The Project Gutenberg EBook of Griechischer Frhling, by Gerhart Hauptmann

This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever.  You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
www.gutenberg.org.  If you are not located in the United States, you'll have
to check the laws of the country where you are located before using this ebook.

Title: Griechischer Frhling

Author: Gerhart Hauptmann

Release Date: September 18, 2018 [EBook #57928]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GRIECHISCHER FRHLING ***




Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This
file was produced from images generously made available
by The Internet Archive.






                   ALLE RECHTE, INSBESONDERE DAS DER
                       BERSETZUNG, VORBEHALTEN.

                       ERSTE BIS VIERTE AUFLAGE.

                  100 EXEMPL. SIND AUF HANDGESCHPFTEM
                 BTTENPAPIER ABGEZOGEN, NUMERIERT UND
                 IN GANZPERGAMENT GEBUNDEN; PREIS 15 M.
                           FR DAS EXEMPLAR.


    [Illustration: Wagenlenker aus Delphi (Nach einem Gipsabguss des
                           Bronce-Originals)]


                           GERHART HAUPTMANN




                              GRIECHISCHER
                                FRHLING


                                  1908
                      S. FISCHER / VERLAG / BERLIN


                     HARRY GRAFEN KESSLER GEWIDMET




Ich befinde mich auf einem Lloyddampfer im Hafen von Triest. Zur Not
haben wir in Kabinen zweiter Klasse noch Platz gefunden. Es ist ziemlich
ungemtlich. Allmhlich lt jedoch das Laufen, Schreien und Rennen der
Gepcktrger nach und das Arbeiten der Krane. Man beginnt, sich zu Hause
zu fhlen, fngt an sich einzurichten, seine Behaglichkeit zu suchen.

Eine Spiebrgerfamilie hat auf den blichen Klappsthlen Platz
genommen. Mehrmals ertnt aus ihrer Mitte das Wort Phakenland.
Erfllt von einer groen Erwartung, wie ich bin, erzeugt mir Klang und
Ausdruck des Wortes in diesem Kreise eine starke Ernchterung. Wir
schreiben den 26. Mrz. Das Wetter ist gut: warme Luft, leichtes Gewlk
am Himmel.

Ich nahm heute morgen im Hotel hinter einer sehr groen Fensterscheibe
mein Frhstck ein, als, mit einem grnen Zweiglein im Schnabel, drauen
eine Taube aus dem Mastenwalde des Hafens heran und nach oben, von links
nach rechts, vorbeiflog. Dieses guten Vorzeichens mich erinnernd, fhle
ich Zuversicht.

Wir entfernen uns nach einem seltsamen Manver der Salzburg von
Triest. Die Gegenden sind ausgebrannt. Alle Frbungen der Asche treten
hervor. Der Karst erscheint wie mit leichtem Schnee bedeckt. Viele gelbe
und orangefarbene Segel ziehen ber das Meeresblau. Die Maler sind
entzckt und beschlieen, zu lngerem Aufenthalt gelegentlich
zurckzukehren.


Es ist jetzt fnf Uhr. Seit etwa zwei Stunden sind wir unterwegs.
Beinwei zieht die nahe Strandlinie an uns vorber. Wir haben zur linken
das flache dalmatinische Land, ausgetrocknet, weit gedehnt, in
braunrtlichen Frbungen. Beinwei, wie von ausgebleichten Knochen
errichtet, zeigen sich hie und da Stdte und Ortschaften, zuweilen
bedecken sie sanftgewlbte, braungrne Hgel oder liegen auf dem
braungrnen Teppich der Ebene. Mit scharfem Auge erkennt man fern weie
Spitzen des Velebitgebirges.

Allmhlich werden diese Bergspitzen hher und der ganze Bergzug tritt
deutlich hervor. Er ist schneebedeckt. Den Blick hinter mich wendend,
bemerke ich: die Sonne steht noch kaum ber dem Wasserspiegel, ist im
Untergang. Der Mitreisenden bemchtigt sich jene Erregung, in die sie
immer geraten, wenn die Stunde herannaht, wo sie die Natur zu bewundern
verpflichtet sind. Bemhen wir uns, wahrhaftig zu sein! Der groartige,
kosmische Vorgang hat wohl die Seelen der Menschen von je mit Schauern
erfllt, lange bevor das malerische Naturgenieen zur Mode geworden ist,
und ich nehme an, da selbst der naturfremde Durchschnittsmensch unserer
Zeit, und besonders auf See, noch immer im Anblick des Sonnenunterganges
auf ehrliche Weise wortlos ergriffen ist. Freilich hat sein Gefhl an
ursprnglicher, aberglubischer Kraft bis auf schwchliche Reste
eingebt.


Nach durchaus ruhiger Nacht setzt heut gegen fnf Uhr Vormittag Wind aus
nordstlicher Richtung ein. Ich merke, noch in der Kabine, bereits das
leichte Stampfen und Rollen des Schiffes. Als erster von allen
Passagieren bin ich an Deck. Ein grauer Dunst berzieht den
Morgenhimmel. Das Meer ist nicht mehr lautlos: es rauscht. Schon
berschlagen sich einzelne Wogen und bilden Kmme von weiem Gischt. Im
Sdosten beobachte ich eine dstere Wolkenbank und Wetterleuchten.

Die Salzburg ist ein kleines, nicht gerade sehr komfortables Schiff.
Die Matrosen sind eben dabei, das Deck zu reinigen. Sie spritzen aus
einer Schlauchspritze Wassermassen darber hin, so da ich fortwhrend
flchten mu und auch so jeden Augenblick in Gefahr bleibe, durchnt zu
werden. Es ist kein Tee zu bekommen, trotzdem ich, wrmebedrftig wie
ich bin, mehrmals darum ersuche. Die Einrichtungen hier halten einen
Vergleich mit dem norddeutschen Lloyd nicht aus.

O, Tee, in eine Minute fertig, wiederholt der Steward eben wieder,
nachdem etwa anderthalb Stunden Wartens vorber sind.


Jetzt 7 Uhr; volle Sonne und Seegang. Unter anderen Wohltaten einer
Seereise ist auch die anzumerken, da man whrend der Fahrt die ruhige
und gesicherte Schnheit der groen Weltinseln wiederum tiefer wrdigen
lernt. Das Streben des Seefahrers geht auf Land. Statt vieler
auseinanderliegender Ziele bemchtigt sich seine Sehnsucht nur dieses
einen, wie wenige notwendig. Daher noch im Reiche des Idealen
glckselige Inseln auftauchen und als letzte glckselige Ziele genannt
werden.

Allerlei Vorgnge der Odyssee, die ich wieder gelesen habe, beschftigen
meine Phantasie. Der schlaue Lgner, der selbst Pallas Athene belgt,
gibt manches zu denken. Welche Partien des Werkes sind, auer den
eingestandenermaen erlogenen, wohl noch als erfunden zu betrachten, vom
Genius des erfindungsreichen Odysseus? Etwa die ganze Kette von
Abenteuern, deren unsterbliche Schnheit unzerstrbar besteht? Es kommen
zweifellos Stellen vor, die unerlaubt aufschneiden; so diejenige, wo die
Charybdis das Wrack des Odysseus einsaugt, whrend er sich in das
Gezweige eines Feigenbaumes gerettet hat, und wo das selbe Wrack von ihm
durch einen Sprung wieder erreicht wird, als es die See an die
Oberflche zurckgibt.

Die Windstrke hat zugenommen. Hie und da kommt ein Sprhregen ber
Deck. Regenbogenfarbene Schleier lsen sich von den Wellenkmmen. Rechts
in der Ferne haben wir italienisches Festland. Ein kleines, scheinbar
flaches Inselchen gibt Gelegenheit, das Spiel der Brandung zu
beobachten. Zuweilen ist es, als shen wir den Dampf einer pfeilschnell
lngs der Klippen hinlaufenden Lokomotive. Weie Raketen schieen
berall auf, mitunter in so gewaltigem Wurf, da sie, weien Trmen
vergleichbar, einen Augenblick lang stillstehen, bevor sie
zusammenstrzen.

Ich lasse mir sagen, da es sich hier nicht, wie Augenschein glauben
macht, um _eine_ Insel, sondern um eine Gruppe handelt: die Tremiti. Der
freundliche Schiffsarzt Moser fhrt mich ins Kartenhaus und weist mir
den Punkt auf der Schiffskarte. Auf den Tremiti halten die Italiener
gewisse Gefangene, die im Inselbezirk bedingte Freiheit genieen.

Ein Dampfer geht zwischen uns und der Kste gleichen Kurs.

Allmhlich sind wir dem Lande nher gekommen, bei schwcherem Wind und
strkerer Dnung. Das Wasser, wie immer in der Nhe von Ksten, zeigt
hellgrne Frbungen. Es gibt schwerlich eine reizvollere Art Landschaft
zu genieen, als von der See aus, vom Verdeck eines Schiffes. Die
Ksten, so gesehen, versprechen, was sie nie halten knnen. Die Seele
des Schauenden ist so gestimmt, da sie die Lndereien der Uferstrecken
fast alle in einer phantastischen Steigerung, paradiesisch sieht.

Vieste, Stadt und malerisches Kastell, tauchen auf und werden dem Auge
deutlich. Die Stadt zieht sich herunter um eine Bucht. Den Hintergrund
bilden Hhenzge, die ins Meer enden: zum Teil bewaldet, zum Teil mit
Feldern bedeckt. Durch das Fernglas des Kapitns erkenne ich vereinzelt
gestellte Bume, die ich fr Oliven halte. Eine starke, alte
Befestigungsmauer ist vom Kastell aus um die Bucht heruntergefhrt. Es
ist eigentmlich, wie mrchenhaft der Anblick des Ganzen anmutet. Man
erinnert sich etwa alter Miniaturen in Bilderhandschriften: Histoire des
batailles de Jude, Tesede oder an hnliches, man denkt an Schiffe von
phantastischer Form im Hafen der Stadt, an Mauren, Ritter und
Kreuzfahrer in ihren Gassen.

Jene, nicht allzuferne, uns Heutigen doch schon vllig fremde Zeit, wo
der Orient in die abendlndische Welt, wie eine bunte Welle,
hineinschlug, jene unwiederbringliche Epoche, vielfltig
ausschweifender, abenteuerlicher Phantastik -- so ist man versucht zu
denken -- msse in einer dem Gegenwartsblick so gespenstischen Stadt
noch voll in Blte stehen. Wetterwolken sammeln sich ber dem
hochgelegenen Kastell. Die See wogt wie dunkles Silber. Der Wind weht
empfindlich kalt.


Homer in der Odyssee lt den Charakter des Erderschtterers Poseidon
durchaus nicht liebenswrdig erscheinen. Er ist es auch nicht. Er ist
unzuverlssig; er hat unberechenbare Tcken. Ich empfinde die
Seekrankheit, an der viele Damen und einige Herren leiden, als einen
hmischen Racheakt. Der Gott bt Rache. In einer Zeit, wo er, verglichen
mit ehemals, sich in seiner Macht auf eine ungeahnte Weise beschrnkt
und zur Duldung verurteilt sieht, rcht er sich auf die
niedertrchtigste Art. Ich stelle mir vor, er schickt einen
aalartig-langen Wurm aus der Tiefe herauf, mit dem Kopf zuerst durch den
Mund in den Magen des Seefahrers; aber so, da der Kopf in den Magen
gelangt, dort eingeschlossen, der Schwanz mittlerweile ruhig im Wasser
hngen bleibt. Der Seefahrer fhlt diesen Wurm, den niemand sieht.
Obgleich er ihn aber nicht sieht, so wei er doch, da er grn und
schleimig ist, und endlos lang in die See hinunterhngt, und mit dem
Kopfe im Magen festsitzt. Die schwierige Aufgabe bleibt nun die: den
Wurm, der sich nicht verschlucken und auch nicht ausspucken lt, aus
dem Innern herauszubekommen.

Seltsam ist, da Homer diesen gttlichen Kniff Poseidons unbeschrieben
lt, zumal er doch sonst im Grlichen keine Grenzen kennt und -- von
den vielerlei Todesarten, die er zur Darstellung bringt, abgesehen --
einen verwandten Zustand, der dem Zyklopen Polyphem zustt, so
schildert:

   ... dem Rachen entstrzten mit Weine
   Stcke von Menschenfleisch, die der schnarchende Trunkenbold
      ausbrach.

Eine Gesellschaft von Tmmlern zeigt sich hie und da augenblicksschnell
berm Wasser in der Nhe des Dampfers. Der Tmmler, vom Seemann als
Schweinfisch bezeichnet, ist ein Delphin, der im Mittelmeer wohl fast
bei jeder Tagesfahrt gesichtet wird. Er ist ein ausgezeichneter
Schwimmer und sehr gefrig.


Wir verlieren die italienische Kste wieder mehr und mehr aus den Augen.
Der Nachmittag schreitet fort durch monotone Stunden, wie sie bei keiner
Seereise ganz fehlen. Regenben gehen zuweilen ber Deck. Ich finde
einen bequemen Sitzplatz, einigermaen geschtzt vor dem Winde. Ich
schliee die Augen. Ich versinke gleichsam in die Gerusche des Meeres.
Das Rauschen umgibt mich. Das groe, das machtvolle Rauschen, berall
her eindringend, unwiderstehlich, erfllt meine Seele, scheint meine
Seele selbst zu sein.

Ich gedenke frherer Seefahrten; darunter sind solche, die ich mit
beklommener Seele habe machen mssen. Viele Einzelheiten stehen vor
meinem innern Gesicht. Ich vergleiche damit meinen heutigen Zustand.
Damals warf der groe Ozean unser stattliches Schiff dreizehn Tage lang.
Die Seeleute machten ernste Gesichter. Was ich selber fr ein Gesicht
gemacht habe, wei ich nicht; denn was mich betrifft: ich erlebte damals
strmische Wochen auf zwei Meeren, und ich wute genau, da, wenn wir
mit unserem bremensischen Dampfer auch wirklich den Hafen erreichen
sollten, dies fr mein eigenes, gebrechliches Fahrzeug durchaus nicht
der Hafen sei.

Ich erwge pltzlich mit einem gelinden Entsetzen, da ich mich nun doch
noch auf einer Reise nach jenem Lande befinde, in das es mich schon mit
achtzehn Jahren hyperion-sehnschtig zog. Zu jener Zeit erzwang ich mir
einen Aufbruch dahin, aber die Wunder der italienischen Halbinsel
verhinderten mich, mein Ziel zu erreichen. Nun habe ich, das Versumte
nachzuholen: in 26 Jahren zuweilen gehofft, zuweilen nicht mehr gehofft,
zuweilen gewnscht, zuweilen auch nicht mehr gewnscht; einmal die Reise
geplant, begonnen und liegen gelassen. Und ich gestehe mir ein, da ich
eigentlich niemals an die Mglichkeit ernstlich geglaubt habe, das Land
der Griechen mit Augen zu sehen. Noch jetzt, indem ich diese Notizen
mache, bin ich mitrauisch!

Ich kenne brigens keine Fahrt, die etwas gleich Unwahrscheinliches an
sich htte. Ist doch Griechenland eine Provinz jedes europischen
Geistes geworden; und zwar ist es noch immer die Hauptprovinz. Mit
Dampfschiffen oder auf Eisenbahnen hinreisen zu wollen, erscheint fast
so unsinnig, als etwa in den Himmel eigener Phantasie mit einer
wirklichen Leiter steigen zu wollen.


Es ist sechs Uhr und die Sonne eben im Untergehen. Der Schiffsarzt
erzhlt mancherlei und kommt auf die Sage vom grnen Strahl. Der grne
Strahl, den gesehen zu haben Schiffsleute mitunter behaupten, erscheint
in dem Augenblick, ehe die Abendsonne ganz unter die Wasserlinie tritt.
Ich wei nicht, welche Flle rtselhaften Naturempfindens diese schne
Vorstellung in mir auslst. Die Alten, erklrt uns ein kleiner Herr,
mten den grnen Strahl gekannt haben; der Name des gyptischen
Sonnengottes bedeute ursprnglich: grn. Ich wei nicht, ob es sich so
verhlt, aber ich fhle in mir eine Sehnsucht, den grnen Strahl zu
erblicken. Ich knnte mir einen reinen Toren vorstellen, dessen Leben
darin bestnde, ber Lnder und Meere nach ihm zu suchen, um endlich am
Glanz dieses fremden, herrlichen Lichtes unterzugehen. Befinden wir uns
vielleicht auf einer hnlichen Pilgerfahrt? Sind wir nicht etwa
Menschen, die das Bereich ihrer Sinne erschpft haben, nach
andersartigen Reizen fr Sinne und bersinne drsten?

Jedenfalls ist der kleine Herr, durch den wir ber den grnen Strahl
belehrt wurden, ein seltsamer Pilgersmann. Das putzige Mnnchen reist in
Schlafschuhen. Sein ganzes Betragen und Wesen erregt zugleich Befremden
und Sympathie. Wohl ber die fnfzig hinaus an Jahren, mit brtigem
Kopf, rundlicher Leibesflle und kurzen Beinchen, bewegt er sich in
seinen Schlafschuhen mit einer bewunderungswrdigen, stillvergngten
Gelenkigkeit. Ich habe ihn auf der Regenplane, von der die verschlossene
ffnung des Schiffsraums berzogen ist, in wahrhaft akrobatischen
Stellungen bequem seine Reisebeobachtungen anstellen sehen. Zum
Beispiel: er sa wie ein Trke da; indessen die Gleichgltigkeit, mit
der er die unwahrscheinlichste Lage seiner Beinchen behandelte, htte
Theodor Amadeus Hoffmann stutzig gemacht. brigens trug er Wadenstrmpfe
und Kniehosen, Lodenmantel und einen kleinen, verwegenen Tirolerhut.
Mitunter machte er mitten am Tage astronomische Studien, wobei er, das
Zeiglas gegen den Himmel gerichtet, die Kniee in unbeschreiblicher
Weise voneinander entfernt, die Fusohlen glatt aneinander gelegt, auf
dem Rcken lag.


Wir gleiten nun schon geraume Weile unter den Sternen des Nachthimmels.
Ein Schlag der Glocke, die vorn auf dem Schiff angebracht ist, bedeutet
Feuer rechts. Der Leuchtturm von Brindisi ist gesichtet. Nach und nach
treten drei Blinkfeuer von der Kste her abwechselnd in Wirkung. Drei
neue Glockenzeichen des vorn wachthaltenden Matrosen ertnen. Sie
bedeuten: Schiff in Fahrtrichtung uns entgegen. Ich habe mich so
aufgestellt, da ich die Spitze des groen Vordermasts ber mir
feierlich schwanken und zwischen den Sternen unaufhaltsam fortrcken
sehe. Erst gegen zehn Uhr erreichen wir die enge Hafeneinfahrt von
Brindisi, durch die wir, an einem Gespensterkastell vorber, im vollen
Mondlicht langsam gleiten.

Die Bewohner der Stadt scheinen schlafen gegangen zu sein. Die
Hafenstraen sind menschenleer. Treppen und Gchen zwischen Husern,
hgelan fhrend, sind ebenfalls ausgestorben. Kein Laut, nicht einmal
Hundegebell, ertnt. Wir erkennen im Mondlicht und im Scheine einiger
wenigen Laternen Sulenreste antiker Bauwerke. Brindisi war der sdliche
Endpunkt der via Appia.

Unglaublich gro wirkt das Schiff in dem kleinen, teichartigen Hafen.
Aber, so gro es ist, macht es mit vieler Vorsicht am Kai fest, und erst
als es fast ganz ruhig liegt, ist es bemerkt worden. Jetzt werden auf
einmal die Straen belebt. Und schon sind wir nach wenigen Augenblicken
vom italienischen Lrm umgeben. Die Polizei erscheint an Bord. Wagen mit
Passagieren rasseln von den Hotels heran. Drei Mandoline zupfende, alte
Kerle haben sich auf Deck verpflanzt, die den Gesang einer sehr
phlegmatischen Mignon begleiten.


Die Nacht liegt hinter mir. Es ist sechs Uhr frh und der 28. Mrz. Wir
sind dicht unter Land, und die Sonne tritt eben hinter den ziemlich
stark beschneiten Spitzen ber die hchste Erhebung des Randgebirges von
Epirus voll hervor. Wenig Stratusgewlk liegt ber der blauen Silhouette
der Kste. brigens hat der Himmel Scirocco-Charakter. Streifen und
verwaschene Wolkenballen unterbrechen das Himmelsblau. Das Licht der
Sonne scheint bla und kraftlos. Die Luft weht erkltend, ich spre
Mdigkeit.

Ich betrete den Speisesaal der Salzburg. An drei Tischen ist das
Frhstck vorbereitet. Dazwischen, auf der Erde, liegen Passagiere.
Einige erheben sich, noch im Hemd, von ihren Matratzen und beginnen die
Kleider anzulegen. Ein groes Glasgef mit den verschmierten Resten
einer schwarzbraunen Fruchtmarmelade steht in unappetitlicher Nhe. Der
Lffel steckt seit Beginn der Reise darin.

Es ist hier alles schon Asien, bedeutet mich ein Mitreisender. Ich kann
nicht sagen, da ich besonders von diesen belstnden berhrt werde,
wei ich doch, da Korfu, die erste Etappe der Reise, nun bald erreicht
ist. Auerdem flchtet man, nachdem man in Eile etwas Kaffee und Brot
genossen hat, wieder an Deck hinaus. Die Berge der Kste, nicht hher
als die, von denen etwa Lugano umgeben ist, sind noch mit einigem Schnee
bestreut und hneln ihnen, braunrtlich und kahl, durchaus. Durch diese
Gebirge erscheint das Hinterland wie durch einen gigantischen Wall vor
dem Meere geschtzt.

Man hat jetzt nicht mehr das Gefhl, im offenen Meere zu sein, sondern
wir bewegen uns in einer sich mehr und mehr verengenden Wasserstrae.
berall tauchen Ksten und Inseln auf, und nun zur Rechten bereits die
Hhen von Korfu. Noch immer schweben mit Gelchter oder Gelut
begleitende Mven ber uns.

Je lnger und nher wir an dem nrdlichen Rande von Korfu hingleiten, um
so fieberhafter wird das allgemeine Leben an Deck. In schner Linie
langsam ansteigend, gipfelt das Eiland in zwei Spitzen, sanft darnach
wieder ins Meer verlaufend. Wieder bemchtigt sich unser jenes
Entzcken, das uns eine Ksten-Landschaft bereitet, die man vom Meere
aus sieht. Diesmal ist es in mir fast zu einem inneren Jubel gesteigert,
im Anblick des schnen Berges, den wir allmhlich nach Sden umfahren,
und der seine von der Morgensonne beschienenen Abhnge immer deutlicher
und verlockender ausbreitet. Ich sage mir, dieses kstliche, fremde Land
wird nun auf Wochen hinaus -- und Wochen bedeuten auf Reisen viel! --
fr mich eine Heimat sein.

Was mir bevorsteht, ist eine Art Besitzergreifen. Es ist keine unreale,
materielle Eroberung, sondern mehr. Ich bin wieder jung. Ich bin
berauscht von schnen Erwartungen, denn ich habe von dieser Insel,
solange ich ihren Namen kannte, Trume getrumt.


Es ist zehn Uhr. Wir befinden uns nun in einer wahrhaft phakischen
Bucht. Drepane, Sichel, hie die Insel im ltesten Altertum, und wir
sind in dem Raume der inneren Krmmung. Aber das Jonische Meer ist hier
einem weiten, paradiesischen Landsee hnlich, weil auch der offene Teil
der Sichel durch die epirotischen Berge hinter uns scheinbar geschlossen
ist.


Ich vermag vor Kopfneuralgien kaum aus den Augen zu sehen. Ich bin
insofern ein wenig enttuscht, als unser Hotel rings von den Husern der
Stadt umgeben ist und es nicht leicht erscheint, zu jenen einsamen Wegen
durchzudringen, die mich vom Schiff aus anlockten und die fr meine
besondere Lebensweise so notwendig sind. Ein kurzer Gang durch einige
Straen von Korfu, der Stadt, zwingt mich, die Bemerkung zu machen, da
hier viele Bettler und Hunde sind. Eine bettelnde Korfiotin, ein
robustes Weib in griechischer Tracht, das Kind auf dem Arm, geht mich um
eine Gabe an, und ich vermag den feurigen Blicken ihrer beiden flehenden
Augen mein hartes Herz nicht erfolgreich entgegenzusetzen.

Ich sehe die ersten griechischen Priester, die im Schmuck ihrer
schwarzen Brte, Talare und hohen, rhrenfrmigen Kopfbedeckungen
Magiern hneln, auf Pltzen und Gassen herumstreichen. Die nicht sehr
zahlreichen Fremden gehen mit eingezogenen Kpfen umher, es ist ziemlich
kalt. Im oberen Stock eines Hauses wird Schule gehalten. Die Kinder, im
Innern des Zimmers, singen. Die Lehrer gucken lachend und lebhaft
schwatzend zum Fenster heraus. Die Stimmen der Singenden haben mehr
einen khlen, deutschen Charakter und nicht den feurigen, italienischen,
an den man im Sden gewhnt ist. Zuweilen singt einer der Lehrer zum
offenen Fenster heraus lustig mit.

Die Stadt Korfu ist in ihrem schneren Teil durch einen sehr breiten,
vergrasten Platz von der Bucht getrennt. Es ist auerordentlich
angenehm, hier zu lustwandeln. Ein Capodistria-Denkmal und ein marmornes
Rundtempelchen verlieren sich fast auf der weiten Grasflche. Nach dem
Meer hin luft sie in eine Felszunge aus, die alte Befestigungen aus den
Zeiten der Venezianer trgt. Ich begegne kaum einem Menschen. Die
Morgensonne liegt auf dem grnen Plan, ein Schfchen grast nicht weit
von mir. Ein Truthahn dreht sich und kollert in der Nhe der langen
Hausreihe, deren zahllose Fenster geffnet sind und den Gesang von --
ich wei nicht wie vielen! -- Harzer Rollern in die erquickende Luft
schicken.

Wir unternehmen am Nachmittag eine Fahrt ber Land; es ist in der Luft
eine auerordentlich starke Helligkeit. Figi d'India-Kakteen sumen
mauerartig die Strae. Wir sehen violette Anemonen unten am Wegrand,
Blumen von neuem und wunderbarem Reiz. Warum will man den Blumen
durchaus Eigenschaften von Tieren oder von Menschen andichten und sie
nicht lieber zu Gttern machen? Diese kleinen gttlichen Wesen, deren
kstlicher Liebreiz uns immer wieder Ausrufe des Entzckens entlockt,
zeigen sich in um so greren Mengen, je mehr wir uns von der Kste
entfernen, ins Innere des Eilands hinein.

Der Blick weitet sich bald ber Wiesen mit saftig grnen, aber noch
kurzen Grsern, die fleckweise wie beschneit von Margueriten sind. In
diesen fast nordischen Rasenflchen stehen Zypressen vereinzelt da und
eine sdliche Bucht, der Lago di Caliciopolo lacht dahinter auf. In der
Strae, die eben diese Bucht mit dem Meere verbindet, erhebt sich ein
kleiner, von Mauern und Zypressen gekrnter Fels. Die Mauern bilden ein
Mnchskloster. Ponticonisi oder Mausinsel heit das Ganze, wovon man
behauptet, es sei das Phakenschiff, das, nachdem es Odysseus nach
seiner Heimat geleitet hatte, bei seiner Rckkehr, fast schon im Hafen,
von Poseidon zu Stein verwandelt worden ist.

Wiesen und umgeworfene cker begleiten uns noch. Vollbusige, griechische
Frauen, in bunter Landestracht, arbeiten in den Feldern. Kleine,
zottelige, unglaublich ruppige Gule grasen an den Rainen und zwischen
Olivenbumen, an steinigen Abhngen. Auf winzige Eselchen sind groe
Lasten gelegt, und der Treiber sitzt auf der Last oder hinter der Last
noch dazu.

Wir nhern uns mehr und mehr einem Berggebiet. Die lwlder geben der
Landschaft einen ernsten Charakter. Die tausendfach durchlcherten
Stmme der alten Bume sind wie aus glanzlosem Silber geflochten. Im
Schutze der Kronen wuchert Gestrpp und ein wildwachsender Himmel
fremdartiger Blten auf.


Das Achilleion der Kaiserin Elisabeth ist auf einer Hhe errichtet, in
einer Eiland und Meer beherrschenden Lage. Der obere Teil des Gartens
ist ein wenig beengt und kleinlich, besonders angesichts dieser Natur,
die sich um ihn her in die Tiefen ausbreitet. Und jener Teil, der zum
Meere hinuntersteigt, ist zu steil. Von erhabener Art ist die
Achillesverehrung der edlen Frau, obgleich dieser Zug, durch Knstler
der Gegenwart, wrdigen Ausdruck hier nicht gefunden hat. Das Denkmal
Heines, eine halbe Stunde entfernt, unten am Meere, knnen wir, weil es
bereits zu dunkeln beginnt, nicht mehr besuchen.

Die unvergleichlich Edele unter den Frauengestalten jngster
Vergangenheit, die, nach ihresgleichen in unserem Zeitalter vergeblich
suchend, einsam geblieben ist, vermochte natrlicherweise den
kunstmigen Ausdruck ihrer Persnlichkeit nicht selbst zu finden. Und
leider schufen Handlangernaturen auch hier nur wieder im ganzen und
groen den Ausdruck desselben, dem sie entfliehen wollte. Und nur der
Platz, die Welt, der erhabene Glanz und Ernst, in den sie entfloh, legt
von diesem Wesen noch gltiges Zeugnis ab.


Wir schreiben den 30. Mrz. Helle, warme Sonne, blendendes Licht
berall. Der Morgen ist heiter, erfrischend die Luft. Die Stadt ist
erfllt vom Geschrei der Ausrufer. Viele Menschen liegen jetzt, gegen 9
Uhr frh, am Rande eines kleinen, ffentlichen Platzes umher und sonnen
sich. Eine ganze Familie ist zu beobachten, die sich an eine Gartenmauer
gelagert hat, in einem sehr notwendigen Wrmebedrfnis wahrscheinlich,
da die Nchte kalt und die Keller, in denen die Armen hier wohnen, nicht
heizbar sind. Sie genieen die Strahlen der Sonne mit Wohlbehagen, wie
Ofenglut. Dabei zeigt sich die Mutter insofern ganz ungeniert durch die
ffentlichkeit, als sie, gleich einer ffin, in den verfilzten Haaren
ihres Jngsten herumfingert, sehr resolut, obgleich der kleine Gelauste
schrecklich weint.

Am Kai der Kaiserin Elisabeth steigert sich der Glanz des Lichtes noch,
im Angesichte der schnen Bucht. Das Kai ist eine englische Anlage und
die Nachmittagspromenade der korfiotischen Welt. Es wird begleitet von
schnen Baumreihen, die, wo sie nicht aus immergrnen Arten gebildet
sind, erstes, zartes Grn berzieht. Junge Mnner haben Teppiche aus den
Husern geschleppt und auf dem Grase zwischen den Stmmen ausgebreitet.
Ein scheuliches, altes, erotomanisches Weib macht unanstndige Sprnge
in den heiteren Morgen hinein. Sie schreit und schimpft: die Mnner
lachen, verspotten sie gutmtig. Sie kratzt sich mit obscner Gebrde,
bevor sie davongeht und hebt ihre Lumpen gegen die Spottlustigen.

Ich habe jetzt nicht mehr die tiefblaue, kstlich blinkende Bucht zur
Linken, mit den weien Zelten der albanesischen Berge dahinter, sondern
ein groes Gartengebiet, und wandere weiter, meist unter lbumen, bis
Ponticonisi dicht unter mir liegt. Von hier gegenber mndet ein kleines
Flchen ins Meer und man will dort die Stelle annehmen, wo Odysseus
zuerst ans Ufer gelangte und Nausikaa ihm begegnet ist.

Goethes Entwurf zur Nausikaa begleitet mich.

   Was rufen mich fr Stimmen aus dem Schlaf?
   Wie ein Geschrei, ein laut Gesprch der Frauen
   Erklang mir durch die Dmmrung des Erwachens.
   Hier seh ich niemand! Scherzen durchs Gebsch
   Die Nymphen? oder ahmt der frische Wind,
   Durchs hohe Rohr des Flusses sich bewegend,
   Zu meiner Qual die Menschenstimmen nach?
   Wo bin ich hingekommen? welchem Lande
   Trug mich der Zorn des Wellengottes zu?

Ich meine, wenn dieses anziehende Fragment die starke Liebe wieder
erweckt, oder eine hnlich starke, wie im Herzen seines Dichters war, so
kann dies kein Grund zum Vorwurf sein. Auch dann nicht, wenn diese Liebe
das Fehlende, das Ungeborene, zu erkennen vermeint, oder gar zu ergnzen
unternimmt. Dieser gelassene Ton, der so warm, stark, richtig und
deutsch ist, wird meist durchaus miverstanden. Man nimmt ihn fr khl
und vergit auch in der Sprache der Iphigenie die by very much more
handsome than fine ist, die alles durchdringende Herzlichkeit.

Der Rckweg nach der Stadt fhrt zwischen wahre Dickichte von Orangen,
Granaten und Himbeeren. Eukalyptusbume mit grogefleckten Stmmen von
wunderbarer Schnheit begegnen. Hie und da wandeln Khe im hohen Gras
unter niedrig gehaltenen Orangenpflanzungen. Steinerne Huschen, Hhlen
der Armut, bergen sich inmitten der dichten Grten. Kinder betteln mit
Frhlichkeit, starrend von Schmutz.

Immer weiter zwischen verwilderten Hecken, mit Blten bedeckten,
schreiten wir. Ich bemerke, auer vielen Brombeeren, dickstmmigen,
alten Weidorn. Marguerits, wie Schnee ber Wegrndern und Wiesen,
bilden weie, liebliche Teppiche des Elends. Erbrmliche Hfe sind von
Aloepflanzen eingehegt, ber deren Stacheln unglaubliche Lumpen zum
Trocknen gebreitet sind, und in der Nhe solcher Wohnsttten riecht es
nach Mll. Ich sehe nur Mnner bei der Feldarbeit. Die Weiber faulenzen,
liegen im Dreck und sonnen sich.

Ein griechischer Hirt kommt mir entgegen, ein alter, brtiger Mann. Die
ganze Erscheinung ist wohlgepflegt. Er trgt kretensische Tracht, ein
rockartiges, blaues Beinkleid, zwischen den Beinen gerafft,
Schnabelschuh', die Waden gebunden, ein blaues Jckchen mit
Glanzknpfen, dazu einen strohenen Hut. Fnf Ziegen, nicht mehr, trotten
vor ihm hin. Er klappert mit vielen kleinen Blechkannen, die, an einem
Riemen hngend, er mit sich fhrt.


Ein frischer Nordwest hat eingesetzt, jetzt, am Nachmittag. Zwei alte
Albanesen, dazu ein Knabe, schreiten langsam ber die Lespianata. Einer
der wrdigen Weibrte trgt ber zwei Mnteln den dritten, dessen
Kapuze er ber den Kopf gezogen hat. Der unterste Mantel ist von
hellerem Tuch, der zweite blau, der dritte ber und ber bedeckt mit
langen, weilichen Wollzotteln, hnlich dem Ziegenhaar. Der Sauhirt
Eumus fllt mir ein und die Erzhlung des Bettlers Odysseus von seiner
List, durch die er nicht nur von Thoas, dem Sohne Andrmons, den Mantel
erhielt, sondern auch von Eumus.

Es scheint, da die Zahl der Mntel den Wohlstand ihrer Trger andeutet.
Denn auch der zweite dieser imponierenden Berghirten hat drei Mntel
bergeworfen. Dabei tragen sie weie Wollgamaschen und graulederne
Schnabelschuh'. Jeder von ihnen berdies einen ungeschlten, langen
Stab. Der Knabe trgt ein rotes Fez. Die Schnbel seiner roten Schuhe
sind lnger, als die der Alten und jeder mit einer groen, schwarzen
Quaste geziert.

Die Hafenstraen zeigen das bliche Volksgetriebe. Die Lden ffnen sich
auf schmale, hochgelegene Lauben, aus denen man in das Menschengewimmel
der engen Gchen hinuntersieht. Ein Mann trgt Fische mit silbernen
Schuppen auf dem flachen Handteller eilend an mir vorbei. Junge Schafe
und Ziegen hngen, ausgeweidet und blutend, vor den Lden der Fleischer.
ber der Tr einer Weinstube voll riesiger Fsser sind im Halbkreis
Flaschen mit verschieden gefrbtem Inhalt an Schnren ausgehngt. Man
hat schlechte Treppen, belriechende Winkel zu vermeiden, vertierten
Bettlern aus dem Wege zu gehn.

