der Herr, wo weiltest du so lange?
   Gefiel's auch nieden dir so wohl?
   Der Sanctus, mit noch schwerem Kopfe, spricht:
   Ach, Herr! Das war ein Jubel unten --!
   Der Himmel selbst beseeliget nicht besser.
   Die Erndte, reich, du weit, wie keine je gewesen,
   Gab alles was das Herz nur wnscht,
   Getraide, wei und s, Most, sag' ich dir, wie Honig,
   Fleisch fett, dem Speck gleich, von der Brust des Rindes;
   Kurz, von der Erde jeglichem Erzeugni
   Zum Brechen alle Tafeln voll.
   Da lie ich's, schier, zu wohl mir sein,
   Und htte bald des Himmels gar vergessen.
   Der Herr erwiedert: Gut! Doch Petre sag' mir an,
   Bei soviel Seegen, den ich ausgeschttet,
   Hat man auch dankbar mein gedacht?
   Sahst du die Kirchen auch von Menschen voll? --
   Der Sanct, bestrzt hierauf, nachdem er sich besonnen:
   O Herr, spricht er, bei meiner Liebe,
   Den ganzen Fastmond durch, wo ich mich hingewendet,
   Nicht deinen Namen hrt' ich nennen.
   Ein einz'ger Mann sa murmelnd in der Kirche:
   Der aber war ein Wucherer,
   Und hatte Korn, im Herbst erstanden,
   Fr Mus' und Ratzen hungrig aufgeschttet. --
   Wohlan denn, spricht der Herr, und lt die Rede fallen,
   Petre, so geh; und knft'ges Jahr
   Kannst du die Fastnacht wiederum besuchen.
   Doch diesmal war das Fest kaum eingelutet,
   Da kmmt der Sanctus schleichend schon zurck.
   Der Herr begegnet ihm am Himmelsthor und ruft:
   Ei, Petre! Sieh! Warum so traurig?
   Hat's dir auf Erden denn danieden nicht gefallen?
   Ach, Herr, versetzt der Sanct, seit ich sie nicht gesehn,
   Hat sich die Erde ganz verndert.
   Da ist's kurzweilig nicht mehr, wie vordem,
   Rings sieht das Auge nichts, als Noth und Jammer.
   Die Erndte, aschewei versengt auf allen Feldern,
   Gab fr den Hunger nicht, um Brod zu backen,
   Viel wen'ger Kuchen, fr die Lust, und Stritzeln.
   Und weil der Herbstwind frh der Berge Hang durchreift,
   War auch an Wein und Most nicht zu gedenken.
   Da dacht ich: was auch sollst du hier?
   Und kehrt ins Himmelreich nur wieder heim. --
   So! spricht der Herr. Frwahr! das thut mir leid!
   Doch, sag' mir an: gedacht' man mein?
   Herr, ob man dein gedacht? -- Die Wahrheit dir zu sagen,
   Als ich durch eine Hauptstadt kam,
   Fand ich, zur Zeit der Mitternacht,
   Vom Altarkerzenglanz, durch die Portle strahlend,
   Dir alle Mrkt' und Straen hell;
   Die Glckner zogen, da die Strnge rissen;
   Hoch an den Sulen hiengen Knaben,
   Und hielten ihre Mtzen in der Hand.
   Kein Mensch, versichr' ich dich, im Weichbild rings zu sehn,
   Als Einer nur, der eine Schaar
   Lasttrger keuchend von dem Hafen fhrte:
   Der aber war ein Wucherer,
   Und hufte Korn auf lchelnd, fern erkauft,
   Um von des Landes Hunger sich zu msten.
   Nun denn, o Petre, spricht der Herr,
   Erschaust du jetzo doch den Lauf der Welt!
   Jetzt siehst du doch was du jngsthin nicht glauben wolltest,
   Da Gter nicht das Gut des Menschen sind;
   Da mir ihr Heil am Herzen liegt wie dir:
   Und da ich, wenn ich sie mit Noth zuweilen plage,
   Mich, meiner Liebe treu und meiner Sendung,
   Nur ihrer hh'ren Noth erbarme.




                            3. Epigramme.


                      1. Auf einen Denuncianten.
                              (Rthsel.)
                            (12. October.)

   Als Kalb begann er; ganz gewi
   Vollendet er als Stier -- des Phalaris.

