The Project Gutenberg EBook of Ein Tag / Ivar Bye, by Bjrnstjerne Bjrnson

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Title: Ein Tag / Ivar Bye
       Zwei Erzhlungen

Author: Bjrnstjerne Bjrnson

Translator: Maria von  Borch
            G. I. Klett

Release Date: May 7, 2016 [EBook #52016]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN TAG / IVAR BYE ***




Produced by Norbert H. Langkau, Jens Sadowski, and the
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                   Kleine Bibliothek Langen Band 58

                        Bjrnstjerne Bjrnson




                               Ein Tag
                               Ivar Bye


                           Zwei Erzhlungen

         Einzige berechtigte bersetzung aus dem Norwegischen
                                 von
                   Maria von Borch und G. I. Klett

                            Albert Langen
                   Verlag fr Litteratur und Kunst
                             Mnchen 1903




                                Inhalt


             Seite
   Ein Tag       9
   Ivar Bye     95




                               Ein Tag


                     Deutsch von Maria von Borch


                                  I

Man nannte Ella gewhnlich die mit dem Zopf. Aber wie dick der Zopf
auch war, -- htte ihn eine getragen, die minder hbsch, minder
freundlich und unbefangen gewesen, so wrde kaum jemand ihn bemerkt
haben; das muntere Leben, das er da hinten fr sich allein lebte, wre
dann mit Schweigen bergangen worden. Und das, trotzdem er der dickste
Zopf war, den irgend jemand dort in der kleinen Stadt je getragen hatte.
Vielleicht nahm er sich auch strker aus, als er war, weil Ella selbst
klein war. Wie weit er hinunter reichte, kann man nicht gut sagen; er
reichte ein gutes Stck bis unter die Taille, ein _sehr_ gutes Stck
sogar. Seine Farbe war unbestimmt, und folglich auch unnennbar. Sie fiel
ein wenig ins Rtliche; aber dort in der Stadt pflegte man zu sagen, er
sei blond, und dabei knnen wir ja bleiben, da wir die Mittelfarben
nicht besonders zu bezeichnen pflegen. Das Gesicht zeichnete sich durch
seine weie Haut aus, war hbsch geformt mit geraden Zgen von der Stirn
bis zum Kinn, hatte einen kurzen, aber vollen Mund und selten
unbefangene Augen. Sie hatte bei ihrer Kleinheit eine starke Figur, aber
etwas zu kurze Beine; um so schnell vorwrts zu kommen, wie sie ihrer
Natur nach mute, hatte sie sich einen raschen Trab angewhnen mssen.
Dies Rasche hatte sie brigens bei allem, was sie vornahm, und daher
hatte der Zopf es auch wohl eiliger, als Zpfe es gewhnlich haben.

Ihre Mutter war die Witwe eines Beamten, hatte ein kleines Vermgen
neben ihrer Pension und wohnte in ihrem eigenen kleinen Hause, dem Hotel
gegenber, gleich am Marktplatz der Stadt. Sie war eine von den Stillen;
der Mann war ihre Bestimmung, ihr Stolz, ihr Licht gewesen. Als sie ihn
verlor, wich der Lebensmut von ihr; sie kroch in religisen Grbeleien
in sich zusammen. Da sie aber nicht herrschschtig war, lie sie ihr
einziges Kind der eigenen Natur folgen, welche der des Vaters glich. Die
Mutter verkehrte mit niemandem, als mit einer lteren Schwester, die auf
einem groen Gute, ein Stck von der Stadt entfernt, ansssig war; aber
Ella durfte Gefhrtinnen von der Schule, von Bootfahrten, vom
Schlittschuhlaufen, Skifahren, ins Haus bringen; diese blieben brigens
bestndig dieselben. Ihrer Wahl haftete eine angeborene Vorsicht an,
ihre Lebhaftigkeit wurde durch den Umgang mit der Mutter und die Stille
des Hauses gedmpft. Es lag also in ihr, da sie munter und leicht, ohne
Lrmen, war -- ziemlich unbefangen, aber mit Herrschaft ber sich, und
daher achtsam.

Um so wunderlicher war das, was ihr passierte, als sie im Heranwachsen
war, so ungefhr vierzehn, fnfzehn Jahre alt. Sie begleitete ein paar
Freundinnen in ein Konzert, das der Gesangverein der Stadt und ein paar
Dilettanten zu Weihnachten fr die Armen gaben. In diesem Konzert sang
Axel Aar Schlaf in Ruh! von Mhring. Wie allgemein bekannt, leitet
ein gedmpfter Mnnerchor den Gesang ein; er breitet Mondenschein vor
ihm aus, und immer mehr Mondenschein, und darin kam Aar's Stimme mit
langen Ruderschlgen daher. Die Stimme war ein voller, runder
Babaryton, an dem die Leute groes Behagen fanden. Ohne Ri und ohne
Fehl, htte man ihn gerade wie eine Schnur von dort nach Wien spannen
knnen. Aber Ella hrte aus dieser gleichmigen Stimme noch eine zweite
heraus, einen Nebenklang von Schwche oder Schmerz, und sie meinte, alle
mten ihn hren. Eine Bewegung im innersten Innern, eine rhrende
Vertraulichkeit, die sie ums Herz fate und sagte: Trauer! O Trauer ist
das Los meines Lebens! Ich kann nicht dafr, ich bin verloren! Ehe sie
sich's versah, war sie nahe am Weinen. Etwas Eindringlicheres als diese
Stimme war ihr noch nicht vorgekommen. Von Ton zu Ton stieg es: sie
verlor die Macht ber sich und merkte es nicht. Er stand dort so
hochgewachsen, schlank, der blonde, weiche Bart fiel auf die Brust
herab; der Kopf war klein mit groen, schwermtigen Augen, Geschwistern
der Stimme; auch auf dem Grunde der Augen lag etwas, das sagte: Trauer,
Trauer! Diese Schwermut in den Augen hatte sie vorher schon gesehen,
hatte aber nicht gewut, was sie sah, bis jetzt, wo sie die Stimme
hrte. Und die Thrnen wollten heraus. Sie durften nicht. Sie sah sich
um; sonst weinte niemand; sie prete die Zhne zusammen, drckte die
Arme an den Krper und die Kniee zusammen, so da es schmerzte, ja, sie
bebte. Weshalb in aller Welt mute dies gerade ihr und keinem andern
geschehen? Sie drckte das Taschentuch an den Mund und jagte ihre
Gedanken hinaus bis an die uerste Scheereninsel, wo sie den Leuchtturm
hatte aufleuchten und wieder verlschen und die See jedesmal voll
Gespenster gesehen hatte. Aber nein! Sie kehrten wieder zurck zu ihr,
dort wollten sie nicht bleiben. Das Taschentuch, die Hnde, warnende
Augen vermochten das erste Schluchzen nicht aufzuhalten, das
hervorbrach! Vor den entsetzten Augen aller stand sie auf, kam schnell
und behende hinaus und lie sich dort gehen. Niemand folgte ihr, niemand
wagte, sich zu ihr zu bekennen.

Du, der du dies liest, begreifst du, wie entsetzlich es war? Warst du
einmal in solch einem -- beinahe htte ich geschrieben, stillen
Konzert in einer norwegischen Kstenstadt von halb pietistischer Zucht?
Mnner sind beinahe keine da; entweder liegt die Musik den Mnnern in
den Kstenstdten nicht, oder sie sind hier im Klub in einem andern Raum
-- am Billard, am Kartentisch, in der Restauration, bei Punsch und
Zeitungen. Einige von ihnen sind einen Augenblick heraufgekommen und
stehen hinten an der Thr; stehen wie Leute, die zum Hause gehren und
sich die Gste ein wenig ansehen wollen. Oder es sitzt wirklich hie und
da eine Mannsperson auf der Bank, und ist zwischen die buntscheckige
Unterrocks-Rinde eingeklemmt wie ein abgebrochener Zweig; oder es sind
ein paar Exemplare an der Wand entlang festgeklebt wie vergessene
Paletots.

Nein, was sich zum Konzert einstellt, das sind die Harems der Stadt. Die
lteren Einwohnerinnen der Harems, um unter holdem Text und beweglicher
Musik noch einmal wieder zu trumen, was sie einst selbst zu sein
geglaubt, und was sie damals glaubten, da ihrer harrte. Dort oben kennt
man sie eigentlich besser, als hier unten; wenn auch ein bichen
Kchengeruch, ein wenig Hauslrm in die Trume hineinschlgt -- das
strt nicht.

Die jngeren Bewohnerinnen des Harems trumen, da sie so sind, wie die
lteren gewesen zu sein glauben und da _sie_ sicher ein wenig von dem
erreichen werden, was die lteren nicht erreichten. _Sie_ wissen gut
Bescheid ber das Leben. In _einem_ gleichen sich beide Alter, sie sind
von praktischer Abstammung in kleinen Verhltnissen; sie trauen sich
nicht zu weit fort. Sie sind so vollkommen darber im Reinen, da das
Leuchten, welches aus dem Text und den Tnen grerer Geister auf sie
herabfllt, nicht vollstndig Ernst ist, sondern ein bichen von allem
mglichen.

Wenn daher eine einzelne es allzu ernst nimmt und anfngt zu flennen --
du lieber Gott, im frivolen Leben nennt man es Albernheit, im
ffentlichen heit es, sich blostellen.

Ella hatte sich blogestellt.

Ihr eigener Schrecken kannte kaum irgendwelche Grenzen. Von allen
Mdchen, mit denen sie verkehrte, war sie diejenige, der die Trnen am
schwersten kamen, davon war sie berzeugt. Sie frchtete es wohl so gut
wie irgend eine, da man sie ansah und besprach. Was in aller Welt war
daher dies? Sie liebte Musik, sie spielte Klavier; aber fr besonders
musikalisch begabt hielt sie sich nicht. Weshalb mute denn gerade sie
so seltsam von einem Gesang gepackt werden?

Was mute er von dem halberwachsenen Mdel denken? Dies letztere qulte
sie am meisten. Hierber wagte sie sich zu keiner lebenden Seele
auszusprechen. Das Erstaunen der meisten begngte sich damit, da sie
krank gewesen sei; sie blieb eine Zeitlang nachher auch zu Hause und war
bleich, als sie wieder ausging. Die Freundinnen neckten sie, aber sie
lie es unbeachtet.

In diesem Winter wurden mehrere Kinderblle abgehalten. Der vierte in
der Reihe war bei Arnesens an der Ecke, und Ella war auch dort. Der
Ball war bis zum Ende der zweiten Franaise gekommen, als sie flstern
hrte: Axel Aar! Axel Aar! Und da stand er in der Thr mit drei
andern jungen Herren hinter sich. Die Hausfrau war seine ltere
Schwester. Die vier jungen Herren kamen von einer Spielgesellschaft; sie
wollten zusehen.

Ella fhlte, da sie wie mit Glut bergossen war; zugleich fhlte sie
eine Schwche in den Knieen, als wollten sie zusammenknicken. Sie
begriff es nicht recht, fhlte aber groe Augen auf sich gerichtet. Sie
war ganz in eine Falte ihres Kleides vertieft, die nicht in derselben
Linie fiel wie die anderen, da stand er vor ihr und sagte: Sie haben
doch einen herrlichen Zopf. Die Stimme berschttete diesen gleichsam
mit Goldstaub. Er hob die Hand, als wolle er ihn berhren, statt dessen
aber fhrte er sie an seinen Bart. Als er ihre tiefe Verlegenheit
bemerkte, wollte er nicht lnger stehen bleiben und wandte sich ab.

Spter fhlte sie seine Blicke noch mehreremal; aber er kam nicht mehr
zu ihr. Die andern Herren nahmen teil am Tanz, Aar tanzte nie. Er hatte
etwas im Wesen an sich, das in seiner Weise das Angenehmste war, was sie
kannte. Eine zurckhaltende Vornehmheit, ein Stil im Auftreten, eine
rcksichtsvolle, langsam zgernde Art, wohl auch die einzige Art, die
sie verstanden haben wrde. Sein Gang machte den Eindruck, als halte er
die Hlfte seiner Kraft zurck, und so war es in allem. Er war
hochgewachsen; der kleine, etwas schmale Kopf sa auf einem ziemlich
hohen Hals, die Schultern waren nicht breit; aber bis jetzt hatte sie
nie die Weise beachtet, wie er Kopf und Oberkrper drehte, noch hatte
sie gewut, da etwas beinahe Musikalisches darin liegen knne.

Was hiernach geschah, und das Zimmer, in dem es geschah, alles flo
zusammen in Licht. Aber mit einem Mal war es nicht mehr so. Gleich
darauf hrte sie auch: Wo ist Axel Aar? ist er fortgegangen?

Er war in diesem Winter nicht lange zu Hause. Er war zwei Jahre in Havre
gewesen und kam gerade von dort; nun wollte er auf zwei Jahre nach Hull.

Bis jetzt war die Musik eine liebe Beschftigung fr Ella gewesen;
besonders hatte sie Harmonieen geliebt und sie gesucht. Jetzt gab sie
sich den Melodieen hin. Sie hatte dem Klange gelauscht und sich darin
versucht. Jetzt wurde die Musik zur Sprache. Sie selbst sprach darin,
oder jemand sprach zu ihr.

Auer all den Leuten, die in einer Gesellschaft waren, war von jetzt ab
immer _noch_ einer da. Nie mehr allein, nicht auf der Strae, nicht zu
Hause. Und der Zopf war das heilige Zeichen geworden.

Im Frhling begegnete Frau Holmbo ihr auf der Strae. Ella kam mit
ihrem Psalmbuch in der Hand vom Prediger. Gehen Sie zum
Konfirmationsunterricht? -- Ja. -- Ich habe einen Gru fr Sie.
Knnen Sie raten, von wem? -- Nun war Frau Holmbo eine Freundin von
Axel Aar's Schwester und bestndig mit der Familie zusammen. Ella wurde
rot und konnte nicht antworten. Ich sehe schon, Sie wissen, von wem,
sagte Frau Holmbo, und noch roter wurde Ella. Mit einem Lcheln, das
ziemlich berlegen war -- und davon hatte die schnste Dame der Stadt im
berflu -- sagte sie: Axel Aar schreibt nicht gern. Jetzt bekamen wir
den ersten Brief nach seiner Abreise. Aber darin schrieb er, wenn wir
die mit dem Zopf shen, sollten wir sie von ihm gren. Sie hat bei
Mhrings Lied geweint; das httet ihr andern auch tun knnen, schreibt
er.

Die Trnen kamen Ella in die Augen. Na, na, trstete Frau Holmbo,
dabei ist doch nichts Bses.


                                  II

Zwei Jahre spter, im Winter, kam Ella mit ihren Schlittschuhen in der
Hand hurtig vom Eise herauf. Sie hatte zum erstenmal die neue
anschlieende Jacke an; es war wirklich hauptschlich diese, die sie
hinaus getrieben hatte. Der Zopf kam munter unter der grauen Mtze
hervor, er war dicker und lnger denn je; es ging ihm vortrefflich.

Sie machte wie immer einen Umweg bei Andresens an der Ecke vorbei; das
Haus zu sehen gengte ihr.

Und gerade, als ihr Auge auf das Haus fiel, stand Axel Aar in der Tr.
Er kam langsam die Treppe herunter; er war wieder zu Hause! Der blonde
Bart fiel zierlich auf das schwarze Pelzwerk, die Pelzmtze bedeckte die
kurze Stirn ganz und gar, so da sie die Augen einrahmte, die groen
anziehenden Augen.

Sie sahen sich an, sie muten aufeinander zu, an einander vorbergehen;
er lchelte, indem er an die schwarze Pelzmtze griff, und sie -- blieb
stehen und knixte wie ein Schulmdchen im kurzen Kleidchen!

Seit zwei Jahren war sie nicht stehen geblieben, hatte nicht anders, als
mit dem Kopfe gegrt, ja, wie jede erwachsene Dame; wer klein ist, hlt
mehr als andere auf dieses Vorrecht. Aber vor ihm, vor dem sie am
liebsten erwachsen sein wollte, vor ihm blieb sie stehen und knixte, wie
damals, als er sie zuletzt gesehen! Noch von diesem Unglck verwirrt,
strzte sie in ein zweites hinein. Sie sagte sich: Sieh dich nicht um!
Halt dich stramm, sieh dich nicht um, hrst du! -- Aber an der Ecke,
als sie gerade umbiegen mute, kehrte sie sich doch um -- und sah ihn
dasselbe tun! Von diesem Augenblick an gab es keine Menschen, keine
Huser, nicht Zeit, nicht Ort mehr. Sie wute nicht, wie sie sich nach
Hause fand, oder weshalb sie auf ihrem Bette lag, das Gesicht ins Kissen
vergrub und weinte.

Vierzehn Tage darauf groe Jugend-Gesellschaft im Klub. Axel Aar zu
Ehren. Alle wollten dabei sein, alle wollten ihren beliebten Kameraden
zu Hause willkommen heien. Von Hull hatten sie auch gehrt, wie
unentbehrlich er nach und nach dort drben in der Gesellschaft geworden
war. Wenn seine Stimme greren Umfang gehabt htte, -- sie umfate
nmlich nicht viele Tne -- so wre er jetzt an ^Her Majesty's
Theatre^. So wurde erzhlt. Auf dem Balle sollte der Gesangverein --
sein alter Gesangverein wieder mit ihm zusammen singen.