Einer dieser Bettler nhert sich mir. Er berbietet jeden sonstigen,
europischen Eindruck dieser Art. Seine Augen glhen ber einem
sackartigen Lumpen hervor, mit dem er Mund, Nase und Brust vermummt hat.
Er hustet in diese Umhllung hinein. Er bleibt auf der Strae stehen und
hustet, krchzt, pfeift mit Absicht, um aufzufallen, sein frchterliches
Husten minutenlang. Es ist schwer, sich etwas so Abstoendes
vorzustellen, als dieses verlauste, unfltige, barfige und halbnackte
Gespenst.


Ich verbringe die Stunde um Sonnenuntergang in dem schnen, verwilderten
Garten, der dem Knig von Griechenland gehrt. Es ist eine wunderbare
Wildnis von alten Zypressen-, Oliven- und Eukalyptusbumen, ungerechnet
alle die blhenden Strucher, in deren Schatten man sich bewegt.
Vielleicht wre es schade, wenn dieser Garten oft vom Knig besucht
wrde, denn bei grerer Pflege mte er vieles verlieren von dem Reiz
des Verwunschenen, der ihm jetzt eigen ist. Die Riesenbume schwanken
gewaltig im Winde und rauschen dazu: ein weiches, aufgestrtes Rauschen,
in das sich der eherne Ton des Meeres einmischt.


Wie ich heute morgen das Fenster ffne, ist die Sonne am wolkenlosen
Himmel lngst aufgegangen. Ich bemerke, da alles in einem fast weien
Lichte unter mir liegt: die Straen und Dcher der Stadt, der Himmel,
die Landschaft mit ihren Wiesen, Olivenwldern und fernen Bergen. Als
ich aus dem Hotel trete, mu ich die Augen fast schlieen, und lange,
whrend ich durch den nrdlichen Stadtteil Korfus hinauswandere, suche
ich meinen Weg blinzelnd.

Die Vorstadt zeigt das bliche Bild. Auf kleinen Eselchen sitzen Reiter,
so gro, da man meint, sie knnten ihr Reittier mhelos in die Tasche
stecken. Ruppige Pferdchen, braunschwarz oder schwarz, mit Schweifen,
die bis zur Erde reichen, tragen allerlei tote Lasten und lebende
Menschen dazu. Vor ihren zumeist einstckigen Husern hocken viele
Bewohner und sonnen sich. Eine junge Mutter sugt, auf ihrer Trschwelle
sitzend, ihr jngstes Kind und laust es zugleich, in aller Behaglichkeit
und Naivett. Die weien Mauerflchen werfen das Licht zurck und
erzeugen Augenschmerzen.

Ich komme nun in die Region der Weiden und lgrten. Auf einer ebenen
Strae, die stellenweise vom Meere besplt, dann wieder durch sumpfige
Strecken oder Weideland vom Rande der groen, inneren Bucht getrennt
ist. Ich ruhe ein wenig, auf einem Stck Ufermauer am Ausgang der Stadt.
Die Sonne brennt hei. Von den angrenzenden Hgeln steigt ein
albanesischer Hirte mit seinen Schafen zur Strae herunter: trotz der
Wrme trgt er seine drei Mntel, oben den flieartigen, ber die
Schultern gehngt. Ein sehr starkes und hochbeiniges Mutterschwein kommt
aus der Stadt und schreitet hinter seinen Ferkeln an mir vorber. Es
folgt ein Eber, der kleiner ist.

Es ist natrlich, wenn ich auch hier wieder an Eumus denke, den
gttlichen Hirten, eine Gestalt, die mir brigens schon seit lngerer
Zeit besonders lebendig ist. Eigentmlicherweise umgibt das Tier, dessen
Pflege und Zucht ihm besonders oblag, noch heute bei uns auf dem Lande
eine Art alter Opferpoesie. Es ist das einzige Tier, das von kleinen
Leuten noch heute, nicht ohne groe festliche Aufregung, im Hause
geschlachtet wird. Das Barbarische liegt nicht in der naiven Freude an
Trunk und Schmaus; denn die homerischen Griechen, gleich den alten
Germanen, neigten zur Vllerei. Metzgen, essen, trinken, gesundes
Ausarbeiten der Glieder im Spiel, im Kampfspiel zumeist, das alles im
Einverstndnis mit den Himmlischen, ja in ihrer Gegenwart, war fr
griechische wie fr germanische Mnner der Inbegriff jeder Festlichkeit.

Es liegt in dem Eumus-Idyll eine tiefe Naivett, die entzckend
anheimelt. Kaum ist irgendwo im Homer eine gleiche menschliche Wrme zu
spren wie hier. Es wre vielleicht von dieser Empfindung aus nicht
unmglich, dem ewigen Gegenstande ein neues, lebendiges Dasein fr uns
zu gewinnen.

Es ist nicht durchaus angenehm, auer zum Zweck der Beobachtung, durch
diese weie, stauberfllte Vorstadt zurck den Weg zu nehmen.
Unglaublich, wieviele Murillosche Kopfreinigungen man hier ffentlich zu
sehen bekommt! Es ist glhend hei. Scharen von Gnsen fliegen vor mir
auf und vermehren den Staub, ihn, die weite Strae hinabfliegend, zu
Wolken ber sich jagend. Hochrdrige Karren kommen mir entgegen. Hunde
laufen ber den Weg: Bulldoggen, Wolfshunde, Pintscher, Fixkter aller
Art! Gelbe, graue und schwarze Katzen liegen umher, laufen, fauchen,
retten sich vor Hunden auf Fensterbrstungen. Eselchen schleppen
Ladungen frischgeflochtener Krbe, die den Entgegenkommenden das
Ausweichen fast unmglich machen. Eine breitgebaute, griechische Buerin
drckt, im _bildlichen_ Sinne, wie sie pomps einherschreitet, ihre
Umgebung an die Wand. Bettler, mit zwei alten Getreidescken bekleidet,
den einen unter den Achseln um den Leib geschlungen, den andern ber die
Schultern gehngt wie ein Umschlagetuch, sprechen die Inhaber rmlicher
Lden um Gaben an. Ein junger Priesterzgling von sehr gepflegtem
ueren, mit schwarzem Barett und schwarzer Sutane, ein Jngling, der
schn wie ein Mdchen ist, von einem gemeinen Manne, dem Vater oder
Bruder begleitet, geht mir entgegen. Der Arm des Begleiters ist um die
Schultern des Priesters gelegt, dessen tiefschwarz glnzendes Haar im
Nacken zu einem Knoten geflochten ist. Weiber und Mnner blicken ihm
nach.


Heute entdecke ich eigentlich erst den Garten des Knigs und seine
Wunder. Ich nehme mir vor, von morgen ab mehrere Stunden tglich hier
zuzubringen. Seit lngerer Zeit zum ersten Male geniee ich hier jene
kstlichen Augenblicke, die auf Jahre hinaus der Seele Glanz verleihen,
und um derentwillen man eigentlich lebt. Es dringt mir mit voller Macht
ins Gemt, wo ich bin, und da ich das Jonische Meer an den felsigen
Rndern des Gartens brausen hre.


Wir haben heute den 1. April. Meine Freunde, die Maler sind, und ich,
haben uns am Eingange der Knigsvilla von einander getrennt, um, jeder
fr sich, in dem weiten, verwilderten Gartenbereich auf Entdeckungen
auszugehen. Es ist ein Morgen von unvergleichlicher Sigkeit. Ich
schreibe, meiner Gewohnheit nach, im Gehen, mit Bleistift diese Notizen.
Mein Auge weidet. Das Paradies wird ein Land voll ungekannter,
kstlicher Blumen sein. Die herrlichen Anemonen Korfus tragen mit dazu
bei, da man Ahnungen einer andern Welt empfindet. Man glaubt beinahe,
auf einem fremden Planeten zu sein.

In dieser eingebildeten Loslsung liegt eine groe Glckseligkeit.

Ich finde nach einigem Wandern die Marmorreste eines antiken
Tempelchens. Es sind nur Grundmauern; einige Sulentrommeln liegen
umher. Ich lege mich nieder auf die Steine, und eine unsgliche Wollust
des Daseins kommt ber mich. Ein feines, glckliches Staunen erfllt
mich ganz, zunchst fast noch unglubig, vor diesem nun Ereignis
gewordenen Traum.

Weniger um etwas zu schaffen, als vielmehr um mich ganz einzuschlieen
in die Homerische Welt, beginne ich ein Gedicht zu schreiben, ein
dramatisches, das Telemach, den Sohn des Odysseus, zum Helden hat.
Umgeben von Blumen, umtnt von lautem Bienengesumm, fgt sich mir Vers
zu Vers, und es ist mir allmhlich so, als habe sich um mich her nur
mein eigener Traum zu Wahrheit verdichtet.

Die Lage des Tempelchens am Rande der Bschung, hoch berm Meer, ist
entzckend; alte, ernste Oliven umgeben in einiger Ferne die Vertiefung,
in die es gestellt ist. Welchem Gotte, welchem Heros, welchem
Meergreise, welcher Gttin oder Nymphe war das Tempelchen etwa geweiht,
das in das grne Stirnband der Uferhhe eingeflochten, dem nahenden
Schiffer entgegenwinkte? diese kleine, schweigende Wohnung der Seligen,
die, Weihe verbreitend, noch heute das Rauschen der lbume, das
schwelgerische Summen der Bienen, das Duftgewlke der Wiesen als ewige
Opfergaben entgegennimmt. Die kleinen, blinkenden Wellen des Meeres
ziehen, vom leisen Ost bewegt, wie in himmlischer Prozession heran, und
es ist mir, als wre ich nie etwas anderes, als ein Diener der
unsterblichen Griechengtter gewesen.

Ich wei nicht, wie ich auf die Vermutung komme, da unterhalb des
Tempelchens eine Grotte und eine Quelle sein msse. Ich steige
verfallene Stufen tief hinab und finde beides. Quellen und Grotten
mnden auf grne von Marguerits berste Terrassen, in ihrer versteckten
Lage von sestem Reiz. Ich bin hier, um die Gtter zu verehren, zu
lieben und herrschen zu machen ber mich. Deshalb pflcke ich Blumen,
werfe sie in das Becken der Quelle, zu den Najaden und Nymphen flehend,
den lieblichen Tchtern des Zeus.


Ein brauner, schwermtiger Sonnenuntergang. Wir finden uns an die
Schwermut norddeutscher Ebenen irgendwie erinnert. Es ist etwas Khles
in Licht und Landschaft, das vielleicht deutlicher vorstellbar wird,
wenn man es unitalienisch nennt. Das Landvolk, obgleich die Buerinnen
imposant und vollbusig sind und von schner Rasse, erscheint nach auen
hin temperamentlos, im Vergleich mit Italien, und zwar trotz des
italienischen Einschlags. Es kommt uns vor, als wre das Leben hier
nicht so kurzweilig, wie auf der italienischen Halbinsel.

Die griechische Buerin hat durchaus den graden, treuherzigen Zug, der
den Mnnern hier abgeht, und den man als einen deutschen gern in
Anspruch nimmt. Sinnliches Feuer scheint ebenso wenig Ausdruck ihrer
besonderen Art zu sein, als bei den homerischen Frauengestalten.
berhaupt erscheinen mir die homerischen Zustnde den frhen
germanischen nicht allzu fern stehend. Der homerische Grieche ist
Krieger durchaus, ein khner Seefahrer, wie der Normanne verwegener
Pirat, von tiefer Frmmigkeit bis zur Bigotterie, trunkliebend, zur
Vllerei neigend, dem Rausche groartiger Gastereien zugetan, wo der
Gesang des Skalden nicht fehlen durfte.


Ich habe mich auf den Resten des antiken Tempelchens, das ich nun schon
zum dritten- oder viertenmal besuche, niedergelassen. Es fllt lauer
Frhlingsregen. Ein groer, berhngender, weidenartiger Strauch umgibt
mich mit dem Arom seiner Blten. Die Wellen wallfahrten heut mit starkem
Rauschen heran. Immer der gleiche Gottesdienst in der Natur.
Wolkendnste bedecken den Himmel.

Immer erst, wenn ich auf den Grundmauern dieses kleinen Gotteshauses
gestanden habe, fhle ich mich in den Geist der Alten entrckt und
glaube in diesem Geiste alles rings umher zu empfinden. Ich will nie
diese Stunden vergessen, die in einem ungeahnten Sinne erneuernd sind.
Ich steige ans Meer zu den Najaden hinunter. Auf den Stufen bereits
vernehme ich das Geschrei einer Ziege, von der Grotte und Quelle
empordringend. Ich bemerke, wie das Tier von einem groen, rotbraunen
Segel beunruhigt ist, das sich dem Lande, dster schattend, bis auf
wenige Meter nhert, um hier zu wenden. Unwillkrlich mu ich an Seeraub
denken und das fortwhrende, klgliche Hilferufen des gengstigten
Tieres bringt mir, beim Anblick des groen, drohenden Segels, die alte
Angst des einsamen Kstenbewohners, vor berfllen, nah.


Oft ist bei Homer von schwarzen Schiffen die Rede. Ob sie nicht etwa den
Nordlandsdrachen hnlich gewesen sind? Und ob nicht etwa die homerischen
Griechen, die ja durchaus Seefahrer und Abenteurernaturen waren, auch
das griechische Festland vom Wasser aus zuerst betreten haben?

Eigentmlich ist es, wie sich in einem Gesprch des Plutarch eine
Verbindung des hohen Nordens mit diesem Sden andeutet; wo von Vlkern
griechischen Stammes die Rede ist, die etwa in Kanada angesessen waren,
und von einer Insel Ogygia, wo der von Zeus entthronte Kronos gleichsam
in Banden eines Winterschlafes gefangen sa. Besonders merkwrdig ist
der Zug, da jener entthronte Gott, Kronos oder Saturn, noch immer alles
dasjenige trumte, was der Sohn und Sieger im Sden, Zeus, im Wachen
sah. Also etwa, was jener trumte, war diesem Wirklichkeit. Und Herakles
begab sich einst in den Norden zurck, und seine Begleiter reinigten
Sitte und Sprache der nrdlichen Griechen, die inzwischen verwahrlost
waren.

Ich strecke mich auf das saftige Grn der Terrasse unter die zahllosen
Gnseblmchen aus, als ob ich, ein erster Grieche, soeben nach vieler
Mhsal gelandet wre. Ein starkes Frhlingsempfinden dringt durch mich;
und in diesem Gefhle eins mit dem Sprossen, Keimen und Blhen rings um
mich her, empfinde ich jeden Naturkult, jede Art Gottesdienst, jedes
irgendwie geartete hhere Leben des Menschen durch Eros bedingt.


Ich beobachte eben, vor Sonnenuntergang, in einer Ausbuchtung der
Kaimauer, zwei Muselmnner. Sie verrichten ihr Abendgebet. Die Gesichter
nach Mekka gewendet, gegen das Meer und die epirotischen Berge, stehen
sie ohne Lippenbewegung da. Die Hnde sind nicht gefaltet, nur mit den
Spitzen der Finger aneinandergelegt. Jetzt, indem sie sich auf ein Knie
senken, machen sie gleichzeitig eine tiefe Verneigung. Diese Bewegung
wird wiederholt. Sie lassen sich nun auf die Kniee nieder und berhren
mit den Stirnen die Erde. Auch diesen Ausdruck andachtsvoller
Erniedrigung wiederholen sie. Aufgerichtet, beten sie weiter. Nochmals
sinken sie auf die Kniee und berhren mit ihren Stirnen wieder und
wieder den Boden. Alsdann fhrt sich, noch kniend, der ltere von den
beiden Mnnern mit der Rechten ber das Angesicht und ber den dunklen,
graumelierten Bart, als wollte er einen Traum von der Seele streifen,
und nun kehren sie, erwacht, aus dem inneren Heiligtum in das laute
Straenleben, das sie umgibt, zurck. Wer diese Kraft zur Vertiefung
sieht, mu die Macht anerkennen und verehren, die hier wirksam ist.


Heut werfen die Wellen ihre Schaumschleier ber die Kaimauer der Strada
marina. Die Mven halten sich mit Meisterschaft gegen den starken
Sdwind ber den bewegten Wassern des Golfes von Kastrades. Es herrscht
Leben und Aufregung. Von gestern zu heut sind die Baumwipfel grn
geworden im lauen Regen.

Die Luft ist feucht. Der Garten, in den ich eintrete, braust laut. Der
Garten der Kirke, wie ich den Garten des Knigs jetzt lieber nenne,
braust laut und melodisch und voll. Dfte von zahllosen Blten dringen
durch dunkle, rauschende Laubgnge und strmen um mich mit der bewegten
Luft. Es ist herrlich! Der Webstuhl der Kirke braust wie Orgeln:
Chorle, endlos und feierlich. Und whrend die Gttin webt, die
Zauberin, bedeckt sich die Erde mit bunten Teppichen. Aus grnen Wipfeln
brechen die Blten: gelb, wei und rot, wie Blut. Das zarteste der
Schnheit entsteht ringsum. Millionen kleiner Blumen trinken den Klang
und wachsen in ihm. Himmelhohe Zypressen wiegen die schwarzen Wedel
ehrwrdig. Der gewaltige Eukalyptus, an dem ich stehe, scheint zu
schaudern vor Wonne, im Ansturm des vollen, erneuten Lebenshauchs. Das
sind Boten, die kommen! Verkndigungen!

Wie ich tiefer in das verwunschene Reich eindringe, hre ich ber mir in
der Luft das beinahe melodische Knarren eines groen Raben. Ich sehe ihn
tglich, nun schon das drittemal: den Lieblingsvogel Apollons. Er
berquert eine kleine Bucht des Gartens. Der Wind trgt seine Stimme
davon, denn ich sehe nur noch, wie er seinen Schnabel ffnet.

Immer noch umgibt mich das Rauschen, das allgemeine, tiefe Getse. Es
scheint aus der Erde zu kommen. Es ist, als ob die Erde selbst tief und
gleichmig tnte, mitunter bis zu einem unterirdischen Donner
gesteigert.

Im Schatten der lbume, im langhalmigen Wiesengras, gibt es viele
gemauerte Wasserbrunnen. ber einem, der mir vor Augen liegt, sehe ich
Nymphe und Najade gesellt, denn der Gipfel eines Baumes, dessen Stamm im
Innern der Zisterne heraufdringt, berquillt ihre ffnung mit jungem
Grn. Die Grazien umtanzen in Gestalt vieler zartester Wiesenblumen den
verschwiegenen Ort.

Die Gestalten der Kirke und der Kalypso hneln einander. Jede von ihnen
ist eine furchtbare Zauberin, jede von ihnen trgt ein anmutig feines
Silbergewand, einen goldenen Grtel und einen Schleier ums Haupt. Jede
von ihnen hat einen Webstuhl, an dem sie ein schnes Gewebe webt. Jede
von ihnen wird abwechselnd Nymphe und Gttin genannt. Sie haben beide
eine weibliche Neigung zu Odysseus, der mit jeder von ihnen das Lager
teilen darf. Beide, an bestimmte Wohnpltze gebunden, sind der mythische
Ausdruck sich regender Wachstumskrfte in der Frhlingsnatur, nicht wie
die hheren Gottheiten berall, sondern an diesem und jenem Ort. In
Kirke scheint das Wesen des Mythus, und besonders in ihrer Kraft zu
verwandeln, tiefer und weiter, als in Kalypso ausgebildet zu sein.

Das Rauschen hat in mir nachgerade einen Rausch erzeugt, der Natur und
Mythus in eins verbindet, ja ihn zum phantasiegemen Ausdruck von jener
macht. Auf den Steinen des antiken Tempelchens sitzend, hre ich Gesang
um mich her, Laute von vielen Stimmen. Ich bin, wie durch einen leisen,
unwiderstehlichen Zwang, in meiner Seele willig gemacht, Zeus und den
brigen Gttern Trankopfer auszugieen, ihre Nhe im Tiefsten
empfindend. Es ist etwas Rtselhaftes auch insofern um die
Menschenseele, als sie zahllose Formen anzunehmen befhigt ist. Eine
groe Summe halluzinatorischer Krfte sehen wir heut als krankhaft an,
und der gesunde Mensch hat sie zum Schweigen gebracht, wenn auch nicht
ausgestoen. Und doch hat es Zeiten gegeben, wo der Mensch sie voll
Ehrfurcht gelten und menschlich auswirken lie.

   Und in dem hohen Palaste der schnen Zauberin dienten
   Vier holdselige Mgde, die alle Geschfte besorgten.
   Diese waren Tchter der Quellen und schattigen Haine
   Und der heiligen Strme, die in das Meer sich ergieen.

Die schne Wscherin, die ich an einem versteckten Rhrenbrunnen
arbeiten sehe, auf meinem Heimwege durch den Park -- die erste schne
Griechin berhaupt, die ich zu Gesicht bekomme! -- sie scheint mir eine
von Kirkes Mgden zu sein. Und wie sie mir in die Augen blickt, befllt
mich Furcht, als lge die Kraft der Meisterin auch in ihr, Menschen in
Tiere zu verwandeln, und ich sehe mich unwillkrlich nach dem Blmchen
Molly um.


Heut, den 5. April, hat ein groes Schiff dreihundert deutsche Mnner
und Frauen am Strande von Korfu abgesetzt. Ein mit solchen Mnnern und
Frauen beladener Wagen kutscht vor mir her. Auf der Strada marina lt
Gevatter Wurstmacher den Landauer anhalten, steigt heraus und nimmt mit
einigen lieben Anverwandten, eilig, in ungezwungener Stellung,
photographiergerecht, auf der Kaimauer Platz. Ein schwarzbrtiger
Idealist mit langen Beinen und engem Brustkasten erhebt sich auf dem
Kutschbock und photographiert. Am Eingange meines Gartens holt die
Gesellschaft mich wieder ein, die sich durch das unumgngliche
Photographieren verzgert hat. Palais royal? tnt nun die Frage an den
Kutscher auf gut Franzsisch. --

Und wie ich den Garten der Zauberin wieder betrete, von heimlichem
Lachen geschttelt, fllt mir eine Geschichte ein: Mitridates steckte
einst in Kleinasien einen Hain der Eumeniden in Brand, und man hrte
darob ein ungeheures Gelchter. Die beleidigten Gtter forderten nach
dem Spruche der Seher Shnopfer. Die Halswunde jenes Mdchens aber, das
man hierauf geschlachtet hatte, lachte noch auf eine furchtbare Weise
fort.


Das eine der Fenster unseres Wohnsaales im Hotel Belle Venise gewhrt
den Blick in eine Sackgasse. Dort ist auch ein Abfallwinkel des Hotels.
Der elende Mllhaufen bt eine schreckliche Anziehungskraft auf Tiere
und Menschen aus. So oft ich zum Fenster hinausblicke, bemerke ich ein
anderes hungriges Individuum, Hund oder Mensch, das ihn durchstbert.
Ohne jeden Sinn fr das Ekelhafte greift ein altes Weib in den Unrat,
nagt das sitzengebliebene Fleisch aus Apfelsinenresten und schlingt
Stcke der Schale ganz hinab. Jeden Morgen erscheinen die gleichen
Bettler, abwechselnd mit Hunden, von denen mitunter acht bis zehn auf
einmal den Haufen durchstren. Diese scheuliche Nahrungsquelle
auszuntzen, scheint der einzige Beruf vieler unter den rmsten
Bewohnern Korfus zu sein, die in einem Grade von Armut zu leben
gezwungen sind, der, glaube ich, selbst in Italien selten ist. Von
Mllhaufen zu Mllhaufen wandern, welch ein unbegreifliches Los der
Erbrmlichkeit! Mit Hunden und Katzen um den Wegwurf streiten. Und doch
war es vielleicht mitunter das Los Homers, der, wie Pausanias schreibt,
auch dieses Schicksal gehabt hat, als blinder Bettler von Ort zu Ort zu
ziehn.


Der Garten der Kirke liegt diesen Nachmittag in einer dstern
Verzauberung. Die blagrnen Schleier der Olivenzweige rieseln leis. Es
ist ein ganz zartes und feines Singen. Von unten tnt laut das eherne
Rauschen des Jonischen Meeres. Ich mu an das unentschiedene
Schlachtengetse homerischer Kmpfe denken. Der Wolkenversammler
verdunkelt den Himmel, und eine bngliche Finsternis verbreitet sich
zwischen den Stmmen unter den lbaumwipfeln. Vereinzelte groe
Regentropfen fallen auf mich. Der Efeu erscheint wie ein polypenartig
wrgendes Tier, er schlgt in unzerbrechliche Bande: Mauern, steinerne
Stufen, Bume! Es ist etwas ewig Totes, ewig Stummes, ewig Verlassenes,
ewig Verwandeltes in der Natur und in allem vegetativen Dasein des
Gartens. Die Tiere der Kirke schleichen lautlos, tckisch und
unsichtbar! der bsen, tckischen Kirke Gefangene! Sie erscheinen fr
ewig ins Innere dieser Gartenmauer gebannt, wie Strucher und Bume an
ihre Stelle. Alle diese uralten, rtselhaft verstrickten Olivenbume
gleichen unrettbar verknoteten Schlangen, erstarrt, mitten im Kampf,
durch ein schreckliches Zauberwort.

Aber nun geht eine Angst durch den Garten: etwas wie Angst oder nahes
Glck. Wir alle, unter der drohenden Macht des beklemmenden Rtsels
eines unsagbar traurigen und verwunschenen Daseins, fhlen den nahen
Donner des Gottes voraus. Mchtig grollt es fern auf; und Zeus winkt mit
der Braue ... Kirke erwartet Zeus.


Ehe man Potamo auf Korfu erreicht, berschreitet man einen kleinen Flu.
Die Ortschaft ist mit grauen Huschen und einem kleinen Glockenturm auf
eine sanft ansteigende Berglehne zwischen lbume und Zypressen
hingestreut. Unter den Bewohnern des Ortes, die alle dunkel sind, fllt
ein Schmied oder Schlosser auf, der in der Tr seiner Werkstatt mit
seinem Schurzfell dasteht, blauugig, blond und von durchaus kernigem,
deutschem Schlag, seiner Haltung und dem Ausdruck seines Gesichtes nach.

Das Tal hinter Potamo entwickelt die ganze Flle der fruchtbaren Insel.
Auf saftigen Wiesenabhngen langhalmiger, ppiger Grser und Blumen,
stehen, Wipfel an Wipfel, Orangenbume, jeder mit einem Reichtum
schwerer und reifer Frchte durchwirkt. Die gleiche, lastende Flle ist,
links vom Wege, in die Talsenkung hinein verbreitet und jenseit die
Abhnge hinauf, bis unter die allgegenwrtigen lbume. Fruchtbare Flle
liegt wie ein strenger Ernst ber diesem gesegneten Tal. Es ist von
Reichtum gleichsam beschwert bis zur Traurigkeit. Es ist etwas fronmig
Lasttragendes in diesem berflu, so da hier wiederum das Mysterium der
Fruchtbarkeit, beinahe zu Gestalten verdichtet, dem inneren Sinne sich
aufdrngt. Hier scheint ein dmonischer Reichtum wie dazu bestimmt,
verschlagenen Seefahrern sich fr eine angstvolle Schwelgerei
darzubieten, panischen Schrecknissen nahe.

Gestrppen, wilden Dickichten gleich, steigen Orangengrten in die
Schluchten hinunter, die von uralten Oliven und Zypressen verfinstert
sind und locken von dort her, aus der verschwiegenen Tiefe mit ihrer
sen, schweren, fast purpurnen Frucht. Man sprt das Gebrungswunder,
das Wunder nymphenhafter Verwandlungen: ein Wirken, das ebenso s, als
qualvoll ist.

Ich sollte hier der Orange von Korfu, als der besten der Welt begeistert
huldigen! -- Man gehe hin und geniee sie.

Die Strae steigt an und bei einer Wendung tut sich, weithin gedehnt,
eine sanfte Tiefe dem Blicke auf: die Ebene zwischen Govino und Pyrgi
ungefhr, mit ihren umgrenzenden Hhenzgen. Wlder von Olivenbumen
bedecken sie, ja Gipfel, Abhnge und Ebene berzieht ein einziger Wald.
Der majesttische Ernst des Eindrucks ist mit einem unsglich weichen
Reiz verbunden.

Eine Biegung der Strae enthllt teilweise die blauleuchtende Bucht und
die Hhe des San Salvatore dahinter. Zum Ernst, zur Einfalt, zur
Groheit, darf man sagen, tritt nun die Se. -- Wir wandeln unter die
Wlder hinein. Das Auge wird immer wieder gefesselt von dem
unvergleichlichen Linienreiz der zerlcherten und zerklfteten
Riesenstmme, von denen einige zerrissen und in wilde Windungen
zerborsten, doch, mit erzenem, unbeweglichem Griff in die Erde
verknotet, aufrecht geblieben sind.

Der Himmel ist grau und bewlkt. Wir entdecken in der Tiefe der
fruchttragenden Waldungen Kinder, Hirtinnen mit gelben Kopftchern. Bis
an die Strae zu uns her sind kleine, wollige, unwahrscheinliche
Jesusschfchen verstreut. Ich winke einer der kleinen Hirtinnen: sie
kommt nicht leicht. Ihr Dank fr unsere Gabe ist ganz Treuherzigkeit.

Schemenhaft flstern die lzweige. Weithin geht und weither kommt
ewiges, sanftes, fruchtbares Rauschen.


Wir unternehmen heut eine Fahrt nach Pelleka. Dort, von einem gewissen
Punkte aus, berblickt man einen sehr groen Teil der Insel, die Buchten
gegen Epirus hin und zugleich das freie Jonische Meer.

Heute, am Sonntag, lehnen etwa hundert Mnner ber die Mauer der Strae,
wo diese eine Kehre macht und gleichsam eine Terrasse oder Rampe der
Ortschaft bildet. Unser Wagen wird sogleich von einer groen Menge
erbrmlich schmutziger Kinder umringt, die zumeist ein verkommenes
Ansehen haben und schlimm husten. Mit uns dem gesuchten Aussichtspunkt
zusteigend -- wir haben den Wagen verlassen! -- verfolgen uns die Kinder
in hellen Haufen. Eingeborene Mnner versuchen es immer wieder, sie zu
verscheuchen, stets vergeblich. Die Kleinen lassen uns vorber, stehen
ein wenig, suchen uns aber gleich darauf wieder auf krzeren Wegen,
rennend, springend, strzend, einander stoend, zuvor zu kommen, um mit
zher Unermdlichkeit uns wiederum anzubetteln.

Sie sind fast durchgngig brnett. Aber es ist auch ein blondes Mdchen
da, blauugig und von zart weier Haut: ein groer, vollkommen deutscher
Kopf, der als solcher auf einem Leiblschen Bilde stehen knnte. Bei
diesem Anblick beschleicht mich eine gewissermaen irrationale
Traurigkeit, denn das Mdchen ist eigentlich die vergngteste unter
ihren zahllosen dunklen Zufallsschwestern.

In Gruppen und von den Mnnern gesondert, stehen am Eingang und Ausgang
des kleinen Fleckens die Frauen von Pelleka. Sie machen in der stmmigen
Flle des Krpers und der bunten Schnheit der griechischen Tracht den
Eindruck der Wohlhabenheit. Das reiche Haar, das ihre Kpfe in stolzer
Frisur umgibt, ist nicht nur ihr eigenes, sondern durch den Haarschatz
von Mttern, Gromttern und Urgromttern vermehrt, der als heilige
Erbschaft betrachtet wird.


Heut, soeben, begann ich den letzten Tag, der noch auf Korfu enden wird.
Zum Fenster hinausblickend, gewahre ich in der Nhe des Abfallhaufens
eine Versammlung von etwa zwanzig Mnnern: sie umstehen einen vom Regen
noch feuchten Platz, auf dem sich, wie kleine zerknllte Lmpchen,
mehrere schmutzige Drachmenscheine befinden. Man schiebt sie mit
Stiefelspitzen von Ort zu Ort. Einer der Mnner wirft vom Handrcken aus
zwei kupferne Mnzen in die Luft, und je nachdem sie auf dem Kopfe der
Knige liegen, oder diesen nach oben kehren, entscheiden sie ber
Verlust und Gewinn. Nachdem ein Wurf des Glcksspiels geschehen ist,
nimmt einer der Spieler, ein schbiger Kerl, als Gewinner den ziemlich
erheblichen Einsatz vom Erdboden auf und steckt ihn ein.

Die Bevlkerung Korfus krankt an dieser Spielleidenschaft. Es werden
dabei von armen Leuten Gewinne und Verluste bestritten, die in keinem
Vergleich zu ihrem geringen Besitze stehen. Man sucht dieser Spielwut
entgegenzuwirken. Aber, trotzdem man das stumpfsinnige Laster, sofern es
in Kneipen oder irgendwie ffentlich auftritt, unter Strafe stellt, ist
es dennoch nicht auszurotten. Macht doch die ganze Bevlkerung
gemeinsame Sache gegen die Polizei! So sind zum Beispiel die
Droschkenkutscher auf der breiten Strae, in die unser Sackgchen
mndet, freiwillige Wachtposten, die den ziemlich sorglosen bertretern
der Gesetzesbestimmungen soeben die Annherung eines Polizeimannes durch
Winke verkndigen, worauf sich der Schwarm sofort zerstreut.


Ein griechischer Dampfer liegt am Ufer. Ein italienischer kommt eben
herein. Ihm folgt die Tirol vom Triester Lloyd. Menschen und Mwen
werden aufgeregt.

Die Einschiffung ist nicht angenehm. Wir sind hinter einem Berg von
Gepck ins Boot gequetscht, und jeden Augenblick drohen die hohen Wogen
das berladene Fahrzeug umzuwerfen.

Selten ist der Aufenthalt an Deck eines Schiffes im Hafen angenehm. Das
Idyll, sofern nicht das Gegenteil eines Idylls im Schicksalsrate
beschlossen ist ... das Idyll beginnt immer erst nach der Abfahrt.

Eine schlanke, hohe, jugendschne Englnderin mit den edlen Zgen
klassischer Frauenbildnisse ist an Bord. Seltsam, ich vermag mir das
homerische Frauenideal, vermag mir eine Penelope, eine Nausikaa, nur von
einer so gearteten Rasse zu denken.

Langsam gleitet Korfu, die Stadt, und Korfu, die Insel, an uns vorber:
die alten Befestigungen, die Esplanade, die Strada marina am Golf von
Kastrades, auf der ich so oft nach dem kniglichen Garten, nach dem
Garten der Kirke, gewandert bin. Der Garten der Kirke selbst gleitet
vorber. Ich nehme mein Fernglas und bin noch einmal an dem lieblichen,
jetzt in Schatten gelegten Ort, wo die Trmmer des kleinen antiken
Tempelchens einsam zurckbleiben, und wo ich, seltsam genug bei meinen
Jahren, fast wunschlos glckliche Augenblicke geno. Oft sah ich von
dort aus Schiffe vorbergleiten und bin nun selbst, der vorbergleitet
auf seinem Schiff. ber den dunklen Wipfelgebieten des Gartens steht die
Sonne hinter gigantischen Wolken im Niedergang und bricht ber alles zu
uns und zum Himmel hervor in gewaltigen, limbusartigen Strahlungen, und
im Weitergleiten des Schiffes erfllt mich nur noch der eine Gedanke: du
bist auf der Pilgerfahrt zur Sttte des goldelfenbeinernen Zeus.


Die ersten Stunden auf klassischem Boden, nachdem wir in Patras Morgens
gelandet sind, bieten lrmende unangenehme Eindrcke. Aber, trotzdem wir
nun in einem Bahncoup, und zwar in einem ziemlich erbrmlichen, sitzen,
saugt sich das Auge an Felder und Hgel dieser an uns vorberflutenden
Landschaft fest, als wre sie nicht von dieser Erde. Vielleicht lieben
wir Trume mit strkerer Liebe, als Wirklichkeit. Aber das innere Auge,
das sich selbst im Schlafe oft genug weit ffnet, legt sich mitunter in
den Wiesen, Hainen und Hgellndern zur Ruh, die sich einem ueren
Sinne im Lichte des wachen Tages schlicht und gesund darbieten. Und
etwas, wie eines inneren Sinnes Entlastung spre ich nun.

