The Project Gutenberg EBook of Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen.
Erster Band, by Franz Marc

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Title: Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band

Author: Franz Marc

Release Date: December 31, 2016 [EBook #53845]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRIEFE, AUFZEICHNUNGEN, ERSTER BAND ***




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                          Franz Marc / Briefe


                               Franz Marc




                 Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen


                              Erster Band


                                  1920
                  Verlegt bei Paul Cassirer in Berlin




                        Alle Rechte vorbehalten
                 Copyright 1920 by Paul Cassirer Berlin




                                             Elsa/Rothau, 1. Sept. 14
                                                                Herbst

   L....,

habe heute die erste Wache abgehalten, mit 18 Posten; es war sehr
stimmungsvoll, wunderbar herbstliche Sternennacht. Wie ist das alles
anders als dieser langweilige Garnisondienst! Der schwarze Kaffee in der
Feldflasche thut mir jetzt gute Dienste. Ich spare ihn so lange als
mglich. Die Gegend ist arg von Schlachten mitgenommen, die Bevlkerung
uerst scheu; ich habe keinen Zweifel, da sie sehr franzosenfreundlich
ist. Ich mchte hier nicht leben. Gefahren sehe ich aber keine; es ist
offenbar alles sehr eingeschchtert. Voraussichtliche Richtung _Saales_;
wir warten aber noch auf Befehle. Ich fhle mich so vollkommen wohl, da
mir vor den kommenden Strapazen nicht Angst ist. Zu essen gibt es nur
Kommibrot aus Feldbckereien. Ich verlange mir auch nichts anderes und
spare meinen eisernen Bestand, den ich noch in Mnchen gekauft, auf viel
sptere Zeiten; wer wei, wohin wir noch geschoben werden; ich hoffe
immer noch auf _Belfort_ ber _pinal_.

Gru Euch beiden, N's -- -- -- -- --


                                           In _Sles_, 2. Sept. Nachm.

Ihr Lieben in Ried, heute hab ich meinen ersten groen Melderitt (30
Klm) gemacht; ich bin jetzt glcklich das, was ich wollte, nmlich so
etwas wie Adjutant der ganzen Kolonne mit Leutnant *** zusammen (der
Regierungsbaumeister in W. ist und Sindelsdorf genau kennt!). Wir ritten
nach Frankreich hinein bis _Remomeix_ (vor _Di_), vor uns eine riesige
Feuerlinie von deutscher Fuartillerie, die ber einen Berg nach Westen
schiet, und selbst von franzsischen Batterien, die hinter dem Berg
stehen, beschossen werden. Auf der Heeresstrae _Saales-Di_ ein
unglaubliches Kriegstreiben; ich fhl mich so wohl dabei, wie wenn ich
immer Soldat gewesen wre; Obst stehlen wir von den Bumen; Wein haben
wir auf unserm Ritt auch bekommen; in _Sles_ gibt es gar nichts mehr.
Wir hatten mit Meldungen an den Brigadestab zu reiten. Jetzt am
Nachmittag sitz ich geruhig vor dem Telephonamt (in einem kl. Hotel
installiert) am Marktplatz um Befehle aufzunehmen, die ev. kommen. Man
ruft mich dazu in's Amt herein. So kann ich gemchlich ein paar
Ruhestunden das originelle Treiben auf dem Marktplatz in _Sles_
beobachten; Wallensteins Lager, aber in echt. Unsre weitere
Marschrichtung hngt von den Befehlen ab, die ich hier am Telephon
aufzunehmen habe. Wir kochen alles selber, auf dem Acker drauen, auf
dem wir biwakieren.

Schreibt Euch mal vorlufig auf, was Ihr mir spter senden mt u. s. f.
-- -- -- -- -- --


                                                          6. Sept. 14.
                                                  _La croix aux mines_
                                                        bei _Laveline_

Gestern bin ich zum Befehlholen zum Divisionsstab kommandiert worden und
schlielich um 3 Uhr zum Schlaf gekommen, auf einer offenen Wiese, in
meinen groen Mantel gehllt, das Regencape unter mir. Um 5 Reveille,
das wird nun oft vorkommen. Der Krper gewhnt sich vor allem, den
kurzen, ganz traumlosen Schlaf, auf's allermglichste auszunutzen. Im
Kriegsdienst lernt man diese Krftekonomie. Heute fuhren wir wieder in
die Gefechtsstellung. Die Franzosen sind aber tatschlich wieder etwas
zurckgewichen; wo wir stehen, gilt als die hartnckigste Stellung des
ganzen Krieges. Die Deutschen kommen nur ganz ganz langsam vorwrts, mit
entsetzlichen Verlusten; aber es geht! Der Leichengeruch auf viele
Kilometer im Umkreis ist das Entsetzlichste. Ich kann ihn weniger
vertragen als tote Menschen und Pferde sehen. Diese Artilleriekmpfe
haben etwas unsagbar Imposantes und Mystisches. Ich bin krperlich sehr
wohl, der Rotwein hlt meinen Magen zusammen. Rheumatismus kenne ich
nicht mehr.

                                                              -- -- --
                                                                -- Fz.


                                                         10. Sept. 14.

_p. L._ Eben las ich an diesem stillen Tage _L'histoire des Girondins
(Lamartine)_, das ich hier vorfand, als pltzlich Alarm zum Aufbruch
kam; schneller Abschied von unserem Zimmerchen! Richtung unbestimmt.


                                                       11. Sept. Frh.

   L. M.

gestern schlo ich meine Karte mit der Nachricht von pltzlichem Alarm.
Der bedeutete offenbar den _Schlu des 1. Kapitels_ meines Feldzuges.
Smtliche Truppen sind aus dem verdammten Vogesenwinkel _Laveline-La
croix_ (_Col du Bonhomme_) im Laufe von 4 Stunden verschwunden. Ihr
knnt Euch das Bild auf den Heeresstraen (Richtung _Saales_)
ausmalen!!! Ich wurde zu Meldungen an die Division abgesandt und ritt
dann bis 1 Uhr Nacht im Lande umher, ohne meine Truppe wiederzufinden.
Es war wunderschn! Klare Mondnacht! So schlief ich in _Colroy_ in einem
Stall (Heuboden) auf Heu und versorgte mein mdes Pferd. Beim Aufwachen
glaubte ich auf der Staffelalm zu sein, da ich vom Gerusch von
Kuhmelken und Kuhbrllen aufwachte, bis ich entdeckte, da ich im
europischen Krieg in Frankreich sei! Jetzt reite ich wieder los, meine
Truppe zu finden. Sie kann kaum weit von _Colroy_ sein. Schickt jetzt
natrlich nichts, bei diesen Truppenbewegungen kann kaum was ankommen.


                                         Grube, Samstag, 12. Sept. 14.

   L....,

Freitag Mittag hab ich glcklich meine Truppe wieder gefunden; das
Heeresgewirr, durch das ich mich durchgearbeitet habe, httet Ihr sehen
sollen. Das kann man nur erleben, aber nicht sich vorstellen. Und jetzt
sind wir schon wieder in Deutschland! (wenigstens die Kolonnen). Wir
zogen von _Lubine_ ber den berhmten Vogesenpa, den Napoleon von _St.
Di_ nach _Urbais_ 1854 anlegen lie (nicht unhnlich dem Kesselberg),
ein prachtvoller bergang. Auf der Grenze trafen wir die Zerstrungs-
und Verteidigungsreste erbitterter Grenzgefechte vom Anfang des Krieges.
Wir gingen ber _Urbais_ hinaus bis Grube zurck; hier machte ich den
Quartiermeister (da man fast nur franzsisch sprechend von den Elsssern
was erreichen kann (!!). Ich habe dabei fr mich nicht schlecht gesorgt,
ein reizendes Zimmerchen, famoses Bett, durchgeschlafen von 8 h bis 6 h,
Waschgelegenheit, Frhstckskaffee, usw. Man wird ganz kindisch im Genu
solcher -- Selbstverstndlichkeiten -- _d'autrefois_. Ob wir nun nach
Schlettstadt-_Belfort_ kommen, oder allmhlich wieder ber den Pa nach
Frankreich vorgehen, ist bis jetzt nicht zu ermitteln. Ich wollt, wir
blieben einmal ein paar Tage hier. Ich bin gestern 18 Stunden geritten!
Wie geht es wohl Dir, liebe Maman und Dir, Maria und den Tieren und dem
Garten? Spielst Du viel auf dem Flgel? Was machen unsre pfelchen?


                               Grube (bei Schlettstadt), 12. IX. 1914.

   L.... M....,

heute versuche ich mal, ein Briefchen zu schreiben;

-- -- -- -- --

Ich denke so viel ber diesen Krieg nach und komme zu keinem Resultat;
wahrscheinlich, weil die Ereignisse mir den Horizont versperren. Man
kommt nicht ber die Aktion hinweg, um den Geist der Dinge zu sehen.
Jedenfalls aber macht der Krieg aus mir keinen Naturalisten, -- im
Gegenteil: ich fhle den Geist, der hinter den Schlachten, hinter jeder
Kugel schwebt so stark, da das Realistische, Materielle ganz
verschwindet. Schlachten, Verwundungen, Bewegungen wirken alle so
mystisch, unwirklich, als ob sie etwas ganz anderes bedeuteten, als ihre
Namen sagen; nur ist alles noch von einer grauenvollen Stummheit,
chiffriert, -- oder meine Ohren sind taub, bertubt vom Lrm, um die
wahre Sprache dieser Dinge heut schon heraus zu hren. Es ist
unglaublich, da es Zeiten gab, in denen man den Krieg darstellte, durch
Malen von Lagerfeuern, brennenden Drfern, jagenden Reitern, strzenden
Pferden und Patrouillenreitern u. dergl. Dieser Gedanke erscheint mir
direkt komisch, selbst wenn ich an Delacroix denke, der's doch noch am
besten gekonnt hat. Uccello ist schon besser, gyptische Friese noch
besser, -- aber wir mssen es doch noch ganz anders machen, ganz anders!
Wann werde ich wohl wieder malen drfen? Ich bin froh, da ich von den
Kriegsfreiwilligen weg bin, -- ich glaube doch hier in unsrer
Landwehrtruppe mehr Aussicht zu haben, frher heimkehren zu drfen als
die frischen Kriegsfreiwilligen. Frhjahr wird's wohl werden! Ich glaube
an kein frheres Datum. Aber vielleicht geht's doch noch eher! Wenn
diese Englnder nur nicht alles verschlampen.

Ich mach jetzt Schlu, lebt wohl, -- -- -- -- --


                                                           22. IX. 14.

L. M., ich hab mich heute so gefreut ber das Lebenszeichen von Dir, die
3 Paketchen. Mit Handschuhen bin ich jetzt gut versorgt, fr Winter die
blauen, fr Herbst und Regen undurchlssige Fustlinge mit langer
Manschette, die mir jemand aus Straburg mitgebracht hat. Die
Kartentasche habe ich an meinen Wachtmeister fr 3 M. verkauft. Stimmt
der Preis ungefhr? Die ich schon habe, ist noch solider, drum behalte
ich die lieber. Aber gar keinen Gru hast Du hineingelegt! Du denkst
wohl, ich habe alle Deine anderen Gre und Briefe erhalten? Nichts, gar
nichts bisher, als die 2 nebenschlichen Karten (E.'s und von Dir) vor
cr. acht Tagen. Aber schn, da die Paketchen gekommen, auch die
Batterie ist mir sehr wichtig. Lampe dazu besitze ich schon. Das Wetter
klrt sich heute Nachmittag auf. Ich hatte mittags einen reizenden Ritt
zu machen; die Vogesen haben etwas Liebliches und Friedliches, man kann
zuweilen gar nicht an den Ernst dieses grauenvollen Krieges glauben, --
bis man es wieder mit eigenen Augen sieht!! Wenn Du mir von nun an was
schickst, schicke nichts mehr von dem, was ich Dir angegeben
(Tintenstift, Meldekarten etc. -- ich werde solche Dinge selbst besorgen
knnen), sondern was Dich freut, auch einmal ein paar anstndige
Zigarren, -- man raucht hier furchtbares Zeug; Zigaretten schick nicht,
ich rauche am liebsten die franzsischen, die ich hier bekomme. Aber
sonst sind wir fr alles _uerst empfnglich_.

Bekme ich doch bald ein Brieflein von Mama und Dir!


                                          Aus Straburg, 24. Sept. 14.

Liebe Maria, ich bin hier seelenvergngt in Straburg, die Nacht
gefahren von _Saales_ aus; ich hab mir einen Kanonier mitgenommen zum
Tragen der Besorgungen. Frh 6 Uhr kamen wir an, frhstckten und gingen
dann zum Mnster und bummelten durch die reizende Stadt. Ich kam mir so
merkwrdig vor, es war wieder alles wie im Traum. Jetzt sitz ich in
einem Lwenbru-Ausschank und esse mich an groen Butterbroden und
Kse satt. Alles ist so friedlich, als wenn ich im Roten Hahn in
Mnchen se -- und drauen diese entsetzlichen Kmpfe! Ich kann mir
kaum vorstellen, da es wieder Zeiten geben wird, in denen man ohne
Revolver ausgeht und die nchsten Hhen nicht mehr nach feindlichen
Batterien oder Fantassins absuchen mu, ehe man seine Kolonne in Deckung
fhrt. Der gegenberstehende Feind ist uns einfach eine
Selbstverstndlichkeit geworden!

Straburg finde ich reizend, man fhlt sich ganz in einer uralten Stadt;
im Mnster machten die wunderbaren Glasfenster den strksten Eindruck;
Kandinsky reicht sehr nahe an diese Kunst heran, steht ihr sogar
merkwrdig nahe; ich war ganz betroffen. Ich kann Dir gar nicht sagen,
wie ich mich aufs Malen freue.

Sei du und Maman herzlich umarmt von

                                                             Eurem Fz.

Streichle Russi und die Rehe von mir.


                                               _Lubine_, 30. Sept. 14.

   Liebe Maria,

heut sitz ich, matt wie eine Fliege, in der schnen Herbstsonne vor der
Thre (nur leider nicht meines Hauses und nicht neben Euch!!). Meine
Darmgeschichte ist recht bel. Durch eine Hungerkur von 48 Stunden (nur
drei weiche Eier und paar Lffel Haferflocken) hab ich mich glaube ich
etwas gebessert, aber man wird schwach wie ein Kind davon. Der Arzt ist
gestern nicht mehr gekommen; ich erwarte ihn jetzt. Sobald man sich
nicht ganz wohl fhlt, erscheint einem der Krieg doppelt furchtbar und
elend. Gestern traf hier bayrischer Landsturm ein, Mnner mit grauen
Brten; nachts muten sie schon Schtzengrben graben, heut seh ich sie
den Berg bei _Lubine_ ersteigen, auf dem sich bewaffnete Zivilisten
gezeigt haben! Diese alten Leute kmpfen zu sehen, ist schon traurig.
Wieviel gesunde Mnner mgt Ihr wohl noch in Deutschland haben! Wir
halten uns hier nur mit Mhe; wir sind zur reinen Grenzschutztruppe
umgewandelt; ob wir uns dauernd auf franzsischem Boden werden halten
knnen, erscheint mir sehr zweifelhaft. Unsre meisten Pferde sind
ungefhr im selben Zustand wie ich heute, matt und arbeitsuntchtig.
Heute habe ich auch keine andere Sehnsucht als Du, Maria; neben Dir in
meiner Loggia in der Herbstsonne sitzen, die roten Bltter vom wilden
Wein sehen und saftiges Obst essen, Badewanne und ein reines Bett. Man
ist hier natrlich berall von den miserabelsten Gerchen umgeben und
kommt im Dreck halb um; das alles empfindet man dreifach, wenn man
tagsber zu Hause bleibt und sich krank fhlt.

Ich wollte eigentlich keinen Klagebrief schreiben, aber ich glaube, ich
bin zu mde, um was Vernnftigeres zu berichten. Sorgen braucht Ihr Euch
deswegen gar nicht um mich. Die Magengeschichte ist gar nicht
kompliziert, ich hab kein Kopfweh, es geht kein Blut ab; ich hab auch
keine Krmpfe, vielleicht ein bichen Fieber, da ich bestndig Durst
habe und ihn natrlich mit nichts lschen darf. -- Also _Saales_ brennt
an allen Ecken! Die Post holen wir jetzt in _Bowy-Bruche_. Alles mu
nachts gemacht werden oder auf riesigen Umwegen, um unsre Stellungen
nicht zu verraten und der Beschieung durch franzsische Fuartillerie
zu entgehen.

Wo die kronprinzliche Armee steht, ist uns ganz schleierhaft. Es heit
immer, sie drcke auf _St. Di_ und _pinal_ herunter, um den uns hier
bedrngenden franzsischen Korps den Rckzug abzuschneiden, aber aus
alledem scheint nichts zu werden, ebensowenig als aus der raschen
Entscheidung vor Paris. Wie lange mag das noch dauern! -- Meine Lektre
sind hier alte franzsische Journale (Juli 14, ohne die leiseste
Vorahnung des Krieges; -- es ist tragisch, an das ahnungslose schne
Paris von damals zu denken und jetzt nach zwei Monaten!) dann fand ich
Teile von Eugnie Grandet von Balzac, das ich wieder mit Vergngen lese.
--

So verlebt, vertrumt man seinen Herbst, fern von _dem_ Herbst, den man
sich vorgestellt und der uns eigentlich gehrt. Wie schn mu mein
Herbst in Ried sein! Ich freu mich heut schon auf das nchste Jahr! Ich
verzweifle schon Weihnachten heimzukommen, ich glaub es nicht.

Ist die Hanni wieder ausgerissen?

-- -- --

Meine nchsten Nachrichten werden wieder heiterer werden, auch wohl
interessanter, sobald ich wieder gesund bin.


                                                           2. Okt. 14.

L. M., man hat mich heute dem Garnisonslazarett berwiesen, wo ich in
sorgfltige Behandlung kommen soll. Meine neue Adresse ist also nicht
mehr Jgerkaserne, sondern _Schlettstadt, Garnisonslazarett, Zimmer 9_.
Es war ganz nett, da ich gestern in dem originellen Stdtchen (noch
viel mehr die Stadt Perle als Insterburg) noch herumbummelte; aber ich
fhlte mich nachts wieder so schlecht, da ich mich heute einfach
selbstndig ins Garnisonslazarett begab und mich dem Oberstabsarzt
vorstellte. Denn in der Jgerkaserne kmmerte sich kaum jemand um mich,
ich htte mich dort unbekmmert erholen knnen, aber ohne rechte
Aufsicht und Krankenkost. Hier bin ich in einem richtigen Krankenhaus
unter bestndiger Aufsicht. Wollen sehen, wie lange es dauert. Um wieder
hinauszugehen, mu ich mich _ganz_ gesund fhlen, sonst thu ich es
nicht. Seid nun jedenfalls ganz beruhigt ber meine Pflege und
Wohlergehen; es wird schon auch bald wieder besser gehen. Der schne
Herbsttag! Morgens war Nebel, dann glnzte auf einmal der Herbsttag auf.
Essen meine Rehkinder auch Kastanien? Hier liegen alle Wege voll. In den
Frostnchten springen sie auf und fallen ab.


                                                      4. Okt. Sonntag.

Eben besucht mich der Radfahrer meiner Kolonne, bringt ein Paketchen
Zigarren und Schokolade von K. und eine Karte von Tante J. und meldet,
da _unsre Kolonne heute hier verladen wird, nach dem Norden_!!!
(nheres Ziel unbekannt.) Ich war ganz baff. Nun jedenfalls Ade Vogesen,
was wir dort erlebt haben, vergit keiner, aber froh ist glaub ich
jeder, da er von da wegkommt; man freut sich immer auf das Neue! Nun
sind es gerade 5 Wochen, seit dem Abmarsch in Mnchen! Die Reise wird
lustig, bis ich meine Truppe wieder finde. Das ist nmlich nicht so
einfach, als sich der Laie das vorstellt. Ich fhle mich heute im Magen
um vieles besser; ich glaube, die Krise ist berwunden und ich habe kein
chronisches Leiden zu befrchten, ein Gedanke, der mir grlich wre.

Die Pulswrmer von Mutter sind leider bis jetzt nicht angekommen.

Also jedenfalls ist des groen Krieges erster Teil fr mich abgelaufen
und ein neues Kapitel wird nach meiner Entlassung aus dem Lazarett
beginnen.


                                                           8. Okt. 14.

L...., mein Erholungsurlaub bleibt Schlettstadt, was mir auch ganz recht
ist. Ich bummle den ganzen Tag in diesem unglaublichen Stdtchen; ich
fhle mich unendlich wohl und sinne ber vieles nach, was jetzt
allmhlich aus mir herauskommt. Ich glaube, meine Gedanken werden, auch
wenn ich wieder drauen bin, nicht mehr abreien; ich werde hinter der
Front arbeiten; das bichen Schreiben und die Ruhe haben mir gut
gethan; was ich jetzt schreibe, wird sehr ernsthaft und von grerem
Stil; vielleicht komme ich statt mit dem eisernen Kreuz mit einem
Manuskript nach Hause. Im Kopfe werde ich es jedenfalls haben. Das
Wetter ist himmlisch schn.


                                               11. X. 14 Schlettstadt.

Meine Liebste, heut ist wieder Sonntag, -- sechs Wochen bin ich nun
schon fort! Wie wird es in noch einmal sechs Wochen aussehen? Mir geht
es hier glnzend. Nun hab ich auch noch ein prima Restaurant entdeckt,
_bouc-aigle_, Bock-Adler, in dem man so gut und raffiniert it, wie in
Paris oder Brssel; ich gehe zuweilen des Abends hin, zu einem kleinen
Nachessen, mit Rotwein. Es ist nicht teuer, aber ein bichen Geld
kostet es natrlich immer. Das schadet aber nichts! Ebenso wirkt eine
glnzende Konditorei fr mein Wohlergehen! Ich sehe uns zwei schon immer
hier einmal sitzen! Ich hab das Stdtchen so lieb gewonnen, da ich
sicher spter einmal herkomme, auf einer Reise Kolmar, Schlettstadt,
Vogesenausflug, -- Straburg etc. -- Paris? Vielleicht finde ich Zeit,
in Straburg jetzt nochmal heimlich Station zu machen und die Galerie zu
sehen; ich hab hier diese wunderbaren Karten entdeckt.[1] Ist die
verhaltene, herbe Morgen- und Auferstehungsstimmung nicht kstlich? Ich
bin ganz bezaubert davon. Das Pathetische des Vorganges ist (im
Gegensatz zu Grnewald, dessen berhmte Auferstehung ich nie ganz liebe,
sie hat einen sentimentalen und auch rationalistischen Zug) keusch
verhalten; man liest das groe Ereignis zwischen den Zeilen. _Das
Ungesagte wird im Beschauer zum Wort._ Mantegna und Bellini haben es ja
noch vollkommener erreicht, als dieser Mazzola. Erinnerst Du Dich in
London? Noch fabelhafter ist aber der Straburger Meister, -- ist es
nicht herrlich? So empfinde ich manches von Bach, genau so wie das
gemalt, -- gebaut ist.

[Funote 1: Filippo Mazzola, Auferstehung -- und Straburger Meister, d.
Hl. Konrad von Konstanz.]


                                                          11. Okt. 14.

-- Eben kommt der Stabsarzt und sagt, da er jetzt einen Ersatz bekommt
fr mich und ich, wenn ich den eingearbeitet habe, abreisen knnte. Ich
will noch hoffen, da mich Euer Paketchen erreicht und auch M., dem ich
sofort telegraphiere. Ich denke, ich werde am Mittwoch mein Bndel
schnren; einen Vorwand zu lngerer Faulenzerei hab ich jetzt nimmer,
leider! Aber ich gehe auch wieder gern weg; es ist drauen doch
tausendmal schner.

Also von nun an wieder Truppenadresse.


                                              Schlettstadt, 13. X. 14.

   Liebste,

siehst Du eigentlich auch fleiig nach dem Kriegskometen? Ich entdeckte
ihn zum erstenmal, als ich nach Straburg (von _Lubine_) reiste und war
ganz aufgeregt, da ich nicht begreifen konnte, da keine Zeitung ihn
erwhnte. Keiner wute auch was davon, aber jeder, dem _ich_ ihn zeigte,
mute zugeben, da es ein Komet sein msse. Letzthin las ich nun doch
zufllig in einer Zeitung darber. Er scheint mir grer und klarer, als
der Halleysche Komet von damals. Er steht stets in groer Nhe des
Groen Bren, in den Abendstunden. Guck mal nach ihm und denk an mich!

-- -- -- -- --

Den Artikel III werde ich ganz neu schreiben, er ist nicht gut, das fhl
ich selber. Ich werde das Professoren-Thema berhren, aber in ganz
anderer Form und den ganzen Gedankengang erweitern. Fern liegt mir die
Sache nicht, wie Du meinst; gerade ber die exakten Wissenschaften
denke ich jetzt viel nach und brauche sie unbedingt in allen meinen
neuen Gedankengngen, die ich jetzt gehe, resp. grabe wie ein Maulwurf.

Ihr tut mir wirklich aufrichtig leid, Ihr in der Heimat: denn da scheint
man komplett zu spinnen; die Zeitungsausschnitte muteten mich wie
schlechte Faschingsscherze an. Traurig, traurig. Was wird es fr einen
mhevollen Kampf dagegen geben. Wie wenig Freunde werden mir zur Seite
stehen. Heute sah ich zufllig einen Atlas an, suchte mein Kochel und
fand sogar _Ried_ darauf! Mein Herz klopfte! Dann fand ich Sindelsdorf
-- Aidling, Riegsee -- Murnau: ich erschrak, wie fern das klang!!
Zeiten, in denen man friedlich zu einem Geistesgenossen wie Kandinsky
ber die Hgel pilgerte! und heute. Diese Gedanken sind fr mich heute
eigentlich das Schmerzlichste. Wenn ich auch oft unzufrieden war mit
Kandinsky und nicht alles so war wie wir wollten, -- heute bedeutet das
fr mich nichts gegenber dem unersetzlichen Verlust. Denn ich frchte,
er wird fr mich verloren sein. Er wird in Ruland bleiben und dort
predigen; oder in der Schweiz, -- ich selbst bin aber mehr Deutscher
geworden als je. Wer bleibt noch? Wolfskehl ist ein Trostblick, aber
_kein Maler_! August?? Du weit, ich glaub nicht mehr daran, so lieb ich
ihn habe. Das sind _meine_ Sorgen!

Deiner Mama Brief hat mich riesig interessiert. Wie unglaublich, Hertha
von der Flucht abzuhalten! Nun alles gut vorbei ist, ist's ja gut, aber
es luft einem doch kalt ber den Rcken, wenn man dran denkt! Der arme
Onkel H.! Er hatte sich doch auf seinen Lebensabend gefreut! Nun sollst
Du Dich, liebe Mutter, recht recht ausruhen und krftigen nach all dem
Schrecklichen, -- es kommen auch wieder bessere und frhlichere Zeiten.
Bleib nur jetzt recht lang in Ried.

Seid beide herzlichst gegrt ....


                                              Schlettstadt, 15. X. 14.

L...., beiliegend No. III. Mein Name kann am Anfang, unter dem Titel
stehen. ndere an Kleinigkeiten, so viel Du willst, aber das Ganze
mchte ich doch gebracht wissen, auch wenn es in seinem (wahrlich
milden) Angriff gegen die Professoren Widerspruch erregt. Die Sache ist
symptomatisch doch ein ernster Fall und ich kann sie nicht gut heien.
Du wirst Dich wohl wundern, da ich heute so ber die Wissenschaft
denke, im Gegensatz zu frher. Ich fand den Ausgleich nicht zwischen
moderner Wissenschaft und der Kunst, die ich im Kopf hatte. Er _mu_
aber gefunden werden und nicht _au dtriment des sciences_, sondern in
voller Verehrung vor der europischen exakten Wissenschaft, -- sie ist
das Fundament unsres Europertums; wenn wir wirklich eine eigene Kunst
haben werden, wird sie nicht in Feindschaft mit der Wissenschaft leben.

Schicke Exemplar der Vossischen an Khler (mit ein paar Worten, da
ich es im Lazarett geschrieben etc.), dann an Kubin; ich bekam heute
einen sehr netten Brief von ihm. Vielleicht besucht er Dich einmal; er
mchte gern, hat nur sehr wenig Geld zum Reisen. Kandinsky und Jawlensky
sind in der Schweiz, Klee scheinbar auch nach Kubins Brief. Schreib mir
mal Kand. Adresse, wenn Du sie erhalten kannst, vielleicht durch Klee.
Schick eine Nummer an Niestl, er schrieb mir auch heute.

Morgen geht's wieder los! Ich freu mich recht, wieder viel zu sehen und
zu erleben. Ich htte wohl einen Tag nach Kolmar fahren knnen, wollte
aber nicht weil ich mir es fr meine Vogesenreise mit Dir aufsparen
will, -- ist es nicht lieb von mir? So hab ich doch etwas, was ich nicht
kenne, den Clou der Reise, noch vor mir. Aber in Straburg, wo ich
Station mache, um ber die Richtung meiner Truppe etwas zu erfahren (sie
soll bei Metz stehen, hrte ich heute) will ich in die Galerie gehen und
Memling und Klner sehen! Ich hab das Elsa, von dem ich jetzt scheide,
sehr lieb gewonnen; der franzsische Einschlag macht es so traulich und
grazis, auch melancholisch. Der Dialekt ist sehr komisch, aber nicht
unsympathisch. Furchtbar ist mir der Dialekt der Wrttemberger und
Schwaben, -- ich kann ihn so wenig ohne Nervositt hren wie das
Schsische, whrend ich erst jetzt ein Ohr fr die Originalitt des
Klnischen bekommen habe, das ich sehr gern hre. Der Krieg ist nmlich
die reine Schule fr Dialekt hren. Das Bayrische wirkt auch anders als
daheim, auf mich viel besser, es hat etwas wrdiges, bedchtiges und
ungeheuer _sicheres_; wenn man einen Bayer zwischen all diesen Mundarten
hrt, imponiert er; es liegt etwas in sich Ruhendes darin. Etwas dumm
wirken Hannveraner auf mich, whrend famos Ostpreuen; ich hatte
lngere Zeit einen Ostpreuen als Putzer. -- -- -- -- -- -- --

Ich warte hier _jedenfalls_ Dein Paket ab. Im Notfall reise ich erst
Freitag mittag; es wird aber wohl schon vorher kommen. -- Heut sa ich
genau so friedlich, nur leider ohne Dich auf einer Bank im
Stadtgrtchen, wie damals mit Dir auf der Bank unter unserm Apfelbaum,
ehe ich fortzog, in hnlicher Abschiedsstimmung wie damals. Die Tage
hier waren wirklich so nett, da es fr mich ein wirklicher Abschied von
hier wird. Und wie kam ich hier an! Als ich aus der Bahn stieg und 100
Schritt gegangen war, setzte ich mich erschpft auf eine Bank; ich mu
doch recht elend ausgeschaut haben; zweimal kamen Leute und frugen, ob
sie mir etwas bringen knnten, Limonade oder dergl! Limonade und mein
Magen! Um die Leute nicht weiter zu beunruhigen, schlich ich damals
weiter in die Jgerkaserne. Abends war es mir ja dann besser und ich
bummelte durch das Stdtchen. Aber den Gang vom Bahnhof in die Kaserne
werde ich nie vergessen. hnlich schlecht war es mir, als ich mich
andern Tages ins Garnisonslazarett schleppte. Nachher amsiert man sich
ber solche Erinnerungen, die mir eigentlich erst heute wieder kommen,
wo ich weggehe.


                                                     17. X. (Sonntag).

L...., bin heute bis _Gorze_ gekommen, wo ich mir bei Kameraden ein
Strohlager gesucht und gut geschlafen habe. Es herbstelt schwer, nasse
Nebel. _Gorze_ ein netter, groer Markt, kurz an der Grenze. Ich suche
heute eine Fahrgelegenheit (Sanittsauto, od. dergl.), Richtung
_Chamblay_. Professor O. habe ich einen Kartengru und Glckwunsch
geschrieben. -- Ich mu immer an August denken! Ich kann mir gar nicht
vorstellen, da ihn sein Glcksstern verlt.


                                             _Buxires_ 19. X. Montag.

Heute frh fuhr ich mit Offizieren in einem Auto nach _St.
Bnoit-Vigneulles_, von da aus mit Fouragewgen sdlich bis _Buxires_,
wo unser Div. Stab ist. Nun kann meine Truppe auch nicht mehr weit sein.
Unsre ganze Stellung liegt zwischen Toul und Verdun, vor St. Mihiel, wo
der Durchbruch und darauffolgende Einschlieung von Verdun erfolgen
soll.

In Eile!


                                             _Gorze_, 17. 10. Sonntag.

Ich bleibe heute hier, werde morgen per Auto nach _St. Bnoit_, wo das
Generalkommando ist, gebracht. Dort soll ich dann weiter Gelegenheit
bekommen, meine Truppe wiederzufinden. Sie scheint nicht mehr ganz in
dieser Gegend zu sein. Denn niemand wei recht, wo sie steckt. Ich bin
froh um diesen Tag hier. Es ist ein so entzckendes friedliches Dorf
zwischen zwei hohen Hgeln, die ganz berzogen sind mit Gemse- und
Obstgrten, jeder Garten durch eine kleine alte Mauer vom anderen
getrennt; man kann stundenlang dazwischen umherwandern. Alles ganz
herbstlich, die Wlder rot. Ich mu an unser Rieder Grtchen denken,
pflanz ja in diesem Herbst und Winter ein paar Bume und ordentlich
Bsche am Zaun, Johannisbeeren etc. und Haselnu.

Meine Gedanken bedrngen mich jetzt oft, bis zum Kopfweh. Ich denke, es
ist ganz gut, wenn ich wieder mal auf ein Pferd komme. Ich freu mich
jedenfalls darauf. -- Oberhalb der Grten fand ich ein kleines
Kapellchen und einige Grabsttten darum. Da liegen Soldaten aus der
Schlacht bei _Gorze_ 16. August 1870, es wirkte ganz wehmtig. -- Hier
in _Gorze_ liegen _frische_ Infanterietruppen, seit acht Tagen ganz
unthtig, -- ein Zeichen, da man sie vorn noch gar nicht braucht! Sie
sehnen sich hinaus und drfen nicht! Beruhigend ist diese Tatsache
unbedingt, die deutsche Sache steht gut!


                                               _Hagville_, 20. X. 14.

Liebe M., heute frh bin ich endlich wieder bei meiner Truppe angelangt!
Sie liegt seit 14 Tagen vllig unthtig hier; man hat fr unsre
Feld-Art. jetzt, wie es scheint, keine Verwendung; cr. 150 Batterien
sind auer Gefecht! Mir scheint, unsre nchste Bestimmung wird sein,
irgendwo (ev. Belgien) Besatzungstruppe zu werden. Unser Pferdematerial
ist in trostlosem Zustand, viele von der Mannschaft auch krank; diese
tollen anstrengenden ersten Wochen in den Vogesen rchen sich jetzt.
Jedenfalls kannst Du beruhigt sein: wir sind jetzt weder irgend welchen
Gefahren, noch besonderen Strapazen ausgesetzt. Ich bin froh darber, --
so stark und gefestigt fhle ich mich doch noch nicht; man scheint es
mir auch anzusehen. Der Leutnant sagt, ich soll mich nur in jeder Weise
schonen; er freute sich, da ich wiedergekommen bin; er ist brigens
auch krank, an derselben Sache. Ich werde mich jedenfalls mit Essen und
Trinken uerst zusammennehmen und mich genau beobachten. Das Dorf ist
blutarm, alles in erschreckendem Schmutz. Ich habe mein Gepck etwas
revidiert: ich bin mit Socken, Hemden etc. sehr gut versorgt; nur Knie-
und Ellenbogenwrmer fehlen. Ich fand nur einen. Um solche wre ich
jedenfalls sehr dankbar. Desgl. Schokolade, _gute leichte_ Zigarren (die
Du schicktest, waren fein, nur zerbrechlich im Format) und wenn mglich
etwas von _Deinen_ Likren. -- Man redet jetzt viel vom nahen Ende des
franzsischen Krieges, Bndnis mit Frankreich und dergl. Ich glaube, es
ist etwas daran. Verdun schiet seit drei Tagen nicht mehr, alles steht
in einem ungewissen Warten, das doch seinen Grund haben mu. Wenn es so
ist, dann ist doch denkbar, da unsre Landwehrdivision einmal nach Hause
geschickt wird! Es ist wenigstens schn, solche Hoffnungen zu nhren!


                                               _Hagville_, 23. X. 14.

   Ach Liebste,

Augusts Tod ist mir so furchtbar, wie ich es innerlich verwinden und
mich uerlich dazu stellen soll, -- letzteres ganz wrtlich: die nackte
Thatsache will einfach nicht in meinen Kopf. Ich zitterte die letzten
Tage wirklich in Angst um ihn, ich schrieb auch Lisbeth kurz. Ich fhlte
in diesen Tagen, da meine Nerven angegriffen sind, -- und heute, wo ich
von Dir die bestimmte Nachricht habe, ist mein Bewutsein ganz dumpf und
stumpf. Ich will wenigstens in ein paar Worten Lisbeth schreiben; zu
einem Nachruf bin ich, glaub ich, in diesen Tagen nicht imstande; in
einiger Zeit mache ich es sicher. Ich fhle tief, wie ich an August
hing; meine knstlerischen Bedenken sind ja dabei ganz belanglos;
Tagesstimmungen; der Mensch war doch tausendmal mehr und war zu _allem_
reif, zu _jedem_ Gedanken, mit denen ich nun allein ringen werde!
Wahrscheinlich _ganz_ allein. Gewi hast Du mit *** recht. Die Not des
Alleinseins machte mich so optimistisch und die wirkliche
_Erstlingsthat_, die sein Gedanken- und Bilderwerk nun einmal ist.
Sicher ist mir auch, da wir ihn menschlich und auf gut deutsch
miverstehen. Er ist uns im hchsten Grade fremdrassig, nur
westeuropisch maskiert. Mit einem gleichbedeutenden Chinesengeist
wrden wir uns auch nie verstehen. Vielleicht war es nur einem so
fernen Geiste mglich, die kranke europische Kunst so zu
_durchschauen_. Du schreibst ja auch ganz richtig ber *** und ihn --
Slaven; aber bei *** darf man seine That nie vergessen.

-- -- -- -- -- --

Gre und streichle die Rehkinder

                                                           -- -- -- --
                                                               -- Frz.


                                                    Sonntag 25. X. 14.

Liebste, 8 Wochen! Das wunderschne milde Herbstwetter dauert immer
fort; wir leben unser friedliches Dorfleben; bis auf die fast tglichen
Fliegerkmpfe ber uns merken wir jetzt nicht viel vom Krieg. Das
Beschieen der Flieger mit unseren Steilfeuergeschtzen ist sehr
interessant und aufregend; einen regelrechten Kampf von Flugzeug gegen
Flugzeug hab ich noch nicht erlebt. Die Deutschen drcken den
feindlichen Flieger noch von seiner Bahn ab und suchen ihn in die
Batteriebereiche zu drngen.

Einiges von Eurer Post, auch ein paar Briefe scheinen wohl bestimmt
verloren zu sein, und zwar beim Brand von _Saales_, bei dem 8 groe
Postscke nicht mehr gerettet werden konnten. Ich schrieb Euch damals,
da franzsische schwere Geschtze _Saales_ pltzlich in Brand
geschossen haben. Das Gleiche passierte am 21. X. hier in _Buxires_, wo
der Div. Stab war und die Post. Es sollen 2-3 Scke verbrannt sein. Das
sind halt unvermeidliche Dinge im Krieg und man mu sich damit abfinden.
Sonst kann ich speziell sehr zufrieden sein, im Gegensatz zu manchen
Kameraden. Durch die Bezeichnung 1. und 4. F. A. R. soll manches in die
aktiven Regimenter sich verlieren, darum lassen wir diese Bezeichnung
jetzt ganz weg. Offizier- und Mannschaftspost wird vollkommen gleich
behandelt. --

Ich fhle mich gleichmig wohl, gleichmig traurig. Ich verwinde
Augusts Tod nicht. Wie viel ist uns allen verloren; es ist wie ein Mord;
ich komme gar nicht zu dem mir sonst ganz gelufigen Soldatenbegriff des
Todes vor dem Feind und fr die Gesamtheit. Ich leide schrecklich
darunter.


                                                  _H...._, 30. 10. 14.

L. M., Seit 3 Tagen stockt die Post fr meinen Teil wenigstens ganz; ich
bin immer unruhig ber Augusts Schicksal was zu hren; wenn es
Nachrichten ber ihn gibt, wiederhole sie bitte des fteren in Deinen
Briefen und Karten, wenn etwas verloren geht, erfahre ich es dann beim
nchsten Schreiben. Ich sandte Dir einen kleinen Nekrolog, in der guten
Hoffnung, da er umsonst geschrieben sein mge. Hier gibts nichts Neues;
wir essen und leben gut. Was mir abgeht, ist vor allem etwas von
Dir Gebackenes zum Thee und Kaffee; ev. einmal, wenn das
Regimentspaketkfferchen kommt, etwas Eingemachtes in Blechbchsen. Es
geht mir famos.


                                              _Hagville_, 1. Nov. 14.

Liebe Maman, heut an Allerheiligen im Felde schicke ich Dir einen
kleinen Gru aus meinem Grtchen, in dem ich jetzt viel sitze und
nachdenke und schreibe. Es ist jetzt der richtige Nachherbst, der
Altweibersommer, wie wir ihn in Bayern nennen, gekommen, Tage von
einer melancholischen Stille und unsagbarer Milde, nur vom ewigen
Kanonendonner im Westen und Sden (Toul-Verdun) durchrollt. Auch in der
Nacht zittern die Fenster oft unaufhrlich. Es sind jetzt die schweren
Geschtze vor Verdun und Toul, die wir am dumpfen Rollen kennen. Heute
war der erste Feldgottesdienst, den wir im Felde erlebten, drauen auf
der freien Wiese, bei den Geschtzen, da die Kirche als Vorratshaus
eingerichtet ist. Ich gehe fters auf den kleinen Friedhof, der dem
Pippinger sehr hnlich ist. Es ist so merkwrdig und rhrend, all die
fremden franzsischen Namen zu lesen, noch aus der 1. Napoleonszeit und
frher mit alten Grabsteinen. Ich dachte heut so lebhaft an Papas
kleines Grab, dessen einfache Platte auch an diese Grber erinnert, und
hab ihm in Gedanken einen kleinen Strau darauf gelegt. Unser Leben hier
ist unverndert; ich reite jetzt wieder jeden Tag 1-2 Stunden mein Pferd
(einen krftigen Fuchsen, dem die Ruhe jetzt sehr wohlthut); sonst
schreibe und lese ich und gehe stundenlang mit meinen Gedanken im Garten
auf und ab. Dazwischen kommen Tage mit Wachdienst, Requirierungen;
letzthin hatte ich Straenbau zu beaufsichtigen usf. Aber viel Dienst
ist nicht. Ich fhl mich jetzt wieder so krftig wie frher, nur darf
ich kein Bier trinken und mu berhaupt vorsichtig mit Essen und Trinken
sein. Mein Darm (oder ist es der Magen, ich wei es nicht) ist
merkwrdig empfindlich geworden; aber ich kann mich hier gut halten; --
-- -- -- -- Nimm mit diesem kleinen Allerseelengru einen lieben Ku von
D. Frz.


                                              _Hagville_, 11. XI. 14.

Liebe Maman, jetzt wird's allmhlich wirklicher Herbst, auch bei uns,
kalt und frstelnd. Beschmt sitzen wir in unserem gemtlichen Quartier,
wenn wir an unsere Kameraden in der Front denken, in den Geschtzstnden
und Schtzengrben. Das einzig Trostvolle auch fr jene, ist, da sie
die Siegenden sind; denn wenn es auch langsam geht, so schliet sich der
Ring um das feindliche Heer immer enger und drckender; man strmt
wenigstens hier und in den Vogesen nicht mehr so wahnsinnig vor, wie im
September und August, um das gute Menschenmaterial nach Mglichkeit zu
schonen. Nun tobt dieser frchterliche Krieg auch bald ber ganz Asien,
Persien, China werden unrettbar hineingerissen und ich glaube nicht, da
Amerika sich bis zum Ende dem Kampf entziehen kann. Dieser Weltbrand ist
wohl der grausigste Moment der ganzen Weltgeschichte. Ich denke oft, wie
ich als Bub und Jngling trauerte, keine groe weltgeschichtliche Epoche
zu erleben, -- nun ist sie da und frchterlicher als es sich irgendeiner
trumen konnte. Man wird klein vor der Gre dieser Ereignisse und fgt
sich geduldig in den Platz, der einem vom Schicksal gewiesen wird. Ich
empfinde diesen Krieg schon lange nicht mehr als deutsche Angelegenheit,
sondern als Weltereignis. Gewi hast Du recht, da viele zum Bewutsein
von Gedanken und religisen Gefhlen kommen werden, die sie lange fr
verloren und berwunden glaubten. Mir geht es ebenso. Die ungeheure
seelische Erschtterung lt uns unser ganzes Wissen und unsere
berzeugungen bis zum Grunde prfen. Nur denke ich, da man nicht auf
alte Glaubensformeln und Gewohnheiten zurckgreifen kann, wenn man
wirklich Grund fassen will in diesem Meer von Unruhe und Kriegsgewhl,
sondern da sich neue religise Gedanken bilden werden, ein ganz neues
europisches Reich. Das religise Gefhl bleibt im Menschen immer
dasselbe, aber es uert sich in immer neuen Formen. Die alten Griechen
waren in ihrer Art ebenso religis wie die Inder und Mohammedaner und
Christen, und die neuen Europer des 20. Jahrhunderts werden nicht
weniger religis empfinden, nur eben auf ihre Art. Darber grble ich
viel, wohin, auf welches Ziel und in welche Formen sich der moderne
Mensch verndern und entwickeln wird. So wie Europa gewesen ist, _kann_
es nicht lange bleiben, auf keinen Fall nach diesem ungeheuren Kriege.
So schmerzlich und wehmtig mir die Trennung von meinem Heim und meiner
Arbeit ist, so bin ich doch froh, herauen zu sein. Ich wrde mich zu
Hause bedrckt und krank fhlen. So lebe und erlebe ich alles mit. Ich
werde auch hoffentlich alles gesund berstehen. Hier in H. knnen wir
Krfte sammeln. Wir sind gut verpflegt, Hunger und Durst leidet hier
kein Soldat. -- -- -- -- --


                                              _Hagville_, 16. XI. 14.

   L....,

heut kam Dein Brief vom 9. Es thut mir herzlich leid, da Ihr soviel
Unruhe mit den Hunden habt; ich halte Russi wohl fr ziemlich alt. Wenn
ihr die Notwendigkeit seht, seinem Leben ein krankes Alterssiechtum zu
ersparen, so gebt ihm ruhig das Gnadenmittel. Ich hab auch hier Pferde,
die ich lieb hatte, ruhigen Herzens erschossen, wenn ich sie leiden sah.
Man kann die Tiere beneiden, da man ihrem Leben diesen Abschlu geben
darf. Ich glaube nach den Sindelsdorfer Erfahrungen nicht, da er noch
einen Winter berleben wird. Seine Zhne und sein Magen sind schlecht.
-- Jetzt gibt es keine heie Hndinnen, die Zeit ist -- meines Wissens
wenigstens -- unbedingt zu spt. So glaube ich auch nicht, da Welf
jetzt darunter leidet. Frhjahr und Frhherbst sind die Zeiten. Auch
merkt man es dem Hunde, an schlechten Gewohnheiten, meist an; ich merkte
nie etwas an Welf. Wenn Welf einmal allein ist, -- und mit den Jahren
wird er wohl noch ein sehr guter Hund werden. Bewegung hat er wahrhaftig
genug, vor allem jetzt im Herbst und Winter, wo er im ganzen Garten
laufen kann. So lang Russi lebt, wrde ich Welf nicht zum Spazierengehen
mitnehmen. Die Eifersucht und Wut wird nur noch grer und auch Welf
wird eher, wenn er dann einmal daheimgelassen wird, erst recht nrrisch.
Eher gebe ich Euch den Rat, Russi B.'s in Pflege zu geben, damit die
Rauferei einmal ein Ende hat. Ihr knnt ihn dann bei B.'s, oder wo Ihr
ihn sonst habt, zum Spazierengehen abholen. Dann ist wenigstens Ruhe im
Hause und Garten, und Welf, den wir _brauchen_, wird nicht ganz nrrisch
und verdorben, wie ich es etwas frchte; ich kenne ja die Geschichte zur
Genge und wie machtlos man ist. Welf wird ganz anders sein und sich
ziehen lassen, wenn er allein ist. Wenn man mit ihm zuweilen spielen
darf, hat er _gengend_ Bewegung.

