The Project Gutenberg EBook of Millionen, Der Tod des Iwan Lande, by 
Michail Petrowitsch Arzybaschew

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Title: Millionen, Der Tod des Iwan Lande
       Zwei Novellen

Author: Michail Petrowitsch Arzybaschew

Release Date: September 25, 2019 [EBook #60353]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MILLIONEN, DER TOD DES IWAN LANDE ***




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                            M. Artzibaschew
                               Millionen




                               Millionen
                         Der Tod des Iwan Lande


                             Zwei Novellen
                                  von
                            M. Artzibaschew

                     Einzig berechtigte bertragung
                     von Andr Villard und S. Bugow

                             Zweite Auflage


                          Mnchen und Leipzig
                            bei Georg Mller
                                  1909




                                 Inhalt


                                             Seite
                     Millionen                   1
                     Der Tod des Iwan Lande    219




                               Millionen


                 Gediegenes Gold kann nicht fr sie
                 gegeben werden, und Gold nicht
                 zugewogen werden als ihr Kaufpreis.

                                         Hiob 28, 15.


                                   I

Zwischen dem dunklen Himmel und dem Meer schwebte der Schein des Mondes.
Rund und klar stand er, gleichmig wie ein Rauchschleier, ber dem
Horizont. In den sten der Gartenbume schwankten und hpften kleine
bunte Lampions, als wren sie ein Schwarm feuriger Kolibris, an
unsichtbaren Drahtfden auf und nieder. Von der sinnlos beleuchteten
Bhne her, wo ein schwarzgekleideter Kapellmeister komisch wie ein
Hampelmann Arme und Frackschwnze herumschleuderte, als ob er in jedem
Augenblick davonfliegen wollte, wirbelten festgeprgte Geigentne nach
allen Seiten, sprangen auf, lachten, sangen, und flogen in leichtem
kaprizisem Reigen durch die dunklen Bume zum offenen, lichtbegossenen
Seestrand hinaus. Dort tanzten sie vor den Blicken des hellen Mondes,
unsichtbar und unbestimmbar in ihrem gespensterhaften Augenblicksleben.

Seine kraftvollen Arme auf dem kalten Marmor des Tischchens verschrnkt,
blickte Mishujew in finsterem Schweigen zur Seite. Sah er auf die Bhne,
schien ihm seine Umgebung voll sinnlosen Lrms und kleinlicher Hast,
wenn er sich aber dem Meer zuwendete, dann war alles majesttisch-ruhig
und nachdenklich-frei, wie der hohe helle Mond selbst.

Sein welliger, blonder Bart und die massigen Schultern erweckten die
Vorstellung schwerer Kraft und harter Willensstrke, aber seine Augen
waren ungesund, eingefallen, als wenn sie den Tod in sich trugen.

Am benachbarten Tisch zechte eine kleine Gesellschaft: die Herren mit
Hten, welche unternehmend auf den Seiten eingeknickt waren und
reizvolle Frauen mit auffallend schnen Gesichtern und unnatrlich
blaugeschminkten Augenlidern. Man lachte sehr laut, stie gegenseitig
mit wespenschlanken Kelchen an und witzelte ohne Unterla. Bei jedem
Scherz erhoben sie ihre Stimmen und schauten sich nach Mishujew um,
wobei sie unwillkrlich ein glnzendes, erwartungsvoll suchendes
Aussehen annahmen. In der Nhe standen vornbergebeugt die Kellner,
hielten zrtlich ihre weien Servietten unter dem Arm und wandten kein
Auge von Mishujew ab, als wren sie bereit, sich auf seinen ersten Wink
kopfber ins Meer zu strzen.

Mishujew sah alles das und bemerkte doch nichts. Frher hatte es ihn
zuweilen noch amsiert, jetzt war es ihm nur zu rgerlicher Gewohnheit
geworden, wie die Luft, von der man sich niemals trennen kann und die
man dabei selten notwendig hat.

Theodor, warum siehst du heute so verrgert aus? fragte ihn Maria
Sergejewna, whrend sie mit den Fingern schchtern ber seinen
gespannten Ellbogen fuhr.

Sie trug ein herausfordernd schnes Kleid, das ihre Fe nur ganz wenig
freilie. Auf ihrem dunklen ppigen Haar schwankten die zarten Blumen
ihres Hutes, die traurig zu den angeschminkten Wangen, den mde
flimmernden Augen und den leidenschaftlich roten Lippen paten.

Schwerfllig wie ein kranker Bulle schob ihr Mishujew seinen breiten
Kopf entgegen, blieb aber stumm.

Sie war noch immer so erregend schn, wie ehemals, und ebenso leuchtete
noch ihr ungewhnlich gepflegter Krper durch die schwarzen Spitzen. Bei
ihrem Anblick berkam alle Mnner die drngende Vorstellung von irgend
welchen unmglichen, mrchenhaften Genssen. Doch in Mishujew war durch
die einfache Tatsache, da sie ihren eigentlichen Namen -- Maria
Sergejewna -- verloren hatte und jetzt Mary hie, und da sie ihn nicht
mehr Fedja und Sie nannte, sondern mit Theodor und Du
anzusprechen begann, da sie ihren Mann verlie, um mit ihm
zusammenzuleben, -- durch dies alles war in ihm die ehrfurchtsvolle
Leidenschaft, die er fr sie noch bis in die letzte Zeit empfand,
erttet worden. Von Zeit zu Zeit schlug kalter, unerklrlicher
Widerwillen in ihm hoch.

Selbst wenn Mishujew ihren nackten unterwrfigen Krper, der schchterne
Liebkosungen heischte, mit bestialischer Gier zerquetschte und kte,
hatte er nicht mehr das einstige Gefhl der Lust, sondern nur ein
schales, grausames Vergngen, unnatrliche Lagen, die ihr Schmerzen,
Erniedrigungen brachten, zu erfinden.

Es schien, als rchte er irgend etwas an ihr, worunter er selbst
unaussprechliche Qualen litt.

Maria Sergejewna verstand den Grund, und so wurden ihre Augen schchtern
und traurig, als wagten sie nicht, um Schonung zu bitten.

Gehen wir, sagte Mishujew kurz, whrend er die neugierigen Blicke der
Umsitzenden scharf auffing, und stand auf.

Sie erhob sich sofort eilig mit ihrer gewhnlichen, anziehenden
Ungeschicklichkeit, die Mishujew frher fast zu Trnen gerhrt hatte.
Bald verwickelte sie sich in die Spitzen des Rockes, bald lie sie das
Taschentuch, dann den Pompadour fallen, und erschrak jedes Mal in
komischer Schchternheit; schlielich ging sie neben ihm.

Sie stiegen an den Strand hinunter, wo allein die dunkle See und der
helle Mond herrschten, und setzten sich am uersten Ende des Seestegs
auf eine Bank. Vor ihnen und zur Rechten und Linken und zu allen Seiten
breitete sich die See aus; in dem glnzenden Wasser wirbelte ohne Ruhe
eine Sule aus Mondenschein. Ein endloses Tonwogen aus Geruschen,
Pltschern und dumpfen Schlgen gegen die Mole, in der die ganze Zeit
hindurch eine kristallene Stimme, die immer lauter klang und doch nicht
vernehmbar war, ertnte, schwebte ununterbrochen ber der uferlosen,
strmenden Meeresflche und griff in rtselhafte, traurige Saiten; es
rief Erinnerungen und unfabare Verzweiflung in der innersten Tiefe der
Seele wach. Von Zeit zu Zeit trieb ein elastischer Wind heran, dann
prickelten unsichtbare Wassersplitter mit feinem kaltem Staub auf
Gesicht und Hnden; Schauer durchdrangen die beiden.

Mishujew starrte auf die Mondlichtsule, die sich im
melancholisch-dunklen Wasser drehte, und schwieg. Wie immer, wenn er des
Nachts in die Tiefe schaute, zitterte in ihm ganz still ein triebhaftes,
schwermtiges Gefhl. Es rhrte sich kaum merklich und zwang ihn doch,
das zu vergessen, was um ihn war. Alles wurde leer und finster.

Ich wollte mit dir sprechen, Theodor, sagte Maria Sergejewna; vom
ersten Worte an tnte aus ihrer Stimme die Furcht heraus, da er auf sie
zornig werden knnte, bevor er sie noch gehrt htte.

Mishujew schwieg; es schien, als vernhme er in dem Gerusch und dem
Klatschen der Wellen, die unter der Brcke verrollten, ihre Stimme gar
nicht. Am Ufer entlang, soweit es nur im Mondenlicht sichtbar war, legte
sich ein blanker Streifen Gischt und schmolz wie Schnee; hinter ihm
rckte bereits, prasselnd und schwellend, eine neue Welle heran.

Maria Sergejewna blickte mit Augen voll unsichtbarer Trnen auf
Mishujew, stand auf und zerrte krampfhaft am Taschentuch.

Es ist nicht zum Ertragen! sagte sie mit gepreter, schwacher Stimme;
sie fhlte, wie sie ebenso unter der Erniedrigung als unter dem kalten
Wind erzitterte. Weshalb qulst du mich?

Ohne sie anzusehen, zuckte Mishujew hartnckig mit den Achseln.

Maria Sergejewna schwieg; sie fuhr nur fort, am Taschentuch zu zerren
und am ganzen Krper zu zittern; wunderbar zart und elegant hob sie sich
auf dem Hintergrund der ungeheuren wogenden Flche ab.

Ich halte es nicht mehr aus ..., sie sprach schnell und steigerte die
Stimme mehr und mehr; du hast kein Recht, mich zu verachten ... hast
kein Recht, mich zu qulen und zu erniedrigen! Wenn ich auch deinen
Millionen gegenber nicht standhalten konnte, wie du behauptest ...

Nichts behaupte ich, erwiderte Mishujew finster und starrte unverwandt
in die Lichtsule, die mit Milliarden tanzender blauer Sterne in den
Wellen glitzerte und am Horizont in ein geheimnisvoll helles, scharf vom
finsteren Himmel abgeschnittenes Mrchenreich zerflo.

Wieder schwieg Maria Sergejewna, von qualvoller Ratlosigkeit verwirrt
und zerdrckt. Ihr ganzes Wesen empfand, da er es ihr gegenber
behauptet hatte, trotzdem aber wollte in ihrer Erinnerung kein
beweisendes Wort auftauchen. Sie fhlte sich nur in kalter Leere
widerstandslos versinken; sie war so schwach und hilflos geworden, da
sie unterging, ohne zu wissen, welch Wort noch gesagt werden knnte, wie
und gegen wen sie sich verteidigen mte.

Aber du glaubst es ... ich wei ... und wenn es selbst wre, so ... Du
hast es ja selbst gewollt ... nun gut, ja ... nicht standgehalten!
Wollte einmal aus dem Vollen leben ... meinetwegen ...! Maria
Sergejewna drckte in voller Verzweiflung beide Hnde an die Schlfen.
Aber welchen Preis habe ich fr diese Millionen bezahlt, sie haben mich
meiner Seele beraubt ... ich lernte es, mich als das verworfenste Ding
... Irgend was! Entweder ... oder ... oder ... Wie du willst, kann ich
aber nicht mehr weiter ... kann nicht mehr! Ich ...

Sie verlor sich in ihren Worten; sie schaute nur mit zerbrochenem,
kraftlosem Blick in die furchtbare Finsternis des Wassers. Ihre Hnde
flogen; ihre Lippen bebten.

Wenn du dich selbst so einschtzst, -- -- so als das verworfenste Ding
-- -- -- welche Stellung soll ich dann zu dir nehmen? fragte pltzlich
Mishujew, ohne seine glnzenden Augen vom Wasser abzuwenden.

Ah! schrie Maria Sergejewna ganz entgeistert auf, lie den Pompadour
und das Taschentuch, die im Augenblick ins Meer gerissen wurden, fallen,
bedeckte das Gesicht mit beiden Hnden und ging schnell fort, fast
laufend; sie verwickelte sich in ihr langes Kleid, das der Wind sofort
erfat hatte. Die schlanke Frauengestalt schwankte schattengleich in dem
leeren, windigen Raum, der ber der finsteren, unaufhrlich am Ufer
zerbrechenden Wasserflche lag.

Mishujew begleitete mit seinen Blicken dieses winzig weie Stckchen
Stoff, das sich ber dem Kamm der schumigen Wellen hoch emporzuheben
schien und dann pltzlich in der Schwrze der eingesunkenen kalten Tiefe
verschwand.

Etwas Warmes regte sich in seiner Seele.

Er ging ihr nach, ohne sich selbst in Gedanken darber klar zu werden,
und holte sie bald ein.

Ihre kleinen, abfallenden Schultern waren eingezogen, und ber ihnen
schimmerte die feine Linie des im Mondlicht erblaten Halses. Als sie
seine Schritte hrte, blieb sie augenblicklich stehen, hob aber den Kopf
nicht an, sondern hielt wie vorher das Gesicht mit den Hnden bedeckt
und den groen hellen Hut gesenkt; zart, niedlich und bis zu Trnen
bemitleidenswert.

Nun, genug doch ... M...russja, rief Mishujew, ihren frheren Namen
mit dem jetzigen verwechselnd in pltzlich erwachter inniger
Zrtlichkeit und legte den Arm um ihre Schultern. Verzeihe mir ... Ich
wollte dich nicht krnken!

Er erwartete, da sie ihn launisch zurckstoen, ihre Hnde losreien
wrde und khl und fremd bliebe, er empfand bange Furcht davor. Er
fhlte, da er dann vollstndig einsam wre. Aber sie legte nur ihren
Kopf an seine Brust und schob ihr Gesicht mit unruhig fragendem Schimmer
in den Augen, die vom Mondenschein und Trnen geweitet waren, seinen
Lippen entgegen. In ihren feuchten Pupillen und in den Mundwinkeln, um
die ein leidendes Lcheln glitt, sah Mishujew den demtigen,
erfreut-vergebenden Ausdruck, wie ihn geprgelte und wieder geliebkoste
junge Hunde und kleine Kinder haben.

Im Augenblick war dieses Gefhl der Wrme und des Mitleids, das ihn
selbst angenehm berhrt hatte, wieder verschwunden, als wre es nie
gewesen; es hatte nur eine Khle von rger und wachsender Erregung
zurckgelassen. Er kte sie kalt auf die warmen, feuchten Lippen und
sagte, indem er ein wenig zurcktrat:

Sei bitte nicht so launisch ... Das wird auf die Dauer langweilig ...
was willst du eigentlich ... ich begreife dich nicht!

Er schwieg, blickte starr auf die Seite und fgte hinzu:

Ist Zeit nach Hause zu gehen ...

Sie lchelte verwirrt, als wollte sie sagen: verzeihe mir -- --
vielleicht hatte ich wirklich Unrecht, ich wei es nicht -- -- mir
schien, da du mich nicht liebst, -- -- da du mich verachtest; -- --
und das ist ja unertrglich schwer ...

Sie geriet in Hast. Schweigend gingen sie nebeneinander her. Der weie,
khle Mond und das unaufhrlich rauschende Meer blieben hinter ihnen
zurck; ihnen entgegen flog schon ein Schwarm tanzender Tne. Doch immer
noch war etwas Fremdes zwischen den Beiden.

Als sie nach Hause fuhren, fhlte Mishujew an seinem Schenkel die
Berhrung ihres elastischen Krpers, der unter trockenem, sprdem Stoff
verschwand, sah ihr feines wie mit lichtlosen Farben gemaltes Profil,
den Kopf, wie von einer unertrglichen Last gebeugt und fragte sich, was
zwischen ihnen wre ... zwischen ihm, dem Manne, der sie so viele Jahre
hindurch verehrte, ohne da er gewagt htte, sich ihre Nacktheit, ihre
Liebkosungen in Gedanken vorzustellen, und ihr, der reizenden, gtigen
Frau, die ihren stillen Gatten so stark geliebt hatte, sich so einfach,
wie eine ltere Schwester, zu ihm selbst verhielt und sich ein so
keusches und reines Aussehen bewahrte, trotzdem sie verheiratet war.


                                   II

In heller Sonne erglnzte der Strand wie vergoldet, und selbst das Meer
am Ufer schumig grn, in der Ferne blau, fast lilafarben, schien mit
goldenem Glanz berstreut zu sein, Sonne und Himmel atmeten, ferne Berge
verschwammen mit den Sommervillen, die auerhalb der Stadt wie
verstreutes Spielzeug im Grase auf ihren Abhngen lagen, in weiem
Glanz.

Das grellfarbige Publikum des Badeortes schob sich ber die
Strandpromenade, bog breit wie ein Strom an dem ovalen Kurgarten um und
leuchtete so wandlungsreich bunt, da es unmglich war herauszufinden,
woher alle diese hellen Kleider, Hte, Beine, Schultern und Gesichter
mit den lebhaften Augen kmen. Es sah aus, als vergrere sich die Menge
ganz von selbst, wie ein schnell wachsendes Blumenbeet. Wirbelndes
Sprechen, Lachen und Klingen verflocht sich schrill ber den Kpfen und
verband sich mit den Wellenschlgen an den Quadersteinen, dem schnellen
Gerassel der Equipagen und dem deutlichen Trommeln der Hufe zu einer
liebenswrdigen Musik.

Maria Sergejewna und Mishujew fuhren in einem leichten Jaltaer Wagen
ber die Strandpromenade, und der weie Schleier, der von Maria
Sergejewnas Hut herabwehte, schwirrte schnell an Pferdekpfen vorbei,
zwischen wrdevollen Kutschern und dem auseinanderflieenden Zuge von
Schirmen und Hten.

Vor einem Laden, in dessen Schaufenstern kaprizise Damenhte wie
exotische Vgel und Blumen prangten, hielt der Wagen pltzlich an, als
wenn er an eine unsichtbare elastische Barriere gestoen htte. Leicht
und schnell, wie vom Wind getragen, sprang Maria Sergejewna vom Tritt
der Equipage direkt in die dunkle Tr des Ladens hinein.

Mishujew trat schwer, ohne sich seitlich umzusehen, auf das Trottoir und
trat hinter ihr ein.

Sofort strzten einige hfliche Verkufer und Verkuferinnen mit
dienstbereiten Verbeugungen auf Maria Sergejewna zu, scharrten mit den
Stiefelsohlen und lchelten mit pltzlich belebten Mienen. Eine Minute
lang machte es den Eindruck, als drngte sich dort eine Schar
glcklicher, ergebener Menschen, die freudig eine lang ersehnte, gute
Freundin umringten. Wie von einem Wirbelsturm herausgerissen ffneten
sich im Nu Dutzende Kartonschachteln, und blaue, rote, bunte Bnder
flogen ber Haufen weier Hte wie Blumen auf Schnee.

Es waren einfache Stoffhte Babyfasson vorgelegt worden; Maria
Sergejewna wnschte sich einen auszusuchen. Sie glaubte, da sie in
diesem Hut wie ein grazises, mutwilliges Mdchen aussehen mte.

Die Verkuferinnen plapperten mit bertriebener Lebhaftigkeit, die
Verkufer spreizten die Stimmen, um fr Franzosen gehalten zu werden,
und durch die offene Ladentr drang das Getse und die Farben der Sonne
hinein, und Maria Sergejewna whlte und suchte, whrend sie sich wie ein
Kind ber das Spiel der Farben und Modelle freute. Sie glnzte mit den
Augen, lehnte ab, schwankte, lachte und war ununterbrochen in Bewegung.
Sie musterte ihre Figur im groen Spiegel und reckte sich mit dem ganzen
Krper, um ihr Profil sehen zu knnen. Und in jedem neuen Hut -- mit
blauen, roten, bunten Bndern -- auf dem schwarzen Haar schien ihr
matt-rosiges Gesichtchen noch schner und jnger.

Mishujew sa inzwischen unbeweglich am Ladentisch, wie ein schwarzer
Fleck inmitten der lrmenden Menge, die schweren Hnde auf den aufrecht
stehenden Spazierstock gesttzt. Er sah schlfrig aus, wie ein nicht
ausgeruhter, kranker Mensch, der nichts mehr sieht, nichts hrt -- nicht
Sonne, noch Lachen, noch weibliche Anmut, -- nichts, auer einer
unheilvollen Bewegung, die langsam, schweigsam sein Leben Schritt fr
Schritt von innen heraus untergrbt, ohne da er sich dagegen auflehnen
knnte.

Manchmal blieb sein Auge an dem niedlichen erregten Gesichtchen Maria
Sergejewnas haften, dann wendete er es wieder ab und stemmte den starren
Blick gegen den ersten besten Gegenstand, -- gegen die Tischecke, den
lackierten Stiefel eines Kommis oder die harten Schulterknochen einer
Verkuferin, die wie selbstverstndlich unter der koketten Seidenbluse
hervortraten.

Theodor, schau mal her ... ich werde den hier nehmen. Ich glaube, er
steht mir gut, nicht? ... Oder den hier? ... Wie meinst du ... rate mir?
... Maria Sergejewna fragte ihn; sie konnte die leichte Unruhe, die in
ihrer Stimme und ihrem Blick zitterte, nicht unterdrcken.

Ihr war froh und leicht gewesen. Die Szene vom Abend vorher hatte mit
einer leidenschaftlichen Vershnung geendet; sie war fast ganz aus ihrer
Erinnerung geschwunden, verscheucht von Sonne, Lrm und dem Spiel des
Geldes, an dessen Hinauswerfen sie sich noch immer nicht gewhnen
konnte.

Doch jetzt trbte das dstere Gesicht Mishujews ihre Freude. Es flte
ihr Schrecken ein. Es erinnerte sie, da Ksse und wollstige
Zrtlichkeiten doch nur hinausschoben, was in ihr Leben eingedrungen
war, ohne es aufzulsen und zu vernichten.

... Sind wir damit wirklich noch nicht durch? Wird es wieder diese
widerwrtigen Szenen, die das Leben zur Last machen, geben? ... an der
uersten Flche ihrer Gedanken huschten die Fragen vorber.

Nun, welchen also? Sprich doch! fragte sie nochmals, und schon klang
in ihrer Stimme die eigentmliche Nuance geheimer Bitten wieder, als
flehe sie ihn um Schonung an.

Nimm alle, antwortete Mishujew, der an etwas anderes dachte,
gleichgltig.

Sie lachte; alle Verkufer und Verkuferinnen lchelten entzckt. Einer
brllte ber den Einfall des Millionrs laut auf.

Mishujew sah rgerlich die lachenden Gesichter an, er zog die
Augenbrauen zusammen. Sofort wurden alle ernst, und Mishujew, dem diese
augenblickliche, gefllige Vernderung der Mienen nicht entgangen war,
geriet in Emprung. Ein dringendes Verlangen, wie es ihn oft packte,
stieg ihm auch jetzt zu Kopf: sie anzubrllen, jemand mit dem Fu zu
treten, zu schlagen ...

-- -- So! Euch gefllt alles, wozu ich Lust habe? Schn! ... In seinem
Gehirn loderten tolle Worte auf, doch er blieb still und senkte nur
hilflos die Augen.

Nein, warum bist du so ... Rate mir doch! drngte Maria Sergejewna
kokett; Mishujew merkte, da sie sich jetzt nur an ihn klammerte, damit
kein anderer herausspre, was sie in ihm mit heiem Schrecken erriet.

Jetzt fhlte er Mitleid mit ihr; es erwrmte ihn. Doch in seiner Seele
wurde es noch trber und hilfloser.

Nimm den mit blauem Band ... Der steht dir am besten, sagte er
klanglos.

Wirklich! Erfreut lchelte ihm Maria Sergejewna zu.

Sie hob beide Hnde zum Kopf, und unter der weien Bluse sah er
pltzlich ihren gekrmmten Rcken wie nackt; -- weich und erhaben.
Ein Verkufer, der geknpfte Lackschuhe trug, lie einen
schchtern-lsternen Blick ber sie gleiten, begegnete aber pltzlich
den Augen Mishujews. Im Augenblick klappte er zusammen, sein Gesichtchen
wurde schlaff und bedeckte sich mit einer Maske von Geflligkeit und
Furcht.

-- Ungeziefer! -- dachte Mishujew mit jhem Anfall ekelnden Zornes und
sah dem Verkufer starr in die Augen. Der schrumpfte sichtlich zusammen,
wurde dnner und kleiner. Fast eine Minute lang dauerte dieses
eigentmliche grausame Spiel, das Mishujew krankhafte Befriedigung
verschaffte. Er bemerkte, da das Knie des Verkufers, von einem zu
engen Beinkleid umschlossen, zitterte.

... brigens, dachte Mishujew mit der frheren trben Schwermut weiter,
... wenn ich selber der Kommis wre, so wrde die da und hnliche andere
ihm gehren, und ich mte ihr wie ein Sklave verstohlene Blicke
zuwerfen.

Er wendete sich ab. Alles wurde ihm zuwider: dieses Gesindel, das vor
ihm auf dem Bauche rutschte, und diese Frau, die erst gestern von einem
rohen Wort verletzt war und ins Wasser gehen wollte, und sich heute
wieder von dem armseligen Vergngen des Geldausgebens bis zur
Selbstvergessenheit fortreien lie.

Bist du bald fertig? ... Gehen wir doch! sagte er und erhob sich.

Ja, ja, ich bin schon fertig. Ich habe mich schon entschlossen!
beeilte sich Maria Sergejewna zu antworten. Schicken Sie mir diesen ...
nein, nein, den da, ... den mit dem hellblauen! warf sie hin, whrend
sie sich nach Mishujew umsah, der wie eine schwarze Masse in der hellen
Trffnung stand.

Gehen wir, bleiben wir ein wenig in den Anlagen, sagte sie, als sie in
die Sonne heraustraten und auf allen Seiten von warmer, reiner Luft und
frhlichem Lrm empfangen wurden.

Gut, Mishujew willigte vollkommen gleichgltig ein.

Sie hatten, den Equipagen ausweichend, schon die Strae berschritten,
als er laut angerufen wurde.

Fjodor Iwanowitsch! warten Sie einen Augenblick!

Am Trottoir hielt ein glnzendes Automobil, und hinter drei Damen, die
einem Strau von Spitzen und Blumen glichen, streckte ein strahlender,
schneeweier Herr einen hellgelben Handschuh hervor und winkte.

Theodor, man ruft dich ... Parchomenko! Maria Sergejewna berhrte
Mishujew am rmel und nickte an seiner Stelle lchelnd dem schneeweien
Herrn zu.

Parchomenko sprang von seinem Sitz herab, schwenkte jetzt seinen Hut
durch die Luft und eilte rasch auf Maria Sergejewna zu:

Maria Sergejewna, Sie Zauberin! Und ich suche Sie in der ganzen Stadt.

Wirklich!

Maria Sergejewnas kleines Hndchen prete sich kokett an seine Lippen.
Sie lachte.

Die Damen im Automobil nickten ihr mit den Hten zu, der strahlende
Parchomenko lachte und verlegte allen den Weg, das Automobil spiegelte,
das Publikum sah sich nach ihnen um. Es schien, als htte die ganze
Stadt, die Berge und Blumen begonnen, nur fr sie zu leuchten, zu
glnzen und zu lachen. Ein schwindschtiger Pope, der mhsam seine
trbselig grn gewordene Sutane vorbeischleppte, blickte mit groen
glnzenden Augen auf sie hin und verschwand traurig; er lste sich
gleichsam in Glanz und Frhlichkeit der Menge auf.

Ein junger Mann und zwei Damen gingen an der Gesellschaft vorbei. Sofort
fing der Herr eilig, als frchtete er etwas Hochwichtiges zu versumen,
an, seinen Damen zuzuflstern, wobei er mit den Augen winkte:

Das sind Mishujew und Parchomenko -- die Moskauer Millionre! ...

Wo ist Mishujew? Welcher ist es? Die Damen wandten sich voll Neugierde
um.

Der dort mit der Dame steht ... der groe Kerl ..., der junge Mann
wies hastig hin, und zwei Paar aufgeregt neugierige Frauenaugen
richteten sich auf Mishujew.

Mishujew drehte sich herum, aber Parchomenko sah strahlend die Damen an.

Sehen Sie, uns kennen hier schon alle Menschen, Fjodor Iwanowitsch!

Erlauben Sie bitte, sagte jemand im Vorbeigehen; aus der gebrochenen
Stimme hrte Mishujew scharfen Ha hervor. Er sah sich um und erblickte
einen weiblonden jungen Mann, der unter einem schbigen Jackett ein
blaues Hemd trug. Seine hellen und offenbar guten Augen schauten auf
Parchomenko mit einem im Grunde sanftmtigen Ha.

Lassen Sie einen doch vorbeigehn, wiederholte er noch leidender.

Parchomenko ma ihn mit einem raschen wegwerfenden Blick und trat
achtlos auf die Seite.

Maria Sergejewna, wollen wir heute nach Suuk-Su fahren ... Gestern
haben wir es hin und zurck in zwei Stunden gemacht. Ehrenwort!
Wunderbar angenehm, mein Ehrenwort ... wie Vgel! ... Wir werden dort
Abendbrot essen und dann zurck! ... Bei Mondenschein hat es etwas
Bezauberndes, auf Ehrenwort! schrie er ganz strahlend; offenbar bis in
die Zehenspitzen von der Freude ber die eigene Existenz erfllt.

Maria Sergejewna weigerte sich, mutwillig und kokett den neuen Hut
schttelnd, der ihr in der Tat das Aussehen eines grazisen Mdchens
gab.

Wir waren erst vorgestern dort!

Ja, aber im Auto ist es etwas ganz anderes. ber die Berge weg! Sie
knnen sich gar nicht vorstellen, wie leicht man von einem Berg auf den
anderen fliegt ... Ja, geradezu die Empfindung, als fliege man im Traum
... auf Ehrenwort!

Nun gut ... spter. Jetzt will ich spazieren gehen. Gehen wir! Das Meer
ist heute wunderschn.

Die drei Damen Parchomenkos, alles ppig blonde, phlegmatische
Schnheiten, stiegen lachend und wie im Spiele aus dem Automobil.

Fjodor Iwanowitsch, warum sind Sie denn heute so mrrisch? Parchomenko
strotzte vor Freude.

Er ist jetzt immer migestimmt, antwortete Maria Sergejewna fr ihn,
als wre sie selbst daran schuld, und berhrte Mishujews Gesicht mit
einem schchternen Blick.

Sie sollten ihn doch dazu verleiten, ein Auto zu kaufen, -- das bringt
ihn augenblicklich in andre Stimmung. Aufblhen wird er, lachte laut
Parchomenko. Mit dem Auto kuriere ich mich jetzt in allen Nten.
Ehrenwort, -- kein Scherz!

Die Damen gingen zu viert voran, allgemeines Aufsehen erregend.
Parchomenko rannte neben ihnen her, steckte sie mit seiner lrmenden
Freude und Sicherheit an, wobei er ihnen fortgesetzt vor die Fe lief;
nur Mishujew schritt schwer hinterdrein. Whrend sie mitten durch die
festlich gekleidete Menge, die wie ein sonnendurchwrmter Bienenschwarm
summte, gingen, blickte Mishujew aufmerksam und lange in die Gesichter,
die ihnen entgegenkamen, als suchte er aus ihnen etwas herauszulesen.

Sie begegneten wieder dem schwindschtigen Popen und dem weiblonden
Menschen im blauen Hemd. Diesmal ging ein hochgewachsener, hagerer,
ernster Mann neben ihm. Mishujew kannte ihn; nun erinnerte er sich auch
an den blonden. Der Ernste war ein bekannter Schriftsteller, der andere
ein junger, schwindschtiger Dichter.

Der Schriftsteller warf einen flchtigen, unfreundlichen Blick ber die
Gesellschaft und wandte sich ab. Der Dichter sagte ein paar Worte zu
ihm, und in dieser Stimme wie in dem zornigen Blick des anderen lag ein
spttisch-feindseliger Zug gegen Mishujew, Parchomenko und ihre
gutgepflegten, schnen Damen.

Bald von der Sonne berstrahlt, bald im Schatten der Schirme, zogen in
bunter Reihenfolge mnnliche und weibliche, hbsche und hliche
Gesichter vorber. Ein lebendiger Kaleidoskop, der sich in jedem
Augenblick vernderte, rollte vor ihren Augen ab, und Mishujew verfolgte
mit gewohnheitsmiger, krankhafter Unruhe dieses einfrmige,
eigentmliche Spiel: er sah, wie alle die gleichgltigen menschlichen
Augen, die flchtig ber die herankommenden Gesichter glitten, pltzlich
auf ihm haften blieben und den Ausdruck stumpfer Neugierde annahmen. Das
war alles so gewohnt und eintnig, da es Mishujew mitunter vorkam, als
habe die ganze festliche Menge nur ein einziges -- ein flaches Gesicht,
das ihm ber alle Maen widerwrtig war.

Die Damen und Parchomenko lachten laut auf, Mishujew ging hinter ihnen,
und das Gefhl der Einsamkeit, die ihm lngst zur Gewohnheit geworden
war, lief unablssig neben ihm her. Er wnschte, fortzugehen, wo nichts
und niemand um ihn wre -- weder Sonne, noch Menschen, noch Lrm. Dort
stehen bleiben und lange, sehr lange ganz still fr sich stehen. -- --

Der freudestrahlende Parchomenko wandte sich um und rief ihm etwas zu.
Irgend eine Abgeschmacktheit, ohne Sinn und Witz, aber sonderbar
aufdringlich durch das zur Schau getragene Selbstbewutsein, da alles,
was er sprach, schn und uerst interessant sein mte.

-- -- -- Dieser glckliche Trottel -- dachte Mishujew, whrend er auf
seine Fe hinunterschaute; pltzlich regte sich stumpfer Neid in ihm.
Wollte man diese Empfindung in Worte bersetzen, so wre der Unsinn
herausgekommen: -- ach, wenn ich doch solch ein Idiot wre! Dann knnte
ich ebenfalls glcklich sein wie er, mit meinen Automobilen, Millionen,
Maitressen, mit all den Menschen, die mich selbst gar nicht bemerken,
sondern nur das, was nicht meine Person ausmacht, die mich frchten,
hassen, an mir kleben bleiben.

Hier kommt auch unser General! rief Parchomenko. General, kommen Sie
doch her! Ohne Sie ist es langweilig!

Ein alter General mit breiten roten Streifen und einem verschrumpften,
rosigen Gesichtchen auf einem Hals, dnn wie bei einem Kchlein, den der
schmale, graue Backenbart nicht zu verdecken vermochte, lief, die Fe
nachschleppend, auf sie zu. Er begann, den Damen mit freudestrahlendem
Gesicht und kraftloser, greisenhafter Koketterie die Hnde zu kssen.
Man sah ihm an, da er im voraus frchtete, fortgejagt zu werden.

Parchomenko zeigte eine Freude, als wre ihm ein amsantes Spielzeug
gebracht worden.

Nun, wie ist's, General, hat der Dampfer von gestern viel hbsche
Frauen gebracht? Hat Ihr Herz oft gezuckt? er lachte laut und drehte
sich vor den Damen, die auf der Bank Platz genommen hatten, auf den
Stiefelabstzen herum.

Wuten Sie schon, Maria Sergejewna, wandte sich Parchomenko zu ihr,
und man sah seinem rosigen Gesicht an, da er im Begriff war, etwas
ungemein Geistreiches zum Besten zu geben, der General geht jeden Abend
zur Landungsbrcke; er will der Unvorsichtigen nachstellen, die sich ihm
anvertrauen wrde ... Er ist ein Don-Juan, wie er im Buche steht. Auf
Ehrenwort, -- ohne Spa!

So, General -- und ich wute gar nicht, da Sie so gefhrlich sind!

Eine der blonden Damen Parchomenkos redete ihn gedehnt mit voller,
schmachtender Stimme an.

Oh, Sie kennen ihn eben nicht! Parchomenko verschluckte sich vor
Entzcken; jeden Abend luft er hin. Nur wird er von diesen
hartherzigen Damen leider so unhflich wie mglich behandelt: er sucht
an jedem Abend fr sie Wohnungen, er schleppt ihre Sachen, er zahlt die
Droschkenkutscher, und am nchsten Tag laufen sie, -- Gott sei's
geklagt! -- mit irgend einem Fhnrich ber die Boulevards, und der
General wandelt wieder zum Dampfer hin! Auf Ehrenwort, -- -- -- ohne
Spa!

Was Sie sagen! Die ppige Blonde tat uerst erstaunt.

Sie mssen stets etwas ausdenken, Pawel Alexejewitsch! verteidigte
sich der General und errtete.

Ja, reden Sie nur! Ich etwas ausdenken! Und wer hat Sie vor drei Tagen
in Dschalita mit einer Gymnasiastin erwischt? wie, -- was?

Aber, bei Gott ist es wahr, Pawel Alexejewitsch ... das war meine
Tochter Njurotschka! was wollen Sie, bei Gott! ... sein Gesicht wurde
noch rter.

Eine Tochter? Wir kennen sie schon -- -- diese Tchter!

Nein, wirklich, meine Tochter ... Njurotschka!

Da sie Njurotschka heit, glaube ich schon! Und da ... Parchomenko
hielt sofort wieder ein und kniff die Augen zusammen; offenbar bereitete
er einen recht pikanten Witz vor. brigens ist es schon glaublich, da
Sie nur noch vterliche Gefhle hegen knnen. Sehr mglich!

Die Damen lachten, ihre Blicke etwas gesenkt, mit jenem eigentmlichen
ber die Lippen gleitenden halben Lcheln, in dem noch ein besonderes
weibliches Geheimnis zu lauern scheint.

Der General kicherte ebenfalls, doch in seinem freundlichen Gesichtchen
zeigte sich ein schmerzlicher Zug, als knnte seine Njurotschka dadurch
verletzt sein. Einen Augenblick wollte er sich einfach umdrehen und
fortgehen, wagte es aber nicht und kicherte nur krampfhaft weiter.

Dats ist wunderbar, dats ist wunderbar, murmelte er, whrend seine
uglein ratlos umherliefen.

General, pltzlich leuchtete Parchomenko noch intensiver auf, warum
sagen Sie immer >dats< und nicht >das<? Damit es sich komischer ausmacht
oder haben Sie einen hohlen Zahn?

Sage ich denn dats? Der General errtete.

Aber natrlich, dats! Sagen Sie doch: das! So -- -- -- deutlich: das!

Ist es denn nicht ganz gleich?

In keiner Weise gleich ... Das ist ja furchtbar komisch! Auf Ehrenwort!
Nun, sagen Sie mal: das!

Der Alte lachte, und seine greisen Wangen wurden immer rosiger.

Nein, Sie mssen es rausbekommen! Parchomenko lie nicht von ihm ab.

Dat--s! sagte der General mit heldenmtiger Anstrengung.

Parchomenko drehte sich vor Entzcken auf den Abstzen herum. Die Damen
lachten. Auch Maria Sergejewna lachte und hob ihr feines Profil empor.

Das, das, General! schrie Parchomenko. Sein strahlendes Gesicht war
von Wonne bergossen. Er sah aus, als wollte er zurufen: Immer lustiger
noch, alter Spavogel! ... Du siehst ja, ich bin in guter Laune ... Nur
los!

General, Sie sind der geborene Komiker ... Auf Ehrenwort! schrie er
unter Lachausbrchen.

Der alte General lchelte verwirrt, und seine Wangen glnzten hilflos.

Maria Sergejewna hatte mit dem Alten, nach dem sich schon die
Spaziergnger umsahen, Mitleid. Sie sprach mit ihm weich und zrtlich,
erkundigte sich nach seiner Gesundheit und nach der Tochter, der
Gymnasiastin, die sie einige Minuten vorher in einem Haufen anderer,
ebenso junger und frhlicher Mdchen gesehen hatte. Der Alte schmolz
sofort unter ihrer Zrtlichkeit und lchelte jetzt ganz anders, whrend
er ihr nach Greisenmanier, wie ein gestreichelter, altersschwacher
Kater, den Hof machte.

Aber Parchomenko begann wieder geistreich zu werden und ihn zu necken.
Mishujew blickte auf sie; es widerte ihn an; der Alte tat ihm leid. Er
wollte ihn in Schutz nehmen, bekam aber kein Wort heraus.

Der junge Dichter und der ltere Schriftsteller kamen wieder an ihnen
vorbei. Mishujew hrte, wie aus einer Gruppe junger Menschen, die auf
einer benachbarten Bank saen, einer rief:

Seht mal dort, seht ... da kommt Tschetyrjow und Marussin!

Wo, wo denn?

Gespannte Mdchenblicke begleiteten die gebeugten Gestalten der beiden
Poeten, die sich langsam in der bunten, festlichen Menge entfernten, von
ihr wie ein trauriger Fleck geschieden. Mishujew hrte, wie in der
jungen Gesellschaft eine heftige Diskussion ber Tschetyrjows Talent
losbrach.

Als wre diese Begegnung schuld, wurde ihm mit einem Mal traurig zumute;
wieder zog es ihn von hier fort irgendwohin, wo er allein bleiben und
lange -- lange stehen knnte, ohne etwas zu sehen, etwas zu hren.


                                  III

Soeben war der abendliche Dampfer eingetroffen, und mitteilsame Feuer
brannten auf der anderen Seite der Bucht und spiegelten sich dort wie
bunte Blumengirlanden im dunklen Wasser wieder. Von diesem Ufer aus
konnte man keine Menschen erkennen, und die schwarze Masse des Schiffes
erschien rtselhaft, wie ein dunkles Seeungeheuer, das neben der Mole
aus der Tiefe aufgetaucht ist. Aber man hrte schon aus der Ferne das
schnelle Gerassel der anfahrenden Equipagen; man fhlte, da in die
lustige Stadt gleich eine ganze Flut neuer Menschen, die das Ende der
langwierigen Reise angeregt hat, einstrmen wrde.

An diesem Tage machte Maria Sergejewna mit Parchomenko und seinen Damen
einen Ausflug in den benachbarten Kurort, und Mishujew ging allein
spazieren. Er schlenderte langsam ber den Strand, vom Kurhaus und dem
Kurgarten, wo sich das Nachtpublikum drngte, mglichst entfernt. Er
fhlte sich so gut, wie seit langem nicht mehr. Der mondlose, zarte
Abend, mit seinem durchsichtigen, goldenen Sternenschmuck, die ruhigen,
rhythmischen Tne des leichten Wellenschlages, ergriffen stille,
zrtliche Saiten seiner Seele. Die argwhnische Behutsamkeit, die ihn
die ganze Zeit ber nicht verlassen hatte, verblate jetzt, und lautlos
singende Trauer senkte sich in sein Herz. Er wnschte allein zu sein,
sich etwas Nahes und Liebes ins Gedchtnis zurckzurufen.

Nachdenklich schritt er ber die Strandpromenade, dort, wo sie leer und
still war, und leise, herzliche Gedanken zeichneten vor ihm tastend
bekannte, halb vergessene Gesichter wieder auf. Mishujew sah sie fast
krperlich mit offenen Augen, wie sie unfabar durch die blaue
abendliche Dmmerung zwischen den groen, blassen Sternen dahinglitten.

Allmhlich kehrten seine Gedanken, wie auf einer Kreisbahn, zu der Zeit
zurck, als er nach seiner Rckkehr aus dem Auslande, ernchtert von
sinnlosem Herumbummeln, seinem alten Freunde und dessen Frau, Maria
Sergejewna, begegnet war. Er war damals ermdet, berreizt, bis zum Ha
gegen alle Menschen erbittert. Sie hatten ihn wieder mit einer ihm
ungewohnten Einfachheit ihres Verkehrs erwrmt, ihn in den engen Kreis
ihres hellen, gemtlichen Lebens gezogen; es gab viele Tage und Abende,
die voll der Zutraulichkeit, der Freude und dem eigenartigen Zauber, den
die Nhe einer schnen, guten Frau hervorruft, waren. Dann entstand
verborgene Liebe -- eine seltsame, anziehende Verbindung der keuschesten
Achtung und der schamlosesten, begehrlichen Phantasien. Und schlielich
kam der Augenblick, als in ihr die erst nur schchterne Antwortsaite
erzitterte; dann mit einem Mal war alles, was ganz unmglich schien,
woran er nicht einmal zu denken wagte, nahe geworden und umbrauste ihn
mit dem heien Feuer weiblicher Leidenschaft. Neue Verwicklungen traten
ein; schmerzlich, abscheulich wie Alpdrucke. Lange hatte der schwere,
von vornherein aussichtslose Kampf ihres Gewissens gegen den
vorwrtsstrmenden Drang ihrer Krper gedauert. Da gab es grelle
Durchblicke tollen Glckes, wie an jenem Abend, als das strenge,
schwarze Kleid pltzlich zu Boden sank und das herrliche, nackte Weib
unterwrfig und schamlos wurde; aber das Glck ging in einem breiten
Sumpf niedrigster Heuchelei, Schande, unwillkrlichen Betrugs und Lge
unter, die dem Menschen gegenber, den sie beide liebten und achteten,
zur Infamie wurde, der Schmutz schwoll immer hher und hher an, stieg
bis an die Kehle, und als sie endlich kaum noch atmen konnten, kam es zu
einem kurzen, jhen Bruch.

Mishujew erinnerte sich, wie hell und leicht es um sie war, als alles
wohl oder bel beendet schien und sich ihnen ein neues Leben erffnete.
Aber das Vergangene hatte seinen feinen Stachel zurckgelassen und
drehte ihn noch bis heute in der vernarbten Wunde um. Als die erste
Leidenschaft verflogen war, schien es Mishujew, da ein furchtbarer, nie
gutzumachender Fehler geschehen sei. Die Leiden und Schwankungen, die
Maria Sergejewna erlebte, begannen ihm mit verborgener, giftiger Sprache
zuzuflstern, da er eine ganz erbrmliche Rolle spiele. Diese Frau
liebte ihren Mann und nur diesen, und er, Mishujew, der allein durch
sein Geld bemerkenswert war, hatte fr sie nur zufllige Bedeutung.
Frher hatte sie so einfach und arm gelebt; jetzt wnschte sie ganz
unschuldig und naiv Glanz und Freude. -- Und weiter nichts ...

Wozu war es dann gut, drei Menschenleben zu vernichten? fragte er sich
mit Entsetzen.

Irgendwo durchlebt ein erniedrigter, verlassener Mensch einsam das
Mysterium seiner Schmach, die sich weder gut machen noch vergessen lt;
eine junge Frau wurde von allem losgerissen, wie ein beiseite geworfenes
Spielzeug ...

Und in mein Leben trat nur ein kufliches Weib mehr ein, dachte Mishujew
mit peinigender Roheit, er fhlte selbst, wie sein Gesicht sich
verzerrte und zitterte.

Ich habe kein Recht, so von ihr zu denken! vielleicht liebt sie mich
wahr und aufrichtig! wandte er sich mit der Bemhung, die aufgetauchten
qualvollen Gedanken zu verdrngen, gegen sich selbst. Fr einen
Augenblick wurde alles in seiner Seele durcheinandergerttelt, aber bald
fhlte er wieder, da der Gedanke nicht erttet war, sondern sich nur
tief in sein Inneres verkrochen hatte, wo er unfabar, wie eine kleine
Schlange, die sich unter Steinen birgt, immer tiefer und tiefer fra.

Mishujew warf den Kopf zurck, unterdrckte mit furchtbarer, fast
krperlicher Anstrengung die Erinnerungen; er ging lange die Promenade
hin und zurck, ohne festes berlegen, nur mit formlosen Gedankenfetzen,
die er mde durch seine Seele streute. Der Abend wurde inzwischen immer
dunkler, immer tiefer und ruhiger glnzte der blaue Himmel, heller
prangten die Sterne ber den Bergen, und die verstummende See seufzte
leicht und leise auf, als schliefe sie ein.

Wenn ich nur einen Menschen htte, an den ich mich halten knnte! dachte
Mishujew pltzlich und erinnerte sich im selben Augenblick an einen
Menschen, der ihm in jener Zeit, als er frei mit dem Geld um sich warf
und von groangelegter schpferischer Arbeit trumte, nahegestanden
hatte.

Ihn sehen, sprechen, dachte Mishujew mit naiver Sehnsucht; dabei
lchelte er unwillkrlich ber die schwungvolle Gestalt des berhmten
Dichters Nikolajew, die mit einem Mal in der Dmmerung des sdlichen
Abends unerwartet vor ihm auftauchte.

Tut nichts, Bruder, wir werden uns schon durchsetzen! Wir sind eine
zhe Bande! ertnte eine Stimme voll Kraft und Wagemut in der komischen
Aussprache der Wolgagegend neben ihm.

Mishujews Herz erzitterte.

Eine junge Dame in einem Reitkleid, das fest den prallen weiblichen
Krper umschlo, und ein krftiger Tatar mit schiefen, wie auf Saiten
gespannten Beinen, trabten mit drhnendem Hufschlag an ihm vorbei. Die
Dame lachte abgerissen und beugte sich auf den Sattel nieder, der Tatar
bewahrte seine majesttische Selbstgeflligkeit; doch kaum waren sie
vorber, als sie auch schon in der Abenddunkelheit zerflossen.

Ganz mechanisch fhlte Mishujew seine Gedanken zu dieser Frau
hingezogen: vielen solchen Frauen stand er nahe. Ihre unergrndlichen
Augen, ihre ausgemeielten Arme, erhabenen Brste, schlanke Taillen und
harte Schenkel liefen in fast lckenloser Reihe durch den zerflieenden
Nebel seiner Vergangenheit. Sie fielen ihm leicht zur Beute, nur
kosteten sie ihn mehr oder weniger. Mit geschlossenen Augen strzten sie
sich unter den Goldregen, blhten unter ihm auf und wurden glatt und
gleiend wie gut geftterte Panther.

Schon seit langer Zeit hatten sie aufgehrt, Mishujews Leben zu
erheitern; schon seit langem blieb er auch, wenn er auf ihren
elastischen Brsten, ihrem samtenen Krper, zwischen den in
leidenschaftlicher Qual erzitternden, weien Beinen lag, doch nur der,
der er immer war, -- ein einsamer, suchender, trauertragender Mensch.

Mishujew ging weiter, und wieder begannen sich aus einem riesigen,
verwickelten Knuel einsame Gedanken zu entwirren.

Von der Landungsbrcke rollte ihm schon eine ununterbrochene Flut von
Droschken entgegen, als wenn sie irgendwo einen Damm durchbrochen
htten. Gesichter, Hte, Pappschachteln und Koffer zogen vorber;
unbekannte neue Augen leuchteten auf und verschwanden. Der Fahrweg der
Promenade begann unter dem ununterbrochenen Lauf der Rder lebendig zu
zittern und zu drhnen. Mishujew sah sich alles mit Widerwillen an.

Wieviel da sind! ... Wer hat sie alle in die Welt gesetzt! dachte er
angeekelt. Vor ihm erhob sich ein riesiger, trber Leib, den ein
unwiderstehlicher, ewiger Drang bis an den Himmel aufgeblht hatte, und
er sah aus ihm Millionen abscheulicher Geschpfe, Gott wei wozu,
hervorkriechen, durchschlpfen, sich schtteln, ber die Erde wimmeln --
von niemandem begehrt, niemanden interessierend.

Lrm und Drhnen erschtterte die Strandpromenade wie ein Lawinensturz,
und verstummte dann in der Ferne, in den Straen der Stadt, ebenso
schnell, wie es entstanden war.

Immer seltener und seltener rollten die Droschken vorbei; jetzt wurde
wieder das gleichmige, nachdenkliche Atmen des Meeres deutlich, als
stnde man an einem den Ufer. Mishujew schritt noch einmal bis zum Ende
der Strae hinunter, an dem ein Kaffeehaus, das mit rotbefezten,
lrmenden Trken vollgepfropft war, aufleuchtete, und kehrte wieder
mechanisch um.

In der Nhe des Stadtgartens kamen ihm hufiger die blichen
Spaziergnger entgegen. Ein Offizier mit einem Dmchen, das die
engumkleideten, biegsamen Schenkel beim Gehen wiegte, zwei oder drei
satte Herren mit blutig flimmernden Zigarren zwischen den Zhnen,
schlenderten vorber. Dann umwehten ihn ein paar Backfische mit einem
zarten Aroma von Parfm und dem leichten Hauch, der ihren Rcken
entstrmte; ihr Gelchter und Geschwtz betubte ihn fr einen
Augenblick. Pltzlich sah er den alten General mit dem schmalen
Backenbart und den ungeheuerlich breiten, roten Hosenstreifen kurz vor
sich. Neben ihm ging ein hbsches Mdchen; ihre zarte Rte und die
keusche, strenge, vorschriftsmige Tracht des Mdchengymnasiums fielen
unwillkrlich sofort ins Auge.

Als der General Mishujew erblickte, geriet er in Hast. Er begann sofort,
ihn zu gren und ihm zuzulcheln, whrend er sein rechtes Bein etwas
unbeholfen hinter sich herschleppte. Sonst frchtete er Mishujew und kam
nicht an ihn heran, heute aber wnschte er sehr, vor seiner Tochter mit
der Bekanntschaft eines leibhaftigen Millionrs zu renommieren, so da
er es wagte. Aus seinen Augen und selbst aus seiner Stimme strahlte
kleinlicher, naiver Stolz; ungezwungener, als es ntig wre, sagte er:

Ah, Fjodor Iwanowitsch! Gehen spazieren. Was machen Sie?

Guten Abend, sagte Mishujew rcksichtsvoll und doch mit einer fr ihn
selbst unmerklichen Nuance von Hochmut und lftete nachlssig den Hut.

Gestatten Sie ... hier ... das ist meine Tochter Njurotschka, stellte
der General vor. In seiner Stimme lag Schchternheit, die aber nicht
durch die Person Mishujews, vielmehr durch etwas anderes in ihm
hervorgerufen schien.

Mishujew drckte ein kleines, bebendes Hndchen. Das ganze Mdchen war
zittrig wie ein Vorfrhlingstag. Als sie ihre feuchten, dunklen Augen
auf Mishujew richtete, lchelte er ihr unwillkrlich zu. Auch sie
lchelte.

Sie gingen alle drei zusammen weiter. Der General war hastig und drosch
auf irgend einen Unsinn los, mit dem offensichtlichen Bestreben, das
verwirrte Mdchen zu ermuntern und ihr zu zeigen, wie freundschaftlich
er mit diesem Millionr stnde. Anfangs wurde er sogar ohne Grund
vertraulich und machte nach einem ziemlich milungenen Scherz den
Versuch, Mishujew den Arm um die Taille zu legen. Doch rechtzeitig kamen
ihm Bedenken. Trotzdem mifiel Mishujew schon der Anklang an
Vertraulichkeit; er wurde khl.

Das Mdchen errtete fortwhrend und blickte Mishujew nicht an. Er
konnte nur ihr kleines Ohr, die flaumweiche Haarlocke und den unfabar
zarten Umri der errtenden Wange sehen. Sie schritt nach vorn gebeugt,
als schmte sie sich, und ihre Abstzchen klopften nicht laut und nur
unsicher auf. Wenn der General besonders schiefe Witze machte, senkte
sie den Kopf noch tiefer, und ihre Wange begann zu brennen. Doch sobald
Mishujew, unwillkrlich dem Wunsch nachgebend, sie aufzumuntern, etwas
Lustiges sagte, warf sie pltzlich den Kopf, dessen Kinn so mollig wie
ein Kissen war, in den Nacken zurck und lachte hell auf. Mishujew
blickte auf dieses Kinn: es war so abgerundet und zart, da man glauben
konnte, bei seiner Berhrung mte man ein Gefhl der Wrme empfangen.
Unwillkrlich begann er liebenswrdig und lustig auf sie einzuwirken, um
sie nur zum Lachen zu bringen.

Sie hatte eine ganz wunderbare Art zu lachen: da beginnt zuerst etwas zu
klingen und reit ab, dann schaut sie ihm mit den dunklen Augen gerade
ins Gesicht, ihr Blick geht in ein verschmtes Lcheln ber und wird
pltzlich ganz ernst.

Sobald sie nur das erste Mal gelacht hatte, wurde es Mishujew froh
zumute, und ihm gefiel dieses Prchen -- dieses mdchenhafte Weib und
selbst der gutmtige, ngstliche General mit den ungeheuerlich breiten
Hosenstreifen und den vorbeigelingenden Witzen. Auch machte es ihm Spa,
da der Greis sie Kindchen und sie ihn Papachen anredete. Das war so
naiv und schn.

Sie gingen durch den ganzen Park, wo sich die duftige, blaue Dmmerung
verdichtete und einsame Prchen mit leisem, geheimnisvollem Lachen und
Flstern umherstreiften. Leichte Stimmung lie sich auf Mishujew nieder,
wie er sie seit langem nicht mehr gekannt hatte; er wurde einfach,
gesprchig und lustig. Er begann von seinen Auslandsreisen zu erzhlen,
schilderte recht humorvoll, wie er sich auf der Spitze der
Cheops-Pyramide ausnahm und kam dann, um dem Mdchen vertrauter zu
werden, auf seine Gymnasialzeit zu sprechen.

Sind Sie denn aufs Gymnasium gegangen? Aus irgend einem Grunde
wunderte es den General.

Ja, wir sind sehr einfach erzogen worden; auch unsere Mittel waren
damals bescheidener.

Mishujew verstummte. Er rief in der Erinnerung das beinahe vergessene
Bild des Pennals hervor und mute lachen.

Was fr komische Kuze hatten wir unter unseren Paukern.

Wir hatten auch solche --

Warum >hatten<? Sind Sie denn nicht mehr auf dem Gymnasium? fiel ihr
Mishujew erstaunt ins Wort und sah sie lchelnd an. Ihm war es angenehm,
da sie schon eine Erwachsene sein sollte.

Nein. Ich habe es hinter mir ... schon lange ... erwiderte das Mdchen
leise.

Ach, was denn >lange<! der General lchelte liebevoll, es sind im
ganzen drei Monate!

Mir kommt es vor, als wre Gott wei wie viel Zeit vergangen,
erwiderte das Mdchen noch leiser und fgte kaum hrbar hinzu: so viel
Wasser ist verflossen! ...

So--o! sagte Mishujew mit komischer Wichtigkeit, und pltzlich kam ihm
der Wunsch, sich einfach zur Seite zu wenden und ihr einen Ku auf die
Backe zu drcken. Einen festen, reinen und vollen Ku.

Er blickte sie aufmerksamer an und sah, da sie ihm anfangs viel jnger,
als sie in Wirklichkeit sein mochte, vorgekommen war. Von der Seite aus
sah er die weiche Linie ihrer Brust, die dicht neben ihm abgerundete
Schulter und den Arm, den der Stoff des Kleides fest umgab.

Und was wird nun? Auf die Hochschulkurse? fragte er zrtlich.

Ich wei nicht ... antwortete das Mdchen kaum hrbar und senkte den
Blick.

Der General krchzte und fuhr ungeschickt ber seinen Backenbart.

Fr eine Minute entstand Schweigen, und Mishujew fhlte, da er eine
wunde Stelle berhrt hatte. Sie taten ihm pltzlich leid, und ihm kam
der frhliche Gedanke, da sich alles eigentlich mit einem Schlag in
Ordnung bringen liee. Aber ihm war es peinlich, davon anzufangen, und
um das Schweigen zu verscheuchen und das Mdchen aufzuheitern, begann er
wieder von seinen Lehrern zu erzhlen.

Wir hatten einen Mathematiker ... so dick und majesttisch wie der
vortragende Rat im Ministerium. Die ganze Stunde hindurch pflegte er aus
einer Ecke in die andere zu gehen und seine Lebensweisheit zu verzapfen.
Dabei war sie in einem einzigen Satz erschpft. Ja, so schritt er durch
das Klassenzimmer, immer aus einer Ecke in die andere, drehte die Finger
vor dem Bauch und sprach, doch uerst gravittisch: >Es gibt
Phi--lo--sophen ... es gibt Mnner der Ar--beit ... und es gibt
Lieblinge des Schicksals! ...<

Sie, Fjodor Iwanowitsch, hat er sicherlich den Lieblingen des
Schicksals zugeteilt, lchelte einschmeichelnd der General und
trippelte kurz mit den Fchen.

T--ja ... Ein Mann der Arbeit konnte ich jedenfalls schwerlich genannt
werden.

Und ein Philosoph? bemerkte das Mdchen neckisch, wurde aber sofort
verwirrt.

Mishujew lachte und fhlte wieder den Wunsch, sie zu umarmen und zu
kssen, unbedingt auf die Backe und so mit vollem Klang!

Aber das Mdchen senkte wieder den Blick. Immer noch drckte ihr ganzes
schlankes Figrchen leise Trauer aus.

Ja, ja ... Mishujew beeilte sich zu antworten. Ihn hielt der launische
Wunsch fest, da sie nicht wieder schweigsam und traurig werden drfe.

Wir hatten auch einen Lehrer der Geographie. Hoch gewachsen, hager wie
ein Stock; wir nannten ihn nur >die Makkaronirhre<. Der erklrte uns
immer das Sonnensystem mit verteilten Rollen: er selbst war die Sonne,
ich stellte gewhnlich die Erde vor, ein kleiner Judenjunge -- den Mond
usw. Die Sonne hockte auf den Fuspitzen in der Mitte der Klasse und
drehte sich langsam um sich selbst, die Erde lief um die Sonne im
Kreise, der Mond sauste aus allen Leibeskrften um die Erde herum ...
Anfangs ging alles gut, aber bald kamen wir durcheinander, und es trat
eine Weltkatastrophe ein: der Mond rannte in die Erde hinein, Mars stie
Jupiter mit dem Kopf vor den Bauch, und dieser majesttische Planet
setzte sich pltzlich auf die Sonne und verursachte ein vollkommenes
Chaos!

Das Mdchen warf den Kopf in den Nacken, und ihr Lachen klirrte so
sorgenlos heiter durch die Luft, da Mishujews Herz vor Freuden
mitklang. Er wnschte, da sie weiter lache und begann von allem
mglichen zu plaudern, wie es ihm gerade in den Kopf kam, und obgleich
das, was er erzhlte, uerst unbedeutend war, brachte er es dennoch mit
solcher Komik heraus, da es allen auerordentlich lustig schien. Das
Mdchen lachte nun ununterbrochen, warf den Kopf zurck und zeigte ihr
reizendes Kinn. Dem General traten vor lauter Lachen Trnen in die
Augen, und alle Passanten sahen sich nach den lrmenden Drei um.

Ich hatte einen bekannten Diakon, in Ssamara ... Er war ein toller
Sufer! Kommt da jemand irgend einer heiligen Handlung wegen zu ihm. Da
tritt ihm die Diakonin entgegen und erklrt geheimnisvoll: Vater Diakon
knne jetzt nicht empfangen! ... -- Warum denn, -- ist er voll des
Spiritus ...? -- Jawohl, ja -- -- ganz voll! -- -- -- Ah, so! und der
Besucher entfernte sich teilnehmend.

Voll des Spiritus! Das Mdchen lachte und blickte Mishujew nun wieder
gerade ins Gesicht, mit einem Ausdruck, als erwartete sie von ihm noch
eine Geschichte, die am allerlustigsten wre.

Der General aber schleppte sich hinterher, hinkte und schwieg. Er war
mit einem Mal verstummt, und in seinem gerunzelten Gesicht spiegelte
sich irgend eine Unstimmigkeit wieder. Er erschrak ber die unerwartete
Frhlichkeit und Einfachheit Mishujews. In seinem Innern zu allertiefst
seiner Seele begann sich trbe Befrchtung zu regen. Er hatte ihr noch
keine Form gegeben; es war nur die schchterne und ohnmchtige,
vogelartige Angst um sein reines, zartes Mdchen.

Diese reichen Herrschaften ... zuckte es durch seinen Kopf: fr den da
wre es nur eine Kleinigkeit ...

Die Vorstellung davon, was Mishujew mit seinem kleinen Mdchen anstellen
knnte, malte sich immer deutlicher vor ihm aus, war aber so grauenhaft,
da der General sich frchtete, sie in Gedanken festzuhalten.

Njurotschka! ... Es ist wohl schon Zeit -- nach Hause ... rief er sie
ungeschickt an.

Das Mdchen sah sich verwundert um.

Es ist noch frh, Papachen!

Der General murmelte etwas verwirrt vor sich hin. Sein Gesichtchen war
gertet, die uglein liefen ganz sinnlos umher. Mishujew sah sich
ebenfalls nach ihm um und begriff instinktiv die feinsten Windungen
seines Denkens. Etwas Bitteres, Altgewhntes regte sich in ihm. Zuerst
war es schmerzlich, aber gleich stieg irgendwoher, aus dunkelster Tiefe,
der scharfe versteckte Gedanke auf: Geld geben, auf die Hochschulkurse
bringen ... In gebrochenen, aber blitzgrellen Zickzacklinien wand sich
ihr blendender, junger, zum ersten Male entblter Krper durch seine
Vorstellung; zitternde, naive Ausbrche noch unerfahrener Wollust ...
Und dann die tolle, feurige Hingabe. -- Unwillkrlich blickte er das
Mdchen von der Seite an, und sie schien bereits nackt vor ihm zu
stehen; er sah ihre runden, bloen Arme, die kleine, elastische Brust,
die weichen Haarlocken auf ihrer runden Schulter. Etwas schlug, wie eine
heie Welle, an seinen Kopf, aber er kam sofort wieder zu sich.

Das Mdchen schaute auf und fragte etwas.

Ja, antwortete Mishujew. Er fhlte eine groe Freude, da diese
alpdrucksartige Vision verschwunden war. Er hatte den leidenschaftlichen
Wunsch, die Befrchtung des Generals, die er erriet, zu verscheuchen,
wieder schlicht, ebenmig, freundlich zu werden.

Er hat ja recht, wenn er mich frchtet, dachte er schwermtig. Aber auch
ich habe keine Schuld ... so wrde jeder andere an meiner Stelle
handeln. Was soll man tun ...

Mit groer Anstrengung gelang es Mishujew, die wieder heranrckenden,
gierigen und beherrschenden Gedanken beiseite zu drngen; doch wurde ihm
traurig, hoffnungslos traurig zumute, als befnde er sich einer Macht
gegenber, die strker ist, als sein Widerstand.

Und Wort fr Wort kam er, von diesem traurigen Bewutsein und dem warmen
Gefhl fr das reine zarte Mdchen ergriffen, auf sein Leben zu
sprechen.

Wie glcklich Sie sind, plapperte naiv Njurotschka. berallhin knnen
Sie reisen, alles sehen, erfahren! Wir sind jetzt zum ersten Mal in
Jalta und fhlen uns schon wie im Paradies!

Darin liegt ja gar nicht das Glck, erwiderte Mishujew traurig: leben
kann man berall; Menschen leben am Nordpol wie in Kamschatka, in der
Sahara und den Pinski-Smpfen ... Und selbst, die dort leben, knnen
sich dazu erheben, sich eine eigene Poesie zu schaffen. Leben kann man
auch ohne Palmen, ohne Wrme, ohne groe Stdte. Das ist alles Unsinn
... reine Formsache. Nur eins kann der Mensch nicht entbehren --
Menschen. In der Einsamkeit wird der Mensch stumpf, schwach, wird
ohnmchtig und unntz ...

Und mir scheint, ich knnte auch in einer Wste leben, wenn nur Blumen,
die duften und Vgel und das Meer ...

Das scheint nur so, lchelte Mishujew, uns Menschen sind komplizierte
und tiefe Gefhle gegeben ... Und um sie mit Leben zu erfllen, ist eine
Umgebung erforderlich, die ebenso kompliziert, fein und tief wre. In
Himmel, Bumen und Meer allein kann sich eine Menschenseele nicht
auslsen. Man kann noch soviel reisen und sehen ...

Ja. Aber Sie haben doch immer Menschen um sich soviel Sie wollen ...
Sie knnen doch soviel Gutes tun, bemerkte Njurotschka schchtern. Und
ehe er noch etwas erwiderte, fhlte sie, wie sich ihr Herz leise
zusammenzog.

Mishujew verzog seine Mundwinkel ein wenig; dadurch machte er auf sie
pltzlich einen beraus plumpen, krankhaften Eindruck.

Ah! sagte er bitter, von einer pltzlichen heien Aufwallung
fortgerissen: Gutes! wenn aber jeder, der zu einem kommt, nur um dieses
Guten willen kommt ...

Aber nicht jeder! erwiderte das Mdchen mit eigentmlich
mitleidsvoller Hast.

Mishujew schwieg. In seiner Seele ging etwas Sonderbares vor: er war auf
sich uerst rgerlich, da er so redete, da er irgend einem Mdchen
gegenber seine Seele entblte; ein khler Stolz prete seine Lippen,
und dennoch wollte er sich gerne, ohne da die rechte Gelegenheit war,
einfach aussprechen. Dieser Wunsch siegte.

Vielleicht wirklich nicht jeder, sagte er mit berwindung. Aber wenn
die meisten Menschen nur kommen, um Geld zu holen, so scheint es immer,
da einer, der einfach, ohne Hintergedanken, mit offenem Herzen kommt,
sich nur verstellt, und im Innern seiner Seele dasselbe will. Da auch
er nicht gekommen wre, wenn er nicht Geld finden wrde. Und da wird man
im Voraus argwhnisch ... Manchmal berluft einen solche Bitterkeit,
da man alles von sich abstt, grob und brutal wird ... Das ist
entsetzlich, wirklich!

Etwas zitterte wieder in Mishujews Stimme, er kniff die Lippen ein und
verstummte. Wieder wurde es still und das Getse des Meeres schien dem
Mdchen einsam und traurig. Sie wurde nachdenklich, und tausende zarte,
liebevolle Worte schwirrten durch ihren Kopf. Eine mtterliche
Zrtlichkeit erfllte ihre mdchenhafte, naive Seele, sie wnschte ihn
zu liebkosen, zu trsten.

Der General schaute verwundert von hinten auf die riesige gebckte
Gestalt Mishujews. Anfangs glaubte er ihm nicht, er wurde sogar von
strkerem trben Schrecken erfat: ihm kam es vor, als wollte sich
Mishujew gerade in Njurotschkas Augen als Unglcklichen aufspielen. Aber
spter schmte er sich dieses Gedankens und bedauerte Mishujew auf seine
besondere Greisenart -- mit vterlicher Zrtlichkeit:

Mir scheint ... begann das Mdchen leise.

Doch die Stimmung war bei ihm schon verflogen. Das khle Denken bekam
Oberhand. Mishujew tat seine Offenherzigkeit vor solchen im Grunde
belanglosen Leuten, wie irgend einem General a. D. und seiner Tochter,
einer Gymnasiastin, die er sich einfach kaufen konnte, leid. Zwar wurde
ihm dieses Gefhl selbst peinlich und er wurde sich seiner Grobheit
bewut; er zeigte sich aber trotzdem pltzlich hochmtig und khl.

Nein, das sind alles Bagatellen ... fiel er ihr khl ins Wort und fing
unvermittelt an, von etwas Unntigem und Uninteressantem zu sprechen.

Njurotschka blickte ihn rasch an, aber Mishujews Gesicht blieb
regungslos und reserviert. Sie wurde pltzlich bla, richtete sich mit
einem Male auf und starrte vor sich hin, whrend ihre Finger unter der
trben, schmerzlichen Empfindung, verletzt zu sein, erzitterten.
Gleichsam, als wre sie von jemandem entkleidet und verhhnt worden, sie
und alles, was sie mit reiner, inniger Zrtlichkeit in sich entdeckt
hatte.

Der General versuchte Mishujew zu trsten, aber er benahm sich
ungeschickt, so da er selbst verwirrt wurde und nur irgend welchen
Unsinn murmelte.

Als sie ans Ende der Promenade gekommen waren, hatten alle das Gefhl
peinlicher de; sie verstanden, da es Zeit sei, auseinander zu gehen.
Der General fiel vollstndig zusammen. Er wute nicht, wie er ihrem
Zusammensein ein Ende machen sollte, wurde unschlssig, trippelte mit
den Fen und redete bldes Zeug ber den Abend, das Meer, das Jaltaer
Leben. Mishujew schwieg und antwortete nur einige Male ohne
aufzublicken:

Ja, das ist richtig ...

Sehen Sie mal, Fjodor Iwanowitsch ... begann wieder der General, aber
gerade da zupfte ihn die Tochter am rmel und sagte, mit abgewendetem
Blick, leise, aber fest:

Es ist Zeit, nach Hause zu gehen, Papachen ... Mir ist kalt.

Sofort, sofort, Kindlein, beeilte sich erfreut der General. -- Nun,
auf Wiedersehen, Fjodor Iwanowitsch, auf Wiedersehen.

Er drckte lange die Hand Mishujews; er konnte sich nicht entschlieen,
fortzugehen. Er hatte das Gefhl, da noch etwas fehle. Njurotschka
wartete schweigend, bla und traurig. Ihr taten alle leid -- sie selbst,
der Vater, und Mishujew und das Helle und Schne, das gekommen und
wieder vergangen war. Es war ein Gefhl des Mitleids und der schweren
Verletzung, das ihr fast Trnen herausprete.

Sie lachte nur beim Abschied, ber irgend eine Bemerkung des Vaters,
schwach und abgerissen, auf, warf aber doch das Kpfchen in den Nacken
und zeigte ihr reines zartes Kinn.

In der letzten Minute rhrte sich in ihr eine warme Empfindung und sie
sagte mit klingender Stimme:

Fjodor Iwanowitsch, darf ich Sie bitten, mit zu uns heranzukommen.

Danke schn, erwiderte Mishujew khl.

Das Mdchen errtete und ihre Augen wurden traurig, ratlos.

Den ganzen Weg schwieg sie und hrte darauf, wie der Kies surrend unter
ihren Fen knirschte. Ihre Seele war von einem verwirrten Gefhl
erfllt, als wre irgend ein Glck abgerissen; ihr Mitleid mit Mishujew
wurde noch strker.


                                   IV

Die Nacht trennte das Meer von der Erde. Hinter der grell beleuchteten
steinernen Brstung der Strandpromenade stand die dichte Finsternis wie
eine Mauer; ein unbegreifliches, unaufhrliches Leben schien sich in ihr
versteckt zu halten. In dem unsichtbaren freien Raum bewegte sich etwas,
stie schwere Seufzer aus, pltscherte, als ob es schluchzte, schwoll
an, flaute ab, und schwoll dann wieder irgendwo in der schwarzen Ferne,
die mit dem schwarzen Himmel zusammenflo, von neuem an. Dort in der
Finsternis, vor den menschlichen Augen verborgen, tobte unaufhrlich ein
ewiger geheimnisvoller Kampf, als arbeiteten Millionen Wesen unter dem
Schutz der kurzen Nacht daran ihr grausames dstres Werk zu vollenden.
Die Strandpromenade, die von den blassen Lampen der Laternen mit totem
Licht begossen wurde, war von durchsichtiger aufhorchender Leere
umgeben. Die Bume verschwammen zu einer dunklen eintnigen Masse, und
nur dicht neben den Lampen schimmerten hell, aber leichengrn einzelne
erstarrte Bltter. Von Zeit zu Zeit wuchsen irgendwo einsame Schritte
deutlich heran, im Lichtkreise zeichnete sich scharf ein schwarzer
Schatten ab, wuchs, dehnte sich aus, bog sich ber die Brstung zum Meer
hinab und verschwand in der Finsternis ebenso schnell, die deutlich
verhallenden Schritte in die Ferne tragend.