Also: um mich ist Griechenland. Das, was ich bisher so nannte, war alles
andere, nur nicht Land. Die Sehnsucht der Seele geht nach Land, der
Sehnsucht des Seefahrers darin hnlich. Immer ist es zunchst nur
eingebildet, wonach man sich sehnt, und noch so genaue Nachricht, noch
so getreue Schilderung kann aus der schwebenden Insel der Phantasie kein
wirklich am Grunde des Meeres verwurzeltes Eiland machen. Das vermag nur
der Augenblick, wo man es wirklich betritt.

Was nun so lange durchaus nur ein bloer Traum der Seele gewesen ist,
das will eben diese Seele, vom Staunen der ueren Sinne berhrt, die,
von dem Ereignis betroffen, rastlos verzckt, fast berwltigt
umherforschen ... das will eben diese Seele nicht gleich fr wahr
halten. Auch deshalb nicht, weil damit in einem anderen Sinne etwas, zum
mindesten der Teil eines Traumbesitzes, in sich versinkt. Dies gilt aber
nur fr Augenblicke. Es gibt in einem gesund gearteten Geiste keine
Todfeindschaft mit der Wirklichkeit: und was sie etwa in einem solchen
Geiste zerstrt, das hilft sie krftiger wiederum aufrichten.

Die Landschaft von Elis, durch die wir reisen, berhrt mich heimisch.
Wir haben zur Rechten das Meer, hinter roter Erde, in unglaublicher
Farbenglut. Wie blulicher Duft liegen Inseln darin: erst wird uns
Ithaka, dann Cephalonia, spter Zakynthos deutlich. Wir werden an Hgeln
vorbergetragen, niedrigen Bergzgen, vor denen Fluren sich ausbreiten,
die mit Rebenkulturen bestanden sind. Die Berge zur Linken weichen
zurck hinter eine weite Talebene, die sie mit ihren Schneehuptern
begleiten. Einfache, grne Weideflchen erfreuen den Blick. Und
pltzlich erscheinen Bume, einzelstehend, knorrig, weitverzweigt, die
fr das zu erklren, was sie wirklich sind, ich kaum getraue. Aber es
sind und bleiben doch Eichen, deutsche Eichen, so alt und mchtig
entwickelt, wie in der Heimat sie gesehen zu haben ich mich nicht
erinnern kann.

Stundenweit dehnen sich nun diese Eichenbestnde. Doch sind die jetzt
noch fast kahlen Kronen so weit voneinander entfernt, da ihre Zweige,
so breit sie umherreichen, sich nicht berhren. In den einsamen
Weidelndern darunter zeigen sich hie und da Hirten mit Herden.

Es kommt mir vor, als ob ich unter den vielen, die mit uns reisen, einem
groartigen Festtumulte zustrebte. Und durchaus ungewollt drngt sich
mir nach und nach die Vision eines olympischen Tages auf: der Kopf und
nackte Arm eines jungen Griechen, ein Schrei, eine Bitte, ein
Pferdegewieher, Beifallstoben, ein Fluch des Besiegten. Ein Ringer, der
sich den Schwei abwischt. Ein Antlitz, im Kampfe angespannt, fast
geqult in bermenschlicher Anstrengung. Donnernder Hufschlag,
Rdergekreisch: alles vereinzelt, blitzartig, fragmentarisch.


Wir sind in Olympia.

Auf diesem verlassenen Festplatz ist kaum etwas anderes, als das sanfte
und weiche Rauschen der Aleppokiefer vernehmlich, die den niedrigen
Kronoshgel bedeckt und hie und da in den Ruinen des alten Tempelbezirks
ihre niedrigen Wipfel ausbreitet.

Dieses freundliche Tal des Alpheios ist dermaen unscheinbar, da man,
den ungeheuren Klang seines Ruhmes im Herzen, bei seinem Anblick in
eigentmlicher Weise ergriffen ist. Aber es ist auch von einer
bestrickenden Lieblichkeit. Es ist ein Versteck, durch einen niedrigen
Hhenzug jenseits des Flusses -- und diesseits durch niedrige Berge
getrennt von der Welt. Und jemand, der sich von dieser Welt ohne Ha zu
verschlieen gedchte, knnte nirgend geborgener sein.

Ein kleines, idyllisches Tal fr Hirten -- eine schlichte, beschrnkte
Wirklichkeit! -- mit einem versandeten Flulauf, Kiefern und krglichem
Weideland, und doch: es mag hier gewesen sein, es weigert nichts in dem
Pilger, fr wahr hinzunehmen, da hier der Kronide, der giserschtterer
Zeus, mit Kronos um die Herrschaft der Welt gerungen hat. -- Das ist das
Wunderbare und Seltsame.


Die Abhnge jenseit des Alpheios frben sich braun. Die Sonne eines
warmen und reinen Frhlingstages dringt nicht mehr mit ihren Strahlen
bis an die Ruinen, zu mir. Zwei Elstern fliegen von Baum zu Baum, von
Sulentrommel zu Sulentrommel. Sie gebrden sich hier wie in einem
unbestrittnen Bereich. Ein Kuckuck ruft fortwhrend aus den Wipfeln des
Kronoshgels herab. -- Ich werde diesen olympischen Kuckuck vom zwlften
April des Jahres Neunzehnhundertundsieben nicht vergessen.

Die Dunkelheit und die Khle bricht herein. Noch immer ist das Rauschen
des sanften Windes in den Wipfeln die leise und tiefe Musik der Stille.
Es ist ein ewiges, flsterndes Aufatmen, traumhaftes Aufrauschen,
gleichsam Aufwachen, von etwas, das zugleich in einem schweren,
unerwecklichen Schlaf gebunden ist. Das Leben von einst scheint ins
Innere dieses Schlafes gesunken. Wer nie diesen Boden betreten hat, dem
ist es schwer begreiflich zu machen, bis zu welchem Grade Rauschen und
Rauschen verschieden ist.

Es ist ganz dunkel geworden. Ich unterliege mehr und mehr wieder inneren
Eindrcken gespenstischer Wettspiele. Es ist mir, als fielen da und
dorther Schreie von Lufern und Ringern aus der nchtlichen Luft. Ich
empfinde Getmmel und wilde Bewegungen; und diese hastig fliehenden
Dinge begleiten mich wie irgendein Rhythmus, eine Melodie, dergleichen
sich manchmal einnistet und nicht zu tilgen ist.

Pltzlich wird, von irgendeinem Hirtenjungen gespielt, der kunstlose
Klang einer Rohrflte laut: er begleitet mich auf dem Heimwege.


Der Morgen duftet nach frischen Saaten und allerlei Feldblumen.
Sperlinge lrmen um unsere Herberge. Ich stehe auf dem Vorplatz des
hbschen, luftigen Hauses und berblicke von hier aus das enge,
freundliche Tal, das die olympischen Trmmer birgt. Hhne krhen in den
Hfen verschiedener kleiner Anwesen in der Nhe, von denen jedoch hier
nur eines, ein Httchen, am Fue des Kronoshgels, sichtbar ist.

Man mte ein Tlchen von hnlichem Reiz, hnlicher Intimitt vielleicht
in Thringen suchen. Wenn man es aber so eng, so niedlich und voller
idyllischer Anmut gefunden htte, so wrde man doch nicht, wie hier, so
tiefe und gttliche Atemzge tun.

Mich durchdringt eine staunende Heiterkeit. Der harzige Kiefernadelduft,
die heimisch-lndliche Morgenmusik beleben mich. Wie so ganz nah und
natrlich berhrt nun auf einmal das Griechentum, das durchaus nicht nur
im Sinne Homers oder gar im Sinne der Tragiker zu begreifen ist. Viel
nher in diesem Augenblick ist mir die Seele des Aristophanes, dessen
Frsche ich von den Alpheiossmpfen herber quaken hre. So laut und
energisch quakt der griechische Frosch -- ich konnte das whrend der
gestrigen Fahrt wiederholt bemerken! -- da er literarisch durchaus
nicht zu bersehen, noch weniger zu berhren war.

berall schlngeln sich schmale Pfade ber die Hgel und zwischen den
Hgeln hindurch. Sie sind wie Bnder durch einen Flulauf gelegt, der
zum Alpheios fliet. Kleine Karawanen, Trupps von Eseln und Mauleseln
tauchen auf und verschwinden wieder. Man hrt ihre Glckchen, bevor man
die Tiere sieht, und nachdem sie den Gesichtskreis verlassen haben. Am
Himmel zeigen sich streifige Windwolken. In der braunen Niederung des
Alpheios weiden Schafherden.

Man wird an ein groartiges Idyll zu denken haben, das in diesem Tlchen
geblht hat. Es lebte hier eine Priestergemeinschaft nahe den Gttern;
aber diese, Gtter und Halbgtter, waren die eigentlichen Bewohner des
Ortes. Wie wurde doch gerade dieses anspruchslose Stckchen Natur so von
ihnen begnadet, da es gleich einem entfernten Fixstern -- einer vor
tausend Jahren erloschenen Sonne gleich -- noch mit seinem vollen,
ruhmstrahlenden Lichte in uns ist?

Diese bescheidenen Wiesen und Anhhen lockten ein Gedrnge von Gttern
an, dazu Scharen glanzbegieriger Menschen, die von hier einen Platz
unter den Sternen suchten. Nicht alle fanden ihn, aber es lag doch in
der Macht des olympischen Zweiges, von einem schlichten lbaum dieser
Flur gebrochen, Auserwhlten Unsterblichkeit zu gewhren.


Ich ersteige den Kronoshgel. Es riecht nach Kiefernharz. Einige Vgel
singen in den Zweigen schn und anhaltend. Im Schatten der Nadelwipfel
gedeiht eine zarte Ilexart. Die gewundenen Stmme der Kiefern mit tief
eingerissener Borke haben etwas Wildkrftiges. Ich pflcke eine
blutrote, anemonenartige Blume, berschreite das Band einer Wanderraupe,
fnfzehn bis zwanzig Fu lang. Die Windungen des Alpheios erscheinen:
des Gottes, der gen Orthygia hinstrebt, jenseits des Meeres, wo
Arethusa, die Nymphe, wohnt, die Geliebte.

Die Fundamente und Trmmer des Tempelbezirks liegen unter mir. Dort, wo
der goldelfenbeinerne Zeus gestanden hat, auf den Platten der Cella des
Zeustempels, spielt ein Knabe. Es ist mein Sohn. Etwas vollkommen
Ahnungsloses, mit leichten, glcklichen Fen die Stelle umhpfend, die
das Bildnis des Gottes trug, jenes Weltwunder der Kunst, von dem unter
den Alten die Rede ging, da, wer es gesehen habe, ganz unglcklich
niemals werden knne.

Die Kiefern rauschen leise und traumhaft ber mir. Herdenglocken, wie in
den Hochalpen oder auf den Hochflchen des Riesengebirges, klingen von
berall her. Dazu kommt das Rauschen des gelben Stroms, der in seinem
breiten, versandeten Bette ein Rinnsal bildet, und das Quaken der
Frsche in den Tmpeln stehender Wsser seiner Ufer.

Immer noch hpft der Knabe um den Standort des Gtterbildes, das,
hervorgegangen aus den Hnden des Phidias, den Wolkenversammler, den
Vater der Gtter und Menschen darstellte; und ich denke daran, wie, der
Sage nach, der Gott mit seinem Blitz in die Cella schlug und auf diese
Art dem Meister seine Zufriedenheit ausdrckte. Was war das fr ein
Meister und ein Geschlecht, das Blitzschlag fr Zustimmung nahm! Und was
war das fr eine Kunst, die Gtter zu Kritikern hatte!

Die Hgel jenseits des Alpheios bilden eine Art Halbkreis, und ich
empfinde sie fast, unwillkrlich forschend hinberblickend, als einen
amphitheatralischen Rundbau fr gttliche Zuschauer. Rangen doch auf dem
schlichten Festplatz unter mir Gtter und Menschen um den Preis.

Meinen Sinn zu den Himmlischen wendend, steige ich langsam wieder in das
Vergessenheit und Verlassenheit atmende Wiesental: das Tal des Zeus, das
Tal des Dionysos und der Chariten, das Tal des idischen Herakles, das
Tal der sechzehn Frauen der Hera, wo auf dem Altar des Pan Tag und Nacht
Opfer brannten, das Tal der Sieger, das Tal des Ehrgeizes, des Ruhmes,
der Anbetung und Verherrlichung, das Tal der Wettkmpfe, wo es dem
Herakles nicht erspart blieb, mit den Fliegen zu kmpfen, die er aber
nur mit Hilfe des Zeus besiegte und dort hinber, hinter das jenseitige
Ufer des Alpheios, trieb.

Und wieder schreite ich zwischen den grauen Trmmern hin, die eine
schne Wiese bedecken. berall saftiges Grn und gelbe Maiblumen. Das
Elsternpaar von gestern fliegt vor mir her. Die Sulen des Zeustempels
liegen, wie sie gefallen sind: die riesigen Porostrommeln schrg
voneinander gerutscht. berall duftet es nach Blumen und Thymian um die
Steinmassen, die sich im wohlttigen Scheine der Morgensonne warm
anfhlen. Von einem jungen lbumchen, nahe dem Zeustempel, breche ich
mir, in unberwindlicher Lsternheit, seltsamerweise zugleich fast scheu
wie ein Dieb, den geheiligten Zweig.


Abschiednehmend trete ich heut das zweitemal vor die Giebelfiguren des
Zeustempels, in dem kleinen Museum zu Olympia, und dann vor den Hermes
des Praxiteles. Ich lasse dahingestellt, was offenkundig diese Bildwerke
unterscheidet, und sehe in Hermes weniger das Werk des Knstlers, als
den Gott. Es ist hier mglich, den Gott zu sehen, in der Stille des
kleinen Raums, an den die cker und Wiesen dicht herantreten. Und so
gewi man in den Museen der groen Stdte Kunstwerke sehen kann, vermag
man hier in die lebendige Seele des Marmors besser zu dringen und fhlt
heraus, was an solchen Gebilden mehr, als Kunstwerk ist. Die
griechischen Gtter sind nicht von Ewigkeit. Sie sind gezeugt und
geboren worden.

Dieser Gott ist besonders bedauernswert in seiner Verstmmelung, da ihm
eine beraus zrtliche Schnheit, ein weicher und lieblicher Adel eigen
ist. Ambrosische Sohlen sind immer zwischen ihm und der Erde gewesen.
Man hat ein Bedauern mit seiner Vereinsamung, weil die unverletzliche,
unverletzte, olympisch-weltferne Ruhe und Heiterkeit noch auf seinem
Antlitz zu lesen ist, whrend drauen Altre und Tempel, fast dem
Erdboden gleichgemacht, in Trmmern liegen.

Seltsam ist die hingebende Liebe und Schwrmerei, die dem Bildner den
Meiel gefhrt hat, als er den Rinderdieb, den Schalk, den Tuscher, den
schlauen Lgner, den lustigen Meineidigen, den Maultier-Gott und
Gtterboten darstellte, der allerdings auch die Leier erfand.


Wie schwrmende Bienen am Ast eines Baumes, so hngen die Menschen am
Zuge, whrend wir langsam in Patras einfahren. Lrm, Schmutz, Staub
berall. Auch noch in das Hotelzimmer dringt der Lrm ohrenbetubend.
Gerusche, als ob Raketen platzten oder Bomben geworfen wrden,
unterbrechen das Gebrll der Ausrufer. Patras ist, nchst dem Pirus,
der wichtigste Hafenplatz des modernen Griechenland. Wir sehnen uns in
das Unmoderne.


Endlich, nachdem wir eine Nacht hier haben zubringen mssen, sitzen wir,
zur Abfahrt fertig, wieder im Bahncoup. Vor den Tren der Waggons
spielt sich ein tumultuarisches Leben mit allerlei bettelhaften Humoren
ab. Ein junger, griechischer Bonvivant schenkt einem zerlumpten,
lmmelhaft aussehenden Menschen Geld, zeigt flchtig auf einen der
jugendlichen Hndler, die allerlei Waren feilbieten, und sofort strzt
sich der bezahlte, tierische Halbidiot auf eben den Hndler und walkt
ihn durch. Noch niemals habe ich berhaupt binnen kurzer Zeit so viele,
wtende Balgereien gesehen. An zwei, drei Stellen des Volksgewimmels
klatschen fast gleichzeitig die Maulschellen. Man verfolgt, bringt zu
Fall, bearbeitet gegenseitig die Gesichter mit den Fusten: alles, wie
wenn es so sein mte, in groer Harmlosigkeit.


Zu den schnsten Bahnlinien der Welt gehrt diejenige, die von Patras,
am Sdufer des korinthischen Golfes entlang, ber den Isthmus nach Athen
fhrt. Der Golf und seine Umgebung erinnern an die Gegenden des
Gardasees. Paradiesische Farbe, Glanz, Reichtum und Flle in einer
beglckten Natur. Der Isthmus zeigt einen anderen Charakter:
Weideflchen, vereinzelte Hirten und Niederlassungen. Am Nordrand durch
Hgel begrenzt, die, bedeckt von den Wipfeln der Aleppo-Kiefer, zum
Wandern anlocken. Alles ist hier von einer erfrischenden, beinahe
nordischen Einfachheit.

Die grnen Flchen der Landenge liegen in betrchtlicher Hhe ber dem
Meere. Nach den groartigen und prunkhaften Wirkungen des
peloponnesischen Nordufers berrascht diese schlichte und herbe
Landschaft und berhrt wohlttig. Eine Empfindung kommt ber mich, als
she ich diese Fluren nicht zum ersten Mal. Das Vertraute daran ist, was
berrascht. Ich kann nicht sagen, da mich etwa je auf der italienischen
Halbinsel eine Empfindung des Heimischen, so wie hier, beschlichen
htte. Dort blieb immer der Reiz: das schne Fremdartige. Ich spre
schon jetzt: ich liebe dies Land. Schon jetzt, im Anfang, erfat die
Erkenntnis mich, wie ein Rausch, da eben nur dieser Grund die wahre
Heimat der Griechen sein konnte.

Ich spreche den Namen Theseus aus. Und nun hat sich in mir ein
psychischer Vorgang vollzogen, der mich, angesichts des isthmischen,
ernsten Landgebiets, der griechischen Art, sich Halbgtter vorzustellen,
nher bringt. Ich empfinde und sehe in Theseus den Mann von Fleisch und
Blut, der wirklich gelebt und dessen Fu diese Landenge berschritten
hat; der, zum Heros gesteigert, noch immer so viel vom Menschen besa,
als vom Gott und auch so noch mit der Sttte seines Wanderns und Wirkens
verbunden blieb.

Warum scheuen wir uns und erachten fr trivial, unsere heimischen
Gegenden, Berge, Flsse, Tler zu besingen, ja, ihre Namen nur zu
erwhnen in Gebilden der Poesie? Weil alle diese Dinge, die als Natur
jahrtausendelang fr teuflisch erklrt, nie wahrhaft wieder geheiligt
worden sind. Hier aber haben Gtter und Halbgtter, mit jedem weien
Berggipfel, jedem Tal und Tlchen, jedem Baum und Bumchen, jedem Flu
und Quell vermhlt, alles geheiligt. Geheiligt war das, was ber der
Erde, auf ihr und in ihr ist. Und rings um sie her, das Meer, war
geheiligt. Und so vollkommen war diese Heiligung, da der Sptgeborene,
um Jahrtausende Versptete, da der Barbar noch heut -- und sogar in
einem Bahncoup -- von ihr im tiefsten Wesen durchdrungen wird.

Man mu die Bume dort suchen, wo sie wachsen, die Gtter nicht in einem
gottlosen Lande, auf einem gottlosen Boden. Hier aber sind Gtter und
Helden Landesprodukte. Sie sind dem Landmann gewachsen, wie seine
Frucht. Des Landbauers Seele war stark und naiv. Stark und naiv waren
seine Gtter.

Theseus, um es noch einmal zu sagen, ist also fr mich kein
riesenmiger, leerer Schemen mehr, ich empfinde ihn einerseits nah,
schlicht und materialisch, als Kind der Landschaft, die mich umgibt.
Andererseits erkenne ich ihn als das, wozu ihn die Seele des Griechen
erhoben hat, die aber doch Gott, wie Landeskind, an die Heimat bannte.

Die Landschaft behlt, von einer Strecke dicht ber dem Meere abgesehen,
fortan den ernsten Ausdruck. Der Abend beginnt zu dmmern, ja,
verdstert sich zu einer groartigen Schwermut, von einem Zauber, der
eher nordisch, als sdlich ist. Es fllt lauer Regen. Das graue Megara,
das einen Hgel berzieht, wirkt wie eine geplnderte Stadt. Zwischen
Schutthaufen, in rmlichen Winkeln halb eingestrzter Huser, scheinen
die Menschen zu leben. Man glaubt eine Stadt zu sehen, ber die ein
Eroberer mit Raub, Brand und Mord seinen Weg genommen hat.

Kurz hinter Eleusis steigt der Zug nochmals bergan, durch die Vorhhen
des Parnes. Bei tieferer Dunkelheit, zunehmendem Regen und kalter Luft
kommt mir die steinigte Einde, in die ich hineinstarre, fast norwegisch
vor. Ich bin sehr glcklich ber den Wetterumschlag, der mir die
ungesunde Vorstellung eines ewiglachenden Himmels nimmt. Die Gegend ist
menschenleer. Nur selten begegnet die dunkle Gestalt eines Hirten,
aufrecht stehend, dicht in den wolligen Mantel gehllt. Und whrend der
kalte und feuchte Wind meine Stirne khlt, Regentropfen mir ins Gesicht
wirft, und ich die starke, kalte Regen- und Bergluft in mich einsauge,
hat sich ein neues Band geknpft zwischen meinem Herzen und diesem
Lande.

Was Wunder, wenn durch die Erregung der langen Fahrt, in Dunkelheit, in
Wind und Wetter, einer hchsten Erfllung nah, die Seele in einen
luziden Zustand gert, wo es ihr mglich wird, von allem Strenden
abzusehen und deutliche Bilder lngst vergangenen Lebens in die
phantastische, sogenannte Wirklichkeit hineinzutragen. Fast erlebe ich
so den tapferen Bergmarsch eines Trupps atheniensischer Jnglinge, etwa
zur Zeit des Perikles, und freue mich, wie sie, gesund und wetterhart,
der Unbill von Regen und Wind, wie wir selbst es gewohnt sind, wenig
achten. Ich lerne die ersten Griechen kennen. Ich freunde mich an mit
diesem Schwarm, ich hre die jungen Leute lachen, schwatzen, rufen und
atmen. Ich frage mich, ob nicht vielleicht am Ende Alcibiades unter
ihnen ist? Es ist mir, als ob ich auch ihn erkannt htte! Und dies
Erleben wird so durchaus eine Realitt, da irgend etwas so Genanntes
fr mich mehr Realitt nicht sein knnte.

Wir rollen hinab in die attische Ebene. Die Lichter einer Stadt, die
Lichter Athens, tauchen ferne auf. Das Herz will mir stocken ...

Ein grenzenloses Geschrei, ein Gebrll, das jeder Beschreibung spottet,
empfngt uns am Bahnhof von Athen. Mehrere hundert Kehlen von Kutschern,
Gepcktrgern und Hotelbediensteten berbieten sich. Ich habe einen
solchen Schlachttumult bis diesen Augenblick, der meinen Fu auf
athenischen Boden stellt, nicht gehrt. Die Nacht ist dunkel, es giet
in Strmen.


Eine Stadt, wie das moderne Athen, das sich mit viel Gerusch zwischen
Akropolis und Lykabethos einschiebt, mu erst in einem gewissen Sinn
berwunden werden, bevor der Geist sich der ersehnten Vergangenheit
ungestrt hingeben kann. Zum dritten Mal bin ich nun im Theater des
Dionysos, dessen sonniger Reiz mich immer aufs neue anlockt. Es hlt
schwer, sich an dieser Stelle in die furchtbare Welt der Tragdie zu
versetzen, hier, wo sie ihre hchste Vollendung gefunden hat. Das, was
ihr vor allem zu eignen scheint, das Nachtgeborene, ist von den Sitzen,
aus der Orchestra und von der Bhne durch das offene Licht der Sonne
verdrngt. Weier und blendender Dunst bedeckt den Himmel, der Wind weht
schwl, und der Lrm einer groen Stadt mit Dampfpfeifen, Wagengerassel,
Handwerksgeruschen und dem Geschrei der Ausrufer berschwemmt und
erstickt, von allen Seiten herandringend, jedweden Versuch zur
Feierlichkeit.

Was aber auch hier sogleich in meiner Seele sich regt und festnistet,
fast jeder andren Empfindung zuvorkommend, ist die Liebe. Sie grndet
sich auf den schlichten und phrasenlosen Ausdruck, den hier die Kunst
eines Volkes gewonnen hat. Alles berhrt hier gesund und natrlich, und
nichts in dieser Anlage erweckt den Eindruck zweckwidriger ppigkeit
oder Prahlerei. Irgendwie gewinnt man, lediglich aus diesen
architektonischen Resten, die Empfindung von etwas Hellem,
Klar-Geistigem, das mit der Gttin im Einklang steht, deren
kolossalisches Standbild auf dem hinter mir liegenden Felsen der
Akropolis errichtet war, und deren heilig gesprochenen Vogel, die Eule,
man aus den Lchern der Felswand, und zwar in den lichten Tag und bis in
die Sitzreihen des Theaters hinein, rufen hrt.

Ich wte nicht, wozu der wahrhaft europische Geist eine strkere Liebe
fhlen sollte, als zum Attischen. Bei Diodor, den ich leider nur in
bersetzung zu lesen verstehe, wird gesagt: die alten gypter htten der
Luft den Namen Athene gegeben, und Glaukopis beziehe sich auf das
himmlische Blau der Luft. Der Geist, der hier herrschte, blieb leicht
und rein und durchsichtig, wie die attische Luft, auch nachdem das
Gewitter der Tragdie sie vorbergehend verfinstert, der Strahl des Zeus
sie zerrissen hatte.

Als hchste menschliche Lebensform erscheint mir die Heiterkeit: die
Heiterkeit eines Kindes, die im gealterten Mann oder Volk entweder
erlischt, oder sich zur Kraft der Komdie steigert. Tragdie und Komdie
haben das gleiche Stoffgebiet: eine Behauptung, deren verwegenste
Folgerungen zu ziehen, der Dichter noch kommen mu. Der attische Geist
erzeugt, wie die Luft eines reinen Herbsttages, in der Brust jenen
wonnigen Kitzel, der zu einem beinahe nur innen sprbaren Lachen reizt.
Und dieses Lachen, durch den Blick in die Weite der klaren Luft genhrt,
kann sich wiederum bis zu jenem steigern, das im Tempel des Zeus gehrt
wurde, zu Olympia, als die Sendboten des Caligula Hand anlegten, um das
Bild des Gottes nach Rom zu schleppen.

Man soll nicht vergessen, da Tragdie und Komdie volkstmlich waren.
Es sollen das diejenigen nicht vergessen, die heute in toten Winkeln
sitzen. Beide, Tragdie, wie Komdie, haben nichts mit schwachen,
berfeinerten Nerven zu tun, und ebensowenig, wie sie, ihre Dichter --
am allerwenigsten aber ihr Publikum. Trotzdem aber keiner der Zuschauer
jener Zeiten, etwa wie viele der heutigen, beim Hhnerschlachten
ohnmchtig wurde, so blieb, nachdem die Gewalt der Tragdie ber ihn
hingegangen war, die Komdie eines jeden unabweisliche Gegenforderung:
und das ist gesund und ist gut.

Die lndlichen Dionysien wurden an der Sdseite der Akropolis, im
Lenon, nach beendeter Weinlese abgehalten. Was hindert mich, trotzdem,
das sogenannte Schlauchspringen mir unten in der Orchestra meines
Theaters vorzustellen? Man sprang auf einen gelten, mit Luft gefllten
Schlauch, und suchte, einbeinig hpfend, darauf Fu zu fassen. Das ist
der Ausdruck berschumender Lustigkeit, ein derber berschssiger
Lebensmut. Und nicht aus dem Gegenteil, nicht aus der Schwche und
Lebensflucht entstehen Tragdie und Komdie!

Ein deutscher Kegelklub betritt, von einem schreienden Fhrer belehrt,
den gttlichen Raum. Man sieht es den hilflos tagblinden Augen der
Herren an, da sie vergeblich hier etwas Merkwrdiges suchen. Ich wrde
ihren gelangweilten Seelen gnnen, sich wenigstens an der Vorstellung
aufzuheitern, dem tollen Sprung auf den ligen Schlauch, die mich
ergtzt.


Heut betrete ich, ich glaube zum viertenmal, die Akropolis. Es ist
lnger als fnfundzwanzig Jahre her, da mein Geist auf dem Gtterfelsen
heimisch wurde. Damals entwickelte uns ein begeisterter Mann, den
inzwischen ein schweres Schicksal ereilt hat, seine Schnheiten. Es ist
aber etwas anderes, von jemand belehrt zu werden, der mit eigenen Augen
gesehen hat, oder selber die steilen Marmorstufen zu den Propylen
hinaufzusteigen und mit eignen Augen zu sehn.

Ich finde, da diese Ruinen einen sprden Charakter haben, sich nicht
leicht dem Sptgeborenen aufschlieen. Ich habe das dunkle Bewutsein,
als ob etwa ber die Sulen des Parthenon von da ab, als man sie wieder
zu achten anfing, sehr viel Berauschtes verfat worden wre. Und doch
glaube ich nicht, da es viele gibt, die von den Quellen der Berauschung
trunken gewesen sind, die wirklich im Parthenon ihren Ursprung haben.

Wie der Parthenon jetzt ist, so heit seine Formel: Kraft und Ernst!
Davon ist die Kraft fast bis zur Drohung, der Ernst fast bis zur Hrte
gesteigert. Die Sprache der Formen ist so bestimmt, da ich nicht einmal
glauben kann, es sei durch die frhere, bunte Bemalung ihrem Ausdruck
etwas genommen worden.

Ich habe das schwchliche Griechisieren, die blutlose Liebe zu einem
blutlosen Griechentum niemals leiden mgen. Deshalb schreckt es mich
auch nicht ab, mir die dorischen Tempel bunt und in einer fr manche
Begriffe barbarischen Weise bemalt zu denken. Ja, mit einer gewissen
Schadenfreude gnne ich das den Zrtlingen. Ich nehme an, es gab dem
architektonischen Eindruck eine wilde Beimischung. Mglicherweise
drckte das Grelle des farbigen berzugs den naiven Stand der
Beziehungen zwischen Gttern und Menschen aus, indem er fast
marktschreierisch zu festlichen Freuden und damit zu tiefer Verehrung
einfing.

Jeder echte Tempel ist volkstmlich. Trotz unserer europischen Kirchen
und Kathedralen glaube ich, gibt es bei uns keine echten Tempel in
diesem Betrachte mehr. Vielleicht aus dem Grunde, weil sich bei uns die
Lebensfreude von der Kirche geschieden hat, die nur noch gleichsam den
Tod und die Gruft verherrlicht. Die Kirchen bei uns sind Mausoleen:
wobei ich nur an die katholischen denke. Einen protestantischen Tempel
gibt es nicht. Da nun aber das Leben lebt und lebendig ist, so erzeugt
sich auch immer unfehlbar wieder der Trieb zur Freude. Und er ist es,
der heute das Theater, den gefhrlichsten Konkurrenten der Kirche,
geschaffen hat. Ich behaupte, was heut die Menschen zur Kirche treibt,
ist entweder Todesangst oder Suggestion. Das Theater bedarf solcher
Mittel nicht, um Menschen in seine Rume zu bringen. Dorthin drngen sie
sich vielmehr, wie Spatzen, von einem fruchtbeladenen Kirschbaume
angelockt.

Wenn heut bei uns eine Gauklergesellschaft auf dem Dorfplan Zelte
errichtet, herrscht sogleich unter der Mehrzahl der Drfler, vor allem
aber unter den Kindern, festliche Aufregung. Kunstreiter oder
Bnkelsnger mit der neuesten Moritat, sie genieen, obgleich in Acht
und Bann seit Jahrtausenden, immer die gleiche, natrliche Zuneigung.
Der Karren des Thespis war nicht in Acht und Bann getan; ja, Thespis
erhielt im Theater, im heiligen Bezirk des Dionysos, seine Statue, und
doch scheint er auch nur mit der Moritat von Ikarios umhergezogen zu
sein. Kurz, was heute in Theater und Kirche zerfallen ist, war damals
ganz und eins; und, weit entfernt ein memento mori zu sein, lockte der
Tempel ins hhere, festliche Leben, er lockte dazu, wie ein buntes,
gttliches Gauklerzelt.

Whrend unsre Kirchen eigentlich nur den Unterirdischen geweiht zu sein
scheinen, galten die griechischen Tempel als Wohnung der Himmlischen.
Deshalb senkten sie lichte Schauder ins Herz, statt der dunklen, und die
Pilger ergriff zugleich, in der olympischen Nhe, Furcht, Seligkeit,
Sehnsucht und Neid.


Starker Wind. Gesundes, sonniges Wetter. In der Luft wohnt deutscher
Frhling. Der Parthenon: stark, machtvoll, ohne sdlndisches Pathos,
rauscht im Winde laut, wie eine Harfe oder das Meer. Ein deutscher
Grasgarten ist um ihn herum. Frhlingsblumen beben im Luftzug. Um alle
die heiligen Trmmer auf dem grnen Plateau der Akropolis weht
Kamillen-Arom. Es ist ein unsglich entzckender Zustand, zwischen den
schwankenden Grsern auf irgendeinem Stck Marmor zu sitzen, die Augen
schweifen zu lassen, ber die blendend helle, attische Landschaft hin.
Hymettos zur Linken, Penthelikon, als Begrenzung der Ebene. Der Parnes,
bei leichter Rckwrtswendung des Kopfes sichtbar. Silbergraue
Gebirgswlle, im weiten Kreisbogen um Athen und den Gtterfelsen
gelagert, der mit dem Parthenon auf dem Scheitel alles beherrscht. Hier
stand Athene, aufrecht, mit der vergoldeten Speerspitze. Vom Parnes
grte der Zeus Parnethios, vom Hymettos grte der Zeus Hymethios. Vom
Penthele ein zweites Bild der Athene. Attika war von Gttern bewohnt,
von Gttern auf allen umliegenden Hhen bewacht, die einander mit
gttlichen Brauen zuwinkten. Geradeaus, unter mir, liegt tiefblau, in
die herrliche Bucht geschmiegt, das Meer. Aegina und Salamis gren
herber ... Ich atme tief! ...


Ich sitze auf einem Priestersessel im Theater des Dionysos. Hhne
krhen; es ist, als ob Athen und die Demen nur von Hhnen bewohnt wren.
Der stdtische Lrm tritt heut ein wenig zurck, und das Geschrei der
Ausrufer ist durch das oft wiederholte Geschrei von weidenden Eseln
abgelst. Brtende Sonne erwrmt die gelblichen Marmorsessel und
Marmorstufen.

Etwa 30000 Zuschauer wurden auf diesen Stufen untergebracht, von denen
nicht allzuviele Reihen erhalten sind; und hinter und ber der letzten,
obersten Reihe thronten die Gtter: denn dort berragt das ganze Theater
die rtliche Felswand der Akropolis, gewi noch heut der seltsamste,
rtselvollste und zugleich lehrreichste Fels der Welt.

Noch heute, jenseit von allem Aberglauben jener Art, wie er im Altertum
im Volke lebt und dichtet, empfinde ich doch die Kraft, die schaffende
Kraft dieses Glaubens tief, und wenn mein Wille allein es meistens ist,
der die ausgestorbene Gtterwelt zu beleben sucht, hier, angesichts
dieses ragenden Felsens, erzeugt sich augenblicksweise, fast
unwillkrlich ein Rausch der Gttergegenwart. Zweifellos war es ein Grad
der Ekstase, der jene Dreiigtausend hier, auf dem geheiligten Grund des
Eleutherischen Dionysos, im Angesichte der heiligen Handlung des
Schauspiels befiel, den zu entwickeln dem glaubensarmen Geschlecht von
heut das Mittel abhanden gekommen ist. Und ich stehe nicht an, zu
behaupten, da alle Tragiker, bis Euripides, so sehr sie sich von der
derb naiven Glubigkeit der Menge gesondert haben mgen, von
Gottesfurcht oder Gtterfurcht und vom Glauben an ihre Wirklichkeit,
besonders hier, am Fue und im Bereich des Gespensterfelsens,
durchdrungen gewesen sind.

