The Project Gutenberg EBook of Umwege, by Hermann Hesse

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Title: Umwege

Author: Hermann Hesse

Release Date: October 6, 2019 [EBook #60437]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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                                  Umwege

                                Erzhlungen

                                    von

                               Hermann Hesse

                        S. Fischer, Verlag, Berlin
                                   1912


                             *Neunte Auflage.*
        Alle Rechte, insbesondere das der bersetzung, vorbehalten.
                Copyright 1912 S. Fischer, Verlag, Berlin.




Inhalt


  Ladidel                                                              9

  Die Heimkehr                                                        88

  Der Weltverbesserer                                                149

  Emil Kolb                                                          211

  Pater Matthias                                                     265




Ladidel


Erstes Kapitel

Der junge Herr Alfred Ladidel wute von Kind auf das Leben leicht zu
nehmen. Es war sein Wunsch gewesen, sich den hheren Studien zu widmen,
doch als er mit einiger Versptung die zu den oberen Gymnasialklassen
fhrende Prfung nur notdrftig bestanden hatte, entschlo er sich
nicht allzuschwer, dem Rat seiner Lehrer und Eltern zu folgen und auf
diese Laufbahn zu verzichten. Und kaum war dies geschehen und er als
Lehrling in der Schreibstube eines Notars untergebracht, so lernte er
einsehen, wie sehr Studententum und Wissenschaft doch meist berschtzt
werden und wie wenig der wahre Wert eines Mannes von bestandenen
Prfungen und akademischen Semestern abhnge. Gar bald schlug diese
Ansicht Wurzel in ihm, berwltigte sein Gedchtnis und veranlate ihn
manchmal unter Kollegen zu erzhlen, wie er nach reiflichem berlegen
gegen den Wunsch der Lehrer diese scheinbar einfachere Laufbahn erwhlt
habe, und da dies der klgste und wertvollste Entschlu seines Lebens
gewesen sei, wenn er ihn auch ein betrchtliches Opfer gekostet habe.
Seinen Altersgenossen, die in der Schule geblieben waren und die er
jeden Tag mit ihren Bchermappen auf der Gasse antraf, nickte er mit
Herablassung zu und freute sich, wenn er sie vor ihren Lehrern die Hte
ziehen sah, was er selber lngst nimmer tat. Tagsber stand er geduldig
unter dem Regiment seines Notars, der es den Anfngern nicht leicht
machte, und eignete sich mit Geschick manche liebliche und stattliche
Kontorgewohnheit an, die ihn freute, zierte und schon jetzt uerlich
den lteren Kollegen gleichstellte. Am Abend bte er mit Kameraden
die Kunst des Zigarrenrauchens und des sorglosen Flanierens durch die
Gassen, auch trank er im Notfall unter seinesgleichen ein Glas Bier
schon mit Anmut und nachlssiger Ruhe, obwohl er seine von der Mama
erbettelten Taschengelder lieber zum Konditor trug, wie er denn auch im
Kontor, wenn die andern zur Vesper ein Butterbrot mit Most genossen,
stets etwas Ses verzehrte, sei es nun an schmalen Tagen nur ein
Brtchen mit Eingemachtem oder in reichlichern Zeiten ein Mohrenkopf,
Butterteiggipfel oder Makrnchen.

Indessen hatte er seine erste Lehrzeit abgebt und war mit Stolz
nach der Hauptstadt verzogen, wo es ihm beraus wohl gefiel. Erst
hier kam der hhere Schwung seiner Natur zur vollen Entfaltung, und
wenn er bisher immer noch eine Sehnsucht und heimliche Begierde in
sich getragen hatte, so gedieh nun sein Wesen vllig zu Glanz und
heiterem Glcke. Schon frher hatte sich der Jngling zu den schnen
Knsten hingezogen gefhlt und im Stillen nach Schnheit und Ruhm
Begierde getragen. Jetzt galt er unter seinen jngeren Kollegen und
Freunden unbestritten fr einen famosen Bruder und begabten Kerl, der
in Angelegenheiten der feineren Geselligkeit und des Geschmacks als
Fhrer galt und um Rat gefragt wurde. Denn hatte er schon als Knabe mit
Kunst und Liebe gesungen, gepfiffen, deklamiert und getanzt, so war er
in allen diesen schnen bungen seither zum Meister geworden, ja er
hatte neue dazu gelernt. Vor allem besa er eine Gitarre, mit der er
Lieder und spahafte Verslein begleitete und bei jeder Geselligkeit
Ruhm und Beifall erntete, ferner machte er zuweilen Gedichte, die er
aus dem Stegreif nach bekannten Melodien zur Gitarre vortrug, und
ohne die Wrde seines Standes zu verletzen, wute er sich auf eine
Art zu kleiden, die ihn als etwas Besonderes, Geniales kennzeichnete.
Namentlich schlang er seine Halsbinden mit einer khnen, freien
Schleife, die keinem andern so gelang, und wute sein hbsches braunes
Haar hchst edel und kavaliermig zu kmmen. Wer den Alfred Ladidel
sah, wenn er an einem geselligen Abend des Vereins Quodlibet tanzte
und die Damen unterhielt, oder wenn er im Verein Fidelitas im Sessel
zurckgelehnt seine kleinen lustigen Liedlein sang und dazu auf der
am grnen Bande hngenden Gitarre mit zrtlichen Fingern harfte, und
wie er dann abbrach und den lauten Beifall bescheidentlich abwehrte
und sinnend leise auf den Saiten weiterfingerte, bis alles strmisch
um einen neuen Gesang bat, der mute ihn hochschtzen, ja beneiden.
Da er auer seinem kleinen Monatsgehalt von Hause ein anstndiges
Sackgeld bezog, konnte er sich diesen gesellschaftlichen Freuden ohne
Sorgen hingeben und tat es mit Zufriedenheit und ohne Schaden, da er
immer noch trotz seiner Weltfertigkeit in manchen Dingen fast noch ein
Kind geblieben war. So trank er noch immer lieber Himbeerwasser als
Bier und nahm, wenn es sein konnte, statt mancher Mahlzeit lieber eine
Tasse Schokolade und ein paar Stcklein Kuchen beim Zuckerbcker. Die
Streber und Mignstigen unter seinen Kameraden, an denen es natrlich
nicht fehlte, nannten ihn darum das Baby und nahmen ihn trotz allen
schnen Knsten nicht ernst. Dies war das einzige, was ihm je und je zu
schaffen und betrbte Stunden machte.

Mit der Zeit kam dazu allerdings noch ein anderer Schatten, der leise
doch immerhin dsternd ber diesen hellen Lebensfrhling zog. Seinem
Alter gem begann der junge Herr Ladidel den hbschen Mdchen sinnend
nachzuschauen und war bestndig in die eine oder andre verliebt. Das
bereitete ihm anfnglich zwar ein neues, inniges Vergngen, bald aber
doch mehr Pein als Lust, denn whrend sein Liebesverlangen wuchs,
sanken sein Mut und Unternehmungsgeist auf diesem Gebiete immer mehr.
Wohl sang er daheim in seinem Stblein zum Saitenspiel viele verliebte
und gefhlvolle Lieder, in Gegenwart schner Mdchen aber entfiel
ihm aller Mut. Wohl war er immer noch ein vorzglicher Tnzer, aber
seine Unterhaltungskunst lie ihn ganz im Stiche, wenn er je versuchen
wollte, einiges von seinen Gefhlen kundzugeben. Desto gewaltiger
redete und sang und glnzte er dann freilich im Kreis seiner Freunde,
allein er htte ihren Beifall und alle seine Lorbeeren gerne fr einen
Ku, ja fr ein liebes Wort vom Munde eines schnen Mdchens hingegeben.

Diese Schchternheit, die zu seinem brigen Wesen nicht recht zu passen
schien, hatte ihren Grund in einer Unverdorbenheit des Herzens, welche
ihm seine Freunde gar nicht zutrauten. Diese fanden, wenn ihre Begierde
es wollte, ihr Liebesvergngen da und dort in kleinen Verhltnissen
mit Dienstmdchen und Kchinnen, wobei es zwar verliebt zuging, von
Leidenschaft und idealer Liebe oder gar von ewiger Treue und knftigem
Ehebund aber keine Rede war. Und ohne dies alles mochte der junge Herr
Ladidel sich die Liebe nicht vorstellen. Er verliebte sich stets in
hbsche, wohlangesehene Brgerstchter und dachte sich dabei zwar wohl
auch einigen Sinnengenu, vor allem aber doch eine richtige, sittsame
Brautschaft. An eine solche war nun bei seinem Alter und Einkommen
nicht von ferne zu denken, was er wohl wute, und da seine Sinne
mavoll beschaffen waren, begngte er sich lieber mit einem zarten
Schmachten und Notleiden, als da er wie andere es mit einem Kochmdel
probiert htte.

Dabei sahen ihn, ohne da er es zu bemerken wagte, die Mdchen gern.
Ihnen gefiel sein hbsches Gesicht, seine Tanzkunst und sein Gesang,
und sie hatten auch das schchterne Begehren an ihm gern und fhlten,
da unter seiner Schnheit und zierlichen Bildung ein unverbrauchtes
und noch halb kindliches Herz sich verbarg.

Allein von diesen geheimen Sympathien hatte er einstweilen nichts, und
wenn er auch in der Fidelitas noch immer Bewunderung und Beliebtheit
geno, ward doch der Schatten tiefer und bnglicher und drohte sein
bisheriges leichtes und lichtes Leben allmhlich fast zu verdunklen.
In solchen beln Zeiten legte er sich mit gewaltsamem Eifer auf seine
Arbeit, war zeitweilig ein musterhafter Notariatsgehilfe und bereitete
sich abends mit Flei auf das Amtsexamen vor, teils um seine Gedanken
auf andere Wege zu zwingen, teils um desto eher und sicherer in die
ersehnte Lage zu kommen, als ein Werber, ja mit gutem Glck als
ein Brutigam auftreten zu knnen. Allerdings whrten diese Zeiten
niemals lange, da Sitzleder und harte Kopfarbeit seiner Natur nicht
angemessen waren. Hatte der Eifer ausgetobt, so griff der Jngling
wieder zur Gitarre, spazierte zierlich und sehnschtig in den schnen
hauptstdtischen Straen oder schrieb Gedichte in sein Heftlein.
Neuerdings waren diese meist verliebter und gefhlvoller Art, und sie
bestanden aus Worten und Versen, Reimen und hbschen Wendungen, die
er in Liederbchlein da und dort gelesen und behalten hatte. Diese
setzte er zusammen, ohne weiteres dazu zu tun, und so entstand ein
sauberes Mosaik von gangbaren Ausdrcken beliebter Liebesdichter und
andren naiven Plagiaten. Es bereitete ihm Vergngen, diese Verslein mit
leichter, sauberer Kanzleihandschrift ins Reine zu schreiben, und er
verga darber oft fr eine Stunde seinen Kummer ganz. Auch sonst lag
es in seiner glcklichen Natur, da er in guten wie bsen Zeiten gern
ins Spielen geriet und darber Wichtiges und Wirkliches verga. Schon
das tgliche Herstellen seiner ueren Erscheinung gab einen hbschen
Zeitvertreib, das Fhren des Kammes und der Brste durch das halblange
braune Haar, das Wichsen und sonstige Liebkosen des kleinen, lichten
Schnurrbrtchens, das Schlingen des Krawattenknotens, das genaue
Abbrsten des Rockes und das Reinigen und Gltten der Fingerngel.
Weiterhin beschftigte ihn hufig das Ordnen und Betrachten seiner
Kleinodien, die er in einem Kstchen aus Mahagoniholz verwahrte.
Darunter befanden sich ein Paar vergoldeter Manschettenknpfe, ein in
grnen Sammet gebundenes Bchlein mit der Aufschrift Vergimeinnicht,
worein er seine nchsten Freunde ihre Namen und Geburtstage eintragen
lie, ein aus weiem Bein geschnitzter Federhalter mit filigran-feinen
gotischen Ornamenten und einem winzigen Glassplitter, der -- wenn
man ihn gegen das Licht hielt und hineinsah -- eine Ansicht des
Niederwalddenkmals enthielt, des weiteren ein Herz aus Silber, das
man mit einem unendlich kleinen Schlsselchen erschlieen konnte, ein
Sonntagstaschenmesser mit elfenbeinerner Schale und eingeschnitzten
Edelweiblten, endlich eine zerbrochene Mdchenbrosche mit mehreren
zum Teil aufgesprungenen Granatsteinen, welche der Besitzer spter bei
einer festlichen Gelegenheit zu einem Schmuckstck fr sich selber
verarbeiten zu lassen gedachte. Da es ihm auerdem an einem dnnen,
eleganten Spazierstcklein nicht fehlte, dessen Griff den Kopf eines
Windhundes darstellte, sowie an einer Busennadel in Form einer goldenen
Leier, versteht sich von selbst.

Wie der junge Mann seine Kostbarkeiten und Glanzstcke verwahrte
und wert hielt, so trug er auch sein kleines, stndig brennendes
Liebesfeuerlein getreu mit sich herum, besah es je nachdem mit Lust
oder Wehmut und hoffte auf eine Zeit, da er es wrdig verwenden und von
sich geben knne.

Mittlerweile kam unter den Kollegen ein neuer Zug auf, der Ladideln
nicht gefiel und seine bisherige Beliebtheit und Autoritt stark
erschtterte. Irgendein junger Privatdozent der technischen Hochschule
begann abendliche Vorlesungen ber Volkswirtschaft zu halten, die
namentlich von den Angestellten der Schreibstuben und niedern mter
fleiig besucht wurden. Ladidels Bekannte gingen alle hin und in
ihren Zusammenknften erhoben sich nun feurige Debatten ber soziale
Angelegenheiten und innere Politik, an welchen Ladidel weder teilnehmen
wollte noch konnte. Es wurden Vortrge gehalten und Bcher gelesen
und besprochen, und ob er auch versuchte mitzutun und Interesse zu
zeigen, es kam ihm das alles doch im Grunde der Seele als Streberei und
Wichtigtuerei vor. Er langweilte und rgerte sich dabei, und da ber
dem neuen Geiste seine frheren Knste von den Kameraden fast vergessen
und kaum mehr geschtzt oder begehrt wurden, sank er mehr und mehr von
seiner einstigen Hhe herab in ein ruhmloses Dunkel. Anfangs kmpfte
er noch und nahm mehrmals eines von den dicken Bchern mit nach Hause,
allein er fand sie hoffnungslos langweilig, legte sie mit Seufzen
wieder weg und tat auf die Gelehrsamkeit wie auf den Ruhm Verzicht.

In dieser Zeit, da er den hbschen Kopf weniger hoch und
Unzufriedenheit im Gemte trug, verga er eines Freitags, sich rasieren
zu lassen, was er immer an diesem Tage sowie am Dienstag zu besorgen
pflegte. Darum trat er auf dem abendlichen Heimweg, da er lngst
ber die Strae hinausgegangen war, wo sein Barbier wohnte, in der
Nhe seines Speisehauses in einen bescheidenen Friseurladen, um das
Versumte nachzuholen; denn ob ihn auch Sorgen bedrckten, mochte er
dennoch keiner Gewohnheit untreu werden. Auch war ihm die Viertelstunde
beim Barbier immer ein kleines Fest; er hatte nichts dawider, wenn er
etwa warten mute, sondern sa alsdann vergngt auf seinem Sessel,
bltterte in einer Zeitung und betrachtete die mit Bildern geschmckten
Anpreisungen von Seifen, Haarlen und Bartwichsen an der Wand, bis
er an die Reihe kam und mit Genu den Kopf zurcklegte, um die
vorsichtigen Finger des Gehilfen, das khle Messer und zuletzt die
zrtliche Puderquaste auf seinen Wangen zu fhlen.

Auch jetzt flog ihn die gute Laune an, da er unter den im Winde
klingenden Messingbecken weg den Laden betrat, den Stock an die Wand
stellte und den Hut aufhngte, sich in den weiten Frisierstuhl lehnte
und das Rauschen des schwach duftenden Seifenschaumes vernahm. Es
bediente ihn ein junger Gehilfe mit aller Aufmerksamkeit, rasierte ihn,
wusch ihn ab, hielt ihm den ovalen Handspiegel vor, trocknete ihm die
Wangen, fuhr spielend mit der Puderquaste darber und fragte hflich:
Sonst nichts gefllig? Dann folgte er dem aufstehenden Gaste mit
leisem Tritt, brstete ihm den Rockkragen ab, empfing das wohlverdiente
Rasiergeld und reichte ihm Stock und Hut. Das alles hatte den jungen
Herrn in eine gtige und zufriedene Stimmung gebracht, er spitzte schon
die Lippen, um mit einem wohligen Pfeifen auf die Strae zu treten,
da hrte er den Friseurgehilfen, den er kaum angesehen hatte, fragen:
Verzeihen Sie, heien Sie nicht Alfred Ladidel?

Whrend er erstaunt die Frage bejahte, fate er den Mann ins Auge
und erkannte sofort seinen ehemaligen Schulkameraden Fritz Kleuber
in ihm. Nun htte er unter andern Umstnden diese Bekanntschaft mit
wenig Vergngen anerkannt und sich gehtet, einen Verkehr mit einem
Barbiergehilfen anzufangen, dessen er sich vor Kollegen zu schmen
gehabt htte. Allein er war in diesem Augenblick herzlich gut gestimmt,
und auerdem hatte sein Stolz und Standesgefhl in dieser letzten Zeit
bedeutend nachgelassen. Darum geschah es ebenso aus guter Laune wie aus
einem Bedrfnis nach Freundschaftlichkeit und Anerkennung, da er dem
Friseur die Hand hinstreckte und rief: Schau, der Fritz Kleuber! Wir
werden doch noch Du zueinander sagen? Wie geht dir's? Der Schulkamerad
nahm die dargebotene Hand und das Du frhlich an, und da er im Dienst
war und jetzt keine Zeit hatte, verabredeten sie eine Zusammenkunft fr
den Sonntag Nachmittag.

Auf diese Stunde freute der Barbier sich sehr, und er war dem alten
Kameraden dankbar, da er trotz seinem vornehmern Stande sich ihrer
Schulfreundschaft hatte erinnern mgen. Fritz Kleuber hatte fr seinen
Nachbarssohn und Klassengenossen immer eine gewisse Verehrung gehabt,
da jener ihm in allen Lebensknsten berlegen gewesen war, und Ladidels
Eleganz und zierliche Erscheinung hatte ihm auch jetzt wieder tiefen
Eindruck gemacht. Darum bereitete er sich am Sonntag, sobald sein
Dienst getan war, mit Sorgfalt auf den Besuch vor, legte seine besten
Kleider an und bewegte sich auf der Strae mit Vorsicht, um nicht
staubig zu werden. Ehe er in das Haus trat, in dem Ladidel wohnte,
wischte er die Stiefel mit einer Zeitung ab, dann stieg er freudig
die Treppen empor und klopfte an die Tre, an der er Alfreds groe
Visitenkarte leuchten sah.

Auch dieser hatte sich ein wenig vorbereitet, da er seinem Landsmann
und Jugendfreund gern einen glnzenden Eindruck machen wollte.
Er empfing ihn mit groer Herzlichkeit, wennschon nicht ohne
rcksichtsvolle berlegenheit, und hatte einen vortrefflichen Kaffee
mit feinem Gebck auf dem Tische stehen, zu dem er Kleuber burschikos
einlud.

Keine Umstnde, alter Freund, nicht wahr? Wir trinken unsern Kaffee
zusammen und machen nachher einen Spaziergang, wenn dir's recht ist.

Gewi, es war ihm recht, er nahm dankbar Platz, trank Kaffee und
a Kuchen, bekam alsdann eine Zigarette und zeigte ber diese
schne Gastlichkeit eine so unverstellte Freude, da auch dem
Notariatskandidaten das Herz aufging. Sie plauderten bald im alten
heimatlichen Ton von den vergangenen Zeiten, von den Lehrern und
Mitschlern und was aus diesen allen geworden sei. Der Friseur mute
ein wenig erzhlen, wie es ihm seither gegangen und wo er berall
herumgekommen sei, dann hub der andre an und berichtete ausfhrlich
ber sein Leben und seine Aussichten. Und am Ende nahm er die Gitarre
von der Wand, stimmte und zupfte, fing zu singen an und sang Lied um
Lied, lauter lustige Sachen, da dem Friseur vor Lachen und Wohlbehagen
die Trnen in den Augen standen. Sie verzichteten auf den Spaziergang
und beschauten statt dessen einige von Ladidels Kostbarkeiten, und
darber kamen sie in ein Gesprch ber das, was jeder von ihnen sich
unter einer feinen und noblen Lebensfhrung vorstellte. Da waren
freilich des Barbiers Ansprche an das Glck um vieles bescheidener als
die seines Freundes, aber am Ende spielte er ganz ohne Absicht einen
Trumpf aus, mit dem er dessen Achtung und Neid gewann. Er erzhlte
nmlich, da er eine Braut in der Stadt habe, und lud den Freund ein,
bald einmal mit ihm in ihr Haus zu gehen, wo er willkommen sein werde.

Ei sieh, rief Ladidel, du hast eine Braut! So weit bin ich leider
noch nicht. Wisset ihr denn schon, wann ihr heiraten knnet?

Noch nicht ganz genau, aber lnger als zwei Jahre warten wir nimmer,
wir sind schon ber ein Jahr versprochen. Ich habe ein Muttererbe von
dreitausend Mark, und wenn ich dazu noch ein oder zwei Jahre fleiig
bin und was erspare, knnen wir wohl ein eigenes Geschft aufmachen.
Ich wei auch schon wo, nmlich in Schaffhausen in der Schweiz, da
habe ich zwei Jahre gearbeitet, der Meister hat mich gern und ist alt
und hat mir noch nicht lang geschrieben, wenn ich so weit sei, mir
berlasse er seine Sache am liebsten und nicht zu teuer. Ich kenne ja
das Geschft gut von damals her, es geht recht flott und ist gerade
neben einem Hotel, da kommen viele Fremde, und auer dem Geschft ist
ein Handel mit Ansichtskarten dabei.

Er griff in die Brusttasche seines braunen Sonntagsrockes und zog eine
Brieftasche heraus, darin hatte er sowohl den Brief des schaffhausener
Meisters, wie auch eine in Seidenpapier eingeschlagene Ansichtskarte
mitgebracht, die er seinem Freunde zeigte.

Ah, der Rheinfall! rief Alfred, und sie schauten das Bild zusammen
an. Es war der Rheinfall in einer purpurnen bengalischen Beleuchtung,
der Friseur beschrieb alles, kannte jeden Fleck darauf und erzhlte
davon und von den vielen Fremden, die das Naturwunder besuchen, kam
dann wieder auf seinen Meister und dessen Geschft, las seinen Brief
vor und war voller Eifer und Freude, so da sein Kamerad schlielich
auch wieder zu Wort kommen und etwas gelten wollte. Darum fing er
an vom Niederwalddenkmal zu sprechen, das er selber zwar nicht
gesehen hatte, wohl aber ein Onkel von ihm, und er ffnete seine
Schatztruhe, holte den beinernen Federhalter heraus und lie den
Freund durch das kleine Glslein schauen, das die Pracht verbarg.
Fritz Kleuber gab gerne zu, da das eine nicht mindere Schnheit
sei als sein roter Wasserfall, und berlie bescheiden dem andern
wieder das Wort, der sich nun, sei es aus wirklichem Interesse oder
zum Teil aus Hflichkeit, nach dem Gewerbe seines Gastes erkundigte.
Das Gesprch ward lebhaft, Ladidel wute immer neues zu fragen und
Kleuber gab gewissenhaft und treulich Auskunft. Es war vom Schliff
der Rasiermesser, von den Handgriffen beim Haarschneiden, von Pomaden
und len die Rede, und bei dieser Gelegenheit zog Fritz eine kleine
Porzellandose mit feiner Pomade aus der Tasche, die er seinem Freunde
und Wirt als ein bescheidenes Gastgeschenk anbot. Nach einigem Zgern
nahm dieser die Gabe an, die Dose ward geffnet und berochen, ein wenig
probiert und endlich auf den Waschtisch gestellt. Hier nahm Alfred
Gelegenheit, Fritz seine Toilettesachen vorzuweisen, die ohne Luxus
doch vollkommen und wohlgewhlt waren, nur mit der Seife wollte Kleuber
nicht einverstanden sein und empfahl eine andere, welche zwar etwas
weniger dufte, dafr aber keinerlei schdliche Dinge enthalte.

Mittlerweile war es Abend geworden, Fritz wollte bei seiner Braut
speisen und nahm Abschied, nicht ohne sich fr das Genossene freundlich
zu bedanken. Auch Alfred fand, es sei ein schner und wohlverbrachter
Nachmittag gewesen, und sie wurden einig, sich am Dienstag oder
Mittwoch abend wieder zu treffen.


Zweites Kapitel

Inzwischen fiel es Fritz Kleuber ein, da er sich fr die
Sonntagseinladung und den Kaffee bei Ladidel revanchieren und auch ihm
wieder eine Ehre antun msse. Darum schrieb er ihm Montags einen Brief
mit goldnem Rande und einer ins feine Papier gepreten Taube und lud
ihn ein, am Mittwoch abend mit ihm bei seiner Braut, dem Frulein
Meta Weber in der Hirschengasse, zu speisen. Darauf erhielt er mit der
nchsten Post Ladidels elegante Visitenkarte mit den Worten -- dankt
fr die freundliche Einladung und wird um acht Uhr kommen.

Auf diesen Abend bereitete Alfred Ladidel sich mit aller Sorgfalt vor.
Er hatte sich ber das Frulein Meta Weber erkundigt und in Erfahrung
gebracht, da sie neben einer ebenfalls noch ledigen Schwester von
einem lang verstorbenen Kanzleischreiber Weber abstammte, also eine
Beamtentochter war, so da er mit Ehren ihr Gast sein konnte. Diese
Erwgung und auch der Gedanke an die noch ledige Schwester veranlaten
ihn, sich besonders schn zu machen und auch im voraus ein wenig an die
Konversation zu denken.

Wohlausgerstet erschien er gegen acht Uhr in der Hirschengasse und
hatte das Haus bald gefunden, ging aber nicht hinein, sondern aus der
Gasse auf und ab, bis nach einer Viertelstunde sein Freund Kleuber
daherkam. Dem schlo er sich an, und sie stiegen hintereinander in die
hochgelegene Wohnung der Jungfern hinauf. An der Glastre empfing sie
die Witwe Weber, eine schchterne kleine Dame mit einem versorgten
alten Leidensgesicht, das dem Notariatskandidaten wenig Frohes zu
versprechen schien. Er grte sehr tief, ward vorgestellt und in den
Gang gefhrt, wo es dunkel war und nach der Kche duftete. Von da ging
es in eine Stube, die war so gro und hell und frhlich, wie man es
nicht erwartet htte; und vom Fenster her, wo Geranien im Abendscheine
tief wie Kirchenfenster leuchteten, traten munter die zwei Tchter
der kleinen Witwe. Diese waren ebenfalls freudige berraschungen und
berboten das Beste, was sich von dem kleinen alten Frulein erwarten
lie, um ein Bedeutendes. Sie trugen beide auf schlanken, krftigen
Gestalten kluge, frische Blondkpfe und waren ganz hell gekleidet.

Grgott, sagte die eine und gab dem Friseur die Hand.

Meine Braut, sagte er zu Ladidel, und dieser nherte sich dem
hbschen Mdchen mit einer Verbeugung ohne Tadel, zog die hinterm
Rcken versteckte Hand hervor und bot der Jungfer einen Maiblumenstrau
dar, den er unterwegs gekauft hatte. Sie lachte und sagte Dank und
schob ihre Schwester heran, die ebenfalls lachte und hbsch und blond
war und Martha hie. Dann setzte man sich unverweilt an den gedeckten
Tisch zum Tee und einer mit Kressensalat bekrnzten Eierspeise. Whrend
der Mahlzeit wurde fast kein Wort gesprochen, Fritz sa neben seiner
Braut, die ihm Butterbrote strich, und die alte Mutter schaute mhsam
kauend um sich, mit dem unvernderlichen kummervollen Blick, hinter
dem es ihr recht wohl war, der aber auf Ladidel einen bengstigenden
Eindruck machte, so da er wenig a und sich bedrckt und still
verhielt wie in einem Trauerhaus.

Nach Tisch blieb die Mutter zwar im Zimmer, verschwand jedoch in einem
Lehnstuhl am Fenster, dessen Gardinen sie zuvor geschlossen hatte,
und schien zu schlummern. Die Jugend blhte dafr munter auf, und die
Mdchen verwickelten den Gast in ein neckendes und kampflustiges
Gesprch, wobei Fritz seinen Freund untersttzte. Von der Wand schaute
der selige Herr Weber aus einem kirschholzenen Rahmen verwundert und
bescheiden hernieder, auer seinem Bildnis aber war alles in dem
behaglichen Zimmer hbsch und frohgemut, von den in der Dmmerung
verglhenden Geranien bis zu den Kleidern und Schhlein der Mdchen und
bis zu einer an der Schmalwand hngenden Mandoline. Auf diese fiel,
als das Gesprch ihm anfing hei zu machen, der Blick des Gastes, er
ugte heftig hinber und drckte sich um eine fllige Antwort, die
ihm Not machte, indem er sich erkundigte, welche von den Schwestern
denn musikalisch sei und die Mandoline spiele. Das blieb nun an Martha
hngen, und sie wurde sogleich von Schwester und Schwager ausgelacht,
da die Mandoline seit den verschollenen Zeiten einer lngst verwehten
Backfischschwrmerei her kaum mehr Tne von sich gegeben hatte. Dennoch
bestand Herr Ladidel mit Ernst und Innigkeit darauf, Martha msse etwas
vorspielen, und bekannte sich als einen unerbittlichen Musikfreund. Da
das Frulein durchaus nicht zu bewegen war, griff schlielich Meta nach
dem Instrument und legte es vor sie hin, und da sie abwehrend lachte
und rot wurde, nahm Ladidel die Mandoline an sich und klimperte leise
mit suchenden Fingern darauf herum.

Ei, Sie knnen es ja, rief Martha. Sie sind ein Schner, bringen
andre Leute in Verlegenheit und knnen es nachher selber besser.

Er erklrte bescheiden, das sei nicht der Fall, er habe kaum jemals so
ein Ding in Hnden gehabt, hingegen spiele er allerdings seit mehreren
Jahren die Gitarre.

Ja, rief Fritz, ihr solltet ihn nur hren! Warum hast du auch das
Instrument nicht mitgebracht? Das mut du nchstesmal tun, gelt!

Darum baten auch die Schwestern dringlich, und der Gast begann einigen
Glanz zu gewinnen und auszustrahlen. Zgernd erklrte er sich bereit,
die Bitte zu erfllen, wenn er wirklich den Damen mit seiner Stmperei
ein bichen Vergngen machen knne. Er frchte nur, man werde ihn
hernach auslachen, und es werde dann Frulein Martha sich doch noch
als Virtuosin entpuppen, wofr er sie einstweilen immer noch zu halten
geneigt sei.

Der Abend ging hin wie auf Flgeln. Als die beiden Jnglinge Abschied
nahmen, erhob sich am Fenster klein und sorgenvoll die vergessene
Mutter, legte ihre schmale, wesenlose Hand in die warmen, krftigen
Hnde der Jungen und wnschte eine gute Nacht. Fritz ging noch ein paar
Gassen weit mit Ladidel, der des Vergngens und Lobes voll war.

In der still gewordenen Weberschen Wohnung wurde gleich nach dem
Weggange der Gste der Tisch gerumt und das Licht gelscht. In der
Schlafstube hielten wie gewhnlich die beiden Mdchen sich still,
bis die Mutter eingeschlafen war. Alsdann begann Martha, anfnglich
flsternd, das Geplauder.

Wo hast du denn deine Maiblumen hingetan?

Du hast's ja gesehen, ins Glas auf dem Ofen.

-- Ach ja. Gut Nacht! --

Ja, bist md?

Ein bichen.

Du, wie hat dir denn der Notar gefallen? Ein bissel geschleckt, nicht?

Warum?

Na, ich hab immer denken mssen, mein Fritz htte Notar werden sollen
und dafr der andre Friseur. Findest du nicht auch? Er hat so was
Ses.

Ja, ein wenig schon. Aber er ist doch nett, und hat Geschmack. Hast du
seine Krawatte gesehen?

Freilich.

Und dann, weit du, er hat etwas Unverdorbenes. Anfangs war er ja ganz
schchtern.

Er ist auch erst zwanzig Jahr. -- Na, gut Nacht also!

Frulein Martha dachte noch eine Weile, bis sie einschlief, an den
Alfred Ladidel. Er hatte ihr gefallen, und sie lie einstweilen, ohne
sich weiter preiszugeben, eine kleine Kammer in ihrem Herzen fr den
hbschen Jungen offen, falls er eines Tages Lust htte, einzutreten
und Ernst zu machen. Denn an einer bloen Liebelei war ihr nicht
gelegen, teils weil sie diese Vorschule schon vor Zeiten hinter sich
gebracht hatte (woher noch die Mandoline rhrte), teils weil sie nicht
Lust hatte, noch lange neben der um ein Jahr jngeren Meta unverlobt
einherzugehen. Was an diesem Abend in ihr aufgegangen war, das tat
nicht weh und brannte nicht, sondern hatte vorerst nur ein zartes,
vertraulich stilles Licht wie die junge, zage Sonne eines Tages, der
sich Zeit lassen kann und ohne Eile schn zu werden verspricht.

Auch dem Notariatskandidaten war das Herz nicht unbewegt geblieben.
Zwar lebte er noch in dem dumpfen Liebesdurst eines kaum flgge
Gewordnen und verliebte sich in jedes hbsche Tchterlein, das er zu
sehen bekam; und es hatte ihm eigentlich Meta besser gefallen. Doch
war diese nun einmal schon Fritzens Braut und nimmer zu haben, und
Martha konnte sich neben jener wohl auch zeigen; so war Alfreds Herz
im Laufe des Abends mehr und mehr nach ihrer Seite geglitten und trug
ihr Bildnis mit dem hellen, schweren Kranz von blonden Zpfen in
unbestimmter Verehrung davon.

Bei solchen Umstnden dauerte es nur wenige Tage, bis die kleine
Gesellschaft wieder in der abendlichen Wohnstube beisammen sa; nur
da diesmal die jungen Herren spter gekommen waren, da der Tisch
der Witwe eine so hufige Bewirtung von Gsten nicht vermocht htte.
Dafr brachte Ladidel seine Gitarre mit, die ihm Fritz mit Stolz
vorantrug, und in kurzem tnte und lachte das Zimmer vergnglich in
den warmen Abend hinaus, an der alten Mutter vorber, die am Fenster
ruhte und unbeschadet ihres Trauergesichtes ihre heimliche Freude und
Verwunderung an der Lust der Jugend hatte. Der Musikant wute es so
einzurichten, da zwar seine Kunst zur Geltung kam und reichen Beifall
erweckte, er aber doch nicht allein blieb und alle Kosten trug. Denn
nachdem er einige Lieder vorgetragen und in Krze die Kunst seines
Gesangs und Saitenspiels entfaltet hatte, zog er die andern mit ins
Spiel und stimmte lauter Weisen an, die gleich beim ersten Takt von
selber zum Mitsingen verlockten.

Das Brautpaar, von der Musik und der festlichen Stimmung erwrmt und
benommen, rckte nahe zusammen und sang nur leise und strophenweise
mit, dazwischen plaudernd und sich mit verstohlenen Fingern
streichelnd, wogegen Martha dem Spieler gegenber sa, ihn im Auge
behielt und alle Verse freudig mitsang. So waren zwei Paare entstanden,
ohne da jemand dessen achtete, und war ein Anfang fr Alfred und
Martha gewonnen, den sie ohne Mibrauch whrend dieser Abendstunde bis
zum stillen Einverstndnis einer guten Kameradschaft fhrten.

Nur als beim Abschiednehmen in dem schlecht erleuchteten Gang das
Brautpaar seine Ksse tauschte, standen die beiden andern, mit dem
Adieusagen schon fertig, eine Minute lang verlegen wartend da. Im Bett
brachte sodann Meta die Rede wieder auf den Notar, wie sie ihn immer
nannte, dieses Mal voller Anerkennung und Lob. Aber die Schwester
sagte nur Ja ja, legte den blonden Kopf auf beide Hnde und lag lange
still und wach, ins Dunkle schauend und tief atmend. Spter, als die
Schwester schon schlief, stie Martha einen langen, leisen Seufzer aus,
der jedoch keinem gegenwrtigen Leide galt, sondern nur einem dumpfen
Gefhl fr die Unsicherheit aller Liebeshoffnungen entsprang, und den
sie nicht wiederholte. Vielmehr entschlief sie bald darauf leicht und
mit einem innigen Lcheln auf dem frischen Munde.

Der Verkehr gedieh behaglich weiter, Fritz Kleuber nannte den eleganten
Alfred mit Stolz seinen Freund, Meta sah es gerne, da ihr Verlobter
nicht allein kam, sondern den Musikanten mitbrachte, und Martha
gewann den Gast desto lieber, je mehr sie seine fast noch kindliche
Harmlosigkeit erkannte. Ihr schien, dieser hbsche und lenksame
Jngling wre recht zu einem Manne fr sie geschaffen, mit dem sie
sich zeigen und auf den sie stolz sein knnte, ohne ihm doch jegliche
Herrschaft berlassen zu mssen.

Auch Alfred, der mit seinem Empfang bei den Weberschen sehr zufrieden
war, sprte in Marthas Freundlichkeit eine heimliche Wrme, die er
bei aller Schchternheit wohl zu schtzen wute. Eine Liebschaft und
Verlobung mit dem schnen, stattlichen Mdchen wollte ihm in khnen
Stunden nicht ganz unmglich, zu allen Zeiten aber begehrenswert und
selig lockend erscheinen.

Dennoch geschah von beiden Seiten nichts Entscheidendes. Alfred
kam sehr hufig mit seinem Freund zu Besuch, zweimal wurden auch
gemeinsame Sonntagsspaziergnge unternommen, aber es blieb bei dem
Zustande vertraulicher Nachbarschaft, den jener erste Gitarrenabend
begrndet hatte. Da nichts Weiteres geschah, hatte manche Grnde.
Vor allem hatte Martha an dem jungen Manne im lngeren Umgang manches
allzu Unreife und Knabenhafte entdeckt und es rtlich gefunden, einem
noch so unerfahrenen Jnglinge den Weg zum Glcke nicht allzusehr zu
erleichtern, sondern abzuwarten, bis er die ersten Stufen selber fnde
und unterwegs etwa, sei es auch nicht ohne Bitternis, einige Reife
und Zuverlssigkeit gewnne. Sie sah wohl, da es ihr ein Leichtes
wre, ihn an sich zu nehmen und festzuhalten; allein sie hatte es gar
nicht so eilig, und war selber, wenn auch unverletzt, so doch nicht
unerfahren und ungewitzigt aus den blichen Enttuschungen erster
Liebeswege hervorgegangen. So erschien es ihr billig, da der junge
Herr es auch nicht allzuleicht habe und nicht am Ende gar den Eindruck
gewnne, sie habe sich ihm nachgeworfen. Immerhin war es ihr Wille, ihn
zu bekommen, und sie beschlo, ihn einstweilen wohl im Auge zu behalten
und gerstet den Zeitpunkt zu erwarten, da er seines Glckes wrdig
sein wrde.

Bei Ladidel waren es andere Bedenken, die ihm die Zunge banden. Da
war zuerst seine Schchternheit, die ihn immer wieder dazu brachte,
seinen Beobachtungen zu mitrauen und an der Einbildung, er werde
geliebt und begehrt, zu verzweifeln. Sodann fhlte er sich dem groen,
gescheiten, sicheren Mdchen gegenber elend jung und unfertig, --
nicht mit Unrecht, obwohl sie kaum drei oder vier Jahre lter sein
konnte als er. Und schlielich erwog er in ernsthaften Stunden mit
Bangen, auf welch unfesten Grund seine uere Existenz gebaut war.
Je nher nmlich das Jahr heranrckte, in dem er die bisherige
untergeordnete Ttigkeit beenden und im Staatsexamen seine Fhigkeit
und Wissenschaft kundtun mute, desto dringender wurden seine Zweifel.
Wohl hatte er alle hbschen, kleinen bungen und uerlichkeiten des
Amtes rasch und sicher erlernt, er machte im Bro eine gute Figur und
spielte den beschftigten Schreiber vortrefflich; aber das Studium
der Gesetze fiel ihm schwer, und wenn er an alles das dachte, was im
Examen verlangt wurde, brach ihm der Schwei aus. Konnte er denn um
ein Mdchen anhalten oder auch nur Hoffnungen in ihr erwecken, ehe er
diese lebensgefhrliche Klippe hinter sich und ein auskmmliches und
ehrenhaftes Leben vor sich sah?

Zuweilen sperrte er sich verzweifelt in seiner Stube ein und beschlo,
den steilen Berg der Wissenschaft im Sturm zu nehmen. Kompendien,
Gesetzbcher und Kommentare lagen auf seinem Tisch, auch entlieh er
handschriftliche Auszge aus den Fragen und Aufgaben frherer Examina,
er stand morgens frh auf und setzte sich frstelnd hin, er spitzte
Bleistifte und machte sich genaue Arbeitsplne fr Wochen voraus.
Aber sein Wille war schwach, er hielt niemals lange aus, er fand
immer andres zu tun, was im Augenblick ntiger und wichtiger schien;
und je lnger die Bcher dalagen und ihn anschauten, desto bitterer
und ungeniebarer ward ihr Inhalt. Er verschob es wieder, es war ja
noch Zeit, und er meinte, wenn es erst brennend wrde und zu drngen
begnne, werde wohl das Notwendige doch noch bewltigt werden.

Inzwischen wurde seine Freundschaft mit Fritz Kleuber immer fester und
erfreulicher. Es geschah zuweilen, da Fritz ihn abends aufsuchte und,
wenn es eben ntig schien, sich erbot, ihn zu rasieren. Dabei fiel
es Alfred ein, diese nette, leichte, saubere Hantierung selber ein
wenig zu probieren, und Fritz ging mit Vergngen darauf ein. Auf seine
ernsthafte und beinah ehrerbietige Art zeigte er dem hochgeschtzten
Freund die Handgriffe, lehrte ihn ein Messer tadellos abziehen und
einen guten, haltbaren Seifenschaum schlagen. Alfred zeigte sich,
wie der andre vorausgesagt hatte, beraus gelehrig und fingerfertig.
Bald vermochte er nicht nur sich selber schnell und fehlerlos zu
barbieren, sondern auch seinem Freund und Lehrmeister diesen Dienst
zu tun, und er fand darin ein Vergngen und eine Befriedigung, die
ihm manchen von den Studien verbitterten Tag auf den Abend noch rosig
machte. Eine ungeahnte Lust bereitete es ihm, als Fritz ihn auch noch
in das Haarflechten einweihte. Er brachte ihm nmlich, von seinen
schnellen Fortschritten entzckt, eines Tages einen knstlichen Zopf
aus Frauenhaar mit und zeigte ihm, wie ein solches Kunstwerk entstehe.
Ladidel war sofort begeistert fr dieses zarte Handwerk und machte
sich mit feinen, geduldigen Fingern daran, die Strhne zu lsen und
wieder ineinander zu flechten. Es gelang ihm bald, und nun kam Fritz
mit schwereren und feineren Arbeiten, und Alfred lernte spielend, zog
das lange seidne Haar mit Feinschmeckerei durch die Finger, vertiefte
sich in die Flechtarten und Frisurstile, lie sich bald auch das
Lockenbrennen zeigen und hatte nun bei jedem Zusammensein mit dem
Freunde lange, lebhafte Unterhaltungen ber fachmnnische Dinge. Er
schaute nun auch die Frisuren aller Frauen und Mdchen, denen er
begegnete, mit prfendem und lernendem Auge an und berraschte Kleuber
durch manches treffende Urteil.

Nur bat er ihn wiederholt und dringend, den beiden Frulein Weber
nichts von diesem Zeitvertreib zu sagen. Er fhlte, da er mit dieser
neuen Kunst dort wenig Ehre ernten wrde. Und dennoch war es sein
Lieblingstraum und verstohlener Herzenswunsch, einmal die langen
blonden Haare der Jungfer Martha in seinen Hnden zu haben und ihr
neue, feine, kunstvolle Zpfe zu flechten.

Darber vergingen die Tage und Wochen des Sommers. Es war in den
letzten Augusttagen, da nahm Ladidel an einem Spaziergang der Familie
Weber teil. Man wanderte das Flutal hinauf zu einer Burgruine und
ruhte in deren Schatten auf einer schrgen Bergwiese vom Gehen aus.
Martha war an diesem Tage besonders freundlich und vertraulich mit
Alfred umgegangen, nun lag sie in seiner Nhe auf dem grnen Hang,
ordnete einen Strau von spten Feldblumen, tat ein paar silbrige
zitternde Grasblten hinzu und sah gar lieb und reizend aus, so da
Alfred den Blick nicht von ihr lassen konnte. Da bemerkte er, da etwas
an ihrer Frisur aufgegangen war, rckte ihr nahe und sagte es, und
zugleich wagte er es, streckte seine Hnde nach den blonden Zpfen aus
und erbot sich, sie in Ordnung zu bringen. Martha aber, einer solchen
Annherung von ihm ganz ungewohnt, wurde rot und rgerlich, wies ihn
kurz ab und bat ihre Schwester, das Haar aufzustecken. Alfred schwieg
betrbt und ein wenig verletzt, schmte sich und nahm spter die
Einladung, bei Frau Weber zu speisen, nicht an, sondern ging nach der
Rckkehr in die Stadt sogleich seiner Wege.

Es war die erste kleine Verstimmung zwischen den Halbverliebten und sie
htte wohl dazu dienen knnen, ihre Sache zu frdern und in Gang zu
bringen. Doch ging es umgekehrt, und es kamen andere Dinge dazwischen.

War Alfred Ladidel auch eine kindliche und leichte Natur und zum Glcke
geboren, so sollte doch auch er einigen Sturm erleben und einmal das
Wasser an der Kehle spren, ehe sein frhliches Schiff zum Hafen kam.


Drittes Kapitel

Martha hatte es mit ihrem Verweise nicht schlimm gemeint und war nun
erstaunt, als sie wahrnahm, da Alfred eine Woche und lnger ihr
Haus mied. Er tat ihr ein wenig leid und sie htte ihn gar gerne
wiedergesehen. Als er aber acht und zehn Tage ausblieb und wirklich zu
grollen schien, besann sie sich darauf, da sie ihm das Recht zu einem
so liebhabermigen Betragen niemals eingerumt habe. Nun begann sie
selber zu zrnen. Wenn er wiederkme und den gndig Vershnten spielen
wrde, wollte sie ihm zeigen, wie sehr er sich getuscht habe.

Indessen war sie selbst im Irrtum, denn Ladidels Ausbleiben hatte nicht
Zorn und Trotz, sondern Schchternheit und Furcht vor Marthas Strenge
zur Ursache. Er wollte einige Zeit vergehen lassen, bis sie ihm seine
damalige Zudringlichkeit vergeben und er selber die Dummheit vergessen
und die Scham berwunden habe. In dieser Buzeit sprte er deutlich,
wie sehr er sich schon an den Umgang mit Martha gewhnt hatte und wie
sauer es ihn ankommen wrde, auf die warme Nhe eines lieben Mdchens
wieder zu verzichten. Das Studieren, das er zur Verstrkung seiner Bue
und zum Kampf wider die lange Zeit betrieb, trug nicht dazu bei, ihn
zu trsten und geduldiger zu machen. So hielt er es denn nicht lnger
als bis in die Mitte der zweiten Woche aus, rasierte sich eines Tages
sorgfltig, schlang eine neue Binde um den reinen Hemdkragen und sprach
bei den Weberschen vor, diesmal ohne Fritz, den er nicht zum Zeugen
seiner Beschmtheit machen wollte.

Um nicht mit leeren Hnden und lediglich als Bettler zu erscheinen,
hatte er sich einen hbschen Plan ausgedacht. Es stand fr die letzte
Woche des September ein groes Fest- und Preisschieen bevor, worauf
die ganze Stadt schon eifrig rstete. Zu dieser Lustbarkeit gedachte
Alfred Ladidel, der selber ein Liebhaber solcher Festfreuden war,
die beiden Frulein Weber einzuladen und hoffte damit eine hbsche
Begrndung seines Besuches wie auch gleich einen Stein im Brett bei
Martha zu gewinnen.

Ein freundlicher oder auch nur milder Empfang htte den Verliebten, der
seit Tagen seiner Einsamkeit bersatt war, getrstet und zum treuen
Diener gemacht. Nun hatte aber Martha, durch sein Ausbleiben, das sie
fr Trotz hielt, verletzt, sich hart und strenge gemacht. Sie grte
kaum, als er die Stube betrat, berlie Empfang und Unterhaltung
ihrer Schwester und ging, mit Abstauben beschftigt, im Zimmer ab und
zu, als wre sie allein. Ladidel war sehr eingeschchtert, machte ein
betrbtes, demtiges Gesicht, und wagte erst nach einer Weile, da
sein verlegenes Gesprch mit Meta versiegte, sich an die Beleidigte
zu wenden und seine Einladung vorzubringen, von welcher er sich einen
Umschwung und Marthas Vershnung versprach.

Die aber war jetzt nimmer zu fangen. Alfreds Bestrzung und demtige
Ergebenheit bestrkte nur ihren Beschlu, das Brschlein diesmal in die
Kur zu nehmen und ihm die Krallen zu stutzen. Sie hrte khl zu, dankte
kurz und hflich, lehnte die Einladung jedoch ab mit der Begrndung,
es stehe ihr nicht zu, mit jungen Herren Feste zu besuchen, und was
ihre Schwester angehe, so sei diese verlobt und sei es Sache ihres
Brutigams, sie einzuladen und mitzunehmen, falls er dazu Lust habe.

Das alles brachte sie so frostig vor, und schien Alfreds guten Willen
so wenig anzuerkennen, da er erstaunt und ernstlich verletzt sich
an Meta mit der Frage wandte, ob sie diese Meinung teile. Und da
Meta, wenn schon hflicher, der Schwester recht gab, griff Ladidel
nach seinem Hut, verbeugte sich kurz und ging davon wie ein Mann, der
bedauert, an einer falschen Tre angeklopft zu haben, und nicht im Sinn
hat wiederzukommen. Die alte Frau Weber war nicht da, Meta versuchte
zwar ihn zurckzuhalten und ihm zuzureden, Martha aber hatte seine
Verbeugung mit einem Nicken gleichmtig erwidert, und Alfred war es
nicht anders zumute, als htte sie ihm fr immer abgewinkt. Er ging
hinaus und schnell die Treppe hinab, und je schneller er lief und je
weiter er wegkam, desto rascher verwandelten sich seine Bestrzung und
Enttuschung in Beleidigung und Zorn, da er eine solche Aufnahme seines
redlichen Willens durchaus nicht verdient zu haben glaubte.

Einen geringen Trost gewhrte ihm der Gedanke, da er sich in dieser
Sache mnnlich und stolz gezeigt habe. Zorn und Trauer berwogen
jedoch, grimmig lief er nach Hause, und als am Abend Fritz Kleuber ihn
besuchen wollte, lie er ihn an der Tre klopfen und wieder gehen,
ohne sich zu zeigen. Die Bcher sahen ihn ermahnend an, die Gitarre
hing an der Wand, aber er lie alles liegen und hngen, ging aus und
trieb sich den Abend in den Gassen herum, bis er mde war. Dabei fiel
ihm alles ein, was er je Bses ber die Falschheit und Wandelbarkeit
der Weiber hatte sagen hren, und was ihm frher als ein leeres und
scheelschtiges Geschwtz erschienen war. Jetzt begriff er alles, fand
auch die bittersten Worte zutreffend, wenn nicht zu milde, und htte
wohl ein Gedicht mit krftigen Sprchen solcher Art zusammengestellt,
wenn es ihm nicht doch zu elend ums Herz gewesen wre.

Es vergingen einige Tage, und Alfred hoffte bestndig, gegen seinen
Stolz und Willen, es mchte etwas geschehen, ein Brieflein oder eine
Botschaft durch Fritz kommen, denn nachdem der erste Groll vertan war,
schien ihm eine Vershnung doch nicht ganz auer der Mglichkeit,
und sein Herz wandte sich ber alle Grnde hinweg stetig zu dem
bsen Mdchen zurck. Allein es geschah nichts und es kam niemand.
Das groe Schtzenfest jedoch rckte nher, und ob es dem betrbten
Ladidel gefiel oder nicht, er mute tagaus tagein sehen und hren, wie
jedermann sich bereitmachte, die glnzenden Tage zu feiern. Es wurden
Bume errichtet und Girlanden geflochten, Huser mit Tannenzweigen
geschmckt und Torbgen mit Inschriften, die groe Festhalle am Wasen
war fertig und lie schon Fahnen flattern, und dazu tat der Herbst
seine schnste Blue auf, stieg die Sonne aus den leichten Morgennebeln
tglich klarer und festlicher empor.

Obwohl Ladidel sich wochenlang auf das Fest gefreut hatte, und obwohl
ihm und seinen Kollegen ein freier Tag oder gar zwei bevorstanden,
verschlo er sich doch der Freude gewaltsam und hatte fest im Sinn,
die Festlichkeiten mit keinem Auge zu betrachten und in den Tagen der
allgemeinen Frhlichkeit desto trotziger bei seinem Schmerz zu bleiben.
Mit Bitterkeit sah er Fahnen und Laubgewinde, hrte da und dort in den
Gassen hinter offenen Fenstern die Musikkapellen Proben halten und die
Mdchen bei der Arbeit singen, und je mehr die Stadt von Erwartung und
Vorfreude scholl und tnte, desto feindseliger ging er in dem Getmmel
seinen finstern Weg, das Herz voll Bitternis und grimmiger Entsagung.
In der Schreibstube hatten die Kollegen schon seit einiger Zeit von
nichts als dem Fest mehr gesprochen und Plne ausgeheckt, wie sie der
Herrlichkeit recht schlau und grndlich froh werden wollen. Zuweilen
gelang es Ladidel, den Unbefangenen zu spielen und so zu tun, als freue
auch er sich und habe seine Absichten und Plne; meistens aber sa er
schweigend an seinem Pult und trug einen wilden Flei zur Schau. Dabei
brannte ihm die Seele nicht nur um Martha und den Verdru mit ihr,
sondern mehr und mehr auch um die groe Festlichkeit, auf die er so
lang und freudig gewartet hatte und von der er nun nichts haben sollte.

Seine letzte Hoffnung fiel dahin, als Kleuber ihn aufsuchte, wenige
Tage vor dem Beginn des Festes. Dieser machte ein betrbtes Gesicht und
erzhlte, er wisse gar nicht, was den Mdchen zu Kopf gestiegen sei,
sie htten seine Einladung zum Fest abgelehnt und erklrt, in ihren
Verhltnissen knne man keine Lustbarkeiten mitmachen. Nun machte er
Alfred den Vorschlag, mit ihm zusammen sich frohe Festtage zu schaffen,
wenn auch in aller Bescheidenheit, denn wenn er auch nicht gesonnen
sei, auf alles zu verzichten, so wisse er doch, was er seinem Stande
als Brutigam schulde. Immerhin geschhe es den sprden Jungfern ganz
recht, wenn er nun eben ohne sie den einen oder andern Taler draufgehen
lasse. Allein Ladidel widerstand auch dieser Versuchung. Er dankte
freundlich, erklrte aber, er sei nicht recht wohl und wolle auch die
freie Zeit dazu benutzen, um in seinen Studien weiterzukommen. Von
diesen Studien hatte er seinem Freunde frher so viel erzhlt und so
viele Kunstausdrcke und Fremdwrter dabei aufgewendet, da Fritz
nun in tiefem Respekt keine Einwnde wagte und traurig wieder ging.
Aber als er fort war, langte Alfred die Gitarre herab, stimmte und
prludierte, rusperte sich und sang in seinem Leide das Lied: Wie
die Blmlein drauen zittern. Und als der Refrain zum zweiten Male
wiederkehrte: O bleib bei mir und geh nicht fort, mein Herz ist ja
dein Heimatort!, da berschlug ihm die Stimme und er lie den Kopf
ber die Gitarre sinken und seine Trnen ber die Saiten laufen. Erst
eine Stunde spter, als er schon im Bette lag, fiel ihm ein, da das
Instrument leiden knnte, und er stand auf, um es abzuwischen, aber die
Tropfen waren schon im trocknen Holz verronnen.

Indessen kam der Tag, da das Schtzenfest erffnet werden sollte.
Es war ein Sonntag, und das Fest sollte die ganze Woche dauern. Die
Stadt hallte von Gesang, Blechmusik, Bllerschieen und Freudenrufen
wider, aus allen Straen her kamen und sammelten sich Zge, Vereine
aus dem ganzen Lande waren angekommen, und der Bahnhof wimmelte von
Festbesuchern, die in Extrazgen gefahren kamen. Allenthalben schallte
Musik, und die Strme der Menschen und die Weisen der Musikkapellen
trafen am Ende alle vor der Stadt am Schtzenhause zusammen, wo das
Volk seit dem Morgen zu Tausenden wartend stand. Schwarz drngte
der Zug in dickem Flu heran, schwer wankten die Fahnen darber und
stellten sich auf, bis ihrer wohl hundert waren, und eine Musikbande
um die andere schwenkte rauschend auf den gewaltigen Platz. Auf alle
diese Pracht schien mit noch fast sommerlicher Wrme eine heitere
Sonntagssonne hernieder. Die Bannertrger hatten dicke Tropfen auf
den gerteten Stirnen, die Festordner schrieen heiser und rannten wie
Besessene umher, von der Menge gehnselt und durch Zurufe angefeuert;
wer in der Nhe war und Zutritt fand, nahm die Gelegenheit wahr,
schon um diese frhe Stunde an den wohlversehenen Trinkhallen einen
frischen Trunk zu erkmpfen. Die Wirte riefen sich hei, traktierten
und befahlen einem Volk von Kellnern, Schenkmdchen, Knechten und
Verkuferinnen, fluchten und schwitzten und rechneten, in der Stille
lachend, fr diesen Glanztag einen Goldregen voraus.

Whrend dieses feierlichen Tumultes sa Ladidel in seiner Stube auf
dem Bett und hatte noch nicht einmal Stiefel an, so wenig schien ihm
an der Freude gelegen. Er trug sich jetzt, nach langen ermdenden
Nachtgedanken, mit dem Vorsatz, einen Brief an Martha zu schreiben.
Er wollte sie bitten, ihm die Ursache ihres Zrnens zu nennen, ihr
sein Unglck darstellen und ihr Herz bewegen, von dem er noch immer in
leiser Ahnung sich einiger Anhnglichkeit und Freundschaft versah. Nun
zog er aus der Tischlade sein Schreibzeug und einen feinen Briefbogen
mit seinem Monogramm hervor, desgleichen ein blaues Kuvert, steckte
eine gute neue Feder ins Rohr, machte sie mit der Zunge na, prfte
die Tinte und schrieb alsdann in einer runden, elegant ausholenden
Kanzleischrift zunchst die Adresse, an das wohlgeborne Fulein Martha
Weber in der Hirschgasse, zu eigenen Hnden. Mittlerweile stimmte ihn
das aus der Ferne herbertnende Geblase und Festgelrme elegisch
und er fand es gut, seinen Brief mit der Schilderung dieser Stimmung
anzufangen. So begann er mit Sorgfalt:

                              Sehr geehrtes Frulein!

Erlauben Sie mir, mich an Sie zu wenden. Es ist Sonntag morgen und die
Musik spielt von ferne, weil das Schtzenfest beginnt. Nur ich kann an
demselben nicht teilnehmen und bleibe daheim.

Er berlas die Zeilen, war zufrieden und besann sich weiter. Da fiel
ihm noch manche schne und treffende Wendung ein, mit welcher er
seinen betrbten Zustand schildern konnte. Aber was dann? Es wurde ihm
klar, da dies alles nur insofern einen Wert und Sinn haben konnte,
als es die Einleitung zu einer Liebeserklrung und Werbung wre. Und
wie konnte er dies wagen? Und je lnger er sann, desto mehr ward ihm
klar, da es mit dem Briefe nicht gehe. Und was er auch dachte und
ausfand, es hatte alles keinen Wert, solange er nicht sein Examen und
damit die Berechtigung zur Werbung hatte. Nun htte er dies ja wohl
im Dunkeln lassen und die Zeit bis dahin als Wartezeit und kurzen
Aufschub betrachten knnen; allein er wute recht wohl, wie es um seine
Aussichten im Examen stand, und konnte weder sich selber noch das
Mdchen ber diese Sorge wegtuschen.

Also sa er wieder unschlssig und verzweifelt, und wieder schien
ihm alles, was Martha ihm Freundliches erwiesen und was er zu seinen
Gunsten zu deuten hatte, jmmerlich ungewi und gering. Eine Stunde
verging und er kam nicht weiter. Das ganze Haus lag in tiefer Ruhe,
da alles drauen war, und ber die Dcher hinweg jubelte die ferne
Musik und das Brausen der Glocken. Ladidel hing seiner Trauer nach und
bedachte, wieviel Freude und Lust ihm heute verloren ging, und da er
kaum in langer Zeit, ja vielleicht niemals wieder Gelegenheit haben
wrde, eine so groe und glnzende Festlichkeit zu sehen. Darber
berfiel ihn ein Mitleiden mit sich selber und ein unberwindliches
Trostbedrfnis, dem die Gitarre nicht zu gengen vermochte.

Darum tat er gegen Mittag das, was er durchaus nicht hatte tun wollen.
Er zog seine Stiefel an und verlie das Haus, und whrend er nur hin
und wider zu wandeln meinte und bald wieder daheim sein und an den
Brief und an sein Elend denken wollte, zogen ihn Musik und Lrm und
Festzauber von Gasse zu Gasse wie der Magnetberg ein Schiff, und
unversehens stand er bei dem Schtzenhaus. Da wachte er auf und schmte
sich seiner Schwche und meinte seine Trauer verraten zu haben, doch
whrte alles dies nur Augenblicke, denn die Menge trieb und toste
betubend, und Ladidel war nicht der Mann, in diesem Jubel fest zu
bleiben oder wieder zu gehen. Auf sein Gemt wirkten, wie bei einem
Kinde und wie beim niederen Volk, Umgebung und Ton und Luft zerstreuend
und erregend, der Taumel so vieler zog ihn mit und nahm ihn wie eine
mchtige Wolke von sich selber und allem kaum Gewesenen hinweg in ein
verzaubertes Reich des Feiertags und der besinnungslosen Lust.