Mishujew ging allein; sein Kopf schien ihm unendlich gro und sein Herz
leer.

Das rastlose Meer lrmte in ewiger Trauer; ber den Bergen funkelten
groe Sterne, und die Seele Mishujews erfllte ein Gefhl, als stehe er
ber einer Welt, in der alles lngst abgestorben war, jedes Leben fr
immer geendet hatte, und das Auge nur tote Schneefelder und ferne
Sterne, die von der Klte ewigen Schweigens angeschmiedet sind,
erblickt.

Tote Trbsal weinte leise in seinem Herzen; es war fr ihn ganz gleich,
wohin er in der Leere und dem Schweigen der Nacht gehen sollte. Warme
Erinnerung lebte noch in ihm, und in den Ohren gellte, wie aus weiter
Ferne, klingendes Lachen. Blonde Haare, feuchte Augen, das weiche, reine
Kinn eines in den Nacken geworfenen Kpfchens huschten durch sein
Gedchtnis. Aber die Gedanken flogen schnell, wie Wolken am Mond in
grauer Winternacht, vorber. Weder Ziel noch Anfang oder Ende hatten
sie, und trbselig war ihre dunstige rasende Geschwindigkeit.

Langsam und schwer, wie ein Mensch, der ernstlich krank ist, ging
Mishujew bis ans Ende der Promenade, blieb stehen, ging zurck, und er
wre nicht imstande gewesen, mit Worten auszudrcken, worber er in
dieser Zeit dachte. Es gab keine bestimmten Worte, es gab keine
Personen, denen gegenber er seinen Wunsch, sich aufzulehnen, uern
konnte. Aber seine kranke Seele, die das Bewutsein eines
unberwindlichen Unrechtes, das sie bisher noch nicht begriffen hatte,
niederdrckte, verlangte nach etwas.

Eine strmische Bewegung, grell und lebendig, wie menschliche Liebe und
menschliche Freude, schlug vor seinem Blick empor. Aber rings umher
blieb alles leer; ihm schien es, da nicht nur auf dem breiten Kai,
sondern in seinem eigenen Leben nur seine schweren Schritte
widerhallten, als zhlten sie, ohne Zweck und Grund Stufen eines toten
Weges, der fr niemanden von Nutzen ist.

-- -- Es ist Zeit, zu sterben! dachte Mishujew pltzlich mit
verzerrtem Lcheln.

In einem Augenblick wurde es ihm leicht und frei ums Herz, als htte
dieses Wort die Hlle alles Schweren und Dsteren abgestreift; und nun
stellte es sich heraus, da nichts dahinter war -- -- -- als vollkommene
Leere. Das Gefhl der Leichtigkeit und Raumlosigkeit erfllte fr einen
Augenblick seinen Krper und machte ihn ebenso leer und frei, band ihn
von Mishujew, dem schwergewordenen, dsteren, abgelebten Menschen los.
Aber dieses Gefhl kam nur fr einen Augenblick und erlosch, wie ein
Funke in Finsternis und Wind.

Wenn allein der Tod brig bleibt, so ist Alles wahr: dann ist es
richtig, da sein Leben in der Tat widerwrtig und sinnlos ist; er
braucht nicht weiterzuleben.

Pltzlich wurde es ihm so schwer zumute, da er wnschte, weinen und
sich auf die Erde werfen zu knnen, mit dem Gesicht nach unten, und so
liegen zu bleiben.

Aber was ist denn geschehen? Bin ich krank? fragte er sich voller
Verzweiflung. Er erstickte fast unter einem furchtbaren Druck und
begriff nicht warum. -- Ich besitze alles, was einem Menschen ntig ist;
sogar viel mehr. Tausende Menschen trumen davon, ein Hundertstel von
dem zu haben, was ich besitze ... trumen davon, wie von einem
unerreichbaren Glck! Von all meinem Leid wird jeder Mensch nur sagen,
da ich an meinem eigenen Fett ersticke. Was fehlt mir denn. Ich habe
alles ...

Und in grellen Streifen zogen im Augenblick Reihen herrlicher Frauen,
Theater, Meere, Stdte, Bilder, Automobile, Pferde ... eine ganze Welt,
voll Farben, Licht und Bewegung, das Luxuriseste, Schnste,
Angenehmste, was die Welt hervorbringen kann, ... an Mishujews Augen
vorber. Aber sein eigenes Gesicht blieb krank und schwermtig zurck.
Alles entfernte sich, verblate, wurde pltzlich eintnig und rmlich,
wie verblichenes Flitterzeug.

Nicht das, nicht das ist es ... doch was denn? -- Er richtete seine
Frage irgend wohin ins Innere seiner schweigenden Seele. Pltzlich
durchschttelte eine Flut gegenstandsloser, unntzer Bitternis seinen
ganzen mchtigen Krper; er fiel durch eine Spanne bermenschlicher
Leidempfindung, die einen unendlichen Augenblick dauerte, in ein leeres
kaltes Loch hinein, wo nichts mehr war als die uerste Abspannung.

Schweigsam ging Mishujew bis an das Ende der Strae, und sank in seinem
ganzen Wesen mit jedem Schritt mehr und mehr zusammen. Mit einem Male
fiel ihm ein, wie oft er schon von einem Ende bis zum anderen gegangen
war; er kehrte um. Und als sich aus den Scheiben eines Restaurants
grelle Lichter ber seinen Weg schoben, berschritt er die Strae und
ffnete mechanisch die groe schwere Tr.

Man mu etwas zu sich nehmen ... ich bin einfach schlaff geworden,
dachte er gleichgltig.

Hinter der blendenden Spiegelflche des Fensters erglnzten lebende
Lichter, schwankten schwarze Silhouetten, schimmerten die scharf
geschnittenen grnen Bltter der Zimmerpflanzen; weie Tischtcher
strahlten wie Bergschnee.

Sowie Mishujew die Tr geffnet hatte und der Portier von seinen
massigen Schultern den berzieher abnahm, schlug ihm von allen Seiten
verworrener Stimmenlrm, Gelchter und funkelndes Glserklirren
entgegen, es betubte ihn nach der Stille der Nacht. Er wurde sofort
erkannt. Bald hier bald dort tnte durch Gepolter, Klang und Getse sein
Name, eilig und fast warnend ausgesprochen. Einige Frauengesichter
begleiteten ihn mit neugierigen Blicken, whrend er sich langsam
zwischen den Tischen vorwrts schob. Neben dem Buffet rief ihn ein
Bekannter, der Moskauer Schriftsteller Opalow, an.

Fjodor Iwanowitsch! Er schien erfreut und erhob sich eilig; sein
Gesicht, mit feinen Gesichtszgen und Augen, schmal und eigenartig, wie
bei einer japanischen Puppe, fing mit dem Ausdruck lebhaftester Freude
und vlliger Zutraulichkeit zu lcheln an. Fjodor Iwanowitsch, setzen
Sie sich zu uns heran! ... Kellner, einen Stuhl her!

Am Tisch saen drei Herren: die zwei Schriftsteller, denen Mishujew am
selben Tage auf der Promenade begegnet war, und ein aufgedunsener,
kahlkpfiger, etwas unsauberer Mensch in Leinwandhosen, die fr seine
Beine zu eng waren, mit einer auffallenden entweder amerikanischen oder
einfach clownmigen Weste.

Sie sind wohl noch nicht bekannt? fragte Opalow, als sich alle langsam
Mishujew entgegen neigten: Tschetyrjow, ... Marussin, ... Podgurski
...

Ehemaliger Schriftsteller! fgte der aufgedunsene Herr hinzu mit einer
Stimme, die die eines Hansnarren -- vielleicht aber auch seine
gewhnliche sein konnte.

Mishujew nannte kurz und flchtig seinen Namen. Es war ihm stets
unangenehm, sich mit seinem Namen vorzustellen: es kam ihm kindisch vor,
einen Namen herzusagen, den alle gewhnlich schon vorher wuten; sich
aber gar nicht vorzustellen, wre auch nicht angegangen. Das erregte
ihn.

Sie kennt ja jeder, Fjodor Iwanowitsch! lachte Opalow; es war schwer
zu unterscheiden, ob er es gutmtig oder mit gehssiger Ironie meinte.

Mishujew lchelte mimutig, und dieses schiefe Lcheln fiel ihm selbst
unangenehm auf: es konnte den Eindruck erwecken, als gebe er zu, da ihn
alle kennen oder als leugne er es oder auch als heuchle er eine
Verneinung. Er fhlte, da ihm Einfachheit fehlte und da es allen
aufgefallen war. Es verstimmte ihn wieder.

Der Kellner brachte eilig einen Stuhl und Mishujew lie sich nieder,
kreuzte sofort seine massigen Arme auf dem Tischtuch und starrte mit
schwerem Seitenblick auf das Nachbartischchen, wo drei beleibte,
aufgeputzte Damen und zwei glnzende, fesche Offiziere saen. Fr eine
Minute entstand peinliches Schweigen. Opalow blickte Mishujew
freundlich, aber so neugierig in die Augen, als wenn sich pltzlich ein
Eisbr neben ihn gesetzt htte. Der zottige Podgurski, der wie ein
Bndel schmutziger Wsche, in enge Hschen und ein Jackettchen aus
Segeltuch gepret, aussah, schaute ebenfalls neugierig auf ihn; in
seinen winzigen, scharfen uglein leuchtete ein freches, gieriges
Feuerchen. Tschetyrjow und Marussin tranken schweigsam ihr Bier und
schienen Mishujew nicht zu bemerken. Mishujew sah mit einem flchtigen
Blick, da Marussins weiche, schwache Hnde die ganze Zeit hindurch
krankhaft zitterten, und er erinnerte sich, gehrt zu haben, da
Marussin an der Schwindsucht litt. Auch seine Augen fielen ihm auf:
etwas leicht Vergngliches und Durchsichtiges, wie ein Streifen zarten
Frhlingshimmels, sahen ihm daraus entgegen. Mishujew empfand, da er
wahrscheinlich ein sehr unglcklicher, guter und reiner Mensch sein
msse. Warmes Mitleid regte sich in ihm.

Bis an die Decke drhnte das Restaurant von Rufen, Glserklirren und
Gelchter. Manchmal fiel irgendwo mit trockenem Gepolter ein Stuhl um,
laut klingelte ein ungeduldiges Lffelchen an eine Glaskante und hoch
flatterten die feinen Tne der weiblichen Stimmen und ihr anrufendes
Lachen, das sich wie unter eigenem Kitzel verschluckte. Kellner mit
Servietten huschten vorber, das Licht brach sich in den buntfarbigen
Kelchen und Flaschen und strahlte in den Schmucksachen auf glatter,
halboffener, weiblicher Haut. Nur durch die weiten Fenster blickte
unverwandt die schwarze Nacht herein.

Warum sind Sie denn allein? Wo ist Maria Sergejewna? fragte Opalow;
aus seiner Stimme konnte man heraushren, da der Name Maria Sergejewnas
in ihm eine unfabare Vorstellung weiblicher Entblung hervorrief.

Mishujew wute, da Maria Sergejewna auf alle Mnner eine schmerzlich
erregende Wirkung ausbte, und da man von ihr mit einer besonderen
Nuance im Tone sprach. Einst schmeichelte es ihm, er fhlte einen
eigentmlichen Reiz, zuzuschauen, wie fruchtlos alle Mnner durch diese
Frau erregt wurden. Doch in der letzten Zeit fiel ihm darin etwas
Verletzendes und Unangenehmes auf; er erinnerte sich, da man erst
begonnen hatte, mit ihr und ber sie so zu sprechen, seitdem er zu ihr
in feste Beziehungen getreten war. Ebenso schn war sie auch frher
gewesen, aber damals umhllte sie eine besondere Reinheit. Durch seine
Berhrung war diese Reinheit abgestreift worden, vor allen Menschen
hatte er sie in der erniedrigenden und groben Gestalt eines allen
zugnglichen Weibchens entblt.

Sie ist nach Ssemed gefahren, antwortete Mishujew ungern und mit
einem Blick nach der Seite.

So! Ich war ihnen heute begegnet ... Mit Parchomenko? Opalow war
entzckt, und wieder sprte Mishujew aus diesem Entzcken etwas
Besonderes heraus. Als htte Opalow niemals daran gezweifelt, da Maria
Sergejewna frher oder spter in Parchomenkos Hnde bergehen mte;
jetzt aber wre er zur berzeugung gekommen, da es sich schon
vorbereitete. Nach Opalows Meinung war Mishujew schon der Liebhaber a.
D.

-- -- Anders kann er es sich gar nicht vorstellen, dachte Mishujew.

Parchomenko, das war jener? ... erkundigte sich pltzlich Podgurski.

Ganz recht -- der! sagte Opalow, whrend seine eigentmlich
japanischen Augen glnzten.

Kennen Sie ihn? fragte Podgurski weiter. Machen Sie mich bitte mit
ihm bekannt. Ich habe in einer geschftlichen Angelegenheit mit ihm zu
tun.

Wollen Sie ihn anpumpen, -- -- -- auf Nimmerwiedergeben? fragte Opalow
offensichtlich scherzend.

Und wenn schon. Meinen Sie, er gibt nichts?

Ja, der wrde Ihnen wohl nichts geben, bemerkte Mishujew mechanisch.

Und Sie, wrden Sie etwas herausrcken? wandte sich unerwartet
Podgurski an ihn und offenherzige Unverschmtheit klang aus seiner
Stimme.

Mishujew war eine Weile vor berraschung sprachlos. Vielleicht,
lchelte er dann.

So, dann geben Sie mir bitte fnfundzwanzig Rubel! Warum auch nicht?

Mishujew lenkte seinen schweren Blick in Podgurskis Augen, dachte eine
Weile nach, lchelte dann wieder und reichte ihm einen 25-Rubelschein
ber den Tisch. Ihm gefiel die Aufrichtigkeit, die in dieser Frechheit
lag.

Podgurski erwartete kaum etwas und war nicht einmal besonders gespannt,
ob Mishujew ihm Geld geben wrde oder nicht, aber beim Anblick des
Geldes blitzten seine uglein noch frecher auf. Er nahm den Schein und
schob ihn wie selbstverstndlich in die Tasche der halb amerikanischen,
halb clownartigen, vielleicht aber nur einfach schbigen,
fettverschlissenen Weste, die auf seiner Brust hin- und herrutschte.

Danke!

Mishujew bemerkte, wie sich Marussins gute Mdchenaugen mit
zurckhaltendem Lcheln Podgurski zuwendeten, sich aber im Augenblick
wieder verschmt senkten, ohne sein Gesicht gestreift zu haben.
Tschetyrjow blickte schweigend ber die Kpfe hinweg nach dem Innern des
Restaurants und schien berhaupt nichts zu sehen.

Sie sind aber ein frecher Patron! bemerkte Opalow; man konnte seinen
Augen ansehen, da auch ihm der Gedanke an eine Anleihe gekommen war;
leider nur zu spt.

Ach, ich spucke darauf! erwiderte Podgurski unverfroren. Ich bin ein
frecher Patron, Sie ein Feuilletonschreiber, er -- ein Millionr; -- was
dabei das Schlimmste ist, das steht noch lange nicht fest!

Opalow hob mit komischer Miene seine eigentmlichen Augen, aus denen
stets beobachtende Neugierde blickte, zur Decke. Tschetyrjow und
Marussin lachten gutmtig, und dieses gutmtige Lcheln des
ungemtlichen Tschetyrjow berraschte Mishujew. Doch lchelte er selber
mit.

Und wissen Sie, was ich Ihnen sagen mchte ... begann Podgurski in
einem Ton, als wollte er allen eine freudige Nachricht bringen, laden
Sie uns doch zum Sekt ein, Fjodor Iwanowitsch. Was? Warum denn nicht?

Mishujew zuckte mit den mchtigen Achseln. Dieser durchtriebene Bursche,
der ihm gleich beim ersten Wort auf die Schultern stieg, und dazu noch
mit solcher Gradheit und Selbstverstndlichkeit, fing an ihn zu
amsieren.

Meinetwegen, gut. Nur mssen Sie selbst alles anordnen, sagte er.

Schn, ausgezeichnet! ... Kellner! Podgurski schrie laut, ohne darauf
zu achten, da sich das ganze Restaurant nach ihrem Tisch umdrehte.

Der Geschftsfhrer, ein schmchtiger Greis mit ppigem, grauem
Backenbart, der schon lange in der Nhe Mishujews wie ein Jagdhund auf
der Lauer gestanden hatte, trippelte rasch auf ihn zu, wobei er mit der
sesten Miene seine winzigen Hndchen rieb. Podgurski ging daran, ein
Souper zusammenzustellen. Er tat es so sicher, als htte er sich sein
ganzes Leben lang mit nichts anderem als feinen, ppigen Diners
abgegeben. Mishujew schaute ihn sogar verwundert an. Podgurski, der
alles mit der Gewandtheit eines Taschenspielers fertig machte und alles
bemerkte, warf dazwischen:

Gleich kommt der Millionr zum Vorschein! Sie denken, da sie nur
allein essen und trinken knnen.

Und wissen Sie, was Millionre denken? fragte Mishujew hochmtig, ohne
da ihm selbst sein Ton zum Bewutsein kam.

Aber gewi doch! Alles wei ich! Als ich ein berhmter Schriftsteller
war ...

Alle brachen in Lachen aus. Aber Podgurski ma dem keine Bedeutung bei.

... habe ich mir Millionre angesehen, wie andere Hunde. Ich sehe sie
durch und durch, wie ein Glschen Wodka!

Es wurde Sekt gebracht. Mit ihm kam der Geruch von Eis und Feuchtigkeit,
als htte man die Tren zu einem Keller geffnet. Der alte
Geschftsfhrer schttelte hflich den Backenbart und strengte sich an,
in irgend einer Sache den rcksichtslosen Podgurski zur Vernunft zu
bringen. Der lebte auf: seine dnnen Haare erhoben sich, einzeln und in
Bscheln, seine uglein funkelten unverfroren und gierig, und die
widersinnige Weste streckte sich frech hervor. Er machte Witze, trank,
schrie, und man sah ihm an, da er sich wenn nicht gerade glcklich, so
wenigstens satt und behaglich fhlte. Mishujew schaute auf ihn und
bemerkte mit intensivem Vergngen, da sich dieser Gentleman den Teufel
um Mishujew, um dessen Millionen, um Tschetyrjow, um irgend etwas in der
Welt kmmerte. Er hatte Sekt, Zigarren, seine Witze; alles andere kam
fr ihn nur insofern in Betracht, als es zu ihm gehrte und ihn
ftterte.

Tschetyrjow und Marussin tranken nichts; sie aen auch fast gar nichts.
Sie schwiegen die ganze Zeit, wechselten selten einzelne Worte
miteinander und hrten nur allem, was um sie vorging, so aufmerksam zu,
wie nur Knstler zuzuhren vermgen. Dabei schienen sie Mishujew
vollstndig und mit Absicht zu bersehen. Ihn qulte es. Dafr wendete
aber Opalow kein Auge von ihm. Immer noch war er erwartungsvoll
neugierig. Die ganze Zeit gab er sich Mhe, das Gesprch mit Mishujew im
Flu zu halten, machte Witze, warf treffsichere Bemerkungen ein, in
deren Spiel sein Wunsch, Mishujew zu gefallen, deutlich hervortrat.

Am Nebentisch sa eine starke, auffallend elegante Dame mit einem
kleinen Ausschnitt auf ihrem zarten, rosigen Rcken.

Ist es Ihnen schon aufgefallen, Fjodor Iwanowitsch, sagte Opalow, da
die nackte Frauenhaut in der Restaurantbeleuchtung stets na erscheint?

Fehlgeschlagen! schnitt Podgurski seine Worte autoritr ab; man sah
ihm sofort an, da er das versteckte Bestreben Opalows, zu gefallen,
genau bemerkt hatte und es nun zu verspotten suchte. Tfteln Sie was
besseres aus. Das war billig. Warum gerade bei Restaurantsbeleuchtung?

Die weiten, schwarzen Augen blinzelten rasch, doch Opalow gab sich den
Anschein, als verfechte er aufrichtig seine Bemerkung.

Jawohl, gerade bei Restaurantsbeleuchtung ... Und, wissen Sie, das ist
auch ganz natrlich: das Licht in Restaurants ist immer von feuchten
Ausdnstungen durchtrnkt ...

Sie schwitzen einfach! sprach Podgurski mit unwiderruflicher
Entschiedenheit. Aber das ist sicher: berall, wo es viele Frauen gibt,
da riecht es nach Puder, Parfms und faulem Fleisch.

Was Sie sagen! Mishujew lchelte.

Ja, ja -- -- -- das mag vielleicht wahr sein, bemerkte Tschetyrjow.

Als die Dame am Nebentisch sich erhob und ihre Federboa fallen lie,
musterte Opalow mit einem Blick ihre ganze Gestalt und sagte zu
Podgurski, whrend er gleichzeitig Mishujew ansah:

Nun, so sehen Sie hier: wenn eine Frau pltzlich eine Boa fallen lt,
scheint ihr ganzer Rcken fr einen Augenblick nackt!

Das ist nicht schlecht, billigte Podgurski. Sie sollten es nur
Parchomenko erzhlen. Der gibt Ihnen Geld fr so was.

Sie haben neulich, wie ich glaube, gesagt, da Sie Parchomenko nicht
kennen, bemerkte Marussin und wurde verwirrt.

Wirklich? Ja, mglicherweise habe ich es behauptet. Dann habe ich
offenbar gelogen, erwiderte kaltbltig Podgurski.

Marussin machte den Versuch, ihn anzublicken, begann aber zu blinzeln,
errtete etwas, und seine Verwirrung zeigte sich so naiv und aufrichtig,
als wre er und nicht Podgurski beim Lgen ertappt worden.

Und wieder dachte Mishujew mit zarter Liebenswrdigkeit von ihm: was fr
eine liebe Seele er ist!

Ich kenne ihn schon lange, noch von Moskau her ... erzhlte Podgurski.
Niemand kennt ihn vielleicht so gut wie ich ... Hier habe ich ihn!

Podgurski streckte seine breite, verschwitzte Tatze aus. Und die
Bewegung dieser unsauberen Hand mit den schwarzen, stumpfen Ngeln war
so klettenartig und gierig, da alle unwillkrlich auf sie blickten und
selbst Mishujew von einem peinlich bangen Gefhl berlaufen wurde.

Als noch der alte Parchomenko lebte, hielt er den Sohn unter einem
strengen Regiment -- er prgelte ihn und gab ihm keinen Groschen ... Er
pflegte mit zwei Silberstcken  20 Kopeken auf den Ladentisch zu
klopfen: hier nimm und schere dich fort ... Damals suchte dieser Paschka
berall nach Geld, gegen falsche Wechsel natrlich ... Dabei liefen wir
uns beide in den Weg. Ich kenne solche prchtige Affren von ihm! Ich
mte nur noch _ein_ Schriftstckchen in die Hnde kriegen, dann wrde
ich bei ihm eine Erpressung anlegen, da er wie ein Ferkel zu quietschen
anfngt!

Ist das wirklich notwendig? fragte Marussin. Da er Podgurski nur mit
berwindung ins Gesicht sehen konnte, blinzelte er wieder mit den Augen.

Sie kennen den Kerl nicht, Nikolaj Nikolajewitsch! Das ist ein
furchtbares Insekt! Ein Reptil voll Gift! Wer es zertritt, dem werden
vierzig Snden erlassen! Platt wie ein Gummischuh, und von einer
Niedertracht, da es fr drei Knige und vier Erzbte ausreichen wrde.
Was fr eine Grausamkeit in dem Aas steckt! Er hat da irgendwo gelesen,
da Kolonialoffiziere in Afrika Negerweiber auf Bretter nageln lieen
und auf sie aus Revolvern um die Wette schossen. Was meinen Sie nun --
das wurde seitdem sein Traum! Eine Frau zu kreuzigen. Und einmal tut er
es sicher noch ... Als sein Vater im Sterben lag und kein Wort mehr
herausbringen konnte, da fhlte sich dieser Paschka Parchomenko vor
allen Dingen als Erbe, -- er kam ins Schlafzimmer, griff den Sterbenden
beim Bart und zerrte daran: Geier, hier hast du eine Belohnung fr dein
diebisches Leben! ... Und als er die Erbschaft in den Hnden hatte,
wurde er selber schlimmer als der Alte. Geizig ist der Bursche, wie ein
Kettenhund! Dieses Dreckvieh. Millionre existieren auf der Welt nur,
damit man auf ihre Kosten Sekt trinkt; aber dieses Aas taugt nicht
einmal zum Sekt!

Sie sind wohl fest davon berzeugt, da Millionre zu nichts anderem
taugen? bemerkte Tschetyrjow.

Er fragte es anscheinend zum Scherz, aber alle, und auch Mishujew
selbst, fhlten sofort, da es eine Herausforderung gegen ihn war.

Und zu was sonst noch, zum Teufel? antwortete frech Podgurski, der
Tschetyrjows Ton aufgegriffen hatte und offensichtlich einen Skandal
hervorrufen wollte.

Opalow blickte Mishujew vershnlich in die Augen.

Und welche Meinung haben Sie von Parchomenko? fiel er mit zu
natrlicher Stimme Podgurski ins Wort.

Mishujew sah ihn von oben herab an und antwortete nicht. Der Ha, der
handgreiflich in der Stimme Tschetyrjows, den er als Dichter liebte und
achtete, lag, berhrte ihn schmerzlich und machte ihn traurig. Mit
drckender Ratlosigkeit fhlte er mit einem Mal, da er von Feinden
umgeben war.

Mir scheint, sagte er, whrend er seine Hnde, die auf der Tischplatte
ruhten, unverwandt betrachtete, da Sie im Irrtum sind: man kann
Millionr sein und dennoch zu etwas besserem taugen, als andere mit Sekt
zu trnken.

Tschetyrjow schob ihm seinen hartnckigen, haerfllten Blick entgegen
und lchelte kaum merklich. Mishujew zitterte und wurde rot.

Sie scheinen sich gar verletzt zu fhlen, warf Podgurski mit
doppelsinnigem Ausdruck ein.

Ich fhle mich nicht verletzt, erwiderte Mishujew und errtete noch
mehr. Ich sagte das nicht, weil ich selbst Millionr bin ...
Parchomenko ist eine Ausnahme. Das ist ein degeneriertes Subjekt, wie es
in jedem Gesellschaftskreis vorkommen kann. Ich glaube allerdings, da
ein Mensch so oder anders sein kann, ganz unabhngig von dem Geldgewicht
seiner Taschen.

Sicherlich! rief Opalow wieder zu aufrichtig.

Parchomenko ist kein degeneriertes Subjekt, meinte Tschetyrjow khl.
In einem Milieu, wo alles auf Geld aufgebaut, wo alles um Geld kuflich
und verkuflich ist, sind die Parchomenkos eine rein gesetzmige
Erscheinung. Gerade so mu ein richtiger Millionr sein. Und wenn es
andere gibt, so sind die schon eher in ihrer Art degeneriert ...
Beispiele lebendigen Widersinns.

Der Hauch der Feindseligkeit und des nahenden Streites wehte so deutlich
aus dieser Stimme, da Marussin seinen Kopf anhob und rot wurde, und
Opalow auf seinem Stuhl zwischen Tschetyrjow und Mishujew in unbestimmte
Bewegung geriet.

Warum gleich? fragte Mishujew; ein trauriger Klang lag in seinen
Worten. Ich, z. B. ...

Nicht von Ihnen rede ich, erwiderte Tschetyrjow achtlos.

Und wenn es selbst von mir wre. Mishujew sprach leise, ohne die Augen
zu bewegen.

Von Anwesenden wird nicht gesprochen! mischte sich Opalow ein. Das
haben Sie wohl vergessen, Fjodor Iwanowitsch!

Mishujew senkte den Blick noch tiefer und erwiderte noch leiser: Nein,
warum denn nicht ... Mir wre es uerst interessant zu erfahren, wie
... Ssergej Maximowitsch, den ich als Dichter liebe und schtze, darber
denkt ...

Tschetyrjow wurde pltzlich ebenfalls rot. Und ohne ihn anzusehen,
verstand Mishujew, da ihm sein Gegner nicht glaube und meinte, Mishujew
suche ihn nur umzustimmen. Das schien ihm noch krnkender. Ein Gefhl
der Scham ber seine Offenherzigkeit und trauriger Ratlosigkeit berkam
ihn. Er hielt Tschetyrjow aus vollem Herzen fr einen feinfhligen und
ergreifenden Dichter und konnte nicht verstehen, warum ihn dieser
nachdenkliche, wahrheitliebende Mensch, der ihn fast gar nicht kannte,
bereits hate und krnken wollte.

Mit schmerzlicher Mhe berwand sich Mishujew und sagte ebenso leise wie
frher:

Ich meine es ganz aufrichtig ...

Ein warmer, bittender Klang zitterte in seinen Worten.

Marussin wurde gerhrt, als er sah, wie ein so groer, starker,
lebenserfahrener Mensch sanftmtig zu Menschen spricht, die ihn von sich
fortstoen. Ein leichter rger gegen Tschetyrjow regte sich in ihm.

Ssergej Maximowitsch will wahrscheinlich ausfhren, sagte er errtend
und seine guten Augen aufschlagend, da die Anhufung von
Riesenvermgen in den Hnden eines einzelnen Menschen ... ein Unsinn
wre ...

Na, da htten wir ja ein Stck aus dem sozialdemokratischen Programm,
bemerkte Podgurski spttisch.

Der Millionr selbst, wie er steht und geht, als lebender Mensch, ist
meines Erachtens ein Unsinn! fiel ihm Tschetyrjow schroff ins Wort.

Was haben Ihnen nur die unglckseligen Millionre getan? Opalow
versuchte wieder, das Gesprch in ein friedlicheres Fahrwasser zu
bringen.

Aber diese Einmischung erregte Mishujew. Er las in den neugierigen Augen
Opalows verstecktes Vergngen.

Nein, ich mchte Sie bitten, Ssergej Maximowitsch, sich eingehender
auszusprechen, sagte er khl aber zwingend.

Opalow blinzelte unsicher und lchelte ungeschickt.

Wie habe ich mich noch auszusprechen! erwiderte Tschetyrjow dster.
Was ich denke, das habe ich bereits gesagt. Ich halte das Leben von
Menschen, in deren Hnden sich eine kolossale, ihnen nicht zukommende
Macht konzentriert, fr sinnlos. Sie knnen sich doch unmglich dem
Bewutsein entziehen, da sie an sich nicht eine Null, sondern noch
etwas Tieferes sind ... da sie ohne ihre Millionen fr niemanden mehr
ntig sind. Und da ergibt sich dann als logische Notwendigkeit fr sie,
sich entweder in volles Nichts zurckzuziehen oder diese Macht
auszuntzen. Wie aber kann sie ausgentzt werden? Was kann Geld, vieles
Geld, verschaffen? Ausschweifungen, Gewalt, Luxus ... Es wre unter
solchen Umstnden recht sonderbar, wenn man annehmen wollte, da ein
Mensch allem dem leicht entsagen wrde, was sich ihm so gefllig und
bequem in den Weg stellt. Der Reiche gefllt sich in Ausschweifungen,
Vergewaltigungen, ... im Despotismus ...

Aber doch nicht darin allein ... Z. B. Tretjakow[1] ... warf Mishujew
leise hin.

Was war denn Tretjakow, schnitt ihm Tschetyrjow schroff das Wort ab.
Ein gleicher Despot wie andere. Ein Mensch, der sein ganzes Leben
darauf verwendet hat, einen Druck auf die Kunst in der ihm genehmen
Richtung auszuben. Der eine neue Strmung widerwrtigster Tendenzkunst
in Ruland ins Leben rief und die gesunde, normale Entwicklung unserer
Kunst fr ein Dutzend Jahre aufgehalten hat ...

Die schwache aber scharfe Stimme Tschetyrjows konnte nur mit Anstrengung
gegen den Restaurantslrm ankmpfen, sie klang angestrengt und bse.

[Funote 1: Tretjakow, ein reicher Moskauer Kaufmann, legte eine
Gemldegallerie an, die als eine der grten und besten in Ruland gilt
und dem Publikum frei zugnglich ist.

                                                           Die bers.]

Eins von beiden: entweder mu der Millionr, wenn er die Richtung
einschlgt, die seiner Lage angemessen ist, ein Mitfresser werden, mu
Leben vernichten, indem er ihm allen Saft aussaugt, um selbst
anzuschwellen, wie ein Wurm auf dem Aas, oder er mu das bleiben, was er
zunchst ist: ein bedeutungsloses Anhngsel seiner Millionen ...

Kann denn aber der Millionr nicht selbst ein talentierter Mensch sein,
ein Dichter, Maler, Bildhauer? fragte Opalow.

Gewi kann er es! Tschetyrjow zuckte kurz die Achseln. Aber damit
sich das Talent entwickelt, damit es aus sich etwas Greres macht, sind
Kampf und Leiden notwendig ... Was kann einem Menschen Leiden schaffen,
dem das Leben ohne jede Mhe die verfeinertsten Gensse ins Haus wirft.
Unsinn ist das!

Fjodor Iwanowitsch! Hflich fiel ihm der alte Geschftsfhrer, der
lautlos herangetreten war, in die Rede: Sie werden ans Telefon
gebeten.

Tschetyrjow verstummte pltzlich, und seine Augen wurden sonderbar
eingezogen, als wenn er in sich seine wtende Rede in Gedanken weiter
hielt.

Wie? fragte Mishujew, der nicht gleich verstanden hatte, um was es
sich handelt.

Sein Gesicht war bla und traurig; ein schmerzlicher Ausdruck lag um
seine traurigen Augen.

Der Herr Parchomenko bitten Sie ans Telefon.

Ja, bei manchem mgen Sie vielleicht recht haben, sagte Mishujew, ohne
Tschetyrjow anzublicken, und ich verstehe Sie sehr gut, aber ... brutal
ist es, wissen Sie! ... Entschuldigen Sie, meine Herren, ich komme
gleich ... schnitt sich selbst das Wort ab und folgte dem Kellner.

Wieder begleiteten ihn neugierige Blicke, whrend er sich zwischen den
Tischen durchschob.

Parchomenko forderte ihn auf, in ein Restaurant auerhalb der Stadt zu
kommen; auch eine Chansonettensngerin Emma, die Mishujew ebenfalls
flchtig kannte, sollte dort sein.

Und Maria Sergejewna? fragte Mishujew mechanisch.

Maria Sergejewna ist nach Hause gefahren, antwortete der unsichtbare
Parchomenko.

Schn, antwortete Mishujew ebenso mechanisch.

In der Telefonzelle war es schwl und finster. Mishujew schlo die Augen
und lehnte sich gegen die Wand. In seinen Ohren klang noch immer die
schwache, haerfllte Stimme.

Ja ... vielleicht hat er wirklich recht ... Aber weshalb dieser Ha!
... Warum sieht er das nicht ein? ...

Mishujew fhrte seinen Gedanken nicht zu Ende. Er fhlte, wie sich sein
Herz schmerzlich und trbe zusammenprete.

Als er zum Tisch zurckkehrte, waren Tschetyrjow und Marussin schon
dabei, sich zu verabschieden.

... Zwischen ihm und Millionen Menschen werden immer Millionen Rubel
stehen, und: entweder mu er ein Einsamer oder eine Bestie werden. Ein
Widersinn, der in sich selbst sein Verderben trgt ...

Als Tschetyrjow Mishujew erblickte, brach er sein Gesprch kurz ab und
sah ihm mit khler, herausfordernder Entschlossenheit entgegen.

Sie gehen schon fort? Mishujew zwang sich die Frage ab.

Ja.

Vielleicht sehen wir uns noch wieder? fragte er weiter, whrend er
zwei Hnde drckte. Die eine zitterte in Erregung, die andere vor
Spannung und Krankheit.

Vielleicht, antwortete Tschetyrjow khl, und aus dieser Antwort wehte
sein unvershnlicher Ha noch hrter und klter heraus.

Mit unbegreiflicher Erwartung blickte Mishujew in das Gesicht Marussins.
Aber es war verwirrt, und die guten, offenen Augen blickten fremd in die
Ferne.

Eine furchtbare Gefhlsaufwallung schnrte Mishujew die Kehle zusammen.
Es war Qual und Schmerz und pltzliches, glhendes Verlangen, etwas
entsetzlich Bses zu tun, ihnen zu zeigen, da er dennoch strker ist
als sie und sie wie Unkraut auf dem Wege zertreten, verkrppeln kann.
Aber der Drang verlor sich ebenso schnell wie er herangebraust war, und
als Mishujew den Fortgehenden nachblickte, war sein Gesicht nur bla und
eigentmlich, wie bei einem Menschen, der den Tod in sich trgt.


                                   V

Den Busen vorgestreckt, den Rock ber den Knieen gerafft und wie zur
Attacke geschwenkt, sprang ein Weib mit feschem und elastischem
Changieren der Fe, die Schultern entblt und den Hut frech aufs Ohr
gerckt, in das Zimmer hinein.

Es wurde schon lange getrunken. Wein, Zigarrenrauch, die von
elektrischem Licht, Ausdnstungen und Likrs durchsttigte Luft hatten
die Mnner so furchtbar erregt, da das Weib zur Notwendigkeit wurde.
Man brauchte eine Stelle, auf die man die bermige Spannung der
schlaflosen tollen Nacht entladen konnte.

Beim Eintritt des Weibes brauste eine hinreiende, fast wahnsinnige
Bewegung auf, Parchomenko strzte ihr, rot, mit blutunterlaufenen Augen
und feuchtem Schnurrbart, entgegen, warf einen Stuhl zur Seite, packte
sie an der schlanken, dnnen Taille, die in ein durchbrochenes Mieder
gespannt war, hob sie in die Luft und stellte sie im Fluge auf den
Tisch. Eine Flasche fiel um, und ein Glas ging in Scherben.

Au! Sie schmeien mich um! schrie sie, und ihre unaufrichtige,
gewohnheitsmig erregte Stimme peitschte die sinnlose Frhlichkeit noch
hher.

Hurra! rief Parchomenko, es lebe die Schnheit! Gebt ihr Wein ... Sie
soll nachholen, was sie versumt hat.

Alle drngten sich in dichtem, engem Haufen auf das Weib. Die Augen
verspritzten scharfe Funken, die Finger haschten gierig nach ihren
ausgeprgten Schenkeln, den elastischen Beinen und den runden,
entblten Armen. Parchomenko fhrte ein Kelchglas mit gelbem Sekt an
ihre lachenden scharlachroten Lippen; Opalow, dessen weie Backen
dunkelrote Flecken bekamen, kte sie oberhalb des Handschuhs auf den
bloen Arm; ein dicker Brsianer, mit feuchtem Mund, der fast bis an das
Kinn aufgerissen war, schmatzte und gluckste, wie ein feistes, sattes
Tier im Augenblick der Begattung. Es schien, als stnden sie alle auf
dem Punkt, sich auf dieses nackte, schmackhafte Fleisch, das hinter den
schwarzen Spitzen hervorlugte, zu strzen und es mit Winseln und Beien
zu zerfleischen.

Nur Podgurski trank gleichgltig seinen Likr, und Mishujew lastete, wie
immer schwer und dster, auf dem Divan und schaute mit schlfrigen,
groen Augen um sich.

Die anderen trugen das Weib auf den Divan und lieen es dort
niederfallen, wobei sie ihm wahrscheinlich Schmerzen verursachten; aber
die Frau lachte nur laut auf, schlug mit den Spitzen ihrer schamlosen
Finger auf die Hnde, die nach ihrem Krper griffen, und schrie herrisch
und gleichzeitig unaufrichtig:

Regen Sie sich nicht zu sehr auf! Nicht aufregen, meine Herren! ...
Hnde weg! Sekt her! ... Ich will heute betrunken sein! ... Ich bin
vergngt ... Wenn Sie nur dabei gewesen wren, wie mich heute das
Publikum aufnahm! Ein Triumph!

Und unvermittelt sang sie laut ein Stck aus einem feschen Chanson.

Opalow reichte ihr Wein und lie dabei pltzlich eine elektrische
Taschenlampe unter dem Kelch aufleuchten. Hellgoldene Funken
durchzuckten den gelben Saft; der Sekt lachte wie lebendig. Es war sehr
hbsch; die gelben Funken gaben den schwarzen, lachenden Frauenaugen, in
denen sie sich widerspiegelten, ein wildes, phantastisches Geprge.

Ah, wie wunderbar! Noch einmal, noch mal, Schatz! schrie sie lachend.

Opalow wollte das Licht noch einmal andrcken, aber Parchomenko ri ihm
die Lampe aus der Hand und richtete ihr den grellen, weien Strahl
direkt in die Augen. Sie wurden gelb und durchleuchtend wie bei einer
Katze. Das Frauenzimmer kniff zuerst vor Schmerz die Augen zusammen,
dann lachte sie. Und doch bemerkten alle die armselige, naive Schminke
ber den Wimpern und versteckte bemitleidenswerte Fltchen in den
Augenwinkeln dieses jungen Weibes, das doch schon am Verwelken war.
Sogar Podgurski und Opalow empfanden etwas wie Scham und Mitleid.
Parchomenko verwickelte sich mit dem Fu, scheinbar zufllig, in ihren
Spitzenberwurf, der auf dem Boden lag, zog den Fu an und ri ihn
entzwei.

Um Gottes willen, was machen Sie! rief das Weib; Mishujew hrte den
demtigen Schreck in ihrer Stimme.

Parchomenko tat, als wre er beinahe gefallen und zerri die Spitzen,
jetzt schon offenbar absichtlich, noch weiter, soda ihr rundes Bein im
engen, schwarzen Strumpf sichtbar wurde. Sein Gesicht mit dem schwarzen
Schnurrbart zog sich in einer grausamen Bewegung zusammen; seine Mienen
bekamen einen katzenartigen Ausdruck.

Aber halten Sie doch! rief das Weib wieder; in ihren untermalten Augen
zuckte erschrockene Wut.

Opalow hatte ein peinliches Gefhl und trat neben beiden mit
unnatrlichem, unsicherem Lcheln auf seinem eigenartigen, japanischen
Puppengesicht von einem Fu auf den andern. Podgurski schien dem Vorgang
ganz gleichgltig zuzusehen, aber gerade in dem Augenblick, als sich
Mishujew mit Widerwillen einmischen wollte, sagte er pltzlich:

Pawel Alexejewitsch ... lassen Sie das geflligst! Parchomenko
zitterte frmlich vor Entzcken. Er tat, als wollte er das Kleid ordnen
und knetete in Wirklichkeit mit verschwitzten Hnden ihre runden Knie,
wobei er das Spitzenwerk so hoch raffte, da ein Streifen ihres nackten,
rosigen Krpers zum Vorschein kam ... Das Weib ri sich los und lachte
hysterisch. Aber durch das Lachen klangen einfache, naive Trnen. Ihr
schnes, teures Kleid tat ihr leid.

Lassen Sie das, was tun Sie denn! wiederholte Podgurski.

Lassen Sie sie in Ruhe, Pawel Alexejewitsch, untersttzte ihn
Mishujew.

Aber Parchomenko hrte nichts oder wollte nichts hren. Sein rotes,
schwarzbrtiges Gesicht sah in der wtenden, wollstigen Grausamkeit
frchterlich aus.

Haben Sie denn nicht gehrt? Nehmen Sie die Hnde weg, sage ich Ihnen!
rief pltzlich Podgurski, nicht laut, aber drohend, und seine Stimme war
so eigentmlich, da Mishujew sich verwundert umsah. Er erwartete, da
Parchomenko antwortete. Aber der lie augenblicklich von dem
Frauenzimmer ab; durch seinen Blick, der noch in grausamer Erregung
leuchtete, zuckte hastige Furcht.

Wir bringen es gleich wieder in Ordnung, sagte vershnlich Opalow.
Geben Sie mir ein paar Stecknadeln ... Er wandte sich freundlich an
die Sngerin, die ihre Spitzenfetzen zusammenraffte.

Sieh mal einer an, welch Edelmut! murmelte Parchomenko frech und
gleichzeitig feige, whrend er wie ein Hund zur Seite wich und scheele
Blicke herber warf. Man darf sich nicht mehr ein bichen amsieren ...
wir haben noch ganz andere gehabt! ...

Alles hat seine Grenzen ... bemerkte Mishujew khl.

Parchomenko verstummte fr einen Augenblick; er schien allen Halt
verloren zu haben. Bald wurde er aber wieder unnatrlich lebhaft und
wandte sich an die Sngerin. Er hatte verstanden, da der Auftritt
niemandem gefallen hatte und war kleinlaut geworden.

Ach was, Stecknadeln! ... Lassen Sie mich, Opalow ... Ich wei ein
besseres Mittel.

Zwei Hundertrubelscheine erschienen in seiner Hand, und er steckte sie
dem Weibe feierlich in den Ausschnitt, wobei er seine ganze Hand
zwischen ihren flaumweichen, ppigen Brsten versenkte.

Hier, Emmachen! Sei nicht bse!

Emma wurde sofort still; dann begann in ihren uglein ein gieriges
Feuerlein zu funkeln; pltzlich kte sie Parchomenko direkt auf den
schwarzen, feuchten Schnurrbart.

Ach, wie bist du gut! sagte sie, und es war schwer herauszuhren, ob
sie es aufrichtig meinte oder nicht.

Ja, gut! warf Podgurski dazwischen; warum auch nicht, -- zuerst das
Kleid zerrissen, dann Geld gegeben! Ein Prachtkerl! ...

Es sah gerade so aus, als wre er auf dem Sprunge, sich auf Parchomenko
zu strzen und ihm eine in die runde, selbstgefllige Fratze
hineinzuhauen.

Eine schne Art, fuhr er wtend, angeekelt fort; reien, zerschlagen
und dann Geld herauswerfen! ... Jahrmarktswitze!

Er sprach mit einem Nachdruck, als wnschte er nicht nur mit den Worten,
sondern auch mit jedem Laut seiner Stimme zu verletzen.

Sie sollten es doch mal versuchen, den Kellnern die Schnauzen mit
Mostrich beschmieren ... Warum nicht, das wre doch ebenso witzig ...
Oder mit der Stirn einen Spiegel einzurennen!

Parchomenko lachte winselnd, und Mishujew sah zu seinem Erstaunen in
seinem Gesicht feige, ohnmchtige Wut, wie bei kleinen Ktern, die
beien mchten, es aber nicht wagen.

Podgurski lie nicht mehr von ihm ab. Bald riet er ihm, allein in vier
Galawagen spazieren zu fahren, dann schlug er ihm vor, ein Sektbad zu
nehmen oder sich zu feierlichen Ausfahrten auf der Strae eine Mauer
durchbrechen zu lassen, wie es ein Moskauer Kaufmann getan hatte.

Parchomenko lachte immer unnatrlicher; man sah ihm an, wie die Furcht
in ihm gegen ohnmchtigen Ha ankmpfte.

Opalow fragte Podgurski leise: Mit welchem Zauber packen Sie ihn?

Ich habe keinen, erwiderte Podgurski verchtlich und ernst. Nur
glauben diese Herren, da ihnen mit ihrem Geld alles erlaubt ist. Stoen
sie dann einmal auf einen Menschen, der sich auf ihren Geldsack in
ausgesprochenstem Mae zu spucken erlaubt, so werden sie gleich zahm ...
Etwas anderes haben sie nicht anzubringen!

Der dicke Brsianer bemhte sich mit lauter, jdischer Delikatesse das
unangenehme Vorkommnis zu vertuschen. Er lenkte das Gesprch auf andere
Streiche von Millionren und erzhlte ein paar passende Witze. Das
schlug ein. Das Gesprch wurde allgemein, und Parchomenko sagte ganz
fortgerissen, mit glnzenden Augen:

Nein, das ist nichts ... Keiner hat das feine Gefhl ... Das ist alles
roh, platt! ... Ich habe eine neue Idee: wie wre es, mal so ein halbes
Dutzend Ballettnzerinnen vor einen Landauer zu spannen ... So wie sie
sind, im Trikot und Gazerckchen ... und dann durch die Morskaja zu
fahren. Das wre doch elegant, das wre schick!

Wie albern! Emma tat rgerlich. Wer wrde sich so blamieren lassen!

Ach was! Werft ein paar Tausend hin, und jeder Makler von der Brse
geht als Deichselpferd.

Der Brsianer lachte laut; auf seinen feisten Lippen entstand ein
kleiner Speichelstrudel.

Wissen Sie, das wre wirklich originell!

Aber sicher! rief Parchomenko voller Entzcken und Begeisterung.
Denken Sie mal an: rosige Beinchen, die blauen Gazerckchen gehen in
die Hhe, und die nackten Rcken! Man knnte ein wenig mit der Peitsche
antreiben! ... Nein, wissen Sie, mit ein bichen Phantasie kann man ein
ganz anstndiges Ding zustande bringen!

Mishujew sa schwer auf dem Divan und trank fast nichts. Seine
ungesunden Augen bewahrten die ganze Zeit ber denselben dsteren,
angewiderten Ausdruck. Je weiter, um so langweiliger und widerwrtiger
wurde ihm zumute. Seine Schwermut begann in ein scharfes, schneidendes
Gefhl berzugehen. Aber er sa und sa, ohne aufzustehen. Er hatte
Angst, allein zu bleiben, um nichts zu denken, nicht nach
Unbegreiflichem zu verlangen.

Das Schreien und Lachen betubten ihn, jedes Wort und jede Bewegung
jedoch riefen in ihm neuen Ekel hervor. Da, dieses Kaufmannsshnchen,
das bald einem Schaf, bald einem dicken Kater, der mit einer Maus
spielt, hnlich sieht, das ein Glck darin findet, nackte
Ballettnzerinnen mit der Peitsche zu schlagen und eine elende
Kurortkokotte zu mihandeln ... ein feister Brsianer, der fortwhrend
schmatzte, als htte er Rubel im Munde, die er wollstig wiederkut und
saugt ... Der wirklich talentvolle Opalow, der auf seiner feinen,
knstlerischen Seele mit Fen herumtritt, um sich die Gunst des
Geldmagnaten zu verschaffen ... Und Mishujew dachte mit Entsetzen, da
so die Menschen in Wirklichkeit sind und da er unter ihnen noch viele
Jahre leben soll. Ihm kamen Marussin und Tschetyrjow in Erinnerung, und
er stellte sich mit khler Trauer ihre fernen, unvershnlichen Seelen,
die ein Eigenes in sich tragen, das er nicht verstehen kann, vor.
Schmerzlicher Zorn begann wieder in ihm aufzusteigen. Nur Podgurski
allein, der jetzt mit Likren und Zigarren beschftigt war, erweckte in
ihm noch eine gewisse, vorberfliegende Zuneigung.

... Wie dem auch sei, er frchtete sich wenigstens nicht, diese arme
Emma in Schutz zu nehmen ...

Es war spt geworden. Man hatte schon ber die Maen getrunken, zur
Genge geschrien und gelacht. Die Mdigkeit zeigte sich in der unruhigen
Aufregung. Emma wurde sehr rot und war stark verschwitzt. Ein erregender
Geruch ergo sich von ihr, Parfms und Puder. Die glatte, weiche Haut
auf den Schultern und der Brust schien feuchtglnzend und lockte an. Sie
selbst begann ebenfalls das Sehnen der Erwartung zu empfinden. Ihre
Augen, gelb wie die einer Katze, wurden feucht und schamlos. Sie setzte
sich den Mnnern auf den Scho, tanzte Matshiche, kniff in die Arme,
schmiegte sich mit den nackten Schultern an die Lippen. Die Mnner
wurden allmhlich toll. Nur Mishujew und Podgurski, der unbeirrt seinen
Likr trank, blieben auf ihren Pltzen. Die anderen drngten sich an sie
heran, man konnte sehen, da sie sehr bald einem von ihnen als Beute fr
die zgelloseste, unverhllteste Leidenschaft zufallen wrde.

Alle empfanden klar die Nhe des Augenblicks, in dem das jetzt noch
verhllte Weib durch einen von ihnen entkleidet wrde; das Bewutsein,
da dieses Weib dazu bereit war, und die Begierde, der erste zu sein,
erregte die Mnner so stark, da ihre Beine zu zittern begannen.

Opalow konnte kaum sitzen bleiben. Er bckte sich tief zu ihr hinab, so
da er den erregenden Geruch ihrer Achseln aufsaugen konnte; er war bla
wie ein Kranker. Er wute, da sie einem andern und nicht ihm zufallen
wrde, aber eine kleine, lsterne Hoffnung verlie ihn nicht.

Sie sind wahrhaft schn ... Einen solchen Bogen der Augenbrauen, solche
Nackenlinie, wie die Ihre, habe ich immer im Traum gesehen. Oh, wenn der
Traum zur Wirklichkeit wrde! sprach er leise, und durch das gemacht
ritterliche Bestreben, ihr zu zeigen, da er sie trotz allem achtete,
klang armselig und elend der Wunsch heraus: gib dich mir hin! so tue es
doch! ... Fr dich hat es ja nichts zu sagen, dich einmal so -- einfach
-- hinzugeben ... mir allein! ... Gib dich mir hin!

Durch den Lrm und das Geschrei hrte Mishujew sein bebendes Flstern.
Offensichtlich gefiel Opalow dem Weib, aber obgleich sie lachte und ihn
durch augenblickliche Berhrung ihrer nackten Arme und glhenden Beine
in Erregung brachte, verfolgten ihre Katzenaugen unablssig Parchomenko
und den Brsianer. Mishujew blickte sie traurig an; sie war ihm ebenso
zuwider wie die Mnner: ihren krftigen weiblichen Krper zog es ganz
deutlich zu Opalow hin, und ihr Zusammensein wre, trotzdem sie schon
lange Kokotte war, sicher licht und kraftvoll gewesen. Und doch hatte
sie nicht den Mut, ihrem Verlangen nachzugeben; sie wartete wie eine
Sklavin, bis jemandem beliebte, sie _en passant_ zu sich zu nehmen und
durch seine gleichgltige Gier zu besudeln.

Die elenden, elenden Menschen! dachte Mishujew, aus irgend einem Grunde
fhlte er in diesem Augenblick sich selbst als Elendesten und
Einsamsten.

Sie wissen, in meiner Novelle >Feuer< habe ich eine Frau geschildert,
die Ihnen hnlich ist ... flsterte Opalow, whrend sich sein Gesicht
mit roten Flecken bedeckte.

Spucken Sie nur gleich darauf, mein Lieber, fiel ihm pltzlich
Podgurski ins Wort, nichts, aber gar nichts werden sie davon haben.
Dies Gericht ist nicht fr uns beide!

Opalow zitterte und wurde verwirrt, als wre er ertappt worden. Seine
Aufregung war augenblicklich verschwunden, aber um das peinliche Gefhl
zu verbergen, versuchte er, einen unverfrorenen Ton anzuschlagen:

Aber vielleicht doch! Was, Emmchen? Man kann doch nie wissen, nicht
wahr?

Er fragte zum Scherz, aber gegen seinen Willen blieben seine Blicke eine
Weile mit geheimer Frage an ihren Augen hngen. Sie lachte und warf sich
zurck, ihre Augen verschleierten sich, whrend sich ihr offener,
flaumweicher Busen und die krftigen, gewlbten Schenkel in geheimer
Lust ausreckten. Doch gleich sorgte sie sich, da es Parchomenko nicht
merke und blickte zu ihm hinber.

Der aber schien wirklich alle ihre verborgenen Gefhle und Wnsche
abzulesen. Die frhere Grausamkeit huschte ber sein schwarzbrtiges
Gesicht. Einige Augenblicke sah er sie scharf an, wobei sein einer
Augenwinkel zitterte; pltzlich leuchtete er in brutalem Entzcken auf.

Hren Sie, meine Herren! rief er, auf den Stuhl springend, wir sind
unserer drei ...

Fnf! korrigierte ihn spttisch Podgurski.

Und nur ein Weib! Alle auf die eine -- das wre eine Barbarei! Ich
schlage vor, Emma zu verlosen!

Pfui! Emma tat entsetzt.

Oder nein ... nicht verlosen! ... Lieber, wissen Sie was: eine
amerikanische Auktion machen! Das wird amsant! Wer hher bietet! ...
Hier -- fr eine >Liebes- und Freudennacht<!

Eine herrliche Idee! stimmte ihm der Brsianer voller Achtung bei.

Was? Nicht wahr! Podgurski, Sie werden den Auktionator machen! ...
Emma, her auf den Stuhl ... Bluse runter! Die Ware soll offen vor uns
liegen!

Mu das sein! rief das Frauenzimmer und lachte abgerissen, als wre
sie mit kaltem Wasser bespritzt worden. Aber trotz ihres geheuchelten
Lachens sah Mishujew, wie frher, eine scharfe Rte auf ihr Gesicht
treten.

O nein, nein! Da hilft nichts! Eine amerikanische Auktion! ... Strube
dich nicht lange! schrie Parchomenko, der durch seine Erfindung selber
mehr und mehr in Aufregung geriet.

Mishujew sah sie regungslos an.

Und dann spielte sich vor seinen Augen in einem wilden Taumel von
Geilheit und Leidenschaft eine aufregende, bldsinnige Szene ab.

Emma wollte sich nicht selbst auskleiden und strubte sich lange. In
ihren Augen leuchteten Funken armseliger abgehetzter Scham, und ihre
Backen bedeckten sich mit rosigen Flecken. Parchomenko, der schon schwer
zu atmen begann, zerrte ihr fast mit Gewalt die Bluse von den runden,
strahlenden Schultern, und pltzlich bebten und schwankten vor den
gierigen Augen der Mnner zwei elastische, junge Brste, die nun,
nachdem sie von dem engen Korsett und den Spitzen des Seidenhemdes
befreit waren, ein wenig voller wurden.

Von diesem Moment an fiel Mishujew das sinnlose Gesicht Opalows auf: der
stand da in keuchender Gier, gespannt wie eine Saite, damit ihm auch
nicht eine Regung des entblten, weiblichen Krpers verloren ginge. Als
das Weib mit dem nackten Oberkrper auf den Stuhl gehoben wurde und sich
instinktiv mit den Armen zu decken suchte, taumelte er. Mishujew schien
es, da er nur den einen Gedanken hatte, auf sie zuzustrzen und diese
verhllenden Arme loszureien.

Ah ... ah ... die Hnde, die Hnde! rief Parchomenko wie betrunken.
Hnde weg! ... Alles mu zum Vorschein kommen! Was fr eine Auktion
wre das ... So geht es nicht!

Eine Minute lang strubte sich Emma innerlich; es war sonderbar, diesen
Kampf bei einem Weibe mitanzusehen, das sich all und jedem fr Geld
hingibt. In dieser Szene lag etwas, das ber ihre Krfte ging, und
gerade das peitschte in den Mnnern die Gier nach Wollust und
Grausamkeit hher auf. Selbst Mishujew fhlte, wie ihm eine trbe, heie
Welle zu Kopfe stieg.

Pltzlich funkelte in ihren Augen ein fast stolzer, doch gleichzeitig
hilfloser, haerfllter Strahl auf ... langsam hob sie die Hnde empor.

Jetzt stand sie offen vor ihren Augen, unwiderstehlich durch ihre
Unterwrfigkeit an sich lockend. Der Krper bog sich schamlos nach
hinten aus, nur ihre dunkelgewordenen Augen auf dem wie ausgestorben
lchelnden Gesicht blickten khl und bange. Es war schn und furchtbar:
man konnte kaum glauben, da es sich da nur um eine Kokotte, eine
Sngerin aus dem Variet handelte.

Was geht jetzt in ihr vor? schwirrte es undeutlich durch Mishujews Kopf.

Also! rief Podgurski, whrend er mit dem Messer an den Rand des
Kelchglases klirrte, und mit seiner Stimme bertnte er das scharfe,
leiderfllte Klirren. Ein Weib, namens Emma, wird in ffentlicher
Auktion meistbietend versteigert. Besichtigung, ja sogar Berhrung mit
den Hnden ist Kauflustigen gestattet! ... Nach eingehender Schtzung
... er wurde fr eine Weile verlegen und endete mit entschlossener
Stimme auf gut Glck, na, dreihundert Rubel. Wer bietet mehr?

Vierhundert! rief Parchomenko und hob seinen Kelch.

Nu, was, -- so soll es fnfhundert heien! der Brsianer verschluckte
sich fast vor Entzcken; sein Gesicht erhielt mit einem Mal einen
gierigen und zgellos geilen Ausdruck.

Podgurski blickte ihn an und lchelte.

Fnfhundert, sagte er, wer mehr? Eins ...

Opalow, tiefrot und schweibedeckt, lchelte verwirrt und sinnlos. In
seinem Hirn schwankte der wahnsinnige Gedanke: sich von irgend woher das
Geld zu leihen. Und wie ein Blitz durchliefen sein Denken gleichzeitig
verflechtende Vorstellungen, die sich wie ein Alpdruck auf ihn legten:
die Rechnung am nchsten Tage fr das Hotelzimmer, das er noch zu
bezahlen hatte, die Rckreise nach Moskau und das blasse, vergrmte
Gesicht seiner Frau. Aber der nackte, herrliche weibliche Krper stand
abgerundet und strahlend vor seinen Augen.

Irgendwie ... spter bekomme ich es ... dachte er, nahe daran, jeden
Halt zu verlieren; aber doch war er sich noch ganz klar, da er an
keiner Stelle Geld bekommen knnte, da er nach Hause fahren msse, da
er es doch nicht wagen wird. Und ein erbrmliches, erniedrigendes
Lcheln verzerrte sein hbsches, feines Gesicht.

Die Auktion dauerte fort. Die ungewhnliche Umgebung, das halbnackte
Weib, offen zum Verkauf ausgestellt, wie auf einem orientalischen Markt,
all dies erregte die Mnner bis zur uersten, fast gefhrlichen
Spannung. Man konnte glauben, da sie, abgesehen von diesem Weib,
berhaupt noch kein nacktes Weib jemals frher gesehen htten. Mishujew
merkte, da selbst er sich dem Einflu nicht entziehen konnte. Seine
breiten Nstern blhten sich allmhlich auf. Er sah die glhenden
Gesichter an, lie den Blick drohend ber den nackten weiblichen Krper
gleiten, und ein kurzer Gedanke schwirrte durch seinen Kopf.

Wie wre es, sie ihnen vor der Nase wegzuschnappen ...?

In seinen Augen leuchteten stechende Funken auf. Das machtvolle
Bewutsein seiner Kraft berauschte ihn.

Schneller doch, meine Herren ... Es ist kalt ... sagte Emma. Sie
schauerte und zuckte die nackten Achseln. Die vollen Brste schwankten
und standen wieder still; die erhitzten Mnnerkrper traf es wie ein
Peitschenhieb.

Sechshundert! winselte Parchomenko voller Entzcken.

Der Brsianer stammelte mit jdischem Akzent etwas wie eine
Entschuldigung.

Was?

Aber das geht doch schon zu weit, meine Herren ... Scherz mag Scherz
bleiben, aber Emmachen ...

Nicht auf die Emma kommt es mehr an, erwiderte Parchomenko, ganz
hingerissen, mit den Augen glnzend.

N--nein ... Auktion ist Auktion! sagte Podgurski, wer bietet mehr?
Sechshundert ... wer mehr?

Etwas eigentmlich Qulendes ging in Mishujew vor: ein dunkles, brutales
Verlangen stieg aus der Tiefe empor und trat mit dem Widerwillen und der
bewuten Verachtung gegen alles um ihn und auch gegen sich selbst in
einen kurzen Kampf. Aber etwas war strker als die Verachtung.

Eins! zwei ...!

Parchomenko sprang auf Emma zu, und sie machte schon eine instinktive,
demtige Bewegung zu ihm hin.

Siebenhundert! sagte Mishujew leise, und sein dsteres Gesicht wurde
durch den finsteren Ausdruck brutaler Gewalt, die sich zur Freiheit
losgerissen hatte, verzerrt.

Parchomenko wurde stutzig.

Eins ... zwei ... drei! verkauft! rief Podgurski.

Und pltzlich begann Emma krampfhaft zu lachen. Aber in ihren
untermalten Augen zeigten sich Trnen der Verletzung und Scham, die ihr
vielleicht selbst unbegreiflich waren.


                                   VI

Der Morgen dmmerte schon, und ein feiner blauer Schein zog vom fernen
Rand des Meeres ber die schlafende Stadt hin. Die Nacht verblate und
rckte zag in die Berge hinauf, die Schatten wurden grau, alles schien
durchsichtig, und selbst die Berge in der Ferne lagen wie Wolken vor
Sonnenaufgang im blulichen Nebel da.

Mit lautem Hufschlag jagte eine Droschke durch die leeren Straen nach
der Villa, in der Emma wohnte.

Immer noch zitterte in Mishujew die Erregung, die ihn pltzlich gepackt
hatte. Das gekaufte Weib war ganz in seinen Hnden, und in dem
unbewuten Gefhl uneingeschrnkter Gewalt tasteten seine Finger
instinktiv ber den nachgiebigen, weiblichen Krper, der hinter
trockenen Falten eines grauen, weiseidengeftterten, breiten Mantels
glitt. Sie war noch immer nur oberflchlich bekleidet und bebte vom Kopf
bis zu den Fen, doch anscheinend nicht einmal vor Klte. Ihre groen
Augen blickten beim blassen Dmmerlicht erschrocken und sonderbar aus
dem bleichen, geschminkten Gesicht mit der zerstrten Frisur hervor.

Ganz entschieden lag etwas Eigentmliches in ihr: wie manchmal in der
Melodie eines eleganten, unverschmten Tanzes beharrlich eine versteckte
Note unverstndlicher Trauer durchzittert, so blickte hin und wieder aus
der halbnackten, bemalten Kokotte eines Caf-Chantants schchtern und
trauervoll irgend etwas anderes -- ein unglckliches, niedergeschlagenes
Weib, hervor. Und wenn sie lachte, trank, tanzte, die Mnner auf die
zutapsenden Finger klopfte, glitt um ihre geschminkten Mundwinkel und
die untermalten Augen ein unfabarer Schatten verborgenen Schmerzes. Das
gab ihr einen scharfen, beienden Reiz. Im Restaurant, beim elektrischen
Licht, hatte sich dieser eigentmliche, auffallende Gesichtszug unter
der schamlosen Maske begehrlicher Verkuflichkeit verborgen. Jetzt
dagegen, wo doch alles zu Ende war und sie nur darauf zu warten hatte,
was dieser Mann, von dem sie gekauft worden war, mit ihr anfangen wrde,
trat er wieder, ohne sich zu verbergen, auf ihre abgeblaten, mden
Mienen und verband sich traurig mit der Dmmerung des blassen einden
Morgens.

Und dieser unterwrfige Ausdruck war es gerade, der Mishujew mit tollem
Rausch erfllte und seinen ganzen, mchtigen Krper mit dem scharfen
Zittern unerbittlichen Verlangens durchtrnkte. Je demtiger sie seinen
Hnden nachgab, je mder und trauriger ihre Augen blickten, desto
dunkler und schwerer stieg irgendwo aus der dunklen Tiefe seiner Seele
der Trieb nach wollstiger Grausamkeit herauf.

Bei der Villa angelangt, schritten sie durch den Garten, in dem sdliche
Blumen betubend dufteten. Mishujew hinter der Kokotte, die ihn wie eine
demtige Sklavin zu sich ins Haus fhrte.

In ihm schienen zwei Wesen zu leben: das eine entsetzte sich davor, was
sich seiner bemchtigt hatte; das andere wurde unter dem Bewutsein der
vollen Gewalt trunken und wollte nicht mehr sehen, was das erste ganz
klar verstand. Und je hher in ihm der Widerwillen gegen sich und das
Mitleid mit diesem mden Weib, das offensichtlich litt und sein Leiden
zu verbergen suchte, aufstieg, desto unaufhaltsamer wurde sein Verlangen
nach schmutzigster, brutalster Wollust. Er hatte das Gefhl, als wre er
vllig in der Gewalt eines uralten Tieres, das pltzlich in ihm erwacht
war, obgleich er es lngst gettet glaubte, und das ihn jetzt in seinen
Abgrund schleppte; er sah sich klar niederstrzen, ihm graute davor und
dennoch glitt er immer tiefer und tiefer hinab.

Wohnst ... du allein? fragte er abgerissen. Er zitterte und fhlte,
wie seine Fe in der Qual der Erwartung schwcher und schwcher wurden.
Und pltzlich sah er, wie sein ganzes Empfinden abri und irgendwo
hinuntersauste. Ein widersinniger Gedanke blitzte durch das glhende
Gehirn, ein rotes Feuer leuchtete vor seinen Augen auf und etwas
Blindes, Ungeheures nahm ihn ganz in Besitz.

Mit einer letzten Willensanstrengung rief er sich zu:

-- -- Was ist das? Wahnsinn! Eine Lumperei! ... Doch diese Aufwallung
glitt gleich wieder ohnmchtig ab und in dumpfer Ergebenheit sagte etwas
im Innern seiner Seele: Mag sein! warum denn nicht, wenn ich es kann
und will? Ja, eine Bestie, ein Despot ... meinetwegen! ... Sehr gut!

Und in seiner Stimme klang es fast wie wilde Schadenfreude, wie wenn er
sich an einem rchte, der schner und reiner war als er und den er jetzt
vollstndig von sich stie, als er pltzlich Emma befahl, stehen zu
bleiben.

Hre, sagte er pltzlich heiser, la uns hier!

Emma blieb stehen. Sie verstand ihn nicht gleich und sah sich
unwillkrlich nach dem Grase im Schatten der Bume und Rosenbsche um.
Aber er erfate diesen Blick im Flug und ergriff sie in einem
furchtbaren Ausbruch brutaler Schonungslosigkeit an der Hand.

Emma wich zurck, und ihr Gesicht nahm sofort denselben
niedergeschlagenen und bemitleidenswerten Ausdruck an, wie vorher im
Restaurant, als man sie mit Gewalt entkleidete. Und wieder sah sie sich
um, aber nunmehr so hoffnungslos wie ein vllig erschpftes Tierchen.

Was wollen Sie! ... hier ist es unmglich ... flsterte sie mit wei
gewordenen Lippen.

Als sie zurckwich, ffnete sich ihr Mantel, und ihre nackten Schultern
kamen, bla beleuchtet vom bllichen Dmmerlicht, zwischen weier
zerbrechlicher Seide zum Vorschein.

Und wenn ich es will! ... Mishujew lchelte kurz und seltsam.

Sie erwiderte etwas, wich weiter zurck und sah sich mit weit geffneten
traurigen Augen um. Es entstand ein kurzer krampfartiger Kampf, und
pltzlich stand mitten im mrchenhaften Morgengarten ein fast nacktes
Weib, nur in einzelne Spitzenfetzen wie in Meeresschaum eingewickelt.

Mishujew packte es an dem nackten biegsamen Hals und drckte es mit
furchtbarer Kraft, unter dem qualvollen Genu, da er dem Weibe Schmerz
bereitete, zu Boden nieder.

Es trieb ihn, etwas zu tun, das mglichst schmerzlich, abscheulich,
widerwrtig wre. Whrend er klar, wie von einem Blitz beleuchtet, die
ganze Erbrmlichkeit und Lumpenhaftigkeit des wilden Impulses empfand,
schleuderte er die ganze Last, die ihn so lange bedrckte, auf diese
unglckliche Prostituierte nieder und zerstampfte sein ganzes
langjhriges Leid, das niemand verstanden, das alle zurckgestoen
hatten, in den Kot einer gemeinen, sinnlosen Erregung.

Emma stie einen kurzen Schmerzensschrei aus; im selben Augenblick
schlug Mishujew, gleichzeitig mit dem letzten erlschenden Krampf voller
Befriedigung, eine riesige Welle Ekel und Verachtung ber den Kopf. Er
schob das Weib krampfhaft von sich und erhob sich mit schwerem feuchten
Atem, am ganzen Krper schweibedeckt, erhitzt, matt.

Mit einem Male war alles, was ihm noch soeben trbe und unberwindlich
schien, verschwunden; er sah sich im Morgenlicht mitten im Garten neben
einer gemarterten Frau, schmutzig und abstoend wie ein Tier.

Sie raffte ihre Kleiderstcke und Rcke zusammen und wickelte sich
sofort in die Spitzenfetzen ein. Dann schaute sie sich um, und trat mit
einem unbegreiflichen Blick in den dunklen Augen vor ihn. In diesen
Augen sah er Widerwillen und scharfen ohnmchtigen Ha leuchten.

Sie schwieg still und zitterte in ihrem Mantel am ganzen Leibe. Mishujew
lchelte, wartete eine Weile und ging dann verwirrt zur Seite. Er wute
nicht, was er noch sagen und tun sollte.

Pltzlich empfand er entsetzliche, beiende Scham und eine eigentmliche
erniedrigende Furcht. Alle Menschen, die er heute gesehen hatte --
Tschetyrjow, Parchomenko, Maria Sergejewna, Marussin, Opalow --
schwirrten blitzschnell an ihm vorber. Die haerfllten strafenden
Augen Tschetyrjows steckten hinter diesen furchtbaren, vom gleichen
unvershnlichen Ha erfllten Frauenaugen; er schrie beinahe vor
Schmerz, Scham und vlliger Verzweiflung auf.

Doch inzwischen legte sich ein sonderbarer Schatten auf ihre Augen.
Teils Angst, teils Geflligkeit und Habsucht. Sie machte eine
Anstrengung, um zu sprechen, ihre Lippen erzitterten, und Mishujew, der
sie anblickte, bekam mit einem Male vor ihr Furcht.

Das schien kein Mensch mehr zu sein, sondern etwas anderes, erbrmlich
Widerwrtiges; ihre gierigen und bsen Augen blickten verlogen und
frech, die Lippen waren gefllig zu einem glitschigen Lcheln verzogen.
Sie machte zwei Schritte vorwrts und legte den nackten Arm um seinen
Nacken.

Das blasse Morgenlicht glitt ber ihre reinen Linien und verlor sich in
dem weichen Schatten der vollen, ppigen Brste.

Ihn berlief etwas wie ein Schreck, aber im nchsten Augenblick blieb
nur noch Widerwillen gegen sie und gegen sich selbst zurck. Es kam ihm
sinnlos vor, da in ihm eine Minute vorher noch dieser furchtbare Sturm
getobt hatte, von dem jetzt nichts zurckgeblieben war. Furchtlos und
tricht war er vorbergegangen; er empfand einfach belkeit.

-- Nicht ntig, -- sagte er ungeschickt. Das Geld schicke ich spter
zu.

