The Project Gutenberg EBook of Der Sohn, by Walter Hasenclever

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Title: Der Sohn

Author: Walter Hasenclever

Release Date: March 7, 2020 [EBook #61578]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SOHN ***




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[Illustration]




                               Der Sohn

                       _Ein Drama in fnf Akten_

                                  von

                          Walter Hasenclever


                    _Kurt Wolff Verlag_  _Leipzig_

                            [Illustration]


  =Geschrieben 1913=
  =Erstmals erschienen im Frhjahr 1914=

  =Das Recht der Auffhrung ist
  durch den Bhnenvertrieb Paul
  Cassirer, Berlin, zu erwerben=

  =Sechstes bis zehntes Tausend=

  Copyright 1917 Kurt Wolff Verlag, Leipzig
  Gedruckt bei G. Kreysing in Leipzig




Personen:


  Der Vater
  Der Sohn
  Der Freund
  Das Frulein
  Der Hauslehrer
  Der Kommissar
  Adrienne
  Cherubim
  Herr von Tuchmeyer
  Frst Scheitel

         *       *       *       *       *

  _Zeit_: Heute.

  In einem Verlaufe von drei Tagen.




Erster Akt.


Erste Szene.

  Das Zimmer des Sohnes im elterlichen Hause. In der Mittelwand ein
  groes Fenster mit Ausblick in den Park, fern die Silhouette der
  Stadt: Huser, ein Fabrikschornstein.

  Im Zimmer die mige Eleganz eines angesehenen Brgerhauses. Mbel
  in Eichenholz; die Ausstattung eines Studierzimmers: Bcherschrnke,
  Arbeitstisch, Sthle, Landkarte. Tr rechts und links. Die Stunde vor
  der Dmmerung.

  _Der Sohn._ _Der Hauslehrer._

      Der Sohn:

Ich bin zwanzig Jahre alt und knnte am Theater sein oder in
Johannisburg Viadukte bauen. Weshalb mu es an der Formel fr den
abgestumpften Kegel scheitern! Alle Professoren waren mir gewogen,
sogar der Direktor sagte mir vor. Ich htte die Aufgabe glnzend
gelst -- wre ich nicht im letzten Augenblick geflohn. Ich glaube, es
gibt etwas, das zwingt uns zum Schmerz. Ich htte die Freiheit nicht
ertragen. Vielleicht werde ich niemals ein Held.

      Der Hauslehrer:

Sie haben also die Matura nicht bestanden. Wie oft habe ich mit Ihnen
hier an diesem Tische gesessen und mit Ihnen die Formeln gepaukt. Habe
ich Ihnen denn nicht erklrt, da man den kleinen vom groen Kegel
subtrahiert! Antworten Sie!

      Der Sohn:

Ja, Herr Doktor. Sie haben es mir erklrt. Ich verstehe Ihren Schmerz.
Sie sind traurig, weil dieser Kegel in der Welt ist. Glauben Sie mir,
ich bin es nicht mehr! Mir fehlt sogar die vergngliche Pose, die sich
noch unter Trnen verhhnt. Sie werden sagen, ich sei ein Schwchling
oder ein Schurke. Aber ich sage Ihnen: ich stand im schwarzen Rock
vor der schwarzen Tafel -- und wute genau, da ich die Kreide in der
Hand hatte. Ich wute sogar, da man den kleinen vom groen Kegel
subtrahiert und trotzdem -- ich habe es nicht getan.

      Der Hauslehrer:

Aber weshalb nicht! Ich frage Sie, weshalb?

      Der Sohn:

Jemand wurde vor mir in Geschichte geprft: 1800 so und so viel war die
Schlacht bei Aspern. Und whrend meine Hand unwirklich die Kreise an
der Tafel beschrieb, sah ich Erzherzoginnen und fliehende Boulevards
... Sie werden begreifen, da man in dieser Sigkeit allein schon die
Mathematik vernichtet. Die Auflsung einer einzigen Klammer htte mich
gerettet. Ich habe es vorgezogen, mich in ihr zu verachten.

      Der Hauslehrer:

Wir htten in den letzten Tagen nicht so viel arbeiten sollen. Ihr
Zustand ist begreiflich. Sie stehen unter einer seelischen Depression.

      Der Sohn:

Ich glaube, die Seele der Menschen ist nicht so einfach. Dieser Tag ist
ein Erlebnis. Meine Sehnsucht, frei zu werden, war zu gro. Sie war
strker als ich, deshalb konnte ich sie nicht erfllen. Ich habe zu
viel empfunden, um noch Mut zu haben. Ich bin an mir selber verblutet.
Ich werde wohl niemals die Kraft haben, das zu tun, wofr ich da bin.
Jetzt sehen Sie ein, da ich die Matura nicht bestehen konnte: ich wre
an irgend etwas zugrunde gegangen.

      Der Hauslehrer:

Beruhigen Sie sich. Es ist nicht so schlimm.

      Der Sohn:

Ich danke Ihnen. Sie sind gut zu mir. Man wird Sie davonjagen, weil ich
ein Idiot bin.

      Der Hauslehrer:

Ich wollte, ich knnte Ihnen helfen.

      Der Sohn:

Mein Vater wird dafr sorgen, da es nicht geschieht.

      Der Hauslehrer:

Wie werden Sie es ihm sagen?

      Der Sohn:

Bitte telegraphieren Sie ihm, Sie wissen seine Adresse. Es ist mir
unmglich, das selber zu tun. Ich frchte seinen Zorn nicht, doch ich
leide an jedem Menschen und an jeder Strae. Ich bin gedemtigt durch
jede Existenz, die meine Sehnsucht nach ihr verringert. Ich finde es
emprend, da ein Gebude entsteht, aus dem man vermittels elektrischer
Wellen die Lfte ruiniert. Wie hasse ich dies Communiqu zwischen
Kaiser und Kommis! Der Teufel hat dafr gesorgt, da sich jede Braut
und jeder Sterbende noch um die Erde drahtet.

      Der Hauslehrer:

Ich mchte Ihnen etwas sagen. -- Seien Sie nicht bekmmert meinetwegen,
wenn Ihr Vater mich nach Ihrem Durchfall entlt ...

      Der Sohn

  (schnell):

Sie haben Familie und mssen sorgen. Ich bin schuld wenn Sie unser Haus
verlassen. Das tut mir leid.

      Der Hauslehrer:

Das soll Ihnen nicht leid tun! Denken Sie an sich. Wenn ich auch nur
Ihr Hauslehrer bin -- glauben Sie mir -- ich liebe Sie trotzdem!

      Der Sohn

  (ergreift seine Hnde):

Mein alter Freund, ich wute es, da Sie mich lieben. Eines Tages,
wenn ich geerbt habe, will ich Sie einladen auf eine Reise nach Paris
oder Hindostan. Dann werden wir in den Louvre gehn und mit arabischen
Mdchen soupieren. Die Erde, die uns trennt, ist nicht so gro! Auch
fr Sie leben die Gtter Homers und Schillers Lied an die Freude.

      Der Hauslehrer:

Was werden Sie jetzt tun?

      Der Sohn:

Vielleicht einen Monolog halten. Ich mu mich aussprechen mit mir. Sie
wissen, da man sonst diese Mode verachtet. Ich habe es niemals als
schimpflich empfunden, vor meinem eignen Pathos zu knien, denn ich
wei, wie bitterernst meine Freude und mein Schmerz ist. Seit meiner
frhesten Kindheit hab ich gelernt, die Einsamkeit um mich her zu
begeistern, bis sie in Tnen zu mir sprach. Noch heute kann ich in den
Garten gehn und vor etwaigen Bumen eine Symphonie dirigieren und mein
eigner Tenor sein ... Kennen Sie das Gefhl nicht?

      Der Hauslehrer

  (bescheiden):

Wir wohnen auf einer Etage.

      Der Sohn:

Wenn sie Beifall rufen und man sich verbeugen mu mit einer Nelke im
Knopfloch ...

      Der Hauslehrer:

Wer ruft denn?

      Der Sohn:

Die Leute, die nicht da sind! Begreifen Sie doch, Mensch: man lebt ja
nur in der Ekstase; die Wirklichkeit wrde einen verlegen machen. Wie
schn ist es, immer wieder zu erleben, da man das Wichtigste auf der
Welt ist!

      Der Hauslehrer:

Was soll ich Ihrem Vater telegraphieren?

      Der Sohn:

Schonen Sie ihn nicht: er hat mich! Ich wei, er wird rasen. Ich bin
feige, sonst wrde ich lgen, man habe mich von der Schule gejagt, da
um eine Stunde seine Wut sich vergrert. Telegraphieren Sie ihm alles,
was Sie wollen -- nur nicht, da Sie mich lieben.

      Der Hauslehrer:

Ich verstehe Ihren Vater nicht.

      Der Sohn:

Wenn Sie selber einmal Vater sind, werden Sie genau so wie er. Der
Vater -- ist das Schicksal fr den Sohn. Das Mrchen vom Kampf des
Lebens gilt nicht mehr: im Elternhaus beginnt die erste Liebe und der
erste Ha.

      Der Hauslehrer:

Aber sind Sie nicht der Sohn?

      Der Sohn:

Ja, deshalb bin ich im Recht! Das kann keiner verstehn auer mir.
Spter verliert man die Balance mit sich in dieser Zeit. Lieber Doktor:
vielleicht werden wir uns nicht wiedersehn. Hren Sie noch einen
blutenden Rat aus meinem Herzen: wenn Sie jemals einen Sohn haben,
setzen Sie ihn aus oder sterben Sie vor ihm. Denn der Tag kommt, wo Sie
Feinde sind, Sie und Ihr Sohn. Dann gnade Gott dem, der unterliegt.

      Der Hauslehrer:

Lieber Freund, wir werden uns allesamt in dieser Welt verirren. Weshalb
wollen Sie so grausam sein! Gehn Sie doch auf die Strae und sehen Sie
ein Tier an, das vor dem Donner erschrickt. Wissen Sie, wie hungrigen
Mdchen zumute ist, und sind Sie einmal einem Krppel begegnet, der
morgens um 6 Uhr Brot holt? Dann werden Sie dankbar sein, einen Vater
zu haben. Jedem von uns geschieht unrecht, und jeder tut unrecht. Wer
wirft den ersten Stein! Ich war ein armer Hund, und mein Vater hat fr
mich gearbeitet. Ich habe gesehn, wie er gestorben ist. Und ich habe
geweint. Wer das erlebt hat, der richtet nicht mehr.

      Der Sohn:

Wer hilft _mir_, wenn ich traurig bin? Glauben Sie, _ich_ kann
einschlafen jeden Abend, wenn ich schlafen mu? Glauben Sie, ich wte
nicht, wie weh es tut, wenn man am Sonntag nicht aus dem Hause darf, wo
doch jedes Dienstmdchen zum Tanze geht?

Mein Vater wird niemals dulden, da jemand auf der Welt mein Freund
ist. Ich habe die Sigkeit eines rmsten Bewohners noch nie gekostet.
Und weshalb redet er nicht mit mir ber Gott? Weshalb spricht er
nicht von Frauen? Weshalb mu ich heimlich Kant lesen, der mich nicht
begeistert? Und weshalb dieser Hohn ber alles, was doch weltlich ist
und schn? Glauben Sie, es gengt, wenn er mir manchmal am Abend das
Sternbild des groen Bren zeigt? Er sitzt mit seiner Zigarre unten auf
der Terrasse, wenn lngst kein Automobil mehr in die Stadt fhrt. Aber
ich stehe oben und kmpfe mit allen Gttern und sterbe vor einer Frau,
die ich noch nicht kenne. Wie oft bin ich des Nachts im Hemd ber die
Stiegen gewandelt, sehnschtig wie ein Geist, der keine Ruhe findet.

      Der Hauslehrer:

Htten Sie noch eine Mutter, Ihnen wre wohl.

      Der Sohn:

Meine Mutter starb bei meiner Geburt. Ich wei nichts von ihr. Alle
schlafen in der Nacht, wenn ich unglcklich bin. Meine Mutter ist mir
nie erschienen im Gold eines Himmeltags. Sie hat mich nie getrstet,
wenn das Fieber kam. Ich glaube, sie ist zu jung, um das zu verstehn.
Meine Mutter hat mit achtzehn Jahren geheiratet. Wie fern und kindlich
ist die Zeit, in der ich geboren bin!

      Der Hauslehrer:

Ich wei nicht, was ich Ihnen sagen soll. Ich mchte nicht, da diese
Stunde in den Brunnen fllt, ohne da ein Tropfen von Gte ber Sie
komme. Vielleicht meint Ihr Vater es dennoch gut mit Ihnen! Spter
werden Sie erfahren, wie schwer es ist, einen andern zu lieben. Heute
kennen sie keinen als sich. Ich habe viel bles erduldet in meinem
Leben, aber ich mchte niemandem dafr etwas antun. Und weil ich das
erkannt habe, will ich meiner grauen Haare froh sein.

Lieber Junge, es kommt noch so viel Zeit zum Hassen. Ich fhle, ich bin
arm vor Ihnen, denn ich kann Ihnen nicht helfen. Sie rhren mich so ...
verzeihen Sie ... (er weint) ...

      Der Sohn:

Vor einem Jahre htte ich mit Ihnen geweint aus Angst. Heute mu ich
lachen. Mich ekelt vor diesen Gefhlen. Wollen Sie ein Glas Wasser?

      Der Hauslehrer:

Ich danke, es ist vorber. Ich wrde Sie nicht berzeugen, und wenn
ich der Prophet Jesaia wre. Darber mu ich viele Tage nachdenken, um
wieder an Gott zu glauben. Weshalb gibt es Feindschaft auf der Welt!

      Der Sohn:

Es riecht nach Heilsarmee.

      Der Hauslehrer:

Leben Sie wohl. Sie sind jung. Sie sollen wissen, da Sie leben. Alles
was Sie tun, wird deshalb gut sein: wie knnte es anders geschehn!
Jetzt lachen Sie ber mich, weil ich von Liebe spreche. Einmal wird es
auch ber Sie kommen und Sie werden weinen. Dann denken Sie an mich! --
Jetzt will ich Ihrem Vater telegraphieren. (Er geht ab.)


Zweite Szene.

      Der Sohn

  (allein. Er geht zum Fenster und ffnet es. Die Abendsonne scheint):

    Dort unten, tief und herrlich ohnegleichen,
    Sind Wundernchte, die mich nie erreichen
    Im dumpfen Raum, der meine Kindheit sah.
    Ihr Bcherschrnke und ihr Schlerhefte,
    Erhebt euch, se, zauberische Krfte
    Und du, mein erster Weg nach Golgatha.
    Die Sonne sinkt. Riviera meiner Trume,
    Im Tenniskleide, wo ich dunkel stand --:
    Ich ruf euch her, ihr Wege und ihr Bume,
    Du Sonntagsball in meiner Kinderhand!
    O komm, im Schweben eines Nachbarhauses,
    Liebliches Mdchen, das ein Gru entzckt;
    Steig auf, Geruch des festlichen Geschmauses,
    Hast oft den Einsamen zur Nacht beglckt.
    In meinem alten Zimmer will ich knieen --
    Mein ganzes Leben strzt in diesen Saal:
    Mein Tisch, mein Stuhl, ihr Wnde sollt nicht fliehen --
    O Erde, nimm mit mir das Abendmahl!

  (Er kniet nieder mit ausgebreiteten Armen.)

    Vergebens klopf ich an dem bronzenen Tore
    Das mein Gefngnis von den Grten trennt,
    Musikkapellen und den Tanz im Ohre,
    Ein armer Krper, der am Staub noch brennt.
    Und doch, ich lebte, lebte unermessen,
    Auf diesem Boden, den ich nie besessen
    Das Leben grenzenloser Sehnsucht hin.
    Und hab ich nicht die Kraft, es zu erringen
    Will ich mich rckwrts in die Leere schlingen,
    Aus der ich mutlos nur gelandet bin.
    Hinauf denn, seidne Schnur, mich zu vernichten!
    Ich habe nie geliebt und bin allein.
    Du letzter Kreis von sterblichen Gesichten --
    Beflgle mich zu einem neuen Sein!

  (Er hat eine grne Schnur aus der Tasche gezogen und am Fenster
  befestigt.)

    Grnes Geschpf aus fremder Menschen Hnde:
    Was berwltigt mich dein Anblick so?
    Bin ich nicht auch ein Mensch -- ist das das Ende --
    O Abendsonne! Herz, ich bin so froh.
    Mut du mich hier an dieser Stelle finden!
    Hand lt nicht los, und Erde will nicht schwinden.
    Ein unbekanntes Feuer macht mich beben --
    In dieser Stunde kehrt mein Herz sich um:
    _Ich bin bei euch --: so will ich mit euch leben!_
    Wo ist dein Stachel, Tod -- -- -- -- Elysium -- --

  (Er taumelt, von groer Erregung bermannt, rckwrts ins Zimmer.)

    Geheimnis, du bist auch in mir entsprungen!
    Ich ahne Frauen, die niemand kennt;
    Ich fhle Arme, die einst mich umschlungen,
    Ein ses Gesicht meinen Namen nennt.
    Ich hre im drohenden Abendwind
    Viele, die arm und unglcklich sind;
    Ich seh im Sarge ein Kind, das schwebt:
    Ich wei, da viel Leid und viel Freude lebt.
    Vielleicht ist auf dieser Erde weit
    Noch ein Trost, eine Brcke zur Seligkeit --
    Ich will nicht sterben mit zwanzig Jahren.
    Ich mu noch leben. Ich mu das erfahren.

  (Er kommt zum Fenster zurck. Die Sonne geht unter.)

    Unendliches Gefhl! Du gabst ein Zeichen.
    Das Wunder soll mein erster Glaube sein.
    Konzert und Stadt -- ich werde euch erreichen!
    Mein Auto naht im Dmmerschein.
    Ich bin in Logen, ich werde soupieren
    Mit Schauspielerin und Champagnerwein;
    Bei einer Frstin in London sein,
    Und die Brillantnadel wird mich zieren.
    Ich werde ein neues System entdecken,
    Mit dem Fallschirm strzen aus einem Haus.
    Mein Schauspiel wird Parterre erschrecken:
    Ich werde leben! O Gold! O Applaus!
    Zerreie denn, Schnur, und vergehe statt meiner --
    Ihr aber, Gestalten des Abendscheins,
    Gebt mich noch einmal, beglckter und reiner,
    Zurck an die Freude des ewigen Seins!

  (Er zerreit die Schnur und wirft die Stcken aus dem Fenster.)


Dritte Szene.

  (Der Freund tritt ein.)

      Der Freund:

Du redest mit dir selber. Wie mutig du bist!

      Der Sohn:

Ich sehe dich heute zum erstenmal ...

      Der Freund:

Wir haben uns lange nicht gesehn. Ich komme von der Bahn. Das wundert
dich?

      Der Sohn:

Da ich noch hier bin -- das wundert mich noch mehr.

      Der Freund:

Ich hrte, du seiest durchgefallen. Wolltest du dich umbringen?

      Der Sohn:

Um es einfach zu sagen: ja.

      Der Freund:

Weshalb tatest du es nicht?

      Der Sohn:

Ich blieb am Leben.

      Der Freund:

Du verdankst dein Leben einem Plagiat an Faust. Darfst du noch immer
nicht Goethe lesen? Lt dein Vater dich wenigstens ins Theater gehn?

      Der Sohn:

Nein.

      Der Freund:

Da uns so oft der Tod begegnet! Heute auf der Bahn ist ein Kind
berfahren worden.

      Der Sohn:

Ich habe das Kind gesehn. Als ich mich tten wollte, erschien es mir.
Es ist ein Mdchen, klein, mit schwarzen Locken, im weien Kleid ...

      Der Freund:

Es _ist_ ein Mdchen -- woher weit du das??

      Der Sohn:

Ich wei mehr, als du ahnst. Doch habe keine Angst! Noch rede ich nicht
aus dem Jenseits. Ich hatte eine Offenbarung, hier. Ich glaube, da
alles auf der Welt in tiefer Gemeinschaft steht. Das wute ich bis
heute nicht! Ich bin am Leben geblieben, weil ich wieder froh bin.
Wenn Gott mir gndig ist, werde ich eines Tages auch die Liebe und den
Schmerz erfahren. -- Wie soll ich das erklren! Von der Matura zum
berirdischen ist ein weiter Weg.

      Der Freund:

Ich bin hergelaufen, dich zu sehn. Ich ahnte, du wrdest etwas tun.

      Der Sohn:

So sind wir uns auf der Strecke des ~D~-Zugs im Abend begegnet.

      Der Freund:

Warte einen Augenblick. La uns von der Wirklichkeit reden. Mein Herz
klopft so. Gestern habe ich von dir getrumt: wir liebten zusammen eine
Frau. Ich fhlte, da wir uns nicht kannten. Wir gingen beide fern ber
Schneefelder vor einem knabenhaften Horizont. Jetzt, wo ich hier bin,
bist du mir so nah!

      Der Sohn:

Du trittst in dieses Zimmer zur rechten Zeit. Nicht umsonst hast du
zwei Jahre vor mir die unfabare Welt gesehn. Eine Stimme rief dich, um
mir armem Geschpf zu helfen. Alles in mir ist heute so hochgespannt,
da die Tne der elektrischen Bahn vor unserm Haus, obwohl ich sie
verachte, mich an die Ewigkeit erinnern.

      Der Freund:

Kann ich dir helfen?

      Der Sohn:

Schon hat fr mich das Diesseits begonnen. Hilf mir, die kommende Erde
empfangen! Du sahst ein Kind sterben, das mich vom Tode erlst hat.
Aus seinen kleinen Hnden ist die Macht des Daseins ber mich gefallen,
wie ein goldner Regen auf die Saat der Hirten. Nun, wo ich lebe,
will ich vieles erfahren, denn ich werde geliebt sein. Frher konnte
ich keine Strae sehen, weil am berma des Geschauten mein Gehirn
zersprang. Jetzt will ich gerne mit den Metallarbeitern in die Tiefe
fahren, um auch dort noch zu empfinden, da ich ein Mensch bin.

      Der Freund:

Du bist trunken vom Dasein, aber du kennst sein Gift nicht. Ich sehe
mit tiefem Schrecken, wie verndert du bist. Heute beginnt dein
Sterben, wo du zu leben beginnst.

      Der Sohn:

Ich glaube an alles, was ich sah. Weshalb willst du an mir zweifeln?

      Der Freund:

Das Kind auf den Schienen ist dein Untergang. Du hast die Seligkeit der
Welt gekostet an deinem Firmament. Aber ich hasse diese Sterne und die
Liebe ekelt an, denn ich habe zu tief ihre Schwche gesprt. Alles was
mich reizte, das hab ich genossen. Das Zuwenig hat mich gettet, nicht
das Zuviel. Ich kam zu dir, weil ich glaubte, du seiest noch rein und
unberhrt. Ich wollte dich warnen, hr auf mich! Ich bin verdorben im
Paradiese und nun, wo ich fliehe, bin ich allein. Weshalb hat man mich
nicht als Krppel geboren, dann htte ich nie eine Frau besessen oder
einen Freund, und dann wre ich nicht hier.

      Der Sohn:

Wir stehn einander gegenber, jeder an seinem Pol. Doch es gibt noch
ein Zenit, zu dem werden wir aufsteigen, du und ich.

Kann ich etwas fr _dich_ tun?