-- -- -- -- --

Wie ich lebe? Die Kolonne hat 3 Zge __ 3 Wagen. Ich bin als Unt.
Off. dem 3. Zugfhrer (Sergeant) zugeteilt, ohne besondere Funktion, da
ich Meldereiter der Kolonne bin. Ich wohne mit ihm, einem sehr netten
Menschen, Stadtgrtner St. (der uns bestimmt nach dem Kriege besuchen
will und Dir Rat in Gartenangelegenheiten geben wird) und noch zwei
anderen Gefreiten in einem Zimmer. Ich allein hab ein anstndiges Bett,
die 3 anderen schlafen auf einem Heulager, das wir ins Zimmer eingebaut
haben. Frh zwischen 5 und 6 stehe ich mit St. auf, das Kaminfeuer wird
angezndet und Kaffee gebraut. Dann sitzen wir meist 1-2 Stunden Pfeifen
rauchend am Kamin, Stunden, die ich sehr gern habe. Natrlich trifft ab
und zu Dienst, soda man gleich frh anspannen und wegreiten mu. Wenn's
hell wird, gehe ich _vis--vis_ ins Quartier vom Wachtmeister, wo ich
eine, den hiesigen Umstnden nach nicht einmal so schlechte
Waschgelegenheit habe. Seife langt noch fr lange, ich hab auch von
K.... bekommen. Soweit ich nicht abkommandiert werde, kann ich meinen
Aufenthalt am Tage zwischen unserm Zimmer und dem Kanzleizimmer teilen,
je nachdem hier oder dort mehr Ruhe ist; abends wird zuweilen tarokt.
Fr meine Sachen hab ich einen ziemlich groen Wandschrank. --

Heute erhielt ich einliegenden Brief von Kandinsky, gestern ein
Schokoladepaket von Mnter. -- -- -- -- --

Mit dem *** bin ich jetzt wenig zusammen, da er stndig mit den
Offizieren der Abteilung it. Ich bin im Grunde sehr froh darber, da
ich mehr allein bin und fr mich arbeiten kann. Ich sehne mich noch
nicht nach Verkleinerung der Zeit, der Hhepunkt ist noch nicht da; nur
jetzt nichts halbes. Wir mssen die Hrten der Zeit tapfer tragen, der
Geist der Stunde ist es wert.


                                               _Hagville_ 18. XI. 14.

   L....,

unser Leben geht still weiter, oft viel Dienst, Ritte nach der oder
jener Etappenstelle, Fuhrdienst in die Front vor, (wo die Artillerie
brigens auch keinen besonders schweren Dienst hat, -- kein Vergleich
mit den Vogesen!).

Das in den amtlichen Berichten angegebene langsame Vorrcken, kleine
Erfolge, Zurckweisung franzsischer Ausflle und Angriffe ist
buchstblich wahr; das schne dabei ist, da die lakonische Ruhe dieser
Berichte der Ruhe und Sicherheit der deutschen Stellungen entspricht;
alles wartet auf die Entscheidung im Norden. Sobald wir dort die Sieger
sind, ist die franzsische Frontstellung nicht mehr haltbar, weil wir
dann von Norden her die Etappenlinien der Franzosen eindrcken knnen.

Es waren jetzt wieder wundervolle Herbsttage, schwerer Frost und ganz
weie Morgen; es ist groartig, bei Sternenlicht losreiten oder fahren
und dann die Sonne kommen sehen, die den weien, glitzernden Reif lst.
In den Drfern dampfen die Misthufen, -- Du kennst ja die Stimmung.
Eine merkwrdige Steigerung derselben liegt fr mich in dem
franzsischen Dorfbild, lauter Monets, Sisley und van Goghs. Das
Aussehen der franzsischen Drfer ist ja auch hier uerst typisch.
Nirgends Ziegelbauten, sondern alles aus einem graugelben Sandstein,
meist nur schlecht getncht. Diese franzsisch-impressionistische
Stimmung ist fr mich wie eine Kindererinnerung; ein wehmtiges Gefhl
beschleicht mich dabei; aber immer, wenn ich mich in solche Szenen
vertiefe, ertappe ich mich dabei, da ich statt dem Kalt und Warm und
der Luftperspektive, Zahlen sehe, rein abstrakte Klnge und schnell ist
der impressionistische, anheimelnde Traum vorbei und die Arbeit beginnt!

Hab ich Dir eigentlich erzhlt, da ich jetzt viel mit Herrn ***, den
ich als Kriegsfreiwilligen in Mnchen unter mir hatte, zusammen bin? Er
ist seit einigen Wochen hier, als Schreiber bei der Abteilung. Er ist
ein sehr feiner, hochgebildeter Mensch, dessen Verkehr mir eine groe
Wohltat ist.

-- -- -- -- --

Oft treffe ich auf meinen Etappenritten mit rheinischen Truppenteilen
zusammen, was mir frher immer eine Freude war, der rheinische Dialekt,
-- ist mir jetzt fast qualvoll, da ich immer an August denken mu, -- so
wie ich eben auch vorher an ihn erinnert wurde, aber im gegenteiligen
Sinn. Ich bin ganz wehmtig, wenn ich es jetzt hre.

Von den vielen guten Sachen, die Du mir geschickt hast, haben mich doch
am meisten die -- pfelchen gefreut; ich habe sie mit solchem Stolz
verzehrt! _Ausgezeichnet_ mundet mir auch der Kurfrstliche. Ich kann
den schlechten Schnaps, den man hier bekommt, nicht trinken. Anfang des
Krieges habe ich ihn unbedenklich getrunken, vielleicht zu viel; ich bin
froh, da er mir widersteht, -- um so grere Wohlthat war mir Euer
Schnaps; das nette, korbgeflochtene Flschchen hab ich noch nicht
probiert. Jedenfalls seid Ihr beide sicher, da mir Euer Rieder Leben
durch die Sendung besonders nah gerckt ist; beim Kurfrstlichen mu ich
sogar immer an die lieben Abende in Berlin denken. Wie ist das alles
fern und weit zurck!!! Morgen werd ich in Gedanken den Geburtstag von
Mama mitfeiern. Ich schrieb Mama ein Krtchen. Lebt wohl; bleibt gesund
-- -- -- -- --


                                              _Hagville_, 23. XI. 14.

L.... Einliegend das Manuskript. Ich bin neugierig, wie es Dir gefllt
und ob Du es fr verstndlich hltst. Natrlich fehlt mir hier die Ruhe,
Form und Ausdruck ganz auszuarbeiten, vor allem die Stille, um das ganze
Gedankengefge auszubalanzieren. Ich mu mir meine Arbeitsstunden zu
sehr stehlen. Aber doch mchte ich es gedruckt wissen, eben jetzt, in
dieser unzeitgemen Stunde, in der alle blo an das Heute und Morgen
denken. Vielleicht antwortet jemand, das wre mir sehr recht, zur
Gegenantwort. Denn ich bin im tiefsten Grunde berzeugt, da meine
Gedanken ber Europa wahr sind, wenigstens _mglich_ sind, -- letzteres
wre mehr als wahr, weil es auch die ganze Zukunftsaufgabe in sich
schlsse. Ich werde in meiner kommenden Arbeit immer wieder um dieses
Thema kreisen und es immer wieder neu zu fassen suchen, bis ich auf den
reinsten Ausdruck komme. Ihr (darunter verstehe ich Dich und Klee) knnt
unbesorgt kleine nderungen an meinem Konzept vornehmen, den einen oder
anderen Sprung logischer verbinden, wenn es Euch ntig scheint. Im
brigen frchte ich keine Angriffe, meine Waffen sind heute geschliffen;
Angriffe knnten meine Gedanken nur strken und erweitern.

Gestern kam Dein Brief vom 7. XI., also versptet. Die Gefahren, die
Wilhelm als Batteriefhrer drohen, sind eher _geringer_, als als
Zugfhrer, da er nicht mehr unmittelbar bei den Geschtzen steht, die
doch immer das Hauptziel bilden. Aber schlielich sind die
artilleristischen Gefahren sehr unberechenbar, -- man mu einfach Glck
haben. Anfang des Krieges waren die Artillerieverluste, auch bei den
Kolonnen, selbst den _schweren_ Artillerie-Kolonnen weit grer als
jetzt, weil die Etappentechnik und Sicherungen im Anfang nicht so
geregelt sein konnten. Heute ist man hundertfach vorsichtiger geworden,
man kennt den Mechanismus, die gefhrlichen Infanterieangriffe, die uns
so viele Verluste gebracht, sind heute kaum mehr denkbar, hchstens bei
panikartigen Rckzgen, die uns hoffentlich erspart bleiben. -- Sehr
nett ist die Geschichte der Palstinawanderer; schlecht ***'s Antwort.
-- Habt Ihr die Bumchen im Rehgarten vor dem bsen Schlick geschtzt?
Thut es bitte. -- Gestern kam einliegender Brief vom Helmuth! _via_
Schlettstadt. An H. werd ich schreiben. Schnee haben wir keinen. Ich
fhl mich wohl; vor allem haben die Nervenschmerzen, an denen ich nach
der Lazarettzeit litt, ganz aufgehrt. Mit Essen und Trinken mu ich
immer gleich vorsichtig bleiben, aber so geht es wenigstens ohne
Strung.

Weihnachten werden wir wohl sicher hier verleben; schick mir nur
Backwerk und dergl. -- Selbstgemachtes, das freut mich am meisten und
macht mich gesund.


                                                           5. Dez. 14.

   L. M.,

heut findest Du ein sehr unscheinbares neues 1/10 Makrgelchen, aber
ich denke wohl aus gutem Zinn, -- (wenn es nicht Blei ist; dazu scheint
es mir aber zu leicht) Du wirst Dir schon denken knnen, wozu ich's
mitnahm: zum Bearbeiten. Man kann ganz tief hineinziselieren, den Henkel
klopfen u. s. w. Ich sehe es schon in seiner knftigen Gestalt.

Heute abend werde ich den heilg. Niklas spielen und mit meinem groen
Pelz und langem Bart franzsischen Kindern bange machen. Einen kleinen
Sack voll Nsse etc. hab ich schon; in was fr komische Situationen man
doch kommt! Mir liegen ja solche Dinge nicht, aber da niemand
franzsisch kann als ich, hab ich's gern bernommen. _Hagville_ kann
sich jedenfalls ber die deutsche Soldateska nicht beklagen! -- Ich bin
nur neugierig, wie lange wir in diesem kleinen Drrnhausen noch liegen;
allmhlich wird die Sache doch sehr langweilig; ich wenigstens bin in
den letzten Tagen etwas melancholisch und nervs -- ungeduldig. Ruhe zum
Arbeiten und Denken hat man doch selten und eine wirkliche _Thtigkeit_
fehlt vollkommen, bis auf seltene Tage. Vielleicht, wenn Schnee und
Klte kommt, wird es meinen Nerven gut thun. Nervenschmerzen hab ich
brigens _gar keine_, ich rede nur von einer ganz ordinren nervsen
Stimmung, die mich vom richtigen Arbeitenknnen abhlt; meine
Schreiblust wird schon wieder kommen. Ich fhl mich ganz gesund, bis auf
Schnupfen, den ich nicht recht los werde, aber ich fhle mich allmhlich
unntig hier; das ist das Ganze. Ich wollt, es gb wieder mal eine
Vernderung; es wird aber wohl bis Januar dauern. Wenn ich an meine
Arbeit und an's Malen denke, werde ich ganz fiebrig. Wir sind so streng
angewiesen, nichts militrisches, was wir hier alles erleben und sehen,
nach Hause zu schreiben, da ich mich zurckhalte, manches Interessante
zu schreiben; die franzsische Spionage arbeitet mit allen Mitteln und
hat es stets auf die Post abgesehen. Man kann durch ein unvorsichtiges
Wort unendlich viel verraten. Lange wird die Spannung der Heere nicht
mehr dauern! Ich denke, der Hhepunkt wird noch vor Weihnachten erreicht
sein.


                                              _Hagville_ 11. Dez. 14.

L...., heute war pltzlich Alarm. Die Abteilung rckt ab zur Sicherung
einer angegriffenen Stellung bei _Pont--Mousson_ (sdlich Metz,
lothring. Grenzgebiet). Dort brechen die Franzosen immer wieder mit
greren Verbnden durch, (eine Meldung davon war ja auch krzlich in
den amtl. Berichten.) Wir sollen aber nach dieser Expedition, die
voraussichtlich nicht lange dauert, wieder in unser _Hagv._ Quartier
zurckkehren und ich -- soll als Aufsicht und Quartierhalter hier mit
zwei Mann zurckbleiben! Der Leutnant ***, der immer sehr nett zu mir
ist und meine Gesundheit fr weit gefhrdeter hlt als sie ist, hat mir
diesen Posten angetragen; ich htte ihn wenn ich mich sehr gestrubt
htte, wohl ausschlagen knnen, aber nach meinen Prinzipien, hier im
Kriege alles zu nehmen, wie es an mich kommt, willigte ich sofort ein;
ich dachte auch an Dich, -- Du wolltest sicher lieber, da ich im
stillen _Hagville_ bleibe. Es werden recht stille, merkwrdige Tage fr
mich werden; ich werde sehnschtig die andern in Gedanken begleiten;
denn im Herzen wr ich gern mitgezogen. Ob sie freilich sehr viel dort
erleben, ist fraglich. Sie werden mit der Bahn ab _Mars-la-Tour_
verladen und rcken dann von Metz aus vor oder bleiben in Metz als
Reserve stehen. Besondere strategische Bedeutung wird diesem
Einbruchsgebiet nie beigemessen; es kann den Franzosen eher passieren,
da sie abgeschnitten werden und diese strategisch schlechten Vorste
einmal teuer bezahlen. So sehen wir wenigstens diesen Punkt an. Vom Stab
bleibt auch jemand, ein Offiziers-Stellvertreter mit ein paar Mann hier.
Wir haben einige kranke Pferde, die zurckbleiben mssen, sollen die
Thtigkeit der Einwohner etwas beobachten, wachsam sein und die
Quartiere halten. In einer Beziehung freue ich mich auch wieder auf
diese ganz stille Zeit. Unser Platz hier ist vollkommen sicher, die paar
Einwohner sind alles alte Leute, oder Frauen mit vielen Kindern, -- die
sind froh, wenn wir ihnen nichts thun.

Der Kampf in den letzten Tagen ist wieder sehr heftig, die Fenster
zittern und klirren vom Kanonendonner unaufhrlich. Was wird es wohl mit
unsrer Weihnachtspost sein? Die wird wohl liegen bleiben, bis sich
wieder alles in Ruhe in _Hagville_ versammelt! Wir sind in den letzten
8 Wochen doch arg verwhnt worden! Es kam mir heute vor, wie ein Alarm
in einem Veteranenverein, -- alte Leute, die sich nicht gern in ihrer
Ruhe stren lassen. Und dagegen unsre Vogesenzeit!! -- Also sei nicht
ungeduldig, wenn Du in der nchsten Zeit nichts hrst von mir, --
vielleicht finde ich ja auch Postgelegenheit, aber sicher ist nichts, --
vor allem werde ich zunchst nichts von Dir bekommen!

Gute Weihnachten! -- -- -- -- --


                                                 H, den 13. Dez. 1914.

L., meine pltzliche Einsamkeit im leeren Drfchen erzeugt eine ganz
traumhafte Stimmung in mir; ich bin wie auf einer Insel; man wei, da
drauen, am Horizont das riesige Leben ist und man kann nicht zu ihm.
Ich sitze viel in meiner Bude (Hieron. im Gehuse!) und schreibe wieder
an einem neuen Aufsatz. Sorge bitte, da ich durch den Abdruck der
Aufstze nicht das Autorrecht verliere, sie nachher gesammelt
herauszugeben. Die Schrift, an der ich hier noch arbeite, wird auch
Aphorismusform bekommen, soda gut alles zusammen in einem Buch
vereinigt werden kann. Erkundige Dich mal darber, ev. bei ***, der sich
wohl darin auskennen wird.

Weihnachtsurlaub ist ausgeschlossen, aber 8. Februar komme ich. Ich
sehne mich jetzt oft schrecklich nach Hause, aber man mu tapfer
bleiben. Monate zhlen heute nicht. Bleib nur gesund und frisch, dann
ist alles gut. -- Drauen ist ein elendes Schweinewetter; meine
Kameraden haben's nicht gut. Und ich sitz hier gemtlich im Trocknen;
ich hab halt Glck, wird Maman sagen.


                                                 H, den 15. Dez. 1914.

L., meinen Brief, der von unsrer Abreise und unserm Ausscheiden aus dem
Divisionsverband berichtet, wirst Du hoffentlich erhalten haben. Morgen
ziehen wir los. Stell Dir vor, da wir die gesamte Weihnachtspost, (sie
fllt ein kleines halbes Zimmer in Manneshhe!) mitschleppen mssen!
Meine harmlose Aufgabe hier wchst sich zu einem taktischen Problem aus,
zum mindesten zu einem Transportproblem und Kunststck. Die Armeeabt.
Gaede, der wir jetzt angehren, resp. die Division Fuchs, ist eine
Landsturm-Division! Also beunruhigen brauchst Du Dich _gar nicht_. Ich
sehe sogar damit die Aussicht, frher heimkehren zu knnen; denn am
ersten werden wohl die Landsturmformationen aufgelst werden.

Eben kommt Nachricht, da die Abteilung hierher -- zurck -- kommt, also
alles beim alten bleibt. Ich glaub's nicht; warte jedenfalls bestimmte
Nachricht ab, ehe Du _Briefe_ mit neuer Adresse schreibst.


                                                     Metz 16. Dez. 14.

L., nun ist die Unsicherheit endlich behoben; wir wurden heut nacht 1 h
alarmiert. 4 Stunden Zeit um die ganze Weihnachtsbagage, kranke Pferde
etc. in Bewegung zu setzen, bei wahnsinnigem Sturm und Regen. Schn war
dieser turbulente Abschied von Hg. doch! Jetzt sitzen wir schon
gemtlich auf der Bahn und freuen uns, wieder Neuem entgegenzufahren.
Die Adresse wird nun schon stimmen. Armee-Abt. Gaede etc. -- -- Wir
haben ca. 800 Weihnachtspakete als Transportgut!! Deines ist leider
nicht dabei, kommt also am Postweg nach -- aber wann?!

Gute Weihnachtstage!


                                       Mhlhausen, 17. Dez. 14. Abend.

   L.,

nun ist doch Dein Weihnachtspaketchen mit allen seinen guten Sachen und
Lichtchen noch angekommen, vom Regiment direkt hierher! Das Regiment hat
natrlich von unserm Alarm sofort gehrt, und da es per Auto die Sachen
bringt, kam es heute schon hier an. Ich hab mich schrecklich gefreut; es
wre mir Weihnachten doch traurig gewesen, ohne Dein Paketchen
dazusitzen. Allerdings esse ich die Sachen natrlich jetzt schon krftig
an, erstens schmeckt alles viel zu schn, um nicht sofort damit
anzufangen, ich war gerade heute sehr empfnglich, da die Reise sehr
anstrengend war und dann jetzt die Alarmgefahr, d. h. pltzlicher
Quartierwechsel zu drohend ist; da kann man nicht Vorrte aufstapeln.
Von Koehler kam auch groes Paket, eine riesige Hartwurst und vieles
andere, eine sehr mnnliche Sendung gegen die Deine se. Die pfelchen
freuten mich so. Hoffentlich kommt mein ganz schlichter Weihnachtsgru
auch in Deine Hnde! Verlebe Weihnachten nur recht frhlich und
zuversichtlich. An Urlaub ist nicht zu denken, aber da es
verhltnismig bald und pltzlich zu Ende gehen wird mit dem Krieg, das
glaub ich mit jedem Tag mehr. Es wre doch heller Wahnsinn von
Frankreich noch Monate die nicht mehr zweifelhafte Entscheidung
hinauszuzgern, nachdem Ruland so versagt hat und die Kosten fr
Frankreich ins Ungemene steigen, wenn es den Krieg bis zum letzten
Tropfen ficht. Ich glaube, es gibt irgendwo einen Sieg und Durchbruch
der Deutschen und darauf folgend einen ganz pltzlichen Umschwung der
ganzen Lage. England wird allein weiter machen, aber ohne den Franz
Marc.

Hier ist jetzt regelrechtes Kasernenleben, das mir so unsympathisch ist
wie am Anfang in Mnchen. Das ist nicht Krieg, sondern Garnison, obwohl
wir nahe am Feind sind (ebenso nahe als ungefhrlich). Was Kaserne
ist, wirst Du etwas nachfhlen, wenn Du jetzt vielleicht in der Max II.
warst; _a pue_, man ist vllig unfrei durch das Milieu, durch den
Mangel an Originalitt und Intimitt des Milieus. Das Einzige, was mich
freut, sind die Stlle. Wie sich die armen Pferde darin freuen und ins
Stroh legen! Es ist der Stall der Jger zu Pferd, prachtvoll gebaut. In
den Stllen in _Hagville_ konnte man die armen Tiere kaum im Stall
satteln, da der Sattel an den Dachbalken streifte, nirgends frisches
Stroh; es zog meist so entsetzlich, da ich vor Angst eigener Erkltung
mich nie dort aufhalten konnte. Die Wunden heilten schlecht, weil sie in
der Dreckluft und Staub der Stlle sich immer neu infizierten. Mir
blutete oft mein Herz um die armen Pferdchen. Und jetzt dieser
Unterschied! Leider war ich am ersten Tag hier nicht dabei; man erzhlt,
nach einer Stunde hatten sich fast smtliche Pferde _gelegt_ und im
trocknen Stroh gewlzt vor Vergngen!! Der Gedanke an die Pferde
vershnt mich mit dem langweiligen Kasernbetrieb. Ich glaube brigens
nicht, da unsres Bleibens hier lange ist. Die II. Batterie, die in
Stellung war und _glnzend_ geschossen hat, kehrt morgen schon wieder
siegreich nach Mhlhausen zurck. Der Ruf der Bayern scheint durch
dieses kurze scharf schieen dieser Batterie einen neuen Lorbeer
errungen zu haben; die Begeisterung, mit der man berall, auch Metz,
Straburg und hier, uns Bayern begrt, ist unbeschreiblich. Man glaubt
kaum an einen Sieg, wo nicht Bayern dabei waren und durch ihr Draufgehen
den Ausschlag gegeben haben.

Dank Dir sehr fr die Mombert-Bcher; ich bin sehr neugierig welchen
Eindruck sie jetzt auf mich machen. Ein paar zufllige Zeilen, die ich
drin las, haben in mir schon wieder dieses leise Glcksgefhl geweckt,
das ich bei vielen seiner merkwrdigen Zeilen habe. Dank Muttchen fr
das _eau de Cologne_, das mir recht wohlthun wird. Also den
Weihnachtsabend wollen wir alle frhlich sein und unsrer sehnschtig
aber nicht traurig gedenken; es wird fr uns alle wieder alles gut, nur
um August werden wir zwei immer trauern.

Ich habe in den 3 stillen _Hagviller_ Tagen scharf an meinem
Gedankengang gearbeitet, -- nun ist alles durch den Alarm wie abgerissen
und ich entwirre es wie einen zerfahrenen Knuel.

Nun, brennt Ihr Euch ein paar Lichtchen; ich znd die meinen auch an und
das kleine Bumchen von Lasker. -- -- -- -- --


                                              Mhlhausen, 22. XII. 14.

L., eben sandte ich Dir ein Krtchen, als hinterher die erste Post alter
Adresse mich hier erreichte, von Dir den seinerzeit ungeduldig
erwarteten Brief ber den Empfang meines Artikels; er hat mir mit allem,
was drin steht, damals sehr gefehlt. Es freut mich riesig, da Dir meine
Gedanken so gut eingehen, es wird mit dem 3. Artikel, an dem ich jetzt
arbeite und der viel schwieriges, wenigstens fr mich schwieriges
enthlt, hoffentlich und gewi auch so sein. Es ist so ziemlich die
Kehrseite der Mnze, die ich im vorigen Artikel geprgt habe. Ich habe
Angst, da man meinen Gedanken fr schn und gut aber utopistisch
erklrt, -- es ist der Einwurf, dem ich am leidenschaftlichsten begegnen
will. Die Verwirklichung meiner Zukunftsvorstellung werde ich ja nur in
Bildern versuchen knnen, aber ich hoffe mit aller Glut, da Mnner
kommen, die es in Literatur und Philosophie und Sitte verwirklichen,
wenigstens fr einen kleinen Kreis von Menschen; dieser kleine Kreis
wrde mehr beweisen als wenn die schwerfllige Masse sich in Bewegung
setzte. Daran denke ich gar nicht. -- -- -- -- --

Ich bin hier oft nervs und gedrckt und zwinge mich mit aller Herbheit
zur Ruhe inmitten eines greulichen Milieus und wundere mich ber mich
selber; denn es gelingt mir, da mich alle Kameraden gern haben und
soviel ich merke, auch die Vorgesetzten. Jedenfalls hatte ich noch nie
die geringsten Unannehmlichkeiten; freilich bin ich innerhalb meiner
Truppe der Einzige, der auf Ehrenzeichen und Befrderung nicht ehrgeizig
ist, -- solche Leute sind gut zu haben und leicht zu lieben! --
Einliegend Brief von Helmuth. Gewi wird er ein anderer Mensch werden
durch den Krieg; er ist doch noch ganz, ganz jung; wenn ich diesen
lieben Brief lese und dann denke, wie wir vor 4 (oder sind es 5) Jahren
den Maler Helmuth ansahen, -- ist es nicht komisch? -- -- -- -- --


                                                      M., 23. XII. 14.

L., gestern abend feierten wir unser Soldatenweihnachten, --
Kasernweihnachten; es war recht nett arrangiert, Baum und Lichter,
Freibier, Tabak und kleine Geschenke, mit denen der Leutnant sehr
liberal die Kolonne versorgte. -- Wir hatten gestern ein kleines
Exerzieren in der Umgebung von Mhlh., Besichtigung durch den General
F., der sehr entzckt schien ber die Bayern. Es scheint mir sehr
sicher, da wir bei dieser Division dauernd bleiben. Mir ist's ganz
recht, wenn die Sache nur nicht allzu dauernd ist! Es scheint doch, da
die Deutschen mit dem Durchbruch warten mssen, bis sie Verstrkungen
aus dem Osten heranziehen knnen. Die Hartnckigkeit der Franzosen wird
mir -- politisch gedacht -- immer rtselhafter, der selbstmrderische
Drang ist strker als die politische berlegung. Es ist unheimlich zu
sehen, wie die staatliche Interessenpolitik, die ein Werkzeug eines
tieferen Willens ist, sich gegen sich selbst wenden mu, wenn dieser
tiefere Wille es will! Das sind die sogenannten Fehler in der Politik.
Wir wollen geduldig sein und kein vorzeitiges, halbes Ende wnschen,
wenn auch unsere Interessen ein schnelles Ende verlangen. Wie sehr
ich's verlange!

Habt Ihr was von Wilhelm gehrt? Ich vermute und hoffe, da er jetzt
einen ruhigen Grenzdienst hat, nachdem sich der fabelhafte
Entscheidungskampf so tief sdlich abgespielt hat. Am russischen
Schauplatz spielt sich der Krieg, wie ich ihn trume und deute,
zweifellos nicht so rein ab, wie zwischen Deutschland und Frankreich.
Ruland hat zu viel uneuropische Elemente, um ganz im Kriegstaumel
aufzugehen. Wie mag nur der Krieg mit England gehen? Daran denk ich
immer und kann mir kein Bild davon machen.

Gutes Neues Jahr allen und uns beiden! Spiel nur schn Klavier und denk
an mich, an uns beide. -- -- -- --


                        Mhlhausen, Weihnachtsabend auf der Wachstube.

   L.,

ich bin ganz vergngt ber dieses Wachstubenweihnachten. Die Nachricht
ber Wilhelm hat mich so melancholisch gemacht, da ich heute lieber
nicht unter den Kameraden sitze. Ich kann ungestrter an Euch alle, an
mein Leben und unsre Zukunft -- und Vergangenheit denken. Vergangen ist
so viel in diesem Jahre! Das Haus Hinter der katholischen Kirche, das
Haus in Bonn, Haus Kandinsky, nun auch Gendrin, -- die Frauen sind
berall dageblieben, aber der Sinn jener Huser ist dahin. Wie glcklich
sind wir, unser kleines Ried zu haben, als feste Insel in diesem
Vergehen. An ihm will ich mit allen Fibern meiner Seele halten, da uns
und anderen wenigstens diese Feste bleibt. Ich denke mit jedem Tage
sehnschtiger nach Hause. Aber ehe der Krieg vorbei ist, will ich gar
nicht heim -- schon weil ich es nicht kann. Ich bin froh, wieder so
gesund geworden zu sein, da an Urlaub nicht zu denken ist. Ich bereue
auch keinen Tag, mich ins Feld gemeldet zu haben. Ich wre in Mnchen
stets unglcklich, gedrckt und unzufrieden gewesen und htte fr mein
Wesen und Denken zu Hause nichts gewonnen, sicher nicht das gewonnen,
was mir herauen der Krieg gegeben hat. Ein bichen stiller und
melancholischer wirst Du mich vielleicht finden, -- Du wirst es auch
sein; die Klugen und Denkenden alle werden nicht dieselben sein wie
frher. Eine solche Zeit durchleben die Menschen nicht alle 100 Jahre,
viel seltener sogar. -- Was mir das Soldatenleben schwer machte, (-- es
wre in Mnchen das Gleiche), da ich neben und zwischen dem Dienst
hindurch immer andere Gedanken und Pflichten im Kopf habe und den Dienst
immer gegen meine Kopfarbeit und diese gegen den Dienst ausspielen mu.
Ich beneide so oft meine Kameraden, die im Feld nur Soldaten zu sein
brauchen und von nichts anderem innerlich geqult und beschftigt werden
als hchstens der Sehnsucht nach Hause, die ich genau so habe wie sie.
Aber ich kann mich von meinen Gedanken und Trumen nicht losmachen, will
es auch gar nicht. Die kleinste Zeitungsnotiz, die gewhnlichsten
Gesprche denen ich zuhre, bekommen fr mich einen geheimen Sinn und
Hintersinn; hinter allem ist immer noch etwas; wenn man dafr einmal das
Ohr und Auge bekommen hat, lt es einem keine Ruhe mehr. Auch das Auge!
Ich beginne immer mehr hinter oder besser gesagt: durch die Dinge zu
sehen, ein Dahinter, das die Dinge mit ihrem Schein eher verbergen,
meist raffiniert verbergen, indem sie den Menschen etwas ganz anderes
vortuschen, als was sie thatschlich bergen. Physikalisch ist es ja
eine alte Geschichte; wir wissen heute, was Wrme ist, Schall und
Schwere, -- wenigstens haben wir eine zweite Deutung, die
wissenschaftliche. Ich bin berzeugt, da hinter dieser noch wieder eine
und viele liegen. Aber diese zweite Deutung hat den menschlichen Geist
mchtig verwandelt, die grte Typusvernderung, die wir bis jetzt
erlebt haben. Die Kunst geht unweigerlich denselben Gang, freilich auf
ihre Art; und diese Art zu finden, das ist das Problem, unser Problem!
An solchen Problemen herumfingern und sich qulen und gleichzeitig
Soldat sein und kein schlechter (denn das bin ich keineswegs), ist
wirklich oft recht schwer. Wann es wohl Schlu sein wird? Ich glaube
immer noch an ein _pltzliches_ Nachgeben der Franzosen, an das Wunder
auf das Niestl und Du gewartet habt. (Der Krieg selbst ist brigens
Wunder genug, um die alte Prophezeiung zu rechtfertigen.) Sie werden
pltzlich einsehen, wohin die englische Politik sie treibt: die
Englnder haben das grte Interesse daran, da Deutschland und
Frankreich sich gegenseitig verbeien und bis zur Verblutung schwchen.
Ein ganz geschwchtes Frankreich ist das gefgigste Werkzeug der
spteren Englnder. Darum ziehen die Englnder den Krieg auch so in die
Lnge und verteidigen hchstens Calais mit aller Hartnckigkeit, denn
hier liegen englische strategische Interessen. Am _Anfang_ war das
anders; da bestand noch das Triple-Entente-Interesse. Aber seit die
Russen und Franzosen in der _Offensive_ versagt haben, ist der Plan und
die Politik der Triple-Entente lngst dahin; sie besteht nicht mehr.
England kmpft nur mehr fr sich und profitiert von der Schwchung
_aller_ Staaten. Die letzte groe Offensive der Franzosen seit dem 16.
Dezember auf der ganzen Linie ist klglich gescheitert. Vor Verdun
sowohl als hier stimmen die amtlichen Berichte _genau_ mit den
Thatsachen, das kann ich Euch zur Beruhigung sagen. Im Norden wird es
wohl auch so sein. Frankreich _kann_ nicht mehr lange standhalten. Ich
glaube, ihr wunder Punkt ist der Argonnenwald. Hier wird der deutsche
Durchbruch erfolgen; ein Aufrollen der franzsischen Frontlinie von
Norden her scheint unmglich. Freilich hab ich immer gedacht, da die
Ereignisse schneller kommen wrden; aber _kommen_ werden sie und mit
ihnen der Tag, wo man _das Ganze halt!!_ blasen wird. Dann komm ich
wieder!

Schreib mir von Eurer Reise; von Hertha und dem armen kleinen Piep. Wo
ist der gute Wilhelm bestattet? Ich war in Gedanken mit Euch; bleibt
gesund und lat Euch vom Gram nicht niederdrcken. Ein besseres neues
Jahr uns allen!


                                                          27. Dez. 14.
                                     Bertschweiler (sdlich Gebweiler)

   L.,

ich fhle mich ganz glcklich, wieder ein bichen im Treiben des Krieges
zu sein; ich bin krperlich so erholt und frisch, da ich die damit
verbundenen Strapazen nicht tragisch nehmen kann, zudem man heute
Mannschaft und Pferde bei uns ganz anders schont, als dazumal in den
Vogesen, wo in der ersten Kriegsbegeisterung und Kriegsunerfahrenheit
viel Unsinn gemacht wurde. Der ganze, sehr kleine deutsche Winkel, in
dem die Franzosen noch sitzen, soll endlich gesubert werden. Direkter
Anla zum Vorgehen waren die Vorste der Franzosen selbst, die man,
wren sie ruhig in den paar Drfern geblieben, wahrscheinlich
unbehelligt bis zum Friedensschlusse dort gelassen htte. Die Kmpfe der
Infanteristen, deren Zeuge ich gestern war, sind freilich grausiger, als
ich sie je vorher gesehen. Ich war gestern Abend ganz erschttert; der
Mut, mit dem sie vorgehen und die Gleichgltigkeit, ja Freudigkeit fr
Tod und Wunden hat etwas Mystisches; diese Stimmung ist natrlich auch
das Vershnende, die Erklrung des dem gewhnlichen Verstande
Unerklrlichen. Unsre Artillerie schiet jetzt glnzend, bedeutend
besser als am Anfang. Gestern Nacht sollten wir in Wattweiler, von wo
aus wir schossen, bleiben. Ich hatte schon zwei Nchte fast ohne Schlaf
vollbracht und mir ein schnes Heulager zurechtgemacht und schlief bald
wie ein Stein, als schon um 11 Uhr Alarm kam; sofort abrcken, da
schwere Artillerie den Ort zu beschieen anfing. Es ging alles in
tadelloser Ordnung nach Berrweiler zurck, wo wir noch einen kleinen
Rest der Nacht schlafen konnten. Heute frh kam unsre 3. Batterie auch
an und fuhr mit der 1. auf. Ich habe als Meldereiter fr den
Munitionsersatz wenig zu thun und sitze hier in Bertschweiler bei der
Staffel. Es war ein schwerer Frost heute Nacht und heute ein herrlicher
Tag; dieses trockene Wetter ist eine riesige Wohlthat. Ihr braucht Euch
ja keine Gedanken ber etwaige Gefhrlichkeit meines Dienstes machen.
Ich stehe sozusagen unter dem Schutz meiner Munition, die man natrlich
um alles in der Welt vor direkter Beschieung behtet. Meine
Schreibereien ruhen natrlich in solchen Tagen. Das Interesse ist
notwendig nach auen gerichtet; man wird Artillerist mit seinen ganzen
Sinnen. Viele Freude machen mir auch die verschiedenen neuen Drfchen
und Stdtchen, die man kennen lernt, der Impressionismus. Wir glauben
nicht, da wir sehr lange in Aktion sein werden; die Franzosen weichen
an den meisten Punkten. Immer mu ich jetzt an Euch denken, da Ihr
traurig im lieben Huschen sitzt, ohne frohe Herzen und traure mit Euch.
Wenn Ihr aber an mich denkt, so denkt froh, wie ich es auch thue und auf
das Wiedersehen harre.


                                                         Neujahr 1915.

Prosit Neujahr! Es ist ein fabelhafter schner Tag, rhrend schn, als
ich im ersten Morgenlicht wieder in meine Stellung ritt. Die Berge sind
alle wei, aber herunten im Thal spren wir noch keinen Winter. Wir
tranken gestern so betrchtliche Mengen Punsch, da wir ganz schwer und
taumelig einschliefen. Das famose Bett und richtige Mittagessen, das ich
jetzt habe, bringt mich oft ganz vom bitteren Ernst des Krieges ab; ich
bin viel weniger nervs und aufgeregt und leb jetzt mehr in
Heimatgedanken, trotz der drhnenden Kanonen. So traurig es ist, da im
Osten die Entscheidung sich so in die Lnge zieht und vielleicht ganz
neuer Operationen bedarf, so bleibt doch immer die eine Beruhigung: Ins
Land kommt der Feind nicht, weder im Osten noch im Westen. Jeder Versuch
der Franzosen, im offenen Gelnde vorzudringen, wird von unsrer
Artillerie spielend (oder wie der amtliche Bericht sagt: leicht und
unter schweren Verlusten fr den Feind) zurckgewiesen. So war es vor
Verdun, in den Vogesen und hier und wohl auf der ganzen Linie und im
Osten. Die 42 stehen _alle_ an der Kste, dort oben wird die
Entscheidung fallen, -- wie, kann ich mir freilich nicht vorstellen; die
ganzen Operationen im Norden entziehen sich leider so ganz meiner
Vorstellung. Die uerung von T. ber den Handelskrieg mit
Unterseebooten ist toll in ihrer Unverblmtheit; ich bin neugierig oder
besser gierig auf das, was im Norden sich noch ereignen wird.

Gottlob liegt das se kleine Ried in einem vor dem Weltkrieg so
geschtzten stillen Winkel. Halte und verwalte es nur treu, bis ich
einmal wieder mit dem Kochler Zgelchen da hinaus und _heim_komme! Um
unsre Zukunft ist mir nicht bang. Ich finde Menschen. -- -- -- -- --

                                                    -- -- -- -- -- Fr.


                                                           2. Jan. 15.

L., im Gegensatz zu gestern ist heute ein abscheulicher Regentag; es ist
alles so verschleiert, da an Schieen nicht zu denken ist. Dafr war
gestern Mittag und Nachmittag eine derart furchtbare Kanonade, wie ich
sie bis jetzt noch nicht gehrt hatte; alles zitterte und gellte. Eine
Reihe Drfer brennen. Es ist ein zu merkwrdiger Krieg: von einem
systematischen Durchbruchsversuch der Franzosen ist keine Rede. Meist
lassen wir die Franzosen anfangen; kaum ist der erste Granatengru
herbergekommen, quittieren wir mit einem gleichen. So folgen sich die
Gnge des Duells!, bis dem einen oder andern pltzlich die Geduld
reit und er Ruhe haben will und er, nach Erkundigung der feindlichen
Stellung durch die vorangegangenen Einzelschsse, mit wahnsinnigen
Salven losgeht; es kommt eigentlich darauf an, wer zuerst zu diesen
Salven wirksam bergehen kann. Liegen die Schsse gut, verstummt der
Feind, um seine Stellung nicht noch mehr zu verraten. Gestern sollen wir
zwei franzsische Gebirgsgeschtze vernichtet haben. Als Strafe
schossen die Franzosen Sennheim in Brand. Wir revanchieren uns, indem
wir Thann in Brand schieen. An Vorgehen hier in die Berge ist ja nicht
zu denken; und die Franzosen trauen sich auch nicht in die Ebene; hier
kann nie eine groe Schlacht oder Entscheidung fallen. Ich sitz in
warmer Stube und schreib an meinem Artikel! -- Alles Liebe und Gute --
-- -- -- --


                                            Bertschweiler, 3. Jan. 15.

   L.,

-- -- -- -- -- -- Die Zeit geht jetzt so schnell dahin, erschreckend
schnell, und whrend sie eilt, steht der Krieg; man fhlt nur das
furchtbare Zittern rings an der Front. Diese Wochen sind eigentlich der
furchtbarste Moment des Krieges. -- Wie geht es wohl Euch? Ich denk so
viel jetzt nach Hause, vor allem trume ich immer von daheim, selbst von
meiner Kinderzeit, von Dir und Wolfskehl, mit dem ich mich im Traum oft
lang unterhalte. Ich sehe mich schon wieder unter Euch, -- es kann nicht
mehr so lange dauern, als die Zeitungen immer prophezeien. Aber das
_Wie_ des Ausgangs und Ende ist mir dunkler als je. Bleibt gesund -- --
--


                                                   7. Jan. 15, abends.

   L.,

endlich kann ich Dir den groen Artikel II schicken; ich bin in seiner
Beurteilung ebenso unsicher als seinerzeit beim ersten. Er birgt
jedenfalls sehr viel, meinem Gefhl nach an manchen Stellen zu viel und
doch wute ich's nicht zu ndern. Ich kann im Felde nicht anders
schreiben, weitlufiger und begrndeter. Er ist in unruhiger Zeit
geschrieben und fr sie gedacht. Der gute Wille wird aus ihm schon
lernen knnen; mich hat er jedenfalls im Denken unendlich weitergebracht
und gefrdert und Dir wird er glaube ich, auch vieles sagen. Ohne den
Krieg wren alle diese Gedanken nicht denkbar, z. T. noch gar nicht
vorhanden. Schreib mir offen, wie Du ihn findest, ebenso Wolfskehl und
Klee.

-- -- -- -- -- Heute brauste den ganzen Tag ein furchtbarer Sturm in der
Luft, aber es ist immer wie im Mrz.


                                                           11. II. 15.

   L.,

hier kommen die leergegessenen Bchsen wieder zurck und was ich sonst
nicht mehr brauche. Maman hat mir wieder viele Theesckchen geschickt,
so da ich das Theepckchen nicht brauche und Du kannst es jetzt besser
gebrauchen.

Das Wetter ist wieder frhlinghaft, der Winter hat hier wenig Kraft.
Bald werden die Frhlingsblmchen kommen, die ersten Leberblmchen,
vielleicht auch schon bald in Ried!! Wie hab ich mich voriges Jahr auf
diese Tage gefreut und nun mu ich es wieder ein Jahr aufschieben, diese
kleinen Frhlingsfreuden in Ried. Ich mu jetzt immer an vergangenes
Jahr denken; Ausdauer ist jetzt alles, wir kennen jetzt bald keine
Tugenden mehr als diese. La sie uns ben, sonst knnen wir nicht Sieger
bleiben, weder drauen noch im Geiste. Die Lage in Europa wird immer
kritischer, verhngnis- und schicksalsvoller, fr _alle_ Teile; der
ganze europische Leib ist heute ergriffen. Es ist alles kindisch, was
man an kleinen persnlichen Wnschen an dieses Riesenschicksal hngt.
Die Gedanken qulen mich oft, da am Ende der _ganze_ Leib unter der
Krankheit einst erschpft zusammenbrechen wird. Das geistige Reich wird
bleiben, vielleicht (sogar gewi!) um so strker. Um diese Zukunft ist
mir nie bang, -- aber was wir am _ueren_ Reich erleben werden, das
knnen wir heute wohl noch kaum ausdenken. Welche Zeit!! und dazu die
kleinen unschuldigen, ahnungslosen blauen Leberblmchen!

Sticke nur fleiig und recht schn und frei, Du Liebe; sticke alle
Sehnsucht hinein, aber auch allen _Mut_.

Ich schlaf jetzt warm und schn in meinem Schlafsack auf Heu und meine
oft, ich bin auf der Alm!

-- -- -- -- -- Einliegend ein Band Mombert. Die Schpfung behalte ich
noch, die mich in vielem jetzt auch ungeheuer fesselt. -- -- --


                                                       20. Februar 15.

L., nun sind die 100 Aphorismen geschrieben; es ging zum Schlu
schneller, als ich dachte; ich hatte einige ganz ruhige Nachmittage. Ich
habe sie flchtig noch einmal berlesen und erschrak manchmal ber die
Schwierigkeiten, die sie fr den Leser bergen. Gedruckt werden sie ja
natrlich zugnglicher sein; ich arbeitete in meinem Quartier (sie sind
zu Vierfnftel in F. geschrieben in einem kleinen Zimmerchen, dessen
Photographie von auen, Fenster _rechts_ der Tre, ich beilege, in dem
es keinen Platz zu einem Tisch gab und also zum Schreiben nur das
Knie!), das Heft stammt noch aus H.! La Dir ja Zeit mit der
Reinschrift, da sie Dich nicht anstrengt; das Ganze ist so gedrngt und
die einzelnen Gedanken meist so gedrungen, da man schon jedes Wort klar
lesen mu, um hinter seinen ganzen Sinn zu kommen. Ob noch sehr viel
korrekturbedrftig ist, kann ich jetzt absolut nicht beurteilen; ich
mte es in einer klaren Abschrift berlesen knnen. Das Schnste wre
natrlich Schreibmaschine; aber das ist wahrscheinlich teuer und Helene
ist viel zu beschftigt, als da ich sie bitten knnte. Wenn _Du_ es
abschreibst, nimm immer Doppelbgen, die Du nur auf der Innenseite
einseitig (rechts) beschreibst, damit man links eventuell Korrekturen
setzen knnte, -- oder immer eine Zwischenzeile leer lassen; ich glaube,
das erste wre besser. Vielleicht ist ja auch gar nicht viel zu ndern
-- _tant mieux_! In einer Herausgabe groer klarer Druck; ob es gut ist,
sie mit I und II zusammen oder allein zu bringen, ist mir jetzt nicht
mehr klar. Ich glaube ja, da der Zusammenhang mit I und II das
Verstndnis sehr erleichtern knnte. Du wirst es erst beurteilen knnen,
wenn Du es selbst abgeschrieben hast. Wieviel Menschen werden reif sein,
das Buch _ernst_, also als geistiges Tatsachenmaterial zu nehmen und
nicht als Literatur. -- -- -- -- --

Was wirst Du selbst zu den 100 sagen? Darauf bin ich sehr neugierig,
neugieriger, als auf den Zorn der Vielen auf Nr. 95-97 oder das eisige
Schweigen der Menge. Vielleicht wirst Du auch wieder das Verlangen nach
einem groen, weitausholenden Buche ber all diese Probleme haben, --
aber bedenke, da ich nicht Schriftsteller oder Gelehrter, sondern Maler
bin; ich wrde es wahrscheinlich nie knnen, und mu es Berufeneren
berlassen. Man wei ja zur Genge, wer ich bin; der Leser wird sich von
vornherein auf diese Voraussetzung einstellen, oder _mu_ es eben. Ich
schreibe ja im Grunde nur, weil die Berufenen versagen und um sie zu
reizen und zu wecken und letzten, und besten Endes schreibe ich
berhaupt nur fr mich, und was ich schreibe, bedarf notwendig der
Ergnzung durch meine ungemalten! -- Werke. Nun hast Du wieder Stoff
zum Leben.