Sie streckte sich ihm noch einmal entgegen, lchelte ihm verlockend mit
den verlogenen Lippen zu, aber Mishujew wandte sich jh um und ging mit
schweren Schritten fort.

Kreischend schlug die Gartenpforte hinter ihm zu. Ihn umwehte ein Hauch
von Leere und Schweigen; vor ihm breitete sich die schwach beleuchtete,
blaue Strae aus.

Er hrte noch, wie leichte, weibliche Schritte eilig ber den Kies
liefen, dann erstarb das Geknister der Seidenrcke in der Ferne; es
wurde ganz still und einsam.

Still und traurig-einsam wurde es auch im Herzen Mishujews, und der
ganze Alpdruck der vergangenen Nacht versank in diesem schweigenden,
ohnmchtigen Leid. Er blieb inmitten der Strae stehen und sah mit
trockenen Augen hinauf in den blulichen Himmel, auf dem bereits ein
paar rtliche Morgenwlkchen wie ein Vogelzug, der in sonnige Gelnde
eilt, dahinschwammen.


                                  VII

Am Abend spielte eine Kapelle im Stadtgarten. Die riesige,
hellbeleuchtete Muschel auf der Bhne war mit Musikanten gefllt, die
sich wie sonderbare Insekten hin und her bewegten. Ganze Reihen
schlanker, eleganter Bogen glitten wie die Beinchen von Heupferdchen auf
und nieder, und der Kapellmeister, der ebenfalls wie ein Kfer auf den
Hinterbeinen aussah, schien seine Schwingen bald ineinander zu schlagen
und sie dann wieder breit zu entfalten. S pfiffen die Flten, die
Geigen schrien auf und stoben auseinander, schlielich rundete einsam
eine ernste, traurige Trompete die letzten schnen, samtenen Tne ab.

Durch alle Alleen ergossen sich -- scheinbar unerschpflich -- lrmende
Menschenhaufen. In der Luft lagen ununterbrochen die Gerusche, die das
Scharren unzhliger Fe hervorruft, die Gesprche schwollen bald wie
eine Welle an und wurden strker, bald aber ebbten sie unvermutet ab und
verliefen sich irgendwo in der Tiefe der dunklen Alleen, um sofort
wieder in einen breiten Wildbach von Lachen, Ausrufen und klingenden
Schaumkronen weiblicher Stimmen zurckzuschlagen.

Lachende Gesichter glitten eigenartig, phantastisch in trbem Spiel des
blulichen elektrischen Lichtes, aneinander vorber; pltzlich
entstanden sie, verwickelten sich, schoben sich zusammen und trennten
sich, wie in der komplizierten Figur eines ungewhnlichen Tanzes. Und
von oben bedeckte der Samt des nchtlichen Himmels, schweigsam und
feierlich, mit seinen hellen sdlichen Sternen die Erde.

Das Fest schimmerte voller Leben, in sorgloser Frhlichkeit; nur
Mishujew kam es vor, als wre er in dieser festlichen Menge einzig ein
dsterer Fleck, ein Siegeldruck der Einsamkeit und Nutzlosigkeit.

An diesem Tage war Maria Sergejewna, die in einem neuen blauen Kleid
besonders reizend aussah, wieder in Gesellschaft Parchomenkos
ausgefahren. Den ganzen Tag hindurch fhlte Mishujew, wie trbe Unruhe
gleich einem schwarzen Schatten ber ihm hing. In der letzten Zeit wurde
die junge Frau etwas zu interessant und lustig; Mishujew wute, da
Parchomenko hinter seinem Rcken mit unablssiger Beharrlichkeit hinter
ihr her war. Er konnte sich leicht vorstellen, wie geschickt, frech und
selbstsicher Parchomenko sein schmutziges Spiel treiben und die Kreise
immer enger ziehen wrde. Die junge Frau aber war von den
ununterbrochenen Freuden des neuen Lebens, in dem sie, nach so vielen
Jahren der Drftigkeit und Langweile, wie in einem pltzlich
aufgewirbelten Strudel umhergeschleudert wurde, hingerissen und tanzte
gar zu sorgenlos den gefhrlichen Tanz ber dem Abgrund. Selbst ihre
Kostme, in denen sie die Bescheidenheit einer anstndigen Frau sehr
geschickt mit pikanten Andeutungen auf die Entblungen einer Kokotte
vereinigte, sprachen deutlich fr die taumelnde Erregung, die die
allgemeine Jagd nach ihrem Krper, der in voller Pracht geschmckt und
aufgeblht war, hervorrief.

Sie selbst dachte wohl kaum darber nach, aber Mishujew wute, da es in
solchem Zustand nur irgend eines Zufalls bedurfte -- einer Mondnacht,
einer kecken Zudringlichkeit, eines nicht erwarteten, leichtsinnigen
Kusses, -- und die junge Frau wrde erst wieder zur Besinnung kommen,
wenn alles zu Ende war.

Mishujew schien die Vorstellung sinnlos und unsglich schmerzlich, da
sich Maria Sergejewna einem Manne hingeben knnte, fr den sie nichts
als ein gelungenes Werkzeug zur Aufpeitschung seiner bermdeten Sinne
bedeutete. Das war zu ekelhaft und pate durchaus nicht zu ihrem
reizenden Bilde. Manchmal hielt er einen solchen platten Vorgang fr
ganz undenkbar. Sie war schn, klug, gebildet und hatte zwei Mnner
geliebt, die ber dem Durchschnitt standen. Nach ihnen konnte ein
Verhltnis mit diesem Halbtier, diesem Halbidioten, diesem Parchomenko,
nur eine unbegreifliche Gemeinheit sein.

Aber manchmal kam ihm der qualvolle Gedanke:

Wodurch bin ich denn besser als er? ... Gut, zugegeben, ich sei
intelligenter und feinfhliger. Aber gab ich ihr denn, als ich mich mit
ihr vereinigte, meine Intelligenz und meine Qualen, und nicht nur die
gleiche tierische Lsternheit? Als wre fr mich nicht im letzten Grunde
wirklich nur ihre Seele und nicht ihr schner nackter Krper Bedrfnis
gewesen. Und Parchomenko? ... Ich kann mir nicht vorstellen, da er
fhig wre oder es auch nur wagte, eine Frau zu besitzen, die unendlich
hher steht als er. Aber ich selbst -- dort war es, im Garten -- qulte
diese unglckliche Emma, ttete in ihr den letzten Rest menschlicher
Wrde, zerfleischte sie wie ein Tier, ohne mich im geringsten darum zu
kmmern, was sie im Augenblick gerade denken und fhlen mochte. Wenn ich
sogar gewut htte, da sie ein viel feineres Gedanken- und Gefhlsleben
besitzt als ich, wrde ich es dann anders gemacht haben? ... So wird
auch dieser ... Wenn sie, durch Zufall oder Gewalt die Seine wird, so
wird er ihren Krper wie jeden anderen an sich pressen, und die
Tatsache, da sie hher steht als er, wird seinen Genu hchstens noch
steigern.

Einst hatte sie ihren Gatten lieb, der doch unendlich intelligenter und
feiner veranlagt war als ich; dann gab sie sich mir hin, weil ich ihr
Luxus und Vergngen verschaffte. Ich habe sie durch die Aussicht auf ein
neues Leben fortgerissen, Parchomenko erreicht dasselbe durch seine
Frechheit, seinen Despotismus, ... durch irgend etwas sonst noch ... Zu
mir war sie ohne Liebe gekommen, nur weil ich reich bin ... sie kam wie
das gemeinste Frauenzimmer, ja, es war noch schlimmer, weil sie ihre
Verkuflichkeit hinter einer angeblichen Liebschaft versteckte ... Diese
Gemeinheit!

Es war schmerzlich, daran zu denken; so schmerzlich, als ob er sich
selbst durch ihre Erniedrigung in den Schmutz trat. Und doch lag in
diesen zusammenhanglosen, erdrckenden Visionen ein bohrender Genu, als
trufelte er sich tzendes Gift auf eine blutende Wunde.

Mishujew schlenderte durch die Menge, die sich von allen Seiten drngte
und ihn mit dem Duft von Parfms und weiblichen Krpern, mit dem
Knistern seidener Rcke, umwehte. Er ging langsam vorwrts, blickte mit
achtlosen Augen auf seine Fe, und seine kranke Seele stie sich in dem
erfolglosen Streben nach etwas wund, was er sich selbst nicht nennen
konnte.

In einer Allee begegnete er dem alten General und seiner Tochter, der
kleinen Njurotschka, die so silberhell lachte, den Kopf zurckwarf und
dabei das niedliche Kinn zeigte. Sie sah Mishujew schon von weitem,
wurde still und warf ihm einen komischen Seitenblick, in dem eine
unbewute, schchterne Aufforderung lag, zu. Ein erfrischender Zug wehte
Mishujew aus diesem blutjungen, reinen Gesichtchen entgegen; doch er zog
sich in sich zusammen, lftete schwer den Hut und ging weiter.

Einige Tage vorher hatte sich der General ein Herz gefat und ihn um
seine Hilfe gebeten, damit er das Mdchen auf die Universitt nach
Moskau schicken knne. Fjodor Iwanowitsch hatte es versprochen. Anfangs
freute es ihn sogar; ihm schien es ganz reizend, dem niedlichen Mdchen
zu helfen; bald aber entstand wieder in dem Tumult seiner Seele ein
krankhafter Verdacht: vielleicht bot der General ihm, dem Millionr,
seine Tochter an, und gewi war es undenkbar, da sie davon nichts
wissen sollte. Mishujew sah klar vor Augen, wie er dann dem Mdchen in
Moskau begegnen wrde, und wie sie beide vom ersten Moment an zwischen
sich besondere Beziehungen fhlten: sie ist durch seine Wohltat gebunden
und er der, welcher auf Dankbarkeit rechnet. Nach kurzem Kampf und
Trnen wird sie gewi das Erlebnis als unvermeidlich hinnehmen und die
Geliebte des Millionrs werden. Eigenartig und beiend wird im Anfang
der Genu ihrer Schamhaftigkeit und des jungfrulichen Krpers sein;
dann wird sie fesche Kleider anziehen und zur gewhnlichen Maitresse
werden.

So unvermeidlich, so einfach das war; es machte auf Mishujew einen
furchtbaren Eindruck.

Aber weshalb? fragte er sich: vielleicht wird es gar nicht dazu kommen,
vielleicht werden wir Freunde bleiben oder sie gewinnt mich wirklich
lieb und an ihrem unberhrten Leben wird auch das meine frisch und
gesund? ... Warum erwarte ich nur Gemeinheit, -- es gibt doch noch
andere Lebensmglichkeiten ... Menschen leben glcklich und ehrlich ...
warum ich nur ... Oder trage ich einen besonderen Krankheitskeim in mir.
Alles, was ich nur berhre, mu zu Schmutz und Moder werden? Wie ein
Alpdruck! Ich bin krank und tte mich selbst durch solche widerwrtigen
Halluzinationen ...

Das Gesicht Mishujews verzerrte sich, als wrde sein Herz von einem
Messer durchschnitten; mit einem Male wurde es ihm bange, noch weiter
inmitten dieser aufregend dummen Menge zu bleiben. Er ging aus dem
Garten, trat in ein kleines Restaurant ber dem Meer und setzte sich
allein an ein Tischchen auf der Veranda.

Fjodor Iwanowitsch! Warum sitzen Sie so allein? rief jemand vom Kai
herauf, und der dicke, freche, unsaubere Podgurski kam mit glnzenden,
hungrigen Augen und der hervorstechenden Leinwandweste auf ihn zu.

Guten Tag ... Sie langweilen sich wohl?

Er setzte sich neben ihn und fragte:

Na also, Fjodor Iwanowitsch, was wollen wir trinken?

Mishujew lchelte. In der Gegenwart dieses unglcklichen, frechen
Burschen fhlte er sich aus irgend einem Grunde freier. Zu einfach sah
bei Podgurski der gefrige Wunsch zum Buschkleppen hervor. Er lag ganz
natrlich und offen in ihm. Aber trotzdem konnte man herausmerken, da
gerade seine Beziehungen zu Mishujew nicht davon abhingen, ob dieser
Geld geben wrde oder nicht.

Podgurski sah sofort, da sich Mishujew langweile, und in seinem Gesicht
spiegelte sich der treuherzige Wunsch wider, ihn aufzuheitern, damit es
berhaupt um ihn frhlicher wrde.

Wissen Sie das Neueste? Opalow hat gestern bei Parchomenko
dreizehnhundert Rubel gewonnen!

Wirklich? Mishujew gab sich mit gutmtiger Liebenswrdigkeit den
Anschein, als ob es ihn sehr interessierte.

Ja, und wissen Sie, was er zuerst getan hat? ... Hat sofort die Emma
beim Kragen genommen und sie irgendwohin geschleppt, und so eilig, da
er sogar seine Krawatte liegen lie ... Das mu eine Wonne gewesen
sein.

Nicht viel brauchte er wohl, um in Wonne zu leben! lchelte Mishujew.

Fr Sie mag das nicht viel sein, aber fr Opalow, dessen Weib in einem
Flanellschlafrock herumluft und alle drei Monate schwanger wird, der
eine Fnfundzwanzigrubel-Kokotte aus dem Elysium fr den Gipfel
weiblichen Reizes hlt, fr ihn ist es eine neue Welt -- von Parfms,
Spitzen, Luxus, gepflegtem Krper, verfeinerter Wollust! Oh!

Mit verchtlicher Gutmtigkeit dachte Mishujew, da das fr einen so
armen Kerl wie Opalow wirklich ein Glck sei; in ihm regte sich fast
etwas wie Neid.

Wissen Sie was? ... Podgurski wurde pltzlich lebhaft: fahren wir ins
Kasino?

Was sollen wir dort anfangen?

Wie, was? spielen! rief Podgurski mit einer Stimme, als htte er
Mishujew etwas uerst Erfreuliches mitgeteilt.

Aber, wozu ... gab Mishujew matt zur Antwort. Zu langweilig.

Na, dann fahren wir zu Emma herunter -- wollen sehen, wie Opalow in
Wonne schwelgt!

Mishujew antwortete nichts, und Podgurski, der sofort die Ablehnung
erriet, machte einen neuen Ansatz:

Wie kann ich es Ihnen recht machen! er rieb sich mit besorgter Miene
die Stirn. Wissen Sie was? Wenn Sie wollen, fhre ich Sie in so ein
Haus ... Sie verstehen -- nur Mdchen unter dreizehn Jahren ... Und es
gibt welche, die noch nach dem Kinderzimmer riechen ...

Podgurski kte seine aneinander gelegten Fingerspitzen.

Es wurde schon an die drei Mal aufgehoben. Jetzt sind sie da wohl etwas
eingeschchtert, aber wenn man es auf ein paar Hundert nicht ankommen
lt, kann man da Dinger sehen, wie man sie selbst in Paris nicht immer
trifft! Fahren wir doch! ... Warum denn nicht?

N--ein, wirklich ... Mishujew machte eine Grimasse des Widerwillens.

Warum?

So.

Podgurski sah ihm prfend in die Augen.

Ach, das sind Grundstze! lchelte er unverfroren. Und ich habe
bisher immer geglaubt, Millionre leiden nicht an so was!

Knnen Sie denn Millionren nicht einmal das primitivste
Reinlichkeitsgefhl zubilligen? fragte Mishujew ernster als er wollte
und lchelte mit verzerrten Mienen, als wre eine seiner Backen in einem
Krampf zusammengezogen.

Podgurski blickte ihn aufmerksam an und wechselte pltzlich das Thema.
Er begann Witze zu erzhlen, sich ber Parchomenko und das Jaltaer
Publikum lustig zu machen; unvermittelt bat er dann um hundert Rubel.

Mishujew griff mechanisch in die Tasche und gab ihm das Geld, whrend er
an etwas anderes dachte. Als er die Geldtasche ffnete, durchbohrte
Podgurski mit scharfen Blicken die buntfarbigen Rnder der Geldscheine,
die daraus hervorlugten, und als Mishujew die Tasche auf den Tisch
legte, konnte er seine Augen nicht gleich von ihr abwenden.

Eins kann ich nicht verstehen! ... sagte Mishujew langsam, wie zur
Antwort auf seine eigenen Gedanken.

Was?

Mishujew antwortete nicht gleich und blickte mit einem betrbten
Ausdruck zur Seite, als wagte er es nicht, etwas Wichtiges und
Schwieriges auszusprechen.

Sehen Sie, er stotterte und blickte noch immer nicht auf, worauf ich
auch zu sprechen komme, was ich auch tun mag, niemand sieht es mit
denselben Augen an wie bei einem anderen ... Niemand sagt es mir, da
meine Gedanken, meine Gefhle falsch sind, sondern alle meinen: der
Millionr ... die Millionen ... Wenn Sie wten, wie das ... langweilig
ist!

Mishujew verzog sein Gesicht zu einem ungeschickten Lcheln; an ihm
zeigte sich, da er statt langweilig eigentlich ein strkeres und
ernsteres Wort brauchen wollte.

Podgurski sah ihn mit weitgeffneten Augen an. Er hatte das Gesprch von
neulich lngst vergessen und konnte nicht verstehen, was Mishujew damit
sagen wollte.

Schlielich wird Tschetyrjow wohl recht behalten! dachte er gespannt: es
reit ihn offenbar ordentlich zusammen! ... Ein Dummkopf ist er trotzdem
... wird am eigenen Fett ersticken!

Etwas Anormales ist doch bei all dem, fuhr Mishujew mit trauriger,
krankhafter Miene fort. Warum betrachten Sie einen Tschetyrjow z. B.,
der hundertmal so viel verdient wie Sie, ganz gleichgltig, whrend ...

Hm, Tschetyrjow ... erwiderte Podgurski, wieviel der auch verdient,
er verdient alles durch seinen eigenen Buckel. Solange die Krfte
reichen, arbeitet er, wird er krank, kommt er aus der Mode, wird aus ihm
dasselbe, was mit mir geworden ist ... Und was fr einen Verdienst hat
er schon ... Sein Leben unterscheidet sich nur sehr wenig von meinem.
Aber ein Millionr -- das ist etwas ganz anderes. Eine andere
Lebenshaltung, andere Mglichkeiten ... Seine Stellung ist schon
ganz Besonderes und auch alle Beziehungen zu ihm -- einfach
Ausnahmebeziehungen. Im Grunde begreife ich nicht, was Sie so qult?

Nicht gerade qult, nur ... aufregt, erwiderte Mishujew. Mit einem Mal
empfand er unangenehm, da seine Herzensergieung einen zu ernsten
Charakter angenommen hatte; er schmte sich, Podgurski gegenber so
offen zu sein.

Podgurski schwieg still und wartete interessiert.

Mich regt diese Sonderstellung meiner Person in der Gesellschaft auf,
fuhr Mishujew gegen seinen Willen fort; er konnte dem erwartungsvollen
Schweigen Podgurskis nicht widerstehen. Kann man denn wirklich nicht
zugeben, da ich ganz ebensolch ein Mensch bin, wie alle anderen, da
ich ebenso denke, ebenso fhle ...

Ich meine es anders, lchelte Podgurski, wie Sie wollen, aber Geld
ist eine groe Macht. Und Sie knnen es auch gar nicht unausgentzt
lassen; jeder lebt eben davon, was er hat. In Fllen, wo wir anderen nur
mit unserem _Ich_ rechnen, mit seinen guten oder schlechten
Eigenschaften, fhren Sie unwillkrlich Ihr Geld ins Feld ... das wei
jeder Mensch. Was uns betrifft z. B. ... Ich spucke darauf, aber dennoch
fhle ich, da Sie nicht ich, nicht Opalow, nicht Tschetyrjow sind ...
Vielleicht tun Sie mir nichts, nicht Bses noch Gutes, aber doch Sie
knnen es tun. Und ... wei es der Teufel! Das strt ganz entschieden.
Ich habe es soeben erst gesagt, ich mchte auf Ihre Millionen am
liebsten spucken, und doch aufrichtig, ich habe mich gleich dabei im Ton
vergriffen ... Podgurski lchelte treuherzig und machte eine
schicksalsergebene Bewegung mit den Hnden.

Mishujew nickte ihm zu. Er blickte ihn jetzt gerade an und schien mit
Spannung auf etwas zu warten.

Was Sie auch wollen, sprach Podgurski fast verdrielich weiter. Ich
kann doch nicht vergessen, da Sie Millionr sind, da Sie von Genssen
und Mglichkeiten leben und lebten, die ich nicht im Traum gesehen habe;
da Sie mir auf den Tisch tausend Rubel legen knnten. Sie knnen es
aber auch nicht tun und knnen mir im Gegenteil irgend etwas einbrocken.
Nehmen wir blo Parchomenko ...

Ich spreche doch nicht von Parchomenko! versetzte Mishujew mit einer
Betonung, die ihn von diesem Namen scharf trennen sollte.

Aber fr uns sind Sie beide ganz egal! rief Podgurski mit
treuherzigem, berzeugendem Eifer. Wir wissen doch nicht, wie Sie
denken, wie Sie fhlen!

Er verstummte fr eine Sekunde und schien etwas gefunden zu haben.

Hier, es regt Sie auf, da alle Sie anders ansehen ... Aber Sie selbst,
Fjodor Iwanowitsch, tun Sie doch einmal was, um uns ihre wahre Seele zu
zeigen -- nicht die des Millionrs, nein, einfach die Mishujews? Es ist
Ihnen doch selbst unmglich, nur fr eine Sekunde aus dem Auge zu
verlieren, da Sie Millionr sind! Statt sich gute Beziehungen zu
anderen Menschen zu verdienen, sie durch irgend etwas hervorzurufen,
regen Sie sich auf, fordern Sie diese Beziehungen ... So sei unser
souverner Wunsch! ... Das ist doch auch ...

Mir scheint, ich gebe mich eher zu einfach, versetzte Mishujew hitzig.

Podgurski zuckte nur die Achseln.

Das sagen Sie, >zu<. Fr mich gbe es darin kein >zu<, wenn ich mich
einmal zusammennehme und alles, was mich qulte, Opalow erzhlte. Aber
Sie sehen da gleich ein, >zu<. Ihnen kommt es vor, als lassen Sie sich
herab, indem Sie mit mir offen reden. Sie schmen sich wohl gar Ihrer
Offenheit? Ist doch wahr, nicht?

Der Ton Podgurskis wurde dreist, und unbegreifliche Gehssigkeit klang
jetzt heraus.

Sie merken es vielleicht selbst gar nicht! sagte er triumphierend.

Da sehen Sie es, erwiderte Mishujew ernst und schob die breiten
Achseln in die Hhe. Bei jedem andern htten Sie das gar nicht bemerkt,
mir aber knnen Sie es nicht verzeihen ... Sie hren mir zu und denken
sicherlich, da ich posiere oder mir in origineller Dummheit gefalle ...
werde am eigenen Fett ersticken ...

Podgurski wurde unwillkrlich verwirrt und lachte.

Das kann ich nicht bestreiten. Etwas wird wohl daran sein ...

Ja, Mishujew nickte traurig mit dem Kopf, Sie wollen nicht einsehen,
da ich von ganzem Herzen froh bin, mit Ihnen zu reden, weil es mir
vorkommt, da gerade Ihr Benehmen, -- wie es auch sei, ob gut oder
schlecht --, von meinen Millionen unabhngig ...

Das glaube ich auch! Podgurski verbrauchte gegen seinen Willen in
diesen Worten zu viel Edelmut.

Sofort verstummten beide, weil sie den falschen Ton heraushrten.
Mishujew wurde finster, ohnmchtig; Podgurski rgerlich.

Einfach verrckt! dachte der, und der falsche Ton emprte ihn nicht
mehr seinetwegen, sondern machte ihn auf Mishujew wtend.

Durch das geffnete Fenster war die dunkle, wogende See sichtbar; vom
Ufer klangen dumpfe Hufschlge und ferne Musik herauf. Podgurski fhlte,
da er sofort weitersprechen mte, fand aber im Augenblick keine Worte.
Das Schweigen dauerte an, es wurde immer schwerer, das Gesprch wieder
aufzunehmen. Gleichsam als wre etwas vollstndig abgerissen. Ihre
Stimmung wurde so schwerfllig, wie wenn etwas, woran es ihrer Seele
ohnehin mangelt, nutzlos und unsinnig vergeudet worden wre. Mishujew
seufzte schwer und bewegte die schweren Arme, die er auf der Tischplatte
gekreuzt hielt.

Nun, ich werde gehen ... sagte er.

Wohin? Bleiben Sie noch.

Nein, ich habe Kopfschmerzen. Auf Wiedersehen!

Podgurski zuckte unmerklich verdrossen die Achseln.

Uff, Teufel, wie schwerfllig der Kerl ist, dachte er.

In diesem Augenblick sah er das Portefeuille mit Geld, das Mishujew auf
dem Tisch vergessen hatte. Er wollte ihn rufen, aber etwas hielt ihn
zurck.

Mishujew trat auf die Strae hinaus und schlenderte langsam dem Park zu.
Etwas Eigentmliches war in seinem Gedchtnis zurckgeblieben und machte
ihn unruhig: war es das schwere, milungene Gesprch mit irgend einem
geriebenen Burschen oder eine huschende Bewegung hinter seinem Rcken
als er aus dem Restaurant trat?

Was war es doch?

Pltzlich erinnerte er sich, da er sein Portefeuille vergessen hatte.
Noch bevor es ihm ganz zu Bewutsein kam, fhlte er, da etwas
Scheuliches geschehen war. Ein trber Gedanke kam ihm, eine Weile
versuchte er schneller zu gehen, aber dann setzte sich in ihm der
Gedanke fest, da Podgurski das Geld stehlen werde. Das war ihm
peinlich. Er machte Kehrt und trat wieder ins Restaurant ein.

Podgurski stie beinahe mit ihm zusammen. Ein Blick auf sein etwas
verwirrtes und doch freches Gesicht, dessen Augen feindselig zur
Verteidigung bereit waren, gengte, um den Verdacht Mishujews zu
besttigen.

Eine Weile blickten sie sich gegenseitig in die Augen. Dann sprach
Mishujew ungeschickt:

Ich habe mein Portefeuille liegen lassen.

Podgurski zwinkerte mit den Augen, ri die Lider hoch, sein ganzer
Krper geriet in Bewegung, als wre er sofort bereit, sich ins Suchen zu
strzen.

Wirklich? Ich habe es nicht gesehen. Kellner!

Nicht ntig ... erwiderte Mishujew leise.

Warum nicht ntig ... es mu sich doch finden ... Podgurski geriet in
nervse Hast; sein Gesicht bekam das Aussehen eines gefangenen Fuchses,
der doch noch in jedem Augenblick zuschnappen will.

Mishujew sah ihm fest in die Augen.

Fr mich macht es doch nicht viel aus ... sagte er unsicher.

Er wnschte nur, Podgurski mge begreifen, da er ihm wegen dieses
verfluchten Geldes nicht zrnen wrde, und es ihm offen gestehen.

Aber das Gesicht Podgurskis wurde noch wtender, sogar seine Zhne
kamen, wie zum Beien bereit, zum Vorschein.

Was wollen Sie damit sagen? ... Ich sag Ihnen doch, ich habe nichts
gesehen! ...

Mishujew berflog ihn mit einem kurzen Blick, lchelte knapp und ging
pltzlich mit einer wegwerfenden Handbewegung fort.


                                  VIII

Als Mishujew nach Hause kam, sich an den Schreibtisch setzte und
gewohnheitsmig nach einem Haufen Briefe und Telegramme greifen wollte,
trat Maria Sergejewna frisch und leuchtend ein. Mit ihr schien eine
ganze Wolke Bergluft, Blumenduft und Meeresgeruch in das Zimmer zu
strmen. Und an ihrem Gesicht, das grundlos lchelte, an ihren Augen,
die schlpfrig glnzten, merkte er, da sie schon jetzt, bevor sie ein
Wort gesprochen hatte, log. Log und sich frchtete; eine Furcht, die nur
schne Frauen kennen. Das feine und durchsichtige Spiel von Schnheit,
Hilflosigkeit und Lge verleiht ihnen einen erregenden, unfabar
geheimnisvollen Schimmer.

Sie rief seinen Namen, lief, etwas zu leicht und lebhaft, auf ihn zu und
legte ihre warmen Hnde auf seine breiten Schultern.

Du bist schon nach Hause gekommen! ... Liebster, wie ich mich nach dir
gesehnt habe!

Mishujew sah ihr fest in die Augen, durch die dunkle Funken huschten,
und wurde ernst. Stechende, krankhafte Verdchtigungen stiegen im
Augenblick in ihm auf; er fhlte sich sofort matt und unsicher.

Wenn du nur eine Ahnung httest, wie nett es dort war! Wir fuhren die
Chaussee nach Sympheropol herunter, weit -- weit! Den ganzen Weg lang
trieben wir Kindereien, sangen, lachten ... Nachher soupierten wir in
Gurjew!

Mishujew sah sie schweigend, aufmerksam an, und unter seinem schweren
Blick rtete sich das zarte Gesichtchen kaum merklich, das Figrchen
wurde geschmeidiger, wie bei einer Katze, die Pupillen leuchtend von
unsicherem, falschem Licht.

Nein, wirklich ... Du bist doch nicht bse, Theodor, da ich mich so
herumtreibe? sie guckte ihm in die Augen. Ich habe dich wirklich
vernachlssigt! ... Warum bist du auch nicht mit uns gefahren? Es war so
schn! ... Und ohne dich ist es doch nicht das richtige!

Sie wollte ihn kssen, bog ihren ganzen biegsamen Krper herber und
berhrte ihn wie absichtlich mit ihrer elastischen Brust.

Mishujew rckte erregt zurck.

Hre, Mary, heuchle geflligst nicht! sagte er ungeschickt.

Was denn? Maria Sergejewna machte groe, aufrichtige Augen. Aber aus
ihnen lugte noch durchsichtiger und heller die feige weibliche Lge
hervor.

Ich sehe doch, da mit dir etwas passiert ist, sagte Mishujew mit
berwindung. Also brauchst du nicht zu lgen ... Sage geradeheraus, was
du hast ... Das ist besser.

Maria Sergejewna stie ein falsches Lachen aus und schmiegte sich mit
ihrem ganzen Krper, dem Busen, den Armen, Beinen, den kitzelnden Haaren
an ihn; sie hoffte offenbar, ihn durch den Rausch ihres Duftes, ihrer
Wrme und Elastizitt umzustimmen.

Mishujews Krper wurde durch diese unwahre Liebkosung statt der
sonstigen Erregung von unertrglicher, physischer Wut gepackt.

Aber la das doch, sag ich dir! ... er schob grob seine Schultern vor
ihre Umarmung.

Wie sonderbar du heute bist ... was regst du dich denn auf! Maria
Sergejewna tat verwundert und machte fast mit Gewalt den Versuch, ihn zu
umarmen. Aber Mishujew stie sie so grob zurck, da es sie
augenscheinlich schmerzte, denn ihr hbsches Gesicht wurde fr eine
Weile von einem erschrockenen Ausdruck berzogen. Bei Gott ... rief
sie nochmals.

So erzhle endlich! schrie er wtend.

Die kleine Frau erschrak und trat zur Seite, aber auch von weitem
blickten ihn immer noch ihre durchsichtigen, unwahren Augen an.

Ach nichts! ... Kleinigkeiten ... Ich wollte es dir anfangs gar nicht
erzhlen ...

Eine Kltewelle rieselte ber Mishujews Kopfhaut. Er fhlte, da er
unter einem tollen Wutausbruch das Bewutsein verlieren wrde, wenn sie
nicht sofort mit der Sprache herausrckte; es mute etwas Furchtbares
geschehen.

Sie schien es selbst zu fhlen, denn sie kam vorsichtig auf ihn zu und
legte ihre Fingerspitzen wie tastend auf seinen festen Ellenbogen.

Siehst du ... du darfst aber nicht bse sein ... Es war nichts weiter
... Wir soupierten in Gurjew auf dem Balkon, du weit, so ber dem Meer
... dort ist es wunderschn, und ...

Sie zog die Erzhlung in die Lnge, whrend sie sich immer noch
vorsichtig mit den Fingern auf seinen Ellenbogen sttzte; Mishujew
fhlte, wie diese niedlichen Fingerspitzen leise zitterten.

Die Sicherheit, da etwas Gemeines, nicht Gutzumachendes geschehen sei,
wuchs mit Blitzesschnelle in seinem Gehirn.

So erzhle endlich! brllte er in einer Aufwallung von Zorn und
Schmerz so laut, da seine Stimme durch die ganze Wohnung drhnte.

Maria Sergejewna sank beinahe in sich zusammen, ihre Augen wurden ganz
rund, wie bei einer aufgeschreckten Katze.

Siehst du ... stammelte sie hastig, halb die Worte verschluckend, ohne
sich vom Fleck zu rhren. Ich habe dort Wassja ... habe meinen Mann ...
getroffen ... er bat mich, ich mchte zu ihm hereinkommen, er wollte mit
mir sprechen ... Ich htte es nicht tun drfen, nicht wahr? Sie fragte
unerwartet; es war deutlich zu erkennen, da sie selber wute, sie htte
es nicht tun sollen, und mit dieser Frage nur von neuem log.

Mishujew schwieg und atmete schwer.

Maria Sergejewna trat vorsichtig nher und berhrte wieder seine Hand.

Bist du mir bse? Aus dem Ton klang klar heraus, da sie seinen Zorn
voraussah und nun bemht war, sich naiv zu zeigen.

Toll vor Wut erhob sich pltzlich Mishujew und schleuderte sie
schweigend von sich. Maria Sergejewna fiel beinahe ber ein Fauteuil;
doch krallte sie sich fest und geschmeidig, wie eine fallende Katze
ausgereckt, noch rechtzeitig in die Armlehne.

Was hast du? ... begann sie mit blassen Lippen.

Erklre mir geflligst, Mishujew sprach mit unheimlich zurckhaltender
Stimme, whrend er sie mit khlem Ha betrachtete. Meinst du im Ernst,
da es fr mich mglich ist, darber nicht zu zrnen? ... Wozu heuchelst
du?

Aber was habe ich denn Schlimmes getan? stammelte, jetzt in
aufrichtiger Hilflosigkeit, Maria Sergejewna.

Was? Hier, -- Mishujew schwieg eine Weile still und suchte nach dem
passenden Wort, in dem schmerzlichen Gefhl, da er das Richtige nicht
finden wrde und ein anderes nehmen mte: Hier hast du es: eins von
beiden, entweder du gestehst mir offen, da ich fr dich nichts bin, da
du zu mir nur als Maitresse kamst, whrend du ... oder ...

Mishujew sprach nicht zu Ende. Pltzlich tat er sich selbst leid: er
hatte diese Frau so innig geliebt, er opferte ihr einen Menschen, der
ihm teuer war, handelte gemein und schmutzig, log, betrog, immer in dem
Glauben, da sie dafr ihm wenigstens nahe sein wrde. Durch diese
unvernderlich wiederkehrenden Begegnungen mit ihrem Mann war es schon
oft zu qualvollen, erniedrigenden Eifersuchtsszenen gekommen. Er hatte
ihr einmal sogar gestanden, da ihn der Gedanke folterte, sie habe ihm
nur seines Geldes wegen nachgegeben ... Jetzt sah er mit einem Mal, da
dem wirklich so war: sie hatte ihn nicht geliebt, sie liebte den andern,
sie ist bereit, sich ihm wieder hinzugeben; ihn, Mishujew, belgt und
betrgt sie, wie einen Narren, aus lauter Furcht. Er fhlte sich
lcherlich; in einer dummen und erbrmlichen Situation.

So wrde nicht die niedrigste Dirne handeln!

In diesen Worten klang ein ganzer Schwall toller, grober Worte zusammen.
Ihn packte ein unbndiges Verlangen: sie zu schlagen, sie irgendwie bis
zum uersten brutal zu behandeln, um ihr zu zeigen, da sie, da sie nun
einmal des Geldes wegen zu ihm gekommen war, auch sein Eigentum geworden
ist, mit dem er ganz nach Gefallen handeln kann.

Aber als er in ihrem Gesicht ohnmchtige, sklavische Furcht erblickte,
ergriff ihn pltzlich ein so drckendes, peinigendes Gefhl, da er sich
schwer am Tisch niederlie, mit den Hnden an den Kopf fate und nur
noch einen Wunsch hatte, nichts mehr zu hren und zu denken.

Einige Minuten lang dauerte das Schweigen. Mishujew sa immer noch
unbeweglich am Tisch, und sein groer Kopf, der hilflos auf den Hnden
gesttzt lag, erschien arm und bemitleidenswert.

Maria Sergejewna stand lange auf einem Fleck und sah ihn schchtern an.
Dann leuchtete mild und rhrend weibliches Mitleid in ihren Augen auf.
Sie bewegte sich leise, trat schchtern auf ihn zu, blieb stehen;
Mishujew konnte den schnellen, ungleichmigen Schlag ihres Herzens
hren.

Zarte, warme Finger berhrten leise wie ein Atemzug seine Haare.


                                   IX

hnliche Szenen hatte es auch frher schon mehr als einmal gegeben, aber
in ihrer Wiederholung wuchsen sie unheimlich an. Jede neue wurde immer
sinnloser und abstoender als die vorhergehende. Maria Sergejewna konnte
es nicht verstehen: manchmal erschien ihr Mishujew wie wahnsinnig,
manchmal aber warf sie sich mit brennender Reue allerhand Verbrechen,
die sie niemals in ruhigem Zustand anerkannt htte, vor. Sie sah, da
irgend ein unabwendbares Unglck an sie heranrckte, wute aber nicht,
wie sie den Alb berwinden sollte und litt ohnmchtig und jammervoll
unter ihm.

Am allerentsetzlichsten war der Verlust an Selbstachtung und der
Schmutz, den diese widerwrtigen Szenen hervorriefen. Sie erniedrigten
sie und brachten sie in eine gewisse Abhngigkeit von ihrer Umgebung,
selbst von den Dienstboten. Von allen Seiten sahen Augen und lauschten
Ohren neugieriger, fremder Menschen, denen es gleich war, ob sie litten
oder Dummheiten trieben, fr die aber das Ganze ein amsantes Schauspiel
war. Sie muten ihre Stimmen dmpfen, rasch die tzenden Trnen
verbergen, den schmerzverzogenen Gesichtern unwahre Mienen aufzwingen
und sich unglcklicher als der elendeste Knecht fhlen.

In den letzten Tagen pflegten solche Szenen nur noch mit hysterischen
Anfllen und vlliger Erschpfung zu enden. Es schien, da sie von Zeit
zu Zeit alles Schne und Kultivierte verlie; in wilder Wut schlugen
sich zwei Halbverrckte herum, die selbst nicht mehr wuten, was und
wozu sie einander ins Gesicht schrien, und die nur darber nachdachten,
wie einer den anderen schmerzhaft zu krnken und zu verletzen vermchte.

Mitunter berkam sie vllige Verzweiflung, und sie wnschten ein Ende,
nur ein Ende zu machen. Aber in dem Augenblick, wenn Schmerz und Wut bis
zum uersten angeschwollen waren, fielen sie pltzlich zusammen, die
Nerven gaben nach, es gab Trnen, gegenseitige Nachgiebigkeit, dann eine
krankhafte, unerwartete Erregung, die sie beide in einem brennenden,
wollstigen Anfall zueinander trieb. Es kam ihnen wieder zum Bewutsein,
wie unsinnig das Vorgefallene war, und gleichzeitig berfiel sie
hoffnungslose, qualvolle Reue.

Wir sind verrckt! sagte Maria Sergejewna verzweifelt und schmiegte
sich weinend an Mishujew, als suchte sie bei ihm Schutz. Er litt es
schweigend; vor seinen Augen sah er den schwarzen Abgrund des
unvermeidlichen Endes.

In derselben Weise war der heftige Auftritt auch an diesem Tage
verlaufen.

Maria Sergejewna lag, todmde, weich und erhitzt, mit trnennassem
Gesicht und dunkelgewordenen Augen neben ihm. Das noch nicht befriedigte
Verlangen zog sie mit krankhaft verstrkter Macht zueinander. Da sagte
sie leise und treuherzig:

Ich wei, da ich es deiner Ruhe wegen nicht tun sollte ... Aber glaube
mir doch! Er tat mir einfach leid; so unglcklich kam er mir vor. Krank!
... Wie man es nehmen will ... Schuld habe ich doch ihm gegenber! ...

Und dem ermdeten, vielleicht auch nach der Aufregung klaren Gehirn
Mishujews schien es jetzt in der Tat ganz einfach und natrlich:

... Selbstredend hat sie ihm gegenber Schuld ... Wie dem auch sei,
einst liebte sie ihn doch ...

Alle Verdchtigungen schienen ihm sinnlos, unbegrndet, nichts als
unertrgliche Launen.

Verzeihe mir ... ich bin tatschlich verrckt ... stammelte er, voll
schmerzlichen Mitleids, voll Liebe, Reue, Selbstverachtung und kte das
nasse, heie Gesichtchen.

Sie glaubte sofort, da nunmehr alles in Ordnung sei, -- jetzt werden
sie sich aussprechen, und vom nchsten Tag an wird alles so glcklich
verlaufen wie noch nie zuvor. Sie berstrzte sich fast, um ihm alles zu
sagen:

Ich wei, du meinst, ich htte dich nicht lieb und wre nur deines
Geldes wegen zu dir gekommen ... Vielleicht hast du Grund, so zu denken
... Ich bin ein dummes, garstiges Ding, aber es ist doch nicht so:
wirklich, ich liebe dich mehr als mein Leben! ... Du hast mir schon
immer gefallen, schon lange ... Du bist so ... so gro, so stark, so
feinfhlig! ...

Im Zimmer war es finster, und Maria Sergejewnas Gesicht schimmerte
trbe, wei auf dem dunklen Divankissen. Ihre Augen taten sich weit wie
zwei Abgrnde auf. Ihre Stimme klang zart und abgebrochen, wie die eines
gekrnkten Kindes.

Ich war immer froh, da du dir deiner Macht bewut bist und da sich
alle dir unterwerfen. Natrlich machte es mir auch Vergngen, da du fr
mich soviel hinauswerfen kannst, wie ich gar nicht wert bin ... Aber
reiche Menschen gab es doch so viel! Wenn ich nur wollte ... Aber du
bist grer, strker als sie alle! ... Wir Frauen lieben im Manne die
Kraft und die Macht ...

Mit Trnen der Zrtlichkeit und der Rhrung kte sie Mishujew; unter
ihren stillen, verliebten Worten war es um sie wohlig und
glckverheiend geworden. Sie flsterte eilig und treuherzig, sie glhte
am ganzen Krper, sie war unterwrfig und hingebend! Ihm kam das stolze
Bewutsein seiner Kraft, das Bewutsein, da sie ihn liebt und sich ihm
wie ihrer Sonne, fr die allein sie existiert, hingibt.

Ich bin ein dummes Ding, ich kann es nicht erklren, flsterte leise
Maria Sergejewna, ich hatte ein so eintniges, langweiliges Leben ...
es schien, als ob alles schon vorbei wre und mir nichts mehr
bevorstnde ... Da brachtest du etwas Kraftvolles hinein, ich war wie
wahnsinnig vor Glck geworden! ... Ich trumte von dir, lief dir wie ein
Backfisch nach.

Aber doch habe nicht ich es gebracht ... bemerkte Mishujew mit dem
unbewuten Wunsch, noch weiter in sie zu dringen; seine Stimme
erzitterte im voraus in leichter Angst.

Nein -- du! Du ... So wie du bist: gro, stark, mchtig wie ein Knig!
Aber das ist nicht das Wichtigste: wrest du arm, so htte ich mich dir
ganz ebenso hingegeben ... Du bist mein Alles! Maria Sergejewna
schmiegte ihren Krper mit rhrender Schamhaftigkeit und doch schamlos
an den seinen.

Sie flsterte noch etwas, whrend sie unter seiner Liebkosung wie eine
Blume aufblhte; Mishujew schien sein frheres Mitrauen immer
unbegrndeter.

-- Ich bin einfach nur ein Despot! dachte er.

Er wnschte nur, da sie weiter sprche, noch mehr seine frchtenden
Gedanken zerstreue, sie widerlege, es beweise.

Ja, aber ... dein Mann war doch klger und talentvoller als ich ... Was
bin ich denn im Grunde genommen ...

Er fragte mit gedmpfter Stimme, als knne er dadurch seinen Wunsch
verbergen; er erschrak selbst vor diesem Verhr, wie wenn er ber einen
Abgrund gleite. Er strengte sich an, sie zu berbieten, ihr den Gatten
von neuem in Erinnerung zu bringen, ihr zu beweisen, da jener besser
sei als er.

Wofr hast du mich im Grunde lieb gewonnen? ... Gewi nicht, weil ich
gesund bin wie ein Bulle? er sprach mit Absicht verletzend von sich; er
war ganz gespannt in der sehnschtigen Erwartung nach Widerlegungen,
nach leidenschaftlichen, erhebenden Worten.

Maria Sergejewna war durch seine letzte Frage tief beleidigt. Ihr ganzer
Krper strubte sich dagegen, als wre er pltzlich entblt auf die
Strae geworfen worden; sie fing an zu beteuern, da es nicht wahr sei.

Aber, wie denn?

Sie antwortete nicht gleich, fand nicht die richtigen Worte. Es war
finster, und Mishujew konnte den Ausdruck ihrer Augen nicht erkennen. Er
wartete und fhlte mit Entsetzen, wie ein schlpfriger, frchterlicher
Verdacht in dem Dunkel seiner Seele entstand und herumschlich.

Doch sie begann ihm auseinanderzusetzen, warum sie ihn fr klger,
besser, origineller als die anderen hielte. Sie bewies es
leidenschaftlich, aufgeregt, hastig. Aber er widersprach ihr immer
wieder und erklrte mit falscher, gehssiger Stimme, da ihr Mann ein
hervorragender, prchtiger Mensch sei. Er schilderte ihn wahrheitsgetreu
und erniedrigte sich selbst dabei. Vor Maria Sergejewna tauchte
allmhlich immer klarer und deutlicher die bekannte Gestalt auf; das
feinfhlige Gesicht des schnen, zrtlichen, eigenartigen Menschen, das
sie auch noch jetzt, ohne es zu wissen, liebte. Irgendwo in der Ferne
zeigten sich Erinnerungen an das erlebte Glck, an die ersten
Liebkosungen; sie riefen bis zur Unfabarkeit feine Trauer hervor. Sie
erschrak und begann zu streiten, ganz eigentmlich zu streiten, als ob
sie nicht Mishujew zu widerlegen suchte, sondern etwas anderes, das im
Innern ihrer selbst entstanden war. Das krankhaft angespannte Gehr
Mishujews erfate diesen eigentmlichen Klang der gebrochenen weiblichen
Stimme. Auch in seinem eigenen Flstern nderte sich etwas: er stie
seine Werte mit trockener, unbegreiflich gehssiger Hartnckigkeit
hervor. Und mit einem Mal merkte Maria Sergejewna mit Entsetzen, da es
ihr, sobald sie nicht mehr leugnen konnte, da ihr Mann ein
hervorragender, guter Mensch ist, an den Beweisen fehlte, weshalb sie
Mishujew liebgewann.

Ohne Worte wurde es klar, da sie ihren Mann liebte und ihn auch jetzt
noch nicht vergessen hatte, und da sie nur von dem Drang nach neuem,
prunkvollem Leben, den sie bis jetzt mit solcher Beharrlichkeit, und,
wie sie glaubte, auch mit Aufrichtigkeit geleugnet hatte, fortgerissen
worden war.

Als sie dahin kam, verstummte sie pltzlich, ungeschickt, ratlos,
schwach, whrend sie sich angstvoll sagte, da sie jede Sekunde dieses
Schweigens zugrunde richten msse. Mishujew wartete, drckte noch immer
mit seiner schweren Schulter auf ihre weiche Brust und schob sein Bein
nicht von ihren runden, warmen Schenkeln zurck. Seine Augen starrten
unverwandt geradeaus in die Finsternis, sein ganzer Krper lag
abgestorben in der entsetzlichen Erwartung dessen, was er lngst
vorausgesehen hatte. Eine unabwendbare, eisige Klte stieg allmhlich
von ihnen herauf und trennte sie voneinander. Sie versuchte, noch etwas
zu sagen, brachte es aber nicht fertig und brach pltzlich in
ohnmchtiges Weinen aus.

Warum folterst du mich so! ... Ich wei von nichts ... von nichts ...

Mishujew schwieg und atmete schwer. Er fhlte, wie sein ganzer Krper,
sein Herz und Gehirn in schwarze Leere versanken.

Maria Sergejewna schluchzte auf und verstummte. Er schwieg und wartete
auf etwas. Ohne mit dem Weinen aufzuhren, hob sie schchtern ihren
Blick. Da klatschte pltzlich eine scharfe Ohrfeige mit furchtbarer
Kraft ber ihr Gesicht.

Ah! schrie Maria Sergejewna; sie verlor fr einen Augenblick vor
Entsetzen und Schmerz fast die Besinnung.

Luder! sagte Mishujew heiser. Schwer und vierschrtig, in der
Finsternis unsichtbar, kroch er fort, wobei er sich bemhte, ihren
warmen, regungslosen Krper nicht zu berhren, und ging rasch, an die
Mbel stoend, aus dem Zimmer.

Ende! sagte in ihm dumpf eine Stimme.

Inmitten seines Arbeitszimmers blieb er stehen und starrte mit weit
aufgerissenen Augen vor sich hin. Dort, hinten, suchte das gespannte Ohr
irgend einen Laut zu fassen, aber alles blieb still, wie ausgestorben.
Er frchtete sich, auch nur einen Finger zu rhren, ihm schien, da die
leiseste Bewegung den Tod mit sich bringen wrde. Sein ganzes Wesen war
ein einziger, unsglicher Schmerz. Entsetzliche Scham, tiefste
Vereinsamung und tdliches, herzzerreiendes Mitleid mit sich und mit
ihr verschlangen sich chaotisch mit kalter, bser Freude, als ob er
endlich an jemandem Rache nahm, indem er, ihm zum Trotz, sich selbst
vernichtet hatte.

Ende! sagte Mishujew mit sonderbarem Lcheln.

Er wollte dieses unsinnige Lcheln unterdrcken, aber es wuchs in die
Breite, wurde grer, zerrte an seinem Gesicht, er konnte die
klappernden Kiefer nicht ruhen lassen, und mit einem Mal zuckte sein
ganzes Gesicht in _einem_ furchtbaren, wahnsinnigen Krampf auf.


                                   X

Es war ein windiger Tag; die breite See, mit weien Gischtkmmen
bedeckt, scharf blau in der Ferne und grell-grn in der Nhe, wogte
nicht, sondern schien sich zu drehen. Alles war scharf und buntfarbig:
die Schatten, das Sonnenlicht, die prchtigen Toiletten der Damen, die
auf dem Dampfer standen, die Borde und Taue des Schiffes. Der Wind
erfllte alles mit launischer, gleiender Bewegung; die ganze Umgebung
wurde dadurch ungeheuer gro, die Menschen aber und das Stdtchen, das
hinter der Bucht strahlte, fast spielzeugartig klein.

Auf die Abfahrt des Dampfers mute sehr lange gewartet werden. Mishujew
wie Maria Sergejewna fhlten sich traurig, schwer und unbehaglich.

Grob rasselte der Krahn, whrend er schwere Kisten durch die Luft trug
und in den Kielraum versenkte. ber die Schiffsbrcke, zwischen Verdeck
und Ufer, strmte ungeduldig eine bunte Menge, unter der sich auffallend
viele Damen befanden. Vom Ufer schrie man zum Bord hinber, vom Bord zum
Ufer, man warf sich gegenseitig Blumen zu, die von scharfen Windsten
ins Wasser gerissen wurden. Die Damen hielten die Hutkrempen fest; die
Rcke flatterten bald auf, bald umschlangen sie die Kniee, zeigten die
weichen Umrisse der Fe und verliehen dadurch dem Ganzen einen
ungeduldigen, unsteten Charakter. Trotzdem sah es aus, als ob der
Dampfer nie mit der Aufladung der zahllosen Kisten fertig werden und
abfahren wird. Manchmal begann die Dampfhuppe ungestm zu brllen, und
ihr gewaltiger, schriller Seufzer bertnte alle Laute, schwoll hher
und hher an; erst als die Ohren bereits schmerzten und das Gebrll ganz
unertrglich wurde, ri es pltzlich ab, schrie kurz auf und verstummte.
Eine seltsame Stille trat ein, lange hrte man in den fernen Bergen das
verhallende Echo. Dann erhob sich wieder scharfes, eiliges Gerede, und
ungeschlacht rasselte der Hebekrahn.

Mishujew stand am Bord und litt unter einer furchtbaren, drckenden
Last. Er fhlte, da Maria Sergejewna ihn immer wieder anschaute, und
sah von der Seite ihre dunklen Augen, die sich anstrengten, ruhig und
lchelnd auszusehen, in denen aber durchsichtige Trnen standen.

Sie sagte nichts. Die Entscheidung war schon gestern getroffen; nach der
schweren, abscheulichen Unterredung gab es jetzt nichts mehr, worber
sie sprechen konnten.

Nun schn ... Ende, -- mag es das Ende sein ... wiederholte sich Maria
Sergejewna lautlos, und nur ihre Hand im weien Handschuh fuhr ohne
Grund ber den blanken Messing des Schiffsbords. An dieser
ununterbrochenen, gespannten Bewegung konnte Mishujew verstehen, was sie
fhlte und dachte, was fr auswegslose Trauer ihr kleines Herz zerri.
Sie tat ihm leid; er fhlte eine unendliche Schuld gegen sie. Doch in
seiner Seele war es leer, und es war unmglich, sich eine Rckkehr zu
dem frheren, zu den Zrtlichkeiten, dem gemeinsamen Leben und der
gegenseitigen Wrme, vorzustellen. Etwas war gerissen, zwischen ihnen
lag kalte Leere, und jetzt hatte er nur noch einen Wunsch: nichts mehr
in die Lnge zu ziehen! Nur schneller alles zu enden!

Tja ... dachte Mishujew, unbeweglich auf die bunte Menge starrend. Sie
wird auch ohne mich fertig werden. Wird das bisherige festliche Leben
fhren, nichts entbehren, nur Lust und Freude suchen.

Ihm schien, da sie einen anderen Mann finden msse, den sie so wie
einst ihn lieb gewinnen kann, der sie aber aufrichtig und mit dem Gefhl
des Dankes, mit warmer, inniger Achtung liebt. Doch aus irgend einem
Grunde konnte er sich diesen anderen nicht vorstellen; statt dessen
stieg vor ihm bald das schwarzbrtige, runde Gesicht Parchomenkos bald
die hngende Unterlippe des Brsianers auf.

Auch das ist mglich, dachte Mishujew -- sie hatte die reine,
aufrichtige Liebe zu ihrem Mann, sie tauschte sie gegen mich ein, weil
ich ihr neue Eindrcke, die Mglichkeit eines sorgenlosen, lustigen
Lebens gab. Jetzt wird es ihr schwer sein, zum frheren zurckzukehren
... sie mu in dem neuen Gleise bleiben ... Und sie wird frhlich sein,
sich glcklich hingeben, lachen, sich schn kleiden ... Bis das Leben
selbst erblat und in Leere aufgeht ... Es ist doch schade! ... Aber ich
allein bin schuld ... Na, schn ... Ich werde leben, wie ich schon
gelebt ... es wird de, widerwrtig, einsam zugehen! Leer ...

Die Messinghuppe fing zu brllen an. Die Luft erzitterte, das Verdeck
zitterte, und eine Minute lang schien es, da auch das Meer und der
Himmel unter dieser unmenschlichen Stimme, die in den Bergen
widerhallte, erbebten. Auf dem Verdeck schrie man, man bewegte sich und
schwenkte die Tcher.

Maria Sergejewna wurde bla, und in ihren dunklen Augen drckte sich
unterwrfige Trauer aus. Mishujews Herz zog sich zusammen. Beide fhlten
in diesem letzten Augenblick die hoffnungslose, traurige Zrtlichkeit.

Man konnte den Moment nicht bemerken, in dem der Dampfer abstie, nur
der trbe, grne Wasserstreifen wurde pltzlich breit und wuchs zwischen
der nassen Steinumfassung der Mole und dem schwarzen Borde schnell an.

Mishujew stand auf dem Verdeck und schaute lange aus, um unter der Menge
die schlanke, winderfate Gestalt Maria Sergejewnas zu finden. Der
Dampfer fuhr mit voller Geschwindigkeit, und die Gischtkronen der freien
Wellen zeigten sich zwischen ihm und dem Ufer. Der Kai wurde immer
kleiner und kleiner, aber lange noch sah Mishujew die in der Richtung
des Dampfers hergehende, helle, weibliche Gestalt, deren Kleid der
sonndurchstrahlte Wind hin und her zerrte und hochhob.

Ihre Gesichtszge konnte er nicht mehr erkennen ... nicht mehr sehen, ob
sie steht oder geht. Nur ein kleines, helles Fleckchen schmiegte sich an
die lange, graue Steinwand, mitten im Wind, den rollenden Wellen und dem
weien Gischt, den der Wind von ihren Kpfen reit.

Immer kleiner und kleiner. Und als das Stdtchen, und der Kai, und das
kleine, weibliche Figrchen zu einem Panorama, das wie Spitzenwerk
durchleuchtet war, zusammenflossen, stach ein scharfer Schmerz tief in
sein Herz; er fhlte sich in der ganzen Welt allein.

Abgebrochen war das frhere Leben; es verschwand fr immer in der blauen
Vergangenheit. Vor ihm breitete das leere, bewegliche Meer, hebend und
fallend, seinen windigen, kalten Raum aus.

-- -- Na, sei's so ... dachte Mishujew. Vielleicht ist es zum guten ...
Irgendwie werde ich schon damit fertig werden.

Auf dem Dampfer ging es lustig und farbig zu. Viele Frauen in schnen
Kleidern, mit Blumenstruen in der Hand, gaben ihm ein festliches
Aussehen, und als auf dem Vorderteil unerwartet Musik zu spielen begann,
glich das Ganze einem frhlichen Ausflug. Die Fahrgste teilten sich in
Gruppen, zwischen den Damen tauchte bald der Kapitn auf, der in seinem
schneeweien Kittel halb wie ein Geck, halb wie ein Seemann aussah.
Scherze, Lachen, weibliche Ausrufe erschollen. Und hinter dem Schiff
schumte das Meer und schwamm in die vergehende Ferne zurck.

Im blauen Nebel zogen grne Ufer und rosige Berge vorbei. Auf einem
Felsvorsprung lag ein weies Kloster hoch ber dem Meer und schwebte
lange, wie eine Mve, in der Luft, bis es in der blauen Weite zerflo.
Das Meer rollte und bewegte sich, die weien Wellen hoben sich und
fielen nieder.

Unermdlich schritt Mishujew auf dem Verdeck auf und ab, schaute auf das
verschwindende Ufer und sann nach. In seiner Seele klang und schmerzte
ein trauriges, hoffnungsloses Gefhl.

Wohin fahren? Wozu? dachte er, whrend sein Blick gleichgltig ber Meer
und Ufer schweifte, die er schon so oft gesehen hatte -- hier, wie an
der Kste Italiens und in gypten -- und die ihm von der ergreifenden,
blauen Schnheit der Natur, die das Herz des Menschen frei wie einen
Vogel an einem hellen Sommertag macht, nichts mehr zu sagen wuten.

Nur fiel es ihm auf, wie eigentmlich die Mven kreischten, die den
Dampfer begleiteten.


                                   XI

Maria Sergejewna stand in der Mitte ihres Badezimmers, in dessen weien
und grauen Fliesen sich das elektrische Licht brach und spiegelte, und
ein krftiges Kammermdchen rieb sie stark und geschickt mit einem
nassen Schwamm ab. Der nackte, feuchte Krper glnzte in dem Licht, und
bei jeder Anstrengung des Mdchens gab das schlanke, elastische
Figrchen Maria Sergejewnas langsam nach und richtete sich wieder auf.
Die abgerundeten Brste zitterten und schwankten, ihr stolzes Kpfchen
richtete sich bald auf, bald sank es mit der schweren, auf den Rcken
herabhngenden Frisur nieder, und man konnte glauben, da das nackte
Weib nur von ser, physischer Lust bewegt wird.

In Wirklichkeit fate ihr kleines, in einem Klmpchen zusammengezogenes
Herz soviel Trauer, Kummer und qualvolle Ratlosigkeit, da ihr schien,
als mte sie sterben.

Vielleicht ist es zu kalt, gndige Frau? fragte die Zofe, sobald sie
bemerkte, da die abfallenden Schultern Maria Sergejewnas leise
erschauerten.

Was? Maria Sergejewna erschrak und sah die Zofe mit weit geffneten,
traurigen Augen an.

Ist das Wasser nicht zu kalt, gndige Frau? wiederholte das Mdchen.

Nein, ... es geht ...

Die Zofe tauchte den Schwamm in lauwarmes Wasser und fing wieder,
whrend sie an etwas anderes dachte, an, Maria Sergejewna geschickt und
gleichgltig den Rcken zu reiben.

Es peinigte Maria Sergejewna; es war ihr unertrglich, nackt dazustehen
und sich waschen zu lassen, whrend ihr das Herz in Stcke brach. Sie
wollte allein bleiben, sich ins Bett werfen und den Kopf in die Kissen
pressen. Sich niederlegen und absterben, fr immer, nichts sehen, nichts
hren, nichts fhlen.

Aber die dressierte, gleichgltige Dienerschaft, die nur zu Aristokraten
in Dienst tritt, und vor der sich Maria Sergejewna immer noch frchtete,
wie arme, einfache Menschen stets aristokratische Dienstboten scheuen,
war im Hause und umgab sie vom frhen Morgen an mit neugierig-kalten,
fast nachstellenden Augen. Sie wnschte, da das, was am Tage zuvor
geschehen war, verborgen bliebe, es sollte niemand erfahren, da sie
verlassen wurde, da sie nur eine Maitresse ist, die man ins Gesicht
schlgt, da man sie wie das niedrigste Frauenzimmer durch den Schmutz
schleifen konnte.

Von dem Augenblick an, da Mishujew, der nach einer schweren und
hoffnungslosen Auseinandersetzung begriff, da sie das Band zwischen
sich zerrissen hatten, abgereist war, sorgte sich Maria Sergejewna mit
allen Krften, da niemand etwas von dem Vorgefallenen erfahre. Am
Dampfer bemhte sie sich, vergngt auszusehen und zu lcheln; als sie
ihre unermeliche Qual im Herzen nach Hause trug, zwang sie sich, vor
dem Diener die Herrin zu spielen; zu Hause strengte sie sich an, alles
wie gewhnlich zu tun, sie fhlte sich als Sklavin dieser gemieteten
Leute, die sie nichts angingen.

Als ihr die Zofe hflich meldete, da das Bad bereit sei, ging sie
sofort ins Badezimmer, kleidete sich aus und gab sich, nackt und
unglcklich, den unntigen, schmerzlichen Bemhungen des Mdchens hin.

Schmerzlich zog sich das Herz der kleinen, nackten Frau, die, umgeben
von Licht und Wrme, von sanftem Wasser und warmer, dampf- und
parfumgesttigter Luft geliebkost, dastand, zusammen. Ein schweres
Gefhl der Einsamkeit lag in dem gehtschelten Krper. Ihr schien, da
man sie verspottete.

Genug, Klawdia, schon gut ... sagte sie mit berwindung; sie fhlte,
da sie im nchsten Augenblick zusammenbrechen mte.

Aber die Dusche, gndige Frau? meinte hflich die Zofe, und ohne die
Antwort abzuwarten ging sie zu dem emaillierten Hahn, ffnete ihn und
fing sorgfltig an, den warmen Regen, der von oben herabfiel, mit der
Hand zu prfen.

Maria Sergejewna, der die Trnen in die Augen kamen, stellte sich unter
die Dusche.

Erst als die Zofe ihr einen trockenen, weichen Mantel umhing und sie im
Schlafzimmer allein lie, strzte sie hnderingend mit dem Gesicht auf
die Kissen.

Die lange zurckgehaltenen Trnen brachen in einer heien Welle hervor;
sie weinte wie ein Kind, hilflos und still.

Ihr ganzes Leben ging an ihr vorber, alle Leiden der Vergangenheit und
die finstere Zukunft, die grausame Tuschung und das Bewutsein eines
entsetzlichen, nie wieder gutzumachenden Irrtums.

Seitdem sich ihr Leben von Grund auf gendert hatte, und die Gattin
eines stillen und zrtlichen Mannes, eine Frau mit einer kleinen, doch
sonnigen und einfachen Welt, verschwunden war, um einer unruhig schnen
Frau, die in Spitzen, Seide, Diamanten, Prunk und Bequemlichkeit
schwelgte, zu weichen, seit diesem Augenblick dachte Maria Sergejewna
kein einziges Mal an ihr frheres Leben. Das war etwas Lichtes, Liebes,
an dessen Verlust sie sich nicht ohne Schmerz erinnern konnte; der
Schmerz aber wrde sie endgltig der letzten Rechtfertigung fr ihre
Handlungsweise beraubt haben.

Es war eine furchtbare Tragdie gewesen, als ihr verlassener Mann, der
ihr einst unendlich teuer war, in den letzten Minuten fast an Trnen
erstickte und nur noch das eine stammeln konnte: Mtterchen, Mtterchen
... willst du denn wirklich deinen Jungen verlassen! ... Was werde ich
ohne dich tun! Ein schwerer chaotischer Kampf zerri sie, ohne da sie
ihn fassen konnte. Das Herz zerbrach vor Mitleid mit dem weinenden
erwachsenen Mann, der hilflos und nutzlos naive Worte wiederholte, die
sie noch vor kurzem bis zu Trnen gerhrt htten. Als er schluchzend
ausrief: Was werde ich nur allein tun! -- erinnerte sie sich
pltzlich, da sie sich ihn frher ohne ihre Zrtlichkeit und Pflege gar
nicht vorstellen konnte. Im Augenblick sah sie seine Einsamkeit, seine
Trauer, seine Armut, whrend sie Luxus, Pracht und Glck genieen soll.
Und eine Minute lang kam ihr ihr Entschlu wie ein Wahnsinn vor.

Sie umarmte und kte ihren Mann, sie trocknete mit der Hand seine
nassen lieben Augen, die von Gram und Trnen entzndet waren. Das Herz
sprang zwischen einer neuen farbenreichen Liebe, die ein ungekostetes
herrliches Leben verhie, und dem Zartgefhl und grenzenlosen Mitleid
mit diesem weinenden Manne, der hilflos war, wie ein verlassenes Kind.

Maria Sergejewna hatte gefhlt, da ihre Krfte schwinden, da die
Trume von einem neuen Leben, die wie ein Mrchen glnzten, verblassen
und versinken. Um sich zu retten, um nicht alles beiseite zu werfen und
zu bleiben, nahm sie sich zusammen und sthlte ihr Herz durch eine
Grausamkeit, die fr sie selbst am schmerzlichsten war.

Als sie fortging und zum letzten Mal das bekannte Zimmer, die bekannte
Lampe, das Bett, in dem sie das Glcklichste ihres Lebens genossen
hatte, Skizzen, zu denen sie ihrem Manne einst Akt gestanden, die ihren
Stolz, einen Teil ihrer Seele bildeten, die ganze vertraute Umgebung mit
den Augen berflogen hatte, wurde ihr Herz von unertrglicher Qual
durchschnitten. Etwas Entsetzliches heftete sich an dieses Fortgehen,
aber sie nahm sich noch einmal, zum letztenmal, zusammen und ging
hinaus. Und er weinte nicht mehr, rief sie nicht mehr zurck, sondern
holte nur tief Atem und klammerte sich mit der Hand an ihren
zurckgelassenen alten Umhang, als wenn er frchtete, da ihm auch
dieses -- das Letzte -- noch genommen werden knnte. Diese eine Bewegung
war furchtbar gewesen und die Erinnerung daran war nicht drckend, nicht
qualvoll, sondern einfach grauenhaft, wie die an ein vollbrachtes
Verbrechen.

Um dieses Grauenhafte nicht in jeder Minute vor Augen zu sehen, strzte
sich Maria Sergejewna in ein wirklich wahnwitzig leichtsinniges Leben.

Allmhlich verga sie das Vergangene, wurde frhlich, bekam Geschmack am
Luxus, gewhnte sich daran. Theater, Blle, Toiletten, der Verkehr mit
reichen Menschen umschwirrten sie wie ein Traum, und sie begann fast zu
glauben, da sie glcklich sei.

Nur selten, wenn sie allein blieb, hrte sie auf, in ihrer Umgebung
unterzugehn, dann dachte sie daran, wie irgendwo in der Ferne, mit
nagender Trbsal, ein verlassener einsamer Mensch lebte.

-- -- Wie geht es ihm? Was mag er jetzt tun? -- dachte sie, wurde
traurig, fhlte sich beschmt, und lief wieder unter Menschen, fuhr
irgendwohin, lachte, kokettierte.

Jetzt aber war der Flitter wie Staub abgefallen, und klaffende Leere
zeigte sich darunter. Sie wurde ratlos, und in ihrem armen Kpfchen
wogte alles durcheinander, wohin gehen, was tun, an was das Herz hngen
-- alles war vorbei. Allein eine Maitresse war verlassen
zurckgeblieben, eine Frau ohne Namen, ohne Anspruch auf Achtung. Sie
hatte aufgehrt, ein Mensch zu sein, und wurde zu einem Ding, einem
Lappen, den man abgenutzt auf die Strae werfen konnte.

Und mit Schauer des Entsetzens fhlte sie, da es kein Zurck mehr gab,
da sie nicht wieder so leben konnte, wie sie frher gelebt hatte. Da
sie auf einem goldenen Wege stand und ihn weiter gehen mute. Wohin?

-- -- Das ist die Vergeltung, die Vergeltung ... -- stammelte Maria
Sergejewna mechanisch.

Auf dem Tischchen neben dem Bett lag das Geld, das ihr Mishujew
zurckgelassen hatte, und mit Entsetzen sah sie es an, whrend sie wie
ein eingesperrtes Tier die Kissen mit den verzerrten feinen Fingern
zerkratzte.


                                  XII

Mishujew kam an einem regnerischen, schon herbstlichen Tage in Moskau
an; sowie er aus dem Wagen stieg, war er von widerwrtiger, kalter
Feuchtigkeit bis auf die Knochen durchdrungen.

Der ungeheuer weite, asphaltierte Platz vor dem Bahnhof gleite wie ein
See, nasse Droschken schwammen darauf, und die Schritte kltezitternder,
durchfeuchteter Menschen klatschten eilig ber ihn hin. In der Ferne,
hinter dem grauen Regenvorhang, schimmerten undeutlich zahllose Dcher,
Kirchenkuppeln und die trben Flecken verwaschener Vorgrten. Ihm wurde
ganz eigentmlich traurig bei dem Gedanken, da es hier schon Tage lang
keine Sonne, keinen blauen Himmel, keine frhlichen Blumen mehr gegeben
hatte. Alles machte den Eindruck, als wren alle diese eiligen,
durchnten Leute bis zum uersten lebensberdrssig; sie lebten nur,
weil sie sich lngst mit dem Regen, dem grauen Himmel, der Klte und
Nsse abgefunden hatten und sie nicht mehr beachteten. Wenn sie jetzt
davon gehrt htten, da irgendwo in der Ferne gerade in diesem
Augenblick die Sonne grell leuchtete, das blaue Meer strahlte und das
bunte Gras lachte -- dann knnten sie einem solchen Glck gar nicht
glauben wollen; -- sie wrden sich nur beeilen, weiter durch
klatschende, kalte Pftzen zu laufen. Aber Mishujew dachte darber nicht
nach, weil er all das seit langem gewhnt war; er war von dem goldenen
Frhling nicht entzckt und wurde durch den grauen Herbst nicht
migestimmt.

Er hatte niemanden von seiner Ankunft benachrichtigt, und so war er auch
nicht erwartet worden. Seine Sachen bergab er einem Dienstmann, nahm
sich eine Droschke und fuhr zitternd vor Feuchtigkeit in dem durchnten
Wagen nach Hause.

Schon aus der Ferne erkannte er das altbekannte silbergraue Haus, dessen
riesige Gre und groteske Verzierungen im Jugendstyl mit einem quer
herberlaufenden kolossalen Schild: Gebrder Mishujew sofort ins Auge
fiel. An dem Haustor, das einer Hhle hnlich sah, spielte sich noch
immer das gleiche emsige Gewhl ab. Triefende Lastfuhrleute luden gelbe
Kisten, aus denen das feuchte Stroh hervorlugte, auf; gelb-schwarze
Wagen fuhren an und ab, erbittertes, hungriges Schimpfen hing armselig
in der wasserdurchweichten Luft. Und im Hause, in den weiten Zimmern,
die kalt wie der Platz drauen waren, durch meterhohe, trbe Fenster von
der Strae getrennt, leuchteten in trockenem Grn elektrische Lampen;
gebeugte Kpfe raschelten mechanisch, fast ganz regungslos zwischen
Papieren und klapperten mit den Rechenbrettern.

Alles nach Strich und Faden -- dachte Mishujew, als ob er etwas Neues
erwartet htte, und ging, nachdem er seine Sachen abgelegt, durch das
ganze Kontor. Und wie immer, wenn er in diese trockene, geschftsmige
Atmosphre geriet, wurde sein Gesicht auch jetzt hochmtig und khl, als
zge er zwischen sich und allem Anderen gewaltsame Grenzen.

Die Angestellten, die gut gekleidet und frisiert an den Tischen saen,
erhoben sich eilig und schweigsam von ihren Pltzen und verbeugten sich
vor ihm. Mishujew nickte flchtig mit dem Kopf. Viele von ihnen kannte
er garnicht; er hatte absolut keine Ahnung, ob er sie schon frher
einmal gesehen hatte. Allein der Prokurist, ein kahlkpfiger Greis mit
einem Gesicht, das halb wie ein zerknllter Rubelschein, halb wie das
eines Heiligenbildes aussah, begrte ihn mit den Worten:

Wnsche Glck zur Ankunft, Fjodor Iwanowitsch! ... Ihr Herr Bruder sind
im Arbeitszimmer, warten schon lange auf Sie. Ist Ihnen die Reise gut
bekommen?

Mishujew lchelte unwillkrlich: er dachte, da es doch eine ziemlich
bescheidene Reise war -- von Moskau nach der Krim und zurck --
erinnerte sich dann aber, da fr den alten Mann, der sein ganzes Leben
lang in diesem Kontor gesteckt hatte, schon ein solche Reise mrchenhaft
bedeutend sein mte.

Danke schn. So, so, sagte er khl und doch liebenswrdig und ging
nach einem flchtigen Hndedruck weiter.