Ladidel trieb ohne Ziel und ohne Willen umher, von der Menge
mitgenommen, und sah und hrte und roch und atmete so viel Fremdes,
Erregendes ein, da ihm wohlig schwindelte. Ungefragt erfuhr er alles,
was der Menge wichtig war und wissenswert erschien, da das Schieen
erst am Nachmittag beginnen sollte, dagegen die Festtafel bald anhebe,
da nach Tische vielleicht der Knig herauskommen werde, um sich das
auch zu besehen, ferner wieviel und welcherlei Preise bereitlgen und
wer sie gestiftet habe, was der Eintritt zur Halle und was ein Gedeck
an der Festtafel koste. Dazwischen rauschte aus Trompeten und Hrnern
da und dort und berall feurige Musik, und in Pausen drang von der
Ferne her, wo das Tafeln begonnen hatte, eindringlich und s die
weichere Musik von Geigen und Flten. Auerdem geschah auf Schritt
und Tritt in der Menge des Volkes viel Sonderbares, Erheiterndes und
Erschreckendes, es wurden Pferde scheu, Kinder fielen um und schrien,
ein vorzeitig Betrunkener sang unbekmmert, als wre er allein, sein
Lied und schien ber sein eigenes Taumeln und Entrcktsein beraus
belustigt und vergngt. Hndler zogen rufend umher, mit Orangen und
Zuckerwaren, mit Luftballonen fr die Kinder, mit Backwerk und mit
knstlichen Blumenstruchen fr die Hte der Burschen, abseits drehte
sich unter heftiger Orgelmusik ein Karussell. Hier hatte ein Hausierer
laute Hndel mit einem Kufer, der nicht zahlen wollte, dort fhrte ein
Polizeidiener ein verlaufenes Bblein an der Hand.

Dieses heftige Leben sog der betubte Ladidel in sich und fhlte sich
beglckt, an einem solchen Treiben teilzunehmen und Dinge mit Augen zu
sehen, von denen man noch lange im ganzen Lande reden wrde. Es war
ihm wichtig, zu hren, um welche Stunde man den Knig erwarte, und
als es ihm gelungen war, in die Nhe der Ehrenhalle zu dringen, wo
die Tafel auf einer fahnengeschmckten Hhe stattfand, schaute er mit
Bewunderung und Verehrung den Oberbrgermeister, die Stadtvorstnde,
den Oberamtmann und andre Wrdentrger mit Orden und Abzeichen zumitten
des Ehrentisches sitzen und speisen und weien Wein aus geschliffenen
Glsern trinken. Flsternd nannte man die Namen der Mnner, und wer
etwas Weiteres ber sie wute oder gar schon mit ihnen zu tun gehabt
hatte, fand dankbare Zuhrer. Ein bekannter Fabrikant und Millionr
wurde erkannt und besprochen, dann der Sohn eines Ministers, und
schlielich wollte man in einem jungen Manne oben an der Tafel einen
Prinzen erkennen. Da das alles vor seinen Augen vor sich ging und
soviel Glanz zu schauen ihm vergnnt war, machte einen jeden glcklich.
Auch der kleine Ladidel staunte und bewunderte und fhlte sich gro und
bedeutend als Zuschauer solcher Dinge; er sah ferne Tage voraus, da er
Leuten, die weniger glcklich waren und nicht hatten dabei sein knnen,
die ganze Herrlichkeit genau beschreiben wrde.

Das Mittagessen verga er ganz, und als er nach einigen Stunden
Hunger versprte, setzte er sich in das Zelt eines Zuckerbckers
und verzehrte ein paar Stcke Kuchen. Dann eilte er, um ja nichts zu
versumen, wieder ins Gewhl, und war so glcklich, den Knig zu sehen,
wenn auch nur von hinten. Nun erkaufte er sich den Eintritt zu den
Schiestnden, und wenn er auch vom Schiewesen nichts verstand, sah
er doch mit Vergngen und Spannung den Schtzen zu, lie sich einige
berhmte Helden zeigen und betrachtete mit Ehrfurcht das Mienenspiel
und Augenzwinkern der Schieenden. Alsdann suchte er das Karussell auf
und sah ihm eine Weile zu, wandelte unter den Bumen in der frohen
Menschenflut, kaufte eine Ansichtskarte mit dem Bildnis des Knigs
und dem Landeswappen, hrte alsdann lange Zeit einem Marktschreier
zu, der seine Waren fleiig ausrief und einen Witz um den andern
machte, und weidete seine Augen am Anblick der geputzten Volksscharen.
Errtend entwich er von der Bude eines Photographen, dessen Frau ihn
zum Eintritt eingeladen und unter dem Gelchter der Umstehenden einen
entzckenden jungen Don Juan genannt hatte. Und immer wieder blieb er
stehen, um einer Musik zuzuhren, bekannte Melodien mitzusummen und
sein Stcklein im Takt dazu zu schwingen.

ber dem allem wurde es Abend, das Schieen hatte ein Ende, und es
begann da und dort ein Zechen in Hallen oder unter Bumen. Whrend
der Himmel noch in zartem Lichte schwamm und Trme und ferne Berge in
der Herbstabendklarheit standen, glommen hier und dort schon Lichter
und Laternen auf. Ladidel ging in seinem Rausche dahin und bedauerte
das Sinken des Tages. Die solide Brgerschaft eilte nun heimwrts zum
Abendessen, mdgewordene Kinder ritten taumelnd auf den Schultern der
Vter, die eleganten Wagen verschwanden. Dafr regten sich Lust und
bermut der Jugend, die sich auf Tanz und Wein freute, und wie es auf
dem Platze und den Gassen leerer ward, tauchte da und dort und an jeder
Ecke bald scheu, bald khn ein Liebespaar auf, Arm in Arm und noch mit
sonntglichem Anstande, jedoch voll Ungeduld und Ahnung nchtlicher
Lust.

Um diese Stunde begann die Frhlichkeit und Selbstvergessenheit
Ladidels sich zu verlieren wie das hinschwindende Tageslicht. Die
Erinnerung an Trauer und Leid kehrte mhlich wieder, vermischt mit
einem ungelschten Festdurst und Erlebensdrang. Ergriffen und traurig
werdend strich der einsame Jngling durch den warmen Abend. Es kicherte
kein Liebespaar an ihm vorbei, dem er nicht nachsah, und als nun in
einem Garten unter hohen schwarzen Kastanien mit lockender Pracht
Reihen von roten Papierampeln aufglhten und aus eben diesem Garten
her eine weiche, sehnliche Musik ertnte, da folgte er dem Ruf der
heien, flsternden Geigen und trat ein. An langen Tischen a und
trank viel junges Volk, dahinter wartete ein groer Tanzplan erst halb
erleuchtet. Der junge Mann nahm am leeren Ende eines Tisches Platz und
verlangte, als ein Kellner zu ihm kam, Wein und Essen. Dann ruhte er
aus, atmete die Gartenluft und horchte auf die Musik, a ein weniges
und trank langsam in kleinen Schlcken den ungewohnten Wein. Je lnger
er in die roten Lampen schaute, die Geigen spielen hrte und den Duft
der Festnacht atmete, desto einsamer und elender kam er sich vor,
und zugleich erschien ihm dieser Ort als eine Sttte seliger Lust,
von deren Genu nur er allein ausgeschlossen sei. Wohin er blickte,
sah er rote Wangen und begierige Augen leuchten, junge Burschen in
Sonntagskleidern mit khnen und herrischen Blicken, Mdchen im Putz mit
verlangenden Augen und tanzbereiten, unruhigen Fen. Und er war noch
nicht lange mit seinem Abendessen fertig, als die Musik mit erneuter
Wucht und Se anstimmte, der Tanzplatz von hundert Lichtern strahlte
und Paar auf Paar in Eile und hastiger Begierde sich zum Tanze drngte.

Ladidel sog langsam an seinem Wein, um noch eine Weile dableiben zu
knnen, und als der Wein doch schlielich zu Ende war, konnte er
sich nicht entschlieen, heimzugehen. Er lie nochmals ein kleines
Flschlein kommen und sa und starrte und fiel in eine stachelnde
Unruhe, als msse allem zum Trotz an diesem Abend ihm ein Glck blhen
und etwas vom berflu der Wonne auch fr ihn abfallen. Und wenn es
nicht geschah, so schrieb er sich in Leid und Trotz das Recht zu,
wenigstens dem Fest und seinem Unglck zu Ehren den ersten Rausch
seines Lebens zu trinken.

Zu diesem wre es nun wohl trotzdem nicht gekommen, denn so schlimm er
es meinte, seine Natur war klger und htte ihm nicht erlaubt, mehr
als einen kindlichen Versuch nach dieser Seite hin zu tun. Es war auch
keineswegs der Wein, der ihn verlockte, und den Rausch hatte er nimmer
ntig, da Umtrieb und Lrm und Freudenschwall ihm den Kopf hinreichend
erhitzt und verwirrt hatten. Aber der mige und zierliche Jngling
konnte soviel bermut und Lustbarkeit, soviel Tanzmusik und den
Anblick so vieler hbscher erhitzter Tnzerinnen nicht ertragen, ohne
gleichfalls ein Verlangen nach Lust und Selbstvergessen und blhender
Jugendtorheit zu verspren. Und so stiegen, je heftiger rings um ihn
die Freude tobte, sein Unglck sowohl wie sein Trostbedrfnis hher,
und rissen den Unbeschtzten zur bertreibung und zum Rausche hin. Die
Stunde war gekommen, da der Most seiner Jugend verderben oder sich Lust
schaffen mute.


Viertes Kapitel

Whrend Ladidel vor seinem Weinglas am Tische sa und mit heien Augen
in das Tanzgewhl blickte, vom roten Licht der Ampeln und vom raschen
Takt der Musik bezaubert und seines Kummers bis zur Verzweiflung
berdrssig, hrte er pltzlich neben sich eine leise Stimme, die
fragte: Ganz allein?

Schnell wandte er sich um und sah ber die Lehne der Bank gebeugt
ein hbsches Mdchen mit schwarzen Haaren, mit einem weien linnenen
Htlein und einer roten leichten Bluse angetan. Sie lachte mit einem
hellroten Munde, whrend ihr um die erhitzte Stirn und die dunkeln
Augen ein paar lose Locken hingen. Ganz allein? fragte sie mitleidig
und schelmisch, und er gab Antwort: Ach ja, leider. Da nahm sie sein
Weinglas, fragte mit einem Blick um Erlaubnis, sagte Prosit und trank
es in einem durstigen Zuge aus. Er sah dabei ihren schlanken Hals,
der brunlich aus dem roten leichten Stoff emporstieg, und indessen
sie trank, fhlte er mit heftig klopfendem Herzen, da sich hier ein
Abenteuer anspinne. Er fhlte es nicht ohne Schrecken, aber er war
allsofort entschlossen, dabei zu bleiben und alles gehen zu lassen, wie
es wollte.

Und es ging vortrefflich. Um doch etwas zur Sache zu tun, schenkte
Ladidel das leere Glas wieder voll und bot es dem Mdchen an. Aber sie
schttelte den Kopf und blickte rckwrts nach dem Tanzplatz, wo soeben
eine neue Musik erscholl.

Tanzen mcht ich, sagte sie und sah dem Jngling in die Augen, der
augenblicklich aufstand, sich vor ihr verbeugte und seinen Namen nannte.

Ladidel heien Sie? Und mit dem Vornamen? Ich heie Fanny.

Sie nahm ihn an sich und beide tauchten in den Strom und Schwall des
Walzers, den Ladidel noch nie so ausgezeichnet getanzt hatte. Frher
war er beim Tanzen lediglich seiner Geschicklichkeit, seiner flinken
Beine und feinen Haltung froh geworden und hatte dabei stets daran
gedacht, wie er aussehe und ob er auch einen guten Eindruck mache.
Jetzt war daran nicht zu denken. Er flog in einem feurigen Wirbel mit,
gezogen und hingeweht und wehrlos, aber glcklich und im Innersten
erregt. Bald zog und schwang ihn seine Tnzerin, da ihm Boden und Atem
verloren ging, bald lag sie still und eng an ihn gelehnt, da ihre
Pulse an seinen schlugen und ihre Wrme die seine entfachte.

Als der Tanz zu Ende war, legte Fanny ihren Arm in den ihres Begleiters
und zog ihn mit sich weg. Tief atmend wandelten sie langsam einen
Laubengang entlang, zwischen vielen andern Paaren, in einer Dmmerung
voll warmer Farben. Durch die Bume schien tief der Nachthimmel mit
blanken Sternen herein, von der Seite her spielte, von beweglichen
Schatten unterbrochen, der rote Schein der Festampeln, und in diesem
ungewissen Licht bewegten sich plaudernd die ausruhenden Tnzer, die
Mdchen in weien und andern hellfarbigen Kleidern und Hten, mit
bloen Hlsen und Armen, manche mit stattlichen Fchern versehen, die
gleich Pfauenrdern spielten. Ladidel nahm das alles nur als einen
farbigen Nebel wahr, der mit Musik und Nachtluft zusammenflo, und
daraus nur hin und wieder im nahen Vorbeistreifen ein helles Gesicht
mit funkelnden Augen, ein offener lachender Mund mit glnzenden
Zhnen, ein zrtlich gebogener weier Arm fr Augenblicke deutlich
hervorschimmerte.

Alfred! sagte Fanny leise.

Ja, was?

Gelt, du hast auch keinen Schatz? Meiner ist nach Amerika.

Nein, ich hab keinen.

Willst du nicht mein Schatz sein?

Ich will schon.

Sie lag ganz in seinem Arm und bot ihm den feuchten hellroten Mund.
Liebestaumel wehte in den Bumen und Wegen; Ladidel kte den roten
Mund und kte den weien Hals und den brunlichen Nacken, die Hand und
den Arm seines Mdchens. Er fhrte sie, oder sie ihn, an einen Tisch
abseits im tiefen Schatten, lie Wein kommen und trank mit ihr aus
einem Glase, hatte den Arm um ihre Hfte gelegt und fhlte Feuer in
allen Adern. Seit einer Stunde war die Welt und alles Vergangene hinter
ihm versunken und ins Bodenlose gefallen, um ihn wehte allmchtig die
glhende Nacht, ohne Gestern und ohne Morgen.

Auch die hbsche Fanny freute sich ihres neuen Schatzes und ihrer
blhenden Jugend, jedoch weniger rckhaltslos und gedankenlos als ihr
Liebster, dessen Feuer sie mit der einen Hand zu mehren, mit der andern
abzuwehren bemht war. Der schne Tanzabend gefiel auch ihr wohl, und
sie tanzte ihre Touren mit heien Wangen und blitzenden Augen; doch war
sie nicht gesonnen, darber ihre Absichten und Zwecke zu vergessen, und
diese gingen nicht auf Vergngen und flchtiges Liebesglck, sondern
auf soliden Erwerb.

Darum erfuhr Ladidel im Laufe des Abends, zwischen Wein und Tanz, von
seiner Geliebten eine lange traurige Geschichte, die mit einer kranken
Mutter begann und mit Schulden und drohender Obdachlosigkeit endete.
Sie bot dem bestrzten Liebhaber diese bedenklichen Mitteilungen nicht
auf einmal dar, sondern mit vielen Pausen, whrend deren er sich stets
wieder erholen und neue Glut fassen konnte, sie bat ihn sogar, nicht
allzuviel daran zu denken und sich den schnen Abend nicht verderben
zu lassen, bald aber seufzte sie wieder tief auf und wischte sich die
Augen. Bei dem guten Ladidel wirkte denn auch, wie bei allen Anfngern,
das Mitleid eher entflammend als niederschlagend, soda er das Mdchen
gar nimmer aus den Armen lie und ihr zwischen Kssen goldene Berge fr
die Zukunft versprach.

Sie nahm es hin, ohne sich getrstet zu zeigen, und fand dann
pltzlich, es sei spt, und sie drfe ihre arme kranke Mutter nicht
lnger warten lassen. Ladidel bat und flehte, wollte sie dabehalten
oder zumindest begleiten, schalt und klagte und lie auf alle Weise
merken, da er die Angel geschluckt habe und nimmer entrinnen knne.

Mehr hatte Fanny nicht gewollt. Sie zuckte hoffnungslos die Achseln,
streichelte Ladidels Hand und bat ihn, nun fr immer von ihr Abschied
zu nehmen. Denn, wenn sie bis morgen Abend nicht im Besitze von hundert
Mark sei, so werde sie samt ihrer armen Mama auf die Strae gesetzt
werden und knne fr das, wozu die Verzweiflung sie dann treiben wrde,
nicht einstehen. Ach, sie wollte ja gern lieb sein und ihrem Alfred
jede Gunst gewhren, da sie ihn nun einmal so schrecklich liebe, aber
unter diesen Umstnden sei es doch besser, auseinanderzugehen und sich
mit der ewigen Erinnerung an diesen schnen Abend zu begngen.

Dieser Meinung war Ladidel nicht. Ohne sich viel zu besinnen, versprach
er das Geld morgen Abend herzubringen, und schien fast zu bedauern,
da sie seine Liebe auf keine grere Probe stelle.

Ach, wenn du das knntest! seufzte Fanny. Dabei schmiegte sie sich an
ihn, da er beinahe den Atem verlor.

Verla dich drauf, sagte er. Und nun wollte er sie nach Hause
begleiten, aber sie war so scheu und hatte pltzlich eine so furchtbare
Angst, man mchte sie sehen und ihr guter Ruf mchte notleiden, da er
mitleidig nachgab und sie allein ziehen lie.

Darauf schweifte er noch wohl eine Stunde lang umher. Da und dort
tnte aus Grten und Zelten noch nchtliche Festlichkeit. Erhitzt
und mde kam er endlich nach Hause, ging zu Bett und fiel sogleich
in einen unruhigen Schlaf, aus dem er schon nach einer Stunde wieder
erwachte. Da brauchte er lange, um sich aus einem zhen Wirrwarr
verliebter Trume zurechtzufinden. Die Nacht stand bleich und grau
im Fenster, die Stube war dunkel und alles still, soda Ladidel, der
nicht an schlaflose Nchte gewhnt war, verwirrt und ngstlich in die
Finsternis blickte und den noch nicht verwundenen Rausch des Abends im
Kopf rumoren fhlte. Irgend etwas, was er vergessen hatte und woran zu
denken ihm doch notwendig schien, qulte ihn eine gute Weile. Am Ende
klrte sich jedoch die peinigende Trbe und der ernchterte Trumer
wute wieder genau, um was es sich handle. Und nun drehten seine
Gedanken sich die ganze lange Nacht hindurch um die Frage, woher das
Geld kommen solle, das er seinem neuen Schtzchen versprochen hatte. Er
begriff nimmer, wie er das Versprechen hatte geben knnen, es mute in
einer Bezauberung geschehen sein. Auch trat ihm der Gedanke, sein Wort
zu brechen, nahe und sah gar friedlich aus. Doch gewann er den Sieg
nicht, zum Teil, weil eine ehrliche Gutmtigkeit den Jngling abhielt,
eine Notleidende umsonst auf die zugesagte Hilfe warten zu lassen. Noch
mchtiger freilich war die Erinnerung an Fannys Schnheit, an ihre
Ksse und die Wrme ihres Leibes, und die sichere Hoffnung, das alles
schon morgen ganz zu eigen zu haben. Darum entschlug und schmte er
sich des Gedankens, ihr untreu zu werden, und wandte allen Scharfsinn
daran, einen sicheren und ungefhrlichen Weg zu dem versprochenen Gelde
zu ersinnen. Allein je mehr er sann und spann, desto grer ward in
seiner Vorstellung die Summe und desto unmglicher ihre Erlangung.

Als Ladidel am Morgen grau und mde, mit verwachten Augen und
schwindelndem Kopfe, ins Kontor trat und sich an seinen Platz setzte,
wute er noch immer keinen Ausweg und htte gern fr die hundert
Mark seine Seligkeit verkauft. Er war in der Frhe schon bei einem
Pfandleiher gewesen und hatte seine Uhr und Uhrkette samt allen
seinen kleinen Kostbarkeiten versetzen wollen, doch war der saure und
beschmende Gang vergeblich gewesen, denn man hatte ihm fr das Ganze
nicht mehr als zehn Mark geben wollen. Nun bckte er sich traurig ber
seine Arbeit und brachte eine de Stunde ber Tabellen hin, da kam mit
der Post, die ein Lehrling brachte, ein kleiner Brief fr ihn. Erstaunt
ffnete er das zierliche Kuvert, steckte es in die Tasche und las
heimlich das kleine rosenrote Billett, das er darin gefunden hatte.
Liebster, gelt du kommst heut Abend? Mit Ku deine Fanny.

Das gab den Ausschlag. Ladidel beschlo, unter allen Umstnden und um
jeden Preis sein Versprechen zu halten. Das Brieflein verbarg er in der
Brusttasche und zog es je und je heimlich hervor, um daran zu riechen,
denn es hatte einen feinen warmen Duft, der ihm wie Wein zu Kopfe stieg.

Schon in den berlegungen der vergangenen Nacht war der Gedanke in ihm
aufgestiegen, im Notfalle das Geld auf eine verbotene Weise an sich zu
bringen, doch hatte er diesen Plnen keinen Raum in sich gegnnt. Nun
kamen sie wieder und waren strker und schmeichelnder geworden. Ob ihm
auch als einem redlichen Menschen vor Diebstahl und Betrug im Herzen
graute, so wollte ihm doch der Gedanke, es handle sich dabei nur um
eine erzwungene Anleihe, deren Erstattung ihm heilig sein wrde, mehr
und mehr einleuchten. ber die Art der Ausfhrung aber zerbrach er
sich vergeblich den Kopf. Es wre ihm leicht gewesen, sich die Summe
auf der Bank, wo man ihn kannte, zu verschaffen, wenn er sich htte
entschlieen knnen, die Handschrift seines Prinzipals zu flschen.
Aber zu einem solchen richtigen Spitzbubenstck reichte es ihm doch
nicht. Er brachte den Tag verstrt und bitter hin, sann und plante,
und er wre am Ende betrbt, doch unbefleckt, aus dieser Prfung
hervorgegangen, wenn ihn nicht am Abend, in der letzten Stunde, eine
allzu verlockende Gelegenheit doch noch zum Schelm gemacht htte.

Der Prinzipal gab ihm Auftrag, da und dahin einen Wertbrief zu senden,
und zhlte ihm die Banknoten hin. Es waren sieben Scheine, die er
zweimal durchzhlte. Da widerstand er nicht lnger, brachte mit
zitternder Hand eines von den Papieren an sich und siegelte die sechse
ein, die denn auch zur Post kamen und abreisten.

Die Tat wollte ihn reuen, schon als der Lehrling den Siegelbrief
wegtrug, dessen Aufschrift nicht mit seinem Inhalte stimmte. Von allen
Arten der Unterschlagung schien ihm diese nun die trichtste und
gefhrlichste, da im besten Fall nur Tage vergehen konnten, bis das
Fehlen des Geldes entdeckt und Bericht darber einlaufen wrde. Als der
Brief fort und nichts zu bessern war, hatte der im Bsen unbewanderte
Ladidel das Gefhl eines Selbstmrders, der den Strick um den Hals
und den Schemel schon weggestoen hat, nun aber gerne doch noch leben
mchte. Drei Tage kann es dauern, dachte er, vielleicht aber auch nur
einen, dann bin ich meines guten Rufes, meiner Freiheit und Zukunft
ledig, und alles um die hundert Mark, die nicht einmal fr mich sind.
Er sah sich verhrt, verurteilt, mit Schanden fortgejagt und ins
Gefngnis gesteckt und mute zugeben, da das alles durchaus verdient
und in der Ordnung sei.

Erst auf dem Wege zum Abendessen fiel ihm ein, es knnte am Ende auch
besser ablaufen. Da die Sache gar nicht entdeckt werden wrde, wagte
er zwar nicht zu hoffen; aber wenn nun das Geld auch fehlte, wie wollte
man beweisen, da er der Dieb war? Um sich zu strken, trank er wider
seine Gewohnheit ein Bier zum Abendbrot und ging dann nach Hause, um
sich schn zu machen. Mit dem Sonntagsrock und seiner besten Wsche
angetan, erschien er eine Stunde spter auf dem Tanzplatze. Unterwegs
war seine Zuversicht zurckgekehrt, oder es hatten doch die wieder
erwachten heien Wnsche seiner Jugend die Angstgefhle bertubt.

Es ging auch an diesem Abend lebhaft zu, doch fiel es dem einsam
wartenden Ladidel auf, da der Ort nicht von der guten Brgerschaft,
sondern zumeist von geringeren Leuten und auch von manchen verdchtig
Aussehenden besucht war. Als er sein Viertel Landwein getrunken hatte
und Fanny noch nicht gekommen war, befiel ihn ein Mibehagen an dieser
Gesellschaft und er verlie den Garten, um drauen hinterm Zaun zu
warten. Da lehnte er in der Abendkhle an einer finstern Stelle des
Geheges, sah in das Gewhl und wunderte sich, da er gestern inmitten
derselben Leute und bei derselben Musik so glcklich gewesen war und so
ausgelassen getanzt hatte. Heute wollte ihm alles weniger gefallen; von
den Mdchen sahen viele frech und liederlich aus, die Burschen hatten
ble Manieren und unterhielten selbst whrend des Tanzes ein lrmendes
Einverstndnis durch Schreie und Pfiffe. Auch die roten Papierlaternen
sahen weniger festlich und leuchtend aus, als sie ihm gestern
erschienen waren. Er wute nicht, ob nur Mdigkeit und Ernchterung,
oder ob sein schlechtes Gewissen daran schuld sei; aber je lnger er
zuschaute und wartete, desto weniger wollte der Festrausch wieder
kommen, und er nahm sich vor, mit Fanny, sobald sie kme, von diesem
Ort wegzugehen.

Als er wohl eine Stunde gewartet hatte und md und ungeduldig zu
werden begann, sah er am jenseitigen Eingang des Gartens sein Mdchen
ankommen, in der roten Bluse und mit dem weien Segeltuchhtchen, und
betrachtete sie neugierig. Da er solang hatte warten mssen, wollte er
nun auch sie ein wenig necken und warten lassen, auch reizte es ihn,
sie so aus dem Verborgenen zu belauschen.

Die hbsche Fanny spazierte langsam durch den Garten und suchte; und da
sie Ladidel nicht fand, setzte sie sich beiseite an einen Tisch. Ein
Kellner kam, doch winkte sie ihm ab. Dann sah Ladidel, wie sich ihr
ein Bursche nherte, der ihm schon gestern als ein vorlauter und roher
Patron aufgefallen war. Er schien sie gut zu kennen, und soweit Ladidel
sehen konnte, fragte sie ihn eifrig nach etwas, wohl nach ihm, und der
Bursche zeigte nach dem Ausgang und schien zu erzhlen, der Gesuchte
sei dagewesen, aber wieder fortgegangen.

Nun begann Ladidel Mitleid zu haben und wollte zu ihr eilen, doch sah
er in demselben Augenblick mit Schrecken, wie der unangenehme Bursche
die Fanny ergriff und mit ihr zum Tanz antrat. Aufmerksam beobachtete
er sie beide, und wenn ihm auch ein paar grobe Liebkosungen des Mannes
das Blut ins Gesicht trieben, so schien doch das Mdchen gleichgltig
zu sein, ja ihn abzuwehren.

Kaum war der Tanz zu Ende, so ward Fanny von ihrem Begleiter einem
andern zugeschoben, der den Hut vor ihr zog und sie hflich zur neuen
Tour aufforderte. Ladidel wollte ihr zurufen, wollte ber den Zaun zu
ihr hinein, doch kam es nicht dazu, und er mute in trauriger Betubung
zusehen, wie sie dem Fremden zulchelte und mit ihm den Schottischen
begann. Und whrend des Schottischen sah er sie schn mit dem andern
tun und seine Hnde streicheln und sich an ihn lehnen, gerade wie sie
es gestern ihm selbst getan hatte, und er sah den Fremden warm werden
und sie fester umfassen und am Schlu des Tanzes mit ihr durch die
dunkleren Laubengnge wandeln, wobei das Paar dem Lauscher peinlich
nahe kam und er ihre Worte und Ksse gar deutlich hrten konnte.

Da ging Alfred Ladidel heimwrts, mit trnenden Augen, das Herz voll
Scham und Wut und dennoch froh, der Hure entgangen zu sein. Junge Leute
kehrten von den Festpltzen heim und sangen, Musik und Gelchter drang
aus den Grten; ihm aber klang alles wie ein Hohn auf ihn und alle
Lust, und wie vergiftet. Als er heimkam, war er todmde und hatte kein
Verlangen mehr als zu schlafen. Und da er seinen Sonntagsrock auszog
und gewohnterweise seine Falten glatt strich, knisterte es in der
Tasche und er zog unversehrt den blauen Geldschein hervor. Unschuldig
lag das Papier im Kerzenschein auf dem Tische; er sah es eine Weile an,
schlo es dann in die Schublade und schttelte den Kopf dazu. Um das zu
erleben, hatte er nun gestohlen und sein Leben verdorben.

Gegen eine Stunde lag er noch wach, doch dachte er in dieser Zeit nicht
mehr an Fanny und nicht mehr an die hundert Mark, noch an das, was
jetzt ber ihn kommen wrde, sondern er dachte an Martha Weber und
daran, da er sich nun alle Wege zu ihr verschttet habe.


Fnftes Kapitel

Was er jetzt zu tun habe, wute Ladidel genau. Er hatte erfahren, wie
bitter es ist, sich vor sich selber schmen zu mssen, und stand sein
Mut auch tief, so war er dennoch fest entschlossen, mit dem Gelde und
einem ehrlichen Gestndnis zu seinem Prinzipal zu gehen und von seiner
Ehre und Zukunft zu retten, was noch zu retten wre.

Darum war es ihm nicht wenig peinlich, als am folgenden Tage der Notar
nicht ins Kontor kam. Er wartete bis Mittag und vermochte seinen
Kollegen kaum in die Augen zu blicken, da er nicht wute, ob er morgen
noch an diesem Platze stehen und als ihresgleichen gelten werde.

Nach Tische erschien der Notar wieder nicht, und es verlautete, er sei
unwohl und werde heut nimmer ins Geschft kommen. Da hielt Ladidel
es nicht lnger aus. Er ging unter einem Vorwand weg und geradenwegs
in die Wohnung seines Prinzipals. Man wollte ihn nicht vorlassen, er
bestand aber mit Verzweiflung darauf, nannte seinen Namen und begehrte
in einer wichtigen Sache den Herrn zu sprechen. So wurde er in ein
Vorzimmer gefhrt und aufgefordert zu warten.

Die Dienstmagd lie ihn allein, er stand in Verwirrung und Angst
zwischen plschbezogenen Sthlen, lauschte auf jeden Ton im Hause und
hatte das Sacktuch in der Hand, da ihm ohne Unterla der Schwei ber
die Stirn lief. Auf einem ovalen Tische lagen goldverzierte Bcher,
Schillers Glocke und der siebziger Krieg, ferner stand dort ein Lwe
aus grauem Stein und in Stehrahmen eine Menge von Photographien.
Es sah hier feiner, doch hnlich aus wie in der schnen Stube von
Ladidels Eltern, und alles mahnte an Ehrbarkeit, Wohlstand und
Wrde. Die Photographien stellten lauter wohlgekleidete Leute vor,
Brautpaare im Hochzeitsstaat, Frauen und Mnner von guter Familie und
zweifellos bestem Rufe, und von der Wand schaute ein wohl lebensgroer
Mannskopf herab, dessen Zge und Augen Ladidel an das Bildnis des
verstorbenen Vaters bei den Weberschen Damen erinnerten. Zwischen so
viel brgerlicher Wrde sank der Snder in seinen eigenen Augen von
Augenblick zu Augenblick tiefer, er fhlte sich durch seine beltat
von diesem und jedem ehrbaren Kreise ausgeschlossen und unter die
Abgngigen und Ehrlosen geworfen, von denen keine Photographien
gemacht und unter Glas gespannt und in den guten Stuben rechter Leute
aufgestellt werden.

Eine groe Wanduhr von der Art, die man Regulatoren nennt, schwang
ihren messingenen Perpendikel gleichmtig und unangefochten hin und
wider, und einmal, nachdem Ladidel schon recht lang gewartet hatte,
rusperte sie sich leise und tat sodann einen tiefen, schnen, vollen
Schlag. Der arme Jngling schrak auf, und in demselben Augenblick
trat ihm gegenber der Notar durch die Tre. Er beachtete Ladidels
Verbeugung nicht, sondern wies sogleich befehlend auf einen Sessel,
nahm selber Platz und sagte: Was fhrt Sie her?

Ich wollte, begann Ladidel, ich hatte, ich wre -- --. Dann aber
schluckte er energisch und stie heraus: Ich habe Sie bestehlen
wollen.

Der Notar nickte und sagte ruhig: Sie haben mich sogar wirklich
bestohlen, ich wei es schon. Es ist vor einer Stunde telegraphiert
worden. Sie haben also wirklich einen von den Hundertmarkscheinen
genommen?

Statt der Antwort zog Ladidel den Schein aus der Tasche und streckte
ihn dar. Erstaunt nahm der Herr ihn in die Finger, spielte damit und
sah Ladidel scharf an.

Wie geht das zu? Haben Sie schon Ersatz geschafft?

Nein, es ist derselbe Schein, den ich weggenommen hatte. Ich habe ihn
nicht gebraucht.

Sie sind ein Sonderling, Ladidel. Da Sie das Geld genommen htten,
wute ich sofort. Es konnte ja sonst niemand sein. Und auerdem wurde
mir gestern erzhlt, man habe Sie am Sonntag Abend auf dem Festplatz
in einer etwas verrufenen Tanzbude gesehen. Oder hngt es nicht damit
zusammen?

Nun mute Ladidel erzhlen, und so sehr er sich Mhe gab, das
Beschmendste zu unterdrcken, es kam wider seinen Willen doch fast
alles heraus. Der alte Herr unterbrach ihn nur zwei-, dreimal durch
kurze Fragen, im brigen hrte er gedankenvoll zu und sah zuweilen dem
Beichtenden ins Gesicht, sonst aber zu Boden, um ihn nicht zu stren.

Am Ende stand er auf und ging in der Stube hin und wider. Nachdenklich
nahm er eine von den Photographien in die Hand. Pltzlich bot er das
Bild dem beltter hin, der in seinem Sessel ganz zusammengebrochen
kauerte.

Sehen Sie, sagte er, das ist der Direktor einer groen Fabrik in
Amerika. Er ist ein Vetter von mir, Sie brauchen es ja nicht jedermann
zu erzhlen, und er hat als junger Mensch in einer hnlichen Lage wie
Sie tausend Mark entwendet. Er wurde von seinem Vater preisgegeben,
mute hinter Schlo und Riegel und ging nachher nach Amerika.

Er schwieg und wanderte wieder umher, whrend Ladidel das Bild des
stattlichen Mannes ansah und einigen Trost daraus sog, da also auch in
dieser ehrenwerten Familie ein Fehltritt vorgekommen sei, und da der
Snder es doch noch zu etwas gebracht habe und nun gleich den Gerechten
gelte, und sein Bild zwischen den Bildern unbescholtener Leute stehen
drfe.

Inzwischen hatte der Notar seine Gedanken zu Ende gesponnen und trat zu
Ladidel, der ihn schchtern anschaute.

Er sagte fast freundlich: Sie tun mir leid, Ladidel. Ich glaube
nicht, da Sie schlecht sind, und hoffe, Sie kommen wieder auf rechte
Wege. Am Ende wrde ich es sogar wagen und Sie behalten. Aber das geht
doch nicht. Es wre fr uns beide unerquicklich und ginge gegen meine
Grundstze. Und einem Kollegen kann ich Sie auch nicht empfehlen, wenn
ich auch an Ihre guten Vorstze gern glauben will. Wir wollen also die
Sache zwischen uns fr abgetan ansehen, ich werde niemand davon sagen.
Aber bei mir bleiben knnen Sie nicht.

Ladidel war zwar berfroh, die bse Sache so menschlich behandelt zu
sehen. Da er sich aber nun ans Freie gesetzt und so ins Ungewisse
geschickt fand, verzagte er doch und klagte: Ach, was soll ich aber
jetzt anfangen?

Etwas Neues, rief der Notar, und unversehens lchelte er. Seien
Sie ehrlich, Ladidel, und sagen Sie: wie wre es Ihnen wohl nchstes
Frhjahr im Staatsexamen gegangen? Schauen Sie, Sie werden rot. Nun,
wenn Sie auch schlielich den Winter ber noch manches htten nachholen
knnen, so htte es doch schwerlich gereicht, und ich hatte ohnehin
schon seit einiger Zeit die Absicht, darber mit Ihnen zu reden. Jetzt
ist ja die beste Gelegenheit dazu. Meine berzeugung, und vielleicht
im Stillen auch Ihre, ist die, da Sie Ihren Beruf verfehlt haben. Sie
passen nicht zum Notar und berhaupt nicht ins Amtsleben. Nehmen Sie
an, Sie seien im Examen durchgefallen, und suchen Sie recht bald einen
andern Beruf, in dem Sie es weiter bringen knnen. Vielleicht ist es
fr eine Kaufmannslehre noch nicht zu spt -- aber das ist Ihre und
Ihres Vaters Sache. Ihr Monatsgeld schicke ich Ihnen morgen. Wenn Sie
noch etwas im Kontor liegen haben, was Ihnen gehrt, so holen Sie es
jetzt. -- Nur noch eins: Ihr Vater mu die Sache natrlich wissen!

Ladidel sagte leise ja und senkte den Kopf.

Es ist das Beste, Sie sagen es ihm selbst. Aber tun Sie es gewi, und
warten Sie damit nicht lang, denn schreiben mu ich ihm doch. Am besten
fahren Sie gleich morgen nach Hause. Und jetzt adieu. Sehen Sie mir ins
Gesicht! Und behalten Sie mich in gutem Andenken. Wenn Sie mir spter
einmal Bericht geben, wird es mich freuen. Nur jetzt den Kopf nicht
ganz hngen lassen und keine neuen Dummheiten machen! -- Adieu denn,
und gren Sie den Herrn Vater von mir!

Er gab dem Bestrzten die Hand, drckte ihm die seine krftig und schob
ihn, der noch reden und danken wollte, zur Tr.

Damit stand unser Freund auf der Gasse und konnte sehen, was
weiter kme. Er hatte im Kontor nur ein paar schwarze rmelschoner
zurckgelassen, an denen war ihm nichts gelegen, und er zog es vor,
sich dort nimmer zu zeigen und sich das Abschiednehmen von den
Kollegen zu ersparen. Allein so betrbt er war und so sehr ihm vor
der Heimfahrt und dem Vater und der ganzen kommenden Zeit graute, auf
dem Grund seiner Seele war er doch dankbar und beinahe vergngt, der
furchtbaren Angst vor Polizei und Schande ledig zu sein; und whrend
er langsam durch die Straen ging, schlich auch der Gedanke, da er
nun kein Examen mehr vor sich habe, als ein trstlicher Lichtstrahl in
sein Gemt, das von den vielen Erlebnissen dieser Tage auszuruhen und
aufzuatmen begehrte.

So begann ihm beim Dahinwandeln allmhlich auch das ungewohnte
Vergngen, Werktags um diese Tageszeit frei durch die Stadt zu
spazieren, recht wohl zu gefallen. Er blieb vor den Auslagen der
Kaufleute stehen, betrachtete die Kutschenpferde, die an den Ecken
warteten, schaute auch zum zartblauen Herbsthimmel hinan und geno fr
eine Stunde ein unverhofftes Ferien- und Herrengefhl. Dann kehrten
seine Gedanken in den alten engen Kreis zurck, und als er, schon
wieder gedrckt und ziemlich mutlos, in der Nhe seiner Wohnung um eine
Gassenecke bog, mute ihm gerade eine hbsche junge Dame begegnen, die
dem Frulein Martha Weber hnlich sah. Da fiel ihm alles wieder recht
aufs Herz, seine miglckten und lcherlichen Versuche auf dem Gebiete
der Liebe zumal, und er mute sich vorstellen, was wohl die Martha
denken und sagen wrde, wenn sie seine ganze Geschichte erfhre. Erst
jetzt fiel ihm ein, da sein Fortgehen von hier ihn nicht nur von Amt
und Zukunft, sondern auch aus der Nhe des geliebten Mdchens entfhre.
Und alles um diese Fanny.

Je mehr ihm das klar wurde, desto strker ward sein Verlangen, nicht
ohne einen Gru an Martha fortzugehen. Schreiben mochte und durfte er
ihr nicht, es blieb ihm nur der Weg durch Fritz Kleuber. Darum kehrte
er, kurz vor dem Hause, um und suchte Kleuber in seiner Rasierstube auf.

Der gute Fritz hatte eine ehrliche Freude, ihn wieder zu sehen. Doch
deutete Ladidel ihm nur in Krze an, er msse aus besonderen Grnden
seine Stelle verlassen und wegreisen.

Nein aber! rief Fritz betrbt. Da mssen wir aber wenigstens noch
einmal zusammensein, wer wei, wann man sich wieder sieht! Wann mut du
denn reisen?

Alfred berlegte. Morgen mu ich doch noch packen. Also bermorgen.

Dann mache ich mich morgen abend frei und komme zu dir, wenn dir's
recht ist.

Ja, gut. Und gelt, wenn du wieder zu deiner Braut kommst, sagst du
viele Gre von mir -- an alle!

Ja, gern. Aber willst du nicht selber noch hingehen?

Ach, das geht jetzt nimmer. -- Also morgen!

Trotzdem berlegte er diesen und den ganzen folgenden Tag, ob er es
nicht doch tun solle. Allein er fand nicht den Mut dazu. Was htte
er sagen und wie seine Abreise erklren sollen? Ohnehin berfiel ihn
heute eine heillose Angst vor der Heimreise und vor seinem Vater,
vor den Leuten daheim und aller Schande, der er entgegenging. Und er
packte nicht, er fand nicht einmal den Mut, seiner Wirtin die Stube zu
kndigen. Statt all dies Notwendige zu tun, sa er und fllte Bogen mit
Entwrfen zu einem Brief an seinen Vater.

Lieber Vater! Der Notar kann mich nicht mehr brauchen --

Lieber Vater! Da ich doch zum Notar nicht recht passe --. Es war
nicht leicht, das Schreckliche sanft und doch deutlich zu sagen.
Aber es war immerhin leichter, diesen Brief zusammenzudichten als
heimzufahren und zu sagen: Da bin ich wieder, man hat mich fortgejagt.
Und so ward denn bis zum Abend der Brief wirklich fertig. Hatte der
Snder beim Schreiben und Wiederschreiben seine Vergehen oftmals
berdenken und den bittern Trank der Scham und Reue leeren mssen, so
hatte er im Verlauf doch auch Gelegenheit gefunden, die bse Sache von
freundlicheren Seiten her zu betrachten und Balsam auf die Wunde zu
streichen.

Dennoch war er am Abend mrbe und mitgenommen, und Kleuber fand ihn so
milde und weich wie noch nie. Er hatte ihm, als ein Abschiedsgeschenk,
eine kleine geschliffene Glasflasche mit edelm Odeur mitgebracht. Die
bot er ihm hin und sagte: Darf ich dir das zum Andenken mitgeben? Es
wird schon noch in den Koffer gehen. Indessen sah er sich um und rief
verwundert: Du hast ja noch gar nicht gepackt! Soll ich dir helfen?

Ladidel sah ihn unsicher an und meinte: Ja, ich bin noch nicht soweit.
Ich mu noch auf einen Brief warten.

Das freut mich, sagte Fritz vergngt, so hat man doch Zeit zum
Adieusagen. Weit du, wir knnten eigentlich heut Abend miteinander zu
den Webers gehen. Es wre doch schade, wenn du so wegreisen wrdest.

Dem armen Ladidel war es, als ginge eine Tr zum Himmel auf und wrde
im selben Augenblick wieder zugeschlagen. Er wollte etwas sagen,
schttelte aber nur den Kopf, und als er sich zwingen wollte, wrgten
die Worte ihn in der Kehle, und unversehens brach er vor dem erstaunten
Fritz in ein Schluchzen aus.

Ja lieber Gott, was hast du? rief der erschrocken. Ladidel winkte
schweigend ab, aber Kleuber war darber, da er seinen bewunderten und
stolzen Freund in Trnen sah, so ergriffen und gerhrt, da er ihn in
die Arme nahm wie einen Kranken, ihm die Hnde streichelte und ihm in
unbestimmten Ausdrcken seine Hilfe anbot.

Ach, du kannst mir nicht helfen, sagte Alfred, als er wieder
reden konnte. Doch lie Kleuber ihm keine Ruhe, und schlielich kam
es Ladidel wie eine Erlsung vor, einer so wohlmeinenden Seele zu
beichten, so da er nachgab. Sie setzten sich einander gegenber,
Ladidel wandte sein Gesicht ins Dunkle und fing an: Weit du, damals
als wir zum erstenmal miteinander zu deiner Braut gegangen sind --
und erzhlte weiter, alles und alles, von seiner Liebe zu Martha, von
ihrem kleinen Streit und Auseinanderkommen, und wie leid ihm das tue.
Sodann kam er auf das Schtzenfest zu sprechen, auf seine Verstimmung
und Verlassenheit, von der Tanzwirtschaft und der Fanny, von dem
Hundertmarkschein, und wie dieser unverwendet geblieben sei, endlich
von dem gestrigen Gesprch mit dem Notar und seiner jetzigen Lage.
Er gestand auch, da er das Herz nicht habe, so vor seinen Vater zu
kommen, da er ihm geschrieben habe und nun mit Schrecken des Kommenden
warte.

Dem allem hrte Fritz Kleuber still und aufmerksam zu, betrbt und in
der Seele aufgewhlt durch solche Ereignisse. Als der andre schwieg
und das Wort an ihm war, sagte er leise und schchtern: Da tust du
mir leid. Und obschon er selber gewi niemals im Leben einen Pfennig
veruntreut hatte, fuhr er fort: Es kann ja jedem so etwas passieren,
und du hast ja das Geld auch wieder zurckgebracht. Was soll ich da
sagen? Die Hauptsache ist jetzt, was du anfangen sollst.

Ja, wenn ich das wte! Ich wollt, ich wr tot.

So darfst du nicht reden, rief Fritz entsetzt. Weit du denn
wirklich nichts?

Gar nichts. Ich kann jetzt Steinklopfer werden.

Das wird nicht ntig sein. -- Wenn ich nur wte, ob es dir keine
Beleidigung ist -- --

Was denn?

Ja, ich htte einen Vorschlag. Ich frchte nur, es ist eine Dummheit
von mir, und du nimmst es bel.

Aber sicher nicht! Ich kann mirs gar nicht denken.

Sieh, ich denke mir so -- du hast ja hie und da dich fr meine Arbeit
interessiert, und hast selber zum Vergngen es damit probiert. Du hast
auch viel Genie dafr und knntest es bald besser als ich, weil du
geschickte Finger hast und so einen feinen Geschmack. Ich meine, wenn
sich vielleicht nicht gleich etwas Besseres findet, ob du es nicht mit
unsrem Handwerk probieren mchtest?

Ladidel war erstaunt; daran hatte er nie gedacht. Das Gewerbe eines
Barbiers war ihm bisher zwar nicht schimpflich, doch aber wenig nobel
vorgekommen. Nun aber war er von jener hohen Stufe herabgesunken und
hatte wenig Grund mehr, irgendein ehrliches Gewerbe gering zu achten.
Das fhlte er auch; und da Fritz sein Talent so rhmte, tat ihm wohl.
Er meinte nach einigem Besinnen: Das wre vielleicht gar nicht das
Dmmste. Aber weit du, ich bin doch schon erwachsen, und auch an einen
andern Stand gewhnt; da wrde ich schwer tun, noch einmal als Lehrbub
bei irgendeinem Meister anzufangen.

Fritz nickte. Wohl, wohl. So ist es auch nicht gemeint!

Ja wie denn sonst?

Ich meine, du knntest bei mir lernen, was noch zu lernen ist.
Entweder warten wir, bis ich mein eigenes Geschft habe, das dauert
nimmer lang. Du knntest aber auch schon jetzt zu mir kommen. Mein
Meister nhme ganz gern einen Volontr, der geschickt ist und keinen
Lohn will. Dann wrde ich dich anleiten, und sobald ich mein eigenes
Geschft anfange, kannst du bei mir eintreten. Es ist ja vielleicht
nicht leicht fr dich, dich dran zu gewhnen; aber wenn man eine gute
und feine Kundschaft hat, ist es doch kein bles Geschft.

Ladidel hrte mit angenehmer Verwunderung zu und sprte im Herzen, da
hier sein Schicksal sich entschied. War es auch vom Notar zum Friseur
ein gewisser Rckschritt, so empfand er doch zum erstenmal im Leben die
innige Befriedigung eines Mannes, der seinen wahren Beruf entdeckt und
den ihm bestimmten Weg gefunden hat.

Du, das ist ja groartig, rief er glcklich und streckte Kleubern die
Hand hin. Jetzt ist mir erst wieder wohl in meiner Haut. Mein Alter
wird ja vielleicht nicht gleich einverstanden sein, aber er mu es ja
einsehen. Gelt, du redest dann auch ein Wort mit ihm?

Wenn du meinst --, sagte Fritz schchtern.

Nun war Ladidel so entzckt von seinem zuknftigen Beruf und so voll
Eifers, da er begehrte, augenblicklich eine Probe abzulegen. Kleuber
mochte wollen oder nicht, er mute sich hinsetzen und sich von seinem
Freunde rasieren, den Kopf waschen und frisieren lassen. Und siehe, es
glckte alles vorzglich, kaum da Fritz ein paar kleine Ratschlge zu
geben hatte. Ladidel bot ihm Zigaretten an, holte den Weingeistkocher
und setzte Tee an, plauderte und setzte seinen Freund durch diese
rasche Heilung von seinem Trbsinn nicht wenig in Erstaunen. Fritz
brauchte lnger, um sich in die vernderte Stimmung zu finden, doch ri
Alfreds Laune ihn endlich mit, und wenig fehlte, so htte dieser wie
in frhern vergngten Zeiten die Gitarre ergriffen und Schelmenlieder
angestimmt. Es hielt ihn davon nur der Anblick des Briefes an seinen
Vater ab, der noch auf dem Tische lag und ihn am sptern Abend nach
Kleubers Weggehen noch lang beschftigte. Er las ihn wieder durch, war
nimmer mit ihm zufrieden und fate am Ende den Entschlu, nun doch
heimzufahren und seine Beichte selber abzulegen. Nun wagte er es, da er
einen Ausweg aus der Trbsal und ein neues Glck seiner warten wute.


Sechstes Kapitel

Als Ladidel von dem Besuch bei seinem Vater wiederkehrte, war er zwar
etwas stiller geworden, hatte aber seine Absicht erreicht und trat
fr ein halbes Jahr als Volontr bei Kleubers Meister ein. Frs erste
sah er damit seine Lage bedeutend verschlechtert, da er nichts mehr
verdiente und das Monatsgeld von Hause sehr sparsam gemessen war. Er
mute seine hbsche Stube aufgeben und eine geringe Kammer nehmen,
auch sonst trennte er sich von manchen Gewohnheiten, die seiner neuen
Stellung nicht mehr angemessen schienen. Nur die Gitarre blieb bei
ihm und half ihm ber vieles weg, auch konnte er seiner Neigung zu
sorgfltiger Pflege seines Haupthaares und Schnurrbartes, seiner Hnde
und Fingerngel jetzt ohne Beschrnkung frnen. Er schuf sich nach
kurzem Studium eine Frisur, die jedermann bewunderte, und lie seiner
Haut mit Brsten, Pinseln, Salben, Seifen, Wassern und Pudern das
Beste zukommen. Was ihn jedoch mehr als dies alles beglckte und mit
dem Wechsel seines Standes vershnte, war die Befriedigung, die er im
neuen Berufe fand, und die innerliche Gewiheit, nunmehr ein Metier zu
betreiben, das seinen Talenten entsprach und in dem er Aussicht hatte,
Bedeutendes zu leisten.

Anfnglich lie man ihn freilich nur untergeordnete Arbeiten tun. Er
mute Knaben die Haare schneiden, Arbeiter rasieren und Kmme und
Brsten reinigen, doch erwarb er durch seine Fertigkeit im Flechten
knstlicher Zpfe bald seines Meisters Vertrauen und erlebte nach
kurzem Warten den Ehrentag, da er einen wohlgekleideten, nobel
aussehenden Herrn bedienen durfte. Dieser war zufrieden und gab
sogar ein Trinkgeld, und nun ging es Stufe fr Stufe vorwrts. Ein
einzigesmal schnitt er einen Kunden in die Wange und mute Tadel ber
sich ergehen lassen, im brigen erlebte er beinahe nur Anerkennung und
Erfolge. Besonders war es Fritz Kleuber, der ihn bewunderte und nun
erst recht fr einen Auserwhlten ansah. Denn wenn er selbst auch ein
tchtiger Arbeiter und seiner Fertigkeit sicher war, so fehlte ihm
doch sowohl die leichte Erfindungskraft, die fr jeden Kopf sofort
die entsprechende Frisur zu schaffen wei, wie auch das leichte,
unterhaltende, angenehme Wesen im Umgang mit nobler Kundschaft. Hierin
war Ladidel bedeutend, und nach einem Vierteljahr begehrten schon die
verwhnteren Stammgste immer von ihm bedient zu werden. Er verstand
es auch vortrefflich, nebenher seine Herren zum hufigeren Ankauf
neuer Pomaden, Bartwichsen und Seifen, teurer Brstchen und Kmme zu
berreden; und in der Tat mute in diesen Dingen jedermann seinen Rat
willig und dankbar hinnehmen, denn er selbst sah beneidenswert tadellos
und wohlbestellt aus.

Da die Arbeit ihn so in Anspruch nahm und befriedigte, trug er jede
Entbehrung leichter, und so hielt er auch die lange Trennung von Martha
Weber geduldig aus. Ein Schamgefhl hatte ihn gehindert, sich ihr in
seiner neuen Gestalt zu zeigen, ja er hatte Fritz instndig gebeten,
seinen neuen Stand vor den Damen zu verheimlichen. Dies war allerdings
nur eine kurze Zeit mglich gewesen. Meta, der die Neigung ihrer
Schwester zu dem hbschen Notar nicht unbekannt geblieben war, hatte
sich hinter Fritz gesteckt und bald ohne Mhe alles herausbekommen.
So konnte sie der Schwester nach und nach ihre Neuigkeiten enthllen
und Martha erfuhr nicht nur den Berufswechsel ihres Geliebten, den
er jedoch aus Gesundheitsrcksichten vorgenommen habe, sondern auch
seine unvernderte treue Verliebtheit. Sie erfuhr ferner, da er sich
seines neuen Standes vor ihr schmen zu mssen meine und jedenfalls
nicht eher sich wieder zeigen mge, als bis er es zu etwas gebracht und
begrndete Aussichten fr die Zukunft habe.

Eines Abends war in dem Mdchenstbchen wieder vom Notar die Rede.
Meta hatte ihn ber den Schellenknig gelobt, Martha aber sich wie
immer sprde verhalten und es vermieden, Farbe zu bekennen.

Pa auf, sagte Meta, der macht so schnell voran, da er am Ende noch
vor meinem Fritz ans Heiraten kommt.

Meinetwegen, ich gnns ihm ja.

Und dir aber auch, nicht? Oder tust du's unter einem Notar durchaus
nicht?

La mich aus dem Spiel! Der Ladidel wird schon wissen, wo er sich eine
zu suchen hat.

Das wird er, hoff ich. Blo hat man ihn zu sprd empfangen, und jetzt
ist er scheu und findet den Weg nimmer recht. Dem wenn man einen Wink
gbe, er km auf allen Vieren gelaufen.

Kann schon sein.

Wohl. Soll ich winken?

Willst denn du ihn haben? Du hast doch deinen Bartscherer, mein ich.

Meta schwieg nun und lachte in sich hinein. Sie sah wohl, wie ihrer
Schwester ihre vorige Schrfe leid tat und sie gar zu gern ihren Alfred
auf gute Art wieder zu Handen gekriegt htte. Sie sann auf Wege, den
Scheugewordenen wieder herzulocken, und hrte Marthas verheimlichten
Seufzern mit einer kleinen Schadenfreude zu.

Mittlerweile meldete sich von Schaffhausen her Fritzens alter Meister
wieder und lie wissen, er wnsche nun bald sich einen Feierabend zu
gnnen. Da frage er an, wie es mit Kleubers Absichten stehe. Zugleich
nannte er die Summe, um welche sein Geschft ihm feil sei, und wieviel
davon er angezahlt haben msse. Diese Bedingungen waren nun billig und
wohlmeinend, jedoch reichten Kleubers Mittel dazu nicht hin, so da er
in Sorgen umherging, und diese gute Gelegenheit zum Selbstndigwerden
und Heiratenknnen zu versumen frchtete. Und endlich berwand er sich
und schrieb ab, und erst dann erzhlte er die ganze Sache Ladideln.

Der schalt ihn, da er ihn das nicht habe frher wissen lassen, und
machte sogleich den Vorschlag, er wolle die Angelegenheit vor seinen
Vater bringen. Wenn der zu gewinnen sei, knnten sie ja das Geschft
gemeinsam bernehmen.

Der alte Ladidel war berrascht, als die beiden jungen Leute mit ihrem
Anliegen zu ihm kamen, und wollte nicht sogleich daran, obwohl die
Summe seinen Beutel nicht erschpft htte. Doch hatte er zu Fritz
Kleuber, der sich seines Sohnes in einer entscheidenden Stunde so wohl
angenommen hatte, ein gutes Vertrauen, auch hatte Alfred von seinem
jetzigen Meister ein beraus lobendes Zeugnis mitgebracht. Ihm schien,
sein Sohn sei jetzt auf gutem Wege, und er zgerte, ihm nun einen Stein
darein zu werfen. Nach einigen Tagen des Hin- und Widerredens entschlo
er sich und fuhr selber nach Schaffhausen, um sich alles anzusehen.

Der Kauf kam zustande, und die beiden Kompagnone wurden von allen
Kollegen beglckwnscht. Kleuber beschlo im Frhjahr Hochzeit zu
halten und bat sich Ladidel als ersten Brautfhrer aus. Da war ein
Besuch im Hause Weber nicht mehr zu umgehen. Ladidel kam in Fritzens
Gesellschaft sehr rot und schmig daher, und konnte vor Herzklopfen
kaum die vielen Treppen hinaufkommen. Oben empfing ihn der gewohnte
Duft und das gewohnte Halbdunkel, Meta begrte ihn lachend, und die
alte Mutter schaute ihn ngstlich und bekmmert an. Hinten in der
hellen Stube aber stand Martha ernsthaft und etwas bla in einem
dunkeln Kleide, gab ihm auch die Hand und war diesmal kaum minder
verwirrt als er selber. Man tauschte Hflichkeiten, fragte nach der
Gesundheit, trank aus kleinen altmodischen Kelchglsern einen hellroten
sen Stachelbeerwein und besprach dabei die Hochzeit und alles
dazu gehrige. Herr Ladidel bat sich die Ehre aus, Frulein Marthas
Kavalier sein zu drfen, und wurde eingeladen, sich nun auch wieder
fleiig im Hause zu zeigen. Beide sprachen miteinander nur hfliche und
unbedeutende Worte, sahen einander aber heimlich an, und jedes fand
das andre auf eine nicht auszudrckende, doch reizende Art verndert.
Ohne es einander zu sagen, wuten und sprten sie jedes, da auch das
andre in dieser Zeit gelitten habe, und beschlossen heimlich, einander
nicht wieder ohne Grund weh zu tun. Zugleich merkten sie auch beide mit
Verwunderung, da die lange Trennung und das Trotzen sie einander nicht
entfremdet, sondern nher gebracht habe, und es wollte ihnen scheinen,
nun seien wenig Worte mehr notwendig und die Hauptsache zwischen ihnen
in Ordnung.

So war es denn auch, und dazu trug nicht wenig bei, da Meta und Fritz
die beiden nach schweigendem bereinkommen wie ein versprochenes Paar
ansahen. Wenn Ladidel ins Haus kam, was jetzt hufiger als je geschah,
so schien es allen selbstverstndlich, da er Marthas wegen komme
und vor allem mit ihr zusammen sein wolle. Ladidel half treulich bei
den Vorbereitungen zur Hochzeit mit und tat es so eifrig und mit dem
Herzen, als glte es seine eigene Heirat. Verschwiegen aber und mit
unendlicher Kunst erdachte er sich fr Martha eine herrliche neue
Frisur.

Einige Tage vor der Hochzeit nun, da es im Hause drber und drunter
ging, erschien er eines Tages feierlich, wartete einen Augenblick ab,
da er mit Martha still allein war, und erffnete ihr, es liege ihm eine
gewagte Bitte an sie auf dem Herzen. Sie ward rot und glaubte alles zu
ahnen, und wenn sie den Tag auch nicht gut gewhlt fand, wollte sie
doch nichts versumen und gab bescheiden Antwort, er mge nur reden.
Ermutigt brachte er dann seine Bitte vor, die auf nichts andres zielte
als auf die Erlaubnis, dem Frulein fr den Festtag mit einer neuen von
ihm ausgedachten Frisur aufwarten zu drfen.