Ella war mit dabei! Sie kam zu frh, -- vor ihr waren nur vier da. Sie
fror vor Erwartung in den leeren Zimmern und halb offenen Gngen, meist
aber im Saal, in dem sie sich einst blogestellt hatte! Sie trug ein
rotes Ballkleid ohne irgend welchen Schmuck, ohne Blume; die Mutter
wnschte es so. Sie frchtete, sich verraten zu haben, indem sie so frh
kam; sie hielt sich allein in einem Nebenzimmer auf und kroch nicht eher
hervor, als bis mehr Licht angezndet war und Duft und Geplauder und das
Stimmen der Instrumente dazu einlud. Mit den Bllen jetzt und frher ist
es _der_ Unterschied, da es jetzt sofort lebhaft zugeht; das hat der
Sport bewirkt; er hat grere Vertraulichkeit zwischen den Geschlechtern
geschaffen. Klein, wie Ella war, verschwand sie in der Menge und sah
Axel Aar nicht eher, als bis sie mehrere flstern hrte: Da ist er!
und jemand hinzufgte: Er kommt hierher zu uns! Frau Holmbo war es,
die er suchte und begrte; aber dicht hinter dieser stand Ella. Als sie
sich entdeckt sah, wurde die Knospe noch roter als die Deckbltter.
Sofort verlie er Frau Holmbo. Guten Abend! sagte er ganz leise und
streckte die Hand aus, die sie annahm ohne aufzusehen. Guten Abend!
sagte er noch einmal, noch leiser und noch nher. Sie sprte einen
leichten Druck und mute aufblicken; es geschah mit einer schchternen
Botschaft von Treuherzigkeit und Angst, die hastete an allen vorber,
erklrte nichts und gab niemandem rgernis. Er sah auf sie hinab und
strich sich den Bart dabei; aber ob er nun nichts zu sagen hatte (er war
ja wortkarg) oder ob er nicht sagen konnte, was er wollte, -- alle
schwiegen mit ihm. Mit der ihm eigenen milden Art wandte er sich und
ging, wurde von Kameraden aufgefangen, und spter sah sie ihn nur dann
und wann in der Ferne; er tanzte nicht.

Sie aber tanzte; alle waren sich einig darber, da sie s߫ sei (das
wurde mit Respekt gesagt), und dann lag an diesem Abend ein lieblicher
Hauch von Freude auf ihr. Wo Axel Aar auch im Saal stand, sie fhlte
ihn und empfand einen stillen Jubel, an ihm vorber schweben zu knnen.
Seine Augen begegneten den ihren und folgten ihr; seine Nhe machte, da
sie alle und alles strahlend fand.

An den Trrahmen gelehnt, sah man einen groen, starken Mann
Aufsichtskomitee bilden. Er mochte zwischen dreiig und vierzig Jahren
sein, letzterem nher; ein sturmfestes Gesicht, breitgeschnitten, aber
khn; schwarzes Haar, braungrne Augen, die Gestalt eines Riesen.
Jedermann im Saal kannte ihn, Hjalmar Olsen, den mutigen Fhrer des
grten Dampfschiffes im Lande. Er musterte alle, die vorbeitanzten,
fand aber, da der Kleinen im roten Kleide der Preis gebhre; sie
anzusehen bereitete am meisten Vergngen. Einesteils war sie
auerordentlich hbsch und dann sprang ihre unbefangene Glckseligkeit
auf ihn selbst ber. Als Axel Aar ihm nher kam, bekam Hjalmar Olsen
jedesmal auch ein klein wenig von der Verliebtheit ab, die ihr aus den
Augen strahlte. Sie tanzte jeden einzigen Tanz. Hjalmar Olsen war gro
genug, um durch den ganzen Saal einen Schimmer von ihr zu erhaschen.
Auch sie bemerkte ihn; bald wurde er zum Leuchtturm in ihrem Fahrwasser.
Aber ein Leuchtturm, der Herz fr die Schiffe hatte, -- so fhlte er
beispielsweise jetzt, da sie dort an Peter Klaussons Weste in Gefahr
sei. Er kannte Peter Klausson.

Ihre winzig kleinen Fe trippelten Walzer, ihr Zopf hpfte Polka, die
Fe dreiviertel Takt, der Zopf vierviertel. Aber Peter Klausson drckte
sie zu fest an die Weste!

Darum suchte er sie gleich auf, als der Walzer zu Ende war; aber es war
nicht so leicht, sich einen Tanz zu erhandeln; erst der nchste Walzer
war frei, und den bekam er. Im selben Augenblick, als dies abgemacht
war, strmten alle nach der Tribne; der Gesangverein zeigte sich da
oben. Sie war hilflos klein, die Ella, wenn alle drauf los strmten und
sich zusammen packten; Hjalmar Olsen, der ihre unglcklichen Versuche,
ein Guckloch zu erhaschen, sah, erbot sich, sie auf die Bank zu heben,
die an der Wand entlang lief, an der sie standen. Sie wagte es nicht;
aber im selben Augenblick sah er andere hinauf klettern, und eh sie's
noch hindern konnte, war sie selbst oben. Gerade da trat Axel Aar
zwischen seine Kameraden und wurde mit dem lebhaftesten Hndeklatschen
von allen anwesenden Freunden, Mnnern und Frauen begrt. Er verbeugte
sich ehrerbietig und zurckhaltend; aber die Willkommgre wollten kein
Ende nehmen, bevor die Kameraden sich nicht ein wenig zurckzogen und er
ganz vortrat. Zuerst stimmte der Verein eins von den ltesten Liedern
an; Aar sang seine Stimme zwischen all den andern, was allgemein
gefiel. Darauf trat der Dirigent an das Klavier, um ein Lied zu
begleiten, das Aar allein singen wollte. Das Lied war von Selmer und in
der Hauptstadt schon in der Mode; es wurde von Mnnern wie von Frauen
gesungen, das sie der letzten Strophe wurde nur in er umgendert.
Hier war es noch nie gehrt worden.

Schon whrend der Verein sang, hatte Aar im Saal umhergespht, und von
dem Augenblick an, wo er dort hin geblickt, wo Ella stand, hatte er kein
Auge von da verwandt. Jetzt stellte er sich an jene Seite des Klaviers
und whrend des Singens blickte er unverwandt dorthin. Je nachdem er
hineinkam, wurden seine schwermtigen Augen durchleuchtet, seine Gestalt
wurde plastisch.

   Ich sing' nur fr die einzige,
   Wenn And're auch mein Lied erfreut,
   So ist es doch die einzige,
   Der ich es hab' geweiht.
   Ihr, die Ihr lauschet, strkt den Klang;
   Denn wr' nicht jene einzige,
   Die machte, da mein Lied gelang, --
   Ihr hrtet keinen Sang.

   Jeg synger for een eneste,
   om ogsaa alle hrer paa,
   og bare denne eneste
   kan Sangen helt forstaa.
   Men I, som hhrer, styrk dens Klang;
   for var ej denne eneste,
   som vakte nu min Tonetrang,
   da fick I ingen Sang.

   Der Weg ist nicht der krzeste,
   Er schlinget sich durch Alle hier,
   Jedoch er ist der einzige,
   Der fhret hin zu ihr!
   Ihr Guten, hret, strkt das Wort,
   Damit es werd das einzige,
   Das in der Brust ihr tnet fort,
   Ein lieblicher Akkord!

   Er Vejen ej den beneste,
   forgrenet gjennem alle her,
   so er den dog den eneste,
   som kommer ganske naer.
   Aa, gode Hjerter, styrk hvert Ord;
   so de maa bli de eneste
   I hele Kjaerlighedens Kor,
   som hun af Hjaertet tror.

Seine Stimme war berckend; eine solche Liebesbotschaft hatte noch
keiner je gehrt. Jetzt waren auer Ella noch andere da, die Trnen in
den Augen hatten.

Sie standen eine Weile, als warteten sie auf einen weiteren Vers, --
daher Stille; aber dann brach ein Beifall los, desgleichen niemand je
gehrt hatte. Sie wollten das Lied noch einmal hren. Aber noch hatte
keiner je erlebt, da Axel Aar etwas zweimal hintereinander gesungen
hatte. Sie muten es also aufgeben.

Ella hatte das Lied nie gehrt, weder die Worte noch die Tne. Als er
anfing, den Blick auf sie gerichtet, glaubte sie umfallen zu mssen;
etwas so unerhrt Khnes hatte sie nicht geahnt. Er, sonst so wortkarg,
rcksichtsvoll und zurckhaltend, ihr dies entgegenzusingen, so da alle
es hrten! Wei wie die Wand, an die sie sich sttzte, bekam sie eine
solche Atemnot, da sie sich nach Hilfe umsehen mute. Gleich hinter
ihr, ebenfalls auf der Bank, stand Frau Holmbo, magnetisiert, schn wie
eine Statue.

Sie sah nicht mehr von Ellas Not als von der Uhr auf dem Marktplatz.
Diese absolute Teilnahmslosigkeit khlte sie ab; sie kam wieder zu sich.
Die Gegenwart der andern, die ihr so entsetzlich gewesen, hatte ja
nichts zu bedeuten, solange keiner was begriff. Schlielich hrte sie
ohne Angst zu. Den zweiten Vers ganz und gar. Heimlicher, reizender
konnte es ihr nicht gesagt werden, obgleich alle zuhrten. Wenn er sie
nur nicht angesehen htte! Wenn sie sich nur htte verstecken knnen! --

Sobald der letzte Ton verhallte, sprang sie herunter. Unten zwischen all
den Schultern fand sie ihre Schamhaftigkeit wieder, ihren wonneerfllten
Traum, ihr Geheimnis in brutlicher Kleidung. Was war doch geschehen,
und was wrde nun das nchste sein? Rund umher funkelnde Augen, jubelnde
Stimmen, klatschende Hnde, -- war das nicht wie Fackeln und
Huldigungsrufe, war das nicht auch fr sie mit? Drinnen nur er und sie,
-- all die andern drauen! --

Der Tanz begann sofort, -- und sie hinein! Hinein, als sei alles ihr zu
Ehren, oder als sei sie die einzige! Ihre Kavaliere versuchten einer
nach dem andern mit ihr zu plaudern, aber es ntzte nichts. Sie lachte,
-- lachte ihnen in die Augen, als wren _sie_ verrckt, und sie allein
die verstndige. Sie tanzte, strahlte, lachte aus den Armen des einen
hinber in die Arme des andern. So da Hjalmar Olsen, als er seinen
Walzer bekam, gleichsam achtzehn frische Bouquets und ein Hjalmar Olsen
soll leben! entgegennahm. Er fhlte sich mehr als geschmeichelt. Als
sie ihren Arm wie harmlos frhliches Kindergeplauder auf seinen
schwarzen Frack legte, fhlte er, da er eigentlich ebenso unwrdig sei
wie Peter Klausson. Er wollte sie wahrlich nicht entweihen; er hielt sie
tadellos weit von sich, und als ihm war, als lache sie, und er das
Gesicht der kleinen Person irgendwo unten an seiner Weste ersphen
wollte und auf dieser Expedition mehr zu sehen bekam, als er sehen
durfte (denn er hob ihre Arme so schrecklich hoch hinauf), da schmte
Hjalmar Olsen sich und starrte beim Weitertanzen wie ein Nachtwandler
geradeaus in den Saal. Tanzte in Selbstgefhl und Entzcken fort ber
Stock und Stein. Ella versuchte dann und wann den Boden zu berhren; sie
wnschte ein mehr sicheres Einhalten des Takts. Unmglich. Das besorgte
er alles selbst, sowohl ihr Tanzen wie sein eigenes, sowohl ihren wie
seinen Takt; den Tanzboden erreichte sie nicht anders als zum Besuch; im
brigen war es eine Luftreise. Er hrte sie von unten her lachen; es
freute ihn, da sie sich wohlbefand. Aber er sah sie nicht. Die, mit
denen er Zusammenste hatte, freuten sich weniger; das war _ihre_
Sache. Er war vollstndig verblfft, als die Musik aufhrte; jetzt
wollten sie ja erst allen Ernstes anfangen. Aber er mute sie an der
unfreiwilligen Haltestelle absetzen.

Gleich darauf wieder Gesang. Zuerst vom Verein allein; dann von ihm und
Aar zusammen Griegs Landkjending. Schlielich sang Aar zum Klavier.
Diesmal hatte Ella sich hinter die allerletzten verkrochen. Da diese
aber bestndig vorwrts drngten, blieb sie allein stehen. Dabei befand
sie sich wohl; sie sah ihn, aber er sah sie nicht; er blickte auch nicht
dorthin, wo sie stand.

Sie kannte das Lied nicht, wute nicht einmal, da es existierte,
obgleich sie bei den ersten Worten und Tnen hrte, da andere es
kannten. Natrlich wute sie, da weder Worte noch Musik von ihm seien;
aber gleichwie er das vorige Mal gewhlt hatte, was zu jener dringen
konnte, fr die er singen wollte, zweifelte sie nicht daran, da er
jetzt dasselbe tat. Schon die ersten Worte: Mein junges Lieb' den
Schleier trgt -- heimliche Liebe kann ja kein wahreres Bild finden! Es
war wiederum an sie! Da der Schleier nur fr ihn gehoben wurde, da er
fllt, sobald ein anderer hinsieht, -- war das nicht so, wie es zwischen
ihnen werden mute? Da das Geheimnis der Liebe einem Heiligtum gleicht,
da es das hchste Glck auf Erden birgt -- sie erbebte beim
Wiedererkennen! Die Tne schtteten die Worte wie kalte Wogen ber sie;
dieses Verstndnis bis zum Verrat machte sie zu Eis erstarren. Sie bebte
vor Angst und Wonne zugleich. Niemand sah sie, das war ihre Rettung. Sie
frchtete jedes neue Wort, bevor es kam, und jedes brachte neues
Erbeben. Die Arme an den Busen gedrckt, den Kopf ber die Hnde
gebeugt, stand sie da und zitterte wie in Wasserfluten. Und als der
zweite Vers mit seiner letzten Zeile kam, und besonders als sie
wiederholt wurde, wollten die groen Trnen aufsteigen -- wie schon
einmal frher im selben Saal. Sie stemmte sich mit aller Kraft dagegen;
aber die Erinnerung daran, wie schlecht es damals gegangen, schwchte
die Widerstandskraft; sie war nahe daran zu schluchzen, als das Lied
auch _dieses_ Wort brachte! Das Zusammentreffen war zu groartig, es
schob alle Erregung beiseite, sie htte jetzt laut auflachen mgen. Nun
war sie ganz, ganz sicher! So kam es, da die letzte Zeile des Liedes in
ihrem klaren Sinne, in ihrem jubelnden Zusammenempfinden sie traf -- wie
ein Blitzstrahl, wie ein Messerstich bis ans Heft.

Das Lied lautete:

   Mein junges Lieb den Schleier trgt,
   Fr mich nur hebt sie ihn empor,
   Das Auge, das kein and'rer ahnet,
   Das strahlet, schmelzet, lieblich mahnet
   Soll niemand schaun -- den Schleier vor!

   Min unge Elskov baerer Slr.
   For mig hun lfter den og ler
   af jne, ingen anden aner,
   de straaler, smelter, svaerger, maner; --
   men Slret for, straks nogen ser.

   Wo Zwei vereint das Gute tun,
   Wird's zwiefach auch gesegnet sein.
   Wenn gleiches Sehnen, gleich Empfinden
   In zweien Seelen sich verbinden,
   Das grte Glck ist da allein.

   Alt godt, som to er ene om,
   har tvefold Ynde, Hellighed.
   At Livets lange Laengsler mdes
   i to, som Sjael i Sjael genfdes,
   er strste Lykke, Jorden ved.

   Doch weshalb sie den Schleier trgt
   Und schluchzet in ihm ohne Laut,
   Als bebte Jammer ihr im Herzen?
   Weil er gewebt aus Gram und Schmerzen,
   All uns're Lieb' auf Qual erbaut.

   Men hvorfor baerer hun saa Slr
   og hulker i det uden Lyd,
   som skulde briste hendes Hjerte?
   Fordi det vaevet er af Smerte, --
   i Savn og Angst er al vor Fryd.

Ein erschreckender, ohrenbetubender Beifall. Sie wollten, sie muten
das Lied noch einmal haben; diesmal sollte Aars vornehmer Widerstand
sich fr besiegt erklren.

Aber er leistete nicht Folge, und endlich gaben einige es auf, andere
fuhren eigensinnig fort. In der Zwischenzeit trennten einige Damen sich
von dem Haufen; sie kamen an Ella vorber. Hast du Frau Holmbo gesehen,
wie sie sich versteckt und geweint hat? -- Ja. Aber hast du sie
whrend des ersten Liedes gesehen? Oben auf der Bank? _Ihr_ hat er die
ganze Zeit zugesungen.

Kurz darauf -- es mochte zwei Uhr nachts sein -- scho eine kleine,
dicht verhllte Dame pfeilschnell durch die Straen. An der
Kopfbedeckung und anderm sahen die Wchter, da es eine von den
Balldamen sein msse. Sonst pflegten sie begleitet zu werden; aber der
Ball war noch nicht zu Ende; da war gewi irgend etwas nicht in Ordnung,
sie ging auch so schnell.

Es war Ella. Sie eilte gerade an dem verlassenen Rathause vorber, aus
dem jetzt ein Speicher gemacht war. Die ueren Mauern waren stehen
geblieben, aber innen das schne Holzwerk war verkauft und
forttransportiert worden.

Das ist gerade wie mit mir, dachte Ella; sie eilte, so sehr sie konnte,
Nchten ohne Schlaf und Tagen ohne Freude entgegen.

Gegen Morgen wurde Axel Aar sinnlos betrunken von Kameraden nach Hause
gebracht. Einige sagten, er habe ein Bierglas voll Whisky hinunter
gegossen in dem Glauben, da es Bier sei; andere sagten, er sei
Quartalssufer geworden, sei es lange gewesen, habe es jedoch
verheimlicht. Quartalssufer heien Leute, die in lngeren
Zwischenrumen trinken mssen. Sein Vater war es vor ihm gewesen.

Ein paar Tage darauf ging Axel Aar in aller Stille nach Amerika.


                                 III

Noch einer von jenem Balle dampfte gleichzeitig ber den Atlantischen
Ozean; das war Hjalmar Olsen. Das Schiff wurde von einem ewigen
Nordweststurm verfolgt, und wenn es allzu arg wurde, trank er Grog dazu.
Aber jedesmal wenn er es tat, wunderte er sich, da er einer Erinnerung
vom Balle von Angesicht zu Angesicht gegenberstand; der kleinen
Rosenroten, der mit dem Zopf. Hjalmar Olsen meinte, er habe sich ihr
gegenber ziemlich gentlemanlike benommen.