                                                                 ^st.^


                       2. Wer ist der Aermste?
                            (24. October.)

   Geld! rief, mein edelster Herr! ein Armer. Der Reiche versetzte:
   Lmmel, was gb' ich darum, wr ich so hungrig als er!


                 3. Der witzige Tischgesellschafter.

   Treffend, durchgngig ein Blitz, voll Scharfsinn, sind seine
      Repliken:
   Wo? An der Tafel? Vergieb! Wenn er's zu Hause bedenkt.

                                                                 ^xp.^


              4. An die Verfasser schlechter Epigramme.
                            (30. October.)

   Des Satyrs Geiel schmerzt von Rosenstrauch am meisten;
   Wer nur den Knieriem fhrt, der bleibe ja beim Leisten.

                                                                 ^st.^


                             5. Nothwehr.
                            (31. October.)

   Wahrheit gegen den Feind? Vergieb mir! Ich lege zuweilen
   Seine Bind um den Hals, um in sein Lager zu gehn.

                                                                 ^xp.^




                             Anmerkungen.



                             Einleitung.

[Funote 1: Das letzte Lied; H. v. Kleist gesammelte Schriften III, 373,
der zweiten Ausgabe von Tieck und J. Schmidt.]

[Funote 2: So schrieb Kleist an Zschokke; s. E. v. Blow, H. v. Kleists
Leben und Briefe S. 27.]

[Funote 3: Die umfassendste Sammlung von Briefen Kleists sind die an
seine Schwester Ulrike gerichteten, 57 an der Zahl, aus den Jahren 1795
bis zum Augenblick seines Todes, nebst einem an Pannwitz aus dem Jahre
1802, von Koberstein 1860 herausgegeben; 23 Briefe aus der Zeit von 1799
bis 1811 an seinen Lehrer, seine Braut, deren Schwester, seinen Freund
Rhle und Fouqu, gab Blow heraus; 6 Brieffragmente von 1807 bis 1811
Tieck in der Einleitung zu Kleists Schriften; ein Brief von 1809 an H.
v. Collin steht in Hoffmanns Findlingen I, 320, ein von Blow nicht
gekannter von 1811 an Fouqu, in den Briefen an F. Baron de la Motte
Fouqu, herausgegeben von H. Kletke I, 223; 6 aus den Jahren 1810 und
1811 an F. v. Raumer in dessen Lebenserinnerungen und Briefwechsel I,
229. Anekdotenhaft ist was Peguilhen von Kleist erzhlt in der Sammlung
Berhmte Schriftsteller der Deutschen Berlin 1854 I, 309; die
Denkschrift desselben ber Kleists Tod, die dem Staatskanzler vorlag
aber nicht erscheinen durfte, scheint verloren. Umfassende
Charakteristiken Kleists sind neuerdings gegeben worden in den
Preuischen Jahrbchern II, 599, 1858, und von J. Schmidt in seiner
Einleitung zu den gesammelten Schriften Kleists, 1859; Nachtrge dazu
von Koberstein in der Einleitung zu Kleists Briefen an seine Schwester.]

[Funote 4: Tiecks Ausgabe von 1826 I, S. XX.]

[Funote 5: S. X Vorrede.]

[Funote 6: In der Inhaltsanzeige des Februarheftes. Dadurch widerlegt
sich Blows Angabe S. 44 eine Novelle der Madame de Gomez habe dem
Dichter den Stoff in Paris geliefert. Sucht man in einer fremden
Litteratur nach einer Parallele zu dieser Geschichte, so knnte man auch
an Cervantes' ^de la fuera de la sangre^ erinnern, wo hnliche
Verhltnisse freilich mavoller dargestellt werden.]

[Funote 7: Eine quellengeme geschichtliche Darstellung der
Kohlhasischen Hndel hat Klden gegeben in Gropius' Beitrge zur
Geschichte Berlins, Berlin 1840 S. 61 ff. Wenn er im Vorwort sagt, zu
Kleists Erzhlung habe die Geschichte nichts als einige Namen
beigesteuert, so ist dagegen zu bemerken, da nicht die wesentlichen
Thatsachen, sondern gerade die Namen unhistorisch sind; denn der Junker
hie Gnther von Zaschwitz auf Melaun bei Dben. Man mchte doch
vermuthen, nicht Pfuels Erzhlung, sondern irgend einem lteren Buche
habe Kleist den Stoff entlehnt, vielleicht dem von B. Mentz, Kurtze
Erzehlung vom Vrsprung vnd Hehrkommen der Chur vnnd Frstlichen Stmmen,
Sachsen, Brandenburg, Anhalt vnd Lawenburg, Wittenberg 1597, das Klden
auer Hafftiz besonders benutzt hat.]

[Funote 8: III, 71.]

[Funote 9: III, 48.]

[Funote 10: III, 124.]

[Funote 11: Ich fhre einige Beweisstellen fr die im Text
hervorgehobenen Lieblingsworte Kleists an: dergestalt da߫ Kohlhaas
III, 39, 47, 57, 75, 104, 109, 114; das Erdbeben in Chili S. 164; die
Verlobung in St. Domingo S. 188; das Bettelweib von Locarno S. 224, 225,
226; die heilige Caecilie S. 249, 250; der Zweikampf S. 272, 273;
Kthchen von Heilbronn II, 132. Gleichwohl: Kohlhaas III, 22, 35, 63,
75, 102, 109; Marquise v. O. S. 151; Findling 235; die heilige Caecilie
252; Kthchen von Heilbronn I, 123, 125, 130; die Hermannsschlacht 397;
der Prinz v. Homburg 325, 345; Amphitryon I, 374, 375. Nicht sobald --
als: Kohlhaas III, 34, 39, 58. Falls: Kohlhaas III, 27, 64, 77, 94.
Gleichviel: Kohlhaas III, 57, 60, 79; Marquise v. O. 153; die heilige
Caecilie 251; der Zweikampf 286; Prinz v. Homburg II, 279, 281, 315,
320, 323, 327, 331; die Hermannsschlacht 509; Amphitryon I, 417.
Inzwischen: Kohlhaas III, 34, 43, 77, 98, 106, 111; Marquise v. O.
124, 125; der Zweikampf 266, 287.]

[Funote 12: Penthesilea I, 201, 224; die Hermannsschlacht II, 383; an
Franz den Ersten III, 374.]

[Funote 13: Akt III. Sc. 1. II, 188.]

[Funote 14: Kthchen v. Heilbronn A. V. S. 1. II, 248; die
Hermannsschlacht A. II, S. 1. II, 402; III, 379.]

[Funote 15: III, 376, 377, 372.]

[Funote 16: A. III, S. 6. II, 443.]

[Funote 17: Kleist an seine Schwester 17. Sept. 1807 und die folgenden
Briefe S. 129 ff. 144. Adam Mller an Gentz 6. Febr. 1808, Briefwechsel
S. 126.]

[Funote 18: Kleists ges. Schriften I, S. XX.]

[Funote 19: Blow S. XI.]

[Funote 20: Brief an seine Schwester o. D. S. 157.]

[Funote 21: Phbus I, 39.]

[Funote 22: Hans Sachs Worte I, 189 der Kemptener Ausgabe, wo sich
inde nur die Legende der Welt Lauf findet. Es scheint Kleist hat seine
Originale nicht sowohl in einer Gesammtausgabe der Werke von Hans Sachs
als in einem Einzeldruck gelesen; in einem solchen, wovon ein Exemplar
im Besitz des Herrn W. v. Maltzahn ist, finden sich neben zwei andern
Erzhlungen gerade die beiden von Kleist nachgedichteten; es ist: Das
erst Gesprech, Von der Welt lauff; und das dritt Gesprch, von eim |
faulen Bawrenknecht, vnd einer | endlichen Bauren Maidt. | Der
Haupttitel lautet: Vier schne Gesprech zwischen | Sanct Peter vnd dem
Herren, | sehr ntzlich zu lesen, vnd | zu hren -- Han Sachs. Gedruckt
zu Nrnberg | durch Valentin Newber kl. 8. 16 Bll.]

[Funote 23: S. die Briefe an seine Schwester o. D. und von 1799, 1801
S. 5, 20, 49, 51; an seine Braut 1801, Blow S. 145; 1806 S. 243.]

[Funote 24: Briefe von 1801, Blow S. 226, 210, 204, 27; Koberstein S.
46, 50. Katechismus der Deutschen 8. I, 1, 7; von der Ueberlegung I, 2,
5.]

[Funote 25: Brieffragment bei Blow S. 66; 1801 S. 207, 227; 1803
Koberstein S. 90.]

[Funote 26: 1801, 1803 Koberstein S. 45, 90.]

[Funote 27: Briefe an seine Schwester S. 110, 145.]