Sein Bruder, Stepan Iwanowitsch Mishujew, sa tief gebeugt ber dem
groen, grabmalartigen Tisch und schrieb, whrend er mit seiner linken
Hand auf einem schweren Rechenbrett hantierte. Das blasse bluliche
Licht vom Fenster glnzte matt auf seinem breiten kahlgewordenen
Schdel. Das ganze Zimmer war dunkel, schwer und langweilig wie ein
riesiges Einnahme- und Ausgabebuch, zwischen dessen Blttern ein Mensch
herumkrabbelt. Als Mishujew eintrat, erhob der Bruder die Augen, und er
sah die ihm bekannten, khl-unzufriedenen Blicke. Unbehaglich berhrte
ihn der Gesichtsausdruck dieses Menschen, der dem Eintretenden, ohne zu
wissen, wer es ist, bereits einen feindselig-geschftlichen Blick
entgegenwirft. Als Stepan Iwanowitsch genauer hinsah, verzogen sich
seine Lippen geizig zu einem matten Lcheln.

Ah, endlich gekommen! sagte er und erhob sich.

Die Brder kten sich.

Stepan Iwanowitsch war ebenso gro und schwer wie sein Bruder, aber sein
Gesicht war gelb, ungesund, unter den Augen hingen ihm welke Beutel, und
seine Stimme war so schwach und bla, als ob er bis auf den Tod ermdet
wre.

Ich bin sehr froh, da du gekommen bist, begann Stepan Iwanowitsch,
als sie sich gegenber saen und Zigarren angezndet hatten, von denen
er sich niemals trennte: -- Froh aus verschiedenen Grnden. Erstens
wnschte ich natrlich, dich zu sehen, dann ist deine Gegenwart
berhaupt ntig, weil es mit der Fabrik miserabel steht. Auerdem habe
ich noch eine persnliche Angelegenheit ... Aber darber spter!

Stepan Iwanowitsch wandte fr einen Moment den Blick ab und verzog die
Lippen wieder zu der geizigen Nachahmung eines Lchelns.

Du hast wohl aus den Zeitungen gehrt, da die Fabrik nun die zweite
Woche still steht. Die Forderungen werden dir wahrscheinlich auch schon
bekannt sein?

Ja, ich wei es ... erwiderte Mishujew kurz.

Und?

Stepan Iwanowitsch richtete einen forschenden, khlen Blick auf ihn;
Mishujew hatte unwillkrlich die Empfindung, da hier nicht ein Bruder
mit dem Bruder sprche, sondern ein Chef mit irgend einem Mitinhaber der
Firma konferierte. Er wre am liebsten nicht mehr auf diese
Angelegenheiten, ber die schon lange ohne Erfolg und mit noch
geringerem Verstndnis hin und her geredet wurde, eingegangen. Aber
Stepan Iwanowitsch wartete, und so antwortete er mit Selbstberwindung:

Hm. Ich finde sie in vielen Punkten ganz berechtigt. Unwillkrlich
blinzelte er mit den Augen und wandte den Blick ab, weil er fhlte, wie
feindselig Stepan Iwanowitsch die Ohren spitzte. Der fuhr fort, den
Bruder forschend anzublicken und schwieg lange, als ob ihm die
Anstrengung viel Mhe kostete.

... Schn. Und sage mir bitte, machst du es dir klar, da uns diese
Forderungen bei der heutigen Marktlage ruinieren?

Davon spreche ich nicht, erwiderte Mishujew widerwillig; -- ich
stellte nur ihre Berechtigung fest und weiter nichts. Ob sie fr uns
vorteilhaft sind oder nicht -- das ist etwas anderes.

Ja, erwiderte Stepan Iwanowitsch trocken, ganz etwas anderes; aber
ich glaube, gerade daran sollte man in erster Linie denken.

Mishujew seufzte, als ob sich eine beraus verdrieliche Last auf ihn
wlzte, hielt sich aber zurck und sagte mit absichtlich nachgiebiger
Stimme:

Ja, gewi. Nur scheint es mir, da auch die Frage nach der Berechtigung
dieser Forderungen nicht ganz nebenschlich ist. Eins von beiden:
entweder sind sie unberechtigt, dann kann man sie nur vom Standpunkt des
Kampfes aus betrachten, oder sie sind berechtigt; in diesem Fall mten
wir doch auch an ihre Befriedigung denken.

Er gab sich Mhe, ruhig zu bleiben; er hatte den festen Wunsch, jeden
Streit zu vermeiden, aber schon beim Sprechen fhlte er die bekannte
drckende Aufregung. Er sah, da sein Bruder, wie immer, einzelne seiner
Worte heraushrte, von den anderen aber, gerade die, welche ihn selbst
am meisten erregten, als ganz unntig und berflssig auer acht lie.

Stepan Iwanowitsch schwieg eine Weile und fuhr fort, ihn mit seinem
kalten, fremden Blick zu fixieren. Dann seufzte er, wandte die Augen ab,
klopfte mit den Fingern gegen die Tischkante und sagte mit gezwungener
Miene:

Nun, gut. Wir werden spter weiterreden. Du bist gewi von der Reise
ermdet. Hast du gefrhstckt?

Noch nicht.

Dann wollen wir zu mir hinaufgehen, -- Stepan Iwanowitsch erhob sich
schwer von seinem Platz.

Die Wohnung, die er inne hatte, war klein. Es war eigentmlich
auffallend, da in dem ganzen riesigen luxurisen Haus nur ein
Winkelchen wirklich ihm, seiner Ruhe, seinem Schlaf und seinem Krper
gehrte. berall sonst, oben, unten und an allen Seiten lebten und
wimmelten wie Bienen in den Zellen eines riesigen Stockes fremde,
unbekannte Menschen, von denen viele garnicht einmal wuten, wie dieser
Stepan Iwanowitsch Mishujew aussieht, und ob er in Wirklichkeit
existiert und nicht lediglich ein abstraktes Symbol darstellt.

Das Speisezimmer glnzte khl in schwerer Eiche, und machte durch das
weie Tischtuch, die weien Gedecke und das weie Licht, das aus den
Fenstern hereinstrmte, einen eisigen, toten Eindruck.

Nun, bist du gut gefahren? fragte Stepan Iwanowitsch und bemhte sich
noch mehr, seine trockenen Lippen liebenswrdig zu verziehen und
mglichst sanft auszuschauen. Er liebte seinen Bruder und bemitleidete
ihn als kranken Phantasten.

Nicht bel.

Und wo steckt deine Maria Sergejewna jetzt? Stepan Iwanowitsch
lchelte, ohne Mishujew ins Gesicht zu sehen.

Dort geblieben ... vorlufig ... sagte Mishujew; pltzlich stach ihm
etwas schmerzlich durchs Herz. Irgendwo fern -- fern sah er die kleine
verlassene Frau, die er liebte, die ihn liebte und die jetzt aus irgend
einem Grunde von seinem Leben fr immer getrennt war, ihm fremd wurde,
als htten sie niemals einander geliebt und geliebkost und sich
aneinander mehr als an allem in der Welt gefreut.

In diesem Augenblick konnte Mishujew nicht begreifen, warum es dazu
kommen mute. Alles, was ihm damals entsetzlich und unertrglich schien,
kam ihm jetzt kleinlich und hergesucht vor, schwebte vor seinem Auge wie
ein trber, sinnwidriger Fleck. Aber doch fhlte er, da es nicht anders
sein konnte. Er nahm sich zusammen und begann, whrend er sich
anstrengte, das Nagen an seinem Herzen nicht zu bemerken, vom Sden zu
erzhlen und sich nach Moskau zu erkundigen.

Die beiden Brder saen sich, schwer und gro, gegenber; sie schienen
auf den Boden und alles, was darunter wimmelte, mit furchtbarer Last zu
drcken. Das khle weie Licht glnzte grell auf dem Parkett und der
Emaille des Geschirrs; gelbblitzend funkelte der Wein; es sah aus, als
strahlte inmitten des grauen, nassen Tages in ihm allein die frhliche
Sonne.

Es wurde wrmer, und das Gesprch kam leichter in Flu. Mishujew kreuzte
die Arme auf dem Tischtuch, und Stepan Iwanowitsch lehnte sich zurck
und erzhlte:

Mir ist hier eine kleine unangenehme Geschichte passiert, und da du in
derartigen Dingen erfahrener bist als ich -- Stepan Iwanowitsch
lchelte ungeschickt -- so mchte ich dich um Rat bitten.

Mishujew blickte ihn neugierig an.

Siehst du, da war bei uns ein Mdchen als Kassiererin eingetreten, jung
und sehr hbsch. ... Du wirst sie sehen, weil ich dich bitten mchte, zu
ihr hinzufahren.

Stepan Iwanowitsch zndete sich eine Zigarre an, runzelte die Beutel
unter seinen Augen: Und blinzelte durch den Rauch. Ihm war es offenbar
peinlich; er fhlte sich lcherlich.

Mishujew sah ihn mit lustiger Verwunderung an. Ein junges hbsches
Mdchen, keine Kokotte, keine Sngerin -- das lie sich so schlecht mit
der Person Stepan Iwanowitschs in Einklang bringen, da man glauben
konnte, er scherze nur.

Und um was handelt es sich? fragte Mishujew; er bemhte sich, dem
Bruder seine Verwunderung nicht merken zu lassen.

Ja, um was es sich handelt ... bin mit ihr intim geworden, da hast du
alles! ... sagte Stepan Iwanowitsch mit Mhe.

Na, und?

Wie soll ich dir das auseinandersetzen ... Du weit, ich habe mein
ganzes Leben lang gearbeitet und mich nicht mit Romanen abgegeben ...
kann aber nicht bestreiten, da dieses Mdchen etwas neues in mein Leben
gebracht hat ...

Ein junges hbsches Mdchen mit einem so reinen und weichen Kinn, da
man es unwillkrlich zu berhren wnscht, um seine Wrme zu fhlen, trat
vor Mishujews Auge. Es lachte wahrscheinlich silberhell, gab sich
selbstvergessen mit seinem ganzen jungen Krper dem Manne hin und
bemerkte wohl garnicht, da Stepan Iwanowitsch einen kahlen Schdel, ein
vertrocknetes Gesicht und eine geschftsmige, einfarbige Seele hatte.
Vielleicht auch bemerkte sie das und bemhte sich, ihn zu erwrmen und
zu erfreuen, ihm ihr ganzes, junges, frhliches Glck mitzuteilen.

Sie scheint mich wirklich aufrichtig gern zu haben, fuhr Stepan
Iwanowitsch fort, whrend er immer noch mit zusammengekniffenen Augen
durch die blauen Rauchwolken blinzelte. -- Natrlich gab sie sich
sofort alle Mhe, aus mir einen Sozialdemokraten zu machen ...

Stepan Iwanowitsch lachte unnatrlich, aber doch drang ein zrtlicher
Klang durch dieses trockene Lachen.

Hm! Mishujew mute unwillkrlich lcheln, das kleine naive Mdchen tat
ihm leid.

Nun, das wre alles noch nicht so schlimm ... die Sache ist aber, da
sie ... wie sagt man es gleich ... na, in gesegnet... da sie schwanger
geworden ist.

Ah! Mishujews Augen wurden weich und mitleidsvoll.

Und ich sehe immer mehr, da sie in meinem Leben einen Platz einnimmt,
mit dem ich rechnen mu ... Ich fange an, mich zu frchten, mit ihr
herumzustreiten, fange an, nachzugeben, sie mischt sich in die Geschfte
ein, wird rgerlich, stellt Bedingungen ... Mit einem Wort, es ist Zeit,
ein Ende zu machen, -- Stepan Iwanowitsch fiel sich selbst ins Wort,
und seine Augen, die aufzuleben schienen, wurden wieder kalt und trbe.

Weshalb gleich ein Ende zu machen, fragte Mishujew behutsam und weich:
-- ist sie dir ennuyant geworden?

Ach was, ennuyant! versetzte Stepan Iwanowitsch, whrend sein Gesicht
einen eigentmlichen Ausdruck annahm: ich fhle im Gegenteil, da ich
mich ohne sie ziemlich langweilen wrde! ...

Er verstummte unerwartet bei diesem trockenen geizigen Satz, aber
Mishujew hrte mit warmer Teilnahme Vieles und Tiefes aus ihm heraus.

Um was kmmerst du dich dann? ... Lebe doch mit ihr nach wie vor.

Leider ist sie nicht so eine ... Sie wird verlangen, da man sie vor
aller Welt ffentlich anerkennen soll ... Eine Maitresse wird die nicht
...

Dann tue es doch ... meinetwegen heirate ... vielleicht wirst du
glcklich!

Mishujew lchelte unwillkrlich wieder.

Doch diesmal huschte ber das Gesicht Stepan Iwanowitsch' nicht der
frhere sympathische verwirrte Ausdruck. Es blieb geschftsmig und
khl.

Mishujew aber stellte sich die niedliche Frau, die junge reine Mutter
vor, von der und von derem Kinde etwas wie Sonne und freudige Farben in
die Seelen eindringen wrde. Die Gestalt Stepan Iwanowitschs, neu,
belebt und einfach, hob sich, von diesem Strahl beleuchtet, undeutlich
von ihm ab. Aber all das verschwand sofort wieder.

Wenn ich heiraten wollte, so werde ich nicht eine Frau nehmen, die sich
auf den Schreibtisch setzt, einem einen Helm aus Geschftspapieren macht
und lacht und weint zur gleichen Zeit ...

Mishujew stellte sich seinen Bruder in einer papiernen Mtze vor und
lachte auf. Stepan Iwanowitsch zuckte linkisch mit den Schultern und
wandte sich zur Seite.

Dir kommt es lcherlich vor, und mir ist es wirklich nicht zum Lachen
... Ich kann mir diese Dummheit nicht verzeihen ... Ich durfte es nicht
soweit kommen lassen ... Und so bin ich geradezu gezwungen, dich zu
bitten, zu ihr zu fahren und dich mit ihr auseinanderzusetzen. Kannst du
das tun?

Mishujew zuckte kurz und traurig die Achseln. Ihm tat mit einem Male der
Bruder leid, in dessen drre, tote Seele durch ein Wunder der goldene
Schein gedrungen war, den er jetzt selbst aus ihr herausreien wollte.

Wozu? fragte sich Mishujew. -- Damit er wieder in seinem Kontor ber
Rechnungen und Wechseln sitzt? ... Langwierig und langweilig lebt? ...
Gott wei, warum und wozu ...

Aber er antwortete: Natrlich kann ich das -- doch wozu? ... Vielleicht
liee es sich irgendwie anders regeln? ... Mu es denn gerade so
geschehen? Und vielleicht ...

Ein kurzer sonderbarer Krampf zuckte ber das Gesicht Stepan
Iwanowitschs und Mishujew verstand mit einem Mal, was fr ein
fruchtloser und qualvoller Kampf in des Bruders Seele vorgegangen war.
Er sah jetzt, da jeder Widerstand berflssig sei, wie in einer Leiche
kein Kampf des Lebens mehr vorhanden sein kann; ein kaltes trbseliges
Gefhl der Leere und Ohnmacht erfate ihn.

Auerdem, sagte pltzlich Stepan Iwanowitsch mit ersichtlicher Mhe --
meinst du wirklich, da ich das nicht begreife: Wre ich nicht
Millionr und htte ihr nicht die Mglichkeit Vergngen gemacht, die
Seele eines Millionrs umzugestalten, und so weiter ... knnte sie mich
denn lieb gewinnen? Ich glaube, ich eigne mich kaum fr etwas so wenig,
wie gerade fr diese Beschftigung!

Stepan Iwanowitsch lchelte wieder, und an diesem wiederholten
verzerrten Lcheln sah Mishujew wieder, wie sehr seinen Bruder dieses
Gesprch qulte und niederdrckte.

Warum gerade -- Millionr! sagte er mit Mhe.

Na, das lt sich gewi leicht verstehen ... antwortete Stepan
Iwanowitsch, ohne aufzublicken.

Und nach kurzem Schweigen fgte er hinzu:

Wollen wir von etwas anderem sprechen? Eine schmerzliche Regung stieg
in der Seele Mishujews auf; ein alter Gedanke rhrte sich in ihm. Das
Bild eines kleinen heiteren Weibes wurde trbe und zerflo. Er seufzte
schwer, seine Augen blickten so vertieft und krank, wie bei Menschen,
die den Tod in sich tragen.


                                  XIII

Es war schon gegen Abend, als Mishujew ausfuhr; der erste Frhschnee,
der an einigen Stellen zu Wasser zerschmolz, an anderen, meist an Zunen
und auf Grasstreifen wie zarte weie Flecke hngen blieb, war gefallen.
Schnee und Wasser schienen in ihrer Vermischung tiefer und jnger; das
Wasser schwrzer, der Schnee weier. In den Straen lag der Hauch
junger, frischer Khle, die Glocken auf allen, schon unsichtbaren
Kirchen begannen zum Nachtgebet zu luten, als ob ganz Moskau mit
klangreicher Messingstimme drhne und singe. Aus alledem strmte die
Empfindung von Strke und Kraft wie eine freudige Welle in den Kopf
Mishujews, der von dem langen Gesprch mit dem Bruder abgespannt war.
Seine vorzglichen Pferde fuhren ihn an den schwarzen Seen vorbei, die
sich weigerndert an allen Straen gebildet hatten und in denen Reflexe
goldener Feuerchen spielten, durch die Straen, an deren Seiten
unaufhrlich eine frhliche, belebte Menge entlang zog. Auch Mishujews
Herz weitete sich in frhlicher ungeduldiger Erwartung.

Er sah Nikolajew mit seiner breitschultrigen energischen Gestalt vor
sich, der gemtvollen herzlichen Stimme und den widerspenstigen blonden
Locken. Er empfand die Freude der Begegnung im voraus; die lebhaften
Fragen und Antworten, dann das herzliche, echte Gesprch, in dem
vieles Schwere und Schmerzliche zum Ausdruck kommt und vergeht.
Mishujews Mienen wurden frhlicher, er fhlte sich so gro und krftig,
wie seit langem nicht mehr.

Aber es berhrte ihn unangenehm, als er in dem Vorraum zu Nikolajews
Wohnung berzieher und Hte hngen sah und hinter der Tr zum Saal eine
glnzende weibliche Stimme, die die Arie aus einer Oper vortrug,
vernahm. Klavierbegleitung ertnte, durch die Trspalten zog ein Strahl
duftigen Zigarrenrauchs und weiblicher Parfms heraus. Mishujew blieb
eine Weile stehen. Er hatte garnicht bedacht, da Nikolajew in dieser
Zeit nur schwerlich allein anzutreffen war, und da es mglicherweise
garnicht zu einem Wiedersehen mit herzlichen Gesprchen, deren Erwartung
ihn freudig erregte, kommen werde. Aber gerade da wurde die Tr
strmisch aufgerissen und Nikolajew trat mit breiten Schritten, im
blauen Hemd und weiten Pluderhosen, wie ein echter Wolgaruber, heraus.

Fedja! Ah! Guten Tag, mein Tubchen! Wo hast du die ganze Zeit
gesteckt? schrie er, da es durch das ganze Haus drhnte, und packte
ihn fest an der Hand. -- Warum siehst du so grn aus?

Sie umarmten sich, und Mishujew kte seine festen guten Lippen mit
einem so rhrenden Vergngen, wie er es niemals gegenber Frauen
empfunden hatte.

Nun, du bleibst immer derselbe! sagte er, Nikolajew verliebt ansehend.

Als sie in den Saal traten, fragte Mishujew leise:

Bei dir ist viel Volk? ... Ich wollte mich ausplaudern, ohne da uns
jemand strt ...

Spuck darauf! antwortete Nikolajew mit einer breiten Handbewegung:
Kmmere dich nicht darum! Davon strmt mir jetzt eine Teufelsmenge
tglich das Haus! Ich habe mich schon daran gewhnt ... Kann nichts
dagegen tun, Bruder, bin eine Berhmtheit geworden!

Nun, sei's Gott gedankt! sagte Mishujew voller Freude und schaute von
der Hhe seiner massigen Gestalt, neben der der breitschultrige
Nikolajew elegant aussah, zrtlich auf ihn herab.

Mishujew trat in den Saal, bis aufs Tiefste durch die Nhe dieses guten,
lustigen hndefuchtelnden Menschen erregt, der ihn, wenn er ihn liebte,
wirklich nur um seiner selbst willen liebte.

Vom Klavier her trat ihnen eine hochgewachsene Frau in schwarzem Kleid,
mit den grauen koketten Augen einer Schauspielerin entgegen.

Hier, Lydia, erklrte laut und frhlich Nikolajew, hier hast du
meinen Mishujew! ... Sieh mal, was fr ein kolossaler Millionr!

Mishujew lachte, und die schne Frau mit den grauen Augen lachte
ebenfalls. Auch ihre Augen lachten mit, aber Mishujew gefiel dieses
Lachen nicht.

Oh, es freut mich sehr, sagte sie mit klangvoller Stimme und streckte
ihm ihren weien ppigen Arm, der bis an die Ellenbogen entblt war,
entgegen.

Dann stellte sie ihn ihren Gsten vor. Es waren viele, aber alle zeigten
Mishujew nur ein Gesicht: bertrieben freundlich, mit Zhnen, die durch
ihr Lcheln frei wurden und versteckter Neugierde in den Augen. Das war
eben jenes Gesicht, das Mishujew sein ganzes Leben lang verfolgte und
das er hate. Diesmal aber war er von dem Wiedersehen mit Nikolajew so
freudig erregt, da er gar nicht darauf achtete.

Nun, Herrschaften, sagte Nikolajew, mitten im Saal stehen bleibend.
Ihr mgt hier jetzt singen, schreien, tanzen, was Ihr wollt ... und wir
beide, er und ich, werden ein wenig plaudern gehen. Lydia, drfen wir?

Ach, mein Gott, gewi doch! Die Frau hob gleichzeitig mit ihren grauen
Augen in ausgesucht schner Pose beide Arme in die Hhe. Gehen Sie,
gehen Sie, ich lasse Ihnen Tee bringen.

In Nikolajews Arbeitszimmer setzte sich Mishujew auf einen breiten
trkischen Diwan und sah sich freudig im ganzen Zimmer um. Es war noch
das alte: dieselben Bcher, Papiere, in Haufen berall aufgestapelt, auf
dem Boden, in den Schrnken, auf dem Tisch, den man unter ihnen gar
nicht mehr sehen konnte. Und auer dem ledernen Diwan sprach nichts von
Komfort, der gerade im Arbeitszimmer eines berhmten Schriftstellers so
angebracht gewesen wre. Mishujew erinnerte sich, da dieselbe Unordnung
und Bummelei auch im Zimmer des allen unbekannten Studenten Nikolajew
geherrscht hatte. Auch Nikolajew selbst war ganz der frhere geblieben,
nur war er etwas dicker geworden.

Das Gesprch setzte so einfach und vom ersten Satze interessant ein, wie
alles, was Nikolajew anfing. Und als Mishujew fnf Minuten auf dem Divan
gesessen hatte, und dem durch das Zimmer schreitenden Nikolajew zrtlich
mit den Augen gefolgt war, da wute der bereits alles: den Bruch mit
Maria Sergejewna wie den Zusammensto mit dem Bruder, die Reisen ins
Ausland mit ihren Hotels, Theatern und Museen, und die dumpfe, tote
Herzensangst, unter der Mishujew schon so lange litt.

Ich verstehe dich nicht, Nikolajew sprach zornig und gleichzeitig
liebevoll, whrend er mit breiten Schritten aus einer Zimmerecke in die
andere ging, dasselbe erlebe ich auch ... Die Zeit ist schon lngst
vorber, in der Menschen ganz einfach zu mir kamen, nur weil ihnen das
gefiel, was ich tat und sprach. Jetzt wird jeder, der an mich
herantritt, im voraus von der Ehrfurcht und Achtung zu dem berhmten
Dichter erfllt! Na, meinetwegen, das ist manchmal sogar angenehm. Es
ist eben ein Gesetz der menschlichen Natur -- der Mensch ist seiner
Natur nach ein Sklave, aber es werden sich noch immer Menschen finden,
die zu dir einfach mit offenem Herzen kommen.

Bei dir ist es etwas anderes, erwiderte Mishujew ein wenig traurig,
du bist berhmt, aber du bist vor allen Dingen ein Dichter, das heit
ein Mensch, der die Menschen nur durch die Kraft seiner eigenen Seele
bezwingt und an sich lockt. Wenn ich wte, da es in Ruland so viele
Jnglinge gibt, die es fr ein besonderes Glck halten, gar nicht mal
mit mir zu sprechen, sondern mich allein nur sehen, mir scheint, ich
wre ganz hingerissen von dieser jungen Welle. Dann wrde ich vielleicht
glcklich sein ...

Dafr gibt es viele Menschen, denen du hilfst ...

Das ist nicht das richtige! Mishujew schttelte den schweren Kopf,
ich schaffe doch nicht selbst dieses Geld, am Ende gehrt es ihnen
doch, und dann -- -- ich wei: Auch die, denen ich wenig Geld gebe,
hassen mich, und die, die viel bekommen, sind bse, da es nicht mehr
ist; im Grunde sehen alle nur mit versteckter Feindseligkeit das Gute
an, das ich mir selbst durch mein Geld verschaffen kann. Ihnen kommt es
vor, als stehle, als vergeude ich ihr Gut, ihr Glck ...

Ein tragischer Unterton erklang in Mishujews Stimme. Nikolajew blieb
mitten im Zimmer stehen und wurde nachdenklich. Sein Gesicht wurde ernst
und vertieft.

Das ist vielleicht wahr, aber du hast dennoch Unrecht. Er warf sein
Haar zurck, als htte er etwas gefunden, was er beinahe verloren hatte.

Er erinnerte Mishujew, da dieser seine Reichtmer, die ihm nun einmal
an die Hand gekommen waren, auch fest in seiner Hand verschlieen
konnte. Ob ein Millionr, der die Arbeit von Massen anhuft, eine
Daseinsberechtigung hat oder nicht, gleichviel, Millionre existieren
und die Menschen sind nicht nur weit entfernt, sie zu tten; sie
unterwerfen sich ihnen sogar. In der Gewalt eines jeden Millionrs liegt
es, die grten Infamien zu begeben, oder aber Gutes zu tun. Mishujew
hat das letztere gewhlt; das knnen vernunftbegabte Menschen unmglich
miverstehen.

Nikolajew belebte sich, whrend er redete, auf's uerste, seine Augen
glnzten, er lchelte breit und freudig. Mishujew sa auf dem Divan, sah
ihn mit feuchten Augen an und fhlte, wie in ihm etwas warmes aufwuchs,
und die Hoffnung auf einen kommenden lichten Tag emporstieg. Er verlor
sein gewhnliches gespannt ungesundes Aussehen und wurde so zutraulich,
wie ein gutmtiger Br.

Du hast in deiner Hand fast zehntausend Arbeiter, sagte Nikolajew mit
einem glutenden Gefhl, das augenscheinlich seine ganze Seele
durchstrmte, und bemhte sich unwillkrlich, mit seiner Stimme die
Klavierlaute und die strmischen Koloraturen eines glnzenden Soprans,
die aus dem Saal herber drangen, zu bertnen.

Aber sie haben nicht dich allein zum Herrn; dein Bruder besitzt sie
ebensogut. Warum tat er denn nicht dasselbe wie du? ... Oder warum
handelst du nicht so wie er? Jede Kopeke, die du fr die Arbeiter
hingibst, gibst du ihnen doch aus freien Stcken ... Zwingen kann dich
niemand! Und meinst du, der Arbeiter, der wei es nicht? ... Die wissen
mehr, als wir beide!

Mishujew schaute ihm naiv und vertrauensvoll ins Gesicht.

Weit du, als sich die Nachricht von deinem Selbstmord verbreitete,
wollten es die Arbeiter nicht glauben ... Mir selbst hat ein alter
Arbeiter mit Trnen gesagt: >Das ist nicht mglich ... ein solcher
Mensch nimmt sich nicht das Leben. Da will er sich eben vor Feinden
verborgen halten, und wenn es erst wieder an der Zeit ist, dann kommt er
hervor und zeigt sich!< -- -- -- Hier hast du es! schrie unwillkrlich
Nikolajew aus, und seine Augen erglnzten in einer solchen Begeisterung,
als ob er etwas Groes und Heiliges vor sich stehen sah.

Mishujew fhlte, wie seine Hnde und Fe vor tiefster Freude und einem
kaum ertrglichen Glcksgefhl erzitterten. Er sah mit einem Male die
unbersehbare Menge dieser ruhigen, zermarterten, hungrigen Arbeiter vor
sich und erblickte ein ganzes Meer von Augen, die offen und
vertrauensvoll auf ihn schauten. Er sah auch sich selbst, aber nicht als
den schweren dsteren Menschen, der er stets war, sondern als
energischen, tatbereiten Mann, der fest und sicher auf sein Ziel
losgeht. Der scharfe Gedanke an ein untergegangenes persnliches Leben
traf ihn wie ein Nadelstich, aber der augenblickliche Schmerz versank
sofort in einer grellen Flut machtvoller Empfindungen.

Ach, Bruder, sagte er mit zitternder Stimme, nicht umsonst dachte ich
soviel an dich und sehnte mich nach diesem Wiedersehen!

Nikolajew, dessen Augen noch immer glnzten und der aussah, als ob er
auf etwas in sich lauschte, lchelte selig und froh.

Sie schwiegen lange, jeder von seinen starken Gedanken erfllt. Hinter
der Tr zerflo eine prchtige glanzvolle Stimme. Es schien gar nicht
eine Frau zu sein, die dort sang.

Beim Souper in dem hellen eleganten Speisezimmer, am Tische, der mit
glnzenden Flaschen und frischen Blumen vollbestellt war, saen Mishujew
und Nikolajew so frhlich und animiert wie noch nie. Alle anderen
schwiegen und hrten ihnen ehrfurchtsvoll zu.

Nikolajew erzhlte Mishujew von seiner Idee, eine neue Zeitschrift zu
grnden, die die besten jungen Krfte vereinigen sollte. Er schlug
Mishujew vor, fr dieses Unternehmen Geld zu geben, und dieser war mit
Freude einverstanden.

Alles schien ihm jetzt herrlich, gut und voll Leben. Alles war von
Nikolajew reflektiert und belebt; er lie von ihm kein Auge.

Nikolajews Frau, eine bekannte Sngerin, die Frau mit den grauen Augen,
nahm sich besonders der beiden an, machte sich in einem fort um
Nikolajew zu schaffen, als umschlinge sie ihn mit ihrer Zrtlichkeit,
Sorgfalt und Schnheit.

Sie scheint ihn wirklich aufrichtig zu lieben! dachte Mishujew und
empfand jetzt auch zu ihr warme freundschaftliche Zuneigung. Was fr
Menschen versteht er, an sich zu ziehen? Nicht wie ich ... Er seufzte
mit bitterem innerem Lcheln.

Und was meinen Sie, Ssergej Petrowitsch, wandte sich ein Herr mit
geflligem Ausdruck in seinen feuchten jdischen Augen an Nikolajew,
werden Sie Tschetyrjow zur Mitarbeit an Ihren >Lebenden Gedanken<
einladen?

Darber wird besser spter entschieden werden, antwortete Nikolajew
flchtig, aber ber sein Gesicht glitt ein unangenehmer Schatten.

Mishujew fiel es auf, da eine Minute lang Schweigen eintrat, und da in
den groen Augen der Frau, die mit weien Hnden eine Schssel reichte,
ein scharfer feindseliger Ausdruck aufzuckte.

Frchtet er wirklich Tschetyrjow, dachte Mishujew mit grenzenlosem
Staunen.

Er wute, da Tschetyrjow von vielen hher geschtzt wurde als
Nikolajew, htte aber niemals in Gedanken zugegeben, da es fr diesen
irgend eine Bedeutung haben knnte. Ihm war der Gedanke an Neid und
Feindseligkeit gegen einen Rivalen bei Nikolajew geradezu qualvoll, und
er versuchte, sich aus diesem Argwohn selbst einen Vorwurf zu machen.
Aber im selben Moment begegnete er dem Blick der grauen Augen, die
gierig und unruhig auf Nikolajew ruhten und dachte mechanisch:

Diese Frau liebt ja Nikolajew nur, weil er berhmt ist ...

Dieser unerwartete Gedanke schnitt ihn schmerzlich durch das Herz. Aber
die grauen Augen waren sofort wieder hell, zrtlich und eindringlich,
und Nikolajew scherzte wie frher, lachte und seine Reden klangen
dahinstrmend, wie immer. Mishujew konnte trotzdem die frhere Stimmung
nicht mehr wiederfinden, als ihn die Pferde durch die leer gewordenen
Straen des schlafenden Moskau trugen. Mit finsteren Augen verfolgte er
die schwarzen, im Laternenlicht schwankenden Gestalten der
Prostituierten, die einsam an den Brgersteigen standen; in seiner Seele
wlzte sich schwer und ungelenk ein kranker, unheimlicher Gedanke.


                                  XIV

Auf dem weien Schnee als Hintergrund erschienen die untersetzten,
verrucherten Fabrikgebude, die schwarzen Schornsteine und Zune und
die Menge selbst, die sich wtend und zum Widerstand bereit auf dem
Fabrikhof und den benachbarten Straen hin- und herschob, grauschwarz,
als ob sie sich im Schmutz gewlzt htte.

Die Fabrik war in der Gewalt des Streikkomitees. Der Hof schien im
Gewimmel der dichten Menge von Kpfen, der roten aufgeregten Gesichter
und bewegten Arme, wie lebendig. Von der Direktion requirierte Truppen
und Polizisten hatten sich in regelmigen grauen und schwarzen Linien
an den beiden Straenseiten aufgestellt; man sah schon von weitem, wie
die Pferde unruhig die Kpfe schttelten und graugekleidete Offiziere
ber den Schnee liefen.

Nur von der Moskwa her war noch ein Zugang freigeblieben, und von dort
zogen in unaufhrlichen, ungeordneten Haufen immer neue Arbeiter heran.

Mishujew, den man telephonisch gerufen hatte, kam in einer einspnnigen
Droschke herbeigeeilt, und fuhr direkt in den Hof hinein. Er sah bla
aus und seine Lippen zitterten. Er war ganz pltzlich geweckt worden, so
da ihm keine Zeit geblieben war, zu berlegen, was er tun knne. Er
fhlte nur den energischen Willen, alles in Ordnung zu bringen, und den
Glauben, da es ihm gelingen wrde. Er verstand, da er, wenn es
berhaupt mglich wre, auf die Arbeiter einzuwirken, der einzige sei,
der in Betracht kme. Und zu dem Gefhl banger nervser Aufregung
gesellte sich das sichere Bewutsein, da die Arbeiter ihm folgen
werden, und da er die nahenden Greuel einer Zerstrung abwenden kann.

Schon in der Ferne hrte er das wachsende vielstimmige Brausen, das nur
durch einzelne scharfe Ausrufe unterbrochen wurde. Als das Pferd in
vollem Trabe ums Tor bog, betubte ihn furchtbarer Lrm. Er sah eilig
ber die schwarze Masse der Kpfe und die roten Mauern des Gebudes, aus
dessen gesamten Fenstern Hnde hervorgestreckt und geschwenkt wurden,
erhob sich in der Droschke, die unter seinem Gewicht knarrte, und lie
sich dann wieder schwer niederfallen.

Bei seinem Erscheinen sank pltzlich der Lrm, und nur in den hinteren
Reihen ertnte noch dumpfes Murren und einzelne Ausrufe. Auch aus den
Direktionsfenstern wurde er bemerkt, und zwischen zwei Schutzleuten, die
auf den obersten Steinstufen standen, erschien, bla und kopflos, der
Fabrikdirektor Schanz.

Eine pltzliche Welle ri Mishujew fort. Er ging rasch die Steinstufen
hinauf, nahm den Hut ab und schwenkte ihn. Es wurde still, eine Menge
roter, aufmerksamer, junger und alter Gesichter blickten ihn schweigend
von unten an. Man konnte nur noch hren, wie in den hinteren Reihen und
auf der Strae etwas aufbrauste und wie Wellenschlag auf- und
niederwogte.

Meine Herren, rief Mishujew laut und energisch, mit dem Gefhl, da er
gehrt werden wrde, ich bin soeben zurckgekehrt und kenne die
Angelegenheit nur in allgemeinen Zgen. Ich gehe sofort zu den
Verhandlungen mit den Mitinhabern und der Direktion, und ich bitte Sie,
bis zum Schlu dieser Verhandlungen nichts zu unternehmen. Glauben Sie
mir? Ja? Einverstanden?

Noch bevor in der Menge drhnende Zurufe des Einverstndnisses
erschollen, winkte jemand im dritten Stock der Fabrik mit etwas Weiem,
und Mishujew begriff instinktiv, noch ehe er genauer sehen konnte, wer
es war, da er dadurch gegrt werden sollte. Sein Herz wurde warm und
freudig, voll strmischen Verlangens, alles zu ordnen.

Ihretwegen.

Er ging schnell ins Haus ... in den Ohren trug er die tausendstimmigen
Zurufe der vernderten freudigen Gesichter.

Als er in das Kontor eintrat, fiel ihm zunchst das kahle, mrrische
Gesicht Stepan Iwanowitschs auf, der am Tisch sa. In seinen Mienen lag
eine eigentmliche Mischung von Feindseligkeit, Verdru und Hohn. Er sah
den Bruder fast gar nicht an. Mishujew dagegen fesselten seine Mienen.
Er bemerkte die anderen kaum und ging direkt auf den Bruder zu. Stepan
Iwanowitsch hob khl die Augen.

Na, was sagst du jetzt? fragte er mit dnner Stimme.

Was ich sage? erwiderte Mishujew voll Energie, ich denke, da sich
alles in Stand bringen lt, und wenn Sie mir freie Hand geben wollen,
nimmt die Fabrik noch heute nachmittag die Arbeit auf!

Er blickte dem Bruder hell und freimtig in die Augen, aber die Blicke
Stepan Iwanowitschs blieben khl, fast bse.

Natrlich, erwiderte er unaufrichtig, falls wir uns bis nachmittag
ruinieren werden, nimmt die Fabrik die Arbeit auf ... fr drei Tage.

Mishujew sah sich um. Die fnf Menschen, die hier im Zimmer waren,
blickten ihn schweigend an, und auf allen Gesichtern lag der gleiche
feindselige, etwas zu entschlossene Ausdruck. Er fhlte sich einsam
unter ihnen, und das rief in ihm eine eigene, hartnckige Erregung
hervor.

Jetzt sind wir Feinde! dachte er mit einem flchtigen Blick auf den
Bruder. Nun schn ... wollen sehen, wer die Oberhand bekommt.

Warum ruiniert? Er warf den Kopf in den Nacken. Willst du mir wei
machen, da die Zulage von zwanzig Prozent unsere Millionen-Dividende
aufzehren wird? Das wre doch zu viel, Bruder!

Mishujew machte eine bittere Handbewegung.

Es war ihm schwer, im Bruder, den er immer geliebt und bemitleidet hatte
einen Feind sehen zu mssen.

Nicht um die zwanzig Prozent handelt es sich hier, erwiderte Stepan
Iwanowitsch trocken, ohne aufzublicken. Zwanzig Prozent werden die
Fabrik nicht ruinieren, obgleich sie sie bei der jetzigen Situation
schwer genug belasten. Aber wo haben wir die Garantien, da auf die
zwanzig nicht vierzig, fnfzig folgen sollen? Meinst du denn wirklich,
da sie gerade zwanzig Prozent Aufschlag ntig haben? Das ist doch
lcherlich! Stepan Iwanowitsch verzog das Gesicht zu einer wtenden
Grimasse. Diese zwanzig Kopeken auf den Rubel bedeuten fr sie nur eine
Flasche Wodka mehr. Nicht an den zwanzig Kopeken liegt es, sondern an
der unvershnlichen Begehrlichkeit dieser Leute, die glauben, da wir
die Mitesser sind, da im Grunde die ganze Fabrik und das ganze Kapital
hundert Prozent und nicht zwanzig oder vierzig, ihnen gehrt, und da
sie das, das Ihre, herausreien, und uns zum Teufel, auf die Strae
jagen knnten!

Die Stimme Stepan Iwanowitsch stieg dnn und bse in die Hhe, und
wimmerte im letzten Ton schrill wie Hundewinseln. Mishujew blickte ihn
ratlos und emprt an.

Woher nimmst du das Recht, so zu reden, sagte er leise, die Leute
sterben vor Hunger, schinden sich in schwerer Arbeit ab, wie du sie
keine zwei Tage lang ertragen knntest, und du sprichst noch von
Trinken, von Flaschen Wodka. Genug doch, Bruder! ... Ich dagegen
behaupte, da sie, wenn wir ihnen jetzt geben, was unumgnglich ntig
ist, an die Arbeit gehen und von mehr gar nicht trumen werden. Weil sie
noch besser als wir verstehen, da wir nicht diese Ungleichheit
geschaffen haben; nicht gegen unsere Person richtet sich ihr Ha.

Stepan Iwanowitsch schttelte in wtender Erregung seinen Kopf, als ob
er nur Dummheiten hrte, schwieg aber. Dieses Schweigen, dieser
hartnckige trockene Widerstand gegen das, was Mishujew so einfach und
richtig schien, erhitzte diesen noch mehr.

Na, schn ... Gib ihnen nichts, wirf ihren Ausschu die Treppe hinunter
... La sie deine Fabrik bis auf den letzten Ziegelstein in Grund und
Boden reien! Mag es dazu kommen, ich werde froh sein, wenn dieser Fluch
von der Erdoberflche verschwindet!

Stepan Iwanowitsch verzog sein Gesicht zu einem Lcheln, und dieses
Lcheln war so bse und verchtlich, da Mishujew erblate.

Das sind alles Redensarten ... Stepan Iwanowitsch lie jedes Wort
geizig durch die Zhne gleiten. Zerstren werden es die Truppen nicht
lassen, und diesen >Fluch< hast du, Gott sei Dank, nicht weniger
ausgentzt als ich! Ach!

Truppen? fragte Mishujew dumpf. Er empfand gegen den Bruder
furchtbaren Ha und fhlte deutlich, da der ihn ebenso hate, wir
werden auf hungrige und in ihrem Rechte befindliche Menschen schieen
lassen? Verstehst du denn, was du da sprichst?

Ich verstehe alles. Nicht ich habe Fabriken, nicht ich habe Arbeiter
geschaffen. Ich bin sehr froh, da es einmal weder das eine, noch das
andere geben wird. Aber vorlufig gehrt die Fabrik uns und nicht ihnen,
und wenn sie nur ein Steinchen anrhren, werde ich sie wie tolle Hunde
niederknallen lassen! Jawohl!

Und Stepan Iwanowitsch erhob sich, gro und schwer wie ein Stein. Auf
seinem breiten Schdel schimmerte trbe das blasse Licht des
Wintertages.

Und ich werde das nicht zugeben! schrie Mishujew heier, wenn du
schieen lt, so stelle ich mich zu ihnen. Ich will sehen, ob du dann
noch den Mut dazu findest!

Stepan Iwanowitsch wandte sich ab.

Das ist deine Sache! sagte er dumpf und trat ans Fenster.

Mishujew stand lange auf demselben Fleck und fhlte, wie qualvoll seine
Hnde und Fe zitterten und sein Herz schlug.

Fjodor Iwanowitsch, sprach ungewhnlich weich und einschmeichelnd
Schanz, und Mishujew erblickte neben sich sein spitziges
Fuchsgesichtchen. Mir scheint, Sie regen sich zu sehr auf und
bertreiben die Sachlage. Schlielich verstehen wir doch alle, da wir
ohne Konzessionen nicht auskommen werden. Stepan Iwanowitsch wird das
sicherlich auch zugeben ... Gewi doch. Nur kommt es auf den Umfang der
Zugestndnisse an. Soweit ich aus unseren frheren Beratungen ersehen
konnte, treten Sie fr die vllige Annahme aller Forderungen ein. Das
ist doch wirklich unausfhrbar, Fjodor Iwanowitsch!

Schanz berhrte zrtlich Mishujews Ellenbogen und suchte seine Augen mit
einem unaufrichtig-freundlichen Blick. Mishujew wandte sich ab.

Sehen Sie geflligst hier, fuhr Schanz bescheiden und beharrlich fort,
als htte er die Bewegung Mishujews nicht bemerkt, und lud ihn mit einer
leichten Handbewegung ein, an den Tisch zu treten. Ich mchte Sie nur
mit einigen Zahlen bekannt machen, und Sie werden selbst sehen, was
mglich ist, und was nicht.

Seine zrtliche klebrige Stimme war so beharrlich, da Mishujew sich
ungewollt am Tisch niederlie und anfing, dster und aufmerksam
zuzuhren.

Hier, wir wollen von den bestehenden Lohnstzen ausgehen ... sprach
Schanz mit einschmeichelndem Ausdruck in der Stimme weiter, und machte
sich uerst geschickt ans Werk, Fjodor Iwanowitsch ein kompliziertes
trockenes System auseinanderzusetzen. Er begann damit, ihm
auseinanderzusetzen, da die Lage der Arbeiter in ihrer Fabrik viel
besser sei, als in der ganzen Gegend sonst. Sehr gewandt und zur
richtigen Zeit erwhnte er den groen Aufwand fr Schulen, Krankenhuser
und ein Theater, und die gute, fast mustergltige Einrichtung des
Konsumvereinsladens. Dann gab er eine bersicht der Marktlage, und
zeigte die riesigen Verluste, die die Fabrik bereits beim vorigen Streik
erlitten hatte.

Und dabei wollen die Arbeiter noch nicht einsehen, da dieser Streik
nicht durch uns, sondern durch die Politik der Regierung
heraufbeschworen worden ist, bemerkte er wie nebenbei, mit den Spitzen
der kalten, knochigen Finger gestikulierend.

Dann ffnete er einen ganzen Haufen peinlich saubere Bcher, aus denen
ersichtlich war, da die Einfhrung neuer Maschinen die Arbeit
verkrzte, die Produktion vergrerte und lediglich dadurch schon den
Lohn fast um die Hlfte steigerte. Wre vor einem Halbjahr die Forderung
der Lohnerhhung erhoben worden und htte die Fabrik Konzessionen
bewilligt, so wrden die Arbeiter auch in diesem Falle um dreiig
Prozent weniger als jetzt verdient haben. Auf diese Weise beeilen sie
sich, mit neuen Lohnforderungen, die nicht im geringsten durch die
wirkliche Geschftslage gerechtfertigt sind, aufzutreten und verhindern
dadurch die Fabrikverwaltung, neue Erweiterungen des Etablissements
vorzunehmen, die doch zur Verbesserung ihrer eigenen Lage fhren mten
...

Und vor Mishujews Augen begann sich nebelhaft das riesige Bild eines
Zauberkreises zu entfalten. Er sah in endlosen Reihen Fabrikdcher,
Millionen Schornsteine, die die ganze Erdkugel bedeckten, Milliarden
Arbeiter, die in hungrigen Haufen von einem Ende der Welt bis ans andere
drngten. Und es wurde ihm klar, da sie auch, wenn sie sich ruinierten,
wenn sie an die Arbeiter alles weggeben wrden, doch nichts ndern
knnten. Nur ein Glied dieser frchterlichen Kette wre zerrissen, nur
ihre Fabrik gesprengt; es wrde Arbeitslosigkeit eintreten, die
hungrigen Massen auf andere Fabriken abstrmen und dort wieder den Lohn
durch ihre Unterbietung herabdrcken.

Direktor Schanz sprach ununterbrochen fort und wand schnell und
geschickt immer neue Glieder seiner furchtbaren Logik ineinander. Die
Spitzen seiner toten Finger bewegten sich wie die Fhlfden einer Spinne
vor Mishujew, und voller Entsetzen fhlte dieser, da er nichts tun,
nichts erwidern konnte, da er sich folglich damit einverstanden
erklren mu, wogegen sich seine ganze Seele strubte.

Wie hinter einem Nebelschleier sah er, da der Ursprung dieses
Widerspruchs in ihm selbst lag: es gab trotz allem eine mgliche,
unbedingte Lsung -- nmlich, das, was er fr wahr hielt, durchzusetzen,
und wenn er auch dadurch ruiniert werden wrde! Dann mute er eben zu
Grunde gehen. Was weiter kam -- das war eine andere Sache. Andere mten
finden, wie dann zu handeln wre; seine Sache blieb es allein, die
Wahrheit bis zum letzten Ende durchzusetzen.

Aber Nebel umhllte diesen einfachen und klaren Gedanken: seit vielen
Jahren war er gewhnt, in der Genauigkeit der Zahlen ein unumstliches
Gesetz, eine Art neuer Wahrheit zu erblicken. Auch jetzt lie sich sein
klares und festes Denken durch die eiserne Logik verwirren, wurde
schwach und unstet. Er bemerkte selbst nicht, wie er nicht mehr um
Gerechtigkeit und Wahrheit stritt, sondern nur noch um die Frage, ob es
richtig sei, zehn Prozent zu bewilligen und nicht zwanzig.

Hinter den Fenstern brauste und murrte es, wie ein ferner Wasserfall,
und erschtterte die trben Fensterscheiben, von Zeit zu Zeit schlugen
scharfe, laue Ausrufe herauf.

Schanz sprach und sprach noch immer und warf ohne Aufhren mit Zahlen um
sich, als streute er aus einem unerschpflichen Sack bse,
unberwindliche Zwerge, die Hnde und Fe fesselten, in den Kopf
eindrangen und dort der Macht der Tatsachen gegenber das schwere Gefhl
vlliger Ohnmacht hervorriefen.

Begreife nur, mischte sich Stepan Iwanowitsch, jetzt schon in
ruhigerem Ton, ein: hier kann es keinen Mittelweg geben. Auf zehn
Prozent werden sie nicht eingehen. Es wurde von dreiig Prozent
gesprochen, zehn sind heruntergelassen worden, der Ausschu gab nach,
aber nun noch auf zehn ... Nein! ...

Mishujew hob seine trben, mden Augen auf.

Man mu entweder alles bewilligen, sagte Stepan Iwanowitsch, gegen den
Tisch gesttzt, oder nichts ... Nichts, damit wir nach der
unvermeidlichen Katastrophe die Mglichkeit in der Hand behalten, sie
aus freien Stcken durch eine selbstndige Zulage zu beruhigen ...

Und bis dahin? fragte erblassend Mishujew.

Und bis dahin ...

Stepan Iwanowitsch wandte rasch die Augen ab und knackte mit den
gekreuzten Fingern.

Nein! rief Mishujew und richtete sich in seiner riesigen Gre auf.
Ich kann es nicht, kann es auf keinen Fall zulassen, da man die Leute
erschiet, nur weil sie hungrig sind, weil ihre Interessen nicht unsere
Interessen sind ...

Dann gehe du zu ihnen und schlage ihnen deine Bedingungen vor, Stepan
Iwanowitsch schlug die Arme auseinander.

Mishujew stand schweigend mit zu Boden gesenktem Blick auf. Ihn packte
leidenschaftlich der Wunsch, da Nikolajew hier wre. Es schien ihm, da
sie zu zweit imstande sein mten, diesen Zauberkreis zu zerreien.

Ich werde auch in der Tat gehen ... lieber so schon, als ... seine
Stimme ri schmerzlich ab.

Hm, wie du willst ... Stepan Iwanowitsch schlug wieder die Arme
auseinander. Vielleicht gelingt es dir auch ... Aber ich mu dich
warnen, du setzt dich einer groen Gefahr aus ...

Wodurch?

Du wirst ihre ganze Wut auf dich lenken. Dieselben Arbeiter, fr welche
du dich so sehr ins Zeug legst, werden in einem Augenblick alle deine
Bemhungen vergessen haben. Und zeigst du dich gegen sie, werden sie
dich mehr als jeden anderen hassen, gerade fr alles, was du bisher
ihretwegen getan hast, und dafr, da sie an dich glaubten!

Mishujew sah ihn schweigend an.

Hre, Fedja, sagte Stepan Iwanowitsch zrtlich, meinst du wirklich,
da mir das Ganze nicht selber nahegeht? Aber du setzt dich der grten
Gefahr aus ... la es ... ich bitte dich!

Mishujew stand lange regungslos auf der Stelle, dann drehte er sich
rasch um und ging hinaus. Er fhlte, wenn er nicht zu ihnen hinausginge
... ihm war, als hrte er Gewehrsalven, Aufschreie, sah Blut. Er warf
den schweren Kopf in den Nacken und trat, voll eines dumpfen, toten
Gefhls in der Brust, als ob er allein ein schweres Kreuz auf sich
nhme, auf die Steinstufen heraus.

Lrm und weies Licht umbrausten ihn. Tausende Gesichter wandten sich
erwartungsvoll ihm zu; viele fast froh. Er fing an zu sprechen.

Alles, was dann geschah, kam wie ein pltzlich ausbrechender Taifun
heran. Er hrte seine ersten Worte fast gar nicht, bemerkte aber sofort,
wie schnell sich die Gesichter um ihn vernderten. Im Augenblick war der
Ausdruck des Vertrauens und der Freude verschwunden; die Mienen wurden
ganz andere. Mishujew fhlte es; er wurde pltzlich inmitten dieser
ungeheuren Menge einsam. Wurde einsam und allen fremd. Er versuchte
noch, sich aus der Leere, in die er geriet, aufzuraffen, aber seine
Worte hatten schon die Kraft verloren. Das Band, das so aufrichtig und
fest schien, zerri in einem Augenblick, als wenn es niemals existiert
htte. Und vor Mishujew standen nur noch Feinde.

Spter erinnerte er sich noch, da ihm ein Drechsler, ein ihm bekannter
kleiner, schwarzer Mann mit durchbohrenden Augen, zu erwidern begann:

Genug der Lgen! schrie er. Sie haben jetzt Ihr wahres Gesicht
gezeigt ... Sie sind auch so einer, fr den zuerst seine Millionen Rubel
kommen, und dann wieder seine Millionen Rubel, und dann erst die
Millionen Menschen, die von Ihnen nichts als ihr Recht gewollt haben.
Wir verlangen das unsere! ... Schiet auf uns, schiet ... tut Eure
Sache! ... Henker!

Totenbla versuchte Mishujew zu sprechen, fand aber keine Worte mehr;
pltzlich packte ihn ein Angstgefhl, wie wenn man im Traum in einen
entsetzlichen Abgrund fllt.

Jemand ri ihn am Arm, er stie ihn instinktmig von sich und wollte
die Stimme erheben, aber diese Bewegung wurde als Drohung aufgefat. Man
packte ihn noch strker am Arm, dann an der Brust, ein Schneeball flog
ihm scharf ins Auge, und unter furchtbarem Gebrll verschwand er,
kopfber und totenbleich in der Menge. Instinktmig ri er seine rechte
Hand los und schlug aus seiner ganzen Riesenkraft jemand ber den
Schdel. Fr einen Augenblick ffnete sich vor ihm leerer Raum, und er
sah rotkpfige Kosacken in den Hof einreiten und Nagaiken in der Luft
schwirren. Von furchtbarem Entsetzen gepackt, strzte er ihnen entgegen,
aber von hinten fiel man ber ihn her, und er sank nieder, den schwarzen
Drechsler mit dem zerschlagenen, roten Kopf nach sich ziehend.


                                   XV

Die Morgenrte stieg strahlend, freudig aus dem Meer empor und umschlang
immer greller den blauen, eben erwachten Himmel, der im Feuer eiliger
Wlkchen aufloderte.

Die weite Wasserflche ruhte noch. Klare, grne Wellen schlugen
schlfrig gegen den Bord des Dampfers; die schlummernde Khle der
Morgendmmerung lag ber dem Meere und den blauen, den Abhngen der
schweren Berge. Nur hoch, sehr hoch oben ber dem Meer brannten im
blauen Himmel einzelne spitze Gipfel, die von ihrer Hhe herab bereits
die Sonne erblickt hatten, wie rote, rosige und goldene Flammenzeichen.

Mishujew kroch schwerfllig auf das Verdeck und sah sich mit mden
Augen, in denen die schlaflose Nacht brannte, um.

Auf dem Dampfer schlief man noch. Zwei oder drei Matrosen wuschen mit
Schwallen von Wasser das nasse, gleiende Verdeck; aus dem Schiffsraum
drang ein unbestimmter weckender Laut herauf. Der Dampfer polterte dumpf
und gleichmig, unmerklich und eintnig quirlte das Wasser. Es war
kalt, und die breiten Schultern Mishujews zuckten in hufigen
krampfhaften Schauern. Das verschlafene Gesicht sah wie zerknllt aus,
seine Haare waren zerzaust.

Mit schweren Tritten ging er auf Backbord hinber und stand dort lange,
bald das grne, aufschumende Wasser, bald die fernen Bergesgipfel, in
denen schon der helle, sonnige Tag erglnzte, regungslos betrachtend.

Dann stieg er auf das obere Verdeck und lie sich an einem der
Marmortischchen, die fest auf ihrem Platz angeschraubt waren und
unbequem und kalt wie Eis dastanden, nieder. Die massigen Arme auf dem
Marmor verschrnkt, sah er mit dem schlfrigen, engen Blick der
eingefallenen Augen ber das leere Verdeck.

Die Sonne stieg hinter dem Horizont rasch empor, und die Berge glhten
schon bis an die Mitte im Morgenglanz. Man sah, wie schnell der kalte,
blaue Schatten von einem Abhang nach dem anderen wich, wie er sich in
Schluchten klammerte und dort immer tiefer und tiefer hinabglitt.

Auf dem Dampfer regte sich allmhlich das Leben. Ein Kellner in weier
Jacke mit widerwrtig groen silbernen Knpfen rannte vorbei, der erste
Offizier, ganz von der Klte durchschttelt, ging von der Nachtwache
hinunter, zwei junge Mdchen mit kaum erwachten uglein kamen aus der
ersten Klasse herauf und sahen sich mit einem Ausdruck um, als wren sie
furchtbar verwundert, da es berall schon hell und schn ist, whrend
sie soeben erst aufgestanden sind. Dann kam ein langer Englnder, wie
aus einer Karikatur herausgeschnitten, mit Panamahut und streckte sofort
die Beine von einer Bank auf die andere, wobei er eine ungeheuer lange
Zigarre in Brand setzte. Ein kleiner Knabe in einem Matrosenjckchen kam
aufs Verdeck gelaufen und rannte mit den nackten Waden glnzend in die
helle Sonne hinein. Immer mehr lchelnde Menschen, die noch schlfrig
die Augen zusammenkniffen, erschienen, und als pltzlich die niedrige
Morgensonne vollstndig ber dem Horizont auftauchte und ihr Licht
strahlend ber Wellenkmme, Segelstangen, das Verdeck und die grnen
Ufer go, lebte der Dampfer schon sein buntes, miges und vergngtes
Leben.

Zwei Franzsinnen mit lustig neugierigen Augen, wie Vgel, die den
Morgen begren, zwitschernd, setzten sich an das Nebentischchen,
blickten sich nach rechts und links um, bemerkten den dstern Nachbar,
sahen sich gegenseitig an und lachten.

Mishujew wollte fortgehen -- ihn berhrten alle die Menschengesichter
und Menschenstimmen, die doch nicht die Wahrheit aussprachen, und alle
die falschen Augen, unangenehm. Aber seine Hnde und Fe zitterten, der
Rcken schmerzte, in den Augenlidern schnitt es; er wnschte sich
berhaupt nicht mehr rhren zu brauchen. Mit kurzem Klopfen gegen die
Tischplatte rief er den vorbeistrmenden Kellner an und ffnete bereits
den Mund, um sich etwas zu bestellen -- als er einen neugierigen Blick
der beiden Franzsinnen auffing, die schon wuten, da er ein bekannter
russischer Millionr sei; er blieb stumm. Ihm schien, da es ihm in
diesem Augenblick gengt htte, den Schall der eigenen Stimme zu hren,
um von einem Anfall blinder, nervser Wut gepackt zu werden, die ihn in
der letzten Zeit oft ergriff. Und er fand, da es in der Welt nichts
Ekelhafteres, Dmmeres und Unntzeres gbe, als die eigene Stimme.

Der Kellner stand schweigend da und fing an, sich zu wundern. Da nahm
Mishujew, fr sich selbst unerwartet, den Bleistift und schrieb auf den
glitschigen Marmor der Tischdecke:

Bringen Sie Kaffee.

Der Kellner legte den Kopf auf die Seite, wie ein zum Aufpicken bereiter
Hahn, las mit einem Auge die Aufschrift, wunderte sich, strzte aber
sofort davon.

Mishujew war froh: warum war ihm das nur nicht frher in den Kopf
gekommen? Das ist ja ganz einfach ... Man kann vllig verstummen und das
Wenige, was man von den Menschen braucht, erhalten, ohne die eigene oder
ihre falsche Stimme zu hren. Sogar etwas Neckisches glitt durch
Mishujews Kopf, als ob er das Mittel gefunden htte, sich vor allen zu
verstecken.

Als der Kaffee serviert war, wandte er sich dem Meer zu, legte den
schweren, kranken Kopf auf die Handflche und versank in Nachdenken.
Zwischen den Fingern, die den Schdel einpreten, steckte wildzerzaustes
Haar, und die Augen sahen trb und leblos vor sich hin. Viele Tage waren
fr ihn schon zu einem einzigen Nachsinnen geworden, das sich schwer und
mhselig durch den qualvollen Kopfschmerz schob. Und wenn er es in
kurzem, krankem Schlaf verga und die starren Gedanken verschwanden, kam
das unertrgliche, alpdruckartige Empfinden der Leere, in der er
krampfhaft hin- und herschlug, sich an etwas zu klammern suchte, aber
hilflos immer tiefer und tiefer sank. Im Laufe dieser Zeit hatte er eine
bedeutende Entfernung zurckgelegt, eine Menge Menschen, Stdte, Berge
und Meere gesehen, doch in seinem Gehirn drckte sich alles so bla und
trbe ab, als wren es nur Erinnerungen an lngst Vergangenes. Und
beharrlich wiederkehrend, mit unentrinnbarer Genauigkeit wie in einem
Kreise, in dessen Mittelpunkt sich sein kranker Kopf befand, standen vor
ihm, klar, aber mit der verwirrten Klarheit eines Alpdrucks, stets
dieselben Gesichter.

Auch jetzt rief Mishujew sie sich auf dem blulich-grnen Panorama der
vorbeischwimmenden Ufer, die er kaum noch bemerkte, eindringlich unter
scharfen Schmerzen hervor.

Zuerst tauchte das verwirrte, ratlose Gesicht Nikolajews auf: er stand
mitten in seinem Kabinett -- dem zerfetzten, brllenden, kaum bei
Bewutsein befindlichen Mishujew gegenber --, schaute nach der Seite
und knetete mit zittrigen Fingern die Quasten an seinem Grtel. Mishujew
erstickte in blinder Wut und strengte sich an, zu begreifen: wie konnte
dieser Mensch, der beste von allen, die er je gekannt und geliebt hatte,
nicht die frchterliche Ungerechtigkeit verstehen, der er zum Opfer
gefallen war. Menschen-Bestien, denen er nichts als Gutes getan hatte,
denen er sein Leben weihen wollte und um derenwillen er zu allem bereit
war, hatten ihn mihandelt, schlugen ihn, wollten ihn totschlagen! ...
Man mute in Entsetzen geraten, in tolle Wut, bis in die Tiefe der Seele
emprt sein, -- und statt dessen hrte er eine unaufrichtige, verwirrte
Stimme, die ihm einredete, sie htten keine Schuld.

Das sind Bestien ... sinnlose, gemeine, begehrliche Bestien! schrie
Mishujew, was habe ich ihnen getan? warum?

Aber Nikolajew blickte nach der Seite, und sein Gesicht sah
eigentmlich, beinahe angeekelt aus.

Sie haben dafr ben mssen ... fr einen Menschen ... sprach er
leise.

Ben! ... Kann man denn das abben? ... Sehr schn ... Ben! Nur
schade, viel zu wenig! Froh bin ich darber, froh, froh!

Mishujew schrie immer lauter und lauter, als ob er sich beeilte, die
Wollust des Hasses, in dem er jetzt aufging, in diesem wilden Brllen
auszugieen. Aber je lauter er Worte voller Wut, die ihm jetzt einzig zu
passen schienen, herausbrllte, desto khler und angewiderter wurde
Nikolajews Gesicht. Sobald es Mishujew bemerkte und ihm voll qulender
Bitterkeit vorzuwerfen begann, da er ihn nicht verstehe und nicht mit
seinem Schmerze mitempfinden wollte, sagte der mit stiller, aber
grausamer Feindseligkeit:

Diese Leute haben noch ganz anderes zu ertragen gehabt ... Mag sein,
da es in diesem Fall ein Irrtum war, ein blinder Ausbruch abgerackerter
Menschen ... Aber, wenn wir die Wahrheit sagen wollen, was bist du denn
fr sie? Du bist ihnen doch der gleiche Feind wie alle anderen, wie dein
Bruder ...

Ich? fragte Mishujew mit Entsetzen.

Nun, du auch! ... Du lebtest auch von ihrem Schwei und Blut, wie alle
anderen ... Wenn du sie nicht noch getreten hast, ihnen sogar mitunter
halfst ... so ... ist es doch, wahrlich ... kein groes Verdienst ...

Das zerschlagene Gesicht Mishujews, mit der berhngenden Lippe und dem
angeschwollenen Auge, wurde frchterlich und bemitleidenswert.

Also hatten sie, nach deiner Meinung, Recht, selbst wenn sie mich
totschlugen? fragte er mit Entsetzen. Er rang nach Luft, wie ein Fisch
auf dem Sand.

Nikolajew erblate, und nur strker noch zitterten seine Finger, die an
den Grtelquasten zerrten.

Wenn so, dann bist du ... begann Mishujew mit einer Empfindung, als
strze er in einen kalten Abgrund.

Und dann geschah das Ekelhafteste: ber Nikolajews Gesicht glitt ein
feiger Zug, seine Augen liefen mit dem beschwerten Ausdruck eines
versteckten Gedankens umher, und pltzlich fing er an, falsch tnende,
blasse Worte der Vershnung zu sprechen. Mit der Feinfhligkeit eines
berreizten Menschen verstand Mishujew sofort den verborgenen Sinn:
Nikolajew frchtete einen Streit, damit Mishujew sich nicht weigere,
Geld fr die beabsichtigte Zeitschrift zu geben. Das Weitere spielte
sich ganz eigentmlich ab: Mishujew wurde furchtbar verschmt. Er
verstummte. Auch Nikolajew schwieg, sein freies, mutiges Gesicht
bedeckte unsichere Rte. Eine Minute lang blickten sie einander in die
Augen, und im Laufe dieser Minute schmolz und schwand ohne Spur das
Band, das sie so viel Jahre verknpft hatte und das so fest und
aufrichtig gewesen war.

Als Mishujew eine halbe Stunde spter fortging, waren sie nicht mehr
zwei sich nahestehende Menschen, sondern zwei Feinde, die sich haten
und verachteten.

Spter fand sich Mishujew im Eisenbahnwagen in einer toten, langen
Nacht. Vorher war er wahrscheinlich in sinnlosen, dunklen Krmpfen
berall herumgelaufen, bis er sich schlielich bei dem Menschen einfand,
dem er sein ganzes Glck genommen hatte. Er wute selbst nicht, weshalb
er diesen Menschen aufsuchte, und erst als er seinen fragenden Blick
sah, verstand er trbe: wahrscheinlich wollte er irgend jemanden, und
wre es auch ein Feind, finden, der ihm gerade ins Gesicht, ihm als
Menschen ins Gesicht blicken wrde.

Maria Sergejewnas Mann stand vor ihm, mager, mit langen, blassen Haaren,
und sah ihm unverwandt mit einem Blick, der von unverlschlichem Ha
brannte, in die Augen.

Was wnschen Sie? fragte er mit Mhe. Ist Ihnen das, was geschah,
nicht genug ... Sind Sie gekommen, um mich zu verhhnen? Meinen Sie, da
Ihnen alles erlaubt ist?

Mishujew erinnerte sich nicht mehr seiner eigenen Worte, sah aber
deutlich, wie sich damals auf dem Gesicht dieses Mannes zuerst
Nichtverstehen, dann trbes Begreifen, und schlielich kalter
unvershnlicher, fast triumphierender Hohn ausmalte.

Aha ... sagte er leise, es hat sich also gezeigt, da es noch etwas
gibt, das man auch um Geld nicht kaufen kann? ... Das ist gut!

Und er fing an zu lachen, immer lauter und lauter, und jagte ihn
schlielich wie einen Hund davon. Und Mishujew ging. Er hatte den
lebendigen Faden der ihn zu diesem Menschen gefhrt hatte, lngst
verloren, und wute gar nicht mehr, warum er gekommen war.

Nachts im Wagen schlief er nicht. Verschwommene, aber furchtbare Bilder
qulten ihn. Vor seine Augen trat das Bild des groen Mannes, des
Menschen, der Leben und Lebenswahrheit kennt. Er wute nicht, wie und
wann ihm der Gedanke gekommen war, zu dem groen Dichter zu fahren, zu
dem Greis, dessen Namen er seit seiner Kindheit als das erhabenste Wort
der Welt aussprach. Er erinnerte sich nur, da ihn bei dieser Idee eine
ungeheure Leichtigkeit und Hoffnungsfreude ergriff. So leicht und froh
fhlte er sich noch, bis er die Antwort auf das abgesandte Telegramm
erhielt. Sobald er aber verstand, da der groe Greis bereit sei, ihn zu
empfangen, war alles geschwunden. Ihm schien es, da er nur empfangen
wrde, weil er der Millionr Mishujew ist, und da er selbst, der Mensch
Mishujew, auch diesen einzigen Menschen nichts angehe und nichts angehen
knne. Da war alles pltzlich matt geworden; Mishujew sah, da es
lcherlich war: er brauchte nirgends hinzufahren, niemand konnte ihm
etwas sagen, was er selbst nicht wute. Und ihm kam, zum ersten Mal in
seinem Leben, der Gedanke, seinem Vermgen zu entsagen, arm zu werden,
wie die meisten Menschen. Aber frher noch, als der Gedanke von ihm
begriffen wurde, wute er schon, da es ihm unmglich wre.

Weshalb? fragte sich Mishujew, mit starrem Blick die dunklen Gespenster,
die an dem Wagenfenster vorbeizogen, verfolgend. Und zur Antwort
tauchten vor ihm armselige, lcherliche Bilder auf; er, ein Mann, der
sein ganzes Leben lang das Allerbeste geno, was es im Leben gibt, und
der es zu genieen verstand, wird pltzlich absichtlich bettelarm, wird
in ein Kontor gehen, zwanzig Rubel Monatsgehalt bekommen, und dann ...
dann vielleicht ein bescheidenes Mdchen, das auf der Schreibmaschine
tippt, heiraten? ... Wie dumm war das!

... Weshalb dumm?

Unbekannt weshalb, aber dumm und lcherlich, wie alles Sentimentale und
Zwecklose.

ber seinem Kopf hing eine dstere Riesenmasse, die bekannte Empfindung
qualvoller Leere packte ihn von allen Seiten, und pltzlich fhlte er
die Nhe des Endes; seitdem sah er es stets vor Augen.

Noch einmal ein krampfhaftes Aufflackern: er erinnerte sich, da
irgendwo weit, in der Ferne, eine Frau lebte, die durch ihn unglcklich
geworden war und die ihn einst geliebt hatte. Aber dieses Aufflammen
erlosch ebenso schnell, wie alles, was jetzt in seinem Gehirn entstand
und verging.

Qualvoll klar wurde ihm nur, da er nirgends mehr hinzufahren hatte.
Stets und berall blieb er, was er war. Nichts konnte das heilen, was in
seiner Seele ein fr allemal verkrppelte.

Dieser neue Gedanke, da es fr ihn keinen Platz mehr in der Welt gab,
und da jeder neue Schritt nur ein Glied in der Kette von Leiden und
Trbsal bildete, stieg auch jetzt klar und deutlich in sein Gehirn.

Er seufzte schwer, wendete seinen Blick von den vorbeigleitenden grnen
Ufern des Mittelmeeres ab und schlo die Augen.

Gleich darauf hrte er neben sich sprechen.

Wunderbar ist es, wissen Sie, sagte eine jugendliche russische Stimme,
wenn man mit einem Expre von Norden nach Sden fhrt ... Dann hat man
den Eindruck, als kme der Frhling nicht mit jedem Tag, nein mit jeder
Stunde ... man saust ihm einfach entgegen ... Ich kann es nicht
ausdrcken, aber es scheint mir, einen greren Genu knnte es garnicht
geben. Gestern war noch alles grau, khl, heute gibt es schon
geschmolzene Stellen und zerflossenen Schnee zwischen den Birken ... und
morgen ist der blaue Himmel da ... Ach, wie schn!

Mishujew ffnete mechanisch die Augen und blickte auf den Sprechenden.
Es war ein ganz junger Mann, wahrscheinlich ein kranker, und er sprach
zu einer sehr jungen Frau mit lebhaften, frhlichen Augen. Sie standen
am Bord, und der Wind blies ganz leise in ihr weiches Haar. An ihren
strahlenden Gesichtern und daran, wie leicht und freudig ihr Atem ging,
verstand Mishujew, ohne da sie ihre verzauberten Augen von den Ufern,
die sie offenbar zum ersten Mal sahen, abwendeten, da darin wirklich
Glck liege.

Dann lie er seinen trben Blick wieder ber die Ufer gleiten, sah, was
er schon hundertmal gesehen hatte, und schlo wieder die Augen, um in
seiner wortlosen, schwarzen Leere zu versinken.

Auf der anderen Seite sprachen zwei Franzsinnen von Stierkmpfen.

Und bevor ihn der Toreador ttet ... treiben alle Matadore mit ihren
roten Mnteln den Stier immer nach einer Richtung ... verstehst du,
immer nach einer Richtung ... bis er ganz verbldet wird ... dann erst
stt ihn der Toreador nieder ... Im Grunde ist das gar nicht mal
schn!

Mishujew wute es.

Im Augenblick drngte sich vor seine geschlossenen Augen ein riesiger
Stierkopf mit unbeweglichen, blutunterlaufenen Augen. Er sah ihm gerade
ins Gesicht. Mishujew zitterte und erhob sich.

berall waren Menschen; schwatzende, lachende Gesichter, die ihn mit
neugierigen Blicken begleiteten. Er ging still an ihnen vorbei und kam
bis an das Hinterteil.

Da stand er am Bord und schaute lange unverwandt auf die schumige Spur,
die der Dampfer hinter sich aufri. Er sah so aus, als suchte er etwas
in diesem trben, unheimlichen Schaumstreifen. Mit einem Mal kam ihm
vor, als habe er es gefunden; er blickte sich um, sah nach dem Himmel,
den Bergen und dem Haufen frhlicher, buntfarbiger Menschen, die in
einiger Entfernung von ihm saen. Und pltzlich, irgendwie seitwrts,
ungelenk, strzte er ber Bord, mit dem blitzschnellen Bewutsein der
Ungeschicklichkeit dieser Bewegung und Scham vor den Menschen, die sie
bemerken muten.