Anfangs dachte er nicht weiter darber nach. Zweimal war er verlobt
gewesen, und beide Male war es auseinander gegangen; sollte er zum
dritten Male daran gehen, so mute er auch gleich heiraten. Diese
Erwgungen stellte er wohl an, ja, hatte sie schon fter angestellt,
aber er achtete nicht genauer auf seine eigenen Gedanken. Ein Dampfer
brauchte nicht viele Tage und Nchte zwischen den Hfen, und jedesmal
fand sich Unterhaltung genug. Er ging nach New-York, von dort nach
New-Orleans, er fuhr hinunter nach Brasilien und von da wieder herauf.
Dann wieder hinunter und endlich von dort direkt nach England und
Norwegen. Aber oft unterwegs, wenn er allein war, und meistens beim
Glase Grog, traf er die mit dem Zopf. Merkwrdig, wie sie ihn
angesehen hatte. Er wurde innerlich gut, wenn er daran dachte. Vom
Briefschreiben hielt er nicht viel, sonst htte er es diesmal vielleicht
getan. Als er aber nach Christiania kam und von einem Manne aus der
Stadt dort unten hrte, da ihre Mutter im Sterben liege, da dachte er
gleich: ich will mich wirklich nach ihr umsehen. Vielleicht findet sie
es hbsch von mir, wenn ich es gerade jetzt tue.

Zwei Tage spter sa er vor ihr in dem kleinen Wohnzimmer, das auf den
Markt und nach dem Hotel hinaus ging. Seine starken Hnde, dunkel von
der Sonne und von Haaren, strichen ber die Knie, whrend er sich
lchelnd vorbeugte und fragte, ob sie ihn haben wolle.

Sie sa niedriger als er; ihr voller Busen und die festen Arme waren von
einem braunen Kleide umspannt, auf das er niederblickte, wenn er ihr
nicht ins Gesicht sah, das so bleich und zart war. Sie fhlte das
Wandern seiner Augen; sie kam aus dem Nebenzimmer und von Todesgedanken;
sie hrte oben eine kleine Uhr melden, da es sieben Uhr sei; es melden
wie ein Kuckuck, und diese kleine Erinnerung an alles, was hier jetzt
vorber war ... eins mit dem andern machte, da sie sich mit Trnen in
den Augen von ihm abwandte: Ich kann jetzt unmglich an dergleichen
denken. Sie stand auf und trat zu ihren Blumen im Fenster.

Da mute auch er aufstehen. Vielleicht antwortet sie mir spter, dachte
er, und diese Gedanken gaben ihm Worte, ein wenig unbeholfen wohl, aber
deutlich. Sie schttelte den Kopf und blickte nicht auf.

Er ging. Drauen nahm er den verkehrten Weg, und als er umkehrte und das
Haus wiedersah, das kleine Puppenhaus, da versprte er Lust, alles ins
Wasser zu werfen.

Die Nacht hindurch wartete er auf das Dampfschiff aus Christiania; Peter
Klausson und ein paar andere Kameraden halfen ihm dabei, und es dauerte
nicht lange, so hatten sie ausfindig gemacht, in welcher Angelegenheit
er gekommen, und wie es ihm ergangen war. Sie wuten auch, wie es ihm
frher schon zweimal gegangen war. Hjalmar Olsen trank entsetzlich zu
dem, was er litt. Tags darauf erwachte er in den grten Qualen auf dem
Dampfschiff.

Kurz darauf erhielt Ella einen gut geschriebenen Entschuldigungsbrief,
in dem er erklrte, da er es gut gemeint habe, als er gerade jetzt kam;
aber erst als er vor ihr gesessen, habe er gefhlt, wie verkehrt es
gewesen. Sie mge ihm darum nicht zrnen.

Nach Verlauf eines Monats bekam sie wieder einen Brief; er hoffe, sie
habe ihm vergeben. Er seinerseits knne sie nicht vergessen. Mehr stand
nicht drin. Ella nahm beide Briefe gut auf, es war Form darin, auch
Bestndigkeit. Aber nicht einen Augenblick fiel es ihr ein, seinen
indirekten Antrag jetzt anders aufzufassen als damals. Sie war nach
Christiania gegangen, um sich im Klavier auszubilden -- und in der
Handelsrechnung. Letzteres nahm sie mit, weil Rechnen ihr stets leicht
geworden, und weil sie unsicher geworden war. Ihre Mutter war gestorben;
sie besa das Haus und ein kleines Vermgen; sie wollte versuchen, sich
selbstndig zu machen. Sie verkehrte mit niemand in der fremden Stadt;
sie war es gewhnt, ohne eine Vertraute zu trumen und Plne zu machen.

Von Axel Aar kam eine wunderliche Nachricht. Nachdem er in New-York vor
einer greren Gesellschaft gesungen, hatte ein alter, reicher Mann ihn
zu sich eingeladen, und seitdem lebten die beiden wie Vater und Sohn
zusammen. So erzhlte man sich in der Stadt lange, bevor ein Brief von
Axel selbst kam; dieser aber bestrkte das Gercht in allen Teilen.

Darauf erhielt Ella einen dritten Brief von Hjalmar Olsen; er fragte in
ehrerbietiger Form an, ob sie es schlecht aufnehmen wrde, wenn er ihr
bei einer Heimkunft einen Besuch abstattete. Er wute, wo sie wohnte.

Bevor sie noch mit sich im reinen darber war, ob sie berhaupt
antworten solle, las man in allen norwegischen Zeitungen, die es aus
amerikanischen abgedruckt hatten, Hjalmar Olsen, habe mit ungewhnlicher
Tchtigkeit und mit Gefahr fr Schiff und Mannschaft in einem Orkan die
Passagiere und Besatzung eines Ozeandampfers gerettet, dem dicht vor der
amerikanischen Kste die Schraube gebrochen war. Zwei Dampfer waren
vorber gekommen, ohne den Versuch zu wagen, so entsetzlich war das
Wetter. Er hatte sich einen ganzen Tag bei dem Dampfer aufgehalten.

Es war eine seltene Tat, die er da vollbracht hatte. In New-York und
spter, als er nach Liverpool kam, wurde er in den Seemannsklubs
gefeiert, bekam Ehrenzeichen und Adressen.

Als er von dort nach Christiania kam, bekam er der Auszeichnungen
mannigfache. Gro und ansehnlich wie er war, wurde ihm die Huldigung des
Volkes gar leicht zu teil. Sie wurde ihm jetzt im groen Stil
dargebracht.

Mitten drin suchte er Ella auf. Sie hatte sich gut versteckt; sie dachte
seit ihrer Niederlage so gering von sich. Im voraus war sein Bild ein
wenig zu bernatrlicher Gre herangewachsen, und als er nun selbst kam
und sie heraus holte, war es, als ob sie aus der Stubenluft wieder in
Wind und Sonnenschein hinauskme. Ja, sie empfand etwas von dem alten
Selbstvertrauen. Seine Gefhle fr sie waren dieselben; das merkte sie
bald, als sie ihn studierte. Gesellschaftliche Formen hatte er, und voll
Wrde nahm er Huldigungen und Aufmerksamkeiten entgegen; hielt keine
unzeitigen Reden. Sie hatte gehrt, da er gerne ein Glas zuviel trank,
aber sie sah davon nichts. Ein schner Mann, ja, ein Mann wie wenige, --
vielleicht ein wenig abgearbeitet, aber das waren ja die meisten
Seeleute. Vor etwas Unbestimmtem in den Augen hatte sie Angst, ebenso
vor seiner Gier, wenn er bei Tische sa. Zuweilen erschrak sie auch vor
dem Gewaltsamen in seinen Ansichten. Wre sie zu Hause gewesen und htte
sich erkundigen knnen! Aber er wollte sofort wieder abreisen und hatte
im Scherz geuert, wenn er jetzt freite, so wolle er sich zugleich
verloben und verheiraten. Diese Einfachheit und Hast gefielen ihr. Auch
die Kraft und auch die Eigenmchtigkeit, obgleich sie sie frchtete.
Frchtete und sich auerordentlich wohl dabei befand, da soviel Kraft
und Eigenmchtigkeit sich gerade vor ihr beugten, und das jetzt, wo alle
um ihn warben.

Da kam sie auf etwas, was sie auerordentlich verstndig dnkte; fr den
Fall wollte sie zwei Bedingungen stellen: Verwaltung des eigenen
Vermgens und niemals mit ihm reisen. Wenn seine Kraft und
Eigenmchtigkeit etwa zgellos werden sollten, so wurde dadurch eine
Grenze gesetzt, und sie konnte ihm von Anfang an zu verstehen geben,
da, wie klein sie auch sei, sie sich und das Ihre zu schtzen gedchte.

Als der Antrag kam -- es war in einer Theaterloge -- fehlte es ihr
jedoch an Mut, es zu sagen. Sie bat um Bedenkzeit. Der Ausdruck, den
sein Gesicht annahm, flte ihr Furcht ein -- zum erstenmal.

Spter dachte sie oft daran. Anstatt diesem unmittelbaren Eindruck
nachzugeben, fing sie an zu sinnen, was wohl geschehen wrde, wenn sie
jetzt wieder nein sagte! Sie hatte ja seine Freundlichkeit angenommen,
obgleich sie wute, was kommen wrde. Die Bedingungen, die Bedingungen
-- mgen sie entscheiden! Nahm er sie an, so sollte es sein, und dann
hatte es auch wohl keine besondere Gefahr. So schrieb sie und nannte die
Bedingungen.

Er kam am nchsten Tage und bat um die notwendigen Papiere, dann wrde
er selbst alles ordnen, sowohl das mit dem Ausschlu der
Gtergemeinschaft wie mit dem Kontrakt; er fate es also als Geschft
auf und schien wohl zufrieden.

Drei Tage darauf wurden sie getraut. Groe Feierlichkeit und groer
Zulauf; die Zeitungen hatten nmlich darauf aufmerksam gemacht.
Huldigung und Ehrenbezeugungen hinterher, Prunk und Reden untermischt
mit Witzen ber seine Gre und ihre Kleinheit -- es dauerte von fnf
Uhr nachmittags bis zwlf, ein Uhr nachts in ziemlich gemischter
Gesellschaft. Als es spt wurde und der Champagner gar kein Ende nahm,
wurden viele lrmend und tchtig zudringlich. Darunter auch der junge
Ehemann.

Am nchsten Morgen sieben Uhr sa Ella angekleidet und ganz allein in
einem Zimmer neben der Schlafstube, deren Tr offen stand; sie hrte
ihren Mann dort schnarchen.

Leichenbla und still sa sie, gelhmt durch die Schrecken der Nacht,
ohne Trnen, ohne Empfindung. Sie teilte die Ereignisse der Nacht in
zwei Teile: in das, was geschehen war, und das was gesagt worden -- sie
wute nicht, was am schlimmsten gewesen.

Die Begierde dieses Mannes war von tdlichem Ha entflammt! Als sie das
erste Mal nein gesagt, hatte er es zum Ziel seines Lebens gemacht, sie
dahin zu bringen, da sie ja sagte; das erzhlte er. Erzhlte, da _sie_
fr den Verruf ben solle, in den er gekommen, -- nahe daran, zum
drittenmal blogestellt zu werden. Sie solle fr alle ben, sie, die es
gewagt hatte, krnkende Bedingungen zu stellen! Wie ein Ding, wie eine
Dirne wrde er sie behandeln!

Ihrer Berechnung werde er das Genick brechen, wie einer Garneele, -- sie
solle sich nur unterstehen, nicht mit an Bord gehen oder irgend etwas
selbst verwalten zu wollen!

Dann das, was geschehen war --! Die Schale einer Fliege in einem
Spinngewebe, zerfressen und leergeschlrft, das war's woran sie dachte.

Aber ungefhr hnliches hatte sie schon einmal empfunden! O Gott, die
Nacht nach dem Balle! Eine unbestimmte Empfindung, da sie in jener
Nacht fr diese letzte bestimmt wurde ..... aber sie konnte es sich
nicht klar machen. Hingegen fragte sie sich, ob das, was uns _nicht_
glckt, tiefer ber uns bestimmt als das, was glckt?

Drei, vier Stunden spter sa Hjalmar Olsen am Frhstckstisch,
schwerfllig und schweigend; aber er beobachtete hfliche Formen, als ob
nichts vorgefallen sei. Vielleicht war er zu betrunken gewesen, um ganz
verantwortlich gemacht werden zu knnen; oder vielleicht war die
Hflichkeit Berechnung, um sie fr einen Besuch an Bord zu gewinnen. Er
bat nmlich darum, als er vom Tische aufstand.

Aber weder durch Drohungen noch durch Lockungen, weder zum Aufenthalt
noch zum Besuch bekam er sie mit an Bord. Die Furcht rettete sie.

Einige Monate spter sa sie in ihrer Vaterstadt im eigenen kleinen
Hause. Die Zeitungen machten bekannt, da sie Schlerinnen fr
Klavierspiel und Handelsrechnung suche.

Sie war schwanger.

Ein Jugendfreund Axel Aar's besuchte sie. Er solle sie vielmals von
Aar gren und ihr Glck zu ihrer Heirat wnschen. Sie zwang die
aufquellende Bewegung nieder und fragte sanft, wie es Axel Aar gehe. O,
ganz ausgezeichnet; er sei immer noch bei demselben alten Manne, der
nach und nach alles fr ihn geworden sei. Dies sei so recht etwas fr
Aar; es pate ihm da einer alles fr ihn geworden. Und dann habe er
eine Kur gegen sein ererbtes bel durchgemacht; er selbst glaube, da er
geheilt sei. Wie es Frau Holmbo gehe, fragte Ella. Sie erschrak, als sie
es ausgesprochen hatte; aber es war eine unwillkrliche Bitterkeit, die
hervorbrach. Sie hatte Frau Holmbo so mager und bleich gesehen; Frau
Holmbo vermite ihn wohl, und das war zuviel.

Der Freund lchelte: O, Sie haben das dumme Gercht gehrt? Nein, Axel
Aar war nur der Vermittler zwischen ihr und dem, den sie heimlich
liebte. Die beiden Freunde hatten im Auslande zusammen gewohnt. Vor
einigen Monaten war der Betreffende auf einer Geschftsreise in
Kopenhagen, und Frau Holmbo war auch hinunter gereist. Aber es war gewi
schon lange irgend etwas zwischen ihnen nicht mehr in Ordnung.

An diesem Abend weinte Ella noch lange, bevor sie einschlief. Sie lag
und streichelte ihren Zopf, den sie ber die Brust gezogen hatte. Oft
hatte sie daran gedacht, ihn abzuschneiden; aber er war noch da.


                                  IV

Im ersten Jahre bekam sie einen Knaben und noch einen im nchsten. So
oft sie allein war, teilte sie ihre Zeit zwischen ihnen und den
Unterrichtsstunden. Der Mann steuerte so gut wie nichts zum Haushalt
bei, mit Ausnahme der kurzen Zeiten, wenn er zu Hause war. Dann wurde
das Geld mit Kameraden in flottem Leben verschwendet. Die Jungen
wurden so lange zur Tante geschickt; man konnte ja nicht vier Schritte
in dem Lumpenhause machen, ohne durch die Wand zu gehen. Solange sagte
sie auch ihre Stunden ab; sie konnte nicht mehr leisten, als da sie ihm
aufwartete.

Da sie nicht glcklich sein knne, begriffen alle; aber da sie ein
Leben in Angst lebte, davon hatte niemand eine Ahnung. In Angst vor dem
Telegramm, das sein Kommen meldete, wenn auch nur fr einige Tage, in
Angst vor dem, was dann geschehen wrde. Wenn er kam, wagte sie nicht
den leisesten Widerspruch und zeigte ihm und allen die unbefangenen
Augen, dieselbe rasche, ein wenig gedmpfte Art, die machte, da sie
ging und kam, ohne da man sie bemerkte. Wenn er dann abgereist war,
wurde sie mit einem Male so bermde nach der Spannung der Tage und
Nchte, da sie zu Bette mute.

Jedesmal, wenn er zu Hause war, wurde er weniger achtsam auf sich
selbst, unverschmter gegen andere; wenn sie aber begriffen htte, wie
Mnner mit seiner Verausgabung von Kraft in der Regel um die vierziger
Jahre herum fertig sind (und deren sind gar viele in den Kstenstdten),
dann htte sie auch schon begriffen, da gerade dies die Zeichen des
Niederganges waren; er war weit vorgeschritten. Ihr erschien er nur
immer widerlicher.

Er war wenig zu Hause, das half ihr. Sie hatte sich vorgenommen, da sie
und die Knaben ausgezeichnet miteinander leben wrden; das half ihr
auch, meist aber ihre rastlose Arbeit und die Achtung aller. Nach
fnfjhriger Ehe schien sie ebenso niedlich, wie damals, schien auch
ebenso unbefangen und munter; sie war so daran gewhnt, sich zu
verstellen.

Nun waren ihre Jungen der eine vier, der andere drei Jahre alt, und
selten fand man sie anderswo, als auf dem Marktplatz -- in den
Schneehaufen im Winter, in den Sandhaufen im Sommer. Oder auf dem Lande
bei der Tante, ihrer Gromutter.

Nchst der Beschftigung mit den Knaben war die mit den Blumen ihr die
liebste. Sie hatte deren eine Menge, die das Haus kleiner machten, als
es eigentlich war. Mit den Knaben konnte sie spielen, aber mit den
Blumen konnte sie denken. Wenn sie den Blumen Wasser gab, empfand sie am
strksten, wie geqult sie selbst war. Wenn sie ihre Bltter abwischte,
sehnte sie sich nach guten Worten, freundlichen Augen. Wenn sie trockne
Zweige entfernte, berflssige Schsse, wenn sie ihnen andere Erde gab,
weinte es oft in ihr vor Sehnen, wallte das in ihr auf, was nichts
bekam.

