Project Gutenberg's Smmtliche Werke 7: Briefwechsel I, by Nikolaj Gogol

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Title: Smmtliche Werke 7: Briefwechsel I

Author: Nikolaj Gogol

Editor: Otto Buek

Release Date: December 13, 2017 [EBook #56174]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SMMTLICHE WERKE 7: BRIEFWECHSEL I ***




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                             Nikolaus Gogol
                              Briefwechsel




                             Nikolaus Gogol
                            Smmtliche Werke
                              In 8 Bnden


                             Herausgegeben
                                  von
                               Otto Buek


                                 Band 7


                          Mnchen und Leipzig
                            bei Georg Mller
                                  1913


                             Nikolaus Gogol




                Aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden


                             Herausgegeben
                                  von
                               Otto Buek


                          Mnchen und Leipzig
                            bei Georg Mller
                                  1913




                                Vorrede


Ich lag an einer schweren Krankheit danieder; schon war ich dem Tode
nahe. Da raffte ich meine letzten Krfte zusammen, die mir noch blieben,
benutzte den ersten Augenblick, wo ich mich im vollen Besitz meiner
Geisteskrfte befand, und schrieb mein geistiges Testament nieder, in
dem ich unter anderm meinen Freunden die Pflicht auferlegte, nach meinem
Tode einige von meinen Briefen herauszugeben. Damit hoffte ich
wenigstens einen Teil der Schuld shnen zu knnen, die ich durch die
Wertlosigkeit alles dessen, was ich bisher geschrieben hatte, auf mich
geladen hatte, denn meine Briefe enthielten nach dem Urteil derer, an
die sie gerichtet waren, weit mehr solche Gedanken, deren die Menschen
bedrfen, die ihnen not tun, als meine Werke. Gottes himmlische Gte
wandte die Hand des Todes von mir ab. Ich bin beinahe wiederhergestellt
und ich fhle mich wieder besser. Dennoch aber empfinde ich, wie schwach
meine Krfte sind, und dies mahnt mich jeden Augenblick daran, da mein
Leben an einem Haar hngt, und nun, wo ich mich zu einer weiten Reise
ins Heilige Land rste, die meiner Seele ein Bedrfnis ist und whrend
deren mir vieles zustoen kann, fhle ich den Wunsch, meinen Landsleuten
beim Abschied etwas von mir zu hinterlassen. So whle ich denn selbst
alles aus meinen letzten Briefen, die ich wieder in meinen Besitz
bringen konnte, aus, was sich auf solche Fragen bezieht, die die
Gesellschaft gegenwrtig am meisten beschftigen, lasse alles beiseite,
was erst nach meinem Tode Sinn und Inhalt erhalten kann, und scheide
alles aus, was nur fr wenige von Bedeutung sein knnte. Dazu fge ich
noch zwei oder drei literarische Aufstze hinzu, und endlich lege ich
dem Ganzen noch mein Testament bei, auf da dieses, wenn mich der Tod
unterwegs ereilen sollte, als durch alle meine Leser bezeugt und
verbrgt, sogleich rechtmig in Kraft trete.

Mein Herz sagt mir, da mein Buch einem wirklichen Bedrfnis entspricht
und da es vielleicht von einigem Nutzen sein kann. Ich glaube dies
nicht deshalb, weil ich eine zu hohe Meinung von mir habe und weil ich
mir zutraue, Ntzliches wirken zu knnen, sondern weil ich noch niemals
so innig von dem Wunsche beseelt war, etwas Ntzliches zu vollbringen,
wie heute. Fr uns Menschen gengt es schon, wenn wir die Hand
ausstrecken, um zu helfen; die eigentliche Hilfe aber kommt nicht von
uns, sondern von Gott, der seine Kraft von oben auf uns herabsendet und
sie dem ohnmchtigen Worte mitteilt. So unbedeutend und minderwertig
also mein Buch auch sein mag, ich wage dennoch, es der ffentlichkeit zu
bergeben, und ich bitte meine Landsleute, es mehrmals durchzulesen;
zugleich aber bitte ich die unter ihnen, die sich eines gewissen
Wohlstandes erfreuen, sich mehrere Exemplare zu kaufen und sie an solche
Leute zu verteilen, die sich das Buch selbst nicht kaufen knnen, und
ihnen bei dieser Gelegenheit zu erklren, da alles Geld, das nach
Deckung der Unkosten, die die bevorstehende Reise verursachen wird,
brigbleiben sollte, teils denen, die gleich mir das innere Bedrfnis
fhlen, whrend der kommenden groen Fasten nach dem Heiligen Lande zu
pilgern und dies nicht aus eigenen Mitteln zu tun vermgen, teils denen
zur Untersttzung dienen soll, mit denen ich auf dem Wege dorthin
zusammentreffen werde und die am Grabe des Herrn fr ihre Wohltter, d.
h. meine Leser, beten werden.

Ich wnschte, ich knnte meine Reise vollenden wie ein guter Christ, und
daher bitte ich hiermit alle meine Landsleute um Verzeihung wegen aller
Krnkungen, die ich ihnen zugefgt haben sollte. Ich wei, da ich viele
Leute durch meine unberlegten Handlungen und durch meine unreifen Werke
betrbt, viele sogar gegen mich aufgebracht und berhaupt bei vielen
Ansto und rgernis erregt habe. Ich darf indessen zu meiner
Rechtfertigung sagen, da meine Absicht stets gut war, und da ich
niemand betrben oder gegen mich aufbringen wollte; nur meine
Unbesonnenheit, meine Hast und bereilung waren die Ursache, da meine
Werke in so unvollkommener Gestalt ins Leben traten, wodurch beinahe
alle ber ihren wahren Sinn getuscht wurden. Alles andere dagegen,
wobei tatschlich eine verletzende Absicht vorliegen sollte, bitte ich
mir mit jener Gromut zu verzeihen, deren nur die russische Seele fhig
ist, wenn sie verzeiht. Auch alle die bitte ich, mir zu vergeben, mit
denen mich mein Lebensweg fr lngere oder krzere Zeit zusammengefhrt
hat. Ich wei, da ich vielen Menschen mancherlei Unannehmlichkeiten
bereitet habe, ja manchen sogar mit Absicht. berhaupt hatte die Art
meines Verkehrs mit den Menschen stets etwas Unangenehm-Abstoendes an
sich. Dies rhrte teils davon her, da ich einem Zusammentreffen und
einer Bekanntschaft mit Menschen gern aus dem Wege ging, da ich das
Gefhl hatte, ich htte den Menschen noch nichts Gescheites und wirklich
Notwendiges zu sagen (und leere und berflssige Redensarten wollte ich
nicht machen), und da ich zugleich davon berzeugt war, da ich mich
selbst wegen meiner zahllosen Mngel und Fehler noch in einiger
Entfernung von den Menschen erziehen msse. Zum Teil aber war es auch
die Folge meiner kleinlichen Eitelkeit, wie sie nur denen unter uns
eigen ist, die sich aus Schmutz und Kot emporgearbeitet, sich eine
Stellung unter den Menschen erobert haben, und die sich daher fr
berechtigt halten, stolz auf die anderen herabzusehen. Wie dem auch sein
mag, ich bitte, mir alle persnlichen Krnkungen zu verzeihen, die ich
einem Menschen seit den Zeiten meiner Kindheit bis zum gegenwrtigen
Augenblicke zugefgt haben sollte. Auch meine Berufsgenossen, die
Literaten, bitte ich um Verzeihung, wenn ich sie je bewut oder unbewut
geringschtzig oder ohne gebhrende Achtung behandelt haben sollte; wem
es aber aus irgendeinem Grunde schwer werden sollte, mir zu vergeben,
den erinnere ich daran, da er ein Christ ist. Wie der Fastende vor der
Beichte, die er sich vor dem Angesichte Gottes abzulegen anschickt, alle
seine Brder um Verzeihung bittet, so bitte ich sie um Verzeihung, und
wie in solch einem Augenblick kein einziger den Mut findet, seinem
Bruder nicht zu vergeben, so werden auch meine Brder nicht den Mut
haben, mir ihre Vergebung zu versagen. Und endlich bitte ich meine Leser
um Verzeihung, wenn auch in diesem Buche wieder etwas Peinliches
vorkommen sollte, das sie krnken oder beleidigen knnte. Ich bitte sie,
mir deshalb nicht innerlich zu zrnen, sondern mir statt dessen lieber
gromtig alle Mngel, die sie in diesem Buche entdecken sollten, sowohl
die des Schriftstellers wie die des Menschen, nachzuweisen: meine
Torheit, meine Unberlegtheit, meine bermige Eitelkeit und
Sicherheit, mein eitles Selbstvertrauen -- mit einem Wort, alle die
Fehler, die allen Menschen eigen sind, auch wenn sie sie nicht erkennen,
und die ich wahrscheinlich in noch weit hherem Mae besitze.

Zum Schlu bitte ich alle Russen, fr mich zu beten, vor allem die
Priester, deren ganzes Leben ein einziges Gebet ist. Auch die bitte ich,
mich in ihr Gebet einzuschlieen, die in ihrer Demut nicht an die Kraft
ihres Gebets glauben, wie auch die, die berhaupt nicht an das Gebet
glauben und es nicht einmal fr notwendig halten; aber wie kraftlos,
drr und matt auch immer ihr Gebet sein mge, ich bitte sie, in diesem
kraftlosen, drren und matten Gebet meiner zu gedenken. Ich aber will am
Grabe des Herrn fr alle meine Landsleute beten; kein einziger soll von
meinem Gebete ausgeschlossen bleiben; und mein Gebet wird ebenso
kraftlos, drr und matt sein, wenn nicht der heilige allgtige Wille des
Himmels es zu einem Gebet machen wird, wie es in Wahrheit sein soll.

                                                         Im Juli 1846.




                                   I
                             Mein Testament


Vllig meiner Sinne mchtig und im vollen Besitz meines Verstandes lege
ich hier meinen letzten Willen nieder.

I. Erstens ordne ich an, da mein Leib nicht eher begraben werden soll,
als bis sich an ihm deutliche Spuren der Auflsung bemerkbar machen. Ich
erinnere ausdrcklich daran, weil mich schon whrend meiner Krankheit
Augenblicke der Ohnmacht berkamen, wo das Leben stockte, mein Herz
aufhrte, zu schlagen, mein Puls stillstand ... Da ich whrend meines
Lebens schon hufig Zeuge vieler trauriger Vorflle war, an denen unsere
unvernnftige bereilung in allen Dingen, selbst bei einer solchen
Angelegenheit wie die Beerdigung, schuld war, so spreche ich dies hier
gleich zu Beginn meines Testamentes aus, in der Hoffnung, da meine
Stimme vielleicht nach meinem Tode ganz allgemein zur Vorsicht mahnen
wird. Im brigen aber soll man meinen Leib der Erde bergeben, ohne
lange zu berlegen, an welchem Ort er ruhen soll; auch sollen keine
Ehren oder Erinnerungen an meine sterblichen Reste geknpft werden.
Jeder sollte sich schmen, der meinen faulenden Knochen irgendwelche
Achtung erweisen wollte, sind sie doch gar nicht mehr mein Eigentum, er
wrde sich vor den Wrmern beugen, die sie zernagen. Ich bitte daher
alle, lieber um so krftiger fr meine Seele zu beten, und statt aller
Bestattungsfeierlichkeiten und Ehren lieber einige arme Leute, denen es
am tglichen Brot fehlt, in meinem Namen mit einem einfachen Mittagessen
zu bewirten.

II. Zweitens ordne ich an, mir kein Denkmal auf meinem Grabe zu
errichten, ja gar nicht erst an diese Torheiten, die eines Christen
unwrdig sind, zu denken. Die Menschen, die mir nahestanden und die mich
wirklich lieb hatten, werden mir schon ein anderes Denkmal errichten:
und zwar werden sie es in sich selbst aufrichten, durch
unerschtterliches Festhalten an ihrem Lebenswerk und durch Aufmunterung
und Ermutigung aller Menschen ihrer Umgebung. Wer nach meinem Tode zu
hherer geistiger Reife emporwachsen wird, als sie ihm whrend meines
Lebens eigen war, der wird damit beweisen, da er mich wahrhaft geliebt
hat, da er mein Freund war, und mir damit ein wirkliches Denkmal
errichten, denn auch ich habe, bei all meiner Schwche und Nichtigkeit,
meine Freunde stets ermutigt, und keiner von denen, die mir in der
letzten Zeit nher traten, hat in Stunden des Kummers und der
Entmutigung bei mir ein trbseliges Gesicht gefunden, obwohl ich selbst
schwere Augenblicke zu durchleben hatte und nicht weniger litt und
bekmmert war, als andere. So mge denn auch ein jeder von ihnen nach
meinem Tode dessen eingedenk sein, sich an alle meine Worte erinnern und
noch einmal all meine Briefe durchlesen, die ich vor einem Jahre an ihn
geschrieben habe.

III. Drittens ordne ich an, da mich niemand beweinen soll; ja, der
wrde eine Snde auf seine Seele laden, der meinen Tod fr einen groen
und allgemeinen Verlust halten wollte. Selbst wenn es mir gelungen sein
sollte, etwas Ntzliches zu vollbringen, wenn ich wirklich schon
begonnen haben sollte, so wie es sich gehrt, meine Pflicht zu erfllen,
und wenn der Tod mich in dem Augenblick, wo ich mein Werk -- das ja
nicht dem Vergngen einzelner dienen sollte, sondern dem, was allen not
tut -- begonnen, hinweggenommen haben sollte, so wre es dennoch
unrichtig, sich einer fruchtlosen Verzweiflung zu berlassen. Selbst
wenn heute in Ruland ein Mann strbe, dessen das Land bei der gegebenen
Lage der Dinge wirklich bedrfte, so wre auch dies noch kein Grund fr
einen der Lebenden, zu trauern und mutlos zu werden, obwohl es schon
richtig ist, da, wenn uns von den Menschen, die wir alle brauchen,
einer nach dem andern entrissen wird, dies ein Zeichen des gttlichen
Zornes ist, und da wir hierdurch aller Mittel und Werkzeuge beraubt
werden, mit deren Hilfe sich mancher dem Ziele nhern knnte, das uns
alle zu sich ruft. Wir drfen nicht gleich traurig und mutlos werden bei
jedem pltzlichen Verlust, sondern mssen in unser Inneres blicken und
nicht an die Schlechtigkeit der andern und an die Schlechtigkeit der
ganzen Welt, sondern an unsere eigene Schlechtigkeit denken. Die Bosheit
und Verderbnis der Seele ist frchterlich, warum aber erkennen wir das
erst dann, wenn wir den unerbittlichen Tod vor Augen sehen?

IV. Viertens vermache ich allen meinen Landsleuten (wobei ich lediglich
davon ausgehe, da ein jeder Schriftsteller seinen Lesern irgendeinen
guten Gedanken als Vermchtnis hinterlassen sollte), viertens vermache
ich ihnen das Beste, was meine Feder hervorgebracht hat -- ich
hinterlasse ihnen ein Werk von mir, das den Titel _Abschiedserzhlung_
trgt. Diese Erzhlung handelt, wie sie erkennen werden, von ihnen
selbst. Ich habe sie lange in meinem Herzen getragen, wie meinen grten
Schatz, wie ein Zeichen der gttlichen Gnade, die sich an mir vollzogen
hat. Sie war mir ein Quell verborgener Trnen, seit den Tagen meiner
Kindheit. Sie also hinterlasse ich ihnen als Vermchtnis. Allein ich
flehe all meine Landsleute an, es nicht als Krnkung und Beleidigung
anzusehen, wenn sie etwas wie eine Belehrung aus ihr heraushren
sollten. Ich bin ein Schriftsteller, und die Aufgabe des Schriftstellers
besteht nicht allein darin, Geist und Geschmack angenehm zu unterhalten;
er mu strenge Rechenschaft ablegen, wenn seine Werke der Seele keinen
Nutzen gebracht haben und keine Wohltat gewesen sind und wenn keine
Belehrung fr die Menschen in ihnen enthalten ist. Meine Landsleute
mgen doch bedenken, da ja auch jeder unserer Brder, der diese Welt
verlt, selbst wenn er kein Schriftsteller ist, ein Recht hat, uns
etwas wie eine Lehre, eine brderliche Mahnung zu hinterlassen, und
dabei kommt es weder darauf an, ob er nur eine geringe Stellung
bekleidet, noch ob er ein ohnmchtiger, oder gar ein unvernnftiger
Mensch ist; wir sollten lediglich daran denken, da ein Mensch, der auf
dem Totenbett liegt, viele Dinge besser durchschauen kann, als ein
solcher, der sich in der Welt bewegt. Trotzdem ich mich aber auf dieses
mein wohlbegrndetes Recht berufen knnte, htte ich es doch nicht
gewagt, zu erwhnen, was man aus meiner Abschiedserzhlung heraushren
wird; denn nicht mir, dessen Seele hlicher und sndhafter ist, als die
aller andern, und der so schwer an seiner eigenen Unvollkommenheit
krankt, kommt es zu, solche Reden zu fhren. Allein was mich dazu
treibt, ist ein anderer gewichtiger Grund. Landsleute! Es ist furchtbar.
Die Seele mchte vor Schrecken vergehen bei der bloen Ahnung der
berirdischen Majestt und Erhabenheit des Jenseits und jener hchsten
geistigen Schpfungen Gottes, vor denen die ganze Gre alles
Erschaffenen, das wir hier unten erblicken und das uns hier in Erstaunen
setzt, in Staub versinkt. Mein sterblicher Leib chzt beim Gedanken an
all die monstrsen gigantischen Gebilde und Frchte, deren Samen wir
whrend unseres Lebens seten, ohne zu ahnen und ohne zu fhlen, was fr
Schrecknisse aus ihnen erwachsen werden ... Vielleicht wird meine
_Abschiedserzhlung_ einen gewissen Eindruck auf _die_ machen, die das
Leben noch immer fr ein Spiel halten, vielleicht wird ihr Herz etwas
von seinem strengen Geheimnis und von der innigen himmlischen Musik
dieses Geheimnisses vernehmen. Landsleute! -- ich wei nicht, ich finde
kein Wort dafr, wie ich euch in diesem Augenblick anreden soll. -- Fort
mit dem leeren Anstand! Landsleute! -- ich habe euch geliebt, ich habe
euch geliebt mit jener Liebe, von der man nicht spricht, die mir Gott
geschenkt hat, fr die ich Ihm danke, wie fr Seine hchste Wohltat,
weil diese Liebe mir Trost und Freude war whrend meiner schwersten
Leiden. Im Namen dieser Liebe bitte ich euch, meiner Abschiedserzhlung
euer Ohr und Herz zu leihen. Ich schwre es euch, ich habe sie nicht
erfunden, ich habe sie nicht erdacht, sie ist meiner Seele selbst
entstrmt, die Gott selbst durch Kummer und Versuchungen gebildet hat,
und ihre Klnge entsprangen aus den innersten Krften und Elementen
unseres russischen Wesens, das uns allen gemeinsam ist und durch das ich
euch allen aufs engste verschwistert bin[1].

V. Fnftens bitte ich, meiner Werke nach meinem Tode in der Presse und
in den Zeitschriften weder mit bereiltem Lob noch Tadel zu gedenken;
alle diese Urteile werden ebenso parteiisch sein, wie bei meinen
Lebzeiten. In meinen Werken gibt es weit mehr Verurteilungswrdiges als
solches, was Lob verdient. Alle Ausflle, die sich gegen sie richteten,
waren ihrem eigentlichen Kerne nach mehr oder weniger berechtigt. Mir
gegenber hat sich niemand schuldig gemacht; es wre unedel und
ungerecht, wenn ein Mensch jemand um meinetwillen in irgendeiner
Hinsicht tadeln, oder ihm einen Vorwurf machen wollte. Ferner erklre
ich laut, damit alle es hren knnen: da es auer den schon gedruckten
Schriften keine Werke mehr von mir gibt: alles was an Manuskripten
vorhanden war, habe ich verbrannt, wie etwas Kraftloses, wie etwas
Totes, das ich in einer krankhaften Gemtsverfassung und in einem
Zwangszustande niedergeschrieben habe. Wenn daher jemand etwas unter
meinem Namen herausgeben sollte, so bitte ich dies fr eine
nichtswrdige Flschung zu halten. Dafr aber mache ich es meinen
Freunden zur Pflicht, alle meine Briefe zu sammeln, die ich seit dem
Ende des Jahres 1844 an einen von ihnen gerichtet habe, und diese nach
strenger Auswahl alles dessen, was irgendwie von Nutzen fr unsere Seele
sein kann, und nach Verwerfung alles brigen, das nur der eitlen
Unterhaltung dient, in Buchform herauszugeben. Diese Briefe enthalten
einiges, das _denen_ von Nutzen gewesen ist, an die sie gerichtet waren.
Gott ist barmherzig; vielleicht werden sie auch andern von Nutzen sein;
und vielleicht wird so wenigstens ein Teil der harten Verantwortlichkeit
fr die Wertlosigkeit dessen, was ich frher geschrieben habe, von
meiner Seele genommen.

[Funote 1: Die Abschiedserzhlung kann nicht erscheinen: was nach dem
Tode von Bedeutung sein knnte, das hat bei Lebzeiten keinen Sinn.]

VI. Nach meinem Tode soll keiner der Meinen mehr berechtigt sein, sich
selbst anzugehren -- sondern nur noch den Bekmmerten, den Leidenden
und denen gehren, die in diesem Leben schon irgendein Leid zu erdulden
hatten. Ihr Haus und Gut sollen mehr einem Gasthaus oder einer Herberge
fr fremde Pilger, als der Wohnsttte eines Gutsbesitzers gleichen; wer
auch immer zu den Meinen kommt, den sollen sie aufnehmen, wie einen
nahen Verwandten und einen ihrem Herzen nahestehenden Menschen; sie
sollen ihn herzlich und freundschaftlich nach all seinen
Lebensverhltnissen ausfragen, um zu erfahren, ob er nicht
hilfsbedrftig ist, oder doch wenigstens um ihn zu erheitern und zu
ermuntern, auf da keiner das Gut ungetrstet verlasse. Wenn der
Reisende aber einfachen Standes, wenn er an ein rmliches Leben gewhnt
ist und es ihm aus irgendeinem Grunde peinlich ist, im Hause des
Gutsbesitzers Wohnung zu nehmen, so sollen sie ihn zu einem wohlhabenden
Bauern, zu dem besten und tchtigsten im ganzen Dorfe, fhren, der sich
eines musterhaften Lebenswandels befleiigt und seinem Bruder mit einem
guten Rate zur Seite stehen kann; dieser soll seinen Gast ebenso
herzlich und freundlich nach seinen Verhltnissen ausfragen, ihm Mut
zusprechen, ihn ermuntern, ihm einen guten Rat und Zuspruch mit auf den
Weg geben, und dann dem Gutsherren ber alles Bericht erstatten, damit
auch diese ihrerseits ein gutes Wort und einen guten Ratschlag
hinzufgen oder ihm Hilfe und Untersttzung schenken knnen, was und wie
sie es fr angemessen halten, auf da niemand ungetrstet davonfahre
oder das Gut ohne Zuspruch verlasse.

VII. Siebentens ordne ich an ... doch da fllt mir ein, da ich hierber
schon nicht mehr zu verfgen habe. Durch eine Unvorsichtigkeit bin ich
meines Eigentumsrechtes beraubt worden: mein Portrt ist gegen meinen
Willen und ohne Erlaubnis ffentlich verbreitet worden. Aus vielen
Grnden, die ich hier nicht nher anzugeben brauche, habe ich dies nicht
gewnscht; ich habe daher auch niemand durch Verkauf das Recht
abgetreten, eine ffentliche Ausgabe dieses Portrts zu veranstalten,
und smtlichen Buchhndlern, die mit einem solchen Antrag an mich
herantraten, eine Absage erteilt; ich gedachte mir dies erst dann zu
gestatten, wenn es mir mit Gottes Hilfe gelingen sollte, jenes Werk zu
vollenden, das meine Gedanken whrend meines ganzen Lebens beschftigt
hat, und zwar so zu vollenden, da all meine Landsleute einstimmig
erklrten, ich htte meine Aufgabe redlich gelst, und den Wunsch
uerten, die Zge des Menschen kennen zu lernen, der bis zu diesem
Augenblick in aller Stille gearbeitet und nie den Wunsch ausgesprochen
htte, einen unverdienten Ruhm zu genieen. Dazu kam noch ein anderer
Umstand: mein Bild konnte in solch einem Falle sofort in einer groen
Anzahl von Exemplaren verbreitet werden und dem Knstler, der mein Bild
stechen wrde, einen bedeutenden Gewinn eintragen. Dieser Knstler ist
bereits seit mehreren Jahren in Rom damit beschftigt, einen Stich nach
dem unsterblichen Bilde Raffaels: _Die Verklrung Christi_ herzustellen.
Er hat dieser Arbeit alles geopfert -- einer aufreibenden Arbeit, zu der
er viele Jahre gebraucht und die seine Gesundheit aufgezehrt hat, und er
hat dies Werk, das nun seiner Vollendung entgegengeht, mit einer solchen
Vollkommenheit ausgefhrt, wie dies bisher noch keinem Radierer gelungen
ist. Wegen der hohen Kosten und da es nur eine kleine Zahl von
Kunstkennern und Liebhabern gibt, kann sein Stich nicht in dem Mae
verbreitet werden, um ihn fr alles zu entschdigen. Htte er mein Bild
stechen knnen, so wre ihm geholfen gewesen. Nun aber ist mein Plan
zerstrt: ist das Bild einer Persnlichkeit einmal in der ffentlichkeit
verbreitet, so wird es dadurch zum Eigentum eines jeden, der sich mit
der Herausgabe von Stichen und Steindrucken beschftigt. Sollte es sich
jedoch so fgen, da nach meinem Tode unverffentlichte Briefe von mir
herausgegeben werden sollten, die der Gesellschaft von Nutzen sein
knnten (wenn auch nur durch das reine und aufrichtige Streben, Nutzen
zu stiften), und sollten meine Landsleute den Wunsch haben, mein Portrt
kennen zu lernen, so bitte ich alle Herausgeber solcher Bilder,
hochherzig auf ihre Rechte zu verzichten; dagegen bitte ich die Leser,
die sich aus einem bertriebenen Wohlwollen fr alles, was Ruhm und
Ansehen geniet, ein Portrt von mit angeschafft haben, es sofort,
nachdem sie diese Zeilen gelesen haben, zu vernichten, um so mehr, da
diese Portrts schlecht und gar nicht hnlich sind, und sich nur ein
solches Portrt zu kaufen, das die Unterschrift: _Gestochen von
Jordanow_ trgt. Dies wre wenigstens eine gute Tat. Noch besser aber
wre es, wenn die, die sich eines gewissen Wohlstandes erfreuen, sich
statt meines Bildes den Stich: _Die Verklrung Christi_ kaufen wollten,
einen Stich, der selbst nach dem Urteil von Auslndern die Krone der
Radiererkunst darstellt und Ruland zum hchsten Ruhme gereicht.

Mein Testament soll sofort nach meinem Tode in allen Zeitungen und
Journalen verffentlicht werden, damit sich niemand aus Unkenntnis und
ohne es zu wollen, gegen mich vergehe und damit eine Schuld auf seine
Seele lade.




                                   II
                     Die Frau in der vornehmen Welt
                              An Frau ***


Sie glauben, Sie knnen keinen Einflu auf die Gesellschaft ausben. Ich
bin der entgegengesetzten Ansicht. Der Einflu der Frau kann sehr gro
sein, besonders heute, bei der gegenwrtigen Gesellschaftsordnung oder
-unordnung, die einerseits durch eine matte erschlaffte
gesellschaftliche Bildung charakterisiert wird und in der sich
andererseits eine seelische Erkaltung und eine moralische Mdigkeit
bemerkbar macht, die dringend einer Erweckung und Belebung bedarf. Um
jedoch eine solche Neubelebung hervorzubringen, dazu bedrfen wir der
Hilfe der Frau. Dies ist eine Wahrheit, die die ganze Welt ganz
pltzlich wie eine dunkle Ahnung ergriffen hat. Jedermann scheint etwas
von der Frau zu erwarten. Lassen wir einmal alles andere beiseite, sehen
wir uns einmal in unserem russischen Vaterlande um und achten wir dabei
auf das, was wir so hufig bemerken knnen: auf die zahlreichen
Mibruche aller Art. Es stellt sich heraus, da die Mehrzahl aller
Flle von Bestechungen (Mibruchen im Dienst), sowie alle brigen
Vergehen, deren man unsere Beamten und die Brger aller Klassen
beschuldigt, entweder auf die Verschwendungssucht der Frauen, die danach
lechzen, in der groen und kleinen Welt zu glnzen und zu diesem Zweck
Geld von ihren Mnnern verlangen, oder aber auf die Hohlheit und die
Leere in ihrem huslichen Leben zurckgefhrt werden knnen, das
lediglich allerhand idealen Trumereien und nicht den wahren
eigentlichen Aufgaben und Pflichten gewidmet ist, die doch weit schner
und erhabener sind als alle Trumereien. Die Mnner wrden sich auch
nicht den zehnten Teil der Mibruche zuschulden kommen lassen, die sie
jetzt verben, wenn ihre Frauen auch nur im mindesten ihre Pflicht und
Schuldigkeit tten. Die Seele der Frau -- ist fr den Mann ein
schtzender Talisman, der ihn vor vielen moralischen Krankheiten und
Ansteckungen behtet; sie ist eine Kraft, die ihn auf dem geraden Wege
festhlt, und eine Fhrerin, die ihn vom krummen Pfade auf den rechten
zurckleitet; umgekehrt aber kann die Seele der Frau auch der bse Geist
des Mannes sein und ihn fr alle Ewigkeit zugrunde richten. Sie haben
das selbst gefhlt und einen so schnen Ausdruck dafr gefunden, wie ihn
bisher noch keine von weiblicher Hand geschriebene Zeile enthlt. Jedoch
Sie sagen: alle andern Frauen knnten ein Feld fr ihre Bettigung
finden, nur Sie allein nicht. Sie finden berall Arbeit fr sich, sie
knnen Verkehrtes und Verfehltes verbessern und wieder einrenken oder
mit etwas Neuem und Notwendigem beginnen -- mit einem Wort, sie knnen
berall frdernd eingreifen, nur Sie selbst finden keine Ttigkeit fr
sich und wiederholen immer wieder betrbt: Warum bin ich nicht an ihrer
Stelle? Wissen Sie, da dies eine allgemeine Verblendung ist? Heute
will es jedem so erscheinen, als ob er viel Gutes stiften knnte, wenn
er an der Stelle eines anderen stnde oder _sein_ Amt bekleidete, und
als ob er es nur in _seiner_ eigenen Stellung nicht knnte. Das ist der
Grund allen bels. Wir alle sollten jetzt darber nachdenken, wie wir in
unsrer eigenen Lage und an der Stelle, wo wir stehen, Gutes wirken
knnen. Glauben Sie mir, Gott hat nicht vergebens einen jeden gerade an
die Stelle gestellt, an der er steht. Man mu sich nur ordentlich
umsehen. Sie sagen: warum bin ich nicht Mutter einer Familie; dann
knnten Sie Ihren Mutterpflichten nachkommen, von denen Sie sich jetzt
eine so klare und deutliche Vorstellung machen; oder Sie sagen: warum
liegt mein Gut nicht danieder; das wrde Sie veranlassen, aufs Land zu
gehen, Gutsbesitzerin zu werden und sich mit der Landwirtschaft zu
beschftigen; Sie klagen: warum ist mein Mann nicht in einem
gemeinntzigen Beruf ttig, der ihm schwere Pflichten auferlegt, dann
knnten Sie ihm behilflich sein, Sie knnten die treibende Kraft sein,
die ihn erfrischt und aufmuntert; warum gibt es keine anderen Aufgaben
und Pflichten fr Sie, als die langweiligen sinnlosen Besuche in der
groen Welt und der hohlen seelenlosen vornehmen Gesellschaft, die Ihnen
jetzt einsamer und der erscheint als eine menschenleere Wste! Und
dennoch und trotz alledem ist diese Welt doch bevlkert, es gibt
Menschen in ihr und zwar ganz ebensolche wie berall sonst. Sie dulden
und qulen sich ebenso und leiden dieselbe Not, schreien stumm um Hilfe
und wissen, ach! nicht einmal, wie sie um Hilfe bitten sollen. Welchem
Bettler aber soll man zuerst helfen: dem, der noch auf die Strae
hinausgehen und betteln kann, oder dem, der nicht einmal die Kraft hat,
seine Hand auszustrecken? Sie sagen, Sie wissen nicht und knnen es sich
nicht einmal denken, womit Sie jemand in der vornehmen Welt von Nutzen
sein knnten; dazu msse man ber so viele verschiedene Mittel verfgen,
dazu msse man eine so kluge und allseitig unterrichtete Frau sein, da
Ihnen schon bei dem bloen Gedanken an dies alles der Kopf ganz wirr
werde. Wie aber, wenn man dazu nur das zu sein brauchte, was Sie bereits
sind? Wie, wenn Sie die Mittel bereits besen, deren man gegenwrtig
gerade bedarf? Alles das, was Sie ber sich selbst sagen, ist vollkommen
wahr: Sie sind wirklich noch zu jung, Sie besitzen weder
Menschenkenntnis noch Lebenserfahrung, mit einem Wort nichts von
alledem, dessen man bedarf, um anderen Menschen geistigen Beistand
leisten zu knnen, vielleicht werden Sie sich diese Dinge sogar niemals
aneignen, aber Sie besitzen andere Mittel, durch die Ihnen nichts
unmglich ist. Erstens sind Sie schn, zweitens sind Sie im Besitz eines
unbefleckten, von keiner Schmhung und Verleumdung berhrten Namens, und
drittens verfgen Sie ber eine Kraft, ber eine Macht, die Sie selbst
nicht in sich vermuten, -- ber die Macht der Herzensreinheit. Die
Schnheit der Frau ist noch immer etwas Geheimnisvolles. Gott hat nicht
vergebens gewollt, da gewisse Frauen schn sein sollen; es ist nicht
umsonst so eingerichtet, da die Schnheit auf alle Menschen den
gleichen mchtigen Eindruck macht, sogar auf die, die gegen alles
gleichgltig und gefhllos und die zu nichts fhig sind. Wenn schon die
sinnlose Laune einer schnen Frau die Ursache welthistorischer
Revolutionen werden und die gescheitesten Menschen zu allerhand
Torheiten veranlassen konnte, wie stnde es wohl dann, wenn diese Launen
vernnftig und auf das Gute gerichtet wren? Wieviel Gutes knnte wohl
dann eine schne Frau im Vergleich mit anderen Frauen stiften! Dies ist
somit eine mchtige Waffe. Sie aber besitzen noch eine hhere Schnheit
-- den reinen Zauber einer besonderen, nur Ihnen allein eigenen
Unschuld, die ich nicht mit Worten beschreiben kann, aus der jedoch
jedem Menschen Ihr sanftes Taubengemt entgegenleuchtet. Wissen Sie, da
die verdorbensten unter unseren jungen Leuten mir gestanden haben, da
ihnen in Ihrer Gegenwart nie ein hlicher Gedanke eingefallen sei, da
sie, wenn Sie zugegen sind, nie den Mut htten, -- ein Wort zu sagen, --
nicht nur kein zweideutiges Wort, mit dem sie wohl andere Auserwhlte
erfreuen, nein berhaupt kein Wort, da sie das Gefhl htten, da in
Ihrer Anwesenheit alles grob und plump erscheinen und unanstndig und
burschikos klingen wrde? Dies ist schon eine Wirkung, die ohne Ihr
Wissen von Ihrer bloen Anwesenheit ausgeht! Wer sich in Ihrer Gegenwart
nicht einmal einen hlichen Gedanken erlaubt, der schmt sich bereits
dieser Gedanken, und eine solche Selbsterkenntnis ist, auch wenn sie nur
einer momentanen Regung entspringt, bereits der erste Schritt des
Menschen zur Besserung. So ist denn auch dies eine mchtige Waffe. Zu
alledem aber haben Sie noch ein von Gott selbst in Ihre Seele gelegtes
Streben oder wie Sie es nennen: _einen Durst_ nach dem Guten. Glauben
Sie wirklich, da Ihnen dieser Durst vergebens verliehen ward, dieser
Durst, der Ihnen keinen Augenblick Ruhe lt? Kaum haben Sie einen
edlen, klugen Mann geheiratet, der alle Eigenschaften besitzt, um eine
Frau glcklich zu machen, da werden Sie, statt tief in Ihrem huslichen
Glck aufzugehen, in ihm unterzutauchen, schon wieder von dem Gedanken
geqult, da Sie dieses Glckes nicht wrdig sind, da Sie nicht das
Recht haben, sich ihm hinzugeben, es zu genieen, whrend Sie ringsum
von soviel Leiden umgeben sind und whrend jeden Augenblick die
Nachricht von allerhand Nten und Unglcksfllen zu Ihnen dringt: von
Hungersnot, Feuersbrnsten, schwerem seelischem Leid und furchtbaren
geistigen Krankheiten, die unser heute lebendes Geschlecht ergriffen
haben. Glauben Sie mir, das geschieht nicht ohne Grund. Wer inmitten all
der lauten Zerstreuungen und Vergngungen in seiner Seele eine solche
himmlische Unruhe und Sorge um die Menschen, ein solches engelhaftes
Mitgefhl und Mitleid mit ihnen verschliet, der kann viel, sehr viel
fr sie tun; der hat stets ein Bettigungsfeld, denn es gibt berall
Menschen. Fliehen Sie daher die Welt nicht, in die Sie durch Ihre
Bestimmung hineingestellt worden sind; hadern Sie nicht mit der
Vorsehung. In Ihnen lebt etwas von jener unbekannten Kraft, deren die
Welt jetzt bedarf; schon aus Ihrer Stimme tnen einem jeden, infolge des
stndigen Dranges Ihrer Seele, den Menschen zu Hilfe zu eilen, Tne
entgegen, die einen verwandt berhren; wenn Sie zu sprechen beginnen,
und Ihr reiner Blick und dieses Lcheln, das niemals von Ihren Lippen
schwindet und nur Ihnen allein eigen ist, Ihre Rede begleitet, so will
es jedem so scheinen, wie wenn eine liebe Schwester aus dem Himmel zu
ihm sprche. Ihre Stimme hat etwas Mchtiges, Unberwindliches
angenommen, Sie knnen befehlen und ein solcher Despot sein, wie keiner
von uns. So gebieten Sie denn, wortlos und stumm, durch Ihre bloe
Gegenwart; gebieten Sie gerade durch Ihre Schwche und Kraftlosigkeit,
ber die Sie so emprt sind; gebieten Sie gerade durch jene weibliche
Schnheit, die die Frau unserer Zeit leider bereits verloren hat. Mit
Ihrer ngstlichen Unerfahrenheit werden Sie heute unendlich mehr
ausrichten, als eine kluge Frau, die in ihrem stolzen Selbstvertrauen
bereits alles kennen gelernt und ausgekostet hat. Ihre gescheitesten
Gedanken, mit denen sie die heutige Welt auf den rechten Weg
zurckfhren wollte, wrden in Form von boshaften Epigrammen auf ihr
Haupt zurckschnellen, dagegen wird sich bei keinem von uns ein Epigramm
auf die Lippen zu drngen wagen, wenn Sie jemand von uns stumm und mit
flehendem Blick auffordern wrden, sich zu bessern. Warum haben Sie sich
durch die Erzhlungen ber die Laster und die Verdorbenheit der
vornehmen Welt so erschrecken lassen. Diese Laster sind tatschlich
vorhanden, ja noch in weit hherem Mae, als Sie es glauben; aber Sie
sollten gar nichts davon wissen. Brauchen Sie sich denn vor den
traurigen Lockungen und Snden der Welt zu frchten? Strzen Sie sich
nur ruhig mit demselben strahlenden Lcheln in sie hinein; treten Sie
ein, wie in ein Krankenhaus, das mit Kranken und Leidenden angefllt
ist, aber nicht als Arzt, der strenge Vorschriften macht und bittre
Arzneien verordnet! Sie sollen sich gar nicht darum kmmern, von welchen
Krankheiten jeder einzelne befallen ist. Sie haben nicht die Fhigkeit,
Krankheiten zu diagnostizieren und zu heilen, und daher werde ich Ihnen
nicht dazu raten, wozu ich jeder andern Frau raten mte, die dazu fhig
ist. Ihre Aufgabe besteht lediglich darin, den Leidenden durch Ihr
Lcheln und durch Ihre Stimme zu erfreuen, aus der die Seele einer
Schwester zu uns Menschen zu sprechen scheint, einer Schwester, die vom
Himmel zu uns herabgestiegen ist -- nichts mehr. Verweilen Sie nicht zu
lange bei jedem Einzelnen und eilen Sie schnell zu dem Nchsten weiter,
denn man bedarf Ihrer berall. Ach! An allen Enden der Welt harrt und
wartet man ungeduldig auf dieses Eine, auf diese lieben verwandten
Laute, diese einzige Stimme, die Sie schon besitzen. Sprechen Sie nie
mit Weltleuten ber Dinge, ber die sich diese Leute zu unterhalten
pflegen; zwingen Sie sie, darber zu sprechen, worber Sie sprechen.
Gott bewahre Sie vor jeglicher Pedanterie und vor allen jenen Reden, die
den Lippen einer ppigen Weltdame entstrmen. Fhren Sie jenen
schlichten treuherzigen Plauderton in die Gesellschaft ein, jenen Ton,
in dem Sie so beredt zu erzhlen wissen, wenn Sie sich im Kreise von
nahestehenden Menschen und Hausgenossen befinden, wenn jedes schlichte
Wort, das Sie sagen, gleichsam aufstrahlt und Licht um sich her
verbreitet und es der Seele eines jeden, der Ihnen zuhrt, so erscheint,
als rede er mit den Engeln se Worte ber einen himmlischen
Kindheitsstand der Menschheit. Solche Gesprche und Reden sollten Sie in
die Gesellschaft einfhren.

                                                                 1846.




                                  III
                     Die Bestimmung der Krankheiten
                 Aus einem Brief an den Grafen A. P. T.


Meine Krfte lassen von Augenblick zu Augenblick nach, aber nicht mein
Geist. Noch nie fhlte ich mich durch die krperlichen Gebrechen so
entkrftet. Oft leide ich so sehr, so furchtbar, fhle ich eine so
schreckliche Mdigkeit im ganzen Krper, da ich mich Gott wei wie sehr
freue, wenn der Tag endlich zu Ende geht und wenn man endlich zu Bett
gehen kann. Oft rufe ich von geistiger Ohnmacht bermannt aus: Mein
Gott, wo ist denn endlich das Ufer, wann kommt das Ende von alledem!
Wenn man dann aber Einkehr in sich selbst hlt und tiefer in sein
Inneres hineinschaut, dann entstrmen der Seele nur noch Trnen und
Worte des Dankes. O wie sehr bedrfen wir der Leiden! Von dem vielen
Guten und Ntzlichen, das ich aus ihnen gezogen habe, will ich nur auf
eines hinweisen! Ich mag heute sein, wie ich will, ich bin doch besser
geworden, als ich frher war; wenn diese Krankheiten und Leiden nicht
gewesen wren, so htte ich gewi geglaubt, da ich schon ganz so sei,
wie ich sein sollte. Dabei will ich gar nicht einmal davon reden, da
die Gesundheit, die uns Russen immer dazu reizt, ber den Strang zu
schlagen, und den Wunsch in uns rege hlt, unsere Vorzge vor anderen
Leuten zur Schau zu stellen, mich dazu veranlat htte, tausend
Torheiten zu begehen. Dazu besuchen mich jetzt in Augenblicken geistiger
Frische, die mir die Gte des Himmels schenkt, und whrend der
schlimmsten Qualen zuweilen unendlich viel schnere und bessere
Gedanken, als ich sie frher je gehabt habe, und ich sehe es selbst, da
jedes Werk meiner Feder heute weit wertvoller und bedeutsamer sein wird,
als alles Frhere. Htten mich diese schweren und qualvollen Leiden
nicht heimgesucht, wie hochmtig wre ich da wohl geworden, fr einen
wie bedeutenden Menschen htte ich mich gehalten! Wenn ich jedoch jeden
Augenblick fhle, da mein Leben an einem Haar hngt, da meine
Krankheit pltzlich meinem Werk, auf dem meine ganze Bedeutung beruht,
ein Ende bereiten knne, da der ganze Nutzen, den meine Seele so innig
zu bringen wnscht, nur ein ohnmchtiger Wunsch bleiben und nie
Erfllung werden wird, da ich nie mit den Talenten, die mir Gott
verliehen hat, wuchern, und da ich verdammt werden wrde, wie der
schlimmste Verbrecher -- wenn ich dies alles fhle und erkenne, so fge
ich mich stets in Demut und finde keine Worte, wie ich der gttlichen
Vorsehung fr meine Krankheit danken soll. Daher sollten auch Sie jedes
Leiden mit Ergebung hinnehmen, in dem Glauben, da es notwendig ist.
Bitten Sie Gott nur um eins: da Ihnen die wunderbare Bestimmung dieses
Leidens und die ganze Tiefe seiner groen Bedeutung aufgehe.

                                                                 1846.




                                   IV
                  Etwas ber die Bedeutung des Wortes


Als Puschkin einmal folgende Verse aus der Ode Derschawins an
Chrapowizky las:

   Mag der Satiriker die Worte schmhn,
   Wenn er nur meinen Taten Achtung zollt,

sagte er: Derschawin hat nicht ganz recht, die Worte des Dichters sind
bereits seine Taten. Puschkin hat recht. Der Poet soll im Reiche des
Worts ebenso einwandfrei und makellos dastehen, wie jeder andere Mensch
in seinem Kreise. Wenn sich ein Schriftsteller entschuldigen und
bestimmte Umstnde fr die Unaufrichtigkeit, Unberlegtheit oder
bereiltheit seiner Worte verantwortlich machen wollte, dann kann auch
jeder ungerechte Richter eine Entschuldigung dafr finden, da er sich
bestechen lt und mit Recht und Gerechtigkeit Handel getrieben hat,
indem er die Schuld auf seine beschrnkten Verhltnisse, auf seine Frau,
oder auf Krankheiten in seiner Familie abwlzt. Finden sich doch immer
genug Grnde, die man anfhren kann! Ein Mensch gert pltzlich in
schwierige Verhltnisse. Es geht die Nachkommen doch nichts an, wer
schuld daran war, da der Schriftsteller eine Dummheit, etwas Trichtes
und Albernes gesagt hat und da er seinen Gedanken in unberlegter und
unreifer Weise Ausdruck gegeben hat. Sie werden nicht danach fragen, wer
seine Hand gefhrt hat: ein kurzsichtiger Freund, der ihn zu verfrhtem
Handeln aufforderte, oder ein Journalist, der nur um den Erfolg seiner
Zeitschrift besorgt war. Die Nachwelt wird weder auf Koterien noch auf
Journalisten, ja nicht einmal auf seine Armut und seine schwierige Lage
Rcksicht nehmen. Ihr Tadel wird sich gegen ihn und nicht gegen sie
richten. Warum konntest du dem allem nicht widerstehen? Du hattest doch
ein Gefhl fr die Ehre deines Standes, du selbst hast ihn doch allen
andern, ja den aussichtsreichsten und vorteilhaftesten mtern und
Berufen vorgezogen und hast dies nicht etwa aus einer Laune, sondern nur
darum getan, weil du dich von Gott dazu berufen fhltest. Zu alledem
ward dir noch ein Verstand geschenkt, der weiter und tiefer blickte,
einen greren Umkreis von Dingen umspannte, als die, die dich
anspornten und vorwrts stieen! Warum also bliebst du ein Kind und
wardst nicht ein Mann, wo dir doch alles zuteil geworden war, was dazu
gehrt, ein Mann zu sein? Kurz, ein gewhnlicher Schriftsteller knnte
sich vielleicht noch mit den Umstnden entschuldigen, nicht aber ein
Derschawin. Er hat sich selbst viel dadurch geschadet, da er nicht
wenigstens die grere Hlfte seiner Oden verbrannt hat. Diese Hlfte
seiner Oden ist hchst merkwrdig und wunderbar: noch nie hat ein Mensch
so ber sich selbst und ber das Heiligtum seiner berzeugungen und
Gefhle gespottet, wie dies Derschawin in dieser unseligen Hlfte seiner
Oden getan hat. Wie wenn er sich bemht htte, eine Karikatur seiner
eigenen Person zu zeichnen: alles, was bei ihm an vielen andern Stellen
schn und frei klingt, so durchwrmt ist von der inneren Kraft eines
geistigen Feuers, erscheint hier kalt, seelenlos und gezwungen; und was
das schlimmste ist, -- all jene Wendungen, jene Ausdrcke, ja ganze
Stze (jene knigliche Adlergeste seiner begeisterten beseelten Oden)
finden sich hier wieder, aber sie wirken hier blo komisch und erzeugen
einen Eindruck, wie wenn ein Zwerg den Panzer eines Riesen angelegt und
ihn berdies noch verkehrt angezogen htte. Wieviel Menschen urteilen
heute ber Derschawin lediglich nach seinen banalen Oden! Wie viele
zweifeln an der Aufrichtigkeit seiner Gefhle, blo weil sie den
Eindruck haben, da diese Gefhle an vielen Stellen schwchlich und
seelenlos ausgedrckt sind! Was fr zweideutige Gerchte sind ber
seinen Charakter, die Vornehmheit seines Wesens und ber die
Unbestechlichkeit der richterlichen Gewalt entstanden, fr die er
eintrat! Und dies blo darum, weil er das nicht verbrannt hat, was er
dem Feuer htte bergeben sollen. Unser Freund P*** hat folgende
Gewohnheit: sobald er ein paar Zeilen von einem bekannten Schriftsteller
entdeckt, verffentlicht er sie sofort in einer Zeitschrift, ohne es
sich grndlich zu berlegen, ob sie dem Autor zur Ehre oder zur Unehre
gereichen. Und er besiegelt sein ganzes Werk mit der bekannten Ausrede
der Journalisten: Wir hoffen, die Leser und die Nachwelt werden uns
dankbar sein fr die Mitteilung dieser wertvollen Zeilen; alles, was von
einem groen Mann herrhrt, hat Anspruch auf unser Interesse und
dergleichen mehr. Das alles sind Torheiten. Irgendein unbedeutender
Leser wird es ihm vielleicht danken, aber die Nachwelt wird diese
kostbaren Zeilen gar nicht beachten, wenn sie nur eine seelenlose
Wiederholung dessen sind, was bereits bekannt ist, und wenn sie uns
nicht einen Hauch von der Heiligkeit dessen fhlen lassen, was wirklich
heilig sein soll. Je erhabener eine Wahrheit ist, um so vorsichtiger mu
man mit ihr umgehen; sonst verwandelt sie sich in einen Gemeinplatz und
Phrasen schenkt man keinen Glauben. Die Atheisten haben bei weitem nicht
soviel Unheil angerichtet, wie die Heuchler oder _die_ Propheten Gottes,
die noch nicht gengend fr ihr Amt vorbereitet waren und sich
erdreisteten, Seinen Namen mit ungeweihten Lippen zu verknden. Man mu
redlich mit dem Worte umgehen: es ist die hchste Gabe, die Gott den
Menschen verliehen hat. Wehe dem Schriftsteller, der in einem Augenblick
ein Wort spricht, wo er unter dem Einflu leidenschaftlicher
Verirrungen, des rgers, des Zornes oder einer persnlichen Abneigung
steht, kurz, zu einer Zeit, wo seine Seele noch nicht zu voller Harmonie
gelangt ist: dann werden ihm Worte entfliehen, die allen Widerwillen und
Ekel einflen, und in solchen Fllen kann man selbst beim reinsten
Streben nach dem Guten Unheil anrichten. Unser obenerwhnter Freund P***
kann als Beweis dafr dienen: er war sein ganzes Leben lang eifrig darum
bemht, _seinen Lesern sofort alles mitzuteilen_, sie von allem in
Kenntnis zu setzen, was er soeben gelernt hatte, ohne zu berlegen, ob
ein Gedanke in seinem eigenen Kopfe auch gengend ausgereift war, um
auch allen andern vertraut und verstndlich zu sein, mit einem Wort --
er stellte sich vor den Lesern in seiner ganzen Unklarheit und
Verworrenheit zur Schau. Und wie? Haben die Leser etwa das edle und
schne Streben bemerkt, das bei ihm so oft durchleuchtete? Haben sie von
ihm angenommen, was er ihnen mitteilen wollte? Nein, sie haben nichts an
ihm entdeckt als seine innere Zuchtlosigkeit und Unreinlichkeit, die der
Mensch zuallererst bemerkt, und haben nichts von ihm angenommen. Dreiig
Jahre lang hat dieser Mensch gearbeitet und gestrebt wie eine Ameise,
sein ganzes Leben hindurch war er bemht, alles eiligst an den Mann zu
bringen, was sich ihm an Gegenstnden darbot, die zur Bildung und
Aufklrung Rulands beitragen konnten, und kein Mensch hat ihm dafr
gedankt; ich bin noch nie einem dankbaren Jngling begegnet, der erklrt
htte, er schulde ihm Anerkennung fr ein neues Licht, das er ihm
aufgesteckt, oder fr das edle Streben nach dem Guten, das sein Wort ihm
eingepflanzt habe. Im Gegenteil, ich mute ihn oft verteidigen und fr
die Reinheit seiner Absichten und fr die Aufrichtigkeit seiner Worte
gegenber solchen Leuten eintreten, die ihn doch wohl htten verstehen
knnen. Ja, es wurde mir sogar schwer, jemand zu berzeugen, weil er es
verstanden hat, sich so vor allen zu vermummen, da es vllig unmglich
ist, ihn den Leuten in seiner wahren Gestalt vorzufhren. [Wenn er vom
Patriotismus spricht, dann spricht er so ber ihn, da es den Anschein
hat, als ob sein Patriotismus ein bezahlter Patriotismus sei; spricht er
von der Liebe zum Zaren, einem Gefhl, das er warm und aufrichtig und
wie ein Heiligtum in seiner Seele hegt, so uert er sich so, da man
nichts wie Kriecherei und habschtige Liebedienerei herauszuhren meint.
Seiner aufrichtigen ungeknstelten Emprung ber jede Bestrebung, die
Ruland schaden kann, leiht er einen Ausdruck, wie wenn er bestimmte
Leute, die er allein kennt, denunzieren wollte. Mit einem Wort, auf
Schritt und Tritt verleumdet er sich selbst.] Es ist eine groe Gefahr
fr einen Schriftsteller, mit dem Wort Spott zu treiben: Ein faules
Wort gehe nie aus eurem Munde. Wenn sich dies ohne Ausnahme auf jeden
von uns bezieht, um wieviel mehr mu es fr die gelten, deren Reich --
das Wort ist und deren Bestimmung es ist, von allem Schnen und Hohen zu
reden. Wehe, wenn mit faulen Worten von heiligen und erhabenen Dingen
geredet wird; dann ist es schon besser, man redet mit faulen Worten von
faulen Dingen. Alle groen Erzieher der Menschheit haben _denen_, die
die Gabe des Wortes besaen, in erster Linie ein langes Schweigen
auferlegt und zwar gerade dann und in solchen Augenblicken, wo sich in
ihnen der Wunsch am strksten regte, mit Worten zu prunken, und wenn
ihre Seele den Drang fhlte, den Menschen viel Gutes und Ntzliches zu
sagen; sie fhlten, wie leicht man schnden kann, was man erhhen will,
und wie unsere Zunge auf Schritt und Tritt zur Verrterin wird. Leg'
Tr und Riegel deinem Munde auf, sagt Jesus Sirach: Du verzunest
deine Gter mit Dornen; warum machst du nicht vielmehr deinem Munde Tr
und Riegel? Du wgest dein Gold und Silber ein; warum wgest du nicht
auch deine Worte auf der Goldwage?

                                                                 1844.




                                   V
          ber den ffentlichen Vortrag russischer Dichtungen
                                 An L**


Ich freue mich, da man bei uns endlich mit dem ffentlichen Vortrag der
Dichtungen unserer russischen Schriftsteller begonnen hat. Man hat nur
schon aus Moskau einiges hierber geschrieben, dort soll man
verschiedene Werke der modernen Literatur, darunter auch einige Stcke
aus meinen Erzhlungen, vorgetragen haben. Ich war immer der Ansicht,
da solche ffentlichen Vorlesungen eine Notwendigkeit fr uns sind. Wie
es scheint, neigen wir mehr zu gemeinsamem Tun, selbst beim Lesen; wenn
wir allein sind, sind wir alle trge, und solange wir sehen, da sich
die andern nicht regen, regen auch wir uns nicht. Ich glaube, wir werden
tchtige Rezitatoren hervorbringen: bei uns gibt es nur wenig Schwtzer,
die ber die Macht der Rede verfgen und die sich in den Gerichtsslen
und Parlamenten hervortun knnten, aber wir besitzen viele Leute, die
die Fhigkeit haben, mit jedem andern zu _fhlen_. Eine Empfindung
mitzuteilen, sie mit andern zu teilen, das wird bei manchen geradezu
eine Leidenschaft, die um so strker wird, je mehr sie merken, da sie
sich nicht in Worten auszudrcken vermgen (ein Zeichen ist eine
sthetische Natur). Auch unsere Sprache begnstigt die Ausbildung von
Rezitatoren; sie ist wie geschaffen fr den kunstvollen Vortrag, da sie
ber alle Klangnuancen verfgt und die khnsten bergnge vom Erhabenen
zum Einfachen in ein und derselben Rede ermglicht. Ich glaube sogar,
da die ffentlichen Vorlesungen bei uns mit der Zeit das Schauspiel
ersetzen werden. Ich wnschte freilich, da fr diese Vorlesungen, wie
sie heute veranstaltet werden, Werke ausgewhlt wrden, die es wirklich
verdienen, ffentlich vorgetragen zu werden, so da es auch den
Rezitator nicht zu gereuen brauchte, Mhe und Arbeit auf die
Vorbereitung zu verwenden. In unserer modernen Literatur aber gibt es
nichts Derartiges, und es ist ja auch gar nicht ntig, da durchaus
etwas Modernes vorgetragen wird; das Publikum liest es ja doch ohnedies
wegen seiner groen Vorliebe fr alles Neue. Alle diese neuen
Erzhlungen (darunter auch meine eigenen) sind gar nicht bedeutend
genug, als da man sie ffentlich vortragen sollte. Wir sollten uns an
unsere Poeten halten, an jene hohen Dichtwerke, die in ihrem Kopfe in
langem Nachdenken und langer Arbeit ausreiften und an denen auch der
Rezitator lange arbeiten sollte. Unsere Dichter sind heute im Publikum
so gut wie unbekannt. Man hat in den Zeitschriften viel ber sie
geredet, sie ausfhrlich und unter Aufwand vieler Worte analysiert, aber
diese Analysen waren eigentlich mehr eine Selbstcharakteristik der
Verfasser als eine solche der Dichter. Die Zeitschriften haben damit nur
das erreicht, da sie die Begriffe, die unser Publikum von seinen
Dichtern hatte, noch mehr verwirrt und durcheinandergebracht haben, so
da die Persnlichkeit jedes Dichters fr unser Publikum zweideutig und
widerspruchsvoll geworden ist und da sich niemand mehr ein klares Bild
davon macht, was eigentlich das wahre Wesen eines jeden Dichters ist.
Nur ein kunstvoller Vortrag kann einen klaren Begriff von einem Dichter
vermitteln. Aber natrlich sollte der Vortrag nur von einem Redner
bernommen werden, der jede kleinste, verschwindende Nuance des Werks,
das er vorliest, wiederzugeben vermag. Dazu braucht man kein feuriger
Jngling zu sein, der in der Siedehitze der Begeisterung und in einem
Zug an einem und demselben Abend eine Tragdie, eine Komdie, eine Ode
und wer wei was sonst noch herunterzulesen imstande ist. Ein lyrisches
Gedicht wie es sich gehrt vorzutragen -- das ist durchaus keine
Kleinigkeit: dazu mu man es erst lange durcharbeiten. Man mu das hohe
Gefhl, das die Seele des Dichters erfllte, aufrichtig mit ihm teilen;
man mu jedes seiner Worte mit Herz und Seele nachempfinden und erst
dann zum ffentlichen Vortrag schreiten. Solch ein Vortrag wird
keineswegs laut und lrmend und nicht aus der Fieberglut geboren sein.
Im Gegenteil, er kann sehr ruhig sein, aber die Stimme des Vortragenden
wird eine unbegreifliche, nie geahnte Kraft ausstrmen, die ein Zeugnis
fr seine echte innere Rhrung ist. Diese Kraft wird sich allen
mitteilen und Wunder wirken: auch die, die nie von den Lauten der Poesie
ergriffen wurden, werden erschttert werden. Der Vortrag unserer
Dichtwerke kann der ffentlichkeit sehr zum Nutzen gereichen. In unseren
Dichtern gibt es viel Schnes, das nicht blo gnzlich vergessen,
sondern auch verunehrt, schlecht gemacht und dem Publikum in einem
gemeinen niedrigen Sinne ausgelegt worden ist, an den unsere
hochherzigen Dichter nicht im entferntesten gedacht haben. Ich wei
nicht, von wem der Gedanke stammt, den Ertrag der ffentlichen
Vorlesungen den Armen zuzuwenden: dieser Gedanke ist jedenfalls sehr
schn. Er kommt besonders heute gerade zur rechten Zeit, wo es in
Ruland so viele Menschen gibt, die unter Hungersnot, Feuersbrnsten,
Krankheiten und allerhand Migeschick zu leiden haben. Wie wrden sich
die Geister der Dichter, die nicht mehr unter uns weilen, freuen, wenn
ein solcher Gebrauch von ihren Werken gemacht wrde!

                                                                 1843.




                                   VI
                     Wie man den Armen helfen soll
                 Aus einem Briefe an A. O. Sm--rn--wa.


Ich komme nun zu Ihren Ausfllen gegen die Torheit der (Petersburger)
Jugend, die auf die Idee verfallen ist, auslndischen Sngern und
Schauspielerinnen goldene Krnze und Becher zu verehren, whrend in
Ruland ganze Provinzen von der Hungersnot heimgesucht werden. Das ist
weder Dummheit noch eine Verhrtung des Herzens, das ist nicht einmal
Leichtsinn -- es ist eine Folge der menschlichen Gleichgltigkeit, die
ein gemeinsamer Charakterzug von uns allen ist. Die Leiden und
Schrecknisse, die eine Hungersnot mit sich bringt, spielen sich ja in
einer groen Entfernung von uns ab, das geschieht tief im Innern der
Provinz, und nicht vor unseren Augen -- da liegt des Rtsels Lsung, und
das erklrt alles! Ein Mensch, der bereit ist, hundert Rubel fr einen
Parkettplatz im Theater zu bezahlen, um sich am Gesang eines Rubini zu
erfreuen, wrde sicherlich sein ganzes Hab und Gut verkaufen, wenn er
zufllig Augenzeuge eines einzigen von jenen furchtbaren Bildern der
Hungersnot sein mte, vor denen alle Greuel und Schrecken, wie sie in
Melodramen dargestellt werden, verblassen. Mit der Veranstaltung von
Sammlungen hat es bei uns keine Schwierigkeit, wir sind alle bereit, zu
geben. Aber gerade fr die Armen ist man heute bei uns nicht allzugern
bereit, etwas zu geben, teils, weil nicht jeder davon berzeugt ist, da
seine Gabe auch an ihr Ziel und in die Hnde dessen gelangen wird, der
sie erhalten soll. Meist gleicht die Hilfe einer Flssigkeit, die man in
der hohlen Hand trgt, und die unterwegs zerrinnt, ehe sie an ihren
Bestimmungsort gelangt -- und der Notleidende bekommt nichts zu sehen,
als die trockene Hand, in der nichts enthalten ist. Das ist's, was
zuerst berlegt sein will, ehe man mit der Sammlung von Gaben beginnt.
Hierber wollen wir spter miteinander reden, weil das durchaus keine
unwichtige Sache ist, die es wohl wert ist, da man sie in verstndiger
Weise bespricht. Nun aber wollen wir einmal gemeinsam berlegen, wo
zuerst und vor allem geholfen werden mu. Man sollte in erster Linie
solchen Leuten helfen, die von einem pltzlichen unerwarteten
Unglcksfall betroffen wurden, durch den sie mit einem Schlage und in
einem Augenblick um alles gekommen sind: es kann sich dabei um eine
Feuersbrunst handeln, bei der das ganze Hab und Gut bis auf den Grund
abgebrannt ist, oder um eine Seuche, der das ganze Vieh zum Opfer
gefallen ist, oder um einen Todesfall, der einen Unglcklichen seiner
einzigen Sttze beraubt hat -- mit einem Wort um jeden pltzlichen
Verlust, in dessen Gefolge die Armut mit einem Male ber einen Menschen
hereinbricht, der gar nicht an sie gewhnt ist. Da ist Ihre Hilfe am
Platze. Dabei aber ist es ntig, da diese Hilfe auch in wahrhaft
christlicher Weise dargebracht werde: wenn sie blo in einer
Gelduntersttzung besteht, dann hat sie gar keinen Wert und kann nichts
Gutes wirken. Wenn Sie nicht zuvor selbst grndlich ber die ganze Lage
des Menschen nachgedacht haben, dem Sie helfen wollen, und keinen Rat
und keine Unterweisung fr ihn mitbringen, wie er von nun an sein Leben
einrichten soll, so wird ihm nicht viel Vorteil aus Ihrer Hilfe
erwachsen. Der Wert der Untersttzung, die einem Menschen erwiesen wird,
kommt selten dem Wert des verlorenen Gutes gleich; im allgemeinen
betrgt sie selten soviel wie die Hlfte dessen, was der Mensch verloren
hat, oft dagegen nur ein Viertel und zuweilen sogar noch weniger. Der
Russe ist berall zum uersten fhig: wenn er erkennt, da er mit dem
wenigen Gelde, das er erhalten hat, nicht mehr das gleiche Leben fhren
kann, wie frher, ist er imstande, in seiner Verzweiflung alles auf
einmal durchzubringen, was ihm gegeben wird, um ihm fr lngere Zeit
einen Lebensunterhalt zu gewhren. Daher mssen Sie ihn belehren, wie er
sich mit dem, was ihm durch Ihre Untersttzung zuteil wurde, aus seiner
Lage heraushelfen kann; klren Sie ihn ber die wahre Bedeutung des
Unglcks auf, damit er einsieht, da es ihm gesandt ward, auf da er
sein frheres Leben aufgebe und ein anderer werde, wie frher, gleichsam
ein neuer Mensch in physischer wie in moralischer Beziehung. Sie werden
ihm dies schon in kluger Weise darzulegen wissen, wenn Sie nur seinen
Charakter und seine Lebensverhltnisse nher kennen lernen werden. Und
er wird Sie verstehen: das Unglck macht den Menschen weicher; sein
Wesen wird feiner, zartfhlender, er bekommt mehr Verstndnis fr Dinge,
die die Begriffe eines Menschen bersteigen, der in alltglichen
gewhnlichen Verhltnissen lebt; er verwandelt sich dann gleichsam in
ein Stck warmen Wachses, das man kneten kann, wie man will. Am besten
wre es jedoch, wenn die Hilfe in allen Fllen durch die Vermittlung
eines erfahrenen und klugen Priesters dargebracht wrde. Nur ein
Priester ist imstande, den Menschen ber den tiefen heiligen Sinn eines
Unglcks aufzuklren, das, in welcher Gestalt und Form es auch immer auf
dieser Erdenwelt ber einen Menschen hereinbricht, ob er nun in einer
rmlichen Htte oder in prunkvollen Gemchern wohnt, stets eine Stimme
aus dem Himmel ist, die den Menschen auffordert, sein frheres Leben
aufzugeben und von Grund aus zu ndern.

                                                                 1844.




                                  VII
                ber Schukowskis bersetzung der Odyssee
                           An W. M. Jasykow.


Das Erscheinen der Odyssee wird eine Epoche herauffhren. Die Odyssee
ist sicherlich die vollkommenste Dichtung aller Zeiten. Sie ist ein Werk
von gewaltigem Umfang. Die Ilias ist ihr gegenber nur eine Episode. Die
Odyssee umfat die gesamte antike Welt, das ffentliche und das
husliche Leben, alle Sphren der Menschen jener Zeit mit ihren
Beschftigungen, ihrem Wissen und Glauben ... kurz, es ist beinahe
schwer zu sagen, was die Odyssee nicht enthlt oder was von ihr
bergangen wre. Whrend mehrerer Jahrhunderte ist sie den Dichtern der
Antike und hierauf allen Dichtern berhaupt eine nie versiegende Quelle
gewesen. Ihr entnahmen sie den Stoff fr eine unzhlige Menge von
Tragdien und Komdien; und dies alles machte die Runde durch die Welt
und wurde zum Gemeingut aller, whrend die Odyssee selbst vergessen
wurde. Das Schicksal der Odyssee hat etwas Seltsames an sich: sie wurde
in Europa nicht in ihrem wahren Werte erkannt. Daran ist teils der
Umstand schuld, da es an einer bersetzung fehlte, die eine
knstlerische Nachbildung des herrlichsten Werkes der Antike darstellte,
teils der Mangel einer Sprache, die reich und vollkommen genug war, um
all die unendlichen kaum fabaren Schnheiten der hellenischen Zunge im
allgemeinen und Homers im besonderen widerzuspiegeln; und endlich fehlte
es auch an einem Volk, das mit einem so reinen jungfrulich unberhrten
Geschmack begabt gewesen wre, wie er erforderlich ist, um einen Homer
innerlich zu verstehen und nachzuempfinden.

Gegenwrtig wird diese grte Dichtung in die reichste und vollkommenste
aller europischen Sprachen bersetzt.

Schukowskis gesamte literarische Ttigkeit war gleichsam nur die
Vorbereitung zu diesem Werk. Er mute seine Verskunst an bersetzungen
von Dichtwerken aller Nationen und Sprachen schulen und ausbilden, um
fhig zu werden, Homers unvergngliche Verse nachzubilden -- sein Ohr
mute der Leier aller Vlker lauschen, um so feinhrig zu werden, da
ihm der Eigenton der hellenischen Laute nicht entgehen konnte; er mute
auch von dem glhenden Wunsche durchdrungen werden, alle seine
Landsleute zu sthetischem Nutz und Frommen ihrer Seele, zu solcher
Liebe zu Homer zu zwingen, es mute sich im Innern des bersetzers
selbst vieles ereignen, was seine Seele zu hherer Harmonie stimmte und
ihr jene hohe Ruhe mitteilte, die dazu erforderlich ist, um ein Werk
nachzudichten, das einer solchen ebenmigen Harmonie und Ruhe
entsprungen ist, er mute endlich auch noch in tieferem Sinn zum
Christen werden, um sich jene weitblickende vertiefte Lebensanschauung
anzueignen, wie sie nur ein Christ haben kann, der bereits begriffen
hat, was der Sinn des Lebens ist. So viele Voraussetzungen muten
erfllt werden, damit die bersetzung der Odyssee nicht zu einer
sklavischen Nachbildung werden, sondern damit uns aus ihr das _lebendige
Wort_ entgegenklingen und ganz Ruland Homer als etwas Verwandtes und
Vertrautes aufnehmen konnte.

Dafr ist auch etwas wahrhaft Wunderbares zustande gekommen. Das ist
keine bersetzung, sondern eher eine Neuschpfung, eine Restauration,
eine Auferstehung Homers. Die bersetzung scheint uns noch tiefer in das
Leben der Alten einzufhren, als selbst das Original. Der bersetzer ist
gleichsam ganz unmerklich zum Kommentator Homers geworden, er hat sich
gewissermaen wie ein die Dinge verdeutlichendes Sehrohr vor den Leser
gestellt, das alle unendlichen Schtze Homers noch klarer und bestimmter
hervortreten lt.

Meiner berzeugung nach haben sich heute die Verhltnisse wie mit
Absicht so gestaltet, da das Erscheinen der Odyssee in unserer Zeit
geradezu zur Notwendigkeit werden mute: in der Literatur wie berall
sonst -- macht sich eine gewisse Khle, ein Nachlassen des Interesses
bemerkbar. Eine Mdigkeit hat die Menschen ergriffen, man begeistert
sich nicht mehr und man ist nicht mehr enttuscht. Selbst die
krampfhaften und krankhaften Produkte unseres Zeitalters, mit ihrem
Einschlag aller mglichen unverdauten Ideen, wie sie uns als Folge
politischer und anderer Grungen angeflogen sind, sind sehr im
Niedergang begriffen, nur die ewig nachhinkenden Leser, die daran
gewhnt sind, sich an die Schleppe der fhrenden Journalisten zu hngen,
lesen noch hin und wieder etwas Derartiges, ohne in ihrer Einfalt zu
bemerken, da die vorangehenden Leithmmel schon lngst sinnend und
nachdenklich stehen geblieben sind, da sie selbst nicht wissen, wohin
sie ihre umherirrenden Herden fhren sollen. Mit einem Wort, jetzt ist
eine Zeit gekommen, wo das Erscheinen eines edlen, in all seinen Teilen
formvollendeten Werks, das das Leben mit einer wunderbaren Deutlichkeit
und Klarheit widerspiegelt und von dem eine hohe Ruhe und der Hauch
einer geradezu kindlichen Einfalt ausgeht, von unendlicher Bedeutung
sein kann.

Von der Odyssee wird eine groe Wirkung _auf uns alle_ und _auf jeden
einzelnen von uns_ ausgehen.

Sehen wir einmal zu, was fr eine Wirkung sie auf _uns alle_ ausben
kann. Die Odyssee ist das Werk, das alle notwendigen Voraussetzungen
dafr enthlt, ein Buch zu werden, das allgemein und vom ganzen Volke
gelesen wird. Sie vereint in sich die Spannung, die von einem Mrchen
ausgeht, und die schlichte Wahrheit menschlicher Erlebnisse, die auf
jeden Menschen, er mag sein, wer er will, den gleichen Reiz ausben.
Edelleute und Brger, Kaufleute, Gebildete wie Ungebildete, einfache
Soldaten, Bediente, Kinder beiderlei Geschlechts, von jener Altersstufe
an, wo die Kinder Freude an Mrchen zu bekommen pflegen -- sie alle
werden sie lesen und ihr lauschen, ohne sich zu langweilen -- ein
Umstand von ungeheurer Wichtigkeit, besonders wenn man bedenkt, da die
Odyssee zugleich ein wahrhaft moralisches Werk ist und da der alte
Dichter sie nur deshalb gedichtet hat, weil er die Handlungen der
damaligen Menschen und ihre Gesetze in lebendigen Bildern darstellen
wollte.

Im griechischen Polytheismus liegt nichts Verfhrerisches fr unser
Volk. Unser Volk ist klug, es wei sich selbst solche Dinge, die die
gescheitesten Leute in Verlegenheit bringen, ohne viel Kopfzerbrechen zu
deuten und zu erklren. Es wird aus alledem nur dies eine entnehmen: wie
schwer es fr den Menschen ist, allein und ohne Hilfe von Propheten und
hherer Offenbarungen zu einer wahrhaften Erkenntnis Gottes zu gelangen,
welch unsinnige Vorstellungen und Bilder er sich von Seinem wahren Wesen
macht, wenn er die Einheit und die eine Allkraft in eine Vielheit von
Krften und Formen zerspaltet. Es wird nicht einmal ber die alten
Heiden lachen, weil es sie fr gnzlich unschuldig halten wird: zu ihnen
sprachen keine Propheten, Christus war noch nicht geboren, Apostel gab
es damals noch nicht. Nein, das Volk wird sich eher den Kopf kratzen
beim Gedanken, da es mit geringerem Eifer zu Gott betet und seine
Pflicht und Schuldigkeit schlechter erfllt, als die alten Heiden,
obwohl es den wahren Gott in Seiner wirklichen Gestalt kennt, obwohl es
Sein geschriebenes Gesetz stets in Hnden hat und in seinen Beichtvtern
Lehrer und Berater hat, die ihm das Gesetz auslegen. Das Volk wird
verstehen, warum der Hchste auch dem Heiden um seines guten
Lebenswandels und seines inbrnstigen Gebets willen Seinen Beistand
lieh, trotzdem er Ihn aus Unwissenheit in der Gestalt eines Poseidon,
Kronion, Hephaistos, Helios, Kypris und der ganzen Schar von Gttern,
die die lebhafte Phantasie der Griechen ersonnen hat, anbetete und zu
ihnen flehte. Mit einem Wort, das Volk wird den Polytheismus beiseite
lassen und sich nur das aus der Odyssee aneignen, was es sich daraus
aneignen soll, d. h. das, was allen deutlich sichtbar ist, was den Geist
ihres Inhalts bildet und den eigentlichen Zweck ausmacht, um
dessentwillen die Odyssee geschrieben ist; er wird daraus die Lehre
ziehen, da dem Menschen berall und auf jedem Gebiet viel Unglck
bevorsteht, da er dagegen ankmpfen mu -- denn nur dazu ward dem
Menschen das Leben gegeben -- da er niemals verzagen darf, wie Odysseus
nie verzweifelte, der sich in schweren Stunden der Not stets an sein
Herz wandte, ohne zu ahnen, da er schon durch diese Wendung an sein
eigenes inneres Ich jenes innere an Gott gerichtete Gebet erschuf, das
sich jedem Menschen, auch dem, der nicht einmal einen Begriff von Gott
hat, auf die Lippen drngt. Das ist das _Allgemeine_, der lebendige
Geist ihres Inhalts, durch den die Odyssee einen Eindruck auf alle
machen mu, noch ehe sie entzckt und ergriffen sein werden von ihren
dichterischen Vorzgen: der Wahrheit der Bilder und der Lebendigkeit der
Schilderungen; noch ehe andre bewundernd staunen werden ber die antiken
Schtze, die sich hier vor ihnen auftun und die in all diesen
Einzelheiten weder von der Skulptur, noch von der Malerei, noch von den
antiken Denkmlern im allgemeinen festgehalten wurden; noch ehe wieder
andre verwundert dastehen werden ber die unglaubliche Kenntnis aller
Windungen und Falten der menschlichen Herzen, die alle offen dalagen vor
dem blinden Snger, der alles sah; noch ehe wiederum andre staunen
werden ber den tiefen staatsmnnischen Blick, die groe Beherrschung
der schweren Kunst der Menschenleitung und -regierung, die der gttliche
Alte gleichfalls besa, er, der ein Gesetzgeber seines eigenen und der
kommenden Geschlechter war -- mit einem Wort, noch ehe sich jemand je
nach seinem Beruf, Handwerk, seiner Beschftigung, seinen Neigungen,
Liebhabereien und seiner persnlichen Eigenart fr irgendeine Einzelheit
in der Odyssee begeistern wird. Und dies alles nur daher, weil sich
dieser Geist ihres Inhalts, dieses ihr inneres Wesen einem jeden mit so
greifbarer Deutlichkeit aufdrngt, wie es in keinem andern Werk mit
hnlicher Kraft zum Ausdruck kommt, alles durchdringend und alles
beherrschend, besonders wenn wir noch darauf achten, wie lebendig, wie
farbig alle Episoden sind, deren jede beinahe die Grundidee zu
berstrahlen, in den Hintergrund zu drngen imstande ist.

Warum aber mssen das alle so deutlich empfinden? Darum, weil es dem
alten Dichter so tief aus der Seele dringt. Man sieht frmlich auf
Schritt und Tritt, wie er das, was er fr alle Zeiten im Menschen
befestigen und sichern wollte, mit der ganzen bestrickenden Schnheit
der Poesie zu umkleiden suchte; wie er danach strebte, was an den
Volkssitten gut und lobenswert war, zu erhalten und zu krftigen, wie er
bemht war, den Menschen an das Beste und Heiligste zu mahnen, was in
ihm liegt, und was er jeden Augenblick vergessen kann -- in jedem seiner
Helden den Menschen ein Muster und Beispiel fr jeden Beruf und Stand zu
hinterlassen und allen zusammen in seinem unermdlichen Odysseus ein
ewiges Musterbild allgemeinmenschlicher Ttigkeit aufzustellen.

Diese strenge Achtung der Sitten, diese tiefe Ehrfurcht vor der
Obrigkeit und den Regierenden, trotz der begrenzten und noch wenig
entwickelten Regierungsgewalt, diese jungfruliche Schamhaftigkeit der
Jnglinge, diese Gte und diese Milde der Greise, diese herzliche
Gastfreundschaft, dieser Respekt, man mchte fast sagen, diese Ehrfurcht
vor dem Menschen, als dem Ebenbilde Gottes, dieser Glaube, da kein
guter Gedanke im Hirne der Menschen entspringt, ohne den souvernen
Willen eines hheren Wesens, da der Mensch aus eigener Kraft nichts zu
erreichen vermag -- kurz alles, jeder kleinste Zug in der Odyssee kndet
von dem inneren Wunsche dieses Dichters aller Dichter, dem Menschen der
alten Welt ein lebendiges und vollstndiges Gesetzbuch zu hinterlassen,
zu einer Zeit, als es noch weder Gesetzgeber noch Stifter von
Rechtsordnungen gab, als noch die Beziehungen unter den Menschen durch
keine geschriebenen Bestimmungen oder brgerlichen Rechte geregelt
waren, als die Menschen noch sehr vieles nicht wuten, ja nicht einmal
ahnten und als allein der gttliche Greis alles sah, hrte, erkannte und
ahnte -- ein blinder Mann, der der Sehkraft beraubt, die allen Menschen
eigen ist, und nur bewaffnet war mit jenem inneren Auge, das die
Menschen nicht besitzen.

Wie kunstvoll ist doch die Arbeit langjhriger berlegungen unter der
Schlichtheit eines treuherzigen Berichtes versteckt! Es ist fast, als
htte er alle Menschen zu einer Familie versammelt und se nun mitten
unter ihnen, wie der Grovater unter seinen Enkeln, der gelegentlich
selbst dazu bereit ist, mit ihnen zu spielen und Mutwillen zu treiben,
und als trage er nun treuherzig seine Erzhlung vor, nur darum besorgt,
niemand zu ermden oder durch unangebrachte und allzu lange Belehrungen
zu erschrecken, sondern ihn unsichtbar auf Windesflgeln durch die ganze
Welt zu tragen, auf da sich alle spielend aneignen, was dem Menschen
durchaus nicht zu Spiel und Scherz gegeben ward, und auf da sie
unmerklich davon kosteten und sich davon erfllten, was er whrend
seines Jahrhunderts und zu seiner Zeit an Schnstem und Bestem gesehen
und erfahren hat. Man knnte das Ganze beinahe fr eine ohne jede
Vorbereitung dahinflieende Erzhlung halten, wenn sich einem nicht
nachtrglich, nach einer aufmerksamen Analyse die wunderbare Kunst des
Baus -- des Ganzen sowohl wie die jedes Gesanges im einzelnen enthllte.
Wie dumm sind doch die superklugen deutschen Gelehrten, die den Gedanken
aufgebracht haben, Homer sei ein Mythos und all seine Werke seien
Volksgesnge und Rhapsodien.

Doch sehen wir nun einmal zu, was fr eine Wirkung die Odyssee auf
_jeden einzelnen von uns_ ausben kann. Zunchst wird sie auf unsere
Schriftstellerzunft, auf unsere Autoren wirken. Sie wird viele dem
Lichte zurckgeben, nachdem sie sie wie ein gewandter Lotse durch den
Nebel und die Verwirrung hindurchgesteuert hat, die durch unsere
zerfahrene und unausgegorene Schriftstellergeneration heraufbeschworen
wurde. Sie wird uns alle wieder daran erinnern, mit welch naiver
ungeknstelter Schlichtheit die Natur reproduziert, wie jeder Gedanke
bei uns zu einer geradezu greifbaren Klarheit gebracht werden, in welch
ruhigem Gleichma unsere Rede dahinflieen mu. Sie wird allen unseren
Schriftstellern wieder jene alte Wahrheit nher bringen, die wir unser
ganzes Leben lang im Auge behalten sollten und die wir doch immer wieder
vergessen: da wir nmlich nicht eher zur Feder greifen sollten, als bis
sich in unserem Kopfe alles zu der Klarheit und Ordnung gestaltet hat,
da selbst ein Kind imstande wre, alles zu verstehen und in seinem
Gedchtnis aufzubewahren. Aber eine noch strkere Wirkung als auf die
Schriftsteller wird die Odyssee auf die ausben, die sich erst auf die
Schriftstellerlaufbahn vorbereiten, und die, ob sie nun auf dem
Gymnasium sind oder auf der Universitt studieren, ihr knftiges
Arbeitsfeld noch unklar und wie im Nebel vor sich sehen: diese kann die
Odyssee von Anfang an auf den rechten Weg weisen und sie vor einem
unntigen Herumirren in krummen winkligen Gassen bewahren, in denen sich
ihre Vorgnger zur Genge umhergetrieben haben.

Ferner wird die Odyssee auch einen Einflu auf den Geschmack und die
Entwicklung des sthetischen Gefhls ausben. Sie wird einen frischen
Zug in die Kritik hineintragen. Unserer Kritik hat sich eine gewisse
Mdigkeit bemchtigt, sie hat in der Analyse der problematischen Werke
unserer neuesten Literatur Ziel und Richtung verloren, sie hat sich in
ihrer Verzweiflung auf Seitenwege verirrt, lt die literarischen
Probleme ganz beiseite und produziert nur noch ganz trichtes Zeug. Das
Erscheinen der Odyssee aber kann vielleicht viele wirklich gute und
tchtige Kritiken hervorrufen, um so mehr, als es wohl auf der Welt kaum
ein zweites Werk gibt, das sich von so vielen Seiten aus betrachten
lt, wie die Odyssee. Ich bin berzeugt, da die Diskussionen, die
Untersuchungen, die Betrachtungen und Errterungen, die Bemerkungen und
Gedanken, zu denen sie Veranlassung geben wird, unsere Zeitschriften
mehrere Jahre lang beschftigen werden. Diese Leser werden nur Vorteil
davon haben: die Kritiken werden nicht mehr so hohl und nichtssagend
sein. Um eine solche Kritik zu schreiben, mu man viel lesen, sich ber
vieles neu orientieren, viel erlebt und ber vieles nachgedacht haben;
ein hohler und oberflchlicher Kopf wird ber die Odyssee kaum etwas zu
sagen wissen.

