The Project Gutenberg EBook of Gegen den Strich, by Joris-Karl Huysmans

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Title: Gegen den Strich

Author: Joris-Karl Huysmans

Translator: Marie Capsius

Release Date: February 23, 2019 [EBook #58941]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEGEN DEN STRICH ***




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                           GEGEN DEN STRICH.




                               GEGEN DEN
                                 STRICH


                            ( REBOURS) VON
                             J. K. HUYSMANS

                       AUTORISIERTE UEBERSETZUNG
                             VON M. CAPSIUS


                                  1897

                         IM VERLAG VON SCHUSTER
                           U. LFFLER BERLIN


                  Ich muss mich ber die Zeit
                  hinaus belustigen ..., obwohl
                  meine Freude der Welt ein Greuel
                  ist, und ihr Stumpfsinn gar nicht
                  erfasst, was ich sagen will.

                              Busbrock, l'Admirable.




                              EINLEITUNG.


Wenn man nach den Portrts urteilen sollte, die im Schloss Lourps
aufbewahrt werden, so msste die Familie Floressas des Esseintes in
alten Zeiten aus athletischen alten Haudegen und rauhen Kriegsmannen
bestanden haben.

Gedrngt und eingeengt in ihre alten Rahmen, die sie mit ihren breiten
Schultern gnzlich ausfllen, knnten sie uns mit ihren starren Augen,
den  la yatagans gedrehten Schnurrbrten und ihrer mit gewlbtem Panzer
bedeckten Brust nahezu erschrecken.

So sahen die Ahnen der berhmten Familie des Esseintes aus; die Bilder
der Nachkommen fehlen, da die Reihenfolge unterbrochen. Ein einziges
Gemlde dient als Mittelglied, Vergangenheit und Gegenwart verbindend.
Es war dies ein gar eigentmliches, schlaues Gesicht mit bleichen,
schlaffen Zgen, die Backenknochen wie rot punktiert, das Haar wie
angeklebt und von Perlen durchflochten, mit ausgestrecktem, geschminktem
Hals, der aus den tiefen Falten einer steifen Krause hervortritt.

Schon auf diesem Bilde eines der intimsten Vertrauten des Herzogs von
Epernon und des Marquis d'O machten sich die Gebrechen einer
untergrabenen Gesundheit wie der Einfluss des lymphatischen Blutes
bemerkbar.

Der Verfall dieser Familie hatte zweifellos seinen regelmssigen Verlauf
genommen; die Verweichlichung der mnnlichen Linie war immer mehr
hervorgetreten, und als ob die des Esseintes das Werk der Zeit htten
selbst vollenden wollen, hatten sie whrend zweier Jahrhunderte ihre
Kinder unter sich verheiratet, wodurch der Rest ihrer Kraft in naher
verwandtschaftlicher Verbindung noch mehr geschwcht worden war.

Von dieser einst so zahlreichen Familie, welche fast das ganze Gebiet
von Isle-de-France und Brie bewohnte, lebte nur noch ein einziger
Nachkomme, der Herzog Jean, ein schmchtiger junger Mann von dreissig
Jahren, blutarm und nervs, mit eingefallenen Backen, kalten stahlblauen
Augen, gerader feiner Nase und drren schmalen Hnden.

Durch ein seltsames Vorkommnis der Vererbung hatte dieser letzte Sprosse
eine ganz auffllige hnlichkeit mit dem Urahnen, von dem er den spitzen
Bart von ausserordentlich hellem Blond und den doppelsinnigen Ausdruck
des sehr ermdeten und doch lebendigen Gesichtes hatte.

Seine Kindheit war eine traurige gewesen; bedroht von Skrofeln und
heimgesucht von hartnckigen Fiebern war er dennoch mit Hlfe frischer
Luft und Pflege so weit gediehen, dass er die Klippen der Reifezeit
berschritt. Von da ab hielten seine Nerven stand, so dass er, die
Schwchen der Bleichsucht berwindend, es schliesslich bis zur
vollstndigen Entwickelung brachte.

Seine Mutter, eine sehr blasse Frau, still und schweigsam, starb an
Entkrftung, whrend sein Vater einer unbestimmbaren Krankheit erlag,
als Jean des Esseintes eben sein achtzehntes Jahr erreichte.

Von seinen Eltern war ihm nur eine Erinnerung verblieben, die einer
gewissen Furcht, die jedes kindliche Gefhl erstickte. Seinen Vater, der
fast immer in Paris lebte, kannte er kaum; und seine Mutter vermochte er
sich nur in einem dunklen Zimmer des Schlosses von Lourps unbeweglich
auf dem Schlummerbette liegend vorzustellen. Selten nur waren die Gatten
vereint gewesen, und von jenen Tagen erinnerte er sich nur noch der gar
einfrmigen Zusammenknfte, wo beide sich gegenber sassen, zwischen
sich einen Tisch, auf dem eine grosse Lampe brannte, die durch einen
Lampenschirm tief verhngt war, da die Frau Herzogin weder Licht noch
Lrm zu ertragen vermochte, ohne einer Nervenkrisis zu verfallen. Hier
im Halbdunkel wechselten die Gatten wohl einige wenige Worte, bis der
Herzog aufstand, sich verabschiedete und gleichsam erleichtert den
nchsten besten Zug nahm, der ihn wieder nach Paris zurckfhrte. --

Bei den Jesuiten, zu denen Jean zur Erziehung geschickt wurde, fand er
wohlwollend freundliche Aufnahme. Die Pater gewannen das Kind, dessen
Fassungskraft sie in Erstaunen setzte, recht lieb. Dennoch aber
vermochten sie nicht, es trotz all ihrer Bemhungen dahin zu bringen,
dass es sich den geregelten Studien widmete. Wohl fand es Geschmack an
gewissen Arbeiten, so dass es frhzeitig der lateinischen Sprache
mchtig ward, dagegen war es aber unfhig, nur zwei Worte griechisch zu
erklren. Es hatte durchaus keine Befhigung fr das Erlernen der
lebenden Sprachen und zeigte sich geradezu stumpf, sobald man sich
bemhte, es in die Anfangsgrnde der exakten Wissenschaften einzufhren.

Seine Familie kmmerte sich wenig um Jean; dann und wann besuchte ihn
sein Vater auf einen Augenblick in der Pension: Guten Tag! -- Adieu! --
Sei artig! Arbeite tchtig! -- dies war alles, was er zu hren bekam.

Die Sommerferien verbrachte er im Schlosse von Lourps; doch vermochte
seine Gegenwart nicht, die Mutter ihrem trumerischen Zustande zu
entreissen. Sie bemerkte ihn oft kaum oder betrachtete ihn whrend
einiger Sekunden mit fast schmerzlichem Lcheln und versenkte sich dann
wieder von neuem in die durch dicke Gardinen erzeugte knstliche Nacht.

Die Dienstboten waren langweilig und alt. Der Knabe, sich selbst
berlassen, durchstberte an Regentagen die Bcher der Bibliothek und
streifte bei schnem Wetter in der Umgegend umher.

Seine grsste Freude war, in das kleine Thal hinunter zu gehen bis nach
Jutigny, einem kleinen Drfchen, das sich am Fusse der Hgel ausdehnte
und aus wenigen kleinen Husern und Htten bestand, die, meist mit Stroh
bedeckt, gleichsam aus dem Moos herauswuchsen. Er warf sich dann wohl
auf die Wiesen im Schatten eines hohen Heuschobers nieder, dem dumpfen
Gepltscher der Wassermhle lauschend, oder auch die frische Luft der
Voulzie einatmend. Manchmal dehnte er seinen Spaziergang bis zum
Torfmoor oder bis zu dem grnen und schwarzen Weiler von Longueville
aus, oder er kletterte gar die Anhhen hinauf, wo der Wind schrfer
wehte und von wo er eine schnere Aussicht genoss. An der einen Seite
hatte er unter sich das Seine-Thal, das sich in weiter Ferne mit dem
Blau des Himmels mischte; an der anderen Seite hatte er den Blick hoch
oben gen Westen auf die Kirchen und den Turm von Provins, welche in der
Sonne und dem goldigen Luftstaub zu zittern schienen.

Er las oder trumte, in vollen Zgen die Abgeschlossenheit einsaugend,
wohl bis zur Dunkelheit; und da er sich immer grbelnd denselben
Gedanken hingab, so konzentrierte sich sein Geist, und seine bis dahin
noch unbestimmten Ideen begannen vorzeitig zu reifen. Nach den Ferien
kam er jedesmal nachdenklicher und strrischer zu seinen Lehrern zurck,
denen diese Vernderung keineswegs entging. Scharfsinnig und schlau --
durch ihren Beruf daran gewhnt, die Seelen bis ins Innere zu ergrnden
-- liessen sie sich durch seine aufgeweckte, doch unlenksame Intelligenz
durchaus nicht hinters Licht fhren. Sie erkannten wohl, dass dieser
Schler niemals zum Ruhme ihrer Anstalt beitragen werde; da aber seine
Familie reich war und sich wenig um seine Zukunft bekmmerte, so
verzichteten sie vollstndig darauf, ihn auf den eintrglichen
Schulberuf hinzulenken, obgleich er gern diejenigen der theologischen
Doktrinen mit ihnen errterte, welche ihn durch ihre Spitzfindigkeit und
ihren Scharfsinn reizten. Dachten sie doch nicht einmal daran, ihn fr
ihren Orden zu gewinnen; denn trotz aller ihrer Bemhungen blieb sein
Glaube schwach, weil sie ihn, aus Klugheit und Furcht vor etwas
Unvorhergesehenem, auch ruhig die Studien verfolgen liessen, die ihm
eben zusagten, und andere dagegen vernachlssigen, damit ihnen sein
selbstndiger Charakter nicht durch die Plackereien weltlicher
Studienlehrer noch mehr entfremdet werde.

So lebte er vollstndig zufrieden, das vterliche Joch der Priester kaum
fhlend, indem er mit seinen lateinischen und franzsischen Studien ganz
in seiner Weise fortfuhr, und, obgleich Theologie nicht auf dem
Schulplan stand, widmete er sich doch den Lehren derselben, deren
Studium er bereits im Schlosse Lourps in der vom Urgrossonkel, dem
Domherrn Prosper, dem vormaligen Prior der Ordensstiftsherren von
Saint-Ruf, hinterlassenen Bibliothek begonnen hatte.

Als er die Erziehungsanstalt der Jesuiten bei seiner Grossjhrigkeit
verlassen musste, wurde er Herr seines Vermgens; sein Vetter und
Vormund, der Graf von Montchevrel, legte ihm Rechenschaft ber seinen
Besitz ab. Die Beziehungen zwischen ihnen aber waren nur von kurzer
Dauer, da es keinen Berhrungspunkt zwischen beiden gab, weil der eine
alt, der andere jung war. Aus Neugier, Langeweile und Hflichkeit setzte
der junge Herzog dennoch eine Weile den Umgang mit der Familie fort. Er
machte einige Besuche in ihrem Palais in der Rue de la Chaise;
entsetzlich langweilige Abende, an denen die steinalten Verwandten sich
ber adelige Familien, heraldische Monde und veraltetes Ceremoniel
unterhielten.

Mehr noch als diese vornehmen alten Damen hier erschienen ihm jene
hochadeligen Herren, welche die Whisttische umsassen, als verkncherte,
hchst unbedeutende Menschen.

Die Nachkommen der alten Helden, die letzten Zweige der feudalen
Geschlechter erwiesen sich dem Auge des Herzogs Jean des Esseintes nach
Lftung ihrer Maske meist nur als vom Katarrh geplagte arg verschrobene
Kuze, die immer wieder dieselben faden Redensarten und hundertjhrigen
Phrasen im Munde fhrten.

Nachdem er einige Abende in solcher Gesellschaft zugebracht, fasste er
den Entschluss, trotz aller Einladungen und Vorwrfe nie wieder dort
hinzugehen.

Jetzt fing er an mit jungen Leuten seines Alters und seines Standes zu
verkehren.

Einige von ihnen waren mit ihm in der Ordensschule erzogen und hatten
durch diese Erziehungsweise gleichsam einen besonderen Stempel
aufgedrckt erhalten. Sie gingen regelmssig zur Messe, beichteten zu
Ostern, besuchten die katholischen Kreise und hielten jeden ihrer
Angriffe, die sie auf schne Mdchen niedergeschlagenen Auges
unternahmen, geheim wie ein Verbrechen. Es waren dies meist geistlos
unselbstndige Zierpuppen, welche die Geduld ihrer Lehrer ermdet
hatten, die aber trotzdem ihren Wnschen soweit nachgekommen waren, sie
in der menschlichen Gesellschaft als gehorsame und fromme Wesen
hinzustellen.

Die andern, meist Schler der Staats-Gymnasien, waren weniger Heuchler,
sondern im allgemeinen freier, aber sie waren weder interessanter noch
aufgeweckter als jene. Sie liebten die Vergngungen jeder Art, waren
grosse Freunde der Operette und des Turfs, waren an jedem Spieltisch zu
finden, ihr Vermgen auf Pferde und Karten verwettend.

Nach Verlauf eines Jahres war der junge Herzog dieser Gesellschaft mde
und berdrssig. Ihren Ausschweifungen sich hinzugeben, die sie ohne
Unterscheidung, ohne fieberhafte Vorbereitung, ohne wirkliche Wallung
und Aufregung des Blutes und der Nerven durchmachten, erschien ihm mehr
als flach und geradezu gemein.

Nach und nach zog er sich daher von ihnen zurck und schloss sich den
Litteraten an, bei denen er mehr geistige Verwandtschaft zu finden und
sich wohler zu fhlen hoffte. Dies aber fhrte nur neue Enttuschungen
mit sich, denn er war emprt, ihre kleinlichen und rachschtigen Urteile
zu erkennen, ihre banale Unterhaltung und ihre widerlichen
Streitigkeiten zu hren, wonach der Wert eines Werkes einfach nach der
Zahl der Auflagen und dem Ertrag des Verkaufes bemessen wurde.

Er lernte zu gleicher Zeit die Freidenker wie die Prinzipienreiter des
Brgerstandes kennen, Leute die alle Freiheit beanspruchten, um die
Meinungen der andern zu ersticken; habschtige, schamlose Puritaner,
deren Bildung er noch geringer schtzte als die des ersten besten
Eckenstehers.

Seine Menschenverachtung nahm immer mehr zu; er erkannte, dass die
Menschheit zum grossen Teil aus leeren Prahlhnsen und Dummkpfen
besteht, so dass er die Hoffnung aufgab, bei anderen wahre Seelengrsse
oder reinen Hass zu entdecken. Er verzichtete darauf, einer
Fassungskraft zu begegnen, die sich wie die seine in einer arbeitsamen
Abgeschlossenheit gefiel, oder in einem Schriftsteller oder Gelehrten
den scharf durcharbeiteten Geist zu finden, der sich dem seinen
anschliessen konnte.

Er fhlte sich nervs und mehr als unbehaglich, war von der Flachheit
der Ideen, die man gegenseitig austauschte, angewidert, und wurde wie
die Leute, von denen Pierre Nicole sagt, dass sie berall empfindlich
und gereizt seien. Es kam so weit, dass er sich fortwhrend seine Haut
aufritzte. Geradezu unertrglich litt er bei der Lektre patriotischer
oder sozialer Thorheiten, die jeden Morgen von den Zeitungen unter die
Leute gebracht und mit denen die ehrsamen Leser abgespeist wurden.

Er begann schon von einer abgeschiedenen Thebade, einer komfortablen
Wstenei, einer unbeweglichen und angenehm durchwrmten Arche zu
trumen, wohinein er sich vor der wachsenden Flut des schon mehr
unmenschlichen Bldsinns zu flchten gedachte.

Eine einzige Leidenschaft, das Weib, htte ihn von dieser allgemeinen
Verachtung, welche ihn erdrckte, zurckhalten knnen, aber diese Saite
war ja leider auch verbraucht.

Hatte er doch an dieser Fleischestafel mit dem launenhaften Heisshunger
eines Menschen gelagert, der an krankhafter Esslust leidet, und dessen
Gaumen bald abgestumpft und bersttigt ist. Whrend der Zeit, in der er
mit den Junkern verkehrte, hatte er an ihren tollen Gelagen
teilgenommen, bei denen trunkene Dirnen sich zum Nachtisch die Kleider
lften und mit dem Kopfe, wenn nicht unter, so doch auf dem Tische
liegen. Selbstredend war er hinter den Coulissen gewesen; er hatte es
mit Schauspielerinnen und Sngerinnen versucht und ausser der den Frauen
angeborenen Dummheit die rasende Eitelkeit elender Knstlerinnen zu
ertragen gehabt; er hatte mit galanten, ihrer Schnheit wegen berhmten
Frauenzimmern in Verbindung gestanden und gewaltiges Geld an gewisse
Agenturen bezahlt, wofr er sehr zweifelhafte Vergngungen genossen, um
sich schliesslich bersttigt und dieses gleichfrmigen Luxus, dieser
erknstelten Zrtlichkeiten berdrssig, in die untersten Schichten der
Gesellschaft zu strzen. Hier hoffte er seine nimmersatte Gier durch den
Kontrast neu aufstacheln und seine schlummernde Sinnlichkeit durch die
aufreizende Unreinheit des Elends wieder anfachen zu knnen.

Doch was er auch versuchen mochte, ein ungeheurer Weltschmerz drckte
ihn nieder. Er gab dennoch den Kampf nicht auf. Er nahm seine letzte
Zuflucht zu den gefhrlichen Liebkosungen der Virtuosinnen; seine
Gesundheit wurde schwach und seine Nerven zermrbten mehr und mehr. Sein
Nacken wurde empfindlich und seine Hand fing schon zu zittern an.
Allerdings hielt er sie noch gerade, sobald er einen schweren Gegenstand
ergriff, doch war sie kraftlos, sobald er etwas Leichtes, zum Beispiel
ein Glas zu Munde fhren wollte.

Die Prognose der rzte beunruhigte ihn. Es war Zeit, diesem Leben
Einhalt zu thun und auf jene Experimente zu verzichten, die nur die
letzten Krfte raubten. Whrend einiger Zeit verhielt er sich ruhig;
aber sein Gehirn erhitzte sich bald von neuem und rief ihn wieder zu den
Waffen. Wie die jungen Mdchen in der Reife ein Verlangen nach allen
mglichen aufreizenden Dingen empfinden, kam er dahin, sich ganz
absonderlich sinnliche Freuden und Gensse auszumalen und sich solchen
hinzugeben. Dies aber war der Anfang vom Ende. bersttigt und erschpft
von allem verfielen seine berreizten Sinne einer Art Lethargie -- das
sichere Anzeichen eines herannahenden Unvermgens.

Er kam dann wieder von seinen Verirrungen ernchtert, entsetzlich
ermattet zurck, ein Ende herbeisehnend, vor dem die Feigheit seines in
Sinnlichkeit versunkenen Charakters zurckschauderte.

Seine Idee, sich irgendwo fern von der Welt niederzulassen, sich
gleichsam in einem Winkel einzunisten und wie ein Kranker zu leben, der
die Strasse mit Stroh bedecken lsst, um den Lrm des unerbittlichen
Lebens zu dmpfen, wurde immer strker in ihm.

Zudem war auch der Zeitpunkt gekommen, einen Entschluss zu fassen, denn
seine Vermgensverhltnisse erschreckten ihn. Den grssten Teil seines
Erbgutes hatte er thrichterweise lngst vergeudet, und der Rest steckte
in Lndereien, die ihm lcherlich wenig einbrachten.

Er entschloss sich daher, Schloss Lourps zu verkaufen, wohin er doch
nicht mehr ging, und wo ihn keine Erinnerung und kein Bedauern fesselte;
er liquidierte ebenfalls seine andern Gter, kaufte sich Staatspapiere
und machte sich in solcher Weise ein jhrliches Einkommen von 50,000
Franken. Er behielt ausserdem noch eine ansehnliche Summe zurck, die er
fr den Kauf und die Einrichtung des Huschens bestimmte, in welchem er
in vlliger Stille und Zurckgezogenheit leben wollte.

Er suchte die Umgegend von Paris ab und entdeckte ein kleines Huschen
hoch oben in Fontenay-aux-Roses, das billig zu verkaufen war, weil es an
einem entlegenen Platze ganz ohne Nachbarn in der Nhe der Feste lag.
Sein Traum erfllte sich, denn in diesem Orte, der wenig von Parisern
heimgesucht ist, war er ziemlich sicher, die gewnschte
Zurckgezogenheit zu finden. Die Schwierigkeit der unzuverlssigen
Verbindung mittels Eisen- und Pferdebahn, die am Ende des Stdtchens
stationiert waren, und die gingen und kamen, wie es ihnen passte,
beruhigte ihn sehr. Wenn er an diese neue Existenz dachte, die er sich
daselbst grnden wollte, empfand er eine grosse Freude, und dies um so
mehr, als die Wohnung ziemlich weit vom Seineufer entfernt lag, so dass
ihn der Menschenstrom selbst nicht erreichte, whrend er dennoch in der
Nhe der Hauptstadt verblieb, so dass ihm seine Zurckgezogenheit nicht
gerade fhlbar wurde.

Er schickte die Maurer in das neu erstandene Haus, und eines Tages, ohne
irgend jemand etwas von seinen Plnen zu verraten, verkaufte er sein
Mobiliar, entliess seine Diener und verschwand, ohne seine Adresse zu
hinterlassen.




                            ERSTES KAPITEL.


Mehr als zwei Monate vergingen noch, bevor sich Herzog Jean in die
stille Zurckgezogenheit seines Huschens in Fontenay vergraben konnte.
Einkufe aller Art ntigten ihn, noch eine Weile in Paris zu verbleiben
und die Stadt oft von einem Ende bis zum andern zu durchlaufen.

Lange hatte er nachgeforscht und gegrbelt, ehe er die neue Wohnung
endlich den Tapezierern berlassen konnte. --

Vormals, da er noch schne Frauen zu sich kommen liess, hatte er ein
Boudoir nach seiner Angabe einrichten lassen, wo sich inmitten kleiner
geschnitzter Mbel aus hellem japanischen Kampferholz unter einem Zelt
von indischem Rosa-Atlas der nackte Krper beim knstlichen Wiederschein
des bauschigen Stoffes noch zarter frbte.

Jenes Gemach, dessen grosse Spiegel sich bestndig reflektierten und so
eine ganze Reihe von Rosa-Boudoirs darstellten, war bei den Damen der
galanten Welt sehr berhmt gewesen; denn es machte ihnen grosses
Vergngen, ihre Nacktheit in dieses sanfte Inkarnat zu tauchen, wie auch
den starken Duft der Mbel einzuatmen.

So hatte er unter anderem aus Hass und Verachtung seiner Kindheit unter
dem Plafond dieses Boudoirs einen kleinen Kfig aufgehngt, in dem ein
kleines Heimchen zirpte, wie er's oft in der Asche der hohen Kamine im
Schlosse Lourps gehrt, whrend jener langen stillen Abende, die er bei
seiner Mutter zubringen musste; und die Erinnerung daran, wie an das
Alleinsein in seiner traurigen Jugend stieg in wirrem Durcheinander vor
ihm auf. Bei den Bewegungen des Weibes, welches er liebkoste, und dessen
Geschwtz oder Lachen seine Vision verscheuchte und ihn pltzlich in die
Wirklichkeit versetzte, -- in diesem so weltlichen Boudoir entstand ein
Kampf in seiner Seele, ein Bedrfnis, alle die erlittenen Trbsale
zu rchen, eine Wut, durch schndliche Gemeinheiten die
Familienerinnerungen zu besudeln, das rasende Verlangen, auszukeuchen
auf diesem Menschenleib, bis zum letzten Tropfen die wahnsinnigsten der
sinnlichen Verirrungen auszukosten.

Dann wieder einmal, wenn der Spleen ihn packte und wenn bei nassem
Herbstwetter der Widerwille gegen sein Heim und gegen den trben
wolkenschweren Himmel draussen ihn erfasste, dann flchtete er sich an
das verborgene Pltzchen, bewegte leise den Kfig und beobachtete, wie
derselbe sich rings herum unzhlige Male wiederspiegelte, bis es seinen
trunkenen Augen endlich vorkam, als ob der Kfig sich nicht mehr
bewegte, dass aber das ganze Boudoir schwanke und sich drehe wie in
einem sanften rosa Walzer.

Ein anderes Mal, als Jean des Esseintes sich wieder durch seine
Sonderbarkeit auszeichnen wollte, hatte er ein Mblement nach seltsamem
Geschmack zusammengestellt. Er teilte seinen Salon in eine Reihe von
Nischen, die alle verschieden ausgeschmckt waren und die miteinander
vereinigt werden konnten. Es waltete hier eine tolle bereinstimmung von
freundlichen und dstern, von zarten und krassen Farben. Dann liess er
sich in einer dieser Nischen nieder, deren Dekoration ihm am besten mit
der Eigenart des Werkes, welches er gerade las, zu harmonieren schien.

Schliesslich hatte er noch einen hohen Saal herrichten lassen, in dem er
seine Lieferanten empfing. Sie mussten sich nebeneinander in eine Art
von Kirchensthlen setzen. Hier bestieg er eine hohe Kanzel, von der
herab er ihnen eine Predigt ber die Eitelkeit und das Geckentum der
Welt hielt. Er forderte von hier aus seinen Schuhmacher und Schneider
feierlich auf, sich aufs genaueste nach seinem ppstlichen Schreiben
hinsichtlich des Schnittes zu richten, wobei er sie mit einem pekuniren
Kirchenbann bedrohte, so sie nicht die in seinem vterlichen
Ermahnungsschreiben und seinen Encykliken gegebenen Anweisungen
buchstblich zur Ausfhrung brchten.

So erlangte er bald den Ruf eines hchst excentrischen Menschen, den er
dadurch zu krnen suchte, dass er sich Anzge aus weissem Sammt
anfertigen liess; wie er auch Westen aus Goldbrokat trug und statt der
Krawatte einfach einen grossen Veilchenstrauss in den weiten Ausschnitt
seines Hemdes steckte. Dann gab er den Litteraten oft grossartige
Diners, unter anderm ein Trauerdiner nach dem Muster des achtzehnten
Jahrhunderts, um ein ganz unbedeutendes kleines Missgeschick, das ihm
zugestossen, klassisch zu feiern.

Der Esssaal war ganz schwarz ausgeschlagen. Er fhrte nach dem vllig
umgestalteten Garten hinaus, dessen Alleen zu diesem Zweck mit feinem
Kohlenstaub bestreut waren; das kleine mit Basaltstein umrandete
Wasserbecken war mit schwarzer Tinte gefllt, die Gebsche bildeten
Fichten und Cypressen. Die Mahlzeit wurde auf einem schwarzen Tischtuch
serviert, auf dessen Mitte sich Blumenkrbe, mit Veilchen und Skabiosen
gefllt, befanden. In hohen Kandelabern brannten grnliche Flammen, und
Wachskerzen in Armleuchtern erhellten den Saal. Ein unsichtbares
Orchester spielte Trauermrsche, und die Gste wurden von nackten
Negerinnen, bekleidet mit Pantoffeln und kleinen Strmpfen aus
Silbergewebe, die mit glnzenden Kgelchen beset waren, bedient.

Man ass von Tellern mit schwarzem Rande: Schildkrtensuppe, russisches
Schwarzbrot, reife trkische Oliven, Kaviar, Seebarben (ein im Sden von
Frankreich sehr beliebtes Gericht), Wildpret in schwarzer Sauce, so
schwarz als wr's Lakritzensaft und Stiefelwichse, Trffelpure,
Schokoladenpudding, dem dann ganz dunkle Blutpfirsiche, blauschwarze
Trauben, Maulbeeren und schwarze Kirschen folgten. Man trank aus dunklen
Glsern die Weine von Limagne und Roussillon, von Tenedos, Val de Peas
und Porto und labte sich schliesslich nach dem Kaffee mit Nussschnaps,
Kwas, Porter und Stout.

Die Einladungen zu diesem Diner waren auf Papier mit breitem, schwarzem
Trauerrand geschrieben. -- --

Aber diese Extravaganzen und Tollheiten, in denen er frher seinen Ruhm
suchte, hatten sich erschpft.

Heute gedachte er nur mit Verachtung jener kindischen Albernheiten und
veralteten Prahlereien, jener absurden Kleidung und seltsamen
Ausschmckungen seiner Wohnung. Jetzt beabsichtigte er, sich einfach ein
bequemes Heim zu seinem persnlichen Vergngen zu schaffen und nicht das
Staunen anderer zu wecken. Er hatte jetzt nur vor, sich eine ruhige,
wenn auch barocke Wohnung einzurichten, die sich fr seine knftige
einsame Lebensweise am besten eignen sollte.

                   *       *       *       *       *

Als das Haus in Fontenay von seinem Architekten schliesslich hergestellt
und nach seinen Wnschen und Plnen eingerichtet war, und als ihm nur
noch die innere Ausschmckung zu erledigen brig blieb, da stellten sich
ihm die ersten Schwierigkeiten in den Weg.

Das was er wollte, waren nmlich Farben, welche beim Lampenlichte Stich
hielten. Ob sie bei Tage hart oder unschn, war ihm gleich, da er die
Nacht zum Tage zu machen gedachte, da er sich sagte, dass man dann erst
ganz allein sei, und der Geist erst wirklich bei der nheren Berhrung
der Schatten der Nacht belebt und erregt werde. Er fand eine gewisse
Befriedigung darin, sich ganz allein in einem grossen, hell erleuchteten
Raume aufzuhalten, whrend alles um ihn herum wie ausgestorben war.

Sorgfltig berlegend whlte er die Farben.

Blau wird bei Licht ein ungewisses Grn; und wenn es Kobalt oder
Indigoblau ist, so wird es schwarz aussehen; ist es hell, so verndert
es sich in grau, und ist es blau wie der Trkis, so nimmt es eine trbe
eisige Frbung an, es sei denn, dass man es mit einer anderen Farbe
mischt; sonst kann man es kaum in einem Raum verwerten. Andererseits
nimmt das Eisengrau ebenfalls eine unfreundlich schwere Frbung an;
Perlgrau verliert seine Zartheit und verwandelt sich in schmutziges
Weiss; Braun wirkt trbe und erkaltend; und was Dunkelgrn, Kaisergrn
und Olivengrn anbelangt, so hat es denselben Nachteil wie Dunkelblau
und verschmilzt mit Schwarz; bleiben also nur noch die blassgrneren
Farben, wie Pfauengrn, dann Zinnober, die Lackfarben, hier aber verjagt
das Licht das Blau und lsst das Gelb hervortreten, welches wieder einen
unnatrlich verschwommenen Ton annimmt.

Es war auch nicht daran zu denken, Lachsfarbe, Maisgelb oder Rosenrot zu
nehmen, denn diese weichen Farben standen im Widerspruch mit den
Gedanken seiner Abgeschiedenheit; unmglich war ebenfalls Veilchenblau,
da es bei Licht verschwimmt und das Rot darin allein des Abends
hervortritt, doch was fr ein Rot! Dick und klebrig! Es schien ihm
ausserdem berflssig, zu dieser Farbe seine Zuflucht zu nehmen, denn
wenn man ein wenig Santonine einmischt, so erscheint es violett; diese
Farbe ist nicht leicht zur Wandbekleidung zu verwenden.

Er nahm daher von diesen Farben Abstand, und so blieben ihm nur noch
drei brig: Orangegelb, Citronengelb und Rot.

Er zog das Orangegelb vor, indem er durch sein eigenes Beispiel die
Wahrheit einer Theorie besttigte, welche er im brigen fr
mathematische Richtigkeit erklrte: nmlich, dass eine Harmonie zwischen
der sinnlichen Natur eines Menschen, der wirklich Knstler ist, und der
Farbe existiert, welche sein Auge besonders lebhaft sieht.

Wenn man die grosse Menge beiseite lsst, deren grobe Netzhaut weder die
eigenartige Harmonie der Farben bemerkt, noch den geheimnisvollen Reiz
ihrer Abstufungen und ihrer Zusammenstellung kennt; wenn man gleichfalls
die Brger-Philister beiseite lsst, welche unempfnglich fr die Pracht
und den Sieg der starken krftigen Nuancen sind, und um sich nur auf
diejenigen zu beschrnken, deren Augen durch Litteratur und Kunst
verfeinert sind, so erscheint es zweifellos, dass das Auge desjenigen,
der Ideales trumt und der Illusionen bedarf, gewhnlich eine Vorliebe
fr Blau und dessen Abstufungen, sowie fr die lila und perlgraue Farbe
habe, vorausgesetzt, dass diese Nuancen weich und verschwommen bleiben
und nicht die Grenze berschreiten, wo sie in ein bestimmtes Violett und
scharfes Grau bergehen.

Diejenigen aber, die frei und ungebunden leben, krftige Sanguiniker,
starke energische Menschen sind, gefallen sich meistens in schimmernden
Farben, wie Rot und Gelb, wie sie auch die Zimbelschlge des Zinnobers
und der Chromfarben lieben, die sie blenden und berauschen.

Die geschwchten und nervsen Menschen dagegen, deren sinnlicher Appetit
nach Speisen sucht, welche scharf gewrzt sind, -- die Augen dieser
hektischen, berreizten Naturen lieben fast alle die krankhaft
aufregende Farbe mit tuschendem Glanze, mit scharfem, unruhigem
Wechsel: das Orangegelb.

Die Wahl, welche der Herzog Jean treffen wrde, liess also kaum Zweifel
zu; dennoch aber entstanden neue Schwierigkeiten, denn wenn auch das Rot
und Gelb sich bei Lichte glnzend bewhrten, so geschieht das nicht
immer bei ihrer Zusammenstellung. Das Orangegelb verschrft und
verwandelt sich oft in Dunkelrot oder gar in Feuerrot.

Bei Kerzenlicht versuchte er alle seine Farbenzusammenstellungen und
entdeckte eine, welche gleich zu bleiben und sich nicht den
Anforderungen zu entziehen schien, die er an sie stellte. Nachdem diese
Vorkehrungen beendet waren, bemhte er sich, so viel es eben mglich
war, fr sein Arbeitszimmer die orientalischen Farben und Teppiche zu
vermeiden, die prahlend und gewhnlich geworden sind, seit Parvens sie
sich in den grossen Modemagazinen zu herabgesetzten Preisen leicht
verschaffen knnen.

Nach reiflicher berlegung entschloss er sich dazu, die Wnde wie seine
Bcher mit Saffian-Leder mit breitgedrckten Narben oder mit satiniertem
Kap-Leder bekleiden zu lassen.

Als das Getfel derartig geschmckt war, liess er die Leisten und
Gesimse mit dunkler Indigofarbe und einer blauen Lackfarbe bestreichen,
so, wie sie die Wagenbauer fr das ussere der Wagen verwenden; und der
etwas gewlbte Plafond, ebenfalls mit Saffian-Leder bezogen, ffnete
sich wie ein ungeheures rundes Fenster, eingefasst von orangegelbem
Leder: ein kreisfrmiges Himmelszelt von knigsblauer Seide, in dessen
Mitte silberne Seraphine mit ausgebreiteten Flgeln schwebten.

Er hatte richtig kalkuliert: Das Getfel vernderte sein Blau nicht, es
wurde gehalten und erwrmt durch das Orangegelb, welches ebenfalls Farbe
hielt, untersttzt und belebt durch den krftigen Zug der blauen Farben.

Was die Mbel anbetrifft, so hatte Herzog Jean keine allzu grosse Mhe,
da der einzige Luxus dieses Zimmers nur aus Bchern und seltenen Blumen
bestehen sollte; er begngte sich damit, an den Wnden Bcher- und
Fachschrnke aus Ebenholz aufzustellen, indem er sich fr spter
vorbehielt, die frei gebliebenen Zwischenrume mit einigen Bildern und
Zeichnungen zu schmcken. Dann liess er den getfelten Fussboden mit
Fellen von wilden Tieren belegen. In der Nhe eines grossen massiven
Tisches aus der Mitte des 15. Jahrhunderts standen tiefe Lehnsthle und
ein altes Kirchenpult aus Schmiedeeisen -- eines jener antiken
Chorpulte, auf welches ehemals der Diakonus das Chorbuch gelegt, und auf
dem jetzt einer der schweren Folianten des Glossarium mediae et infimae
latinitatis von dem Gerichtsschreiber du Cange stand.

Die Fenster, mit Scheiben aus blulichen Flaschenbden von rissigem
Schmelz und Goldrand, schnitten die Aussicht auf das Land ab und liessen
nur ein gedmpftes Licht eindringen; sie wurden ausserdem mit Vorhngen
aus alten Messgewndern verhngt, deren dunkles, fast rauchiges Gold
sich in einem matt rotgelben Gewebe verlor.

Und endlich noch befand sich auf dem Kamine, dessen Bekleidung ebenfalls
aus einem prachtvollen florentinischen Messgewand hergestellt war,
zwischen zwei Monstranzen aus vergoldetem Kupfer byzantischen Stils,
welche der alten Abtei Bois-de-Bievre entnommen waren, eine wunderbar
schne Messtafel mit drei getrennten Fchern von ausserordentlicher
Zartheit; unter dem Glas ihres Rahmens sah man ferner auf Pergament in
entzckender Messbuchschrift kopiert und mit kostbarer Ausmalung
versehen drei Werke von Baudelaire: zur Rechten und Linken Sonette mit
dem Titel der Tod der Verliebten, der Feind -- und in der Mitte in
Prosa: Any where out of the world.




                            ZWEITES KAPITEL.


Nach dem Verkauf seiner Gter nahm Herzog Jean die alten verheirateten
Dienstleute zu sich, welche seine Mutter gepflegt und die zu gleicher
Zeit dem Amte als Verwalter und Kastellane in Schloss Lourps
vorgestanden hatten, das bis zur Feststellung des gerichtlichen Verkaufs
unbewohnt und leer geblieben war.

Er liess das Ehepaar nach Fontenay kommen. Sie waren an die Thtigkeit
der Krankenwrter, an die Regelmssigkeit, mit der von Stunde zu Stunde
die Arzeneien verabreicht wurden, wie an das starre Schweigen des
Klosterslebens gewhnt. Ohne mit der Aussenwelt im geringsten zu
verkehren, verblieben sie stets in geschlossenen Zimmern hinter
verschlossenen Fenstern.

Dem Mann wurde die Reinigung der Zimmer und das Einholen bertragen, die
Frau mit dem Kochen beauftragt. Er berliess ihnen den ersten Stock des
Hauses, doch mussten sie dicke Filzschuhe tragen. Er liess Windfnge vor
den gut gelten Thren anbringen und ihre Fussbden mit dicken Teppichen
belegen, so dass er ihre Schritte ber seinem Kopfe nicht hrte.

Er verabredete ebenfalls mit ihnen eine gewisse Art zu klingeln und
bestimmte die Bedeutung der einzelnen Klingelzeichen nach ihrer Krze
und Lnge; bezeichnete auf seinem Schreibtisch den Platz, wo sie jeden
Monat das Rechnungsbuch hinlegen mussten -- kurz er richtete sich so
ein, dass er nicht oft gentigt war, sie zu sehen.

Ebensowenig wollte er, da die alte Dienerin manches Mal am Hause vorber
gehen musste, um aus einem kleinen Schuppen Holz zu holen, dass ihn ihr
Schatten stre, welcher dann durch die Scheiben seiner Fenster fiel. Er
liess ihr daher ein besonderes Kostm aus flandrischer Seide mit weisser
Mtze und niedergeschlagener breiter schwarzer Kapuze anfertigen, in der
Art, wie sie die Frauen des Beguinenklosters in Gent tragen.

Wenn der Schatten dieser Kopfbedeckung in der Dmmerung an seinen
Fenstern vorberglitt, so gab er ihm das Gefhl, dass er sich in einem
Kloster befinde. Es erinnerte ihn an die stillen frommen Drfer, die
toten und versteckten Stadtviertel einer thtigen und lebhaften Stadt.

Er regelte und stellte auch die Stunden der Mahlzeiten fest, die
brigens wenig gewhlt, vielmehr beraus einfach waren, denn die
Schwche seines Magens erlaubte ihm nicht, verschiedene oder schwere
Gerichte zu geniessen.

Um fnf Uhr im Winter, beim Herannahen der Dunkelheit, nahm er ein
leichtes Frhstck ein, welches aus zwei Eiern, kaltem Fleisch und Thee
bestand. Um elf Uhr hielt er seine Hauptmahlzeit; manchmal trank er
etwas Kaffee, Thee oder Wein whrend der Nacht, und gegen fnf Uhr
morgens naschte er wohl noch ein paar leichte Sachen, worauf er sich
schlafen legte.

Er nahm diese Mahlzeiten, deren Anordnung und Reihenfolge ein fr alle
Mal zu Anfang jeder Jahreszeit festgesetzt wurde, an einem Tisch in der
Mitte eines kleinen Zimmers ein, welches von seinem Arbeitszimmer durch
einen ganz mit dickem Stoff ausgeschlagenen Korridor getrennt und ganz
hermetisch verschlossen war, so dass weder Geruch noch Lrm in die
beiden andern Gemcher dringen konnte.

Dieses Esszimmer glich einer Schiffskajte mit gewlbtem Plafond, im
Halbkreis mit Balken, Wnden und Fussbden aus hellem Fichtenholz
versehen, mit dem kleinen, runden, ins Holz eingelassenen Fenster, das
der Luftffnung an den Seiten eines Schiffes nicht unhnlich war.

Gleich japanischen Schachteln, von denen die eine immer in die andere
hineinpasst, war dieser Raum vom Architekten in einen grsseren
eingeschaltet, der als eigentlicher Esssaal erbaut war.

Dieser hatte zwei Fenster, eines unsichtbar durch eine leichte
Bretterwand den Blicken entzogen, das aber durch eine Feder nach Wunsch
niedergelassen werden konnte, damit frische Luft durch die ffnung
eindringe, um die Fichtenholzkajte cirkuliere und sich hier verbreite.
Das andere sichtbare Fenster befand sich grade gegenber dem runden
Kajtenfensterchen in der Holzbekleidung, jedoch zugesetzt durch ein
grosses Aquarium, welches den ganzen Raum zwischen dem kleinen runden
und dem wirklichen Fenster in der Mauer ausfllte. Das Tageslicht drang
also durch das grosse Fenster, durch das Wasser und schliesslich durch
das runde Fenster in die Kajte.

Wenn dann der Samowar auf dem Tische dampfte und die Sonne im Herbste
unterging, so rtete sich das Wasser im Aquarium trbe und glsern und
warf einen leichtfeurigen Schimmer auf das helle Getfel.

Nachmittags manchmal, wenn der Herzog Jean zufllig wach war und
aufstand, setzte er den Betrieb der Wasserrhren welche das Aquarium
leerten, in Bewegung, und liess es sich wieder von neuem mit frischem
Wasser fllen. Indem er dann einige Tropfen farbiger Essenz hineinthat,
erzeugte er grnliche und gelbliche, milchweisse oder silberne
Frbungen, wie die natrlichen Gewsser je nach der Farbe des Himmels,
der mehr oder minder starken Glut der Sonne, oder des nahenden Regens
erscheinen, mit einem Wort: wie es die Jahreszeit der Atmosphre
verursacht.

Er bildete sich dann ein, in dem Zwischendeck einer Brigg zu sein; und
neugierig betrachtete er wunderbar gearbeitete Fische, die, aufgezogen
durch ein Uhrwerk, vor der Scheibe des runden Kajtenfensters
vorbeischwammen und in dem knstlichen Gras hngen blieben. Oder er
betrachtete, whrend er den Theergeruch einsog, mit dem man den Raum
besprengt hatte, bevor er ihn betrat, die an den Wnden
aufgehngten farbigen Stiche, welche -- wie in den Agenturen der
Schiffahrtsgesellschaften -- Dampfschiffe auf dem Weg nach Valparaiso
oder La Plata vorstellten. Oder er besah die eingerahmten Tabellen, auf
welchen die Reiseroute der Linie der Postdampfer der Compagnieen Lopez
und Valry, die Frachtgelder, die Hfen des Postdienstes im Atlantischen
Meer verzeichnet waren.

Dann, wenn er mde war diese Fahrplne zu Rate zu ziehen, liess er seine
Blicke ber die Chronometer und Kompasse schweifen, ber die
Winkelmesser und Zirkel, die Fernrohre und Karten, die zerstreut auf dem
Tisch lagen, auf dem sonst nur ein einziges Buch aufgestellt war,
gebunden in Seehundsleder: Arthur Gordon Pyms Abenteuer, welches
besonders fr ihn auf streifiges Papier reinster Faser gedruckt war,
jedes Blatt sorgfltig ausgesucht und mit einer Schwalbe im
Wasserzeichen.

Da waren ausserdem Fischereigerte, durch Lehm gezogene Netze,
aufgerollte braune Segel, ein kleiner schwarz gestrichener Anker aus
Kork, zu einem Haufen nahe der Thr vereinigt, welche durch einen
kleinen ausgepolsterten Flur in die Kche fhrte, und der ebenso wie der
Korridor den Esssaal mit dem Arbeitszimmer verband, um die Gerche und
den Lrm aufzusaugen.

Auf diese Art verschaffte er sich ohne grosse Mhe sofort die
augenscheinlichsten Eindrcke einer Seereise. Besteht doch das Vergngen
der Abwechslung im Grunde genommen einzig in der Erinnerung und fast
niemals in der Gegenwart, in dem Augenblicke selbst. Er kostete sonach
diese Abwechslung in vollen Zgen, mit aller Bequemlichkeit, ohne jede
Anstrengung und ohne die sonst unvermeidlichen Verdriesslichkeiten in
dieser erdachten Kajte.

Bewegung schien ihm zudem berflssig, da ihm die Einbildung leicht die
gewohnte Wirklichkeit des Lebens zu ersetzen vermochte.

Nach seiner Ansicht war es nmlich mglich, sich die Wnsche, die fr
die schwierigsten gelten, im normalen Leben knstlich selbst zu
befriedigen und dies mittels Tuschung durch eine genaue Flschung der
erwnschten Gegenstnde zu thun. Ist es doch klar, dass jeder
Feinschmecker heutigen Tages entzckt ist, wenn er in einem wegen der
Vortrefflichkeit seines Kellers berhmten Restaurant die teuren Weine
schlrft, welche nach Pasteurs Methode aus leichten billigen Weinen
hergestellt sind. Falsch oder echt, diese Weine haben ganz dasselbe
Aroma, dieselbe Farbe, dieselbe Blume, und verursachen also auch
dasselbe Vergngen, das man beim Kosten und Geniessen echter und reiner
Weine empfindet, die infolge starker Nachfrage schliesslich fr Gold
kaum aufzutreiben sein mchten.

Es unterliegt nach alledem keinem Zweifel, dass sich diese berauschende
Abweichung, diese geschickte Lge und Tuschung des Geistes in die Welt
des realen Verstandes bertragen lassen, und dass man mithin ebenso
leicht wie in der materiellen Welt eingebildete Wonnen geniessen kann,
die fast in allen Punkten den wirklichen gleichen. Kein Zweifel zum
Beispiel, dass man im Notfall dem strrisch langsamen Geiste nachhelfen,
beim Lesen einer fesselnd geschriebenen Reisebeschreibung ruhig am Kamin
verweilen und sich erfolgreich angenehmen Forschungen hingeben kann. Wie
man sich auch -- ohne Paris zu verlassen -- das wohlthuende Gefhl eines
Seebades suggerieren kann, da es ja gengt, sich nach Vigier zu begeben,
dessen Bder mitten in der Seine liegen.

Wenn man dort das Wasser der Wanne salzen lsst und nach der Vorschrift
des Arzeneibuches schwefelsaures Sodasalz und Magnesia hinzufgt und ein
kleines Ende Kabeltau aus einer Seilerei mitnimmt und dann den Duft,
welchen dieses Tau noch bewahrt hat, einsaugt und dabei eifrig Joanne's
Handbuch liest, welches die Schnheiten des Strandes, an dem man sein
mchte, beschreibt; und wenn man sich dann schliesslich noch leise von
den Wellen schaukeln lsst, welche die Dampfschiffe, die an der
schwimmenden Badeanstalt vorbeifahren, in der Badezelle aufwerfen, wenn
man das chzen des Windes hrt, der sich unter den Brcken fngt, und
dem dumpfen Lrm der Omnibusse lauscht, die wenige Schritte weiter ber
Pont-Royal hinwegrollen -- ist da nicht die Illusion des Meeres
unleugbar da?

Es handelt sich eben nur darum, seinen Geist auf einen bestimmten Punkt
zu richten.

Da ist nicht eine ihrer Erfindungen, mge sie fr noch so feinsinnig
oder noch so grossartig gelten, die das Genie des Menschen nicht zu
schaffen imstande wre! Da ist kein Wald von Fontainebleau, kein
Mondschein, welchen nicht eine von elektrischem Licht berflutete
Dekoration hervorzuzaubern vermchte; kein Wasserfall, welchen die
Wasserleitungskunst nicht tuschend nachahmen knnte, kein Felsen, der
nicht durch Papiermach herzustellen wre, keine Blume, die nicht durch
besonderen Taffet und zart bemaltes Papier genau so wiedergegeben werden
knnte!

Unzweifelhaft hat diese uralte Schwtzerin Natur die gutmtige
Bewunderung der wirklichen Knstler erschpft, und der Augenblick ist
gekommen, sie verbessert zu ersetzen, so weit es sich eben durch die
Kunst ermglichen lsst.

Und dann, um ehrlich zu sein: dasjenige ihrer Werke, welches fraglos als
das knstlichste gilt, diejenige ihrer Schpfungen, deren Schnheit nach
Aller Ansicht die ursprnglichste und vollkommenste ist, das _Weib_! Hat
der Mensch nicht seinerseits ein ebenso knstliches Wesen voll von Leben
geschaffen, welches vom Gesichtspunkt der plastischen Schnheit aus ihr
vollkommen gleichwertig ist? Giebt es wohl hienieden ein Wesen, das, in
Freuden der Brunst empfangen und mit Schmerzen aus der Mutterschaft
hervorgegangen, an Form und Race strahlender und prchtiger sei, als
dasjenige der beiden Lokomotiven, die auf der Nordbahn ihren Dienst
verrichten?

Die eine, die Crampton, eine entzckende Blondine, mit scharfer Stimme,
von hohem, schlankem Wuchs, eingeschnrt in ein glnzendes
Kupferkorsett, geschmeidig -- nervs wie eine Katze -- eine schmucke
goldige Blondine, deren aussergewhnliche Anmut nahezu erschreckt, wenn
sie ihre Stahlmuskeln steift und den Schweiss ihrer warmen Schenkel
dadurch erhht, dass sie die ungeheure Rosette ihres zarten Rades in
Bewegung setzt und wie rasend an der Spitze des Schnellzuges vorwrts
strmt!

Die andere, die Engerth, eine monumentale, dunkle Brnette mit dumpfen
rauhen Tnen, mit stmmigen Lenden, eingepresst in ihren gusseisernen
Panzer, ein unfrmiges Wesen mit wilder Mhne schwarzen Rauches und mit
sechs niedrigen gepaarten Rdern; welche erdrckende Macht, wenn sie die
Erde erzittern macht und plump und langsam den schweren Gterzug hinter
sich drein schleppt!

Sicherlich giebt es unter den zarten blonden und den majesttischen
brnetten Schnheiten keine derartigen Typen zarter Schlankheit und
erschreckender Kraft; auch kann man mit Recht sagen: der Mensch hat, in
seiner Art, ebenso Gutes geschaffen wie Gott. --

Diese Betrachtungen kamen des Esseintes, wenn ihm der Wind das sanfte
Pfeifen der kleinen Eisenbahn zutrug, welche sich wie ein Kreisel
zwischen Paris und Sceaux hin und her bewegt.

Sein Haus war ungefhr zwanzig Minuten von der Station Fontenay
entfernt; aber die Hhe, auf welcher es stand, und seine einsame Lage
liessen nicht den Lrm des gemeinen Lebens bis zu ihm dringen.

Das Dorf selbst kannte er kaum. Durch seine Fenster hatte er eines
Nachts die stille Landschaft betrachtet, die sich vor ihm ausbreitete
und hinunterzog bis zum Fuss des Hgels, auf dessen Spitze die
Batterieen des Gehlzes von Verrires aufgepflanzt sind.

In der Dunkelheit rechts und links stiegen verworrene Massen stufenweise
auf, in der Ferne von anderen Batterieen und anderen Forts berragt,
deren hohe Bschungen im Mondlicht wie in Wasserfarben mit schimmerndem
Silber auf dunklem Himmelsgrund gemalt erschienen.

Zusammengeschrumpft im Schatten der Hgel erschien die Ebene in der
Mitte wie mit Mehl bestreut und mit weissem Cold-cream bestrichen. In
der warmen Luft, die leise die farblosen Grser fchelte und wrzigen
Duft verbreitete, schttelten die wie mit Kreide bertnchten Bume im
Mondlicht ihr fahles Laubwerk und vergrsserten ihre Stmme, deren
Schatten den Gipsboden mit schwarzen Streifen furchten, auf dem die
Kieselsteine wie Tellerscherben glnzten. Ihres verknstelt geschminkten
Aussehens wegen missfiel dem Herzog Jean diese Landschaft nicht. Seit
dem Nachmittag, den er auf der Suche nach dem Hause im Drfchen von
Fontenay zugebracht hatte, war er niemals mehr am Tage den Weg gegangen.
Das grne Laub dieser Gegend flsste ihm ausserdem kein Interesse ein,
bot es doch nicht einmal den zarten melancholischen Reiz dar, welcher
der oft rhrend krnklichen Vegetation entstrmt, die notdrftig
zwischen dem Schutt des Weichbildes nahe den Wllen hervorschiesst.

berdies waren ihm an jenem Nachmittage im Drfchen einige dickbuchige
Einwohner mit Backenbrten und Leute in Gehrcken mit Schnurrbrten
begegnet -- Kpfe, die ohne Zweifel der Obrigkeit oder dem Militr
angehrten; und seit dieser Begegnung hatte sein Widerwille gegen jedes
menschliche Gesicht noch mehr zugenommen.

Whrend der letzten Monate seines Aufenthaltes in Paris, als er alles
berwunden hatte, emprt durch die allgemeine Heuchelei und vom
Weltschmerz niedergedrckt, war die berreiztheit seiner Nerven derartig
gestiegen, dass sich der Anblick mancher Gegenstnde oder Wesen seinem
Gehirne so tief einprgte, dass es mehrerer Tage bedurfte, um nur die
Spuren davon zu verwischen. Unangenehme Gesichter, die sein Blick auf
der Strasse streifte, waren ihm zur wahren Qual geworden.

So litt er entschieden beim Anblick gewisser Physiognomieen, deren
hausbackener unfreundlicher Typus ihm wie eine Beleidigung erschienen;
es wandelte ihn eine wahre Lust an, diejenigen zu ohrfeigen, welche da
langsamen Schrittes mit gelehrter Miene und gesenkten Augen ber die
Strasse gingen, wie auch jene, die sich in den Hften wiegen und sich
gar wohlgefllig in Spiegelscheiben zulcheln, oder jene anderen wieder,
die eine ganze Welt von Gedanken zu bewltigen scheinen, indem sie mit
der wichtigsten Miene den albernsten Klatsch und den haarstrubendsten
Bldsinn der Tagesbltter verschlingen und einfach wiederkuen.

Er witterte bei allen eine so eingewurzelte Dummheit, einen solchen
Abscheu gegen seine eigenen Ideen, eine solche Verachtung der
Litteratur, der Kunst, kurz, was er verehrte, als wre es ihnen erblich
angeboren oder in ihre beschrnkten Krmerseelen eingeankert, die,
schliesslich nur auf Gaunerei und Geld erpicht, wie alle unbedeutenden
und schwachen Geister, nur fr niedrige Zerstreuungen der gemeinen
Politik eingenommen sind, so dass er wtend nach Hause ging, um sich mit
seinen Bchern einzuschliessen.

Kurz, er hasste mit ganzer Kraft die neuen Generationen, diese Vertreter
moderner Flegelei, die das Bedrfnis haben, berall in den Speiseslen
und Kaffeehusern laut zu schreien und unverschmt zu lachen, die uns
auf der Strasse wst anrennen, ohne um Verzeihung zu bitten, oder einem
auch wohl einen Kinderwagen zwischen die Beine schieben, ohne sich zu
entschuldigen oder kaum den Hut zu lften.




                            DRITTES KAPITEL.


Ein Teil der Bchergestelle, die an den Wnden seines orangegelben und
blauen Arbeitszimmers aufgestellt waren, enthielten ausschliesslich
lateinische Werke; doch nur solcher Autoren, die von den in der Sorbonne
gedrillten Fachgelehrten mit dem Sammelnamen Dekadenten abgethan
werden.

War doch die lateinische Sprache so, wie sie Mode war zu jener Zeit,
welche die Gelehrten hartnckig als das grosse Jahrhundert zu bezeichnen
belieben, in der That wenig dazu angethan, ihn zu reizen. Jene lackierte
Sprache mit ihren berechneten, fast unvernderlichen Wendungen, ohne
irgend eine Geschmeidigkeit der Syntax, ohne Farbe, ohne
Unterscheidungen. Jene an allen Nhten abgetragene, von holperigen
Ausdrcken befreite, wenn auch zuweilen bilderreiche Sprache vermag
allenfalls die seichten Redensarten, die unbestimmten Gemeinpltze
amtlicher Perrckenstcke und Laureat-Poeten auszudrcken, erzeugt aber
eine solche Langeweile, dass man sich beim Studium ihres Stils fast ins
grosse Jahrhundert des franzsischen Sonnengottes -- Ludwigs XIV. --
versetzt whnen drfte, wo man einzig einer gleichen Kraftlosigkeit und
Entmannung begegnet.

Da ist unter andern der sanfte Virgil, den Schulfchse gern den Schwan
von Mantua nennen, wahrscheinlich darum, weil er nicht in dieser Stadt
geboren ist. Virgil kam ihm als einer der schrecklichsten Pedanten und
unausstehlich langweiligsten Schwtzer vor, den jemals das Altertum
erzeugt; was waren denn seine so sauber gewaschenen und herausgeputzten
Schfer, die sich der Reihe nach ganze Tpfe voll gezierter, eiskalter
Verse ber den Kopf schtten? Vergleicht er seinen Orpheus doch mit
einer weinenden Nachtigall! Sein Aristeus, der Sohn des Apollo, ist ein
jammernder Bienenzchter, whrend sein Aeneas, eine beraus verwaschene
schmchtige Persnlichkeit, die mit steifen Gebrden wie ein
Schattenbild in dem fadenscheinigen, lose gebundenen und ligen Gedichte
umherwandelt. Alles dieses brachte ihn natrlich ausser sich.

Die langweiligen Albernheiten, die diese Gliederpuppen in den Coulissen
austauschen, wrde er wie die unverschmten Entlehnungen, welche bei
Homer, Theokrit, Ennius und Lucrez gemacht sind, selbst nach dem
Plagiat, das uns Makrobius als fast wrtliche Abschrift eines Gedichtes
von Pisander nachweist, -- kurz, all die unaussprechliche Leere seiner
als klassisch geltenden Gesnge noch allenfalls ruhig hingenommen haben.
Wobei ihn aber wirklich die Gnsehaut berlief, das waren seine
sechsfssigen Verse, dieses wahre Blech, wie eine leere Kanne klingend.

Jene starre Verskunst, der Meisterschmiede des Catull entnommen,
phantasiearm, einfrmig, vollgestopft mit unntzen Wrtern und
Lckenbssern, eine Anhufung feststehender Wendungen und dem Homer
sklavisch nachgebildeter Epitheta, die schliesslich nichts bezeichnen
und nichts zeigen -- dieser ganze armselige Wortschwall klanglos platter
Vergleiche spannte ihn geradezu auf die Folter.

Es muss noch hinzugefgt werden, dass, wenn seine Bewunderung fr Virgil
schon mehr als mssig war, der offene Unflat des Ovid noch geringere
Anziehungskraft fr ihn hatte, wie auch sein Widerwille gegen die
ungeschlachte Grazie und das hohle Geschwtz des Horaz, jenes trostlosen
Tlpels, der sich mit bertncht alten Clown-Zoten zierte, schon mehr
als grenzenlos war.

Auch Ciceros und Csars berhmter Lakonismus vermochte ihn wenig zu
begeistern, denn da zeigte sich eine Trockenheit des Redestils, eine
Armut des Gedchtnisses, eine unglaubliche Hartleibigkeit.

Somit fand er seine Rechnung weder hier noch dort, ebensowenig bei den
Lieblingsschriftstellern, die als Tonangebende falscher Gelehrsamkeit in
den Himmel gehoben wurden, wie bei den brigen allen: Sallust, der
weniger farblos als die andern; Titus Livius, der sentimental und
schwlstig; Seneka, aufgedunsen und matt; Suetonius, lymphatisch und
fiebernd; Tacitus, der nervseste, obgleich in seiner Krze der
schrfste und der muskulseste von Allen.

In der Poesie liessen ihn Juvenal trotz seiner zeitweilig gestiefelten
und gespornten Verse, Persius trotz seiner geheimnisvollen
Zuflsterungen vllig kalt. Indem er Tibull und Properz, Quintil und
Plinius, Statius und Martial gern berging, vermochte ihm Terenz und
selbst Plautus, deren Kauderwlsch von neugebildeten Wrtern und
zusammengesetzten Diminutiven wimmelte, schon eher zu gefallen; aber die
niedrige Komik und das grobe Salz widerten ihn an.

Herzog Jean fing erst beim Lucan an sich fr die lateinische Sprache zu
interessieren, denn da war sie schon reicher und ausdrucksvoller. Seine
sorgfltig gearbeiteten, mit Schmelz bedeckten und mit Juwelen gezierten
Verse fesselten ihn; aber diese ausschliessliche Pflege der leidigen
Form, dieser Klang hellschreiender Tne, dieser metallische Glanz
verdeckte ihm keineswegs die arge Gedankenleere, das Geschwollene und
Aufgeblasene.

Der Schriftsteller aber, welchen er wirklich gern hatte und der ihn fr
immer vom Lesen der tnenden Schriften eines Lucan entfernte, war
Petronius.

Dieser war ihm ein scharfsichtiger Beobachter, ein zarter Analytiker,
ein vortrefflicher Maler; ruhig, ohne vorgefasste Meinung und ohne Hass
beschreibt er das tgliche Leben in Rom, die Sitten seiner Zeit als
munterer satirischer Erzhler.

Er zeichnet Thatsachen im richtigen Licht und Verhltnis, er stellt sie
in der bestimmten Form und Ordnung fest, enthllt das Kleinleben des
Volkes, seine Erlebnisse, seine Rohheiten wie sein sinnliches Treiben.

Hier ist es ein Inspektor, der im Htel garni die Namen der krzlich
angekommenen Reisenden zu wissen verlangt; da sind es verrufene Huser,
in denen Mnner um nackte Weiber herumschleichen, whrend man durch die
schlecht schliessenden Thren der Kammern den Belustigungen der Paare
zusieht; dann wieder in den Villen des tollen Luxus und der unsinnigen
Pracht bermtigen Reichtums, wie in den armen Herbergen mit ihren
durchwhlten Gurtbetten voll Wanzen bewegt sich die Gesellschaft der
Zeit: Schurken wie Ascyltus und Eumolpus auf der Suche nach einem
unverhofften Fund; alte Knabenschnder im aufgeschrzten Kleide mit
weiss und rot bemalten Backen; sechzehnjhrige Liederlinge, feist mit
gekruseltem Haar; Weiber, die eine Beute ihrer hysterischen Anflle
werden; Erbschaftsjger, die ihre Knaben und Mdchen den Ausschweifungen
der Erblasser berliefern -- alle diese Typen folgen einander auf der
Strasse streitend, die Bder besuchend, sich krumm und lahm schlagend,
wie solches wohl in einer Pantomime zu geschehen pflegt.

Und dies mit einer Frische erzhlt, in schnstem Kolorit und krftigem
Stil aller Mundarten, die Ausdrcke allen in Rom untergegangenen
Sprachen entlehnt, alle Grenzen und alle Fesseln des sogenannten grossen
Jahrhunderts berschreitend. Er lsst jeden seinen Jargon reden: die
Freigelassenen und jeglicher Bildung baren das Pbellatein und gemeine
Kauderwlsch, die Fremden ihre barbarischen Mundarten, vermischt mit
Afrikanisch, Syrisch und Griechisch, und die pedantischen Dummkpfe, wie
jenen Agamemnon des Buches, seine gemachte Redeweise zum besten geben.
Diese Menschen sind alle mit einem Federstrich gezeichnet; sie lagern um
einen Tisch, tauschen den abgestandenen Ideenbrei Trunkener aus und
berbieten sich in der Verausgabung verschimmelter Grundstze und
alberner Sticheleien, das Maul stets gegen Trimalchio gerichtet, der
sich in den Zhnen stochert, ber die Gesundheit seines Innern und seine
Blhungen spricht, indem er die Gste einladet, es sich bequem zu machen
und sich ja keinen Zwang anzuthun.

Dieser realistische Roman, dieses aus dem vollen Fleisch des rmischen
Lebens geschnittene Stck, ohne ngstliche Sorge, wie man darber
urteilen werde, voll von lebendiger Satire, ohne Schielen nach Sitte
noch Moral, diese Geschichte, ohne Intrigue, fast ohne Handlung, welche
dieses sodomitische Treiben darstellt und mit seltener Feinheit die
Freuden und Schmerzen der Liebeleien in farbenprchtiger Sprache malt,
ohne dass der Verfasser nur ein einziges Mal in den Vordergrund tritt --
sie packte den Herzog Jean, denn er ersah in der Verfeinerung des Stils,
in der Schrfe der Beobachtung, in der Festigkeit der Methode eine
eigentmliche hnlichkeit mit den wenigen modernen franzsischen
Romanen, die er ertrglich fand.

Ernstlich bedauerte er, Eustion und Albutia nicht zu besitzen, jene
beiden Werke des Petronius, die auf immer verloren sind; aber der
Bcherliebhaber in ihm trstete den Gelehrten, besass er doch die
prchtige Ausgabe in Oktav des Satyricon mit der Jahresziffer 1585 und
dem Drucker J. Dousa, Leyden.

Von Petronius ab leitete seine lateinische Sammlung in das zweite
Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung ber, zu dem schwlstigen
Phrasenhelden Fronto sowie zu den Attischen Nchten des Aulus Gellius,
seinem Schler und Freund, den er ebenfalls berging, um Halt zu machen
bei Apulejus, von dem er eine erste Ausgabe in Folio aufbewahrte,
gedruckt zu Rom 1469.

Dieser Afrikaner machte ihm Vergngen. Die lateinische Sprache zeigte
sich in seinen Metamorphosen in ihrem vollen Glanze.

Er ffnete nur noch selten Tertullians Schutzrede der Christen und die
Abhandlung ber die Geduld; hchstens las er einige Seiten aus De
cultu feminarum, worin Tertullian die Frauen rgt, die sich mit
Kleinodien und kostbaren Stoffen putzen und ihnen den Gebrauch von
Schnheitsmitteln verbietet, weil sie zu tuschen versuchen, indem sie
die Natur zu verbessern und zu verschnern sich bemhen.

Diese Ideen, die den seinigen schnurstracks widersprachen, machten ihn
lcheln. Doch die Rolle, die Tertullian in seiner bischflichen Residenz
Karthago spielte, schien ihn zu sssen Trumereien zu verleiten; mehr
als seine Werke zog ihn in Wirklichkeit aber der Mann selbst an.

Hatte er doch whrend der aufrhrerischen Zeiten gelebt, heimgesucht von
schrecklichen Aufstnden unter Caracalla, unter Macrin, unter dem
sonderbaren Hohenpriester Heliagabal, dessen Predigten und dogmatischen
Schriften, dessen Verteidigungsreden und Auszge aus den Homilien der
Kirchenvter er verfasste, whrend das Kaiserreich in all seinen Fugen
krachte. Mit grsster Kaltbltigkeit lehrt er die fleischliche
Enthaltsamkeit, Gengsamkeit beim Mahl und Einfachheit der Kleidung,
whrend zur selben Zeit Heliagabal in Silberstaub und Goldsand
herumspazierte, auf dem Kopfe die dreifache ppstliche Krone trug, seine
Kleider mit kostbaren Steinen besetzte und, umgeben von Eunuchen, sich
mit weiblichen Handarbeiten beschftigte, sich Kaiserin nennen liess und
jede Nacht den Kaiser, den er mit Vorliebe unter Barbieren, Kchen und
Zirkusleuten auswhlte, wechselte.

Dieser Gegensatz entzckte den Herzog; denn die lateinische Litteratur,
unter Petronius zur hchsten Reife gelangt, fing an sich aufzulsen. Die
christliche Litteratur brach sich Bahn und brachte mit neuen Ideen nie
gebrauchte Ausdrcke und neue Satzbildungen, sowie bislang unbekannte
Zeit- und Eigenschaftswrter mit weit hergeholten Bedeutungen, abstrakte
Begriffe, die in der rmischen Sprache selten angewendet und von denen
Tertullian als einer der ersten Gebrauch gemacht hatte.

Alles was nach dem Tode Tertullians von seinen Schlern, dem heiligen
Cyprianus, von Arnobius und dem unklaren Lactantius verfasst wurde, war
ohne Reiz fr ihn. Jene unvollkommene schwerfllige Mache war ein
linkischer Rckschritt zum ciceronianisch hochtrabenden Ton. Ihr fehlte
jener besondere Duft des vierten wie der folgenden Jahrhunderte, jener
Duft des Christentums, der der heidnischen Sprache den Hautgout des
Wildprets verliehen hatte, der aber mit der Civilisation der alten Welt
gleichzeitig aufhrte.

Ein einziger Dichter, Commodian aus Gaza, vertrat in seiner Bibliothek
die Kunst des dritten Jahrhunderts.

Das Carmen apologeticum, im Jahre 259 geschrieben, ist eine Sammlung
von Sprchen in den beliebten Hexametern, die hier manchmal gereimt sind
und schon an das Kirchenlatein spterer Zeiten erinnern.

Seine berspannt dunklen Verse, voll von Ausdrcken der Tagessprache,
von Wrtern ursprnglich verdrehter Bedeutung, fesselten ihn mehr als
der reife gesttigte Stil der Geschichtsschreiber: Ammianus Marcellinus
und Aurelian Victor, der berhmte Briefschreiber Symmachus und der
Kompilator und Grammatiker Macrobius; er zog sie sogar den wirklich
skandierten Versen jener buntscheckig herrlichen Sprache vor, wie sie
Claudius, Rutilius und Ausonius sprachen.

Waren jene doch damals die Meister der Kunst. Sie erfllten das
untergehende Reich mit ihren Warnungen, der christliche Ausonius mit
seinem Cento nuptialis und seiner ppigen Dichtung von der Mosella;
Rutilius mit seinen Hymnen zum Ruhme Roms, seiner Verfluchung der Juden
und Mnche, der Reisebeschreibung von Italien nach Gallien, in der es
ihm gelingt, bestimmte Eindrcke des Gesehenen gut wiederzugeben:
Landschaften, die sich zitternd im Wasser spiegeln, aufsteigende Nebel,
schwere Wolken, die um die Berge brauen.

Endlich im fnften Jahrhundert Augustin, Bischof von Hippo. Diesen
kannte Herzog Jean nur zu gut, denn er ist ja der angesehenste
Schriftsteller der Kirche, der Grnder der christlichen Orthodoxie, der
den Katholiken als ein Orakel gilt, und vor dem sie sich alle beugen.
Diesen ffnete er nicht mehr, obgleich Augustin in seinen
Bekenntnissen den Widerwillen gegen das Irdische ebenfalls besungen
und in seiner Gottesstadt versucht hatte, das entsetzliche Elend des
Jahrhunderts durch Vertrstung auf eine bessere Zukunft zu besnftigen.

Die zweite Hlfte des fnften Jahrhunderts war gekommen, die
entsetzliche Zeit, in der die gewaltigsten Stsse die Erde
erschtterten.

Die Barbaren verwsteten Gallien; Rom, der Plnderung der Westgoten
preisgegeben, fhlte sein Leben erstarren, sah seine ussersten Grenzen,
den Occident und den Orient, sich im Blute wlzend von Tag zu Tag mehr
erschpfen und dem Untergange verfallen.

In dieser allgemeinen Auflsung, diesem Meuchelmorde der Csaren, welche
rasch aufeinander folgten, in diesem Lrm bluttriefenden Gemetzels,
welches sich von einem Ende Europas zum andern wlzte, ertnte ein
frchterliches Hurrageschrei, das allen Unwillen und alles Geheul zum
Schweigen brachte.

An dem Ufer der Donau erschienen Tausende von Mnnern auf kleinen
Pferden, eingehllt in weite Oberkleider von Rattenfell, scheussliche
Tartaren mit enormen Kpfen, platter Nase, das Kinn durch Schmarren und
Narben entstellt, bartlose, citronengelbe Gesichter strzten sich
vorwrts im gestreckten Galopp, alle Reiche gleichsam in einen
Wirbelwind einhllend und niederreissend.

Alles verschwand in den Staubwolken dieser wilden Reiter wie in Rauch
von Feuerbrnsten. Die Finsternis verbreitete sich, und die bestrzten
Vlker erzitterten, wenn sie diesen entsetzlichen Staubwirbel mit dem
Getse des Donners vorbersausen hrten. Jene Hunnenherde machte
Ost-Europa dem Erdboden gleich, strzte sich auf Gallien, wo sie in den
Ebenen von Chlons durch den rmischen General Aetius niedergeworfen und
im Sturm vernichtet wurde. Die mit Blut berschwemmten Wiesen kruselten
sich wie ein Purpurmeer; zweihunderttausend Leichen versperrten den Weg
und brachen den Anlauf dieser aus der Richtung gekommenen Lawine, die
wie mit Donnerschlgen in Italien einfiel, wo die zerstrten Stdte
gleich Heuschobern brannten.

Das westrmische Reich brach unter dem Stoss zusammen; sein mit dem Tode
ringendes Dasein, das es stumpfsinnig im Kot hinschleppte, erlosch; es
schien berdies das Ende der Welt nahe; die Stdte, welche von Attila
vergessen, wurden durch Hungersnot und Pest dahingerafft, das Latein
schien unter den Ruinen der Welt mit zu versinken.

Jahre vergingen; die barbarischen Idiome fingen an sich zu regeln und
wirkliche Sprachen zu bilden. Das Latein, das whrend der allgemeinen
Zerrttung in die Klster geflchtet war, verblieb dort, wie in den
Pfarrhusern; hier und da erstanden einige Poeten frostig und trge: der
Afrikaner Dracontius mit seinem Hexameron; Claudius Mamertius mit
seinen liturgischen Poesien; Avitus von Wien. Dann die Biographen, wie
Ennodius, der die Wunder des heiligen Epiphanias erzhlt, jenes
scharfsichtigen, verehrten Diplomaten, des biederen und umsichtigen
Seelsorgers; wie Eugippius, der uns das unvergleichliche Leben des
heiligen Severinus wieder vor Augen fhrt, diesen geheimnisvollen
Einsiedler und demtigen Asketen, der den trostlosen, vor Furcht und
Schmerz wahnsinnigen Vlkern wie ein Engel der Barmherzigkeit erschien;
Schriftsteller wie Veranius du Gvaudan, der eine kleine Abhandlung ber
die Enthaltsamkeit verfasste; wie Aurelian und Ferreolus, die die
kirchlichen Satzungen zusammengestellt; Geschichtsschreiber wie
Rotherius, berhmt durch ein Geschichtswerk, das aber verloren gegangen
ist.

Die Werke der nachfolgenden Jahrhunderte wurden in der Bibliothek des
Herzogs Jean sprlicher. Indessen war das sechste Jahrhundert noch durch
Fortunatus, Bischof von Poitiers, durch Bothius, den alten Gregor von
Tours, und Jornandes vertreten.

Wenig entzckt von der Schwerflligkeit der karolingischen Lateiner, wie
Eginhart und Alcuin, begngte er sich als Sprachprobe des neunten
Jahrhunderts mit den Chroniken des Anonymus von St. Gallen, des Frechulf
und des Regino, mit dem Gedichte von der Belagerung von Paris, verfasst
von Abbo le Courb, mit dem Hortulus, mit der Dichtung von Ermold le
Noir, die Thaten Ludwigs des Frommen preisend, und einigen nicht zu
klassificierenden moderneren Werken ohne Jahreszahl, Werken der
Geheimlehre, der Arzeneikunde, der Pflanzenkunde, einzelnen Bnden der
Kirchenvterkunde von Migne, welche nirgends mehr zu findende
christliche Poesieen enthielten, und mit der Blumenlehre der kleinen
lateinischen Poeten von Wernsdorff.

Mit dem Anfang des zehnten Jahrhunderts hrte seine lateinische
Bibliothek auf.

Die alten Ausgaben, die Herzog Jean sorgfltig gesammelt hatte, waren
hiermit erschpft, und mit einem jhen Sprunge ber Jahrhunderte hinweg
leiteten seine Bcher direkt zu der franzsischen Sprache des jetzigen
Jahrhunderts ber.




                            VIERTES KAPITEL.


Eines Nachmittags hielt ein Wagen vor dem Hause in Fontenay. Da Herzog
Jean keine Besuche empfing und sich selbst der Brieftrger nicht einmal
in dieser unbewohnten Gegend zeigte, weil er niemals einen Brief oder
eine Zeitung zu bestellen hatte, so zgerten anfnglich die beiden alten
Dienstboten, nicht wissend, ob sie ffnen durften. Auf das laute
Geklingel der Glocke, die mit aller Kraft gezogen wurde, wagten sie es
endlich, durch das kleine Schiebfenster, welches in der Thr angebracht
war, zu sehen; vor derselben stand ein Herr, dessen ganze Brust vom Hals
bis zum Leib mit einem ungeheuren goldenen Schild bedeckt war.

Sie benachrichtigten hierauf ihren Herrn, der am Frhstckstisch sass.

Ganz richtig, fhren Sie ihn herein, sagte er -- denn er erinnerte
sich, dass er vor einiger Zeit einem Edelsteinhndler, der eine
schwierige Bestellung fr ihn ausfhren sollte, seine Adresse gegeben
hatte.

Der Herr grsste und setzte ohne Umstnde auf den Boden des Esszimmers
seinen Schild nieder, der sich bewegte, sich dann ein wenig erhob, unter
dem der kleine schlangenartige Kopf einer Schildkrte hervorlugte, um
sich pltzlich wieder erschrocken unter die Schale zurckzuziehen.

Diese Schildkrte war eine phantastische Idee des Herzogs Jean, die ihm
einige Zeit vor dem Verlassen von Paris gekommen war.

Eines Tages, da er einen orientalischen Teppich besah und die Reflexe
desselben bewunderte, die je nach dem Silberglanz, der ber das Gewebe
lief, bald aladingelb, bald pflaumenblau leuchteten, sagte er sich, dass
es sich nicht bel ausnehmen msse, etwas Bewegliches auf den Teppich zu
setzen, um den Farbenreiz durch einen dunklen Ton zu erhhen.

Von dieser Idee ganz eingenommen, war er aufs Geratewohl durch die
Strassen geschlendert und bis zum Palais-Royal gekommen. Als er hier im
Schaufenster bei Chevet eine Schildkrte in einem Bassin bemerkte, da
schlug er sich vor die Stirn, wie jemand, dem pltzlich ein Gedanke
gekommen.

Er kaufte das Tier, setzte es dann auf den Teppich und sich davor. Lange
hatte er das Tier mit halbgeschlossenen Augen aufmerksam betrachtet.

Der Ton des harten Braunes des Rckenschildes verdunkelte die Reflexe
des Teppichs, ohne sie zu beleben; der vorherrschende Silberglanz
strahlte jetzt kaum und streifte mit seinem kalten zinkfarbigen Ton den
Rand dieser harten glanzlosen Schale.

Er biss sich auf den Finger, ein Mittel suchend, diese Missverbindung zu
vershnen und die offenbare Scheidung der Tne zu verhindern, wobei er
schliesslich entdeckte, dass seine erste Idee, die darin bestand, die
Flammen des Gewebes mit einem darauf gesetzten beweglichen dunklen
Gegenstand zu schren, falsch war. Im Grunde genommen war dieser Teppich
noch zu auffllig, zu lebhaft und zu neu. Die Farben waren noch nicht
gengend abgestumpft und gedmpft; es handelte sich darum, den Satz
umzukehren, die Tne abzuschwchen, sie durch den Kontrast eines
glnzenden Gegenstandes zu erlschen, alles um sich zu erdrcken und
goldiges Licht auf das matt silberne zu werfen.

In dieser Weise dargestellt, war die Frage leichter zu entscheiden. Er
beschloss infolgedessen, den Panzer der Schildkrte mit einer Goldglasur
berziehen zu lassen.

Als das Tier von dem Praktikus, der es in Arbeit gehabt hatte, wieder
zurckkam, leuchtete es wie die Sonne.

Anfnglich war Herzog Jean ganz entzckt von der Wirkung; dann kam ihm
der Gedanke, dass dieses riesengrosse Schmuckstck bis jetzt nur
flchtig entworfen, und dass es erst vollendet wre, wenn es mit
eingelegten seltenen und kostbaren Steinen besetzt sein wrde.

Er whlte aus einer japanischen Sammlung eine Zeichnung, die ein
Arrangement von Blumen vorstellte, die von einem dnnen Stengel wie
Raketen ausgingen. Er brachte das Muster zu einem Goldschmied, zeichnete
eine Einfassung darum, die das Bouquet in einen ovalen Rahmen
einschloss, und erklrte dem verdutzten Juwelenhndler, dass die Bltter
und die Kelche jeder der Blumen in Edelsteinen ausgefhrt und in das
Schild des Tieres selbst eingelassen werden sollten.

Die Wahl der Edelsteine war nicht leicht: der Diamant ist zu gewhnlich
geworden, seit die Kaufleute ihn am kleinen Finger tragen; die Smaragde
und die Rubinen des Orients sind weniger entwrdigt, aber sie erinnern
zu sehr an die grnen und roten Omnibus-Laternen. Was die Topase
anbelangt, geglht oder roh, so sind es nur wohlfeile Steine, der
kleinen Brgersfrau beraus wert, die ihre Schmucksachen noch mit
Wohlgefallen in ihren Leinenschrank verschliesst; anderseits hat der
Amethyst, obgleich ihm die Kirche den priesterlich-ernsten Charakter
bewahrt, in den roten Ohren und an den feisten Hnden der
Schlchterfrauen, welche sich fr einen bescheidenen Preis gern mit
schwerflligem Schmuck behngen, an Wert sehr verloren. Dem Saphir
allein ist sein unverletztes Feuer nicht durch spekulative Ausnutzung
genommen. Seine Strahlen rieseln wie klares kaltes Wasser und haben
sozusagen seinen zurckhaltenden und hochmtigen Adel gegen jeden
Schmutz bewahrt. Unglcklicherweise funkeln seine frischen Farben nicht
bei Licht; das blaue Wasser geht in sich selbst zurck, scheint
einzuschlafen, um erst wieder beim Anblick des Tages aufzuwachen und zu
blitzen.

Schliesslich befriedigte nicht einer von diesen Steinen den Herzog Jean;
ausserdem waren sie zu civilisiert und zu bekannt. Er liess
wunderlichere und seltsamere Steine durch seine Finger gleiten, und
zuletzt suchte er eine Serie von wirklichen und knstlichen Steinen aus,
deren Mischung eine bezaubernde und berraschende Harmonie hervorbringen
sollte.

Er setzte in folgender Weise das Bouquet seiner Blumen zusammen: die
Bltter wurden von klarem bestimmten Grn gefasst mit dem Chrysoberill,
einem spargelgrnen Edelstein; grnem Chrysolith; dunkelgrnem Olivin.
Diese hoben sich von den Zweigen aus Almadin und Ouwarovit ab, einem
blauroten Stein, der in kaltem Glanze flimmert, wie etwa das Glimmen des
Weinsteins im Innern der Fsser.

Fr die Blumen, die strahlenfrmig vom Stengel ausgehen, benutzte er
bluliche Aschfarbe; aber er vermied streng den orientalischen Trkis,
den man fr Busennadeln und Ringe verwendet und der mit der alltglichen
Perle und der abscheulichen Koralle das Entzcken des Kleinbrgertums
ist. Dagegen whlte er schliesslich die Trkise des Abendlandes, Steine,
die im eigentlichen Sinne des Wortes nur fossiles Elfenbein sind, von
einer kupferfarbigen Substanz durchdrungen, wie von schmachtendem Blau
erfllt, undurchsichtig, schwefelhaltig und wie mit Galle gefrbt.

Als dies geschehen, machte er sich daran, die Kelche seiner aufgeblhten
Blumen mitten im Strausse einzufassen und fr die Blumen, die
dem Stengel am nchsten standen, durchsichtige Steine mit
glsern-krankhaftem Glanz, mit fieberhaft scharfem Strahl zu whlen.

Er setzte sie einzig und allein aus indischen Katzenaugen, Cymophanen
und saphirartigen Steinen zusammen.

Von diesen drei Steinen ging in der That ein geheimnisvoll-wunderlicher
Schimmer aus, der schmerzlich aus dem kalten Grunde trben Wassers
herausgerissen schien: das Katzenauge von einem grnlichen Grau, von
schwachen Adern durchzogen, welche sich zu bewegen schienen und jeden
Augenblick den Platz wechselten, je nach dem darauf fallenden Lichte;
der Cymophan mit dem moirierten Azurblau, das ber die milchweisse
Farbe hinluft, die im Innern lebt; der Saphirin, der auf
dunkelbraun-schokoladefarbigem Grunde phosphorbluliche Feuer entzndet.

Der Juwelenhndler machte sich Notizen betreffs der Stellen, in welche
die Steine eingesetzt werden sollten.

Und die Einfassung der Schale der Schildkrte? fragte er schliesslich.

Herzog Jean hatte zuerst an einige Opale und Hydrophane, -- eine Art
Opal, welcher Wasser einsaugt und dadurch durchsichtiger und
farbenspielender wird, -- gedacht; aber die Verwendbarkeit dieser
interessanten Steine ist wegen der Unbestimmtheit ihrer Farben und des
Zweifelhaften ihres Feuers zu schwierig. Der Opal hat eine geradezu
rheumatische Empfindlichkeit. Das Spiel seiner Strahlen verndert sich
je nach der Feuchtigkeit, der Wrme oder Klte; und was den Hydrophan
anbelangt, so blitzt er nur im Wasser und scheint seine Glut zu
entznden, wenn man ihn anfeuchtet.

Zuletzt entschloss er sich zu den Steinen, deren Reflexe sich
abwechseln: zu dem Hiazinth von Compostella, einem rtlich-gelben
Edelstein; Aquamarin, meergrn; Ballas-Rubin, blassrot;
Sdermannlands-Rubin, rotgelb. Ihr schwaches Schimmern gengte, um die
dunklen Schatten des Rckenschildes zu erhellen und das Blhen der
Edelsteine nicht zu beeintrchtigen, welche sie mit einer schmalen
Guirlande von unbestimmter Leuchtkraft umgaben. --

Und nun setzte sich Herzog Jean in eine Ecke seines Esszimmers und
betrachtete mit Wohlgefallen die im Schatten goldglnzende Schildkrte.

Er fhlte sich vollkommen glcklich; seine Blicke berauschten sich an
dem hellen Glanz der Blumenkronen auf goldenem Grund. Dann aber -- ganz
gegen seine Gewohnheit -- stellte sich eine gewisse Esslust bei ihm ein.
Er tunkte seine gersteten Brotschnitte, die mit einer ganz besonderen
Butter bestrichen waren, in eine Tasse Thee, eine treffliche Mischung
von Si-a-Fayoune, Mo-you-tann und Khansky, gelben Theesorten, die von
China nach Russland durch besondere Karawanen geschickt werden, wodurch
sie den famosen Kameelduft angenommen haben.

Der Herzog trank diese duftige Flssigkeit aus dem feinsten chinesischen
Porzellan, das man wegen seiner Durchsichtigkeit als Eierschalen
bezeichnet. Zu diesen entzckenden Tassen benutzte er nur Bestecke aus
altem vergoldeten Silber, das die Vergoldung schon etwas verloren hatte,
so dass das Silber unter dem Gold ein wenig zum Vorschein kam und ihm so
die Frbung vormaliger Zartheit ganz diskret wiedergab.

Nachdem er einen letzten Schluck genommen, ging er in sein Arbeitszimmer
zurck und liess sich durch den Diener die Schildkrte bringen, die in
ihrer hartnckigen Unbeweglichkeit verharrte.

Der Schnee fiel in dichten Flocken. Bei dem Licht der Lampen bildeten
sich Eisblumen hinter den blulichen Scheiben, und der Reif, der in den
Flaschenbden der mit Gold besprenkelten Fenster glnzte, glich
geschmolzenem Zucker.

Ein tiefes Schweigen hllte das Huschen wie in Finsternis erstarrt ein.

Herzog Jean trumte; die brennenden Holzscheite im Kamin erfllten mit
ihrer wrmenden Ausstrmung das Gemach; er ffnete halb das Fenster.

Wie ein hoher Vorhang verkehrten Hermelins hob sich der Himmel vor ihm
schwarz mit weissen Tpfchen ab. Ein eiskalter Wind wehte, der den
Schneeflug beschleunigte. Der heraldische Vorhang des Himmels kehrte
sich bald um und wurde ein wirklich weisser Hermelin, nun wieder schwarz
getupft.

Er schloss das Fenster wieder. Der schroffe Wechsel von grosser Hitze
und der Klte des Winters hatte ihn gepackt; er zog sich ans Feuer
zurck. Es kam ihm der Gedanke, ein geistiges Getrnk zu geniessen, das
ihn wieder erwrmte.

Er ging ins Esszimmer, wo ein Wandschrank in der Mauer angebracht war,
in dem sich eine Reihe kleiner Tonnen dicht nebeneinander auf kleinen
Blcken von Sandelholz befanden, die alle mit kleinen silbernen Hhnchen
am unteren Ende versehen waren.

Er nannte diese Sammlung von Likren seine Mundorgel.

Eine Rhre konnte alle Hhne vereinigen. Wenn das Instrument richtig
gestellt war, brauchte er nur auf den Knopf, der in dem Holzwerk
verborgen war, zu drcken, um alle Hhne auf einmal aufzudrehen, worauf
sich die winzigen Becher, die unter ihnen standen, mit Likr fllten.

Diese Orgel, auf die bezeichneten Stimmen Flte, Waldhorn, Vox Divina u.
s. w. gestellt, war stets zu seiner Benutzung bereit. Herzog Jean trank
von diesem und jenem Likr einige Tropfen, spielte sich innere
Symphonieen vor, und es gelang ihm, seinem Gaumen hnliche Gensse zu
verschaffen, wie solche die Musik dem Ohre bereitet. Ausserdem stimmte
jeder Likr seiner Ansicht nach mit dem Ton eines Instrumentes berein.

Der trockene Curaao zum Beispiel mit der Klarinette, deren Tne spitz
und weich sind; der Kornbranntwein mit der Hoboe, deren Klang nselt;
der Pfefferminz und Anisette mit der Flte, sss und scharf, schrill und
sanft zugleich; das Kirschwasser mit der Trompete; Gin und Whisky
erschraken den Gaumen durch ihren schrillen Schall, wie Klapphorn und
Posaune das Ohr heftig mitnehmen, whrend der Weintrberschnaps
gleichsam den betubenden Lrm der Tuba verursacht, und der russische
Raky und der Mastic der Mundhaut die Schlge der Zimbel und der Pauke
mitteilen.

Er meinte auch, dass diese Vergleiche sich auf
Quartett-Saiteninstrumente bertragen lassen, indem unter dem
Gaumengewlbe die Geige den alten Cognac vorstellt, berauschend und
zart, scharf und sprde, whrend die Bratsche krftiger, voller, dumpfer
den Rum simuliert; der Magenbitter zerreissend, melancholisch und
schmeichelnd wie ein Violoncell erklingt, die Bassgeige dagegen schwer,
stark und dster wie ein scharfer alter Bitter wirkt. Man knnte selbst
-- ein Quintett bildend -- die Harfe hinzufgen, die mit einer gleichen
Wahrscheinlichkeit die mchtige Kraft und ihre silbernen Klnge, frei
und zart wie der Kmmel wiedergbe.

Diese Voraussetzungen einmal angenommen, war er so weit gekommen,
infolge rastloser Versuche auf seiner Zunge stille Melodieen zu spielen,
stumme Trauermrsche mit grossem Geprnge aufzufhren, Soli von
Pfefferminz, Duette zwischen Bittern und Rum zu hren.

Es gelang ihm so, in seine Kinnbacken wirkliche Musikstcke den Wnschen
des Komponisten gemss zu bertragen, Takt fr Takt seine Gedanken,
seine Wirkungen, seine Nancen wiedergebend und durch nahe Verbindungen
oder Kontraste der Likre, durch geschickte Mischungen Accorde
erzeugend.

Frher komponierte er seine Melodieen selbst und fhrte seine Idyllen
mit dem gutmtigen Johannisbeerlikr auf, der ihm den perlenden Gesang
der Nachtigall in der Kehle trillern machte, oder er sang mit dem
sanften Kakao-Chouva die ssslichen Schferlieder, wie: die Romanzen von
Estella und die Ach! ich sage Ihnen, Mama aus der alten Zeit.

Aber heute Abend hatte der Herzog durchaus keine Lust, der Musik zu
frhnen; er begngte sich damit, einen einzigen Ton auf der Klaviatur
seiner Orgel anzuschlagen; er nahm seinen kleinen Becher, den er zuvor
einfach mit echtem irlndischen Whisky gefllt hatte und machte es sich
in seinem Sessel bequem, ganz langsam diesen aus Hafer und Gerste
gegohrenen Saft schlrfend, der seinen Mund mit einem starken
Kreosotgeruch erfllte.

Nach und nach beim Trinken folgten seine Gedanken wieder dem belebten
Eindruck seines Gaumens; er erweckte so durch eine fatale hnlichkeit
von Gerchen eine seit Jahren verwischte Erinnerung.

Dieser scharfe Karbolduft erinnerte ihn an den gleichen Geruch, der zu
einer Zeit, da die Zahnrzte an seinem Zahnfleisch herumarbeiteten,
seinen Mund erfllt hatte.

Einmal auf diesen Weg gebracht, erging er sich zuerst in Trumereien
ber all die Praktikusse, die er kennen gelernt hatte, er sammelte sich
und konzentrierte seine Erinnerung auf einen, dessen seltsame
Erscheinung ihm besonders im Gedchtnis verblieben.

Es war vor drei Jahren, als er mitten in der Nacht von einem rasenden
Zahnschmerz befallen wurde; er wickelte sich den Kopf ein, stiess in
Verzweiflung gegen alle Mbel und rannte wie ein Wahnsinniger im Zimmer
umher.

Es war ein schon plombierter Backenzahn und keine Heilung mglich; die
Zange des Zahnarztes allein konnte dem bel abhelfen.

Fieberhaft erwartete er den Tag, entschlossen, die schrecklichsten
Operationen zu erdulden, wenn sie nur seinem Leiden ein Ende machen
wrden.

Sich fortwhrend den Mund zuhaltend, fragte er sich, was er thun solle.
Die Zahnrzte, die ihn gewhnlich behandelten, waren reiche Leute, die
man nicht so nach seinem Gefallen sprechen konnte; da mussten erst mit
ihnen die Besuche und die Stunden der Konsultationen ordentlich
verabredet werden. Das war jedoch unmglich. Ich kann es nicht lnger
hinausschieben, sagte er sich; und er entschloss sich, zu dem ersten
besten zu gehen, zu einem Zahnausreisser gewhnlichen Schlages, einem
jener Leute mit eiserner Faust, welche mit einer Geschwindigkeit
ohnegleichen die hartnckigsten Zahnstmpfe zu entfernen wissen. Diese
sind vom frhen Morgen an zu sprechen und bei ihnen braucht man nicht zu
warten.

Endlich schlug es sieben Uhr. Er lief aus dem Hause, sich des Namens
eines bekannten Technikers erinnernd, der sich Volkszahnarzt nannte
und an der Ecke eines Quais wohnte. Er durchrannte die Strassen und biss
verzweiflungsvoll in sein Taschentuch, um die Thrnen zurckzuhalten.

Er war eben vor dem Hause angelangt, das man schon von weitem an dem
grossen schwarzen Holzschilde erkennen konnte, auf dem mit enorm grossen
Buchstaben der Name Gatonax gemalt war; in zwei kleinen Glasksten sah
man Zhne in Zahnfleisch aus rosa Wachs sorgfltig aufgereiht und durch
eine mechanische Feder aus Draht miteinander verbunden. Er keuchte, der
Schweiss trat ihm auf die Stirn und eine wahnsinnige Angst befiel ihn,
ein Schauer durchrieselte seine Haut, worauf sich urpltzlich eine
Linderung fhlbar machte: er litt nicht mehr, der Zahn that nicht mehr
weh.

Wie verdummt blieb er auf dem Trottoir stehen; schliesslich aber stemmte
er sich gegen die Angst und kletterte eine dunkle Treppe bis zum dritten
Stock hinauf. Da stand er vor einer Thr; ein Porzellanschild mit
himmelblauen Buchstaben: es war derselbe Name wie unten an der Thr.

Er zog die Klingel; doch entsetzt durch die Blutauswrfe, die er auf den
Treppenstufen bemerkte, wollte er jetzt umkehren, entschlossen, sein
ganzes Leben lang Zahnschmerz zu erdulden, als ein Schrei das
Treppenhaus erfllte, der den Entsetzten auf seinen Platz bannte. Im
selben Augenblick ffnete sich die Thr und eine alte Frau bat ihn
einzutreten.

Die Scham berwand die Furcht. Man fhrte ihn in das Esszimmer, eine
andere Thr ward zugeschlagen, und ein grosser vierschrtiger Mann im
schwarzen Gehrock und schwarzen Beinkleidern trat ein und forderte ihn
auf, ihm in ein anderes Zimmer zu folgen.

Seine Empfindungen wurden von diesem Augenblicke ab undeutlich. Er
erinnerte sich, sich auf einen Sessel neben dem Fenster niedergesetzt
und etwas gestammelt zu haben, whrend er den Finger auf seinen Zahn
legte: Schon mal plombiert ... frchte, es ist nichts zu machen ...

Der Mann hob schnell die Auseinandersetzung auf, indem er dem Herzog
seinen enormen Zeigefinger in den Mund schob; dann etwas in seinen
gewichsten und spitz gedrehten Schnurrbart brummend nahm er ein
Instrument vom Tisch, womit er die grosse Szene begann.

Herzog Jean hatte sich krampfhaft an die Lehne des Sessels geklammert
und gefhlt, wie etwas Kaltes seine Backe berhrte; hierauf hatte er vor
den Augen nur Funken gesehen; er wurde von entsetzlichsten Schmerzen
erfasst, und so brllte er, mit den Fssen strampelnd, wie ein wildes
Tier.

Man hrte ein Knacken, der Backenzahn war beim Herausziehen abgebrochen;
ihm war, als ob man ihm den Kopf abrisse oder den Schdel einschlge. Er
hatte aus Leibeskrften geheult und sich wtend gegen den Mann gewehrt,
der sich von neuem auf ihn strzte, als ob er mit seinem Arm ihm in den
Leib dringen wolle.

Der Arzt war nach der zweiten Operation einen Schritt zurckgetreten,
hatte den Herzog wieder in den Sitz zurckfallen lassen, worauf er an
das Fenster ging, schwer Atem holte und am Ende seiner Zange einen
blauen Zahnstumpf hielt, an dem etwas Rotes hing.

Wie vernichtet hatte Herzog Jean eine ganze Schale voll Blut
ausgebrochen, mit einer heftigen Bewegung den Zahnstumpf verweigert,
welchen ihm die alte Frau, in ein Stck Zeitungspapier gewickelt,
darreichte und war davongestrzt, nachdem er zwei Franken gezahlt hatte.

Auf der Strasse war er ganz heiter, wie um zehn Jahre jnger, sich fr
alles und jedes interessierend. -- -- --

Brr! murmelte er jetzt, ganz erschreckt von dem Gang, den seine
Gedanken genommen hatten.

Er stand auf, um diese Vision zu zerstren, und um in die Wirklichkeit
zurckzukehren, fing er an, sich wieder mit der Schildkrte zu
beschftigen.

Sie rhrte sich noch immer nicht, er befhlte sie, sie war tot. Sie war
an eine ruhige Existenz, an ein demtiges Leben, das sie unter ihrer
rmlichen Schale zubrachte, gewhnt; sie hatte den glnzenden Luxus, den
man ihr aufdrang, den goldglnzenden berzug, mit dem man sie bekleidet,
die Edelsteine, mit denen man ihr den Rcken gepflastert, nicht
vertragen knnen.




                            FNFTES KAPITEL.


Zur selben Zeit, da sich sein Wunsch verschrfte, sich einem
hassenswerten Zeitalter von unwrdigen Stockfischen zu entziehen, machte
sich das Bedrfnis, keine Bilder mehr zu sehen, welche das menschliche
Antlitz darstellten, Bilder solcher Personen, die in Paris nur zwischen
ihren vier Wnden herumkrauchen, oder auf den Strassen auf der Suche
nach Geld lungern, immer gewaltsamer geltend.

Nachdem er sich mit dem Leben und Treiben seiner Zeit abgefunden, hatte
er sich vorgenommen, keine Larven, die ihm nur Widerwillen oder Bedauern
einflssten, in seine Zelle einzufhren; er wnschte Gemlde, welche
zarte und kstliche Phantasieen alter Zeit und klassischer Verderbtheit
vorstellten, die unsern Tagen und Sitten fern liegen.

Er brauchte zum Ergtzen seines Geistes wie zur Freude seiner Augen
einige Gemlde, die ihn in eine unbekannte Welt einfhren, ihm die
Spuren neuer Ideen enthllen und sein Nervensystem durch hysterische
Sensationen erschttern sollten.

Da gab es einen Knstler vor allen, der ihn zu grosser Begeisterung
hinriss: Gustav Moreau.

Zwei seiner Meisterwerke befanden sich in seinem Besitz; und whrend der
Nacht sass er oft trumend vor einem derselben, dem Gemlde der Salome:

Ein Thron, dem Hochaltar einer Kathedrale gleich, stand unter gewaltigen
Wlbungen, die aus niedrigen Sulen emporwachsen, hnlich rmischen
Pfeilern, glasiert mit bunten Ziegeln, in Mosaik gefasst und mit
Lasursteinen und Sardonyxen eingelegt: ein Palast, einer Basilika
hnlich, in muhammedanisch-byzantinischer Architektur aufgefhrt.

In der Mitte des Tabernakels, welches den Altar berragte, zu dem einige
Stufen in halbrunder Form hinanfhrten, sass der Tetrarch Herodes, auf
dem Kopfe die Tiara, die Beine emporgezogen und die Hnde auf den Knieen
ruhend.

Sein Gesicht war gelb wie Pergament, alterzerstrt und voller Falten;
sein langer Bart wallte wie eine weisse Wolke ber das Edelgestein, mit
dem sein aus Goldstoff gefertigtes und die Brust bedeckendes Gewand
beset war.

Um diese unbewegliche Statue, die in der eigentmlichen Stellung des
Hindu-Gottes wie erstarrt dasass, brannten Spezereien, die leichte
Rauchwolken verbreiteten und den Glanz der Edelsteine, die in den
Thronhimmel eingefgt waren, weckten. Der Dampf stieg hher und
verbreitete sich unter den Bogengngen, wo der bluliche Rauch sich mit
dem Goldstaube der hellen Sonnenstrahlen mischte, die durch die Kuppel
fielen.

In dieser heissen, von Wohlgerchen geschwngerten Luft des Tempels
steht Salome, den linken Arm gebieterisch ausgestreckt, den rechten
gebogen, eine grosse Lotusblume in Gesichtshhe haltend; sie nhert sich
langsam auf den Fussspitzen nach den Klngen einer Guitarre, deren
Saiten eine am Boden hockende Frau schlgt.

Das Gesicht andchtig, feierlich, beginnt sie fast erhaben ihren
wollstigen Tanz, der die schlummernden Sinne des alten Herodes wecken
soll. Ihr Busen wogt und bei der Berhrung der im Kreise wirbelnden
Halskette richten sich ihre Brste in die Hhe. Auf der feuchten Haut
blitzen die Diamanten, ihre Armbnder, ihre Grtel, ihre Ringe warfen
strahlende Funken ber ihr prunkhaftes, mit Perlen benhtes, mit Gold
und Silber gesticktes Gewand.

Es ist ein zarter Panzer aus feiner Goldarbeit, dessen Maschen je ein
Edelstein ziert, deren Feuer sich schlangenartig kreuzt ber der matten,
theerosen-zarten Haut, wie glnzende Insekten mit strahlenden
Flgeldecken, rot marmoriert, hochgelb punktiert, stahlblau gefleckt,
pfauengrn getigert.

Die Augen, denjenigen einer Nachtwandlerin hnlich, sind starr auf einen
Punkt gerichtet und sehen weder den Tetrarchen, der erbebt, noch ihre
Mutter, die entsetzliche Herodias, welche sie beobachtet, noch den
Eunuchen, der am Fusse des Thrones mit dem Sbel in der Hand unbeweglich
dasteht, sein schreckliches Gesicht bis an die Backen verhllt, seine
Brust wie ein vertrockneter Krbis unter der gelbbunten Tunika
hervorhngend.

Dieses Urbild der Salome verfolgte seit Jahren den Herzog Jean. Wie oft
hatte er in der alten Bibel, von Peter Variquet, dem Gottesgelehrten der
Universitt Lwen, bersetzt, das Evangelium des heiligen Matthus
gelesen, der in kurzen, naiven Stzen die Enthauptung des Vorgngers
Christi erzhlt. Wie oft war er nicht in tiefes Nachdenken versunken
beim Lesen jener Zeilen:

Am Jahrestagfeste des Herodes tanzte die Tochter der Herodias und
gefiel dem Herodes sehr.

Da versprach er ihr und schwur's mit einem Eide, ihr alles zu geben, was
sie erbitten wrde.

Und sie, von ihrer Mutter verleitet, sagte: Gieb mir das Haupt Johannes
des Tufers auf einer Schssel.

Der Knig aber wurde betrbt; doch um des Eides und derer willen, die
mit ihm am Tische sassen, befahl er, dass es ihr berbracht wrde.

Und er schickte alsbald hin und liess Johannes im Kerker enthaupten.

Und man brachte sein Haupt auf einer Schssel und gab's dem Mgdelein;
und diese berreichte es ihrer Mutter.

Aber weder Matthus, noch Markus, noch Lukas verbreiten sich ber den
berauschenden Zauber, ber die moralische Versunkenheit der Tnzerin.
Sie bleibt verwischt, geheimnisvoll und verloren in dem fernen Nebel der
Jahrhunderte, unfassbar fr die realen, alltglichen Geister, nur den
erschtterten und geschrften Gehirnen zugngig, die durch
Nervenkrankheit hellsehend geworden; sprde auch gegenber dem Maler des
Fleisches, Rubens, der sie in eine flanderische Schlchtersfrau
verwandelte; unverstndlich allen Schriftstellern, die niemals die
aufregende Begeisterung der Tnzerin, die raffinierte Geistesgrsse der
Mrderin darzustellen vermochten.

In dem Werk von Gustav Moreau, in seinem Entwurfe frei von aller
Tradition, sah Herzog Jean endlich diese bermenschliche und seltsame
Salome verkrpert. Sie war nicht allein die Tnzerin, welche durch
wollstige Windungen ihrer Hften einem geschwchten Greise den Schrei
frivoler Begier entlockt, indem sie sich den Willen eines Knigs durch
die Bewegungen ihres Leibes und das Zittern ihrer Schenkel unterwirft;
sie wurde sozusagen die sinnbildliche Gottheit unzerstrbarer Wollust,
die Gttin der unsterblichen Hysterie; jenes einfache Sinnentier,
ungeheuer, gefhllos, unempfindlich, alles, was sich ihr nhert, sie
berhrt und sie sieht, vergiftend.

Ein unwiderstehlicher Zauber ging von diesem Bilde aus. Aber das
Aquarell, betitelt Die Erscheinung, wirkte vielleicht noch
aufregender.

Auf diesem Gemlde hob sich der Palast des Herodes wie eine Alhambra,
auf schlanken regenbogenfarbigen Sulen von maurischen Kacheln, wie mit
silbernem Mrtel und goldenem Cement zusammengefgt, ab; Arabesken
gingen von Lasursteinen aus, schlngelten sich um Kuppeln und auf den
mit Perlmutter eingelegten Arbeiten entlang, die in regenbogenfarbige,
prismatische Strahlen ausliefen.

Hier war der Mord vollzogen; der Henker stand jetzt unbeweglich, die
Hnde auf den Knauf seines langen mit Blut befleckten Schwertes
sttzend.

Das abgeschlagene Haupt des Heiligen hatte sich in der Schssel, die auf
den Steinplatten stand, in die Hhe gerichtet, fahl, den bleichen Mund
offen, den Hals karmoisinrot, triefend von Blut. Eine Musivarbeit umgab
den Kopf, von dem ein leuchtender Glorienschein seine Lichtstrahlen auf
die Sulenhalle warf, die schreckliche Erhebung des Kopfes beleuchtend,
die glsernen Augpfel entzndend, die sozusagen fest auf der Tnzerin
haften.

Mit einer Gebrde des Entsetzens stsst Salome die schreckliche Vision
zurck, die sie unbeweglich auf den Fussspitzen festhlt. Mit
weitgeffneten Augen, die Hand krampfhaft ihren Busen umklammernd,
starrt sie die Erscheinung an.

Sie ist fast nackt; in der Aufregung des Tanzes haben sich die Schleier
gelst, die Goldstoffe sind herabgefallen; sie ist nur noch mit dem
Goldschmuck und den durchsichtigen Juwelen behangen.

Der schreckliche Kopf strahlt, immer noch blutend, kleine dunkelpurpurne
Kiesel an den Spitzen des Bartes und Haares ansetzend. Sichtbar ist er
fr Salome allein. Sie streift mit ihrem dstern Blick weder die
Herodias, die an ihren endlich gestillten Hass denkt, noch den
Tetrarchen, der, etwas vorgebeugt, die Hnde auf den Knieen, keuchend
dasitzt und wahnsinnig bethrt ist durch die Nacktheit dieses jungen
Krpers, der von wild aufregenden Wohlgerchen, von Weihrauch und
Myrrhen umduftet ist. --

So wie der alte Knig blieb auch Herzog Jean zermalmt und vernichtet,
vom Schwindel ergriffen vor dieser Tnzerin, die weniger majesttisch,
weniger hochmtig, aber verwirrender als die Salome des lgemldes auf
ihn wirkte.

Verloren in diese seine Betrachtungen versuchte der Herzog dem Ursprung
dieses grossen Knstlers, dieses mystischen Heiden, dieses Illuminaten,
der sich so vllig von der Welt abzusondern vermochte, um mitten in
Paris grausame Visionen, feenhafte Apotheosen der vergangenen Zeitalter
erstrahlen zu sehen, auf die Spur zu kommen.

Mantegna und Jacopo de Barbarj, hie und da verworrene Verbindung mit
Vinci, Farbenfieber  la Delacroix; aber der Einfluss dieser seiner
Meister blieb im ganzen genommen unmerklich. Ohne wirkliche Anlehnung
blieb Moreau in der Kunst seiner Zeit einzig. Er stieg bis zu den
ethnographischen Quellen hinauf, zu den Entstehungen der Gtterlehre,
deren blutige Rtsel er verglich und entwickelte; er vereinigte die
Legenden des ussersten Orients, die sich danach mit dem Glauben der
andern Vlker zu einer einzigen verschmolzen.

Er rechtfertigte somit seine architektonischen Verschmelzungen, sein
verschwenderisch unerwartetes Gemisch von Stoffen, seine unheimlich
sinnbildlichen Darstellungen, verschrft durch die aufregende
Deutlichkeit einer modernen Nervositt.

Es war in seinen Werken ein eigentmlicher Zauber, ein Reiz, der einen
bis ins tiefste Innere bewegt, wie in einigen Dichtungen von Baudelaire;
man bleibt erstaunt, trumerisch und bestrzt von dieser Kunst, die die
Grenzen der Malerei berschreitet und der Dichtung ihre zartesten
Gestaltungen entlehnt. Diese zwei Bilder der Salome, fr welche Herzog
Jean eine Bewunderung ohne Grenzen hegte, lebten unter seinen Augen, an
den Wnden seines Arbeitszimmers.

Aber darauf beschrnkten sich keineswegs seine Bilderankufe.

Obgleich er den ersten und einzigen Stock seines Hauses, den er selbst
nicht bewohnte, geopfert hatte, hatte das Erdgeschoss allein schon eine
ganze Reihe Bilder verlangt.

Das Erdgeschoss war folgendermassen eingeteilt: Ein Ankleidezimmer, das
mit dem Schlafzimmer in Verbindung stand, befand sich in einem Flgel
des Hauses; von dem Schlafzimmer ging man in das Bibliothekzimmer, von
dort ins Esszimmer, welches den anderen Flgel bildete.

Diese Zimmer, welche die eine Vorderseite der Wohnung darstellten,
dehnten sich in gerader Linie aus und die Fenster sahen auf das Thal von
Aunay hinaus.

Die andere Seite der Behausung bestand aus vier, den ersteren ganz
gleichen Zimmern. Die Kche, auf der entsprechenden Seite, stand mit dem
Esszimmer in Verbindung; dann folgte ein grosser Hausflur, der als
Eingang in das Bibliothekzimmer diente; eine Art Boudoir in Verbindung
mit dem Schlafzimmer.

Diese letzteren Zimmer gingen nach der entgegengesetzten Seite des
Thales hinaus und sahen auf den Turm von Croy und Chtillon.

Die Treppe war an einem der Flgel des Hauses von aussen angebracht;
Herzog Jean hrte dadurch die Tritte seiner Dienstboten weniger
deutlich.

Er hatte das Boudoir mit einem lebhaft roten Stoff ausschlagen lassen,
und an allen Wnden des Raumes hingen in schwarzen Ebenholzrahmen
Kupferstiche von Johann von Luyken, einem alten hollndischen
Kupferstecher, der in Frankreich fast unbekannt war.

Er besass von diesem phantastischen, unheimlichen und grausamen Knstler
die Serie seiner Religionsverfolgungen, wahrhaft entsetzliche Bltter,
die die Martern des religisen Wahnsinns vorstellten, Bilder, auf denen
der Anblick unheimlicher menschlicher Qualen geboten wurde: Krper auf
Kohlenglut gebraten, der Schdelhaut beraubte Kpfe, von Ngeln
durchbohrt, tiefe Einschnitte von Sgen herrhrend, Eingeweide aus dem
Leibe gerissen und auf Knule gerollt, langsam mit Zangen losgelste
Fingerngel, ausgestochene Augpfel, Augenlider, die mittels spitzer
Instrumente umgekehrt waren, verrenkte Glieder, mit Sorgfalt gebrochen,
blossgelegte Knochen, langsam mit der Klinge des Messers abgeschabt.

Diese Werke, abscheuliche Phantasiegebilde, die nach verbranntem
Menschenfleisch rochen, Blut schwitzten und erfllt waren vom Schrei des
Entsetzens und der Verfluchung, liessen dem Herzog Jean, den sie mit
verhaltenem Atem in dieses rote Kabinett bannten, geradezu die Gnsehaut
berlaufen.

Aber ausser dem Schauder, den sie ihm bereiteten, ausser der gewaltigen
Begabung dieses Knstlers, dem ausserordentlichen Leben seiner Figuren
entdeckt man bei seinem erstaunlichen, seltenen Talent zur Gruppierung,
die er mit einer an Callot erinnernden Geschicklichkeit und Schrfe zur
Ausfhrung bringt, wunderbare Fhigkeiten zur Wiedergabe gewisser
Zeitstadien: z. B. seine Architekturen, Kostme und Sitten zur Zeit der
Makkaber, dann whrend der Christenverfolgung zu Rom; in Spanien, unter
der Herrschaft der Inquisition; in Frankreich im Mittelalter, sowie zur
Zeit der Pariser Bluthochzeit und der Dragonaden, die alle mit
peinlicher Sorgfalt aufgefasst und mit ausserordentlicher Kunst
wiedergegeben sind.

Diese Kupferstiche waren treffliche Quellen fr mancherlei Aufschlsse;
man konnte sie stundenlang betrachten, ohne zu ermden; sie fhrten zum
Nachdenken und halfen dem Herzog Jean oft die Zeit tten, wenn er keinen
Sinn zum Lesen hatte.

Auch das Leben von Luyken hatte einen gewissen Reiz fr ihn. Eifriger
Calvinist, verstockter Sektierer, vernarrt in Hymnen und Gebete, stellte
er religise Poesien zusammen, die er gleichsam illustrierte. Er schrieb
die Psalme in Verse um, vertiefte sich in die Bibel, von der er entzckt
und gleichzeitig erschttert wurde.

Dabei die Welt verachtend berliess Luyken all seinen Besitz den Armen
und lebte von trockenem Brot; schliesslich hatte er sich mit einer
alten, durch ihn fanatisierten Dienerin eingeschifft. Er fuhr aufs
Geratewohl hinaus, lief mit seinem Schiff hier und dort an und predigte
berall das Evangelium, versuchte selbst ohne Essen zu leben, bis er
beinahe verrckt geworden. --

In dem grsseren Raum nebenan, in der mit Cedernholz in
Cigarrenkistenfarbe bekleideten Vorhalle hingen andere Kupferstiche,
andere Zeichnungen bereinander.

Die Todes-Komdie von Bresdin. In einer unmglichen Landschaft, mit
Bumen, Dickicht und Gehlz bedeckt, welche die Formen von Dmonen und
Gespenstern angenommen und zwischen welchen sich Vgel mit Rattenkpfen
mischten, auf einem Boden, der mit Rippen, Wirbelknochen und Schdeln
beset war, richteten sich knorrige, gespaltene Weiden in die Hhe, von
Skeletten berragt, die die Arme in der Luft bewegen; ein Strauch stimmt
einen Siegesgesang an, whrend Christus in den mit Wlkchen bedeckten
Himmel flieht, ein Einsiedler im Hintergrunde einer Grotte, den Kopf in
den Hnden vergraben, nachdenkend sitzt, und ein Bettler, durch
Entbehrungen und Hunger abgezehrt, ausgestreckt auf dem Rcken, die
Fsse in einem Pfuhl, der Entkrftung erliegt.

Der Gute Samariter von demselben Knstler, als grosse Federzeichnung
auf Stein abgezogen. Ein wunderlicher Wirrwarr von Palmenbumen,
Ebereschen und Eichen, die nebeneinander wachsen, ohne Rcksicht auf
Jahreszeit und Klima; ein Stck Urwald, berset mit Affen, Eulen,
Nachtfaltern und bucklig-alten Baumstmpfen, so missgestaltet wie die
Wurzeln des Alrauns.

Aber obgleich Herzog Jean die Feinheit der Details und die hohen
Schnheiten dieses Kupferstiches schtzte, so hielt er sich doch noch
fter vor den Zeichnungen auf, die den Raum schmckten.

Es waren in ihren Leisten aus rohem Birnbaumholz mit schmalem Goldrand
unbegreifliche Erscheinungen von Odilon Redon. Das Haupt eines
Merowingers auf einer Schale; das eines brtigen Mannes, ein Mittelding
zwischen einem chinesischen Priester und einem Volksredner, der mit
seinem Finger eine kolossale Kanonenkugel berhrt; dann eine
abscheuliche Spinne, die in der Mitte ihres Krpers ein menschliches
Angesicht trgt. Ferner Kohlenzeichnungen, die den Schrecken des
Trumers darstellen, der von Verdauungsqualen gepeinigt wird.

Dann wieder ein grosser Wrfel, aus dem ein halbgeschlossenes trauriges
Auge blinzelt; dort drre unfruchtbare Landschaften, kalcinierte Ebenen,
Umwlzungen des Erdbodens, vulkanische Aufruhre, vom Sturm gepeitschte
Wolken und unbeweglich fahle Himmel; ein unnatrlicher Blumenreichtum
entfaltet sich auf Felsen; berall erratische Blcke, schmutzige
Eisgruben, Gestalten, deren affenartiger Typus und dicke Backenknochen,
deren hervorstehende Augenbrauen, schiefe Stirn und eingedrckte Schdel
an die Kpfe unserer Vorfahren erinnern.

Diese Zeichnungen waren ohne Beispiele in der Kunst, sie berschritten
die Grenzen der Malerei und fhrten wunderlich phantastische Neuerungen
ein, Gebilde der Krankheit und des Fieberwahns.

Diese Gesichter, diese masslos vergrsserten und missgestalteten wie
durch eine Karaffe gesehenen Krper riefen bei Herzog Jean Erinnerungen
an Typhus wach, Erinnerungen, die ihm von fieberhaften Nchten und
schrecklichen Visionen seiner Kindheit geblieben waren.

Erfasst von einem unbeschreiblichen, durch diese Zeichnungen erzeugten
Unbehagen, wie er es empfand bei gewissen Sprichwrtern Goyas, an die
sie erinnerten, oder wie beim Schluss einer Lektre von Edgar Po, von
dem Odilon Redon die Fata Morgana der Sinnestuschungen und die
Wirkungen der Furcht in verschiedenartiger Kunst ererbt zu haben schien,
rieb er sich die Augen und betrachtete eine strahlende Figur, betitelt
die Schwermut, die vor der Sonnenscheibe in einer gedrckten, trben
Stellung auf einem Felsen sitzt.

Wie durch Zauber verschwinden diese Schatten, eine sanfte Traurigkeit,
eine kraftlose Verzweiflung bemchtigt sich seiner Gedanken und er
stellt lange Betrachtungen vor diesem Werke an.

Ausser dieser Sammlung von Zeichnungen von Redon, die fast alle Wnde
des Vorzimmers zierten, hatte Herzog Jean in seinem Schlafzimmer eine
sonderbare Skizze von Theocopuli: einen Christus. Es war ein Bild in
unnatrlichen Farbentnen, von bertriebenen Linien und grausamer
Frbung, ein Bild der zweiten Periode dieses Knstlers, als er die Idee
aufgegeben hatte, nicht mehr Tizian hnlich zu sein.

Diese unheimliche Malerei, die in Wachsfarbe und Leichengrn ausgefhrt
zu sein schien, entsprach nach des Herzogs Ansicht einer gewissen
bereinstimmung mit dem Mobiliar.

Seiner Meinung nach gab es nur zwei Arten, um ein Schlafzimmer
einzurichten: entweder ein Alkoven, der Ort nchtlicher Ergtzung, oder
ein Pltzchen der Ruhe und Einsamkeit, eine Zufluchtssttte des
Gedankens, eine Art Betzimmer.

Nachdem er die Frage von allen Seiten beleuchtet hatte, folgerte er,
dass das zu erreichende Ziel sich darin zusammenfassen liesse: mit
freundlichen Gegenstnden eine traurige Sache zu schaffen, oder
vielmehr, wenn man dem Schlafgemach auch den Charakter der Hsslichkeit
lsst, doch dem Ganzen eine Art von Eleganz und Vornehmheit
aufzudrcken. Durch die Optik des Theaters, dessen gemeiner Flitterkram
wie kostbare und teure Gewebe aussieht, die absolut entgegengesetzte
Wirkung zu erzielen, indem man sich prchtiger Stoffe bedient, um ihnen
den Anstrich der Drftigkeit zu verleihen; mit einem Wort eine
Karthuserklause herzustellen, die aussah wie eine wirkliche.

Er verfuhr in folgender Weise: um die ockerartige Mauerfarbe, das
vorgeschriebene geistliche Gelb, nachzuahmen, liess er die Wnde mit
safrangelber Seide bekleiden. Um aber die Schokoladenfarbe der Panele
wiederzugeben, liess er sie mit violettfarbenen Holzleisten, die mit
Amarantfarbe dunkel gebeizt waren, bekleiden. Die Wirkung war frappant;
sie konnte von weitem an die dstere Starrheit des Vorbildes erinnern.
Der Plafond wurde in Gelbweiss tapeziert, das den Kalk ersetzte, ohne
dessen grellen Schein zu haben. Die kalten Steine der Zelle gelangen in
der Nachbildung ziemlich gut dank einem Teppich, dessen Muster rote
Fliesen vorstellte, mit weisslichen Stellen in der Wolle, welche die
Abnutzung durch Sandalen und die Reibung durch Stiefel darstellen
sollten.

Er mblierte dieses Gemach mit einem kleinen eisernen Bett, einer Art
Mnchsbett, aus antikem Eisen geschmiedet und poliert, am Fussende mit
reich aufgetragenen Verzierungen versehen.

Die Stelle eines Nachttisches vertrat ein Betstuhl, dessen Inneres ein
Nachtgeschirr enthalten konnte und dessen Aussenseite eine Kirchenagenda
trug. Gegenber an der Mauer liess er einen Kirchenstuhl anbringen, der
von einem durchbrochenen Altarhimmel berragt wurde, verziert mit
vorspringenden Sttzen. Die hohen Kirchenleuchter ersetzte er durch
Lichter aus reinem Wachs, die er in einem besonderen Geschft kaufte,
das nur Kirchenartikel fhrte, denn er hegte eine grosse Abneigung gegen
Petroleum oder Stearin, kurz gegen alle und jede moderne Beleuchtung, da
sie ihm zu grell und unzart erschien. --

Des Morgens in seinem Bett, ehe er einschlief, den Kopf auf dem
Kopfkissen, seine Umgebung betrachtend, stellte er sich leicht vor, dass
er sich hundert Meilen von Paris befinde, weit weg von der Welt, im
Innern eines Klosters.

Und im Grunde genommen war die Tuschung leicht, da er ein Leben fhrte,
das dem eines Mnches fast gleichkam. Er hatte sich auf diese Weise die
Vorteile der Abgeschlossenheit verschafft. Wie er seine Zelle zu einem
warmen, angenehmen Zimmer gemacht, hatte er sein Leben regelmssig und
bequem gestaltet, umgeben von Wohlbehagen, beschftigt und dennoch frei.
--

Vom Leben abgenutzt, von dem er nichts mehr erwartete, ward er einem
Einsiedler gleich, reif fr die Einsamkeit. Niedergedrckt wie ein Mnch
und voll unendlicher Mdigkeit, war er beseelt von dem Bedrfnis nach
Ruhe, von dem Wunsche, nichts mehr gemein zu haben mit den Profanen, die
bei ihm fr Utilitarier und Dummkpfe galten.




                           SECHSTES KAPITEL.


Tief in seinen bequemen Lehnsessel vergraben, die Fsse auf den
vergoldeten Kugeln der Feuerbcke, die Pantoffel fast brennend von den
Holzscheiten, die knisternd lebhafte Flammen ausstrahlten, legte Herzog
Jean den alten Quartanten, in welchem er las, auf einen Tisch, dehnte
sich, zndete sich eine Cigarette an und verfiel dann in kstliche
Trumereien, mit verhngten Zgeln die Spur der Erinnerung verfolgend,
die ihm seit Monaten entfallen und jetzt pltzlich wieder, durch das
Beifallen eines Namens, hervorgerufen wurde.

Mit wunderbarer Deutlichkeit sah er nmlich die Verlegenheit seines
Kameraden d'Aigurande vor Augen, als derselbe in einer Versammlung
standhafter Junggesellen die letzten Vorbereitungen zu einer Heirat
offen gestehen musste. Man protestierte laut dagegen, man malte ihm die
Abscheulichkeit eines Zusammenschlafens in demselben Bette aus. Nichts
half; vollstndig in ihrem Banne glaubte er an die Intelligenz seiner
knftigen Frau und behauptete sogar bei ihr aussergewhnliche
Eigenschaften von Hingebung und Zrtlichkeit erkannt zu haben.

Herzog Jean war es, der von all den jungen Leuten allein den Freund in
seinem Entschluss ermutigte, und dies von dem Augenblick ab, als er in
Erfahrung gebracht hatte, seine Braut wnsche an der Ecke eines neuen
Boulevards eine der modernen Wohnungen in Rotundenform zu beziehen.

berzeugt von der unbarmherzigen Macht kleiner Misren, die unheilvoller
fr starke Naturen sind als grosse, sowie sich auf die Thatsache
sttzend, dass d'Aigurande kein Vermgen besass und die Mitgift seiner
Frau so gut wie Null war, sah er in diesem einfachen Wunsch eine
unendliche Aussicht fr lcherliche Unannehmlichkeiten.

D'Aigurande kaufte Mbel von runder Form, Spiegeltische, die, hinten
ausgehhlt, einen Kreis bildeten, die Gardinensttzen in Bogenform,
Teppiche in Halbmondform, kurz ein ganzes Mobiliar, wie es eben auf
Bestellung angefertigt wird.

Er bezahlte das Doppelte dafr. Als spter seine Frau fr ihre Toilette
zu knapp bei Geld und endlich der Rotundenwohnung berdrssig war und
eine viereckige Etage beziehen wollte, da passte eben keins der Mbel
mehr. Nach und nach wurde dieses lstige Mobiliar eine Quelle endlosen
Verdrusses. Das frhere gute Einvernehmen, das schon durch das
gemeinschaftliche Leben etwas locker geworden war, schrumpfte von Woche
zu Woche mehr zusammen; sie gerieten in Zorn, warfen sich gegenseitig
vor, nicht in einem Salon bleiben zu knnen, wo die Kanapees und
Spiegeltische nicht einmal die Wnde berhrten und bei der geringsten
Bewegung, trotz aller Keile, die man darunter gelegt, wackelten. Auch
fehlte das ntige Geld fr die Ausbesserungen. Alles wurde ein
Gegenstand des Streites und der Bitterkeit, von den Schubladen an, die
sich in den nicht ordentlich feststehenden Mbeln gezogen hatten, bis zu
den Spitzbbereien des Dienstmdchens, das von der Unachtsamkeit und den
Zwistigkeiten profitierte, um die Kasse zu erleichtern. Mit einem Wort:
das Leben wurde ihnen unertrglich. Er amsierte sich ausserhalb des
Hauses; sie suchte daheim durch bertretung des Ehegebotes das Vergessen
ihrer trben und langweiligen Existenz zu ermglichen.

Mein Schlachtplan war richtig, hatte sich damals der Herzog gesagt,
der dies mit der Befriedigung eines Strategen vernahm, dessen Manver
gelungen waren. --

Er dachte jetzt vor seinem Feuer sitzend an die Trmmer dieses ehelichen
Heims, deren Veranlassung sein guter Rat gewesen war. Er warf neue
Scheite Holz in den Kamin und nahm flugs seine Trumereien wieder auf.

Andere Erinnerungen kamen ihm jetzt, die derselben Gedankenreihe
angehrten.

Es war schon einige Jahre her, als er eines Abends in der Rue de Rivoli
einem Laufburschen von ungefhr sechzehn Jahren begegnete, einem
blassen, verschmitzt aussehenden Jungen, verfhrerisch wie ein Mdchen.
Derselbe sog mhevoll an einer Cigarette, deren Papier geplatzt war.
Schimpfend rieb er gewhnliche Kchenstreichhlzer an seiner Hose ab,
die nicht fangen wollten, bis ihm keins mehr brig blieb. Jetzt bemerkte
er den Herzog, der ihn beobachtete. Er nherte sich ihm und an den Rand
seiner Mtze greifend bat er ihn um Feuer. Herr des Esseintes reichte
ihm einige duftige Cigaretten von Dubque, knpfte dann eine
Unterhaltung mit ihm an und veranlasste ihn, seine Geschichte zu
erzhlen.

Diese war usserst einfach. Der Junge hiess Auguste Langlois und war bei
einem Papparbeiter in der Lehre; er hatte seine Mutter frh verloren und
wurde von seinem Vater oft nach Noten geprgelt.

Herzog Jean hrte ihn nachdenklich an: Komm, wir wollen etwas zusammen
trinken, sagte er und fhrte ihn in eine Wirtschaft, wo er ihm starken
Punsch vorsetzen liess. Der Junge trank, ohne ein Wort zu sprechen. --
Mchtest Du Dich heute Abend amsieren? fragte der Herzog. Dann hatte
er den Kleinen zu Madame Laura, einer Dame gefhrt, die in der Rue
Mosnier in der dritten Etage eine Auswahl von Blumenmacherinnen wie eine
Reihe roter Zimmer, die mit runden Spiegeln, Kanapees, etc. etc.
ausgestattet waren, hielt.

Dort hatte Auguste ganz verdutzt seine Mtze zwischen seinen Fingern
drehend ein kleines Bataillon Frauenzimmer gesehen, die alle wie aus
einem Munde riefen:

Ach, der hbsche Junge!

Aber sag mal, Kleiner, Du hast noch nicht das richtige Alter, fgte
eine stattliche Brnette mit gebogener Nase und grossen dunklen Augen
hinzu, die bei Madame Laura die unvermeidliche Rolle der schnen Jdin
vertrat.

Herzog Jean schien dort zu Hause zu sein und unterhielt sich leise mit
der Wirtin.

Sei doch nicht bange, Dummkopf, rief er dem Jungen zu. Triff Deine
Wahl, ich bezahle. Und er gab dem Kleinen einen leichten Stoss, so dass
er auf den Divan zwischen zwei der Schnen fiel.

Auf ein Zeichen der Wirtin rckten diese etwas zusammen, hllten die
Kniee des Jungen mit ihren Rcken ein und hielten ihm ihre entblssten
Schultern, die stark nach einem betubenden Puder rochen, unter die
Nase. Der arme Kleine rhrte sich nicht mehr; sein Kopf wurde ganz heiss
und rot, der Mund trocken; die Augen niederschlagend wagte er nur
verstohlen einige neugierige Blicke.

Wanda, die schne Jdin, ksste ihn und gab ihm gute Ratschlge, empfahl
ihm, seinem Vater und seiner Mutter zu gehorchen und zur selben Zeit
glitten ihre Hnde langsam ber den Jungen hin, dessen vernderte
Gesichtszge konvulsivisch zuckten.

Es ist also nicht Deinetwegen, dass Du heute Abend kommst? fragte
Madame Laura den Herzog. Aber zum Teufel, wo hast Du nur den Schlingel
aufgetrieben? fing sie wieder an, als Auguste mit der Schnen in einem
Nebenzimmer verschwunden war.

Auf der Strasse, meine Beste.

Du bist doch nicht betrunken? murmelte die alte Wirtin. Und nach
einiger berlegung fgte sie mit einem mtterlichen Lcheln hinzu: Du
liederlicher Strick, Dir steht nach frischer Ware der Sinn!

Herzog Jean zuckte mit den Achseln. Du irrst Dich gehrig! ja
vollstndig, entgegnete er. Die Wahrheit ist, dass ich einfach
versuche, mir einen Mrder zu bilden. Folge einmal aufmerksam meiner
Beweisfhrung. Dieser Junge ist noch rein, doch hat er das Alter
erreicht, wo das Blut zu wallen anfngt; er wrde hinter den jungen
Mdchen in seinem Viertel herlaufen, sich amsieren und doch noch
rechtschaffen bleiben, um schliesslich sein bescheidenes Teil an einem
momentanen Glck zu geniessen, wie es den Armen eben beschieden ist. --
So aber, wo ich ihn hierher fhre, in die Mitte Eures Paradieses, das er
gar nicht ahnt und das ihm notgedrungen im Gedchtnis verbleibt, und
indem ich ihm alle vierzehn Tage eine solch unverhoffte Wonne zuteil
werden lasse, wird er sich an den Genuss des Fleisches gewhnen. Es wird
ihm systematisch zum Bedrfnis werden! Nehmen wir selbst an, dass er
drei Monate braucht, bis der Genuss ihm absolut notwendig geworden --
und mit den langen Zwischenrumen, die ich mache, laufe ich keine
Gefahr, ihn zu bersttigen -- nun, am Ende dieser drei Monate werde ich
die kleine Rente, die ich Dir einzahlen werde, aufheben, und dann wird
er stehlen wie ein Rabe, um hierher kommen zu knnen; er wird alle Hebel
in Bewegung setzen, um sich auf diesem Divan und unter diesem Gas wlzen
zu knnen.

Die Sache zum ussersten getrieben: er wird, wie ich hoffe, eines Tages
seinem Herrn, der ihn dabei betrifft, wie er dessen Geldschrank ffnet,
einfach den Hals umdrehen, und so ist, wie Du siehst, mein schner Zweck
erreicht. Ich werde im Verhltnis meiner Mittel eben dazu beigetragen
haben, einen Schurken mehr zu schaffen, ein Nahrungsmittel der edlen
Justitia, was mir als Feind dieser verabscheuten Gesellschaft, die uns
brandschatzt, gerade recht ist. --

Die Frauenzimmer sahen ihn mit grossen Augen an.

Da bist Du ja! fing er wieder an, als er Auguste in den Salon
zurckkommen sah, der sich rot und verlegen hinter der schnen Jdin zu
verstecken suchte.

Nun, mein Junge, es ist schon spt, sag diesen netten Damen geflligst
Adieu.

Und auf der Treppe teilte er ihm mit, dass er alle vierzehn Tage, ohne
dass es ihn einen Heller koste, zu Madame Laura gehen knne; dann auf
der Strasse angelangt, sah er den ganz betubten Jungen einen Augenblick
lang an, und schloss:

Wir werden uns wohl nicht wieder sehen; geh schnell heim zu Deinem
Vater, dessen Hand ihm unthtig juckt und behalte das gewissermassen
schne evangelische Wort: >Thue den andern das, was Du nicht willst, das
sie Dir thun< wohl im Gedchtnis. Mit dieser Lebensregel wirst Du weit
kommen. -- Gute Nacht! Vor allen Dingen sei nicht undankbar, lass so
bald wie mglich von Dir hren, das heisst auf dem Wege der
hochlblichen Gerichtszeitung. -- -- -- --

Der kleine Judas! murmelte Herzog Jean vor sich, das Feuer schrend;
-- sich sagen zu mssen, dass ich seinen Namen noch niemals unter
Vermischtes gelesen habe! -- Es sei denn, dass er schon mit dem Gericht
zu thun gehabt htte, seit ich in Fontenay bin, wo ich keine Zeitungen
mehr lese.

Er stand auf und ging ein paarmal im Zimmer auf und ab.

Es wre trotz alledem schade, sagte er sich, denn indem ich so
handelte, machte ich das weltliche Gleichnis wahr, die Allegorie der
allgemeinen Lehre, die nach nichts Geringerem strebt, als alle Menschen
in einen >Langlois< zu verwandeln, und sich den Kopf zerbricht, statt
endlich den Elenden aus Mitleid die Augen auszustechen, um sie ihnen
ganz und mit Gewalt zu ffnen, damit sie um sich herum nur unverdiente
und mildere Schicksale sehen, verfeinerte und schrfere Gensse wittern,
die ihnen darum um so ersehnter und begehrenswerter erscheinen. --

Und die Thatsache ist, fuhr der Herzog in seiner Schlussfolgerung
fort, die Thatsache ist die, dass der Schmerz eine Wirkung der
Erziehung ist, dass er sich erweitert und schrft, je nachdem die Ideen
entstehen: je mehr man sich also befleissigt, den Verstand und das
Nervensystem der armen Teufel zu verfeinern, desto mehr wird man die
gewaltig lebenskrftigen Keime des moralischen Leidens und Hasses in
ihnen anfachen und entwickeln. -- --

Die Lampen kohlten. Er zog sie auf und sah nach der Uhr: drei Uhr
Morgens. -- Er zndete sich eine Cigarette an und vertiefte sich von
neuem in die durch seine Trumereien unterbrochene Lektre des
lateinischen Gedichts De laude castitatis, das unter der Regierung des
Gondebald von Avitus, des Erzbischofes von Wien, geschrieben worden ist.




                           SIEBENTES KAPITEL.


Seit jener Nacht, in der er ohne augenscheinliche Ursache die
melancholische Erinnerung an Auguste Langlois wachgerufen, lebte sein
ganzes frheres Leben wieder in ihm auf.

Er war unfhig, ein Wort der Bcher zu verstehen, die er zu Rate zog;
selbst seine Augen lasen nicht mehr; es war ihm, als wenn sein Geist,
von Litteratur und Kunst bersttigt, sich weigerte, mehr in sich
aufzunehmen.

Er lebte nur noch in sich selbst, nhrte sich von seinem eigenen Mark,
gleich Tieren whrend des Winterschlafes; denn die Einsamkeit hatte wie
ein Schlaftrunk auf sein Gehirn gewirkt. Nachdem diese ihn anfangs
entkrftet und hingehalten hatte, brachte sie schliesslich eine
Empfindungslosigkeit mit unbestimmten Trumereien in ihm hervor; sie
vernichtete seine Absichten, brach seinen Willen, fhrte ihm eine Reihe
von Trumen vor, die er passiv ertrug, ohne auch nur zu versuchen, sich
ihnen zu entziehen.

Die verworrene und ungeregelte Lektre, das knstliche Denken, dem er
sich seit seiner Zurckgezogenheit hingegeben hatte, glich einem Damm,
mit dem er seine alten Erinnerungen umgab; dieser Damm war pltzlich
gewaltsam durchbrochen, die Flut setzte sich in Bewegung, riss Gegenwart
und Zukunft mit sich, um alles gleichsam unter Wasser zu setzen und
seinen Geist mit einer unendlichen Traurigkeit zu erfllen, auf der
unbedeutende Ereignisse seines Lebens und alberne Nichtigkeiten wie
Strandgut umherschwammen.

Das Buch, welches er in der Hand hielt, fiel oft achtlos auf den Boden;
er liess sich gehen, liess voll Widerwillen und Scham die Jahre seines
vergangenen Lebens an sich vorberziehen.

Was war das fr eine Epoche!

Er versetzte sich in die Zeit der vornehmen Abendgesellschaften, der
Rennen, des Spiels, seiner Liebeleien. Er erinnerte sich der Gesichter,
der Mienen, der nichtssagenden Worte, welche ihn mit der Hartnckigkeit
jener trivialen Melodieen verfolgten, die man wohl gegen seinen Willen
summt, die sich aber schliesslich mit einem Mal und ohne dass man daran
denkt wieder verlieren. Diese Periode war von kurzer Dauer. Es trat
darauf Gedchtnisruhe ein; er versenkte sich aufs neue in seine
lateinischen Studien, um die Rckblicke selbst bis zum Eindruck zu
verwischen.

Doch der Reigen war erffnet, fast unmittelbar folgte eine zweite Phase,
nmlich die Erinnerungen seiner Kindheit, besonders diejenigen der
Jahre, welche er bei den Jesuiten zugebracht hatte.

Diese Erinnerungen waren die entferntesten und doch klarsten seines
Gedchtnisses, ihm scharf und tief eingegraben: der schattige Park, die
langen Alleen, die Blumenbeete, die Bnke -- alle die kleinen
Einzelheiten stiegen in seiner Einsamkeit vor ihm auf. Er sah die Grten
sich beleben, hrte das Geschrei der Schler, das Lachen der Lehrer, die
sich whrend der Erholungsstunden unter die Schler mischten und sich,
den hochgeschrzten Priesterrock zwischen den Knieen haltend, dem
Ballspiel hingaben oder auch mit den jungen Leuten ganz ungezwungen wie
Kameraden unter den Bumen plauderten.

Die Jesuiten erlangten durch diese Methode einen wirklichen Einfluss auf
das Kind, brachten es dahin, die geistigen Gaben, welche sie
kultivierten, gewissermassen zu kneten, sie in eine bestimmte Richtung
zu lenken, sie gleichsam mit besondern Ideen zu pfropfen, ihre
Gedankenzunahme durch eine eindringlich einschmeichelnde Methode zu
frdern, indem sie sich bemhten, ihren Schlern spter, beim Eintritt
in die Welt, zu folgen und sie zu untersttzen, indem sie ihnen
liebevolle Briefe sandten, wie sie der Dominikaner Lacordaire an seine
ehemaligen Zglinge zu schreiben verstand.

Herzog Jean gab sich von dem Erziehungs-Verfahren Rechenschaft, welches
er, wie er sich einbildete, ohne Resultat hatte ber sich ergehen
lassen; sein Charakter, der allen Ratschlgen gegenber rebellisch,
spitzfindig, argwhnisch und zum Widerspruch geneigt war, hatte ihn
verhindert, durch ihre Zucht gebildet, ihren Lehren unterworfen zu
werden. Einmal dem Kollegium entwachsen, hatte sein Skepticismus nur
noch zugenommen; sein Weg durch eine legitimistisch-unduldsame und
beschrnkte Welt, die Unterhaltung mit unwissenden Kirchenvorstehern und
niedrigen Geistlichen, deren Ungeschicktheit den Schleier zerrissen, der
so kunstgerecht von den Jesuiten gewebt war, bestrkten nur noch seinen
unabhngigen Geist und vermehrten sein Misstrauen gegen jeden Glauben.

Er erachtete sich im ganzen genommen frei von jedem Band, von jedem
Zwang; er hatte einfach, anders als alle andern, die im Lyceum oder in
weltlichen Pensionaten erzogen waren, der Anstalt und seinen Lehrern ein
vortreffliches Andenken bewahrt; und jetzt, wo er mit sich zu Rate ging,
kam er dahin, sich zu fragen, ob der Same, bislang auf unfruchtbaren
Boden gefallen, nicht anfinge aufzugehen.

Und wirklich, seit einigen Tagen befand er sich in einem
unbeschreiblichen Seelenzustand. Whrend eines Augenblickes glaubte er
sich instinktmssig der Religion zugefhrt; bei der geringsten
Beweisfhrung aber verflog seine Hinneigung zum Glauben; trotzdem blieb
er voll Unruhe und Verwirrung.

Er wusste indessen wohl, indem er in sich ging, dass er niemals den
Geist der wahrhaft christlichen Demtigung und Reue haben wrde; er
wusste, dass der Augenblick, von dem der Pater Lacordaire spricht,
dieser Augenblick der Gnade, wo der letzte Lichtstrahl in die Seele
dringt und die dort zerstreuten Wahrheiten in einem gemeinsamen Centrum
wieder fixiert, fr ihn niemals kommen wrde; er fhlte nicht das
Bedrfnis der Demtigung und des Gebetes, ohne welches nach der Wahrheit
der Priester keine Bekehrung mglich ist; er empfand nicht den Wunsch,
Gott anzuflehen, dessen Barmherzigkeit ihm am wenigsten wahrscheinlich
schien; und doch brachte es die Sympathie, die er fr seine ehemaligen
Lehrer bewahrte, dahin, ihn fr sie und ihre Doktrinen zu interessieren.
Diese unnachahmliche Sprache der berzeugung, diese begeisternden
Stimmen hherer Intelligenz fielen ihm wieder ein und hatten zur Folge,
dass er an seinem Geist und seinen Krften zweifelte. In seiner
Einsamkeit, ohne neue Nahrung, ohne frisch empfundene Eindrcke, ohne
Erneuerung der Gedanken und Austausch von Empfindungen, die von aussen
kommen, in dieser unnatrlichen Verbannung, in der er eigensinnig
verharrte, stellten sich alle Streitfragen, die er whrend seines
Aufenthaltes in Paris vergessen hatte, von neuem wie aufregende Rtsel
vor seinem Geist dar.

Die Lektre der lateinischen Werke, die ihm sonst angenehm war, Werke
meist von Bischfen und Mnchen verfasst, hatte ohne Zweifel zu dieser
Krisis beigetragen. Eingehllt in eine Klosteratmosphre, in einen Duft
von Weihrauch, der ihm den Kopf benahm, hatten sich die Nerven
aufgeregt; durch eine Ideenverbindung hatten diese Bcher die
Erinnerungen an seine Jugendzeit bei den Jesuiten wieder ans Licht
gefrdert.

Die Sache ist klar, sagte sich der Herzog Jean, indem er vernnftig
nachzudenken und dem Gang dieser Einfhrung des Jesuitenelementes in
Fontenay zu folgen versuchte -- ich habe seit meiner Kindheit, und ohne
es je gewusst zu haben, diesen Stoff, der noch nicht gegrt hatte, in
mir selbst; diese Vorliebe, die ich immer fr alle religisen Sachen
gehabt habe, ist vielleicht ein Beweis dafr.

Dennoch versuchte er sich vom Gegenteil zu berzeugen; unzufrieden,
nicht mehr unumschrnkter Herr ber sich selbst zu sein, holte er Grnde
herbei. Er hatte sich notgedrungen der Geistlichkeit zuwenden mssen, da
die Kirche allein die verlorengegangene Kunst und Form der Jahrhunderte
gesammelt hatte; sie hat selbst bis zu den gewhnlichen modernen
Erzeugnissen herab die Formen der Goldschmiedekunst bewahrt, den Zauber
der schlanken Kelche und der Hostiengefsse in ihrer edlen Rundung auf
uns gebracht, sie hat sogar in dem modernen Aluminium, in unedlen
Metallen, in farbigem Glas die Grazie der mittelalterlichen Formen
beibehalten.

Die meisten der kostbaren Gegenstnde, welche im Museum von Cluny
klassifiziert und wie durch Wunder der gemeinen Raubgier der
Sansculotten entgangen sind, stammen aus den alten Abteien Frankreichs
her. Ebenso wie die Kirche im Mittelalter die Philosophie, die
Geschichte und Sprache vor dem Verfall geschtzt hat, so hat sie auch
die plastische Kunst hinbergerettet.

Bis zu unsern Tagen haben sich jene wunderbaren Muster von Geweben und
Goldschmiedekunst erhalten, welche die Fabrikanten kirchlicher
Gegenstnde verhunzen, ohne ganz auf die ursprngliche entzckende Form
verzichten zu knnen. Es war daher durchaus nicht berraschend, dass er
hinter antiken Nippsachen hergejagt, dass er mit Hilfe zahlreicher
Sammler die Reliquien bei den Antiquittenhndlern in Paris und den
Trdlern auf dem Lande aufgestbert hatte.

Aber vergebens berief er sich auf diese Grnde; es gelang ihm nicht,
sich vollstndig zu beruhigen. Gewiss, indem er alles kurz
zusammenfasste, beharrte er dabei, die Religion als eine herrliche
Legende, als eine grossartige Betrgerei zu betrachten, und doch trotz
all seiner Auslegungen fing sein Skepticismus an zu wanken.

Die seltsame Thatsache bestand: er war jetzt weniger sicher als in
seiner Kindheit, wo die Frsorge der Jesuiten unmittelbar auf ihn
gewirkt, als er in ihren Hnden, ohne Familienbande, ohne Einfluss von
aussen her, ihnen sozusagen mit Krper und Geist angehrte. Sie hatten
ihm ebenfalls einen gewissen Geschmack fr das Wunderbare eingeflsst,
der sich langsam und unbemerkt in seiner Seele verzweigt hatte und der
jetzt in der Einsamkeit aufblhte.

Beim Prfen dieser seiner Gedanken, beim Suchen, ihre Fden zu
verbinden, die Quellen und Ursachen zu entdecken, kam er zu der
berzeugung, dass seine Handlungsweise whrend seines gesellschaftlichen
Lebens von seiner Erziehung herrhrte. Waren nicht seine Neigungen fr
das Verknstelte, sein Verlangen nach dem Excentrischen die Resultate
besonderer Studien und Raffiniertheit? Gewissermassen theologische
Forschungen? Es waren im Grunde Erregungen und Begeisterungen zum
Idealen, zum unbekannten Weltall, zu einer fern ersehnten
Glckseligkeit, wie jene, die uns die heilige Schrift verspricht.

Er hielt pltzlich an und brach den Faden seiner Betrachtungen ab.

Mir scheint, murmelte er verdriesslich, dass ich noch mehr getroffen
bin, als ich glaubte, da ich mich selbst mit Worten, wie ein Kasuist,
bekmpfe.

Er verblieb nachdenklich, von einer unbestimmten Furcht bewegt.

Ach! ich werde stumpfsinnig, sagte sich der herzogliche Einsiedler;
die Furcht vor dieser Krankheit wird, wenn das so weitergeht,
schliesslich die Krankheit selbst herbeifhren.

Es gelang ihm, diesen Einfluss etwas abzuschtteln; seine Erinnerungen
liessen nach, aber andere krankhafte Symptome machten sich bemerkbar;
jetzt waren es die Gegenstnde der Streitigkeiten allein, die ihn
heimsuchten. Der Park, die Lehrer, die Jesuiten waren entschwunden. Er
war gnzlich vom Abstrakten beherrscht; gegen seinen Willen dachte er an
die widersprechenden Auslegungen der Glaubensstze, an die verloren
gegangenen Lossagungen von den Klostergelbden, die Pater Labbe in dem
Werk ber die Konzilien erwhnt. Brocken von diesen Kirchenspaltungen,
berbleibsel dieser Ketzereien, die whrend mehrerer Jahrhunderte die
Kirchen des Westens und des Ostens trennten, fielen ihm wieder ein. Hier
war es Nestorius, der der Jungfrau Maria den Titel Muttergottes streitig
machte, weil im Mysterium der Inkarnation nicht Gott, sondern nur die
menschliche Kreatur vorhanden war, die sie in ihrem Leibe getragen habe;
da war es Eutyches, der da erklrte, dass das Bildnis Christi nicht
demjenigen der andern Menschen gleichen knnte, da die Gottheit, in
seinem Krper domizilierend, die Form ganz und gar verndert habe; dann
waren es wieder andere Znker, welche behaupteten, dass der Erlser gar
keinen Krper gehabt, dass dieser Ausdruck der heiligen Schrift nur
bildlich zu nehmen sei; whrend Tertullian sich in seinem berhmten,
beinahe materialistischen Axiom ussert: Nichts, das ist, ist
unverkrpert; alles was ist, hat einen Krper, der ihm eigen; und
schliesslich diese alte, whrend langer Jahre errterte Frage: Ist
Christus allein ans Kreuz geschlagen, oder hat die Dreieinigkeit, eins
in drei Personen, in ihrer dreifachen Persnlichkeit am Kreuze Golgathas
gelitten?

Alles das trieb ihn an, drngte ihn -- und mechanisch wie eine einmal
gelernte Aufgabe stellte er sich selber Fragen und suchte sich dieselben
zu beantworten. --

Whrend einiger Tage war es in seinem Gehirn wie ein Wimmeln von
Paradoxen, wie ein Flug von Haarspaltereien. Dann verwischte sich aber
die abstrakte Seite und eine ganz plastische folgte ihr unter der
Wirkung der Gustav Moreauschen Bilder, die an den Wnden aufgehngt
waren.

Er sah eine ganze Prozession von Prlaten an sich vorber ziehen:
Archimandriten, Patriarchen, die ihre goldbekleideten Arme emporheben,
um die knieende Menge zu segnen, und ihre weissen Brte beim Lesen und
Gebeteleiern schtteln; er sah ganze Zge schweigender Bsser in die
dunklen Totengrfte hinabsteigen, dann wieder sich unermessliche Dome
erheben, in denen weiss gekleidete Mnche von der Kanzel herunter
donnerten.

Nach und nach verschwanden schliesslich diese Gesichte. Er sah von der
Hhe seines Geistes herab das Panorama der Kirche wie ihren erblichen
Einfluss auf die Menschheit seit Jahrhunderten; er stellte sie sich
verzweifelnd und grossartig vor, dem Menschen das Schreckliche des
Lebens und die Unfreundlichkeit des Schicksals darthuend, Geduld, Reue
und Aufopferung predigend, versuchend die Schmerzen zu heilen durch den
Hinweis auf die blutenden Wunden Christi, gttliche Vorrechte
versichernd, den Betrbten den besten Teil des Paradieses versprechend,
die menschliche Kreatur zum Leiden ermahnend, damit der Mensch Gott
seine Trbsale und Snden, seine Missgeschicke und seine Sorgen als
Shnopfer darbringe.

Hier fasste Herzog Jean wieder Fuss. Gewiss war er durch dieses
Gestndnis der sozialen Schndlichkeit befriedigt, wieder aber emprte
ihn das unbestimmte Heilmittel der Hoffnung auf ein besseres Leben.

Schopenhauer war ehrlicher, seine Doktrinen und die der Kirche gingen
von einem gemeinschaftlichen Standpunkt aus; er sttzte sich ebenfalls
auf die Ungerechtigkeit und Schndlichkeit der Welt, er stiess auch mit
seiner Nachfolge Jesu Christi den schmerzlichen Ruf aus: Es ist
wirklich ein Elend, auf der Welt zu sein! Er predigte auch die
Erbrmlichkeit der Existenz, die Vorteile der Zurckgezogenheit, warnte
die Menschheit, dass, was sie auch thun mge und nach welcher Seite sie
sich auch drehe, sie immer nur unglcklich bleibe: arm wegen der Leiden,
die aus den Entbehrungen hervorgehen, reich im Verhltnis zu der
unbesiegbaren Langenweile, welche der berfluss erzeugt; aber er pries
kein Universalmittel an, vertrstete mit keinem Kder, um dem
unvermeidlichen bel abzuhelfen.

Er untersttzt nicht das emprende System der Erbsnde; versucht nicht
zu beweisen, dass derjenige ein allgtiger Gott sei, der die Spitzbuben
beschtzt, der den Dummkpfen hilft, die Kindheit vernichtet, das Alter
verdummt und die Unschuldigen bestraft; er rhmt nicht die Wohlthaten
einer Vorsehung, die diese nutzlose, unverstndliche, ungerechte und
alberne Abscheulichkeit, das physische Leiden, erfunden hat; er versucht
keineswegs zu rechtfertigen, wie die Kirche die Notwendigkeit der Qualen
und Prfungen. Ruft er doch in seiner emprten Barmherzigkeit aus: Wenn
ein Gott diese Welt gemacht hat, so mchte ich nicht dieser Gott sein;
das menschliche Elend wrde mir das Herz brechen!

Ach! er allein hatte das Richtige getroffen! Was waren alle die
evangelischen Quacksalber neben seinen Abhandlungen von geistiger
Gesundheitspflege? Er beabsichtigte nichts zu heilen, bot dem Kranken
keine Entschdigung, keine Hoffnung an; aber seine Theorie des
Pessimismus war im Grunde genommen die grosse Trsterin der auserwhlten
Geister, aller erhabenen Seelen. Sie offenbarte die Gesellschaft so wie
sie ist und hob die angeborene Dummheit der Frauen hervor.

Diese Betrachtungen erleichterten den Herzog von einer schweren Last.
Dieser grosse Deutsche bannte seinen Gedankenschauer und brachte ihn
durch die Berhrungspunkte seiner beiden Doktrinen dahin, dass er diesen
ebenso poetischen wie rhrenden Katholizismus, in dem er erzogen war und
von dem er in seiner Jugend die Essenz in allen Poren eingesogen hatte,
nicht zu vergessen vermochte.

Diese Rckgnge zur Glubigkeit qulten ihn, besonders seit sich
Verschlimmerungen seiner Gesundheit zeigten; sie trafen mit den neu
hinzugetretenen nervsen Strungen zusammen.

Seit seiner jngsten Kindheit war er von unerklrlichen Abneigungen
gemartert worden, von Schauern, welche ihm den Rcken kalt
hinunterliefen, ihm die Zhne zusammenpressten, wenn er zum Beispiel
nasse Wsche sah, die von einem Mdchen ausgewrungen wurde. Diese
Wirkungen waren verblieben; noch heute litt er ganz besonders, wenn er
einen Stoff zerreissen oder mit dem Finger auf Kreide reiben hrte, oder
wenn er moirierte Seide anfasste.

Die Ausschweifungen seines Junggesellenlebens, die bertriebenen
Anstrengungen seines Gehirns hatten sein ursprngliches Nervenleiden
ausserordentlich verschlimmert und das schon von seinen Vorfahren arg
verbrauchte gesunde Blut nur noch verringert. In Paris hatte er bereits
Kuren der Kaltwasserheilkunst durchmachen mssen, vornehmlich gegen das
Zittern der Hnde und gegen die entsetzlichen Schmerzen der Neuralgie,
die ihm das Gesicht zerrissen, die Schlfen wie mit Hammerschlgen
bearbeiteten, ihm die Augenlider wie mit Nadeln zerstachen und ihm
belkeit erzeugten, die er nicht anders zu bekmpfen vermochte, als
dadurch, dass er sich im Dunkeln auf den Rcken legte.

Diese Zuflle waren infolge seines geregelteren, ruhigeren Lebens
langsam verschwunden. Jetzt machten sie sich aber von neuem in anderer
Form geltend, indem sie den ganzen Krper durchliefen; die Schmerzen
gingen vom Schdel zum Leib, ihm denselben gleichsam mit einem glhenden
Eisen durchbohrend. Dann folgte ein nervs trockner Husten, der zu einer
bestimmten Stunde anfing, eine immer gleiche Anzahl von Minuten whrte,
ihn aufweckte und ihn im Bett fast erstickte. Sein Appetit hrte
ebenfalls auf. Nach jedem Versuch zum Essen konnte er kein zugeknpftes
Beinkleid, keine fest zugemachte Weste mehr ertragen.

Er enthielt sich aller geistigen Getrnke, des Kaffees und Thees, trank
nur noch Milch, nahm seine Zuflucht wieder zu den kalten Abwaschungen,
stopfte sich voll Assa foetida, Baldrian und Chinin, wollte selbst das
Haus verlassen, um ein wenig im Freien zu spazieren, als eben die
Regentage eintraten, die das Land schweigend und eintnig machten. Als
letztes Mittel verzichtete er vorlufig auf jede Lektre und, von
Langeweile verzehrt, entschloss er sich, um sein mssiges Dasein zu
ndern, ein Projekt auszufhren, welches er aus Bequemlichkeit und Hass
gegen jede Strung fortwhrend aufgeschoben, seitdem er sich in Fontenay
niedergelassen hatte.

Da er sich nicht mehr an den bezaubernden Wirkungen des Stils zu
berauschen vermochte, sich nicht mehr an den entzckenden berraschungen
des schnen Pathos aufregen konnte, beschloss er die Ausstattung seiner
Wohnung zu vollenden, sich seltene Treibhausblumen anzuschaffen, um sich
auf diese Weise eine materielle Beschftigung zuzugestehen, die ihn
zerstreuen, seine Nerven erholen, sein Gehirn ausruhen lassen wrde. Er
hoffte, dass der Anblick ihrer seltsamen und prachtvollen Schattierungen
ihn etwas entschdigen wrde fr die wahrhaft wunderlichen Farben des
Stils, welchen seine litterarische Dit ihn momentan vergessen oder
verlieren liess.




                            ACHTES KAPITEL.


Von jeher hatte der Herzog fr Blumen geschwrmt.

Seit langem schon verachtete er die gewhnlichen Pflanzen, denen man
wohl in den flachen Krben auf den Pariser Mrkten in angefeuchteten
Tpfen unter den grnen Zelttchern und roten Schirmen begegnet.

Wie sich sein litterarischer Geschmack und sein Kunsturteil verfeinert
und sich sein berdruss an allgemein verbreiteten Ideen verstrkt hatte,
so hatte sich auch seine Zrtlichkeit fr Blumen von jedem Bodensatz und
jeder Hefe losgemacht und geklrt.

Er verglich den Laden eines Grtners mit einem Mikrokosmus, wo alle
Klassen der Gesellschaft vertreten sind: jmmerliche, elende und
erbrmliche Blumen, die sich nur auf den Fensterbrettern der Dachkammern
wohl befinden, deren Wurzel oft in Milchtpfe und alte Schalen gesteckt
wird, wie zum Beispiel der Goldlack; anspruchsvolle und dumm
gefallschtige Blumen, wie sie von jungen Mdchen auf Porzellantpfe,
wie zum Beispiel die Rose, gemalt werden; schliesslich die Blumen hohen
Geschlechtes, wie die Orchideen, zart und reizend, zitternd und
frstelnd, exotische Blumen, die, nach Paris verbannt, warmen
Glaspalsten gezchtet werden, Prinzessinnen des Pflanzenreichs, die,
fr sich lebend, nichts gemein haben mit den Pflanzen der Strasse und
dem brgerlichen Blumenflor.

Nichtsdestoweniger fhlte er ein gewisses Mitleid mit den niederen
Blumen, die durch die Ausstrmungen der Kloaken und Dnste aller Art in
den rmlichen Vierteln entkrftet werden; seine wirkliche Augenfreude
waren die vornehmen und seltenen Pflanzen von weit her, die mit grsster
Sorgfalt durch knstliche Ofenwrme erhalten werden.

Dieser entschiedene Vorzug fr die Treibhausblume hatte sich ebenfalls
durch den Einfluss seiner allgemeinen Ideen modifiziert. Damals in Paris
hatte seine natrliche Vorliebe fr das Knstliche ihn dahin gefhrt,
die wirkliche Blume gegen ihr treu nachgeahmtes Bild aufzugeben, das
dank den Wundern des Gummis, des Drahtes, des Taffets, des Papiers und
des Sammets sein buntes Scheinleben fhrte.

Er besass eine wunderbare Sammlung knstlicher tropischer Pflanzen, von
den Hnden tchtiger Arbeiter angefertigt.

Diese bewunderungswrdige Kunst hatte ihn lange bezaubert, aber er
trumte jetzt von der Zusammenstellung einer andern Flora.

Er machte sich daher daran, die Treibhuser der Avenue de Chtillon und
des Dorfes d'Aunay zu besuchen, kam todmde nach Hause, die Brse leer,
aber entzckt ber die Tollheiten der Pflanzenwelt, die er gesehen
hatte.

Er dachte nur noch an die Sorten, die er erworben, ruhelos verfolgt von
dem Gedanken an die prachtvollen und seltsamen Blumenbeete.

Zwei Tage spter kamen mehrere Wagen. Mit der Liste in der Hand rief der
Herzog seine Einkufe auf und prfte einen nach dem andern.

Die Grtner hoben von ihrem Karren eine Sammlung von Caladien, die an
gedunsenen haarigen Stielen enorme schildfrmige Bltter trugen. Alle
hatten einen Zug von Verwandtschaft miteinander, ohne sich indessen
gleich zu sein.

Es waren darunter ganz ungewhnliche rosenfarbige, solche wie die
Virginale, die aus Wachstuch oder englischem Pflaster geschnitten zu
sein schien; ganz weisse, wie der Alban, den man aus einer
durchsichtigen Schweinsblase hergestellt glaubte; einige, besonders
Madame Mame, sahen aus wie Zink, auf dem kleine Stckchen gestanzten
Metalls glnzen, in kaisergrner Farbe, wie mit Tropfen lfarbe, rotem
Bleioxyd oder Bleiweiss bespritzt; andere, wie der Bosporus, glichen
tuschend gestreiftem Kattun, rot und myrtengrn gesprenkelt; wieder
andere, wie die Aurora Borealis, breiteten ihre fleischfarbenen Bltter
aus, mit purpurroten Rndern und violetten Fserchen, ein
aufgeschwollenes Blatt, das rtlichen Wein und Blut schwitzte.

Die Grtner brachten neue Varietten, die einer knstlichen Haut, von
roten Adern durchzogen glichen; und die Mehrzahl, wie zerfressen von
Aussatz, spannten ihr bleiches Fleisch aus, gefleckt mit Ausschlag und
behaftet mit Flechten; andere hatten den hellen rosa Ton von sich
schliessenden Wunden, oder die brunliche Frbung des sich bildenden
Schorfes; noch andere waren wie von tzmitteln verbrht und von
Brandwunden zerstrt; wieder andere zeigten eine haarige Haut wie von
Geschwren ausgehhlt und vom Krebs zerfressen; noch andere schienen mit
Verband belegt, mit quecksilberhaltiger schwarzer Schmiere und grner
Belladonnasalbe bestrichen, mit dem gelben Glimmer des Jodpulvers
gesprenkelt.

Potztausend! rief er entzckt aus.

Eine neue Pflanze von gleichartigem Modell wie das des Caladium, die
Alocasia Metallica begeisterte ihn noch mehr. Diese war wie mit einer
Schicht grner Bronze berstrichen, ber welche silberne Reflexe
hinliefen; es war ein Meisterwerk der Unnatrlichkeit, man mchte sagen,
es gliche einem Stck Ofenrohr, von einem Tpfer aus grnem Eisen
gefertigt.

Die Leute luden dann rautenfrmige, flaschengrne Blattpflanzen ab, in
deren Mitte ein Stbchen aufstieg, an dessen Ende ein grosses Herzass
schwankte, gelackt wie die spanische Pfefferschote. Wie um die
alltglichen Erscheinungen der Pflanzen zu verhhnen, sprang aus der
Mitte von scharfem Rot ein fleischiger, faseriger, weiss und gelber
Schwanz hervor, aufrecht bei den einen, bei den anderen geringelt wie
der Schwanz eines Schweines.

Es war das Anthurium, eine Arumart, krzlich von Kolumbia nach
Frankreich eingefhrt; sie bildete einen Teil dieser Familie, zu welcher
auch ein Amorphophallus gehrte; eine Pflanze aus Kochinchina mit
fischstecherartig geschnittenen Blttern, mit langen schwarzen, mit
Narben bedeckten Stielen, gleich vernarbten Gliedern eines Negers.

Herzog Jean frohlockte.

Man hob einen neuen Schub von Ungeheuern vom Wagen: Echinopsen, deren in
Watte gehllte Blten das hssliche Rosa eines verstmmelten Gliedes
hatten; Nidularium, in Sbelscheiden eine ghnende ffnung zeigend;
Tillandsia Lindeni, schartige Messer von dicker roter Farbe
hervorsteckend; Cypripedium, mit wirrigen, zerrissenen Rndern, eine
wahnsinnige Hervorbringung der Natur. Sie glichen einer kleinen Schale,
einem Holzschuh, ber welchem sich eine menschliche Zunge aufschrzte
mit ausgestrecktem Zungenband, wie man sie wohl in Werken, die Hals- und
Mundkrankheiten behandeln, abgebildet findet. Zwei kleine Flgelchen,
rot wie Ebereschen, die einer Kindermhle entnommen zu sein schienen,
vervollstndigten dieses lcherliche Gesamtbild.

Er konnte seine Augen nicht abwenden von dieser unglaublichen aus Indien
kommenden Orchidee. Die Grtner, durch die Zgerung gelangweilt, fingen
jetzt selbst an, mit lauter Stimme die an den Tpfen steckenden Zettel
vorzulesen.