Verwundert willigte Martha ein, da eine Probe gemacht werde. Meta
mute helfen, und nun erlebte Ladidel den Augenblick, da sein alter
Wunsch in Erfllung ging, und er Marthas lange blonde Haare in den
Hnden hielt. Zu Anfang wollte diese zwar haben, da Meta allein
sie frisiere und er nur mit Rat beistehe. Doch lie dieses sich
nicht durchfhren, sondern bald mute er mit eigener Hand zugreifen
und verlie nun den Posten nicht mehr. Als das Haargebude seiner
Vollendung nahe war, lie Meta die beiden allein, angeblich nur fr
einen Augenblick, doch blieb sie lange aus. Inzwischen war Ladidel mit
seiner Kunst fertig geworden. Martha sah sich im Spiegel kniglich
verschnt, und er stand hinter ihr, da und dort noch bessernd. Da
bermochte ihn die Ergriffenheit, da er dem schnen Mdchen mit leiser
Hand liebkosend ber die Schlfe strich. Und da sie sich beklommen
umwandte und ihn still mit nassen Augen ansah, geschah es von selbst,
da er sich ber sie beugte und sie kte und, von ihr in Trnen
festgehalten, vor ihr kniete und als ihr Liebhaber und Brutigam wieder
aufstand.

Wir mssen es der Mama sagen, war alsdann ihr erstes schmeichelndes
Wort, und er stimmte zu, obwohl ihm vor der betrbten alten Witwe ein
wenig bange war. Als er jedoch vor ihr stand und Martha an der Hand
fhrte und um ihre Hand anhielt, schttelte die alte Frau nur ein
wenig den Kopf, sah sie beide ratlos und bekmmert an und hatte nichts
dafr und nichts dawider zu sagen. Doch rief sie Meta herbei, und nun
umarmten sich die Schwestern, lachten und weinten, bis Meta pltzlich
stehen blieb, die Schwester mit beiden Armen von sich schob, sie dann
festhielt und begierig ihre Frisur bewunderte.

Wahrhaftig, sagte sie zu Ladidel, und gab ihm die Hand, das ist Ihr
Meisterstck. Aber gelt, wir sagen jetzt Du zu einander?

Am vorbestimmten Tage fand mit Glanz die Hochzeit und zugleich die
Verlobungsfeier statt. Darauf reiste Ladidel in Eile nach Schaffhausen,
whrend die Kleubers in derselben Richtung ihre Hochzeitsreise
antraten. Der alte Meister bergab Ladidel das Geschft, und der fing
sofort an, als htte er nie etwas anderes getrieben. In den Tagen bis
zu Kleubers Ankunft half der Alte mit, und es war ntig, denn die
Ladentre ging fleiig. Ladidel sah bald, da hier sein Weizen blhe,
und als Kleuber mit seiner Frau auf dem Dampfschiff von Konstanz her
ankam, und er ihn abholte, packte er schon auf dem Heimwege seine
Vorschlge zur knftigen Vergrerung des Geschftes aus.

Am nchsten Sonntag spazierten die Freunde samt der jungen Frau zum
Rheinfall hinaus, der um diese Jahreszeit reichlich Wasser fhrte. Hier
saen sie zufrieden unter jungbelaubten Bumen, sahen das weie Wasser
strmen und zerstuben und redeten von der vergangenen Zeit. Ja,
sagte Ladidel nachdenklich und schaute auf den tobenden Strom hinab,
nchste Woche wre mein Examen gewesen.

Tut dirs nicht leid? fragte Meta. Ladidel gab keine Antwort. Er
schttelte nur den Kopf und lachte. Dann zog er aus der Brusttasche ein
kleines Paket, machte es auf und brachte ein halb Dutzend feine kleine
Kuchen hervor, von denen er den andern anbot und sich selber nahm.

Du fngst gut an, lachte Fritz Kleuber. Meinst du, das Geschft
trage schon soviel?

Es trgts, nickte Ladidel im Kauen. Es trgts und mu noch mehr
tragen.




Die Heimkehr


Die Gerbersauer wandern im ganzen nicht ungerne und es ist Herkommen,
da ein junger Mensch ein Stck Welt und fremde Sitte sieht, ehe er
sich selbstndig macht, heiratet und sich fr immer in den Bann der
heimischen Gewohnheiten und Regeln begibt. Doch pflegen die meisten
schon nach kurzen Wanderzeiten die Vorzge der Heimat einzusehen und
wiederzukehren, und es ist eine Raritt, da einer bis in die hheren
Mannesjahre oder gar fr immer in der Fremde hngen bleibt. Immerhin
kommt es je und je einmal vor und macht den, der es tut, zu einer
widerwillig anerkannten, doch vielbesprochenen Berhmtheit in der
Heimatstadt.

Ein solcher war August Schlotterbeck, der einzige Sohn des Weigerbers
Schlotterbeck an der Badwiese. Er ging wie andere junge Leute auf
Wanderschaft, und zwar als Kaufmann, denn er war als Knabe schwchlich
gewesen und fr die Gerberei untauglich befunden worden. Spter
freilich zeigte sich, wie es hufig mit solchen Kindern geht, da die
Zartheit und Schwche nur eine Laune der Wachsjahre gewesen und dieser
August ein recht krftiger und zher Bursche war. Jedoch hatte er nun
schon den Handelsberuf ergriffen und schaute im Schreibstubenrock mit
rmelschonern auf die Handwerker zwar duldsam, doch mit einigem Mitleid
herab, seinen Vater nicht ausgenommen. Und sei es nun, da der alte
Schlotterbeck dadurch an Vaterzrtlichkeit verlor, sei es, da er in
Ermangelung weiterer Shne doch einmal darauf verzichten mute, die
alte Schlotterbecksche Gerberei der Familie zu erhalten -- kurz, er
begann gegen seine alten Tage das Geschft sichtlich zu vernachlssigen
und es sich wohl sein zu lassen, als wre keine Nachkommenschaft da,
und endete damit, da er nach sorglos verlebtem Alter entschlief und
seinem einzigen Sohne das Geschft so verschuldet hinterlie, da
August froh sein mute, es um ein Geringes an einen jungen, eben
Meister gewordenen Gerber loszuwerden.

Vielleicht war dies die Ursache, da August lnger als ntig in der
Fremde verblieb, wo es ihm brigens gut erging, und schlielich
berhaupt nimmer an die Heimkehr dachte. Als er etwas ber dreiig
Jahre alt war und weder zur Begrndung eines eigenen Geschftes noch
zu einer Heirat Veranlassung gefunden hatte, erfate ihn spt ein
Reisedurst. Er hatte die letzten Jahre bei gutem Gehalt in einer
Fabrikstadt der Ostschweiz gearbeitet, nun gab er diese Stellung auf
und begab sich nach England, um mehr zu lernen und nicht einzurosten.
Obwohl ihm England und die Stadt Glasgow, in der er Arbeit genommen
hatte, nicht sonderlich gefiel, geschah es doch, da er dort sich an
ein Weltbrgertum und eine unbeschrnkte Freizgigkeit gewhnte und
das Zugehrigkeitsgefhl zur Heimat verlor oder auf die ganze Welt
ausdehnte. Und da ihn nichts hielt, kam ihm ein Angebot aus Chicago,
als Direktor eine groe Fabrik zu leiten, ganz gelegen, und er war
bald in Amerika so heimisch oder so wenig heimisch geworden wie an den
frheren Orten. Lngst sah ihm niemand mehr den Gerbersauer an, und
wenn er einmal Landsleute traf, was alle paar Jahre vorkam, begrte
und behandelte er sie nett und hflich wie andere Leute auch, wodurch
ihm in der Heimat der Ruf erwuchs, er sei zwar reich und gewaltig, aber
auch gar hochmtig und amerikanisch geworden.

Als er nach Jahren in Chicago genug gelernt und genug erspart zu
haben meinte, folgte er seinem einzigen Freunde, einem Deutschen aus
Sdruland, in dessen Heimat und tat dort in Blde eine kleine Fabrik
auf, die ihn ernhrte und einen guten Ruf geno. Er heiratete die
Tochter seines Freundes und dachte nun fr den Rest seines Lebens
unter Dach zu sein. Aber das Weitere ging nicht nach seinem Sinn.
Zunchst verdro und bekmmerte es ihn, da er ohne Kinder blieb,
worber seine Ehe an Frieden und Genge viel verlor. Dann starb
die Frau, was ihm trotz allem weh tat und den rstigen, fast noch
jnglinghaften Mann etwas lter und nachdenklicher machte. Nach einigen
weiteren Jahren begannen die Geschfte sich zu verschlechtern und
infolge von politischen Unruhen am Ende bedenklich zu stocken. Als
aber wiederum ein Jahr spter auch noch sein Freund und Schwiegervater
starb und ihn ganz allein lie, war es um die wohlerworbene Ruhe und
Sehaftigkeit des Mannes geschehen. Er merkte, da doch nicht ein jeder
Fleck Erde gleich dem andern ist, wenigstens nicht fr einen, dessen
Jugend und Glckszeit sich gegen das Ende neigt. Es geschah, da er
die gesicherten politischen Zustnde der Heimat in Gedanken mit dem
dortigen Skandal verglich, da er mit Unbehagen an das Altwerden und
den Feierabend zu denken kam, da ihm ohne Anla heimische Namen und
Worte, Geschichten und sogar Liederverse einfielen. Aus diesen Zeichen
schlo August Schlotterbeck, da er trotz seiner guten Gesundheit und
obwohl er kaum mehr als fnfzig Jahre hatte, kein junger Mensch mehr
sei, und mit dem Bewutsein der unerschtterten Jugendlichkeit ging ihm
auch das des Weltbrgertums und der unbedingten Freiheit verloren. Er
dachte mehr und mehr daran, wie er sich noch eines zufriedenen Alters
versichern mchte, und da die Geschfte wenig Lockung mehr fr ihn
hatten, andrerseits der Wandertrieb und die Schwungkraft der frheren
Jahre sich verloren hatte, kreiste die Sehnsucht und Hoffnung des
alternden Fabrikanten zu seiner eigenen Verwunderung immer enger und
begehrlicher um das Heimatland und um das Stdtlein Gerbersau, dessen
er in Jahrzehnten nur selten und ohne Rhrung gedacht hatte.

Daheim war unterdessen der Auswanderer in einige Vergessenheit
gesunken, nachdem vor manchen Jahren sein letztes Lebenszeichen ihm den
Ruf groen Edelmutes und Reichtums eingetragen hatte. Es war damals ein
Vetter von ihm gestorben und August hatte Anspruch auf einen migen
gromtterlichen Erbesanteil, dessen Genu jetzt an ihn fiel. Die Sache
war ihm mitgeteilt und er zu einer uerung aufgefordert worden, da
hatte er zu Gunsten der Waisen des Verstorbenen Verzicht geleistet.
Seither aber hatte er weder den Dankbrief des Vormundes beantwortet
noch sonst das Geringste von sich hren lassen. Man wute zwar oder
nahm an, er sei noch am Leben, fand sonst aber keinen Stoff zum Bereden
an dem Entfernten, den die jetzige junge Generation nicht mehr kannte,
und so erlosch, wenigstens auerhalb der engsten Verwandtschaft, sein
Andenken mehr und mehr. Er ward vergessen im selben Mae als er selber
neuerdings sich in Gedanken wieder der fernen Heimat nherte, und von
seinen Jugendgenossen erwartete keiner ihn wiederzusehen.

Inzwischen wurden Schlotterbecks Gedanken und Bedenklichkeiten ihm
lstig und eines Tages fate er mit der Schnelligkeit und Ruhe seiner
frheren Zeiten den Beschlu, die kaum noch rentierende Fabrik
aufzugeben und das ihm stets fremd gebliebene Land zu verlassen.
Mit entschlossenem Eifer, doch ohne bereilung betrieb er den
Verkauf seines Geschftes, dann den des Hauses und endlich des
gesamten Hausrats, brachte das ledig gewordene Vermgen vorlufig in
sddeutschen Banken unter, brach sein Zelt ab und reiste ber Venedig
und Wien nach Deutschland.

Mit Behagen trank er an einer Grenzstation das erste bayrische Bier
seit vielen Jahren, aber erst als die Namen der Stdte heimatlicher zu
tnen begannen und als die Mundart der Mitreisenden immer deutlicher
und schneller nach Gerbersau hinwies, ergriff den Weltreisenden eine
starke Unruhe, bis er, ber sich selber verwundert, beinahe mit
Herzklopfen die Stationen ausrufen hrte und in den Gesichtern der
Einsteigenden lauter wohlbekannt und fast verwandtschaftlich anmutende
Zge fand. Und endlich fuhr der Zug die letzte steile Strecke in langen
Windungen talabwrts, und unten lag zuerst klein und von Windung
zu Windung grer und nher und wirklicher das Stdtlein am Flu,
zu Fen der Tannenwaldberge. Dem Reisenden lag ein starker Druck
auf dem Herzen, wie er alles noch stehen sah wie vor Zeiten, und
unversehens fielen ihm lauter Begebenheiten aus der Bubenzeit und aus
der Lehrlingszeit ein, die er eigentlich lang vergessen hatte. Das
tatschliche Nochvorhandensein dieser ganzen Welt, des Flusses und des
Rathaustrmchens, der Gassen und Grten bedrckte ihn mit einer Art von
Tadel, da er das alles so lang vernachlssigt und vergessen und aus
dem Herzen verloren hatte.

Doch dauerte diese ungewhnliche und eigentlich bengstigende Rhrung
nicht lange, und am Bahnhofe stieg Herr Schlotterbeck aus und ergriff
seine hbsche gelblederne Reisetasche wie ein Mann, der in Geschften
unterwegs ist und sich freut, bei der Gelegenheit einen von frher
her bekannten Ort einmal wieder zu sehen. Er fand an der Station die
Knechte von drei Gasthfen, was ihm einen Eindruck von Fortschritt und
Entwickelung machte, und da der eine auf seiner Mtze den Namen des
alten Gasthauses zum Schwanen trug, dessen sich Schlotterbeck aus der
Vergangenheit her erinnerte, gab er diesem sein Gepck und ging allein
zu Fu stadteinwrts.

Der gut und einfach, doch ein klein wenig auslndisch gekleidete Fremde
zog bei seinem langsamen Dahinschreiten manche Blicke auf sich, ohne
darauf zu achten. Er hatte die alte, beobachtungsfrohe Reiselaune
wieder gefunden und betrachtete das alte Nest mit Aufmerksamkeit, ohne
es mit Begrungen und Fragen und Auftritten des Wiedererkennens
eilig zu haben. Zunchst wandelte er durch die etwas vernderte
Bahnhofstrae dem Flusse zu, auf dessen grnem Spiegel wie sonst die
Gnse schwammen und dem wie ehemals die Huser ihre ungepflegten
Rckseiten und winzigen Hintergrtchen zukehrten. Dann schritt er ber
den oberen Steg und durch unvernderte, arme enge Gassen der Gegend zu,
wo einst die Schlotterbecksche Weigerberei gewesen war. Da suchte er
jedoch das hohe Giebelhaus und den groen Grasgarten mit den Lohgruben
vergebens. Das Haus war verschwunden und der Garten und Gerberplatz
berbaut. Etwas betreten und unwillig wandte er sich ab und weiter,
um den Marktplatz zu besuchen, den er im alten Zustande fand, nur
schien er kleiner geworden, und auch das stattliche Rathaus war weniger
ansehnlich, als er es in der Erinnerung getragen hatte. Dafr war die
Kirche erneuert und gediehen, und die Bume davor nicht mehr die von
damals, sondern junge, die aber auch schon wieder recht ehrwrdige
Wipfel zur Schau trugen.

Der Heimgekehrte hatte nun frs erste genug gesehen und fand ohne Mhe
den Weg zum Schwanen, wo er ein gutes Essen verlangte und auf die erste
Erkennungsszene gefat war. Doch fand er die frhere Wirtsfamilie nicht
mehr und ward ganz wie ein willkommener, doch fremder Gast behandelt,
was ihm auch lieb war. Jetzt bemerkte er auch erst, da seine Redeweise
und Aussprache, die er in allen den Jahren immer fr gut schwbisch
und kaum verndert gehalten hatte, hier fremd und sonderbar klang und
von der Kellnerin mit einiger Mhe verstanden wurde. Es fiel auch
auf, da er beim Essen den Salat zurckwies und neuen verlangte, den
er sich selber anmachte, und da er statt der sen Mehlspeise, aus
der in Gerbersau jedes Dessert besteht, Eingemachtes verlangte, von
dem er dann einen ganzen Topf ausa. Und als er nach Tische sich einen
zweiten Stuhl heranzog und die Fe auf ihn legte, um ein wenig zu
ruhen, waren Wirtsleute und Mitgste darber heftigst erstaunt. Ein
Gast am Nebentisch, den diese fremde Sitte aufregte, stand auf und
wischte seinen Stuhl mit dem Sacktuch ab, wobei er sagte: Ich hab ganz
vergessen abzuwischen. Wie leicht knnt einer seine dreckigen Stiefel
drauf gehabt haben! Man lachte leise, Schlotterbeck drehte aber nur
den Kopf hinber und schnell wieder zurck, dann legte er die Hnde
zusammen und pflegte der Verdauung.

Eine Stunde spter machte er sich auf und streifte nochmals durch die
ganze Stadt. Neugierig schaute er durch die Scheiben in manchen Laden
und manche Werkstatt, um zu sehen, ob da oder dort etwa noch einer von
den ganz Alten, die zu seiner Zeit schon die Alten gewesen waren, brig
wre. Von diesen sah er jedoch frs erste einzig einen Lehrer, bei dem
er einstmals sein erstes Alphabet auf die Tafel gemalt hatte, auf der
Strae vorbergehen. Der Mann mute zumindest hoch in den siebenzig
sein und ging alt geworden und wohl schon lange auer Amtes, doch noch
deutlich am Schwung der Nase und sogar an den Bewegungen erkennbar,
noch leidlich aufrecht und zufrieden einher. Schlotterbeck hatte Lust
ihn anzusprechen, doch hielt ihn immer noch eine leise Angst vor dem
Sturm der Begrungen und Hndedrcke zurck. Er ging weiter, ohne
jemand zu gren, von vielen betrachtet, doch von keinem erkannt, und
brachte so diesen ganzen ersten Tag in der Heimat als ein Fremder und
Unbekannter zu.

Wenn es nun auch an menschlicher Ansprache und Bewillkommnung mangelte,
sprach doch die Stadt selber desto deutlicher und eindringlicher zu
ihrem heimgekehrten Kinde. Wohl gab es berall Vernderungen und Neues,
das Angesicht des Stdtleins aber war nicht lter noch anders geworden
und sah den Ankmmling vertraut und mtterlich an, so da es ihm wohl
und geborgen zu Mute ward und die Jahrzehnte der Fremde und Reisen
und Abenteuer wunderlich zusammengingen und einschmolzen, als wren
sie nur ein Abstecher und kleiner Umweg gewesen. Geschfte gemacht
und Geld verdient hatte er da und dort, er hatte auch in der Ferne
ein Weib genommen und verloren, sich wohl gefhlt und Leid erfahren,
allein zugehrig und daheim war er doch nur hier, und whrend er fr
einen Fremden galt und sogar als Auslnder betrachtet wurde, kam er
sich selber ganz zu Hause und gleichartig mit diesen Leuten, Gassen
und Husern vor. Es ging bei diesen Betrachtungen nicht ohne eine
kleine Wehmut ab; denn statt nun hier Haus und Arbeit, Familie und
Nachkommen zu haben, hatte er seine guten Jahre in der Ferne verbraucht
und weder eine neue Heimat erworben, noch sich in der alten befestigt
und angewurzelt. Doch lie er solche Gefhle nicht Meister werden,
hrte ihnen nur mit halber Billigung zu und war im ganzen doch der
Meinung, es sei nicht zu spt, da er heimkomme, und er habe noch ein
hinreichendes Stck Leben zugute, um noch einmal ein Gerbersauer zu
werden und haltbare Wurzeln am alten Ort zu schlagen.

Die Neuerungen in der Stadt gefielen ihm nicht bel. Er fand, es sei
auch hier Arbeit und Bedrfnis gewachsen, wenn auch mit Ma, und sowohl
die Gasanstalt wie das neue Volksschulhaus fand seine Billigung. Die
Bevlkerung schien ihm, der dafr in der Welt ein Auge bekommen hatte,
recht wohlerhalten, ob auch nicht mehr so ungemischt einheimisch wie
vor Zeiten, da die Enkel von Zugewanderten noch durchaus fr Fremde
gegolten hatten. Die ansehnlicheren Geschfte schienen alle noch in den
Hnden von ortsbrtigen Leuten zu sein, der Zuwachs aus Eindringlingen
war nur unter der Arbeiterschaft deutlich zu spren. Es mute also das
brgerliche Leben von einstmals noch wohlerhalten fortbestehen, und es
war zu hoffen, da ein Heimkommender auch nach langer Abwesenheit sich
bald zurechtfinden und wieder heimisch machen knne.

Kurz, dem einsam und beschftigungslos gewordenen Manne kam die
Heimat, die er sich nicht in den Zeiten der Fremde durch Heimweh und
Erinnerungslust unntz verklrt hatte, nun lieblich vor und atmete
einen friedvoll wohligen Zauber, dem der im Gefhlswesen Unverdorbene
und Ungebte nicht widerstand. Als er zeitig am Abend in das Gasthaus
zurckkehrte, war er in guter Stimmung und bereute nicht, diese Reise
getan zu haben. Er nahm sich vor, zunchst einige Zeit hier zu bleiben
und abzuwarten, und wenn dann die Befriedigung anhielte, sich am Ort
niederzulassen. Es liee sich dann, dachte er, selbstndig oder im
Anschlu an eine der Gerbersauer Fabriken mit der Zeit eine neue,
erfreuliche Ttigkeit beginnen. Denn er glaubte doch schon jetzt zu
spren, da ein beschauliches Rentenverzehren und Spazierengehen nicht
seine Sache sein werde.

Das Bewutsein, in der alten heimischen Stadt zu sein und doch von
keinem einzigen Menschen erkannt und begrt zu werden, tat ihm gar
nicht weh, wenn es auch wunderlich war, so wie in einer Maske zwischen
lauter Schulfreunden, Jugendgenossen und Verwandten einherzugehen. Er
geno es mit schlauer Freude und mit dem Hintergedanken, da er jetzt
immer noch ohne alles Aufheben wieder verschwinden knnte, wenn es
ihm einfiele. Dazu wute er genau, da das Begren und Anstaunen und
Ausfragen gar reichlich auf ihn warte; denn er kannte die hiesige Art
noch wohl genug, um sich das alles recht gut vorausdenken zu knnen. Er
hatte es damit nicht eilig, da ja nach einer so langen Zeit auch von
den ehemaligen Freunden mehr Neugierde und freundliche berraschung als
Freundschaft und Teilnahme zu erwarten war.

Das behaglich erwartungsvolle Inkognito des alten Weltfahrers nahm
denn auch bald sein Ende. Nach dem Abendessen brachte der Schwanenwirt
seinem Gaste das Logierbuch und ersuchte ihn hflich, die Rubriken
unter Nummer soundso auszufllen. Er tat es weniger, weil es unbedingt
notwendig war, als weil er selber es satt hatte, sich ber Herkunft
und Rang des Fremdlings den Kopf zu zerbrechen. Und der Gast nahm das
dicke Buch, las eine Weile die Namen vormaliger Gste durch, nahm dann
dem wartenden Wirte die eingetauchte Feder aus der Hand und schrieb
mit krftigen, deutlichen Buchstaben, alle Fchlein gewissenhaft
ausfllend. Der Wirt sagte Dank, streute Sand auf und entfernte sich
mit dem Folianten wie mit einer Beute, um vor der Tre sofort seine
Neugierde zu stillen. Er las: Schlotterbeck, August -- aus Ruland
-- auf Geschftsreisen. Und wenn er auch die Herkunft und Geschichte
des Mannes nicht kannte, so schien der Name Schlotterbeck doch auf
einen Gerbersauer hinzudeuten. In die Gaststube zurckkehrend, fing
der Wirt mit dem Fremden ein vorsichtiges und respektvolles Gesprch
an. Er begann mit dem Gedeihen und Wachstum der hiesigen Stadt, kam
auf Straenverbesserungen und neue Eisenbahnanschlsse zu sprechen,
berhrte die Stadtpolitik, uerte sich ber die letztjhrige
Dividende der Wollspinnerei-Aktiengesellschaft und schlo nach einem
Viertelstndchen mit der harmlosen Frage, ob der Herr nicht Verwandte
am Orte habe. Darauf antwortete Schlotterbeck gelassen, ja, er habe
Verwandte hier und gedenke etwa noch bei ihnen vorzusprechen, fragte
aber nach keinem und zeigte so wenig Neugier, da das Gesprch bald
versiegend dahinschwankte und in sich selbst versank, und der Wirt mit
Hflichkeit sich zurckziehen mute. Der Gast trank einen guten Wein
mit Ma und Genu, las unberhrt von den Gesprchen des Nachbartisches
eine Zeitung und suchte frh seine Schlafstube auf.

Inzwischen taten der Eintrag ins Fremdenbuch und die Unterhaltung
mit dem Schwanenwirt in aller Stille ihre Wirkung, und whrend
August Schlotterbeck ahnungslos und zufrieden in dem guten, auf
heimische Art geschichteten Wirtsbette den ersten Schlaf und Traum im
Vaterlande tat, machte sein Name und das Gercht von seiner Ankunft
manche Leute munter und gesprchig und einen sogar schlaflos. Dieser
war Augusts leiblicher Vetter und nchster Verwandter, der Kaufmann
Lukas Pfrommer an der Spitalgasse. Eigentlich war er Buchbinder und
hatte frher als Handwerksbursche ein paar Jahre lang in deutschen
Landen das Handwerk gegrt, alsdann in Gerbersau eine bescheidene
Werksttte erffnet und lange Zeit den Schulkindern ihre ruinierten
Fibeln wieder geflickt und der Frau Amtsrichter halbjhrlich die
Gartenlaube eingebunden, auch Schreibhefte hergestellt und Haussegen
eingerahmt, vom Untergang bedrohte Holzschnitte durch Hinterkleben
und Aufziehen der Welt erhalten und den Kanzleien graue und grne
Aktendeckel, Mappen und Kartonbnde geliefert. Dabei hatte er
unmerklich etwas erspart und hinter sich gebracht, jedenfalls keine
Sorgen gehabt. Alsdann hatten die Zeiten sich verndert, die kleinen
Handwerker hatten fast alle irgend ein Schaufenster und Ladengeschft
angefangen, die greren waren Fabrikanten geworden. Da hatte auch
Pfrommer die Vorderwand seines Husleins durchschlagen und ein
Schaufenster eingesetzt, sein Erspartes von der Bank genommen und
einen Papier- und Galanteriewarenladen erffnet, wo seine Frau den
Verkauf betrieb und Haushalt und Kinder drber zu kurz kommen lie,
indessen der Mann weiter in seiner Werkstatt schaffte. Doch war der
Laden jetzt die Hauptsache, wenigstens vor den Leuten, und wenn er
nicht mehr einbrachte, als das Handwerk, so kostete er doch mehr und
machte mehr Sorgen. So war Pfrommer Kaufmann geworden. Mit der Zeit
gewhnte er sich an diese geachtete und stattlichere Stellung, zeigte
sich in den Straen nimmer in der grnen Schrze, sondern stets im
guten Rock, lernte mit Kredit und Hypotheken arbeiten und konnte sich
zwar in Ehren halten, hatte die Ehre aber weit teurer als frher. Die
Vorrte an unverkuflich gewordenen Neujahrskarten, Bildchen, Albumen,
an abgelegenen Zigarren und im Schaufenster verbleichtem Trdelkram
wuchsen langsam, doch sicher und kamen ihm nicht selten im Traume vor.
Und seine Frau, eine geborene Pfisterer aus der oberen Vorstadt, die
frher ein lustiges und erfreuliches Weibchen gewesen war, verwandelte
sich durch das Empfehlen und Schntun im Laden sowie spter durch die
Sorgen und Rechenknste allmhlich in eine unruhige Sorgerin, der das
sehaft gewordene se Ladenlcheln gar nimmer in das altgewordene
Gesicht pate. Es war keine Not im Hause, und Herr Pfrommer galt in
seiner Heimat fr einen ansehnlichen Vertreter des guten Brgerstandes,
aber ihm selber war es in den bescheidenen Handwerkszeiten, in die er
doch jetzt nimmer zurckgekehrt wre, bedeutend wohler gewesen und
besser gegangen als in der neuen Pracht.

Dieser Mann, Schlotterbecks Vetter, hatte gestern Abend gegen neun Uhr,
als er mit der Zeitung bei der Lampe sa, zu seiner groen berraschung
einen Besuch des Schwanenwirtes erhalten. Er hatte ihn erstaunt
empfangen, jener aber hatte nicht Platz nehmen wollen, sondern erklrt,
er msse sofort zu seinen Gsten zurck, unter denen er brigens den
Herrn Pfrommer in letzter Zeit leider nur selten habe sehen drfen.
Aber er sei der Meinung, unter Mitbrgern und Nachbarn sei ein kleiner
Liebesdienst selbstverstndlich und Ehrensache, darum wolle er ihm in
allem Vertrauen mitteilen, da bei ihm seit heute ein fremder Herr
logiere, mit wohlhabenden Manieren, der sich Schlotterbeck schreibe
und aus Ruland zu kommen vorgebe. Da war Lukas Pfrommer aufgesprungen
und hatte wie bei einem Hausbrand der Frau gerufen, die schon im Bette
war, nach Stiefeln, Stock und Sonntagshut gekeucht und sich sogar in
aller Eile noch die Hnde gewaschen, um dann im Laufschritt hinter dem
Wirte her in den Schwanen zu eilen. Dort hatte er aber den russischen
Vetter nicht mehr im Gastzimmer angetroffen, und ihn in der Schlafstube
aufzusuchen wagte er doch nicht, denn er mute sich sagen, wenn der
Vetter extra seinetwegen die groe Reise getan htte, so htte er
ihn wohl schon bei sich gesehen. So trank er denn erregt und halb
enttuscht einen halben Liter Heilbronner zu sechzig, um dem Wirte
eine Ehre anzutun, lauschte auf die Unterhaltung einiger Stammgste
und htete sich, etwas von dem eigentlichen Zwecke seines Hierseins zu
verraten.

Am Morgen war Schlotterbeck kaum in den Kleidern und zum Kaffee
heruntergekommen, als ein lterer Mann von kleinem Wuchs, der offenbar
schon eine gute Weile bei seinem Glschen Kirschengeist gewartet hatte,
sich seinem Tische in Befangenheit nherte und ihn mit einem recht
schchternen Kompliment begrte. Schlotterbeck sagte guten Morgen und
fuhr fort, sein Butterbrot mit herrlichem Honig zu bestreichen; der
Besucher aber blieb stehen, sah ein wenig zu und rusperte sich wie
ein Redner, ohne doch etwas Deutsches herauszubringen. Erst als ihn
der Fremde fragend anblickte, entschlo er sich, mit einem zweiten
Kompliment an den Tisch heranzutreten und mit seinen Erffnungen zu
beginnen.

Mein Name ist Lukas Pfrommer, sagte er und schaute den Rulnder
erwartungsvoll an.

So, sagte dieser, ohne sich aufzuregen. Sind Sie Buchbinder, wenn
ich fragen darf?

Ja, Kaufmann und Buchbinder, an der Spitalgasse. Sind Sie -- --

Schlotterbeck sah ein, da er jetzt preisgegeben sei, und suchte nicht
lnger hinterm Berg zu halten.

Dann bist du mein Vetter, sagte er einfach. Hast du schon
gefrhstckt?

Also doch! rief Pfrommer triumphierend. Ich htte dich kaum mehr
gekannt.

Er streckte mit pltzlicher Freudigkeit dem Vetter die Hand
entgegen und konnte erst nach manchen Gebrden und Armbewegungen der
Ergriffenheit am Tische Platz nehmen.

Ja du lieber Gott, rief er bewegt, wer htt' es gedacht, da
wir dich einmal wiedersehen wrden. Aus Ruland! Ist es eine
Geschftsreise?

Ja, nimmst du eine Zigarre? Was hat dich eigentlich hergefhrt?

Ach, den Buchbinder hatte vieles hergefhrt, wovon er jedoch vorerst
schwieg. Er habe ein Gercht gehrt, der Vetter sei wieder im Land,
und da habe er keine Ruhe mehr gehabt. Gott sei Dank, nun habe er ihn
gesehen und begrt; es htte ihm sein Leben lang leid getan, wenn ihm
jemand zuvorgekommen wre. Der Vetter sei doch wohl? Und was denn die
liebe Familie mache?

Danke. Meine Frau ist vor vier Jahren gestorben.

Entsetzt fuhr Pfrommer zurck. Nein, ist's mglich? rief er mit
tiefem Schmerz. Und wir haben gar nichts gewut und haben nicht einmal
kondolieren knnen! Meine herzliche Teilnahme, Vetter!

La nur, es ist ja schon lang her. Und wie geht's bei dir? Du bist
Kaufmann geworden?

Ein bichen. Man sucht sich eben ber Wasser zu halten und womglich
was fr die Kinder auf die Seite zu tun. Ich fhre auch recht gute
Zigarren. -- Und du? Was macht die Fabrik?

Die hab' ich aufgegeben.

Im Ernst? Ja warum denn?

Die Geschfte sind nimmer gegangen. Wir haben Hungersnot und Aufstnde
gehabt.

Ja, das Ruland! Ich hab' mich immer ein bichen gewundert, da
du gerade in Ruland ein Geschft angefangen hast. Schon dieser
Despotismus, und dann die Nihilisten, und die Beamtenwirtschaft
mu ja arg sein. Ich habe mich immer ein bichen auf dem Laufenden
gehalten, du begreifst, wenn ich doch einen Verwandten dort wute. Der
Pobjedonoszeff -- --

Ja, der lebt auch noch. Aber verzeih', von Politik verstehst du sicher
mehr als ich.

Ich? Ich bin gar kein Politiker. Man liest ja so ein bichen im Blatt,
aber -- -- Nun, und was machst du denn jetzt fr Geschfte? Hast du
viel verloren?

Ja, tchtig.

Das sagt er so ruhig! Mein Beileid, Vetter! Wir haben hier ja keine
Ahnung gehabt.

Schlotterbeck lchelte ein wenig.

Ja, sagte er nachdenklich, ich dachte damals in der schlimmsten Zeit
daran, mich vielleicht an euch hier zu wenden. Nun, es ist schlielich
auch so gegangen. Es wre auch dumm gewesen. Wer wird einem so
entfernten Verwandten, den man kaum mehr kennt, noch Geld in die Pleite
nachwerfen.

Ja du mein Gott, -- Pleite, sagst du?

Nun ja, es htte so kommen knnen. Wie gesagt, ich fand dann
anderwrts Hilfe ...

Das war wirklich nicht recht von dir! Sieh, wir sind ja arme Teufel
und brauchen unser bichen ntig genug; aber da wir dich gerade htten
stecken lassen, nein, es ist nicht recht von dir, da du das hast
meinen knnen.

Na, trste dich, es ist ja besser so. Wie geht's denn deiner Frau?

Danke, gut. Ich Esel, fast htte ich's in der Freude vergessen, ich
soll dich ja zum Mittagessen einladen. Du kommst doch?

Gut. Danke schn. Ich hab' unterwegs eine Kleinigkeit fr die
Kinder eingekauft, das knntest du gerade mit nehmen und deine Frau
einstweilen von mir gren.

Damit wurde er ihn los. Der Buchbinder zog erfreut mit einem Paketchen
nach Hause, und da der Inhalt sich als recht nobel erwies, nahm seine
Meinung von des Vetters Geschften wieder einen Aufschwung. Dieser war
indessen froh, den gesprchigen Mann fr eine Weile vom Hals zu haben,
und begab sich aufs Rathaus, um seinen Pa vorzulegen und sich zu einem
hiesigen Aufenthalt fr unbestimmte Zeit anzumelden.

Es htte dieser Anmeldung nicht bedurft, um Schlotterbecks Heimkehr
in der Stadt bekannt zu machen. Dies geschah ohne sein Bemhen durch
eine geheimnisvolle drahtlose Telegraphie, so da er jetzt auf Schritt
und Tritt angerufen, begrt oder zumindest angeschaut und durch
Lftung der Hte bewillkommnet wurde. Man wute schon gar viel von
ihm, namentlich aber nahm sein Barvermgen in der Leute Mund schnell
einen frstlichen Umfang an. Einige verwechselten beim Weiterberichten
in der Eile Chicago mit San Franzisko und Ruland mit der Trkei, nur
das mit unbekannten Geschften erworbene Vermgen blieb ein fester
Glaubenssatz, und in den nchsten Tagen wimmelte es in Gerbersau von
Lesarten, die zwischen einer halben und zehn Millionen und zwischen
den Erwerbsarten vom Kriegslieferanten bis zum Sklavenhndler je nach
Temperament und Phantasie der Erzhler auf und nieder spielten. Man
erinnerte sich des lngstverstorbenen alten Weigerbers Schlotterbeck
und der Jugendgeschichte seines Sohnes, es fanden sich solche, die
ihn als Lehrling und als Schulbuben und als Konfirmanden noch im
Gedchtnis hatten, und eine verstorbene Fabrikantenfrau wurde zu seiner
unglcklichen Jugendliebe ernannt.

Er selber bekam, da es ihn nicht interessierte, wenig von diesen
Historien zu hren. An jenem Tage, da er bei seinem Vetter zu Tisch
geladen war, hatte ihn vor dessen Frau und Kindern ein unberwindliches
Grauen erfat, so bel maskiert war ihm die Spekulation auf den
Erbvetter entgegengetreten. Er hatte um des Friedens willen dem
Verwandten, der viel zu klagen gewut hatte, ein miges Darlehn
gewhrt, zugleich aber war er sehr khl und wortkarg geworden und hatte
sich fr weitere Einladungen einstweilen im voraus freundlich bedankt.
Die Frau war enttuscht und gekrnkt, doch ward im Hause Pfrommer von
dem Vetter vor Zeugen nur ehrerbietig geredet.

Dieser blieb noch ein paar Tage im Schwanen wohnen. Dann fand er ein
Quartier, das ihm zusagte. Es war oberhalb der Stadt gegen die Wlder
hin eine neue Strae entstanden, vorerst nur fr den Bedarf einiger
Steinbrche, die weiter oben lagen. Doch hatte ein Baumeister, der
in dieser etwas beschwerlich zu erreichenden, doch wunderschnen
Lage knftige Geschfte witterte, auf dem noch fr wenige Kreuzer
kuflichen Boden am Beginn des neuen Weges einstweilen drei hbsche
kleine Huschen gebaut, wei verputzt mit braunem Geblk. Man schaute
von hier aus hoch auf die Altstadt hinab und konnte sehen und hren,
was da unten getrieben wurde, weiterhin sah man talabwrts den Flu
durch die Wiesen laufen und gegenber die roten Felsenhhen hngen,
und rckwrts hatte man in nchster Nhe den Tannenwald. Von den drei
hbschen Spekulantenhuslein stand eines fertig, doch leer, eines
hatte schon vor drei Jahren ein pensionierter Gerichtsvollzieher
gekauft, und das dritte war noch im Bau. Da dieser aber der Vollendung
entgegenrckte und nur noch wenige Handwerker darin zu tun hatten,
ging es hier oben recht still und friedevoll zu. Denn auch der
Gerichtsvollzieher, brigens ein friedfertiger und geduldiger Mann, war
schon nicht mehr da. Er hatte das unttige Leben nicht ertragen und
war einem alten Leiden, das er bis dahin manche Jahrzehnte lang mit
Arbeit und Humor berwunden hatte, nach kurzer Zeit erlegen. In dem
Huschen sa nun ganz allein mit einer ltlichen Schwgerin die Witwe
des Gerichtsvollziehers, ein recht frisches und sauberes Frauchen, von
welcher noch zu reden sein wird.

In dem mittleren Hause, das je hundert Schritt von dem Witwensitz
und dem Neubau entfernt lag, richtete nun Schlotterbeck sich ein. Er
mietete den unteren Stock, der drei Zimmer und eine Kche enthielt,
und da er keine Lust hatte, seine Mahlzeiten hier oben in vlliger
Einsamkeit einzunehmen, kaufte und mietete er nur Bett, Tische, Sthle,
Kanapee, lie die Kche leer und dingte zur tglichen Aufwartung eine
Frau, die zweimal des Tages kam. Den Kaffee kochte er sich am Morgen,
wie frher in langen Junggesellenjahren, selber auf Weingeist, mittags
und abends a er in der Stadt. Die kleine Einrichtung gab ihm eine
Weile angenehm zu tun, auch trafen nun seine Koffer aus Ruland ein,
deren Inhalt die leeren Wandschrnke fllte. Tglich erhielt und las
er einige Zeitungen, darunter zwei auslndische, auch ein lebhafter
Briefwechsel kam in Gang und dazwischen machte er da und dort in der
Stadt seine Besuche, teils bei Verwandten und alten Bekannten, teils
bei den Geschftsleuten, namentlich in den Fabriken. Denn er suchte
ohne Hast, doch aufmerksam nach einer bequemen und vorteilhaften
Gelegenheit, sich mit Geld und Arbeit an einem gewerblichen Unternehmen
zu beteiligen. Dabei trat er allmhlich auch zu der brgerlichen
Gesellschaft seiner Vaterstadt wieder in einige Beziehung. Er wurde
da und dort eingeladen, auch zu den geselligen Vereinen und an die
Stammtische der Honoratioren. Freundlich und mit den Manieren eines
gereisten Mannes von Vermgen nahm er da und dort teil, ohne sich fest
zu verpflichten, aber auch ohne zu wissen, wie viel Kritik hinter
seinem Rcken an ihm gebt wurde.

August Schlotterbeck war trotz seines offenen Blickes in einer
Tuschung ber sich selbst befangen. Er meinte zwar ein klein wenig
ber seinen Landsleuten zu stehen, lebte aber doch in dem Gefhl,
ein Gerbersauer zu sein und in allem Wesentlichen recht wieder an
den alten Ort zu passen. Und das stimmte nun nicht so ganz. Er wute
nicht, wie sehr er in der Sprache und Lebensweise, in Gedanken und
Gewohnheiten von seinen Mitbrgern abstach. Diese empfanden das desto
besser, und wenn auch Schlotterbecks guter Ruf im Schatten seines
Geldbeutels eine schne Sicherheit geno, wurde doch im einzelnen gar
viel ber ihn gesprochen, was er nicht gern gehrt htte. Manches,
was er ahnungslos in alter Gewohnheit tat, erregte hier Kritik und
Mifallen, man fand seine Sprache zu frei, seine Ausdrcke zu fremd,
seine Anschauungen amerikanisch und sein ungezwungenes Benehmen mit
jedermann anspruchsvoll und unfein. Er sprach mit seiner Aufwrterin
wenig anders als mit dem Stadtschultheien, er lie sich zu Tisch
laden, ohne innerhalb sieben Tagen eine Verdauungsvisite abzustatten,
er machte zwar im Mnnerkreis kein Zotenflstern mit, sagte aber Dinge,
die ihm natrlich und von Gott gewollt schienen, auch in Familien in
Gegenwart der Damen harmlos heraus. Namentlich in den Beamtenkreisen,
die in der Stadt wie billig zuoberst standen und den feinen Ton
angaben, in der Sphre zwischen Oberamtmann und Oberpostmeister, machte
er keine Eroberungen. Diese kleine, ngstlich geschonte und behtete
Welt amtlicher Machthaber und ihrer Frauen, voll von gegenseitiger
Hochachtung und Rcksicht, wo jeder des anderen Verhltnisse bis auf
den letzten Faden kennt und jeder in einem Glashause sitzt, hatte
an dem heimgekehrten Weltfahrer keine Freude, um so mehr da sie von
seinem sagenhaften Reichtum doch keinen Vorteil zu ziehen hoffen
konnte. Und in Amerika hatte Schlotterbeck sich angewhnt, Beamte
einfach fr Angestellte zu halten, die wie andere Leute fr Geld ihre
Arbeit tun, whrend er sie in Ruland als eine schlimme, gefrchtete
Kaste kennen gelernt hatte, bei der nur Geld etwas vermochte. Da
war es schwer fr ihn, dem niemand Anweisungen gab, die Heiligkeit
der Titel und die ganze zarte Wrde dieses Kreises richtig zu
begreifen, am rechten Ort Ehrfurcht zu zeigen, Obersekretre nicht mit
Untersekretren zu verwechseln und im geselligen Verkehr berall den
rechten Ton zu treffen. Als Fremder kannte er auch die verwickelten
Familiengeschichten nicht und es konnte gelegentlich ohne seine
Schuld passieren, da er im Hause des Gehenkten vom Strick redete.
Da sammelten sich denn unter der Decke unverwstlicher Hflichkeit
und verbindlichsten Lchelns die kleinen Posten seiner Verfehlungen
zu suberlich gebuchten und kontrollierten Smmchen an, von denen er
keine Ahnung hatte, und wer konnte, sah mit Schadenfreude zu. Auch
andere Harmlosigkeiten, die Schlotterbeck mit dem besten Gewissen
beging, wurden ihm belgenommen. Er konnte jemand, dessen Stiefel ihm
gefielen, ohne lange Einleitungen nach ihrem Preise fragen. Und eine
Advokatenfrau, die zu ihrem Kummer unbekannte Snden der Vorfahren
dadurch ben mute, da ihr von Geburt an der linke Zeigefinger
fehlte, und dies unverschuldete Gebrechen mit Kunst und Eifer zu
verbergen suchte, wurde von ihm mit aufrichtigem Mitleid gefragt,
wann und wo sie denn ihres Fingers verlustig geworden sei. Der Mann,
der Jahrzehnte in mancherlei Lndern sich seiner Haut gewehrt und
seine Geschfte getrieben hatte, konnte nicht wissen, da man einen
Amtsrichter nicht fragen darf, was seine Hosen kosten. Er hatte wohl
gelernt, im Gesprch mit jedermann hflich und vorsichtig zu sein,
er wute, da manche Vlker kein Schweinefleisch oder keine Taube
verzehren, da man zwischen Russen, Armeniern und Trken es vermeidet,
sich zu einer allein wahren Religion zu bekennen; aber da mitten in
Europa es groe Gesellschaftskreise und Stnde gab, in welchen es fr
roh gilt, von Leben und Tod, Essen und Trinken, Geld und Gesundheit
freiweg zu reden, das war diesem entarteten Gerbersauer unbekannt
geblieben. Da man Gift streuen und Fallen legen nach Belieben, aber
von niemand geradezu sagen darf, man knne ihn nicht ausstehen, das
war nebst mancher andern goldenen Regel ihm weder in Amerika noch in
Ruland beigebracht worden.

Auch konnte es ihm im Grunde einerlei sein, ob man mit ihm zufrieden
sei, da er wenig Ansprche an die Menschen machte, viel weniger als
sie an ihn. Er ward zu allerlei guten Zwecken um Beitrge angegangen
und gab sie jeweils nach seinem Ermessen. Man dankte dafr hflichst
und kam bald mit neuen Anliegen wieder, doch war man auch hier nur
halb zufrieden und hatte Gold und Banknoten erwartet, wo er Silber und
Nickel gab. Zum Glck erfuhr er von diesen Verurteilungen nichts und
lebte eine gute Zeit im frhlichen Glauben dahin, ein einwandfreier
Brger und wohlgelittener, wenn nicht gar beliebter Mann zu sein.

Bei jedem Gange in die Stadt hinab, also tglich mehrere Male, kam
Herr Schlotterbeck an dem netten kleinen Hause der Frau Entri vorbei,
der Witwe des Gerichtsvollziehers, die hier in Gesellschaft einer
schweigsamen und etwas blden Schwgerin ein sehr stilles Leben fhrte.

Diese noch wohlerhaltene und dem Leben nicht abgestorbene Witwe htte
im Genu ihrer Freiheit und eines kleinen Vermgens ganz angenehme und
unterhaltsame Tage haben knnen. Es hinderte sie daran aber sowohl
ihr eigener Charakter wie auch der Ruf, den sie sich im Lauf ihrer
Gerbersauer Jahre erworben hatte. Sie stammte aus dem Badischen,
und man hatte sie einst, schon aus Rcksicht fr ihren in der Stadt
wohlbeliebten Mann, freundlich und erwartungsvoll aufgenommen. Doch
hatte mit der Zeit sich ein abflliger Leumund ber sie gebildet,
dessen eigentliche Wurzel ihre bertriebene Sparsamkeit war. Daraus
machte das Gerede einen giftigen Geiz, und da man einmal kein Gefallen
an der Frau gefunden hatte, hngte sich beim Plaudern eins ans andere
und sie wurde nicht nur als ein Geizkragen und eine Pfennigklauberin,
sondern auch als Hausdrache verrufen. Der Gerichtsvollzieher selber
war nun nicht der Mann, der ber die eigene Frau schlecht gesprochen
htte, aber immerhin blieb es nicht verborgen, da der heitere und
gesellige Mann seine Freude und Erholung weniger daheim bei der Frau
als im Rle oder Schwanen bei abendlichen Biersitzungen suchte. Nicht
da er ein Trinker geworden wre, Trinker gab es in Gerbersau unter
der angesehenen Brgerschaft berhaupt nicht. Aber doch gewhnte er
sich daran, einen Teil seiner Muezeit im Wirtshaus hinzubringen und
auch tagsber zwischenein gelegentlich einen Schoppen zu nehmen.
Trotz seiner schlechten Gesundheit setzte er dieses Leben so lange
fort, bis ihm vom Arzt und auch von der Behrde nahegelegt ward, sein
anstrengendes Amt aufzugeben und im Ruhestand seiner bedrftigen
Gesundheit zu leben. Doch war es nach seiner Pensionierung eher
schlimmer gegangen, und jetzt war alles darber einig, da die Frau
ihm das Haus verleidet und von Anfang an den Untergang des braven
Mannes verschuldet habe. Als er dann starb, ergo sich der allgemeine
Unwille ber die Witwe. Sie blieb allein mit der Schwgerin sitzen und
fand weder Frauentrost noch mnnliche Beschtzer, obwohl auer dem
schuldenfreien Haus auch noch einiges Vermgen vorhanden war.

Die unbeliebte Witwe schien jedoch unter der Einsamkeit nicht
unertrglich zu leiden. Sie hielt Haus und Hausrat, Bankbchlein
und Garten in bester Ordnung und hatte damit genug zu tun, denn die
Schwgerin litt an einer leisen Verdunkelung des Verstandes und tat
nichts anderes als zuschauen und sich die stillen Tage mit Murmeln,
Reiben der Nase und hufigerem Betrachten eines alten Bilderalbums
vertreiben. Die Gerbersauer, damit das Gerede ber die Frau auch nach
des Mannes Tode nicht aufhre, hatten sich ausgedacht, sie halte das
arme Wesen zu kurz, ja in furchtbarer Gefangenschaft. Es hie, die
Gemtskranke leide Hunger, werde zu schwerer Arbeit angehalten, schlafe
in einem nie gereinigten und gelfteten Verschlag, Hitze und Klte
ausgesetzt, und werde das alles sicherlich nimmer lange aushalten, was
ja auch im Interesse der Entri liege und ihre Absicht sei. Da diese
Gerchte immer offener hervortraten, mute schlielich von Amts wegen
etwas getan werden, und eines Tages erschien im Haus der erstaunten
Frau der Stadtschulthei mit dem Oberamtsarzt, sagte ernstlich mahnende
Worte ber die Verantwortung, verlangte zu sehen, wie die Kranke wohne
und schlafe, was sie arbeite und esse, und schlo mit der Drohung, wenn
nicht alles einwandfrei befunden werde, msse die Gestrte in einem
staatlichen Krankenhause versorgt werden, natrlich auf Kosten der
Frau Entri. Diese verhielt sich khl und gab zur Antwort, man mge
nur alles untersuchen. Ihre Schwgerin sei harmlos und ungefhrlich,
wenn in der Stadt der Bldsinn berhand nehme, msse er aus einer
andern Quelle kommen, und wenn man die Kranke anderwrts versorgen
wolle, knne es ihr nur lieb sein, es msse das aber auf Kosten der
Stadt geschehen und sie zweifle, ob das arme Geschpf es dann besser
haben werde als bei ihr. Die Untersuchung ergab, da die Kranke
keinerlei Mangel litt, anstndig und reinlich gekleidet war und bei der
wohlwollenden Frage, ob sie etwa gern anderswo leben mchte, wo sie
es sehr gut haben werde, furchtbar erschrak und flehentlich sich an
ihrer Schwgerin festhielt. Der Arzt fand sie durchaus wohlgenhrt und
ohne alle Spuren harter Arbeit, und er ging samt dem Stadtschulthei
verlegen wieder fort.

Was nun den Geiz der Frau Entri betrifft, so kann man darber
verschieden urteilen. Es ist gar leicht, Charakter und Lebensfhrung
einer schutzlosen Frau zu tadeln. Da sie sparsam war, steht fest.
Sie hatte nicht nur vor dem Gelde, sondern vor jeder Habe und jedem
noch so kleinen Werte eine tiefe Hochachtung, so da es ihr bitter
schwer fiel, etwas auszugeben, und unmglich war, etwas wegzuwerfen
oder umkommen zu lassen. Von dem Gelde, das ihr Mann seinerzeit in die
Wirtshuser getragen hatte, tat ihr ein jeder Kreuzer heute noch leid
wie ein unshnbares Unrecht, und es mag wohl sein, da darber die
Eintracht ihrer Ehe entzweigegangen war. Desto eifriger hatte sie, was
der Mann so leichtsinnig vertat, durch genaue Rechnung im Hause und
durch fleiige Arbeit einigermaen einzubringen gesucht. Und nun, da er
gestorben und damit das schreckliche Loch im Beutel geschlossen war,
da kein Taler und kein Pfennig mehr unntz aus dem Hause ging und ein
Teil der Zinsen jhrlich zum Kapital geschlagen werden konnte, erlebte
die gute Haushalterin ein sptes, ruhiges Glck, ja Behagen. Nicht da
sie sich irgendetwas ber das Notwendige gegnnt htte, sie sparte eher
mehr als frher, aber das Bewutsein, da es Frchte trug und sich
langsam summierte, verlieh ihrem Wesen eine stille Zufriedenheit, die
sie nimmer aufs Spiel zu setzen entschlossen war.

Eine ganz besondere Freude und Genugtuung empfand Frau Entri, wenn
sie irgend etwas Wertloses zu Wert bringen, etwas finden oder erobern
konnte, etwas Weggeworfenes doch noch brauchen und etwas Verachtetes
verwerten. Diese Leidenschaft war keineswegs nur auf den baren Nutzen
gerichtet, sondern hier verlie ihr Denken und Begehren den engen Kreis
des Notwendigen und erhob sich in das Gebiet des sthetischen. Die
Frau Gerichtsvollzieher war dem Schnen und dem Luxus nicht abgeneigt,
sie mochte es auch gerne hbsch und wohlig haben, nur durfte das
niemals einen Pfennig bares Geld kosten. So war ihre Kleidung uerst
bescheiden, aber sauber und nett, und seit sie mit dem Huslein auch
ein kleines Stck Boden besa, hatte ihr Bedrfnis nach Schnem und
Erfreulichem ein lohnendes Ziel gefunden. Sie wurde eine eifrige
Grtnerin.

Wenn August Schlotterbeck am Zaun seiner Nachbarin vorberschritt,
schaute er jedesmal mit Freude und einem leisen Neid in die kleine
bescheidene Gartenpracht der stillen Witwe. Nett bestellte Gemsebeete
waren appetitlich von Rabatten mit Schnittlauch und Erdbeeren, aber
auch mit Blumen eingefat, und Rosen, Levkojen, Goldlack und Reseden
schienen ein anspruchsloses, in sich begngsames Glck zu verknden.

Es war nicht leicht gewesen, auf dem steilen Gelnde und in dem
hoffnungslos unfruchtbaren Sandboden einen solchen Wuchs zu erzielen.
Hier hatte Frau Entriens Leidenschaft Wunder getan, und tat sie
noch immer. Sie brachte mit eigenen Hnden aus dem Walde schwarze
Erde und Laub herbei, sie ging des Abends auf den Spuren der
schweren Steinbruchwagen und sammelte mit zierlichem Schufelein den
goldeswerten Dung, den die Pferde und ihre Herren achtlos liegen
lieen. Hinterm Hause tat sie jeden Abfall und jede Kartoffelschale
sorgsam auf den Haufen, der im nchsten Frhling durch seine Verwesung
das arme leichte Land schwerer und reicher machen mute. Sie brachte
aus dem Walde auch wilde Rosen und Setzlinge von Maiblumen und
Schneeglckchen mit, und den Winter hindurch zog sie im Zimmer und
Keller ihre Ableger mit aller Sorgfalt auf. Ein wenig ahnungsvolles
Begehren nach Schnheit, das in jedem Menschengemt verborgen duftet,
eine Freude am Ntzen des Brachliegenden und Verwenden des umsonst
zu Habenden, und vielleicht unbewut auch ein still glimmender Rest
unbefriedigter Weiblichkeit machten sie zu einer vortrefflichen
Gartenmutter.

Ohne von der Nachbarin etwas zu wissen, tat Herr Schlotterbeck tglich
mehrmals anerkennende Blicke in die von jedem Unkraut reinen Beete und
Wegchen, labte seine Augen an dem frohen Grn der Gemse, dem zarten
Rosenrot und den luftigen Farben der Winden, und wenn ein leichter
Wind ging und ihm beim Weitergehen eine Handvoll sen Gartenduftes
nachwehte, freute er sich dieser lieblichen Nachbarschaft mit einer
zunehmenden Dankbarkeit. Denn es gab immerhin Stunden, in denen er
ahnte, da der Heimatboden ihm das Wurzelfassen nicht eben leicht
mache, und sich einigermaen vereinsamt und betrogen vorkam.

Als er sich gelegentlich bei Bekannten nach der Gartenbesitzerin
erkundigte, bekam er die Geschichte des seligen Gerichtsvollziehers
und viel arge Urteile ber seine Witwe zu hren, so da er nun eine
Zeitlang das friedevolle Haus im Garten mit einem traurigen Erstaunen
darber betrachtete, da diese anmutende Lieblichkeit der Wohnsitz
einer so verworfenen Seele sein msse.

Da begab es sich, da er sie eines Morgens zum erstenmal hinter ihrem
niederen Zaune sah und anredete. Bisher war sie stets, wenn sie ihn
von weitem daherkommen sah, still ins Haus entwichen. Diesmal hatte
sie ihn, ber ein Beet gebckt, im Arbeitseifer nicht kommen hren,
und nun stand er am Zaune, hielt hflich den Hut in der Hand und
sagte freundlich guten Morgen. Sie gab, halb wider ihren Willen, den
Gru zurck, und er hatte es nicht eilig, sondern fragte sie: Schon
fleiig, Frau Nachbarin?

Ein bichen, sagte sie, und er fuhr ermuntert fort: Was Sie fr
einen schnen Garten haben!

Sie gab darauf keine Antwort, und er schaute sie, die schon wieder
an ihren Grslein zupfte, verwundert an. Er hatte sie sich, jenem
Gerede nach, mehr furienmig vorgestellt, und nun war sie zu seinem
angenehmen Erstaunen recht ordentlich und gefllig von Gestalt,
das Gesicht ein wenig streng und ungesellig, aber frisch und ohne
Hinterhalt, und so im ganzen eine gar nicht unerquickliche Erscheinung.

Ja, dann will ich weitergehen, sagte er freundlich. Adieu, Frau
Nachbarin.

Sie blickte auf und nickte, wie er den Hut schwang, sah ihm drei, vier
Schritte weit nach und fuhr darauf gleichmtig in ihrer Arbeit fort,
ohne sich ber den Nachbar Gedanken zu machen. Dieser aber dachte noch
eine Weile an sie. Es war ihm wunderlich, da diese Person ein solches
Greuel sein solle, und er nahm sich vor, sie ein wenig zu beobachten.
Das tat er denn auch, und als ein weltkundiger Mann sah er bald aus
vielen kleinen Zgen ein Bild zusammen, das keinem Engel gleichsah,
aber auch nicht zu dem Teufel pate, den die Leute aus ihr machen
wollten. Er nahm wahr, wie sie ihre paar Einkufe in der Stadt still
und rasch ohne langes Herumschweifen und Reden besorgte, er sah sie
den Garten pflegen und ihre Wsche sonnen, stellte fest, da sie keine
Besuche empfing, und belauschte das kleine, einsame Leben der fleiigen
Frau mit Hochachtung und Rhrung. Auch ihre etwas scheuen, abendlichen
Gnge nach den Ropfeln, um die sie sehr verschrien war, blieben ihm
nicht verborgen. Doch fiel es ihm nicht ein, darber zu spotten, wenn
er auch darber lcheln mute. Er fand sie ein wenig scheu geworden,
aber ehrenwert und tapfer, und er dachte sich, es sei schade, da
soviel Sorge und Achtsamkeit an so kleine Zwecke gewendet werde. Zum
erstenmal begann er jetzt, durch diesen Fall stutzig geworden, dem
Urteil der Gerbersauer zu mitrauen und manches faul zu finden, was er
bisher glubig hingenommen hatte.

Inzwischen traf er die Frau Nachbarin je und je wieder und wechselte
ein paar Worte mit ihr. Er redete sie jetzt mit ihrem Namen an, und
auch sie wute ja, wer er sei, und sagte Herr Schlotterbeck zu ihm.
Er wartete gern mit dem Ausgehen, bis er sie im Freien sah, und ging
dann nicht vorber, ohne ein kleines Gesprch ber Witterung und
Gartenaussichten anzuknpfen und sich an ihren einfachen, ehrlichen und
recht gescheiten Antworten zu freuen.

Einst brachte er einen seiner Bekannten abends im Adler auf die Frau zu
sprechen. Er erzhlte, wie der saubere Garten ihm aufgefallen sei, wie
er die Frau in ihrem stillen Leben beobachtet habe und nicht begreifen
knne, da sie in so blem Ruf stehe. Der Mann hrte ihm hflich zu,
dann meinte er: Sehen Sie, Sie haben ihren Mann nicht gekannt. Ein
Prachtskerl, wissen Sie, immer witzig, ein lieber Kamerad, und so gut
wie ein Kind! Und den hat sie einfach auf dem Gewissen.

An was ist er denn gestorben?

An einem Nierenleiden. Aber das hat er schon jahrelang gehabt und ist
fidel dabei gewesen. Dann nach seiner Pensionierung, statt da ihm die
Frau es jetzt nett und freundlich daheim gemacht htte, ist er ganz
hausscheu geworden. Manchmal ist er schon zum Mittagessen ausgegangen,
weil sie ihm zu schlecht gekocht hat! Ein bichen leichtsinnig mag er
ja von Natur gewesen sein, aber da er am Ende gar zuviel geschppelt
hat, daran ist allein sie schuld gewesen. Sie ist ein Ripp, wissen Sie.
Da hat sie zum Beispiel eine Schwgerin im Haus, ein armes krankes
Ding, das seit Jahren tiefsinnig ist. Die hat sie wahrhaftig so
behandelt und hungern lassen, da die Behrde sich darum bekmmern und
sie kontrollieren mute.