Die Akropolis ist ein Gespensterfelsen. In diesem Theater des Dionysos
gingen Gespenster um. In zahllosen Lchern des rotvioletten Gesteins
wohnten die Gtter, wie Mauerschwalben. Es ist eine enggedrngte,
berfllte, gttliche Ansiedelung: hatten doch, nach Pausanias, die
Athener fr das Gttliche einen weit greren Eifer, als die brigen
Griechen. Die Art, wie sie allen mglichen Gttern Asyle und wieder
Asyle grndeten, deutet auf Angst. Whrend ich solchen Gedanken
nachhnge, hre ich hinter mir wiederum den Vogel der Pallas, aus einem
Felsloch, klgliche Laute in den Tag hineinwimmern und stelle mir vor,
wie wohl die atemlos lauschenden Tausende ein Schauer bei diesem Ruf
berrieselt hat.

Die Seelenverfassung der groen Tragiker wurde unter anderem auch von
dem Umstand bedingt, da sie Gtter als Zuschauer hatten. Da es so war,
ist fr mich eine Wirklichkeit. Die Woge des Glaubens, die ihnen aus
dreiigtausend Seelen entgegenschlug, verstrkt durch die Nhe
gttlicher Troglodyten und Tempelbewohner des Felsens, war allein schon
wie eine ungeheure Sturzwelle, und jede Skepsis wurde hinweggesplt.

An der sogenannten sdlichen Mauer der Burg, dem Theater zugekehrt, ist
ein vergoldetes Haupt, der Gorgone Medusa geweiht, und um dasselbe ist
die gide angebracht. Am Giebel des Theaters ist im Felsen unter der
Burg eine Grotte; auch ber dieser steht ein Dreifu; in ihr sind Apollo
und Artemis, wie sie die Kinder der Niobe tten, schreibt Pausanias.
Ein Heiligtum der Artemis Brauronia ist auf der Burg. Der groe Tempel
der Pallas Athene, ein Heiligtum des Erechtheus, des Poseidon, Altre
des Zeus, zahllose Statuen von Halbgttern, Gttern und Heroen sind da,
skulap hat im Felsen sein Heiligtum, Pan seine Grotte, sogar Serapis
hat seinen Tempel. Zwei Grotten standen Apollon zu, dem Apoll unter der
Hhe. Ein tiefer Felsspalt ist der Ort, wo der Gott Creusa, die Tochter
Erechtheus', berraschte und den Stammvater aller Jonier mit ihr zeugte.
Hephstos besa seinen Altar und so fort.

Alle diese Gottheiten lebten nicht nur auf der Burg. Sie durchwanderten
bei Nacht und sogar am Tage die Straen der Stadt. Der Mann aus dem
Volke, das Weib aus dem Volke war nicht imstande, die Gebilde des
nchtlichen Traums von denen des tglichen Traums zu sondern. Beide
waren ihnen so gut, wie das, was sie sonst mit Augen wahrnahmen,
Wirklichkeit.

Die Tragiker hatten Gtter als Zuschauer, und dadurch wurde nicht nur
die Grundverfassung ihrer Seele mit bedingt, sondern die Art des Dramas,
das sie hervorbrachten. Auch in diesem Drama traten Gtter und Menschen
im Verkehr miteinander auf, und es ward damit, in einem gewissen Sinne,
das geheiligte Spiegelbild der ins Erhabene gesteigerten Volksseele. Was
wre ein Dichter, dessen Wesen nicht der gesteigerte Ausdruck der
Volksseele ist!


Es ist der Vormittag des 20. April. Ich habe den Felsen des Areopag
erstiegen. Zwei Soldaten schlafen in einer versteckten Mulde. Esel
schreien; Hhne krhen. Der Ort ist verunreinigt. An einem Teile des
Felsens werden Vermessungen vorgenommen. Wieder liegt das weie,
blendende Licht ber der Landschaft.

Auf diesem Hgel des Ares, heit es, ist ber den Kriegsgott Gericht
gehalten worden, in Urzeiten, irgend eines vereinzelten Mordes wegen,
den er begangen hatte. Hier, sagt man, wurde Orestes gerichtet und
losgesprochen, trotzdem er die Mutter ermordet hatte. In nchster Nhe
soll hier ein Heiligtum der Erinnyen gewesen sein, der zrnenden
Gottheiten, die von den Athenern die Ehrwrdigen, oder hnlich, genannt
wurden. Ihre Bildnisse sollen nicht schreckenerregend gewesen sein, und
erst schylos hat ihnen Schlangen ins Haar geflochten.

Es fllt wiederum auf, wie berladen mit Gtterasylen der nahe
Burgfelsen ist: mit Nestern, Gottesgenisten knnte man sagen! Jeder
Spalt, jede Hhle, jeder Fubreit Stein war fr die oberirdischen,
unterirdischen oder auch fr solche Gottheiten, die im Wasser leben,
ausgentzt. Es ist erstaunlich, da sie hier untereinander Frieden
hielten. Vielleicht geschah es, weil Pallas Athene, als Hchstverehrte,
ber den andern stand.

Man ist hier auf dem Areopag erhaben ber der Stadt. Man bersieht einen
Teil von ihr und den Theseustempel. Man sieht gegenber, durch ein Tal
getrennt, die Felsplatten der Pnyx. Man hrt die zahllosen Schwalben des
nahen Burgfelsens zwitschern. Dies Zwitschern wird zu einer sonderbaren
Musik, wenn man sich an den ersten Gesang der Odyssee und an die
folgenden Verse erinnert:

   Also redete Zeus' blauugigte Tochter, und eilend
   Flog wie ein Vogel sie durch den Kamin ...

und an die Neigung der Himmlischen berhaupt, sich in allerlei Tiere,
besonders in Vgel, umzuwandeln.

Ich lasse mich nieder, lausche und betrachte den zwitschernden
Gtterfelsen, die Akropolis. Ich schliee die Augen und finde mich durch
das Zwitschern tief und seltsam aufgeregt. Es kommt mir vor, indem ich
leise immer wieder vor mich hinspreche: Der zwitschernde Fels! Die
zwitschernden Gtter! Der zwitschernde Gtterfels! als habe ich etwas
aus der Seele eines naiven Griechen jener Zeit, da man die Gtter noch
ehrte, herausempfunden. Vielleicht, sage ich mir, ist, wenn man eine
abgestorbene Empfindung wieder beleben kann, damit auch eine kleine,
reale Entdeckung gemacht.

Und pltzlich erinnere ich mich der Vgel des Aristophanes, und es
berkommt mich zugleich in gesteigertem Mae Entdeckerfreude. Ich bilde
mir ein, da mit dieser Empfindung: der zwitschernde Fels, die
zwitschernden Gtter, im Anblick der Burg, der Keim jenes gttlichen
Werkes in der Seele des freiesten unter den Griechen zuerst ins Leben
getreten ist. Ich bilde mir ein, vielleicht den reinsten und
glcklichsten Augenblick, einen Schpfungsakt seines wahrhaft
dionysischen Daseins, neu zu durchleben, und will es jemand bezweifeln,
so raubt er mir doch die heitere, berzeugte Kraft der Stunde nicht.

   ... Tioto, tioto, tiotix!
   Widerhallte der ganze Olympos.


Frische, nordische Luft. Nordwind. Eine ungeheure Rauch- und Staubwolke
wird von Norden nach Sden ber das ferne Athen hingejagt. Gegen den
Hymettos zieht der brunliche Dunst, Akropolis und Lykabettos in
Schleier hllend. Ich verfolge, vom Rande der phalerischen Bucht, ein
beinahe ausgetrocknetes Flubett, in der Richtung gegen den Parnes.
Schwalben flattern ber den sprlichen Wasserpftzen in lebhafter
Erwerbsttigkeit. Ich habe zur Linken die letzten Huser und Grten der
Ansiedelung von Neu-Phaleron, hinter einem Feld grner Gerste, die in
hren steht. Zur Rechten, jenseit des Flulaufs, gegen das ferne Athen
hin, sind ebenfalls ausgedehnte Flchen mit Gerste bebaut. Die Finger
erstarren mir fast, wie ich diese Bemerkung in mein Buch setze. Die
Landschaft ist fast ganz nordisch. Vereinzelte Kaktuspflanzen an den
Feldrainen machen den unwahrscheinlichsten Eindruck. Ich beschreite
einen Feldweg. Um mich, zu beiden Seiten, wogt tiefgrn die Gerste. Man
mu die Alten und das Getreide zusammendenken, um ganz in ihre sinnliche
Nhe zu gelangen, mit ihnen vertraut, bei ihnen heimisch zu sein.

Die Akropolis, mit dem Parthenon, erhebt sich unmittelbar aus der weiten
Prrie, aus der wogenden See grner Halme, empor.

Ich kreuze die Landstrae, die von Athen in grader Linie nach dem Pirus
hinunter fhrt, und stoe auf eine niederlndische Schnke, unter
mchtigen, alten Eschen, die an Ostade oder Breughel erinnert. Ich
erblicke, mich gegen Athen wendend, ber dem Ausgangspunkt der Strae
wiederum die Akropolis mit dem Parthenon. Der Verkehr, mit Mulern und
Pferden an hochrdrigen Karren, bewegt sich in zwei fast
ununterbrochenen Reihen von Athen zum Pirus hinunter und umgekehrt. Es
wird sehr viel Holz nach Athen geschafft. Unter vielen Mhen, in beinahe
undurchdringlichen Staubwolken, arbeite ich mich gegen eisigen Wind.
Hunde und Hhner bevlkern die Landstrae. Im Graben, im Grase, das eine
dicke Staubschicht berzieht, liegt, grau wie der Staub, ein todmder
Esel und hebt seinen mageren Kopf mir zu. Kantine an Kantine begleitet
die Strae rechts und links in arger Verwahrlosung. Ich bin beglckt,
als ich einen tchtigen Landmann, mit zwei guten Pferden, die Hand am
Pflug, seinen Acker bestellen sehe, ein Anblick, der in all diesem
jmmerlich verstaubten Elend erquickend ist.

Ich weiche dem Staub, verlasse die Strae, und bewege mich weiter, dem
Parnes zu, in die Felder hinein. Nun sehe ich die Akropolis wiederum und
zwar in einem bleichen, kreidigen Licht, zunchst ber blhenden
Obstgrten auftauchen. Der Parthenongiebel steht, klein wie ein
Spielzeug, kreidig-bleich. In langen Linien schieen die Schwalben dicht
ber das Gras der Auen und ber die hren der Gerstenfelder hin. Ich mu
an den Flug der Gtter denken, an den schemenhaft die ganze Landschaft
beherrschenden, zwitschernden Gtterfels, und wie von Athene gesagt ist:

   Pltzlich entschwand sie den Blicken und gleich der Schwalbe von
      Ansehn
   Flog sie empor ...

Wie mu dem frommen Landbewohner mitunter der Flug und der Ruf der
Schwalbe erschienen sein! Wie wird er seinen verehrenden Blick zuzeiten
bald gegen das Bild des Zeus auf dem nahen Parnes, bald gegen die ferne,
berall sichtbare, immer leuchtende Burg der Gtter gerichtet haben! Von
dorther strichen die Schwalben, dorthin verschwanden sie in geschwindem
Flug. Und hnlich, nicht allzuviel schneller, kamen und gingen die
Gtter, die keineswegs, wie unser Gott, allgegenwrtig gewesen sind.


Auf dem heiligen Wege, von Athen nach Eleusis hinber, liegt an der
Pahhe, zwischen Bergen, das kleine griechische Kloster Daphni. Ich
wei nicht, welches rtselhafte Glck mich auf der Fahrt hierher
berkommen hat. Vielleicht war es zunchst die Freude, mit jedem
Augenblick tiefer in ein Gebiet des Pan und der Hirten einzudringen.

berall duftet der Thymian. Er schmckt, strauchartig, die grauen
Steinhalden, auch dort, wo die wundervolle Aleppo-Kiefer, der Baum des
Pan, nicht zu wurzeln vermag. Aber Kiefer und Thymian vermischen berall
ihre Dfte und fllen die reine Luft des schnen Bergtals mit
Wohlgeruch.

Der Hof des Klosters, in den wir treten, ist ebenfalls von
weihrauchartigen und von grunelnden Dften erfllt. Am Grunde schmcken
ihn zahllose, weie und gelbe Frhlingsblumen, die ihre Kpfchen den
warmen Strahlen des griechischen Frhlingsmorgens darbieten. An einem
gestutzten Baum ist die Glocke des Klosters aufgehngt, Sommers und
Winters den atmosphrischen Einflssen preisgegeben und darum bedeckt
mit einer schnen, blulichen Patina. Ein Hndchen, im Winkel des Hofes,
vor seiner Htte, wedelt uns an. Trotzdem es nach Bienen und Fliegen
schnappen kann, deren wohlig schwelgerisches Gesumm allenthalben
vernehmlich ist, scheint es sich doch in dieser entzckenden, gleichsam
verwunschenen Stille zu langweilen.

Antike Sulenreste, Trommeln und Kapitale, liegen umher, auf denen sich
Sperlinge, pickend und lrmend, umhertreiben. Sie besuchen den Brunnen,
an dem eine alte, hohe Cypresse steht, trkischer Sitte gem, als
Wahrzeichen.

Das Innere der Klosterkirche bietet ein Bild der Verwahrlosung. Die
Mosaiken der Kuppel sind fast vernichtet, die Ziegelwnde von Stuck
entblt. Aber der husliche Laut der immerfort piepsenden Sperlinge und
warme Sonne dringt vom Hofe herein, dazu der Ruf des Kuckuck herab aus
den Bergen, und der kleine Altar, von glubigen Hnden zrtlich
geschmckt, verbreitet mit seinem braunen Holzwerk, mit seinen Bildchen
und brennenden Kerzen, einen treuherzig-freundlichen Geist der
Einfachheit.

Unsern Weg durch die Hgel abwrts fortsetzend, haben wir eine Stelle zu
beachten, wo vor Zeiten ein Tempel der Venus stand. Nicht weit davon
bemerken wir, unter einer Kiefer, in statuarischer Ruhe aufgerichtet,
die Gestalt eines Hirten, dessen langohrige Schafe, im Schatten des
Baumes zusammengedrngt, um ihn her lagern und wie ein einziges Flie
den Boden bedecken.

Was mich auf dieser heiligen Strae besonders erregt, ist das Hallende.
berall zwischen den Bergen schlft der Hall. Die Laute der Stimmen, die
Rufe der Vgel, wecken ihn in den schlafenden Grnden. Ich stelle mir
vor, da jemand, den eine unbezwingliche Sehnsucht treibt, sich in die
untergegangene Welt der Hellenen, wie in etwas noch Lebendiges
einzudrngen, auf ein besseres Mittel schmerzhaft-seliger Tuschung
nicht verfallen knnte, als durch das verwaiste Griechenland nur immer
geliebte Namen zu rufen, wie Herakles einst den Hylas rief. Gleichwie
nun die Stimme des Hylas, des Gestorbenen, im Echo gespenstisch, wie
eines Lebenden Stimme, antwortete, so, meine ich, kme dem Rufe des
wahren Pilgers jedweder heilige Name, aus dem alten, ewigen Herzen der
Berge, fremd, lebendig und mit Gegenwartsschauern zurck.

Wir sind nun an den Rand der Eleusinischen Bucht gelangt, die durch die
Hhenzge der Insel Salamis gegen das Meer hin geschtzt, einem
friedlichen Landsee hnlich ist. Ich habe niemals das Galilische Meer
gesehen, und doch finde ich mich an Jesus und jene Fischer gemahnt, die
er zu Menschenfischern zu machen unternahm. Das biblische Vorgefhl
findet auf der weien Landstrae lngs des Seeufers unerwartet eine
Besttigung, als das klassische Bild der Flucht nach gypten lebendig an
uns vorberzieht: eine junge, griechische Buerin auf dem Rcken des
Maultiers, den Sugling im Arm, von ihrem brtigen, dunkelhaarigen
Joseph begleitet.

Die Bucht liegt in einem weilichen Perlmuttschimmer still und glatt und
die Augen blendend unter den schnkonturierten Spitzen von Salamis. Die
Landschaft, im Gegensatz zu dem Tale, aus dem wir kommen, ist offen und
weit, und scheint einem anderen Lande anzugehren. Dort wo ein seichter
Flu, aus den Bergen kommend, sein Wasser mit dem der Bucht vermischt,
knieen eskimoartig vermummte Wscherinnen, obgleich weder Haus noch
Htte im weiten Umkreis zu sehen ist.

Wie sich etwa die Sinnesart eines Menschen erschliet, durch die
Scholle, die er bebaut, durch die Heimat, die er fr sein Wirken erwhlt
hat, oder durch jene, die ihn hervorbrachte, und festhielt, so
erschliet sich zum Teil das Wesen der Demeter im Wesen des
eleusinischen Bezirks. Denn dies ist den griechischen Gttern eigen, da
sie mit innigen Banden des Gemts weniger an den Olymp, als an die
griechische Muttererde gebunden sind. Kein Gott, der den Griechen
weniger liebte, als der Grieche den Gott -- oder weniger die griechische
Heimat liebte und in ihr heimisch wre, als er!

Jesus, der Heiland und Gottessohn, Jesus der Gott, ist uns durch sein
irdisch-menschliches Schmerzensschicksal nahegebracht: ebenso den
Griechen Demeter. Man stelle sich vor, wie der Grieche etwa auf diesem
heiligen Boden empfand, der wirklich Demeters irdischen Wandel gesehen
hatte, wo ich, der moderne, skeptische Mensch, sogleich von besonderer
Weihe durchdrungen ward, als sich das Bild der Landschaft in mir mit
jener anderen Legende vermhlt hatte, die mit einer Kraft ohnegleichen
heute Zweifler wie Fromme beherrscht.


Der heilige Bezirk, mit dem Weihetempel der Demeter, liegt nur wenig
erhaben ber die Spiegelhhe, am Rande der Bucht. Es sei ferne von mir,
dieses wrmste und tiefste Mysterium, nmlich das eleusinische,
ergrnden zu wollen: genug, da es fr mich von Sicheln und schweren
Garben rauscht und da ich darin das Feuer Apolls mit des Aidoneus
eisiger Nacht sich vermhlen fhle. brigens ist ein wahres Mysterium,
das durch Mysten gepflegt und lebendig erhalten, nicht in Erstarrung
verfallen kann, ein ewiger Quell der Offenbarung, woraus erhellt, da
eben das Unergrndliche ganz sein Wesen ist.

Whrend ich auf den Steinflieen der ehemaligen Vorhalle des Pylon, als
wre ich selbst ein Myste, nachdenklich auf und ab schreite, formt sich
mir aus der hellen, heien, zitternden Luft, in Riesenmaen, das Bild
einer mtterlichen Frau. Ihr Haarschwall, der die Schultern bedeckt und
herab bis zur Ferse reicht, ist von der Farbe des reifen Getreides. Sie
wandelt, mehr schwebend als schreitend, aus der Tiefe der fruchtbaren
eleusinischen Ebene gegen die Bucht heran, und ist von summsenden
Schwrmen huslicher Bienen, ihren Priesterinnen, begleitet.

Die wahren Olympier leiden nicht, Demeter ist eine irdisch-leidende
Gttin, deren mtterliches Schmerzensschicksal selbst durch den
Richtspruch des Zeus nur gemildert, nicht aufgehoben ist. Auf ihren
Zgen liegt, unverwischbar, die Erinnerung ausgestandener Qual und es
kann eine grere Qual nicht geben, als die einer Mutter, die ihr
verlorenes Kind in grauenhafter Angst und Verzweiflung der Seele sucht.
Sie hat Persephoneia wieder gefunden und hier zu Eleusis, der
Weihetempel, auf dessen Boden ich stehe, ist der Ort, von dem aus sie
die Rckkunft der Tochter und ihre Befreiung aus den Fesseln des
Tartarus erzwang, und wo Mutter und Tochter das selige Wiedersehen
feierten. Aber sie geniet auch seither, wie gesagt, nicht das reine,
ungetrbte, olympische Glck. Nach leidender Menschen Art ist ihr Dasein
Genu und Entbehren, Weh der Trennung und Freude der Wiedervereinigung.
Es ist unlslich, fr immer, gleichwie das Dasein der Menschen, aus
bitteren Schmerzen und Freuden gemengt.

Das ist es, was sie dem Menschengeschlecht und auch dem Sptgeborenen
nahebringt, und was sie mehr, als irgendeinen Olympier, heimisch gemacht
hat auf der Erde.

Es kommt hinzu, da, whrend eines Teiles des Jahres, Aidoneus die
Tochter ins Innere der Erde fordert und dort gefangen hlt, wodurch denn
die seligen Hhen des Olymps, die dem Kerker der Tochter ferne liegen,
den Fen der Mutter, mit den eleusinischen Ufern verglichen, unseliger
Boden sind. Man ist berzeugt, da Schicksalsschlu die Gttin in das
Erkenntnisbereich der Menschen verwiesen hat -- in ein beginnendes,
neues, hheres, zwischen Menschen und Gttern und zwar mit einem
Ereignis, das, unvergelich, das Herz ihres Herzens gleichsam an seinen
Schauplatz verhaftet hlt.

Die weihrauchduftende Stadt Eleusis, die Stadt des Keleus, der Knigin
Metaneira sowie ihrer leichtgeschrzten Tchter: Kallidike, Kleissidike,
Dmo und Kallithoa der saffranblumengelockten ist heut nicht mehr,
aber der Thymianstrauch, der berall um die Ruinen wuchert, verbreitet
auch heute um die Trmmer warme Gewlke von wrzigem Duft. Und die
Gttin, die fruchtbare, mtterliche, umwandelt noch heut, in alter,
heiliger Schmerzenshoheit die Tempeltrmmer, die Ebene und die Ufer der
Bucht. Ich spre die gttliche Erntemutter, die gttliche Hausfrau, die
gttliche Kinderbewahrerin, die Gottesgebrerin berall, die ewige
Trgerin des schmerzhaft sen Verwandlungswunders.

Was mag es gewesen sein, was die offenen Kellergewlbe unter mir an
Tagen der groen Feste gesehen haben? Man verehrte hier neben Demeter
auch den Dionysos. Nimmt man hinzu, da der Mohn, als Sinnbild der
Fruchtbarkeit, die heilige Blume der Demeter war, so bedeutet das, in
zwiefacher Hinsicht, ekstatische Schmerzens- und Glcksraserei. Es
bleibt ein seltsamer Umstand, da Brot, Wein und Blut, dazu das
Martyrium eines Gottes, sein Tod und seine Auferstehung, noch heut den
Inhalt eines Mysteriums bilden, das einen groen Teil des Erdballs
beherrscht.


Ich liege, unweit von Kloster Daphni, unter Kiefern, auf einem
Bergabhange hingestreckt. Der Boden ist mit braunen Kiefernadeln
bedeckt. Zwischen diesen Nadeln haben sich sehr feine, sehr zarte Grser
ans Licht gedrngt. Aber ich bin hierher gekommen, verlockt von zarten
Teppichen weier Maliebchen. Sie zogen mich an, wie etwa ein Schwarm
lieblicher Kinder anzieht, die man aus nchster Nhe sehen, mit denen
man spielen will. Nun liege ich hier und um mich, am Grunde, nicken die
zahllosen kleinen, weien Schwestern mit ihren Kpfchen. Es ist kein
Wald. Es sind ganz winzige Hungerblmchen, unter denen ich ein
Ungeheuer, ein wahres Gebirge bin. Und doch strmen sie eine Beseligung
aus, die ich seit den Tagen meiner Kindheit nicht mehr gefhlt habe.

Und auch damals, in meiner Kindheit, schwebte eine Empfindung, dieser
hnlich, nur feiertglich durch meine Seele. Ich erinnere mich eines
Traumes, den ich zuweilen in meiner Jugend gehabt habe, und der mir
jedesmal eine Schwermut in der Seele lie, da er mir etwas, wie eine
unwiederbringliche, arkadische Wonne, schattenhaft vorgaukelte. Ich sah
dann stets einen sonnigen, von alten Buchen bestandenen Hang, auf dem
ich mit anderen kleinen Kindern bluliche Leberblmchen abpflckte, die
sich durch trockenes, goldbraunes Laub zum Lichte hervorgedrngt hatten.
Mehr war es nicht. Ich nehme an, da dieser Traum nichts weiter, als die
Erinnerung eines besonders schnen, wirklich durchlebten
Frhlingsmorgens war, aber es scheint, da ein erstes Genieen der
goldenen Lust, zu der sich die Sinne des Kindes erschlossen, das
unvergeliche Glck dieser kurzen Stunde gewesen ist.

Ich liege auf olympischer Erde ausgestreckt. Ich bin, wie ich fhle, zum
Ursprung meines Kindestraumes zurckgekehrt. Ja, es ward mir noch
Hheres vorbehalten! Mit reifem Geist, mit bewuten, viel umfassenden
Sinnen, im vollen Besitz aller schnen Krfte einer entwickelten Seele,
ward ich auf dieses feste Erdreich so vieler ahnungsvoll-grundloser
Trume gestellt, in eine Erfllung ohnegleichen hinein.

Und ich strecke die Arme weit von mir aus und drcke mein Gesicht
antos-zrtlich zwischen die Blumen in diese geliebte Erde hinein. Um
mich beben die zarten Grashalme. ber mir atmen die niedrigen Wipfel der
Kiefern weich und geheimnisvoll. Ich habe in mancher Wiese bei
Sonnenschein auf dem Gesicht oder Rcken gelegen, aber niemals ging von
dem Grunde eine hnliche Kraft, ein hnlicher Zauber aus, noch drang aus
hartem Gerll, das meine Glieder kantig zu spren hatten, wie hier ein
so heies Glck in mich auf.

Ich bin auf der Rckfahrt von Eleusis nach Athen wieder in diese
lieblichen Berge gelangt. Die heilige Strae liegt unter mir, die Athen
mit Eleusis verbindet. Herden von Schafen und Ziegen, die in dem grauen
Gestein der Talabhnge umhersteigen, gren von da und dort mit ihrem
Gelut, das, melodisch glucksend, an die Gerusche eines plaudernden
Bchleins erinnert.

In der Nhe beginnt ein Kuckuck zu rufen, zunchst allein: und heiter
gefragt, schenkt er mir drei Jahrzehnte als Antwort. Es ist mir genug!
Nun tnt aus den Kiefernhainen von jenseit des heiligen Weges ein
zweiter Prophet: und beide Propheten beginnen und fahren lange Minuten
unermdet fort, sich trotzig und wild, ber die ganze Weite des
Bergpasses hin, wahrscheinlich widersprechende Prophezeiungen zuzurufen.

Und wieder spre ich um mich das Hallende. Die Rufe der streitenden
Vgel wecken einen gespenstisch verborgenen Schwarm ihresgleichen zu
einem Durcheinander von kmpfenden Stimmen auf und mit einer nur
geringen Kraft der Einbildung hre ich den Lrm des heiligen
Fackelzuges, von Athen gen Eleusis, aus den Bergen zurckschlagen.


Emporgestiegen zu den Gipfeln habe ich rings umher graues Gerll eines
Bergrckens, Krppelkiefern und Thymian, Mittagshitze und Mittagslicht.
Unter mir liegen eingeschlossene Steintler, verlassen und groartig
pastoral. Hohe peloponnesische Schneeberge, Hymettos, Likabethos und
Pentelikon schlieen rings den Gesichtskreis ein. Der saronische Golf
und die eleusinische Bucht leuchten herauf mit blauen Gluten. In heien,
zitternden Wolken, zieht berall wrzig-bitterer Kruterduft. berall
summen die Bienen der Demeter.


Wir betreten heute, gegen zehn Uhr abends, im Lichte des Vollmonds die
Akropolis. Meine Erwartung, nun gleichsam alle Gespenster der Burg
lebendig zu sehen, erfllt sich nicht: Es mte denn sein, da sie alle
in dem heiligen ther aufgelst seien, der den ganzen Tempelbezirk
entmaterialisiert.

Mehr wie am Tage empfinde ich heut, und schon auf den Stufen der
Propylen, das Heiligtum, das Bereich der Gtter. Ich zgere, weiter zu
schreiten. Ich lasse mich im tiefen Schlagschatten einer Sule nieder
und blicke ber die Stufen zurck, die ich mir in die magisch-klare
Tiefe fortgesetzt denke. Zum erstenmal verbindet sich mir das Ganze mit
dem hheren Geistesleben, besonders des Perikleischen Zeitalters, dem
der Burgfelsen seine letzte und hchste Weihe verdankt. Das Wirkliche
wird im Lichte des Mondes schemenhaft unwirklich, und diesem
Unwirklich-Wirklichen knnen sich historische Trume leichter
angleichen.

Als vermchte der Mond Wrme auszustrmen, so warm ist die Luft und dazu
klar und still: das Zwitschern der Fledermuse kommt aus dem Licht-ther
unter uns. Man fhlt, wie in solchem gttlichen ther atmend und
heimisch in diesem heiligen Bezirk, erlauchte Menschen mit Gttern
gelebt haben. Hier, ber den magischen Abgrund hinausgehoben, in einen
unsglich zarten, farbigen Glanz, war der Denker, der Staatsmann, der
Priester, der Dichter, in Nchten wie diese, mit den Gttern auf
gleichen Fu gestellt und atmete, in naher Vertraulichkeit, mit ihnen
die gleiche elysische Luft.

Man mte von einem nchtlichen Blhen dieses am Tage so schroffen und
harten, arg mitgenommenen Olympes reden, von einem Blhen, das
unerwartet und auerirdisch die alte vergessene Gtterglorie um seine
Felskanten wiederherstellt.

Der Parthenon, von der Hymettosseite gesehen, ist in dieser Nacht nicht
mehr das Gebilde menschlicher Bauleute. Diese scheinen vielmehr nur
einem gttlichen Plane dienstbar gewesen zu sein, das Irdische gewollt,
das Himmlische aber vollbracht zu haben. In diesem Tempel ist jetzt
nichts Drohendes, nichts Dsteres, nichts Gigantisches mehr, und seine
Steinmasse, seine irdische Schwere scheint verflchtigt. Er ist nur ein
Gebilde der Luft, von den Gttern selbst in einen gttlichen ther
hineingedacht und hervorgerufen. Er ist nicht aus totem Marmor
zusammengefgt, er lebt! von innen heraus warm und farbig leuchtend,
fhrt er das selige Dasein der Gtter. Alles an ihm wird getragen,
nichts trgt. Oder aber, es kommt ein Gefhl ber dich, da, wenn du,
mit deinem profanen Finger, eine der Sulen zu berhren nicht
unterlassen knntest, diese sogleich zu Staub zerspringen wrde vor
Sprdigkeit.

In dieser Stunde kommt uns die Ahnung von jenem Sein, das die Gtter in
ihrer Verklrung fhren, von irdischen Obliegenheiten befreit. Auch
Gtter hatten Erdengeschfte. Wir ahnen, von welchem Boden Platon zu
seiner Erkenntnis der reinen Idee sich aufschwang. Welche Bereiche
erschlossen sich in solchen schnheitstrunkenen Nchten, die warm und
kristallklar zu ein und demselben Element mit den Seelen wurden ...
welche Bereiche erschlossen sich den Knstlern und Philosophen hier, als
den Gsten und nahen Freunden der Himmlischen!

Und damals, wie heute, drang, wie aus den Zelten eines Lustlagers,
Gesang und Geschrei herauf aus der Stadt. Man braucht die Augen nicht zu
schlieen, um zu vergessen, da jenes dumpfe Gebrause aus der Tiefe der
Lrm des Athens von heute ist: vielmehr hat man Mhe das festzuhalten.
In dieser Stunde, im Glanze des unendlichen Zaubers der Gottesburg,
pocht und bebt und rauscht fr den echten Pilger in allem der alte Puls.
Und seltsam eindringlich wird es mir, wie das Griechentum zwar begraben,
doch nicht gestorben ist. Es ist sehr tief, aber nur in den Seelen
lebendiger Menschen begraben und wenn man erst alle die Schichten von
Mergel und Schlacke, unter denen die Griechenseele begraben liegt,
kennen wird, wie man die Schichten kennt, ber den mykenischen,
trojanischen oder olympischen Fundstellen alter Kulturreste, aus Stein
und Erz, so kommt auch vielleicht fr das lebendige Griechenerbe die
groe Stunde der Ausgrabung.


Wir stehen auf dem hohen Achterdeck eines griechischen Dampfers und
harren der Abfahrt. Der Lrm des Pirus ist um uns und unter uns. Wir
wollen gen Delphi, zum Heiligtum des Apoll und Dionysos.

Mehr gegen den Ausgang des Hafens liegt ein wei angestrichenes Schiff,
ein Amerikafahrer, rings um ihn her auf der Wasserflche, ber die er
emporragt, steht, wie auf Dielen, nmlich in kleinen Booten, eng
gedrngt, eine Menschenmenge. Es sind griechische Auswanderer, Leute,
die das verwunschene Land der Griechenseele nicht ernhren mag.

Dem Hafengebiet entronnen, genieen wir den frischen Luftzug der Fahrt.
Unsere Herzen beleben sich. Wir passieren das kahle Inselchen, hinter
dem die Schlacht bei Salamis ihren Verlauf genommen hat, den niedrigen
Kstenzug, wo Xerxes seinen gemchlichen Thron errichten und vorzeitig
abbrechen lie. Der ganze, bescheidene Schauplatz deutet auf enge
maritime Verhltnisse.

Die bergige Salamis ffnet in die fruchtbare Flle des Innern ein weites
Tal. Liebliche Berglehnen, Haine und Wohnsttten werden dem Seefahrer
verlockend dargeboten: alles zum Greifen nahe! und es ist wie ein
Abschied, wenn er vorber mu.

Man weist uns Megara. Wir htten es von der See aus nicht wiedererkannt:
Megara, jetzt nur gespenstisch und bleich von seinen Hgeln winkend, die
Stadt, die Konstantinopel gegrndet hat. Wir werden den Weg der
megarensischen Schiffe in einigen Wochen ebenfalls einschlagen.

Wenn wir nicht, wie bisher, ber Steuerbord unseres Dampfers
hinausblicken, sondern ber seine Spitze, so haben wir in der Ferne
alpine Schneegipfel des Peloponnes vor uns, darunter, vereinzelt, den
drohenden Felsen der Burg von Korinth.

Wir suchen durch den zitternden Luftraum dieser augenblendenden Buchten
den Standort des ginetischen Tempels auf, und meine Seele saugt sich
fest an die lieblichen Inselfluren von gina. Warum sollten wir uns in
der vollen Mue der Seefahrt, zwischen diesen geheiligten Ksten, der
Trume enthalten und nicht der lieblichen Jgerin Britomartis
nachschleichen, einer der vielen Tchter des Zeus, von der die gineten
behaupteten, da sie alljhrlich von Kreta herberkme, sie zu besuchen.

Gibt es wohl etwas, das wundervoller anmutete, als die nchterne
Realitt einer Mitteilung des Pausanias, etwa Britomartis angehend, wo
niemals die Existenz eines Mitglieds der Gtterfamilie, hchstens hie
und da ein lokaler Anspruch der Menschen mit Vorsicht in Zweifel gezogen
ist.

Nicht nur die Vasenmalereien beweisen es, da der Grieche sich in allen
Formen des niederen Eros auslebte: aber der schaffende Geist, der solche
Gestalten, wie Britomartis, entstehen lie und ihnen ewige Dauer
beilegte, mute das Element der Reinheit, in Betrachtung des Weibes,
notwendig in sich bergen, aus dem sie besteht: keusch, frisch,
unbewut-jungfrulich, ist Britomartis im Stande glckseliger Unschuld
bewahrt worden. Sie hat mit Amazonen und Nonnen nichts gemein. Es ist in
ihr weder Mnnerha noch Entsagung, sondern sie stellt, mit dem freien,
behenden Gang, dem lachenden Sperberauge, der Freude an Wald, Feld und
Jagd, die gesunde Blte frischen und herben Magdtums verewigt dar.

berall auf der Fahrt sind Inseln und Kstenbereiche von lieblicher
Intimitt, und es ist etwas Ungeheueres, sich vorzustellen, wie hier die
Phantasie eines Volkes, in dem die ungebrochene Weltanschauung des
Kindes neben exakter und reifer Weisheit des Greisenalters fortbestand,
jede Krmmung der Kste, jeden Pfad, jeden nahen Abhang, jeden fernen
und ferneren Felsen und Schneegipfel mit einer zweiten Welt gttlich
phantastischen Lebens bedeckt und bevlkert hat. Es ist ein Gewirr von
Inseln, durch das wir hingleiten, uns jener Sttte mit jeder Minute
nhernd, wo, gleichsam aus einem dunklen Quell, diese zweite Welt mit
Rtselworten zurck ins reale Leben wirkte und damit zugleich die
Atmosphre des Heimatlandes mit neuem, phantastischem Stoff belud. Es
gibt bei uns keine Entwicklung des spezifisch Kindlichen, das stets
bewegt, stets glubig und sprudelnd von Bildern ist, zum Weinen bereit
und gleich schnell zum Jauchzen, zum tiefsten Abgrund hinabgestrzt und
gleich darauf in den siebenten Himmel hinaufgeschnellt, glckselig im
Spiel, wo nichts das vorstellt, was es eigentlich ist, sondern etwas
anderes, Erwnschtes, wodurch das Kind es sich, seinem Wesen, seinem
Herzen zu eigen macht.