Entsetzlicher Lrm schlug ihm um den Kopf. In Nase und Mund drngte eine
klebrige, brennende Welle mit scharfem, reiendem Schmerz. Gleichzeitig
erschtterte ein wahnsinniges, mit nichts vergleichbares Entsetzen sein
Gehirn. Im furchtbaren Krampf sich gegen den Abgrund, der ihn ergriff,
wehrend, tauchte er nochmals auf, sah durch den Nebel des Wassers, das
ihm von den Haaren rieselte, in weiter Ferne den weien Fleck des
Dampfers und schrie:

Hilfe!

Aber sofort begann er in dem trben grnlichen Abgrund, der ihm die
Brust in Stcke ri, zu versinken. Ein Schwarm kleiner Fische sprengte
wie Splitter nach allen Seiten auseinander, kehrte aber gleich zurck
und starrte von allen Seiten mit runden rtselhaften Augen auf seinen
ausgebreiteten schwimmenden Paletot, auf die gespreizten Beine in gelben
Lackstiefeln und auf den toten blauen Kopf, der langsam tiefer und
tiefer in der kalten grnen Finsternis untersank.




                         Der Tod des Iwan Lande


                                   I

Gegen den Winter wurde es im Stdtchen still. Alles, was in ihm an
Jugend und Regsamkeit war, fuhr in die groen Stdte. Zu Hause blieben
nur die Alten an Krper und Geist. Sie lebten in eintniger,
althergebrachter Ordnung: spielten Karten, gingen in den Dienst, lasen
und meinten, da so das Leben verlaufen mte. Auf den Straen lag in
reiner Helle das starre Leichentuch des Schnees; in den Husern regten
sich matt und schlfrig Menschen, die mit allem schon zu Ende gekommen
waren. Im Frhling jedoch, wenn die schwarze, feuchte Erde zu duften
begann und berall das Grn aufleuchtete, die Sonne freudig wrmte und
jedes Hgelchen durchtrocknete; wenn abends alles leise, gespannt
lauschend dalag, dann brachte jeder Tag irgend einen anderen mit der
Bahn nach Hause, und auf den Straen zeigten sich lebhafte, frische
Gesichter, jung und freudig, wie der Frhling selbst. So wie es
selbstverstndlich ist, da die Vgel ihre alten Nester wieder
aufsuchen, das Gras auf den alten Pltzen wchst, kehrten auch im
Frhling gerade alle die jungen, lebensfreudigen Menschen in ihr
kleines, stilles, etwas trauriges Stdtchen zurck.[2]

[Funote 2: In Ruland werden die gesamten Lehranstalten im Frhling,
Anfang Mai, geschlossen und dann erst, Gymnasien gegen Ende August,
Universitten Mitte September wieder geffnet.

                                                            D. bers.]

Auch in diesem Mai war der Sohn des erst krzlich verstorbenen
Vorsitzenden des Landschaftsprsidiums, der Student der Mathematik Iwan
Lande, angekommen.

Den ganzen Tag ber sa er bei der Mutter, die ihm mit trben, mden
Trnen vom Tode des Vaters erzhlte; erst als es zu dmmern begann, nahm
er seine Mtze und ging zum Boulevard hinunter. Die Allee lief am Ufer
eines groen Flusses, der unter den Frhlingswassern gestiegen war,
entlang. An einer Stelle fiel vom Ufer ein steiler Abhang ab; an seinem
Rande standen zwei Bnke aus altem, grnem Holz, deren Bretter in der
Feuchtigkeit weich geworden waren.

Hinter dem Flu fing es an, finster zu werden. Die Ferne rckte mehr und
mehr in die dunkle Weite zurck. Auf dem verdunkelten, tiefen Himmel
leuchteten still und unmerklich Sterne auf; alles war voll jener
feierlichen Stille, in der etwas Unsichtbares majesttisch und ruhig
ber der Erde zu schweben scheint.

Nur tief unten auf dem Flu brllte gedehnt, mit unbegreiflich banger
Wehmut die Dampfpfeife eines Schiffes auf, als ob sie vor etwas warnen
oder an ein trauriges und unvermeidliches Ereignis erinnern sollte, und
auf der breiten, glsernen Wasserflche, die eigentmlich hell blieb,
whrend alles von finsterem Schwarz umhllt wurde, zeigte sich ein
unruhiger, schwarzer Flecken, der hinter sich einen gleichmigen,
breiten Streifen zurcklie.

Auf dem Boulevard war es menschenleer und de. Nur aus den Fenstern des
Klubs fielen gelbe Lichtstreifen, in denen sich lautlose Schatten
bewegten, auf die Erde, und dicht an dem Abhang schimmerten undeutlich
einige dunkle Gestalten. Zitternde Feuerchen von Zigaretten leuchteten
auf, und schon aus der Ferne erschollen Stimmen und Lachen. Lande ging
ruhig und still darauf zu und lchelte. Er war elastisch aber
schwchlich; seine Schritte waren auf dem weichen Boden fast nicht zu
vernehmen.

... Singen wir ein Lied oder rufen wir mal, da man es am anderen Ufer
hrt! sprach eine klangvolle, weibliche Stimme; ihre Worte blitzten
weich und freudig durch die dichte, warme Luft.

Fangen Sie nur an, antwortete eine frische Mnnerstimme; jemand
lachte.

Lande kam nher und sagte:

Guten Tag!

Er sprach leise, aber deutlich und ruhig und wurde sofort gehrt.

Ah, Lande! rief ein junger, eckiger Student Schischmarjow freudig und
so laut, da es in den Ohren klang; ber die Kpfe der anderen weg
reichte er eine groe Hand, die aus den kurzen rmeln der Litewka
herausguckte.

Zart lchelnd drckte ihm Lande mit Vergngen, lange und fest, die Hand
und begrte ebenso liebevoll und zrtlich auch die anderen. Alle nahmen
freudig und lebhaft seine magere Hand, und in dieser allgemeinen Freude
lag so viel Schnes, so aufrichtige Einfachheit, da selbst ein
zugereister Maler Molotschajew, ein groer, starker Mensch, mit breitem
Hut, der Lande noch nie zuvor gesehen hatte, von ihr angesteckt wurde.
Als der auf ihn zukam und ihn anredete: Ich bin Lande, machen wir uns
bekannt, antwortete der Maler:

Mit groem Vergngen! und blickte ihm lchelnd ins Gesicht, blickte
Lande gleichsam durch die reinen und ruhigen Augen in die Seele.

Ich habe bereits von Ihnen gehrt! fgte er hinzu.

Seine Stimme war fest und klingend, wie wenn man an eine Messingglocke
anschlgt.

Wirklich? fragte Lande, lchelte und wandte sich sofort ab. Aber darin
lag keine Gleichgltigkeit, sondern eine gewisse verborgene Intimitt,
als ob er das lngst gewut htte.

Wovon sprecht Ihr denn? fragte Lande.

Marja Nikolajewna mchte zu gern auf den Mond springen! gab lachend
der kleine Student zurck.

Das ist nett von ihr! Lande nickte ihr liebenswrdig zu.

Ein kranker Student, Ssemjonow[3], hustete heiser.

Du bist noch immer krank? fragte Lande zrtlich und nahm ihn an den
Schultern.

Immer noch ... erwiderte Ssemjonow traurig, wie frher.

Na, ist nicht so schlimm! meinte Lande, aber seine Stimme zitterte.

Nein, Bruder, ich bin ganz kaputt! erwiderte Ssemjonow, wobei er sein
von der Krankheit greisenhaft gerunzeltes Gesicht zu einem unnatrlichen
Lcheln verzerrte; durch seine Stimme brach wider Willen fein und grell
scharfe Verzweiflung. Bald wird aus mir das schnste Unkraut sprieen!

[Funote 3: Die Figur Ssemjonow wurde spter von Artzibaschew auch in
seinen Roman _Ssanin_ herbergenommen, in dem auch auf Lande
zurckgegriffen wird.

                                                            D. bers.]

Alle wurden still. Ein kalte, fremde Regung, die ihnen aber doch
entsetzlich nahe war, richtete sich in ihrem Innern auf. Deutlich klang
die leise Stimme Landes, wie eine schwach aufgezogene Saite, als er
sprach:

Aber nicht doch, Tubchen! So soll man nicht ber etwas reden, das
niemand wei. Wir werden alle einmal sterben, nicht ich, nicht du
allein, nein alle, und wir werden es alle gleich erfahren, ob es ein
Ende, ein Unkraut ist, wie du sagtest, oder ein neues Leben. Alle!
Fhlst du denn wirklich nichts hinter diesem Wort? Unmglich kann doch
eine solche Kraft von Leiden, Lieben und Denken spurlos verschwinden,
einfach als Unkraut aufgehen. Alle fhlen das auch und glauben es, auch
du glaubst es. Nur willst du nichts glauben, weil du dich wie ein Kind
vor dem Neuen, Unverstndlichen frchtest. Wir kennen doch den Tod
nicht, und an ihm ist uns gerade furchtbar, da wir ihn nicht kennen
...

Die naive Aufrichtigkeit, die aber in ihrer Einfachheit feierlich
wirkte, mit der Lande seine unklaren, in der Luft wogenden Worte sprach,
umzog das gequlte Gehirn wie ein unfabar weicher Duft, wie ein warmer
Strahl, der die Seele liebkost, das gespannte Denken beruhigt, es auf
etwas Unbestimmtes und Helles ablenkt, wie zu einer fernen Morgenrte
hin. Eine kindlich zutrauliche Hoffnung leuchtete schchtern in der
dunklen Tiefe des zitternden Herzens auf, und ohne sich weiter in Landes
Worte zu vertiefen, sie allein mit dem Gefhl aufnehmend, lchelte
Ssemjonow ruhiger und heiterer.

Selig sind, die glauben! sagte er leicht scherzend. Alle atmeten
freier auf und kamen wieder in Bewegung. Das unsichtbare, kalte Gespenst
trat leise zurck und nahm seine frchterlich schwere Hand von ihrem
Gesprch.

Ein hochgewachsener Mensch, schwarz wie ein Schatten, kam den Boulevard
hinunter; seine langen Beine scharrten ber den raschelnden Sand.

Da ist Firsow, sagte Lande und rief, ein wenig seine Stimme
anstrengend: Firsow!

Wer ist das? fragte Molotschajew leise.

So ein Beamter am Kameralhof ... Schischmarjow machte eine wegwerfende
Handbewegung. Er schien auf Lande rgerlich zu sein.

Der schwarze Schatten blieb langsam stehen.

Das sind Sie wohl, Iwan Ferapontowitsch? fragte eine knarrende,
hlzerne Stimme mit einem undeutlichen Nebenklang, soda man den Ton,
der in ihr lag, nicht erkennen konnte.

Ich, rief Lande zurck.

Fe schlrften, und der flache Schatten verwandelte sich allmhlich in
einen langen, drren Menschen. Firsow kam nher.

Willkommen bei uns, Iwan Ferapontowitsch, willkommen!

Mit bertriebener Freundlichkeit setzte er zu sprechen ein und drngte
sich ber die Fe der Sitzenden hinweg zu Iwan Lande. Es machte den
Eindruck, als ob er sich Mhe gab, nach Mglichkeit zu lrmen und
begeistert zu sein.

Passen Sie auf! ... Sie! bemerkte unfreundlich Ssemjonow.

Guten Abend, Firsow! Wie geht es Ihnen? sagte Lande mit festem
Hndedruck.

Ja, antwortete Firsow, die Hnde reibend, wie sollte es mir schon
gehen? Dienst und wieder Dienst. -- So geht das ganze Leben! Doch
natrlich lebe ich auch im Geiste. Wenn ich in der Kirche bin, da
erneuere ich mich.

Durch seine Stimme klang, whrend er von seinem Leben sprach, kaum
hrbar ein falscher Ton von Selbstbeweihrucherung, als wollte er damit
vor Lande prahlen.

Reich ist Ihr Leben gerade nicht! bemerkte Schischmarjow mit
unverhohlenem Spott.

Mit einer langsamen, fast knisternden Bewegung wandte sich Firsow zu
ihm.

Meinen Sie? Mit zusammengepreten Zhnen fgte er hinzu: Einen
greren Reichtum als die Gemeinschaft mit Gott kenne ich nicht. Sie
denken darber wahrscheinlich anders.

In seiner Stimme zitterte leise eine versteckte Drohung, doch
Schischmarjow blickte ihn verchtlich an und wandte sich ab.

Tja ... sagte Firsow gedehnt nach einer Pause. Iwan Ferapontowitsch,
ich hatte neulich hier auf dem Gericht als Geschworener zu tun. Eine
ganz interessante Sache kam uns in die Hnde. Verstehen Sie, ein
Arbeiter war wegen schweren Diebstahls angeklagt ... frher war er hier
auf der Dampfweberei als Meister gewesen. Ich glaube, Sie kennen ihn
brigens: Tkatschow heit er ...

Tkatschow? rief Lande erschrocken. Das ist ja nicht mglich!

Jawohl, meinte Firsow vergngt. Wegen Diebstahls. Die Sache ist an
sich eine Bagatelle, aber sein Verhalten ... Denken Sie sich nur: er
wollte keinen Verteidiger haben; er plaidierte selbst. >Ich habe
gestohlen, natrlich,< sagte er, >aber, meine Herren Geschworenen, wer
von Ihnen ohne Snde ist, der soll mich als erster verurteilen.< Eine
Gotteslsterung, im Grunde genommen! Aber doch verstand ich da erst,
welche Macht in diesen Worten liegt ...

Auf die Worte kommt es hier gar nicht an! warf Ssemjonow ein.

Firsow sprach in uerster Entrstung:

Nein, gerade auf diese Worte! Nur auf die Worte!

Und er versuchte unklar auseinanderzusetzen, da gerade diese Worte wie
ein Wunder, als Gotteswort, ganz unabhngig von dem Menschen, der sie
aussprach, um sie auf sein eigenes, bitteres Leben zu beziehen, auf die
Herzen schlugen. Aber alles, was er sprach, war so trocken und ohne
Leben, da ihm niemand zuhrte.

Marja Nikolajewna streckte ihren Arm, der in dem weiten, weien rmel
wie der Flgel eines groen Vogels aussah, in die Luft und rief
frhlich:

Der Mond, der Mond geht auf!

Firsow brach jh ab und blickte sie gekrnkt an.

Tja, allerdings ... Der Mond ist wahrscheinlich wichtiger!

Alles ist wichtig, sagte Lande beruhigend und lchelte zrtlich.

Aus der tiefen Finsternis lugte hinter dem schwarzen Horizont etwas
Rotes hervor und wurde allmhlich runder und grer. Im dunklen Wasser
glnzten sofort Funken auf, und eine feine, zittrige Brcke von Gold
spannte sich geradlinig von einem Ufer zum anderen, wie eine
geheimnisvolle, wortlose Aufforderung, in eine neue, azurne Welt
hinberzusteigen.

Wie schn! rief Marja Nikolajewna mit voller, begeisterter Stimme, und
freudig leuchtete diese frische und krftige Stimme ber den Abhang.

Lande richtete seinen Blick auf sie und schaute auf ihr junges, schnes
Gesicht, das mit tiefen Augen an ihm vorbei in die Ferne sah.

Iwan Ferapontowitsch, sagte Firsow mit trauriger, knarrender Stimme,
whrend er sich erhob, wir werden uns gewi noch sehen ... Jetzt mu
ich gehen.

Gewi sehen wir uns noch! sagte Lande, indem er weich und schwach
seine Hand mit den kalten, feuchten Fingern drckte.

Firsow verabschiedete sich schweigend von den andern und ging, die Fe
ber den Boden schleifend, fort.

Welch Vergngen macht es dir, mit dem anzufangen! Schischmarjow zuckte
khl die Achseln, als er fort war. Ein Mucker, ein Geizhals ... treibt
sich in Kirchen umher und qult zu Hause sein Kind.

Er ...

Ach, sprechen wir nicht davon, bitte! fiel ihm Schischmarjow gergert
ins Wort.

Lande lchelte traurig und verstummte.

Der Mond tauchte ber der Erde auf und hing rund und schweigsam in der
Luft.

Hier, malen Sie mal so etwas, Molotschajew! sagte Marja Nikolajewna,
ohne den Kopf zu wenden. Ich werde Sie dann gleich fr einen groen
Knstler halten!

Molotschajew blickte schweigend auf den Mond, seine Augen weiteten sich
und wurden weicher und tiefer, als ob er etwas Geheimnisvolles und
Groes she, das fr niemanden auer ihm sichtbar war.

Schischmarjows Augen folgten ihm mit verchtlicher Aufmerksamkeit.

Gleich wird er es malen! Er wandte sich an Lande und fing eilig,
scharf und besorgt an, zu sprechen. Lande, wir hatten auf der
Werschilowschen Mhle folgende Geschichte: Werschilow wollte seinen
Arbeitern faules Fleisch geben, und da haben sie ihm die Fenster
eingeschlagen und den Geschftsfhrer durchgeprgelt ... Zweiundzwanzig
Mann sind verhaftet.

Na, Lande, hatten die Leute recht? fragte Ssemjonow mit gutmtiger
Ironie.

Ja ... antwortete Lande fest.

Ssemjonow stie einen unbestimmten Laut aus und wurde dster.

Ihre Familien sind in einer entsetzlichen Lage ... Eine furchtbare
Geschichte! Schischmarjow schttelte den Kopf. Wir haben hier einiges
fr sie getan, -- -- aber ...!

Alle schwiegen. Lande blickte auf den Boden und bewegte ein wenig seine
dnnen Finger.

Ssemjonow hustete leise; der Schall hallte deutlich ber dem Abhang
wider. Unmerklich, wie auf Schleichfen, stieg der Mond ber etwas
Schwarzem, Unbegreiflichem immer hher und hher; je hher er stieg,
desto begreiflicher und heller wurde dieses Schwarze, und bald lag das
gegenberliegende Ufer klar, wenn auch gespensterhaft, vor ihnen, und
weie Nebelstreifen wurden auf den Wiesen sichtbar. Auch aus dem Flusse
hob sich der gleiche, kalte Nebel, und weie, schweigsame Schatten
begannen ber das kalte, tiefe Wasser zu gleiten.

Feucht und kalt wurde es. Ssemjonow knpfte seinen Paletot zu, stlpte
sich die Mtze tief ber den Kopf, soda seine Ohren tief in ihr
steckten, und stand auf.

Ich mu nach Hause ... sagte er. Es wird kalt ... Und du, Ssonja,
kommst du mit?

Nein, antwortete nachdenklich ein Mdchen, so dnn wie ein Grashalm,
das die ganze Zeit unbeweglich dicht ber dem Abhang gesessen hatte.

Wie du willst ... sagte Ssemjonow gleichgltig mit trber Stimme. Es
ist kalt ... Komm mal zu mir, Lande!

Gut!

Auf Wiedersehen!

Was? fragte Molotschajew mechanisch.

Der Maler ist in Gedanken versunken! Auf Wiedersehen!

Ssemjonow bckte sich krankhaft und ging langsam den Boulevard entlang.

Hre, Ljonja ... meinte Lande pltzlich langsam; es war merkbar, da
er die ganze Zeit darber nachgedacht hatte. Man mu diesen Menschen
helfen ...

Ja, was mglich war, ist getan worden. Es gibt kein Mittel antwortete
Schischmarjow.

Lande stand auf.

Weshalb keine? sagte er nachdenklich. Du mut morgen zu mir kommen
... Ich gehe jetzt. Meine Mutter wartet auf mich.

Es wurde bald sehr kalt. Die Erde wie der Himmel, das Wasser, die
Gesichter der Menschen -- alles wurde hellblau und schien durchsichtig
und khl zu sein, wie blaues Eis. Schischmarjow ging mit Ljonja nach der
einen Seite, Lande, Molotschajew und Marja Nikolajewna nach der anderen.


                                   II

Ich werde nach Ihnen einen Akt malen! sagte Molotschajew, whrend er
sich nahe an das Gesicht Marja Nikolajewnas, das hell vom Mond bestrahlt
wurde, neigte.

Warum nicht gleich zwei! lachte sie, und ihre Augen funkelten vor
frhlichem Vergngen.

Lande hob den Kopf, sah sie an und sagte:

Das ist gut ...

Er wollte ihnen sagen:

... Das ist gut, da ihr beide so jung, so schn und da ihr so
ineinander verliebt seid! Er sprach aber nicht weiter und lchelte nur.

Was wollen Sie also fr die Arbeiter tun? Marja Nikolajewna erinnerte
sich an Landes Worte und machte ein ernstes Gesicht.

Lande schlug leise die Hnde auseinander.

Auch nichts besonderes ... nur so, fr die allererste Zeit ... ich habe
Geld ...

Molotschajew blickte ihn an. -- Von diesem mondbeleuchteten, mageren,
gar nicht schnen Gesicht mit den groen, herrlichen Augen wehte eine
schlichte und unentwegte Entschlossenheit auf den Maler hinber. Ein
Gefhl unangenehmen, unbestimmten Neides regte sich in Molotschajew, als
ob sich in der Tiefe seiner Seele irgend ein versteckter, trber Geist
unter einem Lichtstrahl zusammenzge.

Wollen Sie es hingeben? fragte er, mit einem mitrauischen Zug um die
Lippen.

Ja, antwortete Lande.

Das ganze Geld? fragte Molotschajew wieder, als hrte er einen
schlechten Scherz.

Ich wei wirklich nicht, mein Tubchen ... antwortete Lande gutmtig,
dabei selbst berlegend, als ob er sich mit ihnen beratschlagte.
Vielleicht auch das ganze ... je nachdem es notwendig ist.

Und Sie ... haben Sie viel Geld? sagte Molotschajew mit verstellter
Ironie ... Er macht sich originell! dachte er, wurde aber sofort
rgerlich, weil er fhlte, da er nur aus Neid die Unwahrheit dachte.

Marja Nikolajewna sah Lande aufmerksam an.

Ich habe ...

Lande strich die Mtze zurecht und fuhr ruhig fort: Nicht sehr viel ...
ich habe vier Tausend.

Und wieder mute Molotschajew denken:

... Hat doch eine wirkungsvolle Pause gemacht!

Dann blickte er zufllig auf Marja Nikolajewna und verga an Lande.

Sie haben ein Gesicht wie aus einem Stuckschen Gemlde wenn Sie lachen
oder wenn Sie nachdenklich werden! sagte er mit begeisterter,
aufrichtiger Stimme, und seine Augen glnzten freudig.

Marja Nikolajewna lachte; ihre weien Zhne schimmerten unter dem
Mondlicht fr einen Augenblick hell und geheimnisvoll zwischen den
scharfumrissenen, halbgeffneten Lippen. Lande blickte sie an und sah,
da ihr Gesicht in der Tat wei und krftig, zart und brutal war, wie
auf einem Gemlde von Stuck. Und sie war auch sonst so hochgewachsen,
schlank und krftig; ein frischer und erregender Duft strmte von ihr
aus.

Wollen Sie ihnen wirklich gleich alles geben? fragte Marja Nikolajewna
Lande und versuchte ihr Gesicht vor Molotschajew zu verbergen.

Gleich alles geben! lchelte Lande freudig und zrtlich ihrer
Schnheit und ihren klaren Augen zu.

Auch seine Stimme war so ruhig und innig, da Marja Nikolajewna fr
einen Augenblick nachdenklich wurde. Irgend eine warme und sanfte Saite
hallte feinfhlig im Innern ihrer Seele wider.

... Reizend ist er und ganz eigenartig ... Ein Seliger. Sie erinnerte
sich wie Ssemjonow einmal Lande genannt hatte ... Nein, er ist kein
Seliger.[4]

Sie wnschte, da er es nicht wre. Nicht weil er vor ihr stand. Aber in
dieser Nacht stieg das Verlangen in ihr auf, da jenes Machtvolle und
Schne, das im Mondenschein, im gestirnten Himmel, in der
feierlich-ruhig schlafenden Erde um ihr war -- jetzt auch, im Lebendigen
und Bewutsein schlicht und einfach aufleuchte.

Ich mu hier ... Lande war unschlssig. Er wre am liebsten mit ihnen
zusammengeblieben.

Adieu! Molotschajew reichte ihm khl und hastig die Hand.

Lande berlegte; dann ging er still lchelnd fort.

... La sie schon ...! sagte er sich; seine Seele wurde weit und
gerhrt, als umarmte er die ganze Welt.

Marja Nikolajewna ging lange schweigend neben Molotschajew; feierliche
Stille schien auch ihre Seele zu berwltigen.

Dieser Lande ist wohl bergeschnappt! meinte Molotschajew. Ein Narr
... Vielleicht nicht mal ein Narr, ganz im Gegenteil! fgte er mit
einer Grimasse hinzu; doch pltzlich fuhr er nachdenklich fort:

[Funote 4: Im Volksmund die Bezeichnung fr religis berspannte
Personen.

                                                            D. bers.]

Sein Gesicht ist nicht schn, aber sehr interessant.

Sie wissen nur von Ihrer Kunst etwas; -- nichts mehr! sagte Marja
Nikolajewna, lachte halblaut und wandte ihr Gesicht dem Mond zu.

Nein, ich sehe alles Schne! erwiderte Molotschajew, wobei er in diese
unbedeutenden Worte einen besonderen Sinn legte, der aber ihr nahe und
verstndlich war.

Und auer dem Schnen?

Wei es der Teufel! Wohl nichts! Molotschajew zuckte die eine Achsel.

Marja Nikolajewna lachte. Unter der weien Bluse hob sich durch das
Lachen ihre Brust; sie sah bei dem Mondenschein, scharf umrissen von
tiefen, feuchten Schatten, fast nackt aus.

Mit weitgeffneten Augen schaute Molotschajew sie an; es trieb ihn
gebieterisch zu ihr. Er beugte sich nieder und sah von der Seite ihre
dunklen, glnzenden Augen, die nicht auf ihn blickten, die wortlos zu
warten und etwas geheimnisvoll zu verheien schienen.

Es war still. Nur irgendwo fern hinter den dsteren und kalten Husern
schlug einmal ein kleines Hndchen an.

Eine seltsam gespannte Erregung steckte in allem.

Leben mchte ich! sprach Marja Nikolajewna erst leise, aber ihre
Stimme wurde wie von selbst lauter und strker. Etwas tun mchte ich,
lieben mchte ich ...

Pltzlich brach sie in unerwartetes klingendes Lachen aus. Auf den Mond
springen mchte ich, wie es Schischmarjow nennt!

Schlafen, schlafen gehn! fgte sie mit singender Stimme hinzu. Das
ist es! Auf Wiedersehen!

Auf Wiedersehen ... antwortete Molotschajew immer noch zitternd und
seufzte tief auf.

Sie standen schon an der Pforte zu ihrem Haus.

Auf Wiedersehen!

Leichte Schritte klangen hinter dem Zaun. Irgendwo schnappte einmal und
ein zweites Mal ein Schlo; man hrte, wie die Tr schwer nach innen
nachgab, jemand schlfrig irgend etwas fragte, und wieder alles still
und leer wurde.

Molotschajew ging lange durch die leeren, vom Mondlicht berschwemmten
Straen, sah auf die ferne Mondesscheibe und dachte an nichts, obwohl er
voller Freude war.


                                  III

Als Lande nach Hause kam, sa seine Mutter am Tisch; sie wartete
augenscheinlich schon lange mit dem Abendbrot auf ihn.

Zu Hause war es seit dem Tode ihres Mannes leer und de; sie tat sich
selber leid. Ihr schien, da alles in der Welt zu Ende, gestorben sei;
ihr Leben war durch eine dunkle und verhngnisvolle Macht in zwei
gleiche Hlften gespalten worden. Das, was frher in ihm langweilig und
schwer gewesen war, verga sie und sah hinter sich furchtbar weit, alles
nur freudig und warm, wie von hellem, wrmenden Licht durchstrmt. Jetzt
aber blieb es kalt und leer. Nur wenn sie an den Sohn dachte, flimmerte
etwas Lichtes vor ihr auf, und sinnvoller wurde alles, was sie tat.

Wanja? fragte sie leise hinter der Lampe.

Ich bin es, Mtterchen! antwortete Lande, warf seine Mtze auf den
Tisch, ging auf sie zu und setzte sich neben sie, den Kopf gegen ihre
volle, aber nicht mehr elastische Schulter, die warm wie eine Ofenbank
war, gelehnt. Sie streichelte ihn ber den Kopf, ber die lockeren, sehr
weichen und hellen Haare und dachte, da ihre ganze Zukunft und Freude,
ihr Glauben und Sinn, ihr ganzes unbegreifliches, frchterliches Leben
nur noch in diesem Sohne ist.

Willst du essen? fragte sie und legte ihm die Hand auf die Schulter.

Ja. Lande fing an, ihre volle Hand mit den kurzen, verschrumpften
Fingerchen still und zrtlich zu kssen.

Mein lieber Junge! sagte die Mutter mit Trnen in den Augen.

Mutter, was hat uns Vater eigentlich hinterlassen. Alles in allem?

Die Mutter war ber die Frage nicht im geringsten verwundert, weil Lande
darber klar sein mute, ob er weiter studieren knnte oder nicht.

Nicht viel, Wanja ... sagte sie traurig, whrend sie an etwas anderes
dachte. Hier das Haus, und dann die Pension hat man mir, Gott sei Dank,
nicht zu schlecht bewilligt. Aber an Bargeld haben wir nur vier
Tausend.

So dachte ich es auch. Das Haus und die Pension gehren dir
selbstverstndlich, Mama, und das Geld, erlaube, da ich es jetzt nehme
-- ich brauche es ... Lande empfand im gleichen Augenblick, da ein
schweres, banges Gefhl seine Seele durchstrmte.

Ah ja ... nimm, nimm es ... es ist dir ja auch vermacht worden ...

Die Mutter sah Lande nachdenklich an und strich mit der Hand ber sein
Haar.

Was willst du denn damit anfangen? fragte sie still und zrtlich, ihm
wie einem Kind zulchelnd.

Nicht fr einen Augenblick kam Lande der Gedanke, ihr es zu
verschweigen. Er sah ihr in die Augen schlicht und klar, sein Gesicht
wurde heller, und er antwortete freudig:

Ich will es den Familien der Arbeiter geben, die Werschilow auf die
Strae geworfen hat.

Was? fragte die Mutter. Sie lchelte und sagte: Ein Dummchen bist du,
ganz ein Kind, obgleich du schon einen tchtigen Bart hast.

Lande lchelte traurig und schwieg.

Mach aber nicht etwa Ernst damit! Von dir wre es schon zu erwarten!
sagte sie, pltzlich mit einer ganz anderen, mit banger und warnender
Stimme. Doch ehe sie noch zu Ende gesprochen hatte, sah sie an seinen
klar und fast zu weit geffneten Augen, da er es wirklich im Ernst
meine. Eine Minute schwieg sie und starrte ihm erschrocken ins Gesicht,
dann meinte sie, mehr um sich zu beruhigen: Unsinn! Und was wird denn
aus dir selber?

Irgendwie wird es sich machen ... sagte Lande traurig. Er fhlte, wie
eine unbersteigbare, eisige Mauer unsichtbar zwischen ihnen aufstieg.

Unsinn! wiederholte die Mutter hartnckig, als ob sie sich gegen etwas
Feindseliges und Bses wehren msse. Und tatschlich waren auch seine
Absichten fr sie unannehmbar, weil dadurch alles in Nichts aufgelst
wurde, womit sie ihr langes, emsiges Leben aufgebaut hatte.

Er antwortete nicht mehr. Er schwieg und fhlte, wie sich ein blutender
Fetzen aus seinem Herzen ri.

Als er nachts im Bett lag, dachte er:

... Was tun? Die Mutter wird es nicht verstehen und nicht verstehen
wollen. Es wird fr sie ein furchtbarer Schlag sein; aber ich kann nicht
anders ... Wir wrden uns einander in den Weg stellen, und da ich sie
liebe, mte ich ihr nachgeben. Und das darf nicht sein! Also mu ich
von ihr fort ...

Ein heies Gefhl entstieg diesem Entschlu; doch in der dumpfen
Finsternis verlschte es sofort wieder; er empfand sich pltzlich
einsam, von allem losgerissen. Zum ersten Mal in seinem Leben sollte er
die Verbindung mit einem unendlich geliebten Menschen abbrechen; es
schien ihm unsagbar schwer, er bangte sich davor. Da sah er pltzlich
den todkranken Ssemjonow auf sich zukommen; eine unerklrliche Erregung
durchwhlte ihn.

... Hier liege ich nun, dachte er, allein mit der berzeugung, da ich
alles zerbreche, da ich Kummer und Schmerz zufgen mu; und vielleicht
ist dennoch ... trotz allem ... nichts weiter um mich, nichts vorhanden,
nur Leere, unendliche Leere ... Da sind irgendwo Sterne, nichts als
Sterne! Und ich bin nicht einmal ein Sandkorn, viel weniger, unendlich
weniger, mein Leben ist in der Ewigkeit kaum ein Augenblick, fast als ob
es gar nicht existierte ... Und ich lebe, glaube, gebe selbst von meinem
Leben ab ... Was tue ich denn?

Die Haare bewegten sich auf seinem Kopfe, das eine Bein zitterte
unaufhrlich. Fr einen Augenblick glaubte er, in irgend einer kalten,
toten und majesttisch-furchtbaren Leere zu hngen. Unten und oben,
alles ist dunkel und leer. Dann erinnerte er sich an ein Ktzchen, das
ein Kutscher Werschilows in seiner Gegenwart am Genick packte, hoch hob
und dann gegen den Boden schleuderte. Das Ktzchen war auf der Stelle
tot. Ihm kam es vor, als ob er selbst, am Genick gepackt, in der Leere
hnge, dem Tode nah, und hilflos seine Glieder bewege. Und gleich wird
er niedergeschleudert werden, ein donnernder Schlag trifft ihn, und
alles wird still, unbeweglich, dunkel sein. Das Gefhl der Einsamkeit
wurde fr seine berreizten Nerven unertrglich; es trieb ihn, von
jemandem zu hren, da er nicht in dieser Welt, die riesig wie eine
Ewigkeit ist, allein sei.

Krampfhaft warf Lande den Kopf zurck. Seine aufgerissenen Augen
starrten gespannt in einen schwarzen Abgrund, der sich vor ihm auftat,
sein ganzes Wesen zerflo in berquellender Verzckung; unwillkrlich
begann er, zu einem zu beten:

... Herr, Herr ... Herr Gott ...

Seinen Kopf durchwirbelten in unglaublichem Chaos Gedanken, flimmerten,
schlugen zusammen, verwickelten sich ineinander; alles in ihm ging in
dem Gebet auf. Ihm kam nichts als diese Worte in den Kopf; in ihnen
drngte sich sein ganzes Selbst zusammen, und in dem berma der
Spannung, die bis an die Grenzen des Ertragbaren ging, wuchs etwas
Machtvolles, Groes, das unmglich zwecklos sein konnte, heran.

... Herr, Herr!

Und er fhlte, da ihm jemand zuhre, gebieterisch und ruhevoll.

Pltzlich begann in dem Wirbel der Gedanken, unerwartet, unbewut fr
ihn selbst, ein einziger Gedanke hervorzutreten, zu erstarken und
aufzuleuchten.

... Ich bete, whrend ich in einem warmen Bett liege; und die Arbeiter
Werschilows schlafen jetzt nach einem schweren, auswegslosen Tag auf
kahlem Fuboden ...

Er blieb etwas stehen und lauschte erwartungsvoll, in ihm und um ihn.
Alles war still, gespannt still, und Lande vernahm jeden seiner schweren
und krampfhaften Atemzge.

... Ja, was soll denn daraus werden? Was soll ich tun? fragte er den in
ihm um Rat. Und tief in seiner Seele entstand, erst unmerklich, dann
immer strker und klarer, der abgerissene Wunsch, aufzustehen und sich
auf den kalten Boden zu legen.

... Doch darauf kommt es ja nicht an! sagte er sich.

Der Trieb wurde immer grer, berwltigend gro und fing an, ihn zu
qulen.

... Herr! er versuchte dagegen anzukmpfen und wieder zu beten, aber der
Aufschrei hallte leer und tot in seiner Seele wider.

Da sprang er, von einem augenblicklichen Verlangen hingerissen, rasch
vom Bette auf, sank in die Knie und legte dann die heie Stirn auf den
kalten Boden. Ringsherum war alles ebenso still und finster.

Seine Augen wurden pltzlich feucht; in seiner Seele wurde es ruhig; es
ging wie ein Aufseufzen nach sehnschtiger Erwartung durch seinen
Krper. Und sofort mahnte er sich daran, morgen den Arbeitern das Geld
zu geben, ihnen alles abzugeben, was er nur geben kann, sich selbst, das
Freudigste und Lichteste in seiner Seele fortzugeben. Wie er es tun
wrde, das wute er noch nicht und an das dachte er auch nicht, wie er
auch nicht mehr daran dachte, da er die Mutter betrben, viele Menschen
gegen sich aufbringen und sein eigenes Leben erschweren konnte.

Ein volles, frohes Gefhl erwachte in ihm und erfllte alles um ihn her
mit breiten, klaren Lichtwellen. Die Furcht schwand wie Rauch. Vom Boden
stieg Klte auf, und sein Krper zitterte; aber es machte ihn glcklich,
als ob er sich dadurch mit jemandem vereinigte und aufhrte, einsam zu
sein. Und dann trat alles in Nichts zurck: die Hrte des Fubodens wie
seine Klte, die Finsternis, sein eigener, halbnackter, lcherlich
zusammengekauerter Krper -- alles trat in Nichts zurck und wurde
unfabar, berflssig.

... Herr, mein Herr! betete Lande wieder mit unstillbarem Verlangen.

Und in diesem angespannt freudenvollen Zustand, der dem grten,
tiefsten Glcke glich, erstarrte er allmhlich, wurde ruhig, verlor die
Besinnung und war auf dem Boden eingeschlafen, als ein grauer,
durchsichtiger Schein sich durch das Fenster schlich.

Es war das letzte Mal in seinem Leben, da ihm Zweifel gekommen waren,
da er fr einen Augenblick in der Voraussicht der schweren Wandlung
beirrt wurde. Nun ffnete sich eine helle und gerade Bahn in seiner
Seele.


                                   IV

Am Morgen des nchsten Tages ging Lande ins Gefngnis. Hinter der Stadt
glnzten die Mauern schon von weitem auf; in scharfem Wei hoben sie
sich lngs der breiten Flubschung von einer zarten, grnen Wiese ab.
Die in der Sonne glnzenden Bajonette einsamer, schwarzer
Soldatengestalten durchstachen krftig die blaue Luft.

Lande wurde zu dem Inspektor gefhrt; einem Mann mit einem langen, so
silberweien Vollbart, wie er auf den flachen Ssusdaler Heiligenbildern
gemalt wird. Der Inspektor starrte Lande hflich an und bewegte mit
fragender Miene seine dnnen, mitrauischen Lippen.

Mein Name ist Lande. Sie kennen mich wahrscheinlich? Ich mchte sehr
gern den Tkatschow sehen -- denjenigen, der vorgestern vor Gericht
freigesprochen wurde. Ich habe erfahren, da er noch hier sitzt.

Der Gefngnisinspektor mit dem Heiligenbilderbart machte eine leise
Bewegung mit den knochigen Fingern.

Das knnen Sie ... Er ist noch bei uns. Sehen drfen Sie ihn,
natrlich! wiederholte er, als ob er sich selbst noch einmal davon
berzeugen wollte. Ich lasse Sie zu ihm begleiten ... Oder soll er
vielleicht hierher gerufen werden?

Ich wrde lieber selbst zu ihm gehen, -- er wird vielleicht gar nicht
zu mir kommen wollen. Ich bin mit ihm eigentlich so gut wie unbekannt.

Der Inspektor fixierte Lande scharf.

Ssidorow, fhre den Herrn hin! sagte er, indem er pltzlich die
Augenbrauen barsch zusammenzog und aufhrte, Lande anzustarren.

Wie drfte ich denn ber ihn verfgen, wissen Sie? sagte ihm Lande
vertrauensvoll. Ich mchte, sehen Sie, ihm vorschlagen ...

Das knnen Sie alles mit ihm selbst besprechen! herrschte ihn der
Inspektor noch barscher an und machte sich mit Papieren auf dem Tisch zu
tun.

Der Inspektor tat Lande seiner Grobheit und Klte wegen leid; er beeilte
sich.

Ein alter, rasierter und borstiger Soldat in schwarzer, sackartiger
Uniform, die unter den rmeln zerrissen war, schob an Landes Seite den
Aufschlag mit den verschlissenen Litzen in die Hhe und sagte:

Zu Befehl, Euer Wohlgeboren! Bitte, Herr!

Lande folgte ihm nach dem Hof.

Der Hof war sauber und gro, aber trotz des weichen Frhlingshimmels,
der ber ihm lag, war die Luft in ihm schwl. Es roch nach saurer
Kohlsuppe, Flickstuben und dem intensiven, penetranten Geruch des
Abortes.

Schn ist es bei Euch gerade nicht ... meinte Lande.

Ssidorow lie die kleinen Bauernaugen ber den Hof schweifen, als suche
er in komischer Ratlosigkeit, was an ihm eigentlich nicht schn sein
knnte.

Jawohl! antwortete er trotzdem so eilig und lustig, als ob es ihm ein
groes Vergngen wre, mit Lande einer Meinung zu sein.

Lande sah, wie schwer und fest der Soldat mit den ungeschlachten
Bauernfen ausschritt, und fgte hinzu:

Ein schlimmer Dienst ist das hier: Menschen zu berwachen.

Jawohl, antwortete Ssidorow ebenso bereitwillig.

Besser wr's doch, im Heimatsdorf auf dem Feld zu arbeiten! fuhr Lande
voll Mitleid mit dem Soldaten fort.

Ja, meinte Ssidorow, auch auf dem Feld zu arbeiten, das ist gut.

Von seiner lustigen, bereitwilligen Stimme kam auch Lande in frohe
Stimmung.

Warum wird Tkatschow bisher noch nicht freigelassen? Er ist doch schon
freigesprochen?

Er will von alleine nicht gehen! antwortete Ssidorow lchelnd.

Warum?

>Ich habe nirgends hinzugehen,< sagt er. So 'ne Geschichte. Ein
komischer Kerl!

Lande wurde nachdenklich; ein trauriger Schatten fiel ihm auf Gesicht
und Seele.

Sie hatten den Hof passiert und gingen durch einen engen gewlbten
Korridor; dort schien es nach dem hellen Sonnenlicht im Hof auffallend
dunkel; berall sah man nur kalten, schmutzig-weien Stein und altes,
grnes Eisen.

Schmutzig und hlich gekleidete Menschen jeden Alters, aber alle mit
gleich blutlosem, ungesund aufgedunsenem Gesicht schlenderten
teilnahmslos aus einer Tr in die andere. Sie begleiteten Lande mit
unfreundlichen und frechen Blicken, blieben an der Wand stehen und
schlichen dann wieder in die Tiefe der feuchten Korridore; in ihren
sinnlosen, gleichgltigen Bewegungen lag etwas furchtbar
Aufpeitschendes. In einer Zelle versuchte jemand zu singen, aber man
konnte merken, da er darauf mehr Kraft verwendete, als ntig war, und
das Singen selbst glich mehr einem Fluchen -- so wild war die Weise und
so viel hliche Worte enthielt das Lied.

Tkatschow! rief Ssidorow frhlich in den Korridor hinein.

Hallo, Tkatschow! He ... du! ... Man ruft dich! Hrst du nicht?
brllten ungeordnet mehrere Stimmen, als ob sie froh wren, nicht mehr
ziellos, sondern mit einem bestimmten Zweck schreien zu knnen.

An der Schwelle einer Zelle erschien ein Mann in einer zu groen
Gefangenenjacke, mager, schwarz. Sein dunkles Gesicht mit
hervortretenden Backenknochen sah Lande dster und mitrauisch an.

Ich mchte zu Ihnen ... Lande reichte ihm die Hand und lchelte
vertrauensvoll; er bemhte sich, durch dieses Lcheln Tkatschow nher zu
kommen und verstndlicher zu werden.

Linkisch und doch, als ob er ber den Besuch gar nicht verwundert wre,
gab Tkatschow die Hand.

Ich wollte mit Ihnen ber einiges sprechen, fgte Lande hinzu.

Tkatschow blickte ihn noch mitrauischer an, bi auf seine dnnen,
trockenen Lippen, trat dann unwillig zwei Schritte zur Seite und sagte
mit gebrochener, etwas dumpfer Stimme:

Hier wohne ich ... da ...

Lande trat hinter ihm in die Einzelzelle ein. Es war ein gewlbtes
Zimmer, so klein, feucht und dumpf, da einem der Gedanke, hier wohne
ein ausgewachsener Mensch und nicht etwa ein kleines verjagtes Tierchen,
sehr sonderbar vorkam.

Tkatschow berlegte eine Weile, zog die Augenbrauen zusammen und schob
dann Lande einen Schemel hin.

Setzen Sie sich bitte ... sagte er mit unbestimmbarem Ausdruck.

Lande lie sich nieder und sah Tkatschow weich an.

Was wnschen Sie von mir? fragte Tkatschow, whrend er unter diesem
Blick unruhig die Augenbrauen zusammenzog.

Wenn er es tat, nahm sein Gesicht nicht einen herben, sondern einen
bemitleidenswerten Ausdruck an, wie er gekrnkten Kindern eigen ist.

Ich wnsche nichts ... erwiderte Lande gutmtig. Ich habe nur von
Ihnen gehrt und bin gekommen.

Wozu denn aber? meinte mitrauisch Tkatschow.

So, mir tat es weh, da Sie so erbittert und unglcklich sind; ich
dachte mir nun, da es Ihnen vielleicht leichter wird, wenn ich zu Ihnen
komme ...

Mitleid? Brauche ich nicht! erwiderte Tkatschow abgerissen und dumpf
und wandte sich nach dem Fenster ab, whrend seine schmutzigen, mageren
Finger an die Tischkante drckten.

Lande ergriff leise Tkatschows Hand.

Wozu sagen Sie das? ... Das ist doch nicht wahr! ... Sie sind doch
unglcklich und erbittert, und gestohlen haben Sie nur, weil Sie wenig
Mitleid und Liebe in Ihrem Leben gesehen haben. Ich bin zu Ihnen ohne
jeden Nebengedanken gekommen, mit offenem Herzen, mit aufrichtigem
Wunsch, Ihnen durch irgend etwas zu helfen ... Warum verletzen Sie mich
also?

Tkatschow blickte scheu auf Landes Hand, die ihn weich und
vertrauensvoll bei den schwarzen Fingern hielt, und errtete pltzlich.

Niemanden brauche ich ... erwiderte er leise aber trotzig und zog
unauffllig seine Hand zurck. Das ist alles dummes Zeug ...

Warum? fragte Lande mit schmerzlich erhobenen Augenbrauen.

Tkatschow wandte ihm seinen Kopf zu und lchelte verchtlich und
angestrengt.

Ihre naive Frage bringt mich in eine dumme Stellung, versetzte er in
hochtrabendem Ton, durch den aber deutlich die Erbitterung klang.
brigens, aus welchem Grunde sollte ich mich denn mit Ihnen einlassen!
Er zuckte mit den Schultern und wandte sich zum Fenster, wo Tauben
girrten, ohne da man sie hinter dem Gitter und den Scheiben vernehmen
konnte.

Da ... ich fttre sie, meine Freunde! sagte Tkatschow nach dem
Schweigen und lchelte verlegen mit einem Winkel seiner dnnen,
abgemagerten Lippen.

Die Tauben? ... Ja! ... Lande war ber dieses Lcheln erfreut und
lchelte selber. Gewi sind sie Freunde! Es ist doch nicht wahr, da es
nur ewige Feindschaft und die Notwendigkeit der Vernichtung gibt ...
Eine solche Notwendigkeit kann es nicht, darf es nicht geben! ... Man
mu im Gegenteil zu schtzen suchen ... alle den Einzelnen und der
Einzelne alle ... und Freunde sein, sogar Brder! Ich glaube, wissen
Sie, da jetzt alles falsch ist, da alles nicht so ist, wie es sein
sollte. Man mu alles verbessern, abschlieen, das ist eben die Aufgabe
des Menschen! ... Ich glaube ...

Ich verstehe Ihre schnen Phrasen nicht! versetzte Tkatschow trotzig
und dster, aber, wie es Lande vorkam, absichtlich schroff.

Lande lchelte traurig.

Ich verstehe nicht, besser zu reden ... Verstehen Sie mich denn
wirklich nicht? ... Ich glaube, doch! ... Ich wollte sagen, da es das
Bse und den Ha an sich gar nicht gibt, da sie nur eine Folge der
Arbeit an der Weltgestaltung sind und da man sie besttigen mu ...

Sieh mal! versetzte Tkatschow spttisch. Wie einfach!

Nein, nicht einfach ... schwer, furchtbar schwer ist es! Aber nicht
unmglich: kein Ha und Zorn ist so stark, da man ihn nicht berwinden
knnte!

Wozu erzhlen Sie das alles? fiel ihm Tkatschow scharf ins Wort.

Lande beeilte sich, ihm zu antworten, als frchtete er, da Tkatschow
fortgehen knnte. Er ergriff wieder seine Hand. Ich sage es Ihnen, weil
ich sehe ... es scheint mir, da Sie aufgehrt haben, an diese
Mglichkeiten zu glauben, Sie meinen gewi, da das Bse ewig ist, da
das Bse berall triumphiert und da man es nicht bekmpfen, sondern ihm
nachgeben soll! Und das wre schrecklich! ... Aber es ist nicht so. Sie
haben einfach den Mut verloren, Sie sind verbittert worden, Sie
verdichten jetzt selbst knstlich die Atmosphre der Feindschaft um
sich, als ob Sie in ihr erst richtig zu atmen gelernt haben ... Ach,
Tkatschow, was fr ein furchtbarer Irrtum ist das! Und Sie fhlen ihn
doch: es wird Ihnen doch schwer, so zu atmen, bedrckend schwer. Ja?

Tkatschow schwieg dster und atmete schwer durch die Nase.

Man soll nicht Feindschaft mit Feindschaft vergelten! fuhr Lande,
Glanz in den offenen Augen, fort, als ob er ber seine Worte gar nicht
nachzudenken brauche, als ob er berhaupt nicht sprche, sondern snge,
das Lied gleich aus dem Herzen quellen lie. Nur so wird sie
berwunden. Und nie fhlte man solche Leichtigkeit, solche Befriedigung,
als dann wenn Sie das Feindselige in sich berwinden, ohne auf fremde
Feindschaft in gleicher Weise zu antworten. Weist Sie denn dieses Gefhl
nicht dorthin, wo der Weg ist? Welche Freude ist es, das zu fhlen!
Welche Marter knnte man nicht um dieser Freude willen ertragen! Und
mgen auch die Menschen zu Ihnen schlecht, ja grausam sein; -- die
ueren Verhltnisse knnen ja bei allen Menschen gar nicht gleich sein,
und mit ihnen kann man sich, im Grunde genommen, leicht vershnen, wenn
nur ...

Haben Sie jemals gehungert? fiel ihm pltzlich Tkatschow bissig ins
Wort. -- Wie, Herr Lande?

Ach, wozu, wozu reden Sie so! in Landes Stimme lag ein Flehen, das
sich in die Seele bohrte. Sie wissen doch, da man Hunger und Qualen
und selbst den Tod fr seine Idee ertragen kann! ... Starben doch
Mrtyrer unter den entsetzlichsten Qualen! ...

Das sind eben Mrtyrer! Tkatschow warf den Kopf in den Nacken.

Meinen Sie denn, Tkatschow, da die Mrtyrer irgendwelche besonderen
Menschen waren? Nein, ich, und Sie, und jeder, selbst der geringste
Mensch, wird alles fr eine Idee ertragen, wenn es nur _seine_ Idee,
sein Gefhl ist! Stimmt das nicht?

Vielleicht wahr ... meinte Tkatschow dster.

Ja, wahr! Landes ganzes Gesicht leuchtete freudig auf. Die Wahrheit
lebt im Menschen, diese riesige Kraft, gerade im Menschen lebt sie! Und
wenn dem so ist, dann kann der Mensch alles erreichen, dann kann jeder
alles! ... Gegen jede Macht ankmpfen und siegen ... Warum haben Sie
gestohlen, Tkatschow?

Tkatschow erzitterte, fing an bla zu werden, so da man sehen konnte,
wie ihm allmhlich das Blut aus dem Gesicht wich, und starrte wtend,
mit weit aufgerissenen Augen, aus denen furchtbare Qual hervorlugte,
Lande an.

Was geht das Sie an? schrie er ihm heiser zu, seinen langen, schwarzen
Hals ausstreckend.

Ich wei warum, sagte Lande mit zitternden Lippen, ich mchte darber
mit Ihnen sprechen ...

Unverwandt durchstach Tkatschow mit einem furchtbaren Blick seine Augen.
Nahe vor sich sah Lande die dunklen Pupillen, die vllig rund geworden
waren; tief in ihnen wurzelte die ohnmchtige, unausreibare Krnkung
und Wut. Aus irgendwelchem Grunde schien Lande, da ihn Tkatschow, wenn
er jetzt blinzelt, niederschlagen oder ihm ins Gesicht spucken werde.
Aber er blinzelte nicht.

Pltzlich senkte Tkatschow die Augen.

Nichts wissen Sie! sagte er leise, grob und herausfordernd.

O doch, ich wei! erwiderte Lande fest. Ich kenne Ihr ganzes Leben,
ich habe viel von ihm gehrt ... Und Sie haben selbst von vielem
gesprochen, als Sie damals vor Gericht die Rede hielten ... Man hat es
mir wiedererzhlt. Sie haben alles so richtig und lebend geschildert, so
da schwerlich ...

Ein trichter, prahlerischer Zug trat in Tkatschows Mienen.

Und Sie meinten wohl, nur Ihr, die Herren Studenten, versteht zu reden?
Nein, die Zeiten sind vorbei! Jetzt ... er redete fort, ohne bei der
Sache zu bleiben.

Sie haben doch auch nur gestohlen, obgleich Sie nie ein Dieb gewesen
sind ... Lande hatte auf das Letzte nicht mehr gehrt. Ich wei, Sie
hatten stets ein bitteres Leben, und doch haben Sie weder gestohlen,
noch tranken oder rauchten Sie. Ich wei auch, wie Sie das Evangelium
studierten, wie Sie aufhrten, Fleisch zu essen ...

Das ist dummes Zeug! erwiderte Tkatschow mit unnatrlicher,
geheuchelter Verachtung.

Nein, gewi nicht dummes Zeug! Es ist eine gewaltige Tat, wenn der
Mensch so an sich arbeitet! Dazu gehrt eine groe, eine ungeheure
Kraft. Und Sie hatten sie, Tkatschow ... Warum fehlt Sie Ihnen jetzt?
Lande fragte fest, flehend und griff nach seinen Hnden. Warum kmpften
Sie nicht bis zum Ende mit sich?

Bis zu welchem Ende? Gestatten Sie die Frage, Herr Lande? Tkatschow
verzog sein Gesicht zu einer schadenfrohen, aber gleichzeitig
bemitleidenswerten Grimasse; er ri seine Hnde los.

Bis zum Sieg, Tkatschow! Alles kann der Mensch besiegen, wenn er um
seine Idee kmpft. Sie hatten die Idee, da alle Menschen Eins sind und
da das Leben und das Gefhl auch Eines, und schn sein mu! Und Sie
wrden gesiegt haben, Tkatschow -- Sie sind ein starker Mensch! Warum
haben Sie also den Mut verloren, was ist geschehen?

Tkatschow schwieg. Auch Lande schwieg mit eigentmlichem Zittern. Die
ungeheure Erregung, in der er sprach, erschpfte ihn. Seine hellen Haare
klebten an der Stirn, Lippen und Hnde bebten und nur die Augen
leuchteten wie frher, in Liebe und Mitleid.

Tkatschow schwieg ziemlich lange.

Hren Sie, Herr Lande, sprach er mit erhobenem Kopf, doch ohne Lande
anzublicken. Sie sagten eben, da Sie mich kennen; es ist richtig. Sie
kennen ... kennen mein ganzes unglckseliges Leben und all das Leid, das
in mir steckt ... Ja ... aber auch ich kenne Sie nicht weniger! Jawohl!
Sie sind ein guter Kerl, -- alle sagen das von Ihnen und ich wei es
auch. Besser als Sie gibt es bei uns in der Stadt, und vielleicht
berhaupt keinen Menschen. ... Ich glaube, da Sie vielleicht ein
heiliger Mensch sind, weil Ihre Seele einfach ist ... gerade so wie
Glas! Erlauben deshalb, da ich frage: wo blieben Sie denn, als all das
mit mir vorging?

Lande hob die Hand.

Nein, erlauben Sie, da ich es jetzt ausspreche! schnitt ihm Tkatschow
mit fester, gehssiger Stimme das Wort ab. Alles haben Sie in meinem
Leben bedeutet, Herr Lande, wenn ich die Wahrheit sagen soll. Ich kenne
Sie schon lange. Sie waren damals noch ein Kind; ich war auch gerade
noch nicht gro, als ... Sehr vieles haben Sie damals fr mich bedeutet!
Erinnern Sie sich aber, Herr Lande, wie ich zu Ihnen wegen Bchern kam?
Sie waren damals in der Abreise, schnrten im Vorzimmer Ihren Koffer ...
Ich hatte vorher drei Jahre auf Sie gewartet, und Sie -- was haben Sie
mir gesagt?

Lande wurde in seiner qualvollen Erregung wie von Krmpfen
durchschttelt.

Tkatschow, Tkatschow, das ist richtig ... aber ... doch ...

Tkatschow wandte ihm ein schwarzes, steinernes Gesicht zu und sagte
durch die gepreten Zhne mit schneidender Stimme: Sie haben mir
gesagt, Sie wollten abreisen ... htten keine Zeit, versprachen spter
einmal mit mir zu reden! Und das war alles ... Und ich erwartete damals
von Ihnen ein Wort fr mein ganzes Leben ... Irgendwas: entweder
verstanden Sie mich nicht, sahen nicht, da es in mir echt war, oder Sie
merkten es, aber Ihre Abreise, Ihre privaten Angelegenheiten waren Ihnen
wichtiger. So, Herr Lande, nicht? Oder verstehe ich es vielleicht
falsch?

Bei Gott schwre ich Ihnen, rief Lande, da ich geblieben wre, wenn
ich Sie damals verstanden htte, Sie waren allein schuld, Tkatschow! Sie
muten offener, energischer an mich herankommen, gerade an die Seele
pochen! Sie sahen doch, da ich Sie nicht verstand!

Tkatschow lchelte langsam und bse.

Ich sah es! -- Das ist es eben, da ich es sah. Das war es auch, was
mich ein fr allemal von meinem Weg abbrachte!

Lande ri weit die Augen auf.

Htten Sie Ihre Abreise, Ihre Interessen, einfach fr wichtiger
gehalten, Herr Lande, als da ein Mensch mit seiner offenen Seele zu
Ihnen gekommen war, so wollte ich wahrscheinlich auf Sie spucken und mir
sagen: >Ein wertloses Menschenvieh, wie alle!< Aber das war es nicht.
Ich sah, da Sie mich einfach nicht verstanden, meine Qual nicht sahen
...

Lande prete die Finger zusammen.

Jedem Menschen kann das doch passieren! Es gibt einen Zustand, den die
Seele im Menschen schlft ... So schlief ich damals auch. Und Sie ...
Warum haben Sie mich nicht aufgeweckt, nicht aus dem Schlaf gestoen?

Wieder lchelte Tkatschow langsam und bse.

Und ich dachte so, Herr Lande ... seine Stimme klang wie eine
feierliche, lngst erwartete, in der Seele brennende Beichte. -- Hier
ist ein Mensch -- der Beste, -- solchen zweiten werde ich in meinem
ganzen Leben nicht finden, selbst ihm an die Seele zu pochen, ist schwer
...

Nicht immer, Tkatschow ...

Na, nicht immer ... Dafr ist es ja diesmal ein besonderer Mensch. Und
auch er mu manchmal ordentlich gerttelt werden, bis er den fremden
Schmerz empfindet! ... Was ist dann erst mit den anderen? ... Die werden
sich schlielich wohl gar nicht aus dem Schlummer stoen lassen? ...
wie, was meinen Sie? fragte Tkatschow spttisch.

Nicht mglich! Man mu rtteln ... man erreicht es schon!

Aber auf diese Weise, wenn man bei jedem Menschen einzeln pochen soll,
werden die Krfte nicht ausreichen. -- Was soll dann noch zum Leben
bleiben?

Tkatschow verstummte triumphierend.

Landes Mienen wurden von einem hellen Schein berzogen: Tkatschow,
schon das ist doch ein ganzes Leben. Der Nachklang dieses Pochens allein
ist schon ein Glck; ein packendes, ungeheures Glck, zu wissen, da
wir, wenn auch nicht in alle Herzen, doch in das gemeinsame Herz der
Menschheit dringen, da das von uns begonnene Pochen nicht abstirbt, da
andere ebenfalls pochen werden, nach uns, da es von Herz zu Herz
dringt, und einst ... Tkatschow! ...

A, ha--a! Tkatschow brach in ein heiseres Lachen aus, -- vielleicht
war es auch ein Schmerzensschrei. Fju! Er stie einen grellen Pfiff
aus.

Ihnen kommt es lcherlich vor, Tkatschow? fragte Lande mit Trnen der
Begeisterung in den Augen. Sie glauben nicht?

Und Sie meinten ja? Das heit also nur in dem Wahn leben, im Leiden
sein Glck zu suchen? Und ich selbst, ich soll ebenso sterben, wie ich
lebte? Als ob ich gar nicht gepocht htte? Oho! Trinken -- Sterben,
nicht Trinken -- auch Sterben! Suchen Sie sich irgendwo anders einen
Narren dazu!

Seine Stimme wurde berlaut, frech und leer. Und wenn Lande noch eine
Hoffnung gehabt htte, da Tkatschow ihn verstehen wrde, so schob sich
jetzt, beim Schall dieser Stimme, mit einem Mal eine unsichtbare,
undurchdringliche Mauer empor, stand unberwindlich zwischen ihnen, und
ihre Khle drang den beiden bis ins Herz hinan.

Tkatschow, begann Lande zaghaft und ratlos. Kommen Sie doch zu sich.
Begreifen Sie denn nicht? ... Gehen Sie von hier fort, -- diese
entsetzliche Umgebung hat auf Sie eingewirkt!

Wo soll ich hingehen? spottete Tkatschow.

Irgendwohin ... zu mir ... Ich habe fr Sie Geld mitgebracht ... Sie
nehmen es und reisen von hier ab, vergessen alles; und wenn die Zeit
vergangen ist, sind Sie zu sich gekommen ...

Geld? fragte Tkatschow mit zusammengekniffenen Augen, und pltzlich
rief er, entsetzlich grob, schroff und verzweifelt: Ich brauche kein
Geld von dir! Mit Geld will er mir das Maul stopfen! Schere dich fort!
...

Tkatschow, Tkatschow, warum? Lieber Tkatschow, ich habe doch ...
stammelte Lande und griff krampfhaft nach seinen Hnden.

Tkatschow ri sich heftig los, wandte sich schroff um und ging rasch aus
der Zelle. Er kehrte jedoch sofort zurck. Auf der Schwelle blieb er
stehen, blickte Lande einige Sekunden unverwandt und scharf an und
sprach dann leise, wie vor sich hin:

Der Selige ... Noch leiser, aber beiend als ob es ein feines Gift
wre, das er ausflieen lie, fgte er hinzu: Die heilige Seele auf
Stelzfen ... Schafskopf! ...

Dann machte er kurz, militrisch kehrt und ging den Korridor entlang.

Tkatschow! rief Lande verzweiflungsvoll. Tkatschow!

Tkatschow antwortete nicht und ging fort.


                                   V

Spt abends kam Schischmarjow zu Lande. Der kleine Student mit den
hastigen Bewegungen und der scharfen Stimme war von dem Entschlu
Landes, sein Geld fortzugeben, vollstndig hingerissen. Aber er hatte
ein ganz eigentmliches Gefhl: das, was Lande tun wollte, entzckte und
rhrte ihn, er empfand eine ungewhnliche Erhebung, aber zur gleichen
Zeit war es ihm peinlich, als ob er selbst etwas schlechtes beging.
Vergebens suchte er sich damit zu beruhigen, da er nichts mit Landes
Entschlu zu tun htte; er konnte die peinliche Stimmung nicht
berwinden. Er trat eilig ins Zimmer ein, drckte Lande die Hand und
sagte, whrend er es vermied, ihm gerade in die Augen zu sehen:

Nun, hier bin ich ...

Lande ffnete sofort die Tischlade und nahm das Geld heraus -- vier
Pakete lange, schne Scheine, die unter seinen dnnen Fingern trocken
raschelten.

Ich wollte dir sagen ... begann Schischmarjow pltzlich, als ob er von
hinten einen Sto bekme, mit erzwungener Stimme. Vielleicht gibst du
nicht alles? ...

Lande erwiderte einfach, als ob er an etwas anderes dachte: Das bleibt
sich gleich; wenn schon, dann Alles. Er berlegte, schwieg eine Weile
und fgte hinzu: Ljonja, ich werde nicht mit dir gehen, verteile es
selbst; ich werde dir sagen, warum: Mutter ist furchtbar bse auf mich,
wegen dieses Geldes ... ich mu sie beruhigen, mit ihr sprechen ...

Schischmarjow nahm unschlssig das Geld.

Siehst du, auch deine Mutter ist unzufrieden ...

ber Landes Gesicht zog ein blasses aber festes Lcheln.

In solchen Fllen darf man nicht an eine Mutter denken! sagte er
ernst.

Schischmarjow rhrte sich immer noch nicht; er fhlte sich immer
peinlicher.

Ich wei wirklich nicht ... meinte er. Wie soll ich denn allein ...

Lande lchelte wieder; jetzt hell und zrtlich.

Irgendwie ... er machte eine gleichgltige Handbewegung.

Dein Herz wird dir schon sagen. Und es ist ja auch wei Gott keine
schwierige Aufgabe.

Na, wie du willst! Schischmarjow willigte ebenso unentschlossen ein
und nahm seine Mtze. Auf einmal tat ihm Lande so leid, da ihm fast die
Trnen kamen. Im Zimmer war es etwas ungemtlich, leer, man hatte den
Eindruck mnchischer Einsamkeit. Lande sah krank und trbe aus. Gegen
seinen Willen fand Schischmarjow seltsam und unbegreiflich, da ein
Mensch, der eine so gute, groe Tat vollbrachte, nicht Freude und Stolz
in seinen Mienen zeigte.

Er ist ein sonderbarer Mensch! dachte Schischmarjow, und dieser
Gedanke schwchte in ihm, fast unmerklich fr ihn selbst, das Gefhl fr
Lande und dessen Tat ab.

Auf Wiedersehen, mein Lieber! sagte Lande.

Wanja! rief hinter der Tr die zitternde Stimme der Mutter.

Ein schmerzlicher Zug strich um Landes Lippen.

Geh, Lieber! sagte er leise, aber fest zu Schischmarjow.

Schischmarjow stand verlegen da. Das Geld brannte ihm in der Hand, als
wenn es gestohlen wre.

Du mut das einfach lassen! sagte er mit einem leichten Unterton
trben, unangenehmen rgers.

Lande schttelte den Kopf.

Nein, sagte er, es mu getan werden. Dort ist entsetzliche Not,
Kummer ... Der Mutter scheint nur, da sie leidet ... Ich mute doch so
wie so dieses Geld fr mich verwenden.

Landes Mutter trat ein. Ihr weiches, von Trauer und Gutmtigkeit
durchschienenes, altes Gesicht sah jetzt aufgeregt und bse aus. Sie
atmete schwer und hufig, so da ihr Atmen in dem ganzen Zimmer hrbar
war.

Lande ging ihr rasch entgegen, nahm ihre beiden Hnde und legte sie auf
seine Brust.

Mama ... sagte er, ihr flehend in die Augen blickend. Nicht doch!

Schischmarjow verbeugte sich linkisch.

Die Mutter ri ihre Hnde los.

Was nicht? begann sie mit schroffer und lauter Stimme, der man anhren
konnte, wie viel sie geschrieen und geweint hatte. Du hast kein Recht
dazu! Der Vater hat nicht sein ganzes Leben lang fr irgendwelche
Bettler gearbeitet! Du Dummkopf!

Geh, Ljonja! sagte Lande traurig zu Schischmarjow.

Die Mutter sprang erregt auf und stellte sich in den Weg, obgleich sich
Schischmarjow noch gar nicht vom Fleck gerhrt hatte. Ihre grauen Haare
zerzausten sich auf ihrer Stirn. Gierige Angst lugte aus den rund
gewordenen, fast wahnsinnigen Augen.

Sie verleiten ihn dazu! schrie sie wtend. Wie unterstehen Sie sich!
Ich werde Sie anzeigen. Das ist Plnderung ... Sie haben sich schon
gefreut! ...

Ich ... stotterte Schischmarjow verwirrt und verletzt.

Geben Sie das Geld her! kreischte die Greisin auf und ri rasch das
Geld mit gekrmmten Fingern, die mit einem Mal knochig und hakenartig,
wie Krallen aussahen, aus Schischmarjows Hand.

Auf dem Gesicht des kleinen Studenten zeigte sich wtende Emprung. So
nehmen Sie es doch, brllte er, die Fuste ballend, so laut, da man es
auf der Strae hren konnte.

Im Augenblick wurde es still. Die Greisin sah ihn mit offenen,
erschreckten Augen an. Schischmarjow wandte sich zu Lande hin, bewegte
die Lippen, rang nach Atem; ein Krampf verzerrte sein linkes Auge und
die eine Backe.

So geht's denn doch nicht, sagte er mit Mhe. Adieu ... ich gehe!

Geh, Ljonja ... antwortete ihm Lande ebenso traurig. Sei mir nicht
bse!

Schischmarjow machte eine Bewegung, setzte eine ratlose Miene auf, als
ob er noch etwas hinzufgen wollte, sagte aber nichts und ging fort. Im
Zimmer wurde es still. Die Mutter Landes hielt die Hand mit dem
festgepreten Geld tief in der Tasche; und Lande sah sie traurig und
sanftmtig mit offenen Augen an. Sie waren zu zweit in dem kleinen
Zimmer, aber jeder fhlte sich, als ob er nur allein wre.

Schlage dir geflligst diese Dummheit aus dem Kopf! sprach endlich die
Mutter mit verkniffener Stimme.

Es ist keine Dummheit ... Lande schttelte den Kopf.

Wem willst du damit imponieren? fuhr die Mutter spttisch fort.
Schmst du dich nicht? Wozu hast du es gebracht! Ihre Worte klangen
pltzlich weinerlich; gleich nahm sie auch die Hand aus der Tasche und
fing an, zu weinen.

Lande schwieg, bitter die Hnde ineinander gefaltet. Im Zimmer war es
dunkel und grmlich.

Du wirst mir spter selbst einmal danken! sagte die Mutter leise.

Ich wei nicht. Hre, Mama, wenn du mir nicht das Geld gibst, werde ich
es nicht von dir verlangen. Mag es fr dich bleiben ...

Die Mutter fhlte sich gekrnkt und beleidigt. Wie du das nur sagen
kannst! rief sie mit Trnen der Entrstung, whrend sie vorwurfsvoll
die Hnde ineinander schlug. Will ich es denn fr mich? ... Wozu
brauche ich es denn! ... Fr mich ist die Zeit zu sterben ... Was du da
sprichst, berlege nur!

Lande schwieg. Dann erst sagte er: Ich wei. Doch nicht das will ich
sagen. Ich liebe Sie ja, Mama, ich liebe Sie herzlich. Aber Sie glauben,
da Sie mich vor dem Untergang bewahren, indem Sie mir dieses Geld
zurckhalten; und ich glaube, da Sie mich dadurch zugrunde richten.
Meinen Sie denn wirklich, da ich das Geld jemals fr mich behalten
werde? Ich wrde es doch fortgeben, ganz gleich, ob diesen Leuten oder
anderen, wenn ich es eben meinem Gefhl nach tuen mte ... Und daher
...

Du bist am Ende ganz verrckt? rief die Mutter entrstet. Und wovon
wrdest du leben?

Irgendwie schlage ich mich schon durch; darber braucht man nicht
nachzudenken! sagte Lande berzeugt.

Du willst mir wohl ewig auf der Tasche liegen? fragte sie giftig.

Nein, ich werde von Ihnen fortgehen. Es ist fr uns schwer, zusammen zu
leben, es geht nicht gut: Sie werden mich nicht so leben lassen, wie ich
mchte; und ich werde Sie qulen ... Lieber will ich allein leben.

Die Mutter ri die Augen auf; das Blut schwand langsam aus ihrem
Gesicht.

Wanja ... was sprichst du! stammelte sie entsetzt.

Lande seufzte still, kam auf sie zu, sank in die Kniee und fing an, ihre
trnennasse Hand zu kssen. Sie blickte auf seinen Kopf mit den weichen,
schwachen Haaren, und fhlte, wie ein unberwindliches Unglck auf sie
heranrckte.

Weine nicht, Mutter, du teure! ... So wird es besser sein ... sprach
Lande kaum vernehmbar mit schwacher, zitternder Stimme.


                                   VI

Marja Nikolajewna sa am offenen Fenster und schaute unverwandt, in
Gedanken versunken auf die lange Strae, deren eine Seite von
grnlich-blauem Mondenschein berflutet war, whrend die andere im
tiefen Dunkel lag. Fern flimmerten hell und khl die Sterne, schwarze
Bume standen wie versteinert im Mondschein. Es war leer und khl.

Aus der Ferne ertnten einsame Schritte, die still und deutlich auf den
Brettern des Brgersteigs widerhallten. Ein unsichtbarer Mensch kam
durch die Nacht, immer nher und nher. Es war sonderbar und
geheimnisvoll, diese Schritte zu hren, als ob sich in der khlen,
klingenden Stille die Tne von selbst nherten und ein eigenes einsames
Geheimnis mit sich trgen.

Marja Nikolajewna lehnte weit aus dem Fenster und als sich in der
Dunkelheit ein schwarzer Schatten abzuheben begann, sah sie genauer hin,
erkannte ihn und rief: Iwan Ferapontowitsch, sind Sie das?

Lande fuhr zusammen und blieb stehen, dann lchelte er freudig und ging
auf sie zu.

Wo gehen Sie hin? fragte das Mdchen, als er direkt vor ihr stand.

Nach Hause ... zu Ssemjonow. Ich wohne doch jetzt bei ihm ... vorlufig
... erwiderte Lande schwach und mde.