Auf so bsen Bericht war Schlotterbeck doch nicht gefat gewesen.
Er traute dem Erzhler nicht recht, aber die Sache ward ihm berall
besttigt, wo er darum anklopfte. Es schien ihm wunderlich und wollte
ihm leid tun, da er sich in der Frau so hatte tuschen knnen. Aber
so oft er sie wiedersah und einen Gru mit ihr wechselte, schwand
aller Groll und Verdacht wieder dahin. Er entschlo sich und ging
zum Stadtschulthei, um etwas Sicheres zu erfahren. Er wurde mit
Freundlichkeit aufgenommen; als er jedoch seine Frage vorbrachte,
wie es denn mit der Frau Entri und ihrer Schwgerin stehe, ob sie
wirklich im Verdacht der Mihandlung und unter Kontrolle sei, da
meinte der Stadtschulthei abweisend: Es ist ja nett, da Sie sich
fr Ihre Nachbarin so interessieren, aber ich glaube doch, da diese
Sachen Sie eigentlich wenig angehen. Ich denke, Sie knnen es uns ruhig
berlassen, da wir zum Rechten sehen. Oder haben Sie eine Beschwerde
vorzubringen?

Da wurde Schlotterbeck eiskalt und schneidig, wie er es in Amerika
manchmal hatte sein mssen. Er ging leise und machte die Tre zu,
setzte sich dann wieder und sagte: Herr Stadtschulthei, Sie wissen,
wie ber die Frau Entri geredet wird, und da Sie selber bei ihr
waren, mssen Sie auch wissen, was wahr daran ist. Ich brauche ja keine
Antwort mehr, es ist alles verlogen und bswilliger Klatsch. Oder
nicht? -- Also. Warum dulden Sie das?

Der Herr war anfangs erschrocken, hatte sich aber schnell wieder
gefat. Er zuckte die Achseln und sagte: Lieber Herr, ich habe
wirklich anderes zu tun, als mich mit solchen Sachen zu befassen. Es
kann sein, da da und dort der Frau etwas nachgeredet wird, was nicht
recht ist, aber dagegen mu sie sich selber wehren. Sie kann ja klagen.

Gut, sagte Schlotterbeck, das gengt mir. Sie geben mir also die
Versicherung, da die Kranke dort Ihres Wissens in guter Behandlung
ist?

Ihretwegen, ja, Herr Schlotterbeck. Aber wenn ich Ihnen raten darf,
lassen Sie die Finger davon! Sie kennen die Leute hier nicht und machen
sich blo miliebig, wenn Sie sich in ihre Sachen mischen.

Danke, Herr Stadtschulthei. Ich will mir's berlegen. Aber
einstweilen, wenn ich wieder einen so ber die Frau reden hre, werde
ich ihn einen Ehrabschneider heien und mich dabei auf Ihr Zeugnis
berufen.

Tun Sie das nicht! Der Frau nutzen Sie damit doch nichts, und Sie
haben nur Verdru davon. Ich warne Sie, weil es mir leid tte, wenn --

Ja, ich danke schn.

Die Folge dieses Besuches war zunchst, da Schlotterbeck von seinem
Vetter Pfrommer aufgesucht wurde. Es hatte sich herumgeredet, da er
ein merkwrdiges Interesse fr die schlimme Witwe zeige, und Pfrommer
war von einer Angst ergriffen worden, der verrckte Vetter mchte auf
seine alten Tage noch Torheiten machen. Wenn es zum Schlimmsten kme
und er die Frau heiratete, wrden seine Kinder von den ganzen Millionen
keinen Taler kriegen. Mit groer Vorsicht unterhielt er seinen Vetter
von der hbschen Lage seiner Wohnung, kam langsam auf die Nachbarschaft
zu sprechen und lie vermuten, er wisse viel ber die Frau Entri
zu erzhlen, falls es den Vetter interessiere. Der winkte jedoch
gleichmtig ab, bot dem Buchbinder einen vortrefflichen Kognak an und
lie ihn zu alldem, was er hatte sagen wollen, gar nicht kommen.

Aber noch am selben Nachmittag sah er seine Nachbarin im Garten
erscheinen und ging hinber. Zum erstenmal hatte er ein langes,
vertrauliches Gesprch mit ihr, worin er auf sein einsames Leben
hinwies und ihre freundlich-trstliche Nachbarschaft dankbar rhmte.
Sie ging klug und bescheiden darauf ein, des eigentlichen Plauderns
ungewohnt und doch mit frauenhafter Anpassung und, wie ihm schien, auch
Anmut.

Diese Unterhaltungen wiederholten sich von jetzt an tglich, immer
ber den Staketenzaun hinweg, denn seine Bitte, ihn auch einmal im
Garten selber oder gar im Hause zu empfangen, lehnte sie mit stiller
Entschiedenheit ab.

Das geht nicht, sagte sie lchelnd. Wir sind ja beide keine jungen
Leute mehr, aber die Gerbersauer haben immer gern was zu plappern und
es wre schnell ein dummes Gerede beieinander. Ich bin ohnehin bel
angeschrieben, und Sie gelten auch fr eine Art Sonderling, wissen Sie.

Ja, das wute er jetzt, im zweiten Monat seines Hierseins, und
seine Freude an Gerbersau und den Landsleuten hatte schon bedeutend
nachgelassen. Er begann zu merken, da er hier doch fremd sei und da
Hflichkeit, Duldung und Entgegenkommen der Leute nicht seinem Namen
und Wesen oder dem aus der Fremde heimgekehrten Mitbrger, sondern eben
seinem Geldsack galt. Es belustigte ihn, da man sein Vermgen weit
berschtzte, und die ngstliche Beflissenheit seines Vetters Pfrommer
und anderer Angelknstler machte ihm einen gewissen Spa, aber fr die
beginnende Enttuschung konnte ihn das nicht entschdigen, und er hatte
den Wunsch, sich dauernd hier niederzulassen, heimlich schon wieder
zurckgenommen. Vielleicht wre er einfach wieder abgereist und htte
nochmals wie in jungen Jahren die Wanderschaft gekostet, wovor ihm
nicht bange war. Es hielt ihn aber jetzt ein feiner Dorn zurck, so da
er sprte, er werde nicht gehen knnen, ohne sich zu verletzen und ein
Stcklein von sich hngen zu lassen.

Darum blieb er wo er war, und ging hufig an dem kleinen, wei und
braunen Nachbarhaus vorber. Das Schicksal der Frau Entri war ihm
jetzt nimmer so dunkel, da er sie besser kannte und sie ihm auch
manches erzhlt hatte. Namentlich vermochte er sich den seligen
Gerichtsvollzieher jetzt recht deutlich vorzustellen, von dem die
Witwe ruhig und ohne Tadel sprach, der aber doch im Grunde genommen ein
Windbeutel gewesen sein mute, da er es nicht verstanden hatte, unter
der Herbe und Strenge dieser Frau den kstlichen Kern aufzuspren und
ans Licht zu bringen. Herr Schlotterbeck war berzeugt, da sie neben
einem verstndigen Manne, vollends in reichlichen Verhltnissen, eine
Perle abgeben mte. Ihr Geiz war eine in Einsamkeit und Enttuschung
zur Leidenschaft ausgewachsene Liebhaberei, schien ihm, und war auch
eigentlich keine Habsucht, da sie soviel Respekt vor jedem Werte besa,
um ihn auch ohne eigenen Vorteil mglichst zu retten und zu bewahren.

Je mehr er die Frau kennen lernte und ein Bild von ihr bekam, worin
freilich Neigung und Hoffnung stark mitmalen halfen, desto besser
begriff er, da sie in Gerbersau unmglich verstanden werden konnte.
Denn auch der Gerbersauer Charakter schien ihm nun verstndlicher
geworden, wenn auch dadurch nicht lieber. Jedenfalls erkannte er,
da er selber diesen Charakter nicht oder nicht mehr habe und hier
ebensowenig gedeihen und sich entfalten knne wie die Frau Entri.
Diese Gedanken waren, ihm unbewut, lauter spielende Paraphrasen zu
seinem stillen Verlangen nach einem nochmaligen Ehebund und Versuch,
sein einsam gebliebenes Leben doch noch fruchtbar und unsterblich zu
machen.

Der Sommer hatte seine Hhe erreicht und der Garten der Witwe duftete
mitten in der sandigen und glhenden Umgebung triumphierend weit ber
seinen niederen Zaun hinaus, besonders am Abend, wenn dazu noch vom
nahen Waldrande die Vgel aufatmend den schnen Tag lobten und aus
dem Tale in der Stille nach dem Schlu der Fabriken der Flu leise
herauf rauschte. An einem solchen Abend kam August Schlotterbeck zu
Frau Entri und trat ungefragt nicht nur in den Garten, sondern auch
in die Haustre, wo eine dnne, erschrockene Glocke ihn anmeldete und
die Hausfrau ihn verwundert und fast ein wenig ungehalten ansprach. Er
erklrte aber, heute durchaus hereinkommen zu mssen, und ward denn von
ihr in die Stube gefhrt, wo er sich umblickte und es allerdings etwas
kahl und schmucklos, doch reinlich und abendsonnig fand. Die Frau legte
schnell ihre Schrze ab, setzte sich auf einen Stuhl beim Fenster und
hie auch ihn sich setzen.

Da fing Herr Schlotterbeck eine lange, hbsche Rede an. Er erzhlte
sein ganzes Leben, seine erste kurze Ehe nicht ausgenommen, mit
einfacher Trockenheit, schilderte dann etwas wrmer seine Heimkehr
nach Gerbersau, seine erste Bekanntschaft mit ihr und erinnerte sie an
manche Gesprche, in denen sie einander so gut verstanden htten. Und
nun sei er da, sie wisse schon warum, und hoffe, sie sei nicht gar zu
sehr berrascht.

ber mein Vermgen kann ich mich ausweisen. Ich bin kein Millionr,
wie die Leute hier herumreden, aber so ungefhr eine viertel Million
oder etwas drber wird schon da sein. Im brigen meine ich, wir seien
beide noch zu jung und krftig, als da es schon Zeit wre, Verzicht
zu leisten und sich einzuspinnen. Was soll eine Frau wie Sie schon
allein sitzen und sich mit dem Grtlein bescheiden, statt noch einmal
anzufangen und vielleicht hereinzubringen, was frher am rechten Glck
gefehlt hat?

Die Frau Entri hatte beide Hnde still auf ihren Knien liegen und
hrte aufmerksam dem Freier zu, der allmhlich warm und lebhaft wurde
und wiederholt seine rechte Hand ausstreckte, als fordere er sie auf,
sie zu nehmen und festzuhalten. Sie tat aber nichts dergleichen, sie
sa ganz still und geno es, ohne alles wirklich mit den Gedanken zu
erfassen, da hier jemand gekommen war, um ihr Freundlichkeit und
Liebe und guten Willen zu zeigen. Die beiden Leute saen einander nahe
gegenber, er von seinem Willen und Verlangen erwrmt und verjngt, sie
aber von einem zarten Wohlsein und einer nur halb erwarteten Ehrung
leise erregt wie eine Jubilarin, und ber beide Gesichter glhte mit
feiner Abschiedsrte die tiefstehende Sonne durch das offene Fenster.
Da sie weder Antwort gab noch aus ihrem seltsamen Traumgefhle
aufsah, fuhr Schlotterbeck nach einer Pause zu reden fort. Gtig und
hoffnungsvoll stellte er ihr vor, wie es sein und werden knnte,
wenn sie einverstanden wre, wie da an einem andern, neuen Ort ohne
unliebe Erinnerungen sich ein friedlich fleiiges Leben fhren liee,
bescheiden und doch etwas mehr aus dem Vollen, mit einem greren
Garten und einem reichlicheren Monatsgelde, wobei dennoch jhrlich
zurckgelegt wrde. Er sprach, von ihrem lieben Anblick besnftigt und
von dem rotgelben, innigen Abendscheine leicht und wohlig geblendet,
recht milde mit halber Stimme und zufrieden, da sie wenigstens zuhrte
und ihn da sein und gelten und werben lie. Und sie hrte und schwieg,
von einer angenehmen Mdigkeit in der Seele leicht gelhmt. Es ward ihr
nicht vllig bewut, da das eine Werbung und eine Entscheidung fr ihr
Leben bedeute, auch schuf dieser Gedanke ihr weder Erregung noch Qual,
denn sie war durchaus entschieden und dachte keine Sekunde daran, das
fr Ernst zu nehmen. Aber die Minuten gingen so gleitend und leicht
und wie von einer Musik getragen, da sie benommen lauschte und keines
Entschlusses fhig war, auch nicht des kleinen, den Kopf zu schtteln
oder aufzustehen.

Wieder hielt Schlotterbeck inne und atmete tief, sah sie fragend an und
sah sie unverndert mit niedergeschlagenen Augen und fein gerteten
Wangen verharren, als schaue sie ein wohlgeflliges Spiel oder lausche
einer seltenen Musik. Und wieder hielt er ihr die Hand entgegen, die
sie aber nicht zu sehen schien, und fing nochmals an, glubig wie
ein Trumer von der Zukunft zu reden, die er schon an einem kleinen
goldenen Faden zu halten meinte. Ihre Bewegung verstand er nicht,
denn er deutete sie zu seinen Gunsten, aber er fhlte doch denselben
hingenommenen und traumhaften Zustand und hrte gleich ihr die
merkwrdigen Augenblicke wie auf wohllautend rauschenden Flgeln durch
das abendhelle Stblein und durch sein Gemt reisen.

Beiden schien es spter, sie seien eine gar lange Zeit so
halbverzaubert beieinander gesessen, doch waren es nur Minuten, denn
die Sonne stand noch immer nah am Rande der jenseitigen Berge, als sie
aus dieser Stille jh erweckt wurden.

Im Nebenzimmer hatte sich die kranke Schwgerin aufgehalten und war,
schon durch den ungewohnten Besuch in Aufregung und einige Angst
geraten, bei dem langen, leisen Gesprch und Beisammensein der Beiden
von argen Ahnungen und Wahnvorstellungen befallen worden. Es schien
ihr Ungewhnliches und Gefhrliches vorzugehen und allmhlich ergriff
sie, die nur an sich selber zu denken vermochte, eine wachsende Furcht,
der fremde Mann mchte gekommen sein, um sie fortzuholen. Denn eine
stille, argwhnische Angst hievor war das Ergebnis jenes Besuches der
Magistratsherren gewesen, und seither konnte nichts noch so Geringes
im Hause vorfallen, ohne da die arme Jungfer mit Entsetzen an eine
gewaltsame Hinwegfhrung und Einsperrung an einem unbekannten fernen
Orte denken mute.

Darum kam sie jetzt, nachdem sie eine Weile mit immer abnehmenden
Krften gegen das Grauen gekmpft hatte, gewaltsam schluchzend und
in Verzweiflung aufgelst in die Stube gelaufen, warf sich vor ihrer
Schwgerin nieder und umfate ihre Knie unter Sthnen und zuckendem
Weinen, so da Schlotterbeck erschrocken auffuhr und die Frau Entri
pltzlich aus ihrer Benommenheit gerissen alles wieder mit nchternem
Verstande wahrnahm und sich der vorigen Verlorenheit unwillig schmte.

Sie stand eilig auf, zog die Kniende mit sich empor, fuhr ihr mit
trstender Hand bers Haar und redete halblaut und eintnig auf sie ein
wie auf ein heulendes Kind.

Nein, nein, Seelchen, nicht weinen! Gelt, du weinst jetzt nicht mehr?
Komm, Kindelchen, komm, wir sind vergngt und kriegen was Gutes zum
Nachtessen. Hast gemeint, er will dich fortnehmen? O, Dummes du, es
nimmt dich niemand fort; nein, nein, darfst mir's glauben, kein Mensch
darf dir was tun. Nimmer weinen, Dummelein, nimmer weinen!

August Schlotterbeck sah mit Verlegenheit und auch mit Rhrung zu,
die Kranke weinte schon ruhiger und fast mit einem kindlichen Genu,
wiegte den Kopf hin und wider, klagte mit abnehmender Stimme und verzog
ihr verzweifeltes Gesicht unter den noch munter laufenden Trnen
unversehens zu einem blden, hilflosen Kleinkinderlcheln. Doch kam
sich der Besucher bei dem allen unntz und mehr als entbehrlich vor,
er hustete darum ein wenig und sagte: Das tut mir leid, Frau Entri,
hoffentlich geht es gut vorbei. Ich werde so frei sein und morgen
wiederkommen, wenn ich darf.

Erst in diesem Augenblick fiel der Frau alles aufs Herz, wie er um sie
geworben und sie ihm zugehrt und es geduldet habe, ohne da sie doch
willens war, ihn zu erhren. Sie erstaunte ber sich selber, es konnte
ja aussehen, als habe sie mit ihm gespielt. Nun durfte sie ihn nicht
fortgehen und die Tuschung mitnehmen lassen, das sah sie ein, und sie
sagte: Nein, bleiben Sie da, es ist schon vorber. Wir mssen noch
reden. Ihre Stimme war ruhig und ihr Gesicht unbewegt, aber die Rte
der Sonne und die Rte der lieblichen Erregung war verglht und ihre
Augen schauten klug und khl, doch mit einem kleinen bangen Glanz von
Trauer auf den Werber, der mit dem Hute in den Hnden wieder niedersa
und nicht begriff, wohin seine Freudigkeit und ihre liebe Wrme
gekommen sei.

Sie setzte indessen die Schwgerin auf einen Stuhl und kehrte an ihren
vorigen Platz zurck. Wir mssen sie im Zimmer lassen, sagte sie
leise, sonst wird sie wieder unruhig und macht Dummheiten. -- Ich habe
Sie vorher reden lassen, Herr Nachbar, ich wei selber nicht warum,
ich bin ein wenig md gewesen. Hoffentlich haben Sie es nicht falsch
gedeutet. Es ist nmlich schon lange mein fester Entschlu, mich nicht
mehr zu verndern. Ich bin fast vierzig Jahre alt, und Sie werden gewi
reichlich fnfzig sein, in diesem Alter heiraten vorsichtige Leute
nimmer. Da ich Ihnen als einem freundlichen Nachbar gut und dankbar
bin, wissen Sie ja, und wenn Sie wollen, knnen wir es weiter so haben.
Aber damit wollen wir zufrieden sein, wir knnten sonst den Schaden
haben.

Herr Schlotterbeck sah sie betrbt, doch freundlich an. Unter
Umstnden, dachte er, wrde er jetzt ganz ruhig abziehen und ihr recht
geben. Allein der Glanz, den sie vor einer Viertelstunde im Gesicht
gehabt hatte, war ihm noch wie ein ernsthaft schner Sptsommerflor im
Gedchtnis und hielt sein Begehren mit Macht am Leben. Wre der Glanz
nicht gewesen, er wre betrbt, doch ohne Stachel im Herzen seiner
Wege gegangen; so aber schien ihm, er habe das Glck schon wie einen
zutraulichen Vogel auf dem Finger sitzen gehabt und nur den Augenblick
des Zugreifens verpat. Und Vgel, die man schon so nahe gehabt, lt
man nicht ohne grimmige Hoffnung auf eine neue Gelegenheit zum Fang
entrinnen. Auerdem, und trotz des rgers ber ihr Entwischen, nachdem
sie schon so fromm ber seine Freiersrede erglht war, hatte er sie
jetzt viel lieber als noch vor einer Stunde. Bis dahin war es seine
Meinung gewesen, eine angenehme und ersprieliche Vernunftheirat zu
betreiben, nun aber hatte die stille Weichheit dieser Abendstunde ihn
vollends wahrhaft verliebt gemacht, so da jetzt an ein einfaches,
freundlich khles Bedauern und Adieusagen nimmer zu denken war.

Frau Entri, sagte er deshalb entschlossen, Sie sind jetzt
erschreckt worden und vielleicht von meinem Vorschlag zu sehr
berrascht. Auch habe ich vielleicht zu wenig gesagt und mich zu
sehr an das Praktische und Geschftliche der Sache gehalten, wenn es
auch nicht so gemeint war. Ich will darum nur sagen, da mein Herz
es ernst meint und nicht von seiner Liebe lassen will, wenn es auch
Grnde dagegen geben mag. Ich kann das nicht so ausdrcken, es steht
mir nicht an, aber es ist mein Entschlu, davon nimmer zu lassen. Ich
habe Sie lieb, und da Sie nur mit dem Verstande Widerstand leisten,
kann ich mich nicht zufrieden geben wie ein Handelsmann, den man um
ein Haus weiterschickt. Sondern es ist meine Meinung, diesen Krieg
weiterzufhren und Sie nach meinen Krften zu belagern, damit es sich
zeigt, wer der Strkere ist.

Auf diesen Ton war sie nicht gefat gewesen, er klang, wenn auch nicht
berzeugend, so doch warm und schmeichelhaft in ihr Frauengemt und
tat ihr im Innern wohl wie ein erster Amselruf im Februar, wenn sie es
auch nicht wahr haben wollte. Doch war sie nicht gewohnt, so dunkeln
Regungen Macht zu gnnen, und fest entschlossen, den Angriff abzuwehren
und ihre liebgewordene Freiheit zu behalten.

Sie sagte: Sie machen mir ja Angst, Herr Nachbar! Die Mnner bleiben
eben lnger jung als unsereine, und es tut mir leid, da Sie mit meinem
Bescheide nicht zufrieden sein wollen. Denn bei mir sieht es nun einmal
nimmer so lebenslustig aus, ich kann mich nicht wieder jung machen und
verliebt tun, es kme nicht von Herzen. Auch ist mir mein Leben, so wie
es jetzt ist, lieb und gewohnt geworden, ich habe meine Freiheit und
keine Sorgen. Und da ist auch das arme Ding, meine Schwgerin, die mich
braucht und die ich nicht im Stich lasse, das hab' ich ihr versprochen
und will dabei bleiben. -- Aber was rede ich lang, wo nichts zu sagen
ist! Ich will nicht und ich kann nicht, und wenn Sie es gut mit mir
meinen, so lassen Sie mir meinen Frieden und drohen mir nicht mit
Belagerungen und dergleichen, ich mte Ihnen sonst zrnen und wrde
kein Wort mehr von Ihnen anhren. Wenn Sie wollen, so vergessen wir das
heutige und bleiben gute Nachbarn. Im andern Fall kann ich Sie nimmer
sehen.

Schlotterbeck stand auf, verabschiedete sich jedoch noch nicht, sondern
ging in erregten Gedanken, als wre er im eigenen Hause, heftig auf und
ab, um einen Weg aus dieser Not zu finden. Sie sah ihm eine Weile zu,
ein wenig belustigt, ein wenig gerhrt und ein wenig beleidigt, bis es
ihr zu viel ward. Da rief sie ihn an: Seien Sie nicht tricht, Herr
Nachbar: Wir wollen jetzt zu Nacht essen, und fr Sie wird es auch Zeit
sein.

Aber er hatte eben jetzt seinen Entschlu gefunden. Er nahm seinen
Hut, den er in der Aufregung weggelegt hatte, manierlich in die linke
Hand, verbeugte sich und sagte mit einem schwachen, etwas milungenen
Lcheln: Gut, ich gehe jetzt, Frau Entri. Sie mssen heut ein bichen
Nachsicht mit mir haben. Ich sage Ihnen jetzt Adieu und werde Sie eine
Zeitlang nimmer belstigen. Sie sollen mich nicht fr gewaltttig
halten. Aber ich komme wieder, sagen wir in vier, fnf Wochen, und ich
bitte um nichts, als da Sie in der Zeit sich diese Sache noch einmal
in Gedanken betrachten und mir alsdann eine richtige Antwort geben,
ganz wie es Ihnen dann ums Herz sein wird. Ich reise fort, das hatte
ich ohnehin im Sinn, und Sie werden also alle Ruhe vor mir haben. Und
wenn ich wiederkomme, ist es nur, um Ihre Antwort zu holen. Wenn Sie
dann Nein sagen, verspreche ich damit zufrieden zu sein und werde dann
Sie auch von meiner Nachbarschaft befreien. Sie sind das Einzige, was
mich noch in Gerbersau halten knnte. Also leben Sie recht wohl, und
auf Wiedersehen!

Sie nahm seine Hand nicht an, die er ihr hinbot, gab aber in
freundlichem Ton Antwort: Meine Meinung kennen Sie schon, sie wird
nicht anders werden. Damit Sie meinen guten Willen sehen, will ich
Ihren Vorschlag gelten lassen. Aber ich hoffe, bis Sie wiederkommen,
sehen Sie selber das alles ruhiger an, auch das mit dem Fortziehen, und
bleiben mein Nachbar. Adieu denn, und gute Reise!

Ja, adieu, sagte Schlotterbeck wehmtig, nahm den Trgriff in die
Hand, warf einen Blick ins Zimmer zurck, den nur die Schwgerin
erwiderte, und trat unbegleitet aus dem Hause in die noch lichte
Dmmerung. Er schttelte eine Faust gegen die schwach herauftnende
Stadt, welcher er alle Schuld an Frau Entriens Verstocktheit
zuschrieb, und beschlo im Herzen, sie so bald wie mglich fr immer
zu verlassen, sei es nun mit oder ohne Frau. Dieser Entschlu tat ihm
in seinem brigen schwebenden und abhngigen Zustande wohl, als ein
Ausblick auf selbstndigere und gesichertere Zeiten, nach denen ihn
sehnlich verlangte.

Langsam tat er den kurzen Gang zu seiner Wohnung hinber, nicht
ohne mehrmals nach dem Nachbarhuschen zurckzuschauen, das mit
geschlossener Tr und Gartenpforte gleichmtig und khl die spte
Sommernacht erwartete. Ganz fern stand am verglhten Himmel noch
eine kleine Wolke, kaum ein Hauch, und blhte hinsterbend in einem
sanften rosigen Goldduft dem ersten Stern entgegen. Bei ihrem Anblick
fhlte der Mann noch einmal die feine, innig glhende Erregung der
vergangenen Stunde vorberziehen und schttelte lchelnd den alten
Kopf zu den tricht sen Wnschen seines Herzens. Dann betrat er sein
einsames Haus, verzichtete auf das Abendessen in der Stadt, a nur ein
halbes Pfund Kirschen, die er morgens gekauft hatte, und fing noch am
selben Abend an, sich fr die Reise zu rsten.

Am Nachmittag des andern Tages war er fertig, bergab die Schlssel
seiner Aufwrterin und den Koffer einem Dienstmann, seufzte befreit
und ging davon, in die Stadt hinunter und dem Bahnhof zu, ohne im
Vorbeigehen einen Blick in den Garten und die Fenster der Frau Entri
zu wagen. Sie aber sah ihn wohl, wie er vom Koffertrger begleitet,
elegisch dahinging. Er tat ihr leid und sie wnschte ihm von Herzen
gute Erholung.

Fr Frau Entri begannen nun stille Tage. Ihr bescheidenes Leben glitt
wieder in die vorige Einsamkeit zurck, es kam niemand zu ihr und
es schaute niemand mehr ber ihren Gartenzaun herein. In der Stadt
wute man genau, da sie mit allen Knsten nach dem reichen Rulnder
geangelt habe, und gnnte ihr seine Abreise, die natrlich keinen Tag
verborgen blieb. Sie kmmerte sich nach ihrer Art um das alles nicht,
sondern ging ruhig ihren Pflichten und Gewohnheiten nach. Es tat ihr
leid, da es mit Herrn Schlotterbeck so gegangen war, denn sie hatte
ihn gern gesehen und sah die freundliche Nachbarlichkeit mit Bedauern
gestrt. Doch war sie sich keiner Schuld bewut und in langen Jahren an
das Alleinleben so gewhnt, da sein Fortgehen ihr keinen ernstlichen
Kummer machte. Sie sammelte Blumensamen von den verblhenden Beeten,
go am Morgen und Abend, erntete das Beerenobst, machte ein und tat mit
zufriedener Emsigkeit die vielen Sommerarbeiten. Und dann machte ihr
die Schwgerin unverhofft zu schaffen.

Diese hatte sich seit jenem Abend still verhalten, schien aber seither
noch mehr als frher mit einer heimlichen Angst zu kmpfen, welche eine
Art von Verfolgungswahnsinn war und in einem mitrauischen Trumen von
Entfhrung und Gewalttaten bestand. Der heie Sommer, der ungewhnlich
viele Gewitter brachte, tat ihr auch nicht gut, und schlielich konnte
Frau Entri kaum mehr auf eine halbe Stunde zu Einkufen ausgehen, da
die Kranke das Alleinbleiben nimmer ertrug. Das elende Wesen fhlte
sich nur in der nchsten Nhe der gewohnten Pflegerin sicher und umgab
die geplagte Frau mit Seufzen, Hnderingen und scheuen Blicken einer
grundlosen Furcht. Am Ende mute sie den Arzt holen, vor dem die Kranke
in neues Entsetzen geriet und der nun alle paar Tage zur Beobachtung
wiederkam. Fr die Gerbersauer war das wieder ein Grund, von erneuter
Mihandlung und behrdlicher Kontrolle zu erzhlen; die Sache ward nun
in Verbindung mit ihren Absichten auf Schlotterbeck gebracht und zu
einem skandalsen Fall von arglistiger Habsucht gestaltet.

Unterdessen war August Schlotterbeck nach Wildbad gefahren, wo es
ihm jedoch zu hei und zu lebhaft wurde, so da er, auch von einiger
innerer Unrast geplagt, bald wieder aufpackte und weiterfuhr,
diesmal nach Freudenstadt, das ihm von jungen Zeiten her bekannt
war. Dort gefiel es ihm recht wohl, er fand die Gesellschaft eines
schwbischen Fabrikanten, mit dem er gut Freund wurde und ber
technische und kaufmnnische Dinge seiner Erfahrung reden konnte.
Mit diesem Manne, der Viktor Trefz hie und gleich ihm selber weit
in der Welt herumgekommen war, machte er tglich lange Spaziergnge
in den khlen Wldern, zum Kniebis hinauf und nach Rippoldsau, oder
das schne Murgtal hinunter, wo man berall in schner Landschaft und
Waldnhe marschieren und in hbschen Ortschaften und guten Gasthusern
sich ausruhen kann. Herr Trefz besa im Osten des Landes eine
Lederwarenfabrik von altem und bekanntem Ruf, sein neuer Freund fragte
ihn nach allem aus und ihm war es wohl dabei, seine Erholungstage
in so angenehmen und vertrauten Gesprchen hinbringen zu knnen. Es
entstand zwischen den beiden alten Herren eine hfliche Vertraulichkeit
und gegenseitige Hochschtzung, denn Schlotterbeck zeigte in der
Lederbranche vortreffliche Kenntnisse und auerdem eine Bekanntschaft
mit dem Weltmarkt, die fr einen Privatier erstaunlich war. So whrte
es nicht lange, bis er dem Fabrikanten seine Geschichte und Lage
genauer mitteilte, und es wollte beiden scheinen, sie knnten unter
Umstnden einmal auch in Geschften recht gute Kameraden werden.

Die erhoffte Erholung fand Schlotterbeck also reichlich, er verga
sogar fr halbe Tage seinen schwebenden Handel mit der Witwe in
Gerbersau, von dem er Herrn Trefz keine Mitteilung hatte machen mgen.
Den alten Geschftsmann belebte und erregte die Unterhaltung mit einem
gewiegten Kollegen und die Aussicht auf etwaige neue Unternehmungen
nicht wenig, und die Bedrfnisse seines Herzens zogen sich, da er
ihnen nie allzuvielen Raum gegnnt hatte, bescheidentlich zurck.
Nur wenn er allein war, etwa abends vor dem Einschlafen, suchte ihn
das Bild der Frau Entri heim und machte ihn wieder warm. Doch auch
dann schien ihm die Angelegenheit nicht mehr gar so verzweifelt und
gewichtig. Er dachte an jenen Abend im Huschen der Nachbarin und
fand schlielich, sie habe nicht vllig unrecht gehabt. Er sah ein,
da der Mangel an Arbeit und das Alleinhausen zu einem groen Teil an
seinen Heiratsgedanken schuld gewesen seien. Nicht da er nun kalt und
untreu geworden wre, das lag nicht in seiner Art, aber wenn nun, wie
zu vermuten war, es bei jener ersten Antwort der Frau bleiben wrde,
schien ihm das Unglck immerhin unter den jetzigen Umstnden nicht
unertrglich.

Auf einem Spaziergang im Fichtenwalde wurde er von Herrn Trefz
eingeladen, diesen Herbst ihn zu besuchen und seinen Betrieb
anzuschauen. Es war noch mit keinem Wort von geschftlichen Beziehungen
die Rede gewesen, doch wuten beide, wie es stand und da der Besuch
sehr wohl zu einer Teilhaberschaft und Vergrerung des Geschfts
fhren knnte. Schlotterbeck nahm dankend an und nannte dem Freunde die
Bank, bei der er sich ber ihn erkundigen knne.

Danke, es ist gut, sagte Trefz, das Weitere besprechen wir dann,
falls Sie Lust haben, an Ort und Stelle.

Damit fhlte sich August Schlotterbeck dem Leben wiedergewonnen, dem er
nun eine unfrohe Weile nur unbeteiligt zugesehen hatte. Er sah Arbeit
und Sorge, Gewinn und Erregung des Handels in naher Zukunft winken, und
mehr als einst auf die Heimkehr in die alte Heimat freute er sich jetzt
auf die Rckkehr zum gewohnten Leben eines Arbeiters und Unternehmers,
auf Einrichtungen und Reisen, Korrespondenzen und Berechnungen, auf
Telegramme, Verwicklungen und Kmpfe. Es war weniger des Geldes wegen,
dessen er fr den Bedarf seines Alters genug besa, als aus Freude
an Umtrieb und Wagnis, aus einer gewissen Lust am Verkehr mit dem
Welthandel und den Abenteuern des khnen Kaufmanns. Frhlich stieg er
an jenem Tag in sein Bett und schlief ein, ohne heut ein einziges Mal
an seine Witwe gedacht zu haben.

Er ahnte nicht, da diese eben jetzt recht ble Zeit habe und seinen
Beistand wohl htte brauchen knnen. Die Schwgerin war unter der
Beobachtung des Oberamtsarztes noch scheuer und unheimlicher geworden
und machte das kleine Huschen zu einem Orte des Jammers, indem sie
bald schrie wie am Spie, bald rastlos und schwer seufzend die Treppen
auf und ab stieg und durch die Stuben wanderte, bald auch sich in ihrer
Kammer einschlo und eingebildete Belagerungen unter Gebet und Winseln
bestand. Das arme Geschpf mute immerfort bewacht werden, wenn auch
ruhige Tage dazwischen kamen, und der gengstigte Doktor, der in
solchen Dingen keine Erfahrung hatte, drngte zur Fortschaffung und
Versorgung in einer Anstalt. Frau Entri widersetzte sich dem, so lange
sie konnte. Sie hatte sich an die Nhe der schwermtigen Jungfer in
langen Jahren gewhnt und zog ihre Gesellschaft der vlligen Einsamkeit
immerhin vor, auch hoffte sie, es werde dieser schlimme Zustand nicht
lange dauern, und schlielich frchtete sie die bedenklichen Kosten,
die mglicherweise nach Abgang der Kranken in eine Irrenanstalt ihr
entstehen knnten. Sie wollte gern der Unglcklichen ihr Lebenlang
kochen, waschen und aufwarten, ihre Launen ertragen und sich um
sie sorgen; aber die Aussicht, es mchte fr dies zerstrte Leben
vielleicht jahrelang ihr Erspartes dahingehen und in einen Sack ohne
Boden rinnen, war ihr furchtbar. So hatte sie auer der tglichen Sorge
um die Gemtskranke auch noch diese Angst und Last zu tragen, und sie
fing trotz ihrer Zhigkeit an, etwas vom Fleisch zu fallen und im
Gesicht ein wenig zu altern.

Von dem allem wute Schlotterbeck kein Wort. Er war der sicheren
Meinung, die muntere Witwe sitze vergngt in ihrem hbschen kleinen
Hause und sei womglich froh, den lstigen Nachbarn und Bewerber fr
eine Weile los zu sein.

Dies stimmte aber nun schon nicht mehr. Zwar hatte die Abreise des
Herrn Schlotterbeck nicht die Folge gehabt, ihr nach dem Entfernten
Sehnsucht zu wecken und ihr sein Bild zrtlich zu verklren, doch wre
sie jetzt in ihrer Not ganz froh gewesen, einen Freund und Berater
zu haben, und war mit ihrer Selbstherrlichkeit durchaus nicht mehr so
stolz zufrieden wie bisher. Ja sie htte, falls es mit der Schwgerin
schlimm gehen sollte, sich wohl auch die Bewerbung des reichen Mannes
noch einmal nher und freundlicher angesehen.

In Gerbersau war unterdessen das Gesprch ber die Abreise
Schlotterbecks und ihre vermutliche Bedeutung und Dauer verstummt, da
man jetzt an der Witwe Entri wieder fr eine Weile die Muler voll
hatte. Und whrend unter den schnen Tannenbumen von Freudenstadt die
beiden Geschftsleute und Freunde sich immer besser verstanden und
schon deutlicher von knftigen gemeinsamen Unternehmungen miteinander
plauderten, sa daheim in der Spitalgasse der Buchbinder Pfrommer zwei
lange Abende an einem Schreiben an seinen Vetter, dessen Wohl und
Zukunft ihm gar sehr am Herzen lag. Einige Tage spter hielt August
Schlotterbeck diesen Brief, der auf das beste Papier mit einem goldenen
Rande geschrieben war, verwundert in den Hnden und las ihn langsam
zweimal durch. Er lautete:

Lieber und werter Vetter Schlotterbeck!

Der Herr Aktuar Schwarzmantel, der neulich eine Schwarzwaldtour gemacht
hat, hat uns berichtet, da er Dich in Freudenstadt gesehen und da Du
wohl bist und in der Linde logierst. Das hat uns gefreut, und mchte
ich Dir an diesem schnen Ort eine gute Erholung wnschen. Wenn man
es vermag, ist ja eine solche Sommerkur immer sehr gut, ich war auch
einmal ein paar Tage in Herrenalb, weil ich krank gewesen war, und hat
mir vorzgliche Dienste getan. Wnsche also nochmals besten Erfolg, und
wird unser heimatlicher Schwarzwald mit seinem Tannenrauschen auch Dir
gewi nur gut gefallen.

Lieber Vetter, wir haben alle lange Zeit nach Dir, und wenn du nach
guter Erholung wieder heimkommst, wird es Dir gewi in Gerbersau wieder
recht gut gefallen. Der Mensch hat doch nur eine Heimat, und wenn es
auch drauen in der Welt viel Schnes geben mag, kann man doch blo in
der Heimat wirklich glcklich sein. Du hast Dich auch in der Stadt sehr
beliebt gemacht, alle freuen sich bis Du wiederkommst.

Es ist nur gut, da Du gerade jetzt verreist bist, wo es in Deiner
Nachbarschaft wieder so arg zugeht. Ich wei es nicht, ob es Dir schon
bekannt ist. Die Frau Entri hat jetzt also doch ihre kranke Schwgerin
hergeben mssen. Sie war so mit ihr umgegangen, da das unglckliche
Geschpf es nimmer hat aushalten knnen und hat Tag und Nacht um Hilfe
gerufen, bis man den Oberamtsarzt geholt hat. Da hat sich gezeigt, da
es mit der kranken Jungfer furchtbar stand, und trotzdem hat die Entri
drauf bestehen und sie um jeden Preis dabehalten wollen, man kann sich
denken warum. Aber jetzt ist ihr das Handwerk gelegt, man hat ihr
die Schwgerin weggenommen und vielleicht mu sie sich noch anderswo
verantworten. Dieselbe ist im Narrenhaus in Zwiefalten untergebracht
worden, und die Entri mu tchtig fr sie zahlen. Warum hat sie frher
so an der Kranken gespart!

Wie man das arme Ding fortgebracht hat, das httest Du sehen sollen,
es war ein Jammer. Sie hatten einen Wagen genommen, da sa die Entri,
der Oberamtsarzt, ein Wrter aus Zwiefalten drin und die Patientin. Da
fing sie an und hat den ganzen Weg geschrien wie verrckt, da alles
nachgelaufen ist, bis auf den Bahnhof. Auf dem Heimweg hat die Entri
dann allerlei zu hren gekriegt, ein Bub hat ihr sogar einen Stein
nachgeworfen.

Lieber Vetter, falls ich Dir hier irgend etwas besorgen kann, tue ich
es sehr gern. Du bist ja dreiig Jahre lang von der Heimat fortgewesen,
aber das macht nichts und fr meine Verwandten ist mir, wie Du weit,
nichts zuviel. Meine Frau lt Dich auch gren.

Ich wnsche Dir gutes Wetter fr Deine Sommerfrische. In dem
Freudenstadt droben wird es schon khler sein als hier in dem engen
Loch, wir haben sehr hei und viel Gewitter. Im Bayrischen Hof hat es
vorgestern eingeschlagen, aber kalt.

Wenn Du etwas brauchst, stehe ich ganz zur Verfgung. In alter Treue
Dein Vetter und Freund

                                                        Lukas Pfrommer.

Herr Schlotterbeck las diesen Brief aufmerksam durch, steckte ihn in
die Tasche, zog ihn wieder heraus und las ihn nochmals, dann sagte
er: O du Simpel, was seinem Vetter galt. Doch hielt er sich nicht
lange mit Gedanken an den Briefschreiber auf, sondern bedachte sich
den Brief selber recht genau, bersetzte ihn aus dem Gerbersauerischen
ins Deutsche und suchte sich die geschilderten Begebenheiten vor
Augen zu denken. Dabei ergriff ihn Scham und Zorn, er sah das arme
Frauelein verhhnt und preisgegeben, mit Trnen kmpfen und ohne Trost
allein sitzen. Je mehr er es berlegte und je deutlicher er alles
sah und begriff, desto mehr schwand sein stilles Schmunzeln ber den
briefschreibenden Vetter dahin. Er war ber ihn und ber ganz Gerbersau
herzlich emprt und wollte schon Rache beschlieen, da fiel ihm
allmhlich ein, wie wenig er selber in dieser letzten Zeit an die Frau
Entri gedacht hatte. Er hatte Plne geschmiedet und sich ohne viel
Heimweh gute Tage gegnnt, und whrenddessen war es der lieben Frau
bel gegangen, sie hatte es schwer gehabt und vielleicht auf seinen
Beistand gehofft.

Indem er das bedachte, begann er sich sehr zu schmen. Das Bildnis der
kleinen Witwe stand ihm nun wieder so klar und nett vor Augen, da er
nicht begriff, wie er sie tagelang fast ganz habe vergessen knnen.
Was war jetzt zu tun? Jedenfalls wollte er sofort heimreisen. Ohne
Verzug rief er den Wirt, ordnete fr morgen frh seine Abreise an und
teilte dies auch dem Herrn Trefz mit, der sich darber sehr betrbt
zeigte. Doch ward verabredet, da Schlotterbeck ihn bald besuchen
und seine Fabrik ansehen solle. Dann packte dieser seinen Koffer,
worin er viel bung und Geschick hatte, und whrend er dies tat und
die Dmmerung hereinbrach, verga er die Scham und den Zorn und alle
Bedenken und verfiel in eine muntere, trstliche Heiterkeit, die ihn
den ganzen Abend nimmer verlie. Es war ihm klar geworden, da alle
diese Geschichten nur Wasser auf seine Mhle seien. Die Schwgerin war
fort, Gott sei Dank, die Frau Entri sa vereinsamt und traurig und
hatte wohl auch Geldsorgen, da war es Zeit, da er nochmals vor sie
trat und in dem abendsonnigen Stblein ihr sein Angebot wiederholte.
Vergngt pfiff er ein Freudenlied, das stark miglckte und ihn doch
noch froher und mutiger machte, und den Abend verbrachte er mit Herrn
Trefz bei einem guten Markgrflerwein. Die Mnner stieen auf ein gutes
Wiedersehen und eine weiterdauernde Freundschaft an, der Wirt trank ein
Glas mit und hoffte beide gute Gste im nchsten Jahr wiederzusehen.

Am andern Morgen stand Schlotterbeck zeitig an der Eisenbahn und
erwartete den Zug. Der Wirt hatte ihn begleitet und drckte ihm
nochmals die Hand, der Hausknecht hob den Koffer in den Wagen und bekam
sein Trinkgeld, der Zug fuhr dahin, und nach einigen ungeduldigen
Stunden war die Reise getan und Schlotterbeck wandelte an dem grenden
Stationsvorstande vorbei in die Stadt hinein.

Er nahm nur ein kurzes Frhstck im Adler, der am Wege lag, lie sich
dort den Rock abbrsten und ging alsdann geraden Weges zur Frau Entri
hinauf, deren Garten ihn in der alten Sauberkeit begrte. Das Tor
war verschlossen und er mute ein paar Augenblicke warten, bis die
Hausfrau daherkam und mit einem fragenden Gesicht -- denn sie hatte ihn
nicht kommen sehen -- die Tr auftat. Da sie ihn erkannte, wurde sie
rot und versuchte ein strenges Gesicht zu machen, er trat aber mit
freundlichem Gru herein und sie fhrte ihn in die Stube.

Sein Kommen hatte sie berrascht. Sie hatte in der vergangenen Zeit
wenig an ihn denken knnen, doch war seine Wiederkunft ihr immerhin
kein Schrecken mehr, sondern eher ein Trost. Er sah das auch, trotz
ihrer Stille und knstlichen Khle, sehr wohl, und machte ihr und sich
selber die Sache leicht, indem er sie herzhaft an beiden Schultern
fate, ihr halb lachend ins rote Gesicht schaute und fragte: Es ist
jetzt recht, nicht wahr?

Da wollte sie lcheln und noch ein wenig sprdeln und Worte machen;
aber unversehens bernahm sie die Bewegung, die Erinnerung an so viel
Sorge und Bitterkeit dieser Wochen, die sie bis zum Augenblick tapfer
und trocken durchgemacht hatte, und sie brach zu seinem und ihrem
eigenen Schrecken pltzlich in helle Trnen aus. Bald hernach aber
erschien auf ihren Wangen wieder der schchterne Glcksschein, den Herr
Schlotterbeck vom letztenmal her kannte, sie lehnte sich an ihn, lie
sich von ihm umfangen, und als nach einem sanften Kusse der Brutigam
sie auf einen Stuhl niedersetzte, sagte er wohlgemut: Gott sei Dank,
das stimmt also. Aber auf den Herbst wird das Husel verkauft, oder
willst du um jeden Preis in dem Nest hier bleiben?

Sie schttelte den Kopf, und er sagte frhlich: Da bin ich froh! Und
das Privatisieren hrt auch bald auf. Was meinst du zum Beispiel zu
einer Lederwarenfabrik?




Der Weltverbesserer


1

Berthold Reichardt war vierundzwanzig Jahre alt. Aus einem guten
brgerlichen Hause stammend, besa er einen angeborenen Sinn fr das
Schickliche und Angenehme, den aber ein begehrlicher, auf eigene Wege
und Erlebnisse erpichter Verstand vor den Gefahren der Bequemlichkeit
des Philistertums bewahrte. Zum Unglck hatte er die Eltern frh
verloren und von seinen mehrmals wechselnden Erziehern hatte nur ein
einziger Einflu auf ihn bekommen, ein edler doch fanatischer Mensch
und frommer Freigeist, welcher dem Jngling frh die Gewohnheit eines
Denkens beibrachte, das bei scheinbarer Gerechtigkeit doch eben nicht
ohne Hochmut den Dingen seine Form aufzwang.

Nun wre es fr den jungen Menschen Zeit gewesen, unbefangen seine
Krfte im Spiel der Welt zu versuchen und im Anschlu an irgendeinen
Kreis ttigen Lebens sich unter die Menschen zu begeben, um ohne Hast
sich nach dem ihm zukmmlichen und erreichbaren Lebensglck umzusehen,
auf das er als ein gescheiter und gutartiger, dabei hbscher und
wohlhabender Mann gewi nicht lange htte zu warten brauchen.

Von diesem natrlichen und einfachen Wege hielten jedoch zwei
Umstnde ihn ab, beide mehr in seinem Erziehungsgang als seiner Natur
begrndet, beide unschuldig und edel von Ansehen. Zunchst war da, von
jenem wohlmeinenden Erzieher geweckt und befestigt, in dem Jngling
eine Neigung nach dem Abstrakten, die ihn zwang, allen Dingen auf
den Grund zu gehen, auch wo kein solcher abzusehen war, und aus
Zustnden, fr die er nicht verantwortlich war, persnliche Gedanken-
und Gewissensprobleme zu ziehen wie Schalen von der Zwiebel, wobei
denn jeder natrliche Leichtsinn und jede schne Unschuld des Denkens
erkrankt und verkmmert war.

Daraus hatte sich auch der zweite belstand ergeben: Berthold Reichardt
hatte keinen bestimmten Beruf gewhlt. Gewissenhaft und eifrig hatte er
seine Neigungen und Gaben immer wieder geprft und war dabei geblieben,
sich erst recht grndlich im Allgemeinen zu bilden und zu festigen, ehe
er den folgenschweren Schritt in eine begrenzte und verantwortliche
Ttigkeit wage. Seinen Neigungen gem hatte er bei guten Lehrern,
auf Reisen und aus Bchern Philosophie und Geschichte studiert mit
einer Tendenz nach den sthetischen Fchern. Sein ursprnglicher
Wunsch, Baumeister zu werden, war dabei in den Studienjahren
abwechselnd erkaltet und wieder aufgeflammt; schlielich war er, um
doch ein festes Ergebnis zu erreichen, bei der Kunstgeschichte stehen
geblieben und hatte vorlufig seine Lehrjahre durch eine Doktorarbeit
ber die Ornamentik in der Architektur der sddeutschen Renaissance
abgeschlossen. Als junger Doktor traf er nun in Mnchen ein, wo er im
Zusammenstrmen so vieler junger Talente, Krfte und Bedrfnisse am
ehesten die Menschen und die Ttigkeit zu finden hoffte, zu denen seine
Natur auf noch verdunkelten Wegen doch immer strker hinstrebte. Er
drstete danach, Verkehr mit dem Leben und Einflu auf Menschen zu
ben, am Entstehen neuer Zeiten und Werke mitzuraten und mitzubauen und
im Werden und Emporkommen seiner Generation mitzuwachsen.

Des Vorteiles, den jeder Friseurgehilfe hat: durch Beruf und Stellung
von allem Anfang an ein festes, klares Verhltnis zum Leben und eine
berechtigte Stelle im Gefge der menschlichen Ttigkeiten zu haben,
dieses Vorteils also mute Berthold bei seinem Eintritt in die Welt und
ins mnnliche Alter entraten. Sein Doktorname bezeichnete keine Arbeit
und Stellung, kein Amt und keine Richtung, er war nur ein Titel und
Schmuck, am Sonntag zu tragen. Freilich empfand Berthold selbst diesen
Mangel an uerer Bestimmung lediglich als goldene Freiheit, welche er
hochzuhalten und durchaus nur um den allerhchsten Preis, um die Krone
des Lebens selber, daranzugeben gewillt war.

In Mnchen, wo er schon frher ein Jahr als Student gelebt hatte,
war der junge Herr Doktor Reichardt in mehreren Husern eingefhrt,
hatte es aber mit den Begrungen und den Besuchen nicht eilig, da er
seinen Umgang in aller Freiheit suchen und unabhngig von frheren
Verpflichtungen sein Leben einrichten wollte. Vor allem war er auf die
Knstlerwelt begierig, welche zurzeit eben wieder voll neuer Ideen
grte und beinahe tglich Zustnde, Gesetze und Sitten entdeckte,
welchen der Krieg zu erklren war.

Da Verwandtes dem Verwandten zustrebt, geriet Reichardt, ohne sich
darum Mhe gegeben zu haben, bald in nheren Umgang mit einem kleinen
Kreise moderner junger Knstler dieser Art. Man traf sich bei
Tische und im Kaffeehaus, bei ffentlichen Vortrgen und bald auch
freundschaftlich in den Wohnungen und Ateliers, meistens in dem des
Malers Hans Konegen, der eine Art geistiger Fhrerschaft in dieser
Knstlergruppe ausbte.

Das Wohlwollen dieser meist noch sehr jungen Leute hatte sich Berthold
vor allem durch die Bescheidenheit erworben, mit welcher er ihren oft
verblffend khnen Reden zuhrte und auch die gegen seine Person und
seinen Stand gerichtete freimtige Kritik hinnahm. Als Hans Konegen
ihn einstmals nach seinem Beruf gefragt und Reichardt sich als eine
Art von Privatgelehrten vorstellte, der sich durch kunstgeschichtliche
Studien den Doktorgrad erworben habe, da hatte ihm der Maler geradezu
ins Gesicht gelacht und gesagt: Ach, Sie sind Kunsthistoriker! und
hatte dieses Wort mit einer so erstaunten Verchtlichkeit betont, als
wre es mit Idiot oder Raubmrder gleichbedeutend. Reichardt aber hatte
nur verwundert mitgelacht und ohne Empfindlichkeit zugegeben, da
allerdings das gelehrte Kunststudium viel uerliches an sich habe, wie
es denn auch fr ihn nur eine methodische Bildung bedeute, welche er
nun womglich in einer mehr auf das Leben selbst gerichteten Ttigkeit
anzuwenden hoffe.

Im weiteren Umgang mit den jungen Knstlern fand er nun noch manchen
Anla zur Verwunderung, ohne darber den guten Willen zum Lernen
zu verlieren. Es fiel ihm vor allem auf, da die paar berhmten
Maler und Bildhauer, deren Namen er stets in enger Verbindung mit
den jungen knstlerischen Revolutionen nennen gehrt oder gelesen
hatte, offenbar diesem reformierenden Denken und Treiben der Jungen
weit ferner standen, als er gedacht htte, da sie vielmehr in einer
gewissen Einsamkeit und Unsichtbarkeit nur ihrer persnlichen Arbeit zu
leben schienen. Ja, diese Weitberhmten wurden, worber er anfnglich
geradezu erschrak, von den jungen Kollegen keineswegs als Vorbilder
bewundert, sondern mit Schrfe, ja mit Lieblosigkeit kritisiert und zum
Teil sogar beinahe verachtet. Es schien, als begehe jeder Knstler,
der unbekmmert seine Werke schuf, damit einen Verrat an der Sache der
revolutionierenden Jugend, ja, als sei trotz Goethe es eines rechten
Knstlers Art und Pflicht nicht so sehr zu malen und zu bilden als zu
denken und zu reden.

Leider entsprach dieser Verirrung ein gewisser jugendlich-pedantischer,
ideologischer Zug in Reichardts Wesen selbst, so da er trotz
gelegentlichen Bedenken dieser ganzen Art sehr bald zustimmte. Es
fiel ihm nicht auf, wie wenig und mit wie geringer Leidenschaft in
den Ateliers seiner Freunde gearbeitet wurde. Da er selbst ohne
Beruf und ohne Ntigung zu positiver Arbeit war, gefiel es ihm wohl,
da auch seine Malerfreunde fast immer Zeit und Lust zum reden und
theoretisieren hatten. Namentlich schlo er sich an Hans Konegen an,
dessen kaltbltige Kritiklust ihm ebensosehr imponierte wie sein
unverhohlenes Selbstbewutsein. Mit ihm durchstreifte er hufig die
vielen Kunstausstellungen und hatte die berzeugung, dabei erstaunlich
viel zu lernen, denn es gab kaum ein Kunstwerk, an dem Konegen nicht
klar und schn darzulegen wute, wo seine Fehler lagen. Anfangs hatte
es Berthold oft weh getan, wenn der andere ber ein Bild, das ihm
gefiel und in das er sich eben mit Freude hineingesehen hatte, grblich
und schonungslos hergefallen war; mit der Zeit gefiel ihm jedoch dieser
Ton und frbte sogar auf seinen eigenen ab.

Da hing eine zarte grne Landschaft, ein Flutal mit bewaldeten Hgeln,
von Frhsommerwolken berflogen, treu und zart gemalt, das Werk eines
noch jungen, doch schon rhmlich bekannten bayerischen Malers. Das
schtzen und kaufen nun die Leute, sagte Hans Konegen dazu, und es
ist ja ganz nett, die Wolkenspiegel im Wasser sind sogar direkt gut.
Aber wo ist da Gre, Wucht, Linie, kurz -- Rhythmus? Eine nette kleine
Arbeit, sauber und lieb, gewi, aber das soll nun ein Berhmter sein!
Ich bitte Sie: wir sind ein Volk, das den grten Krieg der modernen
Geschichte gewonnen hat, das Handel und Industrie im grten Mastab
treibt, das reich geworden ist und Machtbewutsein hat, das eben noch
zu den Fen Bismarcks und Nietzsches sa -- und das soll nun unsere
Kunst sein!

Ob ein hbsches waldiges Flutal geeignet sei, mit monumentaler Wucht
gemalt zu werden, oder ob das Gefhl fr einfache Schnheiten der
lndlichen Natur unseres Volkes unwrdig sei, davon sprach er nicht,
und tat man einen derartigen Einwurf, so hie es unverweilt: Nun ja,
wir knnen ja auch ber das Ding an sich oder ber den Kaukasus reden,
warum nicht? Aber da wir nun doch einmal gerade von diesem Bild hier
sprechen, kann ich nur wiederholen: ist hier Monumentalitt? Ist hier
Gre? Ist hier der Ausdruck dessen, was unser Volk bewegt? und so
weiter.

Berthold Reichardt verlernte es unter dieser Fhrung, sich still
und bescheiden in irgendein schnes Werk zu vertiefen, und wenn er
schlielich gleich seinen neuen Freunden mit Bitterkeit fragte: Was
sollen uns alle diese Ausstellungen? Sie lassen uns ja doch alle
kalt! so hatte er damit mehr Recht als er selber wute, denn wirklich
mochte das geringste dieser Bilder, in einem schlechten Farbendruck
reproduziert und einem Bauernbuben geschenkt, diesem weit mehr Freude
bereiten als dem so kritischen Betrachter alle Galerien.

Doktor Reichardt wute nicht, da seine Bekannten keineswegs die
Blte der heutigen Knstlerjugend darstellten, denn nach ihren Reden,
ihrem Auftreten und ihren vielen theoretischen Kenntnissen taten sie
das entschieden. Er wute nicht, da sie hchstens einen migen
Durchschnitt, ja vielleicht nur eine launige Luftblase und Zerrform
bedeuteten, und wute nicht, da neben dieser lrmenden und berklugen
Jugend unbeachtet gar viele stille Talente hausten und arbeiteten. Er
wute auch nicht, wie wenig grndlich und gewissenhaft die Urteile
Konegens waren, der von schlichten Landschaften den groen Stil, von
Riesenkartons aber tonige Weichheit, von Studienblttern Bildwirkung
und von Staffeleibildern grere Naturnhe verlangte, so da freilich
seine Ansprche stets weit grer blieben als die Kunst aller Knner.
Und er fragte nicht, ob eigentlich Konegens eigene Arbeiten so mchtig
seien, da sie ihm das Recht zu solchen Ansprchen und Urteilen gben.
Wie es Art und schnes Recht der Jugend ist, unterschied er nicht
zwischen seiner Freunde Idealen und ihren Taten, und wenn er ihnen in
lebhafter Unterredung gegenberstand, geno er das Gefhl, als Freund
neben lauter Talenten und Ausnahmegeistern zu leben, unter glcklichen
Reprsentanten der zeitgenssischen Jugend.

Es bten brigens auch diese eine Art von auffallender Bescheidenheit.
Whrend sie nmlich ber Hodler wie ber Botticelli zu reden und alle
Forderungen der hchsten Kunst genau zu formulieren wuten, galt
ihre eigene Arbeit meistens recht anspruchslosen Dingen, kleinen
Gegenstnden und Spielereien dekorativer und gewerblicher Art. Aber
wie das Knnen des grten Malers klein wurde und elend dahinschmolz,
wenn man es an ihren Forderungen an ihn und ihren Urteilen ber ihn
ma, so wuchsen ihre eigenen kleinen Geschftigkeiten ins Gewaltige,
wenn man sie darber sprechen hrte. Der eine hatte eine ganz hbsche
Zeichnung zu einer Vase oder Tasse gemacht und wute nachzuweisen, da
diese Arbeit, so unscheinbar sie sei, doch vielleicht mehr bedeute als
mancher Saal voll Bilder, da sie in ihrem schlichten Ausdrucke das
Geprge des Notwendigen trage und auf einer Erkenntnis der statischen
und konstruktiven Grundgesetze jedes gewerblichen Gegenstandes, ja
des Weltgefges selbst, beruhe. Ein anderer versah ein Stck graues
Papier, das zu Bchereinbnden dienen sollte, mit einigen regellos
verteilten gelblichen Flecken und konnte darber ebenfalls eine Stunde
lang philosophieren, wie die Art der Verteilung jener Flecken etwas
Kosmisches zeige und ein Gefhl von Sternhimmel und Unendlichkeit zu
wecken vermge und wie der Zusammenklang des Grau mit dem Gelb etwas
melancholisch Schweres, aber doch dmonisch Krftiges habe.

Dergleichen Unfug lag in der Luft und wurde von der Jugend als eine
Mode betrieben; mancher kluge, doch schwache Knstler mochte es auch
ernstlich darauf anlegen, mangelnden natrlichen Geschmack durch
solche Raisonnements zu ersetzen oder zu entschuldigen. Reichardt aber
in seiner langsamen Grndlichkeit nahm alles eine Zeit lang ernst
und lernte dabei von Grund aus die verderbliche Miggngerkunst
eines intellektualistischen Beschftigtseins, das der Todfeind jeder
wertvollen Arbeit ist.