Fnf Jahre waren also vergangen, -- als eines Tages das Gercht durch
die Stadt ging, da Axel Aar ein reicher Mann geworden sei; sein alter
Freund war gestorben und hatte ihm eine groe Leibrente hinterlassen!
Gleich darauf wurde auch erzhlt, da Axel Aar zum zweitenmal die Kur
gegen die Trunksucht durchgemacht habe; die erste sei nicht von Erfolg
gewesen; jetzt aber sei er geheilt. Man konnte sehen, wie beliebt Axel
Aar war; denn es gab kaum einen, den es nicht freute.

Am Mittwoch den 16. Mrz 1892, um vier Uhr nachmittags, sa sie mit
einer Arbeit zwischen ihren Blumen, als sie nach dem Hotel hinber sehen
mute. Im Eckfenster der zweiten Etage stand der, an den sie dachte; er
sah auf sie nieder.

Sie stand auf, und er grte zweimal. Sie stand noch da, als er ber die
Strae kam, in dunkler Pelzmtze, schwarzer Seidenweste, auf die der
lange, blonde Bart herab fiel, das Gesicht ziemlich bleich, aber die
Augen klarer im Ausdruck. Er klopfte an; sie konnte kein Wort
hervorbringen, sich nicht rhren. Als er aber die Tr ffnete und im
Zimmer stand, sank sie auf einen Stuhl nieder und weinte.

Er kam langsam auf sie zu, nahm einen Stuhl und setzte sich ihr
gegenber. Sie drfen nicht erschrecken, weil ich so geradezu komme. Es
freut mich zu sehr, Sie wiederzusehen. Nein, wie das in diesem Hause
klang, diese wenigen gedmpften Worte, so rcksichtsvoll, vertraulich.
Der Tonfall war fremd geworden, aber die Stimme, die Stimme! Und da er
ihre Schwche nicht mideutete, sondern ihr darber forthalf! Nach und
nach wurde sie wieder dieselbe, wie in alter Zeit, zuversichtlich,
frhlich, verschmt. Es war so seltsam unerwartet, sagte sie.

Er fgte ehrerbietig hinzu: Das, was inzwischen passiert ist, strmt ja
auf einen ein.

Viel mehr wurde nicht gesprochen; er hatte gerade bereit gestanden,
auszugehen, und nun kam der Schwager. Er betrachtete ihre Jungen drauen
im Schneehaufen, er sah ihre Blumen, ihr Klavier, ihre Noten an; dann
bat er, wiederkommen zu drfen. Das Ganze dauerte fnf Minuten.

Aber etwas blieb in ihrer Vorstellung zurck -- etwas wie der zierliche
blonde Bart, der auf die Seidenweste herab fiel. Das Zimmer war
geheiligt, das Klavier, die Noten, der Stuhl, auf dem er gesessen hatte,
ja, der Teppich, ber den er gegangen war; -- sogar in seinem Gang lag
Rcksicht fr sie. Sie empfand alles, was er gesagt und getan hatte als
Mitgefhl fr ihr Schicksal.

An diesem Tage konnte sie nichts mehr vornehmen; sie schlief kaum in der
Nacht. Aber was in ihr vorging, war auch nichts geringeres, als da sie
etwas, das fnf Jahre -- eigentlich sechs -- zurcklag, in die Sonne
hinaustrug -- es hinaustrug, wie man Blumen aus dem Keller holt, wohin
sie zum Winterschlaf gestellt worden, und sie wieder hinauf zum Frhling
trgt. Dabei machte sie dieselbe Bewegung, gewi mehr als zwanzigmal:
sie legte beide Hnde auf die Brust, die eine Handflche ber die
andere, wie um die Brust niederzuhalten; es durfte nicht zu laut reden.

Tags darauf ging ihr Gesprch leichter. Die Knaben wurden herein
gerufen. Nachdem er sie eine Weile angesehen hatte, sagte er: Da haben
Sie doch etwas Reelles!

Binnen kurzem waren sie so gute Freunde, er und die Knaben, da er sich
auf alle Viere legte, ihnen als Pferd diente und andere ganz neue
Kunststcke machte, die sie furchtbar amsant fanden. Und dann lud er
sie zu einer Schlittenfahrt fr den nchsten Tag ein! Nach scharfem
Tauwetter war gerade eine ungewhnliche Menge Schnee gefallen; die Stadt
war wei und die Schlittenbahn wieder vorzglich. Bevor er ging, mute
Ella bitten, ihn abbrsten zu drfen; der Teppich sei nicht so sauber
gewesen, wie er sein mte. Er nahm ihr die Brste ab und tat es selbst;
aber leider hatte er auch auf dem Rcken gelegen, und so mute er sie es
tun lassen. Sie brstete dann sein feines Jackett ab, machte es so nett
und leicht, aber es wollte gar nicht gut werden. Auch vorn war es nicht,
wie es sein sollte, er mute die Brste noch einmal nehmen; sie stand
dabei und sah zu. Als er fertig war trug sie die Brste in die Kche
hinaus. Wie hbsch, da Sie noch den Zopf haben, sagte er hinter ihr.
Sie blieb ziemlich lange fort und kam von einer anderen Seite wieder
herein. Da war er fort; die Knaben sagten, jemand habe ihn geholt.

Am nchsten Vormittag Schlittenfahrt. Erst am Nachmittag kamen sie
zurck; sie waren in Baadshaug eingekehrt, ein Badeort mit Hotel und
vorzglicher Restauration, wohin die Leute auch im Winter gern
wallfahrteten. Der jngste Knabe seiner Schwester war mit, und whrend
alle drei das Pferd zu Andresens an der Ecke nach Hause brachten,
blieb Aar im Gange stehen. Noch nie hatte Ella ihn so aufgerumt
gesehen; die Augen hatten das Leuchtende wie damals beim Gesang, und
dann sprach er von dem Augenblick an, wo er kam, bis er wieder ging.
Sprach vom norwegischen Winter, den er nie zuvor gesehen; woher mochte
das kommen? Seit vielen Jahren hatte er ein Lied zum Preis des Winters
auf seinem Repertoire, das alte Winterlied, das auch sie kannte: Der
Sommer schlief ein in des Winters Arm' -- freilich sie kenne es, -- und
jetzt erst sollte er lernen, wie wahr das Lied war? Der Eindruck vom
Winter auf die Menschen mute doch entscheidend sein. Der Winter war
beinahe ihr halbes Leben! Was fr Gesundheit und Schnheit -- und
Phantasie er geben mute! Er begann zu schildern, was er heute im Walde
gesehen habe; er brauchte nicht viele Worte, aber die Bilder waren klar.
Sprach, bis er bewegt wurde und sah sie whrenddessen an wie ein
Verzckter.

Alles in einem einzigen Augenblick; er hatte ja seinen Reiseanzug an.
Aber als er gegangen war, schien es ihr, als htte sie ihn nie zuvor zu
Gesicht bekommen. Ein Schwrmer also, -- ein Schwrmer bis in die
tiefste Tiefe, der sich fr gewhnlich nie verriet? Von dieser
Schwrmerei war das Lied der Bote? Deshalb nahm seine Stimme alle mit in
ein anderes Reich hinber? Sein schwermtiger Vater -- wenn der trinken
wollte, schlo er sich mit seiner Violine ein, spielte und spielte, bis
er da lag. Hatte auch der Sohn diese Scheu vor den Menschen gehabt,
diese Verzckung in seiner eigenen Schwrmerei?

Gott sei Dank, Axel Aar war gerettet! Gerade aus seiner Schwrmerei
heraus hatte er sie so angeblickt --! Jetzt erst drang es ein, sie war
zu sehr mit dem Neuen an ihm selbst beschftigt gewesen. Jetzt erst
drang es ein, -- drang mit groer Wrme ein mit berwltigender Furcht
und Wonne, ein Freudenbote, der noch bebte vor Zweifel. Sollte die
Bestimmung ihres Lebens nahe sein --! Sie fhlte, da sie rot wurde, sie
konnte nicht mehr ruhig bleiben, sie ging ans Fenster, um ihn dort
wieder zu suchen, dann umher, um zu suchen, was sie selbst glauben
solle. Jedes Wort von ihm zu ihr, jede Miene und Bewegung vom ersten Mal
an, da er hier gewesen, wurden gegenwrtig; aber sie schienen alle so
vorsichtig, fast sprlich. Gerade das war ihr Reiz. Seine Augen hatten
sie jetzt gedeutet, und diese Augen hllten Ella ein, sie gab sich ihnen
ganz und gar hin.

Das Mdchen reichte einen Brief herein; es war eine Weihnachtskarte in
einem Kuvert ohne Aufschrift von Axel Aar. Eine von den gebruchlichen
Weihnachtskarten, die eine jugendliche Schar auf Schneeschuhen
darstellte; darunter stand gedruckt:

   Der weie Winter
   Hat rote Rosen.

Auf der andern in zierlicher, runder Schrift: Im Walde heute mu ich an
Sie denken. A. A. Das war alles.

Aber so ist er. Er sagt nicht mehr. Wenn er an einem Fenster
vorbeikommt, in dem eine solche Karte liegt, so denkt er doch an mich.
Und er denkt nicht allein an mich, sondern er schickt mir einen
Gedanken. Oder irrte sie? Ella war bescheiden; dies ihr gegenber konnte
doch nicht mideutet werden? Die Weihnachtskarte, .... war sie nicht ein
Vorbote? Die beiden jungen Paare darauf, und die Worte, .... er meinte
doch wohl etwas damit?

Sie sah seine entzckten Augen wieder; sie hllten sie nicht allein ein,
sie liebkosten sie. Sie dachte nicht zurck, sie dachte nicht vorwrts,
sie atmete nur weit auf, lebte. Noch in der mondhellen Nacht lag sie auf
ihrem Bette -- nicht nur ganz wach, sondern durchstrahlt. Jetzt, jetzt,
jetzt, flsterte es. Htte sie am Traum ihres Lebens festgehalten, auch
als die Wirklichkeit so grausam schien, sie htte bestanden; weil sie
unsicher darin geworden, war alles unsicher geworden. Aber je grer das
Leiden gewesen, je grer wrde vielleicht die Seligkeit werden! Sie
schlief in etwas Kreideweiem ein, das sie mit hinein in ihre Trume
nahm; sie erwachte leichten, hellen Wolken entgegen, die sich
zerstreuten vor den zusammenstrmenden Gedanken an das, was ihrer heute
harrte. In der Nacht war das Ganze fertig geworden; sie erwachte mit der
vollsten Sicherheit. Heute wrde es geschehen. Er hatte nicht _ein_ Wort
gesagt; diese seine Schchternheit liebte sie von allem am meisten an
ihm. Gerade das war das sichere Pfand. Heute geschah es.


                                  V

Ihr Baden nahm viel Zeit in Anspruch, die Pflege ihres Haars fast sogar
noch mehr. Aus ihrer Kommode, dieselbe auf demselben Platz, die sie von
Kind auf bentzt hatte, -- aus dem untersten Schubfach nahm sie das
allerfeinste Unterzeug hervor, das sie getragen hatte. Getragen nur ein
einziges Mal, nmlich an ihrem Hochzeitstage -- _vor_ der Entweihung.
Nachher nie wieder. Aber heute -- jetzt, jetzt, jetzt! Jedes Stck, da
sie auerdem noch anzog, war etwas, das kein anderer berhrt hatte. Sie
wollte sein wie die, die sie in ihren Trumen gewesen.

Sie ging zu den Knaben hinein, die wach, aber noch nicht angezogen
waren: Wit Ihr was, Kinder, heute soll Tea Euch zur Gromutter
bringen! Groe Zustimmung -- auch von Tea, denn das bedeutete einen
freien Tag. Mama, Mama! hrte sie hinter sich her rufen, als sie in
die Kche hinunter lief, um eine Tasse Kaffee zu trinken, und dann fort.
Zuerst wollte sie Blumen holen, dann wollte sie ihre Stunden absagen.
Denn jetzt, jetzt, jetzt --!

Auf der Strae fiel ihr ein, da es zu frh sei, um jemand aufzusuchen.
Darum machte sie einen Spaziergang vor die Stadt, den frischesten,
frhlichsten, den sie je gemacht. Sie kam gerade zurck, als Frau Holme
aufmachte. Als Ella eintrat, hielt die Blumenfrau ein kostbares
Bouquet in der Hand, das gerade fortgeschickt werden sollte. Das will
ich haben! rief Ella, sie schlo die Thr hinter sich. Sie?
entgegnete Frau Holme, etwas mitrauisch; das Bouquet war sehr teuer.
Ja, ich! Ich mu es durchaus haben! Ella's kleine grne Brse war
schon heraus. Das Bouquet war vom reichsten Hause der Stadt bestellt,
und Frau Holme sagte das. Das macht nichts! antwortete Ella. So viel
ehrliche Anbetung fr ein Bouquet hatte die andere nie gesehen -- und
Ella bekam es.

Von da zu Andresens an der Ecke; einer von den Kommis nahm bei Ella
Unterricht in Handelsrechnung; sie wollte ihm absagen und ihn ersuchen,
dem ganzen groen Kreis Bescheid zu sagen. Sie bat ihn darum mit
zndenden Augen, und er versprach es mit Feuer. Das appetitlichste rote
Tuch hing gerade vor ihr. Das mute sie heute um den Kopf binden, wenn
sie ausfuhr, denn da sie heute ausfahren wrde, daran war kein Zweifel!
Andresen selbst kam dazu, als sie gerade nach dem Preis des Tuches
fragte; er sah ein Paar Blumen aus der Papierhlle hervorkommen; das
sind ja herrliche Rosen, sagte er. Sofort brach sie eine ab und gab sie
ihm. Von der Rose sah er zu ihr hin; sie lachte und fragte, ob er ein
wenig von dem Tuche ablassen wrde; sie habe nicht ganz soviel Geld bei
sich. Wieviel haben Sie? fragte er. Genau eine halbe Krone zu wenig.
Er selbst packte ihr das Tuch ein. -- Auf der Strae traf sie Ccilie
Monrad; Ella gab einer ihrer Schwestern Klavierunterricht und sparte es
sich nun, bis ans andere Ende der Stadt zu traben. Heute glckt mir
alles. Haben Sie von den beiden gelesen; die sich in Kopenhagen
zusammen umgebracht haben? fragte Ccilie. Ja, Ella hatte es gelesen;
Frulein Monrad fand es grauenhaft. Weshalb? -- Der Mann war ja
verheiratet. -- Allerdings, erwiderte Ella, aber nun liebten sie
sich! Ihre Augen waren ein Glutmeer; Ccilie schlug die ihren nieder
und wurde rot. Da nahm Ella ihre Hand und drckte sie. -- Da bin ich in
eine Liebesgeschichte hineingekommen, dachte sie und flog mehr als sie
ging durchs Villenviertel; der grte Teil ihrer Eleven wohnte dort
oben. Auf einem Dache sah sie zwei Staare, die ersten vom Jahr; das
Tauwetter vor einigen Tagen hatte sie wohl verlockt. Aber nicht, da die
Staare etwa verzagt gewesen wren; keineswegs, sie liebten! Mama,
Mama! hrte sie im selben Augenblick. Das waren doch deutlich ihre
Jungen! Sie hatte wohl an sie gedacht, als sie die Staare sah. So sehr
hatte es sie in Anspruch genommen, da sie zu weit an den Straenrand
kam; dabei trat sie auf ein Brettende, das ins Schwanken kam; sie wre
beinahe gefallen. Aber unter dem Brett war es Frhling! Von der
Tauwetterzeit brig geblieben stand da -- ja freilich war es Lwenzahn!
So langweilig wie er weiter in den Sommer hinein wird -- als erster Mann
ist er willkommen! Sie beugte sich nieder und nahm die Blumen. Sie
steckte sie zwischen die Rosen; der Lwenzahn nahm sich dort drftig
aus; aber der erste im Jahr, und heute gefunden!

Hiernach war sie ganz ausgelassen. Hpfte die Anhhen hinunter, als sie
fertig war; grte gleichmig Bekannte und Halbbekannte, und als sie
dann Ccilie wiedersah, legte sie die Blumen aus der Hand, machte einen
Schneeball und warf ihr den in den Rcken.

Zu Hause angekommen, lie sie die Knaben zusammen mit Tea in den
Schlitten packen. Mama, Mama! riefen sie und zeigten nach dem Hotel
hinauf; Axel Aar stand dort und grte.

Gleich darauf kam er herber. Sie sind wohl ganz allein? er trat zu
ihr. -- Ja; -- sie machte sich mit den Blumen zu schaffen und blickte
nicht auf, denn sie zitterte. Ist heute Geburtstag im Hause? -- Sie
meinen wegen der Blumen --? -- Ja. Das sind ja herrliche Rosen! Und
die da im Glase? Lwenzahn! -- -- Die ersten im Jahr. Er sah sie
nicht an. Er stand so unentschlossen da, als berlege er etwas. Darf
ich Ihnen etwas vorsingen? sagte er endlich. -- Ja, bester --! sie
lie die Blumen, um das Klavier zu ffnen und den Stuhl herunter zu
schrauben -- und zog sich dann bescheiden zurck. Nach einem lngeren,
gedmpften Vorspiel, begann er Ole Olsen's Sonnenuntergang ganz ruhig,
ja, so wie er gesprochen und gewesen war, seit er bei ihr eingetreten.
Nie hatte er schner gesungen; seine Gesangskunst war so viel grer
geworden. Aber in der Stimme lag derselbe, nein, ein noch trostloserer
Schmerz als der, den sie das erste Mal vernommen. Trauer, Trauer, --
ach, ich bin verloren! -- sie hrte es wieder so deutlich. Als er den
ersten Vers zu Ende gesungen hatte, sa sie vorbergebeugt und weinte;
sie hatte nicht einmal versucht, sich Zwang aufzulegen. Er hrte es und
drehte sich um; gleich darauf fhlte sie da er ihren Zopf berhrte, ja,
ihr war, als ksse er ihn; jedenfalls hatte er sich ganz ber sie
niedergebeugt, denn sie fhlte seinen Atemzug. Aber sie hob den Kopf
nicht, sie hatte nicht den Mut.

Er ging durchs Zimmer. Kam zurck, ging wieder. Da wurde es still in
ihr, sie sa unbeweglich und wartete.

Darf ich Sie heute spazieren fahren? vernahm sie. Den ganzen Tag wute
sie schon, da sie zusammen ausfahren wrden, sie wunderte sich daher
nicht. Gleichwie _dies_ nun in Erfllung gegangen war, wrde das andere
kommen. Alles. Sie blickte durch Trnen auf und lchelte. Er lchelte
ebenfalls! Ich gehe und bestelle das Pferd. Und als sie nicht
antwortete, tat er's.

Wieder zu den Blumen. Sie hatte sie ihm also nicht geben drfen. Die
paar Blten Lwenzahn wollte sie fortwerfen.

Als sie sie aus dem Glase nahm, fielen ihr die Worte ein: Da haben Sie
doch etwas Reelles. Die Worte waren allerdings nicht vom Lwenzahn
gesagt: aber sie waren ihr oft wieder eingefallen; es war nicht
wunderlich, da sie ihr jetzt einfielen. Sie lie den Lwenzahn stehen.

Aar blieb lange fort, lnger als eine Stunde. Als er aber kam, war er
auerordentlich munter. Er sa hinten auf einem flotten Damenschlitten
in dem eleganten Pelz von gestern, dem kostbarsten, den sie je gesehen;
grte mit der Peitsche hinein und sprach und lachte mit den Kindern
sowohl wie mit den Erwachsenen, die sich um ihn sammelten, whrend sie
sich ankleidete. Das war bald geschehen; sie hatte nicht viel
anzuziehen, brauchte es auch nicht.

Er stand sofort auf, grte, packte sie ein, und fort ging es im Trabe.
Unterwegs beugte er sich zu ihr und flsterte: Wie gtig von Ihnen, da
Sie mitkommen! Seine Stimme war so warm, aber sein Atemhauch war anders
als vorhin. Sobald der prchtige Hengst im Laufe nachlie, beugte er
sich wieder vor: Ich habe per Telephon ein Lunch in Baadshaug bestellt.
Es ist bereit, wenn wir kommen. Sie haben doch wohl nichts dagegen? Sie
drehte sich um damit sie ihm den Kopf zuwenden konnte; sie stieen
beinahe zusammen: Ich habe vergessen, Ihnen fr die Karte von gestern
zu danken. -- Er wurde rot: Ich habe es nachher bereut, sagte er;
aber in dem Augenblick, wo ich die Karte sah, mute ich an Sie denken.
Wie Sie hier heraus passen! Jetzt wurde _sie_ rot und zog sich zurck.
Da hrte sie dicht neben sich: Sie drfen nicht bse werden. Es pflegt
so zu gehen; wenn man eine Dummheit wieder gutmachen will, so macht man
eine zweite. Gern htte sie seine Augen gesehen whrend er das sagte;
aber sie wagte es nicht. Jedenfalls war es mehr, als was er bis jetzt
gesagt hatte. Die Worte fielen weich wie Flaum! Bis heute hatte sie
seine Zurckhaltung beinahe mideutet, -- aber wie schn sie doch alles
machte; sie betete sie an. In einer Weile sind wir im Walde; dort
werden wir anhalten und uns umsehen, sagte er. _Dort_ dachte sie! Er
fuhr im raschen Trabe dahin; sie freute sich, freute sich. Die Sonne
funkelte auf dem Schnee, die Luft war warm, sie mute das Kopftuch
lsen, und dabei half er ihr. Wieder fhlte sie seinen Atem; es war
etwas -- nicht wie Tabak, feiner, angenehmer, aber was war es? Es
entsprach ihm selbst gleichsam. Ihr war so wohl, mit solchem berflu
von Glck in der Landschaft, durch die sie nun fuhren, und die bestndig
schner wurde. Auf der einen Seite des Weges die Berge, die weien
Berge, denen die Sonne einen rtlichen Glanz gab! vor den Bergen
Anhhen, zum Teil mit Wald bewachsen, und zwischen den Anhhen lagen
Hfe. Auf der anderen Seite des Weges hatten sie die ganze Zeit das
Meer; aber zwischen ihnen und dem Meer flache Strecken, vielleicht
Moore. Das Meer selbst grauschwarz gegen die Schneegrenze; das sprach
herein von anderen Seiten des Lebens. Von ewiger Unruhe, salzigem Ernst,
nur Protest auf Protest gegen das Schnee-Idyll.

Whrend des Tauwetters waren Zweige, Stmme, Zune feucht gewesen; der
erste Schnee der dann kam, war ebenfalls feucht an sich und klebte gut
fest. Als dies dann zusammenfror, und das Schneegestber immer
gleichmig berwltigend blieb, da bildeten sich Figuren ber den
ersten erstarrten Formen, wie man selten etwas hnliches sieht. Die
Schwere des ersten feuchten Schnees machte, da er hinabsickerte, an
irgend einer Unebenheit haften blieb und sich dort sammelte; oder unter
die Zweige hinabglitt oder zu beiden Seiten der Zaunpfhle. Als dies
sich nun in Ruhe fgte und vermehrte, kamen die schnurrigsten Tiere zum
Vorschein, -- weie Katzen, weie Hasen, die mit krummem Rcken und
gestrecktem Vorderleib an den Baumstmmen in die Hhe kletterten, oder
unter den Zweigen manvrierten, oder oben auf den Hrdenstangen einen
Buckel machten. Zottige, weie Tiere, oft so gro wie der Marder, aber
sogar auch gro wie der Luchs, ja, wie der Tiger. Demnchst allerhand
kleines Getier, weie Muse, Hermeline, oben und unten und drben. Und
alle mglichen Raritten, Kobolde, die an den Beinen hingen, Pierrots,
Gnomen auf den uersten Spitzen der Hrdenpfhle, Heinzelmnnchen mit
Ruckscken; oder eine hingeworfene Kappe, eine Nachtmtze, ein Tier ohne
Kopf, ein anderes mit einem Schweif von ungeheurer Lnge, ein groer
Fausthandschuh, eine umgestlpte Wasserkanne. An einigen Stellen bloes,
schwarzes Laubwerk als Verzierung an der weien Wand, an andern groe
Schneelasten in den Nadelbumen mit Grn drber und drunter, mchtige
Farbenmengen gegeneinander.

Aar hielt an; sie stiegen beide ab.

Da strmte eine Reihe ganz anderer Eindrcke hervor. Dicht neben ihnen
lag ein alter Bursche von einem Stamm, halb umgestrzt im Spiel des
Lebens. Aber trumte er nicht jetzt im Winter den schnsten Traum,
nmlich da er jung sei? Beim ausgelassenen Aufbauen schneeweier
Herrlichkeit hatte er alle Schmerzen und Hinflligkeit vergessen;
versteckt war das Moos auf seiner Haut, die Fulnis der Wurzel war
zugedeckt, die Narben von den verlorenen Zweigen unsichtbar. Eine
gebrechliche Pforte war ausgehngt und an den Zaun gelehnt, sie war
zerbrochen und unbrauchbar. Auch sie hatte des Winters Knstlerhand
aufgesucht und erneuert; jetzt war sie ein architektonisches
Meisterwerk. Die schiefstehenden, dunklen Zaunpfhle waren junge Stutzer
mit schiefem Hut und munteren Mienen. Die alten, schmutziggrauen,
moosbewachsenen Hrdenstangen -- man kann sich das Paradies hinter
keiner schneren Einfriedung trumen! Ihre Schwche war bei der
Auferstehung ihre Strke geworden, Sprnge und ste im Holz der
vorzglichste Baugrund fr den Schnee, jedes Loch mit einem Wisch
himmlischer Krystalle zugestopft; entstellende Unebenheiten schon seit
der Zeit, wo sie gespalten worden, waren nun zugedeckt und gekt,
beruhigt und geschmckt, alle Fehler mit aufgenommen in die weie
Gemeinschaft.

Eine verfallene Tenne unterhalb des Weges, ein wohlausgedienter
Mutterarm fr Laub und Torf, -- ebenfalls aufgesucht und
verschwenderischer bergossen, als die reichste Braut der Welt. Aus des
Himmels reichstem Scho mit solchem berflu beschttet, da der Schnee
in weien Fahnen einen halben Meter weit ber das Dach hing, an einigen
Stellen mit hoher Kunst wieder aufgefaltet. Die grauschwarze Wand unter
den Fahnen sah dadurch aus wie ein altes persisches Gewebe; die ganze
Tenne htte fertig in einem Shakespeareschen Drama auf die Bhne
gestellt werden knnen. Hinten die Berge, vorn die Hhen, alles glnzte
in der Sonne wie einst im Hosianna der Juden.

Ella vernahm aus der Ferne fortwhrend zwei zarte Stimmen Mama, Mama!
die in dies alles hineinklangen. Als sie sich nach ihrem Begleiter
umsehen wollte, sa er tiefergriffen auf dem Schlitten, whrend die
Trnen ihm ber die Backen liefen.

Bald fuhren sie weiter, aber langsam. Ich erinnere mich dieses
schmutzigen Weges, sagte er; die Stimme klang so wehmtig, die Bume
gaben so viel Schatten, so da er selten trocken wurde; aber jetzt ist
er doch sehr fein! Da drehte sie sich um und hob den Kopf empor: Ach,
singen Sie etwas! -- Er antwortete nicht gleich; sie bereute, da sie
darum gebeten hatte; dann aber sagte er: Ich wollte schon, aber da kam
eine solche Erregung ber mich. -- Sprechen Sie jetzt eine Weile nichts,
dann kann ich's vielleicht. Das alte Winterlied nmlich. -- Sie sah
ein, da er nicht eher singen konnte, als bis es fr ihn selbst so recht
zur Wahrheit wurde. Solche stillen Schwrmer dachte sie, sind
whlerischer in Bezug auf das, was echt ist. Das meiste ist ihnen nicht
echt genug. Deshalb berauschten sie sich auch so gern, sie wollten
hinaus, muten eine Welt fr sich allein schaffen. Ja, nun sang er:

   Mde schlummert der Sommer ein,
   Winter decket ihn sorglich zu.
   Bchlein, sagt er, geht nun zur Ruh,
   Wogen, lasset das Pltschern sein!
      Weste schweigen die kosenden,
      Strme heulen, die tosenden.

   Somren sovned i Vintrens Favn,
   Vintren rejste sig, daekked til,
   rolig sa han til Elvens Spil,
   rolig sa han til Gaard og Havn.
      Tause blev de saa, Skogerne.
      Hjemme hrtes kun Slogerne.

   All den Duft, den der Sommer gab,
   Fein verwahrt er frs nchste Blh'n,
   Ruhen durft er fr all sein Mh'n.
   Bume senken das Laub herab,
      All, die Blumen, die prchtigen,
      Bergen sich vor dem Mchtigen.

   Al den Ting, som var Somren kjaer,
   fint forvartes til naeste Gang;
   Hvile fick det for al sin Trang,
   Markens Spirer og Vand og Traer.
      Gjemtes som Kjaernen i Ndderne,
      Mulden smuldred am Rdderne.

   Was der Sommer an Krankheit bracht,
   Pestkeim, den seine Glut erzeugt,
   Winterklte hat ihn verscheucht,
   Hoch auf Bergeshh er erwacht,
      Atmet die Lfte, die tauenden,
      Gret die Gipfel die blauenden.

   Alt, hvad Somren af Sygdom led,
   Pestfr over dens Liv og Frugt,
   Vintren draebte i Frost og Flugt --
   vaagne skal hun i fjaeldblaa Freed,
      toet af Sneen og Vindene,
      hilset af Sundhed i Sindene.

   ber des schlafenden Sommers Stirn
   Streut der Winter gar holden Traum,
   Sternenhoch trug er im Weltenraum
   Ihn zu der Nordlicht umstrahlten Firn,
      Durch die Zeit, die nie sumende
      Fort -- bis erwacht der Trumende.

   Over den sovendes hstgraa Bryn
   Vintren strdde saa fager Drm,
   stjaernehj, hvid-hvid i Nordlys-Strm
   bar den hende fra Syn til Syn
      gjennem de lange Dgnene
      frem, til hun opslog jnene.

   Er, den grausam und bs' sie schmhn,
   Schaffet, was er doch nie darf seh'n;
   Er, der Ruber und Mrder genannt,
   Schirmet und wachet all Jahr im Land, --
      Weiter eilt dann der Flchtige,
      Harrt auf die Zeit, die richtige.

   Han, som skjaeldtes for vond og vred,
   lever for det, han ej faar se;
   han, som skjaeldtes for Morder, han
   skjaermer og tor hvert Aar vort Land, --
      gjemmer sig saa i Fjaeldene,
      til det blir kaldt am Kvaeldene.

Die vielen kleinen Schellen begleiteten den Gesang wie
Sperlingszwitschern; seine Stimme lutete zwischen den Bumen den
Gottesdienst des Menschengeistes in den weien Hallen ein.

_Ein_ Tag, das fhlte Ella, bezahlte fr tausend. _Ein_ Tag tut das, was
das Winterlied erzhlt, er wiegt einen mden Sommer zur Ruhe, dmpft
seine Krankheitskeime, zerbrckelt die Erde fr den neuen, macht die
Nerven stark und die dunkelste Zeit hell. In ihm sammeln sich all unsere
langen Trume. Was htte nicht auch aus ihr werden knnen, wie klein sie
auch war, wenn sie _viele_ solche Tage gehabt htte? Was htte sie dann
nicht fr ihre Knaben werden knnen?

Sie kamen an ein langes, weies Gebude zwischen zwei Flgeln, alle von
Holz. Auf dem Hofplatz standen viele Schlitten mit aufgestellten
Gabeldeichseln; es waren also schon mehrere Gesellschaften hier. Ein
Stallknecht fhrte ihr Pferd fort; der Diener, der sie bedienen sollte,
war gleich zur Hand, um ihnen zu helfen, und ein Mann im bloen Kopf mit
jovialem Gesicht kam dazu; es war Peter Klausson! Er schien sie erwartet
zu haben und wollte Ella durchaus beim Ablegen behilflich sein. Aber er
roch nach Cognac oder was es war; um ihn los zu werden, fragte sie nach
dem Zimmer, in dem sie speisen sollten. Sie wurden in ein warmes,
gemtliches Zimmer mit gedecktem Tische gefhrt; dort half Aar ihr mit
den Sachen. Ich konnte Peter Klaussons Atem nicht ertragen, sagte sie.
Da lchelte Aar.

In Amerika hat man Mittel gegen dergleichen. -- Was meinen Sie? --
Man nimmt etwas, das den Atem anders macht. -- Gleich darauf bat er,
ihn zu entschuldigen, er habe noch dies und jenes anzuordnen. Sie war
also allein, bis angeklopft wurde; es war wiederum Peter Klausson! Er
sah ihr Erstaunen und lchelte: Wir werden ja zusammen speisen, sagte
er. -- So? -- Sie sah nach dem Tisch; er war fr fnf gedeckt! --
Haben Sie krzlich von Ihrem Manne gehrt? -- Nein. -- Lange Pause.
Ist Peter Klausson eine Gesellschaft fr Axel Aar? Der beste Kumpan
ihres Mannes? Aar, der nur haben wollte, was echt war? Aber im selben
Augenblick, da sie dies gedacht hatte, mute sie auch zugeben, da Peter
Klaussons unmittelbare Natur vollkommen ehrlich sei, was er sonst auch
immer sein mochte.

Der Diener brachte einen Korb mit Wein ins Zimmer, schlo die Tr aber
nicht eher hinter sich, als bis er von drauen noch mehr hereingeholt
hatte, nmlich Champagner in Eis. Ist all der Wein fr uns? fragte
Ella. -- Wie ich sehe, erwiderte Peter Klausson; er war sichtlich
erfreut. -- Aar trinkt doch keinen Wein? -- Aar? Er hat mich
aufgefordert, heute herauszukommen -- ich kam zufllig zu ihm hinauf, --
und da haben wir beide den allerfeinsten Cognac getrunken. -- Ella
kehrte sich nach dem Fenster um, denn sie fhlte, wie sie erbleichte.

Gleich darauf trat Aar ein, so hflich und vornehm, da Peter Klausson
die Hnde aus den Hosentaschen ziehen mute; er wagte beinahe nicht zu
sprechen. Aar teilte mit, da er Holmbos eingeladen habe; gerade eben
htten sie abgesagt; sie muten sich jetzt alle drei an ihrer
gegenseitigen Gesellschaft gengen lassen. Er fhrte Ella zu Tisch. Aar
zeigte sich als der liebenswrdigste und der erfahrenste Wirt. Mit dem
deutschen Diener sprach er englisch und gab fortwhrend kleine Winke in
Bezug auf das Anrichten; er verdeckte die Snden des Dieners, brachte
Kleinigkeiten zur Geltung -- alles so, da man es kaum merkte.
Gleichzeitig nhrte er eine einfache Unterhaltung durch kleine Anekdoten
aus seinem gesellschaftlichen Leben. Er schenkte niemals selbst ein;
wenn er trank, zitterte ihm die Hand. Auch frher glaubte sie dies schon
bei ihm gesehen zu haben; jetzt qulte es sie.

Der erste Gang waren Austern, und davon a sie tchtig; sie war sehr
hungrig. Aber spter konnte sie weniger und immer weniger mitkommen, ja,
zuletzt war es, als wrde ihr die Kehle zusammengeschnrt. Sie htte
ebenso gut weinen wie essen und trinken knnen.