Schreib bald alles, was Du denkst; ich korrespondiere gern ber das
Einzelne, wenn Du es anregst. Aber erwhne den Aphorismus stets in
seiner vollen Form; ich hab hier keine Abschrift.


                                                     21. Februar 1915.

   L.,

morgen gehen die Aphorismen an Dich ab, eingeschrieben. Ich war
ungeduldig sie abzuschicken und hab sie nicht mehr ganz berlesen und
nachkorrigiert, -- ich mchte das lieber nach einer gewissen Pause
machen, wenn ich etwas Distanz von der Arbeit habe. -- Von Lasker bekam
ich einen hbschen Brief; sie beklagt sich, da ihr die Menschen immer
Kartoffeln auf die Zacken ihrer Krone setzen. Sie war sehr krank. --
-- -- -- --


                                                          14. III. 15.

   L....,

heute wurde ich furchtbar sehnschtig; es regnete und tropfte von allen
Zweigen mit einem Klang, den es nur im Frhling gibt. Ich mute denken,
wie es jetzt daheim in unsrer Waldecke duften mu! In den Grten treiben
schon die Knospen an den Obstbumen, die Rhododendren entfalten schon
Blttchen, wie wre es jetzt schn, in Ried zu sein! Pfleg nur alles
recht schn im Grtchen und geniee es, auch wenn Du allein bist. Was
macht der Specht? Ist wieder das Rotschwnzchenpaar da? Ist der Fasan
wiedergekommen? Der kstliche Storch hier macht mir doppelt Lust, einen
Kranich zu halten. Gr die kleinen Rehe; die werden wieder knabbern,
wenn der Schnee weg ist! -- Wenn Du mir etwas von Gundolf schicken
willst, freut es mich sehr. Ich bin jetzt schon zum Lesen aufgelegt. Nur
nichts ber Plato! Da die Leute immer hinter der Front der Gegenwart
nach dem Heil und Guten suchen! Immer auf Krcken gehen, auf fremden
Zeiten; es sind keine _schpferischen_ Menschen. Mein Hauptgedanke ist
jetzt: Entwurf zu einer neuen Welt; immer schaffen, _vor sich_ arbeiten.

                                                                 -- --
                                                                Fz. M.


                                                          17. III. 15.

L..., Koehler schrieb mir heute auf einer Sturm-Postkarte meiner
Tierschicksale. Bei ihrem Anblick war ich ganz betroffen und erregt.
Es ist wie eine Vorahnung dieses Krieges, schauerlich und ergreifend;
ich kann mir kaum vorstellen, da ich das gemalt habe! In der
verschwommenen Photographie wirkt es jedenfalls unfabar wahr, da mir
ganz unheimlich wurde. Es ist von einer knstlerischen Logik, solche
Bilder _vor_ dem Kriege zu malen, nicht als dumme Reminiszenz nach dem
Kriege. Da mu man konstruktive zuknftige Bilder malen, keine
Erinnerungen, wie es meist Mode ist. Ich habe auch nur solche im Kopf.
Ich wunderte mich zuweilen darber, jetzt wei ich, warum es so sein
mu. Aber diese alten Bilder des Herbstsalons etc. werden noch einmal
ihre Auferstehung feiern.

Heute sah ich die feine Sichel des neuen Mondes und dachte lebhaft an
Dich und Ried und die Rehe -- ber Euch allen stand sie auch, so fein
und leicht wie ein Diadem. Und diese Frhlingsluft, in der alles so
sonderbar klingt. An dieses Frhjahr werden noch Generationen denken;
die ltesten Leute werden noch spter von ihm erzhlen; die Stimmung
steigt immer mehr ins Unbegreifliche. Wie bist Du glcklich Deinen
Flgel zu haben und spielen zu knnen. Bei mir stapelt sich alles bis
zur schmerzhaften Mdigkeit im Kopf; aber ich fang jetzt leise an im
Skizzenbuch zu zeichnen. Das erleichtert und erholt mich.

                                                                 -- --
                                                             Dein Frz.


                                                          27. III. 15.

Liebe, Deine Briefe freuen mich jetzt so, sie sind endlich alle auf
einen andern Ton gestimmt, auf den ich so lange gewartet. Was hilft
alles deprimiert sein. In mir tritt allmhlich an die Stelle der sich
periodisch ablsenden pessimistischen und optimistischen Stimmungen die
-- _Neugierde_. Ich werde allgemach _Zuschauer_ dieses tollen
europischen Dramas; die Unberhrtheit ***'s!! usw. mache ich freilich
nicht mit. Um so mehr lebe ich in meinen eigenen Plnen und Gedanken so
wie Du auch. Ja, das bl. R.-buch! Damit hast Du vllig recht;
buchtechnisch und als Klang _uerlich_ ganz verfehlt und innerlich
verworren, weil voll Rcksichten und Verbeugungen vor Dingen, die im
Grunde nicht das Geringste mit unserer persnlichen Aufgabe zu thun
haben. -- -- -- -- -- Ich werde auch nie an etwas hnlichem (wie den
Plnen von ***) wieder mitarbeiten, sondern mglichst allein Dinge
bilden. So denk ich mir auch die Aphorismen; den prophetischen Ton
mglichst vermeiden (hchstens da man bei jedem Wort fhlt: der Pfeil
ist nach vorn abgeschossen, nicht nach der Seite und da nichts darin im
toten Zirkel luft). Das Ganze als Selbstgesprch wie jedes gute Bild,
die Art Bach's, dessen Musik im Grunde den _Hrer_ nicht braucht, -- im
Gegensatz zu Wagner und Schnberg, deren Musik nur im _Zuhrer_ lebt und
auf dessen Seele lauert; ein hnlicher Gegensatz wie Mantegna und Drer;
Drers _meiste_ Sachen (nicht alle, z. B. die Holzschnitte nicht) sind
ohne den gebildeten Zuschauer tote Dinge. Mantegna's Bilder leben auch,
wenn kein Mensch sie ansieht; man erschrickt, wenn man ihnen zufllig
begegnet. (National-Galerie!) hnlich wie man ber das geheime,
selbstschpferische, unabhngige Leben erschrickt, vor dem neu
angekauften Bild eines alten Italieners (Seitenkabinett der Pinakothek,
ich glaube Nhe des Tiziansaales) Mann, Frau, Kind und Falke; ich
glaube, ich zeigte Dir einmal die Photographie dieses wunderbaren
Bildes.

Da Kam.... wirklich Komponist ist, wute ich gar nicht. Dann verstehe
ich natrlich, da er nicht in dem Sinne zum Musizieren zu bringen ist.
Aber das ist ja auch das, was ich immer bei Dir und bei *** vermisse. Du
verstehst, wie ich das meine; Musikmachen ist fr mich Unerfahrenen
etwas so Wunderbares, da ich immer zu leicht aus dem Spielenknnen die
Folgerung eines schpferischen Gestaltenknnens ziehe; daher aber auch
meine alte Abneigung gegen alles pedantische oder virtuose Spiel, das
beides unwesentlich ist. Ich sehne mich nach nichts mehr, als einmal
einen Komponisten spielen zu hren. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

                                                                 -- --
                                                                  Dein
                                                                  Frz.


                                             28. III. 15. Palmsonntag!

Heut ber Nacht ist pltzlich hoher Schnee gefallen, ganz unerwartet.
Ich war noch gestern und vorgestern mit meinen Wagen in der Stellung
vorn; gestern Nachmittag und Nacht kamen wir in strmenden Regen und
heute morgen  m Schnee! Die armen Strche frieren und sehen sehr
bekmmert drein. Es wird ja wohl nicht lange dauern. Die kriegerischen
Operationen hier zeigen dasselbe Bild wie berall in den Vogesen: ein
auf und ab, wie wir es seit 7 Monaten gewhnt sind. Ihr lest es ja aus
den amtlichen Berichten. An ein Hinausdrcken des Feindes ist zunchst
wohl fr lange nicht zu denken. Ich mu dabei oft an die Aufgaben der
sterreicher in den Karpathen und Serbien denken; vielleicht thun wir
ihnen doch auch etwas Unrecht mit unsrer geringschtzenden Ungeduld. Was
Kmpfe in starkgebirgigem Gelnde bedeuten, das wissen nur die, die es
erlebt haben.

Eine Beobachtung verfolgt mich stark in meinem ganzen Kriegsleben: die
ewige Wiederkehr des Gleichen, nmlich der gleichen Menschentypen! Es
ist mir oft, als gbe es nur eine bestimmte begrenzte Anzahl von
menschlichen Existenzeinheiten, resp. Verschiedenheiten. *** dient bei
mir in meinem Zug (ein sehr ordentlicher Mensch), *** ist hier
Kellnerin, Kubin, Kandinsky, Klee, -- alle sind so und so oft im Krieg
vertreten. Desgleichen wiederholen sich in unglaublichem Mae
Situationen, wenn man ein etwas somnambules Gefhl dafr hat und sie
sieht. Die Tiere gehren selbstverstndlich auch in diesen ewigen
Typenkreislauf. Die uralte Lehre von der Reinkarnation und Nietzsches
ewige Wiederkehr des Gleichen hat fr mich einen ganz neuen Sinn
bekommen, den ich frher nie erfat hatte. Es ist durchaus kein miger
Gedanke; denn er greift tief in das Geheimnis der knstlerischen
Gestaltung hinein; vielleicht ist er berhaupt seine Erklrung.
Wirkliche Kunstformen sind wahrscheinlich nichts, als dieses somnambule
Sehen des Typischen, das Sehen zwingender (und daher _richtiger_)
Spannungsverhltnisse. Das Richtige war immer schon richtig, immer schon
einmal da. Ich wei nicht, ob es verstndlich ist, wie ich mich
ausdrcke. Es ist so stark halb- d. h. unterbewutes _Erlebnis_, keine
Klgelei und man mte erst die ganz richtigen Worte dafr finden;
vielleicht gibt es sie auch nicht; denn es ist gar nicht notwendig
mglich, alles mit unserer unvollkommenen menschlichen Sprache
auszudrcken. Der Gedanke ist deswegen doch da. Der Sternenhimmel, den
ich in diesem Winter auerordentlich viel beobachtet habe, ist fr mich
gewissermaen ein Leitfaden, die Logarithmentafel dieses Gedankens: Die
Spannungsverhltnisse der einzelnen Sterne und Sternbilder zueinander
sind wie die Typenformeln, fr den Sehenden wie ein aufgeschlagenes Buch
des Lebens, der mglichen Situationen. Ich verstehe jetzt auch die
vielverspotteten Astrologen. Ihre Gedanken sind nicht etwa Aberglaube
oder Irrtmer sondern nur frhere mittelalterliche Formung von Gedanken,
die uns auch heute wieder begegnen; wir formen sie knstlerisch, die
Alten zogen soziale Schlsse aus ihnen, aber der Grundgedanke und
Ursprung dieses mythischen Sehens ist gewi derselbe.

In acht Tagen ist Ostern, -- verleb es friedlich und glcklich.
Hoffentlich ist das Frhlingswetter bis dahin wieder da. Ich werde in
diesen Tagen mit meinen Gedanken lebhaft und sehnschtig in Ried, bei
Dir und allem was zu _unserm Leben gehrt_ sein. --

Mit liebem Osterku

                                                                  Dein
                                                                   Fz.


                                                          29. III. 15.

L..., heut kam endlich Dein groer und kluger Brief ber die Aphorismen.
Ich kann unmglich schnell und ausfhrlich antworten und schreibe diese
kurze Karte nur um Dir zu sagen, da ich mit keinem Gedanken traurig
ber Deinen Widerspruch bin, sondern nur _dankbar_. ber Kunst kann man
nicht reden, hchstens ber die _Mittel_. Es wird gewi mein Fehler in
den Aphorismen sein, da sie durch sehr viel miverstndliche Worte und
Unklarheiten den Anschein erwecken, als wollte ich die Kunst definieren,
whrend ich nie mehr als eben die Mittel definieren kann (wie es
Delacroix und van Gogh z. B. getan haben). Wenn ich sie je berarbeite
und herausgebe, mte ich dies in voller Klarheit herausstellen. Aber
da die Form von selber kommt, wenn man nur wirklich etwas zu sagen
hat, das scheint mir nicht wahr. Bestndige Meditation ber die Form,
bestndigen Willen zur Form, den man immer wieder korrigiert, verwirft,
neu ansetzt, mit allen Hebeln der Welt und Erfahrung, -- ohne das geht's
nicht. Blos leben, das Leben fhlen bis zum Kern und auf die Form warten
wie die Blumen auf den Frhling, das war und ist nie produktive Kunst.
Das _Werk_ freilich mu den dornenvollen Weg ganz vergessen machen. Der
Beschauer soll und kann nur das reine Werk sehen, unsre Nte gehen ihn
nichts an, auch unsre Mittel nicht. Ich schrieb Dir schon einmal, da
ich die Aphorismen eigentlich _nur fr mich_ geschrieben habe, und Du
errtst richtig, da ich sie eigentlich geschrieben habe, um mich von
meiner Romantik, die mir schon so viel Qual verursacht hat, da ich sie
als unrein empfinde, zu befreien. Ich bin _sehr_ neugierig auf Tolstoi.
Soweit ich ihn kenne, ist gerade Tolstoi derjenige, der immer _Zweck_ in
der Kunst sieht! (z. B. Einigung der Menschen, was ich als Phrase
empfinde); aber ich will ihn lesen, ehe ich urteile und will Dir noch
viel ber alles schreiben: -- Schreib mir einmal: ist *** _produktiv_?
_schafft_ er wirklich oder _lebt er nur rein_? Ist er ein mehr passiver
oder aktiver Geist?

                                                                    --
                                                             Dein Frz.


                                                          30. III. 15.

L., nun liegen Deine drei langen Briefe ber die Aphorismen vor mir und
machen mich _sehr glcklich_. Ich sag dies gleich und bitte Dich, Dich
immer an diesen Satz zu erinnern, auch wenn Du vielleicht im folgenden
und spter oft vieles zu lesen meinst, dem Du widersprechen willst und
mut und das Dir Angst macht, da ich Dich vielleicht gar nicht
verstanden htte. Ich verstehe Dich und was Du willst und die Wahrheit
dessen, was Du forderst, vollkommen und werde immer wieder auf diesen
Kern und Urgrund dringen, auch wenn ich auf Umwegen gehe. Die Umwege
sind bei produktiven Naturen sicherlich oft die einzig mgliche
Verbindung mit dem Ziel; einer der _nur_ lebt, und in Reinheit wie ein
Eremit im Leben steht, lebt vertrauter mit dem Gott und Urgrund des
Seins (z. B. auch Ihr Frauen und Mtter) als ein _produzierender_ d. h.
_sich qulender_ Geist. Deswegen will ich doch zur Reinheit und bin
mir bewut, da viel Unreines in meinem ganzen bisherigen Werk und z. B.
auch in den Aphorismen ist. In den letzteren vor allem. In einem thust
Du mir unrecht, wenn ich auch berzeugt bin, da ich direkt Anla dazu
gegeben habe: da Du denkst, ich rede von _Kunst_; ich habe bei meinem
Reden nur die Form, d. h. die Mittel der Kunst im Auge; ob es nun eine
Snde wider den heiligen Geist ist, ber die Form nachzudenken, -- das
ist so schwer mit ja oder nein zu beantworten. So ohne weiteres wird
mich niemand berzeugen, da z. B. Mantegna oder Bellini (erinnere Dich
an seine Londoner Bilder!), Meister Bertram oder der Erbauer des
Straburger Domes oder Delacroix nicht stndlich in ihrem Leben um die
_Form_ gebangt und gerungen haben. Da sie Knstler waren und von Kunst
wuten, war ihre Seligkeit und ist auch die meine; aber die Form war ihr
tgliches Studium und ihre Qual. Die schenkt der liebe Gott uns nicht.
Musikalische Schpfungen will ich nicht hereinbeziehen; sie bleiben mir
in ihren _reinen_ Gebilden (wie Bach, oder die drei letzten Symphonien
Beethovens oder die katholischen Hymnen der frheren Italiener) ein
Mysterium, ber dessen formales Entstehen ich mir keine Gedanken zu
machen getraue (ich will es auch gar nicht), -- whrend mir sentimentale
oder uerliche (d. h. formal allzu durchsichtige) Musik oder auch reine
Musik sentimental gespielt, _gar keine_ Freude macht, schon aus dem
Grunde, weil ich hier vom Formalen gar nichts verstehe und mir daher
gewisse Freuden und Befriedigungen versagt sind, die z. B. ein Klee doch
noch mit Recht aufnimmt. Was K. ber Beethoven sagt, ist ja wrtlich das
was ich in den letzten Jahren so oft gesagt habe; erinnerst Du Dich
noch, wie ich einmal dringend nach Mozart verlangt habe, (Du weintest
damals darber, August war dabei), weil Mozart sich reiner,
unpersnlicher ausdrckt. Das thut er, soweit ich ihn kenne, freilich
nicht immer; vieles an ihm ist spielerisches Rokoko und zwar gerade
_deswegen_ unrein, weil es so unglaublich kunstvoll und geistreich ist
und nicht naiv, wie manchmal Rameau, der einem eben stille Freude macht,
wie ein Rokokozierat, _sehr reines Kunstgewerbe_. Das gibt es freilich
heute nicht, auer vielleicht in Picasso und manchem Lgers, berhaupt
den Franzosen! Heute steht jede Kunstuerung vor dem Entweder-Oder. Und
darum hast Du so recht mit Deiner Sehnsucht und Forderung, zum zeitlosen
Urklang zurckzusteigen. K. sagt: wenn ich Chinese bin, sage ich es
chinesisch, wenn ich 1915 lebe, -- 1915. Das ist so wahr, aber leichter
gesagt als gethan, _nmlich das 1915 leben_! Dazu mu man vielleicht
die Aphorismen und noch bessere, grndlichere durchdenken und geistig
_viel umfassen_; sonst lebt man irgendwann und -wo und hngt in der
Luft. Man darf das heilig anvertraute biblische Pfund nicht nur wie ein
frohes Evangelium in der Tasche tragen, (wie es momentan Du und
vielleicht K. thut und mit Euch viele reine Knstlerseelen, die nie zum
_Schaffen_ kommen, weil sie vielleicht _zu rein_ und keusch sind),
sondern mit dem Pfund handeln nach der Bibel. Um eins bet ich freilich:
da der Betrieb meine Seele nie mehr einfngt. Nur das nicht mehr; und
ich bin so froh, da Du mir dabei helfen willst. _Der Gedanke an ihn ist
mir grlich._ --

Ich freu mich sehr auf den Verkehr mit K. Wie schmerzlich, auch fr
Dich, da er jetzt fort mu. Schick ihm fters was; er wird es sicher
sehr gut brauchen knnen, mehr als ich. Auch wenn es ein bissel was
kostet; das macht nichts.

Seine Idee, da die Nchstenliebe die einzige geheime Religion von heute
ist, -- das ist das Einzige, was von Deinen und seinen Worten nicht in
meine Seele eingeht; auer man fat den Begriff der Hingabe und
Selbstverleugnung so weit, da es schlielich ein Streit um Worte wird.
Gerade _reine_ Kunst denkt so wenig an die andern, hat so wenig den
_Zweck, die Menschen zu einigen_ wie Tolstoi sagt, verfolgt berhaupt
keine Zwecke sondern ist einfach sinnbildlicher Schpfungsakt, stolz und
ganz fr sich! Ich schrieb Dir glaub ich schon einmal darber;
verliere Dich nicht ganz in das Riesenmeer Tolstoi'scher Gedanken; ich
verachte sie gar nicht, ich freu mich, sie jetzt bald zu lesen, nach
jahrelanger Pause; aber lies _Du_ jetzt einmal -- Nietzsche: Jenseits
von Bse und Gut -- Genealogie der Moral; der Antichrist und Morgenrte
(bei Paul). Ich will Dich ja nicht qulen; Du kannst es auch spter
einmal thun, wenn Du jetzt nicht in Stimmung bist. Dieser kurze Brief
soll auch keine erschpfende Antwort sein auf Deine langen Briefe,
sondern zunchst und vor allem meine _freudige Zustimmung_ zu dem
knftigen Leben sein, das Du Dir fr uns beide und mein Schaffen
ertrumst; Deine Briefe waren wirklich wie ein _Weckruf_; und dann kurze
verstreute Gedanken, die mir zunchst beim Lesen gekommen sind.
Nchstens mehr, mein liebes tapferes Weib. -- -- -- -- --


                                                      Ostersonntag 15.

L., heut am Ostersonntag mute ich so lebhaft an Ried denken, an die
Bsche am Bach, die jetzt sicher schon ihren Frhlingsschimmer haben, an
die unzhligen Leberblmchen und Anemonen und Blttchen, die nun alle
kommen; wie fabelhaft mu es sein, dies alles einmal wieder im Frieden
beobachten und miterleben zu knnen, das groe Wachstum unter dem
fruchtbaren Osterwasser, das doch auch von jeher als besonders
heilkrftig angesehen wurde. (Man schpfte aus den flieenden
Frhlingsbchen und bespritzte damit seine Liebsten, um ihre Liebe zu
erregen und ihre Schnheit dauernd zu machen!) Ostern hatte fr mich
immer etwas hchst Feierliches und Bewegendes, mehr noch als
Weihnachten, vielleicht weil es in seiner Stimmung und Bedeutung
heidnischer und lter ist. Nchstes Jahr wollen wir uns an allem freuen,
so grndlich und feiertgig, als wir nur knnen. -- Was ist wohl mit
Hanni? Ist sie trchtig? Beobachte mal, ob ihr Leib eckig wird, links
strker als rechts; man merkt es auch am Atmen, linksseitlich -- unten,
(Leibatmung); beobachte sie mal. Wie fein, da Bauer die Bumchen jetzt
doch noch geschtzt hat. Wenn sie nach zwei Jahren festgewurzelt sind
und oben gesund austreiben, kann man die unteren Zweige den Rehen ruhig
preisgeben; nur der Stamm selbst mu dauernd geschtzt bleiben. Wenn
doch die Obstblte heuer wieder gelnge; Du mut mir immer schreiben,
wie es damit steht.

Einliegend sind wieder ein paar Wintersachen, die ich nicht mehr
bentige, dazu leere Bchsen und Flschchen und ein kleines Vschen fr
Dich; der Fu ist gekittet, hoffentlich hlt er gut. Stell Dir immer ein
paar Blmchen hinein.


                                                            6. IV. 15.

L., gestern Abend kam Dein lieber guter Brief vom 1. IV. Ich kann Dir
gar nicht sagen, wie sehr und ganz ich mit Deinen Ideen gehe und
besonders knftig gehen will. Es macht mich auch stolz, da Du errtst,
da ich vieles von dem, was Du sagst, schon immer als tiefen Grundsatz,
vor allem in meinem Verhltnis zu anderen Menschen, in mir getragen
habe. Gerade diese Geistesrichtung hat sich in mir whrend dieser
Kriegszeit auerordentlich gestrkt. In meinem Verhltnis zur Kunst
_dachte_ ich, oder besser gesagt: fhlte ich auch immer so, aber ich
handelte nicht immer danach; das wei ich, da ich erst noch dazu kommen
mu. Der selbstqulerische Schaffensproze lie mich so viel Umwege
gehen, die vielleicht nicht ntig waren und meinem Schaffen mehr
Hemmungen bereiteten, als Frderung und Reinigung. Hier mu ich
umlernen, d. h. vom reinen Lernen zum reinen _Fhlen_ kommen und mich
immer mehr auf das reine Gefhl verlassen. Ich glaube fest, da es mir
leicht wird, wenn ich wieder heimkomme; die Zeit hat mich so vieles
gelehrt, mehr und vor allem anderes als Du denkst und aus den Aphorismen
schlieen zu knnen glaubst. Gerade sie sind fr mich, sowie sie jetzt
mir in der Erinnerung erscheinen, eine Art Abrechnung, ein
zum-Schlukommen einer unendlich langen, mich seit Jahren qulenden
Denkarbeit; das Ergebnis scheint Dir uerlich; wrtlich genommen ist
es wohl auch uerlich; aber das uerliche Ergebnis kann doch
nach innen schlagen; ich hoffe es jedenfalls, auf Grund des
Befreiungsgefhles, das ich jetzt so oft habe. Es hilft nichts, hier
viele Worte zu machen; man dreht sich dabei nur im Kreise, da man mit
Worten keine Werke vorwegnehmen kann. Das lebendige Gefhl, von dem Du
immer sprichst, versteh ich jetzt so gut; ich werde ganz in ihm leben
und an nichts sonst denken. Die Arbeitszeit, die mir bleibt, ist zu
kurz, um sie an die Welt zu verschwenden. Was ich in Artikel I
schrieb, scheint mir noch immer nicht ein unwahrer Trost, wie Du ihn
zu nennen scheinst, sondern seine einzige und wahre Erklrung, trotz
allem und allem. Gerade, was mit Dir und mir als Resultat erzeugt wird,
beweist mir an einem kleinen Beispiel, da ich nicht fabuliere mit dem
Leidensopfer und der _Reinigung_. K. hat wohl insofern recht, da der
Krieg jetzt doch nichts anderes ist als die bsen Zeiten vor dem Kriege;
was man vorher in der Gesinnung beging, begeht man jetzt mit Thaten;
aber warum? Weil man die Verlogenheit der europischen Sitte nicht mehr
aushielt. Lieber Blut als ewig schwindeln; der Krieg ist ebensosehr
Shne als selbstgewolltes Opfer, dem sich Europa unterworfen hat, um
ins Reine zu kommen mit sich. Alles, was drum und dran ist, ist
gnzlich uerlich und hlich; aber die hinausziehenden und die
sterbenden Krieger sind _nicht hlich_. Da trgt Dich _Dein_ Gefhl,
weil Du nicht weit genug fhlst. Sieh lieber ganz weg vom Krieg, so gut
es Dir mglich ist, wenn Du sein Bild nicht ertragen kannst, aber
erklre ihn nicht fr eine Dummheit! Denn das bedeutet nicht: dem Krieg
ins Gesicht sehen, sondern: nichts sehen, wo doch etwas ist, und zwar
etwas sehr Groes und Furchtbares.

Dank fr die Blumen im Brief; sie freuen mich immer so. Einliegend Brief
von Lisbeth. -- -- -- -- --

Auf K. freu ich mich sehr. Was Du von seiner Wohnung sagst, ist so nett.
Hoffentlich kommt er heil zurck. Was macht eigentlich Deine Stickerei?
Du schriebst lange nichts mehr davon. Auf die bin ich nmlich sehr
neugierig.


                                                            7. IV. 15.

L., in Deinem lieben langen Brief vom 29. sagst Du Deine Gedanken viel
klarer und reifer als in den anderen; ich verstehe Dich jetzt sehr gut;
im Grunde drckst Du den Kern und tiefsten Sinn meiner Sehnsucht ganz
klar und erschpfend aus und ich fhle gut, wie vieles in den Aphorismen
daneben tappt, wenn auch oft vielleicht mehr durch die Wortwahl als den
Sinn; ich erschrecke jetzt ber manches, was ich geschrieben habe; das
_mu_ ja so wie ich es ausdrckte, einen Unsinn ergeben und vom Kern der
Kunst ablenken, statt hinzufhren; ich schreib Dir noch ausfhrlicher;
diese Karte soll Dir nur erstens sagen, da ich II mit Freuden
zurckziehe; mach Dir darber gar keine Gedanken; Du weit wie leicht
ich verfehlte Werke zerschneide. (An den Aphorismen hoffe ich aber
vielleicht noch einmal arbeiten zu knnen, gerade auf Grund Deiner
Briefe. Aber jetzt _noch nicht_. Sie sind fr mich schon eine Art
Werk, nicht Worte, sollen es wenigstens nicht sein). Dann zweitens
Dank fr den _famosen_ Atlas, der mich riesig freut; er ist ganz das was
ich wollte. -- -- -- -- --

Ja, der Meister des Marienlebens! Die namenlosen gotischen Meister, --
das sind die reinsten. Du hast so recht. Die Kunst ging an der
vergiftenden Krankheit des Individualittskultus zugrunde, am
Wichtignehmen des Persnlichen, an der Eitelkeit, davon mu man gnzlich
loskommen. Dann ist man frei und hat Boden unter sich.

                                                        -- -- -- -- --
                                                                  Dein
                                                                  Frz.


                                             Fortsetzung am 8. IV. 15.

Gestern erhielt ich Deinen langen Brief, der so klar und gut alles sagt,
was Du meinst; ich antwortete Dir gleich mit einer kurzen Karte, die Dir
meine freudige Zustimmung sagte. Es wundert mich eigentlich, da Du mich
immer noch dahin verstehen willst, da nach mir Kunst: Form sein soll,
was gewi falsch ist. Form ist die natrliche Folge eines Gefhls wie
die Haltung und Gebrde die Folge und uerung eines Charakters ist. Ein
wirklicher Charakter denkt auch nicht: ich mu mich so oder so
halten, benehmen, kleiden, -- er thut es eben. Das ist fr ihn
Selbstverstndlichkeit, sogar _Unbewutheit_. Im Ursinn und Prinzip ist
es in der produktiven Kunst auch so, sicher z. B. in der primitiven
Kunst, (z. B. mein Negerbeil), in der byzantinischen, vormexikanischen
usw. Mit der modernen Kunst (der modernen Menschheit), ich denke mir
sie ungefhr ab 14. Jahrh. begann der sogenannte Fortschritt, ein
ungeheures, auch heute noch lange nicht abgeschlossenes Streben nach
Erkenntnis mit allen Krankheiten, Eitelkeiten, aber auch allen Wundern
Europas. Dein Eindruck ist so wahr, den Du in der Pinakothek hattest: es
gibt in der europischen Kunst ganz ganz wenig vllig _reine_ Bilder.
Fast berall steckt die Grimasse der Eitelkeit oder der Pedanterie, der
rationalistischen berlegung, der Frivolitt und selbst bei den besten:
das Allzupersnliche (was sich in frheren Jahrhunderten in der
sogenannten Schule ausdrckte, das Meisteratelier). Die keusche
Majestt, die mir vorschwebt, ist genau die Abkehr von all diesen
Grimassen. Aber ich sehe wohl ein, da ich immer zu sehr von einer
formalen Abkehr geredet habe, whrend sie nur im Lebens-Gefhl vor sich
gehen kann. Wenn man mich verstehen will (d. h. auf dem Boden steht, auf
dem Du jetzt stehst), kann man mich schon auch in Deinem Sinn verstehen;
z. B. den Aphorismus ber das _Was_ und Wie. Deutlich genug rede ich
hier, da nur der _Inhalt_ (Lebens-inhalt) wesentlich ist, das _Wie_
ganz gleichgltig, oder besser gesagt: die Folge des Inhaltes
(Gefhles). Im Grunde stehe ich mit meiner Sehnsucht von jeher auf
diesem guten Boden; immer trumte ich von unpersnlichen Bildern; ich
hab eine Abneigung gegen Signaturen. Ich hab auch gar nie das Verlangen
z. B. die Tiere zu malen, wie _ich_ sie ansehe, sondern wie sie
_sind_, (wie sie selbst die Welt ansehen und ihr Sein fhlen). So vieles
in mir kommt Deinen Ideen entgegen, _auch in den Aphorismen_; nur hab
ich mich sehr mangelhaft und unfertig ausgedrckt; es fehlt in ihnen der
innere Drehpunkt; ich bin mir erst jetzt durch Deine Briefe klar
geworden, wie ich alles sagen mte.

Der Tolstoi ist noch nicht angekommen, aber der famose Atlas, der _ganz
das ist, was ich wollte_. Schnen Dank. --

ber den Krieg denk ich noch immer nicht anders. Es erscheint mir
einfach flau und unlebendig, ihn als etwas Ordinres und Dummes zu
nehmen. Artikel II kannst Du mir mal schicken; ich bin ganz zufrieden,
wenn er _nicht_ gedruckt wird. Die Gedanken ber das Europertum sind
halb; wie Du ganz richtig sagst: auch noch zu sehr hinter dem
europischen Zaun, und eigentlich _nicht meine Sache_. Das ist mir der
Hauptgrund, ihn nicht zu drucken. --

Mit den Glasbildern hast Du recht. Der Durchschnitt ist wohl
unpersnlich und insofern rein, aber statt des tiefen bewegenden
Gefhls ist ein Schema der direkte Ursprung der einzelnen Bilder. Da
dieses Schema aber von tiefen, intuitiven (Volks-)schpfungen abgeleitet
ist, behlt es fr uns doch noch einen gewissen Kunst- und Gefhlswert.
Du weit, warum ich mich oft so strubte, schwache aufzuhngen. --

Wir haben momentan uerst unruhige und schwere Tage, -- Du wirst es an
der Sprunghaftigkeit meiner Briefe merken; sie sollen Dir nur meine
tiefe _Zustimmung_ ausdrcken. Ich verarbeite und erlebe diese
Erneuerung im Geiste mehr als es die Briefe merken lassen. Vor allem
mchte ich Dir einmal ber die Natur schreiben (die letzten
Aphorismen). Hier handelt es sich mir _nur_ um das Lebensgefhl, das
_Wie_ ist mir dabei ebenso gleichgltig als unklar, -- es wird kommen,
wenn ich in diesem merkwrdigen Gefhl male. Wenn ruhige Tage kommen,
versuche ich mal, davon zu schreiben. Ich wei nicht, ob ich kann,
gerade weil es sehr und ganz Gefhlssache ist, ein neuer Liebesinstinkt
der armen Natur gegenber.

                                                        -- -- -- -- --
                                                                  Dein
                                                                  Frz.


                                                            12. 4. 15.

   L.,

Je grndlicher und fter ich Deine letzten Briefe lese, desto zwingender
erscheint mir ihre innere knstlerische Logik. Ich streifte in den
Aphorismen die Wahrheit an allen Seiten, ohne jemals das Eigentliche,
Wesentliche zu sagen; sie bedeutet eine vllige Abkehr im Sinne des
Gleichnisses vom reichen Jngling; erst wenn die ganz vollzogen ist,
kann man prfen, ob die Gefhle, die berbleiben, wertvoll genug sind,
um auch den Anderen etwas zu bedeuten. Bei den allermeisten wird es
_nicht_ der Fall sein; ihre Bilder wrden gnzlich reizlos oder besser
gesagt: sie wrden aufhren, welche zu malen. Die Beschaulichkeit, die
reinliche Zurckhaltung, das Gewissen wrde sie vom unreinen Produzieren
abhalten. Nach diesem edlen Mastab gemessen bleibt von der gesamten
europischen Kunst _uerst wenig brig_! Der entwicklungseitle Geist
der modernen Jahrhunderte war der Kunst, wie wir sie trumen, allzu
abhold. Kunst ist nur ganz selten da. Ich denke viel ber meine eigene
Kunst nach. Der Instinkt hat mich im groen und ganzen auch bisher nicht
schlecht geleitet, wenn die Werke auch unrein waren; vor allem der
Instinkt, der mich von dem Lebensgefhl fr den Menschen zu dem Gefhl
fr das Animalische, den reinen Tieren wegleitete. Der unfromme
Mensch, der mich umgab, (vor allem der mnnliche) erregte meine wahren
Gefhle nicht, whrend das unberhrte Lebensgefhl des Tieres alles Gute
in mir erklingen lie. Und vom Tier weg leitete mich ein Instinkt zum
Abstrakten, das mich noch mehr erregte; zum zweiten Gesicht, das ganz
indisch-unzeitlich ist und in dem das Lebensgefhl ganz rein klingt. Ich
empfand schon _sehr_ frh den Menschen als hlich; das Tier schien
mir schner, reiner; aber auch an ihm entdeckte ich so viel
gefhlswidriges und hliches, so da meine Darstellungen instinktiv,
aus einem inneren Zwang, immer schematischer, abstrakter wurden. Bume,
Blumen, Erde, alles zeigte mir mit jedem Jahr mehr hliche,
gefhlswidrige Seiten, bis mir erst jetzt pltzlich die Hlichkeit der
Natur, ihre _Unreinheit_ voll zum Bewutsein kam. Vielleicht hat unser
europisches Auge die Welt vergiftet und entstellt; deswegen trume ich
ja von einem neuen Europa, -- aber lassen wir Europa aus dem Spiele;
Hauptsache ist _mein Gefhl_, mein _Gewissen_, wie Du sagst. Mein
Gewissen sagt mir, da ich vor der Natur (im weitesten Sinn) vollkommen
richtig und zwingend fhle; und wenn ich nur von meinem Lebensgefhl
ausgehe, sie mich nicht mehr angeht und berhrt wie die Kulissen eines
Theaters, mit der man eine Dichtung, drapiert. Die _Dichtung_ selbst
stammt aus ganz anderen Dichter- und Urgrnden; und will ich sie
ausdrcken, so wie ich sie fhle, darf ich nicht mit Kulissen arbeiten,
sondern einen weltbildfernen reinen Ausdruck suchen. Ob es einen solchen
gibt? Ob er je rein gefunden wird in der Malerei? In der Musik ist er
gefunden worden, da hast du recht; aber wie schnell ist er wieder
verloren worden! Nichts konnten wir _zwingen_ damit, -- das wollte ich
sagen, die _relative Erfolglosigkeit_ jenes frhen Sieges wollte ich mit
jenem Satz ausdrcken. Kandinsky ist zweifellos jenem Ziel der Wahrheit
nah auf der Spur, -- darum liebe ich ihn so. Du magst ganz recht haben,
da er als Mensch nicht rein und stark genug ist, soda seine Gefhle
nicht allgemein gltig sind, sondern nur sentimentale, sinnlich nervse,
romantische Menschen angehen. Aber sein Streben ist wundervoll und voll
einsamer Gre. Du mut aus dem Vorstehenden nicht schlieen, da ich
jetzt nach meinem alten Fehler wieder bestndig ber die mgliche,
abstrakte Form _nachdenke_; ich suche im Gegenteil sehr _gefhlsmig_
zu leben; mein uerliches Interesse an der Welt ist sehr keusch und
khl, sehr _durch_schauend, soda das _Interesse_ sich nicht in ihr
verfngt, und ich gegenwrtig eine Art negatives Leben fhre, um dem
reinen Gefhl Raum zum Atmen und zur knstlerischen Entfaltung zu geben.
Ich vertraue viel auf meinen Instinkt, auf das triebhafte Produzieren;
das kann ich erst wieder in Ried; aber dann wird es auch kommen; ich hab
oft das Gefhl, da ich irgend etwas Geheimnisvolles, Glckliches in der
Tasche habe, das ich nicht ansehen darf; ich halte die Hand drauf und
befhle es zuweilen von auen. --

Was Du von K. erzhlst, ist sehr hbsch.

                                                              -- -- --
                                                          Dein Frz. M.


                                                            13. 4. 15.

L., wenn ich Zeit finde, sehe ich mir hier immer die Grten an, meist
sehr alte Anlagen von einem merkwrdig khnen und dabei klugen,
besonnenen Stil; die Art der Weganlage ist einfach vorbildlich, lt
sich aber natrlich nie nachbilden, da sie stets so vollkommen dem
jeweiligen Haus und Gelnde angepat ist, da man nie zwei gleiche oder
nur hnliche Anlagen findet. Ich denke oft an Ried und wie wir das
Grundstck einmal gliedern wollen. Alles hngt natrlich davon ab, ob
wir die Nebenwiese bekommen oder nicht. Auch in der Beetanlage hab ich
sehr merkwrdige Sachen gesehen. Alles treibt jetzt schon heraus; es ist
ganz erregend, in einem solchen reichen alten Garten zu stehen, wo einen
der Frhling mit Millionen kleinen Augen ansieht. Ich bin noch mehr als
je in die Blumen und Bltter verliebt. Ich seh sie jetzt so anders an,
irgend ein Gefhl von Mitleid ist immer dabei, eine Art Mitwissertum;
man sieht sich einander an, stumm und mit der Geste: wir verstehen uns
schon; die Wahrheit ist ganz wo anders; wir beide stammen alle von ihr
und kehren einst zu ihr zurck. Mit Menschen kann man fast nie so
verkehren; da stoen immer die Ichs aufeinander; am wenigsten vielleicht
noch bei Klee; -- -- -- -- --. K. scheint ja eher ein reiner Mensch zu
sein; aber ich mu erst etwas von seiner _eigenen_ Musik hren, auf die
ich furchtbar gespannt bin. Ich bin in meinem ganzen Wesen so sehr
produzierender Charakter (-- es steckt wie eine Krankheit in mir), da
mir harmlose Gte im Leben wenig sagt. Vielleicht wenn ich lter und
ruhiger werde; mir wurde bei meinen Gedanken ber K. so viel wohler, als
Du schriebst, da er ganz produzierender Mensch sei und sich qult, --
dann geht es schon immer besser im gegenseitigen Verkehr. Ich werd ihn
sicher gern haben. Ja, einen Freund haben! Wieviel hab ich heimlich um
*** gelitten; da mir dieser Charakter so entgleiten mute! Mit
Kandinsky werde ich immer eine Art Mnnerfreundschaft halten, trotz
allem und allem; freilich: an eine Zusammenarbeit glaub ich auch nicht
mehr. Aber ich mu so viel an ihn denken. Ich wei, da dieser Mensch
innerlich frchterlich leidet. Sein ganzes Wesen, vor allem, wenn ich
jetzt an ihn zurckdenke, verrt es. August's Tod ist eine unersetzliche
Lcke fr mein Leben. Seine Kunst strahlt zwar nicht stark zu mir
herber, -- aber der Mensch!! Er war meine Erholung im Jahr. Wenn er
da war, hatte man Ferien! Was wohl aus Lisbeth wird? -- -- -- -- --
Wenn nur *** glcklich wiederkehrt! Das Schicksal abenteuert wirklich
sehr bedenklich mit seinem teuren Menschenmaterial. Eine derartige
Sterbelust und Opferdrang hat doch die Menschheit noch nie erfat wie
heute. Die Disziplin ist ja nur die Organisation dieses Dranges, dieses
Herandrngens an den Tod. Die Verwundungen sind die Enttuschungen: Das
Ich erwacht und bemerkt, da es nichts gewonnen, aber seinen dummen
Finger oder Arm verloren hat. Das ist das Satyrspiel der groen
Tragdie. Aber die Toten sind unsagbar glcklich. Wenn aus diesem Krieg
kein Dichter und keine Musik hervorgeht, dann gibt es berhaupt keine
mehr. Du schttelst sicher wieder den Kopf und meinst: ich fasle; aber
ich sag Dir: Du weit nichts vom Krieg. Vielleicht ist es auch so, da
ich ihn nicht anders sehen _will_ oder _kann_; beim Anblick dieses
Kmpfens und Sterbens geht es mir genau so, wie wenn ich die Natur
ansehe, in der es auch nicht anders zugeht; aber man fingert eben nicht
kurzsichtig an ihrem Bilde herum, sondern sieht ganz weit hinter nach
dem Geist, der das einzig Lebendige und Mgliche an dem allen ist.

Wir haben kolossal angestrengte Tage und Nchte hinter uns, aber es wird
hier nicht mehr lange dauern.

-- -- -- -- --


                                                           18. IV. 15.

L., ich hab den Tolstoi jetzt vollstndig (aber gewi nicht zum
letztenmal) gelesen und habe genau wie Du das unbeirrbare Gefhl, da in
dem Buche die Wahrheit oder wollen wir sagen: eine groe Wahrheit
liegt. Sie fr uns oder fr die Allgemeinheit, wie ich die
Allgemeinheit fhle, aus diesem Buche herauszuschlen, ist eine
ungeheuer schwere und verantwortungsvolle Aufgabe, an der bis jetzt noch
sehr wenig geschehen ist. Das ist kein Vorwurf fr Tolstoi; sein Buch
ist eine moralische Riesenleistung und es ist im Grunde
selbstverstndlich, da er als Einzelmensch bei dieser Arbeit, bei der
ihm _niemand_ geholfen hat und die er mit den einseitigen Krften seiner
zuflligen Begabungen und Schwchen lsen mute, einseitig und allzu
persnlich vorgegangen ist. Ein einzelner Mensch kann das Problem gar
nicht erschpfend und allgemeingltig wie einen Codex festlegen. Ich
habe, um einen _Mastab_ fr die Tolstoi-Gedanken zu gewinnen, z. B. das
Evangelium Markus gelesen, der herbste der vier Evangelisten. Lies z. B.
einmal das 4. Kapitel! (Vers 12!) und das unheimliche 5. (Vers 30 usf.)
und 7. Kapitel (ab Vers 14 und Vers 24!). Es sind nicht einzelne Dinge
oder Einwendungen gegen Tolstoi, die ich damit vorbringen will, nur den
Mastab der Qualitt seiner Ideen; Tolstoi wirkt, nachdem man diese
Kapitel in ihrer atembeklemmenden Groartigkeit gelesen hat, merkwrdig
soziologisch, Weltverbesserer, Glcksschwrmer. Er sieht das Reich
Gottes merkwrdig friedlich-ackerbaulich, als Glcksstaat, an und noch
mehr als: anstndigen Vernunftstaat. Tolstoi ist gegen Jesus gehalten
ein ganz schwacher Menschenkenner; er hat seinen Idealtyp und einen
andern kann er sich vernnftigerweise nicht vorstellen; aber die Welt
ist tief; und tiefer als der Mensch gedacht. Das ist nicht Mystizismus
von mir (oder Daumier oder Klee oder Archipenko -- ich denke an die paar
ganz ernsten Sachen von uns), sondern das ist unser heiligstes
Lebensgefhl. Es ist einfach thricht, von solchen Menschen sagen, da
ihre Kunst nur um einiger weniger krankhafter Mzene willen, die so
einen Kitzel bezahlen, geschaffen wurde. Tolstoi verwechselt eine an
sich gewi schdliche und unsittliche Begleiterscheinung mit den
_Ursachen_ der Dinge. Mit dieser Folgerung verdirbt er vieles in seinem
Buch. Etwas anderes ist es, wo er behauptet, da wir verbildet sind,
Krankheits- und Dekadenzprodukte unsrer Zeit. Darber denk ich jetzt
viel nach. Ich glaube, man darf diese Behauptung ebensowenig vorschnell
und stolz zurckweisen als sie leichtsinnig bejahen. Da exklusive
Knstler wie Daumier, van Gogh und Hokusai sich in ihrem tiefen
Weltgefhl in Einigkeit begegnen oder z. B. der tiefe Hang der modernen
Sucher, durch das Abstrakte allgemein Gltiges, Einigendes
auszudrcken (denn diese Tendenz liegt unbedingt in unsern, den andern,
_die stets bisher den persnlichen Einzelfall in der Kunst zu suchen
gewhnt waren_, so rtselhaften Werken), -- das ist vielleicht eine
ebenso wichtige und groe Sache als die Einigung von Hunderttausenden
auf die Melodie von stille Nacht, heilige Nacht oder die rhrenden
Volkslegenden und Mrchen.

Ich drnge mein Gefhl hier gar nicht zu einer raschen und grndlichen
Entscheidung, die nur das Produkt eines Lebenswerkes und vollen Lebens
sein kann, und nicht das Resultat des gesunden Menschenverstandes, an
den Tolstoi immer wieder appelliert.

Andrerseits: so unendlich viel, was Tolstoi sagt, ist so unbedingt wahr,
unabweislich, da man absolut nicht daran vorbeigehen kann. Z. B. S.
245-46 ber die moderne Romanliteratur und Musik. (Jede Melodie ist
frei und kann von allen verstanden werden; aber kaum ist sie mit einer
gewissen Melodie verbunden und durch sie verbaut, so wird sie nur
Menschen, die sich mit dieser Harmonie bekannt gemacht haben, zugnglich
usw.) Oder: nehmen sie bei den besten Romanen unsrer Zeit die
Einzelheiten fort und was bleibt dann brig? Das gleiche ist von den
Impressionisten zu sagen. Die allermeisten legen das Gewicht auf das Wie
und nicht auf das _Was_. Und bei uns Kubisten etc. ist das leider noch
mehr wahr, gewi mehr wahr, als wir es uns eingestehen wollen. Wir
_mssen_ es uns aber in _jedem_ Fall offen eingestehen. Dieser Gedanke
wird mich von nun stets beim Arbeiten und beim Nachdenken ber meine und
fremde Arbeit beherrschen.