Herzog Jean setzte seine Betrachtungen fort; er hrte nahezu bestrzt
die rauhen Namen der grnen Pflanzen ankndigen: Encephalartos Horridus,
eine riesenhaft eiserne Artischocke, rostfarbig gezeichnet, so, wie man
sie auf die Thren der Schlossmauern steckt, um das bersteigen zu
verhindern; Cocos Micania, eine Art Palme, zackig und schlank, allseitig
von hohen Blttern gleich indianischen Rudern umgeben; Zamia Lehmanni,
eine ungeheure Ananas, wie ein gewaltiger Chesterkse in Heideland
gepflanzt und auf seiner Spitze mit widerhakigen Wurfspiessen best;
Cibotium Spectabile, alle Gattungen durch seine wahnsinnige Form
berbietend: aus einem palmigen Bltterwerk schiesst der enorme Schwanz
eines Orang-Utang heraus, ein haarig brauner Schwanz, am Ende wie zu
einem Bischofsstab abgerundet.

Aber der Herzog beachtete sie kaum und wartete nur mit Ungeduld die
Serie von Pflanzen ab, welche ihn vor allen bezauberten, die
vegetabilischen leichenfressenden Kobolde, die fleischverzehrenden
Pflanzen, Gobe-Mouche, der Fliegenfnger der Antillen, mit dem faserigen
Rand, eine Verdauungsflssigkeit absondernd, mit gebogenen Stacheln
versehen, die sich bereinander krmmen, ein Gitter ber dem Insekt
bildend, welches er einschliesst; die Drosera des Torflandes, mit
drsenartigen Haaren besetzt; die Sarracena, der Cephalothus, seine
gefrssigen Hrnchen ffnend, fhig, wirkliches Fleisch zu verdauen und
aufzuzehren; schliesslich noch Nepenthes, dessen Phantasieen alle
Grenzen der excentrischen Form berschreiten.

Er wurde nicht mde, den Topf in seinen Hnden zu drehen und umzudrehen,
aus dem diese Extravaganz der Flora hervorkam. Die Pflanze erinnerte an
den Gummibaum, von dem sie auch die lnglichen Bltter hatte, mit ihrem
dunklen metallischen Grn; aber am Ende dieses Blattes hing ein grner
Bindfaden, der sich einer Nabelschnur vergleichen lsst, eine grnliche
Urne tragend, violett marmoriert, eine Art deutsche Porzellanpfeife oder
sonderbares Vogelnest, welches sich ruhig hin und her wiegte, ein mit
Haaren besetztes Inneres zeigend.

Diese hat es weit gebracht, murmelte der Herzog.

Er musste sich seinem Entzcken entreissen, denn die Grtner, die es
eilig hatten, leerten den Boden ihrer Karren und stellten knollige
Begonien und schwarze Krebsblumen auf die Erde.

Der Herzog bemerkte, dass noch ein Name auf der Liste blieb. Der
Cattleya von Neu-Granada; man bezeichnete ihm eine geflgelte Glocke von
verwischtem, fast verblasstem Lilablau; er ging nher und steckte seine
Nase hinein, doch prallte er erschrocken zurck; sie strmte nmlich
einen Geruch von lackiertem Tannenholz aus, wie der von
Spielzeugschachteln, die ihm die Schrecken eines Neujahrstages
wachriefen.

Er dachte, dass es gut wre, ihr zu misstrauen, bedauerte fast, zwischen
den geruchlosen Pflanzen, die er besass, diese Orchidee zugelassen zu
haben, die so unangenehme Erinnerungen erweckte.

Als er allein war, betrachtete er diese Menge von Gewchsen, die sein
Vorzimmer fllte; sie mischten sich miteinander, kreuzten ihre Degen,
ihre langen Dolche, ihre eisernen Lanzen, sie bildeten eine grne
Gewehrpyramide, ber welcher, gleich barbarischen Lanzenfhnlein, Blumen
von blendendem, hartem Ton schwebten.

Die Luft in dem Raum verdnnte sich; bald darauf, im Dunkel eines
Winkels und nahe dem Fussboden, schlngelte sich ein weisses, sanftes
Licht.

Er trat hinzu und bemerkte, dass es die Rhizomorphen waren, welche beim
Atmen gleichsam einen Nachtlampenschimmer ausstrahlen.

Diese Pflanzen sind geradezu erstaunlich, sagte er zu sich; dann trat
er zurck und warf einen Blick auf den Haufen: sein Zweck war erreicht.
Keine einzige machte den Eindruck des Natrlichen; Stoff, Papier,
Porzellan, Metall, sie schienen der Natur vom Menschen geliehen zu sein,
um solche Extravaganzen hervorzubringen.

Es ist wahr, fuhr Herzog Jean fort, dass in den meisten Fllen die
Natur allein unfhig ist, solche ungesunden, verdorbenen Gattungen zu
erzeugen; sie liefert den ersten Stoff, den Keim und den Boden, die
Nhrmutter und die wesentlichen Bestandteile der Pflanze, die der Mensch
aufzieht, modelliert, malt und schnitzt je nach seinem Gefallen.

So eigensinnig, so verworren, so beschrnkt sie auch ist, sie hat sich
schliesslich ergeben und ihr Meister hat es dahin gebracht, durch
chemische Gegenwirkungen die Substanzen der Erde zu verndern, lang
gereifte Zusammenstellungen, langsam vorbereitete Kreuzungen anzuwenden,
sich geschickter Ableger, methodischer Pfropfreiser zu bedienen, und er
bildet jetzt auf demselben Zweig Blumen verschiedener Farbe, erfindet
fr sie neue Nancen und ndert nach seinem Willen die hundertjhrige
Form ihrer Pflanzen; er schleift die Blcke ab, vollendet die Entwrfe,
zeichnet sie mit seinem Stempel, drckt ihnen sein Kunstsiegel auf.

Kein Zweifel, meinte er, seine Betrachtungen zusammenfassend, der
Mensch kann in wenigen Jahren eine Zuchtwahl herbeifhren, die die faule
Natur nur nach Jahrhunderten hervorzubringen vermag; heutzutage sind
entschieden die Grtner allein die wahren Knstler.

Er fhlte sich etwas angegriffen und erstickte fast in der Atmosphre
der eingeschlossenen Pflanzen; die Wege, die er seit ein paar Tagen
gemacht, hatten ihn ermdet; der Wechsel der freien Luft und der
lauwarmen Temperatur seiner Wohnung, die Unbeweglichkeit eines
zurckgezogenen Lebens und die Bewegung eines freien Daseins waren zu
schroff gewesen. Er verliess sein Vorzimmer und legte sich aufs Bett;
aber mit einem einzigen Gegenstand beschftigt, wie durch eine
Federkraft in Bewegung gesetzt, fuhr der Geist, obgleich eingeschlfert,
fort, seine Kette abzuwickeln; und es dauerte nicht lange, bis er der
dstern Macht des Alps verfiel.

Er befand sich in einer Allee mitten im Gehlz. Es dmmerte; er ging an
der Seite einer Frau, die er nie gekannt, noch je gesehen hatte. Sie war
mager, hatte flachsgelbes Haar, ein Bulldoggengesicht voller
Sommersprossen, schiefe Zhne, die unter der Stumpfnase hervorstanden.
Sie trug eine grosse weisse Schrze, ein Tuch aus Bffelleder ber die
Brust geschlagen, halbhohe preussische Soldatenstiefel und eine schwarze
Haube mit Rschen verziert.

Sie schien eine Fremde und sah aus wie eine dem Jahrmarkt entlaufene
Gauklerin.

Er fragte sich, wer dieses Weib sein mge, das er schon seit langem in
seiner Intimitt fhlte; er suchte vergeblich nach ihrem Ursprung, ihrem
Namen, ihrem Gewerbe, ihrem Recht, neben ihm zu sein; ihm kam keine
Erinnerung an diese unerklrliche Bekanntschaft, die doch zweifellos
war.

Er forschte noch immer in seinem Gedchtnis, als pltzlich vor ihnen
eine seltsame Figur zu Pferde erschien, die pltzlich herantrabte und
sich dann im Sattel herumdrehte.

Jetzt erstarrte sein Blut vor Schreck in den Adern, wie gebannt blieb er
an seinem Platz. Dieses doppelsinnige Gesicht, ohne Geschlecht, war
grn, mit entsetzlichen Augen von kaltem, klarem Blau, die unter
violetten Augenlidern hervorsahen; Ausschlag umgab den Mund;
aussergewhnlich magere Arme, wie die eines Skelettes, nackt bis zum
Ellbogen, steckten aus zerrissenen rmeln hervor, zitternd vor Fieber,
und fleischlose Lenden klapperten in bergrossen Reiterstiefeln.

Der entsetzliche Blick dieser Augen heftete sich auf Herzog Jean,
durchdrang ihn, erstarrte ihn bis zum Mark; die Frau mit dem
Bulldoggengesicht klammerte sich in wahnsinniger Angst an ihn, stiess
ein Todesgeheul aus, den Kopf auf den steifen Hals hintenber geworfen.

Und sogleich begriff er den Sinn dieser furchtbaren Erscheinung. Er
hatte das Bildnis der Lustseuche vor sich.

Ausser sich und von Furcht getrieben warf er sich in einen Querweg,
erreichte laufend einen Pavillon, der zwischen Ebenholzbumen stand;
dort sank er in einem Korridor auf einen Stuhl nieder.

Nach einigen Minuten, als er anfing wieder zu Atem zu kommen, vernahm er
ein Schluchzen neben sich, er richtete den Kopf in die Hhe ... die Frau
mit dem Bulldoggenkopf stand vor ihm; und jmmerlich grotesk weinte sie
heisse Thrnen, jammernd, dass sie whrend der Flucht ihre Zhne
verloren habe, indem sie aus der Tasche ihrer grossen weissen Schrze
Thonpfeifen hervorzog, die sie zerbrach, und die Stcke der weissen
Rhren in die Lcher ihres Zahnfleisches steckte.

Teufel, jetzt wird sie ganz verrckt, dachte der Herzog, die
Pfeifenrohrstcke werden niemals festsitzen, -- und in der That, sie
fielen auch alle eines nach dem andern wieder aus.

Im selben Augenblick vernahm er den Galopp eines Pferdes. Ein
furchtbarer Schreck erfasste den Herzog; fast brachen seine Kniee unter
ihm zusammen; der Galopp kam nher; die Verzweiflung trieb ihn wie mit
einem Peitschenhieb in die Hhe. Er warf sich auf das Weib, das auf den
zerbrochenen Thonstcken herumtrampelte, sie anflehend, ruhig zu sein,
sie beide nicht zu verraten durch den Lrm ihrer Stiefel. Sie schlug mit
Hnden und Fssen um sich, er schleifte sie bis zum Ende des Korridors,
sie fast erwrgend, um sie am Schreien zu hindern; pltzlich bemerkte er
eine Wirtshausthr mit grnem Laden, ohne Klinke; er stiess sie auf,
nahm einen Anlauf, blieb aber pltzlich stehen.

Vor sich, mitten in einer weiten Lichtung, sah er riesige, weisse
Pierrots bei hellem Mondschein Bocksprnge machen.

Thrnen der Entmutigung stiegen ihm in die Augen; niemals, nein niemals
wrde er die Schwelle der Thr berschreiten knnen.

Ich wrde zertreten werden, dachte er, -- und wie um seine Befrchtungen
zu rechtfertigen, vervielfltigte sich die Zahl der ungeheuren
Hanswurste; ihre Sprnge nahmen jetzt den ganzen Horizont und den ganzen
Himmel ein, gegen welchen sie abwechselnd bald mit ihren Kpfen, bald
mit ihren Fssen stiessen.

Jetzt hielt das Pferd an. Es war da, ... hinter einem runden Fenster in
dem Korridor; mehr tot als lebendig drehte sich der Herzog um und sah
durch das Fensterchen hindurch die steifen graden Ohren, die gelben
Zhne, die Nasenlcher, aus denen Dampf strmte, der nach Phenol roch.

Er sank nieder, auf ferneren Kampf wie auf die Flucht verzichtend; er
schloss die Augen und machte sich auf alles gefasst, ersehnte selbst,
nur um zu endigen, den Gnadenstoss. Ein Jahrhundert, das zweifellos nur
eine Minute dauerte, verging; zitternd und schaudernd ffnete er wieder
die Augen. -- Alles war verschwunden; ohne bergang, wie durch einen
Aussichtswechsel, wie durch einen Dekorationstrick sah er eine
abscheuliche Landschaft von Gestein in der Ferne verschwinden, eine
wste, bleiche, durchwhlte, tote Landschaft; diese schaurige Gegend war
von einem ruhigen weissen Licht erhellt, das an die Strahlen des in l
aufgelsten Phosphors erinnerte.

Auf dem Boden bewegte sich etwas, das sich als ein sehr blasses, nacktes
Weib erwies, dessen Beine mit grnen Strmpfen bekleidet waren.

Er betrachtete sie neugierig; wie mit heissem Eisen gebrannte
Pferdehaare kruselte sich ihr Haar, an der Spitze gespalten; Urnen von
Nepenthes hingen an ihren Ohren; wie gekochtes Kalbfleisch glnzte das
Innere ihrer weit geffneten Nasenlcher. Mit verzckten Augen rief sie
ihn leise.

Er hatte nicht Zeit zu antworten, denn schon vernderte sich das
Aussehen dieses Weibes; Flammen schossen aus ihren Augen; ihre Lippen
frbten sich mit wildem feurigen Rot.

Eine pltzliche Erkenntnis berkam ihn: das ist die Blume, sagte er
sich.

Er entdeckte auf der Haut des Krpers schwarzbraune, kupferrote Flecke;
er schreckte verstrt zurck, aber das Auge des Weibes zog ihn
zauberisch an und langsam trat er nher, versuchend, nicht weiter zu
gehen, niedersinkend, und sich dennoch wieder aufraffend, um sich ihr zu
nhern. Schon berhrte er sie fast, als pltzlich schwarze
Amorphophallen von allen Seiten hervorsprangen und sich auf den Leib des
Weibes losstrzten, der sich hob und senkte wie ein wildbewegtes Meer.
Er schob sie beiseite, stiess sie zurck, einen grenzenlosen Widerwillen
empfindend, whrend er zwischen seinen Fingern diese warmen aber festen
Stengel wimmeln sah; dann waren die abscheulichen Pflanzen pltzlich
wieder verschwunden und zwei Arme suchten ihn zu umschlingen; die Angst
machte sein Herz heftig schlagen, denn die Augen, die schrecklichen
Augen des Weibes hatten einen kalten grausamen, entsetzlichen Ausdruck
angenommen. Er machte eine bermenschliche Anstrengung, um sich ihrer
Umarmung zu entwinden, aber mit unwiderstehlicher Gewalt hielt sie ihn
zurck, erfasste ihn, und mit irrem Blick sah er unter dem hochgehobenen
Schenkel das wilde Nidularium sich klaffend und blutend entfalten.

Er streifte mit seinem Krper die scheussliche Wunde dieser Pflanze; er
fhlte sich dem Tode nahe ... da fuhr er pltzlich aus dem Schlafe auf,
halb erstickt, eiskalt, fast wahnsinnig vor Angst, und erleichtert
aufatmend seufzte er:

Gott sei Dank, dass es nur ein Traum!




                            NEUNTES KAPITEL.


Dieses Alpdrcken wiederholte sich; er frchtete sich vor dem
Einschlafen. Er blieb stundenlang auf seinem Bett ausgestreckt, bald in
anhaltender Schlaflosigkeit und fieberhafter Aufregung, bald in
schrecklichen Trumen, in denen er den Boden unter den Fssen verlor,
eine Treppe hinunterstrzte oder in einen Abgrund fiel, ohne sich
festhalten zu knnen.

Das whrend einiger Tage eingelullte Nervenleiden gewann wieder die
Oberhand und trat heftiger und eigensinniger unter neuen Formen auf.

Jetzt belstigten ihn die Decken; er erstickte unter ihnen, hatte ein
Kribbeln im ganzen Krper, Hitze im Blut. Ein Prickeln peinigte ihn am
ganzen Leibe. Zu diesen Symptomen kam bald ein dumpfer Schmerz in den
Kinnbacken hinzu und das Gefhl, als wenn seine Schlfen in einen
Schraubstock gepresst wrden.

Seine Befrchtungen wuchsen; unglcklicherweise fehlten die Mittel,
diese hartnckige Krankheit zu bezwingen.

Ohne Erfolg hatte er Kaltwasserapparate in seinem Ankleidezimmer
herrichten zu lassen versucht. Die Unmglichkeit, das Wasser auf die
Hhe, auf der sein Haus lag, hinaufzuleiten, die Schwierigkeit, es sich
in gengender Quantitt zu verschaffen in einem Dorf, wo die Brunnen
sparsamkeitshalber nur zu gewissen Stunden im Betrieb waren, verhinderte
die Benutzung; da er sich nicht durch den Wasserstrahl peitschen lassen
konnte, der, krftig auf die Wirbelsule gerichtet, mchtig genug war,
um die Schlaflosigkeit zu bekmpfen und die Ruhe herbeizufhren, musste
er sich mit kurzen Abwaschungen in seiner Badewanne oder mit einfachen
bergiessungen begngen, worauf er sich von seinem Diener mit
Pferdehaarhandschuhen frottieren liess.

Aber dieses schwache Mittel hemmte das Vorschreiten des Nervenleidens
keineswegs; hchstens empfand er whrend einiger Stunden etwas
Erleichterung, brigens teuer genug bezahlt durch die Rckflle, die
sich immer heftiger erneuerten.

Seine Unzufriedenheit nahm mehr und mehr zu; die Freude, einen seltenen
Blumenflor zu besitzen, war verflogen; er war schon gegen ihre Farben
und Formen abgestumpft; denn trotz aller Sorgfalt, mit der er sie
pflegte, verwelkten die meisten seiner Pflanzen. Er liess sie daher aus
seinen Zimmern entfernen.

Jetzt rgerte ihn wieder bei seiner Reizbarkeit der leere Raum, den sie
vorher eingenommen hatten.

Um sich zu zerstreuen und die endlosen Stunden zu tten, nahm er
Zuflucht zu seinen Kupferstichen und ordnete seine Goyas. Die ersten
Drucke der Capriccios, an ihrem rtlichen Ton erkennbar, frher einmal
mit schwerem Gelde erstanden, heiterten ihn auf. Er vertiefte sich in
sie, den Phantasieen des Knstlers folgend, verliebt in seine
phantastischen Scenen, seine auf Katzen reitenden Hexen, seine Weiber,
die da versuchen, einem Gehngten die Zhne auszureissen, seine Ruber,
seine Dmonen und Zwerge.

Dann durchbltterte er alle andern Serien seiner Radierungen und
Aquatintazeichnungen, seine unheimlichen Sprichwrter, seine wilden
Kriegs-Skizzen, seinen Kupferstich des Garot, von dem er einen
wunderbaren Knstlerabdruck auf dickem Papier von sichtbaren
Wasserstreifen durchzogen, besonders gern hatte.

Das wilde Feuer, das herbe, strmische Talent von Goya fesselte ihn;
aber die allgemeine Bewunderung, die seine Werke erlangt hatten,
brachten ihn trotzdem etwas von ihm ab, und er hatte daher davon
abgesehen, sie einrahmen zu lassen, aus Furcht, dass, wenn er sie zur
Schau stellte, der erste beste Einfaltspinsel es fr ntig hielte,
Dummheiten darber loszulassen oder vor Entzcken ausser sich zu
geraten.

Es ging ihm ebenso mit seinen Rembrandts, die er dann und wann mit
heimlichem Entzcken betrachtete; denn wie die schnste Arie der Welt
unausstehlich wird, sobald sie der Pbel summt und die Strassenorgel
sich ihrer bemchtigt, so wird das Kunstwerk, das den unselbstndigen
Knstler zur Nachahmung reizt, das die Dummkpfe loben und das sich
nicht damit begngt, die Begeisterung von wenigen zu erregen, ebenfalls
fr die Kenner entweiht, banal, ja widerwrtig.

Dieses Schwanken in seiner Bewunderung war brigens mit sein grsster
Kummer; usserliche Erfolge hatten ihm Bilder und Bcher, die ihm
ehemals teuer waren, fr immer verleidet; infolge des Beifalls der
Stimmenmehrheit entdeckte er zuletzt Mngel, die gar nicht da waren, er
wies sie zurck, indem er sich fragte, ob sein Scharfsinn sich nicht
abstumpfe und ihn betrge.

Er schloss seine Mappen und verfiel wieder einmal seinen schwankenden
Gefhlen und unfruchtbaren Grbeleien. Um den Lauf seiner Gedanken zu
ndern, nahm er besnftigende Lektre zur Hand, versuchte sich das
Gehirn abzukhlen. Er las die Romane von Dickens, an denen sich die
Genesenden und die Unglcklichen entzcken.

Aber diese Bcher brachten die entgegengesetzten Wirkungen hervor, als
er erwartet hatte: er sah nur keusch Liebende, steif gekleidete
Heldinnen, die nur beim Sternenlicht lieben und sich begngen, die Augen
zu senken, zu errten oder vor Glck zu weinen, indem sie sich die Hnde
drcken. Diese bertriebene Keuschheit fhrte ihn der entgegengesetzten
bertreibung zu; so dass er von einem Extrem ins andere fiel, sich
mchtig bewegter Scenen erinnerte, an die sexuellen Beziehungen zwischen
Mann und Weib und an ihre Ksse dachte.

Er unterbrach seine Lektre und grbelte weiter ber die Prderie
Englands. Er wurde von einer seltsamen Aufregung befallen. Die
Zeugungsunfhigkeit seines Gehirns und seines Krpers, die er fr eine
permanente gehalten hatte, verschwand. Die Einsamkeit wirkte belebend
auf seine Nerven. Die sinnliche Seite, seit Monaten ganz unempfindlich,
war zuerst wieder durch die entnervende fromme Lektre angeregt, dann
durch die englische Ziererei zu einer Nervenkrisis gesteigert und stand
jetzt in voller Blte da; durch die Erregtheit seiner Sinne in die
Vergangenheit zurckgefhrt, watete er im Schmutz seiner alten
Erinnerungen herum. --

Er stand auf und ffnete schwermtig eine kleine vergoldete Dose, deren
Deckel mit glitzernden Steinen besetzt war.

Sie war voll von violetten Bonbons; er nahm einen heraus und ihn mit den
Fingerspitzen leicht berhrend, dachte er an die seltsamen
Eigentmlichkeiten dieses Bonbons. Damals, als er sich seiner Impotenz
klar ward, als er noch ohne Bitterkeit, ohne Bedauern, ohne neues
Verlangen an das Weib dachte, legte er einen dieser Bonbons auf die
Zunge, liess ihn zergehen, und pltzlich stiegen mit einer unendlichen
Sanftheit verwischte Rckerinnerungen an wollstige Ausschweifungen in
ihm auf.

Diese Bonbons, von Siraudin erfunden und mit dem lcherlichen Namen
Perles de Pyrnes bezeichnet, enthielten einen Tropfen Sarcanthusl.
Sie drangen in die Schleimhute ein und erinnerten ihn an die Wollust
aromatischer Ksse.

Gewhnlich lchelte er beim Einatmen dieses verliebten Aromas, das ihm
ein Teilchen Nacktheit vor das geistige Auge fhrte und fr einen
Augenblick wieder das Verlangen nach dem noch vor kurzem angebeteten
Geruch bestimmter Frauen in ihm rege machte.

Jetzt wirkten sie nicht mehr heimlich und leise, sie beschrnkten sich
nicht mehr darauf, das Bild ferner und konfuser Ausschweifungen
anzufachen -- im Gegenteil, die Schleier zerrissen, und vor seinen Augen
entstand die verkrperte, zudringliche, brutale Wirklichkeit.

An der Spitze der Fata morgana ehemaliger Geliebten, welche der Genuss
dieses Bonbons in klaren Zgen zu zeichnen half, befand sich eine mit
grossen weissen Zhnen, mit einer Haut wie von rosa Atlas, die Nase wie
gemeisselt, mit kleinen Museaugen und kurz abgeschnittenem blonden
Haar.

Sie hiess Miss Urania, war Amerikanerin und eine der berhmtesten
Akrobatinnen des Cirkus, deren schn proportionierter Krper, krftige
Schenkel und Muskeln von Stahl und Eisen Aufsehen erregte.

Herzog Jean hatte sie whrend langer Abende aufmerksam beobachtet; die
ersten Male war sie ihm wie sie wirklich war erschienen, das heisst
krftig und hbsch, aber der Wunsch, sich ihr zu nhern, packte ihn
nicht; sie besass nichts, was sie der Lsternheit eines blasierten
Menschen begehrlich machen konnte, und doch ging er wieder nach dem
Cirkus hin, angelockt, ohne zu wissen wovon, getrieben von einem schwer
zu erklrenden Gefhl.

Whrend er ihre Bewegungen verfolgte, machte er eine sonderbare
Beobachtung; in dem Masse, wie er ihre Geschmeidigkeit und ihre Kraft
bewunderte, sah er eine Geschlechtsvernderung mit ihr vorgehen: ihre
zierlichen und weiblichen Bewegungen verwischten sich mehr und mehr,
whrend sich die gewandten und krftigen Reize des Mannes dafr
vordrngten; kurz, nachdem sie sich zuerst als Weib gezeigt, dann fr
eine kurze Zeit geschlechtslos gewesen war, schien sie vollstndig Mann
geworden zu sein. Diese Akrobatin knnte sich, wie sich ein krftiger
Kerl in ein zartes Mdchen verliebt, auch in einen Schwchling, wie ich
es bin, verlieben, sagte sich der Herzog; und indem er sich betrachtete
und Vergleiche zog, wurde es ihm klar, dass er immer femininer wurde;
und er sehnte sich nach dem Besitz dieser Frau und begehrte sie, wie
sich ein bleichschtiges junges Mdchen wohl nach einem robusten Manne
sehnt, dessen Liebkosungen sie zu erdrcken drohen.

Dieser Austausch des Geschlechtes zwischen der Akrobatin und ihm
begeisterte ihn. Wir sind fr einander bestimmt, berzeugte er sich
selbst.

Eines schnen Abends entschloss er sich, die Logenschliesserin
abzuschicken. Aber Miss Urania hielt es fr angemessen, ihm nicht eher
Gehr zu schenken, bis er ihr den blichen Hof gemacht; doch zeigte sie
sich wenig grausam, denn durch Hrensagen wusste sie, dass der Herzog
des Esseintes reich war und dass sein Name gengte, um eine Frau in Mode
zu bringen.

Aber sobald seine Wnsche Erhrung gefunden hatten, bertraf seine
Enttuschung alle bisherige Erfahrung. Er hatte sich die Akrobatin dumm
und roh wie einen Jahrmarktsringer vorgestellt, ihre Dummheit war aber
unglcklicherweise nur weiblich. Gewiss, es fehlte ihr an Erziehung und
an Takt, sie hatte weder Verstand noch Geist und sie bewies bei Tisch
einen tierischen Eifer, anderseits aber waren alle kindlichen Gefhle
des Weibes in ihr vorhanden; sie schwatzte auch und kokettierte wie alle
von ihren Albernheiten eingenommenen Frauenzimmer.

Dabei bewahrte sie im Bett eine puritanische Zurckhaltung und zeigte
keine jener athletischen Roheiten, die er ersehnte, aber auch
gleichzeitig frchtete. Sie war nicht, wie er es einen Augenblick
gehofft, den Aufregungen ihres Geschlechts unterworfen. Doch wenn er den
Mangel ihrer Sinnlichkeit recht untersucht htte, so wrde er eine
Neigung zu einem zarten, schmchtigen Wesen, zu einem ihm ganz
entgegengesetzten Temperamente, einem mageren Clown, entdeckt haben.

Unglcklicherweise trat der junge Herzog wieder in die einen Moment
vergessene Mnnerrolle zurck; seine Eindrcke von weiblicher Natur, von
Schwche, verschwanden; die Illusion war nicht mehr mglich. Miss Urania
war eine ganz gewhnliche Maitresse, die in keiner Weise den neugierigen
Erwartungen des Gehirns entsprach, die sie anfangs hervorgerufen hatte.

Obgleich der Reiz ihrer weichen, frischen Haut, ihrer prchtigen
Schnheit den Herzog zuerst berrascht und bei ihr zurckgehalten hatte,
suchte er dieses Verhltnis schnell wieder zu lsen und den Bruch zu
beschleunigen, denn seine frhzeitige Impotenz verschlimmerte sich noch
bei den eisigen Liebkosungen, bei dem gezierten Wesen dieses Mdchens.

Und doch war sie die erste, die vor ihm stehen blieb bei dem
ununterbrochenen Vorbeimarsch dieser wollstigen Bilder; wenn sie sich
aber schliesslich seinem Gedchtnis doch fester eingeprgt hatte als
eine Menge anderer, deren Reize weniger trgerisch und deren Gensse
weniger beschrnkt gewesen waren, so lag das an dem gesunden und
krftigen Geruch ihres weiblichen Krpers; dieser berfluss an
Gesundheit war das Gegenteil der Blutarmut, die man mit Parfms
auffrischte, deren feinen Geruch er in dem zarten Siraudin-Bonbon
wiederfand.

Er gedachte seiner andern Geliebten. Sie drngten sich wie eine Herde in
seinem Gehirn zusammen, doch alle berragte ein Weib, dessen
eigentmlicher Reiz ihn whrend mehrerer Monate aussergewhnlich
gefesselt hatte.

Es war eine kleine, magere Brnette mit schwarzen Augen und
pomadisierten Haaren, die auf dem Kopfe wie mit einem Pinsel angeklebt
waren, mit einem Scheitel auf der linken Seite, der ihr das Aussehen
eines Jungen gab.

Er hatte sie in einem Caf-Konzert kennen gelernt, wo sie
Bauchredner-Vorstellungen gab.

Zum Erstaunen der Zuschauer, die sich fast unbehaglich bei diesen
Ausfhrungen fhlten, liess sie abwechselnd Kinder aus Pappe sprechen,
die wie Orgelpfeifen auf Sthlen aufgestellt waren.

Herzog Jean war bezaubert gewesen; eine Menge von Ideen keimten in ihm
auf. Zuerst beeilte er sich, die Bauchrednerin mit Haufen von Banknoten
zu bndigen, da sie ihm gerade wegen des Kontrastes, den sie zu der
Amerikanerin bildete, gefiel. Diese kleine Brnette brannte wie ein
Krater; aber trotz all ihrer angewandten knstlichen Mittel erschpfte
sich der Herzog in wenigen Stunden; er fuhr indessen fort, sich
willfhrig von ihr ausziehen zu lassen, denn mehr als die Geliebte zog
ihn das Phnomen an.

Endlich waren die Plne, die er gemacht hatte, gereift.

Er liess eines Abends eine Sphinx aus schwarzem Marmor bringen, in der
klassischen Stellung liegend, mit ausgestreckten Tatzen, mit steifem,
geradem Kopf, und eine Chimre aus buntem Thon, mit gestrubter Mhne,
wilde Blicke werfend, mit den Strhnen ihres Schweifes ihre
geschwollenen Seiten fchelnd. Er stellte die beiden Tiere in seinem
Zimmer auf und lschte die Lampen aus. Die glhenden Kohlen im Kamin
glommen weiter und vergrsserten alle Gegenstnde, die wie im Schatten
verschwanden.

Dann streckte er sich auf dem Sofa aus, nahe seiner Geliebten, deren
unbewegliches Gesicht von dem Schein der Glut erleuchtet wurde, und
wartete.

Mit seltsamen Tnen und Ausdrcken, welche er sie lange und geduldig
vorher hatte einben lassen, belebte sie, ohne die Lippen zu bewegen,
ohne sie nur anzusehen, die beiden Ungeheuer.

Und in der Stille der Nacht begann jetzt der wunderbare Dialog zwischen
der Chimre und der Sphinx, vorgetragen mit tiefen, rauhen Kehllauten,
dann in scharfer, feiner Stimme:

Hier, Chimre, halte still.

Nie und nimmer.

Gewiegt von der entzckenden Prosa Flauberts, hrte er schwer atmend das
schreckliche Duett, und ein Schauder durchflog ihn vom Nacken bis zur
Zehe, als die Chimre die feierlichen und zauberhaften Worte ausspricht:

Ich suche neue Wohlgerche, prchtigere Blumen, unbekannte Gensse. --

Ach! es war ihm, als ob diese Stimme zu ihm selbst, geheimnisvoll, wie
in einer Beschwrung, sprach.

Das ganze Elend seiner eigenen nutzlosen Anstrengungen strmte ihm zum
Herzen zurck. Sanft umfasste er das schweigende Weib wie ein
ungetrstetes Kind; nicht einmal das verdriessliche Gesicht der
Komdiantin beachtete er, die gentigt war, eine Scene zu spielen und
ihr Handwerk noch whrend ihrer Mussestunden auszuben.

Ihr Verhltnis dauerte fort, doch bald verschlimmerte sich die Schwche
des Herzogs; die Aufwallungen seines Gehirns schmolzen nicht mehr das
Eis seines Krpers; die Nerven gehorchten nicht mehr seinem Willen; die
leidenschaftlichen Thorheiten der Greise beherrschten ihn. Da er sich
mehr und mehr bei seiner Geliebten schwach werden fhlte, nahm er seine
Zuflucht zu dem wirksamsten Hilfsmittel der alten und unbestndigen
Aufreizung, zu der Furcht.

Whrend er seine Maitresse in seinen Armen hielt, erscholl hinter der
Thr eine rauhe Suferstimme: Wirst du gleich ffnen? Ich weiss sehr
gut, dass du mit einem reichen Gimpel zusammen bist, na warte nur, du
Schlange!

Wie die Wstlinge in der Gefahr einen Reiz empfinden und im Freien, auf
den Bschungen, im Garten der Tuilerieen, im Wald oder auf einer Bank
ihre Sinnlichkeit befriedigen, so fand der Herzog vorbergehend seine
Krfte wieder und strzte sich auf die Bauchrednerin, deren Stimme
hinter der Thr tobte, und empfand unerhrte Gensse in diesem
Herumstossen, in dieser Angst des Mannes, der sich in Gefahr befindet.

Unglcklicherweise waren diese Freuden von kurzer Dauer, denn trotz der
enormen Summen, die er der Bauchrednerin bezahlte, verabschiedete ihn
diese schliesslich und gab sich noch demselben Abend einem strammen
Burschen hin, dessen Ansprche weniger kompliziert, dessen Lenden aber
krftiger waren.

Diese Komdiantin hatte er wirklich bedauert und bei der Erinnerung an
ihre Geschicklichkeit schienen ihm die andern Frauen anmutlos.

Eines Tages, da er allein in der Avenue de Latour-Maubourg spazieren
ging, in seine Betrachtungen und seinen Widerwillen gegen das weibliche
Geschlecht vertieft, wurde er nahe bei der Esplanade des Invalides von
einem jungen Menschen angeredet, der ihn bat, ihm den krzesten Weg nach
der Rue de Babylone zu zeigen.

Herzog Jean bezeichnete ihm den Weg, welchen er einzuschlagen hatte, und
da auch er die Esplanade entlang ging, so schritten sie zusammen weiter.

Sie glauben, dass es, wenn ich links gehen wrde, ein Umweg wre, fuhr
der junge Mann zu fragen fort, man hatte mir gesagt, die Avenue in
schrger Richtung zu verfolgen ... seine Stimme klang leise und
schchtern, fast bittend.

Der Herzog betrachtete ihn nher. Er schien aus dem Gymnasium gekommen
zu sein, war rmlich gekleidet, trug eine kurze Jacke aus Cheviot, eine
schwarze enge Hose, niedergeschlagenen Kragen und eine lose dunkelblaue
Krawatte mit weissen Punkten.

In der Hand hielt er ein Schulbuch und hatte auf dem Kopf einen runden
braunen Hut mit glattem Rand.

Sein Gesicht war beunruhigend; blass und mde, doch ziemlich regelmssig
und von langem, schwarzem Haar umrahmt; er hatte grosse feuchte Augen
mit blauen Rndern, um die Nase herum einige Sommersprossen und einen
kleinen Mund mit starken Lippen, die in der Mitte wie eine Kirsche
gespalten waren.

Sie sahen sich eine Weile an, gerade ins Gesicht, dann schlug der junge
Mensch die Augen nieder und kam nher; sein Arm streifte bald den des
Herzogs, der seinen Schritt mssigte und nachdenklich den wiegenden Gang
des Jnglings betrachtete.

Und aus dieser zuflligen Begegnung war eine Freundschaft entstanden,
die sich Monate lang hinzog.

Der Herzog dachte mit Schaudern an sie zurck, niemals hatte er einen
anziehenderen und herrischeren Pakt ertragen, niemals hatte er solche
Gefahren gekannt und niemals noch sich so schmerzhaft befriedigt
gefhlt.

Unter allen Erinnerungen, die ihn in seiner Einsamkeit bestrmten,
beherrschte dieses Liebesverhltnis alle andern. --

Jetzt erwachte er aus seinen Trumereien, gebrochen, vernichtet,
sterbend, und schnell alle Lichte und Lampen anzndend, hoffte er in
dieser Flut von Licht weniger deutlich das dumpfe, unaufhrliche,
unausstehliche Klopfen der Pulsadern zu vernehmen.




                            ZEHNTES KAPITEL.


Whrend dieser seltsamen Krankheit, die blutarme Menschen hinwegrafft,
traten pltzlich kurze Pausen der Krisen ein. Ohne dass er sich ihren
Grund zu erklren vermochte, wachte der Herzog eines Tages ganz krftig
auf. Da war nichts mehr von aufreibendem Husten zu spren, keine
stechenden Schmerzen mehr im Nacken, nur ein unbeschreibliches Gefhl
von Wohlbehagen, eine Leichtigkeit des Hirns, dessen Gedanken sich
erhellten.

Dieser Zustand whrte mehrere Tage; dann pltzlich zeigten sich eines
Nachmittags wiederum Hallucinationen des Geruchssinnes.

Sein Zimmer duftete wie von Backwerk und Parfm; er sah nach, ob nicht
ein geffnetes Flacon umherstand; doch nirgends war ein solches zu
finden. Er lief durch alle seine Gemcher: der Geruch dauerte fort.

Er klingelte seinem Diener:

Riechen Sie nichts? fragte er.

Der alte Mann erklrte, dass er keinen Blumengeruch bemerke: es konnte
kein Zweifel mehr bestehen, das Nervenleiden zeigte sich wieder unter
einer neuen Sinnestuschung.

Gelangweilt von der Hartnckigkeit dieses eingebildeten Aromas,
beschloss er, sich in wirkliche Parfms zu tauchen, hoffend, dass diese
Nasenhomopathie ihn heilen, oder wenigstens die Verfolgung des lstigen
Geruches aufhren wrde.

Er begab sich in sein Ankleidezimmer. Dort standen nahe bei einem
antiken Taufbecken, das ihm als Waschgefss diente, unter einem breiten
Spiegel von getriebenem Eisen Flaschen in allen Grssen und allen Formen
auf Etageren aus Elfenbein bereinander.

Er stellte sie auf einen Tisch und teilte sie in zwei Serien: die eine
mit einfachen Parfms, Extrakten und Spiritussen, die andere mit
zusammengesetzten Parfms, die man mit dem allgemeinen Ausdruck
Bouquets bezeichnet.

Er drckte sich in seinen Sessel und sammelte sich.

Er war schon seit Jahren in der Wissenschaft des Riechens gebt und war
berzeugt, dass man durch den Geruch die gleichen Gensse empfinden
knne wie durch das Gehr und das Gesicht, indem jeder Sinn infolge
einer natrlichen Neigung und Angewhnung genugsam empfindlich sei, neue
Eindrcke aufzunehmen, sie zu verzehnfachen und zu verarbeiten.

In der Kunst der Parfmbereitung hatte ihn eine Seite vor allem
angezogen, nmlich die der knstlichen Genauigkeit.

Das Parfm stammt fast niemals von den Blumen, deren Namen es trgt; der
Fabrikant, der es wagen wrde, nur einzig der Natur ihre Elemente zu
entlehnen, wrde doch nur ein unechtes Werk schaffen, ohne
Natrlichkeit.

Mit Ausnahme des unnachahmlichen Jasmin, welcher keine Flschung
zulsst, sind alle Blumengerche genau durch Verbindungen mit
aromatischem Weingeist und Spiritus darstellbar.

Nach und nach hatten sich die geheimen Operationen dieser so arg
vernachlssigten Kunst vor dem Herzog erschlossen, der ihren geheimen
Wegen nachging.

Um dies zu erreichen, hatte er zuerst die Grammatik durchgearbeitet, die
Syntax der Gerche erlernt, wie auch die Regeln, die sie regieren,
ergrndet. Mit dieser Sprache einmal vertraut, musste er die Werke der
Meister wie Atkinson und Lubin, Chardin und Violet, Legrand und Piesse
vergleichen, die Konstruktion ihrer Stze zerlegen, das Verhltnis ihrer
Worte und die Aufstellung ihrer Satzgefge abwgen.

Die klassische Parfmerie war ziemlich einfrmig, fast farblos, vor
langer Zeit von Chemikern in eine gleichmssige Form gegossen.

Ihre Geschichte folgte Schritt fr Schritt der Sprache unserer Zeit.

Der parfmierte Stil Ludwigs XIII., aus teuren Bestandteilen
zusammengesetzt, aus Iris, Moschus, Zibeth-Puder, Myrtenwasser, schon
damals unter dem Namen Eau des Anges bekannt, war kaum gengend, um
die ungezwungenen Reize, die etwas rohen Frbungen jener Zeit
auszudrcken, welche uns gewisse Sonette von Saint-Armand aufbewahrt
haben.

Spter, mit der Myrrhe, dem Oliban, einer Art Weihrauch, wurden die
mystischen Wohlgerche krftig und streng; die pomphafte Art des grossen
Jahrhunderts, die weitschweifigen Feinheiten der Redekunst, der breite,
getragene Stil Bossuets und der Kanzelredner fanden ihren Niederschlag.
Noch spter fanden die erschlafften, kunstvollen Reize der franzsischen
Gesellschaft unter Ludwig XV. leichter ihren Dolmetscher in dem
Frangipan und dem Marchale, die gleichsam die Synthese dieser Epoche
selbst gaben. Dann, nach der Langeweile und Gleichgltigkeit des ersten
Kaiserreichs, in dem man die Eaux de Cologne sowie die Prparationen von
Rosmarin missbrauchte, strzte sich die Parfmerie hinter Victor Hugo
und Gautier her in das Land der Sonne; sie schuf orientalische
Wohlgerche, scharfwrzige Bouquets, entdeckte neue Zusammenstellungen,
bis jetzt nicht gewagte Gegenstze, whlte aus und nahm wieder alte
Nancen auf, welche sie komplizierte, verfeinerte und passend
zusammensetzte. Sie verwarf schliesslich energisch diese freiwillige
Abgelebtheit, zu welcher sie Malesherbes, Boileau, Andrieux,
Baour-Lormian herabgesetzt hatten, diese niedrigen Destillateure ihrer
Gedichte.