Anfangs war es ihr nicht recht klar, weshalb. Wohl, da es so ganz
anders war, als sie getrumt hatte: der herrliche Tag war im Begriff
eine Enttuschung zu werden. Im Beginn dachte sie: dies wird wohl einmal
ein Ende nehmen, und dann haben wir es auf dem Heimwege wieder angenehm.
Aber nach und nach, als seine Laune immer ausgelassener wurde, erwies er
ihr alle erdenkliche Aufmerksamkeit, ja, sie wurde von beiden Kavalieren
zugleich gefeiert -- bis sie htte schreien mgen. Nach der Mahlzeit
wurde sie elegant an Aars Arm in ein anderes Zimmer gefhrt, das
ebenfalls in Bereitschaft gehalten war -- gemtlich, prchtig mit einem
Klavier.

Der Kaffee wurde sofort serviert (mit einem ^Avec^) und unmittelbar
darauf baten die Herren um Erlaubnis, einen Augenblick rauchen zu
drfen, es solle nur ganz kurz sein. Sie gingen -- und lieen sie
allein. Dies war nicht einmal mehr hflich -- und nun erst begriff sie,
da nicht nur der Tag, sondern Aar ein anderer geworden, als sie
gedacht hatte! Das groe Dunkel der Ballnacht kam ber sie hergezogen;
sie kmpfte dagegen, sie erhob sich und ging, wollte hinaus, als knne
sie ihn dort so wiederfinden, wie sie ihn in ihrer Vorstellung hatte.
Sie suchte den Weg nach dem ersten Zimmer, nahm dort ihr rotes Tuch um
und war gerade auf den breiten Platz vor dem Gebude gekommen, als der
Diener vom Mittag hinter ihr her kam und etwas auf englisch sagte, was
sie anfangs nicht verstand; sie war nmlich zu sehr mit den eigenen
Gedanken beschftigt, um sofort die Sprache wechseln zu knnen. Der
Diener erzhlte, da einer von ihren Begleitern krank geworden sei; der
andere sei nicht zu finden. Als sie die Worte bereits verstand, begriff
sie nicht, was es sei, sondern folgte ihm mechanisch. Unterwegs fiel ihr
ein, da Aars Zunge ihm nicht ganz gehorcht habe, als er nach dem
^Avec^ um Erlaubnis gebeten, hinausgehen und ein wenig rauchen zu
drfen; ihn hatte doch wohl nicht der Schlag getroffen --!

Sie kamen am Rauchzimmer vorbei, das ihr im Vorbergehen voll erschien
-- jedenfalls voll Rauch und Gelchter. Die Tr zu einem kleinen Zimmer
daneben wurde geffnet; dort lag Axel Aar auf dem Bette; er mute sich
dort hinein geschlichen haben -- vielleicht um noch mehr zu trinken. Er
hatte nmlich eine kleine, dicke Flasche mit hineingenommen, die auf
einem Tische neben dem Bette stand. Auf diesem lag er selbst,
vollstndig angezogen mit erloschenen Augen, ohne Kraft oder Empfindung;
er sagte zu ihr: Tip, tip, Pet! Er wiederholte es mit ausgestrecktem
Finger: Tip, tip, Pet! Beidemal in der Fistel. Sollte das Peter
heien? Glaubte er, sie sei ein Mann? Hinter ihm auf dem Kopfkissen lag
etwas Haariges; es war ein Toupet; jetzt sah sie's, er hatte eine
Glatze. Tip, tip, Pet! hrte sie hinter sich, als sie hinausstrzte.

Armseliger als jetzt Ella in ihren Pelzschuhen und Winterkleidern so
schnell, wie ihre kurzen Beine sie tragen konnten, nach der Stadt
zurcktrabte, ist wohl selten jemand ber einen Landweg gelaufen. Der
schwere Mantel, den sie auf der Fahrt gehabt, war aufgeknpft, das
Kopftuch trug sie in der Hand, und doch schwitzte sie, da es herab
tropfte; die Vorstellung beherrschte sie, da es die Trume seien, die
von ihr abfielen!

Anfangs dachte sie nur an Axel Aar, den unglckselig Verlorenen! Morgen
oder bermorgen hatte er das Land verlassen, sie wute es bereits, und
diesmal fr alle Zeiten!

Aber wenn sie es sich so recht entsetzlich ausmalen wollte, wie es war,
dann lag das Toupet auf dem Kopfkissen und sagte: Es war doch wohl
nicht alles so echt mit Axel Aar? Doch, doch, -- was konnte er dafr,
da er so frh kahl geworden war? Hm, erwiderte das Toupet, er htte es
eingestehen knnen.

Ella arbeitete sich vorwrts. Glcklicherweise begegnete sie niemand,
auch kam niemand von all denen, die jetzt auf Baadshaug waren, hinter
ihr her; sie mute ja komisch aussehen, schwitzend und weinend mit
aufgeknpftem Mantel, in Pelzschuhen mit dem Tuch in der Hand. Sie
versuchte ein paarmal, langsamer zu gehen, aber der Aufruhr in ihr war
zu stark, und dann lag es in ihrer Natur, sich vorwrts zu arbeiten.

Aber in ihrem gejagten Blut meldete sich die krftige Frage: Mchtest
du, Ella, nun all deine Trume entbehren, da es jedesmal so jmmerlich
damit gegangen ist? Da flennte Ella laut auf und erwiderte: nicht, wenn
es mein Leben glte! Nein, denn die Trume sind das Beste, was ich
gehabt habe; sie haben mich gelehrt auszuhalten, sie haben mir gegeben,
womit ich all das andere messen kann, so da ich niemals etwas fr hoch
halte, was niedrig ist. Nein, meine Trume, die habe ich auch um meine
Kinder gewebt, so da ich jetzt tausendmal mehr Vergngen an ihnen habe.
Die, und dann die Blumen, das ist alles, was ich habe. Und sie flennte
und arbeitete sich vorwrts.

Aber nun sind dir ja keine Trume mehr geblieben, Ella!

Anfangs wute sie nicht, was sie darauf antworten sollte; es schien ja
allzu wahr, allzu entsetzlich wahr, -- und das Toupet zeigte sich
wieder.

Gerade hier hatte Aar das Winterlied gesungen. Wie das Zwitschern der
Schellen die Weise begleitet hatte, so begleitete jetzt das Mama,
Mama! der zarten Stimmen ihre Trnen. Es war nicht wunderlich, denn sie
lief ja zu ihren Knaben, aber jetzt meldeten sie sich, als wren sie's,
von denen sie trumen sollte. Nein, nein, da haben Sie doch etwas
Reelles, antwortete es mit Aars Stimme; sie erinnerte sich, wie er es
gesagt, sie erinnerte sich seiner Wehmut dabei. Hatte er wirklich an sie
und sich gedacht und an die Knaben und sie? Hatte er seine eigene
Schwche mit ihrer Gesundheit und Zukunft gemessen? Sie kam wieder weit
von den Knaben ab; sie war wieder bei all seinen Worten und Blicken, um
das Rtsel zu deuten; aber darunter brach das Sehnen und der Schmerz
wieder auf, wie nie zuvor; das ganze Leben war vorbei, der Traum zu alt
in ihr, zu stark, zu lieb, die Wurzeln konnten nicht ausgerissen werden,
unmglich! Sie waren ja ungefhr alles, was sie den nchsten Tag sehen
wrde, berhren, vornehmen wrde! -- -- Zu aller Verzweiflung kam noch,
da die Knaben nicht zu Hause waren; sie kam an ein leeres Haus.

Aber Krfte waren in ihr. Denn als sie nach Hause kam und gebadet und
sich schlafen gelegt hatte, und der Mondschein von gestern abend ins
Zimmer sah und erwhnte, was sie mit einander gehabt hatten, da warf sie
sich im Bett umher und weinte laut wie ein Kind; hier konnte niemand sie
hren, niemand hereinkommen. Ihr Herz war jung, wie damals, als sie
siebzehn Jahre alt war; es konnte und wollte nicht aufgeben!

Was war es denn eigentlich, was sie heute gewollt hatte? Ja, das wute
sie nicht; -- nein, sie wute es nicht! Sie wute nur, da _dort_ ihr
Glck sei, und nun hatte sie es darauf ankommen lassen. Jetzt lag sie
hier enttuscht und betrogen in einer Weise, wie gewi wenige vor ihr es
gewesen.

Sie vermochte aber auch nicht, ihn zu entheiligen. Deshalb zog die
Winterweise mit seiner Stimme vorber, gut, voll, traurig; die wollte
gleichsam alles fr sie ordnen. Und gehorsam wie ein Kind legte sie sich
zurecht und lauschte. Was sagte sie? Freilich, die sagte, da die Trume
zwei Sommer zusammenbnden, den, der war, und den, der sich langsam aufs
neue emporarbeitete, dank den Trumen, die gewacht hatten. Sie sagte
auch, da die Trume etwas fr sie seien, oft hhere Wirklichkeit, als
die der Verhltnisse. Sie hatte das ja oft so empfunden, wenn sie mit
ihren Blumen beschftigt war.

Bei all ihrer Ruhelosigkeit im Bette war der Zopf an ihre Seite geraten.
Wehmtig zog sie ihn herauf; noch heute hatte er ihn gekt.

Und dann legte sie sich auf die Seite und nahm ihn zwischen die Hnde
und weinte.

Mama, Mama, flsterte es. Und so schlief sie ein.




                               Ivar Bye


                       Deutsch von G. I. Klett

An seinem Sterbebett gab ich mir selbst das Versprechen, sobald seine
Geschichte einst ffentlich erzhlt werden knnte, wollte ich es tun.
Aber ich wute, in dem ersten darauf folgenden Menschenalter konnte dies
kaum geschehen.

                   *       *       *       *       *

Nun hat sich ffentlich vor aller Augen in Norwegen etwas ereignet, das
bis zu mir dringt und fragt: Ist die Zeit noch nicht gekommen?[1]

Ivar Bye's Name war den Meisten bekannt, welche die Erffnung des
norwegischen Theaters in Christiania sahen. Bis in die fnfziger Jahre
waren wir knstlerisch ein von Dnemark abhngiges Land; wir waren ohne
dramatische Literatur, ohne Schauspieler und, der Ansicht vieler
gebildeter Norweger zufolge, absolut unfhig, dies Beides zu erlangen,
-- bis Ole Bull den Braven zeigte, da dennoch ein groes
Schauspielertalent im Volk steckte, und da die Stcke von selbst kamen.
Nach dem Bergenser norwegischen Theater, das er errichtete, erstand das
Christianiaer norwegische Theater, in Gang gebracht von einigen
Patrioten, deren einziger berlebender der alte Oberlehrer K. Knudsen[2]
ist. Am Erffnungstag des norwegischen Theaters war Ivar Bye mit dabei.
Ein dunkler, breitschultriger Mann von schlanker Taille, einen Kopf so
schn von Form, so gut und edel von Gesichtsausdruck, da keiner ihn
verga. Die Stirn breit und hoch, das Haar fast schwarz, die Augenbrauen
gewlbt, eine Adlernase, schmal, fein, -- und dazu die guten, grauen
Augen mit einem Schelm drin, sobald er sprach. Dann verzog sich auch der
Mund gern zu einem Lcheln, voll von Erotik und erhellt von einem
Schimmer herrlicher Zhne in breiter Rundung. Diese grauen Augen und der
Mund taten gute Dienste zusammen, machten unablssig Eroberungen unter
Mnnern und Frauen, alten und jungen. Aber im Stillen. Obgleich sein
Kopf auf einem recht langen Hals aufrecht getragen wurde, und obschon
das Kinn vorspringend war und Mut bekundete und obschon das hagere,
brunliche Antlitz Energie verhie, -- immer kam er gedmpft und
rcksichtsvoll.

[Funote 1: Ein begabter Arbeiter war im Jahr 1894 zum Stortings-Mann
fr Trontheim gewhlt worden, gab sich aber darauf selber als wegen
einiger Jugendvergehen vorbestraft an.]

[Funote 2: + im Jahr 1895.]

Zwei Mngel hatte der Krper; er war nicht rund ausgebaut, sondern eher
flachgedrckt, und die Kniee waren nicht frei von der Neigung,
auseinander zu gehen. Die Meisten sahen das nicht; sie hielten sich an
seinen schnen Gang, dessen angenehmen Rhythmus sie empfanden. Nie hat
jemand ihn irgendwo im Vordergrund gesehen, wo sie ihn aber zu Gesicht
bekamen, da zog er die feineren Naturen an. Und auch die andern fhlten,
hier war ein Mann von Rasse.

Und das war er. Aus einer alten norwegischen Beamtenfamilie, in der das
Erbe unsrer ltesten Geschlechter steckte, er hie nicht Bye.

Sein Grovater hatte als Beamter Kassendefraudation begangen, und obwohl
die Umstnde nicht sonderlich gravierend waren, empfanden es die Kinder
als eine solche Schande, da sie einen andern Namen annahmen. Ivars
Vater war zum Offizier bestimmt, ich glaube auch, er war auf der
Kriegsschule; aber nach des Vaters Fall mute er sich damit zufrieden
geben, Sergeant zu werden.

Jeder Moldenser Schuljunge aus meiner Zeit erinnert sich an Sergeant
Bye, wenn er in der Stadt war .... stets betrunken. Ein mittelgroer,
breit ausgehauener Mann mit groer Adlernase und mit einer gewissen
Wrde in seinen Bewegungen. Selbst wenn er am allerbetrunkensten war,
bewahrte er die. Er konnte nicht gedeihen in der Umgebung, zu der er
herabgesunken war, und so schuf sein romantisches Naturell sich manche
sonnige Stunde, in denen er den Herrn spielte. Alle rhmten seine Gte
und Rechtschaffenheit.

Der Sohn hatte denselben Drang aus dem Bauernleben heraus. Drauen an
der Kste ging es damals recht eng und rmlich zu. Da sa er als Hirte
und trumte davon, das Geschlecht zu ehemaliger Herrlichkeit
emporzuheben; er erzhlte diese groen Trume blo seiner kleinen
Schwester, sonst niemand. Die beiden Geschwister hielten sich ganz fr
sich.

Der kleine Ivar hatte ein unglaubliches Talent, sie und sich selbst
herauszuputzen. Etwas zu machen aus nichts oder aus einer ungeeigneten
Materie, wie das religise Lehrbuch meiner Zeit die Schpfung
definierte. Zum Lohn fr dies Talent wurde, als er lter war, Vaters
abgelegte Uniform fr ihn gewendet und zugeschnitten, so da er sich
eines Tages in der Stadt in blauem Tuchanzug, mit blauer Mtze zeigen
konnte! Das war wohl der hchste Festtag seines Lebens! Er wurde auch
gleich um seiner ungewhnlichen Schnheit willen bewundert. Die
Gesellschaft anderer als der Zglinge der hheren Schule verschmhte er.
Er erzhlte mir spter, wie er lange vergebens darauf brannte, mit in
das Spiel der groen, vornehmen Jungens zu kommen. Und es glckte, --
dank Einem insbesondere, dem Herrn ber alle andern. Die Hingebung und
der Stolz des kleinen Jungen kannte keine Grenzen.

Hier hatte er auch seine erste Liebe. Es war kein Mdchen, sondern ein
fast erwachsener Kamerad unter denen, die sich seiner angenommen hatten,
-- schn, verwegen, herrschschtig, schon recht lebenserfahren, schon
ziemlich verdorben. Aber das verstand Ivar nicht; er bewunderte seine
Flottheit, sein Befehlshabertalent, seine herablassende Leutseligkeit,
-- und vielleicht vor allem seine groe Schnheit, seine hohe, schlanke
Figur, seine ungewhnlich weie Haut zu schwarzem Haar -- nicht zu
vergessen seine gesellschaftliche Gewandtheit und die Gunstbeweise der
Frauen ihm gegenber; das war fr den Knaben etwas ganz Neues. Das war
der Herrentyp, das Ideal des Knaben.

Unter all diesen Kameraden war Ivar der kleinste und behendeste, wenn es
gefahrvolle Schelmenstreiche galt, z. B. pfel und Beeren in den Grten
stehlen und verschwunden sein, wenn der Eigentmer oder andre den Lrm
hrten und herbeikamen. Jedesmal, wenn sie etwas derartiges angestellt
hatten, wie eine Schnur ber den Weg spannen, so da die Bauern, wenn
sie betrunken von der Stadt zurckkehrten, drber fielen und die Pferde
durchgingen, oder wenn sie die Leinen an den Booten der Bauern
durchschnitten hatten, so da sie ins Meer hinaustrieben ... jedesmal,
wenn sie etwas derartiges angestellt hatten, ohne entdeckt zu werden, so
hielten sie das fr eine Tat. In Stadt und Umgegend davon reden zu
hren, das war ein Jux!

An einem Ende der Stadt lebte eine geizige, zornmtige Witwe, die einen
Laden und einen groen Garten besa; mit diesem Zornbesen lagen sie ganz
besonders in Fehde, d. h. _sie_ wuten, wem sie ihren Schabernack
spielten; aber die Alte wute nicht, gegen wen sie Wachen ausstellte,
den Hund hetzte, in die dunkeln Herbstabende hinaus schalt und drohte.
So lange trieben sie das, bis sie fanden, es sei ntig, noch mehr zu
tun. Der Vorschlag des Anfhrers, da sie sich eines Abends in den
geschlossenen Laden schleichen und ihre Kleingeldkasse (sie wuten, in
welcher Schiebelade sie stand) entwenden wollten, fand allgemeine
Zustimmung. Das war ein Hauptulk; ihr Zorn wrde gradezu in
Besessenheit ausarten! Der Jngste und Behendste wurde durchs
Kellerfenster hineinkommandiert, die Andern standen Wache.

Aber wie es nun zuging, -- der Jngste und Behendste wurde entdeckt. Und
mit einem Mal erhielt die Sache ein Aussehen, wie es keiner der
Spamacher sich gedacht hatte.

An die Einzelheiten erinnere ich mich nicht mehr. Das Ende war, da er,
der den Streich auf Befehl ausgefhrt, die Kasse abgeliefert und keinen
Vorteil davon gehabt hatte, -- der Einzige war, der gefat, angeklagt
und verurteilt wurde. Die andern waren guter Leute Kinder. Es waren
auch verschiedene Konfirmierte unter ihnen, fr die die Strafe allzu
ernst geworden wre; denn die Gesetze jener Zeit waren streng.