Der einzige Knstler unsrer Tage im Sinne Tolstoischer Volkskunst ist
und bleibt natrlich Rousseau, wenngleich dem reinen Geist nach van Gogh
gewi nicht weniger Anspruch auf diesen Ehrenthron hat. Aber van Gogh
ist ja mit wenigen Portrtausnahmen fr die Menge gnzlich
unverstndlich!! Warum? Meine Antwort ist: weil es nicht wahr ist, da
alle Gefhle allen gemeinsam und verstndlich sein mssen. Der Mensch
ist kein einmal _festgelegter Typus_, mit dem man so einheitlich und
ber einen Leisten verfahren kann, sondern unterliegt ganz der Wandlung
und der _Rangordnung_, die die physikalische Natur in allen ihren
Betrieben, Werksttten anwendet, um etwas zu frdern und um wachsen zu
knnen. Differenzierung und Absonderung scheint mir eher gerade der
Schlssel der menschlichen Lebensenergie zu sein. Aber ich kann darber
nicht mit so wenig Worten reden. Jedenfalls ist fr mich das
christliche, das Jesus-Problem viel komplizierter, dunkler und
herzensschwerer wie Tolstoi es aufzufassen scheint. Rousseau ist
richtige christliche Volkskunst, Meister Bertram auch. Grnewald, Greco,
Delacroix wirken neben diesen sehr affektiert und unehrlich, und in
ihrem Aufwand von groen und kleinen Mitteln unntig. Knnte diese
Unstimmigkeit des Nebeneinander nicht davon herrhren, da man zwei
Welten mit ganz verschiedenen Maverhltnissen mit _gleichem_ Mastab
mit? d. h. mit dem Tolstoi-Mastab des Einen? La Dich nicht verleiten,
all diese Fragen zu einschichtig zu nehmen. Die Welt hat viele
Schichten. Der Mensch ist in der weiten Natur ebenso bergangsprodukt
wie das Tier oder die Pflanze; wenn er die Liebe, gegenseitige Achtung
und Hilfe als grten einigenden Lebensgrundsatz allmhlich annimmt, so
thut er das wahrscheinlich auch aus der inneren Not seiner Entwicklung.
Aus Michelangelo (den Tolstoi unbedingt verpnen mu), Hlderlin,
Beethoven, Czanne, spricht eine unendliche Weltliebe, Drang nach
Verstndigung; aber jeder hatte seinen Mastab; der Adler kann keine
Spatzen anfhren, -- _er fliegt ihnen mit drei Flgelschlgen davon_.

In manchem hat Tolstoi natrlich auch ber die Groen gewi richtig
gedacht; z. B. den spten Beethoven in gewissen Werken; mir schwebt da
besonders das berhmte _cis_-Moll-Quartett vor, das ich zweimal (von
Joachim und spter glaube ich von den Bhmen) hrte. Mir wurde es
jedesmal langweilig, weil es mir ganz knstlich gemacht schien. Das
erstemal dachte ich natrlich, da ich zu dumm bin, es aufzufassen; das
zweitemal schwor ich mir, es nicht ein drittesmal anzuhren; es ist
inhaltlich fad und in eine knstliche Stimmung und ungeheure Breite
gebracht. Jetzt wrde ich es natrlich erst recht noch einmal hren, um
mein Urteil zu prfen. Gnzlich unverstndlich ist mir, wie man den
erotischen Einschlag in reinen Kunstwerken, wie dem Violinkonzert,
Kreuzersonate, 7. und 9. Symphonie, Michelangelo, die Griechen usw. so
hassen kann, wie Tolstoi es thut. Wie kommt er dazu, berall das
Geschlechtlich-Hliche zu sehen? Das ist auch _krankhaft_ von seiner
Seite; am Ende traut er sich auch einmal nicht mehr durch einen
Blumengarten zu gehen. Gegen eine solche Auffassung wende ich mich mit
aller Leidenschaft. Dieser Punkt lt mich sehr zweifeln an der
_Gesundheit_ Tolstoischen Denkens. Der erotische Witz sowohl wie die
erotische Erregbarkeit und Leidenschaft sind Grundelemente des
menschlichen Fhlens (gerade des einfachen, geraden Menschen), die man
nicht durch christliche Liebe zudecken oder abschnren _kann_ und _darf_
und _soll_.

_A propos_: ich bin Vizewachtmeister -- nichts anderes. Deine brigen
Befrchtungen sind ganz grundlos. *** bat um uersten Preis von gelber
Kuh; ich schrieb ihm den Netto-Kriegspreis fr mich: ..., gnzlich
unverbindlich fr spter. Wenn in diesen Zeiten jemand kauft, wrde es
mich fr diesen Preis nur freuen.

Gute Nacht, mit einem Ku

                                                                 D. F.


                                                            27. 4. 15.

Die Siegesnachrichten dieser Tage regen mich ungeheuer auf. Jetzt _mu_
es vorangehen. Die Frhlingstage sind fabelhaft. Gestern fhrte ich
meine Wagen wieder in der Mondnacht vor; fast der ganze stundenlange Weg
ist berdacht von blhenden Kirschbumen; die schweren weien Zweige
wiegen sich so seltsam im Nachtwind; ich mu oft an die lngst
entschwundenen Bltennchte am Athos denken! Ich bin glcklich, die
schmerzliche Melancholie jener Jahre berwunden zu haben; damals stand
wirklich das dumme Ich im Mittelpunkte aller Gefhle, -- heute hat das
Ich zu horchen und wach zu sein, ohne Selbstansprche. Ich lese jetzt
den Tolstoi nochmals mit groer Aufmerksamkeit und lege Dir ab und zu
Zettel in die Seiten. Mein erster Eindruck wird nur bestrkt: seine
Gedanken bergen die fr uns entscheidende Wahrheit, aber seine
Vernunft-Logik ist ein ganz unzulngliches Werkzeug, diese Wahrheit
herauszustellen und zu definieren. Er arbeitet mit einer gesunden
praktischen Lebenslogik, die ihn da, wo er sie auf wirklich geistige
Probleme anwendet, ganz in die Irre fhrt. Dazwischen leuchten immer
wieder echte Wahrheiten, die aber wie Kometen zufllig die Bahn seiner
logischen Schlsse streifen, ohne _inneren_ Zusammenhang. Du wirst mich
schon verstehen, wenn Du das Buch mit meinen Bemerkungen nochmals liest.
-- Ich lege Dir einen Zeitungswisch ber Hndels Oratorien bei, --
vielleicht regt er Dich zum Nachlesen und Nachspielen im Auszug an.

Da Hanni wirklich trgt, ist kstlich. Bring ihr mglichst viel
durcheinander von Strauchzweigen und Waldgrn mit; frag auch Niestl ev.
wegen gewisser Wurzeln usw. Die Tiere suchen sich in solchem Zustand
gewi bestimmte Nahrung zur Milcherzeugung etc., Klee, Berberitzen,
Haselnu usw. Knnt ich doch dabei sein!! Aber ich bin jetzt voll
Zuversicht.

                                                        Mit liebem Ku
                                                                  Dein
                                                                    F.

Gre allseits!


                                                            16. V. 15.

   L., -- -- -- -- -- -- -- --

-- -- Um mich lege die Sorge wirklich ein bichen ab. Mein verndertes
mageres Aussehen geht sicher auf Seelisches zurck, das sich auch wieder
ausgleichen wird. Mein Krper ist sogar von einer mir ungewohnten
Elastizitt und Leidensfreiheit; ich bin nicht einmal nervs. Von irgend
welchen Strungen, wie bei *** ist bei mir keine Spur. Ich verdanke es
allerdings einer scharfen Selbstzucht (die ***, wie ich ihn beurteile,
sicher nicht gebt hat), da ich mich von meinem bedenklichen
Herbstzustand so erholt habe. -- Ein anderes Thema: -- --

-- -- -- -- --

Vieles geht mir ab; am meisten aber _Du_; und dann die Musik. Ich bin
uerst neugierig auf die einfachen Stcke, die Dir K. zum spielen
gab. Ich werde mich zu Musik noch ganz anders einstellen als frher.
Musik und Malerei sind doch ganz gleich, -- man mu nur das _Organ_
haben, das diese Gleichheit mit und erkennt; es ist auch nicht
notwendig, da jeder dies Organ hat; aber wer dies einmal erfat hat,
da die beiden ganz gleich sind, wird diesen Gedanken nie mehr los.
Unbegreiflich ist mir nur, was Kandinsky z. B. mit der _Vereinigung_ der
beiden bezweckt. Ganz abgesehen von der technischen Unmglichkeit, das
grundverschiedene uere Material (Zeit und Flche) der beiden Knste
zusammenzuschweien, ist es vor allem ein knstlerischer Nonsens und
einfach langweilig, das Gleiche zweimal vorbringen zu wollen oder gar
von den grundverschiedenen Materialien ein Stck von da und eins von
dort zu leihen und daraus ein Ganzes machen zu wollen. Gar nicht zu
verwechseln ist damit z. B. Musik mit Text wie z. B. Matthuspassion
oder ein vertontes Lied, -- das ist genau dasselbe wie ein
gegenstndliches Bild; es bleibt ganz Bild, wie Musik ganz Musik
bleibt trotz Text. Musik ohne Text gibt es nicht, er bleibt nur eben oft
unausgesprochen, -- Bachs Musik ist dafr klassisch. Ebensowenig gibt es
abstrakte Bilder ohne Gegenstand; der steckt _immer_ drin, ganz klar und
eindeutig, nur braucht er nicht immer uerlich da und augenfllig zu
sein. Ich denke viel ber diese Dinge nach; sie sind im Grunde so
einfach; es lohnt so gar nicht, viel darber zu disputieren. Es gibt da
gar nicht viel zu disputieren. Schwer und wichtig ist nur das Eine: den
Schaffensgrund in sich finden.

Fr heute gute Nacht! Ich werde mit guten Gedanken einschlafen. -- -- --
-- --

                                                              -- -- --


                                                    18. V. 15. Nachts.

   L....

Ich habe eine merkwrdige Lektre zufllig in die Hnde bekommen, die
mich unsagbar tief berhrt hat, gerade weil sie mich so ganz
berraschend und entgegen meinen bisherigen Anschauungen ber
Missionswesen ergriffen hat: eine Biographie Livingstones! Ich bin ganz
erschttert davon. Ich lege das Bchlein bei, (-- es gehrt nicht mir,
schicke es mir darum baldmglichst zurck). Es ist schriftstellerisch
ganz armselig, -- aber der Gegenstand, diese mystische Einfachheit des
wahren Genies, der durch das tiefste, furchtbarste Dunkel das Licht
seiner Idee trgt, ist so berwltigend, da die Form einerlei wird. Ich
mchte kaum ein wissenschaftliches Buch ber die Expedition Livingstones
lesen, -- allerdings wohl ein ausfhrlicheres als das vorliegende, vor
allem eines, das mehr persnliche Worte und Notizen Livingstones
enthielte; sieh Dich einmal im Buchhandel bei Lehmkuhl danach um, kauf
es und schenke es Maman von mir aus, -- spter will ich es dann auch
lesen. Von der Lektre dieses Bchleins aus bin ich Tolstoi, dem _wahren
Tolstoi_ wieder viel nher gekommen. Das ist Gre und Poesie durch
sich; die wenigen angefhrten Worte Livingstones sind von einer so
klangvollen riesigen Erhabenheit, wie auf dem Grabstein das Wort von der
offenen Wunde der Welt oder die Worte S. 25, das ist ein Leben! da
kann man von einer That reden. _Wir alle faulenzen._ Man mu sich
_gnzlich opfern_; nicht: sich an die Sule seiner Idee lehnen, wie
ich mich letzthin, glaub ich, ausgedrckt habe, sondern sein Kreuz
tragen, an dem man fr die Welt stirbt, -- dann nur knnte einst auf
unserem Grabstein die Mahnung an die Nachwelt stehen, fr die man sich
geopfert: Ihr seid teuer erkauft, -- werdet nicht der Menschen
Knechte. (1. Corinth. 7, 23.)


                                               Fortsetzung 22. V. 15.!

Inzwischen sind wir weit gereist; die neue Adresse ist wieder wie im
Herbst; siehe auf dem Kuvert; wir sind wieder in unserer alten Gegend
wie im Oktober-November, wenn auch nicht am gleichen Ort, aber unter
hnlichen Umstnden. Es wird alles fr mich immer traumhafter; wir
hatten zum Abzug aus E. die Wagen hochgeschmckt mit Blumen und trabten
nun so durch die gaffenden Drfer wie ein Zug aus Dante's Inferno; ich
fhle dabei immer, da eigentlich nur mein Krper reitet und ich ja ein
ganz anderes Leben lebe, ich wei nur nicht genau _wo_; ich bin jetzt so
oft in solch einer Art Dmmerzustand, hnlich wie im Traum, wenn man
merkt, da man nur trumt und doch trotzdem weitertrumt. Dieses Gefhl
ist aber gnzlich unsentimental und unromantisch und noch weniger
selbstqulerisch; vielmehr wie eine Thatsache, da man zeitweise das
Leben in mehreren Falten nebeneinander durchleben kann und die Einheit
von Lebensfunktionen nur sehr locker und fragwrdig ist. _Der Geist kann
unbedingt auch ohne Krper leben._ -- -- -- -- --


                                                            25. V. 15.

L., Du schreibst in einem Deiner guten Briefe man sollte um der Sache
willen, -- um sie zu retten, alles ablehnen, was nicht dazu gehrt und
da ein solcher Standpunkt das Heil fr mich wre. Du hast sehr recht,
daher auch gegenwrtig die groe Spaltung meines Wesens, die von dem
ungewhnlichen Leben und den ungewhnlichen Ereignissen bestimmt wird.
Ich lebe eigentlich drei Leben nebeneinander: das eine Leben des
Soldaten, das fr mich vollkommen Traumhandlung ist und bei dem ich
bestndig den sonderbarsten Ideenassoziationen und Erinnerungen
unterworfen bin, z. B. als ob ich bei den Legionen Csars stnde, -- das
ist kein Witz; ich bin auch durchaus nicht krank, -- ich sehe uns
pltzlich so, ganz genau, bis in alle Einzelheiten. So kommen mir auch
die Bewohner der Gegend durchaus als Verstorbene vor, als Schatten (nach
dem griechischen Hadesbild). Das sind gar keine _Erlebnisse_ mehr fr
mich; ich _sehe_ mich ganz objektiv wie einen Fremden herumreiten,
sprechen usw.

Das zweite Leben ist schon eher Erlebnis, die Gedanken an Europa,
Tolstoi, August, Ried, Bcher, die ich lese, Zeitungen und die Gedanken
an die schon jetzt ganz sagenumsponnene Front der Riesenheere, die
Fliegerkmpfe, (deren wir jetzt tglich Zeugen sind), meine Briefe, --
in all dem steckt schon eine Wirklichkeit, in die ich wenigstens
zuweilen meine Nase stecke und in der ich mich zuweilen wach, auf beiden
Fen und _anwesend_ fhle, obwohl ich nie das Bewutsein dabei
verliere, da dies alles fr mich nicht _wesentlich_ ist, nur Wege,
Spaziergnge ohne Ziel, die man zur Erholung und um sich zu fhlen und
um nicht unthtig zu sein geht, um dann wieder zu sich nach Hause
zurckzukehren, in sein eigenes gnzlich unsichtbares _Heim_. Und das
ist das _dritte_ Leben: das unbewute Wachsen und Gehen nach einem Ziel;
das Keimen der Kunst und des Schpferischen, der Keim, den man nicht
vorwitzig berhren darf. _Alles_ andre wird fr mich unwesentlich und
gleichgltig, wenn ich ber dieses eigentliche innere Leben brte; wie
der Vogel ber seinem Ei, so sitze und brte ich ber diesem Leben, --
und was ich sonst thue und denke, gehrt gar nicht wesentlich zu mir.
Der wahre Geist braucht gar keinen Krper zu seinem Leben, -- vielleicht
ist ein Krper seine uerliche Bedingung (Incarnation), aber er ist nur
wenig abhngig von ihm, kann sich von ihm zeitweise und besonders in
seinen wichtigen, wesentlichen Stunden ganz von ihm trennen. Vielleicht
wird Dir nicht ganz klar, was ich mit diesen Ideen ausdrcken will, sie
sind ganz spontane Erkenntnis, -- im brigen eine Erkenntnis, die durch
alle Religionen geht.

Diese Trennung ist keine _Bedingung_; in einem harmonischen Erdendasein
wird sie berhaupt kaum fhlbar, -- wenn ich nach Ried und zu Dir
zurckkehre und arbeiten darf, werden sich hoffentlich meine drei
Personen wieder hbsch eng zusammenschlieen. Aber gegenwrtig laufen
sie einzeln!

Wie geht's mit dem Essen? Schmeckt es K. und it er auch ordentlich?
ber den Klavierbetrieb bin ich sehr glcklich. -- -- -- -- --

Du bist enttuscht -- -- -- -- --, -- la Dich davon nicht zu sehr in
Deiner _offenen_ Haltung beeinflussen. Dieses: sich geistig zurckziehen
und vorsichtig sein kann ich nicht gut finden. Man mu so lebendig
sein, immer wieder und immer noch einmal von vorn anfangen zu knnen,
auch im Leben und _nie_ etwas nachzutragen, (-- eine ganz unntige Last,
die man da nachtrgt). Ich lasse die Menschen nicht so schnell aus.

Schade, da es mit der Obsternte dieses Jahr nicht so reichlich wird, --
wer wei brigens. Bei schwacher Blte fllt nicht viel ab und
vielleicht trgt der eine und andere Baum doch mehr, als man denkt. Die
guten Schwlbchen sollen nur nisten; das bringt Glck. Auf Hanni werd
ich immer neugieriger. --

-- -- -- -- --

                                                       Nun gute Nacht!
                                                             Dein Frz.


                                                           21. VI. 15.

   L....

Heute kam Dein langer guter Bleistiftbrief. -- -- -- -- -- -- -- -- --
-- -- Aber niemand darf sich im Glauben, dem Wesentlichen nher zu
sein, berheben; ich bin immer noch lieber gegen andere gutglubig als
gegen mich selbst. In einer Sache tuschst Du Dich immer in mir: Du
denkst, ich sei da und dort festgefahren. Ich irre und finde das
Gleichgewicht nicht, -- das ist etwas ganz anderes. Ich habe viel
grere, schrecklichere innere Hemmungen als Du; vielleicht weit Du
immer noch zu wenig ber mich. Hast Du Dich nie ganz scharf gefragt, was
es mit meiner Scheu, -- sagen wir: vor Penzberg oder vor fremden
Stuben auf sich hat? Was kann ich machen, da da, wo Du die Wahrheit,
das Gewissen siehst, ich noch immer fr meine Seele ein unlsbares
Problem sehe? Das nennt man nicht festgefahren, -- das ist etwas ganz
anderes. Die Wunde dieses Problemes fliet, seit ich erwachsen bin; mein
ganzes Malertum ist bisher nur ein Lsungs- oder besser: Rettungsversuch
aus diesem fr mich unlsbaren Problem gewesen. Ich bin Sozialist aus
tiefster Seele, mit meinem ganzen Wesen, -- aber nicht praktischer
Sozialist. Das ist nicht lcherlich und keine Phrase. Wir werden viel
darber reden.

Die Zeit des Weltkrieges ist nicht bser als irgendeine Zeit des
tiefsten Friedens; der schnste Friede war _immer_ nur ein latenter
Krieg; aber der _Einzelne_ kann sich befreien und anderen dazu helfen --
das ist der Sinn des _persnlichen_ Christentums und Buddhismus und
aller Kunst. Das ist natrlich auch wieder unprzis, vieldeutig und viel
zu schnell gesagt; ich finde die richtige Form nicht, es zu sagen; man
bedient sich immer festgefahrener Ausdrcke, alter Gedankenformen; eine
solche scheint mir auch Deine Menschenliebe; was ist das? geht sie auf
Kosten der Naturliebe? Was lehrt uns die Natur?? Wissen wir, _wo_ der
Mensch steht im Natur- und Gottesreich? Unser ganzes Denken, der ganze
Mensch mu endlich noch einmal und neu gedacht werden; es hilft nicht
und reicht wenigstens heute nicht mehr aus, nur auf Christus
zurckzugreifen. Je lnger und hingebender man ihn liest, desto
vieldeutiger wird er. Schon die Apostellehre begriff ihn nicht mehr und
wirkt auf mich ganz epigonenhaft. Meine Gedanken kreisen stets um dies
Thema von je und je, wenn ich auch die grten Umwege um das mir noch
immer unsichtbare Ziel gelaufen bin. Da Du die wirklich belustigende
Prophezeiung aus Plato auf mein eigenes Denken beziehst, hat mich selbst
belustigt. Da die rein literarische Phantasie Platos in keinem wahren
Zusammenhang mit dem jetzigen Kriege steht, ist doch selbstverstndlich.
Nur das uerliche Zusammentreffen ist wirklich ein verblffender Witz
der Literaturgeschichte, der wert ist, kolportiert zu werden.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- --


                                                           23. VI. 15.

   L....

heut kam Dein Brief vom 20. Sei unbesorgt: ich lege gar keine besondere
Wichtigkeit in diese Befrderungsfrage, auch finanziell nicht; mich
langweilt nur mein ewiger Unteroff.-Gehalt, wenn ein so hoher
Offiziersgehalt meiner Dienstzeit gewissermaen zusteht; -- -- -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Ich setze mein Leben und mein Werk, an das ich glaube, nicht
leichtfertig ein fr eine Sache wie diesen Krieg, die mich nur uerlich
interessiert. Ich kann ja immer noch nicht ber den Krieg schimpfen und
ihn hassen wie Du, -- als ob die Menschen vor dem Kriege und nach dem
Kriege und je besser gewesen wren. Was ist denn der Krieg anders als
der bisherige Friedenszustand in anderer, eigentlich ehrlicherer Form;
statt Konkurrenz gibt es jetzt Krieg. Ob die Menschen auf
Schlachtfeldern sterben oder durch Stubenluft und in Bergwerken, ist
kein _wesentlicher_ Unterschied; der Tod selbst und die Wunden verderben
die Seele nicht. Den Tod als _Zerstrung_ erkenne ich berhaupt nicht
an. Der Tod Deines Vaters war mir doch noch furchtbarer und
erschtternder als der Tod Wilhelms; ich wei nicht, ob Du das
verstehst. Fa es jedenfalls nicht auf, als ob ich jetzt abgestumpft
wre oder den Kriegstarantelstich htte, wie Du schreibst; ich fhle
hierin, wie ich immer gefhlt; vielleicht erinnerst Du Dich, wie ich
schon immer frher ber den Tod sprach: er ist absolut _Erlsung_. Dazu
braucht man kein Pessimist sein, nicht einmal Buddhist, hchstens
Christ. Tod, wo ist Dein Stachel? -- Es ist nicht einmal wahr, da ich
mich an den Krieg gewhne, wie Du annimmst; aber ich taste immer
ehrlicher an die Wurzel von dem allen, auch an die Wurzel der
Friedenszeiten. Ich glaube nicht an die menschenwrdigeren Zeiten, von
denen Du so viel sprichst: sie sind nur latent, bertncht, -- aber
_immer_, im Frieden und im Kriege, gibt es noch ein anderes Leben, das
kein Tod, kein Mord und kein Sterben, keine Wunden und keine Krankheiten
bezwingt und das von Weltverbserung so wenig als von Weltverbesserung
beeinflut werden kann. Mein Nerv wurde hart in mancher roten
schpferischen Stunde, -- vielleicht ist es das; denn ich bin sonst,
als Mensch, nicht grausamer, hartherziger geworden; _Du kennst mich ja_.
Aber wenn ich im Leben was thue, meinem Nchsten oder auch dem
Nchstbesten christliche Liebe erweise, will ich es immer so thun, da
meine rechte Hand nicht wei, was die Linke thut, -- nicht aber als
Programm, als Welttendenz und um was zu bessern. Ich dachte auch viel
ber Livingstone nach; er ist verehrungswrdig wie Franz von Assisi,
Pascal und Christus; aber liegt sein Erbfehler nicht auch in seiner
Organisation der Mission? was wurde heute daraus? denkst Du heute ber
Heidenmission auch schon anders? Ich nicht. Gibt es heute weniger
Sklaven? Werden die Menschen heute nicht mehr verkauft? die Formen
ndern sich, sonst nichts. Es gibt nur einen Segen und Erlsung: den
Tod; die Zerstrung der Form, damit die Seele frei wird. Du mut nicht
denken, da ich die Bibel poetisch lese; ich lese sie als _Wahrheit_,
wie ich Bach als _Wahrheit_ hre und reine Kunst als _Wahrheit_ sehe.
_Kannst Du_ mich verstehen? Ach knntest Du doch!

_A propos_: zum Leben zurck: -- -- -- -- -- Ja, das Leben! und die
Menschen! sie knnen einem _sehr_ leid thun, aber man kann sie nicht
bessern. Wir mssen auf ein anderes Leben warten. Fr manche brennt das
luternde Fegefeuer schon hienieden -- hoffentlich gehren wir zwei
unter diese -- manche und die meisten leider -- spren hienieden davon
noch gar nichts. Wirst Du mich verstehen? Das frag ich mich jetzt so
oft! _Dich_ glaub ich schon zu verstehen; Du meinst ganz das Richtige,
nur drckst Du es anders aus als ich; scheinbar einfacher, ohne Scheu
vor den Enttuschungen: ich liebe Dich darum nicht weniger; aber ich
mchte sie Deinem guten Herzen ersparen und Dich gleich zum
_Wesentlichen_ wenden.

Vieles in meinen Aphorismen kommt mir jetzt wieder in den Sinn, als ob
ich's erst heute verstnde, was ich damals, meist sehr unklar,
gestammelt.

                                                        -- -- -- -- --
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                                                                  Frz.




                        Nach dem ersten Urlaub.


                                               Straburg, 17. VII. 15.

L., von der Fahrt einen lieben Gru. Mir wurden die letzten Tage
innerlich doch schwerer, als ich es gestehen mochte und die Herausfahrt
auch; auf allen Stationen derselbe Blick aller Abschiedwinkenden Frauen,
-- die weite Spanne des Lebens immer in einen einzigen Blick gepret.
Aber ich trage so viele freudige Erinnerung an die Liebe in der Heimat
mit mir hinaus, da mir die Tage doch ein Segen sind; sei nicht traurig,
da ich in vielem so schweigsam war, -- ich konnte nicht anders. Ich
konnte mich nicht hingeben und _frei fhlen_ -- auf Widerruf! Erst wenn
ich ganz frei bin, wirst Du Deinen alten Franzl (und vielleicht einen
besseren) wieder ganz haben.

                                                        Mit tiefem Ku
                                                                  Dein
                                                                  Frz.


                                                          21. VII. 15.

L., ich mu jetzt immer an Ried denken, an dies liebe, unsagbar treue
reine Huschen; ich kann es gar nicht begreifen, da man es einmal
wieder so gut haben wird, an solchem Orte und _mit Dir_, ohne fremden
Zwang und nur seiner eigenen Menschlichkeit leben zu drfen. Ich empfand
in den kurzen Urlaubstagen alles so tief und entscheidend, -- tiefer,
als ich dem Ausdruck geben konnte und auch mochte; denn diese Empfindung
konnten Worte nur matter machen und nie ganz aussagen. Mnchen
interessierte mich so wenig; es rhrte mich etwas in seiner Trauer; aber
im Grunde war dort alles wie in einem Roman, der mich nur halb angeht
und der uns nur whrend der Lektre ein bichen bannt. (Bei Wolfskehl
fhlte ich etwas _Liebe_, vor allem als ich an seinem Krankenbett sa.)
Und _ganz Liebe_ fhlte und fhle ich fr _Dich_, mein gutes liebes
Lieb. Ich wei, ich war so schweigsam, -- Du frugst mich so oft; ich
konnte dir gar nicht richtig antworten und sagen; -- spter fiel mir's
auf die Seele, Du knntest am Ende traurig sein; leb nur frhlich in
Gedanken an mich und an unser kommendes Leben.

Das Leben hier berhrt mich berhaupt nicht mehr; es ist, als wre es
schon nicht mehr wirklich oder gegenwrtig; ein rein formalistisches
Dasein, dem man gehorcht. Der gute Soldat wider Willen wre kein
schlechtes Thema fr einen, der philosophisch genug wre, die ganze
Tragik und Merkwrdigkeit dieses gegenwrtigen Zustandes zu begreifen.
Alle begreifen ihn immer nur in dem Sinne, da der Deutsche sein _Land_
und seine _Arbeit_ verteidigt, seine Mission fhlt, aber den Frieden im
Herzen trgt, -- keiner fat das Thema so, da man den Fluch urltester
Gewissensverfehlung heute ber sich ergehen lassen mu und da man in
diesem Kriege persnlich und als Volk shnt. -- Wir sind wirklich
_alle_ schuld an diesem Krieg; -- das ist auch der eigentliche Grund,
warum es uns so auf die Nerven geht, wenn wir jemand sehen, der so thut,
als ginge ihn der Krieg, auch als Ereignis, gar nichts an. Nicht weil er
dem bedrngten Vaterland nicht zu Hilfe eilt, sondern weil er sich einer
Shne entzieht; das verstockte Herz des Evangeliums. Ich lese hier
Gogol: die toten Seelen I. Ich glaube, ich habe Band II auch zu Hause.
Wenn er da ist, sende ihn mir gelegentlich. Wenn nicht, la es; dann
bestelle ich ihn mir mit einigen anderen Reclambndchen. Ich las
Tolstois Macht der Finsternis; es ist wirklich erschtternd, aber nur
aus der russischen Seele heraus ganz zu verstehen. Das Ganze mit
deutschen Typen gespielt wrde gnzlich unwahr wirken. Ich hab es bei
Reinhardt gesehen; es ist aber zu lang her, um die Auffhrung aus der
Erinnerung nachzuprfen. Damals gefiel sie mir; aber wahrscheinlich war
sie zu raffiniert und nicht im Geiste Tolstois. Die bersetzung ist ganz
miserabel, meist direkt dumm. Nimm Dir als Winterlektre jedenfalls die
Brder Karamasoff vor; ich mchte, da Du sie einmal liest. Was macht
der gute Kam.? Erzhl mir nur weiter von ihm, was er sagt und denkt und
thut.


                                                          29. VII. 15.

L., dank fr den Blsche, der mich sehr interessiert. Tierbuch I (das
Pferd ist Tierbuch II) kannst Du mir einmal ganz gelegentlich besorgen
(gebunden). Ebenso die Atlantis (ich wei nicht, ob das der Titel ist).
Aber Du erinnerst Dich jedenfalls des Buches; es waren Zeichnungen darin
von der prhistorischen Geographie der Erde. Solche Lektre lenkt mich
jetzt sehr ab und ich hab das ziemlich ntig. Wir sind seit heute in
einem neuen Quartier, nher dem alten Herbstquartier, landschaftlich
ganz bezaubernd, Schilf- und Lenaustimmung, gnzlich unkriegerisch.
Unsere Thtigkeit scheint sich ihr anzupassen, -- Felderbau! Ich bin
ber die Vernderung ganz zufrieden, wenn ich auch mein gutes Bett
vermisse; hier ist es uerst primitiv.

Den Schlick werdet Ihr schon noch fangen. Es zieht ihn doch in
Menschennhe. --

Hier spielt sich alles in der Luft ab: Wildenten, die Schwalben, die
sich schon sammeln, Flieger, die bestndig hier auf- und absteigen, --
man guckt die ganze Zeit in die Hhe. Und abends unken alle Sumpfvgel.

Schreib mir von Euch und Ried.


                                                          30. VII. 15.

   L.,

Was ist *** fr eine merkwrdige Seele; wie _verschieden_ sind berhaupt
die Menschen! Daran mu ich jetzt oft denken. Irgendwo, in irgend einem
letzten tiefsten Punkte mgen sie wohl alle gleich sein, (-- Du nennst
diesen heimlichen Punkt: Gewissen); ich glaube, dieser Punkt existiert
ganz genau und scharf nur vor und nach dem Leben; whrend des Lebens ist
er irgendwie, ein ganz klein wenig, mehr oder weniger von der Stelle
gerckt; solange das Leben kreist und das Blut pocht, findet dieser
Punkt keine Ruhe; _niemand kann ihn genau ins Auge fassen_; und die es
sagen, tuschen sich; an diesem Ungefhr gehen wir alle zugrunde! Ich
bin nicht einmal unruhig bei diesem Bewutsein, -- denn es gibt mir eben
das Bewutsein, da ich lebe, am Leben leide und _arbeiten_ mu,
unaufhrlich, gegen das Ungefhr, bis wir sterben.

-- -- -- -- --

Das Drfchen, in dem wir sind, heit _Haumont_; an den Etangs von _La
Chausse_ gelegen; ein Stndchen von _Hagville_; zwischen _Hagville_
und _St. Bnoit_. Wir haben momentan reinen Feldbau zu betreiben; wir
sind ja auch um ein Stck weiter hinter der Front zurck; zwischen zwei
Fliegerstationen. Den ganzen Tag surren die Flugzeuge um uns herum; es
ist bestndig was los in der Luft. Und wenn keine Apparate fliegen,
wiegen sich Geier und Weihen und Falken ber den Feldern und Smpfen.
Abends ist die Luft voll von dem bekannten Brunnenbacher Moorunken, dem
Ruf der Weihen und Kuze. Die Gegend ist sehr waldreich, alles ganz
verwildert; es scheint mir sogar, da es einst knstliche Waldanlagen,
Parks von _St. Bnoit_ waren, die jetzt ganz verwachsen sind; ein
bichen wie der Park von Gendrin, in dem wir jagen gingen. Ohne
Mckenschleier ist hier natrlich kaum zu schlafen; der meine ist famos,
wenn Du genug Zeug hast, fertige noch zwei; ich mchte sie Kameraden
schenken.

ber Politik mag ich gar nicht mehr reden. Der Krieg geht seinen Gang;
keiner kann ihn heute ndern oder krzen oder verlngern. Auch Amerika
nicht. Mir scheint vielmehr, alles, was jetzt passiert, hat eine gute
innere Logik; die Sozialisten erhalten eine furchtbare Handhabe gegen
die Regierenden. Was heute alles geschieht, werden die Vlker nie
vergessen; der Boden fr die groartigste Bewegung des vierten Standes
wird heute bereitet; aber thtig begeistern mich auch diese Vorgnge
nicht. Die Kunst zieht eine andere Strae ins ewige Leben. Scharf denken
kann ich heute berhaupt nicht; alles erscheint dmmerig und etwas
trunken. Ich ersehne nichts als die _Heimkehr_.

Dank fr das gereinigte Besteckchen. Gr alle herzlich -- -- -- -- --

                                                        -- -- -- -- --


                                                         29. VIII. 15.

L., heut vor einem Jahr bin ich ausgezogen, -- weit Du noch, wie ich in
der Nacht alarmiert wurde? Dank fr Deinen lieben Brief vom 26. (mit dem
Gru vom Golling drauf). Du wendest Dich in Deinen Gedanken und
Vorwrfen viel zu sehr an die einzelnen Fhrer, Regierungen etc., statt
die Schuld in der _Gesamtheit_, im Gesamtverhalten, resp. im Verhalten
_jedes Einzelnen_ zu suchen. Regierungen haben sich nicht ber Vlker
gesetzt, sondern die Vlker haben sich Regierungen geschaffen, die das
Verhalten des Einzelnen autoritativ decken. Du hrst ja unser Volk!
Darber ist so viel zu sagen. Am Menschengedanken mu man mit der Arbeit
einsetzen, nicht an der Politik. -- Ich schreib Dir nchstens
ausfhrlich. -- Ein paar Tnnchen wirst Du im Frhjahr eben doch
einsetzen. Willst Du Dir nicht doch ein Ktzchen anschaffen, wegen der
Muse? Welf wird ihm nichts thun. -- Spielst Du? Mir geht es jetzt
wirklich gut. Du kannst in dieser Zeit mit groer Ruhe an mich denken.
Heute schrieb Deine Mutter eine Karte aus Gendrin mit der Ansicht des
Gutes, -- das hat mich auch tief wehmtig gestimmt. Wohin, wohin ist das
alles? Wo sind die Jahre? -- -- -- --

                                                              -- -- --
                                                                  Frz.


                                                          4. Sept. 15.

L., ich kann von nichts erzhlen als von Dingen und Gedanken, die Du
auch erlebst, vom Herbst, vom Grn, das langsam den brunlich faulenden
Ton bekommt, und von Erinnerungen. Denn von dem, was vor uns liegt, kann
man nicht reden; ich sehe trbe, -- andre sind uerst optimistisch;
alles Reden ist aber zwecklos. Es geht uns uerlich famos; geistig ist
man sicher nicht normal, -- _keiner_ von uns; aber ich denke: die
Anormalitt des Empfindens ist kaum mehr als eine von den Weltumstnden
aufgentigte Chamleon-Fhigkeit; das Chamleon wird sich dessen auch
kaum bewut sein, da es seine Farbe zehnmal am Tage wechselt.
Vielleicht hat das alles doch fr spter die glckliche Folge, da man
im spteren Eigenleben erst recht eigen und unbeeinflubar wird und
_Regie_, _Betrieb_ und Unwahrheit als eigentliche Snde wider den
heiligen Geist empfinden wird. Darauf hoffe ich sehr bei mir selbst.


                                                            9. IX. 15.

L., heut nur einen schnellen Gru, der Dir sagt, da es mir gut geht.
Die Herbsttage sind ganz wundervoll, einer schner wie der andere.
Letzthin zogen viele Reiher ber uns nach dem Sden, ebenso Brachvgel.
-- Von Hertha kam wieder ein gutes Paketchen. Unser Kurs dauert immer
noch an und beschftigt uns vollauf. Mir ist seine Fortdauer schon wegen
der Gesellschaft nur angenehm. Wie schn mu es jetzt bei Euch sein!
Hier ist es schlielich auch schn, aber man fhlt alles nur halb und
unrein.


                                                           12. IX. 15.

L., heut am Sonntag hat der Kurs ein ganz lustiges Ende gefunden mit
einem groen Preisschieen (mit Karabiner und Pistole; ich erscho mir
den 4. Platz, als Preis ein Lederetui mit Fchern fr Papiergeld, -- wir
sprachen ja einmal davon, -- ich brauch also jetzt keins mehr!); daran
anschlieend ein kleines energisches Jagdreiten ber Hrden und
Hindernisse und Abschiedsbankett -- das ist der Krieg!!! Ende September
soll dann das Examen sein (vor fremden Herren); danach dann die fr die
Befrderung ausschlaggebende Qualifikation. Ich kann nicht sagen, da
mir das Lernen und Arbeiten an den artilleristischen Aufgaben so fad und
unangenehm ist, wie es P. gewesen zu sein scheint; mich hat vieles
interessiert; und Examinationen waren mir eher spahaft und anregend als
peinlich. Sehr leid ist mir, da die gute Gesellschaft wieder
auseinandergeht; hier bleibt nur ***, der mich gar nicht interessiert.
Du sprichst von fehlenden Verbindungen; das ist natrlich sehr
richtig, nach den beiden Mglichkeiten und Annehmlichkeiten hin:
schnelle Befrderung oder: angenehmer Heimatposten. Was nicht ist, kann
man nicht herzwingen. Ich bin froh, da ich nicht von Generalstblern
abstamme oder als Edelknabe in der Pagerie erzogen worden bin wie ***
und Du wohl auch. Lieber verzichte ich auf alles und warte gemchlich,
bis dieser unglaubliche Krieg herum ist.

Eben kommt Dein lieber Brief vom 10. Sept. Ich schrieb Dir schon einmal:
ich kalkuliere und prophezeie berhaupt nichts mehr. Ob Zar oder
Grofrst -- wie soll unsereiner aus solchen Symptomen einen
wohldurchdachten, begrndeten Schlu ziehen ber die _wirkliche Lage_!
Es ist allerdings rgerlich und bld, da man so stumpfe Sinne hat, es
nicht zu knnen! Mein Ausdruck Thema, als ich vom Krieg als Folge des
deutschen Dranges die kaufmnnischen Weltgeschfte an sich zu reien
schrieb, hat natrlich nichts mit unserem Kurs zu thun. Ob Deutschland
fhig gewesen wre, ein geistiges Gegengewicht zu halten, erledigt
sich natrlich so ziemlich durch die Thatsache, da Deutschland dies
eben _nicht_ gethan hat, -- das ist eben die Tragik des deutschen 19.
Jahrhunderts. Wer aber kein Kaufmann und Industrieller werden will, wer
das alles _hat_, ist und wird heut eben _Widersacher_, -- er _darf_
nicht schweigen. Ich selbst bin jedenfalls ein so vollkommener Deutscher
im alten Sinne, einer aus dem Lande der deutschen Trumer, Dichter und
Denker, das Land von Kant und Bach und Schwind und Goethe und Hlderlin
und Nietzsche, -- nur mit dem einen Argwohn im Herzen: ob nicht die
Slaven, speziell die _Russen_ heute schon bald die geistige Fhrung der
Welt bernehmen werden, whrend Deutschlands Geist sich in
kaufmnnischen, kriegerischen und protzigen Hndeln unrettbar
verschlechtert. Ich kann diesen Glauben an die Russen gar nicht nher
begrnden; aber irgendein Gefhl flstert es mir immer zu. -- -- -- --
-- Meine guten, kleinen Rehe! Da ich diese wunderbare Herbststimmung
nun wieder nicht erlebe, die fallenden pfel und alles, alles! Gre
Muttchen herzlich, auch K. -- -- -- -- --


                                                           18. IX. 15.

L., ich fhle etwas, auch unter guten Kameraden: man kann sich nicht
mehr verstndigen; fast jeder spricht eine andere Sprache. Es gibt
nichts Trostloseres, Geistverwirrenderes, als ber den Krieg zu
sprechen; und ber etwas anderes kann man schon gar nicht sprechen; das
wirkt wie ein Irrenhausgesprch, rein fiktiv; keiner glaubt mehr voll an
die Realitt seiner Interessen und Weltbeziehungen; denn es ist ja --
Krieg! Und der Krieg selbst ist ein unlsbares Rtsel, das sich das
menschliche Gehirn wohl selber ausgedacht hat, das es aber nicht
_aus_-denken, zu Ende denken kann. Paul sandte mir ein Buch von Paul
Rohrbach Bismarck und wir, -- merkwrdig ungeistig; einfachste
Realpolitik, die jedem zugnglich, der ein bichen auf die Karte sieht:
die Notwendigkeit des Suezkanals fr Deutschland resp. Trkei usw.!!
Reist man ein paar Kilometer ber die Front, hat der Mensch -- _homo
sapiens_ -- englisch zu denken, nmlich: der Suezkanal mu unter allen
Umstnden englisch bleiben! Nirgends und von niemand wird der Krieg als
_menschliche_ Angelegenheit betrachtet, stets nur als englische oder
trkische oder deutsche usw.; oder neutrale, wo das Pharisertum seine
schnsten Blten treibt.

Kriegs_gegner_ sind wohl alle; auch Deine Offiziere aus Gendrin mit
ihren einstigen Hoffnungen und Erwartungen auf den kommenden Krieg. Aber
sobald sich solche Kriegsgegner ber dies Thema unterhalten und ihre
Gedanken einigen wollen, geraten sie sofort in den schwersten und
aussichtslosesten Streit; es ist, wie wenn der Teufel ihre Zungen
leitete.

Eben trifft ***'s Brief ein; das ist _sehr_ anstndig. Und Deine
Wintersorgen bist Du hoffentlich wieder ein bissel los. Es ist doch ganz
unglaublich, wie sehr das Geldpublikum sich von Kritikern beeinflussen
lt. Stahl spricht ja gerade von dem Hasenbild! Ja, Geist kann nur von
Ungeist Gewinn ziehen und leben, nur wo der Ungeist, die Dummheit und
die Interessen auf den Plan treten, ist _Wirtschaft_ mglich. Traurig.
Ich schme mich. Nun fr heute genug. -- -- -- -- --

                                                        -- -- -- -- --
                                                             Dein Frz.

Gru an Maman.

Streichle Hanni und die Kleinen.


                                                           23. IX. 15.

L., beiliegend die Sturmnummer, die den Tod von August Stramm meldet.
Ich zweifle nicht, da, wenn wir Stramm persnlich gekannt htten, uns
sein Tod auch tief berhrte. Die hier abgedruckten Gedichte machen mir
wohl wieder den Eindruck einer _sehr_ begrenzten Begabung; aber
innerhalb dieser Grenzen des Unvermgens eine groartige
Leidenschaftlichkeit des Empfindens; die Sprache war ihm nicht Form oder
Gef, in dem Gedanken kredenzt werden wie z. B. fr Rilke oder Stephan
George, sondern Material, aus dem er Feuer schlug, oder: toter Marmor,
den er zum Leben wecken wollte, wie ein wahrer Bildhauer. Er _war schon
am richtigen Wege_. Aber diesen Weg wirklich zu gehen, bedarf es noch
eines Greren.

Als ich heute Stramm wieder las, erkannte ich ganz deutlich, wie sehr
Rilke und George und Mombert einer vergangenen Gefhlswelt angehren,
als letzte sehr reife berse Frchte. Mombert ist herber und naiver,
weniger abgeschlossen. Ich knnte mir denken, da Mombert noch einmal
und Besseres schafft; und da es um so urwchsige und ehrliche Naturen
wie Stramm sehr schade ist, wenn auch sein zeitiger Tod wohl _Schicksal_
ist. -- -- -- -- --

Und nun fr heute Schlu! Mir geht's famos. Gru an Deine Mutter,
Niedmanns, K. und meine Tierlein.

                                                        -- -- -- -- --
                                                             Dein Frz.


                                                           24. IX. 15.

L., dank fr die Insterburger Karte und den lieben Brief vom 20. Was Ihr
von Rulands gefhrlichem Zustand denkt, wird wohl richtig sein;
was Ruland heute leidet, ist entsetzlich. An die geheimen
Friedensverhandlungen glaub ich _nicht_; aber ich glaub, ich schrieb Dir
schon einmal: ich la mich gern -- berraschen. Von der Stimmung im
Lande bin ich gut unterrichtet; es ist eben -- Belagerungszustand, --
Belagerung der Seele, des Gemtes, des Leibes, -- alles. Verlier nur die
Freude am Garten etc. _nicht_ -- das hat doch auch _keinen_ Sinn. Gegen
Museplage im Garten streut man am besten _Giftweizen_. Ein Hund rhrt
ihn nicht an; in die Lcher streuen, damit die Vgelchen nicht dran
kommen. Wenn Ihr Welf weggebt, schafft sofort ein Ktzchen an. Ich bin
entschieden dafr, Welf wegzugeben.