[Funote 28: Hermannsschlacht A. I, S. 3. I, 1; II, 394, 386, 391, 434,
444; III, 3, 6.]

[Funote 29: Kleists Wort ber die Thusnelda zu Dahlmann in J. Schmidts
Einleitung S. XCV; (v. Bassewitz) die Kurmark Brandenburg whrend der
Zeit von 1806 bis 1808 II, 709; v. Hpfner der Krieg von 1806 und 1807
II, 326, 332.]

[Funote 30: Lehrbuch der Journalistik 4, 8. Die Worte des Grafen
Schlabrendorff hat Jochmann aufbewahrt, Reliquien, herausgegeben von
Zschokke, I, 135.]

[Funote 31: Hermannsschlacht A. I, 3, 10, 4, 9; II, 397, 399, 456, 467.
Hoffmann Findlinge I, 320.]

[Funote 32: Husser deutsche Geschichte III, 151, 183, 439. Europas
Palingenesie Leipzig 1810 I, 147, 149.]

[Funote 33: Hermannsschlacht V, 24, 14. II, 519, 499; Prinz von Homburg
IV, 1. S. 340.]


                               I, 1, 1.

[Funote 34: Wahrscheinlich dachte sich Kleist unter dem rheinbndischen
Officier einen schsischen, denn kaum ein anderer htte im Sommer 1806
mit einem preuischen Officier in Berlin ein patriotisches Convivium
halten knnen, in einer Zeit, wo ber ein preuisch-schsisches Bndni,
als Grundlage des nordischen Reichsbundes unter Preuens Fhrung,
verhandelt wurde. Kurz vor dem Ausbruch des Kriegs kam es bekanntlich zu
einer Vereinigung der preuischen und schsischen Armee. Der Knig, der
durch Ablehnung des Kreuzes der Ehrenlegion nicht kompromittirt werden
soll, ist also der Knig von Sachsen, der diesen Titel seit dem Posener
Vertrage 11. Dec. 1806 fhrte.]

[Funote 35: Eine in Berlin noch jetzt bestehende bekannte Weinhandlung,
in der Kleist viel verkehrt haben soll.]

[Funote 36: Davoust, der bei Auerstdt siegte.]

[Funote 37: Die eingeklammerten Worte sind in der Abschrift irrthmlich
ausgelassen.]

[Funote 38: Am 9. April 1809 erffneten die Oesterreicher unter dem
Erzherzog Karl den Krieg, indem sie in Baiern einrckten. Zu einem
Massenaufstande hatte der Erzherzog in einem undatirten Aufruf an die
Vlker Deutschlands aufgefordert; der in demselben Sinn abgefate
Armeebefehl ist vom 6. April. S. Europas Palingenesie I, 147, 152.]

[Funote 39: Das erste Blletin Napoleons ber die einleitenden Gefechte
vom 19. bis 23. April ist vom 24. April. S. Europas Palingenesie II, 39.
Der gleich darauf erwhnte Montesquiou war Napoleons Kammerherr und zu
hnlichen Sendungen mehrfach gebraucht worden. Kurz vor der Schlacht von
Jena war er in preuische Gefangenschaft gerathen.]


                               I, 1, 2.

[Funote 40: Diese Scenen spielen also whrend des Krieges von 1806 und
1807, und ihr Schauplatz soll, wie leicht ersichtlich, Potsdam und
Berlin sein. In Potsdam war das groe Cavalleriedepot der Franzosen; s.
(v. Bassewitz) die Kurmark Brandenburg whrend der Zeit von 1806 bis
1808 I, 266.]

[Funote 41: _Aber_ hat die Handschrift.]


                               I, 1, 3.

[Funote 42: Dies scheint darauf hinzuweisen, da Kleist hier etwa die
Vorgnge in Stettin im Auge hatte, dessen Uebergabe an eine schwache
Abtheilung franzsischer Cavallerie am 29. Oct. 1806 die Reihe
schmachvoller Capitulationen der Hauptfestungen im stlichen Theile der
preuischen Lande erffnete. Dagegen scheint die Niederbrennung der
Vorstdte auf Kstrin oder Magdeburg zu deuten. S. v. Hpfner Krieg von
1806 und 1807 II, 326, 332.]


                               I, 1, 4.

[Funote 43: Den Nrnberger Correspondenten von 1809 habe ich nicht
auftreiben knnen.]