2

ber diesem Umgange und Treiben aber konnte er, als ein ziemlich gut
erzogener Mensch, doch auf die Dauer nicht alle gesellschaftlichen
Verpflichtungen vergessen, und so erinnerte er sich vor allem eines
Hauses, in dem er einst als Student verkehrt hatte, da der Hausherr
vor Zeiten mit Bertholds Vater in nheren Beziehungen gestanden
war. Es war dies ein Herr Justizrat Weinland, der ehemals Diplomat
gewesen, dann zur Rechtswissenschaft zurckgekehrt war und als
leidenschaftlicher Freund der Kunst und der Geselligkeit ein belebtes
und glnzendes Haus gefhrt hatte. Dort wollte nun Reichardt, nachdem
er schon gegen einen Monat in der Stadt wohnte, einen Besuch machen
und sprach in sorgfltiger Toilette in dem Hause vor, dessen erste
Etage der Rat einst bewohnt hatte. Da fand er zu seinem Erstaunen einen
fremden Namen auf dem Trschilde stehen, und als er einen zufllig
heraustretenden Diener nach der jetzigen Wohnung des Justizrats fragte,
erfuhr er diese und zugleich die Nachricht, der Herr Rat selbst sei vor
mehr als Jahresfrist gestorben.

Die Wohnung der Witwe, die Berthold sich aufgeschrieben hatte, lag
weit drauen in einer unbekannten stillen Strae am Rande der Stadt,
und ehe er dorthin ging, suchte er durch Kaffeehausbekannte, deren
er einige noch von der Studentenzeit her vorgefunden hatte, ber
Schicksal und jetzigen Zustand des Hauses Weinland Bericht zu erhalten.
Das hielt nicht schwer, da der verstorbene Rat ein weithin gekannter
Mann gewesen war, und so erfuhr Berthold eine ganze Geschichte:
Weinland hatte allezeit weit ber seine Verhltnisse gelebt und war
so tief in Schulden, ja in zweifelhafte und miliche Finanzgeschfte
hineingeraten, da niemand seinen pltzlichen Tod fr einen natrlichen
hatte halten mgen. Jedenfalls hatte sofort nach diesem unerklrten
Todesfall die Familie alle Habe verkaufen mssen und sei, obwohl noch
in der Stadt wohnhaft, so gut wie vergessen und verschollen, da die
angesehenen Freunde sich alle mitrauisch zurckgezogen htten und die
ganz verarmte Frau nicht in der Lage sei, ein Haus zu machen. Schade
sei es dabei am meisten um die Tochter, der jedermann ein besseres
Schicksal gegnnt htte.

Der junge Mann, von solchen Nachrichten berrascht und mitleidig
ergriffen, wunderte sich doch ber das Dasein dieser Tochter, welche
je gesehen zu haben er sich nicht erinnern konnte, und es geschah
zum Teil aus Neugierde auf das Mdchen, als er nach einigen Tagen
beschlo, die Weinlands zu besuchen. Er nahm einen Mietwagen und fuhr
hinaus, durch eine unvornehme Vorstadt bis an die Grenze des freien
Feldes, das zum Teil durch einen Exerzierplatz eingenommen wurde, wo
im nassen Herbstwetter einige kleine Truppen sich unfroh bewegten. Der
Wagen hielt vor einem einzeln stehenden mehrstckigen Miethause, das
trotz seiner Neuheit in Fluren und Treppen schon den trben Duft der
rmlichkeit angenommen hatte.

Etwas verlegen trat er in die kleine Wohnung im zweiten Stockwerk,
dessen Tre ihm eine Kchenmagd, offenbar erstaunt ber den eleganten
Besuch, geffnet hatte. Sogleich erkannte er in der einfachen Stube
mit neuen billigen Mbeln die Frau Rtin, deren strenge magere
Gestalt und ruhig wrdiges Gesicht ihm beinahe unverndert und nur
um einen Schatten reservierter und khler geworden schien. Neben ihr
aber tauchte die Tochter auf, und nun wute er genau, da er diese
noch nie gesehen habe, denn sonst htte er sie gewi nicht so ganz
vergessen knnen. Sie hatte die Figur der Mutter, ohne ihr im Gesicht
hnlich zu sein, und sah mit dem gesunden Gesicht, in der strammen,
elastischen Haltung und einfachen, doch tadellosen Toilette wie eine
junge Offiziersfrau oder Sportsdame aus. Dies war der erste Eindruck,
und schon der war angenehm genug. Bei lngerem Betrachten ergab sich
dann, da in dem frischen, herben Gesicht ruhige dunkelbraune Augen
ihre Sttte hatten, und in diesen ruhigen Augen sowohl, wie in manchen
weichen Bewegungen der strengen und beherrschten Gestalt schien erst
der wahre Charakter des schnen Mdchens zu wohnen, den das brige
uere hrter und klter vermuten lie, als er war.

Reichardt blieb eine halbe Stunde bei den Frauen. Das Frulein Agnes
war, wie er nun erfuhr, whrend der Zeit seines frheren Verkehrs
in ihrem Vaterhause im Auslande gewesen, und er meinte sich nun zu
erinnern, da damals zuweilen von ihr die Rede gewesen sei. Doch
vermieden sie es alle, nher an die Vergangenheit zu rhren, und so kam
es von selbst, da vor allem des Besuchers Person und Leben besprochen
wurde. Beide Frauen zeigten sich ein wenig verwundert, ihn so zuwartend
und unschlssig an den Toren des Lebens stehen zu sehen, und Agnes
meinte geradezu, wenn er einiges Talent zum Baumeister in sich fhle,
so sei das ein so herrlicher Beruf, da sie sein Zaudern nicht
begreife. Beim Abschied fragte er, ob sein gelegentliches Wiederkommen
die Damen in ihrer stillen Zurckgezogenheit nicht stren wrde, und
erhielt die Erlaubnis, nach Belieben sich wieder einzufinden.

Von den vernderten Umstnden der Familie, von ihrer Vereinsamung
und Verarmung hatte zwar die Lage und Bescheidenheit ihrer Wohnung
Kunde gegeben, die Frauen selbst aber hatten dessen nicht nur mit
keinem Worte gedacht, sondern auch in ihrem ganzen Wesen und Benehmen
kein Wissen von Armut oder Bedrcktheit gezeigt, vielmehr den Ton
innegehalten, der in ihrer frheren weitluftigen Lebensfhrung ihnen
gelufig und selbstverstndlich gewesen war. Erst als Reichardt sich,
die Damen im Zimmer zurcklassend, auf dem engen finstern Flur allein
fand und tappend nach dem Trgriff suchen mute, kam ihm die Lage
dieser Frauen wieder in den Sinn. Er nahm eine ihm noch kaum bewute
Teilnahme und Bewunderung fr die schne, tapfere Tochter mit sich
in die abendliche Stadt hinein und fhlte sich bis zur Nacht und zum
Augenblick des Einschlafens von einer wohlig reizenden Atmosphre
umgeben, wie vom tiefen, warmen Braun ihrer Blicke.

Dieser sanfte Reiz spornte den Doktor auch zu neuen Arbeitsgedanken
und Lebensplnen an. Wenige Tage nach seinem Besuche bei den Frauen
Weinland hatte er ein langes, ernstes Gesprch mit dem Maler Konegen,
das zwar zu keinem Ziel fhrte, ihm aber den von ihm noch unerkannten
Vorteil einer Abkhlung dieser Freundschaft brachte. Hans Konegen hatte
auf Reichardts Klagen hin sofort einen breiten, genial konstruierten
Arbeitsplan entworfen, er war in dem groen Atelier heftig hin und
wieder geschritten, hatte seinen rotbraunen Bart mit nervsen Hnden
gedreht und sich alsbald, wie es seine unheimliche Gabe war, in ein
flimmerndes Gehuse eingesponnen, das aus lauter Beredtsamkeit bestand
und dem Regendache jenes Meisterfechters im Volksmrchen glich, unter
welchem jener trocken stand, obwohl es aus nichts bestund als dem
rasenden Kreisschwung seines Degens.

Er rechtfertigte zuerst die Existenz seines Freundes Reichardt, indem
er den Wert und die Bedeutung solcher Intelligenzen ausfhrte, die
als kritische und heimlich mitschpferische Berater der Kunst helfen
und dienen knnten. Ja, es sei das Wesen der Kunst so kompliziert
und unseren materiellen Zeitbestrebungen so fremd geworden, da ein
richtiges verstehendes Verhltnis zur wahren Kunst vielleicht berhaupt
nur noch den Knstlern selber und etwa noch solchen emsigen und klugen
Kunstgelehrten, wie Reichardt, mglich sei. Um so mehr nun sei es also
dessen Pflicht, seine Krfte der Kunst dienstbar zu machen und als
unbeirrbarer Kmpfer fr das einzutreten, was er als den Sinn und das
Ideal der modernen Kunst erkannt habe. Er mge daher trachten, an einer
angesehenen Kunstzeitschrift oder noch besser an einer Tageszeitung
kritischer Mitarbeiter zu werden und zu Einflu zu kommen. Dann wrde
er, Hans Konegen, ihm durch eine Gesamtausstellung seiner Schpfungen
Gelegenheit geben, einer guten Sache zu dienen und der Welt etwas Neues
zu zeigen.

Als Berthold ein wenig mimutig den Freund daran erinnerte, wie
verchtlich sich dieser noch krzlich ber alle Zeitungen und
Zeitschriften und ber das Amt des Kritikers im allgemeinen geuert
habe, bekannte sich der Maler sogleich freudig zu jener uerung, die
er zu jeder Stunde zu wiederholen und zu beweisen bereit sei, nahm
sie dann aber sofort zur Folie fr seine heutigen Absichten und legte
dar, wie eben bei dem traurig tiefen Stande der Kritik ein wahrhaft
edler und freier Geist auf diesem Gebiete zum Reformator werden knne,
zum Lessing unserer Zeit. brigens stehe, so lenkte er nach einem
freundlichen Seitenpfade ein, dem Kunstschriftsteller auch noch ein
anderer und schnerer Weg offen, nmlich der des Buches. Er selbst habe
schon manchmal daran gedacht, die Herausgabe einer Monographie ber
ihn, Hans Konegen, zu veranlassen; nun sei in Reichardt endlich der
rechte Mann fr die nicht leichte Aufgabe gefunden. Berthold solle den
Text schreiben, die Illustration des Buches bernehme er selbst, werde
auch Handdrucke seiner drei Holzschnitte in Japanabzgen beiheften
und schon dadurch jeden echten und reichen Kunstfreund zum Erwerb des
Buches geradezu ntigen.

Reichardt hrte die wortreichen Vorschlge mit einer zunehmenden
Verstimmung an. Heute, da er das bel seiner berufslosen
Entbehrlichkeit besonders stark empfand und fr einen guten Rat oder
auch schon fr ein wenig Trost empfnglich und dankbar gewesen wre,
tat es ihm weh zu sehen, wie der Maler in diesem Zustande nichts
anderes fand als eine Verlockung, ihn seinem persnlichen Ruhm oder
Vorteil dienstbar zu machen.

Aber als er ermdet und betrbt ihm ins Wort fiel und diese Plne kurz
von der Hand wies, war Hans Konegen keineswegs geschlagen.

Gut, gut, sagte er wohlwollend, ich verstehe Sie vollkommen und
mu Ihnen eigentlich recht geben. Die Kritik und die verfluchte
Federfuchserei berhaupt ist ja im Grunde eine entbehrliche und
lcherliche Sache. Sie wollen Werte schaffen helfen, nicht wahr? Tun
Sie das! Sie haben Kenntnisse und Geschmack, Sie haben mich und einige
Freunde und dadurch eine direkte Verbindung mit dem schaffenden Geist
der Zeit. Grnden Sie also ein schnes Unternehmen, mit dem Sie einen
unmittelbaren Einflu auf das Kunstleben ausben knnen! Grnden
Sie zum Beispiel einen Kunstverlag, eine Stelle fr Herstellung und
Vertrieb wertvoller Graphik, ich stelle dazu das Verlagsrecht meiner
Holzschnitte und zahlreicher Entwrfe zur Verfgung, ich richte Ihre
Druckerei und Ihr Privatbureau ein, die Mbel etwa in Ahornholz mit
Messingbeschlgen. Oder noch besser, hren Sie! Beginnen wir eine
kleine Werksttte fr vornehmes Kunstgewerbe! Nehmen Sie mich als
Berater oder Direktor, fr gute Hilfskrfte werde ich sorgen, ein
Freund von mir modelliert zum Beispiel prachtvoll und versteht sich
auch auf Bronzegu.

Und so ging es weiter, munter Plan auf Plan, bis Reichardt beinahe
wieder lachen konnte. berall sollte er der Unternehmer sein, das
Geld aufbringen und riskieren, Konegen aber war der Direktor, der
Beirat, der technische Leiter, kurz die Seele von allem. Zum ersten
Male erkannte Berthold deutlich, wie eng und selbstschtig alle
Kunstgedanken und Zukunftsideale des Malergenies nur um dessen eigene
Person und Eitelkeit oder Gewinnsucht kreisten, und er sah nachtrglich
mit Unbehagen, wie wenig schn die Rolle war, die er in der Vorstellung
und den Absichten dieser Leute gespielt hatte.

Doch berschtzte er sie immer noch, indem er nun darauf dachte, sich
still von diesem Umgang zurckzuziehen, unter mglichster Delikatesse
und Schonung. Denn kaum hatte Herr Konegen nach mehrmals wiederholten
Beredungsversuchen eingesehen, da Reichardt wirklich nicht gesonnen
war, diese Unternehmergelste zu befriedigen, so fiel die ganze
Bekanntschaft dahin, als wre sie nie gewesen. Der Doktor hatte diesen
Leuten ihre paar Holzschnitte und Tpfchen lngst abgekauft, einigen
auch kleine Geldbetrge geliehen; wenn er nun seiner Wege gehen
wollte, hielt niemand ihn zurck. Reichardt, mit den Sitten der Boheme
noch wenig vertraut, sah sich mit unbehaglichem Erstaunen von seinen
Knstlerfreunden vergessen und kaum mehr gegrt, whrend er sich
noch damit qulte, eine ebensolche Entfremdung langsam und vorsichtig
einzuleiten. Ein junger Zeichner schickte ihm noch den Entwurf zu
einem Exlibris zu, das Herr Reichardt einmal mndlich bei ihm bestellt
habe. Er kaufte das kleine Blttchen an, obwohl er sich des Auftrages
nicht erinnerte, und legte es in dieselbe Mappe, welche auch Konegens
Holzschnitte barg.


3

Zuweilen sprach Doktor Reichardt in dem den Vorstadthause bei der
Frau Rat Weinland vor, wo es ihm jedesmal merkwrdig wohl wurde. Der
vornehme Ton dort bildete einen angenehmen erzieherischen Gegensatz
zu den Reden und Sitten des Zigeunertums, in welchen der junge Mann
sich bewegte, ohne sie freilich selbst je ganz anzunehmen, und immer
ernsthafter beschftigte ihn die Tochter, die ihn zweimal allein
empfing, und deren strenge Anmut ihn jedesmal entzckte und verwirrte.
Denn er fand es unmglich, mit ihr jemals ber Gefhle zu reden oder
doch die ihren kennen zu lernen, da sie bei all ihrer damenhaften
Schnheit die Verstndigkeit selbst zu sein schien. Und zwar besa sie
jene praktische, auf das Notwendige und Nchste gerichtete Klugheit,
welche das nur spielerische Sichabgeben mit geistigen Dingen nicht
kennt und welche, wie er sich gestand, von den Bohemiens gewi als
philistrs verlacht worden wre, whrend sie ihm doch jedesmal Eindruck
machte.

Agnes zeigte eine freundliche, sachliche Teilnahme fr den Zustand, in
dem sie ihn befangen sah, und wurde nicht mde, ihn auszufragen und
ihm zuzureden, ja sie machte gar kein Hehl daraus, da sie es eines
Mannes unwrdig finde, sich seinen Beruf so im Weiten zu suchen wie man
Abenteuer suche, statt mit Bescheidenheit und festem Willen an einem
bestimmten Punkte zu beginnen. Von den Weisheiten des Malers Konegen
hielt sie ebenso wenig wie von dessen Holzschnitten, die ihr Reichardt
mitgebracht hatte.

Das sind Spielereien, sagte sie bestimmt, und ich hoffe, Ihr Freund
treibe dergleichen nur in Muestunden. Es sind, so viel ich davon
verstehe, Nachahmungen japanischer Arbeiten, die vielleicht den Wert
von Stilbungen haben knnen. Mein Gott, was sind denn das fr Mnner,
die in den besten Jugendjahren sich daran verlieren, ein Grn und ein
Grau gegeneinander abzustimmen! Jede Frau von einigem Geschmack leistet
ja mehr, wenn sie sich ihre Kleiderstoffe aussucht!

Die wehrhafte Gestalt bot selber in ihrem sehr einfachen, doch
sorgfltig und bewut zusammengestellten Kostm das Beispiel einer
solchen Frau. Recht als wolle es ihn mit der Nase darauf stoen, hatte
sein Glck ihm diese prchtige Figur in seinen Weg gestellt, da er
sich an sie halte und von ihr zum Rechten geleitet werde. Aber der
Mensch ist zu nichts schwerer zu bringen als zu seinem Glck, wenn er
einmal verrannt und in Abwege und Spekulationen geraten ist.

Nmlich Berthold hatte, nachdem die Sache mit dem Maler Konegen abgetan
war, sich im Labyrinthe seiner Unsicherheit ungesumt einen neuen
stattlichen Gang erwhlt, der berallhin fhren konnte, und den er
jetzt mit dem Eifer verfolgte, dessen gute Grbler seiner Art leider
meist nur fr Undinge fhig sind.

Bei einem ffentlichen Vortrag ber das Thema Kunst und Leben, oder
neue Wege zu einer knstlerischen Kultur hatte er etwas erfahren,
das er umso bereitwilliger aufnahm, als es seiner augenblicklichen
enttuschten Gedankenlage entsprach, nmlich da es nottue, aus
allen sthetischen und intellektualistischen Interessantheiten
herauszukommen. Fort mit der formalistischen und negativen Kritik
unserer Kultur, fort mit dem kraftlosen Geistreichtun auf Kosten
heiliger Gter und Angelegenheiten unserer Zeit! Dies war der Ruf, dem
er wie ein Erlster folgte. Er folgte ihm in einer Art von Bekehrung
sofort und unbedingt, einerlei wohin er fhre.

Und er fhrte auf eine Strae, deren Pflaster fr Bertholds
Steckenpferde wie geschaffen war, nmlich zu einer neuen Ethik. War
nicht ringsum alles faul und verdorben, wohin der Blick auch fallen
mochte? Unsere Huser, Mbel und Kleider geschmacklos, auf Schein
berechnet und unecht, unsere Geselligkeit hohl und eitel, unsere
Wissenschaft verknchert, unser Adel vertrottelt und unser Brgertum
verfettet? Beruhte nicht unsere Industrie auf einem Raubsystem, und war
es nicht eben deshalb, da sie das hliche Widerspiel ihres wahren
Ideals darstellte? Warf sie etwa, wie sie knnte und sollte, Schnheit
und Heiterkeit in die Massen, erleichterte sie das Leben, frderte sie
Freude und Edelmut? Nein, ach nein. berall sa einer und wollte Geld
verdienen, von der Politik bis zur bildenden Kunst war jede geistige
Ttigkeit von Anfang an ein Kompromi mit der Unkultur.

Der gelehrige Gelehrte sah sich pltzlich von Falschheit und Schwindel
umgeben, er sah die Stdte vom Kohlenrauch beschmutzt und vom
Geldhunger korrumpiert, das Land entvlkert, das Bauerntum aussterbend;
jede echte und heilige Lebensregung an der Wurzel bedroht. Dinge, die
er noch vor Tagen mit Gleichmut, ja mit Vergngen betrachtet hatte,
enthllten ihm nun ihre innere Fulnis. Berthold fhlte sich fr dies
alles mit verantwortlich und zur Mitarbeit an der neuen Ethik und
Kultur verpflichtet.

Als er dem Frulein Weinland zum erstenmal davon berichtete, wurde
sie aufrichtig betrbt. Sie hatte Berthold gerne und traute es sich
zu, ihm zu einem tchtigen und schnen Leben zu verhelfen, und nun
sah sie ihn, der sie doch sichtlich liebte, blind in diese Lehren und
Umtriebe strzen, fr die er nicht der Mann war, und bei denen er nur
zu verlieren hatte. Sie sagte ihm ihre Meinung recht deutlich und
meinte, jeder der auch nur eine Stiefelsohle mache oder einen Knopf
annhe, sei der Menschheit und der Kultur gewi ntzlicher und lieber
als alle Propheten. Es gebe in jedem kleinen Menschenleben Anla genug,
edel zu sein und Mut zu zeigen, und nur wenige seien dazu berufen, das
Bestehende anzugreifen und Lehrer der Menschheit zu werden.

Er antwortete dagegen mit Feuer, eben diese Gesinnung, die sie
uere, sei die bliche weltkluge Lauheit, mit welcher es zu halten
sein Gewissen ihm verbiete. Es war der erste kleine Streit, den die
beiden hatten, und Agnes sah mit Betrbnis, wie der liebe Mensch immer
weiter von seinem eigenen Leben und Glck abgedrngt und in endlose
Wasserwsten der Theorie und Einbildungen verschlagen wurde. Schon war
er im Begriffe, blind und stolz an der hbschen Glcksinsel vorber zu
segeln, wo sie auf ihn wartete.

Die Sache wurde um so bler, als Reichardt jetzt in den Einflu eines
wirklichen Propheten geriet, den er in einem ethischen Verein kennen
gelernt hatte. Dieser Mann, welcher Eduard van Vlissen hie, war erst
Theologe, dann Knstler gewesen und hatte berall, wohin er kam,
rasch eine groe Macht in den Kreisen der Suchenden und Verirrten
gewonnen, welche ihm auch zukam, da er nicht nur unerbittlich im
Erkennen und Verurteilen sozialer belstnde, sondern persnlich auch
zu jeder Stunde bereit war, fr seine Gedanken einzustehen und sich
ihnen zu opfern. Als katholischer Theologe hatte er eine Schrift ber
den heiligen Franz von Assisi verffentlicht, worin er den Untergang
seiner Ideen aus seinem Kompromi mit dem Papsttum erklrt und den
Gegensatz von heiliger Intuition und echter Sittlichkeit gegen Dogma
und Kirchenmacht auf das Schroffste ausgemalt hatte. Von der Kanzel
deshalb vertrieben, nahm er seinen Austritt aus der Kirche und tauchte
bald darauf in belgischen Kunstausstellungen als Urheber seltsamer
mystischer Gemlde auf, die viel von sich reden machten. Seit Jahren
aber lebte er nun auf Reisen, ohne Erwerb und ohne festen Wohnort,
ganz dem Drange seiner Mission hingegeben. Er gab einem Armen achtlos
sein letztes kleines Geldstck, um dann selbst zu betteln. In den
Husern der Reichsten verkehrte er unbefangen und freimtig, stets in
dasselbe anstndige, doch beraus einfache Lodenkleid gehllt, das
er auch auf seinen Fuwanderungen und Reisen trug. Seine Lehre war
ohne feste Dogmen, er liebte und empfahl vor allem Bedrfnislosigkeit
und Wahrhaftigkeit, so da er auch die kleinste Hflichkeitslge
verabscheute. Wenn er daher zu jemand, den er kennen lernte, sagte Es
freut mich, so galt das fr eine Auszeichnung, und eben das hatte er
zu Reichardt gesagt.

Seit dieser den merkwrdigen und bedeutenden Mann gesehen hatte und
seinen Umgang geno, wurde sein Verhltnis zu Agnes Weinland immer
lockerer und unsicherer. Der Prophet, von dem man sagte, er habe nie in
seinem Leben mit Frauen zu tun gehabt, war allerdings in Liebessachen
kein Kenner. Whrend jeder kluge Arzt oder Beichtvater einen jungen
Menschen, der mit sich unzufrieden ist, vor allem nach einer etwaigen
Liebe oder Brautschaft befragen wrde, dachte van Vlissen daran
nicht. Er sah in Reichardt einen sympathischen und begabten jungen
Mann, der im Getriebe der Welt keinen rechten Platz finden konnte,
und den er keineswegs zu beruhigen und zu vershnen dachte, denn er
liebte und brauchte solche Unzufriedene, deren Not er teilte und aus
deren Bedrfnis und Auflehnung er die Entstehung der besseren Zeiten
erwartete. Whrend dilettantische Weltverbesserer stets an ihren
eigenen Unzulnglichkeiten leiden, die sie der Weltordnung zuschreiben,
und ber die sie niemals hinauskommen, war dieser hollndische Prophet
gegen sein eigenes Wohl oder Wehe nahezu vllig unempfindlich und
richtete alle Kraft seiner Wnsche und seines Kopfes auf jene bel,
die er als prinzipielle Feinde und Zerstrer menschlichen Friedens
ansah. Er hate den Krieg und die Machtpolitik, er hate das Geld und
den Luxus, und er sah seine Mission darin, seinen Ha auszubreiten und
aus dem Funken zur groen Flamme zu machen, damit sie einst das bel
vernichte. In der Tat kannte er Hunderte und Tausende von notleidenden
und suchenden Seelen in der Welt, und seine Verbindungen mit solchen
reichten vom russischen Gutshofe des Grafen Tolstoi bis in die
Friedens- und Vegetarierkolonien an der sdfranzsischen Kste und auf
Madeira.

Berthold verfiel der Anziehungskraft dieses Mannes vollkommen. Van
Vlissen hielt sich nur drei Wochen in Mnchen auf und wohnte bei einem
schwedischen Maler, in dessen Atelier er sich nachts eine Hngematte
ausspannte, und dessen mageres Frhstck er teilte, obwohl er genug
reiche Freunde hatte, die ihn mit Einladungen bedrngten. ffentliche
Vortrge hielt er nicht, war aber von frh bis spt und selbst bei
Gngen auf der Strae umgeben von einem Kreise Gleichgesinnter oder
Ratsuchender, mit denen er einzeln oder in Gruppen redete, ohne zu
ermden. Mit einer einfachen, volkstmlichen Dialektik wute er alle
Propheten und Weisen als seine Bundesgenossen darzustellen und ihre
Sprche als Belege fr seine Lehre zu zitieren, nicht nur den heiligen
Franz, sondern ebenso Jesus selbst, Sokrates, Buddha, Konfuzius.
Htte Berthold seine Reden irgendwo gedruckt gelesen, so htten sie
vielleicht wenig Eindruck auf ihn gemacht, jedenfalls htte er sofort
ihre ebenso schne wie gefhrliche Einseitigkeit erkannt. So aber
unterlag er willig dem Einflu einer so starken und seltsam anziehenden
Persnlichkeit.

Wie ihm ging es auch hundert anderen, die sich in van Vlissens Nhe
hielten. Aber Reichardt war einer von den ganz Wenigen, die sich nicht
mit der Sensation und Stimmung des gegenwrtigen Augenblicks begngten,
sondern eine ernstliche Umkehrung des Willens in sich erlebten, wozu es
gewi keiner berlegenen Urteilskraft, wohl aber eines ungetrbten und
zarten sittlichen Empfindens bedarf.

In dieser Zeit besuchte er Agnes Weinland und ihre Mutter nur ein
einzigesmal. Die Frauen bemerkten die Vernderung seines Wesens
alsbald; seine fast knabenhafte Begeisterung, die doch keinen kleinsten
Widerspruch ertragen konnte, und die fanatisierte Gehobenheit seiner
Sprache mifielen ihnen beiden, und indem er ahnungslos in seinem
glcklichen Eifer sich immer heier und immer weiter von Agnes weg
redete, sorgte der bse Feind dafr, da auch noch gerade heute ihn das
denkbar unglcklichste Thema beschftigen mute.

Dieses war die damals vielbesprochene Reform der Frauenkleidung,
welche von vielen Seiten fanatisch gefordert wurde, von Knstlern aus
sthetischen Grnden, von Hygienikern aus hygienischen, von Ethikern
aus ethischen. Whrend eine lrmende Jugend, von manchen ernsthaften
Mnnern und Frauen bedeutsam untersttzt, gegen die bisherigen
Frauenkleider auftrat und der Mode ihre Lebensberechtigung absprach,
sah man freilich die schnen und eleganten Frauen der berhmten
Knstler, rzte und so weiter nach wie vor sich mit dem schnen
Schein dieser verfolgten Mode schmcken; und mochte es nun tiefer
begrndet sein oder nur an mangelnder Gewhnung der Augen liegen, diese
eleganten Frauen gefielen sich und der Welt entschieden besser als
die Erstlingsopfer der neuen Reform, die mutig in ungewohnten, fast
faltenlosen Kostmen einhergingen.

Reichardt nun stand neuerdings unbedingt auf der Seite der Reformer.
Die anfangs humoristischen, dann ernster werdenden und schlielich
leicht indignierten Einwrfe der beiden Damen beantwortete er nicht
gerade heftig oder unhflich, aber in einem anmaend berlegenen
Tone, wie ein Weiser, der zu Kindern spricht. Die alte Dame versuchte
mehrmals das Gesprch in andere Gleise zu lenken, doch vergebens, bis
schlielich Agnes mit Entschiedenheit sagte: Sprechen wir nicht mehr
davon! Ich bin darber erstaunt, Herr Doktor, wie viel Sie von diesem
Gebiet verstehen, auf dem ich mich auch ein wenig auszukennen glaubte,
denn ich mache alle meine Kleider selber. Da habe ich denn also, ohne
es zu ahnen, Ihre Gesinnungen und Ihren Geschmack durch meine Trachten
fortwhrend beleidigt.

Erst bei diesen Worten ward Reichardt inne, wie undelikat und anmaend
sein Predigen gewesen sei, und errtend bat er um Entschuldigung.
Meine berzeugung zwar bleibt vllig bestehen, sagte er ernsthaft,
aber es ist mir tatschlich niemals eingefallen, auch nur einen
Augenblick dabei an Ihre Person zu denken, die mir fr solche Kritik
viel zu hoch steht. Auch mu ich gestehen, da ich selbst wider meine
Anschauungen sndige, indem Sie mich in einer Kleidung sehen, deren
Prinzip ich verwerfe. Mit anderen nderungen meiner Lebensweise, die
ich schon vorbereite, werde ich auch zu einer anderen Tracht bergehen,
mit deren Beschreibung ich Sie jedoch nicht belstigen darf.

Unwillkrlich musterte bei diesen Worten Agnes seine Gestalt, die in
ihrer unauffllig eleganten Besuchskleidung recht hbsch und nobel
aussah, und sie rief mit einem Seufzer: Sie werden doch nicht im Ernst
hier in Mnchen in einem Prophetenmantel herumlaufen wollen!

Nein, sagte der Doktor, ich begreife, da dies lcherlich und
unntz wre. Aber ich habe eingesehen, da ich berhaupt nicht in das
Stadtleben tauge, und will mich in Blde auf das Land zurckziehen, um
in schlichter Ttigkeit ein einfaches und naturgemes Leben zu fhren.

Eine gewisse Befangenheit, der sie alle drei verfielen, lag lhmend
ber der weiteren Unterhaltung, so da Reichardt nach wenigen Minuten
Abschied nahm. Er reichte der Rtin die Hand, dann der Tochter, die
jedoch erklrte, ihn hinausbegleiten zu wollen. Sie ging, was sie
noch nie getan hatte, mit ihm in den engen Flur hinaus und wartete,
bis er im berzieher war. Dann ffnete sie die Tr zur Treppe, und
als er ihr nun Abschied nehmend die Hand gab, hielt sie diese einen
Augenblick fest, sah ihn mit dunklen Augen aus dem erbleichten Gesicht
durchdringend an und sagte: Tun Sie das nicht! Tun Sie nichts von dem,
was Ihr Prophet verlangt! Ich meine es gut.

Unter ihrem halb flehenden, halb befehlenden Blick berlief ihn ein
ser, starker Schauder von Glck, und im Augenblick mute er es sich
wie eine selige Erlsung vorstellen, sein Leben dieser Frau in die
Hnde zu geben. Er fhlte, wie weit aus ihrer sprden Selbstndigkeit
sie ihm hatte entgegenkommen mssen, und einige Sekunden lang
schwankte, von diesem Wort und Blick erschttert, das ganze Gebude
seiner Gedankenwelt, als wolle es einstrzen.

Indessen hatte sie seine Hand losgelassen und leise die Tre hinter ihm
geschlossen.


4

Am folgenden Tag merkte van Vlissen wohl, da sein Jnger unsicher
geworden und von fremden Einflssen gestrt war. Er sah ihm lchelnd
ins Gesicht, mit seinen merkwrdig klaren, doch leidvollen Augen, doch
tat er keine Frage und lud statt dessen, als sie einen Augenblick in
Reichardts Wohnung allein waren, ihn zu einem Spaziergange ein. Das
hatte er noch nie getan, und Berthold lie alsbald einen Wagen kommen,
in dem sie weit vor die Stadt hinaus isaraufwrts fuhren. Im Walde
lie van Vlissen halten und schickte den Wagen zurck. Der Wald stand
vorwinterlich verlassen unter dem bleichen grauen Himmel, es war weit
und still, nur aus groer Ferne her hrten sie die Axtschlge von
Holzhauern durch die graue Khle klingen.

Auch jetzt begann der Apostel kein Gesprch. Er schritt mit leichtem,
wandergewohntem Gange dahin, aufmerksam mit allen Sinnen die Waldstille
einatmend und durchdringend. Wie er die Luft eintrank und den Boden
trat, wie er einem entfliehenden Eichhorn nachblickte und mit lautloser
Gebrde den Begleiter auf einen nahesitzenden Specht aufmerksam machte,
da war etwas still Zwingendes in seinem Wesen, eine ungetrbte Wachheit
und berall mitlebende Unschuld oder Gte, in welche der mchtige Mann
wie in einen Zaubermantel gehllt ein Reich zu durchwandern schien,
dessen heimlicher Knig er war. Aus dem Walde tretend sahen sie weite
cker ausgebreitet, ein Bauer fuhr am Horizont langsam mit schweren
Gulen dahin, und langsam begann van Vlissen zu sprechen, von Saat und
Ernte, von Erde und Dung und lauter buerlichen Dingen und entfaltete
in einfachen Worten ein Bild des lndlichen Lebens, das der stumpfe
Bauer unbewut fhre, das aber, von bewuten und dankbaren Menschen
gefhrt, voll Heiligung und Frieden und geheimer Kraft sein msse.
Und der Jnger fhlte, wie die Weite und Stille und der ruhige groe
Atem der lndlichen Natur Sprache gewann und sich seines Herzens
bemchtigte. Erst gegen Abend kehrten sie in die Stadt zurck.

Wenige Tage spter fuhr van Vlissen zu Freunden nach Tirol, und
Reichhardt reiste mit ihm, und in einem schnen sdlichen Tal kaufte er
einen Obstgarten und ein kleines, etwas verfallenes Weinberghuschen,
in das er ohne Sumen einziehen wollte, um sein neues Leben zu
beginnen. Er trug ein einfaches Kleid aus grauem Loden, wie das des
Hollnders, und fuhr in diesem Kleide auch nach Mnchen zurck, wo er
sein Zelt abbrechen und Abschied nehmen wollte.

Schon aus seinem langen Wegbleiben hatte Agnes geschlossen, da ihr
Rettungsversuch vergeblich gewesen sei. Das stolze Mdchen war betrbt,
den Mann und die an ihn geknpften Hoffnungen zu verlieren, doch nicht
minder in ihrem Selbstgefhl verletzt, sich einer Grille wegen von
ihm verschmht zu sehen, dem sie nicht ohne Selbstberwindung so weit
entgegengekommen war.

Als jetzt Berthold Reichardt gemeldet wurde, hatte sie alle Lust, ihn
gar nicht zu empfangen, bezwang jedoch ihre Verstimmung und sah ihm
ohne eigentliche Hoffnung, doch mit einer gewissen erregten Neugierde
entgegen. Die Mutter lag im rckwrtigen Zimmer mit einer Erkltung zu
Bette.

Mit Verwunderung sah Agnes den Mann eintreten, um den sie mit
einem Luftgespinste zu kmpfen hatte, und der nun etwas verlegen
und wunderlich verndert vor ihr stand. Er trug nmlich die Tracht
van Vlissens, Wams und Beinkleider von grobem Filztuch, statt
steifgebgelter Wsche ein Hemd aus naturfarbenem Linnen mit einem
ziemlich breiten weichen Halskragen.

Agnes, die ihn nie anders als im schwarzen Besuchsrock oder im
modischen Straenanzug gesehen hatte, betrachtete ihn einen Augenblick
mit Enttuschung und Staunen, dann bot sie ihm einen Stuhl an und sagte
mit einem kleinen Anklang von Spott: Sie haben sich verndert, Herr
Doktor.

Er lchelte befangen und sagte: Allerdings, und Sie wissen ja auch,
was diese Vernderung bedeutet. Ich komme, um Abschied zu nehmen, denn
ich bersiedele dieser Tage nach meinem kleinen Gute in Tirol.

Sie haben Gter in Tirol? Davon wuten wir ja gar nichts.

O, es ist nur ein Garten und Weinberg, und gehrt mir erst seit
einer Woche. Sie haben die groe Gte gehabt, sich um mein Vorhaben
und Ergehen zu kmmern, darum glaube ich Ihnen darber Rechenschaft
schuldig zu sein. Oder darf ich nun auf jene liebe Teilnahme nicht mehr
rechnen?

Agnes Weinland zog die Brauen zusammen und sah ihn an.

Ihr Ergehen, sagte sie leise und klar, hat mich interessiert, so
lange ich so etwas wie einen ttigen Anteil daran nehmen konnte. Fr
die Versuche mit Tolstoischer Lebensweise, die Sie vorhaben, kann ich
aber leider nur wenig Interesse aufbringen.

Seien Sie nicht zu strenge! sagte er bittend. Aber wie Sie auch von
mir denken mgen, Frulein Agnes, ich werde Sie nicht vergessen knnen,
und ich hoffe von Herzen, Sie werden mir das, was ich tue, verzeihen,
sobald Sie mich hierin ganz verstehen.

O, zu verzeihen habe ich Ihnen nichts.

Berthold beugte sich vor und fragte leise: Und wenn wir beide guten
Willens wren, glauben Sie nicht, da Sie dann vielleicht diesen Weg
mit mir gemeinsam gehen knnten?

Sie stand auf und sagte ohne Erregung: Nein, Herr Reichardt, das
glaube ich nicht. Ich kann Ihnen alles Glck wnschen. Aber ich bin in
all meiner Armut gar nicht so unglcklich, da ich Lust htte, einen Weg
zu teilen, der aus der Welt hinaus ins Unsichere fhrt.

Und pltzlich aufflammend rief sie fast heftig: Gehen Sie nur Ihren
Weg! Gehen Sie ihn!

Mit einer zornigstolzen, prachtvollen Gebrde lud sie ihn ein sich zu
verabschieden, was er betroffen und bekmmert tat, und indessen er
drauen die Tre ffnete und schlo und die Treppe hinabstieg, hatte
sie, die seine Schritte verklingen hrte, genau dasselbe wunderlich
bittere und hoffnungslose Gefhl im Herzen wie der davongehende Mann,
als gehe hier einer Torheit wegen eine schne und kstliche Sache
zugrunde; nur da jedes dabei der Torheit des andern dachte.


5

Es begann jetzt Berthold Reichardts Martyrium. In den ersten Anfngen
sah es gar nicht bel aus. Wenn er ziemlich frh am Morgen das Lager
verlie, das er sich selber bereitete, schaute durch das kleine
Fenster seiner Schlafkammer das stille morgendliche Tal herein, an
dessen tiefster Stelle die Sonne hervortrat. Der Tag begann mit
angenehmen und kurzweiligen Bettigungen des Einsiedlerlehrlings, mit
dem Waschen oder auch Baden im Brunnentrog, je nach der Wrme des
Tages, mit dem Feuermachen im Steinherde, dem Herrichten der Kammer,
Milchkochen und trinken. Sodann erschien, alle Tage pnktlich zu
seiner Stunde, der Knecht und Lehrmeister, Ratgeber und Minister Xaver
aus dem Dorfe, der auch das Brot mitbrachte. Mit ihm ging Berthold
nun an die Arbeit, bei gutem Wetter im Freien, sonst im Holzschuppen
oder in der Stube. Emsig lernte er unter des Knechtes Anleitung die
wichtigsten Gerte handhaben, die Gais melken und fttern, den Boden
graben, Obstbume putzen, den Gartenzaun flicken, Scheitholz fr den
Herd spalten und Reisig fr den Ofen bndeln, und war es kalt und wst,
so wurden im Hause Wnde und Fenster verstopft, Krbe und Strohseile
geflochten, Spatenstiele geschnitzt und hnliche Dinge betrieben, wobei
der Knecht vergngt seine Holzpfeife rauchte und aus dem dichten Gewlk
hervor eine Menge Geschichten erzhlte.

Whrend aber dem Knechte dies Leben als ein leichtes und halbmiges
wohlgefiel, offenbarte es dem Herrn die krftige Wrze der Arbeit, die
ihm nicht minder gefiel und wohltat. Wenn er mit dem von ihm selbst
gespaltenen Holze in der urtmlichen Feuerstelle unterm riesigen
schwarzen Schlunde des Kchenrauchfanges Feuer anmachte und das Wasser
oder die Milch im viel zu groen Hngekessel zu sieden begann, dann
konnte er ein robustes Lebensgefhl robinsonschen Behagens in den
Gliedern spren, das er seit fernen Knabenzeiten nicht gekannt hatte,
und in dem er schon die ersten Atemzge der ersehnten inneren Erlsung
zu kosten meinte.

In der Tat mag es fr den Kulturmenschen und Stdter nichts
Erfrischenderes geben als eine Weile mit buerlicher Arbeit zu spielen,
die Gedanken ruhen zu lassen und die Glieder zu ermden, frh schlafen
zu gehen und frh aufzustehen. Es lassen sich jedoch ererbte und
erworbene Gewohnheiten und Bedrfnisse nicht wie Hemden wechseln,
und wer seit Schlerzeiten gelernt hat, vorwiegend mit dem Gehirn zu
arbeiten, der kann kein Kleinbauer mehr werden. Diese Binsenwahrheit
mute auch Reichardt erfahren.

Seine Abende brachte er allein im Huschen zu, dann ging der Knecht
mit seinem guten Tagelohn nach Hause oder ins Wirtshaus, um unter
seinesgleichen froh zu sein und von dem Treiben seines wunderlichen
Brotgebers zu erzhlen; der Herr aber sa bei der Lampe und las in den
Bchern, die er mitgebracht hatte, und die vom Garten- und Obstbau
handelten. Diese vermochten ihn aber nicht lange zu fesseln. Er las und
lernte glubig, da das Steinobst die Neigung hat, mit seinen Wurzeln
in die Breite zu gehen, das Kernobst aber mehr in die Tiefe, und da
dem Blumenkohl nichts so bekmmlich sei wie eine gleichmige feuchte
Wrme. Er interessierte sich auch noch dafr, da die Samen von Lauch
und Zwiebeln ihre Keimkraft nach zwei Jahren verlieren, whrend die
Kerne von Gurken und Melonen ihr geheimnisvolles Leben bis ins sechste
Jahr behalten. Bald aber ermdeten und langweilten ihn diese Dinge, die
er von Xaver doch besser lernen konnte, und er gab diese Lektre auf.

Dafr nahm er jetzt einen kleinen Bchersto hervor, der sich in der
letzten mnchener Zeit bei ihm angesammelt, da er dies und jenes
Zeitbuch auf dringende Empfehlungen hin gekauft hatte, zum Lesen aber
nie gekommen war. Nun schien ihm die Zeit gekommen, diese Kleinode
in Stille und Sammlung auf sich wirken zu lassen. Beim Ordnen dieser
Bcher und Schriften fielen ihm freilich einige in die Hnde, die
er als unntz beiseite tat, denn sie stammten aus den Tagen seines
Verkehrs mit Hans Konegen und handelten von Ornament und Symbol, vom
Stil der Zukunft und hnlichen Materien. Dann folgten zwei Bndchen
von Tolstoi, van Vlissens Abhandlung ber den Heiligen von Assisi,
Schriften wider den Alkohol, wider die Laster der Grostadt, wider den
Luxus, den Industrialismus, den Krieg.

Von diesen Bchern fhlte sich der junge Weltflchtige wieder
krftig und wohlttig in allen seinen Prinzipien besttigt, er
sog sich mit erbittertem Vergngen voll an der Philosophie der
Unzufriedenen, Asketen und Idealisten, aus deren Schriften her ein
feiner Heiligenschein ber sein eigenes jetziges Leben fiel. Und als
nun bald der Frhling begann, erlebte Berthold mit Wonne den Segen
natrlicher Arbeit und Lebensweise, er sah unter seinem Rechen
hbsche Beete entstehen, tat zum erstenmal in seinem Leben die schne,
vertrauensvolle Arbeit des Sens und hatte seine Lust am Keimen und
Gedeihen der Gewchse. Die Arbeit hielt ihn jetzt bis weit in die
Abende hinein gefangen, die migen Stunden wurden selten, und in
den Nchten schlief er tief und rastbedrftig wie ein rechter Bauer.
Wenn er jetzt, in einer Ruhepause auf den Spaten gesttzt oder am
Brunnen das Vollwerden der Giekanne abwartend, an Agnes Weinland
denken mute, so zog sich wohl sein Herz ein wenig zusammen, aber
das Leiden war ohne Verzweiflung, und er dachte es mit der Zeit wohl
vollends zu berwinden, denn er meinte, es wre doch tricht und schade
gewesen, htte er sich von dieser Liebe verfhren und in der argen Welt
zurckhalten lassen.

Dazu kam, da von der Zeit des Wonnemonats an sich auch die Einsamkeit
mehr und mehr verlor wie ein Winternebel. Von dieser Zeit an erschienen
je und je unerwartete, freundlich aufgenommene Gste verschiedener
Art, lauter fremde Menschen, von denen er nie gewut hatte, und deren
eigentmliche Klasse er nun kennen lernte, da sie alle aus unbekannter
Quelle seine Adresse wuten und keiner ihres Ordens durch das Tal
zog, ohne ihn heimzusuchen. Es waren dies verstreute Angehrige jener
groen Schar von Sonderlingsexistenzen, die auerhalb der gewhnlichen
Weltordnung ein kometenhaftes Wanderleben fhren, und deren einzelne
Typen nun Berthold allmhlich unterscheiden lernte. Denn ihrer sind
viele, aber sie lassen sich ordnen und einteilen und bilden Klassen und
Gruppen wie andere Lebewesen auch.

Der erste, der sich zeigte, war ein ziemlich brgerlich aussehender
Mann oder Herr aus Leipzig, der die Welt mit Vortrgen ber die
Gefahren des Alkohols bereiste und auf einer Ferientour unterwegs war.
Er blieb nur eine Stunde oder zwei, hinterlie aber bei Reichardt ein
angenehmes Gefhl, er sei nicht vllig in der Welt vergessen und gehre
einer heimlichen Gemeinschaft edel strebender Menschen an.

Der nchste Besucher sah schon aparter aus, es war ein regsamer,
begeisterter Herr in einem weiten altmodischen Gehrocke, zu welchem
er keine Weste, dafr aber ein Jgerhemd, gelbe karrierte Beinkleider
und auf dem Kopfe einen hellbraunen, malerisch breitrandigen Filzhut
trug. Dieser Mann, welcher sich Salomon Adolfus Wolff nannte, benahm
sich mit einer so leutseligen Frstlichkeit und nannte seinen Namen so
bescheiden lchelnd und alle zu hohen Ehrbezeugungen im voraus etwas
nervs ablehnend, da Reichardt in eine kleine Verlegenheit geriet, da
er ihn nicht kannte und seinen Namen nie gehrt hatte.

Der Fremde war, soweit aus seinem eigenen Berichte hervorging, ein
hervorragendes Werkzeug Gottes und vollzog wundersame Heilungen, wegen
deren er zwar von rzten und Gerichten beargwohnt und angefeindet, ja
grimmig verfolgt, von der kleinen Schar der Weisen und Gerechten aber
desto hher verehrt wurde. Er hatte soeben in Italien einer Grfin,
deren Namen er nicht verraten drfe, durch bloes Hndeauflegen das
schon verloren gegebene Leben wiedergeschenkt. Nun war er, als ein
Verchter der modernen Hastigkeit und hlichen Eile, zu Fu auf
dem Rckwege nach der Heimat, wo ihn zahlreiche Bedrftige sehnlich
erwarteten. Leider sehe er sich die Reise durch Geldmangel erschwert,
denn es sei ihm unmglich, fr seine Heilungen anderen Entgelt
anzunehmen, als die Dankestrnen der Genesenen, und er schme sich
daher nicht, seinen Bruder Reichardt, zu welchem Gott ihn gewiesen,
um ein kleines Darlehen zu bitten, welches nicht seiner Person -- an
welcher nichts gelegen sei -- sondern eben den auf seine Rckkunft
harrenden Bedrftigen zugute kommen sollte.

Das Gegenteil dieses Heilandes stellte ein junger Mann von russischem
Aussehen vor, welcher eines Abends vorsprach, und dessen feine
Gesichtszge und Hnde in Widerspruch standen mit seiner uerst
drftigen Arbeiterkleidung und den zerrissenen groben Schuhen. Er
sprach nur wenige Worte deutsch, und Reichardt erfuhr nie, ob er
einen verfolgten Anarchisten, einen heruntergekommenen Knstler oder
einen Heiligen beherbergt habe. Der Fremdling begngte sich damit,
einen glhend forschenden Blick in Reichardts Gesicht zu tun und ihn
dann mit einem geheimen Signal der aufgehobenen Hnde zu begren. Er
ging schweigend durch das ganze Huschen, von dem verwunderten Wirte
gefolgt, zeigte dann auf eine leerstehende Kammer mit einer breiten
Wandbank und fragte demtig: Ich hier kann schlafen? Reichardt
nickte, lud den Mann zur Abendsuppe ein und machte ihm auf jener Bank
ein Nachtlager zurecht, ohne da der Fremde noch ein Wort gesprochen
htte. Am nchsten Morgen nahm er noch eine Tasse Milch an, sagte mit
tiefem Gurgelton Danke und ging fort.

Bald nach ihm erschien ein halbnackter Vegetarier, der erste einer
langen Reihe von Pflanzenessern, in Sandalen und einer Art von
baumwollener Hemdhose. Er hatte, wie die meisten Brder seiner Zunft,
auer einiger Arbeitsscheu keine Laster, sondern war ein lieber,
kindlicher Mensch von rhrender Bedrfnislosigkeit, der in seinem
sonderbaren Gespinste von hygienischen und sozialen Erlsungsgedanken
ebenso frei und natrlich dahinlebte, wie er uerlich seine etwas
theaterhafte Wstentracht nicht ohne Wrde trug.

Dieser einfache, kindliche Mann machte Eindruck auf Reichardt.
Er predigte nicht Ha und Kampf, sondern war in stolzer Demut
berzeugt, da auf dem Grunde seiner Lehre ganz von selbst ein neues
paradiesisches Menschendasein erblhen werde, dessen er selbst sich
schon teilhaftig fhlte. Sein oberstes Gebot war: Du sollst nicht
tten!, was er nicht nur auf Mitmenschen und Tiere bezog, sondern
als eine grenzenlose Verehrung alles Lebendigen auffate. Ein Tier
zu tten, schien ihm scheulich, und er glaubte fest daran, da nach
Ablauf der jetzigen Periode von Entartung und Blindheit die Menschheit
von diesem Verbrechen wieder vllig ablassen werde. Er fand es aber
auch mrderisch, Blumen abzureien und Bume zu fllen; von allen
Gaben der Natur schienen ihm nur die Frchte dem Menschen bestimmt
und erlaubt zu sein, welche man auch essen knne, ohne den Gewchsen
zu schaden. Reichardt wandte ein, da wir, ohne Bume zu fllen, ja
keine Huser bauen knnten, worauf der Frugivore eifrig nickte: Ganz
recht! Wir sollen ja auch keine Huser haben, so wenig wie Kleider,
das alles trennt uns von der Natur und fhrt uns weiter zu allen den
Bedrfnissen, um deren willen Mord und Krieg und alle Laster entstanden
sind. Und als Reichardt wieder einwarf, es mchte sich kaum irgendein
Mensch finden, der in unserem Klima ohne Haus und ohne Kleider einen
Winter berleben knnte, da lchelte sein Gast abermals freudig und
sagte: Gut so, gut so! Sie verstehen mich ausgezeichnet. Eben das ist
ja die Hauptquelle alles Elends in der Welt, da der Mensch seine Wiege
und natrliche Heimat im Scho Asiens verlassen hat. Dahin wird der Weg
der Menschheit zurckfhren, und dann werden wir alle wieder im Garten
Eden sein.

Berthold hatte, trotz der offenkundigen Untiefen, eine gewisse Freude
an dieser idyllisch harmlosen Philosophie, die er noch von manchen
anderen Verkndern in anderen Tnungen zu hren bekam, und er htte
ein Riese sein mssen, wenn nicht allmhlich jedes dieser Bekenntnisse
ihm, der auerhalb der Welt lebte, bleibende Eindrcke gemacht und
sein eigenes Denken gefrbt htte. Die Welt, wie er sie jetzt sah und
nicht anders sehen konnte, bestand aus dem kleinen Kreise primitiver
Ttigkeiten, denen er oblag, darber hinaus war nichts vorhanden als
auf der einen Seite eine verderbte, verfaulende und daher von ihm
verlassene Kultur, auf der anderen eine ber die Welt verteilte kleine
Gemeinde von Zuknftigen, welcher er sich zurechnen mute, und zu der
auch alle die Gste zhlten, deren manche tagelang bei ihm blieben und
gegen deren drollige Auenseite er bald abgestumpft war, whrend ihr
Glauben und Hoffen, ihr Aberglaube und Fanatismus die Luft war, in der
sein Geist atmete.

Nun begriff er auch wohl den sonderbar religis-schwrmerischen
Anhauch, den alle diese seine Gste und Brder hatten. Askese und
Mnchtum, Sektenwesen und Ekstase waren nicht Erscheinungen gewisser
Zeiten und Religionen, sondern immer und berall in tausend Formen
unter den Menschen vorhanden gewesen und heute noch da, und alle diese
Wanderer, Prediger, Asketen und Phantasten gehrten in diesen Kreis.
Sie waren das Salz der Erde, die Umschaffenden und Zukunftbringenden,
geheime geistige Krfte hatten sich mit ihnen verbndet, von den
Fasten und Mysterien der gypter und Inder bis zu den Phantasien der
langhaarigen Obstesser und den Heilungswundern der Magnetiseure oder
Gesundbeter.

Da aus diesen Erlebnissen und Beobachtungen alsbald wieder eine
systematische Theorie oder Weltanschauung werde, dafr sorgte nicht
nur des Doktors eigenes Geistesbedrfnis, sondern auch eine ganze
Literatur von Schriften, die ihm von diesen Gsten teils mitgebracht,
teils zugesandt, teils als notwendig empfohlen wurden. Eine
seltsame Bibliothek entstand in dem kleinen Huschen, beginnend mit
vegetarischen Kochbchern und endend mit den tollsten mystischen
Systemen, ber Christentum, Platonismus, Gnostizismus, Spiritismus
und Theosophie hinweg alle Gebiete geistigen Lebens in einer allen
diesen Autoren gemeinsamen Neigung zu okkultistischer Wichtigtuerei
umfassend. Der eine Autor wute die Identitt der pythagoreischen Lehre
mit dem Spiritismus darzutun, der andere Jesus als Verkndiger des
Vegetarismus zu deuten, der dritte das lstige Liebesbedrfnis als eine
bergangsstufe der Natur zu erweisen, welche sich der Fortpflanzung nur
vorlufig bediene, in ihren Endabsichten aber die wandellose leibliche
Unsterblichkeit der Individuen anstrebe.

Mit den vielen Bekanntschaften dieses Sommers und Herbstes und mit
dieser Bchersammlung fand sich Berthold schlielich bei rasch
abnehmenden Tagen seinem zweiten tiroler Winter gegenbergestellt. Mit
dem Eintritt der khlen Zeit und der Herbstnderung der Fahrplne hrte
nmlich der Gsteverkehr, an den er sich gewhnt hatte, urpltzlich auf
wie mit der Schere abgeschnitten. Die Apostel und Brder saen jetzt
entweder still im eigenen Winternest oder hielten sich, soweit sie
heimatlos von Wanderung und Bettel lebten, an andere Gegenden und an
die Adressen stdtischer Gesinnungsgenossen.

Um diese Zeit las Reichardt in der einzigen Zeitung, die er bezog, die
Nachricht von dem Tode des Eduard van Vlissen. Der hatte in einem
Dorf an der russischen Grenze, wo er der Cholera wegen in Quarantne
gehalten, aber kaum bewacht wurde, in der Bauernschenke gegen den
Schnaps gepredigt und war im ausbrechenden Tumult erschlagen worden.


6

Vereinsamt sah Berthold dem Einwintern in seinem Tale zu. Seit
einem Jahre hatte er sein Stcklein Boden nimmer verlassen und sich
zugeschworen, auch ferner dem Leben der Welt den Rcken zu kehren. Die
Gengsamkeit und erste Kinderfreude am Neuen war aber nicht mehr in
seinem Herzen, er trieb sich viel auf mhsamen Spaziergngen im Schnee
herum, denn der Winter war viel hrter als der vorjhrige, und berlie
die husliche Handarbeit immer hufiger dem Xaver, der sich lngst in
dem kleinen Haushalt unentbehrlich wute und das Gehorchen so ziemlich
verlernt hatte.

Mochte sich aber Reichardt noch so viel drauen herumtreiben, so mute
er doch alle die unendlich langen, stillen, toten Abende allein in
der Htte sitzen, und ihm gegenber mit furchtbaren groen Augen sa
die Einsamkeit wie ein Wolf, den er nicht anders zu bannen wute als
durch ein stetes waches Starren in seine leeren Augen, und der ihn
doch von hinten berfiel, so oft er den Blick abwandte. Die Einsamkeit
sa nachts auf seinem Bett, wenn er durch leibliche Ermdung den
Schlaf gefunden hatte, und vergiftete ihm Schlaf und Trume. Und
wenn am Abend der Knecht das Haus verlie und mit wohligen Schritten
pfeifend durch den Obstgarten hinab gegen das Dorf verschwand, sah
ihm sein Herr nicht selten mit nacktem Neide nach. Fr unbefestigte
Menschen ist nichts gefhrlicher und seelenmordender als die bestndige
Beschftigung mit dem eigenen Wesen und Ergehen, dem eigenen Leben,
der eigenen einsamen Unzufriedenheit und Schwche. Die ganze Krankheit
dieses Zustandes mute nun der gute Eremit an sich erleben, und durch
die Lektre so manches mystischen Buches geschult konnte er nun an sich
selbst beobachten, wie unheimlich wahr alle die vielen Legenden von
den Nten und Versuchungen der frommen Einsiedler in der Wste Thebais
waren. Von den Entrckungen und dem Einswerden mit dem Herzschlag der
Natur, welche jene Heiligen ihrer Askese verdankten, wurde ihm nichts
zuteil, es sei denn der bitter traurige Einsamkeitsstolz des freiwillig
Ausgeschlossenen, der allein ihn aufrecht hielt.

So brachte er trostlose Monate hin, dem Leben entfremdet und an der
Wurzel der Seele krank. Er sah bel aus, und seine frheren Freunde
htten ihn nicht mehr erkannt; denn ber dem wetterfarbenen, aber
eingesunkenen Gesichte war Bart und Haar lang gewachsen, und aus dem
hohlen Gesicht brannten hungrig und durch die Einsamkeit scheu geworden
die Augen, als htten sie niemals gelacht und niemals sich unschuldig
an der Buntheit der Welt gefreut.

Ein einziges Mal suchte er, als ihm das Alleinsein in einer schlimmen
Stunde unertrglich wurde, das Dorfwirtshaus auf. Sauber gebrstet
und gekmmt, doch fremd und wunderlich trat er in die Stube, setzte
sich an einen Tisch und lie sich Wein bringen, von dem er nur wenige
Tropfen in ein Glas Wasser go; und die Stille bei seinem Eintritt,
das einsilbige Gren und nachherige Wegrcken der Tischnachbarn, das
verhaltene Lachen am Nebentische machten ihn sofort verzagt und lieen
ihn bereuen, da er gekommen war. Ach nein, er war kein Prophet wie
van Vlissen, der unter Menschen jeder Art seine berlegenheit bewahrt
hatte! Bedrckt und beinahe weinend vor Enttuschung und Schwchegefhl
ging er bald wieder davon.

Es blies schon der erste Fhnwind, da brachte eines Tages der Knecht
mit der Zeitung auch einen kleinen Brief herauf, die gedruckte
Einladung zu einer Versammlung aller derer, die mit Wort oder Tat
sich um eine Reform des Lebens und der Menschheit mhten. Die
Versammlung, zu deren Einberufung theosophische, vegetarische und
andere Gesellschaften sich vereinigt hatten, sollte zu Ende des Februar
in Mnchen abgehalten werden. Wohlfeile Wohnungen und fleischfreie
Kosttische zu vermitteln erbot sich ein dortiger Verein.

Mehrere Tage schwankte Reichardt ungewi, ob ihm diese Einladung eine
Erlsung oder Versuchung bedeute, dann aber fate er seinen Entschlu
und meldete sich in Mnchen an. Und nun dachte er drei Wochen lang an
nichts anderes als an dieses Unternehmen. Schon die Reise, so einfach
sie war, machte ihm, der lnger als ein Jahr eingesponnen hier gehaust
hatte, Gedanken und Sorgen; er lie sich ein Kursbuch kommen und las
nachdenklich die Namen der Haltestellen und Umsteigestationen, die er
von mancher sorglosen Reise der frheren Zeiten her kannte. Gern htte
er auch zum Bader geschickt und sich Bart und Haar zuschneiden lassen,
doch scheute er davor zurck, da es ihm als eine feige Konzession
an die Weltsitten erschien, und da er wute, da manche der ihm
befreundeten Sektierer auf nichts einen so hohen Wert legten wie auf
die religis eingehaltene Unbeschnittenheit des Haarwuchses. Dafr lie
er sich im Dorfe einen neuen Anzug machen, gleich in Art und Schnitt
wie sein van Vlissensches Berkleid, aber von gutem Tuche, und einen
langen, landesblichen Lodenkragen als Mantel.