Drittens kann die Odyssee in dem russischen Gewande, das ihr Schukowski
gegeben hat, viel zur Reinigung unserer Sprache beitragen. Bei keinem
unserer Schriftsteller, in keinem der frheren Werke Schukowskis, ja
nicht einmal bei Puschkin und Krylow, die hufig im Ausdruck, in ihren
Wendungen noch schrfer und genauer sind, als jener, hat die russische
Sprache einen solchen Reichtum, eine solche Vollkommenheit erreicht.
Hier finden sich alle ihre Wendungen und Nuancen in smtlichen
Variationen und Abstufungen. Diese ungeheuren unendlichen Perioden, die
bei jedem andern matt und dunkel wirken wrden, und andererseits
wiederum die knappen kurzen Perioden, die bei andern hart und abgerissen
klingen und der Rede etwas Herbes, Gefhlloses verleihen wrden, stehen
bei Schukowski so brderlich zusammen, alle bergnge und der
Zusammensto der Gegenstze vollziehen sich mit einem solchen Wohllaut,
alles fliet so in eins zusammen und lt die schwerfllige Masse des
Ganzen sich so zerteilen und verschwinden, da man den Eindruck hat, als
htten der Bau und das Gefge der Sprache sich berhaupt verflchtigt;
sie scheinen nicht mehr vorhanden zu sein, so wie auch der bersetzer
vllig verschwindet. Statt seiner aber steht der greise Homer in seiner
ganzen majesttischen Gre vor unseren Augen, und wir hren die hehren,
gewaltigen, ewigen Worte, die nicht dem Munde eines Menschen entstammen,
sondern deren Bestimmung es ist, -- ewig durch die Welt zu tnen. Jetzt
werden unsere Schriftsteller erkennen, mit welch kluger Vorsicht jedes
Wort und jeder Ausdruck verwendet sein will, wie man jedem schlichten
Wort seine hohe Wrde wiedergeben kann durch die Kunst, ihm seinen
richtigen Platz anzuweisen, und was fr ein solches Werk, dessen
Bestimmung es ist, in den Hnden aller zu sein und von allen genossen zu
werden -- das ein geniales Werk ist, diese uere Wohlgestalt und dieser
uere Anstand, diese Durchbildung und Abrundung des Ganzen bedeuten:
hier fllt jedes kleinste Staubkrnchen ins Auge und wird von jedem
bemerkt. Schukowski vergleicht diese Staubkrnchen sehr richtig mit
Papierschnitzeln, die in einem herrlich ausgeschmckten Prunkgemach
herumliegen, wo von der Decke herab bis zum Parkett alles glnzt und
strahlt wie ein Spiegel: jeder Eintretende wird zuallererst diese
Papierschnitzel bemerken, und zwar aus demselben Grunde, aus dem er sie
in einem unsauberen unaufgerumten Zimmer berhaupt nicht entdecken
wrde.

Viertens wird die Odyssee sowohl die Wibegierde derer, die sich mit der
Wissenschaft beschftigen, wie auch derer, die keine Wissenschaft
studiert haben, befruchten, indem sie uns eine lebendige Kenntnis der
antiken Welt vermitteln wird. In keinem Geschichtswerk kann man das
finden, was man aus ihr schpfen kann; von ihr geht ein lebendiger Hauch
der Vergangenheit aus; der antike Mensch steht lebendig vor unseren
Augen, als htten wir ihn erst gestern gesehen und mit ihm gesprochen.
Man sieht ihn frmlich vor sich in seinem ganzen Tun und Treiben und zu
allen Tageszeiten: wie er sich andchtig zum Opfer vorbereitet, wie er
beim Becher ehrsam mit dem Gastfreund spricht, wie er sich ankleidet,
wie er auf den Platz hinaustritt, wie er den Reden der Greise lauscht
und die Jnglinge belehrt; sein Haus, sein Wagen, sein Schlafgemach, das
kleinste Mbelstck im Hause, von den Tischen, die hereingetragen
werden, bis zum Riemenriegel an der Tr -- alles steht noch frischer und
lebendiger vor unseren Augen, als in dem ausgegrabenen Pompeji.

Und endlich bin ich sogar der Ansicht, da von dem Erscheinen der
Odyssee eine Wirkung auf den heutigen Geist unserer Gesellschaft im
allgemeinen ausgehen wird. Gerade in unserer Zeit, wo durch den
geheimnisvollen Willen der Vorsehung berall ein schmerzlicher Schrei
der Unbefriedigung durch die Welt geht, ein Schrei der Unzufriedenheit
mit allem, was es auf der Welt gibt, mit den Zustnden, mit der Zeit,
wie mit uns selbst, wo allen endlich die Vollkommenheit, bis zu der uns
unser moderner brgerlicher Geist und die Aufklrung emporgehoben haben,
verdchtig zu werden beginnt, wo sich bei jedem ein unbewutes Sehnen
fhlbar macht, etwas anderes zu sein, als das, was man ist, ein Sehnen,
das vielleicht aus der edlen Quelle, dem Wunsche, besser zu sein,
entspringt; wo durch die trichten Losungen und durch die bereilte
Verkndigung neuer ganz unklar erfater Ideen hindurch sich ein
allgemeines Streben Bahn bricht, sich mehr einer dunkel ersehnten Mitte
zu nhern, das wahre Gesetz unseres Handelns, sowohl das der Massen, wie
das jedes einzelnen zu finden, in einer solchen Zeit mu die Odyssee
durch die patriarchalische Gre des antiken Lebens, durch die
unkomplizierte Einfachheit der das ffentliche Leben bewegenden
Triebfedern, durch die Frische des Lebens, durch die noch durch nichts
abgestumpfte kindliche Heiterkeit des Menschen, ergreifen. Aus der
Odyssee wird unserem neunzehnten Jahrhundert ein starker Vorwurf
entgegentnen, und dieser Vorwurf wird nicht verstummen, je tiefer es in
sie eindringen und je mehr es sich mit ihr vertraut machen wird.

Was kann zum Beispiel einen strkeren Eindruck machen, als der Vorwurf,
den wir in unserer Seele vernehmen, wenn wir sehen, wie der antike
Mensch, mit seinen geringen Werkzeugen, bei der groen Unvollkommenheit
seiner Religion, die ihm sogar erlaubte, zu stehlen, Rache zu ben,
seine Zuflucht zu List und Tcke zu nehmen, um den Feind zu vernichten,
mit seiner rebellischen, harten, nicht zum Gehorsam neigenden Natur und
seinen schwachen Gesetzen es verstanden hat, durch die bloe Erfllung
der von den Vorfahren ererbten Sitten und Gebruche -- die nicht umsonst
von den alten Weisen eingefhrt und festgesetzt worden waren, und die
nun auf ihr Gebot wie ein Heiligtum vom Vater auf den Sohn vererbt
wurden, -- wenn wir sehen, wie der Mensch der alten Zeit es verstanden
hat, durch bloe Erfllung dieser Sitten seinen Handlungen eine gewisse
strenge Form, ein gewisses Ebenma, ja sogar eine gewisse Schnheit zu
verleihen, so da alles an ihm vom Kopf bis zu der Zehe, jedes seiner
Worte, die einfachste Bewegung, ja selbst der Faltenwurf seines Gewandes
Gre und Wrde atmete, und da man in ihm wirklich den gttlichen
Ursprung des Menschen zu ahnen glaubt? Wir dagegen, mit all unseren
gewaltigen Mitteln und Werkzeugen der Vervollkommnung, mit der Erfahrung
aller Jahrhunderte, mit unserer schmiegsamen, gelehrigen Natur, mit
unserer Religion, die uns doch nur zu dem Zweck gegeben ward, damit wir
heilige und gttliche Menschen werden -- wir haben es mit all diesen
Mitteln zu nichts gebracht, als zu einer gewissen inneren, wie ueren
Unordnung, Disharmonie und Zerfahrenheit, wir wuten nichts aus uns zu
machen, als traurige, halbe, zerstckelte und kleinliche Menschen, vom
Kopf bis zu den Fen, ja bis zu unserer Kleidung, und zu alledem sind
wir uns gegenseitig so zuwider geworden, da keiner den andern mehr
achtet; nicht einmal die tun es, die immer von der allgemeinen
Menschenachtung reden.

Mit einem Wort, die Odyssee wird auf die an ihrer europischen
Vollkommenheit Leidenden und Krankenden eine starke Wirkung ausben. Sie
wird sie an vieles Kindlich-Schne erinnern, das uns leider verloren
gegangen ist, das die Menschheit sich jedoch wiedererobern mu, als ihr
rechtmiges Erbe. Viele werden zum Nachdenken ber manche Dinge
angeregt werden. Zugleich aber wird vieles aus den alten
patriarchalischen Zeiten, die dem russischen Wesen so nah verwandt sind,
sich unsichtbar ber das russische Land verbreiten. Der Wohlgeruch
atmende Mund der Poesie vermag unserer Seele manches einzuhauchen, was
ihr weder mit Gewalt, noch durch die Kraft des Gesetzes eingepflanzt
werden kann.




                                  VIII
       Einige Worte ber unsere Kirche und unsere Geistlichkeit.
                 Aus einem Brief an den Grafen A. P. T.


Sie beunruhigen sich unntigerweise wegen der Angriffe, die heute in
Europa gegen unsere Kirche gerichtet werden. Auch unsere Geistlichkeit
der Gleichgltigkeit anzuklagen, wre eine Ungerechtigkeit. Warum wollen
Sie, da unsere Geistlichkeit, die sich bisher durch eine wrdige
berlegene Ruhe ausgezeichnet hat, die ihr so wohl anstand, sich unter
die europischen Schreier mischen und gleich ihnen oberflchliche,
ungengend durchdachte Broschren erscheinen lassen soll? Unsere Kirche
hat sehr weise und klug gehandelt. Um sie zu verteidigen, mu man sie
erst selbst kennen gelernt und begriffen haben. Wir aber kennen unsere
Kirche sehr schlecht. Unsere Geistlichkeit sitzt nicht mig da. Ich
wei genau, da im Innern unserer Klster und in der Stille unserer
Klosterzellen an unwiderleglichen Werken zum Schutz und zur Verteidigung
unserer Kirche gearbeitet wird. Und diese Mnner, gerade diese Mnner
tun ihre Pflicht und Schuldigkeit weit besser, als wir; sie beeilen sich
nicht, und arbeiten in der Erkenntnis dessen, was ein solcher Gegenstand
erfordert, in tiefer Ruhe an ihrem Werk. Sie schaffen in stndigem Gebet
und in der Arbeit der Selbsterziehung; indem sie alle Leidenschaften und
alles, was einer unstatthaften, sinnlosen Fieberhitze gleichsieht, aus
ihrer Seele austreiben und sie bis zu der Hhe himmlischer
Leidenschaftslosigkeit zu erheben suchen, auf der sie sich erhalten mu,
wenn sie stark genug sein will, um einen solchen Gegenstand zu
behandeln. Aber auch diese Verteidigungsschriften werden noch nicht
gengen, um einen rmischen Katholiken vollstndig zu berzeugen. Unsere
Kirche mu in uns selbst geheiligt werden und nicht durch unsere Worte.
Wir selbst mssen unsere Kirche werden und durch uns mu ihre Wahrheit
verkndigt werden. Man sagt, da es unserer Kirche an Lebenskraft fehlt,
aber man spricht die Unwahrheit, denn unsere Kirche ist das Leben.
Freilich ist man ganz logisch und durch einen richtigen Schlu zu diesem
falschen Satz gelangt: -- Wir selbst nmlich sind tot, sind Leichen, und
nicht die Kirche, und nach _uns_ nennt man unsere Kirche einen Leichnam.
Wie sollen wir unsere Kirche verteidigen und was fr eine Antwort sollen
wir geben, wenn man uns vor folgende Fragen stellt: Hat die Kirche euch
denn zu besseren Menschen gemacht? Tut denn jeder bei euch, wie es sich
gehrt, seine Pflicht und Schuldigkeit? Was sollen wir hierauf
antworten, wenn wir es pltzlich tief im Innern fhlen, wenn das
Gewissen es uns sagt, da wir die ganze Zeit ber neben unserer Kirche
hergewandelt, an ihr vorbergegangen sind und sie nicht einmal jetzt
ordentlich kennen? Wir sind im Besitze eines Schatzes von unendlichem
Wert und bemhen uns nicht, uns ein Gefhl dafr zu verschaffen, sondern
wissen nicht einmal, wo wir ihn verwahrt halten. Man bittet den Herrn
des Hauses, er mge doch den kostbarsten Gegenstand vorzeigen, den sein
Haus birgt, und der Herr wei selbst nicht, wo dieser Gegenstand sich
befindet. Diese Kirche, die sich seit den Zeiten der Apostel allein in
ihrer unberhrten ursprnglichen Reinheit erhalten hat, wie eine keusche
Jungfrau, diese Kirche, die mit all ihren tiefen Lehren und ihren
kleinsten ueren Zeremonien gleichsam unmittelbar um des russischen
Volkes willen vom Himmel herabgestiegen ist, sie, die allein fhig ist,
alle Zweifelsknoten und alle unsere Fragen zu lsen, sie, die angesichts
des ganzen Europa das grte und unerhrteste Wunder zu vollbringen
vermag, indem sie jeden unserer Stnde, alle mter und Berufe
veranlassen kann, sich in den ihnen gesetzten Grenzen zu halten, ohne
den Staat in irgendeiner Weise umzuwlzen oder zu erschttern, Ruland
gro und stark zu machen und die ganze Welt durch die wohlgefgte
harmonische Ordnung eines Organismus in Staunen zu setzen, durch den es
bisher nur Schrecken verbreitete, -- diese Kirche ist uns bisher ganz
unbekannt! Diese fr das Leben geschaffene Kirche haben wir noch immer
nicht in unserem Leben zur Wahrheit gemacht.

Nein, Gott bewahre uns davor, unsere Kirche jetzt verteidigen zu wollen.
Das hiee sie herabsetzen. Fr uns gibt es nur eine Art der Propaganda
-- unser Leben selbst. Durch unser Leben mssen wir unsere Kirche
verteidigen, die durchaus nichts anderes ist, als _Leben_, durch den
reinen Atem unserer Seelen mssen wir ihre Wahrheit verknden. Mgen die
Missionre des rmischen Katholizismus sich an die Brust schlagen, mit
den Hnden fuchteln und die Beredsamkeit ihrer Seufzer und Worte mit
schnell trocknenden Trnen begleiten. Der Verknder des griechischen
Katholizismus aber soll so vor das Volk treten, da schon beim bloen
Anblick seiner demutsvollen Gestalt, der erloschenen Augen und der
ruhigen ergreifenden Stimme, die tief aus der Seele dringt und in der
alle weltlichen Wnsche erstorben sind, alles erschttert wird, noch ehe
er erklrt hat, worum es sich handelt, und alles wie aus einem Munde zu
ihm spricht: Du brauchst nichts zu sagen: wir vernehmen, auch ohne da
du ein Wort redest, die heilige Wahrheit deiner Kirche.




                                   IX
                       ber denselben Gegenstand
                Aus einem Briefe an den Grafen A. P. T.


Die Ansicht, da unsere Kirche bei uns so wenig Autoritt und Bedeutung
hat, weil unsere Geistlichkeit nicht weltgewandt genug ist und es nicht
versteht, sich in der Gesellschaft zu bewegen, ist genau so tricht, wie
die Behauptung, unsere Geistlichkeit werde durch die Satzungen unserer
Kirche an jeder Berhrung mit dem Leben gehindert und durch die
Regierung in ihrem Handeln beschrnkt. Freilich sind unserer
Geistlichkeit bei ihrem Verkehr mit der Welt und mit den Menschen
strenge und wohlberechtigte Schranken gezogen. Glauben Sie mir, es wre
nicht gut, wenn unsere Geistlichen hufiger mit uns zusammenkmen, an
unseren tglichen Zusammenknften und Vergngungen teilnhmen oder sich
in unsere Familienangelegenheiten mischen wrden. Der Geistliche ist
vielen Versuchungen ausgesetzt, in weit hherem Mae als wir: er wrde
sicher zu all jenen Intrigen im Schoe der Familien kommen, die man
den rmisch-katholischen Priestern zum Vorwurf macht. Die
rmisch-katholischen Geistlichen sind gerade deshalb so verderbt und
korrumpiert, weil sie zu weltlich geworden sind. Unsere Geistlichkeit
hat zwei Gebiete, auf denen sie sich bettigen kann und auf denen sie
mit uns zusammentrifft: die Beichte und die Predigt. Auf diesen beiden
Gebieten, auf deren erstem sich nur ein- bis zweimal jhrlich
Gelegenheit zur Bettigung bietet, whrend man sich auf dem zweiten
jeden Sonntag treffen kann, lt sich sehr viel leisten. Und wenn der
Priester es nur verstnde, angesichts des vielen Hlichen und Bsen,
das er im Menschen findet, bis zum richtigen Zeitpunkt zu schweigen und
sich's grndlich zu berlegen, wie er sich ausdrcken, wie er so zu den
Menschen reden solle, da jedes seiner Worte ihnen tief zu Herzen
dringt, so wird er bei der Beichte und in der Predigt so starke mchtige
Worte dafr finden, wie ihm dies in seinen tglichen Unterhaltungen mit
uns nie gelingen wrde. Er mu von einem erhhten Platz zu dem mitten im
Weltgetriebe stehenden Menschen reden, damit der Mensch den Eindruck
gewinne, da nicht ein Priester vor ihm stehe, sondern Gott selbst, der
sie alle beide hrt, und da von Seiner unsichtbaren Gegenwart ein Hauch
ausgeht, der beide mit ehrfrchtigem Schaudern erfllt. Nein, es ist
sogar gut, da unsere Geistlichkeit sich in einer gewissen Entfernung
von uns hlt. Es ist gut, da sie sich sogar durch ihre Kleidung, die
keinerlei Wandlungen und Launen unserer trichten Mode unterworfen ist,
von uns unterscheidet. Diese Kleidung ist schn, gro und wrdig. Das
ist kein sinnloses, aus dem achtzehnten Jahrhundert bernommenes Rokoko,
das ist nicht die aus buntem Flitter zusammengesetzte, nichtssagende
Kleidung der rmisch-katholischen Priester. Diese Kleidung hat einen
tiefen Sinn: sie ist ein Abbild, sie gleicht jener Kleidung, die der
_Heiland selbst_ getragen hat. Der Geistliche soll auch in seiner
Kleidung ein ewiges Erinnerungszeichen an _Den_ mit sich fhren, dessen
Abbild er fr uns sein soll, damit seine Seele sich auch nicht fr einen
Augenblick vergessen und in den Genssen, Zerstreuungen und den
nichtigen weltlichen Sorgen verlieren kann, denn von ihm wird tausendmal
strengere Rechenschaft gefordert werden, als von irgendeinem unter uns;
daher sollen die Geistlichen immer daran erinnert werden, da sie
gleichsam andre, hhere Menschen sind. Nein, solange der Priester noch
jung ist, solange er das Leben noch nicht kennt, soll er berhaupt nur
bei der Beichte und bei der Predigt mit den Menschen zusammentreffen.
Und wenn er sich schon einmal in eine Unterhaltung mit einem von ihnen
einlt, so sollen dies nur die Weisesten und Erfahrensten unter ihnen
sein, die ihn die Seele und das Herz des Menschen kennen lehren, und die
ihm das Leben in seiner wahren Gestalt und in seinem wahren Lichte und
nicht in dem Lichte, in dem es einem unerfahrenen Menschen erscheint,
darstellen knnen. Der Priester mu auch Zeit fr sich selbst haben, er
mu an sich selbst arbeiten knnen. Er mu sich ein Beispiel an unserem
Heiland nehmen, der lange Zeit in der Wste weilte und erst, nachdem er
sich durch ein vierzigtgiges Fasten darauf vorbereitet hatte, zu den
Menschen hinausging, um ihnen seine Lehre zu bringen. Einzelne kluge
Kpfe sind bei uns auf den Einfall gekommen, man msse sich in der Welt
herumbewegen, um sie kennen zu lernen. Das ist grundfalsch. Diese
Ansicht wird durch alle Weltleute widerlegt, die sich ihr ganzes Leben
lang in der Welt bewegen und doch die hohlsten und leersten Menschen
sind. Nicht inmitten der Welt selbst wird man fr die Welt erzogen,
sondern fernab von ihr in tiefer innerster Selbstbetrachtung, in der
Erforschung der eigenen Seele, denn dort liegen die Gesetze aller Dinge
verborgen: suche zuvor den Schlssel zu deiner eigenen Seele; hast du
_ihn_ erst gefunden, so wirst du mit diesem Schlssel auch die Seelen
aller anderen aufschlieen.




                                   X
                  ber das Lyrische bei unseren Poeten
                          An W. A. Schukowski


La uns von dem Aufsatz sprechen, ber den das Todesurteil gefllt ist,
d. h. von dem Aufsatz, der die berschrift: _ber das Lyrische bei
unseren Poeten_ trgt. Vor allem: Dank fr das Todesurteil! So ward ich
denn bereits zum zweitenmal von dir gerettet, du mein wahrhafter Lehrer
und Erzieher! Schon im vergangenen Jahre hat deine Hand mir Halt
geboten, als ich eben im Begriff war, Pletnjew fr seinen Sowremennik
meine Betrachtungen ber unsere russischen Dichter zu senden; und nun
hast du eine neue Frucht meines Unverstandes der Vernichtung
preisgegeben. Du bist der einzige, der mir noch Einhalt gebietet,
whrend mich die andern alle anfeuern und ermuntern; wei ich doch
selbst nicht wozu. Wieviel Torheiten htte ich schon begangen, wenn ich
nur auf meine andern Freunde gehrt htte! So, da hast du meinen
Dankhymnus: und nun zu dem Aufsatz selbst. Ich werde schamrot, wenn ich
daran denke, wie dumm ich noch immer bin, wie ich so gar nicht verstehe,
von gescheiteren Dingen zu reden. Am trichtesten aber geraten meine
Gedanken und Betrachtungen ber die Literaten. Hier kommt alles, was ich
schreibe, besonders geschwollen, dunkel und unverstndlich heraus. Ich
bin nicht imstande, meine eigenen Gedanken auszudrcken und
niederzuschreiben, die ich doch nicht nur im Geiste vor mir sehe,
sondern auch mit dem Herzen erahne und erfhle. Der Kern meines
Aufsatzes ist vernnftig und richtig, und doch habe ich mich so
ausgedrckt, da jeder meiner Ausdrcke zum Widerspruch herausfordert.
Ich mu es noch einmal wiederholen: in der Lyrik unserer Dichter liegt
etwas, was kein Poet einer andern Nation besitzt -- es ist dies jenes
Etwas, das an die Bibel gemahnt, -- jene hhere Art Lyrik, die nichts
gemein hat mit leidenschaftlicher Schwrmerei und nur der sichere
Aufschwung im Lichte des Verstandes, der hchste Triumph geistiger
Nchternheit ist. Ich will hier nicht einmal von Lomonossow und
Dershawin reden, selbst bei Puschkin tritt einem diese strenge Lyrik
berall da entgegen, wo er einen groen Gegenstand behandelt. Denke nur
an solche Gedichte wie: An einen Kirchenfrsten, der Prophet, oder sogar
an jene geheimnisvolle Flucht aus der Stadt, die erst nach seinem Tode
verffentlicht wurde. Aber nimm einmal die Gedichte von Jasykow und du
wirst sehen, da er stets unendlich hoch ber die Leidenschaft, ja sogar
ber sich selbst hinauswchst, wenn er an etwas Hheres rhrt. Ich
mchte hier eines seiner Jugendgedichte Der Genius als Beispiel
anfhren. Es ist brigens nicht lang.

   Einst strmte der Prophet, der hohe,
   Mit Blitz und Donner himmelwrts,
   Und eine mcht'ge Feuerlohe
   Erfllte da Elisas Herz.

   Es reckte sich sein Geist empor;
   Ein heiliges Gefhl erblhte
   In ihm, der vor Begeistrung glhte,
   Und Gottes Stimme lauscht' sein Ohr.

   So wird der Genius mit Beben
   Sich eigner Gre froh bewut,
   Sieht er den Bruder aufwrts streben
   Mit Donnerlaut aus Erdendust.

   Und hehrer Wundertat entgegen
   Die Krfte reifen neu erwacht,
   Und seiner Werke hoher Segen
   Strahlt sternengleich durch Weltennacht.

Welch leuchtende Klarheit und welche strenge, erhabene Gre! Ich suchte
das dadurch zu erklren, da unsere Dichter jeden groen Gegenstand in
seinem richtigen Zusammenhang mit dem hchsten Quell aller Lyrik, mit
Gott sehen, die einen bewut, die andern unbewut, weil die russische
Seele, wie sich das aus dem russischen Wesen selbst ergibt, dies aus
irgendeinem Grunde ganz von selbst fhlt. Ich sagte, da es vorzglich
zwei Gegenstnde sind, die unsere Dichter zu dieser, der biblischen so
nahestehenden Art der Lyrik begeistert haben. Der erste ist --
_Ruland_. Bei dem bloen Klang dieses Namens erhellt sich pltzlich das
Auge unseres Poeten, erweitert sich sein Horizont, wird alles um ihn
herum grer und weiter, wchst er selbst gewissermaen zu hherer Wrde
und Gre empor, und erhebt er sich hoch ber den gewhnlichen Menschen.
Das ist mehr als bloe Liebe zum Vaterland. Demgegenber erschiene die
Vaterlandsliebe fast wie ekle Prahlerei. Ein Beweis dafr sind unsere
Hurrapatrioten. [Ihre brigens meist ganz aufrichtigen Lobhymnen knnen
einem Ruland beinahe verleiden.] Wenn dagegen ein Dershawin von Ruland
spricht -- dann fhlt man eine bernatrliche Kraft durch seine Adern
rinnen, man ist gleichsam ganz erfllt von der Gre Rulands. Die
Vaterlandsliebe allein htte -- gar nicht erst zu reden von Dershawin --
nicht einmal einem Jasykow die Kraft dieses groen, feierlichen
Ausdrucks verliehen, der sich jedesmal einstellt, wenn er von Ruland
redet. So zum Beispiel in den folgenden Versen, wo er darstellt, wie
Stephan Batorius gegen Ruland in den Krieg zieht.

   Schon rstet Stephan sich zur Schlacht,
   Schon eilt er, seine ganze Macht
   Zu einer Heerschar zu verdichten,
   Um, wenn er Pskow den Tod gebracht,
   Ruland fr immer zu vernichten!
   Doch du, o heil'ges Vaterland,
   Du hehre Liebe unsrer Ahnen,
   Du riss'st das Schwert aus seiner Hand.
   Nicht siegten diesmal seine Fahnen.

Diese nchterne, ruhige Heldenkraft, die sich zuweilen sogar
unwillkrlich mit einer prophetischen Verherrlichung Rulands verbindet,
entspringt daraus, da der Gedanke unbewut an die hchste Vorsehung
rhrt, deren Walten so deutlich in den Schicksalen unseres Vaterlandes
zum Ausdruck kommt. -- Auer der Liebe aber ist hieran auch noch das
tiefe, innere Entsetzen ber die Vorgnge beteiligt, die sich durch
Gottes Willen auf jenem Stck Erde abspielen sollten, jenem Stck Erde,
das dazu bestimmt war, unser Vaterland zu werden, sowie die Vorahnung
eines neuen, herrlichen Baus, der sich, zunchst noch nicht fr alle
sichtbar, errichtet, dessen Wachsen nur der Dichter mit dem scharfen Ohr
der Poesie, das alles hrt, oder ein solcher Seelenkenner, der schon im
_Samen_ die knftige Frucht erkennt, zu vernehmen vermag. Heute beginnen
allmhlich auch die andern Menschen etwas davon zu erkennen, aber sie
drcken sich so unklar aus, da ihre Worte Torheit zu sein scheinen. Du
hast unrecht, wenn du annimmst, da die heutige Jugend, wenn sie vom
Slawentum trumt und prophetisch von Rulands Zukunft spricht, einer
Modestrmung folgt. Sie verstehen es nicht, ihre Gedanken in ihren
Kpfen ausreifen zu lassen, und beeilen sich, sie der Welt zu verknden,
ohne zu bemerken, da ihre Gedanken noch trichte Kinder sind -- das ist
alles. Auch bei den Juden lehrten gleichzeitig vierhundert Propheten:
von diesen war gewhnlich nur einer der Gesandte Gottes, dessen Reden in
das heilige Buch des jdischen Volkes eingetragen wurden; alle andern
werden viel Unntzes und berflssiges zusammengeredet haben, trotzdem
aber haben wohl auch sie dunkel und unklar dasselbe vernommen, was die
Auserwhlten klar und verstndig auszusprechen wuten; sonst htte das
Volk sie sicherlich gesteinigt. Warum sind denn weder Frankreich, noch
England, noch Deutschland von dieser Strmung ergriffen und prophezeien
und knden nicht von sich selbst, warum tut dies Ruland allein? Nun,
weil Ruland es deutlicher fhlt, wie Gottes Hand auf allem ruht, an
allem teilhat, was sich mit unserem Lande zutrgt, und weil es ein neues
Reich herannahen fhlt. Daher die biblischen Tne bei unseren Dichtern.
Daher kann solches bei den Dichtern anderer Nationen nicht vorkommen,
und wenn sie ihr Vaterland noch so innig lieben und dieser Liebe einen
noch so glhenden Ausdruck zu geben vermgen. Und hier darfst du nicht
mit mir streiten, mein herrlicher Freund.

Doch la uns nun zu dem andern Gegenstande bergehen, an dem sich die
Lyrik unserer Dichter gleichfalls zu jenem hohen, lyrischen Schwunge
erhebt, von dem hier die Rede ist: la uns der Liebe zum Zaren gedenken.
Die zahlreichen Hymnen und Oden auf unsere Zaren haben unserer Poesie
schon seit den Zeiten Lomonossows und Dershawins jene erhabene,
knigliche Note verliehen. Da diese Gefhle aufrichtig sind, darber
brauchen wir wohl nicht erst zu sprechen. Nur Geister von kleinlichem,
nrgelndem Witz, der nur karger, blitzartiger, oberflchlicher Gedanken
und Erwgungen fhig ist, werden dahinter nichts wie Schmeichelei und
den Wunsch, einen Vorteil fr sich herauszuschlagen, suchen, und werden
diese Behauptung auf ein paar unbedeutende und schlechte Oden jener
Dichter grnden. Der dagegen, der nicht nur geistreich, der mehr ist,
der Einsicht und Weisheit besitzt, wird bei jenen Oden Dershawins
verweilen, in denen er den weiten Kreis ntzlicher, wohlttiger
Wirksamkeit vor dem Herrscher beschreibt, und wo der Dichter selbst mit
Trnen in den Augen zu ihm von den Trnen spricht, die den Augen --
nicht nur der Russen -- nein auch gefhlloser Wilden, die an den
uersten Enden seines Reiches wohnen, entstrmen wrden bei der bloen
Berhrung mit der Milde und Liebe, die nur die allmchtige Hand des
Herrschers ihrem Volke erweisen kann. Hier ist vieles zu so gewaltigem
Ausdruck emporgehoben, da selbst, wenn sich einmal ein Herrscher finden
sollte, der fr eine Zeitlang seine Pflicht verge, er sich beim Lesen
dieser Zeilen unfehlbar wieder seiner Schuldigkeit erinnern und von
tiefer Rhrung ber die Heiligkeit seines Amtes ergriffen werden wrde.
Nur kaltherzige Menschen werden Dershawin wegen seiner bermigen
Verherrlichung Katharinas tadeln; der dagegen, der keinen Stein an
Stelle des Herzens hat, der wird die herrlichen Strophen nicht ohne
Rhrung lesen, in denen der Dichter davon spricht, da, wenn seine
Gestalt in Marmor gehauen auf die Nachwelt kommen sollte, dies nur
deshalb geschehen werde,

   Weil ich die Kaiserin besang,
   Der Reuen Zarin, welcher keine
   Je gleichkommt auf der weiten Welt.
   Des rhme, rhm' dich, meine Leier.

Auch die folgenden, kurz vor dem Tode geschriebenen Verse wird er kaum
ohne aufrichtige seelische Erschtterung lesen:

   Schlaf sank auf Katharinens Muse nieder;
   Das Alter raubte mir die Lieder.
   -- -- -- -- -- -- -- -- ... Bald
   Ertnt der andern Lied, wenn meins verhallt,
   Und meiner Hand entsinkt die Leier;
   In andern glhe nun das Feuer,
   Mit dem drei Zaren einst mein Sang
   Zu Ruhm und Preis erklang.

Der Greis, der mit einem Fu im Grabe steht, wird nicht lgen. Whrend
seines ganzen Lebens hat er diese Liebe wie ein Heiligtum in sich gehegt
und so hat er sie mit sich ins Grab genommen und ist er ihr auch bis
bers Grab treu geblieben. Aber darum handelt es sich ja gar nicht.
Woher stammt diese Liebe? Das ist hier die Frage. Da sie im ganzen
Volke, in einem dunkeln Instinkt seines Herzens lebt, und daher auch der
Dichter, als der reinste Spiegel seines Volkes, sie laut in sich
vernehmen mute, das erklrt nur die eine Hlfte des Problems. Der
ganze, der vollkommene Dichter gibt sich nie an eine Sache hin, ohne
sich vorher Rechenschaft ber sie abgelegt und ohne sich berzeugt zu
haben, da sie vor der Weisheit und vor dem hellen Lichte seiner
Vernunft bestehen kann. Er, der im Besitz eines Ohres ist, das die
kommenden Dinge und Ereignisse vernimmt, und der von dem Streben beseelt
wird, die Dinge, die die andern nur stckweise, von einer einzigen, oder
etwa blo von zwei Seiten und nicht von allen vier Seiten sehen, in
ihrer ganzen Vollkommenheit und Vollstndigkeit nachzuschaffen, er
konnte nicht anders, als die Kulmination in der Entwicklung und dem
Reifen dieser Herrschergewalt voraussehen. Mit welcher Weisheit hat
Puschkin die Bedeutung des unumschrnkten Monarchen gekennzeichnet! Wie
klug war berhaupt alles, was er whrend seiner letzten Lebensjahre
gesagt hat: Warum, so pflegte er zu sagen, warum mu einer von uns
hher als alle, ja selbst noch ber dem Gesetze stehen? Darum, weil das
Gesetz ein Stck Holz ist; weil der Mensch bei dem Worte Gesetz etwas
Kaltes, Hartes empfindet, etwas, dem das Herzliche, Brderliche fehlt.
Mit der buchstblichen Erfllung des Gesetzes allein kommt man nicht
weit; und doch darf keiner von uns es verletzen oder umgehen; dazu
bedarf es eben der hchsten Gnade, die das Gesetz mildert, und die sich
fr den Menschen lediglich in der unumschrnkten Gewalt verkrpern kann.
Ein Staat ohne souvernen Monarchen ist ein Automat: es ist schon viel,
wenn er es so weit bringt, wie die Vereinigten Staaten. Und was sind die
Vereinigten Staaten? Etwas Totes, Abgestorbenes. Die Menschen dort sind
so hohl und so leer geworden, da sie keinen Pfifferling mehr wert sind.
Ein Staat ohne souvernen Monarchen gleicht einem Orchester ohne
Kapellmeister: die einzelnen Musiker mgen noch so tchtig sein; wenn es
an einem Manne fehlt, der das Ganze mit einer Bewegung des Taktstockes
lenkt und im rechten Augenblick das Zeichen gibt, dann wird nie ein
gutes Konzert zustande kommen. [Er scheint zwar selbst gar nichts zu
tun, er spielt auf keinem Instrument, sondern bewegt nur sein Stckchen
kaum merklich hin und her, und hlt berschau ber alle Musiker, und
doch gengt ein Blick von ihm, um hier oder dort den rauhen, hlichen
Ton einer tppischen Trommel oder einer plumpen Pauke zu mildern.] In
seiner Gegenwart wagt es selbst des Meisters Geige nicht, sich allzu
frei gehen zu lassen und die andern zu bertnen; er wacht ber der
allgemeinen Ordnung, er belebt alles, er, der Herr und Stifter hchster
Eintracht und Harmonie! Welch tiefes Verstndnis besa er fr die
groen, ewigen Wahrheiten!

Dieses innere Wesen, diese Macht des selbstherrlichen Monarchen hat er
ja auch, wenigstens zum Teil in einem seiner Gedichte zum Ausdruck
gebracht, das du brigens selbst unter seinen nachgelassenen Werken
abgedruckt hast. Du hast sogar Korrekturen daran vorgenommen und die
Form verbessert; allein du hast den Sinn nicht verstanden. Ich will dir
hier des Rtsels Lsung geben. Ich meine die Ode an den Kaiser Nikolaus,
die unter dem bescheidenen Titel An N*** erschienen ist. Ihr Ursprung
ist folgender: Im Anitschkowpalast fand eine Abendgesellschaft statt,
eine von jenen Gesellschaften, zu denen, wie bekannt, nur wenige
Auserwhlte aus unserer Gesellschaft eingeladen wurden; unter ihnen
befand sich an jenem Abend auch Puschkin. Alle Gste waren bereits in
den Slen versammelt; nur der Kaiser wollte lange Zeit nicht erscheinen.
Er hatte sich in den andern Flgel des Schlosses zurckgezogen, die
erste freie Minute, whrend der ihn kein Geschft rief, benutzt, die
Ilias aufgeschlagen und sich ganz unmerklich tief in die Lektre
versenkt, whrend im Saale schon lngst die Musik schmetterte und die
Tnze hin und her wogten. Er erschien erst ziemlich spt beim Ball,
whrend auf seinem Gesicht noch die Spuren anderer Eindrcke
nachzitterten. Dieses Sichkreuzen zweier widerspruchsvoller Stimmungen
wurde von keinem beachtet; auf Puschkins Seele aber machte es einen
tiefen Eindruck; die Frucht dieses Eindrucks war folgende grandiose Ode,
die ich hier noch einmal anfhren will. Sie hat nur eine einzige
Strophe:

   Lang hieltest Zwiesprach' du mit dem Homer allein,
   Lang harrten wir auf dein Erscheinen,
   Und aus der therhh' stiegst du im Strahlenschein,
   Durch das Gesetz uns zu vereinen.
   Doch in der Wste fandst du uns. Entgegen scholl
   Dir gotteslsterliches Singen
   Beim wsten Zechgelag', du sahst uns blind und toll
   Um unsern neuen Gtzen springen.
   Und wir erschraken, da den Gram und Grimm wir sahen
   In deinem Blick voll Hoheitsschimmer;
   Und da verfluchtest du den kindisch blden Wahn,
   Schlugst deine Tafeln jh in Trmmer.
   Doch nein, du fluchtest nicht! ... Aus Hhen wolkenfern
   Stiegst du ins Tal, das wolkenlose.
   Du liebst des Donners Hall, doch lauschest du auch gern
   Dem Bienensummen um die Rose.

                                                            (Fiedler.)

Aber lassen wir die Person Nikolaus' II. beiseite und sehen wir zu, was
der Monarch im allgemeinen als Gesalbter Gottes bedeutet, er, der die
Pflicht hat, das ihm anvertraute Volk dem Lichte entgegenzufhren, in
dem Gott wohnt, und la uns zusehen, ob Puschkin recht hatte, ihn mit
dem alten Freunde Gottes, mit Moses zu vergleichen? Der Mensch, auf
dessen Schultern das Schicksal von Millionen seiner Brder gelegt ist,
der durch die furchtbare Verantwortlichkeit fr sie, die er Gott
gegenber auf sich genommen hat, von jeder Verantwortlichkeit vor den
Menschen befreit ist, der unter der Furchtbarkeit dieser Verantwortung
leidet und vielleicht im stillen solche Trnen vergiet und so
schmerzliche Qualen erduldet, wie sie sich ein tief unten stehender
Mensch nicht einmal vorzustellen vermag, dem inmitten aller
Sinnengensse und Zerstreuungen die ewige, nie verstummende Stimme
Gottes in den Ohren klingt, die unaufhrlich mahnend zu ihm spricht, der
darf wohl mit Recht dem alten Gottesfreund Moses verglichen werden, der
darf, wie er, seine Tafeln in Trmmer schlagen und das leichtsinnige,
gaukelnde Menschengeschlecht verfluchen, das, statt danach zu streben,
wonach alles, was auf dieser Erde lebt, streben sollte, unruhig und
eitel um seine von ihm selbst geschaffenen Gtzen springt. Aber was
Puschkin so tief bewegte, das war neben allem andern jene hchste
Bedeutung der Herrschergewalt, die sich die Ohnmacht und Schwche der
Menschheit vom Himmel herabgefleht hat; und dies Flehen war kein Schrei
nach der ewigen Gerechtigkeit, vor der kein Mensch dieser Erde zu
bestehen vermchte, es war ein Schrei nach der himmlischen, gttlichen
Liebe, die alles zu vergeben vermag: unsere Pflichtvergessenheit, unser
ungeduldiges Murren und unsere Unzufriedenheit, mit einem Wort alles,
was ein Erdenmensch nicht verzeihen kann; auf da ein einziger alle
Macht in seiner Person vereinigte, sich von uns allen entfernte und sich
ber alles Irdische erhob, um sich gerade dadurch allen um so mehr zu
nhern, allen gleich zu werden, von seiner Hhe zu uns allen
herabzusteigen und allem verstndnisvoll zu lauschen: vom Donner des
Himmels und der Lyra des Dichters bis herab zu unseren unscheinbarsten
Freuden und Vergngungen.

Es hat den Anschein, als sei Puschkin in diesem Gedicht, nachdem er sich
selbst die Frage gestellt hatte, was denn diese Macht eigentlich sei,
vor der Gre und Erhabenheit der sich seinem Geiste aufdrngenden
Antwort in den Staub gesunken. Es ist gut, hierbei im Auge zu behalten,
da das derselbe Dichter ist, der so ungeheuer stolz auf die
Unabhngigkeit seines Geistes und auf seine persnliche Wrde war.
Niemand hat so gesungen wie er:

   Ein Denkmal hab' ich mir errichtet ohnegleichen;
   Zu diesem Geisterbau bewchst nie Gras den Pfad,
   Trutzhuptig berragt es selbst die Ruhmeszeichen,
   Die sich Napoleon errichtet hat[2].

                                                       (Nach Fiedler.)

[Funote 2: Im Original heit es: Die Kaiser Alexander hat. Schukowski
hat wohl aus Zensurrcksichten Alexander in Napoleon umgendert. Anm.
des Herausg.]

An den Ruhmeszeichen Napoleons bist freilich du schuld, aber selbst
wenn diese Zeile in ihrer ursprnglichen Fassung erhalten geblieben
wre, sie wre dennoch ein Beweis, ja ein zwingender Beweis dafr, da
Puschkin, trotzdem er sich persnlich, als Mensch, vielen gekrnten
Huptern berlegen fhlte, doch tief im Innern empfand, wie klein und
gering sein Beruf im Vergleich mit dem eines gekrnten Knigs war, und
da er es verstand, sich ehrfrchtig vor denen unter ihnen zu beugen,
die der Welt die ganze Gre und Erhabenheit ihres Amtes vor Augen
gefhrt haben.

Unsere Dichter haben die hohe Bestimmung des Monarchen durchschaut,
indem sie erkannten, da sie unweigerlich zuletzt ganz in der reinsten
_Liebe_ aufgehen, und da es so allen offenbar werden msse, warum der
Kaiser das Ebenbild Gottes ist, wie dies unser ganzes Land vorerst nur
instinktiv fhlt. Diese Bedeutung des Herrschers wird allmhlich auch in
Europa in derselben Weise zum Ausdruck kommen. Alles zielt darauf hin,
in den Frsten diese hchste gttliche Liebe zu ihrem Volk zu erwecken.
Schon vernimmt man den Schrei der Seelennot, an der die ganze Menschheit
und beinahe jedes moderne europische Volk leidet; die Bedauernswerten
winden sich alle in ihrem Schmerz und wissen sich selbst nicht zu
helfen: jede uere Berhrung ist ihren schmerzenden Wunden eine Pein;
jedes Mittel, jede Hilfe, die der Verstand ersinnt, erscheint ihnen rauh
und qualvoll und bringt keine Heilung. Dieser Schrei wird schlielich so
laut werden, da selbst das gefhlloseste Herz vor Mitgefhl zerspringen
wird, und ein tiefes Mitleid von einer bisher noch nicht gekannten
Strke wird die ganze Kraft einer andern, neuen Liebe wachrufen, wie sie
bisher nicht ihresgleichen hatte. Dann wird der Mensch von Liebe zu
allem, was menschlich ist, entbrennen -- von einer gewaltigen Liebe, wie
er noch nie von einer gleichen ergriffen war. Von uns gewhnlichen
Menschen aber wird keiner die ganze Kraft dieser Liebe in sich
verwirklichen knnen, sie wird eine Idee, ein Gedanke bleiben und nie
ganz zur Tat werden; nur die knnen vllig von ihr durchdrungen werden,
denen das ewige unwandelbare Gesetz auferlegt ward, alle Menschen zu
lieben, wie wenn sie ein einziger Mensch wren. Wenn so der Frst von
Liebe fr jeden Menschen seines Reichs, fr jeden Beruf und Stand
ergriffen werden, und alles, was da lebt, gleichsam zu seinem eigenen
Fleisch und Blut machen wird, wenn er in seinem Herzen mit allen leiden,
Tag und Nacht um sein leidendes Volk trauern und klagen und fr es beten
wird, dann wird im Frsten jene allmchtige Stimme der Liebe lebendig
werden, die der leidenden Menschheit allein verstndlich ist, die ihre
Wunden nicht schmerzlich berhren wird und die allein allen Stnden
Frieden und Vershnung bringen und den Staat in einen wohlgeordneten
Chor harmonisch zusammenklingender Stimmen verwandeln kann. Nur da wird
ein Volk ganz gesunden, wo der Monarch seine hohe Bestimmung erkennen
wird -- ein Abbild Dessen auf Erden zu sein, Der selbst die Liebe ist.
In Europa ist es niemand in den Sinn gekommen, die hchste Bedeutung,
die hchste Aufgabe des Monarchen zu ergrnden. Die Staatsmnner, die
Gesetzeskundigen und Rechtsgelehrten haben immer nur die eine Seite der
Sache in Betracht gezogen, nmlich die, da der Monarch der hchste
Beamte des Staates ist, [der von Menschen eingesetzt ward], und daher
wissen sie auch nicht, wie sie sich zu dieser Institution verhalten
sollen, [wie sie ihre wahren Grenzen bestimmen sollen], wenn die sich
tglich ndernden Umstnde es notwendig machen, ihre Kompetenzen zu
erweitern oder zu beschrnken; dadurch aber wird dort der Frst seinem
Volk und umgekehrt das Volk seinem Frsten gegenber in eine sonderbare
Lage versetzt; beide betrachten sich gegenseitig beinahe wie zwei
Gegner, von denen jeder die Macht auf Kosten des andern an sich reien
will. Bei uns aber haben die Dichter und nicht die Rechtsgelehrten die
hchste Bestimmung des Monarchen erkannt; -- die Dichter haben Gottes
Willen mit ehrfrchtigem Zittern vernommen, sie, d. h. die monarchische
Gewalt in Ruland in ihrer wahren Gestalt zu begrnden, daher nehmen
ihre Tne einen biblischen Charakter an, sobald ihr Mund das Wort Zar
ausspricht. Das erkennen bei uns auch die, die keine Dichter sind, weil
jede Seite unserer Geschichte zu deutlich von dem Willen der Vorsehung
spricht: diese monarchische Gewalt in Ruland in ihrer hchsten und
vollkommensten Gestalt zu begrnden. Alle Ereignisse, die sich von der
Invasion der Tataren ab in unserem Vaterlande abgespielt haben, zielen
deutlich darauf hin, alle Macht in der Hand eines einzigen zu
vereinigen, um diesen einen zu jener berhmten Umwlzung des ganzen
Staats zu befhigen, ihm die Kraft zu verleihen, alle aufs tiefste zu
erschttern, alle aufzurtteln, jeden von uns mit jener hheren
Selbsterkenntnis auszursten, ohne die der Mensch sich selbst nicht
verstehen, sich nicht selbst das Urteil sprechen, und nicht den Kampf
gegen Unwissenheit und Finsternis in sich selbst aufnehmen kann, wie ihn
der Herrscher in seinem Reiche aufgenommen hat; auf da nachher, wenn
jeder von dieser heiligen Kampfbegeisterung erfat und alles sich seiner
Kraft bewut ist, der Einzige wiederum allen voran und die Leuchte in
der Hand voraustragend, sein ganzes von _einem_ Geiste beseeltes Volk
mit sich reien und jenem hchsten Lichte entgegenfhren knne, nach dem
sich Ruland so innerlich sehnt. Und sieh nur, durch welche wunderbare
Fgung bereits die Saat der Liebe in die Herzen gesenkt ward, noch ehe
sich dem Herrscher selbst und seinen Untertanen die volle Bedeutung
dieser monarchischen Gewalt enthllen konnte. Kein knigliches
Geschlecht darf sich eines hnlichen Ursprungs rhmen, wie das der
Romanows. Schon dieser ihr Ursprung ist ein hohes Werk der Liebe. Der
letzte und geringste der Untertanen des Reichs hat sein Leben hingegeben
und hingeopfert, um uns einen Zaren zu schenken, und mit diesem reinen
Opfer ein unzerreibares Band zwischen dem Herrscher und seinem Volk
gestiftet. Die Liebe ist uns in Fleisch und Blut bergegangen und hat
eine tiefe Blutsverwandtschaft zwischen uns allen und dem Zaren erzeugt.
[Und so haben sich Herrscher und Untertanen miteinander verschmolzen und
sind so sehr eins geworden, da es uns allen heute als ein groes
Unglck erscheinen wrde, wenn der Frst seinen Untertan vergessen und
sich von ihm abwenden oder der Untertan seinen Herrscher vergessen und
sich von ihm lossagen wollte.] Wie deutlich kommt der Wille Gottes
gerade in dieser Wahl der Romanows und keines andern Frstengeschlechts
zum Ausdruck! Wie unbegreiflich ist diese Erhebung eines ganz
unbekannten Jnglings auf den Thron, wo doch Mnner aus den ltesten
Adelsgeschlechtern und noch dazu verdienstvolle Mnner, die ihr
Vaterland gerettet hatten: ein Poscharski, ein Trubetzkoi oder endlich
eine Reihe von Frsten, die in direkter Linie von Rjurik abstammten,
daneben standen. Und doch wurden sie bei der Wahl bergangen, und es
erhob sich keine Stimme des Protestes: auch nicht _einer_ wagte es,
seine Rechte geltend zu machen! Und solches geschah in jener finsteren
Zeit der Wirren, wo jeder Streit und Unruhe stiften und Scharen von
Anhngern um sich sammeln konnte. Und wer wurde erwhlt? Einer, der in
weiblicher Linie ein Verwandter jenes Zaren war, der noch vor kurzem die
Erde in Schrecken gesetzt hatte, [so da nicht nur unter den Bojaren,
denen er nachgestellt und die er verfolgt hatte, sondern auch im Volk,
das kaum etwas von ihm zu leiden gehabt hatte, noch lange das Sprichwort
im Schwange blieb: Der Kopf war gut, gottlob, da er in der Erde
ruht.] Und trotz alledem beschlossen alle, von den Bojaren bis zum
letzten Habenichts herab einstimmig, da der Thron ihm gehren solle.
Solche Dinge geschehen bei uns! Wie kannst du da glauben, da die Lyrik
unserer Dichter, die doch die wahre ganze Bedeutung des Knigs aus den
Bchern des Alten Testaments kennen und die den Willen Gottes in allen
Ereignissen, die unser Vaterland betrafen, sich so deutlich uern sehen
konnten -- wie kannst du glauben, da die Lyrik unserer Dichter nicht
voller biblischer Anklnge sei? Ich wiederhole, die einfache Liebe htte
nicht gengt, ihren Tnen eine so nchterne Strenge zu verleihen: dazu
bedarf es einer vollen und festen, aus der Vernunft stammenden
berzeugung, und nicht allein eines dunklen, unbewuten Liebesgefhls;
sonst mten ihre Tne Weichheit und Zartheit atmen, wie bei dir in
deinen frhen Jugendwerken, als du dich noch ganz dem Gefhl deiner
liebenden Seele hingabst. Nein, es ist etwas Starkes, Hartes, ja fast zu
Starkes in unseren Dichtern, was die Dichter anderer Nationen nicht
besitzen. Wenn du das nicht fhlst, so beweist dies noch nicht, da es
berhaupt nicht vorhanden ist. Du mut doch bercksichtigen, da du ja
nicht alle Zge des russischen Wesens in dir vereinst, vielmehr haben
sich viele Zge in dir bis zu einer solchen Hhe und so stark in die
Breite entwickelt, da sie den andern keinen Raum zum Wachstum lieen,
und so stellst du eigentlich eine Ausnahme von jenem allgemeinen
russischen Charakter dar. In dir haben sich alle jene weichen und zarten
Seiten unseres slawischen Wesens vereinigt, jene starken und satten Zge
dagegen, bei denen den ganzen Menschen etwas wie ein Schauder und
Schrecken berluft, sind dir unbekannt. Sie aber sind gerade der Quell
und Ursprung jener Lyrik, von der hier die Rede ist. Diese Lyrik vermag
sich fr nichts mehr zu begeistern, als fr ihren hchsten Quell, d. h.
fr Gott allein. Sie hat etwas Strenges und Furchtsames und liebt die
vielen Worte nicht: sie widert alles auf dieser Erde an, wenn es nicht
den Abdruck des Gttlichen an sich trgt. Wer nur ein Fnkchen von
dieser lyrischen Stimmung besitzt, der besitzt trotz aller
Unvollkommenheiten und Fehler etwas von jenem strengen hohen Seelenadel,
vor dem er selbst ehrfrchtig erbebt und der ihn alles fliehen lt, was
einem Dank oder einer Anerkennung von seiten der Menschen hnlich sieht.
Seine eigene edelste Tat erregt ihm Abscheu und Ekel, wenn sie ihm einen
Lohn eintrgt, denn er fhlt zu gut, da das Hchste ber jeden Lohn
erhaben sein sollte. [Erst nach Puschkins Tode hat man Nheres ber
seine wahren Beziehungen zum Zaren erfahren und ist das Geheimnis, das
zwei seiner schnsten Gedichte umgibt, gelftet worden. Er hat bei
Lebzeiten nie mit jemand von den Gefhlen gesprochen, die ihn erfllten,
und er hat klug daran getan. Da man bei uns in Ruland nach dem vielen
kalten und lauten Zeitungsgerede im Stil jener Reklameartikel, in denen
man Pomaden usw. anpreist, und nach all den heftigen ungezogenen und
zornigen Ausfllen aller mglicher Hurra- und anderer Patrioten ganz
aufgehrt hatte, an die Aufrichtigkeit gedruckter uerungen zu glauben
-- war es fr Puschkin gefhrlich, offen hervorzutreten: man htte ihm
am allerehesten den Vorwurf der Bestechlichkeit gemacht und ihn
verdchtigt, da er sich von Habgier und von einem selbstschtigen
Interesse leiten lasse. Nun aber, wo diese Dichtungen erst nach seinem
Tode erscheinen, wird sich wohl kaum ein Mensch in ganz Ruland finden,
der es wagt, Puschkin einen Schmeichler zu nennen, der nach der Gunst
irgendeines Menschen gestrebt habe. Hierdurch ward das Heiligtum eines
hohen reinen Gefhls gerettet. Jetzt wird jeder, auch der nicht fhig
ist, mit seinem eigenen Verstande in das Wesen der Sache einzudringen,
doch an sie glauben und Vertrauen zu ihr haben, denn er wird sich sagen:
wenn selbst Puschkin so gedacht hat, so ist das sicherlich die
lauterste Wahrheit.] Die kniglichen Hymnen unserer Dichter haben
selbst Auslnder durch ihre erhabene Form und ihren hohen Stil in
Staunen gesetzt. Erst vor kurzem hat Mickiewicz in seinen Vorlesungen
darber zu den Parisern gesprochen und er hat dies in einem Augenblick
ausgesprochen, als er selbst gereizt und erbittert gegen uns und ganz
Paris ber uns emprt war. Trotzdem aber hat er feierlich erklrt, da
in den Oden und Hymnen unserer Dichter nichts Sklavisches und Gemeines,
sondern eher etwas Freies und Erhabenes liege, und unmittelbar danach
hat er, obwohl dies keinem seiner Landsleute gefallen wollte, seine
Ehrfurcht vor dem vornehmen edlen Charakter unserer Schriftsteller
ausgesprochen. Mickiewicz hat recht. Unsere Schriftsteller tragen
wirklich die Zge einer hheren Natur. In Augenblicken klarsten
Bewutseins, hchster Selbsterkenntnis haben sie uns oft ihre
geistigen Portrts hinterlassen, die freilich den Eindruck einer
Selbstverherrlichung machen wrden, wenn nicht das ganze Leben des
Dichters eine Besttigung ihrer Treue wre. Indem Puschkin an seine
Zukunft denkt, sagt er

   Und meinem Volke bleib' ich lange lieb und teuer,
   Weil ich in ihm den Trieb zum Guten stets entflammt,
   In grauser Zeit durchglht sein Herz mit Freiheitsfeuer
   Und den Gefallnen nie verdammt.

                                                            (Fiedler.)

Man braucht nur an Puschkin zu denken, um sofort zu erkennen, wie treu
dies Portrt ist. [Wie lebhaft konnte er werden, wie konnte er sich
begeistern, wenn es sich darum handelte, das Los eines armen Verbannten
zu mildern oder einem Gefallenen die Hand zu reichen. Wie ungeduldig
wartete er auf den Augenblick, wo der Zar ihm gndig gestimmt war --
nicht etwa, um sich selbst in Erinnerung und Empfehlung zu bringen --
nein, um ein Wort fr einen Unglcklichen oder Gefallenen einzulegen.
Ein echt russischer Zug.] Denke nur an jenes rhrende Schauspiel, wenn
das ganze Volk zu den Verbannten kommt, die die Reise nach Sibirien
antreten, und wenn jeder etwas von seiner Habe mitbringt! der eine
Speise und Trank, der andere etwas Geld, ein dritter ein christlich
mildes Trostwort. Da gibt es nichts von Ha gegen den Verbrecher, auch
nichts von jener Donquichotterie, die aus ihm einen Helden machen will,
sich seine Unterschrift oder ein Bild von ihm zu verschaffen sucht, oder
ihn neugierig anstarrt, wie dies wohl im aufgeklrten Europa vorkommt.
Dies ist etwas Greres: es ist auch nicht der Wunsch, ihn zu
entschuldigen oder der Hand der Gerechtigkeit zu entreien; es ist der
Wunsch, seinen sinkenden Mut zu heben, ihn zu trsten, wie ein Bruder
den Bruder trstet, wie Christus uns gelehrt hat, einander zu trsten.

Puschkin hatte eine sehr hohe Meinung von dieser Neigung, den Gefallenen
wieder zu erheben. Daher pochte auch sein Herz so stolz und strmisch,
als er davon hrte, da der Monarch nach Moskau kommen wolle, whrend
dort die Cholera wtete. -- Eine Regung wie diese hatte wohl noch kein
Monarch gezeigt; und so konnte sie der Anla zu jenen wundervollen
Versen werden:

   Beim Himmel, wer so kalt und fest
   Dem schwarzen Tode kann begegnen
   Um andrer willen, ist ein Held.
   Ihn wird der Himmel ewig segnen,
   Wie auch der Spruch der blinden Welt
   Mag lauten ....

                                                            (Fiedler.)

Und in der gleichen Weise hat er einen andern Zug aus dem Leben eines
anderen Monarchen: Peters des Groen, verherrlicht. Denke an das
Gedicht: _Das Fest an der Newa_, wo er erstaunt fragt, was wohl der
Anla zu jenem ungewhnlichen lauten Jubel, jener Feier im Hause des
Zaren sein mag, von der ganz Petersburg und die ganze Newa widerhallt,
die vom Kanonendonner erschttert wird. Er zhlt alle Ereignisse auf,
die das Herz des Zaren erfreut haben mgen und der Anla zu diesem
groen Jubelfeste sein knnten; er fragt sich: ist dem Zaren ein
Thronerbe geboren, feiert die Zarin, seine Gemahlin, ihren Geburtstag,
triumphiert der Zar ber einen unbesiegbaren Feind, oder ist die Flotte,
fr die der Zar eine besondere Leidenschaft hatte, im Hafen eingelaufen?
Und er antwortet auf alle diese Fragen:

   Weil zum Feind er stieg hernieder
   Und begrub uralten Groll,
   Schumen Becher, tnen Lieder,
   Ist der Zar so freudenvoll,
   Herrschet Jubel in den Hallen,
   Rauscht das Fest am Newastrand.
   Und Kanonenschsse schallen
   Donnernd durch das weite Land.

Puschkin allein konnte die ganze Schnheit einer solchen Handlung
empfinden. Seinem Untertan nicht nur vergeben knnen, sondern diese Tat,
diesen Akt der Vergebung auch noch feiern, wie den Sieg ber einen Feind
-- das ist ein wahrhaft gttlicher Zug. Nur im Himmel ist man solcher
Handlungen fhig. Nur dort ist mehr Freude ber die Reue eines Snders
als ber einen Gerechten und alle unsichtbaren himmlischen Heerscharen
nehmen an dem himmlischen Festmahle Gottes teil. Puschkin war ein Kenner
alles Groen im Menschen, fr das er ein tiefes Verstndnis hatte, und
wie htte es auch anders sein knnen, wenn die innere Vornehmheit ein
charakteristischer Zug fast aller unserer Schriftsteller ist? Es ist
hchst merkwrdig, da die Schriftsteller in allen anderen Lndern wegen
ihres persnlichen Charakters nicht die volle Achtung der Gesellschaft
genieen. Bei uns ist es gerade umgekehrt. Bei uns wird selbst ein
Mensch, der kein Schriftsteller, sondern ein bloer Pfuscher ist, der
nicht allein keine schne Seele hat, sondern sich bisweilen sogar recht
gemeine und niedrige Handlungen zuschulden kommen lt, im Innern
Rulands durchaus nicht fr einen gemeinen Menschen gehalten. Im
Gegenteil, in allen Russen, selbst in denen, die kaum etwas von den
Schriftstellern hren, lebt etwas wie eine innere berzeugung, da der
Schriftsteller ein hheres Wesen ist, da er unbedingt ein edler Mensch
sein mu, da sich vieles fr ihn nicht schickt und da er sich manches
nicht gestatten darf, was man andern verzeiht. In einer unserer
Provinzen gab ein Adliger, der zugleich Literat war, whrend der Wahlen
zur Adelsversammlung seine Stimme einem Menschen, der kein ganz reines
Gewissen hatte -- da wandten sich alle Adligen sofort gegen ihn,
tadelten ihn und sagten vorwurfsvoll: Und das will ein Schriftsteller
sein!

                                                                 1846.




                                   XI
                              Diskussionen
                        Aus einem Brief an L***


Der Streit um den Grundcharakter unserer europischen und slawischen
Natur, der, wie du sagst, bereits in unsere Salons einzudringen beginnt,
beweist nur, da wir bereits zu erwachen anfangen, aber noch nicht ganz
erwacht sind; daher ist es gar nicht verwunderlich, da auf beiden
Seiten viel trichtes Zeug zusammengeredet wird. All diese Slawisten und
Europisten -- Altglubige und Neuglubige -- stlinge und Westlinge --
(was sie aber in Wahrheit sind, wei ich dir nicht zu sagen, weil sie
mir bis jetzt nur eine Karikatur auf das zu sein scheinen, was sie
wirklich sein wollen) -- sie alle sprechen von zwei ganz verschiedenen
Seiten derselben Sache, ohne auch nur zu ahnen, da sie sich ja gar
nicht widersprechen, und da eigentlich gar kein Anla zum Streit fr
sie vorliegt. Die einen stehen zu nahe vor einem Gebude und sehen nur
einen Teil von ihm, die andern stehen zu weit und sehen die ganze
Fassade, knnen aber dafr die einzelnen Teile nicht genau sehen.
Natrlich ist die Wahrheit mehr auf seiten der Slawophilen und stlinge,
weil sie ja doch die ganze Fassade sehen, und folglich vom Ganzen und
nicht von den Teilen reden. Aber auch die Europer und Westlinge haben
bis zu einem gewissen Grade recht, weil sie mit einer gewissen
Ausfhrlichkeit und Bestimmtheit von der Mauer reden, die sie
unmittelbar vor Augen haben; ihr Fehler besteht nur darin, da sie ber
dem Giebel, der diese Mauer krnt, die Spitze, in die der ganze Bau
ausluft, d. h. das Kapitl, die Kuppel und alle oberen Teile, nicht
sehen. Man knnte den einen den Rat geben, doch, wenn auch nur fr einen
Augenblick, etwas nher heranzukommen, und den andern, ein wenig
zurckzutreten. Aber sie werden nicht darauf eingehen, weil der Geist
des Hochmuts beide gefangen hlt. Jeder von beiden ist berzeugt, da
das Recht ganz und ausschlielich auf seiner Seite, und das Unrecht ganz
und ausschlielich auf seiten des andern ist. Freilich ist mehr Hochmut
auf seiten der Slawophilen; sie prahlen gern, jeder von ihnen bildet
sich ein, er habe Amerika entdeckt, und macht aus jeder Mcke, die er
findet, einen Elefanten. Natrlich bringen sie mit solch trotzigen
Grosprechereien die Westlinge nur noch mehr gegen sich auf, die vieles
schon lngst aufgegeben htten, weil sie heute bereits mancherlei kennen
lernen, wovon sie frher nie etwas gehrt haben, und sich nur noch
dagegen struben, weil sie dem allzu trotzig tuenden Gegner nicht gern
nachgeben wollen. [Diese Streitigkeiten wren alle miteinander nicht
gefhrlich, wenn sie sich nur auf die Salons und die Zeitschriften
beschrnkten. Das Schlimme ist, da zwei entgegengesetzte Anschauungen,
die noch so wenig ausgereift und geklrt sind, bereits die Kpfe vieler
Mnner von mtern und Wrden zu beeinflussen beginnen. Man hat mir
erzhlt, es kme vor -- und dies sei besonders dort der Fall, wo ein Amt
oder wo die Macht in den Hnden zweier Personen liegt -- da ein
Vorgesetzter vollkommen in europischem Geiste zu wirken und zu regieren
sucht, whrend der andere ganz im altrussischen Geist zu wirken und alle
alten Einrichtungen zu befestigen strebt, die in einem absoluten
Gegensatz zu denen stehen, die sein Kollege einzufhren plant. Und
daraus erwchst, sowohl fr die Sache selbst wie fr die Beamten, nur
Unheil: sie wissen nicht mehr, wem sie gehorchen sollen. Und da beide
Ansichten, trotzdem sie so extrem sind, noch keinem vllig klar sind,
machen sich, wie man sagt, allerhand Schelme diesen Umstand zunutze.
Auch der Gauner hat jetzt die Mglichkeit, sich, sei es unter der Maske
eines Slawophilen oder Europaschwrmers -- wie sich's trifft -- d. h. je
nachdem was dem Vorgesetzten gerade mehr gefllt, ein hbsches Pstchen
zu ergattern und dort entweder als Verteidiger der alten Sitten oder als
Vorkmpfer einer neuen Ordnung allerhand Durchstechereien zu verben.]
Diese Streithndel sind berhaupt eine Angelegenheit, an der sich
klgere und ltere Leute nicht beteiligen sollten. Mag sich doch die
Jugend zuerst grndlich austoben: das ist ihre Sache. Glaube mir, es ist
nun einmal so und mu auch so sein, da sich die grten Schreier
grndlich sattschreien mssen, damit die klugen Leute unterdessen einmal
grndlich nachdenken knnen. Hre aufmerksam zu, wenn sich die Menschen
um dich herum streiten, aber mische dich nicht selbst in ihren Streit.
Die Idee des Werks, das du schreiben willst, ist sehr vernnftig, und
ich bin sogar berzeugt, da du dies besser machen wirst, als ein groer
Schriftsteller. Nur um eins bitte ich dich, arbeite nach Mglichkeit nur
in Stunden grter Kaltbltigkeit und Ruhe daran. Gott bewahre dich vor
jeglicher Heftigkeit und Hitze, auch bei dem unbedeutendsten Ausdruck.
Zorn ist nie am Platze, am wenigsten bei einer guten Sache, weil er ihr
gutes Recht nur trbt und verdunkelt. Sei immer eingedenk, da du kein
Jngling mehr, sondern bereits ein Mann in vorgeschrittenem Alter bist.
Einem jungen Mann stnde es vielleicht noch an, heftig zu sein und zu
zrnen: wenigstens verleiht ihm der Zorn in den Augen mancher Leute
etwas Schnes. Wenn dagegen ein alter Mann heftig wird, wird er ganz
einfach hlich und wird von den jungen Leuten verspottet und lcherlich
gemacht. Siehe zu, da man nicht einmal von dir sagt: Dieser hliche,
alte Mann! Sein ganzes Leben lang hat er auf der Brenhaut gelegen und
nichts getan und nun tritt er pltzlich auf und macht andern Leuten
Vorwrfe wegen ihres schlechten Lebenswandels. Aus dem Munde eines
alten Mannes sollen nur gtige, nicht aber laute und polternde Worte
kommen. Ein Geist reinster Milde und Sanftmut mu die hohen Reden des
Greises durchwehen, so da die jungen Leute kein Wort der Entgegnung
finden und das Gefhl haben, da jede Rede hier unziemlich wre und da
ein ergrautes Haupt etwas Ehrwrdiges habe.

                                                                 1844.




                                  XII
                     Der Christ schreitet vorwrts
                             An Schtsch--w


Mein Freund! Halte dich nicht fr mehr, als fr einen Lehrling und fr
einen Schler. Glaube nicht, da du schon zu alt bist, um noch zu
lernen, da deine Krfte und Fhigkeiten schon die rechte Reife und den
hchsten Grad der Entwicklung erreicht und da dein Charakter und deine
Seele schon ihre rechte Gestalt angenommen haben und nicht mehr besser
werden knnen. Fr einen Christen gibt es keine vollendete Lehrzeit, er
bleibt ein ewiger Lehrling, ein Schler bis zum Grabe. Nach dem
gewhnlichen Lauf der Dinge erreicht der Mensch seine hchste
Verstandesreife mit dreiig Jahren. Zwischen dem dreiigsten und
vierzigsten Jahre geht es mit seinen Krften noch ein wenig aufwrts;
jenseits dieser Altersgrenze aber gibt es kein Fortschreiten mehr und
wird alles, was der Mensch produziert, nicht nur keineswegs besser,
sondern sogar schwcher und klter als das, was er frher hervorgebracht
hat. Dies gilt jedoch nicht fr einen Christen, und wo fr die andern
die Grenze der Vollkommenheit liegt, da beginnt der Weg erst fr den
Christen. Die begabtesten und fhigsten Menschen werden, wenn sie das
vierzigste Jahr berschritten haben, stumpf, mde und schwach. Nimm alle
Philosophen und die grten weltumspannenden Genies: ihre Bltezeit
fllt in die Epoche ihrer besten Mannesjahre; von da ab beginnt ihr
Geist bereits nachzulassen, und im Alter fallen sie sogar hufig in
Kindheit zurck. Denke zum Beispiel an Kant, der whrend seiner letzten
Jahre fast gnzlich das Gedchtnis verlor, ein Kind wurde und starb.
Vergleiche damit das Leben aller Heiligen, und du wirst sehen, da sie
an Verstand und Geisteskrften erstarkten, je gebrechlicher sie wurden
und je mehr sie sich dem Tode nherten. Selbst die unter ihnen, die von
Natur keineswegs mit glnzenden Gaben ausgestattet waren und ihr ganzes
Leben lang fr einfltig und dumm galten, setzten die Menschen spter
durch die Weisheit ihrer Reden in Erstaunen. Woher kommt das wohl? Weil
sie sich jene vorwrtstreibende Kraft erhielten, die jeder andere Mensch
nur whrend seiner Jugendjahre besitzt, wenn er von Heldentaten trumt,
denen der Lohn des allgemeinen Beifalls winkt, wenn er noch in rosige
Fernen blickt, die fr den Jngling soviel Verlockendes haben. Versinken
aber diese Fernen erst einmal und mit ihnen die Heldentaten -- so
erlischt auch die Kraft, die ihn vorwrts treibt. Vor dem Christen aber
strahlt ewig eine lockende Ferne und ihm stehen stets unvergngliche
Heldentaten bevor. Wie ein Jngling sehnt er sich nach den Kmpfen des
Lebens; ihm fehlt es nie an einem Feind, gegen den er zu streiten und
anzukmpfen htte, weil sein in sich zurckgewandter Blick, der immer an
Schrfe und Klarheit zunimmt, ihm in seinem Innern stets neue Gebrechen
und Fehler aufdeckt, die ihn zu neuen Kmpfen aufrufen. Daher knnen
auch seine Krfte nie ganz einschlummern oder schwcher werden, sie
werden vielmehr unaufhrlich geweckt, und der Wunsch, besser zu sein und
sich den himmlischen Beifall zu verdienen, ist ihm ein solcher Ansporn,
wie ihn nicht einmal der ehrgeizigste Mensch in seiner unersttlichen
Ehrsucht besitzt. Das ist der Grund, weswegen der Christ noch weiter
fortschreitet, wenn die andern Menschen bereits Rckschritte machen, und
warum er immer klger wird, je weiter er fortschreitet.

Der Verstand ist nicht das hchste Vermgen in uns. Er hat lediglich
polizeiliche Funktionen; er kann nur die Dinge ordnen und jedem Ding
seinen Platz anweisen, das bereits in uns liegt. Er selbst aber
schreitet nicht vorwrts, wenn ihm die beiden andern Vermgen in uns,
aus denen er seine Weisheit schpft, nicht vorangehen. Abstrakte
Lektre, Grbeleien und ein fortgesetztes Studium aller Wissenschaften
tragen nur sehr wenig zu seiner Entwicklung bei: zuweilen ersticken sie
ihn sogar und hemmen sie ihn in seiner selbstndigen Entwicklung. Er ist
weit abhngiger von den Zustnden des Gemts: sowie die Leidenschaften
in uns zu toben beginnen, wird er blind und tricht; ist unsere Seele
dagegen ruhig und von keiner Leidenschaft bewegt, so erhellt und klrt
auch er sich und lt uns klug und weise handeln. Die Vernunft ist ein
weit hheres Vermgen; aber sie wird nur durch den Sieg ber die
Leidenschaften erworben. Nur solche Menschen haben sie besessen, die
ihre eigene Selbsterziehung nie vernachlssigten. Aber auch die Vernunft
setzt den Menschen noch nicht in den Stand, fortzuschreiten und vorwrts
zu streben. Es gibt ein noch hheres Vermgen; es heit Weisheit, und
diese kann uns nur Christus allein verleihen. Sie wird keinem von uns
bei seiner Geburt in die Wiege gelegt, sie ist keinem von uns angeboren,
sondern ist ein Geschenk der hchsten, himmlischen Gnade. Der, der schon
Verstand und Vernunft besitzt, kann sich die Weisheit nur dadurch
erwerben, da er Gott Tag und Nacht immer wieder in heiem Gebet bittet,
sie ihm herabzusenden, da er seine Seele bis zur reinsten
unschuldigsten Gte und Milde erhebt und alles in sich nach bestem
Vermgen reinigt und in Ordnung bringt, um diesen himmlischen Gast in
sich aufzunehmen, der solche Wohnungen meidet, in denen noch keine
Ordnung im seelischen Hausgert herrscht und wo noch nicht alles ganz
eintrchtig und harmonisch zusammenklingt. Wenn jedoch die Weisheit das
Haus betritt, dann beginnt ein himmlisches Leben fr den Menschen, und
er lernt die ganze wundersame Sigkeit kennen, die darin liegt, ein
Schler zu sein; die ganze Welt wird seine Lehrerin, der geringste unter
den Menschen kann ihm zum Lehrer werden. Aus dem einfachsten Rat wei er
die weise Belehrung, die in ihm steckt, herauszulesen; das trichteste
Ding wendet ihm seine tiefste, klgste Seite zu, und das ganze Weltall
liegt vor ihm, wie ein offenes Buch der Weisheit; mehr Schtze als alle
andern wird er aus diesem Buch schpfen, denn weit lauter als den andern
wird es ihm aus ihm entgegentnen, da er ein Schler ist. Sollte ihn
jedoch auch nur fr einen Augenblick der Wahn anwandeln, da seine
Lehrjahre beendet seien, da er kein Schler mehr sei, und sollte er
sich durch eine ihm erteilte Lehre oder Belehrung gekrnkt fhlen, so
wird die Weisheit pltzlich von ihm genommen werden, und er wird im
Dunkeln zurckbleiben, wie Knig Salomon in seinen letzten Tagen.

                                                                 1846.




                                  XIII
                                Karamsin
                    Aus einem Brief an N. M. Jasykow


Ich habe den Aufsatz, den Pogodin zu Ehren Karamsins geschrieben hat,
mit groem Vergngen gelesen. Das ist Pogodins beste Arbeit, sowohl der
Sauberkeit und Vornehmheit des Inhalts, als auch der ueren Form nach:
seine gewhnlichen groben und plumpen Ausflle fehlen hier ganz, und
auch der Stil hat nichts von jener rohen Flchtigkeit, die ihm so sehr
schadet. Vielmehr ist hier alles schn aufgebaut, wohl berlegt,
geordnet und vorzglich disponiert. Alle Stellen aus Karamsin sind so
klug ausgewhlt, da Karamsin gewissermaen ganz durch sich selbst
beleuchtet wird, er charakterisiert sich gleichsam selbst, bestimmt sich
mit seinen eigenen Worten den Wert und tritt damit dem Leser lebendig
vor Augen. Denn Karamsin ist in der Tat eine auergewhnliche
Erscheinung. Unter unseren Schriftstellern ist er sicherlich der, von
dem man mit dem meisten Recht behaupten kann, er habe seine Aufgabe ganz
erfllt, sein Pfund nicht in der Erde vergraben und fr die fnf
Talente, die ihm verliehen waren, noch fnf neue hinzuerworben! Karamsin
war der erste, der den Beweis erbracht hat, da ein Schriftsteller bei
uns unabhngig sei und von allen gleichmig als angesehenster Brger
unseres Staates geachtet werden kann. Er hat zuerst feierlich verkndet,
da die Zensur einem Schriftsteller nicht im Wege stehen knne, und da
sie, wenn er nur in so hohem Mae von dem reinen Streben nach dem Guten
beseelt sei, da dieses Streben seine ganze Seele erfllt, ihm in
Fleisch und Blut bergegangen und sein tgliches Brot geworden ist, nie
zu streng gegen ihn verfahren werde, und da er berall Freiheit
genieen knne. Er hat das ausgesprochen und bewiesen. Kein Mensch hat
eine so khne und edle Sprache gefhrt wie Karamsin, ohne da er darum
seine eigenen Gedanken und Meinungen zu unterdrcken brauchte, trotzdem
sie durchaus nicht in allen Punkten mit den Anschauungen der damaligen
Regierung bereinstimmten, und man hat unwillkrlich das Gefhl, da er
allein ein Recht dazu hatte. Welch eine Lehre fr einen Schriftsteller!
Und wie komisch erscheinen danach die unter uns, die da behaupten, man
knne in Ruland nie die ganze Wahrheit sagen, denn sie sei uns ein Dorn
im Auge! Und dabei drcken sie sich selbst so tricht und roh aus, da
sie weit mehr, als durch die Wahrheit selbst, durch die hochmtigen
Worte verletzen, mit denen sie ihre Wahrheit zum Ausdruck bringen, und
deren malose Heftigkeit nur die Zuchtlosigkeit eines undisziplinierten
verworrenen Geistes bezeugt; und dann wundern sie sich noch und sind sie
emprt, da niemand ihre Wahrheit anerkennen und anhren will! Nein, man
mu ein so reines, harmonisches Gemt besitzen wie Karamsin, dann erst
hat man ein Recht, jene Wahrheit zu verknden: dann werden uns alle
anhren, vom Zaren bis herab zum letzten Bettler im Staate; ja man wird
uns mit solch einer Liebe und Hingebung zuhren, wie man in keinem Lande
der Welt einem parlamentarischen Redner und Verteidiger der Brgerrechte
und keinem der hervorragenden Prediger zuzuhren pflegt, die die Elite
der modernen Gesellschaft um sich versammeln. Mit solch einer Liebe und
Hingebung vermag eben nur unser herrliches Ruland zuzuhren [von dem
man sich erzhlt, da es die Wahrheit berhaupt nicht liebt].

                                                                  1846




                                  XIV
    Vom Theater, von einer einseitigen Ansicht ber das Theater und
                      von der Einseitigkeit berhaupt
                        An den Grafen A. P. T...