                                                           30. IX. 15.

   L.,

der arme, kleine Trim! Das ist schon traurig; aber das Tierchen hatte es
doch die wenigen Monate seines kleinen Lebens gut und vergngt gehabt,
so da es keine traurige Erinnerung ist; das arme Peterchen seinerzeit
schmerzte mich darum tiefer, weil ich immer dachte, es htte noch viel
gestreichelt und getrstet werden mssen fr sein Kinderleiden.
Hoffentlich bringst du Schlick und Hanni durch; ich knnte auch nicht
mehr machen als Du; ich wei ja, wie hilflos wir damals in Planegg vor
dem kleinen Rehchen standen, das uns starb. Ein gewisser Prozentsatz
dieser Tierchen geht immer ein. Was Du thust, scheint mir alles ganz
richtig. Auerdem mu man eben seine Erfahrungen sammeln, z. B. betreff
der Wrmer. Darber wei ich gar nichts. -- Heut kam auch Dein Paketchen
mit den Socken, Handschuhen und einem Paar _ganz famoser_ Pulswrmer,
die mir sehr gelegen kommen, da sie das Handgelenk doch viel wrmer
halten als die kurzen. Geld sollst Du mir keins schicken, mein Lieb;
solange ich hier im Kasino esse, bin ich ja wirklich sehr gut versorgt,
und da ich ja fast nichts trinke, gengt mir meine Lhnung so ziemlich.
Mir macht ein bichen zu sparen gar keine Schwierigkeiten; jetzt, in
diesem Kriege, kann man nicht schlemmen! Ich hab wenigstens keine Lust.
Meine Befrderung scheint wohl sicher; ich habe mich mit noch zwei (***
und ***) schriftlich damit einverstanden erklren mssen; die beiden
muten sich als Reserveoffiziere auerdem zu drei achtwchentlichen
bungen verpflichten, ich als Offizier der Landwehr zu _einer_ auf die
Dauer _bis_ zu acht Wochen (-- -- -- -- --). Ob wir nun vorerst
Offiziers-Stellvertreter werden, wissen wir selbst nicht. Prfung wird
wahrscheinlich gar keine stattfinden. Ich glaube _nicht_, da man mich
eigentlich zur Batterie holen will, wenigstens nicht fr dauernd. Unsre
Kolonne wird jetzt stark vergrert (24 Jahrgnge) und _mu_ noch einen
Offizier bekommen und ich scheine dazu ausersehen, was mir sehr
recht wre. In Anbetracht des nahenden Winters ist mir diese
Befrderungsgeschichte schon _sehr_ angenehm.

Die Offensive macht mir gar keine Angst mehr; sie knnen unsre
Stellungen da und dort in Trmmer schieen, soda man mal zurck mu,
aber _werfen_ knnen sie uns nicht; und die schrecklichen Verluste sind
immer beiderseits. Wie mag es nur dem armen Helmut ergangen sein? Er
stand nicht weit von der Haupteinbruchstelle.

Betreff Welf magst Du recht haben; spter gebe ich ihn aber sicher weg.
-- -- -- Beiliegend wieder Kritiken; in der Frankfurter Zeitung erschien
heut auch eine lange Rede ber mich. Wenn das doch endlich aufhrte. Es
ist mir so fad und alles kommt mir so dumm und falsch vor, die Bilder
selbst auch; ich kann mir, auch die guten, kaum mehr vorstellen.
_Behalte_ diese ganzen Besprechungen. *** braucht sie nicht, glaub ich;
oder wirf alles weg. -- Du sollst keine Kopfschmerzen haben! -- Das
Russisch-lernen macht mir Spa. Du solltest diese Worte hren! Dieser
Klangreichtum und diese Wortcharakteristik! Aber bldsinnig schwer; ich
werde nicht recht weit kommen. Das ist mir auch gleich. Es ist
wenigstens eine _abstrakte_ Beschftigung wie das Schach,

                                                        -- -- -- -- --
                                                             Dein Frz.


                                                           1. Okt. 15.

   L.,

von nun an brauchst Du bei Deinen Sendungen an mich nicht mehr besonders
auf Platznot Rcksicht zu nehmen; ich hab jetzt meinen gerumigen
Koffer, den ich mir in diesen Tagen aus Metz besorgen lasse (Holzkoffer
mit Eisenbeschlag), in den viel hineingeht. Ich schrieb Dir
schon gestern, da ich pltzlich mit der Befrderung zum
Offiziersstellvertreter berrascht worden bin, der in einigen Wochen das
Leutnantspatent folgen wird. Heut war die offizielle Offizierswahl; die
ministerielle Besttigung dauert kaum lnger als vier Wochen. Das
Angenehmste ist obendrein, da ich bei der Kolonne bleibe; ich brauche
weder eine Prfung zu machen, noch Referenzen einzureichen. (Dies mag
vielleicht darauf zurckzufhren sein, da ich einmal erwhnte, da
Deine Angehrigen als Offiziere gefallen sind.) -- Schick mir mal den
Emanuel Quint, den ich jetzt gern lese. -- Als Offiz.stellv. habe ich
monatlich -- -- -- -- -- viel mehr als ich brauche! Also die Geldsorgen
kannst Du jetzt wirklich fahren lassen und nicht etwa mit Heizmaterial
und was sonst frs Huschen ntig ist, knausern; auch nicht mit Mnchen
fahren, soviel es Dich freut. Hilf auch ***'s aus, wenn sie es ntig
haben. Ich dachte mir schon, ob ich ihnen einmal, wenn ich das
Leutnantsgeld habe, 100 Mark als Feldgeschenk schicken soll; was meinst
Du? soviel knnt ich leicht einmal entbehren, nachdem Du selbst ja auch
die Berliner Verkufe hast. Als kinderlose Leute knnten wir das und
sollten das wohl machen. Auf Urlaub im Sptherbst, sptestens Dezember
kannst Du auch sicher rechnen. Weihnachten selbst glaub ich keinenfalls.
Erstens werden da event. dieselben Alarmgerchte, die sich voriges Jahr
so traurig bewahrheitet haben, umgehen, andrerseits werden, wenn kein
Alarm ist, dann wohl die lteren Offiziere das Urlaubsvorrecht
beanspruchen und wir Jngeren die Truppen fhren mssen; momentan ist
_jeder_ Urlaub vollstndig gesperrt wegen der Offensive im Westen; wie
lang das dauert, kann kein Mensch wissen. Jedenfalls hab ich als
Offizier ganz andere Urlaubsaussichten als frher. Nun hab ich noch eine
Bitte: bestelle -- -- -- -- -- Nun genug von diesem Militrzeug!

Heut kamen Deine zwei lieben Briefe, die von den armen Rehchen erzhlen.
Das gute liebe kleine Trimchen! Hoffentlich bringst Du die Hanni und
Schlick durch. Wenn ich zurckkomme, sorge ich jedenfalls sehr
energisch, da die Tierchen vor Hunden Ruhe haben. Am besten denk ich
mir, man pflanzt einmal auf der langen Seite dichtes kurzes Gebsch und
kleine Tnnchen und zieht einen zweiten Innendrahtzaun. Ich glaube diese
eine lange Seite wrde gengen. Auf der Nordseite dann eventuell nur die
Bretter bis auf ca. 1 Mt. erhhen; es sieht freilich nicht hbsch aus
und ist am Ende nicht billiger als Draht und auch Gebsch, das gegen
Sicht deckt. Gegen das Erschieen und gar Proze!! bin ich auch. Man
macht sich die Leute zu direkten Feinden und zieht schlielich nur den
krzeren. Es wird ein bissel was kosten, aber schlielich ist alles
Angepflanzte _immer Gewinn_. Wir mssen unser Leben in Ried so
einrichten, da wir mglichst wenig Reibung mit den Bauern haben. Wir
knnen unser Rehgrtchen sehr gut so ausgestalten, da sie uns auch die
Tierchen nicht stren knnen.

Im Westen bekommen wir glaub und hoff ich langsam wieder die Oberhand.
Man fhlt sich eigentlich allgemein erleichtert, da die
Offensive endlich ausgebrochen ist, -- die Hoffnung, da sie die
Kriegs_entscheidung_ bringt, ist doch wieder sehr lebendig geworden. Die
Gre des Bluteinsatzes ist beiderseits frchterlich; aber niemand sieht
einen anderen Ausweg; der _Einzelne_ natrlich, aber nicht als
Volks_ganzes_; da kann es keiner verantworten zu sagen: hren wir von
heut auf morgen auf und lassen wir die Franzosen und Russen in unser
Land. Ntig dazu wre eine Verstndigung von Volk zu Volk, -- aber wie
eine solche heute anbahnen? Man darf ber das alles nicht leichtsinnig
und dilettantisch urteilen. Ich halte die Dinge streng auseinander; dem
rollenden Vlkerschicksal kann nur ein Dilettant in die Rder greifen
wollen; der Reine sieht schweigend und trauernd zu und geht zur _Quelle_
des bels zurck, einsam und einzeln ganz weit zurck.

Bleib gesund und denk auch wieder frhlich an mich und unsere Zukunft.
-- -- -- -- --

                                                                  Dein
                                                                  Frz.


                                                             2. X. 15.

Liebe, die Legenden von Lagerlf kenne ich nicht; nur Gsta Berling; sie
ist schon sehr fein, aber sie hat mich doch nie _ganz_ gefesselt, ich
wei nicht, woran es lag. Der schne Vers von Rilke ist ein echter
Rilke; liest man viel von ihm, klingt wohl eine Manier durch, die seinen
zum Teil prachtvollen Gedanken etwas Gewicht nimmt. Ist Novalis
interessant? -- Wie sehne ich mich oft nach eigener Arbeit! Diese lange,
lange Strecke unproduktiven Lebens. Es gibt erschreckende Dinge zu
sagen, keine sanften pastoralen Klnge. -- Gre alle! Mit liebem Ku

                                                                  Dein
                                                                  Frz.


                                                             5. X. 15.

   L.,

wenn sich die Rehchen _strecken_, ist es ein _sicheres_
Gesundheitszeichen; das gilt auch fr Hunde und Katzen. Wrmer sind im
Kot _nachweisbar_; wenn Du keine findest, haben sie auch keine. Doktor
Kahle werde ich einen Gru schreiben. Ich kenne die Besprechung in der
Frankfurter Zeitung. -- Lisbeth sandte mir wieder ein Paketchen, ich
lege ihren kleinen Brief bei. Da K. bei Stramm auch das Lebendige,
Schpferische herausfhlt, freut mich. Die Versuchung, Stramm darum zu
berschtzen, liegt ja nicht nah. Vieles, was Stramm gemacht, hlt einen
grndlich davon ab. Aber es geht hier wie bei den Futuristen und manchen
Kubisten: ein paar schpferische lebendige Klnge sind mir wertvoller
als die reifsten Passe-Vollkommenheiten eines George oder Rilke, oder
Kokoschka, -- selbst wenn mir letztere _vorbergehend_ genureicher und
lesbarer sind. Ich wrde mich nur freuen, wenn Du es unternhmst ***
direkt oder indirekt zu antworten; auch wenn es beim _Versuch_ bliebe.
Der Zwang etwas zu formulieren ist immer heilsam. Die Sprache ist doch
ein wundervolles Material, mit dem zu arbeiten an sich schon Genu und
Gewinn ist.


                                                Fortsetzung. 6. X. 15.

Ich habe in diesen Tagen das einliegende Buch von Th. Mann gelesen; lies
es auch; ich mag Manns Stil gar nicht, vieles ist auch richtige dumme
Journalistik; aber liest man weiter, gert man immer wieder auf Geist
und Sinn. Die Darstellung des fridericianischen Problems ist sehr
interessant. Vieles des heutigen Krieges wird klar, wenn man das wei,
was Mann hier ausplaudert. Ich glaube, man mu alt werden, um
einigermaen zu erfassen, was fr eine sonderbare Art von Tier der
Mensch ist, _la bte humaine_, wie Zola so gut sagte. Schick mir das
Buch zurck, es gehrt ***.

Jetzt spielt die Entente ihren gefhrlichsten Trumpf aus, -- am Balkan!!
Da drunten hat nun wirklich der Teufel die Karten gemischt! Wie klug
waren unsere Vorfahren, sich die Teufelsfigur auszudenken, um sich die
Welt zu erklren. Wir haben Himmel und Hlle entvlkert,
bilderstrmerisch, -- aber auf Erden, in unserm Blut, leben dieselben
Krfte fort, fr die wir jene klassischen Symbole schufen! Die Kunst
wird immer wieder in eine neue Welt von Symbolen mnden; man wird mit
dem Leben und dem Rtsel: Mensch so leicht nicht fertig.

Schlaf lieb und gut; ich schlafe momentan ausgezeichnet. -- -- -- -- --

                                                                  Dein
                                                                  Frz.


                                                             9. X. 15.

   L.,

ist einliegende Karte mit der alten Frau, die in das Kaminfeuer blst,
mit ihrem Hund, nicht erschtternd? ein Schicksalsbild des armen
Frankreich. Unser Leben ist umgeben von solchen Bildern. Ich kenne fr
mein Gemt nichts Frchterlicheres als den seltsamen Blick dieser alten,
ber alle Vorstellung vereinsamten Greise und Gromtter Frankreichs.
Die Kirche von Senzey ist auch von einer namenlosen Traurigkeit. Helmuts
Karte lege ich auch bei; vielleicht hat er doch das Glck und kommt
durch; ich wute ja, da dieses Gemetzel im Westen kommen wrde. Es
hilft kein Reden und Klagen und Anklagen. Es ist ziemlich sinnlos, den
paar Regierungsmnnern die Verantwortung fr dies Inferno zuschieben zu
wollen. _Jeder einzelne ist genau so schuldig._ Was versteht der
einzelne unter Frieden?? Das begierige Wiederaufnehmen desselben
friedenswidrigen sndlichen Lebens und Strebens, das diesen Weltbrand
erzeugt. Die Axt mu an die _Wurzel_ gelegt werden. Ich finde, Du redest
Dich in Deiner Trauer und in Deinem Zorn in einen ganz falschen
Demokratismus hinein.

Ich verstehe wohl, da Du Dich zuweilen nach Berlin oder Bonn sehnst, --
ich zweifle nur, ob Du Dich jetzt dort wohl fhlen knntest, gar in
Berlin!!! Das wrde fr Dein Gemt katastrophal enden; Bonn --
vielleicht; erholen wrdest Du Dich auch dort kaum. -- -- -- -- --

Mit den Rehchen scheint es ja gottlob besser zu gehen; bestelle mal
wieder die Photographie von unserem Huschen und schicke sie mir. Ich
werde hier so oft drum gefragt, wie es aussieht -- etc.

Nun Schlu.

Mit vieler, vieler Sehnsucht

                                                              Dein tr.
                                                                  Frz.


                                                            13. X. 15.

   L.,

wie schn ist das kurze Gedicht von Lasker-Schler auf Senna Hoys Tod;
sie ist doch eine groe Knstlerin, deren Strke immer wieder ber ihre
groen Schwchen triumphiert. -- Symptomatisch interessant ist der jetzt
(im selben Blatt) lanzierte Artikel ber die D. G. G. In diesen Tagen
vollzieht sich, meine ich, der entscheidende Umschwung, -- das Ende des
Krieges wird mit Riesenschritten nahen, das seh ich jetzt voraus. Ich
bin auf einmal wieder etwas Optimist. Der Einmarsch in Serbien ist vom
deutschen Heere in so beispielloser Strke seit Monaten vorbereitet,
genau wie seinerzeit die furchtbare galizische Offensive. -- -- -- --
--. Ich halte es nun doch fr wahrscheinlich, da wir Frhjahr 1916 das
Ende erleben werden, -- wenn nicht sogar etwas frher. Die Ratlosigkeit
der Entente am strategischen Schachbrett ist zu offenkundig. -- Bei uns
hat es ja fast den Anschein, als wollten wir das lange oder dicke Ende
dieses Krieges schn gemtlich in _Haumont_ abwarten! Ich reite jetzt
viel fr mich allein spazieren, stundenlang in den riesigen Eichen- und
Buchenwldern, die sich zwischen _Haumont_ und _Hattonchtel_ und _St.
Mihiel_ ausdehnen, spazieren. Die Herbstfarben sind jetzt so glhend wie
einst am Thrnenhgel! Ich habe mir ein hbsches neues Pferd
herausgesucht, eine hochrote Fuchsstute Eva. Ich kann jetzt gottlob
ohne zu fragen und wohin ich will, meine Ritte machen; den ewigen Druck
des stndlichen Angebundenseins bin ich jetzt doch _etwas_ los, --
angebunden bleibt man natrlich immer! Also wenn _Du_ Dir mein Leben
vorstellen willst, stell Dir Deinen Franzl auf seiner Eva langsam durch
die Herbstwlder reitend vor. Ich reite viel Schritt; es wimmelt von
Raubzeug hier; Rehe sind sehr selten; (heute traf ich zum erstenmal eine
Hanni mit 2 Kitzen!) Auerdem sind seit gestern 3 _Kraniche_ hier!
Hauptsache _grau_, weie Unterseiten; sieh doch mal im Brehm nach, was
es fr Kraniche sein knnten, ob Jungfernkranich oder eine andre Art.
Reiher sind es nicht; Reiher und Strche tragen im Flug den Hals anders.

Heut abend kam Dein Paket vom 4. X., also in 9 Tagen; das geht sehr
prompt; dank fr die guten Flschchen! Strmpfe habe ich _jetzt_ mehr
als genug, schick auf keinen Fall mehr. Mit _warmen_ Sachen bin ich
jetzt berhaupt vollkommen versorgt. Wegen weicher weier Hemden, also
mit anderen Worten: etwas Offizierswsche schrieb ich Dir schon; wenn Du
nichts mehr findest, kaufe nichts, -- ich besorge es mir ganz einfach in
Metz. Morgen -- bermorgen bin ich auch dort, nehme ein Bad und dergl.

                                                        -- -- -- -- --
                                                                  Dein
                                                                  Frz.


                                                            16. X. 15.

L., heute schickte mir Kahle wieder eine Arbeit ber das gyptische
Schattenspiel, das Krokodilspiel, -- sehr anregend; ich bin eigentlich
sonst zum Lesen ganz unfhig, hchstens so ganz ausgefallene,
unvorhergesehene Sachen freuen mich. Alles andere scheint mir so fatal
bekannt, voll europischer Tendenz und unntig, ohne Not. Ich mte
jetzt bald arbeiten knnen, -- das Lesen hat jetzt keinen Sinn fr mich.
ber das Kriegsende bin ich immer noch guten Mutes; mir scheint ein
Waffenstillstand wirklich sehr im Bereich der winterlichen
Mglichkeiten. ber meine Abkommandierung hab ich noch nichts weiter
gehrt; hoffentlich verschiebt sie sich noch eine oder zwei Wochen,
schon um des wunderbaren Herbstes willen, -- das Reiten ist jetzt zu
schn! -- die Offensive stumpft sich ja auch ganz ab; ich glaube, wir
bekommen hier nicht mehr viel zu thun. Meine einzige Sorge ist Helmut.

                                                              -- -- --
                                                                  Frz.


                                                    19. od. 20. X. 15.

L., Du frgst, ob ich zwischen 5. und 9. nicht geschrieben habe? So
lange Pausen hab ich _nie_ gemacht; vielleicht hab ich aber zuweilen ein
falsches Datum erwischt, wie heute zum Beispiel. Ich glaube, Du kannst
Dich noch immer nicht in meine Seelenverfassung hineindenken; was gehen
mich Datum und Tage an! Gibt es etwas Grulicheres als diese
Zeit-einteilung; ich empfinde sehr zeitlos und fhle mich dabei weit
wohler als am Anfang, als ich die Tage und Wochen zhlte! -- -- -- -- --

Wie freu ich mich, da es den Rehchen wieder gut geht! Hat eigentlich
Niestl nie meinen Brief mit schwedischen Kritiken bekommen, um deren
Entzifferung ich ihn bat? Ist am Ende seine Post kontrolliert und hat
man den Brief mit den schwedischen Einlagen konfisziert? Es liegt mir
_gar nichts_ an ihnen, nur der Fall an sich wre interessant.

ber mein Antwerpener Kommando hab ich gar nichts weiter gehrt;
vielleicht wird auch nichts daraus, nachdem es so lange dauert. Es tht
mir leid. Aber ich rhre wie bisher immer keinen Finger deswegen; ich
lass _alles an mich herankommen_, wie's kommt. Willensbestimmung hat man
ja doch keine und ich nehme letzten Endes doch auch nicht das geringste
Interesse am Kriegfhren und Soldatsein; ich begreife immer gar nicht,
da man mich so schtzt; die Herren sind unglaublich schlechte
Psychologen, -- vielleicht auch gute: denn sie wissen, da man sich auf
mich militrisch und menschlich verlassen kann, und meine Privatmeinung
geht sie nichts an. Schicke jedenfalls unbesorgt, was Du ev. schicken
willst; wer wei, wann das Kommando einmal kommt! Und nachgesandt wird
mir gegebenenfalls doch alles!

Trumst Du zuweilen von mir? Ich schon von Dir!

                                                        -- -- -- -- --
                                                                  Dein
                                                                  Frz.


                                                            20. X. 15.

   L.,

heute bekam ich die Mitteilung, da sich mein Antwerpener Kommando um
ca. 1-2 Monate verschiebt, ich also zunchst noch hierbleibe; Dir wird
es ja vermutlich ein erfreulicher Aufschub sein, da Du wohl ber alle
Vernderungen Dich sorgst; mir aber thut es leid; ich hatte mich auf die
Abwechslung sehr gefreut; der Aufschub hat aber auch seine guten Seiten:
erstens komme ich dann sicher als Offizier hin und mit weit greren
Annehmlichkeiten wie als Offiziers-Stellvertreter, dann werde ich
auerdem vermutlich von hier aus Urlaubsaussichten haben, gesetzt, da
die Urlaubssperre bald aufgehoben wird, was wir alle hoffen. Den
Franzosen sind die Offensivgedanken, glaube ich, ziemlich vergangen; es
ist bei uns ruhiger denn je. Unsre Kolonne ist jetzt auf ihre
etatsmige Strke angewachsen, 24 Fahrzeuge und ber 200 Pferde! In
Ensisheim, zur Zeit unserer schrfsten Gefechtsttigkeit hatten wir
ganze 9 Wagen und versorgten eine ganze Abteilung (3 Batterien, zuweilen
sogar noch mehr!), -- heute sind wir nach Felddienstvorschrift auf
Etatsstrke gebracht und thun nichts. Es scheint mir auch, nach dem was
ich hrte, sehr unwahrscheinlich, da wir verstrkt wurden, um uns
irgendwo einzusetzen, wie wir eine Zeitlang vermuteten. Es wird einen
langweiligen Winter in Haumont geben; ich verlange mir ja absolut keine
Gefechtttigkeit, -- aber Abwechslung, Berhrung mit neuen Menschen und
andrer Umgebung. Die Zeit des Aspirantenkurses war mir darum eine
riesige Wohlthat.

Du wirst in den Zeitungen jetzt auch des fteren die englischen Stimmen
lesen, die von Friedensverhandlungen wie von einem ganz absurden
deutschen Hirngespinst reden, -- la Dich davon nicht tuschen. Dies
Zeitungsgerede ist ganz irrelevant, -- mein Optimismus ist ganz
unerschttert. Was sagst Du zu dem opfernden Grogrundbesitzer im
beiliegenden Zeitungsabschnitt, -- ist der nicht kstlich? Geradezu
unglaublich ist der nebenstehende hysterische Bldsinn der Morning Post.

                                                     Ku und Liebe von
                                                                Deinem
                                                                  Frz.

Koehler hat sich _sehr_ ber Deinen Obstgru gefreut.

_p. s._ Heut Abd. kamen noch 3 liebe Paketchen von Dir: Ingwer, Gelee
und Kragen. Vielen Dank. Gelee werd ich morgen zum Frhstck versuchen,
(hab ich Dir schon geschildert, da unser Kasino eine Blockhtte ist,
rund um und das Dach mit _Schilf_ bekleidet, und drin sitzt Dein Franzl
als Frhaufsteher meist allein vor seiner Frhstckstasse und it morgen
Rieder Gelee dazu? das Ganze wr ein ideales Atelier fr mich!) Kragen
probier ich auch morgen. Deine Nachricht, da in Berlin die
Militrlieferungen nachlassen, ergnzt ja sehr meinen jetzigen
Optimismus. Es freut mich _sehr_, da Du ein bichen Kleiderluxus
treibst. Die innere Trauer hat doch nichts mit schbiger Kleidung zu
thun; das fehlt auch noch, da sie darin ihren uerlichen Ausdruck
findet! Um Gottes willen!


                                                            23. X. 15.

   L.,

hast Du den letzten Sturm (13/14) gelesen? Mich hat darin einiges
betroffen, z. B. die sehr unverstandene Nachahmung meiner
Holzschnittgedanken durch ***. -- Dann der Briefwechsel zwischen *** und
***, der sein Verhltnis zu mir erwhnt; das ist ein so seltsames
Gefhl; man traut's sich immer nicht zu und vergit ganz, da Bilder
wirken, rcksichtslos und auf ihre Weise, wie es einem mit Kindern
gehen mag, die _ihr_ Leben leben, und die Dinge sagen, die der Vater gar
nicht gemeint hat, -- und doch stammen sie von ihm. In dem Verhltnis
von mir zu meinem Vater ist dies zweifellos wahr. -- Und drittens regte
mich das Stck von Aug. Stramm auerordentlich an. Wie immer gerate ich
beim Lesen natrlich auf musikalische und malerische (in dem Fall _rein
kubistische_) Vorstellungen; ich bin gnzlich auerstande, sein Werk
literarisch, sagen wir: dichterisch zu werten, aber es geht in
Formenvorstellungen und musikalisch-thematisch ganz rein in mich ein. Du
wirst mir gewi sofort entgegnen, da ich hier wieder die Form suche und
nach der Form urteile, statt nach dem Inhalt und dem Gefhl zu suchen,
das durch das Werk ausgedrckt ist. Ich kann diese Dinge nicht trennen.
Denn ich meine: wre kein reines und starkes Gefhl in dem Werk, knnte
seine Form mich doch auch nicht erregen, -- denn erregt wird doch
zweifellos mein Lebensgefhl. Die Art, wie Stramm seinem Gefhl Ausdruck
gibt, ist so rcksichtslos, so bewut und von einer so schpferischen
Lust eingegeben und bestimmt, die sich so wenig um die Trgheit des
Lesers kmmert, wie der Komponist einer Chaconne oder wir Maler heute.
Unser Gefhl von der Welt findet keinen anderen Ausdruck. ber das
Gefhl lt sich nicht streiten; ob es nun vielen oder allen oder
wenigen zugnglich ist, darum knnen wir uns nicht sorgen; das mssen
wir dem Weltgeist berlassen. --

Ich lese eben in der Zeitung, da Euer Fleischmen von Staats wegen
wieder beschnitten und eingeschrnkt wird; -- -- -- -- -- ich bin froh,
da Du momentan bei Geld bist und ich Dir auch schicken kann, so kannst
Du Dir manches extra leisten. Du wrdest Dich wahrscheinlich ba
verwundern, wenn Du unsern tglichen Frhstckstisch shest:
prachtvolles Weibrot, Salzstangen und Schnecken mit Weinbeeren drin und
Zuckergu wie beim beehrens uns ferner! Wir leiden keinen Mangel; mein
Magen hat sich aber auch _erstaunlich erholt_. -- -- -- -- --

                                                             Dein Frz.


                                                            28. X. 15.

   L.,

Du schreibst mir ein Klagekrtchen, da ich mich gegen das tgliche
Schreiben strube. Ich habe in letzter Zeit aber recht fleiig
geschrieben und meist auch recht gern; fr die Unregelmigkeiten der
Post kann ich natrlich nichts. Es ist fr mich oft schwer zu schreiben,
_jeder_ uere Anla hier fehlt, denn ich bring es nicht ber mich, von
hier zu erzhlen; von Ried kann man erzhlen, aber der Krieg herauen
macht _stumm_, -- wenigstens mich. Sei froh, da ich so bin. Paul ist
nun in nicht ganz harmlose Situationen gekommen, -- hoffentlich hat er
Glck wie ich im Elsa, fr sich und seine Leute; denn das war mir immer
ein schrecklicher Gedanke, da Leute, die meiner Fhrung anvertraut
sind, verwundet wrden oder fallen knnten. Denn man kann _so viel_ an
Fhrnissen durch geschickte Fhrung der Munitionswagen vermeiden. An
Pauls pltzlichem Kommando siehst Du, wie unberechenbar alles im Felde
ist; das ist natrlich kein Trost fr Dich; -- das wei ich schon, --
aber eigentlich sollte es _doch_ einer sein, denn _das Schicksal ist
Herr ber unseren Leib, nicht der Krieg_.

-- -- -- -- --. Schon Dich recht; vertrau doch auf das gute Glck, mein
Lieb, und la diese Sorgen und ngste; da Du traurig bist, verstehe ich
schon, ich bin's auch. _Aber Angst ist nicht wrdig._ Gefahr gibt es
nicht, sondern nur _Bestimmung_.

Einen Mordsspa macht es mir, da sowohl Du als Maman seelenruhig
Offiz.-Stellvertr. schreibt, whrend Ihr mir selber die
Leutnantsernennung aus der Zeitung mitteilt!!! Das Patent hat ja mit der
Ernennung nichts zu thun. Es stand doch in der Zeitung am Anfang:
zufolge Allerhchster Entschlieung, -- auf was wartet Ihr eigentlich
noch?? Ich bin Leutnant der Landwehr, nicht Leutnant der Reserve, aber
jedenfalls Leutnant wohlbestallt und wohlgestaltet. Ich fhl mich
jedenfalls wohler als Unteroffizier oder als Vizewachtmeister.

Da nicht einmal so ein anstndiges Quartett wie Wendling oder Rose
oder meinetwegen die Mnchener die Front abreisen und uns einmal
herauen einen Beethoven und Mozart vorspielen. Hier im Stellungskrieg
wre das so anstandslos zu machen. Wie sehne ich mich so oft danach, --
berhaupt!! Ich glaube, wir herauen haben doch noch ein bichen mehr
Anla zum trbsinnig werden als Ihr daheim und auch Du in Ried, -- und
wenn meine Briefe matt und trb sind, -- an meinem Herzen liegt es
nicht, auch nicht an meiner Liebe, das glaub nie. -- --

                                                        -- -- -- -- --
                                                                  Dein
                                                                  Frz.


                                                     29. 10. 15. Metz.

L., einen Stadtgru von hier. Es ist ein hchst merkwrdiges Gefhl fr
mich, das Stadtleben zu sehen. Diese Bedingtheit aller Gesten, diese
Trauer!! Ich verstehe gar nicht, da das, wie es scheint, so wenige
merken, auch von meinen Kameraden. Ich fhle die Legende dieses Krieges,
der jetzt schon Mythos und Geschichte ist, furchtbar stark, oft ganz
erschtternd. Ich empfinde ihn doch noch ganz anders als Du; wir werden
noch viel darber reden! --

Ich hab mir rohseidene Wsche gekauft, prima Stiefel, zweite Reithose
usw. In Kleiderfragen wird mich der Krieg wahrscheinlich sehr nach
Deinem Geschmack verndert haben!


                                                            2. XI. 15.

L., ich bin so froh, da meine Post nun doch richtig angekommen ist.
Vielleicht lt Du Dir es doch fr ein nchstes Mal ein bissel zur Lehre
dienen. Warum die Postsperre stattfand, wissen wir selbst nicht. Da
mein Antwerpener Kommando auch erst spter trifft, hat mit den
Kriegsaussichten etc. gar nichts zu tun. Diese Schiekommandos sind ja
gewissermaen Friedensbungen, die jetzt auch whrend des Krieges
abgehalten werden und zu denen eben nach einem gewissen Schema alle
tchtigen Reserveoffiziere kommandiert werden; ein solches Kommando aus
der Front ist natrlich eine Auszeichnung. Knnte ich Dir doch etwas von
meinem Gleichmut, -- nenne es meinetwegen in der alten (d. h. Deiner
neuen) Sprache: Gottvertrauen geben; ob ich nun bei der Kolonne bin oder
als Batterieoffizier verwendet werde, ist ja ganz gleich. Es _kann_ mir
gar nichts geschehen, was mir nicht notwendig geschehen _mu_. Es gibt
keinen dummen Tod oder ein dummes Unglck oder Glck; ich las wieder
viel im Evangelium, -- _wie kannst Du eigentlich im Evangelium lesen und
doch Angst haben_? Thatschlich: mir ist das gnzlich unverstndlich.
Lies Deinen Nerven aus dem Evangelium vor, da _mssen_ sie doch ruhig
werden und Dein ganzes Wesen mu freudig werden.

Von meinen Urlaubsgedanken hast Du ja inzwischen gehrt, ich hoffe sehr,
da es gelingt. Ich habe um 14 Tage eingegeben. Es wre zu schn! Also
wenn ich telegraphiere, erschrick nicht. -- -- -- -- --


                                                            3. XI. 15.

L., hrchen und Manschettenknpfe sind richtig und gesund angekommen.
Ich habe eine wahre Freude dran, wieder so anstndige Dinge in der Hand
zu halten und zu tragen; deshalb la ich mir auch den silbernen
Reitstock machen, -- ich hab es zu lange entbehrt, mich anstndig tragen
zu knnen. Mein Urlaub scheint mir ziemlich sicher; das Regiment hat ihn
befrwortet, was, wenn nicht irgendwelche Befehle hheren Ortes kommen,
wie z. B. Sperre, fr die Divisionsentscheidung magebend ist. Ich fahre
dann wohl entweder morgen abend ab Metz oder bermorgen, -- ich glaube
nicht, da es lnger dauert. Treffpunkt natrlich bei Maman, wenn ich
Dir keinen genauen Zug telegraphiere. Zum Schreiben fehlt mir jetzt
natrlich jede Stimmung, nachdem ich hoffen darf, Dir in ein paar Tagen
meine Liebe mndlich zu sagen!

Es ist nicht verwunderlich, da Ihr mein sehen der Musik und Literatur
nicht ganz verstehen knnt; es ist vollkommen die einseitige
Eigentmlichkeit meiner malerischen Begabung, musikalisch und
literarisch natrlich ein Manko; ich halte es fr ausgeschlossen
(jedenfalls fr einen unglcklichen Fall), wenn jemand fr alle
Kunstarten ein gleich _reines Art_verstndnis htte. Ich habe
literarisch lange daran gelitten, weil ich so oft meinte, Dichtung eben
als Dichter und literarisch werten und genieen zu knnen. Dabei blieb
ich immer Dilettant (wie Goethe groen Angedenkens in der Malerei!).
Erst jetzt beginne ich mich vor Literatur ebenso frei zu machen, als ich
es seit langem vor Musik bin. Ich _sehe_ alles, alles ist in meiner
Auffassung bildnerisch figuriert. Auch ethische Gedanken wie die Bibel
z. B. setzen sich bei mir nicht als Sozialismus oder Pantheismus ab,
sondern gehen in rein bildnerische, malerische Gedanken auf. Ich werde
daher z. B. Tolstoi nie ganz folgen knnen.

Nun, diesmal nicht _addio_, sondern auf baldiges Wiedersehen.




                        Nach dem letzten Urlaub.


                                                           19. XI. 15.

L....

-- -- -- -- --

Es ist ein sonderbares Gefhl, pltzlich wieder in dies wie erstarrt
stehen gebliebene Stellungskriegsleben zurckzukehren; daheim war ich in
_Bewegung_, -- an jedem Tage hat man in irgendeiner Richtung Schritte
gethan, Gedanken gesandt und gefrdert und aufgenommen, -- hier steht
alles wie im verzauberten Mrchen still. Immer wieder dieselben
stereotypen Flieger ber dem Land, dasselbe langweilige Schieen, das
man schon nicht mehr hrt; das Leben ist erstarrt. Ich machte einen
schnen Spazierritt, -- das ist das Einzige was mich freut. Der innere
Dienst ist genau so mechanisch erstarrt wie die ganze gegenwrtige
Kriegsform im Westen.

In Liebe und neuer Sehnsucht.


                                                           20. XI. 15.

L., ich lese mit immer wachsendem Interesse und Verblffung Emanuel
Quint, -- Du hast recht: wir hatten einen anderen Gerhart Hauptmann in
unserer Vorstellung als er in der That ist. Ich hatte so sehr
_Wortkunst_ wie in der Versunkenen Glocke und Literatur erwartet, aber
niemals diese beispiellose Sachlichkeit und diese Seelenkennerschaft,
die so wesensfremd aller Theaterkennerschaft ist, die man ihm bisher
zutraute, -- ich wenigstens in voller Verkennung dieses Geistes. Ich
stecke natrlich noch in den Anfangskapiteln dieses Buches und doch
glaube ich es schon ganz zu kennen, weil es so ganz unliterarisch, d. h.
_ohne Laune und ohne Willkr_, sondern gnzlich episch, logisch
notwendig und ohne Wanken geschrieben ist. Eine unglaubliche Lektre fr
einen Offizier im Feld! Die Doppelteilung meines Wesens wird durch sie
natrlich grotesk gesteigert, aber das schadet nichts; es thut wohl. Ich
hatte heut mit einem katholischen Feldgeistlichen eine lange Sache zu
bereden, -- ich mute immer ein heimliches Lachen unterdrcken, -- alles
was wir sprachen, war so unendlich komisch und unmglich fr mich. Wie
kann man nur so leben! in welche Masken und Verstellungen hat sich der
menschliche Sinn verstiegen!

Ich erlebe jedenfalls in dem Buche das Seltene, da es mich wirklich
interessiert und ich jede Zeile lesen kann; alles andere, was ich in
letzter Zeit in die Hnde bekam (z. B. auch Nietzsche, Novalis, Tolstoi,
Strindberg usw.), fesselte mich nur _zeilenweise_, -- eben nur da, wo
sie genial sind, -- das andere ist alles langweilig. -- -- -- -- --

Gr K. und streichle meine Rehchen und den alten Russi. Wie mag's Hanni
gehn?


                                                           21. XI. 15.

L., ich schrieb Dir schon gestern, mit welcher Freude ich Emanuel Quint
lese. Die Idee des Buches deckt sich vollkommen mit meiner Auffassung
des Christentums, -- nmlich ihrer prinzipiellen _Gegenstzlichkeit
gegen pazifistische Organisationen_ (wie in den Neuen Wegen),
sozialistischen Kommunismus, der ein Erlahmen der Seele und des
christlichen Opfer- und berwindergedankens bedeutet. Bestimmend ist
immer der Eine Gedanke: die Welt, das leibliche Wallen berhrt uns
nicht, da wir nicht auf das Sichtbare sehen, sondern auf das
Unsichtbare. Die Nchstenliebe ist wie die menschliche Nahrung _eine
symbolische Handlung_. Der Mangel jeglichen sozialistischen Empfindens
ist gerade das Prchtige, Sieghafte an Quint: er lebt nur seiner eigenen
Erniedrigung vor der Welt und damit seiner Befreiung; er _will_ den
Menschen gar nicht krperlich helfen und sie leiblich satt und gesund
machen; seine auf das Geistige, Unsichtbare gerichtete Seele schrickt
schmerzlich vor dieser Bitte zurck, die er in den Augen der Menschen,
zu seiner bitteren Enttuschung immer wieder liest. Das ist das groe
Miverstndnis der Welt an Christo. Als Quint von den Gendarmen
fortgefhrt wird, spricht er das furchtbare, schneidende Wort: nach mir
aber fraget niemanden fortan!

In nchster Woche soll hier wieder ein Aspirantenkurs stattfinden, --
ich freu mich um der Abwechslung willen darauf; ich vermute, da ich als
ausbildender Offizier dazu kommandiert werde, was mich nur amsieren
wrde; das Leben hier ist trotz mannigfacher Arbeit zu de so. Ich gebe
jetzt jeden Nachmittag meinem Chef theoretischen Artillerie-Unterricht;
er mchte ja zur Balkan-Armee, besitzt aber nur ziemlich mangelhafte
Artillerie-Kenntnisse. Was ist das alles fr ein verrcktes Theater- und
Traumleben!

Betreff Zentralheizung: Zeichne mir doch einmal einen ganz groben Plan
des Hauses, ungefhre Zimmergre und Hhe (also Kubikinhalt). Ich habe
hier Gelegenheit, mir einen Voranschlag machen zu lassen, was so eine
Installation ungefhr kostet; ich mchte diese unverbindliche
Gelegenheit benutzen, um fr spter eine Handhabe zu besitzen, und
sptere Voranschlge zu beurteilen.

Leb wohl und gehe etwas vergngt in unserm Huschen umher, -- der Krieg
dauert nun keine Ewigkeit mehr. -- -- --

                                                                  Frz.


                                                           24. XI. 15.

L., ich lese und lese immer noch im Emanuel Quint; es wird einem so warm
und frei bei diesem reinen Werk zumute. Es erklrt mir ja auch so viel
von Deinem neuen Denken, fr das ich mir keinen rechten Schlssel wute,
weil es immer so stark durchsetzt war von Nebenschlssen und
Folgerungen, die aus einer andern Quelle stammten und die mir die reine
Linie Deiner Gedanken verwischten und verzerrten. Aber in diesem Buch
liegt die reine Linie, die ich selbst immer suche; wenn ich Dir einen
Rat geben sollte, wre er: lege den hchst miverstndlichen, weil immer
sophistischen Tolstoi zur Seite; ich will gar nicht anzweifeln, da
Tolstoi dasselbe im Herzen will wie Hauptmann, aber er ist sprachlich d.
h. in seiner _Logik eitel_; ich fhle das absolut sicher, so oft ich ihn
lese; er ist tendenzis und darum trotz seines ehrlichen Ringens unrein.
Und ebenso d. h. in viel grerem Ma unrein sind die Neuen Wege. Die
liegen voller Schlacken und fhren von der reinen Linie unweigerlich ab.
Ich verstehe jetzt natrlich auch K.'s Wesen viel besser, da ich sein
greifbares, geistiges Vorbild kenne. Auch er wird sich zu hten haben,
da er nicht in Dilettantismus und in irgendeine Art von Eitelkeit
gert.

Eines bleibt mir gnzlich unbegreiflich: die geringe geistige
Aufnahmefhigkeit unsrer Zeit. Ein Egidi, ein Hckel u. a. werden
tausendfach verschlungen und ein solches Buch bleibt ungelesen, --
wenigstens nach meinem Wissen und scheinbar ohne Wirkung auf den Geist
unsrer Zeit. Ob Kandinsky es gekannt hat?? Ich halte es fr mglich;
denn wir kannten Kandinsky selbst _sehr wenig_. Kennt es Kubin, Klee und
Wolfskehl? Schenke es vor allem Niestls; Du kannst es ihnen von _mir
aus_ zu Weihnachten schenken. Ich mchte unbedingt einmal Hauptmann
kennen lernen; vielleicht machen wir einmal eine Reise nach Schlesien.
Die Erklrung, warum das Buch so wenig Einflu gewinnen konnte, kann nur
in der Unreife der Menschen liegen; sie miverstehen das ganze Buch
sicher grndlich, nehmen es literarisch und knnen es bis zur geistigen
Reinheit nicht durchdenken. Hauptmann macht ihnen, vielleicht aus einer
inneren Gte und einem Mitleids- und Schamgefhl heraus leicht, ihn
mizuverstehen. Grade darin liegt ein unglaublich feiner geistiger Takt
in ihm, der ihn in dem Buch nie verlt. Lieber thun, als wren es
Kieselsteine und keine Perlen, die man vor die Sue wirft; nur die
Sehenden drfen merken, da es keine Kieselsteine sind. Das macht mir
diesen Geist so vertrauenswrdig.

Nun noch einen lieben Ku; ich mu schnell schlieen, damit der Brief
noch wegkommt.

                                                                  Dein
                                                                  Frz.


                                                   Samstag 27. XI. 15.

L., einliegend zwei Bilder, noch aus meiner Offiz.-Stellvertreterzeit in
Ch. aufgenommen mit den Herren der II. Abt. und meinem jetzigen Chef
Oberleutnant *** (der 5. von links, mit seinem Dantegesicht). Der
rckwrts an der Hauswand neben mir steht, ist Leutnant *** der Schwager
des Drnhauser Barons.

Gestern fiel Schnee, heut ist es ganz klar und kalt, richtiger strenger,
trockener Winter. Man hrt den ganzen Tag keinen Schu. An den Krieg
lt sich schwer noch glauben; der Balkanfeldzug hat etwas so
unwahrscheinlich Glckhaftes, die Fehler der Gegner, aus denen wir unser
ganzes Glck ziehen, etwas noch Unwahrscheinlicheres, -- es liegt fr
mich viel Shakespearisches in diesem langen Drama, nicht zum wenigsten
durch Griechenlands zweideutige Haltung, die die Spannung theaterhaft
erhlt und durch das Eingreifen des jungen Bulgariens als _Deus ex
machina_. Ich htte nie gedacht, da die europische Welt noch
derartiger romantischer Dramen fhig wre. Wenn ich heut an den Krieg
denke, gerate ich ganz in Shakespearische Vorstellungswelt und Dichtung.
Ich sag das nicht leichtsinnig, -- es gibt im Gegenteil _sehr_ zu
denken, nach der Seite der Dichtung und der Kunst hin als nach der Seite
des Lebens und des Menschengeistes.

Ich bin jetzt bis zum Ende des Quintbuches gekommen; es ist geistig
sternenklar; wenn ich an das Leben Quints denke, beglckt und bedrngt
mich eine hnliche Empfindung als beim Anblick des reinen
Sternenhimmels, der mir in diesen Kriegsjahren ein solcher Freund
geworden ist. Durch Quints Leben geht jene abstrakt reine Linie des
Denkens, nach der ich immer gesucht habe und die ich auch immer im Geist
durch die Dinge hindurch gezogen habe; es gelang mir freilich fast nie,
sie mit dem Leben zu verknoten, -- wenigstens nie mit dem Menschenleben,
(-- _darum kann ich keine Menschen malen_). Quint hat wohl seine reine
Idee manchmal mit dem Leben verknotet; da er dabei doch rein geblieben
ist, darin liegt seine gttliche Gre.

In tiefer Liebe

                                                                  Dein
                                                                   Fz.


                                                           1. Dez. 15.

L., heut kam groe Post von Dir, Briefe vom 19., 24. und 27. (aus
Mnchen). Nun scheint ja auch meine endlich an Dich zu kommen. Pckchen
mit Siegellack ist noch nicht da. Dein guter Brief vom 19. hat mich so
sehr gefreut; Du schreibst, da Dir meine Ideen und das kurze
Zusammensein mich Dir noch nher gebracht haben und Du diese Stimmung
noch halten mchtest. Mir ist es hnlich gegangen; und die Lektre von
Emanuel Quint befestigte in mir diese neue Sicherheit der Seele. Du
schreibst in einem Brief, ich soll Dir noch mehr ber mein Lesen im
Quintbuch schreiben; ich wei gar nicht, ob ich das momentan kann. Da
gibt es nicht viel zu reden; alles ist rein in diesem Buche; es kennt
kein _ peu prs_, kein Ungefhr und keine Konzession; ich fhle nicht
den Urtrieb des praktischen Mrtyrertums in mir; aber meine Seele ist zu
aufrichtig und klar, um Dilettantismus mit dem Christentum und meinem
Gewissen zu treiben. Fr mich gibt es nur die eine Erlsung und
Erneuerung: wenigstens _jedes Ungefhr_, jede _Konzession nach
gleichviel welcher Seite_ aus meinem Werk zu bannen; den Begriff Quints
von der Reinheit, Weltunberhrtheit, hat auch keiner seiner Jnger,
nicht mal ein Dominik begriffen, sonst htte er sich nicht gettet; denn
damit erleichtert er sich die Verantwortlichkeit seiner Idee und nimmt
sich gewissermaen den Lohn ohne eigene Arbeit im voraus weg; -- es wre
dasselbe, als wenn ich an dem Tage, an dem ich voll den Begriff der
Reinheit in mich aufgenommen htte, den Entschlu fate, nunmehr kein
Bild mehr zu malen (= nicht mehr zu leben). Man darf nicht aus Furcht,
doch wieder in Unvollkommenheiten zu fallen, die Hnde in den Scho
legen; ich verstehe heute zum erstenmal, warum eigentlich auf den
Selbstmord dieses Odiosum gelegt wurde; es ist zweifellos der Gedanke,
da man der Verantwortung nicht selbstndig -- selbstschtig vorgreifen
darf. Ich schicke Dir das Buch nchstens mit ein paar Bchsen zurck.

ber die Mglichkeit einer Rckberufung oder lngeren Urlaub zum
Arbeiten hab ich noch nachgedacht; ich bin berzeugt, da ein solcher
nur denkbar wre, wenn ich irgendeinen offiziellen Kunstauftrag bekme,
zu dessen Ausfhrung ich Urlaub bekme; ein solcher ist aber doch
ausgeschlossen, vor allem ohne Kompromi, den ich doch nicht eingehe.
Warne nur ***, da er sich keine Blamage mit mir einbrockt und einen
offizisen Auftrag deichselt, den ich dann hinterher ablehnen mu.
Geduld ist alles; nicht wir allein haben das Friedensbedrfnis.