Am vorbestimmten Tage verlie er frh am kalten Morgen sein Huschen,
dessen Schlssel er im Dorf bei Xaver abgab, und wanderte in der
Dmmerung das stille Tal hinab bis zum nchsten Bahnhof. Da sa er nun
im Wartesaal, von Marktfrauen und Bauernburschen neugierig beobachtet,
und a sein mitgebrachtes Frhstck. Gar gerne wre er in der zweiten
oder ersten Klasse gefahren, nicht so sehr aus alter Gewohnheit als um
weniger beobachtet unter diskreten Mitreisenden zu sitzen; aber die
Schndlichkeit eines solchen Rckfalles in Luxus und Weltrcksicht
war einleuchtend, und er lie davon ab. Mit Hilfe zweier schner
pfel, die von seinem Imbi brig waren, machte er sich die Kinder
einer Bauernfrau zu Freunden und kam mit den Leuten in ein leidliches
Gesprch, das ihm wohltat und Mut machte. Er stieg mit in ihren Wagen
und nahm beim Anschlu an die Hauptbahnlinie in Freundschaft Abschied.
Nun sa er geborgen und mit einer lang nicht mehr gekosteten frohen
Reiseunruhe im Mnchener Zug und fuhr aufmerksam durch das schne Land,
unendlich froh, dem unertrglichen heimischen Zustand fr ungewisse
Tage entronnen zu sein. Von Kufstein an wuchs seine Erregung. Wie war
das wunderlich, da Kufstein und Rosenheim und Mnchen und die ganze
alte Welt noch unverndert und gleichmtig dastand, und da alles
das, was er sich aus dem Herzen gerissen und in hheren Erkenntnissen
ertrnkt hatte, doch eben noch da war und lebte!

Es war der Tag vor dem Beginn der Versammlung, und es begrten
den Ankommenden gleich am Bahnhof die ersten Zeichen derselben.
Aus einem Zug, der mit dem seinen zugleich ankam, stieg eine ganze
Gesellschaft von Naturverehrern in malerisch exotischen Kostmen
und auf Sandalen, mit Christuskpfen und Apostelkpfen, und mehrere
Entgegenkmmlinge gleicher Art aus der Stadt begrten die Brder,
bis alle sich in einer ansehnlichen Prozession in Bewegung setzten.
Reichardt, den ein ebenfalls heute zugereister Buddhist, einer seiner
Sommerbesuche, erkannt hatte, mute sich anschlieen, und so hielt
er seinen Wiedereinzug in Mnchen in einem Aufzug von Erscheinungen,
deren Absonderlichkeit ihm hier im Straenbilde augenblicklich peinlich
strend auffiel. Unter dem lauten Vergngen einer nachfolgenden
Knabenhorde und den belustigten Blicken aller Vorbergehenden wallte
die seltsame Schar stadteinwrts zur Begrung im Empfangssaale.

Reichardt erfragte so bald als mglich die ihm zugewiesene Wohnung
und bekam einen Zettel mit der Adresse in die Hand gedrckt. Er
verabschiedete sich, nahm an der nchsten Straenecke einen Wagen
und fuhr, ermdet und verwirrt, nach der ihm unbekannten Strae. Da
rauschte um ihn her das Leben der wohlbekannten Stadt, die ihn nichts
mehr angehen sollte, da standen die Ausstellungsgebude, in denen er
einst mit dem Maler Konegen Kunstkritik getrieben hatte, dort lag
seine ehemalige Wohnung, mit erleuchteten Fenstern, da drben hatte
frher der Justizrat Weinland gewohnt. Er aber war vereinsamt und
beziehungslos geworden und hatte nichts mehr mit alledem zu tun, und
doch bereitete jede von den wieder erweckten Erinnerungen ihm einen
leisen sen Schmerz. Und in den Straen lief und fuhr das Volk wie
ehemals und immer, als sei nichts Arges dabei und sei keine Sorge noch
Gefahr in der Welt, elegante Wagen fuhren auf lautlosen Rdern zu den
Theatern, und Soldaten hatten ihre Mdel am Arm.

Das alles erregte den Einsamen, das wogende rtliche Licht, das im
feuchten Pflaster sich mit froher Eitelkeit abspiegelte, und das
Gesumme der Wagen und Schritte, das ganze wie selbstverstndlich
spielende Getriebe. Da war Laster und Not, Luxus und Selbstsucht, aber
da war auch Freude und Glanz, Geselligkeit und Liebe, und vor allem
war da die naive Rechenschaftslosigkeit und gleichmtige Lebenslust
einer Welt, deren mahnendes Gewissen er hatte sein wollen, und die ihn
einfach beiseite getan hatte, ohne einen Verlust zu fhlen, whrend
sein bichen Glck darber in Scherben gegangen war. Und dies alles
sprach zu ihm, zog mit ungelsten Fden an seinen Gefhlen und machte
ihn traurig.

Sein Wagen hielt vor einem groen Mietshause, seinem Zettel folgend
stieg er zwei Treppen hinan und wurde von einer kleinen roten Frau,
die ihn fast mitrauisch musterte, in ein beraus kahles Zimmerchen
gefhrt, das ihn kalt und ungastlich empfing.

Fr wieviel Tage ist es? fragte die Vermieterin khl und bedeutete
ihm ohne Zartheit, da das Mietgeld im Voraus zu erlegen sei.

Unwillig zog er die Geldtasche und fragte, whrend sie auf die Zahlung
lauerte, nach einem besseren Zimmer.

Fr anderthalb Mark im Tag gibt es keine besseren Zimmer, in ganz
Mnchen nicht, sagte die Frau kurz und sachlich. Nun mute er lcheln.

Es scheint hier ein Miverstndnis zu walten, sagte er rasch. Ich
suche ein schnes, groes, bequemes Zimmer, nicht eine Schlafstelle.
Die Herren, die hier fr mich bestellt haben, waren so freundlich,
meine Brse mglichst schonen zu wollen. Mir liegt aber nichts am
Preise, wenn Sie ein schneres Zimmer haben.

Die Vermieterin ging wortlos durch den Korridor voran, ffnete ein
anderes Zimmer, drehte das elektrische Licht an und sagte: Das hier
wre noch frei, das kostet aber dreieinhalb.

Zufrieden sah der Gast sich in dem weit greren und wohnlich, fast
behaglich eingerichteten Zimmer um, legte den Mantel ab, gab der Frau
ihr Geld fr einige Tage voraus und sah erst nachtrglich, als er
in dem fremden Raume umherging und sich auszukleiden begann, da er
allerdings als ein Fremder in hchst uneleganter Kleidung ohne anderes
Gepck als den Rucksack kaum Ansprche auf einen besseren Empfang
machen durfte.


7

Erst am Morgen, da er in dem ungewohnt weichen fremden Bett erwachte
und sich auf den vorigen Abend besann, ward ihm bewut, da seine
Unzufriedenheit mit der einfachen Schlafstelle und sein herrenmiges
Verlangen nach grerer Bequemlichkeit eigentlich wider sein Gewissen
sei. Allein er nahm es sich nicht zu Herzen, stieg vielmehr munter aus
dem Bette und sah dem Tag mit Spannung entgegen. Frh ging er aus,
und beim nchternen Gehen durch die noch ruhigen Straen erkannte
er auf Schritt und Tritt bekannte Bilder wieder, mit einer gewissen
frohen Dankbarkeit, die ihn selbst berraschte. Es war herrlich, hier
umherzugehen und als kleiner Mitbewohner dem groen Mechanismus einer
schnen Stadt anzugehren, statt im verzauberten Ring der Einsamkeit zu
lechzen und immer nur vom eigenen Gehirn zu zehren. Sogar die weither
ertnenden Morgenpfeifen der Fabriken klangen ihm nicht hlich und
erinnerten ihn nicht an Not und Industriesnden, sondern erzhlten nur,
da jetzt berall Menschen an ihre Arbeit gingen.

Die groen Kaffeehuser und Lden waren noch geschlossen, er suchte
daher eine volkstmliche Frhstckshalle, um eine Schale Milch zu
genieen.

Kaffee gefllig? fragte der Kellner und begann schon einzugieen.
Lchelnd lie Reichardt ihn gewhren und roch mit heimlichem Vergngen
den Duft des Trankes, den er ein Jahr lang entbehrt hatte. Doch lie er
es bei diesem kleinen Genusse bewenden, a nur ein Stck Brot dazu und
nahm eine Zeitung zur Hand.

Da fand er bald einen kurzen Artikel, in dem die heutige Versammlung
angekndigt und begrt wurde. Man sei gespannt, hie es, auf
diesen Kongre von Menschen, die ein redliches Bemhen um wichtige
Lebensfragen vereine, und man hoffe, es werde aus dem Vielerlei
widerstreitender Bekenntnisse sich ein brauchbarer Niederschlag
gemeinsamer Grundgedanken ergeben. Mit leisem Spott wurde einiger
Extravaganzen und Drolligkeiten gedacht und mit Aufrichtigkeit
bedauert, da die Mehrzahl dieser Weltverbesserer allzufern vom
Tagesleben sich in Spekulationen verliere, statt ttig da und dort
mitzuwirken und sich an praktischen Bewegungen und Unternehmungen der
Zeit zu beteiligen.

Das alles war freundlich und hbsch gesagt, und es fiel dem stillen
Leser auf, wie sehr diese Urbanitt sich von der gehssigen
Unzulnglichkeit unterscheide, mit welcher die meisten Schriften
der neuen Propheten die Welt beurteilten. Nachdenklich ging er weg
und suchte den Versammlungssaal auf, den er mit Palmen und Lorbeer
geschmckt und schon von vielen Gsten belebt fand. Die Naturburschen
waren sehr in der Minderzahl, und die alttestamentlichen oder
tropischen Kostme fielen auch hier als Seltsamkeiten auf, dafr sah
man manchen feinen Gelehrtenkopf und viel Knstlerjugend. Die gestrige
Gruppe von langhaarigen Barfern stand fremd als wunderliche Insel im
Gewoge.

Ein eleganter Wiener trat als erster Redner auf und sprach den Wunsch
aus, die Angehrigen der vielen Einzelgruppen mchten sich hier nicht
noch weiter auseinanderreden, sondern das Gemeinsame suchen und Freunde
werden. Dann sprach er parteilos ber die religisen Neubildungen
der Zeit und ihr Verhltnis zur Frage des Weltfriedens. Ihm folgte
ein greiser Theosoph aus England, der seinen Glauben als universale
Vereinigung der einzelnen Lichtpunkte aller Weltreligionen empfahl.
Ihn lste ein Rassentheoretiker ab, der mit scharfer Hflichkeit
fr die Belehrung dankte, jedoch den Gedanken einer internationalen
Weltreligion als eine gefhrliche Utopie brandmarkte, da jede Nation
oder doch jede Rasse das Bedrfnis und Recht auf einen eigenen, nach
seiner Sonderart geformten und gefrbten Glauben habe.

Whrend dieser Rede wurde eine neben Reichardt sitzende Frau unwohl,
und er begleitete sie hilfreich durch den Saal bis zum nchsten
Ausgang. Um nicht weiter zu stren, blieb er alsdann hier stehen und
suchte den Faden des Vortrages wieder zu erhaschen, whrend sein Blick
ber die benachbarten Stuhlreihen wanderte.

Da sah er gar nicht weit entfernt in aufmerksamer Haltung eine schne
Frauenfigur sitzen, die seinen Blick gefangen hielt, und whrend sein
Herz unruhig wurde und jeder Gedanke an die Worte des Redners ihn
jh verlie, erkannte er Agnes Weinland. Heftig zitternd lehnte er
sich an den Trbalken und hatte keine andere Empfindung als die eines
Verirrten, dem in Qual und Verzweiflung unerwartet ber fremde Hhen
hinweg die Trme der Heimat winken. Denn kaum hatte er die freie,
stolze Haltung ihres Kopfes erkannt und von hinten den verlorenen Umri
ihrer Wange erfhlt, so sank ihm Religion und Rasse, Menschenmenge und
Ort wie Nebel dahin, und er wute nichts auf der Welt als sich und
sie, und wute, der Schritt zu ihr und der Blick ihrer braunen Augen
und der Ku ihres Mundes sei das Einzige, was seinem Leben fehle und
ohne welches keine Weisheit und kein Trost ihm helfen knne. Und dies
alles schien ihm mglich und in Treue aufbewahrt; denn er meinte mit
liebender Ahnung zu fhlen, da sie, die sonst fr dergleichen Dinge
wenig Teilnahme hatte, nur seinetwegen oder doch im Gedanken an ihn
diese Versammlung aufgesucht habe.

Als der Redner zu Ende war, meldeten sich viele zur Erwiderung, und es
machte sich bereits die erste Woge der Rechthaberei und Unduldsamkeit
bemerklich, welche fast allen diesen ehrlichen Kpfen die Weite,
Freiheit und Liebe nahm, und woran auch dieser ganze Kongre, statt
der Welterlsung zu dienen, klglich scheitern sollte.

Berthold Reichardt jedoch hatte fr diese Vorboten naher Strme kein
Ohr. Er starrte auf die Gestalt seiner Geliebten, als sei sein ganzes
Wesen sich bewut, da es einzig von ihr gerettet und zu Leben und
Glck zurckgeleitet werden knne. Mit dem Schlu jener Rede erhob
sich das Frulein, schritt schlank und geschmeidig dem Ausgang zu und
zeigte ein ernstkhles Gesicht, in welchem sichtlich ein Widerwille
gegen diese ganzen Verhandlungen unterdrckt wurde. Sie ging ganz nahe
an Berthold vorbei, ohne ihn doch zu beachten, und er konnte deutlich
sehen, wie ihr beherrschtes khles Gesicht noch immer in frischer
Farbe blhte, doch um einen feinen lieben Schatten lter und stiller
geworden war. Zugleich bemerkte er mit wunderlich frohem Stolz, wie die
Vorberschreitende berall von bewundernden und achtungsvollen Blicken
begleitet wurde.

Sie trat ins Freie und ging die Strae hinab, wie sonst in tadelloser
Kleidung und mit ihrem sportmigen, krftig gleichmigen Schritt,
nicht eben frhlich, aber aufrecht und elastisch wie in einem guten
Lebensglauben. Ohne Eile ging sie dahin, von Strae zu Strae, nur vor
einem prchtig prangenden Blumenladen eine Weile sich vergngend, ohne
zu ahnen, da ihr Berthold immerzu folgte und in ihrer Nhe war. Und er
blieb hinter ihr bis zur Ecke der fernen Vorstadtstrae, wo er sie im
Tor ihrer alten Wohnung verschwinden sah.

Dann kehrte er um, und im langsamen Gehen blickte er an sich nieder. Er
war froh, da sie ihn nicht gesehen hatte, und die ganze ungepflegte
Drftigkeit seiner Erscheinung, die ihn schon seit gestern bedrckt
hatte, schien ihm jetzt unertrglich. Sein erster Gang war zu einem
Barbier, der ihm das Haar scheren und den Bart abnehmen mute, und
als er in den Spiegel sah und dann wieder auf die Gasse trat und die
duftige Frische der rasierten Wangen im leisen Winde sprte, fiel alle
Befangenheit und einsiedlerische Scheu vollends ganz von ihm ab. Eilig
fuhr er nach einem groen Kleidergeschft, kaufte einen modischen Anzug
und lie ihn so sorgfltig wie mglich seiner Figur anpassen, kaufte
nebenan weie Wsche, Halsbinde, Hut und amerikanische Stiefel, sah
sein Geld zu Ende gehen und fuhr zur Bank um neues, fgte dem Anzug
einen Mantel und den Stiefeln Gummischuhe hinzu und fand am Abend, als
er in angenehmer Ermdung heimkehrte, alles schon in Schachteln und
Paketen daliegen und auf ihn warten.

Nun konnte er nicht widerstehen, sofort eine Probe zu machen, und zog
sich alsbald vom Kopfe zu Fen mit den neuen Sachen an, lchelte
sich etwas verlegen im Spiegel zu und konnte sich nicht erinnern, je
in seinem Leben eine so knabenhafte Freude ber neue Kleider gehabt
zu haben. Daneben hing, unsorglich ber seinen Stuhl geworfen, sein
asketisches Lodenzeug grau und entbehrlich geworden wie die brchige
Puppenhlle eines jungen Schmetterlings.

Whrend er so vor dem Spiegel stand, unschlssig, ob er noch einmal
ausgehen sollte, wurde an seine Tr geklopft, und er hatte kaum Antwort
gegeben, so trat geruschvoll ein stattlicher Mann herein, in welchem
er sofort den Herrn Salomon Adolfus Wolff erkannte, jenen reisenden
Wundertter, der ihn vor Monaten in der tiroler Einsiedelei besucht
hatte.

Wolff begrte den Freund mit heftigem Hndeschtteln und nahm mit
Verwunderung dessen frische Eleganz wahr. Er selbst trug den braunen
Hut und alten Gehrock von damals, jedoch diesmal auch eine schwarze
Weste dazu und neue hellgraue Beinkleider, die jedoch fr lngere
Beine als die seinen gearbeitet schienen, da sie oberhalb der Stiefel
eine harmonikahnliche Anordnung von kleinen widerwilligen Querfalten
aufwiesen. Er beglckwnschte den Doktor zu seinem guten Aussehen und
hatte nichts dagegen, als dieser ihn zum Abendessen einlud.

Schon unterwegs auf der Strae begann Salomon Adolfus mit Leidenschaft
von den heutigen Reden und Verhandlungen zu sprechen und konnte es
kaum glauben, da Reichardt ihnen nicht beigewohnt habe. Am Nachmittag
hatte ein schner langlockiger Russe ber Pflanzenkost und soziales
Elend gesprochen und dadurch Skandal erregt, da er bestndig den
nichtvegetarianischen Teil der Menschheit als Leichenfresser bezeichnet
hatte. Darber waren die Leidenschaften der Parteien erwacht, mitten
im Geznke hatte sich ein Anarchist des Wortes bemchtigt und mute
durch Polizeigewalt von der Tribne entfernt werden. Die Buddhisten
hatten stumm in geschlossenem Zuge den Saal verlassen, die Theosophen
vergebens zum Frieden gemahnt. Ein Redner habe das von ihm selbst
verfate Bundeslied der Zukunft vorgetragen, mit dem Refrain:

          Ich la der Welt ihr Teil,
          Im All allein ist Heil!

und das Publikum sei schlielich unter Lachen und Schimpfen
auseinandergegangen.

Erst beim Essen beruhigte sich der erregte Mann und wurde dann gelassen
und heiter, indem er ankndigte, er werde morgen selbst im Saale
sprechen. Es sei ja traurig, all diesen Streit um nichts mit anzusehen,
wenn man selbst im Besitz der so einfachen Wahrheit sei. Und er
entwickelte seine Lehre, die vom Geheimnis des Lebens handelte und in
der Weckung der in jedem Menschen vorhandenen magischen Seelenkrfte
das Heilmittel fr die bel der Welt erblickte.

Sie werden doch dabei sein, Bruder Reichardt? sagte er einladend.

Leider nicht, Bruder Wolff, meinte dieser lchelnd. Ich kenne ja
Ihre Lehre schon, der ich guten Erfolg wnsche. Ich selber bin in
Familiensachen hier in Mnchen und morgen leider nicht frei. Aber wenn
ich Ihnen sonst irgendeinen Dienst erweisen kann, tue ich es sehr
gerne.

Wolff sah ihn mitrauisch an, konnte aber in Reichardts Mienen nur
Freundliches entdecken.

Nun denn, sagte er rasch. Sie haben mir diesen Sommer mit einem
Darlehen von zehn Kronen geholfen, die nicht vergessen sind, wenn ich
auch bis jetzt nicht in der Lage war, sie zurckzugeben. Wenn Sie mir
nun nochmals mit einer Kleinigkeit aushelfen wollten -- mein Aufenthalt
hier im Dienst unserer Sache ist mit Kosten verbunden, die niemand mir
ersetzt.

Berthold gab ihm ein Goldstck und wnschte nochmals Glck fr morgen,
dann nahm er Abschied und ging nach Hause, um zu schlafen.

Kaum lag er jedoch im Bette und hatte das Licht gelscht, da war
Mdigkeit und Schlaf pltzlich dahin, und er lag die ganze Nacht
brennend in Gedanken an Agnes und in tausend bitteren Zweifeln, denen
doch das Herz in stiller Ahnung tapfer widersprach.

Frh am Morgen verlie er das Haus, unruhig und von der schlaflosen
Nacht erschpft. Er brachte die frhen Stunden auf einem Spaziergange
und im Schwimmbad zu, sa dann noch eine ungeduldige halbe Stunde vor
einer Tasse Tee und fuhr, sobald ein Besuch mglich schien, in einem
hbschen Wagen an der Weinlandschen Wohnung vor.

Nachdem er die Glocke gezogen, mute er eine Weile warten, dann fragte
ihn ein kleines neues Mdchen, keine richtige Magd, erstaunt und
unbeholfen nach seinem Begehren. Er fragte nach den Damen und die
Kleine lief, die Tr offen lassend, nach der Kche davon. Dort wurde
nun ein Gesprch hrbar und zur Hlfte verstndlich.

Es geht nicht, sagte Agnesens Stimme, du mut sagen, da die gndige
Frau krank ist. -- Wie sieht er denn aus?

Schlielich aber kam Agnes selbst heraus, in einem blauen leinenen
Kchenkleide, sah ihn fragend an und sprach kein Wort, da sie ihn
unverweilt erkannte.

Er streckte ihr die Hand entgegen. Darf ich hereinkommen? fragte er,
und ehe weiteres gesagt wurde, traten sie in das bekannte Wohnzimmer,
wo die Frau Rat in einen Wollenschal gehllt im Lehnstuhl sa, sich bei
seinem Anblick aber alsbald steif und tadellos aufrichtete.

Der Herr Doktor Reichardt ist gekommen, sagte Agnes zur Mutter, die
dem Besuch die Hand gab.

Sie selbst aber sah nun im Morgenlicht der hellen Stube den Mann an,
las die Not eines verfehlten und schweren Jahres in seinem mageren
Gesicht und die Sicherheit und den Willen einer geklrten Liebe in
seinen Augen.

Sie lie seinen Blick nicht mehr los, und eines vom andern wortlos
angezogen gaben sie einander nochmals die Hand.

Kind, aber Kind! rief die Rtin erschrocken, als unversehens ihre
Tochter groe Trnen in den Augen hatte und ihr erbleichtes Gesicht
neben dem der Mutter im Lehnstuhl verbarg.

Das Mdchen richtete sich aber mit neu erglhten Wangen sogleich wieder
auf und lchelte noch mit Trnen in den Augen.

Es ist schn, da Sie wieder gekommen sind, begann nun die alte Dame.
Da stand das hbsche Paar schon Hand in Hand bei ihr und sah dabei so
gut und lachend aus, als habe es schon seit langem zusammengehrt.




Emil Kolb


Die geborenen Dilettanten, aus welchen ein so groer Teil der
Menschheit zu bestehen scheint, knnte man als Karikaturen der
Willensfreiheit bezeichnen. Indem sie nmlich, unendlich weit von der
Natur abgeirrt und von der Erkenntnis des Notwendigen entfernt, die
ursprngliche Fhigkeit jedes originellen Menschen entbehren, den Ruf
der Natur im eigenen Innern zu vernehmen, treiben sie leichtsinnig und
unentschlossen in einem wertlosen Leben scheinbarer Willkr dahin. Da
sie Eigenes nicht in sich haben, finden sie sich auf das Nachahmen
verwiesen und betreiben nun das, was sie andere aus innerer Anlage und
Notwendigkeit tun sehen, spielerisch und willkrlich als Affen der
Natur.

Zu diesen Vielen gehrte auch der Knabe Emil Kolb in Gerbersau, und der
Zufall (da man bei solchen Menschen doch wohl nicht von Schicksal reden
darf) brachte es dahin, da er mit seinem Dilettantentum nicht gleich
vielen anderen zu Ehren und Wohlstande, sondern zu Unehre und Elend
kam, obwohl er um nichts schlimmer war als tausend seiner Art.

Emil Kolbs Vater war ein sehr bescheidener Flickschuster, und nur seine
Verwandtschaft mit den hochgeschtzten Brgerfamilien der Dierlamm und
der Giebenrath hielt ihn im stdtischen Leben etwas oberhalb des Grades
von Miachtung, dessen Leute ohne Geld und ohne Glck sonst unter ihren
Mitbrgern genieen.

Diesen groen Verwandten gegenber machte Herr Kolb vorsichtigerweise
von seinem Vetternrecht nahezu gar keinen Gebrauch. Es fiel ihm nicht
ein, etwa bei einer Leichenfeier oder in einem Festzuge neben einem
Giebenrath schreiten zu wollen oder zu erwarten, da ihn ein Dierlamm
zu seiner Hochzeit oder Taufe einlade. Desto hufiger und stolzer
erinnerte er in seinem Hause und unter seinesgleichen an die ehrenvolle
Verwandtschaft, die ihm immerhin von Nutzen war. Es war diesem
Manne die Gabe versagt, im Walten der Natur und in der Entfaltung
menschlicher Schicksale das unabnderlich Notwendige zu erkennen und
anzuerkennen; deshalb hielt er denn auch, was seinem Tun und Leben
versagt war, wenigstens seinen Wnschen und migen Trumen fr erlaubt
und schwelgte gerne in Vorstellungen eines anderen reicheren, schneren
Lebens, soweit seine auf das Materielle gerichtete Phantasie dessen
fhig war.

Kaum hatte diesem Flickschuster sein Weib einen leidlich rstigen
Knaben geboren, so bertrug er seine Schwrmereien auf dessen Zukunft,
und damit rckte dies alles, was bisher nur Gedankensnde und
Fabelvergngen gewesen war, in ein bestimmtes Licht des Mglichen,
das bald zum Wahrscheinlichen und endlich zum Gewissen wurde. Denn
der junge Emil Kolb sprte diese vterlichen Wnsche und Trume schon
frhe als eine warme und treibende Luft um sich und gedieh darin wie
der Krbis im Dnger, er nahm sich gleich in den ersten Schuljahren
vor, der Messias seiner armen Familie zu werden und spter einmal
unerbittlich alles zu ernten, was nach seiner seltsamen Religion
das Glck ihm nach so langen Entbehrungen der Eltern und Vorfahren
schuldete. Emil Kolb fhlte den Mut in sich, einmal das Schicksal eines
Gewaltigen auf sich zu nehmen, eines Brgermeisters oder Millionrs,
und wre heute schon eine goldene Kutsche mit vier Schimmeln bei
seines Vaters Hause vorgefahren, so htte keinerlei Schchternheit
ihn abgehalten, sich hineinzusetzen und mit ruhigem Lcheln die
ehrerbietigen Gre der Mitbrger einzustreichen.

Mag das Trumen und Ersehnen goldener Zukunftsfrchte das beste Recht
aller Jugend sein und manchem tchtigen Manne die Jahre schwerer
Erwartung tragen helfen -- jene Tchtigen meinen es eben doch etwas
anders, als Emil es meinte, welchem nicht Verdienst und Knnen, Macht
des Wissens oder Macht der Kunst vorschwebte, sondern lediglich gut
Essen und Wohnen, schne Kleider und feistes Wohlergehen. Schon frh
erschienen ihm die wenigen originellen Menschen, die er kennen lernte,
lcherlich und geradezu nrrisch, da sie es vorzogen, heimlichen
Idealen zu opfern und einen nutzlosen Ehrgeiz zu pflegen, statt ihre
guten Gaben einem glatten baren Lohne dienstbar zu machen. So zeigte
er auch fr alle jene Fcher der Schulwissenschaft reichlichen Eifer,
die von den Dingen dieser Erde handeln, wogegen ihm die Beschftigung
mit Geschichten und Sagen der Vorzeit, mit Gesang, Turnen und anderen
hnlichen Dingen als ein reiner Zeitverderb erschien.

Eine besondere Hochachtung jedoch hatte der junge Streber vor
der Kunst der Sprache, worunter er aber nicht die Torheiten der
Dichter verstand, sondern die Pflege des Ausdruckes zugunsten realer
geschftlicher Handlungen und Vorteile. Er las alle Dokumente
geschftlicher oder rechtlicher Natur, von der einfachen Rechnung
oder Quittung bis zum ffentlichen Anschlag oder Zeitungsaufruf, mit
tiefem Verstndnis und reiner Bewunderung. Denn er sah gar wohl, da
die Sprache solcher Kunsterzeugnisse, von der gemeinen Sprache der
Gasse ebenso weit entfernt wie nur irgendeine tolle Dichtung, geeignet
sei, Eindruck zu machen, Macht zu ben und ber Unverstndige Vorteile
zu erlangen. In seinen Schulaufstzen strebte er diesen Vorbildern
beharrlich nach und brachte manche Blte hervor, die einer kleineren
Kanzlei kaum unwrdig gewesen wre. Und einen in seiner Sammlung
solcher Dokumente befindlichen Steckbrief, den er aus der Zeitung des
Vaters ausgeschnitten hatte, versah er in einer guten Stunde sogar
mit einer kleinen Korrektur, die ihm ein inniges Vergngen bereitete.
Es hie nmlich dort, nach der Beschreibung des Vermiten: Wer etwas
ber den Gesuchten wei, mge sich beim unterzeichneten Notariatsamt
melden. Dafr setzte Emil Kolb die Worte ein: Personen, welche in der
Lage sein sollten, Ausknfte ber den Gesuchten beizubringen -- --.

Eben diese Vorliebe fr den feinen Kanzleistil gab den Anla und
Ankergrund fr Emil Kolbs einzige Freundschaft. Der Lehrer hatte seine
Klasse einst einen Aufsatz ber den Frhling verfassen und mehrere
dieser Arbeiten von ihren Urhebern vorlesen lassen. Da tat mancher
zwlfjhrige Schler seine ersten scheuen Flge in das Land der
schaffenden Phantasie, und frhe Bcherleser schmckten ihre Aufstze
mit begeisterten Nachbildungen der Frhlingsschilderungen gangbarer
Dichter. Es war vom Amselruf und von Maifesten die Rede, und ein
besonders Belesener hatte sogar das Wort Philomele gebraucht. Alle
diese Schnheiten aber hatten den zuhrenden Emil nicht zu rhren
vermocht, er fand das alles bld und tricht. Da kam, vom Lehrer
aufgerufen, der Sohn des Kannenwirts, Franz Remppis, an die Reihe,
seinen Aufsatz vorzulesen. Und gleich bei den ersten Worten Es ist
nicht zu bestreiten, da der Frhling immerhin eine sehr angenehme
Jahreszeit genannt zu werden verdient -- gleich bei diesen Worten
merkte Kolb mit entzcktem Ohre den Klang einer ihm verwandten Seele,
lauschte scharf und beifllig und lie sich kein Wort entgehen. Dies
war der Stil, in welchem das Wochenblatt seine Berichte aus Stadt
und Land abzufassen pflegte und den Emil selbst schon mit einiger
Sicherheit anzuwenden wute.

Nach dem Schlu der Schule sprach Kolb dem Mitschler seine Anerkennung
aus, und von der Stunde ab hatten die beiden Knaben das Gefhl,
einander zu verstehen und zu einander zu gehren. Da keiner von ihnen
je bereit gewesen wre, ein Opfer zu bringen, verlangte es auch keiner
vom andern, vielmehr sprten sie, da es gut sei, einander gelten und
bestehen zu lassen, um einmal einer am andern etwas zu haben und etwa
spter grere Dinge gemeinsam unternehmen zu knnen.

Emil begann damit, da er die Grndung einer gemeinschaftlichen
Sparkasse vorschlug. Er wute die Vorteile des Zusammenlegens und der
gegenseitigen Ermunterung zur Sparsamkeit so beredt darzulegen, da
Franz Remppis darauf einging und sich bereit erklrte, sein Erspartes
dieser Kasse anzuvertrauen. Doch war er klug genug, darauf zu bestehen,
da das Geld solange in seinen Hnden bleibe, bis auch der Freund eine
bare Einlage gemacht habe, und da es hierzu niemals kommen wollte,
versank der gute Plan, ohne da Emil an ihn erinnert oder Franz ihm den
Versuch einer berlistung belgenommen htte. Ohnehin fand Kolb sehr
bald einen Weg, seine kmmerlichen Umstnde vorteilhaft mit den weit
bessern des Wirtssohnes zu verknpfen, indem er seinem Kameraden gegen
kleine Geschenke und ebare Gaben in manchen Schulfchern mit seinen
Fhigkeiten aushalf. Das dauerte bis zum Ende der Schulzeit, und gegen
das Versprechen eines Honorars von fnfzig Pfennigen lieferte Emil Kolb
dem Franz die mathematische Arbeit im Abgangsexamen, welches sie auf
diese Weise beide wohl bestanden. Emil hatte sogar so gute Zeugnisse
eingeheimst, da sein Vater darauf schwor, an dem prchtigen Jungen
sei ein Gelehrter verloren gegangen. Allein an fernere Studien war
nicht zu denken. Doch gab sich der Vater Kolb jede Mhe und tat manchen
sauren Bittgang zu den wohlhabenden Verwandten, um seinem Sohne einen
besonderen Platz im Leben zu verschaffen und seine Hoffnungen auf eine
glnzende Zukunft nach Krften zu frdern. Durch die Befrwortung
der Familie Dierlamm gelang es ihm, seinen Knaben als Lehrling im
Bankgeschft der Brder Drei unterzubringen. Damit schien ihm ein
bedeutender Schritt nach oben hin getan und eine Gewhr fr die
Erfllung weit khnerer Trume gegeben.

Fr junge Gerbersauer, die sich dem Kaufmannsberufe widmen wollten,
gab es keine rhmlichere und hoffnungsreichere Erffnung dieser
Laufbahn als die Lehrlingschaft bei den Brdern Drei. Deren Bank und
Warengeschft war alt und hochangesehen, und die Herren hatten jedes
Jahr die Wahl unter den besten Schlern der obersten Klassen, deren
sie jhrlich einen oder zwei als Lehrlinge in ihr Geschft aufnahmen.
So hatten sie stets, da die Lehrzeit dreijhrig war, zwischen vier und
sechs junger Leute in Lehre und Kost, welche zwar vom zweiten Lehrjahr
an die Kost, sonst aber fr ihre Arbeit keine Entschdigung erhielten.
Dafr konnten sie dann den Lehrbrief des alten ehrwrdigen Hauses als
eine berall im Lande gltige Empfehlung ins Leben mitnehmen.

Dieses Jahr war Emil Kolb der einzige neu eintretende Lehrling und
wurde darum von manchem beneidet, der sich selbst auf diesen Ehrenplatz
gewnscht hatte. Er selbst fand hingegen die Ehre gering und recht
teuer bezahlt; denn als jngster Lehrbub war er derjenige, an welchem
alle lteren, auch schon die vom vorigen Jahr, die Stiefel glaubten
abreiben zu mssen. Wo etwas im Hause zu tun war, das zu tun sich
jeder scheute und zu gut hielt, da rief man nach Emil, dessen Name
immerzu gleich einer Dienstbotenglocke durchs Haus erschallte, so
da der junge Mensch nur selten Zeit fand, in einer Kellerecke hinter
den Erdlfssern oder auf dem Dachboden bei den leeren Kisten eine
kurze Weile seinen Trumen vom Glanz der Zukunft nachzuhngen. Es
entschdigte ihn fr dies rauhe Leben nur die sichere Rechnung auf den
Glanz spterer Tage und die gute reichliche Kost des Hauses. Die Brder
Drei, die mit ihrem Lehrlingswesen gute Geschfte machten und sich
auerdem noch einen gut zahlenden Volontr hielten, pflegten an allem
zu sparen, nur am Essen fr ihre Leute nicht. So konnte der junge Kolb
sich jeden Tag dreimal vollstndig satt essen, was er mit Eifer tat,
und wenn er trotzdem in Blde lernte, ber die miserable Verpflegung
zu schimpfen, so war das nur eine zum Brauch der Lehrlinge gehrende
bung, welcher er mit derselben Treue oblag, wie dem Stiefelwichsen am
Morgen und dem Rauchen gestohlener Zigaretten am Abend.

Ein Kummer war es ihm gewesen, da er beim Eintritt in diese Vorhlle
seines Berufes sich von dem Freund hatte trennen mssen. Franz
Remppis wurde von seinem Vater in eine auswrtige Lehrstelle verdingt
und erschien eines Tages, um von Emil Abschied zu nehmen und ihm
seinen rotbraunen neuen Leinwandkoffer zu zeigen, auf dessen Ecken
aus Weiblech sein Name graviert war. Franzens Trost, da sie beide
einander fleiig schreiben wollten, leuchtete dem armen Emil wenig ein;
denn er wute nicht, woher er das Geld fr die Briefmarken htte nehmen
sollen.

Wirklich kam schon bald ein Brief aus Lchstetten, worin Remppis von
seinem Einstand am neuen Orte berichtete. Dieses Schreiben, das mit
groem Flei und Vergngen aus vielen vortrefflichen Phrasen und
kaufmnnischen Ausdrcken zusammengestellt war, regte Emil zu einer
langen, sorgfltigen Antwort an, mit deren Abfassung er mehrere Abende
hinbrachte, deren Absendung ihm jedoch frs Erste nicht mglich war.
Endlich gelang es ihm doch, und er sah es vor sich selbst als eine
Entschuldigung und halbe Rechtfertigung an, da sein erster Fehltritt
dem edlen Gefhle der Freundschaft entsprang. Er mute nmlich einige
Briefe zur Post tragen und da es eben eilte, gab der Oberlehrling ihm
die Briefmarken dazu in die Hand, die er unterwegs aufkleben solle.
Diese Gelegenheit nahm Emil wahr. Er beklebte den Brief an Franz, den
er in der Brusttasche bei sich trug, mit einer der hbschen neuen
Briefmarken und steckte dafr einen von den Geschftsbriefen ohne Marke
in den Postkasten.

Mit dieser Tat begab sich der junge Mensch unbewut ber eine Grenze,
die fr ihn besonders gefhrlich und lockend war. Wohl hatte er auch
zuvor schon je und je, gleich den anderen Lehrbuben, Kleinigkeiten zu
sich gesteckt, die seinen Herren angehrten, etwa ein paar gedrrte
Zwetschgen oder eine Zigarre. Allein diese Nschereien verbte ein
jeder mit ganz heilem Gewissen -- sie stellten eine flotte und
herrische Gebrde dar, womit der Tter vor sich selber prahlte und
seine Zugehrigkeit zum Hause und dessen Vorrten dartat. Hingegen war
mit dem Diebstahl der Briefmarke etwas anderes geschehen, etwas weit
Schwereres, ein heimlicher Raub an Geldeswert, den keine Gewohnheit
und kein Beispiel entschuldigen konnte. Es schlug denn auch dem jungen
Missetter das Herz in geziemender Angst, und einige Tage lang war
er zu jeder Stunde darauf gefat, da sein Vergehen entdeckt und
er zur Rechenschaft gezogen werde. Es ist selbst fr leichtsinnige
Menschen und auch fr solche, die schon im Vaterhaus genascht und
gediebelt haben, dennoch der erste richtige Diebstahl ein unheimliches
Erlebnis, und mancher trgt schwerer daran als an weit greren Snden.
Wenigstens zeigt die Erfahrung, da hufig junge Gelegenheitsdiebe ihre
erste Untat nicht zu tragen vermgen und ohne uere Ntigung sich
durch ein Gestndnis erleichtern und fr immer reinigen.

Dieses nun tat Emil Kolb nicht. Er litt einige Angst vor der mglichen
Entdeckung, und vermutlich brannte auch sein wenig feines Gewissen ein
wenig, aber als die Tage gingen und die Sonne weiter schien und die
Geschfte ihren Gang dahinliefen, als wre nichts geschehen und als
habe er nichts zu verantworten, da erschien ihm diese Mglichkeit, in
allem Frieden aus fremder Tasche Nutzen zu ziehen, als ein Ausweg aus
hundert Nten, ja vielleicht als der ihm bestimmte Weg zum Glcke.
Denn da ihn die Arbeit und Geschfte nur als ein mhsamer Umweg zum
Erwerb und Vergngen zu freuen vermochten, da er stets wie alle Toren
nur das Ziel und nie den Weg bedachte, mute die Erfahrung, da man
unter Umstnden sich ungestraft allerlei Vorteil erstehlen knne, ihn
gewaltig in Versuchung fhren.

Und dieser Versuchung widerstand er nicht. Es gibt fr ein Mnnlein
seines Alters hundert kleine schwer entbehrte Dinge, die vor seinen
Trumen wie begehrenswerte Frchte des Paradieses hngen und welchen
das Kind armer Eltern stets einen doppelten Wert beimit. Sobald Emil
Kolb begonnen hatte, mit der Vorstellung weiteren unredlichen Erwerbs
zu spielen, sobald der Besitz eines Nickelstcks, ja einer Silbermnze
ihm keine Unmglichkeit mehr, sondern jederzeit erreichbar schien,
richtete sich sein Verlangen lstern auf viele kleine Sachen, an die
er zuvor kaum gedacht hatte. Da besa sein Mitlehrling Frber ein
Taschenmesser mit einer Sge und einem Stahlrdchen zum Glasschneiden
daran, und obwohl das Sgen und Glasschneiden ihm durchaus kein
Bedrfnis war, wollte ihm doch der Besitz eines solchen Prachtstckes
von Messer beraus wnschenswert vorkommen. Und nicht bel wre es
auch, am Sonntag eine solche blau und braun gefrbte Krawatte zu
tragen, wie sie jetzt bei den feineren Lehrjungen die Mode waren.
Sodann war es rgerlich genug zu sehen, wie die vierzehnjhrigen
Fabriklehrbuben am Feierabend schon zum Bier gingen, whrend ein
Kaufmannslehrling, schon um ein Jahr lter und an Stande so viel
hher als jene, jahraus, jahrein kein Wirtshaus von innen zu sehen
bekam. Und war es nicht ebenso mit den Mdchen? Sah man nicht manchen
halbwchsigen Stricker oder Weber aus den Fabriken schon am Sonntag
freimtig mit den Kolleginnen verkehren oder gar Arm in Arm gehen? Und
ein junger Kaufmann sollte seine ganze drei- oder vierjhrige Lehrzeit
erst abwarten mssen, ehe er imstande wre, einem hbschen Mdel das
Karussellfahren zu bezahlen und eine Bretzel anzubieten?

Diesen belstnden beschlo der junge Kolb ein Ende zu machen. Es
war weder sein Gaumen fr die herbe Wrze des Bieres noch sein Herz
und Auge fr die Reize der Mdchen reif, aber er strebte selbst im
Vergngen fremden Zielen nach und wnschte nichts, als so zu sein und
zu leben wie die angesehenen und flotten unter seinen Kollegen.

Bei aller Torheit war Emil aber gar nicht dumm. Er bedachte seine
Diebeslaufbahn nicht minder sorgfltig, als er zuvor seine erste
Berufswahl bedacht hatte, und es blieb seinem Nachdenken nicht
verborgen, da auch dem besten Dieb stets ein Feind am Wege lauere.
Es durfte durchaus nicht geschehen, da er je erwischt wurde, darum
wollte er lieber einige Mhe daran wenden und die Sache weitlufig
vorbereiten, als einem verfrhten Genusse zulieb den Hals wagen. So
berlegte und untersuchte er alle Wege zum verbotenen Gelde, die ihm
etwa offen standen, und fand am Ende, da er sich bis zum nchsten
Jahre gedulden msse. Er wute nmlich, wenn er sein erstes Lehrjahr
tadelfrei abdiene, so wrden die Herren ihm die sogenannte Portokasse
bertragen, welche stets der zweitjngste Lehrling zu fhren hatte. Um
also seine Herren im kommenden Jahre bequemer bestehlen zu knnen,
diente ihnen der Jngling nun mit der grten Aufmerksamkeit. Er wre
darber beinahe seinem Entschlusse untreu und wieder ehrlich geworden;
denn der ltere von seinen Prinzipalen, der seinen beflissenen Eifer
bemerkte und mit dem armen Schustershnlein Mitleid hatte, gab ihm
gelegentlich einen Zehner oder wandte ihm solche Besorgungen zu, welche
ein Trinkgeld abzuwerfen versprachen. So war er hufig im Besitz
kleinen Geldes und brachte es dazu, noch mit ehrlich verdientem Gelde
sich eine von den braun und blau gescheckten Krawatten zu kaufen, womit
die Feinen unter seinen Kollegen sich am Sonntag schmckten.

Mit dieser Halsbinde angetan tat der junge Herr seinen ersten Schritt
in die Welt der Erwachsenen und feierte sein erstes Fest. Bisher hatte
er sich wohl des Sonntags manchmal den Kameraden angeschlossen, wenn
sie langsam und unentschlossen durch die sonnigen Gassen bummelten,
vorbergehenden Kollegen ein Witzwort nachriefen und recht heimatlos
und verstoen sich umhertrieben, aus der farbigen Kinderwelt ohne Gnade
entlassen und in die wrdige Welt der Mnner noch nicht aufgenommen. Da
hatte Emil sehr wohl gefhlt, da sie alle noch weit bis zu Glck und
Ehre htten, und hatte nicht ohne bitteren Neid den jungen Fabriklern
nachgeschaut, die mit langen Zigarren im Munde und Mdchen am Arm der
Musik einer Ziehharmonika folgten.

Nun aber sollte auch er zum erstenmal seit der Schulzeit einen
festlichen Sonntag mitfeiern. Sein Freund Remppis hatte in
Lchstetten, wie es schien, mehr Glck gehabt als Emil daheim. Und
neulich hatte er einen Brief geschrieben, der den Freund Kolb zum Kauf
der feinen Halsbinde veranlat hatte.

Lieber, sehr geehrter Freund!

Im Besitz Deines Werten vom 12. _hujus_ bin in der angenehmen Lage,
Dich fr kommenden Sonntag, 23. _hj._, zu kleiner Fidelitt einzuladen.
Unser Verein jngerer Angehriger des Handelsstandes macht am Sonntag
seinen Jahresausflug und mchte nicht verfehlen, Dich dazu herzlich
einzuladen. Erwarte Dich bald nach Mittag, da erst noch bei meinem Chef
essen mu. Werde Sorge tragen, da alles Deine Anerkennung findet,
und bitte, Dich sodann ganz als meinen Gast betrachten zu drfen.
Selbstverstndlich sind auch Damen eingeladen! Zusagendenfalls erbitte
Antwort wie sonst _poste restante_ Merkur 01137. Deinem Werten mit
Vergngen entgegensehend empfiehlt sich mit Gru Dein

                             Franz Remppis, Mitglied des V. j. A. d. H.

Sofort hatte Emil Kolb geantwortet:

Lieber, sehr geehrter Freund!

In umgehender Beantwortung Deines Geschtzten von gestern sage fr
Deine gtige Einladung besten Dank und wird es mir ein Vergngen
sein, derselben Folge zu leisten. Die Aussicht auf die Bekanntschaft
mit den werten Herren und Damen eures lblichen Vereins ist mir so
wertvoll wie schmeichelhaft und kann ich nicht umhin, Dich zu dem
regen gesellschaftlichen Leben von Lchstetten zu beglckwnschen.
Alles Weitere auf unser demnchstiges mndliches Zusammentreffen
verschiebend, verbleibe mit besten Gren Dein ergebener Freund

                                                             Emil Kolb.

_P. S._ In Eile erlaube mir noch speziellen Dank fr die geschftliche
Seite Deiner Einladung, von welcher dankbar Gebrauch machen werde, da
zurzeit leider meine Kasse greren Ansprchen nicht gewachsen sein
drfte.

                                                    Dein treuer Obiger.

Nun war dieser Sonntag gekommen. Es war gegen Ende Juni und da seit
wenigen Tagen nach langem Regen heies Sommerwetter eingetreten war,
sah man berall die Heuernte in vollem Gange. Emil hatte fr den
ganzen Tag ohne Schwierigkeit Urlaub, jedoch kein Geld fr die kleine
Eisenbahnfahrt nach Lchstetten erhalten. Darum machte er sich zeitig
am Vormittag auf den Weg und war bis zur verabredeten Stunde lange
genug unterwegs, um sich die bevorstehenden Freuden und Ehren in
reichlicher Flle und Schnheit ausdenken zu knnen. Daneben tat er
an gnstigen Orten auch den eben reifenden Kirschen Ehre an und kam
bequemlich zur rechten Zeit in Lchstetten an, das er noch nie gesehen
hatte. Nach den Schilderungen seines Freundes Remppis hatte er sich
diese Stadt in vollem Gegensatze zu dem schlechten, spieigen Gerbersau
als einen glnzenden, reichen Ort herrlichster Lebenslust vorgestellt
und war nun etwas enttuscht, die Gassen, Pltze, Huser und Brunnen
eher geringer und schmuckloser zu finden als in der Vaterstadt. Auch
das Geschftshaus Johann Lhle, in welchem sein Freund die Geheimnisse
des Handels erlernen sollte, konnte sich mit dem stattlichen Hause
der Brder Drei in Gerbersau nicht messen. Dies alles stimmte Emils
Erwartungen und Freudebereitschaft einigermaen herab, doch strkten
diese kritischen Wahrnehmungen seinen Mut und seine Hoffnung, er wrde
neben der weltgewandteren und lebensfroheren Jugend dieser Stadt
bestehen knnen.

Eine Weile umstrich der Ankmmling das Handelshaus, ohne da er den
Mut gefunden htte, einzutreten und nach seinem Landsmann zu fragen.
Er ging hin und wieder, atmete den Duft der Fremde und Wanderschaft
und wagte nur hie und da schchtern einen Liedanfang zu pfeifen, der
in frheren Zeiten als Signal zwischen Franz Remppis und ihm gegolten
hatte. Nach einiger Zeit erschien der Gesuchte denn auch in einem
hohen Mansardenfensterchen, winkte hinab und wies den Freund durch
Zeichen an, ihn nicht vor dem Hause, sondern unten am Marktplatz zu
erwarten. Leicht enttuscht begab sich Emil hinweg und brachte seine
Wartezeit vor dem Schaufenster eines Eisenhndlers zu, wo er von neuem
feststellte, da es hier am Orte weniger fein und modern aussehe und
zugehe als daheim in Gerbersau.

Nun aber kam Franz daher, und sogleich sank Emils Kritiklust zusammen,
da er den Schulfreund in einem ganz neuen Anzug mit einem steifen,
unmig hohen Hemdkragen und sogar mit Manschetten geschmckt sah.

Servus! rief der junge Remppis frhlich. Jetzt kann es also
losgehen. Hast du Zigarren?

Und da Emil keine hatte, schob er ihm eine kleine Handvoll in die
Brusttasche.

Schon recht, du bist ja mein Gast. Ums Haar htte ich heut nicht
frei gekriegt, der Alte war verflucht scharf. Aber jetzt wollen wir
marschieren.

So sehr das flotte Wesen Emil gefiel, so konnte er eine Enttuschung
doch nicht verbergen. Er war zu einem Vereinsausfluge eingeladen, er
hatte Fahnen und vielleicht sogar Musik erwartet.

Ja, wo ist denn euer Verein jngerer Angehriger des Handelsstandes?
fragte er mitrauisch.

Der wird schon kommen. Wir knnen doch nicht unter den Fenstern der
Prinzipale ausrcken! Die gnnen einem so wie so kein Vergngen. Nein,
wir treffen uns vor der Stadt beim alten Galgen.

So so. Beim Galgen?

Ja, so heit es dort. Es ist ein Wirtshaus. Da sind wir ganz sicher,
da keiner von den Alten hinkommt.

Bald hatten sie den alten Galgen erreicht, ein kleines Gehlz und ein
altes schbiges Wirtshuschen, wo sie rasch eintraten, nachdem Franz
sich scharf umgesehen hatte, ob niemand ihn beobachte. Drinnen wurden
sie von sechs oder sieben anderen Lehrlingen empfangen, die alle
vor hohen Bierglsern saen und Zigarren rauchten. Remppis stellte
seinen Landsmann den Kameraden vor, und Emil ward feierlich willkommen
geheien.

Sie gehren wohl alle zum Verein? fragte er.

Gewi, wurde ihm geantwortet. Wir haben diesen Verein ins Leben
gerufen, um die Interessen unseres Standes zu frdern, vor allem aber
um unter uns die Geselligkeit zu pflegen. Wenn Sie einverstanden sind,
Herr Kolb, so wollen wir jetzt aufbrechen.

Schchtern fragte Emil seinen Freund nach den Damen, die doch
eingeladen seien, und erfuhr, da man diese spter im Walde zu treffen
hoffe.

Munter wanderten die jungen Leute in den glnzenden Sommertag hinein.
Es fiel Emil auf, mit welchem Eifer Franz sich seiner Vaterstadt
rhmte, die er in seinen Briefen beinahe verleugnet hatte.

Ja, unser Gerbersau! pries der Freund. Nicht wahr, Emil, da geht es
anders zu als hierzuland! Und was es dort fr schne Mdchen gibt!

Emil stimmte etwas befangen zu, wurde dann gesprchig und erzhlte
freimtig, wie wenig gro und schn er Lchstetten im Vergleich mit
Gerbersau finde. Einige von den jungen Leuten, die schon in Gerbersau
gewesen waren, gaben ihm recht. Bald sprach ein jeder darauf los,
rhmte ein jeder seine Stadt und Herkunft, wie es da ein anderes
und flotteres Leben sei als in diesem verdammten Nest, und die paar
geborenen Lchstettener, die dabei waren, gaben ihnen recht und
schimpften auf die eigene Heimat. Sie alle waren voll unerlster
Kindlichkeit und zielloser Freiheitsliebe, sie rauchten ihre Zigarren
und rckten an ihren hohen Stehkragen und taten so mnnlich und wild,
als sie konnten. Emil Kolb fand sich rasch in diesen Ton, den er
daheim wohl auch schon gehrt und ein wenig gebt hatte, und wurde mit
allen gut Freund.

Eine halbe Stunde weiter drauen, am Eingang eines prchtigen
Fhrenwaldes, erwartete sie eine kleine Gesellschaft von vier
halbwchsigen Mdchen in hellen Sonntagskleidern. Es waren Tchter
geringer Huser, denen es an Beaufsichtigung fehlte und die zum Teil
schon als Schulmdel mit Schlern oder Lehrbuben zrtliche Verhltnisse
unterhielten. Sie wurden dem Emil Kolb als Frulein Berta, Luise, Emma
und Agnes vorgestellt. Zwei von ihnen hatten schon feste Verhltnisse
und hngten sich sofort an ihre Verehrer, die beiden anderen gingen
lose nebenher und gaben sich Mhe, die ganze Gesellschaft zu
unterhalten. Es war nmlich nach dem Hinzutritt der Damen die frhere
lrmende Gesprchigkeit der Jnglinge pltzlich erkaltet und an deren
Stelle eine verlegen schweigsame Liebenswrdigkeit getreten, in deren
Bann auch Franz und Emil fielen. Alle diese jungen Leute waren noch
durchaus Kinder, und ihnen allen fiel es weit leichter, die Manieren
von Mnnern nachzuahmen, als sich ihrem eigenen Alter und Wesen gem
zu benehmen. Sie alle wren im Grunde lieber ohne Mdchen gewesen oder
htten doch mit diesen wie mit ihresgleichen geschwatzt und gescherzt,
aber das schien nicht anzugehen, und da sie alle wohl wuten, da die
Mdchen ohne Erlaubnis ihrer Eltern und unter Gefahren fr ihren Ruf
diese Wege gingen, suchte ein jeder von diesen jungen Handelsleuten
das nachzuahmen, was er sich nach Hrensagen und Lektre unter einem
feinen geselligen Wesen vorstellte. Die Mdchen waren berlegen und
gaben den Ton an, der auf eine empfindsame Schwrmerei gestimmt war,
und sie alle, die nach Verlust der Kindesunschuld doch der Liebe noch
nicht fhig waren, bewegten sich recht ngstlich und befangen in einer
phantastisch verlogenen Sphre zierlicher Sentimentalitt.

Emil geno als Fremder besondere Aufmerksamkeit, und das Frulein Emma
verstrickte ihn bald in ein schnes Gesprch ber den Reiz sommerlicher
Waldausflge, das spter in eine Unterhaltung ber Emils Herkunft
und Lebensumstnde berging und wobei Emil sich nicht bel bewhrte,
da er nur Fragen zu beantworten hatte. Bald wute das Mdchen alles
Wissenswerte ber den jungen Mann, den sie sich zum Kavalier fr
diesen Tag erlesen hatte; nur war freilich des Jnglings Auskunft ber
sich und sein Leben mehr ein Notbehelf und poetischer Zeitvertreib
als eine Mitteilung realer Dinge. Denn wenn Frulein Emma nach dem
Stande seines Vaters fragte, schien ihm das Wort Flickschuster gar zu
schroff und hlich und er umschrieb die Sache, indem er erklrte, sein
Papa habe ein Schuhgeschft. Alsbald sah des Fruleins Phantasie ein
glnzendes Schaufenster voll schwarzer und farbiger Schuhwaren, dem ein
solcher Duft von Eleganz und geschmackvoller Wohlhabenheit entstieg,
da ihre weiteren Fragen immer schon einen guten Teil solchen Glanzes
als vorhanden voraussetzten und den Schusterssohn unvermerkt zu immer
krftigeren Beschnigungen der Wirklichkeit ntigten. Es entstand aus
Fragen und Antworten eine hbsche, angenehme Legende. Nach derselben
war Emil der etwas streng gehaltene, doch geliebte Sohn nicht eben
reicher, doch wohlhabender Eltern, den seine Neigung und Begabung frh
von den Schulstudien zum Handel hingefhrt hatte. Er erlernte als
Volontr, welches Wort auf Rechnung der Emma kam, in einem mchtigen
alten Handelshause die Obliegenheiten seines knftigen Berufes und
war heute, durch das herrliche Wetter verlockt, herbergekommen, um
seinen Schulfreund Franz zu besuchen. Was die Zukunft betraf, so konnte
Emil ohne Gefahr und Gewissensbedrngnis die Farben verschwenden,
und je weniger von Wirklichkeit, Gegenwart und Arbeit, je mehr von
Zukunft, Genu und Hoffnungen die Rede war, desto mehr kam er ins
Feuer und desto besser gefiel er dem Frulein Emma. Diese hatte von
ihrer Abstammung nichts und von ihren brigen Verhltnissen nur soviel
erzhlt, da sie als zartfhlende Tochter einer wenig begterten und
leider auch etwas herrischen, ja groben Witwe manches zu leiden habe,
das sie jedoch kraft eines tapferen Herzens ohne Murren zu ertragen
wisse.

Auf den jungen Kolb machten sowohl diese moralischen Eigenschaften
wie auch das uere des Fruleins einen starken Eindruck. Vielleicht
und vermutlich htte er sich in irgendeine andere, sofern sie nicht
gerade hlich war, ebenso verliebt. Es war das erstemal, da er so mit
einem Mdchen ging, da ein Mdchen solches Interesse fr ihn zeigte
und da er allen Ernstes ein Gebiet betrat, fr das er in der Stille
sich selber noch zu jung erschien. Desto feierlicher lauschte er den
Erzhlungen der Emma und gab sich Mhe, keine Hflichkeit zu versumen.
Es blieb ihm nicht verborgen, da sein Auftreten und sein Erfolg bei
Emma ihm Ansehen verlieh und da es namentlich dem Franz imponierte.

So war der erhoffte Vereinsausflug mit Fahnen, Musik und lrmender
Lustbarkeit fr den Gerbersauer Gast ein stilles Erlebnis und
jedenfalls etwas nicht minder Schnes geworden. Es geschahen zwischen
ihm und seinem schnen Frulein keine Liebeserklrungen und keine
Zrtlichkeiten, vor dem Kssen htte es ihm auch noch gegraut, aber es
entstand doch Emils erste Vertrautheit mit einem Mdchen, er war zum
erstenmal verliebt und zum erstenmal Kavalier, und beides gefiel ihm
nicht wenig.

Da man der Damen wegen nicht wagte, in einer Herberge einzukehren,
wurden in der Nhe eines Dorfes zwei von den Jnglingen auf Proviant
ausgeschickt. Sie kehrten mit Brot und Kse, Bierflaschen und Glsern
wieder, und es ergab sich ein heiteres Gelage im Grnen, wobei die
Mdchen das Brotschneiden und Einschenken bernahmen und mit ihren
hellen Sommerkleidern froh und festlich aussahen. Emil, der den ganzen
Tag auf den Beinen und ohne Mittagbrot gewesen war, griff nun mit
eifrigem Hunger zu den guten Sachen und war der frhlichste von allen.
Doch mute er bei diesem ersten Fest seines Mannesalters die bittere
Erfahrung machen, da nicht alles Wohlschmeckende auch wohltut und da
seine Krfte im Schlrfen mnnlicher Gensse noch die eines Kindes
waren. Er erlag mit Schmach dem dritten oder vierten Glase Bier und
mute den Heimweg nach Lchstetten als Nachzgler unter des Freundes
Obhut in Schmerzen und Reue zurcklegen.

Wehmtig nahm er am Abend von dem Freunde Abschied und trug ihm Gre
an die Kameraden und an die lieben Frulein auf, die er nicht mehr zu
Gesicht bekommen hatte. Gromtig hatte ihm Franz Remppis ein Billet
fr die Eisenbahn geschenkt, und whrend er im Fahren durchs Fenster
die schne sommerliche Landschaft abendlich werden und festlich
verglhen sah, empfand er alle Ernchterung der Rckkehr zu Arbeit und
Entbehrung voraus und htte nichts dagegen gehabt, wenn es angegangen
wre, diesen Tag wieder auszustreichen und zu den ungelebten zu legen.

Dennoch konnte er, ohne zu lgen, nach vier Tagen seinem Freunde
schreiben:

                                  Lieber Freund!

In Anbetracht des verflossenen Sonntags mchte nicht unterlassen,
Dir nochmals meinen Dank auszusprechen. Zu meinem lebhaften Bedauern
ist mir unterwegs jenes Versehen passiert und hoffe ich sehr, es
mchte Dir und den Herren und Damen den schnen Festtag nicht gestrt
haben. Namentlich wre Dir uerst verpflichtet, wenn Du die Gte
haben wolltest, dem Frulein Emma einen Gru von mir und meine Bitte
um Entschuldigung fr jenes Unglck zu bestellen. Zugleich wre ich
sehr gespannt, Deine Ansicht ber Frulein Emma erfahren zu drfen,
da ich nicht verhehlen kann, da eben diese mir vllig zugesagt und
ich eventuell nicht abgeneigt wre, bei spterem Anla an selbe mit
ernsteren Antrgen heranzutreten. Diesbezglich Deine strengste
Diskretion erbittend und voraussetzend verbleibe mit besten Gren in
freundschaftlicher Ergebenheit Dein Emil Kolb.