Sie sind sehr einseitig und zwar sind Sie erst seit kurzer Zeit so
einseitig geworden; und Sie sind es nur deshalb geworden, weil ein
Mensch, der sich in der Gemtsverfassung befindet, in der Sie sich jetzt
eben befinden, nicht anders als einseitig werden kann. Sie denken nur
noch an das Heil und die Rettung Ihrer Seele, und da Sie noch immer den
Weg nicht entdecken knnen, auf dem es Ihnen bestimmt ist, Ihr
Seelenheil zu finden, so halten Sie alles auf der Welt fr sndhaft und
fr ein Hindernis auf dem Wege zu Ihrer Rettung. Ein Mnch kann nicht
strenger sein, als Sie. So sind auch Ihre Ausflle gegen das Theater
ganz einseitig und ungerecht. Sie suchen darin eine Sttze fr Ihre
Ansicht, da auch einige Geistliche, die Sie kennen, gegen das Theater
eifern: und sie haben ganz recht, whrend Sie unrecht haben. Denken Sie
einmal etwas tiefer darber nach: _sind Sie wirklich_ gegen das Theater
oder nur gegen jene Form, jene Gestalt, in der es heute auftritt. Die
Kirche wandte sich in den ersten Jahrhunderten, als das Christentum
berall zur Annahme gelangt war, gegen das Theater, das war zu einer
Zeit, als das Theater noch der einzige Zufluchtsort des von berall
vertriebenen Heidentums und eine Freisttte seiner wilden Bacchanale
war. Das war der Grund, weswegen Johannes Chrysostomus so mchtig gegen
das Theater eiferte. Aber die Zeiten haben sich gendert. Die ganze Welt
hat sich erneut durch das Heraufkommen junger und frischer europischer
Vlker, deren Bildung und Erziehung bereits auf christlicher Grundlage
begann, und nun waren es die heiligen Mnner selbst, die das Theater
wieder begrndeten und einfhrten: an den geistlichen Akademien wurden
Theater gegrndet. Unser Dimitrij Rostowski, der mit Recht zu den
heiligen Kirchenvtern gezhlt wird, dichtete selbst Stcke, die zur
Auffhrung bestimmt waren. Folglich liegt die Schuld nicht beim Theater.
Man kann alles in sein Gegenteil verkehren und allem einen schlechten
Sinn unterlegen; der Mensch ist hierzu fhig. Man mu einem Ding jedoch
stets auf den Grund gehen und in Betracht ziehen, was es sein soll, und
es nicht nach den Karikaturen beurteilen, die nach ihm hergestellt
wurden. Das Theater ist durchaus keine geringe Sache und keine
unwichtige Angelegenheit, wenn man bercksichtigt, da es eine groe
Menge von fnf- bis sechstausend Menschen mit einem Male in seinen
Rumen aufnehmen und beherbergen kann und da diese ganze Menge, in der
die einzelnen, fr sich genommen, nichts miteinander gemein haben,
pltzlich von einer groen Erschtterung ergriffen werden, in einem
einzigen Augenblick in _einen_ Strom von Trnen oder in ein einziges
allgemeines Gelchter ausbrechen kann. Das ist ein Katheder, von dem aus
man der Welt sehr viel Gutes sagen kann. Sie mssen freilich einen
Unterschied machen zwischen dem eigentlichen, sogenannten hheren
Theater und jenen Ballettauffhrungen, Tnzen, Possen, Melodramen und
all jenem Flitter und falschen Prunk der Ausstattungsstcke, die nur fr
das Auge berechnet sind und die nur einem korrupten Geschmack oder einem
korrupten Gefhl schmeicheln, und Sie mssen daneben das eigentliche
Theater ins Auge fassen. Ein Theater, in dem hohe Tragdien und Komdien
aufgefhrt werden, mu in vlliger Unabhngigkeit von allen anderen
Knsten dastehen. Es wre ja auch merkwrdig, Shakespeare mit Tnzern
und Tnzerinnen in weiledernen Hosen unter einen Hut bringen zu wollen.
Welch eine Kombination! Die Beine sind etwas fr sich, und ebenso ist
der Kopf etwas fr sich. In einzelnen Gegenden Europas hat man das
begriffen: dort gibt es eigene Theater fr die Werke der hheren
dramatischen Kunst, und nur diese Theater werden von der Regierung
subventioniert. Man sollte ganz ernsthaft darber nachdenken, ob es
nicht mglich wre, die besten Werke der dramatischen Kunst so zur
Auffhrung zu bringen, da das Publikum auf sie aufmerksam wrde und da
die wohlttige moralische Wirkung, die von allen groen Dichtern
ausgeht, ganz zur Geltung kme. Shakespeare, Sheridan, Molire, Goethe,
Schiller, Beaumarchais, sogar Lessing, Regnard und viele andere unter
den Dichtern zweiten Ranges aus dem verflossenen Jahrhundert haben
nichts geschrieben, was dazu beitragen konnte, unsere Achtung vor den
groen Gegenstnden zu verringern; in ihren Dichtungen sind nicht die
leisesten Nachwirkungen davon zu spren, was in den Werken der
fanatischen Autoren jener Zeit grt und brodelt, die sich mit
politischen Fragen beschftigten und die Saat der Miachtung gegen das
Heilige ausstreuten. Wenn auch bei jenen einmal Hohn und Spott
aufblitzen, so richten sie sich gegen die Heuchelei, Gotteslsterung,
Verdrehung der Wahrheit und niemals gegen das, was die Wurzel aller
menschlichen Tugend bildet; im Gegenteil, ihre Liebe fr das Gute ist
selbst dort noch streng und deutlich vernehmbar, wo sie ganze Garben
funkelnder Epigramme aufblitzen lassen. Hufige Wiederholungen
dramatischer Werke hohen Stils, d. h. jener wahrhaft klassischen Stcke,
die sich mit dem Wesen und mit der Seele der Menschen beschftigen,
mssen dazu fhren, da die Menschen sich festen Grundstzen zuneigen
und in ihnen bestrkt werden und da sich ihre Charaktere unmerklich
innerlich krftigen und befestigen, whrend diese Flut von leichten und
nichtssagenden Stcken, von all diesen Possen und schlecht durchdachten
Dramen bis hinauf zum Ballett und selbst zur Oper nur ablenkt und
zerstreut und die Gesellschaft oberflchlich und leichtsinnig macht.
Eine Welt, deren Aufmerksamkeit durch Millionen glnzender Gegenstnde
in Anspruch genommen wird, die unsere Gedanken nach allen Richtungen
ablenken und zerstreuen, wird Christus nicht so bald auf ihrem Wege
begegnen. Sie ist noch zu weit von den himmlischen Wahrheiten des
Christentums entfernt. Sie wird erschrocken zurckweichen, wie vor
finsteren Klostermauern, wenn man ihr keine unsichtbare Leiter reicht,
die zum Christentum emporfhrt, und wenn man sie nicht auf einen hheren
Platz geleitet, von dem aus sie den unendlichen Horizont des
Christentums besser berschauen und alles besser erkennen kann, was ihr
frher gnzlich unverstndlich war. In der Welt gibt es vielerlei, was
allen, die sich vom Christentum entfernt haben, als Leiter dienen kann,
die sie unsichtbar zum Christentum emporleitet, darunter auch das
Theater, wenn es seiner hchsten Bestimmung zugefhrt werden knnte. Man
mte die vollkommensten Werke aller Zeiten und Vlker in ihrer ganzen
strahlenden Schnheit zur Auffhrung bringen. Man mte sie hufiger, ja
so hufig als mglich, auffhren, man mte ein und dasselbe Werk
fortwhrend wiederholen. Und das ist sehr wohl mglich. Man kann allen
Stcken ihre Frische und Neuheit wiedergeben, so da sie alle
interessieren, die Kleinsten wie den Grten, wenn man es nur versteht,
sie richtig aufzufhren. Das sind Torheiten, da sie veraltet sind und
da das Publikum den Geschmack an ihnen verloren hat. Das Publikum ist
gar nicht so launenhaft, es wird einem immer dorthin folgen, wohin man
es fhrt. Wenn ihm die Autoren nicht stets ihre blen Melodramen
vorsetzen wrden, wrde das Publikum auch keinen Geschmack an ihnen
finden und nicht nach ihnen verlangen. Man nehme das abgespielteste
Stck und fhre es auf, wie es sich gehrt, dann wird das Publikum in
Scharen herbeistrmen. Molire wird ihm ganz neu erscheinen. Shakespeare
wird es mehr locken als die modernste Posse. Aber freilich mu eine
solche Auffhrung tatschlich und absolut knstlerisch sein, und diese
Aufgabe mu stets einem wahrhaften Knstler und dem allerersten und
tchtigsten Schauspieler, der sich in der ganzen Truppe findet,
anvertraut werden. Auch soll man ihm nicht etwa noch einen Gehilfen,
irgendeinen Beamten und Sekretr, als Anhngsel zugesellen, sondern er
soll alles allein machen und allein ber alles verfgen. Es mu sogar
besonders dafr gesorgt werden, da die ganze Verantwortlichkeit ihm
allein zufalle; man mu ihn ffentlich vor versammeltem Publikum
smtliche Nebenrollen -- und zwar eine nach der anderen -- spielen
lassen, um den weniger bedeutenden Schauspielern lebendige Vorbilder vor
Augen zu stellen; denn diese studieren ihre Rollen nach toten
Vorbildern, die durch eine dunkle berlieferung bis auf sie gekommen
sind, sie schpfen ihre Belehrung aus Bchern und nehmen kein wirkliches
lebendiges Interesse an ihren Rollen. Schon diese Darstellung
untergeordneter Rollen durch einen erstklassigen Schauspieler kann das
Publikum anlocken und es reizen, sich ein und dasselbe Stck zwanzigmal
nacheinander anzusehen. Wen knnte es nicht interessieren, Schtschepkin
oder Karatygin Rollen spielen zu sehen, die sie bisher noch niemals
gespielt haben! Wenn dann ein solcher erstklassiger Schauspieler auf
seine alte Rolle zurckkommt, nachdem er smtliche anderen Rollen
gespielt hat, wird er sich einen ganz andern, umfassenderen Begriff von
seiner Rolle, sowie von dem ganzen Stck gebildet haben; das Stck aber
wird durch diese Vollkommenheit der Darstellung -- etwas bisher vllig
Unerhrtes -- fr den Zuschauer noch mehr an Interesse gewinnen. Es gibt
nichts, was den Menschen strker ergreift und erschttert, als jene
vollkommene Ausgeglichenheit und bereinstimmung aller Teile, wie sie
ihm bisher nur in der Ausfhrung eines Musikstckes durch ein Orchester
entgegentreten konnte, und durch die man es dahin zu bringen vermag, da
ein Werk der dramatischen Kunst hufiger hintereinander gegeben werden
kann, als die beliebteste Oper. Man mag sagen, was man will, aber die in
Worte gefaten Tne des Herzens und der Seele sind weit mannigfaltiger,
als die Tne der Musik. Ich mu jedoch wiederholen, dies alles ist nur
dann mglich, wenn diese Aufgabe auch tatschlich so ausgefhrt, wie es
sich gehrt, und wenn die volle Verantwortlichkeit fr das Repertoire
einem erstklassigen Schauspieler zufllt, d. h. wenn die Tragdien von
dem ersten tragischen und die Komdien vom ersten komischen Schauspieler
inszeniert werden und wenn beide ganz allein die Leitung des Ganzen
innehaben. [Ich sage: sie allein, weil ich wei, wieviel Leute es bei
uns gibt, die bei jeder Sache dabei sein wollen und sich berall
herandrngen. Sowie irgendein Posten geschaffen wird, der mit
irgendwelchen Geldeinnahmen verknpft ist, so ist auch schon irgendein
Sekretr bei der Hand, der sich hinzudrngt. Woher er pltzlich kommt,
das wei Gott allein: es ist, wie wenn er pltzlich aus dem Wasser
emporgetaucht wre; er beweist euch sofort, so klar wie da zwei mal
zwei vier ist, seine Unentbehrlichkeit, beginnt damit, da er Papiere
und Akten ber konomische Fragen vollschreibt und dann fngt er
allmhlich an, sich in alles hineinzumengen, bis schlielich alles in
Unordnung gert. Diese Sekretre sind wie ein unsichtbarer
Mottenschwarm; sie haben alle Berufe und mter unterwhlt, und das
Verhltnis zwischen Vorgesetzten und Untergebenen einerseits und den
Untergebenen und Vorgesetzten andererseits gnzlich verwirrt und
verschoben. Wir haben uns erst neulich ber alle Berufe und mter
unterhalten, die es in unserem Vaterlande gibt. Indem wir ein jedes Amt
innerhalb der ihm gezogenen Grenzen betrachteten, fanden wir, da sie
gerade das sind, was sie sein sollen, da sie gewissermaen wie durch
die Hand des Hchsten dafr geschaffen sind, um allen Bedrfnissen
unseres Staatslebens zu gengen, und da sie alle insgesamt von ihrem
wahren Ziel abgewichen sind, weil jedermann mit allen andern darum zu
wetteifern schien, die Grenze der ihm gezogenen Berufspflichten zu
zerstren oder sich vllig ber sie hinwegzusetzen. Alle, selbst ganz
kluge und ehrliche Leute, wollten durchaus, wenn auch nur um ein
Zollbreit, mehr Macht haben und den Kreis ihrer Ttigkeit berschreiten,
weil sie glaubten, da sie selbst und ihr Beruf hierdurch vornehmer und
edler werden mten. Wir sind damals smtliche Beamtenkategorien, von
den hchsten bis zu den niedrigsten, durchgegangen, die Sekretre aber
haben wir vergessen, und gerade sie neigen am meisten dazu, die Grenzen
ihres Berufs zu berschreiten. Wo ein Sekretr lediglich Schreiberarbeit
zu leisten hat, sucht er die Rolle eines Vermittlers zwischen
Vorgesetzten und Untergebenen zu spielen. Wo man eines solchen
Vermittlers zwischen Vorgesetzten und Untergebenen bedarf und wo ihm
diese Vermittlung bertragen wird, da beginnt er, wichtig zu tun; er tut
dem Untergebenen gegenber so, als ob er selbst sein Vorgesetzter wre,
er richtet sich ein Vorzimmer ein, lt die Leute stundenlang auf sich
warten, kurz: statt den Untergebenen den Zutritt zu ihrem Vorgesetzten
zu erleichtern, trgt er nur dazu bei, ihn noch mehr zu erschweren. Und
dies alles geschieht hufig nur deshalb, um der Stellung eines Sekretrs
einen Schein von Vornehmheit zu geben. Ich habe sogar einige treffliche
und gescheite Leute gekannt, die die Untergebenen ihres Vorgesetzten in
meiner Gegenwart so behandelten, da ich fr diese Menschen errten
mute. Mein Chlestakow war in solchen Augenblicken ein Stmper gegen
sie. Dies alles wre brigens noch nicht so schlimm, wenn es nicht so
viele traurige Folgen htte. Viele wahrhaft ntzliche und unentbehrliche
Menschen sind schon aus dem Staatsdienst ausgetreten lediglich wegen der
Niedertracht eines Sekretrs, der die gleiche Achtung fr sich in
Anspruch nahm, die sie allein dem Vorgesetzten schuldeten, und der sich,
wenn ihm jemand diese Achtung verweigerte, dadurch rchte, da er ihn zu
verleumden suchte, dem Vorgesetzten eine schlechte Meinung von ihm
beibrachte, kurz sich der niedertrchtigsten Mittel bediente, deren nur
ein ehrloser Mensch fhig ist. In den Departements fr die schnen
Knste usw. liegt die Oberleitung in den Hnden eines Komitees oder
eines unmittelbaren Vorgesetzten, der an der Spitze steht, und da gibt
es meist keinen Sekretr, der die Rolle eines Vermittlers spielt: da hat
er lediglich die Verfgungen anderer schriftlich zu fixieren oder er hat
die Geschftsfhrung und die Verwaltung der Finanzen inne; zuweilen aber
kommt es doch auch dort vor, da er sich dort infolge der Trgheit der
Mitglieder oder aus irgendeinem andern Grunde immer tiefer einnistet und
die Rolle eines Vermittlers oder sogar eines knstlerischen Leiters an
sich reit. Und dann ist einfach der Teufel los: der Zuckerbcker fngt
an Stiefel zu machen und der Schuster mu Kuchen backen. Ein Knstler
erhlt Instruktionen, die nicht von einem Knstler herrhren; es
erscheint eine Verordnung, von der man berhaupt nicht verstehen kann,
wozu sie erlassen worden ist. Oft wundert man sich, wie ein Mensch, der
doch bis dahin ganz gescheit war, pltzlich ein so trichtes
Schriftstck abfassen konnte; dabei aber ist er nicht im mindesten daran
beteiligt; das Schriftstck stammt aus einer Quelle, an die kein Mensch
auch nur denken konnte, wie das Sprichwort sagt: Ein Schreiber hat's
hingeschmiert, dem der Name Hndchen gebhrt.]

Bei jeglicher Kunst sollte die letzte und hchste Durchfhrung und
Ausfhrung in den Hnden eines hchsten Meisters dieser Kunst liegen
[und nicht in den Hnden irgendeines Sekretrs, der lediglich bei der
Verwaltung des Geschfts und der Finanzen verwendet werden sollte]. Nur
der Meister selbst kann Unterricht in seiner Kunst erteilen, da er
allein alles kennt, was dazu erforderlich ist, und kein anderer. Nur ein
erstklassiger Schauspieler, der ein wirklicher Knstler ist, kann eine
gute Auswahl von Stcken treffen und sie nach strengen Grundstzen
sichten; er allein kennt das Geheimnis, wie die Proben geleitet werden
mssen, er wei, wie wichtig es ist, hufige Leseproben und
Probeauffhrungen des ganzen Stckes zu veranstalten. Er wird es dem
Schauspieler nicht einmal erlauben, seine Rolle zu Hause auswendig zu
lernen, sondern es so einrichten, da die Schauspieler das Ganze
zusammen einstudieren und da jeder seine Rolle ganz von selbst whrend
der Proben lernt und im Kopfe behlt, so da er durch die Umstnde
selbst, durch das ihn umgebende Milieu und durch die bloe Berhrung mit
ihm unwillkrlich den richtigen und seiner Rolle angemessenen Ton
trifft. Dann kann auch ein schlechter Schauspieler manches Gute lernen:
solange die Schauspieler ihre Rolle noch nicht auswendig knnen, knnen
sie sich vieles von einem guten Schauspieler aneignen. Hier erfllt sich
jeder, ohne selbst zu wissen, wie es geschieht, mit Wahrheit und
Natrlichkeit, sowohl in der Rede als auch in den Bewegungen. Der Ton
der Frage verleiht dem Ton der Antwort seine Farbe. Ist die Frage in
einem geschwollenen hochtrabenden Ton gehalten, so wird auch die Antwort
hochtrabend sein; stelle eine einfache Frage, so wird auch die Antwort
einfach ausfallen. Selbst der einfachste, schlichteste Mensch ist
imstande, eine passende Antwort zu geben. Aber wenn der Schauspieler
seine Rolle zu Hause auswendig gelernt hat, dann wird seine Antwort
geschwollen und einstudiert klingen, und diesen Ton der Antwort wird er
nie wieder loswerden knnen. Du wirst nie einen andern aus ihm machen,
kein Wort, keinen Tonfall wird er von dem besseren Schauspieler lernen;
die ganze Umgebung, alle Dinge und Charaktere, unter denen sich der von
ihm dargestellte Charakter bewegt, werden stumm fr ihn bleiben, und
auch das Stck wird ihm fremd bleiben und ihm nichts sagen, und er wird
sich wie ein Toter zwischen Toten bewegen. Nur ein Schauspieler, der ein
wahrhafter Knstler ist, hat ein Gefhl fr das Leben, das in einem
Stck pulsiert, und kann es dahin bringen, da dieses Leben auch allen
Schauspielern sichtbar, und lebendig von ihnen empfunden wird, nur er
allein hat den richtigen Mastab fr die Veranstaltung der Proben, wie
sie geleitet werden mssen, wann man mit ihnen aufhren kann, und
wieviel Proben gengen, um das Stck dem Publikum in wirklicher
Vollendung vorzufhren. Man mu es nur verstehen, diesen Schauspieler
und Knstler dazu zu bewegen, da er sich dieser Sache wie seiner
eigensten intimsten Aufgabe annimmt, man mu ihm beweisen, da das seine
Pflicht ist und da die Ehre seiner eigenen Kunst dies von ihm fordert
-- so wird er es tun, so wird er es durchfhren, weil er seine Kunst
lieb hat. Ja, er wird sogar noch mehr tun, er wird dafr sorgen, da
auch der unbedeutendste Schauspieler seine Rolle gut spielt, und wird
seine eigene Aufgabe in der strengen Vollendung des Ganzen sehen. Er
wird nie dulden, da ein banales oder nichtssagendes Stck auf die Bhne
gelangt, [das vielleicht ein Beamter, dem es nur darum zu tun ist, da
mglichst viel Geld in die Kasse kommt, auffhren lassen wrde], er wird
es nicht dulden, weil schon sein inneres, sthetisches Gefhl das Stck
ablehnen wird. Er ist auch nicht imstande, einen Druck auf die ihm
anvertrauten Schauspieler auszuben, sie zu tyrannisieren und zu
schikanieren, [wie das Leute aus dem Beamtenstande tun], die Rcksicht
auf den Ruhm und das Ansehen seines Namens wird ihm dies nicht erlauben.
[Irgendein Beamter, z. B. ein Sekretr dagegen wird dreist und ruhig
eine Gemeinheit begehen, da er fest davon berzeugt ist, da niemand was
davon erfahren wird, selbst wenn er sich noch so viel Gemeinheiten
zuschulden kommen lt, weil er ja eine Null ist, die niemand beachtet.
Wenn sich dagegen ein Schtschepkin oder Karatygin etwas Unrechtes
zuschulden kommen lassen wrden, so wrde dies sofort allgemeines
Stadtgesprch werden. Darum ist es so ungeheuer wichtig, da bei jeder
Sache die Hauptlast der Verantwortung auf einen Mann fllt, den bereits
jeder in der Gesellschaft kennt.] Und endlich wird ein Schauspieler, der
zugleich ein Knstler ist, der vllig in seiner Kunst lebt und aufgeht,
dessen hchstes Lebenselement die Kunst ist, ber deren Reinerhaltung er
wacht und die er htet wie ein Heiligtum, es nie dulden, da das Theater
eine Pflanzsttte des Lasters werde. -- Also: die Schuld liegt nicht
beim Theater. Man reinige das Theater erst einmal von all dem Schutt und
Plunder, der darauf ruht, und dann mag man zusehen und darber urteilen,
was das Theater ist. Ich habe hier nicht deshalb die Sprache aufs
Theater gebracht, weil ich durchaus vom Theater sprechen wollte, sondern
deshalb, weil man das, was hier bers Theater gesagt wurde, auf alle
Dinge anwenden kann. Es gibt viele Gegenstnde, die darunter zu leiden
haben, da man ihre eigentliche Bedeutung verflscht und verdreht, und
da es ja berhaupt viele Leute in der Welt gibt, die die Neigung haben,
gleich in der ersten Hitze und Erregung zu handeln oder, wie es im
Sprichwort heit, das Kind mit dem Bade auszuschtten[3] lieben, so
wird vieles, was uns allen zu Nutz und Frommen dienen knnte,
vernichtet. Einseitige Menschen, die berdies noch Fanatiker sind, sind
ein Krebsschaden fr die Gesellschaft; wehe dem Lande oder dem Staat, in
dem solche Leute einen Teil der Macht in die Hnde bekommen. Sie wissen
nichts von christlicher Demut und von Zweifeln an sich selbst; sie sind
fest davon berzeugt, da die ganze Welt lgt und nur sie allein die
Wahrheit reden. Lieber Freund! Geben Sie doch ein wenig mehr acht auf
sich! Sie befinden sich gerade in diesem gefhrlichen Zustande. Es ist
ein Glck, da Sie noch keine Stellung haben und da Sie nicht mit der
Verwaltung eines Amtes betraut sind: Sie, den ich als Menschen kenne,
der dazu befhigt ist, die schwierigsten und verantwortlichsten
Stellungen auszufllen, Sie knnten weit mehr Unheil und Unordnung
anrichten, als der unbegabteste von allen unbegabten Menschen. Nehmen
Sie sich auch mit Ihrem Urteil ber alle Dinge in acht! Seien Sie nicht
wie jene frommen Eiferer, die mit einem Male alles, was es auf der Welt
gibt, vernichten mchten, da sie alles fr eitel Teufelswerk halten. Es
ist ihr Los, in die grbsten Irrtmer zu verfallen. Etwas hnliches hat
sich neulich auf literarischem Gebiet ereignet. Da sind pltzlich Leute
erschienen und haben ffentlich in der Presse erklrt, Puschkin sei ein
Deist und kein Christ gewesen; wie wenn sie in Puschkins Seele
hineingeblickt htten, und wie wenn Puschkin durchaus verpflichtet
gewesen wre, in seinen Gedichten von den hchsten Dogmen des
Christentums zu sprechen, wozu sich selbst ein Priester der Kirche nur
mit groer Angst und tiefster Ehrfurcht entschliet, nachdem er sich
durch einen wahrhaft heiligen Lebenswandel dazu vorbereitet hat! Nach
der Ansicht dieser Leute sollte man die hchsten und erhabensten Ideen
des Christentums in Reimform bringen und sie wohl gar zu einer Art
Versspiel machen. Puschkin hat sehr klug daran getan, da er es nicht
wagte, das, wovon seine Seele noch nicht bis ins Innerste durchdrungen
war, in Verse zu kleiden, und da er es vorzog, allen denen, die sich
bereits sehr weit von Christus entfernt hatten, eine unsichtbare Sprosse
zum Hchsten zu sein, statt sie durch seelenlose Verse, wie sie von
Leuten geschrieben werden, die sich Christen nennen, dem Christentum
vllig zu entfremden. Ich kann gar nicht verstehen, wie es einem
Kritiker auch nur einfallen konnte, in der Presse ganz offen und vor
allen Leuten eine solche Beschuldigung gegen Puschkin zu erheben, seine
Werke wirkten demoralisierend auf die Menschen, wo doch selbst die
Zensur laut Vorschrift verpflichtet ist, wenn der Sinn eines Werks nicht
ganz klar aus dem Werk hervorgeht, ihm eine mglichst ungesuchte und
einfache Deutung zu geben, die mglichst gnstig fr den Autor ist, und
nicht eine falsche und geknstelte, die dem Autor schaden mu. Wenn das
sogar der Zensur zur Vorschrift gemacht wird, die immer stumm sein und
schweigen mu und nicht einmal die Mglichkeit hat, sich vor dem
Publikum zu rechtfertigen, um wieviel mehr mu sich die Kritik das zum
Gebot machen, die selbst ber die unbedeutendsten Motive und Handlungen
Aufklrung geben und sich ihretwegen rechtfertigen kann! ffentlich
erklren, ein Mensch sei kein Christ, ja er sei sogar ein Feind Christi,
indem man sich auf einige Fehler seines Charakters und darauf beruft,
da er der Welt und ihren Versuchungen erlegen sei, wie doch jeder von
uns ihnen erliegt -- ist das etwa christlich gehandelt? Ja, wer von uns
ist denn dann ein Christ? Auf diese Weise kann ich schlielich auch dem
Kritiker selbst vorwerfen, da er kein Christ sei. Ich kann sagen, ein
Christ knne nicht mit solcher Sicherheit auf seinen Verstand bauen, um
ein Urteil in einer so dunklen Sache zu fllen, die Gott allein kennt
und begreift, denn ein Christ wei, da unser Verstand nur bei einem
ganz reinen heiligen Leben der vollen Klarheit teilhaftig und dazu
befhigt wird, einen Gegenstand von allen Seiten zu sehen; der
Lebenswandel eines solchen Menschen aber ist vielleicht doch noch nicht
so ganz rein und heilig. Ein Christ wird sich erst besinnen, ehe er sich
entschliet, jemand eines solchen schweren Verbrechens anzuklagen, wie
des, er wolle Gott nicht in der Gestalt anerkennen, in der ihn uns
Gottes Sohn selbst, der zu uns auf die Erde herabgestiegen ist,
anzubeten geboten hat, -- denn das ist eine furchtbare Beschuldigung. Er
wird ferner erklren: in der Poesie ist noch vieles ein Geheimnis; es
ist schon nicht leicht, ber einen gewhnlichen Menschen ein Urteil zu
fllen, und erst ein abschlieendes und endgltiges Urteil ber einen
Dichter fllen zu wollen, das kann nur ein Mensch, der selbst etwas vom
Geist der Poesie in sich trgt und beinahe ein dem Dichter selbst
ebenbrtiger Dichter ist -- wie dies ja auch fr jedes einfache Handwerk
oder jede Kunstfertigkeit zutrifft, wo ja auch jeder in gewissem Mae
mitsprechen kann, wo aber nur der Meister selbst ein umfassendes und
endgltiges Urteil fllen darf. Kurz, der Christ wird in erster Linie
Demut ben, die sein vornehmstes Banner ist, an dem man erkennen kann,
da er ein Christ ist. Statt von den Stellen in Puschkin zu reden, deren
Sinn noch dunkel ist und auf zwei verschiedene Weisen ausgelegt werden
kann, wird ein Christ nur von den Werken sprechen, die ganz klar sind,
die aus seinem reifen Mannesalter und nicht aus seiner schwrmerischen
Jugendzeit stammen. Er wird sein gewaltiges Gedicht An einen
Kirchenfrsten anfhren, in dem Puschkin von sich selbst redet und
sagt: auch in den Jahren, als er noch fr die Schnheit und das Treiben
dieser Erdenwelt begeistert gewesen sei, habe der bloe Anblick des
Dieners Christi einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht.

[Funote 3: Aus rger ber die Luse in den Ofen mit dem Pelz!]

   Da traf dein Wort mich wundereigen
   Mit berirdischer Gewalt,
   Und meine Finger lieen schweigen
   Die Saiten, die wie Hohn geschallt.
   Mein Herz in seinem tiefsten Horte
   Schlug reuekrank, gewissenswund;
   Beim Chrysam deiner duft'gen Worte
   Ward es zu neuem Sein gesund.
   Aus deiner Geisteshhe reichst du
   Mir deine Hand zur Sttze nun;
   Mit sanfter Liebeshand verscheuchst du
   Den Sturm -- und meine Sinne ruhn.
   Das ewig Wahre, ewig Schne
   Durchflammt das Herz mir im Gebet;
   Stumm hrt des Seraphs Harfentne
   Im heiligen Schauder der Poet.

                                                            (Fiedler.)

Das ist ein Gedicht, auf das ein Kritiker hinweisen wird, der ein
wahrhafter Christ ist! Dann wird seine Kritik einen Sinn erhalten und
Gutes stiften: damit wird sie die gute Sache strken und krftigen, denn
sie wird zeigen, wie selbst ein Mensch, dessen Geist all die
verschiedenartigen Glaubensstze und alle Fragen seiner Zeit umfate,
Fragen, die noch so unklar und verworren sind, die uns so weit von
Christus entfernen, wie selbst solch ein Mensch in seinen besten
Momenten, in Augenblicken hchster Klarheit, dichterischer Erleuchtung
und Hellsichtigkeit die Hoheit des Christentums ber alles stellte. Was
aber hat die Kritik jetzt fr einen Sinn? frage ich. Wozu kann es gut
sein, da man die Menschen irrefhrt, indem man Zweifel und Argwohn
gegen Puschkin in ihre Seelen st? Es ist doch keine Kleinigkeit, den
klgsten Menschen seiner Zeit als einen Mann hinzustellen, der das
Christentum negiert -- einen Menschen, zu dem das geistige Ruland wie
zu seinem Fhrer emporschaut, der alle andern Menschen weit hinter sich
gelassen und berholt hat! Es ist noch gut, da es ein so unbegabter und
unfhiger Kritiker war und da es ihm daher nicht gelingen konnte, einer
solchen Lge Eingang zu verschaffen, und da Puschkin selbst Gedichte
hinterlassen, die diese Lge widerlegen; [wre es nicht so gewesen, was
htte er anderes tun knnen, als Unglauben statt Glauben zu verbreiten?]
So Schlimmes kann man anrichten, wenn man einseitig ist! Lieber Freund,
Gott bewahre Sie vor Einseitigkeit; mit ihr stiftet der Mensch berall
nichts wie Unheil: in der Literatur, in seiner amtlichen Ttigkeit, in
der Gesellschaft -- kurz berall! Ein einseitiger Mensch ist von sich
selbst berzeugt, ein einseitiger Mensch ist dreist, ein einseitiger
Mensch macht sich alle zu Feinden. Ein einseitiger Mensch kann nie das
rechte Ma finden. Ein einseitiger Mensch kann kein wahrer Christ sein;
er kann blo ein Fanatiker sein. Einseitigkeit im Denken ist nur ein
Zeichen dafr, da der Mensch erst auf dem Wege zum Christentum ist, da
er es noch nicht ganz erfat hat, weil das Christentum unserm Geist
Vielseitigkeit verleiht. Mit einem Wort: Gott bewahre Sie vor der
Einseitigkeit! Bewahren Sie sich einen besonnenen Blick fr jedes Ding
und denken Sie immer daran, da es zwei gnzlich entgegengesetzte Seiten
haben kann, von denen Ihnen eine noch nicht bekannt ist. Theater und
Theater -- das sind zwei verschiedene Sachen, wie es ja auch beim
Publikum zwei Arten der Begeisterung gibt: es ist doch was anders, ob
man in Entzcken gert, wenn eine Ballettnzerin ihr Fchen mglichst
hoch in die Hhe schleudert, oder ob man von Begeisterung ergriffen
wird, wenn ein groer Schauspieler durch seine erschtternde Rede die
hchsten Gefhle im Menschen zu noch reinerer Hhe steigert. Ein andres
sind die Trnen, die ein fremder Snger einem Menschen entlockt, indem
er sein Gehr in angenehmer Weise kitzelt, Trnen, die, wie ich hre,
heute auch solche Leute in Petersburg vergieen, die nicht Musiker sind,
und ein andres sind die Trnen, die dem Auge des Zuschauers entstrmen,
wenn er durch die lebendige Darstellung einer hohen Tat bis ins Innerste
erschttert wird und dann nach Verlassen des Theaters mit neuer Kraft,
noch ganz unter dem Eindruck dieser Darstellung einer heroischen
Handlung stehend, an seine pflichtmige Ttigkeit geht. Mein Freund.
Wir sind in diese Welt berufen, nicht um zu zerstren und zu vernichten,
sondern um [nach dem eigenen Vorbilde Gottes] alles zum Guten zu lenken
-- selbst das, was die Menschen bereits verdorben und zum Bsen gewandt
haben. Es gibt kein Werkzeug in der Welt, das nicht dem Dienste Gottes
geweiht wre. Alle diese Hrner, Pauken, Leiern und Zimbeln, mit denen
die Heiden ihre Gtzen verherrlichten, dienten, nach dem Siege des
Knigs David, dem wahren Gott zu Preis und Ruhme, und in Israel
herrschte noch grere Freude, als es vernahm, da dieselben
Instrumente, die noch nie Ihm zu Ehren erklungen waren, nun zu Seinem
Preis und Ruhme tnten.

                                                                 1845.




                                   XV
         ber die Aufgaben der lyrischen Dichtung unserer Zeit
                      Zwei Briefe an N. M. Jasykow


                                   I.

Dein Gedicht Das Erdbeben hat mich entzckt. Auch Schukowski war ganz
davon begeistert. Dies ist seiner Ansicht nach nicht nur das beste von
deinen Gedichten, sondern berhaupt das beste russische Gedicht. Welch
eine kluge und fruchtbare Idee: ein Ereignis der Vergangenheit zu nehmen
und in die Gegenwart zu verlegen! Auch die Anwendung auf den Dichter,
der seine Ode vollendet, ist so glcklich, da jeder von uns, was auch
sein Beruf und seine Ttigkeit sein mag, sie in diesem furchtbaren Jahr,
wo die ganze Welt in ihrem Grunde erschttert wird, und alles vor Angst
wegen des Kommenden vergehen will, auch fr sich nutzbar machen sollte.

Freund! ein lebenspendender Quell springt vor dir auf. Deine an den
Dichter gerichteten Worte:

   Und bring den angsterfllten Menschen
   Gebete mit aus Bergeshhn

sind Worte, die an dich selbst gerichtet sind. Dir enthllt sich das
Geheimnis deiner Muse. Die gegenwrtige Zeit bietet gerade dem lyrischen
Dichter die gnstigste Gelegenheit zur Bettigung. Mit der Satire kann
man nicht viel ausrichten: mit einfachen Schilderungen und Nachbildungen
der Wirklichkeit, wie sie sich dem Auge moderner, weltlich gerichteter
Menschen darstellt, kann man niemand aus dem Schlummer wecken: die
heutige Zeit schlft den tiefen Schlaf des Helden. Nein, finde in der
Vergangenheit ein Ereignis, wie es sich auch heute ereignen knnte,
fhre es uns plastisch vor Augen und triff es im Angesichte aller mit
deinem Verdammungsurteil, wie es zu seiner Zeit vom Zorne Gottes
getroffen ward; geile die Gegenwart in der Vergangenheit, und eine
doppelte Kraft wird von deinem Worte ausgehen: die Vergangenheit wird
dadurch lebendiger werden, und wie ein Schrei wird dir's aus der
Gegenwart entgegentnen. Schlage das Alte Testament auf: du wirst jedes
Geschehnis, jede Tat der Gegenwart darin wiederfinden; klarer wie der
Tag wird's dir daraus entgegenstrahlen, worin ihr Vergehen wider Gott
lag, und so deutlich und berzeugend ist darin Gottes Gericht an ihr
geschildert, da die Gegenwart erbeben mu. Du besitzest alle Mittel und
Fhigkeiten dazu: in deinem Vers liegt eine mahnende und erhebende
Kraft, und beides brauchen wir gerade heute. Die einen mssen erhoben
werden, die andern bedrfen der Ermahnung und des Tadels. Alle die
mssen erhoben werden, die durch die Untaten und durch alle Schrecken,
die sie umgeben, bestrzt und verwirrt sind, und man mu denen ins
Gewissen reden, die in den erhabenen Augenblicken des gttlichen Zornes
und der unendlichen Leiden, die keinen verschonen, noch den Mut haben,
sich wilden Ausschweifungen und einem schmhlichen Jubel hinzugeben.
Deine Verse sollten allen in leuchtender Klarheit vorschweben, wie die
in die Luft geschriebenen Buchstaben, die whrend des Festmahls des
Belsazar aufflammten und schon alle in Schrecken versetzten, noch ehe
jemand ihren Sinn zu entrtseln vermochte. Wenn du jedoch wnschest, da
dich alle noch besser verstehen, dann erflle dich mit biblischem
Geiste, la dir von ihm gleichwie von einer Fackel voranleuchten und
steige hinab bis in die tiefsten Grfte des russischen Altertums, triff
in ihm die Schmach der gegenwrtigen Zeit und vertiefe damit in uns das
Gefhl fr das, was unsere Schmach noch weit schmachvoller erscheinen
lt. Dein Vers wird nicht schwchlich und matt klingen; das brauchst du
nicht zu frchten; der Hauch der alten Zeit wird ihm Farben verleihen,
er allein wird dich in die rechte Stimmung versetzen und dich mit
Begeisterung erfllen. Aus allen unseren Chroniken dringt er uns
frmlich wie etwas Lebendiges entgegen. Vor kurzem fiel mir ein Buch:
Empfang beim Zaren in die Hand. Hier sind schon allein die Ausdrcke
und die Namen der frstlichen Kleidungsstcke, der teuren Gewebe und
Edelsteine ein wahrer Schatz fr einen Dichter; jedes Wort schreit
frmlich nach dem Vers. Man staunt ber die Kostbarkeiten unserer
Sprache, jeder Ton, jeder Laut ist ein Geschenk, da ist alles gro,
kernig und gleich einer Perle, und mancher Ausdruck ist noch kostbarer
als die Sache selbst, die er bezeichnet. Wenn es dir gelingt, deinen
Vers mit solchen Worten zu schmcken, -- wirst du den Leser vllig in
die vergangenen Zeiten zurckversetzen. Als ich drei Seiten aus diesem
Buche gelesen hatte, glaubte ich berall die alten Zaren jener
vergangenen altersgrauen Zeit in ihrem altertmlichen Zarenornat
andchtig zum Vespergottesdienste schreiten zu sehen.

                                                                 1844.


                                  II.

Ich schreibe dir noch einmal unter dem Eindruck deines bereits erwhnten
Gedichts: Das Erdbeben. La das begonnene Werk um Gottes willen nicht
liegen! Lies die Bibel noch einmal genau durch, erflle dich mit dem
Geist des russischen Altertums und suche mit seinem Lichte in die
Gegenwart einzudringen. Es gibt noch ungeheuer viel Gegenstnde, die du
bearbeiten solltest, und es ist eine Snde, wenn du sie nicht siehst.
Schukowski hat bisher nicht mit Unrecht von deiner Poesie gesagt, sie
entstamme einer Begeisterung, die kein Objekt hat. Es ist eine Schande,
seine lyrische Kraft in blinden Luftschssen verpuffen zu lassen, wo sie
dir doch dazu verliehen ward, um Steine zu sprengen und Felsblcke
wegzuwlzen. Blick' um dich! alles ist jetzt Gegenstand fr den
lyrischen Dichter, ein jeder Mensch lechzt frmlich nach einem lyrischen
Mahnruf, wo du hinblickst, berall siehst du jemand, der ermahnt oder
ermutigt und ermuntert sein will.

So rede denn zuallererst in einem gewaltigen lyrischen Mahngedicht den
Klugen ins Gewissen, die den Mut sinken lieen. Du wirst Eindruck auf
sie machen, wenn du ihnen die Sache in ihrem rechten Lichte zeigst, d.
h. wenn du ihnen beweisest, da ein Mensch, der sich dem Trbsinn
hingibt, ein ganz berflssiges wertloses Ding ist, das zu nichts ntze
ist, was auch immer die Ursachen der Trbsal und der Entmutigung sein
mgen; denn Trbsinn und Kleinmut sind Gott verhat. Du wirst den echten
russischen Mann zum Kampf gegen Kleinherzigkeit und Mutlosigkeit
aufrufen und ihn ber alle Schrecknisse und alle Erschtterungen der
Erde erheben, wie du in deinem Erdbeben den Dichter erhht und erhoben
hast.

Richte einen machtvollen lyrischen Appell an den noch schlummernden
schnen Menschen. Wirf ihm ein Brett vom Ufer zu, auf da er seine arme
Seele rette. Schon hat er sich weit von der Kste entfernt; schon wird
er ganz umklammert und mitgerissen von der hchsten Schicht der
Gesellschaft, dieser nichtigen hohlen Oberschicht; schon locken ihn
Diners, die Fchen der Tnzerinnen, und schon sieht man ihn tglich
einem betubenden einschlfernden Rausch erliegen; schon wchst ihm
unmerklich die fleischliche Hlle, schon ist er ganz Fleisch geworden
und ist kaum noch etwas wie eine Seele in ihm. Schrei auf zu ihm wie aus
tiefster Not; la das Greisenalter, diese Hexe, vor ihm erstehen, wie
sie auf ihn zueilt, sie, die ganz Eisen ist, ja gegen die ein Stck
Eisen noch wie Mitleid und Erbarmen erscheint, und die uns keinen Fetzen
eines Gefhls wieder zurckgibt. O wenn du ihm doch das sagen knntest,
was mein Pljuschkin aussprechen soll, wenn ich noch dazu komme, den
dritten Teil meiner Toten Seelen zu schreiben!

Stell' in einem zrnenden Dithyrambus die Wucherer neuesten Schlages,
wie sie in unseren Tagen ihr Wesen treiben, an den Pranger: ihren
verfluchten Luxus, ihre schlechten Frauen, die sich und ihre Mnner mit
ihrer Eitelkeit und ihrem Flitter zugrunde richten, die verfluchte
Schwelle ihrer prunkenden Palste und die abscheuliche Luft, die sie
dort atmen; auf da sie jedermann, ohne sich umzusehen, meide und
eilenden Fues entfliehe, wie vor der Pest.

Verherrliche in einem feierlichen Hymnus den stillen bescheidenen
Arbeiter, der -- ein Ruhm und eine Ehre des edlen russischen Wesens --
mitten unter den waghalsigsten dreistesten Wucherern lebt und der in
seiner Unbestechlichkeit nie ein Geschenk annimmt, selbst dort nicht, wo
sich alles um ihn herum bestechen lt. Verherrliche ihn, seine Familie,
sein edles Weib, das lieber selbst in einer altmodischen Haube
einhergeht und sich dem Gesptt der Leute aussetzt, als zult, da ihr
Mann etwas Niedertrchtiges oder Schlechtes begeht. Stell' ihre
herrliche Anmut so dar, da sie vor allen Augen aufstrahle wie ein
Heiligtum, und da einen jeden die Sehnsucht nach ihr ergreife.

La einen Hymnus zum Preis jenes Recken erklingen, wie er nur aus
russischen Landen hervorgehen kann, der pltzlich aus seinem
schmhlichen Schlummer erwacht, sich gnzlich verwandelt und mit einem
Schlage ein anderer wird: der offen und vor aller Welt seine
Schlechtigkeit und seine abscheulichen Laster verflucht und der
gewaltigste Streiter und Vorkmpfer des Guten wird. Zeig' uns, wie sich
diese ungeheure gewaltige Tat in der echten russischen Seele vollzieht,
aber stell' es so dar, da die russische Seele in jedem von uns
unwillkrlich erbebt und da jeder, selbst der Mann der unteren Stnde
ausrufen mu: Wackerer Mann! und von dem Gefhl ergriffen wird, da auch
er dasselbe vollbringen kann.

Gro, gewaltig gro ist die Zahl der Gegenstnde fr einen lyrischen
Dichter -- ein ganzes Buch wrde kaum gengen, um sie aufzuzhlen,
geschweige denn ein Brief. Alle wahrhaften russischen Gefhle
verkmmern, und es ist niemand da, der sie zu wecken vermchte! Es
schlummert unsere Khnheit, und es schlummern unser Wagemut und unsere
Entschlossenheit zur Tat, es schlummert unsere unerschtterliche Kraft
und Strke, es schlft unser Verstand, der vllig von den Interessen
eines mattherzigen, weibischen gesellschaftlichen Lebens absorbiert
wird, das uns unter dem Namen der Aufklrung aufgedrngt worden und als
Begleiterscheinung aller mglicher sinnloser und kleinlicher Neuerungen
bei uns eingezogen ist. Reib dir den Schlaf aus den Augen und geh hin
und rttle auch die andern aus dem Schlummer auf. Wirf dich vor deinem
Gott auf die Knie und flehe ihn an, er solle deinem Herzen Zorn und
Liebe senden: Zorn wider das, was dem Menschen verderblich ist, und
Liebe -- fr die arme Menschenseele, die alle mit Verderben bedrohen und
die er selbst zugrunde richtet. Die Worte und Ausdrcke wirst du schon
finden: nicht Worte, sondern flammende Blitze werden aus deinem Munde
zucken, wie aus dem der alten Propheten, wenn du die Sache nur gleich
ihnen zu deiner eigensten Angelegenheit, zu einer Angelegenheit deines
innersten Wesens machen, wenn du nur gleich ihnen Asche auf dein Haupt
streuen, deine Kleider zerreien und Gott weinend darum anflehen wirst,
die Kraft auf dich herabzusenden, und wenn du die Errettung deines
Landes mit solcher Glut und Inbrunst herbeisehnen wirst, wie sie die
Errettung ihres von Gott erwhlten Volkes herbeigesehnt haben.

                                                                 1844.




                                  XVI
                               Ratschlge
                           An S. P. Schewyrew


Indem wir andre belehren, lernen wir selbst. Whrend dieser schweren
Zeit der Krankheit, zu der sich auch noch schwere seelische Leiden
gesellt haben, war ich gentigt, einen so regen Briefwechsel zu
unterhalten, wie ich ihn bisher noch nicht gefhrt habe. Und wie mit
Absicht war dies beinahe fr alle, die meinem Herzen nahe stehen, eine
Zeit voll innerer Erlebnisse und Erschtterungen. Sie alle wandten sich,
wie von einem dunklen Instinkt getrieben, an mich und verlangten Rat und
Hilfe von mir. Jetzt erst erkannte ich, welch nahe Verwandtschaft die
Seelen der Menschen miteinander verbindet. Man mu nur selbst ernsthaft
gelitten haben, um jeden Leidenden zu verstehen und um beinahe sicher zu
sein, was man ihm zu sagen hat. Aber mehr noch: auch unser Verstand wird
klarer; die Lage der Menschen und ihre Berufsttigkeit, in die man
bisher keinen Einblick hatte, werden einem pltzlich deutlich und
verstndlich, und es wird einem klar, wessen ein jeglicher bedarf.
Whrend der letzten Zeit kam es sogar vor, da ich Briefe von Menschen
erhielt, die mir fast gnzlich unbekannt waren, und da ich ihnen
Ratschlge erteilen konnte, die ich frher nie htte erteilen knnen.
Und dabei bin ich doch gewi nicht klger als irgendein anderer Mensch.
Ich kenne Menschen, die weit klger und gebildeter sind und die sehr
viel ntzlichere Ratschlge erteilen knnten als ich, aber sie tuen es
dennoch nicht und wissen nicht einmal, wie man so etwas macht. Gott ist
gro, und Er ist es, der uns die Weisheit schenkt. Wodurch aber macht Er
uns weise? Durch dasselbe Leiden, dem wir zu entfliehen suchen und vor
dem wir uns verbergen. Es ist unsere Bestimmung, da wir uns durch
Kummer und Leiden ein Krnchen von jener Weisheit erwerben sollen, die
wir aus keinem Buche zu lernen vermgen. Wer sich jedoch bereits ein
solches Krnchen erworben hat, der hat schon nicht mehr das Recht, es
vor den anderen zu verbergen und geheimzuhalten. Es ist nicht mehr
unser, sondern Gottes. Gott hat es in dir hervorgebracht; und alle Gaben
Gottes werden uns deshalb verliehen, damit wir mit ihrer Hilfe unseren
Mitbrdern dienen knnen. Er hat geboten, da wir einander fortwhrend
belehren sollen. Nun denn, so ruhe nicht und stehe andern mit Rat und
Belehrung zur Seite. Wenn du jedoch willst, da das auch dir zugleich
von Nutzen sei, so tue so, wie ich es fr richtig halte und wie ich es
mir von nun ab fr immer zum Gebot meines Handelns gemacht habe. Jeden
Ratschlag und jede Belehrung, die du jemand erteilst, sei es selbst
einem Menschen, der auf der niedrigsten Bildungsstufe steht und mit dem
du nichts gemein haben kannst, richte zugleich an dich selbst, und was
du dem andern geraten hast, das rate dir selbst; was du an einem andern
zu tadeln fandest, das mache dir sogleich auch selbst zum Vorwurf.
Glaube mir, alles wird auch auf dich passen, und ich wei nicht einmal,
ob es einen Fehler gibt, den man sich nicht selbst vorzuwerfen htte,
wenn man nur tiefer in sich selbst hineinblickt. Deine Waffe sei
zweischneidig. Selbst wenn du dich einmal ber einen Menschen rgerst
und ihm zrnst, so zrne zugleich dir selbst, wenn auch nur deswegen,
weil du einem andern zrnen konntest. Tue das unter allen Umstnden!
Lasse dich selbst nie aus den Augen! In dieser Beziehung mut du Egoist
sein. Der Egoismus ist gar keine so hliche Eigenschaft. Die Menschen
htten ihm blo keine so schlimme Deutung geben sollen. Und doch liegt
dem Egoismus eine groe Wahrheit zugrunde. Kmmere dich vor allem um
dich selbst und dann erst um die andern; suche zuerst selbst besser und
reineren Herzens zu werden und dann erst sorge dafr, da die andern
besser und reiner werden.

                                                                 1846.




                                  XVII
                          ber die Aufklrung
                          An W. A. Schukowski


Ich schreibe dir noch einmal von der Reise. Bruder! Ich danke dir fr
alles. Am Grabe des Herrn will ich zu Gott beten, Er mge mir die Kraft
verleihen, dir auch nur einen Teil von all dem wiederzuerstatten, das du
in deiner Gte und Klugheit an mir getan hast. Glaube und la dich nicht
irremachen in deinem Herzen. Wenn du nach Moskau kommst, wird es dir so
erscheinen, als ob du in den Scho deiner eigenen lieben Familie kmest.
Moskau wird dir wie ein ersehnter Hafen erscheinen, und du wirst es dort
ruhiger haben, als hier. Weder der sinnlose Lrm des leeren
Weltgetriebes noch das ewige Wagengerassel wird dich beunruhigen;
rcksichtsvoll wird man die Strae vermeiden, in der du wohnen wirst.
Und selbst wenn jemand angefahren kommen sollte, um dich zu besuchen --
ein alter Freund, oder ein Mensch, den du bisher noch nicht kanntest, so
wird er dir zuvorkommen und dich bitten, ihm keinen Gegenbesuch zu
machen, um dir nur ja keinen Augenblick deiner Zeit zu rauben. Bei uns
versteht man sich darauf und wei man sehr gut, wie man einen Menschen
ehrt, der seine Schuldigkeit ganz getan hat. Wer all seine Gaben so
einwandfrei treu und ehrlich ausgenutzt hat, ohne seine Fhigkeiten
einschlafen zu lassen, ohne sich sein Leben lang je einen Augenblick der
Trgheit hinzugeben, wer sich im Alter die Frische der Jugend erhalten
hat, whrend alle um ihn herum sie in trichten Ausschweifungen
ausgegeben haben und whrend die Jungen gebrechliche Greise geworden
sind, der hat Anspruch auf Achtung und Ehrfurcht. Du wirst in Moskau
leben wie ein Patriarch, und die Jugend wird den Worten des Greises
lauschen und sie hten, wie lauteres Gold. Deine Odyssee wird von groem
Nutzen fr die allgemeine Sache sein; das sage ich dir voraus. Sie wird
dem Menschen von heute, der sich durch die Verworrenheit unseres Lebens
und unserer Gedanken ermdet fhlt, seine Frische wiedergeben, durch sie
wird er vieles in einem neuen Lichte sehen, was er als alten Plunder,
der keinen Wert fr das Leben hat, von sich geworfen hat. Sie wird ihn
der Schlichtheit und Einfachheit wiedergeben. Aber nicht weniger, wenn
nicht noch mehr gute Frchte werden die Werke bringen, auf die dich Gott
selbst hingewiesen hat, und die du mit Recht noch geheimhltst. Auch sie
werden einem allgemeinen Bedrfnis entsprechen. So la denn den Mut
nicht sinken und schaue fest und ruhig in die Zukunft! La dich nicht
schrecken durch die Miform und die Disharmonie, der du begegnest. Es
gibt mitten in unserem Lande eine Macht, die mit allem vershnt und
alles zur Eintracht bringt, und die bisher noch nicht alle sehen --
unsere Kirche. Doch schon rstet sie sich, von ihren Rechten vollen
Besitz zu nehmen und ihr Licht hell ber die ganze Erde erstrahlen zu
lassen. In ihr ist alles enthalten, dessen man fr ein Leben in wahrhaft
russischem Sinne und Geiste, und zwar in jeder Beziehung und jeglicher
Rcksicht: sowohl fr das staatliche wie fr das gewhnliche
Familienleben bedarf, sie schafft die rechte Stimmung und Disposition
fr alles, sie weist allem die Richtung und den rechten, richtigen Weg.
Meiner Ansicht nach ist schon der bloe Gedanke, unter Ignorierung
unserer Kirche Reformen in Ruland einzufhren, ohne sich ihren Segen
dazu erbeten zu haben, eine Torheit. Ja, es wre sogar unsinnig, wenn
wir selbst unserer Denkweise allerhand aus Europa stammende Gedanken
aufpfropfen wollten, ehe sie von der Kirche die Weihe erhalten und ehe
sie vom Licht des Christentums verklrt worden sind. Du wirst sehen, du
wirst Zeuge davon sein, wie das in Ruland mit einem Schlage von allen
-- von den Glubigen wie von den Unglubigen -- zugegeben werden und wie
unsere Kirche pltzlich, von allen erkannt und verstanden, dastehen
wird. Es war wohl der Wille der Vorsehung, da so viele von einer
unerklrlichen Blindheit geschlagen werden sollten. Wenn ich die Fden
der Weltereignisse sorgsam aneinanderzulegen versuche, dann erkenne ich
die ganze Weisheit Gottes, die darin liegt, da Er zuerst eine
vorbergehende Spaltung innerhalb der Kirche geschehen lie, der einen
gebot, unbeweglich und gleichsam in einer groen Entfernung und
Entfremdung von den Menschen zu verharren, und bestimmte, da die andere
in ihre Unruhe und Bewegung hineingezogen werde, da Er der einen gebot,
keine Reformen oder Neuerungen zuzulassen, auer denen, die von den
heiligen Mnnern der besten Zeiten des Christentums und von den ersten
Vtern der Kirche eingefhrt wurden -- whrend Er die andere hie, sich
in stetigem Wandel an alle Zeitumstnde, den Geist und die Gewohnheiten
der Menschen anzupassen und alle mglichen Neuerungen durchzufhren,
selbst solche, die von sndhaften und lasterhaften Priestern ausgingen,
da Er die eine gleichsam der Welt absterben und die andre gewissermaen
die Herrschaft ber die ganze Welt gewinnen lie, da Er die eine hie,
sich gleich der bescheidenen Maria aller Sorgen um das Irdische zu
entschlagen und sich zu den Fen des Herrn niederzulassen, auf da sie
sich recht tief mit Seinem Worte erflle, ehe sie hinginge, es
anzuwenden und es den Menschen zu verknden, der andern dagegen gebot,
gleich der sorgsamen Martha, sich wie eine gastfreie Hausfrau um die
Menschen zu kmmern, und ihnen die noch nicht vllig durchdachten
Herrenworte mitzuteilen. Die erste hatte das bessere Teil erwhlt; sie
lauschte lange und aufmerksam den Worten des Herrn und ertrug geduldig
die Vorwurfe der kurzsichtigen Schwester, die sich sogar erdreistete,
sie einen _toten_ Leichnam zu nennen, sie des Irrglaubens zu
beschuldigen und ihr vorzuwerfen, da sie vom Herrn abgefallen sei. Es
ist nicht leicht, Christi Wort auf die Menschen anzuwenden, daher mute
sie sich zuvor tief von ihm durchdringen lassen. Dafr hat sich in
unserer Kirche alles erhalten, dessen unsere erwachende Gesellschaft
bedarf. Sie ist Steuer und Richtma der kommenden neuen Ordnung der
Dinge, und je tiefer ich mich mit Herz, Verstand und Gemt in sie
versenke, um so mehr wundere ich mich, welch erstaunliche Mglichkeiten
fr eine Vershnung der Widersprche in ihr liegen, die die rmische
Kirche nicht zur Ausshnung zu bringen vermag. Die rmische Kirche
mochte noch ausreichen fr die frhere unkomplizierte Ordnung der Dinge;
sie konnte vielleicht zur Not die Welt lenken und sie mit Christus
ausshnen, solange die Menschheit noch so unvollkommen und einseitig
entwickelt war. Jetzt dagegen, wo die Menschheit zu einer so
vollkommenen Entwicklung aller ihrer Krfte und aller ihrer Fhigkeiten
-- der guten sowohl wie der bsen -- gelangt ist, jetzt kann die
rmische Kirche die Menschen Christus nur entfremden: je mehr sie um den
Frieden und die Einigkeit besorgt ist, um so mehr Hader st sie, da sie
mit ihrem dnnen Licht nicht imstande ist, die Dinge, so wie sie sich
heute darstellen, von allen Seiten zu beleuchten. Alle sind sich darber
klar, da sie mit der Aufstellung so vieler menschlicher Satzungen, die
von solchen Kirchenfrsten herrhren, die noch keineswegs durch die
Heiligkeit ihres Lebenswandels der hchsten und allumfassenden
christlichen Weisheit teilhaftig geworden waren, sich ihren Blick fr
die Welt und das Leben verengt hat und diese nicht mehr zu umfassen
vermag. Einen allseitigen vollstndigen Blick fr das Leben gibt es
jetzt nur noch auf ihrer stlichen Hlfte, die offenbar fr eine sptere
und hhere Entwicklungsstufe der Menschheit prdestiniert ist. In ihr
kann sich nicht nur Herz und Seele des Menschen, sondern auch sein
Verstand in seinen hchsten und edelsten Fhigkeiten frei entfalten. Sie
ist nur Weg und Richtung, um alle Krfte und Vermgen der Menschen in
einem einmtigen Hymnus auf das hchste Wesen zusammenzufhren. Freund,
la dich nicht irremachen! Und wenn die heutigen Verhltnisse noch
siebenmal verwickelter wren -- unsere Kirche wird sie alle entwirren
und zur Vershnung bringen. Wie von einem dunklen Instinkt geleitet,
beginnen selbst unsere Weltleute, die sich unter uns bewegen, bereits
etwas davon zu ahnen, da wir einen Schatz besitzen, in dem unsere
Rettung liegt, -- der sich mitten unter uns befindet und den wir nicht
bemerken. Dieser Schatz wird eines Tages hell aufstrahlen, und sein
Glanz wird auf jedes Ding fallen. Und diese Zeit ist nicht mehr fern.
Wir fhren jetzt immer das sinnlose Wort Aufklrung im Munde, und dabei
haben wir es uns nicht einmal berlegt, woher dies Wort stammt und was
es bedeutet. Dies Wort gibt es in keiner Sprache, es existiert nur bei
uns. Aufklren[4] heit nicht belehren, unterweisen, bilden oder gar
erleuchten, sondern den Menschen bis in sein Innerstes hinein mit all
seinen Krften und Vermgen _durch_leuchten, nicht nur seinen Verstand;
heit sein ganzes Ich wie durch ein reinigendes Feuer hindurchgehen
lassen. Dieses Wort stammt aus dem Sprachschatz unserer Kirche, die es
bereits gegen tausend Jahre lang gebraucht, trotz aller Finsternis und
trotz der Wolken und Nebel der Unwissenheit, die sie von allen Seiten
umwogen, und sie wei, warum sie es braucht. Nicht umsonst hebt der
Oberpriester beim Hochamt den dreiarmigen Leuchter, das Sinnbild der
heiligen Dreieinigkeit, und den zweiarmigen Leuchter, das Sinnbild
Seines heiligen Wortes, das in doppelter Gestalt als Gott und Mensch zu
uns auf die Erde herabgestiegen ist, mit beiden Hnden empor, weiht alle
mit ihnen und spricht: Christi Licht erleuchtet, heiliget, verklret
alle! Und nicht umsonst ertnen whrend eines andern Teils der Messe in
kurzen Abstnden, als kmen sie vom Himmel, die Worte an eines jeden
Ohr: Das Licht der Aufklrung! ohne da etwas anderes zu ihnen
hinzugefgt wrde.

                                                                 1846.

[Funote 4: Das russische Wort fr Aufklrung hat noch den Nebensinn der
_Durchleuchtung_. Anm. des Herausgebers.]




                                 XVIII
      Vier Briefe an verschiedene Personen ber die Toten Seelen


                                   I.

Sie haben unrecht, sich so ber den malosen Ton aufzuregen, in dem
manche Angriffe gegen die Toten Seelen geschrieben sind: das hat auch
seine gute Seite. Mitunter brauchen wir Menschen, die ber uns emprt
sind. Wer ganz von der Schnheit einer Sache ergriffen ist, der sieht
die Mngel nicht und verzeiht alles; wer uns dagegen zrnt und gegen uns
erbittert ist, der wird versuchen, alles Hliche, allen Unrat in uns
aufzuwhlen und ihn so deutlich ans Licht zu stellen, da wir ihn sehen
mssen, ob wir nun wollen oder nicht. Man bekommt so selten die Wahrheit
zu hren, da man schon um eines kleinen Krnchens Wahrheit willen die
Krnkung verzeihen sollte, die in dem Ton liegt, in dem sie
ausgesprochen wird. In den Kritiken Bulgarins, Ssenkowskis und Polewois
steckt viel Richtiges, ja selbst in dem Rat, der mir gegeben wird, ich
solle zuerst einmal Russisch lernen und dann Bcher schreiben. In der
Tat, wenn ich mich mit der Drucklegung des Manuskripts nicht so beeilt
htte und es noch ein Jahr lang liegen gelassen htte, so htte ich wohl
selbst gesehen, da das Buch unter keinen Umstnden in einem so rohen
und unordentlichen Zustand htte erscheinen drfen. Ja, selbst die
Epigramme und die Scherze, die gegen mich gerichtet wurden, hatte ich
ntig, trotzdem sie mir zuerst durchaus nicht gefielen und mir
keineswegs angenehm waren. O wie sehr bedrfen wir der stndigen Pffe
und Ste, wie sind uns dieser beleidigende Ton und diese boshaften aufs
tiefste verwundenden Spttereien vonnten! Auf dem Grunde unserer Seele
liegt soviel kleinliche armselige Eitelkeit, soviel hlicher leicht
verletzter Ehrgeiz verborgen, da wir in einem fort Pffe erhalten und
mit allen nur mglichen Zuchtruten gezchtigt werden sollten, ja wir
sollten uns stets dankbar ber die Hand freuen, die uns zchtigt.

Indessen wnschte ich mir doch noch mehr Kritiken, die nicht von
Literaten, sondern von Menschen herrhren, deren eigentliches
Ttigkeitsfeld das Leben selbst ist. Von praktisch ttigen Leuten hat
sich -- abgesehen von den Literaten -- wie zum Tort fr mich auch nicht
ein einziger geuert. Und doch haben die Toten Seelen viel von sich
reden gemacht und viel Unwillen erregt; sie haben viele durch Spott und
Karikatur und die in ihnen enthaltene Wahrheit im Innersten getroffen;
sie haben Verhltnisse berhrt, die ein jeder tglich vor Augen hat,
obwohl sie freilich andererseits auch wieder voller Fehler, Versehen und
Anachronismen sind und an einer offenbaren Unkenntnis vieler Gegenstnde
kranken; hie und da habe ich sogar mit Vorbedacht manch Anstiges und
Verletzendes aufgenommen; ich dachte mir: vielleicht wird mich jemand
tchtig dafr ausschelten und mir in seinem rger und Zorn die Wahrheit
sagen, die ich hren will. Ach, wenn doch nur eine Menschenseele ihre
Stimme erhoben htte! Und doch htte jeder dies leicht gekonnt. Und
wieviel Gescheites htte er sagen knnen! Ein Beamter htte mir offen
vor allen Leuten die Unwahrscheinlichkeit der von mir geschilderten
Vorgnge nachweisen knnen, da er mir nur zwei oder drei Vorgnge htte
vorzuhalten brauchen, die sich wirklich ereignet haben, und so htte er
mich grndlicher widerlegt, als mit vielen Worten; und in derselben
Weise htte er fr die Wahrheit meiner Schilderungen eintreten und den
Beweis fr sie erbringen knnen. Durch Anfhrung einer Begebenheit, die
sich wirklich ereignet hat, beweist man viel mehr, als durch leere Worte
und literarische Redensarten. Und das gleiche htte der Kaufmann, der
Gutsbesitzer, kurz jedermann, der des Lesens und Schreibens kundig ist,
tun knnen, ob er nun ein eingefleischter Stubenhocker ist oder das
weite russische Land in allen Richtungen durchstreift. Hat doch ein
jeder Mensch, auch wenn er bereits eine eigene Ansicht ber die Dinge
besitzt, auf der Stelle oder auf der Stufe der sozialen Ordnung, auf die
er durch sein Amt, seinen Beruf oder durch seine Bildung gestellt ist,
stets Gelegenheit, jeden Gegenstand von einer Seite kennen zu lernen,
von der ihn kein anderer Mensch zu sehen vermag. ber die Toten Seelen
knnte von ihrem gesamten Leserkreis ein zweites, unvergleichlich viel
interessanteres Buch als die Toten Seelen selbst geschrieben werden;
ein Buch, aus dem nicht nur ich, sondern auch die Leser selbst Belehrung
schpfen knnen, weil wir ja alle -- wozu sollen wir unsere Fehler
verheimlichen! -- weil wir Ruland allesamt recht schlecht kennen.

Ach wenn doch nur _eine_ Seele ihre Stimme laut und fr alle vernehmbar
erhoben htte! Es ist fast so, als ob alles ausgestorben wre, wie wenn
Ruland tatschlich nicht von lebendigen, sondern nur noch von toten
Seelen bewohnt wrde. Und da wirft man mir meine mangelhafte Kenntnis
Rulands vor! Wie wenn ich, wie vom Heiligen Geiste erleuchtet, von
allem unterrichtet sein mte, was an smtlichen Ecken und Enden
Rulands geschieht! Ich soll ber alles unterrichtet sein, ohne da mich
jemand unterrichtet! Woraus aber kann ich Belehrung schpfen, ich, ein
Schriftsteller, der schon durch seinen Schriftstellerberuf zu einer
sitzenden einsiedlerischen Lebensweise verurteilt, der noch dazu krank
und gentigt ist, auerhalb Rulands in der Fremde zu leben. Auf welche
Weise soll ich mir diese Kenntnisse verschaffen? Die Literaten und
Journalisten knnen mich doch nicht darber belehren, denn sie sind doch
auch Einsiedler und Stubenhocker. Der Schriftsteller hat berhaupt nur
einen Lehrer: das sind die Leser selbst. Die Leser aber haben sich
geweigert, mich zu belehren. Ich wei, da ich strenge Rechenschaft vor
Gott werde ablegen mssen, weil ich meine Aufgabe nicht erfllt habe,
wie ich sollte; aber ich wei, da auch andere die Verantwortung fr
mich werden bernehmen mssen. Und das sage ich nicht ohne Grund; Gott
selbst wei es, da ich dies nicht ohne guten Grund sage.

                                                                 1843.


                                  II.

Ich habe es vorausgesehen, da alle lyrischen Episoden in meiner
Dichtung falsch aufgefat werden wrden. Sie sind so unklar, haben so
wenig Zusammenhang mit den Gegenstnden, die vor den Augen des Lesers
vorberziehen, sie passen so wenig zu dem Stil und der Haltung des
ganzen Werkes, da sie die Gegner wie ihre Freunde und Verteidiger
gleichermaen irregefhrt haben. Alle Stellen, wo ich in ganz
allgemeiner Weise ber den Schriftsteller rede, wurden auf mich bezogen;
ich habe sogar ber die Versuche errten mssen, sie zu meinen Gunsten
auszulegen. Aber es geschieht mir ganz recht! Unter keinen Umstnden
htte ich ein Werk herausgeben drfen, das zwar in seiner Anlage nicht
schlecht, jedoch nur flchtig und wie mit weien Fden zusammengeheftet
war, gleich einem Anzug, den der Schneider zur Anprobe mitbringt. Ich
wundere mich nur, da so wenig Ausstellungen gegen die Kunst und das
Prinzip des Schaffens gemacht worden sind. Daran sind einerseits der
rger und Unmut meiner Kritiker, andererseits aber der Umstand schuld,
da wir nicht gewhnt sind, tiefer nach dem Plan und dem Aufbau eines
Werkes zu forschen. Man htte darauf hinweisen mssen, welche Teile im
Verhltnis zu den andern viel zu lang geraten sind, wo der Verfasser
sich selbst untreu wird und den eigenen Ton, in dem er begonnen hat,
nicht festhlt. Ja, es hat auch nicht einer bemerkt, da die letzte
Hlfte des Buches viel weniger ausgefhrt ist als die erste, da sie
viele Lcken enthlt, da darin die wichtigsten und bedeutsamsten
Momente in gedrngter Krze dargestellt, die unwichtigen und
nebenschlichen weit ausgesponnen sind, da der Geist, der das Werk
erfllt, aus ihm nicht gengend hervorleuchtet, dafr aber die Buntheit
der Teile und das Fragmentarische des Ganzen um so mehr in die Augen
fllt. Kurz, man htte weit ernstere und gediegenere Einwnde machen,
man htte mich weit heftiger tadeln knnen, als man es jetzt tut, und
zwar mit gutem Grunde. Aber jetzt handelt es sich nicht darum. Worum es
sich hier handelt, das ist die lyrische Episode, die den meisten
Angriffen von seiten der Journalisten ausgesetzt war und in der man
Anzeichen einer bertriebenen Selbsteinschtzung, Selbstbeweihrucherung
und einen Hochmut hat finden wollen, wie er bisher bei keinem
Schriftsteller zu finden war. Ich habe hier jene Stelle aus dem letzten
Kapitel im Auge, wo der Verfasser von Tschitschikows Abreise aus der
Stadt erzhlt, seinen Helden fr eine Weile allein auf der Landstrae
lt, sich selbst an seine Stelle versetzt und sich unter dem Eindruck
der Monotonie und der Einfrmigkeit seiner Umgebung, der den und kalten
Ungastlichkeit des grenzenlosen Raumes und des traurigen Liedes, das von
einem Meer zum andern durch das ganze weite russische Land tnt, in
einer lyrischen Apostrophe an Ruland selbst wendet, es um eine
Erklrung fr das unbegreifliche Gefhl bittet, das sich des Dichters
bemchtigt hat, und fragt: warum es ihm so erscheint, als heftete alles,
jeder beseelte und jeder seelenlose Gegenstand seinen Blick auf ihn und
als erwarte er etwas von ihm. Diese Worte wurden als Hochmut und als
eine bisher unerhrte Prahlerei ausgelegt, whrend sie doch weder das
eine noch das andere sind. Sie sind einfach ein ungelenker Ausdruck fr
ein echtes Gefhl. Ich kann noch immer diese melancholischen Tne
unserer Lieder nicht ertragen, die durch die unendlichen, grenzenlosen
Rume Rulands klingen. Diese Tne schwingen in meinem Herzen weiter,
und ich bin erstaunt, da nicht ein jeder dasselbe in seinem Innern
empfindet. Wer beim Anblick dieser wsten, noch unbevlkerten und
ungastlichen Rume nicht traurig gestimmt wird, wer aus den
melancholischen Klngen unserer Lieder nicht einen schmerzlichen Vorwurf
gegen sich selbst, jawohl, _gegen sich selbst_ heraushrt, der hat
entweder seine Pflicht und Schuldigkeit bereits restlos getan, oder er
hat keine russische Seele. Betrachten wir die Sache einmal so, wie sie
sich wirklich verhlt. Schon sind beinahe hundertundfnfzig Jahre
verflossen, seit Kaiser Peter I. uns mit dem reinigenden Feuer der
europischen Aufklrung den Schlaf aus den Augen gescheucht und uns alle
Mittel und Werkzeuge in die Hand gegeben hat, damit wir zur Tat
schreiten sollten; noch immer aber liegt unser weites Land ebenso de,
traurig und einsam da, noch ist alles um uns herum ganz ebenso
unfreundlich und ungastlich wie ehedem, ganz als ob wir noch immer nicht
bei uns zu Hause unter dem eigenen heimischen Dach weilten, sondern
irgendwo obdachlos auf der Landstrae lgen, noch weht uns von Ruland
kein warmes herzliches Gefhl entgegen, wie wenn wir von lieben Brdern
empfangen wrden, es erscheint uns vielmehr wie eine kalte vom
Schneesturm verwehte Poststation, aus der ein einsamer, gegen alles
gleichgltiger Stationswchter hervorschaut, der auf unsere Frage stets
die nchterne trockene Antwort bereit hat: Wir haben keine Pferde!
Woher kommt das? Wer ist schuld? Wir [oder die Regierung? Aber] die
Regierung ist doch die ganze Zeit ber unermdlich ttig gewesen. Dafr
zeugen zahlreiche Bnde voller Verfgungen, Gesetzesverordnungen und
Manahmen, eine gewaltige Zahl neu erbauter Huser, eine Menge neu
herausgegebener Bcher, eine Unzahl von Einrichtungen und
Institutionen aller Art: Lehranstalten, humanitre Einrichtungen,
Wohlttigkeitseinrichtungen, kurz, sogar solche Anstalten, wie sie von
keiner Regierung eines andern Staates gegrndet werden. Die Fragen
kommen von oben, die Antworten von unten; und mitunter ertnten von oben
Fragen, die von ritterlichen und hochherzigen Regungen vieler Herrscher
Zeugnis ablegen, die hufig sogar gegen ihre eigenen Interessen und
gegen ihren eigenen Vorteil gehandelt haben. Und wie hat man von unten
auf dies alles geantwortet? Es kommt doch auf die Verwertung eines
Gedankens, auf die Kunst an, ihm eine solche Anwendung zu geben, da man
sich ihn wirklich anzueignen vermag und da er in uns Wurzeln schlgt.
Eine Verordnung mag noch so wohl durchdacht und noch so bestimmt sein,
sie ist doch nur eine Blankoanweisung, wenn es unten an dem gleichen
reinen Streben fehlt, sie in die Tat umzusetzen und zwar in der
Richtung, in der es erforderlich ist, in der dies geschehen mu und die
nur _der_ richtig beurteilen und bestimmen kann, dessen Geist vom
Begriff der gttlichen -- nicht der menschlichen Gerechtigkeit
erleuchtet ist. Ohne dies mu alles eine schlimme Wendung nehmen. Ein
Beweis dafr sind die zahlreichen abgefeimten Gauner und bestechlichen
Beamten, die es bei uns gibt, die es verstehen, jede Verordnung zu
umgehen, fr die jede neue Verordnung nur eine neue Einnahmequelle, ein
neues Mittel ist, die Abwicklung der Geschfte durch neue Komplikationen
zu belasten und zu erschweren und dem Menschen einen neuen Knppel
zwischen die Beine zu werfen. Mit einem Wort, wohin ich mich wende,
berall sehe ich, da _der_ die Schuld trgt, der die Verordnungen
durchfhrt, d. h. wir selbst, einer von uns: und zwar ist er entweder
schuld, weil er den brennenden Wunsch hat, seinen Namen berhmt zu
machen [oder einen Orden zu ergattern], und sich daher zu sehr beeilt,
oder er ist schuld, weil er gar zu hitzig vorwrtsstrebt, um nach gut
russischer Art seinen Opfermut zu beweisen; so einer geht nicht lange
mit sich zu Rate, fragt in seinem hitzigen bereifer nicht erst viel,
worum es sich handelt, bemchtigt sich sofort der Sache wie ein
Sachverstndiger und ist dann -- gleichfalls nach gut russischer Art --
schnell wieder abgekhlt, wenn er sich einem Mierfolg gegenbersieht;
oder er ist schlielich schuld, weil er aus verletzter, kleinlicher
Eitelkeit gleich alles hinschmeit und den Posten, auf dem er einen so
schnen Anlauf genommen hatte, dem ersten besten Gauner abtritt, [damit
der die Leute grndlich rupfen kann]. Kurz, selten besitzt einer von uns
genug Liebe zum Guten, um ihr seinen Ehrgeiz, seine Eitelkeit und all
die kleinen Regungen eines bermig empfindlichen Egoismus zum Opfer zu
bringen und es sich unweigerlich zum Gebot zu machen -- seinem
Vaterlande -- und nicht sich selbst zu dienen, ewig eingedenk, da er
seinen Beruf ergriffen hat, um andre glcklich zu machen und nicht sich
selbst. Statt dessen scheint der Russe in der letzten Zeit es wie mit
Vorbedacht darauf angelegt zu haben, seine Empfindlichkeit in allen
Punkten und die kleinliche Reizbarkeit seines Ehrgefhls allen und
berall vor Augen zu fhren. Ich wei nicht, ob es viele Leute unter uns
gibt, die nur getan haben, was ihre Schuldigkeit war, und die offen vor
der ganzen Welt erklren knnen, da Ruland ihnen nichts vorzuwerfen
habe, da kein seelenloser Gegenstand in seinem weiten, den Raume sie
vorwurfsvoll anstarre, da alle mit ihnen zufrieden sind und nichts von
ihnen erwarten. Ich wei nur, da ich diesen Vorwurf sehr deutlich
vernommen habe. Auch jetzt hre ich ihn wieder. Auch in meinem
bescheidenen Beruf als Schriftsteller htte sich etwas machen, etwas
leisten lassen, was von wirklichem und dauerndem Nutzen sein konnte. Was
hat es zu bedeuten, da in meinem Herzen stets die Sehnsucht nach dem
Guten lebendig war und da ich nur aus diesem Triebe heraus zur Feder
griff? Wie habe ich meine Sehnsucht gestillt? Hat denn zum Beispiel
gleich dies Werk von mir, das jetzt erschienen ist und das den Namen
Die toten Seelen trgt, hat es etwa den Eindruck gemacht, den es htte
machen knnen, wenn es so geschrieben gewesen wre, wie es htte
geschrieben werden mssen? Ich habe meine eigenen Gedanken, -- einfache
und wahrhaftig nicht kopfbrecherische Gedanken, nicht auszudrcken
vermocht und selbst Anla dazu gegeben, da sie verkehrt aufgefat und
da ihnen ein Sinn untergelegt wurde, der eher schdlich als ntzlich
ist. Und wer ist schuld daran? Soll ich etwa sagen, meine Freunde oder
die Ungeduld der stheten, die an leeren, schnell verrauschenden Klngen
ihre Freude haben, htten mich dazu gedrngt? Soll ich etwa sagen, da
ich durch schwierige und rmliche Verhltnisse in eine peinliche Lage
gebracht worden sei und, da ich mir das Geld fr meinen Lebensunterhalt
htte erwerben mssen, gentigt gewesen wre, mich zu beeilen und mein
Buch zu frh erscheinen zu lassen? Nein, wer entschlossen ist, seine
Pflicht redlich zu erfllen, den knnen keinerlei Verhltnisse
schwankend machen, der wird, wenn es nicht anders geht, sogar lieber
seine Hand ausstrecken und um Almosen bitten, der wird sich um keinen
schnell verklingenden Spott und Tadel, geschweige denn um die trichten
Anstandsregeln der vornehmen Gesellschaft kmmern. Der, der aus
Rcksicht auf diese Anstandsregeln der Gesellschaft eine Sache schdigt,
die fr sein Land ein Bedrfnis darstellt, der liebt es nicht. Ich war
mir der verchtlichen Schwche meines Charakters, meines elenden
Kleinmuts, der Ohnmacht meiner Liebe bewut, daher schien mich ein jedes
Ding in Ruland mit bitterem Vorwurf anzustarren. Aber die Kraft des
Hchsten hat mich aufgerichtet; es gibt kein Vergehen, das nicht wieder
gutzumachen wre, und dieselben den Strecken, die meine Seele mit
solcher Melancholie erfllten, versetzten mich durch ihre gewaltige
freie Ausdehnung und Gerumigkeit -- dies weite Feld fr einen rastlosen
Bettigungsdrang -- in Entzcken. Die Apostrophe an Ruland: Sollte
nicht hier der Held erstehen, wo frei der Raum sich weitet, auf da er
sich entfalte und ausbreite und frei dahinschwebe, kam wirklich von
Herzen. Diese Worte wurden nicht dem schnen Bilde zuliebe oder aus
Prahlsucht und zu eitlem Selbstlob gesprochen; ich habe sie gefhlt und
fhle sie noch heute. In Ruland kann man jetzt bei jeder Gelegenheit
zum Helden werden. Jedes Amt und jeder Stand erfordert einen gewissen
Heldenmut. Jeder von uns hat die Heiligkeit seines Berufs und seines
Amtes derart befleckt und herabgezogen (denn jeder Beruf ist heilig),
da es wahrhaft riesenhafter Krfte bedarf, um ihn wieder auf seine
frhere Hhe zu bringen. Ich habe die groe Aufgabe geschaut, die groe
Perspektive, die heute keinem andern Volke offen steht und die sich
allein vor dem russischen Volke auftut, weil nur dies Volk einen so
freien Spielraum fr die Entfaltung seiner Krfte besitzt, und weil nur
der russischen Seele der echte Heldenmut eigen ist -- daher entrang sich
meinem Herzen der Schrei, den man fr Prahlerei und Hochmut gehalten
hat!

                                                                 1843.


                                  III.

Ich verstehe nicht, wie du, ein solcher Menschenforscher und
Menschenkenner, mir die gleichen trichten Fragen vorlegen kannst, auf
die sich alle anderen so trefflich verstehen! Die gute Hlfte von ihnen
bezieht sich darauf, was der Zukunft angehrt. Was fr einen Sinn hat
blo diese Neugierde? Nur eine Frage, die du stellst, ist klug und
deiner wrdig, und ich wnschte, da auch andere Leute sie an mich
gerichtet htten, obwohl ich nicht wei, ob ich sie auch vernnftig
beantworten kann; ich meine die folgende: woher es nur komme, da die
Helden meiner letzten Werke, besonders die der Toten Seelen, trotzdem
sie nichts weniger als naturgetreue Portrts von wirklichen
existierenden Menschen, und obwohl sie an und fr sich sehr wenig
sympathisch und anziehend sind, unserem Herzen dennoch so nahe stehen,
wie wenn die Seele bei ihrer Schpfung beteiligt gewesen wre? Noch vor
einem Jahr wre es mir peinlich gewesen, dir auf diese Frage zu
antworten. Heute aber will ich es offen bekennen: die Helden meiner
Werke stehen unserem Herzen darum so nahe, weil sie Schpfungen der
Seele sind; alle meine letzten Werke sind Zeugnisse meiner seelischen
Entwicklung. Um mich dir besser verstndlich zu machen, will ich dir
eine Definition von mir als Schriftsteller geben. Man hat viel ber mich
gesprochen und geschrieben und die verschiedensten Seiten meines Wesens
zu ergrnden gesucht, aber mein wahres Wesen hat man darum doch nicht zu
bestimmen vermocht. Dieses hat nur Puschkin allein erkannt. Er sagte mir
immer, noch nie habe es einen Schriftsteller gegeben, der in so hohem
Grade das Vermgen besa, die Gemeinheit und Plattheit des Lebens in so
satten Farben zu schildern, die Hohlheit und Nichtigkeit eines gemeinen
Menschen mit einer solchen Kraft zu zeichnen, wie ich, so da die ganze
Kleinheit und Armseligkeit, die den meisten Menschen entgeht, jedem
deutlich in die Augen springt. Das ist der Grundzug meines Wesens und er
fehlt in der Tat den meisten anderen Schriftstellern. Er hat sich mit
der Zeit in mir noch vertieft, weil sich noch andere geistige Momente
mit ihm verbunden haben. Aber das konnte ich damals nicht einmal
Puschkin mitteilen. Dieser Grundzug hat sich mit besonderer Kraft in den
Toten Seelen offenbart. Die Toten Seelen haben nicht darum in
Ruland solch ein Grauen hervorgerufen und so ein Aufsehen gemacht, weil
sie irgendwelche furchtbare Wunden oder innere Krankheiten an den Tag
gebracht, oder ein erschtterndes Bild vom Triumph des Bsen und von den
Leiden der Unschuld entworfen htten. O nein. Meine Helden sind durchaus
keine Bsewichter; wenn ich einem jeden von ihnen nur einen einzigen
guten Zug verliehen htte, der Leser htte sich sicher mit ihnen allen
ausgeshnt. Aber die Gemeinheit und Plattheit des Ganzen flte dem
Leser Schrecken ein. Was ihn mit solch einem Grauen erfllte, war
dieses, da bei mir ein Mensch immer kleinlicher und elender war, als
der andere, da es unter ihnen auch nicht eine trstliche Erscheinung,
keinen einzigen Ruhepunkt gab, an dem der arme Leser htte aufatmen und
Mut schpfen knnen, und da es einem, wenn man das ganze Buch gelesen
hatte, so vorkam, als trete man aus einem dumpfigen Kellergewlbe wieder
in Gottes freie Welt hinaus. Man htte es mir eher vergeben, wenn ich
lauter malerische Ungeheuer gezeichnet htte -- die Jmmerlichkeit und
Gemeinheit hat man mir nicht verziehen. Das, wovor der Russe erschrak,
das war seine Nichtigkeit, sie war ihm weit schrecklicher als all seine
Mngel und Laster! Ist das nicht eine auerordentliche Erscheinung?
Frwahr, dieser Schrecken ist etwas Herrliches! Wer einen solchen Ekel
und Widerwillen vor dem Kleinen und Nichtigen empfindet, in dem liegt
sicherlich das Gegenteil von aller Kleinheit und Nichtigkeit verborgen.
Dies also ist mein grter Vorzug und ich wiederhole, er htte sich
nicht mit einer solchen Kraft in mir entwickelt, wenn nicht meine eigene
geistige Stimmung und meine inneren Erlebnisse hinzugekommen wren.
Keiner meiner Leser wute, da er ber mich selbst lachte, whrend er
ber meine Helden lachte.