Er stand dicht am Fenster, und das Mdchen sah ganz deutlich sein
eingefallenes Gesicht mit unnatrlich groen Augen. Das Gefhl
neugierigen Mitleides, jenes Gefhl, welches Lande stets in ihr
hervorrief, erhob sich in ihrer Brust, ebenso rein, jung und kraftvoll,
wie diese junge Brust selbst.

Iwan Ferapontowitsch ... fragte sie weich; ihr war vor ihm bange. Ist
es wahr, da Sie mit Ihrer Mutter vollstndig gebrochen haben?

Doch sofort erschrak sie und sprach hastig weiter, als ob es ihr um die
unwillkrliche Frage leid tat: Ich frage Sie, weil Sie und Ihre Mutter
mir so leid tun ... und bei Ihnen darf man doch nach allem fragen ...
nicht wahr?

Mich kann man fragen ... antwortete Lande mechanisch. Er hatte
offenbar ihr Erschrecken nicht bemerkt; er sagte traurig und
nachdenklich: Ich habe mit ihr nicht gebrochen, -- ich habe nie und mit
niemandem gebrochen ... Meine Mutter liebe ich auch jetzt -- vielleicht
sogar mehr noch, weil sie unglcklich ist ... Ich bin nur fortgegangen,
um allein zu leben ... Da mute ich eben whlen: entweder nicht so
leben, wie mich meine berzeugung heit, oder fortgehen ... Ich glaube,
Sie htten ebenso gehandelt ... wie ich.

Marja Nikolajewna sah ihn mit zutraulichen Blicken an. Nein, ich knnte
es nicht ... wie kme ich dazu! wehrte sie mit schwachem Lcheln ab.

Wissen Sie, fuhr Lande, der nicht zugehrt hatte, fort, und ein Ton
feierlicher Trauer lag in seiner Stimme, -- es ist leichter das Leben
zu opfern, als ... doch nein, ich verstehe nicht, es auszusprechen! ...
er lachte pltzlich kurz und traurig auf und verstummte.

Wo waren Sie denn? fragte Marja Nikolajewna nach einer Pause.

Im Kloster, antwortete Lande.

Haben Sie zu Gott gebetet? fragte scherzhaft das Mdchen.

Nein, ich ging so hin ... dort ist es so still ... Und brigens, ich
habe auch gebetet ... erwiderte Lande ernst, als ob er ihren Scherz
weder verurteilen, noch an ihm teilnehmen knne.

Glauben Sie denn an Gott? fragte sie mit jugendlich leichtsinniger
Neugierde.

Lande blickte sie an.

Es ist unmglich, nicht an Ihn zu glauben! erwiderte er still und
berzeugt, fast verwundert.

Warum unmglich? Ich z. B. glaube nicht an ihn. Marja Nikolajewna
senkte ein wenig den Kopf, als ob sie auf die sen Tne ihrer Stimme
lauschte.

Sagen Sie das nicht! versetzte Lande hei und innig. Das ist nicht
wahr. Alle glauben, und auch Sie glauben ...

Er streckte pltzlich seine Hand aus und ergriff ihre feinen, zarten
Finger. Blicken Sie nur auf und Sie werden sehen, da es unmglich ist,
nicht zu glauben ... Schauen Sie in den Himmel, schauen Sie!

Unwillkrlich hob Marja Nikolajewna den Kopf, und von unten erschienen
Lande ihre groen Augen voll tiefer Sehnsucht.

Kein Ende sah man fr die Weite des Himmels und keinen Boden gab es fr
die strahlende Tiefe. Je mehr sie hineinsah, um so ferner und hher,
unfabar, gingen die Sterne fort und schwanden gegenstandslos in dem
unbersehbaren Raum. Es war, als ob das geheimnisvoll-feierliche
Schweigen irgend eine unergrndliche schwingende Bewegung durch seine
ewige Khle zum Stillstand gebracht und gefesselt htte. Eine
berdenkliche Kraft hob ein gewaltiges, undurchdringlich durchsichtiges
Gewlbe ber den Weltenraum und erstarrte in ungeheurer Spannung.

Wie furchtbar ist es da! sagte Marja Nikolajewna pltzlich mit
bebender Stimme. Und wenn das einmal zusammenstrzt ... Herrgott,
knnte man sich denken, vorstellen, was da sein wrde! ...

Lande lchelte zrtlich und still; leise fuhr er gleichmig streichelnd
ber ihre Hand.

Nein, es strzt nicht zusammen! sagte er. Schauen Sie, was fr eine
erdrckend grenzenlose Gre das ist, und wir sind so klein, so klein;
wir knnen nicht einmal den tollen Wirbel sehen, in dem alles
dahinsaust. Vergegenwrtigen Sie das sich nur: wie klein mu doch der
Mensch sein! In jedem Augenblick, in jedem millionsten Teil eines
Augenblickes trgt ein furchtbarer Rausch das Riesengebude der Welt in
unbegreifliche Fernen; wir aber sehen nur Starrheit ... Welch ein Orkan
von berwltigenden Tnen mu das sein; uns gaukelt es feierliche Stille
vor! ... Und trotzdem schreiten wir, die so winzig sind, so frei
vorwrts, als ob alle diese Riesenmassen uns aus dem Wege gingen! Als ob
uns eine Hand leitet, die uns durch jedes Hindernis hindurchfhren kann.
Das geringste Teilchen der feindlichen Kraft knnte uns hinwegwischen;
aber die menschliche Geschichte bewegt und entfaltet sich so frei, als
ob sie in allem der Mittelpunkt wre. Damit etwas so Kleines, Schwaches
derart auf seiner Bahn gehen konnte, sicher, da es zum Ziele vordringen
wird, ist es notwendig, da es zu irgend einem Zweck in der Welt ntig
wre und da es vom Weltwillen fr eine Zeit bewahrt wrde, wenn ...

Lande schwieg eine Weile, sah mit glnzenden Augen nach oben und fuhr
fort:

Scheint es Ihnen nicht so, als ob alles erstarrt wre und wartete, bis
hier, auf der Erde, etwas geschieht, was einmal geschehen mu ... Und
wenn das eintrifft, dann wird alles urpltzlich in Bewegung geraten,
hier vernichtet, dort geschaffen werden, irgend ein neues Licht
aufleuchten, neue Formen, neues Leben emporsteigen.

Manchmal ist es so, antwortete still Marja Nikolajewna. Ihr war
eigentlich bange zumute. Etwas wuchs vor ihr hoch, ungeheuer gro wie
aus der Ewigkeit in die Ewigkeit, wie aus einem unendlichen Raum in
einen unendlichen Raum hinein. Die Stille der Nacht schwang sich wie
eine feierlich drhnende, druende Musik vor ihr.

Wie wunderbar, wie kompliziert ist das alles! sprach Lande mit
geheimnisvoller Begeisterung. Selbst die Ewigkeit und die
Unendlichkeit, die nicht klein, nicht gro sind, die keine Zeit
besitzen, durch welche ein Augenblick im Leben der Welten mit dem
Augenblick im Dasein eines Menschen zu vergleichen wre ... Soll das die
kalte, tote Ordnung einer durch seelenloses physisches Gesetz
geschaffenen Maschine sein? Das ist die furchtbare Tragik im Proze des
Schaffens, der alles umfat, der keine Teilungen, gleich fr welche
Zwecke, duldet. Ein Geist dieses Schaffens, eine Seele der Welt -- sie
existiert. Es wre unmglich, das nicht zu glauben, unmglich, das nicht
zu sehen! ... nicht zu hren, nicht zu empfinden ...

Ein eisiges, mystisches Grauen schlich stockend in die Seele Marja
Nikolajewnas. Sie zog sich nervs zusammen; ihre Augen weiteten sich,
wie bei einer Katze, die etwas ngstigendes vor sich sieht.

Lande verstummte; es wurde still, so still, als ob jemand ber die Erde
schreitet; mit metallnem Klang setzt er schwer und geheimnisvoll Schritt
vor Schritt.

Meine Ohren klingen! sagte Marja Nikolajewna, am ganzen Krper
zitternd. Es ist kalt ... Auf Wiedersehen!

Sie zog sich in die schwarze Finsternis des Zimmers zurck und schlo
das Fenster, das auf seiner einen Scheibe blind glnzte.

Lande blieb allein und stand lange inmitten der leeren Strae; mit
feuchten Blicken schaute er nach oben, zwischen die Sterne, in die
dunkelblaue, khle Tiefe hinein.


                                  VII

In ein Laken, aus dem unten die drren, nackten Beine herausblickten,
eingewickelt, einem schlecht kostmierten Gespensterdarsteller hnlich,
ffnete Ssemjonow Lande die Tr. Den Augen Landes, die noch an die
feuchte Luft und den reinen Glanz der Nacht gewhnt waren, kam das gelbe
trockene Licht der Lampe, die dnnen, gebrechlichen Mbel, das
durcheinandergeworfene Bett mit den heien Kissen und das trockene,
gelbe Gesicht Ssemjonows, seine stockdrren, weien Beine, im ersten
Augenblick ganz unertrglich vor.

Ssemjonow setzte sich auf das Bett; sein Aussehen war entsetzlich.
Sein erdfarbenes gerunzeltes Gesicht, die dnnen Haare, die
schweidurchtrnkt an den mit trockener Haut bezogenen Schlfen klebten,
der magere Krper, auf schmale, spitzige Schulterbltter gespannt, alles
sprach in einfacher, furchtbarer Sprache von der sinnlosen Krankheit,
die von niemandem in ihrer ganzen Ungeheuerlichkeit begriffen werden
konnte, die sich im Innern eines Menschen verbirgt; und an einer kleinen
Stelle der Zerstrung seine ganze Welt -- sein Leiden, Verzweifeln und
Grauen -- einschlo.

Ssemjonow blickte mit geweiteten, fieberglnzenden Augen auf Lande;
sobald er sich neben ihm auf das Bett gesetzt hatte, sagte er hastig:
Es ist gut, da du herkommst ... Mir ist schlecht ... bange, irgend
warum ... gewesen. Ich werde schon bald sterben, Lande ...

Es schien, da er nicht auf Lande sprach, sondern auf jemanden, der sich
in der Tiefe seines leidenden Krpers grmte, einredete, um ihn von dem
unvermeidlichen, und doch nicht auszudenkenden Ende zu berzeugen.
Stechendes Mitleid ri Lande fort. Er wandte seinen Krper ganz zu
Ssemjonow hin und legte beide Arme um die mageren Schultern, die nach
kaltem Schwei rochen. Durch das abgeriebene, fadenscheinige Hemd lie
sich der heie Krper und die harten Knochen fhlen.

Wassja ... mein Lieber, Armer! sagte er und versuchte ihn, beinahe
weinend, von alldem zu berzeugen, was er selbst liebevoll und naiv
glaubte: Unmglich kann ein Leben nur fr die Erde existieren, zu
riesig sind die Mhen und Leiden, als da sie vergehen knnten, ohne
sich ber das Irdische zu erheben. Unbegreiflich, armselig und sinnlos
wre dann die Existenz des menschlichen Geistes mit seiner lichten
Vernunft und dem geschmeidigen, reichen Denken in der unendlich groen,
schnen, ewigen Welt.

Lande sprach lange, eilig, als ob er frchtete, da es seinen Worten
nicht gelingen werde, das Gewaltige, Dunkle, das langsam von der
leidenden Seele Besitz nahm, zum Stehen zu bringen, ihm den Weg zu
verlegen. Ssemjonow hockte regungslos zusammengekauert und blickte starr
in die Flamme der Lampe. Seine dnnen rissigen Lippen waren fest
aufeinandergepret und von der Seite sah Lande ein glnzendes Auge, in
dem sich die gelbe Flamme der Lampe wiederspiegelte. Manchmal kam es ihm
vor, da Ssemjonow gar nicht auf ihn hre; dann wnschte er ihm ins Ohr
zu schreien, ihn anzurufen, an der Schulter zu rtteln, voll Trauer und
Verzweiflung. Doch mit Entsetzen bemerkte er, da dieses einsame Leiden
taub und verschlossen blieb, wie der Deckel eines eisernen Sarges, der
ebenso khl und stumm ist und ein furchtbares Geheimnis in sich birgt,
das ihm allein offenbar ist.

Wassja, ich wei doch, du glaubtest! rief Lande. Erinnerst du dich,
wie glcklich und frei wir waren, als wir von Gott, vom ewigen Leben,
von den ewigen Freuden sprachen! ... Warum schweigst du denn, Wassja?
... Sage doch etwas!

Hre, Lande ... erwiderte Ssemjonow pltzlich, ohne den Kopf zu heben,
als ob er einen verborgenen Ausdruck seines Gesichts vor ihm verstecken
mte. Er sprach auch nicht wie sonst, oberflchlich und ironisch,
sondern mit bemitleidenswerter und ratloser Stimme, mit kindisch
schluchzenden Tnen. -- Ich wollte dir sagen, Lande ... ich mchte gar
nicht sterben! ...

Ein feiner Gram weinte und flehte aus jedem Wort; seine Stimme grub sich
scharf in die Ohren.

Ich mchte nicht, Lande ... Mag alles so sein, vielleicht ... und ich
... komme nur frher als ihr ... zum gemeinsamen Ziel ... Mag auch Gott
und alles sein ... aber ... aber ich mchte doch nicht sterben, Lande!
... Um das Leben schmerzt es mich, um dich, um mich, die Sonne, das Gras
... um alles schmerzt es mich. Vielleicht sehe ich es nie mehr wieder
... Lande!

Lande weinte; dicke Trnen flossen ber sein gespanntes Gesicht und die
Hnde bewegten sich ohnmchtig hin und her.

Ssemjonow schwieg. Dann setzte er sich auf, whrend er in seinem dnnen,
hellen Kinnbart kraute, berlegte ein wenig, und fiel wieder zurck.
Sein gerunzeltes Gesicht vernderte sich auf einmal; wurde trocken und
gelb.

Ein Dummkopf bist du, Lande! sagte er mit einem boshaften Lcheln:
glaubst du denn wirklich, da all dieses dumme Zeug ber Gott irgend
eine Bedeutung haben kann, wenn man tatschlich ans Sterben kommt? ...
Es ist ja ganz trstlich und behaglich, ber Unsterblichkeit
nachzudenken ... man mu darber denken, um zu leben. Aber wenn man
stirbt und weder vor noch hinter sich irgend einen Gott sieht ... da
lt man sich nicht betrgen ... es hat auch keinen Zweck ... Rede nur
nicht weiter! ... Es regt mich blo auf!

Die letzten Worte rief er mit dnner und bser Stimme, sein Unterkiefer
klappte unaufhaltsam gegen den oberen.

Da leide ich ... kannst mir glauben, da ich nicht zum Scherz die
Schmerzen habe -- auf sein Gesicht trat ein krummes Lcheln. Mein
Leben ist schon zu Ende, alle Freuden, Sinn ... alles zu Ende! ... Nur
das Leiden allein ist geblieben ... Man knnte glauben, hier wre dein
Gott vor allem ntig ... Sonst ist das Leiden sinnlos! ... Aber wo
bleibt nun dein Gott? ... Warum zeigt er sich jetzt nicht? ... Wenn ich
im Todeskampf liege und meine Beine kalt werden ... vor meinen Augen,
bei vollem Bewutsein kalt werden ... Verstehst du es? ... Ach, auch
dann werde ich immer noch nicht wissen, ob es wahr ist, ob es einen Gott
gibt! ... Wozu sollte ich es auch wissen.

Ssemjonows Stimme pfiff und kreischte auf, bohrte sich in die Wnde und
brach pltzlich ab. Er wurde bla, sperrte wild die Augen auf, zitterte
am ganzen Krper, und mit einem Mal ri ein abgerissenes, feuchtes
Husten sein von Angst, Ha und Schmerz verzerrtes Gesicht fast in
Stcke.

Lande ergriff ihn und sttzte ihn mit zitternden Hnden. Ssemjonow
rollte ihm seine Augen, ungeheuer vergrert wie das Leiden selbst,
entgegen; er strengte sich noch immer an, weiter zu reden.

Ah, also was fr einen Wert hat dann noch dein Gott! sagte er, nachdem
er aufgeatmet hatte, und schielte erregt auf das Taschentuch, in dem
Schleim und Blut klebte. Fr einen lebenden Menschen. Der Mensch
erkennt ihn also, falls er berhaupt existiert, nur dann, wenn alles
Menschliche in ihm ... alles Lebendige bereits gestorben ist ... wenn
der Mensch nicht mehr da ist, nur eine Leiche ist, aber kein Mensch ...
Gehe schlafen ... Ich lsche die Lampe aus ...

Lande antwortete nichts; er fhlte sich unfhig, sein Gefhl und seinen
Glauben einem anderen Menschen mitzuteilen, der zwei Schritt neben ihm
bitter litt.

Ssemjonow blicke ihn scharf an und lchelte mit selbstqulerischem
Genu.

Weit du, worber ich heute nachgedacht habe, Lande? begann er in
seinem gewhnlichen Ton, indem er den Mund spitz verzog. Da alle
Menschen meine Brder sind und daher wirklich kommen werden, um mir ihre
letzten brderlichen Ksse zu geben ... Nun will ich dir aber sagen, er
strengte sich wirklich an, die Rckkehr des Wutanfalls zurckzuhalten,
da, wenn mich irgend etwas trsten kann, es nur noch das ist, da dann
alle an mir verrecken werden!

Er warf sich ins Bett zurck, und, klein, schmchtig, wie ein
geschlachtetes Huhn, erstarrte er.

Lande lschte die Lampe aus und legte sich, ohne sich auszukleiden,
nieder, das Gesicht in die Kissen gepret. In dieser Nacht schlief er
nicht ein; sie verstrich fr ihn fast unmerklich, als ob er auerhalb
jeder Zeit stnde. Ohne Schlaf und Ruhe dachte er darber nach, da er
selbst nicht weit genug in seinen freudevollen Glauben gedrungen und
vertieft war, da er nicht die Kraft hatte, ihn anderen mitzuteilen. Noch
litt er selber, wenn auch nur an fremdem Schmerz, noch verlangte er
selber nach Gnade, Erlsung und Heilung, wenn auch nur fr einen
anderen. Zum ersten Mal stieg in ihm der Gedanke auf, da das Leben fr
seinen schwachen Geist bunt und sonderlich sei; in seinem Glnzen und
Flackern verlor er das wahre Licht. Nur Einsamkeit, konzentriertes
Vertiefen in die eigene Seele konnte ihm die Klarheit und Festigkeit im
Glauben, die in ihm durch Mitleiden ins Wanken kam, wiedergeben.

Dieser Gedanke, erst undeutlich und unbestimmt, legte sich ihm aufs
Herz.


                                  VIII

Jedesmal, wenn Marja Nikolajewna Lande sah, erfate sie eine frische,
zrtliche Regung, die ihre Seele wie stilles, klares Morgenlicht
erwrmte. Sie mochte erregt sein, sich langweilen, sich nach irgend
etwas unklar und gierig sehnen, -- im Augenblick, wo sie Lande mit
seinen vertrauensvollen, guten Kinderaugen begegnete, wurde sie ruhig.

Dieses Gefhl klarer, heiterer Ruhe bemchtigte sich ihrer besonders
stark an einem hellen und warmen Abend, fast einen Monat nach Landes
Ankunft, als sie beide zur Stadt hinaus spazieren gingen.

Gleich an die letzten fast zur Erde geneigten Huser des Auenviertels
schlossen sich breite Flchen weien Streusandes an. Die Sonne ging weit
hinten unter; ihre langen Schatten liefen voran, hoben unnatrlich hoch
die Fe, als ob sie ihnen, wie unendliche schwarze Pfeile, den Weg
weisen mten. In weiter Ferne, mitten im leeren Feld, sa auf den
Hgeln ein Mensch, der sich, hell von der niedrigen Sonne beleuchtet,
deutlich von dem blauen Himmel abhob.

Da sitzt Molotschajew! sagte Marja Nikolajewna.

Man konnte sehen, da sich der Maler ber eine kleine Staffelei, die
komisch auf den dnnen spitzigen Beinchen stand, beugte.

Gefllt Ihnen Molotschajew? fragte Marja Nikolajewna, und das Gefhl
in ihr erwartete gerade jene ruhige, gute Antwort, die, wie ihr schien,
nur Lande allein zu geben vermochte.

Lande lchelte.

Mir gefallen alle ... sagte er. Alle Menschen sind im Grunde genommen
gleich, und wer den Menschen im allgemeinen liebt, der liebt auch alle
und jeden ...

Aber es gibt doch bessere und schlechtere Menschen?

Nein, das glaube ich nicht ... Das meint man nur so, wenn man die
Menschen nicht nach den guten Gefhlen bewertet, die in jedem enthalten
sind, wie er auch sonst sein mag, sondern in seinem Verhltnis zu
einzelnen Tatsachen, die man gerade von seinem persnlichen Standpunkt
aus fr gut hlt ... Das ist doch ungerecht ... Man mu von seiner
Unfehlbarkeit sehr berzeugt sein, um so zu urteilen! Ja ... jeder
Mensch besitzt Liebe, Herzensgte, Feinfhligkeit, Ehrlichkeit,
Selbstaufopferung -- alles, woran nur die Menschenseele reich sein kann.
Nur die Lebensverhltnisse der Menschen sind ungleich, und daher knnen
sich diese Gefhle nicht in einer Richtung entwickeln ... Niemandem kann
es aber ein Vergngen machen, so einfach, um des Gefhls willen, bse,
neidisch, grausam, gierig zu sein ...

Mir aber macht es manchmal Vergngen, grausam zu sein ... erwiderte
Marja Nikolajewna nachdenklich.

Mit liebevoller Zrtlichkeit sah Lande von der Seite auf ihre schlanke,
abgerundete Gestalt und das zarte, durchsichtige Profil, das stets
traurig aussah, wie auch in Wirklichkeit der Gesichtsausdruck sein
mochte.

Das wre doch wirklich ein qulendes Vergngen ... sagte er. Eine
richtige, ruhige Freude an Grausamkeit kann auch der verstockteste
Bsewicht nicht haben, wenn er nicht gerade geisteskrank -- also --
eigentlich kein Mensch mehr ist. Jeder Mensch mu stets etwas lieben,
bemitleiden, sich fr etwas aufopfern; stets wird er sich einen Gott
schaffen, weil Gott in seiner Seele lebt. Und nicht er ist daran schuld,
wenn das Leben sein Gefhl nicht auf den richtigen Weg fhrt ... Das
hngt nur von den ueren Umstnden, von der Richtung ab, in der das
Leben zufllig fliet. Auch hier ... Molotschajew! -- Er liebt
leidenschaftlich seine Kunst, die Schnheit; ich wei, er wrde zu jedem
Opfer fr sie bereit sein. Folglich liegt in ihm die Fhigkeit zu lieben
-- und eine groe Fhigkeit -- verborgen. Ein Zufall, ein anderer
Antrieb -- und seine ungeheure Liebe fliet in eine neue Form, und aus
diesem ... von unserem Standpunkt aus scheinbar beschrnkten hohen
Knstler wird ein Mann der groen Tat, ein Menschenfreund ... alles!

Sie glauben an die Menschen! sagte leise Marja Nikolajewna.

Ja, ich glaube! antwortete Lande fest.

Was gibt Ihnen diesen Glauben? aus irgend einem Grunde schmte sie
sich sofort ihrer Frage.

Der Glaube an Gott! antwortete Lande im gleichen Ton, als ob er nur
fortzufahren htte. Ich glaube, ich empfinde es, da der Geist Gottes,
den Gott in das Chaos warf, um sich hnliches zu schaffen, durch den
Menschen hindurchgeht, damit er Gottes Wunsch erflle, hindurchgeht,
damit die groe Einsamkeit Gottes erleichtert sei ... Ich kann es nicht
ausdrcken, aber ich glaube an den Menschen, als den Anfang des
Zuknftigen ... Ich glaube!

Lande verstummte in starker Erregung und lchelte nervs, seine
feuchten, glnzenden Augen leuchteten, er knackte die mageren, schwachen
Finger durch.

Seine Aufregung teilte sich eigentmlicherweise dem Mdchen mit.

Aber der Tod? fragte sie mit unklarer Bengstigung, schon dadurch ihre
eigenen Gedanken beantwortend.

Frchten Sie den Tod? fragte Lande statt einer Antwort.

Ich frchte! aber als Marja Nikolajewna ihre gedehnte Stimme vernahm,
mute sie selbst lachen.

Sie hatten sich langsam den dunklen Streifen einer dicken
Fichtenschonung genhert; jetzt hallte Marja Nikolajewnas Lachen
klingend von dort wieder.

Nein, Sie frchten ihn nicht! auch Lande lachte freudig. Und es ist
auch nicht mglich, den Tod an sich zu frchten ... Nichts in der Welt
hat Angst vor dem Tode, als der Mensch allein, und auch er frchtete
nicht den Tod, sondern die Ungewiheit. Die Furcht vor dem Tode -- das
ist die Mdigkeit des schwachen Geistes, der in der ohnmchtigen
Anstrengung erschpft wurde, vorzeitig in das Geheimnis einzudringen.
Ich glaube berhaupt nicht, da es einen Tod gibt!

Sie kamen in die harzduftende Dmmerung der ersten, grnen
Fichtenstmmchen. Zwischen ihnen war es ganz dunkel, als ob es schon
Abend wre. Nadelzweige wiegten sich leise ber dem grnen Gras am Wege.
Irgend ein Vogel flatterte lautlos von Wurzel zu Wurzel; ein Zweig
brach, der Wind strich durch.

Sie glauben also an ein Leben nach dem Tode? fragte Marja Nikolajewna
mit kindischer, inkonsequenter Neugierde.

Ich fhle nur, da ich nicht spurlos vernichtet werden kann ...
antwortete Lande, gar nicht erstaunt ber ihre Frage. Was es aber sein
wird, das wei ich nicht. berlegen und vorstellen kann sich der Mensch
nur etwas, das in den Grenzen seines gegenwrtigen Daseins, seiner
irdischen Vernunft und Empfindung vorhanden ist. Man kann sich nicht
ewiges Leben vorstellen, weil es auerhalb unseres krperlichen Lebens
liegt. Unser Krper erfat es nicht, er zwingt es zu sich, reduziert es
bis auf seine Gre ... Man kann es nur ahnen.

Das verstehe ich nicht ... erwiderte das Mdchen zaghaft. Wenn es
existierte, so wre es sonderbar ...

Nein, nicht sonderbar. Was sollte daran sonderbar sein, da Sie nicht
imstande sind, sich eine groe Ahnung zu erklren, da wir doch selbst
Gefhle, die in unserem Krper spielen, noch nicht erklren knnen ...
Was ist denn Liebe? ... Und sie kommt Ihnen gewi nicht sonderbar vor?
...

Liebe? Ja, die Liebe! ... Sie wiederholte das Wort leise fr sich.

Ewigkeit und Unendlichkeit, das sind die grten Eigenschaften des
Geistes Gottes ... sprach Lande vertrumt. Noch so weit ist der Mensch
von der Aufnahme dieser letzten Geheimnisse entfernt ... Und wenn einmal
...

Wer ist das? rief Marja Nikolajewna erschrocken, und blieb stehen.

Zwei Menschen traten hinter den Bschen hervor und kamen ihnen entgegen.
Ihre abgehobenen, bunten Gestalten glitten lautlos in der grnen,
feuchten Dmmerung des Waldes ber die Erde. Sie nherten sich ohne
Eile, fast langsam, mit herabbaumelnden Hnden, aber etwas Besonderes,
Beunruhigendes, wie eine versteckte Drohung, ging von ihnen aus.

Lande erhob ruhig den Kopf und blickte sie an. Tkatschow! rief er
verwundert.

Einige Schritte vor ihnen blieben die Beiden stehen und sahen sich
finster nach allen Seiten um. Dieses unruhige Umsehen in der heiteren,
stillen Dmmerung wirkte unnatrlich und furchterregend.

Wir mssen fortlaufen! flsterte Marja Nikolajewna entsetzt dicht in
Landes Ohr.

Er erkannte ihre angehaltene, vertrocknete Stimme nicht wieder und sah
sich verwundert nach ihr um.

Tkatschow -- schwarz und farblos, in einer zerrissenen Jacke ber dem
Hemd, blieb auf dem Fleck stehen; der andere trat mit nackten Fen
gewandt auf sie zu. Fr ihr ganzes Leben blieben Marja Nikolajewna seine
bloen, weit gespreizten Zehen, zwischen die sich Nadeln und die Spitzen
des zartgrnen Grases schoben, im Gedchtnis eingeprgt.

Langt wohl fr ein Glschen, was? sagte der Mann frech und streckte
ihnen eine grobe Hand entgegen.

Marja Nikolajewna klammerte sich krampfhaft an Landes Ellbogen und
schmiegte sich direkt an ihn. Tkatschow bewegte sich nicht.

Na, wird's bald? wiederholte der Barfler drohend.

Lande zog mit der freien Hand linkisch die Brse heraus. Hier ...
sagte er, dem Landstreicher ernst in die Augen blickend.

Tkatschow lchelte ihm von weitem hhnisch zu.

Warum so wenig? fragte hastig der Barfler, whrend er die Brse
rasch verschwinden lie. Gib das Jackett her ... Aber rasch ... Sie
sollten lieber beiseite gehen, Frulein ... Das schickt sich vielleicht
nicht! fgte er hhnend hinzu.

Mit weit aufgerissenen Augen, und am ganzen Krper zitternd, stand Marja
Nikolajewna halb abgewendet am Weg. Lande lchelte wieder traurig, zog
das Jackett aus, und in dem alten Hemd, mit schlecht gebgelten Fltchen
auf der Brust, wurde er noch magerer und schwchlicher.

Die Hose ist viel zu gut, sagte der Barfler, wobei er sich unruhig
umsah und das Jackett dicht vor der Nase Landes schttelte. Immer
runter mit ihr.

Sie haben sie notwendig? erwiderte Lande ruhig, setzte sich aber
gleich aufs Gras. Gehen Sie, Marja Nikolajewna ... Gott mit Ihnen ...

Pltzlich packte Marja Nikolajewna ein Anfall nervsen, wahnsinnigen
Lachens. Als ob ihr jemand zum Scherz, aber stark die Kehle zudrckte,
war ihr angstvoll und doch gleichzeitig lcherlich zumute. Der
halbentkleidete Lande sa mit ernstem, weichem Gesicht auf dem Boden,
und der Landstreicher zog an seinem Hosenbein. Tkatschow bewegte sich
und stie einen eigentmlich heiseren Laut aus, aber niemand wandte sich
um; er zuckte mit einer Schulter, als ob ihm kalt wrde, und stand
wieder starr auf seinem Fleck, den Blick unverwandt auf Lande gerichtet.

Gehen Sie, Marja Nikolajewna! wiederholte Lande.

Na, Frulein ... warten Sie mal! rief der Barfler hastig. Was haben
Sie denn da? Er griff mit der Hand nach ihrer Brust, wo eine lange
Uhrkette schaukelte.

Etwas Entsetzliches, Widerwrtig-Grobes lag fr das Mdchen in dieser
Bewegung. Wie eine Schlange sich windend, glitt es zur Seite; dann mit
einem Mal strzte es, das Kleid hoch und wundervoll unordentlich
gerafft, die Strae hinunter, als ob der Wind eine groe Blume erfat
htte und dahintrge.

Wohin? rief kurz der Landstreicher und, Lande das Jackett gerade ber
den Kopf schleudernd, sprang er, gewandt und leicht, wie ein Raubtier an
ihm vorbei, hinter dem Mdchen her. Im selben Augenblick durchzuckte ein
wilder Schrei, scharf und fein wie eine Nadel, den Wald und bohrte sich
hoch in den dunkel gewordenen Himmel ein.

Diesen Schrei hrte Molotschajew, der hinter einer Wegesbiegung
daherkam. Mit der blitzschnellen, instinktiven Entschlossenheit, die ihm
eigen war, warf er Kasten und Staffelei beiseite und rannte vorwrts.
Der Barfler erblickte ihn frher als die anderen. Im Sprunge blieb er
stehen, glitt ins Gras und duckte sich zur Erde, blickte eine Sekunde
lang Molotschajew mit glhenden Pupillen an und schnellte pltzlich in
die Bsche, ein paar Zweige krachend zu Boden schlagend. Marja
Nikolajewna lief gegen einen Baumstamm und blieb, am ganzen Krper
zerschlagen, mit aufgelstem Haare und blden Augen, stehen, ohne in dem
Augenblick zu wissen, was sich mit ihr zutrug. Schwer atmend rannte
Molotschajew in groen Stzen an ihr vorbei, achtete nicht auf Lande,
der ganz wei, dnn und schwchlich auf dem Gras am Rande des Weges
stand, sondern strzte sich sofort auf Tkatschow. Tkatschow hatte ihn
schon von weitem bemerkt; einen Augenblick schien es, da er ebenfalls
weglaufen wrde; er blieb aber stehen, zog sich ganz in sich zusammen
und wartete schwarz und trotzig auf den heranstrmenden Molotschajew.
Schweigend lief der auf ihn zu, und ehe Tkatschow eine Bewegung machen
konnte, schwang er breit die Faust in die Hhe und schlug ihm mit
furchtbarer Kraft mitten ins Gesicht. Tkatschow chzte leise,
erschrocken, warf die Hnde hoch; seine Mtze rutschte ber seinen
Rcken herunter, er fiel, schwer und fest, auf die Kniee. Ein zweiter
Schlag traf ihn von oben auf den Kopf; zur Seite geneigt, den Kopf gegen
die Erde gestoen, eigentmlich und ungelenkig brach er auf dem Weg
zusammen.

Molotschajew, Molotschajew! rief Lande gellend und wie er da stand,
nur in seinem Hemde, strzte er auf ihn zu und ergriff ihn an der Hand.
Lassen Sie ihn!

Molotschajew senkte die Arme; er atmete schwer, war rot und aufgeregt.
Lande lie sich eilig in die Kniee nieder und bemhte sich, Tkatschow
aufzurichten. Der Geschlagene regte sich nicht; auf dem dnnen und
langen Hals schwankte sein Kopf dicht ber dem Boden hilflos hin und
her.

Sie haben ihn totgeschlagen! stammelte Lande mit Entsetzen.

Wenn schon. Hat's nicht viel besser verdient! erwiderte Molotschajew
grob.

Doch Tkatschow sttzte sich pltzlich mit den Hnden auf den Boden und
stand auf. ber sein Gesicht flo dickes Blut, an der Schlfe blieb Erde
kleben; die ganze linke Gesichtsseite und die Nase hatten eine
entsetzliche, schmutzig rote Farbe.

Na, wieder zu sich gekommen ... Wird es sich wohl fr ein anderes Mal
merken! Molotschajews Fuste zitterten und ballten sich zusammen, als
htte er den dringenden Wunsch, wieder zuzuschlagen.

Lande hrte nicht auf ihn; er nahm aus der Tasche seiner Hose, die auf
dem Grase lag, das Taschentuch heraus und steckte es Tkatschow zu.

Wischen Sie ... das Blut ... Ach, mein Gott, was ist das! stammelte er
zusammenhanglos, mit unendlichem Entsetzen und Schmerz.

Tkatschow regte sich nicht, nahm auch das Taschentuch nicht. Das eine
Auge war schon angeschwollen; und vom Kinn und den zerschlagenen Lippen
troff Blut auf den fettverschlissenen Jackettaufschlag herab.

Noch viel Geschichten mit ihm machen! meinte Molotschajew
gleichgltig. Ich werde ihn lieber dahin bringen, wo er hingehrt, das
wird besser sein ... He, da! Komm mit, aber schleunigst, er packte
Tkatschow grob am Kragen und gab ihm einen Sto, da er ohnmchtig zwei
Schritt vorwrts machte und ausglitt.

Aber lassen Sie ihn doch! rief Lande zornig und strzte sich mit
seinem ganzen schwachen Krper auf Molotschajews Hand.

Molotschajew sah ihn verwundert und wtend an. Weshalb spielen Sie hier
den Narren, zum Teufel! fuhr er auf, aber pltzlich lie er seine Hand
sinken, sah schweigend den entkleideten Lande an, stie die Luft durch
die Nase und brach dann in donnerndes Gelchter aus. Marja Nikolajewna,
die selbst nicht bemerkt hatte, da sie auf sie zugekommen waren, warf
erst einen erstaunten Blick auf Molotschajew, dann auf Lande, besann
sich aber und, bis an die Ohren errtend, wandte sie sich schnell ab und
ging den Weg entlang.

Ach, Sie Hansnarr, Sie komischer! rief Molotschajew lachend.

Pltzlich verzerrte sich die schwarze, blutige Fratze Tkatschows und er
lachte selbst heiser und bse, whrend er gleichzeitig Blut spie. Dieses
Lachen des Geschlagenen war widerwrtig und schrecklich. Lande sah auf;
er lchelte ruhig und traurig, wie immer.

Aber so ziehen Sie sich doch an, zum Teufel! schrie Molotschajew,
machte eine wegwerfende Handbewegung und ging auf das Mdchen zu.

Lande schenkte ihm keine Aufmerksamkeit, als ob er gar nicht existiere.

Tkatschow hrte mit dem Lachen auf, warf einen halben Blick auf Lande,
dann auf den fortgehenden Molotschajew, wandte sich um und ging langsam
davon.

Tkatschow! rief Lande.

Tkatschow blieb stehen, wandte sich aber kaum um. Lande kam auf ihn zu.

Tkatschow, sagte er mit flehendem Ton, seinen Arm berhrend, Sie
haben das absichtlich gemacht, ich sah es an Ihren Augen! ... Warum das,
Tkatschow, warum?

Tkatschow blickte ihn schwer und dster an, als ob er nichts verstanden
htte und an ganz etwas anderes dachte.

Hast du einen echten Menschen gesehen? fragte er heiser. Da, kannst
ihn sehen! er ri den langen, dnnen Hals nach der Richtung
Molotschajews herum. Das ist ein Kerl ... eine Kraft! ... Und du ... du
bist so, ein Stck Dreck blo! Zu nichts taugst du!

Mag sein, gab Lande zu, -- aber trotzdem, warum hassen Sie mich so?
Wirklich nur, weil ich minderwertiger bin, als er?

Tkatschow erwiderte: Deswegen, weil ich so viele Jahre an dich geglaubt
hatte! Bin selber, siehst du, dazu gekommen ... er schlug sich bitter
gegen die zerschlagene Backe, -- und sehe jetzt, da ich ein Schafkopf
war, glaubte den sen Schwindel. Aber mein Leben -- wo ist es, he? Ist
vorbei ... Ich sollte jetzt vielleicht ein Mensch sein, und bin ...
Jetzt verstehst du es vielleicht? Du! ... Ihm aber ... dem bezahle ich's
noch! ... fgte er pltzlich hinzu und schwenkte mit ohnmchtigem Ha
die schwarze Faust. -- Und wenn ich selber zum Teufel gehe, er soll an
mich denken! ... Wart' nur!

Tkatschow drehte sich schnell um und ging fort. Lande kam es vor, als ob
er noch weiter heiser vor sich hinbrummte; aber Tkatschow wandte sich
nicht mehr um und verlor sich bald im grnen Walddunkel. Lande sah ihm
lange nach, rang mit tiefer, ratloser Verzweiflung seine Hnde, seufzte,
zog sich langsam an, und schritt dann aus, um Marja Nikolajewna und
Molotschajew einzuholen.

Jetzt ist er verzweifelt; aber wenn er sich beruhigt, finde ich ihn
noch ... schwirrte es trbe durch seinen Kopf.

Hier habe ich Ihren Schrei gehrt! erzhlte lebhaft der Maler, indem
er Kasten und Staffelei am Wege aufhob. Ich habe Sie schon vorher
bemerkt und wollte Sie einholen, hatte aber den Spachtel verloren und
mute erst lange suchen ... Nun, Gott sei Dank, ich bin doch noch zur
rechten Zeit gekommen!

Marja Nikolajewna sah sich kaum um, als sie Lande hinter sich fhlte. Er
lchelte ihr vertrauensvoll und zrtlich zu, sie wandte sich aber
schnell ab und mute sich anstrengen, einen neuen Anfall ihres nervsen
Lachens zu unterdrcken. In diesem Augenblick kam ihr Lande nur armselig
und lcherlich vor.

Molotschajew sah ihn ebenfalls von oben bis unten an und sagte mit
schadenfroher Verachtung:

Ach, Sie! ... Held!

Ich bin kein Held! Lande machte eine wegwerfende Handbewegung mit
einer bei ihm seltenen Aufwallung.

Das merkt man! Molotschajew kleckste hhnisch.

Den ganzen Weg ber machte er sich in grober und brutaler Weise ber
Lande lustig und erzhlte mit prahlerischem Vergngen von seiner
ungeheuren krperlichen Kraft. Lande lchelte traurig, Marja Nikolajewna
aber blickte mit einem eigentmlichen Gefhl physischer Neugierde von
der Seite auf Molotschajew, und ihre feinen Nstern, die, wie bei einem
Rassepferd durchsichtig waren, blhten sich ein wenig. Er war ihr
interessant und doch auch etwas widerlich.


                                   IX

Es war noch finster, der Mond war noch nicht aufgegangen, als sich Lande
seiner Wohnung nherte. Er dachte unablssig ber Tkatschow nach; seine
Gedanken waren eigentmlich starr und schneidend.

... Als er mich auslachte, litt er mehr als ich, ich sah es ... Das ist
entsetzlich, aber wer hat Schuld, ich oder er ... oder irgend einer
auer uns beiden? ... Ich wei nicht ... Man mu kmpfen, aber wie
kmpfen, wenn ich nicht einmal wei, woher es kommt? ...

Es war still. Lande ging und starrte mit Augen, die nichts sahen, auf
die dunkle Erde, die langsam unter seinen Fen nach hinten glitt.

Pa--a! schrie irgendwo in der Nhe verzweifelt, schmerzlich flehend
ein Kind; pltzlich lebte die ganze de, dunkle Strae in wilden,
grlichen Tnen auf.

Papa ... ich tu's nicht wieder ... Papachen! schrie hilflos das Kind;
es schien sich zu wehren.

Tust es nicht? ... Tust es nicht? ... Tust es nicht? ... knarrte
gleichmig eine abgerissene und fast ausgetrocknete Bastimme, immer
hher und nachdrcklicher im Ton. Es war, als ob in den kurzen
Zwischenrumen von einem Wortfetzen zum anderen etwas Grauenhaftes
geschah.

Unter einem Fenster stand jemand und lauschte gespannt. Der dnne,
blasse Schatten eines jungen Mdchens mit weiem Gesichtchen und groen,
bang glnzenden Augen schwankte eigentmlich undeutlich in der
Dmmerung.

Sind Sie das, Ssonja? Lande erkannte Ssemjonows Schwester und fate
ihre magere Hand. Was geht hier vor?

Sie hren, er schlgt es tot! erwiderte sie mit eigenartiger, halb
kindlicher, halb weiblicher Stimme; mit einer Bewegung grausamer, wilder
Neugierde reckte sie den Hals zum Fenster hoch.

Lande, der sich nur mit Mhe von seinen Gedanken losreien konnte,
begriff im Augenblick alles, chzte auf, rannte kopfber in den Hof
hinein, wobei er mit dem Knie gegen einen in der Finsternis unsichtbaren
Holzpfahl stie, sprang die Stufen hinauf und ri die Tr zum Zimmer
auf.

Dort brannte gro und hell eine Lampe und warf eine Garbe goldiger
Funken in einen Haufen Heiligenbilder, die in einer Ecke bis an die
Decke aufgetrmt waren. Und in der Mitte des Zimmers stand, mit dem
Gesicht zur Tr, in einer sonderbaren, fast wollstig vornbergebeugten
Stellung, Firsow ohne Rock, nur in der Uniformweste mit den kleinen
glnzenden Metallknpfen, und schlug, gleichmig durchziehend, mit
einem langen, schmalen Riemen ber einen gerteten schmalen Hinterteil,
den er zwischen seinen langen, eckigen Knien fest eingeklemmt hielt.

Tust es nicht wieder! Tust es nicht wieder! wiederholte er mit
schneidender Stimme und schlug in den Zwischenrumen von einem Ausruf
zum anderen klatschend und genuschtig mit dem Riemen, der in dunklen
Streifen das zartrosige abgerundete Fleisch durchschnitt, darauf los.

Eine kalte, neblige Welle schlug Lande durch den Kopf, und ehe er sich
besinnen konnte, was zu tun wre, strzte er, fast hingerissen von Wut,
auf Firsow zu, ergriff die dnne, sehnige Hand und stie ihn aus voller
Kraft gegen die Brust. Firsow schlug mit den ausgleitenden Beinen hoch,
lie Riemen und Kind fallen, klammerte sich aber noch rechtzeitig an den
Tisch. Es klirrte etwas und zerschlug am Boden.

Was ist das wieder? Was wollen Sie? brllte er, die Fuste ballend.

Lande drckte das laut weinende Kind an sich und blickte Firsow mit
weitgeffneten, zornigen Augen entgegen.

Firsow, kommen Sie zu sich! sagte er mit zitternden Lippen, aber mit
eigentmlich unbesiegbarer Kraft.

Eine Minute lang blickte ihm Firsow halb wahnsinnig in die Augen und
erkannte ihn nicht; dann wurde er pltzlich tiefrot; im gleichen Moment
erlosch das dstere, wilde Feuer, das in seinen geffneten Augen
brannte. Er strich sich krampfhaft ber den Kopf, und murmelte.

Aah, Sie sind es, Iwan Ferapontowitsch! ... Entschuldigen Sie ... ich
...

Wieder, Firsow, wieder! Schmen Sie sich denn nicht; frchten Sie nicht
die Snde!

Er wandte sich um und schob das Kind Ssonja zu, die schweigend in der
Tr stand.

Das gelbe lange Gesicht Firsows wurde kupferrot.

Erlauben Sie, Iwan Ferapontowitsch ... sagte er heiser. Sie knnen
nicht wissen ... ich habe nicht ohne Grund ...

Welchen Grund knnte es dafr geben! rief Lande mit der frheren Kraft
und mit zorniger Verachtung. Kein Grund kann solchen Greuel
rechtfertigen!

Firsow trat pltzlich auf ihn zu und erhob seine knochige, zitternde
Hand.

Nein, doch! rief er, indem er die gelben Wurzeln der abgentzten Zhne
zeigte und die Augen wieder weit aufri. Wissen Sie denn, was dieser
Lausebengel hier getan hat? Wissen Sie es? Er stie die Worte mit
wachsendem Triumph aus.

Was?

So, >was<! Hier, bitte, Sie knnen es bewundern! Firsow trat
siegesfreudig zur Seite und steckte den ausgestreckten langen Finger
zwischen die Heiligenbilder.

Lande blickte hin, verstand aber nichts; er sah anfangs nur einen Kasten
mit Farben, einen Pinsel und ein Glas voll schmutzigen, grnen Wassers.

Was? wiederholte er.

Hier! rief Firsow wieder mit dem gleichen Triumph und ri Lande am Arm
zu den Heiligenbildern hin.

Lande unterschied, da zwei auf Papier gedruckte Szenen aus der Heiligen
Schrift kindlich mit widersinnigen Farben bemalt waren; den weiblichen
Gesichtern waren Schnurr- und Kinnbrte aufgesetzt worden.

Ah so! sagte er gleichmtig.

Das Kind schluchzte still.

Weine nicht ... Wir lassen ihn nicht mehr ... Ssonja sprach ganz
mechanisch; sie wandte keinen Blick von Lande.

Aber es ist doch ein Kind, Firsow! Lande nahm ihn an der Hand und
versuchte, ihn zu beruhigen.

Das wei ich, da es ein Kind ist! Firsow warf den Kopf in den Nacken.
Wenn er kein Kind wre, so htte ich ihn vielleicht totgeschlagen! ...

Was reden Sie! Lande machte eine abwehrende Handbewegung.

Gewi ... totgeschlagen, totgeschlagen htte ich ihn! schrie Firsow
hartnckig und klopfte mit den Fingerknochen auf den Tisch.

Lassen Sie das, Firsow, befahl Lande energisch und nahm ihn an der
Hand; dann sah er sich nach Ssonja um. Lassen Sie ... wegen einer
solchen Bagatelle! ...

Firsow richtete sich blitzschnell auf, als ob er gerade auf diese Worte
gewartet htte.

Bagatelle? wiederholte er, das Wort unnatrlich dehnend.

Ja, wie kann man denn dem irgendwelche Bedeutung beimessen! Verstehen
Sie denn nicht, da Sie unendlich viel mehr sndigen als der arme
Knabe? sagte Lande berzeugend und traurig.

Ha! ... Das halten Sie fr eine Bagatelle? So ... fing Firsow an, und
pltzlich rief er in dem frheren, geheuchelt wtenden Ton, als ob er
sich knstlich erhitzen msse:

Eine Bagatelle ist das? Er kreischte schrill und stampfte mit den
Fen. Hinaus, hinaus mit dir! Gotteslsterer, Teufel! Hinaus, da hier
keine Spur von dir bleibe.

Firsow, sagte Lande erstaunt, was haben Sie?

Hinaus! brllte Firsow. Er hrte absichtlich nicht, spritzte Speichel,
trampelte mit den Fen und geriet nun wirklich in Wut.

Zum zweiten Mal in seinem Leben schien es Lande, da es nicht ein Mensch
war, der schreit, sondern irgend ein hinterlistiges, bses Wesen in ihm.
Der Ekel stieg ihm in den Hals; aber dieses Gefhl war ihm so ungewohnt
und qualvoll, da er sich schnell abwandte und zurckwich.

Ich gehe fort ... sagte er hastig. Sie sind heute sehr eigentmlich
... Lieber will ich morgen kommen ... Nur nehme ich auch Sserjoscha mit,
sonst knnen Sie ...

Firsow erstickte fast vor Wut, sperrte die Augen auf, blieb aber stumm.

Lande wandte sich zu Ssonja.

Wir nehmen ihn zu uns, Ssonja! sagte er.

Ssonja warf einen raschen Blick auf ihn, nickte schweigend mit dem Kopf,
hob angestrengt den dicken, verweinten Jungen auf den Arm und ging zur
Tr.

Wir gehen fort, Firsow, und nehmen Sserjoscha mit ... wiederholte
Lande.

Glck auf den Weg! rief heiser Firsow und blieb wie angewurzelt vor
den Heiligenbildern in der Ecke stehen.

Wir nehmen ihn ja nur, weil Sie zu aufgeregt sind, sagte Lande in
vershnlichem Ton.

Schon gut, schon gut! nickte Firsow schadenfroh mit dem Kopf. Bringen
Sie ihn nur zurck ... Dann werden wir weitersehen!

Eine Sekunde lang stand Lande unbeweglich und blickte lange und gramvoll
Firsow gerade in die Augen. Aber der wandte sich ab und lie seine
Blicke ber die Heiligenbilder, den Fuboden, die Wnde laufen.

Aber was haben Sie? rief Lande bitter. Niemals waren Sie so zu mir.

Schon gut, schon gut! murmelte Firsow. Sie haben sich auch was in den
Kopf gesetzt. Bilden Sie sich nichts ein! ... Es gibt noch andere wie
Sie, wenn Sie sich auch nicht in den Vordergrund drngen ... Wie manch
andere! Jawohl, und ... diesem Lausebengel werde ich es noch beibringen,
wie er ...

Aber er ist doch vor allen Dingen Ihr Sohn! Lande schlug sich mit der
Faust an die Brust.

Es ist nicht Ihre Sache, mich ber meine Pflichten gegen meinen Sohn zu
belehren! Verstehen Sie? Nicht Ihnen und nicht mich! Der Herr wei, wo
das Richtige ist ... Der Sohn -- ich wei, was ein Sohn ist! Ich habe
keinen Sohn ber meinem Gott! rief er wieder, indem er sich pltzlich
umwandte. Hier! ...

Er konnte nicht zu Ende reden und begann, sich krampfhaft an die
Heiligenbilder zu klammern, whrend er etwas auf den Boden fallen lie
und sinnlos murmelte:

Hier alles ... alles ... alles hier!

Lande blickte Firsow fragend an, zuckte schwer mit den Achseln und ging
aus dem Zimmer:

Ich werde jetzt lieber fortgehen ... meine Gegenwart regt Sie
wahrscheinlich auf ... sagte er weich.

Ssonja stand an den Stufen mit dem Kind auf dem Arm.

Gehen wir, es ist unmglich, mit dem Vater zu sprechen ... Er ist jetzt
fast wahnsinnig!

Er nahm das Kind zu sich auf den Arm und trug es, die Wange an das
weiche kindliche Bckchen geschmiegt. Ssonja ging hinter ihm und schaute
mit einem unnatrlich begeisterten Blick auf Landes Nacken, whrend sie
mechanisch die von Trnen gente Hand abwischte.


                                   X

Am andern Tag trat Firsow, im Rock und hohen Kragen, trocken und gerade
wie ein Stock, in Ssemjonows Zimmer. Lande sa angekleidet am Fenster
und schrieb, den Kopf zur Seite geneigt, eifrig, mit etwas kindischen,
suberlichen Schriftzgen ein groes Manuskript ab, das ihm Ssemjonow
zur Abschrift verschafft hatte. Der kranke Student lag noch auf dem Bett
und rauchte.

Ah, Firsow! rief Lande freudig und erhob sich, um ihm
entgegenzutreten, wobei er auf das sauber abgeschriebene Blatt einen
Klecks machte. Ssemjonow bemerkte von weitem diesen Klecks, sagte aber
nichts.

Firsow warf einen khlen Blick auf Lande; reichte aber die Hand nicht.

Ich bin gekommen, meinen Sohn abzuholen! sagte er trocken und
bermig offiziell.

Sserjoscha ist schon lngst in den Garten gelaufen ...

Ssonja ging mit ihm spazieren ... warf Ssemjonow in gleichgltigem Ton
hin.

Ich danke Ihnen! Firsow verneigte sich ebenso unnatrlich nach seiner
Richtung. Und nun bitte ich um Entschuldigung ...

Und er wandte sich zum Fortgehen.

Was soll das heien, Firsow? fragte Lande betrbt.

Nichts! Firsow zuckte mit merkwrdig flottem Vergngen die Achsel.

Aber lassen Sie doch das! erwiderte Lande.

Macht eine Pose wie ein Idiot! bemerkte Ssemjonow zornig.

Firsow drehte sich rasch zu ihm herum; er geriet aus einem stockdrren
pltzlich in einen uerst biegsamen Zustand.

Ich wei nicht, wer der Idiot ist! erwiderte er scharf. Aber da es
nun dazu kommt ... so bitte, ich will mich mit Ihnen auseinandersetzen.

Er legte rasch Stock und Hut auf den Stuhl und setzte sich ebenso rasch
und impulsiv daneben.

Sehr notwendig! schnaubte Ssemjonow. Hampelmann!

Ruhig, Wassja! bat Lande.

Firsow tat, als ob er nichts gehrt htte und drehte sich kurz nach
Lande um.

Ich sehe mich gezwungen, etwas weit zurckzugreifen ... begann er
hochtrabend, mit offensichtlichem innerem Behagen an der vorbereiteten
Rede. Sie ... Iwan Ferapontowitsch, hatten einmal auf mich einen
bedeutenden Einflu ausgebt, ich mu das gestehen ... ja, ich will es
aufrichtig gestehen ... Ja, ich darf schlielich sagen, da wir sogar
Freunde waren.

Tiefe Ziegelrte trat auf die welken, trockenen Backen Firsows; fr
einen Augenblick schien es, da er in seiner Rede gestolpert wre, als
frchtete er, Lande knne es bestreiten.

Ich war Ihnen immer zugeneigt, Firsow ...

Ein Zug verborgener, ihn selbst erniedrigender Befriedigung huschte ber
Firsows Mienen; doch sofort wurde er grob und unverschmt.

Sie haben mich durch den ueren Eindruck Ihrer Handlungen, deren
wahren Sinn ich damals meiner Jugend wegen nicht durchschauen konnte,
verlockt ...

Ich glaube, ich habe Sie doch als erwachsenen Menschen kennen gelernt
... fiel ihm Lande, der ihm mit uerstem Interesse zuhrte, naiv ins
Wort.

Firsow wurde wieder von einer besonderen blaugelb gedeckten Rte
berzogen.

Jawohl ... Allerdings, ich ... Ich wollte gesagt haben, da, als Sie,
noch ein Jngling, Arme und Kranke besuchten und alles verteilten ...
und so weiter, da meinte ich, einen wahren Christen gesehen zu haben ...
und auch Ihre Reden bekrftigten mich darin ... Ich fhlte groe
Sympathie fr Sie. Ich mu es auch jetzt gestehen ... Dadurch, da Sie
infolge Ihrer Beredsamkeit die vertrauensvolle Jugend fortrissen, wurden
Sie sozusagen zum Mittelpunkt ... zu einem Abgott fr viele. Selbst ich,
ein Mann, -- ich darf es ohne berhebung sagen --, von innerem Halt und
gefestigtem Charakter, ein Mann von berzeugungen, konnte lange Zeit
nicht den wahren Sinn Ihrer Reden und Handlungen begreifen ...

Und welchen Sinn hatten sie, nach Ihrer Meinung? fragte Lande mit
Interesse.

Das werden Sie schon selbst wissen ... Firsow warf ihm einen schlauen
Blick zu und hob den Finger, als ob er ihn zur Seite schieben wollte.

Nun, doch?

Den folgenden ... wenn Sie es durchaus zu hren wnschen ... Indem Sie
sich am Dienst der Kirche in keiner Weise beteiligten, wollten Sie
gleichsam betonen und ... und hervorheben, da die wahre christliche
Religion auerhalb der Kirche liegt ... Jawohl! Und Sie haben auch in
der Tat viele verlockt, so da sie aufhrten, die Kirche zu
frequentieren und sogar in eine Kritik der Dogmen verfielen! ... Viele,
aber nicht ich ... Ihnen ging es natrlich gegen den Strich, ich aber
bin kein dummer Junge von Student; nicht Sie wren imstande, mich zu
beirren. Eher werde ich Sie auf den wahren Weg leiten!

O Gott! seufzte Lande schmerzlich auf. Was Sie nur da alles
zusammenreden, Firsow!

Ssemjonow drehte sich mit unterdrckter Aufregung schwer auf dem Bett
hin und her.

Jawohl, jawohl! wiederholte Firsow hochmtig. Nicht mich.

Und doch kann ich nicht verstehen, was das alles soll ... Lande schlug
die Hnde auseinander.

Das Folgende! schrie Firsow grob; sein dunkelgrauer Backenbart ging
borstig in die Hhe. Es war offensichtlich, da er sich verwickelt hatte
und sich, da er es einsah, in seiner Eitelkeit gekrnkt fhlte.
Erlauben Sie, schlielich, Ihnen geradezu die Frage zu stellen: Sind
Sie ein Christ oder nicht?

Ssemjonow schnaubte.

Ich wei wirklich nicht ... und wir wollen doch lieber ein andres Mal
darber sprechen ... versuchte Lande, den es um Firsow schmerzte, das
Gesprch abzulenken.

Wie von einem Strom mitgerissen, schlug Firsow kurz Wort fr Wort
herunter: Soo, -- -- Glauben Sie an die rechtglubige Kirche?

Lande lief aufgeregt im Zimmer umher.

Was ist das fr eine Frage, Firsow? Wozu das? brigens, wenn es Ihnen
wichtig ist, an die Kirche glaube ich ganz und gar nicht, das ist
selbstver-- ...

So--o! fiel ihm Firsow ins Wort, whrend er aufsprang und sich mit
enger Freude die Hnde rieb. Dieses Gesprch im Zusammenhang mit vielem
anderen, sowie mit der Lossagung von Ihrer Mutter ...

Lande ri die Augen weit auf.

Das ist nicht wahr, ich habe mich niemals von meiner Mutter losgesagt
... nur habe ich mich entschlossen, getrennt von ihr zu leben, weil --

Aber wozu redest du noch ein Wort mit diesem Aas! brauste Ssemjonow
pltzlich auf und setzte sich im Bett auf, zerzaust und gelb. Weshalb
erlaubst du jedem Strolch, in deine Seele hineinzufassen!

Ich verstehe! stie Firsow in dem frheren falschen Ton zwischen den
Zhnen hervor, und zog vorsichtig seine Mtze zu sich heran. Mehr habe
ich nicht zu fragen, obgleich ich noch einiges sagen wollte ... was
mglicherweise -- er fgte es mit augengesenkter stolzer Bescheidenheit
hinzu -- Ihnen einen gewissen Nutzen bringen knnte ... Aber da es
einmal ... genug! Jetzt wei ich, was ich zu tun habe ... Und Sie knnen
versichert sein, da ich so handeln werde, wie es mir meine Pflicht und
mein Gewissen vorschreiben! ... Jawohl!

Und Firsow erhob sich triumphierend.

Ach, du altes Mistvieh! schrie wtend Ssemjonow, wollte aufstehen,
begann aber furchtbar heiser zu husten und fiel, von kaltem Schwei
bergossen, mit dem Gesicht in die Kissen zurck. Der dnne bloe Fu,
der sich unter der Decke hervorgestreckt hatte, zitterte in krampfhafter
Anstrengung.

Schadenfroh sah ihn Firsow an und bleckte die Zhne. Ja, so--o! sagte
er gedehnt von oben herab, dann wendete er sich ebenso wieder an Lande.
Und Ihnen mchte ich noch das eine sagen: alle Ihre Handlungen sind
nichts als Heuchelei und Lge ... Den wahren Glauben haben Sie nicht,
vielleicht knnen aber Menschen, die Sie fr tieferstehend halten, als
sich ... Sie sind eben ein Diener des Antichrist und ...

Scher dich zum Teufel! kreischte, auer sich vor Wut Ssemjonow, und
seine kranke, gespannte Stimme zerschnitt die Luft, wie ein
Peitschenhieb. Raus mit dir!

Firsow sah ihn stolz an, setzte die Mtze auf und ffnete die Tr.

Dieser halbkrepierte Hund! sagte er abgesetzt mit unendlichem Ha und
Genu, hinter der Tr. Schweigen sollte der wenigstens, wenn er schon
von Gott geschlagen ist! Will auch noch mit den andern weiter!

Lande stand bla und kopflos mitten im Zimmer und lchelte unbeholfen.
Ssemjonow sah ihn an und begann sich, wie verschmt ber seine Wut,
immer noch zitternd und nach Luft ringend, anzukleiden.

Gott! ... Soviel Ha und Grimm, und weshalb? Habe ich denn ...

Ohne aufzublicken, warf Ssemjonow still hin: Du mut das einfach nicht
beachten ...

Aber Lande hrte ihm nicht zu. Er hatte nur das einzige, unberwindliche
Bedrfnis, sofort, ohne Verzug, den Ha und Grimm auszulschen, die
neben ihm und, wie ihm schien, durch seine Schuld emporgelodert waren,
weil er nicht verstanden hatte, ihnen vorzugreifen, und die ihm jetzt
unertrglich das Herz verbrannten; ohne berlegung strzte er kopfber
aus dem Zimmer.

Wo willst du hin? rief Ssemjonow. Er erschrak ber dieses unntige und
seiner Ansicht nach erniedrigende Vorhaben Landes.

Ich komme gleich wieder ... murmelte Lande, lief die Stufen herunter
und strzte auf den Flgel zu, in dem Firsow wohnte. Die Tr war
zugeschlossen; Lande prallte hart an ihr zurck.

Firsow! Machen Sie auf! schrie Lande; er klammerte sich an die
Trklinke.

Hinter der Tr konnte man nichts als dumpfes, triumphierendes Schweigen
hren, es schien, da gleich hinter ihr jemand verborgen war, der sich
in geheimem Vergngen sein Schweigen auskostet. Lande drehte und
rttelte an der Klinke.

Firsow! Es ist ein Irrtum! machen Sie auf -- ich will Ihnen alles
erklren ... Machen Sie auf!

Firsow lie nichts von sich hren. Lande sah sich mit traurigen Augen
um, bi sich auf die Lippe, um nicht von seinem Schmerz berwltigt zu
werden, und trat zurck.

Aus dem Garten kam die zarte, schlanke Ssonja, vor der Sonne von einem
durchsichtigen weien Kopftuch geschtzt, unter dem groe Augen
forschend und dster hervorblickten, auf ihn zu.

Wanja, sagte sie streng und ernst, gehen Sie von hier fort, Sie
erniedrigen sich.

Ssonjetschka, erwiderte Lande ernst, kann man denn das lassen? Es ist
doch entsetzlich, sinnlos ... Wozu, weshalb diese Wut?

Er ist ein Schuft, ein Stck Dreck, ein Nichts! sagte Ssonja
berzeugt. Er hat Sie schon lange, weil Sie besser sind als er ...

Ach, was Sie fr dummes Zeug reden, Ssonja! wehrte Lande ab.

Es ist wahr! rief Ssonja beharrlich und ri das Kopftuch herunter.

Na, mag sein ... Nicht darum handelt es sich, Ssonja, wer besser oder
nicht ... Nicht das ist wichtig.

Auf den Stufen erschien Ssemjonow, halbbekleidet, ungekmmt und
safrangelb.

Lande, rief er kurz. Komm her, gleich! Sonst prgle ich dich durch,
bei Gott!

In seiner Stimme klang deutlich Liebe und Mitleid und eine gewisse helle
Verwunderung.


                                   XI

Abends brannte in Firsows Huschen Licht. Bei der toten, starrgelben
Flamme sa er kerzengerade, unbequem am Tisch und setzte eine Anzeige
gegen Lande an den Bischof auf. Die Feder schabte am Papier wie eine
nagende Maus; es war hei, schwl, von der dumpfen Luft und dem schweren
Ha, der die beleidigte Seele Firsows fllte.

Hinter dem Fenster leuchtete der weie Mond, atmete leicht die khle,
blaue Nacht. Auf dem Boulevard htte man beim Mondenlicht lesen knnen;
alles war durchsichtig-blau und rein, wie mit grnlich-blauer Emaille
berzogen. Spaziergnger gingen ihn entlang; ihre schwarzen Schatten
legten sich leicht und scharf auf die glatte Erde.

Lande und Ssemjonow, der eine in seiner alten Litewka, der andere im
Studentenmantel, den er vollstndig zugeknpft hatte, lieen die Menge
hinter sich und setzten sich auf die Bank ber dem Abhang.

Und ich sage dir, Ssemjonow schwenkte entschieden den Stock, da die
Menschen sich in der Suche nach einem sogenannten Glck zur Genge
geqult haben. Es ist lngst an der Zeit, darauf zu spucken und
auseinanderzugehen ...

Nein, erwiderte Lande traurig aber fest, das ist Verzweiflung, und
Verzweiflung ist eine Snde; sie bedeutet, da man den Mut sinken lt.
Wir kennen den Willen Gottes nicht und knnen uns daher nicht
selbstndig von ihm trennen. So oder anders, wir werden doch den Willen
desjenigen, der uns geschickt hat, erfllen. Und ich meine, da wir
nicht verbittert, nicht verzweifelt sein sollen. Wir mssen trachten,
wie es am besten zu erfllen ist, was wir nicht unerfllt lassen knnen;
-- das ist das Leben! Es ist das Beste fr den Menschen.

Ssemjonow schwenkte verchtlich den Stock, und sein schwarzer Schatten
wiederholte diese Bewegung.

Und wer will uns lehren, wie es am besten zu erfllen ist?

Unser Herz, antwortete Lande berzeugt. Unser Gewissen.

Na, Bruder, das Gewissen ist bei den Menschen verschieden ...

Darber braucht man nicht nachzudenken, Wassja ... Niemand beruft uns
dazu, die verschiedenen Gewissen abzuschtzen und zu vergleichen: jeder
Mensch hat nur an sein eigenes zu denken ... Es ist berhebung, Wassja
... alles unbedingt gleich abzuschtzen und klarzumachen; auch sein
Urteil ber alles zu fllen. Es ist nur ntig, da sich jeder Mensch
aufrichtig mit allen seinen Handlungen im Recht glaubt.

Das ist alles sehr schn ... Ssemjonow schmunzelte. Hat aber wenig
Zweck ... so, mein Lieber!

Ihnen nherten sich, auf dem dunklen Hintergrund der Huser und Bume
vom Mondenlicht klar umrissen, Schischmarjow, Molotschajew, Marja
Nikolajewna und Ssonja, die sich mit der Hingabe und Verliebtheit, die
Backfische stets erwachsenen, schnen Mdchen gegenber empfinden, an
Marja Nikolajewna schmiegte.

Marja Nikolajewna drckte Lande unschlssig und linkisch die Hand und
lchelte unwillkrlich, weil ihr seine Gestalt am Abend des berfalls in
Erinnerung kam. Sie wandte sich ab und legte ihren weichen, vollen Arm
um Ssonja; Molotschajew stand schn und gro am Abhang, wie von kaltem
Silber des Mondlichts angeschmiedet, der kleine Schischmarjow sprach
eiligst auf Lande ein.

Hre, Wanja, das ist doch wirklich zum Teufel! sagte er mit scharfer
Stimme, whrend er nervs die Hnde bewegte und rieb. Bist du denn
wirklich ganz auerstande, Menschen zu unterscheiden? Dieser Firsow ist
doch ein allgemein bekanntes Dreckstck, ein Mucker, Angeber, ein
Mitglied des echtrussischen Verbandes, und du gibst dich mit ihm ab ...
Mir hat Ssonja erzhlt, da du ihn beinahe um Verzeihung angefleht
hast.

Er ist kein so schlimmer Mensch ... erwiderte Lande leise.

Aber auf Schritt und Tritt begeht er Schuftereien.

Er begreift nicht, was er tut und wie sehr er sich dadurch selber
schadet. Htte er das verstanden, wrde er es nicht getan haben ... Man
mu es ihm klarmachen, ihn mehr bemitleiden, dann wird er es begreifen
...

Pfui Teufel! Ssemjonow spie entrstet aus.

Schischmarjow starrte Lande fragend an.

Sei mir nicht bse, mein Lieber! ... sagte Lande sanftmtig zu
Ssemjonow. Ich rege dich in einem fort auf, aber ich bin wirklich ...

Wenn du es wissen willst, fiel ihm scharf und hitzig Schischmarjow ins
Wort, eine solche Liebe ist einfach sinnlos. Lieben mu man Menschen,
die der Liebe oder wenigstens des Mitleids wert sind; aber wer nur
Verachtung verdient, der mu verachtet und vernichtet werden, wie man
krankheitserregende Keime vernichtet, um die Luft, die von allen
eingeatmet wird, zu subern und gesund zu machen. Diese berhmte
Nchstenliebe, diese unterschiedslose, widersinnige Liebe, hat nur dazu
gefhrt, da man eine ganze Menge von dem Schdlichen, das unbedingt
vernichtet werden mte, kultiviert und erhlt!

Es gibt sehr viele Menschen, denen wir, ich und du schdlich vorkommen.
Ich glaube nicht, da es unter den Menschen Schdlinge geben kann ...

Du kannst unmglich nicht daran glauben! erwiderte Schischmarjow
hitzig und zupfte die rmel seiner kurzen Litewka zurecht.

Die schlanke Ssonja atmete gespannt auf; hielt aber gleich wieder den
Atem ein, ohne ein Auge von Lande zu lassen.

Nein, ich glaube es nicht! Lande schttelte den Kopf. Wenn es auch
bse Menschen gibt, so sind es doch nicht schdliche Menschen. Htte es
nicht ihr Bses gegeben, so knnten auch nicht die besten Eigenschaften
des menschlichen Geistes: Selbstvergessen, Vergebung, Selbstaufopferung,
reine Liebe sich zeigen und entwickeln ... aber sie mssen in
Erscheinung treten, ohne sie wre das Leben nur sinnloses Vegetieren.

Ich danke dafr! erwiderte Schischmarjow aufgeregt. Demnach wre auch
der Gestank ntzlich, weil er die frische Luft zu schtzen lehrt?

Vielleicht, Lande lchelte. Nur ist es etwas ganz anderes ... und zu
einfach: ein Mensch ist Vieles zusammengenommen. Er ist doch zu schn
und kraftvoll, als da man an ihn das gleiche Ma anlegen knnte, mit
dem man Mist mit!

O Gott! Und der Mensch macht noch Kalauer! lachte Ssemjonow mit
komischem Entsetzen.

Ich? ... das war kein Witz, -- das kam mir so in den Mund. Lande wurde
verlegen.

Der liebe Wanja! ... flsterte Ssonja leise Marja Nikolajewna zu; sie
blhte in einem hellen Lcheln auf, das ihrem stets exaltierten Gesicht
gar nicht eigen war.

Marja Nikolajewna seufzte leicht. Das Lcherliche und Jmmerliche, das
sie in der letzten Zeit an Lande gesehen und das ihr unbewut leid getan
hatte, -- war an diesem Abend allmhlich weiter und weiter von ihrem
Herzen fortgezogen, bis es pltzlich irgend wohin ganz verschwunden war.
Und ein stilles, frohes Gefhl trat an seine Stelle. Sie wendete Lande
ihren Kopf zu, blickte auf sein mageres Gesicht, das unter dem Mondlicht
und dem angespannten Denken bla geworden war, und sagte sich:

... Es ist alles richtig, was er sagt! Eine Wahrheit, die vor ihm
allein offen liegt! ... Man kann es nicht mit Worten ausdrcken, aber
wahr ist es ... Der liebe, der gute! ...

Sie errtete, wandte sich ab und drckte Ssonja fest an sich.

Wann werden Sie endlich genugsam gestritten haben, meine Herren? warf
Molotschajew mit selbstsicherer Nachlssigkeit ein. So werden Sie Ihr
ganzes Leben lang verstreiten ... Gehen wir lieber rudern ... Mag doch
jeder so leben, wie es ihm gefllt!

Sie verknden eine heilige Wahrheit, erwiderte Ssemjonow und schwenkte
die Hand. Nur werde ich gerade ihrer richtigen Bemerkung gem nicht
rudern, sondern schlafen gehen.

Auch ich kann nicht mitkommen, sagte Schischmarjow; ich habe noch
einiges zu lesen.

Lande lchelte.

So werden Sie wohl allein mitfahren, Marja Nikolajewna, weil ich auch
fortgehe ... Ich fhle mich nicht ganz wohl.

Sie gingen auseinander. Als das Boot in die Mitte des Flusses hinauskam,
wurde es um sie ganz besonders hell und gerumig; es war leicht zu
atmen. Ssonja kauerte unbeweglich auf dem Boden des Bootes und starrte
von ihrem Sitz unverwandt in den Mond.

Das Wasser neben dem Boot war schwarz, schwer und bodenlos; in der
dunklen Tiefe barg sich kaltes Grauen. Marja Nikolajewna beugte sich
ber Bord, und ein gieriger Hauch schlug aus der Tiefe in ihr Gesicht.
Trbe spiegelte er sich in ihm wieder; es sah bla und tot aus.