Aber auch seit der Periode von 1830 war diese Sprache nicht stehen
geblieben. Sie hatte sich noch weiter fortentwickelt und, sich nach dem
Gang des Jahrhunderts formend, war sie gleichlaufend mit den andern
Knsten vorgeschritten, hatte sich auch den Wnschen der Kunstfreunde
und Knstler gefgt, sich auf die Chinesen und Japaner gestrzt,
duftende Stammbcher erfunden, Blumenstrusse von Takoka nachgeahmt,
durch Mischungen von Lavendel und Goldlack den Geruch des Rondeletia,
durch eine Verbindung von Patschuli und Kampfer den sonderbaren Duft der
chinesischen Tinte, durch die Zusammensetzung von Citrone, Levkoje und
Pommeranzbltessenz die Ausstrmung des japanesischen Hovnia erhalten.

Der Herzog studierte und analysierte die Seele dieser Fluida, machte die
Exegese dieser Texte; er gefiel sich zu seiner eigenen Befriedigung
darin, die Rolle eines Psychologen zu spielen, das Rderwerk auseinander
zu nehmen und wieder zusammenzustellen, die Stcke abzuschrauben, die
die Struktur einer zusammengesetzten Ausstrmung bildeten, und bei
dieser Ausbung hatte sein Geruchssinn die Sicherheit eines fast
unfehlbaren Prfsteins erlangt.

Wie ein Weinhndler das Gewchs an einem Tropfen, den er schlrft,
erkennt, wie ein Hopfenhndler an dem Geruch des Sackes den genauen Wert
der Ware bestimmen kann, wie ein chinesischer Kaufmann sofort die
Herkunft des Thees, der ihm vorgehalten wird, anzugeben vermag und sagen
kann, auf welchen Pachtungen des Berges Bohes, in welchen
buddhistischen Klstern er gezogen ist, und selbst den Zeitpunkt, an dem
seine Bltter gepflckt, und den Grad des Drrens zu bezeichnen weiss,
sowie den Einfluss, dem er in der Nhe der Pflaumenblte, der Aglaia,
der duftenden Olea, aller dieser Wohlgerche ausgesetzt gewesen ist, die
dazu dienen, seine Natur zu verndern, eine unvermutete Steigerung
hervorzurufen und in seinem trockenen Geruch einen Duft ferner frischer
Blumen zu erzeugen -- ebenso konnte der Herzog auch, wenn er nur ein
Trpfchen Parfm einatmete, gleich die Dosis seiner Mischung hernennen,
die Psychologie seiner Mixtur erklren und den Knstler erkennen, der
das Aroma hergestellt und ihm die persnliche Marke seines Stils
aufgedrckt hatte.

Es versteht sich von selbst, dass er die Sammlung aller von den
Parfmeuren angewendeten Produkte besass; er hatte selbst das echte
Mekkabalsamkraut, dieses seltene Kraut, das nur in gewissen Teilen des
steinigen Arabiens wchst und dessen Monopol dem Sultan gehrt. --

Und nun sass Herzog Jean in seinem Ankleidezimmer und sann darauf, ein
neues Bouquet zu erfinden, er war von dem Augenblick des Zgerns
erfasst, den die Schriftsteller nur zu gut kennen, wenn sie nach Monaten
der Ruhe ein neues Werk beginnen.

Ebenso wie Balzac, der von dem unabweislichen Bedrfnis verfolgt war,
erst viel Papier zu bekritzeln, ehe er imstande war zu schreiben, so
erkannte Herzog Jean die Notwendigkeit, sich erst durch einige leichtere
Arbeiten in Gang zu bringen.

Er fing an, die Flaschen mit Mandeln und Vanille zu wgen, um Heliotrop
herzustellen, dann besann er sich anders und entschloss sich, mit der
Riecherbse zu beginnen.

Die Formel, das Verfahren waren ihm entfallen; er tastete. Im
allgemeinen herrscht bei dem Duft dieser Blume die Orange vor; er
versuchte mehrere Zusammensetzungen und erreichte schliesslich den
richtigen Ton, indem er der Orange die Tuberose und die Rose hinzufgte,
welche er mit einem Tropfen Vanille verband.

Die Ungewissheiten verschwanden; ein leichtes Fieber erfasste ihn, er
fhlte sich zur Arbeit angeregt und beschloss, weiter zu gehen und einen
fulminanten Satz loszulassen, dessen stolzes Geprassel das Geflster
dieses arglistigen Parfms niederwerfen wrde, der noch immer im Zimmer
lastete.

Er experimentierte mit dem Amber, dem Tonkin-Moschus, dem Patschuli, dem
schrfsten aller vegetabilischen Parfms, dessen Blume einen Geruch von
Schimmel und Rost ausstrmt.

Aber was er auch versuchte, die Liebeleien des XVIII. Jahrhunderts
verfolgten ihn; die Reifrcke und seidenen Garnierungen schwebten vor
seinen Augen, die Erinnerungen der Venusse von Boucher, aus vollem
Fleisch, ohne Knochen, in ppigster Gestalt, liessen sich an seinen
Wnden nieder; der Rckblick auf den Roman Thermidor, auf die
entzckende Rosette mit hochgeschrztem Rock peinigte ihn.

Wtend stand er auf, und um sich frei zu machen, sog er mit aller Kraft
die reine Essenz des Spika-Nard ein, der den Orientalen so teuer und den
Europern so unangenehm ist wegen seines zu starken Geruchs von
Baldrian. Er war fast betubt von der Heftigkeit der Erschtterung.

Wie durch einen Hammerschlag zermalmt verschwand das Filigran des zarten
Duftes.

Frher hatte er sich gern in Akkorden von Dften gewiegt; er gebrauchte
hnliche Effekte wie die der Poeten, wendete gewissermassen die
vortreffliche Anordnung der Stcke von Baudelaire an, wie zum Beispiel
in L'Irrparable und Le Balcon, wo der letzte der fnf Verse, welche
die Strophe bilden, das Echo des ersten ist und wie ein Refrain
zurckkommt und die Seele in die Unendlichkeit von Schwermut und
Sehnsucht taucht.

Er verlor sich in den Trumen, welche diese duftenden Stanzen in ihm
hervorriefen; ihn verlangte, in einer wunderbaren und wechselnden
Landschaft herumzustreichen, und deshalb fing er mit einem vollen und
stattlichen Satz an, der pltzlich einen Durchblick auf eine grossartige
Landschaft erffnete.

Mit seinen Vaporisateuren spritzte er im Zimmer eine Essenz, aus
Ambrosia, Mitcham-Lavendel, Riecherbse und Bouquet gebildet, umher, eine
Essenz, die, wenn sie von einem Knstler destilliert, den Namen
verdient, den man ihr zuerkannt hat: Extrait de Pr fleuri; in diese
blhende Wiese fhrte er dann eine genaue Fusion von Tuberose,
Orangeblte und Mandel ein; und alsbald entstand knstlicher Flieder und
der Wind schien leise durch blhende Linden zu streichen, ihre zarten
Ausstrmungen auf den Boden niederdrckend, welche dem Extrakt der
englischen Tilia hneln.

Dann liess er durch einen Ventilator die duftenden Wellen entfliehen,
nur die Landschaft beibehaltend, die er erneute und deren Dosis er
verstrkte, um ihre Rckkehr zu erzwingen.

Bald stiegen Httenwerke gen Himmel auf.

Ein starker Geruch von Fabriken, von chemischen Produkten verbreitete
sich, und doch hauchte die Natur noch in dieser verpesteten Luft ihre
sssen Dfte aus.

Der Herzog bearbeitete und wrmte zwischen seinen Fingern eine
Storax-Kugel, und ein hchst eigentmlicher Geruch verbreitete sich im
Zimmer, ein Geruch, widerlich und kstlich zugleich, dem entzckenden
Geruch der Jonquille und dem hsslichen Gestank der Guttapercha und dem
Steinkohlenl hnlich.

Er desinfizierte sich die Hnde, legte sein Harz in einen hermetisch
verschlossenen Kasten, und die Fabriken verschwanden. Dann schleuderte
er zwischen die wieder belebten Linden und Wiesen einige Tropfen New
Mown Hay, und mitten in der zauberhaften Landschaft, ihres Flieders
beraubt, stiegen Heugarben empor, eine neue Jahreszeit suggerierend und
ihre feinen Ausstrmungen aushauchend.

Endlich, als er diesen Anblick gengend genossen, versprengte er eiligst
noch einige exotische Parfms, leerte seine Vaporisateure, verflchtete
seine konzentrierten Spritsorten, liess all den Balsamen die Zgel
schiessen, und in dem heissen aufregenden Dunst des Raumes entwickelte
sich eine wahnsinnig sublimierte Temperatur, die seinen Atem
beschleunigte.

Pltzlich empfand er einen heftigen Schmerz. Es war ihm, als wenn man
ihm mit einem Instrument die Schlfen durchbohre. Er ffnete die Augen
und befand sich in der Mitte seines Ankleidezimmers, vor seinem Tisch
sitzend; mhevoll erhob er sich und schleppte sich zum Fenster, das er
halb ffnete. Ein Luftstoss klrte die erstickende Atmosphre, die ihn
einhllte; er ging im Zimmer auf und ab, die Augen gegen den Plafond
gerichtet, wo Krabben und salzgepuderte Algen auf einem gekrnten Grund
hell wie der Sand des Meeresufers im Relief aufstiegen. Eine gleiche
Dekoration schmckte auch die Fussgesimse, die, mit japanesisch
wassergrner, etwas zerdrckter Kreppseide die Wnde einfassend, das
Gekrusel eines Flusses, von Wind bewegt, nachahmten, und in diesem
leicht fliessenden Wasser schwamm das Blatt einer Rose, um welches ein
Schwarm kleiner Fische wirbelte, mit leichten Federstrichen gezeichnet.

Aber seine Augenlider blieben schwer; das Hin- und Hergehen ermdete
ihn, er lehnte sich auf die Fensterbrstung; allmhlich verschwand seine
Betubung. Sorgsam korkte er die Flschchen wieder zu und benutzte diese
Gelegenheit, um die Unordnung in seiner reichen Schminksammlung zu
beseitigen. Er hatte seit seiner Ankunft in Fontenay nicht daran
gerhrt, und er verwunderte sich fast, diese Kollektion jetzt
wiederzusehen, die frher von so vielen Frauen besichtigt und bewundert
worden war.

Die Kruken und Flschchen huften sich auf- und bereinander. Hier war
es ein Porzellantopf, Schnouda enthaltend, diesen wunderbaren weissen
Creme, der, wenn er auf der Wange aufgerieben, unter dem Einfluss der
Luft in zartes Rosa, dann in ein so echtes Inkarnat bergeht, dass er
die wirklich genaue Tuschung einer durch Blutwallung gerteten Haut
hervorbringt. Dort sind es mit Perlmutter eingelegte Lackkasten, die
japanesisches Gold und athenisches Grn einschliessen, die Farbe des
Flgels einer spanischen Fliege, Gold und Grn, das sich in ein tiefes
Purpur verwandelt, sobald man es anfeuchtet. Nahe den vollen Kruken mit
Pasten von Lambertsnuss, Serkis des Harems, Emulsinen der Kaschmirlilie,
Waschwasser von Erdbeeren und Holunder fr den Teint und bei den kleinen
Flaschen, die mit einer Auflsung von chinesischer Tinte und Rosenwasser
zum Gebrauch der Augen bestimmt waren, lagen Utensilien aus Elfenbein,
Perlmutter und Silber durcheinander mit Brsten aus Luzern fr das
Zahnfleisch: Pinsel, Scheren, Wischer, Schminklppchen und Puderquasten,
Rckenkratzer und Schnheitspflsterchen.

Er betrachtete all diese Toilettengerte, die er auf die Bitte einer
seiner Geliebten gekauft hatte, die unter dem Einfluss gewisser Gerche,
gewisser Balsame vor Entzcken verging.

Er grbelte ber die Erinnerungen nach und es fiel ihm ein Nachmittag
ein, den er mit dieser Frau, aus Langeweile und Neugier, in Pantin bei
ihrer Schwester zugebracht hatte und der in ihm eine ganze Welt
vergessener Ideen und alter Parfms wachrief.

Er flchtete in sein Arbeitszimmer zurck und ffnete das Fenster weit,
glcklich, sich in der frischen Luft zu baden. Aber pltzlich war es
ihm, als wenn der Wind ihm einen unbestimmten Geruch von
Bergamottenessenz entgegentrieb, mit welchem sich der Jasminsprit, die
Cassie und das Rosenwasser verband.

Er atmete schwer auf.

Der Geruch wechselte und vernderte sich, ohne zu verschwinden. Ein
unbestimmter Duft von Tolutinktur, von Perubalsam, von Safran,
verschmolzen mit einigen Tropfen Amber und Moschus, stieg jetzt aus der
schlafenden Stadt empor, von dem Fusse der Anhhe her, und pltzlich
vollzog sich eine Metamorphose, die getrennten Gerche verbanden sich
und von neuem verbreitete sich der Frangipan, dessen Geruch die Elemente
und die Analyse herbeigefhrt hatten, ber das Thal Fontenay bis zum
Festungswerk hinauf. Sie erschtterten seine erschpften und
angegriffenen Nerven noch mehr, so dass er ohnmchtig an der
Fensterbrstung niedersank.




                            ELFTES KAPITEL.


Die erschrockenen Dienstboten beeilten sich, einen Arzt aus Fontenay
herbeizuholen, der absolut nichts von dem Zustand des Herzogs verstand.

Er brummte einige medizinische Ausdrcke, fhlte den Puls, besah die
Zunge des Kranken, versuchte, allerdings vergebens, ihn zum Sprechen zu
bringen, verordnete lindernde Mittel und grosse Ruhe und versprach, den
andern Tag wieder zu kommen.

Auf ein verneinendes Zeichen des Herzogs, der Kraft genug fand, den
Eifer seiner Dienstboten zu missbilligen und diesen lstigen
Eindringling zu verabschieden, ging dieser fort und machte sich daran,
im ganzen Dorf von den Excentrizitten dieses Hauses zu erzhlen, dessen
Einrichtung ihn geradezu mit Verwunderung erfllt und ihn verblfft
hatte.

Zum grssten Erstaunen der beiden alten Diener, die nicht mehr das
Dienstzimmer zu verlassen wagten, erholte sich ihr Herr in einigen Tagen
wieder. Sie berraschten ihn, wie er an die Scheiben trommelte und den
Himmel mit ungeduldiger Miene betrachtete.

Eines Nachmittags klingelte der Herzog mehrere Male hintereinander und
befahl dem eintretenden Diener, seine Koffer fr eine lngere Reise
fertig zu machen.

Whrend das alte Ehepaar auf seine Angaben hin die als notwendig
mitzunehmenden Gegenstnde whlte, durchschritt er fieberhaft erregt die
Kabine seines Esszimmers, studierte die Abfahrtszeiten der Packetboote,
durcheilte hastig sein Arbeitszimmer, wobei er ungeduldig die Wolken mit
zufriedener Miene beobachtete.

Das Wetter war schon seit einer Woche abscheulich, dicke Nebel lagerten
ber der Erde. Starke Regengsse hatten das Thal in einen schwarzen See
verwandelt.

An jenem Tage war der Himmel heller geworden.

Der Regen strzte nicht mehr wie den Tag vorher in Strmen herab,
sondern fiel unablssig fein und durchdringend und schien mit seinen
unzhligen Fden die Erde mit dem Himmel zu verbinden.

Das Licht trbte sich; ein fahler Tag beleuchtete das Dorf, und in
dieser Trostlosigkeit der Natur verschwammen alle Farben und nur die
Dcher glnzten in diesem Grau in Grau.

Welch ein Wetter! seufzte der alte Diener, der die Kleidungsstcke,
die sein Herr verlangt hatte, auf einen Stuhl legte.

Statt jeder Antwort rieb sich der Herzog die Hnde und setzte sich vor
einen Schrank mit bunten Scheiben, in dem ein Stoss von seidenen Socken
in Fcherform aufgehuft lag. Er war ber die Nancen unschlssig. Seine
Wahl fiel in anbetracht der Trostlosigkeit des Tages und des dsteren
Graus seines Anzuges, sowie im Hinblick auf sein Ziel auf ein Paar in
mattgrner Seide. Er zog ein Paar Halbstiefel darber und den mausgrauen
karrierten Anzug an, setzte sich einen kleinen runden Hut auf und hllte
sich in einen dunkelblauen Wettermantel. Von seinem Diener gefolgt, der
unter dem Gewicht eines Koffers, einer Reisetasche, einer Hutschachtel
und einer Reisedecke, in welche Schirme und Spazierstcke gewickelt
waren, fast zusammenbrach, kam er auf dem Bahnhof an.

Hier erklrte er dem Diener, dass er nicht das Datum seiner Rckkehr
bestimmen knne, er wrde in einem Jahr, in einem Monat, in einer Woche,
vielleicht noch frher zurckkommen, befahl, dass nichts in seiner
Wohnung gendert wrde, hndigte ihm die ntige Summe, die zum Unterhalt
des Hauses whrend seiner Abwesenheit ntig war, ein und stieg in den
Waggon, den alten Diener ganz verstrt mit schlotternden Armen und
offenem Mund auf dem Perron zurcklassend.

Er war in seinem Coup allein. Eine verschwommene, schmutzige
Landschaft, wie durch das trbe Wasser eines Aquariums gesehen, flog in
grsster Eile an dem vom Regen gepeitschten Zug vorbei. In Nachdenken
versunken, schloss der Herzog die Augen.

Das Schweigen, das ihm bisher wie eine Entschdigung fr die
Albernheiten, die er jahrelang ber sich hatte ergehen lassen mssen,
erschienen war, drckte ihn pltzlich mit unertrglicher Schwere.

Eines Morgens nmlich war er aufgewacht, erregt, wie ein Gefangener, der
in einer Zelle eingeschlossen ist; seine entnervten Lippen murmelten
unzusammenhngende Worte, Thrnen stiegen ihm in die Augen, ihm war es,
als sollte er ersticken.

Das Verlangen, ein menschliches Gesicht zu sehen, mit einem andern Wesen
zu sprechen, sich in das flutende Leben zu strzen, verzehrte ihn. Es
kam sogar dahin, dass er seine Dienstboten unter einem Vorwand zu sich
kommen liess und in Gesprche verwickelte. Aber die Unterhaltung war
unmglich; denn die alten Leute waren durch jahrelanges Schweigen und
durch die Gewohnheit der Krankenpflege fast stumm geworden; dann
verhinderte auch die Entfernung, in welcher sie der Herzog immer von
sich gehalten, jedes Plaudern.

brigens besassen sie nur ein trges Gehirn und waren fast unfhig,
anders als einsilbig auf die Fragen, die man an sie richtete, zu
antworten.

Er konnte also auf sie nicht rechnen.

Die Lektre von Dickens, welche er unlngst gepflegt, um seine Nerven zu
beruhigen und die nur die entgegengesetzte Wirkung hervorgebracht hatte,
begann langsam in einer unerwarteten Weise zu wirken.

Er vertiefte sich in das englische Leben. Seine Betrachtungen
vermischten sich mit den Eindrcken aus der Lektre.

So hoffte er durch eine Reise den erschlaffenden Ausschweifungen seines
Geistes zu entgehen.

Er hielt es nicht lnger aus; eines Tages entschloss er sich pltzlich,
dem allen ein Ende zu machen. Seine Eile war so gross, dass er lange vor
der anberaumten Zeit schon die Flucht ergriff.

Er wollte sich der Gegenwart entziehen und sich herumgestossen fhlen in
dem Strassenlrm und in dem Getse der Welt.

Ich atme auf, murmelte er, als der Zug seine Bewegungen einstellte und
in der Pariser Bahnhofshalle anhielt.

Auf dem Boulevard d'Enfer rief er einen Kutscher an, ganz vergngt, mit
seinen Koffern und Decken so ins Gewhl geraten zu sein. Durch ein
reichliches Trinkgeld verstndigte er sich mit dem Mann in nussbraunem
Beinkleid und roter Weste:

Auf Zeit, sagte er, zunchst nach der Rue de Rivoli zu >Galignani's
Messenger<!

Er beabsichtigte, vor seiner Abreise einen Fhrer durch London zu
kaufen.

Der Wagen schwankte schwerfllig durch den entsetzlichen Schmutz
vorwrts.

Der Regen schlug schrg in den Wagen, so dass der Herzog die Fenster
schliessen musste.

Bei dem monotonen Gerusch des auf seine Koffer und den Lederschutz
niederstrmenden Regens, der sich wie ein Sack geschttelter Erbsen
anhrte, trumte der Herzog von seiner Reise; dies war schon ein
Vorspiel von England, das ihm Paris bei diesem schauderhaften Wetter
bot. Das regnerische, riesengrosse, weite London, das unablssig im
Seenebel lag, entrollte sich vor seinen Augen. Lange Reihen Docks
breiteten sich unabsehbar vor ihm aus, best mit Hebemaschinen,
Schiffswinden und Ballen; allerwrts wimmelt es von Menschen, die hier
an Masten hngen, dort rittlings auf Raaen sitzen.

Alles das lebte und bewegte sich an den Ufern in den riesigen Docks, die
von dem grnlichen Wasser der Themse besplt werden, in einem Wald von
Masten und Balken.

Es bereitete dem Herzog ein Gruseln, dass er sich in eine Welt von
Kaufleuten strzen sollte, in diesen Nebel, in diese atemlose
Thtigkeit, dieses unbarmherzige Rderwerk, das Millionen Enterbter
zermalmt.

Dann verschwand diese Vision pltzlich durch einen Stoss des Wagens, der
ihn auf seinen Sitz zurckprallen liess.

Er sah durch das Fenster; es war Nacht geworden. Die Gasflammen
blinzelten mitten in einem gelblichen Hofe durch den Nebel,
Lichtstreifen schwammen auf den Pftzen.

Er versuchte sich zurechtzufinden; er erblickte das Carrousel.
Pltzlich, aus seinen Trumen aufgescheucht, fiel ihm ein hchst
trivialer Umstand ein: sein Diener hatte beim Kofferpacken eine
Zahnbrste vergessen.

Er unterwarf die Liste der eingepackten Gegenstnde einer Musterung,
alle lagen geordnet in seiner Reisetasche, nur die Brste fehlte, und
sein rger darber dauerte fort, bis ihm das Halten des Wagens ein Ende
machte.

Er befand sich in der Rue de Rivoli, vor Galignani's Messenger. Neben
einer Thr von mattem Glas, die mit Zeitungsausschnitten und Telegrammen
beklebt war, hingen zwei grosse Glaskasten mit Albums und Bchern. Er
trat nher, angezogen von den buntfarbigen Bchereinbnden, die in allen
Formen und Grssen dort ausgestellt waren. Alles hatte einen
kaufmnnisch antiparisischen Anstrich, die Einbnde waren grber, aber
weniger geschmacklos als die schlechten franzsischen.

Dann ffnete er die Thr und trat in ein grosses Bibliothekzimmer, das
mit Menschen angefllt war. Fremde sassen umher und entfalteten Karten
und radebrechten in unbekannten Sprachen.

Ein Kommis brachte ihm eine ganze Kollektion von Reisehandbchern. Er
setzte sich nieder und sah sich die Bcher, deren biegsamer Pappband
sich unter dem Druck seiner Finger bog, durch. Er durchbltterte sie und
blieb bei einer Seite des Baedeker stehen, auf welcher die Museen
Londons beschrieben sind.

Er interessierte sich fr die kurzen und grazisen Details des Fhrers;
seine Aufmerksamkeit ging von der alten englischen Malerei zu der neuen
ber, die ihn mehr reizte. Er erinnerte sich einiger Bilder, die er in
internationalen Ausstellungen gesehen hatte, und hoffte, dass er sie
vielleicht in London wiederfinden wrde, wie die Gemlde von Millais:
die Krankenwache der heiligen Agnes, mit jenem seltsamen
grnlich-silbernen Mondlicht, dann Bilder von Watts, von eigentmlichem
Farbengemisch, die von einem kranken Gustav Moreau entworfen und von
einem blutarmen Michel-Angelo ausgefhrt sein konnten.

Unter anderm erinnerte er sich einer Denunziation des Kain und einer
Ida.

Alle diese Gemlde traten vor sein Gedchtnis. Der Kommis, erstaunt,
diesen Kufer so in Gedanken verloren am Tische sitzen zu sehen, fragte
ihn endlich, ob er schon eine Wahl getroffen habe.

Der Herzog starrte ihn ganz verdutzt an, entschuldigte sich, kaufte
einen Baedeker und ging hinaus.

Die feuchte Luft machte ihn schaudern, der Wind blies von der Seite her
und peitschte den Regen unter die Arkaden.

Fahrt ein paar Schritte weiter! rief er dem Kutscher zu, indem er ihm
mit dem Finger einen Laden am Ende des Bogenganges bezeichnete, der die
Ecke der Rue de Rivoli und der Rue Castiglione bildete und, von innen
erhellt, mit seinen weisslichen Scheiben einer riesigen Nachtlampe
glich, die in dem Missbehagen dieses Nebels und in dem Elend dieses
abscheulichen Wetters den Spaziergnger lockte.

Es war die Bodega.

Der Herzog ging in einen grossen Saal, der sich zu einem langen Gang
formte und von gusseisernen Pfeilern getragen war. An den Seitenwnden
lagerten hohe Fsser, die mit kniglichen Wappen bemalt waren und in
farbigen Aufschriften den Namen ihres Inhalts bezeichneten.

In dem freigelassenen Raume zwischen den Fssern, unter den summenden
Flammen einer abscheulich hsslichen, eisengrau bemalten Gaskrone
standen Tische mit Krben voll trockenen oder salzigen Gebcks, mit
Tellern, auf welchen Brtchen gehuft lagen, die mit scharfer,
senfhaltiger Butter bestrichen oder mit altem Hollnderkse belegt
waren.

Ein Dunst von Alkohol schlug dem Herzog entgegen, als er in dem Saal
Platz nahm.

Der Saal war mit Menschen angefllt; um ihn herum wimmelte es von
Englndern: blasse Geistliche von lcherlichem Aussehen, vom Kopf bis zu
den Fssen in Schwarz gekleidet, mit weichen Hten, geschnrten Schuhen,
in endlosen Rcken, die auf der Brust mit kleinen Knpfen besetzt waren,
mit glattem Kinn, runden Brillen und glattem, fettigem Haar;
aufgedunsene Weingesichter frherer Schweinehndler und
Bulldoggengesichter mit Ohren wie Tomaten, blauroten Backen und Nase,
blden, blutunterlaufenen Augen und Brten, die ihnen ein Pavian-Ansehen
gaben.

Eine eigentmliche Erschlaffung befiel den Herzog in dieser
Wachtstubenatmosphre; betubt von dem Geschwtz der um ihn
herumsitzenden Englnder trumte er, und aus dem purpurnen Inhalt seines
mit Portwein gefllten Glases stiegen die Dickens'schen Typen herauf,
die so gern tranken, und bevlkerten so den Raum mit neuen imaginren
Gestalten.

Er sah hier die weissen Haare und den feuerroten Teint Wickfields; dort
das phlegmatische und schlaue Gesicht mit dem unvershnlichen Blick
Tulkinghorns, des unheimlichen Sachwalters von Bleak-House.

Ganz klar und bestimmt sonderten sich jetzt alle diese Figuren in seiner
Erinnerung ab und liessen sich mit ihren Bewegungen in der Bodega
nieder; sein Gedchtnis, durch die krzliche Lektre aufgefrischt,
vergegenwrtigte ihm alles in den klarsten Farben.

Die Stadt, in der der Romanschreiber gelebt, das hell erleuchtete Haus,
schn durchwrmt, gut versorgt und verschlossen, wo der Wein sorgsam
eingeschenkt wurde von der kleinen Dorrit, Dora Copperfield und der
Schwester des Tom Pinch, erschienen ihm eine wohlige Arche in einer
Sndflut von Schmutz.

Er faulenzte in diesem ertrumten London, glcklich, in Sicherheit zu
sein.

Sein Glas war leer. Trotz des dichten Dunstes, der in dem grossen Raum
herrschte, erhht durch den Rauch von Cigarren und Pfeifen, empfand er
ein leichtes Frsteln.

Er bestellte ein Glas Amontillado. Dieser herbe, helle Wein zerstrte
die sanften Geschichten des englischen Dichters sehr bald und die
aufregend rauhen Phantasieen des Edgar Po tauchten wieder vor ihm auf.
Pltzlich bemerkte er, dass er beinahe ganz allein in dem grossen Saal
war, die Dinerstunde war nahe; er zahlte und erhob sich hastig von
seinem Sitz und gewann ganz betubt die Thr.

Als er hinaustrat, schlug ihm der Regen heftig ins Gesicht, die Flammen
der Strassenlaternen flackerten ngstlich hin und her.

Der Herzog betrachtete die Arkaden der Rue de Rivoli, die mit Wasser
berschwemmt sich im Schatten verloren, und es war ihm, als wenn er sich
im dstern Tunnel unter der Themse befand; doch eine gewisse Leere im
Magen, die sich sehr fhlbar machte, rief ihn in die Wirklichkeit
zurck.

Er ging zu seinem Wagen und befahl dem Kutscher nach einem englischen
Restaurant in der Rue d'Amsterdam, nahe dem Bahnhof, zu fahren. Er sah
nach der Uhr: es war gerade sieben. Er hatte also noch Zeit zu speisen;
der Zug ging erst um acht Uhr fnfzig Minuten, und an seinen Fingern
zhlend, berechnete er ungefhr die Stunden der berfahrt von Dieppe
nach Newhaven und sagte sich:

Morgen Mittag um halb eins werde ich in London sein.

Der Fiaker hielt vor dem Restaurant still; wiederum stieg der Herzog aus
und schritt in einen langen schmucklosen Saal.

Zahlreiche Bierpumpen waren auf dem Schenktisch aufgestellt, daneben
lagen Schinken, so stark geruchert, dass sie wie alte Violinen
aussahen, Hummern wie mit rotem Bleioxyd gefrbt, marinierte Makrelen,
die in einer trben Sauce schwammen.

Er nahm in einer der leeren Nischen Platz und rief einen jungen Mann in
schwarzem Anzug, der sich verbeugte und ihm etwas in einem
unverstndlichen Kauderwelsch erzhlte.

Whrend man den Tisch deckte, musterte der Herzog seine Nachbarn. Es
waren wie in der Bodega Shne Albions, mit den bekannten Fayence-Augen,
mit karmoisinrotem Teint, die mit bedchtiger und anmassender Miene
auswrtige Zeitungen lasen.

Damen ohne Herrenbegleitung speisten miteinander, robuste Englnderinnen
mit mnnlichen Zgen und Zhnen so breit und gross wie Klaviertasten,
mit vorstehenden Backenknochen, langen Hnden und noch lngeren Fssen.

Sie fielen mit wahrem Heisshunger ber die gebrachten Gerichte her, die
mit berraschender Geschwindigkeit verschwanden.

Da er schon seit langem keinen Appetit mehr versprt, war er von der
Gefrssigkeit dieser Frauenzimmer ganz verblfft, fhlte aber, dass
seine Esslust dadurch angeregt wurde.

Er bestellte eine Oxtailsuppe und ass mit nicht geringem Behagen diese
krftige Brhe. Darauf whlte er einen Haddock, eine Art gerucherten
Stockfisch, der ihm sehr schmackhaft schien, und da er die anderen so
einhauen sah, so ass auch er noch ein Roastbeef mit Kartoffeln und trank
zwei Glas Ale dazu, das ihn durch seinen herben, eigentmlichen
Geschmack reizte.

Sein Hunger war bald gestillt, doch verarbeitete er noch ein Stck
Stiltonkse und beendete sein Diner mit einer Rhabarbertorte und der
Abwechslung wegen befriedigte er seinen Durst noch mit einem Glas
Porter.

Er atmete auf; seit Jahren hatte er nicht soviel gegessen und getrunken,
diese Vernderung in seinen Gewohnheiten, diese Wahl unvermuteter,
schwerer Nahrung hatte seinen Magen seiner schwerflligen Ruhe entzogen.
Er drckte sich tiefer in seinen Stuhl, zndete eine Cigarette an und
machte sich daran, eine Tasse Kaffee, in den er Gin goss, zu schlrfen.

Der Regen fiel noch immer in Strmen vom Himmel, er hrte ihn auf das
Glasdach prasseln, das den Hintergrund des Saales berdeckte, und wie in
Wasserfllen aus den Dachrinnen strzen. Niemand rhrte sich im Saal,
alle Gste waren froh, hier im Trockenen und vor ihren gefllten Glsern
zu sitzen.

Die Zungen lsten sich, und da fast alle diese Englnder beim Sprechen
die Augen in die Hhe hoben, schloss der Herzog daraus, dass sie sich
ber das schlechte Wetter unterhielten. Nicht einer lachte. Fast alle
waren in grauen, gelb und rosa gesprenkelten Cheviot gekleidet.

Er warf einen entzckten Blick auf seinen Anzug, der in Farbe und
Schnitt wenig von dem der andern abstach, und es war ihm eine
Befriedigung, in ihrer Mitte durchaus nicht aufzufallen.

Da schreckte er pltzlich auf.

Und die Stunde der Abfahrt? ...

Er zog rasch seine Uhr, sie zeigte jetzt sieben Uhr fnfzig Minuten.

Ich habe also noch eine halbe Stunde Zeit hier zu bleiben, murmelte er
und berdachte nochmals den Plan, den er gemacht hatte.

In seinem zurckgezogenen Leben hatten ihn nur zwei Lnder angezogen:
Holland und England.

Er hatte den ersten seiner Wnsche befriedigt; eines schnen Tages, als
er es nicht mehr aushalten konnte, hatte er Paris verlassen und die
Stdte der Niederlande eine nach der andern besichtigt.

Im ganzen genommen hatte er nur Enttuschungen auf dieser Reise erlebt.
Hatte er sich doch ein Holland nach den Werken von Teniers und Steen,
von Rembrandt und Ostade vorgestellt; er hoffte Kirmesse, bestndige
Schmausereien auf dem Lande und die von den alten Meistern so gepriesene
patriarchalische Gutmtigkeit und joviale Liederlichkeit zu finden.

Zwar hatten ihn Haarlem und Amsterdam bezaubert mit dem noch
ungehobelten Benehmen des Volkes auf dem Lande. Aber von der
ungezgelten Frhlichkeit und der harmlosen Vllerei hatte er keine Spur
bemerkt. Kurz, er musste zugeben, dass ihn die hollndische Schule des
Louvre genasfhrt hatte. Sie war ihm nur ein Sprungbrett zu seinen
Trumen gewesen.

Von alledem war nichts zu sehen; Holland war ein Land wie alle anderen.

Er sah von neuem nach der Uhr: es fehlten noch zehn Minuten bis zur
Abfahrt des Zuges. Es war die hchste Zeit, die Rechnung zu begleichen
und hinberzugehen.

Er versprte pltzlich eine ausserordentliche Schwere im Magen wie im
ganzen Krper.

Mut! murmelte er, und noch schnell ein Glas Brandy hinunterstrzend,
verlangte er seine Rechnung.

Ein Individuum in schwarzem Frack und einer Serviette unter dem Arm, mit
spitzem, kahlem Schdel, steifem grauen Backenbart trat heran, einen
Bleistift hinter dem Ohr, und ein Bein vor das andere stellend, zog er
ein Notizbuch aus seiner Tasche und, ohne sein Papier anzusehen, die
Augen auf die Gaskrone gerichtet, schrieb er alles auf und berechnete
die Zeche.

Hier, sagte er, das Blatt aus seinem Buche reissend und es dem Herzog
berreichend, der ihn neugierig ansah.

Welch seltsamer John Bull, dachte er.

In diesem Augenblick ffnete sich die Thr der Kneipe, Leute kamen
herein, die einen Geruch wie von durchnssten Pudeln mitbrachten. Eine
ssse und wohlige Erschlaffung bemchtigte sich des Herzogs Jean; er
fhlte sich unfhig, seine Beine zu bewegen, ja selbst die Hand
auszustrecken, um sich eine Cigarre anzuznden.

Vorwrts, es ist die hchste Zeit! sagte er sich, ohne sich zu rhren.

Wozu war es ntig, in grsster Eile fortzustrzen, wenn man so bequem
und so prchtig auf einem Stuhl reisen konnte?

War er nicht eigentlich schon in London, dessen Geruch, dessen
Atmosphre, dessen Einwohner, dessen Futter, dessen Gerte ihn umgaben?

Was konnte er denn erhoffen, wenn nicht neue Enttuschungen, wie in
Holland?

Er hatte gerade noch so viel Zeit, um nach dem Bahnhof gegenber zu
laufen, doch ein gewaltiger Widerwille gegen die Reise erfasste ihn und
ein unabweisliches Bedrfnis, ruhig zu sitzen, drngte sich ihm mit
Gewalt auf.

Nachdenklich liess er einige Minuten verstreichen, sich auf diese Weise
den Rckweg abschneidend, und sagte sich: Jetzt wrde ich mich in die
Billetausgabe strzen, mich mit meinem Gepck herumstossen mssen; wie
verdriesslich! --

Dann wiederholte er sich von neuem: Im ganzen genommen habe ich gesehen
und empfunden, was ich sehen und empfinden wollte. Ich bin mit
englischem Leben seit meiner Abreise von Fontenay bersttigt und msste
wahnsinnig sein, wenn ich durch Umherirren meine Eindrcke zerstren
sollte.

Sieh da, fuhr er in seinem Monolog fort, seine Uhr ansehend, die Zeit
ist da heimzukehren!

Jetzt stand er wirklich auf, ging hinaus und befahl seinem Kutscher, ihn
nach dem Bahnhof von Sceaux zurckzufahren, und er kam wieder in
Fontenay an mit seinen Koffern, Paketen, Reisedecken, Regenschirmen und
Spazierstcken und empfand die krperliche Abgehetztheit, die moralische
Ermdung eines Menschen, der nach einer langen, gefahrvollen Reise
endlich wieder zu Hause anlangt.




                           ZWOELFTES KAPITEL.


Whrend der Tage, die seiner Rckkehr folgten, betrachtete Herzog Jean
mit Wohlgefallen seine Bcher, und bei dem Gedanken, dass er sich lange
Zeit von ihnen hatte trennen knnen, empfand er eine ebenso wirkliche
Befriedigung, wie er sie genossen, wenn er sie nach einer ernstlichen
Reise wiedergefunden htte. Unter dem Impuls dieses Gefhls schienen ihm
die Gegenstnde neu, denn er nahm an ihnen Schnheiten wahr, die er
vergessen, seitdem er sie erworben hatte.

Alles: Bcher, Nippsachen, Mbel, nahm in seinen Augen einen neuen Reiz
an. Sein Bett schien ihm weicher im Vergleich zu dem Lager, das er in
London eingenommen haben wrde; der diskrete, schweigsame Dienst des
alten Ehepaares entzckte ihn, da er sich von dem Gedanken an die
lrmende Redseligkeit der Hotelkellner ermdet fhlte.

Er schpfte frische Lebenskraft aus dem Bad der Gewohnheit.

Aber seine Bcher beschftigten ihn hauptschlich. Er prfte sie,
ordnete sie von neuem auf den Gestellen, sah genau nach, ob seit seiner
Ankunft in Fontenay die Hitze und Feuchtigkeit ihre Einbnde nicht
beschdigt und ihr kostbares Papier nicht zerfressen hatte.

Er fing an, seine ganze lateinische Bibliothek umzuordnen, dann stellte
er die Werke von Archelaus, Albert le Grand, Lulle, Arnold de Villanova,
welche die Kabbala und geheimen Wissenschaften behandelten, in neuer
Ordnung auf. Dann sah er seine modernen Bcher nacheinander durch und
stellte mit Vergngen fest, dass alle trocken und unversehrt geblieben
waren.

Diese Sammlung hatte ihn bedeutende Summen gekostet. Denn er hatte sich
die von ihm bevorzugten Verfasser in besonderen Luxus-Ausgaben
angeschafft. In seiner Pariser Zeit hatte er fr sich allein bestimmte
Bcher herstellen lassen. Er liess von England und Amerika neue
Buchstaben fr die Anfertigung von Werken dieses Jahrhunderts kommen;
oder wendete sich an ein Geschft in Lille, das einen ganzen Satz
gotischer Typen besass.

Er hatte es ebenso mit seinem Papier gemacht, denn er war eines Tages
der silbernen Chinas, der perlmutternen und goldenen Japans berdrssig
geworden, wie auch der weissen Wathmans, der dunkelbraunen
Hollndischen, der Turkeys und Seychal-Mills in Gemsfarben. Ebenso
befriedigte ihn nicht mehr das mit Maschinen angefertigte Papier.
Deshalb hatte er besonders gestreiftes Papier in den alten Fabriken von
Vire bestellt, wo man sich noch der Stampfe bediente, die man frher
anwendete, um Hanf zu verarbeiten.

Um ein wenig Abwechselung in seine Sammlungen zu bringen, hatte er sich
verschiedentlich Ripspapier aus London schicken lassen; auch bereitete
ihm ein Lbecker Fabrikant ein Pressbalkenpapier, blulich, krftig,
etwas sprde, in dessen Stoff die Fasern durch Goldkrnerchen, wie sie
in dem Danziger Goldwasser flimmern, ersetzt waren.

Dadurch hatte er sich Bcher einzig in ihrer Art verschafft. Sie waren
in ungebruchlichem Formate, die er von Knstlern in antiker Seide,
geprgtem Ochsen- und Coy-Leder artistisch einbinden liess. Auch besass
er kostbare Einbnde aus moirierter Seide und Taffet und einige sogar
mit oxydiertem Silberbeschlag und hellem Email ausgelegt.

So hatte er sich von dem bekannten alten Geschft Le Clere die Werke von
Baudelaire in grossem Format wie Messbcher mit grossen steilen
Buchstaben auf sehr feinem japanischen Filzpapier drucken lassen.

Der Herzog hatte dieses unvergleichliche Werk aus seinem Bcherschrank
herausgezogen; er befhlte es andchtig und las gewisse Stellen wieder
durch, die ihm in diesem einfachen aber unschtzbaren Rahmen
ergreifender als gewhnlich erschienen.

Seine Bewunderung fr diesen Schriftsteller war grenzenlos. Seiner
Meinung nach hatte man sich bis jetzt in der Litteratur darauf
beschrnkt, das ussere der Seele zu erforschen. Baudelaire war weiter
gegangen; er war bis zum Grund der unerschpflichen Mine hinabgestiegen,
hatte sich weit in die verlassenen und unbekannten Gnge hineingewagt,
war in den Distrikten der Seele angelangt, wo sich die widernatrliche
Vegetation der Gedanken verzweigt.

Zu einer Zeit, wo die Litteratur fast ausschliesslich den Lebensschmerz
dem Unglck einer verkannten Liebe oder den Eiferschteleien des
Ehebruchs zuschrieb, hatte Baudelaire diese kindischen Krankheiten
berwunden und die unheilbareren, tieferen Schden untersucht, die durch
bersttigung und Enttuschung die Gegenwart martern, die Vergangenheit
anwidern und die Zukunft erschrecken und beunruhigen.

Und je mehr der Herzog wieder Baudelaire durchlas, desto mehr erkannte
er einen unendlichen Zauber in diesem Schriftsteller, der in einer Zeit,
wo Verse nur dazu dienten, die usseren Erscheinungen von Wesen und
Sachen wiederzugeben, es dahin gebracht hatte, das Unaussprechliche
auszudrcken, dank einer krftigen und vollen Sprache, die mehr als jede
andere diese wunderbare Macht besass, mit einer seltenen Gesundheit von
Ausdrcken krankhafte Zustnde der flchtigsten und zitterndsten Art,
der erschpften Geister und traurigen Seelen festzustellen.

Ausser Baudelaire waren die franzsischen Bcher in seiner Bibliothek
ziemlich beschrnkt. Er war gnzlich unempfnglich fr die Werke, vor
denen es zum guten Ton gehrt, in Entzcken zu geraten.

Der herzhafte Humor von Rabelais und die gesunde Komik Molires
brachten ihn nicht zum Lachen und seine Antipathie gegen diese Possen
ging sogar so weit, dass er sich nicht scheute, sie mit Jahrmarktstand
zu vergleichen.

Von den alten Dichtern las er nur Villon, dessen melancholische Balladen
ihn rhrten; hier und da einige Sachen von Aubign, die durch die
unglaubliche Heftigkeit ihrer Ausflle und durch ihre Flche sein Blut
in Wallung brachten.

Von den Prosaisten beschftigten ihn Voltaire und Rousseau sehr wenig,
noch weniger Diderot, dessen so sehr gerhmte Salons ihm ganz
besonders mit moralischen Abgeschmacktheiten und einfltigen
Bestrebungen angefllt schienen; aus Hass gegen all diesen Plunder
vertiefte er sich fast ausschliesslich in die Lektre der christlichen
Beredsamkeit, wie Bourdaloue und Bossuet, deren krftige und
bilderreiche Sprache ihm imponierte. Aber vorzugsweise erquickte er sich
an den ernsten und markigen Stzen, welche Nicole und besonders Pascal
aufbauten, dessen strenger Pessimismus und schmerzliche Zerknirschung
ihm zu Herzen gingen.

Diese wenigen Bcher ausgenommen, fing die franzsische Litteratur in
seiner Bibliothek erst mit dem neunzehnten Jahrhundert an.

Sie teilte sich in zwei Gruppen: die eine bestand aus der gewhnlichen,
profanen, die andere aus der Kirchen-Litteratur.

Aus der Menge seichter Schwtzer, die die Kirchenlitteratur auf ihrem
Gewissen hatte, ragte besonders Lacordaire hervor, einer der wenigen
wirklichen Schriftsteller, den die Kirche seit Jahren hervorgebracht
hatte.

Hchstens waren noch einige Seiten seines Schlers, des Abtes Peyreyve,
lesbar. Dieser hatte eine rhrende Biographie seines Lehrers
hinterlassen, einige liebenswrdige Briefe geschrieben, Artikel in
klangvoller Rednersprache verfasst und Lobreden gehalten, in denen aber
ein schwlstiger Ton zu sehr vorherrschte.

In Wahrheit aber hatte der Abt Peyreyve weder die Erregung noch die
flammende Begeisterung eines Lacordaire.

Der im allgemeinen abgedroschene bischfliche, von den Prlaten
gehandhabte Stil war wieder etwas mnnlicher geworden. Dies zeigte sich
besonders bei dem Grafen de Falloux.

Unter dem Schein der Mssigung schwitzte dieser Akademiker geradezu
Galle. Seine im Parlament 1848 gehaltenen Reden waren dagegen
weitschweifig und matt, aber seine in dem Correspondent
verffentlichten und seitdem in Sammlungen vereinigten Artikel waren
beissend und scharf und von einer bertriebenen Hflichkeit in ihrer
Form.

Er war ein gefhrlicher Polemiker wegen seiner Hinterhalte, ein schlauer
Logiker, seitwrts gehend und unvermutet treffend.

Etwas geschraubter, gezwungener, ernster war Ozanam, der geliebte
Schutzredner der Kirche, der Glaubensrichter der christlichen Sprache.

Obgleich Herzog Jean schwer zu berraschen war, war er dennoch erstaunt
ber die Dreistigkeit dieses Schriftstellers, der von den unerklrlichen
Absichten Gottes redete, als ob er die Beweise der unwahrscheinlichen
Behauptungen, die er vorbrachte, htte beibringen knnen.

Ein Buch, das sein Interesse in hohem Grade zu erwecken vermocht hatte,
war: Der Mensch von Ernest Hello.

Dieser war die absolute Antithese seiner religisen Mitbrder. Fast
isoliert in der gottesfrchtigen Gruppe, die seine Art abschreckte,
hatte Ernest Hello schliesslich den grossen Verbindungsweg, der von der
Erde zum Himmel fhrt, verlassen. Ohne Zweifel angewidert von der
langweiligen Einfrmigkeit der Strasse und von dem Gewhl dieser
Schriftpilger, die im Gnsemarsch seit Jahrhunderten hintereinander
dieselbe Chaussee gingen, einer in des andern Fussstapfen tretend, an
denselben Orten anhaltend, um dieselben Gemeinpltze ber die Religion,
die Kirchenvter, ber ihre gleichen berzeugungen und ihre gleichen
Meister auszutauschen, war er durch die Seitenpfade gegangen und war in
der dstern Waldlichtung von Paschalis gemndet, wo er lange gehalten
hatte, um Atem zu schpfen. Dann hatte Hello seinen Weg fortgesetzt und
war weiter als der Jansenist vorgedrungen, den er brigens verspottete.

Gewunden und geziert, pedantisch und verwickelt, wie Hello war,
erinnerte er den Herzog durch die eindringlichen Spitzfindigkeiten
seiner Analyse an die forschenden, kritischen Studien einiger
Psychologen des vergangenen und dieses Jahrhunderts.

In diesem eigentmlich gebildeten Geist existierten wundersame
Gedankenverbindungen, unvermutete Annherungen und Widersprche. Ihm
imponierte Hellos seltsame Art, von der Etymologie der Wrter auf
geistreiche Beziehungen zu kommen, die manchmal etwas dnn wurden, aber
fast immer blendend waren. --

Zwei Werke von Barbey d'Aurvilly reizten den Herzog ganz besonders: Le
Prtre mari und Les Diaboliques. In diesen eigentmlichen Bchern
hatte der Verfasser bestndig zwischen den beiden Extremen der
katholischen Religion laviert, die sich vereinigen: Mysticismus und
Sadismus.

In diesen zwei Bchern, die der Herzog wieder durchbltterte, hatte
Barbey jede Klugheit verloren, seinem Pferde die Zgel schiessen lassen
und war in gestrecktem Galopp auf Wegen davon geritten, die er bis zu
ihrem ussersten Ende verfolgte.

Der ganze Schrecken des Mittelalters schwebte ber diesem
unwahrscheinlichen Buch des verheirateten Priesters; die Magie
vermischte sich mit der Religion, und unbarmherziger und grausamer als
der Teufel qulte der Gott der Erbsnde die unschuldige Calixte, seine
Verstossene, die er mit einem roten Kreuz auf der Stirne gezeichnet, wie
er ehemals von seinem Engel die Huser der Abtrnnigen, die er verderben
wollte, hatte zeichnen lassen.

Nach diesen mystischen Abschweifungen hatte der Schriftsteller eine
Periode der Ruhe gehabt; dann aber war ein schrecklicher Rckfall
eingetreten.

In dem verheirateten Priester wurde das Lob Christi von Barbey
d'Aurvilly gesungen; in Les Diaboliques hatte sich der Verfasser dem
Teufel ergeben, den er pries; und jetzt erschien der Sadismus, dieser
Bastard des Katholizismus, den die Religion in allen Formen mit
Exorcismen und Scheiterhaufen durch alle Jahrhunderte verfolgt hat.

Mit Barbey d'Aurvilly nahm die Serie der religisen Schriftsteller ein
Ende. Eigentlich gehrte dieser Paria in jeder Hinsicht mehr zur
weltlichen Litteratur als zu jener andern, bei der er einen Platz
beanspruchte, den man ihm verweigerte. Seine Sprache war die des wilden
Romantismus, voll gewundener Wendungen und bertriebener Vergleiche, und
eigentlich erschien d'Aurvilly wie ein Zuchthengst unter diesen
Wallachen, die die ultramontanen Stlle fllen.

Dem Herzog kamen diese Betrachtungen beim gelegentlichen Wiederlesen
einiger Stellen dieses Schriftstellers, und wenn er diesen nervsen,
abwechslungsreichen Stil mit der lymphatischen und unbeweglichen Art
seiner Mitbrder verglich, gedachte er ebenfalls der Fortentwickelung
der Sprache, die uns Darwin so klar dargestellt hat.

Mittlerweile kndigte der silberne Ton einer Glocke, die auf den Ton der
Angelusglocke abgestimmt war, dem Herzog an, dass das Frhstck
aufgetragen sei.

Er liess seine Bcher liegen, trocknete sich die Stirn und ging nach dem
Esszimmer, indem er sich sagte, dass von all den Bchern, die er soeben
geordnet hatte, die Werke von Barbey d'Aurvilly noch die einzigen
waren, bei denen Gedanken und Stil an den Hautgot der decadenten
lateinischen Schriftsteller der alten Zeit, die ihm so sympathisch
waren, erinnerten.




                          DREIZEHNTES KAPITEL.


Das Wetter war in diesem Jahre ganz ungewhnlich: nach den Stosswinden
und Nebeln lag ein weissglhender Himmel ber der Gegend ausgebreitet.

In zwei Tagen war ohne jeden bergang der feuchten Klte und den
Regengssen eine brennende Hitze, eine Luft von entsetzlicher Schwere
gefolgt. Wie mit Feuerhaken geschrt strahlte die Sonne, gleich der
ffnung eines Backofens, ein fast weisses Licht aus, das das Auge
blendete; ein heisser Staub erhob sich von den kalkigen Chausseen und
verdorrte die Bume und den Rasen. Die Sonne, die auf die weiss
getnchten Mauern, die Zinkdcher und die Fensterscheiben niederbrannte,
blendete frmlich. Die Glut einer Giesserei lag auf dem Hause des
Herzogs Jean.

Halb nackt ffnete er ein Fenster, eine Welle heisser Luft schlug ihm
ins Gesicht; in dem Esssaal, in den er sich flchtete, war es glhend.

Er setzte sich ganz verzweifelt nieder, denn die berreizung, die ihn
aufrecht hielt, solange er beim Ordnen seiner Bcher seinen Trumen
nachgehangen hatte, war jetzt vorber.

Wie alle nervsen Leute wurde er durch die Hitze sehr angegriffen. Die
Bleichsucht, durch die Klte zurckgehalten, machte sich wieder
bemerkbar und schwchte den ohnedies schon matten Krper noch mehr durch
bermssigen Schweiss.

Das Hemd auf dem nassen Rcken klebend, die Beine und Arme kraftlos, die
Stirn mit Schweiss bedeckt, der in salzigen Tropfen die Backen
hinablief, lag der Herzog wie gebrochen in seinem Sessel. Der Anblick
des Fleisches, das auf dem Tische stand, widerte ihn in diesem
Augenblick an und er befahl, es fortzutragen; er bestellte sich Eier und
versuchte Stckchen Brot, ins weiche Gelbe getunkt, hinunter zu wrgen;
aber sie blieben ihm in der Kehle sitzen. Die Neigung zum Erbrechen kam.
Er trank einige Tropfen Wein, die ihm wie Feuer im Magen brannten.

Er wischte sich das Gesicht ab; der Schweiss, noch eben warm, floss kalt
an den Schlfen entlang. Er sog einige Stckchen Eis langsam auf, um die
belkeit zu vertreiben. Doch vergeblich.

Eine grenzenlose Mattigkeit drckte ihn nieder; er meinte zu ersticken
und stand auf.

Noch nie hatte er sich so beunruhigt, so zerrttet, so elend gefhlt.
Dabei quollen seine Augen, er sah die Gegenstnde doppelt und um sich
selbst drehend. Bald verschwand ihm das Gefhl fr die richtigen
Entfernungen, sein Glas schien ihm eine Meile von ihm zu stehen. Er
verhehlte sich nicht, dass er der Spielball seiner sensationellen
Tuschungen war, und unfhig, dagegen zu reagieren, legte er sich auf
das Sofa im Salon.

Da aber wiegte ihn ein Schwanken, wie das Schwanken eines Schiffes, und
die belkeit wurde strker; er stand wieder auf und entschloss sich,
durch ein Verdauungsmittel die Eier, die ihn nahezu erstickten,
hinunterzubringen.

Er ging nach dem Esszimmer zurck und verglich sich in dieser Kabine
melancholisch mit einem Seereisenden. Er kam sich wie ein von
Seekrankheit befallener Passagier vor.

Schwankenden Schrittes wendete er sich dann zu dem Wandschrank, prfte
seine Mundorgel, doch ffnete er sie nicht, sondern nahm von dem oberen
Brett eine Flasche mit Benediktiner, die er ihrer Form wegen
aufbewahrte.

Aber fr den Augenblick war ihm alles gleichgltig; mit mattem Auge
betrachtete er die dickbuchige dunkelgrne Flasche, die sonst in ihm
die Vorstellung eines mittelalterlichen Klosters wachgerufen htte: mit
ihrem antiken Mnchsbauch, ihrem Kopf und Hals, mit einer
Pergament-Kapuze versehen, ihrem roten Wachssiegel mit den drei
silbernen Bischofshten am Halse, gesiegelt wie eine Bulle, und einer
Etikette, auf deren gelblichem Papier in Mnchslatein stand: Liquor
Monachorum Benedictinorum Abbatiae Fiscanensis.

Diese klsterliche Hlle barg einen safrangelben Likr von entzckender
Zartheit.

Er trank einige Tropfen von diesem Likr und fhlte whrend eines
Augenblicks etwas Erleichterung, aber bald brannte das Feuer wieder von
neuem in seinen Eingeweiden.

Er warf verzweifelt seine Serviette hin und begab sich wieder in sein
Arbeitszimmer, wo er langsam auf und ab ging.

Es war ihm, als sei er unter einer Luftglocke, in der ihm die Luft nach
und nach entzogen wurde, und eine wonnige grausame Schwche bemchtigte
sich seiner, vom Rckenmark durch alle Glieder gehend. Er strubte sich
dagegen, und da er es nicht mehr aushalten konnte, flchtete er sich,
vielleicht zum ersten Mal seit seiner Ankunft in Fontenay, in seinen
Garten und suchte Schutz unter einem Baum, der einen runden Schatten
warf.

Auf dem Rasen sitzend, sah er mit stumpfer Miene auf die viereckigen
Gartenbeete, auf denen seine alten Dienstboten Gemse gepflanzt hatten.

Er sah sie wohl an, aber erst nach Verlauf einer Stunde bemerkte er sie,
denn ein grulicher Nebel schwebte vor seinen Augen und liess ihn nichts
unterscheiden, hnlich wie auf dem Meeresgrund, wo man nur unbestimmte
Bilder gewahrt.

Schliesslich fand er sein geistiges Gleichgewicht wieder und unterschied
deutlich Zwiebeln vom Kohl, sowie etwas weiter ein Feld mit Kopfsalat
und im Hintergrunde die ganze Hecke entlang eine Reihe weisser Lilien,
die unbeweglich in der schweren Luft ihren Duft ausstrmten.

Er durchstberte den Garten, sich fr die in der Hitze verwelkten
Pflanzen und den heissen Erdboden interessierend, der in dem glhenden
Staub der Luft dampfte. Dann bemerkte er oberhalb der Hecke, die den
tiefer gelegenen Garten von der erhhten Strasse, die nach dem Vorwerke
fhrte, trennte, einige Jungen, die sich in vollem Sonnenbrand im Staube
wlzten.

Er konzentrirte seine Aufmerksamkeit eben auf sie, als ein anderer,
kleinerer erschien; er sah schmutzig aus, hatte Haar wie Seegras und war
voll von Sand; zwei grne Blasen hatte er unter der Nase, widerliche
Lippen, weiss beschmiert mit weichem Kse, der auf Brot gestrichen und
mit gehackten Zwiebeln bestreut war.

Der Herzog sog den Geruch davon ein; ein krankhaftes Gelst bemchtigte
sich seiner. Die schmutzigen Brotschnitte liessen ihm das Wasser in den
Mund treten. Es schien ihm, als wenn sein Magen, der jede Nahrung
verweigerte, dies abscheuliche Essen verdauen wrde und sich sein Gaumen
wie an einem Leckerbissen daran laben knne.

Er sprang auf, lief nach der Kche, befahl, aus dem Dorf einen Laib
Brot, weissen Kse und Zwiebeln zu holen, bestimmte, wie man ihm die
Brotschnitte bereiten solle, genau wie die, an denen der Junge
herumwrgte, und ging zu seinem Baum zurck, unter dem er sich wieder
niederliess.

Jetzt schlugen sich die Jungen. Sie entrissen sich Stcke Brot, die sie
sich in die Backen stopften, wobei sie sich die Finger ableckten. Es
hagelte dabei Fusstritte, Faustschlge, und die Schwchsten, die zur
Erde geworfen wurden, schlugen mit den Beinen um sich und heulten.

Dieses Schauspiel belebte den Herzog; das Interesse, das er an dem Kampf
nahm, wendete seine Gedanken von seinem bel ab; bei der Erbitterung der
Bengel dachte er an das grausame Gesetz vom Kampf ums Dasein, und
obgleich diese Jungen nur aus niedrigem Stande waren, konnte er sich
doch nicht erwehren, sich fr ihr Los zu interessieren und zu glauben,
dass es besser fr sie gewesen wre, wenn ihre Mtter sie nicht in die
Welt gesetzt htten.

Welcher Wahnsinn, dachte der Herzog, Kinder zu zeugen!

Der Diener unterbrach die wohlgemeinten Betrachtungen, ber welche der
Herzog nachgrbelte, und berreichte ihm auf einem silbernen Teller das
gewnschte Ksebrot.

Eine belkeit berkam ihn; er hatte nicht den Mut, dieses Butterbrot zu
essen, denn die krankhafte berreizung seines Magens war vergangen. Ein
Gefhl entsetzlicher Zerrttung befiel ihn von neuem; er musste
aufstehen. Die Sonne drehte sich und nahm nach und nach seinen Platz
ein, die Hitze wurde noch drckender und lstiger. -- Werfen Sie das
Butterbrot jenen Jungen hin, sagte der Herzog zu dem alten Diener,
mgen die sich darum schlagen; mgen sich die Schwcheren verkrppeln
und keinen Teil an den Leckerbissen haben; mgen sie obendrein von ihren
Eltern tchtig durchgeprgelt werden, wenn sie mit zerrissenen Hosen und
blauen Augen nach Hause kommen; das wird ihnen einen Vorgeschmack von
dem Leben, das ihrer wartet, geben!

Mit diesen Worten ging er langsam seinem Hause zu und sank halb
ohnmchtig auf einem Sessel nieder.

Ich muss indessen versuchen, etwas zu essen, murmelte er, und er
tunkte einen Zwieback in einen alten Constantia, von dem er noch einige
Flaschen im Keller hatte.

Dieser Wein in der Farbe leicht angebrannter Zwiebelschale, die Mitte
zwischen Malaga und Portwein haltend, doch mit einem besonders zuckrigen
Bouquet und einem Nachgeschmack von Weintrauben hatte ihn oft gestrkt
und manchmal sogar seinem durch gezwungenes Fasten geschwchten Magen
neue Kraft eingeflsst. Aber diese Herzstrkung, sonst treu und
zuverlssig, verfehlte heut ihre Wirkung.

Nun hoffte er, dass ein linderndes Mittel die glhenden Eisen, die ihm
gleichsam den Magen zerrissen, vielleicht abkhlen wrde, und er nahm
seine Zuflucht zu dem Nalifka, einem russischen Likr in einer
mattgolden glasierten Flasche. Aber dieser lige und himbeerartige Saft
war ebenfalls wirkungslos.

Leider! Die Zeit war fern, wo der Herzog sich noch einer guten
Gesundheit erfreute, wo er in voller Hundstagshitze auf seinem Besitztum
einen Schlitten bestieg und da, eingewickelt in Pelze, die er bis zur
Brust hinaufzog, zu frsteln versuchte und sich sagte, indem er sich mit
den Zhnen zu klappern bemhte: Ah! dieser Wind ist eisig, man erfriert
fast, man erstarrt wirklich! bis es ihm fast gelang, sich zu
berzeugen, dass es recht bitterlich kalt sei!

Unglcklicherweise wirkten diese Mittel nicht mehr, seit seine Leiden
thatschlich berhandgenommen hatten.

Dabei blieb ihm nicht einmal die Zuflucht, zur Opiumtinktur zu greifen;
denn anstatt ihn zu beruhigen, regte ihn dies schmerzstillende Mittel
derartig auf, dass es ihm die Ruhe raubte.

Frher hatte er sich mit Opium und Haschisch Visionen erzeugen wollen,
aber diese beiden Substanzen hatten Erbrechen und heftige nervse
Aufregungen herbeigefhrt, er hatte sofort darauf verzichtet und ohne
Hilfe dieser derben Reizmittel von seinem Gehirn allein verlangt, ihn
weit von dem Leben ab ins Reich der Trume zu fhren.

Welch ein Tag! seufzte der Herzog, sich den Hals trocknend und
fhlend, dass das, was ihm noch an Krften geblieben war, sich in neuem
Schweiss auflste. Eine fieberhafte Erregung verhinderte ihn still zu
sitzen. Von neuem irrte er durch alle Zimmer, alle Sitze nacheinander
versuchend.

Des Kampfes mde sank er endlich vor seinem Schreibtisch nieder. Den
Ellbogen auf die Platte gesttzt, bewegte er mechanisch, ohne an etwas
zu denken, einen Sternhhenmesser, der anstatt eines Briefbeschwerers
auf einem Haufen Bcher und Notizen stand.

Er hatte dieses Instrument aus graviertem, vergoldetem Kupfer, aus
Deutschland stammend und im siebzehnten Jahrhundert gearbeitet, bei
einem Trdler in Paris gekauft nach einem Besuch des Cluny-Museum, wo er
lange in Entzcken vor einem wunderbaren Astrolabium aus geschnitztem
Elfenbein gestanden hatte, dessen kabbalistische Art ihn geradezu
bezauberte.

Dieser Briefbeschwerer rief einen ganzen Schwarm Erinnerungen in ihm
wach. Der Anblick dieser Seltenheit liess ihn vergessen, wo er sich
befand, seine Gedanken schweiften zurck zu dem Trdler in Paris, der
ihm das Instrument verkauft hatte.

Er sah sich im Geist wieder im Museum vor dem Astrolabium aus Elfenbein,
whrend seine Augen fortfuhren, den Sternhhenmesser aus Kupfer vor sich
auf dem Tische zu betrachten, ohne ihn zu sehen.




                          VIERZEHNTES KAPITEL.


Einige Tage lang war sein Zustand ertrglich, dank der Mittel, die er
seinem Magen anbot. Aber eines Morgens wollte er die marinierten
Gerichte nicht mehr annehmen, und der Herzog fragte sich beunruhigt, ob
seine grosse Schwche nicht noch zunehmen und ihn ntigen wrde, das
Bett zu hten.

Es fiel ihm pltzlich ein, dass einer seiner Freunde es mit Hilfe eines
gewissen Nahrungsmittels erreicht hatte, seiner Blutarmut Einhalt zu
thun und sich das bisschen Kraft zu erhalten.

Er schickte schnell seinen Diener nach Paris, um sich dieses kostbare
Mittel zu verschaffen; nach dem Prospekt, den der Fabrikant beigelegt
hatte, unterrichtete er selbst seine Kchin, wie das Rindfleisch in
kleine Stcke zu schneiden und zuzubereiten sei.

Den durch diese Prozedur gewonnenen Saft nahm er lffelweise ein.

Durch diese Kur wurde das Nervenleiden aufgehalten und der Herzog sagte
sich:

Das htten wir immerhin erreicht; vielleicht dass die Temperatur sich
ndert und der Himmel etwas Asche auf diese abscheuliche Sonne wirft,
die mich vllig erschpft, und dass ich mich ohne grosse Schwierigkeit
bis zur ersten Klte durchschlagen werde.

In dieser Erschlaffung und mssigen Langeweile, in die er versunken,
rgerte ihn seine Bibliothek, deren Ordnung unvollendet geblieben war;
da er nicht mehr aus seinem Lehnstuhl aufstehen konnte, hatte er
unaufhrlich seine profanen Bcher vor sich, die wie Kraut und Rben in
den Fchern standen und lagen. Die Unordnung verletzte ihn um so mehr,
da sie zu der sorgfltigen Ordnung der religisen Bibliothek in
schreiendem Widerspruch stand.

Er versuchte dieser Verwirrung ein wenig abzuhelfen, aber nachdem er
zehn Minuten gearbeitet, war er wie in Schweiss gebadet; die Anstrengung
erschpfte ihn. Wie gebrochen legte er sich aufs Sofa und klingelte
seinem Diener.

Auf seine Angabe hin machte sich der alte Mann ans Werk, ihm einzeln die
Bcher zuzutragen, die er prfte und deren Platz er bezeichnete.

Diese Arbeit war von kurzer Dauer, denn die Bibliothek des Herzogs Jean
schloss nur eine ausserordentlich kleine Zahl moderner weltlicher Werke
ein.

Er war nmlich zu dem Resultat gelangt, dass er nicht mehr ein Buch
entdecken knne, das seinen geheimen Wnschen entsprach; und seine
Bewunderung liess sogar fr diejenigen Bcher nach, die dazu beigetragen
hatten, seinen Geist zu schrfen und ihn so argwhnisch und so
whlerisch zu machen.

In der Kunst waren seine Ideen von dem eigentlich selbstndigen
Standpunkt ausgegangen: fr ihn existierten keine Schulen, das
Temperament des Schriftstellers allein war fr ihn massgebend. Die
Arbeit seines Gehirns interessierte ihn, welches Thema er sich auch
gestellt haben mochte.

Leider war in Wahrheit diese Schtzung, eines La Palisse wrdig, beinahe
undurchfhrbar, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil jeder, wenn er
es auch wnscht, sich von allen Vorurteilen loszumachen, und sich jeder
Parteinahme zu enthalten sucht, sich aber doch mit Vorzug zu den Werken
hingezogen fhlt, die mit seinem Temperament am meisten bereinstimmen.

Dieser Prozess der Auswahl hatte sich langsam in ihm vollzogen; er hatte
vor kurzem noch den grossen Balzac angebetet, aber zur selben Zeit, als
sein Organismus aus dem Gleichgewicht geriet und seine Nerven die
Herrschaft bernahmen, hatten sich auch seine Neigungen modifiziert und
seine Bewunderungen vermindert.

Seit kurzem sogar, und obwohl er sich Rechenschaft von seiner
Ungerechtigkeit gegen den trefflichen Verfasser der menschlichen
Komdie ablegte, war er dahin gekommen, seine Werke nicht mehr zu
ffnen. Andere Wnsche bewegten ihn jetzt, die kaum definierbar waren.

Er sah bei einiger Prfung zwar ein, dass ein Werk, das ihn anziehen
sollte, den Stempel der Seltsamkeit tragen msse, wie zum Beispiel Edgar
Pos Kunst; aber er wagte sich hufig noch weiter vor auf diesem Wege.

Er wollte durchaus ein Kunstwerk, das fr sich Bedeutung hatte. Er
wollte ihm folgen, wie gesttzt und getragen von einem freundlichen
Helfer, in eine Sphre, in der ihm die erhabenen Empfindungen eine
ungeahnte Sensation einflssten, bei denen er lange nach der Ursache
forschen konnte.

Er entfernte sich mehr und mehr von der Wirklichkeit und besonders von
der heutigen Gesellschaft, gegen die er einen wachsenden Abscheu
empfand. Dieser Hass hatte notgedrungen auf seinen litterarischen und
knstlerischen Geschmack gewirkt, und er wandte sich soviel wie mglich
von den Bildern und Bchern ab, deren in der Stoffwahl eng begrenzte
Themata sich auf das moderne Leben beschrnkten.

Somit verlor er die Fhigkeit, die Schnheit, unter welcher Form sie
sich auch darbot, gleichgltig zu bewundern und zog bei Flaubert die
Versuchung des heiligen Antonius der sentimentalen Erziehung, bei
Goncourt die Faustina der Germinie Lacerteux, bei Zola die Schuld
des Abtes Mouret dem Assommoir vor.

Dieser Gesichtspunkt schien ihm logisch. Diese weniger unmittelbar
wirkenden, aber so mchtigen, so menschlichen Werke liessen ihn tiefer
in den Schacht des Temperamentes dieser Meister eindringen, die mit
aufrichtiger Ungezwungenheit die geheimnisvollsten Erregungen ihres
Wesens offenbarten.

Und so trat er in vollstndige Ideenbereinstimmung zu ihren Verfassern,
weil sie sich wohl in einer gleichen Geistesverfassung wie er befunden
haben mochten.

Bei Flaubert waren es die feierlichen, ungeheuren Gemlde, grossartiger
Prunk in barbarisch prachtvoller Umrahmung, auf welchen entzckend
zarte, geheimnisvolle und stolze Wesen Leben annahmen: Frauen in
hchster Vollendung ihrer Schnheit, mit kranken Seelen, in ihrem Innern
schreckliche Verwstungen und wahnsinnige Wnsche.

Das ganze Temperament des grossen Knstlers zeigte sich in den
unvergleichlichen Seiten der Versuchung des heiligen Antonius und in
Salambo, wo er weit ab von unserm armseligen Leben den Glanz der alten
Zeiten heraufbeschwor mit ihren mystischen Gebeten, ihrem Verfall und
ihren Grausamkeiten.

Bei Edmond de Goncourt war es das Heimweh nach dem vorigen Jahrhundert,
eine Rckkehr zu der Eleganz einer fr immer verschwundenen
Gesellschaft; der begeisterte Lobgesang auf das Meer, das sich an den
Hafendmmen bricht. Die Wsten, die sich in endloser Ferne unter dem
heissen Himmel verlieren, existierten nicht in seinem Heimweh-Werk, das
sich in einen kniglichen Park oder in ein Boudoir zurckzog, das durch
die wollstigen Ausstrmungen eines Weibes mit mdem Lcheln, lsternem
Mund und sinnenden Augen erwrmt wird. Die Seele, mit denen Goncourt
seine Menschen belebte, war nicht die Seele, die Flaubert seinen
Geschpfen eingab.

Obgleich sie unter uns gelebt hatte, obgleich sie ganz Leben und Krper
unserer Zeit, war die Faustina dennoch durch erbliche Einflsse ein
Wesen des vergangenen Jahrhunderts, von dem sie die Wrze der Seele, die
geistige Mdigkeit und die sinnliche Ausschweifung hatte.

Dieses Buch von Goncourt war eins der Lieblingsbcher des Herzogs. Sein
Verlangen, ber einem Werke trumen zu knnen, wurde in diesem Werke
gestillt, wo man berall zwischen den Zeilen lesen konnte.

Es war nicht die Sprache Flauberts, diese Sprache unnachahmlicher
Pracht, sondern es war ein durchsichtig-krankhaft-nervser Stil, ein
Stil, der fhig war, die komplizierten Nancen einer Epoche
auszudrcken, welche an und fr sich schon ausserordentlich verwickelt
waren.

In Paris war das in der Litteraturgeschichte beinahe Unglaubliche
geschehen: die mit dem Tode ringende Gesellschaft des achtzehnten
Jahrhunderts, das Maler, Bildhauer, Musiker, Architekten in Flle
hervorgebracht hatte, die von seinem Stil durchdrungen und seinen
Doktrinen erfllt waren, hatte nicht einen wirklichen Schriftsteller
gehabt, der seine morbide Grazie darzustellen verstand. Man hatte das
Auftreten Goncourts abwarten mssen, dessen Kunst aus Erinnerungen
bestand, aus wieder aufgefrischten Klagen ber den leidigen Anblick des
geistigen Elends und des niedrigen Trachtens seiner Zeit, damit er,
nicht nur in seinen Geschichtsbchern, sondern auch in seinem
Heimweh-Werk, wie die Faustina, die Seele dieser Epoche wieder
auferwecken, ihre nervsen Zartheiten in dieser Knstlerin verkrpern
konnte.

Bei Zola war das Heimweh nach dem Jenseits anders geartet.

In ihm war nicht der Wunsch nach Auswanderung in verschwundene Regionen,
nicht das Bedrfnis, in vergangene Zeiten zu flchten. Sein mchtiges
zielbewusstes Temperament, verliebt in die ppigkeiten des Lebens, in
die sanguinischen Krfte und moralische Gesundheit, liess ihn sich von
den knstlichen Reizen und der geschminkten Blutarmut des vergangenen
Jahrhunderts fern halten, wie auch von der hierarischen Feierlichkeit,
der brutalen Grausamkeit und den verweichlichten, zweideutigen
Trumereien des alten Orients.

An dem Tage, an dem auch er von diesem Heimweh, von dem Bedrfnis und
Sehnen erfasst worden war, das im Grunde die Poesie selbst ist, da hatte
er sich in ein ideales Gefilde gestrzt, wo der Saft in voller Sonne
schumte; er hatte von der phantastischen Brunst des Himmels, von dem
berauschenden Entzcken der Erde, von dem befruchtenden Regen des
Bltenstaubes, der in die lechzenden Organe der Blumen fllt, getrumt.
So war er zu einem riesenhaften Pantheismus gekommen, hatte, gegen
seinen Willen vielleicht, mit diesem paradiesischen Milieu, in das er
seinen Adam und seine Eva stellte, eine wunderbare indische Dichtung
geschaffen, in einem Stil, dessen khne, roh aufgetragene Farbe einen
seltsamen Glanz, wie die der indischen Malerei hatte, indem er die Hymne
der Fleischeslust anstimmte, das belebte und lebende Sinnliche feierte
und durch das Betonen des Fortpflanzungsdranges der menschlichen Kreatur
die verbotene Frucht der Liebe, ihre instinktiven Liebkosungen, ihre
natrliche Stellung offenbarte.

Mit Baudelaire waren diese drei Meister in der franzsischen modernen
profanen Litteratur diejenigen, die den Geist des Herzogs am meisten
gefesselt hatten; aber dadurch, dass er sie zu oft gelesen, war er von
diesen Werken bersttigt.

Er kannte sie auswendig, und um sich noch wieder in sie versenken zu
knnen, hatte er sich bemht, sie zu vergessen und sie einige Zeit in
ihren Fchern ruhen zu lassen.

Deshalb ffnete er sie auch kaum, als der Diener sie ihm jetzt hinhielt.
Er begngte sich, den Platz zu bezeichnen, den sie einnehmen sollten,
nur beachtend, dass sie auch richtig und gut geordnet wurden.

Der Diener brachte ihm einen neuen Stoss Bcher. Es waren dies zwar
weniger bedeutende Werke, zu welchen er aber doch nach und nach eine
Neigung gefasst hatte.

Gerade ihre Unvollkommenheiten gefielen ihm, vorausgesetzt, dass sie
nicht unselbstndig waren; und vielleicht enthlt die Behauptung eine
Dosis Wahrheit, welche meint, dass uns der Schriftsteller zweiten
Ranges, der wohl eine Individualitt darstellt, aber seiner
Selbstndigkeit noch nicht bewusst geworden ist, einen noch krftigeren
Trank zumutet, als der Knstler derselben Zeit, der wirklich gross und
wirklich vollkommen ist.

Daher wendete er sich notgedrungen von den Meistern ab und den
Schriftstellern zu, die ihm dadurch noch teurer wurden, dass sie das
Publikum, das sie nicht verstand, verachtete.

Einer von ihnen, Paul Verlaine, hatte mit einem Band Verse Pomes
Saturniens debtiert, einem ziemlich schwachen Werk, in dem sich die
Nachahmungen von Leconte de Lisle und romantische Rhetorik berhrten,
aber in dem schon in gewissen Teilen, wie in dem Sonett: Rve familier
die wirkliche Persnlichkeit des Poeten durchschimmerte.

Beim Studium seiner frhen Gedichte erkannte der Herzog unter seinen
unselbstndigen Versuchen ein Talent, das schon von Baudelaire tief
durchdrungen war, dessen Einfluss sich spter noch mehr geltend machte,
ohne dass er ein erdrckender geworden wre.

Seine spteren Bcher, die Bonne Chanson, die Ftes galantes, die
Romances sans paroles, schliesslich sein letzter Band Sagesse
enthielten Gedichte, in denen sich der originelle Schriftsteller
offenbarte und sich von dem grossen Haufen seiner Kollegen glnzend
abhob.

Im Gegensatz zu Verlaine, der direkt von Baudelaire abstammte und
besonders durch die psychologische Seite, durch die kstliche Frbung
des Gedankens, durch die gelehrte Quintessenz des Gefhls mit ihm
verwandt war, nherte sich Thodore Hannon besonders dem Meister in der
plastischen Form, in der usserlichen Erscheinung der Wesen und Dinge.

Seine entzckende Korruption stimmte merkwrdig mit den Neigungen des
Herzogs berein, der bei Nebel und Regentagen sich in den von dem Poeten
erdachten Schmollwinkel einschloss und seine Augen an dem Schillern
seiner Stoffe, an dem Funkeln seiner Edelsteine, an der ausschliesslich
materiellen Pracht berauschte, die zu den Aufreizungen des Gehirns
beitrugen.

Mit Ausnahme dieses Poeten und Stphane Mallarm's, die er seinem Diener
beiseite zu legen befahl, um sie abseits aufzustellen, fhlte sich der
Herzog nur wenig von den Dichtern angezogen.

Trotz ihrer prchtigen Form, trotz der imposanten Wendung seiner Verse,
die sich mit solchem Glanz ausbreiteten, dass die Hexameter von Hugo
sogar im Vergleich dster und klanglos schienen, konnte ihn Leconte de
Lisle jetzt nicht mehr befriedigen.

Das Altertum, das Flaubert so wunderbar wieder belebt hatte, blieb unter
seinen Hnden leblos und kalt. Es war kein Blut in diesen Versen, alles
war nur Aussenseite; nichts atmete in diesen den Gedichten, deren
kaltbltige Mythologieen ihn schliesslich erstarrten.

Auch an Gautiers Werken fand er kein Interesse mehr, nachdem er ihn
lange gern gehabt hatte; seine Bewunderung fr einen so
unvergleichlichen Maler, wie dieser Mann es war, war von Tag zu Tag mehr
verschwunden, und jetzt war er erstaunter als entzckt ber diese
indifferenten Beschreibungen.

Zweifellos liebte der Herzog die Werke dieser beiden Poeten, wie er
seltene und kostbare Steine liebte, aber keine der Variationen dieser
vollkommenen Instrumentisten konnte ihn mehr entzcken, denn keine war
dem Trumen zugnglich, keine zeigte, wenigstens nicht fr ihn, einen
jener lebhaften Durchblicke, die ihm erlaubten, den langsamen Flug der
Stunden zu beschleunigen.

Er ging hungrig von diesen Bchern weg; hnlich erging es ihm bei Victor
Hugo.

Die psychologischen Labyrinthe Stendhals, die analytischen Irrgnge
Durantys lockten ihn, aber ihre farblose, steife Sprache, gut genug fr
die gewhnlichen Theaterstcke, stiess ihn andrerseits ab.

Um sich an einem Werk zu erfreuen, das nach seinem Geschmack einen
prgnanten Stil mit einer scharfsinnig-katzenhaften Beweisfhrung
verband, musste er auf Edgar Po zurckgreifen, fr den seine Liebe nur
gewachsen war, seitdem er sich fter mit ihm beschftigt hatte.

Mehr als jeder andere entsprach gerade dieser durch eine geistige
Verwandtschaft den Trumereien des Herzogs.

Dem Tod, den alle Dramatiker so sehr gemissbraucht hatten, hatte er ein
anderes Aussehen gegeben; es war eigentlich weniger der wirkliche
Todeskampf eines Sterbenden, den er beschrieb, sondern der moralische
Todeskampf des berlebenden, der vor dem elenden Bett von grsslichen
Hirngebilden, welche der Schmerz und die Ermdung erzeugt, erfasst wird.
Mit grausamem Zauber hob er besonders die Handlungen des Entsetzens, den
Zusammenbruch des Willens hervor, begrndete sie kaltbltig, schnrte
nach und nach die Kehle des keuchenden erstickenden Lesers vor diesem
knstlich zurecht gemachten Alpdrcken des heissen Fiebers zu. Von
erblichem Nervenleiden krampfhaft verzerrt, halb wahnsinnig von dem
moralischen Veitstanz lebten seine Kreaturen nur durch die Nerven; seine
Frauengestalten, wie Morella, Ligeia, besassen eine ungeheure
Gelehrsamkeit, durchdrungen von dem Nebel der deutschen Philosophie und
den kabbalistischen Geheimnissen des alten Orients, und alle hatten sie
Knabenbrste und waren geschlechtslos.

Baudelaire und Po, diese beiden Geister, die man oft zusammengestellt
hatte wegen ihrer poetischen Berhrungspunkte, ihrer gleichen Neigung in
dem Vorwurfe geistiger Krankheiten, waren vollstndig verschieden durch
ihre Auffassungen vom Gemt, das in ihren Werken einen so grossen Platz
einnahm. Baudelaire mit seiner gierigen Liebe, deren grausame Lust an
die Verfolgungen einer Inquisition erinnert; Po mit seinen keuschen
therischen Leidenschaften, in denen keine Sinnlichkeit lebte, in denen
das Gehirn allein Geltung hatte, ohne Zusammenhang mit den Organen, die,
wenn sie berhaupt vorhanden waren, nur kalt und jungfrulich blieben.

Diese Klinik, in der der geistreiche Chirurg in einer bedrckenden
Atmosphre Gehirne zerlegte, war fr den Herzog eine Quelle
unermdlichen Nachdenkens; aber seitdem sein Nervenleiden zugenommen
hatte, gab es Tage, wo diese Lektre ihn vollstndig niederwarf, Tage,
wo er mit zitternden Hnden ngstlich lauschend dasass und sich, wie der
verzweifelte Usher, von einer unsinnigen Todesangst, einem dumpfen
Schrecken erfasst fhlte.

Notgedrungen musste er sich schonen und diese frchterlichen Reizmittel
vermeiden. Ebenso vermochte er nicht mehr ungestraft sein rotes
Vorzimmer zu besichtigen und sich an dem Anblick der Unheimlichkeiten
Odilon Redons und den Martern Jan Luykens zu berauschen.

Und doch schien ihm, wenn er in dieser Geistesverfassung war, jede
Litteratur ungeniessbar nach diesem amerikanischen Poeten.

Er wendete sich dann wohl zu Villiers de l'Isle-Adam, in dessen
zerfahrenem Werke er wohl noch Anreizendes fand, das ihn jedoch nicht
mehr wirklich packte, mit Ausnahme allerdings seiner Claire Lenoir,
einem wahrhaft beunruhigenden Scheusal.

Es existierte wohl kein anderes Buch in Frankreich in diesem Stil des
ernsten und zugleich herben Spottes, ausser der Novelle von Charles
Cros: la science de l'amour. Diese konnte noch durch ihren stichelnden
Humor und ihre kalt spasshaften Beobachtungen auffallen, aber das
Vergngen war nur relativ, denn die Ausfhrung liess alles zu wnschen
brig.

Mein Gott! mein Gott! giebt es doch wenig Bcher, die man zweimal lesen
kann, seufzte der Herzog, seinem Diener zusehend, der vom Schemel
herunterstieg, indem er zur Seite ging, damit der Herzog alle Fcher
berblicken konnte.

Herzog Jean nickte Genehmigung mit dem Kopfe. Es blieben nur noch zwei
dnne Einbnde auf dem Tische. Eine Handbewegung verabschiedete den
alten Diener. Er ergriff eines der Bcher, das in Eselshaut gebunden
war, eingehllt in eine Schutzdecke aus altem chinesischen Seidenstoff,
der verblasst war und den Reiz verblasster Stoffe hatte, wie sie
Mallarm in einem entzckenden Gedichte rhmte.

Das Buch bestand aus nur neun Seiten und enthielt Auszge aus Mallarms
ersten beiden Bchern. Sie waren auf Pergament gedruckt und unter dem
Titel: Einige Verse von Mallarm vereinigt. Sie waren von einem
geschickten Kalligraphen in goldenen und farbigen Buchstaben mit der
Hand im Stil der alten Handschriften gemalt.

Einige dieser Stcke interessierten ihn, aber besonders ein Bruchstck
der Herodias wusste ihn in gewissen Stunden wie durch einen Zauber zu
bannen.

Wie oft hatte er sich nicht des Abends unter der Lampe, die mit ihrem
gedmpften Licht das stille Zimmer beleuchtete, hingerissen gefhlt von
dieser Herodias, die in dem Bilde Gustav Moreaus, das jetzt im Schatten
hing, nur noch die undeutlichen Umrisse ihres Krpers durch ihren Behang
von Edelsteinen durchblicken liess.

Die Dunkelheit unterdrckte das Leben, dmpfte die Reflexe und den
goldigen Hintergrund, warf Schatten auf den Tempel, bedeckte die
Nebenpersonen, begrub sie in ihren toten Farben, und nun das Weisse des
Bildes verschwand, liess sie das Weib aus ihrem Juwelenbehang noch
leuchtender heraustreten und sie noch nackter erscheinen.

Unwillkrlich hob er zu ihr das Auge empor, erkannte sie in ihren
unvergesslichen Umrissen und sie wurde wieder lebendig und rief auf
ihren Lippen die seltsamen und sssen Verse wach, die ihr Mallarm
eingiebt.

Er liebte diese Verse, wie er die Werke dieses Dichters liebte, der im
Jahrhundert des allgemeinen Wahlrechts und in einer Zeit der Geldgier
abseits vom litterarischen Wege lebte, geschtzt durch seine Verachtung
vor der ihn umgebenden Dummheit. Er gefiel sich, fern von dem Treiben
der Welt in dem wechselnden Spiel des Verstandes, in den Visionen des
Gehirns, indem er noch mit den schon an sich geknstelten Gedanken
jonglierte und ihnen byzantinische Lichterchen aufsetzte.

Von allen Formen der Litteratur war die des Gedichtes in Prosa
diejenige, die der Herzog am meisten liebte. Von einem Genie gehandhabt,
musste sie in ihrem kleinen Raum die Gewalt eines Romans, dessen
zergliederte Lngen und beschreibende unntze Wiederholungen sie
wegliess, einschliessen.

Schon oft hatte der Herzog ber das grosse Problem nachgegrbelt, einen
Roman in wenige Stze zusammengedrngt zu schreiben, die die
kondensierte Last von hunderten von Seiten enthielten. Dann wrden die
gewhlten Worte an ihrem richtigen Platze stehen, so, dass man keines
umstellen knnte.

Der auf diese Weise abgefasste Roman, in eine oder zwei Seiten
zusammengedrngt, wrde eine Gedankenbereinstimmung zwischen dem
Dichter und dem idealen Leser, eine geistige Zusammenarbeit zwischen
wenigen auserwhlten Personen, die in der Welt zerstreut sind, ein nur
wenigen Feinsinnigen zugnglicher Genuss werden.

Mit einem Wort, das Gedicht in Prosa stellte fr den Herzog den Extrakt
der Litteratur, das Rckgrat der Kunst vor.

Dieser auf ein Minimum kondensierte Extrakt existierte schon bei
Baudelaire und ebenfalls in den Gedichten von Mallarm, den er mit
tiefem Entzcken in sich sog.

Als er dieses letzte Buch zuklappte, sagte sich der Herzog, dass sich
jetzt wohl seine Bibliothek nie mehr vermehren wrde.




                          FNFZEHNTES KAPITEL.


Die nervse Verdauungsschwche zeigte sich von neuem. Das neue Mittel
brachte eine solche Reizung in seinem Magen hervor, dass der Herzog so
schnell wie mglich mit seinem Gebrauch aufhren musste.

Die Krankheit nahm ihren gewhnlichen Verlauf; unbekannte Erscheinungen
begleiteten sie. Nach den Alpdrcken, den Geruchseinbildungen,
Gesichtsstrungen, dem harten, hartnckigen Husten, dem Klopfen der
Pulsadern und des Herzens, dem kalten Schweiss traten Tuschungen des
Gehrs ein, Verschlimmerungen, die sich nur in der letzten Periode des
bels zu zeigen pflegen.

Von einem hitzigen Fieber verzehrt, hrte der Herzog pltzlich ein
Wasserrauschen, das Summen von Bienenschwrmen; dann verschmolzen diese
Gerusche zu einem einzigen zusammen, das dem Schnarren einer Drehbank
hnelte. Dieses Schnarren wurde nach und nach schwcher und lste sich
in hellen Glockenklngen auf.

Bald fhlte er sein fieberndes Hirn wie emporgetragen in musikalischen
Wellen, eingehllt in den mystischen Taumel seiner Kindheit.

Die bei den Jesuiten erlernten Gesnge fielen ihm wieder ein, durch sie
wieder das Pensionat und die Kapelle, in dem sie erklangen.

Bei den Patern wurden die religisen Feierlichkeiten mit grosser Pracht
ausgefhrt; ein vortrefflicher Organist und ein ausgezeichneter
Chorknabengesang machten diese religisen bungen zu einem
knstlerischen Genuss, der dem Kultus zu gute kam.

Der Organist war in die alten Meister verliebt und bei hohen Festtagen
spielte er Messen von Palestrina und Orlando Lasso, Psalmen von
Marcello, Oratorien von Hndel, Motetten von Sebastian Bach und trug
gerne des Paters Lambilottes weiche und leichte Kompositionen vor, wie
auch die Laudi spirituali des sechzehnten Jahrhunderts, deren
priesterliche Weihe den jungen Herzog oft entzckt hatte.

Besonders aber empfand er eine unbeschreibliche Wonne beim Hren des
einstimmigen Kirchengesangs, den der Organist beibehalten hatte.

Die jetzt fr veraltet und altertmelnd geltende Liturgie war das Wort
und der Geist der antiken Kirche, die Seele des Mittelalters; es war das
ewig gesungene Gebet, nach den Begeisterungen der Seele harmonisiert,
eine bestndige Hymne, die seit Jahrhunderten zu dem Allerhchsten
hinaufgesandt wurde.

Diese traditionelle Melodie war die einzige, die sich mit ihrem
mchtigen Gleichklang, ihren feierlich massiven Harmonieen den
Quadersteinen der alten Basiliken anpasste und die rmischen Gewlbe
ausfllte.

Wie oft war der Herzog nicht ergriffen und niedergedrckt gewesen von
dem unwiderstehlichen Hauch, als der Christus factus est des
gregorianischen Gesanges zu dem Kirchenschiff emporstieg, dessen Pfeiler
unter den schwebenden Wolken des Weihrauchkessels zu zittern schienen;
oder wenn die einfrmige Melodie des De profundis klagend ertnte,
traurig wie ein Schluchzen, durchdringend wie der verzweifelte Ruf der
Menschheit, die ihr sterbliches Schicksal beweint, die rhrende
Barmherzigkeit ihres Erlsers anfleht!

Im Vergleich zu diesem prachtvollen Gesang, den kein Einzelner, sondern
der Genius der Kirche geschaffen, unpersnlich, namenlos wie die Orgel
selbst, deren Erfinder unbekannt ist, schien ihm jede religise Musik
profan.

Dagegen war in allen den Werken Jomellis und Porporas, Carissimis und
Durantes, in den bewundernswrdigsten geistigen Schpfungen von Hndel
und Bach keine Verzichtleistung auf einen ffentlichen Erfolg, keine
Aufopferung einer Kunstwirkung, keine Entsagung des menschlichen Stolzes
zu finden.

Hchstens in der imposanten Hochamtsmusik von Lesueur besttigte sich
der religise Stil ernst und streng und nherte sich der erhabenen
Majestt des alten Chorals.

brigens waren die Ideen des Herzogs in absolutem Widerspruch mit den
Theorieen, die er in Bezug auf alle andern Knste bekannte. Was die
religise Musik anbelangte, so billigte er eigentlich nur die
klsterliche Musik des Mittelalters, diese abgezehrte Musik, die
instinktmssig auf die Nerven wirkt. Dann gestand er auch selbst zu,
dass er unfhig war, die Schliche zu verstehen, die die Meister der
Gegenwart in der katholischen Kunst eingefhrt hatten; auch hatte er die
Musik nicht mit derselben Leidenschaft studiert, mit der er sich zur
Malerei und zu den litterarischen Wissenschaften hingezogen fhlte.

Er spielte wie der erste beste Klavier, war nach lngerem Studium
imstande, eine Partitur zu entziffern, aber er verstand nichts von der
Harmonie und der ntigen Technik, um wirklich eine Feinheit zu schtzen
und mit Sachverstndnis zu geniessen.

Mit der profanen Orchestermusik konnte er sich nicht befreunden, weil
man sie nicht bei sich allein hren kann, wie man ein Buch zu lesen
pflegt. Um sie zu geniessen, htte er sich unter dieses immer gleiche
Publikum mischen mssen, das die Theater fllt und den Winter-Cirkus
belagert, wo man in einer Waschhausatmosphre einen Menschen bewundert,
welcher in der Luft herumfuchtelt und aus Wagner herausgerissene
Episoden zur ungeheuren Freude eines unwissenden Haufens grausam zu Tode
hetzt.

Er hatte nicht den Mut gehabt, sich in dieses Volksbad zu tauchen, um
Berlioz zu hren, von dem ihn indessen einige Bruchstcke durch ihre
leidenschaftliche Begeisterung und ihr schwungvolles Feuer gefangen
genommen hatten; und er sah auch ein, dass keine Scene, ja selbst nicht
mal ein Satz einer Oper des wunderbaren Wagner aus ihrem Gefge
ungestraft losgelst werden durfte.

Und deshalb war der Herzog auch der Meinung, dass von diesem Haufen von
Musikfreunden, die des Sonntags ausser sich gerieten, kaum zwanzig die
Partitur kannten, die man verhunzte.

Die bekanntere, leichtere Musik und die unabhngigen Stcke der alten
Opern fesselten ihn sehr wenig; die leichten Picen von Auber und
Boeldieu, Adam und Flotow und die Banalitten eines Ambroise Thomas und
Bazin widerten ihn in gleichem Masse an, wie die veralteten Zierereien
und die pbelhaften Reize der Italiener.

Er hatte sich deshalb von der Musik fern zu halten entschlossen und seit
den Jahren dieser seiner Enthaltung erinnerte er sich nur gewisser
Kammermusik-Soiren, in denen er Beethoven und besonders Schumann und
Schubert gehrt hatte, die seine Nerven derart zermrbt hatten wie die
innigsten und qualvollsten Dichtungen Edgar Pos.

Gewisse Partieen fr Violoncello von Schumann hatten ihn ganz atemlos
gelassen; es waren besonders die Lieder von Schubert, die ihn vor
Entzcken ausser sich gebracht hatten.

Diese Musik drang in sein tiefstes Inneres und machte sein Herz erbeben
wie von vergessenen Leiden alter Melancholie; und er fhlte sich ganz
betubt, pltzlich so viel wirres Elend und unbestimmten Schmerz zu
empfinden.

Diese Musik der Verzweiflung, die aus dem Tiefsten des Seins aufschrie,
entsetzte und entzckte ihn zugleich. Niemals hatte er des Mdchens
Klage hren knnen, ohne dass ihm nicht nervse Thrnen in die Augen
stiegen, denn es war in diesem Klagelied mehr als Betrbnis, etwas
Entrissenes, das ihm das Herz zerwhlte, wie das Sterben eines Lieben in
einer dsteren, den Landschaft.

Und immer wieder, wenn ihm diese entzckend traurigen Klagen ber die
Lippen kamen, riefen sie in ihm diese einsame Landschaft wach, in der
geruschlos in der Ferne vom Leben abgehetzte Menschen in der Dmmerung
verschwanden. Er fhlte sich dann in dieser trostlosen Natur so allein,
durch Herzeleid und Widerwillen verbittert, von einer namenlosen
Melancholie erdrckt, von einer tdlichen Herzensangst erfasst, deren
geheimnisvolle Macht jeden Trost, jedes Mitleid, jede Ruhe ausschloss.

Gleich einem Totengelute verfolgte ihn dieser verzweiflungsvolle
Gesang, jetzt, wo er durch Fieber vernichtet darniederlag, von toller
Angst erregt, die zu beschwichtigen ihm um so weniger gelang, als er
deren Ursache nicht erkannte.

Er berliess sich schliesslich dem Spiel der Wellen. Des Kampfes mde,
liess er sich von dem Strom der Angst hin und her werfen, der sich in
klagenden Tnen durch seinen schmerzenden Kopf und stechende Schlfe
ergoss.

Eines Morgens hrte aber dieses Singen und Klingen auf; der Herzog war
wieder seiner mchtig und ersuchte den Diener, ihm einen Spiegel zu
bringen. Vor Entsetzen glitt ihm dieser fast aus der Hand; er erkannte
sich kaum wieder.

Sein Gesicht hatte eine Erdfarbe angenommen, die Lippen waren
aufgedunsen und trocken, die Zunge welk, die Haut runzelig. Sein Haar
und Bart, seit seiner Krankheit nicht geschnitten, erhhten noch das
Entsetzliche seines eingefallenen Gesichtes mit den hohlen,
verschwommenen Augen, die im Fieberglanz in seinem borstigen Schdel
brannten.

Mehr als seine Schwche, als seine Erbrechungen, die jeden Versuch von
Nahrung zurckwiesen, mehr als dieser Marasmus, in dem er steckte,
erschreckte ihn diese Vernderung seines ussern.

Er glaubte sich verloren; doch trotz der Ermattung, die ihn
niederdrckte, richtete ihn die Energie eines gehetzten Menschen
pltzlich auf und gab ihm die Kraft, einen Brief an seinen Arzt in Paris
zu schreiben und seinem Diener zu befehlen, denselben auf der Stelle
aufzusuchen und ihn um jeden Preis sofort herzuschaffen.

Sein vollstndiges Sichgehenlassen ging in pltzliche Hoffnung ber;
denn dieser Arzt war ein berhmter Spezialist, ein Doktor, bekannt durch
seine Kuren nervser Krankheiten.

Er hat sicher schon eigensinnigere und gefhrlichere Flle als den
meinen behandelt, sagte sich der Herzog; er wird mich zweifellos in
einigen Tagen wieder auf die Beine bringen.

Dann aber folgte diesem Vertrauen eine vollstndige Hoffnungslosigkeit.

So gelehrt, so geschickt sie auch sein mgen, von Nervenleiden
verstehen die rzte nichts, ja sie kennen nicht einmal ihren Ursprung.
Wie alle anderen wird auch dieser mir das ewige Zinkoxyd, Chinarinde,
Bromkali und Baldrian verschreiben.

Aber wer weiss, fuhr er dann fort, sich an eine letzte Hoffnung
klammernd, wenn mir diese Mittel bis jetzt nicht geholfen haben, so
kommt es vielleicht daher, dass ich sie nicht in richtiger Dosis
gebraucht habe.

Trotz alledem aber gab ihm die Erwartung einer mglichen Linderung schon
neuen Lebensmut.

Dann befiel ihn die neue Befrchtung, ob sich der Arzt in Paris befnde
und sich hierher bemhen wrde. Und wieder berwltigte ihn die Furcht,
dass der Diener ihn nicht antreffen knnte.

Er fhlte aufs neue seine Krfte schwinden, er ging von einer Sekunde
zur andern von tollster Hoffnung zur wahnsinnigsten Angst ber,
bertrieb die Aussichten pltzlicher Heilung, wie die Befrchtungen
einer nahen Gefahr. So verflossen die Stunden und der Augenblick kam, wo
es zu Ende war mit seiner Kraft, wo er an dem Kommen des Arztes
verzweifelte und sich wtend sagte, dass er sicherlich gerettet wrde,
wenn ihm rechtzeitig beigestanden worden wre. Dann wieder verflog sein
Zorn gegen den Diener und den Arzt, die er beschuldigte, ihn sterben zu
lassen, und schliesslich raste er gegen sich selbst und warf sich vor,
so lange gewartet zu haben, um Hilfe zu holen, und bildete sich ein,
dass er jetzt geheilt sein wrde, wenn er nur einen Tag frher krftige
Arzeneien und vernnftige Pflege gehabt htte.

Nach und nach besnftigte sich dieser Wechsel von Beunruhigungen und
neuen Hoffnungen, die sich in seinem leeren Hirn jagten. Diese
Widersprche rieben ihn vollends auf. Er verfiel in einen Schlaf der
Ermattung, den unzusammenhngende Trume durchzogen, in eine Art von
Ohnmacht, die von bewusstlosem Erwachen unterbrochen wurde. Er hatte den
Begriff seiner Wnsche und Befrchtungen derart verloren, dass er ganz
apathisch war und kein Erstaunen und keine Freude empfand, als der Arzt
pltzlich ins Zimmer trat.

Der Diener hatte ihn jedenfalls von der Lebensweise des Herzogs
unterrichtet und auch von den verschiedenen Symptomen, die er selbst
beobachtet hatte seit dem Tage, als er seinen Herrn nahe dem Fenster,
von der Heftigkeit der Parfms ohnmchtig, aufgehoben hatte; denn der
Arzt stellte nur wenige Fragen an den Kranken, dessen Verhltnisse er
brigens seit Jahren kannte. Er untersuchte ihn, klopfte und horchte an
ihm herum und prfte aufmerksam den Urin, in welchem ihm gewisse weisse
Streifen eine der ausgesprochensten Ursachen des Nervenleidens
offenbarten.

Er schrieb ein Rezept, und ohne noch etwas hinzuzufgen, ging er fort,
seine baldige Rckkehr zusagend.

Dieser Besuch trstete den Herzog, den jedoch das Schweigen sehr
befremdete, und er beschwor seinen Diener, ihm nicht lnger die Wahrheit
vorzuenthalten. Dieser besttigte ihm, dass der Arzt keinerlei
Beunruhigung an den Tag gelegt htte, und so misstrauisch auch Herzog
Jean war, er fand kein Anzeichen, welches eine Lge auf dem ruhigen
Gesicht des alten Mannes verriet.

Bald heiterten sich seine Gedanken auf; berdies waren seine Leiden
verstummt und zu der Schwche, die er in allen Gliedern versprte,
gesellte sich eine gewisse Sanftheit, eine gewisse Wohligkeit, leise und
unbestimmt. Und endlich war er ganz zufrieden, nicht mit Arzeneien und
Flaschen berbrdet zu sein. Ein schwaches Lcheln glitt um seine
blassen Lippen, als der Diener ein mit Pepton gemischtes Klystier
brachte und ihm bedeutete, dass er dasselbe dreimal in vierundzwanzig
Stunden wiederholen msse.

Es msste kstlich sein, dachte er, wenn man bei voller Gesundheit
dieses einfache Mittel fortsetzen knnte! Welch eine Ersparnis an Zeit,
welch eine radikale Erlsung der Abneigung, welche das Fleisch den
Leuten ohne Appetit einflsst! Welch endgltige Befreiung des
berdrusses, der immer aus der notgedrungen beschrnkten Wahl der
Speisen sich ergiebt! Welch energische Verwahrung gegen die gemeine
Snde der Gefrssigkeit!

Einige Tage darauf brachte der Diener ein Klystier, dessen Farbe und
Geruch anders war als das von Pepton.

Aber das ist ja nicht dasselbe! rief der Herzog aus, der sehr
aufgeregt war ber die in das Instrument gegossene Flssigkeit.

Er verlangte wie in einem Restaurant die Karte, und das Rezept des
Arztes entfaltend las er:

                       Leberthran      20  Gramm
                       Kraftbouillon  200  Gramm
                       Burgunderwein  200  Gramm
                       Eigelb           1  Gramm.

Aber er brauchte bald nicht mehr ber die nhrenden Flssigkeiten
nachzudenken, denn es gelang dem Arzt, nach und nach die Erbrechungen zu
bezwingen und ihm auf gewhnlichem Wege einen ssslichen Punsch mit
Fleischpulver gemischt beizubringen, dessen unbestimmtes Aroma von Kakao
seinem Mund zusagte.

Wochen vergingen, und sein Magen entschloss sich endlich wieder zu
arbeiten; zu gewissen Zeiten kam die belkeit noch wieder, die indessen
durch das Ingwerbier und durch eine Arzenei von der Riviera
eingeschrnkt wurde.

Schliesslich krftigten sich auch nach und nach die Organe wieder, und
mit Hilfe der Pepsine konnte er wirkliches Fleisch verdauen. Die Krfte
nahmen zu, und bald konnte der Herzog schon in seinem Zimmer aufrecht
stehen und versuchen zu gehen, sich auf einen Stock sttzend und an den
Ecken der Mbel festhaltend. Anstatt sich dieses Erfolges zu freuen,
vergass er seine vergangenen Leiden, wurde gereizt ber die Lnge der
Rekonvalescenz und warf dem Arzt vor, dass er seine Genesung
hinauszgere.

Endlich war er so weit wieder hergestellt, dass er whrend ganzer
Nachmittage aufbleiben konnte und ohne Hilfe in seinem Zimmer
umherzugehen vermochte.

Jetzt rgerte ihn sein Arbeitszimmer; Fehler, an die er sich durch die
Lnge der Zeit gewhnt hatte, fielen ihm in die Augen, als er nach
langer Zwischenzeit wieder dorthin kam.

Die Farben, die gewhlt waren, um bei Licht gesehen zu werden,
erschienen ihm bei Tageslicht unharmonisch. Er dachte daran, sie zu
ndern und stellte stundenlang knstliche Farbenharmonieen zusammen.

Es ist kein Zweifel, ich bin auf dem Wege der Besserung, dachte er, die
Rckkehr zu seinen frheren Beschftigungen und alten Liebhabereien
wahrnehmend.

Eines Morgens, whrend er seine orange-gelben und blauen Wnde
betrachtete und dabei von den idealen Wandbekleidungen trumte, die aus
griechischen Kirchenstolas, russischen Messgewndern in Goldstoff,
Chormnteln aus Brokat, mit slavonischen Buchstaben gemustert, aus
Edelsteinen des Ural und aus Reihen Perlen gebildet waren, trat der Arzt
ins Zimmer, und die Blicke seines Kranken beobachtend, erkundigte er
sich nach seinem Befinden.

Der Herzog teilte ihm seine unausfhrbaren Wnsche mit und fing an, neue
Farbenmischungen vor ihm zu entwickeln, von Paarungen und Auflsungen
der Nancen zu sprechen, als ihm der Arzt einen energischen Dmpfer
aufsetzte und ihm in einer keinen Widerspruch duldenden Weise erklrte,
dass er jedenfalls nicht in dieser Wohnung seine Plne zur Ausfhrung
bringen werde.

Und ohne ihm die Zeit zu einer Entgegnung zu lassen, setzte er ihm
auseinander, dass er zuerst zum wichtigsten geschritten sei, indem er
die Verdauungsfunktionen wieder hergestellt habe, und dass er jetzt das
Nervenleiden selbst in Behandlung nehmen msse, das keineswegs geheilt
sei und Jahre der Schonung und Pflege erfordere.

Er fgte hinzu, dass, bevor er irgend ein Mittel versuchen oder eine
Kaltwasserkur anfangen knne, was ausserdem in Fontenay unmglich sei,
er diese Zurckgezogenheit aufgeben, nach Paris zurckkehren, in das
allgemeine Leben wieder eintreten und endlich versuchen msse, sich wie
jeder andere Mensch zu zerstreuen.

Aber die Vergngungen der Anderen zerstreuen mich nicht! rief der
Herzog emprt aus.

Ohne sich in Diskussion einzulassen, versicherte der Arzt einfach, dass
die gnzliche Lebensvernderung in seinen Augen eine Lebensfrage wre.

Das heisst also der Tod oder die Galeerenstrafe! rief der Herzog
erbittert aus.

Der Arzt, von allen Vorurteilen eines Weltmannes durchdrungen, lchelte
und schritt ohne zu antworten der Thr zu.




                          SECHZEHNTES KAPITEL.


Der Herzog hatte sich in seinem Schlafzimmer eingeschlossen und sich die
Ohren verstopft, um nicht die Hammerschlge zu hren, die vom Zunageln
der Packkisten, die die beiden alten Diener fertig machten,
herberhallten. Jeder Schlag traf sein Herz und schlug ihm eine tiefe
Wunde ins volle Fleisch.

Der Ausspruch des Arztes verwirklichte sich. Die Furcht, nochmals die
Schmerzen, die er ertragen hatte, durchmachen zu mssen und die Angst
vor einem grsslichen Todeskampf hatten mchtiger auf den Herzog
gewirkt, als der Hass der niedertrchtigen Existenz, zu welcher ihn das
Urteil des Arztes verdammte.

Und doch giebt es Leute, murmelte er, die zurckgezogen leben, ohne
mit jemand zu sprechen, die sich fern von der Welt verzehren, so wie die
Zuchthusler und die Trappisten, und nichts beweist, dass diese
Unglcklichen, wie auch die Weisen wahnsinnig oder schwindschtig
werden.

Er hatte diese Beispiele dem Doktor ohne Erfolg angefhrt. Dieser hatte
ihm in trocknem Ton wiederholt, der keine Einrede zuliess, dass seine
Ansicht, die brigens durch die Ansicht aller Krankheitsbeschreiber des
Nervenleidens besttigt wurde, dass allein Zerstreuung, Vergngen,
Freude auf die Krankheit Einfluss haben knnte, die richtige wre.
Ungeduldig gemacht durch die Gegenklagen seines Kranken, hatte er ein
fr allemal erklrt, dass er sich weigere, seine Behandlung
fortzusetzen, wenn er nicht einwillige, die Luft zu wechseln und nach
den neuen Vorschriften der Gesundheitslehre zu leben.

Herzog Jean hatte sich nach Paris begeben und andere Specialisten zu
Rate gezogen, ihnen unparteiisch seinen Fall vorgelegt, und nachdem alle
ohne Zgern die Verschreibungen ihres Fachgenossen gebilligt, hatte er
eine leere Wohnung in einem neuen Hause gemietet, war nach Fontenay
zurckgekehrt und hatte, ausser sich vor Wut, den alten Dienern
befohlen, die Koffer zu packen.

Tief in seinen Sessel gedrckt, grbelte er jetzt ber die Wandlung
nach, die seine Plne umstrzte, die die Neigungen seines jetzigen
Lebens zerstrte, seine zuknftigen Projekte begrub. Er musste diesen
Hafen, der ihn schtzte, verlassen, wieder von neuem in den Sturm von
Albernheiten hinaustreten, der ihn frher niedergeworfen hatte!

Die rzte sprachen von Vergngungen, Zerstreuungen; ja aber mit wem und
womit sollte er sich denn erheitern und zerstreuen?

Hatte er sich nicht selbst aus der Gesellschaft gestossen? Kannte er
einen Menschen, der es versuchen mchte, so wie er sich in Betrachtungen
zu verbannen, sich in Trumereien zu verlieren? Kannte er auch nur einen
Menschen, der imstande war, den Scharfsinn eines Satzes, die Feinheit
einer Malerei, die Quintessenz eines Gedankens zu schtzen, einen
Menschen, dessen Seele fein genug war, einen Mallarm zu verstehen,
einen Verlaine zu lieben?

Wo, wann und in welcher Gesellschaft sollte er suchen, einen
Geistesgenossen zu finden, einen Geist, abgesondert von allen
Gemeinpltzen, der das Schweigen wie eine Wohlthat, den Undank wie eine
Erleichterung, das Misstrauen wie einen Schutz, wie einen Hafen segnete?
In der Welt, in der er vor seiner Abreise nach Fontenay gelebt hatte? --
Die meisten dieser Junker, mit denen er verkehrt, hatten sich seit jener
Zeit noch mehr in den Salons verdummt, waren noch mehr an den
Spieltischen versumpft, an den Kssen der Dirnen noch mehr verliedert.
Die meisten mochten sogar verheiratet sein.

Welch hbscher Wechsel, welch schner Tausch war doch diese von der
sonst so prden Gesellschaft angenommene Gewohnheit! trumte der Herzog
vor sich hin.

War denn nicht auch der alte Adel in Fulnis geraten? War die
Aristokratie nicht dem Stumpfsinn und der Versumpfung anheimgefallen?
Sie erlosch in der Herabgekommenheit ihrer Nachkommen, deren Fhigkeiten
bei jeder Generation schwcher wurden und deren Gorilla-Instinkte eines
Stallknechtes und Jockeys wrdig waren.

Die Klster waren in Apotheken und Likrfabriken verwandelt. Sie
verkauften Rezepte oder machten sie selbst: der Orden der Cistercienser
zum Beispiel Schokolade; Trappisten Nudeln und aromatische
Weingeistarnika; die Dominikanermnche fabrizierten gegen den
Schlagfluss wirkende Elixiere; die Jnger des heiligen Benedikt
Benediktiner-Likr; die Mnche des heiligen Bruno Chartreuse.

Der Handel hatte die Klster berschwemmt: statt der Chorbcher standen
grosse Handels-Register auf den Kirchenpulten. Dem Aussatze gleich
zerstrte die Gier die Kirche, sie beugte die Mnche ber die Inventuren
und Rechnungen, verwandelte die Kirchenvter in Zuckerbcker und
Quacksalber, die Laienbrder und Klosterdiener in gewhnliche Packer und
Krukenverschliesser.

Und dennoch waren es nur noch die Geistlichen, bei denen der Herzog
Verbindungen erhoffen konnte, die bis auf einen gewissen Grad seinem
Geschmack gleichkamen. In der Gesellschaft der Stiftsherren, im
allgemeinen gelehrt und wohlerzogen, wrde er einige angenehme und
interessante Abende verbringen knnen. Aber dazu war es ntig, dass er
ihren Glauben teilte, dass er nicht zwischen skeptischen Ideen und
berzeugungssprngen schwankte, die von Zeit zu Zeit, durch die
Erinnerungen seiner Kindheit untersttzt, auftauchten.

Er htte identische Meinungen hegen mssen und nicht, wie er es gern in
den Augenblicken der Erregung that, einen mit etwas Magie gesalzenen
Katholizismus anerkennen drfen.

Dieser besondere Klerikalismus, dieser verderbte und knstlich
lasterhafte Mystizismus, auf welchen er in gewissen Stunden lossteuerte,
konnte sogar mit einem Priester nicht besprochen werden, der ihn nicht
begriffen und ihn sofort mit Entsetzen verbannt haben wrde.

Zum zwanzigsten Mal erregte ihn dies unlsliche Rtsel. Er htte
gewnscht, dass dieser argwhnische Zustand, gegen den er vergeblich in
Fontenay gekmpft hatte, ein Ende nhme, jetzt, wo er aus sich
herausgehen sollte; er htte sich zwingen mgen, den wahren Glauben zu
besitzen, sich ihn tief einzuprgen, sobald er ihn halten wrde, ihn mit
Klammern in seiner Seele zu befestigen, ihn endlich in Sicherheit zu
bringen vor allen Grbeleien, die ihn schwankend machten.

Knnte man doch jedes Grbeln aufgeben! murmelte der Herzog mit einem
schmerzlichen Seufzer; man msste die Augen schliessen knnen, sich
durch die Strmung forttreiben lassen und diese verfluchten Entdeckungen
vergessen knnen, die das religise Gebude seit zwei Jahrhunderten von
oben bis unten erschttert haben.

Und noch dazu sind es nicht einmal die Unglubigen, noch die
Physiologen, seufzte er, die den Katholizismus niederreissen; es sind
die Priester selbst, deren ungeschickte Werke die hartnckigsten
berzeugungen ausrotten knnen.

Hatte sich nicht ein Doktor der Theologie, ein Predigerbruder, der
hochwrdige Pater Rouard de Card, erdreistet, in einer Broschre: >Die
Flschungen der sakramentalen Substanzen< unumstsslich zu beweisen,
dass der grsste Teil der Messen aus dem Grunde nicht gltig war, weil
die dem Kultus dienenden Stoffe durch die Verkufer geflscht waren?

Seit Jahren waren die heiligen le mit Hhnerfett, das Wachs mit
verkalkten Knochen, das Weihrauch mit gewhnlichem und altem Benzoeharz
verflscht worden.

Aber was noch schlimmer, war, dass Substanzen, die dem heiligen Opfer
unentbehrlich waren, verflscht wurden; der Wein durch mannigfaltiges
Verschneiden, durch unerlaubte Einfhrung von Fernambukoholz,
Attichbeeren, Alkohol, Alaun, Salicylsure, Bleigltte; das Brot, dies
Brot des heiligen Abendmahls, das aus dem feinsten Weizen geknetet
werden soll, durch Erbsenmehl, Pottasche und Pfeifenerde.

Ja man war noch weiter gegangen, man hatte gewagt, das Korn vollstndig
wegzulassen und schamlose Hndler fabrizierten fast alle Hostien aus
Kartoffelmehl!

Ach! die Zeit war fern, wo Radegonde, Knigin von Frankreich, selbst das
fr den Altar bestimmte Brot bereitete, wo nach den Gebruchen von Cluny
drei Priester oder drei Diakonen, nchtern, mit weissem Chorhemd und
Achseltchern bekleidet, sich das Gesicht und die Hnde wuschen und den
Weizen Korn fr Korn aussuchten, ihn unter dem Mhlstein zermalmten, den
Teig in kaltem reinen Wasser kneteten und ihn selbst auf einem hellen
Feuer backten und Psalme dabei sangen!

Diese Betrachtungen verdsterten noch mehr die Aussicht auf sein
knftiges Leben und frbten seinen Horizont noch drohender und dunkler.

Wahrlich, ihm blieb keine Rhede, kein Ufer offen! Was wrde aus ihm
werden in diesem Paris, wo er weder Familie noch Freunde besass? Kein
Band verknpfte ihn mehr mit dem Faubourg Saint-Germain, das vor
Altersschwche zitterte, sich im Staub des Verfalls abbrckelte und in
einer neuen Gesellschaft wie eine zerbrochene, leere Schale dalag!

Und welch eine Verbindung konnte zwischen ihm und der brgerlichen
Klasse existieren, die nach und nach emporgestiegen war, die Vorteil aus
allen Missgeschicken zog, um sich zu bereichern?

Nach der Aristokratie der Geburt war es jetzt die Geldaristokratie, der
Despotismus des Handels mit feilen und engherzigen Ideen, eitlen und
schurkischen Instinkten.

Gemeiner, ruchloser als der entartete Adel und die gesunkene
Geistlichkeit war das Brgertum, das ihnen ihre eitlen Prahlereien, ihre
einfltige Ruhmredigkeit entlehnte, die es durch seinen Mangel an
Lebensart erniedrigte, whrend es ihre Fehler in heuchlerische Laster
verwandelte. Und wie herrisch und tckisch, wie niedrig und feige schoss
es mitleidslos auf seinen ewigen und doch unentbehrlichen Geprellten,
den Pbel, seine Karttschen ab, dem es selbst den Maulkorb abgenommen
und entmndigt hatte, um den alten Stnden den Garaus zu machen.

Das war jetzt eine abgemachte Thatsache. Nun, wo seine Arbeit gethan,
hatte man gesundheitshalber den Pbel bis aufs Blut geschrpft; und der
nun beruhigte Brger herrschte vergngt durch die Macht des Geldes und
die Ansteckung seiner Dummheit.

Die Folge seiner Erhebung war die Vernichtung aller Intelligenz, die
Verneinung aller Rechtschaffenheit, der Tod jeder Kunst. So lagen die
verchtlichen Knstler auf den Knieen und kssten inbrnstig die Fsse
der hohen Pferdehndler und gemeinen Satrapen, deren Almosen sie
ernhrte!

Es war ber die Malerei eine Sintflut von kraftlosen Albernheiten, in
der eine Vllerei glatten Stils und feiger Ideen herrschte,
hereingebrochen. Denn der Geschftsintrigant will Rechtschaffenheit; der
Freibeuter will Tugend; wer nach einer Mitgift fr seinen Sohn jagt,
strubt sich, sie fr seine Tochter zu zahlen; der Anhnger Voltaires
sucht keusche Liebe; wer die Geistlichkeit der Notzucht beschuldigt,
treibt sich dumm und heuchlerisch in den unordentlichen Zimmern der
Dirnen herum.

Es war die grosse Galeere Amerikas, die nach Europa verschlagen war. Es
war die ungeheure und unerhrte Anmassung des Geldmenschen und
Emporkmmlings, die wie eine gemeine Sonne ber die gtzendienerische
Stadt strahlte, die im Staube vor dem ruchlosen Tabernakel der
Bankhuser zotige Gesnge ausstsst.

Strze doch zusammen, Gesellschaft! Stirb doch, alte Welt! rief der
Herzog emprt ber das gemeine Schauspiel, das er heraufbeschwor; dieser
Schrei brach den Alp, der ihn bedrckte.

Ach! seufzte er, und sich sagen zu mssen, dass dies alles kein Traum
ist! Dass ich wieder in das schndlich gemeine Gewhl des Jahrhunderts
hineingeworfen werde! Um sich zu beschwichtigen, rief er die trstenden
Lebensregeln Schopenhauers zu Hilfe; er wiederholte sich den
schmerzlichen Grundsatz Pascals: Die Seele sieht nichts, was sie nicht
betrbt, wenn sie daran denkt. Aber die Worte hallten in seinem Gehirn
wider wie Laute ohne Sinn; sein Verdruss zersplitterte sie, entzog ihnen
jede Bedeutung, jede beruhigende Wirkung, jede wirkliche und sanfte
Kraft.

Er sah schliesslich ein, dass die Beweisgrnde des Pessimismus
ohnmchtig waren ihn zu erleichtern, dass der unmgliche Glaube an ein
zuknftiges Leben allein beruhigend wirken wrde.

Ein Wutausbruch fegte gleich einem Orkan seine Versuche der Entsagung
und der Gleichgltigkeit hinweg. Er konnte es sich nicht mehr verhehlen,
es gab nichts, garnichts mehr. Alles war vernichtet!

Wrde der schreckliche Gott der Schpfung und der blasse Losgenagelte
von Golgatha nicht einmal wirklich zeigen, dass er existierte, nicht die
Sintfluten wieder erneuern, die Flammenregen wieder anznden, die einst
die verdammten und toten Stdte verzehrt hatten!?

Wrde dieser Schlamm fortfahren zu fliessen und mit seinem Pesthauch die
alte Welt vergiften, wo nur noch Saaten von Frevelthaten und Ernten von
Schande aufgingen!? -- -- --

Pltzlich ging die Thr auf. In der Ferne, von den Thrpfosten umrahmt,
sah man krftige Mnner in Arbeitstracht, die grosse Kisten und Mbel
auf den breiten Nacken hinaustrugen. Dann schloss sich die Thr wieder
hinter dem alten Diener, der Packete mit Bchern geholt hatte.

Der Herzog fiel vernichtet auf einen Stuhl.

In zwei Tagen werde ich in Paris sein, murmelte er, nun ist alles zu
Ende! Wie eine Springflut steigen die Wogen der menschlichen
Mittelmssigkeit bis zum Himmel und sie werden den Zufluchtsort
verschlingen, dessen Dmme ich wider meinen Willen ffnen muss. Ach! Mir
fehlt der Mut!

Jesus Christus habe Mitleid mit dem Christen, der zweifelt, mit dem
Unglubigen, der glauben mchte, dem Sklaven des Lebens, der allein
hinaussteuert in die Nacht unter einen Himmel, an dem keine trstenden
Sterne alter Hoffnungen mehr leuchten.




                     Anmerkungen zur Transkription


Offensichtliche Fehler wurden stillscheigend korrigert. Weitere
nderungen, teilweise unter Verwendung anderer Ausgaben und des
franzsischen Originals, sind hier aufgefhrt (vorher/nachher):

   [S. 70]:
   ... sprlicher. Indessen war das sechzehnte Jahrhundert ...
   ... sprlicher. Indessen war das sechste Jahrhundert ...

   [S. 133]:
   ... der ihn den Kopf benahm, hatten sich die Nerven ...
   ... der ihm den Kopf benahm, hatten sich die Nerven ...

   [S. 149]:
   ... glaubte; einige, besonders Madame Mama, sahen ...
   ... glaubte; einige, besonders Madame Mame, sahen ...

   [S. 154]:
   ... Haaren besetztes Innere zeigend. ...
   ... Haaren besetztes Inneres zeigend. ...

   [S. 156]:
   ... ist, solche ungesunden, verdorbene Gattungen zu ...
   ... ist, solche ungesunden, verdorbenen Gattungen zu ...

   [S. 193]:
   ... Frher hatte er sich gern in Ackorde von ...
   ... Frher hatte er sich gern in Akkorden von ...

   [S. 209]: (mehrfache Flle)
   ... Seite des Bdecker stehen, auf welcher die Museen ...
   ... Seite des Baedeker stehen, auf welcher die Museen ...

   [S. 260]:
   ... diesen den Gedichten, dessen kaltbltige Mythologieen ...
   ... diesen den Gedichten, deren kaltbltige Mythologieen ...

   [S. 296]:
   ... seine Mangel an Lebensart erniedrigte, whrend es ...
   ... seinen Mangel an Lebensart erniedrigte, whrend es ...






End of the Project Gutenberg EBook of Gegen den Strich, by Joris-Karl Huysmans

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without further opportunities to fix the problem.

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violates the law of the state applicable to this agreement, the
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including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

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including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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