The Project Gutenberg EBook of Smtliche Werke 1-2: Rodion Raskolnikoff
(Schuld und Shne), by Fjodor Michailowitsch Dostojewski

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Title: Smtliche Werke 1-2: Rodion Raskolnikoff (Schuld und Shne)

Author: Fjodor Michailowitsch Dostojewski

Contributor: Dmitri Mereschkowski

Editor: Arthur Moeller van den Bruck

Translator: E. K. Rahsin

Release Date: November 5, 2018 [EBook #58238]
Last updated: September 5, 2019

Language: German


*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SAMTLICHE WERKE 1-2: RODION RASKOLNIKOFF ***




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                   F. M. Dostojewski: Smtliche Werke

            Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski
                herausgegeben von Moeller van den Bruck

                      bertragen von E. K. Rahsin


                Erste Abteilung: Erster und zweiter Band


                           F. M. Dostojewski




                          Rodion Raskolnikoff


                           (Schuld und Shne)

                                 Roman


                     R. Piper & Co. Verlag, Mnchen


                  R. Piper & Co. Verlag, Mnchen, 1922
                            23.--35. Tausend
                Druck: Otto Regel, G. m. b. H., Leipzig.
                    Buchausstattung von Paul Renner.


                   Copyright 1922 by R. Piper & Co.,
                           Verlag in Mnchen.




                     Zur Einfhrung in die Ausgabe


Wir brauchen in Deutschland die voraussetzungslose russische
Geistigkeit. Wir brauchen sie als ein Gegengewicht gegen ein Westlertum,
dessen Einflssen auch wir ausgesetzt waren, wie Ruland ihnen
ausgesetzt gewesen ist, und das auch uns dahin gebracht hat, wohin wir
heute gebracht sind. Nachdem wir solange zum Westen hinbergesehen
haben, bis wir in Abhngigkeit von ihm gerieten, sehen wir jetzt nach
dem Osten hinber -- und suchen die Unabhngigkeit. Aber wir werden sie
nicht im Osten, wir werden sie immer nur bei uns selbst finden.

Der Blick nach dem Osten erweitert unsern Blick um die Hlfte der Welt.
Die Fragen des Ostens sind fr uns zunchst eine Frage der geistigen
Universalitt. Und wenn wir uns mit ihnen beschftigen, dann handeln wir
nur im Geiste unserer besten berlieferung. Aber diese Fragen sind noch
mehr. Sie sind zugleich eine Frage der geistigen Souvernitt. Nachdem
wir sie im neunzehnten Jahrhundert an den Westen verloren haben, wollen
wir sie im zwanzigsten Jahrhundert fr Deutschland zurckerringen.

Es wird immer zu unseren Unbegreiflichkeiten gehren, da wir es dahin
kommen lieen, da wir uns dem Westen bis zu dieser vlligen
Selbstvergessenheit hingaben. Es ist um so unbegreiflicher, als wir im
Gegensatze zu Ruland, das sich seine geistigen Werte erst erringen
mute, die unseren im festen Besitze hielten, und als unter ihnen nicht
wenige waren, die wir noch nicht einmal vor der eigenen Nation
aufgeschlossen und ihr mitgeteilt hatten. Doch wir bevorzugten die
fremden Werte. Heute sehen wir die Wirkung. Und wir leben unter den
Folgen.

Wir haben im Verlaufe unserer langen Bildungsgeschichte schon manches
fremde und ferne Bildungsgebiet einbezogen, ob es das griechische war,
oder das italienische. Aber noch nie wurde eines so gefhrlich, wie das
westliche geworden ist. Wir werden uns hten mssen, da nicht auch der
Osten zu einer Gefahr wird.

Es ist kein anderes Verhltnis zu ihm mglich als das des vlligen
Vertrautseins, aber auch des sicheren Abstandes. Wenn wir unsere
geistige Souvernitt, und aus ihr folgend unsere politische
Souvernitt, wiedergewonnen haben, dann wird auch Ruland nicht mehr
und nicht weniger fr uns sein, als eines jener groen Bildungsgebiete,
die uns reicher machten, aber auch selbstndiger.

Bis dahin teilen wir mit Ruland, aus verschiedenen Grnden, das gleiche
Schicksal.

                                                           M. v. d. B.




                          Rodion Raskolnikoff


Die beiden gleichzeitigen und doch so verschiedenen Auseinandersetzungen
des russischen Geistes mit Napoleon als der Verkrperung des
westeuropischen Geistes -- gleichsam zwei Wiederholungen des Jahres
1812 -- sind in der russischen Literatur: Krieg und Frieden und
Rodion Raskolnikoff.

Die erste Auseinandersetzung hat nicht mit einem Siege, sondern nur mit
einer Religionsverdrehung geendet. Ob der russische Geist auch in der
zweiten eine Niederlage erlitten hat oder nicht, das bleibe
dahingestellt. Jedenfalls hat er hier gezeigt, da er wrdig ist, seine
Krfte mit einem solchen Gegner wie Napoleon zu messen, hier ist er dem
Feinde entgegengetreten -- ... Auge in Auge, wie es dem Kmpfer im
Kampfe gebhrt.

Dostojewski hat vor uns die Kraftlosigkeit der napoleonischen Idee
aufgedeckt, nicht die politische und nicht einmal die sittliche
Kraftlosigkeit, sondern die religise: bevor man in Europa die Idee der
altrmischen Monarchie, die Idee des universalen Caesar-Vereinigers, des
Menschengottes auferweckte, mute man zuerst die entgegengesetzte Idee
der christlichen universalen Vereinigung, die Idee des Gottmenschen
berwinden. Doch der historische Napoleon hat diese Idee in seinen Taten
ganz ebensowenig bewltigt, wie Napoleon-Raskolnikoff es in der
Anschauung tat, ja, sie sind nicht einmal an sie herangetreten, sie
haben sie berhaupt nicht gesehen. Wenn dieser Napoleon Raskolnikoff
tatschlich ein Prophet zu Pferde mit dem Schwert in der Hand
erscheint, so ist er doch immerhin -- ohne einen neuen Koran, ein
Prophet nicht von Gott und nicht gegen Gott, sondern nur ohne Gott; und
in diesem Sinne ist er natrlich -- _Pseudoantichrist_. Wenn es Gott
nicht gibt, so bin ich Gott! folgert der irrsinnige und furchtlose
Kiriloff -- nicht etwa deswegen furchtlos, weil irrsinnig? Wenn ich es
mir einfallen liee, mich fr Gottes Sohn auszugeben, so wrde man mich
in allen Jahrmarktsbuden verspotten! meinte der nicht gar zu
vorsichtige und vernnftige Napoleon. Versteht sich, hier ist vom
Erhabenen, vom Furchtbaren zum Lcherlichen -- nur ein Schritt. Ist
aber die Furcht vor dem Lcherlichen bei Napoleon nicht zu gleicher Zeit
eine ebenso lcherliche Furcht, wie die Furcht des Usurpators vor der
Krone des legitimen Nachfolgers? Gott hat sie mir gegeben. Wehe dem,
der an sie rhrt. -- Hat sie wirklich Gott selbst gegeben? -- Noch
niemand hat ihn mit einem so hhnischen Lcheln danach gefragt, niemand
hat mit einer solchen Vermessenheit an seine Krone gerhrt wie
Dostojewski.

                   *       *       *       *       *

Ich wollte ein Napoleon werden, darum erschlug ich. Ich stellte mir
einmal die Frage: wie, wenn zum Beispiel an meiner Stelle Napoleon
gewesen wre und er weder Toulon noch gypten, noch einen bergang ber
den Montblanc gehabt htte, um seine Laufbahn zu beginnen, sondern
anstatt all dieser schnen und groartigen Dinge nur irgendein
lcherliches Weib, eine alte Registratorenwitwe, die er noch dazu htte
erschlagen mssen, um aus ihrem Kleiderkasten Geld stehlen zu knnen
(fr den Anfang seiner Laufbahn -- du verstehst doch?). Nun also, wrde
er sich denn dazu entschlossen haben, wenn ein anderer Ausweg fr ihn
nicht mglich gewesen wre? Htte ihn das nicht abgestoen, weil es doch
gar zu wenig >groartig< war und ... Snde wre? Nun sieh, ich sage dir,
ber dieser >Frage< habe ich mich entsetzlich lange abgeqult, so da
ich mich frchterlich schmte, als ich endlich erriet (ganz pltzlich,
irgendwie), da es ihn nicht nur niemals abgestoen haben wrde, sondern
ihm sogar berhaupt nicht in den Sinn gekommen wre, da so etwas gar
nicht >groartig< sei ... Er htte sogar berhaupt nicht begriffen, was
ihn dabei abstoen knnte, und sobald das nur sein einziger Ausweg
gewesen wre, wrde er sie in einer Weise erwrgt haben, da ihr nicht
einmal Zeit zum Mucksen geblieben wre, -- ohne das geringste Bedenken!
Nun, und ich ... befreite mich von den Bedenken, erwrgte -- nach dem
Beispiel seiner Autoritt ... Und so war es auch buchstblich.

Raskolnikoff begreift nur zu gut den Unterschied zwischen Napoleons
geglcktem und seinem eigenen miglckten Verbrechen, aber nur den
_sthetischen_, den Unterschied in der Form und in der Eigenart der
geistigen Kraft. Er vergleicht sein Verbrechen mit den blutigen
Heldentaten berhmter, gekrnter, historischer Verbrecher, doch Dunja,
seine Schwester, protestiert gegen einen solchen Vergleich: Aber das
ist doch etwas ganz anderes, Bruder, das ist doch nie und nimmer
dasselbe! -- Da ruft er wie rasend aus: Ah! Es ist nicht dieselbe
_Form_! Es hat kein so sthetisch schnes uere! Ich aber verstehe
wirklich nicht, warum eine regelrechte Schlacht, mit Kanonenkugeln auf
die Menschen feuern -- eine ehrenwertere Form sein soll? Die Furcht vor
dem Unsthetischen ist das erste Anzeichen der Kraftlosigkeit! --
Napoleon, die Pyramiden, Waterloo -- und eine hagere, hliche
Registratorenwitwe, eine alte Wucherin mit einem roten Koffer unter dem
Bett, -- nun, wie soll das selbst ein Porphyri Petrowitsch (der
Untersuchungsrichter) verdauen! ... Wie sollen die an ein solches
Problem heranreichen! ... Die sthetik strt: >wird denn<, heit es,
>Napoleon unter das Bett eines alten Weibes kriechen?<

Ja, gerade die konventionelle sthetik, die Rhetorik der Lehrbcher,
jene historische Lge, die wir mit der Milch unserer erziehenden Mutter,
der Schule, einsaugen, entstellt und verunstaltet unsere sittliche
Wertung der universalhistorischen Erscheinungen. Von dieser
sthetischen Schale wird nun Raskolnikoff durch die Frage nach den
Verbrechen der Helden befreit, wird von ihr, wie Sokrates sagt, vom
Himmel auf die Erde herabgefhrt, d. h. von jener abstrakten Hhe, wo
die akademische Vergtterung der Groen stattfindet, auf die Ebene des
lebendigen Lebens: und er stellt uns Angesicht gegen Angesicht dieser
Frage in ihrer ganzen grauenvollen Einfachheit und Verschlungenheit
gegenber. Hat doch ein jeder von uns, uns Nichthelden, wenigstens
einmal im Leben mehr oder weniger bewut fr sich entscheiden mssen, so
wie Raskolnikoff es tut: Bin ich zitternde Kreatur oder habe ich das
Recht, bin ich ein Fressender oder ein Gefressener? Und diese
Frage, dem Anscheine nach die der umfassendsten und allgemeinsten
universalhistorischen Anschauung, ist hier mit der ersten und
wichtigsten sittlichen Frage jedes einzelnen Menschenlebens, jeder
einzelnen menschlichen Persnlichkeit untrennbar eng verbunden. Ohne
diese Frage mit dem Verstande und dem Herzen gelst zu haben -- oder hat
man sie nur mit dem Verstande oder nur mit dem Herzen gelst, -- kann
man nicht leben, kann man keinen Schritt im Leben tun.

Wenn wir uns nun von der Furcht vor der sthetik befreien, werden wir
dann nicht zugeben, da der erste, sagen wir mathematische Ausgangspunkt
der sittlichen Bewegung Napoleons und Raskolnikoffs -- ein und derselbe
ist? Beide sind sie aus derselben Nichtigkeit hervorgegangen: der kleine
Korsikaner, der auf die Straen von Paris hinausgeworfen war, der
Fremdling ohne Titel, ohne Herkunft, dieser Bonaparte -- ist ganz ebenso
ein unbekannter Vorbergehender, ein junger Mann, der einmal in der
Dmmerstunde aus seiner Dachkammer heraustrat, wie der Student der
Petersburger Universitt Rodion Raskolnikoff. Er war auffallend schn,
er hatte dunkle Augen und dunkelblondes Haar, war schlank und
wohlgestaltet -- das ist alles, was wir zu Anfang der Tragdie von
Raskolnikoff wissen, und nur ein wenig mehr wissen wir von -- Napoleon.
Das Menschenrecht und die Freiheit, die die Groe Revolution
erobert hatten, sind fr beide in erster Linie das Recht und die
Freiheit, vor Hunger zu sterben; Gleichheit und Brderlichkeit sind
fr sie Gleichheit und Brderlichkeit mit denen, die von ihnen verachtet
oder gehat werden. Beim Anblick dieser Nchsten und Gleichen --
sagt Dostojewski von Raskolnikoff -- drckte sich die Empfindung des
tiefsten Ekels in den feinen Zgen des jungen Mannes aus, und wir
knnen dabei ebensogut an Napoleon denken. Brderlichkeit und Gleichheit
-- tiefster Ekel; Freiheit -- tiefste Verschmhung, Einsamkeit. Weder
Vergangenheit noch Zukunft. Weder Hoffnungen, noch berlieferungen. Ein
einziger gegen alle, sterbe ich morgen, bleibt nichts von mir brig --
das ist die erste Empfindung beider. Und der Einfall dieser zitternden
Kreatur, ein Herrscher zu werden, wre ein ebenso verrckter Einfall
-- oder Grenwahnsinn -- bei Napoleon wie bei Raskolnikoff: zuerst ins
Krankenhaus, dann in die Zwangsjacke und -- aus ist es. Raskolnikoff hat
vor Napoleon sogar einen gewissen Vorzug: er sieht nicht nur die
ueren, sondern auch die inneren Schranken und Hindernisse, die er
bertreten mu, um das Recht zu haben. Napoleon sieht sie berhaupt
nicht. brigens war vielleicht gerade diese Blindheit teilweise die
Quelle seiner Kraft -- allerdings nur bis zu einer gewissen Zeit: zu
guter Letzt wird der Mangel an Erkenntnis jeglicher Kraft doch nicht
verziehen; und auch Napoleon wurde dieser Mangel nicht verziehen.
Raskolnikoff erkhnt sich zu Grerem, weil er mehr, weil er Greres
sieht. Htte er gesiegt, so wre sein Sieg endgltiger, unumstlicher
gewesen, als der Sieg Napoleons. In jedem Fall aber ist infolge der
Gleichheit oder Einheit des Ausgangspunktes, trotz des ganzen
unermelichen Unterschiedes der zurckgelegten Wege, das sittliche
Gericht ber Raskolnikoff zu gleicher Zeit auch Gericht ber Napoleon.
Die Frage, die in Rodion Raskolnikoff erhoben wird, ist dieselbe
Frage, die Tolstoj in Krieg und Frieden erhebt; der ganze Unterschied
besteht nur darin, da Tolstoj sie umfngt, whrend Dostojewski sich in
sie vertieft; der eine tritt von auen an sie heran, der andere von
innen; bei dem einen ist es Beobachtung, beim anderen Experiment.

Die Revolution war ein ungeheurer politischer, schon in viel geringerem
Mae sozialer, die Stnde betreffender, und berhaupt kein moralischer
Umsturz. Du sollst nicht tten, du sollst nicht stehlen, du sollst
nicht ehebrechen -- alles ist geblieben, wie es war, wie es die Tafeln
Moses vorschreiben; alles hat, ganz abgesehen von den ueren
kirchlichen und monarchischen berlieferungen, seine innere sittliche
Notwendigkeit vor dem Henker (Robespierre), ebenso wie vor dem Opfer
(Louis XVI.) aufrecht erhalten. Trotz der Gttin der Vernunft war
Robespierre ein ebensolcher Dest wie Voltaire, und trotz der
Guillotine ein ebensolcher Menschenfreund wie Jean Jacques Rousseau.
Man mu seinen Nchsten lieben, man mu sich fr seine Nchsten opfern
-- dem widersprach kein einziger, weder die Henker, noch die Opfer.
Hierbei vollzog sich keinerlei Umwertung der sittlichen Werte. Die
Persnlichkeit war der Allgemeinheit in der neuen Regierungsform nicht
etwa weniger untergeordnet, sondern mehr. Bei der mittelalterlichen
Verfassung war diese Unterordnung ganz natrlich, innerlich bedingt,
nicht willkrlich gewesen, war die Unterordnung des einen Gliedes im
lebendigen Volkskrper unter ein anderes durch eine vielleicht sogar
falsch aufgefate, aber immerhin religise, uneigenntzige Idee. Jetzt
wird die Politik zur Mechanik; die Persnlichkeit ordnet sich dem
ueren Zwang des Gesellschaftsvertrages unter -- der Stimmenmehrheit;
sie wird zum Hebel inmitten aller Hebel der vernnftig und richtig
gebauten Maschine, zur Eins unter Einern, zur mathematisch berechenbaren
Ziffernhhe dieser Mehrheit. Der Druck der neuen anmaenden Freiheit
war, wie es sich erwies, furchtbarer als der Druck der alten
unverhohlenen Knechtschaft.

Und die Persnlichkeit hielt es nicht aus und emprte sich in der
letzten, in der Welt noch nie dagewesenen Emprung.

Versteht sich: am allerwenigsten dachte an die Rechte der
Menschenpersnlichkeit, an die Umwertung aller sittlichen Werte --
Napoleon, als er die Lufe der Touloner Kanonen auf den revolutionren
Volkshaufen richten lie, um, nach dem Ausdruck Raskolnikoffs, mit
Kanonenkugeln auf Schuldige und Unschuldige zu feuern, ohne sie auch nur
eines Wortes der Erklrung zu wrdigen. Und darauf folgt eine ganze
Reihe ganz ebenso geglckter Verbrechen. -- Ich erriet damals, sagt
Raskolnikoff da Macht nur dem gegeben wird, der es wagt, sich zu
bcken und sie zu nehmen. Hierbei ist ja nur eines, nur eines
erforderlich: man mu nur wagen, nur erkhnen mu man sich! ... Es stand
pltzlich sonnenklar vor mir, wie denn noch kein einziger bis jetzt
gewagt hat und nicht wagt, wenn er an diesem ganzen Bldsinn
vorbergeht, einfach alles am Schwanz zu nehmen und zum Teufel zu
schleudern! Ich wollte mich dazu erkhnen! Dem Bewutsein Napoleons
zeigte sich dasselbe natrlich nicht sonnenklar: nur aus dem dunklen,
uranfnglichen Instinkt der sich emprenden Persnlichkeit heraus
wollte _er_ sich erkhnen.

Napoleon ging aus der Revolution hervor und nahm sogar ihre
Offenbarungen an, nur vernderte er sie fr seine Zwecke. Alle sind
gleich -- damit stimmte er berein, nur fgte er hinzu: Alle sind
gleich _fr mich_, alle sind gleich _unter mir_. Alle sind frei --
und er will Freiheit, will freien Willen, aber _nur fr sich allein_
will er freien Willen.

Vom Gesichtspunkte der alten, mosaischen, und der scheinbar neuen, in
Wirklichkeit aber ebenso alten menschenfreundlichen Sittlichkeit aus,
die Jean Jacques Rousseau mit der Feder und Robespierre mit dem
Henkerbeil verkndet haben, ist Napoleon ein Dieb und Mrder, ein
Ruber auerhalb des Gesetzes. Uns erdrckt das Pathos der historischen
Ferne, wir sind geblendet von der Sonne von Austerlitz. Napoleon, die
Pyramiden, Waterloo -- und eine hagere, hliche Registratorenwitwe,
eine alte Wucherin mit einem roten Koffer unter dem Bett -- wie sollen
sie denn das verdauen! Wird denn, heit es, Napoleon unter das Bett
eines alten Weibes kriechen? Und doch, in der Tat, geben wir zu, wenn
nur die sthetik uns nicht strte, da fr die Kritik der reinen
Sittlichkeit die Zerstrung Toulons und das unter das Bett des alten
Weibes nach dem roten Koffer Kriechen -- ein und dasselbe ist. Furchtbar
und gemein ist es, scheulich und widerlich! Er kroch unter das Bett und
verkroch sein ganzes Leben. Warum ist das nun in dem einen Falle
bertretung (Schuld) und Shne, und im anderen -- bertretung
(Verbrechen) und Krnung mit dem in der Geschichte einzig dastehenden
universalhistorischen Lorbeerkranz? Gott hat sie mir gegeben (die
Krone der rmischen Csaren); wehe dem, der an sie rhrt. Was Wunder,
wenn der verschchterte und ruhmberauschte Pbel dem glaubte! Wie aber
konnten die freien, rebellischen Byron und Lermontoff daran glauben? Wie
konnten sie diesen Tyrann, der den grten Versuch der
Menschenbefreiung, die Revolution, enthauptete, als ihren Helden
anerkennen? Wie, endlich, konnten so ruhige und nchterne Leute wie
Puschkin und Goethe von ihm betrogen werden? Und doch ist es so. Als
htte er ihren geheimsten, fr sie selbst noch furchtbaren Traum erraten
und verkrpert! Und geradezu dankbar dichten sie die letzte wundervolle
Sage Europas von ihm, dem Mrtyrer-Imperator auf Sankt Helena, von dem
neuen Prometheus, der an den einsamen Fels inmitten des Ozeans
angeschmiedet ist. Dem Mrtyrer welchen Gottes? -- Das wissen sie nicht,
das sehen sie nicht, nur dunkel ahnt ihr Instinkt, da gerade hier, bei
Napoleon, ein anderer Geist umgeht, einer, der ihnen wie nher und
verwandter, der wie neuer und sogar freier, befreiender und
schpferischer ist, als der Geist der Revolution. Erwachte nicht in dem
alten, bereits zur Ruhe gekommenen und ein wenig sogar schon
verkncherten Goethe, als er sich an Napoleon wie an einer
bernatrlichen, dmonischen Erscheinung der Natur und der Menschheit
begeisterte, -- erwachte da nicht in ihm etwas Jnglinghaftes,
grenzenlos Rebellisches, Unterirdisches, jenes selbe, aus dem auch sein
Prometheusruf geboren scheint:

   Ihr Wille gegen meinen!
   Eins gegen Eins ...
   -- -- -- -- -- --
   Gtter? Ich bin kein Gott,
   Und bilde mir so viel ein als einer.
   Unendlich? -- Allmchtig? --
   Was knnt ihr? ......
   Vermgt ihr, zu scheiden
   Mich von mir selbst?

Auch bei Byron nimmt die Erscheinung Napoleons nicht umsonst die Gestalt
Prometheus, Kains, Lucifers an -- aller Verstoenen, Verfolgten, die
sich gegen Gott erhoben und vom Baume der Erkenntnis gegessen haben.
Dieser Geist, der weder hell noch dunkel ist, wie das fahle Dmmerlicht
der ersten Morgenstunden, dieser neue Dmon Europas mit seinem frommen,
leidenschaftslosen Lcheln -- um wieviel ist er aufrhrerischer als
Robespierre oder Saint Just, um wieviel will er mehr, als Rousseau oder
Voltaire! Es scheint, da hier auch des Rtsels Lsung ist. Aber
vielleicht ist niemand entfernter von diesem Erraten, als -- Napoleon
selbst. Vielleicht wrde sich niemand so sehr darber wundern, niemand
so entrstet sein wie er, wenn er begreifen knnte, welch eine Folgerung
aus seinen Stzen gezogen, welch eine Bedeutung seiner Persnlichkeit
beigelegt werden wird. Schien es doch nicht nur anderen, sondern auch
ihm selbst, da er das gestrte Gleichgewicht der Welt wieder
herstellte, da er unerschtterliche Ordnung einfhrte, das
auseinanderfallende Gebude des europischen Staatskrpers sttzte und
der Revolution ein Ende machte. Wenn nur er selbst und die anderen den
ersten Schritt, seinen Ausgangspunkt, vergessen knnten -- diesen
bleichen jungen Menschen mit den blutigen Hnden, der nach dem roten
Koffer unter das Bett der alten Wucherin -- der Revolutionsgttin
Vernunft -- kriecht! _Dio mi la dona._ Gott hat _sie_ mir gegeben,
-- die Krone oder die rote Truhe? Und ist es wirklich Gott? Wirklich der
christliche Gott oder der Gott des fnften Buches Moses? Immerhin hat er
doch gettet und gestohlen! Er aber ist ein einzelner; fr die anderen
heit es nach wie vor: Du sollst nicht tten, Du sollst nicht stehlen
... Wenn _er_ -- warum dann schlielich nicht auch _ich_? Ist er denn
nicht aus derselben Nichtigkeit hervorgegangen wie ich, nicht aus einem
ebenso abstrakten mathematischen Nichtigkeitspunkt wie ich? Er ist --
Gott; ich bin -- zitternde Kreatur. Aber auch in meinem Herzen erhebt
sich der Schrei des Titanen:

   Gtter? Ich bin kein Gott,
   Und bilde mir soviel ein als einer.

Wenn er beim Vorbergehen einfach alles am Schwanz nahm und
fortschleuderte zum Teufel, warum soll dann nicht auch ich einmal
dasselbe versuchen, und wre es auch nur, sagen wir -- aus Neugier?
Denn hier ist ja nur eines, nur eines erforderlich: man mu sich nur
dazu entschlieen.

Nein, Napoleon hat den Brand der groen Revolution nicht gelscht, er
hat nur den Feuerfunken derselben aus dem ueren, politischen, weniger
gefhrlichen Gebiet in das innere, sittliche, um wieviel mehr
explosionsfhige geworfen. Er wute selbst nicht, was er tat, ahnte
selbst nicht, wes Geistes er war; aber mit seinem ganzen Leben, durch
sein Beispiel, durch die Gre seines Glcks und die Gre seines
Unterganges hat er die tiefsten Grundfesten der ganzen christlichen und
vorchristlichen Sittlichkeit erschttert: ohne seinen Willen, gegen
seinen Willen hat er die Umwertung aller Werte begonnen, hat er noch
nie dagewesene Zweifel an die Uroffenbarungen des Menschengewissens
erweckt, hat er -- wenn auch mit halbverschlafenen Augen -- in das
Jenseits von Gut und Bse geblickt, und hat er auch anderen erlaubt
und auch andere gezwungen, dorthin zu blicken. Das aber, was der Mensch
dort erblickt hat, das kann er nie mehr vergessen. Die alte politische
Groe Revolution erscheint uns trotz all ihrer ueren blutigen Greuel
vollkommen unverletzend und ungefhrlich, fast gutmtig und klein wie
ein Kinderspiel, fast wie Schlerunart -- im Vergleich zu diesem kaum
sehbaren, kaum hrbaren innerlichen Umsturz, der sich noch bis auf den
heutigen Tag nicht vollzogen hat und dessen Folgen wir unmglich
voraussehen knnen.

Eines ganzen Jahrhunderts angestrengten philosophischen und religisen
Denkens Europas hat es bedurft -- von Goethes Prometheus bis zu
Nietzsches Antichrist --, um den ewigen Sinn der napoleonischen
Tragdie als universalhistorischer Erscheinung zu erfassen: die
antichristliche und doch dabei heilige Liebe zu sich selbst, zu seinem
fernen Selbst, die der Liebe zu anderen, zum Nchsten
entgegengesetzt ist; der titanische unterirdische Anfang der
Persnlichkeit: ich allein gegen alle --

   Ihr Wille gegen meinen --

der Wille der Selbstbejahung, der Wille zur Macht, der dem Willen zur
Selbstverleugnung, zur Selbstvernichtung entgegengesetzt ist; die
Emprung gegen die alte, gegen die neue, gegen jede gesellschaftliche
Einrichtung, jeden gesellschaftlichen Verband, gegen alle beengenden
Fesseln der Zivilisation, nach dem Ausdruck Napoleons, den er gleichsam
von dem Urahn der Anarchisten, Jean Jacques Rousseau, entlehnt hat; die
Emprung gegen die Menschheit (Kain), gegen Gott (Lucifer), gegen
Christus (der Antichrist-Nietzsche) -- das sind die emporfhrenden
Stufen dieser neuen sittlichen Revolution. Unbegrenzte Freiheit,
unbegrenztes Ich, vergttertes Ich, Ich-Gott, -- das ist das letzte,
kaum zu Ende gesprochene Wort dieser Religion, die Napoleon mit so
genialem Instinkt vorausgesehen hat -- ich habe eine Religion
geschaffen --, und ber die er mit so unverzeihlichem Leichtsinn
scherzen konnte: In allen Jahrmarktsbuden wrde man mich verspotten,
wenn ich es mir einfallen liee, mich fr Gottes Sohn auszugeben.

Und von diesem selben unterirdischen vulkanischen Sto, der scheinbar
aus dem Westen kam (wie wir spterhin sehen werden, _nicht nur_ aus dem
Westen), von diesem selben unklaren, bald mitfhlenden, bald
spttischen, aber immer aufregenden und tiefen Gedanken, an die
napoleonische Persnlichkeit, an die Raubvgel und aufrhrerischen
Helden, die Menschen des Fatums -- angefangen von dem kaukasischen
Gefangenen, Onjgin, Aleko, Petschorin und dem Dmon[1], begann auch die
Wiedergeburt der russischen Literatur. Dieser Gedanke, der sich wohl
zeitweilig verbarg, sich gleichsam unter die Erde versenkte, niemals
aber endgltig versiegte, da er immer wieder mit neuer und neuer
Kraft hervorbrach, dieser Gedanke begleitet die ganze groe
universalhistorische Entwicklung des russischen Geistes in der
russischen Literatur, von den Moskowitern im Child Harold-Mantel, an
deren Hnden Blut klebt, von Aleko-Petschorin, der nur fr sich
allein Willen haben will -- bis zum Nihilisten Kiriloff, der sich fr
verpflichtet hlt, Eigenwille zu zeigen, bis Stawrogin, der in
beiden entgegengesetzten Polen (in der Freveltat und in der Heiligkeit)
den gleichen Genu findet -- bis zu Iwan Karamasoff, der es endlich
begreift, da alles erlaubt ist und somit Friedrich Nietzsches alles
ist erlaubt voraussagt.

Ein junger Mann[2], mit dem bleichen Gesicht, mit wundervollen Augen
und ebensolchem ueren (und nicht nur ueren), der an Bonaparte vor
Toulon erinnert, stiehlt sich nachts in das Schlafzimmer der alten
Grfin, um ihr mittels Gewalt das Kartengeheimnis zu erpressen. Die
Pistole, die er mitgenommen hat, um die Alte zu erschrecken, ist nicht
geladen. Dennoch fhlt er sich als Mrder. Hier handelt es sich brigens
nicht um die Alte: Die Alte ist Unsinn, vielleicht auch ein Irrtum,
nicht die Alte, sondern das Prinzip erschlug er, er bedurfte nur des
ersten Schrittes: ich wollte nur den ersten Schritt tun -- mich in
eine unabhngige Stellung bringen, Mittel erlangen, und dann, spter,
htte sich alles durch verhltnismig unermelichen Nutzen
ausgeglichen. _Ich wollte das Gute den Menschen._ Und fr das Gute
erschlug er. Das sagt Raskolnikoff, aber dasselbe knnte auch von
Puschkins Herrman in der Pique Dame gesagt sein. Wie Raskolnikoff, so
ist auch Herrman ein Nachahmer Napoleons. Wie flchtig auch sein innerer
Mensch von Puschkin gezeichnet ist, es ist trotzdem klar, da er kein
gewhnlicher Verbrecher ist, da hier noch etwas Komplizierteres,
Rtselhafteres dahintersteckt. Puschkin selbst berhrt natrlich, wie
das so seine Art ist, kaum, kaum diese Rtsel, um dann sofort an ihnen
vorberzugehen und sich mit seinem unerhaschbar gleitenden, lchelnden
Spott von ihnen loszumachen. Aber aus der wie zufllig von Puschkin
hingeworfenen Skizze Die Pique Dame sind _nicht zufllig_ Gogols Tote
Seelen und Dostojewskis Rodion Raskolnikoff hervorgegangen. So gehen
auch hier die Wurzeln der russischen Literatur auf Puschkin zurck:
gleichsam, als htte er im Vorbergehen auf die Tre des Labyrinths
gewiesen. Nachdem Dostojewski einmal in dieses Labyrinth eingetreten
war, konnte er sich spter sein Leben lang nicht mehr herausfinden:
immer tiefer und tiefer drang er in dasselbe hinein, forschte, prfte,
versuchte, suchte und fand doch keinen Ausgang.

Die Verwandtschaft Raskolnikoffs mit Herrman hat Dostojewski, wie es
scheint, nicht nur gefhlt, sondern auch klar erkannt. Der Puschkinsche
Herrman in der >Pique Dame< ist eine kolossale Gestalt, ein
ungewhnlicher, durch und durch Petersburger Typ -- ein Typ aus der
Petersburger Zeit! lt Dostojewski seinen Helden in der Jugend
sagen, der gleichfalls einer von Raskolnikoffs geistigen
Zwillingsbrdern ist. Er sagt es bei der Beschreibung des Eindrucks, den
der Petersburger Morgen auf ihn macht -- der scheinbar prosaischste auf
der ganzen Welt, den er aber fr den allerphantastischsten der Welt
hlt. An einem solchen modernden, feuchten, nebligen Petersburger
Morgen mute der wilde Einfall eines Puschkinschen Herrman, wie mir
scheint, noch mehr Wurzel fassen. Wohl hundertmal ist mir inmitten
dieses Nebels der sonderbare, doch um so aufdringlichere Gedanke
gekommen: Wie, wenn nun dieser Nebel verfliegt und sich emporhebt, wird
dann nicht auch diese ganze modernde, sumpfig schlpfrige Stadt zusammen
mit dem Nebel emporschweben und verschwinden, wie Rauch verfliegen und
nur den frheren finnischen Sumpf zurcklassen, inmitten desselben
meinetwegen wie zum Schmuck der _Eherne Reiter_[3] auf dem hei
atmenden, berjagten Tiere?

Ebenso wie von Puschkins Herrman kann man auch von Raskolnikoff sagen,
da er ein durch und durch Petersburger Typ ist, ein Typ aus der
Petersburger Zeit. In keiner einzigen anderen, weder russischen noch
europischen Stadt -- auer in Petersburg -- in keinem einzigen anderen
Zeitabschnitt der russischen oder europischen Geschichte htte dieser
Herrman sich entwickeln und auswachsen knnen zu einem -- Raskolnikoff.
Und hinter diesen zwei kolossalen, auergewhnlichen Gestalten hebt
sich eine dritte Gestalt ab -- tritt die noch kolossalere und
auergewhnlichere Gestalt des Ehernen Reiters auf dem Granitfels
hervor. Was zuerst fremd, aus dem angefaulten Westen importiert,
romantisch, byronisch, napoleonisch erschien, wird verwandt, volklich,
russisch, wird zum Geiste Puschkins, Peters; was aus den Tiefen Europas
kam, trifft mit aus den Tiefen Rulands Kommendem zusammen. Ist der
Traum unseres sagenhaften Recken der Steppe, unseres Ilja von Murom,
nicht der Traum vom Wundertter, dem Riesen? Ja, in diesem Nebel der
finnischen Smpfe und in dem Granit der aus ihnen emporgewachsenen Stadt
fhlt man deutlich die Verbindung aller kleinen und groen Helden der
aufstndischen oder nur andrngenden russischen Persnlichkeit von
Onjgin bis Herrman, von Herrman bis Raskolnikoff, bis Iwan Karamasoff
-- mit demjenigen,

   -- durch dessen Fatumswille
   Die Stadt sich aus dem Meer erhob --

diese absichtlichste aller Stdte der Erdkugel, die Stadt der
abstraktesten Erscheinungen, der grten Vergewaltigung der Menschen und
der Natur, des historischen lebendigen Lebens, die Stadt der
anscheinend geometrischen Ordnung, des mechanischen Gleichgewichts, in
Wirklichkeit aber -- der gefahrvollsten Aufhebung der Lebensordnung und
des Lebensgleichgewichts. Nirgendwo in der Welt sind so
unerschtterliche Massen auf so schwankendem Grunde aufgetrmt: Granit,
der sich in Nebel auflst, Nebel, der sich zu Granit verdichtet. Der
Geist der Knechtschaft -- der stumme und taube Geist, von dem es zu
Raskolnikoff hinberweht, whrend er auf der Brcke steht und auf das
groartige Panorama der Petersburger Kais schaut; der Geist der
Unfreiheit und des Verhngnisses, des widernatrlichen und
bernatrlichen Willens. Der wilde Einfall Raskolnikoffs htte noch
mehr Wurzel fassen mssen -- gerade hier in dieser phantastischen Stadt
mit der allerphantastischsten Entstehungsgeschichte der Welt, durch
die Berhrung dieser Wirklichkeit, die selbst einem wilden Einfall,
einem Fieberwahn gleicht. Vielleicht ist das alles nur irgend jemandes
Traum? ... Irgend jemand, dem alles das trumt, wird pltzlich erwachen
-- und alles wird dann pltzlich verschwinden.

Bereits Puschkin hat die hnlichkeit Peters mit Robespierre bemerkt. Und
in der Tat sind die sogenannten Reformen Peters die grte Revolution,
der grte Umsturz, die Emprung, der Aufstand von oben, der weie
Terror. Peter ist Tyrann und Rebell zu gleicher Zeit, Rebell im
Verhltnis zum Vergangenen, Tyrann im Verhltnis zum Zuknftigen,
Napoleon und Robespierre in einer Person. Und sein Umsturz ist nicht nur
politisch, sozial, sondern in noch viel grerem Mae sittlich, er ist
ein unerbittlicher, unbarmherziger, wenn auch unbewuter Bruch aller
kategorischen Imperative des Volksgewissens, ist die zgellose Umwertung
aller sittlichen Werte. Ich glaube, da, wenn in den Annalen alle
menschlichen Verbrechen aufgezeichnet wren, man keines finden wrde,
das das Gewissen, wenn nicht mehr empren, so doch mehr befangen machen
knnte, als die Ermordung des Zarewitsch Alexei. Ist sie doch nicht
wegen des fraglos Verbrecherischen furchtbar, sondern wegen der immerhin
mglichen _Gerechtigkeit_ und _Schuldlosigkeit_ des Sohnmrders; dieses
Verbrechen ist furchtbar dadurch, da man sich darber auf keine Weise
beruhigen kann, nachdem man zugegeben hat, da er doch kein gewhnlicher
Missetter ist, ein Verbrecher auerhalb des Gesetzes. Eine so
rtselhafte Tragdie finden wir in Napoleons Leben nicht. Doch am
fruchtbarsten ist hierbei die Frage: wie aber, wenn Peter so handeln
_mute_? wie, wenn er durch die Unterlassung dieser Tat das grte und
wahre Heiligtum seines Zarengewissens zerstrt htte? Ttete er denn den
Sohn um seinetwillen -- fr sich selbst? Aber Peter konnte doch
tatschlich nicht -- er verstand es einfach nicht -- sich von Ruland
unterscheiden, sich und Ruland nicht als eins fhlen: er empfand sich
als Ruland, liebte Ruland wie sich selbst, liebte es mehr als sich
selbst. Wer wagt zu sagen, da er nicht tausendmal fr Ruland gestorben
wre? Er wollte Rulands Bestes, wollte das Gute den Menschen bringen,
darum ttete er denn auch, darum bertrat er das Gesetz, trat er ber
das Blut, da er glaubte, da dieser Schritt spter durch
verhltnismig unermelichen Nutzen wieder gut gemacht werden wird. Er
lud sich das Blutvergieen -- auf sein Gewissen.

Und da steht Peter -- wie Puschkin sagt -- bis zum Knie im Blute,
eigenhndig foltert und enthauptet er. Der Sohn des Stillsten Zaren
ist -- Henker auf dem Roten Felde[4]. Und in dem Augenblick ahmt er
niemandem nach, in dem Augenblick ordnet er sich keinerlei fremden
Einflssen des Westens unter, in dem Augenblick ist er im hchsten Grade
russischer Zar, Nachfolger Iwans des Grausamem. Der Moskauer Zar-Henker
ist ebenso autochthon, wie der Zaardamer Zimmermann, der einfache
Arbeiter. Selbst seine rgsten Feinde, die Abtrnnigen[5], fhlen doch,
wenn sie ihn auch den Fremden, den Untergeschobenen nennen, da er
mit ihnen blutsverwandt ist. Und auch die Slawophilen hassen ihn als
Blutsverwandten, hassen ihn mit dem grten Blutha, denn sie fhlen,
da er ihr eigen Fleisch und Blut ist, und was ihren Ha erzeugt, ist
dasselbe Blut, das in Puschkin seine ebenso starke Liebe zu Peter
erzeugt hat. Nein, nie noch hat es in der Weltgeschichte eine solche
Verirrung, eine solche Erschtterung des Menschengewissens gegeben, wie
sie Ruland in der Zeit der Reformen Peters erfahren hat. Wahrlich,
nicht nur bei den Raskolniken allein konnte darob der Gedanke an den
Antichrist entstehen! Es scheint, da diese Erschtterung sich noch bis
auf den heutigen Tag nicht nur im russischen _Volke_, sondern auch in
unserer kultivierten Gesellschaft bemerkbar macht. Es scheint, da der
sumpfige Grund des finnischen Moores immer noch unter dem Ehernen Reiter
schwankt. Wenn nicht heute, dann kommt morgen ein -- neuer Umsturz in
dieser phantastischen Geschichte, eine neue berschwemmung, wie sie
Puschkin in seinem Ehernen Reiter geschildert ...

Die Kraft der Wirkung ist gleich der Kraft der Gegenwirkung, dem Aufruhr
von oben antwortet der Aufruhr von unten, dem weien Terror der rote.
Der russische Sozialismus oder der russische Terrorismus -- gleichfalls
eine durch und durch Petersburger Erscheinung, eine Erscheinung des
Petersburger, peterschen Zeitabschnitts -- ist einer der ewigen und
prophetischen Trume des Giganten auf dem ehernen Pferde, ist einer
der steilen Abhnge jenes Abgrunds, ber dem er mit seinem Zgelruck
Ruland sich aufbumen macht. Hier mu der wilde Gedanke des
Terrorismus durch die Berhrung mit der wilden und phantastischen
Wirklichkeit noch fester Fu fassen. Und das ist jener gespenstische
Nebel, der Nebel des Petersburger Tauwetters, der Nebel der Winde aus
dem faulenden Westen, mit dem zusammen die bereiften Granitblcke sich
sofort erheben und wie Nebel verflattern und sich in nichts auflsen
werden ...

Es begann mit der Anschauung der Sozialisten, sagt der Student
Rasumichin ber die Lehre Raskolnikoffs vom Verbrechen -- diese Lehre,
aus der die ganze Tragdie entstanden ist.

In Europa war der Sozialismus abstrakte, wissenschaftliche Anschauung,
oder private Anwendung dieser allgemeinen Anschauung, die durch die
geschichtlichen Lebensbedingungen der Kultur hervorgerufen worden
war. Erst in Ruland wurde der Sozialismus zur allgemeinen,
allesverschlingenden, philosophischen, metaphysischen (denn der uerste
Materialismus ist bereits Metaphysik), teilweise sogar zur mystischen
Lehre vom Sinn des Lebens, dem Ziel und Zweck der Weltentwicklung --
mystisch natrlich ohne Wollen und Wissen ihrer Verkndiger. Und
wiederum nur hier, in Ruland, in dem Ruland Petersburgs und Peters,
kommt der Sozialismus bis zu seinen letzten (seinen ersten Lehrstzen in
bedeutendem Mae widersprechenden, mitunter dieselben unmittelbar
verneinenden) -- _anarchistischen_ Folgerungen. Anarchismus ist ein
furchtbares russisches Wort, ist die russische Antwort auf die Frage der
westeuropischen Kultur. Das haben wir nicht von Europa entlehnt, das
haben wir Europa gegeben. Ruland hat hier zuerst, zum ersten Male das
ausgesprochen, was Europa nicht zu sagen wagte. Hierin hat sich jene
besondere Neigung, die mit religiser Verblendung viel Gemeinsames hat,
die Neigung zu allem dialektisch uersten, Zgellosen,
berschreitenden, selbst ber den letzten Strich gehenden, die dem
russischen Geiste eigen ist, wieder einmal ausgesprochen. Und so ist es
selbstverstndlich auch kein gewhnlicher Zufall, da diese unerhrte
Entwicklung dieser beiden anscheinend so entgegengesetzten und
unvereinbaren uersten Pole -- die Idee der Selbstherrschaft und die
Idee der Herrschaftslosigkeit, der Monarchie und der Anarchie -- sich
gerade in dem Ruland Peters vollzogen hat. Sind sie doch beide aus
einem Geiste hervorgegangen, aus dem stummen und tauben Geiste, aus
dem Geiste des grten Selbstherrschers und des grten Rebellen der
Neuen Geschichte: sie sind die zwei steilen Abhnge, die zwei Rnder
immer derselben Kluft, desselben Abgrundes, ber dem sich das Pferd
des Ehernen Reiters bumt. In der Politik -- Anarchismus, in der
Sittlichkeit -- Nihilismus. Und auch hier, im Nihilismus, ist der
letzte Punkt erreicht; auch hier ist der ganze historische Weg
zurckgelegt, es gibt nichts mehr, wohin man weitergehen knnte.
Wiederum das russische Extrem, die uerste, dialektisch-zgellose,
nichtwissenschaftliche Folgerung aus der westeuropischen
wissenschaftlichen Kritik der reinen Sittlichkeit, die sich als
unerfllbarer erwies, als die Kritik der reinen Vernunft,
die Folgerung aus den westeuropischen, unvergleichlich
zaghafteren und gemigteren, weil mehr lebenskulturellen, mehr
geschichtlich-realistischen Versuchen, sich auf der Erde ohne Gott
einzurichten -- ohne himmlische wie auch ohne irdische Macht, -- die
Folgerung aus der, wie man meint, ausschlielich materialistischen und
mechanistischen Weltauffassung.

Wenn Rasumichin recht hat, da die Lehre Raskolnikoffs mit der
Anschauung der Sozialisten begonnen habe, so ist das natrlich nicht im
Sinne des westeuropischen Sozialismus zu verstehen, sondern in einem
besonderen, russischen Sinne, im Sinne des Anarchismus und Nihilismus.

Nun, die Auffassung der Sozialisten ist ja bekannt, fhrt Rasumichin
fort, das Verbrechen sei ein Protest gegen die Anormalitten der
sozialen Einrichtung -- und nichts weiter, irgend welche anderen
Ursachen werden berhaupt nicht zugelassen -- und das sei alles!
Raskolnikoff aber geht bereits hier in seinem Ausgangspunkte viel weiter
als die Sozialisten. Die Sozialisten sagen: der Protest -- die
Verneinung des Vorhandenen -- mu zusammen mit dem, gegen was er
gerichtet ist, verschwinden, die Verbrechen mssen in demselben
Verhltnis, wie die ungerechte Einrichtung oder Einteilung der
Gesellschaft sich durch eine gerechte ersetzt, seltener werden oder gar
gnzlich aufhren. Raskolnikoff aber fat es anders auf: das Verbrechen
ist fr ihn nicht nur Verneinung, Zerstrung des Alten, sondern auch
Bejahung, Schaffung von Neuem, die nicht mit zeitlichen, vernderlichen
Bedingungen der menschlichen Gesellschaft verbunden ist, sondern mit den
ewigen, unvernderlichen Gesetzen der Natur. _Nach dem Naturgesetz_,
sagt er zu Porphyri Petrowitsch, dem Untersuchungsrichter, indem er
seine Lehre auseinandersetzt, zerfallen die Menschen im allgemeinen in
zwei Arten: in eine niedrigere Art, das sind die Gewhnlichen, oder
sagen wir einfach das Material, das einzig zur Erzeugung von
Seinesgleichen dient, und in die eigentlichen Menschen, d. h. solche,
die die Gabe oder das Talent besitzen, in ihrer Mitte ein _neues Wort_
zu sagen ... Die zur zweiten Abteilung gehrenden bertreten alle das
Gesetz, das sind die Umstrzler ... Und wenn ein solcher fr seine Idee
selbst ber Leichen, ber Blut schreiten mu, so darf er -- meiner
Meinung nach -- innerlich, vor seinem Gewissen, sich die Erlaubnis
geben, meinetwegen auch Blut zu vergieen -- brigens, je nach der Idee
und ihrem Umfange, das nicht zu vergessen. -- Wenn die Entdeckungen
eines Kepler oder Newton, sagen wir, infolge irgendwelcher Kombinationen
auf keine andere Weise den Menschen bekannt werden knnten, als durch
das Opfer von einem, zehn, hundert oder noch mehr Menschen, die der
Bekanntmachung der Entdeckung hinderlich wren oder sich als
unberwindliches Hindernis auf ihren Weg gestellt htten, so htte
Newton das Recht und wre sogar verpflichtet, diese zehn oder hundert
Menschen zu ... _beseitigen_, um seine Entdeckungen der ganzen Welt
kundtun zu knnen. -- Ferner ... alle Gesetzgeber oder Ordner der
Menschheit, angefangen von den ltesten, fortgefahren mit Lykurg, Solon,
Mahomet, Napoleon und so weiter (wie interessant, da in dieser
Aufzhlung nicht auch Peter genannt wird, wen aber, sollte man meinen,
mte wohl Raskolnikoff der >durch und durch Petersburger< petrische
Typ, wohl nennen, wenn nicht Peter?) -- alle sind sie bis auf den
letzten Verbrecher, bertreter schon allein durch den einen Umstand, da
sie, indem sie ein neues Gesetz gaben, das alte, von der Gesellschaft
heilig gehaltene und von den Vtern berkommene zerstrten, und weil sie
selbstverstndlich auch vor dem Blutvergieen fr ihr neues Wort nicht
zurckgeschreckt sind, wenn dieses Blut (das mitunter vollkommen
unschuldig war und heldenmtig fr das alte Gesetz hingegeben wurde)
ihnen nur helfen konnte. Es ist wirklich auffallend, da die meisten von
diesen Ordnern und Wohlttern der Menschheit vor allem furchtbare
Blutvergieer gewesen sind. Mit einem Wort, ich folgere daraus, da
alle, nicht nur die ganz Groen, sondern die auch nur etwas aus dem
alten Geleise Heraustretenden, ich meine, wenn sie auch nur etwas Neues
-- mag es noch so klein sein -- zu sagen vermgen, ihrer Natur gem
unbedingt Verbrecher oder >bertreter< sein mssen, versteht sich, mehr
oder weniger. Anders, d. h. ohne bertretung, wrde es ihnen nicht gut
mglich sein, aus dem alten Geleise herauszukommen, in ihm aber zu
bleiben, das knnen sie natrlich nicht, und zwar wiederum _ihrer Natur
gem_ nicht, und meiner Meinung nach sind sie sogar unmittelbar
verpflichtet, nicht sich darein zu fgen, nicht den anderen zu folgen.

Am auffallendsten ist hierbei die aufrichtige oder vorgetuschte Ruhe,
die Selbstbeherrschung, mit der er seine Lehre wie irgend ein
abstraktes, mathematisches Axiom auseinandersetzt. Ein Mensch spricht
von Menschlichem, als wre er selbst kein Mensch, sondern ein Wesen aus
einer anderen Welt, oder wie ein Naturforscher von einem Ameisenhaufen
oder Bienenstock spricht. Er untersucht nicht das, was sein sollte,
sondern das, was ist, nicht Gewnschtes, sondern Vorhandenes. Als gbe
es zwischen der sittlichen und der religisen Welt berhaupt keine
Verbindung, als gbe es zwischen dem Gedanken an das Wohl der Menschen
und dem Gedanken an Gott keinerlei Beziehung, als htte es diesen
Gedanken an Gott berhaupt nie im Menschengewissen gegeben! Aber man mu
Raskolnikoff Gerechtigkeit widerfahren lassen: seit Machiavelli hat kein
einziger von sittlichen und politischen Fragen, die doch die grten
Leidenschaften erregen, mit einer solchen Leidenschaftslosigkeit
gesprochen. Und selbst die Sprache des Petersburger Nihilisten erinnert
durch ihre schneidende Schrfe, Klte und Klarheit der Dialektik, die
scharf wie ein Rasiermesser ist, an die Sprache des Sekretrs der
florentinischen Republik.

Nur ein einziges Wort zum Schlu des Gesprches fllt aus dieser
zynischen Leidenschaftslosigkeit heraus und enthllt zu gleicher Zeit
unter den abstrakten Gedanken eine noch viel grere Tiefe, als selbst
Raskolnikoff ahnt.

Nun, aber die wahrhaft Genialen, unterbricht Rasumichin halb
rgerlich, diese, denen das Recht zu morden gegeben ist -- die mssen
dann also berhaupt nicht leiden, auch nicht einmal fr vergossenes
Blut?

Wozu hier das Wort >mssen<? entgegnet Raskolnikoff. Hier gibt es
weder Erlaubnis noch Verbot. Mgen sie doch leiden, wenn ihnen das Opfer
leid tut ... Leiden und Schmerz sind stets mit umfassender Erkenntnis
und einem tiefen Herzen verbunden. Ich glaube, die wahrhaft groen
Menschen mssen in der Welt eine _tiefe Schwermut_ empfinden, fgte er
pltzlich wie in Gedanken versunken hinzu, _so da es sogar aus dem Ton
der Unterhaltung herausfiel_. --

Auch auf dem Gesichte desjenigen, dem Raskolnikoff nachahmt, dem er auch
uerlich ganz ebenso wie Puschkins Herrman hnelt, -- auch auf dem
sonderbar unbeweglichen Gesichte Napoleons, in seinen Augen, die
scheinbar in die Ferne, oder auf einen einzigen fernliegenden Punkt
gerichtet sind, finden wir den Stempel dieser tiefen Schwermut, dieser
groen Trauer, -- kein Anzeichen von Reue oder Gewissensbissen, oder
Leiden, sondern gerade nur von schwermtiger Trauer: als htte er das
erblickt, was Menschenaugen nicht sehen sollten, irgendein letztes
Geheimnis der Welt vielleicht, und seit der Zeit verlt dieser Schatten
sein Antlitz nicht mehr, selbst nicht im blendendsten Lichte des Ruhmes
und Glckes.

Ja, dieses sonderbare Wort fllt aus dem Ton der Unterhaltung heraus:
es mag ihm gleichsam im Versehen entschlpft sein. Es ist ein
jenseitiges, fast religises Wort. Denn, wenn in den Fragen von Gut und
Bse alles so mathematisch klar und einfach ist, wenn das sittliche
Gesetz nur das Gesetz der Natur, der natrlichen Notwendigkeit, der
inneren Mechanik ist -- worber trauert er dann, woher kommt dann dieser
Schatten, vielleicht nicht aus der gttlichen, aber jedenfalls auch
nicht der menschlichen Welt? Hat Raskolnikoff sich nicht versprochen,
verraten? Verrt uns nicht dieses eine Wort, da seine ganze
wissenschaftliche Leidenschaftslosigkeit nur uerlichkeit, nur Membrane
ist -- brigens ganz so wie auch die Leidenschaftslosigkeit
Machiavellis, der das Geheimnis seines tiefen Herzens ahnungslos
aufdeckt, sobald er nur auf die Zukunft Italiens zu sprechen kommt? Es
scheint, da bei beiden unter der Leidenschaftslosigkeit eine -- groe
Leidenschaft loht ... wie ein Feuertrank in einem Becher von
Eiskristall.

Der Vorwurf, den Rasumichin den Sozialisten und teilweise auch seinem
Freunde Raskolnikoff macht -- hatte doch nach Rasumichins Meinung auch
bei ihm alles mit der Anschauung der Sozialisten angefangen -- drfte
von diesem wohl kaum verdient sein: Die Natur wird berhaupt nicht in
Betracht gezogen, die Natur wird hinausgejagt, die wird als gar nicht
vorhanden angenommen! -- Darum lieben sie ja auch so instinktiv die
Geschichte nicht ... sie lieben die _lebendige_ Entwicklung des Lebens
nicht: wozu _lebendige Seele_! Die lebendige Seele verlangt Leben, die
lebendige Seele gehorcht nicht der Mechanik, die lebendige Seele ist
mitrauisch, die lebendige Seele ist konservativ. Hier aber, wenn's auch
nach Aas riecht -- aus Kautschuk kann man's schon machen.

Der unerbittliche Aristokratismus, den Raskolnikoff zur Grundlage seiner
Theorie gemacht hat -- die Einteilung der Menschen in Herde und Helden,
in tatloses Material, in Sache, und in schpferische Genies, die wie
Bildhauer aus diesem Material eine neue Form meieln, ein neues
Angesicht der Geschichte -- ist vielleicht eine zu einseitige
Auffassung, sie ist vielleicht zu bertrieben und darum erttend,
jedenfalls aber nicht tot, ist auerhalb des Lebens, aber darum nicht
etwa leblos. Wenn diese Lehre auch der Mechanik hnelt, so ist sie
doch immerhin nicht aus Kautschuk gemacht, sondern aus dem hrtesten
Stahl und, wie eben eine schneidende Klinge, ttet sie wohl, aber sie
prft, erprobt, sie durchbohrt das lebendige Fleisch, den lebendigen
Geist der Geschichte. Es geht schwer an, einen solchen Beobachter der
menschlichen Natur, wie Machiavelli, zu verdchtigen, da er die Natur
berspringe, die Geschichte, die lebendige Entwicklung des Lebens nicht
liebe. Der Sekretr der Republik Florenz am Hofe Cesare Borgias befand
sich im Mittelpunkt dieser lebendigen Entwicklung, im Strudel der
grten historischen Ereignisse, im Herzen der Renaissance. Machiavelli
spricht nur davon, was er tatschlich von diesem im grenzenlosen Leben
und unbegrenzten Leidenschaften schlagenden Herzen erlauscht hat, nur
davon, was er der Natur insgeheim abgesehen, dieser Natur, die sich
gerade damals in ihrer furchtbaren Nacktheit nicht nur in den Schpfern,
sondern auch in den Kritikern der Geschichte offenbarte. Und jedenfalls
kann man von dieser verfhrerischen Schimre nicht sagen, da es von ihr
wie Aasgeruch herberwehe, eher aber schon wie von frischvergossenem
Blute, und wohl aus nichts weniger als Kautschuk drfte sie gemacht
sein. Aus dem Leben ist sie hervorgegangen und ins Leben hineingegangen
-- und wenn auch wiederum wie schneidender Stahl. Indessen liegt der
sittlichen wie auch politischen Lehre Machiavellis vielleicht derselbe
oder gar ein noch schonungsloserer Aristokratismus zugrunde, als bei
Raskolnikoff. Ist es bei ihm nicht dieselbe Einteilung der Menschen in
Material, Pbel, ekelhaftes Gewrm (wie Nietzsche es nennt) -- in
_vulgus_, das durch das Naturgesetz zum Gehorchen bestimmt ist, -- und
in Gebieter, in Herrscher, in Pfleglinge des Halbtiers, des Halbgotts,
des Zentauren Chiron, die gleich ihrem Lehrer die bermenschliche,
gttliche Natur mit der des Tieres, der _bestia_ in sich vereinen
mssen? -- ist es nicht dieselbe Entbindung von der Blutschuld auf ihr
Gewissen, die Erlaubnis, den Wohlttern, den Ordnern der Menschheit
gegeben, Blut zu vergieen? -- ist nicht die vermeintlich unvermeidliche
Vereinung von Tugend (_virt_) und Grausamkeit (_ferocit_) in
ihnen? Nicht umsonst hat Nietzsche, der seine Einsamkeit in der
Weltliteratur fast krankhaft empfand und ihr solchen Wert beilegte,
Nietzsche, der so anspruchsvoll war im Anerkennen von Verwandten oder
Bundesgenossen, nicht umsonst hat er unter seinen wenigen Vorgngern
Machiavelli und Dostojewski (diesen tiefen Menschen, den einzigen
Psychologen, bei dem ich etwas zu lernen hatte) nebeneinandergestellt
-- letzteren natrlich nicht als bewutes Dogma, sondern nur fr die
knstlerische Darstellung solcher Helden des persnlichen Prinzips, wie
Iwan Karamasoff und Rodion Raskolnikoff. Nietzsche ist ja gleichfalls --
und das wissen wir bereits aus der Erfahrung unseres eigenen Herzens und
Verstandes -- aus dem Leben hervorgegangen und so geht er auch wieder in
das Leben hinein. Was nun auch der Wert seiner Lehre sei, jedenfalls
sehen wir nur zu gut, da man mit ihm nicht wie mit einer toten
Abstraktion, sondern wie mit einer tief lebendigen historischen Kraft,
gleichviel ob mit einer positiven oder negativen, in jedem Fall aber
lebendigen Erscheinung der lebendigen Entwicklung rechnen mu.

Machiavellis Principe, Raskolnikoffs Herrscher, Nietzsches
bermensch -- das sind wieder die emporfhrenden Stufen, die Stufen
eines besonderen, nicht ins Vergangene, sondern ins Zuknftige
gerichteten, zerstrend schpferischen, zgellos aufrhrerischen
Aristokratismus, der aufrhrerischer als jegliche Demokratie ist, --
eines Aristokratismus, der in der Politik wie in der Sittlichkeit allen
Wiedergeburten, die sich bis jetzt vollzogen haben, eigen ist.

Wenn nun Raskolnikoff auch tatschlich von der Anschauung der
Sozialisten ausgegangen ist, so ist er doch zu einem Schlu gekommen,
der ihrer Auffassung am entgegengesetztesten ist: Ungleichheit als
unwandelbares, in jeder menschlichen Gesellschaft verwirklichtes
Naturgesetz. Und diese Ungleichheit in ihrer Natur glttet sich nicht
etwa aus, im Gegenteil, sie vertieft sich noch proportional der
universalgeschichtlichen Entwicklung: die Menschheit hat sich gleichsam
in zwei Hlften zerspalten und schon gibt es keine Vereinigung fr sie,
kein Zusammenwachsen mehr. Der Mensch ist dem Menschen ein -- Tier --
oder Gott, in jedem Falle aber nicht Bruder, nicht Nchster, nicht
Gleicher ... nach dem furchtbaren Worte Nietzsches, da zwischen dem
Menschen und dem Menschen eine grere Entfernung liegt, als zwischen
Mensch und Tier.

Zu gleicher Zeit ersieht man daraus, wie die Idee der Anarchie in ihren
extremsten Folgeschlssen sich unvermeidlich der Idee der Monarchie
nhert und sogar unmittelbar mit ihr in eins zusammenfliet: die letzte
Freiheit jenseits von Gut und Bse, die letzte Herrschaftslosigkeit
fhrt zur Einherrschaft, zur Selbstherrschaft des Genies -- zum Gebot
Platons: es mge das Genie herrschen.

brigens macht Raskolnikoff in der ersten theoretischen Darlegung seiner
Gedanken dem Sozialismus eine Konzession; er sagte Diese (die Menschen
der Masse) erhalten die Welt und vermehren sich; jene (die Helden)
bewegen die Welt und fhren sie ihrem Ziele zu. Diese wie jene haben
also _vollstndig dasselbe Recht zur Existenz_. Mit einem Wort, in
meinen Augen haben _alle das gleiche Recht_, und -- _vive la guerre
ternelle_{[1]} ... bis zum neuen Jerusalem, versteht sich!

So glauben Sie immerhin doch an ein neues Jerusalem? fragt Porphyri
Petrowitsch.

Ja, ich glaube daran.

Htte diese Konzession fr seine ganze Lehre in der Tat die Bedeutung,
die er selbst annimmt, so mte die Teilung der Menschen in erhaltende,
fortsetzende, und in die Welt bewegende, nicht die Vorstellung von
Hheren und Niedrigeren, von Verchtlichen und Edlen hervorrufen. Beide
Teile wrden dann auf gleicher Stufe stehen. Dann htte sich
Raskolnikoff in diesen Geringen hienieden ein zwar anderer, aber doch
nicht geringerer Adel offenbart, als in den Groen -- ein anderer, aber
nicht geringerer Wert. Die Vorstellung von der zitternden Kreatur
(Nietzsches ekelhaftem Gewrm), vom Pbel, wrde durch die Vorstellung
des Volkes oder der universalen Vereinigung der Menschen ersetzt
werden. Beide Fhigkeiten -- wie die Erhaltung des Gleichgewichts, so
auch die Bewegung nach vorn, das Fleisch und der Geist der Menschheit --
wren in seinen Augen in gleichem Mae heilig. Nicht Masse, wohl aber
echtes Volk zu sein, wrde ihm nicht verchtlicher und nicht rhmlicher
erscheinen, als Held zu sein. Und so knnte man noch viele andere
frappierende, von ihm sicherlich nicht erwartete Folgerungen aus dieser
einen Konzession ziehen, die er ja doch nicht nur dem Sozialismus,
sondern auch der Lehre Christi macht. Z. B.: wrde sich daraus nicht
ergeben, da es folglich zwei Tafeln sittlicher Werte gibt, zwei
Gewissen, zwei Wahrheiten, die tatschlich gleichstark,
gleichberechtigt sind? Htte er dann nicht auch an den letzten Grenzen
dieser Zerspaltung die Mglichkeit der _Vereinigung_ erblickt, -- htte
sich dann nicht auch der Vorhang vor dem wirklich neuen, lngst nicht
mehr sozialistischen Jerusalem vor ihm erhoben?

Aber das ist es ja: Raskolnikoff erkennt das gleiche Recht beider
Hlften auf Existenz nur mit dem Verstande an. Sein Herz verneint
dieses Recht mit einer Kraft, wie es bis jetzt noch niemals jemand
verneint hat, und er setzt zwischen ihnen eine grere Entfernung
voraus, als der alte Grieche zwischen dem Sklaven und dem Freien, als
der Inder zwischen Tschandala und Brahmane. Ja es scheint, da es
berhaupt keine grere Entfernung, keine grere Kluft in der Welt
gibt, als es diese ist, die Raskolnikoff zwischen den zwei
Menschenklassen annimmt. Er kann keine gengend grausamen, hochmtigen,
zynischen Worte finden, um seine ganze Verachtung fr die Nichthelden
auszudrcken. -- Oh, wie verstehe ich den Propheten zu Pferde und mit
dem Schwert in der Hand: wenn Allah befiehlt, so hast du zu gehorchen,
zitternde Kreatur! Recht, wahrlich Recht hat der >Prophet<, wenn er
irgendwo mitten auf der Strae eine _gu--ute_ Batterie aufstellt und auf
Gerechte und Ungerechte feuern lt, ohne sie auch nur eines Wortes der
Erklrung zu wrdigen! Gehorche, zitternde Kreatur, und -- _la dich
nicht gelsten_, denn -- das kommt dir nicht zu!!! -- Von welch einem
Rechte der Masse auf Existenz kann danach noch die Rede sein? Es sei
denn -- von dem Recht auf ewiges Zittern, ewiges Nichtsein vor dem
Propheten. Gibt es doch fr Raskolnikoff kein greres Entsetzen und
keinen greren Ekel, als sich als Menschen, wie alle, zu fhlen. Er hat
ja auch nur deshalb den Mord begangen, um den Strich, der den Helden von
dem Nichthelden scheidet, zu berschreiten, um sich selbst zu beweisen,
da er ein -- Mensch ist und nicht ein Ungeziefer, nicht eine Laus. --
Ich mute damals unbedingt erfahren, ich mute mich sobald als mglich
berzeugen, _ob ich ein Ungeziefer bin, wie alle, oder ein Mensch_? ...
Bin ich nur eine zitternde Kreatur, oder _habe ich das Recht_? -- Da
hasten sie alle hin und her durch die Straen und ist doch ein jeder von
ihnen ein Schuft und Spitzbube allein schon seiner Natur gem, sogar
schlimmer als das -- ein Idiot! ... O, wie ich sie alle hasse! In
seinem Herzen ist kein Krnchen von jener Liebe und Achtung vorhanden,
ja nicht einmal von jener Gerechtigkeit zu den Fortsetzern, den
Erhaltern der Menschheit, die er mit dem Verstande anerkennt.
Augenscheinlich besteht hier zwischen dem Lebensgefhl und dem
abstrakten Gedanken Raskolnikoffs irgendein klaffender Widerspruch.

Die zweite Konzession, die er dem Sozialismus macht, ist die Anerkennung
des Wohles der Menschheit als hchstes bewutes Ziel der Helden. Die
Helden sind, wie er sagt, Ordner und Wohltter der Menschheit. Sie
bertreten das Gebot nicht nur _aus dem Grunde_, weil ihre Natur derart
beschaffen ist, sondern auch _zu dem Zweck_, nur das hhere Gebot zu
erfllen. Sie zerstren das Bestehende im Namen eines besseren
Zuknftigen, im Namen des neuen Jerusalem. Sie opfern wenige fr das
Glck vieler, die Minderheit der Mehrheit. Ihre Verbrechen sind nicht
nur natrlich, sondern auch vernnftig, denn verderblich sind sie nur
fr einzelne, vorteilhaft aber fr Millionen, und somit knnen sie sogar
durch die mathematische Berechnung gerechtfertigt werden: lt sich
denn nicht ein einziges kleines Verbrechen durch Tausende von guten
Taten wieder gut machen? Fr ein Leben tausend Leben. Ein Tod und zum
Ersatz dafr hundert Leben -- das ist doch Arithmetik!

Aber auch der zweiten Konzession kann man keine grere Bedeutung
beilegen als der ersten; brigens sieht er das zum Schlu auch selbst
ein und zerreit dann endgltig die letzte Verbindung mit der
Anschauung der Sozialisten: -- Weswegen schimpfte doch Rasumichin
vorhin ber die Sozialisten? Das sind doch arbeitsame, handeltreibende
Leutchen, bemhen sich um das >allgemeine Glck< ... Nein, mir wird das
Leben nur einmal gegeben, und niemals werde ich es wieder haben! -- Ich
will nicht das >allgemeine Glck< abwarten. _Ich will auch selbst leben_
-- oder sonst lieber berhaupt kein Leben! Nun was? Ich wollte nur nicht
an einer hungrigen Mutter vorbergehen und, in der Erwartung des
>allgemeinen Glcks<, in der Tasche meinen Rubel festhalten. -- Ich
bringe, wie man sagt, >einen Stein zum Bau des allgemeinen Glcks und so
kann mein Herz ruhig sein<. Haha! Warum habt ihr mich denn
durchgelassen? Ich lebe doch im ganzen nur einmal, ich will doch auch
... Und er lacht, -- zhneknirschend -- ber die mathematische
Berechnung des Vorteils, des menschlichen Wohles: Unternehme es,
sozusagen, nicht im Interesse meines eigenen Fleisches, und der eigenen
Lust, sondern habe ein ungeheures, erhabenes Ziel im Auge, -- haha! ...
Beschlo jede nur mgliche Gerechtigkeit zu beobachten, Ma und Gewicht,
und Arithmetik. Von allen Lusen whlte ich die allerberflssigste aus,
und indem ich sie ttete, beschlo ich, genau nur soviel zu nehmen,
wieviel ich fr den ersten Schritt brauchte, nicht mehr und nicht
weniger (und das brige wre dann nach dem Testament sowieso einem
Kloster zugefallen, -- haha! ...). O Erbrmlichkeit! ... O Gemeinheit!
... Und bereits kurz vor der Beichte gesteht er Ssonja Marmeladoff:
Die ganze Qual dieser _Schwtzerei_ habe ich ertragen, Ssonja, und da
wollte ich sie denn endlich von den Schultern wlzen: ich wollte ohne
Kasuistik erschlagen, versteh mich recht, Ssonja, _fr mich wollte ich
erschlagen, fr mich allein_! Darin wollte ich niemanden belgen, selbst
mich nicht! Nicht um meiner Mutter helfen zu knnen, habe ich erschlagen
-- Unsinn! Ich habe auch nicht erschlagen, um nach der Erlangung von
Mitteln und Macht ein Wohltter der Menschheit zu werden -- Unsinn! Ich
habe einfach erschlagen, _fr mich selbst habe ich erschlagen, nur fr
mich allein_! ...

Hier geht in der Seele Raskolnikoffs etwas Furchtbares und Rtselhaftes
vor sich. Man sollte meinen, wenn er fr andere, zum Wohle der Menschen
erschlagen htte, dann wre eine Rechtfertigung noch mglich: zwar ist
es, wrde man sagen, ein schlechtes Mittel, aber dafr hat er ein edles
Ziel gehabt. Hat er es aber fr sich allein getan, fr sein eigen
Fleisch und zur eigenen Lust, dann gibt es hierfr keine Rechtfertigung
mehr, dann ist er ein gewhnlicher Dieb und Mrder, ein einfacher
Missetter, ein Verbrecher auerhalb des Gesetzes. Indessen ahnt
Raskolnikoff dunkel, da es in diesem Falle doch nicht so ist: ja, er
hat fr sich erschlagen, _fr sich allein_, aber doch nicht fr sein
Fleisch und seine Lust allein, sondern noch fr etwas Hheres in sich,
fr etwas Unzweifelhafteres und zu gleicher Zeit Uneigenntzigeres,
_Ferneres_, als das Wohl des Nchsten, als das allgemeine Glck.
Natrlich ist auch Egoismus dabei, aber dieser Egoismus ist wiederum
von einer besonderen Art. Das Verbrechen wird vielleicht noch
furchtbarer, jedenfalls aber nicht einfacher, nicht roher, -- im
Gegenteil, hier erst beginnt seine Kompliziertheit, Verfeinerung und das
Verfhrerische an ihm. Raskolnikoffs von Qual und Leidenschaft
geschrfter Blick sieht bereits die ganze hoffnungslose Flachheit und
Erbrmlichkeit der sozialistischen handelsmigen Abwgungen,
Abmessungen des allgemeinen Nutzens. In diesem fr sich, fr sich
allein aber dmmert es weit, weit wie eine Ahnung von irgendeiner
unbekannten Tiefe der Berhrung mit der Ordnung unermelich hherer,
allerschwerster, edelster Werte, als es alle sozialistischen Vorteile
und der ganze allgemeine Nutzen sind; er ist sich dessen noch nicht
bewut, aber dunkel fhlt er schon, da hierin -- wenn auch nicht die
Rechtfertigung, so doch immerhin irgendeine letzte Wahrheit ist, die
Befreiung, Reinigung von der ganzen Kasuistik, dem Geschwtz und der
Lge vom neuen sozialistischen Jerusalem. Das also ist der Grund,
warum er sich mit einer so verzweifelten Hartnckigkeit und Anspannung
aller Krfte an dieses fr mich, fr mich allein klammert, als wolle
er seine Gedanken zu Ende fhren, und dennoch, als knne, als wage er es
nicht. Hier ist alles noch -- gar zu dunkel, gar zu tief; grauenvoll ist
es fr ihn, -- gerade durch die unerwartet sich aufdeckende Tiefe ist es
furchtbar. Vielleicht ist hier selbst die Rechtfertigung furchtbarer als
jede Verurteilung. Die lecke Barke des Sozialismus begann unter ihm zu
sinken, und da sieht er, wie ein Ertrinkender, als einzigen festen
Punkt, als einzigen unerschtterlichen Fels in den Wellen -- dieses fr
mich allein, aber noch wei er nicht, ob er an jenem nackten scharfen
Felsen endgltig zerschellen oder ob er sich auf ihn retten wird. Rodion
Raskolnikoff erfhrt denn auch nicht, begreift noch nicht, da er sich
nicht anders retten kann, als wenn er die Rechtfertigung durch die Liebe
zu sich selbst nicht nur zu einer sozialen, moralischen, philosophischen
Rechtfertigung macht, sondern auch zu einer _religisen_.

                                               _Dmitri Mereschkowski._




                              Vorbemerkung


Rodion Raskolnikoff ist als das erste der fnf groen Roman-Epen, die
Dostojewski geschrieben hat, im Jahre 1866 vollendet worden. Das Werk
hat im Russischen einen Titel, dessen bertragung sich der Begriffswelt
Schuld und Shne nhert. Dieser Titel ist von Dostojewski aus
nachweisbar ein Nottitel. Die Lsung des Problemes, die der Titel
andeutet, bringt das Werk gar nicht. Der geplante zweite Teil, auf den
sich der Titel bereits bezieht, ist nie geschrieben worden. Daher ist
das Werk hier mit demjenigen Namen genannt, den sein Inhalt verlangt und
an den sich das allgemeine und natrliche Empfinden lngst gewhnt hat:
mit dem Namen seines Helden, in dem die Gestalt des jungen russischen
Studenten und Ideologen ein fr allemal Typ und beinahe Symbol geworden
ist.

                                                              E. K. R.




                              Erster Teil


                                   I.

Anfangs Juli, es war eine auerordentlich heie Zeit, trat ein junger
Mann gegen Abend aus seiner Kammer, die er in einem Hause der S.schen
Gasse bewohnte, auf die Strae hinaus und ging langsam, wie
unentschlossen, in der Richtung auf die K.sche Brcke.

Er hatte glcklich eine Begegnung mit seiner Wirtin auf der Treppe
vermieden. Seine Kammer lag unmittelbar unter dem Dache des hohen
fnfstckigen Hauses und glich eher einem Schrank, als einer Wohnung.
Seine Wirtin aber, von der er diese Kammer mit Mittagessen und Bedienung
gemietet hatte, wohnte eine Treppe tiefer in einer separaten Wohnung und
jedesmal, wenn er auf die Strae hinausging, mute er unbedingt an der
Kche der Wirtin vorbeigehen, deren Tr fast immer sperrweit offen
stand. Und jedesmal fhlte der junge Mann beim Vorbeigehen eine
krankhafte und feige Empfindung, deren er sich schmte und bei der er
das Gesicht verzog. Er war bei der Wirtin stark verschuldet und
frchtete sich, ihr zu begegnen.

Nicht weil er so feige und scheu war, ganz im Gegenteil, aber seit
einiger Zeit war er in einem gereizten und beranstrengten Zustand, der
der Hypochondrie hnelte. Er hatte sich so ganz und gar in sich selbst
vertieft und hatte sich so vollstndig von allen abgeschlossen, da er
sich sogar vor der gleichgltigsten Begegnung frchtete, nicht blo vor
der mit der Wirtin. Er war von Armut erdrckt; aber selbst diese
bedrngte Lage hatte in der letzten Zeit aufgehrt auf ihm zu lasten. Er
hatte es ganz und gar aufgegeben, mit seiner Tagesarbeit sich zu
befassen, und hatte auch keine Lust dazu. Im Grunde genommen frchtete
er sich freilich nicht vor tausend Wirtinnen, was die auch gegen ihn im
Schilde fhren mochten. Aber auf der Treppe stehenbleiben, jeden Unsinn
ber alltglichen Kram, der ihn gar nicht interessierte, anhren, all
diese ewigen Mahnungen, seine Schulden zu bezahlen, die Drohungen, die
Klagen anhren und sich dann den Kopf nach Ausreden zerqulen, sich
entschuldigen und lgen zu mssen, -- nein, da war es schon besser, wie
eine Katze die Treppe hinunterzuschleichen und sich davonzumachen, ohne
von irgendeinem Menschen sich sehen zu lassen.

brigens, dieses Mal setzte die Furcht vor einer Begegnung mit seiner
Glubigerin ihn selbst in Erstaunen, als er auf die Strae hinaustrat.

Solch eine Sache will ich wagen ... und frchte mich vor solchen
Kleinigkeiten! dachte er ber sich lchelnd. -- Hm ... ja ... alles
liegt in den Hnden eines Menschen und er lt alles vorbeigehen, einzig
und allein aus Feigheit ... das ist ein Axiom ... Ich mchte wissen, was
die Menschen am meisten frchten? Sie frchten sich am meisten vor einem
neuen Schritt, vor einem neuen, eigenen Worte ... Ich schwatze brigens
viel zu viel. Darum handle ich nicht, weil ich schwatze. Vielleicht ist
es aber auch so: ich schwatze darum, weil ich nicht handle. Und das
Schwatzen habe ich in diesem letzten Monat gelernt, indem ich ganze Tage
und Nchte in der Ecke lag und ... unntz trumte. Warum gehe ich jetzt
fort? Bin ich denn dazu fhig? Soll _es_ denn Ernst werden? Natrlich
nicht. Blo des Einfalls wegen spiegle ich mir selbst was vor.
Spielerei! Ja, natrlich ist es Spielerei.

Die Hitze auf der Strae war bengstigend; dazu die schwle Luft, das
Gedrnge, berall lagen Kalk, Ziegelsteine, standen Baugerste, berall
war Staub und jener besondere Sommergestank, der jedem Petersburger
wohlbekannt ist, der nicht ein Landhuschen mieten kann, -- dies alles
erschtterte die ohnedies schon angegriffenen Nerven des jungen Mannes
auf das unangenehmste. Der unertrgliche Geruch aus den Schenken, die in
diesem Stadtteile besonders zahlreich sind, und der Anblick Betrunkener,
denen man alle Augenblicke begegnete, -- trotz des Werktages, --
vollendeten die widerwrtige und traurige Stimmung des Bildes. Ein
Ausdruck des tiefsten Abscheus huschte einen Augenblick ber die feinen
Zge des jungen Mannes. Beilufig gesagt, er war auergewhnlich hbsch,
hatte schne dunkle Augen, dunkelblondes Haar, war fein und schlank und
von mehr als mittlerem guten Wuchse. Bald aber versank er in sein tiefes
Sinnen, oder richtiger gesagt, in Selbstvergessenheit, und ging weiter,
ohne seine Umgebung zu beachten, ohne den Wunsch, sie zu bemerken. Hin
und wieder murmelte er etwas vor sich hin, nach seiner Gewohnheit
Selbstgesprche zu halten, wie er es soeben sich selbst eingestanden
hatte. Dabei wurde er es sich bewut, da seine Gedanken sich zuweilen
verwirrten und da er sehr schwach war -- es war ja der zweite Tag, da
er fast nichts gegessen hatte.

Er war so schlecht angezogen, da mancher, auch der es gewhnt war, sich
geschmt htte, in solchen Lumpen am Tage auf die Strae zu gehen.
Freilich war dieses Viertel derart, da man hier schwerlich jemand durch
seine Kleidung in Erstaunen setzen konnte. Die Nhe des Heumarktes, die
berzahl gewisser Huser und die Bevlkerung, die ausschlielich aus
Handarbeitern besteht und in diesen Straen und Gassen zusammengepfercht
haust, belebten genugsam das allgemeine Bild mit solchen Gestalten, da
es sonderbar gewesen wre, wenn eine solche Figur aufgefallen wre. Und
in der Seele des jungen Mannes hatte sich soviel bse Verachtung
angesammelt, da er trotz seines zuweilen sehr jugendlichen
Selbstgefhls sich fast nicht mehr seiner Lumpen schmte. Anders
freilich war es, wenn er zufllig Bekannten oder frheren Kameraden
begegnete, denen er naturgem gern aus dem Wege ging. Indessen, als ein
Betrunkener, den man von ungefhr in diesem Augenblicke in einem groen
Wagen, mit einem groen Lastpferd davor, durch die Strae fuhr,
pltzlich im Vorbeifahren ihm zurief: He, du da mit dem deutschen
Hute! -- und mit der Hand auf ihn wies, -- blieb der junge Mann stehen
und fate krampfhaft nach seinem Hute. Der Hut war hoch und rund, in
einem guten Laden gekauft, aber vllig abgetragen und verschossen,
voller Lcher und Flecken, ohne Rand und auf der einen Seite hlich
eingedrckt. Nicht Scham, sondern ein ganz anderes Gefhl, das eher
Schrecken war, hatte ihn erfat.

Ich wute es! murmelte er verlegen. Ich dachte es mir! Das ist das
allerschlimmste! So eine Dummheit, irgendeine sinnlose Kleinigkeit kann
das ganze Vorhaben vernichten! Ja, der Hut fllt zu sehr auf ... Er ist
lcherlich, darum fllt er auf ... Zu meinen Lumpen brauche ich
unbedingt eine Mtze und wenn es auch eine alte Kappe ist, aber nicht
dies Ungetm. Niemand trgt solch einen Hut, von ferne schon sieht man
ihn, kann sich ihn merken ... und die Hauptsache, man wird ihn sich fr
spter merken, und ein Indizium ist da. Unauffllig mu man sein ... Die
Kleinigkeiten, die Kleinigkeiten sind die Hauptsache! ... Diese
Kleinigkeiten verderben stets alles ...

Er hatte nicht weit zu gehen; er wute sogar, wieviel Schritte es von
seiner Haustr waren -- genau, siebenhundertunddreiig. Er hatte sie
einmal gezhlt, als er stark ins Trumen gekommen war. Damals glaubte er
diesen Trumen selbst noch nicht, und sie reizten ihn blo durch ihre
abscheuliche, aber verfhrerische Verwegenheit. Jetzt, nach einem Monat,
schaute er es anders an und hatte sich unwillkrlich daran gewhnt, den
abscheulichen Traum -- ungeachtet aller stets wachen Selbstvorwrfe
ber seine eigene Kraftlosigkeit und Unentschlossenheit, -- als ein
Vorhaben anzusehen, obwohl er sich immer noch nicht recht traute. Jetzt
ging er _eine Probe_ seines Vorhabens zu machen, und mit jedem Schritt
wuchs strker und strker seine Aufregung.

Mit erstarrendem Herzen und nervsem Zittern nherte er sich einem
riesigen Hause, das mit der einen Seite auf den Kanal hinausging, mit
der anderen an der R.schen Strae lag. Dieses Haus hatte lauter kleine
Wohnungen und war von allerhand Handarbeitern bewohnt, -- von
Schneidern, Schlossern, Kchinnen, von Deutschen, von Mdchen, die ihre
eigene Wohnung besaen, kleinen Beamten und dergleichen. Durch die
beiden Tore und die beiden Hfe des Hauses huschten in einem fort aus-
und eingehende Menschen. Hier waren drei oder vier Hausknechte
angestellt. Der junge Mann war sehr zufrieden, als er keinem von ihnen
begegnete, und schlpfte unbemerkt rechts vom Tore die Treppe hinauf.
Die Treppe war dunkel und schmal, -- es war eine Hintertreppe, -- er
kannte das alles schon, hatte es genau studiert, und die ganze Umgebung
gefiel ihm; in solcher Dunkelheit ist ein neugieriger Blick
ungefhrlich.

Wenn ich mich jetzt schon so frchte, wie wird es dann sein, wenn ich
wirklich an _die Tat_ selbst gehe? dachte er unwillkrlich, whrend er
zum vierten Stockwerk hinaufstieg. Hier versperrten ihm Packtrger,
verabschiedete Soldaten, die aus einer Wohnung Mbel hinaustrugen, den
Weg. Er wute von frher, da in dieser Wohnung ein Deutscher, ein
Beamter, mit seiner Familie lebte.

Dieser Deutsche zieht jetzt also aus, also bleibt im vierten Stock fr
einige Zeit nur die Wohnung der Alten bewohnt. Das ist gut ... auf jeden
Fall ... dachte er und klingelte an der Tr der Alten. Die Glocke
schlug schwach an, als wre sie aus Blech. In solchen kleinen Wohnungen
findet man immer solche Glocken. Er hatte den Ton dieser Glocke
vergessen, und jetzt schien ihn dieser eigenartige Klang pltzlich an
etwas zu erinnern und eine klare Vorstellung von etwas zu geben ... Er
zuckte zusammen, seine Nerven waren sehr herunter. Kurz darauf ffnete
sich die Tre zu einem winzigen Spalt -- die Bewohnerin blickte hindurch
mit sichtbarem Mitrauen, und man sah blo ihre kleinen, dunkel
leuchtenden Augen. Als sie aber auf dem Flure viele Menschen erblickte,
fate sie sich ein Herz und ffnete die Tr ganz. Der junge Mann trat
ber die Schwelle in ein dunkles Vorzimmer, das durch eine Wand in zwei
Teile geteilt war, dahinter befand sich eine kleine Kche. Die Alte
stand schweigend vor ihm und blickte ihn fragend an. Es war eine kleine
vertrocknete alte Frau, etwa sechzig Jahre alt, mit stechenden und
bsen, kleinen Augen, einer kleinen, spitzen Nase und ohne
Kopfbedeckung. Ihr hellblondes, leicht ergrautes Haar war mit l
eingefettet. Um den dnnen und langen Hals, der dem Beine eines Huhnes
glich, war ein Flanellappen gewickelt und ber die Schultern hing, trotz
der Hitze, eine abgetragene und gelbgewordene Pelzjacke. Die Alte
hustete und rusperte sich fortwhrend. Wahrscheinlich hatte der junge
Mann ihr einen sonderbaren Blick zugeworfen, denn pltzlich tauchte in
ihren Augen wieder das frhere Mitrauen auf.

Ich heie Raskolnikoff, bin Student, war bei Ihnen vor einem Monat,
beeilte sich der junge Mann mit einer leichten Verbeugung zu sagen, sich
erinnernd, da man hier freundlich sein msse.

Ich erinnere mich, Vterchen, ich erinnere mich gut, da Sie da waren,
sagte die Alte, ohne ihre fragenden Augen von seinem Gesichte
abzuwenden.

Also ... ich komme wieder in einer hnlichen Angelegenheit ... fuhr
Raskolnikoff fort, ein wenig verwirrt und erstaunt ber das Mitrauen
der Alten.

Vielleicht ist sie immer so, ich habe es damals blo nicht gemerkt,
dachte er mit unangenehmer Empfindung.

Die Alte schwieg eine Weile, wie in Gedanken vertieft, trat dann zur
Seite, zeigte auf die Tr zu der Stube und sagte, indem sie den Besucher
vorbei lie:

Treten Sie nher, Vterchen!

Das kleine Zimmer, in das der junge Mann eintrat, hatte eine gelbe
Tapete, Geranien standen dort und die Fenster umrahmten
Mousselingardinen. In diesem Augenblick wurde es von der untergehenden
Sonne hell erleuchtet.

Die Sonne wird auch _dann_ ebenso leuchten! ... durchfuhr es pltzlich
Raskolnikoff, und mit einem schnellen Blick berflog er alles in dem
Zimmer, um nach Mglichkeit die Lage zu studieren und sie sich zu
merken. In dem Zimmer aber gab es nichts Besonderes. Die Mbel aus
gelbem Holze, alle sehr alt, bestanden aus einem Sofa mit
ungeheuerlicher, gebogener hlzerner Rckenlehne, einem runden Tisch vor
dem Sofa, einem Toilettentisch mit einem kleinen Spiegel an der Wand
zwischen den Fenstern, aus Sthlen an den Wnden und einigen billigen
Bildern in gelben Rahmen, die deutsche Damen mit Vgeln in den Hnden
darstellten, -- das war die ganze Ausstattung. In der Ecke brannte vor
einem kleinen Heiligenbilde ein Lmpchen. Alles war sehr sauber, -- die
Mbel und die Diele waren blank poliert; alles glnzte. Das ist
Lisawetas Arbeit, dachte der junge Mann. Kein Stubchen konnte man in
der ganzen Wohnung finden. Bei bsen und alten Witwen findet man so
eine Sauberkeit, dachte Raskolnikoff weiter und warf einen neugierigen
Seitenblick auf den Vorhang aus Kattun vor der Tr zu dem zweiten
kleinen Zimmer, in dem das Bett und die Kommode der Alten standen,
dahinein hatte er noch nicht geschaut. Die ganze Wohnung bestand aus
diesen zwei Zimmern.

Was wnschen Sie? fragte die kleine Alte scharf, als sie ihm in das
Zimmer gefolgt war, und stellte sich wieder gerade vor ihm hin, um ihm
ins Gesicht sehen zu knnen.

Ich habe etwas zu verpfnden, und er zog eine alte, flache, silberne
Uhr aus der Tasche. Auf der Rckseite war ein Globus eingraviert. Die
Kette war aus Stahl.

Die Frist fr das frher Versetzte ist schon um. Vorgestern ist der
Monat abgelaufen.

Ich will Ihnen die Zinsen noch fr einen Monat bezahlen; warten Sie
noch ein wenig.

Das ist mein guter Wille, Vterchen, zu warten oder Ihr Ding sofort zu
verkaufen.

Wieviel geben Sie fr die Uhr, Aljona Iwanowna?

Immer kommen Sie mit Kleinigkeiten, Vterchen, sie ist ja fast nichts
wert. Fr den Ring habe ich Ihnen voriges Mal zwei Rubel gegeben, und
man kann ihn bei jedem Juwelier neu fr anderthalb Rubel kaufen.

Geben Sie mir fr die Uhr vier Rubel, ich werde sie einlsen. Sie hat
meinem Vater gehrt. Ich erhalte bald Geld.

Ich will Ihnen anderthalb Rubel dafr geben und die Zinsen abziehen,
wenn Sie damit einverstanden sind.

Anderthalb Rubel! rief der junge Mann aus.

Wie Sie wnschen.

Und die Alte reichte ihm die Uhr. Der junge Mann nahm sie; er war so
bse, da er schon fortlaufen wollte, aber er besann sich, da er sonst
nirgends hingeben konnte, und da er noch aus einem anderen Grunde
gekommen war.

Geben Sie das Geld! sagte er grob.

Die Alte fuhr in die Tasche nach den Schlsseln und ging hinter den
Vorhang in das andere Zimmer. Als der junge Mann allein zurckblieb,
lauschte er voll Neugier und berlegte. Man hrte, wie die Alte die
Kommode aufschlo. Wahrscheinlich ist es die obere Schublade, dachte
er. Die Schlssel trgt sie in der rechten Tasche ... Alle sind sie an
einem Stahlring ... Und da ist ein Schlssel, grer als die anderen,
dreimal so gro, mit zackigem Barte; er ist selbstverstndlich nicht von
der Kommode ... Also, mu es noch eine Schatulle geben oder eine kleine
Truhe ... Das ist zu beachten. Truhen haben immer solche Schlssel ...
Aber, wie gemein ist dies alles ... Da kam die Alte zurck.

Hier haben Sie das Geld, Vterchen. Den Zins zu zehn Kopeken pro Rubel
und Monat gerechnet, bekomme ich von Ihnen fr anderthalb Rubel und fr
einen Monat im voraus fnfzehn Kopeken. Auerdem erhalte ich von Ihnen
fr die zwei frheren Rubel nach derselben Berechnung weitere zwanzig
Kopeken im voraus. Zusammen also fnfunddreiig Kopeken. Sie erhalten
fr Ihre Uhr einen Rubel und fnfzehn Kopeken. Da haben Sie's.

Wie? Jetzt macht es blo einen Rubel und fnfzehn Kopeken?

Ganz richtig.

Der junge Mann stritt nicht weiter und nahm das Geld. Er blickte die
Alte an und zgerte zu gehen, als wolle er noch irgend etwas sagen oder
tun, ohne selber zu wissen, was er wolle ...

Ich werde Ihnen, Aljona Iwanowna, in diesen Tagen vielleicht noch eine
Sache bringen ... ein silbernes ... gutes ... Zigarettenetui ... sobald
ich es von einem Freunde zurckerhalte ...

Nun, dann wollen wir darber reden, Vterchen.

Leben Sie wohl ... Sie sitzen immer allein zu Hause. Ihre Schwester ist
nicht da? fragte er mglichst ungezwungen, whrend er in das Vorzimmer
ging.

Was geht Sie die an, Vterchen?

Nichts Besonderes. Ich fragte blo so. Sie denken gleich ... Leben Sie
wohl, Aljona Iwanowna!

Raskolnikoff schritt vllig verwirrt hinaus. Und seine Verwirrung
verstrkte sich immer mehr und mehr. Whrend er die Treppe hinabstieg,
blieb er sogar einige Mal stehen, als htte ihn pltzlich etwas
bermannt. Schlielich, schon auf der Strae, rief er aus:

Oh, Gott! ... Wie abscheulich ist dies alles! Und werde ich es
tatschlich, tatschlich ... nein, das ist ja Unsinn, ein unmglicher
Gedanke! fgte er entschlossen hinzu. Wie konnte mir blo so etwas
frchterliches in den Sinn kommen! Und doch, zu welchem Schmutz ist mein
Herz fhig! Die Hauptsache bleibt, -- es ist schmutzig, niedertrchtig,
gemein, abscheulich ... Und ich habe einen ganzen Monat ...

Er konnte weder durch Worte noch durch Ausrufe seine Erregung
ausdrcken. Das Gefhl eines grenzenlosen Abscheus, das sein Herz schon
bedrckte und verwirrte, als er zu der Alten ging, erreichte nun solch
einen Umfang und uerte sich in einer Strke, da er nicht wute, wohin
er vor seiner Qual sollte. Er ging auf der Strae wie ein Betrunkener,
ohne die Vorbergehenden zu bemerken, stie mit ihnen zusammen und kam
erst in der nchsten Strae zu einiger Besinnung. Er schaute um sich und
ward gewahr, da er neben einer Schenke stand, zu der von der Strae aus
eine Treppe in das Kellergescho fhrte. Soeben kamen zwei Betrunkene
heraus, sttzten sich gegenseitig und stiegen schimpfend die Treppe
hinauf. Ohne lange nachzudenken, sprang Raskolnikoff eilig hinab. Er war
noch nie in einer Schenke gewesen, jetzt aber schwindelte ihn und ein
brennender Durst qulte ihn. Er wollte kaltes Bier trinken, um so mehr,
als er seine pltzliche Schwche dem Umstande zuschrieb, da er nichts
im Magen hatte. Er lie sich in einer dunkeln und schmutzigen Ecke an
einem schmierigen Tische nieder, verlangte Bier und trank gierig das
erste Glas aus. Sofort wurde es ihm leichter, und seine Gedanken wurden
klarer. Das alles ist Unsinn, sagte er voll Hoffnung. Nichts braucht
mich aus der Fassung zu bringen. Es ist blo physische Zerrttung. Ein
Glas Bier, ein Stck Zwieback, -- und im Nu ist der Verstand da, die
Gedanken klar und die Absichten im Lot! Pfui, wie ist dies alles
erbrmlich! ...

Aber trotz des verchtlichen Ausspeiens sah er schon heiter aus, als
htte er sich pltzlich einer schrecklichen Last entledigt, und blickte
die Anwesenden freundlich an. Aber selbst in diesem Augenblicke berkam
ihn die leise Ahnung, da diese Empfnglichkeit fr das Bessere auch
krankhaft sei.

In der Schenke waren um diese Stunde wenige Menschen. Auer den zwei
Betrunkenen, denen er auf der Treppe begegnet war, hatte gleich darauf
eine ganze Gesellschaft, etwa fnf Mnner und ein Mdchen, mit einer
Ziehharmonika die Schenke verlassen. Darauf war es still und freier
geworden. Es waren brig geblieben: ein Angetrunkener, der aber nicht zu
stark berauscht war; er sa hinter einer Flasche Bier, dem Aussehen nach
ein Kleinbrger; sein Kamerad, ein dicker bergroer Mann, in einem
dicken Mantel, mit grauem Bart, stark berauscht, duselte auf einer Bank;
ab und zu begann er pltzlich, wie im Schlafe, mit den Fingern zu
schnippen, wobei er die Arme ausbreitete, hin und wieder hpfte er mit
dem Oberkrper, ohne sich von der Bank zu erheben, sang dazu irgendeinen
Unsinn und versuchte sich auf Verse wie folgende zu besinnen:

   Ein ganzes Jahr hab' ich mein Weib geliebt, gehtschelt,
   Ein gan--zes Jahr hab' ich mein Weib ge--liebt, ge--ht--schelt ...

Oder er erwachte pltzlich und sang:

   Lngs der Podjatscheskoi bin ich gegangen,
   Hab' mein frheres Weib gefunden ...

Aber niemand nahm Anteil an seinem Glck; sein schweigender Kamerad sah
diese Ausbrche sogar feindselig und mitrauisch an. Es war noch ein
Mann da, dem Aussehen nach ein verabschiedeter Beamter. Er sa allein
vor seiner Flasche, trank hin und wieder einen Schluck und blickte um
sich. Auch er schien in einer gewissen Aufregung zu sein.


                                  II.

Raskolnikoff war an Menschenmengen nicht gewhnt und wie gesagt, mied er
besondere in der letzten Zeit jegliche Gesellschaft. Jetzt aber zog ihn
pltzlich etwas zu den Menschen hin. Es ging in ihm etwas vor,
anscheinend etwas Neues, und gleichzeitig machte sich ein starker Drang
nach Menschen bemerkbar. Er war so mde von dieser einen Monat schon
whrenden bohrenden Qual und dsteren Aufregung, da er wenigstens fr
einen Augenblick in einer anderen Welt, ganz gleichgltig in welcher, --
aufatmen wollte, und so blieb er jetzt trotz des Schmutzes dieser
Umgebung mit Vergngen in der Schenke ...

Der Besitzer des Lokals hielt sich in einem anderen Zimmer auf, kam aber
fters in das Schenkzimmer; er mute dabei ein paar Stufen hinabsteigen,
und es zeigten sich zuerst seine eleganten Schmierstiefel mit breitem
roten Rande an den Schften. Er stak in einem faltigen Mantel und in
einer frchterlich verschmierten schwarzen Atlasweste, war ohne Halstuch
und sein ganzes Gesicht schien, gleich einem eisernen Schlosse, mit l
eingefettet zu sein. Hinter dem Schenktisch stand ein Junge von vierzehn
Jahren; es war noch ein anderer, ein jngerer, da, der die Gste
bediente, wenn etwas verlangt wurde. Auf dem Tische lagen Gurken, in
Scheiben geschnitten, schwarze Zwiebacke und in kleine Stcke zerteilter
Fisch; dies alles roch sehr schlecht. In dem Raume war es so dumpf, da
es unertrglich war, darinnen zu sitzen und alles war von
Branntweingeruch so durchdrungen, da man von dieser Luft allein in fnf
Minuten berauscht werden konnte. -- Es kommt vor, da wir sogar vllig
unbekannten Menschen begegnen, fr die wir uns vom ersten Augenblick an,
ehe wir noch ein Wort mit ihnen getauscht haben, zu interessieren
beginnen. Einen hnlichen Eindruck hatte auf Raskolnikoff der Gast
gemacht, der einem verabschiedeten Beamten glich und abseits an einem
Tische sa. Raskolnikoff erinnerte sich spter mehrmals dieses ersten
Eindruckes und schrieb ihn sogar einer Vorahnung zu. Er blickte
ununterbrochen den Beamten an, sicher auch darum, weil der ebenso
hartnckig zu ihm herberschaute; man merkte, da er sehr gern ein
Gesprch angeknpft htte. Die brigen Gste, den Besitzer nicht
ausgenommen, bersah der Beamte gewohnheitsmig und voll Langeweile,
und zugleich mit einem Ausdrucke von hochmtiger Geringschtzung, wie
Menschen von niedriger Stellung und Bildung, mit denen er nichts gemein
habe. Es war ein Mann, ber fnfzig Jahre, von mittlerem Wuchse und
krftigem Bau, mit ergrautem Haar und einer groen Glatze, mit einer vom
Trinken gedunsenen, gelben oder vielmehr grnlichen Gesicht und
geschwollenen Augenlidern, unter denen winzige aber lebhafte, gertete
Augen hervorstachen. Etwas Sonderbares war jedoch an ihm; in seinen
Augen leuchtete eine gewisse Begeisterung, vielleicht lag auch Verstand
und Klugheit in ihnen, -- aber gleichzeitig schimmerte es drinnen wie
Irrsinn. Er war mit einem alten vllig heruntergerissenen schwarzen
Frack mit losen Knpfen bekleidet. Ein einziger Knopf sa noch
einigermaen fest, und mit ihm knpfte er ihn zu, da er offenbar die
gesellschaftlichen Formen nicht vernachlssigen wollte. Unter der
Nankingweste zeigte sich ein ganz zerknlltes, beschmutztes und
vertropftes Vorhemd. Das Gesicht war nach Beamtenart rasiert, aber vor
lngerer Zeit schon, so da bluliche Stoppeln hervorstanden. Selbst in
seinen Bewegungen lag etwas Solides, Beamtenartiges. Aber er war in
stndiger Unruhe, fuhr sich durch die Haare, stemmte die zerrissenen
Ellenbogen zuweilen auf den begossenen und klebrigen Tisch und sttzte,
wie in schwerem Gram, mit beiden Hnden den Kopf. Zuletzt fate er
Raskolnikoff fest ins Auge und sagte laut und energisch:

Darf ich es wagen, mein verehrter Herr, mich mit einem anstndigen
Gesprch an Sie zu wenden? Denn obgleich Ihr ueres nicht viel vermuten
lt, unterscheidet meine Erfahrung in Ihnen doch einen gebildeten und
ans Trinken nicht gewhnten Menschen. Ich habe stets Bildung geachtet,
die mit Herz und Gefhl verbunden ist, und auerdem bin ich im Range
eines Titularrates. Marmeladoff -- so ist mein Name, Titularrat. Darf
ich erfahren, ob Sie im Staatsdienste gewesen sind?

Nein, ich studiere ... antwortete der junge Mann, erstaunt ber den
sonderbaren, verschnrkelten Ton der Anrede und auch darber, da man
sich so direkt an ihn wandte. Trotz des Wunsches vor kurzem noch, in
irgendeine Fhlung mit Menschen zu kommen, empfand er pltzlich bei dem
ersten tatschlich an ihn gerichteten Worte, seine gewhnliche,
peinliche und gereizte Abscheu vor jedem fremden Menschen, der sich ihm
zu nhern versuchte.

Sie sind ein Student oder gewesener Student! fuhr der Beamte fort.
Ich dachte es mir gleich. Das macht die Erfahrung, mein Herr, die lange
Erfahrung! und selbstgefllig berhrte er die Stirn mit dem Finger. --
Sie waren Student, haben gelehrten Studien obgelegen! Gestatten Sie
aber ...

Er erhob sich schwankend, nahm seine Flasche und sein Glschen und
setzte sich dem jungen Manne schrg gegenber. Er war berauscht, sprach
aber rasch und gelufig, hin und wieder blieb er ein wenig stecken und
zog die Stze in die Lnge. Mit einer gewissen Gier hatte er sich auf
Raskolnikoff gestrzt, als htte auch er einen ganzen Monat mit niemand
gesprochen.

Verehrter Herr! begann er fast feierlich, Armut ist kein Laster, das
ist wahr. Ich wei, da der Trunk auch keine Tugend ist, und das ist
noch wahrer. Aber Bettelarmut, mein Herr, bettelarm zu sein ist ein
Laster, ja. In der Armut bewahrt man noch die Anstndigkeit der
angeborenen Gefhle, wenn man aber bettelarm ist -- nie und nimmer. Wenn
man bettelarm ist, so wird man nicht mal mit einem Stocke herausgejagt,
sondern mit einem Besen aus der menschlichen Gesellschaft hinausgefegt,
damit es beleidigender sein soll; und das ist gerecht, denn wenn ich
bettelarm bin, so bin ich selbst, als erster, bereit, mich zu
beleidigen. Daher auch das Trinken! Mein Herr, vor einem Monat hat Herr
Lebesjtnikoff meine Gattin verprgelt, und meine Gattin ist etwas
Besseres als ich! Verstehen Sie? Gestatten Sie mir eine Frage, so, aus
reiner Neugier, -- haben Sie schon auf der Newa, in den Heubarken
geschlafen?

Nein, das habe ich noch nicht, antwortete Raskolnikoff. Was ist das?

Nun, ich komme von dort, schlafe schon die fnfte Nacht in den Barken
...

Er go sich ein Glas ein, trank es leer und versank in Gedanken. Man sah
tatschlich an seinen Kleidern und in den Haaren hie und da Heuhalme. Es
war leicht mglich, da er sich fnf Tage weder ausgekleidet noch
gewaschen hatte. Am schmutzigsten waren seine fetten, roten Hnde mit
schwarzen Fingerngeln.

Sein Gesprch schien allgemeine, wenn auch etwas flaue Aufmerksamkeit
erregt zu haben. Die Knaben hinter dem Schenktische begannen zu kichern.
Der Wirt war, wohl absichtlich aus dem oberen Zimmer gekommen, um den
Kauz zu hren; er setzte sich abseits und ghnte faul, aber wrdevoll.
Marmeladoff war offenbar hier lngst bekannt. Auch die Neigung fr
gesuchte Ausdrcke hatte er wahrscheinlich durch die Gewohnheit,
Wirtschaftsunterhaltungen mit allerhand Unbekannten anzuknpfen,
ausgebildet. Diese Gewohnheit wird bei manchen Trinkern zum Bedrfnis
und besonders bei denen, die zu Hause streng behandelt werden. Darum
versuchen sie in Gesellschaft von Trinkern sich stets eine
Rechtfertigung und wenn mglich sogar Achtung der anderen zu
verschaffen.

Komischer Kauz! sagte laut der Wirt. Warum arbeitest du nicht, warum
bist du nicht im Dienst, wenn du Beamter bist?

Warum ich nicht im Dienste bin, mein Herr? sagte Marmeladoff, sich
ausschlielich an Raskolnikoff wendend, als htte der ihm die Frage
vorgelegt. -- Warum ich nicht im Dienste bin? Tut mir denn das Herz
nicht weh, da ich unntz herumlungere? Als Herr Lebesjtnikoff vor
einem Monat eigenhndig meine Gattin verprgelte und ich berauscht
dalag, habe ich da nicht gelitten? Erlauben Sie, junger Mann, ist es
Ihnen passiert, ... hm ... nun, da Sie aussichtslos jemanden baten,
Ihnen Geld zu leihen?

Das ist mir passiert ... das heit, wie meinen Sie -- aussichtslos?

Das heit vllig aussichtslos, wenn man schon im voraus wei, da
nichts daraus wird. Sagen wir, Sie wissen zum Beispiel vorher und
zweifellos, da dieser Mann, dieser wohlgesinnte und uerst ntzliche
Brger Ihnen um keinen Preis Geld geben wird, denn -- ich frage Sie --
warum soll er es tun? Er wei doch, da ich es nicht zurckgeben werde.
Etwa aus Mitleid? Herr Lebesjtnikoff aber, der neue Gedanken und Ideen
mit Interesse verfolgt, hat vor kurzem erklrt, da in unserer Zeit
Mitleid sogar von der Wissenschaft verboten sei, und da man in England,
woher die politische konomie kommt, schon danach handle. Warum also --
frage ich Sie -- sollte er geben? Und sehen Sie, obwohl Sie im voraus
wissen, da er nicht geben wird, machen Sie sich doch auf den Weg und
...

Warum geht man denn hin? sagte Raskolnikoff.

Wenn es aber niemanden mehr gibt, wenn man nirgendwo anders hingehen
kann! Es mte doch so sein, da jeder Mensch irgendwo hingehen knnte.
Denn es kommen Zeiten, wo man unbedingt irgendwo hingehen mu! Als meine
einzige Tochter zum erstenmal mit dem gelben Schein[6] ging, ging ich
auch ... (meine Tochter lebt nmlich auf den gelben Schein) ... fgte
er hinzu und blickte mit einiger Unruhe den jungen Mann an. Hat nichts
zu sagen, mein Herr, hat nichts zu sagen! beeilte er sich, sofort und
scheinbar ruhig zu erklren, als die beiden Knaben hinter dem
Schenktische in Lachen ausbrachen und auch der Wirt lchelte. Hat
nichts zu sagen! Durch dieses Tuscheln la ich mich nicht stren, denn
es ist lngst bekannt, und alles Verborgene wird offenbar, und nicht mit
Verachtung, sondern mit Demut ertrage ich es. Mgen sie! Mgen sie!
>_Ecce homo!_< Erlauben Sie, junger Mann, knnen Sie vielleicht ... Aber
nein, man mu sich strken und deutlicher ausdrcken: nicht _knnen_
Sie, sondern _wagen Sie_, indem Sie mich dabei ansehen, zu behaupten,
da ich kein Schwein bin?

Der junge Mann antwortete nicht.

Nun, fuhr der Redner gesetzter und sogar noch wrdevoller fort,
nachdem er gewartet hatte, bis das Kichern in dem Zimmer aufhrte, nun
gut, ich mag ein Schwein sein, sie aber ist eine Dame. Ich sehe aus wie
ein Vieh, Katerina Iwanowna, meine Gattin, aber ist eine gebildete
Person und die Tochter eines Stabsoffiziers. Mag ich, mag ich ein Schuft
sein, sie aber ist hochherzig und ist durch Erziehung voll edler
Gefhle. Indessen aber ... oh, wenn sie mit mir Mitleid htte! Mein
Herr, verehrter Herr, es mte doch so sein, da jeder Mensch wenigstens
eine Stelle habe, wo er Mitleid fnde! Katerina Iwanowna ist wohl eine
gromtige Dame, aber ungerecht ... Und obwohl ich verstehe, da sie
mich an den Haaren zerrt, aus keinem anderen Grunde als aus Mitleid des
Herzens -- denn ich wiederhole es, ohne mich zu schmen, sie zerrt mich
an den Haaren, junger Mann, besttigte er mit verstrkter Wrde, als er
wieder Kichern vernahm. Aber mein Gott, was wrde geschehen, wenn sie
wenigstens ein einziges Mal ... Aber nein! Nein! Das alles ist umsonst,
und es lohnt sich nicht, davon zu sprechen! Lohnt sich nicht zu
sprechen! ... Denn mehr als einmal war das Gewnschte dagewesen, und
mehr als einmal hatte man mit mir Mitleid gehabt, aber ... meine Natur
ist schon so, ich bin ein geborenes Vieh!

Und ob! bemerkte der Wirt ghnend.

Marmeladoff schlug entschlossen mit der Faust auf den Tisch.

So ist meine Natur! Wissen Sie, wissen Sie, mein Herr, ich habe sogar
ihre Strmpfe vertrunken! Nicht die Stiefel, denn das wrde noch in der
Ordnung der Dinge liegen, sondern die Strmpfe, ihre Strmpfe habe ich
vertrunken! Ihr Tuch aus Ziegenwolle habe ich vertrunken, man hat es ihr
einst geschenkt, es gehrte ihr, nicht mir; wir leben in einem kalten
Zimmer und sie hat sich in diesem Winter erkltet und begann zu husten,
sogar Blut kam. Wir haben noch drei kleine Kinder, und Katerina Iwanowna
ist vom frhen Morgen bis in die Nacht bei der Arbeit; sie scheuert und
wscht, auch die Kinder wscht sie, denn sie ist von Kindheit auf an
Reinlichkeit gewhnt, aber sie hat eine schwache Brust und neigt zur
Schwindsucht, und ich fhle es! Fhle ich es denn nicht? Und je mehr ich
trinke, um so strker fhle ich. Darum trinke ich auch, weil ich in
diesem Tranke Mitleid und Gefhl suche ... Ich trinke, weil ich doppelt
leiden will!

Und er neigte wie in Verzweiflung seinen Kopf auf den Tisch.

Junger Mann, fuhr er fort und hob wieder den Kopf, in Ihrem Gesichte
lese ich etwas wie Kummer. Als Sie hereintraten, habe ich es gesehen,
und darum habe ich mich auch sofort an Sie gewandt. Denn, indem ich
Ihnen die Geschichte meines Lebens erzhlte, will ich mich nicht an den
Schandpfahl vor diesen Tagdieben stellen, die brigens alles wissen,
sondern ich suche einen fhlenden und gebildeten Menschen. Sie sollen
wissen, -- meine Gattin ist in einem adligen Gouvernementspensionat
erzogen und hat bei der Schluprfung vor dem Gouverneur und anderen
Persnlichkeiten mit dem Schal getanzt, wofr sie eine goldene Medaille
und ein Ehrenzeugnis erhielt. Die Medaille ... nun die Medaille haben
wir verkauft ... schon lange ... hm ... das Ehrenzeugnis liegt noch in
ihrem Kasten, und sie hat es vor kurzem unserer Wirtin gezeigt. Obwohl
sie mit der Wirtin stndig, ununterbrochen Streitigkeiten hat, wollte
sie doch vor jemand sich rhmen und von vergangenen glcklichen Tagen
erzhlen. Und ich verurteile sie nicht, ich verurteile nicht, denn das
allein ist nur in ihrer Erinnerung geblieben, alles brige ist zu Staub
geworden. Ja, ja, sie ist eine hitzige, stolze und unbeugsame Dame. Sie
wscht selbst den Fuboden, it Schwarzbrot, aber Miachtung duldet sie
nicht. Darum wollte sie auch nicht die Grobheit des Herrn Lebesjtnikoff
dulden, und als Herr Lebesjtnikoff sie verprgelte, da legte sie sich
zu Bett -- weniger der Schlge, als des Schimpfes wegen. Ich habe sie
als Witwe geheiratet, mit drei ganz kleinen Kindern. Ihren ersten Mann,
einen Infanterieoffizier, heiratete sie aus Liebe und war aus dem
Elternhause mit ihm geflohen. Sie liebte ihren Mann grenzenlos, er fing
aber an Karten zu spielen, kam vors Gericht und starb. Er hat sie oft
geschlagen in den letzten Jahren, und obwohl sie sich nichts von ihm
gefallen lie, wie ich es bestimmt und aus Schriftstcken wei, --
erinnert sie sich doch seiner heute noch mit Trnen und hlt ihn mir als
Muster vor, und ich freue mich, ich freue mich, weil sie sich wenigstens
in der Phantasie als einstmals glcklich fhlt ... Nach seinem Tode
blieb sie mit drei kleinen Kindern in einem abgelegenen und
weltvergessenen Kreise, wo ich mich auch damals befand, und in solch
hoffnungsloser Armut, da ich sie nicht beschreiben kann, obwohl ich
vieles und allerhand gesehen habe. Ihre Verwandten hatten sich alle von
ihr losgesagt. Ja und sie war so stolz, zu stolz ... Und da bot ich,
mein Herr, auch ein Witwer mit einer vierzehnjhrigen Tochter von meiner
ersten Frau, ihr meine Hand an, denn ich konnte solch eine Qual nicht
mit ansehen. Sie knnen danach beurteilen, wie stark ihre Not war, da
sie, gebildet, gut erzogen und aus angesehener Familie, bereit war, mich
zu heiraten. Sie heiratete mich! Weinend, schluchzend und hnderingend
-- heiratete sie mich doch! Denn sie konnte ja nirgendwo hin. Verstehen
Sie, verstehen Sie, mein Herr, was es heit, wenn man nirgendwo mehr hin
kann? Nein! Das knnen Sie noch nicht verstehen ... Ein ganzes Jahr
erfllte ich meine Pflicht treu und redlich und rhrte das da nicht an
(er wies auf die Branntweinflasche), denn ich habe Gefhl. Aber auch
damit konnte ich sie nicht zufrieden stellen; ich verlor meine Stelle
und nicht eines Vergehens, sondern einer nderung im Etat wegen, und nun
wandte ich mich dem zu! ... Es sind schon anderthalb Jahre, seit wir
nach langen Irrfahrten und vielfach groer Not endlich in dieser
prchtigen und mit unzhligen Denkmlern geschmckten Residenz
eintrafen. Ich fand hier eine Stelle ... Ich fand und verlor sie wieder.
Verstehn Sie? Diesmal verlor ich die Stelle aus eigener Schuld, denn
meine Neigung brach durch ... Jetzt wohnen wir in einem Winkel bei der
Wirtin Amalie Fedorowna Lippewechsel, wovon wir aber leben und womit wir
bezahlen -- das wei ich nicht. Auer uns leben noch viele dort ... Ein
entsetzliches Drunter und Drber ... hm ... ja ... Indessen wurde mein
Tchterchen aus der ersten Ehe erwachsen, und was sie, mein Tchterchen,
von ihrer Stiefmutter zu erdulden hatte, als sie heranwuchs, darber
schweige ich. Obwohl Katerina Iwanowna von gromtigen Gefhlen
durchdrungen ist, so ist sie doch eine hitzige und gereizte Dame und
schneidet einem schnell das Wort ab ... Ja! Nun, es lohnt sich nicht,
dessen zu gedenken! Eine Erziehung hat Ssonja, wie Sie sich denken
knnen, nicht erhalten. Ich habe versucht, etwa vor vier Jahren,
Geographie und Weltgeschichte mit ihr durchzunehmen, aber da ich selbst
nicht ganz sattelfest war und keine anstndigen Bcher besa, denn die
Bcher, die wir hatten ... hm ... na, diese Bcher sind nicht mehr da
... So endigte auch damit der ganze Unterricht. Wir blieben bei Cyrus
von Persien stehen. Spter, als sie reifer und lter wurde, las sie
einige Bcher romanhaften Inhalts, ja und vor kurzem erhielt sie von
Herrn Lebesjtnikoff ein Buch -- Physiologie von Lewis -- kennen Sie es?
Sie las es mit groem Interesse und teilte uns auch einige Abschnitte
daraus mit, -- das ist ihr ganzes Wissen. Jetzt wende ich mich an Sie,
mein Herr, mit einer persnlichen Frage, so von mir aus, -- wieviel
kann, nach Ihrer Meinung, ein armes, ehrliches, junges Mdchen durch
ehrliche Arbeit verdienen? ... Sie wird kaum fnfzehn Kopeken pro Tag
verdienen, mein Herr, wenn sie ehrlich ist und keine besonderen Talente
hat, und da mu sie, ohne einen Augenblick zu ruhen, ununterbrochen
arbeiten! Und dabei hat der Staatsrat Iwan Iwanowitsch Klopstock, --
haben Sie von ihm gehrt? -- bis heute nicht blo das Geld fr Nhen
eines halben Dutzend Hemden aus hollndischem Leinen nicht bezahlt,
sondern hat sie sogar unter Krnkungen hinausgejagt, hat mit den Fen
getrampelt und sie in unanstndiger Weise beschimpft, unter dem
Vorwande, da der Hemdkragen nicht nach Ma und dazu schief genht sei.
Und die Kinder sitzen hungrig zu Hause ... Katerina Iwanowna geht
hnderingend im Zimmer herum und auf ihren Wangen zeigen sich rote
Flecke, -- was bei dieser Krankheit stets vorkommt. Du lebst bei uns,
Miggngerin, sagte sie, -- it, trinkst und geniet die Wrme, -- was
gibt es aber denn zu essen und zu trinken, wenn die Kinder nicht mal
eine Brotrinde drei Tage lang zu sehen bekommen! Ich lag damals
berauscht da ... nun, was ist da viel zu sagen, ich lag berauscht da und
hrte, wie meine Ssonja sagt -- sie ist so still und ihr Stimmchen so
sanft ... hellblond ist sie, das Gesichtchen ist immer bleich und mager
-- also, sie sagt: >Wie, Katerina Iwanowna, soll ich denn auf so was
eingehen?< Darja Franzowna, ein bses und der Polizei gut bekanntes
Weib, hatte sich schon dreimal durch unsere Wirtin erkundigt. >Was
sonst,< antwortet Katerina Iwanowna spttisch. >Wozu es hten? So ein
Kleinod!< Klagen Sie sie aber nicht an, mein Herr, klagen Sie nicht an,
verurteilen Sie nicht! Es war gesagt nicht bei gesundem Verstande,
sondern in erregter Stimmung, in Krankheit und beim Anblick der
weinenden Kinder, die nichts gegessen hatten, und es war eher um zu
krnken, als im genauen Sinne des Wortes gesagt ... Denn Katerina
Iwanowna hat nun einmal so einen Charakter, und wenn die Kinder anfangen
zu weinen, und sei es aus Hunger, schlgt sie sie sofort. Und da sah ich
-- es war gegen sechs Uhr -- wie Ssonjetschka aufstand, das Tchlein
umnahm, ihr Pelzchen anzog und die Wohnung verlie, in der neunten
Stunde aber kam sie zurck. Sie kam, ging direkt zu Katerina Iwanowna
und legte schweigend auf den Tisch dreiig Rubel hin. Kein einziges
Wrtchen hat sie gesagt, nicht mal hingeblickt; sie nahm unser groes
grnes Umlegetuch -- wir besitzen so ein gemeinsames Umlegetuch --
bedeckte damit den Kopf und das Gesicht ganz und gar und legte sich auf
das Bett mit dem Gesichte zur Wand; blo die schmalen Schultern und der
ganze Krper bebten ... Ich aber lag, wie vorher, in demselben Zustande
... Und da sah ich, junger Mann, da sah ich, wie Katerina Iwanowna, ohne
ein Wort zu sagen, an das Bettchen von Ssonjetschka herantrat und den
ganzen Abend auf den Knien zu ihren Fen lag, ihr die Fe kte, nicht
aufstehen wollte, und wie sie beide schlielich umschlungen einschliefen
... beide ... beide zusammen ... ja ... und ich lag berauscht da.

Marmeladoff schwieg, als versage ihm die Stimme. Dann schenkte er sich
pltzlich ein, trank schnell aus und krchzte.

Seit der Zeit, mein Herr, -- fuhr er nach kurzem Schweigen fort, --
seit der Zeit ist meine Tochter Ssofja Ssemenowna gezwungen worden --
dank einem ungnstigen Zufalle und dank der Denunziation
schlechtgesinnter Menschen, wobei Darja Franzowna sich besonders
hervorgetan hat, weil man ihr angeblich die ihr gebhrende Achtung
versagt habe, -- den gelben Schein zu nehmen und hat infolgedessen bei
uns nicht lnger bleiben knnen. Denn unsere Wirtin, Amalie Fedorowna
wollte es nicht zulassen, -- vorher aber hat sie Darja Franzowna, dazu
verholfen -- und auch Herr Lebesjtnikoff ... hm ... Ja, sehen Sie, die
Geschichte zwischen ihm und Katerina Iwanowna passierte ja wegen Ssonja.
Zuerst stellte er Ssonjetschka selbst nach, mit einem Mal aber wurde er
empfindlich. >Wie kann ich, als ein gebildeter Mann -- sagte er -- mit
so einer in derselben Wohnung leben?< Katerina Iwanowna nahm es nicht
stillschweigend hin, trat fr Ssonja ein ... nun, und da passierte es
... Ssonjetschka besucht uns nun meist in der Dmmerung, hilft Katerina
Iwanowna und gibt nach Mglichkeit Geld ... Wohnen aber tut sie bei dem
Schneider Kapernaumoff; sie hat bei ihm eine Stube gemietet.
Kapernaumoff ist lahm und stottert, und seine sehr zahlreiche Familie
stottert auch. Auch seine Frau stottert ... Sie leben alle in einem
Zimmer. Ssonja aber hat ihr eigenes mit einer Scherwand ... Hm ... ja
... Es sind furchtbar arme Leute und dazu stottern sie noch ... ja ...
Ich stand also am Morgen auf, zog meine Lumpen an, hob die Hnde gen
Himmel und ging zu Seiner Exzellenz Iwan Afanassjewitsch. Geruhen Sie
Seine Exzellenz Iwan Afanassjewitsch zu kennen? ... Nein? ... Nun, dann
kennen Sie nicht einen Gottesmenschen! Er ist wie Wachs ... Wachs vor
dem Angesichte Gottes; er schmilzt wie Wachs ... Er vergo sogar Trnen,
nachdem er geruht hat alles anzuhren. >Nun, -- sagte er -- einmal hast
du meine Erwartung getuscht, Marmeladoff ... Ich gebe dir noch einmal
eine Stelle, -- auf meine persnliche Verantwortung hin,< -- so sprach
er -- >denk daran -- sagte er -- und geh jetzt!< Ich kte den Staub zu
seinen Fen -- in Gedanken nur, denn in Wirklichkeit htte er es nicht
gestattet, als Wrdentrger und als ein Mann der neuen Staatsideen und
Bildung. Ich kehrte nach Hause zurck, und als ich mitteilte, da ich in
den Staatsdienst aufgenommen wre und Gehalt erhalten wrde, --
Herrgott, was geschah da ...

Marmeladoff hielt von neuem in groer Erregung inne. In diesem
Augenblick drang von der Strae eine Schar von Trunkenbolden herein, die
schon bezecht waren, und am Eingange ertnten die Klnge eines
Leierkastens und die gesprungene Stimme eines siebenjhrigen Kindes, das
ein Gassenlied sang. Es wurde lrmend. Der Wirt und die Knaben bedienten
die Neuangekommenen. Marmeladoff setzte seine Erzhlung fort, ohne die
Eingetretenen zu beachten. Er schien sehr schwach geworden zu sein, aber
je strker der Branntwein auf ihn wirkte, um so redseliger wurde er. Die
Erinnerung an den krzlichen Erfolg und die Aufnahme in den Dienst
schien ihn zu beleben und spiegelte sich sogar auf seinem Gesichte
gleich einem frohen Schimmer wieder. Raskolnikoff hrte ihm aufmerksam
zu.

Das geschah, mein Herr, vor fnf Wochen. Ja ... Kaum hatten sie beide,
Katerina Iwanowna und Ssonjetschka es erfahren, da schien ich -- oh
Gott! -- ins Himmelreich geraten zu sein. Frher lag ich da wie ein Vieh
und hrte blo Schimpfen! Nun aber gingen sie auf den Fuspitzen, die
Kinder wurden angehalten ruhig zu sein. >Ssemjon Sacharytsch ist mde
vom Dienste, ruht sich aus ... pst!< Ehe ich in den Dienst mute, bekam
ich Kaffee; Sahne wurde gekocht. Sie verschafften wirkliche Sahne, hren
Sie! Und woher sie elf Rubel und fnfzig Kopeken zu einer anstndigen
Equipierung zusammengekratzt haben, begreife ich bis jetzt noch nicht.
Stiefel, ein prachtvolles Kalikohemd, einen Uniformrock -- alles haben
sie in ausgezeichnetem Zustande fr elf Rubel und fnfzig Kopeken
aufgebracht. Den ersten Tag kam ich frh aus dem Dienste und was sehe
ich, -- Katerina Iwanowna wartet mit zwei Speisen auf -- Suppe und
Pkelfleisch mit Meerrettich, wovon wir vorher nicht mal einen Begriff
hatten. Sie hat eigentlich keine Kleider ... wirklich gar keine, aber
nun war sie angezogen, als wollte sie einen Besuch machen; sie hatte
sich geschmckt, und im Grunde genommen war nichts Besonderes da, aber
sie hatte es verstanden, aus nichts alles zu schaffen, -- hatte ihr Haar
geordnet, einen reinen Kragen, Manschetten angelegt und hatte aus sich
einen ganz anderen Menschen gemacht, sah jnger und hbscher aus.
Ssonjetschka, mein Tubchen, hatte nur mit Geld geholfen, denn es gehe
jetzt nicht an, sagte sie, da sie uns oft besuchte, hchstens in der
Dmmerung, damit niemand es sehe. Hren Sie, hren Sie? Nach dem Essen
legte ich mich ein wenig hin -- wie meinen Sie, was geschah da, --
Katerina Iwanowna konnte es doch nicht ber sich bringen, und lud unsere
Wirtin, Amalie Fedorowna, trotzdem sie sich vor einer Woche mit ihr
gehrig gezankt hatte, nun zu einer Tasse Kaffee ein. Zwei Stunden saen
sie und flsterten fortwhrend. >Ssemjon Sacharytsch -- erzhlte
Katerina Iwanowna -- ist jetzt im Staatsdienste und erhlt Gehalt; er
erschien bei Seiner Exzellenz, und Seine Exzellenz kam selbst heraus,
lie alle anderen warten, nahm Ssemjon Sacharytsch an der Hand und
fhrte ihn in sein Zimmer!< -- Hren Sie, hren Sie! -- >Ich erinnere
mich selbstverstndlich Ihrer Verdienste, Ssemjon Sacharytsch -- sagte
er -- und obwohl Sie diese leichtsinnige Schwche haben, -- da Sie es
mir aber versprechen und es bei uns auerdem ohne Sie nicht gut gegangen
ist< -- (Hren Sie, hren Sie!) -- >So verlasse ich mich jetzt auf Ihr
Ehrenwort< -- sagte er -- das heit, ich mu Ihnen sagen, sie hatte sich
das alles ausgedacht, nicht aus Geschwtzigkeit und auch nicht um damit
zu prahlen. Nein, sie glaubt selbst daran, ergtzt sich an ihrer eigenen
Phantasie, bei Gott! Und ich verurteile es nicht, nein, ich verurteile
es nicht, nein, ich verurteile es nicht! ... Als ich nun, vor sechs
Tagen, mein erstes Gehalt -- dreiundzwanzig Rubel vierzig Kopeken ihr
vollzhlig abgab, nannte sie mich ihr Pppchen. >So ein Pppchen bist
du!< -- sagte sie. Und unter vier Augen hat sie es gesagt, verstehen
Sie? Nun, bin ich denn etwa schn, und was bin ich fr ein Gatte? Sie
hat mich in die Wange gekniffen und >so ein Pppchen< gesagt.

Marmeladoff hielt inne, wollte lcheln, pltzlich aber zitterte sein
Kinn. Er beherrschte sich. Diese Schenke, das verkommene Aussehen, die
fnf Nchte auf den Heubarken, die Branntweinflasche und dazu nun diese
krankhafte Liebe zu Frau und Familie verwirrten den Erzhler.
Raskolnikoff hrte ihm gespannt zu, jedoch mit einem peinvollen
Empfinden. Er rgerte sich, da er hierher gekommen war.

Mein Herr, verehrter Herr! -- rief Marmeladoff aus, nachdem er sich
vllig beherrscht hatte -- Oh, mein Herr, vielleicht erscheint Ihnen
das alles lcherlich, wie den anderen, und ich belstige Sie blo mit
dem Kram und all diesen kleinlichen Einzelheiten meines huslichen
Lebens, -- nun, fr mich aber ist es nicht lcherlich! Denn ich kann
dies alles fhlen ... Und diesen himmlischen Tag meines Lebens, wie auch
den Abend verbrachte ich in flchtigen Trumereien, -- wie ich alles
einrichten, den Kindern Kleidung verschaffen, ihr die Ruhe geben und
meine einzige Tochter aus der Schande in den Scho der Familie
zurckbringen werde ... Und viel mehr, viel anderes noch ... Es war ja
verzeihlich, mein Herr. Nun, mein Herr -- (Marmeladoff fuhr pltzlich
auf, erhob den Kopf und blickte seinem Zuhrer ins Gesicht) -- nun, am
andern Tage nach all diesen Trumen, heute sind es genau fnf Tage her,
-- entwandt ich gegen Abend durch einen listigen Betrug, wie ein Dieb in
der Nacht, Katerina Iwanowna den Schlssel zu ihrem Kasten, nahm den
Rest von dem heimgebrachten Gehalt, -- wieviel es war, wei ich nicht
mehr, -- und nun sehen Sie mich an, seht Ihr alle mich an. Den fnften
Tag bin ich von Hause weg, man sucht mich, und der Dienst ist aus, der
Uniformrock liegt in einer Schenke bei der gyptischen Brcke und an
seiner Stelle habe ich diese Kleidung erhalten ... und alles ist nun
aus!

Marmeladoff schlug sich mit der Faust an die Stirn, prete die Zhne
zusammen, schlo die Augen und sttzte sich schwer mit den Ellbogen auf
den Tisch. Nach einem Moment aber vernderte sich pltzlich sein
Gesicht, er blickte mit geheuchelter Verschmitztheit und gespielter
Frechheit Raskolnikoff an, lachte und sagte: Und heute war ich bei
Ssonja, habe sie gebeten mir Geld fr einen Schnaps zu geben!
He--he--he! ... Hat sie dir wirklich gegeben? -- rief jemand von den
Neuangekommenen, rief es und lachte aus vollem Halse.

Diese halbe Flasche ist fr ihr Geld gekauft, -- sagte Marmeladoff,
sich ausschlielich an Raskolnikoff wendend. -- Dreiig Kopeken gab sie
mir, mit ihren eigenen Hnden, die letzten, alles, was sie hatte, ...
ich habe es selbst gesehen ... Sie hat nichts, nichts gesagt, hat mich
blo schweigend angesehen ... So grmt und weint man nicht auf Erden
ber Menschen ... sondern dort oben ... und keinen Vorwurf, keinen
einzigen Vorwurf ... Und es tut einem mehr weh, wenn man keinen Vorwurf
hrt! ... Dreiig Kopeken, ja. Und sie braucht sie selbst jetzt, ah? Wie
meinen Sie, mein lieber Herr! Sie mu ja doch jetzt auf Sauberkeit
achten. Diese Sauberkeit, diese besondere Sauberkeit kostet Geld,
verstehen Sie? Verstehen Sie es? Nun, und dann mu sie hin und wieder
Pomade oder so was kaufen, es geht ja nicht ohne dem; steife Unterrcke
mu sie haben. Stiefel, hbsche Stiefel mssen da sein, um das Fchen
zu zeigen, wenn sie ber eine Pftze gehen mu. Verstehen Sie, verstehen
Sie, mein Herr, was diese Sauberkeit zu bedeuten hat? Nun, und ich, der
leibliche Vater, nahm ihr diese dreiig Kopeken zu einem Schnaps! Und
ich trinke hier! Habe sie schon vertrunken! ... Nun, wer soll denn mit
so einem, wie ich, Mitleid haben? Ah? Tue ich Ihnen jetzt leid oder
nicht, mein Herr? Sagen Sie, mein Herr, tue ich Ihnen leid oder nicht?
He--he--he--he!

Er wollte sich einschenken, aber es war nichts mehr da. Die Flasche war
leer.

Warum soll man auch mit dir Mitleid haben? -- rief der Wirt, der sich
in ihrer Nhe befand.

Starkes Lachen erscholl und Schimpfworte wurden laut. Alle lachten, die
Marmeladoff zugehrt und auch die, welche nicht zugehrt hatten, und
schimpften ohne Grund, allein schon beim Anblick der Person des
verabschiedeten Beamten.

Mit mir Mitleid haben! Mitleid haben! -- rief Marmeladoff pltzlich
laut und erhob sich mit ausgestreckter Hand, sich gebrdend, als htte
er blo auf diese Worte gewartet. -- Warum Mitleid mit mir haben, sagst
du? Ja! Es gibt nichts, weswegen man mich bemitleiden kann. Man mu mich
kreuzigen, mich ans Kreuz nageln und nicht Mitleid haben! Kreuzige,
kreuzige, Richter und nachdem du gekreuzigt hast, habe Mitleid. Und da
will ich selbst zur Kreuzigung zu dir kommen, denn ich suche nicht
Frhlichkeit, sondern Kummer und Trnen! ... Meinst du, du Krmer, da
diese Flasche mir zur Freude war? Kummer, Kummer suchte ich auf ihrem
Boden, Kummer und Trnen, und ich habe sie gefunden und habe von ihnen
gekostet. Mitleid aber mit uns wird der haben, der mit allen Mitleid
hat, und der alles und alle verstanden hat, Er, der einzige; er ist auch
der Richter. Er wird an jenem Tage kommen und fragen: >Wo ist die
Tochter, die sich der bsen und schwindschtigen Stiefmutter und den
fremden kleinen Kindern geopfert hat? Wo ist die Tochter, die mit ihrem
irdischen Vater, dem lasterhaften Trunkenbold, Mitleid hatte, ohne sich
vor seiner Tierheit zu erschrecken?< Und er wird sagen, -- >komm! Ich
habe dir schon einmal vergeben ... Habe dir einmal vergeben ... Vergeben
sind dir auch jetzt deine vielen Snden, weil du viel geliebt hast ...<
Und er wird meiner Ssonja vergeben, wird ihr vergeben; ich wei es, da
er ihr vergeben wird ... Ich habe es, als ich jetzt bei ihr war, im
Herzen gefhlt! ... Und er wird allen gerecht sein und wird vergeben,
wie den guten, so auch den bsen, wie den weisen, so auch den
einfltigen ... Und wenn er mit allen schon zu Ende sein wird, da wird
er auch zu uns sprechen -- >kommet auch ihr< -- wird er sagen >kommt ihr
Betrunkenen, kommt ihr Schwchlinge, kommt ihr Sndigen!< Und wir alle
werden hervortreten, ohne uns zu schmen, und werden dastehn. Er aber
wird sagen: >Ihr Schweine! Ihr Ebenbilder des Tieres, ihr viehischen
Gesichter, ihr -- kommt auch ihr!< Und die Weisen und die Klugen werden
ausrufen: >Herr! Warum nimmst du sie auf?< Und er wird sagen -- >Ich
nehme sie auf, ihr Weisen. Ich nehme sie auf, ihr Klugen, weil sich kein
einziger von ihnen fr dessen wrdig hielt ...< Und er wird seine Hnde
gegen uns ausstrecken, und wir werden niedersinken ... und werden weinen
... und alles verstehn! Dann werden wir alles verstehen! ... Und alle
werden verstehn ... auch Katerina Iwanowna ... auch sie wird verstehn
... Herr, dein Reich komme.

Er lie sich auf die Bank nieder, erschpft und geschwcht, ohne jemand
anzusehen, als htte er die Umgebung vergessen, und versank in tiefes
Sinnen. Seine Worte hatten einen gewissen Eindruck hervorgerufen; fr
einen Augenblick trat Schweigen ein, bald darauf aber ertnte von neuem
Lachen und Schelten.

Er hat gerichtet!

Hat sich vergaloppiert!

Ist auch Beamter!

und solcherlei mehr hrte man.

Wollen wir gehen, mein Herr! -- sagte Marmeladoff pltzlich, hob den
Kopf und wandte sich an Raskolnikoff. -- Begleiten Sie mich ... Haus
Kosel ... im Hofe. Es ist Zeit ... fr mich ... zu Katerina Iwanowna
...

Raskolnikoff hatte lngst schon weggehen wollen, und auch selbst
gedacht, ihm behilflich zu sein. Marmeladoff zeigte sich viel schwcher
in den Beinen, als in seinen Reden, und sttzte sich stark auf den
jungen Mann. Sie hatten zwei- bis dreihundert Schritte zu gehen.
Verwirrung und Angst packten immer strker und strker den Sufer, je
mehr sie sich dem Hause nherten.

Ich frchte mich jetzt nicht vor Katerina Iwanowna, -- murmelte er
erregt, -- auch nicht davor, da sie mich an den Haaren raufen wird.
Was sind Haare! ... Dummes Zeug sind die Haare! Das sage ich! Es ist
sogar besser, da sie mich raufen wird, aber ich frchte mich nicht
davor ... ich ... ich ... frchte mich vor ihren Augen ... ja ... vor
ihren Augen ... Auch vor den roten Flecken auf den Wangen frchte ich
mich ... und ich frchte mich -- vor ihrem Atem ... Hast du gesehen, wie
die Menschen bei dieser Krankheit atmen ... wenn sie erregt sind? Auch
vor den weinenden Kindern frchte ich mich ... Wenn Ssonja ihnen nichts
zu essen gegeben hat, dann ... wei ich nicht, wie ... Ich wei nicht!
Vor Schlgen frchte ich mich nicht ... Du sollst wissen, mein Herr, da
solche Schlge mir keinen Schmerz, sondern Genu bereiten ... Denn ohne
die kann ich selbst nicht auskommen. Es ist besser. Mag sie mich
schlagen, mag sie ihrem Herzen Luft machen ... es ist besser ... Da ist
ja das Haus. Es gehrt Kosel, einem Schlosser, einem reichen Deutschen
... fhre mich!

Sie traten in den Hof und stiegen in das vierte Stockwerk. Je hher sie
die Treppe hinaufstiegen, um so dunkler wurde es. Es war fast elf Uhr,
und obwohl es um diese Jahreszeit in Petersburg keine Nacht gibt, war es
doch sehr dunkel oben auf der Treppe.

Eine kleine verrucherte Tr am Ende der Treppe war geffnet. Ein
Lichtstumpf beleuchtete ein sehr rmliches, etwa zehn Schritte langes
Zimmer; vom Flur aus konnte man es vollstndig bersehen. Alles lag
verstreut und in Unordnung umher, besonders zerlumpte Kinderkleider. Vor
den hintersten Winkel war ein verlchertes Bettlaken gezogen. Dort stand
wahrscheinlich das Bett. Im Zimmer waren im ganzen zwei Sthle und ein
sehr abgerissenes mit Wachstuch bezogenes Sofa, vor dem ein alter
ungestrichener Kchentisch ohne Decke, aus Fichtenholz, stand. Auf einer
Ecke des Tisches brannte in einem eisernen Leuchter der Lichtstumpf. Es
erwies sich, da Marmeladoff nicht in dem Winkel schlief, sondern in
einem Zimmer fr sich war, das aber ein Durchgangszimmer war. Die Tr zu
den andern Rumen oder vielmehr Kfigen, in die die Wohnung von Amalie
Lippewechsel eingeteilt war, stand offen. Dort ging es geruschvoll und
laut zu. Man hrte Lachen. Wie es schien, spielte man dort Karten und
trank Tee. Hin und wieder ertnten hchst ungesellschaftliche Reden.

Raskolnikoff erkannte Katerina Iwanowna sofort. Sie war eine furchtbar
abgemagerte Frau, von ziemlich hohem Wuchse, und schlank, mit noch
schnem, dunkelblondem Haar; auf den Wangen waren die roten Flecke zu
sehen. Sie wanderte in dem kleinen Zimmer auf und ab, die Hnde an die
Brust gepret, mit vertrockneten Lippen, und atmete stoweise und
unregelmig. Ihre Augen glnzten wie im Fieber, der Blick aber war
scharf und unbeweglich, und dieses schwindschtige und erregte Gesicht
machte einen schmerzlichen Eindruck bei der Beleuchtung des sterbenden
Lichtes, das auf dem Gesichte zitterte. Sie schien Raskolnikoff etwa
dreiig Jahre alt zu sein und in der Tat zu Marmeladoff nicht zu passen
... Die Eintretenden hatte sie nicht gehrt und nicht bemerkt; ihre
Gedanken schienen abwesend zu sein, sie hrte und sah nichts. Im Zimmer
war es dumpf, das Fenster war verschlossen; von der Treppe her kam ein
mrderlicher Gestank, und die Tr zur Treppe war offen, aus den inneren
Rumen drangen durch die geffnete Tr Wolken von Tabakrauch, -- sie
hustete, schlo aber die Tr nicht zu. Das kleinste Mdchen im Alter von
sechs Jahren etwa, sa zusammengekauert auf der Diele und schlief mit
dem Gesicht ans Sofa gelehnt. Der Knabe, ein Jahr lter, stand in einem
Winkel, am ganzen Krper zitternd, und weinte. Er hatte wahrscheinlich
soeben Schlge bekommen. Das lteste Mdchen, von neun Jahren, hoch und
dnn, wie ein Streichholz, stand in einem schlechten und vllig
zerrissenen Hemdchen und in einem alten wattierten Mantel, der um die
nackten Schultern geworfen und wahrscheinlich vor zwei Jahren gemacht
war, da er ihr jetzt kaum bis zu den Knien reichte, in dem Winkel neben
dem kleinen Bruder und hielt seinen Hals mit ihrem langen, dnnen Arm
umschlungen. Sie schien ihn zu trsten, flsterte ihm etwas zu und hielt
ihn in jeder Weise zurck, damit er ja nicht weine, und gleichzeitig
beobachtete sie voll Angst die Mutter mit ihren bergroen, dunklen
Augen, die in dem abgemagerten und erschrockenen Gesichtchen noch grer
erschienen. Marmeladoff kniete, ohne das Zimmer zu betreten, an der Tr
nieder und schob Raskolnikoff vor sich her. Als die Frau einen Fremden
erblickte, blieb sie zerstreut vor ihm stehen, kam auf einen Augenblick
zu sich und schien nachzudenken, warum er eingetreten sei. Aber sie
meinte wohl, da er in die andern Rume wollte, da der ihrige nur ein
Durchgangszimmer war. Nachdem sie sich's so berlegt hatte, ging sie,
ohne ihn weiter zu beachten, zu der Flurtr, um sie zu schlieen. Da
schrie sie pltzlich auf, als sie auf der Schwelle ihren knienden Mann
erblickte.

Oh! -- rief sie in blinder Wut. -- Du bist zurckgekehrt! Du
Zuchthusler! Du Unmensch! ... Wo ist das Geld? Was hast du in der
Tasche, zeige mir's! Und die Kleider sind nicht dieselben! Wo ist deine
Uniform? Wo ist das Geld? Sprich! ...

Und sie strzte sich auf ihn, um ihn zu durchsuchen. Marmeladoff
streckte gehorsam und unterwrfig die Arme nach beiden Seiten aus, um
ihr die Durchsuchung der Taschen zu erleichtern. Vom Gelde war keine
Kopeke mehr da.

Wo ist das Geld? -- schrie sie. -- Oh, Gott, er wird doch nicht alles
vertrunken haben! Es waren doch zwlf Rubel in dem Kasten! ...

Pltzlich packte sie ihn in rasender Wut an den Haaren und zerrte ihn in
das Zimmer hinein. Marmeladoff erleichterte ihr die Mhe, indem er auf
den Knien demtig hinter ihr herkroch.

Das ist mir ein Genu! Das ist fr mich kein Schmerz, sondern ein
Ge--nu, mein Herr! -- rief er aus, whrend er an den Haaren gezerrt
wurde und sogar einmal mit der Stirn gegen den Boden schlug.

Das Kind, das auf der Diele schlief, wachte auf und begann zu weinen.
Der Knabe im Winkel fuhr zusammen, erschauerte, schrie auf und strzte
in furchtbarem Schreck, wie in einem Anfalle, zu der Schwester hin. Das
lteste Mdchen bebte an allen Gliedern, wie ein Blatt unter einem
Windsto.

Du hast das Geld vertrunken! Hast alles, alles vertrunken! -- schrie
die arme Frau in Verzweiflung. -- Und die Kleider sind nicht dieselben.
Die da sind hungrig, hungrig! -- (und hnderingend zeigte sie auf die
Kinder) -- Oh, verfluchtes Leben! Und Sie ... schmen Sie sich nicht
-- mit diesen Worten strzte sie sich unversehens auf Raskolnikoff. --
Sie da aus der Schenke! Du hast mit ihm getrunken? Hast mit ihm
getrunken! Hinaus! Der junge Mann schritt eilends hinaus, ohne ein Wort
zu sagen. Die Tre zu den anderen Zimmern wurde sperrweit geffnet, und
einige Neugierige schauten herein. Dreiste, lachende Gesichter mit
Zigaretten und Pfeifen im Munde, mit Mtzen auf dem Kopfe zeigten sich.
Man sah Gestalten in Schlafrcken und mit vllig nackter Brust, in
leichter Bekleidung, die an Unanstndigkeit grenzte, manche mit Karten
in den Hnden. Sie amsierten sich vortrefflich und lachten, als
Marmeladoff an den Haaren gezerrt ausrief, da dies ihm ein Genu sei.
-- Man drngte sich sogar in das Zimmer; pltzlich erscholl ein wtendes
Gekreische, -- Amalie Lippewechsel war herbeigeeilt, um selbst auf ihre
Weise Ordnung zu schaffen und zum hundertsten Mal die arme Frau durch
den zornigen Befehl, morgen schon die Wohnung zu rumen, zu erschrecken.
Beim Fortgehen gelang es Raskolnikoff die Hand in die Tasche zu stecken,
soviel von dem Kupfergelde, das man ihm in der Schenke auf den Rubel
herausgegeben hatte, hervorzuholen, als er erfassen konnte, und es
unbemerkt auf das Fensterbrett zu legen. Auf der Treppe besann er sich
und wollte umkehren. Was habe ich fr eine Dummheit gemacht? dachte
er. Sie haben ja Ssonja und ich brauche es doch selbst.

Nachdem er aber eingesehen hatte, da es unmglich war, das Geld
zurckzunehmen, und da er es sowieso nicht zurckgenommen htte, machte
er eine Bewegung mit der Hand und ging nach Hause.

Ssonja braucht Pomade, fuhr er fort, whrend er auf der Strae ging,
und lchelte bitter. Diese Sauberkeit kostet Geld ... Hm! Ssonjetschka
kann vielleicht heute Fiasko machen, denn es ist immer ein Risiko -- die
Jagd auf dieses Wild ... wie das Graben nach Gold ... da wrden sie dann
alle ohne mein Geld morgen auf dem Trockenen sitzen ... Ja, die Ssonja!
Welch einen Brunnen haben sie zu finden verstanden! Und sie benutzen
ihn! Sie benutzen ihn trotz allem! Und haben sich daran gewhnt! Sie
haben geweint und haben sich daran gewhnt. An alles gewhnt sich der
Schuft -- der Mensch!

Er verfiel in Nachdenken.

Wenn ich aber gelogen habe, rief er pltzlich unwillkrlich aus. Wenn
der Mensch tatschlich _kein Schuft_ ist, das ganze Geschlecht
berhaupt, das heit das menschliche Geschlecht es nicht ist, so
bedeutet das, da alles Vorurteil ist, blo eingebildeter Schrecken, und
es gibt also keine Hindernisse und so mu es auch sein! ...


                                  III.

Er erwachte am anderen Tage spt nach einem unruhigen Schlafe; der
Schlaf hatte ihn nicht gestrkt. Er erwachte griesgrmig, gereizt und
bse, und blickte voll Ha seine Kammer an. Es war ein winziger Raum,
sechs Schritt lang, und machte mit seiner gelblichen, staubigen und
berall an den Wnden losgelsten Tapete einen klglichen Eindruck; das
Zimmer war so niedrig, da es einem einigermaen groen Manne bange
wurde, und immer schien es, als knnte man jeden Augenblick mit dem Kopf
an die Decke stoen. Die Mbel entsprachen dem Raume, -- es waren drei
alte Sthle da, in nicht ganz brauchbarem Zustande, in einer Ecke stand
ein gestrichener Tisch, auf dem ein paar Hefte und Bcher lagen; schon
aus dem Umstande, wie verstaubt sie waren, konnte man schlieen, da sie
lange nicht berhrt worden waren. Auerdem stand in dem Zimmer noch ein
plumpes, groes Sofa, das fast die ganze Wand und die Hlfte des Zimmers
einnahm, einst war es mit Kattun bezogen, jetzt war es zerfetzt; es
diente Raskolnikoff als Bett. Er schlief darauf oftmals so, wie er ging
und stand, ohne sich auszuziehen, ohne Laken, bedeckt mit einem alten,
abgerissenen Studentenmantel, unter dem Kopfe ein kleines Kissen,
worunter er alles, was er an Wsche, reiner und getragener, besa,
stopfte, um die Kopfstelle hher zu machen. Vor dem Sofa stand ein
kleines Tischchen. Es hielt schwer, noch verkommener und zerlumpter zu
sein, Raskolnikoff aber war das in seiner jetzigen Gemtsverfassung
gerade angenehm. Er hatte sich, wie eine Schildkrte in ihrer Behausung,
von allen vllig zurckgezogen; und das Gesicht des Mdchens, das
verpflichtet war, ihn zu bedienen und das zuweilen in sein Zimmer einen
Blick warf, reizte schon seine Galle und verursachte ihm Krmpfe. Das
kommt bei manchen Leuten vor, die von einer Manie befallen sind, und die
sich auf etwas besonders stark konzentriert haben. Seine Wirtin hatte
seit zwei Wochen schon aufgehrt, ihm Essen zu geben und er hatte noch
nicht gedacht, zu ihr zu gehen, um sich mit ihr auseinanderzusetzen,
obwohl er ohne Mittag sa. Nastasja, die Kchin und das einzige Mdchen
der Wirtin, war ber die Stimmung des Mieters zum Teil froh und hatte
aufgehrt, sein Zimmer aufzurumen und auszukehren; ab und zu jedoch,
vielleicht einmal in der Woche, ergriff sie, wie zufllig, den Besen.
Sie hatte ihn jetzt geweckt.

Steh auf, was schlfst du! rief sie ihm zu. Es ist schon zehn Uhr.
Ich habe dir Tee gebracht. Willst du Tee? Bist wahrscheinlich schon ganz
abgemagert?

Der junge Mann ffnete die Augen, zuckte zusammen und erkannte Nastasja.

Ist der Tee von der Wirtin? fragte er und erhob sich langsam und mit
schmerzlicher Miene vom Sofa.

Was dir einfllt, -- von der Wirtin!

Sie stellte ihre eigene gesprungene Teekanne mit altem aufgebrhtem Tee
vor ihm hin und legte zwei Stck gelben Zucker daneben.

Nimm das, bitte, Nastasja, sagte er, indem er in der Tasche suchte --
(er hatte angekleidet geschlafen) -- und eine Handvoll Kupfermnzen
hervorholte. Gehe und kaufe mir Weibrot. Hole auch ein wenig Wurst aus
dem Laden, aber billige ...

Weibrot will ich dir sofort bringen, willst du aber nicht anstatt
Wurst etwas Kohlsuppe haben? Die Kohlsuppe ist gut, sie ist von gestern.
Ich hatte gestern fr dich etwas aufbewahrt, aber du kamst erst so spt.
Es ist eine gute Kohlsuppe.

Nachdem sie die Kohlsuppe gebracht hatte, setzte sich Nastasja neben ihm
auf dem Sofa hin und begann, whrend er a, zu plaudern. Sie war vom
Lande und ein sehr geschwtziges Frauenzimmer.

Praskovja Pawlowna will dich bei der Polizei verklagen, sagte sie.

Er verzog das Gesicht.

Bei der Polizei? Was will sie denn?

Du zahlst nicht und rumst das Zimmer nicht. Es ist begreiflich, was
sie will.

Zum Teufel, das fehlte noch, murmelte er und knirschte mit den Zhnen.
Nein, das kommt mir jetzt ... sehr ungelegen ... Sie ist dumm, fgte
er laut hinzu. Ich will heute noch zu ihr gehen und mit ihr sprechen.

Sie ist dumm, ebenso wie ich; aber du, Kluger, was liegst du da, wie
ein Sack, nichts hat man von dir. Frher, sagst du, hast du Kinder
unterrichtet, warum machst du aber jetzt nichts?

Ich mache ... antwortete Raskolnikoff unwillig und finster.

Was machst du denn?

Ich arbeite ...

Was arbeitest du denn?

Ich denke, antwortete er nach einem Schweigen finster.

Nastasja schttelte sich vor Lachen. Sie war von den Lachlustigen, und
wenn man sie zum Lachen reizte, lachte sie lautlos, aber am ganzen
Krper bebend und sich schttelnd, bis sie nicht mehr konnte.

Hast du viel Geld mit dem Denken verdient? brachte sie endlich hervor.

Ohne Stiefel kann man doch nicht unterrichten. Und brigens pfeife ich
auf alles.

Sei nicht zu stolz.

Den Unterricht bezahlt man in Kupfer. Was soll man mit ein paar Kopeken
anfangen? fuhr er unwillig fort, als antworte er den eigenen Gedanken.

Du mchtest wohl ein ganzes Kapital auf einmal haben?

Er blickte sie sonderbar an.

Ja, ein ganzes Kapital, antwortete er nach einem Schweigen
entschlossen.

Fang mit kleinem an; du erschreckst einen ja. Soll ich dir jetzt
Weibrot holen oder nicht?

Wie du willst!

Ach, ich verga; gestern ist fr dich ein Brief angekommen.

Ein Brief! Fr mich! Von wem?

Von wem er ist -- das wei ich nicht. Ich habe dem Brieftrger drei
Kopeken aus meiner eigenen Tasche gegeben. Gibst du sie mir wieder?

Bring doch den Brief, um Gottes Willen, bring ihn gleich! rief
Raskolnikoff ganz erregt. Oh, Gott!

Nach einer Minute kam der Brief. Wirklich! Er ist von der Mutter, aus
dem R.schen Gouvernement. Er erbleichte sogar, als er ihn nahm. Lange
schon hatte er keine Briefe erhalten, und jetzt bedrckte noch etwas
anderes sein Herz.

Nastasja, geh fort, um Gotteswillen. Da hast du deine drei Kopeken, geh
nur schnell fort, um Gotteswillen.

Der Brief zitterte in seinen Hnden; er wollte ihn nicht in ihrer
Anwesenheit ffnen, er wollte mit dem Briefe _allein_ sein. Als Nastasja
gegangen war, fhrte er schnell den Brief an seine Lippen und kte ihn;
dann blickte er lange die Schrift auf dem Kuvert an, die bekannte und
liebe, feine und schrge Schrift seiner Mutter, die ihn einst lesen und
schreiben gelehrt hatte. Er zgerte, den Brief zu ffnen, schien sich
sogar vor etwas zu frchten. Endlich ffnete er den Brief, einen langen,
gewichtigen Brief; zwei groe Briefbogen waren dicht beschrieben.

Mein lieber Rodja, schrieb die Mutter, es ist ber zwei Monate her,
seit ich mit dir brieflich gesprochen habe; darunter habe ich selbst
gelitten, und manche Nacht haben mich die Gedanken nicht schlafen
lassen. Aber du wirst mich sicher nicht verurteilen wegen meines
ungewollten Schweigens. Du weit, wie ich dich liebe; du bist unser
Einziges, mir und Dunja, du bist unser alles, unsere ganze Hoffnung,
unser Trost. Ach, wenn du wtest, wie mir war, als ich erfuhr, da du
die Universitt schon einige Monate verlassen hast, weil es dir an
Mitteln mangelte, und da das Stundengeben und deine anderen Arbeiten
ein Ende genommen haben. Und wie htte ich dir mit meiner Pension von
hundertzwanzig Rubel jhrlich helfen knnen? Die fnfzehn Rubel, die ich
vor vier Monaten schickte, hatte ich, wie du auch weit, von unserem
hiesigen Kaufmann Wassilij Iwanowitsch Wachruschin auf die Pension hin
geliehen. Er ist ein guter Mensch und war ein Freund deines Vaters. Aber
da ich ihm das Recht, die Pension fr mich zu empfangen, gegeben hatte,
mute ich warten, bis die Schuld abgetragen war, und das ist soeben erst
geschehen, so da ich die ganze Zeit dir nichts schicken konnte. Jetzt
aber, Gott sei Dank, denke ich, dir wieder etwas schicken zu knnen, und
berhaupt wir knnen jetzt sogar von einem Glck sprechen, und das
beeile ich mich, dir mitzuteilen. Zuerst also kannst du es dir
vorstellen, lieber Rodja, da deine Schwester bereits anderthalb Monate
bei mir lebt, und da wir uns nie mehr, in aller Zukunft nicht, trennen
werden. Gott sei Dank, ihre Qualen haben ein Ende gefunden, aber ich
will dir alles der Reihe nach erzhlen, damit du erfhrst, wie alles war
und was wir bis jetzt vor dir verheimlichten. Als du mir vor zwei
Monaten schriebst, du httest von irgend jemand gehrt, da Dunja stark
unter der Grobheit im Hause der Herrschaften Sswidrigailoff zu leiden
habe, und von mir genaue Aufklrung verlangtest, -- was htte ich dir
damals antworten knnen? Wenn ich dir die ganze Wahrheit mitgeteilt
htte, so httest du wahrscheinlich alles liegen lassen, wrest, und sei
es zu Fu, zu uns gekommen, denn ich kenne deinen Charakter und deine
Gefhle, du httest nicht geduldet, da deine Schwester beleidigt wird.
Ich war ganz verzweifelt, aber was sollte ich tun? Und wute damals
selber nicht die ganze Wahrheit. Das Haupthindernis bestand darin, da
Dunetschka, bei ihrem Eintritt in das Haus als Gouvernante im vorigen
Jahre volle hundert Rubel voraus erhalten hatte, unter der Bedingung,
die Summe monatlich von ihrem Gehalte abzuzahlen, und so konnte sie die
Stelle nicht eher aufgeben, als die Schuld getilgt war. Diese Summe aber
(jetzt kann ich dir alles erklren, teurer Rodja) hatte sie eigentlich
deshalb genommen, um dir die sechzig Rubel zu schicken, die du damals
ntig brauchtest, und die du auch im vorigen Jahre von uns erhalten
hast. Wir haben dich damals getuscht; wir schrieben dir, es sei von dem
Gelde, das Dunetschka sich frher erspart habe, aber es verhielt sich
nicht so, jetzt erst teile ich dir die volle Wahrheit mit, weil sich
alles jetzt pltzlich nach Gottes Willen zum besten gewendet hat, und
damit du weit, wie Dunja dich liebt und welch unschtzbares Herz sie
hat. Herr Sswidrigailoff behandelte sie zuerst sehr grob und erlaubte
sich ihr gegenber allerhand Unhflichkeiten und Spttereien bei Tisch
... Aber ich will all diese trben Einzelheiten nicht aufzhlen, und
dich nicht unntz aufregen, da alles nun ein Ende hat. Kurz, trotz der
guten und anstndigen Behandlung seitens Marfa Petrownas, der Gemahlin
des Herrn Sswidrigailoff, und aller Hausgenossen, hatte es Dunetschka
sehr schwer, besonders wenn Herr Sswidrigailoff nach alter
Regimentsgewohnheit unter dem Einflusse des Bacchus stand. Aber was
geschah spter? Stelle dir vor, dieser Wahnwitzige hatte schon seit
langem eine Leidenschaft fr Dunja gefat, aber er verbarg sie immer
unter dem Scheine eines groben und hochfahrenden Wesens ihr gegenber.
Vielleicht schmte er sich auch und war unmutig auf sich selbst, da er,
als lterer Mann und Familienvater, sich solchen leichtfertigen Wnschen
hingab und war darum auf Dunja unwillkrlich bse. Vielleicht wollte er
auch durch seine Grobheit und durch seinen Spott die Wahrheit vor
anderen verbergen. Schlielich aber hielt er es nicht mehr aus und wagte
Dunja offen einen gemeinen Antrag zu machen und versprach ihr hohe
Belohnung. Alles wollte er sogar im Stiche lassen und mit ihr auf ein
anderes Gut oder ins Ausland reisen. Du kannst dir ihre Leiden
vorstellen! Sofort ihre Stellung aufgeben, konnte sie nicht, -- nicht
blo wegen der Schuld, sondern auch um Marfa Petrowna zu schonen, die
dadurch Verdacht fassen mute; damit wre der Zwist in die Ehe gekommen.
Ja, auch fr Dunetschka htte es einen groen Skandal gegeben; so ganz
ohne Aufsehen wre die Sache nicht vorbergegangen. Es gab noch manche
andere Grnde, so da Dunja, noch vor sechs Wochen, in keinem Falle
rechnen konnte, aus diesem schrecklichen Hause fortzukommen. Du kennst
ja Dunja, weit, wie klug sie ist, und welch festen Charakter sie
besitzt. Dunetschka kann vieles ertragen, und im alleruersten Falle
findet sie immer noch so viel Strke in sich, da sie ihre Festigkeit
bewahrt. Sie hat nicht mal mir ber alles berichtet, um mich nicht
aufzuregen, wir haben aber sonst einander oft geschrieben. Es kam jedoch
eine unerwartete Lsung. Marfa Petrowna hrte zufllig, wie ihr Mann
Dunetschka im Garten anflehte, und da sie alles falsch aufgefat hatte,
gab sie Dunetschka die Schuld, in der Meinung, sie habe es eingefdelt.
Es spielte sich im Garten zwischen ihnen eine frchterliche Szene ab, --
Marfa Petrowna hat sogar Dunetschka geschlagen, wollte nichts hren,
schrie aber selbst stundenlang fort und befahl schlielich, Dunja sofort
zu mir in die Stadt zu bringen, -- auf einem gewhnlichen Bauernwagen,
in den man alle ihre Sachen, -- Wsche, Kleider, alles, wie man es
vorfand, ohne es zusammenzulegen und ohne einzupacken, hineinwarf. Bei
strmendem Regen mit Schande und Schmach bedeckt, mute Dunja siebzehn
Werst weit im offenen Bauernwagen fahren. Nun berlege, was htte ich
dir, als Antwort auf deinen Brief vor zwei Monaten schreiben sollen? Ich
war verzweifelt; die Wahrheit durfte ich dir nicht mitteilen, denn du
wrest unglcklich, zornig und emprt geworden, ja und was httest du
tun knnen? Vielleicht httest du dich ins Verderben gestrzt. Und
Dunetschka hatte es mir verboten. Den Brief aber mit Lappalien
ausfllen, whrend im Herzen solcher Kummer grbt, habe ich nicht
gekonnt. Einen Monat lang gingen in der ganzen Stadt allerhand
Klatschereien ber diese Geschichte herum, und es war so weit gekommen,
da ich mit Dunja vor verchtlichen Blicken und hmischem Flstern nicht
mal in die Kirche gehen konnte, selbst in unserer Gegenwart wurde laut
darber gesprochen. Alle Bekannten hatten sich von uns abgewandt, alle
hatten aufgehrt, uns zu gren, und ich erfuhr mit Bestimmtheit, da
die Kommis und einige Schreiber die Absicht hatten, uns eine
niedertrchtige Beleidigung anzutun, indem sie das Tor unseres Hauses
mit Teer beschmieren wollten, so da unsere Wirtsleute verlangten, wir
mchten die Wohnung rumen. Das alles war das Werk von Marfa Petrowna;
es war ihr gelungen, Dunja in allen Husern zu beschuldigen und schlecht
zu machen. Sie ist ja hier mit allen bekannt, und in diesem Monat kam
sie fortwhrend in die Stadt, und da sie ziemlich geschwtzig ist und
ber ihre Familienangelegenheiten zu erzhlen liebt, besonders aber bei
jedem und allen ber ihren Mann klagt, was doch sehr hlich ist, so
hatte sich die ganze Geschichte in kurzer Zeit nicht blo in der Stadt,
sondern auch im Kreise verbreitet. Mich griff's hart an, Dunetschka aber
war strker, httest du doch sehen knnen, wie sie alles ertrug, wie sie
mich trstete und mir Mut zusprach! Sie ist ein Engel! Aber dank der
Barmherzigkeit Gottes nahmen unsere Qualen ein Ende, Herr Sswidrigailoff
kam zur Besinnung, bereute alles, und wahrscheinlich aus Mitleid mit
Dunja legte er Marfa Petrowna volle und klare Beweise der vlligen
Unschuld von Dunetschka vor, und zwar, -- einen Brief, den Dunja noch
bevor Marfa Petrowna sie im Garten berraschte, ihm zu schreiben und zu
bersenden sich gezwungen sah, um persnliche Erklrungen und das
Verlangen geheimer Zusammenknfte abzulehnen; dieser Brief war nach der
Abreise von Dunetschka in den Hnden des Herrn Sswidrigailoff geblieben.
In diesem Briefe hatte sie ihn in eindringlichster Weise und mit voller
Entrstung gerade wegen seines ehrlosen Benehmens Marfa Petrowna
gegenber getadelt, ihm vorgehalten, da er Vater und Gatte sei, und ihm
schlielich zu verstehen gegeben, wie niedrig es von ihm sei, ein
wehrloses und ohnedem schon unglckliches Mdchen zu qulen und noch
unglcklicher zu machen. Mit einem Worte, lieber Rodja, dieser Brief ist
so edel und rhrend geschrieben, da ich schluchzend ihn las und ihn
jetzt noch nur unter Trnen lesen kann. Auerdem kamen zur
Rechtfertigung Dunjas die Aussagen der Dienstboten hinzu, die wie
gewhnlich viel mehr gesehen und gehrt hatten, als Herr Sswidrigailoff
ahnte. Marfa Petrowna war auergewhnlich bestrzt und >von neuem
zerschmettert,< wie sie uns selbst gestand, aber vllig von der
Schuldlosigkeit Dunetschkas berzeugt; am anderen Tage noch, einem
Sonntage, fuhr sie direkt in die Kirche und flehte zur Mutter Gottes
kniefllig und mit Trnen, ihr die Kraft zu geben, diese neue Prfung zu
berstehen und ihre Pflicht zu erfllen. Aus der Kirche kam sie zu uns,
ohne jemand anderen zu besuchen, erzhlte uns alles, weinte bitter und
umarmte Dunja voller Reue und bat instndig um ihre Verzeihung. Am
selben Morgen noch ging sie gleich von uns in alle Huser der Stadt, und
berall erzhlte sie unter Trnen und in fr Dunetschka
schmeichelhaftesten Ausdrcken von Dunjas Unschuld und ihrem edlen Gemt
und Benehmen. Und nicht genug damit, sie zeigte allen den eigenhndigen
Brief Dunetschkas an Sswidrigailoff, las ihn laut vor und erlaubte sogar
Abschriften von dem Briefe zu nehmen, -- was mir wirklich zu viel
scheint. In dieser Weise mute sie einige Tage nacheinander alles in der
Stadt besuchen, weil mancher sich gekrnkt fhlte, da anderen der
Vorzug erwiesen war; es wurde also eine Reihenfolge bestimmt, so da man
sie in jedem Hause zu einer festgesetzten Zeit erwartete, und alle
wuten, da an dem und dem Tage Marfa Petrowna dort und dort den Brief
vorlesen wrde, und zu jedem Vorlesen kamen Leute, auch solche, die den
Brief schon ein paarmal, sowohl in ihrem eigenen Hause, als auch bei
Bekannten, gehrt hatten. Meiner Meinung nach war hierbei vieles, sehr
vieles berflssig, aber Marfa Petrowna hat nun mal so einen Charakter.
Sie hat wenigstens die Ehre von Dunetschka vollkommen wiederhergestellt
und was an dieser Sache prekr, fiel wie eine untilgbare Schande ihrem
Mann, als dem allein Schuldigen zu Lasten, so da er mir doch zuletzt
leid tat; man ist zu streng mit diesem Wahnwitzigen umgegangen. Dunja
wurde sofort aufgefordert, in einigen Husern Unterricht zu geben,
allein sie schlug es ab. berhaupt begannen alle mit einem Male ihr eine
besondere Achtung zu zeigen. Dies alles half hauptschlich ein Ereignis
herbeifhren, durch das sich, man kann wohl sagen, jetzt unser ganzes
Schicksal ndert. Du sollst wissen, lieber Rodja, da Dunja einen Antrag
von einem Herrn erhalten hat und da sie ihre Einwilligung bereits
gegeben hat, was ich dir eilends hierdurch mitteile. Obwohl die Sache
sich auch ohne deinen Ratschlag entschieden hat, wirst du wahrscheinlich
weder ber mich noch ber deine Schwester ungehalten sein; du wirst
selbst aus dem Verlauf der Angelegenheit ersehen, da wir unmglich
warten und die Antwort bis zu dem Empfang deines Briefes hinausschieben
konnten. Ja, und du httest auch nur an Ort und Stelle alles genau
beurteilen knnen. Es ging also folgendermaen vor sich: Er ist schon
Hofrat, heit Peter Petrowitsch Luschin und ist ein weitlufiger
Verwandter von Marfa Petrowna, die diese Angelegenheit sehr gefrdert
hat. Er begann damit, da er durch Marfa Petrowna den Wunsch uern
lie, mit uns bekannt zu werden; er wurde, wie es sich ziemt, empfangen,
trank bei uns Kaffee, und am nchsten Tage schickte er einen Brief, in
dem er sehr hflich seinen Antrag machte und um eine baldige und
bestimmte Antwort bat. Er ist ein arbeitsamer und vielbeschftigter Mann
und will jetzt schleunigst nach Petersburg reisen, so da fr ihn jeder
Augenblick kostbar ist. Selbstverstndlich waren wir zuerst sehr
berrascht, da dies schnell und unerwartet gekommen war. Wir erwogen und
berlegten den ganzen Tag miteinander. Er ist ein zuverlssiger Mann, in
gesicherten Verhltnissen, nimmt zwei Stellungen ein und besitzt schon
eigenes Vermgen. Gewi, er ist schon fnfundvierzig Jahre alt, hat aber
ein ganz angenehmes uere und kann noch Frauen gefallen; ja, er ist
berhaupt ein sehr solider und anstndiger Mann, blo ein wenig dster
und anscheinend hochmtig. Aber vielleicht scheint es blo so beim
ersten Anblick. Ja, und ich gebe dir den guten Rat, lieber Rodja, wenn
du ihn in Petersburg sehen wirst, was sehr bald geschehen kann, urteile
nicht zu schnell und hitzig, wie es dir eigen ist, wenn bei der ersten
Begegnung dir etwas an ihm nicht so gut gefallen will. Ich sage das blo
fr alle Flle, denn ich bin berzeugt, da er auf dich einen angenehmen
Eindruck machen wird. Zudem, um einen fremden Menschen einzuschtzen,
mu man sich ihm allmhlich und vorsichtig nhern, damit man keinen
Fehler begeht und keine Voreingenommenheit fat, die spter sehr schwer
zu berichtigen und zu beseitigen ist. Peter Petrowitsch ist, wenigstens
nach vielen Anzeichen, ein sehr ehrenwerter Mann. Bei seinem ersten
Besuche schon erklrte er, da er ein resoluter Mann sei, aber da er in
vielem >die berzeugungen der jngeren Generation< -- wie er sich
ausdrckte -- teile, und ein Feind von allen Vorurteilen sei. Er sprach
noch ber vieles, denn er scheint ein wenig eingebildet zu sein und es
zu lieben, da man ihm zuhre, aber das ist ja kein Fehler. Ich habe
natrlich wenig davon begriffen, aber Dunja versicherte mir, da er
keine sehr groe Bildung besitze, aber ein kluger und wie es scheint,
auch guter Mensch sei. Du kennst den Charakter deiner Schwester Rodja.
Sie ist ein starkes, vernnftiges, geduldiges und gromtiges Mdchen,
freilich auch feurigen Herzens, so wie ich sie kenne. Gewi ist weder
auf ihrer, noch auf seiner Seite eine besondere Liebe vorhanden, aber
Dunja ist nicht allein ein kluges Mdchen, sondern gleichzeitig auch ein
edles Wesen, ein Engel, und wird es sich zur Aufgabe stellen, das Glck
des Mannes auszumachen, der seinerseits fr ihr Glck Sorge tragen wird;
daran aber zu zweifeln haben wir vorlufig keine Ursache, obwohl --
offen gestanden -- die Sache mir ein wenig zu schnell zustande kam.
Auerdem ist er ein berechnender Mann, der sicher einsehen wird, da
sein eigenes Glck in der Ehe um so fester begrndet ist, je glcklicher
er Dunetschka macht. Was aber irgendwelche Unebenheiten des Charakters,
irgendwelche alte Gewohnheiten und sogar ein gewisses Auseinandergehen
in den Anschauungen anbetrifft -- (und das ist auch in den glcklichsten
Ehen nicht zu vermeiden) -- so sagte mir Dunetschka, da sie in dieser
Hinsicht auf sich vertraut, da es keinen Grund gibt, darber beunruhigt
zu sein und da sie vieles ertragen kann, wenn nur gegenseitige
Ehrlichkeit und Gerechtigkeit herrscht. Mir schien er zum Beispiel
zuerst etwas hart, aber das kann auch von seiner Offenherzigkeit kommen
und so wird es wohl auch sein. Bei seinem zweiten Besuche, als er das
Jawort hatte, uerte er im Gesprch, da er schon frher, ehe er Dunja
kennengelernt habe, beschlossen habe, ein ehrliches, aber armes Mdchen
zu heiraten und unbedingt eines, das die Armut schon gekostet habe, denn
ein Mann solle nach seiner Meinung seiner Frau durch nichts verpflichtet
sein, sondern das sei das richtige, da die Frau den Mann als ihren
Wohltter betrachte. Ich will hinzufgen, da er sich ein wenig weicher
und zarter ausdrckte, als ich es schreibe, denn ich habe den richtigen
Wortlaut vergessen, erinnere mich blo des Sinnes, und zudem hatte er
das keineswegs mit Absicht gesagt, sondern hatte sich offenbar in Eifer
gesprochen, darum versuchte er spter, es abzuschwchen und zu mildern.
Dennoch erschien es mir ein wenig zu scharf, und ich sprach darber
nachher mit Dunja. Sie aber antwortete mir sogar, da >Worte noch keine
Taten sind,< und das ist auch wahr. Ehe Dunja sich zu diesem Schritt
entschlo, verbrachte sie eine schlaflose Nacht, und in der Meinung, da
ich schliefe, stand sie auf und ging die ganze Nacht im Zimmer auf und
ab; schlielich lie sie sich auf die Knie nieder und betete lange und
inbrnstig vor der Mutter Gottes, und am andern Morgen erklrte sie mir,
sie htte sich entschieden.

Ich habe schon erwhnt, da Peter Petrowitsch sich jetzt nach Petersburg
begibt. Er hat dort groe Geschfte vor, will in Petersburg ein
ffentliches Bureau als Advokat erffnen. Er beschftigt sich seit
langem schon mit Vertretung von allerhand Zivilklagen und Prozessen, und
hat vor kurzem einen bedeutenden Proze gewonnen. Nach Petersburg mu er
auch deswegen reisen, weil er dort im Senate eine bedeutende Sache zu
vertreten hat. So kann er auch dir, lieber Rodja, sehr ntzlich sein, ja
in jeder Hinsicht, und wir -- ich und Dunja -- meinen nun, da mit dem
heutigen Tage deine knftige Karriere mit Sicherheit beginnt und da
dein Schicksal klar vor Augen liegt. Oh, wenn es sich schon verwirklicht
htte! Das wre so ein Glck, da man es nicht anders, als eine
unmittelbare Gnadenspende des Allmchtigen an uns betrachten mte. Das
ist Dunjas Traum. Wir haben schon gewagt, ein paar Worte in dieser
Hinsicht Peter Petrowitsch zu sagen. Er uerte sich vorsichtig und
meinte, da er gewi ohne einen Sekretr nicht auskommen knne, und da
sei es selbstverstndlich besser, das Gehalt dafr einem Verwandten als
einem Fremden zu zahlen, wenn er sich blo fr den Posten eigne, -- (du
solltest dich dazu nicht eignen!) -- gleichzeitig aber zweifelte er, da
das Universittsstudium die Zeit fr die Arbeiten in seinem Bureau brig
liee. Diesmal blieb die Angelegenheit dabei stehen, aber Dunja denkt an
nichts anderes mehr als an diese Aussicht. Sie ist seit einigen Tagen
fieberhaft erregt, und hat sich einen ganzen Plan ausgedacht, da du
nmlich spterhin Mitarbeiter und sogar Kompagnon von Peter Petrowitsch
in seinen Rechtssachen werden knntest, um so mehr, als du in der
juristischen Fakultt bist. Ich bin mit ihr vollkommen einig, lieber
Rodja, teile alle ihre Plne und Hoffnungen und halte ihre vllige
Verwirklichung fr mglich. Und trotzdem Peter Petrowitsch sich jetzt
zurckhaltend verhlt, was sehr erklrlich ist, da er dich noch nicht
kennt, so ist Dunja fest berzeugt, da sie alles durch ihren guten
Einflu auf ihren knftigen Mann erreichen wird. Wir haben uns natrlich
in acht genommen, Peter Petrowitsch etwas von unseren Zukunftstrumen
und hauptschlich davon, da du sein Kompagnon werden sollst, merken zu
lassen. Er ist ein nchterner Mann und htte es vielleicht sehr kalt
aufgenommen, weil er alles fr Phantasterei angesehen htte. Ebensowenig
haben wir, weder ich, noch Dunja, einen Ton ber unsere feste Hoffnung
gesprochen, da er uns helfen soll, dich mit Geld zu untersttzen,
solange du auf der Universitt bist; wir haben es deswegen unterlassen,
weil es sich spterhin jedenfalls von selbst ergeben und weil er sicher
ohne viele Worte es uns anbieten wird -- (er wird doch Dunetschka es
nicht abschlagen knnen!) -- um so mehr, als du seine rechte Hand im
Bureau werden kannst, und diese Untersttzung nicht als eine Wohltat,
sondern als verdientes Gehalt empfangen sollst. Dunetschka will es so
einrichten, und ich bin mit ihr vollkommen einverstanden. Auerdem
unterlieen wir es, darber zu sprechen, weil ich bei eurer
bevorstehenden Begegnung dich auf gleichem Fue mit ihm stehen sehen
wollte. Wenn Dunja mit ihm voll Entzcken ber dich sprach, antwortete
er, da man jeden Menschen selbst zuerst sehen, und zwar sehr nah sehen
msse, um ber ihn urteilen zu knnen, und da er sich das Recht
vorbehalte, seine Meinung ber dich zu bilden, erst nachdem er dich
kennengelernt habe. Weit du was, mein teurer Rodja, mir scheint es aus
gewissen Grnden, -- die brigens gar nichts mit Peter Petrowitsch zu
tun haben, sondern so meine eigenen gewissen, persnlichen, vielleicht
auch altweibischen Launen sind, -- also mir scheint es, da ich
vielleicht besser tue, wenn ich nach ihrer Verheiratung allein, so wie
jetzt, und nicht mit ihnen zusammenleben werde. Ich bin vllig
berzeugt, da er so erkenntlich und zartfhlend sein wird, selber mir
das Angebot zu machen, bei der Tochter zu bleiben und wenn er darber
bis jetzt nicht gesprochen hat, so kam es selbstverstndlich daher, weil
es auch ohne Worte so anzunehmen ist, aber ich will es ablehnen. Ich
habe in meinem Leben mehr als einmal erfahren, da Schwiegermtter den
Mnnern nicht besonders genehm sind, und ich mchte niemandem im
geringsten zur Last fallen und mchte auch selbst vollkommen frei sein,
solange ich noch einen Bissen zu essen und solche Kinder, wie dich und
Dunetschka, zu lieben habe. Wenn es mir mglich ist, will ich mich in
der Nhe von euch beiden niederlassen, denn das angenehmste habe ich zum
Schlu des Briefes aufgehoben, Rodja. Erfahre nun, mein lieber Freund,
da wir alle vielleicht sehr bald wieder zusammen sein und alle drei uns
nach fast dreijhriger Trennung umarmen werden! Es ist schon _bestimmt_
beschlossen, da ich und Dunja nach Petersburg kommen, wann aber -- das
wei ich noch nicht, in jedem Falle sehr, sehr bald, vielleicht schon in
einer Woche. Alles hngt von den Anordnungen Peter Petrowitschs ab, der
uns sofort, wenn er sich in Petersburg umgesehen hat, Nachricht geben
will. Er will die Vorbereitungen zur Heirat aus verschiedenen Erwgungen
mglichst beschleunigen, und wenn mglich, die Hochzeit noch vor dem
groen Fasten feiern, sollte es aber infolge der kurzen Frist nicht
ausfhrbar sein, dann gleich nach den Osterfeiertagen. Oh, mit welch
einem Glck werde ich dich an mein Herz pressen! Dunja ist vor Freude
dich wiederzusehen ganz aufgeregt und sagte einmal im Scherz, da sie
schon deswegen allein Peter Petrowitsch heiraten wrde. Sie ist ein
Engel! Sie schreibt dir nicht, hat mich aber gebeten, dir zu schreiben,
da sie ber so vieles mit dir sprechen msse, ber so vieles, da ihre
Hand sich jetzt gegen die Feder strube, denn in ein paar Zeilen knne
man nichts mitteilen, sondern sich nur aufregen. Sie bat mich, dich
innig, innig zu umarmen und dir unzhlige Ksse zu senden. Trotzdem wir
uns vielleicht sehr bald sehen werden, will ich dir doch in diesen Tagen
Geld, soviel ich vermag, zuschicken. Jetzt, wo alle wissen, da
Dunetschka Peter Petrowitsch heiratet, hat sich auch mein Kredit
pltzlich gebessert, und ich wei bestimmt, da Afanassi Iwanowitsch mir
jetzt auf Konto der Pension sogar bis zu fnfundsiebzig Rubel zu leihen
bereit ist, so da ich dir vielleicht fnfundzwanzig oder auch dreiig
Rubel schicken kann. Ich wrde noch mehr schicken, aber ich frchte
unsere Reisekosten. Obwohl Peter Petrowitsch so gut war, einen Teil der
Ausgaben fr unsere Reise nach der Residenz zu bernehmen, -- er hat
sich nmlich selbst angeboten, unser Gepck und einen groen Koffer fr
seine Rechnung hinzuschicken (er arrangiert es in irgendeiner Weise
durch Bekannte), mssen wir doch mit der Reise nach Petersburg rechnen
und damit, da man dort nicht ohne einen Groschen ankommen kann und
wenigstens fr die ersten paar Tage das Ntige haben mu. Wir haben
brigens alles genau berschlagen, und es zeigte sich, da uns die Reise
nicht zu teuer zu stehn kommt. Von uns bis zur Eisenbahn sind es nur
neunzig Werst, und wir haben fr jeden Fall mit einem bekannten Bauern
schon abgeschlossen; die Fortsetzung der Reise aber werden wir, ich und
Dunetschka, glcklich und zufrieden in der dritten Klasse machen. Dann
kriege ich es vielleicht fertig, dir nicht nur fnfundzwanzig, sondern
dreiig Rubel zu schicken. Nun aber genug: zwei Bogen habe ich voll
geschrieben und es ist kein Platz mehr da. Unsere ganze Geschichte habe
ich dir erzhlt, -- nun, es hat sich auch ein Haufen Ereignisse
angesammelt. Jetzt, mein teurer Rodja, umarme ich dich bis zu unserem
nahen Wiedersehen und sende dir meinen mtterlichen Segen. Rodja, liebe
deine Schwester Dunja; liebe sie so, wie sie dich liebt, und vergi
nicht, da sie dich grenzenlos, mehr als sich selbst, liebt. Sie ist ein
Engel und du Rodja, bist unser alles, unsere ganze Hoffnung und unser
Trost. Sei du blo glcklich, dann werden auch wir glcklich sein.
Betest du zu Gott, Rodja, wie frher und glaubst du auch an die Gte des
Schpfers und unseres Erlsers? Ich frchte im Herzen, da der neueste
moderne Unglaube auch dich berhrt haben kann. Wenn es so ist, dann bete
ich fr dich. Erinnerst du dich, mein Lieber, wie du, als dein Vater
noch lebte, in deiner Kindheit auf meinen Knien deine Gebete
stammeltest, und wie glcklich waren wir alle damals. Lebe wohl, oder
besser, -- _auf Wiedersehen_! Ich umarme dich innig, innig und ksse
dich unzhligemal.

                                                     Dein bis zum Tode
                                              Pulcheria Raskolnikowa.

Fast die ganze Zeit, whrend Raskolnikoff den Brief las, von den ersten
Zeilen an, war sein Gesicht na von Trnen; als er aber geendet hatte,
war sein Gesicht bleich und zuckte, und ein hartes, bitteres, bses
Lachen lag auf seinen Lippen. Er lehnte seinen Kopf an das dnne und
abgenutzte Kissen und dachte lange, lange nach. Sein Herz schlug stark,
und die Gedanken wogten hin und her. Es wurde ihm schlielich zu dumpf
und eng in dieser gelben Kammer, die einem Kfig oder einem Kasten
glich. Die Augen und die Gedanken verlangten eine freie Weite. Er nahm
seinen Hut und ging hinaus, diesmal ohne Angst, jemand auf der Treppe zu
begegnen: das hatte er vergessen. Er schlug den Weg in der Richtung nach
Wassiljew Ostroff ein, den W.ski-Prospekt entlang, als htte er dort
eine eilige Angelegenheit, er ging aber, wie es seine Gewohnheit war,
ohne den Weg zu beachten, flsterte vor sich hin und sprach hin und
wieder laut mit sich selbst; so da er den Vorbergehenden auffiel, und
viele hielten ihn fr betrunken.


                                  IV.

Der Brief der Mutter hatte ihn sehr erschttert. ber die Hauptsache
aber, das Moment, um das sich alles drehte, war er auch nicht einen
Augenblick im Zweifel, nicht einmal whrend des Lesens. Ihrem Wesen nach
war die Sache fr ihn entschieden: Diese Heirat kommt nicht zustande,
solange ich lebe, und hol' der Teufel den Herrn Luschin!

Die ganze Geschichte ist klipp und klar, murmelte er hhnisch lachend
und im voraus triumphierend ber die Folgen seines Entschlusses. Nein,
liebe Mama, nein, Dunja, ihr knnt mich nicht tuschen! ... Und da
entschuldigen sie sich, da sie mich nicht um Rat gefragt und ohne mich
die Sache gemacht haben! Haben auch Grund dazu! Sie meinen, da man es
nicht mehr zerreien kann; wir wollen mal sehen, ob es mglich ist oder
nicht! Sie haben auch eine glnzende Ausrede gefunden -- Peter
Petrowitsch sei so beschftigt, so beschftigt, da er nicht anders, als
per Postpferde, fast per Eisenbahn, heiraten kann. Nein, Dunetschka, ich
durchschaue alles und wei, worber du mit mir _so viel_ sprechen
mchtest. Ich wei auch, worber du die ganze Nacht im Zimmer auf- und
abgehend nachgedacht hast, und was du vor dem Bilde der Gottesmutter,
das bei Mama im Schlafzimmer hngt, gebetet hast. Es ist schwer,
Golgatha hinaufzugehen ... Hm ... Also es ist endgltig beschlossen.
Awdotja Romanowna, Sie geruhen also einen tchtigen und resoluten Mann
zu heiraten, der eigenes Vermgen besitzt -- (der _schon_ eigenes
Vermgen besitzt, das ist solider und ehrfurchtgebietender) -- der zwei
Stellungen einnimmt und der die berzeugungen unserer jngeren
Generation teilt (wie Mama sagt) und der, wie es scheint, gut ist, wie
Dunetschka selbst sagt. Dieses >_wie es scheint_< ist das groartigste
dabei! Und Dunetschka heiratet dieses >_wie es scheint_<! ... Groartig!
Groartig!

Es ist jedoch interessant, warum Mama mir ber >die jngere Generation<
geschrieben hat? Blo um die Person zu charakterisieren oder mit einer
weitliegenden Absicht, -- um mich fr Herrn Luschin gnstig zu stimmen?
Oh, ihr Schlauen! Es wre auch interessant, noch einen Umstand
aufzuklren, -- wie weit war an jenem Tage und in jener Nacht ihre
beiderseitige Offenherzigkeit und auch in der folgenden Zeit? Wurde
_alles_ unter ihnen Wort fr Wort besprochen, oder haben beide gefhlt,
da sie, eine wie die andere, ein und dasselbe auf dem Herzen hatten, so
da es berflssig war, alles laut werden zu lassen und womglich zu
viel zu sagen. Sicher war es grtenteils so gewesen; man sieht's aus
dem Briefe. Mama schien er _ein wenig_ hart, und die naive Mama wandte
sich sofort an Dunja mit Bemerkungen. Die wurde selbstverstndlich bse
und >antwortete verstimmt<. Das ist begreiflich! Wen wird es nicht
wtend machen, wenn eine Sache auch ohne naive Fragen klar genug ist,
und wenn ausgemacht ist, da daran nicht mehr zu rtteln ist. Und warum
schreibt sie mir: >Rodja, liebe Dunja! Sie liebt dich mehr als sich
selbst<. Wird sie etwa im geheimen von Gewissensbissen geqult, da sie
eingewilligt hat, die Tochter fr den Sohn zu opfern. >Du bist unser
Trost, du bist unser Alles! Oh, Mama! ...<

Der Zorn packte ihn immer strker, und wre Herr Luschin ihm jetzt
begegnet, er htte sich an ihm vergriffen!

Hm ... das ist wahr, spann er die Gedanken weiter, die sich wie im
Wirbelwinde in seinem Kopfe drehten. Das ist wahr, da man sich >einem
Menschen allmhlich und vorsichtig nhern mu, um ihn kennenzulernen,<
Herr Luschin ist einem auch so verstndlich. Die Hauptsache ist >ein
tchtiger und _wie es scheint_ guter Mensch<; es hat ja was zu sagen,
da er das Gepck bernommen hat und fr seine Rechnung den groen
Koffer transportiert! Nun, ist er denn nicht gut? Die beiden aber, _die
Braut_ und die Mutter, akkordieren mit einem Bauern und reisen in einem
mit Strohmatten gedeckten Wagen -- ich kenn es ja selber! Das hat ja
auch nichts zu sagen! Es sind blo neunzig Werst, weiter aber >fahren
wir zufrieden und glcklich dritter Klasse< -- also ber tausend Werst.
Es ist auch vernnftig, -- man mu sich nach der Decke strecken; aber
Sie, Herr Luschin, was denken Sie dabei? Es ist ja Ihre Braut ...
Sollten Sie etwa nicht wissen, da Mutter sich das Geld zur Reise auf
ihre Pension hin leiht? Gewi, Sie haben hier ein gemeinsames
kaufmnnisches Geschft, ein Unternehmen auf gegenseitigen Vorteil und
mit gleichlautenden Anteilen, folglich fallen die Ausgaben auch in
gleiche Teile; wie nach dem Sprichworte, -- Salz und Brot zusammen,
Tabak aber jeder fr sich. Ja, aber auch hier hat der geschftstchtige
Mann die beiden ein wenig bers Ohr gehauen, -- das Gepck kommt ihm
billiger als ihre Reise zu stehen, und vielleicht kostet das Gepck ihm
gar nichts. Sehen denn beide es nicht oder wollen sie es nicht sehen?
Sie sind ja zufrieden, sind beide zufrieden! Wenn man aber denkt, da
dies erst der Anfang ist und da das dicke Ende spter nachkommt! Was
fllt einem hier am meisten auf, -- nicht der Geiz, nicht die schmutzige
Rechnerei, sondern _der Ton_ des Ganzen. Das ist ja der knftige Ton
nach der Verheiratung, die warnende Prophezeiung ... Ja, und die Mama,
warum ist sie so flott? Mit was kommt sie nach Petersburg? Mit drei
Rubel oder mit zwei >Scheinchen,< wie die ... Alte sagt ... hm! Wovon
will sie denn in Petersburg leben? Sie hat schon aus irgendwelchen
Anzeichen herausgefunden, da sie mit Dunja nach der Verheiratung nicht
zusammenleben kann, nicht mal in der ersten Zeit. Der liebe Mensch hat
sich auch hier sicher irgendwie versprochen, hat es zu verstehen
gegeben, obwohl Mama sich mit beiden Hnden dagegen strubt, -- >ich
will,< sagt sie, >es selbst ablehnen<. Ja, auf was hofft sie denn noch
-- mit ihrer Pension von hundertundzwanzig Rubel, von der noch die
Schuld an Afanassi Iwanowitsch abgezogen wird? Sie strickt dann zu Hause
Tcher, stickt Manschetten und verdirbt sich die alten Augen, und das
bringt ihr zwanzig Rubel im Jahre ein zu der Pension, das kenne ich.
Also, hofft man doch und baut auf die Freigiebigkeit und die Gromut des
Herrn Luschin. >Er wird es mir selbst anbieten,< meint sie, >wird mich
darum bitten.< Nein, darauf kann sie lange warten. So geht es stets
diesen schnen Schillerschen Seelen, -- bis zum letzten Moment schmcken
sie einen Menschen mit Pfauenfedern, bis zum letzten Moment glauben sie
an das Gute und nicht an das Bse im Menschen; obwohl sie die Kehrseite
der Medaille ahnen, belgen sie sich lieber selbst, weil sie sich vor
der Wahrheit frchten. Mit beiden Hnden wehren sie sich dagegen, bis
ihnen schlielich der ausgeschmckte Mensch eigenhndig einen
Nasenstber gibt. Es wre interessant zu wissen, ob Herr Luschin Orden
hat; ich gehe eine Wette ein, da er den Orden der heiligen Anna im
Knopfloche stecken hat und da er ihn zu Diners bei allerhand Kaufleuten
und Lieferanten trgt. Vielleicht wird er ihn auch zur Feier seiner
Hochzeit anlegen! brigens, hol ihn der Teufel! ... Nun, gegen Mama ist
nichts zu sagen, sie ist einmal so, aber was ist mit Dunja? Liebe
Dunetschka, ich kenne sie doch! Sie war bereits zwanzig Jahre alt, als
wir uns zum letztenmal sahen, ihren Charakter habe ich schon damals
verstanden. Die Mama schreibt >Dunetschka kann vieles ertragen<. Das
wute ich schon frher. Das wute ich bereits vor zweiundeinhalb Jahren,
und seit jener Zeit habe ich nachgedacht, zweiundeinhalb Jahre habe ich
gerade darber nachgedacht, wie vieles Dunetschka ertragen kann? Denn
Herrn Sswidrigailoff mit all dem Folgenden ertragen zu knnen, heit
viel ertragen knnen. Jetzt aber meint sie, wie auch Mama, da man den
Herrn Luschin als zuknftigen Ehemann ebenfalls ertragen kann, der die
Theorie ber die Vorzge von Frauen vertritt, die von Hause aus
bettelarm sind und folglich von ihren Mnnern nur Wohltaten empfingen,
und der dies fast bei der ersten Zusammmkunft auseinandersetzt. Nun,
gut, wollen wir annehmen, er habe >sich versprochen,< obwohl er doch ein
verstndiger Mann ist, der sich vielleicht gar nicht versprochen,
sondern sofort ihre richtige Stellung klargestellt wissen wollte, aber
Dunja, Dunja, was ist mit ihr? Sie durchschaut doch den Menschen klar
und deutlich, und mu mit ihm leben. Sie wrde lieber schwarzes Brot
essen und Wasser dazu trinken, als ihre Seele verkaufen; sie wrde ihre
sittliche Freiheit fr keinen Komfort hergeben; fr ganz
Schleswig-Holstein wrde sie sie nicht hergeben, geschweige denn fr
einen Herrn Luschin. Nein, Dunja war nicht so, soweit ich sie kannte,
und ... hat sich sicher nicht verndert! ... Was ist da zu sagen!
Sswidrigailoffs sind bitter! Es ist bitter, sein ganzes Leben als
Gouvernante fr zweihundert Rubel in der Provinz herumzuwandern, aber
ich wei, da meine Schwester lieber als Neger zu einem
Plantagenbesitzer oder als lettischer Bauer zu einem Deutschen in den
Ostseeprovinzen sich verdingen wrde, als ihren Geist und ihr sittliches
Empfinden durch die Verbindung mit einem Manne zu besudeln, den sie
nicht achtet und mit dem sie nichts verbindet -- auf ewig, aus
persnlichem Vorteil blo! Und wre Herr Luschin sogar aus reinstem
Golde oder aus einem einzigen Brillanten, auch dann wrde sie nie
einverstanden sein, die gesetzliche Bettgenossin des Herrn Luschin zu
werden! Warum willigt sie denn ein? Wo ist der Schlssel? Wo ist die
Lsung? Die Sache ist klar, -- ihrer selber wegen, um eigener
Annehmlichkeiten willen, selbst um sich vor dem Tode zu retten, wird sie
sich nicht verkaufen, fr einen anderen aber verkauft sie sich! Fr
einen geliebten, fr einen vergtterten Menschen verkauft sie sich! Da
haben wir das ganze Rtsel, -- fr den Bruder, fr die Mutter verkauft
sie sich, verkauft ihr Bestes. Oh, hier wird man auch bei Gelegenheit
das sittliche Empfinden unterdrcken; man wird die Freiheit, die Ruhe,
das Gewissen sogar, alles, alles -- auf den Trdelmarkt bringen. Fahr
dahin, Leben! Mgen blo diese geliebten Wesen glcklich sein! Nicht
genug dessen, man denkt sich noch eine eigene Kasuistik aus, geht bei
den Jesuiten in die Lehre und beruhigt sich selbst vielleicht fr eine
Zeit, berzeugt sich selbst, da es so gut sei, tatschlich fr einen
guten Zweck ntig sei. Man ist nun einmal so, und alles ist so klar wie
der Tag. Es ist ja selbstredend, da hier niemand anders als Rodion
Romanowitsch Raskolnikoff mitspricht und im Vordergrunde steht. Nun,
warum denn auch nicht, -- man kann sein Glck begrnden, ihn auf der
Universitt untersttzen, ihn zum Teilhaber machen, sein ganzes
Schicksal sichern. Vielleicht wird er spter ein reicher Mann, wird als
angesehener, geachteter, auch vielleicht als berhmter Mann sein Leben
beenden! Und die Mutter? Ja, es handelt sich um Rodja, den teuren Rodja,
den Erstgeborenen! Und warum soll man nicht um solch eines Erstgeborenen
willen selbst die Tochter opfern! Oh, ihr lieben und einfltigen Seelen!
Man wird in diesem Falle vielleicht auch das Los einer Ssonjetschka
nicht verschmhen! Ssonjetschka, Ssonjetschka Marmeladowa, die ewige
Ssonjetschka, solange die Welt besteht! Habt ihr beide auch das Opfer,
dieses Opfer genau ermessen? Habt ihr es? Reicht die Kraft aus? Ist es
zum Besten? Ist es vernnftig? Wissen Sie auch Dunetschka, da das Los
von Ssonjetschka in keiner Weise schlimmer ist als Ihr Los mit Herrn
Luschin? >Liebe ist nicht vorhanden,< schreibt die Mama. Was, wenn aber
auer Liebe auch keine Achtung vorhanden ist, sondern im Gegenteil sich
Widerwille, Verachtung und Ekel schon eingestellt haben, was dann? Und
es kommt dabei auf eins heraus, da man auch hier _auf Sauberkeit
achtgeben_ mu. Ist es nicht etwa so? Verstehen Sie, verstehen Sie auch,
was diese Sauberkeit zu bedeuten hat? Verstehen Sie, da die Sauberkeit
der Frau von Luschin gleichbedeutend mit der Sauberkeit von Ssonjetschka
ist, vielleicht aber auch schlimmer, gemeiner und ekliger, weil Sie,
Dunetschka, doch mit einem berschu von Annehmlichkeiten rechnen, dort
aber handelt es sich einfach ums Verhungern! Diese Sauberkeit kommt
teuer, sehr teuer zu stehen, Dunetschka! Und wenn nun die Krfte nicht
ausreichen, werden Sie es bereuen? Wieviel Kummer, Trauer, Flche und
Trnen folgen nach, tief verborgen, da Sie doch keine Marfa Petrowna
sind! Und was wird dann aus der Mutter werden? Sie ist jetzt schon voll
Unruhe und qult sich; wie dann, wenn sie alles klar und deutlich
durchschauen wird? Und was wird mit mir? ... Ja, was haben Sie denn
tatschlich von mir gedacht? Ich will Ihr Opfer nicht, Dunetschka, ich
will es nicht, Mama! Es soll nicht geschehen, solange ich lebe, es soll
nicht sein, nicht sein! Ich nehme es nicht an!

Er kam pltzlich zu sich und blieb stehen.

Es soll nicht geschehen! Was willst du denn tun, damit es nicht
geschieht? Willst du es verbieten? Was fr ein Recht hast du? Was kannst
du ihnen versprechen, um dir solch ein Recht anzueignen? Dein ganzes
Schicksal, die ganze Zukunft ihnen widmen, _wenn du die Universitt
absolviert und eine Stelle erhalten hast_? Davon haben wir gehrt, das
sind aber _Trume_, was nun, jetzt? Es mu doch jetzt etwas, sofort
etwas getan werden, verstehst du? Was tust du jetzt? Du beraubst sie.
Sie erhalten das Geld, indem sie die Pension von hundert Rubel versetzen
und sich bei den Herrschaften Sswidrigailoff verdingen. Wie willst du
sie, du zuknftiger Millionr, du Zeus, der ber das Schicksal verfgt,
wie willst du sie vor Sswidrigailoffs, vor Afanassi Iwanowitsch
Wachruschin bewahren? Etwa nach zehn Jahren? Inzwischen wird die Mutter
vor lauter Stricken, vielleicht auch von Weinen, lngst erblindet sein;
vielleicht vor lauter Fasten zugrunde gehen. Und die Schwester? Denk mal
nach, was nach zehn Jahren oder in diesen zehn Jahren mit der Schwester
geschehen kann? Ist es dir gegenwrtig?

So qulte er sich und peitschte sich mit diesen Fragen; es bereitete ihm
sogar einen gewissen Genu. Und alle diese Fragen sie waren ihm nicht
neu und unerwartet; sie waren alt, lange herumgetragen und lngst
vorhanden. Sie marterten sein Herz schon lange. Seit langer, sehr langer
Zeit war in ihm diese Schwermut entstanden, war gewachsen, hatte sich
angesammelt, war zur Reife gekommen, hatte sich konzentriert und die
Form der entsetzlichen, wilden und phantastischen Frage angenommen, die
sein Herz und seinen Kopf marterte und nach einer Lsung schrie. Der
Brief von der Mutter hatte ihn jetzt wie ein Blitz getroffen. Jetzt war
keine Zeit mehr, schwermtig zu sein, passiv zu leiden und zu erwgen,
da die Fragen unlsbar sind, sondern es mu unbedingt gehandelt werden,
schnell gehandelt werden. Um jeden Preis mu ich mich fr etwas
entscheiden oder ...

Oder sich vom Leben ganz und gar lossagen! rief er pltzlich in
grter Erregung aus. -- Das Schicksal, so wie es ist, ein fr allemal
geduldig hinnehmen und alles in sich ersticken, sich von jeglichem
Rechte zu wirken, zu leben und zu lieben, lossagen!

Verstehen Sie, verstehen Sie, mein Herr, was es heit, wenn man
nirgendwo mehr hingehen kann? erinnerte er sich pltzlich der gestrigen
Frage Marmeladoffs, denn es mte doch so sein, da jeder Mensch
irgendwo hingehen knnte ...

Pltzlich zuckte er zusammen, -- ein Gedanke, auch von gestern, ging
wieder durch seinen Kopf. Er zuckte aber nicht zusammen, weil dieser
Gedanke ihm neu war. Er kannte ihn schon, _er ahnte_, da er unbedingt
kommen wird und erwartete ihn sogar; auch war er nicht erst vom
gestrigen Tage. Aber das andere war, da dieser Gedanke vor einem Monat
und von gestern noch blo ein Traum war, jetzt aber ... jetzt erschien
er ihm nicht mehr als Traum, sondern in einem neuen drohenden und vllig
unbekannten Lichte, und er wurde dessen pltzlich bewut ... Mit
Keulenhieben schlug es ihn nieder, und vor seinen Augen wurde es dunkel.
Er sah sich schnell um, als suche er etwas. Er wollte sich hinsetzen und
suchte eine Bank; er war auf dem K.schen Boulevard. Nicht weit von ihm,
etwa hundert Schritte, bemerkte er eine. Er ging eiligst darauf zu, auf
dem Wege dahin aber ereignete sich ein Zwischenfall, der auf einige
Minuten seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.

Whrend er sich nach einer Bank umsah, bemerkte er -- ungefhr zwanzig
Schritte vor sich -- eine Frauensperson, zuerst schenkte er ihr so wenig
Beachtung, wie all den Gegenstnden, die an ihm vorbeiglitten. Es
geschah ihm oft, da er nach Hause kam und sich des Weges nicht entsann,
den er gegangen war; so dahinzuwandern war ihm zur Gewohnheit geworden.
Die Frauensperson aber, die vor ihm ging, hatte so etwas Sonderbares und
Auffallendes an sich, da seine Aufmerksamkeit allmhlich an ihr haften
blieb, -- zuerst gegen seinen Willen und zu seinem Verdru, dann aber
mit sich steigerndem Interesse. Er wollte sich klarmachen, was an dieser
Frauensperson Sonderbares war. Sie war wahrscheinlich ein noch sehr
junges Mdchen; ging in dieser Hitze mit unbedecktem Kopfe, ohne
Sonnenschirm und ohne Handschuhe und pendelte eigentmlich mit den
Armen. Sie hatte ein leichtes seidenes Kleidchen an, das sehr bedenklich
angezogen und kaum zugeknpft war, und hinten an der Taille, gerade, wo
der Rock anfing, war es zerrissen, ein ganzes Stck hing lose herunter.
Um den entblten Hals war ein kleines Tuch umgeworfen und fiel auf der
einen Seite schief herab. Auerdem fiel es ihm auf, da das Mdchen
unsicher ging, stolperte und sogar schwankte. Diese Erscheinung erregte
also die ganze Aufmerksamkeit Raskolnikoffs. Er holte das Mdchen bei
der Bank ein; sie aber warf sich in eine Ecke der Bank, lehnte den Kopf
an die Rcklehne und schlo die Augen, anscheinend vor uerster
Ermattung. Als Raskolnikoff sie nher ansah, begriff er sofort, da sie
vllig betrunken war. Es war ein so sonderbarer und widerwrtiger
Anblick, da er an seiner Wirklichkeit zweifelte. Er sah vor sich ein
junges Gesichtchen von sechzehn, oder gar erst fnfzehn Jahren, mit
hellblonden Haaren, sehr hbsch, aber unnatrlich gertet und allem
Anscheine nach ein wenig aufgedunsen. Das junge Mdchen schien nicht
ganz bei Bewutsein zu sein; das eine Bein hatte sie ber das andere
geschlagen und weiter vorgestreckt, als anstndig war; jedenfalls war es
ihr nicht bewut, da sie auf der Strae war.

Raskolnikoff setzte sich nicht hin, wollte aber auch nicht weggehen; er
blieb unschlssig vor ihr stehen. Dieser Boulevard ist immer ziemlich
leer, jetzt aber in der zweiten Nachmittagsstunde und bei dieser Hitze
war fast niemand zu sehen. Nur etwa fnfzehn Schritte weiter, am Ende
des Boulevards war seitwrts ein Herr stehengeblieben, der allem
Anscheine nach die grte Lust hatte, an das junge Mdchen mit gewissen
Absichten heranzutreten. Er hatte sie wahrscheinlich von weitem erblickt
und war ihr nachgeeilt, Raskolnikoff aber hatte seinen Weg gekreuzt. Er
warf ihm feindliche Blicke zu, die unbemerkt bleiben sollten und wartete
voll Ungeduld, bis der Lump fortgegangen wre, und er zu seinem Rechte
kme. Die Sache war klar. Der Herr war etwa dreiig Jahre alt, krftig,
wohlgenhrt, mit roten Lippen und kleinem Schnurrbart, und sehr elegant
gekleidet. Raskolnikoff rgerte sich ber ihn; er bekam pltzlich Lust,
diesen gutgenhrten Gecken in irgendeiner Weise zu beleidigen. So
verlie er das junge Mdchen und trat an den Herrn heran.

He, Sie Sswidrigailoff! Was suchen Sie hier? rief er ihm zu, ballte
die Fuste und lachte mit vor Wut bleichen Lippen.

Was soll das heien? fragte der Herr streng, zog die Augenbrauen
zusammen und ma ihn mit einem hochmtigen Blick.

Sie sollen sich packen, heit das!

Wie wagst du, Kanaille! ...

Und er erhob sein Stckchen. Raskolnikoff strzte sich mit geballten
Fusten auf ihn, vollstndig vergessend, da der krftige Herr mit ein
_paar_ solchen, wie er, fertig wrde. In diesem Augenblicke aber packte
ihn jemand von hinten, und zwischen beide trat ein Schutzmann.

Ich bitte, meine Herren, sich nicht an ffentlichen Pltzen zu prgeln.
Was wnschen Sie? Wer bist du? wandte er sich streng an Raskolnikoff,
nachdem er dessen Lumpen erblickt hatte.

Raskolnikoff sah ihn aufmerksam an. Es war ein braves Soldatengesicht
mit grauem Schnurrbart und Backenbart und einem verstndigen Blick.

Sie brauche ich gerade, rief er aus und fate ihn bei der Hand. Ich
bin der ehemalige Student Raskolnikoff ... Das knnen auch Sie
erfahren! wandte er sich an den Herrn. Kommen Sie bitte mit, ich will
Ihnen etwas zeigen ...

Er nahm den Schutzmann bei der Hand und fhrte ihn zu der Bank.

Sehen Sie, sie ist ganz betrunken, soeben kam sie von dem Boulevard
her. Wer wei, wer sie ist, aber sie sieht nicht aus, wie eine
gewerbsmige. Es ist wahrscheinlicher, da man sie irgendwo betrunken
gemacht und verfhrt hat ... zum erstenmal ... verstehen Sie ... und hat
sie dann auf die Strae gebracht. Sehen Sie, wie das Kleid zerrissen
ist, sehen Sie, wie es angezogen ist, -- man hat sie angekleidet, nicht
sie selber, und ungeschickte Hnde, Mnnerhnde haben sie angekleidet.
Das sieht man doch. Sehen Sie aber bitte dorthin, -- diesen Geck, mit
dem ich mich soeben beinahe geprgelt htte, kenne ich nicht, ich sehe
ihn zum erstenmal. Er hat sie auch auf der Strae bemerkt, hat gesehen,
da sie betrunken, besinnungslos betrunken ist, und nun mchte er
furchtbar gern an sie herankommen, und sie abfangen, und sie in diesem
Zustande irgendwo hinschleppen ... Es ist sicher so, glauben Sie mir,
ich irre mich nicht. Ich habe gesehen, wie er sie beobachtet und
verfolgt hat, ich habe ihn blo daran gehindert, und er wartet nun, bis
ich weggehe. Sehen Sie, er ist jetzt ein paar Schritte weitergegangen
und bleibt stehen, als drehe er sich eine Zigarette ... Wie knnen wir
sie ihm entreien? Wie knnen wir sie nach Hause schaffen, -- denken Sie
doch darber nach!

Der Schutzmann hatte im Nu alles verstanden und begriffen. Die Absichten
des krftigen Herrn waren ihm klar, mit dem jungen Mdchen aber mute
etwas geschehen. Der Veteran beugte sich ber sie, um sie nher zu
betrachten und ein aufrichtiges Mitleid drckte sich in seinen Zgen
aus.

Ach, wie schade! sagte er und schttelte den Kopf. Sie ist ja noch
ein Kind. Man hat sie verfhrt, das ist sicher. Hren Sie, mein
Frulein, begann er sie zu rufen. Wo wohnen Sie?

Das junge Mdchen ffnete die mden, schlfrigen Augen, blickte stumpf
den Fragenden an und machte eine abwehrende Handbewegung.

Hren Sie, sagte Raskolnikoff. Hier haben Sie, er suchte in der
Tasche und zog zwanzig Kopeken hervor, die er noch fand, hier haben Sie
zu einer Droschke, und lassen Sie sie durch einen Kutscher nach Hause
bringen. Wenn wir blo Ihre Wohnung erfahren knnten.

Frulein, hren Sie, Frulein! begann von neuem der Schutzmann,
nachdem er das Geldstck in Empfang genommen hatte. Ich will Ihnen
sofort eine Droschke besorgen und will Sie selbst begleiten. Wohin
befehlen Sie? Ah? Wo wohnen Sie?

Geht fort! ... Lat mich in Ruhe! ... murmelte das Mdchen und wehrte
von neuem mit der Hand ab.

Ach, wie schlecht! Ach, welch eine Schande, Frulein, welch eine
Schande! sagte der Schutzmann und schttelte mit dem Kopfe, in
Entrstung und Mitleid. Das ist eine Aufgabe! wandte er sich an
Raskolnikoff und sah ihn wieder flchtig von Kopf bis zu Fen an.
Wahrscheinlich erschien er ihm merkwrdig, -- ein Mensch in solchen
Lumpen, der Geld hergab.

Haben Sie sie weit von hier gefunden? fragte er ihn.

Ich sagte Ihnen -- sie ging mit wankenden Schritten vor mir, hier, auf
dem Boulevard. Als sie zu der Bank kam, fiel sie sofort hin.

Ach, welch eine Schande jetzt in der Welt herrscht, Herrgott! So
blutjung und schon betrunken! Man hat sie verfhrt, das ist sicher. Auch
das Kleidchen ist zerrissen ... Ach, wie stark die Unsittlichkeit jetzt
um sich greift ... Ja, sie wird wahrscheinlich eine Adlige sein, von den
armen ... Jetzt gibt es viele solche. Dem Aussehen nach ist sie von den
zarten, ganz wie ein Frulein ... und er beugte sich wieder ber sie.

Vielleicht wuchsen bei ihm zu Hause auch solche Tchter heran, ganz wie
Fruleins und von den zarten, mit Gewohnheiten der Feinerzogenen und
mit angenommener Modesucht ...

Die Hauptsache ist, sagte Raskolnikoff, da dieser Schuft sie nicht
bekommt! Warum soll er sie noch schnden! Man sieht ja, was er will,
sehen Sie, der Schuft, er geht nicht weg.

Raskolnikoff sprach laut und zeigte mit der Hand auf ihn. Jener hrte es
und wollte wieder bse werden, aber besann sich und begngte sich mit
einem verchtlichen Blick. Dann ging er langsam zehn Schritt weiter und
blieb wieder stehen.

Das kann man verhindern, da er sie bekommt, antwortete der Schutzmann
in Gedanken. Wenn sie blo sagen wrde, wohin man sie bringen soll, so
aber ... Frulein, hren Sie, Frulein! er beugte sich zu ihr.

Sie ffnete pltzlich die Augen, blickte aufmerksam die beiden an, als
htte sie etwas verstanden, stand von der Bank auf und ging in dieselbe
Richtung zurck, woher sie gekommen war.

Pfui, schmt euch, knnt ihr mich nicht in Ruhe lassen! sagte sie und
wehrte wieder mit der Hand ab.

Sie ging schnell, aber auch, wie frher, stark schwankend.

Der feine Herr ging ihr nach, aber in einer anderen Allee, und verlor
sie nicht aus den Augen.

Haben Sie keine Sorge, ich will schon aufpassen! sagte entschlossen
der brtige Schutzmann und folgte dem Mdchen.

Ach, wie stark die Unsittlichkeit jetzt um sich greift! wiederholte er
laut und seufzte.

Pltzlich schien Raskolnikoff mit einem Schlage wie verwandelt.

Hren Sie mal! rief er dem Schutzmann nach. Der wandte sich um.

Lassen Sie es. Was geht es Sie an? Lassen Sie es. Mge er sich
amsieren (er zeigte auf den Stutzer). Was geht es Sie an?

Der Schutzmann begriff ihn nicht und starrte ihn an. Raskolnikoff lachte
auf.

Na nu! sagte der Schutzmann, machte eine abwehrende Handbewegung und
ging dem Stutzer und dem jungen Mdchen nach; wahrscheinlich hielt er
Raskolnikoff entweder fr einen Verrckten oder fr etwas Schlimmeres.

Meine zwanzig Kopeken hat er mitgenommen! sagte Raskolnikoff wtend,
als er allein zurckgeblieben war. Nun, mag er auch von dem, von dem
andern nehmen und das Mdchen mit ihm gehen lassen, damit wird es auch
enden ... Und wozu habe ich mich hineingemischt? Um zu helfen? Steht es
mir denn zu, jemand zu helfen? Habe ich denn ein Recht dazu? Mgen sie
doch einander lebendig auffressen, -- was geht es mich an? Und wie
durfte ich diese zwanzig Kopeken fortgeben? Gehren sie denn mir?

Bei diesen sonderbaren Worten wurde es ihm schwer zumute. Er setzte sich
auf die nun leere Bank. Seine Gedanken waren verwirrt ... Und es war ihm
kaum mglich, in diesem Augenblicke einen Gedanken zu fassen. Er wollte
sich vollkommen vergessen, alles vergessen, dann erwachen und ganz von
neuem beginnen ...

Armes Mdchen! sagte er, nachdem er die leere Ecke der Bank erblickte.
Sie wird zu sich kommen, wird weinen, und dann erfhrt es die Mutter
... Zuerst wird sie sie schlagen, ihr die Rute geben, schmerzhaft und
schmachvoll, vielleicht wird sie sie aus dem Hause jagen ... Und wenn
sie sie nicht verjagt, werden es doch allerhand Darjas Franzowna
erfahren, und das Mdchen wird aus einer Hand in die andere gehen ...
Dann folgt das Krankenhaus -- und das passiert stets mit denen, die bei
sehr ehrenwerten Mttern leben und im geheimen lose Streiche verben, --
nun, und dann ... folgt wieder das Krankenhaus ... Wein ... Kneipen ...
und dann nochmals das Krankenhaus ... und in zwei oder drei Jahren ist
sie ein Krppel, und im ganzen hat sie ein Alter von neunzehn oder auch
blo achtzehn Jahren erreicht ... Habe ich denn nicht genug solche
gesehen? Wie sind sie aber so geworden? So und nicht anders sind sie es
geworden ... Pfui! Mgen Sie es! Man sagt, es mu so sein. Jedes Jahr,
sagt man, mu ein gewisser Prozentsatz draufgehen ... irgendwohin ...
wahrscheinlich zum Teufel, um die brigen zu erfrischen und ihnen nicht
hinderlich zu sein. Prozentsatz! Die Menschen haben in der Tat herrliche
Worte gefunden, -- sie sind so beruhigend und wissenschaftlich noch
dazu. Es ist gesagt -- ein Prozentsatz mu sein, also kein Anla, um
sich zu beunruhigen. Ja, htte man ein anderes Wort dafr, nun dann ...
wrde es vielleicht beunruhigender sein ... Was aber, wenn auch
Dunetschka in irgendeiner Weise in diesen Prozentsatz hineinkommt! ...
Und wenn nicht in diesen, dann in einen anderen! ... Aber wohin gehe ich
denn? -- dachte er pltzlich. -- Sonderbar. Ich ging doch aus
irgendeinem Grunde von Hause weg. Als ich den Brief gelesen hatte, ging
ich fort ... Ich ging zu Rasumichin auf Wassiljew Ostroff ... jetzt
erinnere ich mich. Aber wozu denn eigentlich? Und warum kam mir gerade
jetzt der Gedanke zu Rasumichin zu gehen? Das ist sonderbar.

Er wunderte sich ber sich selbst. Rasumichin war einer von seinen
frheren Kommilitonen. Raskolnikoffs Eigentmlichkeit auf der
Universitt war, da er fast keine Bekannten hatte, sich von allen
zurckzog, zu niemandem hinging und ungern jemand bei sich empfing. Bald
wandte man sich auch von ihm ab. Weder an gemeinsamen Zusammenknften,
noch an Gesprchen, noch an Zerstreuungen -- an nichts nahm er teil. Er
arbeitete sehr eifrig, ohne auf sich Rcksicht zu nehmen; man achtete
ihn deswegen, aber niemand liebte ihn. Er war sehr arm, abweisend stolz
und unmitteilsam, als ob er etwas zu verheimlichen htte. Manchem seiner
Kommilitonen schien es, als sehe er auf sie alle, wie auf Unmndige
herab, als htte er sie alle in der Entwicklung, im Wissen und in
Lebensanschauung berholt und als betrachte er ihre Anschauungen und
ihre Interessen wie etwas Unreifes.

Rasumichin war er aus irgendeinem Grunde nhergekommen, das heit,
eigentlich nicht so nhergekommen, da er ihm gegenber mitteilsam und
offener geworden wre. Man konnte eben zu Rasumichin in keinem anderen
Verhltnisse stehn. Er war ein ungemein lustiger und mitteilsamer
Bursche und gut bis zur Einfalt. Unter dieser Einfalt verbargen sich
jedoch Tiefe und Wrde. Die besten seiner Kameraden wuten es, und alle
liebten ihn. Er war sehr klug, konnte aber zuweilen wirklich tppisch
sein. Sein ueres war charakteristisch -- hochgewachsen, hager,
schwarzhaarig und immer schlecht rasiert. Zuweilen suchte er Hndel und
geno den Ruf eines brenstarken Menschen. Eines Nachts hatte er in
einer lustigen Gesellschaft mit einem Hiebe einen baumlangen Hter der
Ordnung niedergeschlagen. Trinken konnte er unmenschlich, aber er konnte
auch wieder gar nicht trinken; manchmal verbte er Streiche, die ans
Unerlaubte grenzten, aber er konnte auch Ruhe halten. Rasumichin war es
auch eigen, da ihn kein Mierfolg verblffte, und das Schlimmste schien
ihn nicht beugen zu knnen. Er vermochte es, gegebenenfalls auf einem
Dachboden zu hausen, hllischen Hunger und ungewhnliche Klte zu
ertragen. Er war sehr arm und verschaffte sich ganz und gar seinen
Unterhalt durch alle mglichen Arbeiten, fr die er eine Unmenge Quellen
hatte. Einmal verbrachte er einen ganzen Winter im ungeheizten Zimmer
und begrndete es damit, da es sich in der Klte besser schliefe.
Gegenwrtig war er ebenfalls gezwungen, die Universitt zu verlassen,
aber nicht auf lange Zeit, und er mhte sich aus allen Krften, seine
Verhltnisse zu verbessern, um das Studium wieder fortsetzen zu knnen.
Raskolnikoff war seit vier Monaten nicht bei ihm gewesen, Rasumichin
aber wute sogar nicht dessen Wohnung. Vor zwei Monaten war er ihm
einmal zufllig auf der Strae begegnet. Raskolnikoff aber hatte sich
abgewandt und war sogar auf die andere Seite hinbergegangen, damit
Rasumichin ihn nicht sehen sollte. Rasumichin hatte ihn wohl erkannt,
ging aber ebenso vorbei, weil er _den Freund_ nicht stren wollte.


                                   V.

Ich hatte noch vor kurzem wirklich die Absicht, Rasumichin um Arbeit zu
bitten, da er mir Stunden oder etwas anderes verschaffen solle ...
dachte Raskolnikoff. -- Aber womit kann er mir jetzt helfen? Gesetzt
den Fall, er verschafft mir Stunden, ja, gesetzt den Fall, er teilt mit
mir sein letztes Gerstchen, wenn er eines hat, so da ich mir selbst
Stiefel kaufen und meine Kleidung instand setzen kann, um Stunden zu
geben ... hm ... Aber was weiter? Was kann ich mit den paar Groschen
machen? Ist es das, was ich jetzt brauche? Es ist lcherlich, da ich zu
Rasumichin gehe ...

Die Frage, warum er jetzt zu Rasumichin gehe, beunruhigte ihn mehr, als
er sich selbst eingestehen wollte, und voll Unruhe suchte er eine bse
Bedeutung in dieser anscheinend ganz gewhnlichen Handlung.

Wie will ich nur die ganze Angelegenheit durch Rasumichin in Ordnung
bringen, habe ich denn als letzten Ausweg nur Rasumichin gefunden?
fragte er verwundert sich selbst.

Er dachte nach und rieb sich die Stirn, und pltzlich, ganz unerwartet,
berraschte ihn nach langem Sinnen ein neuer Gedanke.

Hm ... zu Rasumichin ... sagte er auf einmal vllig ruhig, wie fest
entschlossen. ... zu Rasumichin gehe ich bestimmt ... aber nicht jetzt
... Ich will zu ihm hingehen ... am andern Tage _nach dem_ ... wenn
_das_ schon vorbei ist, und wenn ich von vorne anfange ...

Da kam er zu sich.

Nach dem, rief er aus und sprang von der Bank auf. Ja, wird _das_
berhaupt geschehen? Wird es tatschlich geschehen?

Er ging fort, ja er rannte beinahe fort; er wollte nach Hause
zurckkehren, doch das war ihm entsetzlich, zu Hause, -- dort in der
Ecke, zwischen den vier den Wnden, ber einen Monat schon reifte der
grausige Plan -- und er ging, wohin die Fe ihn fhrten.

Sein nervses Zittern ging in ein fieberhaftes ber; er empfand
Schttelfrost, Frost in dieser Hitze! Fast bewutlos, mit groer
berwindung begann er alles, was ihm begegnete, zu betrachten, als suche
er Zerstreuung, aber das gelang ihm schlecht, er berraschte sich immer
wieder bei seinem Gespenst. Wenn er aber auffahrend wieder den Kopf
erhob und sich ringsum umblickte, verga er sofort, worber er soeben
nachgedacht hatte und wo er war. In dieser Weise durchwanderte er den
ganzen Wassiljew Ostroff, kam zu der kleinen Newa hinaus, berschritt
die Brcke und wandte sich den Inseln zu. Das frische Grn und die
erquickende Luft taten seinen mden Augen wohl, die an Stadtstaub, Kalk
und an beengende und bedrckende Huser doch gewhnt waren. Hier gab es
weder eine dumpfe Luft, noch Gestank, noch Schenken. Doch es whrte
nicht lange, und es gingen auch diese neuen angenehmen Empfindungen in
krankhafte und aufregende ber. Ab und zu blieb er vor einer aus ppigem
Grn lugenden Villa stehn, blickte durch den Zaun hindurch und sah in
der Ferne auf den Balkonen und Terrassen elegante Frauen und in den
Grten spielende Kinder. Besondere Aufmerksamkeit schenkte er den
Blumen, sie schaute er am lngsten an. Er begegnete auch schnen Wagen,
Reitern und Amazonen, verfolgte sie voll Neugier mit den Blicken und
verga sie, wenn sie kaum seinen Augen entschwunden waren. Einmal blieb
er auch stehn und zhlte sein Geld nach -- es waren etwa dreiig
Kopeken.

Zwanzig gab ich dem Schutzmann, drei fr den Brief an Nastasja, also
habe ich gestern Marmeladoffs siebenundvierzig oder fnfzig Kopeken
hinterlassen, dachte er, indem er aus irgendeinem Grund nachrechnete,
bald aber hatte er vergessen, warum er das Geld aus der Tasche
hervorgeholt hatte.

Er erinnerte sich wieder daran, als er an einer Speiseanstalt, einer Art
Garkche, vorbeiging und fhlte, da er Hunger hatte. Er trat ein, trank
ein Glschen Branntwein und nahm eine Pastete, die er auf dem Wege zu
Ende a. Er hatte sehr lange schon keinen Branntwein mehr getrunken, der
tat denn auch im Nu seine Wirkung, obwohl es nur ein einziges Glschen
war. Seine Fe wurden schwer, und er fhlte einen starken Drang zu
schlafen. Er kehrte um, um nach Hause zu gehen, als er aber Petrowski
Ostroff schon erreicht hatte, blieb er in vlliger Erschpfung stehen,
ging abseits des Weges in ein Gebsch, fiel aufs Gras hin und schlief im
selben Augenblick ein. In krankhaften Zustnden zeichnen sich Trume oft
durch ungewhnliche Deutlichkeit, Klarheit und auerordentliche
hnlichkeit mit der Wirklichkeit aus. Es erscheint zuweilen ein
seltsames Bild, die Umgebung aber und der ganze Gang der Vorstellung
sind so wahrscheinlich und mit solchen feinen unerwarteten und dem
Gesamtbilde knstlerisch entsprechenden Einzelheiten verbunden, da
derselbe Trumer sie in Wirklichkeit nicht so ausdenken kann, mag er
auch selbst ein Knstler, wie Puschkin oder Turgenjeff sein. Solche
krankhafte Trume bleiben stets lange in der Erinnerung haften und ben
einen starken Eindruck auf den zerrtteten und angegriffenen Organismus
eines Menschen aus. Raskolnikoff hatte solch einen Traum. Er trumt sich
als Kind in der kleinen Provinzialstadt. Er ist sieben Jahre alt und
geht an einem Feiertage gegen Abend mit seinem Vater auerhalb der Stadt
spazieren. Es ist eine graue trbe Zeit, der Tag drckend, die Gegend
genau so, wie sie in seiner Erinnerung lebt; in seiner Erinnerung ist
sie ihm nicht so klar, als sie ihm jetzt im Traume erscheint. Das
Stdtchen liegt vor ihm, wie ein aufgeschlagenes Buch; ringsum kein
Weidenstrauch; sehr weit, ganz am Horizonte hebt sich dunkel ein
Wldchen ab. Einige Schritte von dem uersten stdtischen Gemsegarten
steht eine Schenke, eine groe Schenke, die auf ihn stets einen hchst
unangenehmen Eindruck machte, ihm Furcht einflte, wenn er auf dem
Spaziergange mit dem Vater vorbeiging. Dort traf man stets eine groe
Menge an; sie brllten, lachten, schimpften, sangen so scheulich und
heiser, und prgelten sich so oft; rings um die Schenke lungerten stets
betrunkene und schreckliche Gestalten ... Wenn er ihnen begegnete,
drckte er sich fester an den Vater und zitterte am ganzen Krper. Neben
der Schenke fhrte ein Weg, ein Landweg vorbei, stets mit schwarzem
Staub bedeckt. Der Weg zog sich schlngelnd weiter, und etwa nach
dreihundert Schritten bog er rechts um den stdtischen Friedhof ab.
Mitten auf dem Friedhofe erhob sich eine steinerne Kirche mit grner
Kuppel, in die er ein paarmal im Jahre mit Vater und Mutter zum
Gottesdienst ging, wenn fr seine lngst verstorbene Gromutter, die er
nie gesehen hatte, eine Seelenmesse abgehalten wurde. Da nahmen sie
stets Kutje[7] auf einem weien Teller, in einer Serviette, mit, und
die Kutje war aus Zucker, Reis und Rosinen zubereitet, und die Rosinen
waren in Form eines Kreuzes in den Reis gesteckt. Er liebte diese Kirche
und die alten Heiligenbilder, die meist ohne Einfassung waren, und den
alten Priester mit dem zitternden Haupte. Neben dem Grabhgel der
Gromutter, auf dem ein Grabstein war, lag auch das kleine Grab seines
jngsten Bruders, der sechs Monate alt gestorben war, und den er auch
nicht gekannt hatte, an dessen Dasein er sich nicht erinnern konnte. Man
hatte ihm aber erzhlt, da er einen kleinen Bruder gehabt habe, und
jedesmal, wenn er den Friedhof besuchte, bekreuzigte er sich voll
Andacht an dem kleinen Grabhgel, verneigte sich und kte die Erde. Und
nun trumte er: er geht mit dem Vater zum Friedhof, und sie gehen an der
Schenke vorbei; er hlt den Vater an der Hand und blickt voll Schrecken
zu der Schenke hin. Ein besonderer Umstand fesselt seine Aufmerksamkeit,
-- diesmal scheint hier ein Volksfest zu sein, ein Haufen geputzter
Brgerfrauen, Weiber, Mnner und allerhand Gesindel steht da herum. Alle
sind betrunken, alle singen, und neben der Treppe der Schenke steht ein
Wagen -- ein seltsamer Wagen. Es ist ein groer Wagen, vor den groe
Lastpferde gespannt werden, und auf dem man Waren und Weinfsser
befrdert. Er liebt es, diesen ungeschlachten Gulen mit den langen
Mhnen und den dicken Beinen zuzusehen, wie sie langsam in gleichmigem
Schritt dahinschreiten, einen ganzen Berg ohne die geringste Anstrengung
hinter sich herziehend, als wre es ihnen leichter mit dem Wagen als
ohne ihn zu gehen. Jetzt aber war merkwrdigerweise vor solch einen
groen Wagen ein kleines, mageres, braunes Bauernpferd gespannt, eines
von jenen, die -- wie er es oft gesehen hatte -- sich mit hochbeladenen
Wagen voll Holz oder Heu abqulen mssen, um so mehr, wenn der Wagen im
Schmutze oder in alten Wagenspuren stecken bleibt. Dann hauen die Bauern
darauf los, peitschen sie schmerzhaft, oft auf das Maul und ber die
Augen. Das tut ihm so weh, so weh anzusehen, da ihm die Trnen kommen;
die Mutter fhrt ihn dann immer von dem Fenster fort. -- Pltzlich
erhebt sich ein Lrm -- aus der Schenke kommen mit Geschrei, Gesang und
mit Balalaikas[8] betrunkene, vllig betrunkene, groe Bauern heraus, in
blauen und roten Hemden, mit bergeworfenen Mnteln.

Setzt euch, setzt euch alle! ruft einer, ein junger Bursche mit dickem
Halse und fleischigem, dunkelrotem Gesichte. -- Ich fahre euch alle
hin, setzt euch darauf! Mit lautem Lachen erschollen die Ausrufe:

So eine Schindmhre soll uns ziehen.

Bist du von Sinnen, Mikolka, -- so eine kleine Stute vor diesen Wagen
zu spannen?

Das Pferdchen ist sicher seine zwanzig Jahre alt, Brder!

Setzt euch, ich fahre euch alle zusammen! ruft von neuem Mikolka,
springt als erster auf den Wagen, ergreift die Zgel und pflanzt sich in
seiner ganzen Gre vorne auf dem Wagen auf. Mit dem Braunen ist Matwei
vorhin losgezogen, schreit er vom Wagen. Diese Mhre treibt mir blo
die Galle ins Blut, ich mchte sie totschlagen, frit umsonst den Hafer.
Ich sage -- setzt euch! Ich lasse sie im Galopp laufen! Sie mu Galopp
laufen! Und er nimmt die Peitsche in die Hand und bereitet sich voll
Wonne vor, das Pferd zu schlagen.

Setzt euch doch! ruft man lachend in der Menge. Hrt doch, sie wird
im Galopp laufen.

Sie ist wahrscheinlich schon zehn Jahre nicht mehr im Galopp gelaufen.

Sie wird schn springen!

Keine Angst, Brder, nehmt jeder eine Peitsche, und drauf los!

Was ist da zu schonen! Schlagt los!

Alle springen mit Gelchter und Witzen in den Wagen. Sechs Mann sind
hereingekrochen, und noch ist Platz. Sie nehmen ein dickes und
rotbckiges Weib noch hinauf, ein Weib in einem Kleide von rotem Kattun,
mit einem Kopfputze aus Glasperlen, an den Fen lederne Bauernschuhe;
sie knackt Nsse und lacht. Ringsum in der Menge lacht man auch, und in
der Tat, warum soll man auch nicht lachen, -- so eine abgemagerte Mhre
soll solch eine Last im Galopp ziehen! Zwei Burschen im Wagen nehmen je
eine Peitsche, um Mikolka zu helfen. Los! ruft er, die Mhre zieht aus
Leibeskrften an; vom im Trabe laufen kann nicht die Rede sein, sie kann
nicht mal im Schritt losgehen, sie trippelt blo auf einem Fleck, sthnt
und keucht unter den Hieben der drei Peitschen, die auf sie wie Hagel
niederprasseln. Das Gelchter auf dem Wagen und in der Menge wird
strker, Mikolka aber wird wtend und peitscht immer heftiger, als
glaube er wirklich, sie zum Galopp treiben zu knnen.

Nehmt mich auch mit, Brder! ruft ein Bursche aus der Menge, der Lust
bekommen hatte, mitzufahren.

Setzt euch! Setzt euch alle hinein! schreit Mikolka. Sie wird alle
ziehen. Ich peitsche sie zu Tode! Und er schlgt los, schlgt das Pferd
in einem fort und wei vor Raserei nicht, womit er es noch schlagen
soll.

Papa, lieber Papa! ruft der Knabe dem Vater zu. --

Papa, was tun sie? Papa, sie schlagen das arme kleine Pferd!

Komm, la uns gehen! sagte der Vater. Betrunkene Dummkpfe treiben
ihren Unfug; la uns gehen, sieh nicht hin! und er will ihn fortfhren,
der Knabe aber reit sich los und luft zu dem Pferde hin. Dem aber geht
es schon schlecht. Es schnappt nach Luft, steht still, zieht von neuem
an und fllt beinahe hin.

Peitscht es zu Tode! schreit Mikolka. Mag es kaput gehen. Ich
peitsche es zu Tode!

Bist du kein Christ, du Scheusal? ruft ein alter Mann aus der Menge.

Hat man es je erlebt, da so ein Pferd diese Last ziehen soll, fgte
ein anderer hinzu.

Du qulst es zuschanden! ruft ein dritter.

Schweigt still! Es ist mein Eigentum. Ich kann damit tun, was ich will.
Setzt euch noch dazu in den Wagen! Setzt euch alle hinein! Ich will, da
es im Galopp luft! ...

Ein lautes Lachen bertnte pltzlich alles, -- die Mhre wollte sich
der scharfen Schlge erwehren und begann in ihrer Bedrngnis
auszuschlagen. Sogar der alte Mann mute lcheln. Es war auch ein zu
komisches Bild, -- so eine abgebrauchte Mhre schlgt pltzlich aus.
Zwei Burschen aus der Menge verschaffen sich Peitschen und springen
herzu, um das Pferd von zwei Seiten zu schlagen.

Schlagt sie auf das Maul, peitscht sie ber die Augen, ber die Augen!
schreit Mikolka.

Brder, wollen wir ein Lied singen! ruft jemand vom Wagen, und alle
darinnen folgten sogleich der Aufforderung. Ein ausgelassenes Lied
erschallt, ein Tamburin rasselt, der Refrain wird gepfiffen. Das Weib
knackt Nsse und lacht vergngt.

... Er luft neben dem Pferde, er eilt nach vorne, er sieht, wie man es
ber die Augen schlgt, direkt ber die Augen! Er weint. Sein Herz
krampft sich zusammen, die Trnen flieen. Einer von den Peitschenden
fhrt ihm ins Gesicht; er fhlt es nicht, er ringt die Hnde, schreit
auf, strzt zu dem alten Manne mit dem grauen Barte hin, der seinen Kopf
schttelt und das mibilligt. Ein Weib packt seine Hand und will ihn
fortfhren, er reit sich los und luft wieder zu dem Pferde hin. Es hat
keine Kraft mehr, noch einmal schlgt es aus.

Hol dich der Teufel! schreit Mikolka wtend. Er wirft die Peitsche von
sich, bckt sich und zieht vom Boden des Wagens eine lange und dicke
Deichselstange hervor, ergreift sie mit beiden Hnden und schwingt sie
mit gewaltiger Anstrengung auf das Pferd nieder.

Er schlgt das Pferd tot! schreit einer.

Er zerschmettert es!

Es ist mein Eigentum! brllt Mikolka und lt die Stange mit voller
Wucht niedersausen.

Ein dumpfer Schlag.

Haut es mit der Peitsche! Warum steht ihr da! ruft man aus der Menge.

Mikolka holt zum zweiten Male aus, und ein neuer Schlag saust auf den
Rcken der unglcklichen Mhre nieder. Sie fllt beinahe auf die
Hinterbeine, springt aber auf und ruckt und ruckt aus letzter Kraft hin
und her, um den Wagen von der Stelle zu bringen; von allen Seiten
empfngt sie Peitschenhiebe, die Deichselstange erhebt sich von neuem
und saust zum dritten und vierten Male nieder. Mikolka ist wtend, da
er das Pferd nicht mit einem Schlage tten kann.

Es ist zh! ruft man ringsum.

Es fllt gleich hin, Brder, nun geht es mit ihm zu Ende! schreit
jemand aus der Menge.

Ist es nicht besser, mit einem Beile es totzuschlagen? Macht doch ein
Ende! ruft ein anderer.

Zum Teufel mit dir! Geht alle aus dem Wege! brllt Mikolka, wirft die
Deichsel fort, bckt sich von neuem und holt eine Eisenstange hervor.
Nehmt euch in acht! ruft er und lt sie mit voller Kraft auf das arme
Pferd niedersausen. Dieser Schlag traf; das Pferd taumelte, krmmte sich
und wollte ziehen, aber die Eisenstange sauste wieder auf seinen Rcken
herab, und das Pferd strzte zu Boden, als wren ihm alle vier Beine mit
einemmal abgeschlagen.

Schlagt zu! schreit Mikolka und springt wie toll vom Wagen herab.
Einige Burschen, ebenso rot im Gesichte wie er und betrunken, ergreifen,
was ihnen in die Hnde kommt -- mit Peitschen, Stcken, der
Deichselstange laufen sie zu dem verendenden Pferde. Mikolka stellt sich
auf der einen Seite hin und fngt an, sinnlos mit der Eisenstange auf
seinen Leib zu schlagen. Die Mhre streckt den Kopf, holt schwer Atem
und verendet. Nun hast du ihm den Garaus gemacht! ruft man aus der
Menge.

Warum lief es nicht im Galopp!

Es ist mein Eigentum! schreit Mikolka mit blutunterlaufenen Augen und
hlt die Eisenstange noch in den Hnden. Er steht da, als tte es ihm
leid, da er niemanden mehr habe, den er niederschlagen knnte.

Du bist wirklich kein Christ! rufen einige Stimmen aus der Menge.

Der arme Knabe aber ist auer sich. Mit einem Schrei durchbricht er die
Menge, luft auf das Pferd zu, umarmt den blutberstrmten toten Kopf
und kt ihn; er kt die Augen, die Lefzen ... Dann springt er auf und
strzt sich voller Wut mit seinen kleinen Fustchen auf Mikolka. In
diesem Augenblick erwischt ihn der Vater, der ihm nachgelaufen war, und
trgt ihn fort.

Gehen wir! Gehen wir! sagt der Vater zu ihm. Gehen wir nach Hause!

Papa, lieber Papa! Warum haben sie ... das kleine Pferd ...
erschlagen! schluchzte er, sein Atem stockt und die Worte kommen wie
Schmerzensschreie aus seiner gepreten Brust.

Sie sind betrunken ... versndigen sich, uns geht es nichts an ...
gehen wir! sagt der Vater. Er aber umfat den Vater mit beiden Hnden,
es schnrt ihm die Kehle zu. Er will Atem holen, schreien und -- er
erwacht. Er erwachte ganz mit Schwei bedeckt, mit feuchten Haaren,
schwer atmend, und erhob sich zitternd.

Gottlob, es war nur ein Traum! sagte er, setzte sich unter den Baum
und seufzte tief auf. Aber was ist mit mir? Fange ich an zu fiebern, --
so ein grlicher Traum!

Sein ganzer Krper war wie zerschlagen, und in seiner Seele war es
dunkel und trbe. Er sttzte die Ellenbogen auf die Knie und hielt sich
mit beiden Hnden den Kopf.

Mein Gott, rief er aus. Werde ich denn, werde ich wirklich ein Beil
nehmen, werde es ihr auf den Kopf schlagen, das Gehirn ihr zerschmettern
... in klebrig warmem Blute tasten, das Schlo aufbrechen, stehlen und
zittern, mich verstecken, ganz mit Blut bedeckt ... mit einem Beile ...
Oh, Gott, werde ich es denn tun?

Es durchschauerte ihn am ganzen Krper, als er das aussprach. Ja, was
ist denn mit mir? fuhr er fort, sich aufraffend und mit tiefem Staunen.
Ich wei doch, da ich es nicht ertragen kann, warum habe ich mich denn
bis jetzt geqult? Gestern, gestern schon, als ich hinging, diesen ...
Versuch zu machen, gestern begriff ich vollkommen, da ich es nicht zu
tun vermge ... Was will ich denn jetzt noch? Warum hatte ich bis jetzt
noch Zweifel? Ich sagte mir schon gestern, als ich die Treppe
hinunterging, da es gemein, niedrig, schuftig sei ... mir wurde ja beim
bloen Gedanken bel und ein kalter Schauer ging mir durch alle Glieder
... Nein, ich werde es nicht aushalten, werde es nicht aushalten! Mag es
auch keinen einzigen Fehler in diesen Berechnungen geben, mag all das,
was in diesem Monat beschlossen wurde, klar wie der Tag, und richtig wie
eine mathematische Formel sein. Herrgott! Ich kann mich nicht dazu
entschlieen! Ich werde es ja nicht aushalten, nicht aushalten! Was ist
denn mit mir immer noch, was denn?

Er stand auf, sah sich verwirrt um, als sei er erstaunt, da er hierher
gekommen war, und ging zu der T.-W.-Brcke. Er war bleich, die Augen
brannten, in seinen Gliedern lag tiefste Ermattung, pltzlich aber
konnte er leichter atmen. Er fhlte, da er diese furchtbare Last, die
ihn solange bedrckt hatte, abgeworfen habe, und in seiner Seele wurde
es mit einem Male leicht und frei.

Oh Gott! flehte er. Zeig mir meinen Weg, und ich sage mich los von
diesem verfluchten Trugbild! Als er ber die Brcke ging, blickte er
still und ruhig auf die Newa und auf die untergehende grellrote Sonne.
Trotz seiner Schwche empfand er keine Mdigkeit. Es war, als sei das
Geschwr an seinem Herzen, das den ganzen Monat heranreifte, pltzlich
aufgegangen. Freiheit! Freiheit! Er ist jetzt von dieser Verzauberung,
von dieser Hexerei, von diesem Reiz, von dieser Versuchung befreit!

Spter, als er an diese Zeit und all das dachte, was mit ihm in diesen
Tagen, Minute fr Minute, Punkt fr Punkt, Strich fr Strich vorgegangen
war, setzte ihn fast bis zum Aberglauben ein Umstand stets in Erstaunen,
der im Grunde genommen nicht besonders ungewhnlich war, der ihm aber
spter wie die Fgung seines Schicksals erschien. Und zwar, -- er konnte
es gar nicht verstehen und erklren, warum er, ermdet und abgespannt,
statt auf dem krzesten und geradesten Weg nach Hause zu gehen,
pltzlich ber den Heumarkt, den zu durchqueren fr ihn ganz berflssig
war, nach Hause zurckkehrte. Es war kein bedeutender Umweg, aber doch
ein augenscheinlich und eben vllig berflssiger. Gewi, er war
Dutzende von Malen nach Hause zurckgekehrt, ohne sich der Straen zu
erinnern, durch die er gewandert war. Warum aber, fragte er sich immer,
warum passierte so eine wichtige, so eine entscheidende und gleichzeitig
so eine hchst zufllige Begegnung auf dem Heumarkte -- ber den zu
gehen er gar keine Veranlassung hatte -- gerade zu der Stunde, in dem
Augenblicke seines Lebens, in solch einer Seelenstimmung und unter
solchen Umstnden, unter denen diese Begegnung auch die entscheidenste
und endgltigste Wirkung auf sein ganzes Schicksal ausben mute? Als
htte es auf ihn hier absichtlich gelauert! -- Es war gegen neun Uhr,
als er ber den Heumarkt ging. Alle Verkufer an den Tischen, in den
Lden und Buden schlossen ihre Geschfte oder kramten ihre Waren
zusammen, packten sie ein und waren ebenso, wie ihre Kufer, auf dem
Wege nach Hause. Bei den Garkchen, in den Kellern, in den schmutzigen
und stinkenden Hfen der Huser am Heumarkte, besonders aber bei den
Schenken drngte sich eine Menge allerhand Hndler und verlumpter
Gestalten. Raskolnikoff liebte diese Gegend, ebenso auch alle
umliegenden Gassen, ganz besonders aber, wenn er ohne ein bestimmtes
Ziel bummeln ging. Hier erregten seine Lumpen keine hochmtige
Aufmerksamkeit, hier konnte man gekleidet gehen, wie man wollte, ohne
sich zu blamieren. An der Ecke der K.schen Gasse handelte ein
Kleinbrger mit seiner Frau an zwei Tischen mit allerhand Waren, --
Zwirn, Bndern, Kattuntchern und dergleichen mehr. Sie waren auch beim
Aufbruch, wurden aber durch ein Gesprch mit einer Bekannten
aufgehalten. Diese Bekannte war Lisaweta Iwanowna oder einfacher
Lisaweta, wie sie allgemein genannt wurde, die jngere Schwester
derselben Alten, Aljona Iwanowna, der Witwe eines Kollegienregistrators,
der Wucherin, bei der Raskolnikoff gestern gewesen war, um seine Uhr zu
versetzen und seine _Probe_ zu machen ... Er wute lngst alles ber
diese Lisaweta, und sie kannte ihn auch ein wenig. Sie war ein
hochgewachsenes, plumpes, zaghaftes und stilles Mdchen, fast eine
Idiotin, fnfunddreiig Jahre alt, die bei ihrer Schwester lediglich die
Dienstmagd war, fr sie Tag und Nacht arbeitete, vor ihr zitterte und
sogar von ihr Schlge bekam. Sie stand nachdenklich mit einem Bndel vor
dem Hndler und seiner Frau und hrte ihnen aufmerksam zu. Die redeten
mit besonderem Eifer auf sie ein. Als Raskolnikoff sie unvermutet
erblickte, berkam ihn eine eigentmliche Empfindung, die einer sehr
starken Verwunderung glich, obwohl diese Begegnung nichts
Verwunderliches an sich hatte.

Sie wollen einmal selbst entscheiden, Lisaweta Iwanowna, sagte der
Hndler laut. Kommen Sie morgen so gegen sieben Uhr. Die werden auch
herkommen.

Mor--gen? sagte Lisaweta gedehnt und nachdenklich, als ob sie sich
nicht entschlieen knne.

Aljona Iwanowna hat Ihnen viel zu viel Furcht eingejagt! sagte die
Frau des Hndlers, ein flinkes Weib. Sie sind ganz wie ein Kind. Und
dabei ist sie nicht mal Ihre leibliche, sondern Ihre Stiefschwester und
hat doch solch eine groe Macht ber Sie!

Sie sollten Aljona Iwanowna nichts davon erzhlen, unterbrach der
Mann, ich gebe Ihnen den Rat, und Sie kommen zu uns ohne Erlaubnis. Es
ist ein vorteilhaftes Geschft. Ihre Schwester wird es spter selbst
einsehen.

Soll ich kommen?

Morgen, um sieben Uhr, auch von denen kommt jemand her. Dann knnen Sie
selbst entscheiden.

Wir stellen den Samowar auf und machen Tee, fgte die Frau hinzu.

Gut, ich will kommen, antwortete Lisaweta, immer noch in Nachdenken
versunken, und ging langsam weiter.

Raskolnikoff war schon vorber und hrte nichts mehr. Er war langsam
gegangen, unbemerkt, und bestrebt, kein Wort vom Gesprche zu verlieren.
Seine Verwunderung verwandelte sich allmhlich in Schrecken, als wre
ihm etwas Kaltes ber den Rcken gelaufen. Er hatte erfahren, vollkommen
unerwartet hatte er erfahren, da morgen abend punkt sieben Uhr
Lisaweta, die Schwester der Alten und ihre einzige Mitbewohnerin, nicht
zu Hause sein werde, und da also die Alte Punkt sieben Uhr _ganz allein
zu Hause war_.

Bis zu seiner Wohnung waren es blo einige Schritte. Er ging, wie ein
zum Tode Verurteilter. Er dachte an nichts und konnte auch an gar nichts
denken, aber mit seinem ganzen Wesen fhlte er pltzlich, da er weder
die Freiheit der Erwgung noch einen Willen besitze, und da alles mit
einem Male endgltig entschieden sei.

Es war sicher, da er, selbst bei jahrelangem Warten auf solch einen
gnstigen Zufall, sicher nicht auf einen deutlicheren Wink fr den
Erfolg rechnen konnte, als der war, der sich ihm jetzt urpltzlich bot.
In jedem Falle wrde es schwer sein, am Abend vorher und sicher, mit
grter Genauigkeit und geringstem Risiko, ohne gefhrliches Ausfragen
und Untersuchen, zu erfahren, da am anderen Tage um die und die Stunde
die Alte, auf die man einen Anschlag vorbereitet, ganz allein zu Hause
sein werde.


                                  VI.

Spter erfuhr Raskolnikoff ganz zufllig, warum der Hndler und dessen
Frau Lisaweta zu sich eingeladen hatten. Es handelte sich um eine rein
alltgliche Sache und enthielt gar nichts Besonderes. Eine zugereiste,
verarmte Familie wollte ihre Sachen, Kleider und hnliches verkaufen. Da
es unvorteilhaft war, auf dem Markte zu verkaufen, suchte man unter der
Hand eine Hndlerin; Lisaweta nun befate sich mit dergleichen, -- sie
bernahm Auftrge, besorgte allerhand Gnge und hatte eine recht
ansehnliche Praxis, weil sie sehr ehrlich war und immer den uersten
Preis bot, -- und bei dem Preis, den sie nannte, blieb sie stets. Sie
redete berhaupt wenig und war, wie gesagt, still und verschchtert ...

Raskolnikoff war in der letzten Zeit aberglubisch geworden. Und Spuren
dieses Aberglaubens blieben in ihm noch fr lange hinaus untilgbar
haften. Und er war spter stets geneigt, in dieser ganzen Angelegenheit
eine gewisse Bestimmung, eine geheimnisvolle Fgung, wie die Existenz
besonderer Einflsse und Zuflle, zu sehen. Noch im Winter hatte ihm
sein Bekannter, ein Student, Pokoreff, bei seiner Abreise nach Charkoff
beilufig im Gesprche die Adresse der Alten, Aljona Iwanowna,
mitgeteilt, fr den Fall, da er einmal etwas versetzen mchte. Er ging
lange nicht zu ihr, da er Stunden gab und sich damit einigermaen
durchschlug. Vor anderthalb Monaten erinnerte er sich der Adresse; er
hatte zwei Sachen, die zum Versetzen taugten, -- eine alte silberne Uhr
von seinem Vater und einen kleinen goldenen Ring mit drei roten
Steinchen, den seine Schwester ihm beim Abschied als Andenken geschenkt
hatte. Er beschlo den Ring hinzubringen; nachdem er die Alte gefunden
hatte, empfand er vom ersten Augenblick an, ohne von ihr etwas Nheres
zu wissen, einen unwiderstehlichen Widerwillen gegen sie; er nahm von
ihr zwei Scheinchen und ging auf dem Rckwege in ein schlechtes
Wirtshaus. Da bestellte er Tee, setzte sich hin und verfiel in ein
tiefes Nachdenken. Ein unheimlicher Gedanke lste sich in seinem Kopfe
aus, wie ein Kchlein aus den Eierschalen, und nahm Besitz von ihm.

An einem anderen Tische, fast neben ihm, sa ein Student, den er nicht
kannte, und dessen er sich nicht erinnerte, und ein junger Offizier. Sie
hatten eine Partie Billard gespielt und tranken nun Tee. Da hrte
Raskolnikoff, wie der Student dem Offiziere von einer Wucherin Aljona
Iwanowna, der Witwe eines Kollegienregistrators, erzhlte und ihm ihre
Wohnung nannte. Das berhrte Raskolnikoff seltsam, -- er kommt soeben
von dort und hier unterhlt man sich von ihr. Gewi, es ist ein Zufall,
aber er kann sich gerade jetzt nicht von einem uerst ungewhnlichen
Gefhl losmachen, ihm ist es, als wolle ihm jemand dazu behilflich sein,
-- der Student erzhlte allerhand Einzelheiten von dieser Aljona
Iwanowna. Sie ist ausgezeichnet, sagte er, man kann bei ihr stets
Geld erhalten. Sie ist reich wie ein Jude, kann auf einmal fnftausend
geben, geniert sich aber auch nicht, ein Pfand von einem Rubel
anzunehmen. Viele von meinen Bekannten waren bei ihr. Aber sie ist ein
Scheusal ...

Und er erzhlte, wie bse und launisch sie sei, und da das Pfand
verfallen sei, wenn man den Termin blo um einen Tag versume. Sie gibt
den vierten Teil des Wertes, nimmt fnf und sogar sieben Prozent pro
Monat und dergleichen mehr. Der Student kam ins Plaudern und teilte
unter anderem auch mit, da die Alte eine Schwester Lisaweta habe, die
sie, so klein und unansehnlich sie selbst sei, alle Augenblicke schlage
und in vlliger Bevormundung wie ein kleines Kind halte, trotzdem
Lisaweta mindestens dreimal grer und strker sei ...

Ja, sie ist eine Zierde ihres Geschlechts! rief der Student aus und
lachte laut.

Er fing an von Lisaweta zu erzhlen; erzhlte mit augenscheinlichem
Genu und lachte dabei fortwhrend; der Offizier hrte mit groem
Interesse zu und bat den Studenten, ihm die Lisaweta zu schicken, um
seine Wsche auszubessern. Raskolnikoff verlor kein einziges Wort von
der Unterhaltung und erfuhr somit alles, -- Lisaweta war die jngere
Stiefschwester der Alten -- von anderer Mutter -- und war schon
fnfunddreiig Jahre alt. Sie arbeitete Tag und Nacht fr die Schwester,
ersetzte die Kchin und Wscherin, nhte auerdem um Lohn, ging
auerhalb des Hauses Dielen scheuern und gab jeden Verdienst der
Schwester ab. Keine einzige Bestellung und keine Arbeit wagte sie ohne
die Erlaubnis der Alten zu bernehmen. Diese hatte bereits ihr Testament
gemacht, was Lisaweta bekannt war, hatte ihr keinen Groschen Geld,
sondern nur die bewegliche Habe, wie Sthle und hnliches vermacht; das
ganze Geld war fr ein Kloster in dem N.schen Gouvernement zu ewigen
Seelenmessen bestimmt. Lisaweta war Kleinbrgerin, nicht aus dem
Beamtenstande, unverheiratet, ungewhnlich plump gebaut, bergro, mit
breiten Fen, hatte immer schiefgetretene Schuhe, war aber sonst
reinlich gekleidet. Was aber den Studenten am meisten belustigte, war,
da Lisaweta alljhrlich schwanger war ...

Du sagst doch, sie sei hlich! bemerkte der Offizier.

Ja, sie hat eine dunkle Gesichtsfarbe, wie ein Soldat, ist aber sonst,
weit du, nicht hlich. Sie hat so ein gutes Gesicht und gute Augen,
sehr gute Augen; Grund genug, da sie vielen gefllt. Sie ist still,
sanft und anspruchslos, zu allem bereit. Ihr Lachen ist sogar
einnehmend.

Sie scheint dir zu gefallen! lachte der Offizier.

Ja, ihrer Eigentmlichkeit wegen. Doch, was ich dir sagen wollte. Ich
knnte diese verfluchte Alte ermorden und berauben, und, glaube mir, ich
tte es ohne Gewissensbisse, fgte der Student eifrig hinzu.

Der Offizier lachte wieder auf, Raskolnikoff aber fuhr zusammen. Wie
seltsam dies alles war!

Erlaube mal, ich will dir eine ernste Frage vorlegen, sagte der
Student voll Eifer. Ich habe mir soeben einen Scherz erlaubt, aber sieh
mal an -- einerseits gibt es ein dummes, bedeutungsloses,
minderwertiges, bses, krankes, altes Weib, das keinem Menschen ntzt,
im Gegenteil allen schadet, das selbst nicht wei, wozu es lebt, und das
morgen ohne fremde Hilfe sterben wird. Verstehst du? Verstehst du mich?

Nun, ich verstehe es, antwortete der Offizier und sah aufmerksam
seinen in Eifer geratenen Freund an.

Hre nun weiter. Anderseits gibt es junge, frische Krfte, die unntz
zugrunde gehen, ohne Hilfe und das zu tausenden und allerorts. Hundert,
tausend gute Taten und Hilfeleistungen knnte man fr das Geld der Alten
tun, das einem Kloster zufallen soll. Hundert, vielleicht tausend
Existenzen knnten damit auf den richtigen Weg gebracht werden; dutzende
Familien knnten vor Hunger, Verfall, Untergang, Laster und vor
venerischen Krankheiten geschtzt werden -- und all das fr ihr Geld.
Ermorde sie und nimm ihr Geld, um dich spter mit seiner Hilfe der
ganzen Menschheit und der gemeinntzigen Sache zu widmen, -- was meinst
du, wird nicht ein einziges unbedeutendes, winziges Verbrechen durch
Tausende guter Taten wettgemacht? Fr ein Leben -- Tausende von Leben,
gerettet vor Fulnis und Verfall. Ein einziger Tod und hunderte Leben an
seiner Statt, das ist doch ein einfaches Rechenexempel. Ja, und was
bedeutet auf der allgemeinen Wage das Leben dieser schwindschtigen,
dummen und bsen Alten. Nicht mehr als das Leben einer Laus, einer
Wanze, und nicht mal soviel, weil die Alte schdlich ist. Sie untergrbt
das Leben eines anderen; vor ein paar Tagen hat sie Lisaweta aus Wut in
den Finger gebissen, man mute ihn fast abnehmen lassen!

Gewi, sie ist des Lebens nicht wert, bemerkte der Offizier. Aber das
ist doch Sache der Natur.

Ach, Bruder, die Natur korrigiert man doch auch und zeigt ihr den
richtigen Weg, wir mten ja sonst in Vorurteilen ersticken. Ohne das
wrde es keine groen Mnner geben. Man redet von Pflicht und Gewissen,
-- ich will nichts gegen Gewissen und Pflicht sagen, aber was verstehen
wir darunter? Doch ich will dir noch eine Frage vorlegen. Gib acht!

Nein, warte du mal, jetzt will ich dir eine Frage vorlegen. Hre zu.

Nun!

Sieh, du redest jetzt und ereiferst dich, sage mir aber -- wrdest _du
selbst_ die Alte ermorden oder nicht?

Selbstverstndlich nicht! Ich rede nur aus Gerechtigkeit ... Ich habe
mit der Sache nichts zu tun ...

Meiner Meinung nach kann von Gerechtigkeit gar nicht die Rede sein,
wenn du dich nicht selbst dazu entschliet. Komm, wir wollen noch eine
Partie Billard spielen!

Raskolnikoff war uerst aufgeregt. Gewi, das Gesprch war eins von den
gewhnlichsten Gesprchen und Gedanken, die er mehr als einmal unter
jungen Leuten gehrt hatte, vielleicht in einer anderen Form und ber
einen anderen Gegenstand. Warum aber kam er jetzt gerade dazu, dieses
Gesprch und diese Gedanken zu hren, wo in seinem eigenen Kopfe ...
_ebensolche Gedanken_ aufgetaucht waren? Und warum stt er gerade
jetzt, wo in ihm dieser Gedanke auftauchte, als er die Alte verlie, auf
ein Gesprch ber dieselbe Alte? ... Ihm erschien dieses Zusammentreffen
stets merkwrdig. Diese nichtssagende Unterhaltung in dem Wirtshause
hatte auf ihn einen auergewhnlichen Einflu fr die weitere
Entwicklung der Sache, -- als wre hierbei tatschlich eine
Vorausbestimmung, ein Fingerzeig gewesen ...

                   *       *       *       *       *

Nach Hause zurckgekehrt, warf er sich auf das Sofa und blieb eine volle
Stunde sitzen, ohne sich zu rhren. Es war inzwischen dunkel geworden;
ein Licht besa er nicht, es kam ihm gar nicht der Gedanke, ein Licht
anzustecken. Er konnte sich spter niemals erinnern, ob er in dieser
Stunde an etwas gedacht hatte. Er sprte noch immer das Fieber von
frher her und den Schttelfrost, und es war ihm ein angenehmer Gedanke,
da er sich auf das Sofa hinlegen konnte. Ein fester bleierner Schlaf
berfiel ihn und legte sich schwer auf ihn.

Er schlief ungewhnlich lange und traumlos. Nastasja, die am nchsten
Morgen um zehn Uhr in das Zimmer kam, konnte ihn nur mit Mhe aufwecken.
Sie brachte ihm Tee und Brot, den Tee wie immer alt aufgegossen in ihrer
eigenen Teekanne.

Sieh, wie er schlft! rief sie entrstet aus. Er tut nichts wie
schlafen!

Er erhob sich mhsam. Der Kopf tat ihm weh; er versuchte aufzustehen,
drehte sich um und fiel wieder auf das Sofa zurck.

Willst du weiter schlafen! rief Nastasja. Bist du gar krank?

Er antwortete nicht.

Willst du Tee trinken?

Nachher, sagte er mit Anstrengung, schlo die Augen und wandte sich
der Wand zu.

Nastasja blieb eine Weile neben ihm stehn.

Vielleicht ist er wirklich krank, sagte sie, kehrte um und ging
hinaus.

Um zwei Uhr kam sie wieder herein mit einer Suppe. Er lag noch wie
frher. Der Tee war unberhrt. Nun fhlte Nastasja sich gekrnkt und
begann ihn rgerlich zu rtteln.

Was, schnarchst du noch? rief sie und sah ihn mit Unwillen an.

Er stand auf und setzte sich, sagte aber nichts und blickte zu Boden.

Bist du krank oder nicht? fragte Nastasja, und wieder erhielt sie
keine Antwort.

Du solltest auf die Strae gehen, sagte sie nach einer Weile, die
Luft wrde dich erquicken. Willst du nicht essen?

Nachher, antwortete er mit schwacher Stimme. Geh jetzt fort!

Und er winkte mit der Hand ab. Sie blieb noch eine Weile stehen, blickte
ihn voll Mitleid an und ging hinaus.

Nach einigen Minuten hob er den Blick und schaute lange den Tee und die
Suppe an. Dann nahm er ein wenig Brot, griff nach dem Lffel und begann
zu essen.

Er a nicht viel, ohne Appetit, rein mechanisch etwa vier Lffel Suppe.
Der Kopf tat ihm nicht mehr so weh. Nachdem er gegessen hatte, legte er
sich wieder auf das Sofa, konnte aber nicht einschlafen und lag still
da, das Gesicht ins Kopfkissen vergraben. Er trumte, wachend, in einem
fort, und alle Trume waren seltsam, zumeist schien es ihm, als wre er
irgendwo in Afrika, in gypten, in einer Oase. Die Karawane ruht aus,
die Kamele liegen still; ringsum im groen Kreise stehn Palmen, alles
labt sich. Er aber trinkt unausgesetzt Wasser, direkt aus einem Bache,
der hier neben ihm dahinfliet und pltschert. Es ist so khl, und das
Wasser ist so wundervoll, so blau und kalt, es fliet ber bunte Steine
und ber reinen mit goldenem Schimmer besten Sand ... Pltzlich hrte
er deutlich eine Uhr schlagen. Er fuhr auf, kam zu sich, erhob den Kopf,
sah zum Fenster hin, rechnete sich die Zeit aus und sprang auf, als
htte ihn jemand von dem Sofa heruntergerissen. Er ging auf den
Fuspitzen zu der Tre, ffnete sie leise und lauschte auf die Treppe
hinaus. Sein Herz klopfte gewaltig. Auf der Treppe war alles so still,
als ob alles schliefe ... Hchst sonderbar und merkwrdig erschien es
ihm, da er von gestern auf heute in solcher Bewutlosigkeit hatte
durchschlafen knnen, wo er doch nichts getan und unvorbereitet war ...
Vielleicht hat die Uhr gar sechs geschlagen ... Und eine ungewohnte
fieberhafte und kopflose Hast berfiel ihn, nun nach dem Schlafe und
stumpfen Brten. Es waren brigens keine groen Vorbereitungen ntig. Er
strengte alle Krfte an, um alles zu bedenken und nichts zu vergessen;
das Herz klopfte immer noch heftig und schlug so stark, da ihm das
Atmen schwer fiel. Zuerst mute er eine Schlinge machen und an seinen
Mantel annhen, -- das war die Sache einer Minute. Er fuhr mit der Hand
unter das Kopfkissen und fand unter der Wsche, die dort lag, ein altes
ungewaschenes Hemd, das schon vllig zerrissen war. Von diesem ri er
einen Streifen ab, etwa fnf Zentimeter breit und sechsunddreiig
Zentimeter lang. Diesen Streifen legte er zusammen, zog einen weiten
starken Sommermantel aus dickem baumwollenen Stoffe -- sein einziges
Oberkleid -- aus und begann die beiden Enden des Streifens innen unter
der linken Achselhhle anzunhen. Seine Hnde zitterten beim Halten der
Nadel, er berwand sich aber und hatte den Streifen so angenht, da man
von auen nichts bemerken konnte, wenn er den Mantel angezogen hatte. Er
hatte sich schon vor langer Zeit Nadel und Zwirn besorgt, und sie lagen
in einem Stck Papier eingewickelt in dem Tischchen. Die Schlinge war
seine eigene, sehr schlaue Erfindung, sie war fr das Beil bestimmt. Man
konnte doch nicht auf der Strae das Beil in der Hand tragen. Und wenn
man es unter dem Mantel versteckt trug, mute man es doch mit der Hand
festhalten, was wiederum auffallen konnte. Jetzt aber brauchte man blo
das Beil in die Schlinge zu stecken, und es wird den ganzen Weg unter
der Achsel ruhig hngen. Und wenn er die Hand in die Seitentasche des
Mantels steckt, kann er auch das Ende des Beilschaftes festhalten, damit
es nicht baumelt, und da der Mantel sehr weit war, ein richtiger Sack,
so konnte niemand wahrnehmen, da er etwas mit der Hand in der Tasche
festhalte. Diese Schlinge hatte er schon vor zwei Wochen erfunden.

Nachdem er mit der Schlinge fertig war, steckte er seine Finger in einen
kleinen Spalt zwischen seinen trkischen Diwan und der Diele, suchte
im linken Winkel nach und zog _das Versatzobjekt_ heraus, das er schon
vor langer Zeit hergestellt und dort versteckt hatte. Es war gar kein
Versatzstck, sondern ein einfaches, glatt abgehobeltes Stck Holz, in
der Gre und Dicke eines silbernen Zigarettenetuis. Dieses
Holzbrettchen hatte er zufllig bei einem seiner Spaziergnge auf einem
Hofe gefunden, wo in einem Nebengebude eine Werkstatt war. Nachher
hatte er zu dem Brette ein glattes und dnnes Stck Eisen --
wahrscheinlich irgendein Bruchstck -- beigelegt, das er auch damals auf
der Strae gefunden hatte. Beides, das eiserne Stck war kleiner, hatte
er zusammengelegt und mit einem Bindfaden kreuzweise fest
zusammengebunden; dann hatte er das Ganze peinlich und mit einer
gewissen Sorgfalt in ein reines weies Papier eingewickelt und so fest
zusammengeschnrt, da das Paket nicht gleich zu ffnen war. Dies tat
er, um auf eine Spanne Zeit die Aufmerksamkeit der Alten abzulenken,
wenn sie sich mit dem Lsen des Knotens abmhte, um so den passenden
Augenblick zu gewinnen. Das Eisenstck war des Gewichtes wegen
hinzugefgt, damit die Alte wenigstens nicht sofort erriet, da das
Versatzstck nur aus Holz sei. Dies alles lag bis zur gegebenen Zeit
unter dem Diwan verwahrt. Als er gerade das Paket hervorholte, rief
pltzlich jemand auf dem Hofe:

Die Uhr geht schon gleich auf sieben!

Schon gleich auf sieben! Mein Gott!

Er strzte zur Tr, lauschte einen Augenblick, nahm seinen Hut und
begann die dreizehn Stufen vorsichtig, leise wie eine Katze
hinabzusteigen. Das Wichtigste stand ihm noch bevor -- das Beil aus der
Kche zu stehlen. Da das Werk mit einem Beile vollbracht werde hatte er
lngst beschlossen. Er hatte wohl noch ein zusammenlegbares
Gartenmesser, aber er mochte sich nicht auf das Messer und zum wenigsten
auf seine Krfte verlassen, darum hatte er sich endgltig fr das Beil
entschieden. Bei dieser Gelegenheit wollen wir eine Eigentmlichkeit von
ihm bei seinen endgltigen Entscheidungen hervorheben, die er in dieser
Sache schon getroffen hatte. Sie hatten alle eine besondere Eigenschaft:
je endgltiger sie wurden, desto abscheulicher, sinnloser wurden sie
sofort in seinen Augen. Trotz des qualvollen innerlichen Kampfes, den er
fhrte, konnte er die ganze Zeit ber keinen Moment an die
Durchfhrbarkeit seiner Plne glauben.

Und wenn er jemals alles bis zum letzten Punkte durchgedacht und
endgltig beschlossen htte und es gar keine Zweifel mehr gegeben htte,
dann htte er offenbar sich von dem ganzen Plane losgesagt, als von
einem sinnlosen, ungeheuerlichen Unding. Aber jetzt gab es noch einen
ganzen Abgrund von ungelsten Punkten und Zweifeln. Woher er sich ein
Beil verschaffen konnte, diese Kleinigkeit beunruhigte ihn gar nicht,
nichts ist leichter als das. Die Sache lag so, da Nastasja fters,
besonders aber abends, nicht zu Hause war, -- entweder lief sie zu den
Nachbarn oder in einen Laden, die Tre aber lie sie stets offen stehn.
Die Wirtin schalt sie immer wieder deshalb. Also, man mute nur leise
zur rechten Zeit in die Kche gehen und das Beil nehmen, um es nach
einer Stunde, wenn alles vorber ist, wieder an seinen Platz zu legen.
Aber auch hier tauchten Zweifel auf. Angenommen, er kommt nach einer
Stunde zurck, um das Beil zurckzubringen, und Nastasja ist aber gerade
heimgekehrt. Gewi, man mu dann vorbeigehen und abwarten, bis sie
wieder fortgeht. Wenn sie aber nun in dieser Zeit das Beil vermit hat,
es zu suchen begann und danach laut jammerte, -- so ist der Verdacht
oder wenigstens das Moment zu einem Verdacht gegeben.

Aber das waren Kleinigkeiten, an die zu denken er keine Lust und keine
Zeit mehr hatte. Er dachte an die Hauptsache und hob die Kleinigkeiten
fr den gegebenen Moment auf. Das letzte aber erschien ihm selber
unfabar. Er konnte sich zum Beispiel in keiner Weise vorstellen, da er
jemals aufhren werde, blo an dieses Vorhaben zu denken, da er
aufstehn und einfach dorthin gehen werde ... Sogar seine krzliche
_Probe_ (d. h. den Besuch in der Absicht, endgltig sich den Tatort
anzusehen) hatte er nur _versucht_ auszufhren, nicht etwa in vollem
Ernste, sondern eben blo in dem Gedanken: ich will mal hingehen und
probieren, anstatt hier davon zu trumen! und natrlich, er hielt es
nicht aus, lie gleich die Absicht fallen und war in rasender Wut ber
sich selbst davongelaufen. Indessen, wie es schien, war die ganze
Analyse im Sinne der moralischen Lsung der Frage von ihm ins reine
gebracht; seine Kasuistik war geschrft wie ein Rasiermesser, und er
fand in sich selbst keine klare Entgegnung mehr. Zu guter Letzt glaubte
er dann einfach sich selbst nicht und suchte hartnckig in allen
Richtungen tastend nach Entgegnungen, als ob ihn jemand dazu zwnge und
herbeizge. Der letzte Tag aber, der so unerwartet eintrat, und der
alles mit einem Male zur Entscheidung brachte, wirkte auf ihn fast rein
mechanisch, -- wie wenn ihn jemand an die Hand genommen und
unwiderstehlich, blindlings mit einer unnatrlichen Kraft und
widerstandslos nach sich gezogen htte, wie wenn er mit einem Zipfel
seines Rockes in das Rad einer Maschine geraten und mit fortgerissen
worden wre.

Von Anfang an, -- brigens schon lange vorher -- beschftigte ihn die
Frage: warum fast alle Verbrecher so leicht aufgesprt und entdeckt
werden, und warum die Spuren fast aller Verbrecher so deutlich
wahrzunehmen sind? Er kam allmhlich zu vielseitigen und interessanten
Schlssen, und nach seiner Meinung lag die Hauptursache nicht so sehr in
der materiellen Unmglichkeit, ein Verbrechen zu verbergen, als in dem
Verbrecher selbst. Der Verbrecher selbst, und fast jeder verliert im
Augenblick des Handelns an Willen und Verstand, an dessen Stelle ein
kindischer phnomenaler Leichtsinn tritt, und gerade in dem Augenblicke,
wo Verstand und Vorsicht am notwendigsten sind. Nach seiner berzeugung
ergab es sich, da diese Verdunkelung des Verstandes und der
Zusammenbruch des Willens einen Menschen gleich einer Krankheit packen,
sich allmhlich entwickeln und kurz vor der Vollbringung des Verbrechens
ihren hchsten Punkt erreichen, bei der Ausfhrung, oder noch etwas
lnger, je nach Veranlagung, auf demselben Hhepunkt anhalten und dann
ebenso vergehen, wie jede andere Krankheit. Die Frage aber, ob eine
Krankheit das Verbrechen erzeugt oder ob das Verbrechen selbst irgendwie
infolge seiner eigentmlichen Natur stets von etwas hnlichem wie
Krankheit begleitet wird, -- zu lsen, fhlte er sich nicht imstande.

Nachdem er das erwogen hatte, schlo er, da mit ihm persnlich bei
seiner Tat ein hnlicher krankhafter Umschwung nicht stattfinden knne,
da sein Verstand und Wille whrend der ganzen Zeit der Vollfhrung
vllig intakt sein werde, einzig schon aus dem Grunde, weil sein
Unternehmen -- kein Verbrechen sei ... Lassen wir den ganzen Proze
beiseite, durch den er zu dem letzten Schlusse gekommen war; wir sind
schon ohnedem viel zu weit gegangen ... Wir wollen blo hinzufgen, da
die tatschlichen, rein materiellen Hindernisse der Tat berhaupt in
seinem Verstande eine untergeordnete Rolle spielten. Man mu nur den
ganzen Willen und den ganzen Verstand bewahren, und sie alle werden
seinerzeit besiegt werden, wenn es darauf ankommt, alle Einzelheiten der
Tat bis zum kleinsten Punkt zu bersehen ...

Aber die Tat war noch nicht in Angriff genommen. An die endgltige
Ausfhrung glaubte er eben fortgesetzt selber am wenigsten, und als die
Stunde schlug, kam alles gar nicht so, sondern wie zufllig, ja fast
unerwartet.

Ein ganz geringfgiger Umstand machte ihn stutzig, noch ehe er die
Treppe hinabgestiegen war. Als er an der Tr zu der Kche vorbeiging,
die wie immer weit geffnet war, warf er einen vorsichtigen Seitenblick
hinein, um sich vorher zu vergewissern, ob nicht whrend der Abwesenheit
von Nastasja die Wirtin selbst da sei, und wenn sie nicht da war, ob die
Tre zu ihrem Zimmer auch gut verschlossen sei, damit sie ja nicht
pltzlich herauskommen knne, wenn er das Beil holen wrde? Aber wie
gro war seine Betroffenheit, als er pltzlich Nastasja diesmal nicht
nur in der Kche sah, sondern dazu mit einer Arbeit beschftigt; sie
nahm aus einem Korbe Wsche und hing sie auf. Als sie ihn erblickte,
hrte sie auf, wandte sich zu ihm und schaute ihn die ganze Zeit an,
whrend er vorbeiging. Er wandte die Augen ab und ging weiter, als ob er
sie nicht gesehen htte. Die Sache aber war abgetan, -- er hatte kein
Beil! Er war tief niedergeschlagen.

Und woher kam mir der Gedanke, sagte er sich, indem er sich dem Tore
nherte. Woher kam mir der Gedanke, da sie unbedingt in diesem
Augenblicke nicht zu Hause sein drfe? Warum, warum, warum war ich so
sicher davon berzeugt?

Er war verstrt, kam sich erniedrigt vor; wollte ber sich selbst vor
rger lachen ... Eine dumpfe tierische Wut bemchtigte sich seiner.

Er blieb in Gedanken versunken unter dem Tore stehen. Auf die Strae zu
gehen, um des Scheines willen zu spazieren, war ihm widerlich; nach
Hause zurckkehren noch widerlicher. Welch eine Gelegenheit hab ich fr
immer verloren! murmelte er, indem er unschlssig unter dem Tore
stehenblieb, gerade gegenber der dunklen Kammer des Hausknechts, die
auch offen war. Pltzlich zuckte er zusammen. In der Kammer des
Hausknechts, zwei Schritte von ihm entfernt, schimmerte unter der Bank
rechts etwas Blankes ... Er sah sich um -- niemand war in der Nhe. Auf
den Fuspitzen ging er zu der Kammer hin, stieg zwei Stufen hinab und
rief mit leiser Stimme nach dem Hausknecht.

Es stimmt, er ist nicht da! Wahrscheinlich ist er irgendwo in der Nhe
auf dem Hofe, da die Tre weit offen steht.

Er strzte sich in aller Hast auf das Beil (es war ein solches) und zog
es unter der Bank, wo es zwischen zwei Holzscheiten lag, hervor;
befestigte es gleich in der Schlinge, steckte beide Hnde in die Taschen
und verlie die Kammer. Niemand hatte es gesehen!

Wenn der Verstand nicht hilft, so tut es der Teufel! dachte er mit
einem sonderbaren Lcheln. Dieser Zufall hatte ihn auerordentlich
ermutigt.

Er ging langsam und _bedchtig_, ohne sich zu beeilen, um ja keinen
Verdacht zu erwecken. Er sah die Vorbergehenden wenig an, versuchte
ihnen nicht ins Gesicht zu sehen, um selber mglichst unerkennbar zu
sein. Pltzlich fiel ihm sein Hut ein. Mein Gott! Geld hatte ich
vorgestern noch gehabt und bin nicht auf den Gedanken gekommen, mir eine
Mtze zu kaufen!

Ein Fluch kam ber seine Lippen. Als er zufllig in einen Laden
hineinblickte, sah er, da die Wanduhr dort schon zehn Minuten ber
sieben zeigte. Nun mute er sich beeilen und gleichzeitig einen Umweg
machen, -- er wollte das Haus von der anderen Seite erreichen ...
Frher, als er ab und zu sich dies alles in der Phantasie vorstellte,
hatte er gemeint, da er groe Angst haben werde. Aber er frchtete sich
jetzt nicht besonders, ja eigentlich gar nicht. In diesem Augenblicke
beschftigten ihn selbst ganz andere Gedanken, doch nur immer kurze
Zeit. Als er an dem Jussupowschen Garten vorbeiging, vertiefte er sich
ziemlich stark in die Idee, hohe Springbrunnen zu errichten, und malte
sich aus, wie gut sie die Luft auf allen Pltzen erneuern wrden.
Allmhlich kam er zu der berzeugung, da, wenn man den Sommergarten
ber den ganzen Exerzierplatz erweitern und ihn womglich mit dem
Michailoffschen Schlopark vereinigen wrde, die Stadt dadurch einen
schnen groen Nutzen haben wrde. Dabei interessierte ihn wiederum die
Frage, warum gerade in allen groen Stdten der Mensch nicht blo aus
reiner Notwendigkeit, sondern aus anderen Grnden geneigt ist, sich in
solchen Stadtteilen niederzulassen und zu leben, wo es keine Grten,
keine Springbrunnen gibt, wo Schmutz und Gestank und allerhand
Abscheuliches herrscht. Es kamen ihm auch seine eigenen Spaziergnge
ber den Heumarkt in den Sinn, und er besann sich auf sein Vorhaben.

Was fr ein Unsinn! dachte er. Nein, besser, ich denke an gar
nichts.

Wahrscheinlich in hnlicher Weise heften sich die Gedanken derer, die
man zur Hinrichtung fhrt, an alle Gegenstnde, die sie auf ihrem Wege
treffen, fuhr es blitzartig durch seinen Kopf. Er verjagte schnell
diesen Gedanken ... da ist das Haus, er sieht das Tor. Irgendwo schlug
pltzlich eine Uhr einmal. Was, ist es schon halb acht? Das kann nicht
sein, sie geht wahrscheinlich vor!

Zu seinem Glck ging unter dem Tore alles wieder gut vonstatten. Wie
absichtlich fuhr in diesem Augenblicke unter das Tor ein ungeheurer
Wagen voll Heu, so da er ihn die ganze Zeit, whrend er das Tor
passierte, verdeckte, und als der Wagen in den Hof hineinfuhr, huschte
er in einem Nu nach rechts. Dort, auf der anderen Seite des Wagens,
hrte man, wie einige Stimmen schrien und sich stritten, ihn aber hatte
niemand bemerkt und er begegnete auch niemandem. Viele Fenster, die auf
den groen viereckigen Hof hinausgingen, standen offen, aber er erhob
nicht den Kopf, -- er hatte keine Kraft dazu. Die Treppe zu der Wohnung
der Alten lag in der Nhe, gleich rechts von dem Tore. Er war schon auf
der Treppe ...

Er holte Atem, hielt die Hand auf das klopfende Herz, fhlte dabei nach
dem Beile, rckte es zurecht und begann vorsichtig und leise die Treppe
hinaufzusteigen, alle Augenblicke horchend. Auch die Treppe war um diese
Zeit vollkommen leer; alle Tren waren verschlossen; er begegnete auch
da niemandem. Im zweiten Stocke stand wohl eine leere Wohnung weit
offen, und in ihr arbeiteten Maler, aber auch die sahen nicht zu ihm
hin. Er stand einen Augenblick still, dachte nach und ging weiter. --
Gewi, es wre noch besser, wenn sie nicht da wren, aber ... ber
ihnen liegen noch zwei Stockwerke. Aber da ist nun der vierte Stock, da
ist die Tre, und die Wohnung gegenber, die ist unbewohnt. Im dritten
Stocke steht die Wohnung, die unter der Wohnung der Alten liegt, allen
Anzeichen nach auch leer, -- die Visitenkarte, die an der Tre mit
Ngeln befestigt war, ist abgenommen, -- also sind sie ausgezogen! ...
Sein Atem stockte. Einen Augenblick durchzuckte ihn der Gedanke: Soll
ich nicht fortgehen! Er gab sich aber keine Antwort und begann an der
Tre zu der Wohnung der Alten zu horchen, -- es war totenstill. Dann
lauschte er nochmals die Treppe hinab, lauschte lange und aufmerksam ...
Dann sah er sich zum letzten Male um, nahm sich zusammen, fate sich und
tastete noch einmal nach dem Beil in der Schlinge.

Bin ich nicht zu ... bla? dachte er. Bin ich nicht zu erregt? Sie
ist mitrauisch ... Soll ich nicht besser noch ein wenig warten ... bis
das Herz sich beruhigt? ...

Das Herz aber beruhigte sich nicht. Im Gegenteil, es klopfte, wie
absichtlich, immer strker und strker ... Er hielt es nicht aus,
langsam streckte er die Hand nach der Klingel und schellte. Nach einer
halben Minute schellte er noch einmal etwas lauter.

Keine Antwort. Unntz zu klingeln ging nicht an und pate auerdem nicht
fr ihn. Die Alte ist selbstverstndlich zu Hause, aber sie ist
mitrauisch und allein. Er kannte teilweise ihre Gewohnheiten ... und er
legte noch einmal sein Ohr fest an die Tre. Waren seine Sinne so
geschrft (was berhaupt sich schwer vorstellen lt) oder war
tatschlich es deutlich zu hren, er unterschied das vorsichtige Tasten
einer Hand an der Trklinke und das Rascheln eines Kleides an der Tre.
Jemand stand unbemerkbar innen am Schlosse selbst und lauschte ebenso,
wie er hier von auen, mit angehaltenem Atem und wie es schien, ebenso
mit dem Ohre an der Tre ... Er machte absichtlich eine Bewegung und
murmelte laut etwas vor sich hin, um zu zeigen, da er sich nicht
verstecke. Dann schellte er zum dritten Male, aber leise, mit Anstand
und ohne Ungeduld. Wenn er sich spter dessen erinnerte, deutlich und
klar, -- dieser Augenblick hat sich ihm auf ewig eingeprgt, -- konnte
er nicht begreifen, woher soviel Schlauheit ber ihn gekommen war,
besonders, da sein Verstand sich zeitweise verdunkelte und er seinen
Krper fast gar nicht fhlte ... Einen Augenblick nachher hrte man, da
der Verschlu abgenommen wurde.


                                  VII.

Die Tre wurde, wie auch damals, um einen einzigen Spalt geffnet, und
wieder hafteten auf ihm zwei scharfe und mitrauische Augen aus der
Dunkelheit. Da verlor Raskolnikoff die Fassung und machte beinahe einen
groen Fehler.

In der Befrchtung, da die Alte erschrecken wrde, weil sie allein sei,
und da er nicht glauben konnte, da sein Anblick sie beruhigen wrde,
griff er nach der Tre und zog sie zu sich, damit die Alte nicht auf den
Gedanken komme, sich wieder einzuschlieen. Als die Alte das sah, zog
sie die Tre nicht zurck, lie aber auch nicht die Trklinke los, so
da er sie beinahe mit der Tre auf die Treppe hinauszog. Da er aber
sah, da sie quer vor der Tre stand und ihn nicht durchlassen wollte,
ging er direkt auf sie los. Die Alte sprang erschreckt zurck, wollte
etwas sagen, aber schien es nicht zu knnen und sah ihn unverwandt an.

Guten Tag, Aljona Iwanowna, begann er mglichst ungezwungen, aber die
Stimme gehorchte nicht, sie brach ab und zitterte. Ich habe Ihnen ...
ein Versatzstck gebracht ... aber wir gehen besser hierher ... wo es
hell ist ... Er lie sie stehn und ging ohne Aufforderung in das
Zimmer. Die Alte lief ihm nach, ihre Zunge hatte sich gelst.

Herrgott! Was wollen Sie? ... Wer sind Sie? Was wollen Sie?

Erlauben Sie, Aljona Iwanowna ... ich bin Ihnen bekannt ...
Raskolnikoff ... da haben Sie, ich habe ein Versatzstck gebracht, wie
ich vor ein paar Tagen versprach ...

Und er reicht ihr das Versatzstck hin.

Die Alte warf einen leichten Blick auf das Versatzstck, aber richtete
sofort ihre Augen direkt ins Gesicht des ungebetenen Gastes. Sie sah ihn
aufmerksam, bse und mitrauisch an. Es verging eine Minute; ihm schien
sogar, in ihren Augen liege etwas wie Spott, als ob sie schon alles
erraten htte. Er fhlte, da er die Fassung verlor, und da ihn die
Furcht packte, eine so starke Furcht, da ihm schien, wenn sie ihn noch
eine halbe Minute so weiter angesehen htte, er ohne ein Wort zu sagen
weggelaufen wre.

Warum sehen Sie mich so an, als ob Sie mich nicht wiedererkennen?
sagte er pltzlich ebenfalls bse. Wenn Sie wollen, nehmen Sie es zum
Versatz, wenn nicht, -- gehe ich zu anderen, ich habe keine Zeit.

Er wute selbst nicht, wie er zu diesen Worten kam.

Die Alte kam zu sich, und der entschlossene Ton des Besuchers gab ihr
anscheinend Mut.

Warum sind Sie hergekommen, Vterchen, was ist das? fragte sie und
blickte auf das Versatzstck.

Ein silbernes Zigarettenetui; ich sprach vorigesmal davon!

Sie streckte die Hand aus.

Warum sind Sie so bla? Auch Ihre Hnde zittern! Haben Sie gebadet?

Fieber habe ich, antwortete er kurz. Unwillkrlich wird man bla ...
wenn man nichts zu essen hat, fgte er, die Worte kaum aussprechend,
hinzu. Die Krfte verlieen ihn wieder. Die Antwort aber erschien
wahrheitsgetreu; denn die Alte nahm das Versatzstck.

Was ist es? fragte sie, indem sie Raskolnikoff noch einmal prfend
ansah und das Versatzstck in der Hand wog.

Ein Ding ... ein Zigarettenetui ... aus Silber ... Sehen Sie nach.

Hm, mir scheint es nicht aus Silber ... Sieh, wie er es zugeschnrt hat
... Indem sie versuchte, den Bindfaden zu lsen und sich zum Fenster
gegen das Licht wandte (alle Fenster waren trotz der schwlen Hitze
geschlossen), lie sie ihn auf ein paar Sekunden aus dem Auge und
stellte sich mit dem Rcken gegen ihn. Er knpfte seinen Mantel auf und
zog das Beil aus der Schlinge, aber er holte es noch nicht hervor,
sondern hielt es mit der rechten Hand unter dem Mantel. Seine Hnde
waren furchtbar schwach; er fhlte selbst, wie sie mit jedem Augenblick
immer mehr erlahmten und erstarrten. Er frchtete, da er das Beil
fallen lassen werde ... pltzlich schwindelte ihm der Kopf.

Was hat er denn da umgewickelt! rief die Alte rgerlich aus und machte
eine Bewegung nach seiner Seite. Kein Moment lnger durfte verloren
gehen. Er zog das Beil ganz hervor, hob es, kaum da er sich dessen
bewut war, mit beiden Hnden empor und lie es fast ohne Anstrengung,
fast mechanisch mit der breiten Seite auf den Kopf der Alten
niederfallen. Er hatte, wie es schien, dabei keine Kraft angewandt. Aber
kaum hatte er das Beil zum ersten Male fallen lassen, da kamen auch die
Krfte.

Die Alte war wie immer barhuptig. Ihre hellen, leicht ergrauten dnnen
Haare, wie gewhnlich fettig gelt, waren in rattenschwanzartige kleine
Flechten geflochten und wurden von einem abgebrochenen Hornkamme, der
auf ihrem Hinterkopfe sa, zusammengehalten. Der Schlag hatte sie bei
ihrer Kleinheit direkt auf den Scheitel getroffen. Sie schrie auf, aber
sehr leise, ihre beiden Hnde gegen den Kopf erhebend. In der einen Hand
hielt sie das Versatzstck fest. Da schlug er aus aller Kraft ein
zweites und ein drittes Mal zu, immer mit der breiten Seite und immer
gegen den Scheitel. Das Blut strmte hervor wie aus einem zersprungenen
Glase, und der Krper fiel zu Boden mit dem Gesichte nach oben. Er trat
einen Schritt zurck, lie den Krper liegen und beugte sich ber ihr
Gesicht; sie war schon tot. Die Augen waren weit aufgerissen, als ob sie
herausspringen wollten, und die Stirn und das ganze Gesicht waren
verzogen und krampfhaft verzerrt.

Er legte das Beil auf die Diele neben die Tote, langte eilends in ihre
Tasche, in dieselbe rechte Tasche, aus der sie das vorige Mal die
Schlssel hervorgeholt hatte, und suchte zu verhindern, da er sich mit
dem flieenden Blute beschmiere. Er war bei klarem Verstande,
Verdsterungen und Schwindel fhlte er nicht mehr, aber die Hnde
zitterten immer noch. Er erinnerte sich spter, da er sogar sehr
aufmerksam und vorsichtig war und immer versuchte, sich nicht zu
beschmutzen ... Die Schlssel zog er sofort heraus; sie hingen alle wie
damals an einem Schlsselbunde, an einem Ringe von Stahl. Er lief sofort
mit ihm in das Schlafzimmer. Das war ein sehr kleines Zimmer mit einer
groen Sammlung Heiligenbilder. An der anderen Wand stand ein groes
Bett, sehr reinlich, mit einer wattierten Decke, die mit bunten
Seidenflicken besetzt war. An der dritten Wand stand eine Kommode. Wie
seltsam, kaum begann er die Schlssel an der Kommode zu probieren, kaum
hrte er ihr Rascheln, da kam der Krampf ber ihn. -- Er bekam wieder
Lust, alles liegenzulassen und fortzugehen. Aber das dauerte nur einen
Augenblick; es war zu spt, fortzugehen. Er lchelte sogar ber sich
selbst, als pltzlich ein anderer beunruhigender Gedanke durch seinen
Kopf fuhr. Ihm duchte pltzlich, da die Alte vielleicht noch lebe und
zu sich kommen knne. Er lie die Schlssel fallen, lief zurck zu der
Toten, ergriff das Beil und erhob es noch einmal ber die Alte, lie es
aber nicht niedersausen. Es gab keinen Zweifel, sie war tot. Indem er
sich ber sie beugte und sie wieder in der Nhe betrachtete, sah er
deutlich, da der Schdel zerschmettert und sogar ein wenig nach der
Seite verschoben war. Er wollte mit dem Finger es befhlen, aber er ri
die Hand zurck; es war ja ohnedem zu sehen. Indessen war schon eine
ganze Pftze Blut zusammengelaufen. Pltzlich bemerkte er an ihrem Halse
eine Schnur, er ri daran, aber die Schnur war stark und lie sich nicht
zerreien, auerdem war sie mit Blut durchtrnkt. Er versuchte sie so
unter dem Busen hervorzuziehen, aber etwas hielt die Schnur fest.
Ungeduldig wollte er wieder das Beil emporheben, um die Schnur von oben
ber den Krper durchzuschlagen, aber er wagte es nicht, und mit groer
Mhe zerschnitt er nach einer Arbeit von zwei Minuten die Schnur, ohne
mit dem Beile den Krper zu berhren, wobei er aber seine Hnde und das
Beil mit Blut besudelt hatte; er hatte sich nicht geirrt -- an der
Schnur hing ein Beutel. Auerdem hingen daran zwei Kreuze, eins von
Zypressen und das andere von Kupfer, und ein Heiligenbildchen aus
Emaille; es war ein kleiner beschmutzter Beutel aus Smischleder mit
einer sthlernen Spanne und kleinem Ringe. Der Beutel war sehr voll
gepackt. Raskolnikoff steckte ihn, ohne ihn nher zu betrachten, in die
Tasche, die Kreuze warf er der Alten auf die Brust, nahm diesmal das
Beil auch mit und strzte in das Schlafzimmer zurck.

Er war in schrecklicher Hast, nahm die Schlssel und versuchte sie von
neuem. Aber es gelang ihm immer nicht, sie paten nicht fr die
Schlsser. Nicht, weil seine Hnde zitterten, aber er irrte sich immer;
er sah zum Beispiel, da es nicht der richtige Schlssel war, da er
nicht pate, trotzdem probierte er ihn immer wieder. Pltzlich dachte er
daran und es leuchtete ihm ein, da dieser groe Schlssel mit dem
zackigen Barte, der an dem Ringe mit den anderen kleinen zusammenhing,
gar nicht zu der Kommode gehrte (wie es ihm schon vorigesmal in den
Sinn gekommen war), sondern unbedingt zu einer Truhe gehren mute, und
da in dieser Truhe vielleicht alles aufbewahrt war. Er verlie die
Kommode und kroch sofort unter das Bett, da er wute, da die Truhen
gewhnlich bei alten Frauen unter dem Bette stehen. Es stimmte, es stand
darunter eine ziemlich groe Truhe, ungefhr ein Meter lang, mit einem
halbrunden Deckel, mit rotem Saffian beschlagen. Der zackige Schlssel
pate und schlo die Truhe auf. Oben, unter einem weien Laken, lag ein
mit rotem Stoff bezogener Pelz aus Hasenfellen; unter ihm ein seidenes
Kleid, ein Schal und in der Tiefe lagen, wie es schien, allerhand
Kleidungsstcke. Zuerst begann er seine mit Blut besudelten Hnde an dem
roten Stoff abzuwischen. Der Stoff ist rot und bei rot ist Blut nicht
so auffallend, dachte er und pltzlich kam er zu sich. Mein Gott!
Verliere ich den Verstand? sagte er sich erschreckt.

Kaum aber hatte er die Lumpen angerhrt, als pltzlich unter dem Pelze
eine goldene Uhr hervorglitt. Er machte sich daran, alles in der Truhe
umzuwerfen. Zwischen den Kleidungsstcken waren in der Tat goldene
Sachen untergebracht -- wahrscheinlich alles versetzte Sachen, gekaufte
oder nicht ausgelste Armbnder, Ketten, Ohrringe, Busennadeln und
dergleichen mehr. Manche Pfnder waren in Futteralen, andere wieder
einfach in Zeitungspapier eingeschlagen, aber peinlich und sorgfltig in
doppelte Bogen und mit Bindfaden zugeschnrt. Ohne einen Moment zu
zgern, begann er seine Hosentaschen und die Taschen im Mantel mit den
Sachen zu fllen; er untersuchte nicht und ffnete nicht die Pakete und
die Futterale, aber er kam nicht dazu, viel einzustecken ...

Denn pltzlich hrte er in dem Zimmer, wo die Alte lag, Schritte. Er
lie das Kramen und verhielt sich still, wie ein Toter. Alles war aber
ruhig, also hatte er nur getrumt. Aber da hrte er deutlich einen
leisen Schrei, als wenn jemand leise und abgerissen sthnte und darauf
schwieg. Wieder trat eine Totenstille ein, eine Minute oder zwei Minuten
lang. Er horchte neben der Truhe und wartete mit angehaltenem Atem,
pltzlich aber sprang er auf, ergriff das Beil und lief aus dem
Schlafzimmer.

Mitten im Zimmer stand Lisaweta mit einem groen Bndel in der Hand und
sah erstarrt die ermordete Schwester an; sie war wei wie Linnen und
schien auerstande zu schreien. Als sie ihn hereinlaufen sah, erzitterte
sie wie ein Blatt, und ihr ganzes Gesicht zuckte; sie erhob die eine
Hand, ffnete den Mund, schrie aber trotzdem nicht und begann langsam
rckwrts vor ihm in eine Ecke zurckzuweichen, ihm unverwandt ins
Gesicht sehend, aber immer noch nicht schreiend, als ob es ihr an Luft
mangele. Er strzte sich auf sie mit dem Beile. Ihre Lippen verzogen
sich so klglich, wie es ganz kleine Kinder tun, wenn sie sich vor etwas
frchten, den Gegenstand ihrer Furcht unverwandt ansehen und sich
anschicken zu schreien. Diese unglckliche Lisaweta war so einfltig und
so vllig eingeschchtert, da sie nicht einmal ihre Hnde erhob, um das
Gesicht zu schtzen, obwohl das doch die unwillkrlichste und
natrlichste Bewegung in diesem Augenblicke gewesen wre, whrend das
Beil ber ihrem Kopfe schwebte. Sie erhob nur ein wenig ihre freie linke
Hand, aber bei weitem nicht bis zum Gesichte und streckte sie ihm
langsam entgegen, als ob sie ihn zur Seite schieben wollte. Der Schlag
traf direkt den Schdel mit der scharfen Seite des Beiles und
durchschnitt mit einem Male den ganzen oberen Teil der Stirn fast bis
zur Schlfe. Sie strzte sofort hin. Raskolnikoff verlor beinahe die
Fassung, er ergriff ihr Bndel, warf es wieder hin und lief in das
Vorzimmer.

Die Angst packte ihn mehr und mehr nach diesem zweiten, vollkommen
unerwarteten Morde. Er wollte schnell von hier fort. Und wenn er in
diesem Augenblicke imstande gewesen wre, klarer zu sehen und zu denken,
wenn er sich alle Schwierigkeiten seiner Lage, die ganze Verzweiflung,
den ganzen Ekel und den ganzen Wahnsinn der Situation htte vorstellen
knnen und dabei verstanden htte, wieviel Hindernisse, vielleicht auch
Verbrechen er noch berwinden und vollbringen mute, um von hier
loszukommen und nach Hause zu gelangen, dann htte er wahrscheinlich
alles im Stiche gelassen und wre sofort hingegangen und htte sich
selbst gestellt; und er htte es nicht aus Furcht getan fr seine
Person, sondern nur aus Schrecken und Widerwillen allein vor dem, was er
vollbracht hatte. Besonders der Widerwillen stieg und wuchs in ihm mit
jedem Augenblicke. Um keinen Preis in der Welt wrde er jetzt zu der
Truhe oder in das Zimmer zurckgegangen sein.

Aber eine Zerstreutheit, eine Nachdenklichkeit kam allmhlich ber ihn;
einige Minuten blieb er wie verloren stehen oder besser, er verlor sich
in Kleinigkeiten und verga die Hauptsache. Als er brigens einen Blick
in die Kche warf und auf einer Bank einen Eimer sah, der zur Hlfte mit
Wasser gefllt war, kam er auf den Gedanken, seine Hnde und das Beil
abzuwaschen. Seine Hnde waren blutig und klebten. Das Beil steckte er
mit der Schneide einfach ins Wasser, ergriff ein Stck Seife, das auf
dem Fensterbrette auf einer zerschlagenen Untertasse lag und begann im
Eimer selbst seine Hnde zu waschen. Nachdem er die Hnde gereinigt
hatte, zog er auch das Beil heraus, wusch das Eisen ab und wusch lange,
gegen drei Minuten lang, die Blutflecken vom Holze ab und versuchte
sogar das Blut mit Seife abzuwaschen. Dann trocknete er alles mit
Wschestcken ab, die hier an einem Stricke trockneten, und besah lange
voll Aufmerksamkeit am Fenster das Beil. Spuren waren nicht da, nur das
Holz war noch feucht. Er steckte sorgfltig das Beil in die Schlinge
unter dem Mantel. Darauf besah er den Mantel, die Hosen und die Stiefel,
soweit es ihm das Licht in der halbdunklen Kche erlaubte. Beim ersten
Blick schien man auen nichts zu sehen; nur auf den Stiefeln waren
Flecken. Er machte einen Lappen na und wischte die Stiefel ab. Er wute
brigens, da er nicht gut sehen konnte, da es vielleicht etwas in die
Augen Fallendes gab, was er nicht bemerkte. In Nachdenken versunken,
stand er mitten im Zimmer. Ein qulender dunkler Gedanke erstand in ihm
-- der Gedanke, da er den Verstand verliere, und da er in diesem
Augenblicke weder denken noch sich verteidigen knne, da vielleicht gar
nicht das zu tun sei, was er jetzt tue ...

Mein Gott! Ich mu fort, fort! murmelte er und strzte in das
Vorzimmer. Aber hier erwartete ihn ein Schrecken, wie er ihn sicher noch
nie erlebt hatte.

Er stand, sah hin und traute seinen Augen nicht: die Tre, die
Auentre, die aus dem Vorzimmer auf die Treppe ging, dieselbe, an der
er vor kurzem geschellt und durch die er hineingekommen war, stand
offen, sogar eine Hand breit offen, weder das Schlo war zu, noch der
Riegel vor -- die ganze, die ganze, ganze Zeit! Die Alte hatte hinter
ihm nicht abgeschlossen, vielleicht aus Vorsicht. Aber, mein Gott! Er
hat aber doch spter Lisaweta gesehen! Und wie konnte, wie konnte er
nicht auf den Gedanken kommen, da sie doch irgendwie hereingekommen
war! Sie war nicht durch die Wand gekommen!

Er strzte zur Tre und legte den Riegel vor.

Aber nein, das war wieder nicht das richtige! Ich mu fort, fort! ...

Er zog den Riegel zurck, ffnete die Tre und begann zur Treppe hin zu
lauschen.

Er horchte lange. Irgendwo weit unten, wahrscheinlich unter dem Tore,
schrien laut und kreischend zwei Stimmen, stritten sich und schimpften.

Was haben die? ...

Er wartete geduldig. Endlich wurde mit einem Male alles still, wie
abgeschnitten; sie sind fortgegangen.

Er wollte schon hinaustreten, aber pltzlich ffnete sich geruschvoll
ein Stock tiefer eine Tr zur Treppe, jemand begann die Treppe
hinabzusteigen und summte vor sich irgend etwas her.

Wie sie alle lrmen! ging es durch seinen Kopf.

Er zog wieder die Tre zu und wartete. Endlich verstummte alles, keine
Seele war zu hren. Er tat schon einen Schritt zur Treppe, als er
pltzlich wieder neue Schritte vernahm.

Diese Schritte kamen von sehr weit her, ganz vom Anfange der Treppe,
aber er erinnerte sich sehr gut und deutlich, da er schon beim ersten
Schritte damals aus irgendeinem Grunde den Verdacht fate, da man
unbedingt _hierher_, in den vierten Stock, zu der Alten komme. Warum?
Klangen die Schritte so sonderbar, so bedeutungsvoll? Es waren schwere
gleichmige Schritte von einem Menschen, der keine Eile hat. Den ersten
Stock hat _er_ schon erreicht, nun steigt er weiter die Treppe hinauf,
-- deutlicher und deutlicher hrt man es. Er vernahm das schwere Atmen
des Kommenden. Nun ist er schon im dritten Stock. Er kommt hierher! Und
pltzlich erschien es Raskolnikoff, als wre er versteinert, als wre er
im Traume, wenn es einem trumt, da man verfolgt wird, da die Mrder
ganz nahe hinter einem sind, man aber wie angewachsen dasteht und die
Hnde nicht rhren kann.

Endlich, als der Besucher schon den vierten Stock heraufstieg, fuhr er
pltzlich zusammen und es gelang ihm doch schnell und geschmeidig, von
dem Treppenabsatz in die Wohnung hineinzuschlpfen und die Tre hinter
sich zuzumachen. Dann nahm er den Haken und legte ihn leise, unhrbar
vor. Der Instinkt half ihm. Als er das in Ordnung gebracht hatte,
stellte er sich mit angehaltenem Atem direkt an die Tre. Der unbekannte
Besucher war schon da. Sie standen jetzt einander gegenber, wie er vor
kurzem der Alten gegenberstand, als die Tre sie voneinander trennte,
und er lauschte.

Der Besucher atmete ein paarmal schwer.

Er ist wahrscheinlich dick und gro, dachte Raskolnikoff und nahm das
Beil fester in die Hand. Ihm war wieder alles wie im Traume. Der
Besucher fate die Klingel und lutete stark.

Als die Klingel blechern erklirrte, schien es ihm, als ob in dem Zimmer
sich jemand rhre. Einige Sekunden lauschte er. Der Unbekannte schellte
noch einmal, wartete ein wenig und begann pltzlich ungeduldig aus aller
Kraft mit der Trklinke zu klappern. Mit Schrecken blickte Raskolnikoff
auf den hpfenden Haken und wartete mit stumpfer Angst, da der Haken
jeden Augenblick herausspringen werde. Es schien in der Tat mglich zu
sein, -- so stark ri jener an der Tre. Er wollte den Haken mit der
Hand niederhalten, aber der _andere_ konnte es merken. Es begann ihm
wieder schwindlig zu werden.

Ich breche noch zusammen! durchzuckte es ihn, aber der Unbekannte
begann zu sprechen, da kam er zu sich. Ja, schlafen die denn da oder
sind sie tot? Verflucht noch einmal! wetterte er. He, Aljona Iwanowna,
alte Hexe! Lisaweta Iwanowna, du wundervolle Schnheit! ffnet! Ach,
verflucht, schlafen sie wirklich?

Und er ri von neuem rasend gegen zehnmal nacheinander aus voller Kraft
an der Klingel. Es war wohl ein Mann, der etwas galt und im Hause gut
bekannt war.

In diesem Augenblick vernahm man unweit auf der Treppe kurze eilige
Schritte. Es kam noch jemand. Raskolnikoff hatte es zuerst nicht gehrt.

Ist niemand da; unmglich? rief laut der Angekommene und wandte sich
freundlich an den ersten Besucher, der noch immer an der Klingel ri.
Guten Abend, Koch!

Nach der Stimme zu urteilen, mu es ein sehr junger Mann sein, dachte
Raskolnikoff.

Das wei der Teufel, ich habe fast das Schlo abgerissen, antwortete
Koch. Aber woher kennen Sie mich denn?

Warum nicht! Vorgestern habe ich Ihnen drei Partien Billard im
>Gambrinus< abgewonnen.

Ah ...

Also, sie sind nicht zu Hause. Merkwrdig. Das ist aber dumm. Wo mag
nur die Alte hingegangen sein? Ich habe Geschfte mit ihr.

Ich auch, mein Lieber.

Was ist da zu tun? Wohl oder bel mssen wir wieder gehen. Ach! Und ich
hoffte Geld zu bekommen! rief der junge Mann aus.

Selbstredend mssen wir gehen, aber wozu gibt man eine Zeit an? Die
alte Hexe hat mir selbst die Stunde bestimmt. Fr mich bedeutet das
einen weiten Weg. Zum Teufel, ich verstehe nicht, wo sie sich
herumtreiben kann. Das ganze Jahr sitzt sie im Hause, die Hexe, rhrt
sich nicht vom Fleck, die Fe tun ihr weh, und nun pltzlich macht sie
Ausflge!

Sollen wir nicht den Hausknecht fragen?

Wonach denn?

Wohin sie gegangen ist und wann sie wiederkommt?

Hm ... zum Teufel ... sollen wir fragen ... Ja, sie geht doch nie aus
... und er ri noch einmal an der Trklinke.

Zum Teufel, es bleibt nichts brig, wir mssen fortgehen.

Warten Sie! rief pltzlich der junge Mann. Sehen Sie einmal, wie die
Tre nachgibt, wenn man daran reit!

Na, und?

Also ist sie nicht abgeschlossen, sondern nur eingehakt, auf den Haken!
Hren Sie, wie der Haken klirrt?

Nun?

Verstehn Sie denn nicht? Also ist jemand von ihnen zu Hause. Wenn alle
fortgegangen wren, htten sie die Tre mit dem Schlssel abgeschlossen,
und nicht von innen mit dem Haken. Hren Sie nun, wie der Haken klirrt?
Um aber von innen die Tre mit dem Haken abzuschlieen, mu man zu Hause
sein, verstehen Sie? Also, sitzen sie zu Hause und ffnen nicht!

Hm! Ja, das ist wahr! rief erstaunt Koch. Was ist denn mit ihnen
los? Und er begann voll Wucht an der Tre zu zerren.

Warten Sie! rief von neuem der junge Mann. Halten Sie ein! Hier ist
etwas nicht in Ordnung ... Sie haben doch geklingelt, an der Tre
gerttelt, -- und sie ffnen nicht, also, liegen sie entweder in
Ohnmacht oder ...

Was?

Hren Sie mal, holen wir den Hausknecht, mge er sie aufwecken.

Gut.

Sie gingen beide zur Treppe.

Warten Sie! Bleiben Sie mal hier, ich aber laufe nach dem Hausknecht.

Warum soll ich bleiben?

Es ist so besser ...

Meinetwegen ...

Ich bereite mich zum Untersuchungsrichter vor! Hier stimmt offenbar,
offen--bar ... nicht alles! rief voll Eifer der junge Mann und lief
eilig die Treppe hinab.

Koch blieb, rhrte noch einmal leise die Klingel und es klirrte ein
einziges Mal; dann begann er sachte, als ob er es berlegte und prfte,
die Trklinke zu bewegen, er zog sie auf und lie sie niedergleiten, um
sich noch einmal zu vergewissern, da die Tre blo mit einem Haken
geschlossen sei. Darauf bckte er sich schwer atmend und blickte durch
das Schlsselloch, aber darin stak von innen der Schlssel, und er
konnte nichts sehen.

Raskolnikoff stand und hielt krampfhaft das Beil, fieberhaft erregt. Er
war bereit zu kmpfen, wenn sie hereinkommen sollten. Schon als sie
klopften und sich besprachen, kam ihm einigemal der Gedanke, allem ein
Ende zu machen und ihnen durch die Tre zuzurufen. Es wandelte ihn an,
sie zu schimpfen, sie zu reizen, bevor sie die Tre aufmachten. Mchte
es doch schneller zu Ende gehen! fuhr es ihm durch den Kopf. Zum
Teufel noch einmal ...

Die Zeit verrann, eine Minute nach der andern ging vorber, niemand kam.
Koch begann unruhig zu werden.

Zum Teufel noch einmal! ... rief er pltzlich aus, und voll Ungeduld
verlie er seinen Posten, ging die Treppe eilig hinab, und stapfte fest
auf.

Mein Gott, was ist nun zu tun! Raskolnikoff hob den Haken ab, ffnete
ein wenig die Tre, es war nichts zu hren, er trat pltzlich vollkommen
gedankenlos heraus, zog die Tre hinter sich mglichst dicht zu und ging
hinab. Er war schon drei Treppen hinabgestiegen, als pltzlich unten ein
starker Lrm hrbar wurde, -- wohin sich wenden? Er konnte sich nirgends
verstecken und wollte schon zurck in die Wohnung laufen.

He Teufel! Halt!

Mit einem Schrei strzte jemand unten aus einer Wohnung heraus und lief
so schnell hinunter, da er die Treppe beinahe hinunterzufallen schien.

Mitjka, Mitjka! Mitjka! Mitjka! Mitjka! Hol dich der Kuckuck!

Der Schrei endete mit Kreischen; die letzten Tne hrte man schon vom
Hofe her; alles wurde still. Aber im selben Augenblick begannen ein paar
Menschen, die laut und schnell sprachen, geruschvoll die Treppe
hinaufzusteigen, vielleicht drei oder vier. Raskolnikoff unterschied die
helle Stimme des jungen Mannes.

Das sind sie.

In grter Verzweiflung ging er ihnen direkt entgegen, -- mochte nun
kommen, was wollte. Wenn sie ihn anhielten, war alles verloren, wenn sie
ihn vorbeilieen, war auch alles verloren, -- denn sie werden ihn
wiedererkennen. Sie kamen bedenklich nher; zwischen ihnen war nur eine
einzige Treppe -- da kam die Rettung. Einige Stufen vor ihm rechts stand
weit geffnet eine leere Wohnung, dieselbe Wohnung im zweiten Stock, in
der Arbeiter malten und jetzt wie mit Absicht fortgegangen waren. Das
waren sicher die Leute gewesen, die soeben mit solch einem Geschrei
hinabgelaufen waren. Die Dielen waren frisch gestrichen, mitten im
Zimmer stand ein kleiner Eimer und eine Scherbe von einem Topfe mit
Farbe und Pinsel. Im Nu schlpfte er durch die offene Tr und verbarg
sich hinter einer hohen Wand, es war hohe Zeit. Sie waren schon auf dem
Treppenabsatz. Dann wandten sie sich nach oben und gingen laut sprechend
nach dem vierten Stock. Er wartete eine Zeitlang, ging auf Fuspitzen
hinaus und lief nach unten.

Auf der Treppe war niemand! Auch unten nicht. Er ging schnell durch das
Tor und ging nach links die Strae hinunter. Er wute es nur zu gut, da
sie in diesem Augenblicke schon in der Wohnung waren, da sie erstaunt
waren, die Tre offen zu sehen, die noch eben verschlossen war, da sie
schon die Leichen erblickten, und da sie in weniger als einer Minute
erraten wrden, da der Mrder hier soeben noch dagewesen war und Zeit
gefunden hatte, sich irgendwo zu verbergen, an ihnen vorbeizuhuschen und
zu fliehen; sie werden vielleicht auch auf den Gedanken gekommen sein,
da er in der leeren Wohnung stak, als sie nach oben gingen. Indessen
aber durfte er um keinen Preis seinen Gang zu sehr beschleunigen,
obgleich bis zur ersten Seitenstrae gegen hundert Schritte waren.

Soll ich nicht in ein Tor hineinschlpfen und irgendwo in einer
unbekannten Strae abwarten? Nein, das ist gefhrlich! Soll ich nicht
das Beil fortwerfen? Soll ich nicht eine Droschke nehmen? Es ist zu
gefhrlich, zu gefhrlich!

Endlich kam die Seitenstrae, er bog in sie halbtot ein. Hier war er
schon zur Hlfte gerettet, und ward es inne, -- hier erregte er kaum
Verdacht, zudem war diese Strae stark belebt, und er ging wie ein
Sandkorn in der Menge verloren. Aber alle diese Qualen hatten ihn so
erschpft, da er sich kaum mehr fortbewegen konnte. Der Schwei rann
ihm in Tropfen herunter, sein Hals war ganz na.

Sieh mal, wie der voll ist! rief ihm jemand zu, als er auf den Kanal
hinauskam.

Er hatte fast keinen Gedanken mehr; je weiter er ging, um so schlimmer
wurde es. Er erschrak pltzlich, als er an den Kanal hinauskam; denn
dort gab es wenig Menschen, hier konnte er leichter auffallen, und er
wollte wieder in die Seitengasse zurckkehren. Trotzdem er am Umfallen
war, machte er doch einen Umweg und kam von einer anderen Seite nach
Hause.

Noch fast besinnungslos schritt er durch das Tor seines Hauses; er war
schon die Treppe hinaufgestiegen, da erst entsann er sich des Beiles.
Eine beraus wichtige Aufgabe stand ihm noch bevor, das Beil
zurckzulegen und es unbemerkt zu tun. Er hatte nicht mehr die Kraft, zu
berlegen, ob es vielleicht nicht viel besser wre, das Beil gar nicht
mehr auf seinen frheren Platz zurckzubringen, sondern es irgendwo auf
einen fremden Hof, wenn auch nicht sofort, zu werfen.

Doch es ging alles gut vonstatten. Die Tre zu der Wohnung des
Hausknechts war zugemacht, aber nicht verschlossen, also war der
Hausknecht sehr wahrscheinlich zu Hause. Und so weit hatte er schon die
Fhigkeit zu berlegen verloren, da er einfach auf die Wohnung losging
und die Tre ffnete. Htte der Hausknecht ihn in diesem Augenblick
gefragt, was er wolle, er htte ihm einfach das Beil in die Hand
gegeben. Der Hausknecht war aber auch diesmal nicht da und er konnte das
Beil auf seinen Platz unter die Bank legen; er bedeckte es sogar wieder
mit einem Holzscheit. Keine Seele begegnete ihm bis zu seinem Zimmer;
die Tre zur Wohnung der Wirtin war abgeschlossen. Nachdem er in sein
Zimmer eingetreten war, warf er sich auf den Diwan, so wie er war. Er
schlief nicht, verfiel aber in einen Halbschlummer. Wenn jemand jetzt in
sein Zimmer getreten wre, wre er aufgesprungen und htte geschrien.
Abgerissene, verworrene Gedanken wirbelten in seinem Kopfe, aber er
konnte keinen einzigen erfassen, keinen festhalten, trotz aller
Anstrengung.




                              Zweiter Teil


                                   I.

So lag er sehr lange da. Manchmal wachte er vom Schlafe auf und dann
bemerkte er, da es schon lngst Nacht war. Endlich nahm er wahr, da es
schon heller Tag war. Er lag auf dem Diwan ausgestreckt, noch erstarrt
von der kaum berwundenen Bewutlosigkeit. Schrill tnte frchterliches
verzweifeltes Geheul von der Strae herauf, das er jede Nacht unter
seinem Fenster in der dritten Morgenstunde hrte. Das hatte ihn auch
jetzt wieder aufgeweckt.

Ah! Es kommen die Betrunkenen schon aus den Kneipen, dachte er. Es
ist drei Uhr! und er sprang auf, als htte ihn jemand von dem Diwan
heruntergestoen.

Wie! Es ist schon drei!

Er setzte sich -- und da fiel ihm alles ein! Pltzlich fiel ihm alles
ein!

Im ersten Augenblicke dachte er, er wrde den Verstand verlieren. Eine
furchtbare Klte erfate ihn, aber die Klte kam vom Fieber, das schon
lngst whrend des Traumzustandes angefangen hatte. Es packte ihn ein
Schttelfrost, da die Zhne zusammenschlugen, und alles zitterte an
ihm. Er ffnete die Tre und begann zu lauschen: im Hause schlief alles.
Erschreckt betrachtete er sich selbst und alles ringsum im Zimmer und
begriff nicht -- wie konnte er nur gestern die Tre nicht zuhaken und
sich nicht nur angekleidet, sondern sogar mit dem Hute auf den Diwan
werfen; der Hut war ihm heruntergefallen und lag dort auf der Diele in
der Nhe des Kissens.

Wenn jemand gekommen wre, was htte er denken mssen? Da ich
betrunken, aber ...

Er strzte zum Fenster. Es war gengend hell und er besah sich schnell
ganz vom Kopfe bis zu den Fen, seine ganze Kleidung, ob nicht Spuren
daran waren. Aber man konnte so nichts sehen; zitternd vor Frost, zog er
alles aus und wieder betrachtete er es von allen Seiten. Er drehte alles
um bis zum letzten Faden und Fetzen, und da er sich selber nicht traute,
wiederholte er dreimal die Besichtigung. Aber er fand nichts, scheinbar
keine Spur; nur an einer Stelle, wo die Hosen unten abgerieben und in
Fransen hingen, waren an diesen Fransen dicke Flecken eingetrockneten
Blutes. Er nahm ein groes Taschenmesser und schnitt die Fransen ab.
Mehr schien es nicht zu sein. Da fiel ihm ein, da der Beutel und die
Sachen, die er aus der Truhe bei der Alten herausgenommen, sich noch
immer in seinen Taschen befanden. Er hatte nicht mehr daran gedacht, sie
herauszunehmen und zu verstecken. Nicht einmal jetzt sogar hatte er sich
ihrer gleich erinnert, als er seine Kleider besah. War denn das mglich?
Hastig nahm er sie heraus und warf sie auf den Tisch. Nachdem er alles
herausgenommen und die Taschen umgekehrt hatte, um sich zu vergewissern,
da nichts briggeblieben war, brachte er den ganzen Haufen in eine
Ecke. Dort in der Ecke waren unten an einer Stelle die von der Wand
losgelsten Tapeten zerrissen; sofort begann er alles in dieses Loch
unter dem Papier hineinzustopfen.

Es ist hineingegangen! Alles ist fort, sogar der Beutel! dachte er
voller Freude, indem er aufstand und stumpf in die Ecke sah, auf das
Loch, wo die Tapete jetzt weiter abstand.

Da schrak er wieder zusammen.

Mein Gott, flsterte er verzweifelt, was ist mit mir? Ist denn das
versteckt? Versteckt man das so?

Natrlich hatte er mit solchen Gegenstnden gar nicht gerechnet; er
dachte, da es nur Geld bei ihr geben wrde und darum hatte er keinen
Platz vorher ausgesucht.

Aber jetzt, jetzt, worber freute ich mich denn? dachte er. Versteckt
man denn so? In der Tat, der Verstand verlt mich!

Erschpft setzte er sich auf den Diwan und von neuem schttelte ihn ein
unertrglicher Fieberanfall. Mechanisch hllte er sich in seinen
frheren Studentenmantel, einen geftterten, aber schon recht schbigen
Winterberzieher; er deckte sich mit ihm zu, und alsbald berfielen ihn
wieder Schlaf und Fiebertrume.

Doch schon nach fnf Minuten sprang er wieder auf und strzte auer sich
von neuem zu seinen Kleidern. Wie konnte ich nur wieder einschlafen, wo
noch nichts getan ist! Da haben wir es, da haben wir es, die Schlinge
unter der Achsel habe ich noch nicht abgenommen! Ich habe es vergessen,
habe solch eine Sache vergessen! Solch ein Verdachtsmoment!

Er ri die Schlinge ab und begann sie schnell in Stcke zu zerreien und
versteckte sie unter dem Kissen in der Wsche.

Stcke von zerrissener Leinwand knnen in keinem Falle Verdacht
erregen; es scheint so, es scheint so! wiederholte er, mitten im Zimmer
stehend, und begann von neuem mit schmerzhaft angespannter
Aufmerksamkeit ringsum, auf der Diele und berall, herumzusphen, ob er
nicht noch etwas vergessen habe. Die berzeugung, da alles, sogar das
Gedchtnis, sogar das einfache Denken ihn verlie, -- begann ihn
unertrglich zu qulen.

Was! fngt es schon jetzt an, kommt schon jetzt die Strafe? Sieh da,
sieh es stimmt!

Die abgeschnittenen Fransen, die er von den Hosen abgetrennt hatte,
lagen in der Tat auf der Diele mitten im Zimmer, damit sie ja der erste
beste sehen konnte.

Was ist denn nur mit mir! rief er wieder aus, wie verloren.

Da kam ihm ein seltsamer Gedanke: vielleicht war auch seine ganze
Kleidung blutig, vielleicht hat sie viele Flecken, aber er sieht sie
blo nicht, er bemerkt sie nicht, weil sein Denken geschwcht, verworren
... der Verstand verdstert ist ... Pltzlich erinnerte er sich, da an
dem Beutel auch Blut war.

Bah, also mu in der Tasche auch Blut sein, da ich den noch feuchten
Beutel hineinsteckte!

Schnell kehrte er die Hosentasche um, und -- tatschlich, -- auf dem
Futter der Tasche waren Spuren, Flecken.

Also hat mich der Verstand noch nicht ganz verlassen, also besitze ich
noch Urteilsfhigkeit und Gedchtnis, wenn ich mich hierauf besinnen
konnte! dachte er triumphierend und atmete aus voller Brust tief und
freudig auf. Es ist einfach fieberhafte Schwche, eine vorbergehende
Anwandlung.

Und er ri das ganze Futter aus der linken Hosentasche. In diesem
Augenblicke beleuchtete ein Sonnenstrahl seinen linken Stiefel; auf dem
Strumpfe, der aus dem Stiefel hervortrat, schienen Flecken zu sein. Er
zog den Stiefel aus, -- es waren wirklich Spuren. Die ganze Fuspitze
war mit Blut durchtrnkt; wahrscheinlich war er unvorsichtigerweise in
die Pftze getreten ... Aber was nun damit tun? Wohin diesen Strumpf
tun? Wohin diesen Strumpf, die Franse, die Hosentasche? Er knllte
alles in der Hand zusammen und blieb mitten im Zimmer stehen. In den
Ofen? Aber im Ofen wird man zuerst nachstbern. Verbrennen? Ja, aber
womit brennen? Er hat nicht mal Streichhlzer. Nein, besser, irgendwo
hingehen und alles fortwerfen. Ja! das beste ist fortwerfen!
wiederholte er und setzte sich von neuem auf den Diwan. Und sofort mu
ich es tun, in diesem Augenblick, ohne Zeit zu verlieren! ...

Indessen fiel sein Kopf von neuem auf das Kissen; wieder durchrttelte
ihn eisig der unertrgliche Schttelfrost; wieder zog er den
Wintermantel ber sich. Und lange noch, ein paar Stunden, trumte er ab
und zu, ich mu sofort ohne Zgern irgendwo hingehen und alles
fortwerfen, damit es schnell aus den Augen kommt! Einigemal erhob er
sich vom Diwan, wollte aufstehn, konnte aber nicht mehr. Endlich weckte
ihn ein starkes Klopfen an der Tre.

ffne doch, lebst du oder nicht? Und immer schlft er! schrie Nastasja
und schlug mit der Faust an die Tre. Den ganzen geschlagenen Tag
schlft er wie ein Hund! Er ist auch ein Hund! ffne doch. Es ist schon
elf Uhr.

Vielleicht ist er nicht zu Hause, sagte eine mnnliche Stimme.

Ha, das ist die Stimme des Hausknechtes ... Was will er?

Er sprang auf und setzte sich auf den Diwan. Das Herz klopfte so stark,
da es ihn schmerzte.

Wer hat denn die Tre zugehakt? erwiderte Nastasja. Sieh mal, er
fngt an, sich einzuschlieen! Frchtet er, da man ihn holen knnte?
ffne. Mensch, wach auf!

Was wollen sie? Warum ist der Hausknecht da? Alles ist bekannt. Soll
ich Widerstand leisten oder ffnen? Mag alles zugrunde gehen ...

Er erhob sich ein wenig, beugte sich nach vorn und nahm den Haken ab.

Das ganze Zimmer war nur so gro, da man den Trhaken abnehmen konnte,
ohne vom Bette aufzustehen.

Er hatte richtig geraten, -- vor ihm standen Nastasja und der
Hausknecht. Nastasja blickte ihn eigentmlich an. Er warf dem
Hausknechte einen herausfordernden und verzweifelten Blick zu. Der
reichte ihm schweigend ein graues zusammengelegtes Stck Papier, das mit
gewhnlichem Siegellack zugesiegelt war.

Vorladung aus dem Bureau, sagte er, indem er das Papier berreichte.

Aus welchem Bureau? ...

Selbstredend vom Polizeibureau.

Von der Polizei! ... Warum?

Woher soll ich es wissen. Man verlangt es und da mssen Sie gehen.

Er sah ihn aufmerksam an, warf einen Blick ins Zimmer und wandte sich,
um fortzugehen.

Bist du ganz krank geworden? bemerkte Nastasja, die ihre Augen nicht
von ihm abwandte.

Der Hausknecht drehte auch einen Augenblick seinen Kopf um.

Seit gestern hat er Fieber, fgte sie hinzu.

Er antwortete nichts und hielt das Schriftstck in den Hnden, ohne es
zu ffnen.

Bleib liegen, fuhr Nastasja fort; sie wurde weicher gestimmt, als sie
sah, da er die Fe vom Diwan herablie.

Da du krank bist, so gehe nicht hin: es brennt doch nicht. Was hast du
da in der Hand?

Er blickte hin. In der rechten Hand hielt er die abgeschnittenen Fransen
von der Hose, den Strumpf und die Fetzen der ausgerissenen Tasche. So
hatte er mit ihnen geschlafen. Als er spter darber nachsann, erinnerte
er sich, da er im Fieber aufwachend, dies alles nur fester in seiner
Hand zusammenballte und wieder einschlief.

Sieh, was fr Lumpen er gesammelt hat und schlft mit ihnen, als wren
sie ein kolossaler Schatz ... Und Nastasja fiel in ihr lautes nervses
Lachen.

Im Nu steckte er alles unter den Mantel und heftete auf sie einen
forschenden Blick. Obwohl er in diesem Augenblicke wenig mit Verstand
sich die Sache berlegen konnte, fhlte er doch, da man einen Menschen
nicht in dieser Weise behandeln wrde, wenn man ihn verhaften wollte ...

Aber ... die Polizei?

Du solltest etwas Tee trinken. Willst du? Ich bringe ihn dir; es ist
etwas briggeblieben ...

Nein ... ich will hingehen; ich will sofort hingehen, murmelte er
aufstehend.

Du kannst ja nicht mal die Treppe hinuntergehen.

Ich will hingehen ...

Wie du willst.

Sie folgte dem Hausknechte.

Sofort strzte er zum Licht, um den Strumpf und die Hosenfransen zu
besehen.

Flecken sind da, aber kaum sichtbar. Alles ist beschmutzt, abgerieben
und verblichen. Wer es nicht wei -- wird nichts bemerken. Nastasja
konnte wahrscheinlich von weitem nichts sehen. Gott sei Dank. Dann
ffnete er mit Bangen die Vorladung und begann zu lesen; er las lange,
und schlielich begriff er. Es war eine gewhnliche Vorladung, vom
Polizeirevier, heute um halb zehn in dem Bureau des Revieraufsehers zu
erscheinen.

Das ist mir noch nie passiert. Ich habe nichts mit der Polizei zu tun.
Und warum gerade heute!

Er wollte sich schon auf die Knie werfen, um zu beten, lachte dann aber
selbst darber, -- nicht ber das Beten, sondern ber sich selbst. Er
begann sich eilig anzuziehen.

Soll ich zugrunde gehen, na, dann ist nichts zu machen. Soll ich den
Strumpf anziehen! dachte er pltzlich. Er wird noch mehr im Staub
beschmutzt und die Spuren werden verschwinden.

Kaum aber hatte er ihn angezogen, als er ihn voll Ekel und Schrecken
herunterri. Er hatte ihn vom Fu heruntergerissen, aber nachdem er
berlegt hatte, da er keinen anderen hatte, zog er ihn wieder an -- und
lachte wieder.

All das ist Vorurteil, alles ist nur wie man's nimmt, all das sind nur
Formen, dachte er einem flchtigen Gedanken nach und zitterte dabei am
ganzen Krper. Ich habe ihn doch angezogen. Hab es fertig gebracht, ihn
anzuziehen.

Aber das Lachen verwandelte sich sogleich in Verzweiflung.

Nein, das ist ber meine Krfte ... dachte er. Seine Fe zitterten.

Aus Angst, murmelte er vor sich hin. Der Kopf schwindelte ihm und
schmerzte vor Fieber.

Eine List ist es! Sie wollen mich mit List hinlocken und mich pltzlich
aus der Fassung bringen, fuhr er fort vor sich hinzumurmeln und ging
auf die Treppe hinaus. Das ist schlimm, da ich fieberig bin ... ich
kann irgendeine Dummheit machen ...

Auf der Treppe besann er sich, da er alle Sachen so in dem Loche unter
der Tapete liegen lie. Und gerade jetzt konnte absichtlich in seiner
Abwesenheit eine Haussuchung vorgenommen werden, fiel es ihm ein, und
er blieb stehn. Aber solch eine Verzweiflung und solch ein, wenn man
sich so ausdrcken darf, -- Zynismus ber seinen Untergang hatten ihn
gepackt, da er unbekmmert weiterging.

Mge es blo schnell vorbei sein! ... Auf der Strae war es wieder
unertrglich hei; kein Regentropfen in all diesen Tagen. Wieder gab es
Staub von Ziegeln und Kalk, wieder den Gestank aus den Lden und
Wirtshusern, wieder tauchten alle Augenblicke Betrunkene, finnische
Hcker und halbzerfallene Droschken auf. Die Sonne strahlte hell in
seine Augen, so da es ihm weh tat, und der Kopf schwindelte ihm, -- das
gewhnliche Gefhl eines Fieberkranken, der pltzlich auf die Strae an
einem heien sonnigen Tage hinaustritt.

Als er um die Ecke in die _gestrige_ Strae einbog, blickte er dorthin,
auf _jenes_ Haus voll qualvoller Unruhe ... und wendete sogleich die
Augen ab.

Wenn man mich frgt, werde ich es vielleicht sagen, dachte er, indem
er sich dem Polizeibureau nherte.

Das Bureau war ein paar hundert Schritte von seinem Hause entfernt. Es
war krzlich in neuen Rumen in einem neuen Hause im vierten Stocke
untergebracht worden. In dem alten Bureau war er einmal, aber vor
lngerer Zeit, gewesen. Als er in das Tor eintrat, erblickte er zur
rechten Hand eine Treppe, von der ein Mann mit einem Buche in der Hand
herunterkam. Ein Bureaudiener also; folglich ist auch hier das Bureau,
und er begann aufs Geratewohl die Treppe hinaufzusteigen. Er wollte
niemanden um Auskunft fragen.

Ich trete ein, werfe mich auf die Knie und erzhle alles ... dachte
er, indem er die letzte Treppe zum vierten Stock hinaufstieg.

Die Treppe war sehr schmal, steil und voll Unrat. Alle Kchen von allen
Wohnungen in all den vier Stockwerken mndeten auf diese Treppe und
standen fast den ganzen Tag offen. Daher war dort eine furchtbare,
stickige Luft. Es kamen und gingen Hausknechte mit Bchern unter dem
Arm, Schutzleute und allerhand Volk beiderlei Geschlechts, die da zu tun
hatten. Die Tre zu dem Polizeibureau stand auch sperrweit auf. Er trat
ein und blieb im Vorzimmer stehn. berall standen, berall warteten
Bauern. Auch hier war die Luft schrecklich dumpf und auerdem roch es
zum belwerden nach frischer, nicht ausgetrockneter Farbe mit ranzigem
l von den neugestrichenen Dielen. Er wartete ein wenig und beschlo,
weiter in das nchste Zimmer zu gehen. Alle Zimmer waren klein und
niedrig. Eine qulende Ungeduld zog ihn immer weiter und weiter. Niemand
beachtete ihn. In dem zweiten Zimmer saen und schrieben einige
Schreiber, die vielleicht ein wenig besser gekleidet waren als er, dem
ueren nach komische Menschen. Er wandte sich an einen von ihnen.

Was wnschest du?

Er zeigte die Vorladung.

Sie sind Student? fragte der Schreiber, nachdem er einen Blick auf die
Vorladung geworfen hatte.

Ja, ich bin gewesener Student.

Der Schreiber blickte ihn ohne jegliche Neugier an. Er war ein besonders
zerzauster Mensch mit einem unbeweglichen Ausdruck im Blicke.

Von diesem erfahre ich nichts, denn ihm ist es gleichgltig, dachte
Raskolnikoff.

Gehen Sie dorthin, zu dem Sekretr, sagte der Schreiber und wies mit
dem Finger auf das allerletzte Zimmer.

Er trat in dieses Zimmer, das vierte der Reihe nach; es war eng und
vollgestopft von Menschen, die ein wenig besser gekleidet waren, als in
den ersten Zimmern. Unter den Besuchern waren auch zwei Damen. Die eine
in Trauer, rmlich gekleidet, sa an einem Tisch gegenber dem Sekretr
und schrieb etwas nach seinem Diktat. Die andere Dame, eine sehr dicke,
purpurrote, ansehnliche Frau mit Flecken im Gesichte, sehr auffllig
gekleidet, mit einer Brosche in der Gre einer Untertasse stand
seitwrts und schien auf etwas zu warten. Raskolnikoff schob dem
Sekretr seine Vorladung zu. Dieser besah sie flchtig, sagte: warten
Sie und fuhr fort, sich mit der Dame in Trauer zu beschftigen.

Raskolnikoff atmete erleichtert auf.

Es ist sicher nicht das! Allmhlich begann er Mut zu fassen, er sprach
sich mit aller Macht zu, sich zusammenzunehmen und besonnen zu sein.

Irgendeine Dummheit, irgendeine geringfgige Unvorsichtigkeit, und ich
kann mich verraten! Hm ... schade, da hier keine frische Luft ist,
fgte er hinzu, diese Schwle ... Der Kopf schwindelt mir noch mehr ...
und der Verstand auch ...

Er fhlte in seinem ganzen Krper eine furchtbare Zerrttung und
frchtete auch, sich nicht beherrschen zu knnen. Nun versuchte er, sich
an etwas anzuklammern, und an irgend etwas vollkommen Nebenschliches zu
denken, aber das gelang ihm absolut nicht. Der Sekretr interessierte
ihn brigens sehr stark, -- er wollte gern aus seinem Gesichte etwas
erraten und ihn durchschauen. Es war ein sehr junger Mann von etwa
zweiundzwanzig Jahren, mit einem beweglichen Gesichte von dunkler Farbe,
das ihn lter erscheinen lie; er war nach der Mode und stutzerhaft
gekleidet, hatte einen Scheitel am Hinterkopf, war frisiert und
pomadisiert und trug eine Menge Ringe an den weien, peinlich sauberen
Fingern und eine goldene Kette auf der Weste. Mit einem anwesenden
Auslnder wechselte er sogar ein paar Worte franzsisch, und tat es
ziemlich gut.

Louisa Iwanowna, setzen Sie sich doch, sagte er flchtig zu der
geputzten purpurroten Dame, die die ganze Zeit dastand, als wage sie
nicht sich hinzusetzen, obwohl ein Stuhl neben ihr stand.

Ich danke, sagte sie deutsch und setzte sich, seiderauschend, auf den
Stuhl. Ihr hellblaues Kleid, mit weien Spitzen besetzt, umgab gleich
einem Luftballon ihren Stuhl und nahm beinahe das halbe Zimmer ein. Ein
Duft von Parfm verbreitete sich. Aber der Dame schien es peinlich zu
sein, da sie das halbe Zimmer einnahm und da sie so stark nach Parfm
duftete, obgleich sie halb ngstlich, halb frech, jedoch voll deutlicher
Unruhe lchelte.

Die Dame in Trauer war endlich fertig und erhob sich von ihrem Platze.
Pltzlich trat mit einigem Gerusch, bei jedem Schritte sehr rasch und
eigentmlich die Schultern bewegend, ein Offizier ein, warf die Mtze
mit der Kokarde auf den Tisch und setzte sich in den Sessel. Bei seinem
Anblicke sprang die geputzte Dame von ihrem Platze auf und begann mit
besonderem Entzcken zu knixen, der Offizier aber schenkte ihr nicht die
geringste Beachtung und sie wagte es nicht mehr, sich in seiner
Gegenwart hinzusetzen. Es war der Gehilfe des Revieraufsehers, er hatte
einen horizontal abstehenden rtlichen Schnurrbart, sein Gesicht wies
unbedeutende Zge auf, die auer einer gewissen Frechheit nichts
ausdrckten. Er blickte von der Seite und unmutig auf Raskolnikoff;
dessen Anzug war schlecht, und dennoch entsprach seine Haltung nicht der
rmlichkeit seiner Kleidung. Raskolnikoff hatte aus Unvorsichtigkeit ihm
zu lange ins Gesicht gestarrt, so da jener sich sogar beleidigt fhlte.

Was willst du? schrie er ihn an, entrstet, da solch ein zerlumpter
Mensch nicht daran dachte, vor seinem blitzesprhenden Blicke sich zu
verziehen.

Man hat mich bestellt ... laut Vorladung ... antwortete Raskolnikoff
zusammenhanglos.

Es handelt sich um eine Geldforderung an ihn, _er ist Student_,
beeilte sich der Sekretr zu bemerken, indem er von seiner Arbeit
aufschaute. Da ist es! und er warf Raskolnikoff ein Heft zu und zeigte
ihm die Stelle. Lesen Sie es durch!

Geld? Was fr Geld? dachte Raskolnikoff, aber, ... es ist also nicht
das!

Und er fuhr vor Freude zusammen. Es wurde ihm urpltzlich unbeschreibbar
leicht. Alles war verflogen.

Um welche Stunde aber sind Sie hierher bestellt, mein Herr! schrie der
Leutnant, der sich aus unbekannten Grnden immer mehr rgerte. Man
bestellte Sie um neun und jetzt ist schon die zwlfte Stunde.

Man hat mir die Vorladung erst vor einer Viertelstunde zugestellt,
antwortete laut und ber die Schulter hinweg Raskolnikoff, der auch
pltzlich und unerwartet rgerlich geworden war und darin ein gewisses
Vergngen fand. Es ist schon genug, da ich trotz meines Fiebers
hergekommen bin.

Belieben Sie nicht zu schreien!

Ich schreie gar nicht, sondern spreche sehr ruhig, aber Sie schreien
mich an; ich bin Student und erlaube nicht, da man mich anschreit.

Der Gehilfe war so erregt, da er im ersten Augenblick kein Wort
hervorbringen konnte, er zischte nur und sprang von seinem Platze auf.

Schwei--gen Sie bitte! Sie stehen vor einer Behrde. Sie drfen nicht
grob sein, mein Herr!

Auch Sie sind bei einer Behrde, rief Raskolnikoff, und Sie schreien
nicht allein, sondern rauchen auch, verletzen uns also in jeder Weise.

Als Raskolnikoff dies gesagt hatte, empfand er einen unbeschreiblichen
Genu. Der Sekretr blickte sie lchelnd an. Der hitzige Leutnant war
sichtbar verblfft.

Das geht Sie nichts an! schrie er endlich unnatrlich laut. Belieben
Sie aber besser eine Antwort auf die Forderung zu geben. Zeigen Sie sie
ihm, Alexander Grigorjewitsch. Klagen laufen gegen Sie ein! Sie zahlen
nicht! Schaut mal den noblen Herrn an!

Raskolnikoff aber hrte nicht mehr, nahm aufgeregt das Papier vor und
suchte schnell die Lsung. Er las es einmal, ein zweites Mal, und
begriff nichts.

Was ist es denn? fragte er den Sekretr.

Man verlangt von Ihnen Geld laut Schuldschein, eine Forderung ist es.
Sie mssen entweder die Summe mit allen Unkosten, Strafgeldern und so
weiter bezahlen oder eine schriftliche Erklrung abgeben, wann Sie
imstande sind zu bezahlen, gleichzeitig aber auch sich verpflichten, die
Hauptstadt bis zur Tilgung der Schuld nicht zu verlassen und Ihr
Eigentum weder zu veruern noch zu verheimlichen. Der Glubiger aber
hat das Recht, Ihr Eigentum zu verkaufen und mit Ihnen nach dem Gesetze
zu verfahren.

Ja ... aber ich schulde niemand etwas.

Das geht uns nichts an. Wir haben zur Einkassierung einen verfallenen
und gesetzlich protestierten Schuldschein auf hundertundfnfzehn Rubel
erhalten, den Sie der Witwe des Kollegienassessors Sarnitzin vor neun
Monaten ausgestellt haben und der von der Witwe Sarnitzin an den Hofrat
Tschebaroff durch Kauf bergegangen ist, und darum fordern wir von Ihnen
eine Erklrung.

Sie ist ja meine Zimmerwirtin!

Nun, und was ist dabei, da sie Ihre Zimmerwirtin ist?

Der Sekretr blickte ihn mit herablassendem mitleidigen Lcheln an,
gleichzeitig aber ein wenig triumphierend, wie ber einen Neuling, den
man soeben beginnt zu rupfen, als wollte er sagen: Nun, wie fhlst du
dich jetzt?

Aber was kmmert ihn jetzt der Schuldschein, eine Forderung! Lohnt es
sich jetzt, darber sich auch nur ein wenig aufzuregen, es auch nur zu
beachten! Er stand da, las, hrte, antwortete, fragte sogar selbst, aber
alles nur mechanisch. Der Triumph der Selbsterhaltung, die Rettung aus
der drohenden Gefahr, -- das erfllte in diesem Augenblick sein ganzes
Wesen, ohne Ausblick, ohne Analyse, ohne Deutung und Entrtselung der
Zukunft, ohne Zweifel und ohne Fragen. Es war ein Augenblick
unmittelbarer, rein tierischer Freude. Aber in diesem Momente ereignete
sich im Bureau etwas wie die Entladung eines Gewitters. Der Leutnant,
immer noch aus dem Gleichgewicht wegen der Unehrerbietigkeit, ganz
aufgeregt und wahrscheinlich mit dem Wunsche, die gekrnkte Ehre
herzustellen, strzte sich mit seinem ganzen Zorn auf die unglckliche
pompse Dame, die ihn seit seinem Eintritt mit einem uerst dummen
Lcheln anblickte.

Ach du, so eine, schrie er sie pltzlich aus vollem Halse an (die Dame
in Trauer war schon fortgegangen), was ist bei dir in der vorigen Nacht
passiert? Ah? Wieder gibt es bei dir Schimpf und Skandal in der ganzen
Strae? Wieder Schlgerei und Sauferei. Du trumst wohl vom
Arbeitshause! Ich habe dir doch schon gesagt, habe dich schon zehnmal
gewarnt, da ich dir das elfte Mal nichts schenken werde! Und du tust es
wieder, du, du ...

Das Papier entfiel den Hnden Raskolnikoffs und er blickte entsetzt die
prachtvolle Dame an, mit der man so ungeniert herumsprang; aber bald
darauf begriff er, was los sei, und sofort gefiel ihm diese Sache
ausgezeichnet. Er hrte mit Vergngen zu, so da er Lust bekam, laut zu
lachen, zu lachen, zu lachen ... Alle seine Nerven zuckten.

Ilja Petrowitsch! versuchte der Sekretr zu besnftigen, aber er hielt
inne, um die rechte Zeit abzuwarten, denn den in Aufregung geratenen
Leutnant konnte man nicht anders beruhigen als durch Festhalten der
Hnde, was er aus eigener Erfahrung kannte.

Was aber die prachtvolle Dame anging, so begann sie zuerst beim Donner
und Blitz zu beben; aber sonderbar, je zahlreicher und krftiger die
Schimpfwrter wurden, um so liebenswrdiger wurde ihr Aussehen, um so
bezaubernder wurde ihr Lcheln dem zornigen Leutnant gegenber. Sie
trippelte auf einem Fleck, knixte ununterbrochen und wartete voll
Ungeduld, da sie endlich auch zu Wort kommen wrde, was ihr schlielich
gelang.

Gar kein Lrm und keine Schlgerei waren bei mir, Herr Kapitn,
plapperte sie pltzlich los, so schnell, als schttete man Erbsen aus,
-- mit einem stark deutschen Akzent, aber doch flieend russisch, --
und gar kein Skandal, gar keiner, und sie kamen betrunken hin, und ich
will alles erzhlen, Herr Kapitn, und ich bin nicht schuld ... ich habe
ein anstndiges Haus, Herr Kapitn, und ein anstndiger Ton ist bei mir,
Herr Kapitn, und ich will nie, will selbst nie einen Skandal haben. Sie
aber kamen ganz betrunken hin und haben dann drei Flaschen verlangt, und
dann erhob einer seine Fe und begann mit den Fen auf dem Klavier zu
spielen, und das pat sich gar nicht in einem anstndigen Hause, und er
hat das ganze Klavier zerschlagen, und das ist doch keine Manier, und da
habe ich es ihm gesagt. Er aber nahm eine Flasche und begann alle von
hinten mit der Flasche zu stoen. Und da habe ich den Hausknecht
gerufen, und als Karl kam, hat er Karl das Auge ausgeschlagen, und
Henriette hat er auch das Auge ausgeschlagen, und mich hat er fnfmal
auf die Backe geschlagen. Und das ist nicht fein in einem anstndigen
Hause, Herr Kapitn, und ich habe geschrien. Und er hat das Fenster zu
dem Kanal geffnet und hat wie ein kleines Schwein aus dem Fenster
gequiekt; das ist doch eine Schande. Wie kann man auch wie ein kleines
Schwein aus dem Fenster quieken? Pfui, pfui, pfui! Und Karl hat ihn an
seinem Frack vom Fenster gezogen, und das ist wahr, Herr Kapitn, da er
ihm da seinen Rock zerrissen hat. Und da begann er zu schreien, da man
ihm fnfzehn Rubel Strafe zahlen msse. Und ich selbst habe ihm fnf
Rubel fr seinen Rock bezahlt, Herr Kapitn. Und das ist ein
unanstndiger Gast, Herr Kapitn, und er hat allen Skandal gemacht. Ich
werde, hat er gesagt, eine groe Satire ber Sie drucken lassen, denn
ich kann in allen Zeitungen ber Sie schreiben.

Also ein Zeitungsschreiber?

Ja, Herr Kapitn, und welch ein unanstndiger Gast, Herr Kapitn, wenn
er in einem anstndigen Hause ...

Nun, nun, genug! Ich habe dir doch gesagt, habe dir doch gesagt ...

Ilja Petrowitsch! sagte von neuem der Sekretr bedeutungsvoll.

Der Leutnant blickte ihn schnell an, der Sekretr nickte leicht mit dem
Kopfe.

... Also es ist mein letztes Wort, verehrteste Louisa Iwanowna, und
auch zum letztenmal, fuhr der Leutnant fort, wenn in deinem
anstndigen Hause nur noch ein einziges Mal ein Skandal vorkommt, so
werde ich dich selbst beim Wickel nehmen, wie man sich poetisch
ausdrckt. Hast du gehrt? Also ein Literat, ein Schriftsteller war es,
der in einem >anstndigen Hause< fnf Rubel fr einen Rockscho genommen
hat? So sind sie, diese Schriftsteller! und er warf einen verchtlichen
Blick auf Raskolnikoff. Vorgestern passierte in einem Restaurant
dieselbe Geschichte, -- hat einer zu Mittag gegessen, wnscht aber nicht
zu zahlen; >ich werde<, sagt er, >Sie in einer Satire schildern<. Ein
anderer wieder beschimpft mit den gemeinsten Worten in der vorigen Woche
auf einem Dampfschiffe die achtbare Familie eines Staatsrates, Frau und
Tochter. Vor ein paar Tagen hat man einen dritten aus einer Konditorei
herausgeschmissen. So sind sie alle, die Schriftsteller, Literaten,
Studenten, Gromuler ... pfui! Und du kannst dich packen! Ich will mal
selbst dich aufsuchen ... dann nimm dich in acht! Hast du gehrt?

Louisa Iwanowna begann mit eiliger Liebenswrdigkeit nach allen Seiten
hin zu knixen und trippelte knixend bis zur Tre, hier aber stie sie
von hinten auf einen stattlichen Offizier mit einem offenen frischen
Gesichte und schnem dichten, blonden Backenbart. Es war Nikodim
Fomitsch selbst, der Revieraufseher. Louisa Iwanowna beeilte sich einen
tiefen Knix zu machen und flog mit eiligen kleinen Schritten hpfend aus
dem Bureau hinaus.

Wieder Gepolter, wieder Donner und Blitz, Wirbelwind und Orkan! wandte
sich Nikodim Fomitsch liebenswrdig und freundschaftlich an Ilja
Petrowitsch. Wieder hat man Ihr Herz in Aufruhr gebracht, wieder sind
Sie erregt worden! Ich hab' es schon auf der Treppe gehrt.

Ach, was! sagte mit nobler Gleichgltigkeit Ilja Petrowitsch und ging
mit einigen Papieren zu einem anderen Tisch, wobei er bei jedem Schritt
elegant mit den Schultern zuckte. Da, bitte sehen Sie es sich mal an --
der Herr Schriftsteller, pardon Student, ein gewesener wollte ich sagen,
zahlt nicht, stellt Wechsel aus, rumt die Wohnung nicht, fortwhrende
Klagen laufen ein, -- er aber war doch gekrnkt, da ich in seiner
Gegenwart mir eine Zigarette ansteckte. Selbst aber gaunert diese Sorte,
bitte sehen Sie sich ihn doch an, -- da steht er in seinem reizenden
Aussehen.

Armut ist kein Laster, mein Freund, na, aber wozu reden. Es ist ja
bekannt, du bist wie Pulver, konntest eine Krnkung nicht ertragen. Sie
fhlten sich durch irgend etwas von ihm gekrnkt und konnten sich nicht
beherrschen, fuhr Nikodim Fomitsch fort, sich liebenswrdig an
Raskolnikoff wendend, aber das war berflssig, er ist der
an--stn--dig--ste Mensch, sage ich Ihnen, aber wie Pulver, wie Pulver!
Flammt auf, kocht ber, brennt ab -- und Schlu. Und alles ist vorbei!
Und zu guter Letzt bleibt nur das goldene Herz! Man hat ihn schon im
Regiment >Leutnant Pulver< genannt!

Und was fr ein Regiment es war! rief Ilja Petrowitsch aus, sehr
zufrieden, da man ihm so angenehm geschmeichelt hatte, aber immer noch
schmollend. Raskolnikoff bekam pltzlich Lust, ihnen allen etwas uerst
Angenehmes zu sagen.

Aber bitte, Herr Kapitn, begann er ziemlich ungezwungen, sich
pltzlich an Nikodim Fomitsch wendend, bercksichtigen Sie auch meine
Lage ... Ich bin sogar bereit, um Entschuldigung zu bitten, wenn ich
gegen etwas verstoen habe. Ich bin ein armer und kranker Student,
erdrckt (er sagte >erdrckt<) von Armut. Ich bin ehemaliger Student, da
ich jetzt meinen Unterhalt nicht verdienen kann, aber ich erhalte Geld
... Ich habe Mutter und Schwester im --schen Gouvernement. Sie werden
mir Geld schicken und ich werde ... bezahlen. Meine Wirtin ist eine gute
Frau, aber sie ist so bse geworden, weil ich meine Stunden verloren
habe und ihr den vierten Monat nicht zahle, da sie mir sogar kein
Mittagessen mehr schickt ... Und ich begreife gar nicht, was das fr ein
Wechsel ist. Jetzt verlangt sie von mir, ihn einzulsen, aber wie kann
ich denn zahlen, urteilen Sie selbst!

Aber das geht ja uns nichts an ... versuchte der Sekretr wieder zu
bemerken ...

Erlauben Sie, erlauben Sie, ich bin mit Ihnen vollkommen einverstanden,
aber erlauben Sie, Ihnen klar zu machen, unterbrach ihn Raskolnikoff,
indem er sich nicht an den Sekretr, sondern, wie schon die ganze Zeit,
an Nikodim Fomitsch wandte und dabei aus aller Kraft versuchte, sich
auch an Ilja Petrowitsch zu wenden, obgleich dieser sich hartnckig den
Anschein gab, als whle er in den Papieren und beachte ihn nicht,
erlauben Sie mir auch meinerseits Ihnen zu erklren, da ich schon drei
Jahre bei ihr wohne, seit meiner Ankunft aus der Provinz und frher ...
frher ... brigens warum soll ich es nicht gestehen, gleich im Anfang
gab ich ihr das Versprechen, da ich ihre Tochter heiraten werde, es war
ein mndliches, vollkommen freiwilliges Versprechen ... Sie war ein
junges Mdchen ... brigens sie gefiel mir sogar ... obgleich ich nicht
in sie verliebt war ... mit einem Worte Jugend, d. h. ich will sagen,
da meine Wirtin mir damals viel Kredit einrumte und ich fhrte
teilweise ein solches Leben ... ich war sehr leichtsinnig ...

Man verlangt von Ihnen gar nicht solche intime Gestndnisse, mein Herr,
auerdem haben wir keine Zeit dazu, unterbrach ihn grob und
triumphierend Ilja Petrowitsch, aber Raskolnikoff beeilte sich voll
Eifer weiter zu sprechen, obwohl es ihm pltzlich uerst schwer fiel.

Aber erlauben Sie, erlauben Sie mir, teilweise, alles zu erzhlen ...
wie die Sache vor sich ging und ... wiederum ... obgleich es berflssig
ist zu erzhlen, ich bin darin mit Ihnen einverstanden, -- aber vor
einem Jahre starb dies junge Mdchen am Typhus, ich aber blieb in Miete,
wie vorher, und meine Wirtin sagte mir, als sie in ihre jetzige Wohnung
einzog, und ... sagte es mir freundschaftlich ... da sie mir vollkommen
vertraue und da alles ... aber ob ich ihr nicht einen Schuldschein von
hundertundfnfzehn Rubel ausstellen mchte, das war die Summe, die ich
ihr schuldete. Erlauben Sie, -- sie sagte mir nmlich, da, wenn ich ihr
dies Papier ausgestellt habe, sie mir von neuem kreditieren wrde,
soviel ich nur wnschte, und da sie niemals, niemals -- das sind ihre
eigenen Worte -- von diesem Papier Gebrauch machen wrde, bis ich selbst
bezahlen werde ... Und jetzt, wo ich meine Stunden verloren und nichts
zu essen habe, verklagt sie mich ... Was soll ich dazu sagen?

Alle diese rhrenden Einzelheiten gehen uns gar nichts an, mein Herr,
schnitt Ilja Petrowitsch dreist ab. Sie mssen eine Erklrung abgeben
und eine Verpflichtung ausstellen, ob Sie aber verliebt waren, und all
diese tragischen Sachen gehen uns ganz und gar nichts an.

Nun, du bist aber ... auch zu grausam ... murmelte Nikodim Fomitsch,
indem er sich an seinen Tisch setzte und Papiere zu unterschreiben
begann.

Er schien sich zu schmen.

Schreiben Sie also, sagte der Sekretr zu Raskolnikoff.

Was soll ich schreiben? fragte er besonders grob.

Ich werde Ihnen diktieren.

Raskolnikoff schien es, als wre der Sekretr herablassender und
geringschtziger ihm gegenber nach seiner Beichte geworden, -- aber
merkwrdig, -- ihm war pltzlich die Meinung eines anderen so vollkommen
gleichgltig, und dieser Umschwung hatte sich in einem Augenblick, in
einem Nu vollzogen. Wenn er nur ein wenig htte nachdenken wollen, so
wrde er sicher verwundert gewesen sein, wie er so mit ihnen vor einer
Minute hatte sprechen und sich sogar mit seinen Gefhlen hatte
aufdrngen knnen? Und woher kam dieses Gefhl? Jetzt, wenn das Zimmer
pltzlich nicht mit Revieraufsehern, sondern mit seinen besten Freunden
angefllt wre, wrde er kein einziges menschliches Wort fr sie finden,
so leer war pltzlich sein Herz geworden. Ein dsteres Empfinden der
qualvollen endlosen Einsamkeit und Entfremdung teilte sich pltzlich
bewut seiner Seele mit. Nicht die Erniedrigung vor Ilja Petrowitsch
durch seine Herzensergieung, auch nicht die Erniedrigung durch den
Triumph des Leutnants hatten sein Herz pltzlich so umgewandelt. Oh, was
ging ihn jetzt die eigene Schuftigkeit an, all der Ehrgeiz, was gingen
ihn alle Leutnants, deutsche Frauen, Geldforderungen, Bureaus an und so
weiter und so weiter! Htte man ihn in diesem Augenblicke zum
Scheiterhaufen verurteilt, er htte sich auch dann nicht gerhrt, htte
kaum das Urteil aufmerksam angehrt. In ihm vollzog sich etwas ihm
vllig Unbekanntes, Neues, Unerwartetes und Niedagewesenes. Er konnte es
nicht begreifen, aber fhlte es ganz klar mit der ganzen Kraft des
Empfindens, da er von jetzt ab weder mit gefhlvollen Ereignissen, wie
vorhin, noch mit anderen Dingen sich an diese Menschen im Polizeibureau
wenden konnte; auch dann wre es fr ihn berflssig, sich an sie jemals
im Leben zu wenden, wenn es sogar seine leiblichen Brder und Schwestern
gewesen wren, und nicht Polizeileutnants. Er hatte bis zu diesem
Augenblick noch nie eine hnliche seltsame und frchterliche Empfindung
erlebt. Und das Qulendste dabei war, -- da es ein Empfinden war, kein
bewutes Begreifen, eine unmittelbare Empfindung, die qualvollste von
allen, die er im Leben gekostet.

Der Sekretr begann ihm die Form einer in diesem Falle gebruchlichen
Erklrung zu diktieren, d. h. ich kann nicht zahlen, verspreche es in
der Frist (irgendwann) zu tun, werde die Stadt nicht verlassen und mein
Eigentum weder verkaufen, noch verschenken und dergleichen mehr.

Sie knnen ja gar nicht schreiben, die Feder fllt Ihnen aus der Hand,
-- bemerkte der Sekretr und blickte voll Neugier Raskolnikoff an. --
Sie sind krank?

Ja ... der Kopf schwindelt mir ... diktieren Sie weiter.

Das ist alles. Unterschreiben Sie es.

Der Sekretr nahm das Papier und wendete sich andern Besuchern zu.

Raskolnikoff gab die Feder zurck, aber anstatt aufzustehen und
wegzugehen, sttzte er die Ellbogen auf den Tisch und prete mit den
Hnden den Kopf zusammen. Es war, als ob man ihm einen Nagel in die
Schlfe hineinschlge. Ein wunderlicher Gedanke kam ihm pltzlich, --
sofort aufzustehen, zu Nikodim Fomitsch zu gehen und ihm das gestrige zu
erzhlen, alles bis auf die letzte Einzelheit, dann mit ihm in seine
Wohnung zu gehen und ihm die Sachen in dem Winkel im Loche zu zeigen.
Der Drang war so stark, da er sich schon erhob, um es auszufhren.

Soll ich nicht einen Moment nachdenken? -- fuhr es ihm durch den Kopf.
Nein, besser nicht nachdenken und die Sache ist abgetan!

Aber pltzlich blieb er wie angewurzelt stehen: Nikodim Fomitsch sprach
voll Eifer mit Ilja Petrowitsch, und er vernahm folgende Worte:

Es kann nicht sein, man wird beide freilassen. Erstens, widerspricht
alles der Annahme; urteilen Sie selbst, -- warum holten sie den
Hausknecht, wenn sie es getan haben? Etwa um sich selbst anzuzeigen?
Oder aus Schlauheit! Nein, das wre schon zu schlau! Und schlielich,
den Studenten Pestrjakoff haben beide Hausknechte und eine Frau am Tore
im selben Momente gesehen, als er hineinging, -- er ging mit drei
Bekannten zusammen und verabschiedete sich von ihnen am Tore, und dann
fragte er die Hausknechte nach der Wohnung in Gegenwart seiner
Bekannten. Nun, wird jemand nach der Wohnung fragen, wenn er so eine
Absicht hat? Und Koch, -- der hat, bevor er zu der Alten ging, eine
halbe Stunde unten bei dem Silberarbeiter gesessen und er ist genau ein
viertel vor acht zu der Alten hinaufgegangen. Jetzt erwgen Sie ...

Aber erlauben Sie, woher denn der Widerspruch bei ihnen -- sie
behaupten selbst, da sie geklopft haben, und da die Tre verschlossen
war, und nach drei Minuten, als sie mit dem Hausknecht heraufkamen,
erwies sich, da die Tre offen war?

Das ist ja der Haken, -- der Mrder sa unbedingt drinnen und hatte
sich eingeschlossen, und man htte ihn sicher gefat, wenn Koch nicht
die Dummheit begangen htte, selbst nach dem Hausknecht zu gehen. _Dem_
aber gelang es whrenddessen, die Treppe hinunterzugehen und irgendwie
an ihnen vorbeizuschlpfen. Koch bekreuzt sich mit beiden Hnden: >wenn
ich geblieben wre,< sagt er, >wrde er herausgekommen sein und htte
mich totgeschlagen<. Er will ein russisches Dankgebet abhalten lassen
... ha--ha!

Und den Mrder hat niemand gesehen?

Wie denn? Das Haus ist eine Arche Noah, -- bemerkte der Sekretr, der
von seinem Platze zuhrte.

Es ist ganz klar, es ist ganz klar! wiederholte Nikodim Fomitsch
eifrig.

Nein, die Sache ist sehr unklar, blieb Ilja Petrowitsch bei seiner
Ansicht.

Raskolnikoff nahm seinen Hut und ging zur Tre, aber kam nicht so weit
... Als er zu sich kommt, sieht er, da er auf einem Stuhl sitzt; da
rechts ihn jemand sttzt, links ein anderer steht mit einem gelben
Glase, gefllt mit gelbem Wasser, und da Nikodim Fomitsch vor ihm steht
und ihn unverwandt anblickt. Er stand vom Stuhle auf.

Was ist Ihnen, sind Sie krank? -- fragte Nikodim Fomitsch ziemlich
scharf.

Schon als er unterschrieb, konnte er kaum die Feder fhren, bemerkte
der Sekretr, indem er seinen Platz einnahm und in seinen Papieren
wieder bltterte.

Sind Sie schon lange krank? rief Ilja Petrowitsch von seinem Platze
aus, indem er auch in Papieren bltterte.

Er hatte selbstverstndlich auch den Kranken betrachtet, als er
ohnmchtig war, war aber sofort auf die Seite getreten, als jener zu
sich kam.

Seit gestern ... murmelte Raskolnikoff zur Antwort.

Und sind Sie gestern ausgegangen?

Ja.

Krank?

Ja.

Um wieviel Uhr?

In der achten Stunde abends.

Und wohin, wenn man fragen darf?

Auf die Strae.

Kurz und bndig.

Raskolnikoff antwortete scharf, kurz, bleich wie ein Taschentuch, ohne
seine schwarzen entzndeten Augen vor dem Blick Ilja Petrowitsch' zu
senken.

Er kann kaum auf den Fen stehen und du ... versuchte Nikodim
Fomitsch zu bemerken.

Tut nichts! -- sagte Ilja Petrowitsch sehr eigentmlich.

Nikodim Fomitsch wollte noch etwas hinzufgen, schwieg aber, als er den
Sekretr anblickte, der ihn auch sehr aufmerksam ansah. Pltzlich
schwiegen alle. Es war merkwrdig.

Nun gut! -- schlo Ilja Petrowitsch.

Wir halten Sie nicht auf.

Raskolnikoff ging hinaus. Er konnte noch hren, wie nach seinem
Fortgange pltzlich ein lebhaftes Gesprch begann, in dem am lautesten
die fragende Stimme von Nikodim Fomitsch hervortrat ... Auf der Strae
kam er ganz zu sich.

Eine Haussuchung, Haussuchung, sie werden sofort bei mir suchen! --
wiederholte er vor sich hin, indem er sich beeilte nach Hause zu kommen.
-- Ruber! Sie haben Verdacht!

Wieder erfate ihn vom Kopf bis zu Fen die Angst von vorhin.


                                  II.

Wie, wenn die Haussuchung schon vorgenommen ist? Wie, wenn ich sie
jetzt schon bei mir antreffe?

Aber da ist er schon in seinem Zimmer. Nichts und niemand; niemand war
dagewesen. Sogar Nastasja hat nichts angerhrt. Aber, mein Gott! Wie
konnte er nur vorhin alle diese Sachen in dem Loche liegen lassen?

Er strzte zu dem Winkel, steckte die Hand unter die Tapeten und begann
die Sachen hervorzuholen und in die Taschen zu stecken. Im ganzen waren
es acht Stck, -- zwei kleine Schachteln mit Ohrgehngen oder etwas
hnlichem, -- er hatte es nicht genau angesehen; dann vier kleine Etuis
aus Saffian. Eine kleine Kette war blo in Zeitungspapier eingewickelt.
Es war noch etwas in einem Zeitungspapier, wie es schien, ein Orden ...
Er steckte alles in die verschiedenen Taschen, in den Paletot und in die
briggebliebene rechte Hosentasche und gab sich Mhe, da nichts von
auen zu merken war. Den Beutel nahm er gleichfalls mit. Dann verlie er
das Zimmer und lie diesmal die Tr weit offen stehen.

Er ging schnell und fest, und obgleich er fhlte, da er vollkommen
zerschlagen war, war doch sein Bewutsein klar. Er frchtete eine
Verfolgung, frchtete, da nach einer halben Stunde, nach einer
Viertelstunde schon vielleicht der Befehl gegeben wrde, ihn zu
beobachten, also mute er um jeden Preis, ehe es zu spt war, alles
beiseite schaffen. Er mute fertig sein, solange ihm noch die geringste
Kraft und klarer Verstand zur Seite standen ... Wohin aber gehen?

Das war lngst entschieden: Alles in den Kanal werfen, und das ist das
Ende. So hatte er noch in der Nacht, im Fieber, beschlossen, in den
Augenblicken, wo er -- er entsann sich dessen -- ein paarmal versuchte
aufzustehen und fortzugehen: Schnell, schnell, alles fortwerfen. Aber
das erwies sich als sehr schwer.

Er wanderte den Jekaterinenkanal schon ber eine halbe Stunde entlang,
vielleicht auch lnger, und schaute nach den Treppen, die zum Kanal
hinabfhrten. Aber es war nicht mal daran zu denken, das Vorhaben
auszufhren: entweder lagen an den Treppen Fle, und Wscherinnen
wuschen dort, oder Khne hatten angelegt, und berall wimmelte es von
Menschen, auerdem aber konnte man von allen Seiten hersehen, es war
schon verdchtig, wenn ein Mensch hinabging, stehen blieb und etwas ins
Wasser warf. Und gar wenn die Etuis nicht untergingen, sondern obenauf
schwammen? Ja, und so wird es auch kommen. Jeder wird es sehen. Schon
jetzt sehen alle ihn an, als ob sie sich nur um ihn kmmerten.

Woher kommt das, oder scheint es mir nur so? -- dachte er.

Endlich kam ihm der Gedanke, ob es nicht besser wre, irgendwohin an die
Newa zu gehen? Dort sind weniger Menschen, und es wrde weniger
bemerkbar und in jedem Falle bequemer sein, hauptschlich aber wre es
weit von hier. Und er wunderte sich pltzlich, wie er eine volle halbe
Stunde an den gefhrlichen Stellen in Trbsal und Unruhe herumgewandert
war, ohne frher auf diesen Gedanken zu kommen.

Und er hatte nur darum eine halbe Stunde nutzlos verbraucht, weil er so
im Traume, im Fieber beschlossen hatte. Er war sehr zerstreut und
vergelich geworden und fhlte es. Entschieden mute er sich beeilen.

Er ging zur Newa den W.schen Prospekt entlang und unterwegs kam ihm
pltzlich der Gedanke: Warum denn zur Newa? Warum ins Wasser werfen?
Ist es nicht besser, irgendwohin ganz weit hinzugehen, vielleicht auf
die Inseln, und dort irgendwo an einer einsamen Stelle, im Walde, unter
einem Busche alles zu verscharren und vielleicht sich den Baum zu
merken?

Und obgleich er fhlte, da er nicht imstande sei, alles klar und
vernnftig in diesem Augenblicke zu berlegen, schien ihm doch der
Gedanke einwandfrei zu sein.

Aber auch das war ihm nicht bestimmt auszufhren, es geschah etwas
anderes: -- als er vom W.schen Prospekt auf den Platz kam, erblickte er
pltzlich links das Tor zu einem von vollkommen fensterlosen Mauern
umgebenen Hof. Rechts zog sich von dem Eingange tief in den Hof hinein
die fensterlose, ungekalkte Mauer des vierstckigen Nachbarhauses. Links
vom Eingange, parallel der kahlen Mauer, lief ein hlzerner Zaun, der
weiterhin, etwa zwanzig Schritte vom Eingange eine Biegung nach links
machte. Es war ein leerer, umzunter Platz, wo allerhand Baumaterialien
lagen. Weiter, tief im Hofe, blickte hinter dem Zaune die Ecke einer
niedrigen, verrucherten Scheune aus Stein hervor, wahrscheinlich der
Teil einer Werkstatt. Hier war sicher eine Werkstatt fr Wagenbauer oder
eine Schlosserei oder etwas hnliches, denn berall lag viel schwarzer
Kohlenstaub. Hier knnte man es wegwerfen und fortgehen! --
durchzuckte es ihn pltzlich. Da er niemand auf dem Hofe bemerkte,
durchschritt er das Tor und erblickte sofort am Eingange eine am Zaune
angebrachte Rinne, wie man sie oft in solchen Husern antrifft, in denen
es viele Arbeiter, Kutscher usw. gibt, und ber der Rinne war am Zaune
mit Kreide die bliche witzige Bemerkung angeschrieben: Hier ist es
verboten, stehen zu bleiben! Dieser Umstand war also ausgezeichnet, es
konnte keinen Verdacht erregen, da er hineingegangen und hier stehn
geblieben war. Alles mit einem Ruck fortwerfen und fortgehen!

Er blickte sich noch einmal um und wollte schon die Hand in die Tasche
stecken, als er pltzlich an der ueren Mauer, zwischen dem Tore und
der Rinne, wo es hchstens einen Meter breit war, einen groen
unbehauenen Stein bemerkte, der vielleicht einen halben Zentner schwer
sein mochte und an die Straenmauer angelehnt war. Hinter dieser Mauer
war die Strae, der Fusteg, man hrte, wie die Vorbeigehenden
schlurften, aber hinter dem Tore konnte ihn niemand sehen, wenn nicht
jemand von der Strae eintrat, was brigens sehr leicht passieren
konnte, und darum mute er sich beeilen.

Er beugte sich zu dem Steine, packte die obere Spitze mit beiden Hnden
fest an, nahm alle seine Krfte zusammen und wandte den Stein um. Unter
dem Steine hatte sich eine kleine Vertiefung gebildet; er begann sofort
alles aus der Tasche hineinzuwerfen. Der Beutel kam obenauf zu liegen,
und trotzdem war noch Platz in der Vertiefung. Dann packte er den Stein
von neuem an, drehte ihn mit einem Ruck um, und er kam genau auf die
frhere Stelle zu liegen, nur schien er ein wenig hervorzuragen. Er
scharrte Erde ringsum zusammen und trat sie fest. Es war nichts zu
merken. Dann ging er hinaus und wandte sich dem Platze zu. Wieder packte
ihn auf einen Augenblick eine starke, berwltigende Freude, wie vorhin
in dem Polizeibureau.

Alle Spuren sind verwischt! Und wem, wem knnte es in den Sinn kommen,
unter diesem Steine nachzusuchen? Er liegt hier, vielleicht seitdem das
Haus gebaut ist und wird vielleicht noch ebensolange liegen. Und wenn
man es auch finden wrde, wer wrde an mich denken? Alles ist vorber!
Es gibt keine Beweise! und er lachte. Ja, er entsann sich spter, da
ihn ein nervses stilles Lachen berfallen und da er solange gelacht
hatte, als er ber den Platz ging. Als er aber den K.schen Boulevard
erreichte, wo er vorgestern dem jungen Mdchen begegnet war, verging ihm
das Lachen. Andere Gedanken kamen ihm in den Kopf. Ein Abscheu ergriff
ihn, an jener Bank vorbeizugehen, auf der er damals nach dem Fortgehen
des Mdchens gesessen und nachgedacht hatte, und er frchtete sich, dem
Polizisten wieder zu begegnen, dem er damals zwanzig Kopeken gegeben
hatte. Hol ihn der Teufel! Er ging und blickte sich zerstreut und
rgerlich um. Alle seine Gedanken drehten sich jetzt um einen einzigen,
anscheinend um den Hauptpunkt, und er fhlte, da dies wirklich der
Hauptpunkt sei, und da er jetzt, gerade jetzt, mit diesem Hauptpunkte
unter vier Augen zu tun habe, -- und da es das erstemal seit diesen
zwei Monaten sei.

Ah, hol der Teufel all das! dachte er pltzlich in einem Anfalle von
unermelicher Wut. Na, wenn es mal begonnen hat, mag es auch dabei
bleiben, hol der Teufel das neue Leben. Oh Gott, wie das dumm ist! ...
Und wieviel habe ich heute zusammengelogen und wie gemein war ich! Wie
gemein habe ich vorhin geschwnzelt und dem charakterlosen Ilja
Petrowitsch geschmeichelt. Was war das fr ein Bldsinn! Ich pfeife auf
sie alle und auch auf das, da ich geschwnzelt und geschmeichelt habe.
Das ist es nicht, das ist es gar nicht!

Pltzlich blieb er stehn; eine neue, vllig unerwartete und
auerordentlich einfache Frage brachte ihn von diesem Gedanken ab und
lie ihn bitter erstaunen:

Wenn das ganze in der Tat bewut und nicht in alberner Weise vollfhrt
wurde, wenn du tatschlich ein bestimmtes und sicheres Ziel hattest, --
wie kam es dann, da du bis jetzt nicht einmal in den Beutel
hineinblicktest und nicht weit, was dir zugefallen ist, warum hast du
alle Qualen auf dich genommen und solch eine gemeine, hliche, niedrige
Tat bewut bernommen? Du wolltest doch soeben ihn ins Wasser werfen,
den Beutel mit all den Sachen, die du auch noch nicht gesehen hast ...
Wie ist denn das?

Ja so ist es, es ist einmal so. Er hatte es vorher gewut, und es war
gar keine neue Frage fr ihn. Auch als es in der Nacht beschlossen
wurde, ohne jedes Schwanken und jeden Widerspruch, sondern so, als
gehrte es sich so, als wre es anders unmglich ... Ja, er wute dies
alles und erinnerte sich daran; ja, schon gestern war es vielleicht so
beschlossen in demselben Moment, als er ber den Kasten gebckt dasa
und die Futterale hervorholte ... Es ist doch so! ...

Das kommt daher, da ich sehr krank bin, entschied er schlielich
finster, ich habe mich selbst gemartert und abgeqult und wei selbst
nicht, was ich tue ... Auch gestern und vorgestern und die ganze Zeit
habe ich mich gemartert ... Ich werde gesund werden und ... werde mich
dann nicht mehr martern ... Aber wenn ich nun gar nicht gesund werde? Oh
Gott! Wie ich all dessen berdrssig bin ...

Er ging weiter ohne stehn zu bleiben. Er wollte sehr gern sich irgendwie
zerstreuen, aber er wute nicht, was er tun und unternehmen sollte. Eine
neue unbezwingbare Empfindung erfate ihn immer strker und strker mit
jedem Augenblick, -- es war ein grenzenloser, fast physischer Widerwille
gegen alles, was ihm begegnete und was ihn umgab; es war ein
hartnckiges, bses und qulendes Gesicht. Alle Begegnenden waren ihm
widerwrtig, -- ihre Gesichter, ihr Gang, ihre Bewegungen waren ihm
widerwrtig. Er htte sie am liebsten angespien, ja, vielleicht gar
gebissen, wenn man ihn angeredet htte.

Er blieb stehn, als er an das Ufer der kleinen Newa, auf Wassiljew
Ostroff bei der Brcke hinauskam.

Da wohnt er ja, in diesem Hause, dachte er. Was ist denn das, bin ich
etwa zu Rasumichin mit Willen gegangen? Es ist dieselbe Geschichte wie
damals ... Es ist mir nun doch sehr interessant, -- bin ich mit Absicht
hierhergekommen oder lenkte das Schicksal meine Schritte. Es ist mir
brigens gleichgltig. Ich sagte mir ... vorgestern ... da ich am
andren Tage _nach dem_ hingehen werde; na, ich werde es tun, was ist
denn dabei! Als ob ich jetzt nicht zu ihm gehen knnte ...

Er ging hinauf zu Rasumichin in das fnfte Stockwerk.

Rasumichin war in seinem Zimmerchen und mit Schreiben beschftigt; er
ffnete ihm selbst. Seit vier Monaten etwa hatten sie sich nicht
gesehen. Rasumichin stak in einem zerfetzten abgetragenen Schlafrock,
hatte Pantoffeln an den bloen Fen und sa ungekmmt, unrasiert und
ungewaschen da. Auf seinem Gesichte zeigte sich groes Erstaunen.

Was ist mit dir? rief er aus und betrachtete den eingetretenen
Kameraden vom Kopf bis zu den Fen. Dann schwieg er und tat einen
leisen Pfiff.

Steht es mit dir wirklich so schlecht? Ja, du hast sogar unsereinen
bertroffen, fgte er hinzu und blickte auf Raskolnikoffs Lumpen. Aber
so setz' dich doch, du bist wahrscheinlich mde!

Und als dieser auf das trkische Sofa von Wachstuch hinsank, sah
Rasumichin pltzlich, da sein Besucher krank sei.

Du bist ja ernstlich krank, weit du das?

Er begann seinen Puls zu fhlen, Raskolnikoff aber ri die Hand weg.

Ist nicht ntig, sagte er, ich bin gekommen ... die Sache ist -- ich
habe keine Stunden zu geben ... ich wollte ... brigens, ich brauche
keine Stunden ...

Weit du was? Du phantasierst ja! bemerkte Rasumichin, der ihn
aufmerksam beobachtete.

Nein, ich phantasiere nicht ...

Raskolnikoff erhob sich vom Sofa. Indem er zu Rasumichin ging, dachte er
nicht daran, da er Auge in Auge ihm gegenberstehen msse. Jetzt aber,
in einem Nu, wurde es ihm durch diese Erfahrung klar, da er jetzt am
allerwenigsten aufgelegt sei, irgend jemandem auf der ganzen Welt Auge
in Auge gegenberzutreten. Die Galle stieg in ihm auf. Er verlor fast
den Atem vor Wut ber sich selbst, darber, da er diese Schwelle
berschritten hatte.

Lebe wohl! sagte er pltzlich und ging zur Tr.

Aber warte doch, warte, du komischer Kauz!

Nicht ntig! ... wiederholte der und stie seine Hand zurck.

Weshalb aber bist du denn gekommen, zum Teufel noch einmal! Bist du von
Sinnen? Das ist doch ... fast beleidigend. Ich la dich nicht so.

So hr nun, -- ich bin zu dir gekommen, weil ich niemand auer dir
kenne, der mir helfen wrde ... anzufangen ... weil du besser, d. h.
klger als alle anderen bist und beurteilen kannst ... Jetzt aber sehe
ich, da ich nichts brauche, hrst du, gar nichts brauche ... keinen
Dienst und Teilnahme ... Ich selbst ... allein ... Nun, genug davon!
Lat mich in Ruhe!

Aber warte doch einen Augenblick, du Schornsteinfeger! Bist ja ganz
verrckt! Meinetwegen tue, wie du willst. Siehst du, Stunden habe ich
nicht mal selber und pfeife auch darauf, aber auf dem Trdlermarkt gibt
es einen Buchhndler Heruwimoff, der ist mir lieber als Stunden. Ich
mchte ihn nicht gegen fnf Stunden bei Kaufleuten vertauschen. Er
verlegt allerhand kleine Sachen und gibt naturwissenschaftliche
Broschren heraus, -- und wie die gehen? Die Titel allein sind schon was
wert! Siehst du, du hast immer behauptet, ich wre dumm; bei Gott, es
gibt noch Dmmere als ich, Bruder mein! Jetzt macht er sogar in der
modernen Literatur; selbst versteht er rein gar nichts davon, ich aber
untersttze ihn selbstverstndlich darin. Hier siehst du mehr als zwei
Bogen deutschen Text, -- meiner Ansicht nach, von der allerdmmsten
Charlatanerie; mit einem Worte, es wird errtert, ob die Frau ein Mensch
ist oder nicht? Selbstredend wird mit Glanz bewiesen, da sie ein Mensch
ist. Heruwimoff bringt es, als zur Frauenfrage gehrend, heraus. Ich
bersetze; er wird diese zwei und einen halben Bogen auf sechs
ausdehnen, wir erfinden dann einen prachtvollen Titel; eine halbe Seite
lang, und schlagen es zu fnfzig Kopeken los. Es wird sicher gehen! Fr
die bersetzung bekomme ich sechs Rubel pro Bogen, also fr das Ganze
fnfzehn, und sechs Rubel habe ich Vorschu. Wenn wir damit fertig sind,
fangen wir an, ber Walfische zu bersetzen, dann folgen einige
langweilige Klatschgeschichten aus dem zweiten Teil der >Konfessions,<
die schon vorgemerkt sind und bersetzt werden sollen. Jemand hat
Heruwimoff gesagt, Rousseau wre eine Art Radischtscheff.[9] Ich
widerspreche selbstverstndlich nicht, hol ihn der Teufel! Willst du nun
den zweiten Bogen von >Ist die Frau ein Mensch?< bersetzen? Wenn du
willst, nimm sofort den Text, Federn und Papier -- dies alles wird
gratis geliefert -- und nimm drei Rubel. Da ich fr die ganze
bersetzung, fr den ersten und zweiten Bogen, vorausbekommen habe, so
kommen gerade auf diesen Teil drei Rubel. Und wenn du mit dem Bogen
fertig bist, -- erhltst du noch drei Rubel. Ja, noch eins, -- bitte,
sieh' es nicht als einen Dienst meinerseits an. Im Gegenteil, als du
eintratest, dachte ich gleich, wie ntzlich du mir sein knntest.
Erstens bin ich in der Orthographie schlecht und zweitens bin ich im
Deutschen fters recht schwach, so da ich meistens selbst hinzu dichte
und mich blo damit trste, da es dadurch noch besser wird. Aber wer
wei, vielleicht wird es nicht besser, sondern schlechter ... Tust du
mit oder nicht? Raskolnikoff nahm schweigend die Bltter der deutschen
Artikel, nahm die drei Rubel und ging ohne ein Wort zu sagen hinaus.
Rasumichin blickte ihm erstaunt nach. Als Raskolnikoff aber schon ein
Stck gegangen war, kehrte er pltzlich um, ging wieder zu Rasumichin
hinauf, legte auf den Tisch die Bltter und die drei Rubel und ging
wieder schweigend von dannen.

Hast du etwa das Delirium? schrie Rasumichin, der schlielich wtend
geworden war. Warum fhrst du hier eine Komdie auf? Hast mich sogar
konfus gemacht ... Warum bist du denn hergekommen, zum Teufel?

Ich brauche keine ... bersetzungen ... murmelte Raskolnikoff, als er
schon die Treppe hinabstieg.

Ja, was brauchst du denn, zum Teufel? rief von oben Rasumichin.

Der ging jedoch schweigend hinunter.

He, du! Wo wohnst du?

Es erfolgte keine Antwort.

Na, so hol dich der Teu--fel! ...

Raskolnikoff war schon auf der Strae angelangt.

Auf der Nikolaibrcke passierte es ihm, da er infolge eines fr ihn
sehr unangenehmen Zwischenfalles wieder zur vlligen Besinnung kam. Der
Kutscher einer Privatequipage hatte ihm einen starken Peitschenhieb ber
den Rcken versetzt, weil er beinahe unter die Pferde geraten war,
trotzdem er ihn einigemal angerufen hatte. Der Peitschenhieb verursachte
eine solche Wut in ihm, da er bis ans Gelnder sprang -- (es war
unklar, warum er in der Mitte der Brcke, auf dem Fahrweg, ging) und mit
den Zhnen knirschte. Ringsherum erklang lautes Lachen.

Geschieht ihm recht!

Ist wahrscheinlich ein Spitzbube.

Selbstverstndlich, stellt sich betrunken, kriecht absichtlich unter
die Rder, und unsereiner mu es verantworten.

Davon leben sie, Verehrtester, damit verdienen sie ...

In dem Augenblicke, als er am Gelnder stand, den Rcken reibend und
immer noch sinnlos vor Wut der davonfahrenden Equipage nachschaute,
fhlte er, da ihm jemand Geld in die Hand drckte. Er blickte auf, --
es war eine ltliche Kaufmannsfrau mit einem Kopftuche, und neben ihr
ein junges Mdchen im Hute, mit einem grnen Sonnenschirme,
wahrscheinlich die Tochter. Nimm, mein Lieber, um Christi willen! Er
nahm das Geld, und sie gingen weiter. Es waren zwanzig Kopeken. Seiner
Kleidung und dem Aussehen nach konnten sie ihn sehr leicht fr einen
Bettler, fr einen echten Groschensammler von der Strae halten, da sie
ihm aber ganze zwanzig Kopeken gaben, hatte er sicher dem Peitschenhiebe
zu danken, der sie mitfhlend gestimmt hatte.

Er drckte die Mnze fest in die Hand, ging etwa zehn Schritte und
wandte sich mit dem Gesichte zur Newa, in der Richtung des Winterpalais.
Der Himmel war ohne die geringste Wolke und das Wasser fast blau, was so
selten auf der Newa vorkommt. Die Kuppel des Domes, der von keinem
Punkte sich besser hervorhebt, als von der Brcke aus, leuchtete
frmlich, durch die reine Luft konnte man jede Verzierung deutlich
wahrnehmen. Der Schmerz vom Peitschenhieb hatte nachgelassen, und
Raskolnikoff hatte den Hieb vergessen; ein unruhiger und nicht ganz
klarer Gedanke beschftigte ihn jetzt ausschlielich. Er stand und
schaute lange und unverwandt in die Ferne; diese Stelle kannte er
besonders gut. Als er noch zur Universitt ging, geschah es gewhnlich,
-- meistens auf dem Rckwege nach Hause, -- da er gerade an dieser
Stelle stehn blieb, um unverwandt dieses prachtvolle Panorama zu
betrachten, und jedesmal mute er ber den Eindruck, den er sich nicht
erklren konnte, staunen. Eine unerklrliche Klte wehte ihm stets von
diesem wundervollen Panorama entgegen; dieses prchtige Bild war fr ihn
von einem stillen und dumpfen Geiste erfllt ... Er wunderte sich
jedesmal ber seinen dsteren und rtselhaften Eindruck und schob die
Lsung, ohne zu wissen warum, in die Zukunft. Jetzt erinnerte er sich
deutlich seiner frheren Fragen und Zweifel, und es schien ihm, als
htte er sich nicht rein zufllig ihrer erinnert. Schon der Umstand
erschien ihm merkwrdig und wunderlich, da er auf derselben Stelle, wie
frher, stehengeblieben war, als bilde er sich wirklich ein, da er
jetzt ber dasselbe, wie ehedem, nachsinnen und sich fr ebensolche
Themen und Bilder interessieren knne, wie er es frher ... noch
unlngst getan. Ihm wurde fast lcherlich zumute und gleichzeitig
schnrte es ihm die Brust zu. In der Tiefe, tief unten in einem
ungeheuren Abgrunde versunken, erschien ihm jetzt die ganze
Vergangenheit, die frheren Gedanken, die alten Ziele und Probleme, die
damaligen Eindrcke und dieses ganze Panorama, und er selbst und alles
... Ihm schien, als fliege er irgendwo hinauf, und alles verschwinde aus
seinen Augen ... Indem er eine unwillkrliche Bewegung mit der Hand
machte, fhlte er wieder in seiner geballten Faust die zwanzig Kopeken.
Er ffnete die Hand, blickte aufmerksam das Geldstck an und schleuderte
es ins Wasser; dann wandte er sich um und ging nach Hause. Ihm schien
es, als htte er in diesem Augenblick seine ganze Vergangenheit mit
einer Schere abgeschnitten.

Es war am Abend, als er nach Hause kam, also mute er im ganzen gegen
sechs Stunden gewandert sein. Welchen Weg, und wie er zurckgekommen
war, erinnerte er sich gar nicht. Er kleidete sich aus, und zitternd am
ganzen Krper, wie ein abgehetztes Pferd, legte er sich auf das Sofa,
zog seinen Mantel ber sich und fiel sofort in Bewutlosigkeit ...

Er wurde in vlliger Dmmerung von einem furchtbaren Geschrei
aufgestrt. Oh, Gott, was ist das fr ein Geschrei! Solche unnatrlichen
Tne, solch ein Geheul, Sthnen, Knirschen, Weinen, Schlge und
Schimpfen hatte er noch nie vernommen. Er konnte sich nicht mal solchen
Greuel, solche Raserei vorstellen. Voll Schrecken erhob er sich und
setzte sich in seinem Bette auf; schwer atmend litt er Qualen. Die
Schlge, das Geschrei und die Schimpfwrter wurden immer strker und
strker. Er vernahm zu seiner grten Verwunderung die Stimme seiner
Wirtin. Sie heulte, kreischte und klagte, sie sprach die Worte in so
eiliger Hast, da man nicht verstehen konnte, um was sie flehte, --
gewi, da man aufhren sollte, sie zu schlagen, denn man prgelte sie
auf der Treppe unbarmherzig. Die Stimme des Schlagenden war so
schauerlich vor Wut und Raserei, da er blo noch rchelte, und er
sprach ebenso unverstndlich, hastig und sich verschluckend. Pltzlich
bebte Raskolnikoff am ganzen Krper; er hatte die Stimme von Ilja
Petrowitsch erkannt. Er ist hier und schlgt die Wirtin! Er schlgt sie
mit Fusten, stt ihren Kopf auf die Stufen, -- das ist klar, man hrte
es an dem Ton, am Geheul, an den Schlgen! Was ist denn geschehen, hat
sich die Welt gewendet? Man hrte, wie aus allen Stockwerken, auf der
ganzen Treppe sich Menschen ansammeln, Stimmen, Ausrufe erschallen, man
luft, trampelt, schlgt die Tren zu, rennt zusammen. Aber weshalb
denn, weshalb und wie ist es denn mglich? wiederholte er und glaubte
in allem Ernste, er htte den Verstand verloren. Aber nein, er hrt es
doch zu deutlich! ... Also wird man auch zu ihm gleich kommen, denn ...
das ist sicher wegen desselben ... wegen des gestrigen ... Oh, Gott! Er
wollte die Tr zuhaken, konnte aber die Hand nicht erheben ... und es
wre ja nutzlos. Die Angst lag auf seiner Seele wie Eis, hatte ihn
zermartert, ihn erstarrt ... Aber nach und nach hrte dieser Spektakel,
der sicher gegen zehn Minuten gedauert hatte, auf. Die Wirtin sthnte
und chzte, Ilja Petrowitsch drohte und schimpfte noch immer ... Endlich
schien auch er ruhiger geworden zu sein; jetzt hrte man ihn nicht mehr.
Ist er fortgegangen? Oh, Gott! Ja, nun geht auch die Wirtin fort, sie
sthnt und weint noch immer ... nun schlug sie auch ihre Tre zu ...
Jetzt gehen die Menschen die Treppe hinunter in ihre Wohnungen, -- sie
bedauern, streiten, rufen einander zu, bald erhebt sich ihr Gerede bis
zum Geschrei, bald sinkt es zum Flstertone. Wahrscheinlich waren es
viele gewesen, fast das ganze Haus war zusammengelaufen. Aber, mein
Gott, ist denn das alles mglich! Und warum, warum kam er hierher!

Raskolnikoff fiel kraftlos auf das Sofa hin, aber er konnte kein Auge
schlieen; er lag etwa eine halbe Stunde in solcher Qual, in dem
unausstehlichen Gefhle eines grenzenlosen Schreckens, wie er ihn noch
nie empfunden hatte. Pltzlich erhellte ein greller Schein sein Zimmer,
-- Nastasja kam mit einem Lichte und einem Teller Suppe herein. Sie sah
ihn aufmerksam an und als sie bemerkte, da er nicht schlafe, stellte
sie das Licht auf den Tisch und begann das Mitgebrachte aufzustellen:
Brot, Salz, einen Teller und Lffel ...

Hast seit gestern wahrscheinlich nichts gegessen? Hast dich den ganzen
Tag umhergetrieben, -- im Fieber, wie du bist.

Nastasja ... warum schlug man die Wirtin?

Sie sah ihn aufmerksam an.

Wer hat die Wirtin geschlagen?

Soeben ... vor einer halben Stunde. Ilja Petrowitsch, der Gehilfe des
Revieraufsehers, auf der Treppe ... Warum hat er sie so geschlagen. Und
... warum kam er her?

Nastasja betrachtete ihn schweigend und mit zusammengezogenen
Augenbrauen, und sah ihn lange so an. Ihm wurde dieses Anstarren sehr
unangenehm, bengstigend.

Nastasja, warum schweigst du? sagte er schlielich zaghaft mit
schwacher Stimme.

Das ist das Blut, antwortete sie leise, als rede sie mit sich selbst.

Blut! ... Was fr ein Blut? ... murmelte er erbleichend und rckte zur
Wand.

Nastasja fuhr fort ihn schweigend zu betrachten.

Niemand hat die Wirtin geschlagen, sagte sie endlich in strengem und
entschiedenem Tone.

Er sah sie an und atmete kaum.

Ich habe selbst gehrt ... ich habe nicht geschlafen ... ich sa,
sagte er noch zaghafter. Ich habe lange zugehrt ... Der Gehilfe des
Revieraufsehers war gekommen ... Alle waren auf der Treppe
zusammengelaufen, aus allen Stockwerken ...

Niemand ist dagewesen. Es ist das Blut, das in dir spricht. Wenn es
keinen Ausweg hat und sich in Klumpen zusammenballt, dann erscheinen
einem allerhand Dinge ... Wirst du essen?

Er antwortete nicht. Nastasja stand immer noch bei ihm, blickte ihn
aufmerksam an und ging nicht weg.

Gib mir zu trinken ... liebe Nastasja.

Sie ging hinunter und nach ein paar Minuten kehrte sie mit Wasser in
einer weien Tasse zurck, weiter erinnerte er sich nichts mehr, nur
noch, wie er einen Schluck kalten Wassers genommen und aus der Tasse auf
die Brust verschttet hatte. Dann hatte er das Bewutsein verloren.


                                  III.

Er war jedoch nicht ganz besinnungslos whrend seiner Krankheit; es war
ein fieberhafter Zustand mit Traumgesichten und halbem Bewutsein. An
vieles konnte er sich spter erinnern. Bald schien es ihm, als versammle
sich eine Menge Menschen um ihn, die ihn irgendwohin fort tragen wollten
und sich seinetwegen sehr viel stritten und zankten. Bald war er wieder
allein im Zimmer, alle waren weggegangen und frchteten sich vor ihm,
nur zuweilen ffnete man die Tre, um ihn zu betrachten, man drohte ihm,
verabredete unter sich etwas, lachte und reizte ihn. Nastasja sah er oft
um sich, auch unterschied er noch einen Menschen, der ihm sehr bekannt
schien, aber wer es war -- konnte er nicht herausbekommen, das peinigte
ihn, und er weinte sogar. Manchmal schien es ihm, als liege er schon
einen Monat, ein anderes Mal aber -- als wre es noch derselbe Tag.
_Jenes_ aber, _jenes Ereignis_ hatte er vllig vergessen; dafr aber
dachte er immerfort, da er etwas vergessen habe, was er nicht htte
vergessen drfen, -- er qulte sich, marterte sich, um darauf zu kommen,
sthnte, es berfiel ihn eine rasende Wut oder eine schreckliche
unertrgliche Angst. Dann versuchte er aufzustehen, wollte fliehen, aber
stets hielt ihn jemand mit Gewalt zurck und er verfiel wieder in
Schwche und Bewutlosigkeit. -- Endlich kam er ganz zu sich.

Das geschah an einem Morgen um zehn Uhr. Um diese Stunde zog an heiteren
Tagen die Sonne stets einen langen Streifen ber die rechte Wand des
Zimmers und beleuchtete die Ecke an der Tr. An seinem Bette stand
Nastasja und noch ein Mann, der ihn mit groem Interesse betrachtete und
der ihm vllig unbekannt war. Das war ein junger Bursche in langem Rock,
mit einem kleinen Barte, der seinem Aussehen nach ein Kontordiener sein
mochte. Hinter der halbgeffneten Tr blickte die Wirtin hervor.
Raskolnikoff erhob sich.

Wer ist das, Nastasja? fragte er und wies auf den Burschen.

Sieh mal, er ist zu sich gekommen! sagte sie.

Zu sich gekommen, wiederholte der Kontordiener.

Als sie hrte, da er zu sich gekommen sei, schlo die Wirtin sofort die
Tr und verschwand. Sie war immer schon schchtern und vertrug mit Mhe
Gesprche und Auseinandersetzungen; sie war gegen vierzig Jahre alt,
dick und fett, hatte schwarze Augenbrauen und schwarze Augen, war
gutmtig aus Wohlgenhrtheit und Faulheit, ziemlich hbsch, genierte
sich aber ber alle Maen.

Wer sind ... Sie? wandte sich fragend Raskolnikoff an den
Kontordiener. In diesem Augenblicke wurde die Tre von neuem weit
geffnet, und gebckt, da er viel zu gro war, trat Rasumichin ein.

Das ist ja die reinste Schiffskajte, rief er beim Eintreten, immer
stoe ich mit der Stirn an. Und das nennt sich eine Wohnung? Und du bist
zu dir gekommen, Bruder! Die liebe Praskovja sagte es mir.

Er ist soeben zu sich gekommen, sagte Nastasja.

Soeben zu sich gekommen, besttigte wieder der Kontordiener mit einem
Lcheln.

Wer sind Sie aber, mein Herr? fragte er pltzlich Rasumichin, sich an
ihn wendend. Ich bin, sehen Sie, Rasumichin, Student, Sohn eines
Edelmannes, und er ist mein Freund. Nun, und wer sind Sie?

Ich bin in unserm Kontor Diener, beim Kaufmann Schelopajeff, und komme
in Geschften.

Nehmen Sie bitte Platz auf diesem Stuhl.

Rasumichin setzte sich auf einen andern, an der anderen Seite des
Tischchens.

Das hast du gut getan, Bruder, da du zu dir gekommen bist, fuhr er
fort, sich an Raskolnikoff wendend. Den vierten Tag schon hast du kaum
etwas gegessen oder getrunken. Lffelweise hat man dir ein wenig Tee
gegeben. Ich brachte ein paarmal Sossimoff mit. Erinnerst du dich
seiner? Er hat dich genau untersucht und sagte sofort, es sei nichts von
Bedeutung, -- es hat sich in den Kopf gezogen. Irgendein Unsinn mit den
Nerven, sagt er, schlechte Ernhrung, zu wenig Bier und Meerrettich habe
man dir gegeben, daher auch die Krankheit, aber es habe nichts auf sich,
wird bald vergehen und gut werden. Sossimoff ist ein tchtiger Kerl!
Fngt glnzend an damit, da er dich kuriert. Na, ich will Sie nicht
aufhalten, wandte er sich wieder an den Kontordiener, wollen Sie Ihre
Wnsche erklren? Denk dir, Rodja, das ist schon der zweite Bote aus dem
Kontor, mit dem ersten habe ich gesprochen. Wer war es, der vor Ihnen da
war?

Ich glaube, es war vorgestern; ja es stimmt. Das war Alexei
Ssemenowitsch, er ist auch aus unserem Kontor.

Er ist wohl gescheiter als Sie, he?

Ja, Sie haben recht, er ist solider.

Das lobe ich mir, nun, fahren Sie fort.

Also, Afanassi Iwanowitsch Wachruschin, von dem, wie ich annehme, Sie
fter gehrt haben, sendet Ihnen auf Wunsch Ihrer Frau Mutter, durch
unser Kontor eine Anweisung, begann der Diener, sich direkt an
Raskolnikoff wendend.