Der groe Schpfungsakt des Homer hat dem kosmischen Nebel der
Griechenseele den reichsten Bestand an Gestalten geschenkt, und die
Zrtlichkeit, die der sptere Grieche ihnen entgegentrug, zeigt sich
besonders in mancher Mythe, die wieder lebendig zu machen unternimmt,
was der blinde Homer vor den Schauern des Hades nicht zu retten
vermochte. Ich wei nicht, ob hier herum irgendwo Leuke ist, aber ich
wte keine Sage zu nennen, die tiefer in das Herz des Griechen
hineinleuchtete, als jene, die Helena dem Achill zur Gattin gibt und
beide in Wldern und Tempelhainen der abgeschiedenen kleinen Insel Leuke
ein ewig seliges Dasein fhren lt.


Unser Dampfer ist vor dem Eingang zum isthmischen Durchstich angelangt
und einige Augenblicke stillgelegt. Mein Wunsch ist, wiederzukehren und
besonders auch auf dem herrlichen Isthmus umherzustreifen, dieser
gesunden und frischen Hochflche, die wrdig wre, von starken,
heiteren, freien und gttlichen Menschen bewohnt zu sein, die noch nicht
sind. Das Auge erquickt sich an weitgedehnten, hainartig lockeren
Kieferbestnden, deren tiefes und samtenes Grn, auf grauen,
silbererzartigen Klippen, hoch an die blaue Woge des Meeres tritt. Auf
diesen bewaldeten Hhen zur Linken hat man den Platz der isthmischen
Spiele zu suchen. Man sollte meinen, da keiner der zahllosen
Spielbezirke freier und in Betrachtung des ganzen Griechenlandes
gnstiger lag, und ferner: da nirgend so belebt und im frischen Zuge
der Seeluft berschumend die heilige Spiellust des Griechen sich habe
auswirken knnen, wie hier.

Die Einfahrt in den Durchstich erregt uns seltsamerweise feierliche
Empfindungen. Die Passagiere werden still, im pltzlichen Schatten der
gelben Wnde. Wir blicken schweigend zwischen den ungeheuren,
braungelben Schnittflchen ber uns und suchen den Streifen Himmelsblau,
der schmal und farbig in unseren gelben Abgrund herableuchtet.

Kleine, taumelnde, braun-graue Raubvgel scheinen in den Sandlchern
dieser Wnde heimisch, ja, der Farbe nach, von ihnen geboren zu sein.
Eine Krhe, wahrscheinlich von unserm Dampfer aufgestrt, strebt,
ngstlich gegen die Wnde schlagend, an die Oberflche der Erde hinauf.
Nun bin ich nicht mehr der spte Pilger durch Griechenland, sondern eher
Sindbad der Seefahrer, und einige Trken, vorn an der Spitze des
rauschenden Schiffes, jeder mit seinem roten Fez lngs der gelblichen
Ockerschichten gegen den Lichtstreif des Ausganges hingefhrt,
befestigen diese Illusion.

Der Golf von Korinth tut sich auf. Aber whrend wir noch zwischen nahen
und flachen Ufern hingleiten, denn wir haben die weite Flche des Golfes
noch nicht erreicht, werden wir an einem kleinen Zigeunerlager
vorbergefhrt und sehen, auf einer Art Landungssteg, zerlumpte Kinder
der, wie es scheint, auf ein Fhrboot wartenden Bande mit wilden
Sprngen das Schiff begren.

Nach einiger Zeit, whrend wir immer zur Linken das neue Korinth, die
weite, mit Gerstenfeldern bestandene Flche des einstigen alten, das von
dem gewaltigen Felsen Akrokorinth drohend beschattet wurde und die
bergigen Ksten des Peloponnes vor Augen hatten, erffnet sich zur
Rechten eine Bucht mit den schneebedeckten Gipfeln des Helikon. Eine
Stunde und lnger bleibt er nun, immer ein wenig rechts von der
Fahrtrichtung, sichtbar, hinter niedrigen, nackten Bergen, die
vorgelagert sind. Die Luft war bis hierher schwl und still, nun aber
fllt ein khler Wind von den Hhen des Heiligen Berges herab und in
einige Segel, die leicht und hurtig vor ihm her ber das blaue Wasser
des Golfes vorberschweben.

Aller Schnheit geht Heiligung voraus. Nur das Geheiligte in der
Menschennatur konnte gttlich werden, und die Vergtterung der Natur
ging hervor aus der Kraft zu heiligen, die zugleich auch Mutter der
Schnheit ist. Wir haben heut eine Wissenschaft von der Natur, die
leider nicht von einem heiligen Tempelbezirk umschlossen ist. Immerhin
ist sie, und Wissenschaft berhaupt, eine gemeinsame Sache der Nation,
ja der Menschheit geworden. Was auf diesem Gebiete geleistet wird, ist
schlielich und endlich ein gemeinsames Werk. Dagegen bleiben die reinen
Krfte der Phantasie heute ungentzt und profaniert, statt da sie am
groen sausenden Webstuhl der Zeit gemeinsam der Gottheit lebendiges
Kleid wie einstmals wirkten.

Und deshalb, weil die Krfte der Phantasie heut vereinzelt und
zersplittert sind und keine geme Umwelt (das heit: keinen Mythos)
vorfinden, auer jenem, wie ihn eben das kurze Einzelleben der
Einzelkraft hervorbringen kann, so ist fr den Sptgeborenen der
Eintritt in diese unendliche, wohlgegrndete Mythenwelt zugleich so
beflgelnd, befreiend und wahrhaft wohlttig.

Sollte man nicht einer gewissen, nur persnlichen Erkenntnis ohne
Verantwortung nachhngen drfen, die den gleichen Vorgang, der jemals
etwas wie eine Tragdie oder Komdie schuf, als Ursprung des ganzen
Gtterolymps, als Ursprung des gesamten, jenem angenherten Kreises von
Heroen und Helden sieht? Wo sollte man jemals zu dergleichen den Mut
gewinnen, wenn nicht auf einem Schiffe im Golf von Korinth, im
Angesichte des Helikon? Warum htte sonst Pan getanzt, als Pindar
geboren worden war? und welche Freude mu unter den Gttern des Olymps,
von Zeus bis zu Hephaistos und Aidoneus hinunter, ausgebrochen sein, als
Homer und mit ihm die Gtterwelt aufs neue geboren wurde.

Die ersten Gestalten des ersten Dramas, das je im Haupte des Menschen
gespielt wurde, waren ich und du. Je differenzierter das
Menschenhirn, um so differenzierter wurde das Drama! um so reicher auch
an Gestalten wurde es und auch um so mannigfaltiger, besonders deshalb,
weil im Drama eine Gestalt nur durch das, was sie von den brigen
unterscheidend absetzt, bestehen kann. Das Drama ist Kampf und ist
Harmonie zugleich, und mit der Menge seiner Gestalten wchst auch der
Reichtum seiner Bewegungen: und also, in steter Bewegung Gestalten
erschaffend, in Tanz und Kampf miteinander treibend, wuchs auch das
groe Gtterdrama im Menschenhirn, zu einer Selbstndigkeit, zu einer
glnzenden Schnheit und Kraft empor, die jahrtausendelang ihren
Ursprung verleugnete.

Polytheismus und Monotheismus schlieen einander nicht aus. Wir haben es
in der Welt mit zahllosen Formen der Gottheit zu tun, und jenseit der
Welt mit der gttlichen Einheit. Diese eine, ungeteilte Gottheit ist nur
noch ahnungsweise wahrnehmbar. Sie bleibt ohne jede Vorstellbarkeit.
Vorstellbarkeit ist aber das wesentliche Glck menschlicher Erkenntnis,
dem darum Polytheismus mehr entspricht. Wir leben in einer Welt der
Vorstellungen, oder wir leben nicht mehr in unserer Welt. Kurz: wir
knnen irdische Gtter nicht entbehren, wenngleich wir den Einen,
Einzigen, Unbekannten, den Alleinen, hinter allem wissen. Wir wollen
sehen, fhlen, schmecken und riechen, disharmonisch harmonisch das ganze
Drama der Demiurgen, mit seinen olympischen und plutonischen
Darstellern. Im Christentum macht der Sohn Gottes einen verunglckten
Besuch in dieser Welt, bevor er sie aufgibt und also zertrmmert. Wir
aber wollen sie nicht aufgeben, unsere Mutter, der wir verdanken, was
wir sind, und wir bleiben im Kampf, verehren die kmpfenden Gtter, die
menschennahen; freilich vergessen wir auch den menschenfernen, den Gott
des ewigen Friedens nicht.


Ein kalter Gebirgswind empfngt uns bei der Einfahrt in die Bucht von
Galaxidhi, den alten Krisischen Meerbusen, und berraschenderweise
scheint es mir, als liefe unser Schiff in einen Fjord und wir befnden
uns in Norwegen, statt in Griechenland. Beim Anblick der Nadelwlder,
von denen die steile Flanke der Kiona bedeckt ist, erfllt mich das
ganze starke und gesunde Bergglck, das mir eingeboren ist. Es zieht
mich nach den Gipfeln der waldreichen Kiona hinauf, wohin ich die
angestrengten Blicke meiner Augen aussende, als vermchte ich dort noch
heut einen gottselig begeisterten Schwarm rasender Bacchen zwischen den
Stmmen aufzustbern. Es liegt in mir eine Kraft der Zeitlosigkeit, die
es mir, besonders in solchen Augenblicken, mglich macht, das Leben als
eine groe Gegenwart zu empfinden: und deshalb starre ich immer noch
forschend hinauf, als ob nicht Tausende von Jahren seit dem letzten
Auszug bacchischer Schwrme vergangen wren, und es klingt in mir
ununterbrochen:

   Dahin leite mich, Bromios, der die bacchischen Chre fhrt!
   Da sind Chariten, Liebe da,
   Da drfen frei die Bacchen Feste feiern.

Wer hlt es sich immer gegenwrtig, da die Griechen ein Bergvolk
gewesen sind? Whrend wir uns Ithea nhern, tiefer und tiefer in einen
ernsten Gebirgskessel eingleitend, erlebe ich diese Tatsache innerlich
mit besonderer Deutlichkeit. Die Luft gewinnt an erfrischender Strke.
Die Formen der Gipfel stehen im tiefen und kalten Blau des Himmels kalt
und klar, und jetzt erstrahlt uns zur Rechten, hoch erhaben ber der in
abendlichen Schatten dmmernden Bucht, hinter gewaltig vorgelagerten,
dunkel zerklfteten, kahlen Felsmassen ein schneebedecktes parnassisches
Gipfelbereich.

Nun, wo die Sonne hinter der Kiona versunken ist und chthonische Nebel
langsam aus den tiefen Flchen der Felsentler, Terrassen und Risse
verdsternd aufsteigen, steht der Hhenstreif des heiligen Berges Parna
noch in einem unwandelbar makellosen und gttlichen Licht. Mehr und
mehr, indes das Schiff bereits seinen Lauf verlangsamt hat, erdrckt
mich eine fast bergewaltige Feierlichkeit.

Man fhlt zugleich, da man hier nicht mehr im Oberflchenbereich der
griechischen Seele ist, sondern den Ursprngen nahe kommt, nahe kommt in
dem Mae, als man sich dem Kern der griechischen Landschaft annhert.

Man findet sich hier einer groen Natur gegenbergestellt, die nordische
Rauheit und nordischen Ernst mit der Weichheit und Se des Sdens
vereinigt, die hier und dort ringsumher beschneite Berggipfel in den
nahen Hhenther gehoben hat, deren Flanken bis zur Flche des sdlichen
Golfes herabreichen, bis an die Krisische Talsohle, die in gleicher
Ebene, einen einzigen, weitgedehnten lwald tragend, den Grund des Tales
von Krisa erfllt. Man fhlt, man nhert sich hier den Urmchten, die
sich den erschlossenen Sinnen eines Bergvolks, nicht anders wie das
Wasser der Felsenquellen, die Frucht des lbaums oder des Weinstocks,
darboten, so da der Mensch, gleichwie zwischen Bergen und Bumen,
zwischen Abgrnden und Felswnden, zwischen Schafen und Ziegen seiner
Herden oder im Kampf, zwischen Raubtieren, auch allberall unter
Gttern, ber Gttern und zwischen gttlichen Mchten stand.


Wir steigen, angelangt in Ithea, in einen Wagen, vor den drei Pferde
gespannt sind. Die Fahrt beginnt, und wir werden durch Felder grner
Gerste in das Tal von Krisa hineingefhrt. Im Getreide tauchen hie und
da lbume auf, und mehr und mehr, bis sie zu Hainen zusammentreten und
wir zu beiden Seiten der staubigen Strae von Olivenwldern begleitet
sind. Im Halblicht unter den Wipfeln liegen quadratisch begrenzte
Wasserflchen. Nicht selten steigt ein gewaltiger Baum daraus empor,
scheinbar mit seinem Stamme in einem glattpolierten Spiegel aus dunklem
Silber wurzelnd, einem Spiegel, der einen zweiten Olivenbaum, einen
rtlichen Abendhimmel und einen anderen, nicht minder strahlenden
Parnassischen Gipfel zeigt.

Bauern, die aus den Feldern heimwrts nach den Wohnungen im Gebirge
streben, werden von uns im Dmmer der Waldstrae berholt. Es scheint
ein in mancher Beziehung veredelter deutscher Schlag zu sein, so beraus
vertraut in Haltung, Gang und Humor, in den Proportionen des Krpers,
sowie des Angesichts, mit dem blonden Haar und dem blauen Blick, wirken
auf mich die Trupps der Landleute. Wir lassen zur Linken ein eilig
wanderndes und mit einer dunklen Genossin plauderndes, blondes Mdchen
zurck. Sie ist frisch und derb und germanisch kernhaft. Die Art ihres
bermtigen Grues ist zugleich wild, verwegen, ungezogen und
treuherzig. Sie wrde sich von der jungen und schnen deutschen
Bauernmagd, wie ich sie auf den Gtern meiner Heimat gesehen habe, nicht
unterscheiden, wenn sie nicht doch ein wenig geschmeidiger und wenn sie
nicht eine Tochter aus Hellas wre.

Und ich gedenke der Pythia.

Religises Empfinden hat seine tiefsten Wurzeln in der Natur; und sofern
Kultur nicht dazu fhrt, mit diesem Wurzelsystem strker, tiefer und
weiter verzweigt in die Natur zu dringen, ist sie Feindin der Religion.
In diesem groen und zugleich urgesunden Bereich des nahen, groen
Mysteriums denkt man nicht an die Gtterbilder der Bltezeit, sondern
hchstens an primitive Holzbilder, jene Symbole, die, durch Alter
geheiligt, der Gottheit menschliche Proportionen nicht aufzwangen. Man
gedenkt einer Zeit, wo der Mensch mit allen starken, unverbildeten
Sinnen noch gleichsam voll ins Geheimnis hinein geboren war: in das
Geheimnis, von dem er sich Zeit seines Lebens durchaus umgeben fand und
das zu enthllen er niemals wnschte.

Nicht der Weltweise war der Ersehnte oder Willkommene unter den Menschen
jener Zeit, auer wenn er sich gleich dem Jger oder dem Hirten -- der
wahre Hirt ist Jger zugleich! -- zur ach so wenig naiven Verehrung
eines Idoles, einer beliebigen Rtselerscheinung, der nur im Rtsel
belebten Natur, verstand, sondern ersehnt und willkommen war immer
wieder nur das Leben, das tiefere Leben, das den Rausch erzeugende
Rtsel.

Immer jedoch ist der Mensch dem Menschen Trger und Verknder der
tiefsten Rtsel zugleich gewesen und so ward das Rtsel stets am
hchsten verehrt, wenn es sich durch den Menschen verkndigte, die
Gottheit, die durch den Menschen spricht. Und um so hher ward es unter
jenen Menschen verehrt, ward die Gottheit verehrt, je mehr sie den
schlichten Mann, das gewhnliche Weib aus dem Hirten- und Jgervolke
gewaltsam vor aller Augen umbildete, so da es von Grund auf verndert,
von einem Gott oder Dmon beherrscht, als Rtsel erschien.

Ein so verndertes Wesen war vor urdenklichen Zeiten die erste burische
Pythia, und sie erschien in den Hnden des bogenfhrenden Jgers und
Rinderherden besitzenden Hirten, in den Hnden des Jger- und
Hirtengottes Apollon willenlos. Den Willen des Menschen zerbrach der
Gott, wie man ein Schlo zerbrechen mu, das die Tr eines fremden
Hauses verschliet, will man als Herrscher und Herr in dieses eintreten;
und nicht der menschliche Wille, sondern gleichsam die Knechtschaft im
gttlichen, nicht Vernunft, sondern Wahnsinn besa vor den Menschen
damals allein die Staunen und Schauder verbreitende Autoritt.


Die Pferde beginnen bergan zu klimmen. Mehr und mehr, whrend wir aus
den dunklen Olivenwldern emportauchen, verdichtet sich um uns die
Dmmerung. Die Luft ist warm und bewegungslos. Es ist eine Art
tierischer Wrme in der Luft, die aus dem Erdboden, aus den Steinblcken
um uns her, ja berall her zu dunsten scheint. berall klettern
Ziegenherden. Ziegenherden kreuzen den Weg oder trollen ihn mit Gelut
zu Tal. Ich fhle auf einmal, wie hier das Hirten- und Jgerleben nicht
mehr nur als Idyll zu begreifen ist. In dieser brtenden Atmosphre, wie
sie ber den schwarzen Olivenwldern der Tiefe, in dem weiten, gewaltig
zerklfteten Abgrund zwischen den Wllen schroffer Gebirge steht, wird
mein Blut berdies zu einem seltsamen Fieber erregt, und es ist mir, als
knne aus dieser buhlerisch warmen, stehenden Luft die Frucht des Lebens
unmittelbar hervorgehen. Das Geheimnis ist ringsum nahe um mich. Fast
bang empfinde ich seine Berhrungen. Es ist, als trennte -- sagen wir
von den Mttern! nur eine dnne Wand oder als lge das ganze
Geheimnis, in dem wir schlummern, in einem zurckgehaltenen, gttlichen
Atemzug, dessen leisestes Flstern uns eine Erkenntnis erffnen knnte,
die ber die Kraft des Menschen geht.

Ich habe in diesem Augenblick mehr als je zu bedauern, da mir der
musikalische Ausdruck verschlossen ist, denn alles um mich wird mehr und
mehr zu einer einzigen, groen, stummen Musik. Das am tiefsten Stumme
ist es, was der erhabensten Sprache bedarf, um sich auszudrcken.
Allmhlich verbreitet sich jenes magische Leuchten in der Natur, das
alles vor Eintritt vlliger Dunkelheit noch einmal in traumhafter Weise
verklrt. Aber Worte besagen nichts, und ich wrde, mit der wahrhaft
dionysischen Kunst begabt, nach Worten nicht ringen mssen.

Ich empfinde inmitten dieser grenzenlos spielenden Schnheit, die von
einem grunderhabenen dsteren Glanze gesttigt ist, immer eine fast
schmerzhafte Spannung, als ob ich mich einem redenden Brunnen, einem
Urbrunnen aller chthonischen Weisheit gleichsam annherte, der, wiederum
einem Urmunde gleich, unmittelbar aus der Seele der Erde geffnet sein
wrde.

Niemals, auer in Trumen, habe ich Farben gesehen, so wie hier auf dem
Marktplatze von Chryso, in dessen Nhe das alte Krisa zu denken ist. In
diesem Bergstdtchen werden unsere Zugtiere getrnkt. In Eimern holt man
das Wasser aus dem nahen stdtischen Brunnen, der im vollen, magischen
Licht des Abends sich, aus dem Felsen rauschend, in sein steinernes
Becken strzt. Hier drngen sich griechische Mdchen, Mnner und
Maultiere, whrend im Schatten des Hauses gegenber wrdige Bauern und
Hirten beim Weine von den Lasten des Tages ausruhen. Alles dieses wirkt
feierlich schattenhaft. Es ist, als bestnde in dem Menschengedrnge des
kleinen Platzes die geheiligte bereinkunft, die innere Sammlung der
delphischen Pilger nicht durch laute Worte zu stren.

Unter den schweigsam Trinkenden, die uns mit Wrde beobachten und ganz
ohne Zudringlichkeit, fllt manche edle Erscheinung auf. Von einem
Weibart vermag ich mein Auge lange nicht abzuwenden. Er ist der
geborene Edelmann. Die Haltung des schlanken Greises, der seine eigene
Schnheit durchaus zu schtzen wei, ist durchdrungen von einem Anstand,
der eingeboren ist. Aus seinem Antlitz sprechen Gte und Menschlichkeit:
ich sehe in ihm das Gegenbild aller Barbarei. An diesem Hirten legt jede
Wendung des Hauptes, jede gelassene Bewegung des Armes von edler
Herkunft Zeugnis ab: von einer Jahrtausende alten, verfeinerten
Hirtenwrde! denn wo wre die Freiheit der Haltung, die stolze
Gewohnheit des Selbstgengens, die Wrde des Menschen vor dem Tier,
weniger gestrt, als im Hirtenberuf.


Es ist, nachdem wir die Stadt verlassen haben und weiter die steilen
Kehren aufwrts dringen, als snke sich von allen Seiten, dichter und
dichter, Finsternis ber das Geheimnis, dem wir entgegenziehen,
schtzend herein. Es ist wie eine Art Unschlssigkeit in der Natur, als
deren bevorzugtes Kind sich der glubige Grieche fhlen mu, die sich
mir aber dahin umdeutet, als sollte erst durch die volle Erkenntnis
einengender Finsternis der volle Durst zum Orakelbrunnen erzeugt werden.

Noch immer ist die stehende Wrme auch in der fast vlligen Dunkelheit
verbreitet um mich. Der Himmel hat rtlich zuckende Sterne enthllt,
aber der Blick ist von nun an beengt und eingeschlossen. Die groe
Empfindung der Gtternhe weicht einer gewissen heimlich schleichenden
Spukhaftigkeit, und so will ich nun auch eine Vorstellung dieser
spukhaften Art aus dem Erlebnis der unvergleichlichen Stunden
festhalten.

Mehrmals und immer wieder kam es mir vor, als stiege der Schatten eines
einzelnen Mannes mit uns nach dem gleichen Ziele hinan, und zwar auf
einem Fusteige immer die Kehren der groen Strae abschneidend. Kamen
wir bis an die Kreuzungsstelle heran, so schien es, als sei er schon
vorber, oder er war zurckgeblieben und stieg weit unten, schattenhaft
ber die Bschung der tieferen Straenschlinge herauf. Auch jetzt
unterliege ich wieder dem Zwang dieser Vorstellung.

Es ist unumgnglich, da ein bis ins tiefste religis erregter,
christlich erzogener Mensch, auch wenn er das innere Auge abwendet,
gleichsam mittels des peripherischen Sehens doch immer auf die Gestalt
des Heilands treffen mu: und dies war mir und ist mir noch jetzt jener
Schatten. Etwas wie Unruhe, etwas wie Hast und Besorgnis scheint ihn den
gleichen Weg zu treiben, und etwas, wie der gleiche, immer noch
ungestillte Durst.

Und ist nicht auch er wiederum ein Hirt? Sah er sich selbst nicht am
liebsten unter dem Bilde des Hirten? Sehen ihn nicht die Vlker als
Hirten? Und verehren ihn nicht die prunkhaften Hohenpriester von heut,
mit dem Symbole des Hirtenstabes in der Hand, als gttlichen Hirten, als
Hirtengott?


Heut, am frhen Morgen aus meiner Herberge tretend, befinde ich mich auf
der sonnigen Dorfstrae eines alpinen Drfchens. Wenn ich die Strae
nach rechts entlang blicke, wo sie, nach miger Steigung, in einiger
Ferne abbricht oder in den weilichen, heien und wolkenlosen Himmel
auszulaufen scheint, so bemerke ich die Spitze eines entfernteren
Schneeberges, der sie berragt.

Die Strae luft meist dicht am Abhang hin. Von ihrem Rande ermesse ich
die gewaltige Tiefe eines schluchtartigen Tales, mit steilen Felswnden
gegenber. Die grauen Steinmassen sind durch Thymianstrucher dunkel
gefleckt.

Der Grund der Schlucht scheint ein Bachbett zu sein, und wie sich Wasser
von seiner hochgelegenen Quelle herniederwindet, bis es am Ende der
verbreiterten Schlucht in den weiten See eines greren Tales tritt,
ergieen sich hier, gleichsam wie Wogen aus dunklem Silber,
Olivenwaldungen in die Tiefe, wo sie die Flle des lreichen Tales von
Krisa aufnimmt.

Es ist eine durchaus nur schlichte und ganz gesunde alpine Wonne, die
mich erfllt, jener Zustand des bergluftseligen Migganges, in dem man
so gern das Morgenidyll drflichen Lebens beobachtet.

Hhne und Tauben machen das bliche Morgenkonzert. Es wird in der Nhe
ein Pferd gestriegelt. Beladene Maultiere trappen vorber. Alles ist von
jener erfrischenden Nchternheit, die wiederum die gesunde Poesie des
Morgens ist.

Kastri heit das Dorf, in dem wir sind und genchtigt haben. Einige
Schritte auf der mit grellstem Lichte blendenden Landstrae um einen
Felsenvorsprung herum, und der heilige Tempelbezirk von Delphi soll sich
enthllen.

In diesem Felsenvorsprung, den wir nun erreichen, sind die offenen
Hhlen ehemaliger Felsgrber. Nahe dabei haben Wscherinnen ihren Kessel
ber ein aromatisches Thymianfeuer gestellt, das uns mit Schwaden
erquickenden Weihrauchs umquillt. Schwalben schrillen an uns vorber,
Fliegen summen, irgendwoher dringt das Hungergeschrei junger Nestvgel,
und die Sonne scheint, triumphierend gleichsam, bis in die letzten
Winkel der leeren Grber hinein.

Eine zahlreiche Herde schner Schafe begegnet uns, und minutenlang
umgibt uns das freudige lplergerusch ihrer Glocken. Ich beobachte eine
dicke Glockenform mit tiefem Klang, von der man sagt, da sie antikem
Vorbild entspreche. Inmitten der Herde bewegt sich der dienende Hirt und
ein herrenhaft-heiter wandelnder Mann in der knappen, vorwiegend blauen
Tracht der Landleute.

Dieser Mann erscheint zugleich jung und alt: insofern jung, als er
schlank und elastisch ist, insofern alt, als ein breiter, vollkommen
weier Bart sein Gesicht umrahmt. Doch es ist die Jugend, die in diesem
Manne triumphiert: das beweist sein schalkhaft blitzendes Auge, beweist
der freie, bermtige Anstand der ganzen Persnlichkeit, eine Art
behaglich frhlichen Stolzes, der wei, da er unwiderstehlich
fasziniert.

Als Staub und Gelut uns am strksten umgeben, bemerken wir, wie dieser
schne und glckliche Mann, der brigens seine Jagdbchse ber der
Schulter trgt, den langen Stab aus der Hand seines Hirten nimmt. Gleich
darauf tritt er uns entgegen und bietet uns, wirklich aus heiterem
Himmel, eben denselben Stab als Gastgeschenk.


Die Wendung des Weges ist erreicht. Die Strae zieht sich in einem
weiten Bogen eng unter mchtigen roten Felswnden hin, und der erste
Blick in dieses schluchtartige, delphische Tal sucht vergeblich nach
einer geeigneten Sttte fr menschliche Ansiedelung. Von den roten,
senkrecht starrenden Riesenmauern der Phdriaden ist ein Bschungsgebiet
abgebrckelt, das steil und scheinbar unzugnglich ber uns liegt.
berall in den Alpen trifft man hnliche Schutt- und Gerllhalden, auf
denen man, ebenso wie hier, hchstens weidende Ziegen klettern sieht.
Selten bemerkt man dort, etwa in Gestalt einer besonders rmlichen
Htte, Spuren menschlicher Ansiedelung, whrend hier der
unwahrscheinliche Baugrund fr ein Gewirr von Tempeln, tempelartigen
Schatzhusern, von Priesterwohnungen, von Theater und Stadion, sowie von
zahllosen Bildern aus Stein und Erz zu denken ist.

Wir schreiten die weie Strae langsam fort. Wir scheuchen eine
anderthalb Fu lange, grne Eidechse, die den Weg, ein Wlkchen Staub
vor uns aufregend, berquert. Ein Esel, klein, mit einem Berge von
Ginster bepackt, begegnet uns: es heit, da die Bauern aus Ginster
Krbe zur Aufbewahrung fr Kse flechten. Ein Maultier schleppt eine
Last von bunten Decken gegen Kastri heran, begleitet von einer
Handelsfrau, die whrend des Gehens nicht unterlt, von dem Wocken aus
Ziegenhaar fleiig denselben Faden zu spinnen, aus dem jene Decken
gewoben sind.

Immer die steile Bschung des delphischen Tempelbezirks vor Augen,
drngt sich mir der Gedanke auf, da alle die einstigen Priester des
Apoll sowohl als die des Dionysos, alle diese Tempel, Theater und
Schatzhuser von ehemals, alle diese zahllosen Sulen und Statuen den
Ziegen und einer gewissen Ziegenhirtin gefolgt und nachgeklettert sind.

Das Hirtenleben ist in den meisten Fllen ein Leben der Einsamkeit. Es
begnstigt also alle Krfte visionrer Trumerei. Ruhe der ueren Sinne
und Miggang erzeugen die Welt der Einbildung, und es wrde auch heut
nicht schwer halten, etwa in den Irrenhusern der Schweiz lndliche
Mdchen zu finden, die, befangen in einem religisen Wahn, von hnlichen
Dingen berzeugt sind, von hnlichen Dingen mit rasendem Munde
sprechen, als die erste Seherin, die Sibylle oder ihre Nachfolgerin zu
Delphi, tat. Diese hielten sich etwa fr die angetraute Gattin Apolls,
oder fr seine Schwester, oder erklrten sich fr Tchter von ihm.

Wir klettern die steile Strae innerhalb des Tempelbezirkes empor.
berall zwischen den Fundamenten ehemaliger Tempel, Schatzhuser, Altre
und Statuen blht die Kamille in groen Bschen, ebenso wie in Eleusis
und auf der Akropolis. Die Steine der alten und steilen Strae sind
glatt, und mit Mhe nur dringen wir, ohne rckwrts zu gleiten, hinan.

Nicht weit von dem Felsenvorsprung, den man den Stein der Sibylle nennt,
ruhe ich aus. In hei duftenden Bscheln der Kamille, zwischen die ich
mich niedergelassen habe, tnt ununterbrochen Bienengesumm. Wer mchte
an dieser Stelle mit Fug behaupten wollen, da ihm die ungeheure
Vergangenheit dieser steilen Felslehne in allem Besonderen gegenwrtig
sei. Der chthonische Quell, jene, verwirrende Dmpfe ausstrmende
Felsspalte, die Corethas entdeckte, quillt, wie es heit, nicht mehr,
und schon zur Zeit des groen Periegeten hatten die Dmonen das Orakel
verlassen. Werden sie jemals wiederkehren? Und wird, wie es heit, wenn
sie wiederkehren, das Orakel gleich einem lange ungenutzten Instrument
gttlichen Ausdrucks aufs neue erschallen?

Die architektonischen Trmmer umher erregen mir einstweilen nur geringe
Aufmerksamkeit. Die Kunst inmitten dieser gewaltigen Felsmassen hatte
wohl immer, nur im Vergleich mit ihnen, Pygmencharakter. Durchaus
berragend in wilder, unbeirrbarer Majestt bleibt hier die Natur, und
wenn sie auch mit Langmut oder auf Gttergebot die Siedelungen der
menschlichen Ameise duldet, die sich, nicht ohne Verwegenheit, hier
einnistete, so bleibt die Gewalt ihrer Ruhe, die Gewalt ihrer Sprache,
die berragende Macht ihres Daseins, das unter allem, hinter allem, ber
und in allem Gegenwrtige.

Man denkt an Apoll, man denkt an Dionysos, aber an ihre Bilder aus Stein
und Erz denkt man in dieser Umgebung nicht: eher wiederum an gewisse
Idole, die uralten Holzbilder, deren keines leider auf uns gekommen ist.
Man sieht die Gtter da und dort, leuchtend, unmaterialisch, visionr,
hauptschlich aber empfindet man sie in der Kraft ihrer Wirkungen. Hier
bleiben die Gtter das, was unsichtbar gegenwrtig ist: und so bevlkern
sie, bevlkern unsichtbare Dmonen die Natur.

Ist wirklich der chthonische Quell versiegt? Haben die Dmonen wirklich
die Orakel verlassen? Sind gar die meisten von ihnen tot, wie es heit,
da der groe Pan gestorben ist? Und ist wirklich der groe Pan
gestorben?

Ich glaube, da eher jeder andere Quell des vorchristlichen Lebensalters
verschttet ist als der pythische und glaube, da der groe Pan nicht
gestorben ist: nicht aus Schwche des Alters und ebensowenig unter den
jahrtausendelangen Verfluchungen einer christlichen Klerisei. Und hier,
zwischen diesen sonnebeschienenen Trmmern, ist mir das ganze
totgeglaubte Mysterium, sind mir Dmonen und Gtter samt dem totgesagten
Pan gegenwrtig.

Noch heut sind unter den vielen Strmen, die unsere Erde nach oben
sendet, viele, die in den Seelen der Menschen eine Verwirrung und
Begeisterung hervorrufen, wie in dem Hirten Corethas jener, der in
Delphi zutage trat, auch wenn wir dieser Begeisterung wenig achten und
die tiefen Weihen nicht mehr allgemein machen wollen, die mit dem
heiligen Rausch verbunden sind.

Dieser Parna und diese seine roten Schluchten sind Quellgebiet:
Quellgebiet natrlicher Wasserstrme und Quellgebiet jenes
unversiegbaren, silbernen Stromes der Griechenseele, wie er durch die
Jahrtausende fliet. Es ist ein anderer Reiz und Geist, der die Quellen,
ein anderer, der den Lasten und Wimpel tragenden Strom umgibt. Seltsam,
wie der Ursprung des Stromes und seine Wiege dem urewig Alten am
nchsten ist: das ewig Alte der ewigen Jugend. Man kann solche
Quellgebiete nicht einmal mit Fug allein griechisch nennen, denn sie
sind meist, im Gegensatz zu den Strmen, die sie nhren, namenlos.

Gegenber, jenseit des Taleinschnitts, tnen von der Felswand, dem Ruf
des Hornes von Uri nicht unhnlich, gewaltige Laute eines Dudelsacks,
hervorgerufen von Hirten, die unerkennbar mit ihren Ziegen in den Felsen
umhersteigen. Diese gesegneten Quellgebiete waren und sind noch heute
von Hirten umwohnt. Platon nennt die Seele einen Baum, dessen Wurzeln im
Haupte des Menschen sind und der von dort aus mit Stamm, sten und
Blttern sich in das Bereich des Himmels ausdehnt. Ich betrachte die
Welt der Sinne als einen Teil der Seele und zugleich ihr Wurzelgebiet,
und verlege in das menschliche Hirn einen metaphysischen Keim, aus dem
dann der Baum des Himmels mit Stamm, sten, Blttern, Blten und
Frchten empordringt.

Nun scheint es mir, da die Sinne des Jgers, die Sinne des Hirten, die
Sinne des Jgerhirten, sagen wir, die feinsten und edelsten Wurzeln sind
und da ein Hirten- und Jgerleben auf Berghhen der reichste Boden fr
solche Wurzeln, und also die beste Ernhrung fr den metaphysischen Keim
im Menschen ist.