Ich hatte kein einzelnes groes Laster, das all meine brigen Untugenden
um Haupteslnge berragte, ebensowenig wie ich irgendeine markante
Tugend besa, die mir ein besonders interessantes uere verliehen
htte, dafr aber vereinigte ich in mir alle Scheulichkeiten, die es
nur gibt, ich besa zwar von jeder nur ein wenig; aber sie waren in mir
in einer solchen Menge vertreten, wie ich es noch nie zuvor bei einem
Menschen gesehen habe. Gott hat mir eine vielseitige Natur gegeben. Er
hat mir bei meiner Geburt auch manche gute Keime eingepflanzt, der beste
jedoch, fr den ich ihm nicht genug zu danken vermag, ist der Wunsch,
_besser zu werden_. Ich habe meine schlechten Seiten nie geliebt, und
wenn es die himmlische Liebe Gottes nicht so gefgt htte, da sie sich
nur langsam und allmhlich vor mir enthllten, statt sich mir pltzlich
und mit einem Schlage zu offenbaren, als ich noch keine Vorstellung von
Seinem unendlichen Mitleid besa, -- dann htte ich mich sicherlich
erhngt. Aber in dem Mae, als ich sie in mir entdeckte, verstrkte sich
durch eine wunderbare hhere Eingebung der Wunsch in mir, mich von ihnen
zu befreien; es war ein auergewhnliches seelisches Erlebnis, das mich
dazu fhrte, sie meinen Helden mitzuteilen. Was dies fr ein Erlebnis
war, darfst du nicht erfahren; wenn ich geglaubt htte, da es jemand
ntzen knnte, htte ich es schon lngst bekanntgemacht. Von diesem
Augenblick an begann ich meine Helden ber ihre Gemeinheit hinaus auch
noch mit meinen persnlichen Scheulichkeiten auszustatten. Das geschah
folgendermaen: ich nahm eine schlechte Eigenschaft, die ich bei mir
selbst fand, untersuchte, welche Formen sie in einem anderen Berufe,
Stand oder Lebenskreise annimmt, versuchte es, sie als meine Todfeindin
darzustellen, die mich aufs empfindlichste beleidigt hat, und verfolgte
sie mit Ha, Spott und allem, dessen ich noch sonst fhig war. Wenn
jemand all die Ungeheuer gesehen htte, die meine Feder im Anfang fr
mich selbst erschuf, er htte vor Entsetzen gezittert. Ich brauche dir
nur zu erzhlen, da Puschkin, als ich ihm die ersten Kapitel der Toten
Seelen vorlas (er hatte sonst stets gelacht, wenn ich ihm etwas
vortrug, denn er lachte gern und von Herzen), immer finsterer und
finsterer wurde, bis sich sein Gesicht zuletzt vollkommen verdsterte.
Als ich geendigt hatte, sagte er mit einem tiefen Schmerz in der Stimme:
Gott, wie grauenhaft trostlos und traurig ist doch unser Ruland.
Dieser Ausspruch berraschte mich. Puschkin, der Ruland so gut kannte,
hatte nicht bemerkt, da dies alles nur eine Karikatur, ein Produkt
meiner Phantasie war. Und jetzt erst erkannte ich, was eine Sache
bedeutet, die einem aus dem Herzen geflossen ist, was geistige Wahrheit
ist und in was fr einer erschreckenden Gestalt man dem Menschen die
Finsternis und den furchtbaren _Mangel an Licht_ darstellen kann. Seit
dieser Zeit dachte ich nur noch daran, wie ich den niederschmetternden
Eindruck mildern knnte, den die Toten Seelen hervorrufen konnten. Ich
sah, da vieles Schlechte des Hasses nicht wert und da es besser ist,
es in seiner Nichtigkeit und Armseligkeit darzustellen, die in alle
Ewigkeit sein Teil ist. Ferner wollte ich sehen, was die Russen sagen
wrden, wenn man ihnen ihre eigene Hlichkeit und Gemeinheit vor Augen
fhrte. Nach einem Plan, der mir schon lange vorschwebte, brauchte ich
fr meinen ersten Teil lauter kleine und armselige Menschen. Diese
elenden Menschen sind jedoch keineswegs Portrts nach lebendigen
Personen, ich habe vielmehr in ihnen die Zge der Leute gesammelt, die
sich fr besser halten, als die anderen; allerdings habe ich sie aus
Generlen zu gemeinen Soldaten gemacht. Hier finden sich auer Zgen von
mir selbst noch viele solche von meinen Freunden und sogar einige von
dir. Ich werde dir das spter beweisen, wenn die Zeit fr dich gekommen
sein wird, bis jetzt bleibt das noch mein persnliches Geheimnis. Ich
mute allen guten Menschen, die ich kannte, alles Hliche und Gemeine
nehmen, das sie sich zufllig erworben hatten und es ihren rechtmigen
Besitzern wiedergeben. Frage nicht, warum der erste Teil von nichts
anderem handelt als von _Elend, Armseligkeit und Gemeinheit_ und warum
alle handelnden Personen bis auf die letzte so trivial und gemein sein
mssen. Die Antwort hierauf wirst du in den folgenden Bnden finden. Das
ist das Ganze! Der erste Teil hat trotz all seiner Unvollkommenheiten
seine Aufgabe erfllt, er hat allen Menschen einen wahren Ekel und
Widerwillen gegen meine Helden und gegen ihre Armseligkeit eingeflt,
er hat, wie es meine Absicht war, in uns etwas wie Schmerz und Unwillen
gegen uns selbst erzeugt. Frs erste gengt mir das. Mehr wollte ich
nicht erreichen. Dies alles wre natrlich noch bedeutsamer geworden und
wre mir viel besser gelungen, wenn ich mich nicht so sehr mit der
Verffentlichung beeilt htte und wenn ich das Ganze noch sorgfltiger
und grndlicher bearbeitet htte. Meine Helden haben sich noch nicht
vllig von mir abgelst und daher auch noch nicht die rechte
Selbstndigkeit erlangt. Ich habe sie noch nicht fest genug auf den
Boden gestellt, auf dem sie stehen sollten, noch sind sie nicht recht
heimisch geworden in dem Kreis unserer Sitten, noch wurzeln sie nicht
tief genug in dem eigentlich russischen Leben mit all seinen
Einzelheiten. Noch ist das ganze Buch nicht viel mehr als eine
Frhgeburt, aber sein Geist hat sich doch schon unsichtbar verbreitet
und selbst sein verfrhtes Erscheinen kann mir dadurch ntzlich werden,
da es meine Leser veranlassen kann, mir all meine Fehler nachzuweisen,
die ich bei der Schilderung der gesellschaftlichen und privaten
Verhltnisse Rulands begangen habe. Wenn du z. B., statt mir unntze
Fragen zu stellen (mit denen du mehr als die Hlfte deines Briefes
angefllt hast, und die zu nichts fhren, als zur Befriedigung einer
migen Neugierde), wenn du alle vernnftigen und sachlichen Bemerkungen
und Einwnde, die ber mein Werk laut werden, deine eigenen sowohl, als
auch alle mglichen fremden, die von klugen Menschen herstammen, die
auch Erfahrung genug besitzen und mitten in einem ttigen Leben stehen,
sammeln und ihnen eine Reihe von Anekdoten und tatschlichen
Begebenheiten beifgen wolltest, die in eurem Kreise oder in eurer
Provinz vorgefallen sind -- sei es nun, da sie mein Buch in einem
seiner Teile widerlegen oder besttigen -- zu jeder Seite knnte man ein
ganzes Dutzend solcher Flle anfhren -- dann wrdest du ein wahrhaft
gutes Werk tun, und ich wrde dir von Herzen dankbar sein. Wie wrde
sich dadurch mein Horizont erweitern! Wie wrde das meinen Kopf
erfrischen und wieviel leichter wrde die Arbeit vonstatten gehen! Aber
das, worum ich bitte, will kein Mensch tun. Niemand hlt meine Bitten
fr ernst und wichtig genug und jeder respektiert nur seine eigenen.
Andere wieder verlangen Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit von mir, ohne
selbst zu wissen, was sie verlangen. Und was soll blo diese mige
Neugierde, diese trichte unntze Hast, die, wie ich sehe, auch dich
angesteckt hat. Sieh doch, wie in der Natur alles wrdig und weise nach
wohlgefgten Gesetzen vonstatten geht und wie vernnftig eines aus dem
anderen folgt! Nur wir allein machen uns, Gott wei warum, soviel
unntze Unruhe. Alles eilt und hastet wie im Fieber. Hast du dir denn
deine Worte auch ordentlich berlegt? Es ist absolut notwendig, da wir
den zweiten Band erhalten. Wie? soll ich mich denn blo deswegen, weil
alle Leute mit mir unzufrieden sind, mit dem zweiten Bande beeilen? Das
wre doch ebenso dumm, wie das, da ich mich mit dem ersten zu sehr
beeilt habe. Bin ich denn schon ganz um mein bichen Verstand gekommen?
Ich brauche diesen Unwillen und diese Unzufriedenheit ja. Wenn die
Menschen unwillig ber mich sind, werden sie mir doch wenigstens irgend
etwas sagen. Und woraus schliet du nur, da der zweite Band gerade
jetzt ein dringendes Bedrfnis geworden ist. Hast du etwa in meinen Kopf
hineingeblickt? Fhlst du, was das Wesen dieses zweiten Bandes ausmacht?
Deiner Ansicht nach braucht man ihn jetzt, whrend ich glaube, da er
nicht frher als nach zwei Jahren erscheinen sollte und auch dies blo,
wenn man die Umstnde und den Gang der Zeit bercksichtigt. Wer von uns
hat nun recht? Der, in dessen Kopf der zweite Band fertig dasteht, oder
der, der noch nicht wei, was den Inhalt bildet. Was das jetzt fr eine
seltsame Mode ist, die neuerdings in Ruland aufgekommen ist! Der Mensch
liegt selbst auf der faulen Haut, will selbst nichts Vernnftiges tun
und spornt die anderen zur Ttigkeit an; als ob jeder andere sich aus
allen Krften anstrengen mte, vor Freude darber, da sein Freund
mig auf dem Rcken liegt! Kaum erfhrt man, da irgendein Mensch mit
einer ernsten Sache beschftigt ist, so treibt man ihn schon berall zur
Eile an und dann schilt man ihn noch, wenn er es schlecht macht; dann
heit es: warum hast du dich so beeilt? Aber ich schliee meine Predigt.
Auf deine klugen Fragen habe ich geantwortet. Ich habe dir sogar gesagt,
was ich bis heute noch keinem einzigen Menschen gesagt habe. Glaube
bitte nach diesem Bekenntnis nicht, da ich ebenso ein Ungeheuer bin,
wie meine Helden. Nein, ich gleiche ihnen nicht. Ich liebe das Gute, ich
suche es aus allen Krften, und meine Seele glht fr alles Schne, ich
liebe meine Schndlichkeiten nicht und suche nicht, sie festzuhalten,
wie meine Helden; ich liebe das Gemeine in mir nicht, das mich von dem
Guten fernhlt. Ich kmpfe gegen es an und werde gegen es ankmpfen, bis
ich es ganz ausgetrieben habe, und dabei wird Gott mir helfen. Es ist
ganz falsch, was trichte, weltlich gerichtete Menschen sich ausgedacht
haben, da der Mensch nur erzogen werden knne, solange er noch in der
Schule sitzt, und da er spter keinen Charakterzug mehr in sich
verndern knne. Nur in einem trichten, weltlich gesinnten Schdel
konnte ein so dummer Gedanke entstehen. Ich habe mich schon von vielen
meiner Scheulichkeiten befreit, indem ich sie auf meine Helden
bertrug, sie in ihnen verspottete und auch andere zwang, ber sie zu
lachen. Ich bin schon manche von ihnen losgeworden, indem ich ihnen ihr
verlockendes ueres, ihre ritterliche Maske nahm, dank der jedes von
unseren Lastern keck durch die Welt geht. Ich habe sie neben das
Hliche gestellt, das allen sichtbar ist. Wenn ich mich in der Beichte
vor Ihm prfe, Der mich in die Welt gesandt hat und Der mir befahl, mich
von meinen Fehlern zu befreien, dann erkenne ich viele Laster in mir,
aber es sind nicht mehr dieselben wie im vergangenen Jahr, eine heilige
Kraft half mir, mich von ihnen zu befreien. Dir aber rate ich, diese
Worte nicht unbeachtet verhallen zu lassen, sondern wenn du meine Briefe
gelesen hast, einen Augenblick mit dir allein zu bleiben, alles andere
eine Weile beiseite zu lassen und grndlich in dich selbst
hineinzublicken, indem du dein ganzes Leben an dir vorberziehen lt,
und dann die Wahrheit meiner Worte einer Prfung zu unterziehen. In
dieser meiner Antwort wirst du, wenn du nher zusiehst, auch eine
Antwort auf deine brigen Fragen finden, und du wirst erkennen, warum
ich bisher dem Leser nicht auch die trstlichen Erscheinungen gezeigt
und mir keine tugendhaften Menschen zu Helden erwhlt habe. Solche kann
man nicht frei aus dem Kopfe erfinden. Solange man ihnen nicht im
geringsten selbst gleicht, solange man sich nicht durch Hartnckigkeit
und Bestndigkeit einige gute Eigenschaften erobert hat -- wird alles,
was die Feder niederschreibt, tot und leblos und so weit von der
Wahrheit entfernt bleiben, wie der Himmel von der Erde. Ich habe diese
Schreckgespenster nicht erfunden -- diese Schreckgespenster haben meine
eigene Seele gewrgt und bedrckt: nur was lebendig in meiner Seele
lebte, ist frei aus ihr herausgestrmt.


                                  IV.

Ich habe den zweiten Teil der Toten Seelen verbrannt, weil das eine
Notwendigkeit war. Das du sest, wird nicht lebendig, es sterbe denn,
-- sagt der Apostel. Man mu zuvor sterben, wenn man wieder auferstehen
soll. Es ist mir nicht leicht geworden, die Frucht einer fnfjhrigen
Arbeit zu verbrennen, einer Arbeit, die mich soviel schmerzliche
Anstrengungen, wo jede Zeile mich schwere Erschtterungen gekostet hat
und worin vieles enthalten war, was mein hchstes Streben ausmachte und
meine Seele ausfllte. Und doch wurde alles verbrannt und noch dazu in
einem Augenblick, wo ich den Tod vor Augen sah und etwas hinterlassen
wollte, was mich bei der Nachwelt in besserem Andenken erhalten sollte.
Ich danke Gott, da er mir die Kraft verliehen hat, dies zu vollbringen.
Sowie die Flamme die letzten Bltter meines Buches aufgezehrt hatte,
erstand sein Inhalt pltzlich in verklrter und geluterter Gestalt vor
mir, gleich einem Phnix aus der Asche, und ich sah nun mit einem Male,
wie unreif und unausgegoren das noch war, was ich bereits fr
ausgereift, harmonisch und abgerundet gehalten hatte. Wre der zweite
Band in dem Zustande, in dem er sich damals befand, erschienen, er htte
eher Schaden als Nutzen gestiftet. Nicht der Genu und die Befriedigung
der Kunstkenner und Literaturfreunde ist es, die man anstreben mu,
sondern die aller Leser, fr die die Toten Seelen geschrieben wurden.
Eine Anzahl edler Charaktere darzustellen, die fr die vornehme
Gesinnung und den hohen Adel unseres Wesens zeugen, -- das kann zu
nichts fhren. Das erregt blo Hochmut und eitle Prahlsucht. Viele von
uns, besonders aber von unseren jungen Leuten, haben die Gewohnheit
angenommen, die Vorzge des russischen Charakters ber alles Ma zu
preisen und mit ihnen zu prahlen und doch denken sie gar nicht daran,
diese Eigenschaften zu vertiefen und an ihrer eigenen Erziehung zu
arbeiten, sondern sie suchen sie mglichst zur Schau zu stellen, als
wollten sie Europa zurufen: Seht einmal, ihr Deutschen, wir sind doch
besser als ihr! Diese Prahlsucht richtet alles zugrunde. Sie reizt die
andern und gereicht auch dem Renommisten selbst zum Schaden. Man kann
die beste Sache in den Kot ziehen, wenn man sich ihrer rhmt und sich
was auf sie zugute tut. Bei uns aber rhmt man sich und prahlt man
schon, noch ehe man etwas geleistet hat -- man prahlt mit dem, was erst
kommen soll! Nein, dann scheint es mir noch besser, man ist kleinmtig
und man grmt sich ber sich selbst, als da man hochmtig ist und sich
selbst zu viel zutraut. Im ersten Falle wird sich der Mensch wenigstens
seiner Armseligkeit, Gemeinheit und Nichtigkeit bewut und richtet seine
Gedanken auf Gott, der alles aus dem tiefsten Elend und der tiefsten
Erniedrigung erhebt und zur Hhe emporfhrt; im zweiten Falle dagegen
flieht der Mensch sich selbst und rennt geradeswegs dem Satan, dem Vater
des Hochmuts, in die Arme, der den Menschen zur berhebung verleitet,
indem er ihm blauen Dunst vormacht und ihn zum Tugendstolz verfhrt.
Nein, es gibt Zeiten, wo man die Gesellschaft oder sogar eine ganze
Generation gar nicht anders auf das Gute hinleiten und fr das Gute
begeistern kann, als indem man ihnen den ganzen Abgrund der
Verkommenheit zeigt, in dem sie stecken; es gibt Zeiten, wo man
berhaupt nicht vom Hohen und Schnen sprechen darf, ohne zugleich einem
jeden die Richtung und den Weg zum Schnen zu zeigen, so da er sie
taghell vor sich liegen sieht. Dieses letzte Moment ist im zweiten Bande
der Toten Seelen nur schwchlich und unvollkommen zum Ausdruck
gekommen, und doch htte es eigentlich das wichtigste und wesentlichste
Moment sein sollen. Und darum habe ich diesen zweiten Teil verbrannt.
Urteilen Sie bitte nicht ber mich und ziehen Sie keine Schlsse daraus;
Sie werden sich ebenso tuschen, wie die unter meinen Freunden, die sich
aus mir ihr eigenes Ideal eines Schriftstellers zurechtgemacht hatten,
das ihren eigenen Begriffen von einem Dichter entsprach, und nun von mir
verlangten, ich solle diesem, doch nur von ihnen selbst entworfenen
Ideal entsprechen. Gott hat mich erschaffen und Er hat mir nicht
vorenthalten, was meine eigentliche Bestimmung ist. Ich bin gar nicht
dazu geboren, um eine Epoche in der Literaturgeschichte heraufzufhren.
Meine Aufgabe ist weit einfacher und nherliegend; meine Aufgabe ist
das, woran ein jeder Mensch und nicht nur ich allein zuallererst denken
sollte. Meine Aufgabe -- ist _die Seele und die groe sichere ewige
Aufgabe des Lebens_. Darum mu auch mein Tun stark und dauerhaft sein
und ich mu Werke schaffen, die dauern. Ich brauche mich nicht zu
beeilen; mgen doch die andern hasten und sich beeilen! Ich verbrenne,
was verbrannt werden mu, und ich handle sicherlich richtig, denn ich
unternehme nichts, ohne zuvor zu Gott gebetet zu haben. Was aber Ihre
Befrchtungen wegen meiner zarten Gesundheit anbelangt, die es mir
vielleicht unmglich machen wird, den zweiten Band niederzuschreiben, so
sind sie berflssig. Meine Gesundheit ist sehr zart -- das ist freilich
wahr. Zuzeiten ist mir's so schlecht zumute, da ich es ohne Gottes
Hilfe kaum auszuhalten vermchte. Zu dem Verfall meiner Krfte ist noch
ein so intensives Frsteln hinzugekommen, da ich gar nicht mehr wei,
wie und woran ich mich erwrmen soll: ich mte mir Bewegung machen, und
doch habe ich nicht die Kraft, mich herumzubewegen. Selten kann ich mehr
als eine Stunde fr die Arbeit erbrigen, aber selbst dann fhle ich
mich nicht immer frisch. Allein, meine Hoffnung sinkt darum doch nicht.
Der, Der durch Kummer, Leid und Hindernisse die Entwickelung meiner
Fhigkeiten und Gedanken, ohne die ich nie auf den Einfall gekommen
wre, mein Werk zu schreiben, beschleunigt hat, Der da machte, da die
grere Hlfte in meinem Kopf bereits fertig feststeht, Der wird mir
auch die Kraft verleihen, was noch brig ist, zu vollenden und zu Papier
zu bringen. Meine Krfte verfallen, aber nicht mein Geist. Alle meine
geistigen Fhigkeiten werden vielmehr strker und krftiger, nun denn,
so wird wohl auch die Krperkraft sich einstellen. Ich lebe dem Glauben,
da, wenn die rechte Stunde schlgt, auch das, woran ich fnf Jahre lang
mit Schmerzen gearbeitet habe, in wenigen Wochen vollendet dastehen
wird.

                                                                 1846.




                                  XIX
                    Liebt unser russisches Vaterland
                  Aus einem Briefe an den Grafen A. T.


Ohne Liebe zu Gott kann keiner gerettet werden, wir aber besitzen keine
rechte Gottesliebe. Im Kloster ist sie kaum zu finden, ins Kloster gehen
nur die, die Gott selbst dahin berufen hat. Ohne Gottes Willen kann man
Ihn nicht liebgewinnen. Und wie sollte man auch Den lieben, Den noch
niemand gesehen hat? Gibt es ein Gebet, gibt es eine Kraftanstrengung,
mit der wir diese Liebe von Ihm herabflehen knnten? Sehen Sie nur,
wieviel gute, vortreffliche Menschen es gegenwrtig auf der Welt gibt,
die sich glhend nach dieser Liebe sehnen und nur sprde Hrte und de
Kaltbltigkeit in sich finden. Es ist schwer, Den liebzugewinnen, Den
niemand gesehen hat. Christus allein hat uns das Geheimnis geoffenbart
und verkndet, da wir in der Liebe zu unseren Brdern der Liebe zu Gott
teilhaftig werden. Wir mssen sie so lieben lernen, wie Christus es uns
gelehrt hat, und die Liebe zu Gott wird sich von selbst daraus ergeben.
So gehen Sie denn in die Welt hinaus und lernen Sie erst Ihre Brder
lieben.

Wie aber sollen wir die Brder lieben lernen? Wie sollen wir die
Menschen liebgewinnen? Die Seele mchte nur das Schne lieben, die armen
Menschen aber sind so unvollkommen, und es ist so wenig Schnheit in
ihnen. Wie also sollen wir es anfangen? Danken Sie Gott vor allem dafr,
da Sie ein Russe sind. Fr den Russen tut sich jetzt ein Weg auf, und
dieser Weg ist Ruland selbst. Wenn der Russe erst einmal Ruland lieben
lernen wird, so wird er bald auch alles mit Liebe umfassen, was es in
Ruland gibt. Gott selbst weist uns jetzt auf diese Liebe hin. Ohne die
Leiden und Krankheiten, von denen Ruland gegenwrtig in so hohem Mae
betroffen ward, und an denen wir selbst die Schuld tragen, wrde niemand
von uns Mitleid mit dem Lande empfinden. Mitleid aber ist bereits der
Beginn der Liebe. Selbst in dem entrsteten Geschrei ber die
Mibruche, die Ungerechtigkeiten und die Bestechlichkeit kommt
keineswegs blo die Emprung der guten und anstndigen Elemente ber die
Unanstndigen und Ehrlosen zum Ausdruck, dies ist mehr, es ist der
Schmerzensschrei des ganzen Landes, an dessen Ohr die Nachricht drang,
da zahllose Scharen fremder Feinde ins Land eingefallen, in die Huser
gedrungen seien und alle Bewohner unter ihr hartes Joch gezwungen
htten; schon wollen sich die, die diese Seelenfeinde freiwillig in ihr
Haus aufgenommen haben, selbst von ihnen befreien; sie wissen nur nicht,
wie sie dies anfangen sollen, und so entringt sich allen ein einziger,
erschtternder Schrei; selbst die Stumpfen und Gefhllosen beginnen sich
zu regen. Aber die wirkliche, eigentliche Liebe empfindet noch keiner,
auch Sie besitzen sie nicht. Sie lieben Ruland noch nicht.

Sie knnen sich immer nur grmen, klagen und sich darber aufregen,
sowie Sie hren, da etwas Bses oder Hliches in Ruland passiert.
Dies erregt bei Ihnen nichts wie rger, Bitterkeit oder Mimut. Nein,
das ist noch nicht Liebe. Sie sind noch weit entfernt von der Liebe, das
ist hchstens etwas wie ein schwaches Anzeichen, durch das sie sich
ankndigt. Nein, wenn Sie Ruland wirklich lieben werden, dann wird
jener kurzsichtige Gedanke, der jetzt in den Kpfen vieler ehrlicher und
selbst gescheiter Leute entsteht, als knnten sie heutzutage nichts fr
Ruland tun, und als ob Ruland ihrer berhaupt nicht bedrfte, ganz von
selbst verschwinden. Im Gegenteil, dann werden Sie erst wirklich und mit
voller Strke empfinden, da die Liebe allmchtig ist und da man mit
ihr im Bunde alles zu vollbringen vermag. Nein, wenn Sie Ruland
wirklich liebgewinnen werden, dann werden Sie sich frmlich dazu
drngen, dem Vaterland zu dienen. Und Sie werden dann nicht etwa
Gouverneur, sondern Polizeihauptmann werden wollen, dann werden Sie sich
mit dem letzten unbedeutendsten Posten, der sich Ihnen darbieten wird,
begngen wollen und jedes Krnchen Ttigkeit in diesem Beruf einem
tatenlosen und migen Leben, wie Sie es jetzt fhren, vorziehen. Nein,
Sie lieben Ruland noch nicht. Und solange Sie Ruland noch nicht
lieben, knnen Sie auch Ihre Brder nicht lieben, ohne solche Liebe zu
Ihren Brdern aber knnen Sie nicht in Liebe zu Gott entbrennen. Und ehe
Sie sich nicht mit dieser gttlichen Liebe erfllen, gibt es keine
Rettung fr Sie.

                                                                 1844.




                                   XX
                         Lernt Ruland kennen!
                  Aus einem Brief an den Grafen P. T.


Es gibt keinen hheren Beruf als den Mnchsberuf. Gott gebe, da es uns
einmal beschieden sei, die schlichte Mnchskutte anzulegen, nach der
sich meine Seele so sehnt! Schon der bloe Gedanke an sie ist mir eine
Freude. Allein aus eigener Kraft, ohne von Gott dazu berufen zu werden,
knnen wir solches nicht vollbringen. Wenn man das Recht besitzen will,
sich aus dieser Welt zurckzuziehen, mu man dieser Welt Lebewohl sagen
knnen. Verteile zuvor all dein Gut an die Armen und dann erst gehe ins
Kloster. Diese Worte gelten fr alle, deren Weg dorthin fhrt. Sie sind
reich, Sie knnen Ihr Vermgen unter die Armen verteilen, was aber htte
ich ihnen zu geben? Mein Vermgen besteht nicht in Geld. Mit Gottes
Hilfe ist es mir gelungen, mir ein gewisses geistiges und seelisches
Besitztum zu erwerben, Er hat mir einige Fhigkeiten verliehen, mit
denen ich andern ntzen und dienen kann -- daher mu ich diese Gter
unter die verteilen, die keine besitzen, ehe ich ins Kloster gehe. Aber
auch Sie knnen sich dadurch, da Sie all Ihr Geld wegschenken, noch
nicht das Recht dazu erwerben. Wenn Sie an Ihrem Gelde hingen und wenn
es Ihnen schwer wrde, sich von ihm zu trennen, dann lge die Sache
anders. Allein Sie sind gleichgltig gegen das Geld, es bedeutet heute
nichts mehr fr Sie. Was fr eine Heldentat und welch ein Opfer wre es,
sich von ihm zu trennen. Oder heit es etwa, seinem Bruder Gutes tun,
wenn man ein unntzes Ding aus dem Fenster wirft, sofern wir nmlich das
Gute in dem hohen Sinne des Christentums verstehen? Nein, Ihnen sind die
Tore zu der ersehnten Klosterzelle noch ebenso verschlossen wie mir. Ihr
Kloster ist -- Ruland. Nun, so legen Sie das geistige Mnchsgewand an
-- sterben Sie sich selbst vllig ab -- sich selbst -- nicht Ruland --
und gehen Sie hin, um darin zu wirken und ttig zu sein. Unser Land ruft
heute seine Shne lauter als je. Schon schmerzt ihm die Seele, und schon
ertnt sein Schrei aus tiefer Seelennot. Lieber Freund! Sie haben
entweder ein gefhlloses Herz oder Sie wissen nicht, was Ruland fr
einen Russen bedeutet. Denken Sie doch daran, wie einst, wenn Not und
Elend ber das Reich hereinbrachen, die Mnche ihre Klosterzellen
verlieen und zu den anderen in die Reihen traten, um das Vaterland zu
retten. Die Mnche Oslabja und Pereswet griffen, vom Segen des Priors
begleitet, zum Schwert, das dem Christen ein Greuel ist, und blieben auf
der blutigen Walstatt, und Sie weigern sich, die Pflicht eines
friedlichen Brgers -- ja, wo denn nur? -- mitten im Herzen Rulands zu
erfllen. Machen Sie keine Ausflchte, und weisen Sie nicht auf Ihre
Unfhigkeit hin, Sie besitzen viele Fhigkeiten, die Ruland jetzt
hchst dienlich und von grtem Nutzen sein knnen. Sie sind Gouverneur
zweier Provinzen von uerst verschiedenem Charakter gewesen. Sie haben
diese Stellung trotz aller Fehler und Unzulnglichkeiten, die Ihnen
damals noch anhafteten, weit besser ausgefllt als mancher andere, Sie
haben sich aus erster Hand positive Kenntnisse ber die Zustnde und
Vorgnge im Innern Rulands erworben und das Land in seinem wahren Wesen
kennen gelernt. Aber das ist noch nicht die Hauptsache, und ich wrde
Ihnen nicht so zureden, wieder in den Staatsdienst zu treten, trotzdem
Sie so bedeutende Kenntnisse besitzen, wenn ich bei Ihnen nicht eine
bestimmte Eigenschaft entdeckt htte, die mir weit bedeutsamer
erscheint, als alle brigen. Ich meine jene Fhigkeit, ohne besondere
Anstrengung und ohne _selbst_ zu arbeiten, ja, whrend Sie selbst ein
bequemes miges Leben fhren, alle andern zur Arbeit anzufeuern. Bei
Ihnen wickelte sich alles schnell und glatt ab, und wenn man Sie dann
erstaunt fragte: wie kommt das nur? pflegten Sie zu antworten: das alles
ist das Verdienst meiner Beamten, ich hatte das Glck, tchtige Beamte
zu bekommen, die mir selbst gar keine Arbeit brig lassen. Und wenn sich
dann Gelegenheit bot, jemand fr eine Auszeichnung oder Belohnung
vorzuschlagen, dann wiesen Sie stets zuerst auf Ihre Beamten hin, indem
Sie ihnen alles Verdienst zuschrieben und sich selbst ganz bergingen.
Das ist Ihr hchster Vorzug. Ganz abgesehen von Ihrer groen Fhigkeit,
sich die rechten Beamten zu whlen. Kein Wunder, da Ihre Beamten sich
die grte Mhe gaben, ja, einer hat sich beim Schreiben so
beranstrengt, da er an der Schwindsucht erkrankte und starb, trotzdem
Sie aufs eifrigste bemht waren, ihn zu bestimmen, er solle nicht so
viel arbeiten. Wessen ist ein Russe nicht fhig, wenn ein Vorgesetzter
ihn in dieser Weise behandelt! Eine solche Fhigkeit wird heute zu einem
wahrhaften Bedrfnis. Gerade heute, in einer so selbstschtigen Zeit, wo
ein jeder Vorgesetzter nur daran denkt, sich selbst mglichst in den
Vordergrund zu rcken und sich alle Verdienste zuzuschreiben. Ich sage
Ihnen, mit dieser Ihrer Fhigkeit sind Sie heute in Ruland vllig
unentbehrlich, und es ist eine Snde, da Sie dies nicht einmal
empfinden. Ich wrde eine Schuld auf mich laden, wenn ich Sie nicht auf
diese Fhigkeit aufmerksam machte. Sie ist das Beste, was Sie besitzen.
Die, die sie entbehren, denen diese Eigenschaft fehlt, flehen Sie an,
da Sie sie nicht brachliegen lassen mgen. Sie aber halten sie wie ein
Geizhals unter festem Verschlu und stellen sich taub. Es ist richtig,
vielleicht stnde es Ihnen heute nicht gut an, eine hnliche Stellung
einzunehmen wie die, die Sie vor zehn Jahren innehatten, nicht deshalb,
weil Sie sie ntig haben -- Sie besitzen gottlob keinen Ehrgeiz, und in
Ihren Augen ist keine Stellung zu gering -- sondern deshalb, weil Ihre
Fhigkeiten sich noch mehr entwickelt haben, noch gewachsen sind und zu
ihrer Entfaltung und Nahrung eines anderen freieren Wirkungskreises
bedrfen. Ja, aber gibt es denn etwa so wenig Posten und Wirkungskreise
in Ruland? Blicken Sie um sich, sehen Sie sich ordentlich um, und Sie
werden einen finden. Sie sollten einmal eine Reise durch Ruland machen.
Sie kennen das Land, wie es vor zehn Jahren war, aber das gengt jetzt
nicht mehr. In zehn Jahren ereignet sich in Ruland mehr, als in einem
anderen Staate whrend eines halben Jahrhunderts. Sie haben selbst,
whrend Sie hier im Ausland wohnen, bemerkt, da in den letzten zwei,
drei Jahren ganz andere Menschen aus Ruland herauskommen, Menschen, die
gar keine hnlichkeit mit denen haben, denen Sie noch vor kurzem
begegneten. Um zu erfahren, was das _heutige Ruland_ ist, mu man
unbedingt einmal eine Reise durch das Land machen. Glauben Sie nicht,
was man spricht und was man sich erzhlt. Das eine ist freilich wahr,
da es in Ruland noch niemals eine so auerordentliche Mannigfaltigkeit
und Verschiedenheit der Meinungen und Anschauungen gegeben hat, wie sie
heute unter den Leuten herrschen, und da der Unterschied der Bildung
und der Erziehung die Menschen noch niemals in einen solchen Gegensatz
zueinander gebracht und soviel Streit und Uneinigkeit unter ihnen erregt
hat, wie heutzutage. berdies ist ein Geist der Klatschsucht
aufgekommen, sind so viele neue trichte Ideen mit allen daraus
folgenden Konsequenzen zu uns importiert worden, sind so viele trichte
Gerchte entstanden und einseitige nichtssagende Schlsse gezogen
worden. Dies alles hat bei allen Leuten die Begriffe ber Ruland so
sehr entstellt und verwirrt, da man niemand mehr glauben kann. Man mu
selbst eine Reise durch Ruland machen und sich selbst berzeugen. Das
ist besonders ntzlich fr den, der eine Weile fern von Ruland in der
Fremde gelebt hat und nun mit einem frischen, noch nicht umnebelten
Kopfe zurckkehrt. Er wird vieles sehen, was ein anderer Mensch, der
sich selbst mitten in dem verwirrenden Getriebe befindet und empfindlich
und feinfhlig auf die brennenden Fragen des Augenblicks reagiert, nicht
sehen kann. Fhren Sie Ihre Reise in folgender Weise aus: zunchst
mssen Sie alle Anschauungen, die Sie bisher ber Ruland besaen, bis
auf die letzte vllig aus Ihrem Kopfe verbannen und sich von all Ihren
eigenen Schlssen und Folgerungen, die Sie bereits gezogen haben,
lossagen. Sie mssen tun, als ob Sie so gut wie gar nichts wten, und
Ihre Reise so antreten, wie wenn Sie ein neues, Ihnen noch vllig
unbekanntes Land kennen lernen wollten. Und wie sich ein russischer
Reisender jedesmal bei seinem Eintreffen in einer greren europischen
Stadt beeilt, alle ihre Denkmler aus alter Zeit und alle
Sehenswrdigkeiten in Augenschein zu nehmen, so mssen Sie, wenn Sie in
die erste beste Kreis- oder Provinzhauptstadt kommen, ja mit noch
grerem Interesse sich bemhen, alles Bemerkenswerte an ihr kennen zu
lernen. Dieses besteht nicht in ihren architektonischen Kunstwerken und
in ihren Altertmern, sondern in ihren Menschen. Ich mchte darauf
schwren, der Mensch hat mehr Anspruch darauf, da man ihn aufmerksam
und mit Interesse kennen zu lernen und zu erforschen sucht, als
irgendeine Fabrik oder eine Ruine. Rsten Sie sich mit einem Tropfen
wahrhaft brderlicher Liebe aus und versuchen Sie es, einen Blick auf
den Menschen zu werfen, und Sie werden sich nicht wieder von ihm trennen
knnen, so interessant wird er Ihnen werden. Lernen Sie vor allem die
Menschen kennen, die den eigentlichen Kern, den Extrakt, das Salz
einer jeden Stadt oder jedes Kreises bilden. In jeder Stadt gibt es
immer zwei bis drei solche Menschen. Sie werden Ihnen in wenigen Zgen
ein Bild der ganzen Stadt vermitteln, so da Sie sich schon selbst ein
Urteil darber bilden werden, wo und an welchen Orten Sie die meisten
Beobachtungen ber die gegenwrtige Lage der Dinge machen knnen. Wenn
Sie mit den fortgeschrittensten Reprsentanten jeden Standes reden
werden (mit Ihnen unterhalten sich doch alle Menschen so gern und ffnen
Ihnen gleich ganz weit ihr Herz), so werden Sie von ihnen erfahren, was
heutzutage jeder Stand bedeutet. Der flinke und gewandte Kaufmann wird
Ihnen sofort erklren, was die Kaufmannschaft der Stadt darstellt. Ein
nchterner, tchtiger Kleinbrger wird Ihnen einen Begriff von dem
Kleinbrgertum geben; von einem energischen Beamten werden Sie alles
Notwendige ber den Geschftsgang in den staatlichen Organen erfahren,
und von dem allgemeinen Geist und der Atmosphre der Gesellschaft werden
Sie sich selbst ein Bild machen. brigens drfen Sie sich nicht
allzusehr auf die fortgeschrittenen Leute, die geistige Elite verlassen.
Es ist schon besser, wenn Sie immer zwei oder drei Leute aus jedem
Stande hren. Vergessen Sie auch nicht, da heute alle miteinander im
Streite liegen und einer den andern rcksichtslos verleumdet und
schlecht macht. Suchen Sie sofort Fhlung mit der Geistlichkeit zu
nehmen, weil man mit dieser leicht bekannt wird. Von ihr werden Sie
alles brige erfahren. Und wenn Sie auch nur die wichtigsten Punkte und
Stdte Rulands besuchen werden, so wird es Ihnen sonnenklar werden, wo
und an welcher Stelle Sie sich ntzlich machen knnen und um welchen
Posten Sie sich bewerben mssen. Inzwischen aber knnen Sie, wenn Sie
nur wollen, schon durch Ihre bloe Reise sehr viel Gutes stiften. Schon
whrend dieser Reise werden Sie Gelegenheit zu so groen wahrhaft
christlichen Taten finden, wie sie sich Ihnen nicht einmal im Kloster
bieten wrde. Erstens knnen Sie, der Sie sich so angenehm unterhalten
knnen und der Sie allen Menschen gefallen, als ein fremder abseits
stehender neuer Mensch die Rolle des unparteiischen Mittlers und
Richters bernehmen. Sie wissen nicht, wie wichtig, wie notwendig das
jetzt in Ruland ist und welches Verdienst in einer solchen Ttigkeit
liegt. Der Heiland hat sie beinahe noch hher gestellt als jede andere
Art der Ttigkeit. Er nennt die Friedfertigen geradezu die Kinder
Gottes. Ein Vermittler und Friedensstifter aber findet bei uns berall
etwas zu tun. Alles liegt miteinander im Streit. Unsere Adligen leben
miteinander wie Hund und Katze, die Kaufleute leben wie Katze und Hund;
die Kleinbrger vertragen sich so schlecht wie Hund und Katze; ja selbst
die Bauern leben, wenn sie nicht gerade durch irgendeinen besonderen
Grund zu eintrchtiger Arbeit veranlat werden, miteinander wie Hund und
Katze. Ja, sogar brave ehrliche Menschen leben in Zwietracht
miteinander. Nur unter den Gaunern kann man noch etwas wie Eintracht und
Freundschaft bemerken, wenn nmlich einer von ihnen heftigen
Verfolgungen ausgesetzt ist.

Ein Friedensstifter findet berall einen Wirkungskreis. Haben Sie keine
Furcht, es ist nicht schwer, zu vermitteln und zu vershnen. Fr die
Menschen selbst ist es allerdings schwierig, sich wieder zu vertragen
und wieder auszushnen. Sowie aber ein Dritter zwischen sie tritt, shnt
er sie sofort miteinander aus. Daher spielt bei uns das Schiedsgericht,
dieses eigenste und wahrhaftigste Produkt unseres Landes, das bisher
weit mehr Erfolge zu verzeichnen hatte, als alle anderen Gerichte, eine
so groe Rolle. Es gibt eine wunderbare Eigenschaft, die der
menschlichen Natur im allgemeinen, besonders aber dem russischen Wesen
eigen ist. Sowie ein Mensch merkt, da ein anderer ihm auch nur ein
bichen entgegenkommt oder nachsichtig gegen ihn ist, so ist er schon so
gut wie bereit, ihn deswegen um Verzeihung zu bitten. Keiner will zuerst
nachgeben, sowie jedoch einer sich zu einem solchen hochherzigen
Entgegenkommen entschliet, drngt sich der andere frmlich dazu, ihn an
Gromut noch zu berbieten. Daher knnen bei uns selbst die ltesten
Prozesse und Zwistigkeiten weit schneller als irgendwo sonst beigelegt
werden, wenn nur ein wahrhaft edler Mensch, der von allen geachtet wird
und berdies noch ein Kenner des menschlichen Herzens ist, zwischen die
Streitenden tritt. Eine solche Vershnung aber -- dies mu ich noch
einmal wiederholen -- ist jetzt sehr vonnten. Wenn nur einige wenige
Menschen, die sich jetzt gegenseitig entgegenarbeiten und einander
Schwierigkeiten machen, weil sie verschiedener Ansicht ber irgendeine
Sache sind, sich dazu verstnden, einander die Hand zu reichen, so wrde
es den Gaunern schlecht ergehen. Da haben Sie also einen Teil der
Ttigkeit, zu der sich Ihnen whrend Ihrer Reise durch Ruland auf
Schritt und Tritt Gelegenheit bieten wird. Aber es gibt auch noch eine
andere Aufgabe fr Sie, die nicht geringer ist als jene erste. Sie
knnen der Geistlichkeit der Stdte, die Sie berhren werden, einen
groen Dienst erweisen, indem Sie sie nher mit der Gesellschaft bekannt
machen, in der sie lebt, indem Sie ihr eine gewisse Kenntnis der
Vorgnge und der Machenschaften beibringen, von denen die Menschen
heutzutage in der Beichte gar nicht reden, da sie annehmen, da sie
nicht in die Sphre des christlichen Lebens gehren. Dies ist sehr
notwendig, weil viele Geistliche, wie ich wei, infolge der groen Menge
von Ungehrigkeiten und Mibruchen, die in der letzten Zeit
stattgefunden haben, mutlos geworden sind, weil sie fast der Ansicht
sind, da niemand mehr auf sie hrt, da ihre Worte und Predigten in die
Luft gesprochen sind, da das bel schon so tiefe Wurzeln geschlagen hat
und da an eine Entwurzelung gar nicht mehr zu denken ist. Das ist
unrichtig. Freilich sndigt der Mensch von heute wirklich
unvergleichlich viel mehr als zu irgendeiner frheren Zeit; allein er
sndigt nicht aus einem berma von Verdorbenheit und Lasterhaftigkeit,
nicht aus Gefhllosigkeit und nicht deshalb, weil er den Wunsch zu
sndigen hat, sondern deshalb, weil er seine Snden nicht erkennt. Noch
hat sich nicht allen die fr unser gegenwrtiges Zeitalter so furchtbare
Wahrheit enthllt, noch liegt diese Wahrheit nicht so klar vor unseren
Augen, da wir nmlich heutzutage alle miteinander bis auf den Letzten
der Snde verfallen sind, und da wir blo nicht offen und direkt,
sondern indirekt sndigen. Das empfinden selbst unsere Prediger noch
nicht recht, daher sind ihre Predigten auch in die Luft gesprochen und
daher bleiben die Menschen taub fr ihre Worte. Wenn man heutzutage
erklrt: ihr sollt nicht stehlen, nicht in berflu und ppigkeit
leben, ihr sollt euch nicht bestechen lassen, sondern beten und den
Armen milde Gaben reichen, so bedeutet das nichts und kann keine
Wirkung haben. Denn abgesehen davon, da jeder sagen wird: aber das
sind doch alles bekannte Dinge, wird er sich noch vor sich selbst
rechtfertigen und sich womglich gar noch fr einen Heiligen halten. Er
wird sagen: Stehlen? -- ja, das tue ich doch nicht. Legt eine Uhr, ein
paar Mnzen, legt jeden beliebigen Gegenstand vor mich hin, ich werde
ihn nicht anrhren. Ich habe sogar meinen eigenen Diener wegen
Diebstahls entlassen; ich lebe natrlich auf groem Fue, aber ich habe
weder Kinder noch Verwandte, ich brauche fr niemand zu sparen und
zurckzulegen und mit meiner Verschwendung und mit meinem berflu
stifte ich noch Nutzen, denn ich gebe damit den Handwerkern, den
Gesellen, den Kaufleuten und Fabrikherren Gelegenheit, zu verdienen.
Geschenke nehme ich nur von den Reichen an, die mich selbst darum bitten
und fr die das noch nicht den Ruin bedeutet. Ich bete immer fleiig,
auch jetzt bin ich doch in der Kirche, ich bekreuzige mich und mache
meine Knieflle, ich helfe auch stets, kein Armer geht an mir vorber,
ohne da er eine Kupfermnze von mir erhlt, auch habe ich mich niemals
geweigert, etwas fr irgendeine Wohlfahrtseinrichtung zu geben. Mit
einem Wort, er wird sich nach einer solchen Predigt nicht nur fr
gerechtfertigt halten, sondern wohl gar noch stolz auf seine
Sndlosigkeit sein.

Aber wenn man den Vorhang vor ihm wegzieht und ihm blo einen Teil von
all den furchtbaren Schrecken und beln zeigt, die er zwar nicht
unmittelbar, aber doch indirekt verursacht, dann wird er ganz anders
reden. Man sage einem kurzsichtigen, aber ehrenhaft denkenden reichen
Mann, da er, indem er sein Haus schmckt und seine Lebensweise nach dem
Vorbild der vornehmen Herren einrichtet, schweren Schaden und schweres
rgernis verursacht, indem er einem andern weniger Reichen denselben
Wunsch einpflanzt. Denn dieser wird, um nur nicht hinter jenem
zurckzustehen, nicht nur sein eigenes, sondern auch fremdes Gut
verschwenden, die Menschen ausplndern und sie zu Bettlern machen;
auerdem aber sollte man eins jener furchtbaren Bilder der Hungersnot im
Innern Rulands vor ihm erstehen lassen, bei der ihm die Haare zu Berge
stehen mssen, und die es vielleicht nicht geben wrde, wenn er nicht
wie ein vornehmer Mann leben, nicht den Ton in der Gesellschaft angeben
und die Kpfe anderer Leute verwirren wrde. Ebenso zeige man allen
Modedamen, die sich nicht gern immer in demselben Kleide sehen lassen
und sich ganze Haufen neuer Kleider anfertigen lassen, ohne ein einziges
davon wirklich abzutragen, wobei sie jeder kleinsten Laune der Mode
folgen, ebenso zeige man diesen, wie sie eigentlich gar nicht dadurch
sndigen, da sie sich einem solchen eitlen Treiben hingeben und ihr
Geld verschwenden, sondern dadurch, da sie auch andere zu einem solchen
Leben zwingen, da so mancher Mann einer andern Frau aus diesem Grunde
Bestechungsgelder von einem Beamten, dem eigenen Kollegen, angenommen
hat [gewi, dieser Beamte war reich, aber um das Geld aufzubringen,
mute er einem weniger Reichen an die Kehle springen und ihn
ausplndern. Dieser mute seinerseits irgendeinem Assessor oder einem
Landrat die Kehle zudrcken und der Landpolizeihauptmann wiederum war
gezwungen, die ganz Armen und Besitzlosen auszuplndern] und man lasse
auch vor all diesen Modedamen ein Bild der Hungersnot erstehen. Dann
werden sie nicht mehr an Hte oder an ein neues, modernes Kleid denken.
Sie werden einsehen, da auch das Geld, das sie den Armen hinwerfen, und
auch die humanen Wohlfahrtseinrichtungen, die sie in den Stdten auf
Kosten der ausgeplnderten Provinzen errichten, sie nicht von der
furchtbaren Verantwortung vor Gott befreien werden. Nein, der Mensch ist
nicht gefhllos. Der Mensch wird im tiefsten erschttert sein, wenn Sie
ihm die Sache darstellen, wie sie ist. Und er wird sich heute mehr
erschttert fhlen, denn sein Herz, sein Wesen ist milder und weicher
geworden, und die Hlfte seiner Snden rhrt von seiner Unkenntnis und
nicht von seiner Lasterhaftigkeit her. Er wird den, der ihn dazu
anhalten wird, in sich zu gehen und seinen Blick auf sich selbst, in
sein Inneres zu richten, liebevoll wie seinen Retter umarmen. Der
Prediger braucht den Vorhang nur ein wenig zu lften und ihm nur eins
von den Verbrechen zu zeigen, die er jeden Augenblick begeht, und er
wird nicht mehr den Mut haben, mit seiner Sndlosigkeit zu prahlen. Er
wird sein verschwenderisches Leben nicht mehr mit elenden, armseligen
Sophismen zu verteidigen suchen, wie wenn ein solches Leben notwendig
wre, um den Handwerkern Brot zu verschaffen, er wird erkennen, da der
Gedanke, da man ein halbes Dorf oder einen halben Kreis zugrunde
richten msse, um irgendeinem Tischler Hambs Brot zu verschaffen, nur in
dem traurigen Kopfe eines Nationalkonomen des 19. Jahrhunderts, nicht
aber in dem gesunden Gehirn eines vernnftigen Menschen entstehen
konnte. Wie, wenn der Prediger die ganze Kette jener unzhligen
indirekten Verbrechen, die der Mensch durch seine Unvorsichtigkeit,
seinen Stolz, sein Selbstvertrauen begeht, vor ihm aufrollen und auf
alle Gefahren der gegenwrtigen Zeit hinweisen wrde, wo jeder von uns
mit einem Schlage so viele Seelen zugrunde richten kann, nicht nur seine
eigene, ja wo man sogar, ohne selbst unehrlich zu sein, blo durch seine
Unvorsichtigkeit andere zu ehrlosen Menschen und Schurken machen kann,
kurz, wie wre es wohl, wenn er nur ganz vorsichtig darauf hinweisen
wrde, auf welch gefhrlichem Wege sich alle Menschen befinden! Nein,
die Menschen werden nicht taub gegen seine Worte sein. Keins seiner
Worte wird in die Luft gesprochen sein. _Sie_ aber knnen viele Priester
hierauf aufmerksam machen, indem Sie sie auf alle die Machenschaften der
Menschen unserer Zeit, die Sie unterwegs kennen lernen werden,
aufmerksam machen. Aber Sie knnen sich hierdurch nicht nur den
Priestern, sondern auch anderen Menschen ntzlich erweisen. Dies sind
Tatsachen, deren Kenntnis heutzutage jedem von Nutzen ist.

Man mu dem Menschen das Leben zeigen: das Leben, nicht wie es sich
unter dem Gesichtspunkt einer vergangenen, sondern unter dem aller
Wirrsale und Verwirrungen unserer _gegenwrtigen_ Zeit darstellt; nicht
wie es dem oberflchlichen Blick eines Weltmanns, sondern wie es einem
Manne erscheint, der es von dem hchsten Standpunkt eines Christen
betrachtet, in Erwgung zieht und bewertet. Die Unkenntnis Rulands, wie
sie in Ruland selbst verbreitet ist, ist ganz ungeheuer. Alle Leute
leben in einer fremden Welt auslndischer Journale und Zeitungen, nicht
aber in ihrem eigenen Lande. Keine Stadt kennt die andere, kein Mensch
kennt seine Mitmenschen. Menschen, die innerhalb derselben vier Wnde
wohnen, scheinen durch Meere voneinander getrennt zu sein. Sie aber
knnen sie auf Ihrer Reise miteinander bekannt machen und wie ein
gewandter Kaufmann einen wohltuenden gegenseitigen Verkehr und
Gedankenaustausch zwischen ihnen anbahnen. In _einer_ Stadt knnen Sie
Kenntnisse sammeln, um sie in einer andern mit Profit wieder an den Mann
zu bringen. Sie knnen alle reicher machen und sich zugleich selbst weit
mehr bereichern als alle. So Groes knnen Sie auf Schritt und Tritt
vollbringen -- und das sehen Sie nicht. Erwachen Sie doch. Eine Hlle
liegt ber Ihren Augen. Es liegt nicht in Ihrer Macht, die Liebe
herbeizurufen, damit sie komme und Wohnung in Ihrem Herzen nehme. Sie
knnen die Menschen nicht anders lieben lernen, als dadurch, da Sie es
lernen, ihnen zu dienen. Wie knnte ein Diener seinen Herrn
liebgewinnen, wenn dieser ihm bestndig fernbleibt und wenn er noch nie
fr ihn gearbeitet hat. Daher liebt ja auch eine Mutter ihr Kind so
innig, weil sie es so lange unter ihrem Herzen getragen, weil sie alles
fr es hingegeben hat, weil sie so viel fr es gelitten hat. Wachen Sie
auf! Ihre Klosterzelle ist -- Ruland.

                                                                 1845.




                                  XXI
                     Was eine Gouverneursgattin ist
                            An Fr. A. O. S.


Ich freue mich, da Ihre Gesundheit jetzt besser ist. Die meine ... aber
sprechen wir nicht von unserer Gesundheit. Wir sollten sie ebenso
vergessen wie uns selbst. Also Sie kehren wieder in Ihre
Gouvernementshauptstadt zurck. Sie mssen sie mit neuer Kraft lieben
lernen; sie gehrt zu Ihnen, sie ist Ihnen anvertraut, sie mu Ihre
wahre Heimat werden. Sie haben unrecht, wenn Sie schon wieder meinen,
da Ihre Anwesenheit fr das soziale Tun und Leben daselbst ganz ohne
Nutzen, da die Gesellschaft bis auf die Wurzel verderbt sei. Sie sind
einfach mde -- das ist alles. Die Frau eines Gouverneurs findet
berall, auf Schritt und Tritt ein Feld der Bettigung. Sie wirkt sogar
auch dann noch, wenn sie berhaupt nichts tut. Sie wissen doch selbst
schon, da es sich nicht darum handelt, sich viele Unruhe, sich viel zu
schaffen zu machen und sich bestndig voller Hitze und Eifer auf alle
mglichen Dinge zu werfen. Sie haben zwei lebendige Beispiele vor sich,
die Sie selbst erwhnt haben. Ihre Vorgngerin, Frau Sch., hat einen
ganzen Haufen von Wohlfahrtseinrichtungen gegrndet und zugleich damit
alle mglichen Schreibereien, eine groe Aktenwirtschaft veranlat,
allerhand konomen, Sekretre angestellt und den Grund zu Veruntreuungen
und einem trichten unsinnigen Getue gelegt, sie hat sich in Petersburg
durch ihre Wohlttigkeit berhmt gemacht und in K. eine groe Verwirrung
angerichtet. Die Frstin O. dagegen, die _vor_ Ihnen Gouverneurin der
Stadt K. war, hat keinerlei Wohlfahrtseinrichtungen und keine Asyle
gegrndet, sie hat auerhalb der Stadt kaum von sich reden gemacht, auch
hatte sie gar keinen Einflu auf ihren Mann und sie hat sich auch an der
eigentlichen Regierungsttigkeit und den offiziellen Geschften gar
nicht beteiligt, und doch kann bis auf den heutigen Tag kein Mensch in
der Stadt ihrer ohne Trnen gedenken, und jedermann -- von dem Kaufmann
bis herab zum letzten Habenichts -- sagt auch heute noch immer: Nein,
wir werden nie eine zweite Frstin O. bekommen. Und wer sagt so etwas?
Dieselbe Stadt, fr die sich, wie Sie annehmen, nichts tun lt,
dieselbe Gesellschaft, die Ihrer Meinung nach fr alle Zeiten und
unwiederbringlich verdorben ist. Wie denn nun? Lt sich denn wirklich
nichts machen? Sie sind mde, das ist alles, und Sie fhlen sich mde,
weil Sie sich gar zu eifrig ins Zeug gelegt, weil Sie Ihren eigenen
Krften gar zu viel zugetraut haben. Ihr weibliches Temperament ist mit
Ihnen durchgegangen ... Ich wiederhole Ihnen noch einmal, was ich Ihnen
schon oft gesagt habe: Sie haben einen groen Einflu. Sie sind die
erste Persnlichkeit in der Stadt. Dank dem ffischen Wesen der Mode und
der bei uns in Ruland herrschenden ffischen Nachahmungssucht im
allgemeinen wird man alles an Ihnen, jede kleinste Kleinigkeit,
nachahmen. Sie werden auf allen Gebieten tonangebend, Gesetzgeberin
sein. Wenn Sie nun recht fr Ihre eigenen Angelegenheiten sorgen werden,
so werden Sie schon allein hierdurch wirken, weil Sie damit auch andere
veranlassen werden, sich mehr und grndlicher mit ihren Angelegenheiten
zu beschftigen. Bekmpfen Sie den Luxus (solange Sie nichts anderes zu
tun finden), auch das ist schon eine hohe Aufgabe, die dazu nicht einmal
viel Arbeit und Unruhe erfordert, noch viele Kosten verursacht. Fehlen
Sie auf keinem Ball und in keiner Versammlung. Erscheinen Sie stets und
zwar nur, um sich mehrmals in ein und demselben Kleide sehen zu lassen.
Ziehen Sie das gleiche Kleid drei-, vier-, fnf-, sechsmal an. Loben Sie
an jedem Dinge nur das, was einfach und billig ist. Kurz, bekmpfen Sie
diesen abscheulichen nordlndischen Luxus, diesen Krebsschaden Rulands,
diesen Quell aller Bestechlichkeit, aller Ungesetzlichkeiten und
Schndlichkeiten, die es bei uns gibt. Wenn Ihnen auch nur dies _eine_
gelingen sollte, so werden Sie damit bereits mehr wahren Nutzen stiften,
als selbst die Frstin O. Und das erfordert, wie Sie selbst sehen, nicht
einmal irgendwelche Opfer, ja nicht einmal viel Zeit. Liebe Freundin!
Sie sind mde. Aus Ihren frheren Briefen ersehe ich, da Sie fr den
Anfang bereits sehr viel Gutes geleistet haben (wenn Sie sich nicht
allzusehr beeilt htten, htten Sie noch mehr geleistet). Ihr Ruf ist
bereits ber die Grenzen von K. gedrungen, und mancherlei ist auch mir
zu Ohren gekommen. Aber Sie sind noch gar zu hastig. Sie lassen sich
noch zu sehr fortreien. Alles Hliche und jede kleine Unannehmlichkeit
macht noch einen viel zu starken Eindruck auf Sie und drckt Sie zu
leicht nieder. Liebe Freundin! Denken Sie immer wieder an meine Worte,
von deren Richtigkeit Sie sich, wie Sie selbst sagen, berzeugt haben.
Betrachten Sie die ganze Stadt so, wie ein Arzt ein Krankenhaus
betrachtet. Tun Sie dies, aber tun Sie auerdem noch etwas anderes, und
zwar folgendes: Suchen Sie sich selbst davon zu berzeugen, da alle
Kranken, die im Krankenhaus liegen, Ihre Verwandten, da sie Menschen
sind, die Ihrem Herzen nahe stehen. Dann wird sich vor Ihren Augen alles
ndern. Sie werden sich mit den Menschen ausshnen und nur noch gegen
ihre Krankheiten ankmpfen. Wer hat Ihnen gesagt, da diese Krankheiten
unheilbar sind? Das haben Sie sich selbst eingeredet, weil Sie keine
Mittel wider sie in der Hand hatten. Wie? Sind Sie etwa ein Arzt, der
allwissend ist? Warum haben Sie sich denn nicht an andere Leute mit der
Bitte um Hilfe gewandt. Habe ich Sie denn vergeblich darum gebeten, mich
ber alles zu unterrichten, was es in Ihrer Stadt gibt, mir dazu zu
verhelfen, da ich Ihre Stadt kennen lerne, damit ich mir einen
vollstndigen Begriff von dieser Stadt machen kann. Warum haben Sie das
nicht getan, um so mehr, da Sie doch selbst davon berzeugt sind, da
ich in vielen Beziehungen eine grere Wirkung auszuben vermag als Sie.
Um so mehr, da Sie mir selbst eine gewisse Menschenkenntnis zuschreiben,
wie sie nicht allen eigen ist. Um so mehr endlich, da Sie ja selbst
sagen, da ich Ihnen in Ihren Herzensangelegenheiten mehr geholfen habe
als sonst jemand. Glauben Sie wirklich, da ich nicht auch Ihren
unheilbaren Kranken zu helfen vermchte? Sie haben wohl vergessen, da
ich zu beten vermag und da mein Gebet bis zu Gott dringen kann. Gott
aber kann meinem Verstande Einsicht schenken, und mein von Gott
erleuchteter Verstand knnte Besseres vollbringen, als ein Verstand, der
nicht von Ihm belehrt ist.

Bisher haben Sie mir in Ihren Briefen nur einen ganz allgemeinen Begriff
von Ihrer Stadt gegeben und ganz allgemeine Zge mitgeteilt, wie sie
jeder Provinzhauptstadt eigen sein knnen. Aber auch diese allgemeinen
Zge sind noch nicht vollstndig. Sie haben sich darauf verlassen, da
ich Ruland kenne wie meine fnf Finger. Und doch wei ich von Ruland
so gut wie gar nichts. Wenn ich auch frher vielleicht etwas davon
gewut habe, so ist dieses seit meiner Abreise ganz anders geworden.
Selbst in der Zusammensetzung der Gouvernementsverwaltung sind groe
Vernderungen vorgegangen. Viele Instanzen und viele Beamte sind jetzt
nicht mehr vom Gouverneur abhngig, sondern sind andern Departements und
Ressorts und den Ressorts anderer Ministerien zugeteilt worden. Es sind
neue Posten geschaffen worden, und es gibt mancherlei neue Beamte. Kurz,
ein Gouvernement und eine Gouvernementshauptstadt erscheinen heute nach
vielen Richtungen hin in einem anderen Lichte, und ich habe Sie doch
gebeten, mich recht _vollstndig_ mit Ihrer Situation bekannt zu machen.
Nicht mit irgendeiner _idealen_, sondern mit Ihrer _eigentlichen
wirklichen_ Situation, damit ich Ihre ganze Umgebung und alles vom
Kleinsten bis zum Grten zu bersehen vermag.

Sie sagen selbst, da Sie whrend der kurzen Zeit Ihres Aufenthalts in
K. Ruland besser kennen gelernt haben, als whrend Ihres ganzen
frheren Lebens. Warum haben Sie denn dann Ihre Kenntnisse nicht mit mir
geteilt? Sie sagen, Sie wten nicht einmal, an welchem Ende Sie
anfangen sollen, Sie sagen, da der groe Haufen von Kenntnissen, die
Sie gesammelt haben, noch ganz ungeordnet in Ihrem Kopfe liegt
(Notabene: das ist die Ursache Ihrer Mierfolge). Ich will Ihnen helfen,
sie zu ordnen, nur mchte ich Sie darum ersuchen, mir zunchst folgende
Bitte zu erfllen und zwar so gewissenhaft, als Ihnen dies mglich ist,
und nicht in der Weise, wie dies eine Ihrer Geschlechtsgenossinnen -- d.
h. eine leidenschaftliche Frau, die von zehn Worten acht berhrt und
nur auf zwei antwortet, weil sie ihr zufllig angenehm sind oder
gefallen haben, tun wrde, sondern so, wie unsereiner, d. h. ein kalter,
leidenschaftsloser Mann oder noch besser, wie ein energischer
vernnftiger Beamter dies zu tun pflegt, der sich nichts besonders zu
Herzen nimmt, sondern gleichmig auf alle Punkte antwortet.

Sie sollten um meinetwillen noch einmal darangehen, Ihre
Gouvernementshauptstadt zu studieren. Erstens sollten Sie mich mit allen
bedeutenden Persnlichkeiten Ihrer Stadt, mit ihren Vor-, Vater- und
Familiennamen sowie mit allen Beamten -- vom ersten bis zum letzten --
bekannt machen. Dies ist ein Bedrfnis fr mich. Ich mu ebenso ihr
Freund werden, wie Sie ausnahmslos die Freundin eines jeden sein mssen.
Zweitens sollten Sie mir schreiben, was ein jeder von ihnen fr einen
Beruf hat. Dies alles sollten Sie persnlich von ihnen selbst und nicht
von irgendeinem andern zu erfahren suchen. Knpfen Sie dazu mit jedem
ein Gesprch an und fragen Sie ihn aus, worin seine Berufsttigkeit
besteht, lassen Sie sich alle Gegenstnde nennen, auf die sie sich
bezieht, sowie ihre Grenzen angeben. Das wre die erste Frage. Bitten
Sie ihn dann weiter, er mge Ihnen angeben, wodurch, wie und wieviel
Gutes man unter den gegenwrtigen Verhltnissen in diesem Beruf zu tun
vermag. Das wre die zweite Frage. Fragen Sie ihn ferner, wieviel Unheil
man in diesem selben Beruf anrichten knne und auf welche Weise. Das
wre die dritte Frage. Wenn Sie dies alles in Erfahrung gebracht haben,
so begeben Sie sich auf Ihr Zimmer und schreiben Sie es sofort fr mich
auf. Hierdurch werden Sie mit einem Schlage zwei Aufgaben erfllen.
Erstens werden Sie _mir_ hierdurch die Mglichkeit geben, mich Ihnen in
der Zukunft einmal ntzlich zu erweisen, und zweitens werden Sie aus den
eigenen Antworten jedes Beamten erfahren, wie er seinen Beruf auffat,
woran es ihm fehlt, kurz er wird sich mit seiner Antwort selbst
charakterisieren. Er kann Ihnen sogar manchen Wink geben, was sich
bereits gleich jetzt tun liee ... Aber darum handelt es sich nicht.
Beeilen Sie sich frs erste nicht zu sehr. Tun Sie selbst dann noch
nichts, wenn es Ihnen so erscheint, als ob Sie etwas tun knnten und als
ob Sie in der Lage wren, irgendwo zu helfen. Es ist besser, wenn Sie
zunchst noch einen genaueren Einblick in die Dinge zu gewinnen suchen,
begngen Sie sich frs erste damit, mir alles mitzuteilen. Auerdem
bitte ich Sie, mir entweder am Rande desselben Blattes oder auf einem
anderen Stck Papier Ihre eigenen Bemerkungen und Beobachtungen ber
jeden einzelnen Mann mitzuteilen -- auch was die andern ber ihn sagen,
kurz alles, was sich vom Standpunkt des ueren Beobachters von ihm
sagen lt.

Ferner bitte ich Sie, mir ganz hnliche Mitteilungen ber die gesamte
weibliche Hlfte Ihrer Stadt zukommen zu lassen. Sie sind so klug
gewesen und haben ihnen allen einen Besuch gemacht und sie fast alle
kennen gelernt. brigens bin ich der berzeugung, da Sie sie doch nicht
gengend kennen gelernt haben. Frauen gegenber lassen Sie sich schon
durch den ersten Eindruck leiten, die, die Ihnen nicht gefllt, lassen
Sie fallen. Sie suchen nur immer nach der Elite und nach den
allerbesten. Das mu ich Ihnen zum Vorwurf machen, liebe Freundin! Sie
mssen alle lieben, und die ganz besonders, die viel Hliches und
Schlechtes an sich haben. Vor allem sollten Sie sie grndlicher kennen
lernen, weil davon vieles abhngt und weil sie einen groen Einflu auf
ihre Mnner haben knnen. bereilen Sie sich nicht, suchen Sie ihnen
keine guten Lehren zu erteilen, sondern fragen Sie sie zunchst einmal
ordentlich aus. Sie haben ja die Gabe, einen Menschen zum Reden zu
veranlassen. Suchen Sie sich ber die Verhltnisse einer jeden zu
orientieren, womit sie sich beschftigt, ja suchen Sie selbst ihre
Denkungsart und ihre Geschmacksrichtung kennen zu lernen: ihre
Neigungen, was einer jeden von ihnen gefllt und was das Steckenpferd
einer jeden ist. Dies mu ich alles wissen.

Meiner Ansicht nach mu man einen Menschen vllig und bis in sein
Innerstes durchschauen, um ihm helfen zu knnen. Ohne dies kann ich es
nicht einmal verstehen, wie man jemand auch nur zu raten vermag: An
jedem Ratschlag, den man ihm erteilt, wird er in einem solchen Fall
immer nur die schwierigste Seite sehen, und er wird ihm nicht leicht, ja
sogar unausfhrbar erscheinen. Mit einem Wort, suchen Sie die Frauen bis
auf den Grund zu durchschauen, damit ich ein vollstndiges Bild von
Ihrer Stadt erhalte.

Auer den Charakteren und den Persnlichkeiten beiderlei Geschlechts
bitte ich Sie auch jeden Vorfall, der sich bei Ihnen ereignet, und der
die Menschen oder den allgemeinen Geist der Provinz auch nur nach
irgendeiner Seite hin zu charakterisieren geeignet ist, schlicht und
einfach zu verzeichnen, ganz so, wie er sich abgespielt hat oder wie er
Ihnen von zuverlssigen Leuten berichtet worden ist. Geben Sie mir auch
ein paar Stichproben von zwei oder drei Klatschgeschichten, welche Ihnen
gerade mitgeteilt werden, damit ich wei, was fr Klatschereien bei
Ihnen im Schwange sind. Sorgen Sie dafr, da diese Aufzeichnungen Ihnen
zur dauernden Gewohnheit werden, und setzen Sie ein fr allemal eine
bestimmte Stunde des Tages dafr fest. Suchen Sie sich eine
systematische und mglichst vollstndige Vorstellung von der ganzen
Stadt in ihrem ganzen Umfange zu bilden, damit Sie sofort bersehen
knnen, ob Sie auch nicht vergessen haben, etwas aufzuschreiben, und
damit ich endlich ein mglichst vollstndiges Bild von Ihrer Stadt
erhalte.

Wenn Sie mich dann auf solche Weise mit allen Personen, ihrer Ttigkeit,
ihrer Auffassung von ihr und ihrem Beruf und endlich auch mit dem
Charakter der Ereignisse, die sich bei Ihnen abspielen, bekannt gemacht
haben, dann will ich Ihnen etwas sagen, und Sie werden erkennen, da
vieles Unmgliche doch mglich und da vieles Unverbesserliche doch noch
gutzumachen ist. Bis dahin aber will ich nichts sagen, und zwar gerade
darum, weil ich mich irren kann, und das mchte ich nicht gern. Ich
mchte nur solche Worte zu Ihnen sprechen, die gerade ins Ziel treffen,
nicht hher und nicht tiefer, gerade in den Punkt und den Gegenstand,
auf den sie gerichtet sind. Ich mchte Ihnen so raten knnen, da Sie
sofort erklren: das ist nicht schwer, das lt sich leicht ausfhren.

brigens mchte ich Ihnen hier doch schon im voraus ein paar Winke
geben, die allerdings nicht fr Sie, sondern fr Ihren Gatten bestimmt
sind: bitten Sie ihn vor allem darauf zu achten, da die Rte in der
Gouvernementsverwaltung ehrliche Leute sind; das ist die Hauptsache.
Sowie diese Rte ehrlich sind, werden wir auch ehrliche
Polizeihauptleute, ehrliche Assessoren usw. bekommen, mit einem Wort, so
wird jedermann ehrlich sein. Sie mssen nmlich wissen (wenn Sie dies
nicht schon wissen sollten), da die allerungefhrlichste Art,
Bestechungsgelder anzunehmen, die ist, wenn ein Beamter auf Befehl des
Vorgesetzten von einem Kollegen ein Geschenk annimmt; in solch einem
Fall gelingt es dem Schuldigen stets, sich seiner Strafe zu entziehen.
Dies geht zuweilen in einer unendlichen Stufenleiter von oben nach
unten. Der Polizeihauptmann und die Assessoren sind hufig blo deswegen
gezwungen, zu schwindeln und Geschenke anzunehmen, weil man ihnen selbst
was abnimmt und weil sie Geld brauchen, denn sie mssen zahlen, wenn sie
eine Stelle erhalten wollen. Diese Kauf- und Verkaufsgeschfte knnen
sich offen vor aller Augen abspielen und doch von niemand bemerkt
werden. Aber hten Sie sich um Gottes willen, deswegen gegen jemand
vorzugehen und ihn deshalb zu verfolgen. Sorgen Sie nur dafr, da in
den oberen Regionen unbedingte Ehrlichkeit herrscht, dann werden auch in
den unteren alle von selbst ehrlich sein. Strafen Sie und verfolgen Sie
niemand, ehe die rechte Zeit kommt und ehe das bel ganz zur Reife
gekommen ist. Suchen Sie unterdessen lieber durch Ihren moralischen
Einflu zu wirken. Ihr Gedanke, da ein Gouverneur stets Gelegenheit
hat, viel Unheil anzurichten, da er nur wenig Gutes tun kann, da er
kaum die Mglichkeit hat, Gutes und Heilsames zu leisten, da ihm auf
diesem Gebiete die Hnde gebunden sind, ist nicht ganz richtig. Ein
Gouverneur kann immer einen _moralischen_ Einflu ausben, ja dieser
Einflu ist sogar sehr gro, ebenso wie auch Sie einen groen
_moralischen_ Einflu ausben knnen, obwohl Sie ber keinerlei
gesetzliche Vollmachten verfgen. Glauben Sie mir, wenn Ihr Gatte
irgendeinem Herrn keinen Besuch macht, so wird gleich die ganze Stadt
davon reden: man wird sich sofort fragen, warum und aus welchem Grunde
dies nicht geschehen ist, und derselbe Herr wird schon aus bloer Furcht
davor zurckschrecken, eine Gemeinheit zu begehen, der er sich sonst
ohne Furcht und Zaudern schuldig gemacht und die er aus Respekt vor dem
Gesetz und der Obrigkeit sicher nicht unterlassen htte. Die Art, wie
Sie, d. h. Sie und Ihr Gatte, gegen den Kreisrichter des N.schen Kreises
gehandelt haben, den Sie ausdrcklich in die Stadt kommen lieen, um ihn
mit dem Staatsanwalt auszushnen, und ihn um seiner Geradheit,
Anstndigkeit und Ehrlichkeit willen durch eine herzliche und
freundliche Aufnahme und Bewirtung zu ehren, wird ihre Wirkung nicht
verfehlen. Dies knnen Sie mir glauben. Was mir hierbei besonders
gefallen hat, ist folgendes: da der Richter (der, wie es sich
herausgestellt hat, ein uerst gebildeter und aufgeklrter Mensch ist)
so angezogen war, da man ihn, wie Sie sich ausdrcken, nicht einmal ins
Vorzimmer eines Petersburger Salons hineingelassen htte. Ich htte ihm
in diesem Augenblick den Scho seines abgetragenen Fracks kssen mgen.
Glauben Sie mir, die beste Art, wie man heute handeln kann, besteht
nicht darin, sich heftig und leidenschaftlich ber die Bestechlichkeit
und die Schlechtigkeit der Menschen zu entrsten, und auch nicht darin,
gegen sie vorzugehen und sie zu verfolgen; statt dessen sollte man sich
lieber bemhen, jeden Zug von Ehrlichkeit ffentlich bekannt zu machen
und einem geraden und ehrlichen Menschen offen und vor aller Welt
freundschaftlich die Hand zu drcken. Glauben Sie mir, sobald es im
ganzen Gouvernement bekannt wird, da der Gouverneur wirklich so
handelt, wird er den gesamten Adel auf seiner Seite haben. Unser Adel
hat einen wunderbaren Zug an sich, der mich stets in Staunen versetzt
hat. Es ist dies ein Gefhl fr Anstand und Vornehmheit, und zwar nicht
fr jene Vornehmheit, von der auch der Adel anderer Lnder durchdrungen
ist, d. h. nicht fr die Vornehmheit der Geburt oder der Abstammung,
auch nicht fr den europischen _point d'honneur_, sondern fr die echte
sittliche Vornehmheit. Selbst in solchen Provinzen und in solchen
Gegenden, wo jeder Aristokrat einzeln genommen ein ganz minderwertiger
Mensch zu sein scheint, erheben sich alle wie ein Mann, wenn man sie nur
zu einer wahrhaft edlen Tat aufruft, wie elektrisiert, und Menschen, die
sonst nichts wie Gemeinheiten begehen, sind mit einem Male der
herrlichsten Taten fhig. Daher wird jede edle Handlung des Gouverneurs
zuallererst beim Adel Widerhall finden, und das ist sehr wichtig. Der
Gouverneur mu unbedingt einen moralischen Einflu auf den Adel ausben.
Nur hierdurch kann er die Aristokraten bewegen, sich auch mit
unbedeutenden mtern oder wenig verlockenden Stellungen zu begngen. Das
aber ist durchaus notwendig. Denn wenn ein Adliger aus derselben Provinz
eine Stelle annimmt, um andern Leuten ein Vorbild zu geben, wie man
seine dienstlichen Verpflichtungen erfllt, so wird er, was er auch fr
ein Mensch sein mag, selbst wenn er trge ist und vielerlei Mngel hat,
seine Pflicht und Schuldigkeit tun, wie dies ein fremder, aus einem
andern Ort in die Provinz versetzter Beamter niemals vermag, und wenn er
sein ganzes Leben lang im Bureau verbracht htte. Mit einem Wort, man
darf niemals aus dem Auge verlieren, da das dieselben Beamten sind, die
im Jahre 1812 alles zum Opfer gebracht haben, alles, d. h. ihre ganze
Habe, die sie besaen.

Wenn es einmal vorkommt, da ein Beamter wegen irgendwelcher
unehrenhafter Handlungen vor Gericht gestellt wird, so mu dies stets
_unter Enthebung von seinem Amt_ geschehen. Das ist von groer
Bedeutung, denn wenn er vor Gericht gestellt wird, ohne da er seines
Amts enthoben wird, so werden alle andern Beamten fr ihn Partei nehmen.
Er wird noch lange Winkelzge zu machen und Mittel zu finden suchen, um
alles derartig in Verwirrung zu bringen, da es berhaupt nicht mehr
mglich ist, die Wahrheit ans Licht zu bringen; wird er dagegen unter
_Enthebung von seinem Amt_ vor Gericht gestellt, so wird er pltzlich
die Nase hngen lassen, niemand wird mehr Angst vor ihm haben, auf allen
Seiten werden sich Beweise gegen ihn hufen, alles wird pltzlich an den
hellen Tag kommen und die Sache wird sich vllig aufklren. Um eins aber
bitte ich Sie, liebe Freundin, verlassen Sie um Christi willen nie einen
aus dem Amt gejagten Beamten gnzlich, mag er so schlecht sein, wie er
will: denn er ist ein Unglcklicher. Aus den Hnden Ihres Gemahls mu er
in Ihre Hnde gelangen. Sprechen Sie nicht selbst mit ihm und empfangen
Sie ihn nicht, sondern behalten Sie ihn von ferne im Auge. Sie haben gut
daran getan, die Aufseherin an der Irrenanstalt hinauszuwerfen, weil sie
die Brtchen, die fr diese Unglcklichen bestimmt waren, an andre Leute
verkauft hat -- ein Verbrechen, das um so abscheulicher ist, wenn man in
Betracht zieht, da die Geisteskranken ja nicht einmal imstande waren,
sich deswegen zu beklagen. Daher mute ihre Entlassung ffentlich und
vor aller Welt erfolgen. Aber lassen Sie nie einen Menschen vllig
fallen, machen Sie ihm die Rckkehr nicht ganz unmglich und behalten
Sie den Ausgestoenen im Auge. Denn mitunter kann ein solcher aus
Kummer, Verzweiflung und Scham noch grere Verbrechen begehen. Handeln
Sie entweder durch Ihren Beichtvater oder berhaupt durch irgendeinen
klugen Geistlichen, veranlassen Sie diesen, ihn aufzusuchen und Ihnen
bestndig ber ihn Bericht zu erstatten. Vor allem aber sorgen Sie
dafr, da er nie ohne Arbeit und Ttigkeit ist. Nehmen Sie sich in
diesem Fall nicht das tote Gesetz, sondern den lebendigen Gott zum
Vorbild, der den Menschen mit allen Geieln des Unglcks schlgt, ihn
aber bis an sein Lebensende nie verlt. Ein Verbrecher mag sein, wie er
will, solange die Erde ihn noch trgt und Gottes Donner ihn noch nicht
vernichtet hat, so bedeutet das, da er sich hier in der Welt noch
aufrecht zu erhalten vermag, auf da jemand durch sein Los gerhrt
werde, ihm helfe und ihn rette. Sollten Sie brigens bei den
Aufzeichnungen, die Sie fr mich machen werden, oder bei Ihren eigenen
Forschungen ber alle mglichen Mistnde und Gebrechen allzusehr durch
die traurigen Seiten unseres Lebens erschttert werden und sollte sich
Ihr Herz mit Emprung erfllen -- so rate ich Ihnen in solch einem
Falle, sich hierber so hufig wie mglich mit dem Erzpriester zu
unterhalten. Dieser ist, wie ich aus Ihren Worten ersehe, offenbar ein
kluger Mann und ein gtiger Priester. Fhren Sie ihn durch Ihr ganzes
Krankenhaus und klren Sie ihn ber alle Leiden Ihrer Kranken auf.
Selbst wenn er keine groen Kenntnisse und Erfahrungen in der Heilkunst
besitzen sollte, so mssen Sie ihn dennoch ber alle Krankheitsanflle,
alle Symptome und alle Krankheitserscheinungen unterrichten. Suchen Sie
ihm alles bis aufs letzte so lebendig darzustellen, da es ihm
fortwhrend vor Augen steht, da er sich in Gedanken fortwhrend mit
Ihrer Stadt beschftigen mu, da sie ihm immer lebendig und gegenwrtig
ist, wie sie auch Ihre Gedanken bestndig beschftigen mu, damit all
sein Denken stets ganz von selbst darauf gerichtet ist, unaufhrlich fr
sie zu beten. Glauben Sie mir, seine Sonntagspredigt wird hierdurch den
Zuhrern immer mehr und mehr zu Herzen gehen, und es wird ihm gelingen,
in viele Dinge Licht hineinzubringen und persnlich, ohne auf jemand
hinzuweisen, jedem seine eigene Schlechtigkeit und Gemeinheit von
Angesicht zu Angesicht gegenberzustellen, so da sich ein jeder mit
Ekel von dem, was sein Eigenstes ist, abwenden wird. Achten Sie
gleichfalls auf die Stadtpfarrer, suchen Sie sie unbedingt alle kennen
zu lernen. Von ihnen hngt alles ab, und die Rettung unserer Seele liegt
in ihren Hnden und nicht in den Hnden irgendeines anderen. Achten Sie
trotz der Einfalt und Unwissenheit so mancher keinen von ihnen zu
gering. Es ist leichter, _sie_ ihrer Pflicht wiederzugeben, als
irgendeinen von uns. Wir weltlichen Menschen besitzen viel Stolz,
Ehrgeiz, Eigenliebe und vertrauen zu sehr auf unsere Vollkommenheit.
Infolgedessen will niemand von uns auf die Worte und die Ermahnungen
seiner Brder hren, so wahr und richtig sie auch immer sein mgen. Dazu
kommen noch die vielen Zerstreuungen und Vergngungen ... Ein
Geistlicher dagegen mag sein wie er will, er hat doch immerhin ein
gewisses Gefhl dafr, da er demtiger und bescheidener sein mu, als
alle anderen Menschen. Auerdem wird er ja auch tglich whrend des
Gottesdienstes, den er abhlt, daran erinnert, mit einem Wort, er ist
weit eher dazu imstande, sich auf den rechten Weg zurckzufinden, als
wir, und indem er selbst dahin zurckkehrt, kann er auch uns alle auf
ihn zurckfhren. Daher mssen Sie, selbst wenn Sie ganz unfhige Leute
unter ihnen antreffen, diese nicht geringschtzen, sondern ordentlich
mit ihnen reden. Fragen Sie einen jeden, was er fr eine Gemeinde hat,
lassen Sie sich ein vollstndiges Bild von ihr entwerfen, lassen Sie
sich erzhlen, was fr Leute in seinem Pfarrdorf leben, wie er sie
versteht und in welchem Mae er sie kennt. Vergessen Sie niemals, da
ich bisher noch gar nicht wei, was das Brgertum und die Kaufmannschaft
in Ihrer Stadt eigentlich darstellen. Da sie auch schon anfangen, die
Mode mitzumachen und Zigaretten zu rauchen, das ist eine Erscheinung,
der man berall begegnet. Ich wnschte, Sie knnten mir einen von ihnen
mitten aus seinem Milieu lebendig herausgreifen, damit ich ihn vom Kopf
bis zu den Fen in all seinen Einzelzgen vor mir sehen knnte. Also
noch einmal: suchen Sie sie mglichst vollstndig und bis ins einzelne
kennen zu lernen. Eine Seite der Sache werden Sie von den Priestern
erfahren, eine andere vom Polizeimeister, wenn Sie sich nur die Mhe
geben, die Sache grndlich mit ihnen durchzusprechen. Einen dritten Zug
werden Sie von ihnen selbst erfahren, wenn Sie es nicht verschmhen, mit
einem von ihnen eine Unterhaltung anzuknpfen, was Sie meinetwegen
Sonntags beim Verlassen der Kirche tun knnen. Alle Daten, die Sie so
sammeln werden, werden dazu dienen, das Musterbild des Brgers und
Kaufmanns, wie er in Wahrheit sein soll, vor Ihnen erstehen zu lassen.
Selbst im Krppel werden Sie das Ideal erkennen, dessen Karikatur dieser
Krppel darstellt. Wenn Sie aber das Gefhl haben, da Sie so weit sind,
dann lassen Sie den Priester holen und sprechen Sie mit ihm darber. Sie
werden ihm gerade das sagen, was er wissen mu. Sie werden ihm das Wesen
eines jeden Berufs klarmachen, d. h. Sie werden ihm zeigen, was ein
jeder Beruf bei uns sein mu, und Sie werden eine Karikatur dieses
Berufs vor ihm erstehen lassen, d. h., Sie werden ihm zeigen, wozu er
durch unsere Mibruche geworden ist. Darber hinaus brauchen Sie nichts
hinzuzufgen. Er wird schon selbst auf das Rechte kommen, wenn sein
eigener Lebenswandel besser werden wird. Unsere Priester bedrfen
solcher Gesprche, besonders mit fertigen in sich abgeschlossenen
Menschen, die es verstehen, die Grenzen und Pflichten eines jeden Berufs
und Amtes in wenigen, aber klaren und treffenden Zgen abzustecken.
Hufig wei mancher von ihnen nur deshalb nicht, wie er sich gegen seine
Gemeinde und seine Zuhrer verhalten soll, und bringt nichts als
Gemeinpltze vor, die sich nach keiner Richtung hin unmittelbar auf den
Gegenstand beziehen. Suchen Sie sich auch in seine eigene Lage zu
versetzen. Helfen Sie seiner Frau und seinen Kindern, wenn seine
Gemeinde arm ist, und denen, die da roh und trotzig tun, drohen Sie mit
dem Erzpriester. Im allgemeinen aber suchen Sie vor allem durch Ihren
moralischen Einflu zu wirken. Erinnern Sie sie daran, da ihre
Pflichten gro und furchtbar sind, da sie strengere Rechenschaft werden
ablegen mssen, als irgendein Mensch aus einem anderen Beruf, da
heutzutage ja auch der Synod und selbst der Kaiser ganz besonders auf
den Lebenswandel der Priester achten, da ein groes Revirement
bevorsteht, weil nicht nur die hhere Obrigkeit, sondern auch alle
Privatleute im Staate ohne Ausnahme zu merken beginnen, da der Grund
alles bels darin liegt, da die Priester nicht mehr recht ihre Pflicht
und Schuldigkeit tun ... Klren Sie sie mglichst hufig ber die
furchtbaren Wahrheiten auf, bei denen unsere Seele unwillkrlich
erschauert. Kurz -- vernachlssigen Sie die Stadtpfarrer unter keinen
Umstnden: mit ihrer Hilfe kann die Frau eines Gouverneurs einen groen
moralischen Einflu auf die Kaufmannschaft, das Brgertum und die
niederen Stnde der Stadtbewohner ausben, einen so groen Einflu, wie
Sie sich's kaum vorstellen knnen. Ich will nur einiges davon erwhnen,
was sie durchzusetzen vermag, und Sie auf die Mittel aufmerksam machen,
mit deren Hilfe sie dies vollbringen kann: erstens, -- aber da fllt mir
ein, da ich ja gar keinen Begriff davon habe, was das Brgertum und die
Kaufmannschaft in Ihrer Stadt darstellen. Meine Worte knnten Ihnen
vielleicht nicht recht gelegen kommen, daher ist es besser, ich
unterdrcke sie ganz. Ich will Ihnen nur das eine sagen, da Sie selbst
einmal erstaunt sein werden, wenn Sie erkennen werden, welch groe
Aufgaben und Taten Ihnen in diesem Wirkungskreis bevorstehen, Taten, die
weit mehr Nutzen bringen knnen, als irgendwelche Asyle und alle
mglichen Wohlfahrtseinrichtungen, obwohl sie mit keinerlei Geldopfern
und Arbeit verbunden sind, sondern einem sogar zum Vergngen, zu einer
Erholung und zu einer geistigen Zerstreuung werden.

Versuchen Sie es auch, die Elite, d. h. die Besten unter den Bewohnern
der Stadt zu sozialer Ttigkeit anzuhalten: beinahe jeder von ihnen kann
gleich Ihnen sehr viel erreichen, und es ist mglich, sie aufzurtteln;
wenn Sie mir nur ein vollstndiges Bild von ihrem Charakter, ihrer
Lebensweise und ihrer Beschftigung geben wollen, so werde ich Ihnen
sagen, wie und wodurch man sie zur Ttigkeit anspornen kann: in jedem
Russen gibt es verborgene Saiten, die er selbst nicht kennt, die man
jedoch nur anzuschlagen braucht, um ihn aufzurtteln und aufzuwecken.
Sie haben mir schon ein paar gescheite und edle Menschen in Ihrer Stadt
genannt. Ich bin berzeugt, da sich noch weit mehr finden werden. Legen
Sie keinen Wert auf ein abstoendes ueres, legen Sie auch keinen Wert
auf unangenehme Manieren, auf ein grobes, plumpes und ungeschicktes
Benehmen, ja nicht einmal auf die Sucht, zu renommieren und sich durch
groe Khnheit und Bravour hervorzutun, oder auf ein allzu freies
ungeniertes Auftreten. Wir alle haben uns in der letzten Zeit ein etwas
unangenehmes hochnsiges Benehmen angewhnt, dennoch ist unsere Seele in
ihrem Innersten weit mehr guter Regungen und Gefhle fhig als jemals
frher, trotzdem wir sie in allerhand wertlosem Plunder erstickt oder
sogar einfach befleckt und in den Kot gezerrt haben.

Vor allem: Verachten Sie die Frauen nicht. Ich schwre Ihnen, die Frauen
sind weit besser als wir Mnner; sie sind viel hochherziger, haben viel
mehr Wagemut und sind weit fhiger zu edlen Taten als wir. Messen Sie
dem keine Bedeutung bei, da sie sich von dem hohlen modischen Treiben
umgarnen lieen. Wenn es Ihnen gelingt, die Sprache der Seele zu ihnen
zu reden, wenn es Ihnen glckt, der Frau auch nur im geringsten ihre
hohe Aufgabe, die ihrer heute in der Welt harrt, ihre himmlische
Bestimmung klarzumachen: uns eine Erweckerin zu allem Edlen, zur
Geradheit und Ehrlichkeit zu werden und den Menschen zu edlem Tun und
Streben aufzurufen, so wird dieselbe Frau, die Sie noch soeben fr ganz
hohl und nichtig gehalten haben, in edler Begeisterung aufflammen, in
sich gehen, erkennen, da sie ihre Pflichten vernachlssigt hat, sich zu
edlen Taten aufraffen, all ihren Flitter weit von sich werfen, ihren
Mann zu treuer Erfllung seiner Pflichten anhalten, und alle dazu
veranlassen, da sie umkehren und sich wieder in den Dienst einer Sache
stellen. Ich schwre Ihnen, unsere Frauen werden uns hochherzig ins
Gewissen reden und uns die Peitsche spren lassen, sie werden uns mit
der Geiel der Scham und des Gewissens antreiben wie eine stumpfsinnige
Hammelherde, noch bevor ein jeder von uns erwachen und erkennen wird,
da er schon lngst von selbst htte vorwrts laufen und nicht erst auf
den Schlag der Peitsche warten sollen. Sie werden die Liebe aller
gewinnen. Und diese Liebe wird innig und stark sein; es ist ja auch
nicht anders mglich, als da alle Sie lieben, wenn sie Ihre Seele
kennen lernen. Bis dahin aber mssen Sie alle, bis zum letzten, lieben,
ohne alle Rcksicht, ob einer Sie liebt oder nicht.