[Funote 44: Am 23. April hatte die franzsische Armee nach heftigem
Kampfe Regensburg genommen. Die Hauptmasse bestand aus Baiern und
Wrtembergern, denen Napoleon am 30. in einer Anrede, die der Kronprinz
von Baiern verdollmetschte, diesmal die ausschlieliche Ehre des Kampfs
gegen die Oesterreicher zugesprochen hatte; Europas Palingenesie II, 12,
38.]

[Funote 45: Durch den Frieden von Preburg am 26. December 1805, der
auf Oesterreichs Kosten Baiern, Wrtemberg und Baden vergrerte, den
beiden ersten die souveraine Knigswrde zusprach, und ein deutsches
Reich nicht mehr, sondern nur noch eine ^confdration Germanique^
kannte.]

[Funote 46: Am 26. August 1806.]

[Funote 47: Am 1. November 1806 besetzten die Franzosen Kassel. ^Vous
avez cess d'exister^, sagte Napoleon in seinem 13. Blletin dem
Kurfrsten.]

[Funote 48: Hier ist wohl die entgegenkommende Anerkennung gemeint, die
Napoleon als Konsul seit Durocs Sendung im November 1799 in Berlin fand,
und die Vermittlung, welche Preuen in Folge dessen zwischen ihm und dem
Kaiser Paul einzuleiten suchte. -- Erst anderthalb Jahr nach dem
Tilsiter Frieden, am 5. Dezember 1808, rumten die Franzosen Berlin.]

[Funote 49: Am 6. August 1806.]

[Funote 50: Dazu war man sterreichischer Seits doch nicht geneigt,
wohl aber wich man einem franzsischen Bndni auf Kosten Preuens aus.]

[Funote 51: In Bhmen.]

[Funote 52: _Vatter_ hat die Handschrift.]


                               I, 1, 5.

[Funote 53: _Gewinsel_, die Handschrift.]

[Funote 54: Durch Patent vom 9. Juni 1808 wurde die Errichtung einer
Landwehr zur Vertheidigung des vaterlndischen Bodens angeordnet.]


                               I, 1, 6.

[Funote 55: _auch_ -- _welchem_, die Handschrift.]

[Funote 56: _vernommen_, die Handschrift.]

[Funote 57: Am 7. Mai 1807 schlo Napoleon ein Bndnis mit dem Schach
von Persien, dessen Gesandter zu diesem Zweck nach Elbing kam.]


                               I, 1, 7.

[Funote 58: Die Volkserhebung in Spanien begann im Mai 1808.]

[Funote 59: Sachsen war dem Rheinbunde im Posener Vertrage
beigetreten.]

[Funote 60: Der Rheinbund vom 12. Juli 1806.]

[Funote 61: Hier fehlen zwei Bltter, die den Schlu des vierten, das
fnfte, sechste und den Anfang des siebenten Capitels enthielten.]

[Funote 62: Fehlen abermals zwei Bltter, das zehnte, elfte und den
Anfang des zwlften Capitels enthaltend.]

[Funote 63: Am 9. April 1809 erhoben sich die Tiroler.]

[Funote 64: Wenn man nicht annehmen will, zwischen diesem und dem
folgenden Satze sei durch Schuld des Abschreibers eine Frage und eine
Antwort ausgefallen, in denen der erste Grund unmittelbar angegeben
wurde, und da dann erst die nhere Erluterung folgte, warum er nicht
viel einbringen knne, so sind die letzten vier Stze des Capitels von
dunkler Spitzfindigkeit nicht frei zu sprechen. Es wrden dann die
freiwilligen Beitrge einmal als geringfgig bezeichnet werden, weil sie
als Geld und Gut, dem Vaterlande und der Freiheit gegenber, an sich
keinen Werth haben, und doch zugleich als ein eintrgliches Mittel, wenn
die Menschen es lieber dem gnnen, von dem sie zur Freiheit gefhrt
werden, als den Feinden, die ihnen das Eigenthum mit Gewalt entreien.]

[Funote 65: Dies scheint ein bitterer Seitenblick auf die
zurckhaltende Politik des preuischen Ministeriums, das seit Steins
Abgang am 24. Nov. 1808 Dohna, Altenstein und Beyme leiteten. Es ist
bekannt, wie sehr Oesterreich schon damals Preuen zum entschiedenen
Handeln zu bestimmen suchte, aber auch zugleich, da Preuen schwerlich
stark genug dazu war.]