Zwischen den Trmmern des steilen Tempelbezirks von Delphi
umherzusteigen, erfordert einige Mhe und Anstrengung. Am hchsten von
allen Baulichkeiten lag wohl das Stadion; ein wenig tiefer, doch mit
seinen obersten Sitzen an die unzugngliche Felswand stoend, ist das
Theater dem Felsgrunde abgetrotzt.

Der Eindruck der natrlichen Szenerie, die es umgibt, ist drohend und
groartig. Ich empfinde eine Art beengender Bangigkeit in dieser
bergewaltigen Nhe der Natur, dieser geharnischten, roten
Felsbastionen, die den furchtbarsten Ernst blutiger Schauspiele von den
Menschen zu fordern scheinen.

In das Innere dieser Felsmassen scheint brigens ein dmonisches Leben
hineingebannt. Sie wiederholen, in die tiefe Stille ber den rtlichen
Sitzreihen, die Stimmen unsichtbarer Kinder weit unten im Tal, sie
lassen gespenstige Herdenglocken, wie in einem hallenden Saale, durch
sich hin luten und geben die klangvolle Stimme des fernen Hirten aus
der Nhe und gelutert zurck. Aus ihrem Inneren dringt Hundegebell, und
ein fernes und schwaches Drhnen, aus dem Tale von Krisa her, erregt in
ihr einen klangvoll breiten, feierlich musikalischen Widerhall.

Das ununterbrochene, mitten im heien Lichte des Mittags gleichsam
nchtliche Rauschen der kastalischen Wasser dringt aus der Schlucht der
Phdriaden herauf.

Die Gtter waren grausame Zuschauer. Unter den Schauspielen, die man zu
ihrer Ehre darstellte -- man spielte fr Gtter und vor Gttern, und die
griechischen Zuschauer auf den Sitzreihen trieben, mit schaudernder
Seele gegenwrtig, Gottesdienst! -- unter den Schauspielen, sage ich,
waren die, die von Blute trieften, den Gttern vor allen anderen heilig
und angenehm. Wenn zu Beginn der groen Opferhandlung, die das
Schauspiel der Griechen ist, das schwarze Blut des Bocks in die
Opfergefe scho, so wurde dadurch das sptere hhere, wenn auch nur
scheinbare Menschenopfer nur vorbereitet: das Menschenopfer, das die
blutige Wurzel der Tragdie ist.

Blutdunst stieg von der Bhne, von der Orchestra in den brausenden
Krater der schaudernden Menge und ber sie in die olympischen Reihen
blutlsterner Gtterschemen hinauf.

Anders wie im Theater von Athen, tiefer und grausamer und mit grerer
Macht, offenbart sich hier, in der felsigten Pytho, unter der Glut des
Tagesgestirns, das Tragische, und zwar als die schaudernde Anerkennung
unabirrbarer Blutbeschlsse der Schicksalsmchte: keine wahre Tragdie
ohne den Mord, der zugleich wieder jene Schuld des Lebens ist, ohne die
sich das Leben nicht fortsetzt, ja, der zugleich immer Schuld und Shne
ist.

Gleich einem zweiten Corethas brechen mir berall in dem groen
parnassischen Seelengebiet -- und so auch in der Tiefe des roten
Steinkraters, darin ich mich eben befinde! -- neue chthonische Quellen
auf. Es sind jene Urbrunnen, deren Zuflsse unerschpflich sind und die
noch heute die Seelen der Menschen mit Leben speisen: derjenige aber
unter ihnen, der dem inneren Auge der Seele und gleicherweise dem
leiblichen Auge vor allen anderen sichtbar und mystisch ist, bleibt
immer der springende Brunnen des Bluts.

Ich fhle sehr wohl, welche Gefahren auf den Pilger in solchen
parnassischen Brunnengebieten lauern, und vergesse nicht, da die Dnste
aller chthonischen Quellen von einem furchtbaren Wahnsinn schwanger
sind. Oft treten sie ber dnnen Schichten mrben Grundes ans
Tageslicht, unter denen glhende Abgrnde lauern. Der Tanz der Musen auf
den parnassischen Gipfeln geschah, da sie Gttinnen waren, mit leichten,
die Erde nicht belastenden Fen: das ihnen Verbrgte nimmt uns die
Schwere des Krpers, die Schwere des Menschenschicksals nicht.

Auch aus der Tiefe des Blutbrunnens unter mir stieg dumpfer, betubender
Wahnsinn auf. Indem man die grausame Forderung des sonst wohlttigen
Gottes im Bocksopfer sinnbildlich darstellte, und im darauffolgenden,
hheren Sinnbild gotterfllter dramatischer Kunst, gaben die Felsen den
furchtbaren Schrei des Menschenopfers unter der Hand des Rchers, den
dumpfen Fall der rchenden Axt, die Chorklnge der Angst, der Drohung,
der schrecklichen Bangigkeit, der wilden Verzweiflung und des jubelnden
Bluttriumphes zurck.

Es kann nicht geleugnet werden, Tragdie heit: Feindschaft, Verfolgung,
Ha und Liebe als Lebenswut! Tragdie heit: Angst, Not, Gefahr, Pein,
Qual, Marter, heit Tcke, Verbrechen, Niedertracht, heit Mord,
Blutgier, Blutschande, Schlchterei -- wobei die Blutschande nur
gewaltsam in das Bereich des Grausens gesteigert ist. Eine wahre
Tragdie sehen hie, beinahe zu Stein erstarrt, das Angesicht der Medusa
erblicken, es hie das Entsetzen vorwegnehmen, wie es das Leben heimlich
immer, selbst fr den Gnstling des Glcks, in Bereitschaft hat. Der
Schrecken herrschte in diesem offenen Theaterraum, und wenn ich bedenke,
wie Musik das Wesen einfacher Worte, irgend eines Liedes, erregend
erschliet, so fhle ich bei dem Gedanken an die begleitenden Tnze und
Klnge der Chre zu dieser Mordhandlung eisige Schauder im Gebein. Ich
stelle mir vor, da aus dem vieltausendkpfigen Griechengewimmel dieses
Halbtrichters zuweilen ein einziger, furchtbarer Hilfeschrei der Furcht,
der Angst, des Entsetzens, grlich betubend zum Himmel der Gtter
aufsteigen mute, damit der grausamste Druck, die grausamste Spannung
sich nicht in unrettbaren Wahnsinn berschlug.


Man mu es sich eingestehen, das ganze Bereich eines Tempelbezirks, und
so auch diese delphische Bschung, ist blutgetrnkt. An vielen Altren
vollzog sich vor dem versammelten Volk die heilige Schlchterei. Die
Priester waren vollkommene Schlchter, und das Rcheln sterbender
Opfertiere war ihnen die gewhnlichste und ganz vertraute Musik. Die
Jammertne der Schlachtopfer machten die Luft erzittern und weckten das
Echo zwischen den Tempeln und um die Statuen her: sie drangen bis ins
Innere der Schatzhuser und in die Gesprche der Philosophen hinein.

Der Qualm der Altre, auf denen die Ziege, das Schaf mit der Wolle
verbrannt wurde, wirbelte quellend an den roten Felsen hinauf, und ich
stelle mir vor, da dieser Qualm, sich zerteilend, das Tal berdeckte
und so die Sonne verfinsterte. Der Opferpriester, mit Blut besudelt, der
einem Zyklopen gleich das geschlachtete Tier zerstckte und ihm das Herz
aus dem Leibe ri, war dem Volk ein gewhnlicher Anblick. Er umgo den
ganzen Altar mit Blut. Diese ganze Schlachthausromantik in solchen
heiligen Bezirken ist schrecklich und widerlich, und doch ist es immer
vor allem der sliche Dampf des Bluts, der die Fliegen, die Gtter des
Himmels, die Menge der Menschen, ja sogar die Schatten des Hades
anzieht.

In alledem verrt sich mir wiederum der Hirtenursprung der Gtter, ihrer
Priester und ihres Gottesdienstes, denn das Blutmysterium mute sich den
Jgerhirten zuerst aufschlieen und dem Hirten mehr als dem Jger in
ihm, wenn er, friedlich, friedlich von ihm gehtete, zahme Tiere
abschlachtete, zuerst das Grausen und hernach den festlichen Schmaus
geno.


Wir sind den steilen Abhang des delphischen Tempelbezirks bis an den
obersten Rand emporgeklommen. Ich bin erstaunt, hier, wo aus dem
scheinbar Unzugnglichen die rote unzugngliche Felswand sich erhebt,
auf eine schne, eingeschlossene Flche zu stoen, hier oben, gleichsam
in der Gegend der Adlernester, zwischen Felsenklippen, auf ein Stadion.

Es ist still. Es ist vollkommen still und einsam hier. Das schne Oblong
der Rennbahn, eingeschlossen von den roten Steinen der Sitzreihen, ist
mit zarten Grsern bedeckt. Inmitten dieser verlassenen Wiese hat sich
eine Regenlache gebildet, darin man die roten Umfassungsmauern des
Felsendomes, mit vielen gelben Blumenbscheln widergespiegelt sieht.

Ist nicht das Stadion dann am schnsten, wenn der Lrm der Ringer und
Renner, wenn die Menge der Zuschauer es verlassen hat? Ich glaube, da
der gttliche Priester Apolls, Plutarch, oft, wie ich jetzt, im leeren
Stadion der einzige Zuschauer war und den Gesichten und Stimmen der
Stille lauschte.

Es sind Gesichte von Jugend und Glanz, Gesichte der Kraft, Khnheit und
Ehrbegier, es sind Stimmen gottbegeisterter Snger, die unter sich
wetteifernd den Sieger oder den Gott preisen. Es ist der herrlichste
Teil der griechischen Phantasmagorie, die hier fr den nicht erloschen
ist, der gekommen ist, Gesichte zu sehen und Stimmen zu hren.

Die schrecklichen Dnste des Blutbrunnens drangen nicht bis in dieses
Bereich, ebensowenig das Todesrcheln der Menschen- und Tieropfer. Hier
herrschte das Lachen, hier herrschte die freie, von Erdenschwere
befreite, kraftvolle Heiterkeit.

Nur im Stadion, und ganz besonders in dem zu Delphi, das ber allen
Tempeln und allen Altren des Gtterbezirks erhaben ist, atmet man jene
leichte, reine und himmlische Luft, die unseren Heroen die Brust mit
Begeisterung fllte. Der Schrei und Ruf, der von hier aus ber die Welt
erscholl, war weder der Ruf des Hirten, der seine Herde lockt, noch war
es der wilde Jagdruf des Jgers: es war weder ein Racheschrei noch ein
Todesschrei, sondern es war der wild glckselige Schrei und
Begeisterungsruf des Lebens.

Mit diesem gttlichen Siegesruf der lebendigen Menschenbrust begrte
der Grieche den Griechen ber die Fjorde und Fjelle seines herrlichen
Berglands hinweg, dieses Jauchzen erscholl von Spielplatz zu Spielplatz:
von Delphi hinber nach Korinth, von Korinth nach Argos, von Argos bis
Sparta, von Sparta hinber nach Olympia, von dort gen Athen und
umgekehrt.

Ich glaube, nur vom Stadion aus erschliet sich die Griechenseele in
alledem, was ihr edelster Ruhm und Reichtum ist; von hier aus gesehen,
entwickelt sie ihre reinsten Tugenden. Was wre die Welt des Griechen
ohne friedlichen Wettkampf und Stadion? Was ohne olympischen lzweig und
Siegerbinde? eben das gleiche erdgebundene Chaos brtender, ringender
und quellender Mchte, wie es auch andere Vlker darstellen.

Es wird mir nicht leicht, diesen schwebenden und versteckten Spielplatz
zwischen parnassischen Klippen zu verlassen, der so wundervoll einsam
und wie fr Meditationen geschaffen ist. Hier findet sich der sinnende
Geist gleichsam in einen nhrenden Glanz versenkt, und der Reichtum
dessen, was in ihn strmt, kann in seiner berflle kaum bewahrt und
behalten sein.

Man mte vom Spiel reden. Man mte das eigene Denken der Kinder- und
Jnglingsjahre heraufrufen und jener Wegeswendung sich erinnern, wo man
in eine mimutige und freudlose Welt einzubiegen gezwungen war, die das
Spiel, die hchste Gabe der Gtter, verpnt. Man knnte hervorheben, da
bei uns mehr Kinder gemordet werden, als jemals in irgendeinem Bethlehem
von irgendeinem Herodes gemordet worden sind: denn man lt nie das Kind
bei uns gro werden, man ttet das Kind im Kinde schon, geschweige, da
man es im Jngling und Manne leben liee.

Nackt wurde der Sieger, der Athlet oder Lufer dargestellt, und ehe
Praxiteles, ehe Skopas seine Statuen bildete, entstanden ihre Urbilder
hier im Stadion. Hier ist fr die Schnheit und den Adel der
griechischen Seele, fr Schnheit und Adel des Krpers der Muttergrund.
Hier wurde das schon Geschaffene umgeschaffen, das Umgeschaffene zum
ewigen Beispiel und auch als Ansporn fr hhere Artung in Erz oder
Marmor dargestellt. Hier hatte die Bildung ihre Bildsttte, wenn anders
Bildung das Werk eines Bildners ist.

Wer je sein Ohr an die Wnde jener Werkstatt gelegt hat, deren Meister
den Namen Goethe trug, der wird erkennen, da nicht nur Wagner, der
Famulus, den Menschen mit Gttersinn und Menschenhand zu bilden und
hervorzurufen versuchte: alles Sinnen, Grbeln, Wirken, Dichten und
Trachten des Meisters war eben demselben Endzweck rastlos untertan. Und
wer nicht in jedweder Bildung seines Geistes und seiner Hnde das
glhende Ringen nach Inkarnation des neuen und hheren Menschen sprt,
der hat den Magier nicht verstanden.

Es ist bekannt, wie gewissen griechischen Weisen, und so dem Lykurg!
Bildung ein Bilden im lebendigen Fleische, nicht animalisch unbewut,
sondern bewut mit Gttersinn und Menschenhand bedeutete. Was wre ein
Arzt, der seine Kranken bekleidet sieht, und was ein Erzieher, dem jener
Leib samt dem Geiste, dem er hhere Bildung zu geben beabsichtigt, nicht
nackt vor der Seele stnde? Aus dem Grunde der Stadien sproten, nackt,
die athletischen Stmme einer gttlichen Saat des Geistes hervor. Und
hier, auf dem Boden des delphischen Stadions, gebrauche ich nun zum
ersten Male in diesen Aufzeichnungen das Wort Kultur: nmlich als eine
fleischliche Bildung zu kraftvoll gefestigter, heiterer, heldenhaft
freier Menschlichkeit.


Zwei Vgel, unsern Zeisigen hnlich, strzen sich pltzlich aus irgend
einem Schlupfloch der Felsen quirlend herab und lschen den Durst aus
dem Spiegel der Lache vor mir im Stadion. Ihr piepsendes Spiel weckt
Widerhall, und das winzige Leben, der sorglose, dnne Lrm der kleinen
Geschpfe, die niemand strt, offenbaren erst gleichsam das Schicksal
dieser Sttte in seiner ganzen Verwunschenheit.

Whrend ich auf die grne Erde hinstarre und der Fe jener zahllosen
Lufer und Kmpfer gedenke, aller jener gttergleichen, jugendlich
kraftvoll schnen Hellenen, die sie erdrhnen machten, vernehme ich
wiederum aus den Felsen den gewaltigen Widerhall von Geruschen, die mir
verborgen sind. Aus irgend einem Grunde erhebe ich mich, rufe laut und
erhalte ein sechsfaches mchtiges Echo: sechsfach schallt der Name des
delphischen Gottes, des Python-Besiegers, aus dem Inneren der Berge
zurck.

Ich bin allein. Die dmonische Antwort der alten parnassischen Wnde hat
bewirkt, da mich die Kraft der Vergangenheit mit ihren triumphierenden
Gegenwarts-Schauern durchdringt und erfat und da ich etwas wie ein Bad
von Glanz und Feuer empfinde. Beinahe zitternd horche ich in die neu
hereingesunkene, fast noch tiefere Stille hier oben hinein.


Der Morgen ist frisch. Wir schrieben den ersten Mai ins Fremdenbuch. Vor
der Tre des Gasthauses warten schbige Esel und Maultiere, die uns nach
Hossios Lucas bringen sollen. Ins Freie tretend, beginne ich mit letzten
Blicken Abschied zu nehmen. Ich begre die Kiona, den weien Gipfel des
Korax-Gebirges, dort, wo die Dorfstrae, wie es scheint, in den Luftraum
verluft. Ich begre drei kleine Mdchen, die, trdelnd, ebenso viele
Schfchen vor sich her treiben, begre sie mit einer ihnen
unverstndlichen Herzlichkeit. Eines der hbschen Kinder kt mir zum
Dank fr ein kleines, unerbetenes Geschenk die Hand.

Wir lassen die Muler voranklingeln. Wieder schreiten wir an den Felsen
vorber, mit den Hhlungen leerer Grber darin, und wieder erschliet
sich dem Auge die steinigte Bschung des delphischen Tempelbezirks. Wer
alles dieses tiefer begreifen wollte, mte mehr als ein flchtiger
Wanderer sein. Immerhin sind mir auch hier die Steine nicht stumm
gewesen.

Wir haben den Grund von Delphi, der Stadt, die unterhalb unseres Weges
lag, ber allerlei Mauern und Treppchen kletternd, durchstreift, und
whrend wir jetzt unsere Reise fortsetzen, zieht uns das Leuchten der
Tempeltrmmer, zwischen tausendjhrigen lbumen, zieht uns der weie
Marmor umgestrzter Sulen an. An den kastalischen Wassern nehmen wir
wiederum einen kleinen Aufenthalt. Ich habe mich auf einen groen
Felsblock niedergelassen, in der wundervoll hallenden und rauschenden
Kluft, den Felsenbassins jenes alten Brunnen- und Baderaums gegenber,
wo die delphischen Pilger von einst sich reinigten.

Ein Tempelchen, mit Nischen der Nymphen, war grottenartig in die
Felswand gestellt.

Heut sind die Bachlufe arg verunreinigt, die Wasserbecken mit Schlamm
gefllt. Oben durch die feuchte und kalte Klamm fliegen lange
Turmschwalben und jagen einander mit raubvogelartigem, zwitscherndem
Pfiff.


Wir wiegen uns nun bereits eine gute Weile auf unseren Maultieren. Der
Weinstock, das Gewchs des Dionysos, begleitet uns in wohlgepflegten,
wohlgeordneten Feldern die parnassischen Hhen hinan. Immer wieder
begegnen uns wollige Herden mit ihren Hirten. Ich bemerke pltzlich den
mir von gestern bekannten stattlichen Weibart auf dem Bauche im Grase
liegend am Straenrand und empfinde mit ihm, was sein leise ironisches,
berlegen lachendes Antlitz zum Ausdruck bringt. Hinter dem Patriarchen
steigen seine Herden zwischen Rainen, Steinen und saftigen Grsern umher
und fllen die Luft mit der Glockenmusik seines reichen Besitzes. Die
Sonne strahlt, der Tag wird hei.

Schon im Altertum wurden solche Wege wie diese auf Mulern zurckgelegt.
So wird auch das Um und An einer Bergreise, an Rufen, Geruschen und
Empfindungen, nicht anders gewesen sein, als es heute ist. Maultiere
haben die Eigentmlichkeit, am liebsten nicht in der Mitte des Weges,
sondern immer womglich an steilen Rndern zu schreiten: was dem
ungewohnten Reiter zuweilen natrlich Schwindel erregt. Allmhlich
gewinne ich im Vertrauen auf das sich mehr und mehr entfaltende
Klettertalent meines Reittieres eine gewisse, schwindelfreie
Sorglosigkeit. Immer wilder und einsamer wird die Berggegend, bis hinter
Arachova die Einde, das heit die parnassische Hhenzone beginnt. Von
der gesamten sdlichen Flora ist nichts brig geblieben. Der letzte
Weinstock, der letzte Feigenbaum, die letzte Olive liegt hinter uns. Nun
aber tut sich ein weiter und grner Gebirgssattel vor uns auf, von jener
gesunden, alpinen Schnheit, die ebenso heimatlich, als ber alles
erquickend ist.

Der weite Pa, mit flach geschweifter, beinahe ebener Grundflche, ist
Weideland: das heit, ein saftiger Wiesenplan, auf dem der Huf des
schreitenden Maultiers lautlos wird und der Pfad sich verliert. Das
helle, ruhige Grn dieser schnen Alm ist eine tiefe Wohltat fr Auge
und Herz, und der starke, dster-trotzige Fhrenstand, der die steile
Flanke einer nahen Bergwand hinaufklettert, fordert heraus, ihm
nachzutun. Ich wei nicht, was in dieser Landschaft so fremdartig sein
sollte, da man es nicht in den deutschen Alpengebirgen, um diese oder
jene Sennhtte her, ebenso antreffen knnte, und doch wrde der gesunde
Jodler des einsamen Sennen hier einen Zauber vernichten, der
unaussprechlich ist.

Das hurtige Glckchen des Maultieres klingelt am Rand einer teichartig
weit verbreiteten Wasserlache dahin, die, in den hellen Smaragd der
Bergwiese eingefgt, den blauen Abgrund des griechischen Himmels, die
ernste Wand der wetterharten Apollofhren, und das hastende, kleine
Vgelchen in einem ruhigen Spiegel wiedergibt.


ber die Art, wie fr den, der sich einmal in das Innere des Mythos
hineinbegeben hat, jeder neue sinnliche Eindruck wiederum ganz unlslich
mit diesem Mythos verbunden wird und ihn zu einer fast berzeugenden
Wahrheit und Gegenwart steigert, mchte manches zu sagen sein. Es
betrfe nicht nur den Proze eines glubigen Wiedererweckens, sondern
jenen, durch den die menschliche Schpfung der Welt berhaupt entstanden
ist, es betrfe das Wesen jener zeugenden Kraft, die im dichtenden
Genius eines Volkes lebendig ist und darin sich die Seele des Volkes
verklrt.

Pltzlich taucht in der panisch beinahe bengstigenden, nordischen
Vision von Bergeinsamkeit die wilde Gestalt eines brtigen Hirten auf,
der uns in schneller Gangart, fnf schwarze Bcke vor sich hertreibend,
von jenseit, ber die grne Matte entgegenkommt. Die schnen Tiere, die
von gleicher Gre und, wie gesagt, schwarz wie Teufel sind, machen
den berraschendsten Eindruck. Noch niemals sah ich ein so
unwahrscheinliches Fnfgespann. Wer wollte da, wenn eine auserlesene
Koppel solcher Bcke, wie zum Opfer gefhrt, ihm entgegenkommt, und zwar
ber einen parnassischen Weidegrund, die Nhe des Gottes ableugnen, der
einst durch Zeus in die Gestalt eines Bockes verwandelt ward, um ihn vor
Heres Rache zu schtzen, und dem diese Hhen geheiligt sind.

Wie diese Tiere einhertrotten, unwillig, durch den rauhen Treiber mehr
gestrt als in Angst versetzt, mit dem bse funkelnden Blick
beobachtend, jeder mit seinem zottligen Bart, jeder unter der Last und
gewundenen Krnung eines gewaltigen Hrnerpaares, scheinen sie selber
inkarnierte Dmonen zu sein, und in wessen Seele nur etwas von dem alten
Urvter-Hirten-Drama noch rumort, der fhlt in diesem klassischen Tier
einen wahrhaft dmonischen Ausdruck zeugender Krfte, dem es leider auch
seinen Blocksberg-Verruf in der verderbten Weltanschauung der
christlichen Zeit zu verdanken hat.


Wir besteigen nach kurzer Rast unsere Maultiere, die wiederum mager,
schbig und scheinbar kraftlos, wie zu Anfang der Reise dastehen. Das
unscheinbare uere dieser Tiere tuscht uns nicht mehr ber den Grad
ihrer Zhigkeit.

Zur Linken haben wir nun eine rtlich graue, senkrechte Wand
parnassischer Felsmassen, deren Rand einen Giebach aus groer Hhe
herabschttet. Es ist ein lautloser Wasserfall, der, ehe er noch den
Talgrund erreicht, in Schleiern verweht.

Die Maultiere mssen neben dem Lauf eines ausgetrockneten
Felsenflubettes abwrts klettern und erweisen, mehr und mehr
erstaunlich fr uns, ihre wundervolle Geschicklichkeit. Man wrde
vielleicht von diesen Felstlern sagen knnen, da sie Einden sind,
wenn ihre zitternde, leuchtende und balsamische Luft nicht berall von
den wasserartig glucksenden Lauten zahlloser Herdengelute erfllt wre.

Der Paris-artige Knabe, der vorhin, whrend wir Rast hielten, mit
zwitschernden Lauten unsere Aufmerksamkeit beanspruchte, war ein Hirt.
Hoch auf der Spitze eines vereinzelten Felskegels, der an der
Kreuzungsstelle einiger Hochtler sich erhebt, steht, gegen den Himmel
scharf abgegrenzt, wiederum ein romantisch drapierter Ziegenhirt, mit
dem landesblichen Hirtenstabe. Sofern uns ein Mensch begegnet, ist es
ein Hirt, sofern unser Auge in der felsigten Wildnis Menschengestalt zu
unterscheiden vermag, unterscheidet es auch ringsum sogleich ein
Gewimmel von Schafen oder Thymian rupfenden Ziegen.

In einem Engpa, durch den wir mssen, hat sich ein Strom von dicker,
wandelnder Wolle gestaut, der sich, wohl oder bel, vor den Hufen des
langsam schreitenden Maultiers teilen mu. Der Reiter streift mit den
Sohlen ber die braunen Vliese hin, nachdem die Leitbcke ihre
gewaltigen, tiefgetnten Glocken antiker Form, feurig glotzend, ungndig
prustend, vorber getragen haben.

Diese steinigten Hochtler, zwischen Parna und Helikon, erklingen --
nicht von Kirchengelut! -- aber sie sind bestndig und berall
durchzittert vom Klange der Herdenglocken. Sie sind von einer Musik
erfllt, die das berall glucksende, rinnende, pltschernde Element
einer echten parnassischen Quelle ist. Ob nicht vielleicht die Glocke
unter dem Halse des weidenden Tieres, die Mutter der Glocke im Turme der
Kirche ist, die ja, ins Geistige bertragen, den Parallelismus zum
Hirtenleben nirgend verleugnen will? Dann wre es von besonderem Reiz,
den appollinischen Klang zu empfinden, den alten parnassischen
Weideklang, der in dem Gedrhne stdtischer Sonntagsglocken enthalten
sein mte.

Im Klangelement dieser parnassischen Quelle, dieses Jungbrunnens, bade
ich. Es beschleicht mich eine Bezauberung. Ich fhle Appollon unter den
Hirten und zwar in schlichter Menschengestalt, als Schferknecht, wie
wir sagen wrden, so, wie er die Herden des Laomedon und Admetos htete.
Ich sehe ihn, wie er in dieser Gestalt jede gewhnliche Arbeit des
Hirten verrichten mu, dabei gelegentlich Muse vertilgt und den
Eidechsen nachstellt. Ich sehe ihn weiter, wie er, hnlich mir, in der
lieblich monotonen Musik dieser Tler gleichsam aufgelst und versunken
ist und wie es ihm endlich, besser als mir, gelingt, die Chariten auf
seine Hand zu nehmen. Chariten, musische Instrumente tragend, auf der
Hand, war er zu Delphi dargestellt.

Vorsichtig schreitet mein Reittier ber eine groe Schildkrte, die von
den Treibern nicht beachtet wird; ich lasse sie aufheben und die
lachenden Aggogiaten reichen mir das, zwischen gewaltigen
Schildpattschalen, lebhaft protestierende Tier. Ich sehe an den Mienen
der Leute, da die Schildkrte unter ihnen sich der Popularitt eines
allbeliebten Komikers zu erfreuen hat, eines lustigen Rats, ber den man
lacht, sobald er erscheint und bevor er den Mund ffnet. In das
Vergngen der Leute mischt sich dabei eine leise Verlegenheit, wie sie
den ernsten Landmann unverkennbar berschleicht, der auf den Holzbnken
einer Jahrmarktsbude sein Entzcken ber die albernen Spe des
Hanswurst nicht zu verbergen vermag. Auch fhlt man heraus, wie das
schne Tier nicht minder geringschtzt, ja verachtet ist, als beliebt:
eine Verachtung, eine Geringschtzung, die in seinem friedlichen Wesen
und seiner Hilflosigkeit gegenber den Menschen, trotz seines doppelten
Panzers, ihren Ursprung hat.

   Als er sie sah, da lacht er alsbald und sagte die Worte:
   Du glckbringendes Zeichen, ich schmhe dich nicht, sei willkommen.
   Freudegeberin heil! Gesellin des Tanzes und Schmauses.

Als er sie sah, da lacht er alsbald! nmlich Hermes, der Gott, vor
Zeiten. Ganz so ergreift unsere kleine Reisegesellschaft beim Anblick
des klassischen Tieres unwiderstehliche Heiterkeit.


Wir ziehen weiter, nachdem wir das alte homerische Lachen, das Lachen
des Gottes, zu Ende gelacht haben. Aber wir tten nicht, wie Hermes, das
Tier, sondern nehmen es lebend unter unseren Gepckstcken mit. Ich
denke darber nach, wie wohl die Leier ausgesehen und wie wohl geklungen
hat, die Hermes aus dem Panzer der Schildkrte und aus Schafsdrmen
bildete und die in den Hnden Apolls ihren Himmel und Erde
durchhallenden Ruhm gewann.

Aber wir sind nun in sengenden Gluten des Mittagslichts zu einem
wirklichen, reichlich Wasser spendenden parnassischen Brunnen gelangt,
aus dem die Tiere und Treiber gierig trinken. Dicke Strahlen kstlichen
Wassers strzen aus ihrer gemauerten Fassung hervor und rauschend und
brausend in das steinerne Becken hinein. Es ist wie ein Reichtum, der
sich hier ausschttet, der nirgends so, als in einem heien und
wasserarmen Lande empfunden wird.

Wir ruhen aus in dem wohligen Lrm und dem khlen Gestube des
lebenspendenden Elementes.


Das Kloster Hossios Lukas bietet uns Quartier fr die Nacht. Vom
behbigen Prior empfangen, geleitet von dienstfertigen Mnchen, treten
wir, durch ein kleines Vorgrtchen, ohne Treppen zu steigen, ins Haus.
Gleich linker Hand ist ein Zimmer, das uns berwiesen wird. Auf den
gebrechlichen Holzaltan des Zimmerchens tretend, blicken wir in den
tiefen Klosterhof und zugleich ber die Dcher der Mnchskasernen in das
vollkommen einsame, wilde Hochtal hinaus.

Eng und nur wenig Hofraum lassend, sind die Klostergebude in, wie es
scheint, geschlossenem Kreis um eine alte byzantinische Kirche gestellt,
die sie zugleich beschtzen und liebevoll einschlieen. Das Hauptportal
der Kirche liegt schrg in der Tiefe unter uns. Wir knnen mit den nahen
Wipfeln alter Zypressen Zwiesprache halten, die seit Jahrhunderten
Wchter vor diesem Eingang sind.

Der Prior wnscht uns die Kirche zu zeigen, die innen ein trauriges Bild
der Verarmung ist. Reste von Mosaiken machen wenig Eindruck auf mich,
desto mehr ein Geldschrank, der, an sich befremdlich in diesem geweihten
Raum, zugleich ein wunderlicher Kontrast zu seinem kahlen, ausgepoverten
Zustand ist.

Dem Prior geht ein jugendlich schner Mnch mit weiblicher Haartracht an
die Hand. Er ffnet Truhen und Krypten mit rostigen Schlsseln. Das Auge
des jungen Mnches verfolgt uns unablssig mit bohrendem Blick. Als wir
jetzt wiederum auf dem Balkon unseres Zimmers sind, taucht er auf einem
nahen Altane neugierig auf.

Whrend ber den Dchern und in der Wildnis drauen noch Helle des
sinkenden Tages verbreitet ist, liegt der Hof unter uns bereits in
nchtlicher Dmmerung. Ich horche minutenlang in die wundervolle Stille
hinunter, die durch das Gepltscher eines lebendigen Brunnens nur noch
tiefer und friedlicher wird. Mit einem Male ist es, als sei die Seele
dieser alten winkligen Gottesburg aus tausendjhrigem Schlummer erwacht.
Arme werden hereingelassen und es wird von den Brdern unterm
Klosterportale ziemlich geruschvoll Brot verteilt.

Nach einigem Rufen, Treppengehen und Trenschlieen tritt wieder die
alte verwunschene Stille ein, mit den einsamen Lauten des
Rhrenbrunnens. Dann klappert die dicke Bernsteinkette des freundlichen
Priors unten im Hof. Man hrt genau, wie er sein Spielwerk
gewohnheitsgem bearbeitet, das heit die Bernsteinkugeln
ununterbrochen durch die Finger gleiten lt und gegeneinander schiebt.

Ich gehe zur Ruhe, im Ohre feierlich summenden Megesang, der schwach
aus dem Innern der Kirche dringt.


Der Aufbruch von Hossios Lukas geschieht unter vielen freundlichen
Worten und Blicken der Mnche, die um uns versammelt sind. Ich komme
eben von einer schnen Terrasse des Klosters zurck, die, inmitten der
steinigten denei, von alten, vollbelaubten Platanen beschattet ist.
Terrassen fr den Gemsebau setzten sich in die Tiefe fort und hie und
da sind dem Felsenschutt des verlassenen Tales Wiesen und Ackerstreifen
abgerungen. Ich sah die kleinen Mdchen fr alles der lteren Brder
und Patres mit Besen und Wassereimern in lebhafter Ttigkeit, die Patres
selber, wie sie rotkarrierte Betten auf ihren morschen Balkonen
ausbreiteten. Die kleinen Mdchen fr alles sind junge Lehrlinge,
deren schnes, langes Haar, wie das von Mdchen, im Nacken zu einem
Knoten aufgenommen ist. Es ist ein wolkenlos heiterer Morgen mit einer
frhlingshaften Wonne der Luft, die gttlich ist und die in jedem Auge
wiederleuchtet. Noch klingt mir der Gru des Bruders Kper, sein
frisches [Griechisch: Kalimera] im Ohr, womit er mich grte, als ich
unten am Brunnen vorberging, wo er trllernd ein Weinfa reinigte. Es
war ein Gru, der ebenfalls von dem frischen Glck dieses Morgens
widerklang.


Kaum hat unsere kleinere Karawane sich nur ein wenig, zwischen Gebschen
von Steineichen hintrottend, aus dem Bereich des Klosteridylls entfernt
und schon umgibt uns wieder das alte ewige Hirtenidyll. Ich unterscheide
mit einem Blick vier einzelne Schafherden, deren Gelute herberdringt,
und pltzlich erscheinen, Wlfen gleich, gewaltige Schferhunde ber uns
an der Wegbschung. Man scheucht sie mit groen Steinen zurck.


Wir biegen nach einem lngeren Ritt in ein abwrts fhrendes, enges Tal,
das, wie es scheint, recht eigentlich das Dionysische ist. Wir mssen
zunchst durch eine gedrngte Herde schwarzer Ziegen frmlich
hindurchschwimmen, unter denen sich prchtige Bcke auszeichnen, jenen
hnlich, die ich auf der Hhe des Passes sah. Und wie ich die Blicke
ber die steinigten Talwnde forschend ausschicke, sehe ich sie mit
schwarzen Ziegen, wie mit berall hngenden, kletternden, kleinen
schwarzen Dmonen bedeckt.

Der Eingang des schwrzlich wimmelnden Tales wird von dem vollen Glanz
des Parnasses beherrscht, der aber endlich dem Auge entschwindet, je
weiter wir in das Tal hinabdringen: das Tal der Dmonen, das Tal des
Dionysos und des Pan, das immer mehr und mehr von gleichmig schwarzen
Ziegen wimmelt. Wohl eine Viertelstunde lang und lnger ziehen wir
mitten durch die Herden dahin, die zu beiden Seiten unseres
gestrppreichen Pfades schnauben, Steineichenbltter abrupfen und hie
und da leise meckern dazu. berall raschelt, reit, stampft und prustet
es zwischen den Felsen, in den Gebschen: da und dort wird ein Glckchen
geschlenkert. Mitunter kommen wir in ein ganzes Glockenkonzert hinein,
dessen Lrm das gesprochene Wort verschlingt.

