The Project Gutenberg EBook of Neue Novellen, by Elise Polko

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Title: Neue Novellen

Author: Elise Polko

Release Date: June 9, 2020 [EBook #62358]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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  Neue Novellen

  von

  Elise Polko.

  [Illustration]

  Leipzig,
  Verlag von Bernhard Schlicke.
  1861.




  Dem Verfasser des Werkes:

  Die Frauen in der Culturgeschichte

  dem

  Oberbibliothekar und Hofrath

  Herrn

  =Dr.= G. Klemm

  widmet diese #Frauennovellen#

  in

  herzlicher Verehrung

                Elise Polko.




Inhaltsverzeichniss.


                                  Seite.

  Vor hundertfnfzehn Jahren 1745      1

  Elisabeth                           69

  Czinka                             187




Vor

hundertfnfzehn Jahren.

1745.

(Ein Skizzenblatt.)

(1860.)


Euer Stck, Lustspiel benannt, scheint mir in der That nicht bel,
junger Freund, lie sich der hochberhmte und vielgelehrte Professor
der Philosophie und Dichtkunst, Logik und Metaphysik, Johann Christoph
Gottsched zu Leipzig, vernehmen, und wandte sich zu einem jungen
Studenten, der an seinen Schreibtisch getreten war, whrend ein Anderer in
bescheidener Haltung an der Thr des Studirzimmers stehen geblieben.
Die Redeweise ist rein, die Figuren nicht verzeichnet, ich wte nichts
Sonderliches gegen Euer Werk zu erinnern, nur mu ich Euch offen gestehn,
da mir ein Trauerspiel allzeit angenehmer denn ein lustiges Stck, und so
gefllt mir auch schon aus diesem Grunde das Machwerk Eures Freundes, so er
die Matrone zu Ephesus benannt, weit besser. Auch schreitet es in Worten
und Stzen ruhig und feierlich einher, und ist ganz nach meinen Regeln
aufgebaut, whrend Euer Stck ohne rechten Zaum und Zgel dahinluft.
Nun ist aber, meines Bednkens, erst ein gesattelt und gezumtes Ro zu
Jedermanns Nutzen und Frommen da, whrend ein loslediges Fllen nur sich
selber zum Vergngen daherspringt. Damit Ihr Beide aber nicht die
Meinung fat, ich _allein_ wolle mich zum Richter aufwerfen ber Eure
Geisteskinder, so mgt Ihr Euch heute um die sechste Abendstunde in
den Wohnstuben meiner Frau einfinden. Daselbst wird sich ein Kreis
hochgebildeter Frauen und Mnner versammeln, denen Ihr selbst Eure Stcke
vorlesen knnt. Bringt also Eure Manuscripte wieder mit und seid pnktlich
hier!--

Nach dieser Rede erhob sich der Gelehrte ein klein Wenig von seinem
Schreibschemel, grte mit der Hand, herablassend wie ein Frst die beiden
Studenten und setzte sich dann, ohne auf deren Abschiedsverbeugungen zu
achten, zum Schreiben zurecht. -- Die Thr des Arbeitszimmers schlo sich,
und man hrte eine Weile Nichts als das Knirschen der Feder, die ber
das Papier schlich, denn der Professor Gottsched pflegte so langsam zu
schreiben als er redete. Er mochte jedoch kaum eine Zeile zu Wege gebracht
haben als die Thr sich wieder leise ffnete und ein schner Frauenkopf
hereinschaute. Dem Kopfe folgte eine hohe schlanke Gestalt, die etwas
zagend auf den Schreibtisch zuschritt. Auf halbem Wege blieb sie aber
stehn und sah ein Wenig furchtsam auf den berhmten Mann, der sich so eben
umwandte, einen erstaunten Blick auf die Eingetretene warf und mit dem
Ausdruck groer Verwunderung fragte: Ihr seid es, Victoria Adelgunde, --
und zu solch ungewohnter Stunde? Was bringt Ihr? -- Nichts! lachte sie
heiter und stand mit einem Sprunge neben ihm, die Hand auf seine Schulter
legend, ich komme nur um Euch Etwas zu fragen -- aber werdet mir nicht
bse ob der Strung.--

Es geschieht wohl zuweilen, da eine mitleidige Seele einem armen
Gefangenen einmal einen Frhlingsstrau oder eine Hand voll Rosen in seine
Zelle wirft, -- just solchen Eindruck machte diese Erscheinung in der
groen finstern Gelehrtenstube voll staubiger Folianten, wunderlicher
Instrumente, und neben jenem ernsthaften steifen Mann mit der
wohlgepuderten Perrcke, der da vor dem Schreibtisch sa. -- Der Professor
der Logik und Metaphysik selbst mute, als er in _dies_ Frauenantlitz sah,
ein Wenig lcheln, er legte die Feder nieder und seinen rechten Arm um den
schlanken Leib der Fragerin, freundlich wiederholend: Was bringt Ihr --
was wollt Ihr denn von mir?--

Sagt mir doch, bitte, wer die beiden jungen Leute waren, die da so eben
von Euch gingen!

Studenten der Theologie -- aus denen aber schwerlich etwas Rechtes werden
wird, denn sie treiben allerlei Allotria.

Aber aus dem mit den groen Augen wird doch gewi etwas Gutes -- wenn auch
vielleicht kein Pfarrer. Wie hie er wohl?

Ziemt es sich fr die Ehefrau des Professor Gottsched nach den Namen
solcher junger Burschen zu forschen? Hat der mit den groen Augen Euch
irgend ein Leid angethan? scherzte der berhmte Mann.

O nein! Er lief nur etwas hastig die Treppe hinab und ich kam just aus
dem Keller, und so htte er mich fast umgestoen, er verlor sein Manuscript
dabei, -- die Bltter flogