Project Gutenberg's Kleine Lebensgemlde in Erzhlungen, by Julius von Vo

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Title: Kleine Lebensgemlde in Erzhlungen

Author: Julius von Vo

Release Date: June 11, 2019 [EBook #59731]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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  Kleine
  Lebensgemlde

  in
  Erzhlungen

  von
  Julius von Vo.

  Berlin, 1821.
  In der Sanderschen Buchhandlung.
  Kurstrae No. 51.




  Der
  Besuch nach zwanzig Jahren
  in der Vaterstadt.

  Ein Sittengemlde.




Der Besuch nach zwanzig Jahren.


Zwanzig Jahre sind eben so viele Umlufe des Erdballs um die Sonne;
regelmig ist die Wandlung, auf eine Minute voraus zu berechnen, in
welchem Abstand er sich an diesem oder jenem Tage von der Sonne, auch von
allen bisher entdeckten Planeten befinden wird. Es kann der Mensch stolz
seyn, da er so erhabner Berechnungen fhig ist; sie unterscheiden ihn von
dem sprachlosen Thier. Stets kehren die Jahreszeiten regelmig wieder, und
die vernderte Witterung hngt an atmosphrischen Ursachen, die genau der
Mensch noch nicht ergrnden konnte. Im Allgemeinen sind diese Abweichungen
aber nicht bedeutend, und man wird doch ziemlich voraussagen knnen, welch
ein Ansehn die Natur an diesem oder jenem Orte, in einem oder dem anderen
Monate, haben wird.

Nicht so ist es bei dem Menschen. Er verfolgt auch einen Gang, dem an sich
Frhling, Sommer, Herbst und Winter zugetheilt sind; brigens hat sein
Leben aber so wenig Regelmigkeit, und die Zukunft lt sich so ungewi
aus der Gegenwart bestimmen, da oft eine ganz andere Erscheinung, als die
gehoffte, eintreten wird. Nach einem Zeitraum von zwanzig Jahren darf nur
-- wer so lange denken kann -- sich fragen: welche Bekannte hatte ich, als
dieser Zeitraum anfing? Was ist aus ihnen geworden; und wie hofften und
glaubten sie einst, da ihrem Wnschen und Streben die Fgung entsprechen
wrde? Aus den vorhandenen Thatsachen werden nun die Beantwortungen
hervorgehn, und nicht wenig in Erstaunen setzen.

Auf die allmhligen Vernderungen, welche in zwanzig Jahren mit unsern
Bekannten sich zutragen, achten wir bei dem Allen viel zu wenig, als da
uns die entstandnen Kontraste zwischen Ehedem und Jetzt recht deutlich
ins Auge fielen. Wo die Farben nach und nach sich umwandeln, befremdet es
endlich kaum noch, wenn aus dem Wei ein Schwarz sich hervorgebildet hat;
doch wer aus dem Mittag jhling in die Mitternacht trte, oder aus dem
Julius in den Februar, knnte von auffallenden Gegenstzen der Ansicht
reden.

So auch, wenn wir die Bekannten in zwanzig Jahren nicht gesehn, auch
whrend dieser Zeit nicht das Mindeste von ihnen gehrt haben. Diese
Erfahrung sollte ich machen, und ich entnahm daraus, wie viel merkwrdiger
noch es seyn mu, wenn der Zeitabschnitt dreiig oder noch mehr Jahre
betrgt.

Ich wurde in einer Stadt mittlern Umfangs in Deutschland geboren. Mein
Vater bekleidete das Amt eines Rathsherrn, und stand in ausgezeichnetem
Ansehn; theils weil es seine Wrde ihm gab, theils, weil er mit einem
anerkannt redlichen Sinn eine ungemein scherzhafte Laune verband, die ihn
jeden Zirkel, in den er trat, beseelen, und allenthalben Freunde gewinnen
lie. Eben so war meine Mutter, ihres gutmthigen und feinen Betragens
willen, in meiner Heimath geachtet.

Ich hatte noch einen lteren Bruder Otto, welcher die Rechte studierte,
wogegen ich auf einer Hochschule der Cameralwissenschaft oblag. Meine
Schwester, Wilhelmine, zhlte einige Jahre weniger als ich.

Mit Otto stand ich von den Kinderjahren her nicht zum Beten. Vater und
Mutter gaben mir einigen Vorzug; dies machte ihn zu meinem Feind. Unsre
Gemthsweisen hatten eine groe Verschiedenheit. Otto war einsilbig,
trocken, milaunig, galt daher nicht bei den Knabenspielen in unserer
Nachbarschaft fr einen lustigen Gefhrten; ein Lob, das mir hingegen ward,
bei meiner natrlichen, in jenen Zeiten oft muthwilligen, Lebhaftigkeit.
Man konnte Ottos Flei auf Schulen nicht tadeln; er zeigte vielmehr dort
guten Eifer, trieb jedoch Alles mechanisch, konnte es nur zu langsamen
Fortschritten bringen, und am Ende schien Alles bei ihm nur magres
Gedchtniwerk. Die Mitschler nannten ihn einen Pinsel; bei den Lehrern
aber galt er, weil er ihnen eine ungemein unterworfne Ehrerbietung bewies.
Mein Streben war nicht so ernst, allein die Arbeit wurde mir leicht; ich
konnte in einer Stunde mehr vor mich bringen, als Otto in einem halben
Tage. Daher bertraf ich ihn nicht selten, und erregte oft die Verwunderung
meiner Lehrer in Fragen, die von scharfsinnigem Nachdenken und treffendem
Urtheil zeugten; oder in Einfllen, die ihnen witzig schienen. Allein ich
trieb nebenbei auch manchen kleinen Unfug, war zu leichtsinnig die Gunst
der Lehrer auf solchen Wegen zu suchen, wie Otto, an dem ich vielmehr eine
kriechende, sklavische Hflichkeit bespttelte. So gewann ich dort wenig
Gunst.

Als wir gemeinschaftlich die Hochschule bezogen hatten, blieb unser
Verhltni zu einander sich hnlich. Otto galt mehr bei den Professoren,
ich mehr bei den aufgeweckten Burschen, war bald in meiner Landsmannschaft,
in meinem Orden ein strahlendes Licht. Otto wirthschaftete sprlich; weit
mehr kostete ich dem Vater. Bei dem Allen war ich ihm doch lieber, als mein
Bruder, nachdem wir von der Hochschule in die Vaterstadt zurckkamen. Meine
Auenseite schien ihm vortheilhafter, meine Unterhaltung geistreicher.
Unser Wissen dnkte ihm sich ungefhr die Wage zu halten; doch meinte er:
ich wrde mit meinem Pfund gescheidter zu wuchern verstehn, die Wege,
auf denen man sein Glck macht, mit Scharfblick suchen, mit kluger
Beharrlichkeit verfolgen, und so bald an einem namhaften Ziele stehn.
Otto, pflegte er zu sagen, wird so ein sechs Jahre als Referendarius der
Jurisprudenz mitlaufen, und dann sich zum Senator, oder, wenn es hoch
kommt, zum Brgermeister in einem Landstdtchen ernannt sehn, und damit
wird seine Laufbahn geschlossen seyn. An Wilhelm denke ich hingegen noch zu
erleben, da er zum Geheimen-Finanz-Rath oder Prsidenten emporsteigt.

Der gute Vater irrte, wie es die Folge zeigen wird. Ueberhaupt gehrt es
auch zu meinen gesammelten Erfahrungen, da hufig die Eltern ihrer Kinder
wahrscheinliches Loos unrichtig beurtheilen.

Man stellte uns bei den zwei Collegien an, die in meiner Vaterstadt sich
befanden. Otto glnzte auf seinem Standpunkt gar nicht; meine Talente
wurden bald gepriesen. Doch hatte sich nach zwei Jahren da viel gendert.
Otto griff mehr und mehr ein, und hatte die Zuneigung der Obern, in seinem
hchst aufmerksamen Betragen, gewonnen. Die meinigen aber fanden an mir
dies und das zu erinnern. Ich htte zwar Talente, hie es, wre aber auch
voreilig eitel darauf, liee mir bald Nachlssigkeiten in der gebhrenden
Achtung gegen Hherstehende, bald in den amtlichen Verrichtungen, zu
Schulden kommen, und wre oft auch absprechend, anmaend; wollte am Eingang
der Laufbahn manches besser verstehen, als Mnner, die grtentheils sie
schon durchlaufen htten.

Doch ich will meine nchste Umgebung, in diesen zwei Jahren, beschreiben,
um hernach darzuthun, welche seltsame Wechsel zwanzig Jahre in den
Schicksalen der Menschen hervorzubringen fhig sind.

Mein Vater hatte ein Einkommen, das fr den Ort ansehnlich heien durfte,
und auch meine Mutter hatte ihm einiges Vermgen zugebracht. Dies setzte
ihn in den Stand, oft Gste einzuladen, oder, wie man es nennt, ein Haus
zu machen. Es entsprach seinen Neigungen zu heitrer Geselligkeit, und er
setzte auch eine Art Stolz in den Ruf: sein Haus knne ein Wohnsitz des
guten Geschmacks heien. Er traf auch deshalb eine sorgsame Auswahl unter
den Leuten, mit welchen er vorzglich umging; wenigstens muten sie zur
feinsten Welt des Ortes gehren, und es lag ihm mehr daran, zu bewirthen,
als bewirthet zu werden. Daneben war gute, frohe Laune eine den
Hausfreunden gemachte Bedingung. Sie wohnte ihm selbst in hohem Mae bei,
und lange Weile floh er.

Er liebte diesen Aufwand jedoch zu viel, erwog nicht genug, da zwischen
seinen Einnahmen und Ausgaben kein richtiges Verhltni bestnde. Wir Shne
hatten ihm auf der Hochschule auch nicht wenig gekostet, und durften in den
nchsten Jahren noch keinem Amtsgehalt entgegen sehn. Deshalb war um die
Zeit, als wir an den erwhnten Landessthlen untergeordnete Pltze
gefunden hatten, das Vermgen seiner Gattin schon mit aufgezehrt. Nichts
destoweniger lebte mein Vater nach alter Weise, zum Theil einmal daran
gewhnt, zum Theil auch aus berdachten Grnden. Er meinte, wenn er die
Obern seiner Shne durch ftere Einladungen sich verbindlich machte, so
wrden sie um so geneigter seyn, Jenen zu einem besseren Fortkommen
zu helfen. Zudem wuchs auch meine Schwester heran; eine glckliche
Verheirathung derselben gehrte zu den sehnlichsten Wnschen meiner beiden
Eltern. Die Mutter pflegte zu sagen: Ein Mdchen, das nicht gesehn wird,
kann auch nicht begehrt werden. Und so munterte sie ihn zu dem noch auf,
wovon ihn abzumahnen vielleicht rathsamer gewesen wre.

In der That mute aber Wilhelmine nahe gesehn, nach ihren verschiednen
Eigenthmlichkeiten beobachtet werden, wenn diese auf Mnnerherzen Eindruck
machen sollten; es konnte dann jedoch ein namhafter seyn. Der Mitgift wegen
lieen Freier sich nicht absehn, und Wilhelmine hatte keinen Mangel an
Schnheit, zeichnete sich gleichwohl auch daran nicht aus. Sie hatte eine
mittlere, feine Gestalt, ein nicht unregelmiges, und allerdings auf
schnen inneren Sinn deutendes, aber wie gesagt, nicht ausgezeichnetes
Gesicht. Es htte sich daran mehr frische Blthe, und schrferer Ausdruck
in den Zgen wnschen lassen; sonst hingegen war es hold, freundlich und
angenehm.

Viel hatten die Eltern an Wilhelminens Erziehung gewandt, und sie war ihren
Bemhungen stets mit regem Eifer entgegen getreten. Sie zhlte nun achtzehn
Jahre, und hatte ihren natrlichen Verstand ungemein durch ntzliche
Schriften, und vortheilhaft gewhlte Freundinnen, ausgebildet. Der
franzsischen und italinischen Sprache war sie mchtig, und dehnte ihr
Urtheil auf mannichfache Gegenstnde im Gebiet der Wissenschaften und
Knste aus. Vor Allem nannte sie Tonkunst ihr Lieblingsthum, und erregte
in der That mit ihrem Gesang die Bewunderung der Kenner. Man sagte von ihr:
sie eine die Fertigkeit einer Virtuosin mit dem Gefhl einer Dilettantin;
und es war keine Schmeichelei. Sie wute sich daneben mit einem edel
einfachen Geschmack zu kleiden, und trat allenthalben mit Anmuth und feiner
Darstellung auf.

So mute Wilhelminens Gesammtheit allerdings anziehend seyn, und in den
Augen sinniger Mnner blieben auch schnere, doch weniger gebildete Mdchen
ihr weit nachgesetzt. Man feierte die Schwester auf eine ausgezeichnete
Weise; namentlich glnzte sie, wo man sie veranlate, ihre Meinung ber
schnwissenschaftliche Gegenstnde zu uern, oder ihren Gesang tnen zu
lassen.

Ohne tadelhaft eitel zu seyn, fhlte aber Wilhelmine doch, da man sie
auszeichnete, und da ihre geistigen und gemthlichen Vorzge ihr hhere
Ansprche gben, als vielen Mdchen. Schon weil sie das Ideal eines sehr
vollkommenen Mannes, einer hchst glcklichen Ehe, sich mit vielem Sinn und
Geschmack zu entwerfen wute, hoffte sie auch, einen Brutigam zu finden,
der geeignet wre, ihre Wnsche -- dem greren Theil nach mindestens -- zu
erfllen.

Ich hatte ihr Vertrauen mehr, als Otto; daher theilte sie mir oft ihre
Wnsche mit, und ich konnte das, ihr zartes Selbstgefhl Ehrende und
Verstndige darin, nicht ablugnen.

Ihres Standes sollte der Brutigam seyn, oder auch hheren; das Letzte
wrde, eben nicht aus stolzem Sinn, doch in dem Betracht, da Wilhelmine
durch ihre sich angeeigneten Vorzge sich bereits erhoben hatte, ihr nicht
unangemessen gednckt haben. Reichthum gehrte nicht zu den Bedingungen,
welche sie aufstellte; Ueberflu, meinte sie, wre unnthig, doch
unerllich nthig auch, vor Nahrungssorgen und Mangel geschirmt zu seyn.
Eine mittlere Wohlhabenheit -- auf ein darber Hinausgehn wrde sie
auch nicht gezrnt haben -- stand hier also in Rede. Aber einen schnen
jugendlichen Mann wnschte sie vorzglich; wie htte sie dem an ihr
gerhmten feinen Geschmack sonst entsprechen knnen! Gleichwohl beschrnkte
sie noch ihre Forderungen mig. Ein Adonis, ein Antinous, sagte sie, thut
g'rade nicht Noth, doch eine Gestalt, an der nichts Makelhaftes oder gar
Lcherliches heraustritt, die eine wahrhaft mnnliche zu nennen ist. Nichts
stelle ich mir klglicher vor, als wenn ich an der Seite einer hagern,
gebrechlichen, oder sonst verbildeten Migestalt einhergehn mte; ich
wrde in Aller Augen Bespttelung, und die Frage lesen: wie konnte sie aber
mit einem solchen Mann zum Altar gehn? Geist und Fhlbarkeit, eine
gewisse Romantik, Sinn fr Poesie und Tonkunst durften in keinem Fall
ausgeschlossen seyn: je hher die Gabe von dem Allen, je besser. Am meisten
wrde mein Fantasiebild jedoch erreicht seyn, fgte Wilhelmine hinzu, wenn
der Brutigam auch mit irgend einem Tonwerkzeug virtuosenhaft auftreten,
mein Spiel am Pianoforte begleiten knnte, und wenn er daneben eine
wohllautende Ba- oder Tenorstimme ausgebildet htte. Eine Doppelsonate,
ein Duett, mssen doch manche Stunden im langen Eheleben reitzend
ausfllen.

Nun, pflegte sie zu enden, dies Alles heit doch nicht bertrieben, nicht
unbescheiden fordern. Es kann demungeachtet wohl seyn, da ich es, nach
vollem Wunsch, nicht beisammen finden werde. Mag inde meinem Vorbild
auch nur in den _Hauptzgen_ Wort gehalten seyn, der _Mehrzahl_ von meinen
Bedingungen nach. Darunter -- lasse ich aber mich nicht ein, und werde mich
hten, leicht und voreilig meine Hand wegzugeben.

Der Vater, sehr eingenommen fr Wilhelminen, und selbst zum sanguinischen
Hoffen geneigt, bestrkte sie in den hochfliegenden Ansprchen; die Mutter
hingegen schttelte den Kopf, und sagte: einem Mdchen ohne Vermgen stnde
leider wenig Auswahl zu.

Auer unsern schon genannten Obern lud mein Vater nun, in jener Absicht,
hufig einen Baron von Lilienthal in sein Haus. Er hatte Wilhelminen an
ffentlichen Versammlungsorten groe Aufmerksamkeiten bewiesen; das weckte
Aufmerksamkeit fr ihn.

Er stand als Offizier bei der Besatzung im Orte, und war in der That ein
schner, einnehmender Mann, von etwa fnf und zwanzig Jahren. Was man ein
lustiges Betragen nennt, und an jungen Militrpersonen nicht eben selten
findet, lie sich ihm nicht vorwerfen. Er schien jetzt wenigstens darber
hinaus, mochte es auch frherhin ihm ein wenig eigen gewesen seyn. Er
sprach mit Geist und richtigem Urtheil, uerte ein feines Empfinden; seine
Darstellung war hchst gefllig. Ueber seine Glcksumstnde war man bei
uns nicht unterrichtet, hegte aber glnzende Vermuthungen; denn Lilienthal
zeigte sich stets in artiger Eleganz, hielt Reitpferde und Livreebedienten,
und fehlte bei keinen Bllen oder anderen Lustfestlichkeiten, welche die
sogenannte schne Welt anordnete. In den Concerten, oder -- wenn reisende
Mimen eintrafen -- im Theater, blieb er noch weniger aus, gab hier den
Ton des Urtheils an, und mit sinnigem Geschmack. Er selbst blies die Flte
ziemlich, konnte Wilhelminen allenfalls eine Sonate begleiten.

Es schmeichelte ihr nicht wenig, da Lilienthal ihren Vorzgen, mit so
vielem Sinn dafr, huldigte. Nicht allein, da er nicht den mindesten
Adelstolz in unserm Hause zeigte, auch an ffentlichen Orten achtete er
auf keine Schnheit von Geburt mehr, so bald man Wilhelminen sah. Vieler
Mdchen Antlitz umwlkte Neid; denn unter allen jungen Mnnern der hiesigen
schnen Welt nahm Lilienthal, nach der gebildeten Schnheiten Anerkennung,
eine der obersten Rangstufen ein.

Es wurde auch in der Stadt mancherlei von ihm gesprochen, was die
Theilnahme an ihm von Zeit zu Zeit erneute und erhhte. Bald sagte man:
er habe mchtige Gnner am Hofe, die ihm nchstens zu einer eintrglichen
Hauptmannsstelle helfen wrden; bald: er habe einen reichen Oheim beerbt.

Da wren nun die Hauptzge von meiner Schwester Ideal so ziemlich vorhanden
gewesen. Da Lilienthal mehr fr sie empfinde, als eine gewhnliche
Werthachtung ihrer ausgebildeten Talente, stellte sie in keinen Zweifel.
Seine Blicke sprachen von heier Liebe; auch manches hingeflogne Wort lie
diese ahnen. Zu einem unumwundenen Gestndni, einer netten Werbung um ihre
Hand, kam es demungeachtet nicht, obschon Wilhelmine oft meinte, beides
schwebe auf seinen Lippen. Als Jahr und Tag so entflohen waren, zweifelten
die Eltern, ob es hier zum Ernst hingehn wrde; die Tochter aber nicht.

Ferner lud man einen jungen Referendarius fleiig ins Haus, der auch
zu einem der Landessthle gehrte, und sich mit uns auf der Hochschule
befunden hatte. Es war ein Herr von Soldin, und von ihm bekannt, da ihm
sein Vater einst hunderttausend Thaler nachlassen wrde. Seine brigen
Eigenschaften wichen inde sehr in den Schatten zurck, wo Lilienthal sich
zeigte. Soldin hatte eine zwar nicht verkrppelte, aber doch unscheinbare
Gestalt, und trug sie noch krumm und unbeholfen. Sein Gesicht drckte rohen
Stumpfsinn aus, seine Gesprche verriethen berall Unwissenheit, seine
Kleidung war vernachlssigt. Die Amtslaufbahn, worin er sich schleppend
fortbewegte, hatte auch nur den Zweck, ihn seiner drfischen Linkheit zu
entwhnen, und er empfand einst weder Lust zu den Studien, noch jetzt zur
Dienstarbeit. Ist mein Vater todt, sagte er, nehme ich den Abschied, und
ziehe auf meine Gter.

Ueber diese Gter allein wute er mit einiger Sachkenntni zu sprechen, und
zeigte auch hinsichtlich des Geldes und seines Werths richtige Begriffe.
Sein Vater untersttzte ihn namhaft; doch bte der Referendarius eine so
wirthliche Beschrnkung, da er mehr als die Hlfte davon sparte. Seine
einzige Liebhaberei bestand in einem Pudel, den er mit in unser Haus
bringen zu drfen bat, auch dort mit groer Zuneigung streichelte und
ftterte.

Wilhelmine urtheilte: es sei ein geschmackloser, in hohem Grad ungebildeter
Mensch -- hlich wre seine Gestalt aber doch nicht zu nennen. Ohne
allen Verstand wre Soldin auch nicht: er bewiese ihn ein seiner klugen
Sparsamkeit; auch ein freundliches Gemth lege er bei dem Pudel an den Tag.
Es wrde nur eine Schleifung des rohen Diamants bedingen.

Die hunderttausend Thaler milderten wohl ihr Gutachten ber ihn so.

Zwei Umstnde machten sie aber noch gespannt. Soldin kam oft, auch
uneingeladen, zum Besuch; ihn mute in unserm Hause folglich etwas anziehn.
Auch sagte er einmal denkwrdig: bei seiner Heirath wolle er nicht auf
Adel, nicht auf Reichthum sehn, vielmehr ganz nach Liebe whlen. Sein
Vater liee ihm darin Freiheit, und knne auch nicht fglich mit Einreden
auftreten, weil auch er ein brgerliches und ganz unbemitteltes Mdchen
geehlicht habe.

Wilhelmine fand nicht rathsam, die lblichen Grundstze zu tadeln, wohl
aber, so viel es thunlich sei, die anziehende Kraft zu erhhen, die uns des
jungen Mannes so wiederholten Zuspruch verschaffte. Namentlich wenn sie mit
ihm allein sich befand -- was die Eltern so eifrig eben nicht hinderten --
nahm sie an dem Pianoforte eine idealische Haltung an, und sang nicht wenig
schmelzend. Doch seltsam! was Alle hinri, brachte sein Gefhl nicht aus
der Stelle. Soldin ghnte oft, schlief sogar etliche Mal ein; und wenn ihm
meine Schwester das freundlich verwies, gestand er freimthig: da ihm ein
Marsch, oder ein lustiges Stckchen, zum Beispiel, Freut Euch des Lebens,
mehr gefallen wrde. Sie meinte dann, ber den Geschmack sei nicht zu
streiten, und gab ihm das Verlangte zum Beten. Doch wie sie auch Hnde und
Mund fr ihn gefllig bewegte, lie er Wilhelminen immer noch nicht hren,
was sie gern vernommen htte, zumal als es auch ihr zu scheinen begann:
Herr von Lilienthal liebe sie zwar ungemein, habe gleichwohl keine
Absichten auf ihre Hand.

Es war, als ob eine Art Furcht ihm die Zunge bei Wilhelminen lhmte.
Nicht einmal ein fortlaufendes Gesprch konnte er mit ihr fhren. Nicht
allenthalben lie er eine hnliche Zurckhaltung sehn. Mein Vater liebte
Scherz; oft ging Soldin darauf ein, wenn schon auf eine ziemlich derbe
Weise. Ueber Haushaltung richtete er oft ein Gesprch an die Mutter.
Auch hatten meine Eltern eine junge arme Verwandte ins Haus genommen, die
Charlotte hie. Keinen Unterricht in Gegenstnden, welche man zur feinen
Bildung zhlt, hatte sie bekommen; nur schlicht brgerlich war sie in einer
kleinen Landstadt erzogen. Sie fhrte meistens unsre husliche Wirthschaft,
kam selten ins Besuchzimmer, und, wenn es geschah, blieb sie entweder
gnzlich unbeachtet, oder man blickte auch wohl befremdet und spttisch auf
sie hin; denn sie stand allerdings in einem auffallenden Gegensatz zu der
so geistvollen, zarten, niedlichen, abgegltteten Wilhelmine. Sie konnte
nur von den alltglichsten Hausdingen reden. Ihre Gestalt war lang,
rund, derb; und wer noch das Beiwort plump beifgte, konnte es allenfalls
verantworten. Nicht einen Zug in dem Gesicht htte interessant nennen
mgen, wer sich auf das Interessante verstand; unbedeutend, fade, selbst
gemein, wrden Kunstrichter des Schnen es bezeichnet haben. Gleichwohl
konnte Soldin bisweilen sich eine gute halbe Stunde zu Charlotten in
einen Winkel setzen, und mit ihr ein Gesprch ber Nichtiges unterhalten.
Wilhelmine, nach ihrer Gutmthigkeit, legte ihm auch diesen Versto gegen
ihren, doch so viel hheren, Werth zum beten aus. Sie uerte sich:
auch dies sei ein Beleg guten Herzens an Soldin. Er fhle bei den
Zurcksetzungen, die Charlotten widerfhren, Mitleid, und wolle ihr zeigen,
da er keines Stolzes gegen bersehene Personen fhig sei.

Indem sie aber zugleich urtheilte: die Gesprche von gewhnlichem Stoff
htten fr Soldin eine behagliche Seite, weil er die Seelenkrfte dabei
nicht so zu spannen brauche, als wenn sie den Regionen der Wissenschaften
und Knste entgegen eilte, und ihm dahin zu folgen ansann, -- wollte sie
es ihm auch bequem machen, und fragte ihn bald um die Hhner, bald um die
Gnse auf den vterlichen Gtern. Sie empfing zwar befriedigende Antworten;
allein es schien demungeachtet, er knne das rechte Vertrauen zu ihr noch
nicht gewinnen. Sie meinte nun, Alles wrde mit der Zeit sich finden;
auch hernach die allmhlige Umbildung des jungen Mannes, welche ihn ihrem
Vorbilde nher brchte.

Auer diesen beiden, stellten noch zwei andere junge Leute sich hufig ein.
Die Eltern bauten eben keine Entwrfe auf sie; es stand mit der Zeit, wo
sie an eine Heirath wrden gehn knnen, zu weit aussehend. Allein sie waren
angenehm unterhaltende Gesellschafter, und hatten mit Otto und mir die
Schule besucht. Allenfalls konnten Jene auch denken: gesetzt es fnde sich
fr Wilhelminen nicht bald etwas Annehmlicheres und Einem oder dem Anderen
glckten feine Absichten, so mchte er als Eidam nicht verwerflich seyn.

Eduard war ein junger Kaufmann, stand jedoch erst im Begriff, sich
anzusiedeln. Einige tausend Thaler hatte er zum Anfang; indem er gleichwohl
einsah, es wrde sich damit nichts von Bedeutung unternehmen lassen,
wollte er zuvor nach Hamburg, Amsterdam, Bordeaux, Lion, Triest und
anderen berhmten Handelsstdten reisen. Dies sollte ihn eignen, sich die
vortheilhafteren Geschfte auszuwhlen, bedeutende Verbindungen anzuknpfen
und gleich im Groen seinen Kredit zu grnden; so liee auch zur Stelle im
Groen sich spekuliren und gewinnen. Eine Fabrikenanlage von Belang gehrte
auch zu Eduards hochfliegenden Planen. Die Landesregierung, meinte er,
wrde ihm gewi mit den dazu nthigen Summen beistehn, wenn er ihr deutlich
bewiesen htte: seine Fabrik wrde nicht allein Hunderttausende, welche ins
Ausland flssen, zurckhalten, sondern noch Hunderttausende aus der Fremde
hereinziehn, auch Tausende von Armen ntzlich beschftigen, und was dessen
mehr war. Er behauptete: kluge Spekulationen, wie Unternehmungen von weitem
Umfange, mten den Kaufmann nach weniger Zeit reich machen; dies habe eine
so einleuchtende Evidenz, wie das Einmaleins. Trfe es bei Vielen
nicht ein, so lge es an ihrem Mangel an khner Regsamkeit; der echte
Handelsgeist beseele die Alltagskpfe nicht. Er wute auch von gar manchen
Grossirern, Wechslern, Rhedern zu erzhlen, die mit nichts angefangen, und
doch Millionen vor sich gebracht htten; und er fgte naiv hinzu: In so
fern die Wege doch bekannt sind, auf denen es ihnen gelang, sehe ich nicht
ein, warum ich sie nicht auch betreten sollte.

Eduard war brigens eine ganz hbsche Mannsperson, kleidete sich gut,
sprach wie Leute von Ton, und lie sich gern finden, wo Leute von Ton
zusammenkamen. Er machte Wilhelminen so ehrerbietig als schmeichelhaft
seine Aufwartung, zeigte, da es ihm so wenig, als Herrn von Lilienthal, an
Urtheil und Herz fr hohe weibliche Vollkommenheit fehle. Ich zweifle auch
gar nicht, da ihm die Schwester ihre Hand wrde gereicht haben, wenn
er von seiner ersten Million vor der Hand nur den zwanzigsten Theil
aufgewiesen htte. Er trug einige Mal auf ein vorlufiges Versprechen an,
und bewies dadurch wenigstens: er hege doch eine ernste Meinung. Wilhelmine
beschied ihn nicht abschlgig, war aber doch zu klug, sich voreilig zu
binden. Sie verwies ihn auf den Spruch des weisen Salomo: Jedes Ding hat
seine Zeit.

Die Eltern hatten es auch so gewollt. Man hrte, des jungen Mannes ererbtes
Vermgen bestehe in drei- bis viertausend Thalern. Seit Vollendung seiner
Lehrjahre beschftigten ihn aber nur die Entwrfe knftiger Plane, und er
lebte einstweilen, als ob schon gelungen sei, was erst spterhin gelingen
sollte, hatte auch deshalb mit seinem Vormund, der auf eine baldige
Ansiedlung in Kleinem drang, manchen Streit. Weil Eduard inde bald darauf
nach Hamburg reis'te, und von dort schrieb: er sei schon auf dem beten
Wege, seinen, gar nicht zu groen merkantilischen Ideen aufgelegten,
Vormund zu beschmen, konnte man dem echten Handelsgeist doch auch nicht
alles Glck absprechen wollen.

Jetzt komme ich auf den genievollsten unter den vermeinten, und wirklichen,
Aspiranten zu Wilhelminens Torus. Es war ein Ex-Kandidat der Theologie,
sein Vorname August. Theils aus philosophischem Sinn, noch mehr aber, weil
er ausschlielich der Tonkunst leben wollte, hatte er die Gottesgelahrtheit
aufgegeben. Fr Tonkunst, in Tonkunst lebte, webte und strebte sein Genius;
und so verstand es sich von selbst, da er mit Wilhelminen in eine innigere
Wahlverwandtschaft treten konnte, als die Uebrigen. Er spielte Klavier
und Geige, sang auch einen recht artigen Bariton. Da kam es folglich zu
Doppelsonaten und Duetten, welche Andere mit Vergngen hrten, wobei
die Vollziehenden aber das sere und erhebendere Vergngen empfanden.
Wilhelminens Notensammlung enthielt auch manches Lied, von Jenem in Tne
gesetzt, und sie redete manches von einem darin wehenden Geist, von den
neuen, eigenthmlichen Gedanken, welche diese Lieder enthielten.

August wollte bei dem Allen hher hinaus. Es schien auch Noth zu thun,
nachdem er auf ein Predigtamt Verzicht geleistet hatte; wozu aber auch
-- der Sage nach -- das Consistorium seinen Genius wenig tchtig erachtet
haben sollte. Es schien, er habe ber die Tonleiter die Himmelsleiter
vergessen, oder gemeint: die Tonleiter fhre auch zu Himmelsgefilden. Er
sagte inde vom hinderlichen Consistorium nichts.

Dem sei wie ihm wolle, -- Vermgen, das geniale ausgenommen, besa er
keineswegs, und mute kmmerlich von musikalischem Unterricht leben.
Dagegen beschftigte ihn seit einiger Zeit die Composition einer groen
Oper, und er zweifelte im mindesten nicht, es wrde auch dem Kunstwerth
nach etwas Groes damit seyn. Denn nie hatte er solche Weihe im Genius
empfunden, als bei dieser Arbeit. Es ist auch wahr, da er sich hheren
Aufflug gar sinnig zu bereiten verstand. Drauen in einem Garten der
Vorstadt, und zwar in einem Lusthause desselben, das auf einer Hhe lag,
und eine anmuthige Aussicht in die Umgegend ffnete, hatte er seine Wohnung
aufgeschlagen. Maienblthe, Jasminduft, Aurora, Sommerabendroth,
helles Wintermondlicht bten begeisternde Einflsse, und die heftig
leidenschaftlichen Stellen fertigte August, whrend Aequinoctialstrme
tobten. Nach Vollendung wollte er das geniale Singspiel den vorzglichsten
Bhnen in Deutschland verkaufen, und rechnete -- auf dem Papier -- die
nthige Summe zu einer Kunstwallfahrt ins gelobte Italien heraus. In
Venedig, Mailand, Florenz, Rom, Neapel, Palermo dachte er Opern in Mozarts
Styl zu schreiben, dann wie ein neuer Gluck in Paris, spter in London
wie ein Hndel =redivivus= aufzutreten, und endlich, nach vorangegangener
ansehnlichen Bereicherung, bei irgend einem deutschen Frsten als
Kapellmeister zu glnzen.

Der Plan schien so bel nicht, und der Meinung nach, welche die Schwester
von dem kunstsinnigen Jngling hegte, mute dessen Ausfhrung schier
nothwendig gelingen. Sie bezog sich dabei auf Schillers:

  Mit dem Genius steht die Matur im vertraulichsten Bunde;
  Was der eine verspricht, leistet die andre gewi.

Mochten einige Kunstverstndige auch sagen: es habe so gar viel mit dem
Talent des jungen Mannes nicht auf sich; er sehe es mit berschtzendem,
trumerischem Dnkel an, -- Wilhelmine sprach dagegen: das sei die Stimme
des Neides. Am liebsten wrde sie den ihr so kunstverwandten August
geheirathet, fr die -- ihm noch winkenden -- Honorare Soldins Reichthum
vergessen haben, und lieber auch Frau Kapellmeisterin als Frau von
Lilienthal gewesen seyn; weil in jenem Falle auch ihres Mannes berhmter
Name in allen europischen Notenhandlungen glnzen wrde. August war nicht
schn -- Alles ist nun einmal nie beisammen -- und Wilhelmine sagte: Eduard
gefalle ihr, der Auenseite nach, ungemein, auch noch mehr als Lilienthal;
dennoch galt ihr August, der genievollen Herrlichkeit wegen, den hheren
Preis. Sie war auch nicht abgeneigt, die ganze Reihe von Jahren zu warten,
in denen Italien, Frankreich und England des Geliebten Ruhm krnen sollten,
um endlich diesen Ruhm mit ihm zu theilen.

Aber -- und das ehrt Wilhelminens Verstand -- sie war von Liebe auch nicht
so geblendet, da sie, wenn eine andere anstndige Heirath sich dargeboten
htte, sie wrde abgelehnt haben. Wilhelmine kannte den Vorzug gewisser
vor ungewissen Dingen. Doch -- dies stand ganz fest -- ihr Ideal sollte
meistens erreicht seyn; sonst wollte sie ihre Hand gar nicht vergeben, und
mte sie auch lebelang unvermhlt bleiben.

Nach diesem flchtigen Abbild meiner Schwester wird man gestehn, da sie,
fr ihren hellen Geist und ihr schn fhlbares Herz, auch ihr lbliches
Streben sich zu bilden, ein gutes Glck verdient htte.

Ich erwhne noch eines Advokaten, Namens Sauer, den man seltner, aber doch
von Zeit zu Zeit, in unserm Familienkreise sah. Mein Vater hatte allerlei
Geschfte mit ihm, weshalb er denn aus Hflichkeit bisweilen eingeladen
wurde.

Seinen Namen fhrte er mit der That: er war ein recht sauertpfiger Gesell,
bei einer unvortheilhaften krperlichen Bildung. Sein Gesicht hatten die
Blattern entstellt, daneben war es schwammicht und fahl. Verstand lie sich
ihm nicht absprechen, doch zeugte sein Urtheil von einem lieblosen Gemth;
die satirische Laune, in welche er zuweilen ausbrach, hatte einen finstern
und hmischen Styl. Fhlloser gegen das Schne konnte Niemand seyn. Lief
das Gesprch um reitzende Mdchen, so blieb er nicht allein eiskalt,
sondern wute auch viel an den Gestalten zu tadeln, bis er sie vllig
herabgewrdigt hatte. Ueber Poesie spottete er wie ber eine Narrheit,
Musik war ihm unleidlich. Deshalb, und wegen seiner ganzen Sinnesart, war
er auch meiner Schwester unleidlich; sie konnte ihr Mivergngen nicht
hehlen, wenn Sauer ins Zimmer trat, und wich den Unterhaltungen mit ihm
gerne aus.

Einst kam Wilhelminen jedoch zu Ohren: der Advokat htte an einem dritten
Orte gesagt: er ginge mit dem Vorhaben um, sie zu heirathen. Liebe, meinten
die Hinterbringer, schiene dabei eben nicht sein Antrieb, vielmehr wohl der
Umstand, da man Wilhelminen, ihrer Talente wegen, so erhbe; nun mchte
er stolz mit einer beneideten Frau prunken. Bald, hatte er inde noch
erinnert, solle die Anwerbung nicht geschehn; in einigen Jahren erst, wenn
seine Berufsgeschfte mehr empor gekommen wren. Denn es gehrte noch zu
dem Abstoenden an diesem Ehrenmann, da er wenig zu thun, und deshalb ble
Vermgensumstnde, neben manchen Schulden, hatte.

Wilhelmine entsetzte sich zum Theil, als sie das hren mute, zum Theil
lachte sie hell auf. Ich wrde vor ihm schaudern, sagte sie, und wenn er
eine Tonne Goldes bese; ja, ich wrde ihn, mchte er daneben auch jung
und schn seyn, seines verchtlichen Gemths wegen, doch fliehn. Ha ha ha!
so ein Mann wre fr mich! Also nach etlichen Jahren will er obenein erst
kommen, und zhlt jetzt schon mehr als dreiig. Zu meinen Bedingungen
gehrt auch ein Abstand von hchstens sechs Jahren, zwischen Mann und Frau.
Und hier sollte ich ---- Hu hu! Mgen ihm die Freunde sagen: er solle sich
den Verdru eines, nicht einmal zierlich geflochtenen, Korbes sparen. Inde
-- wird es auch nicht einmal dahinkommen. Der saubre Freier will ja noch
etliche Jahre verziehn.

Allerdings meinte Wilhelmine, sie wrde, nach diesem Zeitraum, schon lange
angemessen vermhlt seyn. Ich theilte diese Hoffnung; auf Soldin oder
Eduard rechnete ich am meisten, obwohl ich auch dachte: meiner Schwester
nicht alltgliche Vorzge knnten noch andere zustndige Bewerber finden.

Meine Eltern hatten jedoch Wilhelminens Verheirathung nicht allein im Auge;
ihre Shne kamen daneben mit in Betracht. Keiner von jenen Vorgesetzten,
die uns zu guten Aemtern helfen konnten, hatte eine mannbare Tochter; sonst
drften Jene vermuthlich hierauf einen Entwurf gebaut haben. Doch lebte
ein gewisser Commerzienrath Hill in unserm Wohnorte, den mein Vater, schon
seines aufgeweckten Humors wegen, gern sah. Hill sollte aber auch Reichthum
besitzen, und der Aufwand in seinem Hause stritt gegen die allgemeine
Sage nicht. Er hatte zwei Tchter, Emma und Minna, eben in der holdesten
Blthenzeit begriffen, und weiterhin noch so angethan, da sie vor allen
brigen Mdchen in der Stadt glnzten. Beide waren ausgezeichnet schn: sie
bertrafen Wilhelminen ohne Zweifel in diesem Betracht; und konnte dasselbe
nicht von den ausgebildeten Talenten meiner Schwester gelten, so hatten
Jene doch Manches, was, bei der Menge wenigstens, noch mehr in die Augen
fiel. Dahin gehrte ein Studium des feineren Welttons, das sich kaum hher
getrieben denken lie. Sie wuten ber Vieles zu sprechen, und geschah es
nicht immer mit Grndlichkeit, so erwarben ihnen die einnehmende Weise, die
lebhaften und treffenden Bemerkungen, der eingemengte und unbefangene Witz,
Verehrer genug. Die Huldinnengestalten erschienen nicht blo in den neusten
Moden, sie whlten auch davon mit bewundertem geschmackvollem Sinn, und an
_reicher_ Kleidung berschimmerten sie alle Nebenbuhlerinnen, wie man auch
in geflligem, bildlichen Tanz ihnen das Meisterinnenthum zuerkannte. Die
jungen artigen Mnner umflatterten sie emsig; von Brutigamen verlautete
dagegen noch nichts.

Die Eltern meinten: wir Brder wrden nicht bel thun, wenn wir es auf
Eroberung dieser Schnheiten anlegten. Reichen Mitgaben liee sich bei
ihnen entgegen sehn, und ein Mann, der eine schne Frau habe, komme dadurch
oft um so besser fort, weil er um so geachteter sei.

Das lie sich hren, und ich fhlte mich zudem aufgelegt, den elterlichen
Rath zu befolgen, weil Emma, die Schnere mir dnkend, bereits lange
einigen Eindruck auf mein Gefhl machte. Otto ging schwerer daran, hatte
auch einen gewissen steifen Ernst, und eine nach dem Amtsberuf klingende
Sprachweise, die ihm den Eingang zur Frauengunst wenig ffneten. Dennoch
versuchte er einige Aufwartung bei Minna. Sie that aber schneidend fremd,
und als sie erst seine wahre Absicht zu durchblicken schien, dergestalt
hochfahrend, da Otto wohl ahnen konnte, sie wolle ihm alle Bemhung um
sie verleiden. Er stand nun auch gleich um so mehr davon ab, als er noch
daneben ausgekundet haben wollte: es stehe mit Hills Vermgensumstnden
nicht so, wie die Eltern glaubten; Unterrichtete sprchen vielmehr
zweideutig davon. Ich meinte dagegen: Otto rede dem Fuchs hnlich, bei den
Trauben, die er nicht erreichen konnte, und setzte meine schon begonnenen
Annherungen bei Emma fort. Zuerst wr' es mir beinahe so schlimm gegangen,
wie dem Bruder. Emma trug das griechische Nschen ziemlich hoch, und that
schnippisch, wenn ich sie eine bedeutendere Zuneigung wahrnehmen lie, als
die allgemeinen Huldigungen, welche sie erhielt. Der Widerstand entwaffnete
meine Liebe jedoch nicht, erhhte sie vielmehr, und ich strebte bei allen
Gelegenheiten, ihr es darzuthun. Nach und nach schien es demungeachtet, als
ob ich ihr nicht ganz mifiele, sie aber noch manches Bedenken trge.
Oft ruhten die schnen tiefblauen Augen mit Theilnahme auf mir, ja, sie
blinkten und strahlten dergestalt Gefhl, da ich die Hieroglyphen der
Gegenliebe entzifferte. Bei dem Allen suchte Emma nheren Erklrungen
sich zu entziehen. Um desto heller flammte es in meiner Brust: meine Liebe
erreichte einen hohen Grad heftiger Leidenschaft; Emma war es, nicht ihre
Glcksgter, um die es in meinem Herzen rief, und ich dachte: wenn ich nur
gengendes Vermgen, oder ein Amt mit hinreichendem Einkommen bese, so
wrde ich Emma, wre sie auch eine Bettlerin, mit Entzcken heirathen.

Einmal fgte es sich gleichwohl, da ich meiner Geliebten dies Alles sagen
konnte. Sie zuckte die Achseln. Mein Vater ist eigen, sagte sie, und Bitten
ndern seine Grundstze nicht. Wren Sie Geheimer Rath, so wrde er Ja, und
ich -- nicht Nein sagen.

Geheimer Rath war ich aber nicht, und die Aussicht nach diesem Ziel
durchlief eine weite Bahn.

Ich hehlte meinem Vater nichts. Er sagte: Wenn Hill seiner Tochter
zwanzigtausend Thaler Mitgift auszahlt, so knnt ihr einander bald
heirathen, und die Befrderung zum Geheimen Rath abwarten. Er gab dem
Commerzienrath dies zu verstehn; der schnitt jedoch den Faden kurz ab, und
besuchte, von der Zeit an, unser Haus mit seinen Tchter nicht mehr. Ich
htte verzweifeln mgen.

Noch manche Verdrielichkeiten gesellten sich zum Schmerz meiner Liebe.
Ich hatte den Prsidenten an meinem Landesstuhl in aufwallender Hitze
beleidigt, weil er einen jngeren Referendarius mir voranstellte. Um so
weniger durfte ich nun Befrderung hoffen. Da Otto, um eben dieselbe Zeit,
auf eine hhere Stufe in seinem Collegium erhoben ward, so demthigte mich
die Zurcksetzung noch mehr.

Es lebte jedoch ein Oheim in Ruland, der ein wichtiges Amt bekleidete. Er
hatte meinem Vater geschrieben: Schicke mir einen von deinen Shnen; hat er
Kenntnisse, so werde ich leicht sein Glck machen. Otto hatte keine Lust,
in die Ferne zu gehn; ich hingegen berlegte nun, da manche Deutsche
in Ruland zu einem schnellen Fortkommen gelangt wren, und da, bei dem
mchtigen Einflu des Oheims, mir eine um so grere Hoffnung winke. Den
Ort zu verlassen, wo mir so vieles theuer war, kostete meinem Herzen viel;
doch weil es am Ersten auch seine glhenden Wnsche zu stillen vermochte,
ermannte ich mich.

Zuvor schrieb ich an Emma, und befragte sie: ob ich hoffen knne, da sie
nach Ruland mir zu folgen geneigt seyn wrde, sobald ich dort ein Amt von
Bedeutung erlangt htte. Sie antwortete zur Hlfte zrtlich, zur Hlfte mit
kluger Vorsicht. Ihre Gegenliebe wurde so hei geschildert, da sie dadurch
sich bewogen fhlen msse, jedem Verlangen, das ich an sie richten wrde,
zu gengen; in so weit ihr Vater damit einverstanden sei. Wenn gleichwohl,
ehe ich meinen Wunsch aussprechen knnte, dieser Vater anderweitig ber
ihre Hand zu gebieten veranlat werden sollte, drfte sie -- freilich nicht
ungehorsam seyn.

Ich mute mich hiermit begngen, und eilte nach Ruland.

Was mir dort begegnet ist, mag nur flchtig berhrt werden. Ich gelangte
durch meinen Oheim in eine Laufbahn, auf der ich vermuthlich eine hhere
Ehrenstelle wrde erreicht haben, wenn sich nicht gewisse Umstnde ereignet
htten. Auch schien es mir hier zu weit aussehend mit einer namhaften
Befrderung; ich hoffte schneller emporzusteigen, wenn ich mich in eine
geheime Verbindung einliee, deren eigentliches Ziel mir Anfangs nicht
bekannt war. Allerdings war es jugendliche Unbesonnenheit, die mich in
bedenkliche Umtriebe verwickelte. Es kam an den Tag; ich wurde abgesetzt,
und nach Sibirien geschickt.

Hier theilte ich das Loos aller Verwiesenen, hatte Zeit genug, ber meine
begangene Thorheit nachzudenken, und schleppte, zwischen Reue und Hoffnung,
ein elendes Leben hin.

Erst nach beinahe zwanzig Jahren schlug die Befreiungsstunde; ich hatte
damals auf weiteres Hoffen bereits Verzicht gethan.

Ich kam zurck nach St.Petersburg; mein Oheim war gestorben, hatte
mich aber, auf den Fall, da meine Verbannung enden sollte, zum Erben
eingesetzt. Ein Vermgen von etwa dreiig tausend Rubeln wurde mir
ausgehndigt.

Mit diesem Eigenthum beschlo ich wieder in meine Heimath zu gehn. Zwanzig
Jahre lang hatte ich nicht die mindeste Nachricht von dort erhalten, um so
strker sehnte sich mein Herz nach Wiedersehn.

Auch die Stimme der Liebe war noch nicht darin verhallt. Auf jenen einsamen
Schneegefilden hatte Emma nur zu oft meine Gedanken beschftigt, und ihr
Bild um so lebendiger vor meiner Fantasie gestanden, als mich dort kein
Umgang mit anderen Frauenzimmern zerstreuen, oder in mir eine andere
Neigung erwachen lassen konnte.

Freilich dachte ich aber auch oft: Sie wird lngst verheirathet seyn. Es
ist nicht glaublich, da so viel Liebenswrdigkeit ungesucht verblht wre.

Auf dem Heimwege mute ich zunehmend darauf gespannt seyn, in welchem
Verhltni ich Emma antreffen wrde. Bisweilen dachte ich: Ganz unmglich
wre es bei dem Allen nicht, sie noch ledigen Standes zu finden. Sie knnte
mehr gezaudert haben, als ihr Brief es zusagte, und, selbst wenn sie von
meinem Unglck Nachrichten bekommen htte, einer nahen Befreiung davon
entgegen gesehn haben. Denn schrieb mein Oheim seinem Bruder von den
Ursachen meines Unglcks, so schilderte er mich gewi auch weniger stafbar,
als leichtsinnig, und vertrstete auf eine glckliche Wendung meiner
Angelegenheit; die er selbst immer gehofft, und eifrig nachgesucht hatte,
wie ich nach meiner Rckkunft aus Sibirien erfuhr. Noch ein Umstand machte
es nicht ganz unwahrscheinlich, da Emma unvermhlt geblieben seyn knne,
denn noch vor meiner Abreise aus der Vaterstadt gewann Otto's Behauptung,
da es um Hills Vermgen nicht am beten stehe, Glaubwrdigkeit. So dachte
ich denn jetzt: Selbst schne Mdchen, wenn sie unbemittelt sind, bleiben
zuweilen ohne Freier, und es knnte also hier auch so ergangen seyn.

Vielleicht hatte sich Emma aber auch vermhlt, und ich fand sie jetzt als
Wittwe. In jenem und in diesem Falle wollte ich sie besitzen. Ich trumte
mir noch die Reste ihrer ehemaligen Schnheit entzckend, und empfand, nur
etwas ber vierzig Jahre hinaus, in meiner Brust um so mehr liebende Gluth,
als ich sie im nrdlichen Asien nicht abgekhlt hatte.

Daneben beschftigte mich aber oft auch die Frage: Was mag aus den brigen
Lieben in dem langen Zeitraum geworden seyn? Von den Eltern lie es sich
kaum hoffen, da sie noch lebten, wie hei ich es auch wnschte; beide
standen nahe an den Funfzigen, als ich von ihnen schied. Unmglich war es
demungeachtet nicht. Nchst ihnen lag mir die Schwester am Herzen. Vier
junge Mnner schienen Wilhelminen zu lieben, als ich mich entfernte. Kurz
zuvor hatte es noch das Ansehn, als ob Lilienthal wirklich Ernst machen
wollte. Man sprach neuerdings von einem Erbe, das ihm zugefallen sei, und
einer ihm bevorstehenden Rangerhhung. Ich konnte meinen: er habe rthlich
gefunden, erst diese Umstnde abzuwarten. Wo nicht, so hatte vielleicht
Soldin bald nachher Entschlossenheit gewonnen, ihr sein Verlangen
darzuthun. Oder fnde ich etwa in Eduard oder August meinen Schwager?

Die Letzten sowohl, als jene Beiden, waren brigens meine vorzglichsten
Jugendfreunde; verwandt mit ihnen oder nicht, regten die Schicksale, welche
sie erfahren haben konnten, meine warme Theilnahme an. Ich wnschte Jeden
beim Wiedersehn glcklich zu finden, und es mangelte nicht an Grnden,
es zu hoffen. Lilienthal, der junge Officier voll Geist und Kraft, dessen
einnehmende Auenseite ihm allenthalben Freunde gewann, und der bei meiner
Abreise glnzende Aussichten hatte, war vielleicht nun Oberst, vielleicht
General; wenn er anders in den Kriegen, welche sich unterdessen
ereignet hatten, nicht geblieben war. Soldin lebte vermuthlich als ein
wohlbegterter Landedelmann ruhig, und in wirthlich genossenem Ueberflu.
Eduard konnte leicht mit seinem klugen Unternehmungsgeist viel erworben
haben; wenn auch nicht alle Erwartungen seiner jugendlichen Fantasie
eingetroffen waren. Ich glaubte mit Ueberzeugung, da ich ihn wenigstens
als einen angesehenen, wohlbemittelten Kaufmann begren wrde. August
hatte einst Genialitt dargethan; ich bezweifelte sie weniger, als einige
Andere, bei denen, wie ich meinte, wohl Neid im Spiele seyn konnte. Und
mochte einst, dachte ich nun, der junge Mann einen zu hohen Glauben an
sich nhren; das spornt den Strebeflug, ohne den nichts gelingen kann. Ich
zweifle, da seine Plane nach ihrem ganzen Umfang gelungen seyn werden; mag
es aber auch nur ein bescheidner Kreis seyn, in welchem August mit Erfolg
sich bewegt: dann finde ich immer einen berhmten Componisten an ihm, den
mindestens auch einige Wohlhabenheit oder ein anstndiges Auskommen in
einem, seinen Neigungen entsprechenden, Beruf erfreut. Ich dachte noch:
Wenn ich schon ein mittelmiges Vermgen besitze, werde ich vermuthlich
doch gegen die alten Freunde zurckstehn; August hat wenigstens einen
berhmten Namen in seinem Kunstgebiet, und ich habe den meinigen eben nicht
bekannt gemacht. Ich gestehe, da ich an Otto weniger hing, als an jenen
Freunden, und deshalb sein Schicksal nicht so zum Gegenstand meiner Wnsche
und Hoffnungen erhob. Zwar verwies ich mir das aus Pflichtgefhl, als
unbrderlich; allein es war nun einmal so. Unsere verschiedene Gemthsweise
hatte schon in den Knabenjahren ein enges Vertrauen gehindert; und vor
meiner Abreise entzweite ich mich noch heftig mit ihm. Denn er gab mir auf
eine hochtrabende Weise Lehren, tadelte mein Benehmen im Collegium, und
verwies mit Stolz mich auf sein Beispiel und das schon erreichte hhere
Amt. Uebles konnte ich inde meinem Bruder deshalb unmglich wnschen,
und hielt brigens dafr, Otto wrde vermuthlich einigermaaen seinen Weg
gemacht, aber es doch nicht zu etwas Ausgezeichnetem gebracht haben. Seine
trockne Engherzigkeit schien fr diese Meinung zu sprechen.

Auch unsere Verwandte, Charlotte, berging ich damal nicht, bei diesen,
mir so viele Theilnahme erregenden, Betrachtungen. Es war ein unbedeutendes
Ding, ohne Verstand und Schnheit, nur im Hauswesen tchtig. Sicher glaubte
ich, die Arme wrde ohne Mann geblieben, und, wenn meine Eltern nicht
mehr lebten, oder Wilhelmine sich ihrer nicht angenommen htte, gezwungen
gewesen seyn, irgendwo ein Unterkommen als Ausgeberin zu suchen. Denn ich
urtheilte: ein Mann von Geschmack, selbst nur mit Charlotten in gleichem
Standesverhltni, htte wohl eine Person nicht begehren knnen, die einer
gewhnlichen Magd -- die schnen darunter ausgenommen -- hnlich sah. Und
einem kleinen Brgersmann, der platt genug empfunden, auf Schnheit gar
nicht zu sehn, wohl aber eine rege Hauswirthin gesucht htte, drfte
schwerlich auch das Wagstck eingefallen seyn, sich um die Verwandte
eines Rathsherrn zu bemhen; und mein Vater _dann_ auch seine Einwilligung
versagt haben. Ich beschlo aber, wenn es sich dergestalt verhielte,
Charlottens Lage nach meinen Krften zu verbessern.

Endlich sah ich mit klopfender Brust die Thrme meiner Vaterstadt. Sie
waren unverndert geblieben, bis auf den an der Hauptkirche. Seines
bauflligen Zustandes wegen hatte man ihn bis zur Hlfte abgetragen,
und mit einem kleinen stumpfen Dache versehn. Er prangte einst mit einer
stattlichen Kuppel und Spitze; die Physiognomie der Stadt gewann durch ihn
etwas heiter Aufstrebendes. Als Knabe hatte ich ihn mit einem erhebenden
Wohlgefallen angesehn, und ihn oft bis zur sogenannten Haube erstiegen.
Es verdro mich, den alten Freund als einen Krppel wiederzufinden; schier
ahnte mir darin ein Zeichen bler Vorbedeutung.

Als ich nher kam, lchelte mich eine neue, hoch empor gediehene, Pflanzung
von Pappeln an. Es war eine Verschnerung; sie wrde mir gleichwohl
anderswo besser gefallen haben, als hier. Dem erinnernden Bilde in mir
widersprach sie, und machte mir die Gegend vor dem Thore fremd.

Ich stieg aus dem Wagen, mich desto bequemer umzusehn, und lie den
Postillon halten. Es war ein schner Sommerabend; auf dem neuen Spaziergang
lustwandelten Einwohner. Ich mengte mich unter sie, fand aber nicht einen
der alten Bekannten hier. Auch das erregte mir Unmuth. Meinem Besuch
nach zwanzig Jahren in der Vaterstadt, hob ich bei mir an, scheint wenig
Freudiges entgegen treten zu wollen.

Wenn auch nicht gerade schon trbe, war ich doch nicht so heiter, wie ich
auf der langen Reise gehofft hatte, da ich es am Eingange der Heimath seyn
wrde. Von dem geahnten traulich heiligen Empfinden wehte mich jetzt nichts
an, und ich klagte heimlich, da es so sei. Immer wollte ich einen von den
Unbekannten anreden, ihn um meine Eltern, um Wilhelminen, um Emma fragen,
hatte gleichwohl nicht den Muth dazu. Ebenso zauderte ich, in die Stadt zu
gehn.

Meine Blicke fielen auf die Thr des nahen Kirchhofs. Sie stand offen, und
ich fhlte einen schwermthigen Zug hineinzugehn. O wie viele neue
Grber! Doch auch viele neue Denkmhler, die von zugenommenem Luxus
und verfeinertem Geschmack zeugten. Baumanlagen, sonst nicht vorhanden,
Gitterwerke, die kleine Grten umfingen, unter denen Todte ruhten, einzelne
Hgel, mit Blumen geschmckt, konnten als liebliche Veredlungen des
Anblicks trauernder Stille gelten. Aber sie riefen mir auch sehr lebhaft
den Gedanken zu: da Alles endet, wie schn es einst auch blhen und
glnzen mochte.

Ich schlich an den Grbern hin, und las die mancherlei Inschriften der
weien Steine und Eisenplatten. O, hier traf ich Bekannte genug! Ein Mal
ber das andere stie ich auf einen Namen, der mir einst wenigstens nicht
ganz gleichgltig ins Ohr tnte. Und nicht blo ltere Personen, die ich
vor Zeiten werth hielt, auch jngere sah ich nun lange schon der Verwesung
bergeben. Es war ein Mdchen darunter, das ich ein wenig geliebt hatte,
ehe noch Emma den bleibendern Eindruck auf mein Herz machte. Jene war im
ein und zwanzigsten Jahre verstorben, und ein Gespiele meiner frhsten
Kinderjahre hatte nur bis zum dreiigsten gelebt.

Nun kann eine wahrhaft melancholische Stimmung ber mich, und ich bebte,
Namen zu sehn, die mich noch strker rhren knnten. Des Gottesackers
Hinterwand umliefen noch inwendig Begrbnipltze in Gewlben. Mein Vater
hatte sich dort einen erkauft, und den nthigen Bau daran ordnen lassen.
Als ich aus meiner Vaterstadt ging, hatten die Seinigen noch keine
Anwendung von der neuen Ruhesttte machen drfen. Ich gewahrte sie
schaudernd, und nahte mich zitternd und wankend. Eine Steinplatte, mit
Zeilen versehn, war in die Auenwand gemauert. Schon sah ich sie, eh ich
die Zeilen noch lesen konnte. Ein Opfer also, dachte ich seufzend, hat sich
der Tod aus unserm Kreis genommen. Mit grauenvoller Neugier eilte ich zu
lesen, und vermochte es kaum. Es war die Mutter; sie schlief bereits zwlf
Jahre hier. Der Kirchhof warf viel auf meine Brust!

Ich starrte einige Zeit die Tafel an, und ging langsam weg. Es gelang mir
nicht, durch die Vorstellungen mich zu trsten: da es sich kaum anders
habe erwarten lassen, und da ich von Glck sagen drfe, wenn ich meinen
Vater noch unter den Lebenden antreffe. Ich fhlte in dem Augenblick, was
die brigen Verwandten zwlf Jahre frher an diesem Grabe empfanden.

Wieder hinausgetreten, sah ich einen drren bleichen Mann daher kommen. Er
bewegte sich mit kleinen Schritten, und hustete im Gehen oft. Er trug ein
schlechtes Oberkleid, und sein ganzer Anzug zeugte nicht von Wohlhabenheit.
Mir war, als htte ich ihn frher gesehn; doch besann ich mich auf Namen
und Stand nicht. Es schien mir auch, als htten Blsse und Falten das
Gesicht merklich umgewandelt.

Auch er fate mich ins Auge, und ich war schon an ihm vorbergegangen, als
wir Beide zugleich still standen und nach einander umblickten. Jetzt rief
er meinen Namen. Auch die Stimme tnte mir bekannt, doch schwach und hohl.
Ich ging zu ihm, und sagte: Verzeihen Sie, mein Herr; ich soll die Ehre
haben, Sie zu kennen, und besinne mich doch nicht gleich...

Haben Sie Ihren alten Freund Lilienthal vergessen? Mit diesen Worten
unterbrach er mich.

Ich trat staunend zurck, und konnte kein Wort sagen.

Ja, fing er lchelnd wieder an, ich habe mich wohl ziemlich verndert. Sie
aber scheinen noch ganz munter. Noch nicht einmal, wie ich sehe, Ein graues
Haar. (Das seinige war schon zur Hlfte bleich.)

Ich umarmte ihn nun, und stotterte: Nein -- das htte ich nicht gedacht --
und wie gehts? Mit welchem Titel hat man Sie anzureden?

Er antwortete: Es geht verdammt schlecht. Ich bin invalider, pensionirter
Hauptmann.

Verwundet im Kriege?

Nein, die Gicht hat es mir gethan. Da mu ich mich nun mit dem schmalen
Gnadengehalt hinstmpern. Und wenn ich ihn noch ganz bekme! So wird mir
aber noch fr meine Glubiger die Hlfte abgezogen.

Freund -- ich beklage unendlich, Sie nicht in einem glcklichern Zustande
wiederzusehn.

So geht es nun schon einmal. Wenn man in der Jugend zu rasch gelebt hat,
wird man frh alt.

Hm -- ich dachte, Sie besen auerdem ein ansehnliches Vermgen--

Wo bist Du Sonn' geblieben!

Ehe ich vor zwanzig Jahren abreis'te, hie es, Sie htten eine bedeutende
Erbschaft--

Ach, wie man's denn im Leichtsinn treibt. Ich hatte ein Paar tausend
Thaler; in ein Paar Jahren flogen sie aber hin. Einmal gewhnt, auf einem
artigen Fu zu leben, nahm ich auf, und sprengte, um meinen Kredit zu
befestigen, allerhand Mhrchen aus. Eigentlich nicht ganz Mhrchen. Ich
hatte begrndete Hoffnung, zu steigen, zu erben, nur kein Glck. Manche
lebten wster in den Tag hinein, als ich, und sind jetzt Obersten,
Generale, und haben keine Gicht. Das Glck tut alles auf der Welt.

Sind Sie verheirathet?

O! wenn ich noch Frau und Kinder htte, schsse ich gar mich todt. -- Die
Abendluft wird kalt, ich mu unter Dach. Wir sehen uns wohl ein ander Mal.
Leben Sie wohl!

Erlauben Sie mir, Sie noch einen Augenblick zu begleiten. Ich bin in
zwanzig Jahren nicht hier gewesen, und mchte um Manches fragen.

Er that mir den Vorschlag, mit nach der Kegelbahn zu gehn, die er besuchen
wollte; da knnten wir noch eins mit einander plaudern.

Der ffentliche Garten lag nahe. Ich trat mit Lilienthal hinein, und sah,
da Einrichtungen und Gste nur ein ziemlich mittelmiges Ansehn hatten,
so da ich mich wunderte, wie Lilienthal sich an einen solchen Ort begeben
knnte.

Unterweges fragte ich: Lebt mein Vater noch?

Kann's wohl nicht recht sagen, hie die Antwort; hab' ihn in langen Jahren
nicht gesehn.--

Hm -- ein Rathsherr ist doch nicht so unbekannt--

Jetzt besinn' ich mich. Er soll noch leben, ist aber schon lange in den
Ruhestand versetzt. Es geht ihm wie mir.

Wohnt er noch in seinem Hause?

Das ist schon lange verkauft. Irre ich nicht, so hlt er sich bei der
Tochter auf.

Und die?

Sie lebt, das wei ich gewi. Noch vor etlichen Wochen ist sie mir mit
ihren Kindern begegnet.

Ich wollte eben mit groer Spannung fragen, an wen sie verheirathet sei,
als etwas Anderes dazwischen trat. Der Wirth des Gartens kam, und fragte,
was uns beliebe. Ich wollte eine Flasche Wein geben lassen. Den habe ich
nicht, sagte er mit Achselzucken. Lilienthal nahm das Wort mit Lachen: Hier
giebt es nur diverse Biere und Aquavite.

Ich hatte nach Jenem wenig gesehn; nun fiel mir auf, da er seinen Mund an
Lilienthals Ohr legte, und ihn um etwas fragte, wobei er mich ansah. Der
invalide Hauptmann erwiederte: Ja, ja, er ists.

Jetzt nahm ich den Wirth mit seinem Mtzchen aus Sammet genauer ins Auge.
Wieder ein nicht fremdes, aber ziemlich schmalbckiges Gesicht. Kaum traute
ich meinen Augen, und rief endlich: Eduard?

Er gab mir die Hand. Ei, ei! Lange nicht gesehn. Eine dicke Stimme aus
der Kegelgesellschaft rief jedoch: Herr Wirth, noch ein Glas Breslauer! Da
eilte mein Jugendfreund schnell seinem Beruf nach.

Um Gottes willen, hob ich mit fast erstickter Rede zu Lilienthal an: _der_
in einem Kegelgarten?

Der arme Teufel hat ihn gepachtet, wird aber auch nicht sonderlich bestehn;
es kommen nur wenig Gste.

Er war doch Kaufmann...

Hat einen kleinen Bankrott gemacht. Und was sollte er dann thun? Frau und
Kinder wollen ernhrt seyn.

Eduard hatte sein Geschft besorgt. Ich nahm ihn bei der Hand, und fhrte
ihn aus der Kegelbahn in einen Gang. Freund, sagte ich, wie geht es zu?
Dein spekulativer Sinn, Dein Unternehmungsgeist von ehedem! Ich dachte ...
ich hoffte...

Die Stimme, von der ich Bescheid bekam, tnte nicht mehr so leicht und
hochfliegend; sie hatte etwas Schweres, neben dem Kleinlauten. Eduard schob
die Sammtmtze, um sich hinterm Ohr zu kratzen, und sagte nun: Wer kann
fr Unglck! Ja htte der Vormund mich nur in Hamburg gelassen, ich glaube
immer noch ... er schickte mir aber kein Geld; ich mute zurck, und hier
meine Handlung mit Spezerei- und Materialwaaren antreten. Nun, ich habe
mich viele Jahre dabei hingestmpert. Aber rechts und links etablirten sich
Andere, verkauften um Spottpreis, die Consumption nahm in den schlechten
Zeiten ab, Einquartierung und andere Kriegslasten dazu -- so ward ich
endlich ruinirt.

Du wolltest ja eine groe Fabrik anlegen.

Jung will man viel. Ohne groe Mittel lt sich aber nichts Groes
anfangen.

Du wolltest Dich um Summen an die Regierung wenden.

Das will mchtige Frsprache. Ich habe geschrieben, da- und dorthin. Rund
abgeschlagen.

Armer Eduard!

Wren die Paar Tausend Thaler meiner guten Frau nur nicht mit darauf
gegangen!

Wen hast Du denn geheirathet?

Die Tochter meines Vorgngers in der Handlung. Der Vormund wollte es so,
hatte auch im Grunde nicht unrecht. Ich mochte mich in den ersten Jahren
wohl nicht genug nach der Decke strecken, nicht genug um meine Handlung
bekmmern; wie das so geht, wenn man denkt, es kann nicht fehlen. Man
bereut es hernach, doch zu spt. -- Und der Herr Bruder? Ich hrte von
Sibirien. Doch also wieder frei! Gratulire. Wie geht es sonst?

Schon darum bel, weil ich zwei alte Freunde nicht glcklich wiedersehe!

Was hilft's? Geschehene Dinge sind nicht zu ndern. Hier ist ja noch ein
Jugendfreund. He, Cantor, lieber Cantor!

Ich sah den Mann herwatscheln, der mit einer dicken Stimme Breslauer Likr
verlangt hatte. Die weitere Gestalt entsprach dem. Keine schmale Wange; ein
chtes Abend-Vollmondgesicht, denn es war mit Kupfer bestreut.

Eduard nannte ihm meinen Namen. Ei, ei! rief er; lange nicht gesehn und
doch noch gekannt. Er schlo mich so weit in die feisten Arme, als der
Schmeerwanst es nicht hinderte, und sagte jovial: Darauf mssen wir gleich
eins trinken. =Cantores amant humores!=

Verlegen erkundigte ich mich: von wem ich die Ehre htte, mich umarmt zu
sehn?

Karl! rief die fette Gestalt; und Du willst Deinen August nicht mehr
kennen?

Ich wand mich los, und starrte aufs hchste betroffen in das faunische
Gesicht. In der That, es war August!

Er kicherte: Nicht wahr, ich habe mir da einen runden Bauch angeschafft? Er
kostet mir aber auch manchen runden Thaler. Ha ha ha!

Freut mich, Dich wenigstens vergngt zu sehn. Ich hoffte inde gerade
nicht den Bauch zu finden...

O, den la mir in Ehren!

Bist Du nicht in Italien gewesen?

Was sollte ich da gethan haben! Und wo Geld hernehmen zur Reise!

Du hattest vor zwanzig Jahren doch gewisse geniale Ideen...

Ja, Brderchen, es gibt nur so vielen Widerstand.

Ich meinte, Du wrdest gegen ihn ankmpfen, ihn besiegen.

Brderchen, man wird denn rgerlich, ist mitunter auch ein wenig faul...

Du hattest damal die Composition einer Oper in Arbeit. Was ich davon
hrte, fand ich ungemein...

Erinnre mich nicht daran. Ich hatte Aerger die Menge dabei, und Schaden.
Lie zehn Abschriften machen, und schickte sie an deutsche Theater. Die
meisten remittirten, unter hflichen Ausflchten. Einige nahmen sie; nur
von Einem bekam ich aber Geld, und das ersetzte mir die Kosten noch
nicht. Kabalen steckten auch dahinter, Kunstneid, Hudelei. Wo man die
Oper aufgefhrt hatte, erschienen bse Kritiken, sprachen von entlehnten
Gedanken, veraltetem Styl. Ich htte die Hunde von Recensenten todt prgeln
mgen. Hernach verschwor ich's mit den Opern. Aber ein Heft geistlicher
Oden und vierstimmiger Motetten habe ich noch herausgegeben; die wurden
ziemlich gut recensirt.

Darum kamst Du nicht nach Italien?

Italien, Italien! =Tempi passati=, sagen sie dort.

Und nach Frankreich, das einen Gluck =redivivus= in Dir sehn sollte?

Brderchen, es taugt im Grunde den Teufel nicht, wenn man in der Jugend
Genie hat, und sitzt nicht auch an der Quelle, und wei die Kabalen nicht
todtzumachen. Das Brotstudium wird darber versumt, man treibt =Allotria=,
und macht Plnchen, die wie Seifenblasen an der Luft zerplatzen. Jetzt habe
ich mir die angenehmen Trumereien abgewhnt. =Non sum qualis eram.= Weit
Du, was ich thun wrde, wenn ich etliche und zwanzig Jahre zurck htte,
oder was ich htte thun sollen? Meine Theologie tchtig treiben, mir
Freunde machen, eine gute Pfarre verschaffen, und hernach das liebe Minchen
heirathen. O, Minchen war mir gut, besonders am Klavier. Man schwrmte auch
ein bischen mit Klopstock, Gthe und Schiller. Alles vorbei! Ich frage auch
den Teufel mehr nach Amor; Vater Bacchus ist mein Mann.

Ei, ei! Und wie lebst Du denn sonst?

Nun, hier auf der Kegelbahn befinde ich mich ganz wohl, und dann geh ich
zum Duchstein*). Die Composition hab' ich an den Nagel gehngt; es kommt
nichts dabei heraus. Und, die Wahrheit zu sagen, ich bin auch zu faul, und
habe mit meiner Singschule, meiner Kirchenmusik ohnehin so viel zu thun.
Brderchen, so viel kann ich Dir aber noch sagen: aus meinem Bariton ist,
ohne Ruhm zu melden, ein Bierba geworden, der sich gewaschen hat. Komm
nur den Sonntag in die Frhpredigt, Du wirst hren, da alle Kirchenfenster
klingen.

  *) Ein Weibier, das in Knigslutter gebraut wird.

Herr Cantor! rief man drinnen; Sie schieben.

Eilig watschelte August davon, und lie den Freund stehn. Eduard zuckte
die Achseln, und sagte: Er ist nun einmal nicht anders, und mu schon so
verbraucht werden.

Lilienthal kam wieder zu mir. Es soll, nahm er das Wort, dem Cantor
nicht an Geschicklichkeit fehlen; nur betrbt, da er sich dem Trunk so
leidenschaftlich ergeben hat! Es hie schon einmal: er wrde seine Stelle
deshalb verlieren.

Ich fragte: Ist er verheirathet?

Gewesen, erwiederte Eduard; aber von seiner Frau geschieden. Sie war die
Tochter des Rektors. Durch ihn kam er noch endlich zu dem Amt, das er sonst
wohl nicht erlangt htte.

Ich empfahl mich den alten Bekannten, ohne weitere Fragen zu thun, weil
ich vor der Hand genug hatte. Schwermthig ber Zeit und Menschenloos
nachsinnend, ging ich nach meinem Wagen, und fuhr in die Stadt.

Es sah artiger darin aus, als vordem. Einige neue, einige verschnerte
Huser, mehr Aufwand im Anzug der Brgersleute, die mir auf der Strae zu
Gesicht kamen, zeugten von vermehrter Wohlhabenheit. Doch spterhin erfuhr
ich: es wre nur mehr als sonst blich, um schimmernde Auenseiten bemht
zu seyn; den alten chteren Wohlstand habe der Krieg zerstrt.

Ich lie vor einem Gasthof halten. Als ich aus dem Wagen stieg, kam der
Advokat Sauer aus der Thr. Er hatte am wenigsten gealtert, auch sich
sonst eben nicht verndert; nur noch etwas grmlicher war das stets dstre
schwammichte Gesicht geworden. Augenblicklich erkannte ich ihn, sagte
ihm inde nur eine flchtige, khle Hflichkeit; weil er mir ehedem nicht
gefallen hatte.

Schwager, fiel er mir ins Wort; Schwager, kommt Ihr einmal wieder zu uns?
Willkommen aus Sibirien.

Ich stutzte ber die Anrede und den vertraulichen Ton. Nach einem
betroffenen Schweigen erwiederte ich: Schwager?

Mein Gott, rief er, wit Ihr denn nicht einmal, da ich Eure Schwester
geheirathet habe?

Mit drrem Staunen sagte ich: Das ist mir ganz neu!

Schon vor funfzehn Jahren. Wir haben drei Jungen und zwei Mdchen. Also gar
keine Nachricht von den Verwandten gehabt? Nun, in Sibirien, da wundert's
mich nicht. Und meines Schwiegervaters Bruder in Ruland ist ja auch schon
vor langer Zeit gestorben. Ihr wollt doch nicht im Gasthof logiren? Kommt
zu mir. Es ist wohl enge da; doch wir mssen sehn, wie man sich behilft.
Der Alte ist ja auch bei uns. Nur wieder in den Wagen; ich steige mit ein.

Dies konnte ich nicht wohl ablehnen. Im Wagen fragte ich: Nun, wie lebt Ihr
denn mit Wilhelminen?

Je nun, war die Antwort, so so. In der Ehe giebt es nun einmal viel
Aprilwetter. Anfangs hatte sie immer noch die eleganten Herrchen, die
Genies, im Kopf; da stand es um unsere Eintracht nicht am beten. Ich
sagte: Das waren nichtige Courmacher, luftige Projektanten; ich bin ein
solider Geschftsmann, und habe es doch ernst gemeint. Also ziemt es sich,
da Madame so gtig ist, und mich liebt. Eine therische Liebe verlange
ich gleichwohl nicht; blo eine irdische, wie sie eine deutsche vernnftige
Hausfrau kleidet. Wenn ich aber doch sah, da Madame nicht so gtig seyn
wollte, und aus dem angenommenen Schein nur Verstellung hervorblickte, ja
dann hielt ich bisweilen eine Gardinenpredigt, und hatte Recht dazu.
Mit der ewigen Musik, und den Musenalmanachen hatte ich erst auch meinen
Verdru, und ich gestehe, da ich bisweilen ein Notenheft, oder ein
Bndchen Poesien ins Feuer geworfen habe. Inde hat es sich gegeben. Sind
erst fnf Kinder im Hause, dann geht es prosaisch genug zu, und das liebe
Fortepiano wird in Monaten nicht berhrt. Im Anfang berlief mich auch der
liederliche Cantor oft. Ich wies ihm die Thr; nun pate er die Zeit ab,
wo ich Geschfte auer dem Hause hatte. Es wurde mir aber gesteckt; ich kam
unvermuthet, und dies Mal warf ich ihn zur Thr hinaus. Ich kann's nicht
leugnen, da ich -- und wer an meiner Stelle htte es nicht auch gethan? --
da ich in der Hitze meinem Minchen eine kleine Ohrfeige gab. Nun, das hat
mich auch bei kaltem Blute nicht gereut; denn seitdem hat sich Minchen um
vieles gebessert.

Diese Mittheilung emprte mich so, da ich eben ausholen und meinem
Schwager eine groe Ohrfeige appliziren wollte, als mir noch zur rechten
Zeit einfiel, da meine Schwester davon am meisten zu leiden haben wrde.
Fnf Kinder hatte sie zudem mit dem Unhold! So knirschte ich denn blo mit
den Zhnen.

Gott, dachte ich heimlich, wre mir in dem langen Zeitraum all dies Unheil
nach und nach zu Ohren gekommen! Aber nun so auf Einmal! Und was mag mir
noch bevorstehn!

Wir langten in Sauers Wohnung an. Wilhelmine stie vor Freude einen
heftigen Schrei aus; ich htte ihn vor Schrecken erwiedern mgen! O Himmel!
wie bleich, abgezehrt, und daneben wie alltglich, zeigte sich jetzt die
einst so holde, einnehmende Schwester! Weder ihre Kleidung, noch der sie
umgebende Hausrath, deuteten auf eine vortheilhafte Lage. Die Kinder,
welche sie rief, den Oheim zu begren, waren reinlich, aber ziemlich
drftig gekleidet. Mich befiel ein Kummer ohne Gleichen.

Sauer holte meinen Vater aus seinem Zimmer. Fast Entsetzen erregte mir sein
Anblick. Schneeweies Haar, nichts als Runzeln, Kopf und Hnde bebend. Und
so erkaltet war ihm das Gemth, da er kaum noch einige Freude ber den
nach zwanzig Jahren wiedererscheinenden Sohn uerte. Keine Spur mehr von
jener alten Herzlichkeit und dem heitern, aufgeweckten Sinn.

Wir setzten uns zum Abendessen. Ich mute von meinen Schicksalen im Norden
erzhlen, wobei die Anderen meistens schwiegen, und ich so zu keinen Fragen
gelangte. Ich mochte deren auch keine mehr thun. Hatte ich nicht schon
freudenlose Antworten genug bekommen?

Nachher schien es, als habe der Wein den Greis ein wenig aufgethaut,
oder als habe er in dem schwach gewordenen Kopfe nun berdacht, was sich
zugetragen hatte. Er schlo mich in die zitternden Arme, und weinte. Gott
sei Dank, sagte er, da Du noch kamst. Etwas spter, so httest Du mich
nicht mehr gefunden. Ich werde bald zu Deiner Mutter gehn.

O Gott! sagte ich, aufs Neue erschttert; ich habe bereits an ihrem Grabe
gestanden.

Mein Vater ging zu Bette, der Schwager sammt den Kindern auch; Wilhelmine
fragte mich: ob wir nicht noch ein halbes Stndchen plaudern wollten?

Ich that das gern. Sie schilderte mir nun ihren huslichen Zustand. Das
Betragen ihres Mannes umging sie zart; auerdem hatte sie aber von nichts
als Noth und Kummer zu erzhlen. Sauer hatte wenig Freunde; nur Leute, die
einen Erzrabulisten suchten, wendeten sich an ihn. Das Einkommen reichte
bei fnf Kindern nicht zu; man steckte in peinlichen Schulden, und eben
so der alte Vater noch. Die Kreuztrgerin endete: Was ist zu thun? Ich mu
mich in Geduld fassen. Noch ein Glck fr mein Mutterherz, da meine Kinder
gesund, auch sonst ziemlich wohlgeartet sind. Vielleicht erlebe ich an
ihnen noch Freude.

Gute Schwester, erwiederte ich, einigermaaen werde ich Deine Lage
verbessern knnen. Doch sage mir: wie hast Du Dich entschlieen knnen,
Sauer'n zu heirathen?

Seufzend erklrte sie: Ja -- es ward mit den brigen Aussichten nichts.

Ich dachte, Herr von Soldin...

Schnell unterbrach sie mich: Auch nichts! und fuhr fort: Die Zeit ging hin;
ich war schon drei und zwanzig Jahr. Die Eltern fhlten sich immer mehr
bedrngt, und wollten mich versorgt sehn. Da kam mein Mann -- Es whrte
lange, eh ich mich berwinden konnte; doch -- was blieb mir...

O Gott! sagte ich; Du hast so vielen Flei auf die Bildung Deiner schnen
Talente gewandt! Was ntzt es Dir nun!

La uns nicht mehr ber das Vergangene reden, seufzte sie. Hin ist hin!
Jetzt lebe ich nur in meinen Kindern.

Ich ging stumm auf und nieder, warf mich dann in das Sopha, und sttzte
den Kopf auf die Hand; die Unruhe in meiner Brust war unbeschreiblich.
Ich dachte an die Worte eines Dichters, welche mir auf der Reise von
St.Petersburg hieher, mit einem sen Anklang, oft einfielen:

  Froh werd' ich die Altre
  Der heimatlichen Hh'n,
  Und froh die Wonnezhre
  Der Jugendfreunde sehn.
  Und sie, die einst im Lenze
  Der schnen Minnezeit,
  Sich bis zur dunkeln Grnze
  Des Lebens mir geweiht--

Ach, so fand ich es nicht! -- Noch hatte ich nach Emma nicht gefragt. Was
ich bis jetzt gehrt, lie mich die Geliebte vergessen, inde nur auf eine
kurze Zeit. Die Frage schwebte mir wieder auf der Zunge, doch immer
gewann ich keinen Muth dazu; mein Herz frchtete hier zu viel von einer
niederwerfenden Botschaft.

Endlich hob ich doch zu Wilhelminen stockend an:

Was ist denn aus dem Commerzienrath Hell geworden?

Schon zehn Jahre todt.

Das glaubte ich nicht; wenigstens fand ich seinen Namen auf keinem
Leichenstein.

Er ist in der grten Drftigkeit gestorben. Aufwand und milungene
Spekulationen...

Hm -- und Minna, seine Tochter?

Die hat schmhlich geendet.

Geendet?

Nach des Vaters Tode waren die Mdchen noch unverheirathet--

Unverheirathet? Beide?

Ja! Minna wurde Gesellschafterin im Hause des Prsidenten Wernbach, lie
sich aber in einen strflichen Umgang mit ihm ein -- es ward ruchtbar. --
Noch ein Glck, da sie mit dem Kinde im Wochenbette starb. Die Prsidentin
lie sich scheiden.

Das herrliche Mdchen und so ehrvergessen! In Grten kann man aus der
Blthe die Frucht voraussehn, bei den Menschen nicht -- Und... und...?

Guter Bruder, ich ahne, was Du noch fragen willst.

Du hast mein ganzes Vertrauen. Und Emma?

Frage mich nicht. _Die_ hast Du geliebt--

Ich liebe sie noch, gute Wilhelmine! Hat sie keinen Mann -- wie auch ihre
Schnheit verblht seyn mag, ich gebe ihr meine Hand!

Dies -- kannst Du nicht!

Warum nicht? Ihre Armuth soll mich nicht zurckstoen. Sie hat einst
mein Herz reich an schnen Empfindungen gemacht, die im Zeitstrom nicht
untergegangen sind. Ich habe kein andres Hoffen mehr, als Emma noch mein zu
nennen.

Dies kannst Du ... nein, frage mich nicht. Erkundige Dich bei Andern.

Auch hier also warten entsetzliche Nachrichten auf mich? So gieb Du sie
mir. Wen an Einem Tage schon so viele Dolche trafen, der ist auf Alles
gefat.

Ich mchte nicht gern ... mache Dich frei von dieser unglcklichen Neigung!

Diese Neigung ist mein Glck. Ich will Emma mein nennen!

Dies kannst Du -- wenn Du es denn durchaus hren willst -- um einen migen
Preis--

Was sagst Du, Schwester! Ich hoffe doch nicht...

Ihr blieb nach dem Tode ihres Vaters weiter nichts brig, als sich mit
Putzarbeiten zu ernhren. Doch, an Hochleben und Miggang gewhnt, wollte
sie sich in Sprlichkeit und Flei nicht fgen. -- Ihr Ruf ward zweideutig.

Gott!

Nach und nach sank Emma tiefer, und wurde zuletzt als ffentliche Buhlerin
bekannt. Da zog sie den Sohn eines reichen Kaufmanns an sich, plnderte
ihn aus, und verfhrte ihn, die Kasse seines Vaters um nahmhafte Summen zu
bestehlen...

Hre auf. Doch nein -- nein -- ende!

Es kam an den Tag. Emma wurde auf vier Jahre ins Zuchthaus geschickt--

Zu viel! zu viel!

Diese Strafe ist berstanden. Emma wurde wieder frei. Sie fing das alte
Treiben aufs Neue an; doch -- wie man hrt, und es ihre Jahre vermuthen
lassen -- fr sich mit schlechtem Erfolg. Dagegen hat sie eine Art von
Pflanzschule um sich--

Genug! Beim Himmel, genug! -- Ich ri mich von Wilhelminen weg, und
eilte zu meinem Lager, wo ich aber die ganze Nacht keine Ruhe fand. Eine
mehrtgige Krankheit folgte den Gemthsbewegungen an dem schrecklichen Tag.

Dann ergriff ich meinen Entschlu, und sagte der Schwester: Meine Liebe
ist dahin! Ohne Liebe noch zu heirathen, wre Thorheit. -- Wie hoch
belaufen sich die Schulden des Vaters und Deines Mannes?

Seufzend erwiederte sie: Wohl auf viertausend Thaler.

Die bezahle ich.

Bruder! -- O Bruder!

Von den Zinsen meines brigen Vermgens will ich Deine Kinder erziehen
helfen, sie mgen einst meine Erben seyn. Ich will mich auch um ein Amt
hier bewerben, so kann ich desto mehr thun, und finde Zerstreuung in den
Geschften.

Wilhelmine umarmte mich mit Freudenthrnen. Es wurde mir doch etwas
leicht, da ich solche Thrnen flieen sah. Gott, rief ich, so frommen also
Schnheit, Talente, Bildung und andre beneidete Vorzge nicht, wenn das
Glck nicht auch lchelt! O Jugend, auf das Unglck schicke Dich an, und
wahrlich am meisten, wenn Dir solche Vorzge eigen sind!

Mit einer edlen Fhlbarkeit sagte Wilhelmine nach einigem Schweigen:

Und -- Emma?

O die Verworfne!

Auch die am tiefsten gefallen sind -- bleiben Menschen.

O gute Schwester!

Du hast sie geliebt.

Ich gebe ihr ein kleines Jahrgeld.

Auf Eine Bedingung--

Versteht sich: da sie dem ruchlosen Wandel entsagt, und sogleich diese
Stadt verlt.

Dies macht Deinem Herzen Ehre.

Bei diesem Gesprch kam erst noch zur Aufhellung, woran zeither noch
niemand gedacht hatte. Ich sagte: Aber ist denn die ganze Menschheit in
spteren Jahren zum Unheil verdammt? Die Jugendfreunde, die Verwandten,
Alles mu ich unglcklich wiederfinden, und... Nicht Alles, fiel
Wilhelmine ein. Seltsam, da Du nach unserm Bruder Otto noch nicht gefragt
hast. Zum Theil ist wohl Deine Krankheit Schuld daran, da wir vergessen
haben, von ihm zu reden; zum Theil auch -- wird bei den Seinigen nicht eben
viel ber ihn geredet--

Ich begreife selbst nicht, fiel ich ein, wie es zugegangen ist, da ich
an Otto nicht gedacht habe. Von den brigen bsen Zeitungen war mein
Gedchtni so vollgepfropft, daߠ... nun, was macht Otto? Ich wnsche ihm
alles Gute.

Die Schwester antwortete: Er ist Minister des Herzogs.

Es war sicherlich keine Migunst, was ich empfand; ich staunte nur, faltete
die Hnde, und schttelte den Kopf ein wenig.

Jene fuhr fort: Er ist zugleich in den Adelstand erhoben.

Ist es mglich! Aber ist es mglich!

Einige Jahre nach Deiner Abreise wurde er Rath, und nicht lange darauf
Prsident eines anderen Collegiums; dann wurde er weiter empfohlen, und dem
Herzoge nher bekannt. Schon manches Jahr bekleidet er die erste Stelle im
Lande.

Immer noch hchlich verwundert sagte ich: Otto der trockne, engherzige
Otto, Minister des Herzogs?

Lchelnd erwiederte meine Schwester: Wenn nun der Herzog trockne,
engherzige Minister liebt? Ueber den Geschmack ist nicht zu streiten.
-- Dem Bruder gelang es auch noch weiter. Seine Wrde verschaffte ihm
Gelegenheit, sich mit einem Frulein aus einem reichen Hause zu verbinden.

Nun -- ich gnne ihm Alles; er ist mein Bruder. So hre ich doch nicht
lauter schlimme Nachrichten. Ei, ei! Es scheint also, als mte
eine Anweisung, hier Glck zu machen, so lauten: Flei, tchtigen
Geschftsflei, wenn auch mehr dem Schein als der Wirklichkeit nach, und
den Flei so geregelt, wie ihn jeder alltgliche Kopf zu zeigen vermag; das
heit: trocknen Schlendrian, immer Schlendrian, nie ber das Gewhnliche
hinaus. Zweitens Kriecherei, chte, wahre Kriecherei vor allem Rang.
Endlich die so beliebte Engherzigkeit. Nun meinetwegen denn! Ich kann es
nicht ndern. Aber sage mir nur, wie es zugeht, da unser Vater nach so
langjhrigen, treuen Diensten eine so krgliche Pension hat! Konnte sie
Otto nicht billig erhhen? Konnte er Deinem Mann nicht eine gute Bedienung
verschaffen? Dein Mann mute allenfalls ja auch sein Mann seyn.

Wilhelmine erwiederte: O, Se.Excellenz geruhen jetzt, sich Dero armer
Verwandten zu schmen. Als wir uns im Anfang von Otto's Erhebung an ihn
wandten, fertigte er uns mit kleinen demthigenden Geschenken ab. Auf
wiederholte Bitten, etwas fr den Vater, und fr meinen Mann zu thun, gab
er zur Antwort: Unmglich knne er, auf seinem viel beobachteten Platze,
sich Nepotismus vorwerfen lassen; vielmehr habe er, aus Consequenz,
allenthalben zu vermeiden, da er nicht fr Angehrige und ltere Bekannte
eintrete. Der Pensionsfond sei zudem erschpft, und Sauer habe nur
gengende Thtigkeit auf das Advociren zu verwenden, um bestehn zu
knnen. Nun machte ich selbst eine Reise zu ihm. Es whrte lange, ehe ich
vorgelassen wurde; und, als es endlich geschah, whrte die gndige
Audienz, berhufter Geschfte wegen, nur kurze Zeit. Otto blieb auch jetzt
unzugnglich, und sagte mir daneben: der Vater sowohl, als ich, htten ihn
immer dem Bruder nachgesetzt, und an diesem ein hheres Talent und manche
andere Vorzge erhoben. Nun, fgte er hinzu, das hhere Talent half
ihm nach Sibirien. Mag er von da seinen Lieben Zobelpelze schicken! --
Empfindlich, da er ber Dein Unglck noch spotten konnte, verwies ich ihm
das, und sagte hernach: eben auch des unglcklichen Bruders wegen kme ich.
Glaube er, dem Vater und meinem Manne keine Gunst erzeigen zu drfen, so
mchte er wenigstens den Herzog bewegen, sich am russischen Hofe mit einer
Bitte fr Dich zu verwenden. O, sagten Se.Excellenz, da wrde ich bei
Sr.Durchlaucht eine Fehlbitte thun, und noch Hchstihre Ungnade auf mich
laden. Mit dem Hofe in St.Petersburg steht der hiesige nicht am beten.
Ich kann weiter nichts als den Unglcklichen bedauern. Seinem unbesonnenen
Leichtsinn mu er brigens sein Schicksal zuschreiben. -- Nun folgte ein
stolz freundliches Entlassungszeichen. In den Gasthof schickte Otto mir
noch ein trocknes Billet, mit einer Summe, die meine Reisekosten vergten
sollte. Ich sandte sie ihm, mit einem Briefchen in seinem eignen Styl,
zurck. Seit dieser Zeit haben wir uns so wenig um ihn bekmmert, wie er
sich um seine Verwandten.

Pfui, rief ich aus; pfui! -- Doch la ihn! Er kann bei diesem unholden
Sinn, trotz allem Ansehn und Vermgen, sich nicht glcklich fhlen. Ich
danke um so mehr fr Deine schwesterliche Liebe, die, so viel es anging,
doch zu handeln versuchte. Aber -- damit nicht auch ich keine Theilnahme
fr arme Verwandten zeige -- ich habe noch nicht nach Charlotten gefragt.
Lebt sie noch und in welchen Verhltnissen?

Wilhelmine bi sich ein wenig in die Lippen; es fiel ihr schwer,
eine Antwort zu geben. Neid war nicht im Spiel; eines so gehssigen
Charakterzuges war sie nicht fhig. Aber einige Spuren von verwundeter,
weiblicher Eitelkeit las ich in ihren Augen, als sie ber diesen Gegenstand
reden sollte. Ihre widrige Empfindung unter einem Lcheln zu verbergen
bemht, hob sie endlich an: Charlotte ist lange verheirathet.

So hat sie doch einen Mann gefunden? Das freut, und -- wundert mich.

Glcklich verheirathet, wenigstens reich -- nein, in der That auch
glcklich; die Gemthsart ihres Mannes pat zu der ihrigen.

Reich obenein? Das Mdchenglck hat auch seine Launen.

Und oft gar seltsame.

Wer ist denn Charlottens Mann? Habe ich ihn gekannt?

O ja! Du wirst Dich bei seinem Namen wundern. Herr von Soldin.

Ist das Scherz oder Ernst?

Warum sollte ich Scherz treiben!

Ich meinte -- es hatte so ein Ansehn, und man konnte es unmglich anders
deuten -- er habe Absichten auf Dich...

Die hufigen Besuche galten Charlotten. Um _sie_ bemhte er sich, als wir
glaubten....

Wie konnte -- fast mcht' ich sagen, das platte Geschpf ihn anziehn!

Ueber den Geschmack ist nicht zu streiten.

Hm! -- Du nanntest ihn immer geschmacklos. Er hat diesen Ausspruch
besttigt.

Unbedeutende Mdchen finden oft leichter eine Heirath, als gebildete.

Wie geht das zu? Etwa, weil es so wenig gebildete Mnner giebt? Das ist
wohl gewi nicht die Ursache. Der gebildeten Mnner mssen ja viel mehr
seyn, als der gebildeten Mdchen; denn die Mnner haben mehr Gelegenheit
sich zu bilden. Oder sollte Mdchenbildung mehr bewundert, als geliebt
seyn, ernste Neigung mehr verscheuchen, als befrdern? Dies kann ich auch
nicht glauben.

Einen Grund findet man hier nicht leicht heraus; es bleibt nur dabei, da
nichts verschiedner als der Geschmack, und -- da die Liebe blind ist.

Ach -- meine Liebe war nicht blind. Emma hatte Schnheit, Verstand, und
ihrem Herzen lie sich kein Vorwurf machen. Oder -- wre meine Liebe in so
fern doch blind gewesen, da sie eine heimliche Anlage zur Verworfenheit
nicht entdeckte? Hier fragt es sich gleichwohl immer noch: ob eine solche
Anlage in der That vorhanden war, oder ob nur die Einflsse eines drftigen
Zustands Emma zu dem hingezogen, was ihre Grundstze einst verdammten. Zwar
sollte man fast schlieen, eine Anlage msse vorhanden gewesen seyn; sonst
wre Emma nicht durch Armuth gefallen. Wohnen sonst doch Armuth und Tugend
oft zusammen. Zwar vielleicht fter, wenn Tugend zeitig an Armuth gewhnt
ist, als wenn sie sich erst dazu bequemen soll. Im letzten Falle wird
Armuth auch oft eine gefhrliche Klippe fr die Tugend.

Desto edler ist sie aber auch, wenn sie, wie ein Fels, dem Drange der
Armuth widersteht.

Freilich wohl. Will man inde Entschuldigungen aufsuchen, so kann man es
vorzglich beredt, wo die Armuth zu nennen ist.

Dann aber auch standhaft gebliebne Tugend um so beredter loben.

Allerdings! O Emma, wrst Du tugendhaft geblieben!

Dann wrde sie noch einen spten Lohn in Deiner Hand empfangen haben.

Die Thrin noch, bei ihrer Verworfenheit! Was soll man brigens zu einer
Anlage sagen, wie ich vorhin sie erwhnte? Ist sie natrlich, und knnen
die Grundstze, welche eine sorgsame Erziehung einflt, sie nicht
verdrngen, so entschuldigt das Verbrechen sich ja beinahe ganz.

Nein, da stimme ich Dir nicht bei.

Und eine Tugend, die nur in der Abwesenheit gewisser schlimmen Neigungen
besteht, folglich nicht kmpfen darf, hat keinen Werth.

Freilich wird die Tugend erst edel, wenn sie, vom edlen Grundsatz
begeistert, diesen in sich zu solcher Kraft erhebt, da er die schlimme
Anlage niederzuhalten vermag. Dies aber soll und mu die Tugend. Gnzliche
Abwesenheit bser Neigungen ist wohl auch selten; die Umstnde wecken sie,
wenn sie auch schlummern.

Die Heftigkeit des Temperaments, welche den Umstnden entgegen tritt, ist
aber auch verschieden.

Wohl kein Phlegma ist so tief, da nicht manche Lste daraus hervorgerufen
werden knnten.

Es kommt aber in jedem Fall noch auf die Umstnde an, ob sie mehr oder
weniger auf den Menschen eindringen. Die physische Gemthsanlage bekommen
wir aus den Hnden der Natur, ber ihre Entwickelung vermgen die
Auendinge mehr, als wir. Manche sind glcklich genug, bei einem ruhigen
Sinn noch solchen Umstnden fern zu bleiben, die verlockend auf sie
eindringen knnten.

Die Gemthsanlage mu sich durch krftigen Tugendwillen veredeln lassen.
Umstnde, welche uns zu verlocken geeignet sind, nahen sich uns so leicht
nicht, wenn wir selbst vorsichtig davon entfernt bleiben.

Zum Theil gebe ich das zu, doch nur zum Theil. Immer wird auf dem
ungestmen Lebensmeere das Glck einen weiten Spielraum behalten.

Tugend bleibt dennoch auf diesem Meere der sicherste Pilot. Und umfngt
sie das Glck nicht, so wird sie doch am krftigsten ber das Entbehren
desselben trsten und beruhigen.

Ja, diesen Satz mu ich ohne Einschrnkung unterschreiben. -- Doch
Schwester, ein Wort in Vertrauen. Dein Mann klagte ber die fteren
Besuche, die August Dir gemacht hat. Jetzt wirst Du ihn ohne Zweifel
verachten. Es geschah auch nur im Anfang Deiner Ehe, wo er noch nicht zum
Trinker herabgesunken war. Offen -- hatte Dein Mann gerechte Ursache, zu
frchten?

Nein! Nur Wahlverwandtschaft unserer Ideen und Gefhle vereinigte mich mit
August.

Es scheint mir -- Du hast ihn einst wirklich geliebt, so gut wie ich Emma,
Und ihn so wenig richtig beurtheilt, wie ich die Geliebte.

Wenn ich das einrumte, so knnte ich getrost auch hinzufgen: da ich
diese Liebe doch nie ber meine Vernunft und Pflicht Herrin werden lie.

Htte sie es aber -- durch Zeit und nhere Gelegenheit als im Vaterhause
-- nicht werden knnen?

Ich -- glaube nicht.

Du liebtest Deinen Mann nicht, und empfandest doch ein mchtiges Bedrfni
zu lieben.

Eins will ich Dir gestehn. Als August sich nicht mehr bei mir einfand,
schmerzte es mich tief; spterhin war es mir aber uerst lieb, da ihn
mein Mann entfernt hatte.

Deine Tugend, gute Wilhelmine, hatte folglich -- Glck. O nicht allein
andere Menschen bleiben uns Rthsel, auch das eigne Herz bleibt es. La uns
aber nicht zu weit ins Feld der Moralphilosophie dringen. Erzhle mir von
Charlotten das Nhere.

Eigentlich -- mcht' ich es doch nicht blinde Liebe nennen, was Herrn von
Soldin an sie zog. Im Punkte der Schnheit empfand er einmal nicht wie
Andere. Charlottens runde, derbe Formen -- mochten anders Urtheilende sie
auch plump nennen -- hatten Reitz fr ihn.

Ha ha ha! Er hatte den Geschmack der Algierer, welche ihre Mdchen zu
msten pflegen. Auf das Gesicht kmmt es nicht an; Schnheit wird durch die
Fettigkeit bestimmt.

Soldin suchte eine wirthliche, anspruchlose, einfache Hausfrau; und weil
er sie fand -- lie, nach seinem Sinn, die Wahl sich auch klug nennen. Und
soll man fremden oder eignem Sinn folgen? Bereuen durfte er seine Wahl auch
nicht. Sein Vater ist lange todt; beide Eheleute wirthschaften gut; die
Heimsuchung des Kriegs ist berstanden, und Soldin noch immer ein Mann von
hunderttausend Thalern.

So finde ich wenigstens Einen der Jugendfreunde nicht unglcklich.

Charlotten mu ich nachrhmen, da sie weder stolz, noch fremd gegen uns
geworden ist. Sie schickt mir manches in Kche und Keller, und wenn die
Noth hier zuweilen hoch stieg, suchte ich bei ihr auch anderweitige Hlfe
nicht vergebens, ob sie gleich, wie ich, fnf Kinder hat.

Brav! ... Fortan sollst Du mit hnlichen Bitten ihr nicht lstig
werden.--

Ich that nun alles, was ich mir vorgenommen hatte, und fhlte mich im
Kreise der geliebten Schwester und ihrer Kinder, die ich bald, als wren
sie die meinigen, liebte, so glcklich als man es, ber vierzig Jahre
hinaus, und -- in diesem Leben, seyn kann. Die erlittene Sklaverei in
Sibirien lie mich das Glck der Freiheit um so hher achten und genieen.

Auch Wilhelminens Ehe gewann nun, nach dem Verschwinden der Nahrungssorgen,
mehr Eintracht, und meine Gegenwart nthigte ihren Mann zu einem sanfteren
Betragen. Auch Menschen von tadelhaftem Charakter bessern sich nach
Umstnden.

Mchten junge Leser durch meine Erzhlung sich bewogen fhlen, _zeitig_
ber die Vernderungen nachzudenken, welche die Zeit hervorbringt! Mchten
sie, was ihnen das Glck gab, fest halten, da es launenhaft ist! Mchten
sie ihre Ansprche nicht bertreiben, da diese oft betriegen! Mchten sie
im Schnheits-, im Talentgefhl, weniger Aufmunterungen zum Hoffen, als
Warnungen vor Mibrauch sehn! Und endlich, mchten sie an Wilhelminens Satz
glauben: Tugend ist der bete Pilot auf dem Lebensmeer, und erhebt ber
ein feindliches Schicksal.




Der lustige Todesfall.

Eine komische Erzhlung.




Der lustige Todesfall.


Herr Lund, ein Kaufmann, der -- nach Brsentaxe -- hunderttausend Thaler,
und wohl noch einige Tausend darber, werth seyn mochte, starb, zur grten
Verwunderung seiner Frau. Denn oft hatte sie gesagt: Mein Mann stirbt gewi
nicht; er ist ja einer von den reichsten Leuten in der Stadt, und so klug
obenein! Er wird schon wissen, wie man es zu machen hat, da man nicht zu
sterben braucht. Sagten ihr Bekannte dagegen: der Tod sei so unhflich,
nicht Reichthum, nicht Klugheit zu achten; dann bemerkte Jene -- doch in
Vertrauen--: so strbe ihr Mann gewi nicht _vor_ ihr, sondern werde sie
berleben: sie habe kein Glck; was sie wnsche, treffe nie ein, das wisse
sie schon.

Demungeachtet rief Jenen der Tod ab, und noch frher, als seine bis
dahin ziemlich feste Gesundheit es htte erwarten lassen. Eine pltzliche
Erkltung zog ihm einen Schlagflu zu, der in wenigen Stunden eine Ladung
fr Charons Nachen aus ihm machte.

Die Wittwe schlug ihre Hnde zusammen. Da sieht man's, rief sie nun:
unverhofft kmmt doch oft!

Ist er auch gewi todt? fragte sie den noch beschftigten Arzt. Kann ich
mich darauf verlassen? -- Der Arzt gab ihr die heiligsten Betheurungen, und
bekam einen reichen Ehrensold fr die vergebens angewandte Mhe.

Die Wittwe verga auch dem Manne nicht, was er zuletzt fr sie gethan
hatte. Sie ordnete nicht nur eine stattliche Beerdigungsprozession an,
sondern bewies ihm auch ihre Dankbarkeit noch durch einen marmornen
Grabstein mit Urne und Todesengel. Unter den Lgen, welche die Inschrift
enthielt, war die grbste: da Lunds _betrbte_ Wittwe ihm dieses Denkmahl
errichtet habe.

Prfte man die Sache genau, so lie es sich der Nachgebliebnen eben nicht
verbeln, wenn sie ber den Todesfall ihre Haare nicht ausraufte. Sie hatte
ber den Verstorbnen immer die -- auch nicht ungerechte -- Klage gefhrt,
da er ihr zu wenig Vergngen mache. Wenn Alles im Hause bereits zur Ruhe
gegangen war, sa er noch an den Bchern, und rechnete dem Buchhalter
nach. Morgens stand er am frhsten auf, weckte seine Leute, sah in die
Niederlagen, und schmlte arg, wenn er irgend etwas nicht so fand, wie
er es finden wollte. Abends und Morgens bekmmerte sich Lund folglich gar
nicht um seine Gattin, den Tag ber hingegen desto mehr. Frh bekam sie
Weisungen, die Kchin zu mehr Sparsamkeit anzuhalten, und darber zu
wachen, da sie keine Provision am Markt-Einkauf nhme. Mittags gab es
gewhnlich Verweise, da das Essen zu gut sei, was fr die schlechten
Zeiten nicht passe. Nachmittags empfahl er seiner Ehehlfte, als eine
gesunde Motion, die Mrserkeule zu regen, und gegen Abend ward sie ersucht,
den Ladendienern Corinthen, Mandeln, Rei und andere Material-Waaren, von
Unsauberkeiten reinigen zu helfen. Von Schauspiel, Gastereien, und was
dahin gehrt, war die Rede nie. Aeuerte Frau Lund bisweilen einen Wunsch
nach Zerstreuung, dann hie es: der sonntgliche Kirchengang zerstreue
genug. Bei schner Frhlings- und Sommerwitterung, nach vorsichtigem
Aussehn, ob nicht etwa Regen die Kleidungsstcke mit Nachtheil bedrohe,
ging Lund auch wohl mit Frau und Tochter am Sonntage vor's Thor. Da man
sich dort in das weiche Gras setzte, und in die Anmuth der Gegend sah,
wrde es immer seine Idyllenwirkung nicht ganz verfehlt haben, wenn der
Hausvater, von Landluft umweht, die Stadt vergessen htte. So aber pflegte
er diese Gelegenheiten zu ntzen, seinen Frauenzimmern _ausfhrliche_
Strafpredigten zu halten, weil die Geschfte zu Hause ihm nur kurze
vergnnten. Er bewies dann seiner Frau: da sie bei weitem nicht mit so
geringem Wirthschaftsgelde auszukommen verstehe, wie seine Mutter
vor dreiig Jahren, und da sie eine dumme Gans sei, die sich von den
Kchinnen, so lange er sie zur Frau habe, Tag fr Tag betriegen lasse. Er
hatte nicht vllig unrecht; denn was man _Geist_ nennt, war an Frau Lund
eben nicht zu erschaun: sie lie es bei der _Seele_ bewenden. Wo htte
sie aber auch Geist hernehmen sollen? Ihr Vater hatte sich zwar einst mit
Kpfen vielfach beschftigt, doch fr den Kopf seiner Tochter um so weniger
etwas gethan, als er sehr geitzig war. Weiland Haarkrusler, gehrte er
zu den kunstsinnigsten seiner Kunstgenossen, hatte deshalb auch die meiste
Beschftigung in der Stadt, und frisirte keine Braut unter einem Thaler.
Vor zwanzig Jahren wollte Lund sich besetzen. Als Ladendiener hatte er nur
hundert Thaler zusammensparen knnen; nun meinte er: wenn er eine Frau mit
etlichen Tausenden nhme, und jene Hundert dazu fgte, so wrde sich schon
eine solide Materialhandlung grnden lassen. Er klopfte da und dort an, wo
sich Tausende vermuthen lieen; doch nirgend wurde ihm aufgethan. Das
hatte seine Grnde. Wer Tausende besa, wollte ihnen auch etwas Namhaftes
begegnen sehn; auch war Lund nicht eine schne, sondern vielmehr eine
hliche Mannsperson, und hatte ein nicht _fr_, sondern _gegen_ ihn
einnehmendes Betragen. Nun spekulirte er endlich auf die Tochter des
Haarkruslers. Sie war das einzige Kind; der Vater lief mehr als den halben
Tag in seinem gepuderten Rock umher; Prsidenten und Geheime Rthe, Damen
vom ersten Rang, gehrten zu dem weiten Kreis seiner Praxis. Auch ging die
Sage, da es ihm gelungen wre, zwei tausend Thaler zu sparen, die er in
sichern Handlungen auf gute Zinsen untergebracht habe.

Lund pochte also auch hier an. Auf Schnheit und Betragen wurde eben nicht
gesehen, weil es bei der Friseurstochter um Beides auch nicht sonderlich
stand. -- Einen Kaufmann zum Schwiegersohn zu haben -- schmeichelte der
Eitelkeit des Friseurs doch ein wenig; und auf sorgsame Erkundigung bei
des jungen Mannes vorigem Principal, erfuhr er: Lund verstehe sich auf die
italinische doppelte Buchhaltung und die Waarenkunde ganz lblich, sei
aber auch einem so schmutzigen Geitz ergeben, da er nicht einmal ein Paar
reputirliche Beinkleider habe.

Nun meinte der Haarkrusler: _dem_ knne man schon eine Tochter anvertraun;
habe er jetzt wenig, so werde er einst viel haben. Er gab daher sein _Ja_,
sperrte sich aber im Punkte der Ausstattung ganz ungemein. So lange ich
lebe, sagte er, gebe ich nichts; dafr aber auch Alles, was ich habe, wenn
ich todt bin. Oh gehorsamer Diener, entgegnete Lund; da werde ich mich wohl
hten, die Jungfer Tochter zu lieben.

Endlich verstand der Brautvater sich doch dazu, zwei hundert Thaler, die
Kleider und Leibwsche seiner verstorbenen Frau, sammt einigem Zinn und
Messing, herauszurcken. Lund hatte auf mehr gerechnet; weil der Friseur
inde bleich und hager aussah, zuweilen auch hustete, lie Jener sich
die Mitgabe doch gefallen. Denn als ein guter Rechner mute er theils den
Husten ins Gewinn-Conto stellen, theils den Umstand ins Verlust-Conto:
da er, wenn es hier nichts wrde, vermuthlich in der ganzen Stadt kein
Mdchen, das nur hundert Thaler werth sei, bekommen wrde. Ein
kupferner Kessel htte doch beinahe Alles zerschlagen. Diesen wollte der
Schwiegersohn noch haben, und der Schwiegervater nicht geben. Den Kessel,
sagte Lund, und ich liebe; wo nicht, so lieb' ich nicht. Erst antwortete
man ihm zwar: So lassen Sie es bleiben! rief ihn aber doch von der Treppe
noch wieder zurck.

Mit drei hundert Thalern fing nun Lund seine Material- und Spezereihandlung
an. Einiger Credit that freilich zu Anfang dabei Noth; er wurde inde bald
ansehnlich, als die Brse nicht mehr zweifelte: Lund strahle unter allen
Filzen hiesigen Ortes wie ein Stern erster Gre hervor.

Er fllte nach und nach seine Niederlagen mehr, und breitete seine
Geschfte nach kleinen Stdten aus, wo er die untergeordneten Krmer mit
Waaren versah. Bald discontirte er auch Wechsel, und handelte mit Papieren;
doch Alles mit einer so behutsamen Vorsicht, mit einem so richtigen Takt,
da es zu den seltensten Erscheinungen gehrte, wenn es sich zeigte, da
Lund einmal einen Fehlgriff gethan hatte. Nach funfzehn Jahren war es dahin
gekommen, da Papiere, welche Lund kaufte, sogleich ein Procent stiegen,
und die Gattung hingegen, welche er ausbot, um etliche Procent fiel. Er
merkte sich das, und fhrte bisweilen die ganze Brse an. Einmal besonders,
in den Kriegszeiten, schrieen die Juden Weh ber ihn. So eben war
eine Schlacht gewonnen, die auf den knftigen Preis der Papiere einen
entschieden vortheilhaften Einflu erwarten lie. Lund hatte Mittel
gefunden, von dem Ereigni noch zeitiger unterrichtet zu seyn, als die
Juden. Er wute, da sie einen Agenten im Hauptquartier hielten, der ihnen
den Ausgang der nahe bevorstehenden Schlacht sogleich durch eine Estafette
melden sollte. Aber auch Lund hatte seinen Schwiegervater dorthin gesandt,
und, um viel zu gewinnen, etwas daran gewagt. Der Friseur mute als Courier
herbeifliegen, und obenein auf den Postmtern etliche Schaffner bestechen,
da sie die Juden-Depesche mit lahmen Pferden expedirten. Nun kam die
hochwichtige Botschaft um zwlf Stunden frher zu Lunds Ohren, und in
diese zwlf Stunden fiel gerade eine Brsenmorgenzeit. Er lie heimlich
aussprengen: eine Hauptschlacht wre verloren gegangen. Die Juden stritten
anfnglich; doch weil ihre Estafette nicht eintraf, so meinten sie: der
Feind knnte wohl schon die Postenverbindung stren, und fingen an, Lunds
Nachricht zu glauben. Lund kaufte nicht selbst, bot vielmehr emsig feil,
was den Papieren, auf die bereits das ble Gercht wirkte, noch mehr
schadete. Seine Bevollmchtigten muten dagegen zusammenkaufen, so viel sie
nur konnten. Eilig schlugen auch die Juden los, weil sie meinten: wre
erst die officielle Nachricht da, dann knnte ein noch tieferes Fallen
der Papiere nicht ausbleiben. Damal gewann Lund auf Einen Schlag zwanzig
tausend Thaler; der arme schwindschtige Friseur hatte aber von seiner
bermigen Anstrengung den Tod.

Nun glaubte Lund, noch die Erbschaft von dem Schwiegervater zu heben. Schon
lange sah er schmachtend danach aus; der Wohlselige aber blieb, bei seinem
migen Leben, trotz seiner Schwindsucht, immerfort, wie er seit zehn
und mehr Jahren gewesen war. Nur der Couriergalopp hatte die Schwindsucht
endlich zu einer galoppirenden gemacht.

Dies Mal tuschte sich Lund aber in seinen Erwartungen. Der Wohlselige
hatte in der That einst etliche Tausend Thaler beisammen; kaum war inde
seine Tochter verheirathet, als die Mode seine Kunst in einen solchen
Verfall brachte, wie einst die Gothen und Vandalen alle Kunst und
Wissenschaft zu Rom. Schwedenkpfe, Tituskpfe, altdeutsche Kpfe, machten
den armen Friseuren die Kpfe so warm, da sie damit gegen die Wnde
htten laufen mgen. In den ersten Zeiten ging es noch hin; nur junge Leute
dankten ihre Haarkrusler ab, obschon ltere sie Modenarren hieen. Doch
als erst im Lauf der Jahre auch Prsidenten und Geheime Rthe Zpfe und
Locken abschafften, als erst auch die Weisen Modenarren wurden, und die
Damen ihr ungepudertes Haar durch Kammermdchen in Flechten aufstecken
lieen: da war bei den einst hochgeachteten Knstlern ihres Leides kein
Ende zu sehn. In so fern Lunds Schwiegervater jetzt nicht viel mehr
verdiente, mute er sein Kapital angreifen und immer davon zusetzen.
Ein Unglck gesellte sich zum andern; in Folge des Kriegs hrte das
Handelshaus, worin er das meiste Vermgen niedergelegt hatte, zu zahlen
auf. Er sagte dem Eidam nichts von diesem Unglck, damit es seine Tochter
nicht in Klagen und Vorwrfen empfinden sollte. Des Schwiegervaters
nunmehrige Mue benutzte der Eidam genug, und vortheilhaft, zum Aussphen
und Aussprengen dessen, was seinen spekulativen Absichten frommte. Er
mute dabei auch andere, jetzt unbeschftigte, Kunstgenossen in Thtigkeit
setzen, aber sie fr ihre Mhe oft aus seiner eignen Tasche bezahlen.
Denn Lund versprach wohl ansehnliche Vergtungen; was er gab, war hingegen
unansehnlich genug: freilich nicht in Lunds Augen; denn _ihm_ galten schon
etliche Groschen fr etwas Ansehnliches. Noch ein schwerer Unfall traf den
Verstorbenen. Wollte Lund durch fremde Hand kaufen lassen, so wurden des
Schwiegervaters Freunde bevollmchtigt; er selbst mute aber in der Nhe
Acht haben, da nicht Einer mit dem anvertrauten Gelde entwischte. Selbst
ein Polizeibeamter, des Alten Vetter, mute, schnellen Ergreifens
wegen, bei der Hand seyn. Nichts destoweniger ging einmal ein Freund mit
fnfhundert Thalern davon. Zu leichtfig spottete er alles Nacheilens,
entkam aus der Stadt, und auch ber die Landesgrnze. Den Verlust hatte
nun der Schwiegervater zu decken, und es kam mit ihm so weit, da er, trotz
seinem ehemaligen Vermgen und Geitz, doch wenig mehr als Puderbeutel,
Brenneisen und Kmme nachlie, die, weniger Nachfrage halben, nicht einmal
die Trdler kaufen wollten. Die brige fahrende Habe reichte auch zu den
Begrbnikosten nicht hin, wie sprlich auch Lund dabei zu verfahren gebot.
Er suchte fr den Leichnam das Armenrecht in einem Gratissarg und Zubehr
nach; die Obrigkeit wollte sich aber nicht zur Liberalitt bei einem Todten
verstehn, der einen reichen Schwiegersohn hinterlie. So mute schon Lund
zutreten; und wie er auch allen eitlen Aufwand vermied, so kostete es ihm
doch um so mehr Aerger, als die an seines Schwiegervaters Ableben geknpfte
Hoffnung gnzlich zerrissen war.

Bei jenen sonntglichen Spaziergngen im Freien blieb auch seine Gattin nie
mit Vorwrfen ber die eben erzhlten Umstnde verschont. Anstatt, da
ich hoffte, sagte Lund, von Deinem Vater zu erben, mute ich ihn noch
begraben lassen. Was habe ich nun von Dir gehabt, mein Kind? Zwei hundert
Thaler! Denn Kleider, Wsche, Zinn, Messing und den kupfernen Kessel kann
ich doch nicht mitrechnen; _Du_ trgst sie, oder brauchst sie in der Kche.
Zwei hundert Thaler sind immer nicht zu verachten, das wei ich wohl; aber
ich kann doch auch nicht einmal behaupten, da sie mir zu Gute gekommen
sind. Denn in den langen Jahren hast Du gewi zwei hundert Thaler in Essen
und Trinken verbraucht; ja, ich habe noch zulegen mssen; zu geschweigen,
was die Tochter kostet: eine Last, die Du mir auch aufgebrdet hast.

Frau Lund erwiederte ihm zwar: Auf meinen zwei hundert Thalern hat doch ein
ziemlicher Segen geruht, und mein verstorbener Vater brachte Dir auch noch
manchen Thaler ein. Herr Lund bewies aber: _seine_ Spekulationen, sein
saurer Flei und Schwei htten alles gethan. An dem Verlust, den ihr
Vater einige Mal gelitten hatte, sollte auch Niemand schuld seyn, als die
Tochter. Du httest ihn erinnern sollen, sagte Herr Lund, da er sein
Geld nicht bei Weber =et compagnie= lassen msse; man sprach von diesem
Hause schon lange nicht gut an der Brse. Mir wollte er immer nicht sagen,
wo sein Geld stnde; sonst htte ich ihm lngst ein =aviso= gegeben. Du
httest ihn auch vor dem spitzbbischen Friseur warnen knnen, der mit
fnfhundert Thalern durchging. Als eine Friseurs-Tochter httest Du den
Spitzbuben wohl kennen sollen. Aber Du bist eine dumme Gans, von der ich
alle mein Lebelang nur Schaden gehabt habe.

Auch seine Tochter Philippine, die gegen das Ende seines Lebens etwa
neunzehn Jahre alt war, hatte bei den Spaziergngen ihre Noth. Der erste
Vorwurf ging immer auf ihr ganzes Daseyn. Htte ich Dich nicht, sagte er,
o wie viel knnte ich sparen! Gewhnlich folgten dann Verweise, da seine
Tochter eine Putznrrin sei. Lund pflegte noch hinzuzusetzen: Und warum
bist Du eine Putznrrin? Du denkst wohl einem Mann zu gefallen? Und das
knnte am Ende wohl seyn; denn -- auch ein groer Fehler an Dir! -- ganz
passabel siehst Du aus. Ah, gehorsamer Diener! Du sollst nicht heirathen,
kannst ledig bleiben. Wenn ein Brutigam kommt, so will er auch haben; und
wo soll man's hernehmen bei den schlechten, nahrungslosen Zeiten, wo aller
Handel und Wandel stockt!

Noch mehr Scheltworte mute Philippine darber hren, da sie ein Mdchen
war. Wrst Du ein Junge, hie es, so knntest Du schon die Lehrjahre
berstanden haben, und im Comptoir sitzen. Ich brauchte den Buchhalter
nicht. Du knntest in ein Paar Jahren Dich nach einer gut bemittelten Frau
umsehn, die so viel Fonds noch zubrchte, als das Haus Lund schon hat; etwa
nach zwanzig Jahren nderte sich wohl die Firma, und zeichnete Gottfried
Lund und Sohn. Und mt' ich nach dreiig Jahren, oder spter, einmal an
meinen Tod denken, dann htte ich doch die Aussicht, da die Firma Lund,
die an der Brse zu Ehren zu bringen mir so viel Mhe und Schwei gekostet
hat, nicht so bald aufhren wrde. Da siehst Du, wie vielen Schaden es mir
thut, da Du ein Mdchen bist.

Philippinens Mutter vertrat sie denn wohl, und erinnerte den Mann: sie
doch nicht um etwas zu schelten, wofr sie nicht knne, ihr auch nicht
vorzuwerfen, da sie eine Putznrrin wre, da dies ja vllig ungerecht sei.
Nicht lange vor seinem Tode entstand hierber ein heftiger Wortwechsel. Wie
kann sie eine Putznrrin seyn! sagte die Mutter; sie hat ja keinen Putz!

Nennst Du das keinen Putz, was sie da trgt?

Nein! Ein Hauskleidchen von wohlfeilem Kattun.

Oho! ich soll wohl gar theuren kaufen! Und wenn das kein Putz ist, so
mchte sie doch gern welchen haben. Ich seh' ihr ins Herz.

Mein Himmel, wr es denn auch gerade eine Snde? Alle junge Mdchen putzen
sich gern.

Braucht sie denn gerade jung zu thun? Kann sie sich nicht alt und ehrbar
betragen? Ich habe so oft gesagt, die Kleider, welche Du ablegst, sollen
ihr zurecht gemacht werden. Bring' ichs wohl dahin?

Wie kann ich denn Kleider ablegen? Ich habe selbst nur noch zwei, die
so dnne sind, wie Spinnewebe, weil meine selige Mutter sie schon halb
abgetragen hat.

Da Du ein Reiteufel bist mit Deinen Kleidern, wei ich schon lange, und
Philippine tritt in Deine Fustapfen. Erst vor drei Jahren habe ich ihr
das neue Kleid anschaffen mssen; das alte, hie es, wre nicht mehr zu
brauchen, und kam auf den Trdel.

Philippinchen hatte es so geschont, da es der Trdler noch recht gut
bezahlte. Aber es war ihr zu kurz geworden.

Warum hatte es der Schneider nicht eingelegt? Uebrigens auch einer von
ihren Fehlern, da sie so wchst. Sie braucht nicht allein so oft neue
Sachen, sondern immer mehr Zeug dazu.

Du magst sagen, was Du willst, mein Kind: sie mu doch wieder ein Kleid
haben.

Was? Schon wieder? Erst vor drei Jahren...

Da war sie noch nicht sechzehn Jahre; seitdem ist sie erst recht
aufgeschossen. Eingelegt war das Kleid; es ist schon einige Mal
nachgelassen, nun geht es aber nicht mehr. Pinchen la einmal das
Blumenpflcken, und steh auf... Da siehst Du? Kaum sind noch die Waden
bedeckt.

Nun, ich sehe noch gar nicht, da es so sehr zu kurz ist. Aber doch
unverantwortlich, wie das Mdchen wchst. Daran bist Du wieder Schuld,
sonst Niemand. Das kommt von dem Ueberfttern.

In einem Vierteljahr werden vielleicht die Kniee zu sehen seyn. Bedenke
doch, was der Wohlstand fordert!

Wohlstand, Wohlstand! Eben das Mdchen macht, da ich nimmermehr zu
einigem Wohlstand komme! ... Aus einem neuen Kleid wird nichts. Sie kann
Sonntags zu Hause bleiben, und im Predigtbuch lesen.

Und, mein Kind, da Du immer sagst, Philippinchen soll nicht heirathen,
kommt mir auch wunderlich vor. Du wirst so bald nicht sterben. Ach, Gott!
ich glaube, Du stirbst in Deinem Leben nicht.--

Ha ha ha! In meinem Leben freilich nicht, aber in meinem Tode. Du bist und
bleibst doch eine dumme Gans! Wenn's aber noch lange damit ansteht, soll es
mir lieb seyn.

O, es wird noch lange genug damit anstehn; Du bist ja gesund, wie ein Fisch
im Wasser.

Das thut meine Migkeit in allen Dingen.

Wirklich, Du bist allzu mig, knntest Dir hier und da wohl manches zu
Gute thun, was nicht einmal Kosten verursachte. Aber weil Du selbst doch
sagst, da Du einmal, trotz all' Deinem Verstand und Gelde, wirst sterben
mssen -- gerade darum sollte Philippine heirathen. Denn wer soll in der
Folge erben, was wir haben?

Sag nur nicht: was _wir_ haben. Das Vermgen gehrt mir. Hast Du mir
zweihundert Thaler eingebracht, so hast Du mir wohl dreihundert gekostet.

Nun gut, _Dein_ Vermgen. Soll es denn in fremde Hnde kommen? Ist denn
Dein eignes Fleisch und Blut Dir nicht lieber, als weitluftige Vettern und
Muhmen?

Ei, daran werde ich denken, wenn ich dermaleinst dem Tode nahe bin.

Aber, Du meinst ja, erst in dreiig Jahren wrde es dahin kommen. Dann wre
Philippinchen beinahe funfzig Jahre, und das Heirathen knnte auch nicht
mehr helfen.

Im Grunde ist es unartig, Frau, da Du so oft von meinem Tode sprichst.
Das hrt Niemand gern, und ich habe doch erst fnf und vierzig Jahre auf
dem Nacken. Da Du es brigens lieber sehn wrdest, wenn ich heute strbe,
als morgen, wei ich sehr gut.

Das wohl nicht. Aber Du wrdest Dich freun, wenn Du mich begraben lassen
knntest; dann kostete ich Dir nichts mehr.

Ich werde mich aber hten, da ich Deinen Wunsch erflle.

So viel an mir liegt, ich auch. Du kannst aber ruhig seyn; ich werde Dich
nicht berleben, habe nun einmal kein Glck in der Welt.

Kein Glck? Sei nicht undankbar gegen den Himmel! Dein Vater lief mit dem
Puderquast umher; und Du hast einen Mann, der nur Gottfried Lund zeichnen
darf, so gilt es an der Brse wie baares Geld.

Was hab' ich von dem Mann, was hab' ich von dem Geld? Doch la uns nicht
von solchen verdrielichen Dingen sprechen. Lieber wollen wir nachgerade an
Philippinchens Heirath denken.

Da kmmst Du schon wieder mit Deinem _wir_! _Ich_ bin Mann, und werde
sagen, wie ich's haben will; ihr mt Order pariren. Bei dem Allen --
wenn sich Einer fnde, ein solider Mann bei Jahren, der keine Ausstattung
verlangte, keinen Heller -- wer wei, was ich thte! So brauchte ich das
Mdchen doch nicht lnger zu ernhren.

Nach dieser Unterredung schien unsern Lund denn doch bisweilen ein Gedanke
an die Verheirathung seiner Tochter zu beschftigen. Er sagte einige Mal:
Ich htte wohl einen Brutigam fr Philippinen; nur wird sie ihm zu hbsch
seyn. Ich kenne ihn; das hat er nicht gern. Wenn seine Gattin nun fragte,
wer es sei, und ob sie den Auserwhlten kenne; dann gab er zur Antwort:
Noch ist es nicht so weit; erst mu seine Frau sterben. Da sie aber an
einem sogenannten Scirrhus leidet, so kann es damit hchstens noch ein Paar
Jahre whren.

Es whrte aber nur ein Paar Monate, und Herr Kauser (so hie der von
unserm Lund zum Schwiegersohn Erwhlte), ebenfalls ein wohl renommirter
Handelsmann in Material- und Spezerei-Waaren, sah sich in den Wittwerstand
versetzt. Er galt an der Brse fr gut, und daneben fr Lunds Pylades oder
Jonathan, indem Beide vllig gleichen Sinnes waren. Er mochte etwa funfzig
Jahr alt seyn; aber fr jedes konnte er auch wenigstens tausend Thaler auf
den Tisch zhlen, und war folglich ein nicht zu verachtender Liebhaber, was
den einen Punkt betraf. Sollte in anderen Punkten auch etwas zu erinnern
seyn, meinte Herr Lund, so msse man ber den Hauptpunkt die Nebenpunkte
vergessen. Noch vor dem Ableben der Frau Kauser, hatte Lund den nunmehrigen
Wittwer befragt: ob nach demselben Philippine wohl auf seine Hand rechnen
drfe, vorausgesetzt, da sie nur eine leere Hand bringe, und alle Mitgabe
Conto gestellt sei, bis nach des Vaters Tode. Herr Kauser nahm die Sache
in Bedenken, und bedachte heraus: da es ja vollkommen einerlei wre, ob
Lund oder er Philippinens Geld im Handel umwendete; da Jener damit eben so
viel verdienen wrde, wie er selbst, und auch eben so wenig unntz verthun.
Ein so edles Vertrauen zwischen Beiden konnte in der That an Orest und
Pylades erinnern.

Als die wohlselige Frau Kauser ihrer sanften Ruhesttte entgegen fuhr,
mute auch Herr Lund sie begleiten, und in der Kutsche des Leidtragenden,
welche dem Trauerwagen zunchst folgte, seinen Ehrenplatz nehmen. Er hatte
eine schwarze Kleidung dazu entlehnt, und zuvor seiner Ehehlfte gesagt:
Philippine mchte sich bereit halten, ihren Brutigam hernach zu empfangen:
denn um nicht viele Zeit an den Geschften zu verlieren, wrde er mit
demselben gleich hieher kommen. Auf diese Art knnten zwei Frmlichkeiten
zugleich abgethan werden.

Frau Lund hatte doch so viele Begriffe von Anstand, da sie erinnerte:
es wrde an diesem Tage sich wenig ziemen, und solche Eil besonders dem
Brutigam bel gedeutet werden.

Herr Lund erwiederte: Solide Geschftsleute schben nicht auf, was sie
einmal thun wollten, und fragten nach dem Urtheil der Welt gar nicht.
Uebrigens sollte es eben keine Verlobung vor Notar und Zeugen seyn, wovon
er selbst einrume, da sie fr den Begrbnitag nicht recht passend seyn
wrde; sondern blo ein vorlufiges Versprechen, im Kreis der nchsten
Verwandten. Es wre zugleich eine Gelegenheit, da Braut und Brutigam
einander kennen lernten.

Frau Lund fragte: welches Kleid nun Philippine anziehen sollte. Wie sie
bei dem Spaziergang vor etlichen Monaten vorausgesagt habe, sei durch
Philippinens abermaliges Wachsthum das einzige Sonntagskleid nun so kurz
geworden, da wenigstens die Strumpfbnder zum Vorschein kmen. So knne
Philippine sich doch einem Brutigam nicht zeigen!

Herr Lund stampfte mit beiden Fen. Meinen Srtout, rief er, den ich im
Comptoir zu tragen pflege, habe ich nun zwlf Jahre. Warum kann Philippine
nicht auch ein Kleid zwlf Jahre tragen? Ein Kleid, das sie obenein nur
Sonntags anzieht! Eigentlich mte es siebenmal so lange halten, als mein
Srtout, =ergo= vier und achtzig Jahre!

Die Mutter wandte ihm ganz vernnftig ein: da er in den verflossenen zwlf
Jahren, die er den Srtout besitze, auch nicht mehr gewachsen sei. Zugleich
uerte sie den Wunsch: aus einem Kleiderladen einen fertigen Anzug gekauft
zu sehn, der sich fr eine Brautbesichtigung zieme.

Possen! rief Herr Lund; sie mag in dem alltglichen Hausanzug von Damis
erscheinen.

Es ist ja nicht einmal Damis, sagte Jene; nur gefrbte schlechte Leinwand.
Und auch schon alt, geflickt, unten ein breiter Saum angenht, dessen Farbe
absticht.

Thut nichts! Da sieht Freund Kauser, da man hier nicht berflige
Haushaltungskosten ins Cassa-Buch notirt, obwohl er sich das ohnehin
vorstellen kann. Und Philippine -- auch einer von ihren Fehlern, da sie
nur allzu hbsch ist -- _soll_ ihm nicht gut ins Auge fallen. Er mchte
sonst zurckziehn; es kmmt ihm auf das Netto bei einer Frau an, nicht aufs
Brutto, und die Schnheit ist immer ein Brutto, wovon der Mann nur unntze
Last hat. Er mu sorgen, wachen, da nicht Andere zu der Waare Lust
bekommen, und je mehr eine Frau wei, da sie passabel aussieht, je rger
qult sie den Mann noch um hbsche Emballage. Ich habe oft gesagt, da ich
etwas darum gbe, wenn Philippine hlich wre. Als Heirathsartikel ist es
doch immer einerlei; der Mann gewhnt sich an eine hliche Frau, wie
an eine hbsche; nach Jahr und Tag wei er nicht mehr, wie seine Frau
aussieht. Doch er kann bei den Geschften ruhiger seyn, und braucht nicht
an der Brse zu denken: jetzt ist ein Hausfreund bei meiner Frau; wenn er
so klug gewesen ist, sich eine zu nehmen, die nicht hbsch ist.

Dabei hatte es sein Bewenden. Philippine erfuhr mit geheimen Grauen ihre
Bestimmung. Nie hatte sie Herrn Kauser gesehn; aber es fehlte ihr nicht an
natrlichem Verstande, um =a priori= zu schlieen: der Vater wrde ihr wohl
eben nicht einen liebenswrdigen Mann aussuchen.

Die Leser knnten mit Recht fragen: woher Philippine doch einen Begriff
von Liebenswrdigkeit genommen habe? In der That war sie einst gar schlecht
unterrichtet worden, kam nur bei den schon erwhnten Gelegenheiten aus, und
sah weiter Niemanden, als die Hausgenossen. Denn hatte Jemand in Geschften
mit Lund zu reden, so muten die Frauenzimmer sich entfernen, wenn sie
nicht ohnehin husliche Verrichtungen hatten.

Bei dem Allen war Philippine nicht ganz ungebildet. Erstlich hatte sie
einen lebhafteren natrlichen Verstand, als ihre Mutter. Zweitens ereignete
sich aber auch ein Umstand, wodurch einige Entwickelung dieser Anlage
entstehen konnte, und wirklich entstand.

Vor Jahr und Tag hatten sich Lunds Geschfte dergestalt erweitert, da er,
neben den gewhnlichen Ladendienern, eines Buchhalters bedurfte. Er hatte
zeither die Verrichtungen desselben theils allein besorgt, theils den
ltesten seiner Ladendiener dazu gebraucht. Dieser ging nun von ihm ab;
von den brigen hatte keiner die nthigen Kenntnisse, und berdem war, wie
schon gesagt, der Kreis, in welchem man sich tummelte, bei weitem grer
geworden.

Als Lund damal einen Buchhalter suchte, war es nicht leicht, einen
nach seinem Wunsch zu finden. Junge Handelsbeflissene von Erziehung und
mannichfachen Kenntnissen pflegten ein gutes Gehalt, gute Bekstigung,
und eine anderweitige gute Behandlung zu wollen. Lund verlangte nun mehr
Kenntnisse, als er selbst hatte: der Buchhalter sollte in franzsischer,
englischer und italinischer Sprache Correspondenz fhren, was Lund nicht
verstand, was aber geschehen mute, in so fern er die zeither nur auf
Deutschland beschrnkten Geschfte ber dessen Grnzen hin ausbreiten
wollte. Disconto und Handel mit Papiergeld waren nicht mehr so lebhaft
wie sonst; Lund hatte namhafte Summen liegen, und mute sehn, wie er den
grtmglichen Ertrag davon zge. Trieb er inde auch manchen Grohandel,
so lebte er doch immer noch auf dem Fu eines Kleinkrmers; ja, selbst bei
dem kleinsten unter den Kleinkrmern wrde man wohl kaum eine so armselige
Lebensweise gefunden haben. Unter diesen Umstnden wollte er zwar bei
seinem Buchhalter ungemein groe Kenntnisse, aber ihn nur schlecht besolden
und schlecht bekstigen. Auch sollte der Buchhalter sich -- mitunter
wenigstens -- gefallen lassen, da er schlecht behandelt wrde; denn in
dem, was man behandeln nennt, ging Lund mit seinen Ladendienern gar
wenig zart um: sie muten Rippenste und andere handgreifliche Weisungen
hinnehmen, und wurden nicht allein in der dritten Person angeredet, sondern
hufig auch in den Vocativen der Substantive Esel, Schlingel, Lmmel
u.s.w. Dies hatte freilich die Folge, da keiner so leicht ein halbes
Jahr bei ihm aushielt.

Als er sich jetzt an der Brse in seiner Absicht umthat, und die Mkler um
junge Handelsbeflissene mit vorzglichen Kenntnissen befragte, gab es deren
wohl, die ein Unterkommen suchten, doch nicht Einen, der es bei Lund finden
wollte. Wurde ihnen nur der Name genannt, so hrten sie auch schon auf,
von der Sache zu sprechen, und die Mkler waren also nicht im Stande,
Herrn Lund ein taugliches Subjekt nachzuweisen. Einige Monate blieb dessen
Absicht unerfllt; dann meldete sich aber ein hbscher junger Mensch von
selbst bei Herrn Lund, mit der Anfrage: ob er bei ihm die Stelle eines
Buchhalters bekommen knne.

Lund ma ihn vom Wirbel bis zu den Sohlen. Letztere waren etwas schadhaft,
und dort die Haare ohne alle Zierlichkeit geordnet. Ein abgetragner
Ueberrock von schlechtem Tuch kam hinzu. Dies Alles konnte dem Prfenden
schon gefallen. Der junge Mensch hielt, dem Ansehen nach, nicht auf windige
Eleganz, und trug seine Kleidungsstcke so lange als mglich. Also konnte
er sich auch mit wenigem Gehalt begngen.

Herrisch fragte ihn Lund: ob er Zeugnisse aufzuweisen habe. Jener nahm
deren mehrere aus einem wurmstichigen Taschenbuch. Sie waren von namhaften
Husern in Hamburg, Wien und Leipzig ausgestellt, wo der Jngling
conditionirt hatte, und klangen sehr lblich.

Lund hielt sie gegen das Fensterlicht, um zu sehen, ob auch nichts darin
radirt und beliebig gendert sei. Dann fragte er barsch: Aber warum blieb
man nicht lnger an einem Orte, und zieht umher, wie die Zigeuner?

Bescheiden wurde ihm geantwortet: Um an verschiedenen Orten meine
Kenntnisse zu erweitern.

Nun mute der junge Mann zur Probe einige verwickelte Handelsrechnungen
machen, oder lsen. Hierauf verstand sich Herr Lund; und er sah nun, da
es schnell, richtig, und mit einer saubern Handschrift vollzogen ward.
Gleichwohl tadelte er Einiges daran.

Nun fhrte er den jungen Mann in seine Speicher und Niederlagen. Dort mute
er die Waaren nennen, ihre Gte beurtheilen, und ihre Preise abschtzen.
Auch hier bestand er wenigstens ziemlich.

Lund schttelte aber dennoch den Kopf, ging wieder mit ihm ins Comptoir,
und verlangte Geschftsbriefe in mehreren Sprachen, nach einem durch ihn
bestimmten Inhalt.

Sie waren bald vollendet, und hatten ein zierliches Ansehn. Selbst konnte
Lund sie nicht beurtheilen, und beschied deshalb Jenen auf den folgenden
Tag wieder zu sich.

Unterdessen zeigte er die Briefe einigen Kaufleuten und Mklern, die fremde
Sprachen verstanden, und hrte, da nichts daran zu tadeln sei.

Ketter -- so hie der junge Mann -- fand sich um die bestimmte Zeit wieder
ein.

Ganz bin ich zwar nicht zufrieden, sagte Lund; inde -- ich will's
versuchen. Was verlangt man an Gehalt?

Zu seiner Befremdung ward nur eine hchst mige Summe vorgeschlagen. Lund
bot demungeachtet nur die Hlfte. Der junge Mensch zuckte die Schultern,
berief sich auf die theure Zeit, und den Umstand: da er eine unvermgende
Mutter habe, die er untersttzen msse. Doch, setzte er hinzu, will ich fr
das nchste Vierteljahr einschlagen; auf die Bedingung, da mir der Herr
Principal Einiges zulegen, wenn meine Dienste Ihnen genehm sind.

Das kann vielleicht geschehn, erwiederte Herr Lund; doch mu ich erinnern,
da man nur Hausmannskost finden wird.

Daran bin ich in meiner Jugend gewhnt worden, und sie ist mir die liebste.

Auch, da man nicht zu empfindlich seyn darf. Ich habe ein etwas hitziges
Naturell, meine es aber gut.

Ich werde mich stets um die Zufriedenheit des Herrn Principals bemhn; so
darf ich keinen Unwillen frchten.

Auch, da man nicht auf einerlei Arbeit mu beschrnkt seyn wollen. In
meinem Hause kmmt mancherlei vor; und wer in meinem Lohn und Brot steht,
mu berall mit angreifen, wo es Noth thut.

Gern werde ich Ihnen so viele Dienste leisten, als ich nur vermag.

Auch, da man ordentlich seyn mu, nicht Abends und Sonntags auslaufen,
keine junge lustige Bekannten in's Haus ziehn, die Unfug treiben.

Die Pflicht der Ordnung versteht sich von selbst; brigens bin ich hier
fremd, und habe keine Bekannten.

Noch Eins! Man hat nur eine Kammer; auf eine geheitzte Stube lasse ich
mich nicht ein.

Ich bin jung und nicht frostig.

Am beten auch, ein junger Mensch wrmt sich das Blut durch Arbeit. Nun --
wann will man anziehn?

Noch heute; in diesem Augenblick, wenn Sie es befehlen.

Gut; so setz' Er sich gleich an den Schreibtisch.

In dem Augenblick, wo sich Lund in den wirklichen Principal des Buchhalters
verwandelt hatte, verwandelte er auch das bisherige _man_ in die
Anrede _Er_. Andere Buchhalter wrden ihm die dritte Person mindestens
zurckgegeben haben; Ketter hingegen war so bescheiden, da er sich
gefallen lie, was Herrn Lund gefiel.

Dieser hatte auch spterhin nicht die mindeste Ursache, Ketters Anstellung
zu bereun. Er verrichtete die ihm aufgegebenen Geschfte nicht allein
pnktlich, sondern brachte auch, durch seinen klugen Rath, dem Brotherrn
manchen namhaften Vortheil. Er a und trank so mig, wie es ein Harpagon
nur verlangen konnte; und waren am Abend die Comptoirgeschfte vollendet,
hatte er nichts dagegen, wenn Lund ihn anwies, mit seiner Frau und Tochter
Spezereien zu verlesen, oder Dten zu kleistern. Ungemein selten ging er
Sonntags aus, und immer kam er schon nach einer Stunde zurck. In allen
Stcken konnte Lund sowohl auf die strengste Redlichkeit, als auf seinen
treusten Eifer, den Nutzen der Handlung zu frdern, bauen.