Ah, es ist ngstlich! sagte sie und lehnte sich zurck.

Molotschajew warf den Kopf hoch, lachte und begann zu singen. Seine
Stimme schlug wie herausfordernd an die glatte, dstere Oberflche und
hallte irgendwo im freien Raum wieder.

Der Dampfer ... sagte Ssonja leise.

Sie sahen sich um und erblickten etwas Riesiges, Schwarzes, dicht neben
sich aus der Finsternis herauswachsen. Schwarzer Dunst quoll, wie eine
ungeheure, niederwuchtende Sule empor und beschmutzte Himmel und
Sterne. Ein rotes Feuer blickte sie scharf und gierig an.

Man hrte schon, wie das Wasser dster aufwirbelte. Ein scharfes,
messinghartes Pfeifen durchbohrte die Luft, erfllte den Himmel, das
Wasser, im selben Augenblick bedeckte der riesige Schatten den Mond vor
ihnen, fllte alles mit Finsternis an, peitschte eine schwere kalte
Welle auf und hllte sie in einen erstickenden Rauch ein, der sich mit
den Spritzern und der Gischt aus der aufgerhrten Tiefe vermischte. Das
Boot ging in die Hhe, prallte gegen etwas an, strzte einen furchtbaren
nassen Abgrund hinab; fr eine Minute schien es, da sie untergehen.
Aber im selben Augenblick floh der Schatten vorber, der Mond sprang
empor und blieb wieder, hell und unbeweglich, ber dem Wasser stehen,
das jetzt in wilder Freude quirlte und glitzerte.

Wunderbar! Molotschajew war ganz hingerissen.

Wunderbar! rief gleichzeitig Marja Nikolajewna mit klingender Stimme,
und prete die Hnde an die Brust. Und glnzend vor Jugend und frischer
Kraft fgte sie hinzu: Das Herz ri mir geradezu ab. Ich meinte, wir
ertrinken ... Der Tod!

Aber ich war gar nicht erschrocken! warf unerwartet und ruhig Ssonja
hin: Ist es denn nicht gleich, wann wir sterben! ... Ich hatte keine
Angst!

Molotschajew ri mit komischer Verwunderung die Augen auf. O Gott! ...
Ein kleiner Lande! Es wre doch schon an einem genug!

Marja Nikolajewna blickte ihn an, er schien ihr krftig und schn; sie
seufzte tief auf und lachte dann im Einklang mit ihm.

Sie knnen Lande nicht verstehen! erwiderte Ssonja feindselig.

Molotschajew hob verachtungsvoll den Kopf. Mag sein ... Warum auch!
Dafr verstehe ich das Leben, die Liebe, die Schnheit ... mit meinem
ganzen Wesen! ... Das Leben, die Kraft, die Jugend, die Schnheit -- sie
mgen leben! Marja Nikolajewna, nicht wahr?

Marja Nikolajewna seufzte angestrengt und reckte sich still und stark
mit der glcklichen Sehnsucht der verlangenden und wartenden Jugend.

Ja, richtig ... antwortete sie leise.

Ach! rief Molotschajew wild, leidenschaftlich und sinnlos glcklich,
und sein rufender, rtselhafter Schrei flog unendlich weit ber das
Wasser. Langsam und gleichmig stiegen und senkten sich die Wellen um
das Boot, und die Lichtsule des Mondes glitzerte und wiegte sich, mit
ihnen.


                                  XII

Im Garten war es finster, es roch stark nach warmer Feuchtigkeit. Die
Bume und Bsche waren nicht mehr im einzelnen zu erkennen, sie waren
alle in eine tief dunkle Masse zusammengeschweit, in der nur
geheimnisvoll, unbeweglich Johanniswrmchen, wie winzige, weie Fnkchen
in dem dunklen Strom der Nacht, aufleuchteten.

Molotschajew und Marja Nikolajewna gingen durch die Finsternis; sie
muten sich auf dem unsichtbaren, festen Weg mit den Fen
vorwrtstasten.

Setzen wir uns, sagte Marja Nikolajewna; ihre Stimme hob sich scharf
von der gespannten Stille des Gartens ab.

Sie fanden, ebenso tastend, die Bank und setzten sich nebeneinander.

Nach wie vor glnzten hier und dort weie Funken in der Tiefe der
Finsternis auf. Molotschajew beugte sich nieder und griff in dem nassen,
warmen Gras nach einem Leuchtwrmchen. Blulich phosphoreszierendes
Licht, das einem saphirgrnen Punkt entstrmte, erhellte seine breite,
krftige Hand. Marja Nikolajewna neigte sich, und ihre Kpfe fielen in
dem schwachen Lichtschein fest zusammen.

Es ist nicht erloschen ... sagte Marja Nikolajewna leise, als ob sie
frchtete, das regungslose, still leuchtende Wrmchen zu erschrecken.

Der stille Hauch ihrer Worte berhrte weich und zart Molotschajews
Wange. Er hob die Augen und sah im durchsichtigen Schein ihr feines,
zartes Profil und den oberen Teil der vorgestreckten Brust.

Irgendwo neben ihnen fiel etwas weich ins Gras und man hrte, wie ein
Zweig sacht ins Wiegen kam. Sie seufzten beide und sahen sich um.
Molotschajew schttelte das Leuchtwrmchen vorsichtig von der Hand ab;
es wurde wieder finster und roch noch intensiver nach warmem, feuchtem
Gras.

In Molotschajews Brust drngte bebend ein lockendes Gefhl; er meinte,
die gespannten, rufenden Schlge ihres Herzens zu vernehmen. Vor seinen
Augen, in trbem Grau, flimmerte eine schlanke, etwas geneigte,
weibliche Gestalt; sie war in der Finsternis wie weit von ihm entfernt;
nur der feine, erregende Duft ihres Krpers und ihres trockenen Haares
strich dicht an seinem Gesicht vorbei. Die Dunkelheit wurde immer
angespannter, die Finsternis verdichtete sich mehr und mehr, alles trat
zurck, umgab sie mit toter Leere, in der es nur sie allein, nur eine
Sehnsucht ihres krftigen, berreizten Krpers gab. Immer enger zog sich
zwischen ihnen die Entfernung zusammen; und allmhlich traten sie, von
einem eigenen, sinnbetubenden Licht, still wie die Nacht, wie ihr
Verlangen erhitzt und bebend wie ein Geheimnis, bergossen, aus dem
Dunkel hervor. Molotschajew streckte leise die Hand aus, glitt auf den
erzitternden, weichen Krper zu und umarmte ihn.

Langsam legte sie den Kopf in den Nacken, so da ihre unsichtbaren,
weichen Haare auf Schulter und Arm Molotschajews fielen; eine
unberwindliche Macht hatte sie in eins verschmolzen; es war nichts
zwischen ihnen, als einzig das schmerzlich se kreisende Verlangen.

Doch pltzlich zersprang die Finsternis in tausenden Feuern, erklang in
drhnenden Lauten, verschwand zwischen den vortretenden Bumen, Bschen
und den spttischen nchtlichen Fnkchen: Marja Nikolajewna war
Molotschajews Hnden, biegsam wie eine gleiende Schlange entschlpft,
und lachte silberhell und spttisch, whrend sie zur Seite sprang. Die
wirbelnden und klingenden Tne ihres Lachens berstrzten sich; sie
waren weit in den Garten, ihn mit einem Schlag aufweckend, eingedrungen.

Molotschajew erhob sich verwirrt, kopflos und reckte schwerfllig seinen
groen, schweren Krper, der noch immer in jeder Fiber bebte.

Marja Nikolajewna ... seine Stimme klang dumpf, zitternd. Was sollen
die Scherze?

Was? Marja Nikolajewna fragte mit geheuchelter Neugierde; ihm schien
ihr Ton boshaft und hhnend.

Was fr Scherze? Was ist denn los?

Wieder wirbelte ihr silberhelles Lachen in der Finsternis und klang
zurck; heie Furcht und gierige Wnsche tnten heraus. Von unten
drckte sich in Molotschajews Kopf eine schwere, rachschtige Reizung
durch. Die Haare klebten an seiner weien Stirn, Nebel schwamm vor
seinen Augen, im Kopf schwindelte es dumpf und still.

Ah! schrie er heiser, beugte trotzig den Kopf, wie ein Stier, nach
vorn, und schob sich langsam auf sie zu. Er verga an alles, entfernte
sich von allem, sah nur noch, wie sie ihn biegsam und neckisch anlockte.
Mit seinem ganzen Wesen empfand er, da sie ihn ebenso hei begehrte,
da sie nur frchtete, ihn neckte und ihm trotzte. Das instinktive
Verlangen vermischte sich pltzlich mit wollstigem Ha, mit dem Durst
nach brutaler Vergewaltigung und schamlosen Schmerzen.

Na--na--na! ... schrie das Mdchen erschrocken auf und schlug ihn mit
irgend einem nassen stechenden Zweig, der ihm das Gesicht mit kalten
Tropfen bespritzte, ber die Hand.

Gehen wir lieber nach Hause ... Sie sind heute zu -- -- gefhrlich!
sagte sie, noch zitternd und doch schon ihren Sieg auskostend. Mit dem
brennenden Genu, mit dem der Mensch in einen tiefen Abgrund schaut,
nahm ihn das Mdchen hhnend unter den Arm.

Und sie gingen. Sie blickte ihm von unten ins Gesicht; spottete ber
seine Ohnmacht, sprhte Tau und Funken ihres nervsen, erregenden
Lachens auf ihn nieder und er, der Ungeschickte, Brnstige, Wilde, er
ging demtig, feige neben ihr und bezwang das wtende Verlangen, sie
zusammenzuknicken, aufs Gras zu drcken, zu unterwerfen, durch seine
Kraft und Leidenschaft zu vernichten.


                                  XIII

Die Nacht war hei, drckend, voll sonderbarer, unruhiger Trume, voll
erhitzten, unbefriedigten Blutes. Erst beim Tagesgrauen fiel Marja
Nikolajewna in einen ruhigen, weichen Schlaf, erwachte aber frh, am
sonnigen Morgen. Ein ganzer Strom lichter, frischer Luft drang zum
Fenster herein und erfllte das Zimmer mit dem unendlich leichten,
blendenden Licht des freudigen Morgens.

Die Kissen waren zerknllt, das Laken hing zum Boden herunter, das Hemd
war von den Schultern geglitten, zeigte die zarten, weichen Fe, wand
sich eng an den runden und feinen Krper, der es wie weie Wellen trug.
Die schwarzen Haare waren auseinander gefallen, die Arme hatte sie in
einer wonnigen, geschmeidigen Bewegung hinter den Kopf verschrnkt, ihre
Augen blickten freudig, fragend; eine gewisse undeutliche und doch
bestimmte Erwartung lebte in ihrer dunklen Tiefe.

Sie schmte sich dessen und fand es doch gleichzeitig eigenartig und
uerst interessant, was sich gestern im Garten abgespielt hatte. Die
rosigen Zehen an ihren kleinen vollen Fchen spreizten sich leise;
darin, da es die einzige, kaum merkliche Bewegung des von der
Erinnerung gespannten, geschmeidigen Krpers war, lag ein trotziger,
selbstndiger Zug.

Sie senkte langsam den Blick, lie ihn ber den ganzen Krper gleiten;
ihr Herz schlug pltzlich angenehm und bange; sie schauerte zusammen,
wute selbst nicht warum, sprang auf, streckte sich geschmeidig und
leidenschaftlich und blieb mit einem einzigen Ruck halbnackt und rosig
hochaufgerichtet stehen.

Ssonja, die bei ihr schlief, schlug die Augen auf. Sie lag klein und
schmchtig unter der grauen Decke, und sah, ohne sich zu regen,
forschend und ernst Marja Nikolajewna an, als ob sie wte, was in ihr
vorging, aber es erst durchdenken mte.

Marja Nikolajewna sah ihre weitgeffneten, strengen Augen, fuhr
erschrocken, schmerzhaft zusammen und strzte sich auch jetzt, ohne zu
wissen, warum, auf Ssonja, umschlo den mageren Krper mit ihren vollen,
nackten Armen und drckte ihn an ihre elastische Brust.

Ach, Ssonjka, Ssonjka, sagte sie freudig und schamhaft, wie schn ist
es zu leben!

Ssonja hob den blassen, zerzausten Kopf, berlegte ein Weilchen und
sagte dann:

Ich wei es nicht ...

Marja Nikolajewna warf ihr einen einsichtigen, in sich vertieften Blick
zu und lachte dann mitleidig und berlegen:

Bist noch ein dummes Ding, Ssonjka! ... Du verstehst noch nichts.

Ssonja setzte sich auf, die dnnen nackten Arme fielen am Krper herab.

Ich verstehe alles! erwiderte sie mit unumstlicher berzeugung, nur
kann ich es manchmal nicht aussprechen! ... Nur das Groe ist im Leben
wichtig! ...

Marja Nikolajewna fing an, hin und her zu schaukeln, sah dabei aber
nicht sie an, sondern ihre feine, bluliche Haut, die sich an den
Gelenken der durchgedrckten, rosigen Arme in Falten legte und sich
bewegte.

Ssonja, warum bist du nur so lcherlich und ernst?

Ein ernster Mensch kann nicht lcherlich sein. ... Beides zusammen gibt
es nicht, erwiderte Ssonja mit nachsichtiger berlegenheit, als spreche
sie mit einem mutwilligen Kind.

Doch, es kann! Du Lcherliche, Ernste ... du Liebe! Marja Nikolajewnas
Stimme klang singend, ganz durchstrahlt von leidenschaftlicher Freude.
Du wirst wahrscheinlich niemals anders werden ... Und wirst auch nie
leben!

Ich wei, wie ich leben werde ... erwiderte Ssonja nachdenklich.

Wie?

Ich wei schon ... Nicht wie alle ... wie es sich wirklich zu leben
verlohnt, um ... zu etwas Hherem ... Ich werde wie Wanja leben, schlo
sie triumphierend. Pltzlich errtete sie furchtbar und wurde zu einem
wunderbar zrtlichen, lieben Mdchen, das man unter Trnen und Lachen
abkssen mchte.

Marja Nikolajewna kte sie auch, lachte und schttelte sie, und beide
wlzten sich halbnackt im Bett und verwickelten sich in dem Laken; die
eine geschmeidig, krftig und elastisch, die andere dnn und
zerbrechlich. Zwei Mdchen, die das Weib in sich fhlen.


                                  XIV

An diesem Tag reiste Ssemjonow mit dem Nachmittagszug nach Jalta. Dort
konnte er, wie die rzte sagten, denen er nicht glaubte und doch glauben
wollte, gerettet werden. Alle hatten sich versammelt, um ihn zur Bahn zu
begleiten.

Ssemjonow fhlte sich sehr schlecht. Ihn freute nichts mehr. Ein
nagender, unverstndlicher Schmerz hllte ihn wie ein schwerer Nebel,
der ihn alles um sich nur undeutlich und trbe sehen lie, ein.
Gleichgltig und khl reiste er fort, als ob sein Krper schon
abgestorben sei, sein Geist aber nach innen gerichtet wre, in die
bodenlose Tiefe seiner einsamen Schmerzen. Er war weder erfreut, noch
verdrossen, da alle zum Abschied zu ihm gekommen waren. Ihm war es
gleich. Nur Lande machte ihm Sorgen, und diese unbegreifliche,
bekmmerte Aufmerksamkeit, die er fr ihn hatte, berhrte die anderen
eigentmlich, wie ein Lcheln auf dem Gesicht einer starren, kalten
Leiche.

Nun, Lande, bleibe und lebe hier! sagte er mit trockenem Hsteln. Und
wie wirst du essen?

Irgendwie ... beruhigte ihn Lande lchelnd und fgte scherzhaft hinzu:
Sehet die Vgel unter dem Himmel an: sie shen nicht ...

Bist ein Dummkopf! versetzte Ssemjonow zornig. Du bist doch kein
Vogel ... Wenn man dich nicht fttert, wirst du vor Hunger krepieren.
Eigentlich sehr komisch! ... Wre ich der liebe Gott, ich htte dich
lngst schon lebendig zu mir aufgenommen ... und in ein Irrenhaus
gesteckt.

Lande lachte ansteckend lustig und gutmtig.

Liebster Wassja, du bist der beste von allen Menschen, die ich je
gesehen habe ...

Und du der Dmmste ... Ssemjonow machte eine verdrossene, ungeduldige
Handbewegung.

Er schwieg eine Weile.

Schischmarjow versprach, dir Stunden zu verschaffen.

Na, also schn! Lande war erfreut.

Schischmarjow und Molotschajew kamen zusammen.

Sie fahren? fragte gleichgltig der Maler.

Natrlich! erwiderte Ssemjonow unfreundlich.

Einen Schler htte ich fr Lande gefunden, sagte Schischmarjow.

Nun denn ... hrst du? Ssemjonow blickte auf Lande.

Es ist schon bald Zeit, zur Bahn zu fahren. meinte Schischmarjow
besorgt, whrend er auf die Uhr sah.

Als Ssemjonow einen Augenblick hinausging, fragte Molotschajew
teilnahmslos.

Wohin reist er? Nach Jalta? Mit welchen Mitteln?

Als Hauslehrer, antwortete Schischmarjow und zuckte die Achseln: wie
es Studentenbrauch ist!

Als Hauslehrer? Molotschajew wunderte sich, und ein Schatten von
Mitleid glitt fr eine Sekunde ber sein Gesicht. Wie kann er als
Hauslehrer gehn? Ihn wirft doch jeder Windsto um!

Lande stand auf, drckte hastig die Hand gegen seine Wange, wie in
pltzlichem Schmerz, setzte sich aber sofort wieder.

Ach was! meinte Schischmarjow, und er machte eine Miene, als wenn er
etwas Angenehmes sagte: unsereiner, ein armer Teufel, kann nicht nach
solchen Feinheiten fragen! Hat noch bisher keinen umgeworfen? Also wird
es noch weiter gehen.

Unter dem Fenster tauchte ein schwarzer, durchbrochener Schirm, dann ein
zweiter hellroter auf.

Marja Nikolajewna und Ssonja kommen! sagte Lande.

Sie traten zusammen mit Ssemjonow herein. Ssonja war ernst, still,
machte ihren Schirm zu und setzte sich ebenso Lande gegenber in die
Ecke. Marja Nikolajewna lachte erregt und verlegen, grte kaum und
blieb mitten im Zimmer stehen, drehte den offenen Schirm auf dem Boden
herum, lachte, strahlte mit den Augen und den bloen Armen und schien
Molotschajew berhaupt nicht zu sehen.

Als sie eintrat, fhlte Molotschajew, wie irgend eine Sehne in der
Kniekehle nervs zu zittern anfing. Er stand auf und trat an das
Fenster; nachlssig angelehnt warf er nur hin und wieder einen raschen,
gierigen Blick auf sie.

Der Fuhrmann kam. Man hatte schon von weitem den Wagen rasseln und die
Gule schnauben hren.

Na, gehen wir! sagte Ssemjonow gleichgltig.

Lande wollte den Koffer nehmen, aber Molotschajew rief:

Ach, was wollen Sie denn damit! Er griff selbst zum Koffer und hob ihn
auf, als ob es eine Feder wre, und trug ihn mit dem Vergngen, seine
Kraft zeigen zu knnen. Marja Nikolajewna sah ihn nur flchtig an und
schaute gleich auf Ssemjonow. Der gebeugte, kranke Student sa schon in
seinem verblichenen, grnlichen Mantel mit grngewordenen Knpfen in dem
Wagen, die Mtze hatte er tief ber die Ohren gestlpt.

Na, lebet wohl! rief er traurig, als das Pferd anzog.

Auf Wiedersehen! auf Wiedersehen! riefen ihm junge, lebhafte Stimmen
zu.

Ja, halt! Der Fuhrmann hielt ein. Also du, Lande ... brigens, was
geht es mich an? Wie du willst! Lebe wohl! er schnitt sich selbst das
Wort ab und fuhr weiter.

Seine gebeugte, unscheinbare Gestalt hpfte lange noch inmitten der
Strae. Sie nahm sich ganz seltsam aus, war dunkel, es schien, da in
dem hellen, lichten Tag voll Glanz und Freude nur auf ihn allein die
warme Sonne nicht scheinen wollte ... Ssonja weinte still.

Ich begleite Sie, Marja Nikolajewna! sagte Molotschajew; aus seiner
Stimme hrte sie gebieterischen Willen.

Ein ganz eigenartiger Schreck bemchtigte sich ihrer.

Ich bleibe hier bei Ssonja, sagte sie, obgleich sie zuvor nicht daran
gedacht hatte.

Molotschajew wurde tiefrot, und wieder stieg ein wollstig-rachschtiges
Gefhl in ihm langsam empor.

Das ist schn! rief Lande freudig. Gerade mit Ihnen mchte ich jetzt
sprechen!

Molotschajew berflog ihn mit einem Blick; widerwrtige Eifersucht sog
an seinem mchtigen, schnen Krper und warf ihn in ohnmchtigem Grimm
zusammen.

Wie Sie wollen ... Auf Wiedersehen! Gehen wir, Schischmarjow!

In Ssemjonows Zimmer war es leer und khl. Marja Nikolajewna hatte sich
an das Fenster zum Garten gesetzt, Ssonja fate ihre weichen Knie, und
Lande stand neben ihr.

Warum wollten Sie gerade mit mir sprechen? fragte Marja Nikolajewna
und lchelte.

Lande lchelte ebenfalls aber freudig.

Weil Sie so jung und schn und gut sind, mchte ich gerade mit Ihnen
sprechen ... Die Sonne scheint so warm, so gut ...

Marja Nikolajewna lachte hell und glcklich.

Als ob ich wirklich so wre!

Ganz gewi. Sie sind es! ... wiederholte Lande mit naiver berzeugung.
Und wie schn ist das.

Was?

Da es wie Sie schne, zarte, junge Frauen gibt! Ich glaube immer, da
Gott nur dazu den Menschen weibliche Jugend, Schnheit und Zartheit
geschenkt htte, damit sie nicht ganz an Freude und Liebe verzweifeln,
solange ihre entsetzlich schwere, freudlose Arbeit am Leben dauert.

Ssonja lie kein Auge von ihm, unter den Lauten seiner Stimme wurden
ihre blassen Wangen rosiger und lebendiger.

Dann werden also, sobald diese Arbeit einmal beendet ist, gar keine
Frauen mehr ntig sein? fragte Marja Nikolajewna nachdenklich.

Nein, weshalb? erwiderte Lande freudig. Sie werden bleiben ... ebenso
herrlich, nur werden dann alle und alles ebenso herrlich, jung und zart
sein. Dann wird einst alles hell und heiter werden, jetzt aber sind sie
nur ein Strahl von dort, von dieser hellen Zukunft.

Lande schwieg eine Weile und fgte hinzu:

Mir tut es immer leid ... ich wei nicht, vielleicht ist es ein
hliches Gefhl ... wenn sich ein junges, glckliches Mdchen einem
gierigen, brutalen Mann hingebt ... Ich bin froh ber ihr Glck; aber
gleichzeitig tut sie mir leid. Als ob jemand ein klares Flmmchen, das
fr alle geleuchtet hatte, in seinen Besitz nimmt, fortschleppt,
auslscht ... Ich glaube, brigens, da ich nicht aus schlechtem Gefhl
so empfinde ... es tut mir nur leid, weil viel zu wenig Menschen solche
Flmmchen besitzen! ...

Aber es kann doch gar nicht anders sein! erwiderte Marja Nikolajewna
leise und senkte den Kopf. Ihr erschien, da er von ihr sprach.

Ja, ja, gab Lande eilig zu, gewi nicht! ... Mir tut es nur leid, da
die Jugend und Schnheit nicht Allgemeingut sein kann. brigens, die
Menschen glauben, da das schlecht wre ... Ich wei nicht ...
vielleicht ...

Es war still und hell. Die reine, durchsichtige Luft versilberte jeden
Laut und kleidete jeden Atemzug in Freude. Marja Nikolajewna wandte
Lande ihre Augen zu, und eine seltsame Empfindung durchzuckte sie: fr
einen Augenblick berkam sie leidenschaftlich, wie nie zuvor, das
Verlangen nach Leben; ihr schien, da sie dazu imstande wre und es tun
wird: alle zu lieben, allen Lust, Genu, Licht und Freude, ihre Jugend
und Schnheit, ihren herrlichen, kraftvollen Krper hinzugeben. Das
durchlief sie und verschwand; es blieb nur, wie eine tiefe Furche,
nachdenkliche Zrtlichkeit und stille Zuneigung fr diesen stillen,
schwachen Menschen mit den herrlichen Augen zurck, der neben ihr stand.
Lande sah sie klar und heiter an; da wnschte sie, undeutlich, zum
ersten Mal, mit ihm eins zu werden. Ein leichter, schamhafter Gedanke
huschte voran und beleuchtete klar die zuknftige Vereinigung ihres
reichen Krpers mit jenem sonderbaren, trumerisch-zarten Wesen, das er
in seiner Seele trug. Eine Vorahnung des unendlichen Glckes berflutete
sie wie eine unaufhaltsame Woge von Rhrung und Wonne.

Marja Nikolajewnas Schultern zogen sich geschmeidig zusammen. An ihren
Knien machte Ssonja pltzlich eine kaum merkliche sprde Bewegung, als
ob etwas leise gekracht htte.

Mir war noch nie im Leben so eigentmlich und wohlig zumute, sprach
Marja Nikolajewna unwillkrlich laut.

Sie mssen sich doch immer gut fhlen! sagte Lande mit feuchten Augen.
Es ist doch solch ein Glck, so viel Schnheit in sich zu fhlen, zu
wissen, welche Freude man allen damit bereitet.

Nicht immer! erwiderte Marja Nikolajewna kaum vernehmlich, whrend sie
den Kopf zurckwarf und den Nacken gegen das kalte, harte Fensterkreuz
stemmte.

Vielleicht dann nicht, sagte Lande, wenn die Menschen zu ihrem
eigenen Schaden weiblicher Jugend und Schnheit roh, unachtsam
gegenbertreten ... Wenn sie sie erst begriffen htten, dann wrden sie
ihre besten Krfte, alle Mglichkeiten ihrer Seele aufbieten, damit das
Leben veredelt wird. Wie leicht wre es dann, zu arbeiten und zu
warten!

Lande! schrie vom Hof her Schischmarjow. Wo bist du?

Alle fuhren zusammen; es fiel ihnen schwer, zu sich zu kommen. Lande
ging eilig heraus. Man hrte, wie ihm Schischmarjow eindringlich sagte:

Wir sind zu dir gekommen. Die Mutter des Gymnasiasten, den ich fr dich
gefunden habe, bittet, ich mchte dich gleich zu ihr schleppen; sie will
mit dir sprechen.

Ich komme gleich ... antwortete Lande mechanisch, fast traurig.

Marja Nikolajewna seufzte tief, legte ihren Arm um Ssonjas dnnen Hals
und zog sie an sich.

Manja ... rief Ssonja feierlich.

Marja Nikolajewna blickte ihr schweigend in die Augen. Sie waren dicht
an den ihren. Dunkel, entschlossen, voll unnatrlicher Erhebung und
Begeisterung.

Ich wollte dir sagen ... fuhr Ssonja ebenso feierlich fort. Heirate
Wanja!

Eine zarte, gleich wieder geschwundene Rte hatte die Wangen des
Mdchens bedeckt. Schweigend drckte sie Ssonja einen zarten Ku auf die
hohe, khle Stirn, wo der glattgestrichene Scheitel ansetzte.

Lande trat herein.

Ich mu gehen! sagte er mit Bedauern.

Ich gehe mit Ihnen mit, Marja Nikolajewna blickte ihm eigenartig,
lange und tief ins Gesicht. Sie erhob sich und ordnete die Frisur. In
ihr war ein festes, ruhiges und volles Gefhl.

Sie trat hinter Lande auf die Stufen hinaus und sah pltzlich neben
Schischmarjow das schne, herbe und ein wenig blasse Gesicht
Molotschajews, der sie unverwandt anstarrte. Sie wandte sich verdrossen
ab.

... Wie konnte ich das gestern nur! ging es ihr rgerlich durch den
Kopf.

Als Ssonja allein geblieben war, schaute sie lange regungslos durch das
Fenster; das Laub des Gartens verschwamm vor ihren Augen. Dann stand sie
auf, seufzte krampfhaft, legte den leichten rmel des Kleides zurck und
bi sich aus voller Kraft in den blassen, dnnen Arm. Auf der bleichen,
feinen Haut traten zwei Reihen roter Flecken hervor. Ssonja sah lange
trotzig zu, wie die weien Fleckchen sich rasch mit Blut fllten und ein
kleines purpurrotes Krnzchen bildeten.


                                   XV

Spt abends, als die blaue Dmmerung schon hinter der Stadt verklungen
war und der Staub sich gelegt hatte, war es still und wohl. Lande kam
allein von seinem Schler, trug den Kopf gesenkt und dachte nach:

... Fnfzehn Rubel ... Fnf gengen mir vollstndig; zehn mu ich Wassja
schicken ... Nur wird er sich rgern! ...

Lande rieb geqult die Stirn.

... Ich werde ihm schreiben mssen, ich habe jetzt zwei Stunden ...
meinte er und wurde froh.

Es war schon ganz dunkel geworden; alle Konturen schienen weich und
zart. Am offenen Fenster, das wie ein schwarzer Flecken aussah, sa
Landes Mutter. Trauer und Einsamkeit lagen auf ihrer kaum sichtbaren, in
der Finsternis des Zimmer zerflieenden Gestalt. Lande erkannte sie von
weitem, sein Herz zog sich schmerzlich zusammen. Er sah sie zum ersten
Male wieder, seitdem sie ihm gesagt hatte, sie wolle von ihm nichts eher
wissen, bis er seine trichten Ansichten vom Leben gendert htte. Als
sie es ihm mit kreischender Stimme zurief, war es Lande unmglich, sie
anzusehen. Er war in schwerer Trauer fortgegangen. Spter frchtete er,
sie aufzusuchen; er glaubte, da sie ihn noch einmal mit dieser fremden
Stimme, die sie selbst qulen und beunruhigen mute, anschreien knne.

Aber als er sie jetzt einsam und gebeugt am Fenster sitzen sah,
erweiterte sich sein ganzes Wesen in lichter Zrtlichkeit und brennendem
Mitleid. Er sprang ber einen Graben, stellte sich auf einen
Eckvorsprung und umarmte schweigend die Mutter. Und sie sagte kein Wort,
weinte nur freudig und fing an, seinen Kopf zu kssen, ihn an ihren
weichen, greisenhaften Busen zu drcken und sein Gesicht mit warmen
Trnen zu benetzen.

Mama, meine Mama! flsterte Lande leise, und seine Lippen haschten
nach der vor Zrtlichkeit und Freude zitternden Hand.

Mein lieber, mein goldner Junge! klang eine unendlich teure,
schluchzende Stimme an sein Ohr. Eng verflochten sich ihre Seelen.

Du gehst nicht mehr fort ... du verlt deine Mutter nicht mehr?
fragte sie ihn.

Ich gehe nicht fort, gehe nirgends mehr hin! antwortete er aus vollem
Herzen.

Die Nacht kam still und unmerklich. Lande stand immer noch auf dem
Gesims, und ihm schien, da ihm in der ganzen Welt nichts als diese
stille, se Liebe und Liebkosung gefehlt hatte.

Gro und schwarz, kam jemand von der anderen Seite des Grabens heran und
fragte:

Iwan Ferapontowitsch, sind Sie es?

Lande sah sich um, erkannte Molotschajew und sprang auf den Brgersteig
hinunter.

Ich komme gleich, Mama! sagte er eilig. Er schwang sich ber den
Graben und fragte: Ich bin es ... Was wollen Sie?

Molotschajew atmete schwer und dumpf; er sah verlegen aus.

Ich mchte Ihnen ein paar Worte sagen! Wollen wir nicht lieber gehen?

Gewi ... Bitte!

Sie gingen die finstere, leere Strae hinunter. Molotschajew atmete
immer noch schwer und schaute gespannt vor sich hin.

Ich wollte Ihnen sagen ... Sie haben sich mit Ihrer Mutter ausgeshnt?
Die Frage kam ihm selbst unerwartet.

Lande lchelte. Ich hatte mich niemals mit ihr gezankt.

Ach ja ... ich habe ganz vergessen, sagte Molotschajew und verzog
boshaft die Lippen, da Sie sich mit niemandem zanken, niemanden
stren, niemals ... Nur wollte ich Ihnen gerade erklren, da Sie mich
stren! Er sprach mit berwindung, und mit wachsender Wut.

Wirklich? fragte Lande betrbt. Der Ton seiner Stimme, still und
ernst, erregte Molotschajew, indem er ein undeutliches Gefhl der Scham
in ihm hervorrief.

Treiben Sie geflligst keine Narrenspossen! schrie er grob und blieb
stehen. Sie wissen ganz genau, wovon ich spreche!

Lande blieb ebenfalls stehen. Schreien Sie mich nicht an ... sagte er,
mit leidverzerrtem Gesicht. Ich habe wirklich nicht gewollt ...

Und ich sage Ihnen, rief Molotschajew durch die fast knirschend auf
einander gepreten Zhne, immer lauter und lauter, und schwenkte den
Griff einer Reitpeitsche vor Landes Gesicht, da ... wenn Sie sich mir
in den Weg stellen, ich Sie ... wie einen Waschlappen beiseite
schmeie! Molotschajew erstickte vor Wut, wandte sich kurz um und ging
mit raschen Schritten fort.

Ich verstehe nichts ... sagte still und traurig Lande.


                                  XVI

Im Stadtgarten war italienische Nacht. In der dunkelgrnen Baummasse
glhten regungslos, wie mrchenhafte Feuerblumen die bunten Flecken der
Laternen. Militrmusik spielte. Ihre blechernen Tne fllten die grne
Dmmerung mit dem wilden Tanz kreisender, klingender Gespenster. Sie
hallten unter den Bumen wieder und schwebten einsam an das ferne Ende
des Gartens, klangen durch dunkle, leere Alleen, berholten einander
bald in kreischender metallner Traurigkeit, bald in ungestm-scharfer
Freude. Es waren nur wenige Menschen in den langen Alleen. Die
unbeweglichen feurigen Blumen beleuchteten nur einsamen Tnen, die
unsichtbar an ihnen vorbei flogen, den Weg.

In der Hauptallee und auf dem Platz neben dem Orchester und dem Buffet
war es heller, einfacher und ruhiger. Die Musik drhnte hier so nahe,
da man ihr betubendes Gebrll nur als Lrm empfinden konnte. Die Feuer
flossen in ein grelles, gelbes Licht zusammen. Die Menge drngte sich
dicht, lachend, plaudernd, in buntem Durcheinander. Es roch nach Puder,
Kerzendunst und Parfms.

Marja Nikolajewna war zusammen mit Lande hingekommen. Diese zwei Wochen
lie sie ihn kaum von sich. In seiner Gegenwart fhlte sie sich klar und
ruhig; sie glaubte, ihn einfach und zrtlich zu lieben. Lande sprach
ebenmig, still und gut, nie war in ihm Begehren oder Leidenschaft zu
merken. Auch sie sprach mit ihm nicht von Liebe, aber tief in ihrer
Seele, irgendwo in ihrem prchtigen Krper, glimmte verlegen die se
Erwartung eines lichten, herrlichen Augenblicks. Wenn sie Lande ansah,
spiegelte sich in ihren Augen diese kristallklare, freudige Empfindung
wieder.

Sie war mit Molotschajew schon seit langem nicht mehr zusammengetroffen.
Er hatte zuerst versucht, mit ihr ein Gesprch anzuknpfen, indem er sie
plump an jene glhende Nacht erinnerte. Als sie jedoch erschrocken von
ihm zurckwich, begann er mit seiner Abreise zu drohen; er war auch
wirklich auf kurze Zeit fortgefahren. Sie atmete freier auf. Doch sobald
sie erfuhr, da er zurckgekehrt war, erwachte in ihr etwas wie bange
Freude und Erwartung. Sie sah unruhig um sich, als ob sie sich
vergewissern wollte, da ihr niemand dieses Gefhl anmerke. Es rief
viele qualvolle und sonderbare Regungen in ihr hervor.

... Was ist denn das? Bin ich denn wirklich so verdorben? schwirrte es
qulend durch ihren Kopf ... Ich liebe doch Lande ... den lieben, den
reinen. Nicht den andern ... das Tier!

Sie suchte sich Molotschajew vorzustellen; er war wie ein schnes,
ungebndigtes Tier. Trotz ihres Widerwillens dachte sie doch mit
interessierter Neugierde an ihn; ihre Nasenflgel spannten sich, ihre
Brust hob und senkte sich und ihre Augen lagen weit geffnet in den
Hhlen. An dem Abend, an dem Molotschajew ein eigentmlich verworrenes
Gesprch mit ihr gehabt, das in seinen simpeln Teilen Fieberphantasien
glich, flogen wie abgerissene Fetzen dazwischen Andeutungen, scharf
ausgeprgt, heuchlerisch lockend, whrend die Augen die Wahrheit
sprachen.

Nachher, allein, hatte Marja Nikolajewna die undeutliche Vorstellung,
da in ihrem Krper ein Kampf tobte: etwas Reines und Helles ertrank
ohnmchtig in heien, wahnsinnig strmischen Wogen hellroten Blutes.
Nachts, als sie sich ankleidete, ergriff sie der brennende Wunsch, sich
vollstndig nackend zu entkleiden; lange, mit derselben ruhelosen
Neugierde betrachtete sie ihren schlanken, nackten Krper, der in
greller Windung aus der finsteren Tiefe des groen Spiegels
zurckgeworfen wurde. Am Morgen darauf fhlte sie sich entsetzlich
beschmt. In ihrer ohnmchtigen, einsamen Angst suchte sie Lande auf,
rief ihn an, blickte in seine reinen, ruhigen Augen und erlangte bei
seinem freudigen, zusammenhanglosen Reden die Ruhe zurck.

Sie wute, da Molotschajew zu dem Gartenfest kommen wrde. Sie fhlte
es an der unruhigen Khle, die in ihrer Brust aufstieg, und von der ein
leichtes Zittern durch ihre vollen Schenkel lief. -- Er wird kommen ...
Ich mu gehen! mu gehen! ... dachte sie halb unbewut; ging aber nicht
fort, wartete, und betrog sich selbst. Was geht er mich denn berhaupt
an ... Ich habe nur Angst vor ihm ... vor seiner Brutalitt! --
rechtfertigte sie sich und fhlte, da sie log.

Die Musik verstummte. Hinter den schweigsamen, regungslosen Bumchen
trat die Stille hervor; man hrte, wie erregt und abgerissen die
Schritte der Spaziergnger ber den Sand der Allee scharrten.

Wissen Sie, sagte Lande, da Ssonja eine Pilgerreise zu Fu
unternehmen wird?

Fr eine Sekunde ri sich Marja Nikolajewna von ihren Gedanken los und
sah ihn verwundert an: Nicht mglich! Wohin?

ber hundert Werst weit ... Sie hat sich eine Reisegefhrtin gesucht,
eine einfache, alte Frau, und will gehen. Sie hat mich um Rat gefragt.

Und Sie haben ihr zugeredet?

Nein. Sie fragte mich so, da ich sah, sie hat es nicht ntig. Ich habe
nichts gesagt, erwiderte Lande ernst.

Sie ist in Sie verliebt! meinte Marja Nikolajewna, mit einem hlichen
Gefhl, das sie aber selbst nicht merkte.

Nein! erwiderte Lande entschlossen und ruhig. Ihr scheint es
vielleicht wirklich, da sie in mich verliebt sei ... Ich habe es
bemerkt. Aber das ist nicht richtig; -- sie ist nicht in mich verliebt,
sondern in ... ich wei nicht, wie ich es ausdrcken soll ... Lande
lchelte schwach und schwenkte die Hand. In das Groe ist sie verliebt
... Sie ist ein wunderbares Mdchen, diese Ssonja! Sie hat ein groes
Herz und wenig Liebe. Es gibt solche Menschen; sie sind unglcklich: sie
mchten in ihr Herz etwas Riesiges einschlieen, die ganze Welt,
Heldentaten, Mrtyrertum, und ihnen fehlt die Liebe, das Kleine zu
fassen, das neben ihnen ist ...

Marja Nikolajewna hrte Lande zu, blickte aber unverwandt, gespannt, auf
den Lichtkreis am Eingangstor des Gartens. Dort sah sie pltzlich
Molotschajew auftauchen, sah, wie er, da er sie offenbar nicht bemerkte,
in eine andere Allee einbog, regte sich aber nicht.

Molotschajew, hier sind sie! ertnte an der Seite die scharfe Stimme
Schischmarjows, und die beiden kamen auf sie zu.

Molotschajew drckte schweigend die schmale, weiche Hand des Mdchens.

Schischmarjow fing sogleich an, energisch auf Lande einzureden. Marja
Nikolajewna hrte sie nicht ... Sie atmete hastig, wobei sie ihre Brust
hoch und nervs anhob, und schaute entschlossen vor sich hin; mechanisch
klappte die Spitze ihres Schirms auf den Boden.

... Was geht in mir vor? fragte sie sich und bi sich mit launischem
rger auf die Unterlippe.

Mir kommt es vor, hrte sie pltzlich Landes Stimme, da sich die
Menschen auf der Jagd nach dem Glck vor einer Tr zusammendrngen, wie
die Eingeschlossenen bei einem Brand. Jeder glaubt, sich retten zu
knnen, indem er sich so schnell als mglich, frher als alle anderen,
zum Ausgang durchschlgt, aber in dem entsetzlichen Gedrnge gehen alle
unter.

Der Kampf ums Dasein! meinte Schischmarjow.

Es darf keinen Kampf geben! erwiderte Lande fest. Es ist unmglich,
herauszukommen, wenn man einen Haufen Leichen vor sich hochstapelt ...
Man mu sich besinnen, stehen bleiben, sich nicht gegenseitig stren,
einander aus dem Wege gehen ...

Wie jene zwei Franzosen, die sich gegenseitig hflich den Weg
freilieen und beide im Schmutz wateten! warf Molotschajew mit einer
Ironie dazwischen, aus der nicht Spott ber Landes Worte, sondern ber
seine Person herausklang, und lachte kurz auf.

Die Musik begann leise und schwebend zu spielen, als ob sie nach dem
vorhergegangenen Wirbelsturm der Tne ermdet wre.

Das ist alles Sentimentalitt! fuhr Molotschajew brutal fort und hob
die Stimme an. Wo Leben ist, soll es gelebt werden ... Nicht ich habe
Schuld, wenn jemand schwcher ist als ich ...

Er schwieg eine Weile und fgte hinzu:

Ich werfe ihn in den Dreck, trete ihm auf den Kopf und steige hinber
...

Lande schttelte traurig den Kopf.

Genug in Trnen geschwommen ... Das ist ja kein Leben mehr, ein
schlfriger Sumpf! sagte Molotschajew.

Und wenn man Ihnen auf den Kopf steigt? fragte khl, ohne
aufzublicken, Marja Nikolajewna.

Molotschajew wandte sich rasch zu ihr um.

Meinetwegen ... Das wollen wir erst mal sehen! und nach kurzem
Schweigen fgte er hinzu: Marja Nikolajewna, ich habe mit Ihnen zu
sprechen ...

Er lchelte unsicher; seine Stimme klang falsch.

Ich mchte Ihnen etwas erzhlen ... ber ihn! er zeigte mit dem Kopf
auf Lande.

Lande hob verwundert die Augen.

Reden Sie hier! Das Mdchen zuckte die Schultern.

Molotschajew lachte wieder falsch.

In seiner Gegenwart geht es nicht ... Aber Sie scheinen vor mir Angst
zu haben? fgte er leise hinzu, whrend er ihr herausfordernd in die
Augen blickte.

Marja Nikolajewna lchelte hochmtig.

Gehen wir! sie erhob sich. Lande, kommen Sie gleich nach!

Gut! antwortete Lande ruhig und wandte sich wieder zu Schischmarjow
hin.

Im Augenblick fhlte sich Marja Nikolajewna schmerzlich vereinsamt; sie
wurde unruhig. Sie hrte noch, als sie nach einer langen Allee
hinbergingen, die sich endlos in Leere und Finsternis aufzulsen
schien, wie Lande sprach:

Der Mensch kann nicht glcklich sein, wenn er andere zwingt, seine
Rechte zu respektieren, sondern nur, wenn er sie zu lieben lehrt. Aber
es ist noch weit, bis es dazu kommen wird.

Sie waren ziemlich tief in das Innere des Gartens gekommen. Die Tne der
Musik drangen nur dumpf hierher und klangen ihnen wie ausgehhlt in die
Ohren. Die Laternen leuchteten tot und trbe, mit gewhnlichem
Lampenlicht. Die Bume standen nicht mehr dicht, und zwischen ihnen
lugte der Sternenhimmel und die Klte durch.

Was wollten Sie mir sagen? fragte Marja Nikolajewna.

Molotschajew atmete schwer.

Sein Entschlu kam ihm jetzt unter ihrem absichtlich khlen Blick, ihrer
geraden Gestalt gegenber, die von einem strengen Kleid umschlossen
wurde, pltzlich sinnlos und schmutzig vor.

Ich ... er zwang sich das Wort gewaltsam ab, wute aber nicht, wie er
fortfahren sollte. Seine Kiefer schlossen sich unwillkrlich wie aus
Eisen, als ob gerade jetzt das harte Schweigen notwendig wre.

Marja Nikolajewna fhlte, wie sich ihr eine ungeheure, furchtbare Gefahr
nherte. Und es war sonderbar, da ihre Furcht gerade in diesem Gefhl
verloren ging; ihr wurde freier zumute, es war packend interessant, als
befnde sie sich ber einem Abgrund, sie wnschte, noch tiefer
hinabzublicken, eine unklare Regung brannte ihr wie mit einer
Stichflamme durch das Hirn und berflutete die Wangen mit greller Rte.

... Ach, wie interessant doch das Leben ist!

Wie einer auer ihm liegenden Kraft gehorchend, beugte sich Molotschajew
herab, lachte heiser und streckte die Hnde aus. Marja Nikolajewna wich
mechanisch einen Schritt zurck, rasch, uneben, soda ihr groer,
schwarzer Hut auf die Augen herunterglitt. Sie hatte die Empfindung, da
ihr Herz pltzlich abri und hinabfiel.

Marja Nikolajewna, wo sind Sie? rief frhlich Lande.

Molotschajew zitterte, lie die Arme sinken und sah sich verwirrt um.

Marja Nikolajewna blickte ihn spttisch an, und mit einer Handbewegung,
als wolle sie sich von einem Abgrund zurckschwingen, hob sie die Hnde
zum Hut.


                                  XVII

Es war gegen neun Uhr abends. In dem durchsichtigen, lichten Schein, den
die lichte Abendrte, der blasse Mond und die breite, glatte Flche des
Flusses warfen, konnte die Nacht nicht aufkommen.

Lande kam spter als die anderen zum Abhang hinaus, ungewhnlich traurig
und schweigsam.

Schischmarjow trat ihm aufgeregt entgegen.

Komm her! Ich habe einen Brief von Ssemjonow bekommen ... Das ist bei
Gott albern! Um welchen Teufels willen treibst du solchen Unfug?
Ssemjonow schreibt, du httest ihm zehn Rubel geschickt.

Lande richtete seine weiten, traurigen Augen hoch.

La es, Ljonja, sagte er einfach und wandte sich dem Flusse zu. Auf
sein mageres Gesicht fielen kalte, blasse Lichtreflexe.

Wie kann ich das lassen! brauste Schischmarjow auf.

Lande lchelte geqult, ohne sich umzuwenden. Schischmarjow sah ihn an,
bewegte die Lippen und wandte sich mit einem Gefhl von khlem rger ab.

... Meinetwegen, kannst du zum Teufel gehen! dachte er.

Was haben Sie? Warum sind Sie so traurig? fragte Marja Nikolajewna
weich und liebevoll, whrend sie den rmel von seiner grauen Litewka
leise mit den Fingern berhrte.

Lande wandte sich rasch um, und seine Augen leuchteten in weichem und
zrtlichem Lcheln auf.

Meine Mutter qult mich! sagte er leidend.

Seltsam schimmerte dieses Leiden durch das helle, stille Lcheln.

Molotschajew lie den Blick mit khlem Ha ber Marja Nikolajewnas Hand,
die auf Landes rmel lag, gleiten, wandte sich ab und rauchte sich eine
Zigarette an.

Womit? fragte still das Mdchen.

Sie verlangt ununterbrochen von mir ein Leben, zu dem ich nicht fhig
bin ... Sie drngt in mich, da ich Geld nehme und nach dem Ausland
fahre; und ich will es nicht. Ich habe dort nichts zu suchen. Die
Menschen sind berall gleich ...

Das Leben ist anders! versetzte Schischmarjow.

Nein, auch das Leben ist gleich, weil die Menschen gleich sind. Ich
glaube nicht, da das Leben von der Anzahl der Eisenbahnen,
Universitten und hnlichem mehr abhngen knnte. Das Leben ist _im_
Menschen, man mu es nur auszuntzen verstehen. Und brigens ... wenn
dort auch das Leben anders sein sollte, weshalb mte ich denn
hinfahren? Ich wrde es sicher nicht leben knnen ...

Es wenigstens ansehen! rief Schischmarjow mit innerer Lebhaftigkeit
und durchbrechender leidenschaftlicher Schwrmerei.

Nein, das wre schlecht von mir ... erwiderte Lande, lchelte sein
sanftmtiges Lcheln und fgte hinzu: Nein, aber ich mchte einfach
irgendwohin gehen.

Wohin? ... Das heit, in welchem Sinne ... von den Menschen weg, oder
nur irgendwohin, von hier weg? fragte Schischmarjow mit mitrauischem
Zweifel.

Lande schwieg nachdenklich eine Weile, die Augen zum Himmel gerichtet
und still die Augenbrauen hochgezogen. Von hier fort, irgendwohin, wie
auch von den Menschen ... Nicht fr immer: nur eine Zeitlang ... Mir
kommt fters der Gedanke, da es eigentlich jeder Mensch ntig htte,
sich hin und wieder von allem zu entfernen, in eine Wste meinetwegen,
zu gehen ... Ich habe mir immer gedacht, was fr ein riesiges Ding doch
das Leben ist und wie leichthin und einfach wir herantreten ... Deshalb
glckt es wahrscheinlich den Menschen so selten. Es wre im Grunde
ntig, da sich jeder Mensch in einer gewissen Periode seiner
Entwicklung zurckzieht und sich fr eine Zeitlang allein auf sich
konzentriert.

Da htten Sie sich nur zuerst zurckziehen sollen! fiel ihm
Molotschajew grob ins Wort; sein ganzes Gesicht verzerrte sich pltzlich
vor Wut. Es wre wahrhaftig das Vernnftigste gewesen.

Lande blickte ihn lange eindringlich an. Dann seufzte er, zuckte die
schmalen Achseln und sagte: Ich wei, da ich Sie stre. Mir tut es
leid.

Marja Nikolajewna sah rasch mit einem halben Blick zu ihm hin. Ihre
Hand, die an einem zerzausten Strau halbverwelkter, blasser Blumen
zerrte, hielt inne, geriet aber gleich wieder in nervse, hastige
Bewegung.

Mir tut es auch sehr leid! versetzte Molotschajew in seinem
gewhnlichen, schroffen Ton.

Gerade in diesem Augenblick bog ein langer Mensch pltzlich vom Wege ab,
ging ber das Gras und schwang, nachdem er mit zwei sonderbar
schleichenden Schritten hinter Molotschajews Rcken gekommen war,
blitzschnell einen langen Knppel in die Hhe und schlug ihn dem
Knstler scharf ber den Schdel.

Entsetzen, scharf wie eine Messerschneide, zuckte allen durchs Hirn.
Marja Nikolajewna schrie gellend auf, sprang, sich in ihren Rock
verwickelnd, zum Abhang und hielt sich kaum am Rand zurck, ganz
herbergebogen und das Gesicht in den Hnden vergraben. Schischmarjow
lie die Mtze fallen und stand hilflos da. Lande sprang in die Hhe,
ergriff Ssonja bei der Hand; das Mdchen richtete sich auf, und ffnete
weit die Augen, aus denen wilde Neugierde und ein gewisses gieriges
Gefhl strahlte. Molotschajew verlor nicht einen Moment die Ruhe. Sein
schnes Gesicht zog sich in Schmerz und Schreck und schttelnder Wut
zusammen. Rasch und gewandt fing er mit der linken Hand den Stock auf,
ri so scharf nach unten, da Tkatschow beinahe vornber gefallen wre
und hieb dann mit ihm, die Zhne verbissen, quer auf Tkatschows Gesicht,
auf den Kopf und Hnde ein.

Der vor Schmerz und ohnmchtigem Ha fast wahnsinnige Tkatschow
taumelte, lie den Hut fallen und suchte vergebens, sich mit den Armen
zu decken. Man sah, da von ihm Blut spritzte.

Der vierte dieser scharfen, furchtbaren Hiebe traf schon auf Landes Arm.
Die Arme wie im Anfall einer sonderbaren Krankheit gegen Molotschajew
ausgestreckt, ganz bla, rief er fest und befehlend: Nicht mehr ... weg
mit dem Stock!

Er deckte Tkatschow mit seinem Krper.

Eine Sekunde lang sah ihm Molotschajew mit toller Wut in die Augen. Was
ist da noch gefllig! -- Endlich! sagte er heiser, den Stock krampfhaft
gesenkt und in der Faust gepret, -- pltzlich schwang er ihn kurz und
hieb, eklig klatschend, Lande ber die Backe.

Lande taumelte und wurde entsetzlich bla. In seine Augen traten helle,
dicke Trnentropfen, und sie ffneten sich so weit, da sich hinter
ihrem feuchten, leidenden Glanz sein ganzes Gesicht auflste.

Nun, mag es denn sein ... ja ... er lie die Worte von den Rndern der
feuchten, zitternden Lippen gleiten und schaute Molotschajew unverwandt
gerade in die Augen, regte sich aber nicht und wandte sich nicht ab. Mit
blinder, sinnloser Brutalitt holte Molotschajew, nachdem er den Stock
beiseite geworfen, aus, und schlug mit der linken Hand zu, machte dann
einen Schritt vorwrts und schlug zum dritten Mal. Die letzte Ohrfeige
klatschte noch strker, deutlich und flach. Lande taumelte zurck,
stolperte ber die Bank und strzte schwer, hlich, von der Seite auf
sie, mit den Beinen in die Hhe schlagend.

Molotschajew drehte sich jh um, schleuderte Tkatschow mit furchtbarer
Kraft beiseite und ging mit raschen, festen Schritten, ohne jemanden
anzublicken, fort.

Was dann geschah, war wie ein schwerer Fiebertraum: alle schrieen auf
einmal auf und strzten im Haufen auf Lande zu. Tkatschow, mit dem
Ausdruck des Entsetzens und Flehens auf dem schwarzen, dsteren Gesicht,
setzte ihn mit bebenden Armen aufrecht hin. Marja Nikolajewna kte
seine blassen, zitternden Finger. Schischmarjow versuchte ihm die Mtze
aufzusetzen und brllte ganz zusammenhanglos irgend etwas vor sich hin.
Ssonja umschlang ihn mit dnnen, durchsichtigen Armen. Sie taumelten am
Rand des Abhanges, kopflos wie ein Schwarm unterm Schu aufgeschreckter
Vgel hin und her.

Herrgott! was war das nur? fragte Marja Nikolajewna alle mit
grenzenlosem Entsetzen und kroch an Landes Fe heran, mit dem
unbewuten aber grellen Gefhl der Schuld, mit unendlicher Begeisterung
und Mitleid, Liebe und Emprung. Ihr schnes Gesicht war verzerrt, die
Haare auseinander gefallen, der Hut auf den Rcken gerutscht, der graue
Rock wand sich hilflos im Staub.

Iwan Ferapontowitsch ... verzeihen Sie ... Verzeihen Sie mir!
stammelte Tkatschow.

Lande wandte ihnen sein im Augenblick angeschwollenes Gesicht zu, mhte
sich, zu lcheln, fate sie bei den Hnden, streichelte sie unbewut mit
seinen zitternden und schwach gewordenen Fingern. Seine Augen waren dick
geworden, aus Nase und Mund troff Blut, an der Schlfe war Erde und
zertretenes, grnes Gras kleben geblieben.

Das macht nichts ... sagte er, indem er mit Mhe die aufgedunsenen
Lippen bewegte. Er wollte mich nicht treffen ... Es wird ihm spter
selbst leid tun ... Ich gehe zu ihm ... warten Sie ...

Ssonja schlug hei ihre dnnen Hnde zusammen, trat einen Schritt
zurck, und, ganz von glckseliger Begeisterung durchglht, rief sie mit
heller Stimme aus:

Wanja, Sie sind ein Heiliger!

Lande machte eine schwchliche Handbewegung.

Ach, was fr Dummheiten reden Sie, Ssonja!

Tkatschow ri sich verzweifelt die Haare.

Lande lchelte ihm eilig zu, erhob sich und ging mit ausgestreckten
Armen vorwrts. Und da sahen alle, da Molotschajew nicht fortgegangen
war. Er stand zehn Schritte von ihnen, die Hnde in den Hosentaschen und
blickte mit schiefem, selbstbewutem Lachen auf Lande.

Marja Nikolajewna zitterte am ganzen Krper; mit einer krampfhaften
Bewegung stellte sie sich Lande in den Weg. Sie drfen es nicht, Sie
drfen es nicht! schrie sie mit schmerzlicher Anstrengung, mit
klirrender Stimme.

Aber Lande schob sie ernst zur Seite.

Sie wissen nicht, was Sie reden! sagte er einfach.

Mit demselben Ausdruck der Begeisterung und des Genusses zog sie Ssonja
am rmel zurck.

Lande kam auf den unbeweglichen Molotschajew, der ihn unverwandt
musterte, zu und streckte ihm seine Hand hin. Auf seinem verunstalteten
Gesicht lag Mitleid. Molotschajew errtete tief und schwer. In seinen
Augen flackerte erstickender Ha auf; mit kaltem Spott und Bosheit
sprach er gedehnt durch die Zhne: Diese rhrselige Komdie!

Dann drehte er sich rasch und entschlossen um und ging, ohne sich
umzuwenden, fort.

Lande sah ihm lange nach; dann sank er auf einmal zusammen, setzte sich
auf die Bank und schlug mit einer bitteren, gramvollen Bewegung die
Hnde vors Gesicht.

Aber was heit das, in der Tat! rief Schischmarjow emprt. Du bist
wohl ganz und gar verrckt!

Neben ihnen hatte sich ein Haufen Menschen von der Strae
zusammengedrngt; jetzt kicherte man vergngt und neugierig.
Schischmarjow besann sich, sah sich rasch um, machte wtend kehrt und
ging fort.

Hol dich der Teufel, du Holzklotz ... Ein Seliger! stammelte er mit
einer Erbitterung, die ihn selber schmerzte.

Tkatschow stand mit herabhngenden Armen, als ob er pltzlich mit kaltem
Wasser begossen wre da, und blickte Lande seltsam an; sachte verzogen
sich seine dnnen, bsen Lippen. Sowas kann zu rein gar nichts taugen
... sagte er mit beiendem Hohn, ganz unvermittelt, als ob er Lande
antwortete und ihn warnen wollte.

Alle schwiegen. Der leidenschaftliche Drang, der sie erfat hatte, war
ohnmchtig abgeflaut, es schien ihnen peinlich, berflssig, stehen zu
bleiben, man wnschte fortzugehen, dieser Szene, die allen widerwrtig
war, ein Ende zu machen.


                                 XVIII

In der Nacht bekam Lande Fieber. In dem zerschlagenen Kopf nagte und
schwindelte es. Schischmarjow meinte, da man ein nervses Fieber
erwarten knne, und Marja Nikolajewna mit Ssonja beschlossen, die ganze
Nacht bei ihm zu bleiben. Lande sah sie zrtlich an und schwieg, weil
seine Seele voll war von einem ungeheuer weiten, nur ihm verstndlichen
Gefhl. Die beiden Mdchen saen lange an den Seiten des Tisches, jede
hielt ein offenes Buch vor sich, ohne da sie lasen und schauten
trbselig in die Flamme der Lampe. Erst spt in der Nacht ging Ssonja
fort, und Marja Nikolajewna blieb allein.

Ssonja blieb in dem dunklen Flur stehen. Niemand hatte sie gehen heien,
aber sie drstete nach Qual und Rhrung; sie prete die Hnde an die
Brust und flsterte leise, nur mit den Lippen: Mag sie, mag sie ... ich
werde fortgehen! und eine triumphierende, wenn auch bedrckende Regung
drngte in ihr Herz.

Im Zimmer war es halbdunkel. Die Lampe erleuchtete trbe einen
gleichmigen Kreis, der Marja Nikolajewna wie magisch schien. Sie sa,
die Hnde auf den Knieen gefaltet und den Kopf gesenkt. Sa unbeweglich,
aber in dieser Bewegungslosigkeit ballte sich ein ganzer Orkan schwerer,
chaotischer Gedanken. Sie dachte darber nach, da jetzt alles zu Ende
sei: morgen wird die ganze Stadt wissen, da sie hier die Nacht
verbracht hat; dann wird etwas entsetzlich Schmutziges entstehen. Zuerst
bengstigten und beschmten sie diese Gedanken lange Zeit, dann nahm ein
einzelner Gedanke immer reiner und feierlicher eine bestimmte Form an
und erwrmte ihre Seele: Von nun an ist sie endlich fr immer mit Lande
verbunden, mit dem lieben Lande, dem besten von allen Menschen, die sie
kannte. Allen wird sie ebenso fremd sein, wie er, ihm aber wird sie mit
ihrem ganzen Krper und mit voller Seele angehren; ein neues Leben,
herrlich, voll Leid und Freude, wird sie wie eine lichte Wolke umfangen.
Dieser Gedanke war so tief und fhrte sie so einfach und zwingend aus
dem dsteren Chaos, da ihr Herz vor Liebe und Glck erschauerte.

Marja Nikolajewna wendete sich zu Lande und schaute lange mit warmen
Trnen auf ihn.

Lande lag auf dem Bett so, wie es ihm verordnet war, bla, mager, die
langen, weien Arme auf der Decke ausgestreckt. Der Schein der Lampe
reichte nicht zu ihm hin, so da um das Bett durchsichtige Dmmerung
war, in der sich Landes Gesicht hell und schn abhob. Seine
zerschlagene, verunstaltete Backe blieb im Schatten.

Und pltzlich lie sich Marja Nikolajewna, indem sie einfach dem
unwiderstehlichen Trieb, der Seele und Leib in heier Sehnsucht
verzehrt, folgte, langsam vor dem Bett in die Kniee nieder, beugte sich
ber Lande, legte ihm still ihren schnen schwarzen Kopf auf die Brust
und schlo die in dunklem Feuer glnzenden Augen.

Hier ist es! -- dachte sie, und sie empfand, da jetzt die eine Hlfte
ihres Lebens, leer und sinnlos, von ihr abfiel, wie ein drres Blatt.
Alles schwamm an ihr in einer lichten Wolke vorbei; die Trnen rieselten
in Strmen ber ihre zarte, weiche Wange. Landes Herz schlug irgendwo in
der Nhe, schwach und dumpf. Sie zog den unbekannten, eigentmlichen
Geruch seines Krpers ein und fhlte die knochige, harte Brust.

Lande ffnete die Augen und schien nicht erstaunt zu sein. Er fate sie
still und behutsam an das kleine, abgerundete, weiche Kinn und hob ihren
Kopf zu sich hoch. Sie weinte nicht mehr, die Trnen waren sofort auf
den glnzenden Augen getrocknet; sie blickte glcklich und verlegen auf
ihn, whrend sie darauf wartete, was er mit ihr tun werde. Sie reckte
sich noch ein wenig hher, und ihre weichen, heien Lippen drckten sich
auf die Lippen Landes. Lande kte sie zrtlich und still, wie man ein
Kind kt.

Das Mdchen fhlte, wie in ihr der feurige grenzenlose berschwang ihrer
Krfte aufloderte. Dieses neue Gefhl, das ihr aber jetzt lngst bekannt
erschien, fllte mit einem Mal ihren ganzen Krper, der schon so lange
gewartet hatte und jetzt wild erglhte. Sie schlo die Augen und begann,
erst schchtern, als ob sie es erst kennen lernen mte, dann immer
fester und anhaltender, ganz Genu und Hingabe, zu kssen. Ihr weicher,
elastischer Krper erzitterte und drckte sich unterwrfig und
verlangend an ihn. Pltzlich ffnete sie schnell die dunkelgewordenen,
fragenden Augen, und blickte fest in die Landes. Sie sah ein kaltes,
erschrecktes, vernichtendes Gesicht, in diesem Augenblick schien es ihr
unertrglich widerwrtig.

Nicht so ... nicht doch auf diese Weise! sagte er mit verlegenem
hilflosem Lcheln.

Das Bewutsein, einen schweren, abscheulichen Fehler getan zu haben,
zuckte wie grelles Licht durch das Gehirn des Mdchens. Gegen eine
Sekunde lang sah sie Lande mit festen, in Scham und Verzweiflung
glhenden Blicken an; eine helle, scharfe Rte setzte rasch ein, und
berflutete ihr Gesicht. Ihre Wangen, Stirn, Hals flammten auf, und es
schien, da es fr dieses rote Feuer der Scham und Verletzung kein Ende
geben knne. Sie chzte dumpf, warf sich zurck und erhob sich hastig,
das Gesicht mit den Hnden bedeckt.

Lande setzte sich verwirrt auf. Marja Nikolajewna, ist das denn ...
durchaus ntig? Ich liebe Sie ... nur nicht so! Wozu das? stammelte er
geqult und streckte ihr seine zitternden Hnde hin.

Das Mdchen wich zum Tisch zurck und fiel schwer in den Stuhl, ohne
ihre Hnde herunterzunehmen. Dann fing sie an, sich wie ein
angeschossener Vogel hin- und herzubewegen, bald wollte sie aufstehen
und fortgehen, dann setzte sie sich wieder, sinnlos lchelnd; ihre
Blicke glitten bald mit Verzweiflung und Scham, mit innerer Verwirrung,
bald mit einem Gefhl der Schuld und des Hasses ber Lande hin.

Nichts ... Das war so ... Ein Irrtum ... ich habe gescherzt ... ich
wei nicht ... sie strengte sich an weiter zu sprechen und fhlte doch,
wie sie sich von ihm immer mehr entfernte.

Ssonja kam auf den Lrm leise herein und blieb auf der Schwelle stehn,
mit groen und herben Augen. Marja, was hast du? fragte sie streng;
als ob sie sie warnen mte.

Nichts, nichts, Ssonjetschka! sagte das Mdchen abgerissen. Ich geh
fort ... es ist Zeit ... Sich in den Rock verwickelnd und ungeschickt
mit der Schulter gegen die Tr stoend, ging sie aus dem Zimmer und lief
wie ein Gespenst ber die leeren, kalten Straen, durch Wind und
Finsternis. Ssonja schlo hinter ihr vorsichtig die Tr und trat an
Landes Bett.

Ssonja, liebe ... wie schuldig bin ich! Was soll ich jetzt tun? Wie
konnte ich das nicht voraussehen! sprach Lande und ergriff ihre Hnde.

Ssonja prete stark die Zhne zusammen, so da die dnnen Backenknochen
auf ihrem gespensterhaften Gesichtchen stark vortraten, und ein Gefhl
unschner Freude leuchtete in ihren uglein auf. Sie sind nicht
schuldig! sagte sie fest und entschlossen, und fgte mit bsem Triumph
hinzu: Alle sind sie Tiere, Bestien ... sie ist auch ein solches
Geschpf!

Lande schlug verzweifelt die Hnde zusammen. Ssonja, was reden Sie!
rief er.

Ich hasse sie alle! sagte Ssonja, rachschtig die Augen kneifend. Wie
abgeschmackt sie alle sind, wie schmutzig ... wie die Hunde!

Lande sah sie mit weitgeffnetem Mund und Augen, mit unverholener Furcht
an, ihm schien, da dies nicht die kleine Ssonja, sondern irgend ein
kleiner, bser Kobold wre.


                                  XIX

Die Prgelei am Abhang peitschte eine schleimige Welle klebrigen
Klatsches auf. Der Name Marja Nikolajewnas wurde im Zusammenhang mit
Lande durch die ganze Stadt geschleift. Wohin sie auch kam, traf sie
dieselbe stechende Neugierde oder notdrftig umkleidete Verachtung. Das
gehetzte Mdchen strengte sich vergebens an, dem Schmutzigen, Kalten,
das sie unsichtbar umschlo, zu begegnen. Manchmal packte sie stumpfe
Verzweiflung, in der das ganze Leben zerstrt schien; dann wieder wuchs
aus der matten Ruhe, die sie mit sich brachte, das Gefhl der Beschmung
und krperlichen Krnkung und der Ha gegen Lande empor.

Doch als Lande zum ersten Mal zu ihr kam, regte sich in ihrem Herzen die
trbe Hoffnung, da alles wie ein hlicher Traum vorbergehen und ihr
Leben wieder wie frher schn und freudig sein wrde.

Lande trat still ein; ber Backe und Auge war eine dicke, weie Binde
gebunden, so da sein Kopf unfrmig gro aussah, wie eine riesige weie
Federblume, die sich auf einem dnnen, unsicheren Stengel wiegt.

Guten Tag! sagte er still.

Marja Nikolajewna stand verwirrt auf, grte aber nicht; ihre zitternden
Finger nestelten am Rand des Tisches.

Ich bin gekommen um Ihnen zu sagen ... begann Lande, whrend er auf
sie zukam und ihre Hand nahm. Die Hand zitterte; das Mdchen sah ihn mit
ihren groen, feuchten Augen an.

Ich bin gekommen ... wiederholte Lande. Wenn Sie nur wten, wie lieb
ich Sie habe, Marja Nikolajewna! rief er in einer pltzlichen
Aufwallung aus. Sie scheinen mir so licht, so herrlich, so heilig, wie
ein Engel!

Die Augen des Mdchens wurden rhrend hell, die zarten, erhabenen Lippen
zitterten leise in dem Versuch eines zaghaften Lchelns. Das Herz fing
an, dumpf in der Brust zu schlagen.

Lande war es schwer, zu reden, er holte mit Mhe Atem und prete die
Finger zusammen.

Nur kann ich nicht Ihr Mann sein ... schlo er mit abfallender Stimme.

Marja Nikolajewna fuhr zusammen, als ob sie einen Schlag ins Gesicht
bekommen htte. Die erwachende Hoffnung strzte in einen Abgrund,
blitzschnell scho daraus das Bewutsein einer neuen rohen Beleidigung
empor.

Was soll das? ... Hohn? fragte sie mit klirrender und gleichzeitig
unheimlich-stiller Stimme, whrend sie sich voll aufrichtete. Gram
ergriff Lande; er sah ihr mit traurigem Vorwurf in die Augen.

Sie wissen doch, da es keiner ist ... Niemals habe ich jemanden
verhhnt, wie viel weniger Sie ... Weshalb so reden? ... Ich sage, was
ich fhle: ich liebe Sie, aber nicht so ... Ich wei nicht, vielleicht
bin ich ein Krppel ... Aber gibt es denn wirklich keine andere Liebe
... und ist es denn durchaus notwendig? ... Mir ist nicht mglich ...
verstehen Sie mich! Die Worte Landes verwickelten sich in
unzusammenhngenden Worten, er bemhte sich vergebens, das heie Gefhl
gramvollen Mitleids zum Ausdruck zu bringen. Marja Nikolajewna verstand
ihn nicht: zwischen ihnen war eine schwere Tr zugefallen, und die Worte
drauen tnten nur entstellt, mit einer besonderen, verletzenden,
Bedeutung hindurch. Fr eine Minute lang benahm ihr Scham und Ha den
Atem; ihr Kopf schwindelte. Sie hrte die Worte nicht, in den Ohren
gellte irgend ein Tosen; die weie Kugel auf dem dnnen Stengel drngte
sich wie ein alpdruckartiger, widersinniger Knuel vor ihren Augen.

Ich bitte Sie ja gar nicht darum ... Gehen Sie fort!

Lande hielt sie mechanisch bei der Hand; schon das rief in ihr Ekel
hervor. Er legte seine ganze Seele, voll Leiden und Liebe, in die
unzusammenhngenden Worte, die von seinen Lippen strzten, doch das
Mdchen ri ihre Hand aus der seinen. Lassen Sie ... mich! wiederholte
sie mit fremder, nicht eigener Stimme.

Lande fuhr mechanisch mit ihrer Hand an seinem Rock entlang; er strengte
sich an, mit Augen voller Qual, in ihre Seele zu blicken. Sie antwortete
ihm nicht, als ob sie taub wre, und blickte ihn nicht an. Sein heier
Wille zerschlug sich ohnmchtig an diesem Ha, und drang nicht in die
Seele; es war, als ob er sein entbltes blutendes Herz, weit ausholend,
gegen hartes, kaltes Eis schleuderte.

Liebe, verstehen Sie mich doch. Es gibt doch eine andere Liebe ... es
gibt doch, fragte Lande, ihre Finger drckend.

Aber lassen Sie mich endlich los! sagte sie mit wildem, dumpfen
Schmerz. Es tut mir doch weh ...

Lande kam zur Besinnung und lie ihre Hand frei. Verzeihen Sie mir ...
ich habe es nicht gewollt ... stammelte er.

Das Mdchen sah ihn verchtlich von der Seite an. Mit unnatrlicher Ruhe
ordnete sie das Haar, wobei sie Haarnadeln auf den Boden fallen lie,
und ging pltzlich an ihm vorbei aus dem Zimmer, unnahbar khl und
feindselig.

Um Lande her wurde es leer und dunkel. Durch die Fenster flo blaue,
tote Dmmerung und fllte das Zimmer. In der Stille, die mit einem Mal
entstanden war, leuchteten noch, wie es schien, Bruchstcke der
gespannten geflsterten Worte.

Marja Nikolajewna! rief Lande leise, seine einsame Stimme hallte aus
einer dunkeln Ecke etwas spttisch zurck.

Die Tr knarrte und das Dienstmdchen trat, ein gefaltetes Stck Papier
behutsam vor sich tragend, ein. Es hatte runde, dumme Augen und blickte
Lande ngstlich an.

Lande nahm mechanisch den Zettel und las:

Um Gotteswillen, lassen Sie mich in Ruhe! Vielleicht bin ich schlecht,
garstig, aber Sie qulen mich. Ich kann nicht, ich hasse Sie, Sie sind
mir ekelhaft ... Wie Ungeziefer! Das letzte war mit schiefen,
unnatrlich eingedrckten Buchstaben angefgt.