Ich habe, auf meinem Maultier hngend, Augenblicke, wo mir dies alles
nicht mehr wirklich ist. Ein alter Knecht und Geschichtenerzhler fllt
mir ein, der mir in lndlichen Winterabenden hnliche Bilder als
Visionen geschildert hat. Er war ein Trinker, und als solcher ja auch
verknpft mit Dionysos. In seinen Delirien sah er die Welt, je nachdem,
von schwarzen Ziegen oder Katzen erfllt, wobei er von alpdruckartiger
Angst gepeinigt wurde.

Der Schritt des Maultiers, die Glocke des Maultiers, allberall das
Eindringen dieser fremden Welt, dazu die ungewhnliche Lichtflle, die
Existenz in freier Luft, Ermdung des Krpers durch ungewhnliche
Reisestrapazen, jagen auch mir einen Anflug von Angst ins Blut. Ich habe
vielleicht eine Vision und es ist mir manchmal, als msse ich diese
zahllosen schwarzen Ziegen vor meinen Augen wegwischen, denen mein Blick
nicht entgehen kann.

Ein weites Quertal nimmt uns auf und wie ein Spuk liegt nun die Vision
der schwarzglnzenden Ziegen hinter mir. Wir berholen einen reisenden
Kaufmann, dessen Maultier von einem kleinen Jungen getrieben wird. So
schn und vollstndig, wie nie zuvor, steht der Parna, von dem wir
bereits Abschied genommen hatten, vor uns aufgerichtet: ein breiter
silberner Wall mit weien Gipfeln. Ich gewinne den Eindruck, der
appollinisch strahlende Glanz strmt in das Tal, das der Berg
beherrscht.


Wir reisen nun schon seit einiger Zeit durch die Ebene hin. Neben
flacheren Felsgebieten und einem verzweigten Flubett, das mit Gebschen
bewachsen ist, breiten sich Flchen grner Saat, ber denen klangreich
die Lerche zittert.

Es ist faszinierend, zu sehen, wie der Parna nun wiederum diese Ebene
berragt. Auf breitester Basis ruhend, baut sich der gttliche Berg aus
eitel Glanz in majesttischer Schnheit auf. Hier wird es deutlich, wie
die bezwingende Gegenwart solcher Hhen gttlichen Ruhm vor den
Menschen, die sie umwohnen, durchsetzen und behaupten mu. Ich empfinde
nicht anders, als stammte der trillernde Rausch des Lerchengeschmetters,
das leuchtende Grn der Saaten, der zitternde Glanz der Luft von diesem
geheiligten Berge ab und nhre sich nur von seinem Glanze.

Oftmals wende ich mich auf meinem Maultier nach der verlassenen
Felsenwelt der Hirten und Herden zurck, whrend sich ber mir Parna
und Helikon mit dem Glanz ihrer silbernen Helme ber die weite Ebene
gren. Flssen doch alle Quellen dieser heiligsten Berge wieder
reichlich voll und frisch in die abgestorbenen Gebiete der europischen
Seele hinein! Mchte das starre Leuchten dieser olympischen Vision
wiederum in sie hineinwachsen und den belriechenden Dunst verzehren,
mit dem sie, wie ein schlecht gelftetes Zimmer, beladen ist.

Nun sitze ich, von der glhenden Sonne nicht ganz geschtzt, unterm
Vordach einer Weinschenke. Parnassische Hirten und Hirtenhunde umgeben
mich, unter den wettergebrunten Mnnern sind blonde Kpfe, deren
antiker Schnitt unverkennbar ist. Der khne Blick verrt dionysisches
Feuer im Blut. Der Bartwuchs, ohne gepflegt zu sein, hnelt in Form,
Dichte und Kruselung durchaus gewissen antiken Plastiken, die Helden
oder Halbgtter darstellen.

Ich teile die Reste meiner Mahlzeit mit einem weien, gewaltigen
Schferhund. Und nachdem wir einen Blick auf den schmerzvoll grinsenden
Lwen von Cheronea geworfen, ist der parnassische Hirtentraum zu Ende
getrumt. Doch nein, an der kleinen Haltestelle der Eisenbahn, die wir
erreicht haben, und die von einem Sumpfe voll quakender Frsche umgeben
ist, finden wir ein gefesseltes schwarzes Lamm. Es hat, mit dem Rcken
nach unten, am Sattel eines Maultieres hngend, eine Reise von zehn
Stunden, durch die Hochtler des Parna, von Delphi her, im Sonnenbrande
zurckgelegt. Es trgt den Ausdruck hoffnungsloser Fgung im Angesicht.
Sein Eigentmer ist jener Kaufmann, den wir berholten, und dessen
Maultier ein Knabe trieb. Er wird um sein Osterlamm beneidet und
Bahnbeamte treten hinzu, fhlen es ab nach Preis und Gewicht und
Fettgehalt. Schlielich legt man das arme, unsglich leidende, schwarze
parnassische Lamm, mit zusammengebundenen Fen dicht an die Geleise,
damit es leicht zu verladen ist. Ich sehe noch, wie es an seinen Fesseln
reit und verzweifelt emporzuspringen versucht, als die Maschine
herandonnert und gewaltig an ihm vorberdrhnt.


Wir haben Athen verlassen, um ber Korinth, Mykene, Argos und andere
klassische Pltze schlielich nach Sparta zu gelangen. Am Nachmittag ist
Korinth erreicht, nach lngerer Bahnfahrt, die uns nun schon bekannte
Bilder wiederum vor die Augen gefhrt hat, darunter flchtige und doch
warme Eindrcke von Eleusis, Megara, dem schnen Isthmus und der
Eginetischen Bucht.

Ein Wagen fhrt uns unweit vom Rande des Golfes, dem Fue von
Akrokorinth entgegen, einer drohenden Felsmasse, die von den Resten
roher Befestigungen verunziert ist.

ber den Golf herber weht eine frische, fast nordische Luft, aus der
Gegend des Helikon, dessen leuchtender Gipfel schemenhaft sichtbar
bleibt. Der Wagen rollt auf schlechten Feldwegen zwischen grnen Saaten
dahin.

Der korinthische Knabe hatte fr Krper und Geist einen weiten,
unsglich mannigfaltigen Tummelplatz. Den furchtbarsten Burgfelsen ber
sich, schwamm er im Lrm und Getriebe einer Hafenstadt, die im weiten
Kreise von grnen oder nackten Hgeln umgeben war. berall erlangte sein
Blick die geheiligten Hhen der Gtter- und Hirtenwelt, die wiederum bis
in das Herz der Stadt hineinreichte. Fr Wanderungen oder Fahrten taten
sich Peloponnes und Isthmus auf und auf diesem herrlichen Erdenfleck
geno er die gleichsam geborgene Schnheit eines sdlichen Alpensees und
auch die grenzenlose Wonne des freieren Meeres.


Wir besteigen Pferde, und diese erkletterten nun mhsam den Felsen von
Akrokorinth, der mehr und mehr, je weiter wir an ihm hinaufkriechen, wie
eine verdammte Sttte erscheint: ein dsteres Tor durch einen Ring von
Befestigungsmauern, fhrt in ein des Felsenbereich.

Wir sind -- die Pferde haben wir vor dem ersten Tore zurckgelassen! --
einer zweiten Ringmauer gegenbergestellt, die abermals ein Tor
durchbricht. Eilig klimmen wir weiter aufwrts: eine weiliche Sonne hat
sich schon nahe bis an den Horizont herabgesenkt. Kalter Bergwind fegt
durch ein zweites ungeheures Trmmerbereich, und wir finden uns vor dem
engsten jener Mauerringe, die den Gipfel des Festungsberges
einschlieen. Diesen Gipfel erkletterten wir nun durch ein drittes Tor.
Es ist eine Wstenei, ein Steinchaos. Fremd und schon halb und halb in
Schatten gesunken, liegt die gewaltige Bergwelt des Peloponnes unter
uns. Wir eilen, aus dieser entsetzlichen Zwingburg durch die Trmmerhfe
wieder hinabzukommen. Wirkliches Grauen, wirkliche Angst tritt uns an.

Nach den geheiligten Hgeln und Bergen, deren Bereich ich in den letzten
Wochen betrat oder wenigstens mit dem Blick erreichte, ist dies der
erste, der unter einem unabwendbaren Fluch verdet scheint.


Seltsam wie das bange Gefhl, was der nahende Abend einflt mit dem
kleinen Kreis sonderbar banger Phantasiegestalten in Einstimmung ist,
die fr mich, seitdem ich ein bewuteres Leben fhre, mit dem Namen
Korinth verbunden sind. Schon vor etwa achtundzwanzig Jahren, whrend
einer kurzen akademischen Studienzeit, drngten sich mir die
rtselvollen Gestalten des Periander, seiner Gattin Melissa und des
Lykophron, seines Sohnes, auf. Ich darf wohl sagen, da die Tragdie
dieser drei Menschen in ihrer unsglich bittersen Schwermut all die
Jahre meine Seele beschftigt hat.

Periander! Melissa! Lykophron!

Periander, auf dem Burgfelsen hausend, Tyrann von Korinth, allmhlich
hnlich wie Saul, hnlich wie der spartanische Knig Pausanias, in einen
finsteren Wahnsinn versinkend. Leidend an jenem unausbleiblichen
Schicksal groer Herrschernaturen, die nach erreichtem Ziel von jenen
Dmonen verfolgt werden, die ihnen dahin lockend voranschritten. Er
hatte die Einwohnerschaft Korinths von den furchtbaren Felsen herunter
terrorisiert und dezimiert. Er hatte Lyside, die Tochter des Tyrannen
Prokles, geheiratet, der zu Epidaurus sa. Die Gattin, zrtlich von ihm
Melissa genannt, ward spter von ihm aus unbekannten Grnden heimlich
ermordet: zum wenigsten wurde ihr Tod Periandern zur Last gelegt.
Prokles, Lysidens Vater, lie eines Tages vor den beiden inzwischen
herangewachsenen Enkeln, Kypselos und Lykophron, den Shnen Melissens
und Perianders, Worte fallen, die besonders dem Lykophron eine Ahnung
von dem Verbrechen des Vaters aufgehen lieen, und diese Ahnung bewirkte
nach und nach zwischen Sohn und Vater den tiefsten Zerfall.

Der groe Britte hat die Tragdie eines Sohnes geschrieben, dessen
Mutter am Morde ihres Gatten, seines Vaters, beteiligt war. Er hat die
psychologischen Mglichkeiten, die in dem Vorwurf liegen, nicht bis zu
jeder Tiefe erschpft. Wie denn ein solcher Gegenstand seinem Wesen nach
berhaupt unerschpflich ist, derart zwar, da er sich selber in immer
neuen Formen, aus immer neuen Tiefen manifestieren kann. Vielleicht ist
das Problem Periander Lykophron noch rtselvoller und furchtbarer, als
es das Rtsel Hamlets und seiner Mutter ist. Dabei hat dieser gttliche
Jngling Lykophron mit dem Dnenprinzen hnlichkeit ... man knnte ihn
als den korinthischen, ja den griechischen Hamlet bezeichnen.

Gleichwohl war in seiner Natur ein Zug von finstrer Entschlossenheit.

Whrend Periander in der wesentlichen Vereinsamung der Herrschbegier --
denn der Herrschende will allein herrschen und wenn er auch andere
Herrscher dulden mu, so erreicht er doch die Trennung von allen, das
Alleinsein, immer gewi. Er grbt sich meistens jeden gemtischen Zuflu
der Seele ab, wodurch sie denn, wie ein Baum bei Drre, qualvoll langsam
zugrunde geht.

Also whrend Periander, sagte ich, vereinsamt, als Herrscher von
Korinth, in seinem Palast auf dem den Burgfelsen, mit den Dmonen und
mit dem Schatten Melissens rang, hatte sich Lykophron nicht nur von ihm
abgekehrt, sondern von Grund aus alles und jedes, auer das Leben! was
er ihm zu verdanken hatte -- alles und jedes, was ihm durch Geburt an
Glanz und Prunk mit dem Vater gemeinsam war, dermaen grndlich von sich
getan, da er, obdachlos und verwahrlost, in den Hallen und Gassen des
reichen Korinth umherlungernd, von irgendeinem anderen Bettler nicht
mehr zu unterscheiden war.

Hier noch wurde er aber von dem allmchtigen Vater mit rcksichtsloser
Strenge verfolgt, dann wieder mit leidenschaftlicher Vaterliebe; doch
weder Hrte noch Zrtlichkeit vermochten den qualvollen Trotz der
vergifteten Liebe abzuschwchen.

Die Tat des Periander wurde mit dem Schicksale dieses Lykophron zum
Doppelmord: zum Morde der Gattin und des Sohnes. Und hierin liegt die
Eigenart der Tragik, die in der Brust Perianders wtete, da er einen
geliebten und bewunderten Sohn, das kstlichste Gut seines spteren
Lebens, pltzlich und unerwartet durch den Fluch seiner hlichen Tat
vernichtet fand. Damit war ihm vielleicht der einzige Zustrom seines
Gemtes abgeschnitten und das Herz des alternden Mannes ward von dem
Grauen der groen Leere, der groen de umschrnkt.

Ich bin berzeugt, da tiefe Zwiste unter nahen Verwandten unter die
grauenvollsten Phnomene der menschlichen Psyche zu rechnen sind. In
solchen Kmpfen kann es geschehen, da glhende Zuneigung und glhender
Ha parallel laufen -- da Liebe und Ha in jedem der Kmpfenden
gleichzeitig und von gleicher Strke sind: das bedingt die ausgesuchten
Qualen und die Endlosigkeit solcher Gegenstze. Liebe verewigt sie, Ha
allein wrde sie schnell zum Austrag bringen. Was knnte im brigen
furchtbarer sein, als es die Fremdheit derer, die sich kennen, ist?

Periander sendete Boten an das Totenorakel am Acheron, um irgendeine
Frage, die ihn qulte, durch den Schatten Melissens beantwortet zu
sehen. Melissa dagegen beklagte sich, statt Antwort zu geben und
erklrte, sie friere, denn man habe bei der Bestattung ihre Kleider
nicht mit verbrannt.

Als die Boten heimkehrten, hierher nach Korinth, konnte Periander nicht
daran zweifeln, da wirklich der Schatten Melissens zu ihnen geredet
hatte, denn sie brachten in rtselhaften Worten die Andeutung eines
Geheimnisses, dessen einziger Hter Periander zu sein glaubte.

Durch dieses Geheimnis wurde ein perverses Verbrechen des Gatten
verdeckt, der seine Gattin nicht allein gettet, sondern noch im
Leichnam mibraucht hatte: eine finstere Tat, die das schreckliche Wesen
des Tyrannen gleichsam mit einem hllischen Strahle der Liebe verklrt.

Er lie nun in einem Anfall schwerer Gewissensangst die Weiber Korinths,
wie zum Fest in den Tempel der Hera berufen. Dort rissen seine
Landsknechte ihnen gewaltsam Zierat und Festkleider ab und diese wurden
zu Ehren Melissens, und um ihren Schatten zu vershnen, in spter
Totenfeier verbrannt.

Periander, Melissa, Lykophron. Es hat immer wieder, whrend beinahe
dreier Jahrzehnte, Tage gegeben, wo ich diese Namen lebendig in mir, ja
oft auf der Zunge trug. Sie waren es auch, die, Sehnsucht erweckend, vor
mir her schwebten, als ich das erstemal den Anker gehoben hatte, um
hierher zu ziehen. Auch whrend der kleinen Schiffsreise jngst, durch
den Golf von Korinth, hat mein Mund zuweilen diese drei Namen lautlos
geformt, nicht minder oft auf der Fahrt nach Akrokorinth. Und hier, im
frstelnden Schauder heftiger Windste, auf dem gespenstischen Gipfel
des Burgfelsens, habe ich im kraftlosen Licht einer bleichen Sonne, die
unterging, die frstelnden Schatten Perianders, Melissens und Lykophrons
dicht um mich gesprt.


Unten, im Dmmer der Rckfahrt, whrend die Feldgeister ber der in
Gerstenhalmen wogenden Grbersttte des alten Korinth sich zu regen
beginnen, zuckt im Rdergeroll der nchtlichen Fahrt ein und das andere
Bild der lrmenden alten Stadt vor der Seele auf. Mitunter ist alles
pltzlich von einer so tosenden Gegenwart, da ich Geschwtz und
Geschrei des Marktes um mich zu hren glaubte, und alles dieses mit dem
Anblick weiter abgelegener Felder verquickt, die sich rings um den
bermchtig hineingelagerten, finsteren Gewalttterfelsen wie
Leichentcher weit umherbreiten.

Und ohne da dieser tote Dmmer, dieses ewig teilnahmlose Gegenwartsbild
verndert wird, sehe ich die Lohe der Totenfeier Melissens nchtlich
hervorbrechen und fhle das Fieber, das die leidenschaftliche Kraft des
groen Periander auf die Bewohner der geknechteten Stadt bertrgt. Der
Heratempel ist vom Geschrei der Weiber erfllt, denen die Bravi die
Kleider vom Leibe reien, die Gassen vom Geschrei jener anderen, die
nackt und beraubt entkommen sind. Nicht weit vom Tempel, den Blick in
den rtlichen Schein der Feuersbrunst mit einem starren Lcheln
gerichtet, steht Lykophron: durch Schmerz und die Wollust der
Selbstkasteiung fast irrsinnig, das Antlitz durch Hunger und innere Wut
verzerrt, aber in diesem Augenblick nicht nur vom Wiederscheine des
Feuers, sondern von einem bsen Triumphe verklrt. Rings lrmen und
brllen die Leute um ihn: es ist durch Verordnung Perianders aufs
strengste verboten, ihn anzureden.

Als aber am folgenden Tage Periander selbst dies zu tun unternimmt,
erhlt er von seinem Sohne nur diese Antwort: man wird dich in Strafe
nehmen, weil du mit Lykophron gesprochen hast.


Gegen zwlf Uhr mittags, nachdem wir am Morgen Korinth verlassen haben,
befinde ich mich in einer Herberge, von der aus man die argivische Ebene
bersieht. Sie ist begrenzt von gewaltigen peloponnesischen Bergzgen
und augenblicklich durchbraust von einem heien Wind, der in der
blendenden Helle des Mittags die Saatfelder wogen macht.

Der Raum, in dem die Kuriere das Frhstck auftragen, hat den
gestampften Boden einer Lehmtenne. Er ist zugleich Kaufladen und
Weinausschank. Es riecht nach Kattun. Blaue Kattune sind in den
Wandregalen aufgestapelt. Dank den Kurieren, die in Athen eine
Korporation bilden, herrscht in den Herbergen, die sie bevorzugen, eine
gewisse Sauberkeit.

Ich bin vor die Tr des kleinen Wirtshauses getreten. Die von den Bergen
Arkadiens eingeschlossene Ebene ist noch immer durchbraust von Sturm und
steht noch immer in weier Glut. In weilich blendendem Dunst liegt der
Himmel ber uns. Die Burg von Argos, Larissa, ist in der Talferne
sichtbar, der Boden des Tals ist in weite Gewnde abgegrenzt, die teils
von wogender Gerste bedeckt, teils unbestellt und die trockene rote
Scholle zeigend, daliegen.

Diese Landschaft erscheint auf den ersten Blick ein wenig kahl, ein
wenig nchtern in ihrer Weitrumigkeit. Ich bin nicht geneigt, sie als
Heimat jener blutigen Schatten anzusprechen, die unter den Namen
Agamemnon, Klytmnestra, Tyest und Orestes ruhelos durch die
Jahrtausende wandern. Ihre Heimat war im Haupte des schylos und des
Sophokles.

Die Gestalten der groen Tragdiendichter der Alten sind von einem
Element des Grauens getragen und in ihm zu krperlosen Schatten
aufgelst. Es ist in ihnen etwas von den Qualen abgeschiedener Seelen
enthalten, die durch die unwiderstehliche Macht einer Totenbeschwrung,
zu einer verhaten Existenz im Lichte gezwungen sind. Auf diese Weise
wecken sie die Empfindung in uns, als stnden sie unter einem Fluch, der
ihnen aber, so lange sie noch als Menschen unter Menschen ihr Leben
lebten, nicht anhaftete. Der schlichte Eindruck einer realen
landschaftlichen Natur bei Tageslicht widerlegt jeden Fluch und zwingt
der bis zum Zerreien berspannten Seele den Segen natrlicher Mae auf.

Den Tragikern bleibt in dieser Beziehung Homer vollkommen gesondert
gegenbergestellt. Seine Dichtungen sind keine Totenbeschwrungen. ber
seinen Gedichten ist nirgend das Haupt der Medusa aufgehngt. Gleicht
das Gedicht des Tragikers einem Klagegesang -- seines gleicht berall
einem Lobgesang, und wenn das Kunstwerk des Tragikers von dem Element
der Klage, wie von seinem Lebensblute durchdrungen ist, so ist das
Gedicht Homers eine einzige Vibration der Lobpreisung. Die dichtende
Klage und heimliche Anklage und das dichtende Lob, wer kann mir sagen,
welches von beiden gttlicher ist?

Die Tragdie ist immer eine Art Hllenzwang. Die Schatten werden mit
Hilfe von Blut gelockt, gewaltsam eingefangen und brutal, als ob sie
nicht Schatten wren, durch Schauspieler ins reale Leben gestellt: da
mssen sie nun nichts anderes als ihre Verbrechen, ihre Niederlagen,
ihre Schande und ihre Bestrafungen ffentlich darstellen. Hierin
verfhrt man mit ihnen erbarmungslos.

Seit Beginn meiner Reise liegt mir eine wundervolle Stelle der Odyssee
im Sinn. Der Sonnengott, dem man seine geliebte Rinderherde gettet hat,
klagt die Frevler, die es getan haben, die Genossen des Odysseus, im
Kreise der Gtter an und droht, er werde, sofern man ihn nicht an den
Ttern rche, fortan nicht mehr den Lebenden, sondern den Toten
leuchten:

   Ben die Frevler mir nicht vollgtige Bue des Raubes;
   Steig' ich hinab in Ades Reich, und leuchte den Toten!

Wer wollte diese erhabenste und zugleich herrlichste Drohung in ihren
berwltigenden Aspekten nicht empfinden. Es ist nicht mehr und nicht
weniger als der ganze Inhalt eines knftigen Welt-Epos, dessen Dante
geboren werden wird. Aber wenn nicht mit der ganzen apollinischen
Lichtgewalt, so doch mit einem Strahle davon erscheinen die Gestalten
Homers beglckt und sind damit aus dem Abgrund der Toten zu neuem Leben
geweckt worden und es ist nicht einzusehen, warum der Gott nicht auch
dem dramatischen Dichter einen von seinen Strahlen leihen sollte. Ist
doch das Dramatische und das Epische niemals rein getrennt, ebensowenig
wie die Tendenzen der Zeit und des Ortes. Und wer wte nicht, wie das
Epos Homers zugleich auch das gewaltigste Drama und Mutter zahlloser
spterer Dramen ist.

Wenn wir einen Durchbruch des apollinischen Glanzes in die Bereiche des
Hades als mglich erachteten, so mchte ich die Tragdie, cum grano
salis, mit einem Durchbruch der unterirdischen Mchte, oder mit einem
Vorsto dieser Mchte ins Licht vergleichen. Ich meine damit die
Tragdie seit schylos, von dem es heit, da er es gewesen ist, der den
Erinnyen Schlangen ins Haar geflochten hat.

Nehmen wir an, die Tragdie habe dem gleichen Instinkt gedient, wie das
Menschenopfer. Dann trat allerdings an Stelle der blutigen Handlung der
unblutige Schein. Trotzdem in Wahrheit aber Menschenblut nicht vergossen
wurde, hatte die bange und schreckliche Wirkung an Macht gewonnen und
sich vertieft: derart, da erst jetzt eine chthonische Wolke gewaltsam
lastend und verdsternd in den olympischen ther stieg, deren
grauenerregende Formen mit den homerischen Lichtgewlken olympischen
Ursprungs rangen, und schlielich den ganzen Olymp der Griechen
verdsterten.


Wir brechen auf, um die Trmmer von Mykene und die unterirdischen Bauten
zu sehen, die man Schatzhuser nennt. Ich bin durchaus homerisch
gestimmt, wie denn mein ganzes Wesen dem Homerischen huldigt, auch wenn
ich nicht des wundervollen Schatzes gedenken mte, der im Museum zu
Athen geborgen liegt und der aus den Grbern von Mykene gehoben ist. Wo
ist das Blutlicht, mit dem schylos und Sophokles durch die Jahrhunderte
rckwrts diese Sttte beleuchteten? Es ist von der Sonne Homers
getilgt. Und ich sehe in diesem Augenblick die Greueltaten der
Klytmnestra, des Agist und des Orest hchstens mit den Augen des
Menelaos in Sparta an, als er dem jugendlichen Telemach, der gekommen
ist, nach Odysseus, seinem Vater, zu forschen, davon erzhlt.

   Aber indessen erschlug mir meinen Bruder ein Anderer
   Heimlich mit Meuchelmord durch die List des heillosen Weibes ...
   Dennoch, wie sehr ich auch trauere, bewein' ich alle nicht so sehr
   Als den einen ...

womit er Odysseus -- nicht einmal Agamemnon! -- meint, den lange
Vermiten.

Wer, der die kerngesunde Knigsidylle jenes Besuches liest, den Telemach
in Sparta abstattet, knnte dagegen des Glaubens sein, da der erprobte
Held, Mann und Bruder sich sophokleischen Bluttrumen berlassen htte?
Zumal, wenn er sagt:

   Lat uns also des Grams und unserer Trnen vergessen

oder wenn Helena bei ihm ruhte, noch immer Die Schnste unter den
Weibern.


Das Lwentor, der mykenaische Schutthgel und die Hgel ringsum sind von
Sonne durchglht und von Sturm umbraust. berall fllt Duft von Thymian
und Myrrhen die Luft. Ganz Griechenland duftet jetzt von Thymian und
Majoran. In den Kalksteintrmmern der alten Stadt schreien Eulen
einander zu, wach und lebhaft, trotz hellblendender Sonne. Wei wie
Schlacke liegt Trmmerstck an Trmmerstck.

Die Burg hat eine raubnestartige Anlage: in Hgeln versteckt und von
hheren felsigen Bergen gedeckt, bersah sie das ganze rossenhrende
Argos. Zur Seite hatte sie eine wilde Kluft, die jeden Zugang
verhinderte.

Es ist von eigentmlichem Reiz, sich nach den mykenaischen Grberfunden
in dieser Umgebung ein Leben in ppigkeit und Luxus vorzustellen: Mnner
und Frauen, die sich schnrten, und besonders Frauen, deren Toiletten an
Glanz und Raffinement der Toilette einer spanischen Tnzerin, die in
einem pariser Theater tanzt, gleichgekommen sind. Aber schlielich ist
es wieder Homer, der berall den Sinn fr Komfort und Luxus entwickelt
und nie vergit, Bder, duftende Betten, reinliches Linnen, hohe und
hallende Sle, Schmuck und Schnheit der Weiber, ja sogar den
Wohlgeschmack des Getrnks und der Speisen gebhrend zu wrdigen.


Die unterirdischen Kuppelbauten, die Pausanias Schatzhuser nennt, sind
ihrer eigentlichen Bestimmung nach noch heute ein Rtsel. Sie waren
bekannt, wie es scheint, durch das ganze griechische Altertum und
wahrscheinlich, so weit sie frei lagen, wie noch heute, erfllt von
Bienengesumm. Das Schatzhaus des Atreus, ist vollkommen freigelegt.
Die weiche, sausende Chormusik der kleinen honigmachenden Priesterinnen
der Demeter, die den unterirdischen Bau erfllt, verbreitet mystische
Feierlichkeit. Sie scheinen im Halblicht der hohen Kuppel
umherzutaumeln. Sie fliegen, an den unbestrittenen Besitz dieser Rume
gewhnt, gegen die Kpfe der Eintretenden. Ihr sonorer Flug bewegt sich
mit Gehen und Kommen in eine niedrige Nebenkammer, die sehr wohl eine
Grabkammer sein knnte. Aber die Menge der Schatzhuser wrde durch eine
Bestimmung als unterirdische Tempelgrber, fr Totenopfer und Totenkult,
nicht erklrt. Ich stelle mir aber gern inmitten dieses sogenannten
Artreusschatzhauses einen Altar vor und das Feuer darauf, das den Raum
erleuchtet und lrmend belebt und dessen Rauch durch die kleine runde
ffnung der Kuppel abzieht und oben scheinbar aus der Erde selber
hervordringt.


Drei Schimmel ziehen unsern Wagen im Galopp durch die Vorstdte von
Tripolitza in die arkadische Landschaft hinaus. Der wolkenlose Himmel
ist ber weite Ackerflchen gespannt, auf denen Reihen bunter,
griechischer Landleute arbeiten. Der Tag wird hei. Die Luft ist erfllt
von Froschgequak.

Nun, nach einer lngeren Fahrt durch kleine Ortschaften, verlassen wir
die Ebene von Thegea. Die schne Landstrae steigt bergan, und statt der
Felder haben wir rtlich-graue Massen kahlen Gesteins zur Rechten und
Linken, die sprlich mit Thymianstruchern bewachsen sind. Es beginnt
damit ein Arkadien, das mehr einer Wstenei, als dem Paradiese hnlich
sieht. Nach einiger Zeit ist in der Hhe ein Dorf zu sehen, mit einigen
langen, dnn belaubten Pappeln, die das Auge hungrig begrt. Nur wenig
lsen sich die Huser der Ortschaft von ihrem steinigten Hintergrund,
der mit schmalen Gartenstreifen rtlicher Erde durchsetzt ist.

Die Spitzen des Parnon werden zur Linken sichtbar, auf denen der Schnee
zu schwinden beginnt. Ein khler Wind setzt ein und erquickt inmitten
dieser arkadischen Wste.

Ich hatte hier einen womglich noch greren Reichtum an Herden zu sehen
gehofft, als zwischen Parna und Helikon: aber auf weitgedehnten,
endlosen Trmmerhalden und auf der Landstrae begegnet nur selten Herde
und Hirt. Die Gegend ist arm und ausgestorben, die ehemals das
waldreiche Paradies der Jger und Hirten gewesen ist.

Die Strae wendet sich auf einer freien Pahhe rechts und tritt in das
Gebiet von Lakonika. Der Taygetos liegt nun breit und mchtig mit weien
Gipfeln vor uns da.

Aus einer rmlichen Schenke ertnt Gesang. Und zwar ist es eine Musik,
die an das Kommersbuchtreiben deutscher Studentenkneipen erinnert. Die
Stimmen gehren Gymnasiallehrern aus Sparta an, die, noch im
Osterferien-Rausch, frhlich dorthin zurckreisen.

Es erscheinen jetzt cker, Gartenflchen, Wiesen und Bume oasenartig.
Die Erde zwischen Felsen und Bumen ist rot, und hier und da stehen
rtliche Wasserlachen.

Der Parnon verschwindet und taucht wieder auf. Die Gegend gewinnt,
nachdem wir die Pahhe berschritten haben, an Groartigkeit. Einige
der vielen steinigten Hochtler, die man bersieht, zeigen Baumwuchs
inselartig in ihrer Tiefe. Es ist mir, so lange mein Auge durch diese
uferlosen, kochenden Wsteneien schweift, als ob ich das traurig-nackte,
ausgetrocknete Griechenland mit einem Mantel grner Nadelwlder bedecken
mte, und meine Trumereien fhren Armeen ttiger Menschen hierher,
die, vom sorglich gepflegten Saatkamp aus, in geduldiger Arbeit Arkadien
aufforsten. Mit tiefem Respekt gedenke ich der zhen Kraft und
Tchtigkeit jener Mnner und Frauen meiner engeren Heimat, auch derer
mit krummgezogenem Rcken, die den Forst ernhren, mehr wie sie der
Forst ernhrt, und mit Staunen vergegenwrtige ich die Schpferkraft,
die in der harten Faust der Arbeit liegt.


Wir halten Rast. Die Herberge ist an eine Krmmung der Bergstrae
gestellt. Unter uns liegt ein weites Tal, das der Taygetos mit einer
Kette von Schneegipfeln mchtig beherrscht. Der Himmel glht in einer
fast weien Glut. Hgelige Abhnge in der Nhe, von Olivenhainen
bestanden, erscheinen ausgebrannt.

Unsere Herberge hat etwas Japanisches. Das Schilfdach ber der
schwankenden Veranda, auf der wir stehen, ist durch dnne Stangen
gesttzt. Unten klingeln die mden Pferde mit ihren Halsglckchen. Die
trinkfrohen Lehrer aus Sparta haben uns eingeholt und sitzen lrmend
unten im Gastzimmer. Wir werden in ein oberes Zimmer gefhrt, dessen
Dielen dnn wie Oblaten sind. Durch fingerbreite Fugen zwischen den
Brettern knnen wir zu den Lehrern hinabblicken. Der Kurier trgt ein
Frhstck auf. Indessen schwelgen die Augen und ruhen zugleich im jungen
Blttergrn eines Pappelbaums, der, vom heien Winde bewegt, jenseits
der Strae schwankt und rauscht.

Nachdem wir gegessen haben, ruhen wir auf der Veranda aus. Bei jedem
Schritt, den wir etwa tun, schaukelt die ganze Herberge. Zwei Schwalben
sitzen nahe bei mir unter dem Schilfdach auf der Gelnderstange. berall
um uns ist lebhaftes Fliegengesumm.


Wir haben vor etwa einer Stunde das Kahni verlassen, wo uns die Lehrer
aus Sparta eingeholt hatten. Ihr Einspnnerwgelchen stand, als wir
abfuhren, vor der Tr und wartete auf die indessen lustig zechenden
Gste. Sonderbar, wie in diesem heien, stillen und menschenleeren Lande
die brave Turnerfidelitas anmutete, die immer wieder in einem gewaltigen
Rundgesang gipfelte!

Die Strae beginnt sich strker zu senken. Wir fahren weite Schlingen
und Bogen an tiefen Abstrzen hin, die aber jetzt den Blick in eine
immer reicher ausgestaltete Tiefe ziehen. Wir nhern uns der Gegend von
Sparta, dem schnen Tal des Eurotas an.

Es ist eine wundervolle Fahrt, durch immer reicher mit Wein,
Feigenbumen und Orangenhainen bestandene Abhnge. Ziegen klettern zur
Linken ber uns und zur Rechten unter uns. Lieblich gelegene
Ansiedelungen mit weiem Gemuer mehren sich, bis wir endlich das flache
Aderngeflecht des Eurotas und zugleich die weite Talsohle berblicken
knnen.

Fast wie Vgel senken wir uns aus gewaltiger Hhe auf das moderne Sparta
herab, das, mit weien Husern, aus Olivenhainen, Orangengrten und
Laubbumen, wei heraufleuchtet. Es ist mir dabei, als beginne das
strenge und gleichsam erzene Wort Sparta, sich in eine entzckende,
ungeahnte sdliche Vision aufzulsen. Eine augenblendende Vision von
Glanz und Duft.

Ich kann nicht glauben, da irgendein Land an landschaftlichen Reizen
und in der Harmonie solcher Reize mit dem griechischen wetteifern
knnte. Es zeigt den berraschendsten Wechsel an Formen und berall eine
bestrickende Wohnlichkeit. Man begreift sogleich, da auch dieses Tal
von Sparta eine festgeschlossene Heimat ist, mit der die Bewohner,
hnlich wie mit einem Zimmer, einem Hause verwachsen muten.

Ich mchte behaupten, da der Reichtum der griechischen Seele zum Teil
eine Folge des eigenartigen Reichtums der griechischen Muttererde ist.
Wobei ich von dem landschaftlichen Sinn der Alten den allerhchsten
Begriff habe. Natrlich nicht einem landschaftlichen Sinn in der Weise
moderner Malerei, sondern als einer Art Empfindsamkeit, die eine Seele
immer wieder zum unbewuten Reflex der Landschaft macht.

Zweifellos war die Phantasie im Geiste des Menschen die erste und lange
Zeit alleinige Herrscherin, aber das im Wechsel der Tages- und
Jahreszeiten feste Relief des Heimatsbodens blieb in einem gewissen
Sinne ihr Tummelplatz. Was an bewegten Gestalten von ihr mit diesem
Boden verbunden wurde, das hatte dieser Boden auch miterzeugt.