Franz gab hierauf nie eine richtige Antwort. Er lie wissen, da
der Gru ausgerichtet sei und da die Herren vom Verein sich freuen
wrden, Emil bald einmal wieder bei sich zu sehen. Der Sommer ging
hin, und die Freunde sahen sich in Monaten nur ein einziges Mal,
bei einer Zusammenkunft in dem Dorfe Walzenbach, das in der Mitte
zwischen Lchstetten und Gerbersau lag und wohin Emil den Schulfreund
bestellt hatte. Es kam jedoch keine richtige Wiedersehensfreude auf,
denn Emil hatte keinen anderen Gedanken, als etwas ber das Frulein
Emma zu erfahren, und Franz wute seinen Fragen nach ihr immer wieder
hartnckig auszuweichen. Er hatte nmlich seit jenem Sonntage selbst
seine Blicke auf diese Jungfer gerichtet und seinen Freund bei ihr
auszustechen versucht. Unschnerweise hatte er damit begonnen, da
er dessen Legende zerstrt und seine geringe Herkunft ohne Schonung
dargetan hatte. Zum Teil wegen dieses Verrates am Freunde, noch mehr
aber wegen einer sogenannten Hasenscharte, welche Franz am Munde hatte
und die der Emma mifiel, wies sie ihn sehr khl ab, wovon Emil jedoch
nichts erfuhr. Und nun saen die alten Freunde einander unoffen und
enttuscht gegenber und waren beim Auseinandergehen am Abend nur
darin einig, da keiner von beiden eine baldige Wiederholung dieser
Zusammenkunft fr notwendig hielt.

Im Geschft der Brder Drei hatte sich Emil indessen zwar nicht eben
beliebt, wohl aber ntzlich gemacht und soviel Vertrauen erworben,
da im Herbst, nach dem Avancement des ltesten Lehrlings und dem
Eintritt eines neuen, die Prinzipale keinen Grund fanden, von einer
alten Gewohnheit abzugehen, und dem Jngling die sogenannte Portokasse
bergaben. Es wurde ihm ein Stehpult angewiesen und zugleich Bchlein
und Kasse bergeben, ein flaches Kstlein aus grnem Drahtgeflechte,
worin oben die Bogen mit Briefmarken, unten aber das bare Geld geordnet
lagen.

Der Jngling, am Ziele langer Wnsche und Plne angelangt, verwaltete
in der ersten Zeit die paar Taler seiner Kasse mit uerster
Gewissenhaftigkeit. Seit Monaten mit dem Gedanken vertraut, aus dieser
Quelle zu schpfen, nahm er nun doch keinen Pfennig an sich. Diese
Ehrlichkeit wurzelte nur zum Teil in der Furcht und in der klugen
Voraussetzung, man werde seine Fhrung in dieser ersten Zeit besonders
genau beobachten. Vielmehr war es ein Gefhl von Feierlichkeit und
innerer Befriedigung, das ihn gut machte und vom Bsen abhielt.
Emil sah sich, im Besitz eines eigenen Stehpultes im Kontor und als
Verwalter baren Geldes, in die Reihe der Erwachsenen und Geachteten
emporgerckt; er geno diese Stellung mit Andacht und sah auf
den soeben neu eingetretenen jngsten Lehrling mit groem Mitleid
hernieder. Diese gtige und weiche Stimmung hielt ihn gefangen.
Allein wie den schwachen Burschen eine Stimmung vom Bsen abzuhalten
vermochte, so gengte auch eine Stimmung, ihn an seine blen Vorstze
zu erinnern und diese zur Ausfhrung zu bringen.

Es begann, wie alle Snden junger Geschftsleute, an einem Montage.
Dieser Tag, an welchem nach kurzer Sonntagsfreiheit und mancher
Lustbarkeit die Nebel des Dienstes, des Gehorchenmssens und der
Arbeit sich wieder fr so lange Tage senken, ist auch fr fleiige und
tchtige junge Menschen eine Prfung, zumal wenn auch die Vorgesetzten
den Sonntag der Lust geweiht und alle gute Laune einer Woche im voraus
verbraucht haben.

Es war ein Montag zu Anfang des November. Die beiden lteren Lehrlinge
waren tags zuvor samt dem Herrn Volontr in der Vorstellung einer
durchreisenden Theatertruppe gewesen und hatten nun, durch das
gemeinsame seltne Erlebnis heimlich verbunden, viel untereinander
zu flstern. Der Volontr, ein junger Lebemann aus der Hauptstadt,
ahmte an seinem Stehpult Grimassen und Gebrden eines Komikers nach
und weckte die Erinnerung an gestrige Gensse jeden Augenblick von
neuem. Emil, der den regnerischen Sonntag zu Hause mit Lesen und
kaufmnnischen Stilbungen hingebracht hatte, horchte mit Neid und
rger hinber. Der jngere Chef hatte ihn am frhen Morgen schon in
bitterer Montagslaune angebrummt, allein und ausgeschlossen stand er
an seinem Platz, whrend die anderen ans Theater dachten und ihn ohne
Zweifel bemitleideten.

Traurig und erbittert durchlas er einen Brief seines Prinzipals, den
er abschicken sollte und aus dem er zuvor noch Stilistisches zu lernen
hoffte. Es war ein Brief an einen groen Lieferanten und begann Sehr
geehrter Herr! Ihre geschtzte Faktura noch immer vergebens erwartend,
bitte nun endlich, Berechnung ber die am 11. Vorigen erhaltenen Waren
einzusenden. Es war nichts Neues, enttuscht legte der Lehrling den
Brief zu den anderen. In diesem Augenblick erschallte drauen auf dem
Marktplatz ein frhlich schmetternder Trompetensto, der sich zweimal
wiederholte. Das Signal, seit einigen Tagen der ganzen Stadt vertraut,
kndete den Ausrufer der Schauspielerfamilie an, der auch sogleich
auf dem Platz erschien, sich auf die Vortreppe des Rathauses schwang
und mit rollender Stimme verkndete: Meine Herrschaften! Damen und
Herren! Es findet heute Abend acht Uhr im Saale des Hotels zum grauen
Hecht die unwiderruflich letzte Vorstellung der bekannten Truppe Elvira
statt. Zur Auffhrung gelangt das berhmte Stck Der Graf von Felsheim
oder Vaterfluch und Brudermord. Zu dieser unwiderruflich allerletzten
Hauptgalavorstellung wird Alt und Jung hiermit ergebenst eingeladen.
Trara! Trara! Am Schlusse findet eine Verlosung wertvoller Gegenstnde
statt! Jeder Inhaber einer Karte zum ersten und zweiten Rang erhlt
vollstndig gratis ein Los. Trara! Trara! Letztes Auftreten
der berhmten Truppe! Letztes Auftreten auf Wunsch zahlreicher
Kunstfreunde! Heute Abend halb acht Uhr Kassenffnung!

Dieser Lockruf mitten in der Trbe des nchternen Montagmorgens
traf den einsamen Lehrling ins Herz. Die Gebrden und Gesichter des
Volontrs, das Tuscheln der Kollegen, bunte, wirre Vorstellungen von
unerhrtem Glanz und Genu flossen zu dem glhenden Verlangen zusammen,
endlich auch einmal dies alles zu sehen und zu genieen, und das
Verlangen ward alsbald zum Vorsatz, denn die Mittel waren ja in seiner
Hand.

An diesem Tage schrieb Emil Kolb zum erstenmal falsche Zahlen in sein
kleines sauberes Kassabchlein und nahm einige Nickelstcke von dem ihm
Anvertrauten weg. Aber obwohl dies schlimmer war als vor Monaten jener
Diebstahl einer Briefmarke, blieb doch diesmal sein Herz ruhig. Er
hatte sich seit langem an den Gedanken dieser Tat gewhnt, er frchtete
keine Entdeckung, ja er fhlte einen leisen Triumph, als er sich abends
vom Prinzipal verabschiedete. Da ging er nun hinweg, das Geld des
Mannes in seiner Tasche, und er wrde es noch oft so machen, und der
dumme Kerl wrde nichts merken.

Das Theater machte ihn sehr glcklich. In groen Stdten, hatte er
sagen hren, gab es noch weit grere und glnzendere Theater, und da
gab es Leute, die jeden lieben Abend hineingingen, immer auf die besten
Pltze. So wollte er es auch einmal haben. War ihm auch der Sinn des
Theaterspielens dunkel, so amsierten ihn doch die farbigen Figuren
und Bilder der Bhne, auerdem war es nobel und gab Ansehen, wenn einer
so im Parkett sitzen und sich von den Lustigmachern fr sein Geld was
vorspielen lassen konnte.

Von da an hatte die Portokasse des Hauses Drei ein unsichtbares Loch,
durch welches in aller Stille immerzu ein kleiner dnner Geldflu
entwich und dem Lehrling Kolb gute Tage machte. Das Theater freilich
zog hinweg in andere Stdte, und hnliches kam sobald nicht wieder.
Aber da war bald eine Kirchweih in Hngstett, bald auf dem Brhel ein
Karussell, und auer dem Fahrgeld und Bier oder Kuchen war meistens
dazu auch ein neuer Hemdkragen oder Schlips unentbehrlich, oder beides.
Ganz allmhlich wurde der arme junge Mensch zu einem verwhnten Manne,
der sich berlegt, wo er am kommenden Sonntag vergngt sein will, und
der aufs Geld nicht zu sehen braucht. Er hatte bald gelernt, da es
beim Vergngen auf anderes ankommt als aufs Notwendige, und tat mit
Genu Dinge, die er frher fr Snde und Dummheit gehalten htte. Beim
Bier schrieb er an die jungen Herren in Lchstetten Ansichtskarten,
und nicht die billigsten, sondern stets von den lackierten farbigen
mit den tiefblauen Himmeln und brandroten Dchern, auf denen jede
Gegend schner aussah, als am schnsten Sommertage. Und wo er sonst ein
trockenes Brot verzehrt hatte, fragte er nun nach Wurst oder Kse dazu,
er lernte in Wirtschaften herrisch nach Senf und Zndhlzern verlangen
und den Zigarettenrauch durch die Nase blasen.

Immerhin mute er in solchem Verbrauch seines Wohlstandes vorsichtig
sein und durfte nicht immer auftreten, wie es ihm gerade Spa gemacht
htte. Die paar ersten Male sprte er auch vor dem Monatsende und
der Kontrolle seiner Kasse ziemliches Bangen. Aber stets ging alles
gut, und nirgends fand sich eine Ntigung, den begonnenen Unfug
einzustellen. So wurde Kolb, wie jeder Gewohnheitsdieb, trotz aller
Vorsicht am Ende sicher und blind.

Und eines Tages, da er wieder das Portogeld fr sieben Briefe statt fr
vier aufgeschrieben hatte und da sein Herr ihm den falschen Eintrag
vorhielt, blieb er frech dabei, es mten sieben Briefe gewesen sein.
Und da der Herr Drei sich dabei zu beruhigen schien, ging Emil
friedlich seiner Wege. Am Abend aber setzte sich der Herr, ohne da
der Schelm davon wute, hinter sein Bchlein und studierte es sorgsam
durch. Denn es war ihm nicht nur der grere Portoverbrauch in letzter
Zeit aufgefallen, sondern es hatte ihm heute ein Gastwirt aus der
Vorstadt erzhlt, der junge Kolb komme neuerdings am Sonntag fter zu
ihm und scheine mehr fr Bier auszugeben, als der Vater ihm dafr geben
knne. Und nun hatte der Kaufherr geringe Mhe, das bel zu bersehen
und die Ursache mancher Vernderung im Wesen und Treiben seines jungen
Kassiers zu erkennen.

Da der ltere Bruder Drei gerade auf Reisen war, lie der jngere
der Sache zunchst ihren Lauf, indem er nur tglich in der Stille die
kleinen Unterschlagungen betrachtete und notierte. Er sah, da sein
Verdacht dem jungen Manne nicht Unrecht getan hatte, und wunderte sich
rgerlich ber die Ruhe und geschickte Sachlichkeit, mit der ihn der
Bursche eine so lange Zeit hintergangen und bestohlen hatte.

Der Bruder kehrte zurck, und am folgenden Morgen beriefen die beiden
Herren den Snder in ihr Privatkontor. Da versagte denn doch die
erworbene Sicherheit des Gewissens; kaum hatte Emil Kolb die beiden
ernsten Gesichter der Prinzipale und in des einen Hnden sein schmales
Kassenbchlein erblickt, so wurde er wei im Gesicht und verlor den
Atem.

Hier begannen Emils schlimme Tage. Als wrde ein schmucker Marktplatz
durchsichtig, oder eine nette helle Gasse, und man she unterm Boden
Kanle, Kloaken und trbe Wasser rinnen, von Gewrm bevlkert und bel
riechend, so lag der unreine Grund dieses scheinbar harmlosen jungen
Lebens hlich aufgedeckt vor seinen und seiner Herren Augen da. Das
Schlimmste, was er je gefrchtet, war hereingebrochen, und es war
bler, als er gedacht htte. Alles Saubere, Ehrliche, das bisher in
seinem Leben gewesen war, versank und war weg, sein Flei und Gehorsam
war nicht gewesen, es blieb von einem fleiigen Leben zweier Jahre
nichts brig als die Schmach seines Vergehens.

Emil Kolb, der bis dahin einfach ein kleiner Schelm und bescheidener
Hausdieb gewesen war, wurde nun zu dem, was die Zeitungen ein Opfer der
Gesellschaft nennen.

Denn die beiden Brder Drei waren nicht darauf eingerichtet, in ihren
vielen Lehrbuben junge Menschen mit jungen wartenden Schicksalen zu
sehen, sondern nur eben Arbeiter, deren Unterhalt wenig kostete und
die fr Jahre eines nicht leichten Dienstes noch dankbar sein muten.
Sie konnten nicht sehen, da hier ein verwahrlostes junges Leben an
der Wende stand, wo es ins Dunkel hinabgeht, wenn nicht ein guter und
williger Mensch zu helfen bereit ist. Einem jungen Diebe zu helfen wre
ihnen im Gegenteil als Snde und Torheit erschienen. Sie hatten einem
Buben aus armem Hause Vertrauen geschenkt und ihr Haus geffnet, nun
hatte dieser Mensch sie hintergangen und ihr Vertrauen mibraucht --
das war eine klare Sache. Die Herren Drei waren sogar edel und kamen
berein, den armen Kerl nicht der Polizei zu bergeben, und doch wre
dies das Beste gewesen, wenn sie doch einmal selbst die Hand von dem
Entgleisten abziehen wollten. Sie entlieen ihn vielmehr, ausgescholten
und zerschmettert, und trugen ihm auf, er mge zu seinem Vater gehen
und ihm selber sagen, weshalb man ihn in einem anstndigen Handelshause
nicht mehr brauchen knne.

Daraus darf jedoch den Brdern Drei kein Vorwurf gemacht werden. Sie
waren ehrenwerte Mnner und auf ihre Art wohlmeinend, sie waren nur
gewohnt, in allem Geschehenden Flle zu sehen, auf welche sie je
nachdem eine der Regeln brgerlichen Tuns anwenden muten. So war auch
Emil Kolb fr sie nicht ein gefhrdeter und untersinkender Mensch,
sondern ein bedauerlicher Fall, welchen sie nach allen Regeln ohne
Hrte erledigten.

Sie waren sogar ber das notwendige Ma pflichtbewut und gingen am
folgenden Tage selber zu Emils Vater, um mit ihm zu reden, die Sache
zu erzhlen und etwa mit einem Rate zu dienen. Aber der Vater Kolb
wute noch gar nichts von dem Unglck. Sein Sohn war gestern nicht nach
Hause gekommen, er war davongelaufen und hatte die Nacht im Freien
hingebracht. Zur Stunde, da seine Prinzipale ihn beim Vater suchten,
stand er frierend und hungrig berm Tale am Waldrand und hatte sich, im
Selbsterhaltungsdrang gegen die Versuchung freiwilligen Untergangs, so
hart und trotzig gemacht, wie es dem schwachen Jungen sonst in Jahren
nicht mglich gewesen wre.

Sein erster Wunsch und Gedanke war gewesen, sich nur zu flchten,
sich zu verbergen und die Augen zu schlieen, da er die Schande wie
einen groen giftigen Schatten ber sich fhlte. Erst allmhlich,
da er einsah, er msse zurckkehren und irgendwie das Leben weiter
fhren, hatte sein Lebenswille sich zu Trotz verhrtet und er hatte
sich vorgenommen, den Brdern Drei das Haus anzuznden. Indessen war
auch diese Rachelust vergangen. Emil sah ein, wie sehr er sich den
weiteren Weg zu jedem Glck erschwert habe, und kam am Ende mit seinen
Gedanken zu dem Schlusse, es sei ihm nun doch jeder lichte Pfad verbaut
und er msse nun erst recht und mit verdoppelten Krften den Weg des
Bsen gehen, um doch noch auf seine Weise Recht zu behalten und das
Schicksal zu zwingen.

Der entsetzte kleine Flchtling von gestern kehrte nach einer
verwachten und durchfrornen Nacht als ein junger Bsewicht nach der
Heimat zurck, auf Schmach und ble Behandlung gefat und zu Krieg und
Widerstand gegen die Gesetze dieser schnden Welt gewillt.

Nun wieder wre es an seinem Vater gewesen, ihn ohne Umgehung der
Prgelstrafe in eine ernsthafte Kur zu nehmen und den geschwchten
Willen nicht vollends zu brechen, sondern langsam wieder zu erheben
und zum Guten zu wenden. Das war indessen mehr, als der Schuster Kolb
vermochte. So wenig wie sein Sohn vermochte dieser Mann das Gesetz
des Zusammenhanges von Ursache und Wirkung zu erkennen oder doch zu
fhlen. Statt die Entgleisung seines Sprlings als eine Folge seiner
schlechten Erziehung zu nehmen und den Versuch einer Besserung an
sich und dem Kinde zu beginnen, tat Herr Kolb so, als sei von seiner
Seite her alles in Ordnung und als habe er allen Grund gehabt, von
seinem Shnlein nur Gutes zu erwarten. Freilich, Vater Kolb hatte nie
gestohlen, doch war in seinem Hause der Geist nie gewesen, der allein
in den Seelen der Kinder das Gewissen wecken und der Lust zur Entartung
trotzen kann.

Der zornige, gekrnkte Mann empfing den heimkehrenden Snder wie ein
Hllenwchter bellend und fauchend, er rhmte ohne Grund den guten
Ruf seines Hauses, ja er rhmte seine redliche Armut, die er sonst
hundertmal verwnscht hatte, und lud alles Elend, alle Last und
Enttuschung seines Lebens auf den halbwchsigen Sohn, der sein Haus
in Schande gebracht und seinen Namen in den Schmutz gezogen habe.
Alle diese Ausdrcke kamen nicht aus seinem erschrockenen und vllig
ratlosen Herzen, sondern aus Erinnerung, er befolgte damit eine Regel
und erledigte einen Fall, hnlich und trauriger, als es die Drei getan
hatten.

Emil stand ruhig und lie den Strom verrinnen, er hielt den Kopf
gesenkt und schwieg, er fhlte sich elend, aber beinahe doch dem
ohnmchtig wetternden Alten berlegen. Alles was der Vater von der
ehrlichen Armut vom besudelten Namen und vom Zuchthause schrie, kam ihm
nichtig vor; wenn er irgendeine andere Unterkunft in der Welt gewut
htte, wre er ohne Antwort hinweggegangen. Er war in der berlegenen
Lage dessen, dem alles einerlei ist, weil er soeben von dem bitteren
Wasser der Verzweiflung und des Grauens getrunken hat. Dagegen verstand
er die Mutter wohl, die hinten am Tische sa und stille weinte. Er
fhlte, da sie in dieser Stunde etwas von dem kosten mute, woran
er selber diese Nacht gewrgt hatte, aber er fand keinen Weg zu ihr,
der er am wehesten getan hatte und von der er doch am ehesten Mitleid
erwartete.

Das Haus Kolb war nicht in der Lage oder nicht willens, einen nahezu
erwachsenen Sohn unbeschftigt herumsitzen zu haben.

Der Meister Kolb, als er sich vom ersten Schrecken aufgerafft hatte,
hatte zwar noch alles versucht, dem Schlingel trotz allem eine feinere
Zukunft zu ermglichen. Aber ein Lehrling, den die Brder Drei, wenn
auch aus unbekannten Ursachen, pltzlich weggejagt hatten, fand in
Gerbersau keinen Boden mehr. Nicht einmal der Schreinermeister Kiderle,
der doch im Blatt einen Lehrbuben bei freier Kost gesucht hatte, konnte
sich entschlieen, den Emil aufzunehmen. Ein Schneider freilich war
noch da, der htte ihn genommen, aber dagegen strubte sich Emil selbst
so wild und verzweifelt, da man ihn gewhren lassen mute.

Schlielich, als eine Woche nutzlos verstrichen war, sagte der Vater:
Ja, wenn alles nicht hilft, mut du halt in die Fabrik!

Er war auf Klagen und Widerstand gefat, aber Emil sagte ganz
zufrieden: Mir ist's recht. Aber den Hiesigen mach' ich die Freude
nicht, da sie mich in die Fabrik gehen sehen.

Daraufhin fuhr Herr Kolb mit seinem Sohne nach Lchstetten hinber.
Da sprach er beim Fabrikanten Erler vor, der tannene Faspunden
herstellte, fand aber kein Gehr, und dann beim Walkmller, der
ebenfalls eilig dankte, und ging schlielich verzweifelnd, nur weil vor
dem Abgang des Zuges noch eine halbe Stunde Zeit brig war, auch noch
in die Spindlersche Maschinenstrickerei, wo er im Werkfhrer zu seiner
berraschung einen Bekannten fand, der sich fr ihn verwendete. So lie
man den Zug fahren und wartete auf den Fabrikanten, der nach wenig
Worten den jungen Menschen auf Probe zu nehmen einwilligte.

Nach der Art gedankenloser Leute war Vater Kolb froh, als am folgenden
Montag sein miratener Sohn das Haus verlie, um sein Fabriklerleben
in Lchstetten zu beginnen. Auch dem Sohne war es wohl, da er aus den
Augen der Eltern kam. Er nahm Abschied, als wre es fr wenige Tage,
und hatte doch fest im Sinne, sich daheim nimmer oder doch lange Zeit
nicht mehr zu zeigen.

Der Eintritt in die Fabrik fiel ihm trotz aller desperaten Vorstze
doch nicht leicht. Wer einmal gewohnt war, wenn auch nur als geringstes
Glied, zu den geachteten Stnden zu gehren und ber den Pbel die Nase
zu rmpfen, dem ist es ein saurer Bissen, wenn er einmal selber den
guten Rock ausziehen und zu den Verachteten zhlen soll.

Dazu kam, da Emil bei dem Wegzug nach Lchstetten sich darauf
verlassen hatte, da er dort an seinem Freunde Remppis einen guten
Halt finden werde. Darin hatte der schlaue Jngling sich indessen
verrechnet. Er hatte nicht gewagt, seinen Freund im stolzen Hause des
Prinzipals aufzusuchen, begegnete ihm aber gleich am zweiten Abend auf
der Gasse. Erfreut trat er auf ihn zu und rief ihn bei Namen.

Gr Gott, Franz, das freut mich aber! Denk, ich bin jetzt auch in
Lchstetten!

Der Freund aber machte gar kein frohes Gesicht. Ich wei schon, sagte
er sehr khl, man hat es mir geschrieben.

Sie gingen miteinander die Gasse hinab. Emil suchte einen leichten
Ton anzustimmen, aber die Miachtung, die der Freund ihm so deutlich
zeigte, drckte ihn nieder. Er versuchte zu erzhlen, zu fragen, ein
Zusammentreffen am Sonntag zu verabreden; aber auf alles antwortete
Franz Remppis khl und vorsichtig. Er habe jetzt so wenig Zeit, sei
auch nicht recht wohl, und gerade heut erwarte ihn ein Kamerad in einer
wichtigen Angelegenheit, und auf einmal war er weg und Emil ging allein
durch den Abend zu seiner rmlichen Schlafstelle, erzrnt und traurig.
Er nahm sich vor, dem Freunde bald seine Untreue in einem beweglichen
Briefe vorzuhalten, und fand in diesem Vorsatz einigen Trost.

Allein auch hierin kam ihm Franz zuvor. Schon am folgenden Tage erhielt
der junge Fabrikler beim abendlichen Nachhausekommen einen Brief, den
er mit Sorgen ffnete und mit Schrecken las:

Geehrter Emil!

Unter Bezugnahme auf unser Mndliches von gestern, mchte Dir
nahelegen, knftighin auf unsere bisherigen angenehmen Beziehungen zu
verzichten. Ohne Dir im geringsten zu nahe treten zu wollen, drfte es
doch angezeigt sein, da jeder von uns seinen Umgang im Kreise seiner
Standesgenossen sucht. Ebendaher erlaube mir auch vorzuschlagen, uns
knftig gegebenenfalls lieber mit dem hflichen Sie anzureden.

Ergebenst grend Ihr ehemaliger

                                                         Franz Remppis.

Auf dem Wege des jungen Kolb, der von da an stetig abwrts fhrte,
war hier der Punkt des letzten Zurckschauens, der letzten Besinnung,
ob es nicht auch anders htte gehen knnen, ja ob nicht jetzt noch
eine Wandlung mglich wre. Nach einigen Tagen lag dies alles abgetan
dahinten, und der junge Mensch lief vollends blindlings in der engen
Sackgasse seines Schicksals weiter.

Die Arbeit in der Fabrik war nicht so schlimm, wie sie ihm geschildert
worden war. Er hatte zu Anfang nur Handlangerdienste zu tun, Kisten zu
ffnen oder zu vernageln, Krbe mit Wolle in die Sle zu tragen, Gnge
zum Magazin und zur Reparaturwerksttte zu besorgen. Es dauerte jedoch
nicht lange, so bekam er probeweise einen Strickstuhl zu besorgen,
und da er sich anstellig zeigte, sa er in Blde an seinem eigenen
Stuhl und arbeitete im Akkord, so da es ganz von seinem Flei und
Willen abhing, wieviel Geld er in der Woche verdienen wollte. Dieses
Verhltnis, das sich in keinem anderen Berufe so findet, gefiel dem
jungen Burschen sehr wohl, und er geno seine Freiheit mit grimmigem
Behagen, indem er am Feierabend und Sonntag mit den wildesten
Kameraden aus der Fabrik bummeln ging. Da gab es keinen Prinzipal
mehr, der in hlicher Nhe kontrollierend sa, und keine Hausordnung
eines alten strengen Handelshauses, keine Eltern und nicht einmal
ein Standesbewutsein, das strende Forderungen machen konnte. Geld
verdienen und Geld verbrauchen war des Lebens Sinn, und das Vergngen
bestand neben Bier und Tanzen und Zigarren vor allem im Gefhl frecher
Unabhngigkeit, womit man am Sonntag den schwarzgekleideten Kaufleuten
und anderen Philistern ins Gesicht grinsen konnte, ohne da es jemand
gab, der einem verbieten oder befehlen durfte.

Dafr, da es ihm milungen war, aus seinem geringen Vaterhause in die
hheren Stnde empor zu gelangen, rchte sich Emil Kolb nun an diesen
hheren Stnden. Er fing, wie billig, oben an und lie den lieben Gott
seine Verachtung fhlen, indem er weder Predigt noch Katechese je
besuchte und dem Pfarrer, den er zu gren gewohnt gewesen war, beim
Begegnen auf der Strae vergngt den Rauch seiner langen Zigarre ins
Gesicht blies. Schn war es auch, am Abend sich vor das beleuchtete
Schaufenster zu stellen, hinter welchem der Lehrling Remppis noch saure
Abendstunden an der Arbeit war, oder in den Laden selbst hinein zu
gehen und mit dem baren Gelde in der Hosentasche eine gute Zigarre zu
verlangen.

Das Schnste aber waren ohne Zweifel die Mdchen. In der ersten
Zeit hielt sich Emil den Frauenslen der Fabrik fern, bis er eines
Tages in der Mittagspause aus dem Saal der Sortiererinnen eine junge
Mdchengestalt hervortreten sah, die er trotz mancher Vernderungen
alsbald wieder erkannte. Er lief hinber und rief sie an.

Frulein Emma! Kennen Sie mich noch?

Erst in diesem Augenblicke fiel ihm ein, unter welch anderen Umstnden
er das Mdchen im vorigen Jahre kennen gelernt hatte und wie wenig sein
jetziger Zustand dem entsprach, was er ihr damals von sich erzhlt
hatte.

Auch sie schien sich jener Unterhaltungen noch wohl zu erinnern, denn
sie grte ihn ziemlich kalt und meinte: So, Sie sind's? Ja, was tun
denn Sie hier?

Doch gewann er fr den Augenblick das Spiel, indem er mit lebhafter
Galanterie antwortete: Es versteht sich doch von selbst, da ich nur
Ihretwegen hier bin!

Das Frulein Emma hatte seit dem Sonntagsausflug mit dem Verein
jngerer Angehriger des Handelsstandes ein wenig an Anmut und
Mdchenzierlichkeit verloren, hingegen sehr an Lebenserfahrung und
Khnheit gewonnen. Nach einer kurzen Prfungszeit bemchtigte sie
sich des jungen Liebhabers entschieden, der nun seine Sonntage stolz
und herrisch am Arm der Schnen verbummelte und an Tanzpltzen und
Ausflugsorten seine junge Mannheit sehen lie.

Es kam da auch zu einem Wiedersehen mit jenem Huflein junger
Ladenschwengel, dessen Gste Emma und ihr Schatz damals gewesen waren.
Da mochten nun die Herren Lehrlinge noch so sehr die Nasen hochziehen
und fremd tun, Emil lachte sie geradezu an und hatte sein Mdchen so
frech und herausfordernd im Arme, und sie lachte auch so laut und hing
ihm so hingegeben an, da freilich die Handelsstndler an ihrem Glcke
nicht zweifeln konnten.

Genug Geld zu haben und ohne lstige Kontrolle nach seinem Belieben
ausgeben zu drfen, war fr Kolb ein lang ersehntes Vergngen, dessen
er jetzt schwelgerisch geno. Trotzdem aber und trotz seines blhenden
Liebesfrhlings war es dem Manne nicht vllig wohl. Was ihm fehlte,
war die Lust des unrechtmigen Besitzes und der Kitzel des schlechten
Gewissens. Zum Stehlen gab es in seinem jetzigen Leben kaum eine
Gelegenheit. Nichts ist dem Menschen schwerer zu entbehren als ein
Laster, und wenige Laster sind so zh wie das der Diebe. Auerdem hatte
der junge Mensch in seiner Verwahrlosung einen Ha gegen die Reichen
und Angesehenen in sich ausgebildet, aus deren Reihen er fr immer
ausgestoen war, und mit dem Hasse ein Verlangen, diese Leute nach
Mglichkeit zu berlisten und zu schdigen. Das Gefhl, am Samstag
Abend mit einigen wohlverdienten Talern im Beutel aus der Fabrik zu
gehen, war ganz angenehm. Aber jenes Gefhl, heimlich ber fremde
Gelder zu verfgen und einen dummen Kerl von Prinzipal beliebig prellen
zu knnen, war doch weit kstlicher gewesen.

Darum sann Emil Kolb mitten in seinem Glcke immer gieriger auf neue
Mglichkeiten zu unehrlichem Erwerb. Eine neue Leidenschaft, die
soeben Gewalt ber ihn zu ben anfing, tat diesen Plnen Vorschub.
Es kam neuerdings manchmal vor, da er ohne Geld war, obwohl er ber
seinen Bedarf verdiente. Er hatte nmlich, durch einen Zeitungsartikel
angeregt, sich in den Gedanken verliebt, einmal durch einen
Lotteriegewinn reich zu werden. Das war schon seinem Vater im Blut
gelegen, der in frheren Zeiten manchen Taler an Lose vergeudet, seit
langem aber das Geld dafr nimmer aufgebracht hatte. Emil kaufte sich
mehrere Lose, und da sie alle nicht gewannen, die Spannung aber im
Erwarten und Lesen der Ziehungslisten ihn immer heftiger kitzelte,
wurde es ihm zur Gewohnheit, immer wieder sein Geld an diese wilden
Hoffnungen zu wagen.

Die Energie eines planmigen Denkens, welche er im tglichen Leben und
zu redlichen Zwecken kaum aufbrachte, fand er in seinen Diebesplnen
wieder. Geduldig suchte er Gelegenheit und Ort eines greren
Unternehmens ausfindig zu machen, und da er durch die heimatlichen
Erfahrungen gewitzigt war, schien es ihm richtig, diesmal das eigene
Geschft zu schonen und etwas Entlegneres zu suchen. Da stach ihm
der Laden ins Auge, wo Franz Remppis als Lehrling diente, das grte
Geschft des Stdtchens.

Das Haus Johann Lhle in Lchstetten entsprach etwa dem der
Brder Drei in Gerbersau. Es fhrte auer Kolonialwaren und
landwirtschaftlichen Gerten alle Artikel des tglichen Gebrauches, vom
Briefpapier und Siegellack bis zu Kleiderstoffen und eisernen fen, und
hielt nebenher eine kleine Bank. Den Laden kannte Emil Kolb genau, er
war oft genug darin gewesen und ber die Standorte mancher Kiste und
Lade sowie ber Ort und Beschaffenheit der Kasse wohl unterrichtet.
ber die sonstigen Rume des Hauses wute er durch frhere Erzhlungen
seines Freundes einigermaen Bescheid, und was ihm zu wissen noch
unentbehrlich schien, erfragte er bei gelegentlichen Besuchen des
Ladens. Er sagte etwa, wenn er abends gegen sieben Uhr den Laden
betrat, zum Hausknecht oder jngsten Lehrling: Na, jetzt ist bald
Feierabend! Sagte der dann: Noch lange nicht, es kann halb neune
werden, so fragte Emil weiter: So so; aber dann kannst du wenigstens
gleich weglaufen, das Ladenschlieen wird nicht deine Sache sein. Und
dann erfuhr er, da der Prokurist Menzel oder zu andern Zeiten der Sohn
des Prinzipals immer als Letzter das Geschft verlasse, und richtete
nach alle dem seine Plne ein.

Darber verging die Zeit, und es war seit seinem Eintritt in die Fabrik
schon ein Jahr vergangen. Diese lange Zeit war auch an dem Frulein
Emma nicht spurlos vorbergegangen. Sie begann etwas gealtert und
unfrisch auszusehen; was aber ihren Liebhaber am meisten erschreckte,
war der nicht mehr zu verbergende Umstand, da sie ein Kind erwartete.
Das verdarb ihm die Lchstettener Luft, und je nher die gefrchtete
Niederkunft heranrckte, desto fester wurde in Kolb der Vorsatz, noch
vor diesem Ereignis den Ort zu verlassen. Er erkundigte sich daher
fleiig nach auswrtigen Arbeitsgelegenheiten und stellte fest, da er
nichts zu verlieren habe, wenn er sich der Schweiz zuwendete.

Auf den schnen Plan einer Erleichterung des Johann Lhleschen
Ladens jedoch dachte er deswegen nicht zu verzichten. Ja es schien
ihm sehr gut und schlau, seinen Abgang aus der Stadt mit der Tat zu
verbinden. Darum hielt er eine letzte bersicht ber alle seine Mittel
und Aussichten, schlo die Rechnung befriedigt ab und vermite zur
Ausfhrung seines Unternehmens nichts als ein wenig Mut. Der kam ihm
jedoch whrend einer sehr untrstlichen Unterredung mit der Emma, so
da er im rger der Stunde ungesumt den Weg des Schicksals betrat und
beim Aufseher fr die nchste Woche kndigte. Es wurde ihm ohne Erfolg
zum Dableiben geraten, und da er vom Wandern nicht abzubringen war,
versprach ihm der Aufseher ein gutes Zeugnis und eine Empfehlung an
mehrere Schweizer Fabriken mitzugeben.

So setzte er denn den Tag seiner Abreise fest, und am Abend zuvor
beschlo er den Handstreich bei Johann Lhle auszufhren. Er war auf
den Einfall gekommen, sich am Abend in das Haus einschlieen zu lassen.
So suchte er denn, vor dem Hause gegen den Abend hin lungernd, schon
mit seinem Zeugnis und Wanderpa in der Tasche, einen Eingang und fand
ihn in einem Augenblick, da niemand in der Nhe schien, durch das
groe, weit offen stehende Hoftor. Vom Hof schlich er sich still in das
Magazin hinber, das mit dem Laden in unmittelbarer Verbindung stand,
und blieb zwischen Fssern und hohen Kisten verborgen, bis es nachtete
und das Leben im Geschfte erlosch. Gegen acht Uhr war es in dem Raume
schon vllig dunkel, eine Stunde spter verlie der junge Herr Lhle
das Geschft, schlo hinter sich ab und verschwand nach dem oberen
Stockwerk, wo seine Wohnung lag.

Der im finstern Magazin versteckte Dieb wartete zwei ganze Stunden, ehe
er den Mut fand, einen Schritt zu tun. Dann wurde es ringsum stille,
auch von Strae und Marktplatz her war kaum ein Ton mehr zu hren,
und Emil trat vorsichtig im Finstern aus seinem Loche hervor. Die
Stille des groen, verdeten Raumes beengte ihm das Herz, und als er
an der Tre zum Laden hin den Riegel zurckschob, kam ihm pltzlich
zum Bewutsein, da Einbruch ein schweres Verbrechen sei und schwer
bestraft werde. Nun aber, im Laden drinnen, nahm die Flle der guten
und schnen Dinge seine Aufmerksamkeit ganz gefangen. Es wurde ihm
feierlich zumute, da er die Laden und Wandfcher voller Waren ansah.
Da lagen in einem Glaskasten, nach Sorten geordnet, Hunderte von
schnen Zigarren, und oben auf dem Wandgerste standen davon weitere
Kisten voll; Zuckerhte und Feigenkrnze, gerucherte lange Wrste und
Blechksten voll Zwieback schauten ihn heiter an, und er konnte nicht
widerstehen, frs erste wenigstens eine Handvoll feiner Zigarren in
seine Brusttasche zu stopfen.

Beim schwachen Schein seiner winzigen Laterne suchte er alsdann die
Kasse auf, eine einfache Holzschieblade im Ladentisch, die jedoch
verschlossen war. Aus Vorsicht, damit es ihn nicht verriete, hatte er
keinerlei Werkzeuge mitgebracht und suchte sich nun im Laden selbst
Stemmeisen, Zange und Schraubenzieher aus. Damit machte er sorgfltig
das Schlo der Lade los und hatte bald ohne Mhe die Kasse erffnet.
Mit Begier schaute er beim schwachen Lichte hinein und sah erregt in
kleinen Abteilungen geordnet die Mnzen liegen, leise glnzend, Zehner
bei Zehner und Pfennig bei Pfennig. Er begann das Ausrumen mit den
greren Mnzstcken, deren aber sehr wenige da waren, und hatte bald
zu seiner zornigen Enttuschung berrechnet, da der ganze Inhalt
der erbrochenen Kasse hchstens zwanzig Mark betrage. Mit so wenigem
hatte er nicht gerechnet und kam sich nun elend betrogen vor. Sein Zorn
war so gro, da er das Haus htte anznden mgen. Da war er nun, so
sorgfltig vorbereitet, zum erstenmal in seinem Leben eingebrochen,
hatte seine schne Freiheit riskiert und sich in schwere Gefahr
begeben, um die paar elenden Geldstckchen zu erbeuten! Den groen
Haufen Kupfergeld lie er verchtlich liegen, tat das andere in seinen
Geldbeutel und hielt nun Umschau, was etwa sonst noch des Mitnehmens
wert sein mchte. Da war nun genug des Begehrenswerten, aber lauter
groe und schwere Sachen, die ohne Hilfe nicht hinwegzubringen waren.
Wieder kam er sich betrogen vor und war vor Enttuschung und Krnkung
dem Weinen nahe, als er, ohne mehr etwas dabei zu denken, noch einige
Zigarren und von einem groen Vorrat, der auf dem Tische gestapelt
lag, eine kleine Handvoll Ansichtskarten zu sich steckte und den Laden
verlie. ngstlich suchte er, ohne Licht, den Weg durch das Magazin
in den Hof zurck und erschrak nicht wenig, als das schwere Hoftor
seinen Bemhungen nicht gleich nachgeben wollte. Verzweifelt arbeitete
er am groen Riegel, der in seiner Steinritze am Boden spannte, und
atmete tief auf, als er nachgab und das Tor langsam aufging. Er zog es
hinter sich notdrftig zu und schritt nun mit einem merkwrdig khlen
Gefhl von Ernchterung und Bangigkeit durch die toten nchtigen Gassen
zu seiner Schlafstelle. Hier lag er ohne Schlaf drei bange Stunden
wartend, bis der Morgen graute. Da sprang er auf, wusch sich die Augen
klar und trat mit dem alten kecken Gesicht bei den Hauswirten ein,
um Adieu zu sagen. Er bekam einen Kaffee eingeschenkt und viel gute
Reisewnsche, nahm sein Kfferlein am Stock ber die Schulter und ging
zum Bahnhof. Und als im Stdtchen der Tag erwachte und der Lhlesche
Hausknecht beim Ladenffnen die Kasse aufgebrochen fand, da fuhr Emil
Kolb schon ein paar Meilen weiter durch ein schnes Waldland, das er
vom Wagenfenster mit Neugierde betrachtete, denn es war die erste so
groe Reise seines Lebens.

Im Hause Johann Lhle erregte die Entdeckung des Verbrechens groen
Sturm, und auch nachdem der Schaden festgestellt und als recht
geringfgig erkannt war, summte die lsterne Aufregung weiter und
verbreitete sich durch die ganze Stadt. Polizei und Landjgerschaft
erschien, nahm die bliche Reihe von symbolischen Handlungen vor und
stie die vor dem berhmt gewordenen Hause sich drngende Menschenmenge
hin und wider.

Auch der Amtsrichter erschien selber und besah sich die schlimme
Sache, aber auch er konnte den Tter nicht finden noch ahnen. Es ward
der Hausknecht und der Packer und die ganze Reihe der erschrockenen
und dennoch ber das Unerhrte heimlich wild entzckten Lehrlinge ins
Verhr genommen, es wurde nach allen Kufern gefragt, die gestern den
Laden beehrt hatten, doch alles war vergebens. Alsdann setzte der
Amtsrichter einen Bericht ber das Schrecknis auf samt einem genauen
Verzeichnis der gestohlenen Sachen. An Emil Kolb dachte niemand.

Indessen dachte dieser selbst sehr hufig an Lchstetten und das Haus
Lhle zurck. Er las mit tiefem Bangen, hernach mit Genugtuung die
heimatlichen Zeitungen, deren mehrere sich mit dem Fall beschftigten,
und da er sah, da auf ihn gar kein Verdacht gefallen sei, freute er
sich geschmeichelt seiner Geriebenheit und war trotz der kleinen Beute
mit seinem ersten Einbruch ganz zufrieden.

Noch war er auf der Wanderschaft und hielt sich gerade in der Gegend
des Bodensees auf, denn er hatte wenig Eile und wollte unterwegs auch
etwas sehen. Seine erste Empfehlung lautete nach Winterthur, wo er erst
einzutreffen gedachte, wenn sein Geld knapp werden wrde.

Behaglich sa er in einem kleinen hbschen Wirtshause bei einer guten
Wurst, deren Scheiben er bedachtsam und reichlich mit Senf bestrich,
dessen Schrfe er sodann mit einem khlen guten Bier bekmpfte.
Darber ward ihm wohl und fast wehmtig vor Erinnerung und abgeklrter
Seelenruhe, so da er ohne Groll an seine Emma denken konnte. Es schien
ihm nun, sie habe es doch gut mit ihm gemeint, ja sie tat ihm leid und
er htte sie gerne ein wenig vershnt und getrstet. Je lnger er daran
kaute, desto mehr tat ihm das Mdel leid, und whrend er das dritte
oder vierte Glas von dem guten Bier bestellte und erwartete, kam er zu
dem Entschlusse, ihr einen Gru zu schreiben.

Vergngt griff er in die Tasche, wo noch ein kleiner Vorrat von den
Lhleschen Zigarren brig war, und zog das kleine steife Pcklein
heraus, worin die Lchstettener Ansichtspostkarten waren. Die Kellnerin
lieh ihm einen Bleistift, und whrend er ihn mit der Zungenspitze
befeuchtete, schaute er das Bildchen auf den Karten zum erstenmal
genauer an. Es stellte die untere Brcke in Lchstetten vor und war auf
eine ganz neue Manier mit glnzenden Farben gedruckt, wie sie die arme
Wirklichkeit nicht hat. Befriedigt betrachtete Kolb diese Beute, nahm
einen Schluck aus dem Bierglas, das die Kellnerin ihm eben gebracht
hatte, und fing zu schreiben an.

Mit Deutlichkeit malte er die Adresse, wobei ihm der Stift abbrach.
Doch lie er sich die Laune dadurch nicht verderben, schnitzte
den Stift in aller Ruhe wieder zurecht und schrieb dann unter das
schnfarbene Bild: Gedenke Deiner in der Fremde und bin mit vielen
Gren Dein getreuer E. K.

Diese zrtliche Karte bekam die betrbte Emma zwar zu Gesicht, jedoch
nicht ohne Verzgerung und nicht aus den Hnden des Briefboten, sondern
aus denen des Herrn Amtsrichters, der das Mdchen durch die pltzliche
Vorladung auf sein Amtszimmer nicht wenig erschreckt hatte.

Es waren nmlich jene Ansichtskarten erst vor ganz wenigen Tagen in den
Lhleschen Laden gekommen und von dem ganzen Vorrate waren erst drei
oder vier Stck verkauft worden, deren Kufer man hatte feststellen
knnen. Es war daher auf die vom Diebe mitgenommenen Karten die
Hoffnung seiner Entdeckung gesetzt worden und die davon unterrichteten
Postbeamten hatten die vom Bodensee her eintreffende Postkarte mit dem
Bild der unteren Brcke von Lchstetten sofort erkannt und angehalten.

Immerhin gelangte Emil Kolb noch bis Winterthur, so da seine
Gefangennehmung und berlieferung nicht so einfach und glanzlos
verlief, sondern mit den Stempeln und Uniformen zweier Lnder als
feierliche Auslieferung der Schweiz an das Deutsche Reich als
Staatsaktion verlief.

Damit ist die Geschichte Emil Kolbs zu Ende. Seine Einlieferung in
Lchstetten verlief wie ein groes Volksfest, wobei der Triumph der
Einwohnerschaft ber den gefesselt einhergefhrten achtzehnjhrigen
Dieb einer kleinen Ladenkasse alle jenen kleinen Zge zeigte, welche
dem Leser solcher Berichte den Verbrecher bemitleidenswert und die
Einwohnerschaft verchtlich machen. Sein Proze dauerte nicht lange.
Ob er nun aus dem Zuchthause, das ihn einstweilen aufgenommen hat,
zu lngerem Aufenthalt in unsere Welt zurckkehren oder -- wie ich
glaube -- den Rest seines Lebens mit kleinen Pausen vollends in solchen
Strafanstalten hinbringen wird, jedenfalls wird seine Geschichte uns
wenig mehr zu sagen und zu lehren haben. Denn Emil Kolb war kein
Charakter, auch nicht als Verbrecher, sondern war auch als Verbrecher
nur eben ein Dilettant, der denn auf unsere Achtung keinen Anspruch
hat, unser Mitleid aber eher verdient und braucht als mancher, dessen
Unglck weniger in seiner eigenen Seele begrndet scheint.




Pater Matthias


Erstes Kapitel

An der Biegung des grnen Flusses, ganz in der Mitte der hgeligen
alten Stadt, lag im Vormittagslicht eines sonnigen Sptsommertages
das stille Kloster. Von der Stadt durch den hoch ummauerten Garten,
vom ebenso groen und stillen Nonnenkloster durch den Flu getrennt,
ruhte der dunkle breite Bau in behaglicher Ehrwrdigkeit am gekrmmten
Ufer und schaute mit vielen blinden Fensterscheiben hochmtig in die
entartete Zeit. In seinem Rcken an der schattigen Hgelseite stieg
die fromme Stadt mit Kirchen, Kapellen, Kollegien und geistlichen
Herrenhusern bergan bis zum hohen Dom; gegenber aber jenseits des
Wassers und des einsam stehenden Schwesterklosters lag helle Sonne auf
der steilen Halde, deren lichte Matten und Obsthnge da und dort von
goldbraun schimmernden Gerllwllen und Lehmgruben unterbrochen wurden.

An einem offenen Fenster des zweiten Stockwerkes sa lesend der Pater
Matthias, ein blondbrtiger Mann im besten Alter, der im Kloster
und anderwrts den Ruf eines freundlichen, wohlwollenden und sehr
achtbaren Herrn geno. Es spielte jedoch unter der Oberflche seines
hbschen Gesichtes und ruhigen Blickes ein Schatten von verheimlichter
Dunkelheit und Unordnung, den die Brder, sofern sie ihn wahrnahmen,
als einen gelinden Nachklang der tiefen Jugendmelancholie betrachteten,
welche vor zwlf Jahren den Pater in dieses stille Kloster getrieben
hatte und seit geraumer Zeit immer mehr untergesunken und in
liebenswrdige Gemtsruhe verwandelt schien. Aber der Schein trgt, und
Pater Matthias selbst war der einzige, der um die verborgenen Ursachen
dieses Schattens wute.

Nach heftigen Strmen einer leidenschaftlichen Jugend hatte ein
Schiffbruch diesen einst glhenden Menschen in das Kloster gefhrt, wo
er Jahre in zerstrender Selbstverleugnung und Schwermut hinbrachte,
bis die geduldige Zeit und die ursprngliche krftige Gesundheit seiner
Natur ihm Vergessen und neuen Lebensmut brachte. Er war ein beliebter
Bruder geworden und stand im gesegneten Ruf, er habe eine besondere
Gabe, auf Missionsreisen und in frommen Husern lndlicher Gemeinden
die Herzen zu rhren und die Hnde zu ffnen, so da er von solchen
Zgen stets mit reichlichen Ertrgen an barem Gut und rechtskrftigen
Legaten in das beglckte Kloster heimkehrte.

Ohne Zweifel war dieser Ruf wohl erworben, sein Glanz jedoch und der
des klingenden Geldes hatte die Vter fr einige andere Zge im Bild
ihres lieben Bruders blind gemacht. Denn wohl hatte Pater Matthias
die Seelenstrme jener dunklen Jugendzeiten berwunden und machte
den Eindruck eines ruhig gewordenen, doch vorwiegend frohgesinnten
Mannes, dessen Wnsche und Gedanken im Frieden mit seinen Pflichten
beisammen wohnten; wirkliche Seelenkenner aber htten doch wohl sehen
mssen, da die angenehme Bonhommie des Paters nur einen Teil seines
inneren Zustandes wirklich ausdrckte, ber manchen verschwiegenen
Unebenheiten aber nur als eine hbsche Maske lag. Der Pater Matthias
war nicht ein Vollkommener, in dessen Brust alle Schlacken des ehemals
untergegangen waren; vielmehr hatte mit der Gesundung seiner Seele auch
der alte, eingeborne Kern dieses Menschen wieder eine Genesung begangen
und schaute, wenn auch aus vernderten und beherrschten Augen, lngst
wieder mit heller Begierde nach dem funkelnden Leben der Welt.

Um es ohne Umschweife zu sagen: Der Pater hatte schon mehrmals die
Klostergelbde gebrochen. Seiner reinlichen Natur widerstrebte es zwar,
unterm Mantel der Frmmigkeit Weltlust zu suchen, und er hatte seine
Kutte nie befleckt. Wohl aber hatte er sie, wovon kein Mensch etwas
wute, schon mehrmals beiseite getan, um sie suberlich zu erhalten und
nach einem Ausflug ins Weltliche wieder anzulegen.

Pater Matthias hatte ein gefhrliches Geheimnis. Er besa, an sicherem
Orte verborgen, eine angenehme, ja elegante Brgerkleidung samt
Wsche, Hut und Schmuck, und wenn er auch neunundneunzig von hunderten
seiner Tage durchaus ehrbar in Kutte und Pflichtbung hinbrachte,
so weilten seine heimlichen Gedanken doch allzu oft bei jenen
seltenen, geheimnisvollen Tagen, die er da und dort als Weltmann unter
Weltmenschen verlebt hatte.

Dieses Doppelleben, dessen Ironie auszukosten des Paters Gemt viel zu
redlich war, lastete als ungebeichtetes Verbrechen auf seiner Seele.
Wre er ein schlechter, uneifriger und unbeliebter Pater gewesen,
so htte er lngst den Mut gefunden, sich des Ordenskleides unwrdig
zu bekennen und eine ehrliche Freiheit zu gewinnen. So aber sah er
sich geachtet und geliebt und tat seinem Orden die trefflichsten
Dienste, neben welchen ihm sogar zuweilen seine Verfehlungen beinahe
verzeihlich erscheinen wollten. Ihm war wohl und frei ums Herz, wenn
er in ehrlicher Arbeit fr die Kirche und seinen Orden wirken konnte.
Wohl war ihm auch, wenn er auf verbotenen Wegen den Begierden seiner
Natur Genge tun und lang unterdrckte Wnsche ihres Stachels berauben
konnte. In allen migen Zwischenzeiten jedoch erschien in seinem guten
Blick der unliebliche Schatten, da schwankte seine nach Sicherheit
begehrende Seele zwischen Reue und Trotz, Mut und Angst hin und wider,
und bald beneidete er jeden Mitbruder um seine Unschuld, bald jeden
Stdter drauen um seine Freiheit.

So sa er auch jetzt, vom Lesen nicht erfllt, an seinem Fenster
und sah hufig vom Buche weg ins Freie hinaus. Indem er mit migem
Auge den lichten frohen Hgelhang gegenber betrachtete, sah er
einen merkwrdigen Menschenzug dort drben erscheinen, der von der
Hhenstrae her auf einem Fupfad nher kam.

Es waren vier Mnner, von denen der eine fast elegant, die anderen
schbig und kmmerlich gekleidet waren, ein Landjger in glitzernder
Uniform ging ihnen voraus und zwei andere Landjger folgten hinten
nach. Der neugierig zuschauende Pater erkannte bald, da es Verurteilte
waren, welche vom Bahnhofe her auf diesem nchsten Wege dem
Kreisgefngnis zugefhrt wurden, wie er es fter gesehen hatte.

Erfreut durch die Ablenkung, beschaute er sich die betrbte
Gruppe, jedoch nicht ohne in seinem heimlichen Mimut unzufriedene
Betrachtungen daran zu knpfen. Er empfand zwar wohl ein Mitleid mit
diesen armen Teufeln, von welchen namentlich einer den Kopf hngen
lie und jeden Schritt voll Widerstrebens tat; doch meinte er, es
ginge ihnen eigentlich nicht gar so bel wie ihre augenblickliche Lage
andeute.

Jeder von diesen Gefangenen, dachte er, hat als ersehntes Ziel den
Tag vor Augen, da er entlassen und wieder frei wird. Ich aber habe
keinen solchen Tag vor mir, nicht nah noch ferne, sondern eine endlose
bequeme Gefangenschaft, nur durch seltene gestohlene Stunden einer
eingebildeten Freiheit unterbrochen. Der eine oder andere von den armen
Kerlen da drben mag mich jetzt hier sitzen sehen und mich herzlich
beneiden. Sobald sie aber wieder frei sind und ins Leben zurckkehren,
hat der Neid ein Ende und sie halten mich lediglich fr einen armen
Tropf, der wohlgenhrt hinterm zierlichen Gitter sitzt.

Whrend er noch, in den Anblick der Dahingefhrten und Soldaten
verloren, solchen Gedanken nachhing, trat ein Bruder bei ihm ein
und meldete, er werde vom Guardian in dessen Amtszimmer erwartet.
Freundlich kam der gewohnte Gru und Dank von seinen Lippen, lchelnd
erhob er sich, tat das Buch an seinen Ort, wischte ber den braunen
rmel seiner Kutte, auf dem ein Lichtreflex vom Wasser herauf in
rostfarbenen Flecken tanzte, und ging sogleich mit seinem unfehlbar
anmutig-wrdigen Schritt ber die langen khlen Korridore zum Guardian
hinber.

Dieser empfing ihn mit gemessener Herzlichkeit, bot ihm einen Stuhl an
und begann ein Gesprch ber die schlimme Zeit, ber das scheinbare
Abnehmen des Gottesreiches auf Erden und die zunehmende Teuerung.
Pater Matthias, der dieses Gesprch seit langem kannte, gab ernsthaft
die erwarteten Antworten und Einwrfe von sich und sah mit froher
Erregung dem Endziel entgegen, welchem sich denn auch der wrdige Herr
ohne Eile nherte. Es sei, so schlo er seufzend, eine Ausfahrt ins
Land sehr notwendig, auf welcher Matthias den Glauben treuer Seelen
ermuntern, den Wankelmut ungetreuer vermahnen solle und von welcher
er, wie man hoffe, eine erfreuliche Beute von Liebesgaben heimbringen
werde. Der Zeitpunkt sei nmlich ungewhnlich gnstig, da ja soeben in
einem fernen sdlichen Lande bei Anla einer politischen Revolution
Kirchen und Klster mrderlich heimgesucht worden, wovon alle Zeitungen
meldeten. Und er gab dem Pater eine sorgfltige Auswahl von teils
schrecklichen, teils rhrenden Einzelheiten aus diesen neuesten
Martyrien der kmpfenden Kirche.

Dankend zog sich der erfreute Pater zurck, schrieb Notizen in sein
kleines Taschenbchlein, berdachte mit geschlossenen Augen seine
Aufgabe und fand eine glckliche Wendung und Lsung um die andere,
ging zur gewohnten Stunde munter zu Tische und brachte alsdann den
Nachmittag mit den vielen kleinen Vorbereitungen zur Reise hin.
Sein unscheinbares Bndel war bald beisammen; weit mehr Zeit und
Sorgfalt erforderten die Anmeldungen in Pfarrhusern und bei treuen
gastfreien Anhngern, deren er manche wute. Gegen Abend trug er eine
Handvoll Briefe zur Post und hatte dann noch eine ganze Weile auf
dem Telegraphenamt zu tun. Schlielich legte er noch einen tchtigen
Taschenvorrat von kleinen Traktaten, Flugblttern und frommen Bildchen
bereit und schlief danach fest und friedevoll als ein Mann, der
wohlgerstet einer ehrenvollen Arbeit entgegengeht.


Zweites Kapitel

Am Morgen gab es, gerade vor seiner Abreise, noch eine kleine
unerfreuliche Szene. Es lebte im Kloster ein junger Laienbruder von
geringem Verstand, der frher an Epilepsie gelitten hatte, aber seiner
zutraulichen Unschuld und rhrenden Dienstwilligkeit wegen von allen
im Hause geliebt wurde. Dieser einfltige Bursche begleitete den
Pater Matthias zur Eisenbahn, seine kleine Reisetasche tragend. Schon
unterwegs zeigte er ein etwas erregtes und gestrtes Wesen, auf dem
Bahnhofe aber zog er pltzlich mit flehenden Mienen den reisefertigen
Pater in eine menschenleere Ecke und bat ihn mit Trnen in den Augen,
er mge doch um Gotteswillen von dieser Reise abstehen, deren
unheilvollen Ausgang ihm eine sichere Ahnung vorausverknde.

Ich wei, Ihr kommet nicht wieder! rief er weinend mit verzerrtem
Gesicht. Ach ich wei gewi, Ihr werdet nimmer wiederkommen!

Der gute Matthias hatte alle Mhe, dem Trostlosen, dessen Zuneigung er
kannte, zuzureden; er mute sich am Ende beinahe mit Gewalt losreien
und sprang in den Wagen, als der Zug schon die Rder zu drehen begann.
Und im Wegfahren sah er von drauen das angstvolle Gesicht des
Halbklugen mit Wehmut und Sorge auf sich gerichtet. Der unscheinbare
Mensch in seiner schbigen und verflickten Kutte winkte ihm noch lange
nach, Abschied nehmend und beschwrend, und es ging dem Abreisenden
noch eine Weile ein leiser khler Schauder nach.

Bald indessen berkam ihn die hintangehaltene Freude am Reisen, das
er ber alles liebte, so da er die peinliche Szene rasch verga und
mit zufriedenem Blick und gespannten Seelenkrften den Abenteuern und
Siegen seines Beutezuges entgegenfuhr. Die hgelige und waldreiche
Landschaft leuchtete ahnungsvoll einem glnzenden Tag entgegen,
schon von ersten herbstlichen Feuern berflogen, und der reisende
Pater lie bald das Brevier wie das kleine wohlgerstete Notizbuch
ruhen und schaute in wohliger Erwartung durchs offne Wagenfenster
in den siegreichen Tag, der ber Wlder hinweg und aus noch
nebelverschleierten Tlern emporwuchs und Kraft gewann, um bald in Blau
und Goldglanz makellos zu erstehen. Seine Gedanken gingen elastisch
zwischen diesem Reisevergngen und den ihm bevorstehenden Aufgaben hin
und wider. Wie wollte er die fruchtbringende Schnheit dieser Erntetage
hinmalen, und den nahen sicheren Ertrag an Obst und Wein, und wie wrde
sich von diesem paradiesischen Grunde das Entsetzliche abheben, das
er von den heimgesuchten Glubigen in dem fernen gottlosen Lande zu
berichten hatte!

Die zwei oder drei Stunden der Eisenbahnfahrt vergingen schnell. An dem
bescheidenen Bahnhofe, an welchem Pater Matthias ausstieg und welcher
einsam neben einem kleinen Gehlz im freien Felde lag, erwartete ihn
ein hbscher Einspnner, dessen Besitzer den geistlichen Gast mit
Ehrerbietung begrte. Dieser gab leutselig Antwort, stieg vergngt
in das bequeme Gefhrt und fuhr sogleich an Ackerland und schner
Weide vorbei dem stattlichen Dorfe entgegen, wo seine Ttigkeit
beginnen sollte und das ihn bald einladend und festlich anlachte,
zwischen Weinbergen und Grten gelegen. Der frhliche Ankommende
betrachtete das hbsche gastliche Dorf mit Wohlwollen. Da wuchs Korn
und Rbe, gedieh Wein und Obst, stand Kartoffel und Kohl in Flle, da
war berall Wohlsein und feiste Gedeihlichkeit zu spren; wie sollte
nicht von diesem Born des berflusses ein voller Opferbecher auch dem
anklopfenden Gaste zugut kommen?