Jedoch mein Brief ist schon zu lang geworden. Ich fhle, da ich
anfange, Dinge zu sagen, die weder Ihrer Stadt noch Ihnen selbst im
gegenwrtigen Augenblick sehr gelegen kommen mgen. Und doch sind Sie
selbst schuld daran, da Sie mir ber nichts ausfhrliche Nachrichten
zukommen lassen. Bisher lebe ich immer noch wie in einem einsamen Walde.
Ich hre fortwhrend von unheilbaren Krankheiten und wei doch nicht,
woran eigentlich ein jeder leidet. Ich habe jedoch die Gewohnheit, nie
auf ein bloes Gercht hin an irgendein unheilbares Leiden zu glauben,
und ich nenne eine Krankheit niemals unheilbar, bis ich mich nicht durch
eigenhndiges Befhlen und Betasten davon berzeugt habe. Also noch
einmal: Suchen Sie mir zuliebe die ganze Stadt grndlich kennen zu
lernen, beschreiben Sie mir alles und jedermann und ersparen Sie keinem
einzigen Menschen folgende drei unvermeidliche Fragen: Worin sein Beruf
besteht, wieviel Gutes und wieviel Bses man in seiner Stellung
vollbringen kann. Machen Sie es wie eine fleiige Schlerin, schaffen
Sie sich zu diesem Zwecke ein Heft an und vergessen Sie nie, da Sie in
Ihren Unterhaltungen mit mir mglichst umstndlich sein mssen. Denken
Sie stets daran, da ich dumm, da ich _ganz_ dumm bin, solange mich
nicht jemand in ausfhrlichster Weise ber einen Gegenstand orientiert.
Oder stellen Sie sich lieber vor, da ein Kind oder ein vllig
unwissender Mensch vor Ihnen steht, dem man alles, bis auf die kleinste
Kleinigkeit, erklren und auseinandersetzen mu: nur dann wird Ihr Brief
seinen Zweck ganz erfllen. Ich wei nicht, warum Sie mich fr einen
solchen Alleswisser halten. Wenn es mir einmal gelungen ist, Ihnen etwas
vorauszusagen, und wenn meine Voraussagungen einmal wirklich
eingetroffen sind, so liegt das ausschlielich daran, da Sie mich
damals in Ihre Geistes- und Gemtsverfassung eingeweiht haben. Ist denn
das etwas so Groes, gewisse Dinge vorauszusehen! Man mu blo die
gegenwrtigen Verhltnisse recht aufmerksam beobachten, dann wird die
Zukunft ganz von selbst vor unserem Geiste erstehen. Ein Narr, der an
die Zukunft denkt, ohne die Gegenwart in Rechnung zu ziehen! Ein solcher
Mensch mu entweder etwas Trichtes oder Unwahres sagen, oder aber in
Rtseln reden. Ich mu Sie brigens noch wegen folgender Zeilen
ausschelten, die ich Ihnen hier vor Augen fhren will. _Es ist traurig
und sogar bitter, die Zustnde in Ruland aus der Nhe ansehen zu
mssen. Im brigen aber sollte man nicht darber sprechen. Wir sollten
hoffnungsvoll und heiteren Auges in die Zukunft schauen, die in den
Hnden des allbarmherzigen Gottes liegt_. In den Hnden des
allbarmherzigen Gottes liegt alles: alles Gegenwrtige, Vergangene und
Zuknftige. Das ist ja unser ganzes Unglck, da wir die Gegenwart nicht
sehen wollen, sondern nur in die Zukunft schauen. Daher kommt ja dies
ganze Unheil, da das eine traurig und bitter und anderes wieder einfach
hlich und widerwrtig ist. Und wenn es nicht so geht, wie wir es gerne
mchten, so lassen wir die Hnde sinken, verzweifeln an allem und
blicken starr in die Zukunft. Darum sendet uns Gott auch keine Klarheit,
daher hngt ja auch die Zukunft fr uns alle gleichsam in der Luft:
manche fhlen zwar, da sie schn sein wird dank einigen hochstehenden
Menschen, die sie auch schon instinktiv vorausahnen und diesem Gefhl
nur noch keine streng zahlenmige oder arithmetische Begrndung geben
knnen. Wie man jedoch diese Zukunft herbeifhren soll, das wei kein
einziger. Es geht uns hnlich damit wie mit den sauren Trauben. Dabei
vergit man eine Kleinigkeit: man vergit, da die Straen und Wege, die
in diese _heitere_ Zukunft fhren, ja gerade durch diese _dunkle und
verworrene_ Gegenwart hindurchgehen, die niemand kennen will. Jedermann
hlt sie fr so hlich, widerwrtig und der Beachtung nicht wert, und
ist sogar rgerlich, wenn man sie allen vor Augen fhrt. So lehren Sie
mich doch wenigstens diese Gegenwart kennen. Sie drfen sich nicht durch
das viele Hliche und Schmutzige abschrecken lassen, und Sie sollen mir
keine Niedertrchtigkeit ersparen. Das Gemeine und Schmutzige ist nichts
Ungewohntes fr mich: ich selbst habe genug Gemeines und Schmutziges in
mir. Solange ich noch wenig Einblick in alles Niedertrchtige und
Widerwrtige hatte, brachte mich alles Gemeine und Hliche in
Verlegenheit, ich fhlte mich durch vieles verstimmt, und es erfate
mich ein Grauen bei dem Gedanken an Ruland. Seitdem ich aber tiefer in
all den Schmutz und die Niedertracht hineinzublicken versuchte, bin ich
zu hherer geistiger Klarheit gelangt. Vor mir taten sich Auswege auf.
Ich sah Mittel und Wege und erfllte mich mit noch grerer Ehrfurcht
vor der Vorsehung, und jetzt danke ich Gott sogar am meisten dafr, da
er es mir ermglicht hat, die Gemeinheit und Niedertracht -- sowohl
meine eigene wie die meiner armen Brder -- wenigstens teilweise kennen
zu lernen. Und wenn ich heute auch nur ein Fnkchen Verstand besitze,
wie er nicht allen Menschen eigen ist, so rhrt das daher, weil ich mich
bemht habe, mglichst tief in diesen Schmutz und diese Gemeinheit
hineinzublicken; wenn es mir gelungen sein sollte, einigen von denen,
die meinem Herzen nahe stehen, darunter auch Ihnen eine geistige Hilfe
und Sttze zu sein -- so war dies nur mglich, weil ich tiefer in diesen
Schmutz und diese Gemeinheit hineingeblickt habe. Und wenn ich
schlielich gelernt habe, die Menschen mit einer nicht blo
eingebildeten, ertrumten, sondern mit einer wahrhaften und wirklichen
Liebe zu lieben, so war mir auch dieses schlielich nur dadurch mglich,
da ich recht tief in den Abgrund der Niedertrchtigkeit und Gemeinheit
hinabgesehen habe.

Schrecken Sie also nicht vor Schmutz und Niedertracht zurck. Vor allem
aber wenden Sie sich nicht mit Ekel von den Menschen ab, die Ihnen aus
irgendeinem Grunde widerwrtig und gemein erscheinen. Ich versichere
Ihnen, es wird einmal die Zeit kommen, wo viele von den sogenannten
Reinen ihr Gesicht mit den Hnden bedecken und bittere Trnen weinen
werden, gerade weil sie sich so rein erschienen, weil sie sich ihrer
Reinheit und ihres hohen Strebens nach irgendwelchen hohen Gtern
gerhmt und sich deshalb fr bessere Menschen gehalten haben. Denken Sie
stets daran und gehen Sie daher, wenn Sie Ihr Gebet verrichtet haben,
mit neuem frischerem Mut als frher an die Arbeit. Lesen Sie meinen
Brief fnf- oder sechsmal durch, denn alles in ihm ist sprunghaft, und
es ist keine strenge logische Gedankenfolge in ihm, woran Sie brigens
selbst schuld sind. Sie mssen sich den Kern, den Inhalt dieses Briefes
ganz zu eigen machen. Meine Fragen mssen zu Ihren Fragen und meine
Wnsche zu Ihren Wnschen werden, damit jedes Wort und jeder Buchstabe
Sie unablssig verfolgt und so lange qult, bis Sie meine Bitte erfllen
und tuen, was ich verlange.

                                                                 1846.




                                  XXII
                       Der russische Gutsbesitzer
                              An B. N. B.


Die Hauptsache ist, da du bereits auf deinem Gute angelangt bist und es
dir zum unumstlichen Vorsatz gemacht hast, Gutsbesitzer zu werden. Das
brige wird sich schon von selbst ergeben. La dich nicht irremachen
durch den Gedanken, da das alte Band, das ehemals den Gutsherrn mit dem
Bauern verknpfte, fr immer zerrissen ist. [Da es zerrissen ist, ist
wahr, und da die Gutsbesitzer selbst daran schuld sind, das ist auch
wahr, aber] da es fr alle Zeiten und fr immer zerrissen sein sollte
-- das glaube doch nicht und achte du nicht auf solche Redensarten. Nur
ein Mensch, der nicht ber seine eigene Nasenlnge hinaussieht, kann so
etwas behaupten. Wie? Es sollte schwer sein, sich die Liebe eines
Russen, der fr alles Gute, das man ihm beibringt, so dankbar zu sein
vermag, -- es sollte schwer sein, sich die treue Liebe und
Anhnglichkeit eines Russen zu erwerben? Im Gegenteil, man kann den
Russen so an sich ketten, da man nachher nur noch einen Gedanken hat:
wie man ihn wieder loswerden soll. Wenn du nur alles genau ausfhrst,
was ich dir jetzt sagen werde, dann wirst du noch am Ende dieses Jahres
erkennen, da ich recht hatte. Du mut die Aufgabe, die einem
Gutsbesitzer gestellt ist, in ihrem wahren und rechten Sinne erkennen
und in der rechten Weise in Angriff nehmen. Vor allem mut du die Bauern
um dich versammeln und ihnen klarmachen, was du bist und wer sie sind.
Du mut ihnen erklren, da du nicht deshalb ihr Gutsherr geworden bist,
weil du befehlen oder den Gutsbesitzer spielen wolltest, sondern
deshalb, weil du schon vorher Gutsbesitzer warst, weil du als
Gutsbesitzer geboren bist und weil Gott dich zur Verantwortung ziehen
wrde, wenn du deinen Beruf gegen einen andern vertauschen wolltest,
denn ein jeglicher mu Gott an _der_ Stelle, an die er gestellt wird,
und nicht an einer andern fremden dienen. Ebenso mten auch sie, die
Bauern, da sie doch nun einmal durch ihre Geburt unter der Gewalt des
Gutsherrn stehen, sich dieser Obergewalt unterordnen, unter der sie
geboren seien, denn es gibt keine Obrigkeit ohne von Gott. Bei dieser
Gelegenheit mut du ihnen die entsprechende Stelle im Neuen Testament
zeigen, so da ein jeder bis auf den letzten sich davon berzeugen kann.
Ferner mut du ihnen sagen, da du sie zur Arbeit und zur Ttigkeit
anhltst, nicht weil du Geld fr irgendwelche Gensse und Vergngungen
brauchst [um ihnen das zu beweisen, solltest du vor ihren Augen ein paar
Banknoten verbrennen], du mut es vielmehr so einrichten, da sie
wirklich den Eindruck gewinnen, das Geld htte nicht den geringsten Wert
fr dich. Sage ihnen, du lieest sie blo darum arbeiten, weil es Gottes
Wille sei, da der Mensch in schwerer Arbeit und im Schweie seines
Angesichts sein Brot verdienen solle, und lies ihnen unmittelbar darauf
die entsprechende Stelle aus der Heiligen Schrift vor, damit sie sich
davon berzeugen. Sage ihnen die ganze Wahrheit, sage ihnen, Gott werde
wegen des letzten Lumpen im Dorfe Rechenschaft von dir fordern und
deswegen wrdest du um so schrfer darauf achten, da sie redlich
arbeiten; nicht nur fr dich, sondern auch fr sich selbst. Denn du
weit, und sie wissen es ja auch, da ein Bauer, der nicht arbeitet und
sich dem Miggang ergibt, zu allem fhig ist -- er kann zum Dieb, zum
Trunkenbold werden, er kann seine Seele zugrunde richten und dir eine
schwere Verantwortung vor Gott aufbrden. Bekrftige alles, was du
sagst, stets und ohne Verzug durch Worte der Heiligen Schrift. Weise mit
dem Finger auf die Buchstaben und die Zeilen, die diese Worte enthalten.
Halte jeden dazu an, da er sich zuvor bekreuzige, einen Kniefall tue
und das Buch ksse, in dem es geschrieben steht. Kurz, sie mssen klar
erkennen, da du dich bei allem, was sich auf sie bezieht, nach dem
Willen Gottes richtest und nicht aus irgendwelchen europischen oder
anderen Launen und Einfllen heraus handelst. Der Bauer wird das
verstehen. Er bedarf der vielen Worte nicht. Sage ihm die ganze
Wahrheit: sage ihm, da die Seele des Menschen das Wertvollste auf der
ganzen Welt ist und da du vor allem darauf achten wirst, da keiner von
ihnen seine Seele verderbe und sie den ewigen Qualen berantworte. Bei
jeglichem Tadel und jeder Rge, die du einem Menschen erteilst, der des
Diebstahls, der Faulheit oder der Trunksucht berfhrt worden ist, mut
du ihn nicht dir, sondern Gott von Angesicht zu Angesicht
gegenberstellen. Zeige ihm, da er sich gegen Gott und nicht gegen dich
versndigt, und tadele nicht ihn allein, sondern rufe auch sein Weib,
seine Familie und seine Nachbarn herbei. Rede seinem Weibe ins Gewissen,
frage sie, warum sie ihren Mann nicht davon abgehalten, bles zu tun,
und ihm nicht mit Gottes Zorn gedroht habe. Rede auch den Nachbarn ins
Gewissen, weil sie es zugelassen haben, da ihr Bruder, der doch mitten
unter ihnen weilt, ein Leben wie ein Hund gefhrt und seine Seele um
nichts und wieder nichts verdorben habe. Beweise ihnen, da sie deswegen
vor Gott Rechenschaft ablegen mssen. Suche es zu erreichen, da sich
alle miteinander dafr verantwortlich fhlen und da alle Gegenstnde,
die den Menschen umgeben, ihn vorwurfsvoll anzublicken scheinen und es
ihm nicht gestatten, sich allzusehr gehen zu lassen. Sorge dafr, da
von allen musterhaften Landwirten und von den besten und tchtigsten
Bauern eine mchtige Wirkung ausgehe und da ihnen eine groe
Verantwortlichkeit zufalle. Mache es ihnen ganz klar, da es nicht
allein ihre Aufgabe ist, selbst einen guten und ehrenhaften Lebenswandel
zu fhren, sondern da sie auch andere lehren mssen, gut zu leben, da
ein Trunkenbold keinen Trunkenbold belehren kann, und da das ihre
Pflicht sei. Den Lumpen und Trunkenbolden befiehl, da sie den braven
und tchtigen Bauern die gleiche Achtung erweisen, wie dem Dorfschulzen,
dem Verwalter, dem Priester und sogar dir selbst. Schon wenn sie einen
solchen braven und musterhaften Bauern oder Landwirt aus der Ferne
erblicken, sollen alle Bauern ihre Mtzen vom Kopfe reien und ihm den
Weg freigeben. Wer es aber wagt, ihm irgendwelche Miachtung zu erweisen
oder seinen klugen und gescheiten Worten kein Gehr zu schenken, den
mut du in Gegenwart aller ausschelten und zu dem mut du folgendermaen
sprechen: O du ungewaschenes Maul, du selbst lebst in Dreck und Asche,
da man nicht einmal sieht, wo du deine Augen hast, und du willst dem
keine Ehre erweisen, dem Ehre gebhrt! Beuge dich tief vor ihm und bitte
ihn, da er dir den rechten Weg weise. Denn wenn er dich nicht zur
Vernunft bringt, mut du zugrunde gehen wie ein Hund. Die braven Bauern
aber mut du zu dir rufen und wenn es ltere Mnner sind, vor dir Platz
nehmen lassen und dich mit ihnen beraten, wie Sie die andern belehren
und sie im Rechten unterweisen und also erfllen knnen, was Gott uns
geboten hat. Fhre das blo ein Jahr lang durch, und du wirst selbst
sehen, wie gut alles gehen wird. Selbst die Landwirtschaft wird
hierdurch nur gewinnen. Kmmere dich nur um die Hauptsache, alles andere
wird dir von selbst in den Scho fallen. Christus hat nicht vergebens
gesagt: _Dies alles wird euch von selbst zufallen._ Wie wahr das ist,
dafr ist das Leben der Bauern ein noch beredteres Zeugnis als unser
Leben. Fr den Bauern sind ein wohlhabender Bauer und ein guter Mensch
-- Synonyme, und wo in einem Dorfe einmal das christliche Leben Einkehr
gehalten hat, da tragen die Bauern das Silber mit Schaufeln fort.

brigens will ich dir auch in bezug auf Landwirtschaft einen Rat geben,
nur mut du ihn ordentlich verstehen, dann wird er dir nicht zum Schaden
gereichen. Zwei Menschen danken es mir schon, der eine ist K., den du
auch kennst. Mit welchen Zweigen der Landwirtschaft du dich beschftigen
mut und wie du dies zu tun hast, darber will ich dir nichts sagen: das
weit du besser als ich. Zudem kenne ich auch dein Gut nicht so genau
wie meine eigene Handflche und in bezug auf allerhand Neuerungen bist
du ja vernnftig und hast du ja selbst eingesehen, da man nicht nur am
Alten festhalten, sondern es auch bis auf den Grund kennen lernen mu,
um aus ihm selbst die Mittel zu seiner Verbesserung zu gewinnen. Ich
will dir lieber einen Rat geben, der die Beziehungen des Gutsherrn zu
seinen Bauern in den landwirtschaftlichen Angelegenheiten und bei den
Arbeiten betrifft, was zunchst einmal von viel grerer Bedeutung ist
als alles brige. Denke an das Verhltnis, das frher zwischen den
Gutsherren und Landwirten und ihren Bauern herrschte: du mut ein
Patriarch sein, selbst den Anfang machen und in allen Dingen vorangehen.
Mache es dir zur Regel und vergi nie, wenn eine gemeinsame Sache in
Angriff genommen wird, also bei der Aussaat, bei der Heu- oder Kornernte
usw. das ganze Dorf zu einem Festmahl einzuladen. An solchen Tagen mu
in deinem Hofe ein gemeinsamer Tisch fr alle Bauern gedeckt sein, ganz
so wie am Ostermontag, und du selbst mut mit ihnen speisen, mit ihnen
zur Arbeit hinausgehen und ihnen auch bei der Arbeit berall
voranschreiten, sie alle zu tchtigem, eifrigem Schaffen anspornen, fr
die, die sich durch ihren Mut und ihre Tchtigkeit auszeichnen, ein Wort
des Lobes und fr die Trgen und Faulen eine Rge bereit halten. Und
wenn dann der Herbst kommt und die Feldarbeiten zu Ende gehen, mut du
den Abschlu der Arbeiten durch ein ebensolches oder ein noch greres
Festmahl feiern, das von einem feierlichen Dankgebet begleitet wird. Du
sollst den Bauer nicht schlagen; ihm einen Schlag in das Gesicht
versetzen, das ist noch keine groe Kunst, das kann auch der Stanowoi,
der Assessor und selbst der Dorfschulze. Der Bauer ist daran gewhnt, er
kratzt sich nur hinter den Ohren, und das ist alles. Lerne es lieber,
durch deine Worte Eindruck auf ihn machen. Du verstehst dich doch auf
treffliche Worte. Schilt ihn vor versammeltem Volke aus, aber so, da
das ganze Volk ihn auslacht und verspottet. Das wird weit ntzlicher fr
ihn sein als alle mglichen Pffe und Maulschellen. Du mut stets
smtliche Synonyme von: _braver Bursche_ fr den, der ermuntert, und
alle Synonyme von: altes Weib fr den, der getadelt werden mu, bereit
halten, damit das ganze Dorf wei, da ein Faulpelz und ein Trunkenbold
ein altes Weib und ein erbrmlicher Kerl sind. Suche womglich ein noch
schlimmeres Wort hervor, kurz, du darfst ihm sagen, da er alles ist,
was ein Russe nicht sein soll. Hocke nicht zu lange in der Stube,
sondern erscheine recht oft bei den Arbeiten der Bauern und richte es,
wo du auch hinkommst, stets so ein, da bei deinem Kommen alles
lebhafter und heiterer wird, sich mutig und frisch bettigt und da
jeder sich bei der Arbeit besonders auszuzeichnen sucht. Suche ihnen
allen Mut und Kraft einzuflen, indem du ihnen zurufst: Kommt,
Jungens, lat uns einmal alle zusammen anpacken. Nimm selbst die Axt
oder die Sense zur Hand, das wird dir gut tun und weit besser fr deine
Gesundheit sein als diese Heilgymnastik, diese Motion, als Marienbad und
die vielen trgen und bequemen Spaziergnge.

Deine Bemerkungen ber die Schulen sind ganz richtig. Es ist wirklich
ein Unsinn, dem Bauern das Lesen beizubringen, damit er die Mglichkeit
habe, allerhand trichte Bcher zu lesen, die europische
Menschenfreunde fr das Volk herausgeben. Die Hauptsache aber ist, da
der Bauer ja gar keine Zeit dazu hat. Nach der schweren Arbeit wird kein
Buch ihm in den Kopf hinein wollen, und wenn er nach Hause kommt, sinkt
er wie tot hin und schlft den Schlaf des Gerechten. Dir selbst wird es
so ergehen, wenn du hufiger zur Arbeit gehen wirst. Der Dorfpfarrer
kann dem Bauer weit mehr sagen, was ihm wirklich von Nutzen sein kann,
als all dieser Bcherkram. Wenn einer dagegen wirklich vom Bildungsdrang
ergriffen wird und zwar nicht etwa darum, um ein Bureaumensch zu werden
sondern weil er _die_ Bcher lesen will, in denen das Gesetz, das Gott
den Menschen gegeben hat, geschrieben steht, dann ist das freilich eine
andere Sache. Einen solchen mut du erziehen wie deinen eigenen Sohn,
und alle Sorgfalt und alle Mittel auf ihn verwenden, die du fr eine
ganze Schule verwandt httest. Unser Volk ist gar nicht so dumm, wenn es
vor jedem beschriebenen Stck Papier davonluft wie vor dem Teufel. Es
wei, da dies der Quell aller menschlichen Verwirrung, aller Kabalen
und Haarspaltereien ist. Eigentlich sollte es berhaupt nicht wissen,
da es noch andere Bcher als die heiligen Bcher gibt.

[Apropos: der Priester; du hast unrecht, wenn du dich darum bemhst, da
er durch einen andern ersetzt wird und wenn du den Erzpriester darum
bitten willst, er mge dir einen erfahreneren und gebildeteren Priester
senden. Einen solchen wird er dir nicht verschaffen knnen, denn ein
solcher Priester ist berall unentbehrlich. Schlage es dir aus dem
Kopfe, da du einen Priester finden knntest, der deinem Ideal vllig
entspricht. Kein Seminar und keine Schule kann einen solchen
heranbilden. Im Seminar wird nur der erste Grund zu seiner Bildung
gelegt. Die eigentliche Bildung und Erziehung dagegen erwirbt er sich
erst durch das Leben selbst. Du mut selbst sein Lehrer sein, da du doch
eine so klare Vorstellung von den Pflichten eines Dorfpfarrers hast.
Wenn der Pfarrer schlecht ist, so sind meist die Gutsbesitzer selbst
schuld daran. Statt ihn bei sich im Hause aufzunehmen wie einen nahen
Verwandten, und in ihm das Bedrfnis nach einer edleren Unterhaltung zu
erwecken, aus der er etwas lernen knnte, berlassen sie ihn, jung und
unerfahren, wie er ist, den Bauern, wenn er selbst noch nicht einmal
wei, was der Bauer eigentlich ist. Sie bringen ihn in eine solche Lage,
da er gentigt ist, dem Bauern zu schmeicheln und sich bei ihm beliebt
zu machen, whrend er doch vielmehr von vornherein eine gewisse
Autoritt ber ihn ausben sollte, und nachher klagt man, da die
Priester schlecht sind, da sie die Manieren der Bauern annehmen und
sich gar nicht mehr von den gewhnlichen Bauern unterscheiden. Ja, da
mchte ich doch fragen: wer wrde unter solchen Verhltnissen nicht
verrohen, selbst wenn er eine gute Vorbereitung und Erziehung bese?
Dagegen mut du es folgendermaen machen. Richte es so ein, da der
Priester jeden Tag mit dir zu Mittag speist. Du mut geistliche Bcher
mit ihm lesen, diese Lektre interessiert und befriedigt uns doch heute
weit mehr als alles andere. Was aber die Hauptsache ist, du mut den
Priester berall mitnehmen, wenn du zur Arbeit gehst, damit er von
Anfang an als dein Gehilfe bei dir weile und sich persnlich von deinem
Verhalten gegen die Bauern berzeugen knne. Hierdurch wird er klar
erkennen, was ein Gutsbesitzer und was ein Bauer ist, und wie die
Beziehungen zwischen beiden sein mssen. Zugleich aber werden auch die
Bauern ihm mehr Achtung entgegenbringen, wenn sie sehen werden, da er
Hand in Hand mit dir geht und mit dir zusammenarbeitet. Sorge dafr, da
er zu Hause keine Not leide, da sein Haushalt auf sicherem Grunde ruhe
und da er dadurch die Mglichkeit habe, bestndig mit dir zusammen zu
sein. Glaube mir, er wird sich so an dich gewhnen, da er sich
langweilen wird, wenn du nicht da bist. Hat er sich aber einmal an dich
gewhnt, so wird er sich ganz unmerklich auch deine Sachkenntnis und
Menschenkenntnis und vieles andere Gute aneignen. Denn du besitzst ja
gottlob sehr viel von diesen Dingen und du hast die Gabe, dich so klar
und gut auszudrcken, da ein jeder nicht nur deine Gedanken, sondern
selbst deine Ausdrucksweise und sogar deine Worte von dir annimmt.

Was nun die Predigt anbelangt, die du fr notwendig hltst, so mchte
ich dir hierber folgendes sagen. Ich bin eher der Meinung, da es fr
einen Priester, der noch nicht vllig fr seine Ttigkeit ausgebildet
ist, und der die Leute, die ihn umgeben, noch nicht kennt, besser ist,
berhaupt keine Predigten zu halten. Hast du einmal darber nachgedacht,
wie schwierig es ist, eine kluge Predigt zu halten, besonders vor
Bauern? Nein, gedulde dich lieber noch ein wenig, mindestens so lange,
bis der Priester und du euch ordentlich umgesehen habt. Bis zu dieser
Zeit aber mchte ich dir raten, was ich schon einem anderen geraten habe
und was ihm, wie ich glaube, von Nutzen gewesen ist. Nimm dir die
heiligen Kirchenvter, besonders aber den Johannes Chrysostomus vor. Ich
sage: besonders den Chrysostomus, denn dieser war, da er es mit dem
ungebildeten Volk zu tun hatte, das das Christentum nur uerlich
angenommen hatte, innerlich aber noch immer dem rohen Heidentum anhing,
immer bemht, sich besonders den Begriffen einfacher und roher Menschen
anzupassen, und er spricht so lebendig ber die notwendigsten, ja hufig
sogar ber sehr hohe Dinge, da man ganze Partien aus seinen Predigten
direkt auf unsern Bauern anwenden und an ihn richten kann, denn er wird
sie verstehen. Nimm also den Chrysostomus vor und lies ihn zusammen mit
deinem Pfarrer, und zwar mit dem Bleistift in der Hand, damit du alle
derartigen Stellen anstreichen kannst. Solche Stellen kommen bei
Chrysostomus in jeder Predigt dutzendweise vor. La ihn dem Volke diese
Stellen vortragen. Sie brauchen nicht lang zu sein, es gengt, wenn sie
eine Seite oder selbst eine halbe Seite betragen. Je krzer sie sind, um
so besser. Der Priester mu sie jedoch, bevor er sie dem Volke vortrgt,
mehrmals mit dir zusammen durchlesen, damit er es lernt, sie nicht nur
mit innerem Gefhl und Begeisterung vorzutragen, sondern seinen Worten
auch jenen berzeugenden Ton zu verleihen, wie wenn er fr eine ihn
persnlich angehende Sache eintrete, von der das ganze Heil seines
Lebens abhngt. Du wirst sehen, dies wird viel wirksamer sein als eine
eigene Predigt. Man mu nur wenig, aber in mglichst treffenden Worten
zum Volke reden, sonst kann es sich ebenso an die Predigt gewhnen wie
unsere hchsten Kreise sich an sie gewhnt haben, die genau so
hinfahren, um sich irgendeinen berhmten europischen Prediger
anzuhren, wie sie in die Oper oder in das Schauspiel fahren. Bei K. K.
predigt der Priester berhaupt nicht, sondern erwartet die Bauern, da er
sie von Grund aus kennt, in der Beichte. Whrend der Beichte aber redet
er jedem von ihnen derartig ins Gewissen, da dieser die Kirche verlt,
wie wenn er aus einem Schwitzbad kme. S** hat einmal absichtlich
dreiig Arbeiter aus seiner Fabrik, und zwar die schlimmsten Gauner und
Trunkenbolde, zu ihm in die Beichte geschickt und sich dann selbst in
der Vorhalle aufgestellt, um sich die Gesichter anzusehen, die sie
machen wrden, wenn sie aus der Kirche kmen. Alle kamen rot wie die
Krebse heraus, und doch hatte er sie gar nicht einmal lange im
Beichtstuhl festgehalten, sondern sich vier bis fnf Mann auf einmal
vorgenommen. Whrend der folgenden zwei Monate aber soll sich, wie S**
selbst erzhlt, keiner von ihnen in der Kneipe haben sehen lassen, so
da die Gastwirte des Bezirks gar nicht begreifen konnten, was blo
geschehen war.]

Doch nun sei es genug. Arbeite nur ein Jahr lang recht eifrig, dann wird
das Werk und die Arbeit schon ganz von selbst so vonstatten gehen, da
du gar nicht erst Hand anzulegen brauchst. Du wirst reich werden wie ein
Krsus, ganz im Gegensatz zu jenen kurzsichtigen Leuten, die da
annehmen, da die Interessen des Gutsbesitzers denen des Bauers
widersprechen. Du wirst ihnen nicht durch Worte, aber durch die Tat
beweisen, da sie unrecht haben und da ein Gutsbesitzer, wenn er seine
Aufgabe nur mit dem Auge des Christen anschaut, nicht allein die alten
Bande, von denen man sagt, da sie fr immer zerrissen seien, durch das
gemeinsame Band Christi zu krftigen und zu befestigen vermag, das
strker und krftiger ist als jedes andere. Und so wirst du, der du
bisher in keinem Wirkungskreise eifrig und mit Hingebung gearbeitet
hast, als Gutsbesitzer dem Kaiser einen Dienst leisten, wie ihn kein
Mann in hohen mtern und Wrden zu leisten vermag. Sage was du willst,
ihm achthundert Untertanen zu schenken, die allesamt wie _ein_ Mann
allen Menschen ihrer Umgebung durch ihren wahrhaft musterhaften
Lebenswandel zum Vorbild dienen knnen -- das ist kein unntzes Werk,
sondern eine durchaus berechtigte und groe Tat.

                                                                 1846.




                                 XXIII
                       Der Historienmaler Iwanow
                          An M. Ju. Weligurski


Ich schreibe Ihnen ber Iwanow. Wie unbegreiflich ist doch das Schicksal
dieses Menschen! Endlich schienen sich alle ber ihn klar zu sein, alle
waren berzeugt, da das Bild, an dem er arbeitet, eine geradezu
unerhrte Erscheinung sei, nahmen Anteil an dem Knstler, alles bemhte
sich darum, ihm die Mittel zu verschaffen, um sein Bild zu vollenden,
[damit der Knstler nicht whrend der Arbeit sterbe -- ich meine dies
ganz buchstblich: nicht vor Hunger sterbe] und noch immer bekommt man
nicht das geringste aus Petersburg zu hren; ich flehe Sie an: [um
Christi willen suchen Sie doch festzustellen, was das zu bedeuten hat.
Es sind so trichte Gerchte hierher gedrungen, wie wenn die Maler und
alle Professoren der Akademie der Knste aus Furcht, das Bild Iwanows
knnte alles in Schatten stellen, was unsere Kunst bisher hervorgebracht
hat, und aus Neid darauf hinarbeiten, da ihm die Mittel zur Vollendung
des Bildes nicht zur Verfgung gestellt werden. Das ist eine Lge, davon
bin ich fest berzeugt. Unsere Knstler sind vornehme, anstndige
Menschen und wenn sie erfahren, was der arme Iwanow durch seine
beispiellose Selbstentuerung und Arbeitsliebe zu erdulden gehabt hat,
er, der tatschlich Gefahr lief, vor Hunger zu sterben, so wrden sie
ihr eigenes Geld brderlich mit ihm teilen und nicht noch andere zu
einer solchen Grausamkeit verleiten. Ja, warum htten sie Iwanow auch zu
frchten,] er wandelt seine eigenen Bahnen und steht niemand im Wege. Er
strebt weder nach einer Professur noch nach materiellen Vorteilen. Er
will berhaupt nichts mehr, denn er ist der ganzen Welt abgestorben
auer seiner Arbeit. Er bittet blo [um eine armselige Pension] -- um
eine Pension, wie sie ein Schler und ein Anfnger erhlt und nicht er,
der Meister, der an einem so ungeheuren Werke arbeitet, wie es bisher
noch niemand unternommen hat. Und dies [Hunger]gehalt, das ihm alle zu
verschaffen bestrebt sind, um das sich alle fr ihn bemhen, kann er
sich trotz der Bemhungen aller nicht erbetteln. Sagen Sie, was Sie
wollen, ich sehe in alledem den Willen der Vorsehung, die es so bestimmt
hat, da Iwanow alles erdulden, alle Leiden bis zur Neige auskosten und
alles ertragen sollte. Einen anderen Grund dafr kann ich nicht finden.

Bisher hat man ihm immer den Vorwurf gemacht, er arbeite zu langsam. Man
hat immer gesagt: wie? er sitzt acht Jahre lang an seinem Bilde, und
noch immer ist das Gemlde nicht vollendet. Jetzt beginnt dieser Vorwurf
endlich zu verstummen, wo man sieht, da der Knstler auch nicht einen
einzigen Augenblick von seiner Zeit verloren hat, da die Skizzen zu dem
Bilde, die er angefertigt hat, allein einen ganzen Saal, da man eine
ganze Ausstellung mit ihnen fllen knnte, und da die ungewhnliche
Gre des Bildes, dem kein zweites an Flchenumfang gleichkommt (das
Bild ist grer als die Gemlde von Brjulow und Bruni), auerordentlich
viel Zeit und Arbeit erforderte, besonders bei den geringen Geldmitteln,
die es dem Maler nicht erlaubten, sich mehrere Modelle zugleich, vor
allem aber nicht solche, wie er sie brauchte, zu halten. Mit einem Wort
-- jetzt beginnen alle endlich zu erkennen, wie tricht der Vorwurf
einem solchen Knstler gegenber war, der wie ein fleiiger Arbeiter
sein ganzes Leben lang bei der Arbeit verbracht hat, so da er kaum noch
wute, ob es in der Welt noch einen anderen Genu gibt als die Arbeit --
wie tricht der Vorwurf war, er sei faul und arbeite zu langsam. Die,
die ihm Langsamkeit vorgeworfen haben, werden sich noch mehr schmen,
wenn sie erfahren, was der andere geheime Grund dieser Langsamkeit war.
Mit der Arbeit an diesem Gemlde verknpfte sich der eigenste, innerste,
geistige Lebenszweck des Knstlers -- eine Erscheinung, wie sie in der
Welt nur uerst selten vorkommt und deren Grund nicht im freien
Ermessen des Menschen, sondern in dem Willen Dessen zu suchen ist, der
ber allen Menschen steht. Es war offenbar hhere Bestimmung, da sich
an diesem Bilde die eigentliche Erziehung des Knstlers sowohl nach der
Seite manueller Kunstfertigkeit wie nach der Seite der Ideen, die die
Kunst ihrer wahren und hchsten Bestimmung entgegenfhren, vollziehen
sollte. Schon der Gegenstand des Gemldes ist, wie Sie wissen, hchst
bedeutend. Der Maler hat sich eine Stelle aus den Evangelien zum Vorwurf
gewhlt, die einer Darstellung ganz besondere Schwierigkeiten bietet und
die bisher noch von keinem Knstler, nicht einmal von einem Meister
einer der uralten, von so inniger Frmmigkeit erfllten knstlerischen
Epochen behandelt worden ist, nmlich -- das erste Erscheinen Christi
vor dem Volke. Das Bild stellt die Wste am Ufer des Jordans dar. Im
Vordergrunde des Ganzen steht die Gestalt Johannes des Tufers, der vor
versammeltem Volke predigt und im Namen Dessen, Den noch niemand gesehen
hat, tauft. Er ist von einer Menge nackter oder solcher Menschen, die
damit beschftigt sind, sich an- oder auszuziehen oder die bereits
ausgezogen sind, die aus dem Wasser hervorkommen oder im Begriff sind,
ins Wasser zu steigen, umgeben. Unter dieser Menge befinden sich auch
die knftigen Jnger des Heilands selbst. Jedermann lauscht, whrend er
mit seiner Verrichtung beschftigt ist und verschiedene Krperbewegungen
ausfhrt, voll innerer Spannung den Reden des Propheten, als wollte er
ihm jedes Wort von den Lippen ablesen, alle Gesichter spiegeln die
verschiedensten Gefhle wider: ein Teil der Anwesenden ist bereits
vollkommen berzeugt, andere zweifeln noch, ein dritter Teil schwankt
schon, andere wieder halten ihre Hupter voll Reue und Zerknirschung
gesenkt. Es sind auch solche darunter, denen man anmerkt, da die harte
Rinde der Gefhllosigkeit, die ihr Herz umgibt, noch nicht geborsten
ist. Und whrend nun alles von so verschiedenen Gemtsbewegungen
ergriffen ist, erscheint Er, in Dessen Namen die Taufe bereits vollzogen
ward, in der Ferne -- und das ist der eigentliche Hhepunkt des Bildes.
Der Knstler hat den Augenblick gewhlt, wo der Vorlufer Christi mit
dem Finger auf den Heiland hinweist und die Worte spricht: _Siehe, das
ist das Lamm, das der Welt Snde trgt._ Die ganze Menge aber hlt,
ohne ihren Gesichtsausdruck zu verndern, ihre Augen auf Den geheftet,
und richtet alle ihre Gedanken auf Ihn, auf Den der Prophet hinweist. Zu
dem frheren Ausdruck, der noch nicht von den Gesichtern verschwunden
ist, kommt nun noch ein neuer hinzu, der den neuen Eindruck
widerspiegelt. Die Gesichter der Auserwhlten, die ganz vorne stehen,
leuchten von einem wunderbaren Licht, whrend die andern noch bemht
sind, in den Sinn der unverstndlichen Worte einzudringen und nicht
begreifen knnen, wie ein einziger alle Snden der Welt auf sich nehmen
kann, und whrend die Dritten zweifelnd ihr Haupt schtteln, als wollten
sie sagen: Wie knnte ein Prophet aus Nazareth kommen! Er aber
schreitet mit himmlischer Ruhe und wie in eine wunderbare Ferne entrckt
langsamen und festen Schrittes auf die Menschen zu.

Wahrlich es ist keine Kleinigkeit, auf den Gesichtern diesen ganzen
Proze _der Bekehrung des Menschen zu Christus_ darzustellen! Es gibt
Menschen, die davon berzeugt sind, da fr einen groen Knstler alles
erreichbar ist: die Erde, das Meer, der Mensch [ja selbst ein Frosch,
eine Rauferei, ein Zechgelage oder eine Kartenpartie] wie ein an den
himmlischen Vater gerichtetes Gebet, mit einem Wort, da ihm alles
leicht erreichbar sei, wenn er blo ein talentvoller Knstler ist und
die Akademie besucht hat. Ein Knstler kann nur darstellen, was er
selbst _gefhlt_ und wovon er sich im Geiste eine vollstndige Idee
gebildet hat, im andern Falle wird sein Bild ein totes akademisches
Gemlde bleiben. Iwanow hat alles getan, was ein anderer Knstler fr
ausreichend gehalten htte, um sein Gemlde zu vollenden. Die gesamte
materielle Seite daran, alles, was sich auf eine strenge und weise
Verteilung der Gruppen auf dem Bilde bezieht, ist mit hchster
Vollendung durchgefhrt. Auch die Gesichter haben jenen typischen
Ausdruck, der dem Geist des Evangeliums entspricht, auch ist der
jdische Typus berall festgehalten. Man erkennt sofort an den
Gesichtern, welches Land der Schauplatz dieser Vorgnge ist. Iwanow ist
ausdrcklich zu diesem Zwecke berall herumgereist, um jdische
Gesichter zu studieren. Alles, was sich auf eine harmonische Verteilung
der Farben, der menschlichen Gewnder und die wohlberlegte Art, wie sie
den menschlichen Krper umhllen und von ihm gehalten werden, bezieht,
ist mit einer solchen Sorgfalt studiert, da jede Falte die
Aufmerksamkeit des Kenners auf sich lenken mu. Endlich ist auch die
landschaftliche Seite, auf die ein Historienmaler gewhnlich nur wenig
achtet, die malerische Wste, in die die Gruppen hineingestellt sind, so
ausgefhrt, da selbst die Landschaftsmaler, die sich in Rom aufhalten,
staunen. Iwanow hat zu diesem Zwecke viele Monate in den ungesunden
Pontinischen Smpfen und in den Wsteneien Italiens zugebracht,
zahlreiche Skizzen von smtlichen wilden und den Gegenden, die sich in
Roms Umgebung finden, entworfen, er hat jedes Steinchen und jedes
Baumblatt studiert, kurz -- er hat alles getan, was er tun konnte, und
alles nachgezeichnet, wofr er ein Vorbild finden konnte. Wie aber
sollte er das darstellen, wofr bisher noch nie ein Knstler ein Modell
finden konnte! Wo konnte er ein Modell dafr finden, was die Hauptsache,
die eigentliche Aufgabe seines ganzen Gemldes bildet? Wie konnte er den
Vorgang der Bekehrung der Menschheit zu Christus in seiner Gesamtheit
zur Darstellung bringen? Wo sollte er ihn hernehmen? Aus dem Kopfe?
Sollte er ihn aus seiner Phantasie erzeugen, ihn mit dem Gedanken
erfassen? Nein, das sind alles Torheiten. Dazu ist der Gedanke zu kalt
und zu frostig und die Phantasie zu arm und zu matt. Iwanow hat seine
Einbildungskraft so gewaltig angestrengt, als er nur vermochte, er war
bestrebt, aus den Gesichtern aller Menschen, denen er begegnete, die
hohen Gemtsbewegungen der Seele abzulesen. Er ist in die Kirchen
gegangen, um die Menschen whrend des Gebets zu beobachten, und mute
schlielich erkennen, da dies alles viel zu kraftlos, zu ohnmchtig,
da es ungengend sei und in seiner Seele nicht die volle Idee von dem,
was er brauchte, hervorbringen und befestigen konnte, und das wurde der
Anla zu bitteren Seelenqualen, und war der Grund, warum sein Bild so
langsame Fortschritte machte. Nein, solange sich die wahre Bekehrung zu
Christus nicht im Knstler selbst vollzogen hat, wird es ihm nie
gelingen, sie auf der Leinwand darzustellen. Iwanow hat inbrnstig zu
Gott gebetet, Er mge ihm diese volle Bekehrung zuteil werden lassen, er
hat stille Trnen vergossen und Ihn angefleht, Er mge ihm die Kraft
verleihen, die ihm von Ihm selbst eingegebene Idee auszufhren, und in
einem solchen Moment konnte man ihm den Vorwurf machen, da er zu
langsam arbeite, und ihn zur Eile drngen! Iwanow hat Gott angefleht, Er
mge jene kalte Hrte und Mattherzigkeit, an der heute viele von den
Edelsten und Besten leiden, im Feuer Seiner Gnade zerschmelzen und zu
Asche verbrennen und ihn mit der Begeisterung erfllen, die ihm die
Kraft verleihen wrde, diese Bekehrung so darzustellen, da auch der
Nichtchrist beim Anblick seines Bildes gerhrt und erschttert dastnde,
und in solchen Augenblicken konnten sogar Leute, die ihn persnlich
kennen, ja selbst seine Freunde ihm Vorwrfe machen und glauben, er sei
trge und faul, ja sie konnten sich ernstlich fragen, ob man ihn nicht
durch Hunger und dadurch, da man ihm alle Mittel entzge, dazu zwingen
knne, sein Bild zu vollenden! Sogar die Mitleidigsten unter ihnen
sagten: Er ist selbst schuld: das groe Bild ist etwas fr sich, in der
Zwischenzeit knnte er kleinere Bilder malen und sie verkaufen, dann
brauchte er nicht vor Hunger zu sterben. So konnten die Leute reden,
ohne zu ahnen, da ein Knstler, dem sein Werk nach dem Willen Gottes zu
einer innersten Seelen- und Herzensangelegenheit geworden ist, schon
nicht mehr imstande ist, sich mit irgend etwas anderem zu beschftigen,
da es fr ihn keine Zwischenzeit gibt; sein Denken ist gar nicht mehr
fhig, sich auf andere Gegenstnde zu richten, so sehr er sich auch dazu
zwingen und so sehr er es auch vergewaltigen mag. So ist auch ein treues
Weib, das ihren Mann wahrhaft liebt, nicht mehr imstande, einen andern
lieb zu gewinnen. Nie wird sie ihre Zrtlichkeit fr Geld verkaufen,
nicht einmal, wenn sie sich selbst und ihren Mann hierdurch vor der
Armut bewahren knnte. Dies war der Seelenzustand Iwanows. Sie werden
sagen: Ja warum hat er dies alles denn nicht niedergeschrieben? Warum
hat er seine wirkliche Lage nicht klar dargestellt. Dann htte man ihm
sofort Geld geschickt? Das wre schn, wenn's so wre. Es soll doch
einmal einer von uns versuchen, der noch keinen Beweis seines Knnens
gegeben hat, der sich selbst noch nicht darber klar zu werden vermag,
was in ihm steckt, sich mit Leuten anderer Berufe auseinanderzusetzen,
die aus sehr natrlichen Grnden nicht einmal zu begreifen vermgen, da
es eine hchste Stufe der Kunst gibt, eine solche Stufe, die sie
unendlich weit ber das Niveau emporhebt, auf dem die Kunst unserer
heutigen modeschtigen Zeit steht. Sollte er etwa sagen: Ich will ein
Werk schaffen, das euch einst in Erstaunen setzen wird, von dem ich
jedoch heute nicht zu euch sprechen kann, weil mir selbst heute noch
manches nicht ganz klar ist. Ihr aber mgt die ganze Zeit ber, whrend
der ich an meiner Arbeit sitze, geduldig warten und mir das Geld zu
meinem Lebensunterhalt verschaffen? Dann wrden sich wahrscheinlich
viele Liebhaber finden, die ebenso sprechen wrden, und glauben Sie
etwa, da es einen so trichten Menschen gibt, der ihnen Geld geben
wrde? Aber selbst angenommen, Iwanow htte sich in dieser Zeit der
Unklarheit klar ausdrcken und sagen knnen: durch hhere Eingebung
ward mir eine Idee zuteil, die mich unablssig verfolgt -- ich will die
Bekehrung des Menschen zu Christus auf der Leinwand darstellen. Ich
fhle, da ich das nicht tun kann, ehe ich mich selbst wahrhaft zu ihm
bekehrt habe. Wartet daher, bis sich diese Bekehrung in mir selbst
vollzogen hat und gebt mir bis dahin das Geld, das ich zu meinem
Lebensunterhalt und um arbeiten zu knnen, brauche. Ja, htten wir ihm
nicht alle wie aus einem Munde zugerufen: Was ist denn das fr ein
trichtes Gerede? Hltst du uns etwa fr Narren? Wie hngt denn das
zusammen: die Seele und ein Gemlde? Die Seele ist etwas fr sich und
ein Gemlde ist auch eine Sache fr sich. [Warum sollten wir auf deine
Bekehrung warten, du sollst auch ohne das ein Christ sein. Wir sind doch
auch alle wahrhafte Christen.] So htten wir alle zu Iwanow gesprochen,
und jeder von uns htte eigentlich recht gehabt. Wren nicht diese
schwierigen Lebensverhltnisse und diese innere Seelenfolter gewesen,
die ihn mit Gewalt dazu getrieben haben, Gott mit innigerer, glhenderer
Sehnsucht zu suchen, und die ihm die Fhigkeit gaben, seine Zuflucht zu
Ihm zu nehmen und so in Ihm zu leben, und in Ihm aufzugehen, wie keiner
von den modernen profanen Knstlern in Ihm lebt, und sich durch bittre
Trnen die Gefhle zu erringen, die er sich ehedem durch bloes
Nachdenken und bloe berlegung zu erringen suchte, so wre er nie
imstande gewesen, das darzustellen, wozu er jetzt auf der Leinwand
bereits den Grund gelegt hat, und er htte sowohl sich wie die andern
betrogen trotz seines glhenden Wunsches, sie nicht zu tuschen. Glauben
Sie nicht, da es leicht ist, sich whrend eines solchen inneren
bergangszustandes, wenn nach Gottes Willen ein Umgestaltungsproze in
dem innersten Wesen des Menschen eingesetzt hat, sich andern Menschen
mitzuteilen. Ich kenne das selbst sehr gut und habe es sogar an mir
selbst erfahren. Meine Werke hngen in ganz wunderbarer Weise mit meinem
Seelenleben und meiner inneren Selbsterziehung zusammen. Mehr als sechs
Jahre lang vermochte ich nicht fr die Welt zu schaffen. Die ganze
Arbeit fand in mir und fr mich selbst statt. Und doch -- vergessen Sie
dies nicht -- und doch lebte ich damals, ausschlielich von den
Einknften, die mir meine Werke brachten. Fast alle Welt wute, da ich
Not litt, und doch waren alle berzeugt, da dies seinen Grund
ausschlielich in meinem Eigensinn hat, da ich mich nur hinzusetzen und
irgendeine kleine Sache niederzuschreiben brauchte, um sehr viel Geld zu
verdienen. Allein ich war nicht imstande, auch nur eine einzige Zeile zu
schreiben, und als ich einmal dem Rat eines unvernnftigen Menschen
folgen und mich dazu zwingen wollte, ein paar kleine Aufstze fr eine
Zeitschrift zu schreiben, wurde mir dies so schwer, da mich mein Kopf
schmerzte und mir all meine Sinne wehe taten. Ich schmierte einige
Seiten voll, zerri sie wieder und ruinierte nach zwei, drei Monaten
einer solchen Folter meine ganze Gesundheit, die ohnedies schon schlecht
genug war, so da ich mich zu Bett legen mute. Dazu kamen noch
allerhand Nervenbeschwerden und Leiden, die daraus entsprangen, da es
mir vllig unmglich war, mich gegen irgendeinen Menschen in der Welt
ber meinen Zustand und meine Lage zu uern; dies alles brachte mich so
herunter, da ich mich beinahe am Rande des Grabes befand. Und dieses
passierte mir zweimal nacheinander. Einmal befand ich mich zu alledem
noch in einer Stadt, wo ich nicht einen einzigen mir nahestehenden
Menschen hatte. Auch war ich vllig mittellos und lief bestndig Gefahr,
nicht nur an meiner Krankheit und meinen seelischen Qualen, sondern
sogar vor Hunger zu sterben. Das ist schon sehr lange her [ich wurde
damals durch den Kaiser gerettet, von dem mir unerwartet Hilfe kam.
Hatte ihm eine innere Stimme gesagt, da sein armer Untertan in seiner
unscheinbaren nichtamtlichen Stellung von dem heien Streben beseelt
war, ihm ebenso treu und redlich zu dienen, wie andere ihm in ihren
hervorragenden amtlichen Stellungen dienten, oder war es einfach eine
Regung der Gnade und Gte, wie wir sie bei ihm gewohnt sind, genug,
diese Hilfe richtete mich pltzlich auf. Es war mir in diesem Augenblick
sehr angenehm, mich ihm und keinem andern verpflichtet zu fhlen. Zu den
Grnden, die mich veranlaten, mit neuer Kraft an die Arbeit zu gehen,
kam auch noch folgender Gedanke hinzu. Wenn Gott mich fr wrdig halten
sollte, mir die Liebe und Zuneigung vieler Menschen zu erwerben und mich
der Liebe derer wrdig zu erweisen, die mich liebten, dann wollte ich
ihnen sagen: Verget es niemals, ich wre jetzt vielleicht nicht mehr
auf der Welt, wenn der Kaiser nicht dagewesen wre]. In solch eine Lage
kommt man mitunter. Auerdem mu ich Ihnen noch sagen, da ich gerade zu
dieser Zeit oft den Vorwurf zu hren bekam, ich sei ein Egoist: Viele
konnten es mir nicht verzeihen, da ich mich nicht an Unternehmungen
beteiligen wollte, die sie, wie sie glaubten, im Interesse der
Allgemeinheit planten. Meine Einwnde, ich knne nicht schreiben und ich
drfe nicht fr Zeitschriften und Almanache arbeiten, wurden fr eine
Laune gehalten. Selbst der Umstand, da ich im Ausland lebte, wurde auf
ein sybaritisches Bedrfnis zurckgefhrt, die Schnheiten Italiens zu
genieen. Ich konnte es nicht einmal meinen nchsten Freunden
klarmachen, da mir nicht nur aus Rcksicht auf meine Krankheit eine
zeitweilige Trennung von ihnen selbst ein Bedrfnis war, gerade weil ich
nicht in ein falsches Verhltnis zu ihnen kommen und ihnen keine
Unannehmlichkeiten bereiten wollte -- selbst dies vermochte ich ihnen
nicht klarzumachen!

Ich hatte selbst die Empfindung, mein Seelenzustand sei so seltsam
geworden, da ich ihn keinem Menschen auf der Welt in klarer und
verstndlicher Weise htte mitteilen knnen. Wenn ich mich bemhte,
einem Menschen wenigstens einen Teil von meinem Selbst zu enthllen, so
stand es mir sofort klar vor Augen, da ich den Menschen, zu denen ich
sprach, mit meinen Worten nur den Kopf verwirrte und umnebelte, und ich
bereute bitterlich, da ich auch nur den Wunsch gehabt hatte, aufrichtig
zu sein. Ich mchte darauf schwren: es gibt Situationen von solcher
Schwierigkeit, die sich nur mit der Lage eines Menschen vergleichen
lassen, der in einem lethargischen Schlaf versunken daliegt, der selbst
sieht, wie er lebendig begraben wird -- und nicht einmal einen Finger
rhren und ein Zeichen geben kann, da er noch lebt. Nein, Gott bewahre
uns vor dem bloen Versuch, im Moment eines solchen inneren
bergangszustandes einem Menschen unser Herz zu ffnen. Zu Gott allein
sollte man seine Zuflucht nehmen; zu niemand sonst. So kam es, da
viele, selbst solche Menschen, die mir sehr nahe standen, ungerecht
gegen mich wurden und doch waren sie eigentlich ganz unschuldig daran:
ich selbst htte genau so gehandelt, wenn ich an ihrer Stelle gewesen
wre.

Und ebenso verhlt es sich mit dem Fall Iwanow: wenn er vor Armut und
aus Mangel an Mitteln sterben sollte, so wrden sich alle sofort emprt
gegen die wenden, die dies zugelassen haben. Vorwrfe und Anklagen gegen
die andern Knstler wrden laut werden, und man wrde sie der
Gefhllosigkeit und des Neides bezichtigen. Am Ende wrde gar ein
dramatischer Dichter ein rhrsames Drama ber dieses Sujet schreiben,
das Publikum bis zu Trnen rhren und Zorn und Abscheu wider die Feinde
Iwanows erregen. Und doch wre dies alles nichts wie lauter Lge und
Unwahrheit, weil in Wahrheit doch eigentlich niemand an seinem Tode
schuld wre. Nur _ein_ Mensch htte Anla, sich einer unehrenhaften
Handlungsweise anzuklagen und sich die Schuld zuzuschreiben. Dieser
Mensch wre -- ich. Ich habe mich in einer ganz hnlichen Lage befunden,
habe alles am eigenen Leibe erfahren und habe es doch den andern nicht
klarmachen knnen, und das ist der Grund, weswegen ich Ihnen jetzt
schreibe. Suchen Sie diese Sache zu arrangieren und in Ordnung zu
bringen, sonst nehmen Sie eine schwere Verantwortung auf Ihre Seele. Ich
habe sie durch diesen Brief von meinem Herzen abgewlzt. Nun liegt sie
auf Ihnen. [Richten Sie es so ein, da Iwanow nicht nur jene armselige
Pension, um die er bittet, bewilligt wird, sondern auerdem auch noch
eine Prmie dafr, da er so lange an seinem Gemlde gearbeitet hat und
da er whrend dieser Zeit an nichts anderem arbeiten wollte, trotzdem
ihn die Menschen und seine eigene Not dazu drngten]. Sparen Sie nicht
mit dem Gelde: es wird reiche Zinsen tragen. Schon fngt man berall an,
den Wert des Bildes zu erkennen, schon spricht ganz Rom davon, obwohl es
sich doch nur nach dem jetzigen Stadium, das die Idee und Absicht des
Knstlers noch nicht in vollem Mae widerspiegelt, ein Urteil erlauben
kann, schon sagt ganz Rom, da eine hnliche Erscheinung seit den Zeiten
Raphaels und Leonardo da Vincis noch nicht dagewesen sei. Das Gemlde
wird vollendet werden [-- dann wird auch der rmste Frstenhof in Europa
gern soviel dafr bezahlen, wie man heute fr ein neu entdecktes Gemlde
eines groen alten Meisters auszugeben pflegt]. Solche Gemlde erzielen
selten Preise unter 100000 oder 200000. [Richten Sie es so ein, da ihm
die Prmie nicht fr sein Gemlde, sondern fr seine Selbstaufopferung
und seine beispiellose Liebe zur Kunst zugesprochen wird, auf da dies
Beispiel allen Knstlern zur Lehre diene. Wir haben eine solche Lehre
ntig, damit alle erkennen, wie man die Kunst lieben soll: da man allen
Lockungen des Lebens absterben msse wie Iwanow, da man nicht aufhren
drfe, zu lernen, und sich stets fr einen Schler halten solle wie
Iwanow, da man die grten Entbehrungen auf sich nehmen, ja selbst an
Feiertagen sich beim Mittagessen den Extragang versagen mu wie Iwanow,
da man, wenn einem alle Mittel ausgegangen sind, eine einfache
Leinwandjacke anziehen und alle leeren Rcksichten des Anstands auer
acht lassen mu wie Iwanow, da man alle Leiden auskosten und selbst bei
einer so hohen und feinen Seelenbildung, bei einer so auerordentlichen
feinsinnigen Empfindlichkeit fr alles, alle bitteren Niederlagen
ertragen, ja selbst ruhig dulden mu, da einzelne einen fr verrckt
erklren und berall das Gercht verbreiten, man sei nicht bei
Verstande, so da man es auf Schritt und Tritt mit eigenen Ohren hren
mu, wie Iwanow dies getan hat. Fr alle diese groen Verdienste sollte
ihm eine Prmie zugesprochen werden. Dies ist besonders ein Bedrfnis
fr unsere jungen Knstler und fr die, die ihre Knstlerlaufbahn erst
eben beginnen, damit sie ihre Gedanken nicht blo darauf richten, sich
feine Krawatten und Rcke anzuschaffen und Schulden zu machen, um ihr
Ansehen in der Gesellschaft zu heben, sondern damit sie erkennen, da
die Hilfe und Untersttzung der Regierung nur solchen unter ihnen zuteil
wird, die nicht an feine Rcke denken und von Zechgelagen mit ihren
Kameraden trumen, sondern die sich ganz ihrer Aufgabe widmen und in ihr
ganz aufgehen wie ein Mnch in der Klosterzelle. Es wre sogar gut, wenn
die Summe, die Iwanow bewilligt wrde, recht gro wre, damit sich alle
anderen unwillkrlich hinter den Ohren kratzen. Frchten Sie nicht, da
er diese Summe nur fr seinen eigenen Bedarf verwenden knnte.
Vielleicht wird er sich selbst nicht einmal eine Kopeke davon nehmen.
Diese Summe wird ganz darauf verwandt werden, um den wirklichen
Arbeitern auf dem Gebiete der Kunst, die der Knstler besser kennt als
irgendein Beamter, zur Untersttzung zu dienen, und er wird besser
darber verfgen, als ein Beamter dies vermchte. Wei Gott, was ein
Beamter alles auf dem Kerbholz haben kann; er kann eine Modedame zur
Frau, oder er kann Freunde haben, die groe Feinschmecker sind und denen
er ein feines Mittagessen vorsetzen mu. Ein Beamter kann einen groen
Aufwand machen und vielen Glanz entfalten, und wird dann womglich noch
behaupten, da dies notwendig sei, um das Ansehen der russischen Nation
hochzuhalten, um den Auslndern Sand in die Augen zu streuen, und Geld
dafr verlangen. Mit dem dagegen, der selbst auf dem Gebiet ttig ist,
auf dem er spter anderen behilflich sein soll, der den Schrei der
Bedrftigkeit und keiner vorgespiegelten, sondern der wirklichen Not
vernommen, der selbst gelitten und gesehen hat, wie andere leiden, der
mit ihnen gelitten und sein letztes Hemd mit dem armen Arbeiter geteilt
hat, whrend er selbst nichts zu essen und nichts anzuziehen hatte, wie
dies Iwanow getan hat, -- mit dem verhlt es sich ganz anders. Ihm kann
man dreist Millionen anvertrauen und sich ruhig schlafen legen. Von
dieser Million wird keine Kopeke umsonst verloren gehen]. Also seien Sie
billig. Meinen Brief aber zeigen Sie sowohl meinen wie Ihren Freunden,
besonders aber denen, denen die Verwaltung eines Ressorts anvertraut
ist. Denn fleiige Arbeiter wie Iwanow kommen in allen Berufen vor, und
man sollte doch nicht zulassen, da solche Menschen vor Hunger sterben.
Wenn es einmal passieren sollte, da einer von ihnen sich von den andern
zurckzieht und sich intensiver und eifriger seiner Sache widmet, ja
selbst in dem Falle, wenn es seine _eigene_ Sache ist und er nur sagt,
da diese Sache, die scheinbar blo seine eigene Sache ist, einem
allgemeinen Bedrfnis dient, mssen Sie so tun, als ob er den Menschen
wissentlich diente, und fr seinen notwendigen Lebensunterhalt sorgen.
Damit Sie sich aber berzeugen, da hierbei kein Betrug im Spiele ist,
weil sich unter dieser Maske leicht auch ein fauler Mensch, der nichts
tut, einschleichen kann, so sehen Sie zu, was fr einen Lebenswandel er
fhrt. Seine Lebensweise wird Ihnen alles sagen. Wenn er ebenso wie
Iwanow alle Anstandsrcksichten und alle Konventionen der vornehmen Welt
verachtet und hintan setzt, wenn er eine einfache Jacke anzieht, jeden
Gedanken an Vergngungen und Zechgelage, selbst den Gedanken, sich ein
Weib zu nehmen, um eine Familie oder einen Hausstand zu begrnden, von
sich gewiesen hat und ein wahrhaft mnchisches Leben fhrt, Tag und
Nacht an seiner Arbeit sitzt und jeden Augenblick dem Gebet widmet, dann
sind keine langen berlegungen am Platz, sondern dann mu man ihm die
Mittel zur Arbeit verschaffen. Man soll ihn auch nicht drngen und
anfeuern, sondern man soll ihn in Ruhe lassen: Gott wird ihn auch ohne
uns vorwrts treiben. Ihre Aufgabe ist es nur, dafr zu sorgen, da er
nicht vor Hunger stirbt. Sie sollen ihm auch keine groe Pension
bewilligen, setzen Sie ihm eine bescheidene, ja armselige Pension aus
und halten Sie die Lockungen und Verfhrungen der Welt von ihm fern. Es
gibt Menschen, die ihr ganzes Leben lang Bettler bleiben mssen. Der
Bettlerstand ist eine Seligkeit, die die Welt noch nicht recht begriffen
hat. Aber wen Gott fr wrdig gehalten hat, ihre Sigkeit zu kosten,
und wer seinen Bettelsack wirklich lieben gelernt hat, der wird ihn fr
keine Schtze dieser Welt verkaufen wollen.

                                                                 1846.




                                  XXIV
    Was die Frau ihrem Manne im huslichen Leben des Alltags und bei
                den heutigen Zustnden in Ruland sein kann


Ich habe lange darber nachgedacht, wen von Ihnen beiden ich tchtig
auszanken soll, Sie oder Ihren Mann. Schlielich aber habe ich mich
entschlossen, mir Sie vorzunehmen: denn eine Frau ist eher dazu fhig,
sich auf sich selbst zu besinnen und sich aufzuraffen. Obwohl Sie beide
auf dem Gipfel der Seligkeit zu schweben glauben, ist Ihre Lage meiner
Ansicht nach nicht nur keineswegs glcklich, sondern noch weit elender
als die jener Menschen, die tief im Unglck und im Elend zu stecken
meinen. Sie besitzen alle beide viele gute Eigenschaften, sowohl solche
des Gemts als auch des Herzens, Sie besitzen auch geistige Fhigkeiten,
und es fehlt Ihnen nur das eine, ohne das dies alles zu nichts dienen
kann. Es fehlt Ihnen an der inneren Disziplin. Keiner von Ihnen ist Herr
ber sich selbst. Es fehlt Ihnen an Charakter, wenn man unter Charakter
einen _starken Willen_ zu verstehen hat. Ihr Mann hat ein Gefhl fr
diesen inneren Mangel gehabt. Er hat sich gerade deswegen verheiratet,
um in seiner Frau ein Wesen zu finden, das ihn zur Ttigkeit und zu
wirklichen Leistungen anspornt. Und _Sie_ haben ihn geheiratet, damit er
Ihnen in allen Angelegenheiten des Lebens ein Erwecker und Anreger
werde. Sie erwarten beide gerade das voneinander, was keiner von Ihnen
besitzt. Ich sage Ihnen, dieser Zustand ist nicht nur keineswegs
glcklich, sondern sogar gefhrlich. Sie beide zerflieen und gehen im
Leben auf wie ein Stck Seife im Wasser. Alle ihre Vorzge und ihre
guten Eigenschaften werden spurlos verloren gehen in der Unordnung und
der Zuchtlosigkeit Ihrer Handlungen, die allein Ihren Charakter
ausmachen werden, und so werden Sie beide die leibhaftige Ohnmacht und
Kraftlosigkeit darstellen. Bitten Sie Gott um _Kraft und Willensstrke_.
Durch Gebet kann man alles von Gott erlangen, selbst Kraft und
Willensstrke, die sich ein schwacher und kraftloser Mensch bekanntlich
auf keine Weise anzueignen vermag. Vor allem handeln Sie vernnftig:
_bete und rudere auf das Ufer zu_, sagt ein russisches Sprichwort.
Sprechen Sie jeden Morgen, mittags und abends immer wieder in Ihrem
Innern: Lieber Gott, fasse all meine Krfte und mein ganzes Ich in mir
selbst zusammen und strke mich! Und dann tun Sie ein ganzes Jahr lang
so, wie ich es Ihnen gleich angeben werde, ohne nachzugrbeln, wozu und
zu welchem Zwecke Sie so handeln. Den ganzen Haushalt mssen Sie auf
Ihre Schultern nehmen. Alle Ausgaben und Einnahmen sollen durch Ihre
Hnde gehen. Legen Sie sich kein allgemeines Kassenbuch an, sondern
machen Sie gleich zu Beginn des Jahres einen berschlag ber den
gesamten Haushalt. Suchen Sie sich eine bersicht ber all Ihre
Bedrfnisse zu verschaffen. berlegen Sie sich im voraus, wieviel Sie
bei Ihrem Einkommen in einem jeden Jahr ausgeben drfen und ausgeben
mssen, und rechnen Sie sich alles in runden Summen aus. Teilen Sie Ihr
ganzes Geld in sieben nahezu gleiche Haufen. Der erste Haufen sei zur
Deckung der Ausgaben fr die Wohnungsmiete, die Heizung,
Wasserversorgung, Holz sowie alles, was sich auf die vier Wnde Ihres
Hauses und die Sauberkeit Ihres Hofes bezieht, bestimmt. Der zweite
Haufen mu das Geld fr die Kost und smtliche Lebensmittel, den Gehalt
des Kochs und den Lebensunterhalt aller, die mit Ihnen in Ihrem Hause
leben, enthalten. Der dritte Haufen sei fr den Stall, fr den Wagen,
den Kutscher, die Pferde, Heu, Hafer, kurz fr alles, was sich auf
diesen Teil des Haushalts bezieht, bestimmt. Aus dem vierten Haufen
mssen die Unkosten fr die Garderobe, d. h. fr alles, was Sie beide
brauchen, wenn Sie sich in der Gesellschaft sehen lassen oder wenn Sie
zu Hause sitzen, beglichen werden. Der fnfte Haufen enthalte Ihr
Taschengeld, der sechste Geld fr allerhand auerordentliche Ausgaben,
die ja hufig vorzukommen pflegen: wie etwa bei Anschaffung neuer Mbel,
einer neuen Equipage, oder fr die Untersttzung eines Verwandten, wenn
er pltzlich in die Lage kommen sollte, ihrer zu bedrfen. Der siebente
Haufen aber sei Gott geweiht, d. h. er diene zur Deckung der Ausgaben
fr die Kirche und fr die Armen. Sorgen Sie dafr, da Ihnen diese
sieben Haufen niemals durcheinander geraten, sondern stets gesondert fr
sich bestehen bleiben, wie sieben besondere Ministerien. Fhren Sie ber
jeden von ihnen besondere Rechnung. Unter keinem Vorwand aber machen Sie
eine Anleihe bei dem einen zugunsten des andern; selbst wenn sich Ihnen
whrend dieser Zeit auch noch so gnstige Kaufgelegenheiten bieten
sollten, oder wenn ein Gegenstand Sie durch seine Wohlfeilheit noch so
sehr zum Kaufe reizen sollte -- drfen Sie ihn nicht kaufen. Das knnen
Sie sich erst erlauben, wenn Sie sich innerlich gengend gefestigt und
gekrftigt haben. Jetzt aber drfen Sie keinen Augenblick vergessen, da
Sie dies alles nur tun, um sich einen starken Charakter zu erwerben, und
da diese Erwerbung frs erste weit wichtiger fr Sie ist als jede
andere. Seien Sie daher in solchen Fllen geradezu eigensinnig, bitten
Sie Gott, er mge Sie eigensinnig machen. Selbst dann, wenn die
Notwendigkeit an Sie herantritt, einem Armen zu helfen, drfen Sie doch
nicht mehr ausgeben, als der fr diesen Zweck bestimmte Haufen enthlt.
Ja selbst dann, wenn sich Ihnen das Bild eines herzzerreienden Jammers
und Elends darbietet, dessen Zeugin Sie sein mssen, und wenn Sie sehen,
da hier durch Geld etwas auszurichten und zu helfen wre, drfen Sie
dennoch unter keinen Umstnden einen von den andern Haufen angreifen.
Fahren Sie lieber in der ganzen Stadt herum, besuchen Sie alle Ihre
Bekannten und suchen Sie ihr Mitleid zu erwecken; bitten Sie, flehen Sie
sie an, seien Sie sogar zu jeder Selbsterniedrigung bereit, damit Ihnen
dies eine Lehre sei, und Sie sich ewig daran erinnern, wie Sie einmal
vor die bittere Notwendigkeit gestellt waren, einem Unglcklichen Ihre
Hilfe zu versagen; wie Sie sich deswegen allen mglichen Erniedrigungen
aussetzen und sogar den ffentlichen Spott auf sich lenken muten, auf
da Ihnen dies nie aus dem Sinn komme, und Sie hierdurch lernen, alle
Ihre Ausgaben von jedem Haufen einzuschrnken und im voraus daran zu
denken, so da am Ende des Jahres von jedem noch etwas fr die Armen
brig bleibe und das Geld nicht nur gerade knapp zur Deckung der
Ausgaben ausreiche. Wenn Sie dieses bestndig im Kopfe behalten werden,
werden Sie niemals ohne dringende Not in einen Kaufladen fahren und sich
pltzlich einen Schmuckgegenstand fr Ihren Tisch oder Kamin kaufen,
wozu bei uns sowohl unsere Frauen wie unsere Mnner so leicht geneigt
sind. [Die letzten sogar noch mehr, diese sind nicht einmal Frauen,
sondern alte Weiber.] Ihre Wnsche und Launen werden auf diese Weise
unwillkrlich und kaum merklich immer mehr und mehr zusammenschrumpfen,
und schlielich wird es so weit kommen, da Sie selbst das Gefhl haben
werden, Sie brauchten nicht mehr als _einen_ Wagen und ein Paar Pferde
und bei der Mittagstafel nicht mehr als vier Gnge, dann werden Sie
erkennen, da man seine Gste ebensogut mit einem einfach servierten
Diner, mit einem einzigen Extragang und einer Flasche Wein, der ohne
alle Finessen in einfachen Glsern verschenkt wird, zu befriedigen
vermag. Sie werden nicht vor Scham vergehen, wenn sich in der Stadt das
Gercht verbreitet, bei Ihnen sei es nicht _comme il faut_, sondern Sie
werden selbst darber lachen, da Sie sich aufs tiefste davon berzeugen
werden, das wahre _comme il faut_ sei das, das Der von dem Menschen
fordert, Der ihn erschaffen hat, nicht aber irgendein Mensch, der
allerhand Satzungen und Systeme fr die Diners erfindet, nicht einmal
der, der Etiketten austiftelt, die jeden Tag wechseln, ja nicht einmal
Madame Sichler in eigener Person. Schaffen Sie sich ein besonderes
Kassenbuch fr jeden einzelnen Geldhaufen an. Ziehen Sie jeden Monat die
Bilanz ber die Einnahmen und Ausgaben, die sich auf die einzelnen
Haufen beziehen, prfen Sie am letzten Tage jedes Monats alles nach und
vergleichen Sie jedes Ding mit jedem andern, damit Sie erkennen lernen,
um wievielmal notwendiger und ntzlicher es ist als ein anderes, und
damit Sie sich ganz klar darber werden, auf welchen Gegenstand Sie im
Fall der Not zuerst verzichten mssen, und so die Kunst lernen, zu
erkennen, was vom Notwendigen das Allernotwendigste ist.

Halten Sie sich whrend eines ganzen Jahres streng an diese Grundstze.
Werden Sie stark, werden Sie eigensinnig und beten Sie whrend der
ganzen Zeit zu Gott, er mge Ihnen einen starken Willen verleihen --
dann werden Sie wirklich stark und fest werden. Worauf es ankommt, ist
dies: da in dem Menschen wenigstens _etwas_ stark und unerschtterlich
werde. Hierdurch kommt ganz unwillkrlich auch Ordnung in alles andere.
Wenn Sie in Angelegenheiten materiellen Charakters stark werden, werden
Sie unwillkrlich in den geistigen und seelischen Angelegenheiten
sicheren Boden gewinnen. Machen Sie sich eine feste Zeiteinteilung,
setzen Sie fr jedes Ding eine bestimmte Stunde fest, und gehen Sie
nicht von ihr ab; bleiben Sie nicht den ganzen Morgen bei Ihrem Mann,
sondern schicken Sie ihn ins Departement und spornen Sie ihn zur
Ttigkeit an. Erinnern Sie ihn jeden Augenblick daran, da er sich ganz
der allgemeinen Sache und dem ganzen Staatshaushalt widmen mu -- [sein
eigener Haushalt dagegen sei nicht seine Sorge: dieser mu nicht auf
seinen, sondern auf Ihren Schultern ruhen], da er ja gerade darum
geheiratet habe, um sich aller kleinen Sorgen zu entschlagen und sich
ganz dem Vaterlande zu widmen, und da ihm die Frau nicht dazu geschenkt
ward, um ihm ein Hemmnis zu sein, durch das er in seinem Dienst
behindert wird, sondern gerade um ihn fr den Dienst zu strken und zu
krftigen. Ein jedes von Ihnen arbeite den Morgen ber fr sich, jeder
in seinem Kreise, damit Sie sich vor dem Mittagessen in froher Stimmung
wieder begegnen und sich so bereinander freuen, als htten Sie sich
viele Jahre lang nicht gesehen, damit Sie sich auch etwas zu erzhlen
haben und nicht dasitzen und einander anghnen: erzhlen Sie ihm alles,
was Sie in Ihrem Hause und in Ihrem Haushalt vollbracht haben, und
lassen Sie sich alles von ihm erzhlen, was er in seinem Departement fr
den allgemeinen Haushalt geleistet hat. Sie mssen unbedingt darber
unterrichtet sein, worin das Wesen seiner beruflichen Ttigkeit besteht,
Sie mssen wissen, was sein Ressort ist, was fr Angelegenheiten er an
jenem Tag zu erledigen hatte und worin sie bestanden. Achten Sie diese
Dinge nicht gering und denken Sie stets daran, da die Frau ihrem Manne
eine Sttze und Helferin sein mu. Wenn Sie sich whrend eines Jahres
alles von ihm erzhlen lassen und aufmerksam zuhren, so werden Sie im
folgenden Jahre bereits imstande sein, ihm einen Rat zu erteilen, und
werden wissen, wie Sie ihn trsten und ermutigen knnen, wenn ihm im
Dienst eine Unannehmlichkeit zustt, wie Sie ihm behilflich sein
knnen, ber sie hinwegzukommen und das zu ertragen, womit er sonst
nicht fertig geworden wre, da ihm der Mut dazu gefehlt htte. So werden
Sie ihm eine wahre Erweckerin zu allem Schnen und Guten werden.

Fangen Sie schon heute an und tun Sie, wie ich es Ihnen soeben gesagt
habe. Werden Sie stark, beten Sie, flehen Sie unablssig zu Gott, er
mge Ihnen helfen, sich innerlich zu sammeln und sich selbst
festzuhalten. Heute fngt bei uns alles an, sich zu lockern und aus den
Fugen zu gehen. Die Menschen sind heutzutage allzumal solch traurige
jmmerliche Waschlappen geworden, sie haben sich selbst zu Sttzen alles
Gemeinen und zu Sklaven der kleinsten und trichtesten Umstnde und
Verhltnisse gemacht, und es gibt heute nirgends etwas wie wahre
Freiheit im wirklichen Sinne dieses Wortes. Diese Freiheit hat einer
meiner Freunde, mit dem Sie nicht persnlich bekannt sind, den aber ganz
Ruland kennt, folgendermaen definiert: Die Freiheit besteht nicht
darin, da man zu jeder willkrlichen Laune _Ja_ sagt, sondern darin,
da man auch _Nein_ zu ihr zu sagen vermag. Und er hat recht wie die
Wahrheit selbst. Heutzutage ist niemand imstande, sich selbst ein solch
starkes _Nein_ zuzurufen. Ich vermag nirgends einen _Mann_ zu entdecken.
So mu denn das schwache Weib ihn daran mahnen. Heute ist alles so
seltsam und so wundersam geworden, heute mu die Frau dem Manne
befehlen, er solle ihr Haupt und ihr Gebieter sein.

                                                                 1845.




                                  XXV
            Ueber lndliche Rechtspflege und Gerichtsbarkeit
                         Aus einem Briefe an M.


Vernachlssigen Sie die Rechtspflege und Gerichtsbarkeit unter keinen
Umstnden. Beauftragen Sie nie einen Verwalter oder einen andern Mann
aus dem Dorfe mit dieser Angelegenheit. Das ist eine Sache, die noch
wichtiger ist als die Landwirtschaft. Halten Sie selbst Gericht. Allein
hierdurch knnen Sie das Band zwischen Gutsbesitzer und Bauer krftigen.
Richten -- das ist etwas Gttliches, und ich wei nicht, was es Hheres
gibt. Nicht umsonst wird im Volke _der_ so hoch geehrt, der es versteht,
ein gerechtes Urteil zu fllen. Nicht nur alle Bauern Ihres Gutes, sogar
die Bauern aus anderen umliegenden Drfern werden zu Ihnen hinstrmen,
wenn sie erfahren, da Sie es verstehen, Recht zu sprechen. Achten Sie
keinen von denen, die zu Ihnen kommen, fr zu gering und bernehmen Sie
das Richteramt in allen Fllen, selbst bei einem unbedeutenden Streit
oder bei einer Rauferei. Bei solchen Gelegenheiten knnen Sie dem Bauern
vieles sagen, was seiner Seele zu Nutz und Frommen gereichen kann und
was Sie ihm zu einer andern Zeit nicht zu sagen vermchten, da Sie
nichts finden knnten, woran Sie anknpfen sollen.

Sitzen Sie ber jeden Menschen in zwiefacher Weise zu Gericht und
entscheiden Sie ber jede Sache gleichfalls in doppelter Weise. Das
Gericht mu erstens ein menschliches Gericht sein. Durch ein solches
Gericht mu der Schuldige verurteilt und dem Unschuldigen zu seinem
Rechte verholfen werden. Sorgen Sie dafr, da dies in Gegenwart von
Zeugen geschieht, und da hierbei auch andere Bauern zugegen sind, damit
es allen klar werde wie der lichte Tag, in welchem Punkte der eine recht
und der andere unrecht hat. Daneben mssen Sie aber noch in anderer
Weise nach einem andern Rechte Gericht halten, nmlich nach gttlichem
Rechte: hierbei mssen Sie _beide_, den Schuldigen sowohl wie den, der
_recht_ hat, verurteilen. Beweisen Sie dem zweiten aufs deutlichste, da
er selbst daran Schuld war, da der andere ihn beleidigt hat, und zeigen
Sie dem ersten, da er eine doppelte Schuld auf sich geladen hat: vor
Gott und vor den Menschen. Sprechen Sie dem einen Ihren Tadel aus, weil
er seinem Bruder nicht verzeihen wollte, wie Christus es uns geboten
hat. Dem andern aber sprechen Sie Ihre Mibilligung aus, weil er
Christus selbst in seinem Bruder gekrnkt hat. Beiden aber erteilen Sie
eine Rge, weil sie sich nicht von selbst miteinander ausgeshnt,
sondern das Gericht angerufen haben, und nehmen Sie beiden das
Versprechen ab, da sie dem Priester in der Beichte alles beichten und
bekennen werden. [Wenn Sie in solcher Weise Recht sprechen werden,
werden Sie aus hchster Vollmacht richten, wie Gott selbst, denn Gott
wird Sie dazu bevollmchtigen.] Sie werden hieraus vielen Nutzen ziehen,
vieles, das Ihnen zugute kommen wird, und viel unmittelbares und
wahrhaftes Wissen daraus schpfen. [Wenn viele Staatsleute nicht gleich
mit dem Aktenschreiben, sondern damit beginnen wrden, ber die
einfachen Leute Recht zu sprechen, so wrden sie den Geist des Landes,
die Eigenart ihres Volkes und die menschliche Seele im allgemeinen weit
besser kennen lernen und nicht Neuerungen bei uns einfhren, die sie
fremden Lndern entlehnen und die nicht zu uns passen.] Die Rechtspflege
knnte bei uns weit besser sein als in allen anderen Staaten, denn von
allen Vlkern ist es allein das russische, in dem der so wahre Gedanke
entsprungen und lebendig ist, da es keinen gerechten Menschen gibt und
da Gott allein gerecht ist. Dieser Gedanke hat sich wie ein
unerschtterlicher Glaube durch unser ganzes Volk verbreitet. Von ihm
erfllt, mit ihm ausgerstet, gewinnt selbst ein einfacher und nicht
bermig gescheiter Mensch Autoritt im Volke, und wird hierdurch
befhigt, Streitigkeiten zu schlichten. Nur wir Menschen der hheren
Kreise haben kein Gefhl, kein Verstndnis fr diesen Gedanken, weil wir
uns nach dem Vorbild Europas allerhand trichte ritterliche Begriffe von
der Gerechtigkeit zurechtgelegt haben. Wir streiten blo darber, wer
recht hat und wer schuldig ist. Wenn wir jedoch alle unsere
Streitigkeiten genau untersuchen, so knnen wir sie alle auf einen
Nenner bringen, nmlich auf den, da alle beide Teile schuldig sind. Und
dann erkennt man, da die Kommandantin in Puschkins Erzhlung Die
Hauptmannstochter ganz recht hatte, als sie den Leutnant aussandte, um
den Streit des Polizeisoldaten mit dem Weibe zu schlichten, die im Bade
wegen einer Schpfkelle aneinander geraten waren, und die ihm dabei
folgende Instruktion mitgab: Untersuche, wer recht und wer unrecht hat,
und bestrafe alle beide.

                                                                 1845.




                                  XXVI
                     Rulands Schrecken und Grauen
                           An die Grfin ***


Auf Ihren langen Brief, den Sie mit solch innerem Grauen geschrieben
haben, antworte ich, obwohl Sie mich bitten, ihn, nachdem ich ihn
gelesen habe, sofort zu vernichten, und obwohl Sie mich darum ersuchen,
Ihnen die Antwort nicht anders als durch die Hand einer zuverlssigen
Persnlichkeit und nicht durch die Post zuzustellen, nicht nur
keineswegs in aller Heimlichkeit, sondern, wie Sie sehen, in einem
gedruckten Buche, das vielleicht von der Hlfte aller Menschen in
Ruland, die da lesen knnen, gelesen werden wird. Was mich dazu
veranlate, war der Umstand, da mein Brief vielleicht auch manchen
andern als Antwort dienen wird, die sich ebenso wie Sie durch die
gleichen Befrchtungen und Schrecken beunruhigen lassen. Das, was Sie
mir im geheimen mitteilen, ist nur ein Teil der ganzen Angelegenheit.
Wenn ich Ihnen alles erzhlen wollte, was ich wei (und ich wei ohne
Zweifel noch bei weitem nicht alles), dann wrde sich Ihr Geist
verfinstern, es wrde Ihnen dunkel vor den Augen werden, und Sie wrden
nur noch daran denken, wie Sie aus Ruland entfliehen knnten. Wohin
aber soll man fliehen? Das ist die Frage. Die Lage Europas ist noch
schwieriger als die Rulands. Der Unterschied ist blo der, da es dort
noch niemand einsieht. Alle, und davon sind selbst die Staatsleute nicht
auszunehmen, bewegen sich noch immer an der Oberflche eines
oberflchlichen Wissens, d. h. sie kommen nicht aus jenem in einem
fehlerhaften Zirkel verlaufenden Wissen heraus, wie es von den
Zeitschriften in Form frhreifer Folgerungen und bereilter
Feststellungen angeschwemmt worden ist, die, durch das trgerische
Prisma aller mglicher Parteien entstellt, gar nicht in ihrem wahren und
wirklichen Lichte erscheinen. Warten Sie nur, bald werden gerade in
jenen so wohlgeordneten Staaten, deren uerer Schein und Glanz uns in
solche Begeisterung versetzt, die wir uns in allem nachzuahmen bemhen
und deren Einrichtungen wir uns anzupassen suchen, von unten herauf,
solche furchtbare Schreie ertnen, da selbst jenen berhmten
Staatsleuten, deren Auftreten in den Gerichten und Parlamenten Sie so
entzckt hat, der Kopf schwindeln wird. In Europa bereiten sich jetzt
berall solche Wirren vor, gegen die kein menschliches Mittel etwas wird
ausrichten knnen, wenn sie erst ausgebrochen sein werden, und gegen die
alle Schrecken nichts sind, die wir in Ruland vor unseren Augen sehen.
In Ruland schimmert doch noch hie und da etwas wie ein Lichtstrahl
hindurch. Es gibt doch noch Mittel und Wege zur Rettung, und diese
Schrecken sind, Gott sei Dank, gerade heute und nicht zu einer spteren
Zeit zum Vorschein gekommen. Ihre Worte: Alle lassen den Mut sinken wie
in Erwartung eines unvermeidlichen Schicksals treffen in der Tat das
Richtige, ebenso wie Ihre andre Bemerkung. Jeder denkt nur daran, seine
eigene Habe in Sicherheit zu bringen, er denkt nur an seinen eigenen
Vorteil, wie auf dem Schlachtfeld nach einer verlorenen Schlacht ein
jeder nur daran denkt, wie er sein eigenes Leben retten knne: _sauve
qui peut_. So liegen die Dinge heute wirklich, und so mu es auch sein.
Gott hat gewollt, da es so sei. Jeder soll jetzt an sich selbst und
zwar gerade an seine eigene Rettung denken. Aber nun handelt es sich um
eine andere Art der Rettung. Wir sollen heute nicht etwa ein Schiff
besteigen, aus unserem Lande fliehen und all unsern verchtlichen
irdischen Besitz in Sicherheit zu bringen suchen, sondern ein jeder von
uns soll seine Seele retten, ohne sein Land zu verlassen. Er soll sich
selbst zu retten suchen, whrend er mitten im Herzen des eigenen Staates
weilt. Auf dem Schiff seines Berufs und seiner Ttigkeit soll heute ein
jeder von uns dem Strudel entfliehen, indem er bestndig auf den
himmlischen Steuermann hinblickt. Selbst der, der nicht im Staatsdienst
steht, soll jetzt in den Dienst des Staates treten und sich an sein Amt
klammern, wie ein Ertrinkender nach einer Planke greift, denn ohne dies
kann keiner gerettet werden. Heutzutage mu ein jeder von uns den Dienst
auf sich nehmen, aber nicht in der Weise, wie in dem Ruland von ehedem,
sondern gleichsam, wie wenn er Brger eines andern himmlischen Reiches
wre, dessen Haupt Christus selbst ist, und daher mssen wir alle unsere
Pflichten gegen die Obrigkeit, die ber uns gesetzt ist, gegen die
Menschen, die uns gleichgestellt sind und die sich um uns herum bewegen,
sowie gegen die Menschen niederen Standes, die unter uns stehen, so
erfllen, wie uns kein anderer als Christus selbst dies geboten hat.
Daher ist es jetzt auch nicht mehr am Platze, dem eine groe Bedeutung
beizumessen, wenn irgend jemand unserem Ehrgefhl oder unserer
Eigenliebe einen kleinen Stich versetzt -- wir mssen immer im Auge
behalten, da wir unser Amt um Christi willen auf uns genommen haben und
da wir es darum so verwalten mssen, wie kein anderer als Christus es
uns geboten hat. Nur auf diese Weise kann ein jeder von uns seine Seele
retten, und wehe dem, der nicht jetzt schon seine Gedanken darauf
richtet. Sein Geist wird sich verdunkeln, seine Gedanken werden sich
verfinstern, und er wird keinen Fleck auf der Erde finden, wohin er vor
seinen eigenen Schrecken und Grauen entfliehen kann. Denken Sie an die
_gyptische Finsternis_, die uns Knig Salomon so gewaltig geschildert
hat, als der Herr, um einen Teil der Menschen zu strafen, unerhrte und
unbegreifliche Schrecken und Finsternisse auf sie herabsandte.
Stockfinstere Nacht umfing sie pltzlich inmitten des hellen Tages; von
allen Seiten starrten ihnen furchtbare Fratzen entgegen, morsche
klapprige Schreckgespenster mit traurigen Gesichtern schwebten ihnen
unaufhrlich vor Augen, ohne sthlerne Ketten fesselte sie alle eine
furchtbare Angst und raubte ihnen alles: Alle Gefhle, alle Regungen,
alle Krfte schwanden ihnen dahin auer der einen einzigen Furcht, und
dies alles geschah nur mit denen, die Gott strafen wollte. Die andern
sahen whrend derselben Zeit keinerlei Schreckbilder, sondern wandelten
im Licht und im Tage.

Sehen Sie zu, da mit Ihnen nichts hnliches geschehe. Beten Sie lieber
und bitten Sie Gott, da er Sie erleuchten mge, wie Sie sich in Ihrer
Stellung zu verhalten haben und wie sie in ihr alles so erfllen knnen,
wie Christus es uns geboten hat. Jetzt ist kein Platz mehr fr Scherze.
Jetzt wird die Sache ernst. Statt sich durch die Unordnung um uns herum
erschrecken zu lassen, sollten wir lieber zuvor Einkehr in uns selbst
halten. So blicken denn auch Sie in Ihre Seele hinein, wei Gott,
vielleicht werden Sie in ihr dieselbe Unordnung entdecken, um deren
willen Sie die andern schelten. Vielleicht nistet darin ein hlicher,
zuchtloser Zorn, der sich jeden Augenblick zur Freude des Feindes
Christi Ihrer Seele bemchtigen kann. Vielleicht ist sie von jener
schwchlichen Neigung beherrscht, sich bei jeder Gelegenheit dem
Kleinmut und der Mutlosigkeit dieser traurigen Tochter des Unglaubens zu
ergeben. Vielleicht lebt in ihr der eitle Wunsch, allem nachzujagen, was
glnzt und was Ruhm und Ansehen in der Welt geniet. Vielleicht birgt
sie Hochmut und Stolz auf die besten Eigenschaften Ihrer Seele, ein
Stolz, der alles Gute, alle Gter, die wir besitzen, zu vernichten
vermag. Es ist unvergleichlich viel besser, darber zu erschrecken, was
in uns selbst, als darber, was auer uns und um uns herum vorgeht. Was
aber die Schrecken und Grauen Rulands anbelangt, so sind auch sie nicht
ohne Nutzen. Sie waren fr viele ein Erziehungsmittel, wie sie keine
Schule uns darzubieten vermag. Selbst die Schwierigkeit der
Verhltnisse, die dem Verstande neue Schleichwege erffnet hat, hat bei
vielen schlummernde Fhigkeiten geweckt, und zur selben Zeit, wo an dem
einen Ende Rulands noch weiter Polka getanzt und weiter Preference
gespielt wird, erstehen, ohne das man es merkt, in den verschiedensten
Wirkungskreisen Mnner von echter Lebensweisheit und wahre Helden des
Lebens. Lassen Sie noch einige zehn Jahre vergehen, und Sie werden
sehen, wie Europa zu uns kommen wird, nicht mehr um Hanf und Talg,
sondern um Weisheit bei uns einzukaufen, die heute auf den europischen
Mrkten nicht mehr feilgeboten wird. Ich knnte Ihnen viele Leute
nennen, die einstmals die Zierde Rulands sein und ihm zu
unvergnglichem Heil gereichen werden. Aber zur Ehre Ihres Geschlechts
sei es gesagt, da die Zahl solcher _Frauen_ grer ist als die der
Mnner. Eine ganze Perlenschnur solcher Frauen halte ich in dem Fach
meines Gedchtnisses verschlossen. Sie alle, um mit Ihren Tchtern zu
beginnen, die es mir so lebendig zum Bewutsein gebracht haben, wieviel
mchtiger die Seelenverwandtschaft ist als jede Blutsverwandtschaft
(Gott gebe, da die beste Schwester die Bitte Ihres Bruders mit solcher
Bereitwilligkeit erfllen mge, wie Sie jeden kleinsten Wunsch meiner
Seele erfllt haben) -- Sie, Ihre Tchter, ferner alle die, von denen
Sie kaum etwas gehrt haben, und endlich die, von denen Sie vielleicht
nie etwas hren werden, die aber noch weit vollkommener sind als die,
von denen Sie etwas gehrt haben -- Sie alle gleichen einander kaum, und
jede von ihnen ist fr sich genommen eine auergewhnliche Erscheinung.
Nur Ruland allein konnte eine solche Mannigfaltigkeit von Charakteren
hervorbringen, und nur in unserer heutigen Zeit mit all ihren
schwierigen Verhltnissen, ihrer Entnervung, ihrer allgemeinen
Korruption und bei der allgemeinen Nichtigkeit und Armseligkeit unserer
Gesellschaft konnten sie erstehen. Sie alle aber werden berragt von
einer, die ich nicht persnlich kenne und nicht gesehen habe, und von
der nur ein dunkles Gercht bis zu mir gedrungen ist. Ich habe nie
geglaubt, da es auf der Erde etwas derart Vollkommenes geben kann. Eine
so kluge und gromtige Tat zu vollbringen und sie so zu vollbringen,
wie sie dies verstanden hat: es so einzurichten, da nicht einmal der
Verdacht, sie knne an dieser Sache beteiligt sein, auf sie falle, und
das ganze Verdienst auf die andern abzuwlzen, so da diese sich des von
jener vollbrachten Werks rhmen, als ob es ihr eigenes wre, in der
festen berzeugung, da sie selbst es vollbracht haben, -- es sich so
klug im voraus zu berlegen, wie man dem entgehen knne, da der Name
der Urheberin bekannt wird, whrend die Sache selbst notwendig laut von
sich knden und sie bekanntmachen mute, und dies alles dennoch zu
vollbringen und unbekannt zu bleiben, nein, eine hnliche hohe Weisheit
habe ich noch nie kennen gelernt, bei keinem von unsereinem, d. h. bei
keinem Mann, ja mir erschienen in diesem Augenblick alle idealen
Frauengestalten, die je von einem Dichter geschaffen wurden, als bla
und matt; im Vergleich zu dieser Wirklichkeit erscheinen sie wie der
Fiebertraum der Phantasie gegenber der vollen Klarheit des Verstandes.
Wie armselig erschienen mir in diesem Augenblick auch alle die Frauen,
die dem Glanz und Ruhm nachjagen. Und wo konnte ein solches Wunder
erstehen? In einem unscheinbaren Flecken, in einem Winkel Rulands und
gerade zu einer Zeit, wo es fr den Menschen besonders schwierig
geworden ist, sich durchzuwinden und durchzusetzen, wo sich alle unsere
Verhltnisse so verwirrt und so verwickelt haben und wo solche Schrecken
und Grauen in Ruland erstanden sind, die sie so sehr in Angst und
Unruhe versetzen.

                                                                 1846.




                                 XXVII
                     An einen kurzsichtigen Freund


Du hast dich mit dem kurzsichtigen Auge der heutigen Menschen bewaffnet
und glaubst nun, ein richtiges Urteil ber die Ereignisse zu haben.
Deine Schlsse sind morsch und hinfllig, deine Rechnung ist ohne Gott
gemacht. Was berufst du dich auf die Geschichte? Die Geschichte ist tot,
sie ist nur ein verschlossenes Buch fr dich; ohne Gott in Rechnung zu
stellen, wirst du nie einen groen tiefen Sinn in ihr finden, sondern
nur armselige kleine und nichtige Ergebnisse. [Ruland ist nicht
Frankreich, das franzsische Element ist nicht das russische Element.]
Du hast es sogar vergessen, die Eigenart eines jeden Volkes in Betracht
zu ziehen, und glaubst nun, da ein und dieselben Ereignisse die gleiche
Wirkung auf jedes Volk ausben mssen. Der Hammer, der auf ein Stck
Glas herabfllt und es in Stcke schlgt, schmiedet das Eisen, auf das
er herniedersaust. Deine Gedanken [ber die Finanzen] beruhen auf der
Lektre auslndischer Bcher und englischer Zeitschriften und sind darum
tote Gedanken. Du solltest dich schmen, da du, ein so kluger Mensch,
dich noch immer nicht selbst gefunden hast und es noch nicht gelernt
hast, mit deinem eigenen Verstande, der sich doch so frei und urwchsig
entfalten knnte, zu denken, sondern da du ihn mit allerhand
fremdlndischem Plunder verstopft und verunreinigt hast. Ich sehe auch
nicht, da du bei deinen Projekten mit Gott rechnest. Auch aus den
Worten deines Briefes kann ich trotz des Geistes und des blendenden
Witzes nicht erkennen, da du an Gott gedacht hast, whrend du den Brief
schriebst. Ich vermisse die himmlische Erleuchtung und Weihe in deinen
Gedanken. Nein, du wirst [in deiner Stellung] nichts Gutes vollbringen,
obwohl du dies gerne mchtest, und deine Taten werden nicht die Frchte
tragen, die du von ihnen erwartest. Mit den schnsten Absichten kann man
Bses vollbringen, wie dies schon vielen passiert ist. In der letzten
Zeit haben nicht etwa die Dummen, sondern gerade die klugen Leute viel
Verwirrung angerichtet, und dies alles kam nur daher, weil sie ihren
Krften und ihrem Verstande zu sehr vertrauten. Du bist stolz, aber
worauf bist du stolz? Wenn du noch stolz auf deinen Verstand wrest,
aber nein, du hast deinen wahrhaft bedeutenden und groen Verstand mit
allerhand Plunder verunreinigt und ihn zu einem Fremdling gemacht, der
dir selbst fremd ist. Du bist stolz auf einen fremden, toten Verstand
und gibst ihn fr deinen eigenen aus. Gib acht auf dich; du gehst einen
gefhrlichen Weg. Du hast den Ehrgeiz, ein Staatsmann zu werden, und du
wirst auch Staatsmann werden, weil du tatschlich die Fhigkeiten dazu
besitzt. Aber um so strenger mut du jetzt ber dich wachen. Fhre die
Neuerungen nicht ein, von denen dein Kopf schon ganz voll war [noch ehe
du deine Stellung angetreten hattest], und denke stets daran, da man
heute durch eine unvorsichtige Handlung unendlich viel Bses anrichten
kann. Schon aus deinen gegenwrtigen Projekten spricht mehr
ngstlichkeit als Vorsicht. Alle deine Gedanken sind darauf gerichtet,
in der Zukunft einer groen drohenden Gefahr zu entgehen. Statt dessen
solltest du lieber nicht um die Zukunft, sondern um die Gegenwart
besorgt sein. Gott will es, da wir fr die Gegenwart sorgen sollen. Von
dem, dessen Seele durch die Angst um die Zukunft verdunkelt wird, hat
die heilige Kraft bereits ihre Hand abgezogen. Wer mit Gott im Bunde
ist, der schaut heiter in die Zukunft und ist schon in der Gegenwart der
Schpfer einer glnzenden Zukunft. Du aber bist stolz: du willst auch
jetzt noch nichts sehen, du hast ein zu groes Selbstvertrauen: du
glaubst schon alles zu wissen, du meinst, da alle Zustnde und
Verhltnisse [in Ruland] dir bekannt sind. Du glaubst, da es niemand
gibt, von dem du etwas lernen knntest. Du bist aus allen Krften darum
bemht, jenen (Staats)-Leuten hnlich zu sein, die sich durch eine kurze
glnzende Laufbahn berhmt gemacht haben und ebenso schnell wieder
verschwanden, die alle Mittel dazu besaen, um sehr viel Gutes zu
vollbringen, ja die sogar von dem glhenden Wunsche durchdrungen waren,
Gutes zu wirken, und sogar ihr ganzes Leben lang wie die Ameisen
arbeiteten und doch trotz alledem keine Spur von sich hinterlassen
haben, ja deren Namen bereits vllig vergessen ist: wie ein Ring auf dem
Wasser, so ist die Spur von ihrem Leben inmitten Rulands verschwunden,
und noch immer weisen uns die Europer zu unserer Beschmung auf ihre
groen Mnner hin, obwohl manch einer von uns, der keineswegs ein groer
Mann ist, klger ist als sie. Sie aber haben doch wenigstens etwas
_Dauerndes_ hinterlassen, wir aber schichten einen ganzen Haufen von
Taten bereinander auf -- die doch zugleich mit uns wie Staub vom
Angesicht der Erde hinweggeweht werden. Du bist stolz, sage ich dir,
und mu es dir immer wieder sagen: du bist stolz. Wache ber dich und
rette dich noch rechtzeitig vor deinem Stolz. Beginne damit, da du dich
zu allererst davon zu berzeugen suchst, da du der dmmste von allen
bist und da du von nun ab erst ernsthaft daran gehen mut, klger zu
werden. Hre jeden Mann der Tat so aufmerksam an, wie wenn du berhaupt
nichts wtest und alles von ihm lernen wolltest. Aber meine Worte sind
noch ein Rtsel fr dich. Sie werden keinen Eindruck auf dich machen.
Dann wre es ntig, da dich irgendein Unglck trifft oder da du von
einer schweren Erschtterung heimgesucht wirst. Bete zu Gott, er mge
dir diese Erschtterung senden, da dir irgendeine unertrgliche
Unannehmlichkeit [im Dienste] zustoen mge, da sich ein Mensch finden
mge, der dich aufs tiefste beleidigt und in Gegenwart aller beschimpft,
so da du nicht weit, wo du dich vor Scham verstecken sollst und mit
einem Schlage die zartesten und empfindlichsten Saiten deiner Eitelkeit
entzweireiest. Er wird dir ein wahrhafter Bruder und Retter sein. O wie
sehr haben wir es ntig, einmal ffentlich und in Gegenwart aller eine
Ohrfeige zu empfangen.

                                                                 1844.




                                 XXVIII
                      An einen hochgestellten Mann


Nehmen Sie um Gottes willen jede Stellung an, die man Ihnen anbietet,
und lassen Sie sich nicht irre machen. Ob Sie nun in den Kaukasus zu den
Tscherkessen fahren, oder, auch weiterhin die Stellung eines
Generalgouverneurs bekleiden werden, Sie sind jetzt berall notwendig.
Was aber die Schwierigkeiten anbetrifft, von denen Sie reden, so ist
jetzt alles schwierig. Heute ist alles so kompliziert geworden, es gibt
berall so viel Arbeit. Je tiefer ich mit meinem Verstande in das Wesen
der gegenwrtigen Verhltnisse eindringe, um so weniger vermag ich zu
entscheiden, welches Amt, welcher Beruf heute der schwierigste und
welcher der leichteste ist. Fr einen Menschen, der kein Christ ist, ist
heutzutage alles schwierig; fr einen solchen dagegen, der Christus in
all seine Angelegenheiten und in alle Taten seines Lebens hineintrgt,
ist alles leicht. Ich will nicht sagen, da Sie schon im vollen Sinne
des Wortes ein Christ sind, aber Sie sind doch nahe daran, es zu sein.
Sie werden nicht mehr von Ehrgeiz gestachelt. Weder die Aussicht auf
Titel, Ehren und Auszeichnungen treibt Sie vorwrts. Sie denken nicht
mehr daran, sich vor Europa auszuzeichnen und in Szene zu setzen und
eine historische Persnlichkeit aus sich zu machen. Kurz, Sie haben
bereits jene Stufe, jenen Seelenzustand erreicht, in dem sich ein Mensch
befinden mu, der heute Ruland von Nutzen sein will. Was also brauchen
Sie zu frchten? Ich verstehe nicht einmal, wie ein Mensch sich vor
etwas frchten kann, der bereits erkannt hat, da man berall als Christ
handeln mu. Ein solcher Mann ist an jeder Stelle ein Weiser und ist in
allen Dingen sachkundig. Wenn Sie in den Kaukasus reisen -- so sehen Sie
sich dort zunchst einmal grndlich und aufmerksam um. Ihre christliche
Demut und Bescheidenheit wird Sie vor jeder Hastigkeit und bereilung
bewahren. Sie werden vor allem lernen wie ein Schler. Sie werden keinen
alten Offizier an sich vorber gehen lassen, ohne ihn ber seine
persnlichen Zusammenste mit dem Feinde ausgefragt zu haben, denn Sie
wissen, da nur aus der Kenntnis der Einzelheiten die Kenntnis des
Ganzen gewonnen werden kann. Sie werden sich von jedem von ihnen ihre
Taten und Erlebnisse whrend des Kriegs- und Biwaklebens erzhlen
lassen, Sie werden die Tsitsianower und die Jermolower ausfragen ebenso
wie die Offiziere der heutigen Epoche, und wenn Sie alle Daten, die Sie
brauchen, gesammelt, wenn Sie alle Details kennen gelernt haben werden,
werden Sie die einzelnen Ziffern und Posten zusammenfassen und die Summe
daraus ziehen. Aus dieser wird sich ganz von selbst ein Feldzugsplan fr
den Feldherrn ergeben. Sie werden sich nicht erst den Kopf zu zerbrechen
brauchen, es wird Ihnen klar sein, wie der lichte Tag, wie Sie zu
handeln haben. Und wenn Sie den ganzen Plan in Ihrem Kopfe haben werden,
so werden Sie sich auch dann noch nicht bereilen. Ihre christliche
Demut wird Ihnen dies nicht erlauben. Sie werden ihn niemand mitteilen,
werden alle bedeutenden Offiziere um Rat fragen, wie sie an Ihrer Stelle
handeln wrden, werden keine Meinung und keinen Rat gering achten, von
wem er auch kommen mge, selbst wenn er von einem Menschen in niedriger
Stellung herrhrt, denn Sie wissen, da Gott zuweilen auch einem
einfachen Manne einen klugen Gedanken eingeben kann. Zu diesem Zwecke
werden Sie jedoch keinen Kriegsrat einberufen, da Sie wissen, da es ja
nicht auf Debatten und Streitereien ankommt, sondern Sie werden der
Meinung jedes einzelnen, der mit Ihnen reden will, Gehr schenken. Kurz,
Sie werden jeden anhren, dann aber so handeln, wie es Ihnen Ihr eigener
Verstand gebietet. Ihre eigene Vernunft aber wird Ihnen sicherlich klug
raten, denn Sie werden alle anhren. Sie werden nicht einmal imstande
sein, unvernnftig zu handeln, denn unvernnftige Handlungen entspringen
nur aus Hochmut und bermigem Selbstvertrauen, aber die christliche
Demut wird Sie berall retten und Sie vor Verblendung bewahren, der
sogar viele sehr kluge Menschen zum Opfer fallen, die, wenn sie nur eine
Hlfte einer Sache kennen gelernt haben, bereits glauben, die ganze
Sache zu kennen und voller Hast und bereilung zur Tat drngen, whrend
doch selbst von einer Sache, die wir scheinbar von Grund aus zu kennen
glauben, uns die gute Hlfte unbekannt und verborgen sein kann. Nein,
Gott wird Sie vor dieser groben Verblendung bewahren. Weswegen also
brauchen Sie sich vor dem Kaukasus zu frchten?

Oder nehmen wir an, Sie wrden auch weiterhin irgendwo in Ruland
Generalgouverneur bleiben, so wird Sie auch hier die gleiche christliche
Weisheit erleuchten. Ich wei sehr wohl, da es jetzt uerst schwierig
ist, in Ruland den Vorgesetzten zu spielen, -- weit schwieriger als
jemals und vielleicht auch schwieriger als im Kaukasus: es kommen soviel
Mibruche vor, die Durchstechereien und die Bestechlichkeit haben so
berhand genommen, da ihre Beseitigung unsere menschliche Kraft
bersteigt. Ich wei auch, da heutzutage eine besondere Art
ungesetzlicher Geschftspraxis unter Umgehung der Gesetze blich
geworden ist und sich bereits beinahe gesetzliche Geltung verschafft
hat, so da die Gesetze nur noch zum Scheine da sind, und wenn man sich
die Dinge, ber die andere oberflchlich hinwegsehen, ohne etwas Bses
zu ahnen, blo aufmerksam anschaut, so mu auch dem gescheitesten
Menschen der Kopf schwindeln. Aber Sie werden auch hier klug zu handeln
verstehen. Die christliche Demut und Bescheidenheit wird Sie auch in
solchen Fllen lehren, nicht den Schlssen des stolzen Verstandes Folge
zu leisten, sondern sich geduldig umzusehen und auf Ihrer Hut zu sein.
Sie wissen, wie vielen fremden Einflssen ein jeder Mensch heutzutage
ausgesetzt ist und wie sie alle auf seine Berufsttigkeit zurckwirken,
und daher werden Sie sich dafr interessieren, die Mnner, die die
wichtigsten mter bekleiden, alle kennen zu lernen und zwar sie nach
allen Richtungen kennen zu lernen: in ihrem huslichen und in ihrem
Familienleben, in ihrer Art, zu denken, in ihren Neigungen und ihren
Gewohnheiten. Zu diesem Zwecke werden Sie sich jedoch keiner Spitzel
bedienen. Nein, Sie werden sie selbst ausfragen, und sie werden Ihnen
alles sagen, und sich Ihnen offen mitteilen, denn in Ihrem Wesen liegt
etwas, was allen Vertrauen einflt. Hierdurch werden Sie alles
erfahren, was ein Schreier oder ein sogenannter Polterer niemals
erfahren wrde. Sie werden nie einen einzelnen wegen einer
ungesetzlichen Handlung verfolgen, ehe Ihnen nicht die ganze Kette vor
Augen liegt, innerhalb deren der von Ihnen ins Auge gefate Beamte nur
ein notwendiges Glied ist. Sie wissen bereits, da sich die Schuld
heutzutage auf alle verteilt, da man unmglich gleich zu Anfang sagen
kann, wer mehr Schuld trgt als die andern: es gibt Schuldige, die
unschuldig und es gibt Schuldige, die schuldig sind. Aus diesem Grunde
werden Sie jetzt weit vorsichtiger und bedchtiger sein, als Sie es
jemals gewesen sind. Sie werden tiefer und genauer in die Seele des
Menschen hineinzublicken suchen, da Sie wissen, da _sie_ der Schlssel
zu allem ist. _Die Seele_ mu man heute kennen lernen, immer wieder die
Seele, denn ohne dies kann man nichts ausrichten. Die Seele aber kann
nur ein Mensch kennen lernen, der bereits begonnen hat, an seiner
eigenen Seele zu arbeiten, wie Sie dies jetzt tun. Wenn Sie in dem
Gauner nicht nur den Gauner, sondern zugleich den Menschen sehen, wenn
sie alle seine geistigen Krfte und Fhigkeiten, die ihm dazu gegeben
wurden, um Gutes zu vollbringen und die er angewandt hat, um bles zu
tun, oder berhaupt hat brachliegen lassen, erkennen werden, dann wird
es Ihnen gelingen, ihm so ins Gewissen zu reden und ihn gegen sich
selbst auszuspielen, da er nicht wissen wird, wo er sich vor sich
selbst verbergen soll. Die Sache wird pltzlich eine ganz andere Wendung
nehmen, wenn man dem Menschen zeigen wird, worin er sich nicht gegen die
andern, sondern gegen sich selbst vergangen hat. Hierdurch kann man ihn
so sehr in seinem ganzen Wesen erschttern, da er pltzlich Mut und
Lust bekommen wird, ein anderer zu werden, und dann erst werden Sie
erkennen, wie dankbar die Natur eines Russen selbst noch im Gauner sein
kann. Ihre gegenwrtige Ttigkeit als Generalgouverneur wird etwas
gnzlich anderes darstellen als Ihre ehemalige Ttigkeit. Der
Hauptfehler in Ihrer ehemaligen Regierungsttigkeit (die indessen sehr
viel Nutzen gebracht hat, obwohl Sie sie jetzt verurteilen und lstern),
bestand meiner Ansicht nach gerade darin, da Sie das Wesen Ihres Berufs
nicht ganz richtig bestimmt hatten. Sie hielten den Generalgouverneur
fr den dauernden Vorgesetzten und den eigentlichen wirtschaftlichen
Verwalter und Regenten der Provinz, dessen wohlttiger Einflu nur bei
einem lngeren Aufenthalt an ein und demselben Orte der Provinz sprbar
werden kann. Einer unser Staatsmnner hat dieses Amt folgendermaen
definiert: Der Generalgouverneur ist der Minister des Innern, der sich
auf der Durchreise befindet. Diese Definition ist genauer und
entspricht mehr dem, was die Regierung selbst von den Vertretern dieses
Amtes verlangt. Dieses Amt ist mehr ein provisorisches als ein
dauerndes. Der Generalgouverneur wird darum in die Provinz entsandt, um
den Pulsschlag des Staats innerhalb der Provinz zu beschleunigen, in den
Gouvernements den ganzen Regierungsapparat in schnellste Bewegung zu
setzen, und zwar sowohl in den Instanzen der Provinz, die miteinander in
Verbindung stehen, wie in denen, die unabhngig sind und unter der
Verwaltung der einzelnen Ministerien stehen; allen einen Ansto zu
geben, durch seine unumschrnkte Macht die schwierige Situation vieler
Instanzen in ihrem Verkehr mit den weit entfernten Ministerien zu
erleichtern, und ohne neue Prinzipien und ohne von sich selbst aus etwas
Eigenes einzufhren, alles innerhalb der gesetzlichen Grenzen, die
bereits vorgeschrieben und ein fr allemal gezogen sind, in eine
schnellere Bewegung zu bringen. Diese Gewalt, die in der hchsten
Kontrolle und berwachung alles dessen besteht, was schon vorhanden und
bereits eingefhrt ist, haben Sie mit der mhevollen Pflicht des
Regenten verwechselt, der sich selbst in dem ganzen Haushalt
zurechtfinden und mit ihm fertig werden mu und der alle kleinen
Ausgaben auf sich zu nehmen hat. Sie haben einen Teil davon, was zu den
Obliegenheiten des Gouverneurs und nicht zu denen des Generalgouverneurs
gehrt, an sich gerissen, und haben damit die Bedeutung Ihres hchsten
Amtes verringert, Sie haben Ihre Stellung fr eine lebenslngliche
gehalten. Sie wollten in Ihren eigenen Schpfungen und Einrichtungen ein
Denkmal, ein Erinnerungszeichen an Ihren Aufenthalt hinterlassen. Ein
edles Streben. Aber wenn Sie schon damals das gewesen wren, was Sie
jetzt sind, d. h. wenn Sie mehr Christ gewesen wren, dann htten Sie
fr ein anderes Denkmal Sorge getragen. Wege, Brcken und allerhand
Verkehrsmittel zu schaffen und sie so klug anzulegen, wie Sie dies getan
haben, ist in der Tat eine notwendige Sache, aber manchen inneren Weg zu
ebnen, auf dem der Russe bei seinem Streben nach voller Entfaltung
seiner Krfte bisher noch aufgehalten und daran gehindert wird, aus den
Landstraen wie aus allen anderen uerlichkeiten der Bildung, um die
wir heute so eifrig bemht sind, Nutzen zu ziehen, ist eine noch
notwendigere Sache. Wenn Puschkin sah, da man sich nicht um das Wesen
einer Sache, sondern um etwas bemhte, was nur eine Folge der
eigentlichen, der Hauptsache war, pflegte er sich gewhnlich des
russischen Sprichworts zu bedienen: Wenn nur erst der Zuber da ist, an
den Schweinen wird es nicht fehlen. Die Brcken, die Wege und all diese
Verkehrsmittel, das sind die Schweine und nichts anderes: wenn nur erst
Stdte da sind, dann werden sie schon von selbst kommen. In Europa hat
man sich viel um sie bemht und viel Sorgen um sie gemacht. Als jedoch
die Stdte entstanden, entstanden auch die Verkehrswege von selbst:
Privatleute haben sie erbaut ohne jede Untersttzung der Regierung, und
jetzt haben sie sich in solch ungeheurem Mae vermehrt, da man sich
schon ernstlich die Frage vorzulegen beginnt: Wozu brauchen wir nur so
schnelle Verkehrsmittel? Was hat die Menschheit durch all diese
Eisenbahnen und andere Bahnen gewonnen, was hat sie auf allen Gebieten
ihrer Kulturentwicklung gewonnen, und was hat es fr einen Wert, da
heute eine Stadt verarmt, und eine andere dafr zu einem Trdelmarkt
wird und da die Zahl der Miggnger auf der ganzen Welt so zunimmt. In
Ruland wre dieser ganze Plunder schon lngst von selbst entstanden und
zwar mit all dem Zubehr von Bequemlichkeiten, wie sie selbst in Europa
nicht vorhanden sind, wenn sich nur viele von uns zuerst, wie es sich
gehrt, um ihre inneren Angelegenheiten bekmmert htten. Denket zuerst
daran, sagt der Heiland, alles andere wird euch von selbst zufallen.
Ihre Leistungen auf moralischem Gebiete waren viel bedeutender. Wen ich
auch gehrt habe, alle urteilen mit groer Achtung ber Ihre
Verfgungen, alle sagen, Sie htten viele Mibruche ausgerottet und
sehr viel wahrhaft edle und vorzgliche Beamte angestellt. Ich habe
davon gehrt, obwohl Sie es mir aus Bescheidenheit nicht mitgeteilt
haben. Aber Sie htten noch mehr geleistet, wenn Sie damals in Betracht
gezogen htten, da Ihre Ttigkeit nur provisorischer Art ist und da
Sie nicht nur dafr htten sorgen sollen, da alles gut steht, solange
Sie da sind, sondern vielmehr dafr, da auch nach Ihrem Scheiden alles
in bester Ordnung sei. Sie htten sich fortwhrend vorstellen sollen,
da Ihr Amt nach Ihnen von einem schwachen und unfhigen Nachfolger
besetzt werden wird, der die von Ihnen eingefhrte Ordnung nicht nur
nicht aufrechterhalten, sondern Sie auch in Verfall kommen lassen wird,
und daher htten Sie von vornherein daran denken mssen, etwas so
Starkes und Dauerndes zu schaffen und das Geschaffene so zu befestigen
und so stark zu verwurzeln, da nach Ihnen schon niemand mehr imstande
wre, umzustoen, was Sie einmal in Gang gebracht haben. Sie htten die
Axt an die Wurzel des bels legen sollen und nicht an die Stmme und
Zweige, und Sie htten dem allgemeinen Getriebe einen solchen Impuls
geben sollen, da die Maschine nach Ihrem Fortgang von selbst arbeitet
und da kein Aufseher es mehr ntig htte, neben ihr zu stehen, um sie
zu beaufsichtigen, und hierdurch erst htten Sie sich ein ewiges Denkmal
Ihrer Generalgouverneurschaft errichtet. Jetzt wei ich, da Sie ganz
anders handeln werden, aber darum drfen Sie dieses Amt nicht gering
achten, wenn es Ihnen aufs neue angeboten wird. Noch niemals war ein
Generalgouverneur eine so wichtige und notwendige Persnlichkeit wie in
unserer Zeit. Ich will Ihnen einige Leistungen nennen, zu denen
heutzutage niemand fhig ist auer dem Generalgouverneur.

Die erste ist folgende: Alle Stnde und Berufe in ihre gesetzlichen
Grenzen zurckzufhren und einem jeden Provinzbeamten die Pflichten, die
sein Beruf ihm auferlegt, zu vollem Bewutsein zu bringen; das ist
keineswegs unntz. In der letzten Zeit sind alle Berufe und mter der
Provinz in ganz unmerklicher Weise aus ihren Grenzen und Schranken
getreten, die ihnen vom Gesetze vorgeschrieben werden. Die Kompetenzen
der einen sind viel zu sehr beschnitten und begrenzt, andere wieder in
ihrer Bewegungsfreiheit auf Kosten der brigen allzusehr erweitert
worden. Die eigentlichen Hauptinstanzen haben durch die Schaffung einer
groen Zahl abhngiger und provisorischer Stellungen an Macht und Kraft
verloren. In der letzten Zeit hat es sich besonders fhlbar gemacht, da
gerade dort, wo man hemmend eingreifen sollte, die Macht und die
Kompetenzen viel zu unbeschrnkt waren und die Handlungsfreiheit zu gro
war, und andererseits machte sich wiederum der Umstand bemerkbar, da
einem die Hnde gebunden waren, wo man frdernd eingreifen mute. Es ist
jetzt soviel schwieriger geworden, jeden Beruf in den ihm durch das
Gesetz angewiesenen Wirkungskreis zurckzufhren, weil die Beamten
selbst an ihren Begriffen von ihrem Beruf irre geworden sind. Sie
bernehmen ihn als Erbschaft von ihrem Vorgnger und zwar genau in der
Gestalt, die ihm von jenem gegeben worden ist. Sie nehmen mehr oder
weniger Rcksicht auf diese Form und Gestalt und nicht auf das
eigentliche Urbild, das ihnen schon vllig aus dem Bewutsein
entschwunden ist. Aus diesem Grunde haben schon viele wohlmeinende und
sogar kluge Vorgesetzte die mter, die man blo sich selbst
wiederzugeben brauchte, gnzlich aufgehoben oder doch von Grund aus
umgestaltet. Das aber kann nur von dem hchsten und souvernen
Vorgesetzten ausgehen, wenn er es nicht verschmht, sich selbst
grndlich ber das Wesen eines jedes Berufes zu unterrichten. Alle
unsere mter und Berufe stellen in ihrer ursprnglichen Form wirklich
gute und schne Einrichtungen dar und sind geradezu wie geschaffen fr
unser Land. Sehen wir uns zu diesem Zwecke einmal den ganzen Organismus
eines Gouvernements etwas nher an.

Die erste Person ist der Gouverneur. Seine Kompetenzen sind sehr
umfangreich. Er ist der Vorgesetzte und der unumschrnkte Regent und
Leiter von allem, was mit der wirtschaftlichen und polizeilichen
Verwaltung des ganzen Gouvernements, d. h. sowohl mit der stdtischen
(hierunter verstehe ich alles, was sich auf die inneren Einrichtungen
der Stdte und die Aufrechterhaltung der Ordnung in ihnen bezieht) als
auch mit der Verwaltung der Landschaften zusammenhngt, wozu ich alles
rechne, was in den Gegenden, die auerhalb des Stadtbildes liegen,
geschieht: die Erhebung der Steuern, die Verteilung der Lasten, die
Anlage von Straen und allerhand Bauangelegenheiten und Reparaturen. Im
ersten Falle hngen der Polizeimeister der Provinz und die Brgermeister
aller Stdte vllig von ihm ab und stehen ihm gnzlich zur Verfgung; im
zweiten Falle kann er ber den Hauptmann der Landpolizei
und die Assessoren der Landschaft verfgen, die durch die
Gouvernementsverwaltung, welche nach der Art der Kollegialverwaltungen
aus Rten zusammengesetzt ist und kein eigenes Bureau mit einem Sekretr
darstellt, mit ihm verkehren, so da die Verantwortlichkeit bei jedem
schweren Mibrauch, den sich der Gouverneur zuschulden kommen lt,
unbedingt auf die Rte und die Beamten fllt und da er trotz all seiner
unumschrnkten Gewalt dennoch in gewissem Sinne beschrnkt ist. Er ist
mehr als ein bloes Mitglied der Verwaltung und ein Zeuge des
Geschftsganges in den andern staatlichen Organen, die gar nicht von ihm
abhngen und unter ihren eigenen besonderen Ministerien stehen. Wenn
diese Instanzen irgendwelche Abmachungen treffen oder Vertrge
schlieen, die sich auf die Verpachtung oder den Rckkauf von
Staatslndereien, Seen oder berhaupt ber irgendwelche Ein- oder
Verkufe beziehen und irgendwelche Abkommen hierber eingehen, so mu er
schon zugegen sein. Es darf kein staatlicher Auftrag vergeben und kein
Vertrag geschlossen werden, ohne da _er_ anwesend ist. Demnach werden
auch die Instanzen, die hinsichtlich ihrer inneren Geschftsfhrung gar
nicht von ihm abhngen, doch durch seine Anwesenheit daran gehindert,
irgendwelche Mibruche zu begehen.

Der ganze Apparat der Justiz, wie z. B alle Kreisgerichte und ihre
hchste Instanz, das Zivilgericht, scheint, da dieses vllig von seinem
Ministerium abhngig ist, ganz unabhngig vom Gouverneur zu sein, und
doch werden diese Instanzen auf Schritt und Tritt durch den Gouverneur
daran gehindert, Mibruche zu begehen, da dieser whrend seiner
Inspektionsreisen durch die Provinz, die mindestens zweimal im Jahre
stattfinden, das Recht hat, dem Gericht einen Besuch abzustatten und zu
verlangen, da ihm zwei oder drei Gerichtsentscheidungen vorgelegt
werden, die er auf gut Glck herausgreifen kann, um sie bei sich zu
Hause mit seinem Sekretr nachzuprfen und auf diese Weise alle in
Schrecken zu halten. Kurz, obwohl er keinerlei Oberhoheit ber die
Instanzen hat, die von anderen Vorgesetzten abhngen, hat er doch das
Recht, berall Mibruche zu verhindern, wo solche immer vorkommen
mgen. Auf den Adel kann er lediglich einen moralischen Einflu ausben.
Im brigen ist es so eingerichtet, da er es in seinem amtlichen Verkehr
mit dem Adel, mit dem eigenen Vertreter des Adels, dem Adelsmarschall
der Provinz zu tun hat und sich lediglich durch diesen mit dem ganzen
Adel in Beziehung und ins Einvernehmen setzt; an diesem Punkte tritt die
Weisheit des Gesetzgebers mit besonderer Deutlichkeit zutage, denn auf
eine andere Weise wre es dem Generalgouverneur gnzlich unmglich, sich
mit dem Adel in Beziehung und ins Einvernehmen zu setzen, wenn man
nmlich die groe Verschiedenheit in der Erziehung, in den Sitten, der
Denkweise und die ungeheure Mannigfaltigkeit und Vielgestaltigkeit der
Charaktere in unserem Adelstande in Betracht zieht, wie sie in keinem
europischen Adelsgeschlechte vorkommt und wie sie sich bei uns in
unserem Adel verkrpert hat. Der Rang des Adelsmarschalls ist dem des
Gouverneurs beinahe gleich, denn der Adelsmarschall hat nchst dem
Gouverneur Anspruch auf den ersten Platz in der Provinz; schon allein
dadurch werden beide auf die Notwendigkeit hingewiesen, gute
Freundschaft zu halten, da ihre gesellschaftlichen Beziehungen sonst
etwas Gezwungenes haben, und da sie sich in ihrem amtlichen Verhltnis
unfrei und beengt fhlen wrden. Auch die mter des Polizeihauptmanns
und der Assessoren, die beide vom Adel gewhlt werden, aber ganz von dem
Gouverneur abhngen, weisen darauf hin, wie notwendig es ist, da beide
Teile sich gegenseitig untersttzen. Der Adelsmarschall kann auch in
solchen Fllen sehr viel ausrichten, wo seine eigene Macht beschrnkt
ist, indem er sich auf den Gouverneur beruft und mit ihm droht; und
ebenso vermag der Gouverneur durch den Adelsmarschall weit erfolgreicher
und kraftvoller auf den Adel einzuwirken.

Fehler und Versehen knnen berall vorkommen, berall knnen sich
Unrecht, Lge und Trug einschleichen; selbst der Gouverneur kann fehlen
und irren. Doch auch dieser Fall ist vorgesehen: dafr gibt es eine
besondere Persnlichkeit, die von niemand abhngt, und die allen, selbst
dem Gouverneur gegenber ihre Unabhngigkeit wahren mu -- das ist der
Staatsanwalt, der das Auge des Gesetzes ist, ohne das kein Stck
Aktenpapier ber die Grenzen der Provinz hinausgelangen kann. Keine
Angelegenheit kann vor einer Instanz des Gouvernements zur Verhandlung
kommen, ohne ihm vorgelegt zu werden. Es kann kein Beschlu gefat
werden, ohne da er zuvor jede Seite mit dem Vermerk Gelesen versehen
hat. Er selbst aber hat niemand in der ganzen Provinz ber sich; er hat
niemand Rechenschaft abzulegen auer dem Justizminister; nur mit diesem
steht er in unmittelbarem Verkehr, und er kann jederzeit gegen alles,
was in der Provinz unternommen wird, Beschwerde einlegen.

Mit einem Wort, es fehlt nirgends an etwas, und aus allem spricht die
Weisheit des Gesetzgebers; aus der Einsetzung der einzelnen staatlichen
Autoritten sowohl wie aus der Art ihres Verkehrs miteinander. Ich rede
nicht einmal von den Institutionen, die auf einen noch greren
Weitblick der Regierung schlieen lassen; ich will nur an das
Gewissensgericht erinnern, denn etwas hnliches ist mir in keinem
anderen Staate bekannt geworden. Meiner berzeugung nach ist das der
Gipfel der Menschenliebe und der Herzenskenntnis. Alle Flle, in denen
ein Konflikt mit dem Gesetz als eine Last und als Hrte empfunden werden
wrde, alle Angelegenheiten, an denen Jugendliche oder Geisteskranke
beteiligt sind, alles, worber nur das menschliche Gewissen zu
entscheiden vermag, und jene Flle, wo selbst die Anwendung des
gerichtlichen Gesetzes zur Ungerechtigkeit wrde; kurz alles, was im
hchsten Sinne des Christentums in liebevoller und friedlicher Weise und
unter Vermeidung aller Weiterungen vor hheren Instanzen entschieden und
erledigt werden mu -- fllt unter die Kompetenzen dieses Gerichts. Wie
weise ist doch die Einrichtung, da die Wahl des Gewissensrichters vom
Adel abhngt, denn der Adel whlt hierzu gewhnlich einen Mann, den die
allgemeine Stimme fr den menschenfreundlichsten und uneigenntzigsten
Menschen erklrt. Wie gut ist es ferner, da er keinerlei Gehalt oder
Lohn fr seine Mhe erhlt, und da diese Ttigkeit fr den Menschen mit
keinerlei weltlichen Lockungen verbunden ist! Eine Zeitlang war ich von
dem lebhaften Wunsch beseelt, dieses Amt zu bernehmen. Wieviel
verwickelte Streitflle kann man da schlichten! Die Parteien werden ihre
Streitigkeiten ohne Rcksicht auf ihren eigenen Vorteil dem
Gewissensgericht unterbreiten, so wie es bekannt wird, da der Richter
tatschlich nach bestem Wissen und Gewissen entscheidet und da er sich
durch die Verwaltung seines gttlichen Richteramts berhmt gemacht hat.
Denn wer von uns sehnt sich nicht nach Frieden und Vershnung?

Kurz, je genaueren Einblick man in den Verwaltungsorganismus unserer
Provinzen gewinnt, um so mehr staunt man ber die Weisheit der
Gesetzgeber: man hat das Gefhl, Gott selbst habe die Herrscher und
Regenten mit unsichtbarer Hand geleitet und gelenkt. Hier fehlt es an
nichts, ist alles vollendet, alles ist so darauf angelegt, da wir uns
gegenseitig die Hand reichen, uns zu guten Handlungen anfeuern und uns
gegenseitig helfen und frdern, nur die Wege zu Mibruchen sollen uns
verbaut werden. Ich kann mir nicht einmal denken, was ein besonderer
Beamter hier noch sollte, jede neue Person wre hier nicht am Platze,
jede Neuerung wre eine berflssige Zutat. Und doch haben sich, wie Sie
ja selbst wissen, in den Provinzen Regierungsbeamte gefunden, die es
verstanden, diesen ganzen Mechanismus noch durch eine Schar von Beamten
mit besonderen Auftrgen und eine lange Reihe von provisorischen
Kommissionen und Untersuchungskommissionen zu belasten, die die
Funktionen jeder Instanz noch weiter geteilt und zerlegt und den Beamten
so den Kopf verwirrt haben, da sie jeden Begriff von den genauen
Grenzen ihres Berufs verloren. Es ist sehr gut, da Sie es nicht auch so
gemacht haben, Sie verstanden die Sache nmlich schon damals viel
besser, als die andern. Sie wissen zu gut: einen neuen Beamten
anstellen, der einem andern auf die Finger sehen soll, damit er nicht
soviel stiehlt, das bedeutet soviel, wie _zwei_ Diebe statt eines
schaffen. berhaupt ist dies System der gegenseitigen Beschrnkung und
berwachung eine hchst kleinliche Methode. Man kann die Wirkungssphre
eines Menschen nicht durch die eines anderen beschrnken, schon im
folgenden Jahre wird sich die Notwendigkeit herausstellen, auch den
unter Aufsicht und Kontrolle zu stellen, den man angestellt hat, um die
Macht des ersten zu beschrnken, und so wrden die gegenseitigen
Einschrnkungen kein Ende nehmen. Das ist ein trauriges und trichtes
System; gleich allen andern negativen Systemen konnte es sich nur in
Kolonialstaaten herausbilden, die sich aus allerhand zusammengelaufenen
Vlkern zusammensetzten, kein nationales Ganzes bildeten und von keinem
gemeinsamen Volksgeist beseelt wurden, bei solchen Vlkern gibt es weder
so etwas wie Selbstaufopferung noch vornehme Gesinnung, solche Nationen
lassen sich nur von ihrem persnlichen Eigennutz leiten. Man mu
Zutrauen zum Adel menschlicher Gesinnung haben, sonst kann es berhaupt
keinen Adel der Gesinnung geben. Wer da wei, da man ihn mit Mitrauen
ansieht, wie einen Gauner, und ihm berall Aufseher zugesellt, die ihn
berwachen sollen, der lt unwillkrlich die Hnde sinken. Man mu den
Menschen die Hnde lsen und sie nicht noch fester binden. Man mu
darauf dringen, da sich jeder allein beherrschen lernt, damit er nicht
von andern festgehalten zu werden braucht; er mu weit strenger gegen
sich sein, als das Gesetz, und selbst einsehen lernen, worin er sich an
seinem Amte versndigt. Kurz, man mu ihm einen Begriff von dem Wesen
seiner hheren Aufgabe beibringen. Das aber vermag allein der
Generalgouverneur, wenn er es nicht verschmht, sich selbst ber das
wahre Wesen jedes Amts und Berufs zu unterrichten, sich an die Stelle
jedes Beamten zu versetzen, den er zum vollen Verstndnis seiner
Pflichten erziehen mchte, und in Gedanken mit ihm zusammen den Dienst
zu verrichten. Hierdurch wird Ihr ganzer Verkehr mit den Beamten einen
persnlichen Charakter annehmen; Sie werden dazu keiner Sekretre und
keiner Schreibereien auf totem Aktenpapier bedrfen; infolgedessen
werden Sie nur ein kleines eigenes Bureau haben, das keine hnlichkeit
mit jenen ungeheueren riesenhaften Kanzleien haben wird, wie sie sich
andere Regierungsbeamte einrichten. Diese ungeheueren Bureaus aber sind,
wie Sie selbst wissen, ein groer Schaden, denn sie tragen dazu bei,
allen Beamten ihre eigentliche Arbeit abzunehmen, eine neue Instanz und
folglich neue Schwierigkeiten zu schaffen, ja sie sind der Anla,
da ganz unmerklich neue Persnlichkeiten mit wichtigen
Machtvollkommenheiten auftauchen, z. B. irgendein gewhnlicher Sekretr,
den hufig niemand bemerkt und durch dessen Hnde dennoch alle Akten
gehen; ein solcher Sekretr schafft sich eine Geliebte an, dies fhrt zu
Intrigen und Streitigkeiten, und bald ist der Teufel in eigener Person
da, der doch jederzeit auf der Lauer liegt. Das Ende vom Liede aber ist
dies: da abgesehen von der Heraufbeschwrung neuer Verwirrungen und
Verwickelungen noch unbersehbare Summen von Staatsgeldern verschlungen
werden. Gott bewahre Sie davor, sich ein Bureau einzurichten. Setzen Sie
sich nie anders als persnlich mit jemand auseinander. Wie kann man blo
gering von einem Gesprch mit einem Menschen denken, besonders wenn es
sich dabei um etwas, was ihm nahe liegt, um seinen Beruf und seine
Pflichten, und folglich um seine Seele selbst handelt? Wie kann man nur
ein trichtes Zeitungsgeschwtz und totes Gerede ber allerhand
Schwindelnachrichten, wie sie aus den verlogenen europischen
Zeitschriften geschpft werden, einem solchen Gesprch vorziehen? Die
Pflicht der Menschen ist ein Gegenstand, ber den man sich so
unterhalten kann, da es beiden Teilnehmern so scheint, als sprchen sie
in Gottes eigener Gegenwart mit den Engeln. Nun denn, so reden auch Sie
auf diese Weise mit Ihren Untergebenen, d. h. reden Sie so mit ihnen,
da ihre Seele Nahrung und Belehrung aus dem Gesprch schpft! Vor allem
aber -- und dies drfen Sie nie vergessen -- sprechen Sie russisch mit
ihnen. Damit meine ich nicht jene Sprache, der wir uns jetzt in der
Praxis des tglichen Lebens bedienen und die hierbei der Verhunzung
verfllt, auch nicht die Bchersprache oder die Sprache, die sich zu
einer Zeit herausgebildet hat, als bei uns noch allerhand Mibruche an
der Tagesordnung waren, sondern jene echte wahrhafte russische Sprache,
deren unsichtbare Schwingungen das ganze russische Land durchdringen,
trotz unserer Auslnderei in unserem eigenen Lande, jene Sprache, die
zwar noch nicht mitbeteiligt ist an dem Werke unseres Lebens und die wir
doch alle als die wahre russische Sprache empfinden. In dieser Sprache
heit der Vorgesetzte: _Vater_. Seien auch Sie ihnen das, was ein Vater
seinen Kindern ist. Ein Vater aber fhrt keine papierene Korrespondenz
mit seinen Kindern, sondern verstndigt sich direkt und unmittelbar mit
einem jeden von ihnen. Wenn Sie es so machen werden, werden Sie jedem
das echte Verstndnis fr seinen Beruf mitteilen und eine wahrhaft groe
Leistung vollbringen.

Und nun will ich Ihnen noch eine Aufgabe nennen, die niemand lsen kann,
auer einem Generalgouverneur, und die heute nicht blo einem Bedrfnis,
sondern geradezu einer dringenden Notwendigkeit entspricht; es ist dies
die Aufgabe, dem Adel eine richtige Auffassung von seiner Bestimmung
beizubringen. Der Adel in seinem wahrhaft russischen Wesenskern ist
etwas sehr Schnes, trotz der fremdlndischen Schale, von der er
zeitweilig berwachsen ist. Aber unser Adel hat noch kein Gefhl dafr.
Vielen dmmert zwar schon eine dunkle Ahnung davon auf, andre jedoch
wissen noch immer nicht das Geringste davon, wiederum andere nehmen sich
den Adelsstand fremder Lnder zum Vorbild, und schlielich gibt es noch
solche, die sich nicht einmal die Frage stellen, ob es berhaupt einen
Adel auf der Welt zu geben brauchte? Aber selbst wenn sich unter ihnen
einige Leute befinden, die ein Paar vernnftige und klare Gedanken ber
diese Frage haben, so dringen diese Gedanken doch noch nicht in die
Massen, und die Masse hrt sie noch nicht. In der letzten Zeit hat sich
in unserem Adelsstande zu alledem wieder ein Geist des Mitrauens gegen
die Regierung verbreitet. Whrend der letzten europischen Revolutionen
und Wirren aller Art waren einige Bsewichte besonders bemht, in den
Kreisen unseres Adels das Gercht zu verbreiten, als suche die Regierung
die Bedeutung des Adels herabzusetzen und ihn bis zur vlligen
Bedeutungslosigkeit herabzudrcken. Allerhand Flchtlinge, Emigranten
und Leute, die es nicht gut mit Ruland meinten, schrieben allerlei
Aufstze und fllten die Spalten der auslndischen Zeitungen mit ihnen
an, in der Absicht, Feindschaft zwischen der Regierung und dem Adel zu
sen: einerseits wollte man dem russischen Kaiser beweisen, da es eine
phantastische Partei von Bojaren gbe, die an der regierenden Gewalt
selbst rttelten, und andererseits wollte man dem Adel einreden, da der
Kaiser ihm nicht wohlwolle und diesen Stand berhaupt nicht schtze, das
heit, diese Leute wollten eine solche Suppe in Ruland einbrocken und
solche Wirren hervorrufen, die ihnen Gelegenheit geben sollten, selbst
eine Rolle zu spielen. Man spekulierte darauf, da Furcht und
gegenseitiges Mitrauen etwas Schreckliches sind und allmhlig selbst
die heiligsten Bande zu zerreien vermgen. Aber Gott sei Dank, die
Zeiten sind vorber, wo ein paar verrckte Menschen einen ganzen Staat
in Aufruhr bringen konnten. Dieser Versuch blieb nichts als ein
phantastisches Projekt; dennoch aber haben die Funken des gegenseitigen
Mitrauens und Miverstehens gezndet, und ich kenne viele Adelige, die
ganz ernstlich davon berzeugt sind, da der Kaiser den Adelstand nicht
liebt, und die sogar tief betrbt darber sind. Bringen Sie diese Sache
ins reine und klren Sie diese Leute ber die ganze Wahrheit auf, ohne
ihnen das Geringste vorzuenthalten. Sagen Sie ihnen, da der Kaiser
diesen Stand mehr liebt als alle anderen Stnde, aber freilich nur den
Adel in seinem echt russischen Wesen, nur jene schne edle Form und
Gestalt des Adels, die dem eigentlichen Geiste unseres Landes
entspricht. Es kann ja auch gar nicht anders sein. Sollte er etwa die
Zierde, die Blte seines Landes nicht lieben? Denn bei uns ist der Adel
die Blte des eigenen Volkes und nicht ein fremdes eingewandertes
Element. Allein der Adel mu selbst zeigen, was er ist, und die
Bedeutung seines Berufs beweisen, denn so wie er jetzt ist, bei diesem
vlligen Mangel eines einheitlichen gemeinsamen Besitzes, bei dieser
Verschiedenartigkeit der Anschauungen, der Erziehung, der Lebensweise
und der Gewohnheiten, bei dieser falschen und verworrenen Ansicht ber
sich selbst kann der Adel niemand eine wirkliche, wahrhafte Vorstellung
davon mitteilen, was der Adel in unserem Lande eigentlich darstellt.
Daher kann auch der weiseste Mann heute nicht wissen, was er mit diesen
Leuten anfangen soll. Der Adel mu sich selbst seine wahre und volle
Bedeutung wieder erobern. Und dabei knnen Sie allen in wahrem Sinne
behilflich sein, denn Sie sind doch selbst ein russischer Edelmann, und
da Sie Verstndnis fr die Bedeutung unseres Adels besitzen, werden Sie
sie auch den Leuten am besten klarmachen knnen. Dazu bedarf es nicht
etwa vieler Worte, denn das, was Sie ihnen erklren werden, liegt ja
schon im Keim angelegt in ihrer Brust. Unser Adel ist in der Tat eine
ganz ungewhnliche Erscheinung. Dieser Stand hat sich bei uns ganz
anders herausgebildet als in anderen Lndern. Er fhrt seinen Ursprung
nicht etwa auf eine gewaltsame Invasion eines fremden Stammes zurck, er
ist nicht aus Vasallen und ihrem Heeresgefolge hervorgegangen, die sich
in bestndiger Auflehnung gegen die hchste Gewalt befinden und die
Bedrcker der unteren Klassen sind; unser Adel leitet seinen Ursprung
von Diensten her, die er dem Kaiser und dem ganzen Lande geleistet hat,
von Leistungen, die auf sittlichen Vorzgen und Verdiensten und nicht
auf roher Gewalt beruhten. Unser Adel kennt den Stolz auf irgendwelche
Vorzge und Privilegien seines Standes nicht, wie man ihn wohl in
anderen Lndern findet, der Hochmut der deutschen Aristokraten ist ihm
fremd; bei uns prahlt niemand mit seinem Geschlecht oder mit dem alten
Ursprung seiner Familie, obwohl unsere Aristokratie die lteste ist --
dies tun hchstens ein paar Anglophile, die diese Gewohnheit whrend
ihrer Reisen in England angenommen haben; es mag wohl hin und wieder
einmal vorkommen, da sich jemand seiner Ahnen rhmt, doch auch dann nur
solcher, die ihrem Kaiser und ihrem Land wirkliche treue Dienste
geleistet haben, dagegen soll er es nur versuchen, mit einem Ahnherrn zu
prahlen, der ein schlechter Kerl war, seine eigenen Standesgenossen
wrden sofort ein Epigramm gegen ihn loslassen. Es gibt nur eine Sache,
der sich ein jeder zu rhmen wagt, -- das ist das Gefhl fr sittlichen
Anstand, das ihm Gott selbst in die Brust gelegt hat. Und wenn es darauf
ankommt, diese hchste innere Vornehmheit durch die Tat zu beweisen, so
bleibt bei uns kein einziger hinter dem andern zurck, selbst wenn es
der schlechteste von ihnen allen ist und wenn er ganz tief in Schmutz
und Asche drinsteckt. Der Adel ist bei uns etwas wie ein Gef fr
diesen sittlichen Anstand, der sich ber das ganze russische Land
verbreiten mu, damit alle anderen Stnde einen Begriff davon erhalten,
warum der hchste Stand die Blte des Volkes genannt wird. Wenn Sie
ihnen annhernd das sagen werden, was ich Ihnen hier sage, und was die
lauterste Wahrheit ist, und wenn Sie sie auf den Wirkungskreis hinweisen
werden, der sich jetzt vor ihnen allen auftut: auf den Wirkungskreis, in
dem sie ihren Namen verewigen und ihm ein dauerndes Leben in der
Nachwelt sichern knnen, wenn Sie es ihnen vllig klarmachen werden, da
das ganze russische Land um Hilfe schreit und da man dem Lande nur
durch groe, hochherzige Taten helfen kann, da man aber vor allem denen
mit groen Taten vorangehen soll, denen Adel und Vornehmheit schon bei
der Geburt geschenkt wurden, so werden Sie sehen, da ihre Herzen mit
dem Ihren zusammenklingen werden, wie zwei Becher bei einem Festmahl.
Verheimlichen Sie ihnen nichts, sondern erffnen Sie ihnen die volle
Wahrheit. Sollen sie etwa dieselben Dinge aus lgenhaften Berichten
auslndischer Zeitungen erfahren und soll man etwa allerhand Brausekpfe
ihnen den Kopf verwirren lassen? Decken Sie ihnen die ganze Wahrheit
auf. Sagen Sie ihnen, da Ruland wirklich unter den ruberischen
Praktiken und unter den Betrgereien zu leiden hat, die heute mit einer
Dreistigkeit ihr Haupt erheben, wie noch nie zuvor, und da dem Kaiser
das Herz so weh tut, wie niemand von ihnen es ahnt oder glaubt und auch
nur ahnen kann. Ja und knnte es denn anders sein beim Anblick dieses
Knuels neuer Verworrenheiten und Verwickelungen, die sich zwischen den
Menschen aufgetrmt, sie voneinander getrennt und jedermann die
Mglichkeit geraubt haben, Gutes und wahrhaft Ntzliches fr sein
Vaterland zu leisten, angesichts endlich dieser allgemeinen
Verfinsterung und Entfremdung gegenber dem Geist des Vaterlandes,
angesichts endlich all dieser Erpresser und Gauner, dieser kuflichen
Rechtsverdreher und Ruber, die wie die Raben von allen Seiten
herbeigeflogen kommen, um uns bei lebendigem Leibe zu fressen und im
Trben nach ihrem elenden Vorteil zu fischen. Wenn Sie ihnen das sagen
und ihnen sodann beweisen werden, da Sie jetzt vor der groen Aufgabe
stehen, dem Kaiser einen wahrhaft edlen und hohen Dienst zu leisten:
nmlich ebenso hochherzig wie ihre Vter einstmals in Reih und Glied
wider die Feinde des Landes traten, nunmehr in die unscheinbarsten
Posten und Stellungen einzurcken, selbst wenn diese von elenden
Pbelmenschen entehrt und in den Kot gezerrt sein sollten, so werden Sie
sehen, wie unser Adel sich aufraffen wird. Man wird sich kaum retten
knnen von all den Leuten, die den Wunsch haben, sich dem Staatsdienst
zu widmen und die allerunbedeutendsten Stellungen einzunehmen. Und nach
geleisteten Diensten werden sie keinen Lohn, keine Auszeichnungen, ja
nicht einmal irgendwelche Vorrechte und Privilegien fr sich verlangen,
zufrieden, da sie ihre hohen inneren Vorzge ans Licht stellen konnten.
Kurz -- machen Sie ihnen blo die Hoheit ihrer Bestimmung klar, und Sie
werden sich von der Vornehmheit ihres Wesens berzeugen. Sie knnen sie
auch auf eine zweite groe Aufgabe hinweisen, der sie sich widmen
knnen: auf die Erziehung der ihnen anvertrauten Bauern; sie sollen
Menschen aus ihnen machen, die ganz Europa zum Vorbild ihres Standes
werden, denn heute fangen manche Leute in Europa ernsthaft an, ber die
alte patriarchalische Lebensordnung nachzudenken, deren Fundamente
berall, auer in Ruland, verschwunden sind, und man beginnt schon laut
ber die Vorzge unseres lndlichen Lebens zu reden, nachdem man die
Ohnmacht und Unfhigkeit aller heutigen Institutionen und Einrichtungen,
sich aus eigener Kraft zu verbessern und zu reformieren, erkannt hat.
Daher mssen wir den Adel dazu bewegen, das wahrhaft russische
Verhltnis zwischen Gutsbesitzer und Bauer zu erforschen, nicht aber den
verlogenen unwahren Zustand, wie er sich infolge ihrer schmhlichen
Gleichgltigkeit gegen ihre eigenen Gter, die sie der Obhut fremder
Tagelhner und Verwalter berlieen, herausgebildet hat, -- wirklich und
wahrhaftig fr die Bauern zu sorgen, wie fr ihre eigenen
Blutsverwandten und nicht wie fr fremde Leute; ja Sie sollten sie
lehren, ihre Bauern anzusehen wie ein Vater seine Kinder. Hierdurch
allein knnen sie diesen Stand dazu machen, was er wirklich sein soll,
diesen Stand, der bei uns wie mit Vorbedacht weder den Namen der Freien
noch der Sklaven, sondern den Namen Krestjane (Bauern), nach dem eigenen
Namen Christi trgt. Dies alles kann der Generalgouverneur dem Adel sehr
gut klarmachen, wenn er nur zur rechten Zeit daran denkt, sich's
berlegt und selbst zum vollen Verstndnis der Bedeutung unseres Adels
gelangt. Und dies wird die zweite unter Ihren groen Leistungen sein.

Und nun zur dritten Leistung, die gleichfalls niemand auer dem
Generalgouverneur zu vollbringen vermag. Alle europischen Staaten haben
heute unter der Kompliziertheit aller Gesetze und Verordnungen zu
leiden. berall macht sich eine eigentmliche Erscheinung bemerkbar: die
eigentlichen brgerlichen Gesetze sind ber ihre Grenzen und Schranken
hinausgewachsen und sind in fremde Gebiete eingedrungen, die auer ihrem
Bereich liegen. Einerseits haben sie einen Einbruch in ein Gebiet
vollzogen, das lange Zeit unter der Herrschaft der Volkssitten stand,
andererseits aber sind sie in ein Bereich eingedrungen, das ewig unter
dem Zepter der Kirche verbleiben mu. Dieser Proze hat sich nicht etwa
gewaltsam vollzogen, dieser Austritt der brgerlichen Gesetze aus ihrem
Bett geschah ganz von selbst, da sich berall leere unausgefllte Lcken
darboten, die einem solchen Einbruch keinen Widerstand bereiteten. Die
Mode unterwhlte die alten Sitten, die Geistlichkeit wandte sich immer
mehr von dem geraden einfachen Leben in Christo ab und berlie so alle
privaten Verhltnisse der Menschen und das Privatleben ihrem Schicksal.
Die brgerlichen Gesetze nahmen beide, wie verlassene Waisen unter ihre
Obhut, und gerade dies war der Grund, weswegen die Gesetze so verwickelt
wurden. Denn an und fr sich sind sie gar nicht sehr zahlreich und
weitlufig, und wenn wir wieder dazu zurckkehren, was von Rechts wegen
der Herrschaft der Sitte untersteht und ein ewiges Besitztum der Kirche
ist, wird das ganze brgerliche Gesetz in einem Buche Platz finden
knnen, das nur lediglich die groen Abweichungen von der sozialen
Ordnung und die eigentlichen staatlichen Verhltnisse enthlt. Heute
sieht jedermann, da eine groe Menge von Fllen, von Mibruchen und
Intrigen nur dadurch entstehen konnte, da die philosophisch gebildeten
Gesetzgeber Europas von vornherein smtliche mglichen Abweichungen bis
in ihre feinsten Einzelheiten feststellen wollten und damit jedermann,
selbst den besten und vornehmsten Leuten, einen Weg zu unendlichen und
ganz unberechtigten Prozessen ebneten; frher htten diese Leute es fr
unanstndig gehalten, einen solchen Proze zu beginnen, heute dagegen
wagen sie es dreist, da sie aus irgendeinem Paragraphen, oder einer
Verfgung die Mglichkeit oder die Hoffnung herauslesen, ein einstmals
verlorenes Gut wieder zu erlangen oder auch nur einem andern sein
Besitzrecht streitig zu machen. Und nun geht so ein Mensch gleich aufs
Ganze, wie ein Held sich zum Sturm rstet, und nimmt berhaupt keine
Rcksicht auf seinen Gegner; mag dieser dabei auch sein letztes Hemd
verlieren oder mit seiner ganzen Familie betteln gehn. Ein leidlich
menschenfreundlicher Mensch ist heute fhig, ganz offen die grten
Grausamkeiten zu begehen, ja er rhmt sich ihrer noch, whrend er sich
schon des bloen Gedankens schmen wrde, wenn ein Diener der Kirche
beide Parteien, statt ihnen ihren persnlichen Vorteil vorzuhalten, vor
das Angesicht Christi stellen wollte und wenn es Sitte wrde, da, wie
es in der Tat die Regel sein sollte, in allen verwickelten, dunklen,
kasuistischen Fragen, kurz in allen Fllen, wo die Weiterungen vor den
Instanzen drohen, die _Kirche_ und nicht das brgerliche Gesetz die
Menschen miteinander zur Vershnung bringt. Es ist nur die Frage: wie
ist das zu bewerkstelligen? Wie soll man es einrichten, da dem
brgerlichen Rechte tatschlich nur die Flle zugewiesen werden, die
wirklich unter das brgerliche Recht fallen, da der Herrschaft der
Sitte wiedergegeben werde, was unter der Herrschaft der Sitte verbleiben
mu, und da der Kirche wieder zurckerstattet werde, was ihr ewiglich
angehrt? Kurz, wie soll alles wieder an seinen rechten Platz gebracht
werden? In Europa ist es unmglich, solches zu vollbringen: Dazu mten
Strme von Blut vergossen werden, Europa wrde in unntzen Kmpfen
erliegen und doch nichts erreichen. In Ruland aber ist die Mglichkeit
hierzu vorhanden: in Ruland knnte es sich ganz unmerklich und
schmerzlos vollziehen -- nicht durch irgendwelche Neuerungen,
Umwlzungen oder Reformen, ja nicht einmal mit Hilfe von allerhand
Sitzungen oder durch Bildung von Komitees, nicht durch Debatten,
Zeitungsgerede und Zeitungsgeschwtz, in Ruland kann ein jeder
Generalgouverneur eines Gebietes, das seiner Obhut anvertraut ist, den
Grund dazu legen; und wie einfach! -- Durch nichts andres als nur durch
sein eignes Leben. Durch die patriotische Schlichtheit seiner
Lebensweise und die einfache Art seines Umgangs mit allen Leuten kann er
die Herrschaft der Mode mit ihrer leeren, hohlen Etikette beseitigen und
die russischen Sitten befestigen, die wirklich gut sind und mit Nutzen
auf unser gegenwrtiges Leben angewandt werden knnen. Er kann eine
mchtige Wirkung in der Richtung ausben, da die Beziehungen zwischen
den Stadtbewohnern untereinander wie die der Gutsbesitzer unter sich
schlichter und einfacher werden, denn die Beseitigung dieser
komplizierten gesellschaftlichen Verhltnisse, wie sie heute bestehen,
mu unbedingt auch die Streitigkeiten und die Unzufriedenheit
beseitigen, die sich wie ein Wirbelwind zwischen den Bewohnern der
Stdte erhoben haben. Und ebenso wie zur Einfhrung und Befestigung der
Sitten kann der Generalgouverneur dazu beitragen, da die Kirche heute
ihre rechtmige Stellung im Leben des Russenvolkes wiedergewinnt: er
kann dies erstlich durch sein eigenes Beispiel, durch sein Leben, und
zweitens auch durch bestimmte Manahmen erreichen -- aber nicht etwa
durch erzwungene und gewaltsame Maregeln, sondern durch solche, die
weit wirksamer sind als jede Gewalt. Hierber wollen wir spter einmal
miteinander reden, wenn Sie wirklich eine Stellung angenommen haben
werden; bis dahin aber will ich Ihnen nur dies sagen: wenn schon die
einfache Sitte mchtiger ist als jedes geschriebene Gesetz -- und was
ist denn brigens die Sitte, wenn man sie ganz streng betrachtet?
Mitunter hat sie berhaupt keine Bedeutung fr unsere Zeit, man kennt
den Grund nicht, weswegen sie eingefhrt wurde, man wei nicht, woher
sie stammt, und fhlt und merkt nichts von einer Autoritt, die sie
eingesetzt htte; mitunter aber ist sie sogar ein berbleibsel aus den
Zeiten des Heidentums, das im absoluten Gegensatz zum Christentum und zu
allen Grundlagen des modernen Lebens steht -- wenn nun nach alledem
schon die Sitte etwas so Mchtiges ist, da es schwierig ist, sie selbst
im Laufe von vielen Jahren auszurotten -- wie wrden sich wohl die Dinge
gestalten, wenn man Sitten einfhren wollte, die sich auf die Vernunft
grnden, die einstimmig und einmtig von allen anerkannt werden und die
hhere Billigung und den Segen Christi und Seiner Kirche erhalten
wrden? Eine solche Sitte wrde sich von Jahrhundert zu Jahrhundert
fortpflanzen, und keine Macht der Erde wrde sie vernichten knnen, was
die Welt auch fr Erschtterungen heimsuchen sollten. Aber das ist ein
gewaltiger Gegenstand, ber ihn mu man vernnftig reden, und dazu bin
ich zu dumm. Vielleicht werde ich spter einmal, wenn Gott mir hilft und
mich erleuchtet, etwas darber zu sagen haben. An Arbeit wird es Ihnen
also nicht fehlen. Darin also suchen Sie stark zu werden; greifen Sie
daher mit fester Hand zu, wenn Ihnen das Amt eines Generalgouverneurs
angeboten werden sollte. Sie werden es jetzt so verwalten, wie es
verwaltet sein mu, und sich dabei im Einklang mit den Wnschen und
Forderungen der Regierung befinden -- d. h. Sie werden das ganze Gebiet
wie eine frischen Mut spendende Kraft durchziehen, alles aufrtteln,
alle erfrischen, Begeisterung um sich verbreiten, allem einen frischen
Impuls geben und dann in eine andere Provinz reisen, um dort das Gleiche
zu wirken. Sie werden selbst sehen, da dieser Beruf immer nur
provisorisch sein kann, sonst htte er keinen Sinn, denn der innere
Organismus eines Gouvernements ist etwas in sich Abgeschlossenes und
Vollendetes, und bedarf keines weiteren Regierungsbeamten auer dem
Brgergouverneur. So gehen Sie denn mit Gott und frchten Sie sich vor
nichts! Aber selbst wenn Sie ein andres Amt bernehmen sollten, halten
Sie sich stets an die gleichen Grundstze. Vergessen sie niemals, da
die Zeit ihres Wirkens begrenzt ist. Richten Sie alles so ein, ordnen
Sie alle Angelegenheiten in der Weise, da sich alles, nicht nur so
lange Sie da sind, sondern auch nach Ihrem Weggang in geordneter Weise
abwickelt, da Ihr Nachfolger kein Ding von seiner Stelle zu rcken
vermag, sondern sich unwillkrlich auch selbst innerhalb der von Ihnen
gezogenen Grenzen bettigen und die von Ihnen vorgezeichnete,
vernnftige Richtung einhalten mu. Christus wird Sie lehren, Ihr Werk
dauernd, fr alle Zeiten zu begrnden und zu befestigen. Seien Sie allen
Ihren Untergebenen, seien Sie Ihren Beamten im wahren Sinne des Wortes
ein Vater und seien Sie einem jeden dabei behilflich, seine Pflicht und
Schuldigkeit treu und redlich zu tun. Reichen Sie jedem freundlich die
Bruderhand, wenn er sich von seinen eigenen Fehlern und Lastern befreien
will. Suchen Sie auf alle Einflu zu gewinnen, aber nur in der Absicht,
jeden zu lehren, wie er selbst auf sich Einflu gewinnen kann. Sorgen
Sie ferner dafr, da keiner sich allzusehr auf Sie verlt und sttzt
wie auf seinen eigenen Stab, so wie die rmisch-katholischen Damen sich
ganz auf ihre Beichtvter sttzen, ohne deren Erlaubnis sie es nicht
einmal wagen, aus einem Zimmer ins andere zu gehen, warten sie doch
stets auf die Beichtstunde, um sich beim Priester Rat einzuholen; der
Mensch mu vielmehr wissen, da die Wrterin ihm nur fr eine bestimmte
Zeit und nicht fr immer beigegeben wird, und da, wenn der Lehrer ihn
im Stiche lt, der Zeitpunkt gekommen ist, wo er noch eifriger und
sorgfltiger auf sich acht geben mu als frher, stets eingedenk, da es
nun niemand mehr gibt, der ber ihn wacht, und jede Lehre, die ihm
gegeben ward, treu wie ein Heiligtum in seinem Gedchtnis bewahrend.
Sorgen Sie auch dafr, da es beim Abschied, wenn Sie Ihr Amt
niederlegen sollten, keine Trnen und kein Gejammer gibt, sondern da
ein jeder noch frischer und mutiger in die Zukunft sehe, und daher
sparen Sie sich alles, was Sie einem jeglichen zu seiner Belehrung sagen
mchten, sorgsam fr den Tag des Abschieds auf: an diesem Tage werden
alle Ihre Worte ihnen heilig sein, und was sie sonst nicht anerkannt und
wonach sie sich sonst nicht gerichtet htten, das werden sie jetzt
willig aufnehmen und danach handeln. Fr mich ist die Stunde des
Abschieds von meinen Freunden -- der schnste Augenblick; jeder meiner
Freunde, der jetzt von mir Abschied nimmt, tut es frohen Mutes, und
seine Seele ist heiter. Das werden Ihnen alle bezeugen, die in der
letzten Zeit Abschied von mir genommen haben. Ich bin sogar davon
berzeugt, da wenn ich einmal sterben werde, alle die mich lieb gehabt
haben, frhlich und heiteren Mutes von mir Abschied nehmen werden.
Keiner von Ihnen wird weinen, und alle werden nach meinem Tode weit
frhlicher sein als bei meinen Lebzeiten, und endlich will ich Ihnen
noch etwas ber die Liebe und die allgemeine Sympathie fr uns sagen,
nach der viele so sehr haschen. Sich die Liebe anderer erschmeicheln zu
wollen -- das ist ein falsches Streben, das den Menschen nicht
beschftigen sollte. Streben Sie danach, -- die andern Menschen zu
lieben, und nicht danach, da andere Menschen _Sie_ lieben. Wer einen
Lohn fr seine Liebe verlangt, der ist ein gemeiner Mensch und noch weit
vom Christentum entfernt. O wie dankbar bin ich, da Gott mir schon in
meiner Jugend diese merkwrdige und mir selbst kaum verstndliche
Abneigung gegen jegliche unpassende, berflssige Gefhlsergsse
eingepflanzt hat; ich habe ihnen stets zu entfliehen gesucht, wie etwas
Unangenehmem und Widerwrtigem, selbst wenn sie von Verwandten oder
Freunden herrhrten! Wie wichtig ist es doch, da unsere ganze Liebe
keinem Wesen dieser Erde angehren darf! Sie sollte sich von einem
Vorgesetzten auf den andern bertragen, und sowie ein Vorgesetzter
merkt, da sie sich ihm zuwendet, sollte er sie sofort von sich auf den
ber ihm stehenden hheren Vorgesetzten abzulenken suchen, bis sie so
endlich zu ihrer rechtmigen Quelle gelangt und bis ein von allen
geliebter Kaiser sie feierlich und angesichts der ganzen Welt Gott
selbst darbringt.

                                                                 1845.




                                  XXIX
                   Wessen Los auf Erden das beste ist
                        Aus einem Briefe an U--


Ich vermag Ihnen durchaus nicht zu sagen, wessen Los auf Erden das
schnere ist und wem das bessere Teil beschieden ward. Frher als ich
noch trichter und dmmer war, zog ich einen Beruf einem andern vor;
jetzt dagegen erkenne ich, da das Los aller Menschen gleich
beneidenswert ist. Alle erhielten den gleichen Lohn -- sowohl der, dem
ein Talent anvertraut ward und der ein zweites hinzuerwarb, wie der, dem
fnf Talente verliehen wurden und der noch fnf weitere dafr
zurckbrachte. Ich glaube sogar, da das Los des ersten noch besser ist,
gerade weil er auf Erden keinen Ruhm genossen und nicht von dem
Zaubertrank irdischer Ehren gekostet hat, wie der letzte. Wie wunderbar
ist doch die gttliche Gnade, die jedem den gleichen Lohn bestimmte, der
redlich seine Schuldigkeit getan hat, ob er nun der Zar oder der rmste
Bettler ist. Dort werden sie alle gleich sein, denn sie alle werden
eingehen in die Freude ihres Herrn und werden alle _gleichermaen_ in
Gott sein. Freilich hat Christus selbst an einer andern Stelle gesagt:
_Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen_, aber wenn ich mir diese
Wohnungen vorstelle, wenn ich darber nachdenke, was die Wohnungen
Gottes sein mgen, kann ich mich nicht der Trnen enthalten, und ich
wei, da ich mich nie entscheiden knnte, welche ich whlen soll, wenn
ich wirklich einmal gewrdigt sein sollte, am himmlischen Reiche
teilzunehmen, und wenn die Frage an mich erginge: welche von ihnen
mchtest du whlen? Ich wei nur das eine, da ich antworten wrde:
die letzte, Herr, wenn sie nur in Deinem Hause ist. Ich glaube, man
kann sich nichts Schneres wnschen, als jenen Auserwhlten zu dienen,
die bereite gewrdigt wurden, Seinen Ruhm in all Seiner majesttischen
Gre zu schauen, zu ihren heiligen Fen liegen und sie zu kssen!

                                                                 1845.




                                  XXX
                            Ein Geleitspruch


Auf deinen Brief werde ich dir jetzt nicht antworten, die Antwort
erhltst du spter. Ich sehe und begreife alles: deine Leiden sind gro.
Bei einer solch zarten, feinfhligen Seele so grobe Beschuldigungen
anhren, mit so hohen Gefhlen unter so groben, plumpen Menschen weilen
zu mssen, wie die Bewohner dieses armseligen Stdtchens, in dem du dich
niedergelassen hast und deren rohe tppische Berhrung, ohne da sie es
wissen, schon allein ausreicht, um die edelsten Schtze und
Kostbarkeiten des Herzens in Scherben zu schlagen; dulden zu mssen, da
mit plumper Brentatze auf die zarten Saiten der Seele losgeschlagen
wird, die dem Menschen dazu verliehen werden, um himmlische Laute
auszustrmen, bis sie verstimmt sind und reien, und ber dies alles
noch all die Gemeinheiten und Schndlichkeiten mit ansehen zu mssen,
die sich tglich ereignen und die Verachtung derer dulden zu mssen, die
selbst der Verachtung wert sind -- ich wei wohl, da ist alles sehr
bitter. Und deine physischen Leiden sind nicht weniger qualvoll. Dein
Nervenleiden, deine Melancholie und diese furchtbaren Ohnmachtsanflle,
die dich jetzt heimsuchen -- das alles ist hart, sehr hart, ich vermag
dir nichts andres zu sagen, als da es wirklich sehr hart, sehr bitter
ist! Aber hier hast du einen Trost. Das alles ist nur der Anfang; du
wirst noch mehr Krnkungen zu erdulden haben, dir stehen noch hrtere
Kmpfe [mit der Bestechlichkeit] mit allerhand Schuften und Gaunern und
schamlosen Leuten bevor, Leuten, fr die es nichts Heiliges gibt, die
nicht nur einer solchen Schndlichkeit fhig sind, von der du schreibst
[d. h. eine fremde Unterschrift zu flschen] -- die den Mut haben, ein
so furchtbares Verbrechen auf einen Unschuldigen zu laden, mit eigenen
Augen anzusehen, wie das Opfer ihrer Verleumdung bestraft wird und nicht
mit der Wimper zu zucken -- ja die nicht nur einer solchen Niedertracht,
sondern noch weit niedertrchtigerer Handlungen fhig sind, deren bloe
Beschreibung einem mitleidigen Menschen fr immer den Schlaf rauben
knnte (o wenn doch solche Leute nie geboren wrden!) Alle himmlischen
Heerscharen zittern vor Schrecken beim Gedanken an die furchtbaren
Strafen, die sie in jener Welt erwarten und vor denen sie niemand mehr
zu retten vermag. Unzhlige neue und ganz unvorhergesehene Niederlagen
warten deiner. In deiner exponierten [und unscheinbaren] Stellung kann
alles passieren. Deine Nervenanflle und deine Leiden werden noch
strker werden, deine Melancholie wird noch zunehmen, deine Mutlosigkeit
wird sich bis zur Verzweiflung steigern, und deine Schmerzen und Qualen
werden noch furchtbarer und vernichtender werden. Allein denke stets
daran, da wir nicht in diese Welt berufen werden, um Feiertage und
Feste zu feiern -- wir werden hierher berufen, um Schlachten zu
schlagen, den Sieg werden wir _dort_ feiern. Daher drfen wir keinen
Augenblick vergessen, da wir ausgezogen sind, um zu kmpfen, und hier
gibt es nichts zu whlen und zu berlegen, wo uns weniger Gefahren
drohen! Wie ein guter Soldat mu sich ein jeder von uns in den Kampf
strzen, wo er am heiesten tobt. Der himmlische Feldherr schaut von
oben auf uns alle herab, und Seinem Blick entgeht nicht die geringste
von unseren Handlungen. Du darfst daher das Schlachtfeld nicht meiden,
sondern mut mutig in den Kampf strmen; auch darfst du dir nicht etwa
einen schwachen Feind aussuchen, sondern du mut dir einen Starken zum
Gegner whlen. Der Kampf mit einem kleinen Schmerz und mit geringen
Leiden wird dir keine groen Ehren eintragen. [Fr einen Russen ist es
nicht sehr rhmlich, sich mit einem friedfertigen Deutschen einzulassen,
wenn man im voraus wei, da er davonlaufen wird; es mit einem
Tscherkessen aufzunehmen, vor dem alle zittern, weil sie ihn fr
unberwindlich halten, den Kampf mit einem solchen Tscherkessen
aufzunehmen und ihn zu besiegen, das ist eine Leistung, deren man sich
rhmen kann!] Nun denn, vorwrts mein tapferer Kmpe! Gott helfe dir,
mein braver Kamerad! Gott voran, mein herrlicher Freund!