                               I, 2, 1.

[Funote 66: In der Schlacht bei Aspern am 21. und 22. Mai 1809.]

[Funote 67: _bewut_, die Handschrift. Der Schlu fehlt.]


                               I, 2, 2.

[Funote 68: Woher dies Citat sei, vermag ich nicht zu sagen.]

[Funote 69: _sind_ fgt die Handschrift berflssig hinzu.]


                               I, 2, 3.

[Funote 70: _ist_ fgt die Handschrift hinzu.]

[Funote 71: Die letzten drei Worte wiederholt die Handschrift. In
Blows Abdruck, Kleists Leben und Briefe S. 254, fehlen die Worte:
Alles was sie Vortreffliches fand in sich aufzunehmen gleich --.]

[Funote 72: Blow liest fr Dienstleistungen Einflsterungen!]

[Funote 73: Die Worte: die dem ganzen Menschengeschlecht angehrt
fehlen bei Blow.]


                               I, 5, 3.

[Funote 74: Jungius, Professor am Friedrich-Wilhelms Gymnasium.]


                               I, 5, 4.

[Funote 75: Dieser Artikel von einem ungenannten Verfasser brachte eine
wissenschaftlich gehaltene Widerlegung der in dem Schreiben aus Berlin
I, 5, 2 ausgesprochenen Ansichten Kleists, und schlo mit einem Ausfall
gegen die trgerischen Terminologien neuer und unverschmter Lehrer, die
sich auf erdichtete Facta sttzen.]




                   Berlin, Druck von Gustav Schade.
                         Marienstrae Nr. 10.





Anmerkungen zur Transkription


Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind,
wurden ^so^ markiert.

Die variierende Schreibweise des Originales wurde weitgehend
beibehalten, ebenso eigentmliche Schreibweisen, die zum Teil auch noch
in spteren Ausgaben zu finden sind wie zum Beispiel Pescher
(Pescher), Baxer (Boxer) oder Joung (Young). Lediglich offensichtliche
Druckfehler wurden korrigiert, teilweise unter Verwendung weiterer
Ausgaben, wie hier aufgefhrt (vorher/nachher):

   [S. 4]: (mehrfache Flle)
   ... erst Julian Schmidt's Ausgabe hat aus dem Phoebus einen ...
   ... erst Julian Schmidt's Ausgabe hat aus dem Phbus einen ...

   [S. 18]:
   ... Ganze, sehr verschiedene Personen sprechen sich ber ...
   ... Ganzes, sehr verschiedene Personen sprechen sich ber ...

   [S. 24]:
   ... fnf Stcke werden Ende April oder Anfangs Mai entstanden ...
   ... fnf Stcke werden Ende April oder Anfang Mai entstanden ...

   [S. 48]:
   ... Wendung erhlt dieser Gedanke in der Hermannschlacht; ...
   ... Wendung erhlt dieser Gedanke in der Hermannsschlacht; ...

   [S. 53]:
   ... leben wollte. Nur zu Stein, Scharnharst, Gneisenau konnte ...
   ... leben wollte. Nur zu Stein, Scharnhorst, Gneisenau konnte ...

   [S. 66]:
   ... halten Sie fr die Erfindung einer satanischen List, um das ...
   ... halten sie fr die Erfindung einer satanischen List, um das ...

   [S. 103]:
   ... Es giebt Leute, die sich die Epochen, in welcher die ...
   ... Es giebt Leute, die sich die Epochen, in welchen die ...

   [S. 103]:
   ... welches ohne Zweifel die hchste ist, die erschwungen werden ...
   ... welche ohne Zweifel die hchste ist, die erschwungen werden ...

   [S. 136]:
   ... elektrischer Krper, lehrt, da wenn man in der Nhe ...
   ... elektrischer Krper, lehrt, da wenn man in die Nhe ...

   [S. 144]:
   ... da sich in eines Menschen Hnden, zu einer beliebigen
       Gestalt ...
   ... das sich in eines Menschen Hnden, zu einer beliebigen
       Gestalt ...

   [S. 168]:
   ... I, 5, 2. ...
   ... I, 5, 3. ...

   [S. 168]:
   ... I, 5, 3. ...
   ... I, 5, 4. ...






End of the Project Gutenberg EBook of Politische Schriften und andere
Nachtrge zu seinen Werken, by Heinrich von Kleist

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK POLITISCHE SCHRIFTEN UND ***

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