Hatte inde der Kaufmann, bei so vielem Vortheil, keinesweges Ursache zur
Reue, so rgerte er sich dennoch ber den Buchhalter; besonders, als das
erste Vierteljahr zu Ende ging. Lund war so weit entfernt, ihm nun eine
Gehaltszulage zu bewilligen, da er vielmehr an einen Abzug dachte. Bei
den Ladendienern pflegte das immer zu geschehn; sie hatten irgend etwas
zerbrochen, das ihnen zu einem viel hheren, als dem wirklichen, Preise
angerechnet wurde, oder es fehlte irgend etwas; genug, Herr Lund verkrzte
ihnen den Lohn, und nicht selten bekamen sie gar nichts, oder muten wohl
noch zugeben. Einen hnlichen Anla konnte nun der Principal bei seinem
Buchhalter nicht auffinden, wie emsig er auch danach suchte; ja, nicht
einmal eine Ursache, ihn zu schelten. So konnte er auch, wenn beim Ablauf
des Vierteljahrs Ketter etwa an die ausbedungene Zulage erinnerte, ihm
nicht das Mindeste vorwerfen, um die Anschuldigung zu begrnden: er sei
nicht zufrieden genug mit seinen Diensten, um sein Gehalt zu erhhen.
Deshalb brach er manche Gelegenheit vom Zaun, den jungen Menschen zu
schelten. Doch auch hier wurde ihm nur Geduld entgegengesetzt, und als die
ersten drei Monate verflossen waren, erinnerte ihn Ketter nicht an jene
Bedingung, sondern lie das kleine Gehalt auch ferner gelten.

Die Abendstunden, wo Ketter sich mit den Frauenzimmern beschftigen
mute, hatten inde ihre Nebenwirkungen. Lund pflegte dann oben in eine
wohlverwahrte Kammer zu gehn, die seine baaren Summen, und solche Papiere
enthielt, wovon Andere nichts wissen sollten. Stundenlang schlo er sich
dort ein, zhlte, rechnete und schrieb. In seiner Gegenwart sprach Ketter
von nichts als von Geschften, und meistens nur, wenn er befragt wurde; an
die Frauenzimmer richtete er nie ein Wort; es hatte das Ansehn, als wre
der junge Mann zu blde und verlegen dazu.

So verhielt es sich aber in der That nicht; denn sobald Lund sich entfernt
hatte, erzhlte Ketter Jenen Manches von den groen Stdten, worin er sich
aufgehalten hatte, oder knpfte andere Gesprche an, in welchen er
sich geistreich genug zeigte. Das unterhielt die so einsam gehaltenen
Frauenzimmer angenehm; besonders merkte Philippine eifrig auf Ketters
Reden, und zog manche Belehrung daraus. Ihre Mutter hatte nichts dagegen,
und sie selbst schpfte immer mehr Vertrauen zu dem jungen Mann. Er uerte
sich nun auch offen ber den Umstand, da Philippine so wenig Unterricht
bekommen htte, da, bei ihren vortrefflichen natrlichen Anlagen, ihr doch
ein mannichfacher zu wnschen sei. Frau Lund sagte: Zu so etwas giebt
der Alte kein Geld her; ich selbst sehe wohl ein, da es Schade um
Philippinchen ist, die hier ganz versauern mu, kann aber nichts dabei
thun. Nun erbot sich Ketter, in den Abendstunden zuweilen aus einem guten
Buche vorzulesen. Jene lie das gern geschehn, hrte selbst mit groem
Vergngen zu, und willigte auch ein, da Philippine solche Bcher mit in
ihre Schlafkammer nehmen, und sich dort noch daraus belehren konnte. Der
junge Mann schrieb ihr auch kleine Aufgaben nieder, mit denen sie sich
einsam beschftigen sollte. Da man dies Alles vor Lund geheim halten
mute, versteht sich von selbst.

So gelangte Philippine nach und nach zu verschiednen ntzlich belehrenden
Schriften. Ketter gab ihr Wilmsens Kinderfreund, Raffs Naturgeschichte,
Campens Rath fr seine Tochter, einige auserlesene Schauspiele, einige
Romane von moralischer Tendenz, und mehr, was Geist und Herz bilden konnte.
Je angenehmer Philippinen die neuen Beschftigungen wurden; desto mehr Zeit
wendete sie darauf, so viel sie es vor ihrem Vater konnte. Noch kein Jahr
war verflossen, und man htte sagen mgen: mit Philippinen habe sich ein
halbes Wunder ereignet. Das sonst kalte, stumme, oder einsilbige Mdchen,
an dem nur bisweilen ein lebhaftes Augenblitzen, oder hie und da eine
wohl treffende, aber doch bel ausgedrckte Bemerkung ein nicht ganz
gewhnliches Geschpf ahnen lie, zeigte nun tiefes, warmes Gefhl, helles
Urtheil, nicht selten gar muntern feinen Witz, und hatte im Gedchtni
mannichfache Kenntnisse aufgesammelt. Hatte das -- scheinbare -- Gnschen
sich dergestalt umgewandelt, so konnte man auch bei der Mutter (die Lund
eine wirkliche Gans nannte) einige auffallende Entwicklung nicht verkennen.
Wenigstens hatte sie mehr Umsicht, als ehedem, wute die Menschen richtiger
zu beurtheilen, und vertraute den eignen Augen mehr.

Da Lund von den Vernderungen, die mit Beiden vorgegangen waren, wenig
merkte, war natrlich. Einmal verbargen sie sich klug vor ihm, und zweitens
hatte er den Kopf zu voll von Geschften, als da er auf die Frauenzimmer
sorgsam htte achten mgen. Auch sprach er mit ihnen immer nur vom
Nthigen, oder schalt ber das Erste Bete. Lie man sich dort einmal
unvorsichtig ein kluges Wort entfallen, so rief er: Sehe doch Einer! die
Philippine wird am Ende gar naseweis! Willst Du schweigen? Oder auch: Die
Gans will noch auf ihre alten Tage klug thun.

Da Philippine durch Ketters mndliche Unterhaltungen einen starken Impuls
auf Gemth und Verstand bekommen hatte, litt brigens keinen Zweifel. In
dem letzten Vierteljahre hatte sie oft auch Gelegenheit, ihn allein zu
sprechen. Es geschah whrend der sonntglichen Spaziergnge ihrer Eltern,
welche sie, bei dem Mangel an einem neuen Kleide, nicht begleiten konnte.
Inde war Ketter viel zu rechtlich, Mibrauch von diesen Annherungen zu
machen; er unterrichtete Philippinen nur um desto eifriger ber moralische
und andere ntzliche Gegenstnde.

Philippine hatte jetzt auch einige Begriffe von mnnlicher
Liebenswrdigkeit, und die mochte sie hauptschlich wohl in dem letzten
Vierteljahre bekommen haben. Ketters Gestalt war nicht unedel; er kleidete
sich zwar rmlich und wenig zierlich, Philippine hatte inde nur selten
wohlgekleidete junge Mnner gesehn, da sie nirgend hinkam. Uebrigens hatte
sie wenig natrlichen Hang zum Putz, und daher war ihr auch der Anzug eines
Mannes ziemlich gleichgltig. So viel sah sie inde wohl, da Ketter, wenn
er sich in eine elegante Kleidung wrfe, andern artigen Mnnern keineswegs
in _der_ uern Anmuth nachstehn wrde, die sie einer solchen Kleidung
verdankten.

Um so niedergeschlagner mute sie aber seyn, als sie vernahm, da ein von
ihrem Vater gewhlter Brutigam sich ihr zeigen wrde. Die Mutter war mit
ihr besorgt, wute ihr aber keinen Trost zu geben; denn Lund hrte auf
keine Einreden, trat ihnen stets vielmehr mit Hitze und Hrte entgegen, und
setzte zuletzt immer despotisch seinen Willen durch.

Nur Eine Hoffnung behielt Philippine noch, in dem Fall, da sie dem
Brutigam etwa nicht gefiele. Es war ihr daher lieb, in schlechter
Hauskleidung vor ihm erscheinen zu mssen; sie schwrzte diese Kleidung
noch absichtlich am Kchenherd, und machte sich auch noch selbst einige
Ruflecken in das Gesicht. Daneben beschlo sie, gebeugt und linkisch
aufzutreten, und auf Alles, was der Brutigam sie fragen wrde, so dumm und
albern als mglich zu antworten.

Die Mutter sagte zwar: Ich kenne Herrn Kauser nicht, habe auch sonst nichts
von ihm gehrt; es wre aber doch mglich, da wir uns Beide irrten, und
da der Vater einen Mann ausgesucht htte, der Dir gefallen knnte. Also
ist es nicht klug gehandelt, wenn Du ihm zu mifallen suchst.

Nein, nein! sagte Philippine; er wird mir nicht gefallen! Das wei ich, ehe
ich ihn noch gesehn habe!

Endlich rollte eine mit schwarzem Tuch berzogne Kutsche vor. Zwei schwarz
gekleidete Mnner stiegen aus, Herr Lund und Herr Kauser. Die Luft war
durch Regen gerade sehr trbe, und die Wohnstube hinter dem Spezereiladen
hatte nur Ein Fenster in den etwas engen Hof, so da es auch an hellen
Tagen hier ziemlich dunkel blieb; und vollend bei solchem Wetter, als
heute.

Philippinens ohnehin trbes und finstres Gesicht bekam folglich nur ein
sehr mattes Licht; und da die Lilien und Rosen darin von den schwarzen
Flecken entstellt wurden, so that ihre Schnheit so gut als gar keine
Wirkung.

Dazu kam auch noch, da die kleine Stube, in welche die beiden schwarzen
Mnner jetzt traten, schon lange nicht mehr geweit war.

Anfangs redeten sie vom Brsencours, ohne sich um die brigen Anwesenden zu
kmmern. Nach einiger Zeit brachte Herr Kauser denn doch die Angelegenheit,
welche ihn hieher fhrte, zur Sprache. Apropos, fing er an, wenn Ihr keine
Ausstattung gebt, so mt Ihr doch die Hochzeit ausrichten. Das werd'
ich wohl bleiben lassen, erwiederte Herr Lund; wer heirathet, der trgt
billig auch die Kosten. Man braucht inde keinen nrrischen Aufwand zu
machen. Ein Paar Zeugen, ein Paar Tassen Kaffee, und damit gut.

Herr Kauser dachte ein Weilchen nach, und erwiederte dann: Nun, es
ist freilich, genau berlegt, am Ende gleichviel, ob Ihr die Hochzeit
ausrichtet oder nicht. Das heit, wenn es noch dazu kommt. Ihr wit meine
Bedingung. Wo ist die Tochter? Bei diesen Worten setzte er seine Brille auf
die Nase.

Lund dagegen brachte seine Ohren in Bewegung, indem er bald hinter dem
einen, bald hinter dem andern kratzte. Das that er aus Verlegenheit und
Besorgni, da der Handel zurckgehn knne.

Kauser fing wieder an: Ist sie schn, und putzt sich gern, so nehm ich sie
nicht. Dabei mte ich mir den Schlag an den Hals rgern. Ist sie das hier?
Hm -- nun, es geht damit noch an. Mir wollte Jemand sagen, sie wre schn.
So arg ist es damit eben nicht. Nach ihrem Anzug scheint sie auch eine gute
Wirthin zu seyn. Nun ja -- ich lass' es mir gefallen.

Philippine, die erst heimlich darber seufzte, da sie keine Mhe angewandt
htte, reitzend zu erscheinen, fuhr bei den letzten Worten zusammen, als
ergriffe sie ein Fieberfrost. Sie hatte jedoch, seitdem Herr Kauser
ins Zimmer trat, nichts anderes empfunden als eine Reihe von kalten
Fieberschauern. Der zugewiesene Geliebte war schindeldrr, hatte ein
erdgelbes, vielgefaltetes Gesicht, eine lange dnne Habichtsnase, ein
spitzes Kinn, und ein Paar weitgeffnete gelbbraune Augen, die gewhnlich
zwar sehr matt aussahen, aber doch von einem gewissen Isegrimmsfeuer
loderten, wenn ein Affekt sie anregte. Die schwarze Kleidung war ihnen
gnstig; ihr Leuchten trat nunmehr heraus.

Bon jour, Mamsell, krchzte jetzt erst der Prfende. Ich denke, wir wollen
uns schon mit einander vertragen. Werden Sie eine gute Frau seyn, so bin
ich ein guter Mann. So viel sag' ich Ihnen aber vorher, spaen lass' ich
mit mir nicht. Servitr, Madam Lund!

Jetzt wandte er sich halb um, auf's Neue mit dem Vater des Mdchens zu
sprechen, der jetzt viel leichter athmete, weil sich kein Hinderni gezeigt
hatte. Nun sah die Braut Herrn Kauser, der seine Brille, nach vollendeter
Prfung, wieder abnahm, von der Seite. Dies hatte sein Vortheilhaftes fr
die convexe Nase und das concave Kinn. Der Zufall lie aber dem Profil der
Gestalt noch einige malerische Ergnzungen angedeihen, welche der Fantasie
der Braut ungemein zu Hlfe kamen. Die weitgeffneten Augen hatten bei ihr
den Effekt eines abgebildeten weitgeffneten Hllenschlundes gethan. Die
Wirkung des Profils entsprach jener Illusion, nur da sie vom Reich zu dem
Regenten berging. Das sollte nun der Fantasie noch ber alle Erwartung
leicht gemacht werden. Der Brutigam hatte pechfarbne, mit grau
durchmengte, struppige Haare, an deren Verschneidung lange nicht gedacht
war. Nun strubten sich am Scheitel zwei gekrmmte, spitz auslaufende
Borsten auf, die, von der Seite gesehn, zwei migen Hrnern glichen.
Kauser hatte sich aber in den etwas kurzen Trauermantel dergestalt
gewickelt, da er sich bis nahe an die Mitte des Leibes heraufzog. Und
weil er darunter seinen Hut einklemmte, so fgte es sich, da eine Ecke
desselben hinterwrts vorblickte, und zugleich einen rheinlndischen Fu
lang den schwarzen Flor niederwallen lie. Nichts konnte lebhafter an den
Schweif erinnern, von dem man nicht wei, ob ihn Lucifer wirklich hat, oder
ob ihn die Maler nur freigebig damit beschenken.

Philippine war inde nun vom Grausen bermannt, sank ihrer Mutter halb
ohnmchtig in die Arme, und rief zugleich, mit Wehmuth und Entsetzen zu
gleichen Theilen in ihrer Stimme: Hu, der Teufel leibhaftig!

Herrn Kauser gefiel das Compliment freilich schlecht, und Herr Lund wallte
in dem grimmigsten Zorn darber auf. Was Teufel, rief er, schickt es sich
fr eine Braut, den Brutigam Teufel zu nennen? Da ich Dir nicht mit der
flachen Hand an das gottlose Maul komme! Du solltest wirklich meinen, der
Teufel wr' es!

Philippine stotterte: Beter Vater, ich flehe Sie um Erbarmen an! Geben Sie
mir den Tod, nur diesen Mann nicht. Ich kann ihn nicht heirathen! Mir graut
und schaudert vor ihm--

Jungfer Naseweis, fiel Herr Lund ein, wird Sie gefragt? Hat Sie auch eine
Stimme?

Jene fuhr fort: Ich eigne mich auch nicht fr ihn.

Donnernd gebot ihr der Vater, zu schweigen, und fgte hinzu: Will das Ei
klger seyn, als die Henne? Ich mu wissen, was zusammen pat!

Frau Lund, ihre Tochter im Arm haltend, brach nun in Thrnen aus, und rief:
Nein, lieber Mann, der Unterschied in den Jahren ist zu gro. Mache Dein
Kind nicht unglcklich!

Seht doch, entgegnete der liebe Mann; will die Gans auch drein schnattern?

Ich bin Mutter, und gebe meine Einwilligung nicht.

Ich habe in meinem ganzen Leben noch nicht um Deine Einwilligung gefragt,
und werde es auch bis an mein seliges Ende nicht thun.

Ei, fiel Herr Kauser ein, mein lieber Lund, das htte ich nicht gedacht!
Eure Frauenzimmer sind schlecht gezogen. Uebrigens thut bald, was Ihr thun
wollt; ich habe Posttag, und verliere meine Zeit.

Gut, entgegnete Herr Lund, ich werde Euch vorlufig mit dem Mdchen
versprechen. Ein Zeuge mu wohl noch dabei seyn. Ich rufe meinen
Buchhalter.

Er ging, und der Brutigam wandte sich unterdessen an Philippinen. Mamsell,
sagte er, glauben Sie nicht etwa, da ich so einfltig bin, Ihnen nicht
in's Herz zu sehn. Es ist nur Verstellung und Ziererei. Sie heirathen fr
Ihr Leben gern, sind froh, da ich gekommen bin. Man kennt die Jngferchen,
sie machen's alle so. Meine selige Frau wollte auch durchaus nicht, der
Vater mute Gewalt brauchen. Aber sie widersetzte sich nur zum Schein; die
Gewalt wre gar nicht nthig gewesen. Aergern Sie doch Ihren Vater nicht
unntzer Weise. Sie stellen sich, als wollten Sie das nicht, was Ihnen doch
sehr lieb ist.

Lund fand sich wieder ein; Ketter folgte. Hier ist ein Zeuge, fing Jener
an; nun kein Sperren mehr, Jungfer Naseweis! Hingegangen zu Herrn Kauser,
gesagt: lieber Brutigam, ich freue mich, da ich die Ehre haben soll,
Ihre Frau zu werden. Dann ein Kchen in Ehren gegeben. Allons, wie lange
whrt's?

Ketter staunte. Herr Lund, rief er, um Gottes willen! was denken Sie zu
thun!

Mit groen Augen fragte dieser: Wa... wa... wa... was ist das?

Sie knnten Ihre liebenswrdige Tochter so hinopfern?

Wa... wa... was geht Sie das an, junger Herr? Zeugen sollen Sie,
die Ohren brauchen, nicht den Mund. Wie kann sich auch der Buchhalter
unterstehn, seines Principals Verfahren zu tadeln! Da soll ja...

Wie unedel mu ein Mann fhlen, der nicht allein an eben dem Tage, an
welchem er die vorige Gattin begraben hat, sich abermal versprechen will,
sondern auch ein Mdchen, das Grauen vor ihm einer Ohnmacht nahe bringt,
durch Zwang an sich gefesselt kann sehn wollen!

Ich sage Ihnen meinen Dienst auf! -- Herr Kauser rief: Und dann mu es
an der Brse ffentlich gesagt, ja selbst den Handelsfreunden weit umher
geschrieben werden: da er widerspenstig gegen seinen Principal gewesen
ist, einen soliden angesehenen Kaufmann, dem er Respekt schuldig war, mit
himmelschreiend unehrerbietigen Worten beleidigt hat. An keinem Orte mu er
wieder eine Condition finden! Aber die Zeit vergeht. Macht fort, Lund!

Der junge Mann rief: Weigern Sie sich Philippine! Es gilt das Glck Ihres
Lebens. Die Gesetze berechtigen Sie, da Ihren Gehorsam zu versagen, wo man
Sie zwingen will, in Ihr Verderben zu gehn!

Philippine hatte mehr Muth, seitdem Ketter eingetreten war. Feierlich
schwr ich, sagte sie, da ich diesem Mann nie meine Hand geben werde, und
sollte ich darber auch untergehn.

Frau Lund kte ihre Tochter, billigte, was sie gesagt hatte, und versprach
ihren Beistand nach allen Krften.

Nun liefen die beiden Schwarzen in blindem Zorn mit den Kpfen an einander,
und wurden durch den Schmerz noch wilder. Kauser trat mit eingestemmten
Armen vor Philippinen hin, und sah ihr mit so strafenden und drohenden
Blicken ins Gesicht, da selbst die Tapferkeit davor htte zittern mgen.
Zu Worten gelangte sein Grimm dagegen nicht; Lunds Flche htten sie auch
bertubt.

Seitdem ihm Ketters kluge Thtigkeit wichtige Vortheile gebracht, hatte
Lund das Er doch in eine hflichere Anrede umgendert, weil er meinte,
das _Sie_ koste ja nichts, und der junge Mann knne es anstatt einer
Gehaltszulage in Empfang nehmen. Jetzt aber rief er die Anrede mit _Er_
zurck, nachdem schon Flche vorhergegangen waren. Er packte den jungen
Mann zugleich an der Brust, und schrie: Bu-- bu-- Bursche! Er will meine
Tochter zum Ungehorsam verleiten? Wa-- wa-- was geht meine Tochter Ihn
an?

Kaltbltig hielt Jener ihn ab, und sagte: Viel geht sie mich an. Ich sage
muthig, da ich Philippinen liebe. Zuerst sah ich sie in der Kirche, wo
ihre Schnheit mich bezauberte. Ich wnschte, ihr nahe zu seyn, um mir ihre
Gegenliebe erwerben zu knnen. Darum kam ich in Ihr Haus, fgte mich in
jede Ihrer wunderlichen Launen, suchte durch Redlichkeit und Flei meines
Principals Wohlwollen zu verdienen. Schon manchen Jnglingen gelang unter
solchen Umstnden endlich, was sie Anfangs nimmer hoffen durften. Ich
machte einen hnlichen Entwurf, ob mich schon nicht Philippinens Reichthum,
sondern ihre Liebenswrdigkeit angezogen hatte. Daher bediente ich mich
einer List, doch keiner Arglist, sondern einer schuldlosen, auch dem
Redlichen erlaubten. Geben Sie mir Philippinen ohne alle Ausstattung.
Ganz so unbemittelt, wie ich es vorgab, bin ich nicht, und traue mir
hinreichende Geschicklichkeit zu, eine Frau zu ernhren.

Philippine rief: Auch ich gestehe freimthig, da ich ihn liebe.

Die beiden Schwarzen geberdeten sich, als wollten sie mit den Kpfen gegen
die Wnde laufen, Wnde und Kpfe zugleich einstoen. Doch besannen sie
sich noch, und sprachen in dem heftigsten Zorne, beide zugleich. Herr Lund
rief zitternd: Also hat Er sich wie ein Betrieger in mein Haus geschlichen,
und obenein mir die Tochter verfhrt! Nicht genug, solchen Bsewicht
fortzujagen; verhaften, einstecken lassen mu man ihn. Ich will auf der
Stelle zu dem Polizeiamt!

Er klemmte seinen Trauermantel in die Thr, als er beim Weggehn sie hinter
sich zuwarf, und lie ihn, wie Joseph, lieber fahren, als da er noch
zaudern mochte.

Herr Kauser hatte mit ihm zugleich gesprochen: O, wenn es hier noch einen
jungen Wildfang giebt, der einem soliden Geschftsmann bse Tcke spielen
knnte; wenn das Jngferchen obenein in ihn vernarrt ist, so kann ich mich
bei einem vorlufigen Versprechen nicht beruhigen. Ich hole einen Notar;
gleich Schwarz auf Wei, unterzeichnet und gehrig besiegelt.

Er ging auch, blieb aber in den Mantel gewickelt; und dies kam ihm zu
Statten, wie man sogleich hren wird.

Nie, seitdem er lebte, hatte sich Lund so heftig gergert, wie diesen
Abend. Der Zorn hatte auch seinen ganzen Krper in den strksten Schwei
gesetzt. In seiner blinden Wuth hatte er gar nicht bedacht, was jetzt
das Klgste sei. Ihm, einem guten Rechner, mute jeder Strich durch die
Rechnung ein Dorn im Auge seyn. Der heutige lange aber brachte ihn fast
ganz von Sinnen.

So rannte er davon, und bemerkte nicht, da sich der vorhin mige
Herbstregen in einen Platzregen verwandelt hatte, den man beinahe einen
Wolkenbruch htte nennen mgen. Es war ziemlich weit nach dem Polizeiamt.
Jupiter =pluvius= drang durch den schwarzen leichten Rock, und
berschwemmte die Oberflche des Krpers zum zweiten Male. Heie und kalte
Nsse vertrugen sich nun so schlecht, da aus ihrem Zwiespalt ein Zwiespalt
zwischen Lunds Leib und Seele entstand, dessen Natur gewi irgend ein Arzt
den Lesern gern erklren wird, wenn sie ihn hflich darum fragen.

Genug, Lund erkltete sich pltzlich auf seinen glhenden Zorn, und fiel,
ehe er noch das Polizeiamt erreicht hatte, auf der Strae nieder. Da er
gerade in einen Rinnstein fiel, und da einige Zeit verging, ehe man ihn
aufhob und ins Trockne brachte, vermehrte die Folgen der Erkltung bis zu
einem sehr hohen Grade.

Bei einem Platzregen gehen natrlicher Weise schon wenige Menschen aus dem
Hause, und in einem Rinnstein kann man lnger unbemerkt bleiben, als mitten
auf dem Fahrdamm.

Erst nach einer Viertelstunde wurde Lund gesehn, und erkannt, doch im
Anfang fr betrunken gehalten, bis verstndige Leute bemerkten; _der_, bei
seinem Geitze, habe sich gewi nicht betrunken; ihm sei eine Ohnmacht, ein
Krampf, wo nicht gar ein Schlagflu, zu gestoen.

Endlich zog man den Rchelnden aus der Tiefe, und schaffte ihn mit einem
Tragsessel in seine Wohnung. Ehe dies geschah, untersuchte noch ein
vorbeigehender Chirurgus seinen Zustand.

Als vorhin die beiden Schwarzen weggeeilt waren, thaten die
zurckgebliebnen Frauenzimmer, was Frauenzimmer unter solchen Umstnden zu
thun pflegen: sie lieen Klagen auf Thrnen folgen, und dann wieder Thrnen
auf Klagen. Dem Buchhalter fiel das Trsten anheim, obwohl er selbst Trost
bedurfte. Er sagte inde: Standhaft, gute Philippine; man kann und darf Sie
nicht zwingen. Wenn Ihre Mutter sich nicht zur Einwilligung bewegen lt,
so mu ihr Wort doch auch gelten. Ich kann nun nicht mehr im Hause bleiben,
ob ich es gleich mit Schmerz verlasse. Eine Verhaftung besorge ich zwar
nicht, will auch vor jedem Richter vertreten, was ich gethan und gesagt
habe; Herr Lund hat mir aber den Dienst aufgekndigt. Nun, meine Bcher
sind in Ordnung. Nur eine kurze Anweisung fr meinen Nachfolger, und ich
kann noch heute gehn.

Philippine bat ihn weinend, zu bleiben, und sie in der Noth nicht zu
verlassen. So lange es mglich ist, soll es geschehn, erwiederte Ketter;
allein Ihr Vater wird auf meine Entfernung dringen, wenn er weiter nichts
vermag. O Philippine, ich wei nun, da Sie mich ein wenig lieben. Welche
Glckseligkeit, und welches Entsetzen zugleich fr mich, da meine Trennung
von Ihnen jetzt nothwendig ist, und da ich nun berzeugt bin, von Ihrem
Vater nie mein Glck hoffen zu drfen!

Ketter, sagte Philippine ermannt; ja, ich liebe Sie! Zu sehr haben Sie
meine Achtung und meine Dankbarkeit gewonnen, als da ich je einem Andern
meine Hand geben knnte. Braucht mein Vater Gewalt, so sag ich noch am
Altare Nein, und rufe die Gesetze zu Hlfe. Doch sagen Sie mir, Sie, der
Sie mich mit so vielem Guten, Rechten, Edlen und Schnen bekannt gemacht
haben: wrde es in meiner Lage unrecht seyn, wenn ich zu entfliehn suchte?
Als Kammerjungfer, vielleicht sogar als Lehrerin, fnde ich wohl ein
Unterkommen. Schwer wrde es mir freilich seyn, mich von der guten Mutter
zu trennen; das mte ich aber ja auch, wenn ich den verhaten Kauser
heirathete. In jenem Fall wte sie mich doch vor dem schrecklichsten
Unglck gesichert.

In dem einzigen Fall, erwiederte Ketter, da Ihr Vater seine Absicht mit
Gewalt durchsetzen will, halte ich es fr erlaubt, da Sie entfliehn. Auf
meinen -- anspruchlosen -- Beistand knnen Sie dann sicher zhlen.

Ich will selbst helfen, schluchzte die Mutter, allen Zorn meines Mannes
tragen.--

Der Buchhalter ging ins Comptoir; die Frauenzimmer blieben, und weinten
ihre schmerzlichen Thrnen fort.

Da eilte, ehe noch der Tragsessel vor dem Hause war, jener Chirurgus
herein. Erschrecken Sie nicht, Madame, fing er an; ich bringe eine ble
Nachricht. Herrn Lund hat der Schlag gerhrt. Er ist ohne alle Besinnung,
und -- fassen Sie sich -- es ist keine Hlfe mehr.

Mutter und Tochter erschraken in der That sehr heftig; doch ihre Thrnen
hrten sogleich auf zu flieen. Ist es mglich? rief Frau Lund; ist es
mglich?

Man trug den Sterbenden bereits in die Hausthr. Die Gattin eilte ihm
entgegen, und wute nicht, ob sie den eignen Augen trauen sollte. Doch that
sie nach Pflicht und Gewissen, was nthig schien. Der Kranke wurde in das
Schlafzimmer gebracht, der nassen Kleidung entledigt, und in das gewrmte
Bett gelegt. Der Chirurgus ffnete zwei Adern, sagte aber voraus, da
es unntz seyn wrde. Frau Lund befahl, da noch ein Arzt geholt werden
sollte, der berhmteste in der Stadt.

Bis er kam, beschftigte der Chirurgus sich mit andern Rettungsmitteln.
Philippine, die ungemein verstrt in die Kche geeilt war, half dem Mdchen
Thee bereiten und Steine wrmen. Von Zeit zu Zeit kam Frau Lund zu ihr, und
sagte: Er bleibt dabei, da keine Hlfe ist. Wir mssen aber doch nichts
versumen, da wir uns nichts vorzuwerfen haben.

Philippine erwiederte jedes Mal: Freilich mssen wir das; sonst behielten
wir ja kein gutes Gewissen.

Der berhmte Arzt kam endlich, fand hier aber keine Gelegenheit mehr, noch
berhmter zu werden. Lunds Gesicht war zur Hlfte blau; nur selten vernahm
man ein Rcheln, und der Puls war kaum noch zu finden.

Ist noch Hoffnung, Herr Doktor? fragte Frau Lund.

Nur einige Minuten kann es noch whren, antwortete der Arzt, nach einem
bedauernden Achselzucken.

Frau Lund eilte wieder in die Kche, und schlug die Hnde zusammen. Es
ist bald aus, sagte sie; ich htte es nie gedacht. Nun soll ich ihn doch
berleben. Da sieht man: unverhofft kmmt doch oft!

Aengstlich sagte ihr Philippine ins Ohr: sie mchte nicht vergessen, ja
nicht vergessen -- was, das konnte sie nicht hervorbringen.

Die Mutter eilte in die Wohnstube. Beide gingen neben einander auf und ab,
ohne etwas zu sagen. Bald kam der Arzt: Madame, ich bezeuge mein Beileid;
Ihr Mann hat geendet.

Ist er auch gewi todt? entfuhr der neuen Wittwe; kann ich mich darauf
verlassen?

Philippine zupfte sie wieder ngstlich am Kleide, und Jener erklrte die
absolut tdtlichen Wirkungen einer solchen Apoplexie, wie die vorliegende.

Er soll einen Grabstein von Marmor haben, sagte Frau Lund wieder, und
dachte dabei dunkel: zum Dank fr die groe Wohlthat, die er mir durch
seinen Tod erzeigt.

Die Nichthlfe der Aerzte ward reichlich bezahlt, und Beide gingen ihres
Weges.

Mutter und Tochter flogen zum Todten, und schauderten. Die entseelten
Zge schienen Trmmer von Geitz und Wuth. Lange war der Anblick nicht
auszuhalten; Jene eilten in die Wohnstube zurck. Noch immer waren sie im
Taumel einer Bestrzung, als kmen sie aus einem Kerker, und htten noch
dazu ein Loos von funfzig tausend Thalern gewonnen.

Trum' ich auch nicht? sagte Frau Lund; ist es denn wirklich wahr?

Wahr, erwiederte die Tochter. Nur fassen Sie sich; lassen Sie nicht
merken...

Mein Gott, fiel die Mutter ein, hat er es denn danach gemacht, da wir uns
ber seinen Tod grmen knnen? Ich hatte keine frohe Stunde bei ihm, und
sein Kind wollte er auch noch ohne Erbarmen unglcklich machen.

Htte er noch einen letzten Willen abfassen knnen, sagte die Tochter, so
wrde er sicher darin verordnet haben, da ich Kausern heirathen sollte.

Oder er htte Dich enterbt, fiel die Mutter ein.

Nun, sagte die Tochter wieder, heirathe ich Kausern doch nicht, liebe
Mutter? -- Und die Mutter umarmte sie.

Ketter hatte von dem Allen nichts gehrt. Jetzt trat er wehmthig in die
Stube. Herr Lund, fing er an, kmmt nicht wieder; so will ich denn gehn.

Er kmmt nicht wieder, sagte Frau Lund; Sie gehn aber nicht. Wer sollte
denn die Geschfte meiner Handlung fhren? Oder vielmehr: unsrer Handlung;
denn sie gehrt mir und Philippinen zur Hlfte.

Der junge Mann verstand sie nicht, und gerieth in das hchste Erstaunen,
als man ihm das Nhere sagte. Unglubig ging er zu dem Leichnam, und kam
bald in groer Bestrzung wieder. Jetzt erschien auch Herr Kauser, von
einem Notar begleitet. Schwarz auf Wei, rief er; Siegel und Zeichnung!

Frau Lund sagte: Herr Kauser, ziemt es sich wohl, gleich nach einem
Todesfall ein Verlbni zu halten?

Warum nicht? antwortete er; ber Vorurtheile mu man sich hinwegsetzen, wo
es das Mein und Dein gilt.

Gut, hob Frau Lund wieder an; nun habe ich zu reden. Herr Notar, ich
verspreche meine Tochter mit meinem Buchhalter, und Herr Kauser ist wohl so
gtig, als Zeuge sich zu unterschreiben.

Herr Kauser rief: Was sind das fr Possen! Wo ist mein Herzensfreund Lund?

Man hinterbrachte ihm alles. O, wie wrde ihn der Tod des Herzensfreundes
entzckt haben, wenn er schon mit Philippinen verheirathet gewesen wre!

Seine Einreden halfen nicht, da er nicht Schwarz auf Wei hatte. Ketter und
Philippine wurden nach einigen Monaten ein frohes Paar. Der wurmstichige
Hausrath wurde abgeschafft; man geno, was der Geitz zusammengescharrt
hatte, und freute sich des Lebens, doch mit Anstand und mig.

Das Sonst und Jetzt waren im Lundschen Hause nun ziemlich verschieden.
So geht es im weiten launigen Reiche der Schicksalsgttin. Oft sinken die
Freuden der Lebenden mit in ein Grab; bisweilen aber blhen ihnen auch
Rosen daraus hervor.




  Drei
  Liebespaare in Einem.

  Eine
  romantische Kriegsbegebenheit.




Drei Liebespaare in Einem.


Der Sohn eines schsischen, ziemlich bemittelten Landedelmanns wurde nach
D*** auf eine Schule gesandt. Er war trge im Lernen, fleiig aber
im Koboltschieen und Ballschlagen; oft verga er ber einer glatten
Schlitterbahn im Winter, oder einem steigenden Papierdrachen im Herbst, da
ihn eine Lehrstunde erwartete, und mute daher ins Carcer. Die ihm jedes
Vierteljahr ausgestellten Zeugnisse lauteten ungemein bel; er mute sie
jedes Mal in die Heimath schicken, von wo dann tchtige Strafpredigten
erfolgten. Sechzehn oder siebzehn Jahre mochte er alt seyn, als, nach einem
ganz auerordentlich blen Zeugni, sein Vater in D*** anlangte, um einmal
selbst nach dem ungerathenen Sohn zu sehn. Er fand dessen Wohnzimmer in
solcher Unordnung, da er die Hnde ber dem Kopf htte zusammenschlagen
mgen. Blle und Flitzbogen lagen umher, die Schulbcher waren zerrissen,
die Hefte voll Tintenflecke, und allerlei Fratzen darauf gezeichnet, so
wie auch an den Wnden. Lisuart -- so hie das Shnchen -- hatte sich nicht
gewaschen, nicht gekmmt; an Ellbogen und Knieen zeigten sich merklich
schadhafte Gegenden.

Aber Junge, rief der Vater, Du spielst noch mit Bllen und Flitzbogen? Und
so liederlich sieht Alles neben und an Dir aus? Bist ein Edelmann, und hast
nicht mehr Ambition? Gehst mit zerrissenen Hosen, und das Hemd kuckt Dir an
den Ellbogen heraus? Wie lange ist es her, da ich Geld zu neuen Kleidern
geschickt habe?

Ehe Lisuart zu einer Antwort gelangen konnte, bekam er zwei derbe
Ohrfeigen; nun ward er tckisch, und antwortete gar nicht.

Der Vater machte jedoch mit ihm eine Runde bei den Lehrern, um sich zu
erkundigen, woran es doch mit dem Buben lge.

Der Rektor sagte: Zwei Umstnde sind es hauptschlich, an denen es liegt,
da der junge Herr nichts lernt. Einmal schlft er zu lange, und kmmt
immer zu spt in die Classe, wie sehr ich ihm auch das =Aurora musis
amica= empfohlen, und ihn ermahnt habe, mit Tagesanbruch seine Uebungen
vorzunehmen. Zweitens aber stecken seine Taschen immer voll Kuchen und
Obst; er nascht whrend des Unterrichts in Einem weg verstohlen, und da
gilt folglich das =plenus venter non studet libenter= auch in Einem weg bei
ihm.

Junge, hob der Vater wieder an, wo nimmst Du das Geld her? Ich habe Dir
doch nur acht Groschen zu Kleinigkeiten monatlich ausgesetzt.

Der Rektor fate ihm whrend dessen in die Taschen; in der einen
befand sich eine Mandel Abrikosen, in der andern ein Paket berzogner
Gewrzkuchen.

Lisuart mute nun reden, und gestand in abgebrochnen Worten: da er bei
verschiednen Kuchenbckern und Obsthkerinnen auf Borg nhme.

Der Vater sagte zornig: Ich will in den Zeitungen bekannt machen lassen,
da Dir auch nicht eine gebrannte Mandel, nicht eine Pflaume, kreditirt
werden soll.

Der Conrektor und der Subrektor uerten ebenfalls groe Unzufriedenheit,
und klagten, da der junge Mensch sich durch einen gewissen
erzschalkhaften, boshaften Sinn auszeichne. Es sollte damit, ihnen zufolge,
so weit gehen, da er die Ehrerbietung vor seinen Lehrern verge. Beide
fhrten einige Beispiele an. Einer sagte: Wie oft ich es ihm auch schon
verboten, ja, ihn darum ins Carcer geschickt habe, nennt er mich doch oft,
anstatt Herr Conrektor, Herr _Kornrektor_, so da alle Knaben lachen, und
die Aufmerksamkeit verloren geht. Ich bin nicht zu bermiger Strenge
geneigt; jung ist jung. Sollen aber zuweilen =allotria= getrieben werden,
so gescheh' es in den Freistunden, nicht in der Klasse.

Und mich, fiel der Andere ein, redet er oft, anstatt Herr Subrektor, Herr
_Suppenrektor_ an. Man sagt wohl: =pueri puerilia tractant=; allein der
Herr Sohn sollte nicht mehr zu den Knaben gehren wollen.

Sein College nahm abermal das Wort: Da er es gerade so bel meine,
behaupte ich bei dem allen nicht. Die vernderte Silbe in Korn will sagen:
ein Mann von chtem Schroot und Korn. Er sollte gleichwohl bei der alten
bleiben.

Nein, hob Lisuart stotternd an; so habe ich es nicht gemeint...

Der Lehrer fragte: Wie denn sonst?

Er bekam zur Antwort: Nun -- weil Sie so gerne Korn trinken.

Hierber gerieth der Conrektor fast auer sich, und wollte den Beleidiger
nicht mehr in seiner Klasse dulden.

Feuerroth wollte nun auch der Subrektor hren, weshalb denn sein Titel eine
Vernderung erlitten habe. Der junge Mensch antwortete: es sei ihm zu
Ohren gekommen, der Herr Subrektor habe einmal auf einem Schmaus eine ganze
Terrine Suppe allein verzehrt.

Nun wollte auch dieser ihn nicht mehr unterrichten. Wr' es noch
klassischer Witz, sagte er, so behielt' ich ihn in meiner Klasse; Allein
dieser Witz ist schal, trivial.

Bei der Schule stand aber noch ein Quintus, der berhmt und berchtigt
zugleich war: jenes, weil er mehrere Schriften herausgegeben, die Aufsehn
in der gelehrten Welt machten; dieses, weil er ehedem schon ein andres Amt
bekleidet, aber von den jungen Mdchen, die er unterrichten sollte, zwei
in einen Zustand versetzt hatte, nach welchem sie gesegnet zur Einsegnung
kamen. Man hatte ihn weggejagt und noch anderweitig hart bestraft;
ihn endlich aber, seiner trefflichen Kenntnisse wegen, doch wieder als
Schulmann -- nur nicht bei Mdchen -- angestellt. Dieser Quintus trat nun
fr Lisuart ein. Er wollte bemerkt haben, da der junge Mensch ein Genie
sei. Nur Geduld! setzte er hinzu; es wird sich schon entfalten, und dann
geht es auch mit den Studien ber Hals und Kopf. Ich wei, wie es bei mir
gegangen ist.

Schon wollte der Vater seinen ungerathenen Sohn wieder mit nach Hause
nehmen; doch der kleine Schimmer von Hoffnung, auf welchen der Quintus
deutete, bestimmte ihn anders. Er versprach dem Conrektor und Subrektor,
ihnen ein Paar gerucherte Schinken in die Kche zu senden, wenn sie die
Sache gut seyn lieen.

Lisuart wohnte bis jetzt bei einem Brger, dem der Vater eine Art von
Aufsicht ber ihn anvertraut hatte. Der Mann sagte aber: der junge Herr
folge nicht, und richte auch im Hause nur allerlei Unfug an; darum wre es
ihm lieber, wenn der junge Herr auszge.

Dem Vater fiel nun ein, da in D*** ein verabschiedeter Hauptmann lebe, der
sein Freund und Herr Bruder sei. Er ging mit Lisuart zu ihm, und fragte: ob
es anginge, und er ihm die Freundschaft erzeigen wollte, den Sohn in sein
Haus zu nehmen? -- Von dessen bler Auffhrung verschwieg er nichts, setzte
aber hinzu: Strenge ist um so nthiger; und kann Einer noch etwas aus ihm
machen, so bist Du es, Herr Bruder.

Warum nicht, Herr Bruder? entgegnete der Hauptmann; das will ich Dir schon
zu Gefallen thun. Aber ich mu im Nothfall die Fuchtel brauchen drfen.

In Gottes Namen, erwiederte der Vater; brauche Sie nur recht oft! Er hat
neun Hute; thu' Alles Dir Mgliche, ihm auch durch die letzte zu kommen.

Nicht fter, sagte der alte Officier, als wenn er nicht pariren will. Von
Gelehrsamkeit versteh' ich den Teufel; aber da er frh aufstehn und sich
an die Bcher setzen soll, will ich schon machen. Und kmmst Du wieder, und
er ist nicht in seinem Anzug, wie aus dem Ei geschlt, so ... gerade soll
er mir auch gehn, wie eine Kerze.

Der Hauptmann erfllte sein Versprechen. Kaum war Lisuart einige Monate in
seinem Hause, als er in manchem Betracht sich gebessert hatte; aber doch
nur ein wenig, und nicht in allen Stcken. Die Kleidung war sauber,
stand ihm aber nicht gut; er ging gerade, doch steif, ohne Anmuth. Das
Kinderspielzeug war verschwunden; Lisuart stand auch, in Rcksicht auf die
schon einige Mal empfundenen Fuchtel, zeitig auf; doch an den Bchern wurde
noch immer nicht viel gethan, ja, eigentlich noch weniger, als zuvor, wo
er doch noch Gesichter mit langen Nasen hineingekritzelt hatte; was
der Hauptmann nicht mehr zugab. Noch immer lauteten die Schulzeugnisse
keineswegs rhmlich, und Lisuart sa noch in Quarta, obschon Manche, die
jnger als er waren, sich in Tertia, ja in Secunda befanden.

Der Hauptmann nahm ihm einen Fechtmeister und einen Tanzmeister an, da
sie ihm ein sogenanntes =air degag= beibringen sollten. Bei Jenem machte
Lisuart einige Fortschritte, zum Tanzen hingegen hatte er so wenig Lust als
Geschicklichkeit.

So kam sein achtzehntes Jahr heran, und auch der Winter, fr den sein
neuer Mentor in eine Gesellschaft trat, die sich wchentlich zu einem Ball
versammelte. Es geschah meistens um Lisuarts willen, der, wie Jener sagte,
hier noch mehr den Bauer ablegen, und feinere Lebensart bekommen sollte.

Doch es hinkte auch da genug. Er sollte eine Dame zum Tanz auffordern,
weigerte sich aber aus Bldigkeit. Nur angedrohte Fuchtel konnten ihn
endlich bestimmen. Nun tanzte er freilich, inde mit so krummen Knieen und
so verwirrt, da man ber ihn lachte. Beim Essen stopfte er dagegen so viel
Kuchen und Obst in sich, da man mit Fingern auf ihn wies. Der Hauptmann
rgerte sich sehr, und fuchtelte ihn noch um Mitternacht, als man wieder zu
Hause war.

Auf dem nchsten Ball zeigte er etwas mehr Geschick beim Tanz, und etwas
weniger Naschgier an der Tafel; aber ganz unausgelacht kam er doch nicht
davon. Sie sollten sich schmen, sagte der Hauptmann daheim; so ein
hbscher junger Mensch, und betrgt sich -- hol mich der...! -- so
ungehobelt wie -- nun, ich mag's nicht sagen.

Dies Mal war Lisuart doch so dreist, da er sagte: Wenn aber Jemand so viel
flucht, Herr Hauptmann, ist das gehobelt oder ungehobelt?

Was? rief Jener, der junge Patron will noch auf mich sticheln? Das leid'
ich, Gott straf mich, nicht! Ich vertrete Vatersstelle bei ihm, und habe
Autoritt.

Um diese Autoritt abermal thtig zu beweisen, zog er vom Leder; dies
Mal aber, anstatt einer gewichtigen Klinge, eine leichte, berucherte
Gnsefeder, welche Lisuart aus einem Flederwisch gezogen und mit der Klinge
vertauscht hatte. Es war das erste Mal, da er dem Hauptmann einen Streich
zu spielen wagte.

Dieser rief: Wer hat das gethan?

Ich nicht, antwortete Lisuart.

Knnen Sie schwren?

Hol mich der Teufel!

Knnen Sie auch Ihr Ehrenwort darauf geben?

Nein, das kann ich nicht! Ich hab' es gethan, weil ich dachte, eine Feder
thte doch nicht so weh.

Nun fiel ihm der Hauptmann um den Hals. Sieh! rief er; bist doch ein
tchtiger Kerl, Junge! Schwrst wohl beim Teufel falsch, willst aber nicht
Dein Ehrenwort geben. Bravo! Und hast doch einmal Raupen im Kopf, einen
guten Einfall. Ich glaube, die zwei Blle haben Dich schon etwas formirt.
Das mu ich gleich meinem Herrn Bruder schreiben. O, ich will zum Teufel
fahren, wenn nicht noch was aus Dir wird!

Auf dem nchsten Ball setzte der Hauptmann sich neben eine ihm unbekannte
Dame, und hob ein Gesprch mit ihr an. Nicht lange nachher kam ihre, etwa
funfzehnjhrige, Tochter aus den Reihen zurck, und nahm Platz bei der
Mutter. Pfui, Luischen! sagte diese, wie schlecht hast Du getanzt! Und wir
haben doch vier Monate einen Tanzmeister bei uns gehabt. Zwar bist Du zum
ersten Mal auf einem Ball; ich htte aber doch nicht geglaubt, da es so
schlecht gehn wrde.

O nur Uebung, gndige Frau, sagte der Hauptmann; da wird das Frulein
dreist. Ich habe da einen Eleven, der soll sie gleich wieder auffordern.
Lisuart, kommen Sie her!

Schchtern nahte sich dieser, und machte eine linkische Verbeugung.

Fordern Sie das Frulein auf, sagte der Hauptmann wieder; geschwind!

Lisuart stammelte: Kann ich die Ehre haben...?

Die Dame nahm das Wort: Wird meiner Tochter viel Ehre seyn. Allons, Luise,
folge!

Luise stand bebend auf, schien ungern wieder in den Reihen zu gehn. Der
Hauptmann sah zu. Es kam ihm vor, als nhme Lisuart sich dies Mal mehr
zusammen, und hielte sich dreist, zierlicher.

Lisuart wies auch das Frulein in den sogenannten Touren zurecht. Als aber
der Tanz vorber war, liefen ihm groe Tropfen Angstschwei vom Gesicht.

Der Hauptmann stand auf, lobte ihn, und sagte hernach leise: Nun setzen Sie
sich ein wenig neben die junge Dame, mit der Sie getanzt haben; unterhalten
Sie sich mit ihr.

Lisuart wollte nicht, und suchte Ausflchte. Sie sollen, ward ihm
erwiedert, oder es giebt zu Hause Fuchtel. Die Klinge ist eingesetzt.

Lisuart fragte zaudernd: Was soll ich denn mit ihr sprechen?

Tausend Sapperment! entgegnete der Hauptmann, was das fr eine dwatsche
Frage ist! Eben da formirt sich ein junger Mensch, wenn er mit Damen
spricht, und es mu sich ja wohl etwas finden, wovon man sprechen kann,
in's Teufels Namen! Sprechen Sie, wovon Sie wollen, nur nichts Ungezognes!

Lisuart nahm zagend neben dem Frulein Platz, und hob an: Meine Gndige --
es ist heute schnes Wetter.

Die Gndige antwortete: So mu es eben erst schn geworden seyn. Als wir
kamen, schneiete es.

Sie hatte, wie man sieht, etwas mehr Fassung, als er; denn sie hrte doch,
was er sagte, und da es nicht ganz richtig schien. Er dagegen hatte so
wenig recht gewut, was er sagte, als er recht hrte, was sie antwortete.
Beide dankten eigentlich dem Himmel, da sie doch einige Worte
hervorgebracht hatten, weil es die Schicklichkeit so gebot. Das Frulein
zeigte etwas mehr Gegenwart des Geistes im Reden, weil die weibliche Natur
es so mit sich bringt. Da Lisuart dagegen beim Tanz sie darin bertroffen
hatte, rhrte vielleicht davon her, da er schon einige Mal ffentlich
getanzt, Luise aber heute den ersten Versuch machte.

Nach und nach kamen Beide doch mehr und mehr ins Gesprch. Luise erzhlte,
da sie zum ersten Mal mit ihrer Mutter in D*** sei, was sie bereits an
schnen Sachen gesehn habe, und noch sehn werde, und mehr dergleichen. Ihr
Vater, sagte sie auch, der zu Hause geblieben wre, htte ihr prophezeiet,
sie wrde sich recht wundern. Lisuarts Angst verlor sich auf einer Seite;
denn er vernahm allmhlig, was seine Nachbarin sagte, und konnte dazwischen
erzhlen: wie es ihm in D*** ergangen sei, und noch gehe; auf der anderen
Seite aber stieg diese Angst. Denn er fing an, ein ihm bis dahin ganz
unbekanntes wunderbares Vergngen zu fhlen, als er so mit Luisen redete.
Und weil er so oft ber das, was ihm Vergngen gemacht, Tadel, Scheltworte,
selbst Ohrfeigen und Fuchtel bekommen hatte, fing er an zu frchten: da
ihm dieses Vergngen aller Vergngen noch etwas viel Schlimmeres zuziehen
wrde.

Zu seinem Erstaunen klopfte ihm aber der Hauptmann auf die Schulter, und
betheuerte bei Ehre und Reputation: so wre es recht!

Er setzte bei der Abendtafel sich wieder zu jener Dame, und Lisuart
mute neben Luisen Platz nehmen. Der junge Mensch betrug sich fein und
angemessen, tanzte hernach noch einmal mit dem kleinen schnen Frulein,
und Beiden lie sich kein Fehler mehr vorwerfen.--

Am nchsten Morgen kam sein Aufseher in seine Stuben: Was ist das!
sagte er; Sie haben gewi das Licht brennen lassen, und sind darber
eingeschlafen. Der Teufel! so kann ja Feuer entstehn.

Das noch glimmende Licht war ganz herunter gebrannt, und der junge Mensch
hatte noch die Kleidung von gestern Stck fr Stck auf dem Leibe.

Ich habe, erwiederte Lisuart verwirrt, ein nthiges lateinisches Exercitium
gemacht, und bin darber nicht zu Bette gegangen. Es war ja schon zwei Uhr,
als wir nach Hause kamen.

Eigentlich verhielt sich die Sache so. Lisuart empfand, als er vom Ball
nach Hause kam, auch nicht die mindeste Neigung zum Schlaf. Des Fruleins
Bild tanzte ihm unaufhrlich vor dem innern Auge: immer klangen ihre Worte,
und die Musik der beiden mit ihr getanzten Tnze, ihm vor dem innern Ohr,
und dies machte ihm wieder ein neues, so hohes Vergngen, da er sich
ihm weit lieber, als dem Schlaf berlie. Es stand ein Klavier auf seinem
Zimmer. Er bekam Unterricht in der Musik, hatte aber bis jetzt nur sehr
geringe Fortschritte gemacht; theils, weil seine Neigung zu dieser
Kunst nicht gro war, theils auch weil sein Lehrer darin nicht zu den
vorzglichsten gehrte. Dieser hatte seinem Schler binnen einem Jahre eine
alte sogenannte Klavierschule mit ganz leichten Anfangsstcken gebracht,
etliche Sonaten der Art von Vanhal und Pleiel, auch eine Operette von
Hiller, die Ouverture daraus zu lernen; allein der Schler hatte bis jetzt
sehr wenig begriffen.

Nur die alte Operette hatte ihn gewissermaaen angezogen, weil sie Lisuart
und Dariolette hie. Der Mensch ist nun einmal so, da er seinen Namen gern
gedruckt sieht. Ein Kupfer am Titelblatt, welches einen jungen stattlichen
Ritter im Harnisch vorstellte, pflegte er oft anzusehn, und auch einige der
leichten Gesangmelodieen aus dem Werk zu klimpern.

Jetzt, indem er so im Zimmer umherging, und der eben entflohenen Stunden
dachte, fiel ihm auch das Musikbuch in die Augen, und er betrachtete nun
zum ersten Male mit Antheil die junge Dame, welche im Kupfer neben dem
Ritter stand. Bald setzte er sich an das Klavier, und es schien ihm ganz
anders zu klingen. Er schlug Einiges von dem auf, was der Ritter Lisuart
von seiner Liebe singt, und es ergriff ihn gewaltig. Ihm dnkte, als wren
es seine eignen Empfindungen; und viel gelufiger, als sonst, konnte er
jetzt die Noten lesen, und die Finger rhren. Noch mehr hingerissen fhlte
er sich bei dem Gesang der Dame in den Worten:

  Reich Deine Hand als Brut'gam mir,
    Mein liebstes Gut auf Erden,
  Und ich verspreche Dir dafr,
    Nie ungetreu zu werden.

Er konnte nicht aufhren, die einfache Melodie zu wiederholen und die
einfachen Worte dabei zu lesen. Ihm war, als snge das Luise -- zu ihm; und
sterben htte er mgen vor Entzcken ber diese Vorstellung. Er beklagte
nur, da nicht Dariolette jenen Namen hatte. Bis an den hellen Morgen
konnte er sich nicht von der sen Beschftigung losreien.

Und nun brachte er auch eine ganz vernderte Stimmung mit in die Schule.
Die Wissenschaften hatten ihm eine hhere Bedeutung gewonnen; er meinte:
was ihn so lange angeekelt habe, knne wohl hohes Vergngen gewhren. Zum
ersten Male schmte er sich, immerfort getadelt worden und gegen Andere
zurckgeblieben zu seyn; es erwachte in ihm Ehrgeitz, das Verlangen, seinen
Mitschlern gleich, ja zuvor zu kommen, und er dachte nun auch, das knne
so schwer nicht seyn.

Die ganze Woche hindurch zeigte er ungemeinen Flei, sowohl in den
Lehrstunden, als zu Hause, und fragte den Quintus um vielerlei, der sich
auch bereitwillig zeigte, ihm durch Winke und guten Rath fortzuhelfen.
Schon am Ende dieser Woche wurde er in eine hhere Klasse versetzt. Hierzu
trugen die Empfehlungen des Quintus das Meiste bei; dieser hatte nehmlich
dem Rektor versichert: Lisuarts Genie fange nun an, sich zu entwickeln.

Gerade an diesem Tage fhrte ihn sein Mentor wieder auf den Ball. Lisuart
hatte sich recht sorgfltig und nett gekleidet, und war viel weniger
verlegen, als zeither; einige ltliche Damen, die mig auf ihren Sthlen
die Versammlung musterten, machten die Bemerkung: der Lisuart staffire sich
recht gut heraus, und werde ein ganz hbscher Mensch.

Schon die heutige Versetzung in eine hhere Klasse hatte dem jungen
Menschen mehr Muth gegeben; dazu kam aber noch, da der Hauptmann
ihn, theils darber, theils auch ber seinen heutigen Anzug und sein
verbessertes Betragen gelobt hatte. Lob ber ein gewisses Verdienst pflegt
dies Verdienst zu erhhn, namentlich in jngeren Lebensjahren.

Aus dieser Ursache trat er nicht mehr so scheu vor Luisen, nach der er sich
die ganze Woche hindurch gesehnt hatte. Auch Luise war weniger betreten,
und daneben vortheilhafter, als neulich, gekleidet. Beide tanzten und
sprachen heute mehr mit einander, als vor acht Tagen, und menschenkundigen
Beobachtern htte es nicht entgehn knnen, da Beide sich sehr glcklich
fhlten, und da sich in ihren Herzen die ersten Spuren der Liebe zeigten.

Sonderbar brigens, da noch keins von Beiden des Anderen Namen wute, und
auch den Muth nicht hatte, danach zu fragen. Lisuart bediente sich nur der
Anrede: meine Gndige; und Luise war genthigt, alle Anrede zu vermeiden.
Der Hauptmann sa am Spieltisch, und kam dies Mal nicht zu ihnen.

Luisens Mutter begegnete dem jungen Menschen darum freundlich, weil er sich
immer zu ihr hielt; es war ihr ja daran gelegen, da Luise, die bisher auf
dem stillen Lande erzogen war, sich in der Welt darstellen lernen sollte.
Und auer Lisuart kmmerte sich Niemand eben um Luisen; das noch halb
kindische Frulein war den jungen Herren von Ton zu unbedeutend, und auch
in D*** nur wenig bekannt.

Heute kam das Gesprch unter andern auf die Tonkunst. Lisuart erfuhr, das
Frulein habe auch darin Unterricht gehabt; und nach ihren Aeuerungen
mute sie viel grere Fortschritte darin gemacht haben, als er. Um so
schner und vortrefflicher schien ihm nun die Musik.

Er brachte den Rest der Nacht abermal am Klaviere hin, und mit noch hher
gesteigerten Empfindungen. Heute fand er in seinem alten Opernbuch eine
Romanze des Inhalts:

    Es war einmal ein Knigssohn,
  Ein Wthrich, den die Menschen flohn.
  Nicht bnger fliehn die Kinder,
  Wenn Ruprecht kmmt, und nicht geschwinder.
  Der Vater weinte bitterlich,
  Und sprach vergebens: bessre Dich!
  Die Lehrer zwang sein Fluchen,
  Die Thore vom Pallast zu suchen.

    Einst fhret sein Geschick ihn hin,
  Wo eine junge Schferin,
  Von Hitz' und Lauf ermattet,
  Die Nacht des grnen Walds beschattet.
  Sie ruht im Schlaf, ihr Antlitz lacht
  Gleich einer heitern Sommernacht,
  Und frei und immer freier
  Spielt Zephyr mit des Busens Schleier.

    Wie ward dem Wilden, der sie sah!
  Wie eine Sule steht er da
  Wohl eine ganze Stunde,
  Mit starrem Blick und offnem Munde.
  Doch sie erwacht, und eilt zu fliehn,
  Die Ehrfurcht lehrt ihn niederknien;
  Der Stolze ruft mit Thrnen:
  Verzeuch, o lieblichste der Schnen!

    Umsonst, sie flieht mit trbem Blick,
  und mit Gefhl kehrt er zurck,
  Das nimmer sich gereget,
  Seit ihm ein Herz im Busen schlget.
  Des Herzens Drang, des Wissens Lust,
  Entflammen pltzlich seine Brust;
  Der Alte will vor Freuden
  Im Arm des neuen Sohns verscheiden.

    Er fragt: Wer hat Dich so bekehrt?
  Der Jngling sagts; der Alte schwrt:
  Ich rufe sie noch heute
  Im Hochzeitschmuck an Deine Seite.
  Sie reichen sich die frohe Hand.
  Noch jetzt hrt man im ganzen Land,
  Vom Prinzen und der Schnen,
  Ein Lob von allen Lippen tnen.

Diese Verse setzten unsern Lisuart in Erstaunen, und gaben ihm noch
Deutungen, Aufschlsse ber sein Innres. Ja, so konnte _des Herzens Drang_
erwachen und _des Wissens Lust_; o, wre der Alte da gewesen! Doch sah der
junge Mensch wohl ein, da davon bei einem Tertianer die Rede noch nicht
seyn knne; aber, dachte er, einst, einst!

Wute er doch nun ganz klar, da er Luisen liebte, und seine Liebe sollte
eine ganze Ewigkeit dauern, keine Minute weniger.

Verdoppelter Flei in der Schule und zu Hause, stets mit wachsendem
Vergngen begleitet, war die Folge seiner erwachten Gefhle. Auch der
Conrektor und Subrektor lobten ihn nun; denn von einem Kornrektor und
Suppenrektor lie er nichts mehr hren, sondern zeichnete sich nur durch
Wibegierde aus, so wie durch leicht erworbene Kenntnisse und einen
Scharfsinn, der oft in Verwunderung setzte. Der Subrektor selbst gab ihm
das Lob: er habe jetzt zuweilen cht witzige Einflle.

Ihm fiel aber auch ein, da seine Kleidung ziemlich abgetragen, und gar
nicht recht nach dem Schnitt gemacht sei, wie andere junge Edelleute in
D*** sie trugen. Er bat den Hauptmann, ihm eine andere machen zu lassen.
Das thue ich von Herzen gern, bekam er zur Antwort; ist doch noch Geld da,
und mein Herr Bruder wird nicht geitzen, wenn er nur sieht, da aus dem
Sohn ein Kerl wird.

Lisuart trieb, da die neue Kleidung zum nchsten Ball fertig werden
sollte. Als er darin vor den Spiegel trat, hatte er selbst einen kleinen
Anfall von nrrischer Eitelkeit; denn er fand, was er bis jetzt nie
gefunden hatte, nehmlich, da er doch ein ganz hbscher Mensch sei.

Luise mute das auch wohl finden; denn sie wurde, als sie ihn zuerst
erblickte, rther, und war hernach freundlicher, als zuvor. Sie schien ihm
aber auch heute bei Weitem reitzender; vielleicht, weil er, bei erhhtem
Selbstgefhl, besonnenern Muth gewonnen hatte, sie mehr als flchtig
anzusehn. Heute forderte Lisuart das Frulein so oft zum Tanz auf, da die
Mutter besorgte, es knnte Aufsehn erregen, und da sie Luisen befahl,
die Aufforderungen nun abzulehnen. Sie vermied auch seine Nhe bei Tische,
worber denn Lisuart sich recht sehr betrbte.

Doch in recht eigentliche Schwermuth sank er, als am nchsten Balltag Luise
nicht mehr zu sehen war; auch spterhin nicht mehr kam. Endlich gewann
er es, mit groer Mhe, ber sich, den Hauptmann, als sie im Dunkeln nach
Hause gingen, zu fragen: wo die fremde Dame geblieben seyn mchte -- von
der Tochter sagte er doch nichts--, neben welcher er, der Hauptmann,
neulich gesessen htte.

Ich wei nicht, bekam er zur Antwort; vermuthlich ist sie abgereis't.

Noch schwerer ging Lisuart an die Erkundigung: wie sie heien, und wo sie
wohnen mchte?

Der Hauptmann betheuerte, von dem Allen kein Wort zu wissen, und fgte
hinzu: Aha, junger Patron! Ich will des Teufels seyn, wenn Sie nicht in
die Tochter verliebt sind. Nun, recht gut das. Wenn sich ein junger Mensch
verliebt, fngt er auch an, etwas auf sich zu halten. Ich wette, nun werden
die Fuchtel nicht mehr nthig seyn.

Behte! rief Lisuart; wie kommen Sie darauf! Die Fuchtel anlangend -- nun,
die werde ich mir knftig verbitten, Ihnen aber auch keine Gelegenheit dazu
geben, Herr Hauptmann!

Bravo, erwiederte dieser; das soll mir recht lieb seyn.

Er schrieb dem Herrn Bruder nun auch: der Sohn fange recht ernstlich an,
sich zu bessern; und schickte Zeugnisse von den Lehrern mit, die ungemein
vortheilhaft klangen.

Lisuart machte jetzt in der That Fortschritte, die man ihm nicht zugetraut
htte, und er selbst hatte mit jedem Tage eine hhere Freude daran. Auf der
anderen Seite war es ihm aber so schmerzlich, Luisen nicht mehr zu sehn,
und ihren Aufenthalt nicht zu wissen, da eine merkliche Blsse im Gesicht
seinen Gram offenbarte.

So kam der Frhling heran, und nun erst fand er die schnen Umgebungen
der Stadt sehr anziehend. Er schweifte oft darin umher, mit irgend einem
Dichter in der Tasche, um ihn da oder dort, auf einem Felsen sitzend, zu
lesen. Darber entzndete sich in seiner eignen Brust poetisches Feuer.
Er staunte, als er die ersten Versuche niedergeschrieben hatte, da es ihm
auch gelnge, Verse zu machen. Zum Theil enthielten sie Erinnerungen an
jenes Beisammenseyn mit der geliebten Luise; zum Theil Sehnsucht nach
Wiedersehn; doch einige enthielten nur Lob der schnen Natur. Die letzteren
wies er dem Quintus vor, der sie verbesserte, und ihm aufmunternde Lehren,
und Rath gab, was er zur ferneren Ausbildung seines Geschmacks lesen msse;
und mit den Worten endete: Sagt' ich es doch voraus, da hier Genie wre.

Natrlicher Weise freute sich der Jngling hierber. Als er dann
Shakespear, Schiller und Gthe las, verzweifelte er bald, Genie zu haben,
bald glaubte er wieder, da es ihm nicht ganz daran fehle. _Genie des
Gefhls_, meinte er doch, knne man ihm nicht absprechen.

Er kam nach Secunda, und ein halbes Jahr spter nach Prima. Nun hatte
er die meisten von seinen Mitschlern, die ihm vorangeeilt waren, wieder
eingeholt. Freude hierber, die zufriednen Briefe seines Vaters, und die
se Zerstreuung, welche ihm die Poesie gewhrte, scheuchten nach und nach
aus seinem Herzen den Gram der Liebe, doch keineswegs die Liebe selbst,
welche sich vielmehr in seiner Brust immer strker befestigte. Er machte
allerlei Entwrfe, Luisen auszumitteln, und sich zu bestreben, da er bald,
wie sein Vater es wnschte, ein Amt erlangen mchte, um Luisen dann seine
Hand anbieten zu knnen.

Im Herbst erklrte man ihn fhig, die Hochschule zu beziehn, und Jena wurde
fr ihn ausgewhlt.

Ein neuer Lebenskreis, Freiheit, und Gelegenheit sich jugendlichem Frohsinn
zu berlassen, wie zuvor nie! Lisuart hatte jedoch keine Neigung, wilden
Ergtzlichkeiten nachzugehn, und suchte Freunde von hnlichem Sinn. Auer
den Rechtswissenschaften, trieb er philologische mit beinahe bermigem
Eifer, und zeichnete sich sogar unter den fleiigern und musterhaften
jungen Musenshnen noch aus.

Durch die mannichfachen, von ihm eingesammelten, Kenntnisse lernte er auch
sich selbst mehr kennen. Jetzt sah er wohl ein, da, wenn er Luisen nicht
gesehn htte, nie diese Neigung zu den Wissenschaften in ihm erwacht seyn,
und da er vielmehr leicht dahin gekommen seyn wrde, auf eine ihm hchst
nachtheilige Weise die akademische Freiheit zu mibrauchen. Zu seiner Liebe
gesellte sich noch Dankbarkeit fr sein Erwachen zu einem edleren Leben,
wodurch die Liebe noch mehr Nahrung bekam, und ihm in einem schnern Lichte
erschien.

In den nchsten Sommerferien machte er eine Fureise; wie er vorgab, die
schneren Gegenden von Sachsen zu sehn, eigentlich aber, Luisens Wohnort zu
entdecken. Sie hatte einmal in ihrer Unterhaltung mit ihm gesagt: In D***
bin ich noch nicht gewesen, wohl aber schon einige Mal in Leipzig, weil
dies nicht so weit von uns ist. Hieraus schlo nun Lisuart, ihr vterliches
Gut msse in der Gegend von Leipzig liegen, und nahm sich vor, eine solche
Runde zu machen, da er es nicht verfehlte.

Die Mhe war inde vergeblich. Wie sorgfltig er auch jedes Dorf besuchte,
das einen Herrenhof hatte, wie genau er auch die Gestalten der Mutter
und Tochter beschreiben mochte: es glckte ihm nicht, das Gewnschte zu
erfahren, und er mute endlich unverrichteter Sache nach Jena zurckkehren,
was ihn denn tief betrbte.

Als er neunzehn Jahre alt war, dachte er: nun ist Luise im sechzehnten; als
er das zwanzigste antrat: nun wird sie in das siebzehnte treten -- O, Gott,
wenn mir Jemand zuvorkme!

Er entschlo sich, an den Hauptmann zu schreiben, und ihm sein Geheimni
halb und halb zu entdecken. Es msse sich ja, schrieb er weiter, in D***
wohl erforschen lassen, wer jene Dame gewesen sei; der Vorsteher
der Ballgesellschaft werde sie ohne Zweifel kennen. Er lie die
angelegentlichste Bitte folgen, da sich der Hauptmann nach ihr erkundigen
mchte.

In der Antwort auf diesen Brief hie es: Der Vorsteher aus jener Zeit sei
gestorben, und alles anderweitige Nachfragen habe wenig gefruchtet.

Lisuart besuchte im nchsten Jahr seinen Vater, der ihn mit groer Freude
und Herzlichkeit empfing. Der Sohn lie auch hier etwas von seinem innern
Zustand merken; da sagte aber sein Vater: Oho! jetzt schon an eine Heirath
zu denken, ist zu frh! Und ich habe brigens halb und halb ... ein sehr
wohlhabender alter Freund, der eine einzige Tochter hat, die auch recht
schn und gebildet seyn soll...

Lisuart unterbrach ihn mit Betheurungen: er wrde nie einem andern Mdchen
seine Hand geben knnen.--

Possen! sagte der Vater wieder; so reden alle junge Leute, und die Umstnde
ndern viel. Nichts mehr davon! kmmt Zeit, kmmt Rath.

Lisuart mute wieder nach Jena. Seine Poesien machten bei Kennern Aufsehn,
und sie riethen ihm, eine Auswahl davon drucken zu lassen. Es geschah
endlich, doch so, da er auf dem Titel nur seinen Vornamen nannte. Die _an
Luise_ berschriebenen Gedichte athmeten das meiste und strkste Feuer.

Doch jetzt, im Jahr 1813, loderte auch das Kriegsfeuer in Deutschland
auf. Lisuart meinte, die politische Rolle des Knigs von Sachsen wre nur
gezwungen; und, obschon dessen Unterthan, beschlo er doch in preussische
Dienste zu gehn, um gegen Deutschlands Unterdrcker zu kmpfen. Er bat
seinen Vater um Erlaubni dazu, und dieser sagte: Thue, was Du willst; ich
mag nichts davon wissen. Gieb Dir aber lieber einen andern Namen, da es
nicht heien kann: Du habest gegen Dein schsisches Vaterland gestritten.

Lisuart ging nach Berlin, gab sich fr einen Herrn von Breitenfeld aus, und
bekam eine Lieutenantsstelle bei einem neu errichteten Corps von leichter
Reiterei.

Nichts von den Kriegsauftritten, denen er beiwohnte, auer, da er durch
seine Tapferkeit bald Rittmeister wurde.

Als nach der Schlacht bei Leipzig Napoleons Flchtlinge verfolgt wurden,
und man sie theils zu ereilen, theils ihnen in die Seite zu kommen suchte,
gehrte Lisuarts Corps zu denen, welche am thtigsten waren.

Im Hessischen machte er eines Tages eine Seitenpatrulle, und traf auf eine
Anzahl abgeschnittener franzsischer Husaren, die so eben einen Reisewagen
plnderten. Ein Landedelmann der dortigen Gegend wollte darin mit seiner
Tochter fliehn, und hatte das Unglck, in die Hnde jener Unholden zu
fallen, welche brigens auch die Tochter reitzend fanden, und geneigt
schienen, sie fr eine gute Beute zu erklren.

Lisuart, obgleich seine Mannschaft nur halb so stark war, strzte sich in
die Feinde, und so entstand ein hartnckiger Kampf. Die Preuen siegten;
ihren Rittmeister traf aber ein Sbelhieb in den Kopf, der ihn um alle
Besinnung brachte.

Man gab dem Edelmann das ihm Gehrende zurck, und hoch erfreut, die Ehre
seiner Tochter gerettet zu sehn, dachte er durch die beste Verpflegung der
Verwundeten seine Dankbarkeit zu beweisen. Man versicherte ihm, da er nun
nicht zu fliehen brauchte, weil die befreundeten Truppen schon nahe wren.
So entschlo er sich denn, nach seinem Dorfe zurckzukehren, und nahm den
halb todten Rittmeister in seinem Wagen mit sich, dem ein Feldarzt, der
sich glcklicher Weise gefunden, sogleich den ersten Verband um den Kopf
gelegt hatte.

Lisuart galt sonst fr einen schnen Officier; jetzt aber htte sein
Anblick Entsetzen erregen knnen. Man denke sich zu einem starken,
dunkelbraunen Bart die bleiche Todtenfarbe und die bis an die Augen
reichenden Binden!

Der gerettete Gutsbesitzer lie in seinem Hause ihm ein Zimmer zurecht
machen, und einen Wundarzt aus der nchsten Stadt rufen, der um ihn bleiben
mute. Erst nach einigen Tagen bekam Lisuart einen Theil seines Bewutseyns
wieder, das inde ftere Anflle vom Wundfieber strten. Zusammenhngendes
Denken ward ihm ungemein schwer; seine Ideen durchkreuzten sich, wie im
Wahnsinn, denn der feindliche Sbel war sehr tief eingedrungen. Auch sah er
nicht recht hell, und der Wundarzt verhehlte ihm nicht, da sein Leben noch
immer in Gefahr schwebe.

Als die ersten Durchmrsche vorber waren, herrschte in dem abgelegenen
Dorf mehr Ruhe. Dies that ihm wohl, und an Pflege lie sein dankbarer Wirth
es nicht fehlen. Eines Abends hrte er im Nebenzimmer zu einem
Pianoforte singen. Die Stimme dnkte ihm vorzglich schn, die Fertigkeit
ausgezeichnet. Es schien, als ob durch die Musik sein Fieber nachlasse,
sein Schmerz sich vermindre, und sein Kopf freier wrde.

Als der Gutsbesitzer -- was oft geschah -- ihn besuchte, sagte Lisuart:
Ich hrte da eben sehr schn spielen und singen; Musik ist mein grtes
Vergngen. Wenn ich des Vergngen fter htte, so wrde es viel zu meiner
Genesung beitragen.

Es war meine Tochter, erwiederte der Andere; so oft Sie es wnschen, soll
sie singen und spielen. Was kann sie weniger fr ihren edelmthigen Retter
thun!

Von nun an spielte und sang das Frulein oft; und, so wie Davids Harfe
Sauls Melancholie vertrieb, so wirkte auch hier die Gewalt schner Tne auf
einen zerrtteten Seelenzustand. Mit jedem Tage besserte sich nun auch die
Wunde, und freiwillig, obgleich befremdet, gestand der Arzt: er zweifle,
ob, ohne Beihlfe einer so lieblichen Anregung der Lebenskrfte, der
Rittmeister zu retten gewesen seyn wrde.

Nach einigen Wochen war des Kranken Bewutseyn vollkommen deutlich, und das
Wundfieber hatte sich verloren. Nur die Augen blieben noch schwach, weshalb
der Arzt die Fenster dicht verhngen lie.

Zuweilen brachte der Herr vom Hause seine Tochter mit, welche dann jedes
Mal dem Rittmeister fr ihre Rettung dankte. Ihre Unterhaltungen schienen
nicht minder zu wirken, als ihr Gesang und Spiel; Lisuart meinte: so
geistvoll habe er noch keine Dame reden hren. Sie erbot sich auch, ihm
bisweilen vorzulesen. Er lehnte das zwar, als zu gtig, ab; aber dennoch
blieb sie dabei, ihren Retter auch auf diese Art zu unterhalten. Sie ging
dazu in das Nebenzimmer, und lie die Thr offen, weil sie in dem halb
finstern Krankenzimmer nicht htte sehen knnen.

Eines Tages brachte sie einen Band Gedichte mit, und sagte ihm, da diese
zu ihrer Lieblingslectre gehrten. Wie staunte der Rittmeister, als sie
ihm nun aus _Lisuarts poetischen Versuchen_ vorlas. Die Empfindung, womit
sie es that, erregte bei ihm Rhrung, Stolz und -- Gewissensvorwrfe. O
Gott! dachte er, sollt' ich dies Frulein nicht lieben? nicht treulos an
Luisen geworden seyn, der ich doch in meinem Herzen ewige Liebe geschworen
habe?

Doch bald dachte er auch: Luisen habe ich seit vier Jahren nicht gesehen,
und vielleicht sehe ich sie nie wieder.

Und spterhin: Diesem Frulein verdanke ich mein Leben; und das ist doch
noch mehr, als ich Luisen einst zu verdanken hatte.

Nach gerade sah er heller, und so viel die herabgelassenen grnen Vorhnge
es zulieen, prfte er des Fruleins Gestalt. Sie war hher als Luise, und
ihr Ausdruck voll Adel und Anmuth. Die Gesichtszge schienen ihm geistiger,
bedeutender, aber nicht so heiter, wie er sich Luisens noch erinnerte;
eine gewisse sanfte Schwermuth lag darin verbreitet, die er jedoch uerst
anziehend fand.

Einmal sagte er: Den Dichter, von dem Lisuarts poetische Versuche sind,
mchte ich beneiden, weil Sie ihm so viel Nachsicht schenken. Und doch --
kann ich ihn nicht beneiden. Wissen Sie ihn?

Sehr eilig rief Jene: Nein! Ist er Ihnen bekannt? Schon lange habe ich nach
seinem Namen gefragt.

Dies Mal klang die Stimme dem Rittmeister heitrer, als sonst, und schien
ihm ein wenig bekannt. Nun fate er auch die Gesichtszge schrfer ins
Auge.

Mein Frulein, hob er wieder an, sind ... sind Sie einmal in D***
gewesen?--

Vor vier Jahren.

Auf dem Ball bei ***?

O Himmel!

Die Gedichte an Luise wurden -- an Sie geschrieben.

Meine Ahnung! Und Sie -- Sie retteten mich!

Sie retteten mein Leben!

Nun konnte der Rittmeister aber nicht mehr zusammenhangend sprechen. Ein
heftiger Rckfall vom Fieber, und nichts als Irrereden. Zu stark war die
Erschtterung fr seine nur erst schwach befestigte Gesundheit.

Erst nach einigen Wochen kam er wieder so weit, als er schon gewesen war.
Nun hatten aber das Frulein und ihr Vater das Gut verlassen, und es war in
andern Hnden.

Der neue Eigenthmer sagte: Schon lange wre der Kaufvertrag abgeschlossen
gewesen, und nun der Termin seines Antritts herangekommen; inde sollte es
dem Rittmeister an keiner Pflege fehlen.

Lisuart fragte bestrzt: Wo ist denn der vorige Gutsherr geblieben?

Er bekam zu Antwort: Genau wei ich es nicht. Wie ich hre, ist er nach dem
Brandenburgischen gezogen.

Und sein Name? Noch immer habe ich nicht danach gefragt.

Von Rothenfeld.

Lisuart bat, sobald er wieder schreiben konnte, Bekannte in Berlin, sich
nach dem Aufenthalt eines Herrn von Rothenfeld zu erkundigen. Welch ein
glckliches Wiederfinden, dachte er, und Luise liebt mich! Sie hat mein
Herz aus den Gedichten an sie errathen. Freilich reden einige deutlich
genug vom ersten Anblick, und den mchtigen Wirkungen der ersten Liebe.

Er genas nach einigen Wochen vllig, und eilte nun dem Heer in Frankreich
nach. Aus Berlin bekam er jedoch keine gnstige Antwort. Man wute dort
nichts von einem Herrn von Rothenfeld und seiner Tochter.

Das ging so zu. Luise hatte aus D*** eine gewisse Schwermuth gebracht, die
bei dem, zwei Jahre nachher erfolgenden, Tode ihrer Mutter sich mehrte.
Ihr Vater meinte, eine baldige Heirath wrde das bete Heilmittel seyn.
Er unterhandelte darber mit einem alten Bekannten, einen Herrn von
Buchenthal, Vater eines einzigen Sohnes, von dem man viel Gutes sagte. Doch
die Kriegsunruhen kamen dazwischen.

Luise gestand ihrem Vater: der Rittmeister von Breitenfeld sei schon lange
der Gegenstand ihrer Liebe, und trage, wie sie vermuthet habe, auch _sie_
im Herzen.

Aber, antwortete der Vater, ich habe Dich bereits versprochen, und Du wirst
auch zufrieden seyn. Dem Rittmeister mssen wir unsere Dankbarkeit auf
andere Art beweisen.

So wenig Luise damit auch zufrieden war, mute sie doch mit dem Vater nach
Sachsen reisen, wo er noch andere Gter hatte. Ein halbes Jahr nachher
schrieb sein Freund: Mein Sohn wird nun aus dem Kriege heimkehren. Mgen
die jungen Leute einander sehn. Knnen sie keine gegenseitige Neigung zu
einander fassen, so mu ihnen kein Zwang angethan werden.

Nach einem Monate reis'te Luise mit ihrem Vater -- auf ergangne Einladung
-- zu dem Herrn von Buchenthal. Sie bat unterwegs sehr viel, und
betheuerte: da sie nur dem Rittmeister ihre Hand geben knne.

Man langte an. Der Sohn war vor einer Stunde gekommen, und -- hatte seinem
Vater betheuert: nur _Eine_ knne seine Gattin werden.

Luise trat kalt mit ihrem Vater ein. Neben dem Herrn von Buchenthal stand
ein schner Officier. Sehr kalt verbeugte sie sich er auch. Er -- war
nicht mehr bleich, Binden und Bart waren verschwunden. Er sah das Frulein
genauer an. Es war Luise!

Sie ward vom Schrecken bla. Herr von Breitenfeld--

Ich heie Buchenthal!

Wie, rief Einer der beiden Vter, Ihr kennt einander? Und der Andere: Ei,
Sie sind ja unser Retter!

Nun gab es kein Struben mehr.




  Nachricht fr Besitzer von Leihbibliotheken und Freunde einer
    unterhaltenden Lektre.


Die in der Verlagshandlung dieses Buches erschienene Sammlung von
Lafontaineschen Schriften gehrten unstreitig zu denen, die den Verfasser
zum Liebling des Publikums machten. Es sind folgende: Haus Brburg --
Barnek und Saldorf -- die beiden Brute -- Eduard und Magaretha -- Emma
-- Karl Engelmann -- Wenzel Falk -- Familienpapiere -- Fedor und Maria
-- Gemldesammlung -- Ida von Liburg -- Landprediger -- kleine Romane --
Theodor. Zusammen 32 Bnde, im Ladenpreis 48Thlr.

Um wiederholten Wnschen zu gengen, lassen wir diese ganze Sammlung bis zu
Ostern 1821 fr 30Thlr.

Vorzglich mchte diese Sammlung auch fr Familien auf dem Lande, die
entfernt von Stdten, eine angenehme Lectre in den Winterabenden wnschen,
sich eignen. Die Verlagshandlung liefert die ganze Sammlung _schn
gebunden_, an solche fr 6Friedrichsd'or.

            Sandersche Buchhandlung.


  Gedruckt bei L. Wilhelm Krause in Berlin,
            Adlerstrae No. 6.




[ Hinweise zur Transkription


Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Symbole fr abweichende Schriftarten:

  _gesperrt_ :  =Antiqua= .

Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten, einschlielich
uneinheitlicher Schreibweisen, mit folgenden Ausnahmen,

  Seite 5:
  "den" gendert in "dem"
  (doch wer aus dem Mittag jhling in die Mitternacht trte)

  Seite 5:
  "den" gendert in "dem"
  (oder aus dem Julius in den Februar)

  Seite 5:
  "habeu" gendert in "haben"
  (nicht das Mindeste von ihnen gehrt haben)

  Seite 18:
  "Absiche" gendert in "Absicht"
  (lud mein Vater nun, in jener Absicht)

  Seite 31:
  "Plan" gendert in "Plane"
  (knftiger Plane, und er lebte einstweilen)

  Seite 60:
  "das" gendert in "da"
  (da es sich kaum anders habe erwarten lassen)

  Seite 62:
  "in" gendert in "kein"
  (Ich trat staunend zurck, und konnte kein Wort sagen.)

  Seite 75:
  "erfnhr" gendert in "erfuhr"
  (Doch spterhin erfuhr ich)

  Seite 84:
  "" eingefgt
  (Was ist denn aus dem Commerzienrath Hell geworden?)

  Seite 94:
  "" eingefgt
  (gab er zur Antwort: Unmglich knne er)

  Seite 96:
  "" eingefgt
  (Lebt sie noch und in welchen Verhltnissen?)

  Seite 101:
  "Entwikelung" gendert in "Entwickelung"
  (ber ihre Entwickelung vermgen die Auendinge mehr)

  Seite 117:
  "Firseurs" gendert in "Friseurs"
  (schmeichelte der Eitelkeit des Friseurs doch ein wenig)

  Seite 119:
  "," eingefgt
  (wurde inde bald ansehnlich, als die Brse)

  Seite 127:
  "Vaten" gendert in "Vater"
  (An dem Verlust, den ihr Vater einige Mal gelitten)

  Seite 128:
  "" eingefgt
  (wo aller Handel und Wandel stockt!)

  Seite 129:
  "Comtoir" gendert in "Comptoir"
  (Lehrjahre berstanden haben, und im Comptoir sitzen)

  Seite 145:
  "Kentnisse" gendert in "Kenntnisse"
  (bei seinem Buchhalter ungemein groe Kenntnisse)

  Seite 146:
  ";" gendert in ":"
  (mit der Anfrage: ob er bei ihm die Stelle)

  Seite 147:
  "." eingefgt
  (wenigem Gehalt begngen.)

  Seite 148:
  "dara" gendert in "daran"
  (da nichts daran zu tadeln sei)

  Seite 171:
  "" eingefgt
  (zwingen will, in Ihr Verderben zu gehn!)

  Seite 174:
  "Versprrchen" gendert in "Versprechen"
  (ich mich bei einem vorlufigen Versprechen nicht beruhigen)

  Seite 177:
  "dedurfte" gendert in "bedurfte"
  (obwohl er selbst Trost bedurfte)

  Seite 197:
  "Va-Vater" gendert in "Vater"
  (In Gottes Namen, erwiederte der Vater)

  Seite 200:
  "beweiseu" gendert in "beweisen"
  (thtig zu beweisen, zog er vom Leder)

  Seite 208:
  "jehr" gendert in "sehr"
  (allein der Schler hatte bis jetzt sehr wenig begriffen) ]






End of the Project Gutenberg EBook of Kleine Lebensgemlde in Erzhlungen, by 
Julius von Vo

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Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

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editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
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