      Der Freund:

Gib mir den Duft wieder einer Blume im Sommer, als noch verboten war,
sie fr die Geliebte zu pflcken. Gib mir die Sehnsucht zurck nach
jenem Trick im Variet, mit dem man Brger begeistert. La mich noch
einmal reisen, in kindlicher Phantasie, auf einem Regenbogen von
Argentinien nach Venedig. Wie hat mich das erste Lcheln eines Mdchens
bewegt auf der Konfirmandenbank neben mir in der Kirche! Und die kleine
Vorstadt, wenn sich am Himmel die Rte der Nacht erhob, wie hat sie
mich schauernd entfhrt nach Berlin! Nun schreite ich wieder dieselben
Alleen, wo einst Unsterblichkeit in mir wurde, und weine in mich
hinein, da ich nichts mehr erlebe und nichts mehr opfern kann.

      Der Sohn:

Ich durchschaue dich -- du sprichst wahr. Du hast deine hchste Kurve
noch nicht erreicht aus Schwche und Unvollkommenheit. Aber jeder lebt
nur, der am strksten wei, was er ist! Ich mchte zu dir sagen steh
auf und folge mir. Wenn mir die Tore der Welt sich ffnen, kann es
nur aus Schnheit und Gre geschehn. Vielleicht aber kannst du, der
manches erfahren hat, mir die Schlssel zeigen. Darum bitte ich dich,
weil ich so hilflos bin ...


Vierte Szene.

  (Das Frulein tritt ein.)

      Das Frulein:

Es wird dunkel. Soll ich die Lampe bringen?

      Der Sohn:

Ja, Frulein. Wann werden wir zu Abend essen?

      Das Frulein:

In zehn Minuten ist es neun.

      Der Sohn:

Bringen Sie dann die Lampe. (Das Frulein geht.)


Fnfte Szene.

      Der Freund:

Ein schnes Mdchen!

      Der Sohn:

Kennst du sie nicht? Das ist die dritte Gouvernante. Ich mu jeden
Abend mit ihr essen um neun Uhr. Mein Vater will es so.

      Der Freund:

Hast du gesehn, wie sie zu uns ins Zimmer trat! Kannst du es ermessen,
wenn eine Frau zu dir kommt, wo die Erde doch voll ist von andern!
Bist du ein Mensch und fhlst nicht das Ewige ihres Schrittes in der
Dmmerung? Du solltest deinen Vater segnen, da er dich jeden Abend mit
ihr leben lt -- jeden Abend, o Mensch! Weit du denn, wie lange du
lebst? Bist du nicht glcklich, da so viel dir geschieht! Sie it von
der gleichen Speise wie du und trinkt aus dem gleichen Krug. Welche
Harmonie, welch erschtterndes Wort, da sie schlafen mu wie wir alle
und Tee kocht und Zimmer staubt, wo sie doch ein gttliches Wesen ist
und auf Inseln wohnt.

      Der Sohn:

Was du sagst, habe ich nie gewut. Wie kann etwas so Schnes lebendig
sein?

      Der Freund:

Denk an Penelope!

      Der Sohn:

Seitdem ich dies Wort auch auf Kabarettnummern las, schwindelt mir
nicht mehr im Palaste des Homer.

      Der Freund:

Du wirst einmal erfahren, weshalb Gott alle Frauen eins sein lie --
zum Fluch und zum Segen.

      Der Sohn:

Sprich weiter von dieser Frau. Ich habe Angst.

      Der Freund:

Eine Welle ihres Haares schwimmt noch im Raum. Weshalb liebst du sie
nicht?

      Der Sohn:

Wie kann ich das?

      Der Freund:

Sie wird deine Augen sehend machen -- du Narr am verschlossenen Tor.
Durch sie sind die Riegel gesprengt, und du wirst etwas erkennen von
dem Schauspiel der Welt. Hab keine Angst, sie ist gtig. Auch deine
Mutter war eine Frau wie sie. Du wirst ihr Kind sein.

      Der Sohn:

Eine tiefe Trauer erfllt mich vor dem, was ich niemals werde sehn
und nie werde sagen knnen. Ich denke nur an die Steppen Sibiriens,
obwohl ich manchmal einen alten Mann im Graben finde und wei, da
viele im Schnee verhungern. Ein Schauer erfat mich, da ich nirgends
die Schpfung begreife! Ich denke des Augenblicks, da ich mitten im
Frhling gehe und doch nur ein Fingerzeig bin am Himmel, der ber mir
lastet. Alles, was mir geschieht, ist ja ewig geschehn! Was bleibt denn
von mir in dieses Daseins ruhloser Kette!?

      Der Freund:

Die Not deines Herzens, die Trne in der Nacht und die Auferstehung am
Morgen!

      Der Sohn:

Komm bald wieder, dann werde ich dir nher sein. Ich will das Wunder
kennen lernen, ehe der Schatten meines einsamen Zimmers mich wieder
umhllt. Ich will diesen Zaubergarten betreten, und koste es mein
Augenlicht! Vor einer halben Stunde hab ich geschworen, der Freude zu
gehren, die ich noch nicht kenne. Einmal mu mein Dasein mich erhren,
vielleicht heute, vielleicht in hundert Tagen. Ich fhle, die Zeit ist
nicht fern.

      Der Freund:

Ich bin so zuversichtlich: dich fhrt ein gutes Gestirn. Ich komme
wieder, wenn du mich brauchst. So entfliege denn!

      Der Sohn:

Auch du, mein Freund, im grenzenlosen Gefhl!

      Der Freund:

Dich trgt die Woge noch hin. Mich rief sie zurck. Leb wohl. (Er
geht.)


Sechste Szene.

  (Der Raum wird dunkler. Das _Frulein_ tritt ein mit der Lampe. Sie
  deckt den Tisch und trgt das Essen auf.)

      Der Sohn:

Frulein! Ich sehe, da Ihr Haar blond ist. Sie stehn zwischen Lampe
und Dmmerung.

      Das Frulein

  (am Fenster):

Die Wolken sind noch hell. In unserm Dorf kommen die Khe heim. Wie
schn ist dieser Abend!

      Der Sohn

  (leise):

Und wie schn sind Sie!

      Das Frulein

  (sieht ihn aufmerksam an):

Sind Sie traurig?

      Der Sohn:

Traurig? Weshalb? Weil ich durchgefallen bin? O nein. -- Ich bin froh.

      Das Frulein:

Dann wollen wir zu Abend essen. (Sie setzen sich.)

      Der Sohn

  (ohne etwas zu berhren):

Wir haben so oft an diesem Tisch gesessen; fremd. Und wir sind es
gewhnt.

      Das Frulein:

Bin ich Ihnen immer so fremd gewesen?

      Der Sohn:

Frulein, man hat mir gesagt, da Sie leben und auf der Erde sind.
Ich mu lernen, viel zu verstehn. Da Sie eine Stimme haben und auf
silbernen Fen durch das Zimmer gehn.

      Das Frulein

  (lchelnd):

Ach, wer hat Ihnen das alles geschwindelt! Das glauben Sie doch nicht.

      Der Sohn

  (mit groem Ernst):

Ich glaube _alles_ und noch mehr.

      Das Frulein:

Soll ich Ihnen ein Brot streichen?

      Der Sohn:

Ich kann nichts essen.

      Das Frulein:

Ich habe oft an Sie gedacht und Mitleid mit Ihnen, weil Sie so strenge
gehalten sind. Ich mchte gern, aber ich darf ja nicht anders.

      Der Sohn:

Das ist wahr, es ist dster hier.

      Das Frulein:

Sie mssen nicht daran denken. Es kommen wieder gute Zeiten.

      Der Sohn:

Wenn ich Sie um etwas bitte, wrden Sie es tun?

      Das Frulein:

Was soll ich fr Sie tun?

      Der Sohn:

Ich mu eine Frau lieben. Lassen Sie mich fort heute abend.

      Das Frulein:

Kleiner Junge! Seit wann ist das ber Sie gekommen?

      Der Sohn:

Seit heute, Frulein, seit heute.

      Das Frulein:

Hat Ihr Vater nicht strenge verboten, da Sie am Abend ausgehn?

      Der Sohn:

Frulein! Als ich sieben Jahre war, nahm mein Vater mich mit auf eine
Fahrt. Wie erschrak ich vor dem Tunnel -- ich dachte, es sei die Hlle.
Wir fuhren im Dampfboot den Flu hinab und standen einen Augenblick
im Maschinenraum. Da sah ich zum erstenmal die riesige Glut und die
schwarzen Menschen voll Schwei. Wissen Sie, was mein Vater tat? Er gab
jedem Heizer eine Mark. Ich war mit den armen Teufeln so froh.

      Das Frulein:

Sie haben ein gutes Herz.

      Der Sohn:

Als ich grer war, hab ich oft gewnscht, mein Vater mge auch mir
eine Mark schenken, denn ich wollte mir Sigkeiten kaufen. Aber das
hat er nie getan. Ich wei nicht warum. Er sagte, ich knnte mir
Krankheiten holen.

      Das Frulein:

Wenn ich jetzt eine Mark htte, dann schenkte ich sie Ihnen.

      Der Sohn:

Was ntzt mir heute die Mark! Ich kann nicht die Droschke bezahlen, mit
der ich fahren will.

      Das Frulein:

Es gibt bse Frauen. Vielleicht kommen Sie traurig zurck.

      Der Sohn:

Kann ich noch trauriger werden als in den zwanzig Jahren meines Harrens
auf diesem nahen Stern! Wann endlich werden mir die Fanfaren tnen? Ach
Frulein, und doch gab es Stunden, in denen man traumhaft seine Sphre
verlie -- wenn wir im Sommer in Konzerten saen mit rosa Damen am
Gelnder des ewigen Stroms.

Geben Sie mir den Hausschlssel!

      Das Frulein

  (nimmt den Hausschlssel und gibt ihn):

Hier haben Sie ihn.

      Der Sohn

  (ergreift ihn):

So halte ich denn dies kostbare Gut, (er springt auf und taumelt) ach,
ich bin wie ein Blinder. Meine Augen sind die Helle nicht gewhnt. Ich
frchte, ich knnte ihn verlieren. Nehmen Sie ihn wieder! (Er gibt ihn
zurck.)

      Das Frulein:

Werden Sie nicht ausgehn?

      Der Sohn

  (aufmerksam):

Frulein, war das nicht ein Opfer -- ein Geschenk von Ihnen? Wenn mein
Vater das wte, es kostet Sie Ihre Stellung ...

      Das Frulein

  (lchelnd):

So helfen Sie mir dafr Ihrem Vater schreiben. Er will doch jeden Tag
einen Brief haben, wie es geht im Hause. Ich wei nicht, was ich ihm
schreiben soll! (Sie nimmt Feder und Tinte.)

      Der Sohn:

brigens: ich will mit meinem Vater reden! Schreiben Sie ihm, er soll
wiederkommen.

      Das Frulein

  (sitzt bei der Lampe und schreibt):

Der wievielte ist heute? Der Zwanzigste.

      Der Sohn:

Ja, ich will mit ihm reden. Er soll es wissen. Ich mu bald etwas
Groes tun. Ich hre auf, in dieser Schule zu lernen. Wie viel werde
ich ihm sagen ..!

      Das Frulein

  (sieht ihn an):

Soll ich das alles schreiben?

      Der Sohn:

Ich werde nach Hamburg fahren und die transatlantischen Dampfer sehn.
Ich will mir auch Frauen halten. Glauben Sie es nicht, Frulein?

      Das Frulein:

Aber das kann ich doch Ihrem Vater nicht schreiben!

      Der Sohn

  (steht hinter ihr und zeigt ber sie weg auf das Papier):

Dann schreiben Sie ihm, er soll wiederkommen.

      Das Frulein

  (schreibt).

      Der Sohn

  (legt die Hnde auf ihre Schultern und zittert).

      Das Frulein

  (ohne sich umzuwenden):

Was machen Sie da -- so kann ich nicht schreiben!

      Der Sohn

  (ffnet ihre Bluse am Hals und berhrt sie).

      Das Frulein:

Ah, jetzt ist ein Flecken auf dem Papier --

      Der Sohn

  (beugt sich tiefer zu ihr).

      Das Frulein

  (zurckweichend, fast ber dem Papier):

Nicht doch; wenn Ihr Vater --

      Der Sohn:

Ich liebe Sie! (Sie wendet sich um. Er kt sie mit schneller,
ngstlicher Gewalt.)

      Das Frulein

  (steht auf und wendet sich ab. Dann ordnet sie ihr Haar. -- Nach
  einer Weile):

Was soll nun werden!

      Der Sohn

  (in groer Verwirrung):

Es ist etwas vorgegangen ... zrnen Sie mir nicht ...

      Das Frulein

  (mit leiser, guter Stimme):

Sie sind mir niemals fremd gewesen. (Sie nimmt die Lampe.) Gute Nacht!
(Sie geht schnell.)


Siebente Szene.

      Der Sohn

  (allein. Nacht. Augusthimmel):

    Da mir unendliche Gestirne scheinen,
    Wie bin ich anders jedem Stern geweiht!
    Sie schufen mich zu leben und zu weinen.
    Ich bin dem Ewigen nher, bin bereit.
    Nicht wildem Rausch, noch schmerzlichem Erkennen --
    Gib, Stunde, mich der tiefen Wonne hin:
    Da ich im ungeheuersten Verbrennen
    Auf dieser Welt erfahre, wer ich bin.
    Schon hr ich, wie die Nchte sich erschlieen
    Dem unbekannten Geist in Glck und Leid;
    Mein Leben wird von Segen berflieen --
    Wie jedem Menschen, kam auch mir die Zeit.
    Denn ein Geschpf, das liebend sich erneuert,
    Wird grer an der Flle seines Tags;
    Von diesem Grten bin ich angefeuert,
    Und die Gewiheit ruft mich: nimm und trag's!
    Und la mich sein in tausendfacher Nhe
    Da ich die Wunder meines Lebens schau.
    Da ich in allem werde und vergehe --
    Gott ist mir gut. Wie schn ist diese Frau!

  _Ende des ersten Aktes._




Zweiter Akt.


Erste Szene.

  Ein Tag spter.

  Der gleiche Raum. Die gleiche Stunde.

  _Der Sohn._ _Das Frulein._

      Der Sohn:

Eine schne Frau in unsrer Stadt hat sich das Leben genommen. Man sucht
den Vierwaldsttter See ab mit Booten und mit Lichtern, aber ihre
Leiche findet man nicht. Einige behaupten, sie sei nicht gestorben,
sondern lebe noch. Ich erschaure, wenn ich das hre! Wird sie
auferstehen von den Toten? Wie gleichgltig, ob ihr Mann eine Mtresse
hat.

Ich konnte nicht schlafen die Nacht. So ging ich in den Park und legte
mich ins Gebsch unter den schweflig gelben Mond.

Welch ein Wind aus dem ungezgelten Raum hat diese Frau fortgerissen
von ihrem Sessel in der Loge, wo man sie erblicken konnte wchentlich
zweimal im Theater. In welche Finsternis ist sie geschwunden! Wer half
ihr in der Not? Wei jemand um die Trnen, eh ihr gekruseltes Antlitz
versank im See!

      Das Frulein:

Sie hat zwei Kinder; ein kleines Mdchen.

      Der Sohn:

Deshalb kann sie nicht aufgehn in Staub oder Wasserdunst. Der Genius
lebt weiter -- ihr Kinder! Sie wird euch beistehn in der schmerzlichen
Tageszeit. Wieviel Unvergngliches ist in uns!

Als ich mich erhob vom Boden, schrie ein Vogel ber dem Teich; da sah
ich Ihre Brste, wei im Schatten des Gemachs.

      Das Frulein:

Es war so schwl. Auch ich konnte nicht schlafen. Ich stand am Fenster
lange Zeit.

      Der Sohn:

Und ich empfand auch Sie s in meiner Heimat und fhlte mich in Ihrer
Hut.

      Das Frulein:

Wir sind schlecht. Wir sinken immer tiefer. Und Ihr Vater vertraut mir.

      Der Sohn:

Welche Wollust, ihn zu betrgen! Als ich Sie gestern in seinem Zimmer
kte, wie geno ich dieses Glck. Und das Sofa, auf dem wir uns
umarmten, hat meine Rache gesprt. Und die toten, hhnischen Mbel, vor
denen mein Vater mich prgelt, haben alle, alle das Wunder gesehn. Ich
bin nicht mehr der Verachtete. Ich werde Mensch!

      Das Frulein:

Ihr Vater hat vielen, die in Not sind, geholfen. Wir mssen ihm dankbar
sein! Oft, wenn die Nachtklingel durchs Haus schrillte, stand Ihr Vater
auf und holte Wein aus dem Keller und eilte zu einem Kranken, der am
Sterben war. Es geht ein Trost von ihm aus in der Dunkelheit des Todes
und der Armut. Er hat mehr Gutes getan als wir.

      Der Sohn:

Ja Frulein, und deshalb will ich mit ihm reden. Er mu mich hren,
er mu mir helfen -- er, der ein Arzt ist und am Bette von Tausenden
steht. Sollte er den eignen Sohn in der Verzweiflung verlassen? Ich
will ihm alles sagen, was mir auf der Seele ist. Ich will darauf bauen,
da meine Kraft strker wird als sein Mitrauen in all den Jahren. So
will ich vor ihn hintreten: es tut not, da wir uns fester aneinander
halten, wieder einer am andern.

Lassen Sie mich noch Ihre Wrme fhlen, ehe der Frost des Wiedersehens
mir am Herzen wrgt. Knnt ich ihn berwinden! Durch Ihren Mund hrte
ich die Stimme des Lebendigen und der Gnade. Doch werde ich versuchen,
meinen Vater in Erhabenheit zu finden, wie der Gott der Freude mir in
dieser Nacht verkndet ist. Die Rosse Achills sollen feurig vor meinen
Wagen gespannt sein! Jetzt habe ich Mut, alles zu tun, denn ich glaube
an mich.

      Das Frulein:

Deine Augen leuchten -- wie schn ist diese Glut! Noch bist du bei mir,
noch habe ich dich. Und wei doch, da ich dir nur eine kleine Spur
bin im Garten des groen Gefhls. Komm, vielleicht hast du mich morgen
schon vergessen. Und heute lieb ich dich so.

      Der Sohn:

Liebes Frulein, la mich bei dir sein diese Nacht. Ich will dich
lieben! Erflle, was kindliche Ehrfurcht noch scheu mir verhllt hat.
Dieser Tag des harrenden Schicksals mu in purpurnem Glcke enden.
Ihr Feuer am Himmel meiner Heimat! Ihr Hochfen und ihr Pappeln!
Vor azurner Helligkeit lat mich zum Manne werden! Auch das mu ich
besitzen, damit ich ganz erfahre, wes Geistes ich bin.

      Das Frulein:

Mein kleiner Junge, komm zu mir, wenn es dich glcklich macht. Ich
mochte dir so nahe sein! Ich streichle ja deine Hnde, und wenn
das geschieht, kann es nicht verloren gehn. Du sollst einmal voll
Dankbarkeit an mich denken. Geh zu keiner andern Frau. Ich will fr
dich sorgen. Und bei mir darfst du alles tun.

      Der Sohn:

Sage, da du mich liebst, dann brauche ich nichts mehr zu frchten. Ich
knnte dir eine Schlacht gewinnen. Ich will es, wenn ich vor meinem
Vater bin.

      Das Frulein

  (streichelt ihn):

Und doch, wie wenig wird das, was du in dieser Nacht tust, aus Liebe
geschehn. Was weit du vom Leiden und vom Opfertod! In dir ist das
Mnnliche: Du wirst kmpfen. Ich wollte, du kmest wieder, zerrissen,
mit blutiger Stirn, dann wrdest du erfahren, was eine Frau ist. Aber
nein -- du sollst siegen! Du liebst mich nicht, weil du mich liebst. Du
mut mich besitzen. Und weit nicht, was ich fr dich tue.

      Der Sohn:

Ich werde dich nicht berhren, wenn du es nicht willst.

      Das Frulein:

Ich bin trotzdem bei dir. Liebt' ich dich denn, wenn ich dir nicht
ein Opfer brchte? Ich wei, da ich zu vielen Trnen verurteilt bin.
Aber das mu wohl so sein. Welche schmerzliche Seligkeit auf der
schwankenden Brcke der Lust!

      Der Sohn:

Ich werde jeden tten, der dich verletzt: und wre es mein Vater.

      Das Frulein:

Wie unverstndig bist du und wie s! In wieviel Strke, wieviel
Khnheit stehst du vor mir. Ich mu dich kssen, mein kleiner ser
Held. Da Gott solche Jnglinge schuf! Denk an mich, wenn eine andere
Frau dich so in ihren Armen hlt. Und tte dich nicht -- du wirst mir
bald sehr wehe tun. Jetzt ist der Stern deines Wagens am hchsten mir
zugekehrt, jetzt, wo du noch nichts geliebt und bald alles genossen
hast. Diese Stunde kommt nicht wieder. Der Himmel soll dich behten vor
Traurigkeit.

      Der Sohn:

Heute Nacht -- schwr mir, da du kommst!

      Das Frulein:

Ja, ich komme! Es mu doch ein Wesen sein auf der Welt, durch das sich
zum erstenmal deine Seele ergiet. Ein Wesen, das dich beschtzt, das
dich begleitet zum Licht.

      Der Sohn:

Frulein! Mir ist so schwer und dunkel. Da seh ich uns beide stehn in
Wolken, mitten zwischen Erwartung und Schmerz. Sind wir nicht im Hause
meines Vaters, das uns alt und feindlich umschliet! Und du redest zu
mir schne und fremde Worte wie nie zuvor. Kehrt das Rtsel wieder in
des Trumenden dstre Gewalt? Ist Aladins Wunderlampe da im Mrchen
auf der Amme Knie? O Wunder, das Gott mir verheien! Wie kann ich das
deuten -- heute ist eine Nacht und morgen ein Tag -- werde ich die
Sonne sehn, die uns alle umstrahlt?

      Das Frulein

  (nach einer Weile leise und bitterlich):

Es gibt viele Sonnen, die wirst du sehn.

      Der Sohn:

Was kann ich denn fr _dich_ tun? Soll ich meinem Vater sagen, da ich
dich liebe?

      Das Frulein:

Und was geschieht, wenn er es glaubt? Willst du mich mit dir nach
Hamburg nehmen?

      Der Sohn:

Ja, Frulein.

      Das Frulein:

Ich fhl es, du hast Mut. Aber wer soll das Billett bezahlen?

      Der Sohn:

Kann man nicht zu Fu hingehn? Jemand wird uns schon weiterhelfen. Es
mu doch noch Menschen geben, wie im goldenen Zeitalter, die einander
Brot reichen von Meer zu Meer. -- Ich brauche meinen Vater nicht.
Wenn ich sterben konnte ohne ihn, so werde ich doppelt ohne ihn leben
knnen. Ein Gerusch deines Kleides, und ich betrete dies Haus nicht
mehr.

      Das Frulein:

Ja, du wrdest mich entfhren auf Sternschnuppen. Du glhst. Und wie
verlegen wirst du sein, wenn dich der erste Portier nach unserm Namen
fragt. Und wie ungeschickt, wenn du am Abend Butter und Brot kaufst. In
welchem Traumland hast du gelebt! Du sprichst von Hamburg und denkst an
Babylon und die Gewsser des Roten Meeres ...

Nein, sage deinem Vater nichts. Du wirst bald gehn; aber mich la
bleiben. Hier werde ich immer etwas haben, eine Kraft von dir, etwas
Festes im Raum. Wenn ich nun fort mte, wie unterirdisch wrde
mein Schritt! Ich will den Tag erleben, der dich wiederbringt als
Triumphator ber all deine Kinderzeit. Die Wiesen und Bume vor deinem
Vaterhause -- vielleicht fhrst du vorber und kehrst nicht ein --
werden dir offenbaren, was du gelitten hast. Du wirst glcklich sein.

      Der Sohn:

Weshalb willst du nicht mit mir kommen?

      Das Frulein:

Weil ich dich schon verloren habe, ehe du es ahnst. Weil du mich
verlassen _mut_. Weil du leben und kmpfen wirst.

      Der Sohn:

So hilf mir!

      Das Frulein:

Heute kann ich es noch. Morgen tut es ein andrer.

      Der Sohn:

Werde ich manchmal dich sehen auf meinem Wege? Wirst du mir erscheinen,
krperlos, am Rande der groen Alleen?

      Das Frulein:

Wir vielen, die begnadet sind, knnen nicht verschwinden einer in des
andern Herz. Im hchsten Gefhl erinnere dich des Wortes! Wer kann
sagen, da ein Schicksal zu Ende ist, und wo ist der Anfang unsres
Sterns.

      Der Sohn:

Ein kindliches Gesicht steigt mir auf. Ich brachte meinem Vater Tulpen,
als einst sein Geburtstag war. Er hob mich an seine Brust -- da wut'
ich, da ich lebte, da ich war.

Eine Gouvernante, deine Vorgngerin, schlug mich einmal, weil ich im
Bette noch leise sang. Nun fhl ich es wieder.

Geburt und Dasein -- O Seligkeit! Ich werde ewig -- ewig sein --

  (Er kniet vor sie hin.)

      Das Frulein

  (hlt ihn):

Alles flieht. Eins nur bleibt mir: Dein Glck. Und wenn ich dich jetzt
noch fest in meinen Armen halte, und du aufsiehst zu mir, so wei ich
-- eine Botschaft des Lebens ist dir verkndet; deshalb bin ich hier.

      Der Sohn:

Ich werde dich nie verlassen.

      Das Frulein:

Und wenn der Engel mich holt mit dem Schwert?

      Der Sohn:

Ich halte dich! Ich seh dich wieder! Ich zaubre dich aus den Veilchen
des Acheron! Geliebte Frau, ich wrde dich finden, morgen abend im Kino
als Knigin unerreichbar und ertrumte schne Kokotte in einem Pariser
Montmartre-Lokal. Oh, da ich dies erleben durfte! Die Welt wird immer
herrlicher vor meinem Blick.

  (Ein Wagen rollt, er springt auf.)

Das wird mein Vater sein ... Komm zu mir diese Nacht ... ich erwarte
dich hier ...

  (er eilt zum Fenster)

Ein Wagen, der vorm Hause hlt! Er ist es. Ich erkenne seinen
Schritt. Nun mag es beginnen! Mit dieser Flle im Herzen will ich ihm
entgegengehn.

  (Das Frulein geht ab nach rechts. Der Sohn kommt zurck.)


Zweite Szene.

  (Der Vater tritt ein.)

      Der Sohn

  (geht ihm einen Schritt entgegen):

Guten Abend, Papa!

      Der Vater

  (sieht ihn eine Weile an, ohne ihm die Hand zu reichen):

Was hast du mir zu sagen?

      Der Sohn:

Ich habe mein Examen nicht bestanden. Diese Sorge ist vorbei.

      Der Vater:

Mehr weit du nicht? Mute ich deshalb zurckkehren?

      Der Sohn:

Ich bat dich darum -- denn ich mchte mit dir reden, Papa.

      Der Vater:

So rede!

      Der Sohn:

Ich sehe in deinen Augen die Miene des Schafotts. Ich frchte, du wirst
mich nicht verstehn.

      Der Vater:

Erwartest du noch ein Geschenk von mir, weil sich die Faulheit gercht
hat?

      Der Sohn:

Ich war nicht faul, Papa ...

      Der Vater

  (geht zum Bcherschrank und wirft hhnisch die Bcher um):

Anstatt diesen Unsinn zu lesen, solltest du lieber deine Vokabeln
lernen. Aber ich wei schon -- Ausflchte haben dir nie gefehlt.
Immer sind andere schuld. Was tust du den ganzen Tag? Du singst und
deklamierst -- sogar im Garten und noch abends im Bett. Wie lange
willst du auf der Schulbank sitzen? All deine Freunde sind lngst fort.
Nur du bist der Tagedieb in meinem Haus.

      Der Sohn

  (geht hin zum Schrank und stellt die Bcher wieder auf):

Dein Zorn galt Heinrich von Kleist; (er berhrt das Buch zrtlich) der
hat dir nichts getan. -- Welchen Mastab legst du an!

      Der Vater:

Bist du schon Schiller oder Matkowski? Meinst du, ich hrte dich
nicht? Aber diese Bcher und Bilder werden verschwinden. Auch auf
deine Freunde werde ich ein Auge werfen. Das geht nicht so weiter. Ich
habe kein Geld gespart, um dir vorwrts zu helfen; ich habe dir Lehrer
gehalten und Stunden geben lassen. Du bist eine Schande fr mich!

      Der Sohn:

Was hab ich verbrochen? Hab ich Wechsel geflscht?

      Der Vater:

La diese Phrasen. Du wirst meine Strenge fhlen, da du auf meine Gte
nicht hrst.

      Der Sohn:

Papa, ich hatte anders gedacht, heute vor dir zu stehn. Fern von Gte
und Strenge auf jener Wage mit Mnnern, wo der Unterschied unseres
Alters nicht mehr wiegt. Bitte, nimm mich ernst, denn ich wei wohl,
was ich sage! Du hast ber meine Zukunft bestimmt. Ein Sessel blht
mir in Ehren auf einem Amtsgericht. Ich mu dir meine Ausgaben
aufschreiben -- ich wei. Und die ewige Scheibe dieses Horizontes wird
mich weiterkreisen, bis ich mich eines Tages versammeln darf zu meinen
Vtern.

Ich gestehe, ich habe bis heute darber nicht nachgedacht, denn die
Spanne bis zum Ende meiner Schule erschien mir weiter als das ganze
Leben. Nun aber bin ich durchgefallen -- und ich begann zu sehn. Ich
sah mehr als du, Papa, verzeih.

      Der Vater:

Welche Sprache!

      Der Sohn:

Eh du mich prgelst, bitte, hr mich zu Ende. Ich erinnre mich gut der
Zeit, als du mich mit der Peitsche die griechische Grammatik gelehrt
hast. Vor dem Schlaf im Nachthemd, da war mein Krper den Striemen
nher! Ich wei noch, wie du mich morgens berhrtest, kurz vor der
Schule; in Angst und Verzweiflung mut ich zu Hause lernen, wenn sie
lngst schon begonnen hatte. Wie oft hab ich mein Frhstck erbrochen,
wenn ich blutig den langen Weg gerannt bin! Selbst die Lehrer hatten
Mitleid und bestraften mich nicht mehr. Papa -- ich habe alle Scham
und Not ausgekostet. Und jetzt nimmst du mir meine Bcher und meine
Freunde, und in kein Theater darf ich gehn, zu keinem Menschen und
in keine Stadt. Jetzt nimmst du mir von meinem Leben das Letzte und
rmste, was ich noch habe.

      Der Vater:

Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Sei froh, da ich dich nicht
lngst aus dem Hause gejagt.

      Der Sohn:

Httest du es getan, ich wre ein Stck mehr Mensch als ich bin.

      Der Vater:

Du bist noch mein Sohn, und ich mu die Verantwortung tragen. Was du
spter mit deinem Leben tust, geht mich nichts an. Heute habe ich zu
sorgen, da ein Mensch aus dir wird, der sein Brot verdient, der etwas
leistet.

      Der Sohn:

Ich kenne deine Sorge, Papa! Du bewahrst mich vor der Welt, weil
es zu _deinem_ Zwecke geschieht! Aber wenn ich das Siegel dieser
geistlosen Schule, die mich martert, am Ende auf meinem Antlitz trage,
dann lieferst du mich aus, kalt, mit einem Tritt deiner Fe. O,
Verblendung, die du Verantwortung nennst! O Eigennutz, Vterlichkeit!

      Der Vater:

Du weit nicht, was du redest.

      Der Sohn:

Und trotzdem will ich versuchen, noch heute in dieser Stunde, mit aller
Kraft, der ich fhig bin, zu dir zu kommen. Was kann ich denn tun,
da du mir glaubst! Ich habe nur die Trnen meiner Kindheit, und ich
frchte, das rhrt dich nicht. Gott, gib mir die Begeisterung, da dein
Herz ganz von meinem erfllt sei!

      Der Vater:

Jetzt antworte: was willst du von mir?

      Der Sohn:

Ich bin ein _Mensch_, Papa, ein Geschpf, ich bin nicht eisern, ich bin
kein ewig glatter Kieselstein. Knnt ich dich erreichen auf der Erde!
Knnt ich nher zu dir! Weshalb diese schmerzliche Feindschaft, dieser
in Ha verwundete Blick? Gibt es ein Nest, einen Aufstieg zum Himmel --
ich mchte mich an dich ketten -- hilf mir! (Er fllt vor ihm nieder
und ergreift seine Hand.)

      Der Vater

  (entzieht sie ihm):

Steh auf und la diese Mtzchen.

Ich reiche meine Hand nicht einem Menschen, vor dem ich keine Achtung
habe.

      Der Sohn

  (erhebt sich langsam):

Du verachtest mich -- das ist dein Recht; dafr leb ich von deinem
Gelde. Ich habe zum ersten Male die Grenzen des Sohnes durchbrochen mit
dem Sturm meines Herzens. Sollte ich das nicht? Welches Gesetz zwingt
mich denn unter dieses Joch? Bist du nicht auch nur ein Mensch, und bin
ich nicht deinesgleichen? Ich lag zu deinen Fen und habe um deinen
Segen gerungen, und du hast mich verlassen im hchsten Schmerz. Das ist
deine Liebe zu mir. Hier endet mein Gefhl.

      Der Vater:

Hast du so wenig Ehrfurcht vor deinem Vater, da du ihn zum Hehler
deiner Schuld machst? Du Landstreicher auf der Strae des Gefhls --
was hast du schon Groes getan, da du von Liebe und von Ha hier
redest? Bist du betrunken, was kommst du denn zu mir? Geh in dein Bett.
Kein Wort mehr.

      Der Sohn:

So hre, Papa, noch _ein_ Wort! Du sollst erfahren, da ich gehungert
habe in deinem Hause! Die Gouvernanten haben mich geschlagen, und
trotzdem hast du ihnen geglaubt! Du hast mich auf den Speicher
gesperrt. Ich bin oft schuldlos gestraft worden, keiner hatte Mitleid
mit mir. Papa! Es gibt doch Freude -- etwas, was golden an die
Firmamente rollt -- weshalb war ich verstoen von allen wie ein Mensch
mit der Pest? Weshalb mu ich weinen, wenn ein armer Affe im Zirkus
aus einer knstlichen Tasse trinkt? Ich kenne die Qual der unfreien,
der friedlosen Kreatur. Das ist gegen Gott! Du hast mir die Kleider
verboten und mir die Haare geschoren, wenn ich aus glhender Eitelkeit
sie anders wollte als du. Soll ich noch weiter in diesem Schlunde
whlen, wo doch an tausend Zacken mein Fleisch klebt! Sieh mich an --
was hab ich getan? Kann es nicht bald genug sein. So hr doch und la
mich endlich einen Strahl des allerbarmenden Lichtes sehn. Es steht ja
in deiner Macht. Du hast dich verschlossen -- tu dich mir auf! Gib mir
die Freiheit, um die ich dich grenzenlos bitte.

      Der Vater:

Welche Freiheit soll ich dir geben? Ich verstehe nicht, wovon du
sprichst.

      Der Sohn:

Nimm mich von dieser Schule fort -- gib mich dem Leben. Sei gut zu mir,
wie zu einem Kranken, der vielleicht morgen schon sterben mu. Auch mir
gib Wein, den du fr ihn aus dem Keller holst. Auch mich la trinken,
denn sieh, ich bin ganz vom Durste zerfressen.

Papa! Nie bist du zrtlich zu mir gewesen, wie zu dem niedersten Wesen
in deinem Spital. Nie hast du mich umarmt, wenn ich ngstlich dir am
Schreibtisch gute Nacht sagen kam. Und doch hab ich es gefhlt, und
ich habe unendlich begriffen, da ich dein Sohn bin. Die Wste meines
Bettes, wo jedes Krnchen gezhlt war, ist nicht so gro, wie dieses
Wort der Verzweiflung. Und ich _will_, ja, ich will _etwas_ von dir
erreichen, und sei es nur eine Wimper deines Auges -- und wenn du mich
wieder fortstt: mein Wunsch ist doch grer als du in dieser Sekunde.

      Der Vater:

Erspar' dir die Mhe, so fngst du mich nicht. Welch ein greisenhaft
trauriger Narr stehst du vor mir! Ist das deine ganze Weisheit? Und so
sprichst du ber deine Jugend, ber die Erziehung in deinem Vaterhaus.
Schmst du dich nicht? Wenn du mich verletzen wolltest -- jetzt hast du
es erreicht.

      Der Sohn:

Nein, Papa. Uns trennt ein Andres. O schrecklicher Zwiespalt der Natur!
Soll es denn keine Brcke mehr geben, wo doch zwischen Nordpol und
Sdpol die Erde gebaut ist. Papa! Blut strze neu aus dem Raum! Ich
will dein Feind nicht mehr sein. Nimm mich an als Mann.

      Der Vater:

Ich brauche deine Belehrung nicht. Dir ist nichts geschehen, was du
nicht selber verschuldet hast. Was weit du von jenen in den Baracken,
die leiden! Du, ein Knabe, der noch keinen Ernst und keine Pflicht
gelernt hat. Wenn ich nicht doch noch hoffte, dich das zu lehren, wre
ich nicht wert, dein Vater zu sein. Ich htte dich strenger erziehen
sollen, das seh ich an den Folgen.

      Der Sohn:

Du entmutigst mich nicht!

Ich werde immer wieder kommen und dich bitten. Bis du mich erhrst.

      Der Vater:

Hast du mich nicht verstanden? Was willst du denn noch von mir?

      Der Sohn

  (feurig):

Das Hchste! Zerreie die Fesseln zwischen Vater und Sohn -- werde mein
Freund. Gib mir dein ganzes Vertrauen, damit du endlich siehst, wer ich
bin. La mich sein, was du nicht bist. La mich genieen, was du nicht
genossen hast. Bin ich nicht jnger und mutiger als du? So la mich
leben! Ich will reich und gesegnet sein.

      Der Vater

  (hohnlachend):

Aus welchem Buch kommt das? Aus welchem Zeitungshirn?

      Der Sohn:

Ich bin der Erbe, Papa! Dein Geld ist _mein_ Geld, es ist nicht mehr
dein. Du hast es erarbeitet, aber du hast auch gelebt. An dir ist
es nun, zu finden, was nach diesem Leben kommt -- freue dich deines
Geschlechts! Was du hast, gehrt mir, ich bin geboren, es einst fr
mein Dasein zu besitzen. Und ich bin da!

      Der Vater:

So. Und was willst du mit -- meinem Gelde tun?

      Der Sohn:

Ich will in die Ungeheuerlichkeit der Erde eintreten. Wer wei, wann
_ich_ sterben mu. Ich will, ein Gewitter lang, das Erdenkliche meines
Lebens in den Fingern halten -- dieses Glck werde ich nicht mehr
erlangen. Im grten, ja im erhabensten Blitzesschein will ich ber die
Grenzen schauen, denn erst, wenn ich die Wirklichkeit ganz erschpft
habe, werden mir alle Wunder des Geistes begegnen. So will ich atmen.
Ein guter Stern wird mich begleiten. Ich werde an keiner Halbheit zu
Grunde gehn.

      Der Vater:

Weit ist es mit dir gekommen! Du lt mich deine ganze Niedrigkeit
sehn. Danke deinem Schpfer, da ich dein Vater bin. Mit welcher Stirne
hast du von mir und meinem Gelde gesprochen! Mit welcher Schamlosigkeit
meinen Tod im Munde gefhrt. Ich habe mich in dir getuscht -- du bist
schlecht -- du bist nicht von meiner Art. Aber noch bin ich dein Freund
und nicht dein Feind, deshalb zchtige ich dich fr dieses Wort, wie
du es verdient hast. (Er tritt auf ihn zu und schlgt ihn kurz ins
Gesicht.)

      Der Sohn

  (nach einer langen Weile):

Du hast mir hier im Raum, auf dem noch der Himmel meiner Kindheit
steht, das Grausamste nicht erspart. Du hast mich ins Gesicht
geschlagen vor diesem Tisch und diesen Bchern -- _und ich bin doch
mehr als du_! Stolzer hebe ich mein Gesicht ber dein Haus und errte
nicht vor deiner Schwche. Du hassest ja nur den in mir, der du nicht
bist. Ich triumphiere! Schlag mich weiter. Klarheit bermannt mich,
keine Trne, kein Zorn. Wie bin ich jetzt anders und grer als du. Wo
ist die Liebe, wo sind die Bande unseres Blutes hin! Selbst Feindschaft
ist nicht mehr da. Ich sehe einen Herrn vor mir, der meinen Krper
verletzt hat. Und doch war einst aus seinem Krper ein Kristall zu
meinem Leben gestimmt. Das ist das unbegreiflich Dunkle. Unter uns trat
Schicksal. Gut. Ich lebe lnger als du! (Er taumelt.)

      Der Vater:

Du zitterst. Nimm einen Stuhl. Ist dir nicht wohl? -- Willst du etwas
haben?

      Der Sohn

  (einen Augenblick etwas schwach in seinen Armen):

Ach, ich habe so viel auf dem Herzen.

      Der Vater

  (in verndertem Ton):

Ich strafte dich, weil ich mute. Das ist nun vorbei. Komm. Es geht dir
nicht gut.

      Der Sohn:

Als ich einmal von der Leiter fiel, und mein Arm war gebrochen, da
hast du fr mich gesorgt. Als mein kindliches Gewissen schlug, weil
ich einen Schaffner betrog, hast du ihn beschenkt und mein strmendes
Weinen geheilt. Heute kam ich zu dir in grerer Not, und du hast mich
geschlagen. -- Es ist wohl besser, du lssest mich nun aus deinem Arm.
(Er richtet sich auf.)

      Der Vater:

Du kamst nicht in Not, du kamst in Ungehorsam. Deshalb schlug ich dich.
Du kennst mich und weit, was ich von meinem Sohne verlange.

      Der Sohn:

Wie kannst du ein Wort auf der Zunge bewegen und sagen: so ist es!
Siehst du nicht stndlich den Tod in den Baracken und weit nicht, da
alles anders ist in der Welt!

      Der Vater:

Ich bin ein Mann und habe Erfahrungen, die du nicht hast. Du bist noch
ein Kind.

      Der Sohn:

Wenn Gott mich leben lt, darf ich alles beginnen. Weshalb willst
du mich darum verleugnen! Hast du nicht auch auf der blumigen Erde
gespielt und manches getrumt, was dir nicht erfllt ist?

      Der Vater:

Ich habe meine Pflicht getan, das war mir das Hchste. Und du machst
hier einen Unhold aus mir und bedenkst nicht: ich habe an deiner Wiege
gestanden und du _warst_ geliebt! Glaubst du nicht, da ich auch
heute noch manch schlaflose Nacht deinetwegen verbringe? Was soll
aus dir werden! Wo sind deine Kinderworte geblieben, deine reine und
unbefangene Brust? Du bist strrisch hingezogen, und verlacht hast
du Rat und Hilfe. Und jetzt soll ich dir helfen, wo du zu mir kommst
bernchtig und schlimm! Jetzt soll ich dir vertrauen?

      Der Sohn:

Du bist mir ein Fremder geworden. Ich habe nichts mehr gemein mit dir.
Das Gute, von dem du glaubtest, es sei so leicht, hat mich nicht in
deinen Zimmern erreicht. Du hast mich erzogen in den Grenzen deines
Verstandes. Das sei deine Sache. Jetzt aber gib mich frei!

      Der Vater:

Wie sehr hat dich schon die Fule dieser Zeit zerstrt, da du so
trbe empfindest. Tat ich nicht recht, dich fernzuhalten von allem,
was hlich und gemein ist! Du bist entzndet von Begierden, die ich
mit Schrecken erkenne. Wer hat dich so im Herzen verdorben? Ich habe
dich als Arzt behtet vor dem Gift unsrer Zeit, denn ich wei, wie
gefhrlich es ist. Dafr wirst du mir spter noch dankbar sein. Aber
wie ist das gekommen -- es hat dich doch erreicht! Aus welchem Kanal
brach die Ratte in deine Jugend ein? Mein armer Junge, wie verirrt du
bist! Komm, la uns das vergessen.

  (Er legt die Hand auf seine Schulter.)

      Der Sohn

  (weicht zurck):

Nein, Papa. Ich liebe meine Zeit und will dein Mitleid nicht. Ich
verlange nur eins noch von dir: Gerechtigkeit! Mach, da ich nicht
auch darin an dir zweifle. Mein Leben komme nun ber _mich_! Es ist
Zeit, Abschied zu nehmen, deshalb stehn wir hier voreinander. Nein, ich
schme mich nicht der Sehnsucht nach allem, was heute und herrlich ist.
Hinaus an die Meere der Ungeduld, des befreienden Lichts! Verlassen sei
die de deines Hauses und die Tglichkeit deiner Person. Ich fhl es,
ich gehe einer glcklichen Erde entgegen. Ich will ihr Prophet sein.

      Der Vater:

Sind das deine letzten Worte im Hause, das dich genhrt und beschtzt
hat viele Jahre? Wer bist du, wenn du die edelste Schranke, Vater und
Mutter, in Unkeuschheit zerbrichst? Weit du denn, _was_ du verlssest,
und wohin du gehst? Tor! Wer gibt dir morgen zu essen? Wer hilft dir
in Trbsal und Unverstand? Bin ich denn schon tot, da du so zu mir
sprichst!

      Der Sohn:

Ja, Vater, du bist mir gestorben. Dein Name zerrann. Ich kenne dich
nicht mehr; du lebst nur noch im Gebot. Du hast mich verloren in
den Schneefeldern der Brust. Ich wollte dich suchen im Wind, in der
Wolke, ich fiel vor dir auf die Kniee, ich liebte dich. Da hast du
in mein flammendes Antlitz geschlagen -- da bist du in den Abgrund
gestrzt. Ich halte dich nicht. Jetzt wirst du bald mein einziger, mein
frchterlicher Feind. Ich mu mich rsten zu diesem Kampf: jetzt haben
wir beide nur den Willen noch zur Macht ber unser Blut. Einer wird
siegen!

      Der Vater:

Es ist genug. Noch einmal hr auf mich! Ist denn kein Atem des Dankes,
keine Ehrfurcht mehr auf deinen schumenden Lippen? Weit du nicht, wer
ich bin!?

      Der Sohn:

Das Leben hat mich eingesetzt zum berwinder ber dich! Ich mu es
erfllen. Ein Himmel, den du nicht kennst, steht mir bei.

      Der Vater:

Du lsterst!

      Der Sohn

  (mit zitternder Stimme):

Ich will lieber Steine essen als noch lnger dein Brot.

      Der Vater:

Erschrickst du nicht selber vor dem, was du sagst?

      Der Sohn:

Ich frchte dich nicht! Du bist alt. Du wirst mich nicht mehr zertreten
in eifernder Selbstigkeit. Wehe dir, wenn du deinen Fluch rufst in die
Gefilde _dieses_ Glcks -- er fllt auf dich und dein Haus!

Und wenn du mich mit Stockhieben von dir treibst -- hab ich einst
gebebt vor dir in armer und heimatloser Angst -- ich werde dich nicht
mehr sehn, nicht deine Tyrannenhand und nicht dein graumeliertes Haar:
nur die mchtige, die strzende Helle ber mir. Lerne begreifen, da
ich in eines andern Geistes Hhe entschwebt bin. Und la uns in Frieden
voneinander gehn.

      Der Vater:

Mein Sohn, es ist kein Segen ber dir! ... Wie, wenn ich dich jetzt
ziehn liee in deiner Verblendung? La dich warnen vor den sen
Wrmern dieser Melodie. Willst du mich nicht begleiten an die Betten
meines Spitals (hhnisch): da krmmt die Rte deiner Jugend sich
verdorben in Schaum und Geschwulst, und was aus deinem Mund sich
beschwingt in die Lfte erhob, bricht als Wahnsinn in des Verwesenden
traurige Flur. So zerreit Gott die Flgel dem, der in Trotz und
Hochmut entrann! Sto in dieser Stunde meine Hand nicht zurck, wer
wei, ob ich sie je dir so warm wieder biete.

      Der Sohn:

In deiner Hand ist mancher gestorben, dessen Nhe uns umwittert. Aber
was sind all diese Toten gegen mich, der ich in Verzweiflung lebe! Wr
ich vom Krebse zerfressen, httest du mir jeden Wunsch erfllt. Denn
ein Kranker, dem niemand helfen kann, darf noch im Rollstuhl an die
Kste der blauen Meere fahren. Ihr Lebenden, wer rettet _euch_! Du
rufst das Grauen aus den Grbern auf; doch dem schnen Glcke mitrauen
darf nur, auf wessen Haupt die Drommete des Todes erschallt ist. Aus
zwanzig Jahren, aus zwanzig Srgen steig ich empor, atme den ersten,
goldenen Strahl -- du hast die Snde gegen das Leben begangen, der du
mich lehrtest, den Wurm zu sehen, wo ich am herrlichsten stand --

Zerstube denn in den Katakomben, du alte Zeit, du modernde Erde!
Ich folge dir nicht. In mir lebt ein Wesen, dem strker als Zweifel
Hoffnung geblht hat.

Wohin nun mit uns? In welcher Richtung werden wir schreiten?

      Der Vater

  (geht nach links und verschliet die Tre):

In dieser.

      Der Sohn:

Was soll das bedeuten?

      Der Vater:

Du wirst das Zimmer nicht verlassen. Du bist krank.

      Der Sohn:

Papa!

      Der Vater:

Nicht umsonst hast du den Arzt in mir gerufen. Dein Fall gehrt in
die Krankenjournale, du redest im Fieber. Ich mu dich so lange
einschlieen, bis ich dich mit gutem Gewissen meinem Hause zurckgeben
kann. Man wird dir Essen und Trinken bringen. Geh jetzt zu Bett.

      Der Sohn:

Und was soll weiter mit mir geschehn?

      Der Vater:

Hier gilt noch _mein_ Wille. Du wirst dein Examen machen, auf der
Schule, wo du bist. Ich habe deinen Hauslehrer entlassen. Von jetzt ab
werde ich selber bestimmen. In meinem Testamente setze ich dir einen
Vormund, der in meinem Sinne wacht, wenn ich vorher sterben sollte ...

      Der Sohn:

Also Ha bis ins Grab!

      Der Vater:

Du beendest dein Studium und nimmst einen Beruf ein. Das gilt fr die
Zukunft. Fgst du dich meinem Willen, wirst du es gut haben. Handelst
du aber gegen mich, dann verstoe ich dich, und du bist mein Sohn nicht
mehr. Ich will lieber mein Erbe mit eigner Hand zerstren, als es dem
geben, der meinem Namen Schande macht. Du weit nun Bescheid.

Und jetzt wollen wir schlafen gehn.

      Der Sohn:

Gute Nacht, Papa.

      Der Vater

  (geht zur Tre; kommt noch einmal zurck):

Gib mir alles Geld, was du bei dir hast!

      Der Sohn

  (tut es):

Hier.

      Der Vater

  (von einer Rhrung bermannt):

Ich komme morgen nach dir sehen. -- Schlaf wohl!

  (Er entfernt sich und schliet die Tre.)

      Der Sohn

  (bleibt unbeweglich).


Dritte Szene.

      Der Sohn

  (allein. -- Eine Klingel im Hause ertnt. Er eilt zur Tre. Sie ist
  verschlossen. Er rttelt. Sie gibt nicht nach. Die Klingel ertnt
  wieder. Stimmen werden laut, den Besucher abzuweisen. -- Er taumelt
  in einen Sessel; sitzt mitten im Zimmer. Am dunkelnden Fenster
  erscheint jetzt gro die Scheibe des gelben Mondes):

Mond ist wie gestern um diesen Ort. Ich lebe zu sehr. Schick' mir
deinen Engel, Gott! Gefangen in bitterster Not -- ich Geknechteter im
steigenden Licht -- (Er sieht aufwrts.) Da bist du mir angesteckt,
Baum voller Kerzen. Lausch ich dir wieder an Zimmers Rand, o Geschenk,
o Geschenk! Weshalb kommst du, mein Auto, nicht? Mu ich Qualen
erdulden der Freude so nah? Die Verzweiflung erstickt mich. Knnt ich
weinen! Knnt ich geboren sein!

  (Im Fenster, vom Monde beglnzt, steht das Gesicht des Freundes aus
  dem ersten Akt.)

      Der Freund:

Verzage nicht!

      Der Sohn:

Wer bist du, helles Gesicht?

      Der Freund:

Die Tren sind verschlossen. Ein Diener wies mich hinaus. Der Weg ist
etwas ungewhnlich.

      Der Sohn:

Du bist es! Du liebst mich! Gott! Gott!!

      Der Freund

  (erhebt sich im Fenster zu halber Hhe):

Nah ich zur rechten Stunde?

      Der Sohn:

Kann mir denn ein Mensch noch Freund sein, wo ich so verlassen bin?

      Der Freund:

Hast du vergessen, da Beethoven lebt? Weit nicht mehr, da wir
gesungen haben im Chor der ~IX.~ Symphonie? Wolltest du nicht alle
Menschen umfangen? Auf, mein Junge, es tagt! Erflle dein Herz bis zur
Schale des Mondes --: unter den Klngen der Freude la uns wandeln, wie
einst, als die Halle des Konzertes erlosch, vereint in der Nacht. Die
Stunde ist da, wo du sie erfahren wirst.

      Der Sohn:

Was soll ich tun?

      Der Freund:

Fliehe!

      Der Sohn:

Ich bin zu arm. Ich habe kein Geld.

      Der Freund:

Aber du hast einen Frack dort im Schrank. Den zieh an. Ich will dich
zu einem Feste fhren! In dreiig Minuten geht der Zug. Hier nimm die
Maske. Ich erwarte dich am Ausgang des Parks.

  (Er gibt ihm eine schwarze Maske.)

      Der Sohn:

Es geht um Leben und Tod. Wenn ich entdeckt werde -- ich bin verloren
-- mein Vater erschlgt mich! Ist ein Auto da?

      Der Freund:

Viele Freunde, die du nicht kennst, sind heute Nacht bereit, dir zu
helfen. Sie stehn mit Revolvern hinter den Bumen im Park.

      Der Sohn:

Und wohin in der Nacht?

      Der Freund:

Zum Leben.

      Der Sohn:

Wie komm ich hinaus?

      Der Freund:

Steig leise durchs Fenster. Wir nehmen dich in die Mitte. Frchte
nichts.

  (Er verschwindet.)


Vierte Szene.

  (Der Sohn eilt zum Schrank und whlt unter Anzgen einen Frack
  heraus. Er reit sich den Rock vom Leibe und beginnt, ihn anzulegen.

  In der Weite des Fensters entznden sich Lichter der Stadt. Wie
  Walzermusik aus Lokalen ertnt jetzt fern, schwach im Wind das Finale
  der ~IX.~ Symphonie):

    ~Allegro assai vivace.
    Alla marcia.~

  Tenorsolo und Mnnerchor.

    Froh wie seine Sonnen fliegen
    Durch des Himmels prcht'gen Plan,
    Laufet, Brder, eure Bahn,
    Freudig, wie ein Held zum Siegen.


Fnfte Szene.

  (Ein Schlssel wird im Schlo gedreht. Die Tr geht auf. Das Frulein
  steht auf der Schwelle, in der Hand eine Kerze und ein Tablett.)

      Das Frulein:

Ich bringe das Essen!

      Der Sohn:

Ach Frulein -- Sie sind es! Ich hatte Sie ganz vergessen.

      Das Frulein:

Ihr Vater ist schlafen.

      Der Sohn:

Um so besser fr ihn.

      Das Frulein

  (kommt nher):

Was ist geschehn?

      Der Sohn:

Sie sehn mich im schwarzen Rock, damit ich wrdig aus diesem Hause
trete. Schon brennen mir drben die Lampions! Sehn Sie die Lichter
am Horizont? Hren Sie Musik, Walzer und Klarinette? Der Duft von
jubelnden Husern umschwebt mich. Alle Zge werden mich heute fahren in
die ungeheure singende Nacht.

      Das Frulein:

Hat er Sie geschlagen?

      Der Sohn:

Wie knnen Sie noch von ihm reden, der kleinglubig in seinem Bette
zerfllt. Sehen Sie in sein Gesicht morgen -- da wird es bla sein vor
ohnmchtiger Angst und Wut. Dieser Held im Familienkreise -- ein Blitz
aus dem ther hat ihn gerhrt. Seine Macht war gro vor Knaben und
Kellnern -- nun ist sie gebrochen. Die Krankenkasse betet ihn an; ich
lache ihn aus. Er fahre hin!

      Das Frulein:

Vielleicht ist noch Licht in seinem Zimmer. Er kann Sie im Garten sehn.

      Der Sohn:

Seine Peitsche erreicht mich nicht mehr. Unten wartet meine Schar. Es
sind Kerle mit Waffen darunter. Vielleicht fhlen sie alle wie ich,
dann will ich sie rufen zur Befreiung des Jungen und Edeln in der Welt.
Tod den Vtern, die uns verachten!

  (Wieder erscheint, sekundenlang, das Gesicht des Freundes am Fenster
  und verschwindet.)

      Das Frulein:

Wollen Sie nicht etwas essen? Der Weg ist lang.

      Der Sohn:

Nein, Frulein, hier im Hause rhre ich keinen Bissen mehr an. Bald
werde ich fern im Schoe geliebter Frauen Nektar und Ambrosia genieen.

      Das Frulein

  (mit zitternder Stimme):

O dunkle und gefhrliche Nacht!

      Der Sohn:

ngstigen Sie sich nicht! Ich gehe meinem Stern entgegen; ich folge dem
Gebot. Weil in meinen Adern Blut des Geschndeten aus der Knechtschaft
brennt, deshalb werde ich in Kraft aufstehn zum Kampf gegen alle Kerker
der Erde. Wie ein Verbrecher im Finstern, ohne Habe, steig ich durchs
Gitter. Mein Haus! Dies Feuer allein trage ich von dir, es auszugieen
ber Menschen und Stadt. Die Kette fllt. Ich bin frei! Nur ein Schritt
noch im Mantel der Bume ... Pforte, wie ich dich liebe, und du,
Landstrae, silbern dem erwachenden Blick! Ich verzage nicht mehr. Ich
wei, fr wen ich lebe.

  (Er hat das Letzte an seiner Kleidung beendet. So steht er vor ihr.)

      Das Frulein:

Sie haben die Binde vergessen! -- Ich will es tun.

  (Sie tritt zu ihm und bindet die Schleife.)

      Der Sohn

  (beugt sich mit vollendeter Form auf ihre Hand):

Ich danke Ihnen, Frulein. Leben Sie wohl!

  (Er schwingt sich durchs Fenster und entflieht. Man sieht strker die
  Lichter und hrt die Musik. Ein Zug rollt.)


Sechste Szene.

      Das Frulein

  (allein am Fenster, beugt sich ihm nach. Sie nimmt ein kleines Kissen
  und pret es an sich):

    Da eilt er durch den Park mit blauem Flug
    Dem Gotte zu, der schon sein Haupt umkrnzt.
    Ihm lebt der Tag, die Nacht ihm unbegrenzt;
    Zwlf weie Adler folgen seinem Zug!
    Ihn fhrt der Rte Dmmerung nicht zurck,
    Solang die Welt in seinem Herzen steigt;
    Solang sich eine Frau, ein Stern dir neigt:
    Zieh hin, mein ser Freund, und sei im Glck!
    Mich aber trug des Himmels reiche Stund'
    Vom kleinen Zimmer fort ins groe Meer;
    Die Welle, ach die Nacht wird mir zu schwer --
    Wo find ich Ruh und Trost mit meinem Mund.
    O knnt ich etwas sein und fr ihn tun!
    Nur dieses kleine Kissen will ich nhn,
    Drauf soll er freundlich jeden Abend ruhn
    Und soll behtet sein und mich nicht sehn.
    Und wenn sein Aug' sich schwingt in goldner Luft,
    So will ich nah sein dem geliebten Bild,
    Und wachen will ich, ob es einst mich ruft,
    In Dunkelheit und Trnen ungestillt.

  (Sie beugt sich ber das Kissen und beginnt zu nhen, von vielem
  Weinen verhllt.)

  _Ende des zweiten Aktes._




Dritter Akt.


Erste Szene.

  Wenige Stunden spter. Gegen 12 Uhr nachts.

  Das Vorzimmer vor einem Saal. In der Mitte ein Vorhang, hinter diesem
  Vorhang, unsichtbar, ein Podium und die Perspektive eines dicht mit
  Sthlen und Tischen besetzten Saals. Im Vorzimmer stehn nur wenige
  Mbel, Klubsessel und ein kleiner Tisch mit Glsern. An der Wand sind
  Haken, um die Kleider aufzuhngen. Rechts und links kleine Tren. Der
  Raum erweckt den Eindruck einer geschlossenen Gesellschaft vor einer
  Veranstaltung.

  _Cherubim_, im Frack, mit dem Konzept einer Rede, im Zimmer wandernd.
  _Von Tuchmeyer_ tritt ein, ebenfalls im Frack.

      Cherubim:

Ist alles bereit?

      von Tuchmeyer

  (legt ab):

Alles. Wie wird deine Rede?

      Cherubim:

Ich halte sie in der Hand. -- Sind die Lichter an im Saal? Ist ein Glas
Wasser auf meinem Tisch?

      von Tuchmeyer

  (hebt den Vorhang etwas):

Du kannst dich berzeugen: alles ist besorgt. In zwanzig Minuten,
pnktlich um Mitternacht, werden sich die Bnke fllen. Ich hre,
viele Studenten kommen. Die Stunde ist gut gewhlt. Jene, an die wir
uns wenden, werden zahlreich sein. Sie erwarten das Hchste von dir!
Und wer, um die Mitte der Nacht, ist nicht feurig, Offenbarungen zu
empfangen.

      Cherubim:

Und wie steht es mit der Polizei?

      von Tuchmeyer:

Wir sind unter uns. Ich habe angegeben, wir feiern den Jahrestag
unseres Klubs Zur Erhaltung der Freude. Wenn Gste kommen, so steht
es ihnen frei: Diesen Bescheid erhielt ich. Sei also unbesorgt.

      Cherubim:

Ich werde unerhrt politisch werden und aufreizend im brgerlichen
Sinne. Freund, mir ist die Brust voll von neuen Gedanken, die ich zum
ersten Male verknden werde. Ich zweifle nicht am Erfolg! Wenn je, dann
grnde ich heute mit euch meinen Bund zur Umgestaltung des Lebens.
Ich sage dir, es wird ganz anarchistisch zugehn. Deshalb soll auch
fortgesetzt, whrend ich rede, die Musik spielen; die Leute sollen Sekt
trinken und wer tanzen will, soll tanzen. -- Sind wir alle versammelt?

      von Tuchmeyer

  (zieht ein Telegramm aus der Tasche):

Eben telegraphiert mir der Freund: er ist in wenigen Minuten bei uns.
Eine wichtige Sache fhrt ihn zurck ... Wir werden also noch vor
Beginn des Festes von ihm hren.

      Cherubim:

Seit wann hast du diese Nachricht?

      von Tuchmeyer:

Seit zwei Stunden etwa. Sie ist aus seiner Heimatstadt. Gestern reiste
er pltzlich ohne Abschied fort ... Vielleicht fhrt er uns neue
Freunde zu.

      Cherubim:

Von Tuchmeyer: unter uns -- hast du nie etwas an ihm bemerkt?

      von Tuchmeyer:

Wie meinst du das?

      Cherubim:

Ich frchte seinen unsteten Sinn. Er ist keiner von denen, die um einer
Idee willen alles opfern.

      von Tuchmeyer:

Ich habe nie einen Zweifel an ihm bemerkt. Im Gegenteil: er gehrt uns
mit Leib und Seele. Wie kommst du darauf?

      Cherubim:

Seine pltzliche Abreise beunruhigt mich. Was bewog ihn? Wollte er an
diesem Feste fehlen? Wei er nicht selber, wie wichtig er ist?

      von Tuchmeyer:

Er gehrt zu den kritischen Temperamenten, die immer das Gegenteil
von sich erstreben. Er ist sein eigner Widerspruch, aber gerade darin
liegt die Bejahung seiner Natur. Ich schtze in ihm, wie auch du,
etwas Geistiges, das verborgen wirkt. Deshalb auch stelle ich ihn
bedingungslos unter dich, der du den Mut hast zur Exhibition. Du bist
das reprsentative Ideal unsrer Idee; er ist ihr Kontrapunkt. Ihr
bedingt euch gegenseitig, wenn etwas werden soll.

      Cherubim:

Seine Abreise beschftigt mich. Er wei doch, was auf dem Spiel steht
...

      von Tuchmeyer:

Du vergit seine Hemmungen. Er mu sich auseinandersetzen, ehe er eine
Sache tut. Du lebst der Eingebung; er verachtet sie. Und er liebt die
lauten Feste nicht. Aber er ist uns unentbehrlich -- wie wir das alle
einander geworden sind. Vielleicht ist er der Strkste; der Grte ist
er jedenfalls nicht.

      Cherubim:

Ich habe manchmal vor ihm, wie vor einem Rivalen, gezittert. Ich sag es
offen! Heute abend aber, zum ersten Male, bin ich ihm ganz berlegen.
Er mag kommen oder nicht -- ich fhle keine Angst mehr. Mein Wille ist
fest.

      von Tuchmeyer:

Bald wirst du im Saal stehn!

      Cherubim:

La uns die Zeit bis dahin ntzen. Ich meine, ich mu mit dir reden:
denn du, der Sohn des Geheimen Kommerzienrats, hast dein Erbe fr
uns verschwendet. Mit dir steigen und fallen wir. Mein lieber von
Tuchmeyer! Der Teufel hole deinen Vater, htte er etwas erworben, was
auf die Dauer seinem Sohne weniger Nutzen brchte als eine gute Fabrik
oder ein Bergwerk. Deshalb unterrichte ich dich ber alle Schwankungen,
denen dein Kapital ausgesetzt ist, und ich glaube, ich bin heute Abend
zu einer befriedigenden Bilanz gelangt.

      von Tuchmeyer:

Lieber Cherubim! Solange mein Vater lebte, sa ich jeden Tag in seinem
Bureau als armer Kommis, und der Tod war fr mich eine heitre Sache.
Erst, seitdem ich dich kenne, wei ich, da man trotz seines Geldes
leben kann: Deshalb ist mein Glaube an dich ungeheuer.

Mein Vater hat mich fr seine Rechnung arbeiten lassen und mich ebenso
betrogen, wie jeden Koofmich in Russisch-Polen. Wre er nicht zur
rechten Zeit gestorben, als ich die hundsfttische Sklaverei erkannte,
ich glaube, ich htte ihn ... und so weiter. Noch heute denke ich mit
belkeit an dies vterliche Instrument mit der doppelten Buchfhrung,
an diesen jdischen Jobber, der mir mit seiner Speckigkeit die
schnsten Jahre verdorben hat. Deshalb bitte ich dich -- sprich mir
nicht von Bilanzen: ich werde sonst wahnsinnig!

      Cherubim:

Ich fhle mich verantwortlich -- mehr als du glaubst. Ich wei, du
bist nicht fhig, einen Wechsel zu lsen, und wenn du die Seligkeit
mit einer Unterschrift beglaubigen mtest, du wrdest sie lieber
verschlafen. Du bist herrlich, aber du hast von Werten keine Ahnung.
Ich will nicht, da du eines Tages arm bist. Dein Vermgen fundiert
unsre Idee. Was wren wir ohne dich? Kleine Schlucker, die nicht einmal
ein Lokal htten, wo sie diskutierten. Ich habe dich zu einem Edelmut
verlockt, den du eines Tages bereuen knntest. Nein, errte nicht --
es ist so! brigens werde ich ja gleich im Saale ganz anders reden. Es
handelt sich doch hier um dich und um mich -- deshalb unter vier Augen.

      von Tuchmeyer:

Auf alles, was du mir sagst, werde ich immer erwidern: ich wre
tief unglcklich, knnte ich das blde Geld, das mein Vater
zusammengemistet, nicht irgendeinem gemeinsamen Gedanken unter Menschen
zurckgeben. Es ist doch nur gerecht, wenn in Unfreude Erworbenes,
an dem so viel Unglck klebt, wieder der Freude fruchtbar wird! Ich
brenne frmlich auf ungeahnte Sensationen, da man sie, allen Idioten
zum Trotz, auf der Erde verwirklicht. Wie herrlich ist dieser Kampf
gegen die Welt! Und wenn es schon die zehn Gebote gibt, eins davon sehe
ich darin, meinen Vater aus der Erinnerung der Lebenden auszulschen.
Nebenbei bin ich durchaus ein Egoist und habe mein Vergngen dran.

      Cherubim:

Gut; so hre!

Vor heute genau einem Jahr trafen wir uns zufllig: du, der Freund,
der Frst und ich, in einer unscheinbaren Bar. Mit einigen Libertinen,
die uns die Zwischenrume diskutierter Nchte durch angenehme Spiele
vertrieben, taten wir uns zusammen zu einem Klub und nannten ihn Zur
Erhaltung der Freude. Wir haben uns seitdem des ftern gesehen und
einige Orgien gefeiert. Aber ich frage dich: Was ist geschehn? Kein
Dogma wurde verkndet, dagegen schlossen etliche Jnglinge, deren
Wechsel klein ist, und einige unbefriedigte Damen sich uns an. -- Habe
ich unrecht, so unterbrich mich!

Es ist nicht ntig, da wir mit den Sternen in Konkurrenz treten,
in China Revolution machen oder eine Entdeckung im Nervensystem des
Frosches -- all das knnen wir nicht. Wir haben den Ehrgeiz, es auch
nicht zu tun. Aber es ist wichtig, da man jene, die gleich dort im
Saale sitzen, fr etwas begeistert. Man mu ihnen klarmachen, da im
Verlaufe dieser zwlf Monate keiner von uns gestorben ist. Und das ist
viel! Bedenke, was das Leben heit.

      von Tuchmeyer:

Ist das ein Widerspruch zu diesem Jahr?

      Cherubim:

Es ist ein Widerspruch. Hr mich zu Ende. Zwar haben wir in zwlf
Monaten gelebt -- aber wir wuten nicht wozu. Das Leben allein gengt
nicht. Auf _die_ Frage will ich heute Antwort geben: _Wir leben fr
uns!_ Und ich werde diesen Passus meiner Rede zu ungeheurem Pathos
steigern: wir wollen dem Tode, der uns verschont hat, ein Opfer bringen!

      von Tuchmeyer:

Nicht aus Angst vor dem Publikum, sondern aus Neugierde: worin soll das
Opfer bestehn?

      Cherubim:

Darin, da wir den Gott der Schwachen und Verlassenen von seinem Throne
strzen. An seine Stelle heben wir die Posaune der Freundschaft:
unser Herz. Denn wir Vielfachen, wir Gestalten von heute, leben dem
unermelich Neuen. Wir sind berufen fr einander -- so lat uns die
kleinen Gesetze der Schpfungen korrigieren, Kampf, Entbehrung und
die Grenze der unvollkommenen Natur -- lat uns den Mut haben zur
Brutalisierung unsres Ichs in der Welt!


Zweite Szene.

  (Der Vorhang zerteilt sich. _Frst Scheitel_, in Frack und Mantel,
  tritt ein.)

      Der Frst:

Guten Abend, meine Herren! Lassen Sie sich nicht stren.

  (Er legt ab.)

      Cherubim

  (ihm entgegen):

Frst Scheitel -- Sie sind es! Sie kommen wie gerufen. Ich mache einen
Staatsstreich heute Nacht!

      von Tuchmeyer:

Frst -- wir bewundern Ihre Treue. Sie bringen uns das grte Opfer:
das gefhrlichste fr Sie. Wie gelang es Ihnen, dem hohen Souvern,
Ihrem Vater, diesen Abend zu entkommen? Wir haben Sie nicht mehr
erwartet.

      Frst Scheitel:

Meine Herren! Wozu haben wir den Kintopp? Man lernt auch hier. Ich sah
neulich ein Intrigantenstck, die verkappte Geschichte meines Vetters,
des Herzogs. Sie wissen, er hatte eine Liaison mit seiner Soubrette,
und man hat das fr eine Pariser Firma bearbeitet. Ich machte es
genau wie er: mischte meinem Adjutanten ein Schlafmittel ins Glas und
entwischte hinter einer Gardine. Bemerken Sie, da Adjutanten immer
trinken mssen! Nun, ich fhle mich ganz im Zauber des schlechten
Romans; schade, da kein Weib hier ist. -- Doch Sie sprachen von etwas
anderm. Bitte fahren Sie fort.

      Cherubim

  (mit Herzlichkeit):

Lieber Frst! Augenblicklich sind wir beschftigt, unser aller
Verdienste hier auf der Brse zu notieren. Da durften Sie nicht fehlen.
Ich gestehe, da ich manchmal bei Ihnen ein leises Mitrauen hatte,
vor Ihrer allzu soignierten Gestalt. Jetzt erkenne ich, wie recht Sie
haben. Ihre stille Anmut strzte uns oft in die Eleganz der Sphren.
Von Ihnen empfingen wir den Ruhm des Monokels im Auge und die Krone
des stummen Saluts, wenn Sie einst als regierender Frst, unerkannt, im
Trommelwirbel an uns vorberfahren. Wirklich: Ihre Freundschaft ist die
hchste, weil sie die schwerste war.

      Der Frst:

Aber meine Herren -- Sie beschmen mich! Sie sind viel mehr und haben
mehr Chancen als ich in meiner Stellung. Leider ist der Luxus auf
unsern Thronen noch nicht bis zum Geiste gelangt, sonst wre ich der
erste fr eine Republik. Ich bin zu Ihnen gekommen, weil ich mich
auf diese Nacht freue -- und weil ich in Ihrem Klub bin. Klub zur
Erhaltung der Freude! Meine Herren, ich finde noch immer, da dieser
Klub gut ist. Im brigen will ich an einem so wichtigen Feste, wenn
auch hinter den Kulissen, nicht fehlen.

      von Tuchmeyer:

Wie kamen Sie her?

      Der Frst:

Standesgem, doch zu Fu. Als ich die Treppe hinaufstieg, fuhren
gerade Automobile vor, und in der Garderobe legt man bereits ab. Zu
nett ist dieses Volk -- wir werden ein groes Publikum haben! Von
Tuchmeyer, Sie mssen mir hinter dem Vorhang Gesellschaft leisten, und
wir wollen den Erfolg sehn. Ich mchte die Nationalhymne singen: Gott
erhalte meinen Vater am Leben, da ich noch lange Ihr Freund sein kann.
Wenn er tot ist, mu ich mich auf den Thron setzen, schon der Presse
wegen. Ich kann es nicht ndern. Und ich werde mich prinzipiell an
keinem Umsturz beteiligen, denn ich habe aufs Gehirn meiner Nachkommen
Rcksicht zu nehmen. Auerdem finde ich es albern -- fr einen
Frsten. Sie, meine Herren, drfen allzeit die Welt verndern. Ich mu
sie, aus grerer Klugheit, beim Alten lassen.

      Cherubim:

Und von diesem Rechte, Frst, machen wir Gebrauch! Wenn schon mit dem
Gedanken vertraut unsrer minderen Wichtigkeit auf der Erde, wollen wir
uns wenigstens zu hchster Steigerung bringen. Ich habe das Mittel
dafr gefunden, und ich werde es anwenden. Vertrauen Sie mir.

  (Sie setzen sich, Zigaretten im Mund.)

      Cherubim

  (mit oratorischer Bewegung):

Ich werde unten im Saale jeden beim Namen nennen. Er nehme sein
Champagnerglas und stelle sich neben mich, und ich werde rufen: Du
lebst -- empfinde, da du glcklich bist!

Und dann werde ich auf meinem Pult, wie Apollo im Tale Edymion, von
Frauen umringt, die Heiterkeit um mich versammeln. Sie kennen die
Adrienne mit ihrem sen Gesicht? Denken Sie sich dies Weib in ihren
strahlenden Schultern! Ich will mich ber sie beugen und verknden, da
alle Menschen zum Glcke geboren sind. Und ich will sehn, ob Sie mir
nicht zujubeln, trotz Angst und Verwirrung; ob unter uns ein Verrter
ist.

      Der Frst:

Bravo! Zwar eine Farce gegen die Statistik, aber immerhin sehr amsant.
Sie werden neben Ihrem Pulte einen Korb Rosen finden. Ich lie ihn
hinstellen fr Sie. Vielleicht werfen Sie bei dieser Stelle die Rosen
ins Publikum!

      Cherubim:

Ja, ich bin fr die Wirkung! Sie hren es jetzt: einen Bund zur
Propaganda des Lebens -- deshalb mu ich die Freude predigen,
skrupellos. Geniet den Duft der Rose ohne Dorn! Stellt Tische hin, an
denen gespielt und nicht verloren wird! Zieht Frauen auf, die uns alle
lieben! Es lebe unser herrlich weltliches Gefhl!!


Dritte Szene.

  (_Der Freund_ tritt pltzlich durch die Tre ein.)

      Der Freund:

Du lgst, Cherubim!

  (Alle fahren erschrocken herum. Er reit die Maske ab und steht vor
  ihnen, im Frack.)

      Cherubim:

Hallo! -- Du bist's.

      Der Freund:

Ja. Ich bekenne mich schuldig: ich habe vor der Tre gelauscht. Es
braucht also der Wiederholung nicht. Ich habe alles gehrt. Und ich
erklre dir den Kampf!

      Cherubim:

Was soll das heien?

      Der Freund:

Das heit: in zehn Minuten ist der Saal drben voll. Du wirst heute
Nacht _keine_ Rede halten.

      Cherubim:

Bist du des Teufels! Ich _mu_ reden. Woher dieser Ton?

      Der Freund:

Das wirst du erfahren. Ich kann dich zwar am Reden nicht hindern; doch
ich rede nach dir.

      Cherubim

  (erblat):

Was wirst du reden?

      Der Freund:

Die Wahrheit, mein Lieber. Du hast dir viel Mhe gegeben, man mu es
sagen. Nur frchte ich, diesmal versagen deine Tricks.

      Cherubim:

Meine Tricks ..!

      Der Freund:

Und die Rosen, mein Freund. Hte dich, da sie sich nicht in faule Eier
verwandeln und auf _deinem_ Haupte enden.

  (Sie umdrngen ihn alle.)

      Cherubim:

Jetzt sprich: was hat dich in vierundzwanzig Stunden so verndert?

      Der Freund:

Ihr seid, scheint's, alle sehr gespannt. Das fhrt zu weit. Die Stunde
heischt Krze. Cherubim! Diesen schnen Namen hast du dir beigelegt.
Sonst hab ich nie mich besonnen, das Wort mit vollem Klange zu sagen.
Nun bin ich voll Ekel. Ich kann dir nicht mehr in die Augen sehn. Wie
hast du gewagt, dich mit dem Namen des Engels zu nennen -- du Spiel
und Laune von einigen Nchten! Und wirklich: du willst weiter diesen
Betrten Taumel und Trunkenheit predigen? Emprt sich nicht etwas in
dir gegen die Lge? Betrogene Bewunderung, die wir deinem Lockenhaar
zollten! Du Verknder Gottes auf Erden -- wie schal ist dein Reich.

      Cherubim

  (springt mit allen Zeichen des Entsetzens zurck):

Ein Ausstziger ist unter uns!

      Der Freund

  (mit tiefem Ernst):

Nein! Einer, der den Stachel erkannt hat. Was geniet ihr denn? Was
habt ihr vollbracht? Habt ihr im berflu etwas Gutes oder Bses getan,
das euch die Augen ffnet? Hattet ihr Trnen, wenn am Morgen nach
vergeudeter Nacht ein Unglck in eurer Zeitung stand? Habt ihr einen,
der euer Feind war, umgebracht? Und selbst wenn ihr die Ohnmacht alles
Irdischen fhltet -- war euch damit geholfen?

Was soll diese Geste, dies tnende Barock? Mir ist bel. Ihr wollt in
Heiterkeit entfliegen und seid tiefer im Dreck. Das nennt ihr ein neues
Programm?

      von Tuchmeyer:

Man hre nicht auf ihn. Er ist verrckt.

      Der Freund:

Herr von Tuchmeyer! Es ist wahr: Sie haben Ihr Erbe dem Gedanken der
Freude geopfert -- aber wie, wenn dieser Gedanke ein Trugschlu war?
Wer beweist Ihnen die Richtigkeit einer Tat? Ihr Geld und Ihre Seele
stecken in diesem Klub -- was wrden Sie sagen, wenn das, wofr Sie
leben, nur ein lcherlicher Fall ist? Ja, ihr kindlichen Gemter:
_der_ Beweis fllt nicht schwer, angesichts solcher Helden. Wenn man
zu Ende ist mit einer Weisheit, fngt meistens das Gegenteil an. Mit
einem Wort, Verehrte, wozu leben Sie noch? Ihr Ziel ist doch erreicht!
Man verschwinde also. (Keiner antwortet ihm.) Euer Schweigen redet
lauter! Weshalb kamen euch sonst diese Fragen nicht? Worber habt
ihr eigentlich nachgedacht? Verteidigt euch! Ist ein Fehler in meiner
Rechnung? Nun, ihr Monumente aus dem Nichts, begebt euch doch in euer
Kartenhaus!

      Cherubim:

Ich will nur das eine gegen dich sagen, bester Freund: wie schmerzlich
wre es doch, wenn selbst du uns heute abend entrckt wrest -- in die
Gefilde jenseits dieser lachenden Erde.

      Der Freund:

Sagt das etwas gegen mich? _Mu_ man denn leben? Und rechtfertigt es
euern Mummenschanz? Ich bin hier, um zu verhindern, da andre, denen es
schlecht geht, eure Frhlichkeit teilen. Die Freude zu besitzen, ttet.
Ich rotte diesen Bazillus aus! Freut euch deshalb nicht ber mich. Es
ist noch zu frh.

      von Tuchmeyer:

Welcher Irrsinn, gegen die Welt zu reden, weil Sie _leben_! Eine
Falle Ihres Geistes, den wir bewundert haben. Sie sind erbrmlich
gestrauchelt. Ein Ber mutet immer komisch an. Gehn Sie ins
Kloster; oder liegt Ihnen die Rolle des Clowns besser, treten Sie im
amerikanischen Zirkus auf.

      Der Freund:

Lieber Herr, ich bin ein Jahr lang mit Ihnen vergnglich geworden --
deshalb tu ich das Eine nicht und auch nicht das Andre. Doch hab ich,
begreiflicherweise, den Wunsch, mich von Ihnen zu befreien -- das
wrden Sie an meiner Stelle auch tun. Also lassen Sie mich doch reden!

      Cherubim:

Kurz und gut: was willst du?

      Der Freund:

Jene dort berzeugen, da es keinen Zweck hat.

      Cherubim

  (auf ihn zustrzend):

Das tust du _nicht_!

      Der Freund:

Zurck! Ist das dein Gesicht? Aus dieser Larve entpuppst du dich mir:
Ich meine, dein Wille ist so fest! Weshalb wagst du denn nicht den
Kampf? La uns doch beide reden, einer nach dem andern -- oder fielst
du schon heimlich um? So hab doch den Mut, es zu bekennen, und geh
lautlos ab. Weshalb der Lrm?

      Cherubim:

Verrter! Hinaus!

  (Er und von Tuchmeyer drngen ihn gegen die Tre.)

      Der Frst

  (fllt ihnen in den Arm):

Meine Herren, halt! Lassen Sie mich auch ein Wort sagen. Sind wir denn
hier im Parlament? Soll doch jeder tun, was er will. Ich habe durchaus
nichts gegen Rebellen und Antimonarchie. Und ich sage es offen: ich
stelle mich auf seiten des Rebellen -- ich finde, er hat recht! Er
fragt: weshalb. Seine Fragestellung imponiert mir. Knnen _Sie_ ihm
denn Antwort geben? Wenn er es kann -- weshalb soll er es nicht?

      Cherubim

  (trocknet sich die Stirn):

Mein Gott, ja! Aber doch nicht heute -- dies paradoxe Gewsch -- wo
alles auf dem Spiel steht.

      Der Frst:

So lassen Sie es doch -- das Spiel. Es siegt, wer strker ist. Ich
glaube an keinen von beiden. Aber wer will, soll ruhig auf der Kippe
stehen. Sie _wollen_ ja etwas -- also streiten Sie! Ich kann mir nicht
helfen: da hat er recht. Ich finde es zwar belanglos, sich aufzuregen
ber Aktionen jeglicher Art, aber wenn es geschieht, soll es ehrlich
geschehn. Sie machen mir, Cherubim, nicht mehr den Eindruck eines so
sichern Menschen.

      Cherubim:

Frst! Ich habe doch nicht umsonst gearbeitet! Ich kann nicht kmpfen,
denn ich bin auf alle Register der Begeisterung eingestellt. Wenn jetzt
etwas schief geht, strzt alles ...

      Der Frst:

Lassen Sie's strzen! Eins strzt nach dem andern. Sie brauchen mit
Ihrer geistigen Apanage nicht hauszuhalten: seien Sie froh. Mit Ihnen
ist doch nichts verloren -- oder haben Sie im Ernste an sich geglaubt?
Sie haben noch eben von Ihrer kleinen Wichtigkeit gesprochen. Dann
haben Sie gelogen! Sie haben sich dem ewig Neuen unterworfen -- tun
Sie's jetzt!

      Cherubim

  (in Verzweiflung):

Nein, ich tu es nicht! Und ich will es auch nicht! Ich kann nicht.

      Der Freund

  (tritt auf ihn zu):

Cherubim! Zum letztenmal diesen lsternden Namen und dann ins
namenlose Zelt. Etwas Greres, was du nicht bist, kam hier herein --
dem fge dich. Du hast deinen Teil gehabt am Rosa-Gestirn: la ab,
einen falschen Glanz auf die Urne zu heften. Du hast dein ganzes Herz
verschwendet, deshalb haben wir dich geliebt. Wenn du auch irrtest,
was tut es: du hast gelebt. Zum Hchsten bist du nicht gelangt.
Trotzdem (er reicht ihm die Hand) hab Dank!

      Cherubim

  (stt ihn fort):

Ich will Euern Dank nicht. Ich lebe noch! Ich nehme den Kampf auf. (Er
richtet sich empor.) Wo sind meine Freunde? Wollen sehn, ob sie mich
alle verlassen ...

  (Er blickt um sich.)

      von Tuchmeyer

  (tritt zu ihm):

Ich bleibe bei dir!

      Der Freund:

Gut. Du willst, ich soll dir vor allen die Maske vom Gesicht zerren.
Ich werde dich nicht schonen. Kampf bis aufs Messer. Fllst du, wirst
du mit Fen getreten -- und du fllst! (Die Musiker im Saal stimmen
ihre Instrumente. Lichtschein und strkeres Gerusch von vielen, schon
Versammelten setzt ein.) Hrst du die Tne? Wirklich -- bist du ohne
Angst? Gib acht, ich rede gegen alles -- und gegen dich. Deine Weiber
und deine Locken ntzen dir nichts. Ich _wei_ ja, wozu die Rosen und
der Sekt dient! Bei _meiner_ Rede wird nicht gespielt. Ich werde die
Nichtigkeit deiner Argumente nachweisen -- ich kenne dich auswendig!
Ich lasse die Haubitzen des Zweifels auffahren: sieh zu, da nicht all
deine Freuden wie Luftblasen zerplatzen vor diesem Salut. Mein Sohn,
es kommt die Stunde des Gerichts; auch ich bin gewappnet mit Feuer.
(Brausende Versammlung im Saal.) Hrst du! Hrst du! Schon wirst du
bla. Nicht ein Erdbeben -- ein kleines Wort wird dein Himmelreich
vernichten. Ich hole die Gespenster aus allen Ecken hervor und lasse
sie Walzer tanzen. Ich mache einen Totenkopf aus deinem Gesicht. Wie
ein Revisor die Unterschlagung: ich deck dich auf! Man wird dich aus
dem Saale steinigen, mein Freund!

      Cherubim

  (zitternd, ergreift eine Sektflasche und trinkt).

      Der Freund:

Du trinkst noch? Mut! Du knntest stottern. Du willst keine Schonung --
nun denn: ich bin verrucht genug, die Justiz zu rufen. Ich lasse dich
wegen Aufreizung zur Unzucht verhaften. Da kannst du eine Zeitlang ber
deinen Bldsinn nachdenken. Weshalb sollst du nicht die Konsequenzen
deiner Lehre tragen? Bessere als du sind am Kreuze gestorben.

      Der Frst:

Um Gottes willen, man rede nicht so vor meinem Staat! Ich bitte Sie,
es ist doch kein Spa. Wenn wirklich die Polizei kommt: ich kann Ihnen
nicht helfen, ich bin noch nicht mndig. Wie denken Sie sich das?

      Der Freund:

In dem Falle verschwinden Sie durch den Notausgang.

      von Tuchmeyer

  (mit kalter Ruhe):

Solange ich hier bin, wird nichts geschehn.

      Der Freund:

Herr von Tuchmeyer, ich wei, Sie haben Geld. Andre haben das
auch; deshalb sind Sie nicht schlechter -- aber hten Sie sich vor
Dummheiten. brigens wird es _Ihnen_ immer gut gehen: Machen Sie doch
nicht andre zu Genossen Ihres subalternen Gefhls. Sie knnen ruhig
Ihr Geld verschwenden, einst wird es wieder auf Ihren Schultern rollen.
Aber was soll uns diese Welt mit Operetten und Monte Carlo? Sind wir
nicht an jedem Brunnen lter, und ein anderes Dunkel umhllt uns! Leben
wir denn, um immerfort in Kasernen dies Wort herzhaft zu bewegen?
Verdammt mit solchen Scherzen! Ich hasse alle Menschen, die sterbend
noch das Grn im Spiegel der Bume sehn. Aufhngen soll man jeden, der
nicht Unlust und Verzweiflung und das penetrante Risiko versprt hat,
sich von diesem Miststern geruschlos zu entfernen. Begreife man, da
wir uns durch Gefahr der Ewigkeit nhern. Was ntzt uns der Hahnschrei
des Glcks. Verehrte, lernt euch verachten! Wen Gott straft, der
geniet zuviel.

      von Tuchmeyer:

Haben Sie nicht Schwre der Freundschaft begeistert mit uns getauscht?
Weshalb verlassen Sie uns? Sie sind meineidig. Ich schme mich Ihrer.

      Der Freund:

Lieber Tuchmeyer, gehn Sie ab vom Kreuzzug. Sie drfen noch in Sekt und
Umarmungen selig sein. Wir knnen das nicht mehr. Erlauben Sie deshalb,
da wir darber nachdenken. Wir bleiben nicht immer zwanzig Jahre, und
Genies drfen hier keine sein, (er dreht sich zum Frsten um) auer
Ihnen, Majestt.

Also ich erklre es zum letztenmal: ich _bin_ wurmstichig und habe den
Mut, es vor aller ffentlichkeit heute zu bekennen. Mag vor mir oder
nach mir reden, wer will: ich werde das Gegenteil beweisen.

Und wenn Sie mir nicht glauben, so kommen Sie her: mein Herz klopft
gar nicht -- ich habe nicht mehr als 80 Pulsschlge in der Minute.

  (Er stellt sich und ffnet leicht den Rock. Erneutes Brausen im Saal.
  Dann Stille. Die Ouvertre beginnt.)

      Der Freund:

Ich hr schon die Ouvertre. Ein gutes Arrangement! (Zu Cherubim.)
Prparier' deine Handgelenke. Es geht los.

      Cherubim

  (schwer atmend berm Tisch):

Schlieen wir einen Kompromi. Ich rede nicht. Sprich _du_ aber auch
nicht!

      Der Freund:

Nichts. Kein Kompromi. Einer _wird_ reden.

      Cherubim:

Also du willst den Skandal ...

      Der Freund:

Ich la dir einen Ausweg: es redet ein Dritter!

      Cherubim:

Wer ist dieser Dritte?

      Der Freund:

Fgst du dich! Entscheide!

      Cherubim:

Mein schnes, strahlendes Werk ...

      von Tuchmeyer:

Tu's nicht! Ich steh dir bei!

      Cherubim

  (durch diese Stimme geweckt, richtet den Blick starr auf ihn):

Ich gebe nach. Ich rette dein Geld!

      Der Freund:

Jetzt hab ich dich, Freundchen! Du sicherst dir das Kapital. Glckauf!
Wir brauchen es nicht. Diesen Schlueffekt hast du dir nicht erspart.
Du Streiter in Gottes Hand! Nun Ischarioth und Co., tut euch von neuem
auf: Gott gebe euch Treue und trste eure Witwe.

      von Tuchmeyer:

Halt -- ich bin noch hier! Wer ist nun der Verrter an uns allen? Du,
Cherubim, hast feige deine Gre verlassen. Und Sie -- wer sind Sie auf
einmal? Nun sind mir die Fden zerrissen -- auch ich schwanke -- wem
glaub ich denn noch? War mein Geld umsonst und, was schlimmer ist: mein
Glaube? Rcht sich schon mein seliger Papa? Macht man so Bankerott ...?

  (Die Ouvertre ist zu Ende. Es wird laut geklatscht. Das Brausen im
  Saale schwillt an.)

Die erste Nummer ist vorbei. Jetzt schnell! Es mu doch weitergehn. Ich
fange an, mein eigner Regisseur zu werden. Wir knnen doch nicht mitten
im Programm aufhren ... nach der ersten Nummer!

  (Verzweifelt zum Frsten):

Frst! Sagen Sie etwas. Jetzt kommt doch die Hauptsache. Wenn nichts
passiert, die Leute tten uns ja ... Auch Sie schweigen! Hier ist kein
Notausgang ... Gibt keiner ein Zeichen???

      Der Freund

  (hebt den Arm):

Schweigt alle jetzt -- kein Wort! Kein Wort mehr, hrt ihr? Ich geb
euch das Zeichen!

  (Er eilt zur Tr, reit sie auf, ruft):

Komm nun!


Vierte Szene.

  (_Der Sohn_ mit der schwarzen Maske, im Frack, tritt ein.)

      Der Freund

  (fhrt ihn, der nicht sieht, hypnotisch, ohne ihn zu berhren, mit
  den Fingern nher):

Atme! Hier sind Menschen. Die Fahrt ist vorbei! Nicht mehr die
angstvolle Enge der ~III.~ Klasse im Zug. Keiner verfolgt dich. Hier
wirst du leben!

  (Er lftet einen Augenblick seine Maske und sieht in sein visionres
  Gesicht):

Hebe dein Antlitz! Die Erde geht auf -- es sind keine Wrter, die dich
prgeln!

  (Er fhrt ihn vor den Vorhang, dicht an den Saal):

Hrst du die -- dort? Sie erwarten dich. Rede zu ihnen! Beschwre die
Qual deiner Kinderzeit! Sage, was du gelitten hast! Ruf sie zu Hilfe --
ruf sie zum Kampf --

  (Leise Musik im Saal, wie am Ende des zweiten Aktes, aus der ~IX.~
  Symphonie.)

      Der Freund:

Was siehst du?

      Der Sohn

  (unter der Suggestion fern und entrckt):

Dieser Glanz, dieser Glanz! Auge, du scheinst. Hier ist es schn. Hier
grt mich der Stern.

      Der Freund:

Wen siehst du?

      Der Sohn

  (mit tastenden Armen):

Als Kind oft durfte ich, wenn ein Fest bei uns war, zum Dessert vor den
Damen erscheinen. Wie steh ich nun wieder in Frchten und Eis unter dem
strahlenden Leuchter. Ihr Damen und Herren -- ich kenne euch ja -- ein
linkischer Knabe begrt euch --

  (Er verneigt sich langsam im Kreis.)

Ich hab Ihre Spuren in Nchten gesehn! O, da ich bei ihnen sein darf!
Aus dem lichtlosen ther komme ich her; der rmsten einer, und doch bin
ich hier. Da mir das Wunder zuteil ward!

      Der Freund

  (reit den Vorhang auf und stt ihn aufs Podium in den Saal):

Nun sprich zu ihnen! Ein Toter nicht mehr -- du bist frei!


Fnfte Szene.

  (Das Brausen im Saal, die Musik verstummt. Man sieht kurz den
  erleuchteten Raum voller Menschen. Ein langer Ton der Erwartung,
  berraschung, des Staunens setzt ein. Dann wird es still.)

      Der Freund

  (gedmpft):

Stellen Sie sich an den Vorhang, von Tuchmeyer, und hren Sie zu!

  (Er eilt nach vorn, als dirigiere er hinter dem Vorhang unsichtbar
  einen Chor.)

Nehmen wir alle teil an diesem Akt -- jetzt gilt es --

  (Man hrt im Saal die Stimme des Redenden, doch ohne die Worte zu
  verstehn. Alle sind in hchster Erregung im Zimmer verteilt.)

      Der Freund:

Dort steht ein Mensch, der in zwanzig Jahren mehr Leid erfahren hat,
als wir Freude in einem Jahr. Deshalb hat Gott ihn gesandt ...

  (Unruhe im Saal.)

Was ist?

      von Tuchmeyer:

Er reit die Maske ab. Seine Augen sehen noch nicht. Er redet von
seiner Kindheit. Viele knnen ihn nicht verstehn ... da, jetzt spricht
er lauter. Einige stehen auf und kommen nher ...

      Der Freund

  (die Hnde ballend):

Bewegt er die Hnde?

      von Tuchmeyer:

Nein. Doch -- jetzt --

      Der Freund

  (ffnet die Arme):

-- streckt er sie aus: so?

      von Tuchmeyer:

Er ist irre! Er sagt --: er nimmt die Marter unser aller Kinderzeit auf
sich!

      Der Freund:

Ah -- er redet wahr! Weiter, was tut er?

      von Tuchmeyer:

Jetzt ist er vom Podium gesprungen. Er steht mitten unter den Leuten.
Er sagt --: da wir alle gelitten haben unter unsern Vtern -- in
Kellern und in Speichern -- vom Selbstmord und von der Verzweiflung --

      Der Freund

  (beugt sich, mit allen Muskeln gespannt, vorwrts):

Die Geister stehn ihm bei!

  (Er bewegt die Glieder und die Zge seines Gesichts mit magischer
  Gewalt):

Hrst du! Sag es!

  (Ein furchtbarer Wille ist in ihm, den Redenden unter seine Gedanken
  zu zwingen.)

      von Tuchmeyer:

Es gibt ein Unglck!!! Er sagt: die Vter, die uns peinigen, sollen
_vor Gericht_! Das Publikum rast -- --

  (Ungeheurer Tumult im Saal.)

      Cherubim und der Frst

  (rechts und links am Vorhang):

Alles in Aufruhr. -- Sie dringen auf ihn ein. -- Die Sthle sind los --
die Tische --

      Cherubim

  (hysterisch schreiend):

Bravo. Ein herrlicher Fall!

      Der Freund

  (ganz vorn):

Ruhe! (Er holt einen Revolver aus der Tasche.) Ich tte ihn, wenn er
verliert!

      von Tuchmeyer

  (am Vorhang):

Da -- jetzt --

      Der Freund

  (mit dem Rcken zum Saal, ohne sich umzuwenden):

Was?

      von Tuchmeyer:

Er reit sich die Kleider vom Leibe. Er entblt die Brust. Er zeigt
die Striemen, die ihm sein Vater schlug -- seine Narben! Jetzt kann man
ihn nicht mehr sehn, so viele sind um ihn. Jetzt -- sie ergreifen seine
Hnde -- sie jubeln ihm zu --

      Der Freund

  (im Triumph):

Jetzt hat er gesiegt! Jetzt hat er's vollbracht! (Er steckt den
Revolver ein und wendet sich um. Im Saale brausender Beifall.
Hochrufen.)

      von Tuchmeyer:

Sie heben ihn auf die Schultern! Die Studenten tragen ihn!

      Der Freund:

Was sagt er?

      von Tuchmeyer:

Er ruft zum Kampf gegen die Vter -- er predigt die Freiheit --! Wir
mssen uns helfen, da keiner uns hilft! Sie kssen ihm die Hnde --
welch ein Tumult! Sie tragen ihn auf Schultern -- zum Saale hinaus ...

  (Immer neue Hochrufe.)

      Der Freund:

Er hat den Bund gegrndet der Jungen gegen die Welt! Listen auf -- alle
sollen sich unterschreiben!

      von Tuchmeyer

  (reit sein Notizbuch entzwei):

Alle sollen sie unterschreiben! Mein Vater lebt nicht mehr. Heute ist
er zum zweiten Mal gestorben. (Er wirft Bltter auf den Tisch.)

      Cherubim:

Tod den Toten! Der meine schickt mir kein Geld mehr. (Mit lauter
Stimme.) Ich unterschreibe!

      Der Freund

  (zum Frsten):

Und Sie, Majestt, wie wird Ihnen? (Er hlt ihm die Bltter entgegen.)

      Der Frst:

Geben Sie her!

      Der Freund:

Das nennt man Revolution, Bruder Frst!

      Der Frst

  (ekstatisch, springt auf einen Tisch, reckt seinen Arm empor wie das
  Schwert der Freiheitsstatue):

Meine Herren! Wir sind ein Menschenalter! So jung werden wir nie mehr
sein. Es gibt noch viele Idioten -- aber -- zum Teufel: wir leben
lnger!

  (Er beginnt, auf dem Tisch stehend, die Marseillaise. Die andern
  singen mit. Stimmen im Saal fallen ein):

    ~Aux armes, citoyens!
    Formez vos bataillons!
    Marchons! Marchons!~

  _Ende des dritten Aktes._




Vierter Akt.


Erste Szene.

  Am nchsten Morgen.

  Ein Hotelzimmer im Stil der ~Chambres garnies~, jedoch ohne Bett.

  Auf dem Tisch ist das Frhstck gedeckt.

  _Adrienne_, vor einem Spiegel, frisiert sich.

  _Der Sohn_, nachlssig im Frack.

      Der Sohn:

Jetzt, wo du die Haare kmmst, fllt mir ein, da du schon viele vor
mir geliebt hast.

      Adrienne:

Wieso?

      Der Sohn:

Mich qult eine sonderbare Eitelkeit.

      Adrienne

  (kmmt weiter):

Ich liebe dich.

      Der Sohn:

Du hast doch Geld von mir genommen!

      Adrienne:

Und du? Lebst du von der Luft? Hast du nicht auch Geld genommen gestern
fr deine Rede? Wir mssen alle essen.

      Der Sohn:

Das ist richtig. Ich nahm Geld. Ich habe dafr einen Akt aus meiner
Jugend gespielt.

      Adrienne:

Mit wem ich morgen schlafe, geht heute keinen an. Ich bin ein Weib und
kann nicht mehr tun.

      Der Sohn:

Man hat mich auf die Schultern gehoben. Ich mu nachdenken, dann wird
es mir klar. Ich bin in einer andern Welt.

      Adrienne:

Du hast doch Revolution gemacht gestern! Weit du das nicht mehr?
Vielleicht steht es schon in der Zeitung.

      Der Sohn:

Was vor acht Stunden war, ist fr mich schon historisch; gestern habe
ich noch Geschichte gepaukt.

      Adrienne

  (nachdenklich):

Da sieht man, wie Revolutionen entstehn!

      Der Sohn

  (lchelnd):

Nein, du irrst! Ich bin gar nicht so raffiniert. Ich bin kein
Schauspieler. Ich war echt.

      Adrienne:

Du weit nicht mehr, was du gemacht hast?

      Der Sohn:

Ich erinnere mich, wir nahmen einen Wagen und fuhren in die Vorstadt
hinaus. Ich sah dich nur flchtig -- du schienst mir sehr schn. Mein
Gott, ich habe ganz vergessen, mich bei den Studenten zu bedanken. Sie
trugen mich wohl eine halbe Stunde im Regen herum. Jemand drckte mir
Geld in die Hand.

      Adrienne:

Ist es viel?

      Der Sohn:

Es wird langen.

      Adrienne:

Du bist aus vornehmem Haus. Man sieht es an der Wsche.

      Der Sohn:

Wie kommst du darauf?

      Adrienne:

Mein Kleiner! Du hast keine Erfahrung in der Liebe, und von den
schnsten Spielen verstehst du nichts. Du mut erst erzogen werden. Ein
Mann von deinem Stande braucht das.

      Der Sohn:

Ich dachte, das kommt von allein.

      Adrienne:

So klug sind die Mnner nicht! Du willst doch einmal heiraten. Du
knntest bse hereinfallen; deine Frau wird dich betrgen -- weil du
nichts verstehst.

      Der Sohn:

Adrienne, das wute ich nicht. Was ist da zu machen!

      Adrienne:

Willst du bei mir lernen? Ich bringe dir alles bei. Und du wirst sehr
klug werden.

      Der Sohn:

Mein Vater hat mich nicht einmal gelehrt, was man nach dem Lieben tun
soll. Es war doch zum mindesten seine Pflicht.

      Adrienne:

Die Vter schmen sich vor ihren Shnen. Das ist immer so. Weshalb
schickt man sie nicht zu uns? Man schickt sie auf Universitten.

      Der Sohn:

Wieviel Ekel und Unglck knnte verhtet werden, wenn ein Vater
moralisch wre! Er ist der nchste dazu.

      Adrienne:

Statt dessen verfolgt uns die Sittenpolizei.

      Der Sohn:

Ich verstehe. Ihr fangt an, eine Rolle zu spielen. Man mu von seinem
Vater verlangen, da er uns mit freiem Herzen zur Hure fhrt. Ein neuer
Passus fr unsern Bund. Ich werde ihn in meiner nchsten Rede sagen ...

  (Er geht erregt umher.)

      Adrienne

  (mit ihrer Frisur zu Ende):

Frhstcken wir derweilen.

  (Sie setzen sich.)

      Adrienne

  (kauend):

Hast du noch nie mit einer Dame gefrhstckt -- nach der ersten Nacht?

      Der Sohn:

Noch nie. Weshalb?

      Adrienne:

Du bist ungeschickt. Alle haben mir die Bluse zugeknpft -- du kennst
die einfachsten Anstandsregeln nicht.

      Der Sohn:

Ich bin ein Anfnger in der Liebe: das wird mir mit Schrecken klar.
Aber die Kunst ist gro, und ein junger Mann mu Bescheid wissen, bevor
er die hhere Mathematik versteht. Ich nehme deinen Vorschlag an --
unterrichte mich! Ich bewundere dich: du weit viel mehr als ich. Ich
war so ngstlich, als wir heute Nacht die Treppe hinaufgingen, an den
frechen Kellnern vorbei. Wir sind durch die Mitte des Lebens gewandert
... aus allen Zimmern dieses verrufenen Hotels brachen Strme, dunkle
und unbewute ...

      Adrienne:

Gib mir die Butter!

      Der Sohn:

Ja, und wie du den Mantel nahmst und aufs Bett warfst -- das werde
ich nicht vergessen. So selbstverstndlich, so klar in sich! Ich wei
jetzt, mit welchem Ton man eine Kerze verlangt, die nicht da ist.

      Adrienne:

Du mut nchstens nicht so unruhig sein.

      Der Sohn:

Ich sah zum ersten Male, wie man sich auszieht. Und das langsam
genieen! Wie schn ist ein Geldgeschft: man ist ganz unter sich.

      Adrienne:

Habe ich dir gefallen?

      Der Sohn:

Erst blau und dann rosa; das Schwarz der Strmpfe! Mir gefielen die
Spitzen sehr.

      Adrienne:

Und ich?

      Der Sohn:

Ich wei nicht mehr, wie du aussahst.

      Adrienne

  (mit groer Ruhe, nimmt ein neues Stck Brot):

Du liebst mich noch nicht.

      Der Sohn:

Im Ernst -- sei nicht bse. Ich war enttuscht. Wie nchtern ist ein
Krper und ganz anders, als man sich denkt. Adrienne, du lebst fr
mich, wie du aus dem Wagen in den Korridor tratest. Wie du in einem
fremden Hause Bescheid weit! Du bist eine Heldin. Ohne dich wre ich
vor Scham in die Erde gesunken. Auf verschossenem Samt am Gelnder --
ich glaube, das ist die gleiche Anmut, ber Goldfelder und malayische
Spelunken zu gehn. Ich habe nichts Irdisches mehr an deinen Fen
bemerkt --

      Adrienne:

Manche Herren lieben _nur_ meine Fe. Ich mu nackt auf dem Teppich
tanzen.

      Der Sohn:

Wohin fhrt dieses Wort! Welch ein Zauberkreis. Im Panoptikum einst
eine Dame war blauttowiert ... viele Dinge gibt es, von denen man
trotzdem wei.

      Adrienne:

Weshalb hast du nicht geschlafen?

      Der Sohn:

Ich war nicht mde. Ich liebte dich sehr in der Dmmerung, ruhend auf
dem gleichen Lager, als du mich nicht mehr empfandest. Ich glaube, erst
da liebte ich dich ganz.

      Adrienne

  (mit ruhiger berlegenheit):

Du kannst es noch nicht. Aber du wirst es lernen.

      Der Sohn:

Ich bin begierig auf diese Kunst. Welche Angst, zu nehmen, was einem
geboten ist! Doch man mu sie berwinden.

      Adrienne:

Ich hab meine Handschuhe verloren. Schenk mir ein Paar neue!

      Der Sohn

  (legt ein Goldstck auf den Tisch):

Ich wei nicht, was Handschuhe kosten.

      Adrienne:

Das ist zuviel! Ich bring dir zurck.

  (Sie setzt ihren Hut auf.)

      Der Sohn:

Wo gehst du hin?

      Adrienne:

Nach Hause, mich umziehn.

      Der Sohn:

Wann kommst du wieder?

      Adrienne:

Soll ich dich abholen?

      Der Sohn:

Ich warte auf dich.

      Adrienne:

Hast du noch einen Groschen fr die Bahn?

      Der Sohn

  (gibt ihr):

Hast du Geschwister?

      Adrienne:

Ach, reden wir nicht davon. Meine Schwestern sind anstndig.

      Der Sohn:

Es ist doch merkwrdig, das zu bedenken.

      Adrienne:

Weshalb willst du es wissen?

      Der Sohn:

Ich suche ein quivalent fr meine Schwche. Du bist mir zu berlegen.

      Adrienne:

So schnell verliere ich das Gleichgewicht nicht!

      Der Sohn:

Ich hasse jeden, der meine Zustnde wei. Ich begreife einen Mann, der
ein Weib ttet, das ihn durchschaut.

      Adrienne:

Aber Bubi! Wer wird schon von so etwas reden -- in deinem Alter.

      Der Sohn:

Du weckst meine schlummernden Talente. Seitdem ich dich kenne, seh ich
manches klarer in mir. Die Freude an euerm Geschlecht regt zum Denken
an. Man findet immer wieder einen Weg zu sich.

      Adrienne

  (zuversichtlich):

Heute abend ist Tanz in Pikkadilly. Ich fhre dich ein! Nachher gehn
wir in die Bar.

  (Sie ist in Hut und Mantel.)

      Der Sohn

  (betrachtet ihre schlanke Figur):

Auf, in den Kampf, Tore-ro ...

      Adrienne:

Adieu, Bubi!

      Der Sohn

  (kt weltmnnisch ihre Hand):

Adieu, Madame!

  (Sie geht, ihm zuwinkend, ab.)


Zweite Szene.

  (Er zndet sich eine Zigarette an und geht mit langen Schritten,
  gewiegt, durch das Zimmer. Die Asche legt er auf einen Teller.
  Eintritt _der Freund_.)

      Der Freund:

Guten Morgen!

      Der Sohn:

Bist du schon da?

      Der Freund:

Du scheinst nicht erfreut, mich zu sehn.

      Der Sohn

  (verlegen):

Oh doch -- wie spt ist es?

      Der Freund:

Es ist elf Uhr. Du hast erst gefrhstckt? Um diese Zeit pflegtest du
zu Hause nicht aufzustehn.

      Der Sohn:

Ich brauche einen neuen Anzug. Wo bekomme ich den?

      Der Freund:

Hr' mal, ich sah eben die se Adrienne entschreiten.

      Der Sohn:

Ich liebe sie.

      Der Freund:

Nein, du irrst.

      Der Sohn:

Sie wird es mich lehren.

      Der Freund:

Das meinte ich nicht. Was wird sie dich lehren? berspringe diese
Schulklasse ruhig -- du hast Besseres vor. Eine Dame ihres Genres ernst
nehmen, ist eine Sache, nicht ganz deiner wrdig. Du kommst in Konflikt
mit den rzten. Ich rate ab.

      Der Sohn:

Es reizt mich, eine neue Gefahr zu erleben. Ich lungre frmlich nach
ihr.

      Der Freund:

Du wirst sie bald genug haben.

      Der Sohn:

Auf welchem Gebiet?

      Der Freund:

Hast du vergessen, da dein Vater dich jeden Augenblick zurckholen
kann? Du bist minderjhrig, mein Sohn.

      Der Sohn:

Jetzt -- wo ich im Leben stehe zum erstenmal -- jetzt wieder in die
Knechtschaft zurck? Nie.

      Der Freund:

Nenn diesen gemeinpltzigen Zustand doch nicht _Leben_. Eine witzlose
Nacht mit einem Weibe -- und du bist nicht einmal enttuscht? Du warst
nie so flach als bei dieser Dame. Jedes deiner Wahnsinnsworte am
Abend, wo ich dich berraschte, ist grer.

Ich komme, einen Propheten zu sehn und finde einen kleinen Flchtling,
der verliebt ist. Du spielst deine eigne Persiflage! Dein Frulein
im Elternhaus war ungeheuer. Aber diese Hure, welch eine geistlose
Attrappe!

      Der Sohn:

Sie ist zum mindesten in meinem Leben so wichtig wie du.

      Der Freund:

Teufel, la uns ernst sein. Knntest du dein Gefhlchen unter der Lupe
sehn, du wrdest staunen, wie es von Lusen wimmelt.

      Der Sohn:

Ich will aber nicht! Ich sage dir, die Kleine wird mich abholen, und
dabei bleibt es.

      Der Freund:

So werde glcklich.

  (Er nimmt seinen Hut.)

      Der Sohn:

Wohin?

      Der Freund:

Ich berlasse dich den Huren. Schade um dich.

      Der Sohn:

Bist du verrckt? Rennt man so aus dem Zimmer?

      Der Freund:

Nein, mein Junge. Entweder -- oder. Zuhlter werden alle Tage geboren.

      Der Sohn:

Ich will, nach so viel Stationen, endlich eine Sache ganz tun.

      Der Freund:

Dazu hast du Gelegenheit.

      Der Sohn:

Und wie?

      Der Freund:

Wann ist das Rendezvous?

      Der Sohn:

In einer halben Stunde.

      Der Freund:

Dann knnen wir zwanzig Minuten reden. Setzen wir uns dazu. (Sie sitzen
sich gegenber.)

      Der Freund:

Du bewunderst dieses Mdchen? Sie mag dressiert sein und tchtig in
ihrer Branche. Zugegeben. Das ist viel!

Aber hast du nicht vor wenigen Stunden etwas getan? Mensch, du standest
in einer europischen Halle -- bedenk' das! Was fr ein Ruhm lastet
auf deinen Schultern! Meinst du, so leicht kann man die Verantwortung
von sich abschtteln? Dann verdienst du, da man dich hngt. Wer einen
Gedanken in die Welt schleudert und bringt _den_ nicht zu Ende, soll
des hllischen Feuers sterben. Das ist das Einzige, dem ich rckhaltlos
das Recht der Existenz bekenne: _Die Tat_. Und wie stehst du jetzt da?
Man sah dich von vorne, Prometheus, und nun sieht man dein Hinterteil
-- Nachtigall und Kindskopf. Man mu dir die Hosen halten.

      Der Sohn:

Wovon reden wir? Von _deiner_ Tat, nicht von der meinen. Du bist schuld
an mir -- ich stand unter deiner Suggestion; das wei ich. Weshalb
tatest du es nicht selber? Gib zunchst einmal darauf Antwort!

      Der Freund:

Mich kennen sie; leider. Ich habe ihre Notdurft zu oft geteilt. Ich bin
kein Redner. Die Flamme ist mir versagt; ich wrde am Ende selber gegen
mich sprechen.

Aber _du_ hast die Gemter. Ich wei nicht, wieso, aber du hast sie.
Die grte Macht -- und du brauchst sie nicht. Das ist doch zum
verzweifeln! Erst hole ich dich aus deinem Kfig, und zwei Stunden
lang bist du die Gewalt meiner Ideen. Und schon verrtst du mich und
verkriechst dich hinter die Instinkte des Pbels.

      Der Sohn:

Als ich heute morgen in der Dmmerung mit mir selber ins Reine kam,
da erkannte ich nebenbei dies seltsame Theaterspiel. Ich mute mich
fragen, wer ich bin. Der Verdacht liegt nahe, da deine Hilfe nicht
ganz so parteilos war. Ich beklage mich nicht ber meine Rolle -- aber
--

      Der Freund:

Ich gebe zu, da mein Wille ber dir geherrscht hat. Ich mibrauchte
dich von Anfang an. Sogar whrend der Rede habe ich dir, ohne da du
es wutest, Worte und Gesten diktiert. Dein Ha gegen mich ist also
vollkommen begreiflich.

      Der Sohn

  (erhebt sich):

Ach so!

      Der Freund

  (drckt ihn nieder):

Noch einen Augenblick. Jetzt ist das Reden bei mir. Als ich dich sah,
damals in der Stunde des Selbstmords blutend an deinem Kampf, fiel es
mir wie Schuppen von den Augen: hier war der Mann, den ich brauchte!
Denn ich sah in ungeheuerster Erregung -- du hattest, was uns allen
fehlte --: Jugend und die Glut des Hasses. Nur solche Menschen knnen
Reformatoren sein. Du warst der Einzige, der Lebendige, der Rufer: Gott
will es.

Und so beschlo ich, dich auf einen Sockel zu heben, von dem hinunter
du nicht mehr strzen kannst.

      Der Sohn:

Bist du dessen so gewi?

      Der Freund:

Ja. Eine unzerstrte, unverbrauchte Kraft in dir bewegt dich nach
vorne. Es htte vielleicht nicht geschehen _sollen_. Aber wo es
geschehen ist, _kannst_ du nicht mehr zurck.

      Der Sohn:

Und was soll ich tun?

      Der Freund:

Die Tyrannei der Familie zerstren, dies mittelalterliche Blutgeschwr;
diesen Hexensabbat und die Folterkammer mit Schwefel! Aufheben die
Gesetze -- wiederherstellen die Freiheit, der Menschen hchstes Gut.

      Der Sohn:

An diesem Punkt der Erdachse glhe ich wieder.

      Der Freund:

Denn bedenke, da der Kampf gegen den Vater das gleiche ist, was vor
hundert Jahren die Rache an den Frsten war. Heute sind _wir_ im
Recht! Damals haben gekrnte Hupter ihre Untertanen geschunden und
geknechtet, ihr Geld gestohlen, ihren Geist in Kerker gesperrt. Heute
singen wir die Marseillaise! Noch kann jeder Vater ungestraft seinen
Sohn hungern und schuften lassen und ihn hindern, groe Werke zu
vollenden. Es ist nur das alte Lied gegen Unrecht und Grausamkeit. Sie
pochen auf die Privilegien des Staates und der Natur. Fort mit ihnen
beiden! Seit hundert Jahren ist die Tyrannis verschwunden -- helfen wir
denn wachsen einer neuen Natur!

Noch haben sie Gewalt, wie einst jene. Sie knnen gegen den
ungehorsamen Sohn die Polizei rufen.

      Der Sohn:

Man sammle ein Heer! Auch fr uns sind die Burgen der Raubritter zu
erobern.

      Der Freund:

Und zu vernichten bis ins letzte Glied. Wir wollen predigen gegen das
vierte Gebot. Und die Thesen gegen den Gtzendienst mssen abermals an
der Schlokirche zu Wittenberg angenagelt werden! Wir brauchen eine
Verfassung, einen Schutz gegen Prgel, die uns zur Ehrfurcht unter
unsere Peiniger zwingt. Dies Programm stelle ich auf, denn ich kann es
beweisen. Fhre du das Heer.

      Der Sohn:

Aber wer hilft uns? Bis zum einundzwanzigsten Jahre sind wir
preisgegeben der Peitsche und dem Wahnsinn des vterlichen Gespenstes.

      Der Freund:

Ist es das erstemal, da ein Werk fr die Freiheit geschieht? Auf, die
Fahnen und Schafotte der Revolution! Wenn das alte tot ist, macht man
ein neues Gesetz. Wir wollen brllen, bis man uns im Parlament unter
der goldenen Kuppel hrt. Um nichts Geringes wagen wir unser Blut. Und
der Gedanke, dies Feuer, mchtig zu allen Tagen der Welt, wird nicht
erlschen vor bermacht und Hinterlist. Wir _mssen_ siegen, weil wir
strker sind.

      Der Sohn:

Sind wir nicht allein -- wir zwei in diesem Zimmer? In welchen Rumen
tnt Widerhall?

      Der Freund:

In allen, wo junge Menschen sind. Hast du nicht geredet in der
gestrigen Nacht? Hrtest du nicht die Stimmen des einen tausendfach? So
glaube nur: die Stunde ist da. Und sie fordert das Opfer.

      Der Sohn:

Was kann ich tun! Ich bin nur ein armer Teufel, der selber vertrieben
ist.

      Der Freund:

Du hast begonnen -- vollende das Werk. Tu nun das Letzte. Empfange die
heilige Pflicht.

      Der Sohn:

Was hab' ich Groes getan, da du alles auf mich setzest!?

      Der Freund:

Das Schicksal von Millionen ist in deiner Hand. Was du gestern sahst,
ist nur ein kleiner Teil des mchtigen Volkes von Shnen, die auf
deine Taten bereit sind. Der Funke ist entzndet -- schleudre ihn
ins Pulverfa. Jetzt mu ein Fall kommen, ein ungeheurer, noch nicht
dagewesener, der die ganze Welt in Aufruhr setzt. Auf diesem Boden an
einer Sttte mu der Umsturz beginnen. Gestern klang deine Rede hinaus
-- heute mut du es tun.

      Der Sohn:

So sage mir, wie schon einmal an der Wende meines Lebens -- was ich tun
soll.

      Der Freund

  (zieht einen Browning aus der Tasche):

Kennst du dies schwarze Instrument? Es beherbergt den Tod. Ein kleiner
Griff -- und Leben erlischt. Betrachte es genau: mit diesem Metall
htte ich gestern _dich_ vernichtet; aber du hast gesiegt. Du hast den
Tod berwunden: das macht dich unsterblich zum Leben.

Sieh an, es ist scharf geladen. Ich gebe es dir. Dasselbe, das noch
gestern hinter deinem Atem stand. (Er reicht es ihm hinber.) Nimm es.

      Der Sohn:

Gegen wen?

      Der Freund:

Bald bist du gefangen.

      Der Sohn:

Nein!!!

      Der Freund:

Doch die Hscher sind dir auf der Spur.

      Der Sohn:

Nein!! Nein!!

      Der Freund:

Dein Vater wei, wo du bist. Er rief die Polizei.

      Der Sohn:

Wer -- hat das getan?

      Der Freund:

Du willst es wissen: Ich.

      Der Sohn:

Du ...!

      Der Freund

  (mit aller Ruhe):

Ich teilte deinem Vater deinen Aufenthalt mit.

      Der Sohn

  (reit den Revolver an sich und zielt):

Verrat! Stirb dafr!

  (Er drckt ab. Der Revolver versagt.)

      Der Freund

  (ohne sich zu verndern):

Du hast ihn nicht aufgezogen. Ich wute, du wrdest auf mich schieen.
Aber es ist noch zu frh. Ich bin nicht das richtige Ziel -- deshalb
ersparte ich mir den Griff.

Du mut ihn auseinanderziehn -- so -- jetzt ist die Kugel im Lauf --
(Er tut es und reicht es ihm hin.) Jetzt kannst du schieen.

      Der Sohn

  (lt den Revolver sinken):

Verzeih. -- (Er steckt ihn zu sich.) Ich behalte dein Geschenk.

      Der Freund:

Und nun auch die letzte Klippe umschifft ist -- wie zwecklos wre ein
Mord in diesem Moment -- so will ich dir sagen, _weshalb_ ich es tat.

Ich kenne die Versuchung, mit Ruhm und mit Weibern zu schlafen. Doch
brauchte ich nichts zu frchten -- ich sehe, du brennst noch. So ist
es gut. Aber jeder hat die Probe auf sein Exempel zu machen; schon der
Kleinglubigen willen und des Unverstandes. Mit beiden mu ein Feldzug
rechnen. (Er sieht auf die Uhr.) In nicht mehr zehn Minuten, am Schritt
der Polizisten gemessen, wirst du in Ketten deinem Vater zugefhrt. Du
stehst vor ihm, der Ketten ledig, Aug in Auge. Und er wird dein Urteil
sprechen: es lautet auf Zwangsarbeit. Was -- wirst du dann tun?

  (Er steht vor ihm, ganz nahe.)

      Der Sohn

  (weicht zurck):

An welchem Ende der Welt stehn wir ... kann der Gedanke noch weiter ...
mir schwindelt ...

      Der Freund

  (folgt ihm nach):

Was wirst du tun? Wohin gehst du?

      Der Sohn

  (an die Mauer gedrngt):

Du bist furchtbar. -- Hier ist nichts mehr -- (schreiend) Vatermord!!!!

      Der Freund

  (tritt zurck):

Gott ist bei dir.

      Der Sohn

  (strzt heftig nach vorne, packt ihn am Arm):

Ich _kann_ es nicht! Ich _kann_ es nicht! (In grlicher Angst.) La
mich los! (Er fllt ihm zu Fen.) Ich bitte dich!

      Der Freund

  (eisern):

Mensch! Nachdem der ungeheure Gedanke in dein Inneres zog, wirst du ihm
nicht mehr entrinnen. Du bist ihm verfallen mit Leib und mit Seele. Du
hast keine Ruhe mehr. Geh hin und fhre ihn aus!

      Der Sohn

  (nach einer langen Weile):

Wie darf ich ein Leben tten -- ich -- der ich kaum geboren bin. -- Es
gehrt unmenschlicher Mut dazu, das kleinste Tier zu vernichten. --
-- Ich habe einmal einen Hund erdrosselt und konnte zehn Nchte nicht
schlafen. Ich bin zu schwach. Mache mich nicht zum Mrder. Schon jetzt
sind die Erinnyen in mir.

      Der Freund:

Ist Feigheit Trumpf? Und du wolltest in die Schlacht?

      Der Sohn:

Rette mich vor dem furchtbaren Alp!

      Der Freund:

Und doch hast du eben mit kaltem Blut auf mich geschossen! Wie reimt
sich das? Weshalb verfolgt dich mein Schatten nicht? Hab ich dir mehr
getan als dein Vater? Antworte, weshalb konntest du es bei mir?

      Der Sohn:

Wie gut gelang dieser Effekt. Ich verstehe -- die Falle ist hinter mir
zu. Ich bin um eine Festigkeit rmer. Weh dir, du rettest mich nicht.
Ich hasse dich malos! Jetzt fhl ich: ich knnte es tun.

      Der Freund:

Was liegt an uns und einem Toten. Hunderttausende werden leben.

      Der Sohn:

Es gibt edle Vter!

      Der Freund:

Wir kmpfen nicht fr die Ausnahme -- wir kmpfen fr die Tat!

      Der Sohn:

Weshalb mu _ich_ sie schaudernd vollbringen?

      Der Freund:

Weil dir und keinem anderen die Macht gegeben ist.

      Der Sohn

  (stolz empor):

Was ich auch tue: nicht um deretwillen werd ich es tun. Was gehn mich
diese an! Fr mein eigenes, armes Geschlecht will ich zu Ende leiden.
Mir allein ist das groe Unrecht geschehn. _Ich werde es tun!_ -- Mit
dir habe ich nichts mehr gemein.

      Der Freund:

Du gabst dein Wort. (Stille tritt ein.)

      Der Freund:

Wenige Minuten noch, und man hat dich befreit von meiner Gegenwart.
Werden wir uns wiedersehn? Vielleicht nicht. Einer von uns knnte den
groen Sprung machen -- mglicherweise nicht einmal du. Ich meine (mit
Geste) die restlose Entfernung ...

  (Der Sohn antwortet nicht.)

      Der Freund:

Ich knnte dir in spiritistischen Zirkeln erscheinen. Doch ich lege
keinen Wert darauf. Dann schon lieber monistisch verwesen.

Indessen, auf dem schwankenden Boden noch nebeneinander, sollten wir
uns beide wenigstens klar sein.

      Der Sohn

  (wie abwesend):

Schon aus diesem goldenen Sterne entschwinden ... wieder in die Nacht
... wer wird mir _jetzt_ im Unglck helfen?

      Der Freund

  (mit starker Stimme):

Zum ersten, zum gewaltigsten Male: du selbst dir! _Hier im Tode beginnt
dein Leben._ Du stehst im grten aller Geschicke! Was du bis dahin
gelebt hast, waren Stubenarrest und Nachtkapellen. Dir schien es nur
so! Aber man lebt nicht mit seinen Reklamesulen. Zeige, mein Junge,
da du nicht verloren bist!

      Der Sohn

  (leise und demtig):

Ich frchte mich so vor dem Sterben.

      Der Freund:

Bist du noch nie gestorben? Wieso denn berraschte ich dich dabei?

      Der Sohn:

Da kannte ich die Welt nicht. Da war ich reich. Da konnte ich sterben.

      Der Freund:

Sei mutig; heute bist du besser.

      Der Sohn:

Und als ich im Saale stand -- vergit du?

      Der Freund:

Jetzt erst wirst du ganz du selbst sein. Ich nehme Abschied von dir. Du
hast mich berholt. Ich kann dir nichts mehr geben.

      Der Sohn:

Ich gehe zum Tode. Weit du, was das heit?

      Der Freund:

Er oder du! Der mu sterben, der sein Lebendigstes nicht vollbracht
hat. Wer das Leben in einem andern Menschen hat, darf den eignen Tod
nicht frchten. Kein Hund unterliegt ohne Kampf! Das beste an uns ist,
da wir die Gefahren _wollen_, da wir ohne sie nicht geboren sind. So
rette denn dein Geschlecht -- unser aller Geschlecht: das Hchste,
was wir besitzen. Wenn auch schlimm und vergnglich, einmal mssen wir
dahin gelangen.

      Der Sohn:

Und das Eine gegen Alles! Hat es Raum auf der alten Welt?!

      Der Freund:

Nieder, was uns bewuchert! Gib keinen Pardon -- auch dir hat man nichts
gegeben.

Schaudre nicht: Gott will, da die Gesetze sich ndern.

      Der Sohn:

Erwarten wir die Polizei. Diese kurzen Sekunden sind das Gottesgericht.
Ich bin bereit zu gehn. Die Henker sollen mich mutig finden.

Nein, ich unterwerfe mich nicht.

Tritt keiner hier ein, mich zu fesseln, so will ich fliehn, und kein
Haar soll ihm gekrmmt sein. Wenn aber ja, (er hebt den Finger) ich
schwre! Und fordre den grlichen Zweikampf heraus. Aber ich will das
Verbrechen sehn, da ein Vater seinen Sohn den Schergen berliefert.
Wenn das geschieht, ist die Natur entmenscht. Dann fhre ein andrer
meine Hand.

      Der Freund:

Gedenke dieses Schwurs!

      Der Sohn:

Die Wolke am Himmel raucht. Ich knnte beten: Wende das bel von mir ...

      Der Freund:

Du brauchst keinen Christus am Kreuz. Tte, was dich gettet hat!

      Der Sohn

  (in Trnen):

Ich bin schwach wie das kleinste Opfertier. Und doch. Ich habe die
Kraft.

      Der Freund

  (in tiefer Ergriffenheit):

Auch der Zweifel und die Versuchung sind uns gegeben und das
Unendliche, damit wir fort und fort am eignen Willen scheitern, dennoch
zum Grten gelangen. Glaub mir, der in alle Wasser getaucht ist, ich
mu es zitternd sagen: Wir leben ja, um immer mehr und immer herrlicher
zu sein. Und Glck und Qual und Wahnsinn sind nicht vergeblich -- so
la uns wirken, Bruder, zwischen den Schatten, da uns der Tod nicht
erreicht vor unserm Ende.

Nur ein kleiner Raum ist noch zwischen uns beiden -- schon wlbt sich
die Brcke des gemeinsamen Stroms.

Da gehst du nun hin. Und ich nenne deinen Namen mit Ehrfurcht; bald
werden viele ihn nennen.

      Der Sohn:

Gibt es denn Absolution fr das, was ich tue?

      Der Freund:

Sie ist im Glauben der Menschen, deren Retter du wirst.

      Der Sohn:

Und wenn es milingt? Wenn ein Spuk mich narrt? Wenn die Hoffnung
scheitert?

      Der Freund:

Dann stnden wir nicht hier. Unsre kleine Existenz ist das Korn der
groen Erfllung. Du lebst nur das Schicksal deiner Geburt. Was einst
dir die Brust bewegt hat -- heute wirst du's vollenden.

      Der Sohn:

Mir ist, als htte ich lngst gelebt.

      Der Freund:

So lebe von neuem! Lebe, deines Daseins endlose Kette zu begreifen.
Zweifle nicht mehr! Ein Strahl bricht in unser armes Geschick. Bruder
vor dem Tode -- wir drfen noch einmal beisammen sein.

      Der Sohn

  (in groer Bewegung):

Gib mir deine Hand!

      Der Freund:

Kann ich noch etwas fr dich tun?

      Der Sohn:

Hier nimm das Geld. Ich erhielt es gestern. (Er gibt es ihm.) Arm ging
ich aus meinem Vaterhaus, und so will ich zurckkehren. -- Glaube an
mich!

  (Sie stehn sich hochentschlossen gegenber.)


Dritte Szene.

  (Man klopft an der Tre.)

      Der Sohn

  (mit lauter Stimme):

Herein!

  (Kriminalbeamte treten ein.)

      Der Kommissar:

Welcher von den Herren ist der Sohn des Geheimrats?

      Der Sohn:

Der bin ich.

      Der Kommissar

  (tritt auf ihn zu):

Bitte, folgen Sie uns.

      Der Sohn:

Ihr Ausweis?

      Der Kommissar

  (zeigt ein Schild):

Hier.

      Der Sohn

  (hflich):

Ich danke. Erlauben Sie zur Klrung noch eine Frage: hat Sie mein Vater
geschickt?

      Der Kommissar:

Wir haben Auftrag, Sie zu ihm zu fhren.

      Der Sohn:

Es ist gut.

  (Der Sohn und der Freund sehen sich an.)

      Der Kommissar

  (tritt einen Schritt nher):

Da Fluchtverdacht vorliegt, mu ich Ihnen die Hnde fesseln.

      Der Sohn:

Sie fhren also einen Verbrecher?

      Der Kommissar

  (achselzuckend mit Entschuldigung):

Ich bedaure ...

      Der Sohn

  (reicht beide Hnde hin):

Ich strube mich nicht.

  (Er wird gefesselt. Die Beamten nehmen ihn in die Mitte. Sie
  entfernen sich.)


Vierte Szene.

      Der Freund

  (allein, ffnet das Fenster):

In den Wagen stoen sie ihn. In Ketten! Nun stellt auf die Guillotine,
ihr Henker! _Euer_ Kopf wird fallen. (Er kommt nach vorne.) Er wird
es tun. Triumph! -- Hier ist meine Kraft zu Ende. (Er sinkt in einen
Stuhl.) Mir scheint, an mir ist die Reihe ... (Er betrachtet sich wie
ein Photograph.) Ist die Pose gut so? Bitte recht freundlich! Wer
knipst den Moment der Verwesung? (Er zieht eine kleine Flasche hervor.)
Nichts mehr als diese Sensation auf der Erde -- das ist wenig. Man
sollte nicht an sein Ende denken. (Er ffnet die Flasche und riecht
daran.) Verdammt! Die Neugierde ist gro. Stirbt man wirklich aus
Interesse? Knnte man die Memoiren dieser Sekunde schreiben!? Aber der
Ruhm ist traurig, und die Kunst reizt nicht mehr.

Nein, lieber so.

Und selbst wenn er die Tat begeht, was ist geschehn? Er lebt und wird
mich doppelt hassen -- wenn der Mantel fllt.

Was hab ich ihm denn zugeredet? Ich werde verduften und mich Lgen
strafen. Die Bejahung des Lebens ist nur einem Spitzbuben erlaubt, der
im voraus wei, wie er endet.

Es wird Zeit.

Monologe, bevor man stirbt, sind hufig. Ich lebte zu meiner
Zufriedenheit. Ich schwr es: der Wahnsinn soll mich hier nicht
erreichen! Ich komme den Geistern zuvor -- (Er giet die Flssigkeit
in ein Glas und besinnt sich.) Herrliche Dinge fallen mir ein.
Geist-Fabrikanten knnten an meinem Tode reich werden. Teufel, weshalb
rede ich noch! _Ich frchte mich, so allein ins Jenseits zu traben!!!_
(Er springt zitternd auf und horcht.) Was ist da: ein Schritt auf der
Treppe? Das wird die se Adrienne sein! Der Himmel gab ihr einen
Beruf: sie soll mir die Vernichtung in einem Tropfen Champagner reichen
...

  (Er geht ihr entgegen.)

      Ende des vierten Aktes.




Fnfter Akt.


Erste Szene.

  Wenige Stunden spter.

  Das Sprechzimmer des Vaters im elterlichen Hause. Ein langer Raum;
  in der Mittelwand rechts und links eine Tre, an den Seitenwnden
  je eine. Links steht der Tisch des Vaters mit Bchern, Telephon;
  davor Sessel mit Holzlehne. An der Mittelwand Glasschrnke mit
  rztlichen Utensilien, rechts ein Untersuchungstisch, aufklappbar.
  An der rechten Seitenwand der Bcherschrank. Davor, gegenber dem
  Arbeitstisch des Vaters, ein kleinerer Tisch mit Sthlen. An der Wand
  die Rembrandtsche Anatomie.

  _Der Vater._ _Der Kommissar._

      Der Vater:

Ich danke Ihnen, Herr Kommissar. -- Hat mein Sohn sich zur Wehr gesetzt?

      Der Kommissar:

Der junge Mann war ganz ruhig. Wir hatten erwartet, einen Rasenden zu
finden. Statt dessen trafen wir zwei Herren im Gesprch. Ein Anla,
Gewalt anzuwenden, lag nicht vor. Trotzdem haben wir auf Ihren Wunsch
die Hnde gefesselt. Auch die Fahrt hierher verlief in voller Ruhe.

Vielleicht, Herr Geheimrat, war die Maregel etwas zu strenge. Ich als
alter Menschenkenner habe nur mit Bedauern das Zwangsmittel ergriffen.
Vielleicht ist es in Gte mglich, den jungen Mann auf die rechte Bahn
zu fhren. Ich bin berzeugt, er ist kein schlechter Mensch. Es gibt
schlimmere Sorte!

      Der Vater:

Herr Kommissar, ich habe ihn zwanzig Jahre beobachtet. Ich bin sein
Vater, auerdem bin ich Arzt. Ich mu es wissen.

      Der Kommissar:

Verzeihung, Herr Geheimrat, ich wollte keineswegs ...

      Der Vater:

Im Gegenteil: ich bitte um Ihr Urteil! Sie sind sicher ein erfahrener
Mann, doch betrachten Sie die Dinge unter Ihrem Winkel. Ich glaube,
ich tusche mich nicht. Ich habe reiflich berlegt, bevor ich mich
entschlossen habe. Es ist keine Gte mehr mglich! Nur die uerste
Strenge kann ihn noch bessern. Dieser Junge ist verdorben bis auf den
Grund seines Charakters. Er will sich meinem Willen entziehen -- das
darf unter keinen Umstnden geschehn. Sie haben seine Reden nicht
gehrt! Die Jugend von heute luft ja Sturm gegen alle Autoritt und
gute Sitten. Seien Sie froh, da Sie nicht einen solchen Sohn haben.

      Der Kommissar:

Herr Geheimrat: ich _habe_ Shne. Und ich liebe sie! Ich knnte den
Fluch der Schndung nicht auf ihr Haupt rufen. Ich kenne die furchtbare
Tragdie zu sehr! Wir haben mit Tieren und Verbrechern zu tun. Bevor
ich mein eignes Blut in diesen Abgrund stoe, lieber lebe ich nicht
mehr. Selbst bei jugendlichen Kriminellen kennen wir vor dem Gesetz
noch Verweise und Strafaufschub. Was hat Ihr Junge denn Schlimmes
getan? Hat er geraubt, geflscht, gemordet? Das sind die Kreaturen,
mit denen wir rechnen mssen; das ist die Gesellschaft, in die Sie ihn
treiben. Verzeihn Sie mir noch ein offenes Wort: Sie brandmarken ihn
fr sein Leben. Sie stempeln ihn mit der Marke des Gerichts. Er hat
einen kleinen Ausflug gegen Ihren Willen unternommen ...

      Der Vater

  (lacht hhnisch):

Einen kleinen Ausflug!!

      Der Kommissar:

Sie sind im Recht und werden ihn strafen. Aber rechtfertigt das eine
Erniedrigung? Ich frchte, die Fesseln sind nicht mehr gut zu machen.
Herr Geheimrat -- es kann ein Unglck geben!

      Der Vater:

Er hat mir den Gehorsam verweigert; es ist nicht das erstemal. Wenn
er, der doch mein Sohn ist, schimpflich mein Haus verlt -- was kann
ich anders tun, als ihn meine Macht fhlen lassen! Ich bin sonst der
Entehrte. Was wird man von mir denken? Wie wird man mich ansehn! Ich
_mu_, wenn kein Mittel mehr hilft, zu diesem letzten greifen. Das
schulde ich meiner Pflicht gegen mich -- und gegen ihn. Ich glaube
noch, ich _kann_ ihn bessern. Er ist jung: dies sei ihm eine Warnung
fr sein ganzes Leben.

Herr Kommissar, Sie sind mir ein Fremder. Trotzdem habe ich Ihnen mehr
gesagt, als je einem Menschen. Bitte, vertrauen Sie mir. Alles lastet
ja auf mir in dieser Stunde -- ich will nur das Beste nach meinem
Gewissen. Aber das darf ich nicht auf mir sitzen lassen! Sie sind
selber Vater. Was tten Sie an meiner Stelle?

      Der Kommissar:

Ein Wesen aus meinem Geschlecht, das in meinem Leben entsprungen ist,
kann nicht verworfen sein. Das ist fr mich das hchste Gesetz! Auch
wir altern. Weshalb soll unser Sohn nicht jung sein?

      Der Vater:

Und wenn er Sie beleidigt?

      Der Kommissar:

Mein Sohn ist doch rmer und schwcher als ich. Wie kann er mich
beleidigen!

      Der Vater:

Herr Kommissar, ich bin aktiv gewesen; ich habe fr meine Ehre mit dem
Sbel gefochten. Ich trage noch die Spuren (er weist auf eine Narbe in
seiner Wange): ich mu mein Haus rein halten. Ich kann mich auch von
meinem Kinde nicht ungestraft beschimpfen lassen. Auerdem erachte ich
die Verantwortung des Erziehers zu hoch, sich einem Zwanzigjhrigen
gleichzumachen.

      Der Kommissar:

Ich frchte, wir reden einander vorbei. Ich habe auch in meiner Jugend
gefochten. Aber die Zahl der Semester und Mensuren erscheint mir kein
Mastab. Unsere Shne verlangen, da wir ihnen helfen. Herr Geheimrat:
_Das mssen wir tun_. Ob sie besser sind oder schlechter als wir, ist
eine Frage der Zeit -- nicht des Herzens.

      Der Vater:

Ich bin bestrzt -- verzeihn auch Sie mir die Offenheit in einer
ernsten Stunde. Wie kann ein Vater, wie kann ein Beamter so reden!
Unsre jungen Leute werden schlimmer und verderbter von Tag zu Tag. Das
ist notorisch! Und dieser Fulnis im kaum erwachsenen Menschen soll
man nicht steuern!? Ich halte es fr meine heiligste Pflicht, gegen
die Verirrung zu kmpfen, und ich werde es tun, solange ich atme. In
welcher Zeit leben wir denn? Hier lesen Sie in der Zeitung, wie weit
es schon gekommen ist! (Er nimmt das Blatt und weist auf die Stelle.)
Gestern hat in einer geheimen Versammlung ein Unbekannter gegen die
Vter _gepredigt_. Das kann nur ein Wahnsinniger sein!! Aber das Gift
hren Tausende und saugen es gierig. Weshalb schreitet die Polizei
nicht ein? Diese Brschchen sind staatsgefhrlich. Hinter Schlo und
Riegel mit allen Verfhrern; sie sind der Auswurf der Menschheit.

      Der Kommissar

  (mit einem Blick in die Zeitung):

Diese Versammlung war der Polizei bekannt. Es ist ein Klub junger
Leute. Er steht unter dem Protektorate einer hohen Persnlichkeit ...

      Der Vater:

Auch das noch! Dann haben wir ja bald die Anarchie.

      Der Kommissar:

Ich kann Sie ber diesen Vortrag beruhigen. Er war nur gegen die
unmoralischen Vter gerichtet.

      Der Vater

  (hhnisch):

Also gegen die Unmoralischen. Und die Regierung untersttzt das
Treiben? Um so mehr ist es unsere Pflicht, sich gegen den Verrat in
der eigenen Familie zu schtzen. Nein, Herr Kommissar, die uerste
Strenge. Die uerste Strenge!

      Der Kommissar:

Wir sind die Leute des Gerichts. Wieviel Verdammnis sehn wir! Glauben
Sie mir, ich will keinen Unschuldigen henken, geschweige denn meinen
eigenen Sohn. Und wenn er mir tausendfach unrecht tut -- ich bin doch
sein Vater! Soll er andere mehr lieben als mich? Wir Vter mssen erst
unsre Shne erringen, ehe wir wissen, was sie sind.

      Der Vater:

Sie scheinen unter Shnen etwas Absonderliches zu verstehn.

      Der Kommissar

  (bescheiden):

Ich verstehe darunter ein Wesen, das mir geschenkt ist, dem ich dienen
mu.

      Der Vater

  (erhebt sich):

Herr Kommissar -- wie gesagt: ich danke Ihnen. Auch ich kenne meine
Pflicht als Vater, allerdings in einem andern Sinne. Ich wnsche Ihnen
keine Enttuschungen! Ich werde es versuchen, selbst in diesem Falle
noch, mit meinem Sohne in Gte zu reden -- solange ich das vermag. Mehr
kann ich nicht sagen. Ich bitte, fhren Sie ihn mir jetzt zu.

      Der Kommissar:

Ich werde Ihrem Sohne die Fesseln abnehmen. Er wird den Weg zu Ihnen
allein finden. (Er verbeugt sich und geht. Der Vater setzt sich in den
Stuhl links an seinen Tisch.)


Zweite Szene.

  (Der Sohn tritt durch die Mitteltre langsam ein. Er ist noch immer
  im Frack und bleibt an der Tr in abwartender Haltung stehn.)

      Der Vater

  (steht auf, ihm entgegen):

Da bist du. -- (Er streckt die Hand aus): -- Willst du mir nicht die
Hand geben?

      Der Sohn:

Nein, Papa.

      Der Vater:

Wir haben miteinander zu reden. Setz dich. (Er geht zu seinem Tisch und
betrachtet ihn.) Du siehst nicht wohl aus -- willst du etwas essen?

      Der Sohn:

Ich habe keinen Hunger.

      Der Vater:

Willst du dich erst umziehn und auf dein Zimmer gehn?

      Der Sohn:

Nein; ich danke.

      Der Vater

  (sitzt in seinem Sessel rckwrts zum Tisch):

Nun, dann setz dich. Dann wollen wir reden.

      Der Sohn

  (setzt sich, ihm gegenber, an den kleinen Tisch nach rechts).

      Der Vater:

Du bist gestern abend, trotz des Verbotes, aus deinem Zimmer heimlich
entflohn. -- Wo warst du die Nacht?

      Der Sohn:

Du hast die Polizei gerufen. Du hast mich gefesselt hierher bringen
lassen.

      Der Vater:

Ich wnsche eine Antwort auf meine Frage: wo warst du die Nacht?

      Der Sohn:

Du hast, unter dem Deckmantel der Erziehung, ein _Verbrechen_ an mir
begangen. Dafr wirst du Vergeltung finden.

      Der Vater

  (springt auf, beherrscht sich aber):

Ich warne dich!

      Der Sohn:

Ich bin nicht hier, um in Tnen des gestrigen Tages dich um etwas zu
flehn, fr das ich zu klein und zu niedrig dich erkannte. Ich bin hier,
Rechenschaft von dir zu fordern -- und Shne: Auge um Auge. Du wirst
kein berflssiges Wort von mir hren. Heute werde ich die nchterne
Rolle spielen, in der du gestern verunglckt bist. La alle Gefhlchen
beiseite. Willst du mich auf meinen Geisteszustand untersuchen -- es
steht dir frei. Ich phantasiere nicht. Soll ich mich auf diesen Tisch
legen ...? (Er wendet sich zum Untersuchungstisch.)

      Der Vater

  (zieht hinter dem Schreibtisch eine Hundepeitsche hervor und beugt
  sie, wie um sie zu prfen, bers Knie):

Sprich weiter!

      Der Sohn

  (fhrt auf die Geste mit der Peitsche schnell in seine Tasche und
  lt die Hand dort):

Als Auskultator minderer Individuen hast du vielleicht deine
Verdienste. Doch hte dich, die Peitsche zu berhren! (Er hebt, vom
Vater unbemerkt, den Revolver halb aus der Tasche.) Ich besitze mein
eignes Attest. Ich bin durchaus gesund und wei, was ich tue.

      Der Vater

  (unwillkrlich eingeschchtert, lt momentan die Peitsche sinken;
  gleichzeitig verschwindet der Revolver in der Tasche des Sohnes):

Man hat dich -- in einem verrufenen Hotel -- heute morgen gefunden. Was
hast du darauf zu sagen?

      Der Sohn:

Es ist die Wahrheit. Ich befand mich dort.

      Der Vater

  (erstaunt):

Du leugnest also nicht?

      Der Sohn:

Keineswegs. Weshalb soll ich leugnen?

      Der Vater

  (nimmt einen Bogen Papier und notiert, wie bei einem Verhr):

Was tatest du dort?

      Der Sohn:

Ich habe mit einer Frau geschlafen.

      Der Vater

  (richtet sich starr auf):

Du hast ... Genug. -- Aus meinem Zimmer!

      Der Sohn

  (ohne sich zu rhren):

Unser Gesprch ist noch nicht zu Ende. Setz dich wieder. Ich sagte dir
schon: es handelt sich um _dich_.

      Der Vater:

Ich sage dir: hinaus!!

      Der Sohn

  (erhebt sich ebenfalls):

Du erlaubst also, da ich mich entferne?

      Der Vater:

Das Weitere hrst du auf deinem Zimmer.

      Der Sohn

  (geht zur Mitteltr und verschliet sie):

Dann mu ich dich zwingen, mich zu hren. (Er nimmt den Schlssel an
sich und streckt drohend den Arm aus.) Setz dich, oder es gibt ein
Unglck! Du willst es nicht anders -- du sollst es haben. (Er tritt
auf ihn zu. Der Vater erhebt die Peitsche, als wollte er zuschlagen,
aber von pltzlichem Schwindel ergriffen, fllt er rckwrts in den
Sessel.) Zum letzten, blutigsten Male frag ich dich hier: lt du mich
in Frieden aus deinem Hause? Du hast mich lange genug geqult. Doch
die Gewalt am wehrlosen Kinde ist nun vorbei. Vor dir steht einer zum
uersten entschlossen. Whle! (Er wartet auf eine Antwort. Sie erfolgt
nicht. Er geht zurck zu seinem Tische und setzt sich wieder.) Reden
wir weiter.

      Der Vater

  (kommt langsam aus der Abwesenheit zu sich):

Meine Haare sind wei geworden ...

      Der Sohn:

Was geht mich dein Haar an -- denke an deine Worte gestern! Ersparen
wir uns die Altersjournale. Wir sind unter Mnnern: wenigstens halte
ich mich dafr.

      Der Vater:

Was willst du noch hier?

      Der Sohn:

Mein Recht. Und diesmal bin ich willens, es durchzusetzen -- bis zu
Ende.

      Der Vater:

Danke deinem Schpfer, da ich in dieser Stunde zu alt war. Sonst ...
Aber noch ist das letzte Wort nicht gesprochen. Rede also! Auf meinem
Totenbette will ich den Vorwurf nicht tragen, der Erste gewesen zu
sein. Rede zu Ende! Ich will volle Klarheit ber dich haben, eh ich
auch das Band zerreie, das dich noch an mich kettet.

      Der Sohn:

Papa, du wirst nichts mehr zerreien. Ob so oder so auf deinem
Totenbette -- mich rhrst du nicht mehr. berlasse mich nur den Furien:
sorge du, da du in Ruhe sterben kannst.

Deshalb hre und glaube, was ich dir sage: _gib mich frei_. Ich stehe
in furchtbarem Ernste vor dir!

      Der Vater:

Ich lache ber deinen Ernst. Ein Irrer steht vor mir.

      Der Sohn:

Papa -- la uns alles vergessen. Aber hr diese Pose auf! Es geht um
dein Leben!! Alles sei ungeschehen, Qual und Rache und Hinterlist.
Streiche mich in deinem Herzen als Sohn. Und la mich jetzt gehen!

      Der Vater

  (hhnisch):

Noch nicht, mein Sohn.

      Der Sohn:

Nun denn --: als ich gestern aus deiner Gewalt entfloh, begleiteten
mich viele, die im Garten versteckt waren, mit Revolvern.

      Der Vater

  (aufmerksam):

Was -- soll das heien?

      Der Sohn

  (fortfahrend):

Und in derselben Nacht, eine Stunde spter, hab ich zu ihnen geredet
gegen euch, ihr Tyrannen, ihr Vter, ihr Verchter alles Groen --
ja, erblasse nur -- ich bin nicht mehr in deine Hnde gegeben: Dein
Intellekt reicht nicht aus zum Gedanken, so beuge dich vor der Tat! Wir
sind keine Irren, wir sind _Menschen_, und wir _leben_: leben doppelt,
weil ihr uns tten wollt. Du wirst keinen Schritt aus diesem Zimmer
tun, ohne da Tausende, die ich rief, dich zerschlagen, bespeien,
zertreten. So rchen wir uns an euch und eurer Macht, und keiner von
den Gttern wird uns verlassen. (Da er antworten will): Ja, ich habe
die Revolution begonnen, inmitten der Folterkammer, wo ich stehe -- und
bald wird mein Name ber Leitartikeln stehn. Jetzt kmpft ein Volk von
Shnen, wenn du lngst in Staub zerfallen bist.

Hier -- lies in deiner Zeitung, (er wirft ihm ein Blatt entgegen):
zitterst du? Das ist dein wahres Gesicht! Ja, ich bin es gewesen! Ich
habe geredet!

      Der Vater:

Du lgst! Du lgst!

      Der Sohn:

Hier ist die Maske des Unbekannten! (Er zieht sie hervor und schwingt
sie durch die Luft.) Zweifelst du noch? Ich bin es!! Nun will ich dein
Ende sehn -- in deinem eignen Zimmer --

      Der Vater

  (schwankend ber den Tisch):

Sage, da du lgst, ich vergesse mich sonst ...

      Der Sohn

  (hochaufgerichtet):

Lt du mich frei? Ich will dein Geld nicht. Ich schenke es den
Armen. Du darfst mich enterben. Ich will nur mein Leben, das rmste
und Hchste! Ich habe noch viel zu tun auf der Welt. Ich will nicht
verbluten an diesen Sekunden ...

      Der Vater:

Ich bin dein Vater nicht mehr.

      Der Sohn:

Du warst es _nie_! Vater -- wer kennt es heute! Wo bin ich geboren! Ich
war ein Stiefkind nur. Habe ich je einen Sohn, so will ich gut machen
an ihm, was mir bles geschehen. O wunderbar groes Licht, knnt ich es
erleben, eines sen Kindes Behter zu sein!

      Der Vater

  (in ganzer Hrte vor ihm):

Dein Wunsch ist erfllt: Du hast keinen Vater mehr. Ich habe dir seine
Hand geboten -- du hast sie verchtlich von dir gewiesen. Der Fluch
komme ber dich. Ich verstoe dich.

Aber weil du in dieser Nacht die Schande ber mich gebracht hast,
deshalb lsche ich dich aus. In meiner Todesstunde will ich an mein
Wort denken --: ich habe vergessen, da du mein Sohn bist.

Du siehst mich heute zum letztenmal.

Wage nicht mehr, mein Haus zu betreten; ich jage dich durch die Hunde
hinaus. Hier nehme ich die Peitsche und werfe sie dir vor die Fe. Du
bist nicht wert, da meine Hand dich berhrt. (Er tut es.) Jetzt kannst
du gehen.

      Der Sohn:

Papa ...

      Der Vater:

Sprich den Namen nicht aus!

      Der Sohn:

Lt du mich frei!?

      Der Vater:

Frei! (Er lacht gellend.) Noch ein Jahr bist du in meiner Gewalt. Noch
ein Jahr kann ich wenigstens die Menschheit vor dir schtzen. Es gibt
Anstalten zu diesem Zweck.

Verla jetzt mein Zimmer und betritt es nicht mehr!

      Der Sohn

  (Mit eiserner Ruhe):

Das Zimmer ist verschlossen. Hier geht keiner heraus.

      Der Vater

  (steht auf und geht langsam, schwerfllig zur linken Seitentr).

      Der Sohn

  (Mit furchtbarer Stimme):

Halt! Keinen Schritt!!

      Der Vater

  (einen Augenblick wie gelhmt von dieser Stimme, setzt sich an den
  Tisch.)

      Der Sohn

  (zieht den Revolver unbemerkt jetzt ganz aus der Tasche.)

      Der Vater:

Hilfe gegen den Wahnsinn ... (Er ergreift das Telephon).

      Der Sohn

  (hebt den Revolver in die Hhe):

      Der Vater

  (am Telephon):

Bitte das Polizeiamt.

      Der Sohn:

Sieh hierher! (Er zielt auf ihn und sagt mit klarer Stimme): Noch ein
Wort -- und du lebst nicht mehr.

      Der Vater

  (macht unwillkrlich eine Bewegung, sich zu schtzen. Er hebt den
  Arm, das Telephon entfllt ihm. Er lt den gehobenen Arm sinken. Sie
  sehen sich in die Augen. Die Mndung der Waffe bleibt unbeweglich auf
  die Brust des Vaters gerichtet -- Da lst sich der Zusammengesunkene,
  ein Zucken geht durch seinen Krper. Die Augen verdrehen sich und
  werden starr. Er bumt sich kurz auf, dann strzt das Gewicht langsam
  ber den Stuhl zu Boden. Der Schlag hat ihn gerhrt.

  Der Sohn mit unverndertem Gesicht nimmt diese Stellung wahr. Sein
  Arm fllt herunter, dumpf schlgt der Revolver auf. Dann sinkt er
  automatisch, als setze sein Bewutsein aus, in einen Stuhl nahe am
  Tisch.)


Dritte Szene.

  (Durch die Seitentr rechts tritt das Frulein. Sie erblickt den
  Vater, eilt auf ihn zu und sieht, da er tot ist. Dann erkennt sie
  den Sohn im Stuhl und kommt langsam auf ihn zu.)

      Das Frulein:

    Nun bist du wieder hier -- und dir zu Fen
    Vermischt sich Heimat mit dem Wunderland.
    Ist keine Stimme nah, dich zu begren:
    Sei nun willkommen einer Mutter Hand!
    Und deine Stirne, die so hei gestritten,
    Ich will sie trocknen dir in Angst und Not.
    Ich frage nicht; ich wei, du hast gelitten.
    Er wird dich nicht mehr hassen. Er ist tot.

      Der Sohn:

    Kennst du den Knaben noch, der dir entschwindet?
    O glaube nicht, ich kehrte dir zurck. --
    Wo ist ein Mensch, der das noch berwindet!

      Das Frulein:

Mein armer Freund! Du bist nicht mehr im Glck.

      Der Sohn:

    Nein, Frulein, die vergnglichen Gebrden
    Entrcken mich des Horizonts nicht mehr.
    Ich wei, da Taten nur durch Opfer werden:
    Mein Herz war bervoll -- jetzt ist es leer.
    Doch hab ich es vollbracht, ich bin verschwendet.
    Vorbei ist nun die groe Leidenschaft.
    Viel ist erfllt -- noch ist mir nichts vollendet;
    Die Wolke zog dahin. Es blieb die Kraft.
    Und wenn ich ber Tote jetzt ins Leben
    Noch einmal schreite: dem hier bin ich fern.
    Vermag ich nicht im Rausche zu entschweben,
    Entschweb ich denn auf einem neuen Stern --
    Und was in meinem Geist steht ungeheuer,
    Bald seh ich es in letzter Klarheit Schein:
    Entznd ich weiter, immer weiter Feuer,
    Dann bin ich mehr als _bin_ -- dann _werd' ich sein_!

  (Sie kniet vor ihn hin, wie er vor sie im zweiten Akt.)

    Ich seh den Himmel ber Ihnen scheinen,
    Den ich in meiner ersten Nacht gesehn.
    Und knnt ich heut an Ihrem Busen weinen
    Sie wrden meine Trne nicht verstehn.
    Und knnt ich heute noch die Worte sagen:
    Geburt und Dasein -- einst in Ihrem Scho --
    Mich wrde Ihre Liebe nicht mehr tragen,
    Ich bin zu arm. Die Erde lie mich los.

  (Sie erheben sich langsam beide.)

    Ins schmerzlich Ungeliebte, in die Schwere
    Des tief Erkannten treibt mein Krper hin.
    Umfngt mich auch die grenzenlose Leere:
    Voll Frucht und voller Segen ist mein Sinn.
    Denn dem Lebendigen mich zu verbnden,
    Hab ich die Macht des Todes nicht gescheut.
    Jetzt hchste Kraft in Menschen zu verknden,
    Zur hchsten Freiheit, ist mein Herz erneut!

  (Sie reichen sich die Hnde und gehen ab nach verschiedenen Seiten.
  Der Tote, in der Mitte des Saales, bleibt allein.)

  _Ende des fnften Aktes._




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  | Anmerkungen zur Transkription                                    |
  |                                                                  |
  | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen      |
  | gebruchlich waren, wie:                                         |
  |                                                                  |
  | anderen -- andern                                                |
  | andere -- andre                                                  |
  | bestehen -- bestehn                                              |
  | geschehen -- geschehn                                            |
  | gesehen -- gesehn                                                |
  | knieen -- knien                                                  |
  | Saales -- Saals                                                  |
  | verzeihen -- verzeihn                                            |
  |                                                                  |
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  | S. 67 sein kein in sein kann gendert.                       |
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End of the Project Gutenberg EBook of Der Sohn, by Walter Hasenclever

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SOHN ***

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Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
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state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
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The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
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volunteers and employees are scattered throughout numerous
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Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

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