So drangen denn die andern Knaben und deren Eltern mit Bitten und
Versprechungen auf ihn ein; der Gefngniswrter gab freien Zutritt. Es
wre gar nicht notwendig gewesen, ihn zu bitten, alles auf sich zu
nehmen; er htte gern sein Leben fr die Kameraden gegeben. Besonders
fr den Groen mit der weien Haut und dem schwarzen Haar. Es war eine
Freude fr ihn, als schlielich auch der kam und sagte: Du sollst es
nicht bereuen, -- und ihm dazu bers Haar strich.

Wohl tat es weh, als Vater und Mutter kamen und ihn gar nicht verstehen
konnten. Er, der immer so lieb und gut gewesen war, -- er sollte nun
ihre Schande werden! Der Knabe weinte bitterlich mit ihnen; aber
schwieg.

Und dabei bliebs auch an dem schweren Tag, als er in seinem hbschen
blauen Anzug an Bord des Dampfschiffes mute; er sollte in das
Trontheimer Zuchthaus berfhrt werden, um dort konfirmiert zu werden.
Er durfte an der Reeling stehen und nach der Stadt hinberblicken; er
wollte gern aufpassen, ob keiner von denen, fr die er die Reise tat, in
einem der Boote drunten war. Er durfte an der Reeling stehen, bis das
Dampfboot abfuhr. Aber er sah keinen von ihnen.

Im Zuchthaus wurde er vom ersten Tag an aller Liebling. Sie hatten
Mitleid mit dem schnen, lieben Jungen; sie wetteiferten darin, etwas
fr ihn zu tun, damit er vorwrts kme, wenn er einst entlassen wrde.

Hier, im Trontheimer Zuchthaus, wurde er auch konfirmiert. Hier las,
rechnete und schrieb er, und noch eh er heraus kam, war ihm eine Stelle
als Laufbursche bei einer der ersten Familien der Stadt gesichert. An
dem neuen Platz wiederholte sich dasselbe, -- alle nahmen sich seiner
an. Sein Unterricht wurde fortgesetzt, er bekam hbsche Kleider; es
machte ihnen Spa, ihn zierlich gekleidet zu sehen, so schn, wie er
war. Ja, er erhielt eine Guitarre geschenkt und lernte darauf spielen,
denn er hatte Stimme und begleitete sich nun selbst. Die guten Feen, die
in dieser Weise Rosen auf seinen Weg streuten, waren natrlich
hauptschlich Damen; auch ein Liebesverhltnis spielte dabei mit.

Und bald mehrere.

Er erlebte in dieser Richtung die wunderlichsten Dinge, von denen ich je
gehrt habe. Ich bin wohl der Einzige, zu dem er davon gesprochen hat;
aber auch da fast nur in Andeutungen. Nheres darber zu erzhlen, habe
ich nicht das Recht. Ich glaube, da diese seine Gabe, zu schweigen,
eben weil sie aus rcksichtsvoller Gte geboren war, die Frauen zu ihm
hinzog, -- mehr noch als seine Schnheit; mehr noch als andre erotische
Eigenschaften, die wie ein Geheimnis unter ihnen umgingen. ber
derartiges knnen Frauen ja nicht schweigen.

Nach auen hin war dies sicherlich seine glcklichste Zeit. Aber wenn
ich spter darber nachgedacht habe, ist mir mehr und mehr der Glaube
gekommen, da er da einen Knax frs Leben bekommen hat.

Man darf ja wohl annehmen, da die Knabentrume, die er mir erzhlte,
aus Krften in ihm entsprangen, aus einer Energie, die spter nicht zur
Reife gedieh. Ich gebe jedoch zu, da ich sein Geschlecht nicht kenne
und es deshalb so genau nicht wissen kann. Nicht alle Trume sind eine
Selbstprophezeihung von Krften; sie knnen auch nur als Erinnerungen
aus der Vergangenheit des Geschlechts mittreiben.

Spter, als ich ihn traf, war er ohne starken Lebensdrang, ohne
sonderliche Unternehmungslust; und unter all der Liebe, in deren Mitte
er lebte, war keine, die seinen Sinn ganz erfllte. Seine Schwrmerei
war damals, mit einem oder dem andern seiner Freunde unter den Kapitnen
hinauszukommen. Eine Reise nach Hamburg, Bremen, Kopenhagen, Schweden
machen, oder andre Stdte in Norwegen besuchen zu knnen. Ich erwhne
dies besonders, weil es besonders charakteristisch ist.

Die Sache war nmlich die: er wute nicht, oder wollte nicht wissen,
wohin.

Es war, als mte ein andrer kommen und bestimmen. Er verlie Trontheim
und kam nach Christiania, wo man den hbschen Menschen in einem Laden
sehen konnte. Rasch hatte er einen neuen Kreis von Freunden und
Freundinnen; aber immer dieselbe Unentschlossenheit.

Da liest er in der Zeitung, da seine Bewunderung aus den Kindertagen,
der Mann mit der weien Haut und dem schwarzen Haar, im ersten Hotel der
Stadt wohnt!

Er hat mir spter erzhlt, da er vor Erregung zitterte und sich krank
melden mute; er konnte seine Gedanken nicht zur Arbeit sammeln. All die
Jahre hindurch hatte er, oft ohne es sich selbst zu gestehen, auf ihn
gewartet. Das Letzte, was er aus dem Mund des Freundes, in dem ihm
eigenen, selbstherrlichen Ton gehrt hatte, war ja: Du sollst es nicht
bereuen! Eine runde, volle Anweisung, ausgestellt von einem Mann, der
die Ritterlichkeit selbst war. Bye hatte ihn in all diesen Jahren nicht
belstigt; zu der Schuldsumme hatten sich also Zinsen gehuft. Der
Freund war nun auch im Auslande ein reicher Mann geworden, wenn das
Gercht nicht trog; Bye wrde auch ins Ausland kommen, das fhlte er!
Nun galt es also, ihm zu sagen, da er hier war. Aber es mute so
geschehen, da andre es nicht hrten oder sahen; das htte den
Nichtsahnenden in Verlegenheit bringen knnen! Er erkundigte sich
deshalb im Hotel, wo der Fremde abends hinginge; und Nacht fr Nacht
ging er selbst vor sein Hotel; er wollte ihm begegnen, wenn er heimkam.
Aber es traf sich nie gnstig. Da fate er Mut und schrieb. Erzhlte
ihm, da er in der Stadt sei, und erbat sich eine Unterredung,
gestattete sich, die Zeit und den Ort ihres Zusammentreffens, des
Freundes Zimmer im Hotel, vorzuschlagen.

Zur bestimmten Zeit fand er sich vor der bestimmten Tr ein. Er stand
und lauschte, eh er anklopfte; es war Licht darin -- aber kein Gerusch.
Endlich klopfte er. Ein krftiges Herein! antwortete ihm. Als Bye
nicht sogleich zu ffnen vermochte, wurde es wiederholt -- noch
krftiger -- vom besten Gewissen der Welt.

Ivar Bye stand vor einem hohen, stattlichen Mann in eleganter
Gesellschaftstoilette, der eben Parfm auf sein Taschentuch go.

Sie sahen einander an; und die erste Folge davon war, da keiner von
ihnen grte. Ich habe Ihren Brief erhalten; aber ich bedaure, da die
Zeit, die Sie vorgeschlagen haben, nicht gnstig ist; ich bin im Begriff
auszugehen. Bitte, nehmen Sie Platz!

Bye blieb stehen.

Ich sehe, es geht Ihnen gut. Was treiben Sie? -- Ich bin im
Handelsfach. -- So, wirklich? Sind Sie schon lange hier? -- Ein Jahr
oder so. -- Er wute nicht mehr, was er redete, das Zimmer fing an,
sich im Kreis zu drehen. Ja, Sie mssen wirklich entschuldigen, aber
ich hre eben den Schlitten vorfahren. Er wandte sich um und legte ein
groes seidnes Halstuch um, eh er den Pelz umnahm. Es klopfte. Ein
Diener meldete, da der Schlitten da war, eilte herbei und half dem
Herrn in den Pelz. Bye stand noch immer unbeweglich, als der Herr mit
einem hflichen Adieu an ihm vorbei in den Gang hinaus und die Treppe
hinab ging.

Bye war ber dreiig Jahre alt, als er mir dies erzhlte, und mehrere
Jahre waren vergangen, seit es geschehen war. Aber er weinte wie ein
betrogenes Weib.

Nach dieser Begegnung wurde er langsam ein anderer. Wie ich es spter
begriff, mssen die ersten ueren Anzeichen davon gewesen sein, da er
seine Lieder nicht mehr sang, es kaum ertrug, sie von andern singen zu
hren; die Guitarre rhrte er nicht mehr an. Es ist dies nicht so zu
verstehen, da das Leben der Erwartung, das er bisher gefhrt hatte, von
dem energischen Bestreben abgelst wurde, sich eine Zukunft zu schaffen.
Das lag ihm gar nicht mehr, wenn er das je getan hatte. Sondern so, da
die Schwrmerei, die er im Innersten genhrt hatte, ihre sentimentalen
Erinnerungen fahren lie und statt dessen ihre Dichtung um die zu
spinnen begann, in deren Kreis er gerade stand; wenigstens um Einzelne
von ihnen. Es begann damit, da er bei guten Menschen Trost und Zuflucht
suchte fr das Beste in ihm; aber auf die Dauer ward es zu einer
Lebenskette, welche die Geschichte des einen Freundes oder der einen
Freundin an die der andern schlo, und alle zusammen bildeten sein
Glck. Nach und nach lebte er ausschlielich fr Andere.

Wie andre junge Leute nach Enttuschungen und Wunden in einem Kloster
eindmmern, so er in guten Werken.

Als das norwegische Theater in Christiania errichtet werden sollte, war
der ehemalige sentimentale Snger und Guitarreklimperer der erste, der
sich meldete. Viele Moldenser erschraken, als sie seinen Namen hrten.
Da _er_ es wagte, auf einer Bhne aufzutreten! Kurz darauf lernte ich
ihn kennen und begriff sofort, wie natrlich es fr diesen Trumer war,
nach Aladdins Schlo zu suchen. Da wrde er leben -- nicht in den
Prachtgemchern, nicht an den Fenstern und auf den Balkons paradierend,
bereit, Huldigungen zu empfangen; sondern in den weinlaubumschatteten
Bogengngen, in den Alkoven, in den heimlichen Pltzchen rund um die
Kaskaden drauen im groen Park. Der Mitwisser aller Geheimnisse, der
Vertraute und Helfer aller. Immer im Hintergrund mit kleinen Diensten
und guten Ratschlgen bereit; immer bereit, die Jngsten zu loben, die
Unglcklichen zu trsten, sich mit den Glcklichen zu freuen. Er selber
hatte keinen Ehrgeiz; sein Trontheimer Dialekt (welchen die Bhnenleiter
nicht zu brechen verstanden, solange es noch Zeit war), und seine
Dilettanten-Furcht vor dem Unnatrlichen, die ihn verhinderte,
ordentlich loszulegen, waren ihm berall im Wege. Aber wenn wir fragen,
so wird uns jeder Einzelne von denen, die noch vom ersten Personal des
norwegischen Theaters leben, erzhlen, was er fr die war, die er gern
hatte, denn er war ein verwhnter Menschenkenner! Sie werden uns
erzhlen, was sie seinem Geschmack, seiner Erfindungsgabe, wo es ihr
Wohl galt, seiner taktvollen Aufrichtigkeit, seiner Treue und Diskretion
verdanken. Heiter und warmherzig, phantasievoll und vertrauenerweckend,
ihre kleinen Fehler verspottend und zchtigend; das, was er liebte,
hervorlockend.

Er war noch nicht lange da, als er zum ersten Mal in seinem Leben festen
Boden unter den Fen zu fhlen begann; es schwankte nicht mehr alles.
Aber just da erhielt er einen anonymen Brief von einem Moldenser.
Darin wurde er gefragt, wie _er_ es wagen knne --?

Und hier war's, wo ich dazu kam.

Eins von den ersten Dingen, die ich erzhlen hrte, als ich Zgling der
hheren Schule zu Molde wurde, war, wie dieser gutherzige, schne Junge
von lteren, vornehmeren Kameraden mibraucht und dann schmhlich
verlassen worden war. Darber herrschte in Molde sowohl damals als
spter nur _eine_ Stimme. Als es nun mit Schlangenzungen zu zischen
begann, schien es mir deshalb, wir Moldenser mten die Ersten sein, sie
in ihre Lcher zurckzupeitschen. Ich habe ein Talent fr Organisation;
in aller Eile veranlate ich die Moldenser Studenten, eine Leibwache um
ihn zu schlieen, eine Wache des Schweigens und der Freundschaft. Und zu
uerer Sicherheit nahmen wir ihn in die Studentenkolonie auf, die ein
paar von uns gegrndet hatten. Er zog mit seiner langen Pfeife, seinem
kleinen Hausrat -- vor allem seiner kleinen Beefsteakpfanne, an der so
viele von uns sich erfreut haben! -- bei uns ein; seine Bude oben wurde
bald unser Lieblingsaufenthalt.

Als Theaterkritiker konnte ich ihm auch indirekt eine Sttze sein, wenn
die Leute uns berall zusammen sahen. Ich stutzte einen franzsischen
Lustspiel-Einakter fr ihn und noch einen andern Notleidenden, Kapitn
David Thrane, zurecht; letzterer hatte Walzer- und Operettenmelodien
komponiert, die er darin angebracht haben wollte. Bye erhielt eine
kleine erotische Rolle; ich wollte sehen, ob er vielleicht am Ende doch
einmal mit etwas von dem, was er besa, herauskommen knnte. Er wagte
sich jedoch kaum zu rhren, so da das Stck glnzend Fiasko machte. Wir
tranken unter groem Gelchter auf seinen Tod.

Fr das norwegische Theater kamen bald bse Tage. Wir Norweger haben
nmlich die Gewohnheit, jedes nationale Unternehmen dreimal an unsrer
Gleichgiltigkeit oder Uneinigkeit zugrunde gehen zu lassen. Erst beim
viertenmal ist es lebensfhig. Bye ging mit einer schlechten Truppe auf
die Wanderschaft. Aber eben damals war ich Direktor am Bergenser Theater
geworden und schickte ihm Reisegeld.

Ich seh ihn noch, wie er am ersten Tag meine Garderobe musterte und sich
daraus ein paar Hosen mit Seidenstickerei an den Sumen herunter
auswhlte; ich seh ihn mit einem Taschenmesser sitzen und diese
Verzierungen austrennen; denn grade diese Hosen hatte er sich nun einmal
ausgesucht. Er war bettelarm. Er hatte nmlich alles, was er hatte,
weggegeben, solchen, die es ntiger brauchten, als er. Fr mich war ja
noch immer Rat, sagte Bye, ich wute ja, ich hatte dich in der
Hinterhand. Ich mchte wissen, ob ich jemals in meinem Leben stolzer
auf etwas gewesen bin, das er mir gesagt hat. Es war auch das Einzige
dieser Sorte, was er mir zu spendieren fr zutrglich hielt.

Er nannte mich -- wie alle Kameraden -- Bjrnen (Br) oder Bj'en
und behandelte mich wie ein Kind, oder wie einen hellen Toren --
insonderheit wie das letztere, indem er mich vollstndig entmndigte.
Ich bekam mein eignes Geld nicht in die Hand, -- wobei ich mich
ausgezeichnet stand, -- sondern mute ab und zu etwas von ihm leihen.
Er umgarnte mich geradezu mit den abscheulichsten Schlichen und stiftete
Verschwrungen gegen mich unter meinen Freunden an. Obschon es immer zu
meinem eignen Besten geschah, -- wenn ich dahinter kam, oder wenn es zu
stark gegen meine Passionen ging, so kriegte er Prgel; aber in der
Regel ging's nach seinem Willen. Wenn alles vorber war, hielt er mich
unbarmherzig zum Narren, und dann lachten wir alle beide.

Im Frhling zogen wir nach Trontheim, um wieder vor den Trontheimern zu
spielen -- ich darf wohl sagen, ein gut einstudiertes Repertoire. Die
Trontheimer wollten uns erst das Theater nicht vermieten; es sollte
repariert werden. Ich mute hinauf und es erobern, und die andern kamen
nach. Bye war mit dabei. Eine lustige Gesellschaft waren wir -- lauter
junge Leute, der Direktor der zweitjngste von allen! Eine Sommerreise,
wie sie kaum ihresgleichen gehabt hat in Norwegen! Sie htte ihren
Dichter haben mssen; -- der aber starb mit Georg Krohn.

Proben und Vorstellungen, Gesellschaften, Ausflge, Tollheiten und
Reden, -- ich hielt zu jener Zeit bestndig Reden! ... man kann sich
eine Vorstellung davon machen, wie wir mit den Trontheimern umsprangen,
wenn ich erzhle, da wir jeden Abend bei gutem Wetter damit endeten,
da Rektor Mller -- man denke, der Rektor der Stadt! -- auf der
Feuerleiter in den Stiftsgarten stieg, ohne sich festzuhalten, und
weiter ber die Dachrinne und wieder zurck!

Ich wohnte im ersten Hotel der Stadt.[3] Ivar Bye wohnte natrlich bei
mir. _Er_ sagte nichts und _ich_ sagte nichts; aber wir waren im voraus
darber einig, so und nicht anders mute er Trontheim wiedersehen.

Den Tag, nachdem wir angekommen waren, gingen wir miteinander an dem
langen, dstern Haus vorbei, in dem er einmal als Gefangener gesessen
hatte. Nie verge' ich, welche Stimmung in mir zitterte, meine Augen
begegneten den seinen. Er sagte irgend etwas, wie: sie haben ein neues
Tor; oder: das Tor ist neu angestrichen. Ich wei nicht mehr, was. Ich
sagte nichts; d. h. ich schwatzte unaufhrlich von ganz andern Dingen.