Der Pfarrherr empfing ihn und bot ihm Quartier im Pfarrhause an,
teilte ihm auch mit, da er schon auf den heutigen Abend des Paters
Gastpredigt in der Dorfkirche angekndigt habe und da, bei dem Ruf
des Herrn Paters, ein bedeutender Zulauf auch aus dem Filialdorfe zu
erwarten sei. Der Gast nahm die Schmeichelei mit Liebenswrdigkeit
auf und gab sich Mhe, den Kollegen mit Hflichkeit einzuspinnen, da
er die Neigung kleiner Landpfarrer wohl kannte, auf wortgewandte und
erfolgreiche Gastspieler ihrer Kanzeln eiferschtig zu werden.

Hinwieder hielt der Geistliche mit einem recht ppigen Mittagessen im
Hinterhalt, das alsbald nach der Ankunft im Pfarrhause aufgetragen
wurde. Und auch hier wute Matthias die Mittelstrae zwischen Pflicht
und Neigung zu finden, indem er unter schmeichelnder Anerkennung
hiesiger Kchenknste dem Dargebotenen mit gesunder Begierde
zusprach, ohne doch -- zumal beim Weine -- ein ihm bekmmliches
Ma zu berschreiten und seiner Aufgabe zu vergessen. Gestrkt und
frhlich konnte er schon nach einer ganz kurzen Ruhepause dem Gastgeber
mitteilen, er fhle sich nun ganz in der Stimmung, seine Arbeit im
Weinberge des Herrn zu beginnen. Hatte also der Wirt etwa den schlimmen
Plan gehabt, unseren Pater durch die so reichliche Bewirtung lahm zu
legen, so war er ihm vllig milungen.

Dafr hatte nun allerdings der Pfarrer dem Gast eine Arbeit
eingefdelt, welche an Schwierigkeit und Delikatesse nichts zu wnschen
lie. Seit kurzem lebte im Dorf, als am Heimatorte ihres Mannes, in
einem neu erbauten Landhause die Witwe eines reichen Bierbrauers, die
wegen ihres skeptischen Verstandes und ihrer anmutig gewandten Zunge
nicht minder bekannt und mit Scheu geachtet war als wegen ihres Geldes.
Diese Frau Franziska Tanner stand zuoberst auf der Liste derer, deren
spezielle Heimsuchung der Pfarrer dem Pater Matthias ans Herz legte.

So erschien, auf das zu Gewrtigende vom geistlichen Kollegen wenig
vorbereitet, der satte Pater zu guter Nachmittagsstunde im Landhause
und begehrte mit der Frau Tanner zu sprechen. Eine nette Magd
fhrte ihn in das Besuchszimmer, wo er eine lngere Weile warten
mute, was ihn als eine ungewohnte Respektlosigkeit verwirrte und
warnte. Alsdann trat zu seinem Erstaunen nicht eine lndliche Person
und schwarzgekleidete Witwe, sondern eine grauseidene damenhafte
Erscheinung in das Zimmer, die ihn gelassen willkommen hie und nach
seinem Begehren fragte.

Und nun versuchte er der Reihe nach alle Register, und jedes versagte,
und Schlag um Schlag ging ins Leere, whrend die geschickte Frau
lchelnd entglitt und von Satz zu Satz neue Angeln auslegte. War
er weihevoll, so begann sie zu scherzen; neigte er zu geistlichen
Bedrohungen, so lie sie harmlos ihren Reichtum und ihre Lust zu
mildttigen Werken glnzen, so da er aufs neue Feuer fing und ins
Disputieren kam, denn sie lie ihn deutlich merken, sie kenne seine
Endabsicht genau und sei auch bereit, Geld zu geben, wenn es ihm nur
gelnge, ihr die tatschliche Ntzlichkeit einer solchen Gabe zu
beweisen. War es ihr kaum gelungen, den gar nicht ungeschickten Herrn
in einen leichten geselligen Weltton zu verstricken, so redete sie ihn
pltzlich wieder devot mit Hochwrden an, und begann er sie wieder
geistlicherweise als Tochter zu ermahnen, so war sie unversehens eine
khle Dame.

Trotz dieser Maskenspiele und Redekmpfe hatten die beiden ein
Gefallen aneinander. Sie schtzte an dem hbschen Pater die mnnliche
Aufmerksamkeit, mit der er ihrem Spiel zu folgen und sie im Besiegen
zu schonen suchte, und er hatte mitten im Schwei der Bedrngnis eine
heimliche natrliche Freude an dem Schauspiel weiblich beweglicher
Koketterie, so da es trotz schwieriger Augenblicke zu einer ganz guten
Unterhaltung kam und der lange Besuch in gutem Frieden verlief, wobei
unausgesprochenerweise freilich der moralische Sieg auf der Seite der
Dame blieb. Sie bergab zwar dem Pater am Ende eine Banknote und sprach
ihm und seinem Orden ihre Anerkennung aus, doch geschah es in ganz
gesellschaftlichen Formen und beinahe mit einem Hauch von Ironie, und
auch sein Dank und Abschied fiel so diskret und weltmnnisch aus, da
er sogar den blichen feierlichen Segensspruch verga.

Die weiteren Besuche im Dorf wurden etwas abgekrzt und verliefen nach
der Regel. Pater Matthias zog sich noch eine halbe Stunde in seine
Stube zurck, aus welcher er wohlbereitet und frisch zur Abendpredigt
wieder hervorging.

Diese Predigt gelang vortrefflich. Zwischen den im entlegenen Sden
geplnderten Altren und Klstern und dem Bedrfnis des eigenen
Klosters nach einigen Geldern entstand ganz zauberhaft ein inniger
Zusammenhang, der weniger auf khlen logischen Folgerungen als auf
einer mit Kunst erzeugten und gesteigerten Stimmung des Mitleids und
unbestimmter frommer Erregung beruhte. Die Frauen weinten und die
Opferbchsen klangen, und der Pfarrer sah mit Erstaunen die Frau Tanner
unter den Andchtigen sitzen und dem Vortrage zwar ohne Aufregung, doch
mit freundlichster Aufmerksamkeit lauschen.

Damit hatte der feierliche Beutezug des beliebten Paters seinen
glnzenden Anfang genommen. Auf seinem Angesicht glnzte Pflichteifer
und herzliche Befriedigung, in seiner verborgenen Brusttasche ruhte und
wuchs der kleine Schatz, in einige gefllige Banknoten und Goldstcke
umgewechselt. Da inzwischen die greren Zeitungen drauen in der Welt
berichteten, es stehe um die bei jener Revolution geschdigten Klster
bei weitem nicht so bel, als es im ersten Wirrwarr geschienen habe,
das wute der Pater nicht und htte sich dadurch wohl auch wenig stren
lassen.

Sechs, sieben Gemeinden hatten die Freude, ihn bei sich zu sehen, und
die ganze Reise verlief aufs erfreulichste. Nun, indem er sich schon
gegen die protestantische Nachbargegend hin dem letzten kleinen Weiler
nherte, den zu besuchen ihm noch oblag, nun dachte er mit Stolz und
Wehmut an den Glanz dieser Triumphtage und daran, da nun fr eine
ungewisse Weile Klosterstille und mimutige Langeweile den genureichen
Erregungen seiner Fahrt nachfolgen wrden.

Diese Zeiten waren dem Pater stets verhat und gefhrlich gewesen,
da das Gerusch und die Leidenschaft einer frohen auerordentlichen
Ttigkeit sich legte und hinter den prchtigen Kulissen der klanglose
Alltag hervorschaute. Die Schlacht war geschlagen, der Lohn im Beutel,
nun blieb nichts Lockendes mehr als die kurze Freude der Ablieferung
und Anerkennung daheim, und diese Freude war auch schon keine richtige
mehr.

Hingegen war von hier der Ort nicht weit entfernt, wo er sein
merkwrdiges Geheimnis verwahrte, und je mehr die Feststimmung in ihm
verglhte und je nher die Heimkehr bevorstand, desto heftiger ward
seine Begierde, die Gelegenheit zu ntzen und einen wilden frohen Tag
ohne Kutte zu genieen. Noch gestern htte er davon nichts wissen
mgen, allein so ging es jedesmal und er war es schon mde, dagegen
anzukmpfen: am Schlu einer solchen Reise stand immer der Versucher
pltzlich da, und fast immer war er ihm unterlegen.

So ging es auch dieses Mal. Der kleine Weiler wurde noch besucht und
gewissenhaft erledigt, dann wanderte Pater Matthias zu Fue nach dem
nchsten Bahnhof, lie den nach seiner Heimat fhrenden Zug trotzig
davonfahren und kaufte sich ein Billett nach der nchsten greren
Stadt, welche in protestantischem Lande lag und fr ihn sicher war. In
der Hand aber trug er einen kleinen hbschen Reisekoffer, den gestern
noch niemand bei ihm gesehen hatte.


Drittes Kapitel

Am Bahnhof eines lebhaften Vorortes, wo bestndig viele Zge aus-
und einliefen, stieg Pater Matthias aus, den Koffer in der Hand, und
bewegte sich ruhig, von niemandem beachtet, einem kleinen hlzernen
Gebude zu, auf dessen weiem Schilde die Inschrift Fr Mnner stand.
An diesem Ort verhielt er sich wohl eine Stunde, bis gerade wieder
mehrere ankommende Zge ein Gewhl von Menschen ergossen, und da er
in diesem Augenblicke wieder hervortrat, trug er wohl noch denselben
Koffer bei sich, war aber nicht der Pater Matthias mehr, sondern ein
angenehmer, blhender Herr in guter, wennschon nicht ganz modischer
Kleidung, der sein Gepck am Schalter in Verwahrung gab und alsdann
ruhig der Stadt entgegenschlenderte, wo er bald auf der Plattform eines
Trambahnwagens, bald vor einem Schaufenster zu sehen war und endlich im
Straengetse sich verlor.

Mit diesem vielfach zusammengesetzten, ohne Pause schwingenden Getne,
mit dem Glanz der Geschfte, dem durchsonnten Staub der Straen atmete
Herr Matthias die berauschende Vielfltigkeit und liebe Farbigkeit der
trichten Welt, fr welche seine wenig verdorbenen Sinne empfnglich
waren, und gab sich jedem frohen Eindruck willig hin. Es schien ihm
herrlich, die eleganten Damen in Federhten spazieren oder in feinen
Equipagen fahren zu sehen, und kstlich, als Frhstck in einem
schnen Laden von marmornem Tische eine Tasse Schokolade und einen
zarten, sen franzsischen Likr zu nehmen. Und daraufhin, innerlich
erwrmt und erheitert, hin und wider zu gehen, sich an Plakatsulen
ber die fr den Abend versprochenen Unterhaltungen zu unterrichten
und darber nachzudenken, wo es nachher sich am besten zu Mittag werde
speisen lassen; das tat ihm in allen Fasern wohl. Allen diesen greren
und kleineren Genssen ging er ohne Eile in dankbarer Kindlichkeit
nach, und wer ihn dabei beobachtet htte, wre niemals auf den Gedanken
gekommen, dieser schlichte, sympathische Herr knnte verbotene Wege
gehen.

Ein treffliches Mittagessen zog Matthias beim schwarzen Kaffee und
einer Zigarre weit in den Nachmittag hinein. Er sa nahe an einer der
gewaltigen bis zum Fuboden reichenden Fensterscheiben des Restaurants
und sah durch den duftenden Rauch seiner Zigarre mit Behagen auf die
belebte Strae hinaus. Vom Essen und Sitzen war er ein wenig schwer
geworden und schaute gleichmtig auf den Strom der Vorbergehenden.
Nur einmal reckte er sich pltzlich auf, leicht errtend, und blickte
aufmerksam einer schlanken Frauengestalt nach, in welcher er einen
Augenblick lang die Frau Tanner zu erkennen glaubte. Er sah jedoch, da
er sich getuscht habe, fhlte eine leise Ernchterung und erhob sich,
um weiter zu gehen.

Unschlssig stand er eine Stunde spter vor den Reklametafeln eines
kinematographischen Theaters und las die grogedruckten Titel der
versprochenen Darbietungen. Dabei hielt er eine brennende Zigarre
in der Hand und wurde pltzlich im Lesen durch einen jungen Mann
unterbrochen, der ihn mit Hflichkeit um Feuer fr seine Zigarette bat.

Bereitwillig erfllte er die kleine Bitte, sah dabei den Fremden an und
sagte: Mir scheint, ich habe Sie schon gesehen. Waren Sie nicht heute
frh im Caf Royal?

Der Fremde bejahte, dankte freundlich, griff an den Hut und wollte
weiter gehen, besann sich aber pltzlich anders und sagte lchelnd:
Ich glaube, wir sind beide fremd hier. Ich bin auf der Reise und suche
hier nichts als ein paar Stunden gute Unterhaltung und vielleicht ein
bichen holde Weiblichkeit fr den Abend. Wenn es Ihnen nicht zuwider
ist, knnten wir ja zusammen bleiben.

Das gefiel Herrn Matthias durchaus, und die beiden Miggnger
flanierten nun nebeneinander weiter, wobei der Fremde sich dem lteren
stets hflich zur Linken hielt. Er fragte ohne Zudringlichkeit
ein wenig nach Herkunft und Absichten des neuen Bekannten, und da
er merkte, da Matthias hierber nur undeutlich und beinahe etwas
befangen sich uerte, lie er die Frage lssig fallen und begann ein
munteres Geplauder, das Herrn Matthias sehr wohl gefiel. Der junge Herr
Breitinger schien viel gereist zu sein und die Kunst wohl zu verstehen,
wie man in fremden Stdten sich einen vergngten Tag macht. Auch am
hiesigen Ort war er schon je und je gewesen und erinnerte sich einiger
Vergngungslokale, wo er damals recht nette Gesellschaft gefunden und
kstliche Stunden verlebt habe. So ergab es sich bald von selbst, da
er mit des Herrn Matthias dankbarer Einwilligung die Fhrung bernahm.
Nur einen heiklen Punkt erlaubte sich Herr Breitinger im voraus zu
berhren. Er bat, es ihm nicht zu verbeln, wenn er darauf bestehe,
da jeder von ihnen beiden berall seine Zeche sofort aus dem eigenen
Beutel bezahle. Denn, so fgte er entschuldigend bei, er sei zwar kein
Rechner und Knicker, habe jedoch in Geldsachen gern reinliche Ordnung
und sei zudem nicht gesonnen, seinem heutigen Vergngen mehr als ein
paar Goldfchse zu opfern, und wenn etwa sein Begleiter groartigere
Gewohnheiten habe, so wrde es besser sein, sich in Frieden zu trennen,
statt etwaige Enttuschungen und rgerlichkeiten zu wagen.

Auch dieser Freimut war ganz nach Matthias' Geschmack. Er erklrte, auf
einen goldenen Zwanziger hin oder her komme es ihm allerdings nicht an,
doch sei er gerne einverstanden und im voraus berzeugt, da sie beide
aufs beste miteinander auskommen wrden.

Darber hatte Breitinger, wie er sagte, einen kleinen Durst bekommen,
und ohnehin war es jetzt nach seiner Meinung Zeit, die angenehme
Bekanntschaft durch Anstoen mit einem Glase Wein zu feiern. Er
fhrte den Freund durch unbekannte Gassen nach einer kleinen, abseits
gelegenen Gastwirtschaft, wo man sicher sein drfe, einen raren Tropfen
zu bekommen, und sie traten durch eine klirrende Glastre in die
enge niedere Stube, in der sie die einzigen Gste waren. Ein etwas
unfreundlicher Wirt brachte auf Breitingers Verlangen eine Flasche
herbei, die er ffnete, und woraus er den Gsten einen hellgelben
khlen, leicht prickelnden Wein einschenkte, mit welchem sie denn
anstieen. Darauf zog sich der Wirt zurck, und bald erschien statt
seiner ein groes hbsches Mdchen, das die Herren lchelnd begrte
und, da eben das erste Glas geleert war, das Einschenken bernahm.

Prosit! sagte Breitinger zu Matthias, und indem er sich zu dem
Mdchen wandte: Prosit, schnes Frulein!

Sie lachte und hielt scherzweise dem Herrn ein Salzfa zum Anstoen hin.

Ach, Sie haben ja nichts zum Anstoen, rief Breitinger und holte
selbst von der Kredenz ein Glas fr sie. Kommen Sie, Frulein, und
leisten Sie uns ein bichen Gesellschaft!

Damit schenkte er ihr Glas voll und hie sie, die sich nicht strubte,
zwischen ihm und seinem Bekannten sitzen. Diese zwanglose Leichtigkeit
der Anknpfung machte Herrn Matthias Eindruck. Er stie nun auch
seinerseits mit dem Mdchen an und rckte seinen Stuhl dem ihren nahe.
Es war indessen in dem unfrohen Raume schon dunkel geworden, die
Kellnerin zndete ein paar Gasflammen an und bemerkte nun, da kein
Wein mehr in der Flasche sei.

Die zweite Bouteille geht auf meine Kosten! rief Herr Breitinger.
Aber der andere wollte das nicht dulden, und es gab einen kleinen
Wortkrieg, bis er sich unter der Bedingung fgte, da nachher auf seine
Rechnung noch eine Flasche Champagner getrunken werde. Frulein Meta
hatte inzwischen die neue Flasche herbeigebracht und ihren Platz wieder
eingenommen, und whrend der Jngere mit dem Korkziehen beschftigt
war, streichelte sie unterm Tische leise die Hand des Herrn Matthias,
der alsbald mit Feuer auf diese Eroberung einging und sie weiter
verfolgte, indem er seinen Fu auf ihren setzte. Nun zog sie den Fu
zwar zurck, liebkoste dafr aber wieder seine Hand, und so blieben sie
in stillem Einverstndnis triumphierend beieinander sitzen. Matthias
ward jetzt gesprchig, er redete vom Wein und erzhlte von Zechgelagen,
die er frher mitgemacht habe, stie immer wieder mit den beiden an,
und der erhitzende falsche Wein machte seine Augen glnzen.

Als eine Weile spter Frulein Meta meinte, sie habe in der
Nachbarschaft eine sehr nette und lustige Freundin, da hatte keiner
von den Kavalieren etwas dagegen, da sie diese einlade, den Abend
mitzufeiern. Eine alte Frau, die inzwischen den Wirt abgelst hatte,
wurde mit dem Auftrag weggeschickt. Als nun Herr Breitinger sich fr
Minuten zurckzog, nahm Matthias die hbsche Meta an sich und kte sie
heftig auf den Mund. Sie lie es still und lchelnd geschehen, da er
aber strmisch ward und mehr begehrte, leuchtete sie ihn aus feurigen
Augen an und wehrte: Spter, du, spter!

Die klappernde Glastre mehr als ihre beschwichtigende Gebrde hielt
ihn zurck, und es kam mit der Alten nicht nur die erwartete Freundin
herein, sondern auch noch eine zweite mit ihrem Brutigam, einem
halbeleganten Jngling mit steifem Htchen und glatt in der Mitte
gescheiteltem schwarzem Haar, dessen Mund unter einem gezwickelten
Schnauzbrtchen hervor hochmtig und gewaltttig ausschaute. Zugleich
trat auch Breitinger wieder ein, es entstand eine Begrung und man
rckte zwei Tische aneinander, um gemeinsam zu Abend zu essen. Matthias
sollte bestellen und war fr einen Fisch mit nachfolgendem Rindsbraten,
dazu kam auf Metas Vorschlag noch eine Platte mit Kaviar, Lachs und
Sardinen, sowie auf den Wunsch ihrer Freundin eine Punschtorte. Der
Brutigam aber erklrte mit merkwrdig gereizter Verchtlichkeit, ohne
Geflgel tauge ein Abendessen nichts, und wenn auf das Rindfleisch
nicht ein Fasanenbraten folge, so esse er schon lieber gar nicht mit.
Meta wollte ihm zureden, aber Herr Matthias, der inzwischen zu einem
Burgunderwein bergegangen war, rief munter dazwischen: Ach was, man
soll doch den Fasan bestellen! Die Herrschaften sind doch hoffentlich
alle meine Gste?

Das wurde angenommen, die Alte verschwand mit dem Speisezettel, der
Wirt tauchte auch wieder auf. Meta hatte sich nun ganz an Matthias
angeschlossen, ihre Freundin sa gegenber neben Herrn Breitinger. Das
Essen, das nicht im Hause gekocht, sondern ber die Strae herbeigeholt
schien, wurde rasch aufgetragen und war gut. Beim Nachtisch machte
Frulein Meta ihren Verehrer mit einem neuen Genusse bekannt: er bekam
in einem groen fulosen Glase ein delikates Getrnk dargereicht,
das sie ihm eigens zubereitet hatte und das, wie sie erzhlte, aus
Champagner, Sherry und Kognak gemischt war. Es schmeckte gut, nur
etwas schwer und s, und sie nippte jedesmal selber am Glase, wenn
sie ihn zum Trinken einlud. Matthias wollte nun auch Herrn Breitinger
ein solches Glas anbieten. Der lehnte jedoch ab, da er das Se nicht
liebe, auch habe dies Getrnk den leidigen Nachteil, da man darauf hin
nur noch Champagner genieen knne.

Hoho, das ist doch kein Nachteil! rief Matthias berlaut. Ihr Leute,
Champagner her!

Er brach in ein heftiges Gelchter aus, wobei ihm die Augen voll Wasser
liefen, und war von diesem Augenblicke an ein hoffnungslos betrunkener
Mann, der bestndig ohne Ursache lachte, Wein ber den Tisch vergo
und rechenschaftslos auf einem breiten Strome von Rausch und Wohlleben
dahintrieb. Nur zuweilen besann er sich fr eine Minute, blickte
verwundert in die Lustbarkeit und griff nach Metas Hand, die er kte
und streichelte, um sie bald wieder loszulassen und zu vergessen.
Einmal erhob er sich, um einen Trinkspruch auszubringen, doch fiel ihm
das schwankende Glas aus der Hand und zersprang auf dem berschwemmten
Tische, worber er wieder ein herzliches, doch schon ermdetes
Gelchter begann. Meta zog ihn in seinen Stuhl zurck, und Breitinger
bot ihm mit ernsthafter Zurede ein Glas Kirschwasser an, das er leerte
und dessen scharfer brennender Geschmack das Letzte war, was ihm von
diesem Abend dunkel im Gedchtnis blieb.


Viertes Kapitel

Nach einem todschweren Schlaf erwachte Herr Matthias blinzelnd zu einem
schauderhaften Gefhl von Leere, Zerschlagenheit, Schmerz und Ekel.
Kopfweh und Schwindel hielten ihn nieder, die Augen brannten trocken
und entzndet, an der Hand schmerzte ihn ein breiter verkrusteter Ri,
an dessen Herkunft er keine Erinnerung hatte. Nur langsam erholte sich
sein Bewutsein, da richtete er sich pltzlich auf, sah an sich nieder
und suchte Sttzen fr sein Gedchtnis zu gewinnen. Er lag, nur halb
entkleidet, in einem fremden Zimmer und Bett, und da er erschreckend
aufsprang und zum Fenster trat, blickte er in eine morgendliche
unbekannte Strae hinab. Sthnend go er ein Waschbecken voll und
badete das entstellte heie Gesicht, und whrend er mit dem Handtuch
darber fuhr, schlug ihm pltzlich ein bser Argwohn wie ein Blitz
ins Gehirn. Hastig strzte er sich auf seinen Rock, der am Boden lag,
ri ihn an sich, betastete und wendete ihn, griff in alle Taschen und
lie ihn erstarrt aus zitternden Hnden sinken. Er war beraubt. Die
schwarzlederne Brustmappe war fort.

Er besann sich, er wute alles pltzlich wieder. Es waren ber tausend
Kronen in Papier und Gold gewesen.

Still legte er sich wieder auf das Bett und blieb wohl eine halbe
Stunde wie ein Erschlagener liegen. Weindunst und Schlaftrunkenheit
waren vllig verflogen, auch die Schmerzen sprte er nicht mehr, nur
eine groe Mdigkeit und Trauer. Langsam erhob er sich wieder, wusch
sich mit Sorgfalt, klopfte und schabte seine beschmutzten Kleider nach
Mglichkeit zurecht, zog sich an und schaute in den Spiegel, wo ein
gedunsenes trauriges Gesicht ihm fremd entgegensah. Dann fate er alle
Kraft mit einem heftigen Entschlu zusammen und berdachte seine Lage.
Und dann tat er ruhig und bitter das Wenige, was ihm zu tun brigblieb.

Vor allem durchsuchte er seine ganze Kleidung, auch Bett und
Fuboden genau. Der Rock war leer, im Beinkleid jedoch fand sich ein
zerknitterter Schein von fnfzig Kronen und zehn Kronen in Gold. Sonst
war kein Geld mehr da.

Nun zog er die Glocke und fragte den erscheinenden Kellner, um welche
Zeit er heute Nacht angekommen sei. Der junge Mensch sah ihm lchelnd
ins Gesicht und meinte, wenn der Herr selber sich nimmer erinnern
knne, so werde einzig der Portier Bescheid wissen.

Und er lie den Portier kommen, gab ihm das Goldstck und fragte ihn
aus. Wann er ins Haus gebracht worden sei? -- Gegen zwlf Uhr. -- Ob
er bewutlos gewesen? -- Nein, nur anscheinend bezecht. -- Wer ihn
hergebracht habe? -- Zwei junge Mnner. Sie htten erzhlt, der Herr
habe sich bei einem Gastmahl bernommen und begehre hier zu schlafen.
Er habe ihn zuerst nicht aufnehmen wollen, sei jedoch durch ein schnes
Trinkgeld doch dazu bestimmt worden. -- Ob der Portier die beiden
Mnner wieder erkennen wrde? -- Ja, das heit wohl nur den einen, den
mit dem steifen Hut.

Matthias entlie den Mann und bestellte seine Rechnung samt einer Tasse
Kaffee. Den trank er hei hinunter, bezahlte und ging weg.

Er kannte den Teil der Stadt, in dem sein Gasthaus lag, nicht, und ob
er wohl nach lngerem Gehen bekannte und halbbekannte Straen traf, so
gelang es ihm doch in mehreren Stunden angestrengter Wanderung nicht,
jenes kleine Wirtshaus wieder zu finden, wo das Gestrige passiert war.

Doch hatte er sich ohnehin kaum Hoffnung gemacht, etwas von dem
Verlorenen wieder zu gewinnen. Von dem Augenblick an, da er
in pltzlich aufzuckendem Verdacht seinen Rock untersucht und
die Brusttasche leer gefunden hatte, war er von der Erkenntnis
durchdrungen, es sei nicht das Kleinste mehr zu retten. Dieses Gefhl
hatte durchaus mit der Empfindung eines rgerlichen Zufalls oder
Unglcks nichts zu tun, sondern war frei von jeder Auflehnung und
glich mehr einer zwar bitteren, doch entschiedenen Zustimmung zu dem
Geschehenen. Dies Gefhl vom Einklang des Geschehens mit dem eigenen
Gemt, der ueren und inneren Notwendigkeit, dessen ganz geringe
Menschen niemals fhig sind, rettete den armen betrogenen Pater vor der
Verzweiflung. Er dachte nicht einen Augenblick daran, sich etwa durch
List reinzuwaschen und wieder in Ehre und Achtung zurckzustehlen,
noch auch trat ihm der Gedanke nahe, sich ein Leid anzutun. Nein, er
fhlte nichts als eine vllig klare und gerechte Notwendigkeit, die
ihn zwar traurig machte, gegen welche er jedoch mit keinem Gedanken
protestierte. Denn strker als Bangnis und Sorge, wenn auch noch
verborgen und auerhalb des Bewutseins, war in ihm die Empfindung
einer groen Erlsung vorhanden, da jetzt unzweifelhaft seiner
bisherigen Unzufriedenheit und dem unklaren, durch Jahre gefhrten
und verheimlichten Doppelleben ein Ende gesetzt war. Er fhlte wie
frher zuweilen nach kleineren Verfehlungen die schmerzliche innere
Befreitheit eines Mannes, der vor dem Beichtstuhl kniet und dem zwar
eine Demtigung und Bestrafung bevorsteht, dessen Seele aber die
beklemmende Last verheimlichter Taten schon weichen fhlt.

Dennoch aber war er ber das, was nun zu tun sei, keineswegs im
klaren. Hatte er innerlich seinen Austritt aus dem Orden schon
genommen und Verzicht auf alle Ehren getan, so schien es ihm doch
rgerlich und recht unntz, nun alle hlichen und schmerzenden Szenen
einer feierlichen Ausstoung und Verurteilung auskosten zu sollen.
Schlielich hatte er, weltlich gedacht, kein gar so schndliches
Verbrechen begangen, und das viele Klostergeld hatte ja nicht er
gestohlen, sondern offenbar jener Herr Breitinger.

Klar war ihm zunchst nur, da noch heute etwas Entscheidendes zu
geschehen habe; denn blieb er lnger als noch diesen Tag dem Kloster
fern, so entstand Verdacht und Untersuchung und ward ihm die Freiheit
des Handelns abgeschnitten. Ermdet und hungrig suchte er ein
Speisehaus, a einen Teller Suppe und schaute alsdann, rasch gesttigt
und von verwirrten Erinnerungsbildern geqult, mit mden Augen durchs
Fenster auf die Strae hinaus, genau wie er es gestern ungefhr um
dieselbe Zeit getan hatte.

Indem er seine Lage hin und her bedachte, fiel es ihm grausam auf die
Seele, da er auf Erden keinen einzigen Menschen habe, dem er mit
Vertrauen und Hoffnung seine Not klagen knnte, der ihm hlfe und
riete, der ihn zurechtweise, rette oder doch trste. Ein Auftritt,
den er erst vor einer Woche erlebt und schon vllig wieder vergessen
hatte, stieg unversehens rhrend und wunderlich in seinem Gedchtnis
auf: der junge halbgescheite Laienbruder in seiner verflickten Kutte,
wie er am heimischen Bahnhofe stand und ihm nachschaute, angstvoll und
beschwrend.

Heftig wendete er sich von diesem Bilde ab und zwang seinen Blick, dem
Straenleben drauen zu folgen. Da trat ihm, auf seltsamen Umwegen der
Erinnerung, mit einem Male ein Name und eine Gestalt vor die Seele,
woran sie sich sofort mit instinktivem Zutrauen klammerte.

Diese Gestalt war die der Frau Franziska Tanner, jener reichen
jungen Witwe, deren Geist und Takt er erst krzlich bewundert, und
deren anmutig strenges Bild ihn heimlich begleitet hatte. Er schlo
die Augen und sah sie, im grauseidenen Kleide, mit dem klugen und
beinahe spttischen Mund im hbschen blassen Gesicht, und je genauer
er zuschaute und je deutlicher nun auch der krftig entschlossene
Ton ihrer hellen Stimme und der feste, ruhig beobachtende Blick
ihrer grauen Augen ihm wieder vorschwebte, desto leichter, ja
selbstverstndlicher schien es ihm, das Vertrauen dieser ungewhnlichen
Frau in seiner ungewhnlichen Lage anzurufen.

Dankbar und froh, das nchste Stck seines Weges endlich klar vor sich
zu sehen, machte er sich sofort daran, seinen Entschlu auszufhren.
Von dieser Minute an bis zu jener, da er wirklich vor Frau Tanner
stand, tat er jeden Schritt sicher und rasch, nur ein einzigesmal
geriet er ins Zaudern. Das war, als er jenen Bahnhof des Vorortes
wieder erreichte, wo er gestern seinen Sndenwandel begonnen hatte
und wo seither sein Kfferchen in Verwahrung stand. Er war des Sinnes
gewesen, wieder als Pater in der Kutte vor die hochgeschtzte Frau
zu treten, schon um sie nicht allzu sehr zu erschrecken, und hatte
deshalb den Weg hieher genommen. Nun jedoch, da er nur eines Schrittes
bedurfte, um am Schalter sein Eigentum wieder zu fordern, kam diese
Absicht ihm pltzlich tricht und unredlich vor, ja er empfand, wie nie
zuvor, vor der Rckkehr in die klsterliche Tracht einen wahren Schreck
und Abscheu, so da er seinen Plan im Augenblick nderte und vor sich
selber schwor, die Kutte niemals wieder anzulegen, es komme, wie es
wolle.

Da mit den brigen Wertsachen ihm auch der Gepckschein entwendet
worden war, wute und bedachte er dabei gar nicht.

Darum lie er sein Gepck liegen, wo es lag, und reiste denselben Weg,
den er gestern in der Frhe noch als Pater gefahren, im schlichten
Brgerrocke zurck. Dabei schlug ihm das Herz immerhin, je nher er
dem Ziele kam, desto peinlicher; denn er fuhr nun schon wieder durch
die Gegend, welcher er vor Tagen noch gepredigt hatte, und mute in
jedem neu einsteigenden Fahrgaste den beargwhnen, der ihn erkennen
und als erster seine Schande sehen wrde. Doch war der Zufall und der
einbrechende Abend ihm gnstig, so da er die letzte Station unerkannt
und unbelstigt erreichte.

Bei sinkender Nacht wanderte er auf mden Beinen den Weg zum Dorfe hin,
den er zuletzt bei Sonnenschein im Einspnner gefahren war, und zog, da
er noch berall Licht hinter den Lden bemerkte, noch am selben Abend
die Glocke am Tore des Tannerschen Landhauses.

Die gleiche Magd wie neulich tat ihm auf und fragte nach seinem
Begehren, ohne ihn zu erkennen. Matthias bat, die Hausfrau noch heute
abend sprechen zu drfen, und gab dem Mdchen ein verschlossenes
Billett mit, das er vorsorglich noch in der Stadt geschrieben hatte.
Sie lie ihn, der spten Stunde wegen ngstlich, im Freien warten,
schlo das Tor wieder ab und blieb eine bange Weile aus. Dann aber
schlo sie rasch wieder auf, hie ihn mit verlegener Entschuldigung
ihrer vorigen ngstlichkeit eintreten und fhrte ihn in das Wohnzimmer
der Frau, die ihn dort allein erwartete.

Guten Abend, Frau Tanner, sagte er mit etwas befangener Stimme, darf
ich Sie nochmals fr eine kleine Weile stren?

Sie grte gemessen und sah ihn an.

Da Sie, wie Ihr Billett mir sagt, in einer sehr wichtigen Sache
kommen, stehe ich gerne zur Verfgung. -- Aber wie sehen Sie denn aus?

Ich werde Ihnen alles erklren, bitte, erschrecken Sie nicht! Ich wre
nicht zu Ihnen gekommen, wenn ich nicht das Zutrauen htte, Sie werden
mich in einer sehr schlimmen Lage nicht ohne Rat und Teilnahme lassen.
Ach, verehrte Frau, was ist aus mir geworden!

Seine Stimme brach, und es schien, als wrgten ihn Trnen. Doch hielt
er sich tapfer, entschuldigte sich mit groer Erschpfung und begann
alsdann, in einem bequemen Sessel ruhend, seine Erzhlung. Er fing
damit an, da er schon seit mehreren Jahren des Klosterlebens mde
sei und sich mehrere Verfehlungen vorzuwerfen habe. Dann gab er eine
kurze Darstellung seines frheren Lebens und seiner Klosterzeit, seiner
Predigtreisen und auch seiner letzten Mission. Und darauf berichtete er
ohne viel Einzelheiten, aber ehrlich und verstndlich sein Abenteuer in
der Stadt.


Fnftes Kapitel

Es folgte auf seine Erzhlung eine lange Pause. Frau Tanner hatte
aufmerksam und ohne jede Unterbrechung zugehrt, zuweilen gelchelt
und zuweilen den Kopf geschttelt, schlielich aber jedes Wort mit
einem gleichbleibenden gespannten Ernst verfolgt. Nun schwiegen sie
beide eine Weile.

Wollen Sie jetzt nicht vor allem andern einen Imbi nehmen? fragte
sie endlich. Sie bleiben jedenfalls die Nacht hier und knnen in der
Grtnerwohnung schlafen.

Die Herberge nahm der Pater dankbar an, wollte jedoch von Essen und
Trinken nichts wissen.

Was wollen Sie nun von mir haben? fragte sie langsam.

Vor allem Ihren Rat. Ich wei selber nicht genau, woher mein Vertrauen
zu Ihnen kommt. Aber in allen diesen schlimmen Stunden ist mir niemand
sonst eingefallen, auf den ich htte hoffen mgen. Bitte, sagen Sie
mir, was ich tun soll!

Nun lchelte sie ein wenig.

Es ist eigentlich schade, sagte sie, da Sie mich das nicht neulich
schon gefragt haben. Da Sie fr einen Mnch zu gut oder doch zu
lebenslustig sind, kann ich wohl begreifen. Es ist aber nicht schn,
da Sie Ihre Rckkehr ins Weltleben so heimlich betreiben wollten.
Dafr sind Sie nun gestraft. Denn Sie mssen den Austritt aus Ihrem
Orden, den Sie freiwillig und in Ehren htten suchen sollen, jetzt
eben unfreiwillig tun. Mir scheint, Sie knnen gar nichts anderes tun,
als Ihre Sache mit aller Offenheit Ihren Oberen anheimstellen. Ist das
nicht Ihre Meinung?

Ja, das ist sie; ich habe es mir nicht anders gedacht.

Gut also. Und was wird dann aus Ihnen werden?

Das ist es eben! Ich werde ohne Zweifel nicht im Orden behalten
werden, was ich auch keinesfalls annehmen wrde. Mein Wille ist, ein
stilles Leben als ein fleiiger und ehrlicher Mensch anzufangen; denn
ich bin zu jeder anstndigen Arbeit bereit und habe manche Kenntnisse,
die mir ntzen knnen.

Recht so, das habe ich von Ihnen erwartet.

Ja. Aber nun werde ich nicht nur aus dem Kloster entlassen werden,
sondern mu auch fr die mir anvertrauten Summen, die dem Kloster
gehren, mit meiner Person eintreten. Da ich diese Summen in der
Hauptsache nicht selber veruntreut, sondern an Schelme verloren habe,
wre es mir doch gar bitter, fr sie wie ein gemeiner Betrger zur
Rechenschaft gezogen zu werden.

Das verstehe ich wohl. Aber wie wollen Sie das verhten?

Das wei ich noch nicht. Ich wrde, wie es selbstverstndlich ist, das
Geld so bald und so vollkommen als mglich zu ersetzen suchen. Wenn es
mglich wre, dafr eine einstweilige Brgschaft zu stellen, so knnte
wohl ein gerichtliches Verfahren ganz vermieden werden.

Die Frau sah ihn forschend an.

Was wren in diesem Falle Ihre Plne? fragte sie dann ruhig.

Dann wrde ich auer Landes eine Arbeit suchen und mich bemhen, vor
allem jene Summe abzutragen. Sollte jedoch die Person, welche fr mich
brgt, mir anders raten und mich anders zu verwenden wnschen, so wre
mir natrlich dieser Wunsch Befehl.

Frau Tanner erhob sich und tat einige erregte Schritte durchs Zimmer.
Sie blieb auerhalb des Lichtkreises der Lampe in der Dmmerung stehen
und sagte leise von dort herber: Und die Person, von der Sie reden
und die fr Sie brgen soll, die soll ich sein?

Herr Matthias war ebenfalls aufgestanden.

Wenn Sie wollen -- ja, sagte er tief atmend. Da ich mich Ihnen,
die ich noch kaum kannte, so weit erffnet habe, mag auch das gewagt
sein. Ach, liebe Frau Tanner, es ist mir wunderlich, wie ich in meiner
elenden Lage zu solcher Khnheit komme. Aber ich wei keinen Richter,
dem ich mich so leicht und gerne zu jedem Urteilsspruch berliee, wie
Ihnen. Sagen Sie ein Wort, so gehe ich heute noch fr immer aus Ihren
Augen.

Sie trat an den Tisch zurck, wo vom Abend her noch eine feine
Stickarbeit und eine umgefalzte Zeitung lag, und verbarg ihre leicht
zitternden Hnde hinter ihrem Rcken. Dann lchelte sie ganz leicht und
sagte: Danke fr Ihr Vertrauen, Herr Matthias, es soll in guten Hnden
sein. Aber Geschfte tut man nicht so in einer Abendstimmung ab. Wir
wollen jetzt zur Ruhe gehen, die Magd wird Sie ins Grtnerhaus fhren.
Morgen frh um sieben wollen wir hier frhstcken und weiter reden,
dann knnen Sie noch leicht den ersten Bahnzug erreichen.

       *       *       *       *       *

In dieser Nacht hatte der flchtige Pater einen weit besseren Schlaf
als seine gtige Wirtin. Er holte in einer tiefen achtstndigen Ruhe
das Versumte zweier Tage und Nchte ein und erwachte zur rechten Zeit
ausgeruht und hellugig, so da ihn die Frau Tanner beim Frhstck
erstaunt und wohlgefllig betrachten mute.

Diese verlor ber der Sache Matthias den greren Teil ihrer Nachtruhe.
Die Bitte des Paters htte, soweit sie nur das verlorene Geld betraf,
ihr dies nicht angetan. Aber es war ihr sonderbar zu Herzen gegangen,
wie da ein fremder Mensch, der nur ein einzigesmal zuvor flchtig ihren
Weg gestreift, in der Stunde peinlicher Not so voll Vertrauen zu ihr
gekommen war, fast wie ein Kind zur Mutter. Und da ihr selber dies
doch eigentlich nicht erstaunlich gewesen war, da sie es ohne weiteres
verstanden und beinahe wie etwas Erwartetes aufgenommen hatte, whrend
sie sonst eher zum Mitrauen neigte, das schien ihr darauf zu deuten,
da zwischen ihr und dem Fremden ein Zug von Geschwisterlichkeit und
heimlicher Harmonie bestehe.

Der Pater hatte ihr schon bei seinem ersten Besuche neulich einen
angenehmen Eindruck gemacht. Sie mute ihn fr einen lebenstchtigen,
harmlosen Menschen halten, dazu war er ein hbscher und gebildeter
Mann. An diesem Urteil hatte das seither Erfahrene nichts gendert,
nur da die Gestalt des Paters dadurch in ein etwas schwankendes Licht
von Abenteuer gerckt und in seinem Charakter immerhin eine gewisse
Schwche enthllt schien.

Dies alles htte hingereicht, dem Mann ihre Teilnahme zu gewinnen,
wobei sie die geforderte Brgschaft oder Geldsumme gar nicht beachtet
haben wrde. Durch die merkwrdige Sympathie jedoch, die sie mit dem
Fremden verband und die auch in den sorgenvollen Gedanken dieser Nacht
nicht abgenommen hatte, war alles in eine andere Beleuchtung getreten,
wo das Geschftliche und Persnliche gar eng aneinander hing und wo
sonst harmlose Dinge ein bedeutendes, ja schicksalhaftes Aussehen
gewannen. Wenn wirklich dieser Mann so viel Macht ber sie hatte und
so viel Anziehung zwischen ihnen beiden bestand, so war es mit einem
Geschenke nicht getan, sondern es muten daraus dauernde Verhltnisse
und Beziehungen entstehen, die immerhin auf ihr Leben groen Einflu
gewinnen konnten.

Dem gewesenen Pater schlechthin mit einer Geldgabe aus der Not und ins
Ausland zu helfen, unter Ausschlu aller weiteren Beteiligung an seinem
Schicksal als einfache Abfindung, das ging nicht an, dazu stand ihr der
Mann zu hoch. Andererseits trug sie Bedenken, ihn auf seine immerhin
seltsamen Gestndnisse hin ohne weiteres in ihr Leben aufzunehmen,
dessen Freiheit und bersicht sie liebte. Und wieder tat es ihr weh und
schien ihr unmglich, den Armen ganz ohne Hilfe zu lassen.

So sann sie mehrere Stunden hin und wider, und als sie nach kurzem
Schlaf in guter Toilette das Frhstckszimmer betrat, sah sie ein wenig
geschwcht und mde aus. Matthias begrte sie und blickte ihr so klar
in die Augen, da ihr Herz sich rasch wieder erwrmte. Sie sah, es war
ihm mit allem, was er gestern gesagt, vollkommen Ernst, und er wrde
zuverlssig dabei bleiben.

Sie schenkte ihm Kaffee und Milch ein, ohne mehr als die notwendigen
geselligen Worte dazu zu sagen, und gab Auftrag, da spter fr ihren
Gast der Wagen angespannt werde, da er zum Bahnhof msse. Zierlich a
sie aus silbernem Becherlein ein Ei und trank eine Schale Milch dazu,
und erst als sie damit und der Gast ebenfalls mit seinem Morgenkaffee
fertig war, begann sie zu sprechen.

Sie haben mir gestern, sagte sie, eine Frage und Bitte vorgelegt,
ber die ich mich nun besonnen habe. Sie haben auch ein Versprechen
gegeben, nmlich in allem und jedem es so zu halten, wie ich es gut
finden werde. Ist das Ihr Ernst gewesen und wollen Sie sich noch dazu
bekennen?

Er sah sie ernsthaft und innig an und sagte einfach: Ja.

Gut, so will ich Ihnen sagen, was ich mir zurechtgelegt habe. Sie
wissen selbst, da Sie mit Ihrer Bitte nicht nur mein Schuldner werden,
sondern mir und meinem Leben auf eine Weise nhertreten wollen, deren
Bedeutung und Folgen fr uns beide wichtig werden knnen. Sie wollen
nicht ein Geschenk von mir haben, sondern mein Vertrauen und meine
Freundschaft. Das ist mir lieb und ehrenvoll, doch mssen Sie selbst
zugeben, da Ihre Bitte in einem Augenblick an mich gekommen ist, wo
Sie nicht vllig tadelfrei dastehen und wo manches Bedenken wider Sie
erlaubt und mglich ist.

Matthias nickte errtend, lchelte aber ein klein wenig dazu, weshalb
sie ihren Ton sofort um einen Schatten strenger werden lie.

Eben darum kann ich leider Ihren Vorschlag nicht annehmen, werter
Herr. Es ist mir fr die Zuverlssigkeit und Dauer Ihrer guten
Gesinnung zu wenig Gewhr vorhanden. Wie es mit Ihrer Freundschaft und
Treue beschaffen ist, das kann nur die Zeit lehren, und was aus meinem
Gelde wrde, kann ich auch nicht wissen, seit Sie mir das mit Ihrem
Freunde Breitinger erzhlt haben. Ich bin daher gesonnen, Sie beim
Wort zu nehmen. Sie sind mir zu gut, als da ich Sie mit Geld abfinden
mchte, und Sie sind mir wieder zu fremd und unsicher, als da ich Sie
ohne weiteres in meinen Lebenskreis aufnehmen knnte. Darum stelle ich
Ihre Treue auf eine vielleicht schwere Probe, indem ich Sie bitte:
Reisen Sie heim, bergeben Sie Ihren ganzen Handel dem Kloster, fgen
Sie sich in alles, auch in eine Bestrafung durch die Gerichte! Wenn Sie
das tapfer und ehrlich tun wollen, ohne mich in der Sache irgend zu
nennen, so verspreche ich Ihnen dagegen, nachher keinen Zweifel mehr an
Ihnen zu haben und Ihnen zu helfen, wenn Sie mit Mut und Frhlichkeit
ein neues Leben anfangen wollen. -- Haben Sie mich verstanden und soll
es gelten?

Herr Matthias nahm ihre ausgestreckte Hand, blickte ihr mit Bewunderung
und tiefer Rhrung in das schn erregte bleiche Gesicht und machte eine
sonderbare strmische Bewegung, beinahe als wollte er sie in die Arme
schlieen. Statt dessen verbeugte er sich sehr tief und drckte auf
die schmale Damenhand einen festen Ku. Dann ging er aufrecht aus dem
Zimmer, ohne weiteren Abschied zu nehmen, und schritt durch den Garten
und stieg in das drauen wartende Kabriolet, whrend die berraschte
Frau seiner groen Gestalt und entschiedenen Bewegung in sonderbar
gemischter Empfindung nachschaute.


Sechstes Kapitel

Als der Pater Matthias in seinem stdtischen Anzug und mit einem
merkwrdig vernderten Gesicht wieder in sein Kloster gegangen kam
und ohne Umweg den Guardian aufsuchte, da zuckte Schrecken, Erstaunen
und lsterne Neugierde durch die alten Hallen. Doch erfuhr niemand
etwas Gewisses. Hingegen fand schon nach einer Stunde eine geheime
Sitzung der Oberen statt, in welcher die Herren trotz manchen Bedenken
schlssig wurden, den beln Fall mit aller Sorgfalt geheim zu halten,
die verlorenen Gelder zu verschmerzen und den Pater lediglich mit einer
lngeren Bue in einem auslndischen Kloster zu bestrafen.

Da er hereingefhrt und ihm dieser Entscheid mitgeteilt wurde, setzte
er die milden Richter durch seine Weigerung, ihren Spruch anzuerkennen,
in kein geringes Erstaunen. Allein es half kein Drohen und kein gtiges
Zureden, Matthias blieb dabei, um seine Entlassung aus dem Orden zu
bitten. Wolle man ihm, fgte er hinzu, die durch seinen Leichtsinn
verloren gegangene Opfersumme als persnliche Schuld stunden und deren
allmhliche Abtragung erlauben, so wrde er dies dankbar als eine groe
Gnade annehmen, andernfalls jedoch ziehe er es vor, da seine Sache vor
einem weltlichen Gericht ausgetragen werde.

Da war guter Rat teuer, und whrend Matthias Tag um Tag einsam in
strengem Zellenarrest gehalten wurde, beschftigte seine Angelegenheit
die Vorgesetzten bis nach Rom hin, ohne da der Gefangene ber den
Stand der Dinge das Geringste erfahren konnte.

Es htte auch noch viele Zeit darber hingehen knnen, wre nicht
durch einen unvermuteten Ansto von auen her pltzlich alles in Flu
gekommen und nach einer ganz anderen Entwicklung hin gedrngt worden.

Es wurde nmlich, zehn Tage nach des Paters unseliger Rckkehr, amtlich
und eilig von der Behrde angefragt, ob etwa dem Kloster neuestens ein
Insasse oder doch eine so und so beschriebene Ordenskleidung abhanden
gekommen, da diese Gewandung soeben als Inhalt eines auf dem und dem
Bahnhofe abgegebenen rtselhaften Handkoffers festgestellt worden sei.
Es habe dieser Koffer, der seit genau zwlf Tagen an jener Station
lagere, infolge eines schwebenden Prozesses geffnet werden mssen,
da ein unter schwerem Verdacht verhafteter Gauner neben anderem
gestohlenen Gute auch den auf obigen Koffer lautenden Gepckschein bei
sich getragen habe.

Eilig lief nun einer der Vter zur Behrde, bat um nhere Ausknfte
und reiste, da er diese nicht erhielt, unverweilt in die benachbarte
Provinzhauptstadt, wo er sich viele, doch vergebliche Mhe gab,
die Person und die Spuren des guten Paters Matthias als mit dem
Gaunerprozesse unzusammenhngend darzustellen. Der Staatsanwalt zeigte
im Gegenteil fr diese Spuren ein lebhaftes Interesse und eine groe
Lust, den einstweilen als krankliegend entschuldigten Pater Matthias
selber kennen zu lernen.

Durch diese Ereignisse kam pltzlich eine schroffe nderung in die
Taktik der Vter. Es wurde nun, um zu retten, was noch zu retten wre,
der Pater Matthias mit aller Feierlichkeit aus dem Orden ausgestoen,
der Staatsanwaltschaft bergeben und wegen Veruntreuung von
Klostergeldern angeklagt. Und von dieser Stunde an fllte der Proze
des Paters nicht nur die Aktenmappen der Richter und Anwlte, sondern
auch als Skandalgeschichte alle Zeitungen, so da sein Name im ganzen
Lande widerhallte.

Da niemand sich des Mannes annahm, da sein Orden ihn vllig preisgab
und die ffentliche Meinung, dargestellt durch die Artikel der
liberalen Tagesbltter, den Pater keineswegs schonte und den Anla
zu einer kleinen frohen Hetze wider die Klster benutzte, kam der
Angeklagte in eine wahre Hlle von Verdacht und Verleumdung und bekam
eine schlimmere Suppe auszuessen, als er sich eingebrockt zu haben
meinte. Er hielt sich aber in aller Bedrngnis brav und tat keine
einzige Aussage, die sich nicht bewhrt htte.

Im brigen nahmen die beiden ineinander verwickelten Prozesse ihren
raschen Verlauf. Mit wunderlichen Gefhlen sah sich Matthias bald als
Angeklagter den Pfarrern und Menern jener Missionsgegend, bald als
Zeuge der hbschen Meta und dem Herrn Breitinger gegenbergestellt, der
gar nicht Breitinger hie und in weiten Kreisen als Gauner und Zuhlter
unter dem Namen des dnnen Jakob bekannt war. Sobald sein Anteil an der
Breitingerschen Affre klargestellt war, entschwand dieser und seine
Gefolgschaft aus des Paters Augen, und es wurde in wenigen krftigen
Verhandlungen sein eigenes Urteil vorbereitet.

Er war auf eine Verurteilung von allem Anfang an gefat gewesen.
Inzwischen hatte die Enthllung der Einzelheiten jenes Tages in der
Stadt, das Verhalten seiner Oberen und die ffentliche Stimmung auf
seine allgemeine Beurteilung gedrckt, so da die Richter auf sein
unbestrittenes Vergehen den gefhrlichsten Paragraphen anwendeten und
ihn zu einer recht langen Gefngnisstrafe verurteilten.

Das war ihm nun doch ein empfindlicher Schlag, und es wollte ihm
scheinen, eine so harte Bue habe sein in keiner eigentlichen Bosheit
beruhendes Vergehen doch nicht verdient. Am meisten qulte ihn dabei
der Gedanke an die Frau Tanner und ob sie ihn, wenn er nach Verbung
einer so langwierigen Strafe und berhaupt nach diesem unerwartet viel
beschrieenen Skandal sich ihr wieder vorstelle, noch berhaupt werde
kennen wollen.

Zu gleicher Zeit bekmmerte und emprte sich Frau Tanner kaum weniger
ber diesen Ausgang der Sache und machte sich Vorwrfe darber, da
sie ihn doch eigentlich ohne Not da hineingetrieben habe. Sie schrieb
auch ein Brieflein an ihn, worin sie ihn ihres unvernderten Zutrauens
versicherte und die Hoffnung aussprach, er werde gerade in der
unverdienten Hrte seines Urteils eine Mahnung sehen, sich innerlich
ungebeugt und unverbittert fr bessere Tage zu erhalten. Allein dann
fand sie wieder, es sei kein Grund vorhanden, an Matthias zu zweifeln,
und sie msse es nun erst recht darauf ankommen lassen, wie er die
Probe bestehe. Und sie legte den geschriebenen Brief, ohne ihn nochmals
anzusehen, in ein Fach ihres Schreibtisches, das sie sorgfltig
verschlo.

       *       *       *       *       *

ber alledem war es lngst vllig Herbst geworden und der Wein schon
gekeltert, als nach einigen trben Wochen der Sptherbst noch einmal
warme, blaue, zart verklrte Tage brachte. Friedlich lag, vom Wasser in
gebrochenen Linien gespiegelt, an der Biegung des grnen Flusses das
alte Kloster und schaute mit vielen Fensterscheiben in den zartgolden
blhenden Tag. Da zog in dem schnen Sptherbstwetter wieder einmal ein
trauriges Trpplein unter der Fhrung einiger bewaffneter Landjger auf
dem hohen Weg berm steilen Ufer dahin.

Unter den Gefangenen war auch der ehemalige Pater Matthias, der
zuweilen den gesenkten Kopf aufrichtete und in die sonnige Weite des
Tales und zum stillen Kloster hinunter sah. Er hatte keine guten Tage,
aber seine Hoffnung stand immer wieder, von allen Zweifeln unzerstrt,
auf das Bild der hbschen blassen Frau gerichtet, deren Hand er vor
dem bitteren Gang in die Schande gehalten und gekt hatte. Und indem
er unwillkrlich jenes Tages vor seiner Schicksalsreise gedachte, da
er noch aus dem Schutz und Schatten des Klosters in Langeweile und
Mimut hier herbergeblickt hatte, da ging ein feines Lcheln ber sein
mager gewordenes Gesicht, und es schien ihm das halbzufriedene Damals
keineswegs besser und wnschenswerter als das hoffnungsvolle Heute.

                              Ende




Werke von Hermann Hesse


Peter Camenzind

Roman. 60. Auflage. Geheftet 3 Mark, gebunden 4 Mark.

Wenn du aber zu den Menschen gehrst, die weinen knnen, weil der
Himmel kornblumenblau ber einem goldenen Weizenfeld steht, wenn du
einer von denen bist, die jauchzen knnen, wenn der Wind durch blhende
Lindenbume rauscht, dann schnr dein Bndel und pack die Geschichte
des Peter Camenzind obenauf. Und dann wandre und wandre, bis du zu
einem dunklen See kommst, der zu Fen einiger hoher Bergschroffen
liegt. Dort sitz nieder und lies, was dir Peter Camenzind von den
Bergen und vom Walde, von den Strmen und von der Liebe zu erzhlen
hat. Und glaub mir: Du wirst grer, reiner, freier wieder heimkehren
in die Stadtwirrnis.

                                                            (Die Woche)


Unterm Rad

Roman. 19. Auflage. Geheftet 3.50 Mark, geb. 4.50 Mark.

Es ist die einfache Geschichte von einem Jungen, der stolz und mit
der Anwartschaft auf Ruhm und Glck ins Leben eintritt und unters Rad
kommt und berfahren wird; ein Buch voll Schwermut und heimlicher
leiser Klage und ein Buch voll Anklage. Schwer und gewichtig in seiner
Einfachheit, die um so tiefer wirkt, als sie das Resultat einer
unnachahmlichen sprachlichen Meisterschaft und stilistischen Adels ist.

                                                    (Mnchener Zeitung)

Es ist dieser Roman ein gutes, tiefes, starkes Buch, geluterter noch
als der Camenzind, von einer tchtigen Mnnlichkeit durchweht, eine
Wohltat fr den, der ihn liest, treuherzig, berzeugend, von lebhaftem,
heiem Natursinn kndend, frei von sthetischer Krnkelei -- ein klares
Schwabenbuch, ein durch und durch deutscher Roman.

                                        (Mnchener Neueste Nachrichten)


Diesseits

Erzhlungen. 18. Aufl. Geh. 3.50 Mark, geb. 4.50 Mark.

Wie man etwa Eduard Mrikes Gedichte lesen sollte, an einem stillen,
schnen Sommertage im Grase liegend, der Zeit und jeder Alltglichkeit
weit entrckt, ruhevoll nur sich und dem Weben der leise schaffenden
Natur lauschend, in solcher Sonntagsstimmung sollte man Hermann Hesses
neuen Novellenband Diesseits lesen.

                                                 (Neue Zrcher Zeitung)

Wie lange habe ich mich darauf gefreut, dieses Buch anzuzeigen! Es ist
ein stilles, vornehmes und unsglich schnes Buch geworden, das man
ehrfrchtig in die Hand nimmt, ehrfrchtig aus der Hand legt, still,
ergriffen, nachdenklich, voll einer Liebe zu dem Menschen, der ein
so starkes, reines Herz hat und es so lauter schenkt. Hermann Hesse
bedeutet einen Gipfelpunkt deutscher Erzhlerkunst.

                                                    (Mnchener Zeitung)


Nachbarn

Erzhlungen. 12. Aufl. Geh. 3.50 Mark, geb. 4.50 Mark.

Es ist eigentlich eine einzige Geschichte, die wir da in den
fnf Erzhlungen des neuen Hessebandes erleben; so harmonisch
zusammengeschweit erscheinen sie ... Ruhig, ber allen Dingen
schwebend, ohne Leidenschaft und vollkommen abgeklrt werden uns diese
Geschichten erzhlt. Aber in einer Sprache, die ihresgleichen sucht,
und die den Stolz in uns aufleben lt: sehet, das ist Deutsch. Gott
sei Dank, da es eine deutsche Sprache gibt. Und Dichter, die sie adeln.

                                     (Wrttemberger Zeitung, Stuttgart)

Hesse arbeitet aus der Stimmung, aus der Landschaft, und darum
flieen seine Erzhlungen ineinander ber. Sie lesen sich entzckend.
Natrlicheres, Traulicheres, Feineres wird heute kaum geschrieben.

                                            (Vossische Zeitung, Berlin)


Spamersche Buchdruckerei in Leipzig.



Anmerkungen zur Transkription:

In "er war in dem groen Atelier heftig hin und wieder geschritten,
hatte seinen rotbraunen Bart mit nervsen Hnden gedreht und sich
alsbald, wie es seine unheimliche Gabe war, in ein flimmerndes
Gehuse eingesponnen, das aus lauter Beredtsamkeit bestand und dem
Regendache jenes Meisterfechters im Volksmrchen glich, unter welchem
jener trocken stand, obwohl es aus nichts bestand als dem rasenden
Kreisschwung seines Degens." stand "bestund" statt des zweiten
"bestand".

In "Berthold hatte, trotz der offenkundigen Untiefen, eine gewisse
Freude an dieser idyllisch harmlosen Philosophie, die er noch von
manchen anderen Verkndern in anderen Tnungen zu hren bekam, und
er htte ein Riese sein mssen, wenn nicht allmhlich jedes dieser
Bekenntnisse ihm, der auerhalb der Welt lebte, bleibende Eindrcke
gemacht und sein eigenes Denken gefrbt htte." stand "Welte" statt
"Welt"

In "Denn er sah gar wohl, da die Sprache solcher Kunsterzeugnisse, von
der gemeinen Sprache der Gasse ebenso weit entfernt wie nur irgendeine
tolle Dichtung, geeignet sei, Eindruck zu machen, Macht zu ben und
ber Unverstndige Vorteile zu erlangen." stand "entlernt" statt
"entfernt".





End of the Project Gutenberg EBook of Umwege, by Hermann Hesse

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