                                  XXXI
                Wesen und Eigenart der russischen Poesie


Trotz des ueren Anscheins der Nachahmung besitzt unsere Dichtung sehr
viel Eigenartiges. Ihr natrlicher Quell regte sich schon in der Brust
des Volkes, als noch ihr Name in keines Menschen Munde war. Ein Strahl
dieses Quells bricht in unsern Liedern hervor, in denen zwar wenig Liebe
zum Leben und zu den Dingen dieser Welt, dafr aber eine mchtige
Sehnsucht nach einer grenzenlosen, zgellosen Freiheit, ein Streben,
sich von den Tnen in eine unendliche Ferne forttragen zu lassen, lebt.
Sein Strom bricht auch in unsern Sprichworten hervor, die von dem
ungewhnlich reichen Verstande unseres Volkes zeugen, der alles in ein
Werkzeug fr seine Zwecke zu verwandeln gewut hat: die Ironie, den
Spott, die Anschaulichkeit, die Treffsicherheit eines plastischen
Denkens, um ein von Leben strotzendes Werk zu erschaffen, das das ganze
Wesen des Russen ergreift und erschttert, indem es seine
empfindlichsten Stellen zu treffen wei. Sein Strom bricht endlich auch
aus den Reden der Diener unserer Kirche hervor -- Reden, die so einfach,
so schmucklos und doch so bedeutsam sind, durch das Streben, sich bis zu
dem Gipfel leidenschaftsloser, heiliger Ruhe zu erheben, den zu
erklimmen, jedes Christen Bestimmung ist, sowie durch die Bemhung,
nicht etwa die Leidenschaften des Herzens zu entfachen, sondern den
Menschen zu hchster, geistiger Nchternheit und Besonnenheit zu
erziehen. Dies alles versprach unserer Dichtung eine eigenartige und
urwchsige Entwicklung, wie sie den andern Vlkern unbekannt war. Aber
nicht von diesen drei Quellen, die bereits in uns ruhten, leitet unsere
wohllautende Poesie, die uns heute einen so hohen Genu bereitet, ihren
Ursprung her, so wenig als die Struktur unserer gegenwrtigen
brgerlichen Ordnung sich auf Elemente zurckfhren lt, die unserem
Lande schon frher eigen waren. Unsere brgerliche Ordnung ist ja auch
nicht durch eine geregelte allmhliche Entwicklung der Dinge, nicht
durch eine langsame wohlberlegte Verpflanzung europischer Sitten in
unser Land entstanden -- was schon aus dem einfachen Grunde unmglich
war, weil die europische Aufklrung bereits eine viel zu hohe Stufe der
Reife erreicht hatte, weil ihre Wogen schon zu hoch gingen, als da sie
nicht frher oder spter von allen Seiten ber Ruland hereinbrechen und
ohne einen solchen Fhrer, wie Peter es war, in allen Dingen eine viel
grere Unordnung hervorrufen muten, als sie sich spter tatschlich
bemerkbar machte. Unsere brgerliche Ordnung entsprang aus einer
Erschtterung, aus jener gewaltigen Erschtterung des ganzen Staates,
die der Zar, dieser groe Reformator, hervorrief, als Gottes Wille ihm
den Gedanken eingab, sein junges Volk in den Kreis der europischen
Staaten einzureihen und es pltzlich mit allem bekannt zu machen, was
sich Europa durch lange Jahre blutiger Kmpfe und Leiden errungen hatte.
Eine so pltzliche Umkehr war eine Notwendigkeit fr das russische Volk,
und die europische Aufklrung war der Feuerstahl, der diese ganze
Volksmasse treffen mute, die im Begriff war, einzuschlafen. Der Stahl
verleiht dem Stein kein Feuer, wenn aber der Stahl den Stein nicht
trifft, gibt der Stein kein Feuer von sich. Und sogleich schlug aus dem
Volk eine Flamme empor. Diese Flamme war die Freude, die Freude ber das
Erwachen, die im Anfang freilich noch unbewut war. Noch hatte keiner
das Gefhl, da er dazu erwacht sei, um im Licht der europischen
Bildung sich selbst besser kennen zu lernen, nicht aber Europa zu
kopieren. Jeder fhlte nur, da er erwacht war. Aber schon diese bloe
Umwlzung des ganzen Staates, die durch einen einzigen Menschen, und
zwar durch den Zaren selbst, bewirkt war, der zeitweilig sogar gromtig
auf seine Zarenwrde verzichtete, um jedes Handwerk kennen zu lernen und
mit der Axt in der Hand in allen Dingen voranzugehen, damit keine von
den Wirrungen und Verwicklungen entstnde, die selbst die
geringfgigsten Vernderungen der Staatsform zu begleiten pflegen --
schon diese Umwlzung war in der Tat eine Sache, die der Freude und der
Begeisterung wert war. Eine Staatsumwlzung, die gewhnlich das in
Mitleidenschaft gezogene Volk auf Jahre unter Strme von Blut setzt,
wenn sie die Folge innerer Parteikmpfe ist, wurde hier im Angesicht von
ganz Europa in so geordneter Weise vollzogen, wie das glnzende Manver
eines vortrefflich geschulten Heeres. Ruland erhob sich pltzlich zur
Wrde eines groen Staates, seine Stimme wurde dem Donner gleich, ein
Glanz strahlte von ihm aus: der Widerschein der europischen Bildung.
Alles in dem jungen Staate geriet in Begeisterung, allen entrang sich
ein Schrei des Staunens, wie ihn ein Wilder angesichts neueingefhrter
kostbarer Schtze ausstt. Diese Begeisterung spiegelt sich in unserer
Poesie oder richtiger: sie hat diese Poesie erst erschaffen. Das ist der
Grund, warum diese Poesie mit dem ersten Gedicht, das verffentlicht
wurde, einen so feierlichen Klang annimmt. Spricht doch aus ihr das
Bestreben, einen Ausdruck fr die Begeisterung ber das neue Licht, das
sich ber Ruland ergossen hatte, fr das Staunen ber die groe
Aufgabe, die dem Lande bevorstand und fr den Dank zu finden, den es dem
Zaren fr dies alles schuldete. Seit dieser Zeit wurde das Streben nach
dem Licht unser eigentliches Element, der sechste Sinn des Russen, und
es erschuf unsere gegenwrtige Poesie, indem es ihr jenes neue
lichtbringende Prinzip einhauchte, das wir in keiner der drei Quellen,
von denen zu Beginn die Rede war, entdecken konnten.

Was ist Lomonossow, wenn wir ihn an sich betrachten? Ein schwrmerischer
Jngling, begeistert von dem Licht der Wissenschaft und der hohen
Aufgabe, die er vor sich sieht. Wie durch Zufall wird er Poet. Die
Freude ber den ersten Sieg der Russen lt ihn seine erste Ode aufs
Papier werfen, hastig entlehnt er bei unsern deutschen Nachbarn Form und
Metrum, wie sie in jener Zeit bei ihnen blich waren, ohne zu berlegen,
ob sie sich fr unsere russische Sprache eignen oder nicht. Seine
knstlichen rhetorischen Oden lassen auch nicht eine Spur schpferischer
Kraft erkennen, aber die Begeisterung bricht doch schon allenthalben
hervor, wo er einen Gegenstand berhrt, der seiner wissensdurstigen
Seele nahesteht. Das Nordlicht, mit dem er sich in seinen
wissenschaftlichen Arbeiten beschftigte, kommt ihm in Sinn, und die
Frucht dieses Einfalls ist die Ode: _Abendbetrachtungen ber Gottes
Gre_, die von Anfang bis Ende eine hohe Majestt und Wrde atmet und
die kein anderer auer Lomonossow htte schreiben knnen. Ein hnlicher
Einfall wird der Anla fr die Epistel an Schuwalow: _ber den Nutzen
des Glases._ Jede Erwhnung Rulands, das seinem Herzen so nahesteht und
das er immer durch die Perspektive seiner glnzenden Zukunft sieht,
erfllt ihn mit wunderbarer Kraft. Mitten unter kalten nchternen
Strophen begegnen wir Versen, die uns pltzlich in eine andere Welt
versetzen. Man hat das Gefhl, als ob -- um uns seiner eigenen Worte zu
bedienen --

   Der Gtterjngling David leicht
   Der Harfe heil'ge Saiten meistert
   Und aus Jesaias Mund begeistert
   Ein Psalm empor zum Himmel steigt.

Er berschaut das ganze russische Land von einem Ende bis zum andern,
wie von einem lichten Gipfel herab, begeistert und entzckt von seiner
grenzenlosen Weite und seiner jungfrulichen Natur, und es scheint, als
wolle sein Entzcken kein Ende nehmen. Aus seinen Schilderungen spricht
mehr die Ansicht eines gelehrten Naturforschers als die eines Dichters,
aber die treuherzige reine Kraft seiner Begeisterung verwandelt den
Naturforscher in einen Dichter, und was das Merkwrdigste ist, indem er
seine Verse in die strengen Mae des deutschen Jambus pret, tut er der
Sprache durchaus keine Gewalt an; die Sprache fliet innerhalb der engen
Grenzen dieses Versmaes mit der gleichen Wrde und Freiheit dahin, wie
ein wasserreicher Flu in seinem breiten Bette. Ja, sie klingt in seinen
Versen noch schner und freier als in seiner Prosa, und Lomonossow heit
daher nicht umsonst der Vater unserer Verskunst. Das Merkwrdige ist,
da der Urheber unserer Sprache zugleich auch ihr Herr und Gesetzgeber
wird. Lomonossow steht an der Spitze unserer Dichter wie die Vorrede zu
einem Buche. Seine Poesie ist die aufsteigende Morgenrte: sie gleicht
einem Wetterleuchten, das zwar nicht allem Helligkeit verleiht, sondern
sein Licht nur auf einzelne Strophen wirft. Ruland erscheint bei ihm
nur in seinen allgemeinen geographischen Umrissen; er scheint
ausschlielich darum bemht zu sein, eine Skizze von dem gewaltigen
Reich zu entwerfen, und seine Grenzen durch Punkte und Linien
abzustecken, whrend er die Ausmalung den andern berlt. Er selbst ist
gleichsam nur ein erster prophetischer Entwurf der Dinge, die da kommen
sollen.

Durch den Einfall Lomonossows wurde bei uns die Ode eingefhrt. Feste,
Siegesfeiern, Geburtstage hoher Persnlichkeiten, ja sogar eine
Illumination oder ein Feuerwerk werden Gegenstnde dieser Oden. Die
Verfasser dieser Dichtungen brachten es jedoch bestenfalls nur zu einer
gewissen Bravour, ohne da ihre Produkte von wahrer Begeisterung
getragen wurden. Hchstens _Petrow_ macht eine Ausnahme, dem es nicht an
einer gewissen Kraft und einem gewissen poetischen Feuer fehlt. Er war
ein wirklicher Dichter trotz der Hrte und Trockenheit seiner Verse. Die
andern erreichten bestenfalls nur die kalte uere Rhetorik der Oden
Lomonossows, und an Stelle des Wohllauts seiner Sprache tritt ein leeres
zuchtloses Wortgeklapper, das unser Ohr peinigt. Aber schon hatte der
Stahl den Feuerstein getroffen. Schon hatte der Funke der Poesie
gezndet. Noch hatte Lomonossow die Leier nicht aus der Hand gelegt, als
Dershawin seine ersten Lieder dichtete.

In der Epoche Katharinas, deren Regierung einer glnzenden Sammlung der
vorzglichsten Werke russischer Schpferkraft gleicht, als sich auf
allen Gebieten bedeutende russische Talente regten, in glorreichen
Schlachten ruhmgekrnte Feldherren auftraten, groe Staatsmnner in der
inneren Organisation des Reiches ttig waren, geschickte Diplomaten sich
beim Abschlu von Vertrgen auszeichneten, in den Akademien Gelehrte und
Sprachforscher eine rege Ttigkeit entfalteten, da trat auch der Dichter
Dershawin auf. Er hatte das gleiche malerische wrdevolle uere wie
alle Mnner aus der Zeit Katharinas, die in einer noch ungezgelten
Freiheit den Spielraum fr ihre freie Entwicklung fanden. Bei ihnen
allen gibt es noch viel Unfertiges, und in den Details Unausgefhrtes,
wie man es wohl in Werken findet, die allzufrh in die ffentlichkeit
gebracht werden. Die Mglichkeit einer Vergleichung Lomonossows und
Dershawins, die sich einem bei der ersten Bekanntschaft mit beiden
Dichtern aufdrngt, schwindet sofort, wenn man Dershawin eingehender
kennen lernt. Er bildet vielmehr in allem, selbst in seiner Erziehung,
den vollkommenen Gegensatz zu dem ersteren. Whrend sich Lomonossow
vllig den Wissenschaften widmet und das Dichten ausschlielich als eine
Zerstreuung und eine Erholung betrachtet, gibt _er_ sich gnzlich der
Dichtkunst hin und hlt eine vielseitige wissenschaftliche Bildung fr
unntz und berflssig. Rulands Gre und Staatsmacht kommt auch bei
ihm zum Ausdruck, aber nun treten nicht nur die geographischen Umrisse
des Reiches hervor, sondern auch die Menschen und ihr Leben werden
sichtbar. Was ihn beschftigt, ist nicht die abstrakte Wissenschaft:
sondern die Kenntnis des Lebens. Seine Oden wenden sich bereits an die
Menschen aller Berufe und Stnde und zeugen von dem Streben, ein Gesetz
des richtigen Handelns aufzustellen, nach dem sich der Mensch in allem,
selbst in seinen Genssen zu richten hat. Bei ihm macht sich schon eine
wirkliche schpferische Kraft bemerkbar, er besitzt etwas noch
Gewaltigeres und berirdischeres als Lomonossow, und man begreift nicht,
woher der hyperbolische Schwung seiner Rede stammt. Ist es ein Nachklang
unseres sagenhaften russischen Rittertums, das noch immer wie eine
dunkle Weissagung ber unserem Lande schwebt und uns eine bessere
Zukunft vorhlt, zu der wir bestimmt sind -- oder ist es ein Echo seines
alten tatarischen Ursprungs? Jener Steppen, in denen noch heute die
armseligen berreste nomadisierender Horden umherirren, die ihre
Einbildungskraft an Erzhlungen von klafterhohen Helden, die tausend
Jahre alt werden, entznden? -- was es auch sein mag: dieser
Charakterzug Dershawins hat etwas Wunderbares! Mitunter holt er seine
Ausdrcke und Wendungen Gott wei wie weit her: nur um mglichst nahe an
seinen Gegenstand heranzukommen. Hier ist alles kolossal und ungeheuer,
aber dort, wo ihn die Kraft der Begeisterung berkommt, da dienen diese
ungeheuerlichen Massen nur dazu, um den Gegenstand mit einer schier
unbegreiflichen Kraft zu beleben, so da es uns so vorkommt, als blicke
er uns mit tausend Augen an. Man berlese den _Wasserfall_: man hat
den Eindruck, als wre hier eine ganze Epope in eine gewaltig
dahinstrmende Ode zusammengedrngt. Gemessen an dieser Ode erscheinen
alle Dichter neben ihm wie Pygmen, die Natur erscheint hier wie eine
hhere Wirklichkeit neben der, die wir mit unseren Augen sehen, die
Menschen gewaltiger als die, die wir kennen, und unser Dasein verglichen
mit dem mchtigen Leben, wie es dort dargestellt ist, wie das eines
fernen Ameisenhaufens. Von Dershawin kann man sagen: er ist der Snger
des Erhabenen. Bei ihm ist alles erhaben: die Gestalt Katharinens und
Rulands, das sich in seinen acht Meeren spiegelt; seine Feldherrn sind
knigliche Adler, kurz, bei ihm ist alles gro und majesttisch. Man hat
jedoch das Gefhl: was seine Gedanken am meisten beschftigte, was ihn
am meisten bewegte, war der Wunsch, einen im Kampf des Lebens gesthlten
starken Menschen zu gestalten, bereit, es nicht nur mit seiner Zeit,
sondern mit allen Zeitaltern aufzunehmen, ihn so zu zeichnen, wie er
nach seiner Ansicht aus den ureigenen Wurzeln unserer russischen Natur
erwachsen mte, genhrt und gro geworden auf dem unerschtterlichen
Felsen unserer Kirche. Oft lt er die Person, an die die Ode gerichtet
ist, beiseite, um an ihre Stelle seinen unbeugsamen wahrhaftigen Helden
zu setzen. Dann spricht er seine tiefen Wahrheiten mit einer Stimme aus,
die sich hoch ber das gewhnliche Ma erhebt. Das, was wir einen
Gemeinplatz zu nennen gewohnt sind, erhlt seine hohe heilige Bedeutung
wieder, und wir lauschen seinen ewigen Worten, als wenn der Mund der
Kirche selbst zu uns sprche. Verglichen mit den Werken anderer Dichter
erscheint alles bei ihm gro und gigantisch: seinen poetischen Metaphern
fehlt es an der vollen plastischen Rundung, sie scheinen sich gleichsam
in einer Art vergeistigter Kontur zu verlieren, erhalten aber gerade
dadurch etwas noch Groartigeres und Erhabeneres. So schildert zum
Beispiel der Dichter den greisen Caspius, wie er ber den Sturm emprt,
ber das Meer rast:

   Wild springt er auf die Wellen los,
   Schlgt mit dem Dreizack nach den Schiffen,
   Strmt himmelwrts, strzt in den Scho
   Des Hades mit gestrubten Haaren,
   Und durchs Gebirge hallt sein Schrei.

Hier schien sich ein _plastisches_ Bild des greisen Caspius gestalten zu
wollen, aber die Zeichnung verlor sich in abstrakt geistigen Konturen:
das Ohr hrt nichts als den Donner des brausenden Meeres, und wie dem
graukpfigen Greise, so struben sich auch dem Leser die Haare, der
erschttert ist von der rauhen Gre des Bildes. Bei ihm ist alles
monumental. Sein Stil ist von einer Gre, wie bei keinem unserer
Dichter. Wenn wir diesen Stil mit dem Messer des Anatomen sezieren, so
sehen wir, da dies in einer fremdartigen Verkuppelung pathetischer
Worte mit schlichten, ja trivialen begrndet ist, wessen sich kein
anderer auer Dershawin erkhnen wrde. Wer auer ihm wrde es wagen,
sich so auszudrcken, wie er es an einer Stelle tut, wo er von seinem
groen Helden spricht: der nach Vollendung seiner irdischen Aufgabe

   den Tod wie einen Gast erwartet
   und sinnend sich den Schnurrbart streicht.

Wer auer Dershawin htte es gewagt, eine so ernste Angelegenheit wie
die Erwartung des Todes zu einer so trivialen Geste wie das Streichen
des Schnurrbarts in Beziehung zu setzen? Aber wie ungeheuer gewinnt
hierdurch der Held an Anschaulichkeit und welch melancholisch-tiefes
Gefhl bleibt in unserer Seele zurck! Man mu jedoch sagen, da sowohl
diese wie alle andern gigantischen Zge, die ihn weit ber alle unsere
Dichter erheben, bei ihm etwas Zgelloses und Formloses annehmen, sowie
ihn die Inspiration verlt: Alles gert in Unordnung: Satzbau, Sprache,
Stil, alles knarrt wie ein schlechtgelter Karren, und sein Vers gleicht
einem entseelten Leichnam. Seine Werke tragen die Spuren seiner
unvollkommenen geistigen und sittlichen Bildung. Der Mann, der andern
Selbstbeherrschung predigte, wute sich selbst nicht zu beherrschen, hat
sich nie ganz selbst gefunden und hat mhsam und mit der ganzen Kraft
seiner Begeisterung den Weg zu seinem Ich suchen mssen, um das
aussprechen zu knnen, was sich der Seele des Dichters von selbst
entringen mte. Htte er sich die wahre Bildung zu erringen gewut, es
wrde keinen greren Dichter als Dershawin gegeben haben. So aber
gleicht er nur einem gewaltigen unfrmlichen Felsblock, vor dem zwar
niemand ohne Bewunderung stehen bleiben wird: jedoch kein Mensch wird
lange vor ihm verweilen, sondern bald zu andern reizvolleren Eindrcken
fortzueilen suchen.

Noch hatte Dershawin die Leier nicht aus der Hand gelegt, und schon
hatte sich alles um ihn verndert: das Zeitalter Katharinas, die
kniglichen Feldherren, der hfische Luxus und das ganze hfische Leben
waren dahingeschwunden wie ein Traum, die Epoche Alexanders war
angebrochen: sauber, spiegelblank und manierlich. Die Menschen zogen
sich mehr in sich selbst zurck und wetteiferten, aus dem Gefhl heraus,
da sie sich bisher allzusehr gehen gelassen hatten, ihren Handlungen
und Bewegungen Schnheit und edlen Anstand zu verleihen. Die Franzosen
galten in allen Dingen als Vorbild, und wie einst die Pariser Stutzer
den Ton in unserer Gesellschaft angaben, so beherrschten eine Zeitlang
die flinken franzsischen Poeten unsere Dichtung. Zur Rechtfertigung
unseres sicheren dichterischen Gefhls sei jedoch an dieser Stelle
erwhnt, da uns nur einer dieser Dichter wirklich als Vorbild gedient
hat: _Lafontaine_, und zwar nur deshalb, weil er der Natur am nchsten
stand: _Dmitriew_, _Chemnitzer_ und _Bogdanowitsch_ dichteten in der
gleichen Art und behandelten hnliche Stoffe wie er. Die russische
Sprache erhielt pltzlich eine gewisse Freiheit und die Fhigkeit, mit
angenehmer Leichtigkeit von Gegenstand zu Gegenstand berzugehen -- eine
Leichtigkeit, die Dershawin noch unbekannt war. Man pflegte nicht nur
die Ode, sondern versuchte sich in allen Arten und Formen der Poesie.
_Dmitriew_ bewies berall viel Talent, Geschmack, Einfachheit und
Anstand, und hierdurch wurde der Schwulst und das falsche Pathos
berwunden, das durch die talentlosen Nachahmer Dershawins und
Lomonossows blich geworden war. Aber die Oberflchlichkeit der Epoche
vermochte unserer Dichtung keinen reicheren Inhalt darzubieten: sie
blieb allein auf das Gesellschaftsleben beschrnkt, und man konnte sie
bald einem gewandten und gescheiten Weltmann vergleichen, der im Salon
sitzt und plaudert, nicht etwa um andern sein Herz zu ffnen oder sie zu
tchtigen Handeln anzufeuern, sondern lediglich, um Konversation zu
machen und zu beweisen, da er ber jeden Gegenstand etwas zu sagen
habe. Die letzten Tne Dershawins waren verhallt wie die verklingenden
Tne einer Orgel und unsere Poesie schien pltzlich aus der Kirche in
den Ballsaal versetzt. Nur der eine _Kapnist_ lie den Duft eines
wahrhaft beseelten Gefhls und eine eigenartige anthologische Anmut
verspren, wie sie bisher noch nicht bekannt war. Man denke zum Beispiel
an sein Landhaus Obuchowka:

   Mein liebes Huschen, strohgedecket,
   Ist nicht zu gro, noch ist's zu klein,
   Der Freund wird stets willkommen sein
   Und selbst den armen Bettler schrecket
   Kein Trschlo fort, will er hinein.

Aber unsere Poesie vermochte nicht lange auf diesem Gipfel eines
oberflchlichen Gesellschaftslebens zu verweilen. Schon war ihre
Empfnglichkeit durch jenen Schlag Peters mit dem Stahl europischer
Bildung geweckt, und sie erkannte pltzlich, da sie von den Franzosen
nichts als eine gewisse Leichtigkeit entlehnen und fr ihre Entwicklung
nutzbar machen konnte, und so wandte sie sich den Deutschen zu. In der
deutschen Literatur ging um diese Zeit etwas Merkwrdiges vor. Eine
unklare Sehnsucht, geheimnisvolle berlieferungen, wunderbare
unerklrliche Ereignisse, dunkle Schatten aus einer unsichtbaren Welt,
Trume und Schrecken, wie sie die Kindheit des Menschen zu begleiten
pflegen, bildeten den Gegenstand der deutschen Dichtung. Man htte eine
solche Poesie fr die Laune eines Schulbuben halten knnen, wenn nicht
jenes kindliche Lallen in ihr vernehmbar gewesen wre, durch das die
unsterbliche nach lebendiger Nahrung drstende Seele von sich Kunde
gibt. Wie ein neugieriges Kind blieb unsere feinfhlige Dichtung von
dieser Erscheinung gebannt. Ihr nationaler Instinkt rief pltzlich in
ihr die Erinnerung an etwas Verwandtes wach. Bei alledem wren wir uns
nie mit den Deutschen begegnet, wenn nicht ein Poet in unserer Mitte
erstanden wre, der uns diese neue wunderbare Welt durch den klaren
Kristall seines Wesens gezeigt htte, das uns weit verstndlicher war,
als das deutsche. Dieser Dichter ist _Shukowski_: die strkste
Individualitt in unserer Literatur. Durch die geheimnisvolle Fgung des
Hchsten war ihm von seinen Kindheitstagen an eine ihm selbst
unbegreifliche Sehnsucht nach dem Unsichtbaren, Mystischen in die Seele
gelegt. Wie der Held seiner Ballade _Wadim_ vernahm er immer einen
himmlischen Glockenton in seinem Herzen, der ihn in die Ferne rief.
Dieser Lockung folgend, strzte er sich auf alles Unerklrliche und
Geheimnisvolle, wo immer es ihm begegnete, um es in Tne zu fassen, die
eine verwandte Saite in unserer Seele erklingen lieen. Alles dieser Art
entlehnt er fremden Dichtern, vor allem den Deutschen, und das Meiste
davon sind bersetzungen. Aber diese bersetzungen tragen so sehr die
Spur jener inneren Sehnsucht an sich, werden so heftig von ihrer Kraft
belebt und durchglht, da selbst Deutsche, die des Russischen mchtig
sind, zugestehen, die Originale erschienen neben ihnen wie Kopien,
whrend seine bersetzungen den Charakter echter Originale besitzen. Man
wei nicht, ob man ihn einen bersetzer oder einen ursprnglichen
Dichter nennen soll; der bersetzer gibt seine eigene Persnlichkeit
auf, whrend sie bei Shukowski strker hervortritt als bei irgendeinem
unserer Dichter. Wenn wir die ganze Reihe seiner Dichtungen durchlaufen,
so werden wir finden, da das eine von _Schiller_, ein anderes von
_Uhland_, ein drittes von _Walter Scott_, ein viertes von _Byron_
entlehnt ist; und alle diese Werke sind bis auf das einzelne Wort
getreue Abbilder ihrer Vorlagen. Die Persnlichkeit jedes Dichters ist
durchaus erhalten; als bersetzer hatte Shukowski ja auch keine
Gelegenheit, sich vorzudrngen. Liest man jedoch mehrere Gedichte
nacheinander und fragt man sich, wessen Gedichte man gelesen habe, dann
fallen einem weder Schiller, noch Uhland, noch Walter Scott ein, sondern
ein Dichter, der sich von allen diesen unterscheidet, dessen Platz nicht
zu ihren Fen ist, sondern der ein Recht hat, als Gleicher neben
Gleichen an ihrer Seite zu sitzen. Wie es jedoch mglich war, da seine
eigene Persnlichkeit all diese Dichterpersnlichkeiten durchdringen
konnte, das bleibt ein Geheimnis, das sich jedem Leser aufdrngt. Es
gibt keinen Russen, der sich nicht aus den Werken Shukowskis selbst ein
getreues Abbild seiner geistigen Persnlichkeit bilden knnte. Man mu
auch sagen, da sich in keinem der von ihm bertragenen Dichter eine so
starke Sehnsucht regt, in ein wolkenfernes, unsichtbares Traumland zu
entfliehen. Bei keinem von ihnen finden wir diesen festen Glauben an
bersinnliche Krfte, die den Menschen berall schtzend umschweben.
Wenn man Shukowski liest, so hat man bestndig das Gefhl, fr das
Dershawin die Worte gefunden hat:

   Dem Schutz des Himmels bergeben
   Ward deines Lebens Sicherheit
   Und Legionen Engel schweben
   Ob deinem Haupte hilfsbereit.

Er hat durch seine bersetzungen eine Wirkung ausgebt, wie ein
ursprnglicher urwchsiger Dichter. Indem er unserer Dichtkunst dieses
ihr bis dahin ganz unbekannte Streben nach einer unsichtbaren
geheimnisvollen Welt einpflanzte, befreite er sie von dem Materialismus
nicht nur ihrer Gedanken und ihrer Sprache, sondern auch ihrer Versform,
die damit etwas Leichtes und Unkrperliches wie eine Vision erhielt. Mit
diesen bersetzungen legte er den Grund zu allem Originalen, schuf er
neue Formen und Metren, die dann spter auch von allen andern russischen
Dichtern angewandt wurden. Sein trger Geist hinderte ihn daran, vor
allem ein schpferisches Talent zu sein -- es fehlte ihm nicht an
schpferischer Kraft, er war nur zu trge im Erfinden. Im Beginn seiner
Schriftstellerlaufbahn gab er schon Beweise seiner Produktivitt:
_Swetlana_ und _Ludmilla_ trugen zuerst die erwrmenden Klnge unserer
slawischen Seele durch die Lande und sie berhrten uns weit verwandter
als die Lieder anderer Dichter -- ein Beweis dafr, da sie zu einer
Zeit, als unser poetisches Empfinden noch schwach entwickelt war, einen
mchtigen Eindruck auf alle machten. Die Elegie ist eine Schpfung
Shukowskis. Es gibt brigens einen noch tieferliegenden Grund, auf den
diese Trgheit des Verstandes zurckzufhren ist: es ist seine
Veranlagung zur Kritik, die, nachdem sie sich einmal in seinem Geiste
festgesetzt hatte, ihn dazu drngte, auch noch bei jedem fertigen Werk
liebevoll zu verweilen. Daher sein feiner kritischer Instinkt, der
Puschkin so sehr in Erstaunen setzte. Puschkin zrnte ihm sehr, da er
keine Kritiken schrieb. Seiner Meinung nach konnte niemand ein Kunstwerk
so gut zerlegen und beurteilen wie Shukowski. Diese Begabung fr Kritik
und Analyse tritt besonders in seinen farbigen Naturschilderungen
hervor, die seine eigensten, selbstndigsten Leistungen sind. Bezaubert
von einer Landschaft, bemchtigt er sich ihrer und lt nicht eher von
ihr ab, als bis er wie mit dem Seziermesser noch ihr kleinstes,
verschwindendes Detail herausgehoben hat. Wer das Gedicht an die Sonne
zu schreiben vermochte, wer so das bunte Spiel der Sonnenstrahlen und
die Magie der Bilder, belauschen konnte, die sie zu jeder Tageszeit
hervorzaubert, wer in seinem Bericht ber den Mond die magische Pracht
der Mondnchte und die Reihe der Bilder, die sie begleiten, so eingehend
und anschaulich zu schildern vermochte: der mute natrlich im hohen
Mae die Begabung zur _Kritik_ besitzen. Seine Slawin mit ihren
Schilderungen von Pawlowsk ist vollkommene Malerei; die andchtige
trumerische Stimmung, die alle seine Bilder durchweht, verbreitet ein
warmes und erwrmendes Licht um sich, das den Leser mit einer
unbegreiflichen Ruhe erfllt. Alle unsere Leidenschaften beruhigen sich
und eine geheimnisvolle Kraft scheint uns den Mund zu verschlieen.

In der letzten Zeit trat ein Wendepunkt in Shukowskis dichterischer
Entwicklung ein. In dem Mae, als sich die in einem leuchtenden Dmmer
verschwebende Ferne, die er bis dahin nur in einer unklaren poetischen
Distanz erschaut hatte, zu immer reinerer Klarheit luterte, begann er,
den Geschmack und die Vorliebe fr die Gespenster und Phantome der
deutschen Balladen zu verlieren. Seine Neigung zur Trumerei machte
einer geistigen Heiterkeit Platz. Die Frucht dieser Stimmung war die
Undine, ein Werk, das ganz Eigentum Shukowskis war. Der deutsche
Dichter, der die gleiche Sage in Prosaform behandelt hatte, konnte ihm
nicht zum Vorbild dienen: erst Shukowski hat diesem Stoff zu seiner
vollen Klarheit und Heiterkeit verholfen. Von hier an wird ihm eine
kristallene Durchsichtigkeit der Sprache eigen, die dem Gegenstand eine
Klarheit verleiht, welche er nicht einmal bei dem ersten Darsteller des
Stoffes besitzt, dem er ihn entlehnt. Selbst sein Vers verliert das
therische, Unbestimmte, das er frher besa: er schreitet krftiger und
sicherer einher. In Shukowski schienen sich alle Vorbedingungen zu
vereinigen, um mit Hilfe dieses Verses eine Dichtung von hchster
Vollkommenheit zu gestalten. Bei seiner Art des Schaffens, bei solchem
Erflltsein des ganzen Menschen mit dem Geist der Antike und bei einer
so erleuchteten und hohen Lebensanschauung htte uns ein solches Werk
sicherlich die ursprngliche patriarchalische Welt des Altertums in
einer vertrauten und heimischen Beleuchtung nherbringen mssen -- eine
Leistung, die weit hher zu bewerten ist, als jede eigene Schpfung und
die Shukowski eine universelle Bedeutung verleihen wrde. Shukowski
verhlt sich zu unsern andern Dichtern wie ein Goldschmied zu andern
Handwerksmeistern: das heit wie ein Meister, der sich nur mit der
letzten Verarbeitung des Materials beschftigt. Es ist nicht seine
Aufgabe, den Edelstein aus Bergestiefen ans Licht zu frdern: er hat dem
Diamanten lediglich die Fassung zu geben, die ihn in seinem vollen
Glanze erstrahlen lt und jedem seinen ganzen Wert vor Augen fhrt. Ein
solcher Dichter konnte nur aus dem russischen Volke hervorgehen, dem
vielleicht nur darum eine geniale Empfnglichkeit verliehen ward, um all
dem, was die andern Vlker noch nicht in ihrem Wert erkannt, nicht
verarbeitet oder bersehen hatten, eine edlere Form zu verleihen.

Whrend Shukowski noch in der ersten Periode seiner Dichtung stand,
whrend er noch bemht war, die Poesie aus den Fesseln des Irdischen und
Greifbaren zu befreien und sie in die Sphre unkrperlicher Gesichte zu
erheben, suchte ein anderer Dichter, Batjuschkow, wie im bewuten
Gegensatz zu ihm sie fester in der Erde und im Physischen zu verwurzeln,
indem er uns den ganzen bezaubernden Reiz einer plastischen
Krperlichkeit verspren lie. Whrend jener sich ganz in den ihm selbst
noch nicht vllig klaren Idealen verlor, tauchte dieser vollkommen in
der ppigen Pracht des Sichtbaren unter, das er so deutlich empfand und
das ihn so stark ergriff. Er suchte das Schne in allen Gestalten und
Formen, selbst in den abstraktesten, in die unmittelbare lebendige Lust
des Genusses aufzulsen. Er empfand, um sich seiner eigenen Worte zu
bedienen, des Denkens und des Dichtens Wollust. Es schien, als ob eine
innere Kraft im Schoe unserer Poesie diesen Dichter erschaffen htte,
um sie von einer allzuweit gehenden bertreibung zu bewahren, damit uns
der eine die nordischen Klnge der europischen Snger brchte, whrend
der andere unser Ohr mit den sen Tnen des Sdens labte, indem er uns
die Bekanntschaft mit Ariost, Tasso, Petrarka, Parni und den sanften
Klngen des alten Hellas vermittelte, auf da selbst der Vers, der eine
gewisse therische Unbestimmtheit anzunehmen begann, sich mit einer fast
skulpturhaften Plastik, wie wir sie bei den Alten finden, und mit jenem
klingenden Wohllaute erfllte, der uns im neuen Europa aus den Dichtern
des Sdens entgegentnt.

Zwei ganz verschieden geartete Dichter hatten zwei durchaus verschiedene
Prinzipien in unsere Poesie hineingetragen; aus diesen beiden Prinzipien
bildete sich mit einem Schlage ein drittes: Puschkin trat auf den Plan.
Er bildet die Mitte: ohne die abstrakte Idealitt des ersten und ohne
die schwellend-ppige Wollust des andern. Bei ihm hat alles sein
Gleichgewicht gewonnen, ist alles gedrngt, konzentriert wie in dem
russischen Menschen, der in der Wiedergabe seiner Empfindungen sparsam
mit Worten ist, und sie lange in sich hegt und zusammendrngt. Durch
eine lange Aufspeicherung nehmen sie einen explosiven Charakter an, wenn
sie herausbrechen. Ich will hier ein Beispiel anfhren. Der Kasbek,
einer der hchsten Berge des Kaukasus, machte einen starken Eindruck auf
den Dichter. Er entdeckte auf dem Gipfel ein Kloster, das ihm wie die in
der Luft schwebende Arche Noahs erschien. Ein anderer Dichter htte bei
dieser Gelegenheit viele Seiten mit glhenden Versen bedeckt: Puschkin
aber sagt alles in zehn Zeilen und beendet sein Gedicht mit folgender
unerwarteter Apostrophe:

   Ersehntes fernes Friedensreich!
   Knnt ich zu deiner Gnadenstelle
   Mich aus der Schluchten Haft befrein
   Und in der therlichten Zelle
   Allzeit dem Schpfer nahe sein!

                                                            (Fiedler.)

Das und nur das durfte ein Russe sagen, whrend ein Franzose, ein
Englnder oder ein Deutscher einen langen Bericht ber ihre Empfindungen
gegeben htten. Noch nie haben wir einen Dichter gehabt, der so sparsam
in Wort und Ausdruck war wie Puschkin, der sich selbst so wenig
beobachtete, nur um nie etwas berflssiges oder bertriebenes zu sagen,
da er in beiden Fllen die Banalitt scheute.

Was war nun der Gegenstand seiner Dichtung? Das Ganze, nicht das
Einzelne war das Objekt seiner Dichtung. Unser Denken versagt vor der
ungeheuren Mannigfaltigkeit seiner Stoffe. Was hat ihn nicht ergriffen
und was hat ihn nicht gefesselt? Von den ber den Wolken thronenden
Gipfeln des Kaukasus oder einem malerischen Tscherkessen, bis zu der
elenden Htte des Nordens und einer Schenke mit Balaleikaspiel und
Trepak; -- berall und allerorten: wird ihm der Ball, die Htte, die
Steppe, der Reisewagen, kurz, alles zum Objekt seiner Dichtung. Auf
alles, was im Innern des Menschen vorgeht, von den hchsten und
erhabensten Charakterzgen bis zum kleinsten Seufzer menschlicher
Schwche, bis zur kleinsten Regung des Aberglaubens, die ihn beunruhigt,
reagiert er mit der gleichen Strke wie auf jeden Vorgang der ueren
und sichtbaren Natur. Alles formt sich ihm zu einem abgeschlossenen
Bilde, alles wird ihm zum Gegenstand, aus dem Grten schlgt er
elektrische Funken jenes poetischen Feuers, das in jeder von Gottes
Schpfungen lebt: jedem Ding wei er seine schnste Seite abzugewinnen,
die nur dem Dichter bekannt ist, ohne da er dabei an eine Anwendung auf
das praktische Leben oder an die Befriedigung eines menschlichen
Bedrfnisses denkt. Er verrt niemand, warum dieser Funke aufsprhte,
und reicht keinen von denen, die taub fr die Poesie sind, eine Leiter,
die dorthin fhrt. Er kmmerte sich um niemand, es gab fr ihn nur einen
Wunsch: den mit poetischen Gefhl Begabten zuzurufen: Schaut hin, wie
herrlich ist doch Gottes Schpfung!, und sich dann sogleich, ohne noch
etwas hinzuzufgen, dem nchsten Gegenstand zuzuwenden, um abermals
auszurufen: Schaut hin, wie herrlich ist Gottes Schpfung! Was daher
an seinen Werken immer wieder in Erstaunen setzt, ist der Widerspruch
der Gefhle, die sie in dem Leser hervorrufen. Nach der Ansicht von
sonst vielleicht klugen Leuten, denen es jedoch an poetischem Empfinden
fehlt, sind seine Dichtungen unvollendete, leicht hingeworfene Fragmente
-- Kinder des Augenblicks. Nach der Ansicht dichterisch empfindender
Menschen dagegen stellen sie reiche, wohldurchdachte, vollendete
Dichtungen dar, die alle Elemente eines wirklichen Kunstwerks ich sich
vereinigen.

Puschkin gegenber verstummten alle Fragen, die bis dahin noch an keinen
von unsern Dichtern gerichtet worden waren, und die von dem Geist eines
erwachenden Zeitalters Zeugnis ablegen. Wozu diente, welchen Sinn hatte
seine Poesie? Was fr eine neue Richtung, welche neue Wendung hat
Puschkin der Welt des Geistes gegeben? Was hat er ausgesprochen, dessen
sein Zeitalter bedurfte, wonach es verlangte? Hat er einen heilsamen
oder wohl gar einen destruktiven Einflu auf dieses Zeitalter ausgebt?
Hat er, wenn auch nur durch seinen eigenen Charakter oder seine
Persnlichkeit auf andre Menschen gewirkt: durch die Genialitt seiner
Verirrungen, wie z. B. Byron oder selbst viele andre Dichter zweiten
Ranges und minderwertige Poeten? Warum ward er der Welt geschenkt, und
was hat er mit seinem Auftreten bewiesen? Puschkin ward der Welt
geschenkt, um durch sein Dasein zu demonstrieren, was der Dichter ist,
und sonst nichts -- _was der Dichter ist_, sofern man ihn nicht als
Produkt einer bestimmten Epoche oder bestimmter Verhltnisse aber auch
nicht als Produkt seines eigenen persnlichen Charakters, d. h. als
Mensch betrachtet, sondern unabhngig von allen diesen Faktoren in
Betracht zieht, damit, wenn spter einmal irgendein hherer Seelenanatom
der Sache auf den Grund gehen und sich darber klar werden wollte, was
der Dichter in seinem innersten Wesen eigentlich ist: dieses zarte
feinnervige Geschpf, das auf alles in der Welt reagiert, selbst ewig
einsam bleibt, und bei keinem Verstndnis findet -- damit es ihm dann an
nichts fehle, da er in Puschkin alle diese Zge vereint finden wrde.
Puschkin war der einzige, dem diese unabhngige Geistesart und eine so
fein gestimmte Seele beschieden ward, in der alles ein Echo fand und die
bei jedem Ton, der die Luft durchbebte, mitschwang. Wenn wir an einen
Dichter denken, stellen wir ihn uns mehr oder weniger leibhaftig vor.
Vor wem ersteht nicht bei dem Gedanken an Schiller sofort diese reine
kindliche Seele, die stets von den hchsten und letzten Idealen trumte,
sich eine Welt aus ihnen erschuf und damit zufrieden war, da sie in
dieser poetischen Welt leben durfte? Wer denkt, wenn er Byron liest,
nicht an Byron selbst, diesen stolzen, mit allen Gaben des Himmels
begnadeten Mann, der doch der Vorsehung nie seinen geringfgigen
krperlichen Fehler vergeben konnte, tnt doch der Groll des Dichters
ber dies Gebrechen bis in seine Dichtungen hinein. Selbst Goethe,
dieser Proteus unter den Poeten, der alles umfassen wollte, die ganze
Welt der Natur und die gesamte Welt der Wissenschaft, bringt gerade in
diesem wissenschaftlichen Streben seine Persnlichkeit zu so deutlichem
Ausdruck, eine Persnlichkeit, die eine echt deutsche Wrde atmet und
nach echt deutscher Art den Anspruch erhebt, allen Zeitaltern und
Epochen genug zu tun. Alle unsere Dichter: Dershawin, Schukowski,
Batjuschkow haben ihre eigene Persnlichkeit, ihre eigene Physionomie.
Nur Puschkin hat keine. Was wollte man auch aus seinen Dichtungen fr
Zge herauslesen, die fr ihn persnlich charakteristisch wren? Man
versuche es doch einmal, seinen Charakter als Mensch zu fassen. Statt
seiner wird man sich immer wieder jener wunderbaren Gestalt
gegenbersehen: der Gestalt des Menschen, in dessen Seele alles ein Echo
findet, und der allein einsam und unverstanden bleibt. Alle seine Werke
sind ein reiches Arsenal aller Werkzeuge, Waffen und Rstungen der
Dichtung. Nun denn, so tretet herein und whlet euch das Werkzeug, das
euch pat, und zieht mit ihm hinaus in die Schlacht; nur der Dichter
selbst mischt sich nicht mit der Waffe in der Hand in den Kampf. Und
warum hat er das nicht getan? -- Das ist eine andre Frage. Er selbst
beantwortet sie mit den Versen:

   Nicht unser Teil ist das Getmmel
   Des Pbels Hast und Waffenklang,
   Uns gab zur sen Pflicht der Himmel
   Begeistrung, Inbrunst und Gesang.

                                                          (Eliasberg.)

Puschkin verstand seine Bedeutung besser als die, die ihm solche Fragen
vorlegten, und widmete sich voller Liebe seiner Aufgabe. Selbst in
Zeiten, wo er im Dunst der Leidenschaften versank, war die Poesie ihm
heilig -- wie ein Tempel. Nie betrat er unrein und ungeschmckt dies
Heiligtum; und er brachte nie etwas Unberlegtes und bereiltes aus
seinem Leben mit sich, wenn er ihn betrat; nie durfte sich die rohe
ungezgelte Wirklichkeit in ihrer Nacktheit dort hineinwagen. Und doch
ist alles darin -- seine eigene Geschichte. Allein das bleibt allen
verborgen. Der Leser atmet nichts als Wohlgeruch, was jedoch alles im
Busen des Dichters zu Asche verbrennen mute, damit diese Wohlgerche
aus ihm aufsteigen konnten, das ahnt keiner. Und wie htete er sie in
seinem Innern; wie sorgsam hegte er sie in sich! Kein italienischer
Dichter hat seine Sonette so sorgfltig gefeilt, wie er an diesen
leichten Werken gearbeitet hat, die uns wie Kinder des Augenblicks
anmuten. Welche peinliche Genauigkeit liegt in jedem Wort! Wie bedeutend
ist jeder Ausdruck! Wie ist hier alles abgerundet, wie vollkommen und in
sich geschlossen. Jedes Gedicht ist eine Perle, es ist schwer, zu
entscheiden, welche Elegie die vorzglichste ist -- sie gleichen alle
den glnzenden Zhnen des schnen Mdchens, die der Knig Salomo mit den
jungen Schafen vergleicht, welche eben aus dem Taufbecken steigen und
alle gleich schn sind.

Wie htte er ber die Dinge sprechen knnen, die unsere moderne
Gesellschaft interessieren und die fr sie von Bedeutung sind, wenn er
fr jegliches Ding dieser Welt ein offenes Ohr haben wollte, wenn alles
ein Echo bei ihm finden sollte und wenn jeder Gegenstand ihn in gleicher
Weise anzog? Er wollte in seinem Onegin den modernen Menschen
darstellen und ein modernes Problem lsen -- allein er vermochte es
nicht. Er stie seine Helden von ihrem Postament herunter, trat selbst
an ihre Stelle und fhlte sich in ihrer Person auf's tiefste von allem
ergriffen, was den Poeten ergreift. So wurde dies Poem zu einer Sammlung
heterogenster Gefhle, zarter Elegien, boshafter Epigramme und
malerischer Idylle; wenn man es durchgelesen hat, behlt man wiederum
nichts zurck als das Bild des Dichters, dessen Seele auf alles reagiert
und fr alles Verstndnis hat. Seine vollkommensten Schpfungen: _Boris
Godunow_ und die Dichtung Poltawa sind gleichfalls treue Spiegelungen
der Vergangenheit. Er hatte durchaus nicht die Absicht, durch sie zu
seiner Zeit zu reden; er dachte nicht daran, seinen Landleuten einen
Dienst zu leisten, als er sich diese beiden Stoffe auserwhlte, man hat
auch nicht das Gefhl, da er eine besondere Sympathie fr einen der
hier dargestellten Helden empfunden und gerade aus diesem Grunde den
Plan zu diesen beiden Dichtungen gefat htte, die so meisterhaft und so
knstlerisch gestaltet und durchgearbeitet sind. Das Staunen und die
Verwunderung ber diese beiden historischen Ereignisse trieben ihn dazu,
sie zu gestalten, denn er wollte, da auch andere Menschen ber sie
staunen und sich ber sie wundern sollten.

Die Lektre der Dichter aller Zeitalter und Nationen erzeugte bei ihm
dieselbe Resonanz. Der spanische Held Don Juan, dies unerschpfliche
Thema unzhliger dramatischer Dichtungen, gab ihm pltzlich die Idee
ein, den ganzen Stoff in einem kurzen dramatischen Bilde konzentriert
darzustellen, in dem die unwiderstehliche lockende Macht dieses
Verfhrers und die Schwche des Weibes mit einer unerhrten
Seelenkenntnis geschildert ist und in dem Spanien mit ungewhnlicher
Anschaulichkeit vor uns ersteht. Goethes Faust brachte ihn pltzlich auf
den Gedanken, die Grundidee des deutschen Dichters auf zwei oder drei
Seiten zusammenzudrngen, und man ist erstaunt, mit welcher
Treffsicherheit sie erfat und trotz der Unbestimmtheit und
Sprunghaftigkeit, die sie bei Goethe hat, zu einem festen kernhaften
Ganzen zusammengefat ist. Die strengen Terzinen Dantes legten ihm die
Idee nahe, im gleichen Versma und im Geiste Dantes die kindlichen
Anfnge seines dichterischen Schaffens whrend seines Aufenthalts in
Zarskoje Selo zu schildern, die Wissenschaft als strenge Frau, die die
Kinder in die Schule treibt, und sich selbst als Schuljungen
darzustellen, der aus der Klasse entronnen ist, sich in den Garten
geflchtet hat, und nun vor den antiken Statuen steht, die Zirkel und
Lyra in der Hand tragen, und die ihm mehr zu sagen haben und eine
lebendigere Sprache fhren, als die Wissenschaft. Das beweist wieder,
wie frh schon diese groe Feinfhligkeit und diese Fhigkeit, auf alle
Dinge der Welt mit uerster Feinheit zu reagieren, in ihm erwachten.

Und wie wahr und treu spiegelt er alles wieder! Wie empfindlich ist sein
Gehr. Man sprt frmlich den Duft, man glaubt die Farbe der Lnder, der
Zeiten und Vlker frmlich mit dem Auge zu schauen. In Spanien ist er
ein Spanier, unter Griechen ist er ein Grieche, im Kaukasus ist er der
freie Bergbewohner im vollsten Sinne des Worts; weilt er unter den
Menschen vergangener Epochen, so geht von ihm selbst ein Hauch der
versunkenen Zeit aus; blickt er in die Htte des Bauern -- so ist er
jeder Zoll ein Russe; alle Zge unseres Wesens finden sich bei ihm
vertreten, und das alles ist hufig in ein einziges Wort, in ein
einziges mit wunderbarer Feinheit gewhltes, treffendes Adjektivum
zusammengefat.

Diese Fhigkeit entwickelte sich immer krftiger in ihm, und er htte
sicherlich noch einmal das ganze russische Leben dichterisch gestaltet,
wie er ja auch auf jeden einzelnen Zug dieses Lebens reagiert und ihm
Beachtung geschenkt hat. Der Gedanke eines Romans, in dem er die
schlichte kunstlose Geschichte vom einfachen ehrlichen russischen Leben
erzhlen wollte, beschftigte ihn whrend dieser Zeit unablssig. Er
schrieb nur deshalb keine Gedichte mehr, um sich durch nichts ablenken
zu lassen, um sich einen schlichteren Erzhlerton anzugewhnen, und er
befleiigte sich in der Prosa einer solchen Einfachheit, da man an
seinen ersten Erzhlungen so gar nichts zu loben fand. Puschkin freute
sich darber und schrieb dann die _Hauptmannstochter_, sicherlich das
beste Werk unserer Erzhlungsliteratur. Gemessen an der
Hauptmannstochter erscheinen alle unsere Romane und Erzhlungen wie
fades Gesalbader. Die Reinheit und Kunstlosigkeit der Darstellung haben
hier eine solche Hhe erreicht, da die Wirklichkeit daneben fast wie
geknstelt und wie eine Karikatur erscheint. Zum erstenmal treten uns
hier wahrhaft russische Charakter entgegen: der einfache Kommandant der
Festung, die Hauptmannsgattin, der Leutnant, die Festung selbst mit
ihrer einzigen Kanone, die Unruhe und Verworrenheit der Epoche und die
schlichte Gre dieser einfachen Leute, -- das alles ist nicht nur
lauterste Wahrheit, sondern beinahe etwas noch Hheres als sie. Und so
mu es auch wirklich sein: das ist ja gerade die Bestimmung des
Dichters, uns selbst, unser Ich -- aus uns herauszuheben und uns unser
Selbst in geluterter veredelter Gestalt zurckzugeben. In Puschkin
deutete alles darauf hin, da er fr diesen Beruf geboren, da dies sein
Streben war. Fast zugleich mit der Hauptmannstochter entstanden die
wundervollen Fragmente zweier Romane, die er uns hinterlassen hat: Die
Handschrift des Dorfes Gorochino und Der Mohr des Zaren, sowie der
mit Bleistift geschriebene Entwurf zu dem groen Roman Dubrowski.
Whrend der letzten Jahre hatte er viel vom russischen Leben kennen
gelernt, und er sprach so gescheit und so klug ber alle Dinge, da man
jedes Wort htte aufschreiben mgen: denn seine Worte waren mindestens
so bedeutend wie seine besten Verse. Was aber noch merkwrdiger war, das
war der Bau, der in seiner eigenen Seele emporwuchs und von dem aus sich
ein noch helleres Licht ber das Leben verbreitet htte. Die Anklnge
daran kann man in einem, erst nach seinem Tode verffentlichten Gedicht
vornehmen [hier wird in fast apokolyptischen Tnen die Flucht aus einer
dem Untergang geweihten Stadt und zum Teil auch sein eigener
Seelenzustand geschildert]. Wieviel Schnes reifte in diesem Menschen
heran, was Ruland zum Heil und Segen htte gereichen knnen. -- Aber in
dem Mae, als er sich dem Mannesalter nherte und von berall her Krfte
zu groen Taten sammelte, dachte er um so weniger darber nach, wie er
mit den kleinen und nichtigen Dingen fertig werden sollte. Ein
pltzlicher Tod ri ihn mit einem Schlage von uns hinweg, und jeder Mann
im ganzen Staate erfuhr pltzlich, da wir einen groen Mann verloren
hatten. Der Einflu des Dichters Puschkin auf die Gesellschaft war
uerst geringfgig. Das Publikum beachtete ihn nur zu Beginn seiner
dichterischen Laufbahn, als er mit seinen ersten Jugenddichtungen noch
an die Tne der Byronschen Leier erinnerte; als er sich jedoch selbst
gefunden hatte und nun nicht mehr Byron, sondern Puschkin selbst wurde,
da wandte sich das Publikum von ihm ab. Allein sein Einflu auf die
Dichter war sehr gro. Karamsin hat auf dem Gebiet der Prosa lange nicht
das geleistet, was Puschkin auf dem Gebiet des Verses gewirkt hat. Die
Nachahmer Karamsins lieferten traurige Karikaturen seiner Manier, und
ihr Stil und ihre Gedanken nahmen etwas unangenehm Sliches an.
Puschkin dagegen wirkte auf alle Dichter seiner Zeit wie ein vom Himmel
fallendes poetisches Feuer, an dem sich alle andern Dichter, die selbst
Charakter und eigene Farbe hatten, entzndeten wie die Lichter. Ein
ganzer Sternenkreis von Dichtern scharte sich um ihn: _Delwig_, dieser
Sybarit unter den Poeten, der jeden Ton seiner fast hellenischen Leier
frmlich auszukosten schien und den Trank der Poesie nicht etwa mit
einem Zug hinabstrzte, sondern tropfenweise schlrfte, wie ein
Weinkenner seine Blume geniet und seinen Duft einsaugt. _Koslow_, eine
harmonische Natur, aus dessen Mund ungewohnte Tne einer zu Herzen
gehenden Musik, wie man sie bisher noch nie vernommen hatte, an unser
Ohr klangen. _Baratynski_, ein Dichter von strenger, fast finsterer
Eigenart, der schon frh ein tief in seinem Wesen wurzelndes Streben
nach innen an den Tag legte, dessen Gedanken ganz auf die Welt unserer
Seele gerichtet waren und der sich bereits um ihre uere Formung
bemhte, noch ehe sie in ihm selbst vllig ausgereift waren. Finster und
noch unfertig, wie er war, trat er vor das Publikum, entfremdete sich so
alle Leute, und so gelang es ihm nie, jemand nahezukommen. Alle diese
Dichter hat Puschkin zum Dichten angeregt, whrend er andre geradezu
erst erschaffen hat. Ich meine hier unsere sogenannten anthologischen
Poeten, die nur wenig produziert haben, aber wenn wir unter diesen
duftigen Blumen eine Auswahl treffen, so liee sich wohl ein Buch daraus
machen, unter das die besten Dichter ruhig ihren Namen setzen knnten.
Ich brauche nur die beiden Tumanski, A. Krylow, Tjutschew, Pletnjew und
einige andere zu nennen, die nie ihr eigenes poetisches Licht htten
leuchten lassen und nie solch reiner, schner seelischer Regungen fhig
gewesen wren, wenn sie ihr Feuer nicht an dem Puschkins htten
entznden knnen. Selbst ltere Dichter stimmten unter seinem Einflu
ihre Leier um. Der bekannte bersetzer der Odyssee, _Gneditsch_, der
Nachdichter der _Psalmen_, _Th. Glinka_, der Freischrler und Dichter
_Dawydow_ und endlich selbst Shukowski, Puschkins Lehrer und Erzieher in
der Dichtkunst, gingen bei ihm in die Schule, und der Lehrer lernte von
seinem Schler. Selbst solche Kpfe wurden zu Poeten, die gar nicht fr
den Dichterberuf geboren waren, sondern vor denen sich eine keineswegs
geringere Laufbahn erffnete, wenn man nach den geistigen Krften und
Leistungen urteilen darf, die sie mit ihren dichterischen Versuchen
vollbrachten, so z. B. _Wenewitinow_, der uns so frh entrissen wurde,
oder Chomjakow, der Gott sei Dank noch am Leben ist und dem noch eine
herrliche Zukunft bevorsteht, die sich ihm selbst noch nicht vllig
enthllt hat. Diese anregende erweckende Kraft Puschkins ist sogar fr
manche gefhrlich geworden, besonders fr Baratynski und fr noch einen
Dichter, von dem unten die Rede sein wird; sie wurde ihnen dadurch
gefhrlich, weil sie sie veranlate, gleich einen Ausdruck fr ihre noch
gnzlich unausgereiften seelischen Regungen zu suchen, obwohl ihre
Seelen noch gar nicht von einer solchen Poesie erfllt und durchdrungen
waren, die allen vertraut und verstndlich gewesen wre; sie htten
lieber noch ein wenig an sich und an ihrem inneren Ich arbeiten und eine
Zeitlang schweigen sollen. Sie standen alle vllig im Bann dieser
unerhrt knstlerischen Gestaltung und Formung dichterischer
Schpfungen, deren Puschkin fhig war. Die ganze moderne Gesellschaft
und alle Bande, die den Menschen unserer Zeit mit ihr verbinden, alle
Ansprche und Forderungen, die das Vaterland an ihn stellt, waren
vergessen, und alles lebte in einer Art poetischem Hellas und
deklamierte Puschkins Verse.

   Nicht unser Teil ist das Getmmel,
   Des Pbels Hast und Waffenklang.
   Uns gab zur sen Pflicht der Himmel
   Begeistrung, Inbrunst und Gesang.

Unter den Dichtern der Puschkinschen Epoche nimmt _Jasykow_ eine ganz
besondere Stelle ein. Gleich aus seinen ersten Versen dringt einem der
Ton einer neuen Leier entgegen, das sind ganz neue Laute, eine freie
wilde entfesselnde Kraft, eine Khnheit in jedem Ausdruck, eine helle
jugendliche Begeisterung, wie sie in solcher Strke und Vollendung bei
einer seelischen Beherrschung noch bei keinem Dichter dagewesen war. Es
ist kein Zufall, da er den Namen _Jasykow_ (Herr der Zunge) trug: er
ist Herr ber seine Zunge, wie ein Araber ber sein wildes Ro, und es
ist fast so, als brstete er sich mit seiner Macht ber die Sprache. Er
mag eine Periode beginnen, wie er will: mit dem Kopf oder mit dem
Schwanze, sie steht in ihrer ganzen anschaulichen Bildhaftigkeit da, er
fhrt sie stets zu Ende und rundet sie ab, da man von Staunen und
Bewunderung ergriffen wird. Das was die Kraft einer noch ungebrochenen
mchtigen, schwellenden Jugend ausmacht, einer Jugend, die noch voller
Zukunft ist, ist der Gegenstand seiner Dichtungen. Alles, was er
berhrt, sprht und strmt frmlich ber von jugendlicher Frische.

Man denke zum Beispiel an sein Gedicht Der Flu߫:

   Die Hllen fort. Mit frischem Mut
   Streckt sich die Hand zu krft'gen Schlgen,
   Und nun hinab. Und aus der Flut
   Sprht auf ein Diamantenregen.
   Wie sind so stark, so frisch und khl
   Die Elemente, die mich wiegen.
   Welch ses, seliges Gefhl.
   Wenn kosend sie den Leib umschmiegen!

Oder man denke daran, wie er das Swaikaspiel schildert, das er geradezu
ein russisches Spiel genannt hat. Kraftvolle junge Burschen bilden einen
Kreis und

   Durch den Ring nach seinem Ziele
   Saust der Nagel -- er erklingt,
   Bis bei heitrem Scherz und Spiele
   Mild der Frhlingstag versinkt.

Alles, was den Jngling zum khnen Wagnis reizt -- das Meer, ein Sturm,
Festgelage und klingende Becher, ein brderliches Bndnis voller
Tatkraft und Tatenlust, ein felsenfester Glaube an die Zukunft, die
Bereitschaft, jeden Kampf fr das Vaterland zu bestehen -- dies alles
findet in seinen Gedichten einen Ausdruck von geradezu unerhrter Kraft.
Als die erste Buchausgabe seiner Gedichte erschien, sagte Puschkin
rgerlich: Warum hat er das Buch: _Gedichte von Jasykow_ genannt, er
htte es einfach _Rausch!_ betiteln sollen. Ein Mensch von
durchschnittsmiger Kraft wird nie etwas hnliches zustande bringen;
dazu bedurfte es einer Entfesselung aller Krfte. Ich erinnere mich noch
lebhaft daran, wie begeistert er war, als er Jasykows Gedicht an Davydow
gelesen hatte, das gerade in einer Zeitschrift erschienen war. Damals
sah ich zum erstenmal eine Trne in Puschkins Auge (Puschkin pflegte nie
zu weinen, er sagt in der Epistel an Ovid von sich selbst: Als rauher
Slawe kannt ich keine Trnen, doch ich verstehe sie.) Ich erinnere mich
auch, welche Strophen ihn so bis zu Trnen rhrten: es sind die beiden
ersten, in denen sich der Dichter an Ruland wendet, das man bereits fr
schwach und kraftlos erklrt hatte, und in denen er ausruft

   Hrt ihr die Trompete schmettern?
   Auf, der Feind ruft, Vaterland!
   Denk wie du beim Kriegeswettern
   Stets dem Gegner hieltest stand.
   La zum blut'gen Kampf sich rsten
   Deine Recken, mutig, frei.
   Ruf aus Steppen sie und Wsten,
   Von den Flssen, von den Ksten,
   Aus dem fernsten Land herbei.

Und dann folgt die Strophe, in der jene unerhrte Tat der Aufopferung
dargestellt wird, wo der Dichter schildert, wie die eigene Hauptstadt
mit allen ihren Schtzen, die dem ganzen Lande heilig und teuer sind,
den Flammen geweiht wird.

   Erd' und Himmel stehn in Flammen,
   Goldgeschmckte, heilge Stadt.
   Moskau! Wie? Du strzst zusammen?
   Hrst du's, Ruland? Auf zur Tat!
   Rase Feuer der Zerstrung!
   Du erhhst nur unsern Mut.
   Diese flammende Verheerung
   Bringt uns Rettung, bringt Verklrung,
   Phnix schwingt sich aus der Glut.

Wem sollten solche Strophen nicht Trnen entlocken? Seine Verse sind wie
ein alle Krfte entbindender durcheinanderrttelnder Rausch, aber in
diesem Rausch liegt eine hhere Gewalt, die nach oben zieht. Fr Jasykow
ist ein studentisches Gelage nicht so sehr eine uerung der Lust am
Zechen und am Rausch, als vielmehr die Freude ber die Kraft, die die
jungen Arme schwellt, und ber die groe Zukunft, die der Jugend
bevorsteht, einer Freude darber, da die Studenten einmal fortstrmen
werden, um

   Der groen Sache treu zu dienen,
   Der Wahrheit, Ehre und dem Rechte.

Leider geht nur diese Rauschstimmung hufig bis ins Malose, und der
Dichter gibt sich allzusehr der Freude ber die ihnen winkende Zukunft
hin, wie dies bei uns in Ruland so viele Leute tun, ohne ber einen
groartigen Anlauf hinauszukommen.

Aller Augen waren auf Jasykow gerichtet. Alle Welt erwartete etwas
Auerordentliches von dem neuen Dichter, dessen Verse voll ritterlicher
Grosprechereien und voll Verheiungen gewaltiger Taten waren. Allein
die Erwartungen wurden nicht erfllt. Es erschienen zwar noch ein paar
Gedichte von ihm, in denen die alten Tne noch einmal, wenn auch etwas
abgeschwcht, erklangen; dann aber wurde der Dichter von einer schweren
Krankheit heimgesucht, die nicht ohne Folgen fr seine Geistesverfassung
blieb. In seinen letzten Versen gab es nichts mehr, was die russische
Seele ergriff. Sie enthielten nichts als eine Beschreibung der
Langenweile deutscher Stdte, gleichgltige Reiseschilderungen und einen
Bericht ber den einfrmigen Verlauf peinvoller Tage. Das alles war dem
russischen Geiste fremd. Man achtete nicht einmal auf die
auerordentliche Sorgfalt, mit der in diesen spten Gedichten die Form
behandelt war. Allein seine Sprache, die hier noch krftiger ist, wird
ihm gerade dadurch zur Verrterin: sie dient nur dazu, einen mageren
Gedanken und einen drftigen Inhalt einzukleiden und gleicht so dem
Panzer eines Riesen, der den Leib eines Zwerges umschliet. Es wurde
sogar die Meinung laut, Jasykow htte berhaupt keine Gedanken; er knne
nur hohle tnende Verse schmieden und sei berhaupt kein Dichter. Alles
begann wider ihn zu murren. Dieser Groll fand in den Zeitschriften ein
recht trichtes Echo, allein ihm lag wirklich ein berechtigter Kern
zugrunde. Jasykow hat, wenn er vom Dichter sprach, nie ausgerufen wie
Puschkin:

   Nicht unser Teil ist das Getmmel,
   Des Pbels Hast und Waffenklang.
   Uns gab zur sen Pflicht der Himmel
   Begeisterung, Inbrunst und Gesang.

Er lt den Dichter vielmehr sagen:

   Poet, ist alles in dir reif zum Werke,
   Worin der Gott dem Menschen Gunst erweist,
   Des feurigen Gedankens hoher Geist,
   Der Rede Glut, des Wortes Strke,
   So geh und knde, da die Welt hre.

Freilich ist hier von dem idealen Dichter die Rede, aber er hat doch
sein Ideal aus seinem eigenen Wesen geschpft. Wenn die Elemente dazu
nicht in ihm selbst gelegen htten, dann htte er sich den Dichter auch
nicht so denken knnen. Nein, nicht die Kraft hatte ihn verlassen, nicht
Mangel an Talent und an Ideen sind schuld an dem drftigen Inhalt der
letzten Gedichte, wie anmaende Kritiker behauptet haben, nicht einmal
seine Krankheit trgt die Schuld (die Krankheiten sind immer nur dazu
da, die Arbeit an einem Werk zu beschleunigen -- vorausgesetzt, da der
Mensch ihren Sinn richtig erkennt) -- nein, es war etwas anderes, was
ihm die Kraft raubte: das Licht der Liebe war in seiner Seele erloschen.
Das war der Grund, weswegen auch das Licht seiner Poesie so viel trber
brannte.

Du mut das, dessen die Seele bedarf, was ihr not tut, mit solcher Kraft
und Strke lieben lernen, wie du einst den Rausch deiner Jugend liebtest
-- dann werden deine Gedanken denselben Hhenflug nehmen, wie deine
Verse, und deinem Munde werden feueratmende Worte entstrmen. Du wirst
uns dann die groe Leere deines peinvollen Lebens schildern, aber du
wirst sie so schildern, da der Mensch erschauert, da er sich der
sthlernen Kraft, die sich pltzlich in ihm regt, bewut wird, und Gott
fr das bel danken wird, das ihm seine Kraft zum Bewutsein brachte.
Jasykow htte nicht in die Fustapfen Puschkins treten und seinen Vers
nach seinem Vorbilde behandeln und formen drfen; seine Domne ist weder
die Elegie, noch sind es die Formen der Anthologie, sondern die des
Dithyrambus und des Hymnus. Das Gefhl haben alle. Und er htte seine
Fackel eher an Dershawin als an Puschkin entznden sollen. Seine Verse
gehen auch nur dann zu Herzen, wenn sie sich im vollen Glanz der Lyrik
entfalten; ein Gegenstand gewinnt nur dann Leben, wenn er sich entweder
bewegt, oder tnt, oder leuchtet, und nicht, wenn er ruht. Das Los der
verschiedenen Dichter ist sehr ungleich. Der eine hat die Aufgabe, ein
treuer Spiegel und ein treues Echo des Lebens zu sein, und dazu ward ihm
ein vielseitiges Talent fr das beschreibende Genre verliehen. Ein
anderer erhlt die Bestimmung, eine die Gesellschaft vorwrtstreibende,
sie erweckende Kraft zu sein, sie zu den hchsten und hochherzigsten
Regungen anzufeuern -- und dazu ward ihm ein lyrisches Talent verliehen.
Wenn ein solches Talent seinen Weg nicht findet, so liegt es daran, da
es seine geistigen Augen nicht auf sich selbst richtet. Aber die
Vorsehung sorgt besser fr den Menschen. Sie fhrt ihn durch Unglck,
Bosheit und Krankheit mit Gewalt dahin, wohin er allein nicht den Weg
gefunden htte. In der Lyrik Jasykows machte sich brigens wieder ein
Streben zur Umkehr auf den rechten, ihm vorgezeichneten Weg erkennbar.
Erst neulich haben wir sein Gedicht Das Erdbeben kennen gelernt, das
nach der Ansicht Shukowskis unser bestes Gedicht ist.

Unter den Dichtern der Puschkinschen Epoche nimmt Frst Wjasemski eine
besondere Stelle ein. Obwohl seine literarische Wirksamkeit lange vor
Puschkin begann, mssen wir ihn doch erst hier nennen, da er erst nach
dem Auftreten Puschkins den Hhepunkt seiner Entwicklung erreichte.
Frst Wjasemski steht in diametralem Gegensatz zu Jasykow: whrend jener
durch seine Gedankenarmut auffllt, setzt dieser durch die Flle seiner
Ideen in Erstaunen. Der Vers ist fr ihn nur Mittel zum Zweck, das erste
beste Werkzeug, das sich ihm darbietet. Er verwendet nicht die geringste
Sorgfalt auf seine uere Form, ebensowenig wie auf die Konzentration,
auf die Vollendung und Abrundung der Gedanken, um seine Idee dem Leser
wie ein kostbares Kleinod vor Augen zu stellen: er ist kein Knstler und
legt wenig Wert auf das alles. Seine Gedichte sind -- Improvisationen,
obwohl man freilich fr derartige Improvisationen sehr groe und
vielseitige Fhigkeiten und einen Kopf von groer Reife und Ausbildung
mitbringen mu. Er vereinigt in sich eine auerordentliche Menge
vielseitiger Talente, eine starke Anschauung, Beobachtungsgabe, eine
Fhigkeit fr unerwartete Schlsse und Folgerungen, Gefhl, Verstand,
Scharfsinn, Heiterkeit und sogar Melancholie. Jedes dieser Gedichte ist
ein buntes Gemisch aus all diesen Eigenschaften. Er ist kein geborener
Poet. Die Vorsehung, die ihn mit allen Talenten begabt hatte, hatte ihm
gleichsam als Zugabe auch noch die Gabe der Dichtkunst verliehen, um
etwas Ganzes und Vollkommenes aus ihm zu machen. In seinem Buch: Die
Biographie Von Wisins tritt die reiche Flle seiner Talente, ber die er
verfgte, mit besonderer Deutlichkeit zu Tage. Aus diesem Buche spricht
der Politiker, der Philosoph, der feine Kunstliebhaber und Kritiker, der
gediegene Staatsmann und sogar der erfahrene Kenner der praktischen
Seiten des Lebens -- kurz, hier finden sich alle Fhigkeiten vereinigt,
ber die ein tiefer, ernster Historiker im hchsten Sinne dieses Wortes
verfgen mu. Und wenn dieselbe Feder, die die Biographie Von Wisins
geschrieben hat, uns die Regierungszeit Katharinas geschildert htte,
die uns heute bereits durch ihren Reichtum, ihre Buntheit und durch die
groe Zahl auerordentlicher Menschen und Charaktere, die sich hier
begegneten, in einem beinahe phantastischen Lichte erscheint, so knnte
man mit ziemlicher Bestimmtheit sagen, da Europa wohl nie ein
historisches Werk von hnlicher Bedeutung hervorgebracht htte. Das aber
ist gerade der wunde Punkt im Schaffen des Frsten Wjasemski, da es ihm
an einer groen, umfassenden Aufgabe fehlt, und das macht sich sogar in
seinen Gedichten bemerkbar. Man hat das Gefhl, da sich die einzelnen
Teile nicht zu einer harmonischen Gesamtwirkung zusammenfgen und merkt
ihnen einen groen, inneren Zwiespalt an. Die Worte harmonieren nicht
miteinander, ebensowenig wie die Verse; dicht neben einem starken
kraftvollen Vers, wie wir ihn in hnlicher Schnheit bei keinem andern
Dichter finden, steht eine andere Zeile, die der ersten nicht im
mindesten gleichkommt; bald greift er uns mit einem Gefhl an die Seele,
das mitten aus unserem Herzen gerissen scheint; bald wieder stt er uns
ab durch einen Ton, der uns innerlich fremd ist, und der dem Gegenstand
nicht im mindesten entspricht, man fhlt, da ihm die innere Sammlung
fehlt, da er nicht zur vollen, lebendigen Entfaltung seiner Krfte
gelangen kann. Tief unten auf dem Grunde des Ganzen macht sich eine
gewisse Gedrcktheit und Unfreiheit bemerkbar. Das Los eines Menschen,
dem die reichsten und mannigfaltigsten Talente verliehen werden, und der
keine groe Aufgabe finden kann, die alle seine Fhigkeiten bis auf die
letzte in Anspruch nimmt, ist schlimmer, als das des rmsten Bettlers.
Nur eine solche Sache, die den Menschen in sein Inneres zurckfhrt und
ihn veranlat, in sich selbst einzukehren, bringt wahre Erlsung. Nur
bei solch einer Arbeit, sagt der Dichter, knnen

   Der Seele Flgel sich entfalten,
   Erstarkt der Wille, und das Walten
   Des Schicksals zeichnet klar sich ab.

Whrend unsere Poesie ihren Weg unter der Fhrung und Leitung der
Dichter aller Zeiten und Vlker so schnell und in so eigenartiger Weise
zurcklegte, whrend die Klnge aller Lnder, in denen es eine
Dichtkunst gibt, ihr Ohr trafen und sie selbst sich in allen Tonarten
und Akkorden versuchte, stand ein Dichter einsam und abseits von allen
andern. Er hatte den unscheinbarsten und schmalsten Pfad gewhlt und
schritt solange still und geruschlos auf ihm dahin, bis er eines Tages
ber alle andern hinausgewachsen war, wie eine starke Eiche sich hoch
ber ein Gehlz erhebt, in dem sie sich anfnglich versteckte. Dieser
Dichter war -- Krylow. Er hatte die Form der Fabel gewhlt, die alle
Welt bisher fr eine alte, kaum noch verwendbare Gattung oder gar fr
ein Kinderspielzeug gehalten und darum vernachlssigt hatte, und er
brachte es fertig, mit Hilfe dieser Fabel zu einem wirklichen
Volksdichter zu werden. Das war einer von unsern harten starken
russischen Kpfen, ein Geist, der dem Geist unserer Sprichwrter so nahe
verwandt ist; hier regt sich jener Verstand, der die Strke des Russen
ausmacht, und sich in der Fhigkeit, Folgerungen zu ziehen, bekundet,
der sogenannte nachhinkende Verstand. Das Sprichwort stellt nicht etwa
eine vorgefate Meinung oder eine Vermutung ber eine Sache dar, sondern
vielmehr das Fazit, die Summe des Ganzen, den Bodensatz, den
Niederschlag vllig durchgegorener und bereits vollendeter Tatsachen,
den endgltigen Extrakt, die Essenz aus der ganzen Sache, aus allen
ihren Faktoren und nicht blo aus einem einzigen Faktor. Das kommt auch
in dem Spruch zum Ausdruck: Bloe Reden ergeben noch kein Sprichwort.
Dieser nachhinkende Verstand, dieses Talent fr radikale endgltige
Folgerungen, das dem russischen Volk vor allen andern Vlkern eigen ist,
macht, da unsere Sprichworte so viel bedeutsamer sind, als die aller
andern Nationen. Nicht nur in dem reichen Gedankengehalt, sondern auch
in dem Ausdruck spiegeln sich viele von unseren nationalen
Eigentmlichkeiten. In ihnen ist alles enthalten: Spott, Ironie, eine
Mahnung, kurz alles, was geeignet ist, den Menschen aufzurtteln und
seinen wundesten Punkt zu berhren; wie ein hundertugiger Argus blickt
jedes von ihnen den Menschen an. Alle groen Mnner von Puschkin bis auf
Suworow und Peter den Groen haben unsere Sprichwrter geliebt und
bewundert. Die hohe Wrdigung, die man ihnen angedeihen lie, kommt in
vielen Aussprchen zum Ausdruck: Ein Sprichwort wird nicht umsonst
geprgt oder ein Sprichwort bleibt ewig bestehen. Es ist ja bekannt,
da, wenn man sich darauf versteht, seine Rede durch ein geschickt
gewhltes Sprichwort zu bekrftigen, man sie dadurch dem Volke mit einem
Schlage verstndlich macht, selbst wenn sie seine Begriffe noch so sehr
bersteigt.

Das sind die Wurzeln, aus denen Krylow hervorgewachsen ist. Seine Fabeln
sind nicht etwa fr Kinder geschrieben. Man wrde sich eines groben
Irrtums schuldig machen, wenn man ihn einen Fabeldichter von der Art der
Lafontaines, Dmitriews, Chemnitzers oder gar eines Ismailow nennen
wollte. Seine Gleichnisse sind ein festes nationales Besitztum und
bilden das Buch der Weisheit unsers Volkes. Seine Tiere denken und
handeln nach echt russischer Weise. Die Streiche, die sie einander
spielen, sind ein Spiegelbild der Kniffe, der Listen, der Streiche, die
in Ruland blich sind und dessen, was in unserem Lande zu passieren
pflegt. Abgesehen von der getreuen Erfassung des tierischen Charakters,
die bei ihm so genau und treffend ist, da nicht nur der Fuchs, der Br
und der Wolf, sondern sogar der Topf lebendig werden, lassen alle
Geschpfe auch ihre echt russische Wesensart erkennen.

Selbst der Esel, der bei ihm so wunderbar typisch charakterisiert ist,
da er nur seine Ohren aus irgendeiner Fabel hervorzustecken braucht,
damit der Leser sofort ausruft: das ist Krylows Esel, -- selbst der Esel
ist, trotzdem er doch den Lndern einer andern Zone angehrt, bei Krylow
ein echter Russe. Nachdem er mehrere Jahre hindurch fremde Gemsegrten
geplndert hat, wird er pltzlich von einem mchtigen Ehrgeiz erfat, er
will durchaus einen Orden haben, und tut frchterlich wichtig, als sein
Herr ihm ein Glckchen um den Hals gehngt hat, denn er kommt nicht auf
den Gedanken, da ja jetzt jeder seiner Diebsthle und jeder schlechte
Streich, den er begehen wird, von allen bemerkt werden und da es nun
bei jeder Gelegenheit krftige Schlge auf die Lenden setzen wird. Kurz
-- berall befindet man sich bei ihm in Ruland, berall fhlt man sich
an Ruland erinnert. berdies hat jede seiner Fabeln noch ihren
historischen Ursprung. Denn trotz seiner Bedachtsamkeit und seiner
scheinbaren Gleichgltigkeit gegen die Vorgnge und Ereignisse seiner
Zeit verfolgte der Dichter jede Begebenheit, die sich in seinem
Vaterlande abspielte mit groer Aufmerksamkeit: alles fand bei ihm eine
Resonanz, und in seinen Urteilen findet stets das kluge Ma, die rechte
Mitte ihren Ausdruck, aus ihnen spricht die vershnende Stimme des
Mittlers, eine Eigentmlichkeit, die Rulands Strke ausmacht, wenn der
russische Geist sich zu seiner wirklichen Hhe emporschwingt. Durch ein
streng abgewogenes krftiges Wort beleuchtet Krylow mit einem Schlage
den ganzen Gegenstand und bestimmt er sein wahres eigentliches Wesen.
Als einmal ein paar allzusehr fr das militrische Wesen begeisterte
Leute behauptet hatten, da der ganze Staat ausschlielich auf die
militrische Macht gegrndet werden msse und da in ihr das ganze Heil
liege, whrend die Zivilbeamten sich ihrerseits ber alles, was mit dem
Militr zusammenhing, lustig machten, blo weil ein Paar Leute das ganze
Militrwesen zu einer Epauletten- und Litzenfrage gemacht hatten, da
schrieb er seinen berhmten Streit zwischen den Kanonen und den Segeln,
in dem er beide Parteien mit folgenden vier Zeilen in ihre rechtmigen
Grenzen verweist:

   Darin besteht des Staates wahre Macht,
   Da alle Teile weise Frieden halten.
   Die Waffen stehen drohend auf der Wacht,
   Die Segel sind der Brger -- Rechtsgewalten.

Wie treffend ist diese Entscheidung! Ohne Kanonen ist keine Verteidigung
mglich, ohne Segel aber kommt man auf der See berhaupt nicht vom
Flecke. Ein anderes Mal wiederum, als ein Paar Regierungsbeamte, die die
allerbesten Absichten hatten, sich jedoch durch eine groe
Kurzsichtigkeit auszeichneten, auf den seltsamen Gedanken verfallen
waren, man msse sich vor den gescheiten und energischen Leuten in acht
nehmen und sie bei der Besetzung der mter bergehen, blo weil sich
gerade damals einzelne von ihnen einige lose Streiche hatten zuschulden
kommen lassen und sich an einem trichten Unternehmen beteiligt hatten,
da schrieb Krylow seine nicht weniger bedeutende Fabel: Die beiden
Rasiermesser, in der er sich gegen die Beamten wendet, die

   Die klugen Menschen frchten
   Und lieber sich an einen Dummkopf halten.

Man merkt, da er berall Partei fr den Verstand nimmt, berall mahnt
er immer wieder, man solle den klugen Mann nur ja nicht unterschtzen,
sondern man solle ihn richtig behandeln lernen. Dieser Gedanke kommt in
der Fabel _Die Musikanten_ zum Ausdruck, die mit den Worten schliet:
Ich mcht dich lieber trinken sehn, tust du nur deine Sache ganz
verstehn. Das sagt er nicht etwa, um das Trinken und Zechen zu
verherrlichen, sondern weil ihm das Herz wehe tat, wenn er mit ansehen
mute, wie manche Leute sich statt tchtiger sachverstndiger Mnner
allerhand hergelaufenes Gesindel herholten, und sich dann noch dessen
rhmten und erklrten, sie verstnden zwar nichts von ihrer Sache,
htten dafr aber ein ausgezeichnetes Benehmen. Er wute, da man bei
einem klugen Menschen alles erreichen knne und da es nicht schwer sei,
ihm auch ein gutes Betragen beizubringen, wenn man es nur versteht,
verstndig mit ihm zu sprechen, dagegen sei es sehr schwer, einem
Dummkopf Verstand beizubringen, selbst wenn man noch so viel auf ihn
einredet: Mit einem Diebe -- ist man wie auf hoher See, mit einem
Dummkopf wie in einem Topf mit abgerahmter Milch. Aber auch dem
Gescheiten wei er ein krftiges Wort zu sagen, in der Fabel Teich und
Flu߫ tadelt er ihn heftig, weil er seine Fhigkeiten einschlafen lt,
und in der Fabel Der Schriftsteller und der Ruber straft er ihn, weil
er sie zu schlimmen und lasterhaften Zwecken mibraucht. berhaupt
beschftigten ihn immer nur groe und bedeutende Fragen. Aus einem Buch
kann jeder Mensch Belehrung schpfen, alle Stnde und Rnge im Staate,
in erster Linie das Oberhaupt, von dem er sagt:

   Wenn ein Monarch sein Volk erfolgreich lenken will,
   Mu er die Zgel fest, doch allzu straff nicht halten,

ebenso wie der letzte Tagelhner, der in den untersten Reihen des
Staatskrpers steht und wirkt. Ihn weist er auf seine hohe Aufgabe hin,
indem er ihn an die Biene erinnert, die nie darum bemht ist, ihrer
Arbeit eine besondere Wrde zu verleihen.

   Welch hoher Achtung wert ist auch der niedre Mann,
   Der ungeehrt und im Verborgnen lebt
   Und den fr alle Sorgen, Mhn und Plagen
   Der einzige Gedanke nur erhebt!
   Er mu sie fr das allgemeine Beste tragen.

Diese Worte werden ein ewiges Zeugnis fr den hohen Sinn Krylows
bleiben. Kein Dichter hat je vermocht, seinen Gedanken eine so greifbare
Form zu geben, sie so allgemein verstndlich auszudrcken, wie Krylow.
Der Dichter und der Weise sind in ihm eins geworden. Bei ihm ist alles
plastisch und anschaulich, seine Schilderungen der Natur in ihren hohen
Reizen und in ihrer drohenden Gre, ja selbst in ihrer Hlichkeit und
in ihrem Schmutz, bis zu den feinsten Wendungen eines Gesprchs, die
eine lebendige Offenbarung der innersten seelischen Regungen sind. Alles
ist so treffend ausgedrckt, so richtig beobachtet, die Dinge sind mit
einer solchen Sicherheit erfat, da es eigentlich unmglich ist,
festzustellen, was das Charakterische der Krylowschen Schreibweise
ausmacht. Der Versuch wre vergeblich, das Wesen seines Stils zu
ergrnden. Der Gegenstand scheint berhaupt keine sprachliche Hlle zu
besitzen und ganz nackt, ganz nur er selbst, so wie die Natur ihn
geschaffen hat, vor unseren Augen zu stehen. Seine Verskunst spottet
gleichfalls jeder Definition. Es lt sich nicht sagen, worin ihre
Eigenart besteht: Ist dieser Vers klangvoll, leicht, oder schwerfllig?
Er fngt an zu tnen, wo sein Gegenstand zu tnen beginnt, er wird
lebendig und beweglich, wo sich der Gegenstand bewegt, er wird kraftvoll
und ehern, wo der Gedanke stark und krftig ist und er wird pltzlich
leicht, wo die Kraft und Schwere der Gedanken dem leichten
oberflchlichen Geschwtz der Toren Platz macht. Seine Sprache folgt
willig und gehorsam dem Gedanken, sie schwirrt hin und her wie eine
Fliege; bald bewegt sie sich in langen sechsfigen Versmaen, bald
wieder in schnellen einfigen; in der wohlberlegten Silbenzahl
offenbart sich aufs deutlichste ihre unfabare Geistigkeit. Man denke
blo an den groartigen Schlu der Fabel Die beiden Fsser:

   Den groen Mann erkennt man an der Tat
   Und die Gedanken, die sein Hirn erfllen,
   Denkt er im Stillen.