In Trontheim waren nur Wenige, die sein Geheimnis kannten, und diese
Wenigen waren seine guten Freunde. Hier war er also sicher. Ich seh ihn
noch drauen auf einem Stein mitten in dem groen Lerfo, ein Stck weit
von der Stadt; Gott wei, wie er da hinaus gekommen war. Er hockte da --
nackt. Da war er einmal ganz losgelassen! Eine solche Wildheit und ein
solcher bermut offenbarte sich da, da man erwartete, er wrde sich in
den Strom werfen. Ich stand und dachte: Jetzt ist Bye froh!

[Funote 3: In einer wehmtigen Stunde, mitten unter allem Jubel,
schrieb ich da:

               Auf Sankte-Hans
               ist Lachen und Tanz;
   ich aber wei nicht, ob sie flicht ihren Kranz.
]

Spter sagte ich zu ihm: Was htte aus dir werden knnen, Bye, wenn du
dich httest frei entwickeln knnen.

Ja, antwortete er, etwas zwischen Aschenputtel und Nck. Auch wenn
der Nck weint.

Und eine Weile darauf: Aber fr mich war von Anfang an die Schranke
gezogen.

Zwei Tage zuvor hatte ich mich verlobt, deshalb lebt der Tag in meinem
Gedchtnis wie Sonnenschein; jedes Wort steht vor mir in gleicher
Klarheit wie die Landschaft. Solange diese Verlobung sich vorbereitet
hatte, schwieg er; nicht mit einem Hauch seines Mundes, so schwach, da
er die kleinste Feder bewegt htte, versuchte er auf meinen Entschlu
einzuwirken. Und doch sagte er mir, sogleich nachdem es geschehen war,
da es sein hchster Wunsch gewesen war! Herrliche Tage hatten wir drei!
Und es blieb so, als ich mich verheiratete, obwohl er ausziehen mute
und meine Frau einzog; er kam bestndig zu uns.

Jenes Jahr ist zweifellos das fr meinen Charakter gefahrvollste
gewesen. Ich hatte eine unbndige Arbeitskraft; ich leitete das Theater
und das Oppositionsblatt der Stadt und damit die groe Wahl, die erste
in Norwegen auf ganz nationalem Grund. Gleichzeitig nahm ich in
ausgedehntestem Grad am Vereinsleben und an Gesellschaften teil, schrieb
an einer Erzhlung und dichtete Lieder. Aber mir war nicht leicht eine
Schranke zu setzen, wenn ich etwas erreichen wollte; ich hatte ja auch
immer Glck.

Ihm und ihr verdanke ich es, und der Mithilfe meiner teuren Freunde
Georg und Henrik Krohn, Dankert Roggen, Andreas Behrens, Henrichsen,
Dahl u. a., da ich so einigermaen unversehrt daraus hervorgegangen
bin.

Unter den warmen, unmittelbaren Menschen in Bergen fanden sich Freunde
fr Ivar Bye. Als Garderobier am Theater, wo man ihn seines guten
Geschmacks willen angestellt hatte, kam er mit vielen verschiedenen
Schichten der Bevlkerung zusammen, und er traf wie gewhnlich, seine
Auswahl. Durch uns andre lernte er noch mehr kennen, -- so da er nun
endlich Menschen gefunden hatte, die er brandschatzen konnte fr seine
armen Freunde in allen Ecken und Winkeln des Landes! Nach und nach
gewann er, -- das war unausbleiblich -- vollstndige Herrschaft ber
die, die er gern hatte, und er erhielt sie sich auch, weil er genau
wute, wie er jeden Einzelnen zu nehmen hatte. Eine alte Verwandte
meiner Frau liebte ihn so, da sie den Tag fr verloren hielt, an dem er
nicht vorgesprochen hatte. Trotzdem wollte sie ihm das Kleid nicht
geben, das sie eben an hatte; es war ja auch wirklich zu toll, um so
etwas zu bitten. Bye hatte nmlich ein altes armes Frulein, dem dies
Kleid akkurat pate; es war so hbsch warm, so recht ein gutes
Winterkleid, und sie besa mehrere, das alte Frulein aber gar keines.
Kaum war Bye gegangen, so fing das, was er gesagt hatte zu wirken an.
Vielleicht mute es eben grade solch ein Kleid sein? Sie zog es aus und
packte es ein. Eh' Bye von seinen vielen Besorgungen nach Hause kam, lag
das Kleid auf seinem Zimmer. -- Fr andre hatte er eine andere Art des
Vorgehens. Wenn sie mit einem ausgedienten Kleidungsstck nicht
herausrcken wollten (es gibt ja liebenswrdige Menschen, die in diesem
Punkt unglaubliche Gewohnheitstiere sind), so nahm er es ganz einfach
und lie uns andre dann arglos fragen: Aber, Liebe, haben Sie denn das
graue Kleid nicht mehr? Es stand Ihnen so gut!

Was er sich und uns Spa machte mit all seinen Schlichen, um uns Geld
fr seine alten Fruleins abzulocken! Er hatte ein wahres Genie dafr,
solche aufzustbern und sie mit seinem Geplauder und seinen diskreten
Gaben zu erfreuen.

Ivar Bye hat uns in Wahrheit gelehrt, gut zu sein, und viele, viele
auer uns.

Als Beweis dafr, wie sicher er sich seiner Freunde fhlte, mu ich
einen kleinen Streich erzhlen, ber den seinerzeit halb Bergen lachte.
Wir waren in Gesellschaft bei einer Dame, die fr ihre ausgezeichneten
Kuchen bekannt war. O, sagte meine Frau, besonders _der_ da schmeckt
kstlich! -- Den sollst du mit nach Hause nehmen, antwortete Bye.
Alle Kuchen wurden aufgegessen, nur nicht diese Sorte; sie waren fast
unberhrt. Ich begreif' es nicht, sagte die Wirtin, als die andern
Gste fort waren und wir noch allein da waren. Ich glaubte, die Kuchen
seien die Besten. -- _Ich_ begreif' es gut, sagte Bye, ich bin
nmlich zu allen Leuten gegangen und habe ihnen gesagt, da in den
Kuchen da faule Eier seien! --

Der reichste Teil aber seiner Menschenkenntnis, seiner Wrme und Gte
sammelte sich in seinem Beruf als Ratgeber und Vertrauter. Er war dazu
geboren. Keine Instinkte sind im Menschen feiner entwickelt, als die,
die Verstndnis ahnen! Und andrerseits gibt es kein sichereres Zeugnis
moralischer Macht, als das, Bekenntnisse zu erzwingen einfach dadurch,
da man ist, der man ist! Und diese Macht hatte er.

Unsre Literatur hat ein Denkzeichen fr seine Art und Weise, Vertrauen
entgegen zu nehmen. Es ist niedergelegt in dem Gedicht:

   Ich hab' einen Freund -- In schlafloser Nacht -- --

Ich schrieb es fern von ihm -- nicht, damit er es bekommen sollte, sein
Name ist nicht genannt und er hat es nie erhalten; sondern weil das
Leben damals schwer fr mich war.

-- -- Als meine Frau und ich mit unsrem kleinen Jungen vom Auslande
heimkehrten, vier Jahre nach meinem Abschied von ihm und vom Theater,
sehnten wir uns tiefinnerlichst nach Bergen und ich ganz besonders nach
ihm. Das Theater war aufgehoben. Natrlich. Aber Bye hatte sich
Vertrauen erworben, er blieb zurck als Aufseher ber Haus und Habe, und
die kleine Einnahme gengte fr ihn.

Wir hatten uns darauf gefreut, ihm unsern Jungen zu zeigen, -- und wir
muten hren, da Bye gefhrlich krank sei. Trotzdem war viel Freude bei
der Rhrung des Wiedersehens, denn er war ja auf, er hob unsern Jungen
hoch; wir wollten viel zusammen sein, sagte er.

Darin aber tuschten wir uns. Den Tag darauf mute er zu Bett, um nicht
mehr aufzustehen. Es war, als htten die Krfte ausgehalten, bis wir
kamen; jetzt ging es rasch bergab.

Da es schnell zu Ende ging, begriff ich zum erstenmal bei einem
Vorfall, einige Tage spter; ich will ihn nicht verschweigen. Ich kam zu
ihm -- kam ist nicht das Wort, denn ich war wtend und strmte die
Treppen hinauf. Ich war mit einer Sache beschftigt, die mich erregte
und ich verga, -- wie junge gesunde Leute nur allzu oft tun, -- wie es
Schwachen und Kranken zumute ist. Nach alter Gewohnheit wollte ich mich
vor allem vor ihm austoben, und das tat ich auch. Da traf mich auf
einmal ein hilfloser Blick und ich hrte die Worte: Ach nein -- ich
kann nicht fassen, was du sagst! ... Wie ich erschrak, wie ich mich
schmte und unglcklich war! Und wie das sich verschrfte, als er ein
paar Tage darauf starb! So nahe war er dem Tod, und wir ahnten es nicht!

Es ist mir leider oft passiert, da ich mit meinem unbndigen Eifer
denen weh getan habe, die ich am wenigsten krnken wollte, -- und alle
diese Flle haben mich spter heimgesucht, einzeln oder miteinander,
mich geqult, mich gedemtigt. Keiner aber fter als dieser.

Denn war es nicht, zum Ausgang seines Lebens, wie eine letzte
Wiederholung all des rcksichtslosen Gebrauchs, den andre von seiner
hingebenden Natur gemacht hatten?

Wie wenn Anfang und Ende sich zusammenschlieen sollten, stand, als die
Wirtin seine Augen geschlossen hatte und in seine Wohnung hinunter kam,
ein Fremder da; er fragte nach Ivar Bye. Sie erzhlte ihm weinend, da
sie ihm soeben die Augen geschlossen habe; der Fremde ward davon so
stark ergriffen, da er sich setzen mute. Er fing an, sie auszufragen,
und der Wirtin war es eine Erquickung, grade jetzt ihn aus ihres Herzens
reichster Flle preisen und zuletzt sein geduldiges, ruhiges Sterbebett
schildern zu knnen. All das machte einen tiefen Eindruck auf den
Fremden. Er blieb lange sitzen. Als er sich erhob, um zu gehen, wollte
er aber seinen Namen nicht nennen. Er habe wie ein Beamter ausgesehen,
sagte sie. Sollte es einer der Kameraden von Molde gewesen sein, den
spte Reue grade in diesem Augenblick herbeigezogen hatte?

Der Anfhrer von damals war es nicht; der war lngst tot.

Ich stand an Ivar Byes Grab und sagte mir, da ich dies alles einmal
niederschreiben wollte. Fr das juristische norwegische Volk.

Ich stand am Grab und blickte auf das Gefolge. Das war ja eine groe
Beerdigung; ich kannte nicht den zwanzigsten Teil! Theatervolk,
Handwerker, Kaufleute, Seeleute, Beamte, arme Kerle, Reiche, die
ltesten und die Jngsten. Und am Grab erwarteten uns die Frauen. Mtter
waren da, die ihre Kinder mit sich hatten, und Mtter und Kinder weinten
um die Wette. Alte Frulein aus dem Jungfernstift, arme Weiber, junge
Mdchen, alle mit Blumen und Trnen.

Ich kenne manche, die ihre Trnen wiederfinden werden, wenn sie dies
lesen. --

Wenn ich mir meine verstorbenen Lieben denke, so mag ich sie mir nicht
als Leichen, geschweige denn als abgemagerte Skelette denken. Ich denke
sie mir wieder mit der Rte des Lebens auf den Wangen, ihre Augen auf
mich gerichtet. Bye aber kann ich mir denken, so wie er jetzt aussehen
mu, -- ja, ich denke ihn mir meistens so, mit seiner Reihe herrlicher
Zhne in breiter Rundung, mit dem Nasenbein und den Hhlen unter dem
schnen Schdel. Ohne Scheu seh' ich die kalkgrauen Kniee, -- etwas
aufwrts- und auseinandergekrmmt, und die langen, gegeneinander
gelegten Knochenfinger.

Ich glaube nicht, da dies ist, weil sein Gesicht hager war, so da es
der Phantasie Vorschub leistete. Auch nicht, weil er, als Nck drauen
in Lerfo hockend, mitten im Sturz und Schaum des Wassers, mehr aus
Hhlen als aus Augen um sich starrte, whrend seine Zhne gleiten.

Nein, es ist wohl, weil sein Verstehen der Menschen und Dinge ein so
tiefes geworden war, ein so liebevolles, da es fr ihn nichts
Abstoendes gab. Nicht in den Formen des Lebens und nicht in den Formen
des Todes. Und _das_ symbolisiert sich auf diese Weise in meiner
Erinnerung.


                             Einsame Reue

   Ich hab' einen Freund -- in schlafloser Nacht
   tnt mir sein Friedensgru.
   Wenn das Licht erstirbt und das Grau'n erwacht
   naht er auf leisem Fu.

   Nie redet in harten Worten sein Mund --
   selbst kennt er Leid und Reu' --
   sein weicher Blick macht Krankes gesund --
   wer ist, wie er, so treu?

   Begangene Snde, die mich krnkt,
   nimmt still er auf sein Herz,
   und wenn mein Glaube die Flgel senkt,
   hebt er ihn himmelwrts.

   So kmpft er auch heute, wie immerdar,
   mein einsames Ringen mit --
   bers Jahr, mein Freund, wird offenbar,
   um was ich heute stritt!




Anmerkungen zur Transkription


Das Original ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im Original
g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind,
wurden ^so^ markiert.

Offensichtliche Fehler wurden, zum Teil unter Zuhilfename der
norwegischen Originale, korrigiert wie hier aufgefhrt
(vorher/nachher):

   [S. 14]:
   ... Trauer! O Trauer ist das Los meines Lebens ...
   ... Trauer! O Trauer ist das Los meines Lebens! ...

   [S. 24]:
   ... stehen und knixte wie ein Schulmdchen in kurzen ...
   ... stehen und knixte wie ein Schulmdchen im kurzen ...

   [S. 25]:
   ... Elsa war mit dabei! Sie kam zu frh, -- ...
   ... Ella war mit dabei! Sie kam zu frh, -- ...

   [S. 31]:
   ... Men I, som hhrer, styrk deus Klang; ...
   ... Men I, som hhrer, styrk dens Klang; ...

   [S. 32]:
   ... Teilnahmlosigkeit khlte sie ab; sie kam wieder ...
   ... Teilnahmslosigkeit khlte sie ab; sie kam wieder ...

   [S. 34]:
   ... der kleinen Person irgenwo unten an seiner Weste ...
   ... der kleinen Person irgendwo unten an seiner Weste ...

   [S. 38]:
   ... for mig hun lfter den og ler ...
   ... For mig hun lfter den og ler ...

   [S. 38]:
   ... Fordi det aevet er af Smerte, -- ...
   ... Fordi det vaevet er af Smerte, -- ...

   [S. 44]:
   ... wie es ihm fher schon zweimal gegangen war. ...
   ... wie es ihm frher schon zweimal gegangen war. ...

   [S. 58]:
   ... drauen im Schneehaufen, er sah ihre Blumen ...
   ... drauen im Schneehaufen, er sah ihre Blumen, ...

   [S. 61]:
   ... kenne es, -- und jetzte erst sollte er lernen, wie ...
   ... kenne es, -- und jetzt erst sollte er lernen, wie ...

   [S. 70]:
   ... auf ein Brettende, das ins schwanken kam; sie wre ...
   ... auf ein Brettende, das ins Schwanken kam; sie wre ...

   [S. 72]:
   ... Worte ein: Da haben Sie doch etwas reelles. ...
   ... Worte ein: Da haben Sie doch etwas Reelles. ...

   [S. 73]:
   ... ihnen, da Sie mitkommen! Seine Stimme war ...
   ... Ihnen, da Sie mitkommen! Seine Stimme war ...

   [S. 78]:
   ... Wisch himmlicher Krystalle zugestopft; entstellende ...
   ... Wisch himmlischer Krystalle zugestopft; entstellende ...

   [S. 81]:
   ... frem, til hun optlog jnene. ...
   ... frem, til hun opslog jnene. ...

   [S. 82]:
   ... Han, som skjaeldtes for ond og vred, ...
   ... Han, som skjaeldtes for vond og vred, ...

   [S. 91]:
   ... Weise bekleidet hatte, so begleitete jetzt das Mama, ...
   ... Weise begleitet hatte, so begleitete jetzt das Mama, ...

   [S. 91]:
   ... Mama! der zarten Stimmen ihrer Trnen. Es ...
   ... Mama! der zarten Stimmen ihre Trnen. Es ...

   [S. 99]:
   ... dessen angenehmen Rythmus sie empfanden. Nie ...
   ... dessen angenehmen Rhythmus sie empfanden. Nie ...

   [S. 101]:
   ... diese groen Trume blos seiner kleinen Schwester, ...
   ... diese groen Trume blo seiner kleinen Schwester, ...

   [S. 103]:
   ... Leinen an den Boten der Bauern durchschnitten ...
   ... Leinen an den Booten der Bauern durchschnitten ...

   [S. 105]:
   ... als er in seinen hbschen blauen Anzug an Bord ...
   ... als er in seinem hbschen blauen Anzug an Bord ...

   [S. 108]:
   ... bestimmen. Er verlies Trontheim und kam nach ...
   ... bestimmen. Er verlie Trontheim und kam nach ...

   [S. 109]:
   ... selbst vor sein Hotel; er wollte ihn begegnen, ...
   ... selbst vor sein Hotel; er wollte ihm begegnen, ...

   [S. 126]:
   ... ich erschrack, wie ich mich schmte und unglcklich ...
   ... ich erschrak, wie ich mich schmte und unglcklich ...

   [S. 127]:
   ... wie eine letzte Wiederholung all des rcksichtlosen ...
   ... wie eine letzte Wiederholung all des rcksichtslosen ...






End of Project Gutenberg's Ein Tag / Ivar Bye, by Bjrnstjerne Bjrnson

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN TAG / IVAR BYE ***

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