Das unbewute Wirken des Geistes, im Kinde so wie im Greise, ist immer
wesentlich knstlerisch, und Bildnertrieb ist eine allgemein verbreitete
Eigenschaft, auch wo er sich nie dem ueren Auge sichtbar kundgibt.
Auch der Naivste unter den Menschen wohnt in einer Welt, an deren
Entstehung er den hauptschlichsten Anteil hat und die zu ergrnden
ebenso reizvoll sein wrde, als es die Bereisung irgendeines
unentdeckten Gebietes von Tibet ist. Unter diesen Naivsten aber ist
wiederum keiner, der nicht das Beste, was er geschaffen hat, mit Hilfe
des kleinen Stckchens Heimat geschaffen htte, dahinein er geboren ist.


Ich befinde mich im Garten eines kleinen Privathauses zu Sparta. Vor
etwa einer Stunde sind wir hier angelangt. Ich habe mich beeilt, aus dem
drftigen Zimmerchen, das man uns angewiesen hat, wieder ins Freie zu
gelangen. Es war eine sogenannte gute Stube, und es fehlte darin nicht
einmal das Makartbukett.

Irgendwie, ich wei zunchst nicht wodurch, bin ich in diesem
Grasegarten an lngst vergangene Tage erinnert. Eindrcke meines frhen
Jnglingsalters steigen auf. Ich vergesse minutenlang, da die
verwilderte Rasenflche unter meinen Fen der Boden von Sparta ist.
Dann kommt es mir vor, als wandle ich in jenem kleinen Obstgarten, der
an das Gutshaus meines Onkels stie, und etwas vom Tanze der nackten
Mdchen Spartas und erster Liebe ginge mir durch den Kopf.

Es ist aber wirklich ein Garten in Sparta und nicht das Gehft meiner
guten Verwandten, wo ich jetzt bin. In der nahen Gartenzisterne quakt
ein spartanischer Frosch, ich schreite an einer spartanischen
Weidornhecke hin und spartanische Sperlinge lrmen.

Auf der Konsole des Nubaumspiegels, dessen sich das Quartier meiner
Gastfreunde rhmen kann, fand ich unter anderen Photographien auch ein
Bild, -- das Bild eines hbschen, lndlichen Mdchens! -- das mir
sogleich ins Auge fiel. Sie mag wohl lngst gestorben sein oder ist etwa
vor dreiig Jahren jung gewesen, um jene Zeit, als auch das Mdchen, an
das ich mich jetzt erinnern mu, siebzehnjhrig durch Garten, Hof und
Haus meiner schlesischen Anverwandten schritt.

Die Bergwand des Taygetos ist zum Greifen nahe. Die Sonne versinkt
soeben hinter die hohe Kammlinie und beinahe das ganze Tal des Eurotas
ist in Schatten gelegt. Die Landschaft ringsum ist zu dieser Stunde
zugleich heroisch und anheimelnd.

Pltzlich finde ich mich mit lebhaftem Griechisch angeredet. Ein Mann
hat mich zwischen Stachelbeer- und Johannisbeerstruchern entdeckt, ist
herzugetreten und setzt voraus, da ich Griechisch verstehe. Kurze Zeit
bin ich hilflos gegen seine neuspartanische Zudringlichkeit, dann aber
wird im Giebel unseres Huschens -- das brigens, windschief, wie es
ist, von auen betrachtet unbewohnbar scheint -- ein Fenster geffnet,
und das schne Mdchen, die schne Spartanerin, noch ganz so jung, wie
das Bild sie zeigte, lehnt sich heraus.

Der Mann von der Strae wird nun durch eine tiefe, sonore Frauenstimme
zurecht-, das heit aus dem Garten gewiesen, und ich habe, mit
gebundener Zunge, Antlitz und Blick der hbschen Spartanerin ber mir.

   Gott gr euch schnes Jungfrulein
   Wo bind ich mein Rlein hin? --
   Nimm du dein Rlein beim Zgel, beim Zaum,
   Binds an den Feigenbaum.


Der irrationale Wunsch und Zwang, eine Sttte wie die des alten Sparta
zu sehen, erklrt sich zwar nicht durch den Namen Lykurg, aber doch ist
es vor allem der Genius dieses Namens, der Genius, dessen Wirken eine so
unvergleichliche Folge hatte, den man in dieser Landschaft sucht. Man
konnte nicht hoffen oder erwarten wollen, hier irgendein Jugendidyll,
auch nur in Erinnerung, sich erneuern zu sehen: dennoch nimmt mich,
statt jeder historischen Trumerei, eine solche Erinnerung jetzt in
Besitz.

Nicht zweimal schwimmst du durch die gleiche Welle, sagt Heraklit, und
es ist nicht dieselbe, die um mich und durch mich flutet, als jene
Frhlingswoge, durch die ich vor Jahren geschwommen bin: aber es ist
doch auch wieder etwas von ewiger Wiederkehr in ihr.

Ich sage mir, da Lykurg wiederum nichts weiter, als ein groer Hirte,
ein groer Schfer gewesen ist, der den Nachwuchs seines Volkes in
Herde teilte. Da seine Gedanken in der Hauptsache sehr entschlossene
Zchtergedanken gewesen sind, wie sie aus den Erfahrungen eines
Hirtenlebens sich ergeben und zwar mit Notwendigkeit. Lykurg, der
trotzdem mit Delphi Verbindung hatte, war berwiegend ein Mann der
kalten Vernunft, gesteh ich mir, und wute, wie keiner auer ihm, das
zeitliche Leben vom ewigen und ihre Zwecke rein zu sondern. Allein durch
alle diese Erwgungen vermag ich meine Seele nicht von dem spartanischen
Ebenbilde meiner lndlichen Jugendliebe abzuwenden.

Jungens, nicht anders wie Jungens sind, gucken ber den Zaun, der hier
allerdings von dem krebsscherenartig, stachlig-grnen Gerank der Agave
gebildet ist. Sie sind neugierig, werfen Steine in blhende Obstbume,
suchen etwas fr ihre Tatkraft, stren mich. Der gleiche Fall veranlate
mich vor Jahren, an einem denkwrdigen Tage, aus begreiflichen Grnden
zu vergeblicher Heftigkeit, dagegen gelang es dem deutschen Urbilde der
Spartanerin, das damals neben mir durch den Grasegarten schritt, die
Knaben mit wenigen gtigen Worten zu bewegen, von ihren Strungen
abzulassen.


Nun ist das schne Mdchen im Garten erschienen. Ich gre sie und werde
dann magisch in die gleiche Richtung gezogen, die sie eingeschlagen hat,
und durch dasselbe Pfrtchen im Heckenzaun, durch das sie verschwunden
ist.

Ich stehe auf einer kleinen begrasten Halbinsel hinter dem Garten, um
die der starke Bergbach eilig sein klares und rauschendes Wasser trgt.
Es kommt, eisfrisch, vom Taygetus. Kaum fnf Schritt von mir entfernt
haben Zigeuner ihr Zelt aufgeschlagen. Der Vater steht in guterhaltener
kretensischer Tracht, mit ruhiger Wrde, pfeiferauchend, am Bachesrand.
Die Mutter, von zwei Kindern umspielt, hockt an der Erde und schnitzelt
Gemse fr die Abendsuppe zurecht, die allbereits ber einem
bescheidenen Feuerchen brodelt. Zwischen den braunen, halbnackten
Kindern springt ein zhnefletschendes ffchen umher: Dies alles,
besonders das kleine ffchen, wird mit kindlicher Freude bewundert von
meiner Dorfschnen.

Ich sehe nun, sie ist krftig gebaut und jnger, als ich nach dem Bilde,
nach der Erscheinung am Fenster und nach den Lauten ihrer Stimme
geurteilt hatte, wahrscheinlich nicht ber fnfzehn Jahre alt. Sie
erinnert mich an den derben Schlag der Deutsch-Schweizerin. Die
Zigeunermutter hat, sobald sie meiner ansichtig wurde, ihrem singenden,
springenden Lausetchterchen das Tamburin zugeworfen, womit es sich
augenblicklich klirrend vor mir im Tanze zu drehen beginnt. In der
Freude darber trifft sich mein Blick mit dem der jungen Spartanerin.

Inzwischen ist alles um uns her mehr und mehr in abendliche Schatten
gesunken. Die Glocke einer nahen Kirche wird angeschlagen. Gebrll von
Rindern dringt von den dmmrigen Weideflchen am Fu des Taygetus. Das
ganze Gebirge ist nur noch eine einzige, ungeheure, blauschwarze
Schattenwand, die, scheinbar ganz nahe, den Bach zu meinen Fen zu
speisen scheint, dessen Wasser blauschwarz und rauschend, wie flssiger
Schatten heranwandelt.

Grillen zirpen. Ein mrchenhaftes Leuchten ist in der Luft. Kalte und
warme Strmungen machen die Bltter der Pappeln und Weiden flstern,
die, zu ernsten, ja feierlichen Gruppen gesellt, die Rnder des breiten
Baches begleiten.


Es ist ein Uhr nachts, aber in der Mondeshelle drauen herrscht trotzdem
dmonischer Lrm. Hhner und Hhne piepsen und krhen laut, Hunde
klffen und heulen ununterbrochen. Mitunter klingt es wie Stimmen von
Kindern, die mit lautem Geschrei lustig und doch auch gespenstisch ihr
nchtliches Spiel treiben. In der Gartenzisterne quakt oder trillert
immer der gleiche Frosch.

Die alten Spartaner befolgten jahrhundertelang eine Zchtungsmoral. Es
hat den Anschein, als wenn die Moral des Lykurg in einem greren Umfang
noch einmal aufleben wollte. Dann wrde sein khnes und vereinzeltes
Experiment, mit allen seinen bisherigen Folgen vielleicht nur der
bescheidene Anfang einer gewaltigen Umgestaltung des ganzen
Menschengeschlechtes sein.

Wenn etwas vorber ist, so ist es am Ende fr unsere Vorstellungskraft
gleichgltig, ob es gestern geschah, oder vor mehr als zweitausend
Jahren, besonders, wenn es menschlich voll begreifliche Dinge sind. Ob
also die spartanischen Mdchen gestern nackt auf der Wiese getanzt
haben, damit die Jnglinge ihre Zuchtwahl treffen konnten, oder vor
dreitausend Jahren, ist einerlei. Ich nehme an, es sei gestern gewesen.
Ich nehme an, da man noch gestern hier die Willenskraft, den
persnlichen Mut, die Disziplin, Gewandtheit, Krperstrke und jedwede
Form der Abhrtung vor allem gepflegt und gewrdigt hat. Und da
meinethalben die Epheben noch heute Nacht im Heiligtum des Phbus,
drauen auf den dmmrigen Wiesen, wo ich sie nicht sehe, wie unsre
Zigeuner dem Monde, einen Hund opfern.

Ihr Gesetzgeber war Lykurg, ihr Ideal Herakles. Die Standbilder beider
Heroen standen auf beiden Brcken, die ber den Wassergraben zum
Spielplatz bei den Platanen fhrten. Leider ging es auf eine sinnlose
Weise roh, mit Treten, Beien und Augenausbohren, bei diesen
Ephebenkmpfen zu.


Immer noch herrscht im Mondschein drauen derselbe dmonische
Hllenlrm. Durch Ort, Stunde, Mondschein und Reiseermdung aufgeregt,
bevlkert sich meine Phantasie mit einer Menge wechselnder
Vorstellungen, gleichsam einem altspartanischen Gespenster- und
Kirchhofspuk. Bald sehe ich zappelnde Suglinge im Taygetus ausgesetzt,
bald lffle ich selbst bei der gemeinsamen ffentlichen Mnnermahlzeit
die greuliche, schwarze Suppe ein, bald bin ich gleichzeitig dort, wo
ein Ephebe zu Ehren der Artemis nackt im Tempel gegeielt wird und sehe
auf dem entfernten Stadion Odysseus mit den ersten Freiern der
jungfrulichen Penelope wettlaufen.

Zaudern ist, wie es scheint, schon damals eine Schwche des edlen Weibes
gewesen: ich fhre auch die Miwirtschaft der Freier, im Hause des
Gatten, auf sie zurck. Ikarios, der Vater Penelopes, wollte sie aus dem
Elternhause in Sparta nicht mit Odysseus ziehen lassen und folgte dem
Paare, als es nun doch nicht zurckzuhalten war, im Wagen nach. Dem
Odysseus aber, der das Herz seines Weibes noch auf der Reise schwankend
sah, ist, nach einem Bericht des Pausanias, die Geduld gerissen, und er
hat kurzer Hand seinem Weibe an einer gewissen Stelle des Weges zur Wahl
gestellt: entweder nun entschlossen mit ihm nach Ithaka, oder mit ihrem
Vater und einem Abschied fr immer wieder nach Sparta heimzureisen.


Der Spuk der Nacht ist dem Lichte des Tages gewichen. Unten im Garten
grasen Ziegen und eine Kuh. Das Zigeunermdchen sucht nach irgend etwas
die Hecken ab. Man hrt drei- oder viermal die Pauke der Zigeuner
anschlagen. Es ist kein Tropfen Tau gefallen in der Nacht. Ich schreite
trockenen Fues durchs hohe Gras.

Der Zigeuner und seine Frau hocken auf Decken vor ihrem Zelt. Er hat den
roten Schal des Kretensers bereits um die Hften und schmaucht
behaglich, indes die zerlumpte Gattin Knpfe an seiner geffneten Weste,
mit Zwirn und Nadel, sorgsam festmacht. Der Bergflu rauscht um die
Lagerstatt.


Herr Allan I. B. Wace, Pembroke College, Cambridge, hat die
Freundlichkeit, uns im kleinen Museum von Sparta mit Erklrungen an die
Hand zu gehen. Er geleitet uns durch ausgedehnte Olivenhaine, trotz
brennender Sonnenglut, zur Ausgrabungssttte am Eurotas. Zu hunderten,
ja zu tausenden werden hier in den Fundamenten eines Athenatempels
Figrchen nach Art unserer Bleisoldaten aufgefunden. Diese Figrchen,
von denen viele zutage lagen, so da die spartanischen Kinder mit ihnen
spielten, verrieten das unterirdische Heiligtum.


Gegen Mittag besteigen wir Maultiere, nicht ohne Mhe, weil diese
spartanischen Mulis besonders tckisch sind. Die schne Tochter unseres
Gastfreundes, die uns noch gestern abend, mit tremolierender Stimme
etwas zur Laute sang, lehnt im Fenster der kleinen Baracke, nicht sehr
weit ber uns, und beobachtet die Vorbereitungen fr unsere Abreise mit
kalter Bequemlichkeit. Das hbsche, naive Kind von gestern, dessen
Gegenwart mir die Erinnerung eines zarten Jugendidylls erneuern konnte,
ist nur noch eine trge, unempfindliche Sdlnderin.

Ich erinnere mich -- und schon ist dieses Gestern wieder Erinnerung! --
Wie mir die Kleine nochmals im Garten begegnete, mir ins Gesicht sah und
mich anlachte, mit einer offenen Lustigkeit, die keine Schranke mehr
brig lt. Nun aber blickt sie ber mich fort, als ob sie mich nie
gesehen htte, mit vollendeter Gleichgltigkeit.


Wir frhstcken gegen ein Uhr mittags im Hofe eines byzantinischen
Klosters -- einer Halbruine unter Ruinen! -- an den steilen Abhngen der
Ruinensttte Mistra.

Der quadratische Hof ist an drei Seiten von Sulengngen umgeben. Sie
tragen eine zweite, offene Galerie. Die vierte Seite des Hofes ist nur
durch eine niedrige Mauer vom Abgrund getrennt und erffnet einen
unvergleichlichen Blick in die Ferne und Tiefe des Eurotastales hinab.

Den kurzen Ritt von Sparta herauf haben wir unter brennender Sonne
zurckgelegt. Hier ist es khl. Eine Zypresse, uralt, ragt jenseits der
niedrigen Mauer auf. Sie hat ihre Wurzeln hart am Rande der Tiefe
eingeschlagen. Ich suche den Lauf des Eurotas und erkenne ihn an seiner
Begleitung hoher und frischgrner Pappeln. Ich verfolge ihn bis zu dem
Ort, wo das heutige Sparta liegt: mit seinen weien Husern in
Olivenwldern, unter Laubbumen halb versteckt.

Dieses mchtige, beraus glanzvolle sdliche Tal, mit den fruchtreichen
Ebenen seiner Grundflche, widerspricht dem strengen Begriff des
Spartanertums. Es ist vielmehr von einer grogearteten Lieblichkeit und
scheint zu sorglosem Lebensgenusse einzuladen.

Herr Adamantios Adamantiu, Ephor der Denkmler des Mittelalters in
Mistra, stellt sich uns vor und hat die Freundlichkeit, seine Begleitung
durch die Ruinen anzutragen. Seine Mutter und er bewohnen einige kleine
Rume eben des selben ausgestorbenen Klosters, in dem wir jetzt sind.

Oben, auf einer der Galerien, hat sich ein lustiger Kreis gebildet. Es
sind die gleichen, lebenslustigen Pdagogen, denen wir bereits auf dem
Wege nach Sparta mehrmals begegnet sind. Sie befinden sich noch immer im
Enthusiasmus des Weins und singen unermdlich griechische, italienische,
ja sogar deutsche Trinklieder.

Ich kann nicht sagen, da dieser Studentenlrm nach deutschem Muster,
mir an dieser Sttte besonders willkommen ist, und doch mu ich lachen,
als einer der frhlichen Zecher, ein lterer Herr, im weinselig-rauhen
Sologesang ausfhrlich darlegt, da er weder Herzog, Kaiser noch Papst,
sondern, lieber als alles, Sultan sein mchte.

Der lebenslustige Snger, spartanischer Gymnasialprofessor, spricht mich
unten im Hofe an. Er macht mir die Freude, zu erklren, ich sei ihm seit
lange kein Unbekannter, was mir begreiflicherweise hier, an dem
entlegenen Abhange des Taygetus, seltsam zu hren ist.


Die Herren Lehrer haben Abschied genommen und sich entfernt. Herr
Adamantios Adamantiu hat mittels eines altertmlichen Schlssels ein
unscheinbares Pfrtchen geffnet und wir sind, durch einen Schritt, aus
dem hellen Sulengang in Dunkelheit und zugleich in ein liebliches
Mrchen versetzt.

Der blumige Dmmer des kleinen geheiligten Raumes, in den wir getreten
sind, ist erfllt von dem Summen vieler Bienen. Es scheint, die kleinen
heidnischen Priesterinnen verwalten seit lange in dieser verlassenen
Kirche Christi allein den Gottesdienst. Allmhlich treten Gold und bunte
Farben der Mosaiken mehr und mehr aus der Dunkelheit. Die kleine Kanzel,
halbrund und grazis, erscheint, mit einer bemalten Hand verziert, die
eine zierliche, bunte Taube, das Symbol des heiligen Geistes, hlt.

Dieses enge, byzantinische Gotteshaus ist zugleich im zartesten Sinne
bezaubernd und ehrwrdig. Man findet sich nach dem derben
Schmollistreiben der Herren Lehrer ganz unvermutet pltzlich in ein
unterirdisches Wunder der Schehrazade versetzt, gleichsam in eine
liebliche Gruft, eine blumige Kammer des Paradieses, abgeschieden von
dem rauhen Treiben irdischer Wirklichkeit.

Herr Adamantios Adamantiu, der Ephor, liebt die ihm anvertrauten Ruinen
mit Hingebung, und was mich betrifft, so empfinde ich schmerzlich in
diesem Augenblick, da ich mich schon im nchsten von dem reinen
Vergngen dieses Anblicks trennen mu. Reichtum und Flle kstlichen
Schmucks wird hier vollkommener Ausdruck des Traulichsten, Ausdruck der
Einfalt und einer blumigen Religiositt. Das byzantinische Tubchen am
Rande der Kanzel verkrpert ebensowohl einen huslichen, als den
heiligen Geist.

Es scheint, da Herr Adamantios Adamantiu keinen heieren Wunsch im
Herzen trgt, als dauernd diese Ruinen zu hten: und ich bin berrascht,
im Laufe der Unterhaltung wahrzunehmen, wie sehr verwandt der Geist des
lauteren Mannes mit jenem ist, der dieses Kirchlein schuf und erfllt.

Mit leuchtenden Augen erklrt er mir, da ich, glcklicher als der groe
Goethe, diese Sttten mit leiblichen Augen sehen kann, wo Faust und
Helena sich gefunden haben.

In dieses Heiligtum gehrt keine Orgel noch Bachsche Fuge hinein,
sondern durchaus nur das Summen der Bienen, die von den zahllosen Blten
der bunten Mosaiken Nektar fr ihre Waben zu ernten scheinen.


Sparta und Helena scheinen einander auszuschlieen. Was sollte ein
Gemeinwesen mit der Schnheit als Selbstzweck beginnen, wo man den Wert
eines Suppenkoches hher als den eines Harfenspielers einschtzte? Was
htte Helena mit der spartanischen Strenge, Hrte, Roheit, Nchternheit
und Tugendboldigkeit etwa gemein?

Ein junger Spartaner rief, als man beim Gastmahl eine Lyra
herbeibrachte: Solche Tndeleien treiben sei nicht lakonisch. Wer mchte
nun, da Helena und die Leier Homers nicht zu trennen sind, behaupten
wollen, da Sparta Helenen eine wirkliche Heimat sein konnte?

Herr Adamantios Adamantiu geleitet uns stundenlang auf mhsamen
Fupfaden durch die frnkisch-byzantinisch-trkische Trmmerstadt, die
erst im Jahre 1834 durch Ibrahim Pascha zerstrt worden ist. Das alte
Mistra war an die schwindelerregenden Felswnde des Taygetus wie eine
Ansiedlung von Paradiesvogelnestern festgeklebt. Einzelne Kirchen werden
durch wenige Arbeiter unter Aufsicht des Herrn Ephoren sorgsam, Stein um
Stein, wieder hergestellt: Baudenkmler von grter Zartheit und
Lieblichkeit, deren Zerstrung durch die Trken einen unendlich
beklagenswerten Verlust bedeutet.

berall von den Innenwnden der Tempel spricht uns das Zierliche,
Kstliche, Hfische an, in dem sich der Farbenreichtum des Orients mit
dem zarten Kultus der Freude des deutschen Minnesanges durchdrungen zu
haben scheint. Die Reste herrlicher Mosaiken, soweit sie der Brand und
die Spiee der Trken briggelassen haben, scheinen, auch wenn sie
heilige Gegenstnde behandeln, nur immer die Themen: Ritterdienst,
Frauendienst, Gottesdienst durcheinanderzuflechten.

Mittels eines nassen Schwammes bringt der Herr Ephor, auf einer Leiter
stehend, eigenhndig die erblindeten Mosaiken zu einem flchtigen
Leuchten im alten Glanz.

Ein innerer Burghof, umgeben von reichen, phantastischen Gebuden des
Mittelalters ist der Schauplatz, in dem Helena sich gefangen fhlt,
bevor ihr Faust, im zweiten Teil des gleichgenannten Gedichts, in
ritterlicher Hoftracht des Mittelalters entgegentritt. Und mehr als
einmal umgibt mich hier das Urbild jener geheiligten Szenerie, darin
sich die Vermhlung des unruhig suchenden deutschen Genius mit dem
weiblichen Idealbild griechischer Schnheit vollzog.


Herr Adamantios Adamantiu, der etwa dreiig Jahre alt und von zarter
Gesundheit ist, stellt uns auf einer der Galerien des Klosterhofes
seiner wrdigen Mutter vor. Diese beiden lieben Menschen und Gastfreunde
wollen uns, wie es scheint, nicht mehr fortlassen. Die Mutter bietet
meiner Reisegefhrtin fr die Nacht ihr eigenes Lager an, ihr Sohn
dagegen das seine mir.

Von seinem Zimmerchen aus berblickt man die ganze Weite und Tiefe des
Eurotastales, bis zu den weien Gipfeln des Parnon, die hineinleuchten:
das Zimmer selber aber ist klein, und enthlt nichts weiter als ein
kleines Regal fr Bcher, Tisch, Stuhl und Feldbettstelle, dazu im
Winkel ein ewiges Lmpchen unter einem griechisch-katholischen
Gnadenbild. Natrlich, da in einem verlassenen Kloster die Fenster
undicht, die Wnde schlecht verputzt -- und da in den rohen
Bretterdielen klaffende Fugen sind.

Ganz Sohnesliebe, ganz Vaterlandsliebe und ganz von seinem besonderen
Beruf erfllt: der Pflege jener vaterlndischen Altertmer! bringt Herr
Adamantios Adamantiu in weltentsagender Ttigkeit seine jungen Jahre zu
und beklagt es, da manche seiner Mitbrger so leicht die mtterliche
Scholle aufgeben mgen, die ihrer Kinder so sehr bedarf.

Der hingebungsvolle Geist dieses jungen Griechen erweckt in meiner Seele
wrmste Bewunderung und ich rechne die Begegnung mit ihm zu den
schnsten Ereignissen meiner bisherigen Reise durch Griechenland. Wie er
unverdrossen und mit reinster Geduld Werkstck um Werkstck aus dem
Schutt der Verwstung zu sammeln sucht, um in mhsamen Jahren hier und
da etwas Weniges liebevoll wieder herzustellen, von der ganzen, beinahe
in einem Augenblicke vernichteten, unersetzlichen Herrlichkeit, das legt
von einem Idealismus ohnegleichen Zeugnis ab.


Wir nehmen Abschied von unsern Wirten, um noch vor Einbruch der Nacht
den Ritt bis Tripi zu tun: Tripi am Eingang jener mchtigen Schlucht,
die sich in die Tiefe des Taygetus fortsetzt, den wir bersteigen
wollen.

Unsere Maultiere fangen wie Ziegen oder Gemsen zu klettern an: bald geht
es fast lotrecht in die Hhe, bald ebenso lotrecht wieder hinab, so da
ich mitunter die berzeugung habe, unsere Tiere htten den eigensinnigen
Vorsatz gefat, um jeden Preis auf dem Kopfe zu stehen. Wenn man, mit
den Blicken vorauseilend, als Unerfahrener die drohenden Schwierigkeiten
des Weges im Geiste zu berwinden sucht, so glaubt man mitunter verzagen
zu sollen, denn es erffnet sich scheinbar nur selten fr ein
Weiterkommen die Mglichkeit.

Aber das Maultier nimmt mit bewunderungswrdiger Leichtigkeit jedes
Hindernis: ber Bschungen rutschen wir an steinige Bche hinunter und
jenseits des Wassers klettern wir wieder empor. In einem Bachbett
steigen wir lange Zeit von einem kantigen Block zum andern bergan und
zwar bereits von der Dunkelheit berrascht, bis wir das Wasser am
Ausgang der Langada in dem steilen Tale von Tripi rauschen hren. ber
eine Gerllhalde geht es alsdann in gefhrlicher Eile hinab, bis wir,
die Lichter von Tripi vor Augen, auf einer breiten, gesicherten Strae
geborgen sind.


Gegen vier Uhr des Morgens wecken mich die Nachtigallen von Tripi. Ich
glaube, da alle Singvgel der ganzen Welt den Aufgang der Sonne mit
einem kurzen Konzert begren. Zweifellos ist dies Gottesdienst.

Unser Haus ist in schwindelerregender Hhe ber der Talwand erbaut. Wir
haben in einem Raume bernachtet, der drei Wnde von Glas ohne Vorhnge
hat. Bsche reichen bis zu den Fenstern. Mchtige Wipfel alter Laubbume
sind unter uns und bekleiden die steilen Wnde der Schlucht.

Whrend das einsame Licht zunimmt, schlagen die Nachtigallen lauter aus
dem Abgrund herauf. Nach einiger Zeit beginnen alle Hhne des Dorfes
einen lauten Sturm, der die Nachtigallen sofort verstummen macht.

Auf einem Felsen, scheinbar unzugnglich, inmitten der Schlucht,
erscheint die Kirche von Tripi im Morgenlicht. Die Pfade von Tripi, die
ganze Anlage dieses Ortes sind ebenso malerisch wie halsbrecherisch.


Die Maultiere klettern schwindelerregende Pfade. Sie halten sich
meistens am Rande der Abgrnde. Die Langada beginnt groartig, aber kahl
und baumlos. Die Gesteinmassen des Bachbettes, auf dem Grunde der
gewaltigen Schlucht, liegen bleich, verwaschen und trocken da. Das Tal
ist tot. Kein Vogellaut, kein Wasserrauschen!

Indem wir ein wenig hher gelangen, zeigt sich geringe Vegetation.
Einige Vgel beginnen zu piepsen. Nach einiger Zeit fllt uns der Ruf
eines Kuckucks ins Ohr.

Weiter oben erschliet sich ein Tal, auf dessen Sohle lebendiges Wasser
rauscht. Wir steigen in dieses Tal, das eigentlich eine Schlucht ist,
hinunter. Die Abhnge sind von Ziegenherden belebt. Eng in die Felswnde
eingeschlossen, schallen die Herdenglocken laut.

Bis hierher war es, trotz der Frhe, ziemlich hei. Nun werden wir von
erquickenden Winden begrt. Erfrischt von der gleichen Strmung der
Luft, winken die grnen Wedel der Steineichen von den Felsspitzen.
Pltzlich haben wir nickende Bsche berall. Efeuranken klettern wohl
hundert Meter und hher die Steinwand hinauf.

Immer wasserreicher erscheinen die Hhen, in die wir aufdringen.
Mehrmals werden reiende Bche berquert. Eine erste, gewaltige Kiefer
grt vom Abhange. Anemonen, blendend rote, zeigen sich. Kleine Trupps
zarter Alpenveilchen. Aus Seitenschachten strzen klare Wasser ber den
Weg und ergieen sich in das Sammelbett des greren Baches.

Wir halten die erste Rast, etwa 2300 Meter hoch im Taygetus, unter einem
blhenden Kirschbaum vor der Herberge, genannt zur kleinen
Himmelsmutter. Der Bergstrom rauscht. Kirschblten fallen auf uns
herunter. Wir haben herrliche Abhnge gegenber, die mit starken
Aleppokiefern bewaldet sind.

Es ist kstlich hier, entzckend der Blick durch die tiefgesenkten
Bltenzweige in die ebenso wilde als wonnige Bergwelt hinein.

Man fhlt hier oben das unbestrittene Reich der gttlichen Jgerin
Artemis, die in Lakonien vielfach verehrt wurde. Hier ist fr ein
freies, seliges Jgerleben noch heut der eigentlich arkadische
Tummelplatz. Hier oben fanden auch Opfer statt. Und zwar jene selben
Sonnenopfer, die bei den alten Germanen blich gewesen sind und bei
denen die Spartiaten, nicht anders wie unsere Vorfahren, Pferde
schlachteten.


Wir haben den Hochpa berstiegen und nach einem ermdenden Ritt, meist
steil bergab, das Drfchen Lada erreicht. Ein Bergstrom hat die steinige
Strae der Ortschaft mit seinen strzenden Wellen berschwemmt und
niemand denkt daran, ihn in sein Bett zurckzuleiten. Mit Ausnahme eines
kleinen Bezirks um die Ansiedelungen Ladas, ist das weite Tal eine
einzige Steinwste.

Trge, fast unwillig, ffnet auf das Klopfen unseres Fhrers eine derbe,
blonde, noch nicht zwanzigjhrige Buerin die Tr zur Herberge. Ein
Ferkel whlt zwischen Tisch und Bank, in einem finsteren, kellerartigen
Raum, dessen Hintergrund ein Lager mit gewaltigen Fssern ausfllt. In
einer hlzernen Schlachtermulde auf dem Tische schlft ein neugeborenes
Kind.


Die Jachten der Knigin von England und des Knigs von Griechenland
liegen im Hafen zur Abfahrt bereit. Eben hat sich die Galata des
Norddeutschen Lloyd in Bewegung gesetzt, die uns nach Konstantinopel
fhren soll. Die Huser des Pyrus stehen im weien Licht.

Athen ist das Licht, das Auge, das Herz, das Haupt, die atmende Brust,
die Blte von Griechenland: heute des neuen, wie einst des alten! Ich
empfand das lebhaft, trotz aller groen Landschaftseindrcke meiner
peloponnesischen Fahrt, als ich nach ununterbrochener Reise von Kalamata
wieder hier anlangte. Athen ist durch seine Lage geschaffen, und
Griechenland ohne Athen wre niemals geworden, was es war und was es uns
ist. Der freie, attische Gtterflug hat den freien attischen Geistesflug
hervorgerufen.

Indem wir, Abschied nehmend, die Kste zur Linken, hingleiten, vorber
an dem kleinen Hafen Munichia, vorbei an den Siedelungen von
Neu-Pharleron, steigt noch einmal das ganze attische Wunder vor uns auf.

Dieser Hymettos, dieser Pentele, dieser Lykabettos, dieser Fels der
Akropolis sind keine Zuflligkeit. Alles dieses trgt den Adel seiner
Bestimmung im Angesicht.

Wir trinken gierig den Hauch des herrlichen Gtterlandes, solange er
noch herberdringt und saugen uns mit den Blicken in seine silberne
Anmut fest, bis alles unseren Augen entschwindet.


                                  Ende


            [Illustration: Kopf des Wagenlenkers aus Delphi
                          (Originalaufnahme)]


                   Druck von _W. Drugulin_, Leipzig.


                     Anmerkungen zur Transkription

Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten.
Offensichtliche Fehler wurden stillscheigend korrigert. Weitere
nderungen, teilweise unter Verwendung anderer Ausgaben sind hier
aufgefhrt (vorher/nachher):

   [S. 11]:
   ... wird. Er ist ausgezeichneter Schwimmer ...
   ... wird. Er ist ein ausgezeichneter Schwimmer ...

   [S. 33]:
   ... Es ist schwer, etwas so Abstoendes ...
   ... Es ist schwer, sich etwas so Abstoendes ...

   [S. 168]:
   ... Ehre -- man spielte fr Gtter und vor ...
   ... Ehre darstellte -- man spielte fr Gtter und vor ...

   [S. 204]:
   ... sein, hnelt sich in Form, Dichte und Kruselung ...
   ... sein, hnelt in Form, Dichte und Kruselung ...

   [S. 221]:
   ... den Tlern rche, fortan nicht mehr den ...
   ... den Ttern rche, fortan nicht mehr den ...






End of Project Gutenberg's Griechischer Frhling, by Gerhart Hauptmann

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GRIECHISCHER FRHLING ***

***** This file should be named 57928-8.txt or 57928-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        http://www.gutenberg.org/5/7/9/2/57928/

Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This
file was produced from images generously made available
by The Internet Archive.

Updated editions will replace the previous one--the old editions will
be renamed.

Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
law means that no one owns a United States copyright in these works,
so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
States without permission and without paying copyright
royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
of this license, apply to copying and distributing Project
Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
specific permission. If you do not charge anything for copies of this
eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
performances and research. They may be modified and printed and given
away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
trademark license, especially commercial redistribution.

START: FULL LICENSE

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
www.gutenberg.org/license.

Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
Gutenberg-tm electronic works

1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or
destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
1.E.8.

1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement. See
paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
electronic works. See paragraph 1.E below.

1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
works in the collection are in the public domain in the United
States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
United States and you are located in the United States, we do not
claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
displaying or creating derivative works based on the work as long as
all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
you share it without charge with others.

1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
in a constant state of change. If you are outside the United States,
check the laws of your country in addition to the terms of this
agreement before downloading, copying, displaying, performing,
distributing or creating derivative works based on this work or any
other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
representations concerning the copyright status of any work in any
country outside the United States.

1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
performed, viewed, copied or distributed:

  This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
  most other parts of the world at no cost and with almost no
  restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
  under the terms of the Project Gutenberg License included with this
  eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
  United States, you'll have to check the laws of the country where you
  are located before using this ebook.

1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
contain a notice indicating that it is posted with permission of the
copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
the United States without paying any fees or charges. If you are
redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
posted with the permission of the copyright holder found at the
beginning of this work.

1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
any word processing or hypertext form. However, if you provide access
to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
provided that

* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
  the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
  you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
  to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
  agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
  Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
  within 60 days following each date on which you prepare (or are
  legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
  payments should be clearly marked as such and sent to the Project
  Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
  Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
  Literary Archive Foundation."

* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
  you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
  does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
  License. You must require such a user to return or destroy all
  copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
  all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
  works.

* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
  any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
  electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
  receipt of the work.

* You comply with all other terms of this agreement for free
  distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
electronic works, and the medium on which they may be stored, may
contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
cannot be read by your equipment.

1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from. If you
received the work on a physical medium, you must return the medium
with your written explanation. The person or entity that provided you
with the defective work may elect to provide a replacement copy in
lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
or entity providing it to you may choose to give you a second
opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
without further opportunities to fix the problem.

1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of
damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
violates the law of the state applicable to this agreement, the
agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
remaining provisions.

1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