Hier glaubt man aus der Anordnung und der Folge der Worte frmlich die
Gre des in sich selbst versenkten Menschen herauszufhlen.

Von Krylow werden wir sofort zu einer andern Gattung unserer Poesie,
nmlich zur satirischen Form hinbergeleitet. Wir Russen besitzen alle
viel Ironie. Sie kommt schon in unseren Sprichwrtern und Liedern zum
Vorschein und, was das Merkwrdigste ist, hufig selbst da, wo die Seele
ganz offenkundig leidet und wo sie gar nicht zur Heiterkeit aufgelegt
ist. Die Tiefe dieser urwchsigen Ironie hat sich uns noch nicht vllig
erschlossen, weil wir auf allen Gebieten den Einflssen der europischen
Bildung unterlegen sind und uns auch in diesem Punkte von unserer
heimatlichen Wurzel losgelst haben. Die Tendenz zur Ironie haben wir
uns indessen doch erhalten, wenn auch in etwas anderer Form. Es ist
schwer, einen Russen zu finden, in dem sich nicht einerseits die
Fhigkeit ehrfrchtiger Hingabe an einen Gegenstand mit der Neigung zum
Spott und ehrlichem Lachen vereinigt fnde. Alle unsere Dichter haben
diese Fhigkeit besessen. Dershawin hat den greren Teil seiner Oden
mit diesem krftigen Salze gewrzt. Wir finden sie aber auch bei
Puschkin, bei Krylow, beim Frsten Wjasemski, wir finden sie selbst bei
solchen Dichtern, deren Charakter eher zu einer sanften Melancholie
neigt: bei Kapnist, bei Shukowski, bei Karamsin, beim Frsten Dolgoruki;
dies ist ein Zug, der uns allen gemeinsam ist. So wird es begreiflich,
da unser Volk geborene Satiriker im wahren Sinn dieses Wortes
hervorbringen konnte. Schon zu jener Zeit, als Lomonossow sich bemhte,
seine Leier auf einen hohen lyrischen Ton abzustimmen, entdeckte Frst
Kantemir mancherlei Stoffe fr die Satire und geielte in seinen
Dichtungen die Torheit unsrer noch im Werden begriffenen Gesellschaft.
Wir besitzen Satiren, Epigramme, boshafte karikaturistische Umdichtungen
der bekanntesten Dichtungen und alle mglichen Parodien voll Spott und
Ironie aus allen Epochen, sie alle werden wahrscheinlich ewig nur im
Manuskript erhalten bleiben, obwohl sie von starkem Talent zeugen. Man
denke nur an die Parodien des Frsten Gortschakow, an die Satire auf die
Literaten von Wojeikow Das Irrenhaus und an die talentvollen Parodien
Michael Dmitrijews, in denen sich die Galle Juvenals mit einer
eigentmlichen slawischen Gutmtigkeit mischt. Indes die Satire brauchte
bald ein greres Wirkungsfeld fr ihre Entwicklung, und so drang sie
allmhlig auch in das Drama ein. Das Theater hatte bei uns denselben
Ursprung wie berall; wir begannen zunchst mit Nachahmungen; bald
jedoch kamen auch originelle Zge zum Vorschein. In der Tragdie regten
sich sittliche Mchte und eine Erkenntnis des Menschen, wie er sich
unter dem Einflu einer bestimmten Epoche, eines bestimmten Zeitalters
darstellte; in der Komdie ergossen die Dichter ihren milden Spott ber
die lcherlichen Seiten unserer Gesellschaft, ohne sich um die Seele der
Menschen zu kmmern. Namen wie denen Oserows, Knjaschnins, Kapnists,
Frst Schahowskois, Chmelnitzkijs, Sagoskins, A. Pissarews usw., haben
wir ein achtungsvolles Gedchtnis bewahrt, sie alle aber verblassen vor
zwei hervorragenden Werken, nmlich vor den beiden Komdien _Der
Landjunker_ von Von _Wisin_ und vor Gribojedows _Verstand bringt
Leiden_, die Frst Wjasemski geistreich zwei moderne Tragdien genannt
hat. Dies ist mehr als ein leichter milder Spott ber die komischen und
lcherlichen Seiten der Gesellschaft, hier werden die Wunden und
Krankheiten der Gesellschaft und schwere Mibruche in ihrem Innern
aufgedeckt, die durch die Kraft einer unerbittlichen Ironie mit
erschtternder Deutlichkeit in ihrer ganzen Nacktheit ans Licht gestellt
werden. Von diesen beiden Komdien hat jede eine besondere Epoche zum
Gegenstand; die eine geielt die bel, die aus der Unbildung -- die
andere die, die aus einer miverstandenen Bildung entspringen. Die
Komdie Von Wisins richtet sich gegen die rohe Brutalitt des Menschen,
dies Produkt einer stumpfen unerschtterlichen Stagnation der entlegenen
Teile und Provinzen Rulands. Sie schildert die Rinde von Roheit und
Brutalitt, die die Gesellschaft umgibt, in so furchtbaren Farben, da
man in diesem Stck den Russen kaum noch wiedererkennt. Wer vermag noch
einen russischen Zug in diesem boshaften Wesen voll tyrannischer Gelste
zu entdecken: in dieser Frau Prostakowa, der Peinigerin ihrer Bauern,
ihres Mannes sowie aller Menschen mit der einzigen Ausnahme ihres
Sohnes? Und doch fhlt man deutlich, da in keinem Lande, weder in
Frankreich noch in England, ein solches Wesen mglich wre. Diese
unsinnige Liebe zu ihrem Kinde -- ist unsere eigene, starke russische
Liebe, die sich in einem Menschen, der seine Menschenwrde eingebt
hat, in so unnatrlicher Weise uert: in dieser sonderbaren Mischung
mit einer tyrannischen Sinnesart; denn je mehr sie ihr Kind liebt, um so
mehr hat sie alles, was nicht ihr Kind ist. Der Charakter Skotinins
stellt ein anderes Beispiel der Verrohung dar. Dieser plumpe
schwerfllige Mensch, der wiederum gar keine starken und wilden
Leidenschaften kennt, geht vllig in einer stillen Liebe zum Vieh auf,
die fast etwas Poetisches hat; statt auf den Menschen, richtet sie sich
auf das Tier: die Schweine bedeuten fr ihn ebensoviel wie eine
Gemldesammlung fr einen Kunstliebhaber. Sodann der Mann der Frau
Prostakowa -- dies unglckliche, vllig verschchterte Geschpf, in dem
selbst die schwachen Krfte und Regungen, die noch in ihm waren,
gnzlich durch die ewigen Nrgeleien seiner Gattin erstickt sind -- in
ihm ist alles abgestorben! Und endlich dieser Mitrophan, in dessen Natur
keinerlei Bosheit liegt, der niemand etwas Bses antun will, und der
doch ganz unmerklich, infolge der bermigen Verzrtelung, und weil
jeder seiner Wnsche erfllt wird, zum Tyrannen seiner ganzen Umgebung,
am meisten jedoch der Menschen wird, die ihn am innigsten lieben, d. h.
seiner Mutter und seiner Wrterin, so da es ihm geradezu ein Genu ist,
sie zu krnken und zu beleidigen. Kurz, diese Menschen scheinen
eigentlich gar keine Russen zu sein, es ist schwierig, berhaupt noch
einen russischen Zug in ihnen wiederzufinden, abgesehen etwa von der
Jeremejewna und dem alten Soldaten. Man erfhrt mit Schrecken, da bei
ihnen weder der Einflu der Kirche noch die guten alten Sitten etwas
auszurichten vermgen, von denen sich bei ihnen nichts als das Hliche
und Gemeine erhalten hat; hier hat nur noch das eherne Gesetz zu
sprechen. In dieser Komdie erscheint alles wie eine monstrse Karikatur
auf das Russentum, und doch enthlt sie nichts Karikiertes, alles ist
mitten aus dem Leben geschpft und mit tiefster Seelenkenntis
beobachtet. Dies sind ungeheuerliche schreckliche Beispiele der
Verrohung, wie sie nur ein Mensch, dessen Wiege in Ruland gestanden
hat, nie aber der Sohn eines andern Volkes erschaffen konnte.

Die Komdie von Gribojedow behandelt eine andere gesellschaftliche
Epoche, sie schildert das bel, das durch eine schlecht verdaute
Aufklrung, die oberflchliche Nachffung mondner uerlichkeiten statt
des Kernhaften und Wesentlichen hervorgerufen wird, kurz, sie macht sich
die Donquichotterien unserer europischen Bildung, die unorganische
Vermischung der Sitten und Bruche, die die Russen so sehr ihrem eigenen
Wesen entfremdet und zu Auslndern gemacht hat, zum Vorwurf. Der Typus
des Famussow ist ebenso tief erfat, wie der der Frau Prostakowa. Mit
derselben Naivitt, wie Frau Prostakowa sich ihrer Unwissenheit, rhmt
_er_ sich seiner Halbbildung, und zwar sowohl seiner eigenen wie der des
ganzen Standes, dem er angehrt: er ist stolz darauf, da die jungen
Mdchen von Moskau die hchsten Tne singen knnen, da sie keine zwei
einfache ungezierte Worte zu sagen vermgen, da seine Tre allen offen
steht, den Geladenen wie den Ungeladenen, besonders aber den Auslndern
und da in seinem Bureau lauter Verwandte sitzen, die nichts zu tun
haben. Er ist ein Mann von gutem wrdigen Benehmen und zugleich ein
Schwerenter; er predigt Moral und ist ein Feinschmecker und ein Freund
opulenter Diners, die ihm drei Tage lang im Magen liegen. Er ist sogar
ein Freidenker, wenn er in Gesellschaft hnlicher alter Herren weilt,
wie er selbst einer ist, und will doch keinen jungen Freigeist auf
Schuweite in die Stadt hineinlassen; diesen Namen hlt er nmlich fr
jeden bereit, der die Bruche der vornehmen Welt nicht aufs strengste
beobachtet. Im Grunde genommen ist dies einer jener ausgebrannten
Menschen, die trotz all ihres weltmnnischen _comme il faut_ gnzlich
leer und hohl sind, deren Verweilen in der Hauptstadt und deren
Beschftigung mit dienstlichen Angelegenheiten fr die Gesellschaft
ebenso schdlich sind, wie andere Leute sie dadurch schdigen, da sie
dem Dienst zu entfliehen suchen und bestndig auf dem Lande sitzen, wo
sie vollends verrohen. Erstens leiden schon ihre Gter darunter, da sie
ihre Bewirtschaftung gedungenen Arbeitern und Verwaltern berlassen und
immer nur Geld fr Blle, sowie groe und kleine Diners von ihnen
verlangen; damit zerstren sie das gesunde heilige Band, das einstmals
den Gutsherrn mit seinen Bauern einte; ferner aber leiden darunter auch
die dienstlichen Angelegenheiten: indem sie nmlich alle mter und
Posten ausschlielich mit ihren Verwandten besetzen, die nichts zu tun
haben und sich dem Miggang ergeben, berauben sie den Staat der
wirklichen ttigen Arbeiter und nehmen einem jede Lust, bei einem
ehrlichen Menschen in den Dienst zu treten; endlich aber diskreditieren
sie auch noch das Ansehen der Regierung durch ihren zweideutigen
Lebenswandel -- denn indem sie sich selbst den Anschein geben, als seien
sie wohlgesinnte Leute, die [dem Zaren] treu ergeben sind, -- verlangen
sie von den jungen Leuten, da sie Tugend heucheln sollen, dabei aber
fhren sie selbst einen lasterhaften Lebenswandel, bringen so die Jugend
gegen sich auf und pflanzen denen, deren Kpfe nicht allzu
widerstandsfhig und zu allerhand Extremen geneigt sind, -- Miachtung
des Alters, wahrer Verdienste und Neigung zu wirklichem Freidenkertum
ein. Nicht weniger bedeutsam ist ein anderer Typus: _Sagorezki_, dieser
ausgesprochene Lump, ber den alle schimpfen und der doch
wunderbarerweise berall empfangen wird, ein Lgner und Gauner, der es
aber versteht, sich bei allen hochgestellten und einflureichen
Persnlichkeiten beliebt zu machen, indem er ihnen das zu verschaffen
wei, wofr sie eine schmhliche Schwche haben; ja er ist, wenn es
darauf ankommt, sogar bereit, ein Patriot und ein Vorkmpfer der
Sittlichkeit zu werden, einen Scheiterhaufen zu entznden und alle
Bcher, die es auf der Welt gibt, und mit ihnen zugleich alle
Fabeldichter [wegen ihrer ewigen Scherze ber die Lwen und Adler] zu
verbrennen, womit er brigens verrt, da er, der sich vor nichts
scheut, -- nicht einmal vor dem elendsten Geschimpf und Geznk --
dennoch den Spott frchtet, wie der Teufel das Kreuz. Nicht minder
hervorragend ist eine dritte Figur: der trichte Liberale _Repetilow_,
dieser Ritter der Hohlheit und Torheit, in welcher Gestalt sie auch
immer erscheinen mag. Die ganze Nacht ber eilt er von Versammlung zu
Versammlung, und freut sich, Gott wei wie sehr, wenn es ihm gelingt,
Anschlu an irgendeine Gesellschaft zu finden, in der viel Lrm gemacht
und laute Reden ber Gegenstnde gefhrt werden, die er nicht versteht,
und deren Sinn er nicht einmal wiederzugeben vermag; trotzdem aber hrt
er sich all die verrckten Phantastereien begeistert an, und er ist
berzeugt, da er sich nun endlich auf dem richtigen Wege befindet, und
da hier wirklich eine groe soziale Aufgabe vorliegt: ein Problem, das
zwar noch nicht reif ist, dessen wahre Bedeutung sich jedoch schon
offenbaren wird, wenn man nur gehrig Lrm macht, sich nachts recht
hufig versammeln und heftige Diskussionen fhren wird. -- Auf derselben
Hhe steht ein vierter Typus: der dumme [Soldat] _Skalosub_, der seinen
Dienst so versteht, da es dabei lediglich darauf ankommt, die
verschiedenen Abzeichen und Uniformen unterscheiden zu knnen, der dabei
aber an einer eigenartigen philosophischen [liberalen] Anschauung ber
die Rnge und Titel festhlt. Er erklrt ganz offen, er halte sie fr
die unentbehrlichen Kanle, die zum Generalsrang fhren; und habe er
erst den, dann mge kommen, was da will. Sonst macht er sich keine
Sorgen, die Zustnde seiner Epoche und seines Zeitalters machen ihm
nicht viel Kopfzerbrechen, er ist fest davon berzeugt, da man Ruhe in
der Welt schaffen knne, wenn man ihr einen Feldwebel zum Voltaire gibt.
Ein prachtvoller Typus ist ferner auch die alte Chlstowa, diese
traurige Mischung aus der Hohlheit und Trivialitt zweier Jahrhunderte.
Von dem ganzen Inhalt der alten Zeiten hat sie lediglich deren Torheit
und Hohlheit ererbt und fr diese fordert sie Achtung von der jungen
Generation, sie verlangt, da dieselben Menschen, die sie verachtet, sie
respektieren sollen, berhuft jeden, der ihr in den Weg luft, mit
Vorwrfen, weil er sich in ihrer Gegenwart nicht richtig hingesetzt oder
umgedreht habe, es gibt kein Wesen, das sie liebt und achtet, dafr aber
protegiert sie kleine Negerjungen, Mpse und Leute von der Art einer
Moltschalin, kurz, sie ist ein widerwrtiges altes Weib im vollen Sinn
des Wortes. _Moltschalin_ ist gleichfalls ein glnzender Typus. Diese
stumme gemeine Kreatur ist mit auerordentlicher Treffsicherheit erfat.
Dieser Mensch arbeitet sich ganz still und geruschlos empor, schlummert
doch nach Tschatzkys Worten in ihm ein knftiger Sagorezki. Ein solcher
Haufen von Ungeheuern, deren jedes in sich das Zerrbild einer Meinung,
eines Prinzips, einer Idee darstellt, ihren vernnftigen Sinn in seiner
Weise entstellt und in sein Gegenteil verkehrt, mute eine Reaktion
hervorrufen und zu dem entgegengesetzten Extrem fhren, wie es in seiner
ganzen Schroffheit durch Tschatzky reprsentiert wird. Tschatzky geht in
seinem rger und in gerechter Emprung gegen alle diese Leute
gleichfalls viel zu weit und bemerkt nicht, da er gerade dadurch und
durch seine unbeherrschte Sprache unertrglich und lcherlich wird. Alle
Personen des Gribojedowschen Dramas sind ebensosehr Produkte der
Halbbildung, wie die Personen im Drama Von Wisins Produkte der
Unbildung, russische Ungeheuer, Krppel, vorbergehende
Zeiterscheinungen sind, die aus einer durch neue Fermente
hervorgerufenen Grung entsprungen sind. Kein einziger von ihnen stellt
einen echten, wahrhaft russischen Typus dar: in keinem von ihnen regt
sich der russische Brger. Der Zuschauer bleibt gnzlich im Ungewissen,
wie nun ein Russe in Wahrheit sein soll. Selbst Tschatzky, diese
Persnlichkeit, die offenbar vorbildlich wirken soll, zeigt nur ein
Streben, eine Tendenz zu einem bestimmten Ziel, und uert blo ihre
Entrstung ber alles Gemeine und Verchtliche in der Gesellschaft, ohne
in Wirklichkeit in sich selbst der Gesellschaft ein Muster und Vorbild
aufzustellen.

Beide Komdien erfllen die Forderungen der dramatischen Technik nur
schlecht, in dieser Beziehung ist ihnen jedes noch so minderwertige
franzsische Stck berlegen. Der Kern der Intrige, der Knoten des
Dramas wird weder straff geknpft noch kunstvoll gelst. Man hat den
Eindruck, als htten die Komdiendichter sich hierfr nur wenig
interessiert, als reprsentiere ihnen der Stoff nur einen andern hheren
Inhalt, der allein fr das Auftreten und den Abgang ihrer Person
magebend ist. Die Notwendigkeit der Nebenpersonen und Rollen steht
gleichfalls in keinem Zusammenhang mit der Hauptperson, mit dem Helden
des Stcks, sondern wird lediglich daran gemessen, inwieweit diese
Personen geeignet erscheinen, den Gedanken des Dichters durch ihre
Anwesenheit zu erlutern und zu ergnzen und das satirische Gesamtbild
zu vervollstndigen. Wre es anders, d. h. htten die Dichter die
notwendigen Forderungen der Bhntechnik erfllt und jede ihrer Personen,
die alle so auerordentlich glcklich erfat und gestaltet sind, sich
vor dem Zuschauer in einer lebensvollen Handlung und nicht in bloen
Reden und Gegenreden ausleben lassen, so wren diese beiden Komdien
sicherlich zwei groartige Schpfungen des russischen Genius geworden.
Auch jetzt kann man sie zwei echte soziale Komdien nennen; eine so
ausdrucksvolle und bedeutende Komdie hat es bisher, wie ich glaube,
noch bei keinem Volke gegeben. Bei den Griechen finden wir zwar Anstze
zu einer sozialen Komdie, indessen lie sich Aristophanes doch mehr
durch persnliche Sympathien leiten, er geielte die Mibruche und
Fehler einzelner und behielt dabei nicht immer lediglich das Interesse
der Wahrheit im Auge: hat er es doch gewagt, was wohl ein gengender
Beweis dafr ist, den Sokrates zu verspotten. Unsere Komdiendichter
aber wurden von sozialen und nicht von persnlichen Motiven bewegt, ihre
Angriffe richteten sich nicht gegen einzelne Personen, sondern gegen
unzhlige Mibruche, gegen Verirrungen der Gesellschaft und ihr
Abweichen vom geraden Wege des Rechts. Die Gesellschaft schien in ihnen
selbst Fleisch und Blut, schien Krper geworden zu sein; am lyrischen
Feuer der Entrstung entzndete sich ihr kraftvoller schonungsloser
Spott. Da ist eine Fortsetzung jenes Kampfes von Licht und Finsternis,
den Peter in Ruland entfacht hat, und der jeden hochherzigen Russen
unwillkrlich zu einem Vorkmpfer des Lichts macht. Beide Komdien sind
keine eigentlichen Schpfungen der Kunst, und sind nicht aus der
Einbildungskraft des Dichters geboren. Es mute sich schon viel Schmutz
und Unrat in unserem Lande angehuft haben, damit zwei solche Werke ganz
aus sich selbst entstehen und wie ein reinigendes Gewitter an uns
vorberziehen konnten. Und das ist der Grund, weswegen in unserer
Literatur kein Werk mehr auf sie gefolgt ist, das ihnen gleichkam, und
da ihnen wahrscheinlich auch lange kein gleiches mehr folgen wird.

Mit dem Tode Puschkins kommt die Bewegung in unserer Literatur zum
Stillstand. Das bedeutet jedoch noch keineswegs, da ihr Geist erloschen
ist; im Gegenteil, er sammelt sich gleich einem Gewitter in der Ferne,
und die Trockenheit und die schwle Luft kndigen sein Nahen an. Schon
heute gibt es viele talentvolle Leute unter uns. Aber noch verspren wir
die Nachwirkung der harmonischen Puschkinschen Tne; noch vermag niemand
diesem Zauberkreis, den er um uns gezogen hat, zu entrinnen und zu
zeigen, was er selbst vermag. Ja niemand scheint etwas davon zu merken,
da eine neue Zeit angebrochen ist, da sich neue Lebensgrundlagen
herausgebildet haben, und da neue Fragen laut zu werden beginnen, die
wir bisher nicht vernommen haben; daher haben sie alle noch keine eigene
Farbe und keine selbstndige Individualitt. Man tut sogar besser, diese
Dichter gar nicht beim Namen zu nennen, auer dem einen _Lermontow_, der
die andern weit berholt hat und der nicht mehr unter den Lebenden
weilt. Er hat Zeugnisse eines erstklassigen Talentes abgelegt; eine
groe Zukunft htte ihm bevorgestanden, wenn nicht ein Unstern ber ihn
gewaltet htte und wenn er sich's nicht in den Kopf gesetzt htte, da
dieser sein Schicksal lenke. Er war sehr frh in solche
Gesellschaftskreise gekommen, denen man wohl mit Recht nur eine
vorbergehende und zeitweilige Bedeutung beilegen kann, und die wie ein
armes Pflnzchen, das sich vom mtterlichen Boden losgerissen hat, dazu
verurteilt waren, traurig durch de Wsten zu irren, im sicheren Gefhl,
da sie nie in einem andern Boden Wurzeln schlagen wrden und da es ihr
Los sei -- zu verwelken und elend zugrunde zu gehen -- daher diese
herzzerreiende Gleichgltigkeit gegen alles in der Welt, die bei ihm
schon so frh zum Durchbruch kommt und die wir bisher noch bei keinem
unserer Dichter antrafen. Freudlose Begegnungen, ein schmerzloser
Abschied, seltsame und sinnlose Liebesbndnisse, die ohne Zweck und Ziel
geknpft und ebenso ziel- und zwecklos wieder gelst werden, das sind
die Gegenstnde seiner Gedichte, daher konnte Shukowski das Wesen
dieser Poesie sehr treffend mit dem Ausdruck die Poesie der
_Illusionslosigkeit_ kennzeichnen. Lermontows Talent machte diese
Stimmung fr eine Weile populr und modern. Wie einst unter dem
anfeuernden Einflu Schillers eine Begeisterung durch die ganze Welt
ging, wie es eine Zeitlang modern war, sich zu begeistern, und wie eine
Weile nachher unter dem deprimierenden Eindruck der Byronschen Poesie
die Enttuschung, die Entgeisterung, die _Desillusionierung_ im
Schwange war, die vielleicht nur die Folge einer bermigen
Begeisterung gewesen sein mag und dann gleichfalls modern wurde, so kam
endlich auch die Reihe an die Illusions_losigkeit_, dieses eigenste Kind
der Byronschen Enttuschung und Desillusionierung. Die Zeit, whrend der
diese Stimmung herrschte, war freilich krzer, als die Dauer der beiden
andern Modestrmungen, denn die Illusionslosigkeit hat fr niemand etwas
Verlockendes. Lermontow glaubte, da ein Dmon der Verfhrung Macht ber
ihn habe, und so hat er es mehr als einmal versucht, sein Bild zu
gestalten, wie wenn er sich durch die dichterische Darstellung htte von
ihm befreien knnen. Allein dies Bild nahm keine bestimmten scharfen
Konturen an, ja es fehlte ihm an jener verfhrerischen Macht ber den
Menschen, die der Dichter ihm verleihen wollte. Man merkt es Lermontow
an, da diese Gestalt nicht ein Produkt der eigenen Kraft, sondern der
Mdigkeit und der Unlust der Menschen ist, den Kampf mit dem Dmon
aufzunehmen. In einem unvollendeten Gedicht: Ein Mrchen fr Kinder
hat diese Gestalt mehr plastische Schrfe gewonnen, ist sie sinnvoller
geworden. Vielleicht htte sich der Dichter, wenn er diese Erzhlung,
die sicherlich sein bestes Gedicht ist, beendigt htte, ganz von diesem
Dmon und damit auch von seiner trostlosen Stimmung befreit (Anzeichen
einer solchen Befreiung kann man bereits im _Engel_, im _Gebet_ und
einigen andern Gedichten bemerken), wenn er nur selbst etwas mehr
Achtung und Liebe fr sein Talent besessen htte. Noch nie hat jemand
eine _solche_ beinahe prahlerische Miachtung fr sein Knnen zur Schau
getragen, wie Lermontow. Man hat nie den Eindruck, da er etwas wie
Liebe fr die Kinder seiner Phantasie empfinde. Kein einziges seiner
Gedichte ist liebevoll ausgetragen, sorgsam und mit der Zrtlichkeit
einer Mutter gehegt und gepflegt. Keins ist in sich gefestigt, ins
Gleichgewicht gebracht und konzentriert, sogar der Vers hat keine eigene
feste Physionomie und mutet wie eine matte Reminiszenz an Shukowskis
oder Puschkins Verse an. berall herrscht berflu und ein unntiger
Wortreichtum. Lermontows Prosawerke dagegen sind weit bedeutender. Noch
nie hat jemand eine so korrekte, schne, duftige russische Prosa
geschrieben. Aus ihr spricht eine echte Vertiefung in das Leben und die
lebendige Wirklichkeit, hier kndigt sich der knftige groe Maler und
Darsteller russischen Lebens an .... Da aber ri der Tod ihn pltzlich
von uns hinweg. Das Schicksal unserer Dichter hat etwas Schreckliches.
Sowie einer von ihnen seine eigentliche Bestimmung, seine wahre Aufgabe
aus den Augen verliert, nach einer andern greift oder in dem Getriebe
der vornehmen Gesellschaft untertaucht, in die er nicht hingehrt und in
der ein Dichter nicht weilen darf, reit ihn mit einem Schlage ein
pltzlicher gewaltsamer Tod aus unserer Mitte. Drei erstklassige
Dichter: Puschkin, Gribojedow und Lermontow wurden uns einer nach dem
andern whrend eines einzigen Dezenniums in der Blte ihres Mannesalters
und ihrer Krfte durch einen gewaltsamen Tod entrissen -- und doch hat
das auf keinen Menschen einen tiefen Eindruck gemacht: unsere
leichtsinnige Generation fhlte sich nicht im geringsten erschttert.

Doch es wird endlich Zeit, da wir zum Schlu noch etwas darber sagen,
was denn eigentlich unsere Poesie berhaupt darstellt, wozu sie da ist,
welchem Zwecke sie gedient und was sie fr unser ganzes russisches
Vaterland geleistet hat. Hat sie zu ihrer Zeit den Geist der
Gesellschaft beeinflut, hat sie jeden einzelnen je nach dem Platz, den
er einnahm, veredelt, hat sie zu seiner Erziehung beigetragen, hat sie
der Gesamtheit, gem dem Geist des Landes und den wurzelhaften Krften
des Volkes, die die treibenden Mchte des Staates sein mssen, hhere
Begriffe eingepflanzt? Oder war sie lediglich ein treues Abbild unserer
Gesellschaft -- eine vollstndige detaillierte Kopie, ein klarer Spiegel
unseres Lebens? -- Sie ist weder das eine noch das andere gewesen und
hat weder das eine noch das andere getan. Sie ist fast vllig unbekannt
geblieben, unsere Gesellschaft wute so gut wie nichts von ihr; unser
Publikum geno damals eine andere Erziehung unter der Leitung
franzsischer, deutscher und englischer Gouverneure, fremder Auswanderer
aus aller Herren Lnder, aus allen Stnden und Berufen, von Menschen
ganz verschiedener Sinnesart, ganz verschiedener Grundstze und
Anschauungen. -- Unsere Gesellschaft wurde -- was bisher noch mit keinem
Volke geschehen ist, mitten im eigenen Vaterlande in der Unkenntnis
ihres eigenen Landes -- erzogen. Selbst die eigene Sprache war
vergessen, so da unserer Poesie alle Mittel und Wege abgeschnitten
waren, um bis ans Ohr unseres Publikums zu gelangen. Wenn es ihr aber
doch einmal glckte, bis zur Gesellschaft durchzudringen, so geschah
dies stets auf unnatrlichen Seitenwegen: entweder eine glcklich
erfundene Musik trug ein Gedicht bis in die Salons der vornehmen
Gesellschaft, oder die unreife Frucht eines jugendlichen Dichters, ein
minderwertiges Gedicht, das den fremdlndischen -- freigeistigen Ideen,
die unserer Gesellschaft von irgendeinem fremden Gouverneur beigebracht
worden waren, nicht entsprach, wurde der Anla, da das Publikum etwas
von der Existenz eines Dichters erfuhr, der sich in seiner Mitte
aufhielt.

Kurz -- unsere Poesie hat weder zur Belehrung und Erziehung unserer
Gesellschaft beigetragen, noch war sie ein Ausdruck dieser Gesellschaft.
Sie schwebte die ganze Zeit ber gleichsam hoch _ber_ der Gesellschaft,
wie im Gefhl, da ihre Bestimmung nicht innerhalb der modernen
Gesellschaft liege, und wenn sie sich einmal bis zu ihr herablie, so
nur zu dem Zwecke, um sie mit der Geiel der Satire zu treffen, nicht
aber, um den Nachkommen durch die Darstellung des gesellschaftlichen
Lebens ein Vorbild aufzustellen. Es ist hchst merkwrdig: trotz alledem
waren wir selbst Gegenstand unserer Dichtkunst, und doch erkennen wir
uns in ihr nicht wieder. Wenn uns ein Dichter unsere besten Seiten vor
Augen stellt, scheint er uns zu bertreiben und wir wollen nicht recht
daran glauben, was Dershawin uns ber uns selbst sagt. Wenn aber ein
Schriftsteller die hlichen und unwrdigen Zge unseres Wesens
schildert, so glauben wir ihm gleichfalls nicht, und wir halten das
Bild, das er von uns entwirft, fr eine Karikatur. In der Tat, in beiden
Fllen ist irgendwo eine bertriebene, bersteigerte Kraft oder Potenz
vorhanden, und doch ist tatschlich nichts bertrieben. Der Grund fr
die erstere ist der, da unsere lyrischen Dichter die Gabe haben, schon
in dem Keim, der dem gewhnlichen Auge fast verborgen bleibt, die
knftige herrliche Frucht zu ahnen, und daher jeden Zug unseres Wesens
in gereinigter, geluterter Gestalt vor uns erstehen lassen. Der Grund
der zweiten Erscheinung ist der, da unsere satirischen Schriftsteller,
wenn auch in verschwommenen Umrissen, das Ideal des besseren russischen
Menschen in der Seele trugen und gerade deswegen alles Hliche und
Gemeine in den wirklich existierenden Reprsentanten des Russentums nur
um so deutlicher sahen. Die Kraft einer edlen Emprung verlieh ihnen die
Fhigkeit, eine Sache weit klarer und schrfer zu beleuchten, als sie
dem gewhnlichen Menschen erscheint. Das ist der Grund, weshalb sich in
der letzten Zeit von allen unseren Charakterzgen -- die Spottlust am
allerstrksten entwickelt hat. Bei uns lacht und spottet ein jeder ber
seine Mitmenschen; ja im innersten Wesen unseres Landes liegt etwas,
eine Neigung, ber alles zu spotten: ber das Alte wie ber das Neue,
und nur dem Achtung und Ehrfurcht zu bezeugen, was nie veraltet und was
ewig ist. So also hat unsere Dichtkunst nie den russischen Menschen in
seiner Vollstndigkeit dargestellt, weder in dem _Ideal_, das er
erreichen _soll_, noch in seinem wirklichen _Dasein_, wie er heute in
Wirklichkeit _ist_. Sie hat lediglich eine schier unendliche Zahl von
Nuancen unserer verschiedensten Charaktereigenschaften aufgehuft, sie
hat nur alle einzelnen Zge unserer vielseitigen Natur wie in einer
Schatzkammer vereinigt. Unsere Dichter hatten das Gefhl, da die Zeit
noch nicht gekommen sei, uns vollstndig und allseitig darzustellen, uns
unserer Eigenart zu rhmen, da wir uns vielmehr erst organisieren, uns
selbst finden und Russen werden muten. Unsere russische Natur ist heute
erst soweit erweicht und vorbereitet, um die ihr entsprechende Form
annehmen zu knnen; noch haben wir nicht Zeit gehabt, die Summe aller
Elemente und Prinzipien zu ziehen, die von berall her in unser Land
verpflanzt wurden; noch ist jeder von uns der Schauplatz, auf dem sich
Fremdes und Eigenes in bunter sinnloser Mischung begegnen, noch sind wir
nur ein unreifes unvernnftiges Resultat, um dessentwillen Gott diese
Mischung, dieses Zusammentreffen der Elemente angeordnet hat. Das haben
unsere Dichter gefhlt; aus diesem Gefhl heraus war es gleichsam ihre
stete Sorge, in diesem Kampfe die besten Zge unseres Wesens nicht
untergehen zu lassen. Sie nahmen dies Beste berall, wo sie es fanden,
und beeilten sich, es ans Tageslicht zu bringen, ohne viel danach zu
fragen, welchen Platz sie ihm anweisen sollten. So sucht der arme
Besitzer eines Hauses, das ein Raub der Flammen wird, alles Wertvolle,
was es birgt, zu retten, ohne sich viel um das brige zu kmmern. Unsere
Poesie hat nicht fr ihr Zeitalter getnt, sie lie ihre Stimme
erschallen, damit wir, wenn die herrliche Zeit endlich anbrechen wrde,
wo der Gedanke einer inneren Erbauung und Verkrperung des Menschen im
Bilde, fr das ihn Gott erschaffen und das er auf sein Gehei aus den
eigenen urwchsigen Materialien unseres Landes errichten sollte, ganz
Ruland ergreifen und zum sehnlichsten Wnsche aller Russen werden wrde
-- damit wir uns dann darber klar wren, was alles an Gutem und Schnem
und Eigenem in uns verborgen liegt, und nicht vergessen, es bei diesem
Bau zu verwenden. Unsere eigenen Schtze werden sich uns immer mehr
enthllen, je aufmerksamer wir uns in unsere Dichter hineinlesen werden.
In dem Mae, als wir sie mehr und besser kennen lernen werden, werden
wir auch ihre anderen hheren Eigenschaften verstehen lernen, die bisher
noch kein Mensch bemerkt hat: wir werden erkennen, da sie nicht blo
die Hter unserer Schtze und Kostbarkeiten, sondern zum Teil auch
unsere Baumeister waren, sei es nun, da sie sich dessen bewut waren
oder nicht; jedenfalls aber haben sie in ihrer im Vergleich zu uns so
viel hheren Natur und Veranlagung einen unserer nationalen
Charakterzge zur Darstellung gebracht, der in ihnen zu weit
kraftvollerer, deutlicherer Entwicklung gekommen ist, um sich uns in
seinem ganzen Glanz und in seiner ganzen Herrlichkeit zu enthllen.
Dieses Streben Dershawins, das Bild eines starken, unbeugsamen Mannes
von einer ungeheuren, fast biblischen Gre zu zeichnen, hatte nichts
Willkrliches: den Keim dazu fand er in unserem Volke selbst. Die
mchtigen Zge eines groen und gewaltigen Menschen sind in ganz Ruland
berall so lebendig, da selbst Auslnder, die etwas von Ruland kennen
gelernt haben, darber erstaunt sind, noch ehe sie sich mit den Sitten
und Gebruchen unseres Landes vertraut gemacht haben. Vor kurzem erst
hat einer von ihnen seine Memoiren herausgegeben, um Ruland Europa von
einer recht abschreckenden Seite zu zeigen, aber auch er vermag seine
Verwunderung ber die schlichten Bewohner unserer Bauernhtten nicht zu
verhehlen[5]. Mit Staunen betrachtete er unsere ehrwrdigen weihaarigen
Greise, die an der Schwelle der Htten sitzen; erschienen sie ihm doch
wie die gewaltigen Patriarchen der alten biblischen Zeiten. Mehr als
einmal mute er gestehen, da ihm in keinem Lande Europas, das er
bereist hatte, das Bildnis des Menschen in solch einer an die
patriarchalisch biblische Gre gemahnenden Erhabenheit erschienen war.
Und dieser Gedanke kehrt in seinem Buch, das von einem mchtigen Ha
gegen unser Volk erfllt ist, mehrfach wieder. Dieser Zug, d. h. diese
Feinfhligkeit, dieser scharfe _Instinkt_, der sich besonders bei
Puschkin mit solcher Strke uert, ist eine unserer nationalen
Eigentmlichkeiten. Man denke blo an die Ausdrcke, mit denen das Volk
selbst diesen eigentmlichen Zug eines Charakters kennzeichnet, z. B. an
den Spitznamen _Ohr_, den man einem Menschen beilegt, in dem jede Fiber
zittert und zu sprechen scheint und der keinen Augenblick unttig sein
kann. Oder man denke an die Bezeichnung _Allerweltskerl_ fr einen
Menschen, dem alles gelingt, und der mit allem fertig wird, und die Zahl
derartiger Ausdrcke, die die verschiedensten Nuancen und Schattierungen
dieses Charakterzugs bezeichnen, ist ganz auerordentlich gro.

[Funote 5: Der Marquis Custin.]

Das ist ein groer Zug in unserem Wesen: das Bild des russischen Mannes,
das Dershawin gezeichnet hat, wre noch nicht vollstndig und wrde noch
nicht die ganze herbe Gre atmen, wenn es diesem Manne an dem feinen
Gefhl, an der Fhigkeit fehlte, lebhaft auf jeden Naturgegenstand zu
reagieren und bei jedem Schritte voll Staunen ber die Schnheit der
Schpfungen Gottes zu verharren. Dieser Verstand, der die richtige
Mitte, das Ma eines jeden Dinges zu finden wei, wie wir ihn besonders
bei Krylow finden, das ist der echt russische Verstand. Nur in Krylow
uert sich dieser sichere Takt des russischen Geistes, der es versteht,
das wahre Wesen einer Sache zum Ausdruck zu bringen, und es auszudrcken
vermag, ohne jemand durch ein Wort zu verletzen und Menschen von anderer
Sinnesart gegen sich und seinen Gedanken aufzubringen, kurz jener
sichere Takt, den wir durch unsere weltmnnische Erziehung und Bildung
verloren haben und den sich nur noch unsere Bauern erhalten haben. Unser
Bauer versteht es, so freimtig mit allen Hhergestellten und ber ihm
Stehenden zu sprechen [selbst mit dem Zaren], wie keiner von uns, und
dabei verletzt er mit keinem Worte den Anstand, whrend wir es hufig
nicht einmal verstehen, mit einem Gleichgestellten zu reden, ohne ihn
durch einen Ausdruck zu verletzen. Wenn dafr aber einmal in einem von
uns dieser innere sichere, echt russische geistige Takt wirklich
vorhanden ist, dann geniet er bei uns die Achtung aller Leute, ihm wird
kein Mensch es verwehren, etwas zu sagen, was man einem andern nie
gestatten wrde, ihm nimmt niemand etwas bel. Alle unsere
Schriftsteller haben Feinde gehabt, selbst die gutmtigsten unter ihnen
und die, die das beste Herz hatten. (Man denke nur an Karamsin und
Shukowski.) Krylow aber hatte nie einen Feind. Dieser _jugendliche
Wagemut_ und dieser strmische Drang, seine Krfte fr alles Hohe und
Gute einzusetzen, der in den Versen Jasykows pulsiert, das ist die
berschumende Kraft unseres russischen Volkes, jene herrliche
Eigenschaft, die nur ihm allein eigen ist und die uns Alten und Jungen
ein jugendliches Feuer einhaucht, sowie sich eine Gelegenheit bietet,
sich fr eine groe Sache, deren kein andres Volk fhig ist, einzusetzen
-- solch eine Aufgabe schmilzt pltzlich die ganze bunte, mit sich im
Streit liegende Masse in einem mchtigen Gefhl zusammen; jeglicher
Streit, alle engherzigen persnlichen Interessen -- alles ist vergessen,
und ganz Ruland steht pltzlich da wie ein einziger Mann. Alle diese
Eigenschaften, die unsere Dichter uns offenbart haben, sind nationale
Eigentmlichkeiten unseres Volks, die in ihnen blo schrfer und
deutlicher zur Ausprgung gekommen sind; die Dichter tauchen ja nicht
pltzlich wie aus dem Wasser empor, sie gehen aus ihrem Volke hervor.
Sie sind Funken, die von ihm selbst ausgehen, die ersten Herolde, die
von seiner Kraft zeugen. Daneben aber haben unsere Dichter auch schon
dadurch viel Gutes geleistet, da sie einen bisher noch nie bekannten
Wohllaut verbreitet haben. Ich wei nicht, ob die Dichter irgendeiner
andern Literatur eine so unendliche Mannigfaltigkeit von Klangnuancen
hervorgebracht haben, wozu ja freilich auch unsere poetische Sprache
manches beigetragen hat. Jeder von ihnen hat sein eigenes Versma und
seinen Eigenton. Dieser eherne metallische Vers Dershawins, den unser
Ohr noch bis auf den heutigen Tag nicht vergessen kann; dieser Vers
Puschkins, der da tropft wie schweres Harz oder wie ein Strahl alten,
hundertjhrigen Tokaiers, dieser leuchtende festliche Vers Jasykows, der
wie ein Lichtstrahl in die Seele dringt und ganz aus Licht gewebt zu
sein scheint, dieser mit allen Dften des Mittags gesalbte Vers
Batjuschkows, s wie der Honig aus Bergschlchten, dieser leichte
therische Vers Shukowskis, der wie der kaum vernehmbare Ton einer
olsharfe verschwebt, dieser schwere, uns zur Erde herabziehende Vers
und hufig von einer bitteren, qulenden russischen Schwermut
durchdrungene Vers Wjasemskis -- sie alle haben wie verschieden
abgestimmte Glocken, oder wie die vielen Flten einer herrlichen Orgel
einen wundervollen Wohllaut durch das ganze russische Land getragen.
Dieser Wohllaut ist wahrlich nichts Geringes, wie _die_ glauben mgen,
die keinen Begriff von der Poesie haben. Dieser Wohllaut lullt das Volk
in seinen Kinderjahren ebenso ein wie das herrliche Wiegenlied einer
Mutter, noch ehe es den Sinn des Liedes verstehen lernt, und seine
wilden Leidenschaften legen sich und kommen von selbst zur Ruhe. Dieser
Wohllaut ist ebenso notwendig, wie der Weihrauch im Tempel, der unsere
Seele unmerklich, noch ehe der Gottesdienst begonnen hat, zur Aufnahme
von etwas Hheren stimmt und vorbereitet. Unsere Poesie hat alle Akkorde
auserprobt, hat die Einflsse der Literatur aller Vlker erfahren, hat
der Leier aller Dichter gelauscht, hat sich eine Art von Weltsprache
geschaffen, um alle Menschen fr eine grere Aufgabe vorzubereiten.
Jetzt kann man nicht mehr von den Torheiten reden, die unsere heutige,
sich ihrer Verantwortlichkeit noch nicht bewute junge Dichtergeneration
leichtsinnig weiterplappert; man kann auch der Kunst nicht mehr dienen
-- so schn und beglckend ein solcher Dienst auch sein mag --, ohne
ihre hhere Bestimmung zu verstehen und ohne sich darber klar zu sein,
wozu uns die Kunst verliehen ward; ein Puschkin lt sich nicht
wiederholen. Nein, weder Puschkin noch irgendein anderer darf uns jetzt
zum Vorbilde dienen; nun sind andre Zeiten gekommen. Heute kann man uns
mit nichts mehr imponieren: weder durch die Eigenart und Eigenwilligkeit
des Verstandes, noch durch die plastische Kraft des Charakters, noch
durch die stolze Selbstbewutheit der Geste: heute mu der Dichter eine
hhere christliche Bildung erhalten. Andere Aufgaben erwachsen der
Poesie. Wie sie whrend der Kindheit der Vlker dazu diente, die
Nationen zum Kampf anzufeuern und ihren kriegerischen Geist zu wecken,
so ist es jetzt ihre Bestimmung, den Menschen zu einem andern, hheren
Kampf aufzurufen -- zu einem Kampf, in dem es sich schon nicht mehr um
unsere zeitlichen Gter und unsere zeitliche Freiheit [unsere Rechte und
Privilegien], sondern um unsere Seele handelt, die unser himmlischer
Schpfer selbst fr die Perle Seiner Schpfungen hlt. Zahlreiche
Aufgaben stehen heute der Dichtkunst bevor: sie mu der Gesellschaft
alles wahrhaft Schne wieder zurckerstatten, was ihr durch das sinnlose
Leben von heute geraubt ward. Nein, diese knftigen Dichter werden
keinem von unseren frheren Poeten hnlich sehen. Sogar ihre Sprache
wird anders klingen; sie wird unserer russischen Seele verwandter und
vertrauter erscheinen, und unsere nationalen Elemente werden viel
lebendiger und krftiger in ihr zum Ausdruck kommen. Noch sprudelt jener
eigene urwchsige Quell unserer Poesie nicht krftig und hoch genug, der
schon zu einer Zeit im Innern unseres Busens kochte und strmte, als
selbst das Wort _Poesie_ noch in keines Menschen Munde war. Noch immer
erscheint dieser unerklrliche Freiheitsdrang, der uns aus unseren
Liedern entgegentnt, und ber das Leben und sogar ber das Lied selbst
hinweg in unbekannte Fernen strmt, noch erscheint uns dieser glhende,
verzehrende Wunsch nach einem besseren Vaterland, nach dem sich der
Mensch seit dem Tage seiner Geburt so schmerzlich sehnt -- wie ein
Rtsel. Noch ist in keinem einzigen Wesen jene vielseitige, poetische
Harmonie und das Geschlossene unseres Geistes, die in unseren
vielugigen Sprichwrtern verborgen ist, vllig Fleisch und Blut
geworden; haben sie es doch verstanden, in einem so armseligen und
traurigen Zeitalter so groe und bedeutsame Folgerungen und Schlsse zu
ziehen, als dem Menschen in Ruland noch so enge Grenzen gezogen waren,
als er noch gezwungen war, in einem so trben Sumpfe zu leben; so sind
sie uns eine lebendige Mahnung, was fr gewaltige Folgerungen der
moderne Mensch in Ruland aus unseren heutigen machtvollen Zeiten ziehen
kann, in denen die Ergebnisse aller Zeitalter aufgespeichert und wie
allerhand ungesiebter Plunder ungeordnet in einem Haufen zusammenliegen.
Noch ist vielen diese Lyrik -- dies Produkt einer hchsten
Verstandsreife und Nchternheit -- ein Geheimnis! diese Lyrik, die aus
unseren Kirchenliedern und kanonischen Gesngen herstammt und die Seele
unserer Dichter noch unbewut begeistert, wie ihm die heimatlichen
Klnge unserer Lieder unbewut ans Herz greifen. Und endlich ist uns
auch unsere merkwrdige Sprache noch ein Geheimnis. Sie enthlt
smtliche Tne und Farben, alle Klangnuancen, von den krftigsten bis
herab zu den zartesten und weichsten. Sie ist unendlich und grenzenlos
und vermag sich, lebendig wie das Leben selbst, in jedem Augenblick zu
bereichern, indem sie einerseits die hohen gewaltigen Worte aus der
biblischen Kirchensprache schpft und sich andererseits die treffendsten
Ausdrcke aus den zahllosen Dialekten, die es in unseren Provinzen gibt,
aneignet; so gewinnt sie die Mglichkeit, sich in ein und derselben Rede
bis zu einer Hhe emporzuschwingen, die keiner andern Sprache
erreichbar, und andererseits bis zu einer Einfachheit herabzusteigen,
die selbst dem Sinn des unbegabtesten Menschen verstndlich ist; -- eine
Sprache, die selbst und an und fr sich schon dichtet, und die nicht
umsonst fr eine geraume Zeit von den vornehmen Stnden vergessen worden
war. Es war eine Notwendigkeit, da wir alles Hliche und
Minderwertige, das wir uns zugleich mit der fremdlndischen Bildung
angeeignet hatten, in den fremden Mundarten ausschwatzten und
ausplauderten, damit alle die unklaren Tne und die ungenauen
Bezeichnungen fr die Dinge -- diese Produkte ungeklrter und
verworrener Gedanken, die die Sprachen dunkel machen -- die kindliche
Klarheit unserer Sprache nicht mehr trben, und da wir nunmehr mit dem
Drang zum Nachdenken und von dem Wunsche beseelt, unserem eigenen und
nicht mehr einem fremdem Verstande zu folgen, zu ihr zurckkehren
konnten. Das alles sind vorerst nur noch Werkzeuge, Material, noch
Felsblcke oder ein in der Erzader steckendes Edelmetall, aus dem einmal
eine andre machtvolle Sprache geschmiedet werden wird. Und diese Sprache
wird bis tief auf den Grund der Seele dringen und nicht auf
unfruchtbaren Boden fallen. Ein Schmerz und eine Trauer, wie sie wohl
Engel empfinden mgen, wird unserer Poesie einen mchtigen Impuls
verleihen; sie wird tief in alle Saiten greifen, die in dem Russen
anklingen, und selbst die rohesten Gemter mit jenem heiligen Gefhl der
Ehrfurcht erfllen, das keine Kraft und kein Werkzeug dem Menschen
einzupflanzen vermgen; sie wird unser Ruland ans Licht rufen -- unser
russisches Ruland, nicht das, von dem uns irgendwelche Hurrapatrioten
ein rohes Bild entwerfen und auch nicht das, das uns einzelne ihrem
Vaterland entfremdete Russen bers Meer herberbringen wollen, nein, das
Ruland, das unsere Dichtung aus uns selbst heraufholen und so vor uns
hinstellen wird, da alle bis auf den letzten, so verschieden ihre
Sinnesart, ihre Erziehung und ihre Anschauungen auch sein mgen,
einstimmig ausrufen werden: Ja, das ist _unser_ Ruland; hier fhlen
wir uns behaglich und heimisch, jetzt sind wir wirklich zu Hause unter
unserem heimatlichen Dach und nicht irgendwo drauen in der Fremde!




                                 XXXII
                            Auferstehungstag


Der Russe nimmt einen besonders warmen Anteil an der Feier des
Auferstehungstages. Das empfindet er mit besonderer Lebhaftigkeit, wenn
er um diese Zeit in einem fremden Lande weilt. Wenn er sieht, wie dieser
Tag sich berall in allen andern Lndern kaum von den andern Tagen
unterscheidet -- alles geht seiner gewohnten Ttigkeit nach, das Leben
nimmt seinen gewhnlichen Lauf, auf allen Gesichtern ruht der gleiche
alltgliche Ausdruck -- wenn der Russe das sieht, so wird er traurig und
seine Gedanken schweifen unwillkrlich nach Ruland hinber. Es will ihm
so dnken, als ob dieser Tag dort schner gefeiert wird, als ob dort der
Mensch heiterer und besser sei, als an anderen Tagen und als ob auch das
Leben dort ein anderes und nicht so alltgliches Gewand trage. Er denkt
an die feierliche Mitternacht, an das Glockengelute, das das ganze Land
durchhallt und alle Stimmen der Erde gleichsam in einem dumpfen Ton
verschmelzen lt, er denkt an den Ruf Christ ist erstanden, der an
diesem Tage an die Stelle aller andern Gre tritt, an diesen Ku, den
man nur bei uns vernimmt, und er ist beinahe so weit, da er ausrufen
mchte. Nur in Ruland wird dieser Tag so gefeiert, wie er in Wahrheit
gefeiert werden sollte!

Freilich ist das nur ein Traum, der sofort verschwindet, wenn er
tatschlich nach Ruland versetzt wird, und sich blo daran erinnert,
da dies ein Tag voll schlfrigen Hin- und Herrennens, voll trichten
Getriebes, sinnloser Besuche, bewuten Nichtzuhausetreffens, statt eines
Tages voll froher Begegnungen ist -- wenn man sich an diesem Tage
wirklich einmal trifft, so hat das stets einen recht eigenntzigen
Grund; man braucht nur daran zu denken, da sich der Ehrgeiz an diesem
Tage weit lebhafter regt, als an allen anderen Tagen und da nicht etwa
von der Auferstehung Christi, sondern davon geredet wird, was fr eine
Belohnung einen jeden erwartet und was ein jeder wohl fr ein Geschenk
erhalten wird; ja da selbst das Volk, das doch in dem Rufe steht, sich
an diesem Tage am meisten zu freuen, sofort nach Beendigung der
Festmesse und noch ehe die Sonne ber der Erde aufgegangen ist, trunken
ber die Strae schwankt. Ein Seufzer entringt sich der Brust des armen
Russen, wenn er an all dieses denkt [und erkennt, da das hchstens eine
Karikatur und ein Hohn auf diesen Festtag ist und da es einen solchen
Festtag gar nicht gibt]. Im besten Fall gibt ein Vorgesetzter einem
Invaliden, um die Form zu wahren, einen schmatzenden Ku auf die Backe,
um den unter ihm stehenden Beamten zu beweisen, wie man seinen Bruder
lieben mu, oder ruft irgendein [rckstndiger] Patriot voll Emprung
ber unsere Jugend, die unsere alten russischen Volkssitten schlecht
macht und behauptet, bei uns gbe es berhaupt nichts Ordentliches,
wtend aus: Wir haben alles: ein schnes Familienleben, schne
Familientugenden, die Sitten werden bei uns heilig gehalten, wir
erfllen auch unsere Pflicht und Schuldigkeit, so wie dies nirgends in
Europa geschieht, kurz, wir sind ein Volk, das die Bewunderung aller
Menschen verdient.

Nein, es kommt nicht auf diese sichtbaren Zeichen und uerlichkeiten,
nicht auf das patriotische Geschrei [ebensowenig wie auf den Ku, der
dem Invaliden verabreicht wird], sondern lediglich darauf an, da wir an
diesem Tage den Menschen tatschlich wie unser hchstes Kleinod ansehen
lernen -- und ihn so in unsere Arme schlieen und an unser Herz drcken,
wie einen unserem Herzen nahestehenden Bruder, da wir uns so ber ihn
freuen, wie ber den unerwarteten Besuch unseres liebsten Freundes, den
wir viele Jahre lang nicht gesehen haben. Ja, noch inniger, noch strker
sollte unsere Freude sein. Denn die Bande, die uns mit ihm vereinigen,
sind strker als die irdische Blutsverwandtschaft; sind wir doch mit ihm
durch unseren herrlichen himmlischen Vater verwandt, der uns weit nher
steht, als unser irdischer Vater, und weilen wir doch an diesem Tage --
in unserer wahren Familie, d. h. in Seinem Hause. Dieser Tag ist der Tag
jenes heiligen Festes, an dem die ganze Menschheit bis auf den letzten
unserer Brder eine himmlische Verbrderung feiert, und davon ist kein
einziger Mensch ausgeschlossen.

Wie gelegen mte dieser Tag eigentlich unserem neunzehnten Jahrhundert
kommen, wo der Traum vom allgemeinen Menschenglck der Lieblingsgedanke
fast aller Menschen geworden; wo es der Lieblingswunsch des jungen
Menschen geworden ist, die ganze Menschheit wie einen lieben Bruder zu
umarmen, wo viele bestndig davon trumen, den inneren Wert und die
Wrde des Menschen zu heben, wo die gute Hlfte der Menschen bereits
feierlich anerkannt hat, da nur das Christentum das vermag, wo man
bereits fordert, da das Gesetz Christi weit inniger mit unserem
Familien- und Staatsleben verwachsen msse [ja wo bereits davon
gesprochen wird, da alles Gemeingut werden soll: unser Haus und unser
Grund und Boden], wo die hohen Taten des Mitleids und die den Armen und
Unglcklichen erwiesene Hilfe bereits ein beliebter Gesprchsstoff
unserer Salons geworden sind, ja wo uns infolge all dieser humanitren
Anstalten [all dieser Hospize und Asyle fr Obdachlose] die Erde schon
zu eng zu werden beginnt. Wie freudig mte eigentlich das neunzehnte
Jahrhundert diesen Festtag begehen, der all seinen hochherzigen und
ehrgeizigen Regungen so sehr entspricht! Aber gerade dieser Tag wird zum
Probierstein dafr, wie matt all diese christlichen Bestrebungen, wie
sie lediglich [schne Trume und] bloe Ideen sind, die zu keinen Taten
fhren. Und wenn wir an diesem Tage wirklich Gelegenheit haben, einen
unserer Brder wie einen Bruder zu umarmen -- so tuen wir es nicht. Wir
sehnen uns danach, die ganze Menschheit brderlich an unseren Busen zu
drcken, unsern Bruder aber wollen wir nicht umarmen. Es braucht sich
nur irgendein einzelner Mensch, der uns beleidigt hat, von dieser
Menschheit abzulsen, dem wir unsere Arme so hochherzig entgegenbreiten,
und dem wir laut Christi Gebot sofort vergeben sollen, -- so werden wir
ihn nicht mehr umarmen. Oder es brauchte sich von dieser Menschheit nur
ein einzelner Mensch abzulsen, der in irgendeinem unwesentlichen Punkt,
in irgendeiner unserer menschlich bedingten Meinungen nicht mit uns
berstimmt -- so werden wir ihn schon nicht mehr umarmen. Oder es
braucht sich endlich nur ein einziger Mensch von dieser Menschheit
abzulsen, der mehr und erkennbarer als die andern an den schweren
Schden geistiger Fehler und Gebrechen krankt und daher weit mehr
Anspruch auf unser Mitleid hat als sie -- so werden wir ihn von uns
stoen und ihn nicht umarmen wollen. Wir werden nur die in unsere Arme
schlieen, die uns noch nie beleidigt haben, mit denen wir noch nie
zusammengestoen sind, die wir noch nicht kennen und noch nie mit Augen
gesehen haben. Das sind die Umarmungen, mit denen der Mensch unseres
Jahrhunderts die ganze Menschheit beglcken will, und das sind hufig
gerade die Menschen, die von sich glauben, da sie wahre Menschenfreunde
und echte Christen sind. [Christen! Sie haben Christus auf die Strae
hinausgejagt und in die Lazarette und Krankenhuser getrieben, statt Ihn
bei sich in ihrem Hause, unter ihr heimatliches Dach aufzunehmen, und da
glauben sie noch, sie seien Christen!]

Nein, unser Jahrhundert vermag den Auferstehungstag nicht wrdig, nicht
so zu feiern, wie er gefeiert werden sollte. Dem steht ein
schreckliches, unberwindliches Hindernis entgegen: es heit: _Hochmut_.
Dieser Hochmut war auch den frheren Zeitaltern bekannt, aber jener
Hochmut war mehr ein kindischer Stolz auf die physische Kraft, auf
unseren Reichtum, ein Stolz auf unsere Abstammung und unsere Titel, und
er erreichte nie diesen schrecklichen geistigen Grad wie heutzutage.
Heute tritt er in doppelter Gestalt auf. Die erste Art dieses Hochmuts
ist der Stolz auf unsere Reinheit.

Hocherfreut darber, da sie ihre Vorfahren in vielen Beziehungen
berholt und bertroffen hat, hat sich die Menschheit unserer Zeit
vllig in ihre Reinheit und Schnheit verliebt. Niemand schmt sich
mehr, sich ffentlich der Schnheit seiner Seele zu rhmen und sich fr
etwas Besseres zu halten, als die anderen Menschen. Man braucht nur
darauf zu achten, wie sich heutzutage jeder Mensch fr einen wahren
Heros an Hochherzigkeit und Edelmut hlt, wie schonungslos und mit
welcher Schrfe er ber andere Leute urteilt. Man mu nur einmal hren,
mit was fr Grnden er sich dafr rechtfertigt, da er seinen Bruder
nicht einmal am Auferstehungstage umarmt hat. Ohne jede Scham und ohne
innerlich zu erbeben, erklrt er: Ich kann diesen Menschen nicht
umarmen, er ist schmutzig, er hat eine gemeine Seele, er hat sich durch
ehrlose Handlungen befleckt; ich kann diesen Menschen nicht einmal in
mein Vorzimmer hineinlassen; ich kann die Luft nicht atmen, die er
atmet, ich mache einen groen Bogen um ihn, um ihm aus dem Wege zu gehen
und um ihm nicht zu begegnen. -- Ich kann nicht mit gemeinen und
verchtlichen Leuten zusammen leben -- und da sollte ich einen solchen
Menschen wie meinen Bruder umarmen? Ach! der arme Mensch des
neunzehnten Jahrhunderts hat leider vergessen, da es an diesem Tage
weder gemeine noch verchtliche Menschen gibt und da alle Menschen --
Brder, Kinder derselben Familie sind und da jeder Mensch keinen andern
Namen als den: _Bruder_ trgt. Er hat alles mit einem Male vergessen. Er
hat vergessen, da er vielleicht gerade deshalb von diesen gemeinen und
verchtlichen Menschen umgeben ist, damit er durch ihren Anblick
veranlat werde, einen Blick in sein eigenes Innere zu werfen, und
nachzusehen, ob er nicht auf dem Grunde seiner Seele gerade das findet,
was ihn an dem andern so sehr erschreckt hat. Er hat vergessen, da er
auf Schritt und Tritt und ohne es selbst zu merken, wenn auch in einer
etwas anderen Art, eine genau so scheuliche Handlung begehen kann, die
in den Augen der Gesellschaft nicht als schmachvoll gilt, die jedoch auf
dasselbe hinauskommt oder wie ein russisches Sprichwort es ausdrckt,
_derselbe Eierkuchen ist, nur auf einer andern Schssel serviert_. Es
ist alles vergessen! Er hat vergessen, da die Zahl der gemeinen und
verchtlichen Menschen vielleicht nur deshalb sehr zugenommen hat, weil
die besten und edelsten Menschen sie in so rauher Weise von sich
gestoen und so dazu beigetragen haben, da sie ihr Herz noch mehr
verhrteten und noch verstockter wurden. Als ob es so leicht ist, die
Verachtung anderer Menschen zu ertragen! Wei Gott, vielleicht wird
mancher gar nicht als ein so ehrloser Mensch geboren; vielleicht hat
seine arme Seele, die nicht stark genug war, um den Kampf mit den
Versuchungen aufzunehmen, um Hilfe gefleht und gerufen, vielleicht htte
er freudig jedem Hnde und Fe gekt, dessen Seele von Mitleid fr ihn
ergriffen, ihn daran verhindert htte, in den Abgrund zu strzen;
vielleicht htte ein einziger Tropfen Liebe ihm gengt, um ihn auf den
rechten Weg zurckzufhren. Wie wenn es so schwer gewesen wre, auf dem
Wege der Liebe bis zu seinem Herzen vorzudringen! Als ob sich sein
Inneres schon so sehr verhrtet htte, als ob er schon so ganz zu Stein
geworden, da er keiner warmen Regung mehr fhig gewesen wre, wo doch
selbst der Ruber noch dankbar ist fr ein Zeichen der Liebe und selbst
das wilde Tier sich freundlich der Hand erinnert, die es geliebkost hat.

Allein der Mensch des neunzehnten Jahrhunderts hat alles vergessen, er
stt seinen Bruder von sich, wie ein Reicher einen ausstzigen Bettler
von der Schwelle seines Hauses jagt. Was kmmern ihn die Leiden des
andern, er will blo seine eiternden Schwren nicht sehen. Er will nicht
einmal sein Klagelied hren, damit seine Nase den belduftenden Hauch,
der aus dem Munde des Unglcklichen kommt, nicht einzuatmen braucht, er,
der so stolz auf den Wohlgeruch seiner Reinheit ist. Und ein solcher
Mensch sollte das Fest der himmlischen Liebe feiern knnen?

Aber es gibt noch eine andere Art des Hochmuts, die noch mchtiger ist
als die erste, -- das ist der _geistige_ Hochmut. Nie noch hat er solche
Dimensionen erreicht, wie im neunzehnten Jahrhundert. Er kommt vor allem
in der Furcht zum Ausdruck, fr einen Dummkopf gehalten zu werden, einer
Furcht, von der heute jeder Mensch beseelt ist. Der Mensch unserer Zeit
kann alles ertragen: er kann es ertragen, da man ihn einen Lumpen oder
einen Gauner nennt; gebt ihm jeden beliebigen Namen -- es lt ihn kalt
-- nur den Namen Dummkopf wird er nicht dulden. Er kann jeden Spott
ertragen, nur eins kann er nicht ertragen, da man sich ber seinen
Verstand lustig macht. Sein Verstand ist ihm heilig. Jeder noch so
leichte Spott ber seinen Verstand gengt ihm, um seinen Bruder, wie es
der Anstand erfordert, sich in einer gewissen Entfernung aufstellen zu
lassen und ihm sodann, ohne mit der Wimper zu zucken, eine Kugel in den
Kopf zu jagen. Er glaubt an nichts, das einzige, woran er glaubt, ist
sein Verstand. Was sein Verstand nicht sieht, das existiert nicht fr
ihn. Er hat sogar vergessen, da auch der Verstand erst fortschreitet,
wenn alle sittlichen Krfte des Menschen fortschreiten und sich
entwickeln, und da er sich sogar zurckentwickelt, wenn die sittlichen
Krfte sich nicht heben. Er hat ferner vergessen, da kein Mensch
smtliche Verstandeskrfte in sich vereinigt, da ein anderer Mensch
gerade die Seele einer Sache sehen kann, die er selbst nicht sieht, und
folglich etwas wissen kann, was er nicht zu wissen vermag. Aber das
glaubt er nicht und alles, was er nicht selbst sieht, das ist fr ihn
eine Lge. Sein Vernunftstolz hlt jeden Schatten christlicher Demut von
ihm fern. An allem zweifelt er: an dem Herzen eines Menschen, den er
viele Jahre lang kennt, an der Wahrheit, ja selbst an Gott, nur an
seinem Verstande zweifelt er nicht. Schon streitet man sich und kmpft
man nicht mehr um irgendwelche wirkliche Rechte und auch nicht aus
persnlichem Ha oder Feindschaft, nein, heute sind es nicht mehr die
sinnlichen Leidenschaften, die uns beherrschen, sondern die
Leidenschaften des Verstandes: heute bekmpft man sich und streitet man
sich miteinander, weil man verschiedener Meinung ist, und wegen der
Widersprche in der Welt der Gedanken. Schon haben sich ganze Parteien
gebildet, die sich gegenseitig verabscheuen, die persnlich noch nie
etwas miteinander zu tun hatten, und sich dennoch glhend hassen. Ist es
nicht merkwrdig! Schon glaubten die Menschen, mit Hilfe der Bildung Ha
und Bosheit aus der Welt verbannt zu haben, da dringen Ha und Bosheit
von der andern Seite wieder in die Welt ein, kommen auf den Flgeln der
Zeitungsbltter herangeflogen und fallen wie ein verheerender
Heuschreckenschwarm von allen Seiten ber die Herzen der Menschen her.
Schon hrt man kaum noch die Stimme der Vernunft. Schon beginnen selbst
die gescheiten Leute sogar gegen ihre eigene berzeugung zu reden, nur
um der gegnerischen Partei nicht das Feld zu rumen, und nur weil ihr
Stolz es ihnen nicht erlaubt, ihren Fehler vor der Welt einzugestehen --
schon hat die reine Bosheit statt des Verstandes die Oberhand gewonnen.

Und der Mensch einer solchen Zeit sollte der Liebe, der christlichen
Liebe zum Menschen fhig sein? Er sollte sich mit jener reinen
Treuherzigkeit und Einfalt, mit jener engelhaften kindlichen Naivitt
erfllen knnen, die alle Menschen zu einer groen Familie macht? Er
sollte etwas von der Sigkeit und Schnheit unserer himmlischen
Brderschaft empfinden knnen? Er sollte diesen Tag feiern knnen? Ist
doch selbst jene uere gtige Geste, jener Ausdruck der Gte
verschwunden, der den alten schlichten Zeiten eigen war, und dem
gegenber man das Gefhl hat, als htte der Mensch damals dem Menschen
viel nhergestanden. Der stolze Verstand des neunzehnten Jahrhunderts
hat ihn vernichtet und zerstrt. Ohne jede Maske ist der Teufel in der
Welt erschienen. Der Geist des Hochmuts kommt heute nicht mehr in
verschiedenen Gestalten und schreckt keine aberglubischen Menschen
mehr: er kommt in seiner eigenen Gestalt zu uns. Er fhlt, da man seine
Herrschaft anerkennt, und darum macht er nicht mehr viel Umstnde mit
den Menschen. Dreist und schamlos lacht er denen ins Gesicht, die sich
vor ihm beugen; die trichtesten Gesetze gibt er der Welt, Gesetze, wie
sie bisher noch nie gegeben worden sind -- und die Welt sieht es und
wagt es nicht, sich zu widersetzen! Was bedeutet diese armselige
sinnlose Mode, die der Mensch sich erst als eine Bagatelle, als eine
harmlose Spielerei gefallen lie und die jetzt als absolute Herrin und
Herrscherin in seinem Hause gebietet und alles Gute und Wesenhafte im
Menschen austreibt. Kein Mensch frchtet sich noch, die wahrsten und
heiligsten Gebote Christi zu bertreten, wohl aber frchtet er sich, die
unsinnigste Anordnung der Mode unerfllt zu lassen, und er zittert vor
ihr wie ein furchtsamer Knabe. Was hat das zu bedeuten, da selbst die,
die sich ber sie lustig machen, wie leichtsinnige windige Gesellen nach
ihrer Pfeife tanzen? Was bedeuten all diese sogenannten Anstandsregeln,
die uns weit strker binden, als die grundlegendsten fundamentalsten
Gebote? Was bedeuten alle diese seltsamen Autoritten, die sich neben
den gesetzmigen rechtmigen Autoritten installiert haben -- was
bedeuten diese Nebenwirkungen und Nebeneinflsse? Was hat es zu
bedeuten, da heute nur noch Nherinnen, Schneider und alle mglichen
Handwerker die Welt regieren, whrend die Gesalbten Gottes abseits
stehen? Namenlose unbekannte Menschen, ohne Ideen und ohne ehrliche
berzeugungen beherrschen die Anschauungen und die Meinungen gescheiter
Leute, und ein Zeitungsblttchen, von dem jedermann wei, da es nichts
wie Lgen verbreitet, schwingt sich unmerklich zum Gesetzgeber ber die
Menschen auf, die es verachten! Was bedeuten all die gesetzwidrigen
Gesetze, die die unreine Macht aus der Tiefe offen und vor aller Welt
aufrichtet? Und die ganze Welt sieht es, steht wie verzaubert da, und
wagt's nicht, sich zu rhren? Welch furchtbarer Hohn auf die Menschheit!
[Wozu sucht man bei diesem Lauf der Dinge berhaupt noch die heiligen
Sitten und Zeremonien der Kirche aufrecht zu erhalten, deren himmlischer
Beherrscher keine Macht mehr ber uns hat? Oder ist das etwa ein neuer
Streich des Geistes der Finsternis.] Wozu dieser Feiertag [der jede
Bedeutung verloren hat.] Warum kehrt er immer [aufs neue] wieder, um die
auseinanderstrebenden Menschen [immer dumpfer und schwcher]
zusammenzurufen, um sie in einer Familie zu vereinigen [und, nachdem er
sie mit einem traurigen Blick gestreift, wie ein unbekannter Fremdling
wieder von dannen zu gehen? Ist er denn wirklich fr alle ein
unbekannter Fremdling? Aber] warum gibt es denn noch [hie und da]
Menschen, denen es so vorkommt, als wrde es an diesem Tage heller in
ihrer Seele, und die an diesem Tage das Fest ihrer Kindheit begehen,
jener Kindheit, von der eine himmlische Liebkosung, gleich dem Kosen
eines ewigen Frhlings, in ihre Seele hinberstrmt, jener herrlichen
Kindheit, die dem stolzen Menschen von heute ganz verloren gegangen ist?
Warum hat der Mensch diese Kindheit noch nicht fr immer vergessen und
warum bewegt sie noch immer unsere Herzen gleich einem fernen Traumbild?
Wie kommt das nur, und was hat das alles fr einen Zweck? Als ob man
wirklich nicht wte, was es fr einen Sinn und Zweck hat? Sieht man
denn etwa nicht, wozu das geschieht? Damit es zum mindesten den wenigen,
die noch etwas von dem Frhlingshauch dieses Festtags verspren,
pltzlich so traurig ums Herz wird, auf da sie von einer Trauer
befallen werden, wie sie nur ein Engel des Himmels empfindet, und auf
da sie ihren Brdern mit einem herzzerreienden Aufschrei zu Fen
fallen, und sie anflehen, wenigstens diesen einen Tag der langen den
Reihe der brigen Tage zu entreien und nur diesen einzigen Tag nicht
nach der Weise des neunzehnten Jahrhunderts, sondern im Geiste jenes
ewigen Zeitalters zu verbringen, den Menschen nur ein einziges Mal zu
umfassen und in die Arme zu schlieen wie ein Freund, der sich schuldig
fhlt, den hochherzigen alles verzeihenden Freund umarmt, selbst wenn er
ihn schon morgen wieder von sich stoen und ihm erklren sollte, er sei
ihm fremd und unbekannt. Wenn auch nur, um _einmal_ diesen Wunsch zu
fassen, wenn auch nur, um sich mit Gewalt dazu zu zwingen und sich daran
zu klammern, wie ein Ertrinkender an eine Planke! Gott wei, vielleicht
wird sich schon um dieses einzigen Wunsches willen eine Leiter vom
Himmel herabsenken und sich uns eine Hand entgegenstrecken, die uns
hilft, an ihr emporzuklimmen.

Aber nicht einmal diesen einen Tag will der Mensch des neunzehnten
Jahrhunderts so verbringen. Schon ist die Erde von einem unnennbaren Weh
und einer Trostlosigkeit ergriffen; immer bitterer, trostloser und
nchterner wird das Leben; alles wird kleinlich und flach, blo das
Riesengespenst der Langenweile wchst von Tag zu Tag bis ins Ungeheure.
Alles ist wst, alles ist wie ein einziges Grab. Mein Gott! Wie de und
schrecklich wird Deine Welt!

Warum kommt es denn aber nur dem Russen so vor, als ob dieses Fest nur
in seinem Vaterlande wrdig gefeiert werde? Ist das etwa nur ein Traum?
Warum sucht denn dieser Traum keinen andern auf als den Russen?
Wirklich, was hat es zu bedeuten, da [dieser Festtag selbst
verschwunden ist und da] seine sichtbaren Kennzeichen so deutlich im
Angesicht unseres Landes erkennbar sind. Man hrt die von Kssen
begleiteten Worte: _Christ ist erstanden_; mit der gleichen
Feierlichkeit bricht immer wieder die heilige Mitternacht an, und der
dumpfe Ton der ewigen Glocken hallt unaufhrlich ber das ganze Land
dahin, als wollten sie uns aus dem Schlummer wecken! Wo die Geister in
so greifbarer Deutlichkeit erscheinen, da erscheinen sie nicht
vergebens. Wo jemand geweckt wird, da gibt es auch ein Erwachen. Die
Sitten und Bruche, die ewig whren sollen, knnen nicht vergehen. Der
Buchstabe stirbt, aber ihr Geist lebt wieder auf. Sie knnen wohl
zeitweilig verblassen, sie knnen zugrunde gehen und absterben fr eine
geist- und herzlose, fr eine abgestumpfte Menge, aber sie erstehen neu
gekrftigt auf in den Auserwhlten, um in ihnen in hellem Lichte
aufzustrahlen und sich ber die ganze Welt zu ergieen. Kein Titelchen
von unseren alten Sitten und Bruchen, nichts, was an ihnen wahrhaft
russisch ist und was von Christus selbst geheiligt ward, wird untergehn.
Die helltnenden Saiten der Dichter werden es weiter tragen, der
Wohllaut ausstrmende Mund unserer Priester wird es weithin verknden;
das schon erloschene Licht wird wieder aufflammen -- und der heilige
Auferstehungstag wird wrdig gefeiert werden --, weit frher, denn von
einem andern Volke.

Worauf aber, auf welche fest in unseren Herzen verschlossene Tatsachen
knnen wir unsere Behauptung grnden? Sind wir etwa besser als andre
Vlker? [Sind wir in unserem Lebenswandel Christus nhergekommen als
sie? Nein, wir sind nicht bessere Menschen, und unser Leben ist noch
weniger geordnet und geregelt als das der andern Nationen. Wir sind
schlimmer als alle anderen -- so mssen wir stets von uns sagen.] Aber
es liegt etwas in unserem Wesen, das uns solches verheit. Gerade die
Unordnung, die bei uns herrscht, ist eine Verheiung. Wir sind noch ein
flssiges Metall, das noch nicht in seine nationale Form abgegossen ist;
wir haben noch die Mglichkeit, das, was nicht zu uns pat, abzustoen
und alles in uns aufzunehmen, wozu die anderen Vlker schon nicht mehr
fhig sind, die bereits ihre eigene feste Form angenommen haben und in
ihr erstarrt sind. Da in unserem innersten wahren Wesen, das wir
vergessen haben, vieles liegt, was dem Geiste des Christentums verwandt
ist -- dafr ist schon allein das ein Beweis, da Christus nicht mit dem
Schwert in der Hand zu uns gekommen ist, und da der aufgepflgte und
wohlvorbereitete Grund unseres Herzens sich von selbst Seinem Worte
entgegenstreckte, da das Prinzip der christlichen Brderlichkeit tief
in unserer slawischen Natur begrndet ist, und da die Verbrderung der
Menschen untereinander uns nher am Herzen liegt, als unser heimatliches
Dach und die Blutsverwandtschaft, da bei uns noch nichts von jenem
unvershnlichen Ha der Stnde und jenen gehssigen Parteiungen bekannt
ist, die wir in Europa finden und die ein unberwindliches Hemmnis fr
die Eintracht der Menschen und die brderliche Liebe bilden, da wir
endlich Mut und Khnheit besitzen, wie sie kein andres Volk in hnlicher
Strke besitzt und da, wenn wir uns vor eine Aufgabe gestellt sehen,
die kein andres Volk zu lsen vermchte, wie etwa folgende: mit einem
Schlage alle unsere Fehler und Mngel und alles, was den hohen Sinn der
Menschheit schndet, abzuwerfen, -- da wir uns dann, alle unsere
krperlichen Schmerzen und Qualen vergessend und ohne uns im geringsten
zu schonen, aufraffen und alles, was uns befleckt und schndet, von uns
stoen werden, so wie die Menschen einst im Jahre 1812 schonungslos ihre
ganze Habe, ihre Huser und ihre irdischen Besitztmer verbrannten; dann
wird kein einziger Mensch hinter dem andern zurckbleiben wollen; in
solchen Augenblicken ist jeder Ha und Streit, jede Feindseligkeit
vergessen, der Bruder drckt den Bruder an den Busen, und ganz Ruland
ist nur ein einziger Mensch. Das ist's, worauf wir die Behauptung
grnden knnen, da der Auferstehungstag von uns frher gefeiert werden
wird, als von den andern Vlkern. Das sagt mir deutlich meine innere
Stimme, und das ist kein bloer Gedanke, der meiner Phantasie
entsprungen ist. Solche Gedanken lassen sich nicht erfinden. Durch eine
gttliche Eingebung werden sie mit einem Schlage im Herzen vieler
Menschen zugleich geboren, die einander noch nie gesehen haben, die in
den entlegensten Provinzen des Landes wohnen, und zu ein und derselben
Zeit werden sie wie aus _einem_ Munde verkndet. Ich wei es bestimmt,
da, obwohl ich sie nicht alle kenne, in Ruland mehr als ein Mensch
fest daran glaubt und schon heute spricht: Frher denn in irgendeinem
andern Lande wird bei uns der heilige Auferstehungstag Christi gefeiert
werden.


                Druck von Mnicke und Jahn, Rudolstadt.




Anmerkungen zur Transkription


Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch
Variationen in der Transliteration der russischen Namen wurden nicht
verndert.

Offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt,
teilweise unter Verwendung des russischen Originales (vorher/nachher):

   [S. 18]:
   ... den Weg geben, und dann den Gutsherren ber alles ...
   ... den Weg geben, und dann dem Gutsherren ber alles ...

   [S. 25]:
   ... ich nicht Mutter eine Familie; dann knnten Sie Ihren ...
   ... ich nicht Mutter einer Familie; dann knnten Sie Ihren ...

   [S. 71]:
   ... Menschen, von Kopf bis zu den Fen, ja bis zu ...
   ... Menschen, vom Kopf bis zu den Fen, ja bis zu ...

   [S. 125]:
   ... der der ueren Form nach: seine gewhnlichen groben und
       plumpen ...
   ... der ueren Form nach: seine gewhnlichen groben und plumpen ...

   [S. 186]:
   ... Ich wei nur, da ich diesen Vorwurf sehr deulich vernommen ...
   ... Ich wei nur, da ich diesen Vorwurf sehr deutlich vernommen ...

   [S. 206]:
   ... besitzen Sie nicht. Sie lieben Ruland noch nicht. ...
   ... besitzen sie nicht. Sie lieben Ruland noch nicht. ...

   [S. 235]:
   ... fr erste damit, mir alles mitzuteilen. Auerdem bitte ...
   ... frs erste damit, mir alles mitzuteilen. Auerdem bitte ...

   [S. 248]:
   ... uere, legen Sie auch keinen Wert auf unangenehme ...
   ... ueres, legen Sie auch keinen Wert auf unangenehme ...

   [S. 248]:
   ... harrt, ihre himmliche Bestimmung klarzumachen: uns ...
   ... harrt, ihre himmlische Bestimmung klarzumachen: uns ...

   [S. 253]:
   ... haben, mit neuem frischeren Mut als frher an ...
   ... haben, mit neuem frischerem Mut als frher an ...

   [S. 255]:
   ... An B. I. B. ...
   ... An B. N. B. ...

   [S. 285]:
   ... Verhltns zu ihnen kommen und ihnen keine Unannehmlichkeiten ...
   ... Verhltnis zu ihnen kommen und ihnen keine Unannehmlichkeiten ...

   [S. 287]:
   ... wiederspiegelt, ein Urteil erlauben kann, schon sagt ganz ...
   ... widerspiegelt, ein Urteil erlauben kann, schon sagt ganz ...

   [S. 293]:
   ... Ich habe lange darber nachgedacht, wen von ihnen ...
   ... Ich habe lange darber nachgedacht, wen von Ihnen ...

   [S. 295]:
   ... der Ausgaben fr die Wohnungsmiete, die Heizung; ...
   ... der Ausgaben fr die Wohnungsmiete, die Heizung, ...

   [S. 310]:
   ... nicht aus jenem in einen fehlerhaften Zirkel verlaufenden ...
   ... nicht aus jenem in einem fehlerhaften Zirkel verlaufenden ...

   [S. 313]:
   ... Seele hinein, wei Gott, vielleicht werden sie in ihr ...
   ... Seele hinein, wei Gott, vielleicht werden Sie in ihr ...

   [S. 314]:
   ... Seelenverwandschaft ist als jede Blutsverwandtschaft ...
   ... Seelenverwandtschaft ist als jede Blutsverwandtschaft ...

   [S. 331]:
   ... in Ihrem Verkehr mit den weit entfernten ...
   ... in ihrem Verkehr mit den weit entfernten ...

   [S. 333]:
   ... sind, wenn sich nur viele von uns zuerst, wie es sichs ...
   ... sind, wenn sich nur viele von uns zuerst, wie es sich ...

   [S. 334]:
   ... dem Generalgouwerneur. ...
   ... dem Generalgouverneur. ...

   [S. 335]:
   ... aufgehoben oder doch von Grund aus umgestaltet. Da ...
   ... aufgehoben oder doch von Grund aus umgestaltet. Das ...

   [S. 344]:
   ... Ihnen das, was ein Vater seinen Kindern ist. Ein ...
   ... ihnen das, was ein Vater seinen Kindern ist. Ein ...

   [S. 350]:
   ... und Unfhigkeit aller heutigen Institutionen und
       Einrichrichtungen, ...
   ... und Unfhigkeit aller heutigen Institutionen und
       Einrichtungen, ...

   [S. 350]:
   ... Sie lehren, ihre Bauern anzusehen wie ein Vater ...
   ... sie lehren, ihre Bauern anzusehen wie ein Vater ...

   [S. 377]:
   ... ersten Bekanntchsaft mit beiden Dichtern aufdrngt, ...
   ... ersten Bekanntschaft mit beiden Dichtern aufdrngt, ...

   [S. 380]:
   ... der voller plastischen Rundung, sie scheinen sich gleichsam ...
   ... der vollen plastischen Rundung, sie scheinen sich gleichsam ...

   [S. 380]:
   ... Schlgt mit den Dreizack nach den Schiffen, ...
   ... Schlgt mit dem Dreizack nach den Schiffen, ...

   [S. 393]: (mehrfache Flle)
   ... wie z. B. Bayron oder selbst viele andre Dichter ...
   ... wie z. B. Byron oder selbst viele andre Dichter ...

   [S. 412]:
   ... Menschen, dem die reichsten und manigfaltigsten Talente ...
   ... Menschen, dem die reichsten und mannigfaltigsten Talente ...

   [S. 412]:
   ... Bettler. Nur eine solche Sache, die den Menschen in ...
   ... Bettlers. Nur eine solche Sache, die den Menschen in ...

   [S. 413]:
   ... Talent fr radikale endgltige Folgerungen, da dem ...
   ... Talent fr radikale endgltige Folgerungen, das dem ...

   [S. 424]:
   ... singen knnen, da sie keine zwei einfachen ungezierten ...
   ... singen knnen, da sie keine zwei einfache ungezierte ...

   [S. 438]:
   ... oder nicht; jedesfalls aber haben sie in ihrer im Vergleich ...
   ... oder nicht; jedenfalls aber haben sie in ihrer im Vergleich ...

   [S. 450]:
   ... gibt]. Im besten Fall gibt ein Vorgesetzter einen Invaliden, ...
   ... gibt]. Im besten Fall gibt ein Vorgesetzter einem Invaliden, ...

   [S. 456]:
   ... der so stolz auf Wohlgeruch seiner Reinheit ist. Und ...
   ... der so stolz auf den Wohlgeruch seiner Reinheit ist. Und ...

   [S. 461]:
   ... ihren Brdern mit einem herzerreienden Aufschrei zu ...
   ... ihren Brdern mit einem herzzerreienden Aufschrei zu ...






End of the Project Gutenberg EBook of Smmtliche Werke 7: Briefwechsel I, by 
Nikolaj Gogol

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are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
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trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

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effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
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LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
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the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
without further opportunities to fix the problem.

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in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
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LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

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warranties or the exclusion or limitation of certain types of
damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
violates the law of the state applicable to this agreement, the
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limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
remaining provisions.

1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

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including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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