Falls Sie wieder bei Bewutsein sind, soll ich Ihnen fnfunddreiig
Rubel berreichen, die an Ssemjon Ssemenowitsch von Afanassi Iwanowitsch
auf Wunsch Ihrer Frau Mutter, wie in frheren Fllen, berwiesen werden.
Sie kennen ihn doch?

Ja ... ich erinnere mich ... Wachruschin ... sagte Raskolnikoff
sinnend.

Hren Sie -- er kennt den Kaufmann Wachruschin! rief Rasumichin aus.
Ist er nun nicht bei Bewutsein? brigens, ich merke jetzt auch, da
Sie ebenfalls ein gescheiter Mann sind. Na! Kluge Reden hrt man gern.

Ja, er ist es, Wachruschin, Afanassi Iwanowitsch, und zufolge des
Wunsches Ihrer Frau Mutter, die schon einmal auf diesem Wege Ihnen Geld
gesandt hatte, hat er es auch diesmal nicht abgelehnt und hat Ssemjon
Ssemenowitsch in diesen Tagen Order erteilt, Ihnen fnfunddreiig Rubel
bis auf weiteres zu bergeben.

Das ist gut: >bis auf weiteres,< nicht bel war auch das >von Ihrer
Frau Mutter<. Nun, also wie ist Ihre Ansicht, -- ist er bei vollem
Bewutsein oder nicht, he?

Mir ist es gleich. Sehen Sie, nur die Unterschrift mte ich haben.

Er wird sie schon hinkritzeln. Was haben Sie da, ein Buch etwa?

Ein Quittungsbuch, hier.

Geben Sie es her. Nun, Rodja, erhebe dich. Ich will dich sttzen;
unterschreibe mal, nimm die Feder, denn Geld brauchen wir jetzt mehr als
Syrup, Bruder.

Ist nicht ntig, sagte Raskolnikoff und stie die Feder von sich.

Was ist nicht ntig?

Ich werde nicht unterschreiben.

Zum Teufel, wie denn ohne Quittung?

Ich brauche nicht ... das Geld ...

Das Geld brauchst du nicht? Nun, da lgst du, Bruder, ich kann es
bezeugen! ... Bitte, beachten Sie es nicht, er tut blo so ...
phantasiert wieder. Das passiert ihm brigens auch in wachem Zustande
... Sie sind ein verstndiger Mann und wir wollen ihn leiten, das heit,
einfach seine Hand fhren, er wird dann unterschreiben. Helfen Sie ...

brigens, ich kann auch ein andres Mal kommen.

Nein, nein, warum wollen Sie sich bemhen. Sie sind ein verstndiger
Mann ... Nun, Rodja, halte den Besuch nicht auf ... du siehst, er
wartet, und er schickte sich in allem Ernste an, Raskolnikoffs Hand zu
fhren.

La, ich will selbst ... sagte jener, nahm die Feder und quittierte im
Buche.

Der Kontordiener zhlte das Geld auf und ging.

Bravo! Willst du nun essen, Bruder?

Ich will essen, antwortete Raskolnikoff.

Haben Sie Suppe?

Ja, von gestern, antwortete Nastasja, die die ganze Zeit dabei
gestanden hatte.

Mit Kartoffel und Reis?

Ja, mit Kartoffel und Reis.

Ich kenne das auswendig. Bringe die Suppe und gib auch Tee.

Gleich.

Raskolnikoff blickte auf alles mit groem Erstaunen und einer dumpfen
sinnlosen Angst. Er beschlo zu schweigen und abzuwarten, was weiter
kommen wrde. Ich trume nicht, wie es scheint, dachte er, es scheint
Wirklichkeit zu sein ...

Nach ein paar Minuten kam Nastasja mit der Suppe zurck und erklrte,
da sofort auch der Tee da sein werde. Mit der Suppe erschienen auch
zwei Lffel, zwei Teller und das ganze Zubehr: ein Salzfa, Pfeffer,
Senf fr das Fleisch und alles brige, in einer Ordnung, die schon lange
nicht mehr geherrscht hatte. Sogar das Tischtuch war sauber.

Es wre nicht schlecht, liebe Nastasja, wenn Praskovja Pawlowna ein
paar Flaschen Bier beordern wrde. Wir wrden sie gerne trinken.

Auch noch! murmelte Nastasja, ging aber, den Befehl auszufhren.

Raskolnikoff begann starr und angestrengt zu beobachten. Unterdessen
hatte sich Rasumichin zu ihm auf das Sofa gesetzt; ungeschickt, wie ein
Br, umfate er mit der linken Hand Raskolnikoffs Kopf, trotzdem dieser
selber sich erheben konnte, und brachte ihm mit der rechten Hand den
Suppenlffel an seinen Mund, nachdem er ein paarmal vorher darauf
geblasen hatte, damit er sich nicht verbrenne. Die Suppe war kaum warm.
Raskolnikoff verschlang voll Gier einen Lffel, dann einen zweiten und
einen dritten. Nachdem er aber ihm noch einige Lffel gereicht, hielt
Rasumichin pltzlich inne und erklrte, da man des weiteren wegen
Sossimoff fragen msse.

Nastasja kam mit zwei Flaschen Bier herein.

Willst du Tee?

Ja, ich mchte gern.

Bring mal schnell den Tee, Nastasja, denn was Tee anbelangt, so kann
man wohl auch ohne Konsultation auskommen. Na, und hier ist Bier!

Er setzte sich auf seinen Stuhl, rckte die Suppe und das Fleisch zu
sich und begann mit solch einem Appetit zu essen, als htte er drei Tage
nichts bekommen.

Ich esse jetzt jeden Tag bei euch zu Mittag, lieber Rodja, brummte er,
soweit es ihm der vollgestopfte Mund erlaubte, und zwar bewirtet mich
so die liebe Praskovja, deine Wirtin, und ehrt mich von ganzer Seele.
Ich bestehe selbstverstndlich nicht darauf, aber protestiere auch nicht
dagegen. Da ist Nastasja mit dem Tee. Wie flink du bist! Nastasja,
willst du Bier?

Ne, du Spavogel.

Und wie steht es mit Tee?

Tee mchte ich wohl.

Gie ein. Warte, ich will dir selbst eingieen; setz dich an den
Tisch.

Er machte sich sofort daran, go eine Tasse ein, dann eine zweite, lie
sein Essen stehen und setzte sich wieder auf das Sofa hin. Wie frher,
umfate er mit der linken Hand den Kopf des Kranken, richtete ihn auf
und begann ihm den Tee lffelweise einzuflen, wobei er wieder
ununterbrochen und sehr eifrig auf den Lffel blies, als bestnde in
diesem Blasen das wesentlichste und heilsamste Moment fr die Genesung.
Raskolnikoff schwieg und strubte sich nicht, obwohl er gengend Kraft
in sich fhlte, sich zu erheben und ohne fremde Hilfe auf dem Sofa zu
sitzen, nicht blo die Hnde zu benutzen, um den Lffel oder die Tasse
zu halten, sondern vielleicht auch herumzugehen. Aber aus einer
eigentmlichen, fast tierischen Schlauheit heraus kam es ihm pltzlich
in den Sinn, vorlufig seine Krfte zu verheimlichen, sich zu verstellen
und sich auch ntigenfalls den Anschein zu geben, als verstnde er noch
nicht alles, indessen aber zuzuhren und zu erfahren, was um ihn
vorgehe. brigens berwand er nicht seinen Widerwillen, -- nachdem er
etwa zehn Lffel Tee geschlrft hatte, befreite er pltzlich seinen Kopf
von der Umarmung, stie den Lffel von sich und sank wieder auf die
Kissen zurck. Unter seinem Kopfe lagen jetzt wirklich Kissen, --
gefllt mit weichem Flaum und mit sauberen berzgen bezogen; das hatte
er auch schon bemerkt und darber nachgedacht.

Die liebe Praskovja mu uns heute noch Himbeersaft schicken, um ihm ein
Getrnk zu machen, sagte Rasumichin, indem er seinen Platz wieder
einnahm und sich an die Suppe und das Bier machte.

Wo soll sie den Himbeersaft fr dich hernehmen? fragte Nastasja, die
die Untertasse auf ihren ausgespreizten fnf Fingern hielt und den Tee
durch ein Stck Zucker hindurchsog.

Den Himbeersaft wird sie im Laden erhalten, mein Freund. Siehst du,
Rodja, whrend du krank warst, ist hier eine ganze Geschichte passiert.
Als du in solcher spitzbbischen Weise von mir ausrcktest und mir deine
Wohnung nicht sagtest, packte mich pltzlich eine Wut, da ich beschlo,
dich aufzusuchen und zu strafen. Am selben Tage begann ich schon. Ich
wanderte und wanderte umher, fragte hier und fragte dort! Deine jetzige
Wohnung hatte ich vergessen, erinnerte mich ihrer auch nicht, weil ich
sie gar nicht kannte. Nun, und von der frheren Wohnung wute ich blo,
da sie an den Fnfecken lag, im Hause Karlamoff. Ich suchte und suchte
dies Haus von Karlamoff, -- und spter fand sich's, da es gar nicht
Karlamoff, sondern Buch gehrte, wie man sich zuweilen im Klange irren
kann. Na, ich wurde bse, und ging auf gut Glck am anderen Tage in das
Adrebureau, und stell dir vor, -- in zwei Minuten hatte man dich dort
herausgefunden. Du bist dort eingetragen.

Ich bin dort eingetragen.

Das stimmt, aber den General Koboleff, siehst du, konnte man dort gar
nicht finden. Na, darber liee sich viel reden. Kaum war ich hier
eingebrochen, als ich sofort mit allen deinen Angelegenheiten bekannt
wurde; mit allen, mit allen, Bruder, ich wei alles. Nikodim Fomitsch
lernte ich kennen, Ilja Petrowitsch zeigte man mir, auch mit dem
Hausknecht wurde ich bekannt, ebenso Herrn Alexander Grigorjewitsch
Sametoff, dem Sekretr in dem Polizeibureau und zu guter Letzt mit der
lieben Praskovja, -- das war die Krone vom ganzen. Sie, Nastasja, wei
es auch ...

Er hat sich eingeschmeichelt, murmelte Nastasja mit einem schelmischen
Lcheln.

Versen Sie doch Ihren Tee, Nastasja Nikiforowna.

Zum Kuckuck mit dir! rief pltzlich Nastasja und prustete vor Lachen.
Ich heie brigens Nastasja Petrowna und nicht Nikiforowna, fgte sie
hinzu, nachdem sie aufgehrt hatte zu lachen.

Das will ich mir merken. Na, also, Bruder, um nicht viel Worte zu
verlieren, ich wollte, siehst du, zuerst hier einen elektrischen Strom
durchlassen, um alle Vorurteile in hiesiger Gegend mit einem Male zu
vertilgen, aber die liebe Praskovja siegte. Ich hatte gar nicht
erwartet, Bruder, da sie so ... lieb sein wrde ... Was meinst du?

Raskolnikoff schwieg, obwohl er keinen Augenblick seinen erregten Blick
von ihm gewandt hatte, und jetzt noch fortfuhr, ihn starr anzublicken.

Und sogar sehr lieb, fuhr Rasumichin fort, ohne sich durch
Raskolnikoffs Schweigen stren zu lassen, und als bekrftige er dessen
Antwort, und in bester Ordnung in jeder Hinsicht.

Das ist einer! rief Nastasja wieder aus, der dieses Gesprch eine
unbeschreibliche Wonne zu bereiten schien.

Schlimm war es, Bruder, da du von Anfang an nicht verstanden hast, die
Sache richtig anzufassen. Mit ihr mute man anders verfahren. Sie ist
sozusagen ein problematischer Charakter! Doch vom Charakter spter ...
Eins nur, zum Beispiel, wie konntest du es soweit kommen lassen, da sie
wagte, dir kein Mittagessen zu schicken? Oder zum Beispiel dieser
Wechsel? Bist du etwa verrckt geworden, Wechsel zu unterzeichnen. Oder
wiederum diese in Aussicht genommene Ehe, als noch die Tochter, Natalja
Jegorowna, lebte ... Ich wei alles! brigens, ich sehe, da das eine
zarte Angelegenheit ist und ich ein Esel bin; entschuldige bitte.
Apropos: Dummheit; Praskovja Pawlowna ist gar nicht so dumm, Bruder, wie
man auf den ersten Blick meinen knnte, he?

Ja ... sagte Raskolnikoff gedehnt, indem er zur Seite blickte, aber er
begriff, da es vorteilhafter war, vom Thema nicht abzulenken.

Nicht wahr? rief Rasumichin aus, sichtlich erfreut, da er Antwort
bekommen hatte. Aber auch nicht klug, wie? Ein ganz, ganz
unberechenbarer Charakter! Zum Teil bin ich mir selber nicht ganz klar,
sage ich dir, Bruder ... Sie wird sicher ihre vierzig sein. Sie sagt,
sie sei sechsunddreiig, und das ist ihr gutes Recht. brigens, ich
schwre dir, da ich ber sie mehr nach meinem Verstande, rein
metaphysisch urteile; hier haben sich Verwicklungen eingestellt,
schlimmer, als in der Algebra. Ich begreife nichts! -- Na, das ist
lauter Unsinn. Als sie sah, da du nicht mehr Student bist, weder
Stunden noch Kleidung hast, bekam sie Furcht und da sie es nicht ntig
hat, nach dem Tode ihrer Tochter dich verwandtschaftlich zu behandeln,
und da du deinerseits dich in den Winkel verkrochst und den frheren
Verkehr nicht unterhieltest, fate sie den Entschlu, dich aus der
Wohnung hinauszuwerfen. Sie hatte schon lange diese Absicht gehabt, aber
der Wechsel tat ihr leid. Auerdem hast du ja selbst versichert, da
deine Mutter bezahlen wrde ...

Das habe ich aus Schuftigkeit gesagt ... Meine Mutter mu beinahe
betteln gehen ... und ich log, damit man mich wohnen liee und ... mir
zu essen gebe, sagte Raskolnikoff laut und deutlich.

Ja, das hast du vernnftig gemacht. Nur die Sache war die, da sich ein
Herr Tschebaroff einfand, Hofrat und Geschftsmann. Die liebe Praskovja
htte ohne ihn nichts unternommen, sie ist doch zu schchtern. Na, ein
Geschftsmann aber ist nicht schchtern, und das erste, was er
selbstverstndlich tat, war, ihr die Frage vorzulegen, ob Aussicht da
sei, da der Wechsel eingelst werde? Die Antwort lautete, --
ja, denn es gibt so eine Mutter, die mit ihrer Pension von
hundertundfnfundzwanzig Rubel dem Rodenka helfen wrde, wenn sie auch
selbst hungern mte, und es gibt noch eine Schwester, die fr ihren
Bruder sich schinden lassen wrde. Darauf baute der Geschftsmann ...
Halte dich nur ruhig! Ich habe jetzt alle deine Geheimnisse erfahren,
Bruder, du warst nicht umsonst gegen die liebe Praskovja offen, als du
noch auf verwandtschaftlichem Fue mit ihr standest, jetzt aber sage ich
dir dies alles in aller Liebe ... Da haben wir es, ein ehrlicher und
gefhlvoller Mensch ist offen, spricht sich aus, ein Geschftsmann aber
hrt zu und kaut dazu und verspeist zu guter Letzt. Sie berlie also
diesen Wechsel, als htte sie dafr Zahlung erhalten, jenem Tschebaroff,
und er genierte sich nicht und forderte die Summe auf gesetzlichem Wege.
Ich wollte, als ich dies alles erfuhr, ihm zur Beruhigung meines
Gewissens mit einem kalten Strahl kommen, aber da begann zwischen mir
und der lieben Praskovja die Harmonie, und ich ordnete an, da die Sache
im Keime sozusagen erstickt werden sollte, indem ich mich verbrgte, da
du bezahlen wirst. Ich habe mich fr dich verbrgt, Bruder, hrst du?
Tschebaroff wurde hergerufen, man warf ihm zehn Rubel in den Rachen,
nahm den Wechsel ihm ab, und da habe ich die Ehre, ihn Ihnen zu
bergeben, -- man glaubt Ihnen nun aufs Wort -- nehmen Sie ihn, er ist
von mir, wie es sich gehrt, eingerissen.

Rasumichin legte den Wechsel auf den Tisch; Raskolnikoff blickte ihn an
und wandte sich ohne ein Wort zu sagen gegen die Wand. Rasumichin
berhrte es peinlich.

Ich sehe, Bruder, sagte er nach einer Weile, da ich wieder eine
Dummheit gemacht habe. Ich dachte dich zu zerstreuen und mit Geplauder
zu erheitern, habe aber, wie es scheint, deine Galle aufgerhrt.

Du warst es, den ich im Fieber nicht erkannte? fragte Raskolnikoff
nach einigem Schweigen, ohne den Kopf umzuwenden.

Ja, ich war es, und du gerietest sogar aus diesem Grunde in Wut,
besonders, als ich einmal Sametoff mitbrachte.

Sametoff? ... Den Sekretr? ... Warum? Raskolnikoff wandte sich
schnell um und starrte Rasumichin an.

Ja, was ist dir ... Warum regst du dich auf? Er wollte mit dir bekannt
werden; hatte selbst den Wunsch geuert, weil ich viel mit ihm ber
dich gesprochen habe ... Von wem htte ich denn sonst soviel ber dich
erfahren. Er ist ein prchtiger Bursche, Bruder, wundervoll ...
selbstverstndlich in seiner Art. Jetzt sind wir Freunde, fast tglich
sehen wir uns. Ich bin in dieses Revier bergesiedelt. Du weit es noch
nicht? Ich bin soeben umgezogen. Bei der Louisa waren wir ein paarmal.
Erinnerst du dich an Louisa Iwanowna?

Habe ich phantasiert?

Und ob? Du warst ja ganz ohne Bewutsein.

Worber habe ich phantasiert?

Nanu! Worber du phantasiert hast? Es ist begreiflich, worber man
phantasiert ... Nun, Bruder, wir wollen jetzt keine Zeit mehr verlieren,
zur Arbeit.

Er stand vom Stuhle auf und nahm seine Mtze.

Worber habe ich phantasiert?

Er lt nicht davon. Hast du Angst vor einem Geheimnis? Sei ruhig, von
-- einer Grfin wurde nichts geredet. Aber von einer Bulldogge, von
Ohrgehngen und von allerhand Ketten, von der Krestowski-Insel und von
einem Hausknecht, von Nikodim Fomitsch und von Ilja Petrowitsch, seinem
Gehilfen hast du viel gesprochen. Ja, und auerdem geruhtest du dich
sogar sehr fr deinen Strumpf zu interessieren. Klagtest: >Gebt ihn,<
sagtest du, >bitte<. Sametoff suchte in eigener Person in allen Winkeln
deine Strmpfe zusammen und berreichte dir den Schund mit seinen
parfmierten und mit Ringen besetzten Hnden. Dann erst beruhigtest du
dich und hieltest diesen Schund Tag und Nacht in den Hnden, man konnte
es dir nicht wegnehmen. Wahrscheinlich liegt er auch jetzt irgendwo
unter deiner Decke. Und dann batest du um Fransen von den Hosen, du
batest mit Trnen darum. Wir versuchten zu erfahren, was fr Fransen du
wnschtest? Aber man konnte nichts verstehen ... Nun, an die Arbeit.
Hier sind fnfunddreiig Rubel, ich nehme zehn davon, und nach ein paar
Stunden werde ich Rechenschaft darber abgeben. Unterdessen will ich
Sossimoff benachrichtigen, obwohl er ohnedem lngst hier sein mte,
denn es geht auf zwlf. Sie aber, Nastasja, sehen fters nach, whrend
ich fort bin, und sorgen fr ein Getrnk oder etwas anderes, was er
wnschen sollte ... Und der lieben Praskovja werde ich selbst gleich
sagen, was ntig ist. Auf Wiedersehen!

Liebe Praskovja nennt er sie! Ach, du schlauer Kerl! -- sagte Nastasja
hinter ihm drein.

Dann ffnete sie die Tr und begann zu horchen, aber sie hielt es nicht
aus und lief hinunter. Es interessierte sie doch zu sehr, was er mit der
Wirtin sprach; berhaupt konnte man sehen, da sie von Rasumichin ganz
bezaubert war.

Kaum schlo sich die Tr hinter ihr, als der Kranke die Decke von sich
warf und wie wahnsinnig aus dem Bette sprang. Mit brennender,
krampfhafter Ungeduld hatte er gewartet, da sie schneller fortgehen
wrden, um sofort etwas zu tun. Aber was denn, was wollte er tun? -- ihm
schien es, als mute es so sein, jetzt vergessen zu haben.

Oh, Gott! Sag' du mir nur eins -- wissen sie alles oder wissen sie noch
nichts? Aber wenn sie schon alles wissen und sich blo so anstellen,
mich irrefhren, solange ich liege, um dann pltzlich einzutreten und zu
sagen, da alles schon lngst bekannt sei und da sie blo so ... Was
soll ich jetzt tun? Ich habe es vergessen, vergessen; pltzlich ist es
mir entschwunden und eben noch wute ich es! ...

Er stand mitten im Zimmer und blickte in qualvoller Unentschlossenheit
ringsumher; er ging zur Tr, ffnete sie und lauschte, aber das war es
nicht. Pltzlich, als htte er sich erinnert, strzte er zu der Ecke, wo
hinter den Tapeten das Loch war, sah alles nach, steckte die Hand in das
Loch und scharrte nach, aber auch das war es nicht. Er ging zum Ofen,
ffnete die Tr und begann in der Asche zu scharren; die Fransen von der
Hose und die Fetzen der zerrissenen Tasche lagen noch umher, wie er sie
hineingeworfen hatte, also hat niemand nachgesehen. Da erinnerte er sich
des Strumpfes, von dem Rasumichin soeben erzhlt hatte. In der Tat, er
lag auf dem Sofa unter der Decke, aber er war so abgenutzt und
beschmutzt, da Sametoff sicher nichts hatte sehen knnen.

Bah, Sametoff ... das Polizeibureau! ... Warum ladet man mich ins
Polizeibureau? Wo ist die Vorladung? Bah! ... ich verwechsele ... das
war damals! Ich habe schon da den Strumpf besehen und jetzt ... jetzt
war ich krank. Warum ist aber Sametoff hergekommen? Warum hat Rasumichin
ihn mitgebracht? ... murmelte er, ganz schwach, und setzte sich auf das
Sofa. Was ist denn? Phantasiere ich weiter oder ist es Wirklichkeit? Es
scheint Wirklichkeit zu sein ... Ah, ich erinnere mich, ich mu fliehen!
Schnell fliehen, unbedingt, unbedingt fliehen! Ja ... aber wohin? Und wo
sind meine Kleider? Die Stiefel sind nicht da. Man hat sie weggeschafft!
Hat sie versteckt! Ich verstehe es! Ah, da ist der Mantel -- den haben
sie bersehen. Hier auf dem Tische liegt auch Geld, Gott sei Dank! Da
ist auch der Wechsel ... Ich nehme das Geld und gehe fort, will mir eine
andere Wohnung mieten, sie werden mich nicht finden! ... Ja, aber das
Adrebureau? Sie werden mich finden! Rasumichin wird mich finden. Es ist
besser, ganz weit zu fliehen ... nach Amerika ... und ich pfeif' auf
sie! Ich will auch den Wechsel nehmen ... dort kann er von Nutzen sein
... Was soll ich noch mitnehmen? Sie denken, ich sei krank. Sie wissen
es nicht, da ich gehen kann, hehehe! ... Ich habe es an ihren Augen
erraten, da sie alles wissen. Wenn ich nur die Treppe hinunterkme!
Aber wenn sie dort Wchter aufgestellt haben ... Polizeibeamte! Ist das
Tee? Ah, Bier ist auch briggeblieben, eine halbe Flasche, es ist kalt!

Er nahm die Flasche, in der noch ein ganzes Glas brig war, und trank
sie in einem Zuge mit Genu aus, als lsche er ein Feuer in seiner
Brust. Aber es verging kaum eine Minute, da stieg ihm das Bier zu Kopfe
und lngs dem Rcken durchzog ihn ein leichtes, doch angenehmes
Frsteln. Er legte sich hin und zog die Decke ber sich. Seine Gedanken,
die ohnedem krankhaft und ohne Zusammenhang waren, verwirrten sich immer
mehr, und bald berfiel ihn ein leichter und angenehmer Schlaf. Mit
Wonne suchte er mit dem Kopf eine Stelle in den Kissen aus, wickelte
sich fester in die weiche wattierte Decke ein, die jetzt an Stelle des
zerrissenen Mantels ber ihm lag, seufzte leise und fiel in einen
tiefen, festen, krftigenden Schlaf.

Er erwachte, als er jemand in das Zimmer eintreten hrte, ffnete die
Augen und erblickte Rasumichin, der die Tre weit geffnet hatte und auf
der Schwelle stand, unentschlossen, ob er eintreten solle oder nicht.
Raskolnikoff erhob sich schnell und blickte ihn an, als gbe er sich
Mhe, sich auf etwas zu besinnen.

Ah, du schlfst nicht; nun, da bin ich! Nastasja, schlepp' das Bndel
her! rief Rasumichin hinunter. Du erhltst sofort Abrechnung ...

Wieviel Uhr ist es? fragte Raskolnikoff und blickte erregt um sich.

Du hast tchtig geschlafen, Bruder; es ist Abend, etwa um sechs Uhr. Du
hast ber sechs Stunden geschlafen ...

Oh, Gott! Was ist mit mir! ...

Ja, was soll denn sein? Zur Gesundheit ist's! Wohin treibt's dich denn?
Zu einem Stelldichein etwa? Die ganze Zeit gehrt jetzt uns. Ich warte
schon drei Stunden, war ein paarmal hier, da du schliefst. Bei Sossimoff
war ich auch zweimal, er ist nicht zu Hause und basta! Das tut nichts,
er wird schon kommen! ...

In eigenen Angelegenheiten war ich auch fortgewesen. Ich bin ja heute
umgezogen, fix und fertig umgezogen mit meinem Onkel zusammen. Ich habe
nmlich jetzt einen Onkel ... Nun aber zum Teufel damit, jetzt zur
Sache. Gib mal das Bndel her, Nastasja. Wir wollen es gleich besorgen.
Und wie fhlst du dich?

Ich bin gesund, bin nicht krank ... Rasumichin, bist du schon lange
hier?

Ich sage dir, ich warte seit drei Stunden.

Nein, ich meine vorher?

Was vorher?

Seit wann kommst du hierher?

Ich habe es dir doch erzhlt oder erinnerst du dich nicht?

Raskolnikoff sann nach. Wie im Traume schwebte ihm das vorhin Geschehene
vor. Allein er konnte sich nicht entsinnen und blickte fragend
Rasumichin an.

Hm! sagte dieser. Du hast es vergessen. Mir schien es schon damals,
da du noch nicht ganz ... Jetzt nach dem Schlafe hast du dich erholt
... Tatschlich, du siehst besser aus. Braver Junge! Nun aber zur Sache.
Du wirst dich gleich erinnern. Sieh mal her, lieber Bursche.

Er begann das Bndel aufzumachen, das ihn sichtlich auerordentlich
interessierte. Das, glaube mir, lag mir besonders auf dem Herzen. Denn
man mu doch aus dir einen Menschen machen. Wollen wir anfangen, und
zuerst von oben. Siehst du dieses Kaskett? sagte er, indem er aus dem
Bndel eine ziemlich hbsche, aber auch sehr einfache und billige Mtze
hervorholte. -- La es dir mal anprobieren.

Nachher ... spter, -- sagte Raskolnikoff, sich mrrisch wehrend.

Nein, Rodja, strube dich nicht, sonst wird es zu spt und auch ich
werde die ganze Nacht nicht einschlafen knnen, weil ich es ohne Ma
aufs Geratewohl gekauft habe. Es pat genau! -- rief er triumphierend
aus, nachdem er die Mtze anprobiert hatte, -- pat, wie angemessen!
Die Kopfbedeckung, Bruder, ist der wichtigste Teil des Anzuges, eine
tote Empfehlung. Mein Freund Tolstjakoff mu jedesmal seine
Kopfbedeckung abnehmen, wenn er irgendwo hinkommt, wo alle anderen in
Hten und Mtzen herumstehen. Alle glauben, er tue es aus sklavischer
Empfindung, nein, er schmt sich einfach seines Vogelnestes; er ist mal
schon so schchtern. Nun, Nastenka, hier haben Sie zwei Kopfbedeckungen
(er holte aus einer Ecke den zerdrckten runden Hut von Raskolnikoff,
den er Gott wei warum Palmerston nannte) -- diesen Palmerston und
dieses Kleinod. Taxiere mal. Rodja, was meinst du, das ich dafr bezahlt
habe? Nastasjuschka? -- wandte er sich an sie, als er sah, da
Raskolnikoff schwieg. Zwanzig Kopeken wirst du wahrscheinlich gegeben
haben, -- antwortete Nastasja.

Zwanzig Kopeken, Dummkopf! -- rief er beleidigt aus, -- heutzutage
kauft man auch dich nicht mal fr zwanzig Kopeken. Achtzig Kopeken habe
ich bezahlt! Und auch deshalb nur, weil sie schon getragen ist. Jedoch
mit der Bedingung, da du im nchsten Jahre eine andere umsonst
erhltst, wenn diese abgetragen ist, bei Gott! Nun wollen wir zu den
Vereinigten Staaten von Amerika, wie man bei uns im Gymnasium sagte,
bergehen. Ich sage im voraus, da ich auf die Hosen stolz bin! -- und
er breitete vor Raskolnikoff ein paar graue Beinkleider aus leichtem,
wollenem Sommerstoff aus. -- Weder ein Lchlein, noch ein Fleckchen,
dafr aber sehr anstndig, obwohl sie getragen sind, ebensolch eine
Weste, in derselben Farbe, wie es die Mode verlangt. Und da sie
getragen sind, ist offen gestanden auch besser, sie sind weicher, zarter
... Siehst du, Rodja, um in der Welt eine Karriere zu machen, gengte
es, meiner Meinung nach, sich stets nach der Saison zu richten; wenn man
im Monat Januar keinen Spargel it, behlt man im Beutel ein paar Rubel
mehr; ebenso ist es mit diesem Kauf. Wir haben jetzt die Sommersaison,
und da habe ich auch danach den Einkauf gemacht, denn zur Herbstsaison
wird so wie so ein wrmerer Stoff vonnten sein, also mu man es
fortwerfen ... um so mehr, als dies alles bis dahin von selbst verfallen
wird, wenn nicht aus strker gewordenem Luxusbedrfnis, so aus inneren
Zerrttungen. Nun taxiere sie mal. Wieviel meinst du? -- Zwei Rubel
fnfundzwanzig Kopeken! Und vergi nicht mit derselben Bedingung, hast
du sie vertragen, erhltst du im nchsten Jahre ein anderes Paar
umsonst. In Fedjajeffs Laden handelt man nicht anders: man bezahlt nur
einmal und hat frs ganze Leben genug, denn ein zweites Mal geht man
selbst nicht hin. Jetzt zu den Stiefeln, -- wie gefallen sie dir? Man
sieht es wohl, da sie getragen sind, aber ein paar Monate halten sie
noch aus, denn es ist auslndische Arbeit und auslndische Ware; der
Sekretr der englischen Botschaft hat sie vorige Woche auf dem
Trdelmarkte losgeschlagen, er hat sie nur sechs Tage getragen, brauchte
aber sehr notwendig Geld. Der Preis ist ein Rubel fnfzig Kopeken. Ist
das nicht ein glcklicher Einkauf?

Aber vielleicht passen sie nicht! -- bemerkte Nastasja.

Nicht passen! Und was ist das? -- er zog aus der Tasche den alten,
eingetrockneten, zerrissenen, ganz mit altem Schmutz bedeckten Stiefel
Raskolnikoffs. -- Ich bin mit Vorrat hingegangen; nach diesem Scheusal
hat man das richtige Ma festgestellt. Alles war sorgfltig bedacht. Und
wegen der Wsche habe ich mich mit der Wirtin beraten. Da sind drei
leinene Hemden, mit modernen Kragen ... Also nun die Rechnung: achtzig
Kopeken die Mtze, zwei Rubel fnfundzwanzig die brigen Kleider, im
ganzen drei Rubel und fnf; ein Rubel und fnfzig die Stiefel, -- weil
sie gar so gut sind, -- macht vier Rubel fnfundfnfzig und die ganze
Wsche fnf Rubel -- wir haben einen Engrospreis gemacht, -- ist in
Summa neun Rubel fnfundfnfzig Kopeken. Den Rest -- fnfundvierzig
Kopeken in Kupfer bitte ich zurckzunehmen, da lege ich sie hin. Und
nun, Rodja, bist du in deiner ganzen Kleidung hergestellt, denn dein
Mantel kann, meiner Meinung nach, nicht blo weiterdienen, sondern er
macht sogar einen besonders anstndigen Eindruck; das macht, wenn man
bei einem guten Schneider arbeiten lt. Was Strmpfe und das brige
anbelangt, das berlasse ich dir selbst; wir haben an Geld noch
fnfundzwanzig Rubel; wegen der lieben Praskovja und der Miete kannst du
ruhig sein. Ich sage dir, du hast einen unbegrenzten Kredit. Jetzt aber
erlaube mal, dir die Wsche zu wechseln, Bruder, vielleicht steckt die
Krankheit jetzt blo noch im Hemde ...

La es! Ich will nicht! wehrte sich Raskolnikoff, der voll Widerwillen
dem gesucht neckischen Bericht Rasumichins ber den Einkauf der Sachen
zugehrt hatte.

Das geht nicht an, Bruder. Warum habe ich mich denn abgeschunden!
bestand Rasumichin auf seinem Verlangen. Nastasjuschka, genieren Sie
sich nicht, sondern helfen Sie, -- so, so!

Und ungeachtet des Widerstandes Raskolnikoffs, hatte er ihm doch die
Wsche gewechselt. Der aber fiel auf die Kissen zurck und ein paar
Minuten redete er kein Wort.

Die werde ich noch lange nicht los! dachte er.

Von welchem Gelde ist denn dies alles gekauft? fragte er endlich,
indem er nach der Wand blickte.

Von welchem Gelde? Das ist mal eine Frage! Doch von deinem eigenen.
Vorhin war doch der Bureaudiener von Wachruschin hier, deine Mutter hat
es dir gesandt, oder hast du auch das vergessen?

Jetzt erinnere ich mich ... sagte Raskolnikoff nach langem und
dsterem Nachdenken. Rasumichin sah ihn hin und wieder voll Unruhe mit
zusammengezogenen Brauen an. Da ffnete sich die Tre und ein groer
krftiger Mann trat ein, der dem Aussehen nach Raskolnikoff schon ein
wenig bekannt vorkam.

Sossimoff! Endlich! rief Rasumichin erfreut aus.


                                  IV.

Sossimoff war gro und dick, mit einem gedunsenen, farblosen, blassen
und glattrasierten Gesichte, hatte helles glattes Haar, trug eine Brille
und an einem seiner fetten Finger sa ein groer goldener Ring. Er war
etwa siebenundzwanzig Jahre alt. Unter einem weiten, eleganten, leichten
berzieher sahen helle Sommerbeinkleider hervor; alles war an ihm weit,
elegant und nagelneu, die Wsche war tadellos und die Uhrkette massiv.
Seine Bewegungen waren langsam, es lag in seiner Trgheit gleichzeitig
eine gesuchte Ungezwungenheit; eine berhebung, die er brigens stark zu
verbergen suchte, kam immer wieder zum Vorschein. Alle, die ihn kannten,
fanden ihn schwerfllig, gaben jedoch zu, da er seine Sache verstnde.

Ich bin zweimal bei dir gewesen, Bruder ... Siehst du, er ist zu sich
gekommen! rief Rasumichin aus.

Ich sehe, sehe es. Nun, wie fhlen wir uns jetzt? wandte sich
Sossimoff an Raskolnikoff, indem er ihn aufmerksam betrachtete und sich
zu ihm auf das Sofa zu seinen Fen setzte, wobei er sich sofort nach
Mglichkeit breit machte. Er ist immer schlechter Laune, fuhr
Rasumichin fort, wir haben ihm soeben die Wsche gewechselt, da fing er
fast zu weinen an.

Das ist begreiflich; die Wsche konnte man auch spter wechseln, wenn
er es selbst wnscht ... Der Puls ist prchtig. Der Kopf tut immer noch
ein wenig weh, ja?

Ich bin gesund, bin vollkommen gesund! sagte hartnckig und gereizt
Raskolnikoff, indem er sich gleichzeitig vom Sofa erhob und mit den
Augen blitzte, er fiel aber sofort auf das Kissen zurck und wandte sich
der Wand zu.

Sossimoff beobachtete ihn aufmerksam.

Sehr gut ... alles, wie es sich gehrt, sagte er trge. Hat er etwas
gegessen?

Man sagte es ihm und fragte, was man geben knne.

Ja, alles kann man ihm geben ... Suppe, Tee ... Pilze und Gurken
selbstverstndlich nicht, na, und Fleisch ist auch nicht ntig und ...
was ist da weiter zu reden! ...

Er wechselte einen Blick mit Rasumichin.

Die Arznei weg und alles weg; morgen will ich wieder nachsehen ... Es
wre heute ... na, einerlei ...

Morgen abend gehe ich mit ihm spazieren! beschlo Rasumichin. In den
Jussupoff-Garten, und nachher gehen wir in den Kristallpalast.

Morgen wrde ich ihm noch nicht raten, sich Bewegung zu machen,
brigens aber ... ein wenig ... na, wir wollen sehen.

Ach, es ist schade, heute weihe ich gerade meine Wohnung ein, es sind
ja nur zwei Schritte von hier; wenn er auch dabei sein knnte! Er knnte
ja auf dem Sofa unter uns liegen. Du wirst doch kommen? wandte sich
Rasumichin pltzlich an Sossimoff. Vergi es nicht, du hast
versprochen.

Vielleicht komme ich, aber ein wenig spter. Was hast du denn?

Ja, nichts besonderes, Tee, Schnaps, Hering. Eine Pirogge gibt es; nur
die nchsten Bekannten kommen.

Wer denn?

Ja, alle aus der nchsten Nachbarschaft und fast lauter neue,
ausgenommen den alten Onkel und neu ist der auch. Er ist gestern nach
Petersburg in eigenen Angelegenheiten gekommen; alle fnf Jahre sehen
wir uns.

Wo ist er?

Er hat sein Lebelang in einer Kreisstadt als Postmeister vegetiert ...
erhlt eine kleine Pension, ist fnfundsechzig Jahre alt, es lohnt sich
nicht, darber zu sprechen ... Ich habe ihn brigens gern. Porphyri
Ssemenowitsch wird auch kommen, der hiesige Untersuchungsrichter ... er
ist aus dem Richterstande. Ja, du kennst ihn doch ...

Ist er auch ein Verwandter von dir?

Ganz weitlufig; warum siehst du so verdrielich aus? Weil ihr euch
einmal gezankt habt, wirst vielleicht deshalb nicht kommen?

Ah, ich pfeife auf ihn ...

Das ist auch das beste. Nun und auerdem -- Studenten, ein Lehrer, ein
Beamter, ein Musiker, ein Offizier, Sametoff ...

Sag mir bitte, was kann zwischen dir oder dem da, Sossimoff wies auf
Raskolnikoff, und einem Sametoff gemeinsames sein?

Ach, du Nrgler! Prinzipienreiter! ... Du bist ja ganz mit Prinzipien
ausgestopft wie ein Kissen mit Federn, bist schon ganz ihr Sklave. Meine
Meinung ist, wenn ein Mensch gut ist, -- so ist er mir angenehm, und das
ist mein Prinzip. Und Sametoff ist ein ganz prchtiger Bursche.

Und lt sich schmieren.

Nun ja, was macht es, wenn er sich schmieren lt, ich pfeife darauf.
Was ist da dabei, wenn er sich schmieren lt! rief pltzlich
Rasumichin unnatrlich gereizt aus, -- hab ich ihn denn gelobt, weil er
sich schmieren lt? Ich sagte, da er nur in seiner Art gut sei. Und
wenn man alle so genau nach jeder Seite besehen wrde, dann wrden nicht
viel gute Menschen brig bleiben. Ich bin berzeugt, da man dann fr
mich, mit allen Eingeweiden zusammen, eine gebackene Zwiebel geben
wrde, und auch nur mit dir als Zugabe! ...

Das ist wenig; ich will fr dich zwei geben ...

Und ich fr dich nur eine! Mach mir keine weiteren Witze! Sametoff ist
noch ein dummer Junge, ich werde ihn noch oft an den Haaren zupfen, man
mu ihn an sich ziehen und nicht von sich stoen. Wenn man einen
Menschen abstt, verbessert man ihn nicht, um so mehr, wenn er ein
unreifer Junge ist. Mit einem Jungen soll man noch einmal so vorsichtig
sein. Ach, ihr progressiven Dummkpfe, nichts versteht ihr! Ihr achtet
nicht den Menschen, und schadet euch selbst ... Und wenn du es wissen
willst, wir haben ein gemeinsames Interesse.

Das mchte ich wissen.

Ja, es ist in der Sache mit dem Maler, das heit dem Anstreicher ...
Wir werden ihn schon loskriegen! brigens ist jetzt auch keine Gefahr
mehr. Die Sache ist jetzt klipp und klar! Wir wollen sie blo
beschleunigen.

Was ist das fr ein Anstreicher?

Wie, habe ich dir denn nicht davon erzhlt? Ja, richtig, ich habe dir
nur den Anfang erzhlt ... von der Ermordung der alten Pfandleiherin,
der Beamtenwitwe ... nun und darein ist jetzt ein Anstreicher verwickelt
...

Von diesem Morde habe ich schon frher gehrt, bevor du es mir
erzhltest, und ich interessiere mich sehr fr diese Sache ... teilweise
... aus einem besonderen Grunde ... ich las in den Zeitungen darber.
Aber siehst du ...

Lisaweta hat man auch ermordet! platzte pltzlich Nastasja heraus,
indem sie sich an Raskolnikoff wandte.

Sie hatte die ganze Zeit an die Tr gelehnt zugehrt.

Lisaweta? murmelte Raskolnikoff mit kaum hrbarer Stimme.

Lisaweta, die Hndlerin, weit du es nicht? Sie kam fters hierher in
unser Haus, hat dir auch ein Hemd ausgebessert.

Raskolnikoff wandte sich zu der Wand, whlte auf der schmutzigen gelben
Tapete mit weien Blmchen eine plumpe weie Blume mit braunen Strichen
aus und begann sie zu betrachten, wieviel Bltter sie habe, was fr
Zacken an den Blttern und wieviel Striche sie durchzogen. Er fhlte,
da seine Hnde und Fe erstarrten, als wren sie gelhmt, aber er
versuchte nicht mal sich zu rhren und blickte unverwandt die Blume an.

Nun, was ist mit dem Anstreicher? unterbrach Sossimoff sehr unwillig
Nastasjas Geschwtz.

Sie seufzte und schwieg.

Er soll auch der Mrder sein! fuhr Rasumichin eifrig fort.

Hat man denn Beweise?

Gar keine, zum Teufel! brigens hat man doch einen, aber dieser Beweis
ist kein Beweis und siehst du, das mu man erst nachweisen. Es ist genau
so, wie sie zuerst diese ... wie heien sie doch ... ja Koch und
Pestrjakoff verdchtigt und eingesperrt haben. Pfui! Wie dumm dies alles
gehandhabt wird, einen Unbeteiligten ekelt es an. Pestrjakoff, der eine
von ihnen, wird vielleicht auch heute bei mir sein ... Apropos, Rodja,
du kennst ja diese Geschichte, sie passierte noch vor deiner Krankheit,
gerade am Abend vorher, als du im Polizeibureau ohnmchtig wurdest, als
man darber sprach ...

Sossimoff blickte Raskolnikoff neugierig an, er rhrte sich aber nicht.

Weit du, Rasumichin? Ich mu mich ber dich wundern, da du dich
berall hineinmischest, bemerkte Sossimoff.

Mag sein, aber wir wollen ihn doch loskriegen! rief Rasumichin aus und
schlug mit der Faust auf den Tisch. Was einen dabei aber am meisten
rgert, ist nicht, da sie so viel lgen. Lgen kann man immer
entschuldigen, Lgen ist ein gutes Ding, wenn es zur Wahrheit fhrt.
Aber das ist rgerlich, da sie lgen und an ihre eigenen Lgen
unerschtterlich glauben. Ich achte Porphyri, aber ... Was hat sie zum
Beispiel ganz am Anfang aus dem Konzept gebracht? Die Tre war
verschlossen, und als sie spter mit dem Hausknecht kamen, war sie
offen, also haben Koch und Pestrjakoff gemordet! Siehst du, so ist ihre
Logik!

Rege dich doch nicht auf; man hat sie einfach eine kurze Zeit in Haft
behalten, man kann doch nicht ... Nebenbei gesagt, ich habe diesen Koch
irgendwo kennengelernt. Es hat sich herausgestellt, da er von der Alten
verfallene Pfandobjekte ankaufte?

Ja, er ist ein Gauner! Er kauft auch Wechsel auf. Ein dunkler
Ehrenmann. Aber hol ihn der Teufel! Versteh mich doch, worber ich mich
am meisten rgere. ber ihre veraltete, sinnlose, verkehrte Methode
rgere ich mich ... Hier aber, in dieser Sache allein, mu man einen
ganz neuen Weg entdecken. Nach den psychologischen Momenten allein kann
man schon zeigen, wie die richtige Spur gefunden werden soll. Wir haben
Indizien, sagen sie! Ja, aber Indizien ist doch nicht alles; wenigstens
die Hlfte der Sache besteht darin, wie man mit den Indizien umzugehen
versteht!

Und verstehst du mit den Indizien umzugehen?

Man kann aber doch nicht schweigen, wenn man fhlt, handgreiflich
fhlt, da man der Sache ntzen knnte, wenn ... Ach! ... Kennst du die
Sache ausfhrlich?

Ich warte darauf, ber den Anstreicher zu hren.

Ach ja! Hre also die Geschichte, -- genau am dritten Tage nach dem
Morde, am Morgen, als sie sich noch mit Koch und Pestrjakoff abgaben, --
obwohl die jeden ihrer Schritte nachgewiesen hatten, alles war schreiend
klar, -- wird pltzlich ein ganz unerwartetes Faktum offenbar. Ein
gewisser Duschkin, ein Bauer, Besitzer einer Kneipe gerade gegenber
jenem Hause, erscheint in dem Polizeibureau, bringt ein Etui mit
goldenen Ohrgehngen mit und erzhlt eine ganze Geschichte. >Vorgestern
abend ungefhr nach acht Uhr,< -- merk du dir Tag und Stunde! -- >kommt
zu mir ein Arbeiter, ein Anstreicher, Nikolai, der auch schon frher im
Laufe des Tages dagewesen war, und bringt mir dieses Kstchen mit
goldenen Ohrgehngen und mit den Steinen und bittet, ihm zwei Rubel
darauf zu leihen; auf meine Frage aber, woher er sie habe, erklrte er
mir, da er sie auf dem Trottoir gefunden htte. Mehr habe ich ihn nicht
ausgefragt,< das alles sagt Duschkin, >sondern gab ihm einen Schein,<
das heit also einen Rubel, >denn ich dachte, wenn ich sie nicht nehme,
versetzt er sie bei einem anderen, und wird das Geld sowieso vertrinken.
Mgen besser die Sachen bei mir liegen; sollte sich aber etwas zeigen
oder sollten Gerchte auftauchen, bringe ich sie zur Polizei.<
Selbstverstndlich schwindelt er, lgt wie ein Pferd, denn ich kenne
diesen Duschkin, er ist selbst Pfandleiher, schafft Gestohlenes zur
Seite und hat dem Nikolai das Ding, das dreiig Rubel wert ist, nicht
abgeluchst, um es zur Polizei zu bringen. Er hat einfach Angst bekommen.
Hol' ihn der Teufel! -- hre weiter, fuhr Rasumichin fort: >Ich kenne
ihn, den Nikolai Dementjeff von klein auf,< erzhlt Duschkin weiter, >er
stammt aus demselben Rjasanschen Gouvernement wie ich, und aus demselben
Kreise. Nikolai ist kein Sufer, trinkt aber doch hin und wieder eins,
und ich wute, da er in jenem Hause mit Dmitri arbeitet, denn Dmitri
stammt auch aus derselben Gegend. Als er von mir den Schein erhalten
hatte, wechselte er ihn sofort, trank auf einmal zwei Glschen, nahm den
Rest des Geldes und ging seiner Wege, Dmitri war aber damals nicht mit
ihm. Am anderen Tage hrte ich, da Aljona Iwanowna und ihre Schwester
Lisaweta mit einem Beile erschlagen sind, -- ich habe sie gekannt, --
und da packten mich Zweifel wegen der Ohrgehnge, denn mir war es
bekannt, da die Verstorbene Geld gegen Pfand auslieh. Ich ging hinber
und begann vorsichtig und still auszuhorchen und zu allererst frug ich,
ob Nikolai da sei! Dmitri erzhlte mir, da Nikolai zu trinken
angefangen habe, er wre bei Tagesanbruch betrunken nach Hause gekommen,
ungefhr zehn Minuten dageblieben und wieder fortgegangen; Dmitri habe
ihn nicht mehr gesehen und beende die Arbeit allein. Sie arbeiteten aber
im zweiten Stock desselben Hauses, in dem die Ermordeten lebten. Als ich
dies hrte, habe ich niemanden etwas davon mitgeteilt,< sagte Duschkin,
>ich versuchte vielmehr alles ber die Ermordung in Erfahrung zu bringen
und bin mit denselben Zweifeln nach Hause zurckgekehrt. Heute morgen
nun gegen acht Uhr,< das heit, am dritten Tage, verstehst du? >sehe ich
Nikolai hereinkommen, nicht nchtern, aber auch nicht ganz betrunken, so
da er ganz gut ausgehrt werden konnte. Er setzt sich auf eine Bank und
schweigt. Auer ihm war in der Kneipe zu der Zeit noch ein fremder
Mensch da, auf einer Bank schlief ein anderer, ein Bekannter von mir,
auch die zwei Laufjungens waren zur Stelle. Hast du Dmitri gesehen,
fragte ich ihn. -- Nein, sagte er, ich habe ihn nicht gesehen. -- Und
warst du auch nicht bei ihm? -- Nein, antwortete er, seit vorgestern war
ich nicht bei ihm. -- Und wo hast du die Nacht geschlafen? -- Bei
Bekannten auf den Peki. -- Und woher, fragte ich, hast du die
Ohrgehnge genommen? -- Ich habe sie auf dem Trottoir gefunden, -- und
er sagte es so, als sei es nicht wahr, und ohne mich anzublicken. --
Hast du auch gehrt, fragte ich ihn, da dies und dies, und erzhlte ihm
nun die Geschichte, am selben Abend und zur selben Stunde auf jener
Treppe geschehen ist? -- Nein, sagte er, ich habe nichts gehrt. -- Er
hrte mit weit aufgerissenen Augen auf das, was ich ihm erzhlte, und
ward pltzlich wei wie Kalk. Ich erzhle weiter, siehe da, er nimmt
seine Mtze und will aufstehen. Da wollte ich ihn festhalten und sage,
warte ein wenig, Nikolai, willst du nicht eins trinken? Ich gab einem
Jungen ein Zeichen, da er die Tr zuhalten soll, und kam hinter dem
Ladentisch hervor, er aber springt auf, strzt auf die Strae und luft
um die Ecke, -- weg war er. Da verlor ich meine Zweifel, es ist sein
Werk, sein Verbrechen ...<

Sicher! ... sagte Sossimoff.

Warte! Hre zu Ende! Selbstverstndlich beeilte man sich schleunigst,
Nikolai zu finden; Duschkin wurde verhaftet und Haussuchung bei ihm
gehalten, Dmitri sperrte man auch ein; die Bekannten von Nikolai, bei
denen er die letzte Nacht geschlafen hat, wurden gleichfalls hergenommen
-- und vorgestern brachte man Nikolai selbst; man hatte ihn in der Nhe
des N.schen Schlagbaums in einer Spelunke aufgefangen. Er war dorthin
gekommen, hatte sein silbernes Kreuz vom Halse genommen und ein Glas
Schnaps dafr verlangt. Man hatte es ihm auch gegeben. Nach einer Weile
ging die Frau in den Kuhstall und sah durch eine Ritze, da Nikolai in
der Scheune nebenan an einen Balken seinen Grtel gebunden hatte und
eine Schlinge gemacht hatte; dann stieg er auf einen Klotz und wollte
die Schlinge um den Hals legen; die Frau schrie aus vollem Halse, und
man lief zusammen. -- >Du bist so einer!< -- >Fhrt mich,< sagte er,
>auf das Polizeibureau, ich will alles bekennen.< Nun, man schaffte ihn
mit den gehrigen Ehrenbezeigungen in das Polizeibureau, das heit
hierher. Allerhand Fragen wurden ihm dort gestellt, wer, woher, wie alt
-- >zweiundzwanzig< und dergleichen. Frage: >Als du und Dmitri
arbeitetet, habt ihr nicht jemand auf der Treppe in der und der Stunde
gesehen?< Antwort: >Gewi sind Menschen vorbeigegangen, aber wir haben
sie uns nicht gemerkt.< >Habt ihr nicht Lrm oder hnliches gehrt?<
>Wir haben nichts besonderes gehrt.< >Wutest du aber, Nikolai, da am
selben Tage die Witwe so und so an diesem Tage und zu der und der Stunde
mit ihrer Schwester ermordet und beraubt wurde?< >Ich habe gar nichts
gewut, zum ersten Male hrte ich davon in der Kneipe am dritten Tage
von Afanassi Pawlowitsch.< >Und woher hast du die Ohrgehnge?< >Ich habe
sie auf dem Trottoir gefunden.< >Warum bist du am anderen Tage nicht mit
Dmitri zur Arbeit gekommen?< >Weil ich angefangen hatte zu bummeln.<
>Und wo hast du gebummelt?< >Ja, dort und dort.< >Warum liefst du von
Duschkin weg?< >Weil ich groe Angst bekam.< >Warum bekamst du Angst?<
>Da man mich verhren wird.< >Wie konntest du denn davor Angst
bekommen, wenn du dich vollkommen unschuldig fhlst??< ... Nun, glaub
oder glaub mir nicht, Sossimoff, diese Frage wurde gestellt und
buchstblich mit diesen Worten, ich wei es bestimmt, man hat es mir
genau mitgeteilt! Wie findest du das? Wie findest du das?

Aber, es existieren doch Beweise.

Ich spreche jetzt nicht von den Beweisen, sondern von der
Fragestellung, darber, wie sie ihre Aufgabe auffassen! Aber, zum Teufel
damit! ... Also sie haben so lange gepret und gequetscht, bis er
bekannte, >ich habe sie,< sagte er, >nicht auf dem Trottoir, sondern in
der Wohnung gefunden, wo ich mit Dmitri arbeitete.< >Wie verhlt sich
denn das?< >Wir arbeiteten den ganzen Tag bis acht Uhr und wollten schon
nach Hause gehen, da nahm Dmitri einen Pinsel, schmierte mir in die
Fratze Farbe und lief davon und ich ihm nach. Und ich lief hinter ihm
her und schrie aus vollem Halse; wie ich aber von der Treppe unter den
Torweg kam, stie ich im vollen Laufe mit dem Hausknecht und einigen
Herren zusammen, -- wieviel Herren es waren, erinnere ich mich nicht,
der Hausknecht schimpfte mich aus, auch der andere Hausknecht schimpfte
mich, die Frau des Hausknechtes kam heraus und schimpfte; ein Herr, der
mit einer Dame durch den Torweg kam, schimpfte auch, weil ich und Dmitri
quer im Wege lagen, -- ich hatte Dmitri an den Haaren gepackt, ihn
hingeworfen und versetzte ihm Pffe, Dmitri hatte, unter mir liegend,
mich auch an den Haaren und puffte mich, wir taten es nicht im Ernst,
sondern in aller Freundschaft, im Scherze. Dmitri machte sich von mir
los und lief auf die Strae, ich lief ihm nach, holte ihn aber nicht ein
und ging in die Wohnung allein zurck, -- es mute noch aufgerumt
werden. Ich begann das Werkzeug zu sammeln und wartete auf Dmitri,
vielleicht kommt er noch. Und bei der Tre im Vorzimmer, an der Wand, in
einem Winkel, trat ich auf ein Kstchen. Ich sehe, es liegt da,
eingeschlagen in Papier. Das Papier nahm ich ab und sah solche ganz
winzige Hkchen, ich machte sie auf und im Kstchen lagen die Ohrgehnge
...<

Hinter der Tr? Hinter der Tr lag es? Hinter der Tr? rief pltzlich
Raskolnikoff, sah Rasumichin mit einem trben, erschreckten Blick an und
erhob sich langsam, sich mit der Hand sttzend, vom Sofa.

Ja ... aber was ist denn los? Was ist mit dir? Was hast du? Rasumichin
erhob sich auch von seinem Platze.

Nichts! ... antwortete kaum hrbar Raskolnikoff, sank wieder auf das
Kissen zurck und wandte sich von neuem zu der Wand.

Alle schwiegen eine Weile.

Er war wahrscheinlich eingeschlummert, noch halb im Schlafe, sagte
endlich Rasumichin und blickte Sossimoff fragend an; jener machte eine
leichte verneinende Bewegung mit dem Kopfe.

Na, fahr fort, sagte Sossimoff, was weiter?

Ja, was weiter? Als er die Ohrgehnge erblickte, verga er sofort die
Wohnung und Dmitri, nahm seine Mtze und lief zu Duschkin hin und
erhielt von ihm, wie es dir bekannt ist, einen Rubel, ihm log er aber
vor, da er sie auf dem Trottoir gefunden htte, und fing sofort an zu
bummeln. Von dem Morde aber besttigt er das frher gesagte: >Ich wei
von gar nichts, habe es erst am dritten Tage gehrt!< >Und warum bist du
bis jetzt nicht gekommen?< >Vor Angst.< >Und warum wolltest du dich
erhngen?< >Vor lauter Gedanken.< >Was fr Gedanken?< >Da man mich
verurteilen wrde.< Nun, das ist die ganze Geschichte. Jetzt, was meinst
du, da sie daraus gefolgert haben?

Ja, was ist da zu denken, es ist eine Spur, wenn sie auch unbedeutend
ist, so ist es doch eine Spur. Eine Tatsache. Soll man deinen
Anstreicher etwa in Freiheit setzen?

Ja, sie halten ihn jetzt einfach fr den Mrder! Sie haben keinen
Zweifel mehr ...

Das geht zu weit, du bist hitzig. Nun aber die Ohrgehnge? Du mut doch
selbst zugeben, -- wenn am selben Tage und zur selben Stunde die
Ohrgehnge aus dem Kasten der Alten in die Hnde von Nikolai geraten, --
da sie in irgendeiner Weise zu ihm hingekommen sein mssen? Das hat
doch nicht wenig zu sagen bei solch einer Untersuchung.

Wie hingekommen! Wie sie hingekommen sind? rief Rasumichin aus. Und
du als Arzt, du, der vor allen Dingen verpflichtet ist, den Menschen zu
studieren und der Gelegenheit hat, eher als jeder andere, die
menschliche Natur kennenzulernen, -- kannst du denn nicht nach all
diesen gegebenen Anzeichen sehen, was fr eine Natur dieser Nikolai ist?
Kannst du denn nicht auf den ersten Blick sehen, da alles, was er bei
den Verhren ausgesagt hat, die heiligste Wahrheit ist? Sie sind genau
so in seine Hnde geraten, wie er ausgesagt hat. Er ist auf ein Kstchen
getreten und hat es aufgehoben.

Heiligste Wahrheit! Er hat aber doch selbst eingestanden, da er das
erstemal gelogen hat?

Hre mich an, hre aufmerksam zu, -- der Hausknecht, Koch und
Pestrjakoff, auch der andere Hausknecht, die Frau des ersten
Hausknechtes und eine Bekannte von ihr, die zur selben Zeit in der
Wohnung des Hausknechtes saen, und der Hofrat Krjukoff, der in
demselben Augenblick aus einer Droschke gestiegen und mit einer Dame Arm
in Arm durch den Torweg gegangen war, -- alle, also acht oder zehn
Zeugen, sagen einstimmig aus, da Nikolai den Dmitri zu Boden gedrckt,
auf ihm lag und ihn schlug, und da jener ihn an den Haaren gepackt
hatte und ebenso auf ihn schlug. Sie liegen beide quer im Wege und
versperren den Durchgang; sie werden von allen geschimpft und sie liegen
da, wie >kleine Kinder< aufeinander (buchstblicher Ausdruck der
Zeugen), kreischen, prgeln sich und lachen, lachen beide um die Wette,
mit den komischsten Fratzen und laufen auf die Strae, gleich Kindern,
hinaus einander zu fangen. Hast du gehrt? Nun merke dir jetzt, -- oben
liegen die Krper noch warm, hrst du, noch warm, so fand man sie! Wenn
sie oder auch Nikolai nur allein, gemordet und dabei den Kasten
aufgebrochen und geraubt htten oder auch nur einigermaen an dem Raube
beteiligt gewesen wren, erlaube mir nur die eine Frage dir vorzulegen,
-- ist solch eine seelische Stimmung, das heit, Kreischen, Lachen,
kindisches Prgeln in dem Torwege -- mit Beilen, Blut, mit
verbrecherischer Schlauheit, Vorsicht, Raub vereinbar? Sie haben soeben
noch vor fnf oder zehn Minuten gemordet, -- denn es mu so stimmen, die
Krper waren ja noch warm -- und pltzlich lassen sie die Leichen liegen
und die Wohnung offen, wobei sie wissen, da soeben Menschen dorthin
gegangen sind, kmmern sich nicht um die Beute und wlzen sich wie
kleine Kinder auf dem Wege, lachen und lenken die allgemeine
Aufmerksamkeit auf sich -- und dies alles bezeugen einstimmig zehn
Zeugen!

Sicher ist es sonderbar! Selbstverstndlich ist dies doch unmglich,
aber ...

Nein, Bruder, es gibt kein aber, -- sondern wenn die Ohrgehnge, die
zur selben Stunde und am selben Tage in Nikolais Hnde geraten sind,
tatschlich einen wichtigen ihn belastenden Beweis ausmachen, -- der
jedoch durch seine Aussagen einfach erklrt wird, also noch ein
_strittiger Beweis ist_, -- mu man doch auch die entlastenden Tatsachen
in Erwgung ziehen und um so mehr, als dies _unwiderlegbare_ Tatsachen
sind. Und glaubst du wohl, nach der Art unserer Jurisprudenz, da sie
dies anerkennen wird, oder da sie fhig ist, solch eine Tatsache, --
die ausschlielich auf rein psychologischer Unmglichkeit, nur auf
seelischer Stimmung allein begrndet ist, -- als eine unanfechtbare und
alle belastenden und sachlichen Momente, wie sie auch sein mgen,
widerlegende Tatsache anzuerkennen? Nein, sie werden es nicht
anerkennen, keineswegs, denn man hat das Kstchen gefunden, werden sie
sagen, und der Mensch wollte sich erhngen, -- >was nicht geschehen
knnte, wenn er sich nicht schuldig fhlte<. Das ist die Hauptfrage,
darum ereifere ich mich auch! Verstehe es doch!

Ja, ich sehe es auch, da du dich ereiferst. Warte, ich verga dich zu
fragen, wodurch ist es nachgewiesen, da das Kstchen mit den
Ohrgehngen tatschlich von der Alten stammt?

Das ist nachgewiesen, antwortete Rasumichin mit gerunzelten
Augenbrauen und anscheinend mit Unlust. Koch hat das Ding erkannt und
den Pfandgeber genannt, und dieser hat bewiesen, da die Ohrgehnge ihm
gehren.

Das ist schlimm. Jetzt noch eins, -- hat jemand Nikolai gesehen, als
Koch und Pestrjakoff allein hinaufgingen, und kann man es nicht
irgendwie beweisen?

Das ist es ja, da niemand ihn gesehen hat, antwortete Rasumichin
rgerlich, -- das ist ja das Schlimme; sogar Koch und Pestrjakoff haben
Nikolai und Dmitri nicht bemerkt, als sie hinaufgingen, obgleich ihr
Zeugnis jetzt nicht viel bedeuten wrde. >Wir haben gesehen,< sagen sie,
>da die Wohnung offen war, da man darin wahrscheinlich arbeitete, aber
wir haben im Vorbergehen nicht darauf geachtet und erinnern uns nicht
genau, ob in dem Momente dort Arbeiter waren oder nicht.<

Hm. Also gibt es nur eine einzige Rechtfertigung: die, da sie einander
Pffe versetzt und gelacht haben. Angenommen, dies ist ein starker
Beweis, aber ... Erlaube mal, wie erklrst du selbst den ganzen Vorgang?
Wodurch willst du den Fund der Ohrgehnge erklren, wenn er sie
tatschlich so gefunden hat, wie er angibt?

Wie ich es erklre? Ja, was ist da zu erklren, die Sache ist klar.
Wenigstens der Weg, den man bei dieser Sache gehen mu, ist klar und
bewiesen, und gerade das Kstchen hat ihn gezeigt. Der wirkliche Mrder
hat die Ohrgehnge verloren. Der Mrder war oben, als Koch und
Pestrjakoff klopften, und sa eingeschlossen dort. Koch machte die
Dummheit und ging nach unten, da sprang der Mrder heraus und lief
ebenfalls nach unten, denn er hatte keinen anderen Ausweg. Auf der
Treppe versteckte er sich vor Koch, Pestrjakoff und dem Hausknecht in
der leeren Wohnung, und zwar in dem Augenblicke, als Dmitri und Nikolai
herausgelaufen waren; er stand hinter der Tre, als der Hausknecht und
die anderen nach oben gingen, wartete bis die Schritte verhallten und
ging in aller Seelenruhe hinunter, genau im selben Augenblicke, als
Dmitri und Nikolai auf die Strae gelaufen waren, alles fort und niemand
im Torwege war. Vielleicht hat man ihn auch gesehen, aber nicht
beachtet; es gehen ja nicht wenige Menschen dort aus und ein. Und das
Kstchen ist ihm aus der Tasche gefallen, als er hinter der Tr stand,
und er hat es nicht gemerkt, denn er mute an anderes denken. Das
Kstchen aber beweist klar, da er dort gestanden hat. So ist die ganze
Sache!

Das ist schlau. Nein, Bruder, das ist sehr schlau. Das ist zu schlau!

Aber warum denn, warum?

Ja, weil alles viel zu glcklich verlief ... und sich gestaltete ...
wie auf dem Theater.

Ach, rief Rasumichin und wollte fortfahren, aber in diesem Augenblicke
ffnete sich die Tr und es trat eine neue, von keinem der Anwesenden
gekannte Person herein.


                                   V.

Es war ein Herr, nicht mehr jung, geziert, wrdevoll, mit einem
lauernden und verdrielichen Gesichte; er begann damit, da er an der
Tr stehen blieb und sich mit unverkennbar beleidigtem Erstaunen
umblickte, als ob er fragen wrde: wohin bin ich denn geraten?
Mitrauisch, mit dem Ausdruck eines affektierten berraschtseins, fast
eines Schreckens, sah er sich in Raskolnikoffs enger und niedriger
Schiffskajte um. Mit gleichem Erstaunen richtete er seine Blicke auf
Raskolnikoff selbst, der entkleidet, ungekmmt und ungewaschen auf
seinem unansehnlichen, schmutzigen Sofa lag und ihn ebenso unverwandt
betrachtete. Dann begann er mit gleicher Bedchtigkeit die abgerissene,
unrasierte und ungekmmte Gestalt Rasumichins zu betrachten, der
seinerseits ihm frech und fragend direkt in die Augen blickte, ohne sich
von seinem Platze zu rhren. Das gespannte Schweigen dauerte etwa eine
Minute und endlich trat, wie man es auch erwarten konnte, ein kleiner
Stimmungswechsel ein. Nachdem der eingetretene Herr wahrscheinlich aus
gewissen, brigens sehr deutlichen Anzeichen entnommen hatte, da mit
einer herrischen Miene hier in dieser Schiffskajte nichts zu wollen
sei, wurde er etwas freundlicher und sagte hflich, obgleich nicht ohne
eine gewisse Strenge, indem er sich an Sossimoff wandte und jede Silbe
seiner Frage betonte: Rodion Romanytsch Raskolnikoff, Herr Student oder
ehemaliger Student?

Sossimoff rhrte sich ein wenig und htte auch vielleicht geantwortet,
wenn Rasumichin, an den die Worte gar nicht gerichtet waren, ihm nicht
zuvorgekommen wre.

Da liegt er auf dem Sofa! Und was wollen Sie? Dieses familire Und
was wollen Sie? traf den gezierten Herrn wie ein Hieb, und fast htte
er sich zu Rasumichin umgewandt, aber er hielt sich noch rechtzeitig
zurck und wandte sich schnell wieder an Sossimoff.

Da ist Raskolnikoff! brummte Sossimoff und wies auf den Kranken hin,
dann ghnte er, wobei er ungewhnlich weit seinen Mund aufsperrte und
ihn ungewhnlich lange in dieser Lage behielt. Dann bewegte er die Hand
langsam zu der Westentasche, zog eine riesige, dicke, goldene Uhr
hervor, ffnete den Deckel, sah nach und steckte sie ebenso langsam und
trge wieder ein.

Raskolnikoff selbst lag die ganze Zeit schweigend auf dem Rcken und
blickte unverwandt, scheinbar gedankenlos, den Eingetretenen an. Sein
Gesicht, das er jetzt von der interessanten Blume in der Tapete
abgewandt hatte, war auerordentlich bleich und drckte ein
ungewhnliches Leiden aus, als htte er soeben eine qualvolle Operation
durchgemacht, oder als htte er eine Tortur hinter sich. Der
eingetretene Herr aber begann allmhlich seine Aufmerksamkeit mehr und
mehr zu erregen, es tauchten in ihm Zweifel, Mitrauen und sogar
anscheinend Furcht auf. Als aber Sossimoff auf ihn hinwies und da ist
Raskolnikoff sagte, erhob er sich schnell, wie auffahrend, setzte sich
auf sein Bett und sagte mit fast herausfordernder, aber schwankender und
schwacher Stimme:

Ja. Ich bin Raskolnikoff! Was wollen Sie?

Der Besucher blickte ihn aufmerksam an und sagte mit Betonung:

Peter Petrowitsch Luschin. Ich habe die sichere Hoffnung, da mein Name
Ihnen nicht ganz unbekannt sei.

Raskolnikoff aber, der etwas ganz anderes erwartet hatte, blickte ihn
stumpf und nachdenklich an und antwortete nichts, als ob er Peter
Petrowitschs Namen entschieden zum erstenmal hre.

Wie? Haben Sie bis jetzt noch keine Nachrichten ber mich erhalten?
fragte Peter Petrowitsch mit einer Bewegung unangenehmer berraschung.

Anstatt zu antworten, lie sich Raskolnikoff langsam auf das Kissen
nieder, steckte die Hnde unter den Kopf und begann die Zimmerdecke zu
betrachten. Eine bedrckte Stimmung zeigte auf Luschins Gesicht starke
Betroffenheit. Sossimoff und Rasumichin fingen an, ihn mit noch grerer
Neugierde anzusehen, und er wurde sichtlich verlegen.

Ich nahm an und rechnete bestimmt darauf, murmelte er, da der Brief,
der schon vor mehr als zehn Tagen, vielleicht sogar vor vierzehn Tagen
abgesandt ist ...

Hren Sie mal, was sollen Sie denn die ganze Zeit an der Tre stehen?
unterbrach ihn Rasumichin, wenn Sie etwas mitzuteilen haben, setzen Sie
sich doch, fr Sie und Nastasja ist es dort zu eng. Nastasja, mach mal
Platz, la ihn durchgehen! Kommen Sie hierher, da haben Sie einen Stuhl!
Kriechen Sie hier durch!

Er rckte seinen Stuhl von dem Tische ab, machte zwischen dem Tisch und
seinen Knien einen Durchgang frei und wartete in dieser unbequemen
Stellung, bis der Gast durch diesen Spalt hindurchkriechen wrde. Der
Moment war so gewhlt, da man nicht gut ablehnen konnte, und der
Besucher kroch durch den engen Durchgang, sich beeilend und stolpernd,
hindurch. Als er den Stuhl erreicht hatte, setzte er sich und blickte
Rasumichin argwhnisch an.

Seien Sie brigens nicht verlegen, platzte dieser hervor. Rodja ist
schon den fnften Tag krank und hat drei Tage phantasiert, jetzt aber
ist er zu sich gekommen und hat sogar mit Appetit gegessen. Dort sitzt
sein Arzt, er hat ihn soeben untersucht, und ich bin Rodjas Kamerad,
auch ein ehemaliger Student, und pflege ihn nun; also, achten Sie nicht
auf uns und genieren Sie sich nicht, fahren Sie nur fort und sagen Sie,
was Sie zu sagen haben.

Ich danke Ihnen. Werde ich aber nicht durch meine Anwesenheit und mit
meinem Gesprch den Kranken aufregen? wandte sich Peter Petrowitsch an
Sossimoff.

N--nein, sagte Sossimoff langsam, Sie knnen ihn vielleicht
zerstreuen.

Und er ghnte wieder.

Oh, er ist schon lange bei Besinnung, seit heute morgen! fuhr
Rasumichin fort, dessen Familiaritt den Stempel solch einer
unverflschten Treuherzigkeit trug, da Peter Petrowitsch allmhlich
seine Fassung wiedergewann, zum Teil wohl auch darum, weil dieser
zerlumpte und freche Mensch sich als Student vorgestellt hatte.

Ihre Frau Mutter ... begann Luschin.

Hm! uerte sich Rasumichin vernehmlich.

Luschin blickte ihn fragend an.

Das hat nichts zu sagen, ich tat es nur so; fahren Sie fort ...

Luschin zuckte die Achseln.

... Ihre Frau Mutter begann noch whrend meiner Anwesenheit dort einen
Brief an Sie. Nachdem ich hier eingetroffen war, lie ich absichtlich
einige Tage vergehen und kam nicht gleich zu Ihnen, um ganz gewi zu
sein, da Sie von allem unterrichtet sind, jetzt aber zu meinem
Erstaunen ...

Ich wei, ich wei! sagte pltzlich Raskolnikoff mit dem Ausdrucke des
ungeduldigsten rgers. Sie sind es? Der Brutigam? Nun, ich wei ...
und genug!

Peter Petrowitsch fhlte sich entschieden beleidigt, aber er schwieg. Er
dachte eifrig nach, was dieses alles zu bedeuten habe. Es herrschte ein
minutenlanges Schweigen.

Indessen begann Raskolnikoff, der sich bei seiner Antwort nur ein wenig
ihm zugekehrt hatte, ihn von neuem aufmerksam und mit einer gewissen
Neugier anzusehen, als htte er vorhin nicht Zeit gefunden, ihn ganz zu
betrachten oder als wre ihm etwas Neues an ihm aufgefallen; er erhob
sich zu dem Zwecke sogar absichtlich von dem Kissen. In dem ganzen
Aussehen von Peter Petrowitsch lag wirklich etwas Besonderes, und zwar
etwas, das die Bezeichnung Brutigam, die ihm soeben so ungeniert
zugeteilt wurde, zu rechtfertigen schien. Man konnte sehen, und zwar
ziemlich deutlich, da Peter Petrowitsch sich sehr beeilt hatte, die
paar Tage seines Aufenthaltes in der Residenz auszunutzen, um sich in
Erwartung der Braut neu auszustaffieren und zu verschnern, was gewi
sehr unschuldig und statthaft war. Sogar die eigentmliche, vielleicht
ein wenig zu ausgeprgte Selbstzufriedenheit ber seine angenehme
Vernderung konnte in diesem Falle verzeihlich erscheinen, denn Peter
Petrowitsch war ja in dem Stande eines Brutigams. Seine ganze Kleidung
war soeben vom Schneider gekommen und alles war gut, nur da eben alles
zu neu war und zu sehr den bestimmten Zweck verriet. Auch der elegante,
nagelneue, runde Hut deutete auf diesen Zweck hin, -- Peter Petrowitsch
behandelte ihn zu ehrerbietig und hielt ihn mit zu groer Vorsicht in
Hnden. Auch das reizende Paar Handschuhe von heller lila Farbe bezeugte
das, wenn auch nur damit, da man sie nicht anzog, sondern in der Hand
hielt. Helle und jugendliche Farben herrschten in Peter Petrowitschs
Kleidung vor. Er hatte ein sehr hbsches Sommerjackett von hellbrauner
Farbe an, helle leichte Beinkleider, ebensolch eine Weste, neugekaufte
feine Wsche, eine leichte Krawatte aus Batist mit rosa Streifen, und
das allerbeste war dabei, da alles Peter Petrowitsch sehr gut kleidete.
Sein Gesicht, sehr frisch und sogar hbsch, schien auch ohnedem jnger
als fnfundvierzig Jahre. Ein dunkler Backenbart umrahmte es zu beiden
Seiten und verdichtete sich ziemlich hbsch um das glnzende, vorzglich
rasierte Kinn. Auch die Haare, brigens nur stellenweise und kaum
bemerkbar grau, waren von einem Friseur gekmmt und gekruselt,
erhielten aber dadurch nichts Lcherliches oder gaben ein dummes
Aussehen, was gewhnlich bei gekruselten Haaren der Fall ist, weil es
dem Gesichte eine unvermeidliche hnlichkeit mit einem Deutschen, der
zum Altar schreitet, verleiht. Wenn in diesem ziemlich hbschen und
soliden Gesichte etwas tatschlich Unangenehmes und Abstoendes war, so
hatte dies einen anderen Grund. Nachdem Raskolnikoff Herrn Luschin
ungeniert betrachtet hatte, lchelte er sarkastisch, lie sich wieder
auf das Kissen nieder und begann, wie frher, die Zimmerdecke anzusehen.

Herr Luschin aber nahm sich zusammen und schien entschlossen zu sein,
diese Sonderbarkeiten vorlufig nicht zu beachten.

Ich bedauere sehr, sehr, Sie in solch einer Lage zu finden, begann er
von neuem, mit Mhe das Schweigen brechend. Wenn ich von Ihrem
Unwohlsein gewut htte, wre ich frher gekommen. Aber, wissen Sie, die
Plackereien ... Ich habe auerdem eine sehr wichtige Angelegenheit im
Senat, in meiner Eigenschaft als Advokat. Ich erwhne nicht die Sorgen,
die auch Sie erraten knnen. Die Ihrigen, das heit Ihre Frau Mutter und
Schwester, erwarte ich stndlich ...

Raskolnikoff machte eine Bewegung und wollte etwas sagen; sein Gesicht
drckte eine gewisse Erregung aus. Peter Petrowitsch hielt in Erwartung
inne, aber da nichts erfolgte, fuhr er fort: ... Stndlich. Ich habe
ihnen frs erste eine Wohnung gesucht ...

Wo? fragte leise Raskolnikoff.

Gar nicht weit von hier, im Hause von Bakalejeff.

Das ist auf dem Wosnesensky-Prospekt, unterbrach ihn Rasumichin, dort
sind zwei Stockwerke, als mblierte Zimmer eingerichtet; der Kaufmann
Juschin ist Inhaber; ich bin dort gewesen.

Ja, es sind mblierte Zimmer ...

Es ist frchterlich dort; Schmutz, Gestank und ein verdchtiger Ort
auch; mancherlei ist da vorgefallen. Ja, und wei der Teufel, was da
nicht alles wohnt! ... Ich selbst bin dort aus einem skandalsen Grunde
gewesen. brigens ist es billig.

Ich konnte selbstverstndlich nicht soviel erfahren, da ich selbst vor
kurzem angekommen bin, antwortete Peter Petrowitsch empfindlich, es
sind brigens zwei sehr, sehr saubere kleine Zimmer, und da es auf eine
sehr kurze Zeit nur ist ... Ich habe schon eine wirkliche, das heit
unsere knftige Wohnung gefunden, wandte er sich an Raskolnikoff, und
jetzt wird sie instand gesetzt; unterdessen aber behelfe ich mich auch
selbst mit einem mblierten Zimmer, zwei Schritte von hier, bei Frau
Lippewechsel, in der Wohnung eines jungen Freundes von mir, Andrei
Ssemenytsch Lebesjtnikoff; er hat auch mir das Haus von Bakalejeff
empfohlen ...

Lebesjtnikoff? sagte langsam Raskolnikoff, als ob er sich auf etwas
besinne.

Ja, Andrei Ssemenytsch Lebesjtnikoff, er ist im Ministerium
angestellt. Kennen Sie ihn?

Ja ... nein ... antwortete Raskolnikoff.

Entschuldigen Sie, mir scheint es so nach Ihrer Frage. Ich war einmal
sein Vormund ... ein sehr lieber junger Mann ... und mit Interessen ...
Und ich bin froh, mit der Jugend zusammenzukommen; durch sie erfhrt man
alles Neue ...

Peter Petrowitsch blickte erwartungsvoll alle Anwesenden an.

Wie meinen Sie das? fragte Rasumichin.

Nun, im besten Sinne des Wortes, sagte Peter Petrowitsch, als wre er
ber die Frage erfreut. Ich war, sehen Sie, seit zehn Jahren nicht mehr
in Petersburg. Alle unsere Neuerungen, Reformen und Ideen, dies alles
hat auch uns in der Provinz erreicht, aber um klarer zu sehen und um
alles zu sehen, mu man in Petersburg sein. Nun, und meine Meinung ist,
da man am meisten bemerkt und erfhrt, indem man unsere jngere
Generation beobachtet. Und offen gestanden, ich bin erfreut ...

Worber denn?

Ihre Frage ist zu umfassend. Ich kann mich irren, aber es scheint mir,
ich finde einen klareren Blick, sozusagen mehr Kritik, mehr Tchtigkeit
...

Das ist wahr, sagte gelassen Sossimoff.

Du lgst, Tchtigkeit ist nicht da, mischte sich Rasumichin ein.
Tchtigkeit erwirbt sich schwer und fllt nicht umsonst vom Himmel. Wir
sind aber fast seit zweihundert Jahren von jeder Arbeit entwhnt ... Ich
gebe zu, Ideen hat man, wandte er sich an Peter Petrowitsch, auch
Wnsche fr das Gute sind da, wenn auch kindische, auch Ehrlichkeit
findet man vor, ungeachtet dessen, da hierher unzhlige Gauner gekommen
sind, aber Tchtigkeit gibt es doch nicht! Nur in Ausnahmefllen.

Ich bin mit Ihnen nicht einverstanden, erwiderte mit sichtbarem
Behagen Peter Petrowitsch, sicher gibt es bertreibung,
Unregelmigkeiten, aber man mu auch nachsichtig sein; bertreibung
zeugt von Eifer fr die Sache und von der unrichtigen ueren Umgebung,
in der die Sache sich befindet. Wenn noch wenig getan ist, so war auch
die Zeit zu kurz. Von den Mitteln rede ich gar nicht. Meiner
persnlichen Auffassung nach ist sogar, wenn Sie wollen, etwas getan, --
es sind neue ntzliche Gedanken, einige neue ntzliche Werke, an Stelle
der frheren schwrmerischen und romantischen, verbreitet; die Literatur
zeigt ein reiferes Geprge; viele schdliche Vorurteile sind ausgerottet
und werden verspottet ... Mit einem Worte, wir haben uns unwiderruflich
von der Vergangenheit losgesagt, und das ist meiner Meinung nach schon
eine Tat ...

Hat er das auswendig gelernt! Empfiehlt sich damit! sagte pltzlich
Raskolnikoff.

Was? fragte Peter Petrowitsch, da er nicht recht gehrt hatte, aber er
erhielt keine Antwort.

Das ist alles wahr, beeilte sich Sossimoff zu bemerken.

Ja, nicht wahr? fuhr Peter Petrowitsch fort und blickte Sossimoff
freundlich an. Geben Sie selbst zu, wandte er sich an Rasumichin,
jetzt aber im Tone des Triumphes und der berlegenheit, und beinahe
htte er junger Mann hinzugefgt, da es einen Fortschritt oder, wie
man sich jetzt ausdrckt, einen Proze gibt, wenigstens in der
Wissenschaft und in den wirtschaftlichen Gesetzen ...

Das ist ein Gemeinplatz!

Nein, es ist kein Gemeinplatz! Wenn man mir zum Beispiel bis jetzt
sagte: >Liebe deinen Nchsten<, und ich tat es, -- was kam dabei
heraus? fuhr Peter Petrowitsch fort, vielleicht mit zu groem Eifer.
Es kam das heraus, da ich meinen Rock in zwei Hlften zerri, ihn mit
dem Nchsten teilte, und wir beide blieben halbnackt, wie nach dem
russischen Sprichworte: >Wer ein paar Hasen gleichzeitig nachjagt, fngt
keinen einzigen.< Die Wissenschaft aber sagt: >Liebe vor allem zuerst
dich selbst, denn alles in der Welt ist auf persnlichem Interesse
begrndet.< Wenn man sich selbst liebt, wird man seine Angelegenheiten,
wie es sich gehrt, in Ordnung bringen, und der Rock bleibt einem ganz
und heil. Die wirtschaftlichen Gesetze fgen noch hinzu, da, je mehr es
in der Gesellschaft geordnete Privatangelegenheiten und sozusagen ganze
und heile Rcke gibt, da sie um so mehr Grundlagen hat, und da um so
mehr das Allgemeinwohl gefrdert wird. Also, indem ich allein und
ausschlielich fr mich selbst erwerbe, erwerbe ich dadurch auch fr
alle und trage dazu bei, da mein Nchster etwas mehr als einen
zerrissenen Rock erhlt, und nicht mehr als Wohltat von einzelnen
Privatpersonen, sondern infolge des allgemeinen Fortschritts. Der
Gedanke ist einfach, aber zum Unglck tauchte er zu spt auf, verdeckt
durch berschwnglichkeit und Schwrmerei, und es mchte scheinen, da
man nicht viel Witz braucht, um darauf zu kommen ...

Entschuldigen Sie, ich habe auch nicht viel Witz, unterbrach ihn
Rasumichin schroff, hren wir besser auf. Ich habe nur aus einem
bestimmten Zweck begonnen, sonst ist mir dies ganze Geschwtz, dieses
Sichselbst-Trsten, diese endlosen unaufhrlichen Gemeinpltze und dies
ewige Einerlei in drei Jahren so zuwider geworden, da ich bei Gott
errte, wenn auch andere, nicht ich blo, in meiner Gegenwart davon
sprechen. Sie haben sich selbstverstndlich beeilt, sich mit Ihren
Kenntnissen einzufhren, das ist sehr verzeihlich, und ich verurteile
Sie nicht. Ich aber wollte blo erfahren, wer Sie sind; denn sehen Sie,
in der letzten Zeit haben sich so viel und allerhand Industrieritter an
der allgemeinen Sache angeklebt und haben alles, womit sie in Berhrung
kamen, so zu ihrem Vorteil zugerichtet, da sie entschieden die ganze
Sache beschmutzt haben. -- Nun genug davon!

Mein Herr, begann Luschin, sich mit der grten Wrde aufrichtend,
wollen Sie etwa damit ausdrcken, da auch ich ...

Oh, bitte, bitte ... Knnte ich es denn! ... Nun genug! schnitt
Rasumichin ab und wandte sich unmittelbar an Sossimoff, um das frhere
Gesprch fortzusetzen.

Peter Petrowitsch zeigte sich so klug, sofort der Erklrung zu glauben,
beschlo aber, nach ein paar Minuten wegzugehen.

Ich hoffe, da unsere jetzt geschlossene Bekanntschaft, wandte er sich
an Raskolnikoff, nach Ihrer Genesung und infolge der Ihnen bekannten
Umstnde sich noch mehr befestigen wird ... Besonders wnsche ich Ihnen
gute Besserung ...

Raskolnikoff wandte nicht mal den Kopf um. Peter Petrowitsch schickte
sich an, aufzustehen.

Der Mrder war sicher ein Pfandgeber! Sossimoff stimmte zu.

Unbedingt ein Pfandgeber! wiederholte Rasumichin. Porphyri verrt
seine Gedanken nicht, aber er verhrt doch die Pfandgeber ...

Verhrt die Pfandgeber? fragte Raskolnikoff laut.

Ja, was ist denn?

Nichts.

Wo findet er sie denn? fragte Sossimoff.

Einige hat Koch genannt; von anderen waren die Namen auf den Umschlgen
der Sachen notiert, und manche kamen von selbst, als sie hrten ...

Na, das mu doch eine gewandte und erfahrene Kanaille sein! Welche
Khnheit! Welche Entschlossenheit!

Das ist es ja, da dies nicht der Fall ist! unterbrach Rasumichin.
Das bringt auch alle von der Spur ab. Ich aber sage -- er war ungewandt
und unerfahren und sicher war es das erstemal. -- Nimm Berechnung und
eine gewandte Kanaille an, und es erscheint unglaublich. Nimm aber einen
Unerfahrenen an, und es zeigt sich, da nur der Zufall ihn untersttzt
und gerettet hat, und was tut nicht der Zufall? Ich bitte dich, er hat
vielleicht nicht einmal Hindernisse vorausgesehen! Und wie fhrt er die
Tat aus? -- Er nimmt Sachen im Werte von zehn und zwanzig Rubel, stopft
sich damit die Taschen voll, whlt in dem Kasten, in allerhand
Weiberlumpen, -- und in der Kommode, in der oberen Schublade findet man
nachher in einer Schatulle an barem Gelde gegen anderthalb tausend,
auer den Wertpapieren. Er hat nicht mal verstanden zu rauben, er hat
blo verstanden zu morden! Ich sage dir, es ist sein erster Fall, sein
allererster; er hat seine Fassung verloren. Und nicht durch Berechnung,
sondern durch Zufall ist er entkommen.

Mir scheint, Sie sprechen von der krzlichen Ermordung der alten
Beamtenwitwe, mischte sich Peter Petrowitsch ein, sich an Sossimoff
wendend. Er stand schon mit dem Hute und Handschuhen in der Hand, aber
vor dem Fortgehen wollte er noch einige geistreiche Worte fallen lassen.
Er mhte sich sichtlich, einen guten Eindruck zu hinterlassen und die
Eitelkeit berwand die Vernunft.

Ja. Haben Sie davon gehrt?

Selbstverstndlich, es ist ja in der Nachbarschaft ...

Kennen Sie die Einzelheiten?

Das kann ich nicht behaupten. Mich aber interessiert dabei ein anderer
Umstand, sozusagen die ganze Frage. Ich spreche nicht davon, da in den
letzten fnf Jahren die Verbrechen in der unteren Klasse sich vermehrt
haben; ich spreche nicht von den ununterbrochenen Raubanfllen und
Feuersbrnsten, die berall nun vorkommen; am auffallendsten aber
erscheint mir, da die Verbrechen auch in den hheren Klassen sich
ebenso vermehren und sozusagen in paralleler Weise. Dort, hrt man, hat
ein ehemaliger Student auf offener Strae die Post beraubt; dort wieder
fabrizieren Menschen, die nach ihrer gesellschaftlichen Stellung zu den
ersten gehren, falsches Papiergeld; in Moskau ertappt man eine ganze
Gesellschaft beim Flschen von Scheinen der letzten Prmienanleihe, --
und einer der Hauptbeteiligten ist ein Professor der Weltgeschichte;
dort, im Auslande ermordet man einen von unsern Botschaftssekretren aus
rtselhaften Grnden ... Und wenn jetzt diese alte Pfandleiherin von
jemand aus der besseren Gesellschaft gettet ist, -- denn einfache Leute
versetzen keine Goldsachen, -- wie kann man denn diese Verdorbenheit des
gebildeten Teiles unserer Gesellschaft erklren?

Es gibt viele konomische Verschiebungen, bemerkte Sossimoff.

Wie erklren? unterbrach ihn Rasumichin.

Gerade durch die uns anhaftende Untchtigkeit kann man es erklren.

Wieso denn?

Was antwortete Ihr Professor in Moskau auf die Frage, warum er die
Scheine geflscht habe? Alle werden durch allerhand Mittel reich, da
wollte ich auch schnell reich werden -- das war seine Antwort. Des
Wortlautes entsinne ich mich nicht genau; aber der Sinn war, da er auf
fremde Kosten schnell, ohne zu arbeiten, reich werden wollte. Wir sind
gewohnt, Hilfe zu erhalten, am Gngelbande zu gehen, Vorgekautes zu
essen ... Nun, und schlgt die groe Stunde, da zeigt sich jeder in
seiner wahren Gestalt ...

Aber es gibt doch Moral. Und sozusagen Begriffe ...

Ja, was ereifern Sie sich denn? mischte sich Raskolnikoff pltzlich
ins Gesprch. Es ist doch nach Ihrer Theorie!

Wieso nach meiner Theorie?

Ziehen Sie doch die Konsequenzen dessen, was Sie vorhin predigten, und
es ergibt sich, da man Menschen umbringen darf ...

Aber ich bitte! rief Luschin aus.

Nein, so ist das nicht! bemerkt Sossimoff.

Raskolnikoff lag bleich mit zuckender Lippe da und atmete schwer.

Alles hat seine Grenzen, fuhr Luschin hochmtig fort, eine
konomische Idee ist noch keine Aufforderung zum Mord, und wenn man nur
annimmt ...

Ist es wahr, da Sie, unterbrach ihn von neuem Raskolnikoff mit vor
Wut zitternder Stimme, aus der man die Freude zu beleidigen heraus
merkte, ist es wahr, da Sie Ihrer Braut ... in derselben Stunde, als
Sie ihr Jawort erhielten, gesagt haben, da Sie sich am meisten darber
freuten ... da sie eine Bettlerin sei ... weil es vorteilhafter sei,
eine bettelarme Frau zu nehmen, um ber sie spter herrschen ... und ihr
vorhalten zu knnen, da Sie ihr Wohltter seien? ...

Mein Herr! rief Luschin betroffen und gereizt aus und wurde rot und
verwirrt. Mein Herr ... so meine Worte zu entstellen ... Entschuldigen
Sie, aber ich mu Ihnen sagen, da die Gerchte, die zu Ihnen gedrungen
sind, oder besser gesagt, die Ihnen zugetragen sind, auch nicht den
Schatten eines vernnftigen Grundes haben, und ich ... vermute, wer ...
mit einem Worte ... dieser ... Pfeil ... mit einem Worte, Ihre Frau
Mutter ... Sie erschien mir auch ohnedem, bei allen ihren brigens
ausgezeichneten Eigenschaften, in ihrer Auffassung ein wenig
schwrmerisch und romantisch angehaucht ... Aber ich war doch tausend
Meilen entfernt von der Voraussetzung, da sie die Sache in solch einer
von der Phantasie verunstalteten Weise auffassen und auslegen wrde ...
Und schlielich ... schlielich ...

Wissen Sie was? rief Raskolnikoff aus, erhob sich auf dem Kissen und
sah ihn mit durchdringendem, scharfem Blicke an. Wissen Sie was?

Was denn? Luschin hielt inne und wartete mit gekrnkter und
herausfordernder Miene.

Das Schweigen dauerte einige Sekunden.

Da, wenn Sie noch einmal ... wagen, nur ein Wort ... von meiner Mutter
zu erwhnen, ich Sie die Treppe hinunterwerfe!

Was ist dir? rief Rasumichin aus.

Ah, so ist die Sache! Luschin erbleichte und bi sich auf die Lippen.
Hren Sie, Herr, begann er stockend und mit aller Kraft an sich
haltend, aber dennoch atemlos, ich habe schon vorhin beim ersten
Schritt Ihre Feindseligkeit erraten, aber ich blieb absichtlich hier, um
noch mehr zu erfahren. Vieles konnte ich einem Kranken und Verwandten
zugute halten, jetzt aber ... Ihnen ... niemals ...

Ich bin nicht krank! rief Raskolnikoff aus.

Um so schlimmer ...

Scheren Sie sich zum Teufel!

Luschin ging schon von selbst, ohne seine Rede zu vollenden, indem er
wieder zwischen dem Tisch und Stuhl hindurchkroch; Rasumichin stand
diesmal auf, um ihn durchzulassen. Ohne jemand anzusehen und ohne sogar
Sossimoff mit einem Kopfnicken zu gren, der ihm lngst schon Zeichen
gegeben hatte, den Kranken in Ruhe zu lassen, ging Luschin hinaus, und
als er durch die Tr gebckt hindurchging, hielt er vorsichtshalber
seinen Hut in Schulterhhe. Sogar die Krmmung seines Rckens schien
ausdrcken zu wollen, da er sich furchtbar beleidigt fhle.

Aber wie kann man denn, wie kann man denn so ... sagte der verblffte
Rasumichin und schttelte den Kopf.

Lat mich, lat mich alle in Ruhe! rief Raskolnikoff rasend. Ja,
wollt ihr endlich mich in Ruhe lassen, ihr Qulgeister! Ich frchte euch
nicht! Ich frchte jetzt niemand, niemand! Geht fort! Ich will allein
sein, allein, allein sein!

Gehen wir! sagte Sossimoff und winkte Rasumichin.

Erlaube, kann man ihn denn so lassen?

Gehen wir, bestand Sossimoff und ging hinaus.

Rasumichin sann nach und lief dann hinaus, ihn einzuholen.

Es knnte schlimmer werden, wenn wir nicht gehorcht htten, sagte
Sossimoff, schon auf der Treppe. Man darf ihn nicht reizen ...

Was ist mit ihm?

Wenn ihm blo etwas Glckliches widerfahren wollte, das wre gut.
Vorhin war er bei Krften ... Weit du, er hat etwas auf dem Herzen.
Etwas Starkes, Bedrckendes ... Das frchte ich sehr!

Ja, vielleicht ist es dieser Herr Peter Petrowitsch! Aus dem Gesprche
konnte man entnehmen, da er seine Schwester heiraten will, und da
Rodja darber kurz vor der Krankheit einen Brief erhalten hat ...

Ja; der Teufel hat ihn jetzt hergefhrt; vielleicht hat er die ganze
Sache verdorben. Hast du aber gemerkt, da er gegen alles gleichgltig
ist, ber alles schweigt, auer den einen Punkt, wo er aus sich
herausgeht -- den Mord ...

Ja, ja! besttigte Rasumichin. Ich habe es sehr gut gemerkt. Er
interessiert sich dafr, gert in Aufregung. Man hat ihn am Tage, als er
krank wurde, in dem Polizeibureau damit erschreckt; er fiel in
Ohnmacht.

Erzhle mir darber genauer heute abend, ich will dir auch spter etwas
sagen. Er interessiert mich sehr! Nach einer halben Stunde will ich ihn
aufsuchen ... Ein Fieber wird brigens nicht folgen.

Ich danke dir. Ich will unterdessen bei der lieben Praskovja warten und
will durch Nastasja ihn beobachten lassen ...

Raskolnikoff blickte voll Ungeduld und traurig Nastasja an; sie aber
zgerte wegzugehen.

Willst du jetzt Tee trinken? fragte sie ihn.

Nachher! Ich will schlafen! La mich ... Er wandte sich krampfhaft der
Wand zu. Nastasja ging hinaus.


                                  VI.

Kaum aber war sie hinausgegangen, als er aufstand, die Tr zuhakte, das
Bndel mit Kleidern, das Rasumichin vorhin gebracht und wieder
zugebunden hatte, aufmachte und sich anzukleiden begann. Merkwrdig,
pltzlich schien er vllig ruhig geworden zu sein, weder das
halbwahnsinnige Phantasieren, wie vorhin, noch die panische Angst, wie
in der ganzen letzten Zeit, waren vorhanden. Es war der erste Augenblick
einer seltsamen Ruhe. Seine Bewegungen waren bestimmt und klar, eine
feste Absicht lag in ihnen. Heute noch, heute noch! ... murmelte er
vor sich hin. Er begriff jedoch, da er noch schwach sei, aber eine
starke, seelische Spannung, die sich bis zur Ruhe, bis zu einer
unerschtterlichen Idee gesteigert hatte, verlieh ihm Kraft und
Selbstbewutsein; er hoffte auch, da er auf der Strae nicht hinstrzen
wrde. Nachdem er sich neu angezogen hatte, erblickte er das Geld, das
auf dem Tische lag, dachte nach und steckte es in die Tasche. Es waren
fnfundzwanzig Rubel. Er nahm auch das Kupfergeld, den Rest von den zehn
Rubeln, die Rasumichin fr die Kleidung ausgegeben hatte. Dann hob er
leise den Haken ab, ging aus dem Zimmer, stieg die Treppe hinab und warf
einen Blick in die weit geffnete Kche! Nastasja stand mit dem Rcken
gegen ihn und blies gebckt in den Samowar. Sie hatte nichts gehrt. Wer
konnte auch voraussetzen, da er fortgehen wrde? Nach einer Minute war
er schon auf der Strae.

Es war gegen acht Uhr, die Sonne ging unter. Es herrschte die frhere
Schwle, aber er atmete gierig diese stinkende, staubige, durch die
Stadt verpestete Luft ein. Der Kopf begann ihm ein wenig zu schwindeln;
eine wilde Energie blitzte in seinen entzndeten Augen und in seinem
abgemagerten, bleichen, gelben Gesichte auf. Er wute nicht und dachte
auch nicht nach, wohin er wollte; er wute blo eins, da man _alles_
heute noch, mit einem Schlage, sofort beenden msse, da er anders nicht
nach Hause zurckkehren wrde, weil er nicht so weiterleben wolle. Wie
enden? Wodurch? Davon hatte er keinen Begriff und wollte auch daran
nicht denken. Er verscheuchte den Gedanken, der ihn qulte. Blo eins
fhlte und wute er, da alles sich ndern msse, so oder so; einerlei
wie, wiederholte er mit einer verzweifelten, starren Entschlossenheit
und Festigkeit.

Nach seiner Gewohnheit ging er wieder dem Heumarkt zu. Kurz vor dem
Heumarkte stand auf der Strae vor einem kleinen Laden ein junger
schwarzhaariger Mann mit einem Leierkasten und spielte ein rhrseliges
Stck. Er begleitete ein fnfzehnjhriges Mdchen, das vor ihm auf dem
Fusteig stand und wie eine Dame mit Krinoline, Mantille, Handschuhen
und einem Strohhut mit einer Feder von flammendem Rot bekleidet war;
alles war alt und abgetragen. Sie sang in Erwartung einer
Zweikopekenmnze eine Romanze mit zitternder, aber nicht unangenehmer
und krftiger Straenstimme. Raskolnikoff blieb neben ein paar anderen
Zuhrern stehen, hrte zu, nahm ein Fnfkopekenstck und legte es in die
Hand des jungen Mdchens. Sie brach bei der hchsten und rhrseligsten
Note ab, rief dem Leiermann scharf Schlu! zu, und beide wanderten
weiter zu dem nchsten Laden.

Haben Sie Straengesang gern? wandte sich pltzlich Raskolnikoff an
einen nicht mehr jungen Mann, der neben ihm stand und das Aussehen eines
Bummlers hatte. Dieser blickte ihn erschrocken und verwundert an.

Ich habe es gern, fuhr Raskolnikoff fort, und mit einem Ausdrucke, als
rede er gar nicht ber Straengesang. Ich liebe es, wenn nach einer
Leierkastenmelodie gesungen wird an einem kalten, dunklen und feuchten
Herbstabend, unbedingt an einem feuchten, wenn alle Vorbergehenden
blagrne und kranke Gesichter haben, oder noch besser, wenn ein nasser
Schnee kerzengerade, ohne Wind, niederfllt, wissen Sie, und die
Gasflammen hindurchschimmern ...

Ich wei nicht ... Entschuldigen Sie ... murmelte der Herr, betroffen
ber die Worte und das sonderbare Aussehen Raskolnikoffs, und ging auf
die andere Seite der Strae hinber.

Raskolnikoff schritt weiter und kam zu der Ecke auf dem Heumarkte, wo
der Kleinbrger und seine Frau, die sich damals mit Lisaweta
unterhielten, ihren Handel trieben, aber sie waren jetzt nicht da. Als
er die Stelle erkannt hatte, blieb er stehen, sah sich um und wandte
sich an einen jungen Burschen im roten Hemde, der am Eingange eines
Mehlladens ghnte.

Hier an der Ecke handelt doch ein Kleinbrger und seine Frau, nicht
wahr?

Es handeln hier viele Leute, antwortete der Bursche und blickte
Raskolnikoff von oben herab an.

Wie heit er?

Wie man ihn getauft hat, so heit er auch.

Bist du nicht aus dem Rjasanschen Gouvernement? Aus welcher Gegend bist
du denn?

Der Bursche sah Raskolnikoff wieder an.

Wie soll ich es denn wissen, Eure Durchlaucht, bin zu dumm, um es zu
wissen ... Entschuldigen Sie gtigst, Durchlaucht.

Ist dort oben eine Schenke?

Das ist ein Restaurant, hat auch ein Billard und schne Damen findet
man dort auch ... Tra-la-la.

Raskolnikoff ging quer ber den Platz. Dort auf der anderen Ecke stand
eine dichte Volksmenge, lauter Bauern. Er zwngte sich durch den
dicksten Knuel und sah die Gesichter an. Aus irgendeinem Grunde zog es
ihn an alle anzureden. Aber die Bauern schenkten ihm keine Beachtung und
lamentierten alle unter sich. Er blieb stehen, dachte nach und ging nach
rechts, auf den Fusteg, in der Richtung zu dem W.-schen Prospekt. Als
er den Platz verlassen hatte, geriet er in die N.-Gasse.

Er war auch frher oft durch diese sehr kurze Gasse gegangen, die eine
Biegung macht und von dem Platze auf die Ssadowaja fhrte. In der
letzten Zeit zog es ihn sogar an, wenn es ihm schwer zumute war, in
dieser Gegend herumzuirren, damit es ihm noch schwerer werden sollte.
Jetzt aber war er hierhergekommen, ohne etwas zu wollen. Hier gab es ein
groes Haus, das ganz mit Schenken und anderen Speise- und
Trinkanstalten angefllt war; alle Augenblicke kamen von dort
Frauenzimmer herausgelaufen, gekleidet, wie man in der Nachbarschaft
herumzugehen pflegt -- ohne Kopfbekleidung und berrock. Sie sammeln
sich auf dem Fusteig an, ein paar stehen in Gruppen, besonders bei den
Eingngen in das Erdgescho, wo man zwei Stufen tiefer in allerhand sehr
lustige Lokale gelangen konnte. In einem von diesen Etablissements
herrschte in diesem Augenblicke starker Lrm und Geschrei, so da man es
in der ganzen Strae hren konnte, auf einer Guitarre wurde geklimpert,
es wurde gesungen, es ging sehr bunt zu. Eine groe Gruppe von Frauen
drngte sich am Eingange; einige saen auf den Stufen, andere auf dem
Fusteig, andere wieder standen und unterhielten sich. Auf dem Fahrdamme
daneben schlenderte ein betrunkener Soldat mit einer Zigarette,
schimpfte laut und wie es schien, wollte er irgendwo hineingehen, aber
wahrscheinlich hatte er vergessen, wohin er wollte. Ein zerlumpter Kerl
schimpfte einen anderen und ein total Betrunkener lag quer ber der
Strae. Raskolnikoff blieb bei der groen Gruppe von Weibern stehen. Sie
sprachen mit heiseren Stimmen, alle hatten sie Kattunkleider an und
billige Stiefel und waren barhaupt. Einige waren ber vierzig Jahre alt,
es waren aber auch siebzehnjhrige dabei, fast alle hatten sie zerblute
Gesichter. -- Aus irgendeinem Grunde interessierte ihn der Gesang und
dieser ganze Lrm und Tumult dort unten ... Man konnte hren, wie unter
Lachen und Kreischen jemand mit einer hohen Fistelstimme burschikos zu
einer Guitarre sang und wie ein anderer toll dazu tanzte und mit den
Abstzen den Takt schlug. Er hrte aufmerksam, dster und nachdenklich
zu, indem er, am Eingange stehend und sich vorbeugend, neugierig in das
Vorzimmer hineinblickte.

   Oh, mein schner Schutzmann
   Schlgt mich so ohne Grund! ...

ertnte die dnne Stimme des Sngers. Raskolnikoff hatte schreckliche
Lust zu hren, was man sang, als wre das jetzt die Hauptsache.

Soll ich nicht hineingehen? dachte er. Sie lachen laut! Aus
Betrunkenheit. Warum soll ich mich nicht auch betrinken?

Kommen Sie doch herein, lieber Herr! sagte eine der Frauen mit
ziemlich heller und nicht ganz heiserer Stimme. Sie war jung und gar
nicht abstoend -- die einzige von der ganzen Gruppe.

Sieh mal, wie hbsch du bist! antwortete er, den Kopf erhebend und
blickte sie an.

Sie lchelte; das Kompliment hatte ihr sehr gefallen.

Sie sind auch selbst sehr hbsch, sagte sie.

Wie mager Sie sind! bemerkte eine andere mit einer Bastimme. Kommen
wohl eben aus dem Krankenhause?

Ihr seid alle aus feiner Familie, aber die Nasen sind zu platt!
unterbrach sie pltzlich ein herantretender Bauer, ein wenig
angeheitert, mit einem listig lchelnden Gesichte. -- Das ist aber ein
Vergngen!

Geh hinein, wenn du schon da bist!

Ich will auch hineingehen. Du Se!

Und er stolperte hinunter.

Raskolnikoff ging weiter.

Hren Sie, mein Herr! rief ihm das Mdchen nach.

Was?

Sie tat schmig.

Ich wrde mich freuen, mein Herr, mit Ihnen die Zeit zu vertreiben, ich
bin aber ganz auer Fassung vor Ihnen. Schenken Sie mir, hoher Herr,
sechs Kopeken zu einem Trunk.

Raskolnikoff nahm heraus, was er erfat hatte -- es waren fnfzehn
Kopeken.

Ach, was fr ein guter Herr!

Wie heit du?

Fragen Sie nach Duklida.

Nein, das geht nicht an, sagte pltzlich eine aus der Gruppe und
schttelte den Kopf ber Duklida. Ich verstehe nicht, wie man so
betteln kann. Ich wrde vor lauter Scham in die Erde sinken ...

Raskolnikoff blickte neugierig die Sprechende an. Es war ein
pockennarbiges Mdchen, etwa dreiig Jahre alt, voll blauer Flecken mit
geschwollener Lippe. Sie sprach und tadelte ruhig und ernst.

Wo habe ich, dachte Raskolnikoff, whrend er weiterging, wo habe ich
es gelesen, wie ein zum Tode Verurteilter eine Stunde vor seinem Ende
spricht oder denkt, da wenn er irgendwo auf einer Hhe, auf einem
Felsen und auf einem schmalen Streifen, wo er blo seine zwei Fe
hinsetzen knnte, leben sollte, -- umgeben von Abgrnden, von Ozean, von
ewiger Finsternis, ewiger Einsamkeit und ewigem Sturm, -- und so, auf
diesem ellenbreiten Streifen stehend, sein ganzes Leben, tausend Jahre,
eine Ewigkeit verbringen mte, -- da es besser sei so zu leben, als
sofort zu sterben! Nur leben, leben, leben! Wie, ganz gleich! -- blo
leben! ... Wie wahr! Herrgott, wie wahr! Der Mensch ist ein Schuft! ...
Und ein Schuft ist der, welcher ihn darum einen Schuft nennt, fgte er
nach einer Weile hinzu.

Er kam auf eine andere Strae hinaus.

Ah! Das ist ja der Kristallpalast! Rasumichin sprach vorhin vom
Kristallpalast! Ja, was wollte ich aber? Ah, ich wollte lesen! ...
Sossimoff erzhlte, da er in den Zeitungen gelesen htte ...

Haben Sie Zeitungen? fragte er, indem er in ein ziemlich gerumiges
und sogar reinliches Restaurant mit mehreren jetzt ziemlich leeren
Rumen eintrat. Zwei, drei Gste tranken Tee und in einem der
Hinterzimmer saen etwa vier Menschen und tranken Champagner.
Raskolnikoff glaubte unter ihnen Sametoff zu erkennen. Von weitem konnte
man es nicht unterscheiden.

Und wenn auch! dachte er.

Befehlen Sie Branntwein? fragte der Kellner.

Bringe mir Tee. Und bringe mir Zeitungen, alte Zeitungen, so von den
letzten fnf Tagen, ich gebe dir ein Trinkgeld dafr.

Jawohl. Hier sind die heutigen. Befehlen Sie auch Branntwein?

Alte Zeitungen und der Tee erschienen. Raskolnikoff setzte sich hin und
begann zu suchen: -- Isler ... Isler ... Azteken ... Azteken ... Isler
... Bartola ... Massimo ... Azteken ... Isler ... pfui, zum Teufel! ah,
da ist die Lokalchronik ... von der Treppe herabgestrzt ... ein
Kleinbrger gestorben an Alkoholvergiftung ... Feuersbrunst ...
Feuersbrunst ... noch eine Feuersbrunst ... und noch eine Feuersbrunst
... Isler ... Massimo ... Isler ... Isler ... Massimo ... Ah, da ist es
...

Er hatte endlich gefunden, was er suchte und begann zu lesen; die Zeilen
hpften vor seinen Augen, trotzdem las er die ganze Nachricht zu Ende
und begann voll Gier in den weiteren Nummern die Fortsetzung zu suchen.
Seine Hnde zitterten vor starker Ungeduld, indem er in den Zeitungen
bltterte. Pltzlich setzte sich jemand neben ihn, an seinen Tisch. Er
schaute hin -- es war Sametoff, derselbe Sametoff und mit demselben
uern, mit Ringen, Uhrketten, mit einem Scheitel in seinen schwarzen
gekruselten und pomadisierten Haaren, in einer eleganten Weste, in
einem etwas abgetragenen Rocke und nicht ganz reiner Wsche. Er war
lustig gestimmt, wenigstens lachte er sehr vergngt und gutmtig. Sein
gebruntes Gesicht war vom genossenen Champagner ein wenig erhitzt.

Wie! Sie hier? begann er mit Staunen und in einem Tone, als wre er
ein ewigalter Bekannter. Mir erzhlte gestern noch Rasumichin, da Sie
immer noch bewutlos daliegen. Das ist merkwrdig! Wissen Sie, ich war
bei Ihnen ...

Raskolnikoff hatte sich's gedacht, da er zu ihm herankommen wrde. Er
legte die Zeitungen beiseite und wandte sich zu Sametoff. Auf seinen
Lippen spielte ein hmisches Lcheln, aber in diesem Lcheln lag eine
gereizte Ungeduld.

Ich wei es, da Sie da waren, antwortete er, ich habe es gehrt. Sie
haben meinen Strumpf gesucht ... Wissen Sie, Rasumichin ist ganz
entzckt von Ihnen, er erzhlte, da Sie mit ihm bei Louisa Iwanowna
waren, wissen Sie, wegen der Sie damals so angelegentlich dem Leutnant
Pulver zuzwinkerten und er immer nicht begriff, erinnern Sie sich noch?
Und es war doch nicht viel zu verstehen -- es war ja eine klare Sache
... nicht?

Was fr ein Schwtzer er ist!

Pulver?

Nein, Ihr Freund Rasumichin ...

Sie haben es gut, Herr Sametoff; zu den angenehmsten Orten zollfreien
Eintritt! Wer hat Ihnen soeben Champagner spendiert?

Wir haben ... ein wenig getrunken ... Und Sie sagen -- spendiert?!

Ein wenig Honorar! Sie ziehen eben aus allem Nutzen! Raskolnikoff
lachte. Hat nichts zu sagen, mein guter junger Mann, tut nichts! fgte
er hinzu und schlug Sametoff auf die Schulter. Ich sage es nicht aus
Bosheit, sondern >aus Freundschaft, im Scherze,< so wie der Arbeiter
sagte, als er Dmitri schlug, wissen Sie, in der Sache der Alten ...

Woher wissen Sie es?

Ich wei vielleicht mehr als Sie ...

Wie komisch Sie sind ... Wahrscheinlich sind Sie noch sehr krank. Es
war unvorsichtig von Ihnen auszugehen.

Erscheine ich Ihnen komisch?

Ja. Was lesen Sie da, Zeitungen?

Ich lese Zeitungen.

Es wird viel von Feuersbrnsten geschrieben.

Nein, ich lese nicht ber Feuersbrnste. Hier blickte er Sametoff
rtselhaft an; ein hhnisches Lcheln verzog wieder seine Lippen. Nein,
ich las nicht ber Feuersbrnste, fuhr er fort und zwinkerte Sametoff
zu. Gestehen Sie nur, lieber junger Mann, da Sie furchtbar gern wissen
mchten, was ich gelesen habe?

Ich will es gar nicht wissen; ich habe blo so gefragt. Darf man denn
nicht fragen? Was haben Sie nur immer ...

Hren Sie, Sie sind doch ein gebildeter, belesener Mensch?

Ich habe die Sekunda eines Gymnasiums, antwortete Sametoff mit Wrde.

Die Sekunda! Ach, Sie kleiner Spatz! Mit einem Scheitel, mit Ringen --
ein reicher Mann! Nein, welch ein lieber Junge! Hier verfiel
Raskolnikoff in ein nervses Lachen und lachte Sametoff direkt ins
Gesicht. Der fuhr zurck und war, wie es schien, nicht gekrnkt, eher
sehr verwundert.

Nein, wie komisch Sie sind! wiederholte Sametoff ernsthaft. Mir
scheint, Sie phantasieren immer noch.

Ich phantasiere? Das lgst du, mein Sptzchen! ... Also, ich bin
komisch? Nun errege ich aber Ihre Neugier? Nicht wahr?

Ja, Sie erregen meine Neugier.

Soll ich Ihnen also sagen, was ich gelesen, was ich gesucht habe? Sehen
Sie, wieviel Nummern ich mir bringen lie. Erscheint das nicht
verdchtig?

Sagen Sie mir ...

Sind Ihre Ohren gespitzt?

Warum sollen sie gespitzt sein?

Ich will es Ihnen nachher sagen, jetzt aber erklre ich Ihnen, mein
Lieber ... nein, besser, >ich gestehe< ... Nein, das ist auch nicht das
richtige, >ich gebe es Ihnen zu Protokoll und Sie schreiben es,< so
lautet's doch. Also, ich gebe zu Protokoll, da ich gelesen, mich
interessiert, gesucht habe ... nachgeforscht ...

Raskolnikoff kniff die Augen zusammen und wartete eine Weile.
Nachgeforscht habe, -- und bin auch darum hierher gekommen, -- betreffs
der Ermordung der Alten, der Beamtenwitwe, sagte er endlich, fast im
Flstertone, wobei er mit seinem Gesichte auerordentlich nahe dem
Sametoffs kam.

Sametoff sah ihn unverwandt an, ohne sich zu bewegen und ohne sein
Gesicht zurckzuziehen. Am merkwrdigsten erschien es Sametoff nachher,
da das Schweigen wohl eine volle Minute gedauert hatte und da sie
solange einander anblickten.

Nun, was ist dabei, da Sie darber gelesen haben? rief er pltzlich
ungehalten und ungeduldig aus. Was geht das mich an? Was ist denn
dabei?

Das ist dieselbe Alte, fuhr Raskolnikoff fort, in demselben
Flstertone und ohne sich bei dem Ausrufe Sametoffs zu rhren, es ist
dieselbe, von der man, erinnern Sie sich, im Polizeibureau zu sprechen
begann, wobei ich in Ohnmacht fiel. Merken Sie was?

Ja, was denn? Was ... soll ich merken? sagte Sametoff unruhig.

Das unbewegliche und ernste Gesicht Raskolnikoffs vernderte sich
pltzlich und wieder verfiel er in das nervse Lachen von vorhin, als
htte er keine Macht darber. Und auf einen Augenblick schwebte ihm
auerordentlich klar und intensiv jener Moment vor Augen, als er mit dem
Beil hinter der Tre stand, wie der Haken hpfte, und wie die hinter der
Tr schimpften und an der Tre rissen, und wie er pltzlich Lust bekam,
ihnen zuzurufen, sie zu schimpfen, ihnen die Zunge zu zeigen, sie zu
verhhnen, zu lachen, laut zu lachen, lachen und lachen!

Sie sind entweder verrckt oder ... sagte Sametoff -- und hielt inne,
als htte er ber einem pltzlichen Gedanken die Sprache verloren.

Oder? Was -- >oder<? Was ist's? Sprechen Sie?

Nichts! antwortete Sametoff gereizt. Es ist ja alles Unsinn!

Beide verstummten. Auf den Lachanfall wurde Raskolnikoff gleich wieder
nachdenklich und dster. Er sttzte die Ellenbogen auf den Tisch und
legte den Kopf in die Hand. Es schien, als htte er die Gegenwart
Sametoffs vllig vergessen. Das Schweigen dauerte ziemlich lange.

Warum trinken Sie Ihren Tee nicht? Er wird kalt, sagte Sametoff.

Ah? Was? Tee? ... Meinetwegen ... Raskolnikoff nahm einen Schluck aus
dem Glase, steckte ein kleines Stck Brot in den Mund, blickte Sametoff
an und schien sich auf einmal an alles zu erinnern. Sein Gesicht nahm im
selben Augenblick den frheren hhnischen Ausdruck an. Er fuhr fort, Tee
zu trinken.

Heutzutage passieren viele Gaunereien, sagte Sametoff. Ich las vor
kurzem in den >Moskowskije Wedomosti<, da man in Moskau eine Bande
Falschmnzer festgenommen habe. Es war eine ganze Gesellschaft ... Sie
flschten Papiergeld.

Oh, das ist schon lange her. Ich habe es vor einem Monat gelesen,
antwortete Raskolnikoff ruhig.

Also, das sind Ihrer Meinung nach Gauner! fgte er lchelnd hinzu.

Warum nicht Gauner?

Die? Das sind Grnspechte, aber keine Gauner! Ganze fnfzig Menschen
vereinigen sich zu diesem Zwecke! Geht denn das an? Bei so einer Sache
sind schon drei zu viel, da mu jeder dem andern mehr als sich selbst
vertrauen. Es braucht blo einer in Betrunkenheit mit anderen zu
plappern, und alles ist verloren! Grnspechte waren es! Sie mieteten
sich unzuverlssige Menschen, um das Geld in allerhand Banken umwechseln
zu knnen, -- so eine Sache dem ersten besten anvertrauen! Nun gut,
nehmen wir an, da es ihnen geglckt wre, jeder hat eine Million
eingewechselt, nun, was weiter, das ganze Leben hindurch? Jeder ist von
dem anderen sein Lebelang abhngig! Da ist es besser, sich gleich zu
erhngen! Und sie verstanden nicht mal einzuwechseln, -- der eine geht
in eine Bank zum wechseln, empfngt fnftausend und die Hnde beginnen
zu zittern. Viertausend zhlt er nach, das fnfte Tausend aber nimmt er
ohne nachzuzhlen, auf gut Glauben, um es schneller in die Tasche
stecken zu knnen und fortzulaufen. Er erregte Verdacht, und die ganze
Sache ging in die Brche blo wegen eines einzigen Dummkopfes! Ja, ist
das denkbar?

Da die Hnde zitterten? unterbrach Sametoff.

Das ist denkbar. Ich bin vollkommen berzeugt, da es mglich ist.
Manchmal kann man so etwas nicht standhalten.

So etwas?

Knnten Sie standhalten? Ich hielte es nicht aus! Fr eine Bezahlung
von hundert Rubel diese Angst auf sich nehmen! Nein! Mit einem
geflschten Papier hingehen -- und wohin noch -- in ein Bankhaus, wo sie
so gewitzt sind, -- nein, ich htte die Fassung verloren. Und Sie htten
nicht die Fassung verloren?

Raskolnikoff hatte pltzlich wieder groe Lust, die Zunge zu zeigen.
Ein Schttelfrost packte ihn wieder.

Ich wrde nicht so gehandelt haben, begann er, weit ausholend. Ich
htte so gewechselt, -- ich htte das erste Tausend so gegen viermal von
allen Seiten nachgezhlt, jeden Schein betrachtet, und htte mich dann
an das zweite Tausend gemacht; ich htte angefangen zu zhlen, wre bis
zur Hlfte gekommen, htte dann irgendeinen Schein von fnfzig Rubel
hervorgeholt, und ihn gegen das Licht gehalten, dann ihn umgedreht und
wieder gegen das Licht gehalten, -- ob er nicht geflscht ist? Ich bin
ngstlich -- htte ich gesagt, -- eine Verwandte von mir hat auf diese
Weise vor kurzem fnfundzwanzig Rubel eingebt, -- und htte nun eine
Geschichte zum Besten gegeben. Und wenn ich das dritte Tausend zu zhlen
angefangen htte, -- wrde ich sagen, -- erlauben Sie, ich habe, scheint
mir, in dem zweiten Tausend das siebente Hundert nicht richtig
nachgezhlt, ich bin im Zweifel. -- Ich htte das dritte Tausend zur
Seite gelegt und wieder das zweite Tausend nachgezhlt, -- und in dieser
Weise htte ich es mit allen fnf gemacht. Und wenn ich damit fertig
gewesen wre, htte ich aus dem zweiten und aus dem fnften Tausend je
einen Schein herausgenommen, gegen das Licht gehalten und voll Zweifel
gebeten, ihn umzutauschen, -- und ich htte den Angestellten zum
Schwitzen gebracht, so da er alles getan htte, um mich endlich los zu
werden. Und nach dem allen wre ich schlielich zur Tre gegangen, htte
sie geffnet -- und wre wieder zurckgegangen, um unter Entschuldigung
irgend etwas zu fragen oder mich ber etwas zu erkundigen, -- sehen Sie,
so htte ich es gemacht!

Oh, was fr Schauergeschichten Sie erzhlen! sagte Sametoff lachend.
Das redet man so, bei der Ausfhrung aber wrden Sie schon stolpern.
Bei so einer Sache, sage ich Ihnen, kann nicht mal ein gebter,
geriebener Mensch fr sich einstehen, geschweige denn wir beide. Wozu so
weit ausholen, -- da haben Sie ein Beispiel, in unserem Revier hat man
eine alte Frau ermordet. Allem Anschein nach ein verwegener Bursche, am
hellen lichten Tage hat er's gewagt, nur durch ein Wunder rettete er
sich, -- die Hnde aber haben doch versagt; er hat nicht verstanden zu
stehlen, hat nicht standgehalten; man sieht es aus dem Tatbestande ...

Raskolnikoff schien sich gekrnkt zu fhlen.

Man sieht es! So nehmen Sie ihn doch fest! rief er hhnisch aus, um
Sametoff zu reizen.

Man wird ihn schon kriegen.

Wer? Sie? Sie wollen ihn kriegen? Das wird lange dauern! Sehen Sie, was
ist denn bei Ihnen die Hauptsache, -- ob ein Mensch viel Geld ausgibt
oder nicht? Hatte er vor kurzem keins, gibt jetzt pltzlich Geld aus, --
so mu er das sein! In dieser Weise kann Sie jedes kleine Kind
irrefhren, wenn es will.

Das ist es ja, da sie alle so handeln, antwortete Sametoff. Erst
morden sie mit Bedacht, riskieren ihr Leben und gehen dann fort ohne
Beute in eine Schenke und werden dort festgenommen. Beim Geldausgeben
werden sie festgenommen. Nicht alle sind so schlau wie Sie. Sie wrden
selbstverstndlich in keine Schenke gehen!

Raskolnikoff zog die Augenbrauen zusammen und blickte Sametoff scharf
an.

Sie haben, wie es scheint, Appetit bekommen und mchten wissen, wie ich
auch in diesem Falle gehandelt htte? fragte er bitter.

Ich mchte es sehr gern wissen, antwortete jener fest und bestimmt.
Seine Stimme und sein Blick waren jetzt fast zu ernst geworden.

Sehr?

Sehr.

Gut. Ich htte folgendermaen gehandelt, begann Raskolnikoff, indem er
pltzlich sein Gesicht wieder dem Sametoffs nherte, ihn unverwandt
anblickte und wieder im Flstertone sprach, so da jener diesmal
zusammenzuckte. Ich htte folgendermaen gehandelt, -- ich htte das
Geld und die Sachen an mich genommen und kaum entkommen, wre ich sofort
ohne Aufenthalt zu einem abgelegenen Platz gegangen, wo es nur Zune
gibt und wo es fast menschenleer ist, -- zu einem Gemsegarten oder
etwas hnlichem. Ich htte mir dort auf diesem Hofe schon frher
irgendeinen Stein, ungefhr im Gewichte von zwanzig Kilo oder mehr
ausgesucht, irgendwo in einer Ecke am Zaune einen Stein also, der,
seitdem das Haus gebaut ist, dort liegt; ich htte diesen Stein
aufgehoben -- unter ihm mu es eine Vertiefung geben, -- und in diese
Vertiefung htte ich alle Sachen und das Geld hineingelegt. Dann htte
ich den Stein auf seinen alten Platz gerckt, die Erde ringsum mit dem
Fue ausgeglttet und wre fortgegangen. Ja, und ich wrde ein Jahr,
zwei oder auch drei Jahre nichts angerhrt haben, -- nun, sucht mal! Es
war da und nun ist es weg.

Sie sind verrckt! sagte Sametoff auch fast im Flstertone und rckte
pltzlich von Raskolnikoff weg.

Raskolnikoffs Augen funkelten; er war furchtbar bleich, seine Oberlippe
zuckte und zitterte. Er beugte sich zu Sametoff noch nher hin und
bewegte die Lippen, ohne etwas zu sagen; das whrte eine halbe Minute;
er wute, was er tat, aber er konnte sich nicht mehr halten. Ein
frchterliches Wort, wie damals der Haken an der Tre, hpfte auf seinen
Lippen -- jeden Augenblick konnte es sich lsen, er brauchte es nur
entschlpfen zu lassen, nur auszusprechen!

Wie, wenn ich die Alte und Lisaweta ermordet htte? sagte er pltzlich
und -- kam zu sich. Sametoff blickte ihn wild an und wurde so wei wie
das Tischtuch. Sein Gesicht verzog sich zu einem Lcheln.

Wie wre das mglich? sagte er kaum hrbar.

Raskolnikoff blickte ihn zornig an.

Gestehen Sie, da Sie es glaubten? -- Ja? Nicht wahr?

Nein, nicht! Jetzt weniger als je! sagte Sametoff hastig.

Nun haben Sie sich verraten! Das Sptzlein ist erwischt! Also haben Sie
es frher geglaubt, wenn Sie es >jetzt weniger als je< glauben?

Aber gar nicht! rief Sametoff sichtlich betroffen. Sie haben mich
deshalb erschreckt, um mich dahin zu bringen?

Also Sie glaubten es nicht? Worber aber sprachen Sie damals, als ich
aus dem Bureau fortging? Und warum verhrte mich der Leutnant Pulver
nach meiner Ohnmacht? Hr mal, du! rief er dem Kellner zu, stand auf
und nahm seine Mtze. Was habe ich zu zahlen?

Dreiig Kopeken im ganzen! antwortete der Kellner.

Da hast du noch zwanzig Kopeken als Trinkgeld. Sehen Sie, wieviel Geld
ich habe, er streckte Sametoff seine zitternde Hand mit Papiergeld hin,
-- rote und blaue Scheine, fnfundzwanzig Rubel sind es. Woher habe ich
es? Und woher stammt die neue Kleidung? Sie wissen doch, da keine
Kopeke da war! Sie haben doch sicher meine Wirtin ausgefragt ... Nun,
genug! _Assez caus!_{[2]} Auf Wiedersehen ... auf angenehmes
Wiedersehen! ...

Er ging hinaus, am ganzen Krper von einer wilden, hysterischen
Erregtheit zitternd, in die sich das Gefhl eines qualvollen Genusses
mischte, -- sonst aber dster und todmde. Sein Gesicht war verzerrt,
wie nach einem Anfalle. Und seine Ermattung nahm rasch berhand. Seine
Krfte lieen sich spannen und zeigten sich beim ersten Anla, beim
ersten Empfinden des Reizes und erschlafften ebenso schnell, in dem
Mae, wie der Reiz nachlie.

Nachdem Sametoff allein geblieben war, sa er noch lange sinnend auf
demselben Platz. Raskolnikoff hatte seine Gedanken in diesem Punkte zum
Umschlagen gebracht, und eine neue Auffassung hatte sich in ihm
endgltig befestigt.

Ilja Petrowitsch ist ein Dummkopf! sagte er endlich.

Kaum hatte Raskolnikoff die Tre zur Strae geffnet, als er pltzlich
auf der Auentreppe mit dem eintretenden Rasumichin zusammenstie. Sie
hatten beide einander nicht gesehen, so da sie fast mit den Kpfen
zusammenstieen. Eine Weile maen sie sich mit den Blicken. Rasumichin
war hchst erstaunt, aber pltzlich flammte der Zorn, ein wirklicher
Zorn, drohend in seinen Augen auf.

Also hier bist du! schrie er aus vollem Halse. Du bist dem Bette
entsprungen! Und ich habe dich sogar unter dem Sofa gesucht! Wir sind
auf dem Boden gewesen. Ich habe Nastasja deinetwegen beinahe verprgelt
... Und nun bist du hier! Rodjka! Was soll das bedeuten? Sag die
Wahrheit! Gestehe! Hrst du?

Es bedeutet, da ich euch alle ernstlich satt habe, und da ich allein
sein will, antwortete Raskolnikoff ruhig.

Allein sein? Wo du nicht mal gehen kannst, wo deine Fratze noch bleich
wie Leinwand ist, und wo du den Atem verlierst! Dummkopf! ... Was hast
du im Kristallpalast gesucht? Gestehe es sofort!

La mich! sagte Raskolnikoff, und wollte an ihm vorbeigehen.

Das brachte Rasumichin ganz auer sich, er packte ihn fest an der
Schulter.

La mich? Du wagst zu sagen >La mich<? Weit du auch, was ich mit dir
gleich tun werde? Ich packe dich zu einem Bndel zusammen und bringe
dich unterm Arm nach Hause und sperre dich ein!

Hre, Rasumichin, begann Raskolnikoff leise und scheinbar vllig
ruhig. Siehst du denn nicht, da ich deine Wohltaten nicht wnsche? Und
was ist es fr ein Vergngen, denen Wohltaten zu erweisen, die ...
darauf pfeifen? Denen, schlielich, die sie in allem Ernste am wenigsten
vertragen? Nun, sage mir, warum hast du mich beim Beginn meiner
Krankheit aufgesucht? Ich wre vielleicht glcklich gewesen zu sterben!
Nun, habe ich dir heute nicht gengend gezeigt, da du mich qulst, da
ich deiner ... berdrssig geworden bin? Was fr ein Vergngen hast du
daran, Menschen zu qulen! Ich versichere dir, da dies alles meine
Genesung ernstlich hindert, weil es mich ununterbrochen reizt. Sossimoff
ging doch vorhin fort, um mich nicht zu reizen. La du mich um
Gotteswillen auch in Ruhe! Und was fr ein Recht hast du schlielich,
mich mit Gewalt zurckzuhalten? Ja, siehst du denn nicht, da ich jetzt
bei vollem Verstande bin? Wie, wie -- sage mir -- soll ich dich
schlielich bitten, da du mich in Ruhe lt und mir keine Wohltaten
mehr erweisest? Mag ich undankbar sein, mag ich gemein sein, aber um
Gotteswillen lat mich, lat mich alle in Ruhe. Lat mich in Ruhe!

Er hatte ruhig begonnen und freute sich im voraus ber das ganze Gift,
das er sich auszuschtten anschickte, er schlo aber in Raserei und fast
erstickend, wie vorhin bei Luschin.

Rasumichin stand eine Weile da, dachte nach und lie seine Hand los.

Scher dich zum Teufel! sagte er leise und fast nachdenklich.

Halt! brllte er pltzlich, als Raskolnikoff fortgehen wollte. Hre
mich an. Ich erklre dir, da ihr alle ohne Ausnahme Gromuler und
aufgeblasene Kerls seid! Wenn ihr ein kleines Leid habt, lauft ihr wie
ein Huhn mit einem Ei herum! Auch in diesem Falle stehlt ihr von
anderen. Keine Spur von Selbstndigkeit steckt in euch! Ihr seid aus
Spermacetsalbe gemacht und anstatt Blut habt ihr Quark in den Adern!
Keinem von euch glaube ich! Das erste, die Hauptsache bei euch in allen
Dingen ist -- nur nicht einem Menschen hnlich sein! War--te! rief er
mit verstrkter Wut, als er merkte, da Raskolnikoff sich anschickte
wegzugehen. Hre mich zu Ende! Du weit, heute kommen Leute zu mir, um
die neue Wohnung einzuweihen, vielleicht sind sie schon da, ich habe den
Onkel dortgelassen, -- ich war soeben zu Hause, -- die Gste zu
empfangen. Also, wenn du kein Dummkopf, kein flacher Dummkopf, kein Esel
wrest, keine bersetzung aus fremden Sprachen ... siehst du, Rodja, ich
gestehe, du bist ein kluger Bursche, aber ein Dummkopf, -- also, wenn du
kein Dummkopf wrest, wrdest du heute besser den Abend bei mir
verbringen, als unntz die Stiefel abzulaufen. Du bist nun einmal
ausgegangen, da ist weiter nichts mehr daran zu machen! Ich wrde dir
einen weichen Sessel hereinbringen, meine Wirtsleute haben einen ... Tee
wrde es geben, Gesellschaft ... Und wenn du den Sessel nicht wnschst,
-- lege ich dich auf die Chaiselongue hin, -- aber du wrdest dann doch
unter uns liegen ... Auch Sossimoff kommt. Kommst du?

Nein!

Du lgst! rief Rasumichin ungeduldig aus. Warum weit du es? Du
kannst fr dich nicht bestimmen! Und brigens du verstehst davon nichts.
Ich habe mich tausendmal ebenso mit Menschen verkracht und bin wieder
zurckgegangen ... man schmt sich -- und kehrt zu dem Menschen zurck.
Also, erinnere dich, Haus Potschinkoff, dritter Stock ...

Auf diese Weise werden Sie, Herr Rasumichin, mglicherweise sich
schlagen lassen, nur dem, der Sie schlgt, zu Gefallen?

Was? Schlagen! Schon fr den Gedanken drehte ich dem die Nase ab. Haus
Potschinkoff, Nr. 47, in der Wohnung des Beamten Babuschkin ...

Ich komme nicht, Rasumichin! Raskolnikoff wandte sich um und ging
fort.

Ich wette, da du kommst! rief ihm Rasumichin nach. Sonst bist du ...
sonst bist du ... sonst will ich nichts mehr von dir wissen! Warte! Ist
Sametoff hier?

Ja, er ist hier.

Hast du ihn gesehen?

Ich habe ihn gesehen.

Hast du mit ihm gesprochen?

Ich habe mit ihm gesprochen.

Worber? Nun, hol dich der Teufel, meinetwegen brauchst du es nicht zu
sagen. Haus Potschinkoff, 47, Babuschkins Wohnung, vergi nicht!

Raskolnikoff ging bis zur Ssadowaja und bog um die Ecke. Rasumichin
blickte ihm sinnend nach. Endlich machte er eine abwehrende Bewegung mit
der Hand und ging in das Haus hinein, aber auf der Mitte der Treppe
blieb er stehen.

Teufel noch einmal! fuhr er fast laut fort. Er spricht vernnftig,
und doch scheint's ... Ich bin auch ein Dummkopf. Sprechen denn
Verrckte nicht vernnftig? Und Sossimoff hatte, ich glaube, davor
Angst! Er tippte mit dem Finger an seine Stirn. Wenn aber ... wie kann
man ihn jetzt allein gehen lassen? Er kann sich ertrnken ... Ach, daran
habe ich nicht gedacht! Man darf ihn nicht allein lassen! und er lief
zurck, um Raskolnikoff einzuholen, aber der war verschwunden. Er spie
aus und eilte in den Kristallpalast zurck, um etwas von Sametoff zu
erfahren.

Raskolnikoff ging direkt auf die N.sche Brcke, blieb in der Mitte
stehen, sttzte beide Ellbogen auf das Gelnder und begann in die Ferne
zu schauen. Nachdem er von Rasumichin Abschied genommen hatte, war er so
schwach geworden, da er nur mit Mhe hierher gekommen war. Er wollte
sich irgendwo hinsetzen oder hinlegen, und sei's auf die Strae. ber
das Wasser gebeugt, blickte er mechanisch auf den letzten, rosigen
Widerschein des Sonnenuntergangs, auf die Reihe Huser, die in der
hereinbrechenden Dmmerung dunkel hervortraten, auf das weit entfernte,
kleine Fenster in irgendeiner Mansarde auf dem linken Quai, das wie im
Flammenschein von dem letzten Sonnenstrahl getroffen, leuchtete; er
blickte auf das dunkle Wasser des Kanals und schien dieses Wasser
aufmerksam zu betrachten. Auf einmal zeigten sich vor seinen Augen rote
Kreise, die Huser drehten sich, die Vorbergehenden, die Ufer,
Equipagen, -- alles drehte sich und tanzte. Er fuhr auf, vielleicht vor
einem neuen Ohnmachtsanfall durch ein schauerliches, wildes und
widerwrtiges Ereignis bewahrt. Er fhlte, wie jemand an seine rechte
Seite trat; sah hin und bemerkte ein Weib, hochgewachsen, mit einem
Tuche um den Kopf, mit einem gelben, lnglichen, abgemagerten Gesichte
und mit gerteten, eingefallenen Augen. Sie schaute auf ihn, aber
offenbar sah sie ihn nicht und unterschied niemanden. Pltzlich sttzte
sie sich mit der rechten Hand auf das Gelnder, hob das linke Bein und
strzte sich in den Kanal. Das schmutzige Wasser spritzte hoch auf,
verschlang auf einen Moment sein Opfer, aber nach einer Minute tauchte
noch einmal die Selbstmrderin auf, und die Strmung nahm sie mit fort.
Ihr Kopf und ihre Fe waren im Wasser, mit dem Rcken lag sie nach
oben, ihr Rock war bergeschlagen und wie ein Kissen vom Wasser
aufgeblasen.

Sie hat sich ertrnkt! Sie hat sich ertrnkt! riefen ein Dutzend
Stimmen; Menschen liefen zusammen, die beiden Ufer bedeckten sich mit
Zuschauern, auf der Brcke, rings um Raskolnikoff, drngte sich das
Volk, stie ihn und prete ihn von hinten.

Leute, das ist ja unsere Afrosinja! schrie unweit eine weinerliche
Frauenstimme. Leute, rettet sie! Gute, liebe Leute, zieht sie heraus!

Ein Boot! Ein Boot! rief man in der Menge. Ein Boot war aber nicht
mehr ntig; ein Schutzmann war die Stufen zu dem Kanal hinuntergelaufen,
hatte seinen Mantel und seine Stiefel von sich geworfen und strzte sich
ins Wasser. Es war keine groe Arbeit, -- die Unglckliche schwamm nur
ein paar Schritte entfernt von der Treppe, er erfate mit der rechten
Hand ihr Kleid und mit der linken gelang es ihm, die Stange, die ihm ein
Kamerad entgegenhielt, zu ergreifen, und die Selbstmrderin wurde
alsbald herausgezogen. Man legte sie auf die Granitfliesen der Treppe.
Sie kam rasch zu sich, erhob sich, setzte sich hin, begann zu niesen und
zu prusten und wischte mit den Hnden mechanisch ihr nasses Kleid ab.
Sie sprach nichts.

Sie hat sich bis zur Bewutlosigkeit vollgesoffen, Leute, heulte
dieselbe Frauenstimme, jetzt schon neben der Afrosinja. Vor kurzem
wollte sie sich hngen, wir haben sie aus der Schlinge gezogen. Ich ging
eben in einen Laden, hatte ein kleines Mdchen dagelassen, um auf sie
aufzupassen, -- und da ist das Unglck geschehen! Sie ist eine
Kleinbrgerin, wohnt hier nebenan, im zweiten Hause von hier, dort ...

Das Volk ging auseinander, die Schutzleute gaben sich noch mit der
Lebensmden ab, jemand rief etwas vom Polizeibureau ... Raskolnikoff
sah allem mit einem seltsamen Gefhle von Gleichgltigkeit und
Teilnahmslosigkeit zu. Ihm wurde bel.

Nein, es ist abscheulich ... das Wasser ... es lohnt sich nicht, hier
zu bleiben, murmelte er vor sich hin. Nichts wird hier geschehen,
fgte er hinzu. Es lohnt sich nicht, zu warten. Wie wr's mit dem
Polizeibureau ... Warum aber ist Sametoff nicht im Bureau? Das Bureau
ist doch in der zehnten Stunde offen ...

Er wandte dem Gelnder den Rcken und blickte um sich.

Nun, was ist dabei! Auch so gut! sagte er entschlossen, ging ber die
Brcke und schlug die Richtung nach dem Polizeibureau ein. Sein Herz war
leer und de. Denken wollte er nicht. Auch seine schwermtige Stimmung
war verschwunden, von der frheren Energie, als er seine Wohnung
verlie, um allem ein Ende zu machen, war keine Spur mehr vorhanden.
Eine vllige Apathie war an ihre Stelle getreten.

Es gibt doch einen Ausweg! dachte er, indem er langsam und trge lngs
des Kanalufers ging. Ich werde ein Ende machen, weil ich will ... Ist
es aber ein Ausweg? Ach, einerlei! Einen drei Ellen langen Raum wird es
doch noch geben ... he! Aber was ist das fr ein Ende! Und soll es
wirklich das Ende sein? Werde ich es ihnen sagen oder nicht? Ah ... zum
Teufel! Ich bin auch mde, knnte ich mich doch irgendwo bald hinlegen
oder hinsetzen! Am meisten schme ich mich, da es so dumm ist. Aber
auch darauf pfeife ich! Was fr Dummheiten einem in den Sinn kommen ...

Um in das Polizeibureau zu gelangen, mute man geradeaus gehen und bei
der zweiten Biegung links einschwenken, -- es war nur zwei Schritte
entfernt. Als er die erste Biegung erreicht hatte, blieb er stehen,
dachte nach, bog in eine Seitengasse ein und ging durch zwei Straen auf
einem Umwege dorthin, -- vielleicht ohne jedes Ziel, vielleicht aber um
es noch eine Minute hinzuziehen und Zeit zu gewinnen. Er ging und sah
zur Erde. Pltzlich schien ihm jemand etwas ins Ohr geflstert zu haben.
Er erhob den Kopf und sah, da er an _dem_ Hause, direkt am Toreingange
stehe. Seit _jenem_ Abend war er hier nicht mehr gewesen und auch nicht
vorbergegangen.

Ein unbezhmbares und unerklrliches Verlangen zog ihn. Er ging in das
Haus hinein, durchschritt das Tor, bog in den ersten Eingang rechts ein
und begann die bekannte Treppe in das vierte Stockwerk hinaufzusteigen.
Es war sehr dunkel auf der engen und steilen Treppe. Er blieb auf jedem
Absatz stehen und sah sich neugierig um. Auf dem Absatze des ersten
Stockes war ein Fensterrahmen herausgenommen. Das war damals nicht
gewesen, dachte er. Da ist auch die Wohnung im zweiten Stock, wo
Nikolai und Dmitri gearbeitet haben. Sie ist verschlossen. Und die Tre
ist neu bemalt, also wird sie vermietet sein.

Und da ist auch der dritte Stock ... und der vierte ...

Hier war es!

Ein Zweifel packte ihn. Die Tre zu dieser Wohnung war sperrweit
geffnet, es waren Menschen drin, man hrte Stimmen. Dies hatte er
keineswegs erwartet. -- Nachdem er eine Weile unschlssig dagestanden
hatte, stieg er die letzten Stufen hinauf und trat in die Wohnung ein.

Sie wurde auch neu hergerichtet; es waren Arbeiter da, dies schien ihn
zu verwundern. Er glaubte aus irgendeinem Grunde alles ebenso
anzutreffen, wie er es damals verlassen hatte, vielleicht sogar die
Leichen an denselben Stellen auf der Diele. Jetzt aber fand er kahle
Wnde, keine Mbel, -- es war so eigentmlich! Er ging zum Fenster und
setzte sich auf das Fensterbrett.

Es waren nur zwei Arbeiter da, beide junge Burschen, der eine schien
bedeutend jnger zu sein als der andere. Sie beklebten die Wnde mit
neuen Tapeten, wei mit lila Blmchen, an Stelle der frheren gelben,
die zerrissen und schmutzig waren. Raskolnikoff gefiel dies ganz und gar
nicht; er blickte diese neuen Tapeten feindselig an, als tte es ihm
leid, da man alles so verndert habe.

Die Arbeiter schienen sich versptet zu haben. Sie rollten schnell das
Papier zusammen und schickten sich an, nach Hause zu gehen.
Raskolnikoffs Erscheinen hatten sie fast nicht beachtet. Sie
unterhielten sich und Raskolnikoff kreuzte die Arme und begann
zuzuhren.

Sie kam also am Morgen zu mir, sagte der ltere, ganz frh schon,
schn geputzt. Warum hast du dich denn so fein gemacht -- sagte ich --
warum hast du dich denn so geputzt? Ich will -- sagt sie -- nun vllig
zu Ihren Diensten stehn. Siehst du, so war es. Und wie fein geputzt
sie war, -- wie aus einem Journal, wie aus einem Mode-Journal!

Was ist ein Journal, Onkelchen? fragte der jngere. Er schien offenbar
bei dem Onkelchen in die Schule zu gehen.

Ein Journal ist, ja weit du, solche bemalte Bilder, und sie kommen
jeden Sonnabend per Post aus dem Auslande hierher, zu den hiesigen
Schneidern, damit man wei, wie sich jeder -- ein Mann oder eine Frau,
-- kleiden soll. So eine Zeichnung also. Die Mnner werden meistens in
langen Rcken gemalt und fr die Frauen gibt es feine Sachen, da man
Mund und Augen aufsperren mu.

Was man nicht alles in diesem Petersburg hat! rief der jngere
begeistert aus. Auer Vater und Mutter kann man doch alles haben.

Ja, auer diesen gibt es hier alles, sagte in belehrendem Tone der
ltere.

Raskolnikoff stand auf und ging in das andere Zimmer, wo frher die
Truhe, das Bett und die Kommode der Alten gestanden hatten; das Zimmer
erschien ihm ohne Mbel furchtbar klein. Die Tapeten waren dieselben; in
der Ecke konnte man deutlich an der Tapete sehen, wo der Heiligenschrank
mit den Heiligenbildern gestanden hatte. Er blickte sich um und kehrte
zu seinem frheren Platz am Fenster zurck. Der ltere Arbeiter blickte
ihn von der Seite an.

Was wnschen Sie? fragte er, sich pltzlich an ihn wendend.

Anstatt zu antworten, stand Raskolnikoff auf, ging in das Vorzimmer,
ergriff die Klingel und zog daran. Dieselbe Klingel, derselbe blecherne
Ton! Er zog zum zweiten und zum dritten Male; er lauschte und entsann
sich. Das frhere, qualvoll schreckliche, abscheuliche Gefhl begann
immer deutlicher und lebendiger in seiner Erinnerung aufzuwachen, er
zuckte bei jedem Tone zusammen, ihm wurde dabei immer wohler und wohler.

Was willst du denn? Wer bist du? rief der Arbeiter, indem er zu ihm
hinausging. Raskolnikoff war wieder durch die Tre eingetreten.

Ich will die Wohnung mieten, sagte er, und sehe sie mir an.

In der Nacht mietet man keine Wohnung, und auerdem mssen Sie mit dem
Hausknecht kommen.

Ist die Diele gewaschen, wird man sie streichen? fuhr Raskolnikoff
fort. Blut ist nicht da?

Was fr Blut?

Man hat doch die Alte und ihre Schwester ermordet. Hier war eine ganze
Pftze.

Ja, was bist du fr ein Mensch? rief der Arbeiter unruhig.

Ich?

Ja.

Mchtest du es wissen? ... Komm in das Polizeibureau, dort will ich es
dir sagen.

Die Arbeiter sahen ihn starr an.

Wir mssen fortgehen, haben uns versptet. Komm, Aljoschka. Wir mssen
nun abschlieen, sagte der ltere Arbeiter.

So wollen wir gehen! antwortete Raskolnikoff gleichgltig, ging zuerst
hinaus und stieg langsam die Treppe hinab. He, Hausknecht! rief er,
als er im Tore war. Einige Menschen standen am Eingange von der Strae
und sahen sich die Vorbergehenden an; es waren die beiden Hausknechte,
ein Weib, ein Kleinbrger im Schlafrocke und noch jemand. Raskolnikoff
ging auf sie zu.

Was wnschen Sie? sagte der eine Hausknecht.

Bist du im Polizeibureau gewesen?

Ich war soeben dort. Was wnschen Sie?

Sind die Beamten dort?

Ja, sie sind da.

Ist auch der Gehilfe des Aufsehers da?

Er war da. Was wnschen Sie?

Raskolnikoff antwortete nicht und blieb neben ihm, in Nachdenken
versunken, stehen.

Er kam sich die Wohnung anzusehen, sagte der herantretende ltere
Arbeiter.

Welche Wohnung?

Wo wir arbeiten. >Warum ist das Blut abgewaschen<, fragte er. >Hier ist
doch ein Mord geschehen und ich mchte nun die Wohnung mieten.< Und an
der Klingel hat er gerissen, beinahe htte er sie abgerissen. Wir
wollen, sagt er, auf das Polizeibureau gehen, dort will ich alles
erklren. Wir konnten gar nicht von ihm loskommen.

Der Hausknecht betrachtete mitrauisch und finster Raskolnikoff.

Wer sind Sie eigentlich? rief er barsch.

Ich heie Rodion Romanytsch Raskolnikoff, bin ehemaliger Student, und
wohne im Hause Schill, hier in der Seitengasse, nicht weit von hier, in
Wohnung Nr. 14. Frage den Hausknecht ... er kennt mich.

Raskolnikoff sagte dies trge und nachdenklich, ohne sich umzuwenden,
und blickte dabei stier auf die dunkel gewordene Strae.

Ja, warum sind Sie in die Wohnung gegangen?

Um sie zu sehen.

Was ist dort zu sehen?

Nehmt ihn doch und bringt ihn auf das Polizeibureau! warf der
Kleinbrger ein und verstummte wieder.

Raskolnikoff blickte ihn ber die Schulter aufmerksam an und sagte
ebenso leise und trge:

Wollen wir hingehen.

Bringt ihn doch hin! wiederholte der Kleinbrger, der wieder Mut
gefat hatte. Warum hat er _danach_ gefragt, was hat er im Sinn?

Betrunken scheint er nicht zu sein, wei Gott, was er ist, murmelte
der Arbeiter.

Ja, was wollen Sie denn? rief von neuem der Hausknecht, der ernstlich
bse wurde. Was suchst du hier?

Dir ist Angst, mit aufs Polizeibureau zu gehen! sagte Raskolnikoff
hhnisch.

Mir Angst? Was suchst du hier?

Spitzbube! rief das Weib.

Was _ist_ da viel zu reden, rief der andere Hausknecht, ein sehr
groer Bauer, in einem offenen langen Mantel und mit Schlsseln am
Grtel. Pack dich! ... Ist wahrhaftig ein Spitzbube ... Pack dich!

Und er nahm Raskolnikoff an der Schulter und stie ihn auf die Strae.

Dieser wre beinahe gefallen, fing sich jedoch noch, reckte sich, sah
schweigend alle Zuschauer an und ging weiter.

Nrrischer Mensch, sagte der Arbeiter.

Nrrische Leute gibt es heutzutage viele, meinte das Weib.

Besser wre es doch, ihn aufs Polizeibureau zu bringen, fgte der
Kleinbrger hinzu.

Es lohnt sich nicht, mit so einem anzubinden, sagte der groe
Hausknecht. Man sieht doch, da er ein Spitzbube ist! Er will es ja
selbst, und wenn man ihm den Willen tut, wird man ihn nicht los ... Wir
kennen das.

Also soll ich hingehen oder nicht? dachte Raskolnikoff, indem er
mitten auf der Strae an einer Kreuzung stehen blieb und sich umsah, als
erwarte er von jemand das entscheidende Wort. Aber von keiner Seite kam
es; alles war still und tot, wie die Steine, ber die er ging, fr ihn
war alles tot, fr ihn allein ... Da, zweihundert Schritt vor ihm,
unterschied er am Ende der Strae in der Dunkelheit eine Menschenmenge,
hrte Stimmen, Geschrei ... Mitten im Gewhl stand eine Equipage ... Ein
Licht schimmerte in der Strae. Was ist da geschehen? Raskolnikoff
wandte sich nach rechts und ging auf die Menge zu. Er schien sich an
alles anzuklammern, und lchelte kalt, als er es inne ward, denn er war
schon fest entschlossen, auf das Polizeibureau zu gehen und glaubte
sicher, da alles sogleich ein Ende haben wrde.


                                  VII.

Mitten in der Strae stand eine elegante herrschaftliche Equipage mit
zwei feurigen grauen Pferden. In der Equipage sa niemand, der Kutscher
war vom Bock gestiegen und stand daneben; die Pferde hielt man am Zgel.
Ringsherum drngten sich die Menschen, ganz vorne standen Polizisten.
Einer von ihnen hielt eine kleine brennende Laterne in der Hand, mit der
er, sich bckend, etwas auf der Strae dicht bei den Rdern der Equipage
beleuchtete. Alle redeten, schrien und stieen Ah!-Rufe aus; der
Kutscher schien bestrzt zu sein und rief mehrmals:

Welch ein Unglck! Herrgott, welch ein Unglck!

Raskolnikoff drngte sich nach Mglichkeit nach vorne und erblickte
endlich die Ursache dieses Zusammenlaufs und der Neugierde. Auf dem
Boden lag ein von den Pferden getretener Mann, ohne Besinnung,
anscheinend schlecht gekleidet, ganz mit Blut bedeckt. Das Blut flo ihm
vom Gesicht und Kopf; sein Gesicht war vollkommen zerschlagen, zerrissen
und verstmmelt. Man sah, da er schwer verwundet war.

Liebe Leute! klagte der Kutscher. Habe ich Schuld daran? Ja, wenn ich
die Pferde gejagt oder ihm nicht zugerufen htte, ich fuhr aber langsam,
gleichmig. Alle haben es gesehen und knnen es bezeugen ... Ich sah
ihn, wie er ber die Strae ging, hin und her wankte, beinahe hinfiel,
-- ich rief ihm einmal zu, noch einmal und zum drittenmal, hielt die
Pferde zurck, aber er fiel direkt unter ihre Hufe! Hat er es
absichtlich getan oder war er zu stark angetrunken ... Die Pferde sind
jung und ngstlich, -- sie zogen an und wurden wild, als er aufschrie
... und das Unglck war geschehen.

Es ist so, wie er sagt! rief ein Augenzeuge.

Er hat ihm zugerufen, das ist wahr, dreimal hat er gerufen, sagte eine
andere Stimme.

Genau dreimal hat er gerufen, wir haben es alle gehrt, rief ein
dritter.

Der Kutscher war brigens nicht allzu sehr niedergeschlagen und
erschrocken. Man konnte sehen, da die Equipage einem reichen und
angesehenen Herrn gehre, der irgendwo abgeholt werden sollte; die
Polizisten gaben sich deshalb nicht Mhe, diesen letzten Umstand zu
bercksichtigen. Den berfahrenen wollte man auf das Polizeibureau und
ins Krankenhaus schaffen. Niemand kannte ja seinen Namen.

Unterdessen hatte sich Raskolnikoff nach vorn gedrngt und beugte sich
ber ihn. Pltzlich beleuchtete die Laterne hell das Gesicht des
Unglcklichen, -- er erkannte ihn.

Ich kenne ihn, kenne ihn! rief er aus und drngte sich ganz nach
vorne. Es ist ein verabschiedeter Beamter, Titularrat Marmeladoff! Er
wohnt hier, nebenan, im Hause Kosel ... Holt schnell einen Arzt! Ich
will bezahlen, hier ist Geld!

Er zog aus der Tasche sein Geld hervor und zeigte es einem Schutzmann.
Er war in merkwrdiger Aufregung.

Die Polizeibeamten waren sehr zufrieden, da sie erfahren hatten, wer
der berfahrene sei. Raskolnikoff nannte auch seinen Namen, gab seine
Wohnung an und bat instndig, als gelte es seinem leiblichen Vater, den
besinnungslosen Marmeladoff schnell in dessen Wohnung zu schaffen.

Er wohnt hier, drei Huser weit, sagte er, im Hause Kosel, eines
reichen Deutschen ... Er ging wahrscheinlich betrunken nach Hause. --
Ich kenne ihn ... Er ist ein Trinker ... Er hat Familie, Frau und Kinder
und noch eine Tochter. Ihn ins Krankenhaus zu schleppen, dauert zu
lange, hier im Hause aber ist sicher ein Arzt. Ich bezahle, bezahle
alles! ... Er wird doch Pflege bei den Seinigen finden, man wird ihm
sofort helfen, auf dem Wege zum Krankenhause aber kann er sterben ...
Er hatte sogar Zeit gefunden, etwas dem Schutzmanne unbemerkt in die
Hand zu drcken; brigens war die Sachlage gesetzlich klar und
jedenfalls war Hilfe hier nher. Man hob den Verunglckten auf und trug
ihn; es fanden sich bereitwillige Hnde. Das Haus Kosel war nur dreiig
Schritte entfernt. Raskolnikoff ging hinterher, sttzte vorsichtig den
Kopf des Verletzten und wies den Weg. Hierher, hierher! Die Treppe
hinauf mu man ihn mit dem Kopfe voran tragen; dreht euch um ... so
ist's gut! Ich will's bezahlen, ich will's euch danken! murmelte er.

Katerina Iwanowna spazierte, wie immer, wenn sie einen freien Augenblick
hatte, in ihrem kleinen Zimmer auf und ab, vom Fenster bis zum Ofen und
zurck, wobei sie die Hnde ber der kranken Brust gekreuzt hatte und
mit sich selbst redete. In der letzten Zeit hatte sie angefangen, fter
und mehr mit dem lteren Mdchen, der zehnjhrigen Poljenka, zu
sprechen, die vieles noch nicht begriff, dafr aber sehr gut verstanden
hatte, da die Mutter sie brauchte, und die darum ihr stets mit ihren
groen, klugen Augen folgte und sich mit aller Kraft den Anschein gab,
als verstehe sie alles. Jetzt zog Poljenka gerade ihren kleinen Bruder
aus, der sich den ganzen Tag nicht wohl gefhlt hatte, um ihn schlafen
zu legen. Der Knabe wartete darauf, da man ihm das Hemdchen wechselte,
das in der Nacht noch gewaschen werden mute, und sa auf einem Stuhl
schweigend, mit ernstem Gesichte, kerzengerade und unbeweglich, mit nach
vorn gestreckten Fen. Er horchte auf das, was die Mutter mit der
Schwester sprach, mit offenem Munde, seine kleinen Augen schauten starr,
er rhrte sich nicht, alles so, wie gewhnlich brave Kinder dasitzen
mssen, wenn sie ausgekleidet werden, um schlafen zu gehen. Das jngste
Mdchen, in Lumpen gehllt, stand bei dem Bettschirm und wartete, bis
sie an die Reihe kam. Die Tre nach der Treppe zu war offen, wegen der
Tabakswolken, die aus den anderen Zimmern hereindrangen und die die arme
Schwindschtige alle Augenblicke zwangen, lange und qualvoll zu husten.
Katerina Iwanowna schien in diesen acht Tagen noch magerer geworden zu
sein, und die roten Flecken auf ihren Wangen brannten noch greller als
frher.

Du kannst nicht glauben, du kannst es dir nicht vorstellen, Poljenka,
sagte sie, indem sie auf und ab ging, wie lustig und prachtvoll wir im
Hause meines Papas lebten, und wie dieser Trinker mich zugrunde
gerichtet hat und euch alle zugrunde richten wird! Mein Papa war Oberst
im Zivildienst und beinahe schon Gouverneur; er war ganz nahe daran, so
da alle zu ihm kamen und sagten: >Wir sehen Sie, Iwan Michailytsch,
schon als unseren Gouverneur an.< Als ich ... khe! ... als ich ... khe
... khe--khe ... oh, verfluchtes Leben! rief sie aus, als sie
ausgehustet hatte, und griff nach der Brust. Als ich ... ach, auf dem
letzten Balle ... bei dem Adelsmarschall ... mich die Frstin
Bessemeljanja erblickte, -- die mir spterhin den Segen gab, als ich
deinen Papa heiratete, Polja, -- frug sie mich sofort: >Sind Sie nicht
das liebe Mdchen, das mit dem Shawl beim Schluexamen getanzt hatte?<
... (Das Loch mu man zunhen, nimm eine Nadel und stopfe es sofort,
sonst ... khe ... khe ... zerreit es ... khe--khe--khe ... mor--gen
noch mehr! rief sie fast erstickend aus.) ... Damals war aus Petersburg
soeben der Kammerjunker Frst Tschegolski angekommen ... er tanzte mit
mir Mazurka und wollte am anderen Tage kommen, mir einen Antrag zu
machen, aber ich dankte ihm in der schmeichelhaftesten Weise und sagte,
da mein Herz lngst einem anderen gehre. Dieser andere war dein Vater,
Polja. Mein Papa war furchtbar bse ... Ist das Wasser fertig? Nun, gib
das Hemd ... wo sind die Strmpfe? ... Lida, wandte sie sich an die
jngste Tochter, schlaf diese Nacht einmal ohne Hemd ... und lege die
Strmpfe nebenan hin ... Ich will gleich mitwaschen ... Warum kommt der
Lump nicht, der Trinker! Er trgt sein Hemd schon lange, es ist wie ein
schmutziger Lappen, hat es auch zerrissen ... Ich wrde es jetzt
waschen, um mich nicht zwei Nchte nacheinander zu qulen! Herr Gott!
Khe--khe--khe--khe! Schon wieder! Was ist das? rief sie aus, als sie
die Menge auf der Treppe erblickte, und ein paar Mnner, die etwas in
ihr Zimmer hineintrugen. Was ist das? Was bringen sie da? Oh, Gott!

Wo soll man ihn hinlegen? fragte ein Schutzmann und sah sich um,
nachdem man den blutbedeckten und besinnungslosen Marmeladoff in das
Zimmer hineingebracht hatte.

Auf das Sofa! Legen Sie ihn auf das Sofa, mit dem Kopfe hierher!
zeigte Raskolnikoff.

Er ist berfahren worden, auf der Strae! Er war betrunken! rief
jemand von der Treppe aus.

Katerina Iwanowna stand bleich und atmete schwer. Die Kinder waren
erschrocken. Die kleine Lida schrie auf, strzte zu Poljenka hin,
umfate sie und erzitterte am ganzen Krper.

Nachdem Marmeladoff gebettet war, eilte Raskolnikoff zu Katerina
Iwanowna hin.

Beruhigen Sie sich, um Gotteswillen, erschrecken Sie nicht! sagte er
hastig. Er ging ber die Strae, eine Equipage hat ihn berfahren,
beruhigen Sie sich, er wird zu sich kommen, ich habe angeordnet, da man
ihn hierher bringe ... ich war schon bei Ihnen, erinnern Sie sich ... Er
wird zu sich kommen, ich will bezahlen!

So weit hat er's gebracht! schrie Katerina Iwanowna verzweifelt auf
und strzte zu ihrem Manne.

Raskolnikoff merkte bald, da diese Frau keine von denen war, die sofort
in Ohnmacht fallen. Im Nu ward unter den Kopf des Unglcklichen ein
Kissen geschoben, an das niemand gedacht hatte; Katerina Iwanowna begann
ihn zu entkleiden, besah ihn, war die ganze Zeit um ihn und verlor nicht
die Fassung; sie hatte ihr eigenes Leid vergessen, bi die zitternden
Lippen zusammen und unterdrckte den Schrei, der sich ihrer Brust
entringen wollte.

Raskolnikoff hatte indessen jemand veranlat, einen Arzt zu holen. Wie
es sich zeigte, wohnte im Nebenhause ein Arzt.

Ich habe nach einem Arzt geschickt, sagte er zu Katerina Iwanowna,
beunruhigen Sie sich nicht, ich will bezahlen. Haben Sie Wasser? ...
Geben Sie mir auch eine Serviette oder ein Handtuch, irgend etwas,
schnell; man kann noch nicht sehen, wie stark er verletzt ist ... Er ist
nur verletzt und nicht tot, seien Sie berzeugt. -- Wir wollen sehen,
was der Arzt sagt!

Katerina Iwanowna rannte zum Fenster; dort stand in der Ecke auf einem
durchgesessenen Stuhl eine groe tnerne Schssel mit Wasser, zum
Waschen der Kinderwsche und der Wsche des Mannes. Diese nchtliche
Wsche vollzog Katerina Iwanowna selbst, wenigstens zweimal in der
Woche, zuweilen auch fters, denn sie waren so heruntergekommen, da sie
fast gar keine Wsche zum Wechseln besaen und da jedes Mitglied der
Familie nur hatte, was es auf dem Leibe trug; Katerina Iwanowna aber
konnte Unreinlichkeit nicht vertragen und lieber qulte sie sich in der
Nacht und ber ihre Kraft, um bis zum Morgen die nasse Wsche trocknen
und ihnen reine Wsche geben zu knnen, als Schmutz im Hause zu dulden.
Sie ergriff die Schssel, um sie Raskolnikoff hinzubringen, wre aber
fast damit hingefallen. Raskolnikoff hatte schon ein Handtuch gefunden,
angefeuchtet und begann das mit Blut bedeckte Gesicht Marmeladoffs
abzuwaschen. Katerina Iwanowna stand neben ihm, atmete schwer und hielt
die Hnde auf die Brust gepret. Sie brauchte selbst Hilfe. Raskolnikoff
fing an, zu begreifen, da er vielleicht tricht daran getan hatte, den
berfahrenen hierher schaffen zu lassen. Der Schutzmann stand noch
unschlssig da.

Polja! rief Katerina Iwanowna, laufe zu Ssonja, schnell. Wenn du sie
nicht zu Hause triffst, sag, sag dort jedenfalls, da Vater berfahren
sei und da sie sofort herkommen soll ... wenn sie nach Hause kommt.
Schnell, Polja! Da hast du ein Tuch, bedecke dich!

Lauf, was du kannst! rief pltzlich der Kleine von seinem Stuhle, dann
fiel er wieder in sein frheres Schweigen zurck und sa auf dem Stuhle
kerzengerade, mit starren Augen und mit vorgestreckten Fchen.

Indessen fllte sich das Zimmer so an, da man sich kaum rhren konnte.
Die Polizeibeamten waren, auer einem, fortgegangen, der blieb eine
Weile da und bemhte sich, die Zuschauer, die von der Treppe
hereingedrungen waren, wieder hinauszutreiben. Aus den anderen Zimmern
dagegen waren fast alle Mieter der Frau Lippewechsel erschienen, zuerst
drngten sie sich nur an der Tre, dann aber berfluteten sie in einem
Haufen das ganze Zimmer. Katerina Iwanowna geriet in Zorn.

Lat ihn doch wenigstens ruhig sterben! schrie sie die Menge an.
Meint ihr, hier wird eine Vorstellung gegeben? Mit Zigaretten im Munde
kommen sie her! Khe--khe--khe! Setzt doch noch die Hte auf den Kopf!
... Da ist ja auch einer im Hute ... Hinaus mit euch! Habt doch
wenigstens vor einem Sterbenden Achtung!

Der Husten erstickte sie fast, aber ihr Appell half. Man hatte offenbar
vor Katerina Iwanowna Respekt; die Mieter zogen sich, einer nach dem
anderen, zurck zu der Tre, mit dem eigentmlichen Gefhle der
Befriedigung, das sich stets, sogar bei den Allernchsten, bemerklich
macht, wenn einen ihrer Nebenmenschen ein Unglck trifft. Von diesem
Gefhle ist kein Mensch, ohne jede Ausnahme, frei, mag er noch so
aufrichtiges Mitleid und Teilnahme hegen.

Hinter der Tre wurden Stimmen laut, die vom Krankenhaus sprachen und
meinten, es gehre sich nicht, hier unntze Aufregung hervorzurufen.

Es gehrt sich nicht, zu sterben! rief Katerina Iwanowna und strzte
zur Tre hin, um sie zu ffnen und ihrem Zorne Luft zu machen, aber bei
der Tre stie sie mit Frau Lippewechsel zusammen, die soeben von dem
Unglcke vernommen hatte und gelaufen kam, um Ordnung zu schaffen. Sie
war eine auerordentlich alberne und fahrige Deutsche.

Ach mein Gott! schlug sie die Hnde zusammen. Ihr Mann ist betrunken
unter die Pferde geraten. Er mu ins Krankenhaus! Ich bin die Wirtin!

Amalie Ludwigowna! Ich bitte Sie, sich zu berlegen, was Sie sagen,
begann Katerina Iwanowna hochmtig (mit der Wirtin sprach sie stets im
hochmtigen Tone, damit die ihre Stellung nicht vergesse, und konnte
sich auch jetzt dieses Vergngen nicht versagen), Amalie Ludwigowna
...

Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, da Sie mich nicht Amalie
Ludwigowna nennen sollen, ich heie Amalie Iwanowna.

Sie heien nicht Amalie Iwanowna, sondern Amalie Ludwigowna, und da ich
nicht zu den schuftigen Schmeichlern gehre, wie Herr Lebesjtnikoff,
der jetzt hinter der Tre lacht (hinter der Tre hrte man wirklich
Lachen und den Ruf: Sie sind sich in die Haare gefahren!), so werde
ich Sie stets Amalie Ludwigowna nennen, obgleich ich gar nicht verstehen
kann, warum Ihnen dieser Name nicht gefllt. Sie sehen selbst, was mit
Ssemjon Sacharowitsch ist, -- er stirbt. Ich bitte Sie, diese Tre
sofort abzuschlieen und niemanden hereinzulassen. Lassen Sie ihn
wenigstens ruhig sterben! Sonst, versichere ich Sie, wird ber Ihre
Handlungsweise noch morgen der Generalgouverneur selbst erfahren. Der
Frst kannte mich, als ich noch ein junges Mdchen war, und erinnert
sich sehr gut Ssemjon Sacharowitschs, dem er viele Male geholfen hat. Es
ist allen bekannt, da Ssemjon Sacharowitsch viele Freunde und Gnner
hatte, von denen er sich selbst in edlem Stolz zurckgezogen hatte, weil
er sich seiner unglcklichen Schwche bewut war, jetzt aber (sie zeigte
auf Raskolnikoff) hilft uns ein gromtiger junger Mann, der Mittel und
Verbindungen besitzt, und den Ssemjon Sacharowitsch noch als Kind
gekannt hat, und seien Sie versichert, Amalie Ludwigowna ...

Dies alles wurde mit auerordentlicher Schnelligkeit hervorgestoen, und
je lnger desto schneller; aber der Husten unterbrach mit einem Male die
Rede von Katerina Iwanowna. In diesem Augenblicke kam der Sterbende zu
sich und sthnte auf, und sie lief zu ihm hin. Er ffnete die Augen, und
ohne jemand zu erkennen und etwas zu verstehen, begann er den ber ihn
gebeugten Raskolnikoff zu betrachten. Er atmete schwer, tief und mit
groen Pausen: auf den Lippen zeigte sich Blut; der Schwei trat ihm auf
die Stirn. Da er Raskolnikoff nicht erkannt hatte, begann er unruhig die
Augen hin und her zu wenden. Katerina Iwanowna blickte ihn voll
Traurigkeit, aber streng an; aus ihren Augen quollen Trnen.

Mein Gott! Seine ganze Brust ist zerquetscht! Sehen Sie, wieviel Blut!
sagte sie voll Verzweiflung.

Man mu ihn ausziehen! Dreh dich etwas um, Ssemjon Sacharowitsch, wenn
du kannst, rief sie ihm zu.

Marmeladoff erkannte sie.

Einen Priester! sagte er mit heiserer Stimme. Katerina Iwanowna ging
zum Fenster, lehnte die Stirn an den Fensterrahmen und rief verzweifelt
aus:

Oh, dreimal verfluchtes Leben!

Priester! sagte nach einer Weile von neuem der Sterbende.

Man holt ihn schon! schrie ihn Katerina Iwanowna an; da schwieg er.

Mit schchternem, traurigem Blicke suchte er sie; sie war wieder zu ihm
zurckgekehrt und stellte sich an seinem Kopfe hin. Er beunruhigte sich
ein wenig, aber es dauerte nicht lange. Seine Augen blieben bald an der
kleinen Lidotschka (seinem Liebling) in der Ecke haften, die wie im
Fieber zitterte und ihn mit erstaunten, weit aufgerissenen Augen ansah.

Ach ... ach ... zeigte er voll Unruhe auf sie. Er wollte etwas sagen.

Was ist denn? rief Katerina Iwanowna.

Barfu. Barfu! murmelte er und zeigte mit einem irren Blick auf die
nackten Fchen des Kindes.

Schweig! rief gereizt Katerina Iwanowna. Du weit selbst, warum sie
barfu ist.

Gott sei Dank, da ist der Arzt! rief erfreut Raskolnikoff.

Der Arzt, ein sorgfltig gekleideter, alter Mann, ein Deutscher, trat
ein und blickte mitrauisch um sich; er trat zu dem Verunglckten heran,
fhlte seinen Puls, betastete aufmerksam den Kopf, ffnete das mit Blut
vllig durchtrnkte Hemd und machte die Brust frei. Die Brust war ganz
zerquetscht, eingedrckt und zerrissen, einige Rippen auf der rechten
Seite waren gebrochen. Auf der linken Seite, ganz am Herzen, war ein
schrecklicher, groer, gelblich schwarzer Fleck, ein furchtbarer
Hufschlag. Des Arztes Blick wurde trb. Der Schutzmann erzhlte ihm, da
der Verunglckte von einem Rade erfat und etwa dreiig Schritte auf der
Strae geschleift worden sei.

Merkwrdig, da er noch zu sich gekommen ist, flsterte der Arzt leise
Raskolnikoff zu.

Was meinen Sie? fragte der.

Er wird gleich sterben.

Gibt es gar keine Hoffnung?

Nicht die geringste. Er liegt in den letzten Zgen ... Auerdem ist der
Kopf sehr gefhrlich verletzt ... Hm. Vielleicht knnte man ihn noch zu
Ader lassen ... aber ... es ist nutzlos. Nach fnf oder zehn Minuten
stirbt er unbedingt.

Lassen Sie ihn doch zu Ader!

Gut ... Ich sage aber im voraus, es ist vllig nutzlos.

In diesem Augenblicke ertnten Schritte, die Menge auf der Treppe machte
Platz und auf der Schwelle erschien der Priester, ein alter Mann, mit
den Sakramenten. Ihn hatte ein Schutzmann sofort nach dem Unglck
geholt. Der Arzt trat ihm sofort seinen Platz ab und wechselte mit ihm
einen bedeutungsvollen Blick. Raskolnikoff bat den Arzt, noch eine Weile
zu bleiben. Der zuckte die Achseln und blieb.

Alle traten zurck. Die Beichte dauerte nicht lange. Der Sterbende
schien kaum etwas zu verstehen; er konnte blo abgerissene, unklare
Laute hervorbringen. Katerina Iwanowna hatte Lidotschka an die Hand
genommen, den Knaben vom Stuhle heruntergeholt, war mit ihnen in eine
Ecke am Ofen gegangen, auf die Knie gesunken, die Kinder vor sich. Das
kleine Mdchen zitterte; der Knabe aber lag auf seinen nackten Knien
ernst da, erhob sein Hndchen, schlug ein groes Kreuz und beugte sich
zum Boden nieder, wobei er mit der Stirne anstie, was ihm anscheinend
Vergngen machte. Katerina Iwanowna bi sich auf die Lippen und hielt
die Trnen zurck; sie betete auch; ab und zu zog sie dem Knaben das
Hemdchen zurecht, und warf ber die nackten Schultern des Mdchens ein
Tuch, das sie von der Kommode nahm, ohne sich zu erheben und weiter
betend. Indessen wurde die Tre zu den anderen Zimmern wieder von
Neugierigen geffnet. Im Treppenflure drngten sich immer mehr und mehr
Zuschauer, Mieter vom ganzen Hause, aber ohne die Schwelle des Zimmers
zu berschreiten. Ein Lichtstmpfchen beleuchtete die ganze Szene.

In diesem Augenblicke drngte sich durch die Menge auf dem Flure
Poljenka, die gelaufen war, die Schwester zu holen. Sie kam atemlos vom
schnellen Laufen, nahm ihr Tuch ab, suchte mit den Augen die Mutter,
trat an sie heran und sagte: Sie kommt! Ich habe sie auf der Strae
getroffen! Die Mutter zog sie neben sich auf die Knie. Durch die Menge
drngte sich leise und schchtern ein junges Mdchen, und ihre
Erscheinung in diesem Zimmer, mitten in dieser Armut, Lumpen, Tod und
Verzweiflung war grotesk. Sie war auch in Lumpen; ihre Kleidung war von
billiger Sorte, aber straenmig geschmckt, mit Geschick und
Verstndnis fr ihren besonderen Zweck und diesen Zweck in peinlich
aufdringlicher Weise unterstreichend. Ssonja blieb im Flure neben der
Schwelle stehen, trat nicht in das Zimmer und blickte wie verloren vor
sich hin; sie schien ganz fassungslos, schien vergessen zu haben, da
sie ein seidenes, farbiges, aus vierter Hand gekauftes und hier
unpassendes Kleid anhatte, mit einer langen und lcherlichen Schleppe
und einer ungeheuren Krinoline, die die ganze Tre einnahm, auch da sie
helle Stiefel und einen Sonnenschirm trug, den sie doch in der Nacht
nicht brauchte, und einen lcherlichen runden Strohhut mit einer grell
feuerroten Feder aufhatte. Unter diesem keck aufgesetzten Hute blickte
ein mageres, bleiches und erschrockenes Gesichtchen hervor, mit
geffnetem Munde und vor Schreck unbeweglichen Augen. Ssonja war klein
von Wuchs, etwa achtzehn Jahre alt, mager, aber eine hbsche Blondine
mit wundervollen blauen Augen. Sie blickte starr auf das Sofa und auf
den Priester und atmete schwer vom schnellen Gehen. Wahrscheinlich hatte
sie das Flstern und einige Worte unter der Menge vernommen. Sie senkte
den Kopf, tat einen Schritt ber die Schwelle und blieb im Zimmer
stehen, wieder aber ganz an der Tre.

Die Beichte und das Abendmahl waren beendet. Katerina Iwanowna ging
wieder an das Lager ihres Mannes. Der Priester trat zurck und wandte
sich beim Weggehen an Katerina Iwanowna, um ihr ein paar Worte zum Trost
und als Beileid zu sagen.

Wo soll ich denn mit diesen hin? unterbrach sie ihn scharf und gereizt
und zeigte auf die Kleinen.

Gott ist gndig. Vertrauen Sie auf die Hilfe des Allmchtigen, begann
der Priester.

Ja--a! Er ist gndig, aber nicht fr uns!

So etwas zu sagen ist eine Snde, meine Dame, bemerkte der Priester
und schttelte den Kopf.

Und ist das keine Snde? rief Katerina Iwanowna aus und wies auf den
Sterbenden.

Vielleicht werden die, welche die unwillkrliche Ursache waren, bereit
sein, es Ihnen zu entgelten, wenigstens hinsichtlich des verlorenen
Verdienstes ...

Sie verstehen mich nicht! rief gereizt Katerina Iwanowna und winkte
mit der Hand ab. Ja, wofr sollen sie mich entgelten? Er ist ja selbst
betrunken unter den Wagen geraten? Was fr ein Verdienst? Wir hatten von
ihm keinen Verdienst, sondern nur Qual. Er vertrank doch alles! Er
bestahl uns und schleppte es in die Schenke, das Leben der Kinder und
meines hat er in der Schenke verprat. Und Gott sei Dank, da er stirbt!
Weniger Ausgaben bedeutet es!

Sie sollten lieber in der Todesstunde verzeihen. Solche Gefhle zu
haben, ist eine groe Snde! Katerina Iwanowna war um den Sterbenden
bemht, sie reichte ihm zu trinken, trocknete den Schwei und das Blut
von seinem Kopfe, machte die Kissen zurecht und whrend der Arbeit
unterhielt sie sich mit dem Priester, wobei sie sich nur selten zu ihm
wandte. Jetzt aber strzte sie sich fast rasend auf ihn.

Ach, Vterchen! Das sind nur Worte und weiter nichts! Verzeihung! Sehen
Sie, wenn er nicht berfahren wre, wre er heute betrunken nach Hause
gekommen, -- er hat nur ein Hemd, ganz schmutzig und zerrissen, -- er
htte sich schlafen gelegt, ich aber htte bis zum frhen Morgen im
Wasser geplantscht, seine Lumpen und die Kinderwsche gewaschen, htte
es vor dem Fenster getrocknet, und wenn der Morgen gekommen wre, htte
ich mich hingesetzt und die Sachen ausgebessert, -- sehen Sie, das wre
meine Nachtruhe gewesen! ... Also, was ist da vom Verzeihen zu reden!
Ich habe auch so verziehen!

Ein hohler, schrecklicher Husten unterbrach sie. Sie hustete, spie in
ein Taschentuch, hielt die eine Hand vor Schmerz an die Brust und zeigte
mit der anderen dem Priester das Taschentuch. Das Taschentuch war voll
Blut ...

Der Priester senkte den Kopf und schwieg.

Marmeladoff lag in den letzten Zgen; er wandte von Katerina Iwanowna,
die sich wieder ber ihn gebeugt hatte, seine Augen nicht ab. Er wollte
ihr immer etwas sagen, er begann auch, bewegte voll Anstrengung die
Zunge und sprach die Worte unklar aus, aber Katerina Iwanowna, die
verstanden hatte, da er sie um Verzeihung bitten mchte, rief ihm
sofort in befehlendem Tone zu:

Schweig ... schweig! Ist nicht ntig! ... Ich wei, was du sagen
willst! ...

Und der Sterbende verstummte, aber in diesem Augenblicke fiel sein
irrender Blick auf die Tre, und er erblickte Ssonja.

Vorher hatte er sie nicht bemerkt, -- sie stand im Schatten in der Ecke.

Wer ist das? Wer ist das? sagte er pltzlich mit heiserer,
erstickender Stimme, ganz aufgeregt und zeigte voll Schrecken mit den
Augen auf die Tre, wo seine Tochter stand, und versuchte sich zu
erheben.

Bleib liegen! rief Katerina Iwanowna. Ihm war es mit unnatrlicher
Anstrengung gelungen, sich auf seine Hand zu sttzen. Er sah wild und
unbeweglich eine Weile die Tochter an, als ob er sie nicht erkenne. Er
hatte sie auch noch nie in diesem Aufzuge gesehen. Pltzlich erkannte er
sie, die gedemtigte, vllig niedergeschlagene, geputzte und sich
schmende, die demtig wartete, bis an sie die Reihe kam, vom sterbenden
Vater Abschied zu nehmen. Ein grenzenloses Leid zeigte sich auf seinem
Gesichte.

Ssonja! Tochter! Verzeih! rief er und wollte nach ihr die Hand
ausstrecken, aber er verlor das Gleichgewicht und strzte vom Sofa mit
dem Gesichte zu Boden. Man lief hin, um ihn aufzuheben und legte ihn auf
das Sofa hin, aber er war schon im Sterben. Ssonja schrie schwach auf,
lief hin, umarmte ihn und blieb bewegungslos stehen. Er starb in ihren
Armen.

Er hat's erreicht! rief Katerina Iwanowna, als sie ihren Mann tot sah.
Aber was soll ich jetzt tun! Womit soll ich ihn beerdigen? Und womit
soll ich diese hier fttern?

Raskolnikoff trat zu Katerina Iwanowna.

Katerina Iwanowna, begann er. Ihr verstorbener Gatte erzhlte mir in
der vorigen Woche sein ganzes Leben und alle seine Verhltnisse ...
Seien Sie versichert, da er von Ihnen mit Wrme und Achtung sprach.
Seit diesem Abend, als ich erfuhr, wie er an Ihnen hing und wie er Sie,
Katerina Iwanowna, besonders hochschtzte und liebte, trotz seiner
unglcklichen Schwche, seit diesem Abend waren wir Freunde ... Erlauben
Sie mir jetzt also ... Ihnen behilflich zu sein ... meinem verstorbenen
Freunde die letzte Ehre erweisen zu knnen. Sehen Sie, hier habe ich ...
zwanzig Rubel, glaube ich ... und wenn dies Ihnen eine Hilfe sein kann,
so ... ich ... will mit einem Worte wiederkommen, ... ich komme
unbedingt ... ich komme unbedingt ... ich komme vielleicht schon morgen
zu Ihnen ... Leben Sie wohl!

Und er ging schnell aus dem Zimmer und drngte sich durch die Menge, da
aber stie er pltzlich mit Nikodim Fomitsch, dem Polizeikommissar,
zusammen, der von dem Unglck gehrt hatte und persnlich Anordnungen
treffen wollte. Seit dem Auftritt im Polizeibureau hatten sie einander
nicht gesehen, aber Nikodim Fomitsch erkannte ihn sofort.

Ah, Sie sind hier? fragte er.

Er ist gestorben, antwortete Raskolnikoff. Ein Arzt war dagewesen,
auch ein Priester war da, alles ist in Ordnung. Regen Sie die arme Frau
nicht auf, sie hat ohnedem die Schwindsucht. Flen Sie ihr Mut ein, so
gut Sie knnen ... Sie sind ja ein guter Mensch, ich wei es ... fgte
er mit einem schiefen Lcheln hinzu und blickte ihm in die Augen.

Wie Sie sich mit Blut befleckt haben, bemerkte Nikodim Fomitsch, als
er beim Lichte der Laterne einige frische Flecken auf der Weste
Raskolnikoffs erblickte.

Ja, ich habe mich bespritzt ... ich bin mit Blut bedeckt! sagte
Raskolnikoff mit einem eigentmlichen Ausdruck, lchelte, nickte ihm zu
und ging die Treppe hinab. Er stieg langsam hinab, ohne sich zu beeilen,
tief ergriffen, voll von einem einzigen, neuen, unermelichen Gefhl,
das als volle und mchtige Lebenswelle ber ihn gekommen war. Ein
Gefhl, das dem eines zu Tode Verurteilten gleichen mochte, dem man
unerwartet die Begnadigung mitgeteilt hatte. Auf der Treppe berholte
ihn der Priester, der nach Hause ging; Raskolnikoff lie ihn schweigend
an sich vorbergehen und wechselte mit ihm einen stummen Gru. Als er
aber die letzten Stufen hinabschritt, hrte er eilige Schritte hinter
sich. Jemand wollte ihn einholen. Es war Poljenka, sie lief ihm nach und
rief: Hren Sie, hren Sie doch!

Sie kam die letzte Treppe herab und blieb eine Stufe ber ihm stehen.
Ein schwaches Licht drang vom Hofe herein. Raskolnikoff schaute in das
magere, aber liebe Gesichtchen des kleinen Mdchens, das ihm zulchelte
und ihn frhlich, nach Kinderart, ansah. Sie war mit einem Auftrage
gekommen, der ihr selbst sehr zu gefallen schien.

Sagen Sie mir, wie heien Sie denn? ... und noch ... wo wohnen Sie
denn? fragte sie ihn hastig mit erstickendem Stimmchen.

Er legte beide Hnde auf ihre Schultern und blickte sie glcklich an. Es
war ihm wohltuend, sie anzusehen, -- er wute selbst nicht warum.

Wer hat dich zu mir geschickt?

Schwesterchen Ssonja hat mich geschickt, antwortete das kleine Mdchen
und lchelte noch freundlicher.

Ich wute, da Schwesterchen Ssonja dich geschickt hat.

Mama hat mich auch geschickt. Als Schwesterchen Ssonja mich schickte,
kam Mama auch und sagte: Ja, lauf schnell, Poljenka!

Liebst du Schwesterchen Ssonja?

Ich liebe sie mehr als alle anderen! sagte Poljenka mit besonderer
Festigkeit, und ihr Gesicht wurde pltzlich ernst.

Wirst du mich auch lieben knnen?

Anstatt einer Antwort nherte sich ihm das Gesichtchen des Kindes, und
die kleinen Lippen streckten sich ihm zum Ku entgegen. Ihre rmchen,
streichhlzchendnn, umschlangen ihn krftig, ihr Kopf senkte sich auf
seine Schulter, und das kleine Mdchen fing leise an zu weinen und
prete sich immer fester und fester mit dem Gesicht an ihn.

Papa tut mir so leid! sagte sie nach einer Weile, hob ihr verweintes
Gesichtchen in die Hhe und wischte sich mit den Hnden die Trnen ab.
Wir haben immer Unglck, fgte sie unerwartet hinzu und mit jenem
besonders wichtigen Ausdruck, den Kinder annehmen, wenn sie wie
Erwachsene sprechen wollen.

Papa hat dich auch geliebt?

Er hat Lidotschka mehr als uns alle geliebt, fuhr sie mit dem gleichen
Ernste fort, er liebte sie, weil sie klein und krank ist, und er
brachte ihr immer etwas mit, uns aber lehrte er das Lesen, und mich
Grammatik und Religion, fgte sie mit Stolz hinzu, Mama sagte nichts
dazu, aber wir wuten doch, da sie das gern hatte, und Papa wute es
auch. Mama will mich Franzsisch lehren, es ist Zeit, da ich eine
Erziehung erhalte.

Kannst du auch beten?

Oh, gewi knnen wir es. Schon lange, ich bete, seitdem ich gro bin,
allein fr mich, Kolja und Lidotschka beten laut mit Mama; zuerst sagen
sie das Gebet an die Gottesmutter und dann noch ein Gebet, >lieber Gott,
verzeihe und segne Schwesterchen Ssonja,< und dann >lieber Gott,
verzeihe und segne unsern andern Papa,< denn unser lterer Papa ist
schon gestorben, dieser war unser zweiter Papa, doch wir beten auch fr
ihn.

Poletschka, ich heie Rodion; bete auch fr mich einmal, -- >fr den
Gottesknecht Rodion< -- und mehr nicht.

Ich werde mein ganzes knftiges Leben fr Sie beten, sagte eifrig das
kleine Mdchen, lachte wieder heiter und umarmte ihn von neuem.
Raskolnikoff nannte ihr seinen Namen, gab ihr seine Adresse und
versprach, morgen unbedingt zu ihr zu kommen. Das kleine Mdchen ging
vllig entzckt von ihm. Es war die elfte Stunde, als er auf die Strae
hinaustrat. Nach fnf Minuten stand er auf der Brcke, genau an
derselben Stelle, wo vorhin die Frau sich ins Wasser gestrzt hatte.

Genug! sagte er entschlossen und feierlich, fort mit den
Traumgebilden, fort mit den eingebildeten Schrecken, fort mit den
Gespenstern! ... Es gibt noch ein Leben! Habe ich eben nicht gelebt?
Mein Leben ist noch nicht mit der alten Witwe gestorben! Mge ihr das
Himmelreich beschieden sein und, -- und genug, Mtterchen, es ist Zeit
fr dich zu ruhen! Das Reich der Vernunft und des Lichtes ist jetzt
gekommen! ... und ... und des Willens ... und der Kraft ... und nun
wollen wir sehen! Wir wollen unsere Krfte messen fgte er
herausfordernd hinzu, als wende er sich an eine dunkle Macht und fordere
sie zum Kampfe auf. Und ich war schon bereit, mich auf den ellenlangen
Raum einzurichten!

... Sehr schwach fhle ich mich in diesem Augenblicke, aber ... es
scheint, die Krankheit ist vorber. Ich wute, da sie vergehen wird,
als ich vor kurzem wegging. Wie ist mir denn -- ist nicht das Haus
Potschinkoff kaum zwei Schritte von hier. Jetzt gehe ich zu Rasumichin,
wenn es auch nicht nur zwei Schritte wren ... mag er die Wette
gewinnen! ... mag er auch sein Vergngen haben, -- tut nichts, mag er es
haben! Kraft, Kraft ist ntig, -- ohne Kraft kann man nichts berwinden,
und die Kraft mu wieder durch Kraft erworben werden, aber davon haben
sie keine Ahnung, fgte er stolz und selbstbewut hinzu, und konnte
kaum seine Fe noch heben. Der Stolz und das Selbstvertrauen wuchsen
mit jeder Minute in ihm; im nchsten Augenblicke war er schon ein
anderer Mensch als in dem vorhergehenden. Was war mit ihm Besonderes
vorgegangen, das ihn so verwandelt hatte? Er wute es selbst nicht; ihm
war es wie einem Menschen, der nach einem Strohhalm greift, um sich zu
retten; und es war ihm, als ob es noch Leben gab fr ihn, als ob sein
Leben mit der Alten nicht gestorben sei. Vielleicht war er zu eilig mit
der Schlufolgerung, aber daran dachte er nicht.

Den Gottesknecht Rodion soll sie im Gebet nennen, durchfuhr es ihn,
und das ist ... fr alle Flle! fgte er hinzu, und mute selber ber
den Einfall lachen.

Er befand sich in ausgezeichneter Stimmung.

Rasumichin fand er mit Leichtigkeit; im Hause Potschinkoff kannte man
schon den neuen Mieter, und der Hausknecht zeigte ihm sogleich den Weg.
Auf der halben Treppe konnte man den Lrm und die lebhaften Stimmen
einer groen Gesellschaft vernehmen. Die Tre zur Treppe war
sperrangelweit auf; man hrte, wie geschrien und gestritten wurde.
Rasumichins Zimmer war ziemlich gro, und es waren etwa fnfzehn
Menschen bei ihm. Raskolnikoff blieb im Flure stehen. Hier, hinter einer
Rollwand, waren zwei Mdchen der Wirtsleute mit zwei groen Samowars
beschftigt, hier standen Flaschen, Teller und Schsseln mit Pasteten
und Imbi, die aus der Kche der Wirtsleute hierher geschafft worden
waren. Raskolnikoff lie Rasumichin herausholen. Der kam freudig
berrascht herausgelaufen. Man merkte beim ersten Blick, da er
ungewhnlich viel getrunken hatte, und obwohl Rasumichin sich nie
betrunken hatte, konnte man es ihm dieses Mal doch anmerken.

Hre, beeilte sich Raskolnikoff zu sagen, ich bin nur hergekommen, um
dir zu sagen, da du die Wette gewonnen hast, und da tatschlich
niemand wissen kann, was alles mit ihm geschieht. Hineingehen kann ich
nicht, -- ich fhle mich zu schwach, so da ich frchten mu,
hinzufallen. Und darum sage ich dir gleich >Guten Abend< und >Lebewohl<!
Komm du morgen zu mir ...

Weit du was, ich begleite dich nach Hause! Wenn du schon selbst sagst,
da du dich schwach fhlst, da ...

Und deine Gste? Wer ist dieser mit dem lockigen Haar, der soeben
herausguckte?

Der? Wei der Teufel, wer er ist! Wahrscheinlich ein Bekannter meines
Onkels, vielleicht ist er auch ohne Aufforderung hergekommen ... Ich
lasse den Onkel bei den Gsten; er ist ein prchtiger Mensch. Schade,
da du ihn jetzt nicht kennenlernst. Im brigen, hol sie alle der
Teufel! Jetzt haben sie keine Zeit, an mich zu denken, und ich mu
frische Luft schpfen; du bist mir sehr gelegen gekommen. Noch zwei
Minuten und ich htte mich mit ihnen geprgelt, bei Gott! Sie lgen so
das dmmste Zeug zusammen ... Du kannst dir nicht vorstellen, wie gro
der Mensch im Lgen ist! Na, warum sollst du es dir nicht vorstellen
knnen? Wir lgen doch selbst? Ja, mgen sie auch jetzt lgen, dafr
werden sie spter nicht mehr lgen ... Warte einen Augenblick, ich sage
es noch Sossimoff ...

Sossimoff eilte hastig auf Raskolnikoff zu; man merkte in ihm eine
besondere Neugierde, jedoch sein Gesicht hellte sich sofort auf.

Gleich ins Bett, sagte er, nachdem er nach Mglichkeit den Kranken
untersucht hatte, und zur Nacht nehmen Sie noch ein Plverchen. Wollen
Sie es nicht? Ich habe schon vorher fr Sie ... ein Plverchen
bereitet.

Meinetwegen nehme ich auch zwei Pulver, antwortete Raskolnikoff.

Und das Pulver wurde sofort eingenommen.

Es ist sehr gut, da du ihn begleitest, sagte Sossimoff zu Rasumichin,
wie es morgen sein wird, werden wir sehen, heute ist es nicht bel mit
ihm, -- eine bedeutende Verbesserung seit kurzem. Man lernt sein ganzes
Leben ...

Weit du, was Sossimoff mir soeben zuflsterte, als wir fortgingen,
platzte Rasumichin heraus, als sie auf die Strae traten. Ich will dir,
Bruder, nicht alles so direkt sagen, denn sie sind Dummkpfe. Sossimoff
bat mich, den ganzen Weg mit dir zu schwatzen und dich selbst zum
Schwatzen zu veranlassen, um ihm dann alles nachher zu erzhlen, denn er
hat eine Idee ... nmlich da du ... verrckt seist, oder nahe daran
bist. Stell' dir das vor! Erstens bist du dreimal klger als er,
zweitens, wenn du nicht verrckt bist, pfeifst du darauf, da er so
dummes Zeug im Kopfe hat, und drittens, dieses Stck Fleisch, trotz
seiner Spezialitt fr Chirurgie, ist jetzt auf Geisteskrankheiten
versessen, und in bezug auf dich hat ihn dein heutiges Gesprch mit
Sametoff endgltig darauf gebracht.

Hat dir Sametoff alles erzhlt?

Ja, alles, und es ist sehr gut, da er es erzhlt hat. Jetzt habe ich
alles, auch was drum und dran hngt, begriffen, und Sametoff hat auch
begriffen ... Nun ja, mit einem Worte, Rodja ... die Sache ist die ...
Ich bin jetzt ein bichen betrunken ... Aber das tut nichts ... die
Sache ist die, da dieser Gedanke ... verstehst du? ... in der Tat ihnen
hin und wieder kam ... verstehst du? Das heit, niemand wagte es laut
auszusprechen, denn es ist das dmmste Zeug, und besonders, nachdem man
diesen Anstreicher verhaftet hatte, zerfiel alles in nichts und
verschwand auf immer. Aber warum sind sie solche Dummkpfe? Ich hatte
damals Sametoff ein wenig verprgelt, -- das soll unter uns bleiben,
Bruder; bitte, la dir auch nicht das geringste merken, da du es weit,
ich habe bemerkt, da er empfindlich ist, es geschah bei Louisa, --
heute, heute wurde alles klar. Hauptschlich dieser Ilja Petrowitsch! Er
benutzte damals deine Ohnmacht im Polizeibureau, spter schmte er sich
selber dessen, ich wei es ...

Raskolnikoff hrte aufmerksam zu. Rasumichin plapperte in seiner
Trunkenheit alles aus.

Ich fiel damals darum in Ohnmacht, weil so schlechte Luft war und weil
die lfarbe so widerlich roch, sagte Raskolnikoff.

Du willst noch erklren! Nicht die lfarbe war es allein, die Krankheit
bereitete sich schon einen ganzen Monat vor, -- Sossimoff ist doch
Zeuge! Aber wie niedergeschlagen jetzt dieser Junge -- Sametoff -- ist,
du kannst dir es nicht vorstellen! -- >Ich bin den kleinen Finger dieses
Menschen nicht mal wert<, sagt er. Das heit _deinen_ kleinen Finger. Er
hat zuweilen schne Gefhle, Bruder. Aber die Lehre, die heutige Lehre
im Kristallpalast -- das ist der Hauptcoup! Du hast ihn zuerst
erschreckt und fast zum Wahnsinn gebracht! Du hast ihn fast gezwungen,
wieder an diesen ganzen scheulichen Unsinn zu glauben und dann
pltzlich zeigtest du ihm die Zunge, -- als wrdest du sagen, -- na, da
hast du es jetzt, glaubst du nun? Es war kstlich! Er ist jetzt
zermalmt, zerknirscht! Du bist ein Meister, bei Gott, so mu man mit
ihnen umspringen! Schade, da ich nicht dabei war! Er erwartete dich
jetzt sehnlichst bei mir. Porphyri will dich auch kennenlernen ...

Ah ... auch der ... Und warum halten sie mich fr verrckt?

Das heit nicht fr verrckt. Ich habe, scheint mir, da zuviel gesagt
... Siehst du, es setzte ihn in Erstaunen, da dich diese Sache
interessiert; wo er alle Umstnde kennt ... und er sah, wie es dich
gereizt hatte und wie es mit deiner Krankheit zusammenfiel ... Ich bin
ein wenig betrunken, Bruder, aber wei der Teufel, er hat so seine
eigene Idee ... Ich sage dir, -- er ist jetzt auf Geisteskrankheiten
versessen. Pfeif' ihm darauf ...

Beide schwiegen eine Weile.

Hre, Rasumichin, begann Raskolnikoff, ich will dir offen gestehen;
ich war soeben bei einem Sterbenden, Beamter ist er gewesen ... dort
habe ich mein ganzes Geld hergegeben ... auerdem hat mich soeben ein
Wesen gekt, das auch, wenn ich wirklich jemand ermordet htte, ebenso
... mit einem Worte, ich habe dort noch ein anderes Wesen gesehen ...
mit einer feuerroten Feder ... brigens, aber ich phantasiere ... ich
bin sehr schwach, sttze mich ... gleich sind wir bei der Treppe ...

Was ist mit dir? Was ist mit dir? fragte Rasumichin ngstlich.

Mir schwindelt ein wenig der Kopf, aber das ist es nicht, mir ist so
traurig, so traurig ... wie jener Frau ... es ist wahr! Sieh, was ist
das? Sieh! Sieh!

Was denn?

Siehst du denn nicht? Siehst du nicht, in meinem Zimmer ist Licht!
Durch die Ritze ...

Sie standen schon auf dem letzten Treppenabsatz, neben der Tre zu der
Wirtin Wohnung; man konnte wirklich von unten aus sehen, da
Raskolnikoffs Kammer erleuchtet war.

Sonderbar! Es ist vielleicht Nastasja, bemerkte Rasumichin.

Sie ist niemals um diese Zeit bei mir, und auerdem schlft sie schon
lngst, doch ... mir ist es einerlei. Lebe wohl!

Was ist dir? Ich begleite dich doch, wir gehen beide hinein!

Ich wei, da wir zusammen hineingehen werden, aber ich will hier deine
Hand drcken und hier von dir Abschied nehmen. Da, gib mir die Hand,
lebwohl!

Was ist dir, Rodja?

Nichts ... komm, wir gehen ... du wirst Zeuge sein ...

Sie begannen die Treppe hinaufzusteigen, und Rasumichin durchzuckte der
Gedanke, da Sossimoff doch vielleicht recht habe. Ach! Ich habe ihn
mit meinem Geschwtz verwirrt! murmelte er vor sich hin. Als sie an die
Tre kamen, hrten sie Stimmen im Zimmer.

Was ist da los? rief Rasumichin aus.

Raskolnikoff ergriff zuerst die Trklinke und ffnete die Tre weit und
blieb wie versteinert auf der Schwelle stehen.

Seine Mutter und Schwester saen auf dem Sofa und warteten auf ihn schon
seit anderthalb Stunden. Sie hatte er am allerwenigsten erwartet und
noch weniger an sie gedacht, trotzdem ihm heute noch einmal die
Mitteilung geworden war, da sie abgereist, unterwegs wren und jeden
Augenblick ankommen knnten. Sie hatten die anderthalb Stunden, einander
unterbrechend, Nastasja ausgefragt, die auch jetzt noch vor ihnen stand
und ihnen schon alles erzhlt hatte, und waren vor Schreck fast gelhmt,
als sie hrten, da er heute weggelaufen sei, krank, wie er war, und
sicher nicht bei vollem Bewutsein, wie man aus der Erzhlung entnehmen
konnte! Mein Gott, was wird mit ihm geschehen sein! Sie weinten beide,
und beide hatten in diesen anderthalb Stunden Folterqualen erlitten.

Ein freudiger, entzckter Schrei begrte Raskolnikoffs Erscheinen.
Beide strzten auf ihn zu. Er aber stand wie leblos da; eine
unertrgliche Empfindung hatte ihn wie ein Blitz getroffen. Seine Hnde
erhoben sich nicht, um sie zu umarmen, -- sie konnten sich nicht
erheben. Die Mutter und Schwester erdrckten ihn in ihrer Umarmung,
kten ihn, lachten und weinten ... Er tat einen Schritt, schwankte und
strzte ohnmchtig zu Boden.

Aufregung, erschreckte Ausrufe, Gesthn ... Rasumichin, der auf der
Schwelle stand, flog ins Zimmer herein, packte den Kranken mit seinen
krftigen Armen, und jener lag im Nu auf dem Sofa.

Hat nichts zu sagen! Tut nichts! rief er Mutter und Schwester zu, das
ist eine Ohnmacht, das ist nichts! Soeben hat noch der Arzt gesagt, da
es ihm bedeutend besser gehe, da er vollkommen gesund sei! Wasser her!
Sehen Sie, er kommt schon zu sich, er ist bei Bewutsein!

Er ergriff die Hand Dunetschkas so stark, da er sie beinahe verrenkte,
und zog sie nher, damit sie sich berzeuge, da er schon bei
Bewutsein sei. Mutter und Schwester blickten Rasumichin wie die
Vorsehung, mit Rhrung und Dankbarkeit an; sie hatten schon von Nastasja
gehrt, was dieser eifrige junge Mann, wie ihn am selben Abend
Pulcheria Alexandrowna Raskolnikowa selbst in einem intimen Gesprche
mit Dunetschka genannt hatte, fr ihren Rodja gewesen war.




                              Dritter Teil


                                   I.

Raskolnikoff erhob sich und setzte sich auf das Sofa. Er winkte mit der
Hand schwach Rasumichin ab, damit er dem Strome seiner eifrigen
Trostspendung an Mutter und Schwester ein Ende mache, nahm beider Hnde
und blickte etwa zwei Minuten schweigend bald die eine, bald die andere
an. Die Mutter erschrak vor seinem Blick. In diesem Blicke lag ein bis
zur Qual gesteigertes Gefhl, aber gleichzeitig etwas Starres, fast
Irrsinniges. Pulcheria Alexandrowna begann zu weinen.

Awdotja Romanowna war bleich, ihre Hand zitterte in der des Bruders.

Geht nach Hause ... mit ihm, sagte er mit stockender Stimme und wies
auf Rasumichin, bis morgen; morgen wird alles ... Seid ihr schon lange
angekommen?

Heute abend, Rodja, antwortete Pulcheria Alexandrowna, der Zug hat
sich schrecklich versptet. Rodja, ich will aber jetzt um keinen Preis
der Welt von dir gehen! Ich schlafe hier neben dir ...

Qult mich nicht! sagte er und machte eine gereizte Bewegung mit der
Hand.

Ich bleibe bei ihm! rief Rasumichin. Ich will ihn keinen einzigen
Augenblick verlassen, und hol der Teufel alle meine Gste, mgen sie
auer sich sein! Mein Onkel mag dort reprsentieren.

Wie, wie soll ich Ihnen danken! begann Pulcheria Alexandrowna und
drckte von neuem Rasumichin die Hand, aber Raskolnikoff unterbrach sie.

Ich kann nicht, kann nicht, wiederholte er gereizt, qult mich nicht!
Genug, geht weg ... Ich kann nicht! ...

Gehen wir, Mama, gehen wir wenigstens auf einen Augenblick aus dem
Zimmer heraus, flsterte die erschrockene Dunja, wir martern ihn, man
sieht's doch.

Soll ich denn gar nicht bei ihm sein, nach drei Jahren langer
Trennung! weinte Pulcheria Alexandrowna.

Wartet! hielt Raskolnikoff sie zurck, ihr unterbrecht mich immer,
und meine Gedanken verwischen sich ... Habt ihr Luschin gesehen?

Nein, Rodja, aber er wei schon, da wir angekommen sind. Wir haben
gehrt, Rodja, da Peter Petrowitsch so gut war und dich heute besucht
hat, fgte ein wenig schchtern Pulcheria Alexandrowna hinzu.

Ja ... er war so gut ... Dunja, ich habe vorher Luschin gesagt, da ich
ihn die Treppe hinunterwerfen werde und habe ihn zum Teufel gejagt ...

Rodja, was ist dir! Du hast sicher ... du willst doch nicht sagen,
begann Pulcheria Alexandrowna erschreckt, hielt aber vor einem Blick
Dunjas inne.

Awdotja Romanowna sah den Bruder aufmerksam an und wartete auf das, was
er weiter sagen wrde. Beide waren schon von dem Streite durch Nastasja
benachrichtigt, so weit sie es selber begriffen hatte und mitteilen
konnte, und hatten unter der Ungewiheit und Erwartung gelitten.

Dunja, fuhr Raskolnikoff mit Mhe fort, ich wnsche diese Heirat
nicht, und darum mut du morgen noch Luschin absagen, damit er vllig
verschwinde.

Mein Gott! rief Pulcheria Alexandrowna aus.

Bruder, berlege, was du sprichst! begann Awdotja Romanowna erregt,
aber hielt sofort an sich. Du bist vielleicht jetzt nicht imstande, du
bist mde, fgte sie sanft hinzu.

Gar im Fieber? Nein ... Du heiratest Luschin um meinetwillen. Ich aber
nehme das Opfer nicht an. Und darum schreibe morgen den Brief ... mit
der Absage ... Gib ihn mir morgen frh zu lesen, und Schlu damit!

Ich kann es nicht tun! rief das gekrnkte Mdchen aus. Mit welchem
Recht ...

Dunetschka, du bist zu hitzig, hr auf, morgen ... Siehst du denn nicht
... suchte die erschrockene Mutter zu beruhigen. Ach, gehen wir besser
fort!

Er redet im Fieber! rief der berauschte Rasumichin. Sonst wrde er
das nicht sagen! Morgen ist dieser ganze Unsinn verschwunden ... Heute
hat er ihn wohl hinausgejagt. Das ist wahr. Nun, und jener wurde bse
... Er hat hier schne Reden gehalten, seine Kenntnisse ausgekramt und
ging dann mit eingezogenem Schwanz weg ...

Also, es ist wahr? rief Pulcheria Alexandrowna aus.

Bis auf morgen, Bruder! sagte Dunja mitleidsvoll. Gehen wir, Mama ...
Leb wohl, Rodja!

Hrst du, Schwester, rief er ihnen mit letzten Krften nach, ich
phantasiere nicht; diese Heirat ist eine Schuftigkeit. Mag ich ein
Schuft sein, du aber darfst nicht ... einer von beiden ... und wenn ich
auch ein Schuft bin, aber so eine Schwester will ich nicht als Schwester
anerkennen. Entweder ich oder Luschin! Geht ...

Du bist verrckt geworden! Despot! brllte Rasumichin, aber
Raskolnikoff antwortete nicht mehr, vielleicht hatte er auch nicht mehr
die Kraft, zu antworten.

Er hatte sich auf das Sofa gelegt und sich in vlliger Ermattung der
Wand zugekehrt. Awdotja Romanowna blickte Rasumichin voll Interesse an;
ihre schwarzen Augen funkelten, -- Rasumichin zuckte unter diesem Blicke
zusammen. Pulcheria Alexandrowna stand, wie vom Donner gerhrt, da.

Ich kann nicht weggehen! flsterte sie fast verzweifelt Rasumichin zu,
ich bleibe hier, irgendwo ... begleiten Sie Dunja.

Und Sie werden die ganze Sache verderben! flsterte Rasumichin auer
sich. Gehen wir wenigstens auf die Treppe hinaus. Nastasja, leuchte
uns! Ich schwre Ihnen, fuhr er im Flstertone fort, als sie schon auf
der Treppe waren, da er vorhin beinahe mich und den Arzt verprgelt
htte! Verstehen Sie! Selbst den Arzt! Und der gab nach, um ihn nicht zu
reizen und ging fort, ich aber blieb unten, um auf ihn aufzupassen, er
hatte sich aber inzwischen angekleidet und entschlpfte mir. Er wird uns
auch jetzt entschlpfen, wenn Sie ihn reizen werden, und es ist Nacht,
und er kann sich etwas antun ...

Ach, was sagen Sie?

Und Awdotja Romanowna kann auch nicht ohne Sie allein in diesen
mblierten Zimmern bleiben! Denken Sie nach, wo Sie abgestiegen sind!
Dieser Schuft Peter Petrowitsch konnte Ihnen doch eine bessere Wohnung
... brigens, wissen Sie, ich bin ein wenig betrunken und habe darum ...
ihn geschimpft; beachten Sie es nicht ...

Ich gehe zu seiner Wirtin, bestand Pulcheria Alexandrowna auf ihrer
Absicht, ich will sie bitten, mir und Dunja einen Platz fr diese Nacht
zu geben. Ich kann ihn nicht so verlassen, ich kann nicht!

Whrend sie darber sprachen, standen sie auf dem Treppenabsatz vor der
Tre zu der Wohnung der Wirtin. Nastasja leuchtete ihnen von der letzten
Stufe herab. Rasumichin war ungewhnlich erregt. Vor einer halben Stunde
noch, als er Raskolnikoff nach Hause begleitete, war er wohl bermig
geschwtzig und wute es auch, er war aber vllig munter und ganz
frisch, ungeachtet des frchterlichen Quantums Wein, das er an diesem
Abend getrunken hatte. Jetzt aber geriet er in Ekstase und der ganze
Wein schien mit einem Male mit verstrkter Macht ihm zu Kopf gestiegen
zu sein. Er stand vor den beiden Damen, hatte sie beide an den Hnden
gefat, redete auf sie ein und machte ihnen mit erstaunlicher Offenheit
Vorstellungen und wahrscheinlich, um sie besser zu berzeugen, prete er
bei jedem Worte, wie mit Klammern, ihre Hnde, da ihnen die Trnen
kamen und schien Awdotja Romanowna mit den Augen zu verschlingen, ohne
sich dabei gro zu genieren. Vor Schmerz suchten sie ihre Hnde aus
seiner groen und knochigen Hand zu befreien, aber er merkte den Grund
nicht und zog beide noch strker zu sich. Wenn sie ihm in diesem
Augenblicke befohlen htten, ihnen zuliebe sich von der Treppe kopfber
hinabzustrzen, er htte es getan, ohne sich zu besinnen und zu zgern.
Pulcheria Alexandrowna, ganz aufgeregt im Gedanken an ihren Rodja,
fhlte wohl, da der junge Mann sehr exzentrisch sei und zu schmerzhaft
ihre Hand drcke, aber da er doch fr sie ein Stck Vorsehung war, so
wollte sie alle diese exzentrischen Einzelheiten nicht bemerken. Trotz
ihrer Aufregung wegen des Bruders und obwohl sie nicht ngstlicher Natur
war, bemerkte Awdotja Romanowna doch voll Staunen und fast mit Schrecken
die in wildem Feuer funkelnden Augen des Freundes ihres Bruders, und
blo das grenzenlose Vertrauen, das ihr die Erzhlung Nastasjas ber
diesen sonderbaren Menschen eingeflt hatte, hielt sie ab, wegzulaufen
und die Mutter von ihm wegzubringen. Sie begriff aber auch, da sie von
ihm jetzt nicht loskommen knne. Nach etwa zehn Minuten aber hatte sie
sich schon gefat, -- Rasumichins Art war es, sich schnell restlos zu
zeigen, in welcher Stimmung er auch war, so da alle sehr bald wuten,
mit wem sie es zu tun hatten.

Bei der Wirtin ist es unmglich, und ein greulicher Unsinn ist es!
fiel er Pulcheria Alexandrowna in die Rede. Mgen Sie auch die Mutter
sein, wenn Sie aber hier bleiben, versetzen Sie ihn in Raserei und dann
wei der Teufel, was folgen wird! Hren Sie, ich will es so machen, --
jetzt bleibt bei ihm Nastasja sitzen, ich aber begleite Sie beide zu
Ihrer Wohnung, denn Sie knnen nicht allein auf der Strae gehen. Bei
uns in Petersburg ist es in dieser Hinsicht ... Nun, lassen wir das ...
Ich laufe dann sofort hierher zurck und bringe Ihnen nach einer
Viertelstunde, mein heiliges Ehrenwort darauf, Rapport, -- wie es mit
ihm steht, ob er schlft oder nicht und dergleichen. Dann, hren Sie
weiter! Dann laufe ich von Ihnen auf einen Sprung zu mir, -- ich habe
Gste, alle sind betrunken, -- nehme Sossimoff -- das ist der Arzt, der
ihn behandelt, er sitzt jetzt bei mir, ist nicht betrunken, er ist nie
betrunken. Ich schleppe ihn zu Rodja und bin wieder sofort bei Ihnen,
also im Laufe von einer Stunde haben Sie zwei Rapporte ber ihn, -- und
vom Arzte, verstehen Sie, vom Arzte selbst, das ist mehr wert als von
mir! Sollte es schlimmer sein, ich schwre Ihnen, so bringe ich Sie
selbst hierher, steht aber alles gut, so gehen Sie schlafen. Ich aber
werde diese Nacht hier schlafen, im Flure, er wird nichts hren, und
Sossimoff werde ich sagen, er soll bei der Wirtin schlafen, damit er da
ist, wenn man ihn braucht. Nun, was ist fr ihn jetzt besser, -- Sie
oder der Arzt? Der Arzt ist doch ntzlicher, ntzlicher. Nun, gehen Sie
also nach Hause! Zu der Wirtin ist es unmglich; mir ist es mglich,
Ihnen aber nicht, -- sie wird Sie nicht hereinlassen, weil ... weil sie
eine Nrrin ist. Sie wird auf Awdotja Romanowna meinetwegen eiferschtig
sein, wenn Sie es wissen wollen, und auch auf Sie selbst ... Auf Awdotja
Romanowna aber unbedingt. Sie ist ein vollkommen, vollkommen
unberechenbarer Charakter! brigens, ich bin auch ein Narr ... Ich
pfeife darauf! Gehen wir! Glauben Sie mir? Nun, glauben Sie mir oder
nicht? ...

Gehen wir, Mama, sagte Awdotja Romanowna, er wird bestimmt so tun,
wie er versprochen hat. Er hat schon einmal den Bruder zum Leben
erweckt, und wenn der Arzt wirklich damit einverstanden ist, hier zu
schlafen, dann ist es am besten so.

Sehen Sie ... Sie ... Sie verstehen mich, weil Sie ein Engel sind!
rief Rasumichin entzckt aus. Gehen wir! Nastasja! Schnell herauf und
setze dich mit dem Lichte zu ihm; ich komme in einer Viertelstunde ...

Obwohl Pulcheria Alexandrowna nicht ganz berzeugt war, widersetzte sie
sich nicht mehr. Rasumichin bot ihnen beiden seinen Arm und zog sie die
Treppe hinab. Es beunruhigte sie brigens eins -- obwohl er flink und
gut ist, kann er aber auch erfllen, was er verspricht? Er ist doch in
solchem Zustande! ...

Sie haben Angst, weil Sie glauben, da ich nicht ganz klar im Kopfe
bin! unterbrach Rasumichin ihren Gedankengang, als ob er ihn erraten
htte, whrend er mit Riesenschritten weiterging, ohne zu bemerken, da
die beiden Damen ihm kaum folgen konnten. Unsinn! das heit ... ich bin
wie ein Stck Holz betrunken, aber das hat nichts zu sagen; denn ich bin
nicht vom Wein betrunken. Als ich Sie erblickte, da stieg mir das Blut
zu Kopfe ... Aber pfeifen Sie auf mich! Achten Sie nicht darauf, -- ich
lge; ich bin Ihrer unwrdig! ... Wenn ich Sie nach Hause gebracht habe,
giee ich mir schleunigst hier aus diesem Kanal zwei Eimer Wasser ber
den Kopf, damit ich wieder zur Besinnung komme ... Wenn Sie nur wten,
wie ich Sie beide liebe! ... Lachen Sie nicht und seien Sie mir nicht
bse! ... Seien Sie auf alle bse, aber auf mich sollen Sie nicht bse
sein! Ich bin sein Freund, also bin ich auch Ihr Freund. Ich will es so
... Ich habe es geahnt, ... im vorigen Jahre gab es so einen Augenblick
... brigens, ich habe gar nichts geahnt, denn Sie sind wie vom Himmel
gefallen. Ich werde vielleicht auch die ganze Nacht nicht schlafen ...
Dieser Sossimoff frchtete vorhin, da er den Verstand verlieren knnte
... Darum mu man ihn nicht reizen ...

Was sagen Sie? rief die Mutter aus.

Hat das der Arzt gesagt? fragte erschrocken Awdotja Romanowna.

Er hat gesagt, aber nicht das, sondern ganz was anderes. Er hat ihm
auch eine Arznei gegeben, ein Pulver, ich habe es gesehen, und da kamen
Sie ... Ach! ... Es wre besser, Sie wren morgen gekommen! Insofern ist
es gut, da wir weggingen. Nach einer Stunde wird Ihnen Sossimoff selbst
ber alles Rapport erstatten. Sehen Sie, der ist nicht betrunken! Auch
ich wre nicht betrunken ... Warum aber habe ich so viel getrunken? Wie
sie mich in eine Diskussion hineingebracht haben, die Verfluchten! Ich
habe mir selbst das Versprechen gegeben, nicht zu streiten! ... Nun
redeten sie aber so einen Bldsinn zusammen! Ich habe mich beinahe mit
ihnen geprgelt! Ich habe nun meinen Onkel als Prsidium hinterlassen
... Knnen Sie es glauben, -- sie verlangen vllige Unpersnlichkeit des
einzelnen und finden darin den Sinn des Lebens! Blo nicht fr sich
selbst sein, mglichst wenig eigenartig sein! Und das halten sie fr den
allergrten Fortschritt. Und wenn sie wenigstens auf eigene Art lgen
wrden, so aber ...

Hren Sie, unterbrach ihn schchtern Pulcheria Alexandrowna, aber das
brachte ihn noch mehr in Eifer.

Ja, was meinen Sie? rief Rasumichin und erhob seine Stimme noch mehr.
Meinen Sie, ich rede so, weil sie lgen? Unsinn! Ich liebe es, wenn man
lgt. Das Lgen ist das einzige menschliche Privilegium vor allen
Organismen. Wenn du lgst, -- kommst du zur Wahrheit! Ich bin darum auch
Mensch, weil ich lge. Keine einzige Wahrheit ist erreicht, ohne da man
vorher vierzigmal, vielleicht auch hundertundvierzigmal gelogen hat, und
das ist in seiner Art hchst ehrenvoll. Wir aber verstehen nicht einmal,
auf eigene Art zu lgen! Lge mir vor, aber lge in deiner Weise, und
ich gebe dir dann einen Ku. In seiner eigenen Weise zu lgen ist besser
noch als Wahrheit nur aus fremder Quelle; im ersten Falle bist du ein
Mensch, im letzteren bist du blo ein Papagei. Die Wahrheit wird nicht
fortlaufen, das Leben aber kann man dabei mit Brettern zunageln; wir
haben Beispiele dafr. Nun, was sind wir jetzt? Wir alle, alle ohne
Ausnahme, sitzen in bezug auf Wissenschaft, Entwicklung, Denken,
Erfindungen, Ideale, Wnsche, Liberalismus, Vernunft, Erfahrung und
alles, alles, alles und alles noch in der ganz untersten Klasse des
Gymnasiums! Uns hat es gengt, mit fremder Weisheit auszukommen, -- wir
haben Geschmack daran gefunden! Ist es nicht so? Habe ich recht?

Oh, mein Gott, ich wei es nicht, sagte die arme Pulcheria
Alexandrowna.

Es ist so, so ... obwohl ich mit Ihnen nicht in allem einverstanden
bin, fgte Awdotja Romanowna ernst hinzu, aber gleich darauf schrie sie
auf, weil er ihr diesmal zu stark die Hand gedrckt hatte.

So? Sie sagen, es sei so? Ach, dann sind Sie ... Sie ... rief er voll
Entzcken aus. Sie sind die Quelle der Gte, Reinheit, der Vernunft und
... der Vollkommenheit! Geben Sie mir Ihre Hand, geben Sie ... geben
auch Sie Ihre Hand, ich will Ihnen beiden die Hnde kssen, hier,
sofort, auf den Knien!

Und er warf sich mitten auf dem Trottoir, das zum Glck leer war, auf
die Knie hin.

Hren Sie auf, ich bitte Sie, was machen Sie? rief die uerst
betroffene Pulcheria Alexandrowna.

Stehen Sie doch auf, stehen Sie doch auf! lachte Dunja, aber mit einer
gewissen Unruhe.

In keinem Falle, Sie mssen erst Ihre Hnde gegeben haben! So ist es
gut, nun genug, ich bin aufgestanden und nun wollen wir weitergehen! Ich
bin ein unglckseliger Tolpatsch, ich bin Ihrer unwrdig und bin
betrunken und schme mich ... Ich bin nicht wert, Sie zu lieben, aber
die Knie vor Ihnen zu beugen ist die Pflicht eines jeden, wenn er nicht
ein vollkommenes Tier ist! Und ich habe vor Ihnen die Knie gebeugt ...
Da sind auch Ihre mblierten Zimmer, und schon ihretwegen allein war
Rodion im Rechte, als er vorhin Ihren Peter Petrowitsch hinauswarf! Wie
durfte er es wagen, Sie in solchen Zimmern unterzubringen? Das ist ein
Skandal! Wissen Sie, wer hier absteigt? Sie sind doch seine Braut! Sie
sind seine Braut, nicht wahr? Und nun sage ich Ihnen, da Ihr Brutigam
nach diesem ein Schuft ist!

Hren Sie, Herr Rasumichin, Sie haben vergessen ... begann Pulcheria
Alexandrowna.

Ja, ja, Sie haben recht, ich habe mich vergessen, ich schme mich!
rief Rasumichin erschrocken. Aber ... aber ... aber ... Sie knnen mir
nicht bse sein, da ich so rede! Denn ich sage es aufrichtig und nicht
weil ... hm! das wre gemein; mit einem Worte, nicht weil ich Sie ...
hm! ... nun, also, es ist nicht ntig, ich will nicht sagen, warum, ich
darf es nicht! ... Wir hatten alle vorhin gleich begriffen, als er
hereinkam, da dieser Mensch nicht zu uns pat. Nicht weil er mit
gebrannten Locken vom Friseur kam, nicht weil er sich beeilte, seinen
Verstand zu zeigen, sondern weil er ein Aushorcher und Spekulierer ist,
weil er ein Jude und Gauner ist, und das sieht man. Sie denken, er ist
klug? Nein, er ist ein Dummkopf! Nun, pat er denn zu Ihnen? Oh, mein
Gott! Sehen Sie, meine Damen, er blieb pltzlich auf der Treppe stehen,
wenn sie alle bei mir auch betrunken sind, dafr aber sind sie alle
ehrlich, und obgleich wir auch lgen, denn ich lge auch, aber wir
werden uns schlielich bis zur Wahrheit durchlgen, weil wir auf einem
anstndigen Wege gehen, Peter Petrowitsch jedoch ... geht nicht auf
einem anstndigen Wege. Ich habe wohl soeben sie alle tchtig
geschimpft, aber ich achte sie alle; sogar Sametoff, wenn ich ihn auch
nicht achte, so liebe ich ihn doch, denn er ist noch wie ein junger
Hund! Selbst dieses Vieh von Sossimoff, weil er auch ehrlich ist und
seine Sache versteht ... Aber genug, alles ist gesagt und wird
verziehen. Ist es verziehen? Ist es wirklich? Nun, gehen wir. Ich kenne
diesen Korridor, bin hier ein paarmal gewesen; sehen Sie hier, in Nummer
drei, war einmal ein Skandal ... Nun, wo wohnen Sie? Welche Nummer?
Acht? Nun, schlieen Sie sich fr die Nacht ein, lassen Sie niemand
herein. Nach einer Viertelstunde kehre ich mit einer Nachricht zurck
und dann noch einmal nach einer halben Stunde mit Sossimoff, Sie werden
sehen! Leben Sie wohl, ich springe!

Mein Gott, Dunetschka, was wird geschehen? sagte Pulcheria
Alexandrowna und wandte sich voll Unruhe und Angst an die Tochter.

Beruhigen Sie sich, Mama, antwortete Dunja, indem sie ihren Hut und
die Mantille abnahm. Uns hat Gott selbst diesen Mann gesandt, obgleich
er direkt von einer Kneiperei kommt. Man kann sich auf ihn verlassen,
ich versichere Sie. Was hat er alles schon fr den Bruder getan ...

Ach Dunetschka, Gott wei, ob er kommen wird? Wie konnte ich mich dazu
entschlieen, Rodja allein zu lassen! ... Und ich habe es mir nicht,
durchaus nicht vorgestellt, ihn so zu finden! Wie ernst er war, als wre
er um uns nicht froh ...

Trnen zeigten sich in ihren Augen.

Nein, das ist nicht wahr, Mama. Sie konnten ihn nicht gut sehen, weil
Sie fortwhrend weinten. Er ist von einer schweren Krankheit sehr
mitgenommen, -- das ist der ganze Grund.

Ach, diese Krankheit! Was soll noch werden, was soll daraus werden! Und
wie er mit dir sprach, Dunja! sagte die Mutter und blickte schchtern
der Tochter in die Augen, um ihre Gedanken zu erraten, und teilweise
schon dadurch getrstet, weil Dunja ihren Bruder in Schutz nahm, somit
ihm verziehen habe. Ich bin berzeugt, da er morgen seinen Sinn ndern
wird, fgte sie hinzu, sie weiter auszuforschen.

Und ich dagegen bin berzeugt, da er auch morgen dasselbe sagen wird
... schnitt Awdotja Romanowna ab, und man sprach nicht mehr darber,
denn es berhrte einen Punkt, ber den jetzt zu sprechen Pulcheria
Alexandrowna sich zu sehr frchtete.

Dunja trat an die Mutter heran und kte sie. Diese umarmte sie
schweigend und innig. Dann setzte sie sich in unruhiger Erwartung
Rasumichins hin, begann scheu die Tochter zu beobachten, die mit
gekreuzten Armen und selbst voll Erwartung in Gedanken versunken im
Zimmer auf und ab ging. Das Auf- und Abgehen in Gedanken war die
Angewohnheit von Awdotja Romanowna, und die Mutter htete sich immer,
ihr Nachdenken zu stren.

Rasumichin war selbstverstndlich lcherlich mit seiner pltzlichen, in
der Trunkenheit entflammten Leidenschaft zu Awdotja Romanowna. Aber wenn
man Awdotja Romanowna gesehen hatte, besonders jetzt, wo sie mit
gekreuzten Armen, traurig und nachdenklich auf und ab ging, wrden
vielleicht viele ihn entschuldigt haben, ganz abgesehen von seinem
exzentrischen Zustande. Awdotja Romanowna war sehr schn, --
hochgewachsen, wundervoll schlank, krftig und selbstbewut, -- das
uerte sich in jeder ihrer Bewegungen, tat aber der Weichheit und
Grazie derselben in keiner Weise Eintrag. Ihr Gesicht hnelte dem des
Bruders, man konnte sie mit Recht eine Schnheit nennen. Ihr Haar war
dunkelblond, ein wenig heller als das des Bruders; die Augen waren fast
schwarz, ihr Blick stolz und doch wieder zuweilen von ungewhnlicher
Gte. Sie war bleich, aber nicht krankhaft; ihr Gesicht hatte vielmehr
die Frische der Gesundheit. Ihr Mund war etwas klein, die Unterlippe,
frisch und rot, stand kaum merklich hervor; ebenso das Kinn, das war
aber auch die einzige Unregelmigkeit in diesem schnen Gesichte und
verlieh ihm dafr eine besondere Eigentmlichkeit und vielleicht auch
etwas wie Hochmut. Der Ausdruck ihres Gesichtes war in der Regel mehr
ernst und sinnend als frhlich; wie stand aber dafr ein Lcheln diesem
Gesichte, wie kleidete sie ein lustiges, junges und sorgloses Lachen! Es
war begreiflich, da der hitzige, offene, schlichte, ehrliche,
reckenhafte und betrunkene Rasumichin, der noch nie etwas hnliches
gesehen hatte, beim ersten Blick den Kopf verlor. Auerdem zeigte ihm
der Zufall gleich zuerst Dunja, wie absichtlich, in dem schnen Momente
der Liebe zum Bruder und der Freude des Wiedersehens. Er sah dann, wie
ihre Unterlippe vor Entrstung gegenber den ungestmen und undankbar
grausamen Wnschen des Bruders zuckte, -- und er konnte nicht mehr
widerstehen.

Er hatte brigens die Wahrheit gesagt, als er vorhin in seiner
Trunkenheit auf der Treppe damit herausplatzte, da die exzentrische
Wirtin Raskolnikoffs, Praskovja Pawlowna, nicht blo wegen Awdotja
Romanowna, sondern vielleicht auch wegen Pulcheria Alexandrowna auf ihn
eiferschtig sein wrde. Trotzdem Pulcheria Alexandrowna schon
dreiundvierzig Jahre alt war, wies ihr Gesicht immer noch Zeichen der
frheren Schnheit auf und auerdem erschien sie bedeutend jnger als
sie war, was so oft der Fall ist bei Frauen, die die Klarheit des
Geistes, die Frische der Eindrcke und das ehrliche, reine Feuer des
Herzens bis zum Alter sich bewahrten. Wir wollen in Parenthese
hinzufgen, da dies zu bewahren das einzige Mittel ist, auch seine
Schnheit bis ins Alter zu behalten. Ihr Haar zwar begann grau und dnn
zu werden, kleine strahlenartige Runzeln hatten sich schon lange um die
Augen gelegt, die Wangen waren eingefallen und vor Kummer und Sorgen
hager geworden, und dennoch war dieses Gesicht schn. Es war Dunetschkas
Abbild, nur zwanzig Jahre lter und ohne den besonderen Ausdruck der
Unterlippe, die bei ihr nicht hervorstand. Pulcheria Alexandrowna war
empfindsam, aber nicht bis zur Slichkeit, sie war schchtern und
nachgiebig, aber nur bis zu einer gewissen Grenze, -- sie konnte in
vielem nachgeben, konnte mit vielem sich abfinden, selbst wenn es ihrer
berzeugung widersprach, aber zur Verleugnung der Ehrlichkeit und ihrer
tiefsten berzeugungen konnten sie keine Umstnde bringen.

Genau nach zwanzig Minuten, seit Rasumichin weggegangen war, wurde
zweimal nicht laut, aber hastig an die Tre geklopft; er war
zurckgekehrt.

Ich komme nicht herein, habe keine Zeit! sagte er hastig, als die Tre
geffnet wurde. Er schlft einen Herkulesschlaf, ausgezeichnet, ruhig
und geb's Gott, da er zehn Stunden fortschlft. Nastasja sitzt bei ihm;
ich habe ihr befohlen, nicht wegzugehen, bis ich zurckgekommen bin.
Jetzt schleppe ich Sossimoff her, er wird Ihnen Rapport erstatten, und
dann legen Sie sich schlafen; ich sehe, Sie sind abgespannt bis zum
uersten ... Und er lief den Korridor hinab.

Welch ein flinker und ... ergebener junger Mann! rief die Pulcheria
Alexandrowna auerordentlich erfreut aus.

Er scheint ein prchtiger Mensch zu sein! antwortete Awdotja Romanowna
mit einem gewissen Eifer und begann von neuem im Zimmer hin und her zu
wandern.

Fast nach einer Stunde vernahm man Schritte auf dem Korridor, und bald
darauf wieder ein Klopfen an der Tre. Beide Frauen warteten, diesmal
vollkommen dem Versprechen Rasumichins vertrauend, -- und er hatte auch
tatschlich Sossimoff mitgeschleppt. Sossimoff hatte sich sofort bereit
erklrt, das Fest zu verlassen und Raskolnikoff zu besuchen, aber zu den
Damen ging er unwillig und mitrauisch, da er dem betrunkenen Rasumichin
nicht geglaubt hatte. Seine Eigenliebe war aber sofort beruhigt und er
fhlte sich sogar geschmeichelt, -- er sah, da man wirklich auf ihn,
wie auf einen Propheten, gewartet hatte. Er blieb genau zehn Minuten und
hatte es verstanden, Pulcheria Alexandrowna vollkommen zu beruhigen. Er
sprach voll ungewhnlicher Teilnahme, aber zurckhaltend und sehr ernst,
ganz wie ein siebenundzwanzigjhriger Arzt bei einer wichtigen
Konsultation, mit keinem Worte schweifte er vom Gegenstande ab und
zeigte nicht den geringsten Wunsch, mit den Damen in ein persnlicheres
und privates Verhltnis zu kommen. Als er beim Eintritt gesehen hatte,
wie blendend schn Awdotja Romanowna war, vermied er, sie zu beachten
und wandte sich whrend des ganzen Besuches ausschlielich an Pulcheria
Alexandrowna. Dies alles gewhrte ihm eine auerordentliche innere
Genugtuung. ber den Kranken uerte er, da er ihn gegenwrtig in
durchaus befriedigendem Zustande gefunden habe. Seinen Beobachtungen
nach, habe die Krankheit des Patienten, auer der schlechten materiellen
Lage in den letzten Monaten, noch einige seelische Ursachen, sie ist
sozusagen das Resultat vieler komplizierter, moralischer und materieller
Einflsse, Aufregungen, Sorgen, gewisser Ideen ... und dergleichen. Als
er zufllig bemerkte, da Awdotja Romanowna besonders aufmerksam
zuzuhren begann, ging er auf dieses Thema nher ein. Auf die aufgeregte
und schchterne Frage Pulcheria Alexandrownas, wegen seines gewissen
Verdachts von geistiger Strung, antwortete er mit ruhigem und offenem
Lcheln, da man seine Worte bertrieben habe, da man bei dem Kranken
wohl eine fixe Idee, etwas, das auf Monomanie deute, konstatieren knne,
-- er, Sossimoff, verfolge jetzt besonders diesen uerst interessanten
Zweig der Medizin, -- aber man drfe auch nicht vergessen, da der
Kranke bis heute in fieberhaften Phantasien befangen war, und ... und,
selbstverstndlich werde die Ankunft der Verwandten auf ihn krftigend,
zerstreuend und heilbringend wirken, wenn nur neue, besondere
Erschtterungen vermieden wrden, fgte er bedeutungsvoll hinzu. Dann
erhob er sich, verabschiedete sich einfach und freundlich, begleitet von
Segnungen, heier Dankbarkeit und Bitten; das Hndchen Awdotja
Romanownas streckte sich sogar, ohne da er es suchte, zum Abschied ihm
entgegen, und er ging fort, auerordentlich zufrieden mit seinem Besuche
und noch mehr mit sich selbst.

Morgen wollen wir weiter sehen; legen Sie sich jetzt unbedingt nieder!
sagte Rasumichin, indem er mit Sossimoff fortging. Morgen bin ich
mglichst frh mit einem Rapport bei Ihnen.

Welch ein reizendes kleines Mdchen diese Awdotja Romanowna ist!
bemerkte Sossimoff und schnalzte mit der Zunge, als sie beide auf die
Strae hinaustraten.

Reizend? Du hast reizend gesagt! brllte Rasumichin, strzte sich
pltzlich auf Sossimoff und packte ihn an der Kehle. Wenn du es noch
einmal wagst ... Verstehst du? Verstehst du? schrie er, schttelte ihn
am Kragen und drckte ihn an die Wand. Hast du gehrt?

La mich los, betrunkener Teufel! wehrte sich Sossimoff, blickte ihn
dann, nachdem Rasumichin ihn losgelassen hatte, aufmerksam an und
schttelte sich pltzlich vor Lachen.

Rasumichin stand mit gesenkten Armen und in dster ernstem Nachdenken
vor ihm.

Selbstverstndlich bin ich ein Esel, sagte er finster, wie eine
Gewitterwolke, aber auch du ... bist einer.

Nein, Bruder, nein, ich bin keiner. Ich trume nicht von Dummheiten.

Sie gingen schweigend weiter und erst, als sie sich der Wohnung
Raskolnikoffs nherten, unterbrach Rasumichin mit sorgenvollem Gesichte
das Schweigen.

Hre, sagte er zu Sossimoff, du bist ein prchtiger Bursche, aber du
bist, auer all deinen blen Eigenschaften, noch ein Stromer, das wei
ich, und auerdem einer von den rgsten. Du bist ein nervser, schwacher
Lappen, hast verrckte Anwandlungen, hast Fett angesetzt und kannst dir
nichts versagen, -- und das nenne ich schon gemein, denn es fhrt zum
Gemeinen. Du hast dich so verwhnt, da ich -- offen gesagt, -- nicht im
geringsten verstehe, wie du dabei ein guter und sogar aufopfernder Arzt
sein kannst. Du -- ein Arzt -- schlfst auf einem Pfhle und stehst fr
einen Kranken in der Nacht auf! Nach drei Jahren wirst du nicht mehr
wegen eines Kranken aufstehen ... Nun, zum Teufel damit, das ist es
nicht, sondern folgendes, -- du schlfst heute Nacht in der Wohnung der
Wirtin, -- ich habe sie mit Mhe dazu berredet, -- und ich in der
Kche, -- da habt ihr Gelegenheit, einander nher kennenzulernen! Nicht
etwa, wie du meinst, um ...! Davon ist keine Rede!

Ich meine auch gar nichts.

Hier findest du, Bruder, Schamhaftigkeit, Schweigsamkeit,
Schchternheit, eine grliche Keuschheit und dabei -- Seufzer, und sie
schmilzt wie Wachs! Befreie mich von ihr, im Namen aller Teufel in der
Welt! Sie ist sehr ansprechend! ... Ich vergelte es dir, tausendfach
vergelte ich es dir!

Sossimoff lachte noch strker als vorher.

Sieh mal, wie du aus dem Huschen bist! Was soll ich denn mit ihr?

Ich versichere dich, du brauchst dich wenig mit ihr abzugeben, rede
blo irgendeinen Unsinn, sprich, was du willst, setze dich aber neben
sie und rede frisch drauf los. Du bist ja auch Arzt, fange an, sie zu
behandeln. Ich schwre dir, du wirst es nicht bereuen. Sie hat ein
Klavier; du weit, ich klimpere ein bichen; ich habe bei ihr ein
kleines Lied, ein echtes russisches Lied liegen, >Ich vergiee bittre
Trnen ...< Sie liebt echte Volkslieder, -- nun, mit einem Liede fing es
auch an; und du spielst doch Klavier, wie ein Virtuos, wie ein Meister,
wie Rubinstein ... Ich versichere, du wirst es nicht bereuen! ...

Hast du ihr denn etwas versprochen? Hast du ihr etwas Schriftliches
gegeben? Hast du ihr versprochen, sie zu heiraten ...

Nein, nichts, rein gar nichts! Und sie ist gar nicht so; Tschebaroff
wollte ihr einen Antrag ...

Nun, so la sie doch laufen!

Man kann sie nicht so ohne weiteres laufen lassen!

Warum denn nicht?

Man kann es nicht tun, und basta! Es ist da etwas, was mich festhlt.

Warum hast du sie denn verleitet?

Ich habe sie gar nicht verleitet, ich habe mich selbst vielleicht aus
Dummheit verleiten lassen, ihr aber wird es gleichgltig sein, ob du
oder ich, nur, da jemand neben ihr sitzt und seufzt. Es ist Bruder ...
Ich kann es dir nicht erklren, es ist ... nun, du kannst doch gut
Mathematik, und beschftigst dich noch jetzt damit, soviel ich wei ...
fang an mit ihr die Integralrechnung durchzunehmen, bei Gott, ich
scherze nicht, ich spreche im Ernst, ihr wird es vollkommen gleich sein,
-- sie wird dich ansehen und seufzen, und so wird es ein Jahr dauern.
Ich habe ihr unter anderem sehr lange, zwei Tage nacheinander, von dem
Herrenhaus in Preuen erzhlt, -- denn was soll man mit ihr reden? --
sie seufzte blo und schwitzte! Nur ber Liebe sprich nicht, -- sie wird
furchtbar verlegen, -- aber zeige doch, da du nicht weggehen kannst, --
das gengt. Es ist sehr komfortabel dort; man ist ganz wie zu Hause, --
kann lesen, sitzen, liegen oder schreiben ... Man kann sogar einen Ku
geben, mit Vorsicht jedoch ...

Was soll ich aber mit ihr?

Ach, ich kann dir es nicht erklren. Siehst du, -- ihr pat
ausgezeichnet zueinander! Ich habe schon frher an dich gedacht ... Du
wirst schon damit enden! Ist es denn dir nicht einerlei, -- ob frher
oder spter? Hier ist, Bruder, so etwas wie ein Pfhl, -- ach! und auch
nicht das allein! Hier lockt es einen und zieht, hier ist das Ende der
Welt, hier wirft man den Anker, hat einen stillen Zufluchtsort,
sozusagen das Zentrum der Erde, die Essenz von Pfannkuchen,
Abendsamowars, stillen Seufzern und warmen gestrickten Jacken und
geheizten Ofenbnken -- nun, es ist, als ob du gestorben wrest und
gleichzeitig am Leben bist, von beidem die Vorteile auf einen Schlag!
Nun, Bruder, zum Teufel, ich habe zu viel geschwtzt, es ist Zeit,
schlafen zu gehen! Hre, -- ich wache in der Nacht zuweilen auf, und da
will ich nach ihm sehen. Es ist aber nichts, Unsinn, alles ist gut.
Beunruhige dich nicht besonders, wenn du aber willst, sieh auch mal
nach. Wenn du aber etwas merken solltest, Fieber zum Beispiel oder
Phantasieren oder etwas anderes, weck mich sofort auf. brigens, es wird
nichts passieren ...


                                  II.

Am andern Morgen gegen acht Uhr wachte Rasumichin ernst und sorgenvoll
auf. Eine Menge von neuen und unvorhergesehenen Fragen tauchte in ihm
auf. Er htte sich's frher nicht trumen lassen, da er jemals so
aufwachen wrde. Er erinnerte sich bis aufs geringste alles gestern
Vorgefallenen und begriff, da ihm etwas nicht Alltgliches widerfahren
sei; da er in sich einen ihm bis jetzt vllig neuen Eindruck, der
keinem frheren hnelte, aufgenommen habe. Gleichzeitig war er sich
vollkommen klar, da der Traum, der in seinem Kopfe entflammt war, im
hchsten Grade unerfllbar sei, -- so unerfllbar, da er sich seiner
schmte, und er sich schleunigst anderen, alltglichen Sorgen und
Plagen, die ihm der verfluchte gestrige Tag gebracht hatte, zuwandte.

Die unangenehmste Erinnerung war fr ihn, wie niedrig und gemein er
sich gestern benommen hatte, nicht allein, weil er betrunken war,
sondern weil er vor dem jungen Mdchen aus dummer bereilter Eifersucht,
ihre Lage ausnutzend, ihren Brutigam geschimpft hatte, ohne da er ihr
gegenseitiges Verhltnis und die Verpflichtungen, geschweige denn den
Mann selbst ordentlich kannte. Und welches Recht hatte er, so schnell
und bereilt ber ihn zu urteilen? Und wer hatte ihn zum Richter
berufen? Und kann denn solch ein Wesen, wie Awdotja Romanowna, sich
einem unwrdigen Menschen des Geldes wegen hingeben? Also, mu er doch
auch Tugenden haben. Die mblierten Zimmer? Woher sollte er denn in der
Tat erfahren, was fr mblierte Zimmer er genommen hatte? Er lt doch
eine Wohnung instand setzen ... pfui, welche Erniedrigung! War das etwa
eine Entschuldigung, da er betrunken war? Eine dumme Ausrede, die ihn
noch mehr blostellte. Im Weine liegt die Wahrheit, und da hat sich auch
die ganze Wahrheit, das heit, der ganze Schmutz seines neidischen,
rohen Herzen, gezeigt! Ist denn solch eine Idee ihm, Rasumichin,
berhaupt erlaubt? Wer ist er im Vergleiche mit solch einem jungen
Mdchen, -- er, der betrunkene Skandalmacher und gestrige Prahlhans?
Ist denn so eine zynische und lcherliche Zusammenstellung berhaupt
mglich? Rasumichin wurde bei diesem Gedanken rot, dazu erinnerte er
sich noch, wie absichtlich, deutlich, da er ihnen gestern auf der
Treppe erzhlt hatte, die Wirtin werde um seinetwillen auf Awdotja
Romanowna eiferschtig sein ... nein, es war unertrglich. Wtend schlug
er mit der Faust auf den Kchenherd, verletzte sich die Hand und schlug
einen Ziegelstein heraus.

Gewi, -- murmelte er nach einer Weile vor sich hin, im Gefhle seiner
Erniedrigung, -- gewi, alle diese Scheulichkeiten lassen sich nie
mehr beschnigen und verwischen ... also, soll man auch daran nicht
denken, sondern man mu schweigend seine Pflichten erfllen ... nicht
um Verzeihung bitten, berhaupt nichts sagen, und ... und
selbstverstndlich ist jetzt alles verloren!

Trotzdem besah er beim Ankleiden seinen Anzug sorgfltiger als sonst.
Einen anderen Anzug besa er nicht, und wenn er auch einen anderen
gehabt htte, htte er ihn vielleicht nicht angezogen, -- gerade nicht
angezogen. Auf keinen Fall aber durfte man ein Zyniker und Schmutzfink
bleiben, -- er hatte kein Recht, die Gefhle anderer zu beleidigen, um
so mehr, als sie, die anderen, ihn brauchten und ihn selbst zu sich
riefen. Also brstete er aufs peinlichste seine Kleider aus. Seine
Wsche war stets ertrglich, darauf hielt er etwas.

Er wusch sich an diesem Morgen mit groer Sorgfalt, -- bei Nastasja fand
er Seife, -- er wusch sein Haar, den Hals und besonders die Hnde. Als
aber die Frage an ihn herantrat, ob er seine Borsten rasieren sollte
oder nicht, -- Praskovja Pawlowna hatte noch von ihrem verstorbenen
Manne, Herrn Sarnitzin, ausgezeichnete Rasiermesser, -- da wurde sie
unbarmherzig abgelehnt, -- so soll es bleiben! Wenn sie meinen, da ich
mich rasiert habe, um ... und sie wrden es meinen! Nein, ich tue es
nicht, um keinen Preis in der Welt!

Und ... und die Hauptsache ist, da er so grob, schmutzig ist und
Manieren wie aus der Kneipe hat, und ... und er wei auch wohl, da er
nun wenigstens ein bichen ein anstndiger Mensch ist ... nun, was ist
denn da stolz zu sein, da er ein anstndiger Mensch ist? Jeder mu ein
anstndiger Mensch sein und mehr ... er aber hat -- das wei er --
manches auf dem Kerbholz ... nichts Unehrenhaftes zwar, aber doch
allerlei! ... Und was fr Gedanken hatte er gehabt? Hm ... und kann man
denn dies alles auf eine Stufe mit Awdotja Romanowna stellen? Nun, aber
zum Teufel damit! Mag es so bleiben! Ich will absichtlich so schmutzig,
schmierig, wie aus der Kneipe sein, und pfeife auf alles andere! Ich
will es noch mehr zeigen! ...

Bei diesen Selbstgesprchen traf ihn Sossimoff an, der in der Wohnstube
von Praskovja Pawlowna geschlafen hatte. Er wollte nach Hause gehen und
sich vorher noch einmal den Kranken ansehen. Rasumichin teilte ihm mit,
da derselbe wie ein Murmeltier schlafe. Sossimoff ordnete an, ihn nicht
zu wecken, bis er selbst aufwache. Er versprach, in der elften Stunde
wiederzukommen.

Wenn er nur zu Hause bleiben wird, -- fgte er hinzu. --

Pfui, Teufel! Man hat noch nicht einmal Macht ber seinen Kranken und
soll ihn behandeln! Weit du es, geht _er_ zu denen, oder kommen _die_
hierher?

Ich glaube, die kommen her, -- antwortete Rasumichin, als er den Zweck
der Frage verstanden hatte, -- und sie werden sicher ber ihre
Familienangelegenheiten sprechen. Ich gehe fort. Du als Arzt hast
selbstverstndlich mehr Rechte als ich.

Ich bin doch kein Beichtvater; ich will kommen und sofort weggehen. Ich
habe noch mehr zu tun.

Mich beunruhigt eins, -- unterbrach ihn Rasumichin mit verdstertem
Gesichte, -- ich habe gestern in der Trunkenheit ihm auf dem Wege
hierher allerhand Dummheiten erzhlt, -- allerhand ... unter anderem
auch, da du frchtest, da er anscheinend ... zum Irrsinn neige ...

Du hast auch gestern den Damen davon geschwatzt.

Ich wei, da es dumm war. Meinetwegen kannst du mich verhauen! Sag'
mir aber, hattest du wirklich daran geglaubt?

Ich sage doch, es ist Scherz gewesen; was soll ich geglaubt haben? Du
hast ihn mir selbst als einen Monomanen geschildert, als du mich zu ihm
brachtest ... Nun, und gestern haben wir noch mehr geschrt, das heit,
eigentlich du, mit deiner Erzhlung ... von dem Anstreicher; ein schnes
Gesprch, wenn vielleicht gerade damit seine Verwirrung zusammenhngt!
Wenn ich alles genau gewut htte, was damals im Polizeibureau
vorgefallen war und da ihn dort irgendeine Kanaille mit diesem Verdacht
... gekrnkt hatte, ich htte gestern ein solches Gesprch nicht
zugelassen. Diese Monomanen machen doch aus einem Tropfen einen Ozean
und sehen die unsinnigsten Dinge deutlich im wachen Zustande ... Wie ich
mich erinnere, ist mir gestern aus der Erzhlung von Sametoff schon die
Sache zur Hlfte klar geworden. Das ist noch gar nichts. Ich kenne einen
Fall, wo ein Hypochonder, ein vierzigjhriger Mann, nicht imstande war,
den tglichen Spott eines achtjhrigen Knaben bei Tische zu ertragen und
ihn deshalb ermordete! Und hier, er zerlumpt, ein frecher
Polizeikommissar, beginnende Krankheit, und -- so ein Verdacht! Einem
ausgesprochenen Hypochonder gegenber! Mit einer wahnsinnigen, besonders
ausgeprgten Eigenliebe! Vielleicht sitzt gerade hier der Ausgangspunkt
der Krankheit! Nun, aber zum Teufel! ... Apropos, dieser Sametoff ist
wirklich ein lieber Junge, aber hm ... es war doch berflssig, da er
gestern dies alles erzhlte. Ein furchtbarer Schwtzer!

Wem hat er denn alles erzhlt? Mir und dir!

Und Porphyri.

Nun, was tut denn das?

Hm, sag' mal, hast du irgendeinen Einflu auf die Mutter und Schwester?
Man mte heute ihm gegenber vorsichtiger sein ...

Sie werden sich schon einigen! -- antwortete Rasumichin unwillig.

Und warum ist er so gegen den Luschin? Ein Mensch mit Geld, ihr, wie es
scheint, nicht unangenehm ... und sie haben doch keinen blanken Heller!

Was forschest du mich aus? -- rief Rasumichin gereizt. -- Woher soll
ich wissen, ob sie einen Heller haben oder nicht? Frage sie doch selbst,
vielleicht sagen sie es dir ...

Na, wie dumm du zuweilen bist! Der gestrige Rausch sitzt noch in dir
... Auf Wiedersehen! Danke in meinem Namen deiner Praskovja Pawlowna fr
das Nachtlager. Sie hat sich eingeschlossen, auf meinen >Guten Morgen<
hat sie durch die Tr geantwortet, war aber um sieben Uhr aufgestanden,
man brachte ihr aus der Kche durch den Korridor den Samowar ... Ich
hatte nicht die Ehre, sie zu sehen ...

Punkt neun Uhr erschien Rasumichin in Bakalejeffs Mbliertem Zimmer.
Beide Damen erwarteten ihn schon lange mit nervser Ungeduld. Sie waren
schon vor sieben Uhr aufgestanden. Er trat finster wie die Nacht ein,
machte eine linkische Verbeugung, worber er sofort rgerlich wurde --
selbstverstndlich auf sich selbst. Er hatte die Rechnung ohne den Wirt
gemacht, -- Pulcheria Alexandrowna strzte buchstblich zu ihm hin,
erfate ihn an beiden Hnden und kte sie beinahe. Er warf einen
schchternen Blick auf Awdotja Romanowna, aber auch auf diesem stolzen
Gesichte lag in diesem Augenblicke solch ein Ausdruck von Dankbarkeit
und freundlicher Gesinnung, solch eine vollkommene und unerwartete
Achtung -- (an Stelle von spttischen Blicken und unwillkrlicher
schlecht verborgener Verachtung) -- da es ihm tatschlich angenehmer
gewesen wre, wenn man ihn mit Scheltworten begrt htte, es war zu
beschmend. Zum Glck gab es ein Thema zur Unterhaltung, und er benutzte
es sofort.

Als Pulcheria Alexandrowna vernahm, da er zwar noch nicht aufgewacht,
aber da alles ausgezeichnet gehe, erklrte sie, das wre sehr gut,
weil sie noch vorher mit ihm, Rasumichin, ber sehr, sehr vieles zu
sprechen habe. Er wurde gefragt, ob er schon Tee getrunken habe und dann
eingeladen, mit ihnen den Tee zu trinken, -- sie hatten in Erwartung
Rasumichins noch nicht gefrhstckt. Awdotja Romanowna klingelte, auf
ihr Zeichen erschien ein schmutziger, zerlumpter Kerl, und bei ihm wurde
der Tee bestellt, der auch endlich gereicht wurde, aber so schmutzig und
so unanstndig, da die Damen sich schmten. Rasumichin begann energisch
ber diese mblierten Zimmer zu schimpfen, erinnerte sich aber Luschins,
verstummte, wurde verlegen und war sehr froh, als Pulcheria Alexandrowna
ihn mit ihren Fragen nicht mehr loslie.

Er beantwortete sie alle, sprach drei Viertelstunden lang, wurde
bestndig unterbrochen und von neuem befragt, und teilte alles
Hauptschliche und Notwendige, das er aus dem letzten Jahre kannte, mit,
und schlo mit einer genauen Erzhlung von der Krankheit Rodion
Romanowitschs. Er lie aus, was verschwiegen werden mute, unter anderem
den Auftritt in dem Polizeibureau mit allen seinen Folgen. Man lauschte
gierig seiner Erzhlung; als er aber glaubte, da er zu Ende sei und
seine Zuhrerinnen befriedigt habe, zeigte es sich, da er fr sie kaum
begonnen zu haben schien.

Sagen Sie, sagen Sie mir, wie meinen Sie ... ach, entschuldigen Sie,
ich kenne ja noch nicht einmal Ihren und Ihres Vaters Namen! -- sagte
Pulcheria Alexandrowna eilig.

Dmitri Prokofjitsch.

Also, Dmitri Prokofjitsch, ich mchte sehr gern erfahren ... wie er
berhaupt ... wie er jetzt die Dinge betrachtet, das heit, verstehen
Sie mich ... wie soll ich es Ihnen erklren, das heit, besser gesagt,
-- was liebt er und was liebt er nicht? Ist er immer so gereizt? Was hat
er fr Wnsche und Trume, wenn man so sagen kann? Was hat auf ihn jetzt
einen besonderen Einflu? Mit einem Worte, ich mchte ...

Ach, Mama, wie kann man denn das alles auf einmal beantworten! --
bemerkte Dunja.

Ach, mein Gott, ich habe doch nicht, gar nicht erwartet, ihn so zu
finden, Dmitri Prokofjitsch.

Das ist sehr natrlich, -- antwortete Rasumichin. -- Ich habe keine
Mutter mehr, aber mein Onkel kommt jedes Jahr hergereist und erkennt
mich jedesmal beinahe nicht mehr, selbst dem ueren nach nicht, und ist
doch auch ein kluger Mann. Nun, und in den drei Jahren Ihrer Trennung
ist viel Wasser den Berg hinuntergeflossen. Ja, und was soll ich Ihnen
sagen? Anderthalb Jahre kenne ich Rodion, -- er ist verschlossen,
dster, selbstbewut und stolz; in der letzten Zeit -- vielleicht aber
auch schon frher -- argwhnisch und hypochondrisch. Dabei gromtig und
gut. Er liebt nicht seine Gefhle zu zeigen, und wrde lieber hart
erscheinen, als sein Herz zu offenbaren. Zuweilen erscheint er brigens
gar nicht hypochondrisch, sondern einfach kalt und gefhllos bis zur
Unmenschlichkeit, als ob in ihm zwei entgegengesetzte Charaktere
abwechselten. Er ist zuweilen schrecklich einsilbig! Er hat nie Zeit,
immer stren ihn die anderen, dabei liegt er still und tut nichts. Er
ist nicht spttisch, nicht als ob es ihm an Witz mangelte, sondern weil
er keine Zeit fr solche Nichtigkeiten brig hat. Er hrt nicht bis zu
Ende, wenn man ihm erzhlt. Er interessiert sich nie fr Dinge, fr die
sich alle im gegebenen Augenblicke interessieren. Er schtzt sich hoch
ein und ich glaube, nicht ohne ein gewisses Recht dazu. Nun, was noch
... Mir dnkt, Ihre Ankunft wird auf ihn einen sehr heilsamen Einflu
ausben.

Ach, mge es Gott geben! -- rief Pulcheria Alexandrowna aus, die durch
die Ansicht Rasumichins ber ihren Rodja niedergedrckt war.

Rasumichin aber blickte endlich Awdotja Romanowna mit etwas mehr Mut an.
Er hatte sie whrend des Gesprches fters angesehen, aber nur flchtig,
auf einen kurzen Augenblick, und wandte immer gleich seine Augen ab.
Awdotja Romanowna setzte sich bald an den Tisch und hrte aufmerksam zu,
bald stand sie wieder auf, begann nach ihrer Gewohnheit mit gekreuzten
Armen und zusammengepreten Lippen im Zimmer auf und ab zu gehen und
stellte zuweilen Fragen, ohne ihre Wanderung zu unterbrechen, und in
Gedanken versunken. Auch sie hatte die Gewohnheit, nicht bis zu Ende
zuzuhren. Sie war mit einem dunklen Kleide aus leichtem Stoff
bekleidet, um den Hals war ein weies durchsichtiges Tchlein
geschlungen. Aus vielen Anzeichen hatte Rasumichin bald die drftigsten
Verhltnisse der beiden Frauen ersehen. Wenn Awdotja Romanowna wie eine
Knigin gekleidet gewesen wre, htte er sich wohl vor ihr gar nicht
gefrchtet; jetzt aber hatte sich vielleicht gerade aus dem Grunde, weil
sie so rmlich gekleidet war, und weil er die ganze rmliche Umgebung
bemerkt hatte, in seinem Herzen eine gewisse Scheu eingenistet, und er
ngstigte sich fr jedes seiner Worte und fr jede Bewegung, was fr
einen Menschen, der ohnedem sich nicht traute, sicher unbequem war.

Sie haben viel Interessantes ber den Charakter meines Bruders erzhlt
und ... haben es unparteiisch gesagt. Das ist gut; ich dachte, Sie beten
ihn an, -- bemerkte Awdotja Romanowna mit einem Lcheln. -- Es scheint
auch besser, wenn um ihn eine Frau ist, -- fgte sie nachdenklich
hinzu.

Das habe ich nicht gemeint, aber Sie haben vielleicht auch darin recht,
nur ...

Was?

Er liebt doch niemand; vielleicht wird er auch nie lieben, -- schnitt
Rasumichin ab.

Das heit, er ist unfhig, jemand zu lieben?

Wissen Sie, Awdotja Romanowna, da Sie Ihrem Bruder auffallend hnlich
sehen, in allem! -- platzte er pltzlich heraus, sich selber
berraschend, als er sich aber erinnerte, was er ihr soeben ber den
Bruder gesagt hatte, wurde er rot wie ein Krebs und stark verlegen.

Awdotja Romanowna mute bei seinem Anblicke laut auflachen.

In bezug auf Rodja knntet ihr beide euch irren, -- sagte Pulcheria
Alexandrowna etwas pikiert. -- Ich rede nicht von dem jetzigen,
Dunetschka. Das, was Peter Petrowitsch in diesem Briefe schreibt ... und
was wir mit dir voraussetzten, -- kann unwahr sein, aber Sie knnen sich
nicht vorstellen, Dmitri Prokofjitsch, wie phantastisch er ist und --
wie soll ich es sagen -- launisch er ist. Ich konnte mich nie auf seinen
Charakter verlassen, selbst als er erst fnfzehn Jahre alt war. Ich bin
berzeugt, da er auch jetzt pltzlich irgend etwas tun kann, woran
keiner je dachte ... Wir brauchen nicht weit zu gehen, -- ist es Ihnen
bekannt, wie er vor anderthalb Jahren mich berraschte, erschtterte, ja
fast bis zum Tode erschreckte, als er diese, wie heit sie doch, -- die
Tochter von dieser Sarnitzin heiraten wollte?

Wissen Sie etwas Nheres ber diese Geschichte? -- fragte ihn Awdotja
Romanowna.

Glauben Sie, -- fuhr Pulcheria Alexandrowna voll Eifer fort, -- ihn
htten damals meine Trnen, meine Bitten, meine Krankheit, mein Tod
vielleicht aus Gram, unsere groe Armut, zurckgehalten? Er wrde ber
alle Hindernisse in grter Ruhe hinweggeschritten sein. Aber ist es
mglich, ist es mglich, da er uns nicht liebt?

Er hat mir nie selbst etwas ber diese Geschichte gesagt, --
antwortete Rasumichin vorsichtig, -- aber ich habe einiges von Frau
Sarnitzin selbst gehrt, die in ihrer Art auch nicht von den
Mitteilsamen ist, und was ich gehrt habe, ist vielleicht ein wenig
seltsam.

Und was, was haben Sie gehrt? -- frugen gleichzeitig beide Frauen.

Es ist nichts gar so Besonderes. Ich erfuhr nur, da diese Heirat, die
schon eine vollstndig abgemachte Sache war und blo wegen des Todes der
Braut nicht zustande kam, Frau Sarnitzin selbst sehr mifiel ...
Auerdem erzhlt man, da die Braut nicht hbsch war, das heit, man
sagt, sie sei sogar hlich gewesen ... und sehr krnklich ... und
eigentmlich ... sie hatte aber, wie es scheint, auch ihre Vorzge. Es
muten unbedingt irgendwelche Vorzge dagewesen sein, sonst konnte man
so was nicht verstehen ... Mitgift hatte sie gar keine, und auf Mitgift
htte er auch nicht gerechnet ... Es ist berhaupt schwer in solch einer
Sache zu urteilen.

Ich bin berzeugt, da sie ein wrdiges junges Mdchen war, bemerkte
Awdotja Romanowna kurz.

Gott wird es mir verzeihen, ich habe mich aber doch ber ihren Tod
gefreut, obwohl ich es nicht wei, wer von ihnen den andern zugrunde
gerichtet htte, -- er sie oder sie ihn, schlo Pulcheria Alexandrowna.

Dann begann sie vorsichtig mit Unterbrechungen, wobei sie stndig Dunja
anblickte, was jener offenbar unangenehm war, wieder ber den gestrigen
Auftritt zwischen Rodja und Luschin zu fragen. Dieser Vorfall
beunruhigte sie, wie man merken konnte, am meisten, bis zu Angst und
Zittern. Rasumichin erzhlte von neuem alles bis ins einzelne und fgte
diesmal noch seine Ansicht hinzu, -- er beschuldigte Raskolnikoff, da
er Peter Petrowitsch vorstzlich gekrnkt habe und entschuldigte ihn
sehr wenig durch seine Krankheit.

Er hat es sich noch vor der Erkrankung ausgedacht, -- fgte er hinzu.

Das denke ich auch -- sagte Pulcheria Alexandrowna niedergeschlagen.

Sie war aber sehr berrascht, da Rasumichin heute sich so vorsichtig
und mit Achtung ber Peter Petrowitsch uerte. Auch Awdotja Romanowna
war erstaunt.

Ist das Ihre Meinung ber Peter Petrowitsch? -- konnte sich Pulcheria
Alexandrowna nicht enthalten zu fragen.

ber den knftigen Mann Ihrer Tochter kann ich auch keine andere
Meinung haben, -- antwortete Rasumichin fest und eifrig. -- Und ich
sage es nicht aus fader Hflichkeit, sondern weil ... weil ... nun,
sagen wir, aus dem Grunde allein, weil Awdotja Romanowna selbst
freiwillig diesen Menschen mit ihrer Wahl beehrte. Wenn ich ihn aber
gestern so geschimpft habe, so war es, weil ich gestern schmhlich
betrunken und auerdem ... ohne Verstand war, ja, ohne Verstand, ich
hatte den Verstand verloren, vollkommen ... und heute schme ich mich
dessen! ... Er errtete und verstummte. Auch Awdotja wurde rot, aber
unterbrach nicht das Schweigen. Sie hatte kein einziges Wort seit dem
Augenblicke gesagt, als man ber Luschin zu sprechen begann. Und
Pulcheria Alexandrowna war ohne ihre Untersttzung offenbar unschlssig.
Schlielich sagte sie, stockend und ununterbrochen die Tochter
anblickend, da ein Umstand sie jetzt auerordentlich beunruhige.

Sehen Sie, Dmitri Prokofjitsch, -- begann sie. Ich will gegenber
Dmitri Prokofjitsch vollkommen offen sein, Dunetschka.

Selbstverstndlich, Mama, -- bemerkte Awdotja Romanowna nachdrcklich.

Sehen Sie, die Sache ist die, -- beeilte sie sich nun, ihren Kummer
mitzuteilen, als htte man ihr durch die Erlaubnis eine schwere Brde
abgenommen. -- Heute, in aller Frhe, erhielten wir von Peter
Petrowitsch einen Brief, als Antwort auf unsere gestrige Mitteilung von
unserer Ankunft. Sehen Sie, er sollte uns gestern auf dem Bahnhofe
selbst, wie er auch versprochen hatte, empfangen.

Anstatt dessen war ein Diener zu unserem Empfang auf den Bahnhof gesandt
worden, mit der Adresse von diesen mblierten Zimmern und um uns den Weg
zu zeigen. Peter Petrowitsch aber lie uns mitteilen, da er heute
morgen hier bei uns erscheinen werde. Anstatt dessen kam heute frh
dieser Brief von ihm ... Es ist das beste, Sie lesen ihn selbst; in ihm
ist ein Punkt, der mich sehr beunruhigt ... Sie werden selbst sofort
sehen, welchen Punkt ich meine, und ... sagen Sie mir Ihre aufrichtige
Meinung, Dmitri Prokofjitsch! Sie kennen besser als alle den Charakter
Rodjas und knnen uns am besten raten. Ich sage Ihnen im voraus, da
Dunetschka schon alles vom ersten Schritt an beschlossen hat, ich aber,
ich wei noch nicht, wie ich handeln soll und ... und wartete die ganze
Zeit auf Sie.

Rasumichin entfaltete den Brief, der mit dem gestrigen Datum versehen
war, und las folgendes:

Sehr verehrte Pulcheria Alexandrowna!

Ich habe die Ehre, Ihnen mitzuteilen, da ich infolge pltzlich
eingetretener Hindernisse Sie auf dem Bahnsteige nicht empfangen konnte,
ich sandte darum einen gewandten Menschen. Ebenso werde ich auch morgen
frh nicht die Ehre einer Zusammenkunft mit Ihnen haben knnen,
infolge unaufschiebbarer Angelegenheiten im Senat, und um Ihre
verwandtschaftliche Zusammenkunft mit Ihrem Sohne und Awdotja Romanownas
mit ihrem Bruder nicht zu stren. Ich will mir aber die Ehre nehmen, Sie
sptestens morgen, Punkt acht Uhr abends, aufzusuchen, um Ihnen meine
Aufwartung in Ihrer Wohnung zu machen, wobei ich mir erlaube, eine
instndige und -- ich fge hinzu -- dringende Bitte auszusprechen, da
bei unserer gemeinsamen Zusammenkunft Rodion Romanowitsch nicht anwesend
sein soll, da er mich bei meinem gestrigen Besuche whrend seiner
Krankheit beispiellos und schwer gekrnkt hat, und weil ich auerdem mit
Ihnen persnlich eine notwendige und ausfhrliche Erklrung ber einen
Punkt haben mchte, ber den ich Ihre eigene Deutung zu erfahren
wnsche. Ich habe die Ehre, im voraus mitzuteilen, da, falls ich,
entgegen meiner Bitte, Rodion Romanowitsch antreffen sollte, ich
gezwungen sein wrde, mich zu entfernen, woran Sie allein sich die
Schuld zuzuschreiben htten.

Ich schreibe es in der Voraussetzung, da Rodion Romanowitsch, der bei
meinem Besuche so schwer krank zu sein schien, nach zwei Stunden
pltzlich genas, ausgehen und also zu Ihnen kommen kann. Ich habe mich
davon mit meinen eigenen Augen berzeugt, als er gestern in der Wohnung
eines von Pferden berfahrenen Trunkenboldes, der an den Verletzungen
gestorben ist, dessen Tochter, einem Mdchen von verrufenem
Lebenswandel, etwa fnfundzwanzig Rubel aushndigte, unter dem Vorwande,
die Kosten der Beerdigung zu tragen, was mich sehr berraschte, weil ich
wute, mit welcher Mhe Sie diese Summe erhielten. Hierbei bermittele
ich meine besondere Achtung der geehrten Awdotja Romanowna und bitte
Sie, meine achtungsvolle Ergebenheit entgegenzunehmen.

                                             Ihr untertnigster Diener
                                                          P. Luschin.

Was soll ich jetzt tun, Dmitri Prokofjitsch? -- sagte Pulcheria
Alexandrowna fast weinend. -- Wie kann ich Rodja zumuten, nicht zu
kommen? Er verlangte gestern so eindringlich die Absage an Peter
Petrowitsch, und nun verlangt man, ihn selber abzuweisen. Ja, er wird
absichtlich kommen, wenn er es erfhrt und ... was geschieht dann?

Handeln Sie so, wie Awdotja Romanowna beschlossen hat, -- antwortete
ruhig und sofort Rasumichin.

Ach, mein Gott! Sie sagt ... sie sagt -- Gott wei was, und erklrt mir
nicht den Zweck! Sie sagt, es wrde am besten sein, das heit, nicht am
besten sein, sondern es sei aus einem Grunde unbedingt ntig, da auch
Rodja heute um acht Uhr abends bestellt werde, und da sie unbedingt
hier einander trfen ... Und ich wollte ihm nicht einmal den Brief
zeigen, und es irgendwie durch Ihre Vermittelung einrichten, da er
nicht herkme ... denn er ist so gereizt ... Ja, und ich verstehe gar
nicht, was fr ein Trunkenbold dort gestorben ist und was das fr eine
Tochter ist, und in welcher Weise konnte er dieser Tochter das letzte
Geld abgeben ... das ...

Das Ihnen so teuer zu stehen kam, Mama, -- fgte Awdotja Romanowna
hinzu.

Er war gestern auer sich, -- sagte Rasumichin nachdenklich. -- Wenn
Sie erst wten, was er gestern in einer Restauration angerichtet hat,
es war ja klug ... hm! Von einem Verstorbenen und von einem Mdchen
sprach er tatschlich gestern etwas zu mir, als wir nach Hause gingen,
aber ich habe kein Wort verstanden ... brigens, war ich gestern auch
...

Mama, am besten gehen wir zu ihm hin und dort, versichere ich Sie,
werden wir sofort sehen, was zu tun ist. Und auerdem ist es Zeit, --
Herrgott! Es ist ber zehn Uhr! -- rief sie aus, nachdem sie einen
Blick auf ihre prachtvolle goldene Uhr mit Emaille warf, die an einer
sehr feinen venetianischen Kette um ihren Hals hing, und mit der brigen
Kleidung gar nicht harmonierte.

Ein Geschenk des Brutigams, -- dachte Rasumichin.

Ach, es ist Zeit ... es ist Zeit, Dunetschka, es ist Zeit! -- regte
sich Pulcheria Alexandrowna auf. Er wird denken, da wir ihm noch von
gestern her bse sind, weil wir solange nicht kommen. Ach, mein Gott!

Indem sie es sagte, warf sie eilig ihre Mantille um und setzte den Hut
auf; auch Dunetschka zog sich an. Ihre Handschuhe waren nicht blo
abgetragen, sondern sogar zerrissen, wie Rasumichin bemerkte, indessen
verlieh diese augenscheinliche Armut der Kleidung den Damen eine Art
Wrde, was immer bei denen der Fall ist, die ein rmliches Kleid zu
tragen verstehen. Rasumichin blickte voll Ehrfurcht Dunetschka an und
war stolz, da er sie begleiten durfte. Die Knigin, -- dachte er im
stillen, -- die ihre Strmpfe in Gefngnissen stopfte, sah sicher in
jenem Augenblicke wie eine echte Knigin aus und kniglicher als zur
Zeit der prachtvollsten Feste und Empfnge.

Mein Gott! -- rief Pulcheria Alexandrowna aus, -- habe ich je
gedacht, da ich ein Wiedersehen mit meinem Sohne, mit meinem lieben,
lieben Rodja frchten werde, wie ich es jetzt tue! ... Ich frchte mich,
Dmitri Prokofjitsch! -- fgte sie hinzu und blickte ihn schchtern an.

Frchten Sie sich nicht, Mama, sagte Dunja und kte sie, -- glauben
Sie besser an ihn. Ich glaube.

Ach, mein Gott! Ich glaube auch, habe aber die ganze Nacht nicht
geschlafen! -- rief die arme Frau aus.

Sie traten auf die Strae hinaus.

Weit du, Dunetschka, als ich gegen Morgen erst ein wenig einschlief,
trumte ich pltzlich von der verstorbenen Marfa Petrowna ... sie war
ganz in wei ... sie kam auf mich zu, nahm mich an der Hand, schttelte
den Kopf ber mich, und so streng, so streng, als ob sie mich verdamme
... Ist das auch ein gutes Zeichen? Ach, mein Gott, Dmitri Prokofjitsch,
Sie wissen es noch nicht, -- Marfa Petrowna ist gestorben!

Nein, ich wei es nicht. Was fr eine Marfa Petrowna?

Nachher, Mama, -- mischte sich Dunja ein, -- er wei ja noch nicht,
wer Marfa Petrowna war.

Ach, Sie wissen es nicht? Und ich dachte, Sie kennen schon alles.
Entschuldigen Sie mich, Dmitri Prokofjitsch, ich verliere in diesen
Tagen vllig den Verstand. Ich sehe Sie wirklich wie unsere Vorsehung
an, und darum war ich auch so berzeugt, da Sie alles schon kennen. Ich
betrachte Sie wie einen Verwandten ... Seien Sie mir nicht bse, da ich
so spreche. Ach, mein Gott, was ist mit Ihrer rechten Hand? Haben Sie
sie verletzt?

Ja, ich habe sie verletzt, -- murmelte glckselig Rasumichin.

Ich spreche zuweilen so offenherzig, da Dunja mich korrigiert ...
Aber, mein Gott, in was fr einer Kammer er lebt! Ist er wohl schon
aufgewacht? Und diese Frau, seine Wirtin, rechnet dies fr ein Zimmer?
Hren Sie, Sie sagen, er liebt nicht, sein Herz zu zeigen, so da ich
vielleicht ihm auch berdrssig werden kann ... mit meinen Schwchen?
... Knnen Sie mir nicht sagen, Dmitri Prokofjitsch, wie ich ihm
gegenber sein soll? Wissen Sie, ich gehe ganz wie verloren umher.

Fragen Sie ihn nicht zu sehr aus, wenn Sie merken, da er das Gesicht
verzieht; besonders ber seine Gesundheit fragen Sie ihn nicht zu viel,
er liebt es nicht.

Ach, Dmitri Prokofjitsch, wie schwer ist es, Mutter zu sein.

Hier ist die Treppe ... Was fr eine schreckliche Treppe ...

Mama, Sie sind so bleich, beruhigen Sie sich, meine Liebe, -- sagte
Dunja und schmiegte sich an sie, -- er mu glcklich sein, Sie zu
sehen, und Sie qulen sich so, -- fgte sie mit funkelnden Augen hinzu.

Warten Sie, ich sehe zuerst nach, ob er aufgewacht ist.

Die Damen folgten langsam Rasumichin, der vorher die Treppe
hinaufgegangen war, und als sie im vierten Stock an der Tre der Wirtin
vorbei gingen, bemerkten sie, da die Tre zu deren Wohnung ganz
unbedeutend geffnet war, und da zwei schwarze Augen sie beide schnell
in der Dunkelheit betrachteten. Als ihre Blicke sich kreuzten, wurde die
Tre pltzlich zugeschlagen und mit solch einem Knall, da Pulcheria
Alexandrowna vor Schreck beinahe aufgeschrien htte.


                                  III.

Er ist gesund, gesund! -- rief den Eintretenden Sossimoff frhlich zu.

Er war schon vor zehn Minuten gekommen und sa in seiner gestrigen Ecke
auf dem Sofa. Raskolnikoff sa in der andern Ecke ihm gegenber,
vollkommen angekleidet und frisch gewaschen und gekmmt, was schon lange
nicht mehr vorgekommen war. Das Zimmer war mit einem Male voll, aber
Nastasja fand doch Zeit, den Besuchern zu folgen, um zuzuhren.

In der Tat, Raskolnikoff war fast gesund, besonders im Vergleiche mit
gestern, er war blo sehr bla, zerstreut und dster. Dem ueren nach
glich er einem Verwundeten oder einem, der einen starken physischen
Schmerz duldet, -- seine Augenbrauen waren zusammengezogen, die Lippen
aufeinander gepret und der Blick fieberhaft. Er sprach wenig und
widerwillig, wie mit groer Anstrengung oder als erflle er eine
Pflicht, und eine Unruhe zeigte sich zuweilen in seinen Bewegungen.

Es fehlte blo die Binde um den Arm oder ein Verband um den Finger, um
die vllige hnlichkeit mit einem Verletzten vollzumachen.

Aber dieses bleiche und dstere Gesicht erhellte sich auf einen
Augenblick, als Mutter und Schwester eintraten, aber sein Gesicht nahm
rasch statt der frheren dsteren Zerstreutheit den Ausdruck innerer
Pein an, und Sossimoff, der seinen Patienten mit dem ganzen Eifer des
Anfngers beobachtete und studierte, bemerkte voll Verwunderung, statt
Freude ber die Ankunft der Verwandten, die mhsam versteckte
Entschlossenheit, eine mehrstndige Folterqual zu ertragen, die man
nicht umgehen kann. Er sah spter, wie fast jedes Wort der
nachtrglichen Unterhaltung irgendeine Wunde seines Patienten zu
berhren und aufzuwhlen schien, gleichzeitig aber war er wieder
erstaunt, wie dieser heute verstand, sich zu bemeistern und seine
Gefhle zu verbergen, -- der gestrige Monomane, der wegen des geringsten
Wortes fast in Raserei geriet.

Ja, ich sehe jetzt selbst, da ich fast gesund bin, sagte
Raskolnikoff, und kte die Mutter und die Schwester freundlich, worber
Pulcheria Alexandrowna in Entzcken geriet, und ich spreche nicht mehr
wie _gestern_, fgte er hinzu, sich an Rasumichin wendend, und drckte
ihm freundschaftlich die Hand.

Ich habe mich heute nicht wenig ber ihn gewundert, begann Sossimoff,
der ber die Eingetretenen sehr erfreut war, weil er in den zehn Minuten
den Faden des Gesprches mit seinem Kranken schon verloren hatte. Nach
drei oder vier Tagen, wenn es so weiter geht, wird alles beim alten
sein, das heit, wie es vor einem oder zwei Monaten ... vielleicht auch
vor drei Monaten war. Es hat sich doch seit langem vorbereitet und
entwickelt ... ah? Wollen Sie jetzt eingestehen, da Sie selbst
vielleicht mit daran schuld waren? fgte er mit einem vorsichtigen
Lcheln hinzu, als frchte er, ihn schon dadurch zu reizen.

Es ist sehr mglich, antwortete Raskolnikoff kalt.

Ich sage es nur aus dem Grunde, fuhr Sossimoff fort, weil Ihre
vllige Genesung jetzt hauptschlich von Ihnen allein abhngt. Jetzt, wo
man mit Ihnen reden kann, mchte ich Ihnen vorhalten, da es notwendig
ist, die ursprnglichen, sozusagen die Grundursachen zu beseitigen, die
Ihren Krankheitszustand hervorgerufen haben, dann werden Sie auch
genesen, sonst kann es wieder schlimmer werden. Diese ursprnglichen
Ursachen kenne ich nicht, aber Ihnen mssen Sie bekannt sein. Sie sind
ein kluger Mensch und haben sich selbst sicher beobachtet. Mir scheint,
der Anfang Ihrer Krankheit fllt teilweise mit Ihrem Austritt aus der
Universitt zusammen. Sie drfen nicht ohne Beschftigung sein, und
darum knnen Arbeit und ein fest vorgenommenes Ziel, wie mich dnkt,
Ihnen von sehr groem Werte sein.

Ja, ja, Sie haben vollkommen recht ... ich will sofort die Universitt
besuchen, und dann wird alles ... wie geschmiert gehen ...

Sossimoff, der seine klugen Ratschlge teilweise wegen der Wirkung auf
die Damen erteilt hatte, war natrlich verblfft, als er seine Rede
beendete und auf dem Gesicht seines Zuhrers einen entschieden
spttischen Ausdruck bemerkte. Das whrte brigens nur einen Augenblick.
Pulcheria Alexandrowna begann sofort, Sossimoff zu danken, besonders fr
seinen Nachtbesuch im Hotel.

Wie, er ist in der Nacht bei euch gewesen? fragte Raskolnikoff
anscheinend beunruhigt. Also habt ihr auch nach der Reise nicht
geschlafen?

Ach, Rodja, das war doch vor zwei Uhr. Wir haben uns auch zu Hause
nicht frher als um zwei Uhr schlafen gelegt.

Ich wei nicht, wie ich ihm danken soll, fuhr Raskolnikoff finster
fort und den Blick senkend, abgesehen von der Geldfrage --
entschuldigen Sie, da ich es erwhnte (er wandte sich an Sossimoff),
ich wei gar nicht, wodurch ich so eine besondere Aufmerksamkeit
Ihrerseits verdient habe? Ich verstehe es einfach nicht ... und ... es
lastet auf mir sogar, weil es mir unverstndlich ist, -- ich sage es
Ihnen ganz offen --.

Werden Sie nur nicht gereizt, lachte Sossimoff gezwungen. Stellen Sie
sich vor, da Sie mein erster Patient sind, nun, und unsereiner, der
soeben zu praktizieren anfngt, liebt seine ersten Patienten wie eigene
Kinder, und manche sogar verlieben sich in sie. Und ich bin an Patienten
nicht reich.

Ich will gar nicht reden von dem dort, fgte Raskolnikoff hinzu und
wies auf Rasumichin, auch er hat auer Krnkungen und Sorgen nichts von
mir erfahren.

Was er faselt! Bist du etwa heute in einer gerhrten Stimmung? rief
Rasumichin.

Wenn er etwas scharfsinniger gewesen wre, htte er gesehen, da hier
nichts von einer gerhrten Stimmung da war, eher das Gegenteil. Awdotja
Romanowna aber hatte es gemerkt. Sie beobachtete durchdringend und voll
Unruhe den Bruder.

Von Ihnen, Mama, wage ich nicht zu sprechen, fuhr er fort, als sage er
etwas vorher auswendig Gelerntes auf. Heute erst konnte ich
einigermaen einsehen, wie Sie sich gestern hier in Erwartung meiner
Rckkehr geqult haben mssen.

Dann reichte er pltzlich stumm und mit einem Lcheln der Schwester die
Hand. In diesem Lcheln schimmerte ein wahres, unverflschtes Gefhl.
Dunja erfate sofort, erfreut und dankbar, die ausgestreckte Hand und
drckte sie innig. Zum erstenmal wandte er sich an sie nach dem
gestrigen Zerwrfnis. Das Gesicht der Mutter leuchtete vor Entzcken und
Glck beim Anblick dieser endgltigen und wortlosen Ausshnung zwischen
Bruder und Schwester.

Dafr liebe ich ihn! flsterte, sich energisch auf dem Stuhle wendend,
Rasumichin, der sich leicht begeisterte. Er hat solche Regungen! ...

Und wie alles sich bei ihm gut macht, dachte die Mutter, was fr edle
Regungen er hat, und wie schlicht und zart er das gestrige
Miverstndnis mit der Schwester beseitigt hat -- nur dadurch, da er
ihr die Hand im richtigen Augenblicke reichte und sie lieb anblickte ...
Und was fr schne Augen er hat und wie schn das ganze Gesicht ist ...
Er ist sogar schner als Dunetschka ... Aber, mein Gott, was fr einen
Anzug hat er an, wie schrecklich ist er gekleidet! Der Markthelfer
Wassja im Laden Atanassi Iwanowitsch ist besser gekleidet! ... Und ich
mchte mich ihm an den Hals werfen und ihn umarmen, und ... weinen --
aber ich frchte mich, ich frchte ... wie er es auffassen knnte, oh
Gott! Er spricht wohl freundlich, aber ich frchte mich! Nun, warum
frchte ich mich? ...

Ach, Rodja, du wirst nicht glauben, beeilte sie sich pltzlich, seine
Bemerkung zu beantworten, wie wir gestern, ich und Dunetschka ...
unglcklich waren! Jetzt, wo alles vorber und beendet ist, und wir alle
wieder glcklich sind, -- kann man es sagen. Stell dir vor, wir laufen
hierher, um dich zu umarmen, fast direkt von der Eisenbahn, und diese
Frau, -- ah, da ist sie auch! Guten Tag, Nastasja! ... Sie sagt uns
pltzlich, da du im starken Fieber liegst und da du soeben ohne Wissen
des Arztes im Fieber weggelaufen seist, und da man dich suchen gegangen
sei. Du glaubst nicht, wie das uns traf! Ich stellte mir sofort vor, wie
der Leutnant Potantschikoff, unser Bekannter, ein Freund deines Vaters,
-- du kannst dich seiner nicht erinnern, Rodja -- tragisch endete, er
hatte auch starkes Fieber und war in derselben Weise weggelaufen und in
einen Brunnen im Hofe hineingefallen, am anderen Tage erst konnte man
ihn herausziehen. Und wir haben es uns selbstverstndlich noch schwrzer
ausgemalt. Wir wollten hinausstrzen und Peter Petrowitsch suchen, um
mit seiner Hilfe wenigstens ... denn wir waren allein, vollkommen
allein, sagte sie mit klglicher Stimme und verstummte pltzlich, als
sie sich erinnerte, da es noch ziemlich gefhrlich sei, ber Peter
Petrowitsch zu sprechen, ungeachtet dessen, da alle schon wieder
vollkommen glcklich sind.

Ja, ja ... das alles ist sicher rgerlich ... murmelte Raskolnikoff,
aber mit solch einem zerstreuten und fast unaufmerksamen Ausdrucke, da
Dunetschka ihn voll Erstaunen ansah.

Was wollte ich doch sagen, fuhr er fort und versuchte sich zu
besinnen, ja, -- bitte, Mama, und du, Dunetschka, denkt nicht, da ich
nicht als erster heute zu euch kommen wollte und etwa auf euren Besuch
wartete.

Ja, was fllt dir ein, Rodja! rief Pulcheria Alexandrowna, die jetzt
auch erstaunte, aus.

Weshalb spricht er so konventionell? dachte Dunetschka. Er shnt sich
aus und bittet um Verzeihung, als erflle er eine Pflicht oder sage das
Gelernte auf!

Ich bin soeben aufgewacht und wollte zu euch gehen, aber mich hielten
meine Kleider auf; ich hatte vergessen, ihr ... Nastasja zu sagen ...
dieses Blut auszuwaschen ... Jetzt, soeben erst habe ich mich
angezogen. --

Blut! Was fr Blut? sagte Pulcheria Alexandrowna erschrocken.

Es ist nichts ... regen Sie sich nicht auf. Das Blut kommt daher, weil
ich, als ich gestern besinnungslos herumirrte, auf einen berfahrenen
Menschen stie ... auf einen Beamten ...

Besinnungslos? Aber du erinnerst dich an alles, unterbrach ihn
Rasumichin.

Das ist richtig, antwortete ihm Raskolnikoff mit Bedacht, ich
erinnere mich an alles, bis auf die geringste Kleinigkeit, aber dennoch,
denk dir, -- warum ich das getan und dort gewesen bin und jenes gesagt
habe, -- kann ich mir nicht erklren.

Das ist eine sehr bekannte Tatsache, mischte sich Sossimoff ein,
zuweilen ist die Ausfhrung einer Sache meisterlich, glnzend, die
Direktion der Handlungen aber, der Ursprung der Handlungen, ist dunkel
und hngt von allerhand krankhaften Empfindungen ab. Es ist wie im
Traume.

Es ist vielleicht gut, da er mich beinahe fr einen Irrsinnigen hlt,
dachte Raskolnikoff.

Aber das kann man vielleicht auch von Gesunden sagen, bemerkte
Dunetschka und sah Sossimoff besorgt an.

Ihre Bemerkung ist ziemlich richtig, antwortete er, in diesem Sinne
gleichen wir fast alle tatschlich und sehr oft Verrckten, nur mit dem
kleinen Unterschiede, da die >Kranken< ein bichen mehr verrckt sind
als wir, man mu hier eine Grenze festhalten. Einen ganz harmonischen
Menschen aber, -- das ist wahr, -- gibt es fast nicht; auf Zehntausende,
vielleicht aber auch auf viele Hunderttausende findet man einen ...

Bei dem Worte verrckt, das Sossimoff unvorsichtigerweise
entschlpfte, als er auf sein Lieblingsthema zu sprechen kam, verzogen
alle die Gesichter. Raskolnikoff sa in Gedanken und mit einem seltsamen
Lcheln auf den bleichen Lippen da, als schenke er dem keine
Aufmerksamkeit. Er fuhr fort etwas zu erwgen.

Nun, was ist mit dem berfahrenen? Ich habe dich unterbrochen! rief
schnell Rasumichin.

Was? schien er zu erwachen, ja ... nun, da habe ich mich mit Blut
beschmutzt, als ich half, ihn in seine Wohnung zu tragen ... Ja, Mama,
ich habe gestern etwas Unverzeihliches getan, -- ich war wirklich nicht
bei Verstand. Ich habe gestern alles Geld, das Sie mir geschickt haben,
... seiner Frau ... zur Beerdigung gegeben. Sie ist jetzt Witwe, eine
schwindschtige, beklagenswerte Frau ... drei kleine Kinder, Waisen,
hungrig ... im Hause ist nichts ... und es ist noch eine Tochter da ...
Vielleicht htten Sie auch selbst gegeben, wenn Sie gesehen htten ...
Ich hatte brigens gar kein Recht, ich gestehe es ein, besonders weil
ich wei, wie Sie dieses Geld sich verschafft haben. Um zu helfen, mu
man erst ein Recht dazu haben, sonst -- >_Crevez, chiens, si vous n'tes
pas contents_{[3]}<. Er lachte. Ist es nicht wahr, Dunja?

Nein, es ist nicht wahr, antwortete Dunja fest.

Bah! Auch du hast ... Ansichten! ... murmelte er und blickte sie fast
mit Ha an und lchelte spttisch. Ich htte dies in Betracht ziehen
mssen ... Nun, was ist dabei, es ist lobenswert und fr dich besser ...
und wenn du bis zu einer Grenze kommst, die du nicht bertreten kannst
-- wirst du unglcklich sein, und wenn du sie berschreitest, -- wirst
du vielleicht noch unglcklicher sein ... brigens aber, dies ist alles
Unsinn! fgte er gereizt hinzu, rgerlich ber seine unwillkrliche
Offenheit. Ich wollte blo sagen, da ich Sie, Mama, um Verzeihung
bitte, schlo er scharf und bndig.

Aber Rodja, ich bin berzeugt, da alles, was du tust, gut ist! sagte
erfreut die Mutter.

Seien Sie nicht davon berzeugt, antwortete er und verzog den Mund zu
einem Lcheln.

Ein Schweigen trat ein. Etwas Gespanntes lag in diesem ganzen Gesprche
und im Schweigen, wie auch in der Vershnung und Verzeihung, und alle
fhlten es.

Als ob sie sich vor mir frchteten, dachte Raskolnikoff und blickte
die Mutter und die Schwester unter der gesenkten Stirn hervor an.

Pulcheria Alexandrowna wurde immer ngstlicher, je lnger sie schwieg.

Aus der Ferne schien sie doch zu lieben, durchzuckte es ihn.

Weit du, Rodja, Marfa Petrowna ist gestorben! platzte pltzlich
Pulcheria Alexandrowna heraus.

Was fr eine Marfa Petrowna?

Ach, mein Gott, Marfa Petrowna Sswidrigailowa! Ich habe dir so viel
ber sie geschrieben.

Ach, ja ich erinnere mich ... also sie ist gestorben? Ach, in der Tat?
fuhr er pltzlich auf, als sei er erwacht. Ist sie wirklich gestorben?
Woran denn?

Stell dir vor, ganz pltzlich! beeilte sich Pulcheria Alexandrowna ihm
zu antworten, ermutigt durch seine Neugier, und gerade in der Zeit, als
ich dir den Brief schickte, sogar an demselben Tage! Denk dir, dieser
schreckliche Mensch scheint auch die Ursache ihres Todes zu sein. Man
erzhlt, er habe sie furchtbar verprgelt!

Leben sie denn in dieser Weise? fragte er, sich an die Schwester
wendend.

Nein, im Gegenteil. Er war ihr gegenber stets sehr geduldig und
hflich. In vielen Fllen sogar zu duldsam ihrer Art gegenber, volle
sieben Jahre ... Mit einem Male scheint er die Geduld verloren zu
haben.

Also ist er gar nicht so schrecklich, wenn er sieben Jahre ausgehalten
hat? Du scheinst ihn, Dunetschka, zu entschuldigen?

Nein, nein, er ist ein schrecklicher Mensch! Ich kann mir nichts
Schrecklicheres vorstellen, antwortete Dunja fast erbebend, zog die
Augenbrauen zusammen und wurde nachdenklich.

Es geschah am Morgen, fuhr Pulcheria Alexandrowna eilig fort. Dann
befahl sie, sofort anzuspannen, um gleich nach dem Mittagessen in die
Stadt zu fahren, weil sie stets in solchen Fllen in die Stadt fuhr; sie
a zu Mittag, wie man sagt, mit groem Appetit ...

Verprgelt, wie sie war?

... Sie hatte brigens auch immer diese ... Angewohnheit, und kaum als
sie gegessen hatte, ging sie, um nicht zu spt abzufahren, sofort in die
Badestube ... Siehst du, sie nahm aus Gesundheitsrcksichten Bder; sie
haben dort eine kalte Quelle, und sie badete dort jeden Tag, und als sie
ins Wasser stieg, traf sie pltzlich der Schlag!

Kein Wunder, sagte Sossimoff.

Und hat er sie stark verprgelt?

Das ist aber doch gleichgltig, sagte Dunja.

Hm. brigens, was haben Sie fr ein Vergngen, Mama, solch einen Unsinn
zu erzhlen, kam es gereizt und pltzlich von den Lippen Raskolnikoffs.

Ach, mein Freund, ich wute nicht mehr, worber ich sprechen soll,
sagte Pulcheria Alexandrowna.

Ja, was ist das, frchtet ihr mich etwa? sagte er mit einem
gezwungenen Lcheln.

Das ist wahr, antwortete Dunja und sah den Bruder offen und streng an.
Als Mama die Treppe hinaufging, schlug sie sogar ein Kreuz vor Angst.

Sein Gesicht verzog sich wie im Krampf.

Ach, Dunja, was ist mit dir! Sei nicht bse, Rodja, ich bitte dich ...
Warum hast du das gesagt, Dunja! sagte Pulcheria Alexandrowna verlegen,
das ist wahr, als ich hierherreiste, trumte ich den ganzen Weg, wie
wir uns wiedersehen, wie wir einander alles erzhlen werden ... und war
so glcklich, da ich die Reise nicht einmal belstigend fand! Ja, was
sage ich! Ich bin auch jetzt glcklich ... Du hast unrecht, Dunja ...
Ich bin schon allein dadurch glcklich, da ich dich sehe, Rodja ...

Lassen Sie es, Mama, murmelte er in Verlegenheit und drckte ihr die
Hand ohne sie anzublicken, wir werden schon Zeit haben uns
auszusprechen.

Nachdem er das gesagt hatte, wurde er wieder verlegen und erbleichte, --
wieder durchzog eine kurze schreckliche Empfindung in toter Klte seine
Seele, wieder wurde es ihm pltzlich vollkommen klar, da er soeben eine
furchtbare Lge gesagt hatte, da er nie wieder sich aussprechen knne,
da er nie mehr, niemals und mit niemandem, berhaupt _sprechen_ drfe.
Der Eindruck dieses qualvollen Gedankens war so stark, da er auf einen
Moment sich fast verga, von seinem Platze aufstand und ohne jemand
anzublicken, aus dem Zimmer zu gehen im Begriffe war.

Was ist dir? rief Rasumichin und fate ihn an der Hand.

Er setzte sich wieder hin und begann sich schweigend umzusehen; alle
blickten ihn befremdet an.

Ja, warum seid ihr alle so langweilig! rief er pltzlich, ganz
unerwartet. Sagt doch etwas! Warum sitzen wir so herum! Nun, so redet
doch! Wollen wir uns unterhalten ... Sind zusammengekommen und schweigen
... redet doch etwas!

Gott sei dank! Ich dachte, mit ihm geschieht irgend etwas wie gestern,
sagte Pulcheria Alexandrowna und bekreuzigte sich.

Was ist mit dir, Rodja? fragte Awdotja Romanowna mitrauisch.

Nichts, ich denke gerade an etwas Komisches, antwortete er und lachte
pltzlich.

Nun, wenn es etwas Komisches ist, so ist es gut! Ich dachte beinahe
selbst ... murmelte Sossimoff und erhob sich vom Sofa. Ich mu jetzt
gehen; ich komme noch einmal her, vielleicht ... wenn ich Sie antreffe
... Er verabschiedete sich und ging hinaus.

Welch ein prchtiger Mensch! bemerkte Pulcheria Alexandrowna.

Ja, er ist prchtig, ausgezeichnet, gebildet, klug ... sagte pltzlich
Raskolnikoff schnell und mit einer an ihm nicht gewohnten Lebhaftigkeit,
ich erinnere mich nicht, da ich ihn vor meiner Krankheit getroffen
htte ... und doch ist mir, als htte ich ihn irgendwo schon getroffen
... Dieser da ist auch ein guter Mensch! er wies mit dem Kopfe auf
Rasumichin, -- gefllt er dir, Dunja? fragte er sie und lachte
pltzlich, ohne da man wute warum.

Er gefllt mir sehr, antwortete Dunja.

Pfui, wie ... gemein du bist! sagte Rasumichin furchtbar verlegen und
errtend und stand vom Stuhle auf.

Pulcheria Alexandrowna lchelte ein wenig und Raskolnikoff lachte laut.

Wohin willst du denn?

Ich mu auch ... gehen.

Du mut gar nicht, bleibe hier! Sossimoff ist fortgegangen und da mut
du auch gehen? Bleib nur. Wieviel Uhr ist es? Ist es schon zwlf? Was du
fr eine nette Uhr hast, Dunja! Ja, warum schweigt ihr wieder? Blo ich,
ich allein rede die ganze Zeit! ...

Die Uhr ist ein Geschenk von Marfa Petrowna, antwortete Dunja.

Und eine sehr teure Uhr, fgte Pulcheria Alexandrowna hinzu.

So--o! Wie gro ist sie, fast keine Damenuhr mehr.

Ich habe solche gern, sagte Dunja.

Also, es ist kein Geschenk vom Brutigam, dachte Rasumichin und wurde
froh darber.

Ich dachte, sie ist ein Geschenk von Luschin, bemerkte Raskolnikoff.

Nein, er hat Dunetschka noch nichts geschenkt.

So--o! Erinnern Sie sich noch, Mama, da ich verliebt war und heiraten
wollte, sagte er pltzlich und sah die Mutter an, die von der
unerwarteten Bemerkung und dem Tone, mit dem er sprach, betroffen war.

Ach, mein Freund, ja ich erinnere mich! Pulcheria Alexandrowna
wechselte mit Dunetschka und Rasumichin einen Blick.

Hm! Ja! Was soll ich Ihnen erzhlen? Ich erinnere mich dessen ganz
wenig. Sie war ein sehr krankes Mdchen, fuhr er fort, anscheinend
wieder in Gedanken versunken und mit gesenktem Blicke, ganz krank war
sie; sie liebte Almosen zu geben und trumte immer vom Kloster, und
einmal weinte sie arg, als sie mir davon erzhlte. Ja, ja ... ich
erinnere mich ... ich erinnere mich dessen gut. Sie sah so ... hlich
aus. Ich wei wirklich nicht, warum ich damals eine Neigung zu ihr
fate, vielleicht weil sie immer krank war ... Wre sie noch lahm oder
buckelig gewesen, ich htte sie dann, glaube ich, noch mehr geliebt ...
(er lchelte nachdenklich). Es war so ... ein Frhlingstraum ...

Nein, es war nicht allein ein Frhlingstraum, sagte Dunetschka innig.

Er blickte aufmerksam und durchdringend die Schwester an, ohne ihre
Worte recht gehrt oder gar verstanden zu haben. Dann stand er in tiefem
Nachdenken auf, trat an die Mutter heran, kte sie, kehrte auf seinen
Platz zurck und setzte sich wieder.

Du liebst sie auch jetzt noch! sagte Pulcheria Alexandrowna gerhrt.

Sie? Jetzt? Ach ja ... Sie meinen sie! Nein. All das ist jetzt wie aus
einer anderen Welt ... und so lange her. Ja und alles, was hier rings um
mich geschieht, ist, als geschhe es nicht hier ...

Er blickte sie aufmerksam an.

Auch euch ... ich sehe euch, wie tausend Werst weit von hier ... Ja,
und zum Teufel, warum sprechen wir darber! Und warum fragt ihr mich
aus? fgte er rgerlich hinzu und verstummte, kaute an den Fingerngeln
und wurde von neuem nachdenklich.

Wie schlecht deine Wohnung ist, Rodja, sie ist wie ein Sarg, sagte
pltzlich Pulcheria Alexandrowna, das peinliche Schweigen unterbrechend,
ich bin berzeugt, da zur Hlfte dich diese Wohnung zu einem
Melancholiker gemacht hat.

Die Wohnung? ... antwortete er zerstreut. Ja, diese Wohnung hat viel
dazu beigetragen ... ich habe es auch gedacht ... Wenn Sie aber wten,
welchen merkwrdigen Gedanken Sie soeben aussprachen, fgte er
pltzlich hinzu und lchelte eigentmlich.

Noch ein Weniges, und diese Gesellschaft, seine nchsten Verwandten, die
er nach dreijhriger Trennung wiedersah, und diese Art von Gesprchen,
die kein Thema festzuhalten vermochten, muten ihm schlielich ganz
unertrglich werden. Es gab jedoch noch eine unaufschiebbare
Angelegenheit, die heute noch, so oder so, aber unbedingt entschieden
werden sollte, -- so hatte er vorhin schon, als er erwachte,
beschlossen. Jetzt freute er sich darber, wie ber einen Ausweg.

Hre, Dunja, begann er ernst und trocken, ich bitte
selbstverstndlich wegen des Gestrigen um Verzeihung, aber ich halte es
fr meine Pflicht, dich noch einmal zu erinnern, da ich von meinem
Hauptverlangen nicht zurcktrete. Entweder ich oder Luschin. Mag ich ein
Schuft sein, du aber darfst es nicht werden. Einer allein. Wenn du
Luschin heiratest, hre ich sofort auf, dich als meine Schwester
anzusehen.

Rodja, Rodja! Das ist doch dasselbe wie gestern, rief Pulcheria
Alexandrowna kummervoll aus, und warum nennst du dich immer einen
Schuft, ich kann es nicht ertragen! Auch gestern war dasselbe ...

Bruder, antwortete Dunja fest und ebenso trocken, in alledem liegt
ein Irrtum deinerseits. Ich habe es heute berlegt und den Irrtum
gefunden. Die Hauptsache ist, da du, wie es mir scheint, denkst, ich
bringe mich jemandem und um jemandes willen zum Opfer. Das ist nicht
richtig. Ich heirate nur meinethalben, weil mir das Leben so zu fhren
selbst schwer fllt; dann aber will ich auch sicher froh sein, wenn es
mir gelingen sollte, meinen Verwandten ntzlich zu sein, zu meinem
Entschlusse aber ist dies nicht der hauptschlichste Beweggrund ...

Sie lgt! dachte er und kaute vor Wut an seinen Ngeln. Sie ist
stolz! Sie will es nicht eingestehen, da sie Wohltaten erweisen mchte!
Oh, diese niedrigen Charaktere! Sie lieben, als haten sie ... Oh, wie
ich sie alle ... hasse!

Mit einem Worte, ich heirate Peter Petrowitsch, fuhr Dunetschka fort,
weil ich von zwei beln das kleinste whle. Ich habe die Absicht, alles
ehrlich zu erfllen, was er von mir erwartet, also betrge ich ihn nicht
... Warum lchelst du jetzt?

Sie errtete und in ihren Augen blitzte der Zorn.

Du willst alles erfllen? fragte er mit einem giftigen Lcheln.

Bis zu einer gewissen Grenze. Die Art und die Form des Antrages von
Peter Petrowitsch haben mir sofort gezeigt, was er braucht. Er schtzt
sich gewi vielleicht zu hoch ein, aber ich hoffe, da er auch mich
schtzt ... Warum lachst du wieder?

Und warum errtest du wieder? Du lgst, Schwester, du lgst bewut,
blo aus weiblichem Eigensinn, um nur auf deinem Willen vor mir zu
bestehen ... Du kannst Luschin nicht achten, -- ich habe ihn gesehen und
mit ihm gesprochen. Also, verkaufst du dich fr Geld und also handelst
du in jedem Falle niedrig, und ich freue mich, da du wenigstens noch
errten kannst!

Es ist nicht wahr, ich lge nicht! ... rief Dunetschka, ihre ganze
Kaltbltigkeit verlierend, ich wrde ihn nicht heiraten, wenn ich nicht
berzeugt wre, da er mich schtzt und auf mich etwas gibt; ich wrde
ihn nicht heiraten, wenn ich nicht fest berzeugt wre, da ich ihn
selbst achten kann. Zum Glck kann ich mich davon sicher und heute noch
berzeugen. Und solch eine Heirat ist keine Schuftigkeit, wie du sagst!
Und wenn du auch recht httest, wenn ich tatschlich mich zu einer
Schuftigkeit entschlossen htte, -- ist es dann nicht grausam von dir,
so mit mir zu sprechen? Warum verlangst du von mir ein Heldentum, das du
vielleicht selbst nicht hast? Das ist Despotismus, das ist
Gewaltttigkeit! Wenn ich jemand zugrunde richte, doch hchstens mich
selbst ... Ich habe noch niemanden gettet ... Warum schaust du mich so
an? Warum bist du so bleich geworden? Rodja, was ist dir? Rodja, lieber
...

Herrgott! Sie hat ihn bis zur Ohnmacht gebracht! -- rief Pulcheria
Alexandrowna aus.

Nein, nein ... das ist Unsinn ... es ist nichts! ... Der Kopf
schwindelt mir nur ein wenig. Es ist keine Ohnmacht ... Ihr wittert
berall Ohnmachten ... Hm! ja ... was wollte ich sagen? Ja, -- wie
willst du dich heute berzeugen, da du ihn achten kannst, und da er
dich ... schtzt etwa, wie du sagtest? Du sagtest, schien mir, heute?
Oder habe ich mich verhrt?

Mama, zeigen Sie dem Bruder den Brief von Peter Petrowitsch, -- sagte
Dunetschka.

Pulcheria Alexandrowna reichte ihm mit zitternden Hnden den Brief. Er
nahm ihn mit groer Neugierde. Ehe er ihn aber ffnete, blickte er
pltzlich verwundert Dunetschka an.

Sonderbar, -- sagte er langsam, als wre er durch einen neuen Gedanken
berrascht, warum rege ich mich so auf? Warum dieses ganze Geschrei?
Heirate, wen du willst!

Er sagte es scheinbar fr sich selbst, sprach es aber laut aus und
blickte eine Weile die Schwester wie verblfft an.

Er ffnete endlich den Brief, wobei er immer noch den Ausdruck einer
seltsamen Verwunderung behielt; dann begann er langsam und aufmerksam zu
lesen und las den Brief zweimal. Pulcheria Alexandrowna war in groer
Unruhe, auch die anderen erwarteten etwas Besonderes.

Mich wundert es, -- begann er nach einigem Nachdenken und gab den
Brief der Mutter zurck, wandte sich aber zu keinem einzelnen, -- er
fhrt doch Prozesse, ist Advokat, und seine Weise zu sprechen hat auch
so einen ... Anstrich, -- aber wie ungebildet er schreibt. Alle rhrten
sich, das hatten sie nicht erwartet.

Sie schreiben doch alle so, -- bemerkte Rasumichin kurz.

Hast du den Brief gelesen?

Ja.

Wir haben ihn gezeigt, Rodja, wir ... haben vorhin uns beratschlagt,
-- begann Pulcheria Alexandrowna verlegen.

Es ist eigentlich der Gerichtsstil, -- unterbrach Rasumichin, --
Gerichtspapiere werden heute noch so geschrieben.

Gerichtsstil? Ja, wirklich, Gerichtsstil, Geschftsstil ... Er ist
nicht ganz ungebildet geschrieben und auch nicht sehr literarisch; ein
Geschftsbrief!

Peter Petrowitsch verheimlicht auch nicht, da er wenig gelernt hat,
und ist sogar stolz darauf, da er seinen Weg selbst gemacht hat, --
bemerkte Awdotja Romanowna, neuerlich durch den Ton des Bruders
gekrnkt.

Nun, wenn er stolz darauf ist, hat er auch ein Recht dazu, -- ich
widerspreche nicht. Du, Schwester, scheinst gekrnkt zu sein, da ich
aus dem ganzen Brief nur so eine frivole Schlufolgerung gezogen habe,
und meinst, da ich absichtlich ber solche Kleinigkeiten gesprochen
habe, um mich ber dich aus rger lustig zu machen. Im Gegenteil, mir
kam in bezug des Stils ein in diesem Falle nicht ganz berflssiger
Gedanke. In dem Briefe ist ein Ausdruck -- >woran Sie allein sich die
Schuld zuzuschreiben htten<, der sehr bedeutungsvoll und klar
hingesetzt ist, und auerdem enthlt der Brief die Drohung, da er
sofort fortgehen werde, wenn ich hinkomme. Diese Drohung fortzugehen,
ist gleichbedeutend der Drohung, euch beide zu verlassen, wenn ihr
unfolgsam sein werdet, und gerade jetzt zu verlassen, wo er euch nach
Petersburg gebracht hat. Nun, was meinst du, -- kann man durch solch
einen Ausdruck seitens Luschins ebenso gekrnkt sein, wie wenn er es
geschrieben htte -- (er zeigte auf Rasumichin) -- oder Sossimoff oder
einer von uns?

N--nein, -- antwortete Dunetschka, -- ich habe sehr gut verstanden,
da es zu naiv ausgedrckt ist, und da er vielleicht blo nicht
versteht zu schreiben ... Das hast du gut beurteilt, Bruder. Ich habe
das nicht mal erwartet ...

Das ist in Gerichtssprache ausgedrckt und im Gerichtsstil kann man es
anders nicht schreiben, und es ist grber herausgekommen, als er
vielleicht wollte. brigens, ich mu dich ein wenig enttuschen, -- in
diesem Briefe gibt es noch eine uerung, eine Verleumdung in bezug auf
mich, und eine ziemlich gemeine. Ich habe das Geld gestern der Witwe,
einer schwindschtigen und niedergeschmetterten Frau, gegeben, und nicht
unter dem Vorwande, die Beerdigungskosten zu tragen, sondern einfach zur
Beerdigung, auch nicht der Tochter, -- einem Mdchen, wie er schreibt,
>von verrufenem Lebenswandel< -- und die ich gestern zum ersten Male in
meinem Leben gesehen habe, sondern tatschlich der Witwe. In diesem
allen sehe ich den zu eiligen Wunsch, mich mit Schmutz zu bewerfen und
mit euch zu verzwisten. Es ist wiederum in der Gerichtssprache
ausgedrckt, das heit mit einer zu deutlichen Klarlegung des Zweckes
und einer sehr naiven Eile. Er ist ein kluger Mann, aber um klug zu
handeln gengt nicht, nur Verstand zu haben. Dies alles zeigt den
Menschen und ... ich glaube nicht, da er dich hochschtzt. Ich teile es
dir nur zur Belehrung mit, denn ich wnsche aufrichtig dein Gutes ...

Dunetschka antwortete nicht; ihr Entschlu war schon vorhin gefat, sie
erwartete blo den Abend.

Wie entschliet du dich denn, Rodja? -- fragte Pulcheria Alexandrowna,
noch mehr beunruhigt als vorhin, durch den pltzlichen, neuen,
_geschftlichen_ Ton seiner Rede.

Was heit -- entschlieest du dich? --

Peter Petrowitsch schreibt doch, da du heute abend nicht bei uns sein
sollst, und da er fortgehen werde ... wenn du doch kommen solltest.
Also, wie ... wirst du kommen?

Die Entscheidung hierber kommt doch selbstverstndlich nicht mir,
sondern erstens Ihnen zu, wenn Sie dieses Verlangen von Peter
Petrowitsch nicht krnkt, und zweitens Dunja, wenn sie sich auch nicht
gekrnkt fhlt. Und ich will handeln, wie es fr sie am besten ist, --
fgte er trocken hinzu.

Dunetschka hat schon beschlossen, und ich bin mit ihr vllig
einverstanden, -- beeilte sich Pulcheria Alexandrowna zu bemerken.

Ich habe beschlossen, dich, Rodja, zu bitten, eindringlich zu bitten,
unbedingt bei dieser Zusammenkunft zugegen zu sein, -- sagte Dunja, --
willst du kommen?

Ich will kommen.

Auch Sie bitte ich, bei uns um acht Uhr zu sein, -- wandte sie sich an
Rasumichin, -- Mama, ich fordere ihn auch auf.

Sehr gut, Dunetschka. Nun, wie ihr beschlossen habt, mge es bleiben,
-- fgte Pulcheria Alexandrowna hinzu. -- Und fr mich ist es auch
leichter; ich liebe nicht, mich zu verstellen und zu lgen; besser
wollen wir die ganze Wahrheit sagen ... Mag Peter Petrowitsch jetzt bse
sein oder nicht!


                                  IV.

In diesem Augenblicke wurde die Tre leise geffnet und ins Zimmer trat,
sich schchtern umblickend, ein junges Mdchen herein. Alle wandten sich
mit Erstaunen und Neugier zu ihr um. Raskolnikoff erkannte sie nicht
gleich auf den ersten Blick. Es war Ssofja Ssemenowna Marmeladowa.
Gestern hatte er sie zum ersten Male gesehen, aber in solch einem
Augenblicke, in solcher Umgebung und solch einem Aufzuge, da in seiner
Erinnerung das Bild einer ganz anderen Person haften geblieben war.
Jetzt war es ein einfach und sogar rmlich angezogenes Mdchen, noch
sehr jung, fast einem Kinde hnlich, mit bescheidenem und anstndigem
Wesen, und mit einem klaren, aber anscheinend verngstigten Gesichte.
Sie hatte ein sehr einfaches Hauskleid an und auf dem Kopfe einen alten
Hut von frherer Mode; nur in den Hnden trug sie den Sonnenschirm von
gestern. Als sie pltzlich ein Zimmer voll Menschen erblickte, wurde sie
nicht blo verlegen, sondern verlor die Fassung und ward verzagt wie ein
kleines Kind, und machte sogar eine Bewegung, als wollte sie wieder
gehen.

Ach ... Sie sind es? ... sagte Raskolnikoff auerordentlich
verwundert, und wurde pltzlich selbst verlegen. Er dachte sofort daran,
da die Mutter und die Schwester aus dem Briefe Luschins schon etwas von
einem gewissen Mdchen von verrufenem Lebenswandel wuten. Soeben
hatte er noch gegen die Verleumdung Luschins protestiert und erwhnt,
da er dieses Mdchen zum ersten Male gesehen habe, und pltzlich tritt
sie selbst ein. Er erinnerte sich auch, da er gar nicht gegen den
Ausdruck -- von verrufenem Lebenswandel protestiert habe. Dies alles
durchzog unklar und flchtig seinen Kopf. Als er aber aufmerksamer
hinblickte, sah er, wie gedrckt dieses erniedrigte Wesen war, und sie
tat ihm pltzlich leid. Als sie aber im Schreck sich anschickte
wegzulaufen, schlug seine Stimmung um.

Ich habe Sie nicht erwartet, -- sagte er hastig und hielt sie mit
seinem Blicke zurck. -- Setzen Sie sich bitte. Sie kommen sicher im
Auftrage Katerina Iwanownas. Erlauben Sie, setzen Sie sich nicht
hierhin, sondern dorthin ... Bei Ssonjas Eintritt war Rasumichin, der
auf einem der drei Sthle Raskolnikoffs gerade neben der Tre gesessen
hatte, aufgestanden, um ihr zum Hereingehen Platz zu machen. Zuerst
wollte ihr Raskolnikoff den Platz in der Ecke des Sofas anbieten, wo
Sossimoff gesessen hatte, aber es fiel ihm ein, da dieses Sofa ein zu
_familirer_ Platz sei, ihm als Bett diene und beeilte sich, ihr den
Stuhl Rasumichins anzubieten.

Und du setzt dich hierher, -- sagte er zu Rasumichin und wies ihn in
die Ecke, wo Sossimoff gesessen hatte.

Ssonja setzte sich, fast zitternd vor Angst, und blickte schchtern auf
die beiden Damen. Man sah, da sie selbst nicht begriff, wie sie sich
neben sie hinsetzen konnte. Als es ihr bewut wurde, erschrak sie so,
da sie wieder aufstand und sich in vlliger Verwirrung an Rasumichin
wandte.

Ich ... ich ... bin nur auf einen Augenblick gekommen, verzeihen Sie,
da ich Sie gestrt habe, -- sagte sie stockend.

Ich komme im Auftrage Katerina Iwanownas, sie hatte sonst niemanden zum
Schicken ... Und Katerina Iwanowna lt Sie sehr bitten, zu der
Totenmesse morgen frh ... zu kommen. Nach dem Gottesdienst ... auf dem
Mitrofaniewschen Friedhof und nachher bei uns ... bei ihr ... zu essen
... Ihr die Ehre zu erweisen ... Sie lt Sie bitten.

Sie stockte und verstummte.

Ich will es unbedingt versuchen ... unbedingt, -- antwortete
Raskolnikoff, indem er sich auch erhob, ebenso stockte und nicht
ausredete. -- Bitte, tun Sie mir den Gefallen, setzen Sie sich, --
sagte er pltzlich, -- ich mu mit Ihnen sprechen. Bitte, -- Sie haben
es vielleicht eilig, -- tun Sie mir aber den Gefallen und schenken Sie
mir nur noch zwei Minuten ... und er schob ihr den Stuhl hin. Ssonja
setzte sich wieder, und wieder warf sie schchtern und verstrt einen
schnellen Blick auf die beiden Damen und senkte sogleich wieder die
Augen.

Das bleiche Gesicht Raskolnikoffs errtete; er schien wie umgewandelt,
seine Augen funkelten.

Mama, -- sagte er fest und eindringlich, -- das ist Ssofja Ssemenowna
Marmeladowa, die Tochter des unglcklichen Herrn Marmeladoff, der
gestern vor meinen Augen vom Pferde zu Boden getreten wurde, was ich
Ihnen schon erzhlt habe ...

Pulcheria Alexandrowna blickte nach Ssonja und kniff ein wenig die Augen
zusammen. Trotz ihrer Verlegenheit vor dem eindringlichen und
herausfordernden Blicke Rodjas konnte sie sich dieses Vergngen nicht
versagen. Dunetschka sah ernst und unverwandt dem armen Mdchen ins
Gesicht und betrachtete sie unschlssig. Als Ssonja diese Vorstellung
hrte, erhob sie die Augen auf einen Augenblick und wurde noch mehr
verlegen.

Ich wollte Sie fragen, -- wandte sich Raskolnikoff schnell zu ihr, --
wie hat sich heute alles bei Ihnen gemacht? Hat man sie nicht
belstigt? ... Zum Beispiel die Polizei.

Nein, alles ging glatt ... Es war doch deutlich zu sehen, woran er
gestorben ist; man hat uns weiter nicht belstigt, nur die Mieter sind
bse.

Warum?

Weil die Leiche so lange steht ... jetzt ist es doch hei, es gibt
einen Geruch ... so da man die Leiche heute zur Abendmesse auf den
Friedhof tragen wird, und lt sie dort bis morgen in der Kapelle
stehen. Katerina Iwanowna wollte es zuerst nicht, jetzt aber sieht sie
selbst ein, da es so besser ist ...

Also heute?

Sie bittet Sie, uns die Ehre zu erweisen, morgen bei der Totenmesse in
der Kirche zu sein, und dann bei ihr zu essen.

Sie gibt zu seinem Andenken ein Essen?

Ja, einen Imbi; sie lt Ihnen sehr danken, da Sie gestern uns
geholfen haben ... ohne Sie wre gar nichts da, womit man ihn htte
beerdigen knnen.

Ihre Lippen und ihr Kinn bebten pltzlich, aber sie nahm sich zusammen,
hielt an sich, und senkte wieder die Augen zu Boden.

Whrend des Gesprches schaute sie Raskolnikoff unverwandt an. Sie hatte
ein zartes, ganz mageres und blasses Gesichtchen, ziemlich unregelmige
Zge, mit einer spitzen kleinen Nase und ebensolchem Kinn. Man konnte
sie nicht einmal hbsch nennen, aber ihre blauen Augen waren so klar,
und, wenn sie sich belebten, wurde der Ausdruck ihres Gesichtes so gut
und schlicht, da sie einen unwillkrlich anzog. In ihrem Gesichte und
auch in ihrer ganzen Gestalt lag auerdem etwas besonders
Charakteristisches, -- trotz ihrer achtzehn Jahre sah sie jnger aus als
sie war, fast wie ein Kind, und dies zeigte sich zuweilen in gelungener
Weise bei einigen ihrer Bewegungen.

Aber wie konnte denn Katerina Iwanowna mit so wenig Mitteln auskommen,
und hat dazu noch die Absicht, ein Essen zu geben? ... fragte
Raskolnikoff, bestrebt, das Gesprch fortzufhren.

Der Sarg ist einfach ... und alles ist einfach, so da es nicht teuer
kommt ... wir haben vorhin mit Katerina Iwanowna alles ausgerechnet, es
bleibt noch so viel brig, um sein Andenken zu ehren ... und Katerina
Iwanowna mchte das so sehr gern. Man kann nichts dagegen sagen ... ihr
ist es ein Trost ... so ist sie nun, Sie wissen doch ...

Ich verstehe, verstehe ... Selbstverstndlich ... Warum betrachten Sie
so mein Zimmer? Meine Mama sagt auch, da es einem Sarge hnelt.

Sie haben gestern uns alles gegeben! -- sagte pltzlich Ssonjetschka
leise und hastig, und schlug wieder die Augen nieder.

Ihre Lippen und ihr Kinn bebten wieder. Sie war lngst schon von der
rmlichen Umgebung Raskolnikoffs berrascht, und jetzt waren ihr diese
Worte entschlpft. Es trat Schweigen ein. Dunetschkas Augen schienen zu
leuchten, und Pulcheria Alexandrowna blickte Ssonja freundlich an.

Rodja, -- sagte sie, sich erhebend, -- wir essen selbstverstndlich
zusammen zu Mittag. Dunetschka, komm ... Rodja, du solltest ausgehen,
etwas spazieren gehen, dann dich ausruhen, hinlegen, und dann kommst du
zu uns ... Ich frchte, wir haben dich ermdet ...

Ja, ja, ich will kommen, -- antwortete er eilig im Aufstehen, -- ...
ich habe brigens noch zu tun ...

Ja, werdet ihr nicht mal zusammen zu Mittag essen? -- rief Rasumichin
und blickte erstaunt Raskolnikoff an. -- Was ist mit dir?

Ja, ja, ich komme selbstverstndlich ... Bleibe noch einen Augenblick.
Sie brauchen ihn doch jetzt nicht, Mama? Oder nehme ich ihn euch
vielleicht weg?

Ach, nein, nein! Und Sie, Dmitri Prokofjitsch, kommen Sie zu Mittag,
seien Sie so gut.

Bitte, kommen Sie, -- bat auch Dunetschka.

Rasumichin verbeugte sich und strahlte frmlich. Auf einen Augenblick
waren alle sonderbar verlegen.

Lebwohl, Rodja, das heit, auf Wiedersehen! Ich liebe nicht >lebwohl<
zu sagen. Lebwohl, Nastasja, ... ach, wieder habe ich >lebwohl< gesagt!
...

Pulcheria Alexandrowna wollte sich auch vor Ssonjetschka verbeugen, aber
sie brachte es nicht fertig und ging eilig aus dem Zimmer.

Awdotja Romanowna wartete, bis die Reihe an sie kam, und als sie hinter
der Mutter an Ssonja vorbeiging, verabschiedete sie sich von ihr mit
einem aufmerksamen, hflichen und achtungsvollen Gru. Ssonjetschka
wurde verlegen, grte hastig und erschrocken, und ein schmerzliches
Empfinden drckte sich in ihrem Gesichte aus, als ob die Hflichkeit und
Aufmerksamkeit Awdotja Romanownas sie bedrckte und peinigte.

Dunja, lebwohl! -- rief Raskolnikoff ihr auf der Treppe nach, -- gib
mir doch die Hand!

Ich habe sie dir doch gereicht, hast du es vergessen? antwortete Dunja
innig und wandte sich zu ihm um.

Nun, was tut es, gib sie mir noch einmal!

Und er drckte stark ihre kleinen Finger. Dunetschka lchelte ihm zu,
errtete, ri schnell ihre Hand aus der seinen und ging glcklich der
Mutter nach.

Nun, das ist prchtig! -- sagte er zu Ssonja, indem er in sein Zimmer
zurckkehrte und sie klar anblickte, -- gebe Gott den Toten die Ruhe
und lasse die Lebenden leben! Nicht wahr? Nicht wahr? Es ist doch so?

Ssonja sah verwundert in sein pltzlich erhelltes Gesicht; er blickte
sie einige Augenblicke schweigend und unverwandt an, -- was ihr
verstorbener Vater von ihr erzhlt hatte, lebte in dieser Minute in
seiner Erinnerung auf ...

                   *       *       *       *       *

Herrgott, Dunetschka! -- sagte Pulcheria Alexandrowna, als sie kaum
auf der Strae waren, -- ich freue mich, da wir weggegangen sind; es
wird mir leichter zumute. Wie htte ich mir gestern im Eisenbahnwagen
denken knnen, da ich darber froh sein knnte!

Ich sage Ihnen noch einmal, Mama, da er noch sehr krank ist. Knnen
Sie es denn nicht sehen? Vielleicht ist er so aufgeregt, weil er
unseretwegen litt. Man mu nachsichtig sein, und man kann vieles, vieles
verzeihen.

Du aber warst nicht nachsichtig! -- unterbrach sie eifrig und
eiferschtig Pulcheria Alexandrowna. -- Weit du, Dunja, ich sah euch
beide an, du bist sein Ebenbild, und nicht so sehr uerlich als
seelisch, beide seid ihr schwerbltig, beide seid ihr dster und
jhzornig, beide hochmtig und beide hochherzig ... Es kann doch nicht
sein, da er ein Egoist ist, Dunetschka, he? ... Und wenn ich daran
denke, was uns heute abend bevorsteht, so steht mir das Herz still!

Regen Sie sich nicht auf, Mama, es wird geschehen, was geschehen mu.

Dunetschka! Denk doch nur, in welcher Lage wir jetzt sind! Was
geschieht, wenn Peter Petrowitsch sich zurckzieht? -- sagte
unvorsichtigerweise die arme Pulcheria Alexandrowna.

Ja, und was ist er dann wert? -- antwortete Dunetschka scharf und
verchtlich.

Wir haben gut getan, da wir jetzt weggingen, -- beeilte sich
Pulcheria Alexandrowna fortzufahren, -- er hatte etwas Eiliges vor; mag
er ausgehen, er wird frische Luft amten ... es ist furchtbar dumpf bei
ihm ... aber wo kann man hier frische Luft atmen? Auch auf den Straen
hier ist es wie in einem Zimmer ohne Ventilation -- Herrgott, was ist
das fr eine Stadt! ... Warte doch, geh aus dem Wege, man wird dich noch
umstoen, sie tragen da etwas! Ein Klavier tragen sie, wirklich ... wie
sie stoen ... Dieses Mdchen frchte ich auch sehr ...

Was fr ein Mdchen, Mama?

Ja, diese dort, Ssofja Ssemenowna, die soeben da war ...

Warum denn?

Ich habe so eine Ahnung, Dunja. Nun, glaube mir oder nicht, aber als
sie hereinkam, dachte ich im selben Augenblick, da hier die Hauptsache
sei ...

Nichts ist da! -- rief Dunja rgerlich aus. -- Was haben Sie auch fr
Ahnungen, Mama! Er kennt sie erst seit gestern, und jetzt, als sie
hereintrat, erkannte er sie nicht einmal gleich.

Nun, du wirst sehen! ... Sie bringt mich in Verwirrung, du wirst sehen,
wirst sehen! Und ich bin so erschrocken, -- sie blickt mich an und
blickt mich an, hat solche Augen, ich konnte kaum auf dem Stuhle sitzen
bleiben, erinnerst du dich, als er sie vorstellte? Und sonderbar
erscheint es mir, -- Peter Petrowitsch schreibt ber sie in solcher
Weise, und er stellt sie uns vor und dir noch dazu! Sie mu ihm doch
teuer sein!

Er schreibt ber vieles! ber uns hat man auch gesprochen und
geschrieben, haben Sie es vergessen? Und ich bin berzeugt, da sie ...
gut ist, und da alles Unsinn ist!

Mge es Gott geben!

Und Peter Petrowitsch ist ein hliches Klatschmaul, -- schnitt
pltzlich Dunetschka ab.

Pulcheria Alexandrowna fuhr zusammen. Das Gesprch war pltzlich
abgebrochen. -- --

                   *       *       *       *       *

Hre, hre mal, ich habe etwas mit dir vor ... -- sagte Raskolnikoff
und fhrte Rasumichin zum Fenster hin.

Also, ich will Katerina Iwanowna ausrichten, da Sie kommen ... wollte
sich Ssonjetschka verabschieden.

Sofort, Ssofja Ssemenowna, wir haben keine Geheimnisse, Sie stren
nicht ... Ich mchte Ihnen noch ein paar Worte sagen ... Hre mal, --
wandte er sich wieder an Rasumichin. -- Du kennst doch diesen ... Wie
heit er? ... Porphyri Petrowitsch?

Und ob? Er ist doch verwandt mit mir. Weshalb? -- fgte jener mit
Neugier hinzu.

Er fhrt doch jetzt diese Sache ... nun, ber den Mord ... worber ihr
gestern gesprochen habt ...?

Ja ... und? -- Rasumichin sperrte die Augen auf.

Er hat die Pfandgeber befragt, ich habe auch dort versetzt,
Kleinigkeiten, jedoch auch einen Ring von der Schwester, den sie mir zum
Andenken schenkte, als ich abreiste, und die silberne Uhr meines Vaters.
Alles das kostet fnf oder sechs Rubel, mir aber sind sie zu teuer als
Andenken. Was soll ich jetzt tun? Ich will nicht, da die Sachen
verloren gehen, besonders die Uhr. Ich bebte davor, da die Mutter
danach fragen wrde, als wir ber Dunetschkas Uhr sprachen. Es ist das
einzige, was vom Vater herrhrt. Sie wird krank werden, wenn die Uhr
verloren geht! Frauen sind einmal so! Also, was soll ich tun, sage es
mir! Ich wei, da ich im Polizeibureau es anmelden mu. Ist es aber
nicht besser, sich an Porphyri selbst zu wenden?? Ah! He! Wie meinst du?
Man mte es schnell tun. Du wirst sehen, da die Mutter mich vor dem
Mittage danach noch fragt.

Keinesfalls im Polizeibureau, unbedingt sich an Porphyri wenden! rief
Rasumichin in ungewhnlicher Aufregung. -- Nun, wie ich froh bin! Ja,
was ist da viel zu denken, gehen wir sofort hin, es sind blo zwei
Schritte, wir treffen ihn bestimmt an.

Meinetwegen ... gehen wir zu ihm ...

Und er wird sehr, sehr erfreut sein, dich kennenzulernen! Ich habe ihm
viel von dir gesprochen, zu verschiedenen Malen ... Auch gestern wieder.
Gehen wir! ... Also du hast die Alte gekannt? So so! ... Ausgezeichnet
hat sich alles gemacht! ... Ach, ja ... Ssofja Iwanowna ...

Ssofja Ssemenowna, -- korrigierte ihn Raskolnikoff. -- Ssofja
Ssemenowna, das ist mein Freund Rasumichin, und ein guter Mensch ist er
...

Wenn Sie jetzt gehen mssen ... -- begann Ssonja, wobei sie Rasumichin
gar nicht angesehen hatte, was sie noch mehr verwirrt machte.

Nun, gehen wir! -- beschlo Raskolnikoff, -- ich komme zu Ihnen heute
noch, Ssofja Ssemenowna, sagen Sie mir, wo Sie wohnen.

Er war nicht verwirrt, aber er schien es eilig zu haben und vermied
ihren Blick. Ssonja gab ihre Adresse und errtete dabei. Sie gingen
gleichzeitig fort.

Schliet du denn das Zimmer nicht ab? -- sagte Rasumichin, hinter
ihnen die Treppe hinabsteigend.

Nie! ... ich will schon seit zwei Jahren ein Schlo kaufen, -- fgte
er nachlssig hinzu. -- Glcklich sind die Menschen, die nichts
abzuschlieen haben, nicht wahr? -- wandte er sich lachend an Ssonja.

Auf der Strae blieben sie am Tore stehen.

Sie mssen nach rechts, Ssofja Ssemenowna! Wie haben Sie mich denn
gefunden? -- fragte er sie, schien aber etwas ganz anderes sagen zu
wollen.

Er wollte die ganze Zeit in ihre stillen klaren Augen blicken, und es
gelang ihm immer nicht ...

Sie gaben doch gestern Poletschka Ihre Adresse.

Polja? Ach ja ... Poletschka! Das ist ... die Kleine ... das ist Ihre
Schwester? Also, ich gab ihr meine Adresse!

Haben Sie es denn vergessen?

Nein ... ich erinnere mich ...

Und ich habe von Ihnen noch durch den Verstorbenen gehrt ... Ich
kannte blo damals Ihren Namen nicht, und auch er selbst wute ihn nicht
... Jetzt aber kam ich ... und als ich gestern Ihren Namen hrte ... da
fragte ich heute: wo wohnt hier Herr Raskolnikoff? ... Und ich wute
nicht, da Sie auch ein Zimmer gemietet ... Leben Sie wohl ... Ich will
Katerina Iwanowna ...

Sie war sehr froh, da sie endlich loskam; und ging mit gesenktem Kopfe
eilig, um nur schneller aus ihren Augen zu verschwinden, um nur
schneller diese zwanzig Schritte bis zur Biegung nach rechts in die
Seitenstrae zu durcheilen und endlich allein zu sein; um im schnellen
Gehen, ohne jemand anzublicken und unbeachtet, nachzudenken, sich zu
erinnern und jedes Wort und jeden Umstand sich zurckzurufen. Nie, nie
hatte sie hnliches empfunden. Eine ganz neue Welt war unbekannt und
dunkel in ihre Seele gedrungen. Sie erinnerte sich pltzlich, da
Raskolnikoff heute selbst zu ihr kommen wollte, vielleicht schon heute
morgen, vielleicht gleich!

Besser nicht heute, bitte, nicht heute! -- murmelte sie mit stockendem
Herzen, als flehe sie jemand an, wie ein erschrecktes Kind. --
Herrgott! Zu mir ... in dies Zimmer ... er wird sehen ... oh, Gott!

Sie konnte sicher in diesem Augenblicke den fremden Herrn nicht
bemerken, der eifrig sie beobachtete und ihr auf den Fersen folgte. Er
begleitete sie schon von dem Tore der Wohnung Raskolnikoffs an. In dem
Augenblicke, als alle drei, Rasumichin, Raskolnikoff und sie auf dem
Fusteige, um ein paar Worte zu wechseln, stehen blieben, schien dieser
Vorbergehende pltzlich aufzufahren, als er an ihnen vorbeiging und
zufllig die Worte Ssonjas auffing, -- da fragte ich, wo wohnt hier
Herr Raskolnikoff? Er warf einen schnellen, aber aufmerksamen Blick
allen dreien zu, besonders aber Raskolnikoff, an den sich Ssonja wandte,
sah dann das Haus an und merkte es sich. Dies alles war in einem kurzen
Augenblick, im Vorbeigehen geschehen und unauffllig, nun verminderte er
seine Schritte, als wartete er. Er wartete auf Ssonja, denn er hatte
gesehen, da sie sich verabschiedete und wohl sofort nach Hause gehen
wrde.

Aber wohin nach Hause? Ich habe dieses Gesicht irgendwo gesehen, --
dachte er und forschte in seiner Erinnerung nach dem Gesicht Ssonjas, --
... ich mu es erfahren. Als er die Biegung erreichte, ging er auf die
andere Seite der Strae hinber, wandte sich um und sah, da Ssonja
denselben Weg wie er eingeschlagen hatte und ihn nicht gewahrte. Sie bog
in dieselbe Strae ein. Er verlor sie nicht aus den Augen und ging nach
etwa fnfzig Schritten wieder auf dieselbe Seite hinber, auf der Ssonja
dahinschritt, holte sie ein und folgte ihr auf fnf Schritt Entfernung.
-- Es war ein Mann von ungefhr fnfzig Jahren, etwas mehr als
mittelgro, wohlbeleibt, mit breiten und schrgen Schultern, was ihm ein
etwas gebcktes Aussehen verlieh. Er war elegant und bequem gekleidet
und sah ansehnlich aus. In den Hnden trug er einen hbschen Stock, den
er bei jedem Schritt auf das Trottoir aufstie, und seine Hnde staken
in neuen Handschuhen. Sein breites Gesicht mit hervorstehenden
Backenknochen war nicht unangenehm, und seine Gesichtsfarbe frisch,
nicht von Petersburger Art. Sein noch sehr dichtes Haar war ganz
hellblond und kaum leicht ergraut, und der breite dichte Bart, der wie
eine Schaufel herabhing, war noch heller als das Kopfhaar. Seine blauen
Augen blickten kalt, durchdringend und sinnend; die Lippen waren rot.
berhaupt war er ein ausgezeichnet konservierter Mann und schien
bedeutend jnger zu sein, als er war.

Als Ssonja auf den Kanal hinauskam, waren sie beide allein auf dem
Fusteige. Whrend er sie beobachtete, hatte er schon ihre
Nachdenklichkeit und Zerstreutheit bemerkt. Als Ssonja ihr Haus
erreichte, ging sie durch das Tor, er folgte ihr und schien berrascht
zu sein. Im Hofe bog sie rechts in die Ecke ab, wo die Treppe zu ihrer
Wohnung war. Ah! -- murmelte der Unbekannte und begann hinter ihr her
die Stufen hinaufzusteigen. Hier erst bemerkte ihn Ssonja. Sie ging bis
ins dritte Stockwerk, bog in den Korridor ein und klingelte an der Tre
Nr. 9, wo mit Kreide -- _Kapernaumoff, Schneider_ -- angeschrieben
war. Ah! -- wiederholte der Unbekannte, verwundert ber dieses
seltsame Zusammentreffen, und klingelte an der Tre Nr. 8. Beide Tren
waren voneinander kaum sechs Schritte entfernt.

Sie wohnen bei Kapernaumoff! sagte er, blickte Ssonja an und lachte.
Er hat mir gestern eine Weste umgendert. Und ich wohne hier neben
Ihnen bei Madame Gertrude Karlowna Rlich. Wie sich das trifft! Ssonja
schaute ihn aufmerksam an.

Wir sind also Nachbarn, fuhr er besonders freundlich fort. Ich bin
erst seit drei Tagen in der Stadt. Nun, vorlufig auf Wiedersehen.

Ssonja antwortete nicht; die Tr wurde geffnet und sie schlpfte
hinein. Sie schmte sich und schien sich zu ngstigen ...

                   *       *       *       *       *

Rasumichin war auf dem Wege zu Porphyri in besonders aufgeregtem
Zustande.

Das ist prchtig, Bruder, wiederholte er ein paarmal, und ich freue
mich! Ich freue mich!

Ja, worber freut er sich? dachte Raskolnikoff.

Ich wute gar nicht, da du auch bei der Alten versetzt hast. Und ...
und ... ist es lange her? Das heit, warst du vor lngerer Zeit bei
ihr?

Wie naiv und dumm er ist!

Wann? ... Raskolnikoff blieb stehen und besann sich: Ja, drei Tage
vielleicht vor ihrem Tode war ich dort. brigens, ich gehe doch nicht
jetzt hin, um die Sachen auszulsen, sagte er hastig und wie besorgt um
seine Sachen, ich habe ja wieder blo einen einzigen Rubel in Silber
... infolge des gestrigen verfluchten Fieberanfalls ...

Den Fieberanfall betonte er besonders.

Nun, ja, ja, ja, besttigte Rasumichin eilig, also darum auch hat
dich ... er damals berrascht ... und weit du, du hast auch im Fieber
von allerhand Ringen und Ketten immer phantasiert! ... Nun, ja, ja ...
Das ist klar, alles ist jetzt klar.

Also doch! Wie dieser Gedanke bei ihnen sich festgesetzt hat! Dieser
da, dieser Mensch liee sich fr mich ans Kreuz schlagen, und er ist
doch froh, da es sich geklrt hat, warum ich im Fieber von Ringen
redete! Wie tief es bei ihnen allen wurzelt! ...

Werden wir ihn auch antreffen? fragte er laut.

Wir treffen ihn bestimmt an, beeilte sich Rasumichin zu antworten. Er
ist ein prchtiger Bursche, du wirst sehen! Ein wenig plump, das heit,
er ist wohl Weltmann, aber ich meine in anderem Sinne ist er plump. Ein
kluger Bursche. Er hat nur eine eigentmliche Denkweise. Mitrauisch,
skeptisch, ein Zyniker ... liebt er zu betrgen, das heit nicht zu
betrgen, sondern einen anzufhren ... Er hat die alte Mode auf Indizien
... versteht aber seine Sache, versteht sie gut ... Er hat im vorigen
Jahre das Dunkel ber einen Mord ausgetftelt, wo fast alle Spuren schon
verloren waren! Er wnscht sehr, dich kennenzulernen!

Ja, warum denn sehr?

Das heit, nicht etwa so ... siehst du, in der letzten Zeit, als du
krank wurdest, hatte ich viel und oft Gelegenheit, dich zu erwhnen ...
Nun, er hrte zu ... und als er erfuhr, da du Jura studiert hast und
infolge allerhand Umstnde den Kursus nicht beenden konntest, sagte er,
wie schade! Ich folgerte daraus ... das heit, dies alles zusammen,
nicht nur dies eine ... gestern hat Sametoff ... Siehst du, Rodja, ich
habe dir gestern in meiner Betrunkenheit, als wir nach Hause gingen,
etwas erzhlt ... und ich frchte nun, Bruder, da du es bertreiben
knntest, siehst du ...

Was denn? Da man mich fr verrckt hlt? Ja, vielleicht ist es auch
wahr.

Er lchelte gezwungen.

Ja, ja ... das heit, pfui, nein! ... Nun, alles, was ich sprach ...
und auch ber anderes, ist Unsinn und in Betrunkenheit gesagt.

Ja, wozu entschuldigst du dich! Wie mir das alles zum Ekel ist! rief
Raskolnikoff mit bertriebener, zum Teil gespielter Gereiztheit.

Ich wei, ich wei, verstehe es. Sei berzeugt, da ich es verstehe.
Ich sollte mich schmen, davon nur zu sprechen ...

Wenn du dich schmst, was sprichst du darber!

Beide verstummten. Rasumichin war uerst vergngt und Raskolnikoff
fhlte es voll Widerwillen. Ihn beunruhigte auch das, was Rasumichin
soeben ber Porphyri erzhlt hatte.

Vor dem mu man auch ein Klagelied anstimmen, dachte er erbleichend
und mit Herzklopfen, und es recht natrlich machen. Am besten wre
vielleicht, nichts vorzuklagen. Absichtlich nichts vorklagen! Nein,
absichtlich wre wieder nicht natrlich ... Nun, wie es sich macht ...
wir werden ja sehen ... bald genug ... aber ist es gut oder nicht gut,
da ich hingehe? Der Schmetterling fliegt von selbst ins brennende
Licht. Mein Herz klopft, das ist nicht gut! ...

In diesem grauen Hause wohnt er, sagte Rasumichin.

Am wichtigsten ist es, ob Porphyri es wei oder nicht, da ich gestern
in der Wohnung dieser Hexe war ... und von dem Blut sprach? Sogleich mu
ich es erfahren, beim ersten Schritt, wenn ich hineinkomme, mu ich es
ihm am Gesichte anmerken; sonst ... und wenn ich zugrunde gehe, ich mu
es erfahren!

Weit du auch? wandte er sich pltzlich an Rasumichin mit einem
schelmischen Lcheln, ich habe bemerkt, Bruder, da du dich seit heute
frh in einer ungewhnlichen Aufregung befindest? Ist es so?

In was fr einer Aufregung? In gar keiner Aufregung, fuhr Rasumichin
auf.

Nein, Bruder, es ist dir tatschlich anzusehen. Auf dem Stuhl saest du
vorhin, wie du sonst nie sitzest, so nur auf einem Endchen und die ganze
Zeit durchzuckte es dich, wie wenn du Krmpfe httest. Du sprangst mir
nichts dir nichts auf. Bald sahst du bse aus, bald verzog sich dein
Gesicht pltzlich zu einem sen Lcheln. Sogar rot wurdest du,
besonders als man dich zu Mittag einlud.

Nichts von alledem ist wahr, du lgst! ... Was denkst du dir?

Ja, und jetzt drehst und wendest du dich wie ein Schulbube? Pfui!
Teufel! Er ist schon wieder rot geworden!

Was du fr ein Schwein bist!

Ja, warum wirst du so verlegen? Romeo! Warte, ich will es irgend
jemanden heute noch erzhlen, ha--ha--ha! Ich werde Mama zum Lachen
bringen ... und noch jemand ...

Hre mal, hre, aber im Ernste, es ist doch ... Was soll das bedeuten,
zum Teufel! Rasumichin wurde ganz verwirrt und starr vor Schrecken.
Was willst du ihnen erzhlen? Ich bin, Bruder ... Pfui, welch ein
Schwein du bist!

Du bist wie eine Frhlingsrose! Und wie es dir steht, wenn du es nur
wtest. Romeo, ein neuer Romeo! Und wie du dich heute gewaschen hast,
vielleicht auch die Ngel gereinigt? Ah? Wann war dies zuletzt der Fall?
Und du hast dich, bei Gott, mit Pomade eingeschmiert! Beuge dich mal!

Schwein!

Raskolnikoff lachte so stark, da er sich nicht mehr halten konnte, mit
Lachen traten sie auch in die Wohnung von Porphyri Petrowitsch ein. Das
wollte eben Raskolnikoff bezwecken, -- drinnen in den Zimmern konnte man
es hren, da sie lachend ins Vorzimmer eingetreten waren und dort immer
noch lachten.

Kein Wort hier, oder ich ... zerschmettere dich! flsterte Rasumichin
und packte wtend Raskolnikoff an der Schulter.


                                   V.

Sie gingen hinein. Raskolnikoff sah aus, als hielte er mit Gewalt an
sich, um nicht loszuplatzen. Ihm folgte mit gnzlich verndertem
Gesichte Rasumichin, rot wie eine Ponie, vor Scham und Wut, und
verlegen. Sein Gesicht und die ganze Gestalt waren in diesem Augenblicke
lcherlich und rechtfertigten Raskolnikoffs Heiterkeit. Raskolnikoff,
dem Hausherrn noch nicht bekannt, verbeugte sich vor ihm, der mitten im
Zimmer stand und sie fragend anblickte, reichte ihm die Hand und drckte
die seinige, immer noch mit sichtlicher, groer Mhe seine Lustigkeit
bekmpfend, um wenigstens ein paar Worte sagen und sich vorstellen zu
knnen. Aber kaum war es ihm gelungen, eine ernste Miene anzunehmen und
etwas hinzumurmeln, -- als er pltzlich, wie unwillkrlich wieder
Rasumichin anblickte und da hielt er es nicht mehr aus, -- sein
unterdrcktes Lachen brach um so ungestmer hervor, je strker er es bis
jetzt zurckgehalten hatte. Die ungewhnliche Wut, mit der Rasumichin
dieses herzliche Lachen auffate, verlieh diesem ganzen Auftritt das
Aussehen von aufrichtigster Lustigkeit und, was die Hauptsache war,
Natrlichkeit. Rasumichin trug, als beabsichtigte er's, noch viel dazu
bei.

Pfui, zum Teufel! brllte er, holte mit der Hand aus und traf einen
kleinen runden Tisch, auf dem ein leeres Teeglas stand. Alles fiel hin
und zerbrach.

Ja, warum mssen denn gleich Sthle zerschlagen werden, meine Herren,
das ist ein Verlust fr den Staat! rief Porphyri Petrowitsch lachend
aus.

Der Auftritt stellte sich wie folgt dar, -- Raskolnikoff lachte weiter,
seine Hand in der Hand des Hausherrn lassend, aber er kannte das Ma und
wartete nur auf den Augenblick, um schnell und natrlich zu enden.
Rasumichin, durch den Fall des Tisches und des zerschlagenen Glases
vllig verwirrt, blickte dster auf die Scherben, spie aus und drehte
sich schroff nach dem Fenster, wo er sich mit dem Rcken gegen die
brigen hinstellte und mit frchterlich finsterem Gesichte
hinausschaute, aber nichts sah. Porphyri Petrowitsch lachte und htte
noch mehr gelacht, wenn er nur eine Erklrung dafr gehabt htte. In der
Ecke auf einem Stuhle hatte Sametoff gesessen, der sich beim Eintritt
der Besucher erhob und in Erwartung dastand; sein Mund war zu einem
Lcheln verzogen, aber er schaute stutzig und mitrauisch dem ganzen
Auftritt zu und sah Raskolnikoff verwirrt an. Die unerwartete
Anwesenheit Sametoffs berraschte Raskolnikoff unangenehm.

Da mu man sich in acht nehmen! dachte er.

Entschuldigen Sie, bitte, begann er pltzlich ganz verlegen,
Raskolnikoff ...

Erlauben Sie aber, sehr angenehm, und Sie kamen so angenehm herein ...
Was, will er nicht mal >Guten Tag< sagen? wies Porphyri Petrowitsch auf
Rasumichin.

Bei Gott, ich wei nicht, warum er auf mich wtend ist. -- Ich sagte
ihm blo auf dem Wege hierher, da er Romeo hnlich sei und ... habe es
bewiesen, sonst war nichts.

Du bist ein Schwein! rief Rasumichin, ohne sich umzuwenden.

Er hatte also sehr ernste Grnde, um wegen dieses einzigen Wortes so
bse zu werden, lachte Porphyri Petrowitsch.

Nun auch der Untersuchungsrichter! ... Zum Teufel mit euch allen!
schnitt Rasumichin ab, pltzlich aber lachte er selbst und ging mit
heiterem Gesichte, als wre nichts vorgefallen, auf Porphyri Petrowitsch
zu.

Schlu damit! Alle seid ihr Dummkpfe. Jetzt zur Sache, -- hier ist
mein Freund, Rodion Romanytsch Raskolnikoff, der erstens von dir viel
gehrt hat und mit dir bekannt werden wollte, und der zweitens ein
kleines Ansuchen an dich hat. Ah! Sametoff! Wie kommst du hierher? Kennt
ihr denn einander? Seid ihr schon lange bekannt?

Was bedeutet das! dachte Raskolnikoff voll Unruhe.

Sametoff schien ein wenig verlegen zu werden.

Wir haben uns gestern doch bei dir kennengelernt, sagte er
ungezwungen.

Also hat mich Gott vor Schererei behtet; in der vorigen Woche hat er
mich geplagt, ihn mit dir, Porphyri, irgendwie bekannt zu machen, und
nun habt ihr euch, ohne meine Hilfe, gefunden ... Wo hebst du deinen
Tabak auf?

Porphyri Petrowitsch war in Hauskleidung, -- in einem Schlafrock, sehr
reiner Wsche und in abgetretenen Pantoffeln. Es war ein Mann von etwa
fnfunddreiig Jahren, unter Mittelgre, dick, mit einem Buchlein,
glattrasiert, ohne Schnurrbart, mit kurz geschnittenem Haare auf dem
groen runden Kopfe, der nach hinten zu besonders gewlbt war. Sein
volles, rundes und ein wenig stumpfnsiges Gesicht hatte eine
krnkliche, dunkelgelbe Farbe, war aber munter und sogar spttisch. Es
wre gutmtig zu nennen, wenn nicht der Ausdruck der Augen, die mit fast
weien, zwinkernden Wimpern bedeckt waren, mit ihrem wsserigen Glanze
strend gewirkt htte. Der Blick dieser Augen pate wenig zu der ganzen
Gestalt, die entschieden etwas Weibisches an sich hatte, und machte ihn
viel ernster, als man beim ersten Anblick vermutete.

Als Porphyri Petrowitsch vernahm, da der Besucher ein kleines Ansuchen
an ihn habe, bat er ihn sofort, auf dem Sofa Platz zu nehmen. Er setzte
sich selbst in die andere Ecke und sah den Besucher voll Erwartung mit
einer starken und zu ernsten Aufmerksamkeit an, die bedrcken und
vollends gleich beim ersten Zusammensein verwirren mute, um so mehr,
wenn das, was man vorzubringen hat, durchaus in keinem Verhltnisse zu
einer so ungewhnlichen Aufmerksamkeit zu stehen scheint. Raskolnikoff
jedoch legte seine Angelegenheit in kurzen und bndigen Worten, deutlich
und klar dar, und war mit sich so zufrieden, da er noch Gelegenheit
fand, Porphyri Petrowitsch genau zu betrachten. Auch Porphyri
Petrowitsch wandte keinen Augenblick seine Augen von ihm ab. Rasumichin
hatte an demselben Tische ihnen gegenber Platz genommen und verfolgte
eifrig und ungeduldig die Darstellung der Sache, wobei er alle
Augenblicke und ziemlich auffllig seine Augen von einem zu dem andern
gleiten lie.

Dummkopf! schimpfte Raskolnikoff bei sich.

Sie mssen eine Eingabe an das Polizeibureau machen, antwortete mit
Geschftsmiene Porphyri, da Sie ber diesen Vorfall, das heit von
diesem Mord erfahren haben, und bitten den Untersuchungsrichter, der
diese Sache fhrt, zu benachrichtigen, da die und die Sachen Ihnen
gehren, und da Sie sie einlsen mchten ... oder hnliches ... man
wird Ihnen das brigens sagen.

Das ist ja das Unbequeme, da ich in diesem Augenblicke, Raskolnikoff
bemhte sich, mglichst verlegen zu werden, nicht recht bei Kassa bin
... und sogar so eine Kleinigkeit nicht kann ... sehen Sie, ich mchte
jetzt nur erklren, da es meine Sachen sind, und da, wenn ich Geld
haben werde, ich ...

Das ist einerlei, antwortete Porphyri Petrowitsch, die Erklrung ber
die Finanzlage kalt aufnehmend, brigens, Sie knnen auch direkt an
mich, wenn Sie wollen, in demselben Sinne schreiben, da Sie das und das
in Erfahrung gebracht haben und die und die Sachen als Ihr Eigentum
angeben und bitten ...

Man kann es auf einfachem Papiere schreiben? beeilte sich
Raskolnikoff, ihn zu unterbrechen, wieder ein Interesse fr die
Geldfrage zeigend.

Oh, auf dem allereinfachsten Papiere! und pltzlich blickte ihn
Porphyri Petrowitsch spttisch mit zusammengekniffenen Augen an und
schien ihm zuzuzwinkern.

Vielleicht hatte es auch Raskolnikoff blo so geschienen, denn es
dauerte nur einen Augenblick. Etwas war wenigstens gewesen. Raskolnikoff
htte darauf schwren mgen, da er ihm zugezwinkert habe, wei der
Teufel warum.

Er wei alles! durchzuckte es ihn wie ein Blitz.

Entschuldigen Sie, da ich Sie mit solchen Kleinigkeiten belstigt
habe, fuhr er etwas verwirrt fort, meine Sachen sind im ganzen
hchstens fnf Rubel wert, aber sie sind mir besonders teuer, als ein
Andenken an die, von denen ich sie erhalten habe und, offen gestanden,
als ich es hrte, erschrak ich sehr ...

Darum fuhrst du auch gestern so auf, als ich Sossimoff erzhlte, da
Porphyri die Pfandgeber ausfrage! bemerkte Rasumichin mit deutlicher
Absicht.

Das war schon unertrglich. Raskolnikoff konnte sich's nicht versagen,
ihn wtend mit seinen vor Zorn funkelnden schwarzen Augen anzublicken.
Er besann sich aber sofort.

Du scheinst dich ber mich lustig zu machen, Bruder? wandte er sich an
ihn mit geschickt gespielter Gereiztheit. Ich sehe es ein, da ich
vielleicht meine Sorge um diesen Schund bertreibe, der er doch in
deinen Augen ist, aber man darf mich darum weder fr einen Egoisten,
noch fr einen habgierigen Menschen halten, und fr mich brauchen diese
zwei geringen Gegenstnde gar kein Schund zu sein. Ich sagte dir schon
vorhin, da diese silberne Uhr, die einen Spottwert hat, das einzige
ist, was mir von meinem Vater geblieben ist. Du kannst dich ber mich
amsieren, aber soeben ist meine Mutter angekommen, wandte er sich
pltzlich an Porphyri, und wenn sie erfahren wrde, kehrte er sich
wieder schnell zu Rasumichin und gab sich besondere Mhe, um mit der
Stimme zu zittern, da diese Uhr verloren sei, so wrde sie -- schwre
ich -- in Verzweiflung sein! Sie ist doch eine Frau!

Ich sagte es gar nicht in dem Sinne! Ganz im Gegenteil! rief
Rasumichin gekrnkt.

War es auch gut? War es natrlich? Habe ich nicht bertrieben? sagte
Raskolnikoff bebend zu sich selbst. Warum sagte ich -- sie ist doch
eine Frau!

Ihre Frau Mutter ist zu Ihnen gekommen?! erkundigte sich aus
irgendeinem Grunde Porphyri Petrowitsch.

Ja.

Wann denn?

Gestern abend.

Porphyri Petrowitsch schwieg, als berlege er etwas.

Ihre Sachen konnten in keiner Weise verloren gehen, fuhr er ruhig und
kalt fort. Ich erwarte Sie schon seit langem.

Und als wre nichts vorgefallen, schob er sorgsam einen Aschbecher
Rasumichin zu, der unbarmherzig die Asche von seiner Zigarette auf den
Teppich streute. Raskolnikoff zuckte zusammen, aber Porphyri schien ihn
nicht anzublicken, noch immer um Rasumichins Zigarette besorgt.

Was? Du hast ihn erwartet! Wutest du denn, da auch er dort versetzt
hatte? rief Rasumichin aus.

Ihre beiden Sachen, der Ring und die Uhr, waren _bei ihr_ in einem und
demselben Stck Papier eingewickelt, und auf dem Papier war mit
Bleistift deutlich Ihr Name vermerkt, ebenso auch das Datum, wann sie
sie von Ihnen erhalten hatte ...

Wie genau Sie sind! ... lchelte ein wenig ungeschickt Raskolnikoff
und versuchte, ihm in die Augen zu sehen, er konnte sich aber nicht
enthalten, hinzuzufgen:

Ich sage das nur deshalb, weil wahrscheinlich sehr viele Pfandgeber
waren ... so da es Ihnen doch schwer fallen mute, sich aller zu
erinnern ... Sie aber erinnern sich im Gegenteil an alles so deutlich,
und ... und ...

Es war dumm! Schwach! Warum habe ich es hinzugefgt!

Alle Pfandgeber sind jetzt schon bekannt, so da Sie der einzige sind,
der sich noch nicht meldete, antwortete Porphyri Petrowitsch mit einem
kaum merklichen Anfluge von Spott.

Ich war nicht ganz gesund.

Auch davon habe ich gehrt. Habe sogar gehrt, da Sie von etwas sehr
mitgenommen waren. Sie sind auch jetzt noch etwas bleich!

Ich bin gar nicht bleich ... im Gegenteil, ich bin ganz gesund!
schnitt ihn grob und bse Raskolnikoff ab, pltzlich seinen Ton
verndernd.

Die Wut pochte in ihm und er konnte sie nicht unterdrcken. Und in der
Wut werde ich mich versprechen! durchzuckte es ihn von neuem. Und
warum qulen sie mich! ...

Nicht ganz gesund! hub Rasumichin an. Wie er aufschneidet! Bis
gestern noch phantasierte er und war bewutlos ... Du kannst es mir
glauben, Porphyri, er konnte kaum mehr auf den Fen stehen, und
trotzdem, als wir, Sossimoff und ich, gestern uns nur auf einen
Augenblick entfernten, -- zog er sich an, lief heimlich weg und irrte
irgendwo fast bis Mitternacht herum, und das, sage ich dir, ganz im
Fieber, kannst du dir so etwas vorstellen! Ein ganz merkwrdiger Fall!

Und geschah es wirklich ganz im Fieber? Sagen Sie mal? Mit einer
weibischen Bewegung schttelte Porphyri Petrowitsch den Kopf.

Ah, Unsinn! Glauben Sie ihm nicht! brigens, Sie glauben es ja auch
sowieso nicht! entschlpfte es Raskolnikoff in seiner Wut.

Aber Porphyri Petrowitsch schien diese seltsamen Worte berhrt zu
haben.

Wie konntest du dann weggehen, wenn du nicht im Fieber warst?
ereiferte sich Rasumichin. Warum bist du weggegangen? Wozu? ... Und
warum gerade heimlich? Sag, warst du damals bei gesundem Verstande?
Jetzt, wo die ganze Gefahr vorbei ist, sage ich es dir offen!

Ich war ihrer gestern berdrssig geworden, wandte sich rasch
Raskolnikoff an Porphyri Petrowitsch mit einem dreisten,
herausfordernden Lcheln, und ich lief von ihnen fort, mir eine Wohnung
zu mieten, damit sie mich nicht wiederfinden sollten, und habe einen
Haufen Geld mitgenommen. Herr Sametoff hat das Geld gesehen. Und sagen
Sie, Herr Sametoff, war ich gestern vernnftig oder im Fieber,
entscheiden Sie unseren Streit!

Er htte in diesem Augenblicke Sametoff erwrgen knnen. Dessen Blick
und sein Schweigen waren ihm uerst peinlich.

Meiner Ansicht nach redeten Sie sehr vernnftig und sogar schlau, Sie
waren blo sehr reizbar, erklrte Sametoff trocken.

Und heute sagte mir Nikodim Fomitsch, bemerkte Porphyri Petrowitsch,
er htte Sie gestern noch sehr spt in der Wohnung eines berfahrenen
Beamten getroffen ...

So nehmen wir diesen Fall her! begann Rasumichin, warst du nicht
verrckt bei diesem Beamten? Das letzte Geld hat er der Witwe fr die
Beerdigung gegeben! Und, wenn du helfen wolltest, -- konntest du ihr
fnfzehn oder zwanzig Rubel geben und wenigstens drei Rubel fr dich
behalten, du schenktest ihnen aber alle fnfundzwanzig.

Vielleicht habe ich irgendwo einen Schatz gefunden, was du noch nicht
weit? Darum war ich gestern auch so freigebig ... Herr Sametoff wei,
da ich einen Schatz gefunden habe! ... Entschuldigen Sie, bitte,
wandte er sich mit bebenden Lippen an Porphyri Petrowitsch, da wir Sie
mit solchem kleinlichen Geschwtz eine halbe Stunde belstigen. Sie sind
unserer berdrssig, ja?

Erlauben Sie, im Gegenteil, im Ge--gen--teil! Wenn Sie wten, wie Sie
mich interessieren! Es ist amsant, zuzusehen und zuzuhren ... und ich
bin, offen gesagt, so froh, da Sie endlich einmal gekommen sind ...

Gib aber doch wenigstens Tee! Die Kehle trocknet einem ein! rief
Rasumichin aus.

Eine ausgezeichnete Idee! Vielleicht beteiligen Sie sich alle. Willst
du aber nicht ... etwas Wesentlicheres vor dem Tee haben?

Nein, la gut sein!

Porphyri Petrowitsch ging hinaus, um Tee zu bestellen.

Die Gedanken drehten sich wie im Wirbelwinde in Raskolnikoffs Kopfe. Er
war aufs uerste gereizt.

Das schnste ist, da sie sich nicht mal verbergen und nicht einmal den
Anstand wahren wollen! Aus welchem Grunde aber sprach er, wenn er mich
gar nicht kennt, mit Nikodim Fomitsch ber mich? Also wollen sie nicht
mal verbergen, da sie wie eine Koppel Hunde mich verfolgen! Sie speien
mir ganz offen ins Gesicht! Er zitterte vor Wut. Schlagt doch offen zu
und spielt nicht wie die Katze mit der Maus. Das ist doch geschmacklos.
Porphyri Petrowitsch, das erlaube ich dir einfach nicht! ... Ich stehe
auf und schleudere allen die ganze Wahrheit ins Gesicht und Sie werden
wenigstens sehen, wie ich Sie verachte! Er holte schwer Atem. Wenn mir
aber dies alles nur so vorkommt? Wenn dies aber blo ein Spiel meiner
Phantasie ist und ich mich irre, aus Unerfahrenheit mich rgere und
meine gemeine Rolle nicht gut spiele? Vielleicht ist alles ohne jede
Absicht? Ihre Worte sind alle gewhnlich, aber etwas liegt doch in ihnen
... All dieses kann stets gesagt werden, aber etwas ist doch dabei.
Warum sagte er einfach -- >bei ihr?< Warum fgte Sametoff hinzu, da ich
schlau gesprochen habe? Warum reden sie in solch einem Tone? Ja ... der
Ton ... Aber Rasumichin sa doch auch hier, warum fiel ihm nichts auf?
Diesem naiven Holzklotze fllt eben nie etwas auf! Ich habe wieder
Fieber! ... Zwinkerte mir Porphyri Petrowitsch vorhin zu oder nicht? Es
war sicher nichts; warum sollte er mir zuzwinkern? Wollen sie meine
Nerven reizen, oder fhren sie mich an der Nase herum? Entweder ist
alles ein Phantasiespiel oder sie wissen es! Sogar Sametoff ist dreist
... Ist Sametoff wirklich dreist? Sametoff hat sich's ber Nacht
berlegt. Ich ahnte es doch, da er es sich berlegen wird! Er benimmt
sich wie zu Hause, ist aber zum ersten Male hier. Porphyri betrachtet
ihn nicht als seinen Gast, sitzt mit dem Rcken zu ihm. Sie stecken
unter einer Decke! Sie stecken unbedingt meinetwegen unter einer Decke!
Sie haben sicher vor unserem Kommen ber mich gesprochen! ... Wissen sie
etwas von der Wohnung gestern? Mag es schneller herauskommen! ... Als
ich sagte, da ich gestern weggelaufen wre, mir eine Wohnung zu mieten,
lie er es gelten, erfate nicht die Gelegenheit ... Mit der Wohnung
habe ich's fein angedeutet, -- es kann mir spter ntzen! ... Im Fieber
war es, kann ich sagen! ... Ha--ha--ha! Er wei alles ber den gestrigen
Abend! Von der Ankunft der Mutter wute er nicht! ... Und die Hexe hat
auch das Datum mit Bleistift vermerkt! ... Ihr lgt, ich ergebe mich
nicht! Das sind doch keine Tatsachen, blo Phantasiegebilde! Nein, rckt
mal mit Tatsachen heraus! Auch der Besuch der Wohnung ist keine
Tatsache, sondern Fieber, -- ich wei, was ich ihnen sagen mu ...
Wissen sie, da ich in der Wohnung war? Ich gehe nicht fort, ehe ich es
nicht erfahre! Warum bin ich hergekommen? Da ich mich jetzt rgere, das
ist vielleicht eine Tatsache! Wie reizbar ich bin! Vielleicht aber ist
es auch gut; es ist die Rolle eines Kranken ... Er betastet mich. Er
wird mich verwirren wollen. Warum bin ich berhaupt gekommen?

Dies alles fuhr ihm durch den Kopf wie ein Blitz.

Porphyri Petrowitsch kehrte bald zurck. Er war auf einmal vergngter
geworden.

Mein Kopf brummt von dem gestrigen Abend bei dir, Bruder ... und ich
bin ganz zerschlagen, begann er in einem ganz anderen Tone und wandte
sich lachend an Rasumichin. War es interessant? Ich verlie euch doch
gestern bei dem interessantesten Punkte. Wer siegte?

Niemand, selbstverstndlich. Wir kamen spter zu den ewigalten Fragen,
schwebten in hheren Regionen.

Was meinst du, Rodja, worauf sie gestern zu sprechen kamen, -- gibt es
oder gibt es keine Verbrecher? Ich sag dir, sie schwatzten das Blaue vom
Himmel herunter!

Was ist da Merkwrdiges dran? Eine gewhnliche soziale Frage,
antwortete Raskolnikoff zerstreut.

Die Frage war nicht so formuliert, bemerkte Porphyri Petrowitsch.

Nein, nicht ganz so, das ist wahr, pflichtete Rasumichin wie
gewhnlich eilig und sich ereifernd bei. Sieh, Rodion, hre mich an und
sage dann deine Meinung. Es wre mir lieb. Ich wollte gestern geradezu
aus der Haut fahren, ich wartete auf dich, denn ich hatte ihnen gesagt,
da du kommen wirst ... Es begann mit der Anschauung der Sozialisten.
Die Anschauung ist bekannt, -- das Verbrechen ist ein Protest gegen die
anormale soziale Einrichtung, und -- mehr nichts, keine andern Grnde
wurden zugelassen, -- nichts mehr! ...

Da schwindelst du schon! rief Porphyri Petrowitsch. Er wurde sichtbar
belebter und lachte alle Augenblicke, indem er Rasumichin ansah, der
dadurch noch mehr in Hitze kam.

Sonst wurde nichts zugelassen! unterbrach ihn Rasumichin voll Eifer,
ich schwindle nicht! ... Ich will dir ihre Bcher zeigen, -- an allem
soll die sogenannte >gute Gesellschaft schuld sein< -- und weiter
nichts! Das ist ihre Lieblingsphrase! Und daraus geht hervor, da, wenn
die Gesellschaft normal eingerichtet sein wird, mit einem Male auch alle
Verbrecher verschwinden werden, weil es nichts mehr geben wird, dagegen
zu protestieren, und alle werden auf einmal gerecht werden. Die Natur
wird nicht in Betracht gezogen, die Natur wird hinausgejagt, die Natur
hat keinen Platz! Bei ihnen wird die Menschheit nicht von selbst sich in
eine normale Gesellschaft verwandeln, indem sie den historischen,
lebendigen Entwicklungsgang durchmacht, sondern im Gegenteil, ein
soziales System, irgendeinem mathematischen Kopfe entsprungen, soll
sofort die ganze Menschheit verndern und im Nu sie gerecht und
sndenlos machen, ohne jeden historischen und lebendigen
Entwicklungsgang, ohne jeglichen lebendigen Proze! Darum hassen sie
auch so instinktiv die Geschichte, -- >in ihr kommen blo
Scheulichkeiten und Dummheiten vor<, -- und alles wird blo durch
Dummheit allein erklrt! Darum lieben sie auch nicht den lebendigen
Lebensproze, -- sie brauchen keine lebendige Seele. Eine lebendige
Seele wird Leben verlangen, eine lebendige Seele will nicht einem
Mechanismus gehorchen, eine lebendige Seele ist mitrauisch, eine
lebendige Seele ist rckschrittlich! Und bei ihnen kann man die Seele
aus Kautschuk machen, tut nichts, da sie Leichengeruch hat, -- sie ist
dafr nicht lebendig, ohne Willen, eine Sklavenseele und wird sich nicht
empren. Und im Resultate kommt es darauf hinaus, da sich alles nur um
das Zusammensetzen von Ziegelsteinen und um die Lage der Korridore und
der Zimmer in der kommunistischen Kolonie dreht! Die kommunistische
Kolonie ist fertig, sie verlangt Leben, hat ihren Lebensproze noch
nicht abgeschlossen, es ist zu frh fr sie, auf den Kirchhof zu kommen!
Mit der Logik allein kann man nicht die Natur berspringen! Die Logik
will drei Flle voraussetzen, und es gibt ihrer eine Million! Soll man
die ganze Million Flle abschneiden und alles blo zur Frage des
Komforts konzentrieren? Die leichteste Lsung der Aufgabe! Sie ist
verlockend einfach und man braucht nicht zu denken! Und das ist die
Hauptsache -- man braucht nicht zu denken! Das ganze Lebensgeheimnis
findet auf zwei Druckbogen Platz!

Wie es dich gepackt hat, du schlugst fest die Trommel! Man mu dich
festhalten, lachte Porphyri Petrowitsch. Stellen Sie sich vor, wandte
er sich an Raskolnikoff, so war es auch gestern abend, und das in einem
Zimmer, angefllt mit sechs Mann, die er dazu noch vorher mit Punsch
bewirtet hat, -- knnen Sie sich so was vorstellen? Nein, Bruder, du
schwindelst, -- >die Gesellschaft< hat bei einem Verbrechen viel zu
bedeuten; das kann ich dir besttigen.

Ich wei es selbst, da sie viel zu bedeuten hat, aber sage mir, --
wenn ein Vierzigjhriger ein Mdchen von zehn Jahren vergewaltigt, --
hat ihn etwa die Gesellschaft, die Umgebung dazu gezwungen?

Ja, im strengen Sinne vielleicht auch die Gesellschaft, bemerkte
Porphyri Petrowitsch mit merkwrdiger Wichtigkeit, ein Verbrechen an
einem kleinen Mdchen kann man sehr, sehr gut durch >die Gesellschaft<
erklren.

Rasumichin geriet nun fast in Wut.

Nun, willst du, so werde ich dir sofort beweisen, brllte er da du
weie Wimpern einzig und allein darum hast, weil der Turm von Iwan
Weliki fnfundsiebzig Meter hoch ist, und ich will es dir klar, genau,
fortschrittlich, und sogar mit einem liberalen Anfluge beweisen! Ich
bernehme es! Nun, willst du mit mir wetten?

Ich nehme die Wette an! Wollen wir mal hren, wie er es beweisen will!

Ja, du stellst dich blo so an, zum Teufel! rief Rasumichin aus,
sprang von seinem Stuhle und wehrte mit der Hand ab. Nun, lohnt es sich
mit dir zu sprechen? Er tut dies nur absichtlich, du kennst ihn noch
nicht, Rodion! Auch gestern war er auf ihrer Seite, blo, um sie alle
anzufhren. Und was er gestern alles sagte, oh Gott! Und die waren um
ihn froh! ... Er kann in dieser Weise zwei Wochen aushalten. Im vorigen
Jahre erzhlte er uns aus irgendeinem Grunde, da er ins Kloster gehe,
-- zwei Monate blieb er dabei! Vor kurzem wollte er uns aufbinden, da
er heiraten wrde, und da alles schon zur Hochzeit bereit sei. Sogar
einen neuen Anzug hatte er sich bestellt. Wir fingen schon an, ihm zu
gratulieren. Keine Braut, nichts war da, -- alles Phantasiespiel!

Da hast du wieder geschwindelt! Den Anzug hatte ich vorher bestellt!
Wegen des neuen Anzuges kam es mir auch in den Sinn, euch alle
anzufhren!

Knnen Sie sich wirklich so verstellen? fragte Raskolnikoff
nachlssig.

Und Sie glauben es nicht? Warten Sie, auch Sie will ich anfhren --
ha--ha--ha! Nein, hren Sie, ich will Ihnen die Wahrheit sagen. Bei
allen diesen Fragen, Verbrechen, Gesellschaft, kleinen Mdchen erinnere
ich mich pltzlich, -- brigens habe ich mich stets dafr interessiert,
-- an einen Aufsatz von Ihnen, -- >ber Verbrechen ...< oder wie er
heit, ich habe den Titel vergessen, ich erinnere mich nicht genau an
ihn. Vor zwei Monaten hatte ich das Vergngen, ihn in dem >Periodischen
Worte< zu lesen.

Meinen Aufsatz? In dem >Periodischen Worte?< fragte verwundert
Raskolnikoff, ich habe tatschlich vor einem halben Jahre, als ich die
Universitt verlie, einen Aufsatz geschrieben, aber ich habe ihn damals
der Zeitung >Das wchentliche Wort< und nicht dem >Periodischen<
bergeben.

Er ist aber im >Periodischen< erschienen.

Das >Wchentliche Wort< hrte damals auf zu erscheinen, darum druckte
man ihn auch nicht ...

Das ist richtig; und das >Wchentliche Wort< verschmolz mit dem
>Periodischen< und darum erschien auch Ihr Aufsatz vor zwei Monaten
dort. Sie wuten es nicht?

Raskolnikoff wute tatschlich nichts davon.

Erlauben Sie, Sie knnen doch Geld fr den Aufsatz verlangen! Was Sie
fr ein Mensch sind! Sie leben so einsam, da Sie selbst von solchen
Dingen, die Sie doch direkt angehen, keine Ahnung haben.

Bravo, Rodja! Auch ich wute nichts, rief Rasumichin aus. Ich gehe
heute noch in die Lesehalle und verlange die Nummer. Vor zwei Monaten
war es! Welches Datum? Na, einerlei, ich werde ihn schon finden! Das ist
mal eine Sache! Und er sagte nichts davon!

Woher haben Sie zu wissen bekommen, da der Aufsatz von mir ist? Er ist
nur mit einem Buchstaben unterzeichnet.

Zufllig, und auch erst in diesen Tagen. Durch den Redakteur; ich kenne
ihn ... Ich war sehr interessiert.

Ich betrachtete, soweit ich mich erinnere, den psychologischen Zustand
eines Verbrechers whrend des ganzen Vorganges.

Ja, und Sie behaupteten, da die Vollbringung eines Verbrechens stets
von einer Krankheit begleitet wird. Sehr, sehr originell, aber ... mich
interessierte eigentlich nicht dieser Teil Ihres Aufsatzes, sondern ein
gewisser Gedanke, der zum Schlusse vorkommt, den Sie aber leider nur
unklar andeuteten ... Wenn Sie sich entsinnen, es ist da angedeutet, da
in der Welt offenbar Menschen existieren, die tun knnen ... das heit
nicht blo knnen, sondern volles Recht dazu haben, allerhand
Scheulichkeiten und Verbrechen zu vollbringen, und da fr sie das
Gesetz nicht geschrieben ist.

Raskolnikoff lchelte ber die starke absichtliche Verdrehung seiner
Idee.

Wie? Was? Ein Recht auf Verbrechen? Aber doch nicht aus dem Grunde,
weil die Gesellschaft schuld ist? erkundigte sich Rasumichin voll
Schrecken.

Nein, nein, nicht aus dem Grunde, antwortete Porphyri Petrowitsch.
Die ganze Sache dreht sich darum, da in seinem Aufsatze die Menschen
in >gewhnliche< und >ungewhnliche< eingeteilt werden. Die Gewhnlichen
mssen in Gehorsam leben und haben kein Recht, ein Gesetz zu
berschreiten, weil sie -- eben Gewhnliche sind. Und die Ungewhnlichen
haben das Recht, allerhand Verbrechen zu vollbringen und in jeder Weise
das Gesetz zu verletzen, und das, weil sie Ungewhnliche sind. So
scheint es mir in Ihrem Aufsatze zu stehen, wenn ich nicht irre?

Aber wie ist denn das? Es kann nicht sein, da es so gemeint ist!
murmelte Rasumichin zweifelnd.

Raskolnikoff lchelte wieder. Er hatte sofort verstanden, wie die Sache
stand und worauf man ihn bringen wollte; er entsann sich der Stelle und
beschlo, die Herausforderung anzunehmen.

Es steht nicht ganz so in meinem Aufsatze, begann er schlicht und
bescheiden. brigens, ich mu gestehen, da Sie ihn nahezu richtig
wiedergegeben haben, und wenn Sie es wnschen, auch vollkommen richtig
... Es pate ihm anscheinend, zuzugeben, da der Gedanke vollkommen
richtig wiedergegeben war. Der Unterschied besteht einzig darin, da
ich gar nicht behauptete, da die ungewhnlichen Menschen unbedingt
allerhand Scheulichkeiten vollbringen mssen und dazu verpflichtet
sind, wie Sie es sagen. Ich glaube auch, da man einen solchen Aufsatz
in der Presse nicht zugelassen htte. Ich habe einfach angedeutet, da
ein >ungewhnlicher< Mensch das Recht habe ... das heit kein
offizielles Recht, sondern in sich selbst das Recht trage, seinem
Gewissen zu gestatten ... einige Hindernisse zu berschreiten, und
einzig in dem Falle, wenn die Erfllung seiner Idee, -- die zuweilen
vielleicht fr die ganze Menschheit heilbringend ist, -- dieses
verlangt. Sie beliebten zu sagen, da mein Aufsatz nicht deutlich sei;
ich bin bereit, ihn Ihnen nach Mglichkeit zu erklren. Ich irre mich
vielleicht nicht, wenn ich annehme, da Sie es wnschen, gut. Meine
Ansicht geht dahin, -- wenn die Entdeckungen von Newton und Kepler,
infolge irgendwelcher Kombinationen, in keiner Weise der Menschheit
anders bekannt werden konnten als durch den Verlust des Lebens von
einem, zehn, hundert und mehr Menschen, die der Erfindung strend waren,
oder ihr als ein Hindernis im Wege standen, so htte Newton das Recht
gehabt und wre sogar verpflichtet gewesen ... diese zehn oder hundert
Menschen zu beseitigen, um seine Erfindungen der ganzen Menschheit
bekannt zu machen. Daraus lt sich brigens gar nicht schlieen, da
Newton das Recht hatte, jeden beliebigen, den ersten besten zu ermorden
oder jeden Tag auf dem Markte zu stehlen. Weiter entwickelte ich --
soweit ich mich erinnern kann -- in meinem Aufsatze, da alle ... nun,
nehmen wir zum Beispiel die Gesetzgeber und Fhrer der Menschheit,
angefangen von den allerltesten Lykurg, Solon bis Mahomet, Napoleon und
so weiter herauf: alle waren ohne Ausnahme Verbrecher, schon dadurch
allein, da sie ein neues Gesetz gaben, das alte, von der Gesellschaft
heilig geehrte und von den Vtern bernommene Gesetz verletzten, -- und
sie schraken sicher nicht vor dem Blutvergieen zurck, wenn ihnen nur
das Blut, -- und es war zuweilen ganz unschuldiges und tapfer fr das
alte Gesetz vergossenes Blut -- helfen konnte. Es ist sogar auffallend,
da der grte Teil dieser Wohltter und Fhrer der Menschheit besonders
grausame Blutvergieer waren. Mit einem Worte, ich ziehe den Schlu, da
auch alle, nicht blo die Groen, sondern auch die kaum ber das Ma
hervortretenden Menschen, das heit, die auch nur eine geringe Fhigkeit
haben, etwas Neues zu sagen, unbedingt ihrer Natur nach mehr oder
weniger Verbrecher sein mssen. Anders wrde es ihnen schwer fallen, aus
dem Gleise herauszukommen; und im Gleise zu bleiben knnen sie gar nicht
wollen, wiederum ihrer Natur nach, und meiner Ansicht nach sind sie
sogar verpflichtet, es nicht zu wollen. Mit einem Worte, Sie sehen, da
bis dato etwas besonders Neues nicht in dem Aufsatze steht. Das wurde
schon tausendmal gedruckt und gelesen. Was meine Einteilung der Menschen
in gewhnliche und ungewhnliche anbetrifft, gebe ich zu, da sie ein
wenig willkrlich ist, aber ich klammere mich auch nicht an genaue
Zahlen. Ich glaube nur an meinen Hauptgedanken. Er besteht gerade darin,
da die Menschen infolge eines Naturgesetzes berhaupt in zwei Gattungen
zerfallen, -- eine niedrige, die gewhnlichen, das heit sozusagen das
Material, das einzig zur Weitererzeugung dient, und eigentliche
Menschen, das heit solche, die die Begabung oder das Talent haben, in
ihrem Kreise ein neues Wort zu sagen. Selbstverstndlich gibt es hier
endlose Unterabteilungen, aber die bezeichnenden Merkmale beider
Gattungen sind ziemlich scharf, -- die erste Gattung, das heit das
Material, besteht, im allgemeinen gesagt, aus Menschen, die ihrer Natur
nach konservativ und gesittet sind, in Gehorsam leben und es lieben,
gehorsam zu sein. Meiner Ansicht nach sind sie auch verpflichtet,
gehorsam zu sein, denn das ist ihre Bestimmung und dabei ist entschieden
nichts Erniedrigendes fr sie. Die zweite Gattung, -- die berschreiten
alle das Gesetz, sind Zerstrer oder neigen dazu, je nach ihren
Fhigkeiten. Die Verbrechen dieser Menschen sind selbstverstndlich
relativ und verschieden; meistens verlangen sie die Zerstrung des
Gegenwrtigen im Namen eines Besseren. Wenn er aber seiner Idee wegen,
-- sagen wir -- ber eine Leiche schreiten oder Blut vergieen mu, so
kann er, meine ich, innerlich von seinem Gewissen aus sich die Erlaubnis
geben, ber diese Leiche hinwegzuschreiten, -- das heit, je nach der
Idee und ihrem Umfange, -- halten Sie das fest! Nur in diesem Sinne
spreche ich auch in meinem Aufsatze ber ihr Recht auf Verbrechen. Sie
entsinnen sich doch, da wir mit einer juristischen Frage anfingen.
brigens, es ist nicht wert, sich viel aufzuregen, -- die Menge erkennt
fast nie dieses Recht fr sie an, sie lt sie hinrichten und hngen --
mehr oder weniger -- und erfllt dadurch vollkommen richtig ihre
konservative Bestimmung, jedoch mit dem Unterschiede, da dieselbe Menge
in den folgenden Generationen die Hingerichteten auf das Piedestal
stellen und sie anbeten wird -- mehr oder weniger. Die erste Gattung ist
immer der Herr der Gegenwart, die zweite -- der Herr der Zukunft. Die
ersten bewahren die Welt und vermehren sie der Zahl nach; die zweiten
bewegen die Welt und fhren sie zum Ziele. Wie die einen, so haben auch
die anderen das vollkommen gleiche Recht, zu existieren. Mit einem
Worte, in meinem Aufsatze haben alle gleich groes Recht und -- _vive la
guerre ternelle_{[1]}, -- bis zum Neuen Jerusalem, versteht sich!

Also, Sie glauben trotzdem an Neu-Jerusalem?

Ich glaube daran, antwortete Raskolnikoff fest. Indem er dies sagte,
blickte er zu Boden, wie er auch whrend seiner langen Rede auf einen
Punkt des Teppiches geblickt hatte.

Und, und glauben Sie auch an Gott? Entschuldigen Sie meine Neugier.

Ich glaube an ihn, wiederholte Raskolnikoff und hob die Augen zu
Porphyri Petrowitsch empor.

Und, und glauben Sie an die Auferstehung des Lazarus?

Ich glau--be. Warum wollen Sie das wissen?

Glauben Sie buchstblich daran?

Buchstblich.

So, so ... ich fragte blo aus Neugier. Entschuldigen Sie. Aber
erlauben Sie, -- ich kehre zu dem Gesagten zurck, -- jene werden doch
nicht immer hingerichtet, manche ganz im Gegenteil ...

Triumphieren whrend ihres Lebens? Oh ja, manche erreichen es auch
whrend ihrer Lebenszeit, und dann ...

Beginnen sie selbst hinzurichten?

Wenn es ntig ist, und wissen Sie, eigentlich meistenteils. Ihre
Bemerkung war treffend.

Danke. Aber sagen Sie bitte, wie soll man diese Ungewhnlichen von den
Gewhnlichen unterscheiden? Gibt es etwa bei der Geburt solche Merkmale?
Ich meine, da hier mehr Klarheit, sozusagen mehr uerliche Genauigkeit
sein mte, -- entschuldigen Sie bei mir die natrliche Besorgnis eines
praktischen und loyalen Menschen, aber knnte man hier nicht zum
Beispiel eine besondere Kleidung einfhren, irgend etwas tragen,
irgendwie sie kennzeichnen? ... Denn, gestehen Sie selbst, wenn eine
Verwechslung stattfindet, und einer aus der einen Gattung sich
einbildet, da er zu der anderen Gattung gehre und anfngt >alle
Hindernisse zu beseitigen<, wie Sie sich sehr treffend ausdrckten, so
kann dabei ...

Oh, das kommt sehr oft vor! Ihr letzter Einwurf ist noch besser als der
vorige ...

Danke sehr ...

Keine Ursache; aber ziehen Sie doch in Betracht, da ein Irrtum nur
seitens der ersten Gattung, das heit der >gewhnlichen< Menschen, wie
ich sie vielleicht sehr unglcklich genannt habe, mglich ist. Trotz
ihrer angeborenen Neigung zum Gehorsam lieben es sehr viele von ihnen,
aus einem gewissen, lebhaften Naturell, das auch einer Kuh nicht versagt
ist, sich einzubilden Fortschrittsmnner, >Zerstrer<, zu sein und
glauben es mit einem neuen Worte erreicht zu haben, und sie tun
vollkommen aufrichtig. Und die tatschlich Neuen bemerken sie darber
sehr oft nicht, verachten sie sogar als rckschrittliche und
untergeordnete Menschen. Meiner Ansicht nach aber kann hier keine groe
Gefahr vorliegen, denn sie erreichen nie viel im Leben. Fr ihre
Verblendung knnte man sie zuweilen zchtigen, um sie an ihren Platz zu
erinnern, aber auch nicht mehr; man braucht aber dabei oftmals keinen
Vollstrecker, sie werden sich selbst zchtigen, weil sie sehr
wohlgesittet sind, -- manche erweisen einander diesen Dienst, andere
aber tun es eigenhndig ... Sie legen sich dabei allerhand ffentliche
Buen auf, -- es macht sich das hbsch und wirkt belehrend: mit einem
Worte, Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen ... Fr sie besteht ein
Gesetz.

Nun, in diesem Punkte haben Sie mich wenigstens etwas beruhigt, aber da
haben wir noch einen bsen Punkt, -- sagen Sie mir bitte, gibt es viele
solche Leute, die das Recht haben, andere zu morden, sogenannte
>Ungewhnliche<? Ich bin selbstverstndlich bereit, mich vor Ihnen zu
beugen, aber Sie mssen doch selbst zugeben, da es ngstlich ist, wenn
es viele von der Art gbe?

Oh, regen Sie sich auch in diesem Punkte nicht auf, fuhr Raskolnikoff
in demselben Tone fort, Menschen mit neuen Gedanken, sogar solche, die
nur einigermaen befhigt sind, etwas Neues zu sagen, werden berhaupt
ungewhnlich wenige geboren, sogar merkwrdig wenig. Eines ist mir klar,
da die Ordnung fr das Entstehen und Gedeihen aller dieser Kategorien
und Subkategorien sehr genau und sicher durch irgendein Naturgesetz
bestimmt ist. Dieses Gesetz ist uns selbstverstndlich unbekannt, aber
ich glaube, da es existiert und spterhin vielleicht auch einmal
bekannt werden wird. Die ungeheure Menge Menschen, das Material
existiert blo in der Welt, um schlielich durch irgendeine Anstrengung,
durch einen geheimnisvollen Vorgang, durch eine Kreuzung von
Geschlechtern und Gattungen sich zusammen zu fassen und einen einzigen
-- sagen wir von tausend -- einigermaen selbstndigen Menschen in die
Welt zu setzen. Mit einer noch greren Selbstndigkeit wird vielleicht
nur ein einziger von zehntausend geboren, -- ich spreche bildlich. Mit
einer noch greren von hunderttausend ein einziger. Geniale Menschen
von Millionen und groe Genies, die Vollender der Menschheit, kommen
vielleicht zur Welt nach dem Ableben von vielen tausend Millionen
Menschen. Mit einem Worte, ich habe keinen Blick in die Retorte
geworfen, in der dies alles vorgeht. Aber ein bestimmtes Gesetz
existiert unbedingt und mu existieren; hier kann es keinen Zufall
geben.

Ja, sagt einmal, scherzt ihr etwa beide? rief Rasumichin endlich aus.
Fhrt ihr einander an der Nase herum oder nicht? Sie sitzen und treiben
miteinander Spa! Meinst du es ernst, Rodja?

Raskolnikoff erhob sein bleiches und fast trauriges Gesicht zu ihm und
antwortete nichts. Und merkwrdig erschien Rasumichin, im Vergleiche zu
diesem stillen und traurigen Gesichte, der offene, zudringliche,
gereizte und unhfliche, beiende Spott von Porphyri Petrowitsch.

Nun, Bruder, wenn es tatschlich ernst ist, so ... Du hast gewi recht,
wenn du sagst, da dies nicht neu sei und allem, was wir tausendmal
gelesen und gehrt haben, gleiche. Aber was tatschlich originell in
alledem ist, -- und in der Tat dir zu meinem Entsetzen allein gehrt,
ist der Punkt, da du trotzdem Blutvergieen dem Gewissen nach
gestattest und es -- entschuldige mich, -- sogar mit so einem Fanatismus
tust ... In diesem also besteht auch der Hauptgedanke deines Aufsatzes.
Diese Erlaubnis, dem Gewissen nach Blut zu vergieen, das ... das ist
meiner Meinung nach schrecklicher als eine offizielle Erlaubnis, Blut zu
vergieen, sozusagen eine gesetzliche ...

Vollkommen richtig, -- es ist schrecklicher, pflichtete Porphyri
Petrowitsch bei.

Nein, du hast dich von irgend etwas hinreien lassen! Das mu ein
Irrtum sein. Ich will den Aufsatz lesen ... Du hast dich bestimmt
hinreien lassen! Du kannst nicht so denken ... Ich will es lesen.

Im Aufsatze steht dies alles nicht, es ist dort blo angedeutet, sagte
Raskolnikoff.

So, so, Porphyri Petrowitsch rckte auf seinem Stuhle hin und her,
mir ist es jetzt ziemlich klar, wie Sie belieben Verbrechen zu
betrachten, aber ... entschuldigen Sie meine Zudringlichkeit, -- ich
belstige Sie zu sehr, schme mich selbst darber, -- aber sehen Sie, --
Sie haben mich vorhin sehr beruhigt ber die Mglichkeit einer
Verwechslung der beiden Kategorien, aber ... mich qulen nun allerhand
praktische Flle! Nehmen wir an, irgendein Mann oder Jngling bildet
sich pltzlich ein, er sei Lykurg oder Mahomet ... ein Zuknftiger,
verstehen Sie, und -- beginnt nun alle Hindernisse zu beseitigen ... Es
steht ihm, sagt er sich, ein langer Weg bevor und fr diesen Weg braucht
er Geld ... so beginnt er sich das Geld zu verschaffen ... wissen Sie?

Sametoff prustete pltzlich vor Lachen; Raskolnikoff wrdigte ihn nicht
eines Blickes.

Ich mu zugeben, antwortete er ruhig, da solche Flle in der Tat
vorkommen mssen. Dmmere und besonders eitle Menschen fallen darauf
herein; insbesondere die Jugend.

Sehen Sie. Nun, was soll da geschehen?

Ja, was denn, lchelte ein wenig Raskolnikoff, ich bin doch daran
nicht schuld. So ist es einmal und wird immer so bleiben. Er -- er wies
auf Rasumichin -- sagte soeben, da ich Blutvergieen gestatte. Was ist
denn dabei? Die Gesellschaft ist doch mit Verbannung, Gefngnissen,
Untersuchungsrichtern, Zuchthusern genug gesichert, -- wozu denn sich
beunruhigen? Sucht den Dieb! ...

Nun, und wenn wir ihn finden?

Fort mit ihm.

Das ist sehr logisch. Nun, und wie steht es mit dem Gewissen?

Was kmmert Sie das?

Doch, aus Humanitt.

Wer ein Gewissen hat, mag darunter leiden, wenn er seinen Irrtum
einsieht. Das ist auch eine Strafe fr ihn, -- auer der Zwangsarbeit.

Nun, und die tatschlich Genialen, fragte Rasumichin mit dsterem
Gesichte, die nmlich, denen das Recht gegeben ist zu morden, die
sollen gar nicht, auch nicht wegen des vergossenen Blutes leiden?

Warum sagst du: sollen? Es gibt hier weder eine Erlaubnis, noch ein
Verbot. Mag er leiden, wenn ihm das Opfer leid tut ... Leiden und
Schmerz hngen immer mit einer weiten Erkenntnis und einem tiefen Herzen
zusammen. Die wirklich groen Menschen mssen auf Erden groes Leid
empfinden, fgte er pltzlich nachdenklich, nicht im Tone des
Gesprches, hinzu.

Er hob die Augen auf, blickte alle sinnend an, lchelte und nahm seine
Mtze. Er war im Vergleiche mit seinem Eintritt zu ruhig, und er fhlte
es auch. Alle erhoben sich.

Nun, schelten Sie mich oder nicht, rgern Sie sich ber mich oder
nicht, aber ich kann es nicht unterlassen, sagte Porphyri Petrowitsch
wieder, erlauben Sie mir noch eine kleine Frage -- ich belstige Sie
sehr, -- nur eine einzige kleine Idee mchte ich aussprechen, blo um es
nicht zu vergessen ...

Gut, sagen Sie Ihre kleine Idee. Raskolnikoff stand ernst und bleich
in Erwartung vor ihm.

Ja, sehen Sie ... ich wei wirklich nicht, wie ich mich glcklich
ausdrcken soll ... die Idee ist zu gelungen ... ist psychologisch ...
Sehen Sie, als Sie Ihren Aufsatz schrieben, -- da war es doch nicht ganz
ohne, he--he--he--, -- da Sie sich selbst, -- nun, sagen wir, ein
bichen vielleicht, -- auch fr einen >ungewhnlichen< Menschen hielten,
der ein neues Wort -- in Ihrem Sinne, versteht sich, -- sagt ... War es
nicht so?

Sehr mglich, antwortete Raskolnikoff verchtlich. Rasumichin machte
eine Bewegung.

Und wenn es so ist, wrden Sie in diesem Falle sich entschlieen, --
nun, sagen wir, wegen irgendwelcher Fehlschlge und beschrnkter
Verhltnisse oder auch um irgendwie die Menschheit zu frdern, -- ber
ein Hindernis hinweg zu schreiten? ... Nun, zum Beispiel, zu morden und
zu rauben? ...

Und wieder schien er ihm pltzlich mit dem linken Auge zuzuzwinkern und
lachte unhrbar, -- genau wie vorhin.

Wenn ich auch ber eines hinweg schreiten wrde, so wrde ich es Ihnen
sicher nicht sagen, antwortete Raskolnikoff mit herausfordernder
hochmtiger Verachtung.

Ach was, ich interessiere mich doch in rein literarischer Hinsicht, um
eigentlich Ihren Aufsatz mehr zu verstehen ...

Jetzt wird er deutlich und unverschmt! dachte Raskolnikoff voll
Widerwillen.

Gestatten Sie mir gtigst zu bemerken, antwortete er trocken, da ich
mich weder fr einen Mahomet noch fr einen Napoleon halte ... fr keine
von solchen Persnlichkeiten, also kann ich, da ich keiner von denen
bin, Ihnen auch keine befriedigende Erklrung geben, wie ich handeln
wrde.

Nun, aber bitte, wer hlt sich jetzt in Ruland nicht fr einen
Napoleon? sagte Porphyri Petrowitsch pltzlich mit groer Familiaritt.

Sogar im Tone seiner Stimme lag diesmal etwas besonders Deutliches.

Mglicherweise hat auch ein knftiger Napoleon unsere Aljona Iwanowna
in der vorigen Woche mit dem Beile erschlagen? platzte Sametoff heraus.

Raskolnikoff schwieg und blickte unverwandt und fest Porphyri
Petrowitsch an. Rasumichins Gesicht verfinsterte sich. Ihm war schon
vorher etwas aufgefallen. Er blickte zornig um sich. Eine Minute
dsteren Schweigens verging. Raskolnikoff wandte sich, um wegzugehen.

Sie wollen schon fortgehen? sagte Porphyri Petrowitsch freundlich und
reichte ihm auerordentlich liebenswrdig die Hand. Ich freue mich
sehr, sehr ber Ihre Bekanntschaft. Und was Ihre Bitte anbetrifft, seien
Sie ohne Sorge. Schreiben Sie nur so, wie ich Ihnen sagte. Oder noch
besser, kommen Sie selber einmal zu mir ... vielleicht in diesen Tagen
... morgen ... ich werde gegen elf Uhr da sein. Wir wollen dann alles
besorgen ... uns auch etwas unterhalten ... Sie, als einer der letzten,
die dort gewesen waren, knnten uns vielleicht etwas mitteilen ...

Sie wollen mich offiziell, mit allem Zubehr, verhren? fragte
Raskolnikoff scharf.

Warum denn? Vorlufig ist das gar nicht ntig. Sie haben das falsch
verstanden. Sehen Sie, ich lasse mir keine Gelegenheit entgehen und ...
und habe schon mit allen Pfandgebern gesprochen ... manche Aussagen habe
ich zu Protokoll genommen ... und Sie, als der letzte ... Ja, a propos!
rief er pltzlich, sich ber etwas freuend, ich erinnere mich jetzt,
was ist denn mit mir! ... wandte er sich an Rasumichin. Siehst du, du
hast mir von diesem Nikolai die Ohren vollgeblasen ... nun, ich wei
auch selbst, ich wei, wandte er sich an Raskolnikoff, da der Bursche
unschuldig ist, aber was ist da zu machen, ich mute auch Dmitri
belstigen ... ja, die Sache ist nun die, -- als Sie damals die Treppe
hinaufgingen ... erlauben Sie, -- Sie waren doch in der achten Stunde
dort?

Ja, in der achten, antwortete Raskolnikoff und empfand es im selben
Momente unangenehm, da er dies doch nicht zu sagen brauchte.

Also, als Sie die Treppe in der achten Stunde hinaufgingen, haben Sie
da nicht im zweiten Stock, in einer offenstehenden Wohnung -- erinnern
Sie sich? -- zwei Arbeiter oder wenigstens einen von ihnen gesehen? Sie
strichen dort an, haben Sie sie nicht bemerkt? Das ist sehr, sehr
wichtig fr die beiden! ...

Anstreicher? Nein, ich habe sie nicht gesehen ... antwortete
Raskolnikoff langsam und wie in seiner Erinnerung suchend, dabei spannte
er unter schweren Qualen sein ganzes Wesen an, um alsbald die gestellte
Falle zu erkennen und nichts zu bersehen. Nein, ich habe sie nicht
gesehen und eine offenstehende Wohnung auch nicht bemerkt ... aber ich
erinnere mich -- (er hatte die Falle jetzt erkannt und triumphierte) --
da im vierten Stock ein Beamter aus der Wohnung auszog ... gerade
gegenber Aljona Iwanowna ... ich erinnere mich dessen ... erinnere mich
klar ... Soldaten trugen ein Sofa hinaus und preten mich dabei an die
Wand ... Anstreicher, nein, deren erinnere ich mich nicht ... und eine
offenstehende Wohnung habe ich nirgends gesehen. Ja, nirgends ...

Ja, was ist denn das! rief pltzlich Rasumichin, als sei er zu sich
gekommen und htte es sich berlegt, ja, die Anstreicher arbeiteten
doch am Tage des Mordes dort und er war drei Tage vorher dort? Was
fragst du denn?

Ach! Ich habe es verwechselt! schlug sich Porphyri Petrowitsch vor die
Stirn. Zum Teufel, ich verliere noch den Verstand durch diese Sache!
wandte er sich wie entschuldigend an Raskolnikoff. Uns ist es so
wichtig, zu erfahren, ob man jemand in der achten Stunde in der Wohnung
gesehen hat und da bildete ich mir ein, da Sie es auch sagen knnten
... ich habe es rein verwechselt!

Man mu eben aufmerksamer sein, bemerkte Rasumichin grimmig.

Die letzten Worte wurden schon im Vorzimmer gesagt. Porphyri Petrowitsch
begleitete sie auerordentlich liebenswrdig bis zur Tre. Beide traten
finster und verdrielich auf die Strae hinaus und redeten einige
Schritte kein Wort. Raskolnikoff tat einen tiefen Atemzug.


                                  VI.

... Ich glaube nicht daran! Ich kann es nicht glauben! wiederholte
Rasumichin bestrzt und versuchte mit aller Kraft die Einwnde
Raskolnikoffs zu widerlegen.

Sie nherten sich schon den Mblierten Zimmern von Bakalejeff, wo
Pulcheria Alexandrowna und Dunja sie seit langem erwarteten. Rasumichin
blieb alle Augenblicke im Eifer des Gesprches stehen, verwirrt und
schon dadurch allein aufgeregt, da sie zum erstenmale _darber_ klar
gesprochen hatten.

Du glaubst es nicht! antwortete Raskolnikoff mit einem kalten und
nachlssigen Lcheln. Du hast nach deiner Gewohnheit nicht acht gehabt,
aber ich wog jedes Wort ab.

Du bist argwhnisch, darum legtest du auch jedes Wort auf die Wage ...
Hm ... in der Tat, ich gebe zu, der Ton von Porphyri war ziemlich
merkwrdig; besonders aber dieser Schuft Sametoff! ... Du hast recht,
etwas war an ihm, -- aber warum? Warum?

Er hat sich's ber Nacht berlegt.

Aber im Gegenteil, im Gegenteil! Wenn sie diesen hirnlosen Gedanken
wirklich htten, so wrden sie mit allen Krften ihn zu verbergen suchen
und ihre Karten verdeckt halten, um dich spter pltzlich zu fangen ...
Jetzt aber ist es unverschmt und unvorsichtig!

Wenn sie Tatsachen, das heit wirklich Tatsachen oder einen
einigermaen begrndeten Verdacht htten, dann wrden sie wirklich
versuchen, ihr Spiel zu verbergen, -- in der Hoffnung, noch mehr zu
gewinnen und ... htten brigens auch lngst eine Haussuchung
vorgenommen! Aber sie haben keine Tatsache, keine einzige, -- alles ist
Phantasie, alles hat zwei Seiten, sie haben nur im allgemeinen eine
Idee, -- so versuchen sie durch Unverschmtheit zu verwirren. Vielleicht
aber ist er auch wtend darber, da er keine Tatsachen hat, und aus
rger lt er sich gehen. Vielleicht aber hat er auch damit einen Zweck
verfolgt ... Er scheint ein kluger Mann zu sein ... Er wollte mich
vielleicht erschrecken damit, da er etwas wei ... Hier, Bruder, liegt
eine eigene Psychologie ... brigens aber, ist es gemein, dies alles zu
erklren. La es!

Und beleidigend, beleidigend! Ich verstehe dich! Aber ... da wir schon
einmal deutlich darber reden -- und es ist gut, da wir endlich klar
darber sprechen knnen, ich freue mich darber, -- so will ich dir
jetzt offen gestehen, da ich lange schon bei ihnen diesen Gedanken, in
dieser ganzen Zeit gemerkt habe, selbstverstndlich in einer kaum
merkbaren, in einer schleichenden Form. Warum aber? Wie knnen sie es
wagen? Wo liegen bei ihnen die Grnde? Wenn du wtest, wie ich wtend
war! Wie, -- aus dem Grunde, weil da ein armer Student ist,
heruntergekommen durch groe Armut und Hypochondrie, am Vorabend einer
schrecklichen Krankheit, verbunden mit Fieberwahn, die vielleicht lngst
in ihm sa, -- merk dir das! -- ein argwhnischer, ehrgeiziger Mensch,
der seinen Wert kennt und der sechs Monate in einem Winkel gesessen und
niemand gesehen hat; er steht in Lumpen und in Stiefeln ohne Sohlen vor
allerhand Polizisten und leidet unter ihren Schmhungen; dazu kommt noch
eine unerwartete Schuld, ein nicht eingelster Wechsel von Hofrat
Tschebaroff, dumpfer Farbengeruch, dreiig Grad Wrme, stickige Luft,
eine Menge Menschen, die Erzhlung von der Ermordung einer Person, bei
der er am Vorabend war, und dies alles -- auf leeren Magen! Ja, wie soll
man dabei nicht ohnmchtig werden! Und darauf, darauf wird alles
begrndet! Zum Teufel! Ich verstehe, da es einen rgert, aber an deiner
Stelle, Rodja, wrde ich ihnen allen ins Gesicht lachen, oder noch
besser, ihnen allen ordentlich in die Fratze spucken, ich wrde noch ein
paar Dutzend Ohrfeigen verteilen, selbstverstndlich in kluger Weise,
wie man sie stets geben mu, und wrde damit die Sache abschlieen.
Pfeif darauf! Halt dich fest! Es ist eine Schande!

Er hat es gut dargestellt, dachte Raskolnikoff.

Pfeif darauf? Und morgen ist wieder Verhr! sagte er bitter. Soll ich
mich etwa in Verhandlungen mit ihnen einlassen? Ich rgere mich schon,
da ich mich gestern in dem Restaurant bis zu Sametoff erniedrigt habe
...

Zum Teufel! Ich will selbst zu Porphyri gehen! Und ich will ihn schon
_in verwandtschaftlicher Weise_ vorkriegen; er soll mir alles haarklein
erzhlen. Und Sametoff ...

Endlich kommt er auf ihn! dachte Raskolnikoff.

Halt! rief Rasumichin und packte ihn pltzlich an der Schulter, halt!
Du hast geschwindelt! Ich habe es mir berlegt, du hast geschwindelt!
Wieso ist das eine Falle? Du sagst, da die Frage ber die Anstreicher
eine Falle war? Denk doch nach, -- wenn du _es_ getan httest, httest
du es zugegeben, da du gesehen hast, wie die Wohnung gemalt wurde ...
und die Arbeiter? Im Gegenteil, -- du httest gesagt, ich habe nichts
gesehen, wenn du es auch gesehen httest! Wer zeugt denn gegen sich
selbst?

Wenn ich _es_ getan htte, so wrde ich unbedingt gesagt haben, da ich
wie die Anstreicher, so auch die Wohnung gesehen habe, antwortete
Raskolnikoff unwillig und mit sichtlichem Ekel.

Ja, warum gegen sich selbst aussagen?

Weil nur Bauern oder ganz unerfahrene Neulinge beim Verhr offen und
alles nacheinander leugnen. Ein einigermaen gebildeter und schlauer
Mann versucht unbedingt und nach Mglichkeit alle ueren,
unverfnglichen Tatsachen zu besttigen; er sucht blo andere Grnde
anzufhren, bringt seine eigene besondere und unerwartete Erklrung
hinein, die eine vollkommen andere Bedeutung gibt und alles in einem
anderen Lichte erscheinen lt. Porphyri konnte gerade damit rechnen,
da ich unbedingt in dieser Weise antworten und sicher sagen wrde, da
ich sie gesehen habe, nur der Wahrscheinlichkeit halber, und dabei
irgend etwas zur Erklrung hinzufgen wrde.

Er htte dir sofort gesagt, da zwei Tage vorher keine Arbeiter dort
gewesen sein konnten, und da also du gerade am Tage des Mordes, um acht
Uhr, dort gewesen bist. Er htte dich mit dieser Kleinigkeit gefangen.

Er rechnete auch damit, da ich keine Zeit haben werde, es mir zu
berlegen und mich beeilen wrde, wahrheitsgetreuer zu antworten und
dabei vergessen wrde, da zwei Tage vorher keine Arbeiter da sein
konnten.

Wie kann man aber das vergessen?

Sehr leicht! Auf solche geringfgigen Dinge fallen am ehesten schlaue
Menschen herein. Je schlauer ein Mensch ist, um so weniger ahnt er, da
man ihn bei etwas Einfachem ertappen wrde. Den schlauesten Menschen mu
man gerade mit dem Einfachsten verwirren. Porphyri ist gar nicht so
dumm, wie du denkst ...

Er ist nach alledem ein Schuft!

Raskolnikoff konnte sich des Lachens nicht erwehren. Aber im selben
Augenblicke erschien ihm seine eigene Lust und die Begeisterung, mit der
er seine letzte Erklrung abgegeben hatte, beraus sonderbar; das ganze
vorangehende Gesprch hatte er mit einem dsteren Widerwillen, nur unter
dem Zwange der Situation gefhrt.

Ich bekomme noch Geschmack daran! dachte er.

Jedoch gleich darauf wurde er unruhig, als htte ihn ein unerwarteter
und beunruhigender Gedanke berrascht. Seine Unruhe wuchs. Sie waren
schon am Eingange zu den mblierten Zimmern von Bakalejeff.

Geh allein hinein, sagte pltzlich Raskolnikoff, ich komme sofort
zurck.

Wohin willst du? Wir sind ja schon da!

Ich mu, ich mu; ich habe etwas zu tun ... ich komme nach einer halben
Stunde wieder ... Sage es ihnen.

Wie du willst, ich begleite dich aber!

Was, willst auch du mich qulen! rief er mit solcher bitteren
Gereiztheit und solcher Verzweiflung im Blicke, da Rasumichin
fassungslos wurde.

Er blieb eine Weile auf der Auentreppe stehen und sah finster zu, wie
jener schnell in der Richtung nach seiner Wohnung dahinschritt.
Schlielich bi er die Zhne zusammen, ballte die Faust, schwur sich
selbst, da er heute noch den ganzen Porphyri wie eine Zitrone
ausquetschen wrde, und ging die Treppe hinauf, um Pulcheria
Alexandrowna, die durch ihre lange Abwesenheit schon aufgeregt war, zu
beruhigen.

Als Raskolnikoff bei seinem Hause anlangte, waren seine Schlfen mit
Schwei bedeckt und er atmete schwer. Er eilte die Treppe hinauf, trat
in seine nicht abgeschlossene Wohnung und hakte sofort die Tre zu. Dann
strzte er erschreckt und wie wahnsinnig zu der Ecke, zu dem Loche
hinter den Tapeten, wohin er damals die Sachen gelegt hatte, steckte die
Hand hinein und scharrte einige Minuten aufs hchste erregt in dem Loche
und untersuchte alle Ecken und Falten der Tapete. Als er nichts fand,
stand er auf und holte tief Atem. Als er sich vorhin der Treppe von
Bakalejeff nherte, war es ihm pltzlich in den Sinn gekommen, da
irgendeine Sache, eine Kette oder ein Manschettenknopf etwa, oder auch
ein Stck Papier, in dem sie eingewickelt waren, mit einem Vermerk von
der Hand der Alten auf irgendeiner Spalte liegen geblieben sein konnte
und als ein unerwarteter und unabwendbarer Beweis vor ihnen auftauchen
konnte.

Er stand, wie in Nachdenken versunken und ein sonderbares, demtiges,
halb sinnloses Lcheln umspielte seine Lippen. Er nahm seine Mtze und
ging langsam hinaus. Seine Gedanken irrten umher. Nachdenklich trat er
unter das Tor.

Da ist der Herr selbst! rief eine laute Stimme; er erhob den Kopf.

Der Hausknecht stand an der Tre seiner Kammer und zeigte auf einen
nicht sonderlich groen Mann, der wie ein Kleinbrger aussah, und der
mit einem Mantel, einem Schlafrock hnlich, und einer Weste bekleidet
war und von weitem eine groe hnlichkeit mit einem Weibe hatte. Sein
Kopf, mit einer fettigen Mtze bedeckt, hing nach vorne, die ganze
Gestalt schien gekrmmt. Sein schlaffes, runzeliges Gesicht deutete auf
ein Alter ber fnfzig; die kleinen verschwommenen Augen blickten
finster, ernst und mivergngt drein.

Was soll's? fragte Raskolnikoff und trat zu dem Hausknechte.

Der Kleinbrger wendete seine Augen zu ihm und blickte ihn unter der
Stirn hervor durchdringend, aufmerksam und andauernd an; dann wandte er
sich um und ging, ohne ein Wort gesagt zu haben, zum Tore auf die Strae
hinaus.

Ja, was ist denn das? rief Raskolnikoff.

Dieser da fragte, ob hier ein Student wohne, nannte Ihren Namen, und
bei wem Sie wohnen. Sie kamen gerade, ich zeigte Sie ihm, nun ist er
fortgegangen. Das ist komisch.

Der Hausknecht hatte auch gewisse Bedenken, er dachte eine kleine Weile
nach, drehte sich aber um und ging in seine Kammer.

Raskolnikoff strzte dem Kleinbrger nach und erblickte ihn sofort, wie
er auf der anderen Seite der Strae gleichmig und nicht eilig, mit zu
Boden gerichteten Augen und anscheinend nachdenklich dahinschritt. Er
holte ihn bald ein, ging eine Weile hinter ihm; schlielich trat er
neben ihn und blickte ihm von der Seite ins Gesicht. Der Kleinbrger
bemerkte ihn sofort und schaute ihn schnell von oben bis unten an, lie
aber wieder die Augen sinken, und in dieser Weise gingen sie eine
Strecke nebeneinander her, ohne ein Wort zu sagen.

Haben Sie nach mir gefragt ... beim Hausknecht? sagte Raskolnikoff
endlich, aber nicht sehr laut.

Der Kleinbrger gab ihm keine Antwort und blickte ihn nicht an. Wieder
gingen sie stumm dahin.

Ja, warum ... kommen Sie und fragen ... und schweigen jetzt ... ja, was
ist denn das? Raskolnikoffs Stimme stockte und die Worte kamen ihm
schwer ber die Lippen.

Der Kleinbrger erhob diesmal die Augen und sah mit einem drohenden,
finsteren Blicke Raskolnikoff an. Mrder! sagte er pltzlich mit
leiser, aber klarer und deutlicher Stimme ...

Raskolnikoff ging neben ihm weiter. Seine Fe wurden pltzlich
schrecklich schwach, im Rcken fhlte er Klte und sein Herz schien auf
einen Augenblick still zu stehen; dann fing es an zu klopfen, als wollte
es sich losreien. So gingen sie etwa hundert Schritte nebeneinander und
wieder vollkommen stumm.

Der Kleinbrger blickte ihn nicht an.

Was fllt Ihnen ein ... was ... wer ist ein Mrder? murmelte
Raskolnikoff kaum hrbar.

_Du_ bist ein Mrder, sagte jener, noch deutlicher und
bedeutungsvoller und blickte mit dem Lcheln eines haerfllten
Triumphes in das bleiche Gesicht Raskolnikoffs und seine erloschenen
Augen.

Sie kamen zu einer Straenkreuzung. Der Kleinbrger bog links in eine
Strae ein und ging weiter, ohne sich umzusehen. Raskolnikoff blieb
stehen und sah ihm lange nach. Er sah, wie jener nach fnfzig Schritten
ungefhr sich umwandte und ihn, der immer noch unbeweglich auf derselben
Stelle stand, anblickte. Man konnte nicht sehen, aber Raskolnikoff
schien es, als htte er auch diesmal sein kaltes, havolles und
triumphierendes Lcheln gehabt.

Mit langsamen, schweren Schritten, mit zitternden Knien und frstelnd
kehrte Raskolnikoff zurck und ging in sein Zimmer hinauf. Er nahm seine
Mtze ab und legte sie auf den Tisch hin und stand etwa zehn Minuten
unbeweglich daneben. Dann legte er sich vllig ermattet auf das Sofa und
streckte sich mit einem schwachen, krankhaften Sthnen aus; seine Augen
waren geschlossen. So lag er eine halbe Stunde.

Er dachte an nichts. Es waren wohl Gedanken oder Fetzen von Gedanken da,
Vorstellungen, ohne Ordnung und Zusammenhang, -- Gesichter von Menschen,
die er noch als Kind gesehen hatte, oder denen er irgendwo nur ein
einziges Mal begegnet war, und an die er sich nie mehr erinnert hatte,
-- der Turm der W.schen Kirche, ein Billard, Zigarrengeruch in einem
Tabaksladen im Kellergeschosse, eine Kneipe, eine Kchentreppe, ganz
dunkel, ganz mit Unrat begossen und mit Eierschalen bedeckt, und
irgendwo ertnte das Sonntagsgelute der Glocken ... Die Gegenstnde
wechselten und drehten sich wie im Wirbelwinde. Manche gefielen ihm
sogar und er wollte sich an ihnen festklammern, aber sie erloschen, es
bedrckte ihn innerlich etwas, aber nicht sehr stark. Zuweilen war es
sogar gut ... Ein leichtes Frsteln blieb und selbst das war fast
angenehm. Er hrte die eiligen Schritte Rasumichins und seine Stimme, er
schlo die Augen und stellte sich schlafend. Rasumichin ffnete die Tre
und blieb eine Weile auf der Schwelle, wie unschlssig, stehen. Dann
trat er leise in das Zimmer und ging vorsichtig zu dem Sofa. Man hrte
Nastasja flstern.

La ihn; mag er schlafen; er kann nachher essen.

Das ist wahr, antwortete Rasumichin.

Beide gingen leise hinaus und machten die Tre zu. Noch eine halbe
Stunde verging. Raskolnikoff ffnete die Augen, legte sich wieder auf
den Rcken und steckte die Hnde unter den Kopf ...

Wer ist er? Wer ist dieser wie aus der Erde hervorgewachsener Mensch?
Wo war er und was hat er gesehen? Er hat alles gesehen, das ist
zweifellos. Wo war er damals und von wo sah er es? Warum erscheint er
erst jetzt, wie aus der Erde gestiegen? Und wie konnte er es sehen, --
ist es denn mglich? ... Hm ... fuhr Raskolnikoff fort, erstarrend und
zusammenfahrend, aber das Etui, das Nikolai hinter der Tre gefunden
hat, -- war denn das nicht auch mglich? Beweise? Ein Hunderttausendstel
bersieht man, -- und der Beweis wchst zu einer gyptischen Pyramide!
Eine Fliege ist vorbeigeflogen, sie hat es gesehen! Aber ist es denn
mglich?

Und er fhlte mit Ekel, wie er pltzlich schwach, physisch schwach
geworden war.

Ich htte es wissen mssen, dachte er mit einem bitteren Lcheln, und
wie durfte ich, indem ich mich kannte und ahnte, wie ich sein wrde, ein
Beil nehmen und mit Blut mich besudeln. Ich war verpflichtet, es vorher
zu wissen ... Ach! Ich wute es doch vorher! ...

Zuweilen blieb er unbeweglich an irgendeinem Gedanken haften.

Nein, die Menschen sind nicht so gemacht; ein wahrer Herrscher, dem
alles erlaubt ist, zerstrt Toulon, veranstaltet eine Abschlachtung in
Paris, vergit eine Armee in gypten, verbraucht eine halbe Million
Menschen im russischen Feldzuge und wird in Wilna durch ein Wortspiel
damit fertig; und ihm stellt man nach dem Tode Standbilder auf, -- somit
ist auch alles erlaubt. Nein, solche Menschen sind offenbar nicht aus
Fleisch und Blut, sondern aus Eisen!

Ein pltzlicher Nebengedanke brachte ihn fast zum Lachen.

Napoleon, Pyramiden, Waterloo, -- und eine magere Beamtenwitwe,
Wucherin, mit einer roten Truhe unter dem Bett, -- nun, wie soll das --
sagen wir selbst Porphyri Petrowitsch -- verdauen knnen! ... Wie sollen
sie es auch verdauen! ... Die sthetik wird sie hindern. >Will ein
Napoleon,< werden sie sagen, >unter das Bett zu einer Alten kriechen!<
Ach, Unsinn! ... Ab und zu fhlte er, da er phantasiere, -- er verfiel
dann einer fieberhaften verzckten Stimmung.

Die Alte ist Unsinn! dachte er und whlte eifrig und heftig seine
Gedankengnge weiter:

Da es diese Alte war, war vielleicht ein Irrtum, aber die Hauptsache
liegt nicht an ihr. Die Alte war nur eine Krankheit ... ich wollte
schneller darber hinweg schreiten ... ich habe nicht einen Menschen
gettet, ich habe ein Prinzip gettet! Das Prinzip habe ich wohl
gettet, bin aber nicht darber hinweg geschritten, ich bin auf dieser
Seite geblieben ... Ich habe blo verstanden, zu tten. Auch das habe
ich nicht mal verstanden, wie es sich zeigt ... Prinzip? Warum hat
vorhin der Dummkopf Rasumichin die Sozialisten gescholten? Sie sind
fleiige Leute und arbeitsam; sie beschftigen sich mit dem >allgemeinen
Glck<. Nein, mir ist das Leben einmal gegeben und nie kommt es wieder;
ich will nicht auf das >allgemeine Glck< warten. Ich will auch selbst
leben, sonst lieber gar nicht. Was denn? Ich konnte nicht an einer
hungrigen Mutter vorbeigehen und meinen Rubel in der Erwartung des
>allgemeinen Glcks< in der Tasche festhalten. >Ich trage<, konnte ich
sagen, >einen kleinen Stein bei zum allgemeinen Glck, und darum habe
ich Seelenruhe.< Ha--ha--ha! Warum seid ihr an mir vorbeigegangen? Ich
lebe doch blo einmal, ich will doch auch ... Ach was, ich bin eine
sthetische Laus und mehr nicht, fgte er hinzu und lachte pltzlich
wie ein Irrsinniger. Ja, ich bin tatschlich eine Laus, fuhr er fort,
indem er sich voll Schadenfreude an den Gedanken klammerte, sich
hineinbohrte, mit ihm spielte und sich mit ihm amsierte, und schon aus
dem Grunde allein, weil ich erstens jetzt darber rsonniere, da ich
eine Laus bin, und zweitens, weil ich einen ganzen Monat die allgtige
Vorsehung belstige, indem ich sie als Zeuge anrief, da ich es nicht
meines Fleisches und meiner Lust willen unternehme, sondern ein
prchtiges und herrliches Ziel im Auge habe, -- ha--ha--ha! Drittens,
weil ich mir vorgenommen hatte, mglichst Gerechtigkeit bei der
Ausfhrung walten zu lassen und Gewicht und Ma, wie auch Berechnung
einzuhalten, -- von allen Lusen whlte ich die allernutzloseste und
beschlo, nachdem ich sie ermordet haben wrde, genau so viel zu nehmen,
als ich zum ersten Schritt brauche, -- nicht mehr und nicht weniger ...
und das brige wrde also laut dem Vermchtnis dem Kloster zugefallen
sein ... ha--ha--ha! Und zu guter Letzt bin ich selber eine Laus, fgte
er mit Zhneknirschen hinzu, weil ich vielleicht selbst noch schlimmer
und abscheulicher bin als die gettete Laus, und weil ich im voraus
ahnte, da ich mir dies sagen wrde, nachdem ich sie ermordet haben
wrde! Kann ich denn mit diesem Entsetzen irgend etwas vergleichen! Oh,
Trivialitt! Oh, Gemeinheit! ... Oh, wie ich den >Propheten< zu Pferde
mit einem Sbel in der Hand begreife, -- Allah befiehlt und die
>zitternden< Kreaturen sollen gehorchen! Der >Prophet< ist
tausendmal im Rechte, wenn er irgendwo mitten in der Strae eine
aus--ge--zeich--ne--te Batterie aufstellt und auf Unschuldige und
Schuldige schiet, ohne sich herabzulassen, eine Erklrung abzugeben!
Gehorcht, zitternde Kreaturen und -- wnscht nichts, denn -- ihr _habt_
nichts zu wnschen! ... Oh, um nichts in der Welt, um keinen Preis will
ich der Alten verzeihen! Sein Haar war mit Schwei bedeckt, die
bebenden Lippen waren trocken und der unbewegliche Blick auf die
Zimmerdecke gerichtet.

Mutter und Schwester, -- wie ich sie geliebt habe! Warum hasse ich sie
jetzt? Ja, ich hasse sie, hasse sie physisch, ich kann sie nicht mehr
neben mir ertragen ... Vorhin ging ich zur Mutter hin und kte sie, ich
erinnere mich dessen ... Sie zu umarmen und denken zu mssen, wenn sie
es wte, so ... soll ich ihr es sagen? Man kann mir das zutrauen ...
Hm! Sie mu ebenso sein wie ich ... fgte er hinzu, mhsam seinen
Gedanken verfolgend, als kmpfe er mit dem ihn packenden Fieber. Oh,
wie ich jetzt diese Alte hasse! Ich knnte sie noch einmal ermorden,
wenn sie zu sich kme! Arme Lisaweta! Warum kam sie hinzu? ...
Sonderbar, warum ich an sie fast gar nicht denke, als htte ich sie
nicht ermordet! ... Lisaweta! Ssonja! Ihr armen sanften Geschpfe mit
euren sanften Augen ... Ihr Lieben! ... Warum weinen sie nicht? Warum
sthnen sie nicht? ... Sie geben alles hin ... blicken sanft und still
... Ssonja, Ssonja! Stille Ssonja! ...

Er verlor das Bewutsein; merkwrdig erschien es ihm, da er sich nicht
entsann, wie er auf die Strae gekommen. Es war schon spter Abend. Die
Dmmerung nahm zu, der volle Mond leuchtete immer heller und heller;
aber die Luft war besonders dumpf. Menschen gingen in Haufen in den
Straen; Handwerker und Geschftsleute wanderten nach Hause; andere
gingen spazieren; es roch nach Kalk, Staub und stehendem Wasser.
Raskolnikoff schritt traurig und sorgenvoll dahin, -- er erinnerte sich
sehr gut, da er zu irgendeinem Zwecke aus dem Hause gegangen sei und
da er etwas tun sollte und sich dabei beeilen mte, was es aber war,
-- hatte er vergessen. Pltzlich blieb er stehen und sah, da auf der
anderen Seite der Strae, auf dem Fuwege, ein Mann stand und ihm mit
der Hand winkte. Er ging ber die Strae zu ihm hin, da wandte sich
dieser Mann um, ging weiter, als wre nichts gewesen, mit gesenktem
Kopfe, ohne sich umzuwenden und ohne merken zu lassen, da er ihn
gerufen habe. Ja, hatte er mich auch gerufen? dachte Raskolnikoff und
ging ihm nach. Kaum zehn Schritte entfernt von ihm, erkannte er ihn
pltzlich -- und erschrak; es war der Kleinbrger von vorhin, im selben
Schlafrocke und ebenso gekrmmt. Raskolnikoff folgte ihm von weitem;
sein Herz klopfte; sie bogen in eine Gasse ein, -- der Kleinbrger
wandte sich noch immer nicht um.

Wei er, da ich ihm folge? dachte Raskolnikoff. Der Kleinbrger trat
in das Tor eines groen Hauses. Raskolnikoff ging schnell zu dem Tore
hin, um hineinzusehen, ob er sich nicht umschaue und ihn rufen wrde.
Und in der Tat, als der Kleinbrger durch das Tor geschritten war und
schon in den Hof trat wandte er sich wieder um und schien ihm wieder zu
winken. Raskolnikoff durchschritt sofort das Tor, aber der Kleinbrger
war nicht mehr auf dem Hofe. Also mu er hier die erste Treppe
hinaufgegangen sein. Raskolnikoff strzte ihm nach. Ein paar Treppen
hher vernahm man gleichmige, nicht eilige Schritte. Sonderbar, die
Treppe kam ihm bekannt vor! Hier im ersten Stock ist ein Fenster; durch
die Scheiben schimmert traurig und geheimnisvoll der Mond; da ist auch
der zweite Stock. Oh! Das ist dieselbe Wohnung, in der die Arbeiter
anstrichen ... Wie hatte er das Haus nicht sofort wiedererkennen knnen?
Die Schritte des vorangehenden Menschen waren verhallt, er ist also
stehen geblieben oder hat sich irgendwo versteckt. Da ist der dritte
Stock; soll ich weitergehen? Und welch eine Stille hier herrscht, es ist
zum Frchten ... Er ging jedoch hher hinauf. Das Gerusch seiner
eigenen Schritte erschreckte und beunruhigte ihn. Mein Gott, wie dunkel
es ist! Der Kleinbrger hat sich sicher irgendwo in einer Ecke
versteckt. Ah! Die Wohnung ist weit offen; er dachte nach und trat ein.
Im Vorzimmer war es sehr dunkel und leer, keine Menschenseele, als htte
man alles fortgebracht; leise, auf den Fuspitzen ging er in die
Wohnstube hinein, -- das ganze Zimmer war hell vom Mondenschein
berflutet; alles war hier wie vorher, -- die Sthle standen da, der
Spiegel, das gelbe Sofa und die eingerahmten Bilder. Der groe, runde,
kupferrote Mond blickte durch die Fensterscheiben hinein. Diese Stille
kommt vom Monde, dachte Raskolnikoff, er gibt jetzt sicher ein Rtsel
auf. Er stand und wartete, wartete lange, und je stiller der Mond war,
um so strker klopfte sein Herz, es tat ihm sogar weh. Und immer noch
diese Stille. Pltzlich ertnte ein kurzes trockenes Knacken, als htte
man einen Holzspan zerbrochen und wieder wurde alles still. Eine
aufgewachte Fliege stie im Fluge an die Scheibe und summte klglich. Im
selben Augenblicke entdeckte er in der Ecke zwischen einem kleinen
Schrank und dem Fenster, wie es ihm schien, einen an der Wand hngenden
Pelzmantel. Warum hngt da ein Pelzmantel? dachte er, er war doch
frher nicht da ... Er trat sehr leise heran und erriet; da hinter dem
Pelzmantel sich jemand versteckt hielt. Er schob vorsichtig mit der Hand
den Mantel zur Seite und entdeckte einen Stuhl, und auf dem Stuhle in
der Ecke sa die Alte, ganz zusammengekauert und mit gesenktem Kopfe, so
da er das Gesicht gar nicht sehen konnte, aber sie war es. Er stand
eine Weile vor ihr; sie frchtet sich! dachte er; zog dann leise das
Beil aus der Schlinge und versetzte der Alten einen Schlag auf den Kopf
und noch einen zweiten. Aber merkwrdig, -- sie rhrte sich nicht bei
den Schlgen, als wre sie aus Holz. Er erschrak, beugte sich ber sie
und begann sie zu betrachten, da lie sie den Kopf noch mehr sinken. Er
beugte sich dann fast zu Boden und blickte ihr von unten ins Gesicht; er
sah sie an und erstarrte, -- die Alte sa und lachte, -- sie schttelte
sich vor Lachen, ein leises, unhrbares Lachen, sie hielt aus
Leibeskrften an sich, damit er es nicht hren solle. Da schien es ihm,
als wrde die Tr zum Schlafzimmer ein wenig geffnet, und auch da
schien man zu lachen und zu flstern. Die Wut bermannte ihn, -- er
begann aus voller Kraft der Alten auf den Kopf zu schlagen, aber mit
jedem Schlage hrte man immer strker das Lachen und Flstern im
Schlafzimmer, und die Alte schttelte sich nur so vor Lachen. Er strzte
hinaus, da war das ganze Vorzimmer schon voll von Menschen, die Tr zu
der Treppe war weit geffnet und auf dem Flure, auf der Treppe und dort
unten standen Menschen, Kopf an Kopf, und blickten alle auf ihn, sie
waren alle still, sie schienen auf etwas zu warten und schwiegen! ...
Sein Herz krampfte sich, die Fe lieen sich nicht mehr bewegen, waren
wie angewachsen ... Er wollte schreien und -- wachte auf.

Er holte schwer Atem, -- aber merkwrdig, der Traum schien sich immer
noch fortzusetzen, -- seine Tr war weit geffnet und auf der Schwelle
stand ein vllig unbekannter Mann und betrachtete ihn aufmerksam.

Raskolnikoff hatte die Augen noch nicht ganz geffnet und schlo sie
auch sofort wieder. Er lag auf dem Rcken und rhrte sich nicht. Ist
das noch der Traum oder nicht? dachte er und hob kaum merklich die
Wimpern, um zu sehen, -- der Unbekannte stand auf derselben Stelle und
blickte ihn weiter unverwandt an. Auf einmal trat er vorsichtig ber die
Schwelle, schlo leise die Tre hinter sich zu, ging an den Tisch und
wartete eine Weile, -- whrend dieser Zeit wandte er kein Auge von
Raskolnikoff ab, -- er setzte sich leise auf einen Stuhl neben das Sofa
hin; seinen Hut stellte er auf den Boden neben sich, sttzte sich mit
beiden Hnden auf seinen Stock und legte das Kinn auf die Hnde. Man
konnte sehen, da er sich anschickte, lange zu warten. Soweit
Raskolnikoff durch die blinzelnden Wimpern sehen konnte, war dieser Mann
nicht mehr jung, und hatte einen dichten, hellblonden, fast weien Bart.

Es vergingen etwa zehn Minuten. Es war noch hell, aber der Abend nahte
schon. Im Zimmer herrschte eine vollkommene Stille. Sogar von der Treppe
drang kein Ton herein. Blo eine groe Fliege summte und schlug sich im
Fluge an die Fensterscheibe. Dies wurde endlich unertrglich. --
Raskolnikoff erhob sich pltzlich und setzte sich auf das Sofa hin.

Nun sagen Sie, was wnschen Sie?

Sehen Sie, ich wute es doch, da Sie nicht schlafen, sondern sich blo
den Anschein geben, antwortete der Unbekannte eigentmlich und lachte
ruhig. Erlauben Sie mich Ihnen vorzustellen: Arkadi Iwanowitsch
Sswidrigailoff ...




                              Vierter Teil


                                   I.

Ist das etwa die Fortsetzung des Traumes? dachte Raskolnikoff noch
einmal.

Er betrachtete vorsichtig und mitrauisch den unerwarteten Besucher.

Sswidrigailoff? Welch ein Unsinn! Es kann nicht sein! sagte er
schlielich laut und zweifelnd.

Der Besucher schien ber diesen Ausruf gar nicht erstaunt zu sein.

Ich bin zu Ihnen aus zwei Grnden gekommen, -- erstens wollte ich Sie
persnlich kennenlernen, da ich lngst ber Sie sehr Interessantes und
Vorteilhaftes gehrt habe; zweitens aber bilde ich mir ein, da Sie sich
vielleicht nicht weigern werden, mir bei einem Vorhaben zu helfen, das
besonders die Interessen Ihrer Schwester Awdotja Romanowna betrifft.
Mich allein, ohne Empfehlung, wird sie vielleicht jetzt nicht mal ins
Haus lassen infolge eines Vorurteiles; mit Ihrer Hilfe rechne ich
darauf.

So rechnen Sie schlecht, unterbrach ihn Raskolnikoff.

Ihre Angehrigen sind doch erst gestern angekommen, erlauben Sie mir
die Frage?

Raskolnikoff antwortete nicht.

Ja, gestern, ich wei es. Ich bin selbst erst seit vorgestern hier.
Doch, was soll ich Ihnen weiter sagen, Rodion Romanowitsch; ich halte es
fr berflssig, mich zu rechtfertigen, nur eins lassen Sie mich
bemerken, -- habe ich denn tatschlich etwas verbrochen, wenn man alles
ohne Vorurteile, mit ruhiger Vernunft betrachtet?

Raskolnikoff betrachtete ihn immer noch schweigend.

Der Umstand, da ich in meinem Hause ein wehrloses, junges Mdchen
verfolgt und >sie mit meinen abscheulichen Anerbieten beleidigt habe<,
soll ein Verbrechen sein? Ich komme Ihnen zuvor. -- Denken Sie doch
daran, da ich auch nur ein Mensch bin, _et nihil humanum_ ... mit einem
Worte, da ich auch fhig bin, Reize zu empfinden und zu lieben, -- was
sicher nicht mit unserem Wollen geschieht, sondern in unserer Natur
liegt, und damit lt sich alles auf die allernatrlichste Weise
erklren. Die Frage ist nur die, bin ich ein Scheusal oder selbst ein
Opfer? Nun, und wenn ich das Opfer bin? Und sehen Sie, indem ich dem
Gegenstande meiner Liebe anbot, mit mir nach Amerika oder in die Schweiz
zu fliehen, empfand ich dabei die allerehrerbietigsten Gefhle und
glaubte uns zum gegenseitigen Glck zu verhelfen! ... Der Verstand dient
doch der Leidenschaft, und ich richtete mich selbst dabei zugrunde, das
mssen Sie doch auch in Betracht ziehen! ...

Darum handelt es sich gar nicht, unterbrach ihn Raskolnikoff voll
Widerwillen. Sie sind mir einfach widerlich, ob Sie schuldig sind oder
nicht, und man will mit Ihnen nichts zu tun haben, man jagt Sie fort und
so gehen Sie doch Ihrer Wege! ...

Sswidrigailoff lachte laut auf.

Aber Sie sind ... man kann Sie nicht verwirren! sagte er und lachte
offen heraus, ich dachte es schlau angefangen zu haben, aber es gelang
nicht, Sie stellten sich gleich auf den richtigsten Standpunkt.

Ja, und Sie wollen auch in diesem Augenblicke schlau sein.

Was wre dabei? Nun, was wre dabei? wiederholte Sswidrigailoff und
lachte weiter. Es ist doch _bonne guerre_{[4]}, wie man es nennt und
eine hchst erlaubte Schlauheit! ... Aber Sie haben mich unterbrochen;
ich wiederhole noch einmal, ob es so oder anders gekommen wre, es wren
keine Unannehmlichkeiten vorgefallen, wenn nicht noch der Auftritt im
Garten hinzugekommen wre. Marfa Petrowna ...

Marfa Petrowna, sagt man, haben Sie auch ins Grab gebracht? unterbrach
ihn schroff Raskolnikoff.

Sie haben auch davon gehrt? Wie sollten Sie es brigens nicht zu hren
bekommen ... Hier wei ich wirklich nicht, was ich Ihnen sagen soll,
obwohl mein eigenes Gewissen in dieser Beziehung im hchsten Mae ruhig
ist. Glauben Sie ja nicht, da ich irgend etwas dabei frchte; dies
alles ist in vlliger Ordnung und mit Genauigkeit geprft worden, -- die
rztliche Untersuchung hat einen Herzschlag nachgewiesen, der infolge
sofortigen Badens nach einem reichlichen Mittagessen erfolgt ist, wobei
fast eine ganze Flasche Wein geleert wurde, und anderes konnte nicht
festgestellt werden ... Nein, sehen Sie, ich habe eine Zeitlang,
besonders im Eisenbahnwagen auf dem Wege hierher nachgedacht, ob ich zu
diesem ... Unglck irgendwie, moralisch, durch Reizung oder etwas
hnliches, nicht beigetragen habe? Ich bin zu dem Resultate gekommen,
da dies positiv nicht der Fall sein konnte.

Raskolnikoff lachte.

Warum fllt es Ihnen denn noch ein, sich so zu beunruhigen?

Worber lachen Sie denn? Denken Sie doch nach, -- ich habe sie nur
zweimal mit der Reitgerte geschlagen, ohne da Spuren zu sehen waren ...
Halten Sie mich, bitte, nicht fr frivol; ich wei sehr wohl, da das
schndlich von mir war ... und so weiter; aber ich wei auch sicher, da
Marfa Petrowna vielleicht froh war ber meinen, sagen wir, Mangel an
Beherrschung. Die Geschichte mit Ihrer Schwester war bis zum letzten
Tropfen erschpft. Marfa Petrowna sah sich gezwungen, den dritten Tag
schon zu Hause zu sitzen; sie hatte nichts, womit sie sich im Stdtchen
zeigen konnte, und auerdem war sie allen mit diesem Briefe -- ber das
Vorlesen dieses Briefes haben Sie doch gehrt, -- lstig geworden. Da
kamen ihr diese zwei Schlge mit der Reitgerte wie vom Himmel geschickt,
-- ihr erstes war, sofort den Wagen vorfahren zu lassen! ... Ich spreche
nicht mal davon, da es bei Frauen Flle gibt, wo es ihnen sehr, sehr
angenehm ist, beleidigt worden zu sein, trotz der zur Schau getragenen
Entrstung! Diese Flle kommen bei allen vor. -- Der Mensch liebt es im
allgemeinen sehr, beleidigt zu sein; haben Sie das noch nicht bemerkt?
Bei Frauen aber ist dies besonders der Fall. Man kann so weit gehen und
sagen, da sie sich damit gern die Zeit vertreiben.

Einen Augenblick dachte Raskolnikoff aufzustehen und wegzugehen, um
dadurch diesem Besuche ein Ende zu machen. Eine gewisse Neugier aber und
vielleicht Berechnung hielten ihn fr eine Weile zurck.

Sie prgeln wohl gerne? fragte er ihn zerstreut.

Nein, nicht besonders, antwortete Sswidrigailoff ruhig. Und mit Marfa
Petrowna habe ich mich fast nie geprgelt. Wir lebten in groer
Eintracht und sie war stets mit mir zufrieden. Die Gerte habe ich in den
sieben Jahren nur zweimal gebraucht, wenn man ein drittes Mal, das
brigens sehr zweifelhaft ist, nicht mitzhlt; das erste Mal war es zwei
Monate nach unserer Heirat, gleich nach der Ankunft auf dem Gut, und nun
der jetzige, letzte Fall. Sie dachten schon, ich sei so ein Scheusal,
Rckschrittler und Anhnger der Leibeigenschaft? He--he--he ... Ja,
nebenbei gesagt, -- erinnern Sie sich nicht, Rodion Romanowitsch, wie
vor einigen Jahren, noch zu Zeiten der wohlttigen Pressefreiheit, man
einen Edelmann -- ich habe seinen Namen vergessen, -- der eine Deutsche
im Eisenbahnwagen verprgelte, ffentlich an den Pranger stellte,
erinnern Sie sich noch? Es war im selben Jahre, glaube ich, als die
>Egyptischen Nchte< ffentlich vorgetragen wurden und ein Skandal
passierte, erinnern Sie sich jetzt? >Schwarze Augen! Oh, wo bist du,
goldene Zeit unserer Jugend! ...< So, und hier haben Sie meine Meinung,
-- fr den Herrn, der die Deutsche verprgelte, habe ich keine
Sympathie, denn warum soll man in der Tat ... mit dem sympathisieren!
Hierbei kann ich nicht umhin zu bemerken, da zuweilen sich solche
anregende >Deutsche< finden, und da es keinen einzigen Fortschrittler,
wie es mir scheint, gibt, der fr sich vollkommen garantieren knnte.
Von diesem Standpunkte hatte damals niemand die Sache betrachtet,
indessen aber ist er der eigentlich humane Standpunkt wahrhaftig, so ist
es!

Nachdem er das gesagt hatte, lachte Sswidrigailoff von neuem.
Raskolnikoff war es klar, da dieser Mensch, der sich etwas fest
vorgenommen hatte, darauf bestimmt lossteuerte.

Sie haben jedenfalls einige Tage nacheinander mit niemandem
gesprochen? fragte er ihn.

Das knnte stimmen. Warum? Sie wundern sich wohl, da ich so gesprchig
bin.

Nein, ich wundere mich, da Sie so vernnftig reden.

Weil ich mich durch die Grobheit Ihrer Zwischenfragen nicht gekrnkt
fhlte? Ist es so? Ja ... warum sollte ich gekrnkt sein? Wie man mich
fragte, so antwortete ich auch, fgte er mit wunderbarer Gutmtigkeit
hinzu. Ich interessiere mich fast fr nichts, bei Gott, fuhr er fort,
wie sinnend. Ich bin besonders jetzt mit nichts beschftigt ...
brigens ist es begreiflich, wenn Sie denken, ich wollte mich bei Ihnen
einschmeicheln und um so mehr, weil ich ein Anliegen, wie ich selbst
erklrte, an Ihre Schwester habe. Aber ich will Ihnen offen sagen, --
mir ist es langweilig, besonders seit diesen drei Tagen, so da ich mich
auf Ihre Gesellschaft freute ... Seien Sie mir aber nicht bse, Rodion
Romanowitsch, Sie kommen mir aber selbst sehr merkwrdig vor. Fassen Sie
es auf wie Sie wollen, aber es ist etwas an Ihnen und gerade jetzt,
nicht nur in diesem Augenblicke, sondern berhaupt jetzt ... Nun, nun,
ich will nicht mehr davon reden, verziehen Sie nur nicht gleich die
Stirn! Ich bin doch nicht solch ein Br, wie Sie glauben.

Raskolnikoff blickte ihn finster an.

Sie sind vielleicht gar kein Br, sagte er. Mir scheint es sogar, Sie
gehren zur guten Gesellschaft oder Sie verstehn wenigstens bei
Gelegenheit auch ein anstndiger Mann zu sein.

Ich interessiere mich auch nicht besonders fr irgend wessen Meinung
ber mich, antwortete Sswidrigailoff trocken, mit einem Anfluge von
Hochmut, und warum soll man nicht fade sein, wenn diese Art unserem
Lande so gelufig ist und ... und wenn man noch eine natrliche Neigung
dazu hat, fgte er hinzu und lachte wieder.

Ich habe gehrt, da Sie hier viele Bekannte haben. Sie sind doch nicht
ohne das, was man >Verbindungen< nennt. Wozu haben Sie mich denn ntig,
wenn nicht zu einem bestimmten Zwecke?

Ganz richtig, ich habe Bekannte hier, fuhr Sswidrigailoff fort, ohne
die Hauptfrage zu beantworten, ich habe auch einige getroffen; ich
wandre schon den dritten Tag herum, erkenne manche selbst wieder und
mich scheint man auch wiederzuerkennen. Ich bin anstndig angezogen und
werde fr keinen armen Menschen gehalten; uns hat die Aufhebung der
Leibeigenschaft nicht berhrt, -- uns sind Wlder und Wiesen geblieben,
das Einkommen ist demnach nicht vermindert worden. Aber ... ich will
meine Beziehungen nicht pflegen, auch frher waren sie mir langweilig.
Ich gehe nun den dritten Tag herum und gebe mich nicht zu erkennen ...
Dazu kommt noch diese Stadt! Sagen Sie mir bitte, wie ist sie
entstanden! Eine Stadt von Beamten und allerhand Seminaristen! Ich habe
wirklich frher vieles nicht bemerkt, als ich vor acht Jahren mich hier
herumtrieb ... Ich setzte alle meine Hoffnungen nur noch ganz allein auf
die Anatomie, bei Gott!

Was fr eine Anatomie?

Nun, ich hoffe auf alle diese Klubs und franzsischen Restaurants und
vielleicht noch auf den Fortschritt, -- nun, der mge nach unserem Tode
kommen, fuhr er fort, ohne wieder die Frage zu beachten. Und was ist
das fr ein Vergngen, Falschspieler zu sein?

Waren Sie denn auch Falschspieler?

Warum denn auch nicht? Wir waren eine ganze Gesellschaft vor acht
Jahren und eine hchst anstndige; wir vertrieben uns die Zeit, und
wissen Sie, es waren alles Menschen mit guten Umgangsformen, es waren
Dichter und reiche Leute darunter. Ja, und berhaupt bei uns in der
russischen Gesellschaft trifft man bei denen, die schon Prgel bekommen
haben, die allerbesten Umgangsformen, -- haben Sie es noch nicht
gemerkt? Ich bin auf dem Lande ein wenig heruntergekommen. Und trotzdem
wollte mich damals ein Griechenkerl aus Njeschin wegen Schulden ins
Gefngnis einsperren lassen. Da tauchte Marfa Petrowna auf, handelte ein
wenig und lste mich fr dreiigtausend Silberlinge aus -- im ganzen
schuldete ich siebzigtausend. Wir traten in den gesetzlichen Ehestand
und sie brachte mich sofort auf ihr Gut, als habe sie einen Schatz
gehoben. Sie war um fnf Jahre lter als ich. Liebte mich sehr. Sieben
Jahre habe ich dort gelebt. Und stellen Sie sich vor, sie hatte ihr
ganzes Leben das Dokument in Hnden, es war auf einen fremden Namen ber
diese dreiigtausend von mir ausgestellt, so da, wenn ich
beabsichtigte, mich gegen sie zu empren, -- ich sofort ins Loch
gekommen wre. Und sie htte es getan! Bei Frauen ist alles mglich.

Und wre das Dokument nicht vorhanden gewesen, so wren Sie auch
sicherlich schon lange ausgekniffen?

Ich wei nicht, was ich Ihnen da sagen soll. Dieses Dokument genierte
mich fast gar nicht. Ich hatte keine Lust, irgendwohin zu reisen, und
Marfa Petrowna riet mir selbst ein paarmal eine Auslandsreise, als sie
merkte, da ich mich langweile. Wozu aber? Im Auslande war ich vorher
gewesen und da war es mir immer langweilig. Eigentlich langweilte ich
mich nicht, aber sehen Sie, man sieht die Sonne untergehen, ringsum ist
das Meer -- die Bucht von Neapel, und es wird einem traurig zumute. Am
unangenehmsten ist es, da man tatschlich Sehnsucht nach Hause bekommt.
Nein, in der Heimat ist es besser, -- hier schiebt man die Schuld immer
den andern zu und nimmt sich selbst in Schutz. Ich wrde mich vielleicht
jetzt gegebenenfalls an einer Expedition nach dem Nordpol beteiligen,
denn -- _j'ai le vin mauvais_{[5]}, es widert mich an, zu trinken, und
auer dem Wein bleibt mir nichts brig. Man sagt, da Berg am Sonntag im
Jussupoffschen Garten in einem groen Ballon aufsteigen will und
Mitreisende gegen eine bestimmte Bezahlung auffordert, ist das wahr?

Was, Sie wollen wohl mitfliegen?

Ich? Nein ... so ... murmelte Sswidrigailoff und wurde wirklich
nachdenklich.

Was ist mit dem nur los? dachte Raskolnikoff.

Nein, das Dokument genierte mich nicht, fuhr Sswidrigailoff sinnend
fort. Ich verlie freiwillig nicht das Gut. Ja und es wird bald ein
Jahr, seit Marfa Petrowna mir zu meinem Namenstage dieses Dokument
zurckgab und auerdem mir noch eine nennenswerte Summe schenkte. Sie
hatte ein schnes Vermgen. >Sehen Sie, wie ich Ihnen vertraue, Arkadi
Iwanowitsch<, wahrhaftig, so sagte sie. Sie glauben nicht, da sie so
gesagt hat? Wissen Sie, ich bin auf dem Lande ein anstndiger Hauswirt
geworden; man kennt mich im ganzen Umkreise. Ich lie mir auch Bcher
kommen. Marfa Petrowna fand es zuerst gut, spter aber frchtete sie
immer, ich knnte mich durch zu vieles Lesen beranstrengen.

Sie vermissen Marfa Petrowna, wie es scheint, sehr?

Ich? Vielleicht. Wahrhaftig, vielleicht. Ja, nebenbei gesagt, glauben
Sie an Gespenster?

Was fr Gespenster?

An gewhnliche Gespenster!

Sie glauben daran?

Vielleicht, vielleicht auch nicht, _pour vous plaire_{[6]} ... Das
heit eigentlich, glaube ich ...

Erscheinen sie bei Ihnen etwa?

Sswidrigailoff blickte ihn sonderbar an.

Marfa Petrowna geruht mich zu besuchen, sagte er und verzog seinen
Mund zu einem merkwrdigen Lcheln.

Was heit es, sie geruht Sie zu besuchen?

Ja, sie ist schon dreimal dagewesen. Zum erstenmal sah ich sie am Tage
der Beerdigung, eine Stunde nach ihrem Begrbnis. Das war am Tage vor
meiner Abreise. Das zweitemal war es vorgestern auf der Reise, am frhen
Morgen auf der Station Malaja Wischera, und zum dritten Male heute, vor
zwei Stunden, in der Wohnung, wo ich abgestiegen bin; ich war allein.

Sehen Sie sie im wachen Zustande?

Vollkommen. Alle dreimal im wachen Zustande. Sie tritt herein, spricht
einen Augenblick und geht durch die Tr hinaus, stets durch die Tre.
Man kann es sogar hren.

Ich habe es mir gleich gedacht, da mit Ihnen unbedingt irgend etwas
dieser Art vorgehen mu! sagte pltzlich Raskolnikoff und staunte im
selben Augenblicke, da er das gesagt hatte. Er war in groer Aufregung.

So, so? Sie haben es sich gedacht? fragte Sswidrigailoff verwundert.
Ist es mglich? Sagte ich nicht, da es zwischen uns einen gemeinsamen
Punkt geben mu.

Das haben Sie nie gesagt! antwortete scharf und auer sich
Raskolnikoff.

Habe ich es nicht gesagt?

Nein!

Mir war, als htte ich es gesagt. Als ich vorhin eintrat und sah, da
Sie mit geschlossenen Augen liegen und sich blo schlafend stellten, da
sagte ich mir, >er ist derselbe!<

Was heit das -- er ist derselbe? Was meinen Sie damit? rief
Raskolnikoff aus.

Was ich meine? Wirklich, ich wei es nicht ... murmelte Sswidrigailoff
offenherzig und scheinbar selbst verwirrt vor sich hin. Sie schwiegen
etwa eine Minute und blickten einander unablssig an.

Das ist alles Unsinn! rief Raskolnikoff rgerlich. Was sagt sie Ihnen
denn, wenn sie erscheint?

Sie? Stellen Sie sich vor, sie spricht ber die geringsten
Kleinigkeiten und mgen Sie sich ber mich wundern oder nicht, -- gerade
das rgert mich. Das erstemal, als sie erschien, -- wissen Sie, ich war
mde nach der Totenmesse und dem Begrbnis und dem Essen und war in
meinem Schreibzimmer allein geblieben, hatte mir eine Zigarre angesteckt
und war in Gedanken versunken, -- da trat sie also durch die Tre ein
und sagte: >Arkadi Iwanowitsch, Sie haben heute bei all dem Trubel
vergessen, die Uhr im Speisezimmer aufzuziehen.< Diese Uhr habe ich
tatschlich all die sieben Jahre jede Woche selbst aufgezogen, und wenn
ich es vergessen hatte, erinnerte sie mich stets daran. Am anderen
Morgen war ich schon auf der Reise hierher. Ich komme am frhen Morgen
auf einer Station an, hatte die Nacht nur wenig geschlummert, fhlte
mich zerschlagen, die Augen waren mde, und als ich mir eine Tasse
Kaffee nahm, sah ich pltzlich, wie sich Marfa Petrowna neben mich mit
einem Kartenspiel in der Hand hinsetzte. >Soll ich Ihnen nicht die
Karten legen, Arkadi Iwanowitsch?< fragte sie mich. Sie war eine
Meisterin im Kartenlegen. Nein, ich werde es mir nie verzeihen, da ich
mir die Karten nicht legen lie. Ich lief im Schrecken fort, es war auch
hchste Zeit, denn es wurde zum Abfahren gelutet. Heute sitze ich nun
nach einem sehr schlechten Essen aus einer Stadtkche mit schwerem Magen
da und rauche, -- da erscheint wieder Marfa Petrowna sehr geputzt, in
einem neuen grnen Seidenkleide mit einer sehr langen Schleppe. >Guten
Tag, Arkadi Iwanowitsch!< sagte sie. >Wie gefllt Ihnen mein Kleid?
Anisja kann es nicht so gut machen.< Anisja, wissen Sie, ist unsere
Schneiderin auf dem Lande, eine frhere Leibeigene, hat ihr Handwerk in
Moskau erlernt, -- ein hbsches Mdel. Also, Marfa Petrowna steht vor
mir und zeigt sich von allen Seiten. Ich besah mir das Kleid und blickte
ihr dann aufmerksam ins Gesicht. >Was ist es fr ein Vergngen, Marfa
Petrowna, wegen solcher Kleinigkeiten zu mir zu kommen und mich zu
belstigen.< -- >Ach, mein Gott, man darf Sie auch nicht mal fragen!<
Und ich sagte ihr, um sie zu necken: >Ich will mich verheiraten, Marfa
Petrowna.< -- >Das kann man von Ihnen erwarten, Arkadi Iwanowitsch; Sie
legen damit nicht viel Ehre ein, da Sie kaum Ihre Frau beerdigt haben
und schon heiraten wollen. Und wenn Sie noch gut gewhlt htten, so aber
-- ich wei es -- werden weder Sie selbst, noch Ihre Auserwhlte es gut
haben.< Darauf ging sie hinaus mit rauschender Schleppe. Ist das nicht
alles Unsinn?

Ich glaube, das sind alles ausgedachte Lgen? erwiderte Raskolnikoff.

Ich lge selten, antwortete Sswidrigailoff sinnend und als htte er
die Grobheit der Frage gar nicht gemerkt.

Haben Sie nie vorher Gespenster gesehen?

Nein, ich habe wohl ein einziges Mal im Leben vor sechs Jahren ein
Gespenst gesehen. Ich hatte einen Diener Filka; gerade, als man ihn
beerdigt hatte, rief ich in der Zerstreutheit: >Filka, die Pfeife!< und
er kam herein und ging zu dem Pfeifenstnder. Ich sa und dachte, >er
wird sich wohl rchen wollen<, denn vor seinem Tode hatten wir uns
ordentlich gezankt. >Wie, wagst du<, sagte ich zu ihm, >zu mir mit einem
zerrissenen Ellenbogen zu kommen, -- hinaus, Hallunke!< Er wandte sich
um, ging hinaus und erschien nie mehr. Ich habe es Marfa Petrowna nicht
erzhlt. Ich wollte fr ihn eine Totenmesse abhalten lassen, aber
genierte mich.

Gehen Sie zu einem Arzte!

Ich wei auch ohne Sie, da ich nicht gesund bin, obwohl ich wahrhaftig
nicht wei, wo es mir fehlt; meiner Ansicht nach bin ich sicher fnfmal
gesnder als Sie. Ich habe Sie jedoch nicht danach gefragt. Ich habe Sie
vielmehr gefragt, glauben Sie, da es Gespenster gibt?

Nein, ich kann um nichts in der Welt daran glauben! rief Raskolnikoff
wtend aus.

Wie spricht man von solchem Falle gewhnlich? murmelte Sswidrigailoff
vor sich hin, sah dabei zur Seite und hatte ein wenig den Kopf gesenkt.
Die einen sagen, -- du bist krank, und das, was sich dir vorstellt, ist
ein nicht existierender Wahn. Das ist aber doch unlogisch. Ich gebe zu,
da Gespenster nur Kranken erscheinen, aber das beweist doch blo, da
die Gespenster niemand anderen als Kranken erscheinen knnen, jedoch
nicht, da sie an und fr sich nicht existieren.

Gewi, sie existieren auch nicht! bestand Raskolnikoff gereizt auf
seiner Ansicht.

Nicht? Sie meinen es? fuhr Sswidrigailoff langsam fort und blickte ihn
an. Nun, man kann es auch so betrachten, -- Sie mssen mir helfen, --
Gespenster sind sozusagen Teile und Stckchen aus anderen Welten, ihr
Anfang. Ein gesunder Mensch braucht sie selbstverstndlich nicht zu
sehn, denn ein Gesunder ist der meist irdische Mensch und soll also der
Ordnung und Vollstndigkeit wegen nur das gegenwrtige Leben leben. Nun,
wenn er aber erkrankt und wenn die normale irdische Ordnung im
Organismus ein wenig ins Wanken geraten ist, beginnt sich sofort die
Mglichkeit einer anderen Welt zu zeigen, und je strker er erkrankt, um
so mehr gibt es fr ihn Berhrungspunkte mit dieser Welt, bis er, wenn
er schlielich stirbt, in die andere Welt bergeht. Ich habe darber
seit langem nachgedacht. Wenn Sie an ein zuknftiges Leben glauben, so
knnen Sie auch an diesen Gedanken glauben.

Ich glaube nicht an ein zuknftiges Leben, sagte Raskolnikoff.

Sswidrigailoff sa nachdenklich da.

Wenn es aber dort drben nur Spinnen oder dergleichen gibt, sagte er
rasch.

Er ist verrckt, dachte Raskolnikoff.

Uns erscheint immer die Ewigkeit als eine Idee, die man nicht erfassen
kann, als etwas ungeheuer Groes. Aber warum soll sie denn unbedingt
ungeheuer gro sein? Und schlielich stellen Sie sich vor, anstatt
dessen wird dort ein kleines Zimmer sein, hnlich einer Badestube auf
dem Lande; verruchert, in allen Ecken Spinnen, und das wird die ganze
Ewigkeit sein. Wissen Sie, ich stelle sie mir zuweilen in dieser Art
vor.

Und stellen Sie sich tatschlich nichts trstlicheres und gerechteres
vor, als dieses! rief Raskolnikoff aufgeregt.

Gerechteres? Woher wissen wir es, vielleicht _ist_ dies auch gerecht;
und wissen Sie, _ich_ wrde es unbedingt so einrichten! antwortete
Sswidrigailoff und lchelte unbestimmt.

Es berlief Raskolnikoff bei dieser abscheulichen Antwort kalt.
Sswidrigailoff erhob den Kopf, blickte ihn aufmerksam an und lachte
pltzlich laut auf.

Nein, bedenken Sie blo, rief er aus, vor einer halben Stunde hatten
wir einander noch nicht gesehen, hielten uns fr Feinde, hatten eine
Angelegenheit auszutragen; wir lieen die Sache fallen und verwirren uns
in diese Ideen! Nun, habe ich nicht die Wahrheit gesagt, da wir von
_einem_ Stamme sind?

Tun Sie mir den Gefallen, fuhr Raskolnikoff gereizt fort, erklren
Sie sich schneller und teilen Sie mir mit, warum Sie mir die Ehre
erwiesen haben, mich zu besuchen ... und ... und ich habe Eile, habe
keine Zeit, ich will fortgehen ...

Bitte, bitte. Ihre Schwester Awdotja Romanowna heiratet Herrn Peter
Petrowitsch Luschin?

Knnen Sie nicht jede Frage ber meine Schwester vermeiden und ihren
Namen unerwhnt lassen? Ich begreife nicht, wie Sie es wagen, in meiner
Gegenwart ihren Namen auszusprechen, wenn Sie tatschlich Sswidrigailoff
sind.

Ich bin doch gekommen, um ber sie zu sprechen, wie soll ich denn ihren
Namen nicht erwhnen?

Gut. Reden Sie, aber schnell!

Ich bin berzeugt, da Sie sich Ihre Meinung ber diesen Herrn Luschin,
einen Verwandten meiner Frau, schon gebildet haben, wenn Sie ihn nur
eine halbe Stunde gesehen oder irgend etwas Sicheres und Genaues ber
ihn gehrt haben. Er pat nicht fr Awdotja Romanowna. Meiner Ansicht
nach bringt sich Awdotja Romanowna hier sehr gromtig und uneigenntzig
zum Opfer fr ... fr ihre Familie. Mir schien es, auf Grund all dessen,
was ich ber Sie gehrt habe, da Sie Ihrerseits sehr zufrieden sein
wrden, wenn diese Heirat ohne Verletzung der Interessen nicht
zustandekommen wrde. Jetzt aber, nachdem ich Sie persnlich
kennengelernt habe, bin ich davon sogar berzeugt.

Ihrerseits ist dies alles sehr naiv, entschuldigen Sie, ich wollte
sagen, frech, erwiderte Raskolnikoff.

Das heit, Sie sagen damit, da ich fr meinen eigenen Nutzen sorge.
Seien Sie ruhig, Rodion Romanowitsch, wenn ich meine eigenen Vorteile im
Auge haben wrde, so htte ich mich nicht so offen ausgesprochen, ich
bin doch nicht ganz dumm. In dieser Beziehung will ich Ihnen eine
psychologische Merkwrdigkeit offenbaren. Vorhin sagte ich, als ich
meine Liebe zu Awdotja Romanowna rechtfertigte, da ich selbst ein Opfer
dieser Liebe sei. Nun, mgen Sie wissen, da ich jetzt gar keine Liebe
mehr, absolut gar keine empfinde, so da ich mich ber mich selbst
wundere, denn ich hatte doch tatschlich so empfunden ...

Aus Miggang und Unsittlichkeit, unterbrach ihn Raskolnikoff.

Ich bin wirklich ein Nichtstuer und Wstling. Aber, Ihre Schwester hat
so viele Vorzge, da ich einem gewissen Eindrucke unterliegen mute.
Doch das ist alles Unsinn, wie ich es selbst jetzt auch einsehe.

Haben Sie es seit langem eingesehen?

Ich habe es schon frher gemerkt, mich aber vorgestern im Augenblicke
meiner Ankunft in Petersburg endgltig davon berzeugt. brigens, in
Moskau noch stellte ich mir vor, da ich nur reise, um mit Herrn Luschin
in Konkurrenz zu treten und um Awdotja Romanownas Hand anzuhalten.

Entschuldigen Sie, da ich Sie unterbreche, aber tun Sie mir den
Gefallen, sich krzer zu fassen und direkt auf den Zweck Ihres Besuches
berzugehen. Ich habe Eile, ich mu fortgehen ...

Mit grtem Vergngen. Als ich hier angekommen war und mich
entschlossen hatte, jetzt eine ... Reise anzutreten, wollte ich einige
notwendige Anordnungen vorher treffen. Meine Kinder sind bei der Tante
geblieben und sind reich; mich persnlich brauchen sie nicht. Was fr
ein Vater wre ich auch? Ich habe mir selbst nur das genommen, was mir
Marfa Petrowna vor einem Jahre geschenkt hatte. Fr mich reicht es.
Entschuldigen Sie, ich komme sofort zur Sache selbst. Vor meiner Reise,
die vielleicht bald verwirklicht wird, will ich aber mit Herrn Luschin
abrechnen. Nicht etwa, da ich ihn gar nicht ausstehen kann, aber um
seinetwillen entstand der Streit mit Marfa Petrowna, nachdem ich
erfahren hatte, da sie diese Heirat eingeleitet hat. Ich mchte jetzt,
durch Ihre Vermittlung, Awdotja Romanowna sehen und meinetwegen in Ihrer
Anwesenheit ihr erklren, da sie von seiten des Herrn Luschin nicht nur
nicht den geringsten Vorteil, sondern sicher eine unbedingte
Enttuschung erfahren wird. Dann mchte ich, nachdem ich sie wegen aller
Unannehmlichkeiten um Entschuldigung gebeten habe, mir die Erlaubnis
einholen, ihr zehntausend Rubel anzubieten, um ihr in dieser Weise den
Bruch mit Herrn Luschin zu erleichtern; ich bin berzeugt, da sie sich
gegen einen Bruch mit ihm nicht strubt, wenn sich nur eine Mglichkeit
bietet.

Sie sind aber tatschlich, tatschlich verrckt! rief Raskolnikoff,
mehr erstaunt als rgerlich. Wie knnen Sie sich unterstehen, so zu
sprechen!

Ich wute es, da Sie mich anschreien werden, aber trotzdem ich nicht
reich bin, kann ich vollkommen ber diese zehntausend Rubel verfgen,
ich brauche sie gar nicht. Wenn Awdotja Romanowna sie nicht annehmen
will, werde ich sie vielleicht in der dmmsten Art verwenden. Das ist
das eine. Mein Gewissen ist vollkommen ruhig, ich biete sie ohne
jeglichen Hintergedanken an. Nun zweitens. Glauben Sie es, oder glauben
Sie es nicht, spter werden Sie und Awdotja Romanowna es erfahren. Die
ganze Sache dreht sich doch darum, da ich tatschlich Mhe und
Unannehmlichkeiten Ihrer verehrten Schwester verursacht habe; und da ich
eine aufrichtige Reue empfinde, wnsche ich von Herzen, -- mich nicht
etwa loskaufen und die Unannehmlichkeiten bezahlen, sondern einfach ihr
etwas Vorteilhaftes aus dem Grunde zu erweisen, weil ich doch
schlielich kein Privilegium habe, nur Bses zu tun. Wenn sich in meinem
Anerbieten eine winzige Spur von Berechnung fnde, so wrde ich ihr doch
nicht blo zehntausend anbieten, da ich vor fnf Wochen ihr viel mehr
angeboten habe. Auerdem werde ich vielleicht sehr, sehr bald ein junges
Mdchen heiraten, folglich mu dadurch der ganze Verdacht, da ich gegen
Awdotja Romanowna etwas im Schilde fhre, fortfallen. Zum Schlusse
mchte ich noch sagen, da Awdotja Romanowna, indem sie Herrn Luschin
heiratet, dasselbe Geld nimmt, nur von anderer Seite ... rgern Sie
bitte sich nicht, Rodion Romanowitsch, berlegen Sie es sich ruhig und
kaltbltig ...

Sswidrigailoff war, whrend er dies sagte, selbst auerordentlich
kaltbltig und ruhig.

Ich bitte Sie, zu Ende zu kommen, sagte Raskolnikoff. Jedenfalls ist
es unverzeihlich frech.

Keineswegs. Demnach knnte ein Mensch einem anderen in dieser Welt nur
Bses zufgen und hat im Gegenteil kein Recht wegen leerer
konventioneller Formalitten, ihm ein bichen Gutes zu erweisen. Das ist
unsinnig. Wenn ich zum Beispiel gestorben wre und diese Summe Ihrer
Schwester laut Testament hinterlassen htte, wrde sie sich auch dann
weigern, sie anzunehmen?

Sehr mglich.

Nein, das glaube ich nicht. brigens, wenn sie nein sagt, mag es dabei
bleiben, zehntausend aber sind unter Umstnden eine angenehme Sache. In
jedem Falle bitte ich Sie, Awdotja Romanowna das Gesagte mitzuteilen.

Nein, ich werde es ihr nicht mitteilen.

In diesem Falle, Rodion Romanowitsch, werde ich gezwungen sein, eine
persnliche Zusammenkunft herbeizufhren, also auch sie belstigen.

Und wenn ich es ihr mitteilen werde, wollen Sie dann von einer
persnlichen Zusammenkunft absehen?

Ich wei wirklich nicht, was ich Ihnen sagen soll. Einmal mchte ich
sie doch gerne sehen.

Hoffen Sie nicht darauf!

Schade. Sie kennen mich noch nicht. Vielleicht werden wir uns
nherkommen.

Sie meinen, da wir einander nherkommen werden?

Warum denn nicht? sagte Sswidrigailoff lchelnd, stand auf und nahm
seinen Hut. Nicht, da es mir Spa machte, Sie zu belstigen, und als
ich hierher ging, rechnete ich nicht mit dieser Mglichkeit, obwohl mir
Ihr Gesicht schon vorhin, heute morgen, auffiel ...

Wo haben Sie mich heute frh gesehen? fragte Raskolnikoff voll Unruhe.

Zufllig ... Mir kommt es immer vor, als wre etwas in Ihnen, was
meinem Wesen entspricht ... Regen Sie sich nicht auf, ich bin nicht
aufdringlich; ich bin mit Falschspielern gut ausgekommen, war dem
Frsten Sswirbei, einem entfernten Verwandten und Wrdentrger, nicht
zur Last gefallen, habe es verstanden, Frau Prilukoff ins Album ein
Gedicht ber die Raphaelsche Madonna zu schreiben, habe mit Marfa
Petrowna sieben Jahre auf einem Fleck verlebt, in frheren Zeiten im
Hause Wjasemski auf dem Heumarkte geschlafen und werde nun vielleicht
mit Berg im Luftballon aufsteigen.

Nun, schon gut. Erlauben Sie mir die Frage, wollen Sie bald Ihre Reise
antreten?

Welch eine Reise?

Von der Sie sprachen ... Sie sagten es doch selbst.

Ach ja! ... in der Tat, ich sprach von der Reise ... Nun, das ist eine
groe Frage ... Wenn Sie aber wten, wonach Sie mich soeben fragten!
fgte er hinzu und lachte laut und kurz. Ich werde vielleicht anstatt
zu reisen, mich verheiraten. Man freit mir eine Braut.

Hier?

Ja.

Wann haben Sie denn dazu Zeit gefunden?

Mit Awdotja Romanowna jedoch mchte ich sehr gern einmal
zusammentreffen. Ich bitte Sie in allem Ernst. Nun, auf Wiedersehen, ach
... ja! Ich htte bald vergessen, Rodion Romanowitsch! Teilen Sie bitte
Ihrer Schwester mit, da sie im Testamente Marfa Petrownas mit
dreitausend Rubeln bedacht ist. Das ist absolut richtig. Marfa Petrowna
hat es eine Woche vor ihrem Tode angeordnet, und zwar in meiner
Anwesenheit. Nach zwei oder drei Wochen kann Awdotja Romanowna auch das
Geld erhalten.

Sagen Sie die Wahrheit?

Die volle Wahrheit. Teilen Sie es ihr mit. Nun, Ihr Diener. Ich wohne
nicht sehr weit von Ihnen.

Beim Weggehen stie Sswidrigailoff in der Tr mit Rasumichin zusammen.


                                  II.

Es war schon fast acht Uhr; beide eilten zu Bakalejeff, um frher als
Luschin da zu sein.

Wer war denn das? fragte Rasumichin, als sie auf die Strae
hinaustraten.

Es war Sswidrigailoff, derselbe Gutsbesitzer, in dessen Hause meine
Schwester als Gouvernante Krnkungen dulden mute. Weil er ihr
nachstellte, verlie sie das Haus, von seiner Frau Marfa Petrowna
hinausgejagt. Dieselbe Marfa Petrowna hat nachher Dunja um Verzeihung
gebeten und ist jetzt pltzlich gestorben. Vorhin sprachen wir von ihr.
Ich wei nicht warum, aber ich frchte diesen Menschen sehr. Er reiste
sofort nach der Beerdigung seiner Frau hierher, ist sehr sonderbar und
hat sich zu etwas entschlossen ... Er scheint etwas zu wissen ... Man
mu Dunja vor ihm schtzen ... und das wollte ich dir auch sagen, hrst
du?

Schtzen! Was kann er denn gegen Awdotja Romanowna vorhaben? Nun, ich
danke dir, Rodja, da du so zu mir sprichst ... Wir wollen sie schtzen!
... Wo lebt er?

Ich wei es nicht.

Warum hast du ihn nicht gefragt? Ach, schade! Ich werde es brigens
bald erfahren!

Hast du ihn gesehen? fragte Raskolnikoff nach einigem Schweigen.

Nun ja, ich habe ihn mir gemerkt; gut gemerkt!

Hast du ihn wirklich gesehen? Deutlich gesehen? wiederholte
Raskolnikoff.

Freilich, ich erinnere mich seiner deutlich; unter tausend erkenne ich
ihn wieder, ich habe ein gutes Gedchtnis fr Gesichter.

Sie schwiegen wieder.

Hm ... das ist gut ... murmelte Raskolnikoff. Sonst, weit du ...
dachte ich ... mir scheint es manchmal, als wenn es eine Einbildung von
mir wre.

Was meinst du damit? Ich verstehe dich nicht ganz.

Ihr sprecht doch alle davon, fuhr Raskolnikoff fort und verzog den
Mund zu einem Lcheln, da ich verrckt sei; mir schien es nun
augenblicklich, als ob ich tatschlich verrckt sei und blo ein
Gespenst gesehen habe.

Was fllt dir ein?

Wer wei es denn! Vielleicht bin ich wahrhaftig verrckt, und alles,
was in diesen Tagen vorgefallen ist, geschah vielleicht nur in meiner
Einbildung ...

Ach, Rodja! Man hat dich wieder aufgeregt! ... Ja, was sagte er denn,
warum kam er?

Raskolnikoff antwortete nicht, Rasumichin sann eine Weile nach.

Nun, hre mir zu, begann er. Ich war bei dir gewesen, da schliefst
du. Dann aen wir zu Mittag und ich ging nachher zu Porphyri. Sametoff
war noch immer da. Ich wollte anfangen mit ihm zu sprechen, aber es kam
nichts heraus. Ich konnte nie in richtiger Weise beginnen. Sie schienen
auch nicht zu begreifen und wollten nichts begreifen und waren gar nicht
beschmt. Ich fhrte Porphyri zum Fenster hin und begann zu sprechen,
aber es kam wieder nichts dabei heraus, -- er blickte zur Seite und ich
blickte zur Seite. Schlielich streckte ich ihm die Faust drohend
entgegen und sagte, da ich ihn in verwandtschaftlicher Weise
zerschmettern werde. Er sah mich blo an und sagte nichts. Ich lie die
Sache fallen und ging weg, das ist alles. Sehr dumm, nicht wahr. Mit
Sametoff redete ich kein Wort. Siehst du aber, -- ich dachte anfangs,
ich habe die Sache verschlimmert, aber wie ich die Treppe hinunterstieg,
kam mir, nein besser, erleuchtete mich der Gedanke, warum beunruhigen
wir uns eigentlich? Wenn dir wenigstens eine Gefahr drohen wrde oder
etwas hnliches in Aussicht wre, nun, dann wre es verstndlich! Was
geht es aber dich an? Du hast mit der Sache nichts zu tun, also pfeife
auf sie; wir werden noch spter ber sie lachen und ich wrde an deiner
Stelle sie noch mystifizieren. Wie sie sich nachher schmen werden!
Pfeif darauf; wir knnen sie auch nachher verprgeln, jetzt aber wollen
wir ber sie lachen!

Du hast recht, versteht sich! antwortete Raskolnikoff.

Aber was wirst du morgen sagen? dachte er sofort.

Sonderbar, bis jetzt war ihm noch nie der Gedanke gekommen, was wird
Rasumichin denken, wenn er es erfhrt? Und bei diesem Gedanken blickte
Raskolnikoff ihn gespannt an. An dem jetzigen Berichte Rasumichins ber
seinen Besuch bei Porphyri hatte er weniger Interesse, -- seit der Zeit
war vieles verschwunden und hinzugekommen! ...

Im Korridor stieen sie mit Luschin zusammen, -- er war punkt acht Uhr
erschienen und suchte das Zimmer, so da alle drei zugleich eintraten,
ohne aber einander anzublicken und ohne sich zu gren. Die jungen Leute
gingen sofort in die Stube hinein, Peter Petrowitsch verblieb aus
Anstand eine Weile im Vorzimmer und nahm den Mantel ab. Pulcheria
Alexandrowna ging ihm sofort entgegen, um ihn an der Schwelle zu
empfangen. Dunja begrte den Bruder.

Peter Petrowitsch trat ein und verneigte sich ziemlich liebenswrdig,
aber auch mit besonderer Zurckhaltung vor den Damen. Er sah aus, als
wre er ein wenig verwirrt und als ob er sich noch nicht gefat htte.
Pulcheria Alexandrowna, auch ein wenig aufgeregt, beeilte sich sofort,
alle um einen Tisch, auf dem ein Samowar brannte, zu placieren. Dunja
und Luschin setzten sich einander gegenber zu beiden Seiten des
Tisches. Rasumichin und Raskolnikoff kamen Pulcheria Alexandrowna
gegenber zu sitzen, -- Rasumichin neben Luschin, Raskolnikoff neben der
Schwester.

Es trat Schweigen ein. Peter Petrowitsch zog langsam ein
Batisttaschentuch hervor, das nach Parfm duftete und schneuzte sich mit
der Miene eines tugendhaften, in seiner Wrde gekrnkten Menschen, der
fest entschlossen ist, Erklrungen zu verlangen. Im Vorzimmer war ihm
der Gedanke gekommen, -- den Mantel nicht abzunehmen und fortzugehen und
dadurch die Damen streng und nachdrcklich zu bestrafen, um sie mit
einem Male ihr Unrecht fhlen zu lassen. Aber er konnte sich nicht dazu
entschlieen. Auerdem liebte er keine Ungewiheit, und hier galt es,
festzustellen, aus welchem Grunde sein Befehl so offensichtlich nicht
befolgt wurde, es mute irgend etwas Besonderes sein, und so war es
besser abzuwarten; zu strafen war immer Zeit genug, es lag ja in seinen
Hnden.

Ich hoffe, die Reise ist glcklich abgelaufen? wandte er sich im
offiziellen Tone an Pulcheria Alexandrowna.

Gottlob ja, Peter Petrowitsch.

Sehr angenehm zu hren. Und Awdotja Romanowna ist auch nicht ermdet?

Ich bin jung und stark und werde nicht mde, aber fr Mama war es sehr
schwer gewesen, antwortete Dunetschka.

Was ist da zu machen; die Entfernungen in unserm Lande sind gro. Gro
ist das sogenannte >Mtterchen Ruland< ... Ich aber konnte beim besten
Willen Sie gestern nicht empfangen. Ich hoffe jedoch, da alles ohne
Aufregung gut verlaufen ist?

Ach nein, Peter Petrowitsch, wir waren sehr mutlos, beeilte sich
Pulcheria Alexandrowna mit besonderer Betonung zu bemerken, und wenn
uns nicht Gott selbst Dmitri Prokofjitsch gestern gesandt htte, so
wren wir sehr verlassen gewesen. Das ist er, Dmitri Prokofjitsch
Rasumichin, fgte sie hinzu, ihn Luschin vorstellend.

Ich hatte schon das Vergngen ... gestern, murmelte Luschin und sah
Rasumichin dabei feindselig von der Seite an, sein Gesicht verdsterte
sich und er schwieg.

Peter Petrowitsch gehrte zu den Leuten, die in der Gesellschaft
auerordentlich liebenswrdig sind und auf Liebenswrdigkeit besonderen
Anspruch erheben, die aber auch sofort, wenn das geringste nicht nach
ihrem Geschmack ist, alle ihre guten Eigenschaften verlieren und eher
Mehlscken als gewandten und die Gesellschaft belebenden Kavalieren
gleichen. Alle verstummten wieder eine Weile, -- Raskolnikoff schwieg
hartnckig und Awdotja Romanowna wollte das Schweigen nicht vorzeitig
unterbrechen. Rasumichin hatte nichts zu sagen, so da Pulcheria
Alexandrowna wieder unruhig wurde.

Marfa Petrowna ist gestorben, Sie haben es wohl gehrt? begann sie zu
einem ihrer Hauptaushilfemittel greifend.

Ich habe es gehrt. Ich wurde sofort benachrichtigt und bin sogar jetzt
gekommen, Ihnen mitzuteilen, da Arkadi Iwanowitsch Sswidrigailoff
unverzglich nach der Beerdigung seiner Gattin nach Petersburg abgereist
ist. So lauten wenigstens die sichersten Nachrichten, die ich empfangen
habe.

Nach Petersburg? Hierher? fragte Dunja voll Unruhe und wechselte mit
der Mutter einen Blick.

Ja, es ist ganz sicher und er kommt selbstverstndlich nicht ohne
Absichten, wenn man die Eile der Abreise und berhaupt die
vorangegangenen Umstnde in Betracht zieht.

Mein Gott! Will er etwa auch hier Dunetschka nicht in Ruhe lassen?
rief Pulcheria Alexandrowna aus.

Mir scheint es, weder Sie noch Awdotja Romanowna brauchen sich
besonders aufzuregen, wenn Sie natrlich nicht selbst mit ihm in
Verbindung treten wollen. Was mich anbetrifft, so werde ich nach ihm
forschen und mich erkundigen, wo er abgestiegen ist ...

Ach, Peter Petrowitsch, Sie werden nicht glauben, wie Sie mich jetzt
erschreckt haben! fuhr Pulcheria Alexandrowna fort. Ich habe ihn blo
zweimal gesehen, er erschien mir schrecklich, frchterlich! Ich bin
berzeugt, da er die Ursache von Marfa Petrownas Tode ist.

Darber lt sich nichts sagen. Ich habe genaue Nachrichten. Ich
bestreite nicht, da er vielleicht den Gang der Dinge sozusagen durch
den moralischen Einflu von Krnkungen beschleunigt habe; denn im Urteil
ber sein Benehmen und berhaupt ber seinen sittlichen Charakter bin
ich mit Ihnen vllig einig. -- Ich wei nicht, ob er jetzt reich ist und
was Marfa Petrowna ihm hinterlassen hat, darber werde ich in krzester
Zeit erfahren, aber hier, in Petersburg, wird er selbstverstndlich,
wenn er nur einigermaen Mittel besitzt, sofort seinen alten
Gewohnheiten nachgehen. Er ist der verdorbenste und in Lastern
verkommenste Mensch seines Geschlechts. Ich habe einen triftigen Grund
anzunehmen, da Marfa Petrowna, die das Unglck hatte, sich in ihn zu
verlieben und ihn vor acht Jahren von Schulden befreite, auch in anderer
Hinsicht ihm geholfen hat, -- einzig und allein dank ihrer Bemhungen
und Opfer wurde eine kriminelle Sache mit einem Beigeschmack von
tierischer und sozusagen phantastischer Roheit vertuscht, fr die er mit
grter Wahrscheinlichkeit nach Sibirien geschickt worden wre. Sehen
Sie, so ist dieser Mensch, wenn Sie es wissen wollen.

Ach, mein Gott! rief Pulcheria Petrowna aus.

Raskolnikoff hrte aufmerksam zu.

Sagen Sie die Wahrheit, da Sie darber genaue Nachrichten besitzen?
fragte Dunja streng und nachdrcklich.

Ich erzhle blo das, was ich selbst, als Geheimnis, von der
verstorbenen Marfa Petrowna gehrt habe. Ich mu bemerken, da diese
Sache vom juristischen Standpunkte sehr dunkel ist. Hier lebte und
scheint noch jetzt eine gewisse Rlich zu leben, eine Auslnderin, eine
kleine Wucherin, die aber sich auch mit anderen Geschften abgibt. Zu
dieser Rlich stand seit langem Herr Sswidrigailoff in gewissem sehr
nahem und geheimnisvollem Verhltnisse. Bei der Rlich wohnte eine
entfernte Verwandte, eine Nichte, glaube ich, ein taubstummes Mdchen
von fnfzehn oder vierzehn Jahren, die diese Rlich grenzenlos hate,
der sie jedes Stck Brot vorwarf und die sie sogar unmenschlich schlug.
Eines Tages wurde dieses Mdchen auf dem Boden erhngt aufgefunden. Es
wurde festgestellt, da sie mit Selbstmord geendet hatte. Nach den
gewhnlichen Formalitten wurde die Sache abgeschlossen, spter aber
lief eine Denunziation ein, da das Kind von Herrn Sswidrigailoff ...
grausam mihandelt worden sei. Es ist wahr, die Sache war sehr dunkel,
die Denunziation stammte von einer anderen Deutschen, einem
verwerflichen Frauenzimmer, die kein Vertrauen geno; schlielich ergab
es sich dank den Bemhungen und dem Gelde Petrownas, da im Grunde
genommen gar keine Denunziation eingelaufen sei; alles beschrnkte sich
auf ein Gercht. Aber dieses Gercht war bedeutsam genug. Sie, Awdotja
Romanowna, haben sicher auch von der Geschichte mit dem Diener Filka
gehrt, der vor sechs Jahren, noch zur Zeit der Leibeigenschaft, an
Mihandlungen gestorben ist.

Ich habe im Gegenteil gehrt, da dieser Filka sich selbst erhngt
habe.

Das stimmt, aber die ununterbrochenen Verfolgungen und Strafen des
Herrn Sswidrigailoff haben ihn gezwungen oder besser gesagt, zum
Selbstmorde getrieben.

Davon wei ich nichts, antwortete Dunja trocken, ich habe blo eine
sehr sonderbare Geschichte gehrt, -- dieser Filka war ein Hypochonder,
ein Philosoph, die Menschen sagten von ihm, er habe zu viel gelesen, und
er hat sich eher wegen der Sptteleien, als wegen der Schlge von Herrn
Sswidrigailoff erhngt. Als ich dort im Hause war, behandelte er die
Leute gut, und die Leute liebten ihn sogar, obwohl sie ihm an dem Tode
Filkas die Schuld gaben.

Ich sehe, Awdotja Romanowna, da Sie auf einmal geneigt sind, ihn zu
entschuldigen, bemerkte Luschin und verzog den Mund zu einem
zweideutigen Lcheln. Er ist in der Tat ein schlauer Mensch und fr
Damen verfhrerisch, wofr Marfa Petrowna, die eines eigentmlichen
Todes gestorben ist, als trauriges Beispiel dient. Ich wollte blo Ihnen
und Ihrer Frau Mutter mit meinem Ratschlage einen Dienst erweisen,
in Anbetracht seiner neuen und zweifellos bevorstehenden
Annherungsversuche. Was mich anbetrifft, so bin ich fest berzeugt, da
dieser Mensch selbstverstndlich wieder im Schuldgefngnisse
verschwinden wird. Marfa Petrowna hat nie und nimmer die Absicht gehabt,
irgend etwas auf seinen Namen zu bertragen, weil sie die Kinder im Auge
hatte, und wenn sie ihm etwas hinterlassen hat, so ist es hchstens das
Notwendigste, kaum nennenswert und was fr einen Menschen von seinen
Gewohnheiten auch nicht ein Jahr ausreicht.

Peter Petrowitsch, ich bitte Sie, sagte Dunja, hren wir auf, von
Herrn Sswidrigailoff zu sprechen. Es macht mich schwermtig.

Er war soeben bei mir, sagte pltzlich Raskolnikoff, zum ersten Male
sein Schweigen brechend.

Von allen Seiten ertnten Ausrufe und alle wandten sich an ihn. Sogar
Peter Petrowitsch wurde aufgeregt.

Vor anderthalb Stunden, als ich schlief, kam er herein, weckte mich auf
und stellte sich vor, fuhr Raskolnikoff fort. Er war ziemlich
ungezwungen und lustig und hofft sicher, da ich mit ihm in nhere
Beziehungen treten werde. Unter anderem bittet er sehr um eine
Zusammenkunft mit dir, Dunja, und bat mich, der Vermittler dieser
Zusammenkunft zu sein. Er will dir ein Anerbieten machen; worin dies
besteht, hat er mir mitgeteilt. Auerdem teilte er mir positiv mit, da
Marfa Petrowna Zeit gefunden hat, eine Woche vor ihrem Tode, dir, Dunja,
dreitausend Rubel zu vermachen, und da du dieses Geld in sehr kurzer
Zeit erhalten kannst!

Gott sei Dank! rief Pulcheria Alexandrowna und schlug ein Kreuz. Bete
fr sie, Dunja, bete!

Das ist tatschlich wahr? entschlpfte es Luschin.

Nun und weiter? drngte Dunja.

Dann sagte er, da er selbst nicht reich sei und das ganze Vermgen
seinen Kindern, die jetzt bei der Tante sind, zufllt. Er sagte auch,
da er irgendwo nicht weit von mir abgestiegen sei, wo aber -- das wei
ich nicht, ich habe ihn nicht gefragt ...

Aber, was will er denn Dunetschka anbieten? fragte die erschrockene
Pulcheria Alexandrowna. Hat er es dir gesagt?

Ja, er hat es gesagt.

Was ist es denn?

Ich will es nachher sagen. Raskolnikoff verstummte und wandte sich zu
seinem Glase Tee.

Peter Petrowitsch sah auf seine Uhr.

Ich mu in einer notwendigen Angelegenheit weggehen und werde dann
nicht stren, fgte er mit merklich gekrnkter Miene hinzu und erhob
sich halb vom Stuhle.

Bleiben Sie, Peter Petrowitsch, sagte Dunja, Sie hatten doch die
Absicht, den ganzen Abend hier zu verbringen. Auerdem schrieben Sie
selbst, da Sie wnschen, ber etwas mit Mama zu sprechen.

Das ist richtig, Awdotja Romanowna, sagte Peter Petrowitsch mit
Nachdruck, setzte sich wieder hin, behielt aber den Hut in der Hand,
ich wollte tatschlich mit Ihnen und mit Ihrer verehrten Frau Mutter,
und sogar ber sehr wichtige Punkte, sprechen. Aber, wie Ihr Bruder in
meiner Gegenwart sich ber einige Angebote Herrn Sswidrigailoffs nicht
nher erklren kann, so wnschte ich auch nicht und kann nicht ... in
Gegenwart von anderen ... ber einige uerst wichtige Punkte sprechen.
Auerdem ist meine Haupt- und eindringlichste Bitte nicht erfllt worden
... Luschin nahm eine bittre Miene an und schwieg wrdevoll.

Ihre Bitte, da mein Bruder bei unserer Zusammenkunft nicht zugegen
wre, ist einzig auf mein Verlangen nicht erfllt worden, sagte Dunja.
Sie schrieben, da Sie von meinem Bruder beleidigt worden sind; ich
denke, da sich dies sofort aufklren lt und Sie beide werden sich
vertragen. Und wenn Rodja Sie tatschlich beleidigt hat, so _mu_ und
_wird_ er Sie um Entschuldigung bitten.

Peter Petrowitsch wurde sofort kouragierter.

Es gibt gewisse Beleidigungen, Awdotja Romanowna, die man beim besten
Willen nicht vergessen kann. In allem gibt es eine Grenze, die zu
berschreiten gefhrlich ist; denn, _ist_ sie einmal berschritten, so
ist es unmglich, zurckzukehren.

Ich sprach eigentlich nicht darber, Peter Petrowitsch, unterbrach ihn
Dunja ein wenig ungeduldig, verstehn Sie mich so, da die ganze Zukunft
jetzt davon abhngt, ob dieses alles sich mglichst schnell aufklren
und erledigen wird oder nicht? Ich sage offen, da ich anders es nicht
ansehen kann, und wenn Sie mich nur ein wenig schtzen, so mu die ganze
Geschichte, wie schwer es auch sein mag, heute noch beigelegt werden.
Ich wiederhole Ihnen, wenn mein Bruder die Schuld trgt, wird er um
Verzeihung bitten.

Ich bin erstaunt, da sie die Frage so stellen, Awdotja Romanowna,
wurde Luschin immer mehr gereizt, wenn ich Sie schtze und sozusagen
verehre, brauche ich doch gleichzeitig nicht jeden aus Ihrer Familie
besonders gern zu haben. Wenn ich auf den glcklichen Besitz ihrer Hand
Anspruch erhebe, brauche ich doch nicht gleichzeitig Verpflichtungen zu
bernehmen, die unvereinbar ...

Ach, lassen Sie diese Empfindlichkeit, Peter Petrowitsch, unterbrach
ihn Dunja mit Wrme, und seien Sie der kluge und edle Mensch, fr den
ich Sie stets gehalten habe und halten will. Ich habe Ihnen ein groes
Versprechen gegeben, ich bin Ihre Braut geworden; vertrauen Sie doch mir
in dieser Sache und glauben Sie mir, ich werde die Kraft haben,
unparteiisch zu urteilen. Der Umstand, da ich die Rolle eines Richters
bernehme, ist fr meinen Bruder ebenso eine berraschung wie fr Sie.
Als ich ihn heute nach dem Empfang Ihres Briefes aufforderte, unbedingt
zu unserer Zusammenkunft zu kommen, habe ich ihm nichts von meinen
Absichten mitgeteilt. Verstehn Sie doch, da, wenn Sie sich nicht
vertragen, ich zwischen Ihnen beiden whlen mu, -- entweder Sie oder
ihn. So ist die Frage, wie von seiner, so auch von Ihrer Seite gestellt.
Ich will und darf mich nicht in der Wahl irren. Ihretwegen mu ich mit
meinem Bruder brechen; meines Bruders wegen mu ich mit Ihnen brechen.
Ich will und kann jetzt sicher erfahren, -- ist er mir wirklich ein
Bruder? Und von Ihnen, ob ich Ihnen teuer bin, ob Sie mich schtzen und
Sie mir ein Gatte sein knnen?

Awdotja Romanowna, sagte Luschin verletzt. Ihre Worte sind fr mich
zu bedeutungsvoll, ich will sogar sagen, krnkend, in Anbetracht der
Stellung, die ich die Ehre habe Ihnen gegenber einzunehmen. Ich spreche
schon gar nicht von der krnkenden und sonderbaren Gegenberstellung
zwischen mir ... und einem aufgeblasenen Jngling, aber in Ihren Worten
geben Sie mir die Mglichkeit zu, das mir gegebene Versprechen zu
brechen. Sie sagen, >entweder Sie, oder er<? also zeigen Sie damit, wie
wenig ich fr Sie bedeute ... ich kann dies bei den Beziehungen ... und
Umstnden, die zwischen uns bestehen, nicht zulassen.

Wie! flammte Dunja auf. Ich stelle Ihre Interessen auf eine Stufe mit
allem, was mir im Leben bis jetzt teuer war, was bis jetzt mein _ganzes_
Leben ausmachte, und Sie sind gekrnkt, da ich Sie _zu wenig_ schtze!

Raskolnikoff lchelte schweigend und hhnisch, Rasumichin war emprt;
Peter Petrowitsch aber lie die Erwiderung nicht gelten, er wurde im
Gegenteil mit jedem Worte immer zudringlicher und gereizter, als htte
er daran Geschmack gefunden.

Die Liebe zum knftigen Lebensgefhrten, zum Manne, mu die Liebe zum
Bruder berwiegen, sagte er sentenzis, in jedem Falle aber kann ich
nicht auf ein und derselben Stufe stehn ... Aber obwohl ich vorhin
bestimmt sagte, da ich in Gegenwart Ihres Bruders nicht wnsche, alles
zu erklren, und nicht sagen knne, weswegen ich hierhergekommen bin,
habe ich jetzt trotzdem die Absicht, mich an Ihre verehrte Frau Mutter
zu wenden, um eine notwendige Aufklrung ber einen sehr wichtigen und
mich beleidigenden Punkt zu erhalten. Ihr Sohn, wandte er sich an
Pulcheria Alexandrowna, hat mich gestern in Gegenwart des Herrn
Rassudkin ... (Nicht wahr, der Name ist doch richtig, ich habe Ihren
Namen vergessen, entschuldigen Sie, verbeugte er sich hflich vor
Rasumichin) durch die Verdrehung eines Gedankens von mir, den ich Ihnen
einmal in einem Privatgesprch bei einer Tasse Kaffee mitteilte,
beleidigt. Mein Gedanke war, da die Heirat mit einem armen Mdchen, das
schon die Sorgen des Lebens erfahren hat, meiner Ansicht nach vom
Standpunkte der Ehe aus vorteilhafter sei, als mit einem, das im
berflusse lebt, weil es in moralischer Hinsicht ntzlicher sei. Ihr
Sohn hat absichtlich den Sinn meiner Worte uerst entstellt und mich
bswilliger Absichten beschuldigt, indem er sich meiner Ansicht nach auf
Ihren eigenen Brief sttzte. Ich wrde mich glcklich schtzen, wenn es
Ihnen, Pulcheria Alexandrowna, mglich wre, mich vom Gegenteil zu
berzeugen und mich dadurch sehr zu beruhigen. Teilen Sie mir mit, in
welchen Ausdrcken Sie meine Worte in Ihrem Briefe an Rodion
Romanowitsch wiedergegeben haben?

Ich entsinne mich nicht, sagte Pulcheria Alexandrowna verwirrt, ich
habe sie aber wiedergegeben, wie ich sie selbst verstanden hatte. Ich
wei nicht, wie Rodja es Ihnen erzhlt hat ... Vielleicht hat er auch
einiges bertrieben.

Ohne Ihren Ansto konnte er sie nicht bertreiben.

Peter Petrowitsch, erwiderte Pulcheria Alexandrowna voll Wrde, der
Beweis, da ich und Dunja Ihre Worte nicht in sehr schlechtem Sinne
aufgefat haben, ist, da wir _hier_ sind.

Das war gut, Mama! sagte Dunja lobend.

Also, auch daran bin ich schuld! bemerkte Luschin gekrnkt.

Sehen Sie, Peter Petrowitsch, Sie beschuldigen immer Rodion, Sie selbst
aber haben vorhin in dem Briefe ber ihn die Unwahrheit geschrieben,
fgte Pulcheria Alexandrowna ermutigt hinzu.

Ich erinnere mich nicht, da ich irgendeine Unwahrheit geschrieben
htte.

Sie haben geschrieben, sagte Raskolnikoff scharf, ohne sich zu Luschin
umzuwenden, da ich gestern das Geld nicht der Witwe des berfahrenen
gegeben habe, wie es in der Tat war, sondern seiner Tochter, die ich
nebenbei gesagt niemals vor dem gestrigen Tage gesehen habe. Sie haben
dies geschrieben, um mich mit meinen Verwandten zu entzweien, und haben
auch aus dem Grunde sich in abscheulichen Ausdrcken ber den
Lebenswandel des jungen Mdchen geuert, das Sie nicht einmal kennen.
Das sind alles gemeine Klatschereien.

Entschuldigen Sie, mein Herr, antwortete Luschin zitternd vor Wut, in
meinem Briefe habe ich mich ber Ihre Eigenschaften und Handlungen
einzig aus dem Grunde geuert, um die Bitte Ihrer Schwester und Mutter
zu erfllen und ihnen zu beschreiben, wie ich Sie gefunden und welch
einen Eindruck Sie auf mich gemacht haben. Was das in meinem Briefe
Erwhnte anbetrifft, so zeigen Sie mir wenigstens eine unwahre Zeile,
das heit, da Sie das Geld nicht verbraucht haben und da in dieser
wenn auch unglcklichen Familie keine unwrdigen Personen sich
befinden?

Meiner Ansicht nach sind Sie mit allen Ihren Vorzgen nicht den kleinen
Finger dieses unglcklichen Mdchens wert, auf das Sie einen Stein
werfen.

Nun, knnen Sie sich auch entschlieen, sie in die Gesellschaft Ihrer
Mutter und Schwester einzufhren?

Ich habe es schon getan, wenn Sie es wissen wollen. Ich habe sie heute
neben meine Mutter und Dunja gesetzt.

Rodja! rief Pulcheria Alexandrowna aus.

Dunetschka errtete; Rasumichin zog die Augenbrauen zusammen. Luschin
lchelte hhnisch und hochmtig.

Sie belieben selbst zu sehen, Awdotja Romanowna, sagte er, da hier
keine Verstndigung mglich ist. Ich hoffe jetzt, da diese Sache
abgetan und ein fr allemal aufgeklrt ist. Ich will mich entfernen, um
die weitere angenehme Zusammenkunft der Verwandten und die Mitteilung
von Geheimnissen nicht zu stren. Er erhob sich vom Stuhle und nahm
seinen Hut. Beim Weggehen erlaube ich mir zu bemerken, da ich hoffe,
knftig von hnlichen Begegnungen und sozusagen Ausgleichsversuchen
befreit zu sein. Sie, verehrte Pulcheria Alexandrowna, mchte ich
besonders bitten, um so mehr, als auch mein Brief an Sie und nicht an
andere adressiert war.

Pulcheria Alexandrowna fhlte sich gekrnkt.

Was, wollen Sie uns ganz in Ihre Macht nehmen, Peter Petrowitsch? Dunja
hat uns den Grund gesagt, warum Ihr Wunsch nicht erfllt worden ist, --
sie hatte gute Absichten damit verfolgt. Ja, und Sie schreiben mir, als
ob Sie mir zu befehlen htten. Sollen wir denn jeden Ihrer Wnsche als
Befehl ansehen? Ich will Ihnen im Gegenteil sagen, da Sie jetzt uns
gegenber besonders delikat und nachgiebig sein sollten, weil wir alles
im Stich gelassen haben und im Vertrauen zu Ihnen hierhergereist sind,
also auch uns sowieso fast in Ihrer Gewalt befinden.

Das ist nicht ganz richtig, Pulcheria Alexandrowna, und besonders im
gegenwrtigen Augenblick nicht, wo Ihnen ber die von Marfa Petrowna
nachgelassenen dreitausend Rubel Mitteilung zukam, was Ihnen sehr
willkommen zu sein scheint, wie man nach dem neuen Tone, in dem Sie mit
mir sprechen, annehmen kann, fgte er hhnisch hinzu.

Nach dieser Bemerkung zu urteilen, haben Sie tatschlich auf unsere
Hilflosigkeit gerechnet, sagte Dunja gereizt.

Jetzt wenigstens kann ich dies nicht mehr, und ich mchte besonders
nicht die Mitteilung der geheimnisvollen Angebote von Arkadi Iwanowitsch
Sswidrigailoff stren, mit denen er Ihren Bruder betraut hat, und die
fr Sie, wie ich sehe, eine wichtige und vielleicht auch sehr angenehme
berraschung sind.

Ach, mein Gott! rief Pulcheria Alexandrowna aus.

Rasumichin konnte nicht mehr auf dem Stuhle sitzen.

Und du schmst dich jetzt nicht, Schwester? fragte Raskolnikoff.

Ich schme mich, Rodja, sagte Dunja. Peter Petrowitsch, gehen Sie
hinaus! wandte sie sich zu ihm, bleich vor Zorn.

Mit einem solchen Ende hatte Peter Petrowitsch nicht gerechnet. Er hatte
zu sehr auf sich selbst, auf seine Macht und die Hilflosigkeit seiner
Opfer gebaut. Aber er glaubte es auch jetzt noch nicht. Er erbleichte
und seine Lippen zitterten.

Awdotja Romanowna, wenn ich jetzt zu dieser Tre hinausgehe mit einem
solchen Abschiede, so -- bedenken Sie es -- kehre ich nie mehr zurck.
berlegen Sie es sich gut! Mein Wort ist unerschtterlich.

Welch eine Frechheit! rief Dunja und erhob sich schnell von ihrem
Platze, ich will gar nicht, da Sie zurckkehren!

Wie! Also so steht es! rief Luschin aus, der bis zum letzten
Augenblicke an solchen Ausgang nicht geglaubt hatte, und der nun
vollkommen den Faden verlor, also, so ist es gemeint! Aber wissen Sie
auch, Awdotja Romanowna, da ich dagegen protestieren knnte.

Welch ein Recht haben Sie, in solcher Weise mit ihr zu sprechen! trat
Pulcheria Alexandrowna hitzig ein. Wie knnen Sie protestieren? Und was
fr Rechte haben Sie? Und soll ich Ihnen, solch einem, meine Dunja
geben? Gehen Sie, verlassen Sie uns! Wir sind selbst schuld, da wir auf
solch eine ungerechte Sache eingingen und am meisten ich ...

Sie haben mich doch, Pulcheria Alexandrowna, ereiferte sich Luschin in
seiner Wut, durch Ihr gegebenes Wort gebunden, von dem Sie sich jetzt
lossagen ... und endlich ... endlich haben Sie mich dadurch sozusagen in
Unkosten gestrzt ...

Diese letzte Anmaung war dem Charakter von Peter Petrowitsch so
entsprechend, da Raskolnikoff, bleich vor Zorn und Anstrengung an sich
zu halten, sich nicht enthalten konnte und -- laut auflachte. Pulcheria
Alexandrowna aber war auer sich.

In Unkosten? In was fr Unkosten? Meinen Sie etwa damit unseren Koffer?
Es hat doch ein Schaffner ihn umsonst hergeschafft. Mein Gott, wir haben
Sie gebunden! Besinnen Sie sich doch, Peter Petrowitsch, Sie haben uns
an Hnden und Fen gebunden und nicht wir Sie!

Genug, Mama, bitte, genug! bat Awdotja Romanowna. Peter Petrowitsch,
tun Sie mir den Gefallen und gehen Sie!

Ich gehe sofort, aber noch ein letztes Wort! sagte er, vllig auer
sich. Ihre Mutter scheint vollkommen vergessen zu haben, da ich mich
entschlossen hatte, trotz den Gerchten in der Stadt, die im ganzen
Umkreise ber Ihren Ruf verbreitet waren, Sie zu heiraten. Indem ich
Ihretwegen die ffentliche Meinung nicht beachtete und Ihren Ruf
herstellte, konnte ich sicher sehr auf eine Vergeltung hoffen und sogar
Ihre Dankbarkeit verlangen ... Und jetzt erst sind mir die Augen
geffnet worden! Ich sehe selbst, da ich sehr bereilt gehandelt habe,
indem ich der ffentlichen Stimme keine Beachtung schenkte ...

Ja, hat er denn zwei Kpfe! rief Rasumichin aus, sprang vom Stuhle auf
und schickte sich schon an, ihm einen Denkzettel zu geben.

Sie sind ein gemeiner und bser Mensch! sagte Dunja.

Kein Wort mehr! Keine Bewegung! rief Raskolnikoff und hielt Rasumichin
zurck; dann trat er dicht an Luschin heran.

Gehen Sie sofort hinaus! sagte er leise und deutlich, und kein Wort
mehr, sonst ...

Peter Petrowitsch blickte ihn einige Sekunden mit bleichem vor Wut
verzogenem Gesichte an, wandte sich um und ging hinaus, und sicher hat
selten jemand soviel Ha auf einen andern in seinem Herzen
davongetragen, wie dieser Mann gegen Raskolnikoff. Ihn und nur ihn
allein machte er fr alles verantwortlich. Merkwrdig, da er sich, als
er schon die Treppe hinabstieg, immer noch einbildete, da die Sache
vielleicht nicht ganz verloren und bei den Damen wenigstens sogar sehr
leicht ins Geleise zu bringen sei.


                                  III.

Die Hauptsache war, da er bis zum letzten Augenblicke einen derartigen
Ausgang gar nicht erwartet hatte. Er spielte bis zum letzten Momente den
berlegenen, ohne auch nur die Mglichkeit zu ahnen, da zwei arme und
schutzlose Frauen sich seiner Macht entziehen knnten. Zu dieser
berzeugung trugen seine Eitelkeit und sein bermiges Selbstbewutsein
viel bei, das man am besten Selbstverliebtheit nennen kann. Peter
Petrowitsch, der sich aus kleinen Verhltnissen emporgearbeitet hatte,
hatte die krankhafte Angewohnheit, sich selbst mit Wohlgefallen zu
betrachten, schtzte seinen Verstand und seine Fhigkeiten hoch ein, ja,
er besah sogar zuweilen, wenn er allein war, sein Gesicht mit Liebe im
Spiegel. Am meisten in der Welt aber liebte und schtzte er sein Geld,
das er durch Arbeit und allerhand Machinationen erworben hatte, -- es
stellte ihn nach seinem Dafrhalten auf gleiche Stufe mit allem, was
hher war als er.

Indem er voll Bitterkeit Dunja daran erinnerte, da er sich entschlossen
hatte, sie, trotz der schlechten Gerchte ber sie, zu heiraten, sprach
Peter Petrowitsch vollkommen aufrichtig, er empfand eine tiefe
Entrstung ber solch einen schwarzen Undank. Als er aber damals um
Dunja anhielt, war er schon von der Sinnlosigkeit aller dieser
Klatschgeschichten vllig berzeugt, die von Marfa Petrowna selbst
ffentlich widerrufen und schon lngst vom ganzen Stdtchen, das Dunja
warm in Schutz nahm, vergessen waren. Er wrde es selber jetzt nicht
geleugnet haben, da er alles damals schon gewut hatte. Aber trotzdem
rechnete er seinen Entschlu, Dunja zu sich zu erheben, hoch an und
hielt ihn fr eine groe Tat. Indem er dies gegen Dunja aussprach,
drckte er einen geheimen lngst gehegten Gedanken aus, an dem er mehr
als einmal sich selber erbaut hatte, und er konnte es nicht begreifen,
da die anderen seine groe Tat nicht mit gleicher Bewunderung ansahen.
Als er damals Raskolnikoff einen Besuch machte, kam er mit den Gefhlen
eines Wohltters, der sich anschickt, die Frchte seiner Taten zu ernten
und schmeichelhaftes Lob zu hren. Auch jetzt, als er die Treppe
hinabstieg, hielt er sich selbstverstndlich fr im hchsten Grade
gekrnkt und verkannt.

Dunja hatte er einfach ntig; es war ihm undenkbar, auf sie zu
verzichten. Lange schon, seit einigen Jahren, trumte er mit Behagen von
einer Heirat, aber er sparte fortwhrend noch mehr Geld und wartete. Er
dachte mit Begeisterung in seinen geheimsten Trumen an ein
wohlgesittetes und armes (sie mute unbedingt arm sein) Mdchen, das
jung, sehr hbsch, aus guter Familie, gebildet, sehr eingeschchtert
sein mute, das auerordentlich viel Unglck durchgemacht hatte und das
sich vor ihm vollkommen beugen wrde, an ein solches Mdchen, das ihr
ganzes Leben lang ihn als ihren Retter ansehen, ihn verehren, sich ihm
unterordnen und ihn, nur ihn allein bewundern wrde. Wieviel Szenen,
wieviel wonnige Episoden hatte er sich in der Phantasie ber dieses
verfhrerische und reizende Thema ausgemalt, wenn er in aller Stille von
der Arbeit ausruhte! Und siehe da, der Traum von so viel Jahren wurde
fast ganz zur Wirklichkeit, -- die Schnheit und die Bildung Awdotja
Romanownas hatten ihn berrascht, und ihre hilflose Lage reizte ihn aufs
uerste. Hier war mehr noch vorhanden, als er getrumt hatte; er hatte
ein stolzes, charakterfestes, tugendhaftes Mdchen getroffen, das an
Erziehung und Bildung hher stand, als er selber (das fhlte er), und
solch ein Wesen wird ihm ihr ganzes Leben wegen seiner groen Tat
sklavisch dankbar sein und in Verehrung sich vor ihm in den Staub
werfen, er aber wird grenzenlos und unbedingt ber sie herrschen ... Als
htte es so sein mssen, hatte er sich kurz vorher nach langem Wgen und
Warten entschlossen, seine Laufbahn zu ndern und in einen greren
Wirkungskreis berzugehen, um gleichzeitig allmhlich in die hhere
Gesellschaft, an die er lange schon mit Sehnsucht gedacht hatte,
hineinzukommen ... Mit einem Worte, er entschlo sich, es in Petersburg
zu versuchen. Er wute, da man durch Frauen sehr viel machen konnte.
Der Zauber einer reizenden, tugendhaften und gebildeten Frau konnte
wunderbar seinen Weg ebnen, Leute an ihn heranziehen, ihm einen
Glorienschein verleihen ... und nun war alles zerstrt! Dieser
pltzliche abscheuliche Bruch traf ihn wie ein Donnerschlag. Aber es war
ein schlechter Spa, war Unsinn! Er hat doch nur ein bichen
bertrieben; er hatte nicht mal Zeit gehabt, sich auszusprechen, er
hatte blo gescherzt, lie sich ein wenig gehen, und es hat so ein
ernstes Ende genommen! Und schlielich, er liebte doch Dunja in seiner
Weise, er herrschte schon ber sie in seinen Trumen, -- und nun
pltzlich dieses! ... Nein! Morgen, morgen schon mu alles wieder
ausgeglichen, aufgeklrt und gutgemacht werden, Hauptsache war -- diesen
aufgeblasenen Milchbart, der an allem Schuld war, zu vernichten. Mit
Unbehagen dachte er pltzlich an Rasumichin ... aber er beruhigte sich
gleich -- es fehlte gerade noch, da auch er auf eine Stufe mit ihm
gestellt wrde! Wen er aber tatschlich allen Ernstes frchtete -- war
Sswidrigailoff ... Mit einem Worte, es standen viel Mhe und Sorgen
bevor ...

                   *       *       *       *       *

Nein, ich, ich bin am meisten schuld! sagte Dunja, umarmte und kte
die Mutter, ich habe mich von seinem Gelde verlocken lassen, aber ich
schwre dir, Bruder, -- ich konnte nicht glauben, da er so unwrdig
ist. Htte ich ihn vorher erkannt, htte ich mich um alles in der Welt
nicht verlocken lassen! Klage mich nicht an, Bruder!

Gott hat uns gerettet! Gott hat uns gerettet! murmelte Pulcheria
Alexandrowna, aber wie unbewut, als htte sie noch nicht ganz
begriffen, was vorgefallen war.

Alle freuten sich, und nach fnf Minuten lachten sie sogar. Zuweilen
erblate Dunetschka ein wenig und verzog die Augenbrauen bei der
Erinnerung an das Vorgefallene. Pulcheria Alexandrowna konnte es nicht
begreifen, da sie sich auch freute; der Bruch mit Luschin war ihr heute
frh noch als ein schreckliches Unglck erschienen. Rasumichin aber war
entzckt. Er wagte noch nicht ganz sein Entzcken zu uern, aber er
bebte am ganzen Krper wie im Fieber, als htte sich eine zentnerschwere
Last von seinem Herzen gelst. Jetzt hat er das Recht, ihnen sein ganzes
Leben hinzugeben, ihnen zu dienen ... und noch mehr. -- Aber sofort
jagte er ngstlich alle Zukunftsgedanken fort, er frchtete sich vor
seiner Phantasie. Nur Raskolnikoff allein sa auf demselben Platze, fast
dster und zerstreut. Er, der am meisten auf den Bruch mit Luschin
bestanden hatte, schien sich jetzt am allerwenigsten fr das
Vorgefallene zu interessieren. Dunja dachte unwillkrlich, da er immer
noch sehr bse auf sie sei, und Pulcheria Alexandrowna betrachtete ihn
ngstlich.

Was hat dir denn Sswidrigailoff gesagt? trat Dunja an ihn heran.

Ach ja, ja! rief Pulcheria Alexandrowna aus.

Raskolnikoff erhob den Kopf.

Er will dir unbedingt zehntausend Rubel schenken und uert dabei den
Wunsch, dich einmal in meiner Gegenwart zu sehen.

Sie zu sehen! Um keinen Preis in der Welt! rief Pulcheria
Alexandrowna, und wie wagt er es, ihr Geld anzubieten!

Darauf teilte Raskolnikoff ziemlich trocken sein Gesprch mit
Sswidrigailoff mit, wobei er von dem Erscheinen Marfa Petrownas als
Gespenst nichts erwhnte, um nicht zu weit zu gehen, und weil er einen
Widerwillen empfand, irgendeine Unterhaltung, auer der notwendigsten,
zu fhren.

Was hast du ihm geantwortet? fragte Dunja.

Ich sagte zuerst, da ich dir keine Mitteilung machen wolle. Darauf
erklrte er mir, da er dann selbst mit allen Mitteln versuchen werde,
dich zu sehen. Er beteuerte, da seine Leidenschaft zu dir eine Torheit
gewesen sei und da er jetzt dir gegenber nichts mehr empfinde ... Er
will nicht, da du Luschin heiratest ... Er sprach berhaupt verworren.

Wie erklrst du ihn dir, Rodja? Wie ist er dir erschienen?

Ich mu gestehen, da ich mir nicht so ganz klar ber ihn bin. Er
bietet zehntausend an, sagt aber selbst, er sei nicht reich. Er erklrt,
da er irgendwohin reisen will, und nach zehn Minuten vergit er, da er
darber gesprochen hat. Pltzlich sagt er auch, da er heiraten will und
da man ihm schon eine Braut freit ... Sicher hat er Absichten und am
wahrscheinlichsten -- schlimme ... Aber wieder ist es sonderbar
anzunehmen, da er so dumm die Sache anfassen wrde, wenn er dir
gegenber schlimme Absichten htte ... Ich habe selbstverstndlich
dieses Geld in deinem Namen ein fr allemal ausgeschlagen. berhaupt
erschien er mir sehr eigentmlich und ... sogar ... mit Anzeichen von
Geistesstrung. Ich kann mich jedoch auch irren; er kann einfach
geschwindelt haben. Der Tod von Marfa Petrowna scheint aber einen
Eindruck auf ihn gemacht zu haben ...

Gott schenke ihrer Seele Ruhe! rief Pulcheria Alexandrowna, ich will
ewig, ewig fr sie zu Gott beten! Nun, wie wrde es mit uns jetzt
stehen, Dunja, ohne diese dreitausend Rubel! Mein Gott, sie sind wie vom
Himmel geschickt! Ach, Rodja, wir hatten ja am Morgen im ganzen noch
drei Rubel, und ich berlegte mit Dunetschka die ganze Zeit, wie wir am
schnellsten irgendwo die Uhr versetzen knnten, um blo nicht von diesem
... zu fordern, bis es ihm selbst in den Sinn kommt.

Dunja hatte das Anerbieten Sswidrigailoffs zu stark berrascht. Sie
stand die ganze Zeit in Gedanken versunken.

Er hat irgend etwas Schreckliches im Sinn! sagte sie fast im
Flstertone zu sich selbst und schauderte.

Raskolnikoff bemerkte diese malose Furcht.

Ich glaube, ich werde ihn noch einmal sehen, sagte er zu Dunja.

Wir wollen ihn beobachten! Ich werde ihn finden! rief Rasumichin
energisch. Ich will mein Auge nicht von ihm lassen! Rodja hat es mir
erlaubt. Er hat mir selbst vorhin gesagt: Beschtze die Schwester! Und
wollen Sie es auch erlauben, Awdotja Romanowna?

Dunja lchelte und reichte ihm die Hand, aber die Sorge verlie nicht
ihr Gesicht. Pulcheria Alexandrowna blickte sie schchtern an; die
dreitausend Rubel hatten sie sichtlich beruhigt.

Nach einer Viertelstunde waren alle in lebhaftester Unterhaltung. Sogar
Raskolnikoff hrte einige Zeit aufmerksam zu, obwohl er sich nicht am
Gesprch beteiligte.

Rasumichin redete in einem fort.

Und warum, warum sollen Sie abreisen! ergo er sich mit Wonne in einer
begeisterten Rede, und was wollen Sie in dem Stdtchen machen? Und die
Hauptsache, Sie leben alle hier zusammen, und der eine besucht den
anderen, ... braucht ihn sehr, verstehen Sie mich! So versuchen Sie es
wenigstens eine Weile ... Mich nehmen Sie als Ihren Freund, als
Kompagnon, und ich versichere Sie, wir wollen ein ausgezeichnetes
Unternehmen grnden. Hren Sie, ich will Ihnen alles genau erklren, --
das ganze Projekt mit allen Details! Schon heute Morgen, als noch nichts
vorgefallen war, kam es mir in den Sinn ... Sehen Sie, die Sache besteht
aus folgendem, -- ich habe einen Onkel, -- ich will Sie mit ihm bekannt
machen, ein ausgezeichneter und verehrungswrdiger alter Herr, -- und
dieser Onkel hat ein Vermgen von tausend Rubel, er selbst lebt von
seiner Pension und leidet keine Not. Fast zwei Jahre schon qult er
mich, da ich diese tausend Rubel fr ihn anlegen und ihm sechs Prozent
dafr zahlen soll. Ich wei ja, wie der Hase luft, -- er will mir
einfach helfen; im vorigen Jahre aber brauchte ich es nicht, in diesem
Jahre jedoch wartete ich blo auf seine Ankunft und habe mich
entschlossen, es anzunehmen. Sie geben dann das zweite Tausend von Ihren
drei, und sehen Sie, das gengt fr den Anfang, und wir verbnden uns.
Was machen wir aber damit?

Und nun begann Rasumichin sein Projekt zu entwickeln und redete viel
darber, wie wenig fast alle unsere Buchhndler und Verleger von ihrer
Sache verstehen, darum seien sie auch gewhnlich schlechte Verleger,
whrend anstndige Buchausgaben sich sicher bezahlt machten und einen
zuweilen bedeutenden Nutzen abwrfen. Von der Ttigkeit eines Verlegers
trumte also Rasumichin; er hatte schon zwei Jahre fr andere gearbeitet
und beherrschte drei europische Sprachen recht gut, wenn er auch vor
sechs Tagen Raskolnikoff erklrt hatte, da er im Deutschen schwach
sei, aber das tat er, um ihn zu bewegen, die Hlfte der
bersetzungsarbeit und die drei Rubel Vorschu anzunehmen. Er log
damals, und Raskolnikoff wute, da er log.

Warum denn sollen wir unseren eigenen Vorteil versumen, wenn wir
pltzlich eines der Hauptmittel besitzen, -- und zwar eigenes Geld?
ereiferte sich Rasumichin. Gewi, man mu viel arbeiten, aber wir
wollen arbeiten, Sie, Awdotja Romanowna, ich, Rodion ... manche
Buchausgaben rentieren jetzt prchtig! Und die Hauptunterlage des
Unternehmens besteht darin, da wir wissen werden, was gerade bersetzt
werden mu. Wir wollen bersetzen und verlegen und lernen, alles
zusammen. Jetzt kann ich ntzlich sein, denn ich habe darin Erfahrung.
Es sind bald zwei Jahre, seit ich bei den Verlegern herumlaufe, und ich
kenne alle ihre Schliche; es ist keine Hexerei, glauben Sie mir! Und
warum soll man nicht nach dem Bissen greifen! Ich kenne selbst und
bewahre es als ein Geheimnis, zwei oder drei solcher Werke; fr den
Gedanken allein, sie zu bersetzen und zu verlegen, kann man hundert
Rubel fr jedes Buch nehmen, und das eine Werk, die Idee allein schon,
gebe ich nicht um fnfhundert Rubel. Was meinen Sie, wenn ich es jemand
mitteilen wrde, so ein Holzklotz tte vielleicht noch daran zweifeln.
Und was die geschftlichen Dinge -- Druckerei, Papier, Verkauf --
anbetrifft, so berlassen Sie dies mir. Ich kenne alle Schliche! Wir
wollen mit kleinem anfangen und groes erreichen; wenigstens ernhren
knnen wir uns und erhalten in jedem Falle unser Geld zurck.

Dunjas Augen leuchteten.

Was Sie vorbringen, gefllt mir sehr, Dmitri Prokofjitsch, sagte sie.

Ich verstehe hiervon gar nichts, sagte Pulcheria Alexandrowna,
vielleicht ist es auch gut, aber Gott wei. Es ist neu und unbekannt.
Gewi mssen wir hierbleiben, wenigstens eine Zeitlang ...

Sie blickte Rodja an.

Was meinst du, Bruder? sagte Dunja.

Ich meine, da er einen sehr guten Gedanken hat, antwortete er. Von
einer Firma mu man selbstverstndlich vorher nicht trumen, aber fnf
oder sechs Bcher kann man tatschlich mit zweifellosem Erfolg verlegen.
Ich kenne auch selbst ein Werk, das unbedingt gehen wird. Und da er die
Sache zu leiten versteht, unterliegt keinem Zweifel, -- er versteht die
Sache ... brigens habt ihr noch Zeit, euch zu besprechen ...

Hurra! rief Rasumichin. Warten Sie, hier im selben Hause und bei
denselben Wirtsleuten ist eine Wohnung frei. Sie ist ganz abgeschlossen,
hat mit diesen Zimmern keine Verbindung und besteht aus drei mblierten
Stuben, der Preis ist mig. Die knnen Sie frs erste nehmen. Die Uhr
will ich fr Sie morgen versetzen und Ihnen das Geld bringen und das
weitere wird sich finden. Die Hauptsache aber ist, da Sie alle drei
zusammen leben knnen, auch Rodja mit Ihnen. Wohin willst du denn,
Rodja?

Wie, Rodja, gehst du schon fort? fragte Pulcheria Alexandrowna
erschreckt.

In solch einem Augenblick! rief Rasumichin.

Dunja blickte den Bruder mit mitrauischem Erstaunen an. Er hielt die
Mtze in den Hnden und schickte sich an, wegzugehen.

Ihr tut ja, als ob ihr mich beerdigen oder auf ewig Abschied nehmen
mtet, sagte er eigentmlich.

Er wollte lcheln, aber dieses Lcheln gelang ihm schlecht.

Wer wei, vielleicht sehen wir uns auch zum letztenmal, fgte er
unvermutet hinzu.

Er wollte es blo denken, doch die Worte entschlpften ihm.

Um Gottes willen, was ist mit dir! rief die Mutter aus.

Wohin willst du gehen, Rodja? fragte ihn Dunja in angstvollem Tone.

Ich mu jetzt fortgehen, antwortete er unklar, als sei er im Zweifel,
was er sagen wollte.

In seinem bleichen Gesichte drckte sich eine feste Entschlossenheit
aus.

Ich wollte sagen ... als ich hierher ging ... ich wollte Ihnen, Mama
... und dir, Dunja, sagen, da es besser sei, wenn wir uns fr eine
Zeitlang trennen. Ich fhle mich nicht wohl, ich bin unruhig ... ich
will spter wiederkommen, ich werde von selbst kommen, wenn ... es mir
mglich sein wird. Ich denke an euch und liebe euch ... Doch lat mich!
Lat mich allein! Ich habe es so beschlossen, schon frher ... Ich habe
es bestimmt beschlossen ... Was mit mir auch geschieht, ob ich zugrunde
gehen werde oder nicht, ich will allein sein. Verget mich ganz und gar.
Es ist so am besten. Erkundigt euch auch nicht nach mir. Wenn es ntig
sein wird, komme ich von selbst oder ... ich rufe euch. Vielleicht wird
noch alles gut! ... Jetzt aber sagt euch von mir los, wenn ihr mich
liebt ... Sonst mu ich euch hassen, ich fhle es ... Lebt wohl!

Mein Gott! rief Pulcheria Alexandrowna.

Die Mutter und die Schwester waren furchtbar erschrocken; Rasumichin
ebenfalls.

Rodja, Rodja! Vershne dich mit uns, wir wollen wieder wie frher
sein! rief die arme Mutter aus.

Er wandte sich langsam der Tre zu und ging langsam hinaus. Dunja holte
ihn ein.

Bruder! Was tust du deiner Mutter an! flsterte sie, und ihr Blick
leuchtete vor Emprung.

Er schaute sie schwermtig an.

Es hat nichts zu bedeuten, ich komme, ich werde kommen! murmelte er
halblaut, als ob er sich nicht vllig bewut sei, was er sagen wollte,
und ging aus dem Zimmer.

Gefhlloser, bser Egoist! rief Dunja.

Er ist ver--rckt und nicht gefhllos! Er ist geistesgestrt! Sehen Sie
es denn nicht? Sonst sind Sie gefhllos! ... flsterte Rasumichin ihr
zu und drckte stark ihre Hand.

Ich komme sofort! wandte er sich an die erstarrte Pulcheria
Alexandrowna und lief aus dem Zimmer. Raskolnikoff erwartete ihn am Ende
des Korridors.

Ich wute, da du mir nachgehen wirst, sagte er. Gehe zu ihnen zurck
und bleibe bei ihnen ... Sei auch morgen bei ihnen ... und stets. Ich
komme ... vielleicht ... wenn ich kann. Leb wohl!

Und ohne ihm die Hand zu reichen, ging er weiter.

Ja, wohin gehst du? Was ist mit dir? Was ist geschehen? Kann man denn
so! ... murmelte Rasumichin fassungslos.

Raskolnikoff blieb noch einmal stehen.

Ich sage dir ein fr allemal, -- frage mich nicht und ber nichts. Ich
habe dir nichts zu antworten ... Komme nicht zu mir. Vielleicht komme
ich selbst hierher ... La mich ... sie aber _verlasse nicht_. Verstehst
du?

Es war ziemlich dunkel auf dem Korridor, sie standen unter einer
sprlich brennenden Lampe. Eine Minute blickten sie einander schweigend
an. Rasumichin erinnerte sich sein ganzes Leben dieser Minute. Der
brennende und starre Blick Raskolnikoffs schien mit jedem Momente sich
zu verstrken und drang in seine Seele und in sein Bewutsein. Da zuckte
Rasumichin zusammen. Ein frchterliches Etwas trat zwischen sie ... Ein
Gedanke, sprbar wie ein Hauch; ein schauerlicher grlicher Gedanke von
beiden gedacht, von beiden verstanden ... Rasumichin wurde bleich wie
ein Toter.

Verstehst du jetzt? sagte Raskolnikoff pltzlich mit schmerzlich
verzogenem Gesichte. Kehre zurck, gehe zu ihnen, fgte er sofort
hinzu, drehte sich schnell um und verlie das Haus.

Ich will nicht beschreiben, was an diesem Abend bei Pulcheria
Alexandrowna geschah, wie Rasumichin zu ihnen zurckkehrte, wie er sie
beruhigte, wie er schwur, da man Rodja in seiner Krankheit Ruhe geben
msse, wie er schwur, da Rodja unbedingt kommen wrde, da er jeden Tag
herkommen wrde, da er sehr, sehr aufgeregt sei, da man ihn nicht
reizen drfe; wie er, Rasumichin, auf ihn aufpassen werde, ihm einen
guten Arzt, den besten, ein ganzes Konsilium verschaffen werde ... Mit
einem Worte, Rasumichin wurde an diesem Abend ihr Sohn und Bruder. --


                                  IV.

Raskolnikoff aber ging direkt zu dem Hause am Kanal, wo Ssonja wohnte.
Es war ein dreistckiges Haus, alt und grn angestrichen. Er suchte den
Hausknecht auf und erhielt von ihm die ungefhre Auskunft, wo der
Schneider Kapernaumoff wohne. Er fand in einer Ecke auf dem Hofe einen
Eingang zu einer schmalen, dunklen Treppe, er stieg zum zweiten Stock
hinauf und kam auf eine Galerie, die das Haus auf der Hofseite umgab.
Whrend er in der Dunkelheit und voll Ungewiheit, wo der Eingang zu
Kapernaumoff sein knne, herumirrte, ffnete sich pltzlich drei
Schritte von ihm eine Tre; er griff mechanisch nach ihr.

Wer ist da? fragte eine weibliche Stimme ngstlich.

Ich bin es ... komme zu Ihnen, antwortete Raskolnikoff und trat in ein
winziges Vorzimmer ein. Hier brannte auf einem durchgesessenen Stuhle
ein Licht in einem kupfernen Leuchter.

Sie sind es! Oh, Gott! rief Ssonja mit schwacher Stimme und blieb wie
versteinert stehen.

Wo geht es in Ihr Zimmer? Hier?

Raskolnikoff suchte nicht ihren Blick und ging schnell in ihr Zimmer
hinein.

Nach einer Minute kam auch Ssonja mit dem Lichte, stellte es hin und
blieb vor ihm stehen, vollkommen verwirrt, in einer unbeschreiblichen
Aufregung und sichtbar erschrocken durch seinen unerwarteten Besuch.
Eine Rte stieg in ihr bleiches Gesicht, und Trnen traten in ihre Augen
... Es war ihr schwer zumute, sie schmte sich auch, und doch war es ihr
lieb ... Raskolnikoff wandte sich schnell von ihr ab und setzte sich auf
einen Stuhl neben dem Tisch. Er fand Zeit, einen flchtigen Blick auf
das Zimmer zu werfen.

Es war ein groes Zimmer, aber auerordentlich niedrig, das einzige
Zimmer, das Kapernaumoffs vermieteten; in der Wand links war eine
verschlossene Tr, die zu ihnen fhrte. Auf der entgegengesetzten Seite,
rechts in der Wand, befand sich noch eine Tr, die immer verschlossen
war. Hinter ihr war eine andere Wohnung unter einer anderen Nummer.
Ssonjas Zimmer glich einer Scheune, hatte die Gestalt eines
unregelmigen Vierecks, was ihm etwas Eigentmliches verlieh. Die eine
Wand mit drei Fenstern, die auf den Kanal hinausgingen, durchschnitt das
Zimmer etwas schief, wodurch die eine Ecke sehr spitz war und in der
Tiefe verlief, so da man bei schwacher Beleuchtung sie nicht gut
berschauen konnte; die andere Ecke war wieder hlich stumpf. In diesem
ganzen Zimmer waren fast gar keine Mbel. In einer Ecke rechts war ein
Bett, neben ihm nher zur Tre ein Stuhl. An derselben Wand, wo das Bett
war, standen an der Tre gegen die fremde Wohnung ein einfacher Tisch,
bedeckt mit einem blauen Tischtuche und daneben zwei geflochtene Sthle.
An der entgegengesetzten Wand, in der Nhe der spitzen Ecke, befand sich
eine kleine Kommode aus einfachem Holze, verloren wie in einer Wste.
Das war das ganze Mobiliar. Die gelblichen, abgerissenen und
beschmutzten Tapeten waren an allen Ecken schwarz geworden; im Winter
mute es hier feucht und dunstig sein. Die Armut war offensichtlich;
selbst am Bette waren keine Gardinen angebracht.

Ssonja blickte schweigend ihren Besucher an, der so aufmerksam und
ungeniert ihr Zimmer betrachtete und begann vor Angst zu zittern, als
stnde sie vor einem Richter, der ber ihr Schicksal entscheiden sollte.

Ich komme spt ... Es ist wohl schon elf Uhr? fragte er sie und erhob
noch immer nicht die Augen zu ihr.

Ja, murmelte Ssonja. Ach, ja, es ist soviel! beeilte sie sich zu
sagen, als wre es ein Ausweg, soeben schlug bei dem Hauswirte die Uhr
... und ich habe die Schlge gezhlt ... Es ist soviel.

Ich komme zum letztenmal zu Ihnen, fuhr Raskolnikoff dster fort,
obwohl es doch zum erstenmal war, da er hier war, ich werde Sie
vielleicht nicht mehr sehen ...

Reisen Sie ... fort?

Ich wei es nicht ... alles hngt von morgen ab ...

Also, Sie werden morgen nicht bei Katerina Iwanowna sein? bebte
Ssonjas Stimme.

Ich wei es nicht. Alles hngt von morgen frh ab ... Aber darum
handelt es sich nicht, ich bin gekommen, Ihnen ein paar Worte zu sagen
...

Er erhob seinen nachdenklichen Blick zu ihr auf und bemerkte jetzt erst,
da er sa, whrend sie noch immer vor ihm stand.

Warum stehen Sie denn? Setzen Sie sich doch, sagte er mit vernderter
Stimme leise und weich.

Sie setzte sich. Er blickte sie freundlich, fast mitleidig eine Minute
an.

Wie mager Sie sind! Sehen Sie nur Ihre Hand! Ganz durchsichtig. Diese
Finger, wie bei einer Toten.

Er nahm ihre Hand. Ssonja lchelte schwach.

Ich war immer so, sagte sie.

Auch, als Sie zu Hause lebten?

Ja.

Ach, selbstverstndlich ja! sagte er abgerissen, und sein
Gesichtsausdruck und der Ton seiner Stimme vernderten sich wieder.

Er blickte sich noch einmal um.

Sie mieteten das Zimmer von Kapernaumoff?

Ja ...

Diese wohnen dort hinter der Tre?

Ja ... Sie haben auch ein solches Zimmer.

Sie leben alle in einem Zimmer?

Ja, in einem Zimmer.

Ich wrde mich nachts in Ihrem Zimmer frchten, bemerkte er dster.

Die Wirtsleute sind sehr gut, sehr freundlich, antwortete Ssonja, die
immer noch nicht zu sich gekommen schien und seine Bemerkung nicht
verstanden hatte, und alle Mbel und alles ... alles gehrt den
Wirtsleuten. Sie sind sehr gut, und die Kinder kommen auch oft zu mir
...

Die stotternden?

Ja ... Er stottert auch und ist dazu auch lahm. Und die Frau auch ...
Das heit, sie stottert nicht so sehr, sie spricht blo nicht alles aus.
Sie ist sehr gut. Er ist frher Leibeigener gewesen. Und sie haben
sieben Kinder ... und blo der lteste stottert, die anderen sind nur
immer krank ... stottern nicht ... Woher wissen Sie das aber? fgte sie
ein wenig verwundert hinzu.

Ihr Vater hat es mir damals erzhlt. Er hat mir auch alles ber Sie
erzhlt ... Auch davon, wie Sie um sechs Uhr fortgingen und um neun
zurckkamen, auch, wie Katerina Iwanowna an Ihrem Bette auf den Knien
gelegen hat.

Ssonja wurde verlegen.

Mir schien es, als htte ich ihn heute gesehen, flsterte sie
unentschlossen.

Wen?

Den Vater. Ich ging in die Strae dort, nebenan, an der Ecke in der
zehnten Stunde, und er schien vor mir zu gehen, ganz, als wre er es.
Ich wollte eben zu Katerina Iwanowna hingehen ...

Waren Sie spazieren gegangen?

Ja, flsterte Ssonja abgerissen, wurde wieder verlegen und senkte die
Augen.

Katerina Iwanowna hat Sie doch wohl geschlagen, als Sie beim Vater
lebten?

Ach nein, wie kommen Sie darauf, nein, nein! Ssonja blickte ihn voll
Schrecken an.

Also, Sie lieben sie?

Sie? Warum denn nicht! sagte Ssonja klagend und faltete mit leidendem
Ausdruck die Hnde. Ach! Sie ... Wenn Sie nur wten. Sie ist ja ganz
wie ein Kind ... Ihr Verstand ist ja wie gestrt ... vor lauter Kummer.
Und wie sie klug war ... wie gromtig ... wie gut! Sie wissen nichts,
nichts ... ach!

Ssonja sagte dies wie in Verzweiflung, aufgeregt, darunter leidend und
hnderingend. Ihre bleichen Wangen errteten wieder und in ihren Augen
drckte sich eine tiefe Qual aus. Man sah, da in ihr sehr vieles durch
seine Worte wachgerufen worden war und da sie gern etwas uern und
sagen und fr Katerina Iwanowna eintreten wollte. Ein _unerschpfliches_
Mitleid, wenn man sich so ausdrcken darf, lag in ihrem Gesichte.

Sie soll mich geschlagen haben! Ja, wie kommen Sie dazu! Oh, Gott, sie
mich schlagen! Und wenn sie mich auch geschlagen htte, was wre dabei!
Was wre dabei! Sie wissen nichts, gar nichts ... Sie ist so
unglcklich, ach, wie unglcklich sie ist! Und sie ist krank ... Sie
sucht Gerechtigkeit ... Sie ist rein. Sie glaubt so daran, da in allem
Gerechtigkeit sein msse und verlangt sie ... Und Sie knnen sie qulen,
sie wird nichts Ungerechtes tun. Sie merkt selbst nicht, wie unmglich
es ist, da es unter den Menschen gerecht zugehe und ist reizbar ... Sie
ist wie ein Kind, wie ein Kind! Sie ist gerecht, gerecht!

Und was wird mit Ihnen geschehen?

Ssonja blickte ihn fragend an.

Die Last ist doch auf Ihren Schultern geblieben. Es ist wahr, auch
frher lag alles auf Ihren Schultern, und der Verstorbene kam auch zu
Ihnen mit seinen Bitten, um zu einem Glschen zu kommen. Aber was wird
jetzt werden?

Ich wei es nicht, erwiderte Ssonja traurig.

Werden sie dort bleiben?

Ich wei nicht, sie sind der Wirtin die Wohnung schuldig; und die
Wirtin hat heute gesagt, ich hrte es, da sie ihr kndigen will;
Katerina Iwanowna jedoch sagte schon, da sie auch selbst keinen
Augenblick lnger dort bleiben will.

Aus welchem Grunde ist sie denn so tapfer? Hofft sie auf Sie?

Ach, nein, sagen Sie nicht so etwas ... Wir leben zusammen, gehren
zueinander, Ssonja wurde wieder erregt und selbst gereizt, genau wie
wenn ein Kanarienvogel oder ein anderer kleiner Vogel bse wird. Ja,
was soll sie denn tun? Was denn, was soll sie tun? fragte sie, sich
ereifernd und erregt. Und wie, wie lange sie heute geweint hat! Ihr
Verstand ist gestrt, haben Sie es nicht gemerkt? Er ist gestrt; bald
regt sie sich wie ein Kind darber auf, ob morgen auch alles anstndig
sei, die Speisen und alles da sei ... bald ringt sie die Hnde, speit
Blut, weint und schlgt die Stirne gegen die Wand aus lauter
Verzweiflung. Dann wird sie wieder ruhiger, hofft auf Sie, -- sagt, da
Sie ihr ein Helfer sein werden und da sie bei irgend jemand Geld leihen
und nach ihrer Heimatsstadt mit mir reisen wird; sie will dort eine
Pension fr junge Mdchen aus guter Familie errichten, mich als
Aufseherin anstellen, und ein ganz neues, schnes Leben soll fr uns
beginnen; sie kt mich, umarmt und trstet mich und glaubt fest an die
Ausfhrung ihres Planes. Sie glaubt so stark an diese Trume. Kann man
ihr denn da widersprechen? Und sie wusch, suberte und besserte heute
den ganzen Tag alles aus; hat selbst mit ihren schwachen Krften eine
Wanne ins Zimmer hereingeschleppt, geriet dabei auer Atem und fiel auf
das Bett hin. Wir sind heute am frhen Morgen mit ihr in den Lden
gewesen, um Poletschka und Lene Stiefel zu kaufen, denn die ihrigen sind
ganz zerrissen, da reichte das Geld nach der Berechnung nicht aus, es
fehlte noch sehr viel. Und sie hat so hbsche Stiefelchen ausgesucht,
denn sie hat Geschmack, Sie glauben nicht ... Sie fing dort selbst in
dem Laden, in Gegenwart der Verkufer, zu weinen an, da das Geld nicht
ausreichte ... Ach, wie leid es einem tat, sie zu sehen.

Dann ist es begreiflich, da Sie ... so leben, sagte Raskolnikoff mit
bitterem Lcheln.

Und tut es Ihnen denn nicht auch leid? Nicht auch weh? fuhr Ssonja
wieder fort. Ich wei doch, Sie haben selbst Ihr letztes abgegeben,
ohne je wieder etwas davon zu sehen. Und wenn Sie erst alles wten, oh,
Gott! Und wie oft, wie oft habe ich sie zu Trnen gereizt! In der
vorigen Woche noch! Ach, ich ... Genau eine Woche vor seinem Tode. Ich
habe grausam gehandelt! Und wie oft, wie oft war ich es! Ach, wie es weh
tut, ich wurde heute den ganzen Tag daran erinnert!

Ssonja rang in schmerzlicher Erinnerung die Hnde, whrend sie sprach.

Sie wollen grausam sein?

Ja, ich, ich bin es! Ich kam damals hin, fuhr sie weinend fort, als
der Verstorbene zu mir sagte, >lies mir vor, Ssonja,< sagte er, >mein
Kopf tut mir etwas weh, lies mir vor ... hier ist ein Buch<, er hatte
irgendein Buch von Andrei Ssemenowitsch Lebesjtnikoff erhalten; er
wohnt auch dort und hat immer solche spaige Bcher. Und ich sagte, >ich
mu gehen<, wollte ihm also nicht vorlesen. Ich war hauptschlich zu
ihnen gekommen, um Katerina Iwanowna die Kragen zu zeigen, hbsche, neue
und ausgewhlte Kragen und Manschetten, die mir Lisaweta, eine
Hndlerin, billig besorgt hatte. Und Katerina Iwanowna gefielen sie
sehr, sie legte einen Kragen um, besah sich im Spiegel, und sie gefielen
ihr sehr. >Schenk sie mir, Ssonja,< sagte sie, >bitte schenk sie mir.<
Sie hatte bitte gesagt, und sie wollte sie so gern haben. Wann soll sie
aber die Kragen umlegen? Sie dachte nur an die frhere, glcklichere
Zeit. Sie sah sich im Spiegel, betrachtete sich mit Wohlgefallen und hat
doch keine passenden Kleider, gar keine Sachen dazu, -- wer wei, wie
viele Jahre schon! Und niemals wird sie etwas von jemand erbitten, --
sie ist stolz und gibt eher das letzte fort, nun aber hatte sie mich
gebeten, -- so hatten ihr die Kragen gefallen! Mir aber tat es leid sie
wegzugeben. >Wozu brauchen Sie sie, Katerina Iwanowna<, sagte ich, so
direkt: wozu? Das htte ich ihr nicht sagen drfen. Sie blickte mich
schmerzlich an und wurde sehr traurig, da ich sie ihr abgeschlagen
hatte, und es war so traurig anzusehen ... Nicht der Kragen wegen,
sondern weil ich es ihr abgeschlagen habe, ich hatte doch ... Ihnen ist
dies doch gleichgltig!

Haben Sie diese Hndlerin Lisaweta gekannt?

Ja ... Sie auch? fragte Ssonja ihn mit einigem Erstaunen.

Katerina Iwanowna hat die Schwindsucht im hchsten Grade, sie wird bald
sterben, sagte Raskolnikoff nach einigem Schweigen, ohne auf ihre Frage
zu antworten.

Ach nein, nein, nein! Und Ssonja ergriff unbewut seine beiden Hnde,
als ob es an ihm lge, dies zu verhindern und als knnte sie das von ihm
erflehen.

Es ist doch besser, wenn sie stirbt!

Nein, es ist nicht, es ist gar nicht besser! wiederholte sie
erschrocken und ohne berlegung.

Und was wird aus den Kindern? Sie werden sie sicher zu sich nehmen?

Ach, ich wei es nicht! rief Ssonja fast in Verzweiflung aus und fate
sich an den Kopf.

Man merkte, da dieser Gedanke schon viele Male ihr aufgetaucht war und
da sie ihn immer wieder abgewiesen hatte.

Und wenn Sie noch bei Katerina Iwanownas Lebzeiten krank werden und man
Sie ins Krankenhaus schafft, was dann? drang er erbarmungslos weiter in
sie.

Ach, wie ist es mglich! Das kann doch nicht sein! und Ssonjas Gesicht
verzog sich in furchtbarem Schrecken.

Wieso kann es nicht sein? fuhr Raskolnikoff mit einem harten Lcheln
fort. Sie sind doch nicht davor geschtzt? Was wird dann mit jenen
geschehen? Sie werden auf die Strae alle zusammen gehen, Katerina
Iwanowna wird husten und betteln und mit der Stirn an die Wand schlagen,
wie heute, und die Kinder werden weinen ... Dann wird sie hinfallen, man
bringt sie zur Wache, nachher ins Krankenhaus, nachher wird sie sterben,
und was wird aus den Kindern ...

Ach nein! ... Gott wird es nicht zulassen! entrang es sich der
zusammengeschnrten Brust Ssonjas.

Sie hrte ihm ngstlich zu, blickte ihn flehend an und faltete in
stummer Bitte die Hnde, als hinge alles von ihm ab. Raskolnikoff stand
auf und begann im Zimmer auf- und abzugehen. Es vergingen Minuten.
Ssonja stand mit gesenktem Kopfe und herabhngenden Hnden da in
unsglichem Leid.

Kann man nicht sparen? Einen Notgroschen sammeln? fragte er und blieb
vor ihr stehen.

Nein, flsterte Ssonja.

Versteht sich, nein! Haben Sie es aber auch schon versucht? fragte er
spttisch.

Ich habe es versucht.

Und es gelang nicht! Nun, das ist ja selbstverstndlich! Was ist da
noch zu fragen!

Und er wanderte wieder im Zimmer auf und nieder. Es verstrich wieder
eine Weile.

Sie erhalten nicht jeden Tag Geld?

Ssonja wurde noch mehr betreten, und wieder stieg ihr das Blut ins
Gesicht.

Nein, flsterte sie mit qualvoller Anstrengung.

Mit Poletschka wird sicher dasselbe geschehen, sagte er pltzlich.

Nein, nein! Das darf nicht sein, unmglich! rief sie laut, vollkommen
verzweifelt, als htte man ihr einen Stich ins Herz gegeben. Gott, Gott
wird so was Schreckliches nicht zulassen! ...

Bei Ihnen lt er es doch zu.

Nein, nein! Gott wird sie schtzen! ... wiederholte sie ganz auer
sich.

Ja, vielleicht gibt es gar keinen Gott, antwortete Raskolnikoff mit
einem Anflug von Schadenfreude, lachte und blickte sie an. Ssonjas
Gesicht verzerrte sich krampfhaft. Mit einem unbeschreiblichen Vorwurf
schaute sie ihn an, wollte etwas sagen, konnte aber nichts
herausbringen, bedeckte das Gesicht mit den Hnden und weinte dann
bitterlich.

Sie sagen, Katerina Iwanownas Verstand sei gestrt. Ihr eigener ist
auch gestrt, sagte er nach einigem Schweigen.

Es vergingen wieder etwa fnf Minuten, whrend er schweigend auf und ab
ging, ohne sie anzublicken. Endlich trat er an sie heran; seine Augen
funkelten. Er packte sie mit beiden Hnden an den Schultern und sah in
ihr weinendes Gesicht. Seine Augen hatten einen heien, trockenen,
durchdringenden Blick, und seine Lippen bebten vor Erregung ...
Pltzlich beugte er sich nieder, warf sich auf den Boden und kte ihren
Fu. Ssonja fuhr entsetzt vor ihm zurck, wie vor einem Irrsinnigen. Er
sah wirklich ganz wie ein Irrsinniger aus.

Was ist mit Ihnen, was tun Sie? Vor mir! murmelte sie erbleichend, und
ihr Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen.

Er stand sofort auf.

Ich habe mich nicht vor dir verneigt, sondern vor dem ganzen
menschlichen Leiden, sagte er mit eigentmlichem Ton und ging zum
Fenster hin. Hre, setzte er hinzu, als er nach einem Augenblick zu
ihr zurckkam, ich habe vorhin zu einem bsen Menschen gesagt, da er
deinen kleinen Finger nicht wert sei ... und da ich meiner Schwester
heute eine Ehre erwiesen habe, indem ich sie neben dich hingesetzt habe
...

Ach, was haben Sie gesagt! Und in ihrer Gegenwart? rief Ssonja
erschrocken aus. Neben mir zu sitzen! Eine Ehre! Ja, ich bin doch ...
ehrlos ... Ach, warum haben Sie das gesagt?

Nicht wegen deiner Ehrlosigkeit und Snde habe ich es von dir gesagt,
sondern wegen deines groen Leides. Da du eine groe Snderin bist, ist
wahr, fgte er fast entzckt hinzu, und am meisten bist du dadurch
eine Snderin, weil du dich _umsonst_ gettet und verkauft hast. Ist das
nicht entsetzlich! Ist es nicht entsetzlich, da du in diesem Schmutze
lebst, den du so hat und gleichzeitig es selbst weit, -- man braucht
dir nur die Augen zu ffnen -- da du niemandem damit hilfst und
niemanden dadurch rettest! Ja, sage mir doch endlich, fuhr er fast in
Wut fort, wie kannst du solche Schande und solche Gemeinheit mit deinen
anderen besten und heiligsten Gefhlen in dir vereinigen? Es wre doch
gerechter, tausendmal gerechter und vernnftiger, sich mit dem Kopfe
voran ins Wasser zu strzen und allem ein Ende zu machen!

Und was wird mit ihnen allen geschehen? fragte Ssonja mit schwacher
Stimme, blickte ihn leidend an, zeigte aber ber seinen Vorschlag gar
kein Erstaunen. Raskolnikoff blickte sie eigentmlich an.

Er hatte alles in ihrem Blicke gelesen. Auch sie hatte tatschlich schon
selbst diesen Gedanken gehabt. Vielleicht hatte sie sich in der
Verzweiflung oft und ernstlich berlegt, dem Leben schneller ein Ende zu
machen, so da sie jetzt gar nicht ber seinen Vorschlag erstaunt war.
Sie hatte selbst die Hrte seiner Worte nicht empfunden, auch den Sinn
seiner Vorwrfe und seine besondere Ansicht ber ihre Schande hatte sie
nicht erfat, das konnte er sehen. Er aber begriff vollkommen, wie
grauenhaft und schmerzlich sie schon seit langem der Gedanke an ihre
ehrlose und schmachvolle Lage geqult hatte. Was aber war es, was konnte
es sein, -- dachte er, -- das ihren Entschlu, mit einem Schlage allem
ein Ende zu machen, aufhielt? Jetzt erst verstand er vllig, was fr sie
diese armen, kleinen verwaisten Kinder und diese beklagenswerte
halbverrckte Katerina Iwanowna mit ihrer Schwindsucht und mit ihrer
Verzweiflung bedeuteten.

Aber ebenso klar war es ihm, da Ssonja mit ihrem Charakter und ihrer
Bildung, die sie doch immerhin genossen hatte, in keinem Falle weiter in
dieser Lage aushalten konnte. Und dennoch blieb die Frage offen, -- wie
hatte sie so lange, zu lange schon, in dieser Lage aushalten knnen,
ohne den Verstand zu verlieren, wenn sie nicht die Kraft besa, sich ins
Wasser zu strzen? Gewi, er begriff, da Ssonjas Lage eine hufige
Erscheinung in der Gesellschaft war, und unglcklicherweise bei weitem
keine einzelne Ausnahme. Aber dieser Umstand selbst, ihre Bildung und
ihr ganzes vorheriges Leben htten sie doch sofort beim ersten Schritt
auf diesem widerwrtigen Wege tten mssen. Was hielt sie denn? Doch
nicht die Unzucht? Diese ganze Schande hatte sie offenbar nur mechanisch
berhrt; die echte Unzucht war noch mit keinem Tropfen in ihr Herz
gedrungen; er sah es; sie stand vllig rein vor ihm da ...

Sie hat drei Wege, dachte er, entweder sich in den Kanal zu strzen,
ins Irrenhaus zu kommen oder ... oder sich schlielich wirklich dem
Laster zu ergeben, das den Verstand betubt und das Herz versteinert.

Der letzte Gedanke war ihm am widerwrtigsten; aber er war schon zu sehr
Skeptiker, er war jung, abstrakt und somit grausam, darum mute er auch
glauben, da der letzte Ausweg, das heit das Laster, am
allerwahrscheinlichsten sei.

Aber ist es denn mglich, rief er innerlich aus, soll sich auch
dieses Wesen, das sich noch die Reinheit des Herzens bewahrt hat, bewut
in diesen abscheulichen stinkenden Schlamm hinabziehen lassen? Hat diese
Erniedrigung schon begonnen und konnte sie etwa dieses Leben schon aus
diesem Grunde leben, weil das Laster ihr nicht mehr widerwrtig
erschien? Nein, nein, es kann nicht sein! rief er bei sich aus, wie
vorhin Ssonja laut gerufen, nein, vom Wasser hielt sie bis jetzt der
Gedanke an die Snde zurck und an _jene_ ... Wenn sie aber bis jetzt
den Verstand nicht verloren hat ... aber wer sagt es denn, da sie den
Verstand noch nicht verloren hat? Ist sie denn bei gesundem Verstande?
Kann man denn so reden, wie sie es tut? Kann man denn bei gesundem
Verstande so urteilen, wie sie es tut? Kann man denn so ber dem
Abgrunde, ber dem stinkenden Schlamm sitzen und in der Gefahr, jeden
Augenblick hineingezogen zu werden, trotzdem mit den Hnden sich gegen
die Mahnungen wehren und sich die Ohren zuhalten? Was, erwartet sie etwa
ein Wunder? Sicher, so ist es. Sind dies nicht Anzeichen von
Geistesstrung?

Er blieb hartnckig bei diesem Gedanken stehen. Dieser Ausweg gefiel ihm
sogar besser, als jeder andere. Er begann sie aufmerksamer zu
betrachten.

Also du betest sehr oft zu Gott, Ssonja? fragte er sie.

Ssonja schwieg, er stand neben ihr und wartete auf die Antwort.

Was wre ich denn ohne Gott? flsterte sie schnell und energisch,
indem sie ihn flchtig mit funkelnden Augen anblickte und seine Hand
stark drckte.

Ja, es ist so, wie ich gedacht! sagte er zu sich.

Und was tut Gott dir dafr? fragte er sie weiter ausforschend.

Ssonja schwieg lange, als knnte sie nicht antworten. Ihre schwache
Brust hob und senkte sich in heftiger Aufregung.

Schweigen Sie! Fragen Sie nicht! Sie sind es nicht wert ... rief sie
pltzlich und sah ihn streng und zornig an.

Es ist so! Es ist so! wiederholte er hartnckig vor sich hin.

Alles tut er! flsterte sie schnell und schlug wieder die Augen
nieder.

Das ist ihr Ausweg! Das ist die Lsung! entschied er bei sich und
betrachtete sie mit gesteigertem Interesse.

Mit einem neuen, eigentmlichen, fast krankhaften Gefhle schaute er in
dieses bleiche magere und regelmig eckige Gesichtchen, diese sanften
blauen Augen, die mit so einem Feuer, mit so einem strengen energischen
Blick leuchten konnten, diesen kleinen Krper, der vor Emprung und Zorn
noch bebte, und dies alles erschien ihm noch merkwrdiger und
unfalicher.

Sie ist nrrisch! Sie hat den religisen Wahnsinn! wiederholte er fr
sich.

Auf der Kommode lag ein Buch. Jedesmal, wenn er auf und ab ging, hatte
er es bemerkt; jetzt nahm er es und sah es sich an. Es war das Neue
Testament in russischer bersetzung. Das Buch, in Leder gebunden, war
alt und viel gebraucht.

Woher hast du es? rief er. Sie stand immer noch auf derselben Stelle,
drei Schritte vom Tische entfernt.

Man hat es mir gebracht, antwortete sie unwillig und ohne ihn
anzublicken.

Wer hat es dir gebracht?

Lisaweta hat es gebracht, ich habe sie darum gebeten.

Lisaweta! Wie seltsam! dachte er.

Alles erschien ihm bei Ssonja mit jeder Minute merkwrdiger,
wunderlicher. Er holte das Buch zum Lichte und begann darin zu blttern.

Wo steht hier die Geschichte vom armen Lazarus? fragte er.

Ssonja blickte unverwandt zu Boden und antwortete nicht. Sie stand ein
wenig abgewandt vom Tische.

Von der Auferstehung des Lazarus, wo ist es? Suche es mir, Ssonja.

Sie sah ihn mit einem Seitenblick an.

Nicht dort ... im vierten Evangelium steht es ... flsterte sie
streng, ohne sich ihm zu nhern.

Suche es und lies es mir vor, sagte er, setzte sich, sttzte die
Ellbogen auf den Tisch, den Kopf in die Hand legend, blickte dster zur
Seite und bereitete sich vor zuzuhren.

Nach drei Wochen ist sie im stdtischen Irrenhause! Ich werde
vielleicht selbst auch dort sein, wenn es nicht noch schlimmer enden
wird, murmelte er vor sich hin.

Ssonja trat unschlssig an den Tisch, nachdem sie das sonderbare
Verlangen Raskolnikoffs mitrauisch gehrt hatte. Sie nahm das Buch.

Haben Sie es denn nicht gelesen? fragte sie und blickte ihn unter der
Stirn hervor an. Ihre Stimme wurde immer ernster und ernster.

Vor langer Zeit ... Als ich noch zur Schule ging. Lies!

Und haben Sie es nicht in der Kirche gehrt?

Ich ... bin nie in der Kirche gewesen. Gehst du oft hin?

N--nein, flsterte Ssonja.

Raskolnikoff lchelte.

Ich verstehe ... Du wirst wohl morgen auch nicht zur Beerdigung des
Vaters hineingehen?

Ich werde hingehen. Ich war auch in der vorigen Woche in der Kirche ...
habe eine Totenmesse halten lassen.

Fr wen?

Fr Lisaweta. Man hat sie mit einem Beile erschlagen.

Seine Nerven wurden immer reizbarer. Der Kopf begann ihm zu schwindeln.

Warst du mit Lisaweta befreundet?

Ja ... Sie war gerecht ... sie kam ... selten ... sie konnte nicht. Wir
lasen zusammen und ... sprachen. Sie wird Gott schauen!

Eigentmlich klangen fr ihn diese Worte aus der Bibel und wieder erfuhr
er eine Neuigkeit, -- sie hatte mit Lisaweta geheimnisvolle
Zusammenknfte gehabt und beide waren religis wahnsinnig.

Man kann hier selbst geisteskrank werden! Es steckt an! dachte er.

Lies! rief er pltzlich hartnckig und gereizt.

Ssonja war noch immer unentschlossen. Ihr Herz klopfte. Sie wagte nicht
ihm vorzulesen. Er sah mit Qual die unglckliche Geisteskranke an.

Wozu denn? Sie glauben doch nicht daran? ... flsterte sie leise und
mit stockendem Atem.

Lies! Ich will es haben! bestand er. Du hast doch auch Lisaweta
vorgelesen.

Ssonja schlug das Buch auf und suchte die Stelle. Ihre Hnde zitterten,
die Stimme versagte. Zweimal begann sie und konnte ber das erste Wort
nicht hinwegkommen.

Es lag aber einer krank mit Namen Lazarus, von Bethanien ... sagte sie
endlich mit Anstrengung, aber bei dem dritten Worte zitterte pltzlich
ihre Stimme und brach ab, wie eine zu straff gespannte Saite. Der Atem
versagte ihr und die Brust schnrte sich zusammen.

Raskolnikoff begriff zum Teil, warum Ssonja sich nicht entschlieen
konnte, ihm vorzulesen, und je mehr er es begriff, um so entschiedener
und gereizter bestand er darauf. Er verstand zu gut, wie schwer es ihr
jetzt fiel, alles _eigene_ preiszugeben und zu enthllen. Er hatte
begriffen, da diese Gefhle tatschlich ihr wahres und vielleicht seit
langer Zeit gehegtes _Geheimnis_ bildeten, vielleicht schon seit der
Jugendzeit, schon in der Familie, neben dem unglcklichen Vater und der
vor Kummer wahnsinnig gewordenen Stiefmutter, mitten unter den hungrigen
Kindern, ihrem hlichen Geschrei und den fortwhrenden Vorwrfen. Aber
gleichzeitig erkannte er, und zwar mit Sicherheit, da sie trotz ihres
Grams und ihrer Furcht, in dem sie jetzt vorzulesen begann, doch gern,
sehr gern es tat und zwar vor ihm, damit er es hre und unbedingt
_jetzt_ -- mochte kommen, was da wolle! ... Er hatte das in ihren Augen
gelesen und es aus ihrer verzckten Erregung entnommen! ... Sie berwand
sich, unterdrckte den Krampf im Halse, der ihr die Stimme am Anfange
benommen hatte, und fuhr fort, aus dem elften Kapitel des Evangeliums
St. Johannis vorzulesen. So kam sie bis zum 19. Vers: Und viele Juden
waren zu Martha und Maria gekommen, sie zu trsten ber ihren Bruder.
Als Martha nun hrete, da Jesus kommt, gehet sie ihm entgegen; Maria
aber blieb daheim sitzen. Da sprach Martha zu Jesu: Herr, wrest du
hiergewesen, mein Bruder wre nicht gestorben; aber ich wei auch noch,
da, was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben.

Hier blieb sie wieder stehn, in schamhafter Vorahnung, da ihre Stimme
zittern und versagen wrde ... Jesus spricht zu ihr: Dein Bruder soll
auferstehen. Martha spricht zu ihm: Ich wei wohl, da er auferstehen
wird in der Auferstehung am jngsten Tage. Jesus spricht zu ihr: Ich bin
die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob
er gleich strbe. Und wer da lebet und glaubet an mich, der wird
nimmermehr sterben. Glaubst du das? Sie spricht zu ihm: (und wie mit
Schmerz atemholend, las Ssonja deutlich und voller Kraft, als lege sie
selbst ffentlich ein Glaubensbekenntnis ab):

>Herr, ja, ich glaube, da du bist Christus, der Sohn Gottes, der in die
Welt gekommen ist.<

Sie hielt einen Moment inne, erhob schnell zu _ihm_ die Augen, berwand
sich aber rasch und las weiter. Raskolnikoff sa und hrte unbeweglich
zu, ohne sich umzuwenden, den Ellbogen auf den Tisch gesttzt und zur
Seite blickend. Sie las bis zum 32. Vers:

Als nun Maria kam, da Jesus war, und sahe ihn, fiel sie zu seinen Fen
und sprach zu ihm: Herr, wrest du hier gewesen, mein Bruder wre nicht
gestorben. Als Jesus sie sahe weinen und die Juden auch weinen, die mit
ihr kamen, ergrimmte er im Geist und betrbte sich selbst. Und sprach:
Wo habt ihr ihn hingelegt? Sie sprachen zu ihm: Herr, komm und siehe es.
Und Jesu gingen die Augen ber. Da sprachen die Juden: Siehe, wie hat er
ihn so lieb gehabt! Etliche aber unter ihnen sprachen: Konnte, der dem
Blinden die Augen aufgetan hat, nicht verschaffen, da auch dieser nicht
strbe?

Raskolnikoff wandte sich zu ihr um und sah sie mit Erregung an, -- ja,
es ist so! Sie zitterte am ganzen Krper in wahrem, wirklichem Fieber.
Er hatte es erwartet. Sie nherte sich den Worten ber das grte und
unerhrte Wunder, und das Gefhl eines groen Triumphes erfate sie.
Ihre Stimme wurde klingend wie Metall; Triumph und Freude klangen darin
und strkten sie. Die Zeilen verwischten sich, weil es vor ihren Augen
dunkel wurde, aber sie kannte auswendig, was sie las. Bei dem letzten
Vers: Konnte, der dem Blinden die Augen aufgetan hat ... lie sie die
Stimme sinken und gab hei und leidenschaftlich den Zweifel, den Vorwurf
und Tadel der unglubigen, blinden Juden wieder, die gleich darauf, nach
einer Minute, wie vom Donner getroffen, niederfallen, schluchzen und
glauben werden ... Auch er, er -- ebenfalls verblendet und unglubig,
wird es gleich hren, auch er wird glauben, ja, ja, gleich, jetzt
gleich, durchzuckte es sie und sie bebte in freudiger Erwartung.

Jesus aber ergrimmete abermals in ihm selbst und kam zum Grabe. Es war
aber eine Kluft und ein Stein daraufgelegt. Jesus sprach: Hebet den
Stein ab. Spricht zu ihm Martha, die Schwester des Verstorbenen: Herr,
er stinket schon; denn er ist vier Tage gelegen.

Sie betonte energisch das Wort -- _vier_.

Jesus spricht zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt, so du glauben wrdest,
du solltest die Herrlichkeit Gottes sehen? Da hoben sie den Stein ab, da
der Verstorbene lag. Jesus aber hob seine Augen empor und sprach: Vater,
ich danke dir, da du mich erhret hast; doch ich wei, da du mich
allezeit erhrest; sondern um des Volkes Willen, das umher stehet, sage
ich es, da sie glauben, du habest mich gesandt. Da er das gesagt hatte,
rief er mit lauter Stimme: Lazare, komme heraus! _Und der Verstorbene
kam heraus_ ... (Laut und verzckt las sie es, zitternd und frstelnd,
als she sie es mit eigenen Augen.)

Gebunden mit Grabtchern an Fen und Hnden und sein Angesicht
verhllet mit einem Schweituch. Jesus spricht zu ihnen: Lset ihn auf
und lat ihn gehen.

_Viele nun der Juden, die zu Maria gekommen waren und sahen, was Jesus
tat, glaubten an ihn._

Weiter las sie nicht und konnte auch nicht lesen, sie schlo das Buch
und stand schnell vom Stuhle auf. Das ist alles ber die Auferstehung
des Lazarus, flsterte sie abgerissen und streng und blieb unbeweglich,
zur Seite gekehrt, stehen, ohne zu wagen und als schme sie sich, die
Augen zu ihm zu erheben. Ihr fieberhaftes Frsteln dauerte noch an. Der
Lichtstumpf begann in dem schiefen Leuchter auszugehen und beleuchtete
trbe in diesem armseligen Zimmer den Mrder und die Dirne, die so
sonderbar beim Lesen des ewigen Buches zusammengekommen waren. Es
vergingen fnf Minuten oder noch mehr.

Ich bin gekommen, um ber eine Angelegenheit mit dir zu sprechen,
sagte Raskolnikoff pltzlich laut und mit dsterem Gesichte, stand auf
und trat an Ssonja heran. Sie erhob schweigend die Augen zu ihm. Sein
Blick war besonders streng und drckte eine wilde Entschlossenheit aus.

Ich habe heute meine Verwandten verlassen, sagte er, meine Mutter und
Schwester. Ich werde nicht mehr zu ihnen gehen. Ich habe mit allem dort
gebrochen.

Warum? fragte ihn Ssonja bestrzt. Ihre Begegnung mit seiner Mutter
und Schwester hatte in ihr einen ungewhnlichen, wenn auch ihr selbst
nicht klaren Eindruck hinterlassen. Die Mitteilung von seinem Bruche mit
ihnen hrte sie fast mit Entsetzen.

Ich habe jetzt dich allein, fgte er hinzu. Gehen wir zusammen ...
Ich bin zu dir gekommen. Wir sind beide verflucht und so wollen wir auch
beide zusammengehen!

Seine Augen leuchteten. Wie ein Wahnsinniger! dachte Ssonja.

Wohin sollen wir gehen? fragte sie voll Angst und trat unwillkrlich
einen Schritt zurck.

Woher soll ich es wissen? Ich wei nur eins, da wir einen und
denselben Weg haben, das wei ich sicher, -- und weiter nichts. Ein und
dasselbe Ziel.

Sie blickte ihn an und verstand nichts. Sie begriff nur eins, da er
furchtbar, grenzenlos unglcklich sei.

Niemand von ihnen wird etwas verstehn, wenn du zu ihnen sprechen
wirst, fuhr er fort, ich aber habe dich verstanden. Ich brauche dich,
darum bin ich auch zu dir gekommen.

Ich begreife nicht ... flsterte Ssonja.

Du wirst spter begreifen. Hast du denn nicht ebenso gehandelt. Auch du
bist hinber geschritten ... du hast es vermocht. Du hast Hand an dich
gelegt, du hast ein Leben zugrunde gerichtet ... _dein Leben_, das ist
einerlei! Du httest im Geist und in der Vernunft leben knnen und wirst
auf dem Heumarkte enden ... Auch du kannst es nicht aushalten, und wenn
du _allein_ bleibst, wirst du den Verstand verlieren, wie ich auch. Du
bist schon jetzt wie geistesgestrt; also mssen wir zusammengehen, ein
und denselben Weg! Gehen wir ihn also!

Warum? Warum sagen Sie das? sagte Ssonja eigentmlich berhrt und tief
erregt durch seine Worte.

Warum? Weil es so nicht bleiben darf -- das ist der Grund! Man mu doch
endlich ernst und offen es bedenken, und nicht wie ein Kind weinen und
ausrufen, da Gott es nicht zulassen wird! Nun, was wird geschehen, wenn
man dich morgen tatschlich ins Krankenhaus schleppt? Die da ist nicht
bei Verstand und hat Schwindsucht, wird bald sterben und was soll aus
den Kindern werden? Wird denn Poletschka nicht auch zugrunde gehen? Hast
du denn nicht hier Kinder an allen Ecken gesehen, die ihre Mtter
betteln schicken? Ich habe mich erkundigt, wo diese Mtter leben und in
welcher Umgebung. Dort knnen die Kinder nicht Kinder bleiben. Dort ist
ein siebenjhriger lasterhaft und ein Dieb. Und die Kinder sind doch
Ebenbilder Christi. >Ihrer ist das Himmelreich.< Er hat geboten, sie zu
achten und zu lieben, sie sind das knftige Menschengeschlecht ...

Was soll, was soll ich denn tun? wiederholte Ssonja nervs weinend und
hnderingend.

Was tun? Ein fr allemal das, was ntig ist, abbrechen und weiter
nichts, -- und das Leiden auf sich nehmen! Was? Du verstehst es nicht?
Du wirst es nachher verstehen ... Freiheit und Macht, hauptschlich
Macht! ber alle zitternde Kreaturen und ber den ganzen Ameisenhaufen!
... Das ist das Ziel! Denk daran! Das ist mein Geleitwort dir auf den
Weg! Vielleicht spreche ich mit dir zum letzten Male. Wenn ich morgen
nicht zu dir komme, wirst du selbst von allem hren, und dann erinnere
dich meiner jetzigen Worte. Und irgendwann, nachher, nach Jahren, mit
der Zeit, wirst du auch vielleicht verstehn, was sie bedeuteten. Wenn
ich aber morgen zu dir komme, will ich dir sagen, wer Lisaweta ermordet
hat. Leb wohl!

Ssonja fuhr vor Schreck zusammen.

Ja, wissen Sie denn, wer sie ermordet hat? fragte sie und erstarrte
vor Entsetzen und blickte ihn wild an.

Ich wei es und will es sagen ... Dir, nur dir allein! Ich habe dich
gewhlt. Ich werde nicht kommen zu dir, um Verzeihung zu bitten, ich
will es blo sagen. Ich habe dich seit langem gewhlt, um es dir zu
sagen, damals noch, als dein Vater ber dich erzhlte, und ich dachte
daran, als Lisaweta noch lebte. Leb wohl. Gib mir nicht die Hand.
Morgen!

Er ging hinaus. Ssonja sah ihm wie einem Geistesgestrten nach; aber
auch sie selbst war wie verrckt und fhlte es. Der Kopf schwindelte
ihr.

Mein Gott, wie wei er es, wer Lisaweta ermordet hat? Was bedeuteten
diese Worte? Es ist furchtbar!

Aber _ein_ Gedanke kam ihr nicht in den Sinn. Durchaus nicht! ...

Oh, er mu furchtbar unglcklich sein! ... Er hat Mutter und Schwester
verlassen. Warum? Was ist vorgefallen? Und was fr Absichten hat er? Was
hat er zu ihr gesagt? Er hat ihren Fu gekt und gesagt ... gesagt ...
ja, er hat es deutlich gesagt, da er ohne sie nicht mehr leben kann ...
Oh, Gott!

Ssonja verbrachte in Fieber und Trumen die ganze Nacht. Sie sprang
zuweilen auf, weinte, rang die Hnde und bald verfiel sie wieder in
Fiebertrume und sie trumte von Poletschka, Katerina Iwanowna,
Lisaweta, von Vorlesen aus dem Evangelium und von ihm ... ihm mit dem
bleichen Gesicht, mit den funkelnden Augen ... Er kt ihr die Fe,
weinte ... Oh, Gott!

Hinter der Tre rechts, hinter derselben Tre, die das Zimmer Ssonjas
von der Wohnung von Gertrude Karlowna Rlich abteilte, war ein
Durchgangszimmer, seit langem unbewohnt, das zu der Wohnung der Frau
Rlich gehrte und das zu vermieten war, worauf die Zettel an dem Tore
und an den Scheiben der Fenster, die zum Kanal hinausgingen, hinwiesen.
Ssonja war seit langem gewhnt, dieses Zimmer als unbewohnt zu
betrachten. Indessen aber hatte in dem leeren Zimmer die ganze Zeit an
der Tre Herr Sswidrigailoff gestanden und heimlich gelauscht. Als
Raskolnikoff fortgegangen war, blieb er stehn, dachte nach, ging auf den
Fuspitzen in sein Zimmer, das an das leere grenzte, holte dort einen
Stuhl und stellte ihn leise an die Tre, die zu Ssonjas Zimmer fhrte.
Das Gesprch erschien ihm amsant und bedeutungsvoll und hatte ihm sehr
gefallen, -- hatte ihm so gefallen, da er einen Stuhl hinbrachte, um
knftig, zum Beispiel morgen schon, nicht wieder der Unannehmlichkeit
ausgesetzt zu sein, eine ganze Stunde stehen zu mssen, sondern sich's
bequemer zu machen, um in jeder Beziehung vllig befriedigt zu werden.


                                   V.

Als Raskolnikoff am anderen Morgen, punkt elf Uhr, in das Haus des
--schen Polizeireviers, in die Abteilung des Untersuchungsrichters
eingetreten war und gebeten hatte, ihn Porphyri Petrowitsch anzumelden,
war er verwundert, wie lange man ihn warten lie, -- es vergingen
mindestens zehn Minuten, ehe man ihn rief. Seiner Berechnung nach mute
man sich sofort auf ihn strzen. Er stand indessen im Wartezimmer, es
gingen Menschen an ihm vorber, die offenbar sich gar nicht fr ihn
interessierten. In dem anderen Zimmer, das einer Kanzlei glich, saen
und schrieben einige Schreiber, und es war ersichtlich, da niemand auch
eine Ahnung davon hatte, -- wer und was Raskolnikoff sei? Mit unruhigem
und mitrauischem Blicke beobachtete er alles umher, und suchte, -- ob
nicht neben ihm irgendeine Wache stehe, und ob er keinen geheimnisvollen
Wink she, bestimmt, auf ihn acht zu geben, da er nicht entrinne? Aber
nichts von alledem, -- er sah blo sorgenvolle Kanzleigesichter und
einige andere Leute, und niemand kmmerte sich um sein Kommen und Gehen.
Immer mehr befestigte sich in ihm der Gedanke, da, wenn dieser
geheimnisvolle Mensch von gestern, dieses Gespenst, das aus der Erde
hervorgestiegen schien, tatschlich alles wute und alles gesehen hatte,
-- man ihm, Raskolnikoff, nicht erlauben wrde, jetzt so dazustehen und
ruhig abzuwarten? Und wrde man auf ihn bis elf Uhr gewartet haben, bis
es ihm selbst eingefallen wre, zu erscheinen? Es zeigte sich also, da
dieser Mensch entweder noch nichts mitgeteilt hatte, oder ... oder er
einfach nichts wute und mit seinen eigenen Augen nichts gesehen hatte,
-- ja, und wie konnte er es auch gesehen haben? -- und schlielich war
alles, was gestern mit ihm, Raskolnikoff, vorgefallen war, nichts als
eine Wahnerscheinung, die seine gereizte und kranke Einbildung
bertrieben hatte. Diese Vermutung hatte ja gestern schon whrend der
strksten Aufregungen und der Verzweiflung in ihm sich zu befestigen
angefangen. Nachdem er sich dies alles jetzt noch einmal berlegt hatte
und sich zu einem neuen Kampfe anschickte, fhlte er pltzlich, da er
zittre, -- und eine Emprung erfate ihn bei dem Gedanken, da er aus
Furcht vor dem verhaten Porphyri Petrowitsch zittere. Am
schrecklichsten fr ihn war es, mit diesem Menschen wieder
zusammenzutreffen; er hate ihn ber alle Maen, grenzenlos, und
frchtete direkt, seinen Ha irgendwie zu offenbaren. Seine Emprung
ber sich selbst war so stark, da das Zittern sofort aufhrte; er
schickte sich an, mit einer kalten und frechen Miene hineinzugehen und
versprach sich selbst, mglichst viel zu schweigen, zu beobachten und
zuzuhren und dieses Mal um jeden Preis seine krankhafte gereizte Natur
zu berwinden. In diesem Augenblicke rief man ihn zu Porphyri
Petrowitsch hinein.

Es traf sich, da in diesem Momente Porphyri Petrowitsch in seinem
Arbeitszimmer allein war. Sein Arbeitszimmer war weder klein, noch gro;
es standen darin ein groer Schreibtisch vor einem Divan, der mit
Wachstuch bezogen war, ein Schrank in einer Ecke und einige Sthle, --
alles gehrte dem Staate und war aus gelbem poliertem Holze. In einer
Ecke der Hinterwand oder besser gesagt der Scheidewand, war eine
verschlossene Tre, -- also, muten hinter dieser Wand sich noch andere
Zimmer befinden. Nach Raskolnikoffs Eintritt schlo Porphyri Petrowitsch
sofort die Tre, durch die er eingetreten war, und sie waren allein. Er
begrte seinen Besuch mit sichtlich frhlichstem und freundlichstem
Ausdruck, und erst nach einigen Minuten merkte Raskolnikoff aus einigen
Anzeichen eine gewisse Bestrztheit, als sei er pltzlich aus dem
Konzept gebracht, oder als hatte man ihn auf etwas Verstecktem und
Geheimem ertappt.

Ah, Verehrtester! Da sind Sie ja ... in unserer Gegend ... begann
Porphyri Petrowitsch und streckte ihm beide Hnde entgegen. Nun, nehmen
Sie Platz, Vterchen! Oder vielleicht haben Sie es nicht gern, da man
Sie Verehrtester und ... Vterchen nennt, -- sozusagen _tout
court_{[7]}? Halten Sie es bitte nicht fr familir ... Bitte, hierher
auf den Divan.

Raskolnikoff setzte sich, ohne die Augen von ihm zu wenden.

Ja unserer Gegend, Entschuldigung wegen Familiaritt, das franzsische
_tout court_{[7]} und dergleichen mehr, dies alles waren
charakteristische Anzeichen. Er hat mir beide Hnde entgegengestreckt,
hat aber keine Hand gereicht, hat sie rechtzeitig zurckgezogen, dachte
er mitrauisch. Beide beobachteten einander, aber kaum begegneten sich
ihre Blicke, als sie beide mit Blitzesschnelle sie voneinander
abwandten.

Ich habe Ihnen diese Anmeldung ... ber die Uhr gebracht ... hier haben
Sie es. Ist es richtig geschrieben, oder soll ich es umschreiben?

Was? Die Anmeldung? Ja, so ... machen Sie sich keine Sorge, es ist
richtig, sagte Porphyri Petrowitsch, als htte er Eile, und erst
nachdem er das gesagt hatte, nahm er das Schriftstck und sah es durch.
Ja, es ist richtig. Mehr ist auch nicht ntig, besttigte er noch
einmal schnell und legte das Papier auf den Tisch.

Nach einer Minute, als er schon von etwas anderem sprach, nahm er es
wieder in die Hand und legte es in seinen Schreibtisch.

Ich glaube, Sie sagten gestern, da Sie wnschten, mich ... in aller
Form ... ber meine Bekanntschaft mit dieser ... Ermordeten zu fragen?
begann wieder Raskolnikoff. Nun, warum habe ich >ich glaube< gesagt?
durchfuhr es ihn. Warum beunruhige ich mich denn so, da ich dieses
>ich glaube< hinzugefgt habe? kam ihm alsbald ein zweiter Gedanke. Und
pltzlich empfand er, da seine Zweifelsucht, nur bei der Berhrung mit
Porphyri Petrowitsch, nur nach zwei Worten, nur von zwei Blicken, in
einem einzigen Augenblick schon ins Ungeheure gestiegen sei ... und da
dies sehr gefhrlich sei, -- seine Nerven wurden gereizt, die Erregung
steigerte sich. Es ist ein Unglck! Ein Unglck! ... Ich werde mich
wieder versprechen. --

Ja, ja, ja! Haben Sie keine Sorge! Es hat Zeit, hat Zeit! murmelte
Porphyri Petrowitsch und ging vor dem Tische auf und ab, wie
absichtslos. Bald eilte er zu dem Fenster, bald zum Schreibtisch, bald
zu dem anderen Tisch, bald mied er den mitrauischen Blick
Raskolnikoffs, bald blieb er pltzlich stehen und sah ihm unverwandt ins
Gesicht. Sonderbar erschien dabei seine kleine, dicke und runde Gestalt,
die wie ein Gummiball berall hinrollte und sofort von den Wnden und
den Ecken absprang.

Wir haben Zeit, wir haben Zeit! ... Rauchen Sie? Haben Sie was zu
rauchen? Bitte, hier ist eine Zigarette, fuhr er fort und reichte dem
Besucher Zigaretten ... Wissen Sie, ich empfange Sie hier, meine
Wohnung aber ist hier hinter der Zwischenwand ... freie Dienstwohnung,
ich wohne jetzt noch in meiner alten, eigenen. Man mute hier einige
kleine Reparaturen vornehmen. Jetzt ist alles fast in Ordnung ... eine
freie Dienstwohnung ist eine schne Sache? Meinen Sie nicht?

Ja, es ist eine schne Sache, antwortete Raskolnikoff und blickte ihn
fast spttisch an.

Eine schne Sache, eine schne Sache ... wiederholte Porphyri
Petrowitsch, als ob er an etwas ganz anderes denke, ja! eine schne
Sache! rief er zum Schlusse laut, erhob pltzlich die Augen zu
Raskolnikoff und blieb zwei Schritte vor ihm stehen.

Diese fortwhrende dumme Wiederholung, da eine Dienstwohnung eine
schne Sache sei, widersprach sehr dem ernsten sinnenden und
rtselhaften Blicke, mit dem er jetzt seinen Besuch anstarrte.

Dies aber reizte noch mehr die Wut Raskolnikoffs, so da er eine
spttische und ziemlich unvorsichtige Herausforderung nicht unterdrcken
konnte.

Sie wissen doch, sagte er unerwartet, indem er ihn fast dreist
anblickte, und als empfnde er einen Genu von seiner Dreistigkeit, da
es eine juristische Regel, ein juristischer Kniff mancher
Untersuchungsrichter ist, -- zuerst von weitem her mit Kleinigkeiten,
oder auch mit etwas Ernstem aber Fernliegendem zu beginnen, um den zu
Verhrenden sozusagen zu ermutigen, oder besser gesagt, abzulenken,
seine Vorsicht einzuschlfern, um ihn nachher pltzlich und unversehens
mit einer verhngnisvollen und gefhrlichen Frage zu betuben, habe ich
recht? Das wird, glaube ich, in allen Lehrbchern und Vorschriften bis
heute als unfehlbarer Kunstgriff festgehalten.

Es ist richtig ... und Sie meinen, da ich es mit der freien
Dienstwohnung bei Ihnen versucht habe ... ah?

Als Porphyri Petrowitsch dies gesagt hatte, kniff er die Augen zusammen
und blinzelte ihm zu; etwas Lustiges und Schlaues huschte ber sein
Gesicht, die Falten auf seiner Stirn gltteten sich, die Augen wurden
schmler, die Gesichtszge erweiterten sich, und pltzlich brach er in
ein nervses langandauerndes Lachen aus, das seinen ganzen Krper
erschtterte, dabei sah er Raskolnikoff unentwegt in die Augen.
Raskolnikoff zwang sich in das Lachen einzustimmen. Als aber Porphyri
Petrowitsch sah, da auch er lache, brach er in ein Gelchter aus, da
ihm das Blut zu Kopf stieg. Raskolnikoffs Widerwillen berwog seine
Vorsicht, -- er hrte auf zu lachen, sein Gesicht verfinsterte sich und
er sah Porphyri Petrowitsch lange und voll Ha an whrend dieses
anhaltenden und wie absichtlich nicht aufhrenden Lachens. brigens war
die Unvorsichtigkeit beiderseits -- es war doch klar, da Porphyri
Petrowitsch ber seinen Besucher lachte und da er ber dessen
unverhohlenen Mimut sich nicht im geringsten kmmerte. Das aber war fr
Raskolnikoff sehr wichtig -- er hatte begriffen, da Porphyri
Petrowitsch auch vorhin sich gar nicht verlegen gefhlt hatte, da im
Gegenteil er, Raskolnikoff, wahrscheinlich in eine Falle geraten sei,
da es hier etwas gab, was er nicht ahnte, da vielleicht schon alles
vorbereitet sei, um sich im nchsten Augenblick zu zeigen und ihn zu
berrumpeln ...

Er ging gerade auf das Ziel los, stand von seinem Platze auf und nahm
seine Mtze.

Porphyri Petrowitsch, begann er gereizt, aber entschlossen, Sie
uerten gestern den Wunsch, da ich zu einem Verhre herkommen sollte.
(Er betonte besonders das Wort _Verhr_.) Ich bin gekommen, und wenn
Sie etwas wnschen, fragen Sie mich, sonst aber gestatten Sie mir,
wegzugehen. Ich habe keine Zeit, denn ich habe zu tun ... Ich mu zu der
Beerdigung eines Beamten, der berfahren worden ist und von dem ... Sie
auch ... schon wissen ... fgte er hinzu, rgerte sich aber sofort, da
er das hinzugefgt hatte und wurde noch gereizter. Ich bin des Ganzen
berdrssig, hren Sie, und seit langem schon ... ich bin zum Teil auch
deshalb krank gewesen ... mit einem Worte, schrie er fast, als er
fhlte, da die Phrase ber seine Krankheit sehr berflssig war, mit
einem Worte, -- belieben Sie mich entweder zu fragen oder zu entlassen,
und zwar sofort ... und wenn Sie mich fragen wollen, dann nicht anders,
als nach der gesetzlichen Form! Anders werde ich es nicht erlauben, und
darum sage ich Ihnen einstweilen, leben Sie wohl, da wir jetzt beide
nichts miteinander zu schaffen haben.

Mein Gott! Ja, was ist mit Ihnen? Ja, worber soll ich Sie denn
fragen, sagte auf einmal Porphyri Petrowitsch aufgeregt, indem er
sofort den Ton und seine Miene nderte und aufhrte zu lachen, bitte,
regen Sie sich doch nicht auf, bemhte er sich um Raskolnikoff, bald
ntigte er ihn, seinen Platz wieder einzunehmen, bald lief er im Zimmer
umher, es hat Zeit, es hat Zeit und alles sind doch blo Kleinigkeiten!
Ich bin im Gegenteil so froh, da Sie endlich zu mir gekommen sind ...
Ich empfange Sie als meinen Gast. Und dieses verfluchte Lachen bitte ich
Sie zu entschuldigen, Vterchen, Rodion Romanowitsch. -- Rodion
Romanowitsch, so ist doch Ihr Vatername, nicht wahr? ... Ich bin ein
nervser Mensch. Sie haben mich durch Ihre witzige Bemerkung stark zum
Lachen gebracht; zuweilen schttelt es mich wirklich, als wre ich aus
Kautschuk, und das dauert manchmal eine halbe Stunde ... Ich neige zum
Lachen. Bei meiner Statur frchte ich dadurch einmal einen Schlaganfall
zu bekommen. Ja, setzen Sie sich doch, warum stehn Sie? ... Bitte,
setzen Sie sich, Vterchen, sonst denke ich, da Sie mir bse sind ...

Raskolnikoff schwieg, hrte zu und beobachtete ihn, noch immer zornig
und mit dsterem Gesichte. Er nahm Platz, legte aber die Mtze nicht aus
der Hand.

Ich will Ihnen, Vterchen Rodion Romanowitsch, von mir selbst etwas
sagen, um Ihnen meinen Charakter sozusagen zu erklren, fuhr Porphyri
Petrowitsch fort, indem er im Zimmer hin und her eilte und wie vorhin
den Blick seines Gastes zu meiden schien. Wissen Sie, ich bin ein alter
Junggeselle, ohne weltmnnische Art und ohne Beziehungen, auerdem ein
abgetaner Mensch, der schon ber die Reife hinaus und in Samen
geschossen ist ... Und Rodion Romanowitsch, haben Sie nicht auch schon
beobachtet, da bei uns, das heit bei uns in Ruland, und meistens in
unseren Petersburger Kreisen, wenn zwei kluge Menschen zusammenkommen,
die einander noch nicht gut kennen, aber sich sozusagen gegenseitig
achten, wie wir jetzt zusammengekommen sind, so knnen sie kaum vor
Ablauf einer halben Stunde ein Gesprchsthema finden, -- sie sitzen,
starren einander an und genieren sich. Alle haben einen Gesprchsstoff,
Damen zum Beispiel ... Leute aus der groen Welt zum Beispiel haben
immer ein Thema zur Unterhaltung, _c'est de rigueur_{[8]}. Die Leute
aber aus den mittleren Schichten, das heit denkende Menschen, wie wir,
-- sind alle verlegen und nicht gesprchig. Woher kommt das, Vterchen?
Haben wir keine gemeinsamen Interessen, oder sind wir zu ehrlich und
wollen einander nicht betrgen, ich wei es nicht? Ah? Wie meinen Sie?
Legen Sie doch bitte die Mtze fort, es sieht so aus, als wollten Sie
gleich fortgehen, das ist wirklich peinlich ... Ich freue mich im
Gegenteil sehr, da Sie hier sind ...

Raskolnikoff legte die Mtze weg, verhielt sich aber schweigend und
hrte ernst und mit dsterem Gesichte dem leeren und verworrenen
Geschwtz von Porphyri Petrowitsch zu.

Will er tatschlich mit seinem dummen Geschwtz meine Aufmerksamkeit
ablenken? dachte er.

Ich kann Ihnen leider keinen Kaffee anbieten, es geht hier nicht an;
doch warum soll man sich nicht fnf Minuten mit einem guten Bekannten
zerstreuen, redete Porphyri Petrowitsch ohne Unterbrechung fort, und
wissen Sie, alle diese dienstlichen Pflichten ... aber seien Sie bitte,
Vterchen, nicht bse, da ich in einem fort auf und ab gehe;
entschuldigen Sie, Vterchen, ich frchte sehr, Sie zu krnken, Bewegung
aber tut mir einfach ntig. Ich sitze die ganze Zeit und bin sehr froh,
so fnf Minuten herumgehen zu knnen ... Hmorrhoiden ... ich will mich
durch Gymnastik behandeln; man erzhlt, da Staatsrte, wirkliche
Staatsrte und sogar Geheimrte, sehr gern ab und zu ber die Schnur
springen; ja, ja, die Wissenschaft in unserem Jahrhundert ... leistet
viel ... Und diese dienstlichen Pflichten, Verhre und diese ganzen
Formalitten ... Sie erwhnten, Vterchen, soeben etwas von Verhren ...
ja, wissen Sie, Vterchen Rodion Romanowitsch, diese Verhre verwirren
zuweilen den Verhrer selbst mehr als den zu Verhrenden ... Das haben
Sie, Vterchen, sehr richtig und witzig soeben bemerkt (Raskolnikoff
hatte gar keine derartige Bemerkung gemacht). -- Man wird konfus!
Wirklich, man wird konfus, und immer hat man ein und dasselbe, immer ein
und dasselbe, es geht in einer Leier so fort! Die Reform ist im Anzuge,
wir werden wenigstens einen anderen Titel erhalten, he--he--he! Und was
unser Verfahren, ber das Sie vorhin so gelungen sprachen, anbetrifft,
so bin ich ganz Ihrer Meinung. Aber, sagen Sie bitte, welcher
Angeklagte, und wre es der dmmste Bauer, wte nicht, da man zuerst
anfngt, ihn durch nebenschliche Fragen einzuschlfern, wie Sie
treffend bemerkten, um ihn dann pltzlich mit einem Schlage zu betuben,
he--he--he! ihn zu betuben, nach Ihrem glcklichen Ausdruck!
He--he--he! Also, Sie dachten tatschlich, da ich es bei Ihnen mit der
Dienstwohnung versuchen wollte ... he, he! Sie sind ein spttischer
Mensch! Also, ich werde nicht mehr darber reden! Ach ja, beilufig, das
eine Wort zieht ja das andere nach, und ein Gedanke ruft den andern, --
Sie haben vorhin auch die gesetzliche Form erwhnt, wissen Sie, in bezug
auf das Verhr ... Wozu denn eine gesetzliche Form? Die Form ist, wissen
Sie, in vielen Fllen ein Unsinn. Manchesmal ist es vorteilhafter, in
aller Freundschaft miteinander zu sprechen. Die Form luft nie davon,
darin gestatte ich mir Sie zu beruhigen; ja, und was ist eigentlich die
Form, frage ich Sie? Die gesetzliche Form darf nicht bei jedem Schritt
den Untersuchungsrichter hemmen. Die Arbeit eines Untersuchungsrichters
ist doch sozusagen freie Kunst in ihrer Art, oder etwas hnliches ...
he! he!

Porphyri Petrowitsch machte fr einen kurzen Augenblick eine Pause. Er
redete in einem fort, ohne zu ermden, bald sinnloses und inhaltloses
Zeug, bald machte er pltzlich rtselhafte Anspielungen und verlor sich
von neuem in sinnloses Geschwtz. Er lief schon fast im Zimmer herum und
bewegte immer schneller und schneller seine dicken kurzen Beine; blickte
dabei die ganze Zeit zu Boden, hatte die rechte Hand auf dem Rcken und
machte mit der linken allerhand Bewegungen, die jedesmal nur wenig mit
seinen Worten bereinstimmten. Raskolnikoff bemerkte pltzlich, da er
ein paarmal neben der Tr stehen blieb und zu lauschen schien ...

Wartet er etwa auf etwas? dachte er.

Und Sie sind vollkommen im Rechte, begann von neuem Porphyri
Petrowitsch und blickte heiter und mit ungewhnlicher Treuherzigkeit
Raskolnikoff an, was jenen zu vermehrter Achtsamkeit veranlate. Sie
haben tatschlich recht, da Sie ber die Rechtsformen sich so lustig
machen, he--he! Diese tiefsinnigen psychologischen Kunstgriffe -- einige
natrlich nur -- sind uerst lcherlich, ja und vielleicht nutzlos,
wenn sie durch die gesetzliche Form zu sehr beschrnkt sind. Ja ... ich
komme wieder auf die gesetzliche Form zurck, -- also, wenn ich den
einen oder den anderen sozusagen fr den Verbrecher halte, oder besser
gesagt, ihn im Verdacht habe, in irgendeiner mir bertragenen
Angelegenheit ... Sie bereiten sich doch vor, Jurist zu werden, Rodion
Romanowitsch?

Ja, ich wollte es werden ...

Nun, da mchte ich Ihnen sozusagen ein Beispiel fr die Zukunft
anfhren, -- das heit, glauben Sie nicht, da ich es wage, Sie zu
belehren, -- Sie lassen doch selber groe Artikel ber Verbrechen
drucken! Nein, ich will Ihnen nur, als eine Tatsache, ein Beispiel
erwhnen, -- also falls ich den einen oder den anderen fr den
Verbrecher halten sollte, fragt es sich, soll ich ihn vor der Zeit
beunruhigen, wenn ich auch Beweise gegen ihn habe? Den einen mu ich zum
Beispiel schneller verhaften, ein anderer aber hat einen ganz anderen
Charakter, wirklich, -- warum soll man ihm denn nicht gestatten, in der
Stadt herumzuspazieren -- he--he--he! Nein, ich sehe, da Sie nicht ganz
verstehn, ich will es Ihnen deutlicher erklren, -- wenn ich ihn zum
Beispiel zu frh einsperre, so gebe ich ihm vielleicht dadurch eine
moralische Sttze, sozusagen, he--he! Sie lachen? (Raskolnikoff dachte
gar nicht daran, zu lachen; er sa mit zusammengepreten Zhnen und
wandte seinen glhenden Blick von den Augen Porphyri Petrowitschs nicht
ab.) Das kann bei dem einen Subjekt genau das richtige sein, denn die
Menschen sind verschieden, und da mu vor allem die Praxis entscheiden.
Sie werden jetzt einwenden -- und die Beweise! Ja, nehmen wir an, es
sind Beweise da, aber Beweise haben doch meistenteils, Vterchen, zwei
Seiten, und ich bin doch Untersuchungsrichter, also auch nur ein
schwacher Mensch, und ich gestehe, da ich die Untersuchung sozusagen
mathematisch klarstellen mchte, und solch einen Beweis zu erbringen
wnsche, da es so klar wre, wie zweimal zwei vier ist! Da es einer
klaren unbestreitbaren Tatsache gleiche! Wenn ich ihn aber vor der Zeit
einsperre, -- und wre ich fest berzeugt, da er es ist, -- so kann ich
mich selbst vielleicht der Mittel berauben, ihn weiter zu berfhren,
und warum? Weil ich ihm sozusagen eine bestimmte Lage gebe, ihn
sozusagen psychologisch bestimme und festlege, und da wird er sich vor
mir in seine Schale verkriechen, -- er wird endlich begreifen, da er
Gefangener ist. Man erzhlt sich, da kluge Leute in Sebastopol sofort
nach der Schlacht bei Alma schreckliche Angst hatten, da der Feind
gleich darauf einen offenen Sturm auf Sebastopol machen und die Stadt
einnehmen wrde; als sie aber sahen, da der Feind eine regelrechte
Belagerung vorzog und die erste Parallele zog, da haben sich die klugen
Leute ordentlich gefreut und sich beruhigt, -- die Sache zieht sich
wenigstens noch zwei Monate hin, denn es dauert ein Endchen, ehe sie
durch eine regelrechte Belagerung die Stadt einnehmen knnen. Sie lachen
wieder, Sie glauben wieder nicht? Sie sind selbstverstndlich auch im
Recht. Sie sind im Recht, Sie sind im Recht! Ich bin mit Ihnen
einverstanden, es sind alles Einzelflle; der angefhrte Fall steht
tatschlich vereinzelt da! Aber sehen Sie, lieber Rodion Romanowitsch,
man mu dabei folgendes nicht auer acht lassen, -- es gibt doch keinen
allgemeinen Fall, einen solchen, auf den alle rechtlichen Formen und
Regeln passen, nach dem sie berechnet und in Bcher eingetragen sind,
aus dem bloen Grunde, weil jede Tat, jedes Verbrechen, zum Beispiel
sofort, kaum da es in Wirklichkeit geschehen ist, sich in einen
vollkommenen Einzelfall verwandelt und zuweilen in einen solchen, der
einem frheren ganz und gar nicht hnlich ist. Zuweilen passieren in
dieser Hinsicht ganz komische Sachen. Wenn ich nun einen Herrn ganz
allein lasse, ihn nicht festnehme und nicht beunruhige, aber er soll
jede Stunde und jeden Augenblick wissen oder wenigstens ahnen, da ich
alles wei, sein ganzes Geheimnis, Tag und Nacht ihn beobachten lasse,
ber ihn rastlos wache, und wenn er sich bewut unter ewigem Verdachte
und in ewiger Angst fhlt, -- bei Gott, da wird er nicht aus und ein
wissen, er wird tatschlich selbst kommen und wird vielleicht noch etwas
tun, was dem Zweimalzwei bestimmt hnlich sein wird, was sozusagen wie
ein mathematisches Exempel aussieht, -- und das ist sehr angenehm. Das
kann auch mit einem plumpen Bauern geschehen, aber um so mehr mit
unsereinem, einem modern gebildeten und nach einer bestimmten Richtung
entwickelten Menschen! Denn, mein Lieber, es ist sehr wichtig zu wissen,
in welcher Richtung ein Mensch entwickelt ist. Und die Nerven, die
Nerven, die haben Sie ganz vergessen! Die sind doch heutzutage krank,
schlecht und gereizt! ... Und die Galle, -- wieviel Galle sie alle
haben! Das ist ja, will ich Ihnen nur sagen, in manchen Fllen eine
Fundgrube in ihrer Art! Und warum soll ich beunruhigt sein, da er
ungefesselt in der Stadt herumgeht? Mag er, mag er vorlufig spazieren
gehen; ich wei auch ohnedem, da er mein Opfer ist und niemals von mir
fortluft! Ja, und wohin soll er auch fliehen, he--he! Ins Ausland etwa?
Ein Pole wird ins Ausland fliehen, aber nicht er, um so mehr, da ich ihn
beobachte und Maregeln ergriffen habe. Soll er ins Innere des
Vaterlandes etwa fliehen? Dort leben aber Bauern, echte, ungewaschene
Russen; da wird ein modern entwickelter Mensch eher das Gefngnis
vorziehen, als mit solchen Auslndern, wie es unsere Bauern sind, leben,
he--he--he! Aber das ist Unsinn, sind reine uerlichkeiten. Was heit,
-- er wird fliehen! Das ist formell gemeint, es ist nicht die
Hauptsache; er wird mir nicht entfliehen, nicht, weil er nirgends
hinfliehen knnte, -- er wird mir _psychologisch_ nicht entfliehen,
he--he! Was sagen Sie zu dem Ausdruck? Er wird dem Naturgesetze nach mir
nicht entfliehen, wenn er auch irgendwohin fliehen knnte. Haben Sie
einen Schmetterling vor einem Lichte gesehen? Nun, er wird auch so die
ganze Zeit um mich, wie um ein Licht, herumflattern; die Freiheit wird
ihm unlieb werden, er wird nachdenklich werden, sich verwirren, sich
selbst wie in ein Netz verwickeln und sich zu Tode zappeln! ... Nicht
das allein, -- er wird mir selbst irgendein mathematisches Exempel, wie
Zweimalzwei, bringen, -- wenn ich ihm blo gengend Zeit dazu lasse ...
Und er wird die ganze Zeit, wird die ganze Zeit mich umkreisen und immer
kleinere und kleinere Kreise ziehen und -- bardautz! Er wird mir direkt
in den Mund fliegen und ich werde ihn verschlucken, und das ist aber
sehr angenehm, he--he--he! Sie glauben nicht?

Raskolnikoff antwortete nicht, er sa bleich und unbeweglich und sah die
ganze Zeit Porphyri Petrowitsch starr ins Gesicht.

Die Lehre ist gut! dachte er erschauernd. Das ist nicht mehr ein
Spiel, wie die Katze mit der Maus, wie es gestern der Fall war. Und er
zeigt mir doch nicht nutzlos seine Macht und ... souffliert mir; er ist
dazu zu klug ... Er verfolgt einen anderen Zweck, aber was fr einen?
He, es ist Unsinn, Bruder, du willst mir nur Furcht einjagen und spielst
den Schlauen! Du hast keine Beweise und der Mann von gestern existiert
gar nicht! Du willst mich blo verwirren, vorzeitig reizen und in diesem
Zustande auf mich losschlagen, aber nein, du schlgst vorbei! Aber
warum, warum souffliert er mir in dieser Weise? ... Rechnet er etwa mit
meinen kranken Nerven! ... Nein, Bruder, das wird dir nicht gelingen,
obwohl du etwas vorbereitet hast ... Nun, wollen wir mal sehen, was du
da vorbereitet hast.

Und er nahm alle Krfte zusammen, um sich auf eine furchtbare und
unbekannte Katastrophe gefat zu machen. Zuweilen fhlte er einen
heftigen Drang, sich auf Porphyri Petrowitsch zu strzen und ihn auf der
Stelle zu erwrgen. Als er hereintrat, frchtete er sich vor dieser Wut.
Er fhlte, da seine Lippen trocken waren, sein Herz klopfte und da der
Schaum vor dem Munde eingetrocknet war. Er beschlo trotzdem zu
schweigen. Er begriff, da das die beste Taktik in seiner Situation sei,
weil er nicht blo keine Gelegenheit hatte, sich zu versprechen, sondern
im Gegenteil durch sein Schweigen den Gegner reizen konnte, und jener
vielleicht noch sich selbst verraten wrde. Er hoffte wenigstens darauf.

Nein, ich sehe, Sie glauben mir nicht, Sie meinen, da ich Ihnen
unschuldige Spe erzhle, sagte Porphyri Petrowitsch, indem er
lustiger wurde, vor Vergngen ununterbrochen kicherte und wieder im
Zimmer herumwanderte. Sie haben selbstverstndlich ein Recht dazu. Gott
hat mir so eine Gestalt verliehen, da sie nur lcherliche Gedanken bei
anderen erregt; bin der Possenreier, aber ich will nur eins sagen und
wiederhole noch einmal, entschuldigen Sie mich alten Mann, Vterchen
Rodion Romanowitsch, -- Sie sind noch ein junger Mann, sozusagen in der
Jugendblte, und schtzen darum am hchsten, wie berhaupt die Jugend,
den menschlichen Verstand. Schrfe des Verstandes und abstrakte
Vernunftschlsse ziehen Sie an. Das ist genau, wie mit dem frheren
sterreichischen Hofkriegsrat, soweit ich ber Kriegsereignisse urteilen
kann, -- auf dem Papier hatten sie Napoleon geschlagen und gefangen
genommen, haben in ihrem Arbeitszimmer alles in der scharfsinnigsten
Weise ermessen und berechnet, und zuguterletzt ergibt sich General Mack
mit seiner ganzen Armee, he--he--he! Ich sehe, ich sehe, Vterchen
Rodion Romanowitsch, Sie lachen ber mich, da so ein Zivilist, wie ich,
Beispiele aus der Kriegsgeschichte anfhrt. Ja, was soll ich tun, ich
habe einmal diese Schwche, liebe alles Militrische und lese sehr gern
alle diese Kriegsrelationen ... ich habe entschieden in der Wahl meines
Berufes gefehlt. Ich sollte als Militr dienen, gewi, zum Napoleon
htte ich es nicht gebracht, hchstens bis zum Major, he--he--he! Nun,
ich will Ihnen jetzt die volle Wahrheit in bezug auf _den Einzelfall_
sagen, mein Lieber. Wirklichkeit und Natur, mein Herr, sind wichtige
Dinge und machen zuweilen die allerglnzendste Berechnung zuschanden!
He, hren Sie auf mich, einen alten Mann, ich spreche im Ernst. Rodion
Romanowitsch, -- (indem er dies sagte, schien der kaum
fnfunddreiigjhrige Porphyri Petrowitsch tatschlich gealtert zu sein,
-- sogar seine Stimme hatte sich verndert und sie schien wie verfallen)
-- und auerdem bin ich aufrichtig ... Bin ich nicht aufrichtig? Was
meinen Sie? Mir scheint, ich bin es im vollen Mae, -- teile Ihnen
solche Dinge umsonst mit, und verlange dafr gar keine Belohnung,
he--he--he! Nun, also, ich fahre fort, -- Scharfsinn ist meiner Meinung
nach ein prchtiges Ding; er ist sozusagen eine Zierde der Natur und ein
Trost des Lebens, und kann solche Kunststcke produzieren, da zuweilen
ein armer Untersuchungsrichter beim besten Willen sie nicht erraten
kann, der zudem von seiner eigenen Phantasie geleitet wird, wie es oft
genug vorkommt, denn er ist auch nur ein Mensch! Aber die Natur hilft
dem armen Untersuchungsrichter, das ist das Unglck! Daran aber denkt
die von ihrem Scharfsinn hingerissene Jugend nicht, >die ber alle
Hindernisse hinwegschreitet<, -- wie Sie sich scharfsinnig und trefflich
auszudrcken beliebten. Er wird -- nehmen wir es an -- lgen, das heit,
der Mensch, _der Einzelfall_, der Inkognito, und wird ausgezeichnet und
in der schlauesten Weise lgen; nun mte er, sollte man meinen,
triumphieren und die Frchte seines Scharfsinnes genieen, aber es kommt
ein Krach, -- bei der interessantesten, skandalsesten Stelle fllt er
in Ohnmacht. Angenommen, es kann von Krankheit und zuweilen von der
dumpfen Luft in einem Zimmer kommen, aber trotzdem! Trotzdem ist der
Gedanke gegeben! Er hat unvergleichlich gelogen, hat aber nicht
verstanden, mit der Natur zu rechnen. Darin aber lag die Tcke! Ein
anderes Mal lt er sich von der Lebhaftigkeit seines Scharfsinnes
hinreien, beginnt einen Menschen, der ihn im Verdacht hat, zum Narren
zu halten, erbleicht, wie absichtlich, wie im Scherze, aber erbleicht
_schon zu natrlich_, so da es zu sehr wirklichem Erbleichen gleicht,
und wieder ist der Gedanke gegeben! Wenn ihm auch der Betrug zum ersten
Male gelingt, aber ber Nacht denkt jener nach und berlegt es sich
anders, wenn er nicht dumm ist. Und so geschieht es auf Schritt und
Tritt! Das ist noch nichts, -- er beginnt sich selbst vorzudrngen,
beginnt sich hineinzumischen, wo man ihn nicht fragt, spricht in einem
fort ber Dinge, ber die er im Gegenteil schweigen mte, lt
allerhand Allegorien vom Stapel, he--he!, kommt selbst und fragt, warum
man ihn so lange nicht festnimmt, he--he--he! und das kann auch mit dem
scharfsinnigsten Menschen, mit einem Psychologen und Literaten,
passieren! Die Natur ist ein Spiegel, der durchsichtigste Spiegel! Sieh
hinein und betrachte dich, ja so ist es! Ja, warum sind Sie so bla
geworden, Rodion Romanowitsch, ist es fr Sie hier zu dumpf, soll ich
nicht das Fenster aufmachen?

Oh, bemhen Sie sich, bitte, nicht, -- rief Raskolnikoff aus und
lachte pltzlich laut, -- bitte, bemhen Sie sich nicht.

Porphyri Petrowitsch blieb vor ihm stehen, wartete eine Weile und
stimmte dann in das Lachen ein. Raskolnikoff erhob sich vom Diwan und
brach pltzlich seinen Lachanfall ab.

Porphyri Petrowitsch! -- sagte er laut und deutlich, obwohl er kaum
auf den zitternden Fen stehen konnte, -- ich sehe endlich klar, da
Sie mich positiv im Verdacht haben, diese Alte und ihre Schwester
Lisaweta ermordet zu haben. Meinerseits erklre ich Ihnen, da ich all
dessen lngst berdrssig bin. Wenn Sie finden, da Sie ein Recht haben,
mich gesetzlich zu verfolgen, so verfolgen Sie mich, zu arretieren, so
arretieren Sie mich. Aber ich erlaube nicht, da man mir ins Gesicht
lacht und mich qult ...

Seine Lippen zitterten pltzlich, die Augen loderten vor Wut und die bis
jetzt gemigte Stimme schwoll an. Ich erlaube es nicht! rief er
pltzlich und schlug aus aller Kraft mit der Faust auf den Tisch, --
hren Sie, Porphyri Petrowitsch? Ich erlaube es nicht!

Ach, mein Gott, was ist Ihnen! rief Porphyri Petrowitsch, offenbar
vllig erschreckt; -- Vterchen! Rodion Romanowitsch! Lieber! Was ist
mit Ihnen?

Ich erlaube es nicht! -- rief Raskolnikoff noch einmal.

Leise, Vterchen! Man knnte es hren und herkommen! Und, was wollen
wir ihnen dann sagen, bedenken Sie! -- flsterte Porphyri Petrowitsch
entsetzt und nherte sein Gesicht dem Raskolnikoffs.

Ich erlaube es nicht, ich erlaube es nicht! -- wiederholte
Raskolnikoff mechanisch, aber pltzlich ganz leise.

Porphyri Petrowitsch wandte sich schnell um und lief, um das Fenster zu
ffnen.

Frische Luft hereinlassen! und etwas Wasser mssen Sie trinken, mein
Lieber, es ist ja ein Anfall! -- und er wollte zur Tre strzen, um
nach Wasser zu schicken, fand jedoch hier selbst in einer Ecke eine
volle Karaffe.

Da, Vterchen, trinken Sie, -- flsterte er, mit der Karaffe zu ihm
eilend, -- vielleicht hilft es ...

Die Angst und selbst die Teilnahme von Porphyri Petrowitsch waren so
natrlich, da Raskolnikoff verstummte und mit Neugier ihn betrachtete.
Das Wasser nahm er nicht an.

Rodion Romanowitsch! Lieber! Ja, in dieser Weise werden Sie noch den
Verstand verlieren, ich versichere Sie! Ach! Trinken Sie! Trinken Sie
wenigstens etwas!

Er zwang ihn doch, das Glas Wasser in die Hand zu nehmen. Raskolnikoff
fhrte es mechanisch an die Lippen, besann sich aber und stellte es mit
Widerwillen auf den Tisch.

Ja, Sie haben einen kleinen Anfall gehabt! In dieser Weise werden Sie,
mein Lieber, wieder, wie frher schon, krank, -- begann mit
freundschaftlicher Teilnahme Porphyri Petrowitsch, und anscheinend noch
fassungslos. -- Mein Gott! Ja, wie kann man sich so wenig schonen?
Gestern war Dmitri Prokofjitsch bei mir gewesen, -- ich gebe zu, ich
habe einen schlimmen, bswilligen Charakter, -- aber was sie alles fr
Schlsse daraus ziehen ... Mein Gott! Er kam gestern zu mir, als Sie
fortgegangen waren, wir saen beim Mittagessen, er redete und redete,
ich staunte blo ... kam er etwa in Ihrem Auftrage? Ja, so setzen Sie
sich doch, Vterchen, nehmen Sie Platz um Christi willen!

Nein, er kam nicht in meinem Auftrage! Aber ich wute, da er zu Ihnen
gehen und warum er zu Ihnen gehen wrde, -- antwortete Raskolnikoff
scharf.

Sie wuten es?

Ich wute es. Nun, was ist denn dabei?

Ja, Vterchen, Rodion Romanowitsch, ich wei noch ganz andere Dinge von
Ihnen; ich wei alles! Ich wei auch, wie Sie, als es dunkelte, in der
Nacht _eine Wohnung zu mieten_ gingen, an der Glocke klingelten, und
nach dem Blut fragten, und die Arbeiter und die Hausknechte verwirrt
machten. Ich verstehe auch Ihre damalige Seelenstimmung ... aber Sie
werden sich in dieser Weise um den Verstand bringen, bei Gott! Werden
zugrundegehen! Eine starke, edle Entrstung kocht in Ihnen gegen die
empfangenen Krnkungen, zuerst vom Schicksal, dann von den
Polizeibeamten, darum strzen Sie auch hierhin und dorthin, um sozusagen
schneller alle zum Sprechen zu bringen, und um allem mit einem Male ein
Ende zu machen, denn dieser Unsinn und dieser ganze Verdacht ist Ihnen
zum berdru. Ist es nicht so? Habe ich die Stimmung erraten? ... Und in
dieser Weise werden Sie nicht allein zugrunde gehen, sondern ziehen auch
unseren Rasumichin hinein, er ist doch dafr ein _zu guter_ Mensch, Sie
wissen es ja selbst. Bei Ihnen ist es eine Krankheit, bei ihm Tugend ...
die Krankheit knnte auch ihn anstecken ... Ich will Ihnen, Vterchen,
wenn Sie sich beruhigt haben, etwas erzhlen ... aber setzen Sie sich
doch um Christi willen, Vterchen! Bitte, ruhen Sie sich aus, Sie sehen
bla aus, ja, setzen Sie sich doch! Raskolnikoff setzte sich hin, das
Zittern ging vorber, und sein ganzer Krper begann zu glhen. Mit
tiefem Erstaunen und aufmerksam hrte er dem erschrockenen und
freundschaftlich um ihn bemhten Porphyri Petrowitsch zu. Aber er
glaubte keinem einzigen seiner Worte, obwohl er eine seltsame Neigung
empfand zu glauben. Die unerwarteten Worte Porphyri Petrowitsch' ber
die Wohnung hatten ihn uerst bestrzt. -- Wie, er wei also von der
Wohnung? -- dachte er pltzlich, -- und erzhlt es mir selbst!

Ja, in unserer Gerichtspraxis gab es einmal einen fast hnlichen Fall,
auch einen psychopathischen, krankhaften Fall, -- fuhr Porphyri
Petrowitsch schnell fort, -- da hat auch einer einen Mord sich
zugedichtet und wie, -- eine ganze Halluzination fhrte er an, brachte
Tatsachen, erzhlte einzelne Umstnde, verwirrte alle und machte jeden
konfus, und aus welchem Grunde? Er selbst war vllig ohne Absicht und
Wissen mit die Ursache an dem Morde, und als er erfuhr, da er den
Mrdern Veranlassung zu ihrer Tat gegeben hatte, wurde er schwermtig
und tiefsinnig, hatte Erscheinungen, verlor ganz den Verstand und
bildete sich ein, da er selbst der Mrder sei! Aber der Senat klrte
schlielich die Sache auf, und der Unglckliche wurde freigesprochen und
in Pflege gegeben. Dank dem Senate! Ach, ja, ja! Ja, wie soll es mit
Ihnen enden, Vterchen? In dieser Weise kann man leicht an Nervenfieber
erkranken, wenn man solche Anwandlungen hat, seine Nerven zu reizen,
nachts die Klingel zu ziehen und nach Blut zu fragen! Ich habe diese
ganze Psychologie in der Praxis studiert. In dieser Weise packt es einen
Menschen zuweilen, aus dem Fenster oder von einem Turme zu springen, und
es ist eine verfhrerische Empfindung. Ebenso ist es auch mit dem
Klingelziehen ... Es ist eine Krankheit, Rodion Romanowitsch, Sie sind
krank! Sie vernachlssigen Ihre Krankheit zu sehr. Sie sollten zu einem
erfahrenen Arzt hingehen, der Dicke kann Ihnen doch nicht viel ntzen!
... Sie haben Fieberwahn! Sie tun alles nur im Fieberwahne! ...

Auf einen Augenblick drehte sich alles vor Raskolnikoffs Augen.

Ist es mglich, -- schwirrte es in seinem Kopfe, -- ist es mglich,
da er auch jetzt lgt? Es ist undenkbar, unmglich! -- er stie diesen
Gedanken von sich, da er fhlte, in welchen Grad von Zorn und Raserei
ihn derselbe bringen mte, und da er vor Wut den Verstand verlieren
knne.

Das war nicht im Fieberwahn, das war im wachen Zustande! -- rief er
aus und spannte alle Krfte seines Verstandes an, um das Spiel Porphyri
Petrowitsch' zu durchschauen. -- Im wachen Zustande, bei vollem
Verstande! Hren Sie?

Ja, ich verstehe und hre es! Sie sagten auch gestern, da es nicht im
Fieberwahne war, Sie betonten sogar, da es nicht im Fieberwahne war!
Ich begreife alles, was Sie sagen! Ach! ... Hren Sie doch, Rodion
Romanowitsch, mein lieber Mensch, ziehen Sie doch diesen Umstand in
Erwgung. Wenn Sie tatschlich in dieser verfluchten Sache schuldig oder
irgendwie darin verwickelt wren, wrden Sie dann -- ich bitte Sie --
selbst betonen, da Sie dies alles nicht im Fieberwahne, sondern im
Gegenteil bei vollem Verstande getan haben? Und es ganz besonders
betonen, mit einer besonderen Hartnckigkeit es betonen, -- wre es denn
mglich, wre es denkbar, ich bitte Sie? Meiner Meinung nach wrden Sie
das Gegenteil behaupten. Wenn Sie kein reines Gewissen htten, so mten
Sie unbedingt betonen, -- da Sie es unbedingt im Fieberwahne getan
haben! Ist es nicht so? Meine Annahme ist doch richtig?

Etwas Heimtckisches klang in dieser Frage. Raskolnikoff wich vor
Porphyri Petrowitsch zurck, der sich zu ihm gebeugt hatte, und
betrachtete ihn schweigend, starr und voller Zweifel.

Oder nehmen wir den Fall mit Rasumichin, das heit, ob er gestern aus
freien Stcken kam zu sprechen, oder ob Sie ihn dazu gebracht haben? Ja,
Sie mten unbedingt gesagt haben, da er aus eigenem Antriebe gekommen
war, und verheimlichen, da er es in Ihrem Auftrage getan hat! Sie aber
verheimlichen es nicht! Sie betonen gerade, da er in Ihrem Auftrage
hier gewesen war!

Raskolnikoff hatte es niemals betont. Ein Schauer durchzog seinen
Rcken.

Sie lgen wieder, -- sagte er langsam und schwach, und seine Lippen
verzogen sich zu einem schmerzlichen Lcheln, -- Sie wollen mir wieder
zeigen, da Sie mein ganzes Spiel kennen und alle meine Antworten im
voraus wissen, -- sagte er und fhlte selbst nicht, da er seine Worte
nicht mehr gengend erwog, -- Sie wollen mir Furcht einjagen ... oder
Sie lachen einfach ber mich ...

Er fuhr fort, ihn starr anzusehen, als er dies sagte, und wieder
leuchtete eine grenzenlose Wut in seinen Augen auf.

Sie lgen alles! -- rief er aus. -- Sie wissen selbst ausgezeichnet,
da der beste Ausweg fr einen Verbrecher ist, nach Mglichkeit nichts
zu verheimlichen, was man nicht verheimlichen kann. Ich glaube Ihnen
nicht!

Wie spitzfindig Sie sind! -- kicherte Porphyri Petrowitsch, -- man
wird mit Ihnen, Vterchen, nicht fertig; eine Art Monomanie steckt tief
in Ihnen. Also, Sie glauben mir nicht? Ich sage Ihnen aber, da Sie mir
schon glauben, da Sie mir schon zu einem Viertel glauben, und ich will
mein Mglichstes tun, da Sie mir noch ganz und gar glauben werden, denn
ich habe Sie wirklich gern und wnsche Ihnen aufrichtig alles Gute.

Raskolnikoffs Lippen bebten.

Ja, ich wnsche Ihnen Gutes, sage ich Ihnen noch einmal, -- fuhr er
fort, und fate Raskolnikoff leicht und freundschaftlich am Arm, ein
wenig ber dem Ellbogen, -- ich will es Ihnen auch noch einmal sagen,
-- achten Sie auf Ihre Krankheit. Auerdem sind auch Ihre allernchsten
Verwandten jetzt angekommen; denken Sie auch an die. Sie sollen sie
pflegen und hten, und Sie erschrecken sie blo ...

Was geht das Sie an? Woher wissen Sie es? Warum interessieren Sie sich
in dieser Weise fr mich? Also, Sie beobachten mich und wollen es mir
zeigen?

Vterchen! Ich habe es doch von Ihnen, von Ihnen selbst erfahren! Sie
merken nicht mal, da Sie in Ihrer Erregung mir selbst alles und anderen
auch erzhlen. Auch von Dmitri Prokofjitsch Rasumichin habe ich gestern
viele interessante Details erfahren. Nein, Sie haben mich unterbrochen,
ich sage aber, da Sie durch Ihren Argwohn, trotz Ihres ganzen
Scharfsinnes, den gesunden Blick fr die Dinge verlieren. Nun, nehmen
wir, zum Beispiel, wieder das Klingelziehen, -- solch eine Krankheit,
diese Tatsache, -- es ist doch eine ganze Tatsache, -- liefere ich Ihnen
ohne weiteres aus, ich, der Untersuchungsrichter! Und Sie sehen darin
gar nichts? Nun, sagen Sie, wenn ich nur einen kleinen Verdacht auf Sie
htte, wrde ich so handeln knnen? Ich mte im Gegenteil Ihren Argwohn
zuerst einschlfern und nicht mal zeigen, da ich diese Tatsache schon
kenne, ich mte Sie in entgegengesetzter Richtung ablenken, um Sie
pltzlich, wie mit einem Schlage auf den Kopf, mit der Frage zu
betuben, -- >was suchten Sie -- wrde ich fragen, -- um zehn Uhr
abends, oder es kann auch elf Uhr gewesen sein, in der Wohnung der
Ermordeten? Warum haben Sie an der Klingel gezogen? Und warum fragten
Sie nach dem Blute? Warum machten Sie die Hausknechte konfus und
forderten sie auf, auf das Polizeibureau, zum Revieraufseher,
mitzugehen?< Sehen Sie, in dieser Weise mte ich handeln, wenn ich den
winzigsten Verdacht gegen Sie htte. Ich mte Sie in aller Form
verhren, eine Haussuchung bei Ihnen vornehmen und Sie mglicherweise
auch arretieren ... Also kann ich doch keinen Verdacht gegen Sie hegen,
wenn ich anders gehandelt habe! Sie haben aber den gesunden Blick
verloren und sehen gar nichts, wiederhole ich!

Raskolnikoff zuckte zusammen, so da Porphyri Petrowitsch es zu deutlich
bemerkte.

Sie lgen alles! -- rief er aus, -- ich kenne Ihre Absichten nicht,
aber Sie lgen ... Vorhin haben Sie nicht in diesem Sinne gesprochen und
ich kann mich nicht irren ... Sie lgen!

Ich lge? -- unterbrach ihn Porphyri Petrowitsch, sich scheinbar
ereifernd, behielt jedoch das lustigste und spttischste Aussehen bei,
als kmmerte es ihn wenig, welch eine Meinung Herr Raskolnikoff ber ihn
habe. -- Ich lge? ... Und wie habe ich vorhin Ihnen gegenber
gehandelt, ich, der Untersuchungsrichter? Ich habe Ihnen selbst alle
Mittel zur Verteidigung genannt und ausgeliefert, habe selbst Ihnen die
ganze Psychologie erklrt, habe Krankheit, Fieberwahn, Krnkungen,
Melancholie und Polizeibeamte und dergleichen mehr erwhnt! Ah!
He--he--he! Obwohl -- nebenbei gesagt, -- alle diese psychologischen
Mittel zur Verteidigung, Ausflchte und Ausreden uerst unstichhaltig
sind und zwei Seiten haben. >Ich war krank, hatte Fiebertrume, war im
Wahne, erinnere mich nicht<, -- alle diese Ausreden sind ja richtig,
aber es fragt sich, Vterchen, warum in der Krankheit und im Fieberwahne
immer solche Vorstellungen auftauchen und nicht andere? Es knnen einem
doch auch andere Vorstellungen erscheinen? Ist es nicht so? He--he--he!

Raskolnikoff blickte ihn stolz und voll Verachtung an.

Mit einem Worte, -- sagte er laut und eindringlich, indem er aufstand
und dabei Porphyri Petrowitsch ein wenig zur Seite stie -- mit einem
Worte, ich will endgltig wissen, ob Sie mich frei von jedem Verdacht
finden oder _nicht_? Sagen Sie es, Porphyri Petrowitsch, sagen Sie es
mir positiv, endgltig, und schnell, sofort!

Das ist eine Geschichte! Ist das eine Plage mit Ihnen, -- rief
Porphyri Petrowitsch mit vollkommen lustiger, schlauer und gar nicht
bewegter Miene, -- ja, wozu wollen Sie es wissen, wozu wollen Sie so
vieles wissen, wenn man noch nicht einmal begonnen hat, Sie in
irgendeiner Weise zu belstigen? Sie sind wie ein Kind, dem man Feuer in
die Hand geben soll! Warum beuunruhigen Sie sich in dieser Weise? Warum
drngen Sie sich uns auf, aus welchen Grnden? Ah? He--he--he!

Ich wiederhole Ihnen, -- rief Raskolnikoff in blinder Wut, -- da ich
es lnger nicht ertragen kann ...

Was denn? Die Ungewiheit? -- unterbrach ihn Porphyri Petrowitsch.

Hhnen Sie nicht! Ich will es nicht haben! Ich sage Ihnen, ich will es
nicht! ... Ich kann und will es nicht! ... Hren Sie! Hren Sie! --
rief er und schlug wieder mit der Faust auf den Tisch.

Stiller, leiser! Man knnte es hren! Ich warne Sie in allem Ernst, --
schonen Sie sich. Ich scherze nicht! -- sagte Porphyri Petrowitsch im
Flstertone, aber diesmal lag in seinem Gesichte nicht mehr der frhere
weibisch gutmtige und erschrockene Ausdruck; im Gegenteil, er _befahl_
es streng, mit zusammengezogenen Augenbrauen und lie alle
Geheimnistuerei und Zweideutigkeit fallen. Das dauerte jedoch nur einen
kurzen Augenblick. Der bestrzte Raskolnikoff geriet in die hchste Wut,
und doch, merkwrdig, -- wie hypnotisiert gehorchte er wieder dem
Befehle, leiser zu sprechen.

Ich lasse mich nicht qulen! -- flsterte er, wie vorhin, indem er
sofort voll Schmerz und Ha einsah, da er dem Befehle gehorchen mute,
und geriet bei diesem Gedanken in immer grere Wut, -- arretieren Sie
mich, lassen Sie bei mir Haussuchung halten, aber handeln Sie nach
gesetzlicher Form und spielen Sie nicht mit mir! Wagen Sie es nicht ...

So regen Sie sich doch nicht wieder wegen der gesetzlichen Form auf,
-- unterbrach ihn Porphyri Petrowitsch mit dem frheren schlauen Lcheln
und betrachtete scheinbar Raskolnikoff mit Vergngen, -- Vterchen, ich
habe Sie doch in aller Gemtlichkeit, in aller Freundschaft eingeladen!

Ich will nicht Ihre Freundschaft, ich pfeife darauf! Hren Sie? Und
jetzt nehme ich meine Mtze und gehe fort. Nun, was willst du jetzt
sagen, wenn du mich arretieren willst?

Er nahm seine Mtze und ging zu der Tre.

Wollen Sie nicht noch die berraschung sehen, die ich fr Sie habe?
kicherte Porphyri Petrowitsch, fate ihn wieder am Arme und hielt ihn an
der Tre zurck. Er wurde sichtlich wieder lustiger und lebhafter, was
Raskolnikoff ganz auer sich brachte.

Was fr eine berraschung? Was ist es? -- fragte er, stehen bleibend
und Porphyri Petrowitsch erschreckt anblickend.

Die berraschung sitzt hier hinter der Tre, he--he--he! -- er zeigte
mit dem Finger auf die verschlossene Tr in der Scheidewand, die in
seine Amtswohnung fhrte. -- Ich habe sie dort eingeschlossen, damit
sie nicht fortluft.

Was sagen Sie? Wo? Was? ... -- Raskolnikoff trat an die Tre und
wollte sie ffnen, jedoch sie war verschlossen.

Sie ist verschlossen, den Schlssel habe ich!

Und er zog aus seiner Tasche einen Schlssel hervor und zeigte ihn ihm.

Du lgst! -- schrie Raskolnikoff, ohne sich noch einen weiteren Zwang
aufzuerlegen,-- du lgst, verfluchter Hanswurst! Er strzte sich auf
Porphyri Petrowitsch, der sich zwar zur Tre zurckgezogen hatte, aber
keineswegs aus Furcht.

Ich merke alle deine Absichten, alle! -- Du lgst und neckst mich,
damit ich mich verraten soll.

Ja, mehr kann man sich doch nicht verraten, als Sie es tun, Vterchen
Rodion Romanowitsch. -- Sie haben ja einen Anfall von Tobsucht. Schreien
Sie nicht so, ich rufe sonst nach Hilfe.

Du lgst, nichts wird geschehen! Rufe deine Leute! Du weit, da ich
krank bin und willst mich wtend machen, damit ich mich verraten soll,
das ist deine Absicht! Nein, zeige mir Tatsachen! Ich habe alles
begriffen! Ich wei, du hast keine Tatsachen, du hast blo elende,
nichtige Vermutungen von Sametoff! ... Du kanntest meinen Charakter,
wolltest mich in rasende Wut bringen, und dann mich pltzlich mit
Priestern und Delegierten berrumpeln ... Du wartest auf sie? Ah! Was
wartest du? Wo? komm doch mit ihnen!

Was fr Delegierte sollte ich haben, Vterchen? Was dem Menschen nicht
alles einfllt! In dieser Weise kann man doch gar nicht nach der
gesetzlichen Form handeln, wie Sie meinen, Sie kennen diesen
gesetzlichen Weg berhaupt nicht, mein Lieber ... Die gesetzliche Form
luft nicht davon, Sie werden es noch selbst sehen ... -- murmelte
Porphyri Petrowitsch und lauschte an der Tre.

In diesem Augenblicke hrte man wirklich im anderen Zimmer in der Nhe
der Tre einen Lrm.

Ah, sie kommen! -- rief Raskolnikoff aus, -- du hast nach ihnen
geschickt! ... Die hast du erwartet! Hast auf sie gerechnet ... Nun,
komme mit ihnen allen, mit den Delegierten, Zeugen ... komme mit was du
willst! Ich bin bereit! Bin bereit!

Aber in diesem Momente trat ein merkwrdiges Ereignis ein, fr den
gewhnlichen Gang der Dinge so unerwartet, da weder Raskolnikoff noch
Porphyri Petrowitsch einen solchen Ausgang erwartet hatte.


                                  VI.

Raskolnikoffs Erinnerung an diesen Moment war in spterer Zeit folgende:

Das Gerusch hinter der Tre verstrkte sich und die Tre wurde ein
wenig geffnet.

Was soll das? -- rief Porphyri Petrowitsch rgerlich. Ich habe doch
gesagt ...

Einen kurzen Augenblick erfolgte keine Antwort, jedoch man merkte, da
hinter der Tre einige Leute standen, die jemanden zurckzuhalten
schienen.

Was ist denn los? -- wiederholte Porphyri Petrowitsch beunruhigt.

Man hat den Arrestanten Nikolai gebracht, -- ertnte eine Stimme.

Es ist nicht ntig! Fort mit ihm! Soll warten! ... Weshalb hat man ihn
hierher gebracht? Was ist das fr eine Unordnung! -- rief Porphyri
Petrowitsch, zur Tre strzend.

Ja, er ..., -- begann dieselbe Stimme und brach pltzlich ab.

Nicht lnger als zwei Sekunden whrte ein regelrechter Kampf, als jemand
mit aller Kraft zurckgestoen wurde, und darauf ein sehr bleicher Mann
direkt in das Arbeitszimmer von Porphyri Petrowitsch eintrat.

Dieser Mensch sah sehr eigentmlich aus. Er blickte vor sich hin, ohne
von seiner Umgebung etwas zu merken. In seinen Augen funkelte eine
Entschlossenheit, Totenblsse bedeckte sein Gesicht, als htte man ihn
zum Schafott gebracht. Seine blutleeren Lippen zuckten.

Er war gekleidet wie ein Mann aus dem Volke, war noch sehr jung, von
mittlerem Wuchse, hager, mit rund beschnittenen Haaren und feinen,
herben Gesichtszgen. Der von ihm unerwartet Zurckgestoene, ein
Gefngniswrter, strzte als erster ihm ins Zimmer nach und packte ihn
an den Schultern. Nikolai zog seinen Arm zurck und ri sich abermals
von ihm los.

In der Tre drngten sich die Neugierigen. Manche von ihnen wollten
eintreten. Alles das geschah in einem Augenblick.

Fort, es ist zu frh! Warte, bis ich dich rufen lasse! ... Warum hat
man ihn schon jetzt hergebracht? murmelte rgerlich Porphyri
Petrowitsch, ganz auer sich.

Da warf sich Nikolai auf die Knie nieder.

Was ist mir dir? -- rief Porphyri Petrowitsch erstaunt.

Ich bin schuldig! Ich bin der Snder! Ich bin der Mrder! -- sagte
pltzlich Nikolai, stockend, aber mit ziemlich lauter Stimme.

Ein Schweigen, als wren alle erstarrt, trat ein; der eskortierende
Soldat wich zurck und trat nicht mehr an Nikolai heran, er ging
mechanisch zur Tre und blieb dort unbeweglich stehen.

Was sagst du? -- rief Porphyri Petrowitsch, aus seiner Erstarrung
erwachend.

Ich ... bin der Mrder ..., -- wiederholte Nikolai nach kurzem
Schweigen.

Wie ... du ... wie ... Wen hast du ermordet?

Porphyri Petrowitsch war sichtbar betreten.

Nach einer kurzen Pause antwortete Nikolai wieder.

Aljona Iwanowna und ihre Schwester Lisaweta Iwanowna habe ich ... mit
dem Beile ... erschlagen. Eine Verblendung kam ber mich ... -- fgte
er pltzlich hinzu und verstummte von neuem, immer noch auf den Knien
liegend.

Porphyri Petrowitsch stand nachdenklich da; als er wieder zu sich kam,
winkte er mit den Hnden den ungebetenen Zeugen, fortzugehen. Sie
verschwanden sogleich und die Tre wurde zugemacht. Dann blickte er
Raskolnikoff an, der in einer Ecke stand und Nikolai verstrt ansah, er
ging auf ihn zu, blieb jedoch auf halbem Wege wieder stehen, betrachtete
ihn nochmals, wandte dann seinen Blick Nikolai zu, und so besah er beide
abwechselnd, bis er sich pltzlich auf Nikolai strzte, von einem
Gedanken gepackt.

Was kommst du mir mit deiner Verblendung daher? -- rief er ihm wtend
zu. -- Ich habe doch noch gar nicht gefragt, ob eine Verblendung ber
dich gekommen ist oder nicht ... sage mir, hast du gemordet?

Ich bin der Mrder ... ich mache das Bekenntnis ... -- sagte Nikolai.

Ach was! Und womit hast du gemordet?

Mit einem Beile. Ich hatte es mir vorher besorgt.

Nur langsam, nicht so schnell! Du allein?

Nikolai verstand die Frage nicht.

Hast du allein gemordet?

Allein. Dmitri ist unschuldig und ganz unbeteiligt.

Eile nicht so mit Dmitri! ...

Wie bist du denn damals die Treppe hinuntergelaufen? Die Hausknechte
haben doch euch beide zusammen gesehen?

Ich bin absichtlich ... damals ... mit Dmitri hinuntergelaufen, --
antwortete Nikolai schnell als htte er sich vorher vorbereitet.

Ja, da haben wir's wieder! rief Porphyri Petrowitsch wtend aus, --
er glaubt selbst nicht, was er sagt! -- murmelte er scheinbar vor sich
hin und bemerkte im selben Augenblick Raskolnikoff wieder.

Er war so stark mit Nikolai beschftigt, da er fr eine kurze Zeit die
Anwesenheit Raskolnikoffs offenbar vergessen hatte. Er wurde verlegen
...

Rodion Romanowitsch, Vterchen! Entschuldigen Sie mich, es geht nicht
an ... bitte ... Sie haben hier nichts zu tun ... ich bin auch selbst
... Sie sehen, welch eine berraschung! ... Bitte! ...

Er nahm ihn bei der Hand und zeigte auf die Tre.

Das haben Sie nicht erwartet? -- sagte Raskolnikoff, der die Sache
selbst noch nicht begriff, jedoch seine Fassung wiedergefunden hatte.

Auch Sie, Vterchen, haben es nicht erwartet. Wie Ihre Hand zittert!
He--he--he!

Auch Sie zittern, Porphyri Petrowitsch.

Ja, ich zittere auch; htte das nie fr mglich gehalten! ...

Sie standen beide schon an der Tre. Porphyri Petrowitsch wartete mit
Ungeduld auf Raskolnikoffs Hinausgehen.

Und Ihre berraschung, wollen Sie sie mir nicht zeigen? -- sagte
Raskolnikoff hhnisch.

Sie fangen schon wieder so an, whrend Ihnen die Zhne noch ordentlich
klappern, he--he! Sie sind ein eigener Mensch! Nun, auf Wiedersehen.

Es wre besser, _Lebewohl_ zu sagen!

So Gott will, so Gott will! -- murmelte Porphyri Petrowitsch mit einem
schiefen Lcheln.

Als Raskolnikoff durch die Kanzlei ging, bemerkte er, da viele ihn
aufmerksam anblickten. Im Vorzimmer sah er unter der Menge die beiden
Hausknechte aus _jenem_ Hause, die er damals in der Nacht mit zum
Polizeiaufseher gehen hie. Sie standen und warteten. Kaum hatte er die
Treppe erreicht, als er die Stimme Porphyri Petrowitschs hinter sich
vernahm. Er kehrte sich um und bemerkte, da dieser ihm ganz auer Atem
nachkam.

Nur ein Wort noch, Rodion Romanowitsch, ber die Sache ... nun, wie
Gott will! aber dennoch mu ich Sie ber einiges der Form wegen fragen
... so sehen wir uns noch, nicht wahr?

Und Porphyri Petrowitsch blieb lchelnd vor ihm stehen.

Nicht wahr? -- fgte er noch einmal hinzu.

Man hatte den Eindruck, da er noch etwas sagen wollte, aber es erfolgte
nichts.

Ich bitte Sie, Porphyri Petrowitsch, mich zu entschuldigen wegen des
vorhin Vorgefallenen ... ich habe mich hinreien lassen, -- begann
Raskolnikoff, vollkommen gefat und dem unwiderstehlichen Wunsche
nachgebend, sich wichtig zu tun.

Hat nichts zu sagen, hat nichts auf sich, -- fiel Porphyri Petrowitsch
fast freudig ein. -- Auch ich selbst ... ich habe einen gehssigen
Charakter, ich gebe es zu, ich gebe es zu! Wir werden uns ja
wiedersehen. Wenn Gott will, werden wir uns sehr bald wiedersehen! ...

Und dann einander endgltig kennenlernen? -- fiel Raskolnikoff ein.

Und dann einander endgltig kennenlernen, -- pflichtete ihm Porphyri
Petrowitsch bei, kniff die Augen zusammen und sah ihn durchdringend an.
-- Jetzt eilen Sie zum Namenstage?

Zur Beerdigung.

Ja, richtig, zur Beerdigung! Schonen Sie Ihre Gesundheit vor allem,
Ihre Gesundheit ...

Ich wei wirklich nicht, was ich Ihnen meinerseits wnschen soll! --
fiel Raskolnikoff ein, der schon die Treppe hinabstieg und sich wieder
zu Porphyri Petrowitsch umwandte, -- ich mchte Ihnen >guten Erfolg<
wnschen, aber Ihr Amt ist zu eigenartig!

Wieso denn, eigenartig? -- Porphyri Petrowitsch spitzte die Ohren,
obwohl er sich schon umgekehrt hatte, um fortzugehen.

Warum denn nicht; diesen armen Nikolai haben Sie wahrscheinlich auch
ordentlich psychologisch in Ihrer Weise geqult und gemartert, bis er
gestanden hat; haben ihm wahrscheinlich Tag und Nacht vorinspiriert, --
>du bist der Mrder, du bist der Mrder ...<, und jetzt, wo er es
eingestanden hat, werden Sie ihn wieder anders vorkriegen. Jetzt heit
es: >Du lgst, du bist nicht der Mrder! Du kannst es nicht sein! Du
glaubst nicht an deine eigenen Worte!< Nun, ist Ihr Amt nicht komisch?

He--he--he! Sie haben es also gehrt, da ich zu Nikolai gesagt habe,
er glaube nicht an seine eigenen Worte?

Warum sollte ich es nicht gehrt haben?

He--he! Sie sind scharfsinnig, sehr scharfsinnig! Sie bemerken alles!
Sie haben einen ausgezeichneten lebhaften Verstand! Und erwischen immer
die komischeste Seite ... he--he! Sagt man nicht, von den
Schriftstellern hatte Gogol am ausgeprgtesten diese Eigenschaft.

Ja, Gogol.

Ja, Gogol ... Auf angenehmes Wiedersehen!

Auf angenehmes Wiedersehen!

Raskolnikoff ging direkt nach Hause. Er war zuletzt so verwirrt und
konfus geworden, da er, als er nach Hause kam, sich auf das Sofa warf
und erst eine Viertelstunde ausruhen mute, ehe er versuchen konnte,
seine Gedanken einigermaen zu sammeln. Den Fall mit Nikolai wollte er
gar nicht einmal errtern, er fhlte eine mchtige Erregung in sich, und
fhlte, da in dem Gestndnis Nikolais etwas Unerklrliches und
Seltsames war; er war jetzt noch nicht imstande, dies alles zu fassen.
Das Gestndnis Nikolais war eine unbestreitbare Tatsache. Die Folgen
dieser Tatsache wurden ihm sofort klar, -- die Lge mute sich
offenbaren und dann nahm man _ihn_ wieder vor. Aber bis dahin war er
wenigstens frei, er mu nun unbedingt irgend etwas fr sich tun, denn
die Gefahr war unvermeidlich.

Jedoch, in welcher Weise? Die Lage begann sich zu klren. Whrend er
sich im allgemeinen des ganzen Auftrittes bei Porphyri Petrowitsch
entsann, durchlief es ihn eiskalt. Gewi kannte er noch nicht alle
Absichten Porphyri Petrowitschs, konnte alle seine Berechnungen vorhin
nicht entrtseln. Doch ein Teil des Spieles war offenbar;
selbstverstndlich konnte niemand besser als er selbst verstehen, wie
schrecklich fr ihn dieser Schachzug im Spiele Porphyri Petrowitschs
sei. Noch ein wenig, und er htte sich vollkommen verraten. Indem
Porphyri Petrowitsch die Empfindlichkeit seines Charakters erkannt hatte
und vom ersten Augenblick richtig eingeschtzt und durchschaut hatte,
handelte er sehr entschlossen, und fast mit sicherem Erfolge. Es war
nicht zu bestreiten, da Raskolnikoff sich schon stark kompromittiert
hatte, doch bis zu _Tatsachen_ war es noch nicht gekommen; dies alles
war nur relativ. Fate er jedoch jetzt auch alles richtig auf? Irrte er
sich nicht? Zu welchem Resultate wollte heute Porphyri Petrowitsch
kommen? Hatte er heute wirklich etwas vorbereitet? Und was war es?
Wartete er wirklich auf etwas oder nicht? Wie wrden sie sich heute
getrennt haben, wenn der unerwartete Vorfall mit Nikolai nicht
eingetreten wre?

Porphyri Petrowitsch hatte fast sein ganzes Spiel aufgedeckt; es war
selbstverstndlich von ihm riskiert, aber er hatte es doch getan, und --
hatte alles aufgedeckt, wie es Raskolnikoff schien, -- wenn Porphyri
Petrowitsch wirklich mehr gehabt htte, wrde er es auch aufgedeckt
haben. Was war nur diese berraschung? War es etwa Fopperei? Hatte sie
eine Bedeutung oder nicht? Konnte sich darunter etwas, das einer
Tatsache, einem positiven Beweis glich, verbergen? Vielleicht der Mann
von gestern? Wo ist er hinverschwunden? Wo war er heute? Wenn Porphyri
Petrowitsch etwas Positives hatte, so hing es sicher mit dem Manne von
gestern zusammen ... Er sa auf dem Sofa, hatte den Kopf tief sinken
lassen, sttzte sich auf die Knie und bedeckte das Gesicht mit beiden
Hnden. Ein nervses Zittern durchlief immer noch seinen ganzen Krper.
Schlielich stand er auf, nahm seine Mtze in die Hand, dachte eine
Weile nach und ging zur Tre.

Ein Gefhl, da er wenigstens heute sich in Sicherheit fhlen knne,
rief fast Freude in seinem Herzen wach, -- er wollte jetzt schnell zu
Katerina Iwanowna gehen. Zur Beerdigung kam er selbstverstndlich zu
spt, zum Essen langte es noch und er wrde dort Ssonja sehen.

Er blieb stehen, sann nach und ein schmerzliches Lcheln zeigte sich auf
seinen Lippen.

Heute! Heute! -- wiederholte er vor sich, -- ja, heute noch! Es mu
so sein ...

Er wollte gerade die Tre ffnen, als sie auch schon von auen geffnet
wurde. Er erzitterte und sprang zurck. Sie ffnete sich langsam und
leise, und die Gestalt -- des Mannes von gestern kam zum Vorschein.

Der Mann blieb auf der Schwelle stehen, sah Raskolnikoff schweigend an
und machte einen Schritt in das Zimmer. Er war genau wie gestern
gekleidet, er hatte die gleiche gebckte Gestalt, nur in seinem Gesicht
und im Blick war eine groe Vernderung vorgegangen, -- er sah traurig
drein, und nachdem er eine Weile dagestanden hatte, seufzte er tief. Es
fehlte blo, da er die Wange auf eine Hand sttzte und den Kopf zur
Seite beugte, um vllig einem Weibe zu hneln.

Was wnschen Sie? -- fragte Raskolnikoff.

Der Mann schwieg und verneigte sich auf einmal tief, so tief, da er mit
einem Finger der rechten Hand den Boden berhrte.

Was ist mit Ihnen? -- rief Raskolnikoff aus.

Verzeihen Sie, -- sagte leise der Mann.

Was soll ich verzeihen?

Meine bsen Gedanken.

Sie blickten einander an.

Es qulte mich. Als Sie damals kamen, vielleicht berauscht, und die
Hausknechte aufforderten, mit auf die Polizei zu gehen und nach dem Blut
fragten, qulte es mich, da man die Sache so ohne weiteres lie und Sie
fr einen Betrunkenen ansah. Und es qulte mich so stark, da ich den
Schlaf verlor. Und da ich mich Ihrer Adresse erinnerte, bin ich gestern
hierher gekommen und habe den Hausknecht gefragt ...

Wer ist hergekommen? -- unterbrach ihn Raskolnikoff und da erinnerte
er sich wieder.

Ich, das heit, ich habe Sie gekrnkt.

Also, Sie sind aus jenem Hause?

Ja, ich stand damals mit den anderen am Tore, erinnern Sie sich nicht?
Ich habe dort seit langem eine Werkstatt. Ich bin Krschner,
Kleinbrger, arbeite zu Hause ... Am meisten aber qulte es mich ...

Und Raskolnikoff erinnerte sich auf einmal klar der ganzen Szene von
vorgestern am Tore; er entsann sich, da auer den Hausknechten dort
noch einige Menschen, darunter auch Frauen, gestanden hatten. Er
erinnerte sich einer Stimme, die vorschlug, ihn auf die Polizei zu
bringen. Auf das Gesicht des Sprechenden konnte er sich nicht entsinnen
und erkannte ihn auch jetzt nicht, aber er wute noch, da er ihm damals
geantwortet und sich nach ihm umgewandt habe ...

Also, das war die Lsung des ganzes Schreckens von gestern. Am
furchtbarsten war ihm der Gedanke, da er dadurch fast zugrunde gegangen
wre, eines solch _nichtigen_ Verhngnisses wegen sich fast zugrunde
gerichtet htte. Also, auer des Besuches in der Wohnung und des
Gesprches ber das Blut konnte dieser Mensch gar nichts erzhlen. So
hatte auch Porphyri Petrowitsch gar nichts, keine Tatsachen, nichts
Positives, nichts auer diesem _Fieberwahn_, und auer der
_Psychologie_, die ihre _zwei Seiten_ hat. Wenn keine Tatsachen mehr
auftauchen -- und sie drfen nicht mehr auftauchen, drfen, drfen
nicht, -- was ... was kann man ihm anhaben? Wodurch kann man ihn denn
endgltig berfhren, selbst wenn sie ihn auch arretieren wrden? So hat
Porphyri Petrowitsch erst jetzt, soeben erst von der Wohnung erfahren,
und vorher nichts davon gewut.

Haben Sie es heute Porphyri Petrowitsch gesagt ... da ich dort gewesen
war? -- rief er aus, von einer neuen Idee berrascht.

Was fr einem Porphyri Petrowitsch?

Dem Untersuchungsrichter.

Ja, ich habe es gesagt. Die Hausknechte gingen damals nicht hin, und da
ging ich denn.

Heute?

Ich war einen Augenblick frher da, als Sie kamen. Ich habe alles mit
angehrt, alles, und wie er Sie peinigte.

Wo? Was? Wann?

Ich sa die ganze Zeit bei ihm hinter der Wand.

Wie? Also Sie waren die berraschung? Ja, wie konnte es denn zugehen?
Erlauben Sie!

Als ich sah, -- begann der Kleinbrger, -- da die Hausknechte trotz
meiner Worte nicht hingehen wollten, weil es, wie sie sagten, schon spt
sei und er vielleicht bse wrde, da sie in so spter Stunde noch
daherkmen, qulte es mich, ich verlor den Schlaf und begann mich zu
erkundigen. Und nachdem ich mich gestern erkundigt hatte, ging ich heute
hin. Als ich zum erstenmal kam, war er noch nicht da, als ich nach einer
Stunde wieder kam, empfing er mich nicht, und als ich zum drittenmal da
war, -- lie man mich zu ihm. Ich erzhlte ihm alles, wie es war, er
lief im Zimmer herum und schlug sich mit der Faust vor die Brust. >Was
macht ihr mit mir,< -- sagte er, -- >ihr Ruber? Htte ich das gewut,
ich wrde ihn mit einer Eskorte geholt haben!< Dann lief er aus dem
Zimmer, rief jemand und begann in einer Ecke mit ihm zu sprechen, dann
kam er wieder zu mir, frug mich aus, schimpfte mich und machte auch sich
Vorwrfe. Ich teilte ihm alles mit, sagte auch, da Sie gestern nicht
gewagt htten, mir auf meine Worte zu antworten, und da Sie mich nicht
erkannt htten. Da begann er wieder herumzulaufen, sich vor die Brust zu
schlagen und zu rgern. Als man aber Sie anmeldete, sagte er, -- >nun,
krieche hinter die Wand, sitze dort, rhr dich nicht, was du auch hren
solltest<, und brachte mir selbst einen Stuhl dorthin und schlo mich
ein; >vielleicht werde ich dich noch ausfragen<, sagte er. Als man aber
Nikolai hineingefhrt hatte, lie er mich hinaus, nachdem Sie gegangen
waren. >Ich werde noch einmal nach dir schicken,< sagte er >und werde
dich fragen ...<

Und hat er Nikolai in deiner Gegenwart verhrt?

Als er Sie hinausgeleitet und mich hinausgelassen hatte, begann er
Nikolai zu verhren.

Der Kleinbrger hielt inne und verneigte sich pltzlich noch einmal tief
und berhrte wieder mit einem Finger den Boden.

Verzeihen Sie mir die Beschuldigung und meine Bosheit.

Gott vergebe dir, -- antwortete Raskolnikoff, und kaum hatte er es
gesagt, verneigte sich der Kleinbrger wieder vor ihm, aber diesmal
nicht bis zum Boden, drehte sich um und verlie das Zimmer.

Alles hat zwei Seiten, jetzt hat alles zwei Seiten, -- wiederholte
Raskolnikoff und ging mutiger als je aus dem Zimmer.

Ha, jetzt wollen wir noch kmpfen! -- sagte er mit einem bsen
Lcheln, als er die Treppe hinabstieg. Das bse Lcheln war fr ihn
selbst bestimmt; er erinnerte sich seines Kleinmutes mit Verachtung
und Beschmung.




                              Fnfter Teil


                                   I.

Der Morgen, der auf die fr Peter Petrowitsch Luschin verhngnisvolle
Erklrung mit Dunetschka und Pulcheria Alexandrowna folgte, verfehlte
seine ernchternde Wirkung auch auf Luschin nicht. Er mute zu seinem
grten Leidwesen allmhlich das Ereignis als eine vollzogene und
unwiderrufliche Tatsache ansehen, das ihm noch gestern als Phantom, als
Unmglichkeit erschienen war. Die schwarze Schlange der verletzten
Eigenliebe hatte die ganze Nacht an seinem Herzen genagt. Nachdem er das
Bett verlassen hatte, besah er sich sofort im Spiegel. Er frchtete, da
die Galle ihm bergelaufen sei. Aber es war alles vorlufig in bester
Ordnung, und als Peter Petrowitsch sein edles, weies und in der letzten
Zeit voller gewordenes Antlitz erblickte, trstete er sich fr einen
Augenblick in der festen berzeugung, irgendwo anders eine Braut, und
vielleicht eine noch bessere, zu finden. Er wies den Gedanken alsbald
von sich und spie energisch aus, wodurch er ein stilles, aber
sarkastisches Lcheln bei seinem jungen Freunde und Stubengenossen
Andrei Ssemenowitsch Lebesjtnikoff hervorrief. Peter Petrowitsch
bemerkte dieses Lcheln und beschlo sofort, es seinem jungen Freunde
heimzuzahlen. Es hatte sich in letzter Zeit noch mehr angesammelt. Seine
Wut vergrerte sich, als es ihm noch bewut wurde, da es ganz unntig
gewesen war, Andrei Ssemenowitsch sein gestriges Erlebnis mitzuteilen.
Das war der zweite Fehler, den er gestern im Eifer, in berflssiger
Aufregung, in Gereiztheit gemacht hatte ... Zudem folgte nun diesen
ganzen Morgen, wie absichtlich, eine Unannehmlichkeit der anderen. Sogar
im Senate hatte er einen Mierfolg in der Sache, die er vertrat. Ganz
besonders aber hatte ihn der Hauswirt gereizt, von dem er in Anbetracht
seiner baldigen Heirat eine Wohnung gemietet hatte und die er auf eigene
Rechnung reparieren lie. Dieser Wirt, irgendein reichgewordener
deutscher Handwerker, weigerte sich, den soeben abgeschlossenen Vertrag
rckgngig zu machen und verlangte die volle Bezahlung der im Vertrage
genannten Entschdigungssumme, obgleich ihm Peter Petrowitsch eine
nahezu vllig renovierte Wohnung zurckgab. Ebenso wollte man auch in
dem Mbelgeschfte keinen einzigen Rubel von der Anzahlungssumme fr die
gekauften, aber noch nicht in die Wohnung geschafften Mbel zurckgeben.
Ich kann mich doch nicht der Mbel wegen verheiraten! -- knirschte
Peter Petrowitsch mit den Zhnen, und gleichzeitig durchfuhr ihn noch
einmal eine verzweifelte Hoffnung. -- Ja, ist denn wirklich alles
unwiderruflich verloren und abgetan? Kann man es denn nicht noch einmal
versuchen? Der Gedanke an Dunetschka traf verfhrerisch sein Herz. Es
war ihm ein Augenblick voller Qual, und htte jetzt gleich der bloe
Wunsch Raskolnikoff tten knnen, Peter Petrowitsch htte unverzglich
diesen Wunsch geuert.

Mein Fehler war auch der, da ich ihnen kein Geld gab, -- dachte er,
als er traurig in die Stube von Lebesjtnikoff zurckkehrte, -- und
warum bin ich, zum Kuckuck, so ein Jude geworden? Hier war es nicht
angebracht! Ich dachte sie in Not zu halten und sie so weit zu bringen,
da sie mich als ihre Vorsehung betrachten mten, und es kam so anders
... Pfui! ... Nein, ich htte ihnen whrend dieser Zeit, sagen wir,
anderthalbtausend zur Aussteuer geben mssen, allerhand Geschenke,
Nhkstchen, Necessaires, Stoffe und anderen Schund, und die Sache war
gut, war sicher! Man htte mir nicht so leicht absagen knnen! Sie
gehren zu den Leuten, die es unbedingt fr ihre Pflicht gehalten
htten, im Falle einer Aufhebung der Verlobung die Geschenke und das
Geld zurckzugeben; und das wrde ihnen schwer gefallen sein und htte
ihnen leid getan! Auch das Gewissen wrde sie geplagt haben; wie kann
man, htten sie sich gesagt, pltzlich einen Menschen verjagen, der bis
jetzt so freigebig und zartfhlend war? ... Ich habe einen schweren
Fehler begangen! Peter Petrowitsch knirschte mit den Zhnen und nannte
sich einen Dummkopf, -- selbstverstndlich nur bei sich. Als er zu
dieser Folgerung gekommen war, kehrte er noch wtender und gereizter
nach Hause zurck, als er fortgegangen war. Die Vorbereitungen fr das
Essen in Katerina Iwanownas Zimmer zum Angedenken an den Verstorbenen
nahmen teilweise seine Neugier in Anspruch. Er hatte schon gestern
einiges ber dieses Essen gehrt; es schwebte ihm selbst vor, als htte
man auch ihn eingeladen; allein bei seinen eigenen Sorgen hatte er all
dem keine Beachtung geschenkt. Er beeilte sich, sich bei Frau
Lippewechsel nher zu erkundigen, die whrend der Anwesenheit Katerina
Iwanownas auf dem Friedhofe fr das Arrangement sorgte, und erfuhr, da
das Gedchtnismahl feierlich sein wrde. Fast alle Mitbewohner, sogar
auch solche, die der Verstorbene nicht gekannt hatte, waren eingeladen;
Andrei Ssemenowitsch Lebesjtnikoff war auch, ungeachtet seines
krzlichen Streites mit Katerina Iwanowna, eingeladen. Auch er selbst,
Peter Petrowitsch, sei geladen und wrde mit groer Ungeduld erwartet,
weil er der vornehmste Gast von allen sei. Amalie Iwanowna war
ebenfalls, trotz aller vorgefallenen Unannehmlichkeiten, mit groer Ehre
eingeladen, und mhte sich jetzt selbst ab, um alle huslichen
Anordnungen zu treffen; sie fhlte sich sehr wichtig dabei, sie war
festlich geputzt, wennschon in Trauer, sie hatte ein ganz neues seidenes
Kleid an und war nicht wenig stolz darauf. Alle diese Tatsachen und
Mitteilungen brachten Peter Petrowitsch auf einen Gedanken; etwas
nachdenklich ging er in sein, das heit in Andrei Ssemenowitsch
Lebesjtnikoffs Zimmer. Unter anderem hatte er erfahren, da unter den
Eingeladenen auch Raskolnikoff sei.

Andrei Ssemenowitsch blieb diesen ganzen Morgen aus einem bestimmten
Grunde zu Hause. Zwischen diesem Herrn und Peter Petrowitsch herrschten
eigentmliche, teilweise auch natrliche Beziehungen, -- Peter
Petrowitsch verachtete und hate ihn von dem Tage an, als er sich bei
ihm einquartierte, ber alle Maen, gleichzeitig ihn ein wenig
frchtend. Er war bei ihm nach seiner Ankunft in Petersburg nicht blo
aus bertriebener Sparsamkeit abgestiegen; obwohl dies wohl der
Hauptgrund war, gab es noch eine andere Ursache. Schon in der Provinz
hatte er von Andrei Ssemenowitsch, seinem frheren Zgling, gehrt, als
einem der ersten jungen Progressisten, der sogar eine bedeutende Rolle
in gewissen interessanten und vielbesprochenen Kreisen spiele. Das
berraschte Peter Petrowitsch. Diese mchtigen, alles wissenden, alles
verachtenden und alle entlarvenden Kreise jagten schon lange Peter
Petrowitsch einen besonderen, wenn auch ganz unbestimmten Schrecken ein.
Er selbst konnte sich, zumal er in der Provinz lebte, in keiner Weise
einen annhernd genauen Begriff davon machen. Er hatte, wie viele
andere, gehrt, da es besonders in Petersburg Progressisten,
Nihilisten, Enthller und dergleichen mehr gebe, aber er bertrieb
gleich vielen, und verdrehte den Sinn und die Bedeutung dieser
Benennungen bis ins Absurde. Am meisten frchtete er, schon seit einigen
Jahren, _Enthllungen_, und dies war die hauptschliche Ursache seiner
bestndigen bertriebenen Unruhe, besonders wenn er daran dachte, seine
Ttigkeit nach Petersburg zu verlegen. In dieser Hinsicht war er, wie
man sagt, _verschreckt_, wie zuweilen kleine Kinder verschreckt sind.
Vor einigen Jahren in der Provinz, als er eben seine Laufbahn begonnen
hatte, erlebte er zwei Flle schlimmer Enthllungen fr zwei ziemlich
bedeutende Persnlichkeiten der Gouvernementsbehrde, zu denen er sich
bis dahin gehalten und die ihn protegierten. Der eine Fall endete fr
den Kompromittierten mit besonderem Eklat, der zweite wre fast noch
schlimmer abgelaufen. Aus diesem Grunde hatte Peter Petrowitsch
beschlossen, sich sofort nach der Ankunft in Petersburg zu erkundigen,
wie die Sache eigentlich sei, und falls ntig, vorzubeugen und sich bei
unserer jungen Generation einzuschmeicheln. Dabei rechnete er auf
Andrei Ssemenowitsch, und er hatte schon gelernt, wie beim Besuche
Raskolnikoffs, bestimmte Phrasen aus fremder Quelle wiederzugeben ...

Gewi, es gelang ihm bald, Andrei Ssemenowitsch als einen
auerordentlich flachen, einfltigen und unbedeutenden Menschen zu
erkennen. Dies hatte aber keineswegs den Glauben Peter Petrowitschs
erschttert oder ihn sicherer gemacht. Selbst wenn er sich berzeugt
htte, da alle Progressisten eben solche Dummkpfe wren, auch dann
wrde sich seine Unruhe nicht gelegt haben. Alle Lehren, Gedanken,
Systeme, mit denen Andrei Ssemenowitsch sich sofort auf ihn gestrzt
hatte, interessierten ihn ganz und gar nicht. Er hatte sein eigenes
Ziel. Er wollte blo schnell, unverzglich erfahren, was _hier_ vorginge
und wie? Hatten _diese Leute_ einen Einflu oder nicht? Wrden sie ihn
kompromittieren, wenn er dies oder jenes unternhme, oder nicht? Und
wenn sie einen kompromittierten, fragt es sich, was wrden sie dabei im
Auge haben? Worauf richteten sich jetzt eigentlich die Enthllungen? Und
weiter, -- konnte man sich nicht ihnen in irgendeiner Weise anschlieen
und sie irrefhren, wenn sie tatschlich Einflu haben sollten? Sollte
man es tun oder nicht? Knnte man nicht, zum Beispiel, durch ihre
Vermittlung seine Karriere frdern? Mit einem Worte, es standen hunderte
von Fragen vor ihm.

Andrei Ssemenowitsch war ein kraftloser und skrophulser Mann von
kleinem Wuchse, der bei irgend jemand bedienstet war; er war auffallend
blond und hatte einen Kotelettenbart, auf den er sehr stolz war. Seine
Augen waren fast immer entzndet. Er hatte ein ziemlich weiches Herz, in
seinen Reden lag etwas sehr Selbstbewutes, ja zuweilen etwas
auerordentlich Herausforderndes -- was im Vergleiche zu seiner kleinen
Gestalt fast stets lcherlich wirkte. Amalie Iwanowna rechnete auch ihn
zu ihren angesehensten Mietern, da er nicht trank und sein Zimmer
pnktlich bezahlte. Alles in allem war Andrei Ssemenowitsch wirklich
etwas dumm. Er hatte sich den Progressisten und unserer jungen
Generation leidenschaftlich zugesellt. Es war einer aus der bunt
zusammengesetzten Legion flacher Menschen, verfehlter Existenzen und
Halbgebildeten, die nichts ordentliches gelernt hatten, die sich an die
modernste gangbarste Idee heranmachen, um sie sofort zu verflachen und
um alles in einem Nu zu verzerren, auch wenn sie selbst in der
aufrichtigsten Weise ihr dienen.

brigens konnte Lebesjtnikoff, ungeachtet seiner Gutmtigkeit, seinen
Stubengenossen und frheren Vormund Peter Petrowitsch nicht leiden. Es
kam das wie von ungefhr und beruhte auf Gegenseitigkeit. Trotz seiner
Beschrnktheit begann Andrei Ssemenowitsch allmhlich zu merken, da ihn
Peter Petrowitsch beschwindelte und im geheimen verachtete, und da er
nicht der Rechte war. Er versuchte, ihm Fouriers System und Darwins
Theorie darzulegen, aber Peter Petrowitsch begann, besonders in der
letzten Zeit, sarkastisch zuzuhren und sogar zu schelten. Peter
Petrowitsch fhlte instinktiv heraus, da Lebesjtnikoff nicht blo ein
flacher und ziemlich beschrnkter Mensch, sondern auch ein Prahlhans
sei, und da er keine bedeutenden Verbindungen in seinem eigenen Kreise
hatte, sondern sich nur mit fremden Federn schmckte; mehr noch, -- da
er nicht mal seine eigene Sache, _die Propaganda_, ordentlich verstand,
weil er zu konfus redete, und ein solcher konnte doch kein Anklger
sein! Nebenbei wollen wir noch bemerken, da Peter Petrowitsch in diesen
anderthalb Wochen, besonders aber im Anfange, sehr gern die
merkwrdigsten Absichten von Andrei Ssemenowitsch sich beilegen lie,
das heit, er wies sie nicht zurck und erwiderte auch nichts, z. B.,
wenn Andrei Ssemenowitsch ihm die Bereitwilligkeit zuschrieb, die
knftige und baldige Grndung einer neuen _Kommune_ irgendwo in der
nchsten Nhe zu frdern, oder z. B. Dunetschka nicht hinderlich zu
sein, wenn es ihr im ersten Monate nach der Hochzeit einfallen sollte,
sich einen Geliebten anzuschaffen, oder auch seine knftigen Kinder
nicht taufen zu lassen und dergleichen mehr. Peter Petrowitsch
widersprach nicht, seiner Gewohnheit nach, wenn ihm diese Eigenschaften
zugeschrieben wurden, und lie es zu, da man ihn dafr lobte, -- so
angenehm war ihm jedes Lob.

Peter Petrowitsch, der an diesem Morgen einige fnfprozentige
Staatspapiere gewechselt hatte, sa am Tische und zhlte das Papiergeld
und die Kupons nach. Andrei Ssemenowitsch, der fast nie Geld hatte, ging
im Zimmer auf und ab und gab sich den Anschein, als betrachte er diesen
Haufen Geld gleichgltig und geringschtzig. Peter Petrowitsch konnte um
nichts in der Welt glauben, da Andrei Ssemenowitsch so viel Geld
gleichgltig war, und jener wiederum dachte voll Bitterkeit, da Peter
Petrowitsch wirklich fhig sei, in dieser Weise von ihm zu denken, und
sich mglicherweise freue, ihn, seinen jungen Freund, mit den
aufgebauten Pckchen von Papiergeld zu reizen und zu verhhnen, indem er
ihn an seine Unbedeutendheit und den zwischen ihnen bestehenden Abstand
erinnerte.

Andrei Ssemenowitsch fand ihn heute ungewhnlich gereizt und
unaufmerksam, trotzdem er ihm sein Lieblingsthema ber die Errichtung
einer neuen eigenartigen Kommune auseinandergesetzt hatte. Die kurzen
Erwiderungen und Bemerkungen, die Peter Petrowitsch inmitten seiner
Berechnungen machte, zeugten von einer sehr deutlichen und beabsichtigt
spttischen Unhflichkeit. Aber der humane Andrei Ssemenowitsch
schrieb die Stimmung von Peter Petrowitsch dem gestrigen Bruche mit
Dunetschka zu und brannte vor Verlangen, schneller dieses Thema zu
berhren, -- er htte etwas Fortschrittliches und Propagandistisches fr
ihn, was seinen ehrenwerten Freund trsten und sicher seiner weiteren
Entwicklung von Nutzen sein mte.

Was ist das fr ein Gedchtnismahl, das diese ... die Witwe da
arrangiert? -- fragte pltzlich Peter Petrowitsch, Andrei Ssemenowitsch
bei der interessantesten Stelle unterbrechend.

Als ob Sie das nicht selbst wten; ich habe doch gestern mit Ihnen
ber dieses Thema gesprochen und Ihnen meine Gedanken ber all diese
Gebruche entwickelt ... Sie hat Sie ja auch eingeladen, ich habe es
gehrt, als Sie gestern selbst mit ihr sprachen ...

Ich htte keineswegs erwartet, da diese bettelarme, dumme Person all
das Geld zu einem Gedchtnismahl verplempern wird, das sie von diesem
andern Dummkopf ... Raskolnikoff erhalten hat. Ich war erstaunt, als ich
beim Durchgehen sah, -- was fr Vorbereitungen gemacht sind ... Wein ist
aufgestellt! ... Es sind allerhand Menschen geladen, -- wei der Teufel,
was das bedeuten soll! -- fuhr Peter Petrowitsch fort, der absichtlich
dieses Gesprch anfing. -- Was? Sie sagen, man hatte auch mich
geladen? -- fgte er pltzlich hinzu und erhob den Kopf. -- Wann war
denn das? Ich erinnere mich gar nicht. Ich will brigens nicht hingehen.
Was soll ich dort? Ich habe mit ihr gestern blo im Vorbeigehen ber die
Mglichkeit gesprochen, da sie, als die arme Witwe eines Beamten,
seinen Jahresgehalt als eine einmalige Untersttzung erhalten knnte.
Sollte sie mich deswegen vielleicht eingeladen haben? He--he!

Ich habe auch nicht die Absicht hinzugehen, -- sagte Lebesjtnikoff.

Das fehlte noch, wo Sie sie eigenhndig verprgelt haben. Das ist doch
begreiflich, Sie mten sich schmen, he--he--he!

Wer hat verprgelt und wen? -- fragte Lebesjtnikoff aufgebracht und
errtete.

Sie, Sie haben doch Katerina Iwanowna vor einem Monat verprgelt! Ich
habe es gestern gehrt ... Da haben wir die Prinzipien! ... Also die
Frauenfrage hinkt auch. He--he!

Und Peter Petrowitsch setzte wie getrstet seine Berechnungen fort.

Das ist alles Unsinn und Verleumdung! -- brauste Lebesjtnikoff auf,
der ungern an diese Geschichte erinnert wurde, -- das war gar nicht der
Fall! Es war ganz anders ... Sie haben es nicht richtig gehrt; alles
ist Klatscherei! Ich habe mich damals nur verteidigt. Sie strzte sich
zuerst auf mich ... Sie hat mir fast meinen Backenbart ausgerissen ...
ich hoffe denn doch, da jedem Menschen erlaubt ist, seine Person zu
verteidigen. Auerdem gestatte ich niemand, mir Gewalt anzutun ... Aus
Prinzip. Denn das ist schon Despotismus. Was sollte ich denn tun, --
etwa alles ruhig mir gefallen lassen? Ich habe sie blo zurckgestoen
...

He--he--he! kicherte Luschin boshaft weiter.

Sie sticheln mich nur, weil Sie selbst gergert wurden und nun bse
darber sind ... Das ist doch Unsinn und hat gar nichts, rein gar nichts
mit der Frauenfrage zu tun! Sie haben das nicht richtig aufgefat; ich
denke sogar, wenn man annimmt, da die Frau in allem dem Manne gleich
sei, selbst in der physischen Kraft, wie man schon behauptet, so mu
hier erst recht Gleichheit herrschen. Gewi, ich habe es mir nachher
berlegt, da es so eine Frage berhaupt nicht geben soll, weil
Prgeleien sowieso nicht stattfinden sollen. In der knftigen
Gesellschaft wird dies undenkbar sein ... es wre doch sonderbar, eine
Gleichberechtigung zum Prgeln anzustreben. So dumm bin ich nicht ...
obwohl Prgeleien brigens auch vorkommen knnen ... ich will sagen,
nachher nicht vorkommen werden, jetzt aber noch vorkommen ... pfui! zum
Teufel! Mit Ihnen wird man ganz konfus! Ich gehe nicht zu diesem Essen,
nicht weil diese Unannehmlichkeit passiert ist, ich gehe vielmehr aus
Prinzip nicht hin, um nicht bei einem so schndlichen Brauch wie einer
Gedchtnisfeier mitzutun; ja, das ist der Grund! Man knnte eigentlich
hingehen, um sich darber lustig zu machen ... Nur schade, da keine
Priester da sein werden. Sonst wrde ich unbedingt hingehen.

Mit anderen Worten: Gastliches Salz und Brot essen und gleich darauf es
ebenso beschimpfen wie die, die Sie eingeladen haben. So ist es doch
gemeint?

Durchaus nicht beschimpfen, nur protestieren. Ich gehe mit bester
Absicht hin. Ich kann indirekt die Entwicklung und die Propaganda
frdern. Jeder Mensch ist verpflichtet, andere zu frdern und auf sie zu
wirken, je krftiger er es tut, desto besser ist es vielleicht. Ich kann
eine Idee bringen, einen Samen ausstreuen ... Aus diesem Samen wird eine
Tat entstehen. Womit htte ich da gekrnkt? Anfangs fhlen sie sich
vielleicht gekrnkt, nachher aber werden sie selbst einsehen, da es
ihnen nur von Nutzen war. Bei uns beschuldigte man eine Zeitlang
Terebjewa, -- dieselbe, die jetzt in der Kommune ist, -- weil sie, als
sie sich von ihrer Familie lossagte und ... sich einem hingab, ihrer
Mutter und ihrem Vater geschrieben hatte, sie wolle nicht mehr in
Vorurteilen leben und gehe eine illegale Ehe ein; man fand es
rcksichtslos, so mit den Eltern umzugehen, und meinte, sie htte es
ihnen schonender und milder beibringen sollen. Meiner Ansicht nach ist
dies alles Unsinn, man soll gar nicht so mild sein, im Gegenteil, ganz
im Gegenteil, man soll erst recht scharf protestieren. Nehmen wir zum
Beispiel die Warentz; sie hat sieben Jahre mit ihrem Manne
zusammengelebt, hat ihn und ihre zwei Kinder verlassen und ihrem Manne
in einem Briefe die Wahrheit gesagt. -- >Ich habe eingesehen, da ich
mit Ihnen nicht glcklich sein kann. Ich werde Ihnen nie vergeben, da
Sie mich betrogen haben, indem Sie mir verheimlichten, da noch eine
andere gesellschaftliche Einrichtung, nmlich die Kommune existiert. Ich
habe es vor kurzem durch einen gromtigen Mann erfahren, dem ich mich
auch hingegeben habe, und mit ihm zusammen begrnde ich eine Kommune.
Ich sage Ihnen dies offen, weil ich es fr ehrlos halte, Sie zu
betrgen. Tun Sie, was Sie fr gut halten. Hoffen Sie nicht, mich
zurckzuerobern, es ist zu spt. Ich wnsche Ihnen alles Glck.< So mu
man schreiben!

Nicht wahr, diese Terebjewa ist doch die, von der Sie erzhlten, da
sie in der dritten illegalen Ehe lebe?

Richtig betrachtet, erst in der zweiten! Aber mag sie auch in der
vierten oder fnfzehnten Ehe leben, was ist dabei! Und wenn ich jemals
bedauerte, da mein Vater und meine Mutter gestorben sind, so ist es
sicher jetzt der Fall. Ich habe schon ein paarmal gedacht, wie ich sie
mit meinem Protest aufrtteln wrde, wenn sie noch am Leben wren! Ich
htte absichtlich alles so eingerichtet ... Ich htte es ihnen gezeigt!
Ich htte sie staunen gemacht! Es ist wirklich schade, da ich niemanden
habe!

Um ihn erstaunen zu machen? He--he! Nun, gut! -- unterbrach ihn Peter
Petrowitsch, -- sagen Sie mir lieber, Sie kennen doch die Tochter des
Verstorbenen, ein zartes, unbedeutendes Ding! Ist es wahr, was man von
ihr erzhlt, hm?

Und was wre dabei? Meiner Meinung, das heit meiner persnlichen
berzeugung nach ist es die normale Lage der Frau. Warum denn nicht? Das
heit _distinguons_{[9]}. In der gegenwrtigen Gesellschaft gilt das
nicht als normal, weil es eine gezwungene Lage ist, in der knftigen
Gesellschaft ist sie vollkommen normal, weil sie freiwillig sein wird.
Ja, auch jetzt hatte sie das Recht dazu, -- sie litt Not und das war ihr
Fond, sozusagen ihr Kapital, ber das sie vollkommenes Recht hat zu
verfgen. Selbstverstndlich werden in der knftigen Gesellschaft keine
Fonds mehr ntig sein, ihre Rolle wird in anderer Hinsicht bestimmt,
harmonisch und vernnftig bedingt sein. Was Ssofja Ssemenowna persnlich
anbetrifft, so betrachte ich ihre Handlungen als einen energischen und
personifizierten Protest gegen die gesellschaftliche Einrichtung und
achte sie deswegen um so hher, ja ich freue mich ihrer Handlungsweise!

Man hat mir aber doch erzhlt, da gerade Sie sie gezwungen haben, von
hier auszuziehen!

Lebesjtnikoff wurde wtend.

Das ist wieder eine Klatscherei! -- schrie er. -- Die Sache verhlt
sich ganz und gar nicht so! Das ist absolut nicht so gewesen! Katerina
Iwanowna hat damals alles geschwindelt, weil sie nichts davon verstanden
hat! Ich habe mich gar nicht an Ssofja Ssemenowna herangemacht! Ich habe
sie blo gefrdert, vollkommen ohne Hintergedanken, und versuchte in ihr
den Protest zu erwecken ... Mir war es blo um den Protest zu tun, und
auerdem konnte Ssofja Ssemenowna sowieso nicht mehr hier bleiben!

Luden Sie sie in die Kommune ein?

Sie machen sich immer lustig ber mich, doch ohne Erfolg, erlaube ich
mir zu bemerken. Sie verstehen gar nichts davon. Solche Rollen gibt es
in einer Kommune nicht. Darum wird gerade eine Kommune gegrndet, damit
solche nicht mehr existieren sollen. In einer Kommune wird ihr Stand
sein jetziges Wesen vllig verndern, und was hier dumm ist, wird dort
vernnftig sein, was jetzt bei den gegenwrtigen Verhltnissen
unnatrlich ist, wird dort vollkommen natrlich sein. Alles hngt davon
ab, in welcher Umgebung und in welcher Gesellschaft ein Mensch lebt. Der
Mensch selbst ist nichts. Mit Ssofja Ssemenowna stehe ich noch jetzt auf
gutem Fue, was Ihnen als Beweis dienen kann, da sie mich nie als ihren
Feind und Beleidiger angesehen hat. Ja! Ich schlage ihr jetzt vor, in
eine Kommune einzutreten, aber auf einer ganz anderen Basis! Was
erscheint Ihnen wieder lcherlich? Wir wollen eine eigene Kommune, eine
besondere Kommune auf viel breiteren Grundlagen begrnden, als alle
frheren. Wir sind in unseren berzeugungen weiter gegangen. Wir
negieren mehr! Wenn Dobroljuboff[10] aus dem Grabe steigen wrde, mchte
ich mit ihm diskutieren! Und Belinski[11] wrde ich bel zurichten!
Vorlufig aber fahre ich fort, Ssofja Ssemenowna zu frdern! Sie ist
eine herrliche, herrliche Natur!

Nun, und Sie benutzen auch die herrliche Natur, ah? He--he!

Nein, nein! Oh, nein! Im Gegenteil!

Nun, nun im Gegenteil! He--he--he! Was Sie nicht sagen!

Glauben Sie mir doch! Warum soll ich es vor Ihnen verheimlichen, ich
bitte Sie? Im Gegenteil, mir erscheint es selbst merkwrdig, -- sie ist
mir gegenber besonders ngstlich, keusch und schamhaft!

Und Sie frdern sie selbstverstndlich ... he--he! Beweisen ihr, da
diese ganze Schamhaftigkeit Unsinn ist? ...

Gott bewahre, durchaus nicht! Oh, wie gemein, wie dumm -- verzeihen Sie
es mir -- Sie das Wort >Frderung< verstehen! Nichts, rein gar nichts
verstehen Sie! Oh, mein Gott, wie Sie noch ... unreif sind! Wir
erstreben Freiheit fr die Frau, und Sie haben blo das eine im Sinn ...
Ich lasse die Frage ber Keuschheit und weibliche Schamhaftigkeit
vollkommen beiseite, als Dinge, die an und fr sich nutzlos und voller
Vorurteile sind, aber ich verstehe sie vollkommen und lasse ihre
Keuschheit mir gegenber gelten, weil darin -- ihr Wille, ihr ganzes
Recht besteht. Wenn sie selbst zu mir sagen wrde: -- >Ich will dich
haben<, -- knnte ich mich eines groen Erfolges rhmen, weil das
Mdchen mir sehr gefllt. Gegenwrtig behandelt sie gewi niemand
hflicher und zuvorkommender und mit grerer Achtung ihrer Wrde, als
ich ... Ich warte und hoffe -- und weiter nichts!

Schenken Sie ihr besser etwas. Ich wette, da Sie daran noch nicht
gedacht haben.

Sie verstehen nichts, gar nichts; ich habe es Ihnen schon oft gesagt!
Gewi, ihre Lage ist derart, aber hier ist noch eine andere Frage! Eine
ganz andere Frage! Sie verachten sie einfach. Wenn Sie eine Tatsache
sehen, die Sie irrtmlicherweise fr verachtungswrdig halten,
verweigern Sie einem menschlichen Wesen eine humane Betrachtung. Sie
wissen noch gar nicht, was sie fr eine Natur ist! Mir tut es nur sehr
leid, da sie in der letzten Zeit fast gnzlich aufgehrt hat zu lesen
und keine Bcher von mir mehr nimmt. Frher hat sie sich fters Bcher
geholt. Es ist auch schade, da sie trotz ihrer Energie und
Entschlossenheit, zu protestieren, -- die sie schon einmal bewiesen hat,
immer noch wenig Selbstndigkeit, sozusagen Unabhngigkeit, wenig
Verneinung besitzt, um sich endgltig von einigen Vorurteilen und ...
Dummheiten loszureien. Und ungeachtet dessen, da sie manche Fragen
ausgezeichnet begreift. Sie hat z. B. glnzend die Frage ber das
Handkssen verstanden, das heit, da der Mann das Gesetz der Gleichheit
mit der Frau berschreitet, wenn er ihr die Hand kt. ber diese Frage
wurde bei uns debattiert und ich habe es ihr sofort mitgeteilt. Auch fr
Assoziationen der Arbeiter in Frankreich zeigt sie Interesse. Jetzt
errterte ich mit ihr die Frage des ungehinderten Zutritts in alle
Wohnungen der knftigen Gesellschaft.

Was ist das?

In letzter Zeit wurde ber die Frage debattiert, ob ein Mitglied der
Kommune das Recht habe, zu jeder Zeit in das Zimmer eines anderen
Mitgliedes, sei es ein Mann oder eine Frau, eintreten darf ..., und es
wurde beschlossen, da er das Recht dazu habe ...

Wenn aber der oder die in diesem Augenblicke mit einem natrlichen
Bedrfnisse beschftigt ist, he--he!

Andrei Ssemenowitsch wurde bse.

Sie reden immer ber dasselbe, ber die verfluchten >Bedrfnisse<! --
rief er voll Ha aus, -- pfui, wie rgere ich mich, wie bin ich wtend,
da ich damals, als ich Ihnen das System erklrte, so vorzeitig diese
verfluchten Bedrfnisse erwhnte! Zum Teufel! Das ist immer der Stein
des Anstoes fr Ihresgleichen, am schlimmsten ist es, da sie es zur
Zielscheibe ihrer Witzeleien machen, ehe sie erfahren, wie die Sache
ist! Als wren sie im Rechte! Als knnten Sie sich etwas darauf
einbilden! Pfui! Ich habe immer behauptet, da man diese ganze Frage
Neulingen erst am Schlusse darstellen kann, wenn sie schon von dem
System berzeugt sind, wenn sie schon entwickelt und auf dem richtigen
Wege sich befinden. Ja, und sagen Sie mir bitte, was finden Sie
Hliches und Verachtungswrdiges, z. B. an einer Mistgrube? Ich bin der
erste, der bereit ist, alle beliebigen Mistgruben zu reinigen! Da ist
noch nicht mal etwas Selbstaufopferndes dabei. Es ist einfach eine
Arbeit, eine edle, fr die Gesellschaft ntzliche Ttigkeit, die jeder
andern wert ist, nur bedeutend hher steht, als zum Beispiel die
Ttigkeit irgendeines Rafael oder Puschkin, weil sie ntzlicher ist.

Und edler vor allem, edler ist, -- he--he!

Was heit edel? Ich verstehe solche Ausdrcke bei der Feststellung von
menschlicher Ttigkeit nicht. >Edel<, >gromtig< -- Unsinn, Dummheiten,
alte Worte voller Vorurteile, die ich verneine! Alles, was der
Menschheit _von Nutzen_ ist, ist auch edel. Ich verstehe nur das eine
Wort, -- _ntzlich_! Kichern Sie, soviel Sie wollen, es ist doch so!

Peter Petrowitsch lachte laut. Er hatte seine Berechnungen abgeschlossen
und das Geld eingesteckt. Ein Teil davon blieb noch auf dem Tische
liegen. Die Frage ber Mistgruben hatte schon ein paarmal, trotz ihrer
ganzen Flachheit, zur Folge gehabt, da es zwischen Peter Petrowitsch
und seinem jungen Freunde zu Miverstndnissen und Uneinigkeiten
gekommen war. Die ganze Dummheit war, da Andrei Ssemenowitsch sich
tatschlich rgerte. Luschin fand nur eine Zerstreuung darin, heute
jedoch wollte er Lebesjtnikoff rgern.

Sie sind wegen Ihres gestrigen Mierfolges wtend und suchen Streit,
-- platzte endlich Lebesjtnikoff heraus, der trotz seiner
Unabhngigkeit und aller seiner Proteste nicht wagte, Peter
Petrowitsch entgegenzutreten und noch immer aus frheren Jahren her
gewohnt war, Respekt zu beobachten.

Sagen Sie mir lieber, -- unterbrach ihn Peter Petrowitsch hochmtig
und rgerlich, -- knnen Sie ... oder besser gesagt, sind Sie
tatschlich so gut mit der erwhnten jungen Person bekannt, da Sie sie
sofort, auf einen Augenblick, in dieses Zimmer bitten knnen? Ich
glaube, sie sind schon alle vom Friedhofe zurckgekehrt ... Ich hre
Schritte ... Ich mchte diese Person einen Augenblick sehen.

Wozu denn? fragte verwundert Lebesjtnikoff.

Ich mchte sie sehen. Heute oder morgen verlasse ich diese Wohnung und
mchte ihr noch etwas mitteilen ... Ich bitte Sie brigens, whrend der
Unterredung hier zu bleiben. Es ist besser. Sonst knnten Sie, Gott wei
noch was, denken.

Ich denke mir gar nichts dabei ... Ich habe nur gefragt, und wenn Sie
etwas vorhaben, so gibt's nichts Leichteres, als sie hierher zu bitten.
Ich will sofort hingehen. Und ich will Sie, seien Sie berzeugt, nicht
stren.

Und wirklich, nach etwa fnf Minuten kehrte Lebesjtnikoff mit
Ssonjetschka zurck. Sie trat uerst verwundert und schchtern ein. In
solchen Fllen war sie stets schchtern und frchtete neue Gesichter und
neue Bekanntschaften, schon als Kind frchtete sie sich davor und
wieviel mehr noch jetzt ... Peter Petrowitsch begrte sie freundlich
und hflich, und mit einem Anflug von Vertraulichkeit, die bei solch
einem ehrenwerten und soliden Menschen, wie er, einem jungen und in
gewissem Sinne _interessanten_ Wesen gegenber, seiner Meinung nach, gut
angebracht war. Er beeilte sich, sie zu ermutigen, und bot ihr einen
Platz ihm gegenber am Tische an. Ssonja setzte sich hin, sah sich um,
-- sah Lebesjtnikoff an, das auf dem Tisch liegende Geld, blickte
wieder zu Peter Petrowitsch und wandte die Augen nicht mehr von ihm ab.
Lebesjtnikoff ging zur Tre, Peter Petrowitsch aber stand auf, gab
Ssonja ein Zeichen, sitzen zu bleiben und hielt Lebesjtnikoff zurck.

Ist Raskolnikoff dort? Ist er gekommen? fragte er ihn im Flstertone.

Raskolnikoff? Er ist da. Warum? Ja, er ist da ... Er ist soeben
gekommen, ich habe ihn gesehen ... Was ist mit ihm?

Nun, dann bitte ich Sie instndig, hier bei uns zu bleiben und mich
nicht allein mit diesem ... Frulein zu lassen. Es ist eine ganz
unbedeutende Sache, aber man kann, wei Gott, was daraus schlieen. Ich
will nicht, da es Raskolnikoff _dort_ erzhlt ... Verstehen Sie, was
ich meine?

Ich verstehe, ich verstehe! -- begriff pltzlich Lebesjtnikoff. --
Ja, Sie haben recht ... Nach meiner persnlichen berzeugung gehen Sie
in Ihren Befrchtungen zu weit, aber ... Sie haben dennoch recht. Bitte,
ich bleibe. Ich will mich hier ans Fenster stellen und will Sie nicht
stren ... Meiner Ansicht nach haben Sie recht ...

Peter Petrowitsch kehrte zum Sofa zurck, setzte sich Ssonja gegenber,
blickte sie aufmerksam an und gab sich ein auergewhnlich solides und
sogar ein wenig strenges Aussehen, als mchte er dadurch sagen, -- du
sollst dir nichts dabei denken, Verehrteste. Ssonja wurde ganz
verlegen.

Zuerst bitte ich Sie, Ssofja Ssemenowna, mich bei Ihrer verehrten Frau
Mutter zu entschuldigen ... Es ist doch richtig? Katerina Iwanowna nimmt
die Stelle einer Mutter bei Ihnen ein? -- begann er sehr wrdevoll und
ziemlich freundlich.

Man merkte, da er die freundschaftlichsten Absichten hatte.

Ja, sie vertritt mir die Mutter, -- antwortete Ssonja hastig und
ngstlich.

Nun, also entschuldigen Sie mich bei ihr, da ich durch
unvorhergesehene Umstnde gezwungen bin, abzusagen und zu dem Essen
nicht erscheinen kann, trotz der angenehmen Einladung Ihrer Frau
Mutter.

Ich will es sagen; ihr sofort sagen, -- und Ssonjetschka sprang hastig
vom Stuhle auf.

Das ist _noch_ nicht alles, -- hielt sie Peter Petrowitsch zurck und
lchelte ber ihre Einfalt und Unkenntnis von Anstand, -- Sie kennen
mich wenig, liebe Ssofja Ssemenowna, wenn Sie meinen, da ich wegen
dieser unbedeutenden, mich allein angehenden Ursache jemanden wie Sie
persnlich bemht und gebeten htte, zu mir zu kommen. Ich habe noch ein
anderes Anliegen.

Ssonja setzte sich wieder hastig hin. Die bunten Banknoten, die auf dem
Tische lagen, flimmerten wieder vor ihren Augen, sie wandte schnell ihr
Gesicht von ihnen ab und erhob die Augen zu Peter Petrowitsch; es kam
ihr auf einmal hchst unanstndig vor, besonders weil _sie_ es war,
fremdes Geld anzublicken. Sie heftete ihren Blick auf den goldenen
Kneifer in der linken Hand Peter Petrowitschs, und auf den groen,
massiven, wertvollen Ring mit einem gelben Stein an seinem Mittelfinger,
-- aber schnell wandte sie die Augen auch davon ab, und da sie nicht
wute, wohin sie sehen sollte, blickte sie wieder Peter Petrowitsch
unverwandt ins Gesicht. Nachdem er noch wrdevoller, als vorhin, eine
Weile geschwiegen hatte, fuhr er fort:

Es traf sich, da ich gestern im Vorbergehen einige Worte mit der
unglcklichen Katerina Iwanowna wechselte. Ein paar Worte gengten, um
zu erfahren, da sie sich in einem -- unnatrlichen Zustande befindet,
-- wenn man sich so ausdrcken kann ...

Ja ... in einem unnatrlichen, -- pflichtete Ssonja hastig ihm bei.

Oder einfacher und verstndlicher gesagt, -- in einem kranken
Zustande.

Ja, einfacher und verstnd... ja, sie ist krank.

Nicht wahr, das stimmt. Aus dem Gefhle der Humanitt, und ... und
sozusagen, des Mitleides mchte ich meinerseits, ihr unvermeidliches und
unglckliches Schicksal voraussehend, irgendwie ihr ntzlich sein. Es
scheint mir, da die ganze arme Familie jetzt auf Ihnen allein lastet.

Erlauben Sie mir zu fragen, -- stand Ssonja pltzlich auf, -- was
haben Sie ihr gestern von der Mglichkeit einer Pension gesagt? Sie
sagte mir, da Sie es bernommen htten, ihr eine Pension zu bewirken.
Ist das wahr?

Keineswegs, und sogar in gewisser Beziehung ein Unsinn. Ich habe nur
von einer einmaligen Untersttzung, als der Witwe eines im Dienste
gestorbenen Beamten, erwhnt, -- wenn Protektion da sei, -- aber wie mir
scheint, hat Ihr verstorbener Vater nicht nur die gesetzliche Frist
nicht ausgedient, sondern hatte in der letzten Zeit gar nicht im
staatlichen Dienste gestanden. Mit einem Worte, es konnte Hoffnung, wenn
auch eine ziemlich zweifelhafte, da sein, denn im Grunde genommen, gibt
es in diesem Falle keine Rechte auf eine Untersttzung, sondern im
Gegenteil ... So, sie dachte schon an eine Pension, he--he--he! Eine
flinke Dame!

Ja, an eine Pension ... Sie ist leichtglubig und gut, und aus Gte
glaubt sie alles und ... und ... sie hat so einen Verstand ... Ja ...
entschuldigen Sie, -- sagte Ssonja und stand wieder auf, um
fortzugehen.

Erlauben Sie, Sie haben mich nicht zu Ende gehrt.

Ja, ich habe nicht zu Ende gehrt, -- murmelte Ssonja.

Also, setzen Sie sich.

Ssonja wurde furchtbar verlegen und setzte sich, zum dritten Male.

Nachdem ich ihre Lage mit den unglcklichen kleinen Kindern sehe,
mchte ich, -- wie ich schon gesagt habe -- irgendwie nach meinen
Krften ntzlich sein, das heit, was man nach Krften nennt, nicht
mehr. Man knnte zum Beispiel eine Sammlung veranstalten oder sozusagen
eine Verlosung ... oder etwas dieser Art, -- wie es auch stets in
hnlichen Fllen von den Nchststehenden oder auch Fremden, berhaupt
von Menschen, die helfen mchten, arrangiert wird. Darber hatte ich die
Absicht, mit Ihnen zu reden. Man knnte es tun.

Ja, es wre gut ... Gott wird Sie dafr ... stammelte Ssonja und
blickte Peter Petrowitsch unverwandt an.

Man knnte es, aber ... darber knnen wir nachher ... das heit, man
knnte gleich heute den Anfang machen. Wir wollen uns noch einmal am
Abend sehen, es besprechen und sozusagen die Grundlagen festsetzen.
Kommen Sie so gegen sieben Uhr zu mir. Ich hoffe, da Andrei
Ssemenowitsch sich daran beteiligen wird ... Aber ... hier gibt es einen
Umstand, der vorher und genau erwhnt werden mu. Deshalb habe ich Sie,
Ssofja Ssemenowna, auch hierher bemht. Meine Ansicht geht nmlich
dahin, da man Katerina Iwanowna selbst kein Geld in die Hnde geben
darf, ja da es gefhrlich ist; der Beweis dafr liegt in dem heutigen
Gedchtnismahl. Ohne eine trockene Rinde Brot zu morgen und ... Stiefel,
und andere ntigen Dinge zu haben, -- wird heute Rum und Madeira und ...
Kaffee eingekauft. Ich habe es im Vorbeigehen gesehen. Morgen hngt
wieder alles bis auf das letzte Stck Brot an Ihnen, und das ist
unsinnig. Darum mu die Sammlung nach meiner persnlichen Ansicht so vor
sich gehen, da die unglckliche Witwe von dem Gelde nichts wissen darf,
nur Sie allein wrden es zu wissen bekommen. Ist das nicht richtiger?

Ich wei es nicht. Sie ist nur heute so ... nur einmal im Leben ... sie
wollte so gern sein Gedchtnis feiern, ihm die Ehre erweisen ... Sie ist
sonst sehr klug. Aber, wie Sie wollen, und ich werde Ihnen sehr, sehr,
sehr ... und sie werden Ihnen sehr ... Gott wird Ihnen ... und die
Waisen ...

Ssonja sprach nicht zu Ende und weinte.

So. Nun, also behalten Sie es im Auge, jetzt aber belieben Sie zur
Untersttzung Ihrer Verwandten frs erste eine meinen Krften
angemessene Summe von mir entgegenzunehmen. Ich mchte ausdrcklich
wnschen, da mein Name dabei nicht genannt wird. Bitte ... da ich
sozusagen selbst Sorgen habe, bin ich nicht imstande, mehr ...

Und Peter Petrowitsch streckte Ssonja einen Zehnrubelschein entgegen,
wobei er ihn peinlich aufrollte. Ssonja nahm den Schein in Empfang,
errtete, sprang auf, murmelte etwas und begann sich eilig zu
verabschieden. Peter Petrowitsch begleitete sie feierlich bis zur Tre.
Sie sprang aus dem Zimmer, ganz erregt und abgeqult und kehrte zu
Katerina Iwanowna in grter Verlegenheit zurck.

Whrend dieses Vorganges stand Andrei Ssemenowitsch bald am Fenster,
bald ging er im Zimmer herum und wollte das Gesprch nicht unterbrechen.
Als Ssonja fortgegangen war, trat er auf Peter Petrowitsch zu und
reichte ihm feierlich die Hand.

Ich habe alles gehrt und alles _gesehen_, sagte er und betonte
besonders das letzte Wort. Das ist edel, das heit, ich wollte sagen,
human! Sie wollten keinen Dank, ich habe es gesehen! Und obwohl ich,
offen gestanden, prinzipiell mit der privaten Wohlttigkeit nicht
sympathisieren kann, weil sie nicht blo das bel nicht vertilgt,
sondern es nur noch mehr strkt, mu ich gestehn, da ich Ihre Handlung
mit Vergngen gesehen habe, -- ja, ja, mir gefllt es.

Oh, das ist Unsinn! murmelte Peter Petrowitsch ein wenig erregt und
blickte aufmerksam Lebesjtnikoff an.

Nein, es ist kein Unsinn! Ein Mann, der wie Sie durch den gestrigen
Vorfall beleidigt und gergert ist, und gleichzeitig fhig ist, an das
Unglck von anderen zu denken, -- ein solcher Mensch ist ... obwohl er
durch seine Handlungen einen sozialen Fehler begeht, -- dennoch ... der
Achtung wrdig! Ich habe es sogar von Ihnen, Peter Petrowitsch, nicht
erwartet, um so mehr, nach Ihren Begriffen ... oh, wie Ihre Begriffe
Ihnen noch hinderlich sind! Wie Sie, zum Beispiel, dieser gestrige
Mierfolg aufregt! rief der gute kleine Andrei Ssemenowitsch aus und
fhlte wieder eine strkere Sympathie fr Peter Petrowitsch, und wozu,
wozu brauchen Sie unbedingt diese Ehe, diese _gesetzliche_ Ehe, lieber,
edler Peter Petrowitsch? Warum brauchen Sie unbedingt diese
_Gesetzlichkeit_ in der Ehe? Nun, wenn Sie wollen, schlagen Sie mich,
aber ich freue mich, freue mich, da diese Ehe nicht zustande gekommen
ist, da Sie frei sind, da Sie noch nicht ganz fr die Menschheit
verloren sind, ich freue mich ... So, jetzt habe ich mich
ausgesprochen!

Weil ich in Ihrer illegalen Ehe keine Hrner tragen und fremde Kinder
zchten will, aus diesem Grunde brauche ich die gesetzliche Ehe, sagte
Luschin, nur um etwas zu sagen.

Er war besonders besorgt und nachdenklich.

Kinder? Sie sagen Kinder? fuhr Andrei Ssemenowitsch auf wie ein
Kampfro, das das Signal gehrt hatte, Kinder -- das ist eine soziale
Frage und eine Frage von grter Wichtigkeit, das gebe ich zu, aber die
Kinderfrage wird sich anders lsen. Einige verwerfen vollkommen die
Kinder, wie alles, was mit Familie zu tun hat. Wir wollen ber die
Kinder nachher reden und wollen uns jetzt mit den Hrnern beschftigen.
Ich mu Ihnen gestehen, da das mein schwacher Punkt ist. Dieser ble
Husarenausdruck, der Ausdruck eines Puschkins ist im knftigen Lexikon
undenkbar. Ja, und was sind Hrner? Oh, welch eine Verirrung! Was fr
Hrner? Wozu Hrner? Welch ein Unsinn! Im Gegenteil, in der illegalen
Ehe knnen sie gar nicht existieren! Die Hrner sind nur die natrliche
Folge jeder gesetzlichen Ehe, sozusagen, ihre Korrektur, ein Protest, so
da sie in diesem Sinne keineswegs erniedrigend sind ... Und wenn ich
irgendwann, -- diesen Unsinn einmal angenommen, -- gesetzlich
verheiratet sein sollte, so wrde ich mich sogar ber diese verfluchten
Hrner freuen; ich wrde dann meiner Frau sagen, -- >mein Freund, ich
habe dich bis jetzt blo geliebt, jetzt aber achte ich dich auch, weil
du verstanden hast, zu protestieren!< Sie lachen! Das kommt davon, weil
Sie nicht imstande sind, sich von den Vorurteilen loszureien! Zum
Teufel, ich begreife doch, worin gerade die Unannehmlichkeit besteht,
wenn man in gesetzlicher Ehe betrogen wird, -- aber das ist doch blo
eine niedertrchtige Folge einer niedertrchtigen Tatsache, wo beide
Teile erniedrigt sind. Wenn aber die Hrner einem offen aufgesetzt
werden, wie in der illegalen Ehe, dann existieren sie nicht mehr, sie
sind undenkbar und verlieren sogar die Benennung Hrner. Im Gegenteil,
Ihre Frau wird Ihnen blo beweisen, wie sie Sie schtzt, indem sie Sie
fr unfhig hlt, ihrem Glcke im Wege zu sein und Sie fr so reif
betrachtet, da Sie wegen ihres neuen Mannes an ihr keine Rache nehmen
werden. Zum Teufel, ich trume zuweilen, da, wenn ich mich verheiraten
wrde, pfui! wenn ich heiraten wrde, -- ob illegal, ob gesetzlich, das
ist einerlei, -- wrde ich selbst zu meiner Frau einen Liebhaber
bringen, wenn sie sich noch keinen angeschafft htte, und wrde ihr
sagen, -- >mein Freund, ich liebe dich, aber ich wnsche auch, da du
mich achtest, -- bitte, hier hast du ihn!< Ist das nicht das Richtige?

Peter Petrowitsch hrte zu und lachte, aber ohne besondere Begeisterung.
Er hrte fast nicht zu. Er berlegte sich etwas ganz anderes, und
Lebesjtnikoff merkte es auch schlielich. Peter Petrowitsch war
aufgeregt, rieb sich die Hnde und dachte nach. Das alles kam Andrei
Ssemenowitsch spter erst zum Bewutsein.


                                  II.

Es wrde schwer fallen, genau die Grnde anzufhren, aus welchen die
Idee dieses sinnlosen Gedchtnismahles in dem verstrten Gehirn von
Katerina Iwanowna entstanden war. Es waren beinahe zehn Rubel von dem
Gelde daraufgegangen, das ihr Raskolnikoff eigentlich zur Beerdigung
Marmeladoffs gegeben hatte. Vielleicht hielt sich Katerina Iwanowna dem
Verstorbenen gegenber verpflichtet, sein Andenken wie es sich gehrt
zu ehren, damit alle Mitbewohner und besonders Amalie Iwanowna wissen
sollten, da er nicht nur gar nicht schlechter als sie, vielleicht weit
besser war, und da niemand von ihnen das Recht hatte, sich ber ihn zu
stellen. Vielleicht hatte hierzu jener besondere _Stolz der Armen_ am
meisten beigetragen, aus dem viele bei gewissen gesellschaftlichen
Gebruchen, die, wie es einmal ist, fr alle und jeden verbindlich sind,
ihre letzten Krfte anspannen und die letzten Spargroschen ausgeben, um
blo nicht schlechter, als andere zu sein, und damit die anderen nicht
darber reden knnen. Es war auch sehr mglich, da Katerina Iwanowna
das Verlangen hatte, gerade in diesem Falle, namentlich in dem
Augenblicke, wo sie scheinbar von aller Welt verlassen war, allen diesen
unbedeutenden und schlimmen Mietern zu zeigen, da sie nicht nur
Lebensart hatte und sich auf Empfnge verstand, sondern da sie gar
nicht zu solch einem Lose bestimmt war, da sie in einem feinen, ja in
dem aristokratischen Hause eines Obersten erzogen war, und da sie
durchaus nicht dazu erzogen war, die Diele selbst zu fegen und des
Nachts Kinderlumpen zu waschen. Diese Anflle von Stolz und Eitelkeit
suchen zuweilen die rmlichsten und unterdrcktesten Menschen heim und
verwandeln sich oft bei ihnen in ein gereiztes, unberwindliches
Bedrfnis. Katerina Iwanowna gehrte eigentlich nicht zu den
Unterdrckten, man konnte sie durch Umstnde tten, aber sie moralisch
_unterdrcken_, das heit, sie einschchtern und ihren Willen
unterwerfen, -- konnte man nicht. Auerdem sagte Ssonjetschka mit gutem
Grunde, da ihr Verstand verstrt sei. Man konnte es freilich nicht
positiv und endgltig sagen, doch in letzter Zeit, in dem letzten Jahre,
wurde ihr armer Kopf zu stark geqult, als da er nicht zum Teil
gelitten htte. Und eine stark fortgeschrittene Schwindsucht trgt auch,
wie die rzte sagen, zu einer Geistesstrung bei.

_Weine_ in Mehrzahl und verschiedene Sorten gab es freilich nicht,
ebenso fehlte auch _Madeira_, -- das war bertrieben, Wein war aber da.
Es gab Branntwein, Rum und Lissaboner, alles von der schlechtesten
Sorte, aber in gengender Menge. Von Speisen waren auer Kutje drei oder
vier Gerichte vorhanden, alles aus der Kche von Amalie Iwanowna, dazu
wurden zwei Samowars aufgestellt fr Tee und Punsch, die nach dem Essen
gereicht werden sollten. Katerina Iwanowna hatte alles selbst
eingekauft, als Hilfe hatte sie einen Mieter mitgehabt, einen klglichen
Polen, der wei Gott warum bei Frau Lippewechsel wohnte. Er hatte sich
sofort zu Katerina Iwanownas Verfgung gestellt, lief den ganzen
gestrigen Tag und den ganzen heutigen Morgen Hals ber Kopf und mit
heraushngender Zunge herum und war besonders bemht, da man dies auch
bemerken solle. Wegen jeder Kleinigkeit kam er zu Katerina Iwanowna
gelaufen, war ihr sogar in die Kauflden nachgegangen, nannte sie
fortwhrend Pani Chorunschina und wurde ihr zuletzt bis zum berdrusse
langweilig, obwohl sie zuerst behauptet hatte, da sie ohne diesen
bereitwilligen und gromtigen Menschen vollkommen verloren wre.
Katerina Iwanowna hatte die Eigenschaft in ihrem Charakter, den ersten
Besten, der ihr in den Weg lief, mit den hellsten und schnsten Farben
zu schmcken, ihn so zu loben, da mancher sich schmte, allerhand
Umstnde, die gar nicht existierten, zu seinem Preise zu erfinden,
selbst daran vollkommen aufrichtig und ehrlich zu glauben, und dann
pltzlich, mit einem Male, sich enttuscht zu fhlen, alles abzubrechen,
den Menschen zu beschimpfen und hinauszuschmeien, den sie noch vor
einigen Stunden buchstblich angebetet hatte. Von Natur aus hatte sie
einen heiteren, frhlichen und friedfertigen Charakter, infolge des
ununterbrochenen Unglcks und Mierfolges begann sie geradezu _rasend_
zu wnschen und zu verlangen, da alle in Frieden und Freude leben
sollten und anders _nicht leben drfen_, und der geringste Miklang im
Leben, die allerkleinsten Mierfolge brachten sie sofort in Wut, und sie
fing an, unmittelbar nach den strksten Hoffnungen und Phantasien ihr
Schicksal zu verfluchen, alles, was ihr unter die Hnde geriet, zu
zerreien und fortzuwerfen und mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen.
Amalie Iwanowna hatte pltzlich in Katerina Iwanownas Augen eine
ungewhnliche Bedeutung und auergewhnliche Achtung errungen,
vielleicht einzig aus dem Grunde, weil dieses Gedchtnismahl vorbereitet
wurde und weil Amalie Iwanowna von ganzem Herzen bereit war, an allen
Besorgungen teilzunehmen. Sie hatte es bernommen, den Tisch zu decken,
die Wsche, das Geschirr und alles brige herzugeben und in ihrer Kche
das Essen zuzubereiten. Katerina Iwanowna berlie ihr alles und ging
auf den Friedhof. Und wirklich war alles aufs beste hergerichtet, -- der
Tisch war ziemlich reinlich gedeckt, das Geschirr, Gabeln, Messer,
Glser, Weinglser, Tassen -- all dieses pate nicht zusammen, war von
den verschiedenen Mietern zusammengeborgt, aber alles stand zur
bestimmten Stunde auf seinem Platze, und Amalie Iwanowna, im Vollgefhle
ihrer gut besorgten Aufgabe, begrte die Zurckkehrenden mit einem
gewissen Stolze; sie war sehr geputzt in einer Haube mit neuen
Trauerbndern und im schwarzen Kleide. Dieser Stolz, obwohl berechtigt,
mifiel aus irgendeinem Grunde Katerina Iwanowna, als htte man in der
Tat ohne Amalie Iwanowna nicht verstanden, den Tisch zu decken! Auch
die Haube mit den neuen Bndern erregte ihr Mifallen, --
mglicherweise ist diese dumme Deutsche noch darauf stolz, da sie die
Wirtin ist und sich aus Gnade bereit erklrt hat, den armen Mietern zu
helfen? Aus Gnade? Bitte sehr! Bei Katerina Iwanownas Papa, der Oberst
und beinahe Gouverneur war, wurde zuweilen der Tisch fr vierzig
Personen gedeckt, so da irgend eine Amalie Iwanowna oder besser gesagt
Ludwigowna, dort nicht mal in die Kche zugelassen worden wre ...
Katerina Iwanowna beschlo aber, ihre Gefhle nicht vor der Zeit zu
uern, obgleich sie sich im Herzen fest vorgenommen hatte, Amalie
Iwanowna heute noch unbedingt abzutrumpfen und sie an ihren richtigen
Platz zu erinnern, sonst wrde die sich Gott wei was einbilden;
vorlufig behandelte sie sie blo kalt. Eine andere Unannehmlichkeit
hatte auch teilweise zu der Gereiztheit von Katerina Iwanowna
beigetragen, -- zu der Beerdigung war, auer dem Polen, von den
Geladenen fast niemand erschienen, der aber hatte Zeit genug, auf den
Friedhof zu laufen; zu dem Gedchtnismahle dagegen waren nur die
Unansehnlichsten und Armen gekommen, viele sogar nicht ganz nchtern,
sozusagen das Pack. Die lteren und angesehensten waren, wie
absichtlich, ferngeblieben, als htten sie sich alle verabredet. Peter
Petrowitsch Luschin zum Beispiel, man kann sagen, der solideste von
allen Mietern, war nicht erschienen, whrend Katerina Iwanowna schon
gestern aller Welt, das heit Amalie Iwanowna, Poletschka, Ssonjetschka
und dem Polen, erzhlt hatte, da dieser edelste und gromtigste Mann
mit besten Verbindungen und von sehr groem Vermgen, ein frherer
Freund ihres ersten Mannes, der in dem Hause ihres Vaters verkehrt habe,
ihr versprochen htte, alle Mittel in Bewegung zu setzen, um ihr eine
bedeutende Pension zu verschaffen. Wir wollen hierbei bemerken, da,
wenn Katerina Iwanowna mit Verbindungen und Vermgen anderer Leute
prahlte, sie es vollkommen uneigenntzig, sozusagen aus bervollem
Herzen tat, nur aus dem Vergngen allein, den Gelobten noch mehr zu
preisen und ihm einen greren Wert zu verleihen. Nchst Luschin und
wahrscheinlich seinem Beispiele folgend war auch dieser ble,
schndliche Lebesjtnikoff nicht erschienen. Was bildet sich denn
dieser ein? Man hatte ihn blo aus Gnade und weil er in einem Zimmer mit
Peter Petrowitsch lebte und sein Bekannter war, eingeladen; es wre
peinlich fr ihn gewesen, nicht eingeladen zu sein. Auch eine feine Dame
mit ihrer Tochter, einer berreifen alten Jungfer, die erst seit zwei
Wochen bei Amalie Iwanowna lebten, waren nicht erschienen; sie hatten
sich trotz ihres kurzen Aufenthaltes hier schon einige Male ber den
Lrm und das Geschrei in Marmeladoffs Zimmer, besonders, wenn der
Verstorbene betrunken nach Hause gekommen war, beklagt. Das hatte
Katerina Iwanowna durch Amalie Iwanowna erfahren, wenn diese sich mit
Katerina Iwanowna zankte, ihr drohte, sie und die ganze Familie
hinauszujagen, und dabei aus vollem Halse schrie, da sie anstndige
Mieter, deren Futritt Sie nicht mal wert sind, beunruhige. Katerina
Iwanowna hatte absichtlich beschlossen, diese Dame und ihre Tochter,
deren Futritt sie angeblich nicht wert sei, einzuladen, und um so
mehr, weil jene bei zuflligen Begegnungen sich hochmtig abwandte, --
damit sie wisse, da man hier edler denkt und fhlt und sie, ohne sich
des Bsen zu erinnern, einlade, und damit sie sehen sollten, da
Katerina Iwanowna nicht gewohnt sei, in solchen Verhltnissen zu leben.
Es war unbedingt vorausgesetzt, ihnen allen bei Tische zu erklren und
zu erwhnen, da ihr verstorbener Vater beinahe Gouverneur gewesen sei,
und gleichzeitig indirekt zu verstehen zu geben, da es berflssig
wre, sich bei Begegnungen abzuwenden, und da es uerst dumm wre.
Ebenso war der dicke Oberstleutnant, eigentlich war er Stabskapitn
auer Dienst, nicht erschienen, es stellte sich heraus, da er seit dem
gestrigen Morgen vor Trunkenheit ohne Hinterbeine war. Mit einem
Worte: es waren blo erschienen, -- der Pole, dann ein hlicher
schweigsamer Kanzlist, in einem stark glnzenden Frack, mit Finnen im
Gesichte und einem widerlichen Geruche und noch ein tauber und fast
erblindeter alter Mann, der einst in einem Postamt gedient hatte und den
jemand seit undenkbaren Zeiten und aus unbekannten Grnden bei Amalie
Iwanowna untergebracht hatte. Es war auch ein betrunkener
verabschiedeter Leutnant, eigentlich ein Proviantmeister, erschienen mit
einem hchst unanstndigen lauten Lachen, und: stellen Sie sich vor,
ohne Weste! Einer von den Gsten setzte sich direkt an den Tisch, ohne
sogar Katerina Iwanowna zu begren, und zuguterletzt tauchte eine
Person im Schlafrocke auf, da sie keine Kleider besa, aber das war so
unanstndig, da es den Bemhungen von Amalie Iwanowna und dem Polen
gelang, ihn hinauszuexpedieren. Der Pole hatte brigens noch zwei andere
Polen mitgebracht, die niemals bei Amalie Iwanowna gewohnt hatten, und
die niemand vorher in ihrem Hause gesehen hatte. Dies alles reizte
Katerina Iwanowna in hchstem Grade. Fr wen waren schlielich denn
alle Vorbereitungen getroffen? Man hatte sogar die Kinder, um an Platz
zu gewinnen, nicht am Tische untergebracht, der das ganze Zimmer
einnahm, sondern fr sie in der hinteren Ecke auf einem Kasten gedeckt,
wobei die beiden kleineren auf einer Bank saen, Poletschka aber, als
die Erwachsene, mute auf sie aufpassen, sie fttern und ihnen wie
Kindern aus feinem Hause die Nschen putzen. Mit einem Worte, Katerina
Iwanowna glaubte alle mit doppelter Wrde und sogar mit Hochmut begren
zu mssen. Manche blickte sie besonders streng an und bat sie von oben
herab, sich an den Tisch zu setzen. Da sie aber aus irgendeinem Grunde
meinte, Amalie Iwanowna fr alle Nichterschienenen verantwortlich machen
zu mssen, begann sie pltzlich, sie uerst nachlssig zu behandeln,
was jene sofort merkte und dadurch sehr pikiert wurde. Solch ein Anfang
deutete auf kein gutes Ende. Endlich hatten alle Platz genommen.
Raskolnikoff trat fast in demselben Augenblick ein, als sie von dem
Friedhofe zurckkehrten. Katerina Iwanowna war beraus erfreut, ihn zu
sehen, erstens, weil er der einzige gebildete von allen Gsten war und
wie bekannt, nach zwei Jahren in der hiesigen Universitt einen
Lehrstuhl einnehmen werde, und zweitens, weil er sofort und ehrerbietig
sich entschuldigte, da er trotz seines Wunsches zu der Beerdigung nicht
hatte kommen knnen. Sie strzte sich buchstblich auf ihn, setzte ihn
bei Tisch neben sich zur linken Hand, zur rechten sa Amalie Iwanowna,
und wandte sich ununterbrochen an Raskolnikoff, trotz ihrer bestndigen
Unruhe und Sorge, da das Essen auch richtig herumgereicht wurde und
alle erhielten, trotz des qualvollen Hustens, der sie alle Augenblicke
unterbrach und peinigte, und der sich in diesen letzten zwei Tagen
besonders verstrkt zu haben schien. Sie beeilte sich, ihm halb
flsternd alle angesammelten Gefhle und ihre ganze gerechte Entrstung
ber das milungene Gedchtnismahl mitzuteilen, wobei die Entrstung oft
unabsichtlich und ohne jede Berechnung, einem ausgelassenen Lachen ber
die versammelten Gste, besonders aber ber die Wirtin, Platz machte.

An allem ist dieser Kuckuck schuld. Sie wissen, wen ich meine, -- die
dort, dort! und Katerina Iwanowna wies mit dem Kopfe auf die Wirtin.
Sehen Sie sie an, -- sie hat die Augen aufgesperrt, fhlt, da wir ber
sie reden, kann aber nichts verstehn. Pfui, so eine Eule! Ha--ha--ha!
... Kche--kche--kche! hustete sie. Und was will sie mit ihrer Haube!
Kche--kche--kche! Haben Sie gemerkt, sie mchte gern, da alle Gste
meinen sollen, sie beschtze mich und erweise mir mit ihrem Hiersein
eine Ehre. Ich habe sie gebeten, wie man eine anstndige Person bittet,
bessere Leute, und zwar die Bekannten des Verstorbenen, einzuladen, und
sehen Sie, wen sie hergebracht hat, -- allerhand Narren! Schmutzfinke!
Sehen Sie nur diesen da mit dem unreinen Teint, -- das ist doch eine
Rotznase auf zwei Beinen! Und diese Polen ... ha--ha--ha!
Kche--kche--kche! Niemand, niemand hat sie vorher hier gesehen, auch ich
nicht. Wozu sind die gekommen, frage ich Sie? Wie hbsch sie sitzen,
nebeneinander. -- Pan, heda! rief sie pltzlich einem von ihnen zu,
haben Sie genug vorgelegt? Nehmen Sie noch? Trinken Sie Bier! Wollen
Sie nicht Schnaps? Sehen Sie, -- er ist aufgesprungen und verbeugt sich,
sehen Sie, sehen Sie, -- sie sind wahrscheinlich sehr hungrig, die
Armen! Tut nichts, mgen sie essen! Sie lrmen wenigstens nicht, aber
... aber ich frchte ... fr die silbernen Lffel der Wirtin! ... Amalie
Iwanowna! wandte sie sich pltzlich an die Wirtin laut, ich sage Ihnen
im voraus, falls Ihre Lffel gestohlen werden, bernehme ich keine
Verantwortung! Ha--ha--ha! lachte sie, wandte sich wieder an
Raskolnikoff, wies wieder auf die Wirtin und freute sich ber ihre
Bemerkung. Sie hat es nicht verstanden, sie hat wieder nichts
verstanden! Sehen Sie, wie sie mit aufgesperrtem Munde dasitzt, -- wie
eine echte Eule, eine Eule mit neuen Bndern, ha--ha--ha!

Das Lachen verwandelte sich von neuem in einen unertrglichen Husten,
der minutenlang anhielt. Auf ihrem Taschentuch zeigte sich Blut, und
Schweitropfen traten auf die Stirne. Sie zeigte Raskolnikoff schweigend
das Blut, und kaum hatte sie sich erholt, flsterte sie mit roten
Flecken auf den Wangen ihm lebhaft wieder zu.

Sehen Sie, ich habe ihr einen sehr heiklen Auftrag gegeben, diese Dame
und ihre Tochter einzuladen. Sie wissen doch, von wem ich spreche? Hier
mute man in der zartesten Weise, in der geschicktesten Art handeln, sie
war aber so ungeschickt, da diese angereiste dumme Person, dieses
aufgeblasene Geschpf, diese unbedeutende Provinzmadam, sie die Witwe
irgendeines Majors, die sich hier um eine Pension bemht und bei den
Behrden deswegen herumluft ... und die mit ihren fnfundfnfzig Jahren
sich schminkt und frbt ... was allgemein bekannt ist ... da dieses
Geschpf nicht nur sich fr zu gut hielt, hier zu erscheinen, sondern
sich nicht einmal entschuldigen lie, wie es in diesen Fllen doch die
gewhnlichste Hflichkeit verlangt! Ich kann nicht begreifen, warum auch
Peter Petrowitsch nicht gekommen ist? Und wo ist Ssonja? Wo ist sie nur
hingegangen? Ah, da ist sie ja! Ssonja, wo warst du? Merkwrdig, da du
sogar am Beerdigungstage deines Vaters so unpnktlich bist. Rodion
Romanowitsch, sie soll sich neben Sie setzen. Hier ist dein Platz,
Ssonjetschka ... nimm, was dir gefllt. Nimm von dem Fisch, er ist gut.
Hat man den Kindern auch etwas gegeben? Poletschka, habt ihr alles?
Kche--kche--kche! Nun, gut. Sei ein artiges Kind, Lene und du, Kolja,
zapple nicht mit den Beinen, sitz, wie ein anstndiges Kind sitzen mu.
Was sagst du, Ssonjetschka?

Ssonja beeilte sich sofort, ihr die Entschuldigung von Peter Petrowitsch
mitzuteilen und versuchte so laut zu sprechen, da es alle hren
konnten, gebrauchte gewhlte und ehrerbietige Ausdrcke, die sie
absichtlich Peter Petrowitsch andichtete. Sie fgte hinzu, da Peter
Petrowitsch sie besonders gebeten habe, mitzuteilen, da er
unverzglich, sobald es ihm nur mglich sei, herkommen wrde, um in
_geschftlichen Angelegenheiten_ allein mit Katerina Iwanowna zu
sprechen und zu verabreden, was man jetzt und knftig unternehmen knnte
und dergleichen mehr.

Ssonja wute, da dies Katerina Iwanowna friedlicher stimmen und
beruhigen wrde, sie wrde sich dadurch geschmeichelt fhlen und ihr
Stolz wrde befriedigt sein. Sie setzte sich neben Raskolnikoff, den sie
hastig begrte und flchtig, doch voll Interesse anblickte. Whrend der
folgenden Zeit vermied sie aber ihn anzusehen und mit ihm zu sprechen.
Sie war zerstreut, obwohl sie die ganze Zeit Katerina Iwanowna im Auge
behielt, um ihre Wnsche zu erraten. Weder sie, noch Katerina Iwanowna
waren in Trauer, da sie keine Kleider hatten; Ssonja hatte ein
dunkelbraunes Kleid an und Katerina Iwanowna ihr einziges, ein
dunkelgestreiftes Kattunkleid. Die Mitteilung ber Peter Petrowitsch
verbreitete sich rasch. Als Katerina Iwanowna mit Wrde Ssonja angehrt
hatte, erkundigte sie sich ebenso wrdevoll, wie es Peter Petrowitsch
gehe? Dann _flsterte_ sie hrbar Raskolnikoff zu, da es fr einen
angesehenen und soliden Menschen, wie Peter Petrowitsch, unmglich
gewesen wre, in solch eine ungewhnliche Gesellschaft zu kommen,
trotz der groen Anhnglichkeit an ihre Familie und der alten
Freundschaft mit ihrem Papa.

Sehen Sie, darum bin ich auch Ihnen, Rodion Romanowitsch, so sehr
dankbar, da Sie trotz solcher Umgebung Salz und Brot von mir nicht
verschmht haben, fgte sie fast laut hinzu, brigens bin ich
berzeugt, da nur die besondere Freundschaft zu meinem armen
Verstorbenen Sie veranlat hat, Ihr Wort zu halten.

Sie blickte noch einmal voll Stolz und Wrde ihre Gste an und
erkundigte sich pltzlich mit besonderer Frsorge laut ber den Tisch
hinber bei dem tauben alten Manne, ob er nicht mehr vom Braten nehmen
mchte und ob er Lissaboner bekommen habe? Der Alte antwortete nicht
und konnte lange nicht begreifen, wonach man ihn frage, obwohl seine
Nachbarn aus Scherz ihn anzustoen begannen. Er blickte nur mit offenem
Munde um sich, wodurch er die allgemeine Heiterkeit noch mehr
hervorrief.

Ist das ein Holzklotz! Sehen Sie doch nur! Wozu hat man den hierher
gebracht? Was Peter Petrowitsch anbetrifft, so war ich stets seiner
sicher, fuhr Katerina Iwanowna fort, Raskolnikoff zu erzhlen, so
gleicht er selbstverstndlich nicht ... wandte sie sich laut und scharf
und mit uerst strenger Miene zu Amalie Iwanowna, da sie darber
erschrak, so gleicht er nicht jenen aufgedonnerten Madams mit ihren
Schleppen, die bei meinem Papa nicht mal als Kchinnen ihren Dienst
verrichten gedurft htten, und denen mein verstorbener Mann nur deshalb
die Ehre erwiesen hatte, sie zu empfangen, weil er eine unerschpfliche
Gte hatte.

Ja, er liebte eins zu trinken, ja, er liebte es und trank auch! rief
pltzlich der verabschiedete Proviantmeister und leerte das zwlfte Glas
Schnaps.

Mein verstorbener Mann hatte diese Schwche, das wissen alle, strzte
sich Katerina Iwanowna pltzlich auf ihn, aber er war ein guter und
edler Mensch, der seine Familie liebte und achtete; nur das eine war
schlimm, da er in seiner Gte allerhand verdorbenen Leuten zu sehr
traute und weigott mit wem trank, sogar mit solchen, die seine
Stiefelsohle nicht wert waren! Stellen Sie sich vor, Rodion
Romanowitsch, man fand in seiner Tasche einen Pfefferkuchenhahn, -- er
ging total betrunken heim, und dachte doch an seine Kinder.

Einen Ha--hn? Sie belieben zu sagen -- ei--nen Hahn? rief der
Proviantmeister.

Katerina Iwanowna wrdigte ihn keiner Antwort. Sie dachte ber etwas
nach und seufzte.

Sie meinen auch sicher, wie alle, da ich zu streng zu ihm war, fuhr
sie fort, sich an Raskolnikoff wendend. Das ist nicht richtig! Er hat
mich geachtet, er hat mich sehr, sehr geachtet! Er war eine gute Seele.
Und zuweilen tat er mir so leid! Er sa manchmal in der Ecke und sah
mich an, da tat er mir so leid, ich wollte zu ihm freundlich sein,
dachte mir aber, wenn ich jetzt freundlich zu ihm bin, betrinkt er sich
wieder. Nur mit Strenge konnte man ihn einigermaen davon zurckhalten.

Ja, es ist vorgekommen, da er an den Haaren gezerrt wurde, es ist
vorgekommen, fters, brllte wieder der Proviantmeister und leerte noch
ein Glas.

Es wre angebracht, manche Dummkpfe nicht nur an den Haaren zu zerren,
sondern mit einem Besenstiel zu verprgeln. Ich rede jetzt nicht von dem
Verstorbenen! trumpfte Katerina Iwanowna den Proviantmeister ab.

Die roten Flecken auf ihren Wangen traten immer strker hervor und ihre
Brust hob sich. Nur wenig fehlte und ein Skandal begann. Viele
kicherten; das wre ihnen offenbar sehr angenehm gewesen. Man begann den
Proviantmeister zu stoen und ihm etwas zuzuflstern. Man wollte beide
aufeinander hetzen.

Erlau--ben Sie mir zu fragen, wen Sie damit meinten, begann der
Proviantmeister wieder, wessen Ehre ... haben Sie soeben ... brigens,
es ist unntig! Unsinn! Eine Witwe! Eine arme Witwe! Ich verzeihe ...
Ich passe! und er go sich wieder Schnaps ein.

Raskolnikoff hrte schweigend, voll Widerwillen zu. Er nahm nur aus
Hflichkeit, rhrte kaum die Stcke an, die ihm Katerina Iwanowna alle
Augenblicke auf den Teller legte und a blo, um sie nicht zu krnken.
Er blickte Ssonja aufmerksam an. Ssonja aber wurde immer unruhiger und
besorgter; sie ahnte, da das Gedchtnismahl kein friedliches Ende
nehmen werde und beobachtete voll Angst die sich steigernde Gereiztheit
von Katerina Iwanowna. Sie wute, da sie der Hauptgrund war, warum die
beiden zugereisten Damen so verachtungsvoll mit der Einladung Katerina
Iwanownas umgegangen waren. Sie hatte von Amalie Iwanowna selbst gehrt,
da die Mutter allein schon durch die Einladung beleidigt worden war und
die Frage gestellt hatte, wie sie es verantworten knne, ihre Tochter
neben _diese Person_ zu setzen? Ssonja ahnte, da Katerina Iwanowna
dies irgendwie erfahren habe, und eine Krnkung Ssonjas bedeutete fr
Katerina Iwanowna mehr, als eine persnliche, mehr als eine Krnkung
ihrer Kinder, ihres Papas, mit einem Worte, es war fr sie eine tdliche
Beleidigung, und Ssonja wute, da Katerina Iwanowna sich nicht eher
beruhigen werde, bis sie diesen geputzten Krhen bewiesen htte, da
sie beide ... und dergleichen mehr. Wie absichtlich, hatte in diesem
Augenblicke jemand vom anderen Ende des Tisches Ssonja einen Teller
zugesandt, worauf zwei Herzen, durchbohrt mit einem Pfeile, aus Brot
geknetet waren. Katerina Iwanowna flammte auf und bemerkte sofort laut
ber den ganzen Tisch weg, da der Absender sicher ein betrunkener
Esel sei. Amalie Iwanowna, die auch etwas Schlimmes ahnte, und
gleichzeitig durch den Hochmut Katerina Iwanownas im tiefsten Innern
gekrnkt war, begann ohne jede Veranlassung, nur um die unangenehme
Stimmung der Gesellschaft abzulenken und gleichzeitig um ihr Ansehen in
aller Augen zu heben, zu erzhlen, wie ein Bekannter von ihr Karl aus
der Apotheke eines Nachts in einer Droschke nach Hause fuhr und der
Kutscher ihn ermorden wollte, da Karl ihn sehr, sehr gebeten habe, ihn
nicht zu ermorden, die Hnde gefaltet und geweint htte und so
erschrocken wre und da die Angst sein Herz durchbohrt htte. Katerina
Iwanowna bemerkte aber lchelnd, da Amalie Iwanowna keine russischen
Anekdoten erzhlen solle. Jene fhlte sich dadurch noch mehr gekrnkt
und erwiderte, da ihr Vater in Berlin ein sehr, sehr bedeutender Mann
gewesen sei und da er immer die Hnde in die Taschen steckte. Die
lachlustige Katerina Iwanowna konnte ein lautes Lachen nicht
unterdrcken, so da Amalie Iwanowna die letzte Geduld verlor und kaum
mehr sich beherrschen konnte.

Das ist mal eine Eule! flsterte Katerina Iwanowna Raskolnikoff zu und
wurde fast heiter gestimmt, sie wollte sagen, da er die Hnde in den
Taschen hatte, sie brachte es aber so heraus, als ob er ein Langfinger
gewesen wre, ha--ha! Haben Sie auch schon bemerkt, da alle diese
Auslnder in Petersburg, hauptschlich aber die Deutschen, die
irgendwoher zu uns kommen, dmmer sind, als wir? Sie mssen doch
zugeben, da man nicht erzhlen kann, da >Karls Herz aus Angst
durchbohrt sei,< und da er -- so eine Memme! -- anstatt den Kutscher zu
knebeln, die >Hnde gefaltet, geweint und sehr gebeten hat<. Ach, so ein
Holzklotz! Und sie glaubt noch, da dies sehr rhrend sei und ahnt
nicht, wie dumm sie ist! Meiner Ansicht nach ist dieser betrunkene
Proviantmeister noch bei weitem klger als sie; man sieht, da er ein
Bruder Liederlich ist und das bichen Verstand vertrunken hat, diese
andere aber tut so ordentlich, sitzt ernst da ... Sehen Sie nur, wie sie
nun die Augen aufreit. Sie ist bse! rgert sich! Ha--ha--ha!
Kche--kche--kche!

Als Katerina Iwanowna so lustig geworden war, kam sie auf allerhand
Dinge und erzhlte pltzlich, wie sie mit Hilfe der in Aussicht
gestellten Pension unbedingt in ihrer Heimatsstadt T... eine Anstalt fr
junge Mdchen aus besseren Stnden errichten werde. Katerina Iwanowna
hatte dies Raskolnikoff noch nicht selbst mitgeteilt und sie lie sich
auf sehr ausfhrliche, verlockende Einzelheiten ein. Auf rtselhafte
Weise tauchte pltzlich in ihren Hnden dasselbe Ehrendiplom auf, von
dem der verstorbene Marmeladoff in der Schenke Raskolnikoff schon
erzhlt und dabei erwhnt hatte, da Katerina Iwanowna, seine Gattin,
bei der Entlassung aus dem Stift mit einem Shawl vor dem Gouverneur und
den brigen hohen Personen getanzt habe. Dieses Ehrendiplom mute
offenbar Katerina Iwanowna jetzt als Zeugnis dienen, da sie auch ein
Recht dazu habe, eine Erziehungsanstalt zu grnden, es war hauptschlich
mit der Absicht hervorgeholt und in der Nhe aufbewahrt worden, um
endgltig den beiden aufgedonnerten Krhen, wenn sie zu dem
Gedchtnismahle gekommen wren, den Hochmut zu nehmen, und um ihnen
deutlich zu beweisen, da Katerina Iwanowna aus einem sehr feinen Hause
stamme, man kann sogar sagen, aus einem aristokratischen Hause und die
Tochter eines Obersten und sicher mehr sei, als manche Abenteurerin, die
in der letzten Zeit so berhand nahmen. Das Ehrendiplom ging sofort von
Hand zu Hand unter den betrunkenen Gsten, was Katerina Iwanowna nicht
hinderte, weil darin tatschlich _en toutes lettres_{[10]} bemerkt war,
da sie die Tochter eines Hofrats und Ritters pp. sei, folglich in der
Tat beinahe die Tochter eines Obersten. Katerina Iwanowna, einmal
entflammt, begann unverzglich ber alle Einzelheiten des knftigen
schnen und ruhigen Lebens in T... sich zu verbreiten, -- ber die
Gymnasiallehrer, die sie auffordern wrde, in ihrer Anstalt Unterricht
zu geben, ber einen ehrenwerten, alten Herrn, einen Franzosen Mangot,
der Katerina Iwanowna noch im Stifte in franzsischer Sprache
unterwiesen hatte, und der jetzt in T... sein Leben beschlo und sicher
fr einen angemessenen Preis zu ihr kommen werde. Endlich kam sie auch
auf Ssonja zu sprechen, die zusammen mit Katerina Iwanowna nach T...
reisen und dort in allem ihr behilflich sein solle. Aber hier prustete
jemand am andern Ende des Tisches vor Lachen. Katerina Iwanowna gab sich
sofort den Anschein, als beachte sie nicht das Lachen am anderen Ende
des Tisches, erhob absichtlich die Stimme und begann mit Begeisterung
ber die unzweifelhaften Vorzge von Ssofja Ssemenowna als ihrer Sttze
zu reden, ber ihre Sanftmut, Geduld, Selbstaufopferung, edlen Sinn und
ihre Bildung, wobei sie Ssonja auf die Wange ttschelte, aufstand und
sie ein paarmal innig kte. Ssonja errtete und Katerina Iwanowna brach
pltzlich in Weinen aus, nannte sich selbst eine nervenschwache dumme
Person, die ziemlich angegriffen sei, und da es Zeit sei, ein Ende zu
machen, da alle gegessen htten und da jetzt Tee kommen knne. Da
riskierte Amalie Iwanowna, gnzlich verschnupft, da sie an der ganzen
Unterhaltung nicht den geringsten Anteil genommen hatte, und da man sie
gar nicht angehrt hatte, den letzten Versuch und erlaubte sich mit
unterdrcktem rger, Katerina Iwanowna eine uerst sachliche und
tiefsinnige Bemerkung zu machen, da man nmlich in der knftigen
Pensionsanstalt besonders auf die reine Wsche der jngeren Mdchen
achthaben msse, und da unbedingt eine tchtige Dame da sein msse, um
darauf aufzupassen, und zweitens darauf, da die jungen Mdchen heimlich
in der Nacht keine Romane lesen knnten. Katerina Iwanowna, wirklich
angegriffen und sehr mde, und des Gedchtnismahls berdrssig, schnitt
Amalie Iwanowna schroff das Wort mit der Bemerkung ab, da sie Unsinn
quatsche und nichts verstehe; da die Sorge um die Wsche Sache der
Kastellanin sei und nicht der Vorsteherin einer Anstalt fr junge
Mdchen aus besseren Stnden, und was das Lesen von Romanen anbetrifft,
sei ihre Bemerkung einfach unanstndig, und sie bitte sie endlich zu
schweigen. Amalie Iwanowna ward rot und antwortete gergert, da sie es
nur gut gemeint htte, und da sie fr die Wohnung schon lange kein Geld
erhalten habe. Katerina Iwanowna zeigte ihr sofort den ihr zukommenden
Platz, indem sie sagte, da Amalie Iwanowna lge, wenn sie behaupte, es
nur gut gemeint zu haben, weil sie schon gestern, als der Verstorbene
noch auf der Bahre lag, sie wegen der Wohnungsmiete geqult habe. Darauf
erwiderte Amalie Iwanowna mit groartiger Konsequenz, da sie jene Damen
eingeladen htte, aber da die Damen darum nicht gekommen seien, weil
sie feine Damen seien und zu unfeinen Damen nicht gehen knnten.
Katerina Iwanowna hielt ihr sofort unter die Nase, da sie, solch ein
Schmutzfink, gar nicht beurteilen knne, was in Wahrheit fein sei.
Amalie Iwanowna konnte das nicht vertragen und erklrte sofort, da ihr
Vater aus Berlin ein sehr, sehr wichtiger Mann gewesen sei, beide Hnde
in die Taschen gesteckt habe und immer nur -- puff! puff! gemacht habe!
Und um ihren Vater augenscheinlicher vorzustellen, sprang Amalie
Iwanowna vom Stuhle auf, steckte ihre beiden Hnde in die Taschen, blies
die Wangen auf und begann mit dem Munde unbestimmte Tne, die -- puff!
puff! hnelten, hervorzubringen, unter lautem Lachen von allen Mietern,
die Amalie Iwanowna absichtlich durch ihren Beifall reizten, weil sie
eine Prgelei voraussahen. Jenes nun konnte wiederum Katerina Iwanowna
nicht vertragen und sie sagte unverzglich und laut, da Amalie Iwanowna
vielleicht nie einen Vater gehabt habe, da Amalie Iwanowna einfach eine
betrunkene Estin aus Petersburg sei und sicher irgendwo frher als
Kchin gedient habe, vielleicht aber auch etwas schlimmeres gewesen sei.
Amalie Iwanowna wurde krebsrot und kreischte, da Katerina Iwanowna
vielleicht keinen Vater gehabt habe, da sie aber einen Vater aus Berlin
gehabt und er einen langen Rock getragen und immer -- puff! puff! --
gemacht habe! Katerina Iwanowna bemerkte mit Verachtung, da ihre
Herkunft allen bekannt sei, und da in diesem Ehrendiplom gedruckt sei,
da ihr Vater Oberst war, da aber der Vater von Amalie Iwanowna -- wenn
sie berhaupt einen Vater gehabt habe -- sicher ein Este aus Petersburg
war und Milch verkauft habe; am wahrscheinlichsten aber sei, da sie gar
keinen Vater gehabt habe, weil es bis jetzt noch nicht festzustellen
sei, wie der Vatername von Amalie Iwanowna laute, ob Iwanowna oder
Ludwigowna? Da geriet Amalie Iwanowna ganz auer sich, schlug mit der
Faust auf den Tisch, fing an zu kreischen, da sie Amalie Iwanowna und
nicht Ludwigowna heie, da der Name ihres Vaters Johann sei und da er
Dorfschulze gewesen war und da der Vater von Katerina Iwanowna niemals
Dorfschulze gewesen sei. Katerina Iwanowna erhob sich von ihrem Stuhle
und bemerkte streng, scheinbar mit ruhiger Stimme, -- obwohl sie ganz
bleich war und ihre Brust schwer atmete, -- da, wenn sie noch einmal
wagen werde, ihren dreckigen Vater mit ihrem Papa auf gleiche Stufe zu
stellen, sie ihr die Haube von ihrem Kopfe herunterreien und mit den
Fen zertreten werde. Als Amalie Iwanowna das hrte, begann sie im
Zimmer herumzulaufen und schrie aus allen Krften, da sie die Wirtin
sei und da Katerina Iwanowna sofort das Zimmer rumen solle; dann
raffte sie die silbernen Lffel vom Tische zusammen. Es erhob sich ein
Lrm und Getse; die Kinder weinten. Ssonja strzte zu Katerina Iwanowna
hin, um sie zurckzuhalten, als aber Amalie Iwanowna etwas von
Sittenkontrolle schrie, stie Katerina Iwanowna Ssonja von sich, eilte
auf Amalie Iwanowna zu, um ihre Drohung bezglich der Haube sofort wahr
zu machen. In diesem Augenblicke ffnete sich die innere Tr und auf der
Schwelle erschien Peter Petrowitsch Luschin. Er blieb stehen und warf
einen strengen und aufmerksamen Blick auf die ganze Gesellschaft.
Katerina Iwanowna strzte zu ihm hin.


                                  III.

Peter Petrowitsch! rief sie. Schtzen Sie mich! Sagen Sie dieser
dummen Kreatur, da sie eine gebildete Dame im Unglck nicht in dieser
Weise behandeln drfe, da es ein Gericht gibt ... ich werde zu dem
Generalgouverneur gehen ... Sie wird zur Verantwortung gezogen werden
... Gedenken Sie der Gastfreundschaft bei meinem Vater, schtzen Sie die
Waisen!

Erlauben Sie, meine Dame ... Erlauben Sie, erlauben Sie, wehrte Peter
Petrowitsch ab. Ich hatte gar nicht die Ehre, Ihren Herrn Vater gekannt
zu haben, wie Sie wohl wissen werden ... erlauben Sie, meine Dame!
Jemand lachte laut. Und an Ihren ewigen Znkereien mit Amalie Iwanowna
teilzunehmen, habe ich nicht die Absicht ... Ich bin in eigener
Angelegenheit hergekommen ... und mchte sofort mit Ihrer Stieftochter,
Ssofja ... Iwanowna ... nicht wahr, so heit sie ... sprechen. Erlauben
Sie, da ich zu ihr gehe ...

Und Peter Petrowitsch machte einen kleinen Bogen um Katerina Iwanowna
und ging in die entgegengesetzte Ecke, wo sich Ssonja befand.

Katerina Iwanowna blieb auf demselben Fleck stehen, wie vom Donner
gerhrt. Sie konnte nicht begreifen, wie Peter Petrowitsch die
Gastfreundschaft ihres Papas leugnen konnte. Nachdem sie sich einmal
dies in den Kopf gesetzt hatte, glaubte sie auch schon selber heilig und
fest daran. Auch der geschftliche, trockene Ton Peter Petrowitschs ...
in dem Verachtung, ja etwas Drohendes lag, machte sie bestrzt. Bei
seinem Erscheinen waren alle allmhlich stiller geworden. Abgesehen
davon, da dieser nchterne und ernste Mensch von der ganzen
Versammlung scharf abstach, merkte man, da er aus einem wichtigen
Anlasse hergekommen war, da eine ungewhnliche Ursache ihn solch eine
Gesellschaft aufzusuchen veranlat hatte, und da es jetzt wohl etwas
geben werde. Raskolnikoff, der neben Ssonja stand, wich zur Seite, um
Peter Petrowitsch vorbei zu lassen; Luschin schien ihn gar nicht bemerkt
zu haben. Nach einem Augenblick erschien Lebesjtnikoff auf der
Schwelle; er trat nicht in das Zimmer herein, sondern blieb mit einem
besonderen Interesse dort stehen; er hrte zu, wie einer, der etwas
nicht begreift.

Entschuldigen Sie, da ich Sie unterbreche, aber es ist eine wichtige
Angelegenheit, bemerkte Peter Petrowitsch im allgemeinen, ich freue
mich, ein greres Publikum zu haben. Amalie Iwanowna, ich bitte Sie
sehr, als Wirtin dieser Wohnung, mein folgendes Gesprch mit Ssofja
Iwanowna aufmerksam anzuhren. Ssofja Iwanowna, fuhr er fort, sich
direkt an die uerst erstaunte und im voraus erschrockene Ssonja
wendend, von meinem Tische, in dem Zimmer meines Freundes Andrei
Ssemenowitsch Lebesjtnikoff ist mit Ihrem Weggehen eine Reichsbanknote
im Werte von hundert Rubel, die mir gehrte, verschwunden. Wenn Sie auf
irgendeine Weise es wissen und uns zeigen, wo die Banknote sich jetzt
befindet, so versichere ich Ihnen mit meinem Ehrenworte und rufe alle
als Zeugen auf, da die Sache damit erledigt sein wird. Im
entgegengesetzten Falle werde ich gezwungen sein, sehr ernste Maregeln
zu ergreifen, und dann ... klagen Sie sich selbst an.

Ein peinliches Schweigen trat im Zimmer ein. Sogar die weinenden Kinder
verstummten. Ssonja stand totenbla da, sah Luschin an und konnte nichts
antworten. Sie schien ihn immer noch nicht zu verstehen. Es vergingen
einige Sekunden.

Nun, wie ist's? fragte Luschin und blickte sie scharf an.

Ich wei nicht ... Ich wei nichts ... sagte endlich Ssonja mit
schwacher Stimme.

Nicht? Sie wissen nichts? fragte Luschin sie noch einmal und schwieg
wieder. Denken Sie nach, Mademoiselle, begann er dann streng, aber als
rede er ihr immer noch im Guten zu, berlegen Sie es sich, ich bin
bereit, Ihnen noch einige Zeit zum berlegen zu geben. Sehen Sie, --
wenn ich nicht so fest berzeugt wre, so htte ich selbstverstndlich
bei meiner Erfahrenheit nicht riskiert, Sie in dieser direkten Weise zu
beschuldigen; denn fr eine solche ffentliche und direkte, aber falsche
oder nur auch irrtmliche Beschuldigung kann ich selbst zur
Verantwortung gezogen werden. Ich wei es. Heute Morgen wechselte ich,
zu meinen eigenen Zwecken, einige fnfprozentige Staatspapiere in der
nominellen Summe von dreitausend Rubel. Die Berechnung ist in meinem
Notizbuche eingetragen. Nach Hause gekommen, begann ich, -- mein Zeuge
ist Andrei Ssemenowitsch, -- das Geld zu zhlen, und nachdem ich
zweitausend und dreihundert Rubel aufgezhlt hatte, steckte ich sie in
meine Brieftasche und die Brieftasche in die Seitentasche meines Rockes.
Auf dem Tische blieben fnfhundert Rubel in Banknoten liegen und unter
ihnen drei Noten zu je hundert Rubel. In diesem Augenblick kamen Sie --
auf meine Bitte hin -- und die ganze Zeit waren Sie uerst verlegen, so
da Sie dreimal mitten im Gesprch aufstanden und sich aus irgendeinem
Grunde beeilten, fortzugehen, obgleich unsere Unterredung noch nicht
beendet war. Andrei Ssemenowitsch kann dies alles besttigen.
Wahrscheinlich werden Sie selbst, Mademoiselle, nicht ablehnen,
zuzugeben, da ich Sie durch Andrei Ssemenowitsch nur aus dem einzigen
Grunde rufen lie, um mit Ihnen ber die schlimme und hilflose Lage
Ihrer Verwandten Katerina Iwanowna, zu der ich zum Gedchtnismahl nicht
kommen konnte, zu sprechen und Ihnen vorzuschlagen, wie es von Nutzen
wre, zu ihren Gunsten irgend etwas, wie eine Sammlung, eine Verlosung
oder hnliches, zu veranstalten. Sie haben mir gedankt und sogar Trnen
vergossen -- ich erzhle alles, wie es war, um Sie erstens an alles zu
erinnern, und zweitens, um Ihnen zu zeigen, da meinem Gedchtnisse
nicht das Geringste entschwunden ist. Darauf nahm ich vom Tische einen
Zehnrubelschein und berreichte ihn Ihnen, als vorlufige Untersttzung
fr Ihre Verwandten. Das alles hat Andrei Ssemenowitsch gesehen. Dann
begleitete ich Sie zur Tre, -- Sie waren immer noch sehr verlegen. Ich
blieb mit Andrei Ssemenowitsch allein, unterhielt mich mit ihm etwa zehn
Minuten, und Andrei Ssemenowitsch ging bald hinaus. Ich wandte mich von
neuem zu dem Tische, wo das Geld lag, mit der Absicht, es nachzuzhlen
und es, wie ich vorher schon beschlossen hatte, gesondert aufzuheben. Zu
meiner Verwunderung fehlte von den brigen eine Banknote von hundert
Rubel. Bitte, berlegen Sie es sich, -- Andrei Ssemenowitsch kann ich in
keinem Falle in Verdacht haben, ich wrde mich selbst bei diesem
Gedanken schmen. Bei der Berechnung konnte ich mich auch nicht irren,
denn eine Minute vor Ihrem Kommen hatte ich alles nachgezhlt und die
Summe richtig gefunden. Sie mssen selbst zugeben, da, wenn ich Ihrer
Verlegenheit, Ihrer Eile wegzugehen und des Umstandes denke, da Sie die
Hnde eine Weile auf dem Tische hatten, und wenn ich schlielich Ihre
gesellschaftliche Lage und die mit ihr verknpften Gewohnheiten in
Betracht zog, ich sozusagen zu meinem Entsetzen und gegen meinen Willen
_gezwungen_ war, bei diesem Verdachte stehen zu bleiben, -- der sicher
grausam, aber -- gerechtfertigt ist! Ich fge hinzu und wiederhole, --
da trotz meiner ganzen _klaren_ berzeugung ich vollkommen verstehe,
da dennoch in meiner jetzigen Beschuldigung ein gewisses Risiko fr
mich liegt. Aber, ich habe es nicht unterlassen; ich bin gegen Sie
aufgetreten und will Ihnen auch sagen warum, -- einzig und allein, meine
Dame, auf Grund Ihres schwrzesten Undankes! Wie? Ich fordere Sie aus
Interesse fr Ihre rmste Verwandte auf, ich berlasse Ihnen eine meinen
Krften entsprechende Gabe von zehn Rubel, und Sie danken mir gleich
darauf, auf der Stelle, fr alles mit dieser Handlung! Nein, das ist
nicht mehr schn! Eine Lehre ist notwendig! Denken Sie nach; noch mehr,
ich bitte Sie, als Ihr aufrichtiger Freund, -- denn einen besseren
Freund knnen Sie in diesem Augenblicke nicht haben, -- besinnen Sie
sich! Sonst werde ich unbarmherzig sein! Nun, also!

Ich habe nichts von Ihnen genommen, -- flsterte Ssonja entsetzt, --
Sie gaben mir zehn Rubel, bitte, nehmen Sie sie wieder, hier.

Ssonja zog ihr Taschentuch aus der Tasche hervor, suchte den Knoten,
lste ihn, nahm einen Zehnrubelschein heraus und streckte ihn Luschin
entgegen.

Und die brigen hundert Rubel wollen Sie nicht gestehen? -- sagte er
vorwurfsvoll und eindringlich, ohne den Schein zu nehmen.

Ssonja blickte ringsum. Alle schauten sie mit schrecklichen, strengen,
spttischen und haerfllten Gesichtern an. Sie blickte Raskolnikoff an
... er stand mit gekreuzten Armen an der Wand und sah sie mit einem
brennenden Blick an.

Oh, Gott! -- entrang es Ssonja.

Amalie Iwanowna, man mu die Polizei benachrichtigen, und darum bitte
ich Sie sehr, vorlufig nach dem Hausknecht zu schicken, -- sagte
Luschin leise und freundlich.

Gott der Barmherzige! Ich wute, da sie es gestohlen hat! -- schlug
Amalie Iwanowna die Hnde zusammen.

Sie wuten es? -- fiel Luschin ein, -- also hatten Sie auch frher
wenigstens gewisse Grnde, solches zu glauben. Ich bitte Sie,
verehrteste Amalie Iwanowna, sich an Ihre Worte zu erinnern, die
brigens in Gegenwart von Zeugen ausgesprochen sind.

Von allen Seiten erhob sich pltzlich lautes Reden. Alle rhrten sich.

Wie -- wie! -- rief pltzlich Katerina Iwanowna, zu sich gekommen, und
strzte zu Luschin, -- wie! Sie beschuldigen sie des Diebstahls?
Ssonja? Ach, ihr Schufte, ihr Schufte!

Und sie eilte zu Ssonja und umarmte sie fest mit ihren hageren Armen.

Ssonja! Wie durftest du von ihm zehn Rubel nehmen! Oh, du Dumme! Gib
sie her! Gib mir sofort diese zehn Rubel -- da haben Sie sie!

Katerina Iwanowna entri Ssonja das Papier, zerknllte es und warf es
direkt Luschin ins Gesicht. Der Papierknuel traf ihn ins Auge und fiel
auf die Diele nieder. Amalie Iwanowna beeilte sich, das Geld aufzuheben.
Peter Petrowitsch wurde bse.

Halten Sie diese Verrckte! -- rief er.

In diesem Augenblicke erschienen in der Tre neben Lebesjtnikoff noch
einige Gesichter, zwischen denen auch die der beiden zugereisten Damen
hervorguckten.

Wie! Verrckt? Ich soll verrckt sein? Dummkopf! -- schrie Katerina
Iwanowna. -- Du bist selbst ein Dummkopf, du Rechtsverdreher,
niedertrchtiger Mensch! Ssonja, Ssonja soll von ihm Geld genommen
haben! Ssonja soll eine Diebin sein! Sie wird dir noch Geld geben,
Dummkopf! -- Und Katerina Iwanowna lachte hysterisch. -- Habt ihr
schon so einen dummen Kerl gesehen? -- wandte sie sich nach allen
Seiten und zeigte auf Luschin. -- Wie! Auch du! -- sie erblickte die
Wirtin, -- auch du, Wurstmacherin, besttigst, da sie gestohlen hat,
du gemeines preuisches Hhnerbein in Krinoline! Ach, ihr! Ach, ihr! Ja,
sie hat das Zimmer nicht verlassen, und als sie von dir, Schuft,
zurckkam, hatte sie sich hier neben Rodion Romanowitsch hingesetzt! ...
Untersucht sie doch! Wenn sie nirgendwo hingegangen war, mu doch das
Geld bei ihr sein! Suche, suche, suche doch! Wenn du aber nichts
findest, dann, lieber Freund, wirst du bestraft! Zu Seiner Majestt, zu
Seiner Majestt, zum Zaren selbst laufe ich hin, werfe mich dem
Barmherzigen zu Fen, sofort, heute noch! Ich bin verwaist! Man wird
mich zulassen! Du denkst, man wird mich nicht zu ihm lassen? Du lgst,
ich komme hin! Ich komme zu ihm hin! Du hast darauf gerechnet, da sie
schchtern ist? Du hast darauf gehofft? Ich aber, Bruder, bin dafr
khn! Du wirst dein Spiel verlieren! Suche doch! Suche, suche, nun suche
doch!

Und Katerina Iwanowna zerrte Luschin in Wut zu Ssonja.

Ich bin bereit und trage die Verantwortung ... aber nehmen Sie sich
zusammen, meine Dame, nehmen Sie sich zusammen. Ich sehe zu gut, da Sie
khn sind! ... Das ... das ... das geht nicht an! -- murmelte Luschin,
-- das mu in Gegenwart der Polizei ... obwohl, brigens, auch jetzt
gengend Zeugen vorhanden sind ... Ich bin bereit ... Aber in jedem
Falle ist es fr einen Mann peinlich ... des Geschlechtes wegen ... Wenn
Amalie Iwanowna helfen wrde ... obwohl, brigens, die Sache nicht so
gehandhabt wird ... Das geht nicht an!

Wenn Sie wnschen! Mag wer da will sie untersuchen! -- schrie Katerina
Iwanowna. -- Ssonja, wende deine Taschen um! Da! da! Sieh, Scheusal,
diese Tasche ist leer, hier lag das Taschentuch, die Tasche ist leer,
siehst du! Da ist die andere Tasche, da, da! Siehst du! Siehst du!

Und Katerina Iwanowna wandte, nein besser gesagt, ri die beiden
Taschen, eine nach der anderen mit dem Futter hervor. Aber aus der
zweiten, rechten Tasche sprang pltzlich ein Stck Papier hervor,
beschrieb in der Luft einen Bogen und fiel zu den Fen Luschins hin.
Alle hatten es gesehen, manche schrien. Peter Petrowitsch bckte sich,
hob das Stck Papier mit zwei Fingern von der Diele auf, hielt es so,
da alle sehen konnten und faltete es auseinander. Es war ein
Hundertrubelschein, dreimal zusammengefaltet. Peter Petrowitsch
umschrieb mit seiner Hand einen Bogen und zeigte allen den Schein.

Diebin! Hinaus aus der Wohnung! Polizei, Polizei! -- heulte Amalie
Iwanowna, -- Sie mssen nach Sibirien! Hinaus!

Von allen Seiten ertnten Ausrufe. Raskolnikoff schwieg, ohne die Augen
von Ssonja abzuwenden, nur selten und schnell blickte er Luschin an.
Ssonja stand auf derselben Stelle, wie bewutlos, -- sie schien nicht
einmal verwundert zu sein. Pltzlich aber berzog eine Rte ihr ganzes
Gesicht; sie schrie auf und bedeckte das Gesicht mit den Hnden.

Nein, ich war es nicht! Ich habe nichts genommen! Ich wei von nichts!
-- rief sie mit einem herzzerreienden Schrei und strzte zu Katerina
Iwanowna.

Jene umfate sie und prete sie fest an sich, als wolle sie mit eigener
Brust sie vor allen schtzen.

Ssonja! Ssonja! Ich glaube es nicht! Siehst du, ich glaube es nicht!
-- rief Katerina Iwanowna, trotz des Augenscheins, und schttelte sie in
ihren Armen, wie ein Kind, kte sie unzhlige Male, erfate ihre Hnde
und kte sie inbrnstig. -- Du sollst es genommen haben? Ja, wie dumm
die Menschen sind! Oh, Gott! Ihr dummen, dummen Leute! -- rief sie,
sich an alle wendend, -- ja, ihr wit noch gar nicht, ihr wit nicht,
was das fr ein Herz, was das fr ein Mdchen ist! Sie soll es genommen
haben, sie! Ja, sie wird barfig gehen, sie wird ihr letztes Kleid
ausziehen und es verkaufen, und euch es abgeben, wenn ihr es braucht, --
so ist sie! Sie hat den gelben Schein genommen, weil meine, meine Kinder
vor Hunger umkamen, sie hat sich unseretwegen verkauft! ... Ach, der
Verstorbene, der Verstorbene! Siehst du? Siehst du? Da hast du deine
Gedchtnisfeier! Oh, Gott! Ja, schtzt sie doch, was steht ihr alle!
Rodion Romanowitsch! Warum treten Sie nicht fr sie ein? Glauben Sie
auch etwa daran? Ihr seid ihres kleinen Fingers nicht wert, ihr alle,
alle, alle! Oh, Gott! Schtze du sie doch endlich!

Das Weinen der armen, schwindschtigen, verlassenen Katerina Iwanowna
schien einen starken Eindruck auf alle Anwesenden gemacht zu haben. Es
war so viel Klgliches, so viel Leidendes in diesem vor Schmerz
verzogenen, eingetrockneten, schwindschtigen Gesichte, in diesen
geborstenen, blutbedeckten Lippen, in dieser heiser schreienden Stimme,
in diesem Schluchzen und Weinen, das dem Weinen von Kindern glich, in
diesem vertrauensvollen, kindlichen und gleichzeitig verzweifelten
Flehen um Schutz, da alle die Unglckliche zu bedauern schienen. Sogar
Peter Petrowitsch schien es sofort leid zu tun.

Meine Dame! Meine Dame! -- rief er mit eindringlicher Stimme, -- Sie
berhrt diese Tatsache nicht! Niemand wird es wagen, Sie der Absicht
oder der Teilnahme zu beschuldigen, um so mehr, als Sie es selbst
entdeckt haben, indem Sie die Tasche umwandten, -- Sie haben dies nicht
vorausgesehen. Ich bin bereit, es sehr, sehr zu bedauern, sollte die
uerste Armut Ssofja Ssemenowna dazu bewogen haben, aber warum wollten
Sie, Mademoiselle, es nicht eingestehen? Frchten Sie die Schande? Der
erste Schritt? Sie sind wahrscheinlich bestrzt? Es ist begreiflich,
sehr begreiflich ... Aber warum lt man sich auf solche Sachen ein!
Meine Herrschaften! wandte er sich an alle Anwesenden, -- meine
Herrschaften! Weil ich Bedauern und Mitleid habe, bin ich bereit, es
sogar jetzt, trotz der empfangenen persnlichen Beleidigungen, zu
verzeihen. Mge Ihnen, Mademoiselle, die jetzige Schande als eine Lehre
fr die Zukunft dienen, -- wandte er sich an Ssonja, -- ich aber
unterlasse alle weiteren Schritte und erledige hiermit die Sache.
Genug!

Peter Petrowitsch blickte Raskolnikoff von der Seite an. Ihre Blicke
trafen sich. Der flammende Blick Raskolnikoffs wollte ihn zu Asche
verbrennen. Katerina Iwanowna schien nichts mehr gehrt zu haben, sie
umarmte und kte Ssonja wie wahnsinnig. Auch die Kinder hatten Ssonja
von allen Seiten mit ihren Hndchen umfat und Poletschka, die nicht
ganz verstand, was vor sich ging, schien vollkommen in Trnen zu
ertrinken, sie krmmte sich vor lauter Schluchzen und verbarg ihr
hbsches, von Trnen geschwollenes Gesichtchen an Ssonjas Schulter.

Ist das gemein! -- ertnte pltzlich eine laute Stimme in der Tre.

Peter Petrowitsch blickte sich schnell um.

Welch eine Gemeinheit! -- wiederholte Lebesjtnikoff und blickte ihm
unverwandt in die Augen. Peter Petrowitsch zuckte zusammen. Alle hatten
es bemerkt. Nachher erinnerten sie sich dessen. Lebesjtnikoff trat in
das Zimmer.

Und Sie haben es gewagt, mich als Zeugen anzurufen? -- sagte er und
trat an Peter Petrowitsch heran.

Was bedeutet das, Andrei Ssemenowitsch? Worber sprechen Sie? --
murmelte Luschin.

Das bedeutet, da Sie ... ein Verleumder sind, das bedeuten meine
Worte! -- sagte Lebesjtnikoff eifrig und blickte ihn streng mit seinen
kurzsichtigen, kleinen Augen an.

Er war furchtbar bse. Raskolnikoff starrte ihn an, als fange er jedes
Wort auf. Wieder trat ein Schweigen ein. Peter Petrowitsch war bestrzt,
besonders im ersten Momente.

Wenn Sie mir ... -- begann er stotternd, -- ja, was ist mit Ihnen?
Sind Sie bei Verstand?

Ich bin bei Verstand, Sie aber sind ... ein Gauner! Ach, wie ist das
gemein! Ich hrte die ganze Zeit zu, ich wartete immer absichtlich, um
alles zu verstehen, denn offen gestanden, alles ist mir bis jetzt noch
nicht ganz klar ... Aber warum haben Sie dies alles getan -- ich
verstehe es nicht!

Ja, was habe ich denn getan? Hren Sie doch auf, in Ihren unsinnigen
Rtseln zu sprechen! Oder haben Sie vielleicht zu viel getrunken?

Sie gemeiner Mensch, Sie trinken vielleicht, ich nicht. Ich trinke
nicht mal Schnaps, weil es gegen meine berzeugungen ist. Denken Sie
sich, _er selbst_ hat mit eigenen Hnden diesen Hundertrubelschein
Ssofja Ssemenowna gegeben, -- ich habe es gesehen, war Zeuge, ich kann
es beschwren! Er, er hat es getan! -- wiederholte Lebesjtnikoff, sich
an alle und jeden einzelnen wendend.

Sind Sie verrckt geworden oder nicht, Sie Milchbart? -- kreischte
Luschin, -- sie hat doch selbst in Ihrer Gegenwart ... sie hat doch
selbst soeben in Gegenwart aller besttigt, -- da sie auer den zehn
Rubel nichts von mir erhalten hat. Wie konnte ich es denn ihr
berreichen?

Ich habe es gesehen, ich habe es gesehen! -- rief Lebesjtnikoff, --
und obwohl es gegen meine berzeugungen ist, bin ich doch bereit,
gleich vor Gericht jeden beliebigen Eid zu leisten, denn ich habe es
gesehen, wie er ihn ihr heimlich zusteckte! Ich Dummkopf aber dachte,
da Sie es ihr aus gutem Herzen zusteckten! Whrend Sie sich von ihr an
der Tre verabschiedeten, als sie sich umwandte und Sie ihr die eine
Hand reichten, steckten Sie mit der anderen, mit der linken Hand ihr
heimlich das Papier in die Tasche hinein. Ich habe es gesehen! Ich habe
es gesehen!

Luschin erbleichte.

Was lgen Sie da vor! -- rief er ihm frech zu, -- ja, und wie konnten
Sie vom Fenster aus das Papier bemerken! Sie haben es getrumt ... Sie,
mit Ihren kurzsichtigen Augen. Sie phantasieren!

Nein, ich habe es nicht getrumt! Und obwohl ich weit stand, habe ich
alles, alles gesehen, und obgleich man vom Fenster aus tatschlich
schwer ein Stck Papier unterscheiden kann, -- hier sagen Sie die
Wahrheit, -- wute ich doch bestimmt, da es ein Hundertrubelschein war,
denn als Sie Ssofja Ssemenowna den Zehnrubelschein gaben, -- ich habe es
selbst gesehen, -- nahmen Sie gleichzeitig vom Tische einen
Hundertrubelschein. Ich habe es gesehen, weil ich in diesem Augenblicke
in der Nhe war und weil mir sofort dabei ein Gedanke durch den Sinn
fuhr, wei ich genau, da Sie diesen Schein in der Hand hielten. Sie
haben ihn zusammengefaltet und hielten ihn die ganze Zeit in der Faust.
Ich verga es spter, als Sie aber aufstanden, legten Sie den Schein aus
der rechten in die linke Hand und lieen ihn beinahe fallen; da besann
ich mich darauf, weil mir wieder derselbe Gedanke durch den Sinn fuhr,
und zwar, da Sie heimlich ihr eine Wohltat erweisen wollen. Sie knnen
sich vorstellen, wie ich nun beobachtete, -- und da sah ich auch, wie es
Ihnen glckte, ihn in ihre Tasche zu stecken. Ich habe es gesehen, habe
es gesehen und werde schwren! Lebesjtnikoff geriet fast auer Atem.
Von allen Seiten ertnten allerhand Ausrufe, die meistens Erstaunen
bedeuteten, aber in manchen brach auch ein drohender Ton durch. Alle
drngten sich um Peter Petrowitsch. Katerina Iwanowna strzte zu
Lebesjtnikoff hin.

Andrei Ssemenowitsch! Ich habe mich in Ihnen geirrt! Schtzen Sie sie!
Sie allein treten fr sie ein! Sie ist eine Waise, Gott hat Sie gesandt!
Andrei Ssemenowitsch, mein Lieber, Vterchen!

Und Katerina Iwanowna, fast ganz auer sich, warf sich vor ihm auf die
Knie hin.

Bldes Zeug! -- brllte Luschin, rasend vor Wut, -- Sie reden bldes
Zeug, mein Herr ... >Ich verga es, besann mich, verga< -- was soll das
heien! Also, ich soll ihr den Schein absichtlich zugesteckt haben?
Wozu? Zu welchem Zwecke? Was habe ich gemein mit dieser ...

Wozu? Das ist es ja, was ich selbst nicht begreife, das aber ist
sicher, da ich die Wahrheit erzhle! Ich irre mich nicht, Sie
niedertrchtiger Mensch, Sie Verbrecher; ich entsinne mich, da mir
sofort damals die Frage in den Sinn kam, und zwar, als ich Ihnen dankte
und Ihnen die Hand drckte. Warum haben Sie es ihr heimlich in die
Tasche gesteckt? Das heit warum heimlich? Vielleicht blo aus dem
Grunde, weil Sie es vor mir verbergen wollten, da Sie wissen, da ich
entgegengesetzter Ansicht bin und die Privatwohlttigkeit, als nicht
radikal heilend, verneine? Nun, und ich kam zu der berzeugung, da Sie
sich in der Tat vor mir schmen, solch einen Haufen Geld fortzugeben,
und auerdem meinte ich, da Sie ihr vielleicht eine berraschung
bereiten und sie in Staunen setzen wollten, wenn sie in ihrer Tasche
volle hundert Rubel finden wird. Denn manche Wohltter lieben es sehr,
ihre Wohltaten so anzubringen, -- das wei ich. Ich dachte auch, da Sie
sie auf die Probe stellen wollen, das heit, ob sie, wenn sie es
gefunden hat, kommen wrde, um sich zu bedanken! Ich hatte auch den
Gedanken, da Sie jeden Dank vermeiden mchten, damit ... nun, wie man
es sagt ... damit die rechte Hand nicht wte ... kurz, wie man es sagt
... Nun, mir kamen so viele Gedanken in den Sinn, da ich beschlo, mir
alles nachher genauer zu berlegen, ich hielt es auch fr unzart, Ihnen
zu zeigen, da ich Ihr Geheimnis kenne. Mir kam aber der Gedanke, da
Ssofja Ssemenowna mglicherweise das Geld verlieren knnte, ehe sie es
selbst bemerkt hat. Darum beschlo ich, hierher zu kommen, sie
herauszurufen und ihr mitzuteilen, da man ihr einen Hundertrubelschein
in ihre Tasche gesteckt hat. Auf dem Wege hierher ging ich zuerst in das
Zimmer der Damen Kobyljtnikoff hinein, um ihnen die >allgemeinen
Ergebnisse der positiven Methode< zu berbringen und ihnen besonders den
Artikel von Piderit -- brigens auch von Wagner -- zu empfehlen. Ich kam
dann hierher, und hier ist diese schlimme Geschichte passiert. Sagen
Sie, konnte ich, konnte ich alle diese Gedanken und Erwgungen gehabt
haben, wenn ich tatschlich nicht gesehen htte, da Sie ihr hundert
Rubel in die Tasche gesteckt haben?

Als Andrei Ssemenowitsch seine langatmige Rede mit so einem logischen
Abschlu beendet hatte, war er furchtbar ermdet, und von seinem
Gesichte rann der Schwei. Er konnte nicht einmal ordentlich russisch
sprechen, -- ohne jedoch eine andere Sprache zu kennen, -- so da er mit
einem Male vollkommen erschpft und nach seiner Advokatentat ganz bleich
war. Trotzdem hatte seine Rede eine auerordentliche Wirkung. Er hatte
mit solch einer Heftigkeit und solch einer berzeugung gesprochen, da
ihm alle offensichtlich glaubten. Peter Petrowitsch fhlte, da seine
Sache schlecht stehe.

Was geht es mich an, da Ihnen allerhand dumme Fragen in den Kopf
gekommen sind, -- rief er aus. -- Das ist kein Beweis! Sie konnten
dies alles im Schlafe getrumt haben, das ist das ganze! Und ich sage
Ihnen, da Sie lgen, mein Herr! Sie lgen und verleumden mich aus Wut,
und zwar aus rger, weil ich nicht bereit war, auf Ihre freigeistigen
und gottlosen sozialen Ideen einzugehen, das ist es!

Aber diese Ausrede ntzte Peter Petrowitsch nicht. Im Gegenteil, von
allen Seiten vernahm man mibilligendes Gemurmel.

Ah, damit kommst du! -- rief Lebesjtnikoff. -- Du lgst! La die
Polizei holen, ich werde schwren! Eins kann ich blo nicht begreifen,
-- warum hat er so eine gemeine Handlung riskiert! Oh, gemeiner,
niedertrchtiger Mensch!

Ich kann es erklren, warum er diese Handlung riskiert hat, und wenn es
ntig ist, werde auch ich einen Eid ablegen! -- sagte endlich
Raskolnikoff mit fester Stimme und trat hervor.

Er schien fest und ruhig. Allen wurde es klar bei seinem Anblicke, da
er tatschlich wute, um was es sich handle, und da es zu einer Lsung
gekommen war.

Jetzt ist mir alles vollkommen klar, -- fuhr Raskolnikoff fort und
wandte sich an Lebesjtnikoff. -- Gleich am Anfange der Geschichte
hatte ich den Verdacht, da irgendein gemeiner Kniff dahinter stecke;
ich schpfte ihn infolge gewisser besonderer Umstnde, die nur mir
allein bekannt sind, und die ich sogleich allen erklren will, -- um sie
dreht sich auch die ganze Sache. Sie, Andrei Ssemenowitsch, haben durch
Ihr wertvolles Zeugnis mir alles endgltig erklrt. Ich bitte alle, alle
zuzuhren. Dieser Herr, -- er zeigte auf Luschin, -- freite vor kurzem
um ein junges Mdchen, und zwar um meine Schwester, Awdotja Romanowna
Raskolnikowa. Nach seiner Ankunft in Petersburg hatte er sich vorgestern
bei unserem ersten Zusammentreffen mit mir berworfen, und ich habe ihn
hinausgejagt, ich habe zwei Zeugen dafr. Dieser Mensch ist sehr boshaft
... Vorgestern wute ich noch gar nicht, da er hier bei Ihnen, Andrei
Ssemenowitsch, lebt, und da er an demselben Tage, wo wir uns berworfen
hatten, das heit vorgestern, Zeuge war, wie ich, als Freund des
verstorbenen Herrn Marmeladoff, seiner Gattin Katerina Iwanowna etwas
Geld zur Beerdigung bergab. Er schrieb sofort an meine Mutter einen
Brief und teilte ihr mit, da ich das Geld nicht Katerina Iwanowna,
sondern Ssofja Ssemenowna abgegeben htte, wobei er in den
niedertrchtigsten Ausdrcken ber ... ber den Charakter Ssofja
Ssemenownas sich uerte, das heit ber die Art meiner Beziehungen zu
Ssofja Ssemenowna. Dies alles tat er, wie Sie verstehen, in der Absicht,
mich mit meiner Mutter und Schwester zu entzweien, indem er ihnen
glaubhaft zu machen suchte, da ich zu unanstndigen Zwecken ihr letztes
Geld, mit dem sie mich untersttzten, verprasse. Gestern abend stellte
ich, in Gegenwart meiner Mutter und Schwester und in seiner Anwesenheit,
die Wahrheit fest, ich bewies, da ich das Geld Katerina Iwanowna zur
Beerdigung und nicht Ssofja Ssemenowna berreicht habe, und da ich
vorgestern mit Ssofja Ssemenowna noch nicht bekannt war und sie sogar
zum erstenmal gesehen habe. Dabei fgte ich hinzu, da er, Peter
Petrowitsch Luschin, mit allen seinen Vorzgen nicht mal des kleinen
Fingers von Ssofja Ssemenowna, ber die er sich so schlecht geuert
habe, wert sei. Auf seine Frage, ob ich Ssofja Ssemenowna neben meine
Schwester hinsetzen wrde, -- antwortete ich, da ich es bereits am
selben Tage getan htte. Da er darber bse wurde, da meine Mutter und
Schwester auf seine Verleumdungen hin sich mit mir nicht berwerfen
wollten, begann er ihnen unverzeihliche Frechheiten zu sagen. Es kam zu
einem endgltigen Bruche und man jagte ihn aus dem Hause. Dies alles war
gestern abend vorgefallen. Ich bitte Sie jetzt um besondere
Aufmerksamkeit, -- stellen Sie sich vor, wre es ihm jetzt gelungen,
Ssofja Ssemenowna des Diebstahls zu berfhren, so htte er doch damit
meiner Schwester und Mutter bewiesen, erstens, da er recht hatte mit
seinen Verdchtigungen; zweitens, da er mit vollkommenem Rechte darber
bse wurde, weil ich meine Schwester und Ssofja Ssemenowna auf gleiche
Stufe gestellt habe, und drittens, da er mit seinem Angriffe auf mich
die Ehre meiner Schwester und seiner Braut verteidigte und in Schutz
nahm. Mit einem Worte, er konnte mich durch dieses alles mit meinen
Verwandten entzweien, und hoffte sicher, dadurch wieder bei ihnen zu
Gnaden zu kommen. Ich rede schon gar nicht davon, da er zugleich an mir
persnlich Rache nahm, weil er Grnde hat anzunehmen, da die Ehre und
das Glck Ssofja Ssemenownas mir teuer sind. Das war seine ganze
Berechnung! In dieser Weise fasse ich die Sache auf. Das ist der ganze
Grund, und einen anderen kann es nicht geben!

So etwa schlo Raskolnikoff seine Rede, oft durch Ausrufe der Anwesenden
unterbrochen, die sehr aufmerksam zuhrten. Aber trotz der
Unterbrechungen sprach er scharf, ruhig, genau, klar und entschlossen.
Seine scharfe Stimme, sein berzeugter Ton und sein strenges Gesicht
machten auf alle einen ungewhnlichen Eindruck.

Ja, so wird es gewesen sein, ja, so ist es! -- pflichtete
Lebesjtnikoff entzckt bei. -- Es mu richtig sein, denn er hat mich
gerade gefragt, als Ssofja Ssemenowna zu uns ins Zimmer eintrat, -- ob
Sie hier wren? Ob ich Sie unter den Gsten von Katerina Iwanowna nicht
gesehen htte? Er rief mich aus diesem Grunde zum Fenster und fragte
mich dort leise. Also war es fr ihn von Wichtigkeit, da Sie da sind!
Das ist richtig, das stimmt!

Luschin schwieg und lchelte verchtlich. Er war aber sehr bla
geworden. Es schien, als berlege er sich, wie er sich aus der Affre
ziehen knne. Er htte vielleicht gern alles mit Vergngen im Stiche
gelassen und wre fortgegangen, aber es war unmglich; es wre
gleichbedeutend gewesen mit einer Anerkennung der Wahrheit der
angefhrten Beschuldigung, da er Ssofja Ssemenowna verleumdet hatte.
Die Anwesenden waren zudem etwas angetrunken und zu erregt. Der
Proviantmeister, der zwar nicht alles verstanden hatte, schrie am
meisten und schlug einige fr Luschin ziemlich peinliche Maregeln vor.
Es waren aber auch nicht Angetrunkene darunter; aus allen Zimmern hatten
sich Menschen eingefunden. Die drei Polen waren furchtbar aufgebracht
und riefen in einem fort Pane Strolch! ihm zu, wobei sie noch einige
Drohungen in polnischer Sprache murmelten. Ssonja hrte mit Anstrengung
zu, aber sie schien nicht alles zu begreifen, es war, als erwache sie
aus einer Ohnmacht. Sie wendete ihre Augen nicht von Raskolnikoff ab,
sie fhlte, da er ihr einziger Schutz war. Katerina Iwanowna atmete
schwer und heiser und schien schrecklich erschpft zu sein. Am
allerdmmsten stand Amalie Iwanowna da mit offenem Munde und begriff gar
nichts. Sie begriff blo, da Peter Petrowitsch irgendwie ertappt sei.
Raskolnikoff bat wieder ums Wort, aber man lie ihn nicht zu Ende reden,
-- alle schrien und drngten sich mit Geschimpfe und Drohungen um
Luschin. Ihm aber wurde nicht bange. Als er sah, da die Sache mit der
Beschuldigung Ssonjas vollstndig verspielt sei, ergriff er seine
Zuflucht zur Dreistigkeit.

Erlauben Sie, meine Herrschaften, erlauben Sie, drngen Sie nicht so,
lassen Sie mich durchgehen! -- sagte er und zwngte sich durch die
Menge hindurch, -- und tun Sie mir den Gefallen und drohen Sie nicht.
Ich versichere Sie, da daraus nichts wird, da Sie nichts tun werden,
ich bin nicht von den ngstlichen, im Gegenteil, meine Herrschaften, Sie
werden noch zur Verantwortung gezogen dafr, da Sie durch Gewalt eine
Kriminalsache vertuscht haben. Die Diebin ist mehr als berfhrt, und
ich werde sie gerichtlich belangen. Im Gerichte ist man nicht so blind
und ... nicht betrunken, und wird nicht gleich zwei abgefeimten
Gottesleugnern, Aufrhrern und Freigeistern glauben, die mich aus
persnlicher Rache beschuldigen, was sie selbst in ihrer Dummheit
zugeben ... Erlauben Sie!

Scheren Sie sich aus meinem Zimmer, ziehen Sie sofort aus. Zwischen uns
ist alles aus! Und wenn ich denke, wie ich mich angestrengt und bemht
habe, ihm alles erklrt habe ... volle zwei Wochen ...

Ich habe Ihnen, Andrei Ssemenowitsch, doch vorhin selbst gesagt, da
ich ausziehe, als Sie mich noch baten zu bleiben. Jetzt will ich blo
hinzufgen, da Sie ein dummer Kerl sind. Ich wnsche Ihnen Ihren
Verstand und Ihre halbblinden Augen zu kurieren. Erlauben Sie, meine
Herrschaften!

Er drngte sich durch, aber der Proviantmeister wollte ihn nicht so
leichten Kaufes, blo mit Schimpfwrtern, herauslassen, -- er ergriff
vom Tische ein Glas, holte aus und schleuderte es gegen Peter
Petrowitsch, doch das Glas traf Amalie Iwanowna. Sie kreischte auf, der
Proviantmeister verlor das Gleichgewicht und fiel schwer unter den
Tisch. Peter Petrowitsch ging in sein Zimmer, und nach einer halben
Stunde hatte er das Haus verlassen. Ssonja, schchtern von Natur, wute
es lngst, da man sie leichter als jeden anderen zugrunde richten
konnte, und da jeder sie fast straflos beleidigen durfte. Trotzdem aber
glaubte sie bis zu diesem Augenblick, da man einem Unglck irgendwie,
durch Vorsicht, Sanftmut, Nachgiebigkeit allen und jedem einzelnen
gegenber entgehen konnte. Ihre Enttuschung war zu schwer. Sie konnte
gewi mit Geduld und ohne zu murren alles, -- auch dies letzte ertragen.
Aber im ersten Augenblicke war es ihr doch zu schwer gefallen. Trotz
ihres Triumphes und ihrer Rechtfertigung, -- als der erste Schreck und
die erste Erstarrung vorber waren, als sie alles deutlich und klar
verstanden hatte, -- schnrte das Gefhl der Hilflosigkeit und Krnkung
ihr qualvoll das Herz zusammen. Sie bekam einen nervsen Anfall und
hielt es nicht lnger aus, strzte aus dem Zimmer und lief nach Hause.
Das geschah fast unmittelbar, nachdem Luschin fortgegangen war. Als
Amalie Iwanowna unter lautem Lachen der Anwesenden von dem Glase
getroffen wurde, -- hatte sie genug davon, nur fr andere zu ben. Mit
Gekreisch strzte sie wie wahnsinnig auf Katerina Iwanowna zu und ma
ihr die Schuld an allem bei.

Hinaus aus der Wohnung! Sofort! Marsch! -- und mit diesen Worten
begann sie alles, was ihr von den Sachen Katerina Iwanownas unter die
Hnde kam, auf die Diele zu werfen.

Katerina Iwanowna, ohnedem fast halbtot und einer Ohnmacht nahe, sprang
vom Bette, auf das sie in vlliger Ermattung hingesunken war,
schweratmend und bleich auf und strzte sich auf Amalie Iwanowna. Der
Kampf aber war zu ungleich; die letztere stie sie, wie eine Feder, von
sich.

Wie! Nicht genug, da man mich gottlos verleumdet hat, -- auch diese
Kreatur ist gegen mich! Wie! Am Tage der Beerdigung meines Mannes jagt
man mich, nach meinem Festmahl, mit den Waisen auf die Strae hinaus!
Ja, wohin soll ich denn! -- sagte die arme Frau mit Schluchzen und
beinahe erstickend. -- Oh, Gott! -- rief sie pltzlich mit funkelnden
Augen, -- gibt es denn keine Gerechtigkeit! Wen sollst Du denn
schtzen, wenn nicht uns verlassene Waisen? Aber wir wollen mal sehen?
Es gibt noch in der Welt Recht und Wahrheit, es gibt sie noch, und ich
will sie finden! Warte, du gottlose Kreatur! Poletschka, bleibe bei den
Kindern, ich komme bald zurck. Wartet auf mich, meinetwegen auf der
Strae! Wir wollen sehen, ob es in der Welt Gerechtigkeit gibt!

Katerina Iwanowna warf dasselbe grne groe Umlegetuch ber den Kopf,
das der verstorbene Marmeladoff in seiner Erzhlung erwhnt hatte,
drngte sich durch die unordentliche und betrunkene Menge der Mieter,
die noch immer das Zimmer anfllten, und lief mit Geheul und unter
Trnen auf die Strae hinaus, -- mit der unbedingten Absicht, irgendwo
sofort, unverzglich und um jeden Preis Gerechtigkeit zu finden.
Poletschka verkroch sich voller Angst mit den Kindern in einer Ecke; sie
umschlang, am ganzen Krper zitternd, die beiden Kleinen und begann die
Rckkehr der Mutter zu erwarten. Amalie Iwanowna lief aufgeregt im
Zimmer herum, kreischte, klagte, schleuderte alles, was ihr in den Weg
kam, auf die Diele und lrmte. Die Mieter schrien durcheinander, --
einige besprachen das Geschehene, wie sie es verstanden, andere zankten
sich und schimpften, einige wieder stimmten ein Lied an ...

Jetzt mu ich auch gehen! -- dachte Raskolnikoff. -- Nun, Ssofja
Ssemenowna, wir wollen sehen, was Sie jetzt sagen werden!

Und er ging nach Ssonjas Wohnung.


                                  IV.

Raskolnikoff war ein tchtiger und mutiger Frsprecher Ssonjas gegen
Luschin gewesen, trotzdem so viel eigener Schrecken und eigenes Leid auf
seiner Seele lasteten. Weil er aber am Morgen so stark gelitten hatte,
so war er gewissermaen froh, seine Eindrcke, die ihm unertrglich
wurden, zu ndern, ganz abgesehen davon, wieviel Persnliches und
Herzliches in seinem Bestreben lag, fr Ssonja einzutreten. Auerdem
ging ihm die bevorstehende Zusammenkunft mit Ssonja nicht aus dem Sinn
und beunruhigte ihn in manchen Augenblicken furchtbar, -- er _mute_ ihr
sagen, wer Lisaweta ermordet hat, fhlte die schreckliche Qual im voraus
und suchte sich ihrer zu erwehren. Als er die Wohnung Katerina Iwanownas
verlie und ausrief: -- Nun, was werden Sie jetzt sagen, Ssofja
Ssemenowna? -- da befand er sich offenbar noch in einem uerlich
erregten Zustande der Rstigkeit und Kampflust, der Freude ber den eben
errungenen Sieg. Aber das hielt nicht vor. Als er die Wohnung von
Kapernaumoff erreicht hatte, empfand er eine pltzliche Erschlaffung und
Furcht. Er blieb in Gedanken vor der Tre stehen und legte sich die
sonderbare Frage vor, -- mu ich denn sagen, wer Lisaweta ermordet
hat? Die Frage war sonderbar, denn er fhlte doch zugleich, da es
gesagt werden msse, und jetzt gleich ohne den geringsten Aufschub. Er
wute selber nicht, warum; aber er _fhlte_ es, und dieses qualvolle
Bewutsein seiner Schwche der Notwendigkeit gegenber erdrckte ihn
fast. Um nicht mehr zu berlegen und sich nicht mehr zu qulen, ffnete
er schnell die Tre und schaute Ssonja von der Schwelle aus an. Sie sa
auf den Tisch gesttzt und hatte das Gesicht mit den Hnden bedeckt; als
sie Raskolnikoff erblickte, stand sie schnell auf und ging ihm entgegen,
als htte sie ihn erwartet.

Was wre aus mir geworden ohne Sie! -- sagte sie hastig, als sie in
der Mitte des Zimmers mit ihm zusammentraf.

Offenbar hatte sie ihn erwartet, um ihm dies zu sagen.

Raskolnikoff ging zu dem Tisch und setzte sich auf den Stuhl, von dem
sie soeben aufgestanden war. Sie blieb zwei Schritte vor ihm stehen,
genau wie gestern.

Nicht wahr, Ssonja? -- sagte er und fhlte pltzlich, da seine Stimme
zittere, -- die ganze Sache beruhte doch auf >der gesellschaftlichen
Lage und auf den damit zusammenhngenden Gewohnheiten<. Haben Sie es
vorhin verstanden?

Tiefes Leid zeigte sich auf ihrem Gesichte.

Sprechen Sie nicht mit mir, wie gestern! -- unterbrach sie ihn. --
Bitte, fangen Sie nicht an. Es ist schon genug Qual ...

Sie lchelte schnell, aus Angst, da ihm vielleicht der Vorwurf
mifallen knnte.

Es war dumm von mir, von dort wegzugehen. Was mag jetzt dort geschehen?
Ich wollte soeben wieder hingehen, aber ich dachte, da Sie vielleicht
... kommen werden.

Er erzhlte ihr, da Amalie Iwanowna sie aus der Wohnung jage, und da
Katerina Iwanowna fortgelaufen sei, Gerechtigkeit zu suchen.

Ach, mein Gott! -- erschrak Ssonja, -- gehen wir schnell hin ...

Und sie ergriff ihre Mantille.

Ewig ein und dasselbe! -- rief Raskolnikoff gereizt, -- Sie denken
blo immer an die! Bleiben Sie bei mir.

Und ... Katerina Iwanowna?

Katerina Iwanowna wird Ihnen sicher nicht entgehen, sie wird selbst zu
Ihnen kommen, wenn sie schon einmal das Haus verlassen hat, -- fgte er
mrrisch hinzu. -- Wenn sie Sie nicht zu Hause antrifft, werden Sie
doch wieder daran schuld sein ...

Ssonja setzte sich in qualvoller Unentschlossenheit auf einen Stuhl.
Raskolnikoff schwieg, blickte zu Boden und berlegte.

Angenommen, Luschin habe es jetzt nicht gewollt, -- begann er, ohne
Ssonja anzublicken. -- Wie, wenn er es gewollt htte oder wenn es
irgendwie in seinen Absichten gelegen wre, -- so htte er Sie ins
Gefngnis gebracht, wenn nicht ich und Lebesjtnikoff zufllig dagewesen
wren! Nicht?

Ja, -- antwortete sie mit schwacher Stimme, -- ja! -- wiederholte
sie zerstreut und voll Unruhe.

Ich konnte doch wirklich verhindert sein! Und Lebesjtnikoff kam ganz
zufllig hinzu.

Ssonja schwieg.

Nun, und wenn Sie ins Gefngnis gekommen wren, was dann? Erinnern Sie
sich, was ich gestern sagte?

Sie antwortete wieder nicht. Raskolnikoff wartete eine Weile.

Ich dachte, Sie wrden wieder schreien, -- >ach, sprechen Sie nicht,
hren Sie auf!< -- lachte Raskolnikoff, scheinbar gezwungen. -- Was,
Sie schweigen wieder? -- fragte er nach einem Augenblick. -- Man mu
doch ber etwas reden! Mir wre es interessant zu erfahren, wie Sie
jetzt eine >Frage<, wie Lebesjtnikoff sagt, lsen wrden. -- Er schien
den Faden zu verlieren. -- Nein, ich spreche in allem Ernst. Stellen
Sie sich vor, Ssonja, da Sie alle Absichten Luschins im voraus gewut
htten, Sie htten gewut, da dadurch Katerina Iwanowna und auch die
Kinder vllig zugrunde gehen wrden, auch Sie, als Dreingabe, -- Sie
selber rechnen sich ja nicht, drum sage ich als _Dreingabe_ zu jenen.
Poletschka ebenfalls ... denn ihr steht derselbe Weg bevor. Nun, also,
-- wenn man Ihnen pltzlich dies alles zur Entscheidung bergeben htte,
-- soll er oder sollen jene am Leben bleiben, das heit, soll Luschin am
Leben bleiben und Scheulichkeiten vollziehen oder soll Katerina
Iwanowna sterben? Wie wrden Sie entscheiden, wer von den beiden sollte
sterben? Ich frage Sie!

Ssonja blickte ihn unruhig an, -- sie ahnte etwas besonderes in dieser
unsicheren, weit ausgeholten Rede.

Ich hatte ein Vorgefhl, da Sie so etwas fragen werden, -- sagte sie
und sah ihn forschend an.

Gut; mag sein, aber, wie soll es entschieden werden?

Warum fragen Sie, was unmglich zu beantworten ist? -- sagte Ssonja
mit Widerwillen.

Also, es ist besser, da Luschin weiterlebt und Scheulichkeiten
verbt! Auch dieses haben Sie nicht gewagt zu entscheiden?

Ja, ich kenne doch die Vorsehung Gottes nicht ... Und warum fragen Sie,
was man nicht fragen darf? Wozu solche leere Fragen? Wie kann es
vorkommen, da dieses von meiner Entscheidung abhngen soll? Und wer hat
mich hier zum Richter bestellt, wer leben soll und wer nicht leben
soll?

Wenn Gottes Vorsehung schon mitredet, da ist freilich nichts zu
machen, -- brummte Raskolnikoff finster.

Sagen Sie besser offen, was Sie wollen! -- rief Ssonja gramvoll aus.
-- Sie haben wieder etwas im Sinn ... Sind Sie etwa nur gekommen, um
mich zu qulen?

Sie hielt es nicht aus und weinte pltzlich bitter. Er sah sie mit
dsterer Schwermut an. Es verging eine geraume Weile.

Du hast recht, Ssonja, -- sagte er endlich leise.

Er war pltzlich verndert; der gemachte dreiste und kraftlos
herausfordernde Ton war verschwunden. Selbst seine Stimme war schwcher
geworden. Ich habe dir selbst gestern gesagt, da ich kommen werde,
nicht um Verzeihung zu bitten, habe aber beinahe schon damit begonnen
... Von Luschin und Gottes Vorsehung habe ich meinetwegen gesprochen ...
Ich habe damit um Verzeihung bitten wollen, Ssonja ...

Er wollte lcheln, aber er brachte es nur zu einem kraftlosen und wehen
Versuch. Er lie den Kopf sinken und bedeckte das Gesicht mit den
Hnden.

Da zog in sein Herz ein eigentmliches Gefhl, wie das eines brennenden
Hasses gegen Ssonja. Selber betroffen und erschrocken ber dieses
Gefhl, erhob er pltzlich den Kopf und blickte sie aufmerksam an, aber
er begegnete ihrem unruhigen und qualvoll besorgten Blicke; und vor der
Liebe in diesem Blick verschwand sein Ha wie ein Gespenst. Es war nicht
also das; er hatte das eine Gefhl fr das andere gehalten. Das
bedeutete blo, da _der_ Augenblick gekommen war.

Wieder bedeckte er sein Gesicht mit den Hnden und senkte den Kopf.
Pltzlich erbleichte er, stand vom Stuhle auf, sah Ssonja an und setzte
sich, ohne ein Wort gesagt zu haben, mechanisch auf ihr Bett hin.

Dieser Moment war in seiner Empfindung jenem schrecklich hnlich, als er
hinter der Alten stand, das Beil aus der Schlinge schon hervorgezogen
hatte und fhlte, da kein Augenblick mehr zu verlieren sei.

Was ist Ihnen? -- fragte Ssonja erschreckt.

Er brachte kein Wort hervor. So hatte er sich das Gestndnis nicht
vorgestellt und begriff selbst nicht, was mit ihm jetzt vorging. Sie
ging leise zu ihm hin, setzte sich neben ihn auf das Bett hin und
wartete, ohne die Augen von ihm abzuwenden. Ihr Herz klopfte und
stockte. Es wurde unertrglich; er wandte sein totenblasses Gesicht zu
ihr; seine Lippen verzogen sich kraftlos in der Bemhung, etwas
auszusprechen. Und Entsetzen drang in Ssonjas Herz.

Was ist Ihnen? -- sagte sie und wich ein wenig von ihm zurck.

Nichts, Ssonja. ngstige dich nicht ... Unsinn! Wirklich, wenn man es
sich berlegt, -- ist es Unsinn, -- murmelte er mit dem Aussehen eines
besinnungslosen Fieberkranken. -- Warum bin ich blo gekommen, um dich
zu qulen? -- fgte er pltzlich hinzu, sie anblickend. -- Wirklich.
Wozu? Ich lege mir immer diese Frage vor, Ssonja ...

Er hatte sich vielleicht diese Frage vor einer Viertelstunde vorgelegt,
jetzt aber sagte er es in vlliger Kraftlosigkeit, kaum sich selber
bewut, und fhlte ein stndiges Frsteln im ganzen Krper.

Ach, wie Sie sich qulen! -- sagte sie mit ihm leidend und betrachtete
ihn.

Alles ist Unsinn! ... Hre, Ssonja, -- er lchelte pltzlich, aber
bleich und schwach, einen kurzen Moment -- erinnerst du dich, was ich
dir gestern sagen wollte?

Ssonja wartete voll Unruhe. --

Ich sagte, als ich fortging, da ich vielleicht fr immer von dir
Abschied nehme, aber wenn ich heute kme, so wollte ich dir sagen ...
wer Lisaweta ermordet hat.

Sie zitterte pltzlich am ganzen Krper.

Nun, ich bin jetzt gekommen, es dir zu sagen.

Haben Sie gestern tatschlich es ..., -- flsterte Ssonja mit Mhe, --
woher wissen Sie es denn? -- fragte sie ihn schnell, als wre sie
pltzlich zur Besinnung gekommen.

Ssonja begann schwer zu atmen. Ihr Gesicht wurde immer bleicher und
bleicher.

Ich wei es.

Sie schwieg einen Augenblick.

Hat man _ihn_ gefunden? -- fragte sie zaghaft.

Nein, man hat ihn nicht gefunden.

Wie wissen Sie _es_ denn? -- fragte sie wieder kaum hrbar und nach
einem fast minutenlangen Schweigen.

Er wandte sich zu ihr um und blickte sie scharf und unverwandt an.

Errate es, -- sagte er mit dem frheren wehen und kraftlosen Lcheln.

Ihren ganzen Krper schienen Krmpfe zu durchziehen. Ja, Sie ... mich
... warum ... ngstigen Sie mich so? -- fragte sie, lchelnd, wie ein
Kind.

Ich war doch wohl mit _ihm_ sehr gut bekannt ... wenn ich es wei, --
fuhr Raskolnikoff fort und blickte ihr in einem fort ins Gesicht, als
wre er nicht imstande, die Augen abzuwenden, -- er wollte diese
Lisaweta ... nicht ermorden ... Er hat sie ... zufllig ermordet ... Er
wollte die Alte ermorden ... wenn sie allein war ... und kam hin ... Da
trat aber Lisaweta ein ... Er hat sie dann ... auch ermordet.

Wieder eine furchtbare Pause. Beide blickten die ganze Zeit einander an.

Also, du kannst es nicht erraten? -- sagte er pltzlich mit einem
Gefhle, als strze er sich von einem Turme hinab.

N--nein, flsterte Ssonja kaum hrbar.

Sieh mal ordentlich her.

Und kaum hatte er es gesagt, als eine schon einmal gehabte Empfindung
seine Seele erstarren lie, -- er sah sie an und ihm war pltzlich, als
erblickte er in ihrem Gesichte Lisawetas Ausdruck. So hatte sie
ausgesehen, als er sich damals ihr mit dem Beile nherte und sie vor ihm
mit vorgestreckter Hand, eine vllig kindliche Angst im Gesichte,
zurckwich, genau, wie wenn kleine Kinder vor irgend etwas Angst
bekommen, und unbeweglich und unruhig den sie ngstigenden Gegenstand
anblicken, zurckweichen, die Hndchen nach vorne strecken und sich
anschicken, zu weinen. Fast dasselbe geschah jetzt auch mit Ssonja, --
ebenso kraftlos, mit derselben Angst sah sie eine Weile ihn an,
pltzlich streckte sie die linke Hand vor, stie ihn ganz leicht mit den
Fingern an die Brust, begann langsam vom Bette aufzustehen, wich immer
mehr und mehr vor ihm zurck und ihr auf ihn gerichteter Blick wurde
immer unbeweglicher. Ihr Entsetzen teilte sich pltzlich auch ihm mit,
-- dieselbe Angst erschien auch in seinem Gesichte, -- er begann sie
ebenso anzusehen und sogar fast mit demselben Lcheln eines gengsteten
Kindes.

Hast du es erraten? -- flsterte er endlich.

Oh, Gott! -- entrang sich ein furchtbarer Schrei ihrer Brust.

Sie fiel kraftlos auf das Bett mit dem Gesichte auf das Kopfkissen hin.
Aber nach einem Augenblicke erhob sie sich schnell, rckte zu ihm hin,
erfate seine beiden Hnde, drckte sie stark mit ihren dnnen Fingern
und begann von neuem ihm unbeweglich, wie fest gebannt, ins Gesicht zu
blicken. Mit diesem letzten verzweifelten Blick wollte sie die winzigste
letzte Hoffnung fr sich herauslesen und ersphen. Aber es war keine
Hoffnung; kein Zweifel blieb nach, alles war _so_! Nachher sogar, wenn
sie sich an diesen Augenblick entsann, war es ihr seltsam und
merkwrdig, -- woraus hatte sie damals _sofort_ gesehen, da es keinen
Zweifel mehr gab? Es war doch keine Rede davon, da sie z. B. ein
Vorgefhl von etwas derartigem gehabt hatte? Nun aber schien es ihr,
nachdem er es ihr kaum gesagt hatte, als habe sie wirklich _das_ alles
geahnt.

Genug, Ssonja, genug! Qule mich nicht! -- bat er mit einem Ausdrucke
schweren Leidens.

Er hatte gar nicht, ganz und gar nicht gedacht, ihr in dieser Weise es
zu sagen, aber es war so gekommen.

Sie sprang, wie auer sich, auf, rang die Hnde und ging bis zur Mitte
des Zimmers, aber sie wandte sich schnell um, setzte sich wieder neben
ihn hin, so da ihre Schultern sich fast berhrten. Pltzlich fuhr sie,
wie durchbohrt, zusammen, schrie auf und strzte, ohne zu wissen, was
sie tat, vor ihm auf die Knie hin.

Was haben Sie, was haben Sie sich angetan! -- sagte sie voll
Verzweiflung, sprang von den Knien auf, warf sich ihm um den Hals,
umarmte ihn und prete ihn stark an sich.

Raskolnikoff wich zurck und blickte sie mit einem traurigen Lcheln an.

Wie du sonderbar bist, Ssonja, -- du umarmst und kt mich, nachdem ich
dir _dieses_ gesagt habe. Du bist deiner selbst nicht bewut.

Nein, es gibt jetzt niemand in der ganzen Welt, der unglcklicher ist,
als du! -- rief sie, wie in Verzckung, ohne seine Bemerkung gehrt zu
haben, und dann weinte sie laut und krankhaft.

Ein ihm seit langem unbekanntes Gefhl berflutete seine Seele und
machte sie erweichen. Er strubte sich nicht dagegen, -- zwei Trnen
rollten aus seinen Augen und blieben an den Wimpern hngen.

Du wirst mich also nicht verlassen, Ssonja? -- sagte er und blickte
sie fast mit Hoffnung an.

Nein, nein. Nie und nimmer! -- rief Ssonja aus, -- ich werde dir
folgen, ich werde dir berall hin folgen! Oh, Gott! ... Ach, ich
Unglckliche! ... Und warum, warum habe ich dich nicht frher gekannt!
Warum bist du nicht frher gekommen? Oh, Gott!

Ich _bin_ doch gekommen.

Jetzt! Oh, was ist jetzt zu tun! ... Zusammen, zusammen! --
wiederholte sie, wie bewutlos, und umarmte ihn von neuem, -- ich werde
mit dir in die Zwangsarbeit nach Sibirien gehen!

Er zuckte zusammen, das frhere haerfllte und fast hochmtige Lcheln
zeigte sich auf seinen Lippen.

Ich will vielleicht nicht einmal in die Zwangsarbeit gehen, Ssonja, --
sagte er.

Ssonja blickte ihn schnell an.

Nach dem ersten leidenschaftlichen und qualvollen Ausbruche des
Mitgefhles fr den Unglcklichen erschtterte sie wieder der
schreckliche Gedanke an den Mord. In dem vernderten Tone seiner Worte
sprte sie den Mrder. Sie blickte ihn erstaunt an. Sie wute noch gar
nichts, weder warum, noch wie, noch zu welchem Zwecke es geschehen war.
Jetzt tauchten alle diese Fragen mit einem Male in ihrem Bewutsein auf.
Und wieder glaubte sie nicht, -- er, er ein Mrder! Ja, ist es denn
mglich?

Was ist denn? Wo stehe ich denn? -- sagte sie in tiefem Zweifel, als
wre sie noch nicht zu sich gekommen, -- wie konnten, wie konnten Sie,
_solch ein Mensch_ ... sich dazu entschlieen ... Was war es denn!

Doch wohl, um zu rauben. Hre auf, Ssonja! -- antwortete er mde und
fast rgerlich.

Ssonja stand wie betubt, pltzlich aber rief sie aus: Du warst
hungrig! Du ... um der Mutter zu helfen? Ja?

Nein, Ssonja, nein, -- murmelte er, sich abwendend und lie den Kopf
sinken, -- ich war nicht so hungrig ... ich wollte wohl der Mutter
helfen, aber ... auch das ist nicht ganz richtig ... qul mich nicht,
Ssonja!

Ssonja schlug die Hnde zusammen.

Ist es wirklich, ist es wirklich wahr! Oh, Gott, was ist das fr eine
Wahrheit? Wer kann denn daran glauben? ... Und wie, gaben Sie nicht
selbst das Letzte fort, und haben ermordet, um zu rauben! Ah! ... --
rief sie pltzlich, -- das Geld, das Sie Katerina Iwanowna gegeben
haben ... dieses Geld ... oh, Gott, ist auch dieses Geld ...

Nein, Ssonja, -- unterbrach er sie hastig, -- dieses Geld war nicht
von dort, beruhige dich! Dieses Geld hat mir meine Mutter durch einen
Kaufmann geschickt, und ich habe es erhalten, als ich krank war, am
selben Tage, als ich es fortgegeben habe ... Rasumichin hat es gesehen
... er hat es fr mich empfangen ... dieses Geld war mein eigenes,
gehrte wirklich mir.

Ssonja hrte ihm unentschlossen zu und versuchte mit allen Krften etwas
zu begreifen.

Und _jenes_ Geld ... ich wei brigens nicht mal, ob auch Geld da war,
-- fgte er leise und wie sinnend hinzu, -- ich habe ihr damals einen
Beutel aus Smischleder vom Halse genommen ... einen dicken,
vollgestopften Beutel ... ich habe aber nicht hineingeblickt;
wahrscheinlich hatte ich keine Zeit ... Nun, und die Sachen, allerhand
Manschettenknpfe und Ketten, -- alle diese Sachen und den Beutel habe
ich auf einem fremden Hofe, am W--schen Prospekt, unter einem Steine
versteckt ... am andern Morgen noch ... Alles liegt jetzt noch dort ...

Ssonja hrte angestrengt zu.

Warum denn ... wenn Sie selbst sagten, um zu rauben, haben Sie doch
nichts genommen? -- fragte sie ihn schnell, nach einem letzten
Strohhalme greifend.

Ich wei es nicht ... ich habe mich noch nicht entschlossen, -- ob ich
dieses Geld nehmen soll oder nicht, -- sagte er wieder, wie sinnend,
und pltzlich lchelte er schnell und kurz, -- ach, welch eine Dummheit
habe ich soeben gesagt!

Ssonja durchfuhr ein Gedanke, -- ist er etwa verrckt? Aber sie lie
ihn sofort fallen, -- nein, hier ist etwas anderes. Aber sie begriff
gar nichts, rein gar nichts!

Weit du, Ssonja, -- sagte er pltzlich, wie in einer Eingebung, --
weit du, was ich dir sagen will, -- wenn ich blo darum ermordet
htte, weil ich hungrig war, -- fuhr er fort, betonte jedes Wort und
blickte sie rtselhaft, aber aufrichtig an, -- so wrde ich jetzt ...
_glcklich_ sein! Das sollst du wissen!

Und was lge, was lge dir daran, -- rief er nach einem Augenblicke
verzweifelt, -- nun, was lge dir daran, wenn ich sofort zugeben wrde,
da ich schlecht gehandelt habe! Nun, was liegt dir an diesem dummen
Triumphe ber mich? Ach, Ssonja, bin ich etwa deswegen jetzt zu dir
gekommen?

Ssonja wollte etwas sagen, aber schwieg.

Darum bat ich dich auch gestern mit mir zu gehen, weil ich jetzt dich
nur allein habe.

Wohin gehen? -- fragte Ssonja schchtern.

Nicht um zu stehlen und um zu morden, gewi, nicht dazu, -- lchelte
er mit Spott, -- wir sind zu verschieden ... Und weit du, Ssonja, ich
habe erst jetzt, erst soeben begriffen, -- _wohin_ ich dich gestern rief
mitzugehen! Gestern aber, als ich dich bat, wute ich selbst nicht,
wohin. Nur deshalb habe ich dich gebeten, nur deshalb bin ich gekommen,
-- da du mich nicht verlassest. Wirst du mich verlassen, Ssonja?

Sie drckte ihm fest die Hand.

Und warum, warum habe ich es ihr gesagt, warum habe ich es ihr
mitgeteilt, -- rief er nach einem Augenblick voll Verzweiflung aus und
sah sie mit grenzenloser Qual an, -- nun, erwartest du Erklrungen von
mir, Ssonja, du sitzest und wartest, ich sehe es, -- und was soll ich
dir sagen? Du wirst doch nichts davon verstehen und blo ganz vor Leid
vergehen ... meinetwegen! Nun weinst du und umarmst mich wieder, --
warum umarmst du mich? Weil ich es selbst nicht ertrug und gekommen bin,
es auf einen andern abzuwlzen, -- >leide auch du, mir wird es leichter
sein!< Und kannst du solch einen Schuft lieben?

Qulst du dich nicht auch? -- rief Ssonja aus.

Wieder berkam seine Seele das Gefhl von vorhin und machte sie auf
einen Augenblick weich.

Ssonja, ich habe ein bses Herz, merk es dir, -- dadurch kann man
vieles erklren. Ich bin auch darum hergekommen, weil ich bse bin. Es
gibt solche, die nicht hergekommen wren. Ich aber bin ein Feigling und
... ein Schuft! Aber ... mag sein! Dies alles ist nicht das ... Jetzt
gilt es zu reden, ich wei aber nicht, wo anfangen ...

Er hielt inne und sann nach.

Ach, wir sind beide zu verschiedene Leute! -- rief er wieder aus, --
passen nicht zueinander. Und warum, warum bin ich hergekommen! Ich
werde es mir nie verzeihen.

Nein, nein, es ist gut, da du gekommen bist! -- rief Ssonja, -- es
ist besser, da ich es wei! Viel besser!

Er sah sie voll Schmerz an.

So war es tatschlich! -- sagte er, als htte er berlegt. -- Es war
doch so! Siehst du, -- ich wollte ein Napoleon werden, und darum habe
ich ermordet ... begreifst du es jetzt?

N--nein, -- flsterte Ssonja naiv und schchtern, -- sprich nur ...
sprich! Ich werde es verstehen, ich werde _fr mich_ alles verstehen!
-- bat sie ihn.

Du wirst verstehen? Nun, gut, wir wollen sehen!

Er schwieg und berlegte lange.

Siehst du, -- ich habe mir einmal folgende Frage vorgelegt, -- wenn zum
Beispiel an meiner Stelle Napoleon gewesen wre, und wenn er, um seine
Karriere zu beginnen, weder Toulon, noch gypten, noch den bergang ber
den Montblanc gehabt htte, wenn aber statt aller schnen und
monumentalen Dinge eine lcherliche Alte, die Witwe eines kleinen
Beamten gewesen wre, die man zudem noch ermorden mute, um aus ihrem
Koffer Geld zu stehlen -- der Karriere wegen, verstehst du? -- htte er
sich dazu entschlossen, wenn es keinen anderen Ausweg gegeben htte?
Wre er nicht schokiert gewesen, weil es zu wenig monumental und ...
weil es sndhaft war? Ich sage dir, da ich mich ber diese >Frage<
schrecklich lange abgeqult habe, so da ich mich furchtbar schmte, als
ich endlich auf den Gedanken kam -- ganz pltzlich kam ich darauf --,
da es ihn nicht blo nicht schokiert htte, sondern ihm nicht einmal in
den Sinn gekommen wre, da dies nicht monumental sei ... _er_ htte gar
nicht begriffen, warum man dabei schokiert sein sollte? Und wenn er
keinen anderen Ausweg gehabt htte, so wrde er, aber ohne da sie
gemuckst htte, gemordet haben, ohne langes Nachdenken! Nun, und da lie
ich ... das Beil fallen ... mordete ... nach diesem Beispiel ... Genau
so ist es vor sich gegangen! Dir erscheint es lcherlich? Ja, Ssonja,
das Lcherlichste ist dabei, da es vielleicht genau so vorgefallen war
...

Ssonja war es nicht lcherlich.

Sagen Sie es mir lieber ... ohne Beispiele, -- bat sie noch
schchterner und leiser.

Er wandte sich zu ihr um, blickte sie traurig an und ergriff ihre Hnde.

Du hast wieder recht, Ssonja. Das ist alles Unsinn, ist leeres
Geschwtz! Siehst du, -- du weit doch, da meine Mutter fast nichts
hat. Meine Schwester hat zufllig eine Erziehung erhalten und ist
verurteilt, sich als Gouvernante ihr Leben lang durchzuschlagen. All
ihre Hoffnung war ich allein. Ich studierte, fand aber nicht gengenden
Unterhalt und war gezwungen, zeitweilig die Universitt zu verlassen.
Und selbst wenn es sich weiter hingezogen htte, konnte ich etwa in zehn
oder zwlf Jahren -- und vorausgesetzt, da meine Verhltnisse sich
verbesserten, -- hoffen, Lehrer oder Beamter mit tausend Rubel Gehalt zu
werden ... -- Er sprach, als htte er es auswendig gelernt. -- Bis
dahin wre meine Mutter vor Sorgen und Kummer verkommen, und mir wre es
nicht gelungen, ihr ein ruhiges Leben zu schaffen, und meine Schwester
... nun, mit der Schwester konnte noch Schlimmeres passiert sein! ...
Ja, und was fr ein Vergngen ist es, das ganze Leben an allem
vorbeigehen und von allem sich abwenden zu mssen, die Mutter zu
vergessen und die Beleidigung der Schwester zum Beispiel, demtig zu
ertragen? Wozu? Um sich andere anzuschaffen, nachdem man sie beerdigt
hat, -- Frau und Kinder, um auch sie nachher ohne einen Groschen und
ohne ein Stck Brot zu hinterlassen? So ... nun, da beschlo ich, mich
des Geldes der Alten zu bemchtigen, es zu meinem Unterhalte an der
Universitt, ohne die Mutter mehr qulen zu mssen, und zu meinen ersten
Schritten nach Beendigung des Studiums zu benutzen, -- und dies alles
gleich gro und radikal auszufhren, um eine vollkommen neue Laufbahn
beginnen und einen neuen unabhngigen Weg betreten zu knnen ... das ist
alles ... selbstverstndlich, schlecht war, da ich die Alte ermordet
habe ... und jetzt genug davon!

Vllig erschpft schlo er seinen Bericht und lie den Kopf sinken.

Ach, es war nicht das, nicht das, -- rief Ssonja gramvoll aus, --
kann man denn so ... nein, es ist nicht richtig, es ist nicht so!

Jetzt siehst du selbst, da es nicht so war! ... Und ich habe doch
aufrichtig berichtet, habe die Wahrheit gesagt!

Was ist denn das fr eine Wahrheit! Oh, Gott!

Ich habe doch, Ssonja, blo eine unntze, hliche, bsartige Laus
ermordet.

Wie, ein Mensch ist eine Laus?

Ich wei es auch selbst, da es keine Laus ist, -- antwortete er und
blickte sie eigentmlich an. -- Aber ich lge, Ssonja, -- fgte er
hinzu, es ist alles gelogen ... Es war nicht das; du sagst die
Wahrheit. Es waren ganz andere, vollkommen andere Grnde! ... Ich habe
seit langem mit niemand gesprochen, Ssonja ... Der Kopf tut mir jetzt so
weh.

Seine Augen brannten in fieberhaftem Glanze. Er begann fast zu
phantasieren; ein unruhiges Lcheln irrte um seine Lippen. Die ungeheure
Erregung verbarg kaum die uerste Schwche. Ssonja begriff seine
Selbstqual. Auch ihr begann der Kopf zu schwindeln. Und wie sonderbar er
sprach, als sei alles selbstverstndlich ... aber wie denn ... Wie war
es nur mglich? Oh, Gott! Und sie rang in Verzweiflung die Hnde.

Nein, Ssonja, es war nicht das! -- begann er wieder, erhob pltzlich
den Kopf, als htte ihn eine andere Wendung der Gedanken berrascht und
von neuem angeregt, -- es war nicht das! Besser ... du stellst dir vor
... ja! es ist wirklich besser! ... stell dir vor, da ich ehrgeizig,
neidisch, bse, niedertrchtig, rachschtig bin ... nun ... und
meinetwegen zum Irrsinn neige ... Mag alles gleich mitgerechnet werden!
Davon, da ich verrckt sei, sprach man schon frher, ich habe es wohl
gemerkt! Ich habe dir vorhin gesagt, da ich auf der Universitt selber
meinen Unterhalt nicht finden konnte. Weit du aber, da ich es
vielleicht doch htte ermglichen knnen? Meine Mutter htte mir das
Ntige frs Studium geschickt, und Stiefel, Kleider und Essen htte ich
selbst verdient, sicher sogar! Es fanden sich Unterrichtsstunden fr
mich; man bot fnfzig Kopeken. Rasumichin arbeitet doch auch! Aber ich
wurde bse und wollte es nicht. _Ich wurde bse_ -- das ist ein guter
Ausdruck! Ich verkroch mich dann, wie eine Spinne, in meine Ecke. Du
warst doch in meinem elenden Loche, hast es gesehen ... Aber weit du
auch, Ssonja, da niedrige Decken und enge Zimmer die Seele und den
Verstand bedrcken? Oh, wie ich dieses elende Loch hate! Dennoch wollte
ich nicht heraus! Ich wollte es absichtlich nicht! Tagelang ging ich
nicht aus und wollte nicht arbeiten, wollte nicht mal essen und lag die
ganze Zeit. Wenn mir Nastasja etwas brachte, -- a ich, wenn sie nichts
brachte, -- verging auch so der Tag; absichtlich, aus Bosheit, bat ich
um nichts! Wenn ich nachts kein Licht hatte, lag ich im Dunkel, wollte
aber nicht arbeiten, um ein Licht kaufen zu knnen. Ich mute studieren,
-- habe aber die Bcher verkauft; auf dem Tische bei mir, auf den
Kollegheften und Notizen liegt jetzt fingerdick der Staub. Ich zog es
vor, zu liegen und zu grbeln. Und ich dachte die ganze Zeit ... immer
hatte ich solche Trume, allerhand seltsame Trume, es lohnt sich nicht,
von ihnen zu sprechen! Dann aber begann es mir vorzuschweben, da ...
Nein, es ist nicht richtig! Ich erzhle wieder nicht in der richtigen
Weise! Siehst du, -- ich fragte mich damals immer, warum bin ich so
dumm, da, wenn andere dumm sind, und wenn ich es sicher wei, da sie
dumm sind, ich selbst nicht klger sein will? Ich erkannte spter,
Ssonja, da es zu lange dauern wird, wollte man warten, bis alle klug
werden ... Ich erkannte auch, da es niemals der Fall sein wird, da die
Menschen sich nicht verndern, da niemand sie ndern kann, und da es
sich der Mhe nicht lohnt! Ja, es ist so! Das ist ihr Gesetz ... Das
Gesetz, Ssonja! Es ist so! ... Und ich wei jetzt, Ssonja, da wer an
Verstand und Geist stark und krftig ist, der auch der Herrscher ber
sie ist! Wer viel wagt, der ist bei ihnen im Rechte! Wer auf das grere
pfeifen kann, der ist bei ihnen auch Gesetzgeber, wer aber am meisten
von allen wagen kann, der ist mehr im Rechte, als alle! In dieser Weise
ist es bis jetzt vor sich gegangen und so wird es immer bleiben! Nur ein
Blinder merkt es nicht!

Whrend Raskolnikoff dies sagte, sah er wohl Ssonja an, aber er kmmerte
sich nicht mehr darum, ob sie ihn verstehen wrde oder nicht. Das Fieber
hatte ihn vllig gepackt. Er war in einem finstern Enthusiasmus. Er
hatte in der Tat zu lange mit niemand gesprochen. Und Ssonja verstand,
da dieser finstere Katechismus sein Glaube und sein Gesetz geworden
war.

Ich kam damals darauf, Ssonja, -- fuhr er immer noch enthusiastisch
fort, -- da die Macht blo demjenigen gegeben wird, der es wagt, sich
zu bcken und sie zu nehmen. Das ist das einzige, nur das allein, -- man
mu wagen! Mir kam damals ein Gedanke, zum erstenmal im Leben, den
niemand je vor mir gedacht hat. Niemand! Klar wie die Sonne erschien mir
pltzlich der Gedanke: Warum hat bis jetzt kein einziger gewagt und wagt
es nicht, wenn er an diesem ganzen Unsinn vorbeigeht, alles einfach am
Schwanze zu packen und es zum Teufel zu werfen! Ich ... ich wollte _es
wagen_ und ttete ... ich wollte blo wagen, Ssonja, das ist der ganze
Grund!

Oh, schweigen Sie, schweigen Sie! -- rief Ssonja und schlug die Hnde
zusammen. -- Sie haben Gott verlassen und Gott hat Sie gestraft, hat
Sie dem Teufel berliefert! ...

Ja, Ssonja, -- als ich damals in der Dunkelheit lag und mir all das
vorschwebte, da hat mich der Teufel versucht? Nicht wahr?

Schweigen Sie! Spotten Sie nicht, Sie Gotteslsterer; nichts, nichts
begreifen Sie! Oh, Gott! Er wird nichts, nichts verstehen!

Schweig, Ssonja, ich lache gar nicht, ich wei es auch selbst, da mich
der Teufel zog. Schweig, Ssonja, schweig! -- wiederholte er dster und
beharrlich. -- Ich wei alles. Ich habe mir dies alles berlegt und
zugeflstert, als ich damals im Dunkeln lag ... Ich habe ber dies alles
mit mir selbst bis zum kleinsten Punkt gestritten und wei alles, alles!
Und mir war dies ganze Geschwtz damals so zum berdru, so zum
berdru! Ich wollte alles vergessen und von neuem anfangen, Ssonja, und
aufhren zu schwatzen! Und denkst du etwa, da ich, wie ein Dummkopf,
blindlings hingegangen bin? Ich bin, wie ein Kluger, hingegangen, und
das hat mich auch zugrunde gerichtet! Und meinst du etwa, ich htte zum
Beispiel nicht gewut, da, _wenn_ ich berhaupt damit anfing, mich zu
fragen und auszuhorchen, -- ob ich ein Recht auf Macht habe, -- ich
schon deswegen dies Recht auf Macht _nicht_ hatte. Oder wenn ich mir die
Frage vorlegte, -- ist der Mensch eine Laus? -- da war schon der Mensch
_fr mich_ keine Laus mehr, sondern war es eben fr denjenigen, dem
diese Frage _nicht_ in den Sinn kam, und der ohne Fragen auf sein Ziel
losgeht ... Als ich mich soviel Tage abqulte, ob Napoleon es getan
htte oder nicht, -- da fhlte ich es doch deutlich, da ich kein
Napoleon war ... Ich habe die ganze Qual dieses ganzen Geschwtzes
ertragen, Ssonja, und wollte sie ganz und gar von mir abschtteln, --
ich wollte, Ssonja, ohne Kasuistik tten, meinetwegen, fr mich allein
tten! Ich wollte es nicht mal mir selbst vorlgen! Ich habe nicht darum
gettet, um meiner Mutter zu helfen, -- das ist Unsinn! Ich habe nicht
darum gettet, um Mittel und Macht zu erhalten, und dann ein Wohltter
der Menschheit zu werden. Unsinn! Ich habe einfach gettet; fr mich,
fr mich ganz allein habe ich gettet; ob ich aber irgend wessen
Wohltter geworden wre, oder ob ich mein ganzes Leben, wie eine Spinne,
alle in mein Gewebe eingefangen und aus allen die Lebenssfte ausgesaugt
htte, -- mute mir in jenem Augenblicke vollkommen gleichgltig sein!
... Und nicht um das Geld war es mir in erster Linie zu tun, Ssonja, als
ich ttete; nicht das Geld war mir so wichtig, es war etwas ganz anderes
... Ich wei jetzt alles ... Verstehe mich, -- wenn ich vielleicht
denselben Weg weitergegangen wre, wrde ich niemals mehr einen Mord
begangen haben. Ich mute etwas anderes erfahren, etwas anderes trieb
mich dazu, -- ich mute damals und schleunigst erfahren, ob ich eine
Laus bin, wie alle, oder ein Mann? Bin ich imstande, hinwegzuschreiten
oder nicht? Werde ich es wagen, mich zu bcken und die Macht aufzuheben
oder nicht? Bin ich eine zitternde Kreatur oder habe ich _ein Recht_
...

Zu tten? Ein Recht zu tten? -- schlug Ssonja die Hnde zusammen.

Ach, Ssonja! -- rief er gereizt aus, wollte ihr etwas erwidern,
schwieg aber verchtlich. -- Unterbrich mich nicht, Ssonja! Ich wollte
mir blo beweisen, -- da der Teufel mich damals hinschleppte, mir aber
nachher erklrte, da ich kein Recht hatte, dort hinzugehen, weil ich
eben so eine Laus bin, wie alle! Er hat seinen Spott mit mir getrieben,
nun bin ich zu dir gekommen! Nimm den Gast auf! Wenn ich nicht eine Laus
wre, wrde ich dann zu dir gekommen sein? Hre, -- als ich damals zu
der Alten hinging, ging ich blo, es _zu versuchen_ ... Nun weit du
es!

Und haben gettet! Haben gettet!

Wie habe ich gettet? Ermordet man denn in dieser Weise? Geht man denn
so hin zu tten, wie ich damals ging! Ich will dir einmal erzhlen, wie
ich hinging ... Habe ich denn die Alte gettet? Ich habe mich gettet,
und nicht die Alte! Da habe ich mich mit einem Schlage auf ewig
getroffen! ... Und diese Alte hat der Teufel gettet, aber nicht ich ...
Genug, genug, Ssonja, genug! La mich, -- rief er pltzlich in
krankhaftem Grame, -- la mich!

Er sttzte sich auf seine Knie und umklammerte mit beiden Hnden den
Kopf.

Wie Sie leiden! -- entrang sich Ssonja ein qualvoller Schrei.

Was soll ich jetzt tun, sprich! -- fragte er, erhob pltzlich den Kopf
und blickte sie mit einem vor Verzweiflung schrecklich verzerrten
Gesichte an.

Was tun! -- rief sie aus, sprang von ihrem Platze auf, und ihre Augen,
die bis jetzt voll Trnen waren, funkelten pltzlich. -- Steh auf! --
Sie packte ihn an den Schultern; er erhob sich und sah sie fast
verwundert an. -- Geh sofort, gleich, stell dich auf einen Kreuzweg
hin, beuge dich, k zuerst die Erde, die du besudelt hast, dann beuge
dich vor der ganzen Welt, in allen vier Richtungen und sage allen laut:
-- >ich habe gettet!< Dann wird dir Gott wieder Leben senden. Willst du
gehen? Willst du gehen? -- fragte sie ihn, am ganzen Krper zitternd,
wie in einem Anfall, und fate dabei seine beiden Hnde und drckte sie
stark und sah ihn mit feurigen Blicken an.

Er war erstaunt, ja, durch ihre pltzliche Begeisterung bestrzt.

Du meinst die Zwangsarbeit, Sibirien, Ssonja? Da ich mich selbst
anzeigen soll? -- fragte er finster.

Das Leiden auf sich nehmen und dadurch Erlsung finden, das sollst du.

Nein! Ich gehe nicht zu ihnen, Ssonja.

Wie wirst du aber leben, leben? Wie wirst du weiterleben? -- rief
Ssonja. -- Ist es denn jetzt mglich? Und wie wirst du mit deiner
Mutter sprechen? Oh, was wird, was wird jetzt mit ihnen geschehen! Ja,
was sage ich! Du hast ja schon deine Mutter und Schwester verlassen. Du
hast sie doch verlassen, sie verlassen. Oh, Gott! -- rief sie, -- er
wei ja alles selbst! Nun, wie kann man denn ohne einen Menschen
weiterleben! Was wird jetzt mit dir werden!

Sei kein Kind, Ssonja, -- sagte er leise. -- Welche Schuld habe ich
vor ihnen? Wozu soll ich hingehen? Was soll ich ihnen sagen? Das sind
alles blo Gespenster ... Sie vertilgen selbst Millionen von Menschen
und halten es noch fr eine Tugend. Sie sind Gauner und Schufte, Ssonja!
... Ich gehe nicht. Und was soll ich sagen, -- da ich gettet und nicht
gewagt habe, das Geld zu nehmen, da ich es unter einem Stein versteckt
habe? -- fgte er mit bitterem Lcheln hinzu. -- Sie werden doch
selbst ber mich lachen, werden sagen, -- er ist ein Dummkopf, da er es
nicht genommen hat. Ein Feigling und ein Dummkopf! Sie werden nichts,
gar nichts verstehen, Ssonja, und sie sind nicht wert, es zu verstehen.
Wozu soll ich hingehen? Ich gehe nicht hin. Sei kein Kind, Ssonja ...

Du wirst dich zu Tode qulen, zu Tode qulen, -- wiederholte sie und
streckte ihm in verzweifeltem Flehen die Hnde entgegen.

Ich habe mich vielleicht _blo_ verleumdet, -- bemerkte er finster,
wie sinnend, -- vielleicht bin ich _doch_ ein Mensch und keine Laus,
vielleicht habe ich mich bereilt verurteilt ... Ich will _noch_
kmpfen.

Ein hochmtiges Lcheln zeigte sich auf seinen Lippen.

Solche Qual zu tragen! Und das ganze, ganze Leben hindurch! ...

Ich werde mich gewhnen ..., -- sagte er dster und nachdenklich. --
Hre, -- begann er nach einer Weile, -- es ist genug geweint, jetzt
ist Zeit, die Sache zu bedenken, -- ich bin gekommen, dir zu sagen, da
man mich jetzt sucht, mir nachstellt ...

Ach! -- rief Ssonja erschrocken aus.

Nun, warum schreist du? Du willst doch selbst, da ich nach Sibirien
gehe, jetzt aber erschrakst du? Eins aber will ich sagen, -- ich ergebe
mich ihnen nicht. Ich will mit ihnen noch kmpfen, und sie werden mir
nichts tun knnen. Sie haben keine wirklichen Beweise. Gestern war ich
in groer Gefahr und dachte, da ich schon verloren sei; heute hat es
sich verbessert. Alle ihre Beweise haben zwei Seiten, das will sagen, --
ich kann ihre Beschuldigungen zu meinen Gunsten verwenden, verstehst du?
Und ich werde sie zu meinen Gunsten verwenden, denn ich habe es jetzt
gelernt ... Ins Gefngnis aber wird man mich sicher sperren. Wenn nicht
ein Zufall hinzugekommen wre, htte man mich vielleicht schon heute
geholt; vielleicht geschieht es heute _noch_ ... Aber das tut nichts,
Ssonja, -- ich werde eine Zeitlang sitzen und man wird mich freilassen
... denn sie haben keinen einzigen wirklichen Beweis und werden ihn auch
nicht bekommen, ich gebe mein Wort darauf. Mit dem aber, was sie
besitzen, kann man einen Menschen nicht verurteilen. Nun, genug ... Ich
sagte es blo, damit du es weit ... Mit meiner Mutter und Schwester
will ich es so einzurichten versuchen, da sie nicht daran glauben,
damit sie nicht erschrecken ... Meine Schwester ist jetzt brigens, wie
es scheint, versorgt ... also auch meine Mutter ... Nun, das ist alles.
Sei brigens vorsichtig. Willst du zu mir ins Gefngnis kommen, wenn ich
dort sein werde?

Oh, ich werde, werde kommen!

Sie saen nebeneinander, traurig und niedergeschlagen, als wren sie
nach einem Sturme allein an einen einsamen Strand geschleudert worden.
Er sah Ssonja an und fhlte ihre groe Liebe, und seltsam, es fiel ihm
pltzlich schwer und schmerzlich aufs Herz, da er so geliebt wurde. Es
war ein seltsames und furchtbares Gefhl! Als er zu Ssonja ging, empfand
er, da in ihr seine ganze Hoffnung und sein letzter Ausweg liege; er
glaubte wenigstens einen Teil seiner Qualen abzuwlzen und jetzt, wo ihr
ganzes Herz sich ihm zugewandt hatte, fhlte und erkannte er, da er um
vieles unglcklicher geworden war.

Ssonja, -- sagte er, -- komm lieber nicht zu mir, wenn ich im
Gefngnis sein werde.

Ssonja antwortete nicht, sie weinte. Es vergingen ein paar Minuten.

Hast du ein Kreuz? -- fragte sie pltzlich unerwartet, als sei es ihr
eben eingefallen.

Er verstand zuerst die Frage nicht.

Nein, du hast keins? -- Hier, nimm dieses Kreuz aus Zypressenholz. Ich
habe ein anderes, kupfernes von Lisaweta. Ich habe mit Lisaweta
getauscht, -- sie hat mir ihr Kreuz gegeben und ich ihr mein
Heiligenbildchen. Ich will jetzt das Kreuz von Lisaweta tragen, dieses
aber gebe ich dir. Nimm ... es gehrt doch mir! Es ist doch mein Kreuz!
-- bat sie ihn, -- wir werden doch zusammen gehen und leiden, also
wollen wir auch zusammen das Kreuz tragen! ...

Gib her! sagte Raskolnikoff.

Er wollte sie nicht betrben, zog aber gleich wieder die Hand zurck,
die er nach dem Kreuze ausgestreckt hatte.

Nicht jetzt, Ssonja. Lieber spter, -- fgte er hinzu, um sie zu
beruhigen.

Ja, ja, es ist besser, es ist besser, -- pflichtete sie ihm mit
Begeisterung bei, -- wenn du gehst, um das Leiden auf dich zu nehmen,
dann legst du es um. Du kommst dann zu mir, ich werde es dir umhngen,
wir wollen dann beten und beide gehen.

In diesem Augenblicke klopfte jemand dreimal an die Tre.

Ssofja Ssemenowna, kann ich hereinkommen? -- ertnte eine sehr
bekannte hfliche Stimme.

Ssonja strzte erschrocken zur Tre. Herr Lebesjtnikoff blickte in das
Zimmer hinein.


                                   V.

Lebesjtnikoff sah aufgeregt aus.

Ich komme zu Ihnen, Ssofja Ssemenowna. Entschuldigen Sie ... Ich dachte
mir, da ich auch Sie treffen werde, -- wandte er sich schnell an
Raskolnikoff, -- das heit, ich dachte nichts ... in dieser Hinsicht
... aber ich dachte ... Dort bei uns ist Katerina Iwanowna verrckt
geworden, -- schlo er pltzlich, zu Ssonja gewandt.

Ssonja schrie auf.

Das heit, es scheint wenigstens so ... Wir wissen nicht, was wir tun
sollen, das ist es! Sie kam zurck ... man scheint sie irgendwo
hinausgejagt, vielleicht auch geschlagen zu haben ... es scheint
wenigstens so ... Sie war zu dem Vorgesetzten des verstorbenen Ssemjon
Sacharytsch gelaufen, hatte ihn nicht zu Hause getroffen; er war bei
einem anderen General zu Mittag geladen ... Und stellen Sie sich vor,
sie lief dann dorthin, ... zu diesem anderen General, stellen Sie sich
vor, -- sie bestand auf ihrem Verlangen, den Vorgesetzten von Ssemjon
Sacharytsch zu sehen, und sie hat, wie es scheint, ihn von der Tafel
rufen lassen. Sie knnen sich denken, was passiert ist. Man jagte sie
selbstverstndlich hinaus; sie erzhlte, da sie den General beschimpft
und ihm sogar etwas ins Gesicht geschleudert habe. Das kann man ihr
schon glauben ..., da man sie nicht zur Polizei gebracht hat, --
verstehe ich nicht! Jetzt erzhlt sie es allen, auch Amalie Iwanowna,
doch es ist schwer zu verstehen, was sie meint, denn sie schreit und
wirft sich dabei mit dem Kopfe an die Wand ... Ach ja -- sie sagt und
schreit, da sie jetzt von allen verlassen sei, jetzt wolle sie mit den
Kindern auf die Strae gehen, die einen Leierkasten tragen sollen, die
Kinder mten singen und tanzen, auch sie wrde singen und Geld
einsammeln, und Tag fr Tag wolle sie vor den Fenstern des Generals
stehen ... >Mgen alle sehen,< sagt sie, >wie die edlen Kinder eines
angesehenen Beamten als Bettler in den Straen herumgehen mssen!< Sie
schlgt die weinenden Kinder, Lene lehrt sie ein Lied singen, den Knaben
tanzen und Poletschka ebenfalls; reit alle Kleider entzwei; macht ihnen
Mtzen, wie die Gaukler sie haben; sie selbst will ein Becken tragen,
darauf schlagen, an Stelle der Musik ... Uns will sie gar nicht anhren
... Stellen Sie sich vor, wie soll das werden? Das geht doch nicht an!

Lebesjtnikoff htte noch weiter gesprochen, aber Ssonja, die ihm mit
angehaltenem Atem zugehrt hatte, griff rasch nach ihrer Mantille und
ihrem Hut, lief aus dem Zimmer und kleidete sich im Gehen an.
Raskolnikoff ging ihr nach und Lebesjtnikoff folgte ihm.

Sie ist ganz gewi verrckt geworden! -- sagte er zu Raskolnikoff und
trat mit ihm auf die Strae, -- ich wollte nur Ssofja Ssemenowna nicht
so erschrecken und sagte deshalb -- >es scheint<, aber es kann keinen
Zweifel darber geben. Man hrt oft, da bei Schwindsucht im Gehirn
solche Knollen entstehen; schade, da ich nicht Medizin studiert habe.
Ich versuchte brigens, sie zu berzeugen, aber sie will nichts hren.

Haben Sie ihr von diesen Knollen gesprochen?

Das heit, eigentlich nicht von den Knollen. Sie wrde es doch nicht
verstanden haben. Ich sage aber, -- wenn man einen Menschen logisch
berzeugen kann, da er eigentlich keinen Grund hat, zu weinen, so hrt
er auch auf zu weinen. Das ist klar. Oder meinen Sie, da er nicht
aufhren wird?

Dann wre das Leben leicht, -- antwortete Raskolnikoff.

Erlauben Sie, erlauben Sie bitte; gewi, bei Katerina Iwanowna wrde es
ziemlich schwer fallen, sie verstnde es nicht. Aber ist Ihnen nicht
bekannt, da in Paris schon ernste Versuche gemacht worden sind ber die
Mglichkeit, durch Anwendung von logischer berredung Wahnsinnige zu
heilen? Ein Professor dort, der vor kurzem gestorben ist, ein groer
Gelehrter, hat sich ausgedacht, da man sie in dieser Weise heilen kann.
Sein Grundgedanke ist, da bei den Wahnsinnigen eine besondere Strung
im Organismus nicht vorgeht, und da der Wahnsinn sozusagen ein
logischer Fehler, ein Fehler der Urteilsfhigkeit, eine falsche Ansicht
von Dingen ist. Er widerlegte allmhlich den Kranken, und denken Sie
sich, er soll Erfolge erzielt haben. Da er auerdem auch Duschen
anwandte, so wurden die Erfolge dieser Behandlung bezweifelt ... Es
scheint wenigstens so ...

Raskolnikoff hrte ihm lngst nicht mehr zu. Als er an seinem Hause
ankam, nickte er mit dem Kopfe Lebesjtnikoff zu und bog in den Torweg
ein. Lebesjtnikoff kam zu sich, blickte sich um und lief weiter.

Raskolnikoff trat in seine Kammer und blieb mitten darin stehen. Warum
war er hierher zurckgekehrt? Er sah diese gelblichen, abgerissenen
Tapeten, diesen Staub, sein Sofa an ... Vom Hofe drang ein hartes
ununterbrochenes Klopfen; man schien Ngel einzuschlagen ... Er trat an
das Fenster, hob sich auf den Zehen und blickte lange mit
auerordentlicher Aufmerksamkeit im Hofe umher. Der Hof aber war leer
und man sah die Klopfenden nicht. Links, im Seitengebude war hie und da
ein geffnetes Fenster; auf den Fensterbrettern standen kleine Tpfe mit
schwchlichen Geranien. Vor den Fenstern hing Wsche ... Das ganze Bild
kannte er auswendig. Er wandte sich ab und setzte sich auf das Sofa.
Noch nie, nie hatte er sich so furchtbar einsam gefhlt!

Ja, er fhlte es noch einmal, da er vielleicht Ssonja hassen werde, und
zwar jetzt, wo er sie unglcklicher gemacht hatte.

Warum war er zu ihr hingegangen? Um um ihre Trnen zu bitten? Warum
mute er so unbedingt ihr Leben verkmmern? Oh, welche Gemeinheit.

Ich bleibe allein! -- sagte er pltzlich entschlossen, -- und sie
soll nicht ins Gefngnis zu mir kommen!

Nach etwa fnf Minuten erhob er den Kopf und lchelte eigentmlich. Es
war ein merkwrdiger Gedanke: -- Vielleicht ist es in Sibirien
tatschlich besser.

Er erinnerte sich nicht, wie lange er in seinem Zimmer sich mit den
einstrmenden unklaren Gedanken abgegeben hatte. Da ffnete sich
pltzlich die Tre und Awdotja Romanowna trat herein. Sie blieb zuerst
stehen und blickte ihn von der Schwelle an, so wie er gestern Ssonja
angeblickt hatte; kam dann herein und setzte sich auf einen Stuhl, auf
ihren gestrigen Platz, ihm gegenber. Er sah sie schweigend und
augenscheinlich gedankenlos an.

Sei mir nicht bse, Bruder, ich komme nur auf einen Augenblick, --
sagte Dunja.

Der Ausdruck ihres Gesichtes war nachdenklich, aber nicht streng. Der
Blick war klar und still. Er sah, da auch sie mit Liebe zu ihm gekommen
war.

Bruder, ich wei jetzt alles, _alles_. Mir hat Dmitri Prokofjitsch
alles erklrt und erzhlt. Man verfolgt und qult dich mit einem dummen
und schndlichen Verdacht! ... Dmitri Prokofjitsch hat mir gesagt, da
fr dich keine Gefahr vorhanden sei, da du dich unntz mit solch einem
Schrecken befassest. Ich denke nicht, wie er, ich _verstehe vollkommen_,
wie alles in dir emprt sein mu, und da diese Emprung in dir fr
immer Spuren hinterlassen kann. Davor habe ich Angst. Ich verurteile
dich nicht und darf dich nicht verurteilen, da du uns verlassen hast,
verzeih mir, da ich dir dies vorgeworfen habe. Ich wei selbst, da
auch ich von allen fortgehen wrde, wenn ich solch einen groen Kummer
htte. Ich werde der Mutter _davon_ nichts sagen, will aber mit ihr
immer ber dich sprechen, und will in deinem Namen sagen, da du sehr
bald kommen wirst. Qule dich nicht ihretwegen; _ich_ werde sie
beruhigen; aber qule auch sie nicht zu sehr, -- komm wenigstens noch
einmal zu ihr; erinnere dich, da sie unsere Mutter ist! Ich bin nur
gekommen, um zu sagen, -- Dunja stand auf, -- da, falls du irgendwie
mich brauchen solltest und wenn es ... mein Leben glte ... so rufe
mich, ich werde kommen. Leb wohl!

Sie wandte sich schnell um und ging zur Tre.

Dunja! -- rief Raskolnikoff, stand auf und ging zu ihr, -- dieser
Dmitri Prokofjitsch Rasumichin ist ein sehr guter Mensch.

Dunja errtete ein wenig.

Nun! -- fragte sie nach einer Weile.

Er ist ein tchtiger, fleiiger, ehrlicher Mensch und ist starker Liebe
fhig ... Leb wohl, Dunja.

Dunja errtete, dann wurde sie unruhig.

Was ist dir, Bruder, trennen wir uns denn wirklich fr immer, da du
mir ... solch ein Vermchtnis machst?

Wie dem auch sei ... leb wohl ...

Er kehrte sich um und ging zum Fenster. Sie blieb eine Weile stehen, sah
ihn sorgenvoll an und ging mit dem Gefhle der Angst hinaus.

Er war ihr gegenber nicht klter! Es hatte einen Augenblick, in letzter
Minute, gegeben, wo er die grte Lust versprte, sie innig zu umarmen,
von ihr _Abschied zu nehmen_ und ihr alles zu _sagen_, aber er wagte ihr
nicht einmal die Hand zu reichen.

Sie wrde vielleicht spter noch erschauern bei dem Gedanken, da ich
sie umarmt habe, und wrde sagen, da ich ihr einen Ku gestohlen
htte!

Wrde sie dies ertragen knnen oder nicht? -- fgte er nach einigen
Minuten hinzu. -- Nein, sie wrde es nicht ertragen knnen; eine
_solche Natur_ nicht ...

Er dachte an Ssonja.

Vom Fenster kam eine khle Luft. Drauen war es nicht mehr hell. Er nahm
seine Mtze und ging hinaus.

Er konnte und wollte nicht auf seinen krankhaften Zustand achten. Aber
diese ununterbrochenen Aufregungen und diese seelischen Erschtterungen
konnten nicht ohne Folgen bleiben. Und wenn er noch nicht an einem
heftigen Fieber daniederlag, so war es vielleicht darum, weil diese
inneren ununterbrochenen Aufregungen ihn vorlufig noch aufrecht und bei
Bewutsein hielten.

Er irrte ziellos herum. Die Sonne ging unter. Eine eigenartige Angst
begann in der letzten Zeit seiner Seele sich zu bemchtigen. Es war kein
bohrender oder brennender Schmerz; etwas Bestndiges oder Bleibendes
aber ging von ihm aus; die Ahnung einer Reihe endloser kalter, toter
Jahre lag darinnen, einer Ewigkeit auf dem ellenbreiten Raume. In den
Abendstunden war dieses Gefhl strker und peinvoller.

Und mit diesen dummen, rein physischen Schwchen, die vom
Sonnenuntergang abhngen konnten, soll man sich vor Dummheiten hten! Da
luft man dann nicht blo zu Ssonja hin, auch zu Dunja! -- murmelte er
haerfllt vor sich hin. Man rief ihn beim Namen. Er blickte sich um;
Lebesjtnikoff eilte auf ihn zu.

Denken Sie, ich war bei Ihnen, ich suchte Sie. Stellen Sie sich vor,
sie hat wirklich ihre Absicht ausgefhrt und die Kinder mitgenommen. Ich
habe sie mit Ssofja Ssemenowna nur mit Mhe gefunden. Sie selbst schlgt
auf eine Pfanne, und lt die Kinder tanzen. Die Kinder weinen. Sie
bleiben an Straenecken und vor Lden stehen. Das dumme Volk luft ihnen
nach. Wir wollen hingehen!

Und Ssonja? -- fragte Raskolnikoff unruhig und eilte Lebesjtnikoff
nach.

Sie ist ganz auer sich. Nicht Ssofja Ssemenowna, sondern Katerina
Iwanowna ist auer sich; aber auch Ssofja Ssemenowna ist auer sich.
Katerina Iwanowna ist aber ganz und gar aufgelst. Ich sage Ihnen, sie
ist vollkommen verrckt. Man wird sie noch zur Polizei bringen. Sie
knnen sich vorstellen, wie das erst auf sie wirken wird ... Jetzt sind
sie am Kanal bei der N.schen Brcke, gar nicht weit von Ssofja
Ssemenownas Wohnung.

Am Kanal, nicht weit von der Brcke und zwei Huser von der Wohnung
Ssonjas entfernt, hatte sich eine groe Menschenmenge angesammelt.
Besonders Knaben und Mdchen liefen hin. Von der Brcke aus konnte man
die heisere, beranstrengte Stimme von Katerina Iwanowna hren. Es war
ein merkwrdiges Schauspiel, fhig, das Straenpublikum zu fesseln.
Katerina Iwanowna hatte ihr altes, abgetragenes Kleid an, einen Schal
umgelegt und einen zerrissenen Strohhut auf; sie war tatschlich ganz
auer sich. Dabei war sie mde und rang nach Atem. Ihr abgehrmtes
schwindschtiges Gesicht sah noch leidender aus; auerdem sieht ein
Schwindschtiger drauen im Sonnenlicht stets krnklicher und mehr
entstellt aus als zu Hause, -- ihr aufgeregter Zustand nahm kein Ende,
sie wurde mit jedem Augenblicke gereizter. Bald strzte sie sich auf die
Kinder, schrie sie an, redete ihnen zu, lehrte sie auf der Strae in
Gegenwart aller, wie sie tanzen und was sie singen sollten, begann ihnen
zu erklren, warum dies ntig sei, geriet in Verzweiflung, da sie nicht
begreifen wollten, und schlug sie ... Dann strzte sie wieder ins
Publikum, -- wenn sie einen einigermaen besser gekleideten Menschen
entdeckte, der stehen blieb, um sich die Sache anzusehen, beeilte sie
sich sofort, ihm zu erklren, da es so weit, -- mit -- den Kindern aus
einem feinen, man kann sogar sagen aristokratischen Hause, gekommen
war. Wenn sie unter den Zuschauern Lachen oder ein freches Wort hrte,
wandte sie sich sofort an die Dreisten und begann sie zu schelten.
Einige lachten darber, andere wieder schttelten die Kpfe; aber allen
war es interessant, die Wahnsinnige mit ihren erschrockenen Kindern
anzusehen. Die Pfanne, die Lebesjtnikoff erwhnt hatte, war nicht da;
Raskolnikoff sah sie wenigstens nicht. Katerina Iwanowna schlug den Takt
nicht auf einer Pfanne, sondern mit ihren mageren Hnden, wenn sie
Poletschka zum singen und Lene und Kolja zum tanzen veranlate. Sie fing
selbst an mitzusingen, wurde jedoch jedesmal beim zweiten Tone von einem
qulenden Husten unterbrochen; dann wurde sie von neuem verzweifelt,
fluchte ihrem Husten und weinte sogar. Am meisten brachte sie das Weinen
und die Angst Koljas und Lenes auseinander. Sie hatte wirklich den
Versuch gemacht, die Kinder aufzuputzen, wie Straentnzer und Gaukler.
Der Knabe hatte einen Turban aus rotem und weiem Stoff, damit er einem
Trken hnle. Fr Lene reichte es zu einem Kostm nicht aus; sie hatte
nur ein rotes, gestricktes Kppchen des verstorbenen Ssemjon Sacharytsch
auf dem Kopfe und an dieses Kppchen war eine abgebrochene Straufeder
befestigt worden, die noch der Gromutter von Katerina Iwanowna gehrt
hatte und die bis jetzt, als ein altes Familienstck, im Koffer
aufbewahrt wurde. Poletschka war in ihrem gewhnlichen Kleidchen. Sie
blickte schchtern und weltvergessen die Mutter an, wich nicht von ihrer
Seite, verbarg die Trnen, ahnend, da die Mutter wahnsinnig geworden
sei, und sah unruhig um sich. Die Strae und die Menschenmenge hatten
sie uerst erschreckt. Ssonja wich keinen Schritt von Katerina
Iwanowna, weinte und flehte sie an, nach Hause zurckzukehren. Katerina
Iwanowna aber blieb unerbittlich.

Hre auf, Ssonja, hre auf! -- schrie sie hastig, auer Atem und
hustend. -- Du weit selbst nicht, was du bittest, du bist wie ein
Kind! Ich habe dir schon einmal gesagt, da ich zu dieser vertrunkenen
Deutschen nicht zurckkehren will. Mgen alle, ganz Petersburg sehen,
wie die Kinder eines edlen Vaters, der sein ganzes Leben treu und
redlich gedient hat, und man kann sagen, im Dienste gestorben ist,
betteln gehen mssen. -- Katerina Iwanowna hing schon an dieser
Erfindung eigener Phantasie mit blindem Glauben. -- Mag es nur dieser
schndliche Kerl von einem General sehen. Ja, du bist dumm, Ssonja, --
was sollen wir denn essen, sage mir? Wir haben dich genug gepeinigt, ich
will es nicht mehr! Ach, Rodion Romanowitsch, Sie sind es! -- rief sie
aus, als sie Raskolnikoff erblickte, und strzte zu ihm hin, --
erklren Sie bitte dieser dummen kleinen Person, da wir nichts
klgeres tun konnten! Sogar Leierkastenmnner verdienen, bei uns aber
werden alle bemerken und erfahren, da wir eine arme feine Familie und
Waisen sind, die an den Bettelstab gebracht wurden, und dieser Kerl von
einem General wird seine Stelle verlieren. Sie werden es sehen! Wir
werden jeden Tag vor seinen Fenstern stehen, und wenn der Kaiser
vorbeifahren wird, will ich mich auf die Knie werfen und auf die Kinder
will ich zeigen und sagen: -- >Schtze sie, Vater!< Er ist der Vater
aller Waisen, er ist barmherzig, er wird sie schtzen, Sie werden es
sehen, und diesen Kerl von einem General ... Lene! _Tenez vous
droite!_{[11]} Du, Kolja, wirst sofort wieder tanzen. Was heulst du? Er
heult wieder! Nun, warum frchtest du dich, Dummkpfchen! Oh, Gott! Was
soll ich mit ihnen tun, Rodion Romanowitsch! Wenn Sie wten, wie
unvernnftig sie sind! Was soll man mit ihnen tun! ...

Und sie zeigte, fast weinend, was sie jedoch nicht hinderte,
ununterbrochen und unaufhrlich zu reden, -- auf die schluchzenden
Kinder. Raskolnikoff versuchte sie zu berreden, nach Hause zu gehen und
sagte ihr sogar, in der Meinung auf ihre Eigenliebe zu wirken, da es
fr sie unpassend sei, wie Leierkastenleute in den Straen
umherzuziehen, weil sie doch beabsichtigte, die Vorsteherin einer
Pension fr junge Mdchen aus besseren Stnden ...

Einer Pension fr junge Mdchen, ha! ha! ha! Was weit herkommt, hat gut
lgen -- sagt das Sprichwort! -- rief Katerina Iwanowna aus; nach dem
Lachen berfiel sie ein starker Husten, -- nein, Rodion Romanowitsch,
der Traum ist vorber! Alle haben uns verlassen! ... Und dieser Kerl von
einem General ... Wissen Sie, Rodion Romanowitsch, ich habe ihm ein
Tintenfa an den Kopf geworfen, -- es stand gerade eins da, im
Vorzimmer, neben dem Buche, wo alle ihre Namen eintragen, auch ich habe
mich eingetragen, ich warf ihm das Tintenfa an den Kopf und lief davon.
Oh, gemeine, niedertrchtige Menschen! Ich pfeife auf sie alle, ich will
selbst die da fttern, will niemanden mehr anbetteln! Wir haben sie
genug geqult! -- und sie wies auf Ssonja. -- Poletschka, wieviel
haben wir eingesammelt, zeige mir mal! Wie? Blo zwei Kopeken? Oh,
schndliche Menschen! Sie geben nichts, laufen uns blo mit
ausgestreckter Zunge nach! Nun, was lacht dieser Holzklotz? -- sie
zeigte auf einen in der Menge. -- Das kommt alles daher, weil Kolja so
einfltig ist, man hat nur Schererei mit ihm! Was willst du, Poletschka?
Sprich mit mir franzsisch, _parlez moi franais_{[12]}. Ich habe dich
doch gelehrt, du kennst doch einige Stze! ... Wie kann man denn
erkennen, da ihr aus feiner Familie, wohlerzogene Kinder seid und keine
Leierkastenleute. Wir machen doch kein Kasperletheater auf den Straen,
wir wollen eine schne feine Romanze singen ... Ach ja! Was sollen wir
denn singen? Ihr unterbrecht mich in einem fort, wir sind ... sehen Sie,
Rodion Romanowitsch, wir sind hier stehen geblieben, um auszusuchen, was
wir singen sollen, -- etwas, was auch Kolja vortanzen kann ... denn
alles machen wir, Sie knnen es sich vorstellen, ohne Vorbereitungen.
Wir wollen uns besprechen, um alles ordentlich durchzunehmen, dann gehen
wir auf den Newski Prospekt, wo es bedeutend mehr Menschen aus der
hchsten Gesellschaft gibt, die uns sofort bemerken werden. Lene kennt
das Lied >Die Troika< ... Aber das kann man doch nicht immerwhrend
singen, die ganze Welt singt es ja! Wir mssen etwas viel Besseres
singen ... Nun, was meinst du, Poletschka, du knntest doch der Mutter
helfen! Ich erinnere mich an nichts mehr, ich habe alles vergessen! Ach,
wollen wir doch franzsisch >_Cinq sous_<{[13]} singen! Ich habe es euch
doch gelehrt! Und da es franzsisch ist, werden alle sofort sehen, da
ihr adlige Kinder seid, und das ist bedeutend rhrender ... Wir knnten
sogar >_Malbrough s'en va-t-en guerre!_{[14]}< singen, da es ein
ausgesprochenes Kinderlied ist und in allen aristokratischen Husern
gesungen wird, wenn die Kinder zum Schlafen gebracht werden.

   _Malbrough s'en va-t-en guerre_
   _Ne sait quand reviendra ..._{[14]}

begann sie zu singen ... Nein, es ist besser >_Cinq sous!_{[13]}< Nun,
Kolja, stemme die Hndchen in die Seiten, aber schneller, und du Lene,
drehe dich in entgegengesetzter Richtung, ich werde mit Poletschka
singen und in die Hnde klatschen!

   _Cinq sous, cinq sous_
   _Pour monter notre mnage ..._{[15]}

Kche--kche--kche! (Und sie krmmte sich vor Husten.) Bring dein Kleid
in Ordnung, Poletschka, die Schultern sind entblt, bemerkte sie,
zwischen dem Husten atemholend. -- Ihr mt euch jetzt besonders
anstndig und in feinem Tone benehmen, damit es alle sehen, da ihr
adlige Kinder seid. Ich habe damals gesagt, da man die Taille lnger
und in doppelter Breite zuschneiden soll. Du kamst aber mit deinen
Ratschlgen, Ssonja, -- es krzer und krzer zu machen, nun jetzt siehst
du, ist das Kind vllig verunstaltet ... Ihr weint wieder! Ja, warum
weint ihr Dummen! Kolja, fang schneller an, schneller, -- ach, wie dies
Kind unertrglich ist! ...

   _Cinq sous, cinq sous --_{[13]}

Wieder ein Schutzmann! Nun, was willst du?

Es drngte sich ein Schutzmann durch die Menge. Gleichzeitig nherte
sich ihr ein Herr im Dienstrocke und Mantel, ein hherer Beamter, mit
einem Orden am Halsbande -- dieser Umstand war Katerina Iwanowna sehr
erwnscht und hatte selbst Einflu auf den Schutzmann, -- und
berreichte ihr schweigend einen grnen Dreirubelschein. Sein Gesicht
drckte aufrichtiges Mitleid aus. Katerina Iwanowna nahm das Geld und
verbeugte sich hflich, fast frmlich.

Ich danke Ihnen, mein Herr, begann sie von oben herab, die Grnde,
die uns gezwungen haben ... nimm das Geld, Poletschka. Du siehst, es
gibt noch edle und gromtige Menschen, die sofort bereit sind, einer
armen adligen Dame im Unglcke zu helfen. Sie sehen adlige Waisen vor
sich, mein Herr, man kann sogar sagen, mit aristokratischsten
Verbindungen ... Und dieser Kerl von einem General sa am Tische und a
Haselhhner ... stampfte mit den Fen, weil ich ihn gestrt habe ...
>Eure Exzellenz,< sagte ich, >schtzen Sie die Waisen, da Sie den
verstorbenen Ssemjon Sacharytsch gut kannten,< sagte ich, >und weil der
gemeinste aller Schufte seine leibliche Tochter an seinem Todestage
verleumdet hat ...< Wieder kommt dieser Schutzmann! Schtzen Sie mich!
rief sie dem Beamten zu, -- was will dieser Schutzmann von mir? Wir
sind schon vor einem weggelaufen ... Nun, was geht es dich an,
Dummkopf!

Es ist in den Straen verboten. Machen Sie keinen Skandal!

Du bist selbst ein Skandalmacher! Ich gehe herum, wie jeder
Leierkastenmann, was geht es dich an?

Zu einem Leierkasten mu man eine Erlaubnis haben. Sie sammeln aber in
dieser Weise das Volk an. Wo wohnen Sie?

Wie, Erlaubnis, schrie Katerina Iwanowna. -- Ich habe heute meinen
Mann beerdigt, was ist da fr eine Erlaubnis ntig!

Bitte, beruhigen Sie sich, Madame, begann der vornehme Beamte, kommen
Sie, ich will Sie begleiten ... Hier unter den Leuten ist es unpassend
... Sie sind krank ...

Mein Herr, mein Herr, Sie wissen gar nicht! schrie Katerina Iwanowna,
wir wollen auf den Newski Prospekt gehen ... Ssonja, Ssonja! Wo ist sie
denn? Sie weint auch! Was ist denn mit euch allen! ... Kolja, Lene,
wohin geht ihr denn? rief sie pltzlich im Schreck, oh, die dummen
Kinder! Kolja, Lene, ja, wohin laufen sie denn? ...

Als Kolja und Lene, bis aufs uerste von der Menschenmenge und von der
wahnsinnigen Mutter erschreckt, den Schutzmann erblickten, der sie
nehmen und irgendwohin fhren wollte, faten sie einander wie auf
Verabredung an den Hndchen und liefen davon. Mit Geschrei und Weinen
strzte die arme Katerina Iwanowna ihnen nach, um sie einzuholen. Es war
widerwrtig und traurig zu sehen, wie sie weinend und keuchend lief.
Ssonja und Poletschka eilten ihr nach.

Bring sie zurck, bring sie zurck, Ssonja! Oh, die dummen, undankbaren
Kinder! ... Polja! Fange sie ein ... Ich habe es doch fr euch ...

Sie stolperte im vollen Laufe und fiel hin.

Sie hat sich blutig geschlagen! Oh, Gott! rief Ssonja aus, sich ber
sie beugend.

Alle liefen hin und drngten sich um sie. Raskolnikoff und
Lebesjtnikoff waren als die ersten zur Stelle, der Beamte eilte auch
hinzu und ihm folgte der Schutzmann, der etwas wie Ach ja! brummte und
den Kopf schttelte, in der Vorahnung, da die Sache ihm viel zu
schaffen machen wrde.

Geht weiter, geht! er jagte die Menschen, die umherstanden,
auseinander.

Sie stirbt! rief jemand.

Sie hat den Verstand verloren! sagte ein anderer.

Gott schtze sie! bemerkte eine Frau und schlug ein Kreuz. -- Hat man
den Jungen und das Mdel gekriegt? Ja, da bringt man sie, die lteste
hat sie eingeholt ... Was ihnen nur einfiel!

Als man aber Katerina Iwanowna nher betrachtet hatte, sah man, da sie
sich gar nicht an den Steinen blutig geschlagen hatte, wie Ssonja
angenommen, sondern da das Blut, das den Fahrdamm besudelte, aus Brust
und Mund kam.

Das kenne ich aus Erfahrung, sagte der Beamte leise zu Raskolnikoff
und Lebesjtnikoff, das ist Schwindsucht; das Blut strzt hervor und
man erstickt. Einer Verwandten von mir ist es jngst hnlich gegangen,
ich habe es selbst gesehen, ein halbes Glas kam ... und so pltzlich ...
Was soll man tun, sie wird gleich sterben.

Bringt sie zu mir, hier in der Nhe! flehte Ssonja, ich wohne hier
... in dem Hause, das zweite von hier ... Schnell, schnell! ... wandte
sie sich aufgeregt an alle. Holt einen Arzt ... Oh Gott!

Dank der Bemhungen des Beamten ging die Sache glatt vor sich, sogar der
Schutzmann half Katerina Iwanowna hinbertragen. Man brachte sie fast
tot in Ssonjas Zimmer und legte sie auf das Bett. Das Blut hrte noch
nicht auf zu flieen, aber Katerina Iwanowna kam langsam zu sich. In das
Zimmer traten gleichzeitig auer Ssonja, Raskolnikoff und
Lebesjtnikoff, der Beamte und der Schutzmann, nachdem er vorher die
Menge auseinandergejagt hatte, von der einige bis zur Tre gefolgt
waren. Poletschka kam auch mit Kolja und Lene, die zitterten und
weinten; sie hielt sie an den Hnden. Auch von Kapernaumoff kamen Leute,
er selbst, lahm und krumm, von seltsamem Aussehen mit borstigen Haaren
und Backenbart; seine Frau, die immer ein erschrockenes Aussehen hatte
und einige ihrer Kinder mit offenem Munde und immer erstauntem,
hlzernem Gesichtsausdruck. Unter diesem Publikum befand sich auch
Sswidrigailoff. Raskolnikoff blickte ihn verwundert an, ohne zu
begreifen, wie er hierher gekommen sei, da er sich seiner unter der
Menge nicht entsann. Man sprach davon, einen Arzt und einen Priester
holen zu lassen. Obwohl der Beamte Raskolnikoff auch zugeflstert hatte,
da ein Arzt, wie es ihm schien, jetzt wohl berflssig sei, sandte man
doch nach ihm. Kapernaumoff lief selbst fort.

Unterdessen war Katerina Iwanowna zu sich gekommen und das Blut hrte
fr eine Weile auf zu flieen. Sie sah unverwandt mit einem
schmerzlichen und durchdringenden Blick auf die bleiche und bebende
Ssonja, die ihr mit einem Taschentuche die Schweitropfen auf der Stirn
abtrocknete; schlielich bat sie, man mge sie aufrichten. Man setzte
sie auf und sttzte sie von beiden Seiten.

Wo sind die Kinder? fragte sie mit schwacher Stimme. -- Hast du sie
gebracht, Polja? Oh, ihr dummen ... Warum lieft ihr fort ... Ach!

Blut bedeckte noch ihre trockenen Lippen. Sie blickte sich um.

Also, hier lebst du, Ssonja! Ich war nie bei dir gewesen ... jetzt erst
bin ich dazu gekommen ...

Sie blickte sie unendlich traurig an.

Wir haben dich ausgesaugt, Ssonja ... Polja, Lene, Kolja, kommt her ...
Da sind sie alle, Ssonja, nimm sie ... aus meiner Hand ... ich bin
fertig! ... Das Fest ist aus! H--a ... Legt mich nieder und lat mich
wenigstens ruhig sterben ...

Man legte sie wieder auf die Kissen zurck.

Was? Einen Priester? ... Ist nicht ntig. Habt ihr einen berflssigen
Rubel? ... Ich habe keine Snden! ... Gott mu mir auch ohnedem vergeben
... Er wei, wie ich gelitten habe! ... Und wenn er nicht vergibt, so
ist es auch gut! ...

Ein unruhiges Phantasieren bemchtigte sich ihrer mehr und mehr.
Zuweilen fuhr sie auf, blickte um sich, erkannte alle auf einen
Augenblick, und das Bewutsein schwand wieder. Sie atmete schwer und
rchelnd.

Ich sagte ihm: >Ew. Exzellenz!< ...! rief sie und holte nach jedem
Worte Atem, diese Amalie Ludwigowna ... ach! Lene, Kolja! Die Hndchen
in die Hften, schneller, schneller, _glissez, glissez, pas de
basque_!{[16]} Stampf mit den Fchen ... Sei ein grazises Kind.

   Du hast Diamanten und Perlen ...

Wie geht es weiter? Das sollten wir singen ...

   Du hast die schnsten Augen
   Mdchen, was willst du noch mehr? ...

Das ist nicht ganz richtig! Was willst du noch mehr -- was sich dieser
Holzklotz dabei gedacht hat? ... -- Ach ja, oder ein anderes Lied

   In mittglicher Glut ...

Ach, wie ich es liebte ... Ich habe dieses Lied sehr geliebt,
Poletschka! ...

   In mittglicher Glut im Tale Daghestans ...

Weit du, dein Vater sang es ... als Brutigam noch ... Oh, die Tage!
... Das sollten wir singen! Nun, wie heit es denn ... ich habe es
vergessen ... helft mir doch dabei ... wie heit es denn? -- Sie war in
furchtbarer Erregung und versuchte aufzustehen. Mit schrecklicher,
heiserer und berschnappender Stimme, bei jedem Worte auer Atem,
schreiend und mit einer sich steigernden Angst begann sie zu singen:

   In mittglicher Glut ... im Tale ... Daghestans ...
   Mit Blei in der Brust ...

Ew. Exzellenz! schrie sie pltzlich herzzerreiend und in Trnen
ausbrechend, schtzen Sie die Waisen! Eingedenk der Gastfreundschaft
des verstorbenen Ssemjon Sacharytsch! ... Man kann sogar sagen, aus
einem aristokratischen ... Ha--a! fuhr sie auf, zur Besinnung kommend
und betrachtete alle mit Entsetzen, erkannte aber sofort Ssonja. --
Ssonja, Ssonja! sagte sie sanft und freundlich, als wre sie erstaunt,
sie vor sich zu sehen, Ssonja, liebe Ssonja, du bist auch hier?

Man richtete sie wieder auf.

Genug! ... Es ist Zeit! ... Lebwohl, Armselige! ... Die Stute ist
abgehetzt! ... Zu Tode gehetzt! rief sie verzweifelt und haerfllt aus
und fiel mit dem Kopfe auf das Kissen zurck.

Sie verlor von neuem das Bewutsein, und ohne es wieder erlangt zu
haben, fiel ihr blagelbes abgemagertes Gesicht nach hinten, der Mund
ffnete sich, die Fe streckten sich krampfhaft aus. Sie sthnte tief
auf und starb.

Ssonja warf sich auf die Leiche, fate sie mit den Hnden, lehnte den
Kopf an die magere Brust der Verstorbenen und verharrte so lange.
Poletschka fiel zu den Fen der Mutter nieder und kte sie laut
schluchzend. Kolja und Lene, die noch nicht verstanden hatten, was
geschehen war, aber etwas Schreckliches ahnten, faten einander mit
beiden Hnden an den Schultern, starrten einander in die Augen und
begannen zu schreien. Beide waren noch aufgeputzt, -- er im Turban, sie
in dem Kppchen mit der Strauenfeder.

Und wie kam das Ehrendiplom auf das Bett neben Katerina Iwanowna hin? Es
lag neben dem Kissen, Raskolnikoff hatte es gesehen.

Er ging zum Fenster. Lebesjtnikoff kam eilig zu ihm.

Sie ist gestorben! sagte Lebesjtnikoff.

Rodion Romanowitsch, ich mu Ihnen ein paar wichtige Worte sagen, trat
Sswidrigailoff heran.

Lebesjtnikoff trat ihm sofort seinen Platz ab und verschwand
zartfhlend. Sswidrigailoff fhrte den erstaunten Raskolnikoff in eine
abgelegene Ecke hin.

Diese ganze Schererei, das heit die Beerdigung und alles brige nehme
ich auf mich. Wissen Sie, es kommt doch blo auf das Geld an, und ich
habe Ihnen doch gesagt, da ich berflssiges habe. Diese zwei
Sprlinge und diese Poletschka will ich in einer besseren Anstalt fr
Waisenkinder unterbringen und will fr jeden bis zur Volljhrigkeit
fnfzehnhundert Rubel in eine Bank einzahlen, so da Ssofja Ssemenowna
vollkommen unbesorgt sein kann. Auch sie will ich aus dem Pfuhle
herausziehen, denn sie ist ein gutes Mdchen, nicht wahr? Und so teilen
Sie Awdotja Romanowna mit, da ich ihre zehntausend in dieser Weise
verbraucht habe.

Welche Absichten verfolgen Sie bei diesen bergroen Guttaten? fragte
Raskolnikoff.

Ach! Sie mitrauischer Mensch! lachte Sswidrigailoff. -- Ich habe
doch gesagt, da dieses Geld bei mir berflssig liegt. Einfach aus
Menschlichkeit, das lassen Sie bei mir nicht gelten? Sie war doch keine
>Laus< gewesen -- (er zeigte mit dem Finger auf die Ecke, wo die
Verstorbene lag) -- wie irgendeine alte Wucherin. Gestehen Sie doch
selbst, -- >soll Luschin tatschlich weiterleben und Scheulichkeiten
verben, oder sie sterben?< Und wenn ich nicht helfe, so mu doch
Poletschka den nmlichen Weg gehen ...

Er sagte es spttisch mit zugekniffenen Augen und ohne den Blick von
Raskolnikoff abzuwenden. Raskolnikoff erbleichte, es durchzog ihn ein
Schauer, als er seine eigenen Worte wieder hrte, die er zu Ssonja
gesprochen hatte. Er fuhr zurck und blickte Sswidrigailoff fassungslos
an.

Wo--woher ... wissen Sie? flsterte er, kaum atmend.

Ich wohne ja hier, hinter der Wand bei Madame Rlich. Hier wohnt
Kapernaumoff und dort Madame Rlich, eine alte und sehr ergebene
Bekannte von mir. Ich bin ihr Nachbar.

Sie?

Ja, ich, fuhr Sswidrigailoff fort, sich vor Lachen schttelnd, und
ich kann Sie auf Ehre versichern, lieber Rodion Romanowitsch, da Sie
mich kolossal interessiert haben. Ich habe doch gesagt, da wir einander
nher kommen werden, ich habe es Ihnen vorausgesagt, -- nun sind wir
auch einander nher gekommen. Und Sie werden sehen, wie vertrglich ich
bin. Sie werden sehen, da es sich mit mir noch leben lt ...




                             Sechster Teil


                                   I.

Fr Raskolnikoff war eine merkwrdige Zeit angebrochen. -- Es war, als
wre pltzlich ein schwerer Nebel auf ihn herabgesunken und htte fr
ihn eine undurchdringliche und tiefe Einsamkeit beschlossen. Als er
spter, lange nachher, sich dieser Zeit entsann, dachte er es sich so,
da sein Bewutsein zeitweise sich verdunkelte und da dies mit wenigen
Unterbrechungen bis zur endgltigen Katastrophe gedauert hatte. Er war
vollkommen berzeugt, da er sich damals fters geirrt haben msse, zum
Beispiel in der Zeit und der Dauer verschiedener Ereignisse. Wenigstens,
als er sich spterhin auf dies oder jenes besinnen wollte und sich das
Erinnerte zu erklren versuchte, erfuhr er vieles ber sich selbst,
indem er sich nach den Mitteilungen richtete, die er von anderen
erhalten. So verwechselte er ein Ereignis z. B. mit einem anderen; ein
anderes hielt er fr die Folge eines Vorfalls, der nur in seiner
Einbildung existierte. Zuweilen erfate ihn eine qualvolle Unruhe, die
sich zu einem panischen Schrecken steigern konnte. Er entsann sich auch,
da es Minuten, Stunden, vielleicht sogar ganze Tage gab, die er im
Gegensatz zu der Angst, in vlliger Apathie verbrachte, -- eine Apathie,
die dem schmerzhaft gleichgltigen Zustand Sterbender hnlich war.
berhaupt trieb es ihn in diesen letzten Tagen, einem klaren und vollen
Verstndnis seiner Lage aus dem Wege zu gehen; alltgliche Dinge, die
eine unverzgliche Erledigung verlangten, lasteten auf ihm; wie froh
wre er dagegen gewesen, von manchen Sorgen sich befreien und loslsen
zu knnen, die im Falle ihrer Vernachlssigung ihm den vlligen,
unvermeidlichen Untergang bringen muten.

Am meisten beunruhigte ihn Sswidrigailoff, -- ja, man konnte sagen, da
Sswidrigailoff seine einzige Sorge war. Seit der Zeit, als er von
Sswidrigailoff in Ssonjas Zimmer, in Katerina Iwanownas Todesstunde die
drohenden und unzweideutigen Worte gehrt hatte, schien der gewhnliche
Flu seiner Gedanken gestrt zu sein. Und obgleich ihn diese neue
Tatsache uerst beunruhigte, beeilte sich Raskolnikoff nicht, die Sache
aufzuklren. Zuweilen, wenn er sich irgendwo in einem abgelegenen und
menschenleeren Stadtteile, in einem klglichen Restaurant an einem
Tische allein in Gedanken versunken vorfand und sich kaum entsann, wie
er hierher gekommen war, fiel ihm mit einem Male Sswidrigailoff ein, --
er sah nur zu deutlich ein, da er sich mglichst schnell mit diesem
Menschen verstndigen und zu einem Ende mit ihm kommen msse. Einmal,
als er vor die Stadt geraten war, bildete er sich sogar ein, da er hier
Sswidrigailoff erwarte, da sie hier eine Zusammenkunft verabredet
htten. Ein anderes Mal erwachte er vor Tagesanbruch irgendwo auf der
Erde im Gebsch und begriff nicht, wie er hierhergekommen war. In den
zwei, drei auf Katerina Iwanownas Tode folgenden Tagen hatte er ein
paarmal Sswidrigailoff getroffen, fast immer in der Wohnung Ssonjas,
wohin er ziellos, stets aber nur einen kurzen Augenblick gegangen war.
Sie wechselten stets einige kurze Worte und berhrten kein einziges Mal
den Hauptpunkt, als wre es zwischen ihnen so verabredet worden,
vorlufig darber zu schweigen. Die Leiche von Katerina Iwanowna lag
noch im offenen Sarge. Sswidrigailoff gab die Anordnungen fr die
Beerdigung und sorgte fr alles. Ssonja war auch sehr in Anspruch
genommen. Bei der letzten Begegnung hatte Sswidrigailoff ihm mitgeteilt,
da er die Frage bezglich der Kinder Katerina Iwanownas gelst habe und
sehr glcklich sei, da dank einiger Verbindungen alle drei Waisen
sofort in sehr anstndige Anstalten untergebracht werden knnten und da
das fr sie deponierte Geld viel dazu beigetragen habe, weil wohlhabende
Waisen leichter als arme unterzubringen seien. Er redete auch ber
Ssonja, versprach Raskolnikoff in den nchsten Tagen selbst aufzusuchen,
um sich mit ihm zu beraten, da in dieser Angelegenheit Notwendiges zu
besprechen sei.

Das Gesprch fand im Korridor, an der Treppe statt. Sswidrigailoff sah
unverwandt Raskolnikoff in die Augen und fragte ihn nach einigem
Schweigen mit gesenkter Stimme.

Was ist mit Ihnen, Rodion Romanowitsch, Sie sind so vollkommen
verndert? Wirklich! Sie hren zu und schauen einen dabei an, scheinen
aber nichts zu verstehen. Geben Sie acht auf sich. Wir wollen einmal
miteinander sprechen; schade nur, da ich jetzt so viel fr andere und
fr mich selbst zu tun habe ... Ach, Rodion Romanowitsch, fgte er
unmittelbar hinzu, alle Menschen brauchen Luft, Luft, Luft ... Vor
allen Dingen!

Er trat zur Seite, um den eben heraufkommenden Priester und den Kster
vorbeizulassen. Sie kamen, die Totenmesse zu halten. Sswidrigailoff
hatte angeordnet, da pnktlich zweimal am Tage Totenmessen abgehalten
wrden. Sswidrigailoff ging seinen Angelegenheiten nach und Raskolnikoff
blieb eine Weile stehen, dachte nach und folgte dann dem Priester in
Ssonjas Wohnung.

Er blieb an der Tre stehen. Der Gottesdienst begann leise, andchtig,
traurig. In dem Bewutsein, sterben zu mssen und in der Empfindung der
Gegenwart des Todes lag fr ihn stets, von frher Kindheit an, etwas
Schweres, Drckendes und Mystisches, und er hatte seit langem keiner
Totenmesse mehr beigewohnt. Auerdem peinigte ihn noch ein anderes
Gefhl. Er sah auf die Kinder, -- sie lagen alle vor dem Sarge auf den
Knien und Poletschka weinte. Hinter ihnen stand Ssonja, still und
schchtern weinend und betete.

Sie hat mich in diesen Tagen kein einziges Mal angeblickt und mir noch
kein Wort gesagt, dachte Raskolnikoff. Die Sonne beleuchtete hell das
Zimmer; der Weihrauch stieg in feinen Wolken empor; der Priester las
Gott schenke dir Ruhe ... Raskolnikoff blieb whrend des ganzen
Gottesdienstes. Als der Priester den Segen erteilte und sich
verabschiedete, blickte er sich eigentmlich um. Nach Beendigung der
Messe trat Raskolnikoff an Ssonja heran. Sie nahm pltzlich seine beiden
Hnde und lehnte den Kopf an seine Schulter. Diese kurze Bewegung
berraschte ihn. Wie? war es mglich? -- Nicht der geringste Widerwille,
nicht der geringste Ekel ihm gegenber, nicht das leiseste Beben ihrer
Hand. War das nicht eine grenzenlose Demtigung seines eigenen Ichs. In
dieser Weise fate er es auf. Ssonja sagte nichts und Raskolnikoff
drckte ihr nur die Hand und ging fort. Ihm war schwer zumute. Htte er
in diesem Augenblicke irgendwohin gehen knnen, um vllig allein zu
bleiben, und selbst frs ganze Leben, er wrde sich glcklich gepriesen
haben. Trotzdem er in der letzten Zeit fast immer allein war, war er
nicht imstande, ein Frsichsein zu empfinden. Er ging fters auerhalb
der Stadt auf Landwegen herum, einmal sogar war er in einen Wald
geraten, aber je einsamer der Ort war, desto strker empfand er die
beunruhigende Nhe von irgend etwas, das wohl nichts furchterweckendes,
wohl aber etwas belstigendes war, so da er jedesmal schneller in die
Stadt zurckkehrte, sich unter die Menschen mischte, in Restaurants oder
Schenken ging, den Trdelmarkt oder den Heumarkt aufsuchte. Hier ward es
ihm leichter und hier fhlte er sich allein. Eines Tages war er in einer
Schenke, wo man kurz vor Abend zu singen begann; er blieb eine ganze
Stunde sitzen, hrte zu und erinnerte sich, da ihm dies wohlgetan
hatte. Zum Schlu aber wurde er wieder unruhig, als ob sein Gewissen
wach wrde. Ich sitze hier und hre zu, wie gesungen wird, habe ich
denn nichts anderes zu tun! dachte er mit einemmale. Es wurde ihm bald
klar, da nicht dieser Umstand ihn allein beunruhige; es gab etwas
anderes, das eine unverzgliche Lsung verlangte, was er aber sich weder
klar vorstellen, noch durch Worte wiedergeben konnte. Alles verwickelte
sich zu einem Knuel. Nein, es ist doch besser, einen Kampf zu fhren!
Mag Porphyri Petrowitsch wieder auftreten ... oder Sswidrigailoff ...
Mag nun wieder eine Herausforderung, ein Angriff erfolgen ... Ja! Ja!
-- Er verlie die Schenke und lief fast nach Hause. Der Gedanke an Dunja
und die Mutter jagte ihm pltzlich eine panische Angst ein.

Es war in der Nacht, aber der Morgen graute schon, als er auf der
Krestowski-Insel im Gebsch frstelnd vor Fieber erwachte; er ging nach
Hause. Nach einigen Stunden Schlaf war das Fieber vorber, er erwachte
sehr spt, -- es war zwei Uhr nachmittags.

Es kam ihm wieder in Erinnerung, da Katerina Iwanowna heute beerdigt
werden sollte, und er war froh, da er nicht zugegen sein mute.
Nastasja brachte ihm etwas zu essen; er a und trank mit groem Appetit,
fast mit einem Heihunger. Sein Kopf wurde frischer, er selbst ruhiger,
als in diesen letzten drei Tagen. Er wunderte sich sogar flchtig ber
die frheren Anflle seiner panischen Angst. Da ffnete sich die Tre
und Rasumichin trat herein.

Ah! Du it, so bist du auch nicht krank! sagte Rasumichin, nahm einen
Stuhl und setzte sich an den Tisch, Raskolnikoff gegenber. Er war
aufgeregt und versuchte nicht, es zu verbergen und sprach mit sichtbarem
rger, aber ohne sich zu berhasten und ohne die Stimme besonders zu
erheben. Man konnte denken, da ihn eine ganz bestimmte Absicht
herfhre. Hre, begann er entschlossen, ich kehre mich den Teufel um
euch alle und zwar, weil ich jetzt sehe, deutlich sehe, da ich nichts
davon verstehen kann; bitte, glaube nicht, da ich gekommen bin, dich
auszufragen. Ich pfeife darauf! Ich will es gar nicht wissen! Und wenn
du mir jetzt selbst alles anvertrauen, alle eure Geheimnisse entdecken
wolltest, ich wrde sie vielleicht nicht mal anhren, ich pfeife auf
alles und gehe fort. Ich bin nur gekommen, um persnlich und endgltig
zu erfahren, ob es wahr ist, da du verrckt bist? Siehst du, es besteht
die Meinung ber dich, -- irgendwo, das ist ja einerlei -- da du
mglicherweise verrckt bist, jedenfalls aber starke Anlagen dazu
habest. Ich mu dir gestehen, ich selbst war stark geneigt, diese
Meinung zu teilen, erstens wegen deiner dummen und zum Teil schmhlichen
Handlungen, die durch nichts erklrt werden knnen, und zweitens wegen
deines krzlichen Benehmens deiner Mutter und Schwester gegenber. Nur
ein Scheusal und ein Schuft, oder ein Wahnsinniger konnte sie in dieser
Weise behandeln, wie du sie behandelt hast; folglich bist du wahnsinnig
...

Hast du sie lange nicht gesehen?

Ich war soeben bei ihnen. Und du hast sie seit dieser Zeit nicht mehr
gesehen? Sage mir bitte, wo treibst du dich herum, ich bin schon dreimal
bei dir gewesen. Deine Mutter ist seit gestern ernstlich erkrankt. Sie
wollte zu dir gehen; Awdotja Romanowna hielt sie davon ab; doch sie
wollte auf nichts hren. >Wenn er krank ist,< sagte sie, >wenn sein
Geist gestrt ist, wer soll ihm denn helfen, wenn nicht die eigene
Mutter?< So kamen wir alle hierher, denn wir konnten sie doch nicht
allein gehen lassen. Bis zu deiner Tr haben wir sie gebeten, sich zu
beruhigen. Wir traten in dein Zimmer, da warst du nicht da; hier, auf
diesem Platz, hat sie gesessen. Sie sa ber zehn Minuten da, wir
standen schweigend in ihrer Nhe. Sie stand dann auf und sagte, -- >wenn
er ausgeht, ist er gesund und hat die Mutter vergessen; es ist unpassend
und eine Schande fr eine Mutter, weiter noch an der Schwelle zu stehen
und um Liebkosung, wie um ein Almosen zu betteln<. Sie kehrte nach Hause
zurck, mute sich zu Bett legen und liegt jetzt im Fieber. >Ich sehe,<
sagte sie, >fr die _Seine_ hat er Zeit.< Sie meinte mit der _Seinen_
Ssofja Ssemenowna, deine Braut oder deine Geliebte, ich wei es nicht.
Ich ging sofort zu Ssofja Ssemenowna, denn ich wollte alles erfahren,
Bruder; ich komme hin und sehe, -- ein Sarg steht dort, die Kinder
weinen, Ssofja Ssemenowna probiert ihnen Trauerkleider an, du bist aber
nicht da. Ich sah das alles an, entschuldigte mich und ging fort und
habe Awdotja Romanowna alles erzhlt. Alles ist Unsinn und es gibt gar
keine >_Seine_,< also ist es ganz Wahnsinn. Doch jetzt sitzest du hier
und frit gekochtes Fleisch, als httest du drei Tage nichts gegessen.
Es ist wahr, Wahnsinnige essen auch und du hast kein Wort mit mir
gesprochen, du bist aber ... nicht verrckt. Das kann ich beschwren.
Unter keinen Umstnden verrckt. Also, hol euch alle der Teufel, es
steckt etwas dahinter, es gibt irgendein Geheimnis, und ich habe keine
Lust, ber eure Geheimnisse mir den Kopf zu zerbrechen. Ich bin blo
gekommen, zu schimpfen, schlo er und stand auf, mir Luft zu machen
und nun wei ich, was ich zu tun habe!

Was willst du jetzt tun?

Was geht es dich an, was ich jetzt tun will?

Gib acht, du fngst zu trinken an!

Woher ... woher weit du das?

Das ist leicht zu erraten!

Rasumichin schwieg eine Weile.

Du warst immer ein sehr vernnftiger Mensch und nie, niemals warst du
verrckt, bemerkte er pltzlich voll Eifer. Das stimmt, -- ich werde
anfangen zu trinken! Lebwohl!

Und er schickte sich an zu gehen.

Vorgestern, glaube ich, habe ich von dir mit der Schwester gesprochen,
Rasumichin.

Von mir! Ja ... wo konntest du sie denn vorgestern gesehen haben?
Rasumichin blieb stehen und wurde ein wenig bla.

Man konnte bemerken, wie sein Herzschlag langsamer und schwerer ging.

Sie war hierhergekommen, allein, sa hier und sprach mit mir.

Sie!

Ja, sie!

Was hast du denn gesprochen ... ich will sagen, -- von mir?

Ich sagte ihr, da du ein sehr guter, ehrlicher und arbeitsamer Mensch
seist. Da du sie liebst, habe ich ihr nicht gesagt, denn das wei sie
selbst.

Sie wei es selbst?

Nun, und ob! Wohin ich auch reisen mag, was mit mir auch geschehen mag,
-- du wrdest bei ihnen, als ihre Vorsehung, bleiben. Ich bergab sie
beide deiner Obhut, Rasumichin. Ich sage es, weil ich sehr gut wei, wie
du sie liebst und weil ich von der Reinheit deines Herzens berzeugt
bin. Ich wei auch, da auch sie dich lieben kann und vielleicht sogar
schon liebt. Jetzt beschliee selbst, wie es dir am besten erscheint, --
ob du trinken willst oder nicht?

Rodja ... Siehst du ... Nun ... Ach, Teufel! Wohin willst du aber
gehen? Siehst du, wenn es ein Geheimnis ist, la es! Aber ich ... ich
werde das Geheimnis erfahren ... Und bin berzeugt, da es sicher
irgendein Unsinn und eine lcherliche Kleinigkeit ist, und da du allein
dir alles andere eingebrockt hast. Im brigen aber bist du ein
ausgezeichneter Mensch! Ein ausgezeichneter Mensch! ...

Und ich wollte gerade hinzufgen, da hast du mich aber unterbrochen,
da du vorhin sehr gut und richtig geuert hast, diese Geheimnisse
nicht erfahren zu wollen. La es vorlufig sein, rege dich nicht auf. Du
wirst alles rechtzeitig zu wissen bekommen und dann, wenn es ntig sein
wird. Gestern hat ein Mann zu mir gesagt, da die Menschen Luft
brauchen, Luft, Luft! Ich will gleich zu ihm hingehen und erfahren, was
er darunter versteht.

Rasumichin stand in Gedanken versunken, aufgeregt schien er ber etwas
nachzudenken.

Er ist ein politischer Verschwrer! Sicher! Und er steht vor einem
entscheidenden Schritt, -- das ist auch sicher! Anders kann es nicht
sein und ... Dunja wei es ... dachte er.

Also zu dir kommt Awdotja Romanowna, sagte er und betonte jedes Wort,
und du selbst willst einen Menschen treffen, der da sagt, da mehr Luft
ntig sei, mehr Luft und ... und, also hngt auch dieser Brief ...
irgendwie damit zusammen.

Was fr ein Brief?

Sie hat einen Brief erhalten, heute; der hat sie sehr aufgeregt. Sehr.
Fast zu sehr ... Als ich von dir zu sprechen anfing, -- bat sie mich zu
schweigen. Dann ... dann sagte sie, da wir uns vielleicht sehr bald
trennen mten, und begann mir fr etwas hei zu danken; ging darauf in
ihr Zimmer und schlo sich ein.

Sie hat einen Brief erhalten? wiederholte Raskolnikoff nachdenklich.

Ja, einen Brief, und du weit nichts davon? Hm! Beide schwiegen eine
Weile.

Lebwohl, Rodion. Ich, Bruder ... es gab eine Zeit ... brigens aber,
lebwohl; siehst du, es gab eine Zeit ... Nun, lebwohl! Ich mu auch
gehen. Ich werde nicht trinken. Jetzt ist es nicht mehr ntig ... wird
nicht gemacht!

Er hatte Eile, aber als er schon drauen war und die Tre fast
geschlossen hatte, ffnete er sie pltzlich wieder und sagte, indem er
zur Seite blickte:

Apropos! Erinnerst du dich dieses Mordes, der Sache, die Porphyri
Petrowitsch fhrt, -- der Ermordung der Alten? Nun, du sollst wissen,
da der Mrder gefunden ist, er hat alles eingestanden und alle Beweise
geliefert. Stell dir vor, es ist einer von denselben Arbeitern, den
Anstreichern, die ich -- erinnerst du dich -- noch bei dir im Zimmer
verteidigte. Kannst du es glauben, er hat diese ganze Szene mit der
Schlgerei und dem Lachanfall auf der Treppe mit seinem Kameraden, als
der Hausknecht und die zwei Zeugen hinaufgingen, -- absichtlich
vorgefhrt und zwar um jeden Verdacht von sich abzulenken. Welch eine
Schlauheit, welch eine Geistesgegenwart in so einem jungen Hunde steckt!
Es ist schwer zu glauben; er hat aber selbst die Sache aufgeklrt, alles
selbst eingestanden! Und wie ich hereingefallen bin! Nun, meiner Ansicht
nach ist er blo ein Genie der Verstellung und Geschicklichkeit, ein
Genie gegenber juristischer Verhrskunst, -- folglich ist hier nichts
staunenswertes! Kann es denn nicht auch solche Genies geben? Und weil er
es nicht bis zu Ende durchgefhrt, sondern eingestanden hat, aus dem
Grunde glaube ich ihm noch mehr. Es ist berzeugender! ... Aber wie ich
damals hereingefallen bin! Ich kletterte ja um ihretwillen an die Wnde
hinauf!

Sage mir bitte, woher hast du es erfahren, und warum interessiert es
dich so sehr? fragte ihn Raskolnikoff sichtbar erregt.

Nun, was frgst du blo! Warum sollte es mich nicht interessieren! Das
ist auch eine Frage! ... Ich habe es unter anderem von Porphyri
Petrowitsch erfahren. brigens, ich habe fast alles durch ihn erfahren.

Von Porphyri Petrowitsch?

Ja, von Porphyri Petrowitsch.

Was ... was meint er? fragte Raskolnikoff angstvoll.

Er hat es mir ausgezeichnet erklrt. Psychologisch erklrt, auf seine
Weise.

Er hat es dir erklrt? Er hat es dir selbst erklrt?

Ja, selbst, selbst; lebwohl! Ich will dir spter noch mehr erzhlen,
jetzt aber habe ich zu tun. Ja ... es gab eine Zeit, wo ich glaubte ...
Nun, was ist da zu reden ... spter davon ... Warum soll ich jetzt
anfangen zu trinken. Du hast mich auch ohne Wein betrunken gemacht. Ich
bin ja betrunken, Rodja! Ohne Wein bin ich betrunken; nun, aber lebwohl!
Ich komme zu dir. Sehr bald.

Er ging hinaus.

Er ist, er ist ein politischer Verschwrer, das ist sicher, das steht
fest! sagte sich Rasumichin endgltig, indem er langsam die Treppe
hinabstieg. Und die Schwester hat er auch hineingezogen; das ist sehr,
sehr begreiflich bei dem Charakter von Awdotja Romanowna. Sie haben
Zusammenknfte ... Und sie hat es mir auch angedeutet. Aus vielen ihrer
Worte ... und Andeutungen ... und Anspielungen ergibt sich dies alles!
Ja, wie kann man denn sonst diesen ganzen Wirrwarr erklren? Hm! Und ich
dachte ... Oh, Gott, was ich gemeint habe. Ja, das war eine Verblendung
und ich habe gefehlt vor ihm! Damals bei der Lampe im Korridor hat er
mich verwirrt und verblendet! Pfui! Welch ein hlicher, roher, gemeiner
Gedanke von mir! Nikolai ist ein braver Bursche, da er es eingestanden
hat ... Und wie sich jetzt alles Vorhergegangene leicht erklren lt!
Seine Krankheit damals, alle seine sonderbaren Handlungen, auch frher
schon, in der Universitt noch, als er immer so dster und verschlossen
war ... Aber was bedeutet jetzt dieser Brief? Hier steckt vielleicht
auch etwas dahinter. Von wem ist dieser Brief? Ich habe einen Verdacht
... Hm! Nein, ich will alles erfahren.

Da erinnerte er sich an Dunetschka, und sein Herz blieb ihm fast
stillstehen. Er ri sich von seinen Gedanken los und lief weiter.

                   *       *       *       *       *

Kaum war Rasumichin fortgegangen, so stand Raskolnikoff auf, wandte sich
zum Fenster, ging von einer Ecke in die andere, als htte er die Enge
seiner Kammer vergessen, und ... setzte sich wieder auf das Sofa hin. Er
schien ganz wie ausgewechselt zu sein; wieder -- hatte sich ein Ausweg
gefunden!

Ja, es hat sich ein Ausweg gefunden! sagte er sich. Alles war schon zu
vollgestopft, es hatte angefangen, ihn qualvoll zu drcken, ein
frmlicher Taumel hatte ihn berfallen. Seit dem Auftritte mit Nikolai
bei Porphyri Petrowitsch vermeinte er, ohne einen Ausweg ersticken zu
mssen. Nach Nikolai folgte am selben Tage der Auftritt bei Ssonja; er
hatte ihn nicht so, wie er's sich vorgenommen, begonnen und durchgefhrt
... also hatte ihn die Schwche pltzlich und vollstndig bermannt! Mit
einemmale! Er war ja doch damals mit Ssonja einverstanden, aus vollem
Herzen einverstanden, da er mit solch einer Sache auf der Seele allein
nicht leben knne! Und Sswidrigailoff? Sswidrigailoff ist ein Rtsel ...
Sswidrigailoff beunruhigt ihn, das ist wahr, aber nicht nach dieser
Richtung hin. Mit Sswidrigailoff steht vielleicht auch ein Kampf bevor.
Mit Sswidrigailoff gibt es vielleicht auch einen Ausweg, mit Porphyri
Petrowitsch -- das ist freilich eine andere Sache.

Aber Porphyri Petrowitsch hat selbst Rasumichin alles erklrt,
_psychologisch_ ihm erklrt! Wieder fngt er mit seiner verfluchten
Psychologie an! Porphyri Petrowitsch? Was, Porphyri Petrowitsch soll
auch nur einen Augenblick geglaubt haben, da Nikolai schuldig sei, --
nach allem, was zwischen ihnen beiden vorgefallen war, vor Nikolais
Erscheinen, nach jenem Auftritt, Auge in Auge, fr den man keine andere
Erklrung finden konnte, auer _einer einzigen_? -- (Raskolnikoff war
einigemal in diesen Tagen dieser Auftritt mit Porphyri Petrowitsch in
der Erinnerung stckweise vorgeschwebt; sich des Auftritts in seiner
ganzen Bedeutung zu erinnern, htte er nicht ertragen knnen.) --
Whrend dieser Szene hatten sie beide Worte gewechselt, waren Bewegungen
und Gesten vorgekommen, Blicke getauscht, war einiges in einem Tone
gesagt worden, und die ganze Szene hatte einen Charakter angenommen, da
auf keinen Fall ein Nikolai, -- den Porphyri Petrowitsch doch sofort
beim ersten Worte und bei der ersten Bewegung richtig erkannt hatte, --
die Grundlage seiner berzeugung erschttern konnte.

Wie weit war es aber auch schon gekommen! Sogar Rasumichin hatte
begonnen, Verdacht zu schpfen! Die Szene im Korridor bei der Lampe ist
an ihm nicht spurlos vorbergeglitten. Er ist doch zu Porphyri
Petrowitsch hingelaufen ... Aber aus welchem Grunde will jener ihn
irrefhren? Was hat er fr einen Zweck, Rasumichin auf Nikolai zu
bringen? Er hat unbedingt etwas vor; er verfolgt damit bestimmte Zwecke,
aber welcher Art sind sie? Es ist wahr, seit diesem Morgen ist viel Zeit
vergangen, -- viel zu viel Zeit und von Porphyri Petrowitsch habe ich
weder etwas gehrt, noch gesehen. Das ist sicher kein gutes Zeichen ...

Raskolnikoff nahm seine Mtze, versank in Gedanken und schickte sich an,
das Zimmer zu verlassen. Es war der erste Tag, whrend dieser ganzen
Zeit, da er sich wenigstens bei gesundem Bewutsein fhlte. Ich mu
dieser Sache mit Sswidrigailoff ein Ende machen, -- dachte er, -- um
jeden Preis und mglichst schnell; er scheint zu erwarten, da ich
selbst zu ihm komme. -- In diesem Augenblicke entstand in seinem
bedrckten Herzen ein wilder Ha, da er einen von beiden, --
Sswidrigailoff oder Porphyri Petrowitsch htte ermorden knnen. Er
fhlte wenigstens, da er, wenn nicht jetzt, so spter, imstande sei, es
zu tun. -- Wir wollen sehen, wir wollen sehen, wiederholte er vor
sich. --

Als er aber gerade die Tre zur Treppe ffnete, stie er mit Porphyri
Petrowitsch zusammen. Der kam zu ihm. Raskolnikoff war im ersten
Augenblick erstarrt. Aber sonderbar, sein Staunen ber Porphyris
Erscheinen und sein Schrecken waren gering. Er zuckte blo zusammen,
sammelte sich aber sofort augenblicklich. Vielleicht ist es die Lsung!
Aber wie leise er gekommen war, wie eine Katze, ich habe ihn nicht
gehrt! Hat er etwa gelauscht?

Sie haben diesen Besuch nicht erwartet, Rodion Romanowitsch, rief
Porphyri Petrowitsch lachend. Wollte schon lange Sie aufsuchen; ging
nun vorbei und dachte mir, -- warum soll ich nicht auf fnf Minuten
hinaufgehen. Sie wollen ausgehen? Ich will Sie nicht aufhalten. Blo auf
eine Zigarette, wenn Sie gestatten.

Ja, nehmen Sie Platz, Porphyri Petrowitsch, nehmen Sie bitte Platz,
Raskolnikoff bot seinem Besuche mit solch einer sichtlich zufriedenen
und freundschaftlichen Miene einen Platz an, da er ber sich selbst
verwundert gewesen wre, wenn er sich htte sehen knnen.

Es war auch der letzte Rest seiner Kraft. So hegt ein Mensch eine halbe
Stunde lang tdliche Angst vor dem Ruber, wenn aber das Messer ihm
endgiltig an die Kehle gesetzt wird, schwindet die Angst. Er setzte sich
Porphyri Petrowitsch gegenber und blickte ihn, ohne die Augen fr einen
Moment abzuwenden, an. Porphyri Petrowitsch kniff die Augen zusammen und
steckte sich eine Zigarette an.

Nun, sprich, sprich doch, schien es aus dem Herzen Raskolnikoffs
herauszurufen. -- Nun, warum redest, warum redest du nicht?


                                  II.

Nehmen wir einmal die Zigaretten! sagte endlich Porphyri Petrowitsch,
nachdem er die Zigarette angesteckt und Atem geholt hatte, sie sind
schdlich, ganz und gar schdlich, ich kann sie aber nicht lassen! Ich
huste, im Halse beginnt es zu kratzen und ich leide an Atemnot. Wissen
Sie, ich bin ngstlich, war vor ein paar Tagen bei B. gewesen, -- er
untersucht jeden Kranken, minimum, eine halbe Stunde; er lachte, als er
mich sah, -- dann hat er mich beklopft und ausgehorcht und sagte unter
anderem, da Tabak fr mich nicht gut sei, meine Lungen seien erweitert.
Und, wie kann ich das Rauchen lassen? Wodurch soll ich es ersetzen? Ich
trinke nicht, das ist das ganze Unglck, he--he--he, es ist ein Unglck,
da ich nicht trinke! Alles ist doch wie man's nimmt, Rodion
Romanowitsch, wie man's nimmt!

Was fngt er wieder mit seinem alten Kram an? dachte Raskolnikoff voll
Widerwillen. Die ganze letzte Szene stieg vor ihm auf und dasselbe
Gefhl wie damals berflutete wie eine Welle sein Herz.

Ich war schon einmal bei Ihnen, vorgestern abend. Sie wissen es nicht?
fuhr Porphyri Petrowitsch fort und blickte sich im Zimmer um, ich war
in demselben Zimmer gewesen. Ich ging ebenso, wie heute, vorbei und
dachte, -- ich will ihm mal eine Gegenvisite machen. Komme hierher, das
Zimmer steht weit offen; ich sah mich um, wartete eine Weile, habe mich
nicht mal Ihrem Dienstmdchen gemeldet -- und ging wieder fort. Sie
schlieen das Zimmer nicht ab?

Raskolnikoffs Gesicht verfinsterte sich immer mehr. Porphyri Petrowitsch
schien seine Gedanken zu erraten. Ich bin gekommen, lieber Rodion
Romanowitsch, Ihnen eine Erklrung zu geben. Ich bin Ihnen eine solche
schuldig, fuhr er mit einem Lcheln fort und schlug ihm mit der Hand
leicht auf das Knie, aber zu gleicher Zeit nahm sein Gesicht einen
ernsten und besorgten Ausdruck an, es schien, zu Raskolnikoffs
Erstaunen, wie mit Trauer umflort. Er hatte noch nie bei Porphyri
Petrowitsch solch einen Ausdruck gesehen und ihn auch nicht bei ihm
vermutet. -- Eine merkwrdige Szene hat sich das letzte Mal zwischen
uns abgespielt, Rodion Romanowitsch. Ich gestehe, da es vielleicht auch
bei unserer ersten Zusammenkunft sonderbar hergegangen ist, aber damals
... Nun, jetzt kommt es auf dasselbe hinaus! Hren Sie, ich habe eine
groe Schuld Ihnen gegenber, ich fhle es. Erinnern Sie sich, wie wir
uns trennten, -- bei Ihnen vibrierten die Nerven und zitterten die Knie,
auch bei mir vibrierten die Nerven und zitterten die Knie. Und wissen
Sie, es war auch zwischen uns damals nicht ganz anstndig, nicht
gentlemanlike zugegangen. Wir sind aber doch Gentlemen, das heit in
jedem Falle und vor allen Dingen Gentlemen; das ist im Auge zu behalten.
Sie erinnern sich doch, wie weit es kam ... geradezu unanstndig.

Was ist mit ihm, fr wen hlt er mich denn? fragte sich Raskolnikoff
verwundert, indem er den Kopf erhob und Porphyri Petrowitsch aufmerksam
anblickte.

Ich bin zu der Ansicht gekommen, da es besser fr uns ist, jetzt in
aller Offenheit zu verhandeln, fuhr Porphyri Petrowitsch fort, seinen
Kopf ein wenig zurckwerfend und die Augen senkend, als wnsche er nicht
mehr durch seinen Blick sein frheres Opfer zu verwirren, und als
verschmhe er seine frhere Methode und seine Kniffe; -- ja, solche
Verdchtigungen und solche Szenen drfen nicht andauern. Uns hat damals
Nikolai erlst, sonst wte ich nicht, was alles zwischen uns passiert
wre. Dieser verfluchte Kleinbrger sa damals die ganze Zeit bei mir
hinter der Scheidewand, -- knnen Sie es sich vorstellen? Sie wissen es
sicher schon; es ist mir bekannt, da er spter bei Ihnen gewesen ist;
das aber, was Sie damals annahmen, war nicht der Fall, -- ich hatte nach
keinem Menschen geschickt und hatte damals auch keine Anordnungen
getroffen! Sie werden mich fragen, warum ich keine Anordnungen getroffen
hatte? Ja, wie soll ich es sagen, -- mich selbst hat dieses alles damals
berfallen. Ich hatte kaum Zeit gefunden, die Hausknechte holen zu
lassen, -- Sie haben die Hausknechte wahrscheinlich bemerkt, als Sie
durch das Vorzimmer gingen. -- Ein Gedanke durchfuhr mich damals, wie
ein Blitz, -- ich war, sehen Sie, Rodion Romanowitsch, damals so gut wie
berzeugt. Warte, dachte ich mir, -- wenn ich auch vorlufig das eine
versume, so packe ich dafr das andere am Schwanz, -- will jedenfalls
das meinige nicht versumen. Sie sind von Natur aus sehr reizbar, Rodion
Romanowitsch, sogar bermig reizbar bei allen anderen Grundzgen Ihres
Charakters und Herzens, die ich mir schmeichle teilweise erkannt zu
haben. Selbstverstndlich konnte ich mir auch damals schon sagen, da es
nicht oft der Fall sei, da ein Mensch pltzlich aufsteht und sein
ganzes Geheimnis ausplaudert. Das kommt wohl vor, besonders, wenn einem
Menschen die letzte Geduld reit, aber jedenfalls immerhin selten. Ja,
das konnte ich mir sagen. Ich dachte, wenn ich blo ein Zipfelchen
erwische! Meinetwegen ein ganz winziges Endchen, nur ein einziges, aber
ein derartiges, da man es fassen kann, da es ein Ding ist und nicht
immer blo diese Psychologie. Dann dachte ich mir, wenn ein Mensch
schuldig ist, so kann man jedenfalls etwas wesentliches von ihm
erwarten; es ist selbst statthaft, auch auf ein ganz unerwartetes
Resultat zu rechnen. Ich habe damals mit Ihrem Charakter gerechnet,
Rodion Romanowitsch, am meisten mit Ihrem Charakter! Ich hoffte damals
zu stark auf Sie selbst.

Aber ... aber warum sprechen Sie jetzt in dieser Weise, murmelte
Raskolnikoff endlich, ohne seine eigene Frage sich zu berlegen. --
Worber spricht er, verlor er sich in Mutmaungen, hlt er mich
tatschlich fr unschuldig?

Warum ich in dieser Weise spreche? Ich bin gekommen, Ihnen Erklrungen
zu geben, halte es fr meine heilige Pflicht. Ich will Ihnen alles bis
aufs haarkleinste erzhlen, wie alles war, diese ganze Geschichte der
damaligen Verblendung. Ich habe Ihnen viel Leid zugefgt, habe Sie stark
leiden lassen, Rodion Romanowitsch. Ich bin kein so groes Scheusal. Ich
begreife auch, was es fr einen niedergedrckten, aber stolzen,
eigenartigen und ungeduldigen, besonders ungeduldigen Menschen heit,
dies alles ertragen zu mssen. Ich halte Sie in jedem Falle fr einen
edlen Menschen, mit gromtiger Veranlagung, obgleich ich nicht mit
allen Ihren berzeugungen einverstanden bin und ich halte es fr meine
Pflicht im voraus, offen und aufrichtig Ihnen das zu sagen, ich will Sie
nicht betrgen. Nachdem ich Sie erkannt hatte, fhlte ich eine Neigung
zu Ihnen. Sie werden wohl ber meine Worte lachen? Und Sie haben ein
Recht dazu. Ich wei, da Sie mich auf den ersten Blick schon nicht
leiden konnten, und im Grunde genommen ist auch nichts an mir, warum man
mich gern haben knnte. Fassen Sie es jedoch auf, wie Sie wollen, ich
wnsche meinerseits mit allen Mitteln, diesen Eindruck von mir zu
verwischen und Ihnen zu beweisen, da auch ich ein Mensch mit einem
Herzen und einem Gewissen bin. Und dies sage ich aufrichtig.

Porphyri Petrowitsch hielt wrdevoll inne. Raskolnikoff fhlte den
Andrang eines neuen Schreckens. Der Gedanke, da Porphyri Petrowitsch
ihn fr unschuldig hielt, begann ihn zu peinigen.

Ich denke, es ist unntig und berflssig, alles der Reihenfolge nach
zu erzhlen, wie es damals begonnen hatte, fuhr Porphyri Petrowitsch
fort. Ja, und es ist fraglich, ob ich imstande bin, es zu tun. Denn,
wie soll man es genau erklren? Im Anfange tauchten Gerchte auf.
Darber, was es fr Gerchte waren, und von wem sie stammten, und wann
... und aus welchem Anla eigentlich Sie hineingezogen wurden, -- ist
auch, denke ich, berflssig zu erwhnen. Bei mir persnlich fing es mit
einer Zuflligkeit, mit einer vllig unvorgesehenen Zuflligkeit an, die
ebenso gut sein wie nicht sein konnte, -- was es aber war? Hm, ich
denke, dies ist auch nicht zu erwhnen. Dies alles, wie die Gerchte, so
auch die Zuflligkeiten, schmolzen sich bei mir zu einem Gedanken
zusammen. Ich mu offen gestehen, denn, wenn man schon einmal
eingesteht, soll es auch alles sein, -- ich war der erste, der auf Sie
damals kam. Die Vermerke der Alten auf den versetzten Sachen und
dergleichen mehr sind, ich gebe es zu, alles Unsinn. In dieser Weise
kann man hundert solche Dinge aufzhlen. Ich hatte auch damals die
Gelegenheit, die Szene auf dem Polizeibureau in allen ihren Einzelheiten
zu erfahren, ebenfalls zufllig und nicht sozusagen im Vorbeigehen,
sondern von einem besonders zuverlssigen Erzhler, der ohne es selbst
zu ahnen, diese Szene vortrefflich aufgefat hatte. So reihte sich alles
eins ans andere, gesellte sich eins zu dem andern, lieber Rodion
Romanowitsch! Und wie sollte man da sich nicht nach einer bestimmten
Richtung wenden? Aus hundert Kaninchen wird nie ein Pferd, aus hundert
Verdachtsgrnden kommt nie ein Beweis heraus, -- so lautet ein
englisches Sprichwort, aber da rechnet man blo mit dem Intellekte, man
soll jedoch auch mit den Leidenschaften rechnen, denn ein
Untersuchungsrichter ist doch auch nur ein Mensch. Ich erinnerte mich
auch Ihrer Abhandlung in der Zeitschrift, ber die ich mit Ihnen --
erinnern Sie sich -- bei Ihrem ersten Besuch eingehend sprach. Ich habe
damals gespottet, aber nur um von Ihnen mehr herauszulocken. Ich
wiederhole, Sie sind ungeduldig und sehr krank, Rodion Romanowitsch. Da
Sie khn, herausfordernd, ernst sind und ... vieles durchgedacht, vieles
durchgedacht haben, das alles wute ich lngst. Alle diese Empfindungen
kenne ich, und Ihre kleine Abhandlung habe ich wie etwas Wohlvertrautes
gelesen. In schlaflosen Nchten und in Aufregungen mit wogendem und
klopfendem Herzen, mit unterdrcktem Enthusiasmus ist diese Arbeit
entstanden. Aber dieser unterdrckte, stolze Enthusiasmus in jungen
Jahren ist gefhrlich! Ich habe damals gespottet, will Ihnen aber jetzt
sagen, da ich berhaupt solche ersten, jugendlichen, hitzigen Versuche
mit der Feder ber alles das gewissermaen als Amateur liebe. Ein Rauch,
ein Nebel ist es, und im Nebel klingt eine Saite. Ihr Artikel ist
unsinnig und phantastisch, aber darin schimmert solch eine
Aufrichtigkeit, darin steckt ein jugendlicher und unbestechlicher Stolz,
eine Khnheit der Verzweiflung; es ist ein finsterer Artikel, und das
ist seine Strke. Ich las Ihren Artikel und legte ihn beiseite, und ...
als ich ihn beiseite gelegt hatte, dachte ich schon damals, >nun, mit
diesem Menschen geht es nicht so weiter!< Nun, sagen Sie mir jetzt, wie
sollte man sich da nach all dem Vorangegangenen von dem Darauffolgenden
nicht hinreien lassen! Ach, mein Gott! Was sage ich denn jetzt?
Behaupte ich denn jetzt etwas? Ich habe es mir damals blo gemerkt. Was
ist denn alles dabei, -- dachte ich? Es ist ja nichts, rein gar nichts,
und vielleicht im hchsten Grade ein Nichts. Ja, und es ziemt sich ganz
und garnicht fr mich, den Untersuchungsrichter, mich so hinreien zu
lassen, -- ich habe doch Nikolai in den Hnden, und mit Beweisen, -- es
ist gleichgiltig, wie man darber denkt, Beweise sind es in jedem Fall.
Und er hat auch seine Psychologie; ich mu mich mit ihm beschftigen,
denn es handelt sich hier um Tod und Leben. Wozu erklre ich Ihnen jetzt
dies alles? Damit Sie es wissen und mich mit Ihrem Verstande und Herzen
wegen meines damaligen bsen Benehmens nicht anklagen sollen. Es war
nicht bse gemeint, ich sage es aufrichtig, he--he--he! Meinen Sie etwa,
da ich keine Haussuchung bei Ihnen vorgenommen htte? Ich habe es
getan, habe es getan, he--he--he, habe sie vorgenommen, als Sie krank im
Bett lagen. Es war nicht offiziell und nicht von mir persnlich, aber in
jedem Fall, sie wurde vorgenommen. Bis aufs letzte Haar wurde bei Ihnen
in der Wohnung alles, sogar nach frischen Spuren, besehen, -- aber
umsonst. Da dachte ich, -- jetzt kommt dieser Mensch zu mir, kommt
selbst und sehr bald zu mir; wenn er schuldig ist, wird er unbedingt
kommen. Ein anderer wrde nicht kommen, dieser aber unbedingt. Und
erinnern Sie sich, wie Herr Rasumichin sich Ihnen gegenber zu
versprechen begann? Das haben wir arrangiert, um Sie aufzuregen, darum
haben wir absichtlich auch das Gercht verbreitet, damit er sich Ihnen
gegenber verspreche, Herr Rasumichin aber ist so ein Mensch, der keine
Entrstung bei sich behalten kann. Herrn Sametoff fiel zuerst Ihr Zorn
und Ihre offene Khnheit auf; wie kann einer in einem Restaurant
pltzlich herausplatzen, -- >ich habe ermordet!< Es ist zu khn, es ist
zu frech und wenn er schuldig ist, -- dachte ich, -- so ist er ein
furchtbarer Gegner! In dieser Weise habe ich damals gedacht. Ich wartete
auf Sie! Wartete mit grter Ungeduld, Sametoff haben Sie damals einfach
niedergeschmettert und ... das ist ja das Fatale, da diese ganze
Psychologie zwei Seiten hat! Nun, ich erwarte also Sie und siehe, Gott
schickt Sie selbst, -- Sie kommen! Mein Herz klopfte stark! Ach! Nun,
warum muten Sie damals kommen? Ihr Lachen, Ihr Lachen damals, als Sie
hereinkamen, -- erinnern Sie sich -- ich erriet sofort alles, als she
ich durch ein Glas; htte ich aber auf Sie in dieser besonderen Art
nicht gewartet, wrde ich auch in Ihrem Lachen nichts gemerkt haben.
Sehen Sie, was es heit, in Stimmung zu sein. Und Herr Rasumichin
damals, -- ach! und der Stein, der Stein, -- erinnern Sie sich -- der
Stein, unter dem noch die Sachen versteckt sind? Mir war es, als she
ich ihn irgendwo in einem Gemsegarten. -- Sie hatten doch Sametoff
schon davon erzhlt und erwhnten ihn dann bei mir zum zweiten Male! Als
Sie aber damals begannen, Ihren Artikel bis aufs einzelne durchzunehmen,
als Sie sich nher darber auslieen, -- da fate ich jedes Ihrer Worte
doppelt auf, als stecke noch ein anderes darunter! Nun, sehen Sie,
Rodion Romanowitsch, in dieser Weise kam ich auch bis zu den letzten
Schranken, und erst als ich mit der Stirn dagegen rannte, kam ich zur
Besinnung. Nein, -- sagte ich mir -- was ist mit dir? Wenn man will, --
sagte ich mir -- kann man dies alles bis zum letzten Punkte auf andere
Weise erklren, und es wird immer noch natrlicher erscheinen. Es war
eine Qual! Nein, -- dachte ich, -- wenn ich doch nur ein Zipfelchen
erwischen knnte! ... Und als ich gar von diesem Klingelzeichen hrte,
erstarrte ich, ein Frsteln packte mich. -- Jetzt ist das Zipfelchen da!
dachte ich. Ich habe es! Da berlegte ich nicht mehr, wollte es einfach
nicht mehr tun. Tausend Rubel htte ich in diesem Augenblicke aus meiner
eigenen Tasche hingegeben, um nur Sie _mit meinen eigenen Augen_ gesehen
zu haben, -- wie Sie damals hundert Schritte neben dem Kleinbrger
hingingen, nachdem er Ihnen ins Gesicht >Mrder!< gesagt hatte, und Sie
nicht gewagt hatten, ihn irgend etwas, ganze hundert Schritte lang, zu
fragen! ... Nun, und dieses Gefhl von Klte im Rckenmark? War dieses
Klingelzeichen auch im kranken Zustande, im halbbewuten Fieberwahne?
Und da mssen Sie sich, Rodion Romanowitsch, nach alldem auch nicht
wundern, da ich damals mit Ihnen solche Scherze getrieben habe. Und
warum kamen Sie selbst im selben Augenblicke? Es war, als htte Sie
jemand gestoen, zu kommen, bei Gott, und wenn uns Nikolai nicht
auseinander gebracht htte, so ... erinnern Sie sich an Nikolai damals?
Erinnern Sie sich seiner gut? Er kam, wie ein Blitz aus heiterm Himmel.
Nun, und wie empfing ich ihn? Dem Blitze glaubte ich nicht das
geringste, Sie geruhten es selbst zu sehen! Und noch mehr! Als Sie schon
fortgegangen waren, und als er begann, sehr, sehr vernnftig manche
Punkte zu beantworten, so da ich selbst verwundert war, auch dann
glaubte ich ihm noch nicht das geringste! Sehen Sie, was es heit,
felsenfest berzeugt zu sein. Nein -- dachte ich -- daran ist nichts zu
machen! Nikolai ndert daran garnichts!

Mir erzhlte soeben Rasumichin, da Sie auch jetzt Nikolai
beschuldigen, und da Sie Rasumichin selbst davon berzeugt htten ...

Der Atem stockte ihm, und er beendete den Satz nicht. Er hrte mit
unbeschreiblicher Erregung zu, wie ein Mensch, der ihn vollkommen
durchschaut hatte, sich vor sich selbst verleugnete. -- Er frchtete
daran zu glauben und glaubte nicht. In den zweideutigen Worten suchte er
gierig und haschte nach etwas Bestimmterem und Genauerem.

Herr Rasumichin! rief Porphyri Petrowitsch wie erfreut ber die Frage
Raskolnikoffs, der die ganze Zeit geschwiegen hatte. -- He--he--he! Ja,
Herrn Rasumichin mute man auch abschieben, -- zu zweit ist es ein
Vergngen, der dritte soll wegbleiben. Herr Rasumichin soll aus dem
Spiele bleiben, und ist auerdem ein fremder Mensch; er kam zu mir ganz
bla gelaufen ... Nun, Gott sei mit ihm, wozu sollen wir ihn in die
Sache hereinbringen! ... Und was Nikolai betrifft, -- so sollen Sie
wissen, was das fr ein Subjekt ist, das heit, wie ich ihn auffasse.
Vor allen Dingen ist er noch das reine Kind, und nicht etwa eine
ngstliche Natur, sondern er ist eine Art Knstler. Sie sollen sich
nicht darber lustig machen, da ich ihn so darstelle. Er ist ein
unschuldiger, reiner und fr alles empfnglicher Mensch. Hat ein Herz,
ist ein Phantast. Man sagt, da er singen und tanzen kann und Mrchen so
zu erzhlen versteht, da Leute aus anderen Orten sich versammeln, um
ihn zu hren. Auch zur Schule, zu den Abendkursen geht er, kann sich
krank lachen, wenn man ihm den Finger zeigt, kann sich bewutlos
betrinken, nicht etwa aus Verdorbenheit, sondern gelegentlich, wenn man
ihm zu trinken gibt, alles in kindlicher Weise. Er hat damals gestohlen,
wei es aber selbst nicht, denn nach seiner Ansicht -- >ist es doch kein
Diebstahl, wenn er etwas auf der Erde gefunden hat?< Wissen Sie aber,
da er zu den Altglubigen gehrt, nein, eigentlich ist er kein
Altglubiger, sondern ein Sektierer; aus seiner Familie gehrten einige
der Sekte >Bewegung< an, auch er selbst hat vor kurzem noch zwei Jahre
auf dem Lande bei einem gottesfrchtigen Greis gelebt, um sich in den
Grundstzen der Religion zu festigen. Das alles habe ich von Nikolai und
seinen Nachbarn aus dem Dorfe erfahren. Noch mehr! Er wollte Einsiedler
werden! Er hatte die feste Absicht, betete nchtelang zu Gott, las in
den alten >echten, wahren<[12] Bchern und hat vor lauter Lesen den
Verstand verloren. Petersburg hat auf ihn einen starken Eindruck
gemacht, besonders das weibliche Geschlecht, nun, und auch der Wein. Er
ist empfnglich, hat den gottesfrchtigen Greis und alles vergessen. Ich
habe erfahren, da ihn hier ein Knstler lieb gewonnen hat, er ging zu
ihm zu Besuch, da kam aber diese Geschichte dazwischen. Nun, er bekam
Angst, -- und wollte sich erhngen! Wollte davonlaufen! Was soll man da
tun bei dem Begriffe, den das Volk nun einmal von unserer Rechtspflege
besitzt! Manchen erschrickt schon das Wort >vors Gericht gestellt zu
werden<. Wer ist daran schuld! Wir wollen sehen, wie die Gerichtsreform
wirken wird. Ach, mge es Gott bald geben! Nun, also, -- im Gefngnisse
erinnerte er sich offenbar wieder des gottesfrchtigen Greises; auch die
Bibel erschien wieder. Wissen Sie, Rodion Romanowitsch, was es bei
manchen von diesen Leuten bedeutet, >das Leiden auf sich zu nehmen<? Das
bedeutet nicht etwa, fr jemand anderen zu leiden, sondern einfach man
soll >Leiden auf sich nehmen< und besonders gilt das, wenn die Behrden
im Spiele sind. Zu meiner Dienstzeit noch sa im Gefngnisse ein ganzes
Jahr ein uerst stiller, ruhiger Arrestant, er las nchtelang auf dem
Ofen liegend die Bibel, und verlor vor lauter Lesen den Verstand, wissen
Sie, verlor ihn ganz und gar, so da er eines schnen Tages ohne jede
Veranlassung, ohne jeden Grund einen Ziegelstein packte und ihn auf den
Vorgesetzten schleuderte. Ja, und wie tat er es, -- absichtlich
schleuderte er den Stein eine Elle vorbei, um dem Vorgesetzten blo
keinen Schaden anzufgen! Nun, es ist ja bekannt, was mit einem
Arrestanten geschieht, der bewaffneten Widerstand gegen seinen
Vorgesetzten leistet, -- und da hatte er also >das Leiden auf sich
genommen<! Ich habe nun den Verdacht, da Nikolai auch >das Leiden auf
sich nehmen< oder etwas derartiges tun will. Das wei ich sicher, aus
Tatsachen. Er wei blo selbst nicht, da ich es wei. Was -- geben Sie
es etwa nicht zu, da aus solch einem Volke phantastische Menschen
hervortreten? Aber sicher auf Schritt und Tritt. Der gottesfrchtige
Greis hat jetzt wieder bei ihm zu wirken begonnen, ist ihm besonders
nach dem Selbstmordversuch in Erinnerung gekommen. brigens aber, er
wird mir selbst alles erzhlen, er wird zu mir kommen. Sie glauben, er
wird es bis zu Ende aushalten knnen? Warten Sie nur, er wird seine
Aussage noch zurcknehmen! Ich warte stndlich, da er kommen wird, um
seine Aussage zurckzunehmen. Ich habe diesen Nikolai liebgewonnen und
will ihn genau ergrnden. Und knnen Sie sich denken! He--he--he! Manche
Punkte hat er mir ziemlich vernnftig beantwortet, hat offenbar die
ntigen Mitteilungen erhalten und sich gut vorbereitet; nun, und bei
anderen Punkten blamierte er sich mordsmig, wute rein gar nichts,
hatte keine Ahnung, und wei selbst nicht mal, da er nichts ahnt! Nein,
Vterchen, Rodion Romanowitsch, mit dieser Sache hat Nikolai nichts zu
tun! Es ist eine phantastische, finstere Sache, eine moderne Sache, ein
Fall unserer Zeit, wo das menschliche Herz sich getrbt hat -- wo die
Phrase zitiert wird, da Blutvergieen >erfrischt<, wo von einem Leben
in Komfort gepredigt wird. Hier -- sind Ideen aus Bchern, hier spricht
ein durch Theorien gereiztes Herz, hier sieht man eine Entschlossenheit
zum ersten Schritt, aber eine Entschlossenheit besonderer Art, -- er hat
sich dazu entschlossen, wie man sich entschliet, von einem Felsen oder
von einem Turme sich herabzustrzen, und ist zu dem Verbrechen nicht wie
auf eigenen Fen geschritten. Er hatte vergessen, die Tre hinter sich
zu schlieen und hat gettet, zwei Menschen gettet, nach der Theorie.
Er hat gettet, aber nicht verstanden, das Geld zu nehmen, was er aber
zusammengerafft hat, steckte er unter einen Stein. Es gengte ihm nicht,
da er eine Qual durchgemacht hatte, als er hinter der Tr stand und an
der Tr gerttelt und an der Klingel gerissen wurde, -- nein, er geht
noch einmal nachher in die leere Wohnung in halbbewutem Zustande, um
sich dieses Luten in Erinnerung zu bringen, es verlangt ihn wieder,
diese Klte im Rcken zu spren ... Nun ja, dies ist im kranken Zustande
geschehen, aber noch eins, -- er hat ermordet, hlt sich aber fr einen
ehrlichen Menschen, verachtet alle Leute, wandert als bleicher Engel
herum, -- nein, was hat Nikolai damit zu tun, lieber Rodion
Romanowitsch, nein, Nikolai ist es nicht!

Diese letzten Worte waren nach allem vorher Gesagten, das einem Aufgeben
des frher Angenommenen so hnlich war, zu unerwartet gekommen.
Raskolnikoff erzitterte am ganzen Krper, wie vom Blitze getroffen.

Wer hat sie denn ... gettet ... fragte er mit erstickender Stimme,
ohne doch die Frage zurckhalten zu knnen. Porphyri Petrowitsch warf
sich gegen die Stuhllehne zurck, wie aufs uerste berrascht und
erstaunt ber diese Frage.

Wie, wer sie gettet hat? ... wiederholte er, als traue er seinen
Ohren nicht. -- Ja, _Sie_ haben gettet, Rodion Romanowitsch! Sie haben
gettet ... fgte er fast im Flstertone, aber bestimmt hinzu.

Raskolnikoff sprang vom Sofa auf, stand einige Sekunden und setzte sich
wieder, ohne ein Wort zu sagen. ber sein Gesicht ging ein krampfhaftes
Zucken.

Die Lippe bebt wieder bei Ihnen, wie damals, murmelte scheinbar voll
Teilnahme Porphyri Petrowitsch. -- Sie haben, Rodion Romanowitsch, mich
nicht richtig verstanden, fgte er nach einigem Schweigen hinzu, darum
sind Sie auch so berrascht. Ich bin gerade darum gekommen, um Ihnen
alles zu sagen und die Sache offen mit Ihnen zu behandeln.

Ich habe nicht gettet, flsterte Raskolnikoff, genau wie ein Kind im
Schreck, wenn es auf frischer Tat ertappt wurde.

Nein, Sie haben es getan, Rodion Romanowitsch, Sie und niemand anders,
flsterte Porphyri Petrowitsch streng und fest.

Sie schwiegen beide und das Schweigen dauerte merkwrdig lange, etwa
zehn Minuten. Raskolnikoff hatte sich auf den Tisch gesttzt und fuhr
schweigend mit den Fingern durch die Haare. Porphyri Petrowitsch sa
still und wartete. Pltzlich blickte Raskolnikoff Porphyri Petrowitsch
verchtlich an.

Sie kommen wieder mit der alten Weise, Porphyri Petrowitsch! Immer Ihre
alte Taktik, -- wird es Ihnen in der Tat nicht langweilig?

Ach, lassen Sie doch, was soll es denn fr eine Taktik sein! Ja, wenn
Zeugen zur Stelle wren; wir sprechen aber doch Auge in Auge. Sie sehen
selbst, ich bin nicht dazu hergekommen, um Sie zu hetzen und zu
umgarnen, wie ein flchtiges Wild. Ob Sie gestehen oder nicht, -- in
diesem Augenblicke ist es mir einerlei. Fr meine Person bin ich auch
ohne das berzeugt.

Wenn die Sache so steht, warum sind Sie denn gekommen? fragte
Raskolnikoff gereizt. -- Ich stelle Ihnen die frhere Frage, -- wenn
Sie mich fr den Schuldigen halten, warum sperren Sie mich nicht ins
Gefngnis?

Das ist doch einmal ein Wort! Darum will ich Ihnen diese Frage genau
beantworten, -- erstens, Sie einfach ins Gefngnis zu sperren, ist fr
mich unvorteilhaft.

Wieso unvorteilhaft? Wenn Sie berzeugt sind, so mssen Sie sogar ...

Ach, was hat es denn zu sagen, da ich berzeugt bin? Alles ist doch
vorlufig ein Gedanke von mir, eine Einbildung. Ja und warum soll ich
Sie dort _zur Ruhe_ setzen? Sie wissen das selbst, wenn Sie darauf
drngen. Ich bringe zum Beispiel den Kleinbrger hin, um Sie zu
berfhren, Sie werden ihm aber sagen, -- bist du betrunken oder nicht?
Wer hat dich mit mir zusammen gesehen? Ich habe dich einfach fr einen
Betrunkenen gehalten, und du warst es auch, -- was soll ich Ihnen darauf
erwidern, umsomehr, als Ihre Worte berzeugender sind als seine, denn in
seiner Aussage steckt nur eine psychologische Mutmaung, -- das pat
aber zu seiner Fratze nicht mal, -- Sie aber treffen den Kernpunkt, denn
der gemeine Kerl trinkt sehr stark und ist dafr bekannt. Und ich habe
selbst Ihnen offen schon einigemal gesagt, da diese Psychologie zwei
Seiten hat, und da die zweite Seite die grere Wahrscheinlichkeit fr
sich hat, und habe hinzugefgt, da ich auer diesem vorlufig gar
nichts gegen Sie in den Hnden habe. Und obwohl ich Sie einsperren
werde, und sogar selbst gekommen bin -- (was doch sicher nicht gang und
gbe ist) -- Ihnen im voraus alles mitzuteilen, trotzdem sage ich Ihnen
offen -- (was wieder nicht gang und gbe ist) -- da dies fr mich
unvorteilhaft sein wird. Und zweitens, bin ich darum zu Ihnen gekommen
...

Und zweitens? Raskolnikoff rang immer noch nach Atem.

Weil ich mich, wie ich Ihnen schon vorhin erklrte, fr verpflichtet
halte, Ihnen eine Erklrung abzugeben. Ich will nicht, da Sie mich fr
ein Scheusal ansehen sollen, umsomehr, als ich zu Ihnen eine aufrichtige
Neigung gefat habe, ob Sie mir glauben oder nicht. Und deswegen bin
ich, drittens, gekommen, Ihnen den offenen und direkten Vorschlag zu
machen -- sich selbst anzuzeigen und ein Gestndnis abzulegen. Das ist
fr Sie das Gescheiteste, und auch fr mich am vorteilhaftesten, -- dann
bin ich die Sache los. Nun, war ich meinerseits offen oder nicht?

Raskolnikoff dachte einen Augenblick nach.

Hren Sie, Porphyri Petrowitsch, Sie sagen doch selbst, -- es ist nur
auf Psychologie begrndet, indessen aber ziehen Sie die Mathematik
herein. Nun wie, wenn Sie sich selbst irren?

Nein, Rodion Romanowitsch, ich irre mich nicht. Ich habe ein Endchen in
der Hand. Das Endchen hatte ich auch damals erwischt; Gott hat es mir
geschenkt!

Was fr ein Endchen?

Das sage ich nicht, Rodion Romanowitsch. In jedem Falle aber habe ich
jetzt nicht mehr das Recht, es hinauszuschieben; ich werde Sie
verhaften. Also ziehen Sie dies in Betracht, -- fr mich ist _es jetzt_
gleichgltig, folglich tue ich es blo um Ihretwillen. Bei Gott, es wird
fr Sie besser sein, Rodion Romanowitsch!

Raskolnikoff lchelte boshaft.

Es ist doch nicht blo lcherlich, es ist unverschmt. Und mag ich
schuldig sein, -- was ich noch gar nicht sage, -- nun, warum soll ich
denn zu Ihnen mit einem freiwilligen Gestndnis kommen, wenn Sie schon
selbst sagen, da ich dort bei Ihnen mich _zur Ruhe_ setzen werde?

Ach, Rodion Romanowitsch, trauen Sie nicht ganz den Worten; vielleicht
wird es auch nicht ganz >_zur Ruhe_< sein! Es ist doch blo eine Theorie
und zudem noch meine eigene, was fr eine Autoritt aber bin ich fr
Sie? Vielleicht verheimliche ich auch jetzt noch irgend etwas vor Ihnen.
Ich kann Ihnen doch nicht alles offenbaren und zeigen. He--he! Auerdem,
Sie fragen, welchen Vorteil Sie haben werden? Ja, wissen Sie auch, welch
eine Strafermigung Sie erhalten werden? Wann werden Sie kommen, in
welchem Augenblick? berlegen Sie es sich doch blo! In dem Momente, wo
schon ein anderer das Verbrechen auf sich genommen und die ganze
Angelegenheit verwirrt hat! Und ich will, -- so wahr ein Gott ist --
alles >dort< so einrichten und arrangieren, da Ihr Gestndnis wie
vollkommen unerwartet erscheinen wird. Diese ganze Psychologie wollen
wir ganz vernichten, allen Verdacht will ich in nichts verwandeln, so
da Ihr Verbrechen, wie eine Art Verblendung erscheinen wird, denn --
offen gestanden, -- es war auch eine Verblendung. Ich bin ein ehrlicher
Mensch, Rodion Romanowitsch, und werde mein Wort halten.

Raskolnikoff schwieg traurig und lie den Kopf sinken; er dachte lange
nach, pltzlich lchelte er wieder, aber sein Lcheln war diesmal schon
sanft und traurig.

Ach, es ist nicht ntig! sagte er, als ob er sich gar nicht mehr vor
Porphyri Petrowitsch verberge. -- Es lohnt sich nicht! Ich brauche gar
nicht Ihre Strafermigung!

Das frchtete ich gerade! rief Porphyri Petrowitsch innig und
unwillkrlich, -- das frchtete ich gerade, da Sie unsere Ermigung
nicht brauchen.

Raskolnikoff blickte ihn traurig und eindringlich an.

Hren Sie, verschmhen Sie das Leben nicht! fuhr Porphyri Petrowitsch
fort. -- Sie haben noch viel von ihm zu erwarten. Warum ist eine
Strafermigung nicht ntig, warum nicht? Sie ungeduldiger Mensch!

Was habe ich denn noch viel vor?

Zu leben! Was sind Sie fr ein Prophet, wissen Sie denn wie viel?
Suchet und ihr werdet finden. Vielleicht hat Sie Gott hier geprft. Ja,
und nicht ewig wird doch die Kette angelegt ...

Eine Ermigung wird sein ... lachte Raskolnikoff.

Haben Sie etwa Furcht vor der Bourgeoisschande? Das ist wohl mglich,
da Sie dieses schreckt, und Sie wissen es vielleicht selbst nicht, --
denn Sie sind noch jung! Aber Sie sollten sich wenigstens doch nicht
frchten oder etwa schmen, ein Gestndnis abzulegen.

Ach, ich pfeife darauf! flsterte Raskolnikoff verchtlich und mit
Widerwillen, als ob er darber auch nicht mehr reden wolle. Er war
wieder aufgestanden, als ob er irgendwohin gehen wollte, setzte sich
aber von neuem in sichtlicher Verzweiflung.

Da haben wir es -- ich pfeife darauf! Sie haben den Glauben verloren,
und meinen auch, da ich Ihnen grob schmeichle; haben Sie denn so lange
gelebt? Verstehen Sie denn so viel davon? Haben sich eine Theorie
ausgedacht, und schmen sich nun, da nichts daraus wurde, und da es zu
wenig originell herauskam. Es nahm ein gemeines Ende, das ist wahr, aber
Sie sind doch kein hoffnungsloser Schuft! Sie haben sich wenigstens
nicht lange Sand in die Augen gestreut, Sie sind mit einem bis zu den
uersten Grenzen gegangen. Fr wen halte ich Sie denn? Ich halte Sie
fr einen von der Sorte Menschen, denen man den Leib aufschlitzen kann,
die aber ruhig dastehen und mit einem Lcheln auf ihre Peiniger blicken,
-- wenn sie nur einen Glauben oder einen Gott gefunden haben. Nun, gehen
Sie und finden Sie es und Sie werden leben. Auerdem mssen Sie schon
lngst eine Luftvernderung haben. Was, das Leiden ist auch eine gute
Sache. Leiden Sie eine Zeit. Nikolai hat vielleicht auch recht, da er
Leiden sucht. Ich wei, da Sie noch nicht glauben knnen, -- grbeln
Sie aber nicht zu viel; geben Sie sich einfach, ohne viel zu berlegen,
dem Leben hin; seien Sie sicher, -- es bringt Sie an das Ufer und stellt
Sie auf die Beine. An was fr ein Ufer wei ich nicht. Woher soll ich es
auch wissen? Ich glaube nur daran, da Sie noch viel zu leben haben. Ich
wei auch, da Sie meine Worte jetzt wie eine auswendig gelernte Predigt
auffassen; aber vielleicht werden Sie sich ihrer einmal spter erinnern
und sie werden Ihnen von Nutzen sein knnen. Aus diesem Grunde spreche
ich auch. Es ist gut, da Sie nur diese Alte ermordet haben. Wenn Sie
aber sich eine andere Theorie ausgedacht htten, so wrden Sie
vielleicht eine um hundert Millionen schlimmere Sache vollbracht haben!
Man mu vielleicht noch Gott danken; woher wissen Sie es? Vielleicht
behtet Sie Gott aus irgend einem Grunde. Sie sollten aber ein groes
Herz haben und sich weniger frchten. Ihnen ist bange vor der Gre
dessen, was jetzt zu geschehen hat? Nein, in diesem Falle mu man sich
schmen, bange zu sein. Wenn Sie einen solchen Schritt getan haben, so
nehmen Sie sich auch jetzt zusammen. Darin liegt die ausgleichende
Gerechtigkeit. Erfllen Sie nun mal, was die Gerechtigkeit verlangt. Ich
wei, da Sie nicht glauben, aber -- bei Gott -- das Leben wird Ihnen zu
weiterem verhelfen. Nachher werden Sie es selbst gern haben. Sie
brauchen jetzt blo Luft, Luft und Luft!

Raskolnikoff zuckte zusammen.

Ja, wer sind Sie denn? rief er aus. -- Sind Sie etwa ein Prophet?
Woher haben Sie diese hohe majesttische Ruhe, um mir superkluge
Prophezeiungen vorzuorakeln?

Wer ich bin? Ich bin ein abgetaner Mensch, mehr nicht. Ein Mensch, der
vielleicht empfindet und Mitgefhl besitzt, vielleicht auch etwas wei,
aber schon vollkommen abgetan ist. Sie aber -- mit Ihnen steht es
anders; Ihnen hat Gott das Leben vorbehalten; wer wei, vielleicht geht
bei Ihnen alles wie ein Dunst vorber, nichts wird zurckbleiben. Nun,
was ist denn dabei, da Sie in eine andere Gattung von Menschen
bergehen werden? Sie mit Ihrem Herzen sollten doch nicht den Komfort
bedauern? Was ist denn dabei, da man Sie vielleicht lange nicht mehr
sehen wird? Hier handelt es sich nicht um die Zeit, sondern um Sie
selbst. Werden Sie eine Sonne, und alle werden Sie sehen. Eine Sonne mu
vor allen Dingen eine Sonne sein. Warum lcheln Sie wieder, -- da ich
solch ein Schiller bin? Und ich gehe eine Wette ein, Sie meinen, da ich
mich an Sie heranschmeichle! Nun, vielleicht schmeichle ich mich auch
tatschlich heran, he--he--he! Sie brauchen mir, Rodion Romanowitsch,
meinetwegen kein Wort zu glauben, meinetwegen, glauben Sie auch niemals,
-- ich habe schon so eine Art, gebe es zu; aber eins fge ich hinzu, --
ob ich ein gemeiner und wie weit ich ein ehrlicher Mensch bin, knnen
Sie, glaube ich, selbst beurteilen!

Wann denken Sie mich zu verhaften?

Nun, anderthalb oder zwei Tage kann ich Sie noch frei herumgehen
lassen. Denken Sie nach, mein Lieber, beten Sie zu Gott. Ja, es ist
vorteilhafter, -- bei Gott -- vorteilhafter.

Wenn ich aber fliehen werde? fragte Raskolnikoff mit einem sonderbaren
Lcheln.

Nein, Sie werden nicht fliehen. Ein Bauer wird davonlaufen, ein
moderner Sektierer wird fliehen -- ein Lakai, der von fremden Gedanken
zehrt, dem man blo eine Fingerspitze zu zeigen braucht und der an
alles, was Sie wollen, sein Lebelang glauben wird. Sie aber glauben doch
nicht mehr an Ihre Theorie, -- warum wollen Sie fliehen? Ja, und was
wollen Sie in einem freiwilligen Exil? Im Exil ist es hlich und
schwer, Sie aber brauchen vor allen Dingen Leben und eine bestimmte
Lage, eine entsprechende Luft, und gibt es fr Sie im Exil die ntige
Luft? Wenn Sie fliehen werden, kehren Sie selbst zurck. _Ohne uns
knnen Sie nicht auskommen._ Und wenn ich Sie ins Gefngnis setze, --
nun, Sie werden einen Monat sitzen, meinetwegen auch zwei oder drei, und
dann werden Sie pltzlich, -- denken Sie an meine Worte, -- selbst zu
mir kommen und gestehen, und mglicherweise fr Sie selbst unerwartet.
Sie werden selbst noch eine Stunde vorher nicht wissen, da Sie ein
Gestndnis ablegen werden. Ich bin sogar berzeugt, da Sie auf den
Gedanken kommen werden, das Leiden auf sich zu nehmen. Sie glauben mir
jetzt nicht auf mein bloes Wort hin, Sie werden selbst aber darauf
verfallen. Denn das Leiden, Rodion Romanowitsch, ist ein groes Ding;
lassen Sie auer acht, da ich fett und dick geworden bin, das tut
nichts, ich wei es dennoch; lachen Sie nicht darber, -- im Leiden
liegt eine tiefe Idee. Nikolai hat recht. Nein, Sie werden nicht
davonlaufen, Rodion Romanowitsch.

Raskolnikoff stand von seinem Platz auf und nahm seine Mtze. Porphyri
Petrowitsch erhob sich auch.

Sie wollen spazieren gehen? Der Abend wird schn werden, es mge nur
kein Gewitter kommen. Es wre zwar besser, wenn es frischer wrde ...

Er nahm auch seine Mtze.

Porphyri Petrowitsch, sagte Raskolnikoff mit strenger
Eindringlichkeit, bitte, setzen Sie sich nicht in den Kopf, da ich
Ihnen heute gestanden habe. Sie sind ein sonderbarer Mensch und ich habe
Ihnen aus bloer Neugier zugehrt. Ich habe Ihnen aber nichts
eingestanden ... Vergessen Sie es nicht.

Nun gut, ich werde es nicht vergessen, -- sehen Sie nur, wie Sie
zittern. Seien Sie ruhig, mein Lieber; Ihren Willen sollen Sie haben.
Gehen Sie ein wenig spazieren; zu viel aber sollen Sie nicht gehen. Ich
habe an Sie fr jeden Fall noch eine kleine Bitte, fgte er mit
gesenkter Stimme hinzu, -- eine peinliche, aber wichtige Bitte, -- wenn
Sie, das heit, fr jeden Fall ... woran ich brigens nicht glaube und
Sie zu hnlichem fr ganz und gar nicht fhig halte, ... falls -- ich
sage es blo fr jeden Fall -- Sie in diesen vierzig oder fnfzig
Stunden Lust verspren sollten, die Sache irgendwie anders, in einer
phantastischen Weise aus der Welt zu schaffen, -- sagen wir, Hand an
sich legen zu wollen ... es ist ja eine unsinnige Annahme, entschuldigen
Sie bitte, -- hinterlassen Sie dann eine kurze aber genaue Mitteilung.
Es brauchen blo zwei Zeilen, zwei kurze Zeilen zu sein und erwhnen Sie
auch den Stein; das wird anstndiger sein. Nun, auf Wiedersehen ... Ich
wnsche Ihnen gute Gedanken und die rechten Vorstze!

Porphyri Petrowitsch ging gebckt hinaus, und vermied es, Raskolnikoff
anzublicken. -- Raskolnikoff trat an das Fenster und wartete gereizt und
ungeduldig, bis jener auf der Strae sein konnte und weitergegangen war.
Dann verlie auch er selbst schnell das Zimmer.


                                  III.

Er eilte zu Sswidrigailoff. Was er von diesem Menschen erwartete, --
wute er selbst nicht. Er wute nur das eine, da der eine Macht ber
ihn hatte. Nachdem er dies einmal eingesehen hatte, konnte er sich nicht
lnger mehr beunruhigen und auerdem war jetzt die richtige Zeit
gekommen. -- Auf dem Wege qulte ihn besonders die eine Frage, -- war
Sswidrigailoff bei Porphyri Petrowitsch gewesen?

Soweit er beurteilen konnte, und er htte darauf schwren mgen, -- war
er nicht dort gewesen! Er dachte wiederholt nach, rief den ganzen Besuch
Porphyri Petrowitschs in seine Erinnerung zurck und berlegte: -- nein,
er war nicht bei ihm gewesen, ganz gewi nicht!

Aber wenn er noch nicht dort gewesen war, wrde er oder wrde er nicht
zu Porphyri Petrowitsch hingehen?

Vorlufig schien es Raskolnikoff, als ob er nicht hingehen wrde. Warum?
Er konnte sich selber dies nicht erklren, aber wenn er es auch gekonnt
htte, so wollte er sich jetzt nicht den Kopf darber zerbrechen. Dies
alles qulte ihn, und doch hatte er zugleich fr etwas anderes
Interesse. Es war erstaunlich und niemand wrde es vielleicht geglaubt
haben, -- um sein jetziges unumgngliches Schicksal war er wenig
besorgt, er dachte nur zerstreut daran. Ihn qulte etwas anderes,
anscheinend Wichtigeres, etwas Auergewhnliches, -- das nur ihn selbst
und niemand anderen betraf. Auerdem empfand er eine grenzenlose
seelische Erschlaffung, obgleich sein Verstand an diesem Morgen besser
arbeitete, als in allen diesen letzten Tagen.

Und war es der Mhe wert, nach alledem, was vorgefallen war, diese neuen
winzigen Bedrngnisse zu berwinden? War es der Mhe wert, zum Beispiel,
zu intrigieren, damit Sswidrigailoff nicht zu Porphyri Petrowitsch
hingehe; ihn zu studieren, auszukundschaften und Zeit zu verlieren fr
einen Sswidrigailoff?

Oh, wie ihm dies alles langweilig war!

Indessen eilte er aber doch zu Sswidrigailoff; erwartete er etwa von ihm
etwas _neues_, oder Fingerzeige oder einen Ausweg? Man greift in der Not
auch nach einem Strohhalm! Fhrte sie etwa jetzt das Schicksal oder ein
Instinkt zusammen? Vielleicht war es blo Mdigkeit, Verzweiflung,
vielleicht brauchte er gar nicht Sswidrigailoff, sondern jemand anderen,
und Sswidrigailoff war ihm nur in den Weg gelaufen. Ssonja? Ja, wozu
sollte er jetzt zu Ssonja gehen? Wieder um ihre Trnen betteln? Ssonja
war ihm jetzt schrecklich. In Ssonja stellte er sich ein unerbittliches
Urteil, einen unwandelbaren Entschlu vor. Hier aber handelte es sich
darum, entweder ihr oder sein Weg. Besonders im gegenwrtigen
Augenblicke war er auerstande, sie zu sehen. Nein, es wre besser,
Sswidrigailoff auszuforschen, -- was wre dabei? Er konnte sich nicht
innerlich eingestehen, da er tatschlich jenen schon lngst zu irgend
etwas gebrauchte.

Aber was konnte es zwischen ihnen beiden gemeinsames geben? Selbst eine
Freveltat konnte sie beide nicht auf gleiche Stufe bringen. Dieser
Mensch war ihm sehr unangenehm, offenbar uerst verdorben, sicher aber
schlau und unzuverlssig, und vielleicht auch bsartig. Von ihm wurde
allerhand erzhlt. Es war ja richtig, er hat sich der Kinder Katerina
Iwanownas angenommen; aber wer wei, zu welchem Zwecke und was es noch
auf sich hatte? Dieser Mensch hatte stets seine Absichten und Plne.

In all diesen Tagen schwebte stndig Raskolnikoff noch ein Gedanke vor
und beunruhigte ihn sehr, obwohl er ihn stets von sich zu weisen suchte;
so schwer lastete dieser Gedanke auf ihm! Er dachte -- Sswidrigailoff
hat die ganze Zeit sich mit ihm beschftigt; Sswidrigailoff hat sein
Geheimnis erfahren und hatte schon bse Absichten gegenber Dunja. Man
knnte doch fast mit Bestimmtheit sagen, da _er sie noch haben_ werde.
Und wenn er jetzt, nachdem er sein Geheimnis erfahren und so ber ihn
eine Macht erhalten htte, sie als eine Waffe gegen Dunja benutzen
wollte?

Dieser Gedanke qulte ihn sogar im Traume, aber noch nie war er ihm so
deutlich gekommen, wie jetzt. Und dieser Gedanke allein versetzte ihn in
die uerste Wut. Dann wrde sich alles verndern, sogar seine eigene
Lage, -- er mu dann sofort sein Geheimnis Dunetschka mitteilen. Er
mute sich vielleicht selbst verraten, um Dunetschka von einem
unvorsichtigen Schritt abzuhalten. Und der Brief? Heute frh hatte
Dunetschka einen Brief erhalten! Von wem in Petersburg kann sie Briefe
empfangen? Etwa von Luschin? Es ist ja wahr, dort pat Rasumichin auf,
aber Rasumichin wei doch nichts von alldem. Vielleicht mu er sich auch
Rasumichin anvertrauen. Raskolnikoff dachte mit Widerwillen an diese
Mglichkeit.

Er beschlo endgltig, Sswidrigailoff in jedem Falle mglichst bald
aufzusuchen. Gott sei Dank, hier handelt es sich nicht so sehr um die
Einzelheiten, als um den Kernpunkt der Sache, -- aber wenn er, wenn er
schon fhig war ... wenn Sswidrigailoff irgend etwas gegen Dunja
vorhatte, -- so ...

Raskolnikoff war whrend dieser ganzen Zeit, whrend dieses ganzen
Monats so abgespannt geworden, da er jetzt hnliche Fragen nicht anders
mehr lsen konnte, als blo durch das eine, -- dann tte ich ihn! Das
dachte er auch in diesem Augenblicke mit kalter Verzweiflung. Schwer
bedrckte es sein Herz; er blieb mitten auf der Strae stehen und begann
sich umzusehen, -- welchen Weg er ging und wohin er gekommen war? Er
befand sich auf dem N.schen Prospekt, dreiig oder vierzig Schritte vom
Heumarkt entfernt, den er passiert hatte. Der ganze zweite Stock eines
Hauses linker Hand war von einem Restaurant eingenommen. Alle Fenster
waren weit geffnet; das Restaurant war, nach den vielen an den Fenstern
sich bewegenden Gestalten zu urteilen, stark besetzt. Im Saale sang ein
Chor, Lieder, Klarinetten und Geigen tnten und eine trkische Trommel
lrmte. Man hrte auch das Gekreische einiger Weiber. Er wollte umkehren
und begriff gar nicht, wie er auf den N.schen Prospekt gekommen war, als
er pltzlich in einem der letzten offenen Fenster des Restaurants
Sswidrigailoff erblickte, der dort hinter einem Teetisch mit einer
Pfeife im Munde sa. Er erschrak, und sein Schrecken ward zum Entsetzen.
Sswidrigailoff blickte ihn an und beobachtete ihn schweigend und wollte
-- was Raskolnikoff ebenfalls betroffen machte, wie es schien,
aufstehen, um leise und unbemerkt fortzugehen. Raskolnikoff gab sich
sofort den Anschein, als htte auch er ihn nicht bemerkt, und blickte in
Gedanken versunken zur Seite, ohne aber ihn ganz aus dem Auge zu lassen.
Sein Herz klopfte unruhig. Es war richtig, -- Sswidrigailoff wollte
offenbar nicht gesehen werden. Er nahm die Pfeife aus dem Munde und
wollte sich verbergen; als er aber aufstand und den Stuhl zur Seite
schob, hatte er wahrscheinlich gemerkt, da Raskolnikoff auch ihn
gesehen und beobachtet hatte. Es war etwas, was der Szene ihres ersten
Zusammentreffens bei Raskolnikoff, whrend seines Schlafes, glich. Ein
spttisches Lcheln zeigte sich auf dem Gesichte Sswidrigailoffs. Beide
wuten, da sie einander gesehen und beobachtet hatten. Zuletzt lachte
Sswidrigailoff laut auf.

Nun! Kommen Sie doch herauf, wenn Sie wollen; ich bin hier! rief er
ihm aus dem Fenster zu.

Raskolnikoff ging in das Restaurant hinauf. Er fand ihn in einem sehr
kleinen Hinterzimmer mit einem Fenster, das an den groen Saal anstie,
in dem an etwa zwanzig kleinen Tischen beim greulichen Gebrll eines
Sngerchores Kaufleute, Beamte und andere Leute Tee tranken. Aus einer
anderen Ecke vernahm man das Anprallen von Billardkugeln. Auf dem Tische
vor Sswidrigailoff stand eine angebrochene Flasche Champagner und ein
Glas, zur Hlfte mit Wein gefllt. In dem kleinen Zimmer befanden sich
auerdem ein Knabe, der eine kleine Drehorgel hatte, und ein krftiges
rotwangiges Mdchen, in einem gestreiften aufgebauschten Rocke und einem
Tiroler Htchen mit Bndern. Es war eine Sngerin, etwa achtzehn Jahre
alt, die, trotz des Chorgesanges in dem anderen Zimmer, unter Begleitung
der Drehorgel einen Gassenhauer mit ziemlich heiserer Kontrealtstimme
sang ...

Nun, genug! unterbrach Sswidrigailoff sie beim Eintritt Raskolnikoffs.

Das Mdchen brach sofort ab und blieb in ehrerbietiger Erwartung stehen.
Auch ihren Gassenhauer hatte sie mit einem ehrerbietigen und ernsten
Ausdrucke im Gesichte gesungen.

He, Philipp, ein Glas! rief Sswidrigailoff.

Ich werde keinen Wein trinken, sagte Raskolnikoff.

Wie Sie wollen, aber ich habe das Glas nicht Ihretwegen bestellt.
Trink, Katja! Heute brauche ich euch nicht mehr, geht! -- Er go ihr
ein volles Glas Wein ein und legte einen Rubelschein fr sie auf den
Tisch.

Katja leerte das Glas mit einem Male, wie die Frauen Wein trinken, das
heit, ohne das Glas abzusetzen und zwanzigmal schluckend, sie nahm dann
den Schein, kte Sswidrigailoff die Hand, was er sehr ernst zulie und
verlie das Zimmer, ihr folgte der Knabe mit der Drehorgel. Man hatte
beide von der Strae heraufgeholt. Sswidrigailoff wohnte noch nicht
einmal eine Woche in Petersburg und alles verkehrte schon mit ihm auf
recht patriarchalischem Fue. Auch der Kellner Philipp kannte ihn schon
und bediente ihn unterwrfigst. Die Tr zum Saale wurde geschlossen,
Sswidrigailoff war in diesem Zimmer wie bei sich zu Hause und verbrachte
hier jedenfalls ganze Tage. Das Restaurant war schmutzig, schlecht und
nicht einmal von mittlerer Sorte.

Ich wollte zu Ihnen gehen und suchte Sie, begann Raskolnikoff, bog
aber unversehens vom Heumarkte zu dem N.schen Prospekt ab! Ich gehe nie
diesen Weg und komme nie hierher. Ich nehme vom Heumarkte immer den Weg
zur rechten Hand. Auch der Weg zu Ihnen fhrt hier nicht vorbei. Doch
kaum als ich einbog, erblickte ich Sie sofort. Das ist seltsam!

Warum sagen Sie nicht offen heraus, -- das ist ein Wunder!

Weil es vielleicht nur ein Zufall ist.

Wie sonderbar all diese Leute beschaffen sind! lachte Sswidrigailoff,
Sie wollen es nicht eingestehen, wenn Sie auch innerlich selbst an
Wunder glauben! Sie sagen doch selbst, da es -- >vielleicht< -- blo
ein Zufall ist. Und wie sie alle hier feig sind, eine eigene Meinung zu
haben, knnen Sie sich gar nicht vorstellen, Rodion Romanowitsch. Ich
meine nicht Sie. Sie haben eine eigene Meinung und frchten sich nicht,
sie zu haben. Darum haben Sie auch mein Interesse gefesselt.

Sonst durch nichts?

Aber das gengt doch.

Sswidrigailoff war offenbar in erregtem Zustande, doch nur ein klein
wenig; von dem Wein hatte er nur ein halbes Glas getrunken.

Mir scheint es, Sie kamen schon zu mir, ehe Sie erfuhren, da ich fhig
bin, das zu haben, was Sie eine eigene Meinung nennen, bemerkte
Raskolnikoff.

Nun, damals war es eine andere Sache. Jeder hat seine eigenen Wege. Was
aber das Wunder anbetrifft, mu ich Ihnen sagen, da Sie anscheinend
diese letzten zwei oder drei Tage verschlafen haben. Ich habe Ihnen
selbst dieses Restaurant angegeben, und es war gar kein Wunder, da Sie
hierher kamen; ich habe Ihnen selbst den ganzen Weg beschrieben und
Ihnen den Ort und die Stunden gesagt, wann man mich hier treffen kann.
Erinnern Sie sich?

Ich habe es vergessen, antwortete Raskolnikoff verwundert.

Es scheint so. Zweimal habe ich es Ihnen gesagt. Die Adresse hat sich
Ihrem Gedchtnisse mechanisch eingeprgt. Sie schlugen auch diesen Weg
mechanisch ein, indessen streng der Adresse folgend, ohne es selbst zu
wissen. Als ich es Ihnen damals sagte, glaubte ich nicht, da Sie mich
verstanden hatten. Sie verraten sich zu sehr, Rodion Romanowitsch. Noch
eins: -- ich bin berzeugt, da es in Petersburg viele Leute gibt, die
im Gehen mit sich selbst sprechen. Es ist eine Stadt von Halbverrckten.
Wenn wir die Wissenschaften mehr pflegten, so knnten Mediziner,
Juristen und Philosophen, jeder auf seinem Spezialgebiete die
wertvollsten Untersuchungen ber Petersburg anstellen. Selten findet man
so viel finstere, tiefeinschneidende und eigentmliche Einflsse auf die
Seele eines Menschen vor, wie in Petersburg. Was allein sind die
klimatischen Einflsse wert! Indessen ist es das administrative Zentrum
von ganz Ruland, und sein Charakter mu sich in allem geltend machen.
Aber es handelt sich jetzt nicht darum, sondern, da ich Sie ein paarmal
schon heimlich beobachtet habe. Sie verlassen Ihre Wohnung -- halten den
Kopf nach oben. Nach zwanzig Schritten lassen Sie ihn schon sinken und
die Hnde legen Sie auf den Rcken. Sie blicken vor sich und sehen
offenbar weder vor sich etwas, noch neben sich. Schlielich beginnen Sie
die Lippen zu bewegen und mit sich selbst zu sprechen, wobei Sie
zuweilen die eine Hand frei machen und deklamieren, endlich bleiben Sie
mitten auf dem Wege lange stehen. Das ist nicht gut. Vielleicht
beobachtet jemand Sie auer mir, und das ist nicht vorteilhaft. Mir ist
es im Grunde genommen gleichgltig, und ich werde Sie nicht heilen, aber
Sie verstehen mich sicher.

Wissen Sie es, da man mich beobachtet? fragte Raskolnikoff und
blickte ihn forschend an.

Nein, ich wei nichts davon, antwortete Sswidrigailoff, wie
verwundert.

Nun, lassen wir meine Person aus dem Spiel, murmelte Raskolnikoff mit
verdstertem Gesichte.

Gut, lassen wir Sie aus dem Spiel.

Sagen Sie mir lieber, -- wenn Sie hierher gehen zu trinken und mir
selbst diesen Ort zweimal genannt haben, damit ich hierher zu Ihnen
kommen soll, warum versteckten Sie sich denn und wollten weggehen, als
ich Sie von der Strae aus am Fenster sah? Ich habe es sehr gut
gemerkt.

He--he! Warum lagen Sie auf Ihrem Sofa mit geschlossenen Augen und
stellten sich schlafend, whrend Sie doch gar nicht schliefen, als ich
damals bei Ihnen auf der Schwelle stand? Ich habe es sehr gut bemerkt.

Ich konnte ... Grnde haben ... Sie wissen es selbst.

Auch ich konnte meine Grnde haben, obwohl Sie sie nicht erfahren
werden.

Raskolnikoff setzte den rechten Ellenbogen auf den Tisch, sttzte mit
den Fingern der rechten Hand sein Kinn und starrte unverwandt
Sswidrigailoff an. Er betrachtete eine Weile sein Gesicht, das auch
frher ihn stets in Staunen gesetzt hatte. Es war ein auffallendes
Gesicht, das einer Maske zu gleichen schien, -- wei, rotwangig, mit
roten, purpurroten Lippen, mit einem hellblonden Barte und noch ziemlich
dichten hellblonden Haaren. Die Augen waren zu blau und ihr Blick zu
schwer und unbeweglich. Es lag etwas uerst Unangenehmes in diesem
hbschen und fr sein Alter viel zu jugendlichen Gesichte.
Sswidrigailoffs Kleidung war elegant, leicht, sommerlich; besonders
elegant war seine Wsche. An einem Finger hatte er einen groen Ring mit
einem kostbaren Stein.

Ja, soll ich mich denn auch mit Ihnen abgeben, sagte Raskolnikoff
pltzlich, indem er mit krampfhafter Ungeduld auf sein Ziel losging,
obgleich Sie vielleicht der gefhrlichste Mensch sind, wenn Sie Lust
bekommen sollten, mir zu schaden, aber ich will mich nicht mehr
verstellen und Komdie spielen. Ich will Ihnen gleich zeigen, da ich
gar keinen groen Wert auf meine Person lege, wie Sie wahrscheinlich
annehmen. Wissen Sie, ich bin gekommen, Ihnen offen zu erklren, wenn
Sie noch Ihre frhere Absicht gegenber meiner Schwester hegen, und wenn
Sie zu diesem Zwecke irgend etwas von dem, was Ihnen in der letzten Zeit
bekannt geworden ist, zu benutzen gedenken, -- ich Sie eher tten werde,
bevor Sie mich ins Gefngnis bringen. Mein Wort ist sicher, -- Sie
wissen, da ich es zu halten imstande bin. Zweitens, wenn Sie mir irgend
etwas zu sagen haben, -- denn es schien mir die ganze Zeit, als wollten
Sie mir etwas mitteilen, -- tun Sie es schnell, denn die Zeit ist
kostbar, und vielleicht ist es sehr bald zu spt.

Was haben Sie denn fr eine Eile? fragte Sswidrigailoff und blickte
ihn neugierig an.

Jeder hat seine eigenen Wege, sagte Raskolnikoff finster und
ungeduldig.

Sie haben mich selbst soeben gebeten, offen zu sein, und die erste
Frage lehnen Sie schon ab, zu beantworten, bemerkte Sswidrigailoff mit
einem Lcheln.

Ihnen scheint es immer, da ich irgend welche Zwecke verfolgen mu und
darum betrachten Sie mich argwhnisch. Nun, das ist in Ihrer Lage
vollkommen begreiflich. Aber wie sehr ich auch wnsche, mit Ihnen in
nhere Beziehungen zu kommen, werde ich mir doch nicht die Mhe machen,
Sie vom Gegenteile zu berzeugen. Bei Gott, es ist nicht der Mhe wert,
und ich hatte gar nicht die Absicht, mit Ihnen ber irgend etwas
besonderes zu sprechen.

Wozu brauchten Sie mich dann? Sie scharwenzelten doch um mich herum?

Ganz einfach, als ein interessantes Beobachtungsobjekt. Mir gefielen
Sie durch das Phantastische Ihrer Lage, -- das ist der Grund. Auerdem
sind Sie der Bruder einer Persnlichkeit, die mich sehr interessierte,
und schlielich habe ich seinerzeit von derselben Persnlichkeit sehr
viel und oft ber Sie gehrt, woraus ich schlo, da Sie einen groen
Einflu auf die Dame haben; ist denn das nicht gengend Grund?
He--he--he! Ich mu brigens gestehen, Ihre Frage ist fr mich sehr
kompliziert, und es fllt mir etwas schwer, Ihnen darauf zu antworten.
Nun, zum Beispiel jetzt, -- Sie sind zu mir nicht blo wegen der einen
Angelegenheit gekommen, sondern auch wegen etwas ganz neuem? Es stimmt
doch? Nicht wahr? sagte Sswidrigailoff mit einem spttischen Lcheln.
-- Nun, stellen Sie sich vor, da ich selbst, noch auf der Reise
hierher im Eisenbahnwagen, auf Sie rechnete, da Sie mir auch etwas
_neues_ sagen wrden, und da es mir gelingen wrde, etwas von Ihnen zu
entlehnen! Sehen Sie, wie reich wir sind!

Was denn entlehnen?

Ja, was soll ich Ihnen sagen? Wei ich etwa, -- was es ist? Sehen Sie,
in was fr einem Restaurant ich die ganze Zeit hocke, und das ist mir
hchst unangenehm, das heit, eigentlich nicht, aber ich mu mich doch
irgendwo hinhocken. Nun, und diese arme Katja -- haben Sie sie gesehen?
... Wre ich wenigstens ein Vielfresser oder ein Feinschmecker, Sie
sehen aber selbst, was ich esse. -- (Er zeigte mit dem Finger in eine
Ecke, wo auf einem Tischchen das berbleibsel von einem entsetzlichen
Beefsteak mit Kartoffeln stand.) -- Apropos, haben Sie zu Mittag
gegessen? Ich habe etwas zu mir genommen und mchte nichts mehr. Wein,
z. B., trinke ich gar nicht. Auer Champagner gar keinen Wein, und davon
trinke ich auch den ganzen Abend ein einziges Glas, davon tut mir schon
der Kopf weh. Ich habe ihn blo bestellt, um mir auf die Beine zu
helfen, denn ich will irgendwohin gehen, Sie sehen mich in einer
besonderen Stimmung. Ich habe mich darum auch vorhin wie ein Schulbube
versteckt, weil ich meinte, da Sie mich stren werden; aber ich glaube
-- (er zog seine Uhr hervor) -- ich kann mit Ihnen noch eine Stunde
zusammen sein; es ist jetzt halb fnf. Glauben Sie mir, wenn ich
wenigstens etwas wre, sagen wir, Gutsbesitzer, Landwirt, oder Vater,
ein Ulan, Photograph oder Journalist ... Aber nichts, ich habe gar keine
Spezialitt! Zuweilen ist mir das langweilig. Wirklich, ich glaubte, von
Ihnen etwas neues zu hren.

Ja, wer sind Sie denn eigentlich und warum sind Sie hierher gereist?

Wer ich bin? Sie wissen doch, -- bin vom Adel, habe zwei Jahre in der
Kavallerie gedient, mich dann hier in Petersburg herumgetrieben, habe
Marfa Petrowna geheiratet und auf dem Lande gelebt. Da haben Sie meine
Lebensbeschreibung!

Sie sind wohl ein Spieler?

Nein, ich bin kein Spieler. Ein Falschspieler ist kein Spieler.

Waren Sie denn Falschspieler?

Ja, ich war Falschspieler.

Hat man Sie auch gefat?

Es ist auch vorgekommen. Was ist dabei?

Nun, Sie konnten doch gefordert werden ... Das bringt doch auch mehr
Leben ins Dasein.

Ich widerspreche Ihnen nicht und bin auerdem kein Meister im
Philosophieren. Ich will Ihnen gestehen, da ich mehr der Weiber wegen
hierher gekommen bin.

Nachdem Sie kaum Marfa Petrowna beerdigt hatten?

Nun ja, lchelte Sswidrigailoff mit einer frappanten Offenheit. --
Was ist dabei? Mir scheint, Sie finden etwas schlechtes darin, da ich
ber die Weiber so rede.

Das will wohl sagen, ob ich etwas schlechtes in der Unsittlichkeit
finde oder nicht?

In der Unsittlichkeit! Nun, Sie gehen zu weit! brigens aber will ich
Ihnen zuerst im allgemeinen ber die Frauen antworten. Wissen Sie, ich
liebe gerade jetzt zu plaudern. Sagen Sie mir, wozu soll ich mich
enthalten? Warum soll ich die Frauen lassen, wenn ich ein groer Freund
davon bin? Sie sind doch wenigstens eine Beschftigung.

Also Sie rechnen hier blo auf die Unsittlichkeit?

Was ist dabei, ja, meinetwegen auf Unsittlichkeit. Wie Sie sich darauf
versessen haben. Ich liebe aber wenigstens eine offene Frage. In dieser
Unsittlichkeit ist etwas bestndiges, in der Natur begrndetes und der
Phantasie nicht unterworfenes, etwas, das stets wie eine feurige Glut im
Blute steckt, ewig anfeuert und das man lange nicht, auch mit den Jahren
vielleicht nicht, so schnell auslschen kann. Geben Sie doch selbst zu,
ist das nicht eine Art von Beschftigung?

Wie soll man sich dabei freuen? Es ist eine Krankheit, und eine
gefhrliche.

Ah, Sie kommen _damit_! Ich gebe zu, da es eine Krankheit ist, wie
auch alles, was ber das Ma hinausgeht, -- und hier wird man unbedingt
das Ma berschreiten, -- aber das ist doch, erstens, bei dem einen so,
bei dem anderen anders, und zweitens, mu man eben wie in allem Ma
einhalten; es ist Berechnung und eine gemeine dazu, aber was soll man
tun? Wenn es dies nicht gbe, mte man sich mglicherweise erschieen.
Ich gebe zu, da ein anstndiger Mensch verpflichtet ist, sich lieber zu
langweilen, aber dennoch ...

Knnten Sie sich erschieen?

Aber, hren Sie! erwiderte Sswidrigailoff mit Widerwillen. Tun Sie
mir den Gefallen und sprechen Sie nicht davon, fgte er hastig hinzu
und ohne jegliche Grotuerei, die sich in allen seinen frheren Worten
ausprgte. Sogar sein Gesicht schien sich verndert zu haben. -- Ich
gestehe diese unverzeihliche Schwche ein, aber was soll ich tun, -- ich
frchte den Tod und liebe nicht, da man darber spricht. Wissen Sie,
ich bin teilweise Mystiker?

Ah! Die Erscheinungen von Marfa Petrowna! Wie, kommt sie noch immer?

Ach, erinnern Sie mich nicht daran; in Petersburg ist es noch nicht
vorgekommen; und hol der Teufel die Erscheinungen! rief er mit
gereizter Miene aus. -- Nein, wir wollen lieber ber ... ja brigens
... Hm! Ach, ich habe zu wenig Zeit, kann nicht lange bei Ihnen bleiben,
es ist schade! Ich htte Ihnen etwas mitzuteilen.

Was, ist es eine Frau, die Sie erwartet?

Ja, eine Frau, ein ganz unerwarteter Zufall ... nein, ich meine nicht
das.

Nun, und die Schndlichkeit dieser ganzen Umgebung wirkt schon nicht
mehr auf Sie? Sie haben schon die Kraft verloren, zu stoppen?

Sie machen auch Ansprche an Kraft? He--he! Sie haben mich soeben
berrascht, Rodion Romanowitsch, obwohl ich im voraus wute, da es so
kommen werde. Sie reden mit mir ber Unsittlichkeit und ber sthetik!
Sie -- ein Schiller, Sie -- ein Idealist! Dies alles mu natrlich so
sein, und man mte erstaunt sein, wenn es anders wre, aber trotzdem
ist etwas merkwrdiges vor der Wirklichkeit ... Ach, schade, da ich so
wenig Zeit habe, Sie sind ein uerst interessantes Subjekt! Ja,
nebenbei gefragt, lieben Sie Schiller? Ich liebe ihn auerordentlich.

Was Sie aber fr ein Grotuer sind! sagte Raskolnikoff mit einem
gewissen Abscheu.

Ich bin es nicht, bei Gott! antwortete Sswidrigailoff mit lautem
Lachen, aber ich will es nicht bestreiten, mag ich ein Grotuer sein;
doch warum soll man auch nicht wichtigtun, wenn es harmlos ist. Ich habe
sieben Jahre auf dem Lande bei Marfa Petrowna gelebt, schon darum freue
ich mich zu plaudern, nachdem ich jetzt auf einen klugen Menschen wie
Sie, -- auf einen klugen und im hchsten Grade interessanten Menschen
gestoen bin, und auerdem habe ich dieses halbe Glas Wein getrunken und
es ist mir ein bichen zu Kopfe gestiegen. Die Hauptsache aber ist, da
es einen Umstand gibt, der mich sehr aufgerttelt hat, den ich aber ...
verschweigen werde. Wohin gehen Sie denn? fragte Sswidrigailoff
pltzlich erschrocken.

Raskolnikoff machte Miene, sich zu erheben. Ihm wurde es schwer,
beengend und peinlich, da er hierher gekommen war. Von Sswidrigailoff
hatte er die feste Meinung gewonnen, da er der unbedeutendste und
inhaltloseste Bsewicht der Welt sei.

Ach! Setzen Sie sich, bleiben Sie noch, bat Sswidrigailoff, und
bestellen Sie sich doch wenigstens Tee. Bleiben Sie sitzen, ich will
keinen Unsinn mehr, das heit, ber mich schwatzen. Ich will Ihnen etwas
erzhlen. Wollen Sie? Ich werde Ihnen erzhlen, wie mich eine Frau, um
in Ihrem Stile zu reden, >retten wollte<? Das wird sogar eine Antwort
auf Ihre erste Frage sein, weil diese Dame -- Ihre Schwester ist. Darf
ich erzhlen? Wir schlagen auch die Zeit damit tot.

Erzhlen Sie, aber ich hoffe, Sie ...

Oh, seien Sie ruhig! Auerdem kann Awdotja Romanowna sogar bei solch
einem schlimmen und oberflchlichen Menschen, wie ich, blo die hchste
Achtung hervorrufen.


                                  IV.

Sie wissen vielleicht, -- ich habe es Ihnen brigens selbst erzhlt,
begann Sswidrigailoff, da ich hier im Schuldgefngnis wegen ungeheurer
Schulden sa, ohne die geringste Aussicht, sie zu tilgen. Es lohnt sich
nicht, die Einzelheiten zu erwhnen, wie mich damals Marfa Petrowna
loskaufte; wissen Sie, bis zu welcher Bewutlosigkeit eine Frau sich
zuweilen verlieben kann? Sie war eine ehrliche, ziemlich kluge, obwohl
vollkommen ungebildete Frau. Stellen Sie sich vor, da diese
eiferschtige und ehrliche Frau nach vielen schrecklichen Wutausbrchen
und Vorwrfen sich entschlossen hatte, mit mir sozusagen einen Vertrag
abzumachen, den sie whrend unserer Verheiratung erfllte. Die Sache war
die, da sie bedeutend lter war als ich, und auerdem stndig eine
Gewrznelke im Munde hatte. Ich hatte in meiner Seele trotz aller
Gemeinheit so viel Ehrlichkeit, ihr offen zu erklren, da ich ihr
vollkommene Treue nicht halten knne. Dieses Gestndnis versetzte sie in
Wut, aber meine grobe Offenheit schien ihr in gewisser Weise gefallen zu
haben. >Er will also selbst nicht betrgen,< dachte sie, >wenn er im
voraus es in dieser Weise erklrt,< -- nun, und fr eine eiferschtige
Frau ist es das wichtigste. Nach vielen Trnen kam zwischen uns
folgender mndlicher Vertrag zustande, -- erster Punkt, ich werde Marfa
Petrowna nie verlassen und stets ihr Mann bleiben; zweitens, ohne ihre
Erlaubnis werde ich nirgendwohin verreisen; drittens, eine stndige
Geliebte werde ich mir nie anschaffen; viertens, dagegen gestattet mir
Marfa Petrowna, mir zuweilen eine von den Stubenmdchen auszusuchen,
jedoch nicht anders, als mit ihrem geheimen Wissen; fnftens, Gott soll
mich behten, da ich mich in eine Frau aus unserem Stande verliebe;
sechstens, falls aber, was Gott verhte, mich irgend eine groe und
ernste Leidenschaft heimsuchen sollte, mu ich mich Marfa Petrowna
anvertrauen. In Bezug auf den letzten Punkt war Marfa Petrowna brigens
die ganze Zeit ziemlich ruhig; sie war eine kluge Frau, und folglich
konnte sie mich nicht anders, als fr einen liederlichen und
lasterhaften Menschen, betrachten, der nicht imstande ist, sich
ernstlich zu verlieben. Aber eine kluge Frau und eine eiferschtige Frau
sind zwei verschiedene Dinge, und das ist ein Unglck. brigens, um
unparteiisch ber einige Menschen urteilen zu knnen, mu man sich
vorher von manchen voreingenommenen Ansichten und von der alltglichen
Gewhnung an die uns umgebenden Menschen und Gegenstnde lossagen. Ich
habe ein Recht, auf Ihr Urteil mehr, als von jemanden anderen, zu
hoffen. Vielleicht haben Sie schon sehr viel lcherliches und unsinniges
ber Marfa Petrowna gehrt. In der Tat, sie hatte manche lcherliche
Angewohnheit, aber ich will Ihnen offen sagen, da ich die zahllosen
Bekmmernisse, die ich ihr verursacht habe, aufrichtig bedauere. Das
scheint fr einen sehr anstndigen _Oraison funbre_{[17]} der
zrtlichsten Frau von dem zrtlichsten Manne zu gengen. Bei unseren
Streitigkeiten schwieg ich meistenteils und war nicht gereizt, und
dieses gentlemanlike Benehmen erreichte fast stets das Ziel; es wirkte
auf sie und gefiel ihr sogar; es gab auch Flle, wo sie sogar auf mich
stolz war. Aber Ihr Frulein Schwester hat sie trotzdem nicht ertragen.
Und wie war es mglich, da sie riskiert hatte, solch eine Schnheit in
ihr Haus als Gouvernante zu nehmen! Ich erklre es mir dadurch, da
Marfa Petrowna eine feurige und empfngliche Frau war, und da sie sich
ganz einfach selbst in Ihre Schwester verliebt, -- buchstblich verliebt
hatte. Nun, und Awdotja Romanowna hat selbst den ersten Schritt getan,
-- ob Sie mir glauben oder nicht? Knnen Sie sich denken, da Marfa
Petrowna sogar zuerst auf mich wegen meines stndigen Schweigens ber
Ihre Schwester bse wurde, weil ich mich gegen ihre ewigen und
verliebten Lobsprche auf Awdotja Romanowna gleichgltig verhielt? Ich
begreife selbst nicht, was sie eigentlich wollte! Und selbstverstndlich
erzhlte Marfa Petrowna alles, meine ganze Vergangenheit Awdotja
Romanowna. Sie hatte die unglckliche Eigenschaft, allen unsere ganzen
Familiengeheimnisse zu erzhlen und vor allen stndig ber mich zu
klagen; wie sollte sie da solch eine neue und schne Freundin damit
verschonen? Ich nehme selbst an, da zwischen ihnen kein anderes
Gesprch gefhrt wurde, als ber mich, und zweifellos bekam Awdotja
Romanowna alle diese finsteren geheimnisvollen Mrchen zu hren, die
ber mich im Umlauf sind ... Ich wette, da Sie auch irgend etwas
derartiges schon gehrt haben.

Ich habe etwas gehrt. Luschin beschuldigte Sie, da Sie sogar die
Ursache des Todes eines Kindes waren. Ist es wahr?

Tun Sie mir den Gefallen und lassen Sie mich mit allen diesen
Abgeschmacktheiten in Ruhe, sagte Sswidrigailoff mit Abscheu und Ekel,
wenn Sie unbedingt wnschen, ber diesen ganzen Unsinn nheres zu
erfahren, will ich es Ihnen einmal erzhlen, jetzt aber ...

Man sprach auch von einem Diener auf Ihrem Gute und da Sie angeblich
auch die Ursache ...

Tun Sie mir den Gefallen, genug davon! unterbrach ihn Sswidrigailoff
von neuem mit sichtbarer Ungeduld.

Ist das nicht derselbe Diener, der Ihnen nach seinem Tode die Pfeife
stopfen wollte ... Sie haben mir noch selbst davon erzhlt? fuhr
Raskolnikoff immer gereizter fort.

Sswidrigailoff blickte Raskolnikoff aufmerksam an, und jenem schien es,
da in diesem Blicke, gleich einem Blitze, ein boshaftes Lcheln
aufzuckte, Sswidrigailoff aber bemeisterte sich und antwortete sehr
hflich:

Es ist derselbe. Ich sehe, da auch dies alles Sie auerordentlich
interessiert, und werde es fr meine Pflicht halten, bei der ersten
besten Gelegenheit Ihre Neugier in allen Punkten zu befriedigen. Zum
Teufel! Ich sehe, da ich tatschlich jemand als eine romantische Person
erscheinen kann. Beurteilen Sie selbst, wie dankbar ich der verstorbenen
Marfa Petrowna sein mu, da sie Ihrem Frulein Schwester so viel
Geheimnisvolles und Interessantes ber mich erzhlt hatte. Ich nehme mir
nicht die Freiheit, ber den Eindruck zu urteilen, aber in jedem Falle
war es fr mich vorteilhaft. Bei dem ganzen natrlichen Widerwillen
Awdotja Romanownas gegen mich und trotz meines stndigen finsteren und
abstoenden Aussehens -- tat ich ihr endlich leid, tat ihr der verlorene
Mensch leid. Wenn aber dem Herzen eines jungen Mdchens etwas _leid
tut_, ist dies selbstverstndlich fr sie am gefhrlichsten. Da bekommt
man unbedingt Lust >zu retten<, aufzurtteln, zu berzeugen, zu edleren
Zielen zu rufen und zu neuem Leben und neuer Ttigkeit zu erwecken, --
nun, es ist bekannt, was man in dieser Art zusammentrumen kann. Ich
habe sofort gemerkt, da das Vgelchen selbst ins Netz fliegt, und habe
mich meinerseits vorbereitet. Sie scheinen mir das Gesicht zu verziehen,
Rodion Romanowitsch? Hat nichts auf sich, die Sache hat, wie Sie wissen,
mit Kleinigkeiten geendet. -- Zum Teufel, wie viel Wein ich heute
trinke! -- Wissen Sie, ich bedauerte immer von Anfang an, da es Ihrer
Schwester nicht vergnnt war, im zweiten oder dritten Jahrhundert
unserer Zeitrechnung irgendwo als Tochter eines kleinen regierenden
Frsten oder eines Regenten oder eines Prokonsuls in Kleinasien zur Welt
zu kommen. Sie wrde zweifellos eine von jenen gewesen sein, die das
Martyrium erduldet haben, und sie htte sicher gelchelt, wenn man ihr
die Brust mit glhenden Zangen gebrannt htte. Sie htte dies
absichtlich auf sich genommen, im vierten oder fnften Jahrhundert aber
wrde sie in eine Wste von gypten gegangen sein, htte dort dreiig
Jahre gelebt und sich von Wurzeln, Verzckung und Erscheinungen genhrt.
Sie drstet blo und verlangt darnach, irgend eine Marter fr jemand auf
sich zu nehmen, wenn man ihr aber diese Marter nicht geben wird, so
springt sie mglicherweise zum Fenster hinaus. Ich habe etwas von einem
Herrn Rasumichin gehrt. Man sagt, er sei ein vernnftiger Bursche,
worauf auch sein Familienname deutet, wahrscheinlich aus dem geistlichen
Stande, nun mag er Ihre Schwester hten. Mit einem Worte, mir scheint
es, ich habe sie verstanden, was ich auch mir als eine Ehre anrechne.
Damals aber, das heit am Anfang der Bekanntschaft, wie Sie selbst
wissen, ist man immer leichtsinniger und dmmer, sieht vieles im
falschen Lichte, sieht nicht das richtige. Zum Teufel, warum ist sie
auch so schn? Ich habe keine Schuld! Mit einem Worte, es begann bei mir
mit einer sehr starken wollstigen Neigung. Awdotja Romanowna ist
unbeschreiblich und unerhrt keusch. Merken Sie sich, ich teile Ihnen
dieses als eine Tatsache ber Ihre Schwester mit. Sie ist vielleicht bis
zur Krankhaftigkeit keusch, trotz ihres ganzen groen Verstandes, und
das wird ihr schaden. Bei uns tauchte ein Mdchen Parascha, die
schwarzugige Parascha auf, die man soeben von einem anderen Gute zu uns
gebracht hatte, als Stubenmdchen, und die ich vorher nie gesehen hatte,
-- sie war sehr hbsch, aber unglaublich dumm, -- sie weinte, erhob ber
den ganzen Hof ein Geheul und es passierte ein Skandal. Eines Tages
suchte Awdotja Romanowna nach dem Essen mich absichtlich allein in einer
Allee im Garten auf und _verlangte_ von mir mit blitzenden Augen, da
ich die arme Parascha in Ruhe lassen sollte. Das war beinahe unser
erstes Gesprch zu zweien. Ich hielt es selbstverstndlich fr eine
Ehre, ihrem Wunsche nachzukommen, versuchte mich berrascht, beschmt zu
stellen, nun, mit einem Worte, ich spielte meine Rolle nicht bel. Es
begannen Beziehungen, geheimnisvolle Gesprche, Moralpredigten, Bitten,
Flehen, sogar Trnen, -- knnen Sie es glauben, sogar Trnen! Sehen Sie,
wie stark und weit bei manchen jungen Mdchen die Leidenschaft
Propaganda machen geht! Ich schob selbstverstndlich alles auf mein
Schicksal, stellte mich hin als einen nach Erleuchtung Hungernden und
Drstenden, und schlielich machte ich von dem grten und
unerschtterlichen Mittel, Frauenherzen zu erobern, Gebrauch, von dem
Mittel, das nie und nimmer trgt und das entschieden auf alle, ohne jede
Ausnahme, wirkt. Es ist ein bekanntes Mittel -- die Schmeichelei. Es
gibt nichts schwereres in der Welt, als offener Freimut, und nichts
leichteres, als Schmeichelei. Wenn im Freimut blo ein hundertster Teil
des Tones falsch ist, so tritt sofort eine Dissonanz und nach ihr -- ein
Skandal ein. Wenn aber in der Schmeichelei alles, bis zum geringsten
Tone falsch ist, auch dann ist sie angenehm und wird mit Vergngen
angehrt, und wenn auch mit grobem Vergngen, so doch mit Vergngen. Und
mag die Schmeichelei noch so derb sein, so wird doch unbedingt
wenigstens die Hlfte als Wahrheit geglaubt. Und das gilt fr alle
Entwicklungsstufen und Schichten der Gesellschaft. Sogar eine Vestalin
kann man durch Schmeichelei verfhren. Von gewhnlichen Menschen lohnt
sich nicht mal zu reden. Ich kann mich nicht ohne Lachen daran erinnern,
wie ich einmal eine Dame, die ihrem Manne, ihren Kindern und ihren
Tugenden ergeben war, verfhrt habe. Wie amsant es war und wie wenig
Arbeit es mir machte! Die Dame war tatschlich tugendhaft, wenigstens in
ihrer Art. Meine ganze Taktik bestand darin, da ich jeden Augenblick
von ihrer Keuschheit einfach erdrckt war und mich davor in den Staub
warf. Ich schmeichelte ihr gottlos und kaum, wenn ich von ihr einen
Hndedruck, selbst einen Blick erhaschte, machte ich mir Vorwrfe, da
ich dies ihr mit Gewalt abgentigt habe, da sie sich dem widersetzt,
sich dem so widersetzt habe, da ich sicher nie etwas von ihr erlangt
htte, wenn ich selbst nicht so verdorben wre, da sie in ihrer
Unschuld meine Arglist nicht vorgesehen habe und unabsichtlich, ohne es
selbst zu wissen und zu ahnen, mir entgegengekommen wre, und
dergleichen mehr. Mit einem Worte, ich erreichte alles, meine Dame aber
blieb im hchsten Grade davon berzeugt, da sie unschuldig und keusch
wre und alle Pflichten und Schuldigkeiten erfllt habe, da sie aber
zufllig gefallen war. Und wie bse wurde sie auf mich, als ich ihr zu
guter Letzt erklrte, da meiner aufrichtigen berzeugung nach, sie
ebenso, wie ich, einen Genu gesucht habe. Die arme Marfa Petrowna war
auch schrecklich empfnglich fr Schmeichelei, wenn ich nur gewollt
htte, so htte sie sicher ihr ganzes Vermgen auf meinen Namen noch bei
ihren Lebzeiten umgeschrieben. -- Jedoch, ich trinke viel Wein und
schwatze. -- Ich hoffe, Sie werden nicht bse werden, wenn ich jetzt
erwhne, da sich auch bei Awdotja Romanowna dasselbe Resultat zu zeigen
begann. Ich war aber selbst dumm und ungeduldig und habe die ganze Sache
verdorben. Awdotja Romanowna mifiel furchtbar der Ausdruck meiner
Augen, schon einige Male vorher, -- das eine Mal aber ganz besonders, --
glauben Sie es? Mit einem Worte, in meinen Augen leuchtete immer strker
und unvorsichtiger ein gewisses Feuer, das sie bange machte und ihr
schlielich verhat wurde. Die Einzelheiten lohnen sich nicht zu
erzhlen, aber wir kamen auseinander. Da machte ich wieder eine
Dummheit. Ich begann in der grbsten Weise alle diese Propaganda und
Bekehrungen zu verhhnen; Parascha erschien wieder auf der Bildflche,
und nicht allein sie, -- mit einem Worte, es begann ein Sodom. Ach,
Rodion Romanowitsch, wenn Sie nur ein einziges Mal im Leben die Augen
Ihrer Schwester gesehen htten, wie sie zuweilen zu blitzen verstehen!
Es tut nichts, da ich jetzt betrunken bin und schon ein ganzes Glas
Wein getrunken habe, ich sage die Wahrheit; ich versichere Sie, da ich
von diesem Blicke trumte; ich konnte schlielich nicht mehr das
Rauschen ihres Kleides ertragen. Ich dachte in der Tat, da ich die
Fallsucht bekomme, nie habe ich es mir trumen lassen, da ich so auer
mir geraten knne. Mit einem Worte, es war notwendig Frieden zu
schlieen, aber es war schon unmglich. Und stellen Sie sich vor, was
ich dann tat? Bis zu welchem Stumpfsinn die rasende Wut einen Menschen
bringen kann! Unternehmen Sie niemals etwas in rasender Wut, Rodion
Romanowitsch. In der Annahme, da Awdotja Romanowna im Grunde genommen
bettelarm ist -- (ach, entschuldigen Sie, ich wollte nicht das sagen ...
ist es aber nicht einerlei, wenn es nur einen Begriff wiedergibt?) --
mit einem Worte, da sie von ihrer Hnde Arbeit lebt, -- da sie ihre
Mutter und Sie unterhalten mu -- (ach, zum Teufel, Sie verziehen wieder
Ihr Gesicht ...) -- beschlo ich ihr mein ganzes Geld anzubieten, -- ich
konnte damals etwa dreiigtausend realisieren, -- damit sie mit mir --
nun, meinetwegen, -- hierher nach Petersburg fliehen solle. Es versteht
sich, da ich ihr dabei ewige Liebe, Seligkeit und dergleichen mehr
geschworen habe. Knnen Sie mir glauben, da ich damals so von ihr
benommen war, da, htte sie zu mir gesagt, -- ermorde oder vergifte
Marfa Petrowna und heirate mich, -- ich es sofort getan htte! Alles
aber endete mit der Ihnen schon bekannten Katastrophe, und Sie knnen
sich selbst ausmalen, in was fr eine Wut ich geriet, als ich erfuhr,
da Marfa Petrowna damals diese gemeine Schreiberseele Luschin
aufgegabelt und beinahe die Heirat zustande gebracht hatte, -- was im
Grunde genommen dasselbe gewesen wre, was auch ich anbot. Ist es etwa
nicht so? Ist es nicht dasselbe? Nicht wahr, es ist dasselbe? Ich merke,
da Sie mir zu aufmerksam zuhren ... interessierter junger Mann ...

Sswidrigailoff schlug voll Ungeduld mit der Faust auf den Tisch. Er war
rot geworden. Raskolnikoff sah deutlich, da das eine oder die
anderthalb Glas Champagner, den er unmerklich in kleinen Schlucken
getrunken hatte, krankhaft auf ihn gewirkt hatten, -- und beschlo diese
Gelegenheit wahrzunehmen. Sswidrigailoff erschien ihm sehr verdchtig.

Nach all dem Gesagten bin ich vllig berzeugt, da Sie auch hierher
gereist sind, weil Sie meine Schwester im Auge haben, sagte er zu
Sswidrigailoff offen und ohne sich zu verstellen, um ihn nur noch mehr
zu reizen.

Ach, lassen Sie es, Sswidrigailoff schien sich pltzlich
zusammenzunehmen, ich habe Ihnen schon gesagt ... und auerdem kann
Ihre Schwester mich gar nicht leiden.

Ja, davon bin ich auch berzeugt, da sie es nicht kann, aber es
handelt sich jetzt nicht darum.

Sind Sie wirklich berzeugt, da sie mich nicht leiden kann?
Sswidrigailoff kniff die Augen zusammen und lchelte spttisch. -- Sie
haben recht, sie liebt mich nicht, aber bernehmen Sie nie eine
Gewhrleistung in Dingen, die zwischen einem Manne und einer Frau oder
zwischen einem Liebhaber und seiner Geliebten vorgefallen sind. Es gibt
hier stets einen Winkel, der immer der ganzen Welt verborgen bleibt, und
der nur den beiden bekannt ist. bernehmen Sie die Gewhrleistung, da
Awdotja Romanowna mich stets mit Widerwillen angeschaut hat?

Ich merke aus einigen Ihrer Worte und Andeutungen whrend Ihrer
Erzhlung, da Sie auch jetzt noch unbedingt Absichten gegen Dunja
haben, und selbstverstndlich gemeiner Natur.

Wie! Mir sollten solche Worte und Andeutungen entschlpft sein? sagte
erschreckt Sswidrigailoff und in der naivsten Weise, ohne dem Epitheton,
der seinen Absichten beigelegt worden war, die geringste Beachtung zu
schenken.

Auch jetzt entschlpften sie Ihnen. Warum frchten Sie sich so? Worber
erschraken Sie jetzt pltzlich?

Ich soll mich frchten und erschrocken sein? Soll ich etwa vor Ihnen
erschrocken sein? Eher haben Sie Grund, mich zu frchten, _cher
ami_{[18]}. Ach, was fr Unsinn ... Ich bin berauscht, ich sehe es;
beinahe htte ich mich wieder versprochen. Der Teufel soll den Wein
holen! Heda, Wasser!

Er packte die Flasche und schleuderte sie ohne viel Federlesens zum
Fenster hinaus. Philipp brachte ihm Wasser.

Dies alles ist Unsinn, sagte Sswidrigailoff, indem er ein Handtuch
anfeuchtete und es an den Kopf hielt, -- ich kann Sie aber mit einem
einzigen Worte zurckweisen und Ihren ganzen Verdacht zunichte machen.
Wissen Sie zum Beispiel, da ich heirate?

Sie haben es mir schon erzhlt!

Habe ich es? Das hatte ich vergessen. Damals aber konnte ich es noch
nicht mit Bestimmtheit sagen, denn ich hatte die Braut gar nicht
gesehen; ich hatte blo die Absicht. Jetzt aber habe ich schon eine
Braut und die Sache ist beschlossen, und wenn ich blo nicht etwas
Unaufschiebbares zu tun htte, wrde ich Sie unbedingt und sofort zu
einem Besuche dort mitnehmen, -- denn ich mchte Sie um Rat fragen. Ach,
zum Teufel! Ich habe blo zehn Minuten brig. Sie sehen selbst nach der
Uhr; ich will es Ihnen brigens erzhlen, denn meine Heirat ist auch
eine interessante Sache, in ihrer Art, versteht sich, -- wohin wollen
Sie? Wollen Sie wieder fortgehen?

Nein, jetzt gehe ich schon nicht mehr fort.

Sie wollen gar nicht fortgehen? Nun, wir wollen es sehen! Ich werde Sie
mitnehmen und Ihnen die Braut zeigen, das ist wahr, aber blo nicht
jetzt; es ist bald Zeit fr Sie zu gehen. Sie gehen nach rechts und ich
nach links. Kennen Sie diese Rlich? Ich meine, dieselbe Rlich, bei
der ich jetzt wohne, -- ah? Hren Sie? Nein, denken Sie sich, ich meine
dieselbe, von der man erzhlt, da das kleine Mdchen damals im Winter
... Nun, hren Sie! Hren Sie? Sie ist es auch, die mir diese Geschichte
arrangiert hat; du langweilst dich, -- sagte sie, -- zerstreue dich ein
wenig. Ich bin aber ein finsterer, langweiliger Mensch. Sie meinen, ich
sei frhlich? Nein, ich bin finster, -- ich fge niemandem Schaden zu,
sitze in der Ecke, und zuweilen kann man mich drei Tage nicht zum Reden
bringen. Die Rlich ist eine Spitzbbin, sage ich Ihnen; sie hat dabei
folgendes im Sinn, -- mir wird es berdrssig werden, ich werde meine
Frau verlassen und fortreisen, meine Frau wird dann ihr zufallen, und
sie wird sie in unseren Kreisen und hher hinauf in Umsatz bringen. Sie
sagte mir, -- es gibt solch einen gelhmten Vater, einen verabschiedeten
Beamten, der im Sessel sitzt und das dritte Jahr die Beine nicht rhren
kann; auch eine Mutter ist da, eine sehr vernnftige Dame; der Sohn
dient irgendwo in der Provinz, hilft ihr aber nicht; die eine Tochter
ist verheiratet, sucht aber die Eltern nicht mehr auf; die Eltern haben
fr zwei kleine Neffen zu sorgen -- da sie an ihren eigenen Sorgen nicht
genug hatten, -- und haben ihre letzte Tochter, ohne da sie den Kursus
absolviert hat, aus der Schule genommen; sie werde nach einem Monat erst
sechzehn Jahre alt, also knnte man sie auch nach einem Monat
verheiraten. Ich sollte sie also heiraten. Wir fuhren hin; wie bei ihnen
alles lcherlich zuging; ich stellte mich vor, -- Gutsbesitzer, Witwer,
aus bekannter Familie, mit den und den Verbindungen, vermgend, -- nun,
was ist dabei, da ich fnfzig Jahre alt bin und jene nicht mal
sechzehn? Wer achtet darauf? Nun, es ist doch verlockend, ah? Nicht
wahr, es ist verlockend, ha! ha! ha! Sie sollten mich gesehen haben, wie
ich mich mit dem Papa und der Mama unterhalten habe! Man mte etwas
dafr bezahlen, um mich nur damals gesehen zu haben. Sie kommt endlich,
macht einen Knicks, nun, knnen Sie sich vorstellen, sie war noch in
kurzem Kleidchen, eine noch unaufgebrochene Knospe, sie errtete,
flammte wie die Morgenrte auf -- man hat ihr selbstverstndlich alles
mitgeteilt. Ich wei nicht, wie Sie sich zu Frauengesichtern stellen,
aber meiner Ansicht nach sind diese sechzehn Jahre, diese noch
kindlichen Augen, diese Verlegenheit und Trnen der Beschmtheit --
besser als jede Schnheit, und sie ist auerdem wie ein Bild. Hellblonde
Haare, in kleinen Locken gekruselt, volle, rote kleine Lippen, Fchen
-- mit einem Worte reizend! ... Nun, ich wurde also dort bekannt,
erklrte, da ich es infolge huslicher Angelegenheiten eilig habe, und
am anderen Tage, also vorgestern, erhielten wir den Segen. Seit dem
Tage, wenn ich blo hinkomme, nehme ich sie sofort auf meinen Scho und
lasse sie nicht herunter ... Nun, sie errtet, ich aber ksse sie alle
Augenblicke; die Mama sagt ihr selbstverstndlich, da ich ihr Mann sei
und da es sich so gehre, mit einem Worte, ich habe es dort
ausgezeichnet. Und meine jetzige Lage als Brutigam ist vielleicht auch
besser, als die eines verheirateten Mannes. Hier ist, was man _la nature
et la vrit_{[19]} nennt! Ha! Ha! Ich habe mich mit ihr ein paarmal
unterhalten, -- das Mdel ist gar nicht dumm; zuweilen blickt sie mich
so verstohlen an, -- da es mich einfach durchschauert. Wissen Sie, sie
hat ein Gesicht wie die Madonna von Raphael. Die Sixtinische Madonna hat
doch ein phantastisches Gesicht, das Gesicht einer leidenden, im
heiligen Wahne befangenen, ist Ihnen das nicht aufgefallen? Nun, sie hat
ein Gesicht von dieser Art. Kaum hatte man uns den Segen erteilt, als
ich am anderen Tage ihr fr anderthalb Tausend Geschenke mitbrachte, --
einen Brillantenschmuck, ein Perlenhalsband und einen silbernen
Toilettenkasten fr Damen -- von dieser Gre, mit allerhand Dingen
darin, so da ihr Gesichtchen, das Madonnengesichtchen, errtete. Ich
setzte sie gestern auf meinen Scho hin, habe es aber wahrscheinlich zu
ungeniert getan, -- sie errtete ganz und gar und Trnen kamen zum
Vorschein, sie wollte sich aber nicht verraten und brannte wie im
Fieber. Alle gingen auf einen Augenblick, ich blieb mit ihr ganz allein
zurck, pltzlich fiel sie mir -- zum ersten Male von selbst -- um den
Hals, umarmte mich mit ihren Hndchen, kte mich und schwur, da sie
mir eine folgsame, treue und gute Frau sein werde, da sie mich
glcklich machen wolle, da sie ihr ganzes Leben, jeden Augenblick ihres
Lebens dazu verwenden und alles, alles opfern werde, dafr wnscht sie
blo _meine Achtung allein_ zu besitzen und weiter, -- sagte sie
>brauche ich nichts, gar nichts, keine Geschenke.< Geben Sie selbst zu,
da ein derartiges Gestndnis unter vier Augen von solch einem
sechzehnjhrigen Engel mit jungfrulicher Schamrte und enthusiastischen
Trnen in den Augen anzuhren, -- ziemlich verlockend ist? Nicht wahr,
es ist verlockend? Es ist doch etwas wert, ah? Nicht wahr? Nun ... nun
hren Sie ... fahren wir zu meiner Braut hin ... aber nicht sofort!

Mit einem Worte, dieser unerhrte Unterschied im Alter und in der
Entwicklung erregt gerade in Ihnen die Wollust! Und Sie wollen sie
tatschlich heiraten?

Wieso? Ich heirate sie unbedingt. Jeder sorgt fr sich selbst, und am
lustigsten von allen lebt der, welcher es am besten von allen versteht,
sich selbst zu betrgen. Ha! ha! Haben Sie sich in die Tugend denn ganz
vernarrt? Erbarmen Sie sich meiner, Vterchen, ich bin ein sndhafter
Mensch. He! he! he!

Sie haben doch die Kinder von Katerina Iwanowna untergebracht und
versorgt. brigens ... brigens Sie hatten dazu Ihre Grnde ... ich
begreife jetzt alles.

Kinder habe ich berhaupt gern, ich liebe Kinder sehr, lachte
Sswidrigailoff. -- In dieser Hinsicht kann ich Ihnen sogar ein sehr
interessantes Erlebnis erzhlen, das auch jetzt noch nicht zu Ende ist.
Am ersten Tage nach meiner Ankunft ging ich in all diesen Kloaken herum,
nun -- nach sieben Jahren strzte ich mich hinein. Sie haben
wahrscheinlich gemerkt, da ich keine Eile habe, den Verkehr mit den
frheren Freunden und Bekannten aufzunehmen. Und ich will noch mglichst
lange ohne sie auskommen. Wissen Sie, -- bei Marfa Petrowna auf dem
Lande haben mich die Erinnerungen an alle diese geheimnisvollen Orte und
Winkel, in denen einer vieles finden kann, der es kennt, bis zu Tode
geqult. Hol der Teufel! Das Volk suft, die gebildete Jugend geht vor
Nichtstun in unmglichen Trumen und Phantasien auf, wird vor lauter
Theorien zum Krppel; irgendwoher sind Juden herbeigestrmt und sammeln
Geld, alles brige aber ergibt sich der Unzucht. Von den ersten Stunden
an wehte mich auch von dieser Stadt ein bekannter Geruch an. Ich geriet
zu einem sogenannten Tanzabend, -- in einer entsetzlichen Kloake -- ich
liebe aber gerade die Kloaken mit etwas Schmutz, -- und
selbstverstndlich wurde kankaniert, wie man eigentlich nirgends
kankaniert, und wie man es zu meiner Zeit noch nicht tat. Ja, darin ist
Fortschritt. Pltzlich sehe ich ein Mdchen von etwa dreizehn Jahren,
sehr nett angezogen, wie sie mit einem Subjekt tanzt; ein anderer, als
ihr vis-a-vis. An der Wand auf einem Stuhle sitzt ihre Mutter. Sie
knnen sich vorstellen, wie kankaniert wurde! Das Mdchen wurde
beschmt, verlegen, errtete, schlielich fate sie es als Krnkung auf
und begann zu weinen. Das Subjekt erfat sie, fngt an sie
herumzuschwenken und vor ihr zu tanzen, ringsum lachen alle und -- ich
habe das Publikum in solchen Augenblicken gern, mag es auch ein
kankanierendes Publikum sein, -- schreien, -- >Geschieht mit Recht! Man
soll keine Kinder hierherbringen!< Nun, ich pfiff darauf und mich ging
es auch nichts an, ob sie sich logisch oder unlogisch, diese Menschen
da, trsteten! Ich hatte mir meinen Plan sofort zurechtgelegt, setzte
mich neben die Mutter hin und begann damit, da ich auch fremd wre, da
hier alle so unerzogen wren, da sie nicht verstnden, wahre Vorzge zu
unterscheiden und die gebhrende Achtung zu bewahren. Ich gab zu
verstehen, da ich viel Geld htte, schlug vor, in meinem Wagen sie nach
Hause zu bringen. Ich geleitete sie nach Hause und wurde mit ihnen
bekannt, sie sind soeben angekommen und leben in einem kleinen
mblierten Zimmer. Man teilte mir mit, da sie meine Bekanntschaft, wie
sie, so auch die Tochter blo als eine groe Ehre auffassen knnten; ich
erfuhr, da sie weder Haus noch Hof haben, und da sie gekommen sind, um
in irgend einer Behrde eine Sache durchzufhren; ich bot ihnen meine
Dienste und Geld an; ich erfuhr auch, da sie irrtmlicherweise zu
diesem Tanzabend hingefahren sind, in der Annahme, da man dort
tatschlich tanzen lehre. Ich bot meinerseits an, zu der Erziehung des
jungen Mdchens beizutragen, sie franzsischen Unterricht und
Tanzstunden nehmen zu lassen. Man nimmt es mit Begeisterung auf, hlt es
fr eine Ehre, und ich verkehre bei ihnen noch immer. -- Wollen Sie mit
mir zu ihnen hinfahren? -- Aber nicht gleich.

Lassen Sie, lassen Sie Ihre niedertrchtigen, gemeinen Anekdoten, Sie
verdorbener, gemeiner, wollstiger Mensch!

Sehen Sie mal den Schiller, unsern Schiller! _O va-t-elle la vertu se
nicher?_{[20]} Wissen Sie, ich will Ihnen absichtlich solche Dinge
erzhlen, um Sie aufschreien zu hren. Es ist ein Genu!

Und ob, bin ich mir denn jetzt nicht selbst lcherlich? murmelte
Raskolnikoff voll Wut.

Sswidrigailoff lachte aus vollem Halse; schlielich rief er Philipp,
bezahlte seine Rechnung und begann sich fertig zu machen.

Ich bin jetzt betrunken, _assez caus_! sagte er, es ist ein Genu!

Das glaube ich, rief Raskolnikoff aus, sich auch erhebend, ist es
denn fr einen abgebrhten Wstling kein Genu, von solchen Erlebnissen
zu erzhlen, -- wobei er sich schon wieder mit unerhrten Absichten von
derselben Art trgt, -- auerdem unter diesen Umstnden und vor solch
einem Menschen, wie ich es bin, ... das mu ein Genu sein ... Es mu
ihn frmlich hei machen.

Und wenn die Sache so ist, antwortete Sswidrigailoff ein wenig
verwundert und betrachtete Raskolnikoff, wenn dem so ist, so sind Sie
auch selbst ein groer Zyniker. Sie enthalten wenigstens in sich ein
ungeheures Material dazu. Sie knnen vieles verstehen, vieles ... und,
Sie knnen auch vieles tun. Jedoch, genug darber. Ich bedauere
aufrichtig, da ich mich nicht lnger mit Ihnen unterhalten kann, aber
Sie entgehen mir nicht ... Warten Sie nur ...

Sswidrigailoff verlie das Restaurant. Raskolnikoff folgte ihm.
Sswidrigailoff war nicht sehr stark berauscht; der Wein war ihm blo auf
einen Augenblick zu Kopf gestiegen und der Rausch verschwand mit jedem
Augenblick mehr. Er hatte etwas uerst wichtiges vor und sein Gesicht
verfinsterte sich. Eine Erwartung regte ihn augenscheinlich auf und
beunruhigte ihn. In den letzten Minuten ihres Zusammenseins wurde er
pltzlich gegen Raskolnikoff grber und spttischer. Raskolnikoff hatte
alles gemerkt und war auch in Unruhe geraten. Sswidrigailoff schien ihm
sehr verdchtig; er beschlo ihm nachzugehen.

Sie gelangten auf das Trottoir.

Sie mssen nach rechts, ich aber nach links, oder vielleicht auch
umgekehrt, also -- _adieu bon plaisir_{[21]}, auf freudiges
Wiedersehen!

Und er ging nach rechts dem Heumarkte zu.


                                   V.

Raskolnikoff folgte ihm.

Was ist das! rief Sswidrigailoff, ich habe Ihnen doch gesagt ...

Das bedeutet, da ich Ihnen jetzt folgen werde.

Wa--as?

Beide blieben stehen und blickten einander eine Minute lang an, als ob
sie sich messen wollten.

Aus allen Ihren halbbetrunkenen Erzhlungen, sagte Raskolnikoff
scharf, habe ich eins _positiv_ entnommen, da Sie nicht blo Ihre
niedertrchtigen Plne gegen meine Schwester nicht aufgegeben haben,
sondern da Sie sich mehr als je damit abgeben. Ich wei, da meine
Schwester heute frh einen Brief empfangen hat. Sie konnten die ganze
Zeit nicht ruhig sitzen ... Sie konnten gewi irgend eine Frau auf der
Strae aufgegabelt haben, aber das hat nichts zu sagen. Ich will mich
persnlich berzeugen ...

Raskolnikoff htte schwerlich sagen knnen, was er jetzt wnschte, und
wovon er sich persnlich berzeugen wollte.

So! Wollen Sie, ich werde sofort die Polizei rufen?

Rufen Sie die Polizei!

Wieder standen sie eine Minute lang einander gegenber. Schlielich
vernderte sich das Gesicht Sswidrigailoffs. Nachdem er sich berzeugt
hatte, da Raskolnikoff seine Drohung nicht frchtete, nahm er pltzlich
eine sehr lustige und freundliche Miene an.

Wie sonderbar Sie sind! Ich habe absichtlich mit Ihnen kein Wort ber
Ihre Sache gesprochen, obwohl mich selbstverstndlich die Neugier plagt.
Es ist eine phantastische Geschichte. Ich htte es bis auf ein andermal
verschoben, aber wirklich, Sie sind fhig, einen Toten zu reizen ...
Nun, gehen wir, ich sage Ihnen aber im voraus, -- ich gehe jetzt blo
auf einen Augenblick nach Hause, um Geld zu holen; dann schliee ich die
Wohnung ab, nehme eine Droschke und fahre fr den ganzen Abend auf die
Insel. Wollen Sie mir da folgen?

Ich gehe vorlufig in die Wohnung mit, und auch nicht zu Ihnen, sondern
zu Ssofja Ssemenowna, um mich zu entschuldigen, da ich nicht beim
Begrbnis war.

Tun Sie, wie Sie wnschen, aber Ssofja Ssemenowna ist nicht zu Hause.
Sie ist mit allen Kindern zu einer Dame gegangen, zu einer sehr
vornehmen alten Dame, zu einer alten Bekannten von mir aus frheren
Zeiten, die Vorstandsmitglied von einigen Waisenanstalten ist. Ich habe
diese Dame bezaubert, indem ich fr alle drei Sprlinge von Katerina
Iwanowna Geld deponierte und auerdem den Anstalten eine Schenkung
machte; schlielich erzhlte ich ihr die Geschichte von Ssofja
Ssemenowna, mit all ihren Einzelheiten, ohne etwas zu verheimlichen. Das
machte einen unbeschreiblichen Eindruck. Darum wurde auch Ssofja
Ssemenowna fr heute noch in das --sche Hotel bestellt, wo, aus der
Sommerfrische kommend, meine Dame einstweilen abgestiegen ist.

Tut nichts, ich werde doch zu ihr gehen.

Wie Sie wollen, ich bin Ihnen blo kein Weggenosse; mir ist's einerlei.
Wir sind gleich da. Sagen Sie mir, ich bin berzeugt, da Sie mich aus
dem Grunde so argwhnisch betrachten, weil ich selbst so zartfhlend war
und Sie bis jetzt mit Fragen nicht belstigt habe ... Sie verstehen
mich? Ihnen erschien dies ungewhnlich; ich gehe eine Wette ein, da es
so ist! Nun, da soll man noch zartfhlend sein.

Und an der Tre horchen!

Ah, Sie meinen damals! lachte Sswidrigailoff, ja, ich wrde erstaunt
sein, wenn Sie nach all dem vorher Gesagten dieses nicht erwhnt htten.
Ha! ha! Ich habe wohl einiges davon verstanden, was Sie damals ... dort
... losgelassen und Ssofja Ssemenowna selbst erzhlt haben, aber was ist
es denn eigentlich? Ich bin vielleicht ein vollkommen zurckgebliebener
Mensch und kann schon nichts mehr begreifen. Erklren Sie es mir um
Gotteswillen, mein Lieber! Erleuchten Sie mich mit den allerneuesten
Ideen!

Sie konnten nichts gehrt haben, Sie lgen!

Ja, ich meine gar nicht dies, -- obwohl ich brigens einiges auch
gehrt habe, -- nein, ich meine, da Sie immer chzen und sthnen! Der
Schiller in Ihnen wird alle Augenblicke rebellisch. Jetzt sagen Sie
auch, man soll nicht an fremden Tren lauschen. Wenn das Ihre Meinung
ist, so gehen Sie doch und sagen den Behrden, da mit Ihnen solch ein
Kasus geschehen ist, -- in der Theorie nur ist ein kleiner Irrtum
unterlaufen. Wenn Sie aber berzeugt sind, da man bei fremden Tren
nicht lauschen darf, aber alte Weiber zu seinem Vergngen umbringen
kann, so fahren Sie schnell irgendwohin nach Amerika! Fliehen Sie,
junger Mann! Vielleicht ist noch Zeit dazu. Ich sage es Ihnen
aufrichtig. Haben Sie etwa kein Geld? Ich will Ihnen zur Reise geben.

Ich denke gar nicht daran, unterbrach ihn Raskolnikoff mit
Widerwillen.

Ich verstehe Sie; Sie brauchen sich brigens keine Mhe zu geben, --
wenn Sie nicht wollen, sprechen Sie doch nicht. Ich verstehe, was fr
Fragen in Ihnen auftauchen, -- etwa moralische? Die Bedenken eines
Staatsbrgers und Menschen? Lassen Sie sie lieber fallen; wozu brauchen
Sie jetzt diese Fragen und Bedenken? He--he--he! Darum, weil Sie immer
noch Staatsbrger und Mensch sind? Wenn das der Fall ist, so sollten Sie
sich auch nicht hineingemischt haben; Sie sollten dann auch so etwas
nicht unternommen haben. Nun, erschieen Sie sich; was, oder Sie haben
keine Lust dazu?

Sie wollen mich, wie es mir scheint, absichtlich reizen, damit Sie mich
jetzt loswerden ...

Sie sind ein komischer Kauz, wir sind ja schon da, bitte steigen Sie
die Treppe hinauf. Sehen Sie, hier ist der Eingang zu Ssofja Ssemenowna,
Sie sehen, es ist niemand da! Sie glauben nicht? Fragen Sie
Kapernaumoff, sie gibt ihnen den Schlssel ab. Da ist auch Madame de
Kapernaumoff selbst. Was? Sie ist ein wenig taub. Ist fortgegangen?
Wohin? Nun, Sie haben es jetzt gehrt! Sie wird erst vielleicht spt am
Abend zurckkehren. Nun, kommen Sie jetzt zu mir. Sie wollen doch auch
zu mir kommen? Wir sind da. Madame Rlich ist nicht zu Hause. Diese
Frau hat ewig etwas vor, aber sie ist eine gute Frau, ich versichere Sie
... sie wrde Ihnen vielleicht von Nutzen sein, wenn Sie ein wenig
vernnftig sein wrden. Nun, Sie sehen, -- ich nehme aus dem
Schreibtisch dieses fnfprozentige Staatspapier, -- sehen Sie, wie viel
ich noch brig habe! -- und dieses wandert heute noch zu einem Bankier.
Haben Sie gesehen? Ich habe keine Zeit mehr zu verlieren. Der
Schreibtisch wird abgeschlossen, die Wohnung ebenfalls, und wir sind
wieder auf der Treppe. Wollen wir eine Droschke nehmen? Ich fahre doch
hinaus auf die Insel. Wollen Sie nicht ein Stck spazieren fahren? Ich
nehme diese Droschke zur Jelagin-Insel, was? Sie wollen nicht? Haben
doch nicht bis zu Ende ausgehalten? Fahren Sie mit, tut nichts. Es
scheint, ein Regen zieht auf, tut nichts, wir lassen das Verdeck herab
...

Sswidrigailoff sa schon im Wagen. Raskolnikoff kam zu der berzeugung,
da sein Verdacht wenigstens in diesem Augenblicke ungerecht sei. Ohne
ein Wort zu sagen, drehte er sich um und ging in der Richtung zum
Heumarkte zurck. Htte er sich wenigstens ein einziges Mal umgedreht,
so wrde er gesehen haben, wie Sswidrigailoff nach etwa hundert
Schritten die Droschke fortschickte und sich auf dem Trottoir befand.
Aber er konnte schon nichts mehr sehen und war um die Ecke eingebogen.
Ein tiefer Abscheu zog ihn von Sswidrigailoff fort. Und ich konnte nur
einen Augenblick irgend etwas von diesem rohen Bsewicht, von diesem
ekelhaften Wstling und Schurken erwarten! rief er unwillkrlich aus.
Freilich, Raskolnikoffs Urteil war bereilt und leichtsinnig. Es war
etwas in der ganzen Art Sswidrigailoffs, was ihm wenigstens eine gewisse
Originalitt, wenn nicht etwas Geheimnisvolles verlieh. Was aber seine
Schwester betraf, war Raskolnikoff dennoch fest berzeugt, da
Sswidrigailoff sie nicht in Ruhe lassen wrde. Aber es wurde ihm jetzt
zu schwer und unertrglich, an dies alles zu denken und es sich zu
berlegen!

Nach seiner Gewohnheit war er, als er allein geblieben war, schon nach
den ersten zwanzig Schritten in tiefes Nachdenken versunken. Als er die
Brcke betrat, blieb er pltzlich an dem Gelnder stehen und begann in
das Wasser zu blicken. Pltzlich stand Awdotja Romanowna hinter ihm.

Er war ihr am Brckeneingange begegnet, war aber vorbeigegangen, ohne
sie zu sehen. Dunetschka hatte ihn noch nie in dieser Weise auf der
Strae gesehen und war sehr berrascht. Sie blieb stehen und wute
nicht, ob sie ihn anrufen solle oder nicht? Da bemerkte sie
Sswidrigailoff, der eilig aus der Richtung des Heumarktes kam.

Er schien sich ihr geheimnisvoll und vorsichtig zu nhern. Er betrat
nicht die Brcke, sondern blieb seitwrts auf dem Fusteig stehen und
gab sich alle Mhe, da Raskolnikoff ihn nicht bemerke. Dunja hatte er
schon lange bemerkt und begann ihr Zeichen zu geben. Ihr schien es, als
bte er sie mit seinen Zeichen, den Bruder nicht anzurufen und ihn in
Ruhe zu lassen.

Dunja tat auch so. Sie ging still um den Bruder herum und nherte sich
Sswidrigailoff.

Gehen wir schneller, flsterte ihr Sswidrigailoff zu. Ich mchte
nicht, da Rodion Romanowitsch von unserer Zusammenkunft wisse. Ich sage
Ihnen im voraus, da ich mit ihm unweit von hier in einem Restaurant
gesessen habe, wo er mich selbst aufgesucht hatte, und ich wurde ihn mit
Mhe los. Er wei aus irgend einem Grunde von meinem Briefe an Sie und
argwhnt etwas. Sie haben ihm sicher nichts gesagt? Wenn Sie es aber
nicht gesagt haben, wer dann?

Jetzt sind wir schon um die Ecke, unterbrach ihn Dunja, jetzt kann
mein Bruder uns nicht sehen. Ich erklre Ihnen, da ich mit Ihnen nicht
weiter gehen werde. Sagen Sie mir alles gleich hier; man kann das alles
auch auf der Strae sagen.

Erstens kann man dies auf keinen Fall auf der Strae sagen; zweitens,
mssen Sie auch Ssofja Ssemenowna anhren; drittens, will ich Ihnen
einige Dokumente zeigen ... Nun und schlielich, wenn Sie nicht
einverstanden sind, zu mir zu kommen, so weigere ich mich, irgend welche
Erklrungen zu geben und gehe sofort weg. Dabei bitte ich Sie, nicht zu
vergessen, da das sehr interessante Geheimnis Ihres geliebten Bruders
sich vollkommen in meinen Hnden befindet.

Dunja blieb unentschlossen stehen und sah Sswidrigailoff mit einem
durchbohrenden Blicke an.

Was frchten Sie, bemerkte er ruhig, eine Stadt ist kein Dorf. Und im
Dorfe schon haben Sie mir mehr Schaden, als ich Ihnen, zugefgt, hier
aber ...

Ist Ssofja Ssemenowna benachrichtigt?

Nein, ich habe ihr kein Wort darber gesagt und bin auch nicht ganz
sicher, ob sie jetzt zu Hause ist. Sie ist aber wahrscheinlich zu Hause.
Sie hat heute ihre Stiefmutter beerdigt, -- das ist kein Tag, an dem man
Besuche macht. Vorlufig will ich mit niemanden ber diese Sache reden
und bereue sogar teilweise, da ich Ihnen davon mitgeteilt habe. Die
geringste Unvorsichtigkeit ist in diesem Falle einer Denunzierung
gleich. Ich wohne hier in diesem Hause da, wir nhern uns schon meiner
Wohnung. Das ist der Hausknecht von unserem Hause; der Hausknecht kennt
mich sehr gut; da grt er auch; er sieht, da ich mit einer Dame komme
und hat sicher sich schon Ihr Gesicht gemerkt, das aber kann Ihnen von
Nutzen sein, falls Sie sich sehr frchten und mir mitrauen.
Entschuldigen Sie, da ich so derb rede. Ich habe mir ein paar mblierte
Zimmer gemietet. Ssofja Ssemenowna wohnt Wand an Wand neben mir, auch in
einem mblierten Zimmer. Der ganze Stock ist bewohnt. Warum sollen Sie
sich denn frchten, wie ein Kind? Oder bin ich so furchterregend?

Sswidrigailoffs Gesicht verzog sich zu einem herablassenden Lcheln,
aber es war ihm nicht lcherlich zumute. Sein Herz klopfte und der Atem
stockte ihm in der Brust. Er sprach absichtlich lauter, um seine
steigende Erregung zu verbergen, Dunja hatte gar nicht diese besondere
Erregung bemerkt; sie war zu sehr durch seine Bemerkung gereizt, da sie
ihn frchte wie ein Kind und da er ihr so furchtbar sei.

Obwohl ich wei, da Sie ein Mensch ... ohne Ehre sind, frchte ich
mich doch gar nicht vor Ihnen. Gehen Sie voran, sagte sie scheinbar
ruhig, aber mit bleichem Gesichte.

Sswidrigailoff blieb an Ssonjas Wohnung stehen.

Erlauben Sie mir, mich zu erkundigen, ob sie zu Hause ist ... Sie ist
nicht da. Das ist ein Migeschick. Aber ich wei, da sie sehr bald
zurckkehren wird. Wenn sie ausgegangen ist, so ist sie hchstens zu
einer Dame wegen der Waisen. Ihre Mutter ist gestorben. Ich habe mich
hier hineingemischt und Anordnungen getroffen. Wenn Ssofja Ssemenowna
nach zehn Minuten nicht zurckkehren sollte, so schicke ich sie selbst
zu Ihnen hin, wenn Sie wnschen, noch heute; und nun, das ist meine
Wohnung. Das sind meine zwei Zimmer. Hinter der Tre wohnt meine Wirtin,
Frau Rlich. Jetzt blicken Sie bitte hierher, ich will Ihnen meine
Hauptdokumente zeigen, -- aus meinem Schlafzimmer fhrt diese Tr in
zwei vollkommen leere Zimmer, die zu vermieten sind. Das sind sie ...
dieses mssen Sie etwas aufmerksam betrachten ...

Sswidrigailoff bewohnte zwei mblierte ziemlich gerumige Zimmer.
Dunetschka sah mitrauisch um sich, aber bemerkte nichts besonderes,
weder in der Ausstattung noch in der Lage der Zimmer, obgleich man schon
etwas bemerken konnte, zum Beispiel, da Sswidrigailoffs Wohnung
zwischen zwei anderen fast unbewohnten Wohnungen lag. Der Eingang zu ihm
war nicht direkt vom Korridor aus, sondern durch zwei fast leere Zimmer
der Wirtin. Vom Schlafzimmer aus zeigte Sswidrigailoff Dunetschka,
nachdem er eine verschlossene Tre geffnet hatte, eine andere leere
Wohnung, die zu vermieten war. Dunetschka blieb auf der Schwelle stehen,
ohne zu verstehen, warum man sie aufforderte, das anzusehen, aber
Sswidrigailoff beeilte sich, eine Erklrung abzugeben.

Sehen Sie dieses zweite groe Zimmer. Merken Sie sich diese Tre, sie
ist verschlossen. Neben der Tre steht ein Stuhl, der einzige Stuhl in
beiden Zimmern. Ich habe ihn aus meiner Wohnung hierher gebracht, um
bequemer zuzuhren. Gleich hinter dieser Tr steht der Tisch von Ssofja
Ssemenowna; dort sa sie und sprach mit Rodion Romanowitsch. Ich aber
lauschte hier, auf dem Stuhl sitzend, zwei Abende nacheinander und beide
Male gegen zwei Stunden, -- und selbstverstndlich konnte ich einiges
erfahren, was meinen Sie?

Sie haben gelauscht?

Ja, ich habe gelauscht, jetzt wollen wir zu mir gehen; hier kann ich
Ihnen keinen Platz anbieten.

Er fhrte Awdotja Romanowna in das erste Zimmer zurck, das ihm als
Salon diente, und bat sie, Platz zu nehmen. Er selbst setzte sich ans
andere Ende des Tisches hin, wenigstens zwei Meter von ihr entfernt,
doch in seinen Augen leuchtete schon dasselbe Feuer, das einst
Dunetschka so erschreckt hatte. Sie zuckte zusammen und blickte sich
noch einmal mitrauisch um. Ihre Bewegung war unwillkrlich; sie wollte
offenbar ihr Mitrauen nicht zeigen. Aber die Lage von Sswidrigailoffs
Wohnung hatte sie schlielich berrascht. Sie wollte ihn fragen, ob
wenigstens seine Wirtin zu Hause sei, aber sie frug ... aus Stolz nicht.
Auerdem war in ihrem Herzen ein anderer unermelich grerer Kummer,
als die Angst fr sich. Sie litt unertrglich.

Hier haben Sie Ihren Brief, begann sie und legte den Brief auf den
Tisch. -- Ist es denn mglich, was Sie schreiben? Sie deuten ein
Verbrechen an, das angeblich mein Bruder verbt hat. Sie deuten es zu
klar an, Sie drfen jetzt keine Ausreden gebrauchen. Sie sollen auch
wissen, da ich vor Ihnen schon von diesem dummen Mrchen gehrt habe,
und keinem einzigen Worte davon glaube. Es ist ein niedertrchtiger und
lcherlicher Verdacht. Ich kenne die Geschichte, und wie und warum sie
entstanden ist. Sie knnen keine Beweise haben. Sie haben versprochen,
es mir zu beweisen, -- reden Sie doch! Aber Sie sollen im voraus wissen,
da ich Ihnen nicht glaube! Ich glaube nicht!

Dunetschka sagte dies sehr schnell, und auf einen Augenblick stieg ihr
das Blut ins Gesicht.

Wenn Sie nicht glauben wrden, knnte es denn passiert sein, da Sie es
riskiert htten, allein zu mir herzukommen? Warum sind Sie denn
gekommen? Aus bloer Neugier?

Qulen Sie mich nicht, sprechen Sie, sprechen Sie!

Es ist nicht zu leugnen, da Sie ein tapferes Mdchen sind. Bei Gott,
ich dachte, da Sie Herrn Rasumichin bitten werden, Sie hierher zu
begleiten. Aber er war weder mit Ihnen noch in Ihrer Nhe, ich habe mich
umgesehen, -- das ist khn; Sie wollten also Rodion Romanowitsch
schonen. Ach, alles ist an Ihnen gttlich ... Was Ihren Bruder
anbetrifft, was soll ich Ihnen da sagen? Sie haben ihn soeben selbst
gesehen. Wie er aussieht?

Ihre Grnde ruhen doch nicht darauf allein?

Nein, nicht darauf, sondern auf seinen eigenen Worten. Er war zweimal
nacheinander hierher zu Ssofja Ssemenowna gekommen. Ich habe Ihnen
gezeigt, wo sie gesessen haben. Er hat ihr eine volle Beichte abgelegt.
Er ist ein Mrder. Er hat eine alte Beamtenwitwe, eine Wucherin
ermordet, bei der er auch selbst Sachen versetzt hatte; er hat auch ihre
Schwester, eine Hndlerin, dem Namen nach Lisaweta, ermordet, die
zufllig whrend der Ermordung der Schwester eingetreten war. Er hat sie
beide mit einem Beile, das er mitgebracht hatte, erschlagen. Er hatte
sie gettet, um sie zu berauben, und hat auch geraubt, -- er hat Geld
und einige Sachen genommen ... Er hat das alles selbst Wort fr Wort
Ssofja Ssemenowna mitgeteilt, die allein auch sein Geheimnis kennt, die
aber an dem Morde weder durch Tat noch Wort teilgenommen hat und die im
Gegenteil ebenso sich entsetzte, wie auch Sie jetzt. Seien Sie ruhig,
sie wird ihn nicht verraten.

Das kann nicht sein! murmelte Dunetschka mit blassen trockenen Lippen;
sie rang nach Atem, es kann nicht sein, es gibt keinen, nicht den
geringsten Grund, keinen Anla ... Das ist Lge! Eine Lge!

Er hat geraubt, das ist der ganze Grund. Er hat Geld und Sachen
genommen. Es ist wahr, er hat nach seinem eigenen Gestndnis weder vom
Gelde, noch von den Sachen einen Gebrauch gemacht, sondern sie irgendwo
unter einem Stein versteckt, wo sie auch jetzt noch liegen. Aber
deshalb, weil er nicht wagte, davon Gebrauch zu machen.

Ja, ist es denn zu glauben, da er stehlen, rauben konnte. Da er blo
daran denken konnte? rief Dunja und sprang von ihrem Stuhle auf. --
Sie kennen ihn doch, haben ihn gesehen? Kann er denn ein Dieb sein?

Es war, als flehe sie Sswidrigailoff an; sie hatte ihre ganze Furcht
vergessen.

Hier gibt es, Awdotja Romanowna, tausende und Millionen von
Kombinationen und Arten. Ein Dieb stiehlt, er wei dafr auch selbst,
da er ein Schuft ist; ich hrte aber zum Beispiel von einem sehr
anstndigen Herrn, der die Post beraubt hatte; wer wei, vielleicht
glaubte er auch tatschlich, da er eine anstndige Sache getan hat.
Selbstverstndlich htte ich es auch selbst nicht geglaubt, ebenso wenig
wie Sie, wenn es mir andere gesagt htten. Meinen eigenen Ohren aber
habe ich geglaubt. Er hat Ssofja Ssemenowna auch alle Grnde erklrt;
aber auch sie hatte zuerst ihren Ohren nicht getraut, jedoch den Augen,
ihren eigenen Augen hatte sie schlielich glauben mssen. Er hat ihr es
doch persnlich mitgeteilt.

Was waren es fr ... Grnde?

Es ist eine lange Geschichte, Awdotja Romanowna. Es spielt hierbei, wie
soll ich es Ihnen erklren, eine Art Theorie mit, es ist dasselbe, warum
ich zum Beispiel finde, da eine einzelne Freveltat erlaubt ist, wenn
der Hauptzweck gut ist. Ein einziges bses und hundert gute Werke! Es
ist auch sicher fr einen jungen Mann mit Vorzgen und unermelichem
Ehrgeiz krnkend, zu wissen, da seine ganze Karriere, die ganze
Zukunft, seine Lebensziele sich anders gestalten wrden, wenn er blo
dreitausend htte; aber er hat sie eben nicht. Fgen Sie dazu, was ihn
reizen mute: der Hunger, die enge Wohnung, seine Lumpen, das starke
Bewutsein seiner groen sozialen Not und gleichzeitig die Lage seiner
Schwester und Mutter. Am meisten aber Eitelkeit und Stolz, brigens aber
Gott wei, vielleicht auch gute Eigenschaften ... Ich klage ihn nicht
an, glauben Sie; ja und mich geht es auch nichts an. Er hatte auch
hierbei eine eigene Theorie, -- eine annehmbare Theorie, -- nach der die
Menschen in Material und besondere Menschen eingeteilt werden, d. h.
solche Menschen, fr die das Gesetz, dank ihrer hohen Veranlagung, nicht
geschrieben ist, die vielmehr selbst Gesetze fr die brigen Menschen,
fr das Material, fr den Kehricht geben. Es ist nicht bel, eine
passable Theorie, -- _une thorie comme une autre_{[22]}. Vor allem hat
ihn Napoleon begeistert, d. h., eigentlich noch mehr der Umstand, da es
genialen Menschen auf eine einzelne bse Tat nicht ankam, sondern da
sie ohne gro nachzudenken, darber hinwegkamen. Es scheint mir, er hat
sich eingebildet, auch ein genialer Mensch zu sein, -- das will sagen,
er war davon eine Zeitlang berzeugt. Er hat sehr viel gelitten und
leidet jetzt unter dem Gedanken, da er verstanden hatte, sich eine
Theorie auszudenken, aber nicht imstande war, ohne Nachdenken darber
hinwegzukommen und somit kein genialer Mensch sei. Und das ist fr einen
jungen Mann voll Ehrgeiz erniedrigend genug, in unserem Zeitalter
besonders ...

Und Gewissensbisse? Sie sprechen ihm also jedes sittliche Gefhl ab?
Ja, ist es denn so?

Ach, Awdotja Romanowna, jetzt hat sich bei ihm alles getrbt, d. h., er
war brigens wohl nie in vlliger Ordnung. Die Russen sind berhaupt
groangelegte Naturen, Awdotja Romanowna, sie sind ebenso groangelegt,
wie ihr Land und haben eine uerst starke Neigung zum Phantastischen,
Extravaganten; es ist aber ein Unglck, groangelegt zu sein, ohne
wirklich genial zu sein. Erinnern Sie sich, wie viel wir in dieser Art
und ber dieses Thema gesprochen haben, wenn wir Abends auf der Terrasse
im Garten jedesmal nach dem Essen saen. Sie haben mir auch dieses
Groangelegtsein vorgeworfen. Wer wei, vielleicht sprachen wir gerade
in der Zeit darber, als er hier lag und ber dasselbe grbelte. Bei uns
in der gebildeten Gesellschaft gibt es doch keine besonders heiligen
berlieferungen, Awdotja Romanowna, -- kommt wohl vor, da sich jemand
irgendwie es aus den Bchern zusammenstellt ... oder etwas aus alten
Chroniken hervorholt. Aber das sind doch meistenteils Gelehrte und,
wissen Sie, in ihrer Art alle Schlafmtzen, so da es sogar fr einen
Mann aus der Gesellschaft unpassend ist. brigens, meine Ansichten
kennen Sie im allgemeinen, ich klage entschieden niemand an. Ich bin
selbst Nichtstuer und halte mich daran. Wir haben ja mehr als einmal
darber gesprochen. Ich hatte sogar das Glck, Sie fr meine Meinungen
zu interessieren ... Sie sind sehr bla, Awdotja Romanowna!

Ich kenne seine Theorie. Ich habe seinen Artikel in der Zeitschrift
ber Menschen, denen alles erlaubt ist, gelesen ... Rasumichin hat ihn
mir gebracht ...

Herr Rasumichin? Den Artikel Ihres Bruders? In einer Zeitschrift? Gibt
es solch einen Artikel? Ich wute es nicht. Das ist interessant! Aber
wohin wollen Sie denn, Awdotja Romanowna!

Ich will Ssofja Ssemenowna sehen, sagte Dunetschka mit schwacher
Stimme. -- Wie kann ich zu ihr kommen? Sie ist vielleicht
zurckgekommen; ich will sie unbedingt sofort sehen. Mag sie ...

Awdotja Romanowna konnte nicht zu Ende sprechen; der Atem verging ihr
buchstblich.

Ssofja Ssemenowna wird vor Anbruch der Nacht nicht zurckkehren. Ich
nehme es an. Sie mute gleich zurckkommen, sonst kommt sie sehr spt
...

Ah, also du lgst! Ich sehe ... du hast gelogen ... du hast alles
gelogen! ... Ich glaube dir nicht! Ich glaube nicht! Ich glaube nicht!
schrie Dunetschka in wahrer Wut und verlor vollkommen den Kopf.

Sie fiel fast ohnmchtig auf einen Stuhl hin, den Sswidrigailoff sich
beeilte, ihr unterzuschieben.

Awdotja Romanowna, was ist mit Ihnen, kommen Sie zu sich! Hier ist
Wasser! Trinken Sie einen Schluck ...

Er bespritzte sie mit Wasser. Dunetschka fuhr zusammen und kam zu sich.

Es hat stark gewirkt! murmelte Sswidrigailoff vor sich hin und sein
Gesicht verdsterte sich. -- Awdotja Romanowna, beruhigen Sie sich!
Vergessen Sie nicht, da er Freunde hat. Wir werden ihn retten,
herausreien. Wenn Sie es wollen, bringe ich ihn ins Ausland? Ich habe
Geld; in drei Tagen verschaffe ich einen Reisepa. Und was das
anbetrifft, da er gettet hat, so wird er noch so viel Gutes tun, so
da dies alles sich ausgleichen wird; beruhigen Sie sich. Er kann noch
ein groer Mann werden. Wie geht's mit Ihnen? Wie fhlen Sie sich?

Sie bser Mensch! Er verspottet es noch. Lassen Sie mich ...

Wohin? Wohin wollen Sie?

Zu ihm. Wo ist er? Sie wissen es? Warum ist diese Tr verschlossen? Wir
sind durch diese Tr hereingekommen und jetzt ist sie verschlossen. Wann
haben Sie sie abschlieen knnen?

Man konnte doch nicht durch alle Zimmer schreien, was wir hier
sprachen. Ich spotte gar nicht; ich bin blo berdrssig, diese Sprache
zu fhren. Nun, wohin wollen Sie in diesem Zustande gehen? Oder wollen
Sie ihn verraten? Sie bringen ihn in Wut und er wird sich selbst
anzeigen. Sie sollen wissen, da man ihn schon verfolgt, da man auf
seine Spur gekommen ist. Sie werden ihn blo verraten. Warten Sie, --
ich habe ihn gesehen und mit ihm soeben gesprochen; man kann ihn noch
retten. Warten Sie, setzen Sie sich, berlegen wir es zusammen. Ich habe
Sie auch darum gerufen, um mit Ihnen allein darber zu sprechen und
alles gut zu berlegen. Ja, setzen Sie sich doch!

Wie knnen Sie ihn retten? Kann man ihn denn retten?

Dunja setzte sich. Sswidrigailoff setzte sich neben sie.

Das alles hngt von Ihnen ab, von Ihnen, von Ihnen allein, begann er
mit funkelnden Augen, fast im Flstertone, verwirrt und manche Worte vor
Erregung nicht aussprechend.

Dunja wich erschrocken vor ihm zurck. Er zitterte auch am ganzen
Krper.

Sie ... ein einziges Wort von Ihnen, und er ist gerettet! Ich ... ich
werde ihn retten. Ich habe Geld und Freunde. Ich werde ihn sofort ins
Ausland senden, ich selbst nehme den Reisepa, zwei Reisepsse. Den
einen fr ihn, den anderen fr mich. Ich habe Freunde; ich habe
Geschftsleute an der Hand ... Wollen Sie? Ich will auch fr Sie einen
Reisepa nehmen ... fr Ihre Mutter ... wozu brauchen Sie Rasumichin?
Ich liebe Sie auch ... Ich liebe Sie grenzenlos. Lassen Sie mich den
Saum Ihres Kleides kssen, lassen Sie mich! Lassen Sie mich! Ich kann
nicht hren, wie es rauscht. Sagen Sie zu mir, -- tue das, und ich will
es tun! Ich will alles tun! Ich will das Unmglichste tun! Woran Sie
glauben, will ich auch glauben! Ich will alles, alles tun! Sehen Sie
mich, sehen Sie mich nicht so an! Wissen Sie es auch, da Sie mich tten
...

Er fing selbst an zu phantasieren. Mit ihm war pltzlich etwas
geschehen, als wre es ihm zu Kopfe gestiegen. Dunja sprang auf und
strzte zur Tre.

ffnen Sie! ffnen Sie! schrie sie durch die Tre, als riefe sie
jemand zu Hilfe und rttelte an der Tre. -- ffnen Sie doch! Ist denn
niemand da!

Sswidrigailoff war aufgestanden und zur Besinnung gekommen. Ein
boshaftes und spttisches Lcheln zeigte sich langsam auf seinen noch
bebenden Lippen.

Niemand ist dort zu Hause, sagte er leise und mit Nachdruck, die
Wirtin ist fortgegangen, und es ist unntze Mhe, so zu schreien, -- Sie
regen sich blo unntz auf.

Wo ist der Schlssel? ffne sofort die Tre, sofort, du gemeiner
Mensch!

Ich habe den Schlssel verloren und kann ihn nicht finden.

Ah! Also das ist Gewalt! rief Dunja aus, erblate wie der Tod und
strzte in eine Ecke, wo sie sich schleunigst mit einem Tischchen
schtzte, das ihr in die Hand fiel. Sie schrie nicht, aber sie bohrte
sich mit den Blicken an ihren Peiniger fest und verfolgte scharf jede
seiner Bewegungen. Sswidrigailoff rhrte sich auch nicht vom Fleck und
stand ihr gegenber am anderen Ende des Zimmers. Er hatte sich gefat,
wenigstens uerlich. Aber sein Gesicht war, wie frher, bleich. Ein
spttisches Lcheln verlie es nicht.

Sie sagten soeben >Gewalt<, Awdotja Romanowna. Wenn es Gewalt ist, so
knnen Sie selbst begreifen, da ich die ntigen Maregeln getroffen
habe. Ssofja Ssemenowna ist nicht zu Hause; bis zu Kapernaumoffs ist es
sehr weit, fnf leere Zimmer liegen dazwischen. Schlielich bin ich
wenigstens doppelt so stark, als Sie, und auerdem brauche ich nichts zu
befrchten, denn Sie knnen auch nachher sich nicht beklagen, -- Sie
werden doch nicht Ihren Bruder verraten wollen? Ja, und Ihnen wird auch
niemand glauben, -- warum ist denn ein junges Mdchen allein zu einem
alleinstehenden Herrn gegangen? Wenn Sie also auch Ihren Bruder opfern,
so beweisen Sie noch lange nichts, -- eine Gewalttat ist schwer zu
beweisen, Awdotja Romanowna.

Schuft! flsterte Dunja emprt.

Wie Sie wnschen, merken Sie sich, ich habe es blo als eine Mutmaung
ausgesprochen. Meiner persnlichen berzeugung nach aber haben Sie
vollkommen recht, -- eine Gewalttat ist eine Schndlichkeit. Ich sagte
es blo, um zu beweisen, da Ihr Gewissen nichts verliert, wenn Sie ...
wenn Sie sich sogar entschlieen sollten, Ihren Bruder freiwillig zu
retten, wie ich es Ihnen angeboten habe. Sie haben sich blo den
Umstnden gefgt, meinetwegen auch der Gewalt nachgegeben, wenn es sich
ohne dieses Wort nicht auskommen lt. Denken Sie darber nach; das
Schicksal Ihres Bruders und Ihrer Mutter liegt in Ihren Hnden. Ich will
aber Ihr Sklave sein ... mein ganzes Leben ... ich will hier Ihre
Entscheidung erwarten ...

Sswidrigailoff setzte sich auf das Sofa hin, etwa acht Schritte von
Dunja entfernt. Fr sie gab es nicht den geringsten Zweifel an seinem
unerschtterlichen Entschlusse. Auerdem kannte sie ihn ...

Pltzlich holte sie aus ihrer Tasche einen Revolver hervor, spannte den
Hahn und lie die Hand mit dem Revolver auf den Tisch sinken.
Sswidrigailoff sprang von seinem Platz auf.

Aha! So ist die Geschichte! rief er verwundert aus und lchelte
hmisch. Nun, das ndert vollkommen die Sache! Sie erleichtern mir
wesentlich die Sache, Awdotja Romanowna! Ja, woher haben Sie sich diesen
Revolver verschafft? Etwa von Herrn Rasumichin? Bah! Der Revolver gehrt
ja mir! Ein alter Bekannter von mir! Und ich habe ihn damals so gesucht!
... Unser Schieunterricht auf dem Lande, den ich die Ehre hatte, zu
erteilen, ist nicht unntz gewesen.

Es ist nicht dein Revolver, sondern Marfa Petrownas, die du ermordet
hast, du Bsewicht! Du hattest nichts eigenes in ihrem Hause. Ich nahm
ihn, als ich zu ahnen begann, wozu du fhig bist. Wage blo einen
Schritt zu machen und ich schwre dir, -- ich erschiee dich!

Dunja war auer sich. Den Revolver hielt sie bereit.

Nun, und Ihr Bruder? Ich frage aus Neugier? sagte Sswidrigailoff und
stand immer noch auf derselben Stelle.

Zeige ihn an, wenn du willst! Nicht vom Platze! Rhr dich nicht! Ich
werde schieen! Du hast deine Frau vergiftet, ich wei es, du bist
selbst ein Mrder!

Sind Sie fest davon berzeugt, da ich Marfa Petrowna vergiftet habe?

Du hast! Du hast mir es selbst angedeutet; du hast mir von Gift
gesprochen ... ich wei, du hast dir Gift verschafft ... Du hattest
alles vorbereitet ... Du hast es unbedingt getan ... Schuft!

Wenn es auch wahr wre, so habe ich es doch deinetwegen ... du warst
doch die Ursache!

Du lgst! Ich habe dich stets, stets gehat ...

Na, Awdotja Romanowna! Sie scheinen vergessen zu haben, wie Sie in der
Hitze der Propaganda geneigter wurden und dahinschmolzen ... Ich habe es
an den Augen gemerkt, erinnern Sie sich eines Abends, der Mond schien
und eine Nachtigall trillerte?

Du lgst! in Dunjas Augen funkelte Wut, du lgst, Verleumder!

Ich lge? Nun, meinetwegen, ich lge. Ich habe gelogen. Frauen soll man
an diese Dinge nicht erinnern. -- Er lchelte halb. -- Ich wei, da
du schieen wirst, du schnes, wildes Tier! Nun, schiee doch!

Dunja erhob den Revolver und sah ihn totenbla, mit kreidebleichen
bebenden Lippen, mit groen schwarzen, feurig funkelnden Augen
entschlossen an und wartete die erste Bewegung von ihm ab. Noch niemals
hatte er sie so schn gesehen. Das Feuer, das in ihren Augen in dem
Augenblick aufleuchtete, als sie den Revolver erhob, schien ihn
verbrannt zu haben, und sein Herz zog sich schmerzlicher zusammen. Er
tat einen Schritt und ein Schu knallte. Die Kugel streifte seine Haare
und traf die Wand hinter ihm. Er blieb stehen und lachte leise.

Eine Wespe hat gestochen! Sie zielt auf den Kopf ... Was ist das?
Blut! -- Er zog ein Taschentuch hervor, um das Blut abzuwischen, das
ganz fein an seiner rechten Schlfe herunterrann; wahrscheinlich hatte
die Kugel die Haut seines Schdels geritzt. Dunja lie den Revolver
sinken und sah Sswidrigailoff nicht etwa erschreckt, sondern stutzig an.
Es war, als begreife sie selbst nicht, was sie getan hatte und was
vorgegangen war!

Nun, das ging vorbei! Schieen Sie noch einmal, ich warte, sagte
Sswidrigailoff leise, finster lchelnd. So kann ich Sie packen, ehe Sie
den Hahn noch einmal aufspannen!

Dunetschka fuhr zusammen, spannte schnell den Hahn und erhob wieder den
Revolver.

Lassen Sie mich! sagte sie voll Verzweiflung. Ich schwre es Ihnen,
ich werde von neuem schieen ... Ich ... werde Sie erschieen! ...

Nun was ... auf drei Schritte mu man auch treffen knnen. Nun, wenn
Sie aber mich nicht erschieen ... dann ... -- Seine Augen funkelten
und er trat noch zwei Schritte nher.

Dunetschka drckte ab, -- die Waffe versagte!

Sie haben nicht gut geladen. Tut nichts! Sie haben noch eine Patrone
drin. Bringen Sie es in Ordnung, ich will warten.

Er stand zwei Schritte vor ihr, wartete und sah sie voll wilder
Entschlossenheit mit einem leidenschaftlichen und schweren Blicke an.
Dunja begriff, da er eher sterben wrde, als da er sie loslie. Und
sie ... wird ihn jetzt sicher auf zwei Schritte Entfernung tten! ...

Pltzlich schleuderte sie den Revolver fort.

Hat ihn fortgeworfen! sagte Sswidrigailoff und holte tief Atem. Etwas
schien mit einem Male sich von seinem Herzen losgelst zu haben, und es
war vielleicht nicht blo die Last der Todesangst, -- es war auch
fraglich, ob er sie in diesem Augenblicke empfunden hatte. Es war eine
Erlsung von einem anderen, mehr kummervollen und dsteren Gefhle, das
er selbst nicht in seiner ganzen Macht definieren konnte.

Er trat an Dunja heran und legte still seinen Arm um ihre Taille. Sie
widersetzte sich ihm nicht, aber sie blickte ihn, am ganzen Krper wie
ein Blatt bebend, mit flehenden Augen an. Er wollte etwas sagen, seine
Lippen aber verzogen sich blo und er konnte nichts sprechen.

La mich! sagte Dunja flehend.

Sswidrigailoff zuckte zusammen, -- dieses _du_ war in einer anderen
Weise, als vorhin, gesagt.

Also du liebst mich nicht? fragte er leise.

Dunja schttelte verneinend den Kopf.

Und ... kannst auch nicht? ... Niemals? flsterte er verzweifelt.

Niemals! antwortete Dunja im Flstertone.

Es war der Moment eines schrecklichen stummen Kampfes in Sswidrigailoffs
Seele. Mit einem unaussprechlichen Blicke sah er sie an. Pltzlich zog
er seine Hand zurck, wandte sich ab, ging schnell zum Fenster und
stellte sich dort hin.

Noch ein Augenblick verging.

Hier ist der Schlssel zur Tre! er nahm ihn aus der linken Tasche
seines Mantels hervor und legte ihn auf den Tisch hinter sich, ohne
Dunja anzublicken und ohne sich umzudrehen. -- Nehmen Sie ihn; gehen
Sie schnell fort! ...

Er sah starr zum Fenster hinaus.

Dunja trat an den Tisch, um den Schlssel zu nehmen.

Schneller! Schneller! wiederholte Sswidrigailoff, ohne sich zu rhren
und umzudrehen. Aber in diesem schneller klang deutlich ein
schrecklicher Ton hindurch.

Dunja begriff, erfate den Schlssel, strzte zur Tre, schlo sie eilig
auf und sprang aus dem Zimmer. Nach einer Minute lief sie schon, wie
wahnsinnig, ganz auer sich den Kanal entlang in der Richtung zu der
X-schen Brcke.

Sswidrigailoff blieb am Fenster noch etwa drei Minuten stehen, wandte
sich endlich langsam um, warf einen Blick ins Zimmer und fuhr sich leise
mit der Hand ber die Stirn. Ein merkwrdiges Lcheln verzog sein
Gesicht; es war ein klgliches, trauriges, schwaches Lcheln, ein
Lcheln der Verzweiflung. Das Blut, das schon einzutrocknen begann,
hatte seine Hand beschmutzt; er blickte das Blut zornig an; dann machte
er ein Handtuch na und wusch sich die Schlfe ab. Der Revolver, den
Dunja von sich geworfen hatte und der zur Tre geflogen war, fiel ihm
pltzlich in die Augen. Er hob ihn auf und besah ihn. Es war ein kleiner
dreilufiger Taschenrevolver alten Systems; es steckten noch zwei
Patronen darin und eine Kapsel. Einmal konnte man noch daraus schieen.
Er sann eine Weile nach, steckte den Revolver in die Tasche, nahm seinen
Hut und ging hinaus.


                                  VI.

Diesen ganzen Abend bis zehn Uhr zog er in allerhand Wirtshusern und
Spelunken umher. Irgendwo traf er auch Katja, die einen anderen
Gassenhauer sang, von einem Schuft und Tyrannen, der

   Fing Katja an zu kssen.

Sswidrigailoff gab Katja und dem Leiermann, den Chorsngern, den
Kellnern und zwei Schreibern zu trinken. Diese Schreiber hatte er
eigentlich blo aufgefordert, weil sie beide schiefe Nasen besaen, --
die Nase des einen stand nach rechts, die des anderen nach links. Das
hatte Sswidrigailoffs Aufmerksamkeit erregt. Zuletzt schleppten sie ihn
in eine Gartenwirtschaft mit, wo er fr sie das Eintrittsgeld bezahlen
mute. Dieser Garten bestand aus einer dnnen dreijhrigen Tanne und
drei Struchern. Das Restaurant war im Grunde genommen nur ein
Ausschank, man konnte aber auch Tee erhalten und es standen einige grne
Tische und Sthle dort. Ein Chor minderwertiger Snger und ein
betrunkener Deutscher aus Mnchen, eine Art Clown, mit roter Nase, der
aber aus irgend einem Grunde sehr niedergeschlagen war, amsierten das
Publikum. Die Schreiber fingen mit einigen anderen Schreibern einen
Streit an und schickten sich schon an, handgreiflich zu werden.
Sswidrigailoff wurde von ihnen zum Schiedsrichter gewhlt. Er waltete
ber eine Viertelstunde seines Amtes, aber sie schrien derartig, da es
nicht die geringste Mglichkeit gab, irgend etwas zu verstehen. Am
wahrscheinlichsten war die Sache so -- einer von ihnen hatte etwas
gestohlen und hatte Zeit gefunden, es sofort an Ort und Stelle einem
Juden zu verkaufen, der sich zufllig eingefunden hatte, aber er wollte
das Geld mit seinem Kameraden nicht teilen; es ergab sich schlielich,
da der verkaufte Gegenstand ein Teelffel war, der dem Restaurant
gehrte; man vermite dort den Lffel und die Sache begann eine
unangenehme Wendung zu nehmen. Sswidrigailoff bezahlte den Lffel, erhob
sich und verlie den Garten. Es war gegen zehn Uhr. Er selbst hatte
whrend der ganzen Zeit keinen einzigen Tropfen Wein getrunken und hatte
in der Gartenwirtschaft sich nur Tee bestellt, und das nur, um berhaupt
etwas zu nehmen. Der Abend war schwl und dster. Gegen zehn Uhr hatte
sich der Himmel mit dunklen Wolken berzogen; es fing an zu donnern und
der Regen strmte nieder. Das Wasser fiel nicht in Tropfen, sondern
peitschte in ganzen Strmen die Erde. Es folgte Blitz auf Blitz. Ganz
durchnt kam Sswidrigailoff nach Hause, schlo sich ein, ffnete seinen
Schreibtisch, nahm sein ganzes Geld an sich und zerri einige Papiere.
Er steckte darauf das Geld in die Tasche, wollte seine Kleider wechseln,
aber nachdem er zum Fenster hinausgeblickt und dem Gewitter und dem
Regen gelauscht hatte, tat er es doch nicht, ergriff seinen Hut und ohne
seine Wohnung abzuschlieen, ging er hinaus und direkt zu Ssonja. Sie
war zu Hause.

Sie war nicht allein; sie hatte die vier Kinder von Kapernaumoff um
sich. Ssofja Ssemenowna gab ihnen Tee zu trinken. Sie begrte
Sswidrigailoff schweigend und ehrerbietig, warf einen erstaunten Blick
auf seine durchnten Kleider, sagte aber kein Wort. Die Kinder liefen
sofort in unbeschreiblicher Furcht davon.

Sswidrigailoff setzte sich an den Tisch und bat Ssonja, neben ihm Platz
zu nehmen. Sie schickte sich schchtern an, ihm zuzuhren.

Ssofja Ssemenowna, ich reise vielleicht nach Amerika, sagte
Sswidrigailoff, und da wir uns wahrscheinlich zum letzten Male sehen,
bin ich gekommen, einige Anordnungen zu treffen. Haben Sie heute diese
Dame gesehen? Ich wei, was sie Ihnen gesagt hat, Sie brauchen es mir
nicht zu erzhlen, -- (Ssonja machte eine Bewegung und errtete.) --
Diese Leute haben eine bestimmte Manier. Was Ihre Schwestern und Ihren
Bruder anbetrifft, so sind sie untergebracht und das ihnen zukommende
Geld habe ich fr jeden gegen Quittung in sicherer Hand deponiert.
Nehmen Sie brigens diese Quittungen fr jeden Fall an sich. Nehmen Sie
sie! Das ist also erledigt. Hier sind drei fnfprozentige Obligationen,
im ganzen dreitausend Rubel. Nehmen Sie das fr sich, fr sich ganz
allein, und mag es unter uns bleiben, damit niemand etwas davon erfhrt.
Das Geld wird Ihnen von Nutzen sein, denn, Ssofja Ssemenowna, ein Leben,
wie Sie es bisher lebten, ist schlimm und Sie haben es nicht ntig.

Sie haben mich mit so vielen Wohltaten berschttet; auch die Waisen
und die Verstorbene, stammelte Ssonja, wenn ich Ihnen bis jetzt so
wenig gedankt habe, so ... halten Sie es nicht ...

Aber bitte, es ist nicht der Rede wert.

Und fr dieses Geld danke ich Ihnen sehr, Arkadi Iwanowitsch, aber ich
brauche es jetzt wirklich nicht. Ich kann immer fr mich allein sorgen,
halten Sie es nicht fr Undank, -- wenn Sie schon gtig sind, so soll
dieses Geld ...

Ihnen, Ssofja Ssemenowna, Ihnen soll es gehren, und bitte ohne viele
Worte, denn ich habe auch keine Zeit dazu. Es wird Ihnen sehr von Nutzen
sein. Rodion Romanowitsch hat zwei Auswege, -- entweder eine Kugel durch
den Kopf oder Sibirien. -- (Ssonja blickte ihn wild an und erbebte.) --
Seien Sie ruhig, ich wei alles von ihm selbst und bin kein Schwtzer;
werde es niemand sagen. Sie haben gut daran getan, indem Sie ihm
vorschlugen, -- er mge hingehen und sich selbst anzeigen. Das wird ihm
bedeutend ntzlicher sein. Nun, wenn der Ausweg Sibirien sein wird,
werden Sie ihm doch folgen? Nicht wahr? Nicht wahr? Und dann wird Ihnen
auch das Geld von Nutzen sein. Fr ihn selbst werden Sie es brauchen,
verstehen Sie? Indem ich es Ihnen berreiche, gebe ich es damit doch
ihm. Auerdem haben Sie versprochen, auch die frhere Wirtin Amalie
Iwanowna zu bezahlen; ich habe es gehrt. Warum bernehmen Sie immer,
Ssofja Ssemenowna, unberlegt solche Verpflichtungen? Katerina Iwanowna
war es doch dieser Deutschen schuldig geblieben, und nicht Sie, also
sollten Sie auf die Deutsche pfeifen. In dieser Weise kann man auf der
Welt nicht weiterkommen. Und wenn jemand morgen oder bermorgen nach mir
fragen sollte, -- und man wird sich an Sie wenden, -- so erwhnen Sie
nicht, da ich jetzt bei Ihnen gewesen bin, und zeigen Sie in keinem
Falle das Geld und sagen Sie niemandem, da ich es Ihnen gegeben habe.
Und jetzt auf Wiedersehen. -- Er stand auf. -- Gren Sie Rodion
Romanowitsch. Nebenbei gesagt, -- bergeben Sie vorlufig das Geld
meinetwegen Herrn Rasumichin zur Aufbewahrung. Kennen Sie Herrn
Rasumichin? Sie kennen ihn sicher. Das ist ein kluger Bursche. Bringen
Sie das Geld ihm morgen oder ... wenn Sie Zeit haben, hin. Vorlufig
verstecken Sie es gut. Er erhob sich.

Ssonja sprang ebenfalls vom Stuhle auf und blickte ihn erschrocken an.
Sie wollte etwas sagen, etwas fragen, aber sie wagte es nicht gleich und
wute auch nicht, wie sie es anfangen sollte.

... Wie, wollen Sie denn jetzt in solchem Regen ausgehen?

Nun, ich will nach Amerika reisen und soll mich vor einem Regen
frchten, he! he! Leben Sie wohl, liebe Ssofja Ssemenowna! Leben Sie und
leben Sie lange, Sie werden anderen von Nutzen sein. Ja ... sagen Sie
bitte Herrn Rasumichin, da ich ihn gren lasse. Sagen Sie ihm, --
Arkadi Iwanowitsch Sswidrigailoff lt Sie gren, -- mit diesen Worten
sagen Sie es ihm. Sagen Sie es unbedingt.

Er ging fort und hinterlie Ssonja erstaunt und erschrocken in einer
unklaren und drckenden Ahnung zurck.

Man erfuhr spter, da er am selben Abend, in der zwlften Stunde, noch
einen sehr exzentrischen und unerwarteten Besuch gemacht hatte. Der
Regen hatte noch immer nicht aufgehrt. Ganz durchnt, trat er zwanzig
Minuten nach elf in die kleine Wohnung der Eltern seiner Braut ein. Mit
groer Mhe hatte er sich Einla verschafft und zuerst alle in groe
Aufregung versetzt; aber Arkadi Iwanowitsch konnte, wenn er wollte, ein
Mann von bezauberndem Benehmen sein, so da die ursprngliche, brigens
sehr naheliegende Annahme der Eltern der Braut, da Arkadi Iwanowitsch
wahrscheinlich sich irgendwo stark berauscht habe und seiner selbst
nicht mchtig sei, -- von selbst zunichte wurde. Den gelhmten Vater
rollte in einem Sessel die mitleidige Mutter der Braut selbst zu Arkadi
Iwanowitsch herein und begann nach ihrer Gewohnheit mit weitausholenden
Fragen. Diese Frau stellte nie direkte Fragen, sondern lchelte und rieb
sich die Hnde zuerst, dann aber, wenn sie etwas unbedingt erfahren
wollte, wie z. B., -- wann Arkadi Iwanowitsch den Wunsch habe, die
Hochzeit zu bestimmen, so begann sie mit den neugierigsten Fragen ber
Paris und das dortige Hofleben, um schlielich langsam bis zu ihrer
Wohnung in Petersburg zu gelangen. Zu anderer Stunde wurde dies alles
ruhig hingenommen, aber jetzt war Arkadi Iwanowitsch zu ungeduldig und
wnschte kategorisch seine Braut zu sehen, obgleich man ihm schon bei
seinem Eintritt erklrt hatte, da sie schon schlafe. Die Braut erschien
selbstverstndlich, und Arkadi Iwanowitsch teilte ihr sofort mit, da er
wegen einer sehr wichtigen Angelegenheit auf eine Zeit lang Petersburg
verlassen msse, und aus diesem Grunde ihr fnfzehntausend Rubel in
allerhand Papieren mitgebracht habe; er bat sie, dies als ein Geschenk
von ihm anzunehmen, da er schon lngst die Absicht gehabt habe, ihr
diese Kleinigkeit schon vor der Hochzeit zu berreichen. Ein besonderer
logischer Zusammenhang zwischen dem Geschenk und der unverzglichen
Abreise und der Notwendigkeit, deswegen in der Nacht bei Regen
herzukommen, zeigte sich in keiner Weise bei seinen Erklrungen, jedoch
es verlief alles sehr gut. Sogar die unvermeidlichen Ausrufe von ach
und wie, das Fragen und Staunen wurden rasch gemigt und
zurckgehalten; dafr aber wurde eine berstrmende Dankbarkeit an den
Tag gelegt und sogar von den Trnen der vernnftigsten aller Mtter
untersttzt. Arkadi Iwanowitsch stand auf, lachte, kte die Braut,
streichelte ihre Wangen, wiederholte noch einmal, da er bald
zurckkommen werde, und als er in ihren Augen eine zwar kindliche
Neugier, aber zugleich eine sehr ernste stumme Frage bemerkte, sann er
eine Weile nach, kte sie zum zweitenmal und rgerte sich darber, da
das Geschenk unverzglich zur Aufbewahrung der vernnftigsten aller
Mtter bergeben werden wrde. Er ging fort und hinterlie alle in einer
ungewhnlichen Aufregung. Aber die gutherzige Mama lste sofort im
Flstertone einige sehr wichtige Bedenken, und zwar, da Arkadi
Iwanowitsch ein Mann der groen Welt, ein Mann mit Unternehmungen und
groen Verbindungen, ein reicher Mann sei; wei Gott, was in seinem
Kopfe vorgehe, er habe pltzlich den Entschlu gefat, abzureisen, habe
eben pltzlich den Gedanken bekommen, das Geld gegeben, man soll sich
nicht darber wundern. Gewi sei es merkwrdig, da er ganz durchnt
war, aber die Englnder seien z. B. noch exzentrischer, berhaupt alle
Menschen aus der hchsten Gesellschaft achteten nicht darauf, was man
von ihnen sagen werde, und genierten sich nicht. Vielleicht gehe er
absichtlich in dieser Weise herum, um zu zeigen, da er nichts frchte.
Die Hauptsache aber sei, niemand ein Wort davon zu sagen, denn Gott
wei, was dabei noch herauskommen knne, das Geld msse sofort
eingeschlossen werden, und sicher sei es das beste, da das Mdchen in
der Kche war und nichts gesehen habe, noch wichtiger sei es aber,
nichts, gar nichts dieser Spitzbbin, dieser Rlich davon zu sagen, und
so ging es in gleicher Weise fort. Sie blieben bis zwei Uhr sitzen und
flsterten die ganze Zeit. Nur die Braut ging etwas frher schlafen,
ber die ganze Sache verwundert und ein wenig traurig.

Sswidrigailoff wanderte indessen punkt zwlf Uhr ber die K.sche Brcke
in der Richtung nach dem --schen Stadtteil. Es hatte zu regnen
aufgehrt, jedoch der Wind wehte noch stark. Sswidrigailoff begann zu
zittern, und einen Augenblick sah er mit einer auffallenden Neugier und
fragend das schwarze Wasser der Kleinen Newa an. Als er so ber das
Wasser geneigt dastand, fhlte er auf einmal ein unangenehmes
Kltegefhl, er drehte sich um und ging den X.schen Prospekt entlang. Er
wanderte lange, fast eine halbe Stunde, durch diesen endlosen Prospekt,
stolperte ein paarmal in der Dunkelheit auf dem hlzernen Trottoir und
hrte nicht auf, etwas auf der rechten Seite der Strae aufmerksam zu
suchen. Er hatte hier, fast am Ende des Prospekts krzlich im
Vorbeifahren ein hlzernes, aber gerumiges Gasthaus bemerkt, und sein
Name, soweit er sich erinnern konnte, hatte etwas mit Adrianopel zu
tun. Er hatte sich nicht getuscht, -- dieses Gasthaus in dieser
abgelegenen Gegend war so auffallend, da es selbst in der Dunkelheit
unmglich bersehen werden konnte. Es war ein langes hlzernes,
schwarzgewordenes Gebude, in dem trotz der spten Stunde noch Lichter
brannten und ein gewisses Leben zu bemerken war. Er trat ein und fragte
einen im Korridor stehenden, zerlumpten Kerl nach einem Zimmer. Der warf
einen Blick auf Sswidrigailoff, nahm sich zusammen und fhrte ihn in ein
dumpfes, enges Zimmer, das am Ende des Korridors an einer Ecke unter der
Treppe lag. Es ist kein anderes da, alle Zimmer sind besetzt. Der Kerl
blickte ihn fragend an.

Gibt es Tee? fragte Sswidrigailoff.

Kann besorgt werden.

Was gibt es noch?

Kalbfleisch, Schnaps, Aufschnitt.

Bring mir Kalbfleisch und Tee.

Sonst keine Wnsche? fragte der Kerl erstaunt.

Nichts mehr.

Der Kerl verschwand, ganz verwundert.

Das mu ein guter Ort sein, dachte Sswidrigailoff, wie kam mir das
nicht in den Sinn. Ich habe wahrscheinlich auch das Aussehen eines
Menschen, der irgendwo aus einem Caf chantant kommt und auf dem Wege
schon etwas erlebt hat. Es wre interessant, zu erfahren, wer hier alles
absteigt und bernachtet.

Er zndete ein Licht an und besah sich das Zimmer genauer. Es war eine
ganz kleine Kammer, so niedrig, da Sswidrigailoff beinahe an die Decke
stie, mit einem Fenster; ein sehr schmutziges Bett, ein einfacher,
gestrichener Tisch und ein Stuhl nahmen fast den ganzen Raum ein. Die
Wnde hatten das Aussehen, als wren sie aus Brettern zusammengeschlagen
und mit alten abgerissenen Tapeten beklebt worden, die so staubig und
beschmutzt waren, da man ihre Farbe, ursprnglich gelb, erraten mute,
das Muster aber nicht mehr unterscheiden konnte. Der eine Teil der Wand
und der Decke war schrg abgeschnitten, wie man es gewhnlich in
Mansarden sieht, hier aber war es wegen der Treppe. Sswidrigailoff
stellte das Licht auf den Tisch, setzte sich auf das Bett und versank in
Gedanken. Aber ein eigentmliches und ununterbrochenes Flstern im
Nebenzimmer, das zuweilen fast in ein Schreien berging, lenkte seine
Aufmerksamkeit auf sich. Dieses Flstern hatte seit dem Augenblicke, als
er im Zimmer eingetreten war, nicht aufgehrt. Er begann zu lauschen, --
jemand schimpfte und machte einem anderen fast weinend Vorwrfe, man
hrte nur eine Stimme; Sswidrigailoff stand auf, verdeckte mit der einen
Hand das Licht und an der Wand zeigte sich sofort eine Ritze; er trat
drauf zu und begann hindurchzusehen. In dem Zimmer, das ein wenig grer
war, als das seine, befanden sich zwei Menschen. Einer von ihnen ohne
Rock, mit einem lockigen Kopfe und rotem erregten Gesichte, stand in
Rednerpose; er hatte die Beine auseinandergespreizt, um das
Gleichgewicht zu bewahren, schlug sich vor die Brust und warf dem
anderen pathetisch vor, da er ein Bettler sei und da er nicht mal
einen Rang habe, da er ihn aus dem Schmutz herausgezogen habe, und da
er ihn, wenn er wolle, fortjagen knne und dies alles sehe der Finger
Gottes allein. Der angeschnauzte Genosse sa auf einem Stuhl und hatte
das Aussehen eines Menschen, der sehr gern niesen mchte, aber es
absolut nicht fertig brachte. Er sah zuweilen mit einem trben
Schafsblicke den Redenden an, aber augenscheinlich hatte er keinen
Begriff davon, worber jener sprach und hchstwahrscheinlich hrte er es
nicht einmal. Auf dem Tische brannte der Rest eines Lichtes, und eine
fast leere Karaffe Branntwein mit Glsern, Brot, Gurken und ein
Teegeschirr standen darauf. Nachdem Sswidrigailoff dieses Bild
aufmerksam betrachtet hatte, verlie er teilnahmslos die Ritze in der
Wand und setzte sich wieder auf das Bett hin.

Der Kerl, der mit Kalbfleisch und Tee gekommen war, konnte sich nicht
enthalten, noch einmal zu fragen, ob nichts weiter gewnscht wrde, und
nachdem er wieder eine verneinende Antwort erhalten hatte, ging er
endgltig aus dem Zimmer. Sswidrigailoff strzte sich ber den Tee, um
sich zu erwrmen, und leerte ein Glas, essen konnte er nichts, da er den
Appetit vllig verloren hatte. Er begann sichtlich zu fiebern. Er nahm
seinen Mantel und Jacke ab, hllte sich in die Decke ein und legte sich
auf das Bett. Er rgerte sich, -- es wre diesmal doch besser, gesund
zu sein, dachte er und lchelte bitter. Es war im Zimmer dumpf, das
Licht brannte trbe, drauen heulte der Wind, irgendwo in einer Ecke
nagte eine Maus, im ganzen Zimmer berhaupt roch es nach Musen und nach
Leder. Er lag und trumte, -- ein Gedanke lste den anderen ab. Es
schien, als wolle er seiner Phantasie eine bestimmte Richtung geben.
Hinter dem Fenster mu ein Garten sein, -- dachte er, -- Bume
rauschen; was ich in der Nacht nicht liebe, im Sturme und in der
Dunkelheit bringt das Rauschen der Bume ein unangenehmes Gefhl
hervor! Und er erinnerte sich, wie er vorhin im Vorbeigehen mit
Widerwillen an den Petrowski-Park gedacht hatte. Dann tauchte in seiner
Erinnerung auch die K.sche Brcke und die Kleine Newa auf, und wieder
berrieselte es ihn kalt, wie vorhin, als er ber das Wasser geneigt
stand.

Ich habe niemals im Leben das Wasser, nicht mal auf Bildern, geliebt,
dachte er und lchelte ber einen sonderbaren Gedanken. Jetzt mte mir
doch diese ganze sthetik und der Komfort gleichgltig sein, aber nein,
jetzt gerade werde ich whlerisch, wie ein Tier, das sich seine Stelle
... in hnlichem Falle aussucht. Ich sollte vorhin in den Petrowski-Park
einbiegen! Ist mir aber zu dunkel, zu kalt erschienen, he! he! Als
suchte ich angenehme Gefhle dabei! ... Ja, warum lsche ich das Licht
nicht aus? Und er lschte das Licht. Meine Nachbarn haben sich auch
schlafen gelegt, dachte er, als er keinen Schein mehr durch die Ritze
sah. -- Nun, Marfa Petrowna, jetzt wre es Zeit fr Sie, zu erscheinen,
-- es ist dunkel, der Ort sehr passend und ein origineller Augenblick.
Jetzt werden Sie sicher nicht kommen ...

Es kam ihm auch in den Sinn, da er vorhin, eine Stunde bevor Dunja in
seiner Wohnung war, Raskolnikoff empfohlen hatte, sie der Obhut
Rasumichins anzuvertrauen. Ich habe es damals wirklich mehr gesagt, um
mich selbst zu reizen, was Raskolnikoff auch erraten hat. Dieser
Raskolnikoff ist ein feiner Kopf. Er hat vieles durchgemacht und kann
mit der Zeit etwas Groes werden, wenn der Unsinn in ihm vergangen sein
wird, jetzt aber hat er noch ein _zu groes_ Verlangen zu leben. In
diesem Punkte sind alle diese Leute -- Feiglinge. Nun, mag ihn der
Teufel holen, mag er tun, was er will, was geht es mich an.

Er konnte immer noch nicht einschlafen. Allmhlich begann vor ihm das
Bild von Dunetschka aufzutauchen, wie sie vorhin aussah, und ein Zittern
fuhr durch seinen Krper. -- Nein, das mu man jetzt schon lassen,
dachte er zu sich kommend, ich mu an etwas anderes denken. Es ist
sonderbar und lcherlich, -- ich habe niemals jemand stark gehat, habe
auch niemals besonders gewnscht, an jemand Rache zu nehmen, das ist
doch ein schlimmes Zeichen, ein schlimmes Zeichen! Habe auch nicht
geliebt, mich herumzustreiten und war nie heftig gewesen, -- ist auch
ein schlechtes Zeichen! Und was habe ich ihr vorhin versprochen, --
pfui, Teufel! Sie htte aus mir doch etwas machen knnen! ...

Er verstummte wieder und prete die Zhne aufeinander, -- wieder
erschien ihm Dunetschkas Bild, wie sie nach dem ersten Schu erschrocken
war, den Revolver sinken lie und leichenbla ihn ansah, so da er sie
zweimal htte greifen knnen, ohne da sie die Hand zur Gegenwehr htte
erheben knnen, wenn er selbst sie nicht daran erinnert htte. Er
erinnerte sich, wie sie ihm in diesem Augenblicke so leid tat, und wie
sich sein Herz zusammengeschnrt hatte ... Ah! Zum Teufel! Wieder diese
Gedanken, man mu sie alle fallen lassen, ja, fallen lassen!

Er verfiel wieder in Schlaf, -- das fieberhafte Zittern lie nach; da
schien etwas unter der Decke ber seine Hand und seinen Fu zu laufen.
Er zuckte zusammen, -- pfui, Teufel, das ist ja eine Maus! dachte er,
ich habe das Fleisch auf dem Tische stehen gelassen ... Er wollte
nicht die Decke abwerfen, aufstehen und frieren, da stach ihn schon
wieder etwas am Fue; er ri die Decke von sich und zndete das Licht
an. Zitternd vor fieberhafter Klte, bckte er sich, um im Bette
nachzusuchen, -- es war nichts da; er schttelte die Decke und pltzlich
sprang eine Maus auf das Bettlaken. Er wollte sie fangen; die Maus aber
sprang vom Bette nicht herunter, sondern lief im Zickzack nach allen
Seiten hin, glitt ihm durch die Finger, lief ber seine Hand und
verschwand pltzlich unter dem Kissen; er warf das Kissen herunter und
fhlte sogleich, wie sie ihm unter das Hemd sprang und auf seinem Rcken
herumkrabbelte. Er erbebte nervs und erwachte. Im Zimmer war es dunkel,
er lag wie vorhin in der Decke eingewickelt auf dem Bette, hinter dem
Fenster heulte der Wind. Wie schaurig! dachte er rgerlich. Er stand
auf und setzte sich mit dem Rcken gegen das Fenster auf das Bett.
Lieber schlafe ich gar nicht, beschlo er. Vom Fenster kam Klte und
Feuchtigkeit herein; ohne aufzustehen zog er die Decke ber sich und
hllte sich ein. Das Licht steckte er nicht an. Er dachte an nichts und
wollte auch an nichts denken; doch ein Phantasiegebilde nach dem andern
stand vor ihm auf, abgerissene Gedanken ohne Anfang und Ende und ohne
Zusammenhang schwebten ihm vor. Er verfiel in einen Halbschlummer. War
es die Klte oder die Dunkelheit, war es die Feuchtigkeit oder der Wind,
der hinter dem Fenster heulte und die Bume rttelte, -- die in ihm eine
hartnckige phantastische Neigung und den Wunsch nach Blumen
hervorriefen, -- mit Blumen beschftigte sich seine Phantasie
ausschlielich. Ihm schwebte ein reizendes Bild vor, -- ein lichter,
warmer, beinahe heier Tag, ein Festtag, ein Pfingsttag; ein reiches
prachtvolles Landhaus, im englischen Geschmack, bewachsen mit duftenden
Blumen, und umgeben von Blumenbeeten, die um das Haus sich herumzogen,
eine Treppe, umrankt von Schlingpflanzen und umringt von Rosenbschen;
eine lichte khle Treppe, bedeckt mit einem prchtigen Teppich und
ringsum geziert mit seltenen Blumen in chinesischen Vasen. Er hatte auf
den Fenstern Strue von weien und zarten Narzissen in Glasvasen,
gefllt mit Wasser, bemerkt, die auf ihren hellgrnen, dicken und langen
Stengeln starken aromatischen Duft verbreiteten. Er wollte sich gar
nicht mehr von ihnen trennen, endlich stieg er aber doch die Treppe
hinauf und trat in einen groen hohen Saal, und wieder standen hier
berall auf den Fenstern, an der geffneten Tre nach der Terrasse, auf
der Terrasse selbst, Blumen ber Blumen. Die Diele war mit frisch
gemhtem, duftendem Heu bestreut, die Fenster waren geffnet, eine
frische leichte khle Luft drang in das Zimmer, Vgel zwitscherten unter
den Fenstern, und mitten im Saale auf einem mit weiem Atlas bezogenen
Tische stand ein Sarg. Dieser Sarg war mit weiem Taft ausgeschlagen und
mit weien dichten Rschen benht. Girlanden aus Blumen umrankten ihn
auf allen Seiten. Ganz in Blumen gebettet lag ein kleines Mdchen in
weiem Tllkleide; ihre wie aus Marmor gemeielten Hnde waren gefaltet
und an die Brust gepret. Ihr aufgelstes Haar, ein helles Blondhaar,
war na; ein Kranz aus Rosen umgab ihren Kopf. Das strenge und schon
erstarrte Profil ihres Gesichts war auch wie aus Marmor gemeielt, in
dem Lcheln auf ihren blassen Lippen lag ein nicht kindliches
grenzenloses Weh, eine stille, herzzerreiende Klage. Sswidrigailoff
kannte dieses Mdchen; weder ein Gottesbild noch brennende Kerzen
standen an diesem Sarge und man vernahm keine Gebete. Das kleine Mdchen
war eine Selbstmrderin, -- sie hatte sich ertrnkt. Sie war erst
vierzehn Jahre alt und hatte schon ein gebrochenes Herz, sie war
zugrunde gerichtet durch eine schndliche Tat, die dieses junge
kindliche Bewutsein mit Entsetzen erfllt und berfallen, die ihre
engelreine Seele mit unverdienter Schmach bedeckt hatte, und die ihr
einen letzten Schrei der Verzweiflung entri, der nicht erhrt, sondern
mit kaltem Herzen und harter Hand in einer dunklen Nacht, in tiefer
Finsternis, in Klte, in feuchtem Tauwetter unterdrckt wurde, als der
Wind heulte.

Sswidrigailoff kam zu sich, stand auf und trat an das Fenster. Er fand
tastend den Riegel und ffnete es. Der Wind strmte mit aller Kraft in
sein enges Zimmer hinein und bedeckte mit einem Frosthauch sein Gesicht
und die nur mit dem Hemde bedeckte Brust. Hinter dem Fenster war
wirklich ein Garten und zwar ein Vergngungsetablissement; am Tage
traten wohl hier Snger auf und es wurde an Tischen Tee serviert. Jetzt
flogen Regentropfen von den Bumen und Struchern zum Fenster herein,
und es war eine Dunkelheit wie in einem Keller, so da man kaum einige
dunkle Flecken, die Gegenstnde vorstellten, unterscheiden konnte.
Sswidrigailoff hatte die Ellenbogen auf das Fensterbrett gesttzt und
sich hinausgebeugt, und blickte nun schon fnf Minuten, ohne sich
losreien zu knnen, in diese Finsternis. Da ertnte in die Nacht hinein
ein Kanonenschu, ihm folgte ein zweiter. Ah, das Signal! Das Wasser
steigt! dachte er. -- Gegen Morgen wird das Wasser die Straen
berfluten und die Kellerwohnungen und die Gewlbe berschwemmen, die
Kellerratten werden aus ihren Schlupfwinkeln hervorschwimmen und die
Menschen werden in Wind und Regen, durchnt und schimpfend, ihren Kram
in die oberen Stockwerke schleppen ... Um welche Zeit ist es nun? --
Und kaum hatte er so gedacht, als aus der Nhe, tickend und wie sich
mchtig beeilend, eine Wanduhr drei Uhr schlug. -- Aha, nach einer
Stunde wird es schon hell werden! Warum soll ich lnger warten? Ich will
lieber sofort hier fort und direkt in den Petrowski-Park gehen; dort
will ich mir ein groes Gebsch aussuchen, mit Regentropfen so benetzt,
da, wenn man nur mit einer Schulter drankommt, Millionen von Tropfen
den ganzen Kopf mir berstrmen werden ... Er trat vom Fenster zurck,
schlo es, zndete das Licht an, zog seine Weste und den Mantel an,
setzte den Hut auf und ging mit dem Lichte auf den Korridor hinaus, um
in einer Kammer zwischen allerhand Kram und Lichtstumpfen den
schlafenden Kerl aufzusuchen, ihm das Zimmer zu bezahlen und dann das
Gasthaus zu verlassen. -- Es ist der beste Augenblick, man knnte ihn
nicht besser whlen!

Er ging lange in dem schmalen und langen Korridor herum, ohne jemand zu
finden und wollte schon laut rufen, als er pltzlich in einer dunklen
Ecke, zwischen einem alten Schrank und einer Tre, einen sonderbaren
Gegenstand, anscheinend etwas Lebendes, erblickte. Er beugte sich mit
dem Lichte darber und sah ein Kind, -- ein kleines Kind, -- ein kleines
Mdchen, nicht lter als fnf Jahre, in einem vllig durchnten
Kleidchen, zitternd und weinend, daliegen. Sie schien vor Sswidrigailoff
keine Furcht zu haben, blickte ihn mit ihren groen schwarzen uglein
voll stillen Staunens an und schluchzte ab und zu, wie Kinder, die lange
geweint, doch aufhren und sich getrstet haben. Das kleine Gesicht des
Mdchens war bleich und abgemagert; sie war vor Klte fast erstarrt,
aber -- wie war sie hierher gekommen? Sie mute sich hier versteckt und
die ganze Nacht nicht geschlafen haben? Er begann sie auszufragen. Das
Kind wurde pltzlich lebhaft und stammelte etwas sehr schnell in seiner
kindlichen Sprache. Es kam darin etwas von Mamachen und das Mama
Ruten geben wird, von einer Tasse, die sie zerschlagen habe, vor. Das
Mdchen sprach ununterbrochen; einiges konnte man aus ihrer ganzen
Erzhlung herausfinden, -- da sie nicht geliebt werde, da ihre Mutter,
eine ewig betrunkene Kchin, wahrscheinlich im Gartenhause selbst, sie
zumeist prgele und ihr Schrecken eingejagt habe; da das Mdchen der
Mutter eine Tasse zerschlagen habe und so erschrocken wre, da sie seit
gestern Abend weggelaufen sei; wahrscheinlich hatte sie sich lange auf
dem Hofe im Regen versteckt, endlich sich ins Haus hineingeschlichen,
sich hinter dem Schrank verkrochen und hatte hier in der Ecke, weinend
und in Nsse, Dunkelheit und Angst davor zitternd, da man sie tchtig
verprgeln wrde, die ganze Nacht gesessen. Sswidrigailoff nahm sie auf
die Arme, ging in sein Zimmer, setzte sie auf das Bett hin und begann
sie auszukleiden. Ihre zerlcherten Stiefel auf die nackten Fe
angezogen, waren so feucht, als htten sie die ganze Nacht in einer
Pftze gelegen. Nachdem er sie entkleidet hatte, legte er sie ins Bett,
bedeckte und hllte sie ganz bis zum Kopfe in die Decke. Sie schlief
sofort ein. Nachdem er damit fertig war, versank er wieder in sein
dsteres Nachdenken.

Was fllt mir auch ein, mich damit abzugeben! dachte er pltzlich mit
einem schweren und bitteren Gefhl. -- Was fr ein Unsinn! Voll rger
nahm er das Licht, um hinauszugehen und um jeden Preis den Kerl zu
finden und schneller von hier wegzukommen. -- Ach, so ein Mdel!
dachte er fluchend und ffnete schon die Tre, als er sich umkehrte, um
noch einmal zu sehen, ob das Mdchen schlafe und wie sie schlafe? Er hob
vorsichtig die Decke auf. Das Mdchen lag im festen und seligen Schlafe.
Sie war unter der Decke warm geworden, und das Blut war wieder in ihre
blassen Wangen gestiegen. Aber sonderbar, -- diese Rte war greller und
auffallender, als sonst bei Kindern. Das ist eine fieberhafte Rte,
dachte Sswidrigailoff, das ist die Rte nach Weingenu, es ist, als
htte man ihr ein ganzes Glas zu trinken gegeben. Ihre roten Lippen
brennen, scheinen zu flammen, aber was ist das? Ihm schien es
pltzlich, als ob ihre langen schwarzen Wimpern zuckten und blinzelten,
als ob sie sich erhben, als ob unter ihnen ein schelmisches, scharfes,
nicht in kindlicher Weise zwinkerndes Auge hervorblickte, als ob das
Mdchen nicht schliefe, sich nur so anstelle. Ja, es war auch so, --
ihre Lippen verziehen sich zu einem Lcheln, die Mundwinkel zucken, es
ist, als ob sie das Lcheln noch zurckhalten wollte. Nun aber hrt sie
auf, sich zurckzuhalten, sie lacht schon, sie lacht deutlich; etwas
Freches und Herausforderndes leuchtet in diesem gar nicht kindlichen
Gesichte; das ist das Laster; das ist das Gesicht einer Kokotte, das
freche Gesicht einer verkuflichen franzsischen Kokotte. Jetzt ffnen
sich, ohne jede Verstellung, die beiden Augen, -- sie ruhen auf ihm mit
einem feurigen und schamlosen Blick, sie locken ihn, sie lachen ...
Etwas unendlich Widerliches und Beleidigendes lag in diesem Lachen, in
diesen Augen, in diesem ganzen schamlosen Gesichte des Kindes. Wie!
Eine fnfjhrige! flsterte Sswidrigailoff mit wahrem Entsetzen. --
Was ... was ist denn das? -- Nun wendet sie sich ihm mit dem
brennenden Gesichtchen ganz zu, streckt die Arme aus ... Ah,
Verfluchte! rief Sswidrigailoff voll Entsetzen und holte seine Hand zum
Schlage aus ... Aber im selben Augenblick erwachte er.

Er lag im Bette, eingehllt in die Decke; das Licht war nicht angezndet
und durch das Fenster leuchtete der volle Tag hinein.

Ein Albdrcken die ganze Nacht! Er erhob sich zornig und fhlte, da
er ganz zerschlagen war; seine Knochen schmerzten ihn. Drauen war ein
dichter Nebel und man konnte nichts unterscheiden. Die Uhr ging auf
fnf; er hatte sich verschlafen! Er stand auf und zog seine Jacke und
den Mantel an, die beide noch feucht waren. Er fhlte in der Tasche nach
dem Revolver, zog ihn heraus und setzte die Kapsel zurecht; dann setzte
er sich hin, nahm aus der Tasche ein Notizbuch hervor und schrieb auf
der ersten Seite mit groer Schrift ein paar Zeilen. Er las sie nochmals
durch, sttzte sich auf den Tisch und sann nach. Der Revolver und das
Notizbuch lagen neben seinem Ellbogen. Die erwachten Fliegen krochen auf
den Kalbfleischstcken herum, die er nicht angerhrt hatte und die auf
dem Tische standen. Er schaute den Fliegen lange zu und versuchte mit
der freien rechten Hand eine zu fangen. Er bemhte sich lange, konnte
sie aber nicht kriegen. Als er sich zuletzt bei dieser interessanten
Beschftigung ertappte, kam er zu sich, fuhr zusammen, stand auf und
ging entschlossen aus dem Zimmer. Nach einer Minute war er schon auf der
Strae.

Ein weier dichter Nebel lag ber der Stadt. Sswidrigailoff ging die
klebrige schmutzige Strae in der Richtung der Kleinen Newa zu. Ihm
schwebten das ber Nacht stark gestiegene Wasser der Kleinen Newa, der
Petrowski-Park, nasse Wege, feuchtes Gras, feuchte Bume und Strucher,
und schlielich _jenes_ Gebsch vor ... Voll rger begann er die Huser
zu betrachten, um an etwas anderes zu denken. Weder einen Menschen, noch
eine Droschke traf er auf dem Wege. Trostlos und schmutzig sahen ihn die
grellgelben hlzernen Huschen mit den geschlossenen Fensterlden an.
Klte und Feuchtigkeit durchzogen seinen ganzen Krper und ihn begann zu
frsteln. Zuweilen fiel sein Blick auf die Schilder der Kauflden und
Gemsekeller, er las jedes aufmerksam. Der hlzerne Fusteg war schon zu
Ende. Er ging an einem groen steinernen Hause vorbei. Ein schmutziger
durchfrorener Hund mit eingezogenem Schwanze lief ihm ber den Weg. Ein
total betrunkener Mann in einem Uniformmantel lag mit dem Gesichte nach
unten quer ber den Fuweg. Er betrachtete ihn und ging weiter. Ein
hoher Feuerwehrturm zeigte sich linker Hand. -- Bah! dachte er, das
ist die beste Stelle, wozu der Petrowski-Park? Es geschieht wenigstens
in Gegenwart eines offiziellen Zeugen ... Er lchelte bei diesem neuen
Gedanken und bog in die N.sche Strae ein. Hier stand ein groes Haus
mit dem Turm. An dem mchtigen verschlossenen Tore des Hauses stand mit
der Schulter daran gelehnt ein kleines Menschenkind in einen grauen
Soldatenmantel eingehllt und mit einem glnzenden Helm. Es schielte mit
schlaftrunkenem Blick den herantretenden Sswidrigailoff an. Auf seinem
Gesichte sah man den ewigen verdrielichen Kummer, der sich ausnahmslos
auf allen Gesichtern des jdischen Volkes eingeprgt hat. Beide,
Sswidrigailoff und der Soldat, betrachteten einander schweigend eine
Weile. Dem Soldaten erschien es schlielich nicht in der Ordnung zu
sein, da ein Mann nicht betrunken drei Schritte vor ihm stehen blieb,
ihn unverwandt anblickte und nichts sagte.

Was wollen Sie denn hier? sagte er, ohne sich zu rhren und seine
Stellung zu verndern.

Ja, nichts, Bruder, guten Tag! antwortete Sswidrigailoff.

Hier ist kein Platz, stehen zu bleiben.

Ich reise, Bruder, ins Ausland.

Ins Ausland?

Nach Amerika.

Nach Amerika?

Sswidrigailoff zog den Revolver heraus und spannte den Hahn. Der Soldat
zog die Augenbrauen nach oben.

Was, solche Scherze sind hier nicht am Platze!

Warum denn nicht?

Weil das kein Ort dazu ist.

Nun, Bruder, das ist einerlei. Der Ort ist gut; wenn man dich fragen
wird, antworte blo, da ich nach Amerika gereist bin.

Er legte den Revolver an seine rechte Schlfe an.

Man darf das nicht, hier ist nicht der Ort! sagte der Soldat, und
seine Augen erweiterten sich immer mehr.

Sswidrigailoff drckte den Hahn ab.


                                  VII.

Am selben Tage um sieben Uhr nherte sich Raskolnikoff der Wohnung
seiner Mutter und Schwester, -- jener Wohnung im Hause von Bakalejeff,
wo sie Rasumichin untergebracht hatte. Der Treppeneingang war von der
Strae aus. Je nher Raskolnikoff kam, desto mehr verlangsamte er seine
Schritte, wie unschlssig, ob er hineingehen solle oder nicht. Er wre
jedoch um keinen Preis umgekehrt; sein Entschlu war gefat. --
Auerdem ist es einerlei, sie wissen ja noch nichts, dachte er, und
haben sich schon gewhnt, mich als einen nrrischen Kauz anzusehen ...
Seine Kleidung war schrecklich, -- ganz beschmutzt, zerrissen und
zerknittert, weil er die ganze Nacht im Regen verbracht hatte. Sein
Gesicht war vor Mdigkeit, durch das schlechte Wetter, aus physischer
Ermattung und infolge eines beinahe vierundzwanzigstndigen Kampfes mit
sich selbst ganz entstellt. Wo er diese ganze Nacht verbracht hatte,
wute Gott allein; aber sie hatte wenigstens seinen Entschlu
herbeigefhrt.

Er klopfte an die Tre; die Mutter ffnete ihm. Dunetschka war nicht zu
Hause. Auch das Dienstmdchen war um diese Zeit nicht da. Pulcheria
Alexandrowna war zuerst ganz stumm vor freudigem Erstaunen, dann ergriff
sie seine Hand und zog ihn ins Zimmer.

Nun, da bist du! begann sie, und stockte vor Freude. -- Sei nicht
bse auf mich, Rodja, da ich dich so dumm begre, -- mit Trnen; ich
lache ja und weine nicht. Du denkst, ich weine? Nein, ich freue mich,
habe aber blo so eine dumme Angewohnheit, da mir dann die Trnen
flieen. Das habe ich seit dem Tode deines Vaters, ich weine bei jeder
Gelegenheit. Setz dich doch, mein Lieber, du bist wahrscheinlich mde,
ich sehe es. Ach, wie du beschmutzt bist.

Ich war gestern im Regen fort, Mama ... begann Raskolnikoff.

Aber nein, nein! unterbrach ihn Pulcheria Alexandrowna eifrig, du
meinst, ich will dich sofort ausfragen, nach meiner frheren
weiberhaften Gepflogenheit, sei darber beruhigt. Ich begreife doch, ich
begreife alles, habe mich jetzt an die hiesigen Gebruche gewhnt, und
sehe wirklich selbst ein, da man hier gescheiter ist. Ich habe mir ein
fr allemal gesagt, wie kann ich deine Entschlsse verstehen und von dir
Rechenschaft verlangen? Du hast vielleicht Gott wei was fr Dinge und
Plne im Kopfe und dir kommen allerhand Gedanken; soll ich dich da immer
anstoen und fragen, worber denkst du nach? Ich habe ... Ach, mein
Gott, Ja, was laufe ich denn herum wie eine Besessene ... Just lese ich
deinen Artikel in der Zeitschrift schon zum dritten Male, Rodja; mir hat
ihn Dmitri Prokofjitsch gebracht. Ich war sehr berrascht, als ich ihn
las; so dumm bin ich, dachte ich, damit gibt er sich also ab, das ist
die Lsung der Dinge. Er hat vielleicht neue Gedanken im Kopfe, er
berlegt sie sich, ich aber qule ihn und stre ihn. Ich lese den
Artikel, mein Freund, und verstehe selbstverstndlich nicht viel; es mu
auch brigens so sein, -- wie kann ich es auch verstehen.

Zeigen Sie ihn mir, Mama.

Raskolnikoff nahm den Artikel in die Hand und blickte ihn flchtig an.
Wie sehr es auch seiner Lage und seinem Zustande widersprach, empfand er
doch jenes eigentmliche und prickelnde se Gefhl, das ein Verfasser,
der sich zum ersten Male gedruckt sieht, empfindet, dazu sprachen auch
seine dreiundzwanzig Jahre mit. Es dauerte einen Augenblick. Nachdem er
einige Zeilen gelesen hatte, verdsterte sich sein Gesicht und ein
furchtbarer Gram prete sein Herz zusammen. Sein ganzer seelischer Kampf
in den letzten Monaten kam ihm mit einem Male ins Gedchtnis. Er warf
mit Widerwillen und voll rger die Zeitung auf den Tisch.

Aber Rodja, wie dumm ich auch sein mag, ich kann doch verstehen, da du
sehr bald einer von den Ersten, wenn nicht der Erste unter unseren
Gelehrten, sein wirst. Und man wagte zu denken, da du den Verstand
verloren httest. Ha! ha! ha! Du weit es nicht, aber man meinte es
wirklich! Ach, dieses niedrige Gewrm, woher sollen sie auch begreifen,
was Verstand haben heit! Und Dunetschka glaubte auch fast daran -- was
sagst du dazu! Dein verstorbener Vater hat ein paarmal etliches in
Zeitschriften eingeschickt, -- zuerst Gedichte (ich habe noch das Heft
der Gedichte, ich will es dir einmal zeigen) -- und nachher eine ganze
Novelle, -- (ich hatte ihn gebeten, sie ins Reine schreiben zu drfen)
-- und trotzdem wir beide beteten, da es angenommen wrde, -- nahmen
sie es doch nicht an! Rodja, vor sechs oder sieben Tagen, als ich deine
Kleidung sah, wie du wohnst, was du it und wie du herumgehst, war ich
ganz niedergeschlagen. Jetzt sehe ich, da ich wieder einmal dumm war,
denn wenn du Lust hast, kannst du dir alles auf einmal durch deinen
Verstand und dein Talent verschaffen. Du willst es blo vorlufig nicht
und bist mit bedeutend wichtigeren Dingen beschftigt ...

Ist Dunja nicht zu Hause, Mama?

Nein, Rodja. Sie ist jetzt sehr oft nicht zu Hause, lt mich viel
allein. Dmitri Prokofjitsch kommt fters zu mir, um zu plaudern und
spricht immer von dir, ich bin ihm sehr dankbar dafr. Er liebt dich
sehr und schtzt dich, mein Freund. Ich kann von deiner Schwester nicht
gerade sagen, da sie zu mir unehrerbietig wre. Ich klage nicht. Sie
hat ihren Charakter, wie ich den meinen; sie hat allerhand Geheimnisse
vor mir; und ich habe vor euch keine Geheimnisse. Gewi, ich bin fest
berzeugt, da Dunja klug ist und auerdem auch mich und dich liebt ...
aber ich wei wirklich nicht, wohin dies alles fhren wird. Du hast mich
glcklich gemacht, Rodja, weil du mich jetzt besucht hast, sie aber hat
das versumt; wenn sie zurckkommt, will ich auch ihr sagen, -- dein
Bruder war hier, wo hast aber du die Zeit verbracht? Du sollst mich,
Rodja, nicht verwhnen; wenn du kannst, komm zu mir, wenn nicht, -- dann
lt sich eben nichts tun als warten. Ich werde trotzdem wissen, da du
mich liebst, und das gengt mir. Ich werde deine Schriften lesen, werde
von allen ber dich hren, und dann wirst du schon wieder einmal zu mir
kommen und was kann ich mir besseres wnschen? Du bist doch jetzt auch
gekommen, um die Mutter zu erfreuen, ich sehe es ...

Hier weinte pltzlich Pulcheria Alexandrowna.

Schon wieder weine ich! Achte nicht auf mich dumme Person! Ach, mein
Gott, was sitze ich hier, rief sie aus und fuhr von ihrem Platze auf,
ich habe doch Kaffee und biete dir nichts an! Siehst du, wie gro der
Egoismus einer alten Frau ist. Sofort, sofort!

Mama, lassen Sie es, ich will gleich wieder fortgehen. Ich bin nicht
deswegen gekommen. Bitte, hren Sie mich an.

Pulcheria Alexandrowna trat schchtern zu ihm.

Mama, was auch geschehen sollte, was Sie auch ber mich hren sollten,
was man Ihnen auch ber mich sagen sollte, -- werden Sie mich dennoch
ebenso lieben, wie jetzt? fragte er sie aus vollem Herzen, als bedenke
er seine Worte nicht und erwge sie nicht.

Rodja, Rodja, was ist mit dir? Ja, wie kannst du nur so etwas fragen?
Ja, wer wird mir denn etwas ber dich sagen? Ich werde auch niemand
glauben, mag kommen, wer da will, ich werde ihn hinausjagen.

Ich bin gekommen, Ihnen zu sagen, da ich Sie geliebt habe, und ich bin
jetzt froh, da wir allein sind, bin sogar froh, da Dunetschka nicht zu
Hause ist, fuhr er in derselben Aufwallung fort, -- ich bin gekommen,
Ihnen offen zu sagen, da, wenn Sie auch unglcklich sein werden, Sie
doch wissen sollen, da Ihr Sohn Sie jetzt mehr liebt, als sich selbst,
und da alles, was Sie ber mich gedacht haben, da ich grausam sei und
Sie nicht mehr liebe, alles nicht richtig ist. Ich werde nie aufhren,
Sie zu lieben ... Nun, und genug; mir schien es, da ich das sagen und
damit beginnen mte ...

Pulcheria Alexandrowna umarmte ihn schweigend, prete ihn an ihre Brust
und weinte still.

Was mit dir ist, Rodja, wei ich nicht, sagte sie schlielich, ich
dachte die ganze Zeit, wir langweilen dich, jetzt aber sehe ich in
meiner Weise, da dir ein groer Kummer bevorsteht, worber du dich
grmst. Ich habe es schon lange gesehen, Rodja. Verzeih mir, da ich
darber spreche; ich denke immer daran und schlafe des Nachts nicht.
Diese Nacht hat auch deine Schwester die ganze Nacht in unruhigem
Phantasieren verbracht und immer dich genannt. Ich habe einiges gehrt,
aber nichts verstanden. Den ganzen Morgen ging sie wie ein zu Tode
Verurteilter herum, erwartete immer etwas, hatte Vorahnungen und nun ist
es gekommen! Rodja, Rodja, wohin gehst du? Verreisest du etwa und
wohin?

Ich verreise.

Ich dachte es mir! Ich kann doch mit dir reisen, wenn es ntig ist.
Auch Dunja, sie liebt dich, sie liebt dich sehr, auch Ssofja Ssemenowna
soll meinetwegen mit uns gehen, wenn es ntig ist; ich will sie gern an
Tochterstatt aufnehmen, siehst du. Dmitri Prokofjitsch wird uns bei der
Abreise helfen ... aber ... wohin ... reisest du?

Leben Sie wohl, Mama.

Wie! Heute schon! rief sie in einem Ton aus, als verliere sie ihn auf
ewig.

Ich kann nicht anders, es ist Zeit fr mich, ich mu ...

Und ich darf nicht mit dir gehen?

Nein, knien Sie aber nieder und beten Sie fr mich. Ihr Gebet wird
vielleicht erhrt.

La mich dich bekreuzen, dich segnen! So, so! Oh, Gott, was tun wir!

Ja, er war froh, er war sehr froh, da niemand da war, da er mit der
Mutter allein war. Es war, als wre seit dieser ganzen schrecklichen
Zeit sein Herz mit einem Male weich geworden. Er sank vor ihr hin, kte
ihre Fe und beide weinten, einander umarmend. Und sie wunderte sich
nicht und fragte ihn nichts. Sie hatte schon lange begriffen, da mit
ihrem Sohne etwas Furchtbares vorgehe, und da jetzt der schreckliche
Augenblick fr ihn gekommen war.

Rodja, mein Lieber, mein Erstgeborener, sagte sie schluchzend, du
bist jetzt ebenso zu mir gekommen, wie du es als kleiner Junge tatest;
hast mich umarmt und gekt; als wir noch mit Vater lebten und uns
kmmerlich durchschlugen, war es schon ein Trost fr uns, da du bei uns
warst, als ich aber deinen Vater beerdigt hatte, -- wie oft haben wir
uns da umarmt, genau so wie jetzt, und haben an seinem Grabe geweint.
Da ich aber lange schon weine, kommt davon, weil das Mutterherz dein
Unglck ahnte. Als ich das erste Mal dich damals am Abend sah, --
erinnerst du dich, -- als wir hier ankamen, habe ich alles an deinem
Blicke allein erraten und mein Herz zuckte zusammen, heute aber, als ich
dir ffnete und dich anblickte, dachte ich mir sofort, -- nun ist die
Schicksalsstunde gekommen. Rodja, Rodja, du reisest doch nicht sofort
ab?

Nein.

Du wirst noch einmal herkommen?

Ja ... ich werde herkommen.

Rodja, sei mir nicht bse, ich darf dich nicht ausfragen. Ich wei, da
ich es nicht darf, aber sag mir blo, nur zwei kleine Worte sage mir:
Ist es weit, wohin du reist?

Sehr weit.

Was, hast du eine Anstellung dort oder ist es fr deine Karriere
wichtig?

Was Gott gibt ... beten Sie nur fr mich ...

Raskolnikoff ging zur Tre, aber sie hielt sich an ihm fest und sah ihm
mit einem verzweifelten Blick in die Augen. Ihr Gesicht war vor
Entsetzen entstellt.

Genug, Mama, sagte Raskolnikoff und bereute tief, da er auf den
Gedanken gekommen war, herzukommen.

Es ist doch nicht fr immer? Nicht fr ewig? Du wirst doch noch
herkommen, wirst du morgen kommen?

Ich werde kommen, werde kommen, leben Sie wohl!

Er ri sich endlich los.

Der Abend war frisch, warm und klar; das Wetter war seit dem Morgen
schn geworden. Raskolnikoff ging eilig nach Hause. Er wollte allem bis
zu Sonnenuntergang ein Ende machen. Bis dahin sollte ihn niemand sehen.
Als er zu seiner Wohnung hinaufstieg, bemerkte er, da Nastasja sich vom
Samowar abwandte, ihn unverwandt beobachtete und mit den Augen
verfolgte. Sollte etwa jemand bei mir sein? dachte er. Voll
Widerwillen dachte er an Porphyri Petrowitsch. Als er aber sein Zimmer
erreicht und die Tre geffnet hatte, erblickte er Dunetschka. Sie sa
mutterseelenallein in tiefem Nachdenken und schien schon lange auf ihn
zu warten. Er blieb auf der Schwelle stehen. Sie erhob sich erschreckt
vom Sofa und blieb aufgerichtet vor ihm stehen. Ihr Blick, unverwandt an
ihm haftend, drckte Entsetzen und einen untilgbaren Kummer aus. Und an
diesem Blicke merkte er sofort, da sie alles wute.

Soll ich zu dir hineinkommen oder fortgehen? fragte er mitrauisch.

Ich habe den ganzen Tag bei Ssofja Ssemenowna gesessen; wir haben dich
beide erwartet. Wir dachten, da du unbedingt dorthin kommen wrdest.

Raskolnikoff trat in das Zimmer und setzte sich ermattet auf einen
Stuhl.

Ich bin etwas schwach, Dunja; ich bin zu mde; ich mchte aber
wenigstens in diesem Augenblicke mich vllig beherrschen.

Er warf ihr einen schnellen mitrauischen Blick zu.

Wo warst du denn die ganze Nacht?

Ich erinnere mich dessen nicht gut; siehst du, Schwester, ich wollte zu
einem endgltigen Entschlu kommen und bin mehrere Male an der Newa hin-
und hergegangen; dessen erinnere ich mich. Ich wollte dort ein Ende
machen, aber ... konnte mich nicht entschlieen ... flsterte er und
blickte Dunja wieder mitrauisch an.

Gott sei Dank! Und wie wir das frchteten, -- ich und Ssofja
Ssemenowna! Also, du glaubst noch ans Leben, -- Gott sei Dank, Gott sei
Dank!

Raskolnikoff lchelte bitter.

Ich glaubte nicht daran, soeben aber habe ich die Mutter umarmt und mit
ihr zusammen geweint; ich glaube nicht daran, aber ich habe sie gebeten,
fr mich zu Gott zu beten. Gott wei, wie das alles vor sich geht,
Dunetschka und ich begreife nichts.

Du warst bei der Mutter? Du hast ihr es selbst gesagt? rief Dunja
entsetzt aus. -- Hast du es gewagt, ihr zu sagen?

Nein, ich habe ihr nichts ... mit Worten gesagt, aber sie hat vieles
begriffen. Sie hat in der Nacht gehrt, wie du phantasiert hast. Ich bin
berzeugt, da sie die Hlfte schon versteht. Ich habe vielleicht
schlecht daran getan, da ich zu ihr ging. Ich wei auch nicht mal,
warum ich zu ihr hingegangen bin. Ich bin ein gemeiner Mensch, Dunja.

Du ein gemeiner Mensch und bist doch bereit, das Leiden auf dich zu
nehmen! Du gehst doch um zu leiden?

Ich gehe. Sofort. Ja, um dieser Schande zu entgehen, wollte ich mich
auch ins Wasser strzen, Dunja, aber ich dachte, als ich schon ber dem
Wasser stand, wenn ich mich bisher fr stark gehalten habe, so soll ich
mich jetzt auch nicht vor der Schande frchten, sagte er. Das ist der
Stolz, Dunja?

Ja, das ist der Stolz, Rodja.

Wie ein Feuer leuchtete es in seinen trben Augen auf; ihm schien es
eine Freude zu sein, da er noch stolz sein konnte.

Meinst du aber nicht, Schwester, da mir einfach vor dem Wasser bange
war, fragte er mit einem bitteren Lcheln und blickte ihr ins Gesicht.

Oh, Rodja, hre damit auf! rief Dunja bitter aus.

Etwa zwei Minuten dauerte das Schweigen. Er sa mit gesenktem Kopfe und
sah zu Boden; Dunetschka stand am anderen Ende des Tisches und blickte
ihn voll innerer Qual an.

Pltzlich stand er auf.

Es ist spt, es ist Zeit. Ich gehe jetzt, mich anzuzeigen. Aber ich
wei nicht, warum ich gehe, mich anzuzeigen.

Groe Trnen rollten ber ihre Wangen.

Du weinst, Schwester, kannst du mir noch die Hand reichen?

Und du hast daran zweifeln knnen?

Sie umarmte ihn innig.

Best du nicht schon zur Hlfte dein Verbrechen mit deinem Leid? rief
sie aus, drckte ihn fest an sich und kte ihn.

Verbrechen? Was fr ein Verbrechen? rief er pltzlich in einem Anfalle
von Wut, etwa, weil ich eine scheuliche, bsartige Laus, eine alte
Wucherin ermordet habe, die niemand braucht, fr deren Ermordung einem
vierzig Snden vergeben werden mssen, die den Armen den letzten
Blutstropfen aussaugte, -- und das soll ein Verbrechen sein? Ich denke
gar nicht daran und denke nicht daran, es tilgen zu wollen. Und was
kommen sie mir alle mit diesem Wort >Verbrechen, Verbrechen!< Jetzt erst
sehe ich den ganzen Unsinn meiner Kleinmtigkeit klar, jetzt erst, wo
ich mich schon entschlossen habe, diese unntige Schande auf mich zu
nehmen! Blo aus Gemeinheit und aus Untauglichkeit habe ich mich dazu
entschlossen, ja vielleicht auch aus Berechnung, wie dieser ... Porphyri
Petrowitsch mir vorgeschlagen hat! ...

Bruder, Bruder, was sagst du! Du hast aber doch Blut vergossen! rief
Dunja verzweifelt aus.

Das alle vergieen, fiel er fast rasend ein, das in der Welt wie ein
Wasserfall fliet und immer geflossen ist, das wie Champagner vergossen
wird, und fr das man im Kapitol gekrnt und nachher Wohltter der
Menschheit genannt wird. Schau doch blo nher zu und sieh es! Ich
selbst wollte den Menschen Gutes und htte hunderte, tausende gute Werke
vollbracht, anstatt dieser einzigen Dummheit, die sogar keine Dummheit,
sondern blo eine Ungeschicktheit war, weil der gesamte Gedanke gar
nicht so dumm war, wie er jetzt nach dem Milingen erscheint ... Beim
Milingen erscheint alles dumm! ... Mit dieser Dummheit wollte ich mich
blo in eine unabhngige Stellung bringen, den ersten Schritt tun, die
Mittel erhalten, und nachher wrde alles durch einen verhltnismig
unermelichen Nutzen ausgeglichen worden sein ... Aber ich, ich habe
auch nicht mal den ersten Schritt ausgehalten, weil ich -- ein Schuft
bin! Siehst du, so steht die Sache! Und dennoch kann ich eure Ansicht
nicht teilen, -- wre es mir gelungen, so wrde man mich gekrnt haben,
jetzt aber mu ich in die Falle!

Aber das ist es doch nicht, ganz und gar nicht! Bruder, was sagst du
nur!

Ah! Nicht die richtige Form, die Form ist nicht sthetisch genug! Nun,
ich begreife entschieden nicht, -- warum es eine angesehenere Form sein
soll auf die Menschen Bomben zu werfen, eine regelrechte Belagerung zu
fhren? Die Furcht vor dem Unsthetischen ist das erste Zeichen von
Schwche! ... Niemals, niemals habe ich es klarer als jetzt empfunden,
und mehr als je begreife ich jetzt mein Verbrechen! Niemals, niemals war
ich strker und berzeugter, als jetzt!

Das Blut war in sein blasses, abgehrmtes Gesicht gestiegen. Als er die
letzten Worte aussprach, begegnete zufllig sein Blick den Augen Dunjas
und er sah darin soviel, soviel Qual seinetwegen, da er unwillkrlich
zur Besinnung kam. Er fhlte, da er trotz alledem diese zwei armen
Frauen unglcklich gemacht hatte. Er war trotz alledem noch die Ursache
dazu ...

Dunja, liebe Dunja! Wenn ich Schuld habe, vergib mir, obwohl man mir
nicht vergeben kann, wenn ich Schuld habe. Lebwohl! Wir wollen uns nicht
streiten! Es ist Zeit, es ist hchste Zeit. Folge mir nicht, ich flehe
dich an, ich mu noch zu jemandem hingehen ... Gehe sofort zur Mutter
und setze dich zu ihr hin. Ich flehe dich an! Das ist meine letzte
grte Bitte an dich. Verla sie in dieser Zeit nicht; ich habe sie in
Unruhe hinterlassen, die sie kaum berstehen wird, -- entweder stirbt
sie oder sie verliert den Verstand. Bleib bei ihr! Rasumichin wird euch
zur Seite stehen; ich habe es ihm gesagt ... Weine nicht um mich, -- ich
werde versuchen, mutig und ehrlich das ganze Leben zu sein, obwohl ich
ein Mrder bin. Vielleicht wirst du einmal meinen Namen hren. Ich werde
euch keine Schande machen, du wirst sehen; ich will noch beweisen ...
jetzt, vorlufig auf Wiedersehen, beeilte er sich zu sagen, als er in
den Augen Dunjas wieder einen sonderbaren Ausdruck bei seinen letzten
Worten und Versprechungen bemerkte. -- Warum weinst du denn so? Weine
nicht, weine nicht; wir trennen uns doch nicht fr immer! ... Ach, ja!
Warte, ich habe etwas vergessen! ...

Er trat an den Tisch, nahm ein dickes verstaubtes Buch, ffnete es und
nahm ein kleines Aquarellbild auf Elfenbein heraus. Es war das Bild der
Tochter seiner Wirtin, seiner frheren Braut, die am Fieber gestorben
war, desselben merkwrdigen jungen Mdchens, das in ein Kloster gehen
wollte. Eine Weile blickte er dieses ausdrucksvolle und krankhafte
Gesicht an, kte das Bild und berreichte es Dunetschka.

Mit ihr habe ich viel _darber_ gesprochen, mit ihr allein, sagte er
sinnend, ihrem Herzen habe ich vieles davon mitgeteilt, was nachher
sich in so hlicher Weise erfllt hatte. Sei ruhig, wandte er sich an
Dunetschka, sie war mit mir nicht einverstanden, so wenig wie du, und
ich bin froh, da sie nicht mehr lebt. Die Hauptsache, die Hauptsache
ist, da alles jetzt neu anhebt, da alles entzwei brechen wird, rief
er pltzlich aus, wieder in seinen Gram zurckfallend, alles, alles,
bin ich aber dazu vorbereitet? Will ich es auch selbst? Man sagt, es sei
ntig zu meiner Prfung! Wozu, wozu alle diese unsinnigen Prfungen?
Wozu sind sie, werde ich etwa dann erdrckt von Qual und Stumpfheit in
greisenhafter Schwche nach zwanzigjhriger Zwangsarbeit es besser
empfinden, als ich es jetzt tue, und wozu soll ich dann noch leben?
Warum gehe ich jetzt darauf ein, so zu leben? Oh, ich wute, da ich ein
Schuft bin, als ich heute bei Tagesanbruch an der Newa stand!

Beide gingen schlielich hinaus. Es war Dunja schwl, aber sie liebte
ihn! Sie ging von ihm, aber als sie etwa fnfzig Schritte gegangen war,
wandte sie sich noch einmal um, um ihm nachzuschauen. Man konnte ihn
noch sehen. Als er an die Ecke kam, wandte er sich ebenfalls um; zum
letzten Male trafen sich ihre Blicke; als er aber bemerkte, da sie ihm
nachblickte, winkte er ihr ungeduldig und rgerlich mit der Hand, da
sie weitergehen solle, und bog selbst schnell um die Ecke.

Ich bin bse, ich merke es, dachte er und schmte sich seiner
rgerlichen Handbewegung. -- Aber warum lieben sie mich so, wenn ich
ihrer Liebe nicht wert bin! Oh, wre ich allein und htte mich niemand
lieb, und htte ich selbst niemals jemand geliebt! _Alles dieses wre
nicht gewesen!_ Ich gbe viel darum, wenn ich wte, ob nach diesen
kommenden fnfzehn, zwanzig Jahren meine Seele so gedemtigt sein wird,
da ich voll Ehrfurcht vor Menschen chzen und klagen und mich bei jedem
Worte Ruber nennen werde? Ja, es wird so kommen, wird kommen! Darum
schicken sie mich auch jetzt nach Sibirien, sie wollen es haben ... Da
laufen sie nun alle in den Straen herum, und jeder unter ihnen ist
schon seiner Natur nach ein Schuft und Ruber; schlimmer noch -- ein
Idiot! Sollte man aber mich mit Sibirien verschonen, so wrden sie alle
vor edler Emprung berschumen! Oh, wie ich sie alle hasse!

Er sann darber nach, -- auf welche Weise es kommen msse, damit er
zuletzt, ohne mit sich in Widerspruch zu geraten, demtiger wrde! Warum
denn auch nicht? Sicher wird es so werden. Werden ihn die zwanzig Jahre
ununterbrochener Unterdrckung nicht endgltig brechen? Steter Tropfen
hhlt den Stein. Und warum, wozu nach alledem noch leben, wozu gehe ich
jetzt hin, wenn ich selbst wei, da alles genau so kommen wird, und
nicht anders?

Er legte sich diese Frage vielleicht schon zum hundertsten Male seit
gestern Abend vor, aber dennoch ging er hin.


                                 VIII.

Als er zu Ssonja eintrat, begann es schon zu dmmern. Ssonja hatte den
ganzen Tag in schrecklicher Aufregung auf ihn gewartet; schon mit Dunja
zusammen. Dunja war am frhen Morgen zu ihr gekommen, als sie sich der
Worte von Sswidrigailoff erinnerte, da Ssonja darber alles wei߫. --
Wir wollen der Einzelheiten der Unterhaltung zwischen den beiden Frauen,
ihrer Trnen und dessen, wie weit sie einander nher gekommen waren,
nicht gedenken. Dunja hatte bei dieser Zusammenkunft wenigstens den
Trost gefunden, da ihr Bruder nicht allein sein werde -- zu ihr, zu
Ssonja, war er zuerst mit seiner Beichte gegangen; in ihr hatte er einen
Menschen gesucht, als er einen Menschen brauchte; sie wrde ihm auch
berall folgen, wohin das Schicksal ihn fhren sollte. Sie fragte auch
nicht, aber sie wute, da es so kommen werde. Sie begegnete Ssonja
sogar mit Ehrfurcht und machte sie zuerst dadurch ganz verwirrt. Ssonja
war anfangs nahe daran, zu weinen; sie hielt sich fr unwrdig, Dunja
nur anzublicken. Das Bild Dunjas, als sie sich so aufmerksam und
achtungsvoll bei ihrem ersten Zusammentreffen in Raskolnikoffs Wohnung
von ihr verabschiedet, hatte sich seitdem fr immer in ihrer Seele
eingegraben, als einer der schnsten und hchsten Augenblicke in ihrem
Leben.

Dunetschka hatte es schlielich nicht mehr ausgehalten, sie war von
Ssonja gegangen, um den Bruder in seiner Wohnung zu erwarten; sie
glaubte, da er dorthin schlielich zuerst gehen wrde. Als Ssonja
allein geblieben war, begann sie sich mit dem Gedanken, da er wirklich
ein Leid sich antun wrde, zu qulen. Dasselbe frchtete auch Dunja.
Aber beide bertrafen sich den ganzen Tag in dem Bestreben, einander zu
berzeugen, da es nicht der Fall sein knne, und waren ruhiger, solange
sie beisammen waren. Jetzt aber, wo sie getrennt waren, dachte die eine
wie die andere nur noch daran. Ssonja erinnerte sich, da Sswidrigailoff
ihr gestern gesagt hatte, Raskolnikoff habe nur zwei Wege, -- entweder
Sibirien, oder ... Sie kannte zudem seinen Ehrgeiz, seinen Stolz, seine
Eigenliebe und seinen Unglauben.

Kann nur der Kleinmut und die Furcht vor dem Tode ihn zwingen, zu
leben? dachte sie schlielich in Verzweiflung. Und die Sonne ging schon
unter. Sie stand traurig vor dem Fenster und blickte unverwandt hinaus,
-- aber man sah hier blo die ungeweite Grundmauer des Nachbarhauses.
Als sie schon von dem Tode des Unglcklichen vllig berzeugt war, --
trat er in ihr Zimmer.

Ein freudiger Schrei entrang sich ihrer Brust. Aber als sie aufmerksam
sein Gesicht ansah, erbleichte sie sofort.

Nun, ja! sagte Raskolnikoff mit bitterem Lcheln, ich komme, mir dein
Kreuz zu holen, Ssonja. Du hast mich doch selbst auf den Kreuzweg
geschickt; was, bist du etwa bange geworden, da es zur Ausfhrung
kommt?

Ssonja blickte ihn fassungslos an. Dieser Ton erschien ihr merkwrdig,
-- ein kaltes Frsteln durchzog ihren Krper, nach einer Minute aber
erriet sie, da der Ton, wie auch die Worte nur angenommen waren. Er
sprach auch mit ihr so sonderbar, indem er zur Seite blickte und
vermied, ihr ins Gesicht zu sehen.

Ich habe, -- siehst du, Ssonja, -- eingesehen, da es in dieser Weise
auch vielleicht vorteilhafter sein wird. Es gibt hier einen Umstand ...
Es ist lange zu erzhlen und lohnt sich auch nicht. Weit du, was mich
blo rgert? Mir ist es rgerlich, da alle diese dummen tierischen
Fratzen mich gleich umringen, mich anglotzen, mir ihre dumme Frage
vorlegen werden, die man beantworten mu, -- und da man auf mich mit
Fingern zeigen wird ... Pfui! Weit du, ich will nicht zu Porphyri
Petrowitsch gehen; er langweilt mich. Ich gehe lieber zu meinem Freunde
Pulver, der wird erstaunen, da werde ich einen Effekt in seiner Art
erringen. Man mte kaltbltiger sein; ich bin in der letzten Zeit zu
erbittert geworden. Glaubst du mir, -- ich habe soeben meiner Schwester
fast mit der Faust gedroht und blo aus dem Grunde, weil sie sich
umwandte, um mich zum letzten Male zu sehen. So ein Zustand ist eine
Schweinerei! Ach, wie weit ist es mit mir gekommen! Nun, wo ist das
Kreuz?

Er war wie ausgewechselt. Er konnte nicht mal einen Augenblick auf einem
Flecke ruhig stehen, konnte seine Aufmerksamkeit auf keinen Gegenstand
konzentrieren, seine Gedanken bersprangen einander, er redete wirr;
seine Hnde zitterten leicht.

Ssonja nahm schweigend aus einem Kasten zwei Kreuze -- eins aus
Zypressenholz und das andere aus Kupfer; sie bekreuzte sich selbst,
bekreuzte ihn und legte um seinen Hals das Kreuzlein aus Zypressenholz.

Das ist also ein Symbol, da ich das Kreuz auf mich nehme, he! he! Als
htte ich bis jetzt wenig gelitten! Aus Zypressenholz, also wie das Volk
es trgt; das kupferne, das von Lisaweta, nimmst du, zeige mir. Also sie
hatte es ... in dem Augenblicke um? Ich kenne auch zwei hnliche Kreuze,
ein silbernes und ein Heiligenbildchen. Ich warf sie damals der Alten
auf die Brust. -- Die wrden jetzt passen, wirklich, die sollte ich auch
umlegen ... brigens, ich lge die ganze Zeit, vergesse immer die
Angelegenheit, die mich herfhrte, ich bin ein wenig zerstreut ...
Siehst du, Ssonja, -- ich bin eigentlich gekommen, um dir es vorher zu
sagen, damit du es weit ... Das ist auch alles ... Ich bin blo
deswegen gekommen. Hm! ich dachte brigens, da ich dir mehr sagen werde
... Du wolltest doch selbst, da ich hingehe; nun, jetzt werde ich im
Gefngnis sitzen und dein Wunsch wird erfllt sein. Warum weinst du
denn? Auch du weinst? Hre auf, la es, ach, wie schwer mir alles ist!

Eine weichere Empfindung berkam ihn doch; sein Herz schnrte sich bei
ihrem Anblicke zusammen. -- Warum weint sie denn? dachte er, was bin
ich ihr? Warum weint sie, warum nimmt sie von mir Abschied, wie meine
Mutter oder Dunja? Sie wird mein Kindermdchen sein!

Bekreuze dich, bete wenigstens einmal, bat ihn Ssonja mit zitternder,
schchterner Stimme.

Oh, bitte, soviel du wnschst! Und ich tue es mit aufrichtigem Herzen,
Ssonja, mit aufrichtigem Herzen ...

Er wollte etwas ganz anderes sagen.

Er bekreuzte sich einige Male. Ssonja nahm ein Tuch und warf es um die
Schulter. Es war ein groes grnes Tuch, wahrscheinlich dasselbe, von
dem Marmeladoff damals gesprochen hatte. Raskolnikoff kam der Gedanke,
aber er fragte nicht danach. Er begann in der Tat selbst zu fhlen, da
er schrecklich zerstreut und eigentmlich beunruhigt war. Er erschrak
darber. Es setzte ihn auch pltzlich in Erstaunen, da Ssonja mit ihm
gehen wolle.

Was ist? Wohin willst du? Bleibe, bleibe zu Hause! Ich gehe allein,
rief er in kleinmtigem rger und ging beinahe erzrnt zu der Tre. --
Und wozu ein ganzes Gefolge! murmelte er hinaustretend.

Ssonja blieb mitten im Zimmer stehen. Er hatte nicht mal Abschied von
ihr genommen, er hatte sie schon vergessen; ein brennender und sich
emprender Zweifel wogte in seiner Seele.

Ist es auch das Richtige, ist auch alles richtig? dachte er wieder,
als er die Treppe hinunterging, kann man denn nicht stehen bleiben und
alles wieder gutmachen ... und nicht hingehen?

Er ging aber doch den Weg. Er sagte sich endgltig, da es sich nicht
lohne, weitere Fragen an sich zu stellen. Auf der Strae fiel es ihm
ein, da er sich von Ssonja nicht verabschiedet hatte, da sie mitten im
Zimmer in ihrem grnen Tuche stehen geblieben war, ohne zu wagen, sich
zu rhren, als er sie angeschrien hatte, -- und er blieb eine Weile
stehen. Im selben Augenblick durchzuckte ihn pltzlich ein Gedanke, --
als htte er nur gewartet, um ihn vollstndig verwirrt zu machen.

Wozu, warum bin ich jetzt bei ihr gewesen? Ich sagte ihr, -- in einer
Angelegenheit; was war es fr eine Angelegenheit? Es war absolut nichts!
Um ihr mitzuteilen, da ich _hingehe_; was ist denn dabei? War es
notwendig, das ihr zu sagen? Liebe ich sie etwa? Nein, doch gar nicht?
Ich habe sie doch soeben wie einen Hund von mir gestoen. Brauchte ich
etwa ihre Kreuze? Oh, wie tief ich gesunken bin! Nein, -- ich brauchte
ihre Trnen, ich mute ihr Erschrecken sehen, ich mute sehen, wie ihr
das Herz schmerzt und sie sich qult! Ich mute mich an irgend etwas
anklammern, es in die Lnge ziehen, einen Menschen sehen! Und ich habe
es gewagt, so auf mich zu hoffen, so von mir zu trumen, ich Bettler,
ich unbedeutender Schuft, Schuft!

Er ging am Kanale entlang und hatte nicht mehr weit. Als er aber bis zur
Brcke kam, blieb er einen Augenblick stehen, bog dann zur Seite ab und
ging ber die Brcke zum Heumarkte.

Er blickte neugierig rechts und links um sich, betrachtete aufmerksam
jeden Gegenstand und konnte auf nichts die Aufmerksamkeit konzentrieren;
alles entglitt ihm. -- Nach einer Woche, nach einem Monat wird man mich
in einem Gefngniswagen irgendwohin ber diese Brcke fhren, wie werde
ich dann diesen Kanal ansehen, -- ich mte es mir merken, durchfuhr es
ihn. Dieses Aushngeschild dort, -- wie werde ich dann diese Buchstaben
lesen? Da steht geschrieben -- _Genossenschaft_, -- nun, ich sollte mir
dieses >o<, diesen Buchstaben o merken, und nach einem Monat dieses o
ansehen, -- wie werde ich es dann ansehen? Was werde ich dann empfinden
und denken? ... Mein Gott, wie dies alles gemein sein mu, alle meine
jetzigen ... Sorgen! Gewi, dies alles mu interessant ... in seiner Art
sein ... ha! ha! ha! ... worber ich blo denke! Ich werde wie ein Kind,
ich spiele mit mir selbst; nun, warum halte ich mir dieses vor? Pfui,
wie sie stoen! Dieser Dicke da, -- wahrscheinlich ein Deutscher, -- der
mich soeben gestoen hat; nun, wei er, wen er gestoen hat? Eine Frau
mit einem Kinde bettelt, es ist amsant, da sie mich fr glcklicher
als sich selbst hlt. Was, sollte ich der Kuriositt wegen ihr auch ein
Almosen geben? Bah, ich habe ja volle fnf Kopeken in der Tasche, woher
blo? Na ... nimm es, Mtterchen!

Gott schtze dich! ertnte die weinerliche Stimme der Bettlerin.

Er trat auf den Heumarkt. Ihm war es unangenehm, sehr unangenehm sogar,
mit Leuten zusammenzukommen, er ging aber gerade dorthin, wo man am
meisten Menschen sah. Er htte alles in der Welt hingegeben, um allein
zu bleiben, aber er fhlte selbst, da er keinen einzigen Augenblick
allein sein konnte. In einer Menge trieb ein Betrunkener sein Wesen, er
wollte die ganze Zeit tanzen, fiel aber immer hin. Man hatte ihn
umringt. Raskolnikoff drngte sich durch die Menge hindurch, blickte
einige Augenblicke den Betrunkenen an und lachte pltzlich kurz und
abgerissen auf. Nach einer Minute hatte er ihn schon vergessen, bemerkte
ihn nicht mehr, obwohl er ihn noch anblickte. Er ging schlielich
zurck, ohne sich zu erinnern, wo er sich befand; als er aber bis zur
Mitte des Platzes gekommen war, vollzog sich mit ihm pltzlich eine
Vernderung, eine Empfindung packte ihn mit einem Male, nahm ihn
vollstndig krperlich und seelisch -- gefangen.

Er erinnerte sich pltzlich der Worte von Ssonja, geh zu einem
Kreuzweg, verneige dich vor den Menschen, ksse die Erde, weil du vor
ihr gesndigt hast, und sage laut der ganzen Welt: -- Ich bin ein
Mrder!

Er zitterte am ganzen Krper, als er sich daran erinnerte. Und so stark
hatte ihn schon der aussichtslose Gram und die Unruhe der ganzen Zeit,
besonders aber der letzten Stunden erdrckt, da er sich dieser neuen
Empfindung vollkommen und ungeteilt hingab. Wie ein Anfall war es
pltzlich ber ihn gekommen; durch einen Funken entzndete es sich in
seiner Seele und erfate ihn mit einem Male, wie ein Feuer, ganz und
gar. Alles wurde in ihm weich und Trnen strzten hervor. Wie er stand,
so fiel er auch zu Boden ...

Er kniete mitten auf dem Platze nieder, verneigte sich bis zur Erde und
kte diese schmutzige Erde voll Genu und Glck. Er stand auf und
verneigte sich zum zweiten Male ...

Sieh, wie der sich vollgesoffen hat! bemerkte ein Bursche in seiner
Nhe.

Lachen ertnte.

Er geht nach Jerusalem, nimmt Abschied von seinen Kindern, seiner
Heimat, verneigt sich vor der ganzen Welt und kt die Residenzstadt
Sankt Petersburg und seinen Boden, fgte ein betrunkener Kleinbrger
hinzu.

Er ist noch jung, der Bursche! bemerkte ein dritter.

Einer von den Adeligen! sagte jemand mit gesetzter Stimme.

Heutzutage erkennt man nicht mehr, wer von Adel ist, und wer nicht.

Alle diese Zurufe und Bemerkungen hielten Raskolnikoff zurck, und das
Bekenntnis ich habe gettet!, das er abzulegen bereit war, unterblieb.
Die Zurufe nahm er in Ruhe hin, ging ohne sich umzusehen, durch eine
Gasse zum Polizeibureau. Unterwegs bemerkte er, da ihm jemand folgte,
aber er war darber nicht erstaunt; er hatte es geahnt. Als er auf dem
Heumarkte sich zum zweiten Male bis zur Erde verneigte und sich links
wandte, erblickte er fnfzig Schritte entfernt Ssonja. Sie verbarg sich
vor ihm hinter einer der hlzernen Buden, die auf dem Markte standen,
also hatte sie ihn auf seinem ganzen Leidensweg begleitet. Raskolnikoff
fhlte und begriff in diesem Augenblicke ein fr allemal, da Ssonja
ewig bei ihm sein und ihm bis ans Ende der Welt folgen werde, was ihm
das Schicksal auch senden wrde. Und sein Herz wandte sich ... aber, --
er war schon an der verhngnisvollen Stelle angelangt ...

Ziemlich sicher trat er in den Hof. Er mute in den dritten Stock. --
Es dauert noch eine Weile, bis ich hinaufkomme, dachte er. berhaupt
schien es ihm, als wre es noch weit bis zu dem entscheidenden
Augenblicke, als htte er noch viel Zeit und knne sich vieles noch
berlegen.

Wieder derselbe Schmutz, dieselben Schalen auf der sich windenden
Treppe, wieder waren die Tren zu den Wohnungen weit offen, wieder
dieselben Kchen, aus denen Dunst und Gestank herausdrang. Raskolnikoff
war seit damals nicht mehr hier gewesen. Seine Beine erstarben und
knickten zusammen, aber sie trugen ihn vorwrts. Er blieb einen
Augenblick stehen, um Atem zu holen, um sich in Ordnung zu bringen, um
als _Mensch_ einzutreten.

Wozu aber? Warum? dachte er pltzlich, als er seiner Bewegung gewahr
wurde. -- Wenn man schon diesen Kelch leeren mu, ist dann nicht alles
gleichgltig? Je hlicher, um so besser!

In seiner Erinnerung tauchte in diesem Momente die Gestalt von Ilja
Petrowitsch Pulver auf. Soll ich tatschlich zu ihm gehen? Kann ich
nicht zu einem anderen? Nicht zu Nikodim Fomitsch? Oder sofort umkehren
und zum Kommissar selbst in seine Wohnung gehen? Alles wird wenigstens
dann in angenehmerer Weise ... Nein, nein! Zu Pulver, zu Pulver! Wenn
ich ihn schon leeren soll, so alles auf einmal ...

Erstarrt vor Klte und kaum seiner mchtig, ffnete er die Tre zum
Polizeibureau. Diesmal waren sehr wenig Leute da, ein Hausknecht und
noch ein Mann. Der Wchter schaute nicht einmal aus seiner Kammer
heraus. Raskolnikoff ging in das andere Zimmer. -- Vielleicht lt es
sich noch vermeiden, schwirrte es ihm durch den Kopf. In diesem Zimmer
begann gerade irgend ein Schreiber in Zivilkleidung etwas auf seinem
Pulte zu schreiben. In einer Ecke setzte sich ein anderer Schreiber hin.
Sametoff war nicht da. Nikodim Fomitsch selbstverstndlich auch nicht.

Ist niemand da? fragte Raskolnikoff, sich an den Schreiber am Pulte
wendend.

Wen wnschen Sie?

Ah -- ah! Man hrt nichts, man sieht nichts, blo der russische Geist
... wie heit es doch in jenem Mrchen ... habe es vergessen! M--m--mein
Kompliment! rief pltzlich eine bekannte Stimme.

Raskolnikoff erbebte. Vor ihm stand Pulver; er war unbemerkt aus dem
dritten Zimmer eingetreten.

Das ist das Schicksal, dachte Raskolnikoff, warum ist er hier?

Zu uns? In welcher Angelegenheit? rief Ilja Petrowitsch aus. (Er war
offenbar in ausgezeichneter und sogar ein wenig erregter Stimmung.)
Wenn Sie in einer geschftlichen Angelegenheit kommen, so ist es dazu
noch zu frh. Ich selbst bin nur zuflligerweise hier ... brigens stehe
ich zu Ihren Diensten. Ich mu gestehen ... Wie? Wie? Entschuldigen Sie
...

Raskolnikoff.

Aha, Raskolnikoff? Konnten Sie glauben, da ich Ihren Namen vergessen
habe! Bitte, halten Sie mich nicht fr so einen ... Rodion Ro... Ro...
Rodionytsch, nicht wahr, es ist doch richtig?

Rodion Romanowitsch.

Ja, ja, ja! Rodion Romanowitsch, Rodion Romanowitsch! Das wollte ich
gerade wissen. Habe mich sogar mehrere Male nach Ihnen erkundigt. Ich
mu Ihnen gestehen, seit der Zeit war ich aufrichtig betrbt, als wir
damals mit Ihnen so ... man hat mir nachher alles erklrt, ich erfuhr,
da Sie ein junger Literat und sogar Gelehrter ... und sozusagen, die
ersten Schritte ... oh, mein Gott! Ja, wer von den Literaten und
Gelehrten hat im Anfange nicht originelle Schritte getan! Ich und meine
Frau, -- wir beide schtzen die Literatur, meine Frau sogar
leidenschaftlich! ... Literatur und Kunst! Wenn einer nur anstndig ist,
alles brige aber kann er durch Talent, Wissen, Verstand, Genie
erwerben! Ein Hut -- nun, was bedeutet z. B. ein Hut? Ein Hut ist ein
Deckel, ich kann ihn im besten Laden kaufen; was aber unter dem Hute
steckt und mit dem Hute verdeckt wird, das kann ich nicht kaufen! ...
Ich mu gestehen, wollte sogar zu Ihnen kommen, Ihnen eine Erklrung
abgeben, aber ich dachte, da Sie vielleicht ... Jedoch ich vergesse
ganz, Sie zu fragen, -- brauchen Sie tatschlich etwas von uns? Man
sagte mir, Sie haben Besuch von Ihren Verwandten?

Ja, meine Mutter und Schwester.

Ich hatte sogar die Ehre und das Glck, Ihre Schwester zu treffen, --
eine gebildete und reizende Dame. Ich mu gestehen, ich bedauerte sehr,
da wir damals beide so hitzig wurden. Ein Zufall! Und da ich Sie
damals infolge Ihrer Ohnmacht, mit einem gewissen Blicke ansah, -- das
hat sich doch sofort in glnzendster Weise aufgeklrt! Grausamkeit und
Fanatismus! Ich begreife Ihre Entrstung. Sie werden wohl infolge der
Ankunft Ihrer Familie in eine andere Wohnung ziehen und wollen uns wohl
das anmelden?

N--nein, ich bin blo ... Ich bin gekommen, zu fragen ... ich dachte,
da ich Herrn Sametoff hier antreffen werde.

Ach, ja! Sie sind ja Freunde geworden; ich habe davon gehrt. Nein,
Sametoff ist nicht bei uns, -- den haben Sie verfehlt. Wir haben Herrn
Sametoff verloren! Seit gestern ist er nicht mehr bei uns; er ist in
einen anderen Dienst bergetreten ... und hat sich zum Abschied mit
allen gezankt ... er war zuletzt noch sehr unhflich ... Er war ein
leichtsinniger Junge, mehr nichts; er berechtigte wohl zu Hoffnungen;
ja, aber so geht es mit unserer glnzenden Jugend! Er will ein Examen
ablegen, wir kennen das, -- sind blo Redensarten, Wichtigtuerei und das
wird das ganze Examen sein. Es ist doch nicht, wie bei Ihnen z. B. der
Fall oder bei Herrn Rasumichin, Ihrem Freunde! Ihre Karriere ist die
eines Gelehrten, und Mierfolge werden Sie nicht verstimmen. Fr Sie
sind dies alles Reize des Lebens -- nihil. Sie sind ein Asket, ein
Mnch, ein Einsiedler! ... fr Sie hat nur ein Buch Bedeutung, die
Feder, die Gelehrten und Untersuchungen, -- darin schwelgt Ihr Geist!
Ich bin teilweise selbst so ... Haben Sie das Buch von Livingstone
gelesen?

Nein.

Ich habe es gelesen. Heutzutage gibt es brigens viel zu viel
Nihilisten; es ist auch begreiflich; die Zeiten sind auch danach, nicht
wahr? brigens ich ... Sie sind doch selbstverstndlich kein Nihilist!
Sagen Sie es mir aufrichtig, ganz offen.

N--nein ...

Nein, ach, seien Sie doch mir gegenber ganz offen, genieren Sie sich
nicht, tun Sie, als wren Sie allein mit sich! Der Dienst ist ein Ding
fr sich, ein anderes Ding ... Sie meinten, ich wollte _Freundschaft_
sagen, nein, Sie haben es nicht erraten! Nicht Freundschaft, sondern das
Gefhl eines Mitbrgers und Mitmenschen, das Gefhl der Humanitt und
der Liebe zum Allmchtigen. Ich kann eine offizielle Stellung und ein
Amt einnehmen, aber ich bin dennoch verpflichtet, den Brger und
Menschen in mir stets zu fhlen, und mu mir darber Rechenschaft
abgeben ... Sie beliebten Sametoff zu erwhnen. Sametoff ist imstande,
auf franzsische Art, in einem unanstndigen Lokale beim Glas Champagner
oder moussierendem Wein loszulegen, -- sehen Sie, das ist Ihr Sametoff!
Ich aber bin sozusagen in Ergebenheit und hohen Gefhlen ganz
aufgegangen, habe auerdem einen Rang, eine Position, bekleide ein Amt!
Bin verheiratet und habe Kinder. Ich erflle meine Pflichten als Brger
und Mensch, wer aber ist er, gestatten Sie mir die Frage? Ich wende mich
an Sie, als einen durch Bildung geadelten Menschen. Sehen Sie, auch sehr
viel gelehrte Hebammen haben wir in letzter Zeit.

Raskolnikoff zog fragend die Augenbrauen empor. Die Worte von Ilja
Petrowitsch, der anscheinend vor kurzem erst vom Mittagstische
aufgestanden war, schwirrten an seinem Ohre vorbei! Einen kleinen Teil
davon hatte er wohl aufgefangen. Er blickte ihn fragend an und wute
nicht, wo er hinaus wollte.

Ich spreche von diesen kurzgeschorenen Mdchen, fuhr der redselige
Ilja Petrowitsch fort, ich habe sie selbst gelehrte Hebammen benannt
und finde, da diese Benennung sehr treffend ist. He! he! Sie kriechen
in die medizinische Akademie, lernen Anatomie; und, sagen Sie mir,
glauben Sie, wenn ich krank werde, da ich mir etwa ein solches Mdchen
hole liee, da sie mich behandele? He! he!

Ilja Petrowitsch lachte, sehr zufrieden mit seinen eigenen Witzen.

Es ist wohl wahr, der Durst nach Bildung ist grenzenlos; aber nachdem
einer sich gebildet hat, mu es fr ihn genug sein. Warum denn es
mibrauchen? Warum denn ehrenhafte Personen beleidigen, wie es dieser
Schurke Sametoff tut? Warum hat er mich beleidigt, frage ich Sie? Und
wie die Selbstmorde jetzt zunehmen, -- Sie knnen es sich gar nicht
vorstellen. Alle verprassen ihr letztes Geld und tten sich dann. Kleine
Mdchen, Jungen, Greise ... Heute frh noch erhielten wir Mitteilung
ber einen vor kurzem zugereisten Herrn Nil Pawlytsch, ah, Nil
Pawlytsch! Wie hie doch dieser Gentleman, der sich erschossen hat, ber
den wir die Mitteilung vorhin erhielten?

Sswidrigailoff, antwortete jemand aus dem anderen Zimmer laut und
teilnahmslos.

Raskolnikoff zuckte zusammen.

Sswidrigailoff! Sswidrigailoff hat sich erschossen? rief er aus.

Wie! Sie kannten Sswidrigailoff?

Ja ... ich kannte ihn ... Er war vor kurzem hierher gekommen ...

Nun, ja, er ist vor kurzem zugereist, hat seine Frau verloren, fhrte
ein ausschweifendes Leben, und hat sich pltzlich erschossen, und so
skandals, da man es sich nicht vorstellen kann ... hat in seinem
Notizbuche ein paar Worte hingeschrieben, da er bei vollem Verstande
sterbe, und bittet, niemanden wegen seines Todes zu beschuldigen. Er
hatte Geld, sagt man. Wie haben Sie ihn denn kennengelernt?

Ich ... kannte ihn ... meine Schwester war in seinem Hause als
Gouvernante ...

Ah ... Sie knnen uns also ber ihn einiges mitteilen. Sie ahnten gar
nichts davon?

Ich habe ihn gestern gesehen ... er ... trank Wein ... ich ahnte
nichts.

Raskolnikoff fhlte sich so niedergeschmettert, als wre etwas auf ihn
heruntergefallen und drcke ihn zu Boden.

Sie sind bla geworden. Bei uns ist die Luft sehr stickig ...

Ja, es ist fr mich Zeit zu gehen, murmelte Raskolnikoff, --
entschuldigen Sie, da ich Sie gestrt habe ...

Oh, bitte sehr! Es war mir ein Vergngen und ich bin froh, Ihnen zu
sagen ...

Ilja Petrowitsch reichte ihm die Hand.

Ich wollte blo ... zu Sametoff ...

Ich begreife, begreife. Es war mir ein Vergngen.

Ich ... freue mich sehr ... auf Wiedersehen ... lchelte Raskolnikoff.

Er ging hinaus; schwankend. Der Kopf schwindelte ihm. Er fhlte seine
Fe nicht mehr. Langsam begann er die Treppe hinabzusteigen und sttzte
sich dabei mit der rechten Hand an der Wand. Es schien ihm, da ein
Hausknecht mit einem Buche in der Hand ihn gestoen habe, da ein Hund
im unteren Stockwerke ununterbrochen belle und da ein Weib ein
Holzscheit nach dem Hunde werfe und ihn anschreie. Er ging die Treppe
hinunter und trat in den Hof. Hier auf dem Hofe, unweit vom Ausgange,
stand Ssonja, totenbleich, starr, und sah ihn fassungslos an. Er blieb
vor ihr stehen. Ihr Gesicht zeigte einen schmerzlichen, abgequlten,
verzweifelten Ausdruck. Sie schlug die Hnde zusammen. Ein bitteres,
verlorenes Lcheln erschien fr einen Moment auf seinen Lippen. Eine
Weile blieb er stehen, betrachtete sie und ging dann wieder hinauf in
das Polizeibureau.

Ilja Petrowitsch hatte sich gesetzt und whlte in allerhand Papieren.
Vor ihm stand derselbe Mann, der vorhin Raskolnikoff gestoen hatte.

Ah! Sie sind es wieder! Haben Sie etwas vergessen? ... Aber was ist mit
Ihnen?

Raskolnikoff nherte sich ihm mit blassen Lippen, mit verglasten Augen,
langsam trat er an den Tisch heran, sttzte sich mit der Hand darauf,
wollte etwas sagen, aber konnte nicht; man hrte blo unzusammenhngende
Tne.

Ihnen ist schlecht, ein Stuhl! Hier, setzen Sie sich auf den Stuhl,
setzen Sie sich! Wasser!

Raskolnikoff lie sich auf den Stuhl nieder, wandte aber die Augen von
dem Gesichte des uerst unangenehm berraschten Ilja Petrowitsch nicht
ab. Beide blickten eine Minute lang einander an und warteten. Das Wasser
wurde gebracht.

Ich habe ... begann Raskolnikoff.

Trinken Sie Wasser.

Raskolnikoff wehrte mit der Hand das Wasser ab und sagte leise mit
Pausen, aber deutlich:

_Ich habe damals die alte Beamtenwitwe ... und ihre Schwester Lisaweta
... mit dem Beile erschlagen ... und beraubt._

Ilja Petrowitsch ffnete den Mund vor Staunen. Von allen Seiten kamen
die Menschen gelaufen.

Raskolnikoff wiederholte sein Gestndnis.




                                 Epilog


                                   I.

Sibirien. Am Ufer eines breiten, den Flusses steht eine Stadt, eine von
den administrativen Zentren Rulands; in der Stadt befindet sich eine
Festung, in der Festung ein Gefngnis. Im Gefngnisse sitzt schon neun
Monate der Zwangsarbeiter der zweiten Kategorie Rodion Raskolnikoff.
Seit dem Tage seiner Tat sind fast anderthalb Jahre vergangen.

Das Verfahren gegen ihn verlief ohne besondere Schwierigkeiten. Der
Verbrecher hielt sein Gestndnis aufrecht, bestimmt und klar, ohne die
Sache zu verwirren, ohne etwas zu beschnigen, ohne die Tatsachen zu
verzerren und ohne die geringste Einzelheit zu verschweigen. Er hatte
bis zum letzten Punkt den ganzen Vorgang der Ermordung erzhlt, hatte
das Geheimnis _des Versatzobjekts_ (des Stckes Holzes mit einem
Streifen aus Metall), das man in den Hnden der ermordeten Alten
gefunden hatte, erklrt; er hatte umstndlich erzhlt, wie er die
Schlssel von der Getteten genommen hatte, beschrieb die Schlssel, die
Truhe und womit sie angefllt war; er hatte sogar einige von den
einzelnen Gegenstnden, die darin lagen, aufgezhlt; hatte das Rtsel
der Ermordung von Lisaweta erklrt; hatte erzhlt, wie Koch gekommen war
und geklopft hatte, wie der Student nach ihm gekommen war, und hatte
alles, was sie untereinander gesprochen hatten, wiedergegeben; hatte
auch erzhlt, wie er, der Verbrecher, nachher die Treppe
hinuntergelaufen war und das Kreischen von Nikolai und Dmitri gehrt
hatte, wie er sich in der leerstehenden Wohnung versteckt hatte, nach
Hause gekommen war, und zum Schlu gab er den Stein auf dem Hofe am
Wosnesensky-Prospekt hinter dem Tore an, unter dem man auch die Sachen
und den Beutel fand. Mit einem Worte, die Sache war klar. Die
Untersuchungsrichter und die Richter waren unter anderem darber sehr
erstaunt, da er den Beutel und die Sachen, ohne sie zu verwenden, unter
einem Steine versteckt hatte, mehr aber darber, da er sich aller
Gegenstnde, die er eigentlich geraubt hatte, nicht im einzelnen
erinnerte, sondern sich sogar in ihrer Zahl geirrt hatte. Der Umstand
schon, da er kein einziges Mal den Beutel geffnet und nicht mal wute,
wie viel an Geld darin lag, erschien unglaublich; im Beutel waren,
wie sich herausstellte, dreihundertsiebzehn Rubel und drei
Zwanzig-Kopekenstcke; von dem langen Liegen unter dem Steine waren
einige grere Scheine, die zu oberst lagen, stark verdorben. Man mhte
sich lange ab, zu erforschen, warum der Angeklagte gerade in diesem
einzigen Punkte log, wo er doch in allem brigen ein freiwilliges und
aufrichtiges Gestndnis ablegte? Schlielich kamen einige, besonders die
Psychologen, zu der mglichen Annahme, da er in der Tat keinen Blick in
den Beutel geworfen habe, daher auch nicht gewut habe, was er enthielt,
und ohne es zu wissen, den Beutel einfach unter den Stein gelegt habe;
sie zogen aber auch sofort daraus die Folgerung, da das Verbrechen
selbst nicht anders ausgefhrt sein knnte, als bei gewisser
zeitweiliger Unzurechnungsfhigkeit, unter einer krankhaften Manie, zu
morden und zu rauben, ohne weitere Zwecke und Berechnungen. Hierzu
gesellte sich noch die neueste moderne Theorie von zeitweiliger
Geistesgestrtheit, die man in unserer Zeit so oft versucht, bei manchen
Verbrechern anzuwenden. Auerdem wurde der hypochondrische Zustand
Raskolnikoffs seit langer Zeit genau von vielen Zeugen, dem Arzte
Sossimoff, seinen frheren Kameraden, seiner Wirtin und deren
Dienstboten besttigt. Dies alles half sehr zu der Annahme, da
Raskolnikoff einem gewhnlichen Mrder, Ruber und Diebe nicht
gleichzusetzen sei, da etwas ganz anderes vorliege. Zum grten Verdru
derer, die diese Ansicht vertraten, versuchte der Verbrecher selbst sich
fast gar nicht zu verteidigen; auf die endgltigen Fragen, -- was ihn
zum Morde bewogen haben konnte, und was ihn den Raub zu vollziehen
angetrieben habe, -- antwortete er sehr klar, mit der grbsten
Offenheit, da die ganze Ursache seine schlechte Lage, seine Armut und
Hilflosigkeit und der Wunsch gewesen war, -- die ersten Schritte seiner
Laufbahn mit Hilfe von wenigstens dreitausend Rubel zu sichern, die er
bei der Ermordeten zu finden gehofft habe. Er habe sich zum Morde
infolge seines leichtsinnigen und kleinmtigen Charakters entschlossen,
der auerdem durch Entbehrungen und Mierfolge gereizt war. Auf die
Frage aber, was ihn veranlat habe, ein Gestndnis abzulegen, antwortete
er offen, da es aufrichtige Reue gewesen sei. -- Dies alles war schon
fast grob ...

Das Urteil fiel milder aus, als man erwarten konnte, vielleicht auch
deshalb, weil man bei der Straffestsetzung auch den Umstand in Betracht
zog, da der Verbrecher nicht blo auf alle Selbstverteidigung
verzichtete, sondern offenbar den Wunsch zeigte, sich selbst noch mehr
zu belasten. Alle eigentmlichen und besonderen Umstnde der
Angelegenheit wurden in Erwgung gezogen. Der krankhafte und notleidende
Zustand des Verbrechers vor Ausfhrung der Tat wurde nicht dem
geringsten Zweifel unterzogen. Der Umstand, da er von dem Geraubten
keinen Nutzen gezogen hatte, wurde teilweise der erwachten Reue,
teilweise dem nicht ganz gesunden Zustande seiner Geistesfhigkeiten
whrend der Ausfhrung der Tat zugeschrieben. Die zufllige Ermordung
von Lisaweta diente sogar als Umstand, der die letzte Annahme
besttigte, -- ein Mensch vollzieht zwei Morde und vergit gleichzeitig,
da die Tre nicht verschlossen war! Schlielich, das freiwillige
Gestndnis gerade in dem Momente, wo die Sache ungewhnlich verwickelt
wurde, infolge der falschen Selbstanklage eines niedergeschlagenen
Phantasten (Nikolai), und auerdem, wo nicht nur keine klaren Beweise,
sondern fast kein Verdacht gegen den tatschlichen Verbrecher vorgelegen
hatte, -- (Porphyri Petrowitsch hatte sein Wort vollkommen gehalten) --
dies alles zusammen verhalf dem Angeklagten zu einer milderen
Bestrafung.

Auerdem erschienen vllig unerwartet auch andere Umstnde, die stark zu
seinen Gunsten ins Gewicht fielen. Der frhere Student Rasumichin hatte
irgendwo Mitteilungen erhalten und sie durch Beweise erhrtet, da der
Verbrecher Raskolnikoff, als er noch auf der Universitt war, aus seinen
letzten Mitteln einem armen und schwindschtigen Kameraden geholfen und
ihn ein halbes Jahr hindurch fast gnzlich unterhalten hatte. Als der
Kamerad gestorben war, bernahm er die Sorge um dessen alten und
gelhmten Vater, den sein Kamerad durch seiner Hnde Arbeit fast seit
seinem dreizehnten Lebensjahre ernhrt und untersttzt hatte,
schlielich hatte Raskolnikoff den alten Vater in einem Krankenhaus
untergebracht und, als auch er starb, ihn beerdigen lassen. Alle diese
Mitteilungen hatten einen gewissen Einflu auf das Schicksal von
Raskolnikoff. Seine frhere Wirtin, die Mutter seiner verstorbenen
Braut, die Witwe Sarnitzin, legte auch ein Zeugnis ab, da Raskolnikoff,
als sie noch in einem anderen Hause wohnten, whrend einer Feuersbrunst
in der Nacht aus einer Wohnung, die schon brannte, zwei kleine Kinder
gerettet habe und dabei selbst Brandwunden davontrug. Diese Tatsache
wurde genau untersucht und auch durch andere Zeugen besttigt. Mit einem
Worte, es endete damit, da der Verbrecher zur Zwangsarbeit der zweiten
Kategorie, im ganzen nur zu acht Jahren verurteilt wurde, infolge seines
freiwilligen Gestndnisses und mehrerer mildernder Umstnde.

Noch beim Beginn des Prozesses wurde Raskolnikoffs Mutter krank. Dunja
und Rasumichin fanden es fr ratsam, sie whrend der ganzen
Gerichtsverhandlung aus Petersburg fortzuschaffen. Rasumichin whlte
eine Stadt an der Eisenbahn und in der Nhe von Petersburg, um die
Mglichkeit zu haben, allen Phasen des Prozesses genau zu folgen und
gleichzeitig mglichst oft Awdotja Romanowna zu sehen. Pulcheria
Alexandrownas Leiden war eine eigentmliche Nervenerkrankung und wurde
durch eine, wenn auch nicht vllige, so doch zeitweilige Geistesstrung
kompliziert. Dunja fand ihre Mutter, als sie von ihrer letzten
Zusammenkunft mit dem Bruder zurckkehrte, vollstndig krank, in Fieber
und Wahnvorstellungen. Am selben Abend noch kam sie mit Rasumichin
darber berein, was man der Mutter auf ihre Fragen nach dem Sohne
antworten solle, und hatte sogar mit ihm zusammen fr die Mutter eine
ganze Geschichte erdichtet, da Raskolnikoff sehr weit an die Grenze
Rulands in einem privaten Auftrage gereist sei, der ihm endlich Geld
und Berhmtheit eintragen werde. Sie waren aber berrascht, da
Pulcheria Alexandrowna selbst weder damals, noch spterhin sie irgend
etwas frug. Im Gegenteil, es zeigte sich, da sie selbst eine ganze
Geschichte ber die pltzliche Abreise des Sohnes wute; sie erzhlte
mit Trnen, wie er zu ihr gekommen war, um von ihr Abschied zu nehmen;
deutete dabei an, da nur sie allein viele, sehr wichtige und
geheimnisvolle Umstnde kenne, und da Rodja sehr viele einflureiche
Feinde habe, so da er sich verbergen msse. Was seine knftige Karriere
anbetraf, schien sie ihr auch unzweifelhaft und glnzend zu sein, --
wenn gewisse unbequeme Umstnde beseitigt wren; sie versicherte
Rasumichin, da ihr Sohn mit der Zeit sogar ein bedeutender Staatsmann
wrde, wofr sein Artikel und sein glnzendes literarisches Talent
zeugten. Immer las sie seinen Artikel, las ihn zuweilen laut vor und
legte sich fast mit ihm zu Bett, trotzdem aber fragte sie fast nie, wo
sich jetzt Rodja befinde, ungeachtet dessen, da man augenscheinlich
vermied, mit ihr darber zu sprechen, -- was doch allein schon Argwohn
bei ihr htte erwecken mssen. Man begann endlich, sich ber dieses
merkwrdige Schweigen von Pulcheria Alexandrowna in Bezug auf manche
Punkte zu ngstigen. Sie klagte z. B. nicht einmal darber, da sie von
ihm keine Briefe erhalte, wogegen sie frher, als sie noch in ihrem
Heimatsstdtchen wohnte, blo von der Hoffnung und in der Erwartung
lebte, bald einen Brief von ihrem geliebten Rodja zu erhalten. Der
letzte Umstand war zu unerklrlich und beunruhigte Dunja sehr; ihr kam
der Gedanke, da die Mutter mglicherweise etwas Schreckliches im Leben
ihres Sohnes ahne und sich frchtete, zu fragen, um nicht etwas noch
entsetzlicheres zu erfahren. In jedem Falle aber sah Dunja klar, da
Pulcheria Alexandrowna nicht bei gesundem Verstande war.

Ein paarmal war es vorgekommen, da sie selbst das Gesprch so fhrte,
da es unmglich war, bei Beantwortung ihrer Fragen nicht zu erwhnen,
wo sich Rodja jetzt aufhielt; als aber die Antworten natrlich
ungengend und verdchtig ausfielen, wurde sie pltzlich traurig, dster
und schweigsam, und das dauerte eine ziemlich lange Zeit an. Dunja sah
schlielich ein, da es schwer war, ihr etwas vorzulgen und zu
erdichten, und kam zu dem endgltigen Entschlusse, besser ber bestimmte
Punkte vollkommen zu schweigen; aber es wurde immer deutlicher und
klarer, da die arme Mutter etwas Schreckliches ahnte. Dunja entsann
sich unter anderem auch der Worte ihres Bruders, da die Mutter ihre
Reden im Traume in der Nacht vor dem letzten schicksalsschweren Tage,
nach der Szene mit Sswidrigailoff vernommen habe. -- Sollte sie damals
etwas gehrt und verstanden haben? Oft wurde die Kranke, zuweilen nach
Tagen und Wochen eines dsteren, finsteren Schweigens und wortloser
Trnen, von aufgeregter Lebhaftigkeit ergriffen und begann pltzlich
laut und unaufhrlich von ihrem Sohne, von ihren Hoffnungen, von der
Zukunft zu sprechen ... ihre Phantasien waren manchmal sehr sonderbar.
Man trstete sie, man stimmte ihr bei; sie merkte vielleicht selbst, da
man ihr beistimmte, sie blo trstete, aber dennoch redete sie ...

Fnf Monate, nachdem sich der Verbrecher selbst gestellt hatte, erfolgte
das Urteil. Rasumichin besuchte ihn so oft im Gefngnis, als es nur
mglich war. Auch Ssonja kam zu ihm. Schlielich kam die Trennung; Dunja
schwur dem Bruder, da diese Trennung nicht ewig whren wrde;
Rasumichin tat dasselbe. In Rasumichins jungem und feurigem Kopfe war
unerschtterlich der Plan entstanden, -- in den nchsten drei, vier
Jahren mglichst den Grundstock zu einem Vermgen zu legen, wenigstens
etwas Geld zu ersparen und nach Sibirien berzusiedeln, wo der Boden in
jeder Hinsicht reich war, aber wenig tatkrftige Menschen mit Kapital
existierten; dort in derselben Stadt, wo Rodja sein werde, sich
anzusiedeln und ... fr alle zusammen ein neues Leben zu beginnen ...
Als der Abschied kam, weinten alle. Raskolnikoff war in den allerletzten
Tagen sehr nachdenklich, fragte viel nach der Mutter und war ihretwegen
in stndiger Unruhe. Er qulte sich sehr um sie, was Dunja wiederum
beunruhigte. Als er die Einzelheiten ber den krankhaften Zustand der
Mutter erfahren hatte, wurde er sehr finster. Zu Ssonja war er in der
ganzen Zeit aus irgendeinem Grunde auffallend wortkarg. Ssonja hatte
sich schon lngst mit Hilfe des Geldes, das ihr Sswidrigailoff gegeben
hatte, zur Reise vorbereitet und machte sich bereit, der Abteilung von
Strflingen, mit denen er verschickt werden sollte, zu folgen. Darber
war zwischen ihr und Raskolnikoff niemals ein Wort gewechselt worden,
doch beide wuten, da es so sein werde. Beim letzten Abschiede lchelte
er eigen bei den heien Beteuerungen der Schwester und Rasumichins ber
ihrer aller glckliche Zukunft, sobald er die Zwangsarbeit abgebt
habe, und sagte im voraus, da der krankhafte Zustand der Mutter bald
mit einem Unglcke enden wrde. Er und Ssonja traten den Weg nach
Sibirien an.

Zwei Monate nachher heiratete Dunetschka Rasumichin. Die Hochzeit war
traurig und still. Unter den Gsten waren auch Porphyri Petrowitsch und
Sossimoff. In der letzten Zeit hatte Rasumichin das Aussehen eines fest
entschlossenen Menschen gewonnen. Dunja glaubte bestimmt, da er alle
seine Plne verwirklichen werde und mute daran glauben, -- in diesem
Menschen steckte ein eiserner Wille. Unter anderem begann er wieder die
Vorlesungen in der Universitt zu besuchen, um sein Studium
abzuschlieen. Beide bauten immer Plne fr die Zukunft; beide rechneten
fest darauf, nach fnf Jahren nach Sibirien bersiedeln zu knnen. Bis
dahin hofften sie auf Ssonja ...

Pulcheria Alexandrowna gab mit Freude der Tochter ihren Segen zur
Hochzeit mit Rasumichin; nach der Hochzeit aber wurde sie scheinbar noch
trauriger und sorgenvoller. Um ihr eine Freude zu machen, teilte ihr
Rasumichin unter anderem auch die Geschichte von dem Studenten und
seinem greisen Vater mit und auch, da Rodja sich verbrannt habe und
sogar krank war, als er im vorigen Jahre zwei Kinder vor dem Flammentode
gerettet hatte. Beide Mitteilungen versetzten die verstrte Pulcheria
Alexandrowna fast in einen verzckten Zustand. Sie redete ununterbrochen
darber, knpfte Gesprche auf der Strae an, obwohl Dunja sie stndig
begleitete. In Omnibussen und in Lden, wenn sie blo einen Zuhrer
fand, brachte sie das Gesprch auf ihren Sohn, auf seinen Artikel und
darauf, wie er einem Studenten geholfen habe, wie er bei der
Feuersbrunst Brandwunden erhalten habe und dergleichen mehr. Dunetschka
wute nicht mehr, wie sie sie davon abhalten konnte. Abgesehen von der
Gefahr solch eines verrckten krankhaften Zustandes, drohte auch das
Unglck, da jemand sich auf den Namen Raskolnikoff aus der
Gerichtsverhandlung besinnen und darber etwas sagen konnte. Pulcheria
Alexandrowna hatte sogar die Adresse der Mutter von den zwei bei der
Feuersbrunst geretteten Kindern erfahren und wollte sie unbedingt
aufsuchen. Schlielich stieg ihre Unruhe bis aufs uerste. Sie fing
zuweilen pltzlich an zu weinen, wurde oft bettlgerig und phantasierte
im Fieber. Eines Morgens erklrte sie, da nach ihrer Berechnung Rodja
bald zurckkehren msse, da sie sich erinnere, wie er beim Abschiede
selbst erwhnt habe, da man ihn nach neun Monaten erwarten solle. Sie
begann alles in der Wohnung in Ordnung zu bringen und Vorbereitungen zu
seinem Empfange zu machen, begann das fr ihn bestimmte Zimmer, -- ihr
eigenes, -- zu schmcken, die Mbel zu putzen, Vorhnge zu waschen und
aufzuhngen und dergleichen mehr. Dunja wurde sehr unruhig, schwieg aber
und half ihr sogar, das Zimmer fr den Bruder instand zu setzen. Nach
einem unruhigen Tage, der in stndigen Phantasien, in freudigen Trumen
und Trnen verging, erkrankte sie in der Nacht und lag am anderen Morgen
in Fieber und Fieberphantasien. Eine Nervenkrisis war ausgebrochen. Nach
zwei Wochen starb sie. In Fieberphantasien entrangen sich ihr Worte, aus
denen man annehmen mute, da sie bedeutend mehr ber das schreckliche
Schicksal ihres Sohnes ahnte, als man geglaubt hatte.

Raskolnikoff erfuhr lange nicht den Tod seiner Mutter, obwohl er mit
Petersburg schon seit dem Anfang seiner bersiedlung nach Sibirien in
Briefwechsel stand. Ssonja vermittelte die Briefe und empfing auch
pnktlich jeden Monat eine Antwort aus Petersburg. Ssonjas Briefe
erschienen Dunja und Rasumichin zuerst etwas trocken und unbefriedigend;
aber beide fanden bald, da man nicht besser schreiben konnte, denn aus
diesen Briefen empfing man doch zu guter Letzt eine ganz genaue und
klare Vorstellung von dem Schicksal ihres unglcklichen Bruders. Ssonjas
Briefe waren mit der alltglichsten Wirklichkeit, mit der einfachsten
und klarsten Darstellung der ganzen Umgebung Raskolnikoffs in der
Zwangsarbeit angefllt. Es gab dabei weder eine Darstellung ihrer
eigenen Hoffnungen, noch Trume um die Zukunft, noch Beschreibungen
ihrer Gefhle. Anstatt zu versuchen, seinen seelischen Zustand und
berhaupt sein ganzes Seelenleben zu erklren, beschrnkte sie sich auf
Tatsachen, d. h. auf seine eigenen Worte, genaue Mitteilungen ber
seinen Gesundheitszustand, seine Wnsche bei ihren Besuchen, seine
Auftrge und dergleichen mehr. Alle diese Nachrichten wurden mit der
uersten Genauigkeit wiedergegeben. Das Bild des unglcklichen Bruders
trat schlielich hervor, zeichnete sich deutlich und klar ab; hier
konnte es keine Irrtmer geben, denn alles waren sichere Tatsachen.

Aber wenig erfreuliches konnten Dunja und ihr Mann aus diesen
Nachrichten, besonders im Anfang, schpfen. Ssonja teilte immer nur mit,
da er stndig dster, wenig gesprchig sei und sich fast gar nicht fr
die Nachrichten interessiere, die sie ihm jedesmal aus den von ihr
empfangenen Briefen berbrachte; da er zuweilen nach der Mutter frage,
und als sie ihm schlielich ihren Tod mitteilte, nachdem sie gemerkt
hatte, da er die Wahrheit ahne, da schien -- zu ihrer Verwunderung --
auch die Nachricht von dem Tode der Mutter auf ihn keinen starken
Eindruck gemacht zu haben, wenigstens es schien ihr so nach seinem
ueren. Sie teilte auch unter anderem mit, da er bei aller
Selbstversunkenheit und Verschlossenheit -- sich zu seinem neuen Leben
offen und schlicht verhalte; er begreife klar seine Lage, erwarte in der
nchsten Zeit nichts besseres, habe keine leichtsinnigen Hoffnungen, was
doch so verstndlich in seiner Lage wre, und wundere sich fast ber
nichts in seiner neuen Umgebung, die so wenig hnlichkeit mit seinem
frheren Leben habe; seine Gesundheit sei befriedigend. Er gehe zur
Arbeit, der er nicht ausweiche und um die er nicht bitte. Dem Essen
gegenber sei er fast gleichgltig, aber das Essen sei, auer an Sonn-
und Feiertagen, so schlecht, da er schlielich gern von ihr, Ssonja,
etwas Geld genommen habe, um seinen eigenen Tee sich zu halten; wegen
des brigen habe er sie gebeten, sich nicht zu beunruhigen, und sie
versicherte, da alle diese Sorgen um seine Person ihn blo verdrielich
machten. Weiterhin teilte Ssonja mit, da er im Gefngnis in einem Raume
mit den anderen untergebracht sei; die inneren Rume und Kasernen habe
sie nicht gesehen, aber nehme an, da sie eng, hlich und ungesund
seien; er schlafe auf einer Pritsche, brauche, als Unterlage, Filz und
wolle nichts anderes haben. Er lebe aber so schlecht und rmlich, nicht
aus einem bestimmten Plane oder absichtlich, sondern aus Unachtsamkeit
und uerster Gleichgltigkeit gegen sein Schicksal. Ssonja machte kein
Hehl daraus, da er, besonders im Anfang, sich nicht blo fr ihre
Besuche nicht interessierte, sondern ber sie fast ungehalten war, wenig
mit ihr sprach, ja grob zu ihr war, da aber schlielich diese
Zusammenknfte ihm zur Gewohnheit und fast zum Bedrfnis geworden waren,
so da er sich sogar grmte, wenn sie einige Tage krank war und ihn
nicht besuchen konnte. Sie sehe ihn an Sonntagen am Gefngnistore oder
im Wachthause, wohin man ihn auf einige Minuten zu ihr rufe; an
Werktagen sehe sie ihn bei der Arbeit, entweder in den Werksttten oder
in der Ziegelei oder in den Scheunen am Ufer des Irtysch. ber sich
selbst teilte Ssonja mit, da es ihr gelungen sei, in der Stadt einige
Bekanntschaften anzuknpfen und Protektion zu finden, da sie sich mit
Nhen beschftige, und da in der Stadt es fast keine Schneiderin gebe,
so sei sie in vielen Husern ganz unentbehrlich geworden; aber sie
erwhnte nicht, da durch sie auch Raskolnikoff Protektion bei seinen
Behrden gefunden habe, da ihm leichtere Arbeiten zugeteilt wurden und
dergleichen mehr. Schlielich kam die Nachricht -- (Dunja hatte in den
letzten Briefen eine besondere Aufregung und Unruhe herausgefhlt) --,
da er alle meide, da die Strflinge ihn nicht gern htten, da er
tagelang schweige und sehr bla werde. Pltzlich schrieb Ssonja in ihrem
letzten Briefe, da er ernstlich erkrankt sei und im Hospital in der
Arrestantenabteilung liege ...


                                  II.

Er war schon lange vorher krank, aber nicht die Schrecken der
Zwangsarbeit, nicht die physische Arbeit, nicht die Nahrung, noch der
abrasierte Kopf, noch die gezeichnete Kleidung hatten ihn gebrochen, --
oh! was gingen ihn alle diese Qualen und Martern an! Im Gegenteil, er
war ber die Arbeit sogar froh, -- wenn er sich krperlich geplagt
hatte, erwarb er sich wenigstens dadurch einige Stunden ruhigen
Schlafes. Und was bedeutete ihm das Essen, -- diese fleischlose
Kohlsuppe mit Schwaben? Als er noch Student war, im frheren Leben,
hatte er oft auch das nicht mal gehabt. Seine Kleidung war warm und fr
seine Lebensweise berechnet. Ketten fhlte er fast gar nicht. Sollte er
sich etwa seines rasierten Kopfes und der markierten Joppe schmen? Aber
vor wem denn? Etwa vor Ssonja? Ssonja frchtete ihn, und sollte er sich
etwa vor ihr schmen? Was denn sonst? Er schmte sich freilich vor
Ssonja, die er durch seine verchtliche und grobe Behandlung qulte.
Aber er schmte sich nicht des rasierten Kopfes und der Ketten, -- sein
Stolz war verletzt; und er erkrankte an verwundetem Stolze. Oh, wie
glcklich wre er, wenn er sich selbst anklagen knnte! Er wrde dann
alles, sogar die Schande und die Schmach ertragen! Er sa aber streng
mit sich zu Gerichte, und sein erbittertes Gewissen hatte in seiner
Vergangenheit keine besondere Schuld gefunden, auer einem einfachen
_Irrtum_, der jedem passieren kann. Er schmte sich hauptschlich
deswegen, da er, Raskolnikoff, so blind, hoffnungslos, still und dumm,
infolge eines Spruches des blinden Schicksals, zugrunde gegangen war,
und da er sich vor der Sinnlosigkeit eines Urteils beugen und
unterwerfen mute, um einigermaen zur Ruhe zu kommen.

Eine gegenstandslose und zwecklose Unruhe in der Gegenwart und ein
ununterbrochenes Opfer in der Zukunft, durch das man nichts gewann, --
das stand ihm in der Welt bevor. Und was lag daran, da er nach acht
Jahren erst zweiunddreiig Jahre alt war und von neuem zu leben beginnen
konnte? Wozu soll er leben? Was soll er in Aussicht haben? Wozu streben?
Zu leben, um zu existieren? Aber er war auch frher tausendmal bereit,
sein Leben fr eine Idee, fr eine Hoffnung, sogar fr eine Phantasie
hinzugeben. Das Leben allein war ihm stets wenig gewesen; er wollte
immer Greres haben. Vielleicht hatte er sich auch damals, blo nach
der Kraft seiner Wnsche, fr einen Menschen, dem mehr, als einem
anderen erlaubt sei, gehalten.

Wenn doch das Schicksal ihm Reue senden wrde, -- eine brennende Reue,
die das Herz bricht, die den Schlaf verjagt, solch eine Reue, bei deren
schrecklichen Qualen einem die Schlinge und Wasser, wo es am tiefsten
ist, vorschwebt! Oh, er wrde sich darber freuen! Qualen und Trnen --
das ist doch Leben. Aber er bereute nicht sein Verbrechen.

Knnte er sich wenigstens ber seine Dummheit rgern, wie er sich frher
ber die abscheulichen und dummen Handlungen gergert hatte, die ihn
nach Sibirien gebracht hatten. Jetzt aber, im Gefngnisse, _in
Freiheit_, berlegte er und dachte ber alle seine frheren Handlungen
nach und fand sie gar nicht so dumm und abscheulich, wie sie ihm frher
in der verhngnisvollen Zeit vorgekommen waren.

Wodurch, wodurch, dachte er, ist meine Idee dmmer, als die anderen
Ideen und Theorien, die in der Welt, solange diese Welt besteht,
herumschwirren und aneinanderprallen? Man braucht blo die Sache von
einem vllig unabhngigen, weiten und von den alltglichen Einflssen
losgelsten Standpunkte zu betrachten, und da erscheint, sicher, mein
Gedanke gar nicht so ... sonderbar. Oh, ihr Verneiner und Weisen, von
einem Groschen Werte, warum bleibt ihr auf dem halben Wege stehen!

Warum erscheint ihnen meine Handlung so abscheulich? sagte er sich.
Weil es eine bse Tat ist? Was bedeutet das Wort >bse Tat<? Mein
Gewissen ist ruhig. Gewi, es ist ein Kriminalverbrechen geschehen;
gewi, der Buchstabe des Gesetzes ist bertreten und Blut ist vergossen,
nun, nehmt da, fr den Buchstaben des Gesetzes, meinen Kopf ... und
genug! Gewi, in diesem Falle mten viele Wohltter der Menschheit, die
die Macht nicht geerbt, sondern selbst an sich gerissen haben, bei ihren
allerersten Schritten hingerichtet worden sein. Jene Menschen aber
ertrugen ihre Schritte und darum _sind sie im Rechte_, ich aber habe es
nicht ertragen, und also hatte ich nicht das Recht, mir diesen Schritt
zu gestatten.

Nur in diesem Punkte erkannte er sein Verbrechen, -- nur darin allein,
da er es nicht ertragen und sich freiwillig gestellt hatte.

Er litt auch unter dem Gedanken, da er sich damals nicht das Leben
genommen hatte. Warum hatte er damals am Flusse gestanden und das
Gestndnis vorgezogen? Steckt denn tatschlich so eine Macht in diesem
Wunsche zu leben, und ist sie so schwer zu berwinden? Sswidrigailoff,
der sich vor dem Tode frchtete, hatte es doch berwunden?

Er stellte sich voller Qual diese Frage und konnte nicht verstehen, da
er vielleicht schon damals, als er am Wasser stand, in sich selbst und
seinen berzeugungen eine tiefe Lge geahnt hatte. Er verstand nicht,
da diese Vorahnung eine knftige Umwlzung in seinem Leben, seine
einstige Auferstehung, eine neue Anschauung vom Leben bedeutete.

Er lie hierbei blo den stumpfen Instinkt gelten, den er nicht imstande
war, zu brechen, und ber den er wiederum nicht imstande war -- aus
Schwche und Unbedeutendheit -- hinwegzuschreiten. Er betrachtete seine
Kameraden im Gefngnis und wunderte sich, -- wie auch sie alle das Leben
liebten und wie sie daran hingen! Ihm schien es sogar, da man im
Gefngnisse noch mehr das Leben liebte und schtzte und mehr daran hing,
als in der Freiheit. Welche schrecklichen Qualen und Martern haben
manche von ihnen, wie zum Beispiel die Landstreicher, ertragen! Bedeutet
fr diese Menschen wirklich soviel ein Sonnenstrahl, ein dsterer Wald,
oder eine khle Quelle irgendwo im unbekannten Dickicht, die einer vor
ein paar Jahren gefunden und sich gemerkt hat, nach der er sich wie nach
einer Geliebten sehnt, und von der er trumt, die er im Traume, umgeben
von grnem Grase, sieht und hrt, wie ein Vogel im Gebsch singt? Indem
er seine Mitgefangenen betrachtete, fand er noch mehr unerklrliche
Beispiele dafr. -- Im Gefngnis, in seiner nchsten Umgebung, bemerkte
er selbstverstndlich vieles nicht, und wollte auch nichts bemerken. Er
lebte wie mit geschlossenen Augen; es war ihm widerlich und unertrglich
zu sehen. Aber schlielich machte ihn doch vieles staunen und er begann
fast gegen seinen Willen einiges zu bemerken, was er frher nicht mal
geahnt hatte. berhaupt und am meisten begann ihn jener furchtbare,
jener unberbrckbare Abgrund zu verwundern, der zwischen ihm und allen
diesen Menschen lag. Es schien, als gehrten er und sie zu verschiedenen
Nationen. Er und sie betrachteten einander mitrauisch und feindselig.
Er kannte und verstand die allgemeinen Ursachen solch eines
Getrenntseins; aber niemals htte er frher zugegeben, da diese
Ursachen in der Tat so tief und stark waren. Im Gefngnisse waren auch
verbannte Polen, politische Verbrecher. Jene betrachteten alle diese
Menschen als Ungebildete und Sklaven, und verachteten sie; Raskolnikoff
aber konnte sie in dieser Weise nicht betrachten, -- er sah deutlich,
da diese Ungebildeten in vielen Dingen bedeutend klger als diese Polen
waren. Es waren auch Russen da, die diese Leute ebenfalls zu stark
verachteten, -- da waren ein frherer Offizier und zwei Seminaristen.
Raskolnikoff sah auch klar ihren Irrtum. Ihn selbst aber liebten alle
nicht und gingen ihm aus dem Wege. Man begann sogar ihn schlielich zu
hassen. -- Warum? Er wute es nicht. Man verachtete ihn, lachte ber
ihn, und ber sein Verbrechen machten sich jene lustig, die bedeutend
grere Verbrecher als er waren.

Du bist ein Herr! sagte man ihm. Schickte es sich fr dich, mit einem
Beile zu gehen; das ist gar keine Arbeit fr Herren!

In der zweiten Woche der groen Fastenzeit war seine Kaserne an der
Reihe, sich zum Abendmahle vorzubereiten. Er ging in die Kirche mit den
anderen. Eines Tages kam es zu einem Streit, -- er wute selbst nicht,
aus welchem Grunde; alle strzten sich pltzlich wtend ber ihn.

Du bist ein Gottloser! Du glaubst nicht an Gott! schrien sie. Man
mte dich umbringen.

Er hatte niemals mit ihnen ber Gott und ber Glauben gesprochen, aber
sie wollten ihn, als einen Gottlosen, tten; er schwieg und erwiderte
ihnen nichts. Ein Strfling strzte sich auf ihn in rasender Wut;
Raskolnikoff erwartete ihn ruhig und schweigend; seine Augenbraue zuckte
nicht mal, kein Zug seines Gesichtes rhrte sich. Der Wachtsoldat
stellte sich noch rechtzeitig zwischen ihn und den Angreifer, -- sonst
wre Blut geflossen.

Fr ihn war noch eins unerklrlich, -- warum hatten sie alle Ssonja so
lieb? Sie hatte sich bei ihnen nicht eingeschmeichelt; sie trafen sie
selten, blo zuweilen bei den Arbeiten, wenn sie zu ihm auf einen
Augenblick kam, um ihn zu sprechen. Indessen aber kannten sie Ssonja
alle schon, wuten auch, da sie _ihm_ gefolgt sei, wuten, wie sie
lebte und wo sie wohnte. Geld gab sie ihnen nicht, erwies ihnen auch
keine besonderen Dienste. Einmal blo zu Weihnachten brachte sie fr das
ganze Gefngnis eingesammelte Geschenke, -- Pasteten und Brezeln. Aber
allmhlich hatte sich zwischen ihnen und Ssonja ein nheres Verhltnis
entwickelt, -- sie schrieb fr sie Briefe an ihre Verwandten und sandte
sie mit der Post ab. Ihre Verwandten, die zur Stadt kamen, hinterlieen
Ssonja auf deren Gehei Sachen fr sie und sogar Geld. Ihre Frauen und
Geliebten kannten Ssonja und besuchten sie. Und wenn sie zu Raskolnikoff
zur Arbeit kam oder einer Partie Strflinge, die zur Arbeit gingen,
begegnete, -- nahmen alle die Mtzen ab, alle grten sie, --
Mtterchen Ssofja Ssemenowna, du unsere zrtliche, liebe Mutter!
sagten diese groben gebrandmarkten Zwangsarbeiter zu diesem kleinen und
mageren Geschpfe. Sie lchelte ihnen zu. Sie liebten sogar ihren Gang,
sie wandten sich um, um ihr nachzusehen, wie sie ging, und lobten sie;
sie lobten sie sogar dafr, da sie so klein war; sie wuten nicht mehr,
wofr sie sie blo loben sollten. Zu ihr kamen sogar Leute, sich von ihr
kurieren zu lassen.

Raskolnikoff verbrachte die Fastenzeit und Ostern im Krankenhause.
Whrend er schon genas, erinnerte er sich seiner Trume, als er noch im
Fieber gelegen hatte. Er trumte in der Krankheit, da die ganze Welt
einer schrecklichen, unerhrten und nie dagewesenen Pest, die aus den
Tiefen Asiens ber Europa kam, zum Opfer fallen sollte. Alle sollten
zugrunde gehen, auer einigen sehr wenigen Auserwhlten. Es waren neue
Trichinen erschienen, mikroskopische Wesen, die sich in die Krper von
Menschen einnisteten. Aber diese Wesen waren Geister, ausgerstet mit
Verstand und Willen. Die Menschen, in denen sie sich eingenistet hatten,
wurden sofort wie Besessene und wahnsinnig. Aber noch niemals hielten
sich die Menschen fr so klug und unerschtterlich in ihrer Weisheit,
als es die Angesteckten taten. Niemals hielten sie ihre Urteile, ihre
wissenschaftlichen Ergebnisse, ihre sittlichen berzeugungen und ihren
Glauben fr unerschtterlicher, als jetzt. Ganze Drfer, ganze Stdte
und Vlker wurden angesteckt und gebrdeten sich wie wahnsinnig. Alle
waren in Unruhe und verstanden einander nicht, jeder meinte, da er
allein blo die Weisheit kenne, und verging vor Qual beim Anblick der
anderen, schlug sich an die Brust, weinte und rang die Hnde. Man wute
nicht, wen und wie man richten sollte, man konnte nicht bereinkommen,
was als Bses und was als Gutes anzusehen war. Man wute nicht, wen man
anklagen, wen man freisprechen solle. Die Menschen tteten einander in
einer sinnlosen Wut. Ganze Armeen sammelten sie gegeneinander, aber die
Armeen begannen schon auf dem Marsche pltzlich sich selbst zu
bekriegen, die Reihen zerstrten sich, die Soldaten strzten sich
aufeinander, stachen und tteten, bissen und fraen einander auf. In den
Stdten lutete den ganzen Tag die Sturmglocke, -- man rief alle
zusammen, aber wer und warum er rief, wute niemand, alle aber waren in
grter Unruhe. Man lie das gewhnliche Handwerk fallen, denn jeder kam
mit seinen Gedanken, mit seinen Verbesserungen, und man konnte sich
nicht einigen; der Ackerbau stockte. Hie und da liefen Menschen
zusammen, einigten sich ber etwas, schwuren einander nicht zu
verlassen, -- aber sofort begannen sie etwas ganz anderes zu tun als
das, was sie soeben beschlossen hatten, fingen an einander zu
beschuldigen, prgelten sich und mordeten sich. Feuersbrnste
entstanden, Hungersnot trat ein. Alle und alles ging zugrunde. Die Pest
schwoll an und verbreitete sich immer weiter und weiter. In der ganzen
Welt konnten sich blo einige Menschen retten; das waren Unschuldige und
Auserwhlte, die bestimmt waren, ein neues Menschengeschlecht und ein
neues Leben zu begrnden, die Erde zu erneuern und zu subern, aber
niemand hatte irgendwo diese Menschen gesehen, niemand hatte ihre Worte
und Stimme gehrt.

Raskolnikoff qulte es, da dieser sinnlose Traum so traurig und
schmerzlich sein Gedchtnis belastete, da der Eindruck dieses
Fiebertraumes so lange nicht verschwinde. Die zweite Woche nach Ostern
hatte schon begonnen; es waren warme, klare Frhlingstage; in der
Arrestantenabteilung des Hospitals hatte man die vergitterten Fenster,
unter denen ein Wachposten auf- und abging, geffnet. Ssonja konnte ihn
whrend seiner ganzen Krankheit blo zweimal besuchen; man mute
jedesmal eine Erlaubnis auswirken, und das war sehr schwer. Aber sie war
oft auf den Hof des Hospitals, besonders gegen Abend, unter sein Fenster
gekommen, zuweilen aber auch blo, um einen Augenblick auf dem Hofe
stehen zu bleiben und wenigstens von weitem die Fenster seiner Abteilung
zu sehen. Eines Tages war Raskolnikoff, der fast genesen war, gegen
Abend eingeschlafen; als er erwachte, trat er zufllig an das Fenster
und erblickte pltzlich fern am Tore Ssonja. Sie stand dort und schien
auf etwas zu warten. In diesem Augenblicke war es ihm, als wrde sein
Herz durchbohrt; er zuckte zusammen und ging schnell vom Fenster weg. Am
anderen Tage erschien Ssonja nicht, ebenfalls nicht am nchstfolgenden
Tage; er merkte, da er sie voll Unruhe erwarte. Endlich entlie man ihn
aus dem Hospital. Als er ins Gefngnis kam, erfuhr er von den
Strflingen, da Ssonja Ssemenowna krank sei, zu Hause liege und nicht
ausgehe.

Er war sehr beunruhigt und lie sich nach ihr erkundigen. Er erfuhr
bald, da ihre Krankheit nicht gefhrlich sei. Als Ssonja ihrerseits
hrte, da er sich so um sie grmte und sorgte, schickte sie ihm ein mit
Bleistift geschriebenes Zettelchen und teilte ihm mit, da es ihr besser
gehe, da sie eine leichte Erkltung habe und da sie bald, sehr bald zu
ihm kommen werde. Als er diesen Zettel las, schlug sein Herz stark und
schmerzhaft.

Es war wieder ein klarer und warmer Tag. Am frhen Morgen, um sechs Uhr,
ging er zur Arbeit an den Flu, wo am Ufer in einer Scheune ein Ofen zum
Alabasterbrennen eingerichtet war, und wo der Alabaster gestoen wurde.
Dorthin gingen blo drei Arbeiter. Der eine Strfling war mit dem
Wachtposten in die Festung nach einem Instrument gegangen; der andere
holte Holz und legte es in den Ofen. Raskolnikoff trat aus der Scheune,
ging an das Ufer, setzte sich auf aufgestapelte Balken hin und blickte
lange auf den breiten und den Flu. Von dem hohen Ufer aus zeigte sich
die weite Umgebung. Von dem anderen entlegenen Ufer klang kaum hrbar
ein Lied herber. Dort in der unbersehbaren Steppe, bergossen von der
Sonne, zeigten sich in kaum merklichen dunklen Punkten die Zelte eines
Wandervolkes. Dort lag Freiheit, dort lebten andere Menschen, die den
hiesigen gar nicht hnelten, dort schien die Zeit stehen geblieben zu
sein, als wre das Jahrhundert Abrahams und seiner Herden noch nicht
vorber. Raskolnikoff sa und blickte unverwandt hinber, ohne sich
losreien zu knnen; sein Gedanke verwandelte sich in einen Traum; er
dachte an nichts, aber eine tiefe Schwermut lag auf ihm und qulte ihn.

Pltzlich trat Ssonja neben ihn. Sie war leise herangekommen und setzte
sich zu ihm. Es war noch sehr frh, die Morgenklte war noch nicht
verschwunden. Sie hatte ihren alten rmlichen kleinen Pelz an und das
grne Tuch. Ihr Gesicht trug noch die Spuren von Krankheit, war magerer,
blasser und eingefallen. Sie lchelte ihm freudig und freundlich zu,
aber reichte ihm schchtern, wie immer, ihre Hand.

Sie reichte ihm stets die Hand so schchtern, zuweilen gar nicht, als
frchte sie, da er sie von sich stoen wrde. Er nahm auch stets ihre
Hand wie mit Widerwillen, begrte sie stets wie verdrielich, zuweilen
schwieg er hartnckig die ganze Zeit whrend ihres Besuches. Es kam vor,
da sie zitternd und in tiefem Kummer fortging. Jetzt aber lsten sich
ihre Hnde nicht; er blickte sie schnell und flchtig an, sagte nichts
und schlug seine Augen nieder. Sie waren allein, niemand sah sie. Der
Wachtposten hatte sich gerade umgedreht.

Wie es gekommen war, wute er selbst nicht, aber pltzlich schien ihn
etwas zu packen und zu ihren Fen zu ziehen. Er weinte und umfate ihre
Knie. Im ersten Augenblicke erschrak sie heftig und ihr Gesicht war
totenbla. Sie sprang zitternd auf und sah ihn an. Aber sie begriff im
Nu alles. In ihren Augen leuchtete ein grenzenloses Glck; sie hatte
verstanden und es gab fr sie keinen Zweifel mehr, da er sie liebte,
grenzenlos liebte, und da endlich dieser Augenblick gekommen war ...

Sie wollten sprechen, aber konnten nicht. Trnen standen in ihrer beider
Augen. Beide waren sie bleich und abgemagert; aber in diesen kranken und
bleichen Gesichtern leuchtete schon die Morgenrte einer neuen Zukunft,
der vlligen Auferstehung zu neuem Leben. Die Liebe hatte sie erweckt,
das Herz des einen enthielt eine unerschpfliche Lebensquelle fr das
Herz des anderen.

Sie beschlossen zu warten und zu dulden. Sieben Jahre hatten sie noch zu
warten; bis dahin soviel unertrgliche Qual und soviel grenzenloses
Glck! Aber er war aufgestanden und er wute es, fhlte es ganz und gar
mit seinem neuen Wesen, sie aber -- sie lebte ja doch blo in ihm!

Am Abend desselben Tages, als die Kasernen schon geschlossen waren, lag
Raskolnikoff auf seiner Pritsche und dachte an sie. An diesem Tage
schien es ihm, als ob alle Strflinge, seine frheren Feinde, ihn mit
anderen Augen ansahen. Er fing selbst mit ihnen zu sprechen an und man
antwortete ihm freundlich. Er erinnerte sich an all dies jetzt, aber es
mute doch wohl so kommen, -- _mute_ sich denn nicht jetzt alles
ndern?

Er dachte an sie. Er erinnerte sich, wie er sie immer geqult und ihr
Herz gepeinigt hatte; erinnerte sich ihres blassen, mageren
Gesichtchens, aber sie qulten ihn jetzt nicht, diese Erinnerungen, --
er wute, mit welcher unendlichen Liebe er jetzt alle ihre Leiden shnen
wrde.

Und was waren alle diese Qualen der Vergangenheit! Alles, sogar sein
Verbrechen, sogar das Urteil und die Verbannung erschienen ihm jetzt in
der ersten Aufwallung als etwas uerliches, fremdes, als etwas, das
nicht ihm passiert sei. Er konnte an diesem Abend gar nicht lange und
stndig an etwas denken, seine Gedanken auf etwas konzentrieren; er
htte jetzt nichts bewut beschlieen knnen; er _fhlte_ blo. An
Stelle der Dialektik war das Leben getreten, und in seinem Bewutsein
begann sich etwas ganz anderes herauszuarbeiten.

Unter seinem Kopfkissen lag das Neue Testament. Er nahm es mechanisch
hervor. Dieses Buch gehrte ihr, es war dasselbe, aus dem sie ihm ber
die Erweckung des Lazarus vorgelesen hatte. Im Anfang seiner Verbannung
frchtete er, da sie mit der Religion ihn zu Tode qulen wrde, da sie
ber das Evangelium sprechen und ihm Bcher verschaffen wrde. Aber zu
seinem grten Staunen hatte sie nie darber gesprochen, ihm nie das
Evangelium angeboten. Er hatte sie selbst kurz vor seiner Krankheit
darum gebeten, und sie brachte ihm schweigend das Buch. Bis jetzt hatte
er es noch nicht aufgeschlagen.

Er schlug es auch jetzt nicht auf, aber ein Gedanke kam ihm, -- mssen
denn ihre berzeugungen jetzt nicht auch meine berzeugungen sein? Ihre
Gefhle, ihr Streben, wenigstens ...

Sie war auch diesen ganzen Tag in groer Erregung, und in der Nacht
wurde sie sogar wieder krank. Aber sie war so glcklich, da sie fast
erschrak vor ihrem Glcke. Sieben Jahre, _blo_ sieben Jahre! Im Anfange
ihres Glckes, in manchen Augenblicken, waren sie beide bereit, diese
sieben Jahre als sieben Tage zu betrachten. Er dachte nicht einmal
daran, da ein neues Leben sich ihm nicht umsonst biete, da er es noch
teurer erkaufen msse, dafr mit einer groen knftigen Tat bezahlen
msse ...

Aber hier fngt schon eine neue Geschichte an, die Geschichte der
allmhlichen Erneuerung eines Menschen, die Geschichte seiner
allmhlichen Wiedergeburt, des allmhlichen berganges aus einer Welt in
die andere, der Bekanntschaft mit einer neuen, ihm bisher vllig
unbekannt gewesenen Wirklichkeit. Das knnte das Thema zu einer neuen
Geschichte abgeben, -- unsere jetzige aber ist zu Ende.




                                Funoten


[1] Die drei ersten Helden Puschkinscher Werke, die zwei letzten
Lermontoffscher. E. K. R.

[2] Herrman, der Held in Puschkins Pique Dame. E. K. R.

[3] Anspielung auf das Petersburger Denkmal Peters des Groen. E. K. R.

[4] Ein Platz im Kreml zu Moskau, auf dem frher die Hinrichtungen
stattfanden. E. K. R.

[5] Die sogen. Raskolniki, von denen es seit der Kirchenspaltung (1666)
mehrere Sekten gibt. E. K. R.

[6] Dieser Schein wird von der Polizei den Prostituierten ausgestellt.

[7] Ein Reisgericht, das zur Seelenmesse fr die Toten in die Kirche
mitgenommen wird, vom Priester geweiht und dann mit Andacht verzehrt
wird.

[8] Ein kleines gitarrenhnliches Instrument.

[9] Radischtscheff hat zu Katherinas II. Zeiten ein Buch Die Reise nach
Moskau verffentlicht; er beschrieb den traurigen Zustand des Landes,
geielte die Leibeigenschaft; sein Buch wurde von der Freundin Voltaires
verbrannt, war lange Zeit nachher noch verboten; der Verfasser wurde
nach Sibirien verbannt.

[10] Dobroljuboff war ein fhrender Kritiker und Publizist in den
sechziger Jahren.

[11] Der grte Kritiker und Publizist der vierziger Jahre.

[12] Echte, wahre Bcher werden bei den Altglubigen und einigen
Sektierern das Alte und Neue Testament, die Lebensbeschreibungen der
Heiligen und der Mrtyrer, benannt, wenn sie nach den Originalen vor der
Zeit des Patriarchen Oikon (1652) gedruckt sind; um diese Zeit wurden
die Texte revidiert und seit dieser Zeit existiert die sogenannte
altglubige Kirche.




                 bersetzung franzsischer Textstellen


{[1]} es lebe der ewige Krieg

{[2]} Genug geredet!

{[3]} fri oder stirb (wrtlich: Ihr Hunde sollt sterben, wenn es euch
nicht pat)

{[4]} nur legitim

{[5]} vom Wein bekomme ich schlechte Laune

{[6]} Ihnen zuliebe

{[7]} ganz einfach

{[8]} das ist unerllich

{[9]} differenziert

{[10]} wrtlich

{[11]} Steh gerade!

{[12]} sprich franzsisch mit mir

{[13]} Fnf Sous

{[14]} Marlborough zog in den Krieg / Keiner wusste wie lang

{[15]} Fnf Sous, fnf Sous / Zur Grndung unseres Heims

{[16]} gleiten, gleiten, im Baskenschritt!

{[17]} Grabrede

{[18]} lieber Freund

{[19]} Natur und Wahrheit

{[20]} Wo hat sie diese Tugenden versteckt?

{[21]} viel Glck

{[22]} eine Theorie unter vielen


                     Anmerkungen zur Transkription

Die Smtlichen Werke erschienen in der hier verwendeten ursprnglichen
Fassung der bersetzung von E. K. Rahsin in mehreren Auflagen und
Ausgaben 1906--1922 im Piper-Verlag. Dieses Buch wurde transkribiert
nach:

                  F. M. Dostojewski: Smtliche Werke.
                     Erste Abteilung: Erster Band.
                     Erste Abteilung: Zweiter Band.
                 Rodion Raskolnikow (Schuld und Shne).
                 R. Piper & Co. Verlag, Mnchen, 1922.
                           23.--35. Tausend.

Fr diese ebook-Ausgabe wurden der erste und der zweite Band vereinigt.

Die Anordnung der Titelinformationen wurde innerhalb der Smtlichen
Werke vereinheitlicht und entspricht nicht der Anordnung in den
ursprnglichen Ausgaben. Alle editionsspezifischen Angaben wie Jahr,
Copyright, Auflage usw. sind aber erhalten und wurden gesammelt direkt
nach der Titelseite eingefgt.

Funoten wurden am Ende des Buches gesammelt.

Die Bearbeiter haben diesem Text bersetzungen der franzsischen
Textstellen in Form von Funoten hinzugefgt und der _public domain_ zur
Verfgung gestellt.

Diese zustzlichen Funoten sind mit { } markiert.

Zu den Anfhrungszeichen: Gesprche wurden in doppelte Anfhrungszeichen
() eingeschlossen. Die Wiedergabe von uerungen anderer innerhalb von
Gesprchen wurde in einfache Anfhrungszeichen (><) eingeschlossen.

Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen: Der
Buchstabe  (oder aouh "j") steht fr den kyrillischen Buchstaben
ja. Die Schreibweise hufig vorkommender russischer Namen wurde
vereinheitlicht (nicht verwendete Varianten in Klammern):

   Afanassi (Afanasi, Afanassji)
   Aljona (Aljena, Alena)
   Bakalejeff (Bakaljeff)
   Lebesjtnikoff (Lebesjatnikoff)
   Louisa (Luisa, Louise)
   Poletschka (Poljetschka)
   Polja (Polje)
   Porphyri (Porfirij, Porphiri)
   Ssemjon (Ssemen)
   Ssofja (Ssofje)
   Ssonja (Ssonje)

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigert. Weitere
nderungen, teilweise unter Zuhilfenahme anderer Auflagen oder des
russischen Originaltextes, sind hier aufgefhrt (vorher/nachher):

   [S. 207]:
   ... Sicher ich es sonderbar! Selbstverstndlich ist dies doch ...
   ... Sicher ist es sonderbar! Selbstverstndlich ist dies doch ...

   [S. 237]:
   ... volle Minute gedauert hatte und da sie sich solange einander ...
   ... volle Minute gedauert hatte und da sie solange einander ...

   [S. 247]:
   ... Hast du ihn gesehen. ...
   ... Hast du ihn gesehen? ...

   [S. 307]:
   ... seiner schmte, und er schleunigst anderen, alltglichen
       Sorgen ...
   ... seiner schmte, und er sich schleunigst anderen, alltglichen
       Sorgen ...

   [S. 313]:
   ... eingeladen, mit ihnen die Tee zu trinken, -- sie hatten in ...
   ... eingeladen, mit ihnen den Tee zu trinken, -- sie hatten in ...

   [S. 320]:
   ... Bitte aussprechen, da bei unserer gemeinsamen ...
   ... Bitte auszusprechen, da bei unserer gemeinsamen ...

   [S. 367]:
   ... Vielleicht hatte es auch Raskolnikoff blo geschienen, ...
   ... Vielleicht hatte es auch Raskolnikoff blo so geschienen, ...

   [S. 426]:
   ... Erscheinen bei Ihnen etwa? ...
   ... Erscheinen sie bei Ihnen etwa? ...

   [S. 475]:
   ... Man merkte, da dieser Gedanke schon viele Mal ihr
       aufgetaucht ...
   ... Man merkte, da dieser Gedanke schon viele Male ihr
       aufgetaucht ...

   [S. 505]:
   ... irgendein mathematisches Exempel, wie Zwiemalzwei, bringen, ...
   ... irgendein mathematisches Exempel, wie Zweimalzwei, bringen, ...

   [S. 526]:
   ... Mrder, du bist Mrder ...<, und jetzt, wo er es eingestanden ...
   ... Mrder, du bist der Mrder ...<, und jetzt, wo er es
       eingestanden ...

   [S. 537]:
   ... war, kehrte er noch wtender und gereizter nach Hause, ...
   ... war, kehrte er noch wtender und gereizter nach Hause zurck, ...

   [S. 541]:
   ... aufrichtigsten Weise ihm dienen. ...
   ... aufrichtigsten Weise ihr dienen. ...

   [S. 569]:
   ... -- Pa, heda! rief sie pltzlich einem von ihnen ...
   ... -- Pan, heda! rief sie pltzlich einem von ihnen ...

   [S. 572]:
   ... so war ich stets von ihm sicher, fuhr Katerina ...
   ... so war ich stets seiner sicher, fuhr Katerina ...

   [S. 633]:
   ... Sie wrden vielleicht spter noch erschauern bei dem
       Gedanken, ...
   ... Sie wrde vielleicht spter noch erschauern bei dem
       Gedanken, ...

   [S. 642]:
   ... Das kenne ich, ich aus Erfahrung, sagte der Beamte ...
   ... Das kenne ich aus Erfahrung, sagte der Beamte ...

   [S. 670]:
   ... Reihenfolge noch zu erzhlen, wie es damals begonnen ...
   ... Reihenfolge nach zu erzhlen, wie es damals begonnen ...

   [S. 701]:
   ... Sagen Sie mir, wozu soll ich mit enthalten? Warum ...
   ... Sagen Sie mir, wozu soll ich mich enthalten? Warum ...

   [S. 722]:
   ... da folgen. ...
   ... da folgen? ...

   [S. 725]:
   ... Wstling und Schuften erwarten! rief er unwillkrlich ...
   ... Wstling und Schurken erwarten! rief er unwillkrlich ...

   [S. 765]:
   ... Just lese deinen Artikel in der Zeitschrift schon zum dritten ...
   ... Just lese ich deinen Artikel in der Zeitschrift schon zum
       dritten ...

   [S. 772]:
   ... begreifen nichts. ...
   ... begreife nichts. ...






End of the Project Gutenberg EBook of Smtliche Werke 1-2: Rodion
Raskolnikoff (Schuld und Shne), by Fjodor Michailowitsch Dostojewski

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SAMTLICHE WERKE 1-2: RODION RASKOLNIKOFF ***

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or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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