Ich freu mich so, da die gute Hanni wieder gesund ist; -- -- -- -- --


                                                         1. Dez. 1915.

Liebe Maman, dank vielmals fr Deinen guten Brief 117 -- -- -- -- --.

Wenn *** die Musik von _Schnberg_ im Blauen Reiter meint, so kannst Du
ihr sagen, da sich meine Beurteilung der Schnbergschen Musik auch
gewandelt hat. Sie klingt wohl ganz anregend und interessant, bleibt
aber doch im Sentimentalen stecken. Mehr wrde es mich interessieren,
wenn sie Kulbin (einen russischen Musiker) kennen sollte, -- von dem
mte sie mir einiges erzhlen. Ich kann gar nicht ruhig von diesen
Dingen reden, eine solche Sehnsucht habe ich nach meiner Arbeit, die mir
immer mehr unter den Fingern brennt; wann wird doch dieses geistige
Leben wieder kommen, in dem man frh und spt keinen anderen Gedanken
hat als nach den reinen Ideen, die dem Weltbau zugrunde liegen, zu
suchen und sie darzustellen. Die Urlaubstage, die mir wieder die engere
Fhlung mit dem Lebendigen, mit Frauen und Freunden und Kunst brachten,
haben diese Sehnsucht schrecklich vermehrt; herauen fhl ich mich als
Larve; der Krieg hat sich lngst selber berdauert und ist sinnlos
geworden; auch die Opfer, die er fordert, sind sinnlos geworden. Etwas
Gewissenloseres und Traurigeres als das nutzlose Blut, das am Isonzo
vergeudet wird, lt sich in menschlichen Gehirnen nicht mehr ausdenken.

Gestern kam ein Pckchen mit Honigkuchen von unserer Babette, -- sie
denkt doch immer treu an die groen Buben in Pasing. Jetzt kommt wohl
bald Advent, -- diesmal knnen wir Dir keine Zweigelchen bers Bett
stecken, das wir in friedlichen Jahren so -- oft vergessen haben! So
denkt man jetzt oft zurck, was man frher alles htte tun knnen!


                                                           2. XII. 15.

   L., -- -- -- -- -- --

Was Du von Norenscher Musik sagst, ist ja sicher richtig und auch
richtig definiert. Ob es kubistische echte Musik heute gibt, wei ich ja
auch nicht. Gehrt hab ich noch keine. Im Geiste d. h. latent gibt es
sie sicher; sowie es in der Malerei im Geiste noch verborgen echte reine
neue Bilder gibt. Vielleicht sind schon welche da, -- wir sind nur noch
nicht zur klaren Entscheidung reif, _welche_ es sind und wo die besten
Anstze stecken; ich halte das fr sehr gut mglich; denn wir bersehen
heute in dem groen geistigen Gewhle, in dem Europa steckt, durchaus
noch nicht die _wahren_ Linien und Formen. Vielleicht sind die Anstze
in der Malerei prominenter als in der Musik, -- aber auch _da_ werden
sie sein; man mu nur sehr scharf _horchen_, -- nicht in Konzerten,
sondern nach _innen_ horchen, sowie man die neue Malerei nicht in
Ausstellungen suchen darf, sondern auf der Strae, im Leben und in der
Nacht. Ich _sehe_ sogar deutlich die neue Musik, den ganzen neuen
Kontrapunkt: im Sternenhimmel. Auch wir knnen heute unser Geschick und
die Wahrheit in den Sternen lesen, -- es kommt nur darauf an, wie man
sie ansieht. Ich sag das nicht aus Spielerei oder irgendwelcher
mystischen Meinung, sondern ganz schlicht, aus meiner Empfindung und
Erfahrung heraus. Natrlich kann man dasselbe im Tageslicht, in der
Tagesnatur sehen, oder auf menschlichen Gesichtern lesen oder im Wind
hren, -- es scheint mir nur im Sternenhimmel alles viel klarer,
unzerstrter, unverwischter, abstrakter und klarer gesagt. Wenn man
einmal drin _sehen_ gelernt hat (fr Musiker z. B. das _Tempo_, in dem
die Figuren auftreten, gebunden sind und gegeneinander singen) hat man
hier eine unerschpfliche Anregung. Ich gehe oft mit Sternbildern im
Kopf umher; trotz der wahrlich saudummen Wirklichkeit und dem schlechten
Menschengeruch, der mich hier umgibt. Die Menschen hier haben wirklich
nichts andres im Kopf als persnliche Eitelkeit, auf ganz Wertloses
gerichtetes Strebertum; ich spiele eine unmgliche Figur hier, -- das
Unmgliche liegt vor allem darin, da die anderen dies gar nicht so
empfinden; man respektiert mich sehr, auch als Offizier, aber alle
denken, ich mte doch auch irgendwie ein bichen wie sie empfinden; sie
wundern sich dann immer, da ich mich ber dies und jenes nicht
rgere. Sie knnen nicht sehen, da ich berhaupt gar nicht da bin, --
noch weniger dringt ihr Blick je zu der Linie, wo ich wirklich stehe.
Ich mu mich im Gegenteil in vielen kleinen Momenten freiwillig auf ihre
Bank setzen, um zu vermeiden, da sie meinen seelischen Abstand fhlen
und sich dadurch gekrnkt fhlen; denn das geht gegen meine Natur. Mein
ganzes Bestreben geht nur dahin, da sie nicht merken, wie dumm dieses
Verhltnis zwischen uns ist. So ist doch manchmal das Verschweigen und
die bewute Tuschung des Nchsten die einzig anstndige Lebensform, und
nicht das: die Wahrheit sagen, jene frchterliche, seelenkrnkende
Manie mancher Wahrheitsfanatiker.

Was ich jetzt im Sternenhimmel sehe, ist wohl was hnliches wie das, was
Du in Blumenbeeten siehst; wenn Du Sternenhimmel und Blumenbeete
vergleichst, wirst Du wohl verstehen, was ich mit meiner Sternenliebe
meine.

Was macht wohl das arme Schlickchen? Ich erhielt gestern Deine Karte.
Warum Briefsperre ist, wei ich auch nicht. In unserer Gegend ereignet
sich wohl sicher nichts. Zuweilen wird heftig geschossen, aber es bleibt
bei Artillerie- und Minenkmpfen, -- die Infanterie wird nicht
eingesetzt. Und die Artillerieduelle sind meist demonstrativ,
Bedrohungs- und Warnungsschieen ohne ernstere und weiterreichende
taktische Absichten.

Baron *** hat leider und ganz gegen seinen eigenen Willen eine Batterie
in einer anderen Abteilung bekommen, was mir sehr leid ist. Ich hatte
mich recht auf seine Gesellschaft gefreut.

Ich bin heilfroh, zur Ausbildung der Aspiranten nicht kommandiert worden
zu sein; bei diesem elenden Wetter, -- _Haumont_ schwimmt schier weg --
wre es nichts fr mich. Eine Erkltung oder Rheumatismus hat man doch
gleich, wenn man auf nassen Wiesen stehen und im Wind viel kommandieren
mu. Fr den Ausbildenden ist es gefhrlicher als fr die Aspiranten
selbst, die nicht zu kommandieren brauchen und in ordentlicher Bewegung
bleiben. Gegen das bichen Theaterspielen am Exerzierplatz htte ich
nichts; es wirkt auf mich vllig abstrakt, sowie ich auch in unserm Kurs
meinen innerlichen Spa hatte.

Nun adio, sei nicht zu traurig, sticke schn und freu Dich auf die
Zeiten, die fr uns noch blhen werden.

-- -- -- -- -- --

Ja, was Du schreibst vom Christentum; die Frage lautet momentan fast so:
von dem, wie ich Eman. Quint lese. Vielleicht gibt Dir mein vorgestriger
Brief schon in manchem Antwort; ich schrieb Dir darin, was ich als mein
_Gewissen_ fhle: meine _Arbeit_; nicht mein Leben als solches; ich kann
gar nicht anders meine Unvollkommenheiten und die Unvollkommenheiten des
Lebens berwinden, als indem ich den _Sinn_ meines Daseins ins Geistige
hinberspiele, ins Geistige, vom sterblichen Leib _Unabhngige_, d. h.
Abstrakte hinberrette. Es ist _nicht_ eigentlich das _sptere_ Leben,
das ich unter Geistigem verstehe; darin miverstehst Du mich. Ich bin
allerdings dem Luterungsgedanken nicht fremd, -- er erscheint mir sehr
natrlich (nach dem bekannten: wenn ich geboren werden konnte, dann mu
ich doch auch vorher einmal gestorben sein, -- denk an die Blumen! Es
ist von einer rhrenden beseligenden Einfachheit). Aber unter geistigem
Leben verstehe ich: das Wesentliche vom Unwesentlichen trennen. Der
Starke subsummiert unter das Unwesentliche mehr als der Schwchere. Ich
werfe jeden Tag mehr auf den Scheiterhaufen des Unwesentlichen, -- das
Schne bei diesem Thun ist das, da das Wesentliche dabei nicht kleiner,
enger wird, sondern gerade mchtiger und groartiger. Lies sehr
aufmerksam im Quint, -- da steht alles auerordentlich fein und tief
gesagt. Du mut dir nur immer klar bleiben, da unsre Sprache und unsre
Logik am wenigsten berufen sind, in dem Lebensgeheimnis das letzte Wort
zu reden; -- Du scheinst mir immer zu sehr noch nach der Wortformel zu
suchen, nach einer wrtlichen Definition des gttlichen Inhalts, -- die
gibt es nicht; so wenig man Kunst mit Worten erklren kann. Man kann
schon reden, aber man mu sich stets der Grenzen bewut bleiben, ber
die hinaus das Wort nichts mehr besagt und in seinen dummen
Grammatiksinn zurckfllt. Wenn ich einmal wieder zu Hause bin und wir
unser Leben zusammen leben, wirst Du sehr schnell genau verstehen, wie
ich das alles meine, -- es gibt da gar kein Miverstehen. Die ganz
unmglichen Verhltnisse, in die der Krieg meine Persnlichkeit
geschoben hat, haben mein Wesen und meine Gedanken gerade durch ihren
Gegensatz auerordentlich geklrt und gewissermaen zur Entscheidung
gezwungen. Leb wohl, gre K. und streichle den armen alten weien Rul
und die kleinen Rehchen. Mehr kann man diesen nicht thun als sie zum
Heufressen ntigen und Hasel- und Eichenzweige bringen.


                                                           5. XII. 15.

L., ich lese jetzt mit wirklichem Genu die kleinen Bcher von Blsche
ber die geologische Gestaltung der Erde; ich denke da immer an unsern
kleinen Spaziergang ins Tal des Leinbach und sehe dort die grotesken
Gesteinfalten. Dort gehen wir sicher einmal auf Muschelsuche, wenn die
Leute einmal eingesehen haben werden, da bei dieser ganzen Schieerei
doch nichts Erhebliches und Erhebendes herauskommt. -- Das Verrckteste
an der ganzen bldsinnigen Westfront ist sicher _St. Mihiel_. Die Stadt
liegt rund und knapp 1 klm. vom 1. franzsischen Schtzengraben weg!
Artilleriebeschieung haben wir den Franzosen untersagt, d. h. ein
einziger Schu, der in die Stadt fllt, lst sofort eine mrderische
Kanonade unsrerseits auf _Commercy_ u. a. Orte aus, da die Franzosen es
auch vorziehen, uns das Vergngen an _Mihiel_ mit seinem Kaffeehaus usw.
zu lassen. Spa mu sein. Die Stadt wird nur bei Nacht zu gewissen
Stunden durch Infanteriefeuer (einer sog. Gewehrbatterie), beunruhigt,
vor allem die Hauptstrae, in der das beliebte Kaffee mit
_Damen_bedienung ist. Man mu also ein bichen vorsichtig sein beim nach
Hause gehen. So um die ganzen und halben Stunden ist so ein bissel
unsicher. Ich erkundigte mich letzthin nach dem Zahnarzt und frug, ob er
eigentlich ruhig arbeiten knne. O ja, hie es, der wohnt ja in der
_rue_ soundso nach >hinten< naus. Hinten ist nmlich bei uns so viel
wie Osten, und vorn ist Westen. Kubins Stadt Perle bleibt ja weit
hinter dieser grotesken Wirklichkeit zurck; aber in _St. M._ ist sonst
vollkommen dieselbe ein bichen dumme, ein bichen gefhrliche aber
dafr auch gegen Alles gleichgltige Stimmung wie in Perle; selbst
dieses traumhafte nicht Fort-Knnen fr die dort in Unterkunft
befindlichen besteht wie in Kubins Buch. Wenn Du einmal Kubin sehen
solltest, kannst Du es ihm schildern; er ist berlebt, d. h. das Leben
ist ber seine Phantasie gestiegen.

Kopfkissenbezge kamen heute. Die halten schon eine Zeitlang. Wirklich
gute Wsche thut mir ja leid, da die Frauen hier zu schlecht waschen.
Das Wasser ist trb; dann schlagen sie die Wsche, als _mte_ sie in
Fetzen gehen. --

Beiliegend Brief von ***. -- -- -- Vielleicht freut sie mich wieder
mehr, wenn ich sie sehe; meinen Brief hat sie natrlich nicht verstanden
oder verstehen wollen; das thut mir um *** leid, den ich eigentlich sehr
gern habe; ich seh merkwrdig stark mich in seinem Gesicht. Ich war auch
so altklug, menschenkennerhaft und langweilte mich berall. Meine
Zeichnungen waren auch unknstlerisch, wenn sie auch steifer waren, --
ich machte im Gegensatz zu *** hchstens eine kleine Zeichnung pro
Monat! Aber es ist etwas in ***'s Gesicht, was mich und meine
Knabenerinnerungen und Heimlichkeiten sehr berhrt und das ich an ihm
liebe. Ich hatte meinen Vater und was war mir dieser merkwrdige,
philosophische Mensch! Und *** hat gar keinen Vater!!


                                                           6. XII. 15.

L., also das arme liebe Schlickchen hat auch seinen kleinen Rehtraum
ausgetrumt. Es ist doch eigentlich wirklich so; wenn ich an so ein
kurzes kleines Leben eines solchen Tierchens denke, werde ich das Gefhl
nicht los, da es doch nur ein Traum war, diesmal ein Rehtraum, ein
andermal ein Menschentraum; aber das, was trumt, _das_ Wesen, das ist
immanent, unzerstrbar. Ich hab in diesen Tagen auch einen so
merkwrdigen, aufregenden Pferdetod erlebt. Das schnste, feurigste und
dabei frmmste Pferd der Kolonne, ein wundervoller, starknackiger
Schimmel, ein richtiges _Pegasuspferd_ der Sage, ist pltzlich an einer
Blinddarmentzndung (es waren Wrmer im Blinddarm!) gestorben. Es kam
ganz unerwartet; es war kaum 3 Tage richtig krank; die letzten 2 Stunden
hatte es groe Schmerzen, sthnte und seufzte wie ein Mensch. Ich hatte
dabei das Gefhl, da es aufseufzt wie ein Mensch, den man aus einem
lebhaften Traum aufrttelt. Kurze Minuten drauf lag ein plumper, hlich
verfallender Pferdeleib vor mir, -- der Pegasus war fort, -- man hatte
nur die irdischen stinkenden Reste vor sich, die man eingraben lie, --
da fiel mir das ewig denkwrdige, durch Jahrtausende hallende Wort ein:
La die Toten ihre Toten begraben!


                                                     7. u. 8. XII. 15.

L., ich bin neugierig, wohin es uns diesmal zum Weihnachtsfest
verschlgt. Maman schreibt heute, sie hofft, da ihr Weihnachtspaketchen
diesmal rechtzeitig ankommt. Ich glaub's kaum, nachdem wir wieder auf
Reisen gehen. Ich kann Dir gar nichts zu Weihnachten senden auer
Briefgre und Liebessehnsucht. Wenn Du was weit, kaufst Du Dir es
schon in meinem Namen. Und ich werd auch manchen Punsch auf Dein und
unser Wohl trinken. Seit Baron *** wieder die Kolonne fhrt, bin ich
sehr viel vergngter. Wir zwei verstehen uns ganz gut; wenigstens werden
wir verstehen, uns gegenseitig bei Laune zu erhalten.

Wenn Du je in Leseberdru kommst (d. h. wenn man keinen Shakespeare,
Hoffmann, Dostojewski oder Hlderlin lesen will), -- so lies Fabre,
Blsche u. dergl. Ich kann mir gar nichts Anregenderes und
Befriedigenderes als Zeitvertreib und Bildung denken, als das Forschen
dieser Naturwissenschaftler: Entstehung und Ahnenfolge der Pflanzen- und
Tierwelt, die geologischen Zeitalter (letzteres ganz besonders),
Insektenleben, Sternenlehre usw. Kennt eigentlich K. viel in diesen
Dingen? Mich interessieren diese Dinge jedenfalls hundertmal mehr als
Nationalkonomie, moderne Erfindungen usw. Ich lese diese Dinge,
geologische Gesetzmigkeiten, mathematische Gesetze stets mit einem
Begleitklang des Unterbewutseins und Ahnungen und Folgerungen, die
zwischen den Zeilen stehen; der Begriff: _Naturgesetz_ ist bei mir
lngst aus dem Kurs; es gibt hchstens Gesetz-migkeiten; die
Periodizitt alles Geschehens ist ja schon nicht mehr Gesetz, sondern
Wandel, Schwingungsma in ungeheuren Zeitrumen. Die exakte Wissenschaft
ist auch nur eine hohe, sehr scharfe europische Denkungsart und auch
nur Anschauung. Man kann sein Vorstellungsleben gar nicht weit und
immens genug spannen, die Distanzen nicht weit genug nehmen, wenn man
der tobschtigen, ich-schtigen Enge dieses Jammerlebens entrckt sein
will und Teil haben will am -- Reich Gottes, am heiligen Geist. Der
Niederschlag dieser Stimmung wird sich natrlich immer wieder im _Leben_
zeigen, _mu_ es ja. -- -- -- --


                                                  Gemtlich-Leiningen,
                                                          16. XII. 15.

L., heute kam Dein langer Brief vom 13., in dem Du so viel ber die
uralte Frage des Wahrheit-sagens, Verschweigens und Theaterspielens
schreibst. Du mut letzteren Ausdruck nur ja nicht zu omins fassen.
Wenn dieses Spiel nicht von _Liebe_ getrieben ist, ist es natrlich
unfein, herzenshart und unehrlich. Mir scheint der Kern des ganzen
Problems darin zu liegen, da eine Wahrheit, die nicht verstanden wird,
eben auch keine ist (fr den Nicht-verstehenden) und damit ihren Sinn
gnzlich verfehlt. Die Menschen stehen auf einem ungleichen Niveau.
_Die_ Menschen, die auf meinem Niveau stehen wie z. B. auch ***, --
denen brauche ich die Wahrheit ja gar nicht zu sagen; denn da deckt sich
Wort und Gefhl ohne weiteres. (Aber in rein knstlerischen Dingen
stehen wir auf ungleichem Niveau, -- darum knnen wir zusammen gar nicht
ber _Kunst_ reden; entweder schweigen wir oder spielen auch
gelegentlich ein bissel Theater.) Steht jedoch einer unter oder ber
mir, so mu ich ihm die Wahrheit schon ausdrcklich sagen, gewissermaen
zurufen, da er sie versteht, aber das Wort auf sein Niveau gebracht,
bedeutet schon lngst was anderes. Meine wirkliche Sprache ist fr ***
chinesisch, -- also rede ich (weil ich in diesem Falle der berlegene
bin) in _ihrer_ Sprache; die bedeutet fr mich natrlich Unsinn, -- aber
fr *** hat sie Sinn. Ich schrieb Dir glaub ich schon krzlich einmal:
man darf sich nicht zuviel auf _Worte_ verlassen; es gibt nichts
Wandelbareres als Worte. Auf jeder menschlichen Stufe, in jeder Luft
bedeuten sie immer wieder etwas anderes. Nur Dichtern kann es gelingen,
_Gltiges_ zu sagen mit Worten, aber das kann nur im mysterisen Bereich
der Kunst geschehen und da heit es: wer es fassen kann, der fasse es.
Aber unterhalb der reinen Kunstregion wird ein grenzenloser Unfug mit
der Sprache getrieben; sie ist so recht der Mnze gleich, mit immer
wechselndem Kurs oder staatlich erzwungenem Kurs; hie und da gibt's
Bankrott, ganze Staatsbankrotte von Worten. Mit Worten wird spekuliert
wie mit Wertpapieren. Wie kann man ein so gemeines Werkzeug bentzen
wollen, um die -- Wahrheit zu sagen! Da Dichter sich des Wortes
bedienen, besagt hier gar nichts. Was machen Musiker aus dem _Klang_,
der an sich ja auch ein Flscher-Bestandteil der Sprache ist. Das sag
ich in allem Ernst. Denk einmal darber nach. Der gewhnliche Mensch
bedient sich der Sprache zu ganz ungehrigen, wirrnisverbreitenden
Dingen, die er dann als Ideen in Kurs setzt. Man sollte viel weniger
reden, sondern nur mit dem Gefhl leben. Dichter und Propheten knnen
ihre Stimme erheben und reden, -- die haben ihre Sprache fr sich, die
prgen Gedanken; aber das sind eben Knstler, d. h. auerpersnliche
Erscheinungen; die wissen nichts von sich sondern nur von Gott, um mit
der Sprache Quints zu reden. Ich will Dich durch mein Mitrauen gegen
das Wort nicht unsicher machen. Wenn man es ohne _Tendenz_ gebraucht,
ist es auch ganz harmlos und ungefhrlich; aber es scheint mir fr
unsereins ein ungeeignetes Material um _Wahrheit um uns zu verbreiten_.

Ich schick Dir einliegend einen netten Brief von Koehler, dann das
unglaubliche Testament Menzels!! Dann eine Notiz ber Mozart, -- wie war
es eigentlich mglich, da Mozart im Massengrab verscharrt wurde? Ich
wei wenig von Mozarts Leben, -- vielleicht leiht mir K. einmal eine
Biographie von ihm, -- ich denke, er besitzt eine. Kaufen sollst Du mir
keine, -- ich lese so etwas einmal und bruchstckweise und dann niemals
wieder, wenn es kein Kunstwerk ist wie das Gauguinbuch. Jetzt fllt mir
ein: schick mir doch franzsisch Stendhal: _vie de Mozart_, Haydn und
ich glaube Hndel. Die sind, glaub ich, in der grnen Lvy-Ausgabe (80
Pfg.) zu haben. Das wrd ich jetzt gern lesen.

Mit Schlickchen wirst Du wohl recht haben, -- er wird die Klte nicht
ausgehalten haben, das gute Tierchen. Melde jedenfalls dem
Forstbuchhalter, da Du nach einem Bckchen suchst, -- so Leute wissen
immer Gelegenheiten, ev. auch dem Forstmeister. Die 30-40 M. kannst Du
ruhig aufwenden, wenn sich Gelegenheit bietet, -- wenn ich zurckkomme,
wrde ich sie doch auch ausgeben; Hanni thut mir so leid, so allein.
Gerade in einem strengen Winter werden oft Tiere gefangen; sag's auch
Bauer und dem Bruder Heinritzi, -- ich glaube er ist Jger; und setz
ordentlich dicht Strucher an der Lngsseite, mit 2. Draht davor. Du
knntest Dir auch ein junges Schfchen oder Zicklein halten, -- da htte
die Hanni auch Gesellschaft. Bei ersterem natrlich genau auf das
_Mutterschaf_ sehen, ob es ein schnes Tier ist. Hier gibt es z. B.
wunderbare, verhltnismig schlank, mit schner glatter Wolle und
schwarzen Kpfen. (Ev. auf einen Markttag gehen.)

Betreffs Elly Ney magst Du vielleicht in Deinem Gefhl des zu sinnlichen
Spiels auch recht haben. In strkster Erinnerung ist mir der Walzer am
Schlu geblieben, -- das war aber nicht eigentlich sinnlich, sondern
seelig-glcklich gespielt, -- so wirkte er und auch manche Stellen im
Brahms auf mich, whrend ich *** aus der Kreutzersonate in Erinnerung
habe und nicht ganz angenehm, im Vergleich zu _Pugno_, von dem ich sie
zuerst hrte (mit Ysaye). Aber das sind alles so vereinzelte
Erinnerungen, von persnlicher Stimmung beeinflut.

                                         -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
                                                                  Frz.


                                             Straburg 20/21. XII. 15.

L., ich schrieb Dir schon eben eine Karte von hier; ich hab mir als
Weihnachtsgeschenk einen Tag Urlaub genommen um das geliebte Mnster
wiederzusehen, das mich vor einem Jahr so tief erregte. Der Ausflug ist
recht nett gelungen; ich fuhr gestern Abend mit einem Wgelchen von
Leiningen nach Bensdorf, stieg dort in den Schnellzug und war 8,40 in
Straburg. Schon die Mondscheinfahrt im Wagen war reizvoll und
trumerisch, -- erst recht dann der Nachtbummel durch Straburg. Es ist
etwas ganz besonderes, unter diesen Umstnden pltzlich in eine
Grostadt versetzt zu werden; (-- Mnchen wirkt nicht so unmittelbar auf
mich, da ich es zu sehr kenne, persnliche Interessen habe, nicht allein
bin usw.); die ganze, im Grunde abscheuliche Seltsamkeit unsrer Zeit
spricht aus einer solchen Stadt; die gegenwrtige Kriegssituation wirft
auf alles noch ein besonderes Schlaglicht. Ein Kaffeehaus mit seinen
Kartenspielern, Geschftstypen, armen Kellnerinnen wirkt ganz
infernoartig; das Straenleben wirkt auch merkwrdig unterirdisch,
unwahrscheinlich, als wre es lngst vergangen, nur mehr im Bilde da.
All die sonderbaren Leidenschaften auf den Gesichtern. Ich sah pltzlich
ein Vgelchen auf einem Gesims sitzen und hatte das Gefhl, als wre
dies Vgelchen das einzig Lebendige, unbefangen Wirkliche in einer toten
Stadt, in der nur mehr Leichen gehen. Ich verstehe Kubin's Perle so gut!
Er hat dies alles glnzend gesehen. Es machte mich gar nicht besonders
melancholisch, -- die _Kunst_ wird von diesem Tod nicht getroffen. Aber
in einer Sache ging es mir sonderbar; mein Nebenzweck war nmlich
gewesen, Dir noch ein kleines Weihnachtsgeschenkchen zu besorgen; ich
hatte mir nichts vorgenommen und gedacht, ich werde schon was finden;
aber was ich sah, war tot. Ich konnte Dir doch nicht das Vgelchen auf
dem Gesims fangen und schicken! Ich konnte mich zu nichts, nicht zur
kleinsten Kleinigkeit entschlieen, -- ich konnte Dir doch nichts Totes
schicken. So gab ich's auf und schreib Dir nur, da ich nichts schicken
und schenken kann, als meine Liebe, meine lebendige warme Liebe, an die
Du glauben sollst und glaubst, das wei ich -- -- -- -- -- -- -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --! Trste wir uns beide!
Es wird schon wieder alles gut fr uns!

Jetzt e ich noch zu Abend und fahre dann nach Bensdorf zurck, wo mich
wieder ein Wgelchen erwartet!

                                                              In Liebe
                                                                  Dein
                                                                   Fz.


                                                          29. XII. 15.

Da das liebe Amulettchen etwas spter kam, macht gar nichts, -- ich war
Weihnachten so sehr mit den Soldaten beschftigt, da ich fr mein
Weihnachten am 24., 25. berhaupt keine Zeit fand. Am 25. hrte ich ein
ganz nettes Konzert in Wirmingen, von einem Infant.-Rgt. veranstaltet,
das ein paar Opernsnger und Geiger etc. besitzt. Ein Larghetto und
Andante von Hndel, eine schmucke geistreiche Musik, mehr blendend und
voll Geste, aber nicht wirklich tiefsinnig; schwach gespielter
Beethoven, in dem der Romantiker allzusehr hervorguckte u. a. Es hat
mich sehr angeregt. Ganz originell war etwas von Adam, -- vermutlich
Cornelianer; es war etwas aus den 60er Jahren darin, mit groem Reiz.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

La Dich _nie_ von der Traurigkeit berwltigen, -- traurig sein und
sehnschtig wie ein Adagio ja, -- aber Form mu man im Inneren behalten.

Der Brief mu weg, darum schnell Schlu!

                                                           -- -- -- --
                                                                Fz. M.


                                                           Neujahr 16!

   Liebste, gutes liebes neues Jahr!

Also heut luft man schon mit dem neuen Gesicht 16 herum! Die Welt ist
um das blutigste Jahr ihres vieltausendjhrigen Bestehens reicher. Es
ist frchterlich dran zu denken; und das alles um _nichts_, um eines
Miverstndnisses willen, aus Mangel, sich dem Nchsten menschlich
_verstndlich_ machen zu knnen! Und das in Europa!! Man mu wirklich
alles umlernen, neudenken, um mit dieser ungeheuerlichen _Psychologie
der That_ fertig zu werden und sie nicht nur zu hassen, zu beschimpfen
und zu verhhnen oder zu beweinen, sondern urschlich zu begreifen und
-- _Gegengedanken_ zu bilden.

Es ist ein schner Neujahrstag heut, ein bichen Frhlingsluft, in der
die Neujahrsglocken ganz besonders beweglich klingen. Ich gehe nicht
ungern in dieses Jahr, -- mein Optimismus ist unzerstrbar; Mangel an
Optimismus ist Mangel an _Wunschkraft_ und Mangel an _Wille_.

Gestern Abend hab ich Dir in Gedanken manches Glas zugetrunken, -- und
eins besonders: als der Walzer aus Hoffmanns Erzhlungen gespielt wurde!
(Zither, Geige und Guitarre). Wenn der Friede kommt, mu Wolfskehl ein
groes Fest geben und dann werden wir wieder ein paar alte Walzer
tanzen. Du kannst es Wolfskehl heut schon von mir ausrichten, da ich
bestimmt darauf rechne.

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                                                            10. I. 16.

   L.,

gestern Nacht war zum ersten und erstaunten Male wieder ein reiner
Sternenhimmel; er war so lieblich wie im Frhling; aber heut morgen war
das gleiche de graue Schmutzwetter wie immer. Ohne Gummimantel kann man
gar nicht existieren.

Deine lieben Briefe vom 7. und 8. Jan. sowie das Gundolf-Heft kamen
heute. Mich freut die Lektre auch sehr. Wenn ich ihn ganz und
sorgfltig gelesen habe, schreibe ich Dir ausfhrlich darber. Es deckt
sich ja vieles, was er sagt, fast wrtlich mit meinen Aussagen, die ich
schon frher August gegenber gemacht habe: da die technischen
Errungenschaften (wie z. B. Fliegen, Maschinen, Telefon etc.), die
Menschen geistig und wesentlich um keinen Zoll weiterbringen, sondern im
Gegenteil stets auf _Kosten_ einer intuitiven, primren Fhigkeit sich
entwickeln. Frher _fhlte_ man, wie es einem Freund geht, -- heut
telefoniert man ihn an; frher konnte man seine Dichterwerke auswendig,
-- heute stehen sie gedruckt und billig in jedem Bcherschrank. Die
Erinnerungskrfte nehmen mit jedem Reproduktionswerk an Intensitt ab.
Und gar die Maschinen, die dem Menschen die Arbeit abnehmen sollen!!
Das alles ist ja einwandfrei klar. Ebenso das Resultat dieses Krieges:
Fluch und Strafe, da wir die Wissenschaften um ihrer praktischen
Nutzbarkeit und Anwendung willen betreiben!

Wir schalten die natrlich und gleichzeitig geheimnisvoll wirkende Natur
aus, machen uns zu ihrem Herrn, durchrasen Raum und Zeit, ffen ihre
chemischen Vorgnge nach, -- aber alle unsre Erfindungen wenden sich wie
bse Geister gegen uns selbst, -- wir fallen von unsern eigenen Waffen,
wie ein bses Geschlecht, das sich selbst zerfleischt, weil es in seinem
Hochmut und ekelhaften Eindrngen in eine verbotene Geisterwelt (die es
gleich praktisch ausnutzen zu knnen meinte), seinen inneren Halt
verlor. Das alles ist sehr klar, auch Gundolfs Grundgedanke, da unser
Kulturleben nicht mehr _leibliche Funktion_ ist, sondern willkrliches
Spiel mit organischen Krften, die man in ihrem _Wesen_ nicht versteht,
sondern nur experimentell bentzt. Insofern wollte ich auch _nie_ den
_Leib_ und das organische Leben verleugnen; meine Sehnsucht zum
Abstrakten, zur reinen Linie ist etwas ganz anderes. Ich will erst
Gundolf grndlich lesen, um zu sehen, was er und _wie_ er alles meint,
-- dann schreib ich Dir mehr. --

Die chinesischen Mrchen sind noch immer nicht da, -- sie kommen schon
noch; ich freue mich _sehr_ auf dies Bchlein, -- dank voraus Liebe; ich
hatte gar nicht mehr dran gedacht, da ich sie mir eigentlich gewnscht
hatte; ich vergesse so was ja immer wieder; aber jetzt freu ich mich
sehr darauf. Dank fr die Blmchen, -- jetzt schon Leberblmchen!! --
Ich glaube doch, da Hanni's Geschwulst mit Wiederkuen zusammenhngt --
ich bin mir _fast sicher_; -- -- --

                                                     -- -- -- -- -- --
                                                                  Dein
                                                                  Frz.


                                                            12. I. 16.

   L.,

ich hab jetzt mit groem Genu Gundolfs Aufsatz gelesen; so wie ich Dich
kenne, verstehe ich vllig, da er Dir einen solchen Eindruck macht; man
kann wirklich mit aufrechtem Gewissen jede Zeile unterschreiben; er
begegnet meinen eigenen Gedanken sogar so sehr, da mich in seinen
Anschauungen nichts aufregt oder gar zum Widerspruch reizt. Damit sage
ich natrlich nicht, da ich in meinem bisherigen Leben und Streben nie
abgeirrt und durch vieles geblendet worden wre; aber heute ist mir dies
alles so klar, -- _der Krieg hat alles so klar gemacht_. (Es ist
wirklich traurig, -- man mu den Krieg doch immer noch zuweilen loben!!)
Sehr schn und entscheidend formuliert er die eine Thatsache: das
schpferische Werk entsteht aus einer erlebten Flle, nicht aus einem
erkannten Mangel (wie z. B. Strau'sche Musik und auch ***'s Arbeiten.
Bei *** denk ich oft: ja, ganz schn, -- wohin gehren wohl die Sachen?
Welche Lcken knnen sie heute ausfllen? Bei Klee werd ich das nie
denken; seine Werke sind ganz seine Kinder, -- Lebensausstrahlung.)

ber Kandinsky werden wir uns so schnell nicht einigen. Er scheint mir
nach wie vor zu den Menschen zu gehren, die aus einer wahren Mitte
berraschend weit ausstrahlen (Eigenart _slavischer_ Genies), ohne darum
ein ganz wichtiger, dauernder Schwerpunkt und Gesamtmensch zu sein; --
er ist auch kein Klotz wie Czanne und Rousseau. Aber man darf ja seine
_Toleranz_ nicht miverstehen; -- ich habe aus den angestrichenen
Stellen den Eindruck, da Du (auch bezglich meiner Toleranz und
Wichtignahme nicht _wesentlicher_ Erscheinungen) das thust. Es kommt wie
immer nicht auf das Wort an, sondern auf den Geist, aus dem heraus etwas
geschieht. Ich beachte vieles (worber andre schimpfen und zwar von
ihrem engeren Standpunkt aus ganz mit Recht), aus innerem _Reichtum_.
Ich lege noch lieber in irgendeine miglckte uerung eines Menschen
meinen Reichtum und meine Phantasie und meine Ahnung hinein, als da ich
achtlos daran vorbei gehe und es um seiner Unvollkommenheit willen
verleugne. Groe fertige Werke der Weltmitte interessieren mich nie
speziell, (z. B. die Antike oder Michelangelo oder Goethe) aber ein
kleines simples Glasbildchen oder ein unbekannter armer Kubist kann mein
ganzes Innere in Bewegung bringen, -- ich _beginne daran zu arbeiten_.
Das ist meine Toleranz und auch Kandinsky's Verstehen. Die Menschen,
die nur am Besten, am schlechthin Gltigen sich entznden knnen, sind
unproduktive, nicht aus der eigenen Mitte lebende, sondern
nach-lebende Naturen. Gerade das, was Gundolf so fein (Seite 25 Z. 12 u.
13) meint: Unfhigkeit zur Anverwandlung und Verarbeitung der
zudringenden Materie.

Am strksten hat mich Gundolf gegen Schlu seines Artikels interessiert
(Seite 32 u. f.), wo er ber das _Volk_ schreibt. Ich wurde mir ja nie
ordentlich klar ber diese Frage; er formuliert sie ausgezeichnet; es
gibt eben den Begriff _Volk_ in Europa nicht mehr; man mu sich nolens
volens damit abfinden. Alle Konsequenzen dieser Thatsache sind damit
natrlich noch nicht gezogen und klargestellt; ich mchte gern einmal
mit Gundolf und Wolfskehl darber reden. Fr mich war diese Stelle die
wichtigste des ganzen Aufsatzes. Alles andere hatte ich sptestens und
restlos in dieser Kriegszeit begriffen.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-- -- --

Wunderschn ist das ganze letzte Kapitel VII bei Gundolf.

Wenn ich wieder daheim bin, wirst Du in mir sicher keinen
Peripheriemenschen treffen, -- hab nur keine Angst davor. -- -- -- -- --

Lies einmal in Hildebrandts Artikel Seite 98 das wundervolle Bild, das
Goethe vom Schaffen gebraucht. In diesem Artikel stehen berhaupt
anregende Dinge, vor allem ber Sokrates und Plato.

Vergi bitte nicht, Wolfskehl einmal nach den _Sonetten_ von Shakespeare
zu fragen; ich hab manchmal vergeblich versucht, sie englisch zu lesen,
-- es ist mir zu schwer. Hat Gundolf sie bersetzt? Oder kann er eine
andere bersetzung empfehlen? Dann lasse ich ihn bitten, sie mir einmal
zu leihen oder wenn sie billig zu haben sind, besorge sie einmal. Ich
bin allerdings _sehr_ skeptisch gegen bersetzungen. Ich kann ja auch
Gundolfs Shakespeare nicht lesen. Luther hat fr die Bibel und Schlegel
fr Shakespeare alles vorweggenommen, -- meinetwegen eigenmchtig
vergewaltigt, -- aber wer mit diesen Bchern aufgewachsen, kann spter
ber den Sinn des Originals nicht neu belehrt werden, so da er dann
einen Shakespeare I und einen Shakespeare II bese! Es ginge wie mit
den Ritterbaumgarten-Bildern von Drer: die nachdrerische bermalung
war uns Deutschen tausendmal wertvoller in ihrer traditionellen Gestalt
als die jetzige Purifizierung.

Hervorragend gut ist die Behandlung des Begriffs Normal (Seite 31).
Mich freute auch die Bemerkung (32 oben) ber das Pathologische,
berhaupt Gundolfs souverne Haltung gegenber den Allerweltschlagworten
Normal und Volk.

ber den Kern des Artikels: Leib kann ich Dir heute noch nicht
schreiben, vor allem ber die Stelle Seite 12 oben. Nicht als htte ich
einen glatten Einwand gegen diese Stelle, aber mit Worten ist nicht
alles gesagt. Askese als Hygiene des bersttigten Leibes, nicht seine
Aufhebung, -- das scheint mir mehr historisch-psychologisch richtig,
drckt aber nicht den _geistigen Sinn_ der christlichen Entsagung aus;
es liegt sogar ein sehr bedenklicher Opportunismus und _Rationalismus_
in dieser Auffassung. Eine andere Stelle fiel mir auch als
Verlegenheits-Phrase auf: S. 33 Mitte: Das Schne ist ein Urphnomen
und besteht als berflu߫. Wenn man ber das Schne nichts zu sagen wei
(und bis dato wei noch _niemand_ etwas darber zu sagen), -- wozu leere
Worte gebrauchen?

Nun Schlu. Gestern kam noch Dein traurig gestimmtes Sonntagbriefchen,
-- also ber das Altern machst Du Dir Gedanken? Ich wahrhaftig nicht.
Ich war _nie frhreif_, und bin sicher, mit 40 und 50 Jahren
Lebendigeres zu leisten als mit 20 und 30.

-- -- -- -- -- -- -- -- --

Ich bin sehnschtig nach Dir und reite einsam in ganz Lothringen umher,
oft viele Stunden.

                                                                  Dein
                                                                  Frz.


                                                            14. I. 16.

L., Du hast recht: je fter und genauer man Gundolf liest, desto
zwingender ist seine Gedankenfhrung und wenn er uns auch vielfach
nichts Neues sagt, stellt er doch durch seine glnzende Ausdrucksform
vieles klar, was man nur im Instinkte fhlte und viel schwcher selber
formuliert hatte. Es deckt sich glaub ich im Sinn vieles mit Stellen aus
meinem Aphorismus; -- so entschwunden diese mir heute sind, werde ich
bei Gundolfs Lektre doch auf Schritt und Tritt an sie erinnert. Vor
allem luft mein Gedankengang ber den Sndenfall der reinen
Wissenschaften, die sich zur angewandten Wissenschaft mibrauchen
lie, ziemlich parallel mit Gundolfs Ideen von der Verselbstndigung der
Organe, -- der Mensch ist zum Sklaven seiner Werkzeuge geworden, die er
zu seinem Dienst geschaffen hat. Frher war das Wissen und die Bildung
nur Mittel zum Zweck, Strae zum Ziel, Speise zum greren,
umfnglicheren Leben, die Kunst diente dem religisen Ideal.

Sehr fein sagt Gundolf, da die philosophische Logik um des [Griechisch:
agn], des _Wettkampfes_, der geistigen Hochzchtung willen geliebt und
betrieben wurde, bis langsam die exakte Wissenschaft emporwuchs und vor
ihr die alten religisen Dinge ins Wesenlose verblaten; diese
merkwrdige europische Entwicklung lt sich nicht erklren, aber
auch nicht leugnen, sondern nur feststellen. Und alles kommt darauf an,
seine innere adelige Menschenhaltung vor dieser Thatsache zu bewahren,
_Herr_ zu bleiben in der neuen Situation; nicht aus dem Geiste des
Wissens eine Hure zu machen (wie die Ppste es ihrerzeit aus der
christlichen Religion machten, -- das war auch angewandte Religion!)
Das furchtbar Schwierige in unsrer heutigen Aufgabe liegt darin, da der
demokratische Mensch, die gemeine Masse in der Goldgrube der
Wissenschaft whlt und da man gegenber dem heutigen Geisteswirrwarr
der Millionenkpfe zunchst nur durch gnzliche Isolierung des eigenen
Lebens und der eigenen Aufgabe _rein_ bleiben oder sagen wir offen:
wieder rein werden kann. Gundolf spricht vom Kampf gegen die
Zeittendenz, vom Stellungnehmen gegen sie, -- er widerspricht sich
hierin selbst etwas; denn der Wirkende setzt seine That nicht da ein,
wo's fehlt, sondern er thut sein Werk aus seiner eigenen Mitte heraus,
und sieht nicht rechts und links und frgt auch nicht, was zu thun sei.
Instinkt ist alles. Es kann uns gnzlich gleichgltig sein, ob wir
verstanden werden oder nicht; wir knnen nur auf uns horchen, nicht
auf die Zeit. Das ist wenigstens im Knstlerischen so, -- nur so kann
man seiner Zeit oder einigen Seelen vorangehen.

Bei aller Gre und Schne, die die christliche Lehre noch fr unser
Auge hat, drfen wir als Schaffende uns nicht verleiten lassen,
hartnckig bei ihr unsre Ruhe zu suchen, als wre dort das letzte Wort
gesagt worden. Es wre derselbe Fehler nach rckwrts, den wir sonst
nach der Seite der Gegenwart oder in die blinde Richtung der Zukunft
machen; wir knnen heut nicht malen oder komponieren, was in 100 Jahren
wahr ist, sondern nur, was heute fr uns selbst wahr ist. Der Hang zum
Prophezeien ist ein Zeichen der Schwche, -- insofern behltst Du
betreff *** wohl ein bissel recht; aber schlielich sind wir nicht zu
Richtern ber unsre Mitmenschen bestellt, sondern zu Freunden; auch
verneint eine solche Schwche noch nicht das ganze Werk, am wenigsten in
unsrer traurigen Zeit! Da die zum Verzweifeln traurig ist, das fhlt
wohl bald ein jeder. Aber nur ganz wenige haben die Kraft, sich von ihr
_loszulsen_. Fast bei _allen_ Menschen, denen ich in diesem Krieg
nahegekommen bin, hab ich irgendwo einmal in das geheime Fach ihres
wirklichen Ichs geguckt, da wo es abgelst ist und frei; die meisten
bewahren es schamhaft als ihr Geheimnis und fast keiner wei es
anzuwenden, sie _wollen_ es auch gar nicht anwenden, aus einer geheimen
Furcht, es zu profanieren und eventuell auch noch einzuben. In Deiner
Sprache heit dieser geheime Punkt natrlich das Gewissen. Mir ist dies
Wort zu vieldeutig, zu sehr Allerwelts-Begriff.

Ich las letzthin in Luthers Tischreden, -- kstlich!! Er ist das
schlagendste Beispiel fr Gundolfs Behauptung, da der Leib die Mitte
des Menschen ist, aus der alles geschieht; diese triebhafte
Leibesgesundheit, die aus sich die Geistesblten treibt, ist bei Luther
berckend stark und klar.

                   *       *       *       *       *

Vielleicht werd ich Dich bitten, mir Gundolfs Artikel gelegentlich
wieder zu schicken, da ich ihn gern *** zum Lesen geben will; ich hab
Dir heute in einem Paket das Buch mit anderem zugesandt, da Du es so
dringend bald wieder haben wolltest.

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                                                            24. I. 16.

L., einliegend ein so nettes Briefchen von Lisbeth; aus ihm klingt die
erwachende Lebensfroheit wieder etwas heraus.

-- -- -- -- -- --

Ich hab heut einen kstlichen Spazierritt gemacht, -- ein strahlender
Tag. Ich sehe berall ganz, ganz verwischt Spuren uralter Zeiten, --
Lothringen ist ja reich an keltischen und gallischen Erinnerungen; ich
hab das Gefhl, da alles Land, Wege, Huser, Wlder so ganz
vorbergehender Besitz sind, -- ich verstehe die Wanderer, die
Habenichtse aus berzeugung.

Letzthin sagte mir ein Physiker, in der Physik habe man jetzt entdeckt,
da die alte dritte Dimension, also die mathematisch bis jetzt als
einwandfrei gegoltene Bestimmung einer Sache nach seiner kubischen
Dimension als wissenschaftlich unhaltbar anzusehen sei, solange die
vierte Dimension der _Zeit_, des _Zeitpunktes_, nicht noch hinzugenommen
wird. In jeder Rechnung sei diese 4. Bestimmung als Potenz mit
einzustellen, -- _wie_ ist aber noch dunkel. Das wirft die ganze alte
Mathematik ber den Haufen. Man steht vor einem _novum_. Ich wei nicht,
ob Du da mitdenken kannst; ich liebe wie Novalis diese Gedankengnge
sehr. Ich habe in dieser Richtung ja schon als Gymnasiast
Algebraunterricht gegeben, bei dem ich mir lauter solche Sachen allein
ausdachte. Leider habe ich zu diesen Dingen genau so wenig _praktisches_
Talent wie zur Musik. -- -- -- -- -- -- ber Deine Stickerei hab ich
immer noch nichts gehrt.

                                                     -- -- -- -- -- --
                                                                  Dein
                                                                  Frz.


                                                            2. II. 16.

L., recht gefreut hab ich mich ber ***'s Meldung, da wieder was
verkauft ist, das neue Schafbild -- -- -- -- und 2 Holzschnitte, also --
-- -- -- -- Du hast also bestimmt und ausreichend Geld vor Dir, -- von
mir kommen auch wieder -- -- -- in den nchsten Tagen; ich sende sie der
Einfachheit halber _direkt an Muttchen_, damit ja keine Schwierigkeiten
mit dem Geldempfang entstehen.