Ich mu sie allein lassen! schwirrte Lande durch den Kopf.

Schn, sage dem Gndigen Frulein, ich komme nicht mehr ... sagte er
fest, nahm seine Mtze und ging fort. Er trug das Gefhl endloser
Ohnmacht in sich, wie ein Mensch, der sich einer steilen Mauer gegenber
sieht, die er nicht bersteigen kann.

Ich mu fortgehen, abreisen ... irgendwohin, um ihr keine berflssigen
Schmerzen zu machen, dachte er.

Es war schon ganz dunkel, als ihn Tkatschow auf der Strae anrief.
Schwarz und mager trat er irgendwo aus der Dmmerung auf ihn zu.

Iwan Ferapontowitsch, -- um Gotteswillen ... ich mu Sie sprechen ...
Ich lauere schon den dritten Tag Ihnen auf.

Lande blieb erfreut stehen.

Guten Abend, Lieber! Warum sind Sie nicht zu mir gekommen? ... Sie
htten mir wirklich sehr viel Freude gemacht ...

Tkatschow lchelte verlegen, whrend er Landes Hand mit seinen rauhen
Fingern drckte.

Ich wre vielleicht auch gekommen ... Aber bei Ihnen sind Menschen und
ich mchte unter uns reden ... murmelte er.

Ach, wie froh ich bin, da Sie endlich gekommen sind, Tkatschow!
sprach Lande ganz erregt und drckte ihm fest die Hand. Vielleicht
gehen wir zu mir? Wir werden Tee trinken. Ich werde Ihnen alles von mir
erzhlen ... Ich habe jetzt niemanden, mit dem ich sprechen knnte ...
und ich mchte mir vieles herunterreden ... Auch jetzt augenblicklich
... Gehen wir lieber!

Schn, gehen wir! gab Tkatschow leise zu.

Es war nicht mehr weit, und sie legten den Weg schweigend zurck. Lande
steckte die Lampe an, brachte Tee, setzte sich Tkatschow gegenber und
blickte ihm liebevoll in die Augen.

Wenn Sie nur wten, Tkatschow, wie ich mich ber Ihren Besuch freue,
sagte er mit heiterem Lcheln.

Ich wollte schon lngst zu Ihnen kommen ... seit jenem Mal ... da, im
Wald ... antwortete Tkatschow verlegen, nach der Seite schielend.

Ja, ja!

Und als der Sie schlug, da ist mir ein Licht aufgegangen! ... Ich
verstand gleich ... da die Wahrheit nicht auf meiner Seite, sondern auf
Ihrer war. Es gibt keinen zweiten wie Sie, Iwan Ferapontowitsch! sagte
er mit berquellendem Gefhl und erhob sich etwas vom Stuhl.

Lande lachte voll Freude.

Wie schn Sie das gesagt haben, Tkatschow!

Tkatschow seufzte gespannt, als ob er sich vorbereitete, eine riesige
Last auf sich zu nehmen.

Ich glaube so, Iwan Ferapontowitsch, da nmlich ... ich kann es nur
nicht glatt ausdrcken ...

Reden Sie nur, Tkatschow! ... Sie werden schon alles gut sagen! er
streichelte ihm die Hand. Reden Sie und trinken Sie Tee ...

Ich werde es sagen ... ich bin ja dazu gekommen ... Sie mssen nur
zuhren, Iwan Ferapontowitsch!

Ich hre schon!

Alles, was ich damals im Gefngnis zusammengeredet habe, das war nur
so, aus lauter Verzweiflung! Soviel habe ich gelitten, soviel Bses und
Ungerechtigkeit und Niedertracht gesehen, da ich den Glauben an den
Menschen verloren hatte ... Ich dachte mir, da es eben so sein mu! Ein
Lump ist der Mensch ein fr allemal und damit basta! Wo ich auch
hinschauen mag -- lauter Raubtiere berall! Eine solche Verzweiflung
hatte mich damals gepackt, eine solche Wut, da ich es Ihnen gar nicht
sagen kann ... Und Sie wrden es ja auch nicht verstehen knnen, Iwan
Ferapontowitsch! ... Zu hassen begann ich die Menschen und mich und das
Leben!

Tkatschow ri die Augen auf, hielt ein, um tief Luft zu holen. Lande
blickte ihm traurig in die Augen und streichelte still seine Hand.

Aber dann ... Sie haben mir die Augen geffnet, Iwan Ferapontowitsch
... sagte er mit zitternder Stimme. An Ihnen sah ich, was ein wahrer
Mensch heit! ... wie ein Mensch sein kann! ... Da erinnerte ich mich
auch, wie der Herr Sodom und Gomorrha wegen zweier Gerechten verschonen
wollte ... Und da dachte ich mir, da ein solcher Mensch das Leben
umgestalten kann ...

Tkatschow! Lande wollte ihm ins Wort fallen.

Nein, warten Sie, warten Sie erst ... Ich wei es, jetzt ist nicht ein
jeder imstande, Sie zu verstehen, aber das dringt ein, dringt durch
alles hindurch! ... Spter erinnert man sich schon, man wird schon
verstehen ... Wenn Sie nur ... Ich habe einen Plan, Iwan
Ferapontowitsch.

Tkatschow hob sich wieder ein wenig vom Stuhl und beugte sich ganz dicht
zu Lande vor, soda ihm sein heier Atem auf dem Gesicht brannte und
seine dunklen, dsteren Augen fast in Landes Gehirn eindrangen.

Man mu die Nachricht von einem neuen Glauben in das Volk tragen!
flsterte er gedmpft, begeistert drohend mit entflammten Blicken.

Was? rief erstaunt und erschrocken Lande.

Ein neuer Glaube! ... Ja ... das Volk wartet. Eine wahre Sehnsucht ...
so da ... weil es berall unertrglich zugeht! berall! ... Zu Ihnen
wird man aus allen Ecken und Enden kommen, aus ganz Ruland kommen! ...
Nur mu man die Nachricht davon in Umlauf setzen ... Sie werden ber
allen stehen, alle fhren ... Iwan Ferapontowitsch!

Tkatschow zitterte und brannte am ganzen Krper.

Was fr ein Glaube, wovon sprechen Sie, Tkatschow! erwiderte Lande
streng. Was kann ich ihnen geben?

Sie? Alles knnen Sie, Iwan Ferapontowitsch! ... Und der Glaube ist nur
so, des Anfangs wegen ... Nur um Bewegung hineinzubringen!

Bla und streng stand Lande auf.

Das ist nicht das Rechte, Tkatschow! sagte er. Verstehen Sie denn
wirklich nicht, was Sie wollen, was das fr ein furchtbares bel, Betrug
und Frevel wre! Wahrheit kann nicht aus Betrug kommen, und ich kann es
nicht ... Lassen Sie das nur!

Tkatschows Gesicht verfinsterte sich in unendlichem Schmerz.

Iwan Ferapontowitsch! Sie sind der Einzige ... einen anderen, einen
zweiten gibt es nicht! ... Sollen denn in der Tat alle zugrunde gehen?

Niemand geht zugrunde, Tkatschow! erwiderte ebenso streng und
feierlich Lande. Was sagen Sie! ... Untergang wre gerade das, was Sie
im Auge haben ... Und es wird Ihnen nicht gelingen, weil das nicht
kommen darf! ... Man braucht nicht zu vergewaltigen, zu betrgen ... Der
Kampf soll bleiben, weil er ntig ist, wie ein reinigendes Feuer ...
Aber jeder Schritt in diesem Kampf mu wahr sein ... Das ist das
allererste, und eben diese unentwegte Wahrheit wird zum Siege fhren.
Knnen Sie es denn wirklich nicht verstehen, Tkatschow? Lge ist ein
bel ... Man mu sich Mhe geben, nichts bles zu tun!

Und nichts mehr? fragte Tkatschow.

Ja, weiter nichts! erwiderte Lande fest. Das spricht der Hochmut aus
Ihnen, Tkatschow! ... Wer hat uns beiden das Recht gegeben, Menschen
nach unserem Geschmack mit Gewalt und List umzumodeln? Vielleicht sind
gerade wir beide die schlimmsten, verlorenen Menschen? ... Wie kann man
wissen, wozu und weswegen alles um uns her geschieht! ... Gehen Sie
Ihren Weg, wer Ihnen folgen will -- mag folgen. Voran mssen Sie gehen
und nicht hinterdrein schieben! Falls Ihr Leben gerecht war, wird Ihre
Spur nicht verloren gehen, sondern durch alle Jahrhunderte weiterleben!

Tkatschow schwieg mit gesenktem Kopf. Auch Lande verstummte und blickte
liebe- und mitleidsvoll auf das gesenkte Gesicht.

Also ... nicht? ... sagte Tkatschow mit Mhe, ganz dumpf. Also ...
habe mich getuscht ...

Und aus seiner dumpfen Stimme klang der groe Schmerz, den grandiosen
Traum, die trbe, aber innige Hoffnung ein fr allemal zusammenbrechen
zu sehen.

Vergessen Sie es, Tkatschow!

Es war schon Nacht, als Tkatschow die Strae entlang ging, ohne Zweck
und Sinn durch die kalte, windige Stille schreitend.

O, hol mich der Teufel! rief er laut mit grauenvoller Verzweiflung; er
blieb starr stehen, die Hnde krampfhaft in den Haaren vergraben, den
Kopf gegen den kalten, harten Zaun gepret. Er htte es doch tun knnen
... Dieser Idiot, dieser unglckselige!

Der Nachtwchter schlug irgendwo in der Finsternis die Stunde an.


                                   XX

Nach einer schlaflosen Nacht war Lande am nchsten Morgen schwach und
krank aufgestanden. Die ganze Nacht dachte er an Tkatschow und Marja
Nikolajewna.

... Wie kraftvoll sie beide sind, was fr einen kolossalen Durst nach
Leben sie haben! ... Der arme, liebe Tkatschow! welches Glck das ist,
so das Leben zu lieben und so nach ihm zu streben ... Sie sind jetzt
unglcklich, aber das geht vorber, und die lebendige Kraft bleibt
zurck, -- sie werden glcklich sein, ob in Glck oder Leid.

Am Morgen beschlo er, zu Molotschajew zu gehen.

Der Knstler war zu Hause und sa dster auf dem Fensterbrett, eine
Zigarette nach der anderen rauchend. Als er Lande erblickte, erhob er
sich rasch und wurde rot.

Lande trat geradewegs ins Zimmer und streckte ihm schweigend mit einem
Lcheln die Hand hin. Sein Gesicht war heiter und ruhig.

Fr eine Sekunde ergriff Molotschajew pltzlich ein warmes Gefhl; er
wnschte einfach, krftig die gereichte Hand zu drcken; aber schon im
nchsten Augenblick wurde in seiner Seele wieder alles durcheinander
geworfen. Er witterte in der Handlungsweise Landes eine Beleidigung und
zog sich ganz zusammen; sein schnes Gesicht drckte ablehnend hfliches
Lcheln aus.

Ist mir sehr angenehm ... nselte er und drckte mit einer Grimasse
der bertriebenen Achtung Landes Hand.

Nehmen Sie bitte Platz! Wie steht es mit Ihrer Gesundheit? fragte er,
whrend er absichtlich mit seinem Blick die weie Binde um den Kopf
streifte.

Lande berhrte die Binde und sagte schlicht:

Nicht sehr gut. Sie haben mich furchtbar zugerichtet.

Molotschajew verlor pltzlich den Halt. Eine tiefe Rte trat ihm ins
Gesicht. Er versuchte, sich zu beherrschen und erwiderte in dem
frheren, beleidigend hflichen Ton:

Es tut mir wirklich uerst leid ...

Lande sah ihm mit einem klaren und ruhigen Blick in die Augen.

Nein, warum denn? erwiderte er still. Ihnen tut es gar nicht leid --
Sie hatten doch den Wunsch, mich so zu schlagen, da es schmerzt.

Ein schweres, trbes Gefhl berwltigte Molotschajew. Als ob ihn etwas
zu Boden gedrckt htte. Das undeutliche Bewutsein, da nicht Lande
lcherlich, da vielmehr er selbst lcherlich, lcherlich und kleinlich
sei, rieselte mit schmerzlicher Klte durch sein Herz.

Ich bin eigentlich zu Ihnen gekommen, um Ihnen zu sagen, sprach Lande
kurz und ebenmig, da es mir sehr leid tut, Sie dazu gebracht zu
haben. Ich wei, da Sie meinetwegen auf Marja Nikolajewna eiferschtig
waren ... Und ich wollte mich Ihnen gar nicht in den Weg stellen. Ich
liebe allerdings dieses Mdchen des ungeheuer reichen Lebens wegen, das
sie besitzt; aber ich habe sie stets ganz anders geliebt, als ... Jetzt
hat sie mich deswegen -- weil sie sich getuscht hat. Gehen Sie zu ihr
-- ich glaube, sie wird Sie lieb gewinnen ... Und mir verzeihen Sie,
seien Sie nicht bse auf mich. Ich liebe Sie -- Sie sind ein starker und
schner Mensch ... Jetzt gehe ich, -- ich wei, Ihnen kann es doch nicht
angenehm sein, mit mir zu sprechen. Leben Sie wohl!

Lande stand auf und reichte seine Hand. Molotschajew bi seine Lippe mit
der gleichen Bewegung, wie es Marja Nikolajewna getan hatte und gab ihm
die Hand. Lande ging fort. Der Maler empfand wieder die neidische
Gehssigkeit. Er lief im Zimmer auf und ab und bemhte sich,
absichtlich, dieses Gefhl zu schren. Es gelang ihm scheinbar, und er
lachte ber Lande; aber gleichzeitig tat ihm irgend etwas leid. Er
konnte nicht verstehen, was; aber die Empfindung war tief und beiend,
und nach und nach schien es ihm, da sie ihn nie mehr verlassen wird.


                                  XXI

Landes Leben wurde immer einsamer; die Ahnung von etwas Unvermeidlichem
stieg allmhlich auf. Immer hufiger verzagte seine liebeglhende Seele;
sie war wie ein lebender, grner Zweig, den eine undurchdringliche und
durchsichtige Eiskruste umschlossen hlt. In den letzten Tagen war er
stets allein gewesen. Nur Ssonja lief ihm unablssig nach, aber gerade
sie, die einzige in der ganzen Welt, die ihm nahe stand, begann ihm
Furcht einzuflen. Ihm kam es immer wieder vor, da sie, wie eine
Geisteskranke, nicht ihn, sondern irgend einen andern in ihm sah, und
da sie, wenn nicht sofort, so in kurzer Zeit, ihre Tuschung gewahr
werden wird. Dann mu sie ihn mit ihrer ganzen Seele hassen, und fr
diesen Ha kann es keine Grenzen und Schranken mehr geben.

Whrend einer langen, traurigen Nacht schrieb Lande einen langen, heien
Brief an Ssemjonow, in dem er an ihn viele qualvolle Fragen ber
Wahrheit, ber Menschen, ber Glck richtete. Auf diesen Brief
antwortete der kranke Student folgendes:

   Lasse mich geflligst in Ruhe! Ich sterbe und habe an wichtigeres,
   als an dich zu denken! Ich stehe jetzt der wichtigsten, der letzten
   und einzigen Frage des menschlichen Lebens gegenber -- wie ich
   sterben soll? Kann man denn von Menschen, von Liebe, von Einsamkeit
   reden, wenn der Mensch stets unter allen Umstnden _allein_ stirbt!
   Du kannst natrlich dieses Wort nicht in seiner wahren Bedeutung
   ermessen: seine Bedeutung ist -- Grauen. Dieses Grauen mu ich
   allein ertragen, niemand kann mich -- verstehst du es? -- _kann_
   mich begleiten, selbst wenn er es am allersehnlichsten in der Welt
   wnschen wrde. Jetzt ist fr mich alles in zwei Teile zerfallen,
   die keinen inneren Zusammenhang mehr haben: der eine, geringfgige,
   ist das ganze Leben der Welt, der andere, unermelich groe -- das
   ist mein Tod. Jetzt, wo ich mich von allem getrennt habe und allein
   in der Leere stehe, seh ich ein, da es auch in Wirklichkeit stets
   so war. Ich habe mir nur eingebildet, da ich nicht allein lebe.
   Mein ganzes Leben lang mhte ich mich mit einem Eifer ab, der eines
   besseren Zweckes wert gewesen wre, eine Art Gipsverband aus
   Glauben, Ideen, Liebe und Mitleid nun noch zu kleistern, ich meinte,
   da er fest, unverwstlich sei; doch von dem Augenblick an, wo ich
   mit der ganzen Schwere meines _Ich_ ber die Leere des Todes zu
   hngen kam, fiel alles sofort wie trockener Ton von mir ab, und ich
   strzte allein wie ein Stein in die Tiefe. ber Nacht kann ich
   sterben, und die Menschen leben dann weiter, als wenn nichts
   geschehen wre. Also wozu schwatzt du mir da solchen Unsinn vor? Du
   hast angefangen, dich einsam und unglcklich zu fhlen, weil die
   Menschen deine heien Gefhle nicht wrdigten, nicht in deine
   brderlichen Umarmungen geeilt sind. Sehr erstaunlich! Ja, hast du
   denn nicht gewut, da die Menschen, sobald du nur aufs Sterben
   kommst, nicht einmal dein Gefhl werden begreifen knnen? Aus den
   innigsten Umarmungen werden sie dich dann loslassen mssen. Du bist
   allerdings ein glubiger Mensch, -- ich htte beinahe daran
   vergessen; aber du mut doch, wenigstens einmal in deinem Leben,
   begreifen, da wir, falls wir uns dort, im neuen Leben, von dem wir
   nichts wissen und nichts wissen knnen, wirklich alle begegnen
   sollten, denn immer noch in angemessener Weise darber diskutieren
   knnen. Dann sttzen wir uns auf Tatsachen, auf das, was wir dort
   kennen lernen werden. Ich wei, da man wrmer lebt, wenn man von
   anderen Menschen gewrmt wird, -- das ist sicher, darber ist weiter
   kein Wort zu verlieren! Also schn, -- laufe doch durch die Straen
   und rufe: >O Menschen, Menschen, Menschen!< Man wird dir sicher
   nachlaufen und ebenfalls rufen: >O Lande, Lande, Lande!< ... Weiter
   aber nichts! Leiden wirst du doch allein, denn kriegst du dabei
   Bauchschmerzen, so wird sich deswegen auch dein allerbester Freund,
   dein Bruder, dein Weib, nicht aus Mitgefhl den Magen verderben.

   Ich bitte dich noch einmal: la mich in Ruhe! Einmal wirst du selbst
   verstehen, wie dumm alles ist. Du wirst die Menschen ebenso fr die
   dumme Rolle, die du zu spielen versucht hast, hassen, wie ich sie
   jetzt hasse. Wenn du nur wtest, was fr einen entsetzlichen,
   stickigen Ha alle in mir wachrufen ... Verflucht mgt ihr alle
   sein! Wenn es in meinen Krften wre, zerdrckte ich die ganze Erde.
   Wozu habe ich gelebt, Lande? Gott, wie grausig, de, kalt! Um
   Gotteswillen, fat mich nur nicht noch an!

Kaltes Grauen atmete aus diesem Brief. Das Bild Ssemjonows, der in
Einsamkeit stirbt, stand vor ihm wie eine ununterbrochen blutende Wunde
auf.

Der arme Wassja, woher dieses Grauen, dieser Ha? Ein solcher Tod; ein
Grauen, fr das es keinen Namen gibt! Es ist nicht mglich, da es so
ohne weiters, aus sich selbst heraus dazu kommen konnte. Nur weil er
einsam ist, fhlt er es, einsam in Schmerz und Furcht. Ich mu zu ihm.

Und alle Gedanken und Gefhle Landes flossen in dem Einen zusammen: zu
ihm. Er wute nicht, was er ihm sagen, wie er die gesunkene Seele wieder
aufrichten wrde; aber in ihm lebte der lichte, feierliche Glaube, da
die Liebe alles vermag: die Liebe wird durch alles Leiden gehen, wird
die Seele erwrmen und neu beleben; wie ein Blumenkelch beim
Sonnenaufgang wird sich diese Seele entfalten, erfrischen, wird einen
liebevollen, weihevollen Glauben annehmen.

Das Blut scho ihm so stark ins Gesicht und Herz, da ihm vor den Augen
trbe wurde. Ein leidenschaftliches Gefhl ri ihn in einen
Fieberzustand hinein. Er trat mechanisch auf die Steinstufen hinaus,
stand lange ohne Mtze da, mit dem Blick in den weiten Himmel, von dem
ein unsichtbarer, feiner Sprhregen niederrieselte, versunken. Ein
kalter, elastischer Windsto peitschte ihm eine breite Welle Nsse ins
Gesicht, fuhr durch seine Haare, schnitt ihm fast den Atem ab.

... Ich mu mir Geld verschaffen! zuckte es durch seinen Kopf ... Aber
ich habe niemanden! dachte er gleich weiter ... Die Mutter zu bitten ist
zwecklos -- sie gibt ja doch nichts. Alles, was ich will, ruft in ihr
nur Erbitterung hervor, und den Wunsch, das Gegenteil zu tun. Aber
weiter habe ich keinen ... Schischmarjow hat selbst nichts.

Lande kehrte mit irrenden Blicken ins Zimmer zurck. Pltzlich sagte er
sich, unverwandt die Lampe anstarrend:

... Ich gehe zum Vater Paul.

Wie er zu diesem Entschlu gekommen war, htte er nicht erklren knnen.
In seine Erinnerung kehrte einfach das Bild eines alten emeritierten
Pfarrers zurck; die rosige Glatze, das gutmtige Greisengesicht, die
weie Priestersutane und jener fast zrtliche, mitfhlende Blick der
uglein, mit dem er ihn bei Begegnungen begrte.

Gleich am nchsten Tag, noch immer mit verbundenem Kopf, schritt Lande,
der aussah, als wre er nach schwerer Krankheit genesen, quer ber den
groen, mit staubigem Gras bewachsenen Platz, ffnete die Pforte und
trat in einen kleinen, gemtlichen, beinahe warmen Hof ein. Der Tag war
grau, trocken, unbeweglich; aber die groen goldberstrmten Bume sahen
wie sonnenbergossen aus, und im Hof war es still und licht. Unbeweglich
standen unter den Fenstern in einem winzigen Vorgrtchen naiv-bunte
Blumen. Es roch nach pfeln, herbstlichen Blttern, Weihrauch und dem
eigentmlichen Geruch der Stille und Ruhe.

Der alte Pope sa auf der sauber gehobelten Bretterveranda in einer
reinen, weien Sutane, ganz rosig und wei.

Lande schritt eilig auf ihn zu.

Guten Tag, Vater Paul!

Der alte Pope blickte ihn an, als wre er nicht im geringsten ber den
Besuch verwundert.

Guten Tag! erwiderte er freundlich. Setzen Sie sich! womit kann ich
Ihnen dienen?

Lande setzte sich ebenso eilig auf die gegenberstehende Bank.

Ich habe eine Bitte an Sie ... sprach er rasch, weil ihm schien, da
das Ungeheure, das seine Seele fllte, jedem Menschen gleich vom ersten
Worte an verstndlich sein mte. Ich habe einen Kamerad ... Sie kennen
ihn wahrscheinlich -- er heit Ssemjonow.

Der alte Pope schwieg.

Habe gehrt ... antwortete er unbestimmt und strich mit der kleinen,
verschrumpften Hand ber den Bart und die silbernen, trockenen Haare.

Also ... Dieser Ssemjonow liegt jetzt an der Schwindsucht ... Ist nahe
am Sterben ... beeilte sich Lande.

Gottes Wille! sagte der alte Pope feierlich und schlicht.

Er seufzte tief und bekreuzigte sich.

Ich habe von ihm einen Brief erhalten, sprach Lande, indem er seinen
Kopf vertrauensvoll zu dem Popen herberbeugte, einen furchtbaren
Brief! ... Man sieht, da ihn die letzte Verzweiflung gepackt hat, von
der nichts in der Seele zurckbleibt als Ha und Wut ... Ich werde Ihnen
diesen Brief zeigen!

Lande zog hastig den Brief aus der Tasche der Studentenlitewka hervor.

Der alte Pope sah auf das Papier, redete aber kein Wort.

Wieviel Schmerz, Einsamkeit, Gram er trgt, er ... sagte Lande mit
trauriger Anspannung. Wieviel Verzweiflung und Unglauben! ... Grauen
packt einen, wenn man diesen Brief liest ... Grauen und Mitleid bis zu
Trnen! Sie verstehen, welchen Schmerz ein Mensch erleiden mu, wenn er
im uersten Unglauben stirbt! Kein Wort gibt es fr diese Qual! ...
Hier, lesen Sie doch den Brief!

Der Pope sah wieder den Brief an, streckte aber seine Hand nicht danach
aus.

Ich habe das Gefhl, die feste berzeugung, fuhr Lande fort, whrend
er noch immer den Brief, ohne es zu bemerken, in der ausgestreckten Hand
hielt, da es ihn bedeutend erleichtern wrde, wenn ich zu ihm kommen
knnte. Ich fhle, da ich es kann, weil ich den Glauben daran habe. Er
wird fhlen, da er nicht mehr einsam ist, und das allein wird schon
gengen ... Nur habe ich kein Geld fr die Reise, fgte er pltzlich
mit kindlichem Lcheln hinzu.

Er blickte dem Popen ins Gesicht, und mit einem Male kam es ihm vor, als
seien diese gutmtigen uglein -- keine uglein, sondern tiefe Lcher,
die nur infolge der rosigen und strahlenartigen Runzeln gutmtig
schienen, whrend in ihrer Tiefe etwas Bses auf der Lauer liegt. Mit
instinktivem Schreck verstummte er und sah verwirrt den Popen an.

Der Pope schwieg und sah ihn ebenso an. Es war still, hinter des Popens
Rcken fiel lautlos kreisend ein goldenes Blatt zur Erde nieder.

Hier, lesen Sie doch bitte den Brief durch! stammelte Lande eilig und
streckte dem Popen das gefaltete Blatt Papier bis zu den Knieen
entgegen.

Der alte Pope seufzte, strich die Haare und den Bart und nahm den Brief.

Er las ihn lange, ruhevoll, als wre es die friedliche, se
Lebensbeschreibung eines Heiligen. Dann seufzte er wieder, faltete den
Brief und gab ihn Lande zurck.

Nun sehen Sie! rief Lande, indem er lebhaft mit der Hand auf den Brief
wies, nahm ihn und legte ihn neben sich auf die Bank.

Das Briefchen nehmen Sie bitte zu sich; bei mir ist nicht der Ort fr
solches Zeug! sagte der Pope streng.

Lande verstand die Worte nicht, griff aber doch zum Brief und steckte
ihn in seine Tasche.

Da mchte ich Sie um Geld bitten ... Sie sehen, es ist notwendig, da
jemand zu ihm fhrt, sagte er ernst und einfach.

Der alte Pope seufzte.

Jawohl, das ist sehr gut mglich. Nur werde ich Ihnen dafr kein Geld
geben. Sie mssen es schon entschuldigen ... Ich habe es zwar, verstehen
Sie gut, gebe es aber nicht.

Gleichsam eine kalte, schwere Last schlug Lande pltzlich auf den Kopf.
Er sprang voller Verzweiflung auf.

Warum? Sie haben doch selbst gelesen!

Der alte Pope stand ebenfalls auf.

Ja, verstehen Sie gut, weil ich diesen Ssemjonow seit lange schon und
zur Genge kenne. Es ist ein gottloser, frevelhafter Mensch, verstehen
Sie gut, ein Unglubiger, ein Apostat. Und, verstehen Sie gut, ich rate
auch Ihnen nicht, zu fahren.

Lande ri die Augen weit auf.

Das heit, ich soll mich von ihm lossagen? Ihn in Verzweiflung sterben
lassen?

Dieser Tod ist der Lohn fr seine Handlungen! meinte der alte Pope,
die Hnde hinter dem Rcken, und wieder lugte hinter der rosigen Maske
etwas Bses hervor.

Aber frchten Sie Gott! rief Lande. Was sprechen Sie, Vterchen!

Nicht Ihnen steht es zu, mich zu belehren, verstehen Sie gut!
erwiderte der Pope.

Aber Sie sind doch ein Diener der Kirche ... der Kirche Christi!

Der Herr Ssemjonow hat sich seit lange schon von der Kirche losgesagt,
und es wrde sich fr die Kirche nicht schicken, ihm nachzulaufen,
verstehen Sie gut!

Mit stummer Verzweiflung sah ihn Lande an. Der alte Pope stand, die
Hnde ruhig auf dem Rcken gefaltet, vor ihm.

Aber ... ich kann doch nicht ohne Geld fahren ... stammelte Lande
mechanisch.

Versuchen Sie es doch als blinder Passagier ... Oder Sie knnten auch
zu Fu gehen!

Lande blickte ihn verwundert an, aber das Gesicht des Popen schien ernst
zu sein.

Aber das ist doch zu weit!

Der alte Pope seufzte.

Weit ist es. Ja, verstehen Sie gut, es soll ja nach Ihrer Meinung eine
groe Tat sein. Also werden Sie auch die Mhe nicht scheuen ...

Und mit einem Mal wurde es Lande kalt neben diesem rosigen,
grauhaarigen, weigekleideten Popen. Er wandte sich mechanisch um und
ging zur Pforte.

Aber ich mu ja so schnell wie mglich dorthin ... Er kann sterben,
bevor ich ankomme ... er blieb nochmals stehen.

Der alte Pope antwortete boshaft, jetzt schon mit unverhlltem Spott:

So Gott will, werden Sie ihn noch am Leben antreffen.

Lande schwieg. Wie eine weie Wolke auf goldnem Untergrund stand der
Pope in der Mitte des reinen, friedlichen Hofes.

Nun schn, meinte Lande, so werde ich wohl gehen mssen. Ich werde zu
Fu gehen, wenn ich mir kein Geld verschaffen kann -- doch nicht darauf
kommt es an ... Aber wie mssen Sie sich denn schmen! fgte er
trauervoll und feierlich hinzu.

Da hob der Pope das drre Hndchen.

Verstehen Sie gut, machen Sie, da Sie fortkommen.

Vterchen, ich wollte Sie nicht beleidigen! rief Lande.

Gehen Sie nur, gehen Sie!

In der stillen, hellen Stimme des Geistlichen lag ein so kalter,
unbequemer Druck, da Lande nichts mehr sagte, den Kopf senkte und
hinausging.

Er hrte, wie der alte Pope an die Pforte kam und den Haken anlegte.


                                  XXII

Am Abend teilte Lande seinen Entschlu der Mutter mit. Sie sah ihn so
erzrnt an, da sich ihr gutes, altes Gesicht verzerrte; dann rief sie
mit zischender Stimme:

Wieder Dummejungenstreiche! ... Herrgott, wann soll das blo ein Ende
nehmen!

Sie stand auf, ging mit kalter, stumpfer Bitterkeit im Herzen hinaus und
schlug heftig die Tr hinter sich zu.

Lande blickte ihr traurig nach, nahm seine Mtze und ging zu
Schischmarjow.

Der Student sa allein im Zimmer vor einem kleinen Samowar und trank
Tee. Ein groes Buch lag aufgeschlagen vor ihm.

Beim Anblick Landes erhob er sich linkisch und streckte ihm die Hand
hin.

Ah, das bist du ... Guten Tag! Nimm Platz! willst du Tee? ... er sagte
es nicht, sondern schrie es fast mit seiner schroffen Stimme.

Nein, erwiderte Lande, ich habe schon Tee getrunken ... Ich habe
einen Brief von Ssemjonow erhalten.

So! ... Und was schreibt er?

Lies ihn selbst -- ich kann es dir nicht erzhlen.

Der kleine Student las lange aufmerksam den Brief. Ja, der arme Junge!
seufzte er, als er zu Ende kam. Er faltete beide Hnde, die aus den
kurzen rmeln der Jacke hervorstachen, zwischen den Knieen und rieb sie
aneinander, als frre ihn.

Ich will zu ihm fahren! sagte Lande.

Wozu? fragte Schischmarjow ernst und aufmerksam. Seine scharfe Stimme
drang Lande wie ein feines hartes Messer ins Herz. Was kannst du dort
ausrichten? wiederholte Schischmarjow, da Lande mit der Antwort
zgerte.

Ich wei nicht, was ich tun kann ... Ich habe nur ein solch Gefhl, da
ich fahren mu.

Schischmarjow fhlte sich schon seit langem Lande entfremdet, dessen
Sanftmut dem kleinen Studenten nur Ohnmacht, Unfhigkeit zu kmpfen
schien. Manchmal erkannte er dahinter noch etwas, das in ihm
berraschung und Staunen hervorrief; aber er dachte darber nicht weiter
nach, sondern betrachtete es mit absichtlich gleichgltigen Augen, wie
alles, was nicht klar und einfach vor seinem scharfen, schroffen Denken
lag.

Jetzt sah er Lande mit ernstem Blick ins Gesicht, vergrub die breiten
Hnde noch tiefer zwischen den Knieen und erwiderte: Ich verstehe das
nicht. Du betonst dieses _Gefhl_ so kra, als steckte etwas Mystisches
darin. Nach meiner Meinung wirst du mit deiner Gegenwart absolut nichts
helfen knnen. Wirst nur dich selbst und ihn abqulen ... La es lieber
... wozu denn?

Du sagst, wozu? ... erwiderte nachdenklich Lande. Schon in dieser
Frage ist ein Gedanke enthalten, der die Menschen zugrunde richtet ...
Man darf nicht fragen. Man mu handeln, wie man empfindet. Das ist hher
als wir: indem wir unser Ma anlegen, verkrppeln wir nur die Seele!

Schischmarjow zuckte die Achseln ohne die Hnde aus ihrer Lage zu
befreien. Was willst du mit deiner Seele! erwiderte er rgerlich. La
sie geflligst in Ruhe ... Es mu doch ein fr allemal irgend ein
Unterscheidungsvermgen fr Handlungen geben ... Wenn du hinfahren
willst, so mut du dir doch erst klar machen, welchen Nutzen es haben
kann.

Lande seufzte traurig. Ich wei nicht ... vielleicht wird es auch gar
keinen Nutzen haben ... meinte er beklommen.

Schischmarjow zog verwundert die Augenbrauen hoch. Was hat es dann also
fr einen Zweck?

Was fr einen Zweck es hat? Jene Wahrheit, die ich empfinde und die
mich ruft! sagte Lande mit einer Stimme, die tief aus seiner Brust kam.

Wieder einmal die Wahrheit! meinte Schischmarjow ironisch.

Natrlich ist sie die hhere, da es nichts gibt, das noch hher wre!
erwiderte Lande ernst.

Schischmarjow ri geradezu die Schultern in die Hhe. Die hhere
Wahrheit ist nur eine, diejenige, die uns die Vernunft, die Logik,
gibt! rief er. Wir besitzen nichts, was nicht durch Denken erworben
ist!

Lande schlug die Hnde zusammen. Was sagst du! Wie armselig, wie
drftig wre das Leben, wenn dem wirklich so wre!

Schischmarjow sprang auf und schwang die Arme hoch; seine schmalen
Schultern flogen dadurch fast bis an die Ohren.

Wie -- armselig? Meines Erachtens ist es gerade armselig, sich mit
Mrchen einlullen zu lassen, seinem Denken im Voraus Schranken zu
setzen.

Die Vernunft kennt selbst ihre Schranken ... erwiderte leise Lande.

Keine Schranken kennt sie! rief scharf Schischmarjow. Die Horizonte
des Denkens sind grenzenlos! Wenn wir auch momentan noch nicht alles
wissen, folgert daraus doch durchaus nicht, da wir es nie erfahren
werden. Das Denken ist ebenso grenzenlos, wie die ganze Welt! wie alle
Mglichkeiten ... Wie Mglichkeiten selbst sich erweitern, so erweitert
sich auch das Denken ... endlos!

In das Leere hinein? fragte Lande mit weit geffneten Augen.

Ja, ins Leere! rief hei und scharf, noch schrfer als frher,
Schischmarjow.

Aber das ist doch grauenhaft!

Mag es grauenhaft sein ... Ich wei selbst gut, da es unvergleichlich
leichter ist, sich durch den goldenen Traum von einer allumfassenden
Weltseele und hnlichem mehr in den Schlaf wiegen zu lassen! Aber ich
fr meinen Teil ziehe doch das Leere einer Wahrheit vor, die nur deshalb
Wahrheit ist, weil sich mit ihr leicht und bequem leben lt. Hmm! Er
verstummte und zitterte am ganzen Krper vor Aufregung. Die roten Hnde
waren tief in den Taschen der Uniformjacke vergraben, und die Finger
bewegten sich dort rasch und unruhig.

Ich will mit dir nicht streiten, sagte Lande schlicht, du bist klger
als ich und dann soll man auch darber nicht streiten. Aber gerade weil
ich die ganze kolossale Gre innerer, menschlicher Kraft, menschlichen
Geistes empfinde, kann ich nicht glauben, da er aus absoluter Leere
kommen und ebenfalls ins Leere zurckkehren soll, wie ein sinnloses
Sumpffeuer, das im Schlamm entsteht! Zu hell brennt er, zu kraftvoll
entfaltet er sich, umschlingt die ganze Welt, beleuchtet, erwrmt sie
... Nein, ich fhle die Wahrheit ... Und ... Ich werde doch zu Ssemjonow
hinfahren, Ljonja!

Das ist etwas anderes ... erwiderte Schischmarjow zurckhaltend. Wenn
du es willst, wenn er dir leid tut, magst du fahren ... Das ist deine
Sache!

Er setzte sich wieder zum Tee und fing an, in dem halbleeren Glas mit
dem Lffel klirrend herumzurhren. Seine Schultern zitterten noch immer
vor Erregung.

Ich werde fahren, nur habe ich kein Geld.

Na, Bruder, ich habe auch keines! erwiderte Schischmarjow im Ton einer
Entschuldigung und schlug wie ein Schuldiger die Arme auseinander.

Lande krachte mit den Fingern.

Ach Gott ... was soll ich tun?

Schischmarjow schlug wieder die Arme auseinander. Warte noch!
Vielleicht wird es sich noch irgendwie machen lassen ...

Nein, Lande machte eine entschlossene Handbewegung. Es ist keine
Zeit, zu warten ... Ich gehe ...

Schischmarjow erhob rasch den Kopf; ein lchelnder Zug der Verwunderung
weitete seinen Mund.

Du gehst hin? Das heit, wie meinst du das. Zu Fu?

Zu Fu, natrlich ... Hin und wieder lt man mich wohl ein Stck
mitfahren ... antwortete Lande einfach.

Schischmarjow sah ihn unverwandt mit weit geffnetem Mund an, wurde dann
aber pltzlich ernst.

Hre mal, Lande ... es mu eine Grenze fr all diese Extravaganzen
geben! sagte er, whrend er die Achseln in die Hhe zog, in
berzeugendem Ton.

Hier handelt es sich nicht um eine Extravaganz. Ich habe kein Fahrgeld,
also gehe ich zu Fu. Legen doch Pilgerinnen Tausende Werst zurck.

Pilgerinnen ... Schischmarjow wurde fr einen Augenblick verwirrt.
Ja, die sind aber erstens Pilgerinnen, und zweitens nicht im Herbst ...
Du wirst einfach unterwegs liegen bleiben!

Vielleicht bleibe ich doch nicht liegen.

Die Erregung ergriff Schischmarjow von neuem.

Die Pilgerinnen gehen um ihres Glaubens willen, der bei ihnen nur darin
besteht ...

Auch ich gehe um meines Glaubens willen, lchelte Lande.

Ja ... schon ... Aber du mut doch wenigstens mit den Umstnden
rechnen!

Das ist so leicht, sein Leben nach den Umstnden einzurichten! sagte
Lande mit zartem Vorwurf, whrend seine hellen Augen weiterlchelten.
Dabei wird man schlielich ganz aufhren, an sich zu glauben und in
allem nur nach den Umstnden fragen ... Nein, mag es dabei bleiben, ich
fhle, da ich gehen mu, und ich werde gehen ... Auf irgend eine Weise
...

Aber begreife doch nur das Eine, da du vor allen Dingen nichts daran
ndern kannst!

Das wissen wir nicht! erwiderte Lande streng. Das scheint nur so ...

Schischmarjow schwieg. Er wute nicht, was er noch sagen knnte.

Das ist ja dumm, -- du wirst gewi Jalta nicht erreichen, wirst gewi
nichts besser machen! ... Das ist dumm und unmglich.

Nein, seufzte Lande und sah ihn nachdenklich an, ich wei schon, da
es dir dumm, unmglich, sinnlos scheint, aber ... ich werde doch gehen
... Versuche nicht, mich zurckzuhalten, Tubchen, tu das nicht!

Schischmarjow zuckte mit einem sonderbaren Gefhl die Achseln.

Wei der Teufel, was das ist! murmelte er und neigte sich seinem Glas
zu.

Sie schwiegen eine Weile.

Nun, ich gehe, lebe wohl, auf Wiedersehen! sagte Lande und erhob sich.

Sitze noch ein Weilchen!

Nein, Tubchen ... ich mu noch einiges vorbereiten.

Er drckte Schischmarjow warm die Hand. Und pltzlich berkam den
kleinen Studenten eine trbe Ahnung.

Also, du gehst doch? fragte er mit dem Wunsch, zu lachen, aber etwas
erzitterte in seiner Stimme.

Lande war um einen Kopf hher als er und sah ihn liebevoll von oben
herab an.

Ich gehe! er nickte mit dem Kopf.

Schischmarjow wollte noch etwas sagen, aber ein eigentmliches Gefhl
schnrte ihm die Kehle zu, er zuckte nur schwer mit den Achseln.

Sie standen schon in dem engen Vorzimmer, in das nur ein schmaler
Lichtstreifen durch den Trspalt fiel, als sich Lande pltzlich an
Tkatschow erinnerte.

Hast du den Mann, dessentwegen mich Molotschajew geschlagen hat, noch
im Gedchtnis? fragte er. Er ist einmal zu mir gekommen ...

Und Lande erzhlte sein Gesprch mit Tkatschow. Er erzhlte schlicht und
kurz, aber etwas Riesiges, berwltigendes schob sich allmhlich in
Schischmarjows Kopf. Die grandiose Phantasie, auf eigentmliche Weise in
der Gestalt des neben ihm stehenden Lande verkrpert, packte ihn und ri
ihn fort. Er ergriff impulsiv Landes Hand und rief scharf:

Aber das ist ja berwltigend! Und was hast du ihm geantwortet?

Ja, meinte Lande, mir war es ein groer Schmerz, seinen Traum zu
zerstren ... Es ist ein unglcklicher Mensch ... Mit einem solchen
Sturm in der Seele wird man nie zur Ruhe kommen ...

Also, du hast dich geweigert? fragte Schischmarjow fast erschrocken.

Lande lchelte.

Konnte ich denn darauf eingehen -- ein Prophet zu werden, wenn ich
keiner bin?

Schischmarjow besann sich pltzlich, rieb die Hnde und sagte dster:

Ja, gewi ...

Er begleitete Lande bis an die Stufen heraus.

Der Mond war finster und grmlich.

Lebe wohl! rief Lande zurck, whrend er sich in der Finsternis
entfernte.

Lebe wohl! tnte ihm die Antwort.

Schischmarjow stand lange auf den Stufen, kehrte dann in sein Zimmer
zurck und setzte sich an den Tisch. Auf dem Tisch brannte die Lampe,
aber ihr enger Lichtkreis fiel matt und welk an den Seiten herab. Die
Zimmerecken waren in vllige Dmmerung gehllt. Schischmarjow rckte das
Buch nher; die Buchstaben drngten sich vor seinen Augen, ohne sich dem
Gehirn einzuprgen. Eine eigentmliche Aufregung bemchtigte sich
seiner. Er setzte sich bald, bald stand er auf, als wre etwas
Ungeheures ber ihn gekommen, das ihn peinigte. Alle Gedanken und
Gefhle waren von der Gestalt Landes erfllt. Es war schwer, an ihn zu
denken; die Vorstellungen sprangen durcheinander, verwickelten sich,
eine lste die andere ab. Landes Stimme, weich und schwach, gellte in
den Ohren; ein undeutliches Bild stand neben ihm, nebelhaft und gro.

Schischmarjow zuckte pltzlich die Achseln und lachte unnatrlich
scharf, obgleich er noch nie zuvor gelacht hatte, wenn er allein war.
Das Lachen gellte ihm selbst in den Ohren.

Wei der Teufel! sagte er heiser.

Er hatte ein Gefhl, als htte sich durch seine sprde, zhe Seele eine
tiefe, feurige Furche gegraben, deren Ende sich vor ihm in der
unendlichen Ferne seines zuknftigen Lebens verlor.


                                 XXIII

Des Nachts, im Anfang des Herbstes, als die Luft schon dnn und kalt
wurde, ging Lande still aus dem Haus. Er war in eine schwarze, alte
Sutane, die er einem Mnch abgekauft hatte, gekleidet und trug einen
Sack auf dem Rcken. So wird es leichter und einfacher zu gehen sein,
dachte er.

Still und leer war es in der ganzen Stadt. Den Himmel verdeckte eine
undurchdringliche Hlle weier Wolken. Kein Mond, keine Sterne waren zu
sehen. Langsam traten die schwarzen Huser mit ihren abgeschlossenen
blinden Fenstern und kalte Bume, an die sich schwarze Finsternis
klebte, zurck. Bald war Lande ins Feld hinausgekommen. Der Wind ri die
Sche seiner Sutane auf und lrmte in seinen Ohren, gedehnt und
schwermtig. Leer, weit und kalt lag das endlose Feld vor ihm. Die
Wolken zogen hier, wie es schien, noch ferner, noch hher vorbei. Auf
den dunkeln Hgeln wiegte sich drres Gras. Die ungeheuer breite
Empfindung des freien Raumes fllte Landes Brust, und eigentmlich
gleichzeitig mit ihr schien das deutliche Bewutsein zu kommen, da er
Jalta niemals erreichen wird. Doch ohne Schwanken, ohne Gram und
Verzweiflung trat ihm diese Ahnung in die Seele; ihm wurde im Gegenteil
leicht und frei zumute, als ob er gerade dadurch auf den richtigen Weg,
der ihn nun endlich zum Ziele fhrt, geraten wre; sein Herz zog sich
wie im Vorgefhl einer hellen Freude leicht zusammen.

Es war aber nur eine Ahnung, kein klarer Gedanke. In seinen Gedanken
stand einzig das Bild des kranken, leidenden Menschen, zu dem er ging;
ber das, was aus ihm wurde, dachte er nicht nach. Leichten, elastischen
Schrittes, als ob die Erde selbst seine Fe von sich schnellte, ging er
die breite, weite Landstrae entlang, sah sich freudig und verwundert um
und lauschte entzckt auf jeden Laut, den ihm der de Wind, der traurig
die Strae entlang zog, aus der Steppe hertrug.

Der Morgen kam, dann der Tag, dann wieder die Nacht und ein neuer
Morgen. Fnf Tage lang ging Lande durch Drfer und nchtigte bei Bauern,
die ihn mitrauisch anblickten und ihn nur unwillig einlieen. Nur
wenige sprachen mit ihm, weil nur wenige ihn zu verstehen vermochten,
obgleich er alle klar und einfach anredete. Alte Buerinnen fragten ihn
aus, die welke Backe in die Hand gesttzt, fragten, woher er komme und
ob er nicht vom Kloster des Hl. Seraphim komme; die Bauern aber warfen
ihm nur Seitenblicke zu, und blieben stumm. Am fnften Tag schrie ihn
ein vierschrtiger schwarzer Bauer mit schwarzem, wie mit einem Beil
zurechtgehauenen Bart und bsen Augen, grob an. Geh nur weiter, los,
sonst, es ist nicht weit bis zum Gendarmen ... Da schleicht hier so
manch einer herum!

Ein so unfreundlicher, unverstndiger, fremder Zug lag in dem allen, da
es Lande schrecklich bemitleidenswert schien. Mit weit geffneten,
neugierigen Augen sah er auf das Dorfleben, aber es glitt ebenso
absonderlich, lebensarm und reich an ihm vorbei, wie die Bilder der
groen, bunten Rinderherden, die ihm ihre starken, gehrnten Kpfe
zuwandten und ihn mit rtselhaften, groen Augen begleiteten, wenn er an
ihnen vorbeiging. Mit Liebe und Rhrung betrachtete Lande diese
Menschen, die Rindern glichen, und die Rinder, die wie eigenartige,
sonderbare Menschen aussahen; aber er fhlte, da er ihnen fern,
berflssig, fremd war. Ihm wurde schwer zumute; ihn berkam der
schwrmerische Wunsch, mit seinem Blick irgendwo in der Weite
einzudringen. Aber der Blick blieb stumpf und kraftlos. Nur wenn die
Steppe ganz frei dalag, und die Sonne scheinbar nur fr ihn allein in
der unermelichen Welt leuchtete, war es Lande froh ums Herz. Doch das
war nur selten; denn auf allen Seiten machten Menschen, zahllos wie die
Ameisen, sich mit irgend etwas zu schaffen.

Als man ihm den nchsten Weg durch den Wald, der Lande wie eine zackige
Wand gegenberstand, zeigte, als er unter die feierlichen, friedlichen
Laubkronen trat, da erfate ihn ein Freudentaumel; zum ersten Mal in
seinem Leben versprte er ein Gefhl der Erleichterung darber, da es
hier keine bekmmerten, verfinsterten Gesichter gab.

Den ganzen Tag hindurch ging er ber kaum kenntliche, verwachsene
Waldespfade, und den ganzen Tag standen nur hochgewachsene,
nachdenkliche Bume um ihn. Nach allen Richtungen hin dehnte sich ihre
durchsichtige, grne Tiefe. Stumme Vgel flatterten lautlos an ihm
vorbei; als gben sie sich den Anschein, da sie den Wanderer nicht
bemerkten. Irgendwo knisterten Zweige, als ginge jemand, doch nicht ein
Mensch, durch den Wald. Dann wurde der Wald allmhlich lichter, ein
Geruch von Feuchtigkeit und die Empfindung einer unbegreiflichen, aber
deutlich wahrnehmbaren Kraft zog heran, etwas glnzte zwischen den
Bumen. Es war ein groer, tiefer, wasserreicher Flu. Nur an den
Uferrndern wuchs grnes Schilf und wiegte seine schmalen Bltter wie
grne scharfe Dolche ber der Tiefe; aber die ungeheure Masse des freien
und vollen Wassers glitt in langsamer, ebenmiger Bewegung, rein und
breit, dahin. Auf der anderen Seite stand wie eine dichte Mauer ein
ebenso dunkelgrner Wald; hinten rckten schweigsame Bume heran und
streckten knorrige ste ber den Flu.

Es war einsam und blieb lange Zeit einsam; Lande sa nachdenklich am
Ufer. Dann kam auf dem Wasser lautlos ein Kahn heran, ebenso grnlich,
feucht und wild, wie die Baumstmme des Waldes, den ein nasser,
knorriger Bauer kniend ruderte. Er strte die Flu- und Waldesruhe
nicht, zerrann vielmehr in dem Ganzen, soda das Auge ber ihn ohne
Anhalt, wie ber Schilf, Wasser und Himmel, glitt.

Grovterchen! rief Lande, sich aufrichtend.

Auf dem anderen Ufer rief eine dnne, eigentmlich hallende Stimme:

O--! verstummte aber sofort, wie es schien, in furchtbarer
Entfernung.

Der Bauer legte das Ruder auf die Knie, quer ber den Kahn, der langsam
von selbst weiterglitt und einen dnnen, silberhellen Streifen, der wie
glsern klirrte, hinter sich zurcklie.

Hier! rief der Bauer zurck.

I--i! schallte es wieder aus dem Wald; eilig lief etwas in das
Dickicht zurck.

Dann ruderte der Bauer und ruderte, und Lande sa im Vorderteil des
Kahnes und spiegelte sich wie ein langer, schwarzer Streifen im Wasser
wieder.

Gehst du noch weit? fragte der Bauer mit dumpfer Stimme.

Weit! antwortete Lande.

Der Bauer blickte ihn mit kleinen, raschen uglein an.

So ... sagte er, hrte auf zu rudern und starrte aufs Wasser.

Man sagt, in Sibirien soll viel mehr Raum sein ... fing er pltzlich
an, als stnde das, was Lande gesagt hatte, in Zusammenhang mit seinen
alten, zhen Gedanken. So geht das Volk herum, zu suchen, wo es besser
ist ... Das ist ja richtig, man wei nicht, wo man sich lassen soll,
aber so hat es auch keinen Zweck ... Man geht, um Recht zu suchen, und
es gibt kein Recht auf der Welt ... Ganz gleich, ob du hier oder da
wohnst ... So wie ich zum Beispiel, im Wald ... Du denkst das so, als
wre niemand auer Gott ber dir ... Alles kommt von Gott, und du selbst
kommst auch zu Gott wieder, und auer ihm hilft dir niemand; aber im
Gegenteil, -- gleich kommt wer wei wer, wer wei wozu und greift zu ...
wissen tun wir ja nichts, tappen wie im Dunkel herum; vielleicht mu es
auch so sein, wer kann es wissen! ... Seine Gedanken macht sich jeder,
aber wer wird sie aussprechen! ... So strengt man das Leben lang seinen
Buckel an, rackert sich ab wie eine Schindmhre, ist man aber dazu
gekommen, einmal freier aufzuatmen, sich an Gott zu erinnern -- paff!
und wieder einmal nichts mehr da! Und dann nachher -- in die Schenke,
was bleibt dir anderes brig. Es gibt kein Recht, lieber Mann, kein
Recht! Und ob hier oder da, alles gleich, die Erde ist berall gleich!
Die Stimme des Bauers war eintnig, gedrckt, aber aus ihr schrie
lautlos die verborgene Sehnsucht einer gemarterten Seele.

Dieses Rechte liegt im Menschen selbst, und nicht in der Erde,
antwortete Lande traurig. Man mu einander lieben und bemitleiden, und
das brige wird schon von selbst kommen!

Der Bauer lchelte dster.

Das wissen wir gut, lieber Mann, was kommen wird! Er warf es achtlos
hin, als bezge sich das Gesprch auf den Tag, der morgen eintreten mu.
Wie sollen wir aber heute leben, das sage uns erst ... Lieben, meinst
du ... Wie kommt man aber zum Lieben, wenn man manchmal bereit ist, sich
einander wegen eines Stck Brot die Kehle abzuschneiden! ... Da hast du
es.

Der Bauer schwieg, dann fgte er in tiefem Ba hinzu:

Die Herrschaften haben gut reden ... Die Herrschaften und die Popen!
... Nein, finde du mal erst das Recht hier! und er steckte Lande seine
knorrige Faust, die vom Fischpkeln zerfressen war und mit der er das
Ruder hielt, entgegen.

So ist's ... begann er nach einer Pause mit einer ganz anderen Stimme.
Gott sieht am besten, wo alles hinsteuert! ... Darum leben wir auch,
sonst ... Es gibt keine Gerechtigkeit in der Welt, und vielleicht kommt
alles gerade darauf an: Gott will Gerechtigkeit mehr als Sattsein;
deshalb stehen auch die Menschen Qualen aus, weil durch sie die
Gerechtigkeit auf die Erde kommt! ... So ist's, was, lieber Mann?

So, so! nickte Lande erfreut mit dem Kopf. Alles, was es in der Welt
gibt -- alle Wissenschaften, und alle groen Taten und alle Gedanken, --
alles wird durch Leiden weitergefhrt ... Wenn es keine Leiden gbe,
wre auch die Seele zum Stillstand und zum Sterben gekommen!

Der Kahn stie ans Ufer. Lande kroch unschlssig und langsam heraus. Der
Bauer blieb unten. Eine Minute sahen sie sich beide schweigend an. Etwas
Starkes und Krftiges verband sie miteinander; sie waren sich in dieser
Minute beide fern und nahe, wie die beiden Enden eines ausgespannten
Taues; beide hatten das brennende Verlangen, etwas zu sagen, etwas
Bedeutsames, Einigendes; doch konnte er es nicht ausdrcken, weil es
keine Worte gab, die gleich stark und gleich verstndlich fr sie beide,
fr den Bauern wie fr ihn, gewesen wren.

Lebe wohl, Grovater! sagte Lande traurig.

Der Bauer murmelte dster etwas Unverstndliches vor sich hin, stie vom
Ufer ab und glitt wieder ber den Flu, knorrig und na wie ein
schwimmender Baumstumpf. Lande schaute ihm lange nach, bis er hinter
einer Biegung verschwunden war, und sich die langen, silberhellen
Streifen auf dem breiten Wasserspiegel wieder geglttet hatten. Gegen
Abend verlor Lande den Weg; er fand aber eine alte verlassene Htte und
blieb in ihr ber Nacht.

Die Nacht war kalt, schneidend, und Lande schlief schlecht vor Klte und
Mdigkeit.

Der Nebel, der die ganze Nacht zwischen den hohen, regungslosen Bumen
wie eine dichte, weie Hlle hing, geriet gegen Morgen in Bewegung und
wurde grau. Etwas Unfabares erzitterte in der Luft, und alles erwachte
gleichzeitig leicht und rasch wie auf Verabredung. Ein Vogel zwitscherte
leise, als ob er etwas zu fragen htte. Ein Rabe erhob sich schwer von
einem feuchten Ast und flog, whrend seine taudurchnten Flgel
linkisch drre Zweige streiften, geradeaus in den Nebel hinein. Das Gras
erschauerte, die Bltter regten sich, und pltzlich fing alles an,
strahlend hell zu werden. Der Nebel kam mit einem Ruck ins Schwanken und
zog sich in leichte, wankende Sulen zusammen, die eilig, lautlos
zwischen den Baumstmmen auf- und niederschwankten.

Lande kroch aus der Htte; seine dnne, schwarze Gestalt richtete sich
ber einem hellgrnen Grashaufen in der weien Dmmerung wie eine
schwarze Zickzacklinie auf. Die Nacht hindurch war er stark
durchgefroren; sein Gesicht war bla, grau, zerknittert. Er sah sich um,
und im ersten Augenblick kam ihm in dem wogenden Nebel alles sonderbar
verndert vor.

Aber der Morgen wurde immer heller. Der Nebel lste sich spurlos,
sklavisch auf. Nah und fern erhob sich mit unsichtbarem, mchtigen
Brausen das Leben des Waldes. Die Wipfel der Bume loderten in grellem,
rosigen Brand auf und zwischen ihnen in tiefem Blau der Himmel. Lande
wurde von der lebendigen Wrme und dem Licht, das sich in mchtigen
Strmen ber alles ergo, vollstndig durchdrungen.

Er mochte nicht von hier fortgehen. Er lie sich neben der Htte auf die
Erde nieder und sa still, mit gespannten, freudigen Augen alles um sich
her beobachtend, ohne sich zu rhren.

Der Tag stieg auf. Sein grelles, unendlich-mchtiges, lebendiges Licht
erwrmte das Herz. Lande sa bald, bald lag er unter einem Baum, der
leichte goldene Bltter auf ihn streute, und verfolgte gierig das fr
ihn neue, geheimnisvolle Waldleben. Ihm schien, da er langsam anfange,
es, wenn auch undeutlich, zu verstehen.

Immer tiefere Ruhe berkam ihn; um so schwcher wurde sein Krper.

Er bemerkte diese Schwche und a ein wenig; aber die Bissen wollten
nicht durch die Kehle rutschen, und nach dem Essen wurde er noch
schwcher. Er stand auf, konnte aber kaum den Fu anheben: eine
eigentmliche Mattheit zitterte in seinen Knieen, ihm schwindelte es,
der Kopf war schwer und das Herz schlug leise und schwach.

Ich bin krank, dachte Lande, aber ohne sich zu frchten oder zu wundern,
als wenn er es so erwartet htte. Wahrscheinlich habe ich mich in der
Nacht erkltet, ging es ihm mechanisch durch den Kopf, -- ich mu hier
bleiben. --

Eine undeutliche, ruhige Freude stieg allmhlich in ihm auf. -- Worber
bin ich froh? -- fragte er sich und lchelte sich selbst zu. -- Weil ich
hier bleiben mu oder ber etwas anderes? Ich wei nicht ... aber wie
licht, still und wohl mir ist! ...

Den ganzen Tag lang sah er ohne bestimmte Gedanken, ganz in ein
beschauliches, zrtliches Gefhl versunken, vor sich hin.

So viel Licht, Farben, Durchsichtigkeit und Leben zitterte um ihn, da
ihm vor Glck und rhrender Sehnsucht die Augen brannten.

Unaufhrlich tnte der Stimmenchor des Waldes ber ihm, aber auer
stillen Vgeln mit grnen Schwanzfedern, sah er nichts. Nur um die
Mittagszeit kam aus dem Walde, hinter dem Gebsch, ein magerer zottiger
Br hervor. Seine kleinen, schwarzen uglein blickten Lande aufmerksam
und ernsthaft an. Er setzte sich auf die Hinterfe, reckte den Hals ein
wenig an, seufzte auf und starrte dann wieder auf Lande. Ein Vogel
wiegte sich leise auf grnen Zweigen, die sich auf dem Himmel
ausprgten. -- Gott, wie schn! sagte Lande zu sich, seine Augen wurden
feucht.

Der Br stie einen sonderbaren, beinahe schluchzenden Laut aus und
streckte wieder seinen Hals.

Lieber Kerl! rief Lande, und pltzlich wnschte er sehr, auf den Br
zuzugehen und ihn ber das braune, ausgetrocknete Fell, an dem die
Zotten herunterhingen, zu streichen. Nur frchtete er, da er ihn
erschrecken wrde. Da sich der Br auf ihn strzen knnte, das kam
Lande gar nicht in den Sinn; in seiner Seele war es still und sanft; sie
konnte keinen brutalen Gedanken fassen.

Soll ich ihm Brot geben? dachte Lande und lachte selbst ber diesen
Gedanken.

Der Br stie wieder einen schweren, langgedehnten Seufzer aus, blickte
noch einmal mit den schwarzen Augen umher, stand auf und trottete,
leicht wiegend, in den Wald zurck. Lande kam es traurig und
gleichzeitig frhlich an, zuzusehen, wie er sich unter den sulenhohen
Bumen entfernte.

Hier wre es gut zu sterben, dachte er pltzlich mit feuchten Augen.

Und der Gedanke an den Tod, mit dem deutlichen, abgeschlossenen
Bewutsein seiner Nhe, trat gebieterisch aber ruhig in seine Seele.

Ssemjonow fiel ihm ein, doch blitzte dieser Gedanke nur auf, um sich
gleich wieder in dem vollen, prchtigen Licht des Tages aufzulsen, als
ginge er zu einem anderen, einem Mchtigeren, ber.


                                  XXIV

Der Regen go in Strmen, anhaltender Lrm hing ber dem Wald. Manchmal
schien irgend jemand in der Nhe, hinter einem Busch zu schluchzen, mit
dnner, silberklirrender Stimme zu weinen; spter hrte man deutlich,
da es nur Regentropfen waren, die klangen.

Lande lag in der Htte. Es war na, dumpf und undurchdringlich finster.
Manchmal war ihm, als ob er ber bodenloser Leere liege, dann hob er mit
Mhe die heie, zitternde Hand, stie neben seinem Gesicht an
unsichtbare, schwere, durchnte Zweige, und dicke, kalte Tropfen
schlugen auf sein Gesicht. Der Kopf brannte ihm, Fieberfrsteln ri ihm
den Krper in Stcke, und er wand sich in dem vergeblichen Bemhen,
unter der nassen Sutane warm zu werden, ohnmchtig auf der Erde hin und
her. Vor seinen offenen Augen sprhten in der Finsternis Feuerfunken,
wirbelten goldene Kreise.

Ich sterbe, -- dachte Lande. -- Ja ... Herr, dein Wille geschehe!

Vor Klte, vor Schmerz weinte er. Einsame, niemandem sichtbare Trnen
fielen hei auf die nasse Erde, rieselten ihm in den Mund und auf die
krampfhaft klappernden Zhne.

Herr, Herr! -- rief er still, und dieser einsame Laut war so sonderbar
in Wald und Finsternis, da es ihm selbst vorkam, als verfiele unter ihm
alles fr einen Augenblick in Schweigen, wrde es still und lauschte.
Und dann rauschte, fern und nahe, noch strker der Regen, das Wasser
gluckste.

Lande verlor die Besinnung, regungslos auf der Erde zusammengekauert,
die Kniee in einer kalten Pftze. Er fieberte.

Aus der Finsternis lugte ein groer Hasenkopf. Die langen Ohren waren
zurckgeworfen, die roten Augen starrten Lande unverwandt an. Etwas
Schreckliches, Hhnendes lag in diesem schweigenden Kopf. Leise,
langsam, kaum merklich nickte er Lande zu. Pltzlich leuchtete alles in
gelbem Licht auf, als wre irgendwo in der Nhe, hinter seinem Rcken,
eine unsichtbare Flamme entzndet; in ihrem Licht erblickte Lande, wie
von der Seite, seinen Krper, widerwrtig und armselig in einer Pftze
zusammengekauert, von der nassen, schwarzen Sutane beklebt, schmutzig,
unglcklich, wie ein Wurm. Entsetzliche Angst drngte sich an sein Herz.
Mit einem wilden, sinnlosen Schrei setzte er sich auf; dabei stie er
mit dem Kopf an die Zweige. Ganze Bche kalten Wassers rieselten auf ihn
herab, aber er kam nicht zu sich. Eine Menge bekannter Gesichter zogen
lebend, augenglnzend, in einer endlosen Reihe, die sich in der Ferne
verlor, an ihm vorber. Sie nherten sich, neigten sich zu ihm, sahen
ihn an und gingen weiter, hinter ihnen kamen neue heran. Die Flamme
leuchtete nicht mehr hinter Landes Rcken; dafr schien von ihm selbst
ein mattes, aber klares Licht auszugehen. Es legte sich auf die
Gesichter, die sich verneigten, drang immer weiter und weiter, nach
allen Seiten hin. Ihm wurde still und wohl. Dann brannte wieder die
Flamme, und wieder wand sich ein schwarzer Krper wie ein zertretener
Wurm auf dem Boden; wieder nickte kaum merklich ein Hasenkopf.

Es war kein Gedanke und keine Wahnvorstellung, kein Gefhl, nur das
grelle Licht einer wunderbaren Erkenntnis, die Landes erhitztes Gehirn
durchdrang. Im selben Augenblick wurde sein ganzes Leben in zwei Teile
gespalten: Als htte ihn das Gewaltige, das in seiner Unbegreiflichkeit
Helle und Wundervolle, das, was er sein ganzes Leben lang getan hatte,
jetzt verlassen und wre langsam zerronnen, um alles ringsumher zu
erfllen, er selbst aber war von einem scharfen Leiden, einem einsamen,
unbesiegbaren, letzten Schmerz gepackt worden, der ihm seine scharfen
Krallen einbohrte und ihn mit schrecklicher Wucht zu Boden drckte.

A--a--a! schrie Lande mit schwacher, dnner Stimme in die Finsternis
hinein.


                                  XXV

Rjasaner Bauern, Zimmerleute, die nach ihrer Heimat gingen, fanden im
Wald, fern von jeder Wohnsttte, einen toten Menschen.

Die Leiche lag in einer Htte, die aus drren Zweigen zurechtgebaut war,
mit angezogenen Beinen und krampfverzerrten Fingern. Der Kopf auf dem
dnnen, langen Hals war halbverrenkt, so da man das Gesicht nicht sehen
konnte. Der Tote trug eine schwarze Sutane; ein Fu war aus irgend einem
Grunde entblt. Von der Leiche ging ein schwerer, toter Geruch aus und
verband sich eigentmlich schrecklich mit dem feinen, slichen Geruch
welken Farnkrauts, das an dieser Stelle stand.

Einer der Zimmerleute, ein rotbrtiger, hochgewachsener Bauer, berhrte
den Fu der Leiche mit der Stiefelspitze. Der tote Fu bewegte sich kaum
und wurde gleich wieder unbeweglich.

Gestorben ... meinte tiefsinnig der Bauer, kratzte sich im Nacken,
blieb eine Weile stehen und ri dann pltzlich, mit einem Gesicht, das
von Angst und ihm selbst unbegreiflicher Wut verzerrt war, an der Leiche
und schleppte sie am Fu aus der Htte heraus. Der Kopf schwankte und
sprang ber den Boden, die Hnde schlugen auf die Erde, klatschten
schwer nieder, und lieen sich, vom Staub bedeckt, nachschleifen. Doch
mit einem Mal schlug ein so entsetzlicher, penetranter Geruch hoch, da
die Bauern zurcktaumelten.

Oh, Teufel! sagte verwundert der Rotbrtige, als htte man das auf
keinen Fall erwarten drfen.

Die Bauern standen und blickten auf die Leiche.

Bitter und einsam lag sie auf der Erde, schaute mit toten, wie von
schweren Trnen getrbten Augen geradeaus ber sich in den fernen
Himmel. Kalt und stumm, mit fr ewig zusammengepreten Lippen, die ohne
Worte von einem schrecklichen Geheimnis berichteten, verbreitete sie
zusammen mit dem schweren Geruch ein gramvolles Schweigen um sich. Auf
der Brust war der schwarze Stoff zerrissen, die ausgetrocknete Haut
schimmerte lehmgelb hervor, welke Bltter und trockener Schmutz klebten
daran, als hielte die Erde schon den Toten mit ihren grauen Fangarmen
umschlungen und zge ihn langsam aber unwiderstehlich zu sich hinab.

Lange standen die Bauern und sahen die Leiche an, als ob sie nicht
darauf kommen knnten, was zu tun sei. Endlich seufzte ein alter,
gravittischer Bauer auf, nahm die Mtze ab und bekreuzigte sich. Er
bekreuzigte sich einmal, dachte eine Weile nach, sagte: Sei dir das
Himmelreich beschieden! und bekreuzigte sich dann noch zweimal. Und
alle Bauern rissen, eilig, als wlzten sie dadurch eine drckende Last
von sich ab, ihre Mtzen herunter und fuhren mit Fingern durch die Luft.

Dann gingen sie davon, einer hinter dem andern, ohne sich umzuwenden.

Lange noch schien ihnen der goldene Wald und das Sonnenlicht, das Gras
und der hohe Himmel wie von einem unsichtbaren Schleier verhllt, von
schwerem Schweigen gefesselt. Aber in Wirklichkeit quoll alles in Freude
ber, strahlte und flimmerte im Sonnenglanz und leuchtete durch
ewig-lebendiges, selbst im Absterben noch frhliches Grn.

Der Bauer, der zuletzt ging, blickte sich verstohlen um; nur ganz von
ferne sah er hinter einem goldbraunen, lichten Busch den blassen Umri
eines ausgedrrten, unbeweglichen Fues.

Es war an einer Stelle, wo jahraus, jahrein das Farnkraut besonders
ppig wchst.


                 Druck von Mnicke u. Jahn, Rudolstadt.


                     Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillscheigend korrigert. Die variierende
Transliteration hufig vorkommender russischer Personennamen wurde
vereinheitlicht (nicht verwendete Formen in Klammern):

   Maria Sergejewna (Marja Sergejewna)
   Pawel (Pawl)
   Ssergej (Ssergei, Sergej)
   Sergejewna (Ssergejewna)
   Ssonjetschka (Ssonetschka)
   Stepan (Stefan)
   Tschetyrjow (Tschetyrjew)
   Wassja (Wasja)

Weitere nderungen, teilweise unter Zuhilfenahme des russischen
Originaltextes, sind hier aufgefhrt (vorher/nachher):

   [S. 9]:
   ... sangen, und flogen in leichtem kaprizisen Reigen ...
   ... sangen, und flogen in leichtem kaprizisem Reigen ...

   [S. 13]:
   ... unsichtbare Wassersplitter mit feinem kalten ...
   ... unsichtbare Wassersplitter mit feinem kaltem ...

   [S. 14]:
   ... unsichtbaren Trnen auf Mishujew, stand auf ...
   ... unsichtbarer Trnen auf Mishujew, stand auf ...

   [S. 22]:
   ... matt-rosiges Gesichtchen noch schner und junger. ...
   ... matt-rosiges Gesichtchen noch schner und jnger. ...

   [S. 44]:
   ... leicht zur Beute, nur kosteten sie ihm mehr ...
   ... leicht zur Beute, nur kosteten sie ihn mehr ...

   [S. 110]:
   ... breiten Mantels glitt. Er war noch ...
   ... breiten Mantels glitt. Sie war noch ...

   [S. 142]:
   ... ihn wenigstens nahe sein wrde. Durch diese ...
   ... ihm wenigstens nahe sein wrde. Durch diese ...

   [S. 168]:
   ... blauen Himmel, keine frhliche Blumen mehr gegeben ...
   ... blauen Himmel, keine frhlichen Blumen mehr gegeben ...

   [S. 189]:
   ... selbst dieses Geld, am Ende gehrt es Ihnen ...
   ... selbst dieses Geld, am Ende gehrt es ihnen ...

   [S. 193]:
   ... werden Sie Tschetyrjow zur Mitarbeit an ihren ...
   ... werden Sie Tschetyrjow zur Mitarbeit an Ihren ...

   [S. 204]:
   ... fast mustergltige Einrichtung des Konsumvereinsladen. ...
   ... fast mustergltige Einrichtung des Konsumvereinsladens. ...

   [S. 250]:
   ... ganzes unbegreifliche, frchterliche Leben nur noch ...
   ... ganzes unbegreifliches, frchterliches Leben nur noch ...

   [S. 255]:
   ... Es blieb etwas stehen und lauschte erwartungsvoll, ...
   ... Er blieb etwas stehen und lauschte erwartungsvoll, ...

   [S. 261]:
   ... Mann in einer zu groen Gefangenjacke, mager, ...
   ... Mann in einer zu groen Gefangenenjacke, mager, ...

   [S. 271]:
   ... Ihnen wegen Bcher kam? Sie waren damals ...
   ... Ihnen wegen Bchern kam? Sie waren damals ...

   [S. 284]:
   ... war, whrend die andere im tiefem Dunkel lag. ...
   ... war, whrend die andere im tiefen Dunkel lag. ...

   [S. 365]:
   ... da ... wenn sie sich mir in den Weg ...
   ... da ... wenn Sie sich mir in den Weg ...

   [S. 391]:
   ... Lande sah sie mit weitgeffneten Mund und ...
   ... Lande sah sie mit weitgeffnetem Mund und ...

   [S. 396]:
   ... Ich mu Sie allein lassen! schwirrte Lande ...
   ... Ich mu sie allein lassen! schwirrte Lande ...






End of the Project Gutenberg EBook of Millionen, Der Tod des Iwan Lande, by 
Michail Petrowitsch Arzybaschew

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MILLIONEN, DER TOD DES IWAN LANDE ***

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1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of
damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
violates the law of the state applicable to this agreement, the
agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
remaining provisions.

1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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