Dein lieber Brief vom 27. kam auch heute; nimm's nicht zu tragisch, wenn
ich Dir Lisbeth als Vorbild der Lebensmutigkeit hinstellte; ich bin ja
klug genug, die Unvergleichbarkeit Eurer Situationen und Charaktere auch
zu sehen. Ich drnge aber auch nicht aus Gedankenlosigkeit zu einer
tapferen Frhlichkeit trotz allen Leides; solange das Blut in einem
pocht, mu man an's Leben glauben und sich nicht mitrauisch separieren;
und Dein Wort: ich kann nicht ist schlielich graduell wie alles im
Leben; etwas weniger -- etwas mehr, -- das ist das Geheimnis des
Wartens, Wartenknnens und der Sehnsucht; der _Stolz_ mu im Menschen
siegen ber alle Dinge, nicht die indische _Trauer_.

Da ich den Krieg als Gesundungsproze wie jede (auch die ttlichste)
Krankheit ansehe, hat ja natrlich nur den Sinn, da ich auch den Krieg
nicht als solchen angreifen und vertilgen mchte, sondern seine
_Ursachen_. Der Mensch stirbt nicht an der Krebswucherung, sondern an
dem ttlichen Keim, den die Wucherung nicht zu berwinden vermag. Auch
darf man solche Vergleiche nicht zu weit treiben, sonst hinken sie eben.
Aber ich wehre mich unablssig gegen die herrschende Gedankenlosigkeit,
den Krieg als solchen so zu hassen als sich selbst, den Aussatz unsrer
Seele. -- Man mu seine Gedanken nicht gegen den Krieg richten,
sondern gegen sich, und _sofort_ damit anfangen. Nichts ist
selbstverstndlicher, strafgerechter als dieser Krieg. Kein Mensch sieht
das, -- wenigstens keiner will's _an sich_ selbst sehen.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-- --


                                                            3. II. 16.

L., was magst Du bei ***'s Brief gedacht haben? d. h. ich wei
natrlich, da Du dasselbe dachtest, wie ich: Mitleid nicht nur mit dem
gequlten leiblichen Menschen sondern doppeltes mit seiner Seele und
seinem Geist. Er leidet nicht, um die Snde und Wirrnis des Europers zu
ben sondern im Gegenteil sie zu glorifizieren. Mich hat ja der Krieg
das _erstere_ gelehrt. Wer diese Zeit so erlebt, kann wohl einen Gewinn
und Sinn aus dem Kriege ziehen; der kehrt mit einem neuen Welt-Verstand
in's Leben zurck; aber was soll man mit einem Geist wie *** nach dem
Kriege machen? Zudem er zweifellos die immense Majoritt darstellen
wird; was wie wir denkt, ist ein verschwindend kleiner Bruchteil,
wahrscheinlich berhaupt nur ein paar Menschen. Denn die Teile, die auf
den Krieg als solchen schimpfen, ohne auf seine tiefsten Ursachen, _auf
sich selbst_ zurckzugreifen, -- mit denen paktiere ich nicht. Du sagst
ganz richtig, da es so wenig Menschen gibt, die _Konsequenzen_ zu
ziehen imstande sind, -- darin liegt's. --

-- -- -- -- -- -- -- --

Eben kommt Dein lieber langer Brief ber Koehlerabend, Militarismus usw.
-- ich kann nur wieder sagen: verschwendet Euren Ha und Eure Trauer
nicht am _gegenwrtigen_ Zustand, sondern am allgemeinen. Du siehst sehr
gut und scharf, aber zu nah, zu speziell; das Typische erscheint dir
nicht, darum kannst du das Spezielle auch so schwer berwinden.


                                                            4. II. 16.

L., ich wei nicht, ob Du das, was ich in meinen letzten Briefen ber
den Krieg gesagt habe, (Krieg als natrliche _Folge_ und insofern als
gerechte, unausbleibliche Shne), richtig verstehen konntest. Die Dinge
im Leben sind so verkettet. Man kann ja zweifellos auch fragen, worin
sich denn eine Folge von einer Ursache unterscheide, und ob nicht beide
identisch sind oder zum mindesten gleich, soda man sie auch vertauschen
kann. Was sie voneinander _scheidet_, ist vielleicht nur der Begriff der
Zeit, die zwischen ihnen liegt, -- und das nennt man flschlich
Unterschied und unterscheidet Ursache und Wirkung. Es liegt sogar sehr
im Menschlichen begrndet, den Folgen zu fluchen und an den Folgen zu
leiden als an den Ursachen. Das tiefere Leiden ist aber gewi das
Leiden an den Ursachen. In diesem Sinne geschieht es, wenn ich sage, da
der Krieg fr mich, fr mein Mit-leiden vorber ist und ich lngst, mit
pochendem Herzen am Anfang der Dinge, an meinem eigenen Anfang stehe,
mit heimlicher Schaffensfreude; mit solchen Gedanken _kann_ man warten
ohne stndlich zu schmhen und stndlich krnker zu werden an der
Gegenwart. Dahin und dort mchte ich auch Dich und meine Freunde wissen.
Meine Freunde, -- auf die bin ich wirklich neugierig. Gundolf will ich
unbedingt kennen lernen. Ich bin sehr neugierig auf die neuen Hefte der
Jahrbcher; wir kennen nur 10, 11 und 12. Versume nicht, Dich zu
erkundigen, was seitdem noch erschienen. Vergi auch bitte nicht, mir
den Verlag der Jahrbcher zu ermitteln. Ich habe ja beide wieder
heimgeschickt und will nun *** auf sie aufmerksam machen, kann mich aber
des Verlags nicht entsinnen; es ist ein mir unbekannter Name.

Das Wetter scheint sich endlich ausgeregnet zu haben; nach einer kleinen
Nebelperiode wird es jetzt immer klarer und frhlinghafter. Nach allen
Anzeichen steht uns eine ziemlich harmlose Vernderung bevor, da -- d.
h. ich darf ordnungshalber nichts darber schreiben und will diese
Vorschrift einhalten; aber die Bemerkung kann dich beruhigen.

-- -- -- -- -- --


                                                        5. Februar 16.

L., ich las nochmals Deinen Bericht ber -- -- -- -- -- ich kann ihn mir
einfach nicht vorstellen! Da das einer der Brennpunkte unsrer doch so
aufrichtig, wenn auch unerfahren und naiv gedachten geistigen Bewegung
wurde, das der Niederschlag so heien Bemhens um Erneuerung! Nun, der
Krieg ist einer Ernchterung durch -- -- -- -- -- zuvorgekommen. Da Du
Dich dort grenzenlos einsam und unbehaglich fhltest, ist ja klar. Auch
ich wre nicht in der Stimmung, die Gesellschaft _komisch_ zu nehmen;
man kann sich nur _fern_halten und _ohne rger_ schweigen; denn es geht
mit dieser Sache im kleinen wie mit dem Krieg im groen: man soll nicht
ber einen Zustand, ber das Zustandekommen eines Bldsinns schmhen
oder trauern oder lachen, sondern auf das Ur-miverstndnis blicken, auf
eigene Schuld. Das ist der einzig reinigende Gedanke. Der Bldsinn
stirbt eines Tages an seiner eigenen Leere, nur das schpferisch
Gestaltete bleibt, das was Felsen unter sich hat und keine Mauer vor
sich, und was frhlich bewut vor sich sieht, nicht trauernd nach allen
Seiten oder wehklagend rckwrts.

Dein heutiges Krtchen berichtet wieder von einem 8seitigen Klagebrief,
den Du, weil er zu traurig war, zerrissen hast! Erstens sollst Du
keine Briefe, die Du mir schreibst, zerreien, -- Du kannst an ihnen
doch nur das Papier zerreien, nicht die einmal gewesene und in alle
Ewigkeit seiende Thatsache dieses Briefes, und zweitens soll ein
solcher mutig abgesandter Brief Dich wenigstens ntigen, ihm einen
freudigeren Gegenbrief nachzujagen, -- statt beides bleiben zu lassen.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
--


                                                            6. II. 16.

L., wenn du mich heute gesehen httest, mtest Du wahrlich bald an der
Wirklichkeit verzweifeln, oder an meinem Verstand. Ich bin in einem
riesigen Heustadel (schnes Atelier!) gestanden und habe auf
Militrzeltplanen nach Walterchens Ausdruck 9 Kandinsky's gemalt! Die
Sache ist allerdings harmloser, -- die _Kunst_ war bei dieser
Thtigkeit glcklicherweise ausgeschaltet, wenigstens fr die
berzeugung der anderen, -- ich selbst hatte sonderbare
Empfindungen dabei. Die Geschichte hat einen ganz ntzlichen Zweck:
Geschtzstellungen gegen Fliegersicht und Fliegerphotographie
unauffindbar zu machen, indem man sie mit solchen Planen berdacht, die
nach grob pointillistischem System und den Erfahrungen der bunten
Naturschutzfarbe (_mimicry_) bemalt sind. Die Entfernungen, mit denen
man zu rechnen hat, sind ja riesig, durchschnittlich 2000 mtr. hoch, --
_sehr_ viel tiefer geht ein feindlicher Flieger nie. Die
photographischen Aufnahmen, die sie aus solcher Hhe machen, werden zu
Hause stark vergrert, -- dabei entdeckt man meistens die eckigen
Geschtzeinschnitte, Munitionslager, die mit viereckigen Zeltplanen
zugedeckt sind usw. Durch die Bemalung soll nun das verrterische Bild
so verwirrt und aufgelst werden, da die Stellung unerkannt bleibt. Die
Division wird uns einen Flieger stellen, der die Sache durch
photographische Aufnahmen ausprobiert. Ich bin neugierig, wie die
Kandinskys auf 2000 mt. wirken. Die 9 Zeltplanen bilden eine Entwicklung
von Monet bis Kandinsky!

Ich schilderte es auch Koehler, den es gewi amsiert. Mich amsiert ja
nichts, was mit Militr und Krieg zusammenhngt, ich bin aber froh, eine
solche innere Ruhe und Gelassenheit zu besitzen, da mich auch nichts
eigentlich rgert oder gar nervs macht. Meine Nerven brauche ich noch
zu edlerem Werk als zum Kriegshandwerk.

Jetzt ist schon der 6. Februar, -- ein alter Kirchweihjahrestag! Ich
erinnere mich so gut noch jener Nchte, Dein geblmter braunroter Rock
und der blaue, das sonderbare Gefhl von Bauern- und Krperliebe, -- ich
rieche noch jene Stunden ganz genau; dazu die Gisela- und
Kaulbachstrae!

Von hier ist nichts Neues zu sagen; der Abmarsch scheint wieder auf ganz
unbestimmte Zeit vertagt; wenn noch dieser Februar hinter uns ist, haben
wir die Hauptwintersgefahr eines Winterfeldzuges hinter uns.

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                                                            7. II. 16.

L...., heut nur kurz wegen Russl; ich werde Lina schreiben, da sie
Russl _weg_gibt, an Schneiderhans oder Schuster oder sonst im Dorf. Sie
soll ihm dann ab und zu Leckerbissen bringen. Ich zahl gern fr den
guten alten Kerl eine kleine Pension. Behalten soll sie ihn auf _keinen_
Fall. Findet sich keine nette Gelegenheit, ihn in Pension zu geben, dann
soll Schuster ihm eine ehrliche Kugel geben, -- besser, es geschieht,
wenn ich nicht da bin und Du auch nicht. Aber ich fand ihn das letztemal
so greisenhaft geworden, da der rasche Tod wirklich keine Grausamkeit
ist. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Etwas sagst du sehr wahr: Berlin ist ein richtiger Seuchenherd
schlechter Vaterlandsbazillen. Ein dritter Winterfeldzug? _Glaub ich
nie!_

Das zu denken ist einfach _unorganisch_. Dieser Sommer entscheidet. Da
ich je als Artill. Beob. kommandiert werde, ist gnzlich
unwahrscheinlich. Der General wre sofort dagegen. Dazu sind jetzt viel
Jngere da.


                                                            7. II. 16.

   Liebe Lina,

meine Frau schreibt mir von Ihrem Bericht ber den Russl und seine ewige
Unreinlichkeit und Ansteckungsgefahr und ber die gute Hanni. Zunchst
lassen Sie sich einmal meinen herzlich gemeinten Dank sagen fr die
Treue, mit der Sie die Tiere und mein Haus versorgen. Ich wei sehr gut,
da das gar nicht so leicht ist und viel Umsicht und Liebe dazu gehrt.
Aber die Hauptsache ist natrlich, da man dabei gesund bleibt und wird.
So gern ich meinen alten weien Russl habe, so bin ich doch dafr, da
Sie ihn unter _allen Umstnden_ fortgeben, und zwar wenn sich eine
Gelegenheit findet, zu irgend jemand im Dorf, der ihn nehmen will. Ich
will meinem alten Hundekameraden gern sein Gnadenbrot auch bei andern
Leuten bezahlen; sie sollen es einmal einen Monat versuchen und dann
berechnen, was er ihnen kostet. Sie knnen ihm ja ab und zu einen
Leckerbissen bringen, da er Sie nicht ganz vergit; findet sich aber
niemand, der ihn in Kost nehmen kann, bitten Sie Herrn Bauer in meinem
Namen, dem Russl mit einer ehrlichen Kugel den Schritt ins Jenseits zu
erleichtern. Also tun Sie den Russl fort und zwar _sogleich_ auf die
eine oder andere Weise. Wenn er nicht bei irgend jemand einen _guten_
Platz findet, ist es besser, Sie lassen ihn erschieen. Aber _fortgeben_
mssen Sie ihn auf alle Flle. Und dann kurieren Sie sich selber einmal
ordentlich aus. Der Welf wird ja auch viel leichter zu halten sein, wenn
der Russl nicht mehr im Garten ist. -- Da jetzt genug Futter fr Hanni
da ist, freut mich. Sorgen Sie nur immer hbsch im _voraus_ dafr, damit
es nie ausgeht; und bringen Sie ihr recht oft Haselnu- und
Eichenzweige, an denen sie kauen kann. Sie enthalten Gerbsure, die fr
die Tiere sehr notwendig ist.

Mir geht es recht gut; denn unsere Division ist seit 2 Monaten in Ruhe,
-- ewig wird sie ja nicht dauern, aber der grauenhafte Krieg hoffentlich
auch nicht. Ich bin fest berzeugt, da er in diesem Sommer zu Ende
geht. Dann gibt's auch wieder vergngtere Zeiten in Ried.

Gute Besserung und herzlichen Gru

                                                             Frz. Marc

   _p. s._

Ich schicke Ihnen in diesen Tagen auch das Kistchen mit leeren Bchsen
zurck.


                                                Nachschrift vom 8. II.

Mir geht immer noch mein Entschlu mit Russi im Kopf herum, -- ich kann
aber zu keinem anderen kommen; der arme Russl krnkelnd in der fernen
Rehhtte, whrend der Welf scharwenzelnd ums Haus luft; frher hat
Russl doch wenigstens mit seinen Blicken das Kchenfenster beherrscht.
Und andrerseits der schlechte Geruch, -- das alles deutet auf einen
kaputten Magen etc. hin. Glaub mir: es ist das Beste fr ihn, wenn er
von einem zu traurigen Alter erlst wird. Ich schrieb es auch Maman. --
Wenn Du wieder daheim bist und mut es dann schlielich doch selber
anordnen, wird es Dir auch nur noch viel schwerer und mir auch. Ich
werde ihn auf unsrer Hausthre, _ihm_ und _Hanni_ ein Gedenkschild aus
Messing treiben. Ich wei jetzt ganz genau, wie unsere Hausthre einmal
spter aussehen wird. Die alte mu weg.


                                                           19. II. 16.

   Liebe Maman,

ich wei nicht, ob Du von meinen kleinen huslichen Traurigkeiten gehrt
hast; die gute kleine Hanni ist pltzlich eingegangen. Sie litt ja schon
seit November an einer Kehlkopfgeschwulst, schien aber nie besondere
Beschwerden davon zu haben, -- nun ist sie ziemlich pltzlich, whrend
Maria in Berlin war, erkrankt und gestorben.

Und noch eine 2. Nachricht, die Dich persnlich viel tiefer berhren
wird. Dein guter alter Russl ist auch nicht mehr! Ich hab nach langem
Bedenken mich doch entschlossen, ihm sein Leiden (wie seinerzeit dem
kleinen Trimm) zu verkrzen. Im November erschrak ich ja schon ber sein
Aussehen; er war trotz der wirklich reichlichen Nahrung zum Skelett
abgemagert, roch sehr schlecht und hatte ganz trbe Augen. Lina hat ihn
gewi ordentlich gepflegt, auch whrend Marias Abwesenheit; sie schrieb
mir sehr nette ausfhrliche Berichte ber ihn und Hanni; sie hat ihn
auch vom Tierarzt untersuchen lassen, der ihn fr sehr alt und schwer
nierenleidend erklrte. Er war gar nicht mehr sauber zu halten, die
Htte und der Platz wo er war, flo immer in seinem Wasser; er hatte
natrlich auch Wrmer wie alle kranken Tiere; nach dem allen fand ich es
wrdiger und mitleidiger, ihm seinen Eingang in den Hundehimmel zu
erleichtern; kranke Nieren, gar bei einem alten Tier, sind qualvoll und
nicht zu heilen. Hchstens haben die Herrn Veterinre noch einen Gewinn
davon, -- der arme Patient sicher nicht. Wenn ich heimkomme, werd ich
ihm schon irgendein knstlerisches Denkmal setzen, -- vergessen wird der
eigensinnige weie treue Kerl von uns sicher nie. Die Lina, die sich wie
es scheint und wie auch ihre netten Briefe an mich und Maria zeigen, als
sehr ordentliches Mdchen bewhrt, hat sich alle erdenkliche Mhe
gegeben, den Russl zu pflegen, aber schlielich doch ohne Erfolg; er
wurde immer hinflliger und elender und der Geruch immer schlimmer.

Maria ist jetzt in Bonn und schreibt sehr beruhigt und in besserer
Stimmung. Lisbeth und Maria hatten sich ja immer schon sehr gern, so
grundverschieden sie auch in ihrem Wesen sind oder wenigstens scheinen.
Das kleine Waltherchen ist jetzt schon 5 Jahre! Er soll _genau_ wie sein
Vater sein, fast unheimlich. An ihm und an dem kleinen Wolfgang (3
Jahre) hat Lisbeth natrlich ihren grten Trost.

Bei uns ist alles beim alten; ich hab immer noch die Kolonne und
natrlich ziemlich viel zu thun.

                                                        -- -- -- -- --
                                                           -- -- -- --


                                                           13. II. 16.

L., ich wollte, Du knntest einmal bei der Briefkontrolle neben mir
sitzen und manche von diesen Liebesbriefen mitlesen. Schon die Stimmung
auf dem Couvert:

   An Frl. Zenzi Duffner
   zum Kpferl in der Wis
   Post Miesbach

und dergleichen. Und manches ist so reizend und rhrend ausgedrckt;
oder so lakonische Bemerkung: jatzt, wan der Krieg no lang dauert, wer i
ungemtlich. Da Niestl diese Briefe nicht lesen kann!

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Heute erzhlte jemand, da wenn der deutsche Tagesbericht
funkentelegraphisch ber ganz Deutschland geht, der Eiffelturm sehr oft
grob dazwischen diktiert: ist gelogen, Prahlerei usw. Ist das
nicht unglaublich? Diese Vorstellung, da der Eiffelturm so
dazwischenschimpft!

                   *       *       *       *       *

Man bringt mir eben meine Post, die den Tod unsrer armen lieben kleinen
Hanni meldet. Wie traurig hat mich das gemacht! Lina schrieb es mir
gleichzeitig. Zu helfen war da natrlich nicht mehr. Sie ist wenigstens
nicht allein gestorben und hat die pflegenden Hnde sicher wohlttig
gesprt. Ich leg Dir Linas Brief bei. Ob nur die Schwchung durch die
Geburt und schwache Ernhrung schuld ist, mchte ich sehr bezweifeln.
Wild _darf nicht_ stark gefttert werden; Heu bekam es ja wohl, soviel
es wollte. Schon die Drsenanschwellung ist das Symptom irgendeiner
inneren (wohl Blut-)Krankheit, die dann in einer Darmkolik endete. Ich
kenne es bei Pferden jetzt so gut. Das Tierchen hat ein friedliches,
liebes Leben bei uns gehabt, -- so denke ich auch nicht weh an Hanni
zurck, -- und an Russl auch nicht; denn ich schrieb Lina, da ihn Bauer
unbedingt schmerzlos in seinen Hundehimmel schicken soll. Schon im
November war mir klar, da er an einer schweren Alterskrankheit leidet;
Linas Brief schildert sie ja so gut, da ich mich sofort entschieden
habe. Es wre grausam, ihn leben zu lassen in dem einsamen Rehhttchen
und berhaupt. An ihm herumdoktern hat gar keinen Sinn. Halte Dir, wenn
Du heimkommst und kein Lmmchen halten willst, ein Vgelchen.

Der arme Dietzel!! Du schreibst: kein Mensch hat das Recht, dem andern
das Leben zu nehmen. Ich sage: kein Mensch hat das Recht, den andern
auszubeuten, ihm in den Weg zu treten, dem Geld einen solchen Schups zu
geben, da es zu einem rollt u. s. f. Der Krieg ist nur die Folge im
Groen, der Bazillus und die Krankheit sind fr mich dasselbe. --
Februar-Urlaub ist unmglich; ich fhre ja noch immer die Kolonne ganz
allein und kann nicht weg.

Aber es geht mir famos.


                                                           22. II. 16.

L., voraus einmal Lisbeth meinen Dank fr die kstliche Tunisaufnahme
von August, -- wie besonnt und harmlos glcklich reitet da der gute
schwere August auf seinem Esel, nicht ganz jesusgleich; es fehlt auch
der Jnger Moilliet; im Hintergrund ist wohl Klee mit einem seiner
Malapparate in der Hand? ich freu mich recht ber diese kleine Aufnahme;
sie zeigt denselben vergngten August wie wir ihn in Paris um uns
hatten.

Was Du von August's hinterlassenem Reichtum schreibst, freut mich
riesig. Freilich erfllt diese posthume Lebendigkeit mit doppeltem Weh
ber den Weggang dieses Menschen; aber der jhe Weggang durch eine
feindliche, fast mchte man sagen: befreundete Kugel, -- denn es war
eine franzsische -- scheint mir doch nicht ungereimter als der Tod von
M.'s Frau oder irgendein anderes, natrliches Unglck. Auch der Krieg
ist naturhaft; es ist nicht haltbar, wie Du es immer thust, den Krieg
gnzlich auerhalb des natrlichen Geschehens zu stellen. Die
Massensuggestion, die er zweifellos darstellt, ist naturhaft bedingt so
gut wie die Thetsefliege oder ein Pestbazillus. Mein Blick hat sich
_lngst ganz vom Krieg abgewendet_. Mein Wesen sucht allerdings nicht
die Indifferenz von *** und *** zu gewinnen, sondern ist nur ein fr
allemal _belehrt_, geheilt und zurckgeschleudert von den Peripherien
frherer Interessiertheit in's alte verlassene Zentrum der reinen
_Funktion_. August ist diesem Zentrum von jeher nher gestanden; er war
keine ausgreifende, immer fragende, unerlste Natur wie ich.

Wie freut es mich, da Du Dir jetzt wirklich das Malen und Sticken in
Ried vornimmst, -- fhr es wirklich durch und fhr Dein Wesen ins
Fruchtbare statt in die Wste des ewigen Jammerns und womglich Hasses,
_der nie was gutes erzeugen kann_.

Du willst spter mehr Sachen von mir aufhngen? Meinethalben, -- wenn
Dir dann nicht mein lebendiger Leib gengt! Was mich frher immer
abgehalten hat, mich mit meinen eigenen Erzeugnissen zu umgeben, ist
eine scharf gefhlte -- Scham vor der eignen Produktion; dies Gefhl ist
schwer erklrbar, -- es geht auf den Moment der Schpfung zurck, in dem
an Stelle des persnlichen Willens der rtselhafte Zwang einer Eingebung
trat. Ich wei von so vielen und gerade meinen strkeren Sachen absolut
nicht mehr _wie_ sie entstanden sind; ich wundre mich, da ich sie
gemacht habe und sie beunruhigen mich. Selbst beim Durchblttern meiner
Skizzenbcher erschrecke ich zuweilen frmlich.

Heut war ein strahlend schner Tag, voll Anmut und Farbe und voll
Heimweh! Seid beide umarmt und lieb gegrt und gekt von Eurem Frz.

Empfiehl mich bitte bei den schn stickenden Mttern, -- dies im Geiste
August's Arbeiten ist rhrend.


                                                         17. II. 1916.

   Liebe Maman.

Ich verstehe sehr, wenn Du so ruhig vom Tode sprichst wie von etwas, was
Dich nicht schreckt. Ich fhle genau so. In diesem Kriege hat man's ja
an sich erproben knnen, -- eine Gelegenheit, die das Leben einem sonst
selten bietet, da man im tglichen Leben die Todesgefahren meist nicht
sieht und zum mindesten an sie nicht glaubt. Es ist mir aber im Kriege
nie eingefallen, die Gefahr und den Tod zu suchen wie ich es in frheren
Jahren des fteren gethan habe, -- damals ist der Tod mir ausgewichen,
nicht ich ihm; aber das ist lange vorbei! Heute wrde ich ihn sehr
wehmtig und bitter begren, nicht aus Angst oder Unruhe vor ihm, --
nichts ist beruhigender als die Aussicht auf _Todesruhe_ -- sondern weil
ich ein halbfertiges Werk liegen habe, das fertig zu fhren mein ganzes
Sinnen ist. In meinen ungemalten Bildern steckt mein ganzer Lebenswille.
Sonst aber hat der Tod nichts Schreckhaftes; er ist doch das _allen_
Gemeinsame und fhrt uns zurck in das normale Sein. Die Strecke
zwischen Geburt und Tod ist der Ausnahmezustand, in dem es viel zu
frchten und zu leiden gibt, -- der einzige wirkliche, konstante,
philosophische Trost ist das Bewutsein, da dieser Ausnahmezustand
vorbergeht und da das immer unruhige, immer pikierte, im Ernste ganz
unzulngliche Ich-Bewutsein wieder in seine wundervolle Ruhe vor der
Geburt zurcksinkt; es scheint mir gnzlich gleichgltig, ob man das nun
pantheistisch wie Spinoza oder buddhistisch oder schintoistisch (wie im
alten geistvollen Japan) oder christlich wie Pascal ausdrckt, -- das
_Wesentliche_ des Gedankens ber Leben und Tod ist immer dasselbe
geblieben. Die Idee, da man sich durch schlechte Verwaltung seines
biblischen Pfundes im Leben die se Ruhe des ewigen Lebens stren
knnte, ist wohl eine allzumenschliche, allzugrausame Erfindung. Wer
schlecht thut und wer nichts thut -- der hat die Strafe schon im Leben
davon, in seinem Gewissen und in seiner -- Todesfurcht. Diese Leute
knnen das Leben nicht rein genieen (so sehr sie sich auch den Anschein
geben), weil sie viel zu viel Angst vor dem Tode haben, der ihnen
alles nimmt. Wer aber nach Reinheit und Erkenntnis strebt, dem kommt
der Tod immer als Erlser.

Das ist jetzt die reine Predigt geworden! So war's eigentlich nicht
gemeint. Aber nun steht sie einmal da und Du darfst es Deinem Platoniker
nicht verdenken. Aber zunchst wollen wir uns im Leben und zwar gesund
wiedersehen!


                                                           25. II. 16.

   L.,

groer Reise- und Truppenbetrieb, aber bis jetzt ziemlich harmlos. Immer
noch im alten gleichen Zirkel; wir kleben an den alten Pltzen, als ob's
gar keinen andern Kriegsschauplatz gbe. Mir ist's ja gleich, wo ich
bin. Das Wetter ist auch schon wieder mild. -- Ich bin aber von unserm
zehnstndigen Ritt so hundsmde, da ich zu nichts anderem fhig bin als
zum Schlafen. Hab auch gutes Zimmer und Bett. Schlaf s, mein liebes
Lieb, mit Kssen und sehnschtigen Gedanken

                                                                  Dein
                                                                   Fz.

Gru an Lisbeth und Walter.


                                                           27. II. 16.

   L.,

nun sind wir mitten drin in diesem ungeheuerlichsten aller Kriegstage.
Die ganzen franzsischen Linien sind durchbrochen. Von der wahnsinnigen
Wut und Gewalt des deutschen Vorsturmes kann sich kein Mensch einen
Begriff machen, der das nicht mitgemacht hat. Wir sind im wesentlichen
Verfolgungstruppen. Die armen Pferde! Aber einmal mute dieser Moment ja
kommen, in dem alles eingesetzt wird; aber da es gelang (und es wird
sicher noch weiter gelingen) und zwar gerade am _strksten_ Punkt der
franz. Front: Verdun, -- das htte niemand geahnt, das ist das
_Unglaubliche_. Einliegendes Bild ist noch in Leiningen gemacht St. und
ich.

                                                            Mit Kssen
                                                                  Dein
                                                                   Fz.

Ich bin sehr frisch und guter Dinge voll, Gru an Lisbeth.


                                                           28. II. 16.

   L.,

es geht mir gut. Wetter leidlich. Wir sind freilich wieder zur
Primitivitt der ersten Kriegswochen zurckgekehrt. Aber ich fhl mich
ganz frisch und bin guter Stimmung. Bleib's Du auch.

Gre. In Liebe


                                                           29. II. 16.

L., eben habe ich eine ruhige Minute in einem franzsischen Unterstand
um Dich zu gren, was ich so hundertmal im Tage thue. Sei versichert,
es geht mir nicht schlecht. Es ist halt doch was anderes, als Offizier
einen Bewegungsfeldzug mitmachen wie ehemals als U.-Off.! Aber die
Arbeit und Verantwortung ist natrlich oft riesig. Wir sind jetzt zu
zweit, Lt. M. und ich und haben doch zuweilen kaum die Kraft, unsrer
Riesenkolonne die innere Organisation zu erhalten. Ich kann allerdings
nicht leugnen, da diese Arbeit, die viel moralische Kraft erfordert,
fr mich nicht ohne Reiz ist. Solange der Manverbetrieb in L. war, war
es mir oft innerlich sehr peinlich. Jetzt aber wei man, wozu man
Offizier ist und auf seinem Posten steht. ber das Eine freu ich mich:
da meine Nerven von einer wirklich erstaunlichen Unberhrtheit sind.
Von meiner Verwendung als Artilleriebeobachter kann jetzt natrlich gar
keine Rede sein, -- Du brauchst Dich in keiner Weise zu ngstigen. Ich
bin neugierig wie diese ganze Operation noch hinausgeht, -- wir sind
gnzlich ohne Nachrichten. Von Mnchen kam etwas Post, von Dir leider
nichts. Man mu sich gedulden. Ob Du wohl noch in Bonn bist? Ich
schreibe Dir gleichzeitig ein Krtchen nach Ried fr alle Flle. Dieser
tiefbeschmende schmachvolle Krieg mu ja jetzt bald ein Ende nehmen.
Ich bin ganz vertrauensvoll. Mit Kssen und Streicheln

                                                      Dein guter alter
                                                                Franz.


                                                           29. II. 16.

L., ich schrieb Dir gleichzeitig nach Bonn, -- ich hab von Dir lang
keine Post mehr bekommen. Ich kann Dir nur beruhigendes von mir
berichten; ich fhl mich krperlich sehr frisch und erhalte mir auch
mitten in diesem Kriegsgetmmel mein inneres Gleichgewicht. Immer kaut
man an dem immer rtselvolleren Rtsel herum, wie dieser Krieg nur
mglich ist! Europer! Es ist schrecklich. -- Aber alle Dinge haben ihr
Ende, auch die schlechtesten und furchtbarsten. Man hat natrlich so
viel zu thun, da an ein wirkliches Schreiben nicht zu denken ist. Nun
kommt schon bald richtiges Frhjahr nach Ried! Ich denke immer daran!


                                                           2. III. 16.

L., gestern Abend kam Dein Krtchen vom Rautenstrauchmuseum und
Lisbeth's lieber Brief mit Deinem Zusatz. Es freut mich so, da Ihr
beide Euch zusammen wohl fhlt und Anregungen austauscht. La mich nur
wieder da sein, dann soll das Leben schon wieder seinen alten Schimmer
bekommen. Wir sind herauen wohl genau wie Ihr fiebrig gespannt auf den
Ausgang dieses riesigen Kampfes, den Worte nie werden schildern knnen.
Ich zweifle keine Minute an dem Fall von Verdun und dem darauffolgenden
Einbruch in das Herz des Landes, wohl von einem andern Platze. Aber wie
furchtbar ist das! Ich bin wohlauf und verliere meine gepanzerte Ruhe
nicht. Seid beide und die Kinder vielmals herzlich gegrt und Du tief
gekt von Deinem

                                                                   tr.
                                                                   Fr.

_p. S._ Wir sind heut Nacht wieder in festes Quartier gekommen,
natrlich Ruinen aber _vllig_ auer Schieentfernung; Pferde zum
erstenmal im Stall! Dein Geburtstagsbrief ist gefunden! Denk Dir!! Auf
welche Weise, schreibe ich Dir noch!


                                                           2. III. 16.

   L.,

ich benutze die Gelegenheit eines Krankheitsurlaubes, um Dir auf diesem
Wege sichere Nachricht von mir zu geben. Ich vermute natrlich
Postsperre. Wir stehen natrlich mit in der Riesengeschichte im Westen,
schauerlich und ungeheuerlich wie es Worte nie werden schildern knnen.
Ich fhre mit Lt. M. zusammen unsre Kolonne unter schwierigsten
Umstnden; aber es geht alles. Und gottlob geht es bis jetzt auch gut.
Wir sind 10 Kilom. durch die franzsische Front durch. Wir hausen nachts
in den franzsischen Unterstnden. Die Pferde sind seit unserm Abmarsch
(25.) nicht mehr aus dem Geschirr gekommen.

Ich selbst fhle mich wohl und frisch, -- meine Nerven sind unberhrt,
da ich oft selbst staunen mu; Dinge, die mein eigentliches wahres
Wesen nichts angehen, berhren mich berhaupt nicht mehr. Jetzt ist
brigens der Moment gekommen, in dem ab und zu ein gutes Pckchen
(Schokol. Gilka, Stck Hartwurst u. dergl.) hochwillkommen sein wird.
Wie mag nur diese Riesensache hinausgehen?! Ich zweifle nicht, da
Verdun fallen wird, -- aber ob es dann gelingt, den grausamen Sto in's
Herz des armen Frankreich zu fhren! Seit Tagen sehe ich nichts als das
Entsetzlichste, was sich Menschenhirne ausmalen knnen.

Ich freute mich gestern ber eine Karte von Dir und Lisbeth's Brief, in
dem Du auch was geschrieben; es ist so beruhigend fr mich, Euch jetzt
beisammen zu wissen und zu hren, da Ihr Beide Euch Menschliches und
Knstlerisches zu sagen habt. Bleib nur ruhig und sorg Dich nicht; ich
komme Dir wieder. -- Der Krieg geht in diesem Jahr zu Ende.

Ich mu schlieen, der Krankentransport, der diesen Brief mitnimmt, geht
fort. Bleib auch Du gesund und ruhig wie ich und la Dich kssen und la
uns in Gedanken immer beisammen sein. Gr Lisbeth und die Kinder.


                                                           4. III. 16.

L., denk Dir: heute bekam ich ein Briefchen von meinen Quartierleuten in
Maxstadt (Lothr.), das Deinen Geburtstagsbrief enthielt! Die Frau hatte
ihn doch, trotz meines damaligen Suchens, in einem der Kartons gefunden!
Ich hab mich schon ein bichen geschmt aber auch doppelt gefreut, da
ich ihn nun doch habe: Du schreibst so lieb darin; ja, dieses Jahr werde
ich auch zurckkommen in mein unversehrtes liebes Heim, zu Dir und zu
meiner Arbeit. Zwischen den grenzenlosen schaudervollen Bildern der
Zerstrung, zwischen denen ich jetzt lebe, hat dieser Heimkehrgedanke
einen Glorienschein, der gar nicht lieblich genug zu beschreiben ist.
Behte nur dies mein Heim und Dich selbst, Deine Seele und Deinen Leib
und alles was mir gehrt, zu mir gehrt!

Momentan hausen wir mit der Kolonne auf einem gnzlich verwsteten
Schlobesitz, ber den die ehemalige franzsische Frontlinie ging. Als
Bett hab ich einen Hasenstall auf den Rcken gelegt, das Gitter weg und
mit Heu ausgefllt und so in ein noch regensicheres Zimmer gestellt!
Natrlich hab ich genug Decken und Kissen dabei, so da sich ganz gut
drin schlft. Sorg Dich nicht, ich komm schon durch, auch
gesundheitlich. Ich fhl mich gut und geb sehr acht auf mich. Dank
viel-, vielmal fr den lieben Geburtstagsbrief!

                                                              -- -- --
                                                                    --

              Am gleichen Tag nachmittags 4 Uhr gefallen!




                             Aufzeichnungen


   Aufzeichnungen auf einzelnen Blttern aus frheren Jahren vermutlich
                                1911-12.

Gibt es fr Knstler eine geheimnisvollere Idee als die Vorstellung, wie
sich wohl die Natur in dem Auge eines Tieres spiegelt? Wie sieht ein
Pferd die Welt? oder ein Adler, ein Reh oder ein Hund? Wie armselig,
seelenlos ist unsre Konvention, Tiere in eine Landschaft zu setzen, die
unsern Augen zugehrt statt uns in die Seele des Tieres zu versenken, um
dessen Bildkreis zu erraten.

                   *       *       *       *       *

In diesem Gedanken stecken viele; versuchen wir seine
Kristallisationskraft zu prfen.

Er zeigt uns verchtlich den strengen allzuengen Zirkel zum Bewutsein,
in dem wir Maler uns bewegen.

                   *       *       *       *       *

Hat es einen Sinn, einen Apfel zu malen und dazu die Fensterbank, worauf
er liegt?

Was hat der schne runde Apfel mit der Fensterbank gemein? Wenn man das
Problem auf Kugel und Flche stellt, so fllt der Begriff Apfel im
Ernste weg; man geht dabei einen interessanten Seitenweg, den uns
wundervolle Maler heute entdeckt haben; wenn wir aber den Apfel, den
schnen Apfel malen wollen? oder das Reh im Wald? oder die Eiche?

                   *       *       *       *       *

Was hat das Reh mit dem Weltbild zu thun, das wir sehen? Hat es
irgendwelchen vernnftigen oder gar knstlerischen Sinn, das Reh zu
malen, wie es unsrer Netzhaut erscheint oder in kubistischer Form, weil
wir die Welt kubistisch fhlen?

Wer sagt uns, da das Reh die Welt kubistisch fhlt; es fhlt sie als
Reh, die Landschaft mu also Reh sein. Das ist ihr Prdikat. Die
knstlerische Logik von Picasso, Kandinsky, Delaunay, Burljuk etc. ist
vollkommen und einwandfrei; sie sehen das Reh gar nicht und kmmern
sich nicht darum; sie gaben ihre innerliche Welt, -- das Subjekt im
Satze. Naturalisten gaben das Objekt. Das Schwerste, im Grunde auch das
Wichtigste, das Prdikat wird selten gegeben. Das Wichtigste in einem
Gedankensatze ist das Prdikat. Subjekt ist seine Prmisse. Das Objekt
ist belangloser Nachklang, der den Gedanken spezialisiert, banalisiert.
Ich kann ein Bild malen: Das Reh. Pisanello hat solche gemalt. Ich kann
aber auch ein Bild malen wollen: Das Reh fhlt.

Wie unendlich feineren Sinn mu ein Maler haben, das zu malen! Die
gypter haben es gemacht. Die Rose. Manet hat sie gemalt. Die Rose
blht, wer hat das Blhen der Rose gemalt? Die Inder. Das
_Prdikat_.

                   *       *       *       *       *

Wenn ich einen Kubus darstellen will, kann ich ihn darstellen, wie man
gelehrt wird, eine Zigarrenkiste oder dergleichen zu zeichnen. Damit
gebe ich seine uere Form wie sie mir optisch erscheint, das Objekt,
nichts weiter und kann es gut oder schlecht machen. Ich kann aber auch
den Kubus darstellen, nicht wie ich ihn sehe, sondern was der Kubus ist,
sein Prdikat.

Die Kubisten waren die ersten, die nicht den Raum gemalt haben, das
Subjekt, sondern von dem Raum etwas ausgesagt haben, das Prdikat des
Subjekts gegeben haben.

Typisch ist bei unsern besten Malern die Vermeidung des Lebendigen. Die
sogenannte tote Natur suchen sie mit ihrem Geist lebendig zu machen.

                   *       *       *       *       *

Man gibt das Prdikat der stillen Natur; das Prdikat des Lebendigen zu
geben, bleibt ungelstes Problem.

                   *       *       *       *       *

Kandinsky liebt das Lebendige leidenschaftlich, macht es aber zum
Schemen, um zur groen knstlerischen Form zu kommen.

                   *       *       *       *       *

Wer vermag das Sein des Hundes zu malen, wie Picasso das Sein einer
kubischen Form malt? (im Themastil der Musiker).

                   *       *       *       *       *

Ich mu mich, ohne Aufforderung, gegen den Gedanken wehren, da am Ende
Leser, aus der Thatsache, da ich oft Tiere male, den unberechtigten
Schlu ziehen, ich dchte bei diesen Errterungen an meine eigenen
Sachen. Die Sache liegt vielmehr so, da die Unzufriedenheit ber mein
eigenes Schaffen mich zum Nachdenken zwingt und diese Zeilen hervorruft.

                   *       *       *       *       *

Das Groteske:

aus der Alltglichkeit herausgenommen, wirkt daher viel strker; man hat
das Gefhl des Eigenlebens, dem man ohne Prmissen glaubt, gern glaubt,
wie Mrchen.

Grer ist die _naive Darstellung_, die die Wirkung des Grotesken (das
oft ein billiges, gefhrliches Mittel ist) erreicht.


                                 1912?
                           Einzelne Bltter.


                                   3.

Was wir unter abstrakter Kunst verstehen.

Was heute von abstrakter Kunst existiert, ist nicht viel und das
Existierende ist Stckwerk und Gestammel. Es ist der Versuch, statt
unsre vom Weltbild erregte Seele, die Welt selbst zum Reden zu bringen.
Der Grieche, Gothiker und Renaissanceknstler stellte die Welt
knstlerisch dar wie er sie sah, wie er sie fhlte, wie er sie wollte;
der Mensch frherer Zeiten wollte durch die Kunst vor allem sich
befruchten; er hat auch erreicht was er wollte, -- er hat aber auch
alles dafr hingegeben, alles hat er dem einen Ziel geopfert: den
Homunculus zu konstruieren, die Kraft durch das Prparat zu ersetzen,
Geist durch Technik. Der Affe ffte seinem Schpfer nach. Selbst die
Kunst zwang er zu Handlangerdiensten.

Der Berg ist erklommen. Der Gipfel ist eine de, in der sich der Mensch
nicht lange aufhalten wird. Wir leben schon auf der anderen Seite, auf
der Seite der Nichteitelkeit, der Nichtanwendung des Wissens. Das Knnen
und das Wissen tragen wir in uns; tonlos; ber die Technik des Daseins
redet der Edle nicht. Nur das Eine mu geschehen: die Befreiung der
Kunst aus ihrer Maskierung. Die Kunst ist heute nicht mehr dazu da, den
Menschen zu groen oder kleinen Vorwnden zu dienen.

Die Kunst ist metaphysisch, wird es sein; sie kann es erst heute sein.
Die Kunst wird sich von Menschenzwecken und Menschenwollen befreien. Wir
werden nicht mehr den Wald oder das Pferd malen, wie sie uns gefallen
oder scheinen, sondern _wie sie wirklich sind_, wie sich der Wald oder
das Pferd selbst fhlen, ihr absolutes Wesen, das hinter dem Schein
lebt, den wir nur sehen; es wird uns soweit gelingen, als es uns
gelingt, die traditionelle Logik von Jahrtausenden beim knstlerischen
Schaffen zu berwinden. Alles knstlerische Schaffen ist alogisch. Es
gibt knstlerische Formen, die abstrakt sind, mit Menschenwissen
unbeweisbar; sie hat sie zu allen Zeiten gegeben, aber stets wurden sie
getrbt von Menschenwissen, Menschenwollen. Der Glaube an die Kunst an
sich fehlte, wir wollen ihn aufrichten: er lebt auf der anderen Seite.


                                   4.

Wir mssen von nun an verlernen, die Tiere und Pflanzen auf uns zu
beziehen und unsre Beziehungen zu ihnen in der Kunst darzustellen. Das
ist vorbei, mu vorbei sein oder wird wenigstens eines Tages, -- oh des
glcklichen Tages! -- vorbei sein. Jedes Ding auf der Welt hat _seine_
Formen, seine Formel, die nicht wir erfinden, die wir nicht mit unsern
plumpen Hnden abtasten knnen, sondern die wir intuitiv in dem Grade
fassen, als wir knstlerisch begabt sind. Es wird immer Stckwerk
bleiben, solange wir in diesem erdgebundenen Dasein stehen, -- aber
glauben wir nicht alle an die Metamorphose? Wir Knstler alle, weshalb
suchten wir ewig die metamorphen Formen? Die Dinge wie sie wirklich sind
hinter dem Schein?


                                   5.
                         Die absolute Malerei.

Die Dinge reden: in den Dingen ist Wille und Form, warum wollen wir
dazwischen sprechen? Wir haben nichts Kluges ihnen zu sagen. Haben wir
nicht die tausendjhrige Erfahrung, da die Dinge um so stummer werden,
je deutlicher wir ihnen den optischen Spiegel ihrer Erscheinung
vorhalten? Der Schein ist ewig flach, aber zieht ihn fort, ganz fort,
ganz aus eurem Geiste weg, -- denkt euch fort samt eurem Weltbild, --
die Welt bleibt in ihrer wahren Form zurck und wir Knstler ahnen diese
Form; ein Dmon gibt uns zwischen die Spalten der Welt zu sehen und in
Trumen fhrt er uns hinter die bunte Bhne der Welt.


                           Grenzen der Kunst.

-- -- -- Am freiesten arbeiten glaub ich die zwar uerst seltenen
Dichter; wenigstens haben die Schriftsteller es beim Publikum
durchgesetzt, da bei ihnen der Mond in die Zimmer spazieren darf; man
darf sogar eine Sonne im Herzen tragen, Sterne herunterholen usw. Aber
lassen Sie einmal einen Maler den Mond in einer Stube aufhngen oder auf
den Tisch legen usw. Manches ist auf Verordnungswegen erlaubt worden, z.
B. einem Pferde Flgel ansetzen; aber man mu das Patent Pegasus
darunter schreiben.


                              Religises.

Es ist unglaublich, wie wenig die Menschen von heute aus Museen lernen.
Warum schaffen sie Museen, wenn sie nicht daraus lernen wollen? Und sie
knnten _alles_ daraus lernen, nmlich das Eine, Groe, da es keine
groe und reine Kunst ohne Religion gibt, da die Kunst desto
knstlerischer war, je religiser sie gewesen (und umso knstlicher, je
unreligiser die Zeit war). Auch haben die vollkommen recht, die sagen,
da echte Kunst mit unsrer wissenschaftlichen und technischen Zeit
unvereinbar ist, -- nur glaube ich, irren sie, wenn sie denken, da die
Kunst sterben wird. Vielmehr ist gewi, da die Wissenschaft und Technik
zu kleinen Nebendisziplinen unseres Lebens herabsinken werden; der
Taumel ber unsre Klugheit wird sich bald legen und die Kunst wird
wieder zum groen Gott, ja die Begriffe Gott, Kunst und Religion werden
wiederkommen; neue Symbole und Legenden werden in unsre erschtterten
Herzen einziehen.

Gibt es ein klglicheres Schauspiel als das Entzcken unsrer Leute ber
den Fortschritt der Wissenschaften und der Technik? Gibt es etwas
Beschrnkteres und Traurigeres als das Triumphgefhl unsrer Leute, alle
Religionen berwunden zu haben? Das glauben sie nmlich, die guten
Mitteleuroper. Auf was sttzen sie ihren Dnkel? z. B. auf Maschinen.
Als ob es irgendeine Maschine gbe, die nicht schlechteste Imitation
vergangener Handarbeit des Menschen ist. Surrogat an dem der Geist
verhungert. Eisenbahn -- die platteste Plebejererfindung; Flugmaschine,
-- kann sie irgendwie dem Geiste dienen? Direkte Befrderung von A nach
B, Luftlinie. Das ist doch nichts besonders Geistreiches. Im Gegenteil
hchst plebejisch, so gefhrlich zu eilen. Der einzige Witz unserer
gesamten modernen Technik ist offenbar der, uns vom Denken abzuhalten,
_Geist zu sparen_. Wer mit Geist und in Gedanken heute geht, wird wegen
Verkehrsstrung in Haft genommen oder berfahren. Es wird aber eine Zeit
kommen, in Blde, da wird man unsre ganze Technik und Wissenschaft
grenzenlos langweilig finden; man wird sie _vollkommen liegen_ lassen,
ja vergessen; man wird gar keine Zeit dazu haben, weil man mit geistigen
Gtern handeln wird.


              Aus den 100 Aphorismen: Das zweite Gesicht.
                   Geschrieben Anfang 1915 im Felde.


                                   1.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
--

Jedes Ding hat seinen Mantel und Kern, Schein und Wesen, Maske und
Wahrheit. Da wir nur den Mantel umtasten ohne zum Kern zu gelangen, da
wir im Scheine leben, statt das Wesen der Dinge zu sehen, da uns die
Maske der Dinge so blendet, da wir die Wahrheit nicht finden knnen, --
was besagt das gegen die innere Bestimmtheit der Dinge?


                                   9.

Vom ersten Moment des Kriegsausbruches an war mein ganzes Sinnen darauf
gerichtet, den Geist der Stunde aus ihrem tosenden Lrm zu lsen. Ich
verstopfte mein Ohr und suchte dem Kriegsgespenst in den Rcken zu
sehen. Alle Zeichen des Krieges stritten wider mich. Sein Gesicht
blendete mich, wohin ich mich wandte. Der Denker meidet das Gesicht der
Dinge, da sie niemals das sind, was sie scheinen.

Ich zweifelte nie, da die Europer durch diesen Krieg nicht das
erreichen, was sie wollen und sagen. Sie wollten ihn ja nicht einmal,
wie sie alle beteuern! Aber ein geheimes, ihrem Wissen und Willen
fremdes Wollen rauschte in ihrem Blute und brach aus wider Willen.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- --


                                  15.

Die Weltgeschichte hat ihre immanenten, vor dem Menschenauge sorglich
verheimlichten Gesetze, die erst der prometheische Mensch des 19. und
20. Jahrhunderts zu entrtseln begann, als er mit seiner ehernen
Wissenschaft von den Gesetzen der Natur auf ihren Schleichwegen folgte.

Unser Wissen verfing sich am ersten in den Dingen, die unsrer
Menschlichkeit am fernsten lagen: man begann mit den Sternen und Zahlen,
um heute endlich die Wissensformel gegen den Menschen selbst zu kehren.

Alles, das Grte ist heute in den Anfngen.

-- -- -- -- --


                                  23.

Es ist immer noch besser mit aller Glut auf eine regenerative Wirkung
des Krieges zu bauen als in den Unkenruf der Pessimisten, der Ideenarmen
und Mden einzustimmen; denn auch nur wir allein, unser heller Wille
bestimmt das weie Schicksal.


                                  25.

Wir werden im 20. Jahrhundert zwischen fremden Gesichtern, neuen Bildern
und unerhrten Klngen leben.

Viele, die die innere Glut nicht haben, werden frieren und nichts fhlen
als eine Khle und in die Ruinen ihrer Erinnerungen flchten. Wehe den
Demagogen, die sie daraus hervorzerren wollen. Alles hat seine Zeit und
die Welt hat Zeit.


                                  30.

Kunst ist nur selten da. In den langen Pausen der Geschichte, in denen
die Kunst fern ist, nennt man Anderes, hnliches, ach sehr Unhnliches,
Unmgliches Kunst. Vielleicht will es ein kleines Bedrfnis so. Aber wo
ein Bedrfnis, eine Ntzlichkeit nach Kunst schreit, haben wir schon
keine Kunst mehr, keinen Willen zur Form mehr.


                                  31.

-- -- -- -- --

Traditionen sind eine schne Sache; aber nur das Traditionen-schaffen,
nicht von Traditionen leben.


                                  32.

Jeder Formbildner und Ordner des Lebens sucht das gute Fundament, den
Fels, auf dem er bauen kann. Dies Fundament fand er nur uerst selten
in der Tradition; sie hat sich meist als trgerisch und nie als sehr
dauerhaft erwiesen. Die groen Gestalter suchen ihre Formen nicht im
Nebel der Vergangenheit, sondern loten nach dem wirklichen, tiefsten
Schwerpunkt ihrer Zeit. Nur ber ihm knnen sie ihre Formen aufrichten.

Das dunkle Wort Wahrheit erweckt in mir immer die physikalische
Vorstellung des Schwerpunktes. Die Wahrheit bewegt sich stets, wandelbar
wie der Schwerpunkt; sie ist immer irgendwo, nur niemals auf der
Oberflche, niemals im Vordergrund.

Wahrheit ist auch nie Erfllung, Realitt, knstlerische Gestalt,
sondern das Primre, der Gedanke, religionsgeschichtlich ausgedrckt:
das Wissen um das Heil, das stets der Gestalt, d. i. der Kunst und der
Kultur vorausgeht.


                                  35.

Der Tag wird nicht mehr fern sein, an dem den Europer, -- die wenigen
Europer, die es erst geben wird, -- der groe Schmerz seiner
Gestaltlosigkeit berfallen wird. Dann werden diese Gepeinigten ihre
Arme recken und Formsucher sein. Sie werden die neue Form nicht in der
Vergangenheit suchen, auch nicht im Auen, in der stilisierten Fassade
der Natur, sondern die Form von innen herausbauen nach ihrem neuen
Wissen, das die alte Weltfabel in Weltformel, die alte Weltanschauung in
Weltdurchschauung verwandelt hat.

Die kommende Kunst wird die Formwerdung unserer wissenschaftlichen
berzeugung sein; sie ist unsere Religion, unser Schwerpunkt, unsere
Wahrheit. Sie ist tief und schwer genug, um die grte Formgestaltung,
Formumgestaltung zu bringen, die die Welt erlebt hat.


                                  38.

Wir stehen in einer viel zu erregten Zeit, wir selbst sind zu erregt, um
die Bedeutung der Werke messen zu knnen, die die Pioniere der neuen
Zeit bis heute geleistet haben. Wir suchen nur die feine Grenze zwischen
dem Gestern und Morgen. Sie ist kein gerader Strich, wie ihn die
Handlanger der Moderne mit skrupelloser Hurtigkeit ziehen wollen um ihre
Jenseitigkeit zu zeigen, -- wahrscheinlich, um sie nicht zu verpassen,
da sie die einzige Sttze ihrer leidigen Gegenwart bildet.

Die Linie und Grenze, die wir sehen, schlingt sich in geheimnisvollen
Kurven vielfach weit zurck in Vergangen- und Vergessenheit und noch
weiter vor in Fernen, die unserem trben Auge entrckt sind.

Gerade die neuen Europer mssen die Selbstbeherrschung ben, kein
rgernis zu nehmen an den Grbern und Ruinen, zwischen denen sie leben
und noch lange leben werden. Der Mensch lebt immer zwischen Grbern, und
an seiner Wrde, mit der er sich zwischen ihnen bewegt, erkennen wir
seine Zukunftsart.


                                  39.

Der schaffende Mensch ehrt die Vergangenheit dadurch, da er sie ruhen
lt und nicht von ihr lebt. Die Tragik unserer Vter ist es ja, da sie
wie Alchimisten Gold machen wollten aus ehrwrdigem Staub. Sie verloren
ihr Vermgen dabei. Sie durchwhlten so viele Kulturen, da ihnen das
naive Vermgen, eine eigene Kultur zu gestalten, verloren ging.


                                  45.

Unser Geist ahnt heute schon, da das Gewebe der Naturgesetze auch noch
ein Dahinter, eine grere Einheit verbirgt: die Gestalt des einen
Gesetzes statt der geheimnisvollen vielen, die heute fr unser Auge die
neue Buntheit der Welt ausmachen.

Wir ahnen, da das Gesetz der Schwerkraft immer ein Vordergrundsgesetz,
eine Prmisse und Konzession an unsre noch beschrnkte Ausdrucks- und
Einsichtskraft ist; ebenso die Auseinanderlegung von Elementen- und
Energienlehre oder die getrennte Betrachtung der Schwingungsgesetze.

Wenn einmal fr alle diese Gesetze Eine Formel gefunden sein wird, --
wir werden sie mit voller Sicherheit finden -- werden wir vielleicht das
dritte Gesicht haben.


                                  55.

Unser uralter Wille, die trgerische Welt mit dem wahren Sein, dem
Jenseits zu vertauschen, kleidete frher dieses Jenseits knstlerisch
in die Formen der sichtbaren Welt. Heute trumen wir nicht mehr
eingeengt von den Dingen, sondern verneinen sie, da unser Wissen zu
jenem Leben vorgedrungen ist, das sie verbergen.

Gott kam einst in einer Krippe zur Welt. Heute steht sie leer. Wir
suchen die Formwerdung jenseits des heiligen Stalles in der visionren,
in gesetzlichen Formen sichtbar gewordenen Natur.

Unser heute noch latentes Wissen wird sich morgen in formbildnerische
Kraft wandeln.


                                  70.

Auch die Wissenschaft ist nicht ein Ziel, sondern eine Art unseres
Geistes.


                                  78.

An die Stelle des Naturgesetzes als Kunstmittel setzen wir heute das
religise Problem des neuen Inhalts. Die Kunst unsrer Epoche wird
zweifellos tiefliegende Analogien mit der Kunst lngstvergangener,
primitiver Zeiten haben, freilich ohne die formalistische Annherung an
diese, die heute manche Archaisten sinnlos erstreben. Ebenso zweifellos
wird unsrer Zeit eine andre Epoche khler Reife folgen, die ihrerseits
wieder formale Kunstgesetze (Traditionen) aufstellen wird, im
Parallelismus des Geschehens, in sehr ferner, reifer, spteuropischer
Zeit.


                                  79.

Den Menschen graut vor Leichen und Moder, -- warum thut er so vertraut
und gutmtig verliebt mit totem, faulendem Geist? Noch nicht die
einfachsten Vorsichten und Reinlichkeitsvorschriften gegen Ansteckung
und Seuche im geistigen Leben sind uns bekannt; die medizinischen
Wissenschaften thuen gerade, als gbe es nur ihre Bazillen.


                                  80.

Das geistige Kopfleben kennt dieselben Ansteckungsherde und
Bazillentrger wie das Rumpfleben der physiologischen Welt, das nur das
Paradigma des Geistes ist.

Mit listiger Verschlagenheit redet man aber immer von der
Ansteckungsgefahr, die dem Neuen, Ungewohnten, der unbewohnten Zukunft
anhaften soll, ein vielgeglaubter Satz der zurckstehenden, murmelnden
Menge. Man frgt die Mediziner nicht einmal, wie unmglich dieses sei
und wie gewi sein Gegenteil.

Nur in Zerfallsprodukten, in der Zersetzung des Alten lauert dem Geist
Gefahr. Zwischen frischen, nackten, neuen Dingen ist noch kein Geist
verseucht und erkrankt.

Wer lebt heute zwischen frischen Dingen?

Was ist _Reinheit_?


                                  82.

Ich sah das Bild, das in den Augen des Teichhuhns sich bricht, wenn es
untertaucht: die tausend Ringe, die jedes kleine Leben einfassen, das
Blau der flsternden Himmel, das der See trinkt, das verzckte
Auftauchen an einem andern Ort, -- erkennt, meine Freunde, was Bilder
sind: das Auftauchen an einem andern Ort.


                                  83.

Reinheit und Helle; befreit sie von der alten Fessel der Konsonanz.

Mit heiem Auge und feurigem Ohr durch die neuen Jagdgrnde ziehen.

Das Aufblhen des Unbekannten.


                                  85.

Im groen Krieg stand in irgend einer Stunde und Sekunde jedes Herz
einmal, ein kleines einzigesmal ganz still, um dann mit leisem neuen
Pochen wieder langsam aufzuhmmern der Zukunft entgegen.

Das war die heimliche Todesstunde der alten Zeit.

Was ist uns heute von allem, was in unserm Rcken liegt, noch heilig?

Niemand, niemand kann von nun an ber die Blutlache des Krieges hinweg
nach rckwrts und aus dem Rckwrts leben.


                                  87.

Ich fing einen einsamen Gedanken, der sich wie ein Falter auf meine
hohle Hand setzte: der Gedanke, da schon einmal sehr frhe Menschen
gelebt haben, die in unserem zweiten Gesicht standen und das Abstrakte
liebten wie wir.

In unsern Vlkermuseen hngt so manches Ding ganz verschwiegen und sieht
uns mit seltsamen Augen an.

Wie waren solche Erzeugnisse eines reinen Willens zum Abstrakten
mglich? Wie solche abstrakten Gedanken denkbar ohne unsre neuen
Mglichkeiten des abstrakten Denkens?

Unser europischer Wille zur abstrakten Form ist ja nichts anderes als
unsre hchst bewute, thatenheie Erwiderung und berwindung des
_sentimentalen Geistes_. Jener frhe Mensch aber war dem Sentimentalen
noch nicht begegnet, als er das Abstrakte liebte.


                                  89.

So erscheint dem spten Denker das Abstrakte wieder als das natrliche
Sehen, als das primre, intuitive Gesicht, das Sentimentale aber als
hysterische Erkrankung und Reduktion unsres geistigen Sehvermgens.

Alle hohen Vlker und nicht zum wenigsten die Orientalen verfielen
alternd dieser Krankheit.

Der Europer als Arzt und Wiederverknder alter Wahrheit --

Wie wir unser Problem auch wenden, es wird immer ernster, dringender.


                                  90.

Wie schn, wie einzig trstlich zu wissen, da der Geist nicht sterben
kann, unter keinen Qualen, durch keine Verleugnungen, in keinen Wsten.

Dies zu wissen macht das Fortgehen leicht.

Ich singe mit Mombert:

   Nur einen Flgelschlag mcht ich thun,
   Einen einzigen!




                      Briefe an Frau Lisbeth Macke


                                             _Hagville_, 23. X. 1914.

   Liebste Freundin,

gestern schrieb ich Dir in Unruhe um August eine Karte und heut schon
schreibt mir Maria ganz traurig und verstrt, da wir ihn alle verloren
haben. Ich bin so traurig und beklommen davon, da Du es August's und
Deinem Freunde schon verzeihst, wenn ich Dir auf dieser kleinen Karte
nicht mehr schreibe, als da ich nun das rgste wei; und mit Dir um ihn
trauern werde, so lange ich noch lebe und male! Vergi uns, Maria und
mich, nicht ber dem Leid. Wir haben ein Huschen und mchten Kinder
sehen und unsere Freundin bei uns, so oft Du nur magst. Was Dir die
Deinen sind, knnen wir Dir gewi nie sein -- aber das andere, was Dir
und uns allen dieser grausame Krieg geraubt und gettet hat, die Malerei
von August, das Erbe seiner Ideen -- dies Leben sollst Du bei uns
weiterleben und pflegen, so oft und viel Du willst. La Dir die Wangen
streicheln von

                                                   Deinem treuen Franz

Gre Deinen Bruder! Geht es ihm doch gut?


                                             _Hagville_, 5. XI. 1914.

   Liebe Lisbeth,

ich wei nicht, ob dir jetzt ein paar Zeilen, so recht nichts-sagende
Zeilen lieb sind -- aber ich mchte so gern mit dir reden, und wre es
nur, um Dir ein bichen die Hand zu streicheln. Ich erhielt Deine
traurige Karte mit der ungewissen Nachricht ber den armen August, ich
wute inzwischen schon durch Maria und Koehler, da doch noch eine
kleine Ecke Hoffnung besteht, ihn wiederzusehen, -- mchte es doch sein!
An franzsische Grausamkeiten und mangelnde Pflege glaube ich absolut
nicht. Die gewissenlose Kopflosigkeit, die in dieser Beziehung im Anfang
des Krieges herrschte -- brigens auch bei uns, ich war in _Saales_
selbst Zeuge -- ist lngst einer strafferen Disziplin und auch reiferen,
mnnlicheren berlegung gewichen; es wird bei den Franzosen nicht anders
sein. Der Postverkehr ist andrerseits so gnzlich abgeschnitten, da er
vielleicht wirklich keine Nachricht geben kann, vor allem, wenn er in
einem Feldlazarett liegt. Ich erhalte mir wenigstens immer noch ein
bichen Hoffnung und hoffe, Du thust es auch, liebe, arme Freundin. Ich
denke jetzt so oft an Dich, an alle Einzelheiten unsrer lieben,
gemeinsamen Erinnerungen, an August's Atelier und was aus unsrer
Freundschaft und gemeinsamen Arbeit noch htte werden knnen!

Was mich fr Dich trstet, ist, da Du wenigstens die beiden, lieben
Buben von ihm hast, in denen der August immer lebendig bleibt. Was mir
den Abschied von Maria schwer machte, war gerade der schwermtige
Gedanke, da ich sie ganz allein zurcklasse, wenn ich nicht
wiederkomme, ohne jede Zukunft und Aufgabe. Im Felde frchtet man den
Tod ja gar nicht. Man streift ihn so oft, man geht zwischen all dem
frchterlichen Sterben schlielich ganz khl umher; aber, der Gedanke,
kein Kindchen, keinen Erben des Blutes, das man sterbend vergiet,
zurckzulassen, ist fr mich das Einzige ganz Traurige. Ich bin ja im
allgemeinen wenig exponiert und glaube mit keinem Gedanken, nicht
zurckzukehren; aber ebenso felsenfest hab ich an August's Stern
geglaubt und doch schimmert er jetzt so trbe, da man verzweifeln
mchte. Nichts hat mich in diesem Kriege so erschttert und deprimiert
als diese Nachricht. Sie qult mich oft des Nachts und taucht zwischen
ganz anderen Gedanken immer wieder auf, da ich erst jetzt ganz schwer
fhle, was ich und wir alle an ihm verlieren wrden. --

Wir arbeiten immer noch an der Reorganisation unserer Truppe und vor
allem unseres Pferdematerials, das in einem trostlosen Zustand aus den
Vogesenkmpfen kam; unsere ganze Division ist aus dem Gefecht gezogen;
ich hab viel ruhige Stunden fr mich und arbeite fr mich an meinen
Gedanken, die der Krieg in ganz neue Bahnen getrieben hat. Wen werde ich
finden, mit dem ich ber das alles reden kann, wenn ich August nicht
mehr habe? Du kannst es mit noch grerem Recht sagen, aber was Dir
Freunde sein knnen, das sollst und wirst Du an uns finden. Gre Deinen
lieben Bruder vielmals von mir; ich freu mich riesig, da er sich
wenigstens gut erholt, gre auch herzlich Deine Angehrigen und la Dir
einen Freundesku geben von Deinem treuen

                                                                Franz.


                                             Bertschweiler, Sdvogesen
                                                            7. I. 1915

   Liebe Lisbeth,

Deine freundschaftliche, resignierte und doch so tapfere Karte vom 22.
XII. hab ich erst heute erhalten, zugleich mit einigen Briefen von
Koehler, der mir von seinem melancholischen Besuch bei Euch erzhlte und
auch die nheren Umstnde von August's Tode schilderte. Nun sind wir
wirklich allein, ohne unseren August, Du und Koehler und ich, und mit
uns viele andere. Wir wollen uns tapfer die Hand geben in seinem
Gedchtnis und versuchen, so viel wir nur knnen in unser Leben davon
umzusetzen, Du mit Deinen Kindern in Dein Leben, ich in meine Malerei.
Vielleicht (ich hoffe es sehr) knnen wir uns dabei manchmal gegenseitig
helfen. Maria und ich Dir, wenn Du zuweilen zu uns kommst, und Du wieder
bei uns in die Atmosphre der Malerei rckst, die Dir Deine Familie
nicht geben kann. Da sich in Ried leben lt, in unserem Huschen,
kannst Du mir schon glauben, vor allem auch fr die Kinder. Und von Dir
mchte ich noch viel ber August hren und erfahren, vor allem ber
seine Ideen der letzten Zeit. Ich rede schon, als wenn schon bald Friede
wre und dabei krachen drauen, 200 mtr. weit unsere Geschtze! Wir sind
seit dem 26. Dez. wieder im Gefecht (westlich Mhlhausen). Statt des
erhofften Soldatenweihnachten in Mhlhausen, verbrachten wir die ganze
Weihnachtsnacht am Pferd!

Einmal mu dieser Krieg ja ein Ende nehmen, erst im Osten, dann im
Westen. Man vertrstet sich von einer Jahreszeit auf die andere!

Von Helmut hab ich die letzte Nachricht vom 6. Dez. Hoffentlich bewahrt
ihn ein gutes Schicksal, freilich ist er sehr gefhrdet da oben und als
Infanterist doppelt und zehnfach.

Willst Du mir einmal eine Freude machen? Schick mir doch eine kleine
Photographie von Wolfgang, wenn Du eine hast, (am liebsten
unaufgezogen). Koehler schreibt, er habe solche hnlichkeit mit August.
Gib Walterchen und dem Kleinen einen herzhaften Ku von mir und nimm Du
auch einen von Deinem treuen

                                                           Franz Marc.


                                                          29. I. 1915.

   Liebe Lisbeth,

wie hat mich Dein guter Brief gefreut! Du lebst und fhlst so sehr im
Ganzen und Vollen mit uns allen drauen, da Dir jeder Soldat dankbar
die Hand drcken mchte, auch wenn er nichts von Deinem besonderen Leide
wei, das Dein Leben fr immer in das Schicksal dieses Krieges
verflochten hat. Ich liebe heute alle Menschen, deren Herzen mit unserm
Leben und mit dem Schicksalswillen dieses Krieges mitzittern. Es gibt
merkwrdigerweise doch auch viele, die ngstlich alles meiden, was ihre
Seele in den Krieg hineinziehen knnte, die Neutralen im Lande!

Es freut mich, da Du aus meinem schlichten Nachruf die Liebe und
Verehrung herausfhlst, mit der ich ihn seiner Zeit in dem
melancholischen _Hagville_ geschrieben habe. Deine Idee, ihn neben dem
Feldpostbrief von Dr. Samuel zu bringen, ist sehr glcklich. Ein solcher
Nachruf steht natrlich so vllig auerhalb der kleinen Kunstpolemik vor
dem Kriege, da ich selbstredend gar nichts gegen seinen Abdruck in
Kunst und Knstler habe. Bestimme Du mit Maria vollkommen darber, wo
Ihr ihn bringen wollt. (Ich schrieb Maria auch, da ich mit K. und K.
gerne einverstanden bin, -- vielleicht bernimmst Du im gegebenen Fall
die Korrespondenz mit Scheffler.) Mein einziger Wunsch ist, da er Dir
und unserm Freundeskreis von August's Wert und unserer gemeinsamen Liebe
erzhlen soll.

Hrst Du etwas von Helmuth? Ich habe seit dem 6ten Dez. keine Nachricht
mehr von ihm und bin etwas in Sorge. Schreib mir doch, wenn Du etwas
ber ihn hrst. Herr Koehler schrieb mir sehr treu und lebendig von
seinem Besuch bei Euch, es waren wehmtige und aufregende Tage fr ihn,
er leidet furchtbar unter dem Tod seines jungen, liebsten Freundes. Ich
denke auch daran, wie wehmtig mich ein Besuch in Eurem lieben Huschen
machen wrde und doch mchte ich so gern einmal, noch einmal August's
Atelier sehen, seine letzten Arbeiten und den kleinen Wolfgang kennen
lernen. Wann wird das alles einmal sein? Und wie wird es dann in Europa
aussehen? und in unsern Herzen! Auch ich komme nicht mehr ganz als
derselbe zurck. Der Krieg hat mein ganzes Denken wie im Sturm
durchschttelt.

Ach ja, die vergngten Glasbildchen, die sehen jetzt auch gewi
melancholisch und ernst drein -- so verndern sich die Dinge!!

Leb wohl und bleib so mutig und lebensvoll wie wir Dich immer kannten
und wie Dich Deine Briefe zeigen. Gre herzlich Deine ganze
Familie; wenn Du einmal Dr. Samuel schreibst, fge bitte einen
kameradschaftlichen Gru von mir bei. --

Weit Du, was mir gerade einfllt? ein Zukunftsbild: die erste Begegnung
Deiner beiden Buben mit den zwei Niestl'schen Mdchen -- auf solche
kstlichen Augenblicke, die doch kommen werden, freu ich mich!

                                           Von Herzen Dein Franz Marc.


                                                           22. II. 15.

   Liebe Lisbeth,

umstehend die von der Redaktion erbetene Autorisation zum Abdruck. Maria
schrieb mir, da sie etwas animos bei Dir angefragt hat; ich hatte die
Geschichte mit Herrn Scheffler so komplett vergessen, da mir letzthin
gar nicht recht klar wurde, worin eigentlich die Spannung zwischen mir
und der Redaktion bestehe. Jetzt erinnerte ich mich pltzlich an alles,
und wundere mich auch nicht ber die Anfrage. _Vive la bagatelle!_ Meine
Gedanken sind heute wo ganz anders -- es ist alles so lange lange her,
als wren's Jahre.

Auf Deinen lieben letzten Brief antwortete ich Dir kurz, tags darauf kam
dann Dein gutes Schokoladepaketchen, schnen Dank! Bleibt alle gesund,
Ihr lieben Drei. Mit herzlichem Hndedruck

                                                                  Dein
                                                           Franz Marc.


                                                          12. V. 1915.

   Liebe Lisbeth,

Dank fr Deinen langen guten Brief; ja, in Mllheim mute ich soviel an
August und Dich denken; ich kam sehr erschpft nach einem langen 40 klm
Ritt am Bahnhof an, band mein Pferd an einen Laternenpfahl und ruhte
mich in der Gartenwirtschaft am Bahnhof aus -- da mute ich so an Euch
denken. Ich blieb dann in M. bernacht und ritt am andern Tag etwas
schweren Herzens zurck. Ich trennte mich so ungern vom Schwarzwald, der
mir so deutsch und heimisch schien. Es kostete mich wirklich einen
Entschlu wieder ber den Rhein zurck nach Westen zu reiten! Wann
werden wir wieder friedlich ber den Rhein zurckkehren drfen?! Da
Maria sich jetzt entschliet, Euch in Bonn zu besuchen, glaube ich nicht
sehr; erstens bekommt unser liebes kleines Reh demnchst Junge -- auch
eine Sorge; man kann das Tierchen doch nicht in solchen Tagen verlassen
und fremden Hnden anvertrauen; dann die Gartenbestellung und manches
andere, ich glaube, Maria wird sich jetzt schwer von Ried trennen. Wenn
Du mit den Kindern die Reise nicht wagst und lieber einmal einen kurzen
Besuch allein machst, wirst Du Maria und mir auch eine groe Freude
machen; und ich hoffe so sehr, da er fr Dich selbst eine kleine
seelische Erholung wre --.

Mein Miverstndnis Deiner Frage betreff *** ist lustig; ich wunderte
mich selbst im Stillen, aber konnte die eine Stelle Deines Briefes nicht
anders verstehen; wahrscheinlich bezog sie sich auf eine Ausstellung bei
***. Ich kann Dir schwer raten in dieser Sache. Auer *** kme eine
Wanderausstellung durch die Kunstvereine in Betracht. Dafr mte sich
von vornherein eine richtige und gewichtige Persnlichkeit einsetzen;
vielleicht ausgehend vom Frankfurter Kunstverein. Die Ausstellung knnte
trotzdem die Bezeichnung Von seinen Freunden veranstaltet tragen. Ich
schreibe gern ein paar Freundesworte als Vorwort im Katalog, vielleicht
in Verwertung und berarbeitung meines kleinen Nachrufes. Die
Koehlergalerie, als Berliner Ausstellungsort, halte ich fr nicht ganz
glcklich -- es wrden zu wenige hingehen. Ich schlug schon einmal
Koehler vor, ein Gedchtniszimmer fr August's Kunst in seiner Galerie
einzurichten, das immer bliebe und mit aller Liebe und Sorgfalt
ausgestattet sein mte (auch mit Stickerein, Glasbildern und
dergleichen, Koehler hat ja daran schon prchtige Stcke). Ein solches
Zimmer wrde die Intimitt der ganzen Sammlung vertiefen und
ein dauerndes Denkmal fr August sein. Aber die geplante
Gedchtnisausstellung ganz auf privatem Wege zu leiten, ist kein
glcklicher Gedanke. Man kann dabei in den meisten Fllen die
Rumlichkeiten von Hndlern doch nicht umgehen oder es wrde ein
unverschmtes Geld kosten, das in keinem Verhltnis zum Zwecke der Sache
stehen wrde. Ich geb Dir den einen Rat: warte; jetzt ist nicht die
freudige und gesammelte Stimmung fr ein solches Unternehmen. August's
Bilder bleiben immer jung, -- nichts, was Wert hat, hat Eile; im
Gegenteil: das Gute verlangt Distanz und wird immer besser.

Schreibe mir nur mal wieder; ich freu mich immer so, wenn aus dem groen
Feldpostsack ein Brief mit Deiner Handschrift herausfllt. Seid alle
herzlich gegrt, auch Deine liebe, verehrte Mutter und Gromutter und
W. Gerhardt mit Frau.

                                                      Dein Franz Marc.


                                                        6. VIII. 1915.

   Liebe Lisbeth,

jetzt ist wohl bald der Jahrestag, an dem Du von August fr immer
Abschied genommen hast -- rckte er damals gleich ab? Und nun liegt
Helmuth verwundet -- hast Du nhere Nachrichten? er schrieb mir wenige
Tage nach seiner Verwundung aus dem Feldlazarett 4. 50. Inf.-Div.
Westen; ich schrieb ihm sofort wieder (18. Juli) habe aber seitdem keine
Antwort, was mich etwas beunruhigt. Es war ein Granatsplitter im
Hinterkopf. Er schrieb kurz nach der Operation, die glcklich verlaufen
sein soll; aber, wei Gott was hinterher kam; mich bengstigt sein
Schweigen jedenfalls. Denn gerade im Lazarett ist man schreiblustig,
wenn es einem gut geht. Gib mir bitte Nachricht, was Du ber Helmuth
weit und besuche ihn ja, wenn das Lazarett fr Zivilpersonen erreichbar
ist. Es ist ja auch die Frage, ob er dort geblieben ist. Wie gehts Euch
allen; wo ist Dein Bruder? Gr alle von mir und la Dir die Hand
drcken

                                                            von Deinem
                                                                Franz.


                                                             5. X. 15.

   Meine liebe, gute Lisbeth,

wie lieb von Dir, immer wieder so freundlich meiner zu gedenken; ich bin
sehr schreibeunlustig geworden -- die Welt, die Arbeit und die Liebe,
alles rckt so traumhaft fern in diesem endlosen lieblosen Kriege!! Ich
schrieb in den letzten Monaten fast nur mehr Maria und meiner Mutter,
aber meine Gedanken irren eigentlich in einem nirgendwo, unstt,
unproduktiv, voll Ha gegen diesen Krieg; und was mir diesen Zustand
besonders unheimlich macht: ich werde ein immer besserer -- Soldat! Ich
kenne mich oft nicht wieder; wir Mnner sind ein merkwrdiges
Geschlecht. Der Krieg vermnnlicht uns leider noch mehr, ich kann mir
Euch Frauen kaum mehr vorstellen; und da es Kinder gibt und
Kinderleben! -- Wie mag es dem armen Helmuth ergehen? Er ist in
gefhrlichster Nhe der groen Offensive. Ich selbst kann ber nichts
klagen; ich bin jetzt Offizierstellvertreter und werde in Blde Offizier
sein; das erleichtert natrlich mein Leben uerlich sehr, aber die
geistige Luft, in der ich nur mhsam atme, wird dadurch nur noch
dicker. Dabei geniee ich den unbestrittenen Ruf eines
vorzglichen Soldaten. Ich bin es sogar. -- Das ist das Groteske
meines jetzigen Lebens.

Sei nicht ungehalten und erschrocken, da ich Dir nichts lieberes,
ruhigeres zu sagen habe; ich mchte Dein liebes Gesicht streicheln und
Wolfgngchen auf den Knien haben; hoffentlich kommen fr uns Mnner auch
solche Zeiten wieder, nach diesen Jahren des gemeinsten Menschenfangs,
dem wir uns ergeben haben. Wie haltet Ihr Frauen eigentlich diese tolle
Epoche aus? Das frag ich mich oft. Du rmste hast das grte Opfer
gebracht, -- Deine Ruhe kann ich verstehen -- aber so viele andere??
Maria leidet sehr bitterlich und ich wage ihr kaum zu sagen wie gut ich
sie dabei verstehe, um ihre Seele nicht noch mehr gegen diesen Krieg
aufzubringen. Das soll nun ein Brief an Dich sein!! Verzeih mir ihn. Ich
bin zu keinem anderen fhig.

Mit herzlichem Hndedruck

                                                           Dein Franz.


                                                          23. XII. 15.

   Liebe Lisbeth,

was fr einen netten Weihnachtsgru hast Du mir wieder geschickt! Dank
fr alle Deine Liebe, die so schn aus Deinen guten Briefen und
Sendungen spricht. Ich verstehe gut, da Dir die Weihnachtstage mehr
Qual und Wehmut bringen als Freude, -- wenn Dir nicht die strahlenden
Gesichter von Walterchen und Wolfgang alles Weh berstrahlen. Ich habe
zuweilen eine wahre Sehnsucht nach diesen beiden kleinen Buben, hnlich
wie zu den Kinderchen von Legros, die mich in meinem Urlaub krzlich so
gefreut haben. Ihr Beide habt wirklich ein Lebenspfand in der Hand, das
manchen tiefen Schmerz aufwiegen kann. Maria zeigte mir eine
Photographie von Walterchen und Wolfgang -- ich war ganz ergriffen von
der Schnheit von Walterchen, und Wolfgang, der noch zu vgelchenhaft
klein ist zur Schnheit, hat ein so lieblich sanftes Kindergesicht! Es
werden schon wieder gute Stunden kommen, in denen wir um den runden
Kirschbaumtisch sitzen und Glasbilder pinseln -- dann mu eben
Walterchen auf August's Stuhl sitzen und mitmachen.

Maria schrieb mir davon, da sie von Dir aufgefordert wurde nach Bonn zu
kommen; ich glaub, sie scheut etwas die Reisekosten, obwohl wir jetzt
gar nicht besonders unsicher mit dem Gelde stehen; ich werde ihr zureden
und ihr wenigstens diesen Hinderungsgrund etwas ausreden, aber
vielleicht hlt sie auch anderes zurck, -- die Sorge das Haus zu lang
allein zu lassen, und vielleicht auch der Gedanke Dir keine aufmunternde
und heilsame Gesellschaft zu sein, da sie jetzt sehr schwarzseherisch
und melancholisch gestimmt ist; ich freu mich jedenfalls, wenn sie Dich
besucht, aber ich drnge in diesen Fragen zu nichts. Aber das hoffe ich
heute schon: da wir Dich mit Deinen beiden Bbchen nach dem Krieg
zuweilen bei uns sehen!

Gre Moilliet, ich gratuliere herzlich zu seinen Erfolgen; hoffentlich
ziehen sie andere nach sich, wie es doch meist ist.

Wir sind ganz unerwartet in Armeereserve fr circa einen Monat
zurckgezogen worden und knnen unseren Soldaten morgen ein ganz
gemtliches Weihnachten richten. Gre Deine Lieben alle recht herzlich
von mir; gib Walter und Wolfgang einen Ku von ihrem Onkel. In
herzlicher Liebe

                                                                  Dein
                                                           Franz Marc.

Der Spitzweg ist reizend! dies kstlich trichte Einst und dies sinnlos
grauenvolle Jetzt!


                                               _Hagville_, 25. X. 14.

                           _August Macke_ +.

Das Blutopfer, das die erregte Natur den Vlkern in groen Kriegen
abfordert, bringen diese in tragischer, reueloser Begeisterung.

Die Gesamtheit reicht sich in Treue die Hnde und trgt stolz, unter
Siegesklngen den Verlust.

Der Einzelne, dem der Krieg das liebste Menschengut gemordet hat, wrgt
in der Stille die Thrnen hinunter; der Jammer kriecht wie der Schatten
hinter den Mauern. Das Licht der ffentlichkeit kann und soll ihn nicht
sehen; denn die Gesundheit des Ganzen will es so.

Aber die groe Rechnung des Krieges ist mit alledem nicht beglichen. Das
grausame Ende kommt schleichend, langsam, sicher nach, in Zeiten, in
denen der Quell des Leides nur mehr langsam rinnt.

Dieses Furchtbare ist der Zufall des Einzeltodes, der mit jeder
ttlichen Kugel das sptere Geschick des Volkes unerbittlich bestimmt
und verschiebt. Im Kriege sind wir alle gleich. Aber unter tausend
Braven trifft eine Kugel einen _Unersetzlichen_. Mit seinem Tode wird
der Kultur eines Volkes eine Hand abgeschlagen, ein Auge blind gemacht.
Wieviele und schreckliche Verstmmelungen mag dieser grausame Krieg
unsrer zuknftigen Kultur gebracht haben? Wie mancher junge Geist mag
gemordet sein, den wir nicht kannten und der unsre Zukunft in sich trug.

Und manchen kannten wir gut, ach nur zu gut! --

                August Macke, der junge Macke ist tot.

Wer sich in diesen letzten, ereignisvollen Jahren um die neue deutsche
Kunst gesorgt hat, wer etwas von unsrer knstlerischen Zukunft ahnte,
der kannte Macke. Und die mit ihm arbeiteten, wir, seine Freunde, wir
wuten, welche heimliche Zukunft dieser geniale Mensch in sich trug. Mit
seinem Tode knickt eine der schnsten und khnsten Kurven unsrer
deutschen, knstlerischen Entwicklung jh ab; keiner von uns ist
imstande, sie fortzufhren. Jeder zieht seine eigene Bahn; und wo wir
uns begegnen werden, wird er immer fehlen.

Wir Maler wissen gut, da mit dem Ausscheiden seiner Harmonien die
_Farbe_ in der deutschen Kunst um mehrere Tonfolgen verblassen mu und
einen stumpferen, trockneren Klang bekommen wird. Er hat vor uns allen
der Farbe den hellsten und reinsten Klang gegeben, so klar und hell wie
sein ganzes Wesen war. Gewi ahnt das Deutschland von heute nicht, was
alles es diesem jungen, toten Maler schon verdankt, wieviel er gewirkt
und wieviel ihm geglckt ist. Alles, was seine geschickten Hnde
anfaten und wer ihm nahe kam, wurde lebendig, jede Materie und am
meisten die Menschen, die er magisch in den Bann seiner Ideen zog.
Wieviel verdanken wir Maler in Deutschland ihm! Was er nach auen gest,
wird noch Frucht tragen und wir als seine Freunde wollen sorgen, da sie
nicht heimlich bleibt.

Aber sein Werk ist abgebrochen, trostlos, ohne Wiederkehr. Der gierige
Krieg ist um einen Heldentod reicher, aber die deutsche Kunst um einen
Helden rmer geworden.

                                                           Franz Marc.




               Das Buch enthlt Franz Marcs Briefe aus
               dem Felde, Tagebuch-Aufzeichnungen und
               Aphorismen. Der Tafelband stellt die
               originalgetreue Wiedergabe des letzten
               Skizzenbuches aus dem Felde in Lichtdruck
               dar. Der Textband der vorliegenden
               Ausgabe wurde im Jahre 1920 in der
               Offizin W. Drugulin in Leipzig gedruckt.
               Er enthlt, gleichfalls in Lichtdruck,
               eine farbige Beilage nach dem Aquarell
               Tierschicksale von Franz Marc. Eine
               Vorzugsausgabe mit weiteren fnf farbigen
               Lichtdrucken nach Zeichnungen von Franz
               Marc wurde in 320 in der Presse
               numerierten Exemplaren, von denen 300 in
               den Handel kommen, auf Bttenpapier
               gedruckt und in Halbleder gebunden




Anmerkungen zur Transkription

Die Schreibweise der franzsischen Ortsnamen wurde stillschweigend
normalisiert. Lediglich Sles wurde auch in der hufig wiederkehrenden
Form Saales belassen. Hierzu ist anzumerken, da Marc gelegentlich
den Ort Berrweiler als Bertschweiler nennt, was vermutlich falsch ist.

Variationen der Schreibweise von Namen, die fr den Autor typische
Schreibweise gewisser Worte (z. B. ttlich, blos) sowie das Weglassen
des Genitiv-s in zusammengesetzten Worten (z. B. frhlinghaft,
Garnisondienst) wurden unverndert bernommen.

Offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt
(vorher/nachher):

   [S. 12]:
   ... glnzend. Nun hab ich auch noch ein prima Restaurant
       entdeckt, bonc-aigle, Bock-Adler, ...
   ... glnzend. Nun hab ich auch noch ein prima Restaurant
       entdeckt, bouc-aigle, Bock-Adler, ...

   [S. 13]:
   ... Mazola. Erinnerst Du Dich in London? Noch fabelhafter ist
       aber der Straburger ...
   ... Mazzola. Erinnerst Du Dich in London? Noch fabelhafter ist
       aber der Straburger ...

   [S. 16]:
   ... L...., bin heute bis Corze gekommen, wo ich mir bei Kameraden
       ein Strohlager ...
   ... L...., bin heute bis Gorze gekommen, wo ich mir bei Kameraden
       ein Strohlager ...

   [S. 16]:
   ... gesucht und gut geschlafen habe. Es herbstelt schwer, nasse
       Nebel. Corze ...
   ... gesucht und gut geschlafen habe. Es herbstelt schwer, nasse
       Nebel. Gorze ...

   [S. 17]:
   ... Liebe M., Heute frh bin ich endlich wieder bei meiner Truppe
       angelangt! Sie ...
   ... Liebe M., heute frh bin ich endlich wieder bei meiner Truppe
       angelangt! Sie ...

   [S. 41]:
   ... heut ber Nacht ist pltzlich hoher Schnee gefallen, ganz
       unerwartet. Ich war ...
   ... Heut ber Nacht ist pltzlich hoher Schnee gefallen, ganz
       unerwartet. Ich war ...

   [S. 46]:
   ... beweist mir an einem kleinen Beispiel, das ich nicht
       fabuliere mit dem Leidensopfer ...
   ... beweist mir an einem kleinen Beispiel, da ich nicht
       fabuliere mit dem Leidensopfer ...

   [S. 56]:
   ... -- -- Um mich lege die Sorge wirklich ein bischen ab. Mein
       verndertes ...
   ... -- -- Um mich lege die Sorge wirklich ein bichen ab. Mein
       verndertes ...

   [S. 58]:
   ... inzwischen sind wir weit gereist; die neue Adresse ist wieder
       wie im Herbst; siehe ...
   ... Inzwischen sind wir weit gereist; die neue Adresse ist wieder
       wie im Herbst; siehe ...

   [S. 59]:
   ... verliere, da dies alles fr mich nicht Wesentlich ist, nur
       Wege, Spaziergnge ...
   ... verliere, da dies alles fr mich nicht wesentlich ist, nur
       Wege, Spaziergnge ...

   [S. 62]:
   ... wenn ich im Leben was thue, meinem Nchsten oder auch dem
       Nchstbestem christliche ...
   ... wenn ich im Leben was thue, meinem Nchsten oder auch dem
       Nchstbesten christliche ...

   [S. 76]:
   ... Eichen- und Buchenwldern, die sich zwischen Haumont und
       Hatonchtel und ...
   ... Eichen- und Buchenwldern, die sich zwischen Haumont und
       Hattonchtel und ...

   [S. 90]:
   ... sein; bei diesem elenden Wetter, -- Hautmont schwimmt schier
       weg -- wre es ...
   ... sein; bei diesem elenden Wetter, -- Haumont schwimmt schier
       weg -- wre es ...

   [S. 91]:
   ... Wesentliche vom Unwesentlichen trennen. Der Starke subsumiert
       unter das Unwesentliche ...
   ... Wesentliche vom Unwesentlichen trennen. Der Starke
       subsummiert unter das Unwesentliche ...

   [S. 93]:
   ... Maman schreibt heute, sie hofft, da ihr Weihnachtspacketchen
       diesmal rechtzeitig ...
   ... Maman schreibt heute, sie hofft, da ihr Weihnachtspaketchen
       diesmal rechtzeitig ...

   [S. 97]:
   ... Da das liebe Amuletchen etwas spter kam, macht gar nichts,
       -- ich war Weihnachten ...
   ... Da das liebe Amulettchen etwas spter kam, macht gar nichts,
       -- ich war Weihnachten ...

   [S. 101]:
   ... Lies einmal in Hildebrands Artikel Seite 98 das wundervolle
       Bild, das Goethe ...
   ... Lies einmal in Hildebrandts Artikel Seite 98 das wundervolle
       Bild, das Goethe ...

   [S. 107]:
   ... Ausdruck 9 Kadinsky's gemalt! Die Sache ist allerdings
       harmloser, -- die ...
   ... Ausdruck 9 Kandinsky's gemalt! Die Sache ist allerdings
       harmloser, -- die ...

   [S. 107]:
   ... berdacht, die nach grob pointilistischem System und den
       Erfahrungen der bunten ...
   ... berdacht, die nach grob pointillistischem System und den
       Erfahrungen der bunten ...

   [S. 110]:
   ... schlechte Geruch, -- das alles deutet auf einen kaputen Magen
       etc. hin. Glaub ...
   ... schlechte Geruch, -- das alles deutet auf einen kaputten
       Magen etc. hin. Glaub ...

   [S. 111]:
   ... L., Ich wollte, Du knntest einmal bei der Briefkontrolle
       neben mir sitzen und ...
   ... L., ich wollte, Du knntest einmal bei der Briefkontrolle
       neben mir sitzen und ...

   [S. 112]:
   ... auf seinem Esel, nicht ganz jesusgleich; es fehlt auch der
       Jnger Moillet; im ...
   ... auf seinem Esel, nicht ganz jesusgleich; es fehlt auch der
       Jnger Moilliet; im ...

   [S. 121]:
   ... Es zeigt uns verchtlich den strengen allzuengen Zirkel zum
       Bewutsein, in dem ...
   ... Er zeigt uns verchtlich den strengen allzuengen Zirkel zum
       Bewutsein, in dem ...

   [S. 121]:
   ... Logik von Picasso, Kandinsky, Delaunay, Burljick etc. ist
       vollkommen und einwandfrei; ...
   ... Logik von Picasso, Kandinsky, Delaunay, Burljuk etc. ist
       vollkommen und einwandfrei; ...

   [S. 123]:
   ... Was heute von abstrakter Kunst existiert, ist nicht viel und
       das existierende ist ...
   ... Was heute von abstrakter Kunst existiert, ist nicht viel und
       das Existierende ist ...

   [S. 123]:
   ... allogisch. Es gibt knstlerische Formen, die abstrakt sind,
       mit Menschenwissen unbeweisbar; ...
   ... alogisch. Es gibt knstlerische Formen, die abstrakt sind,
       mit Menschenwissen unbeweisbar; ...

   [S. 139]:
   ... mit Herrn Scheffler so komplet vergessen, da mir letzthin
       gar nicht recht klar ...
   ... mit Herrn Scheffler so komplett vergessen, da mir letzthin
       gar nicht recht klar ...






End of the Project Gutenberg EBook of Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen.
Erster Band, by Franz Marc

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRIEFE, AUFZEICHNUNGEN, ERSTER BAND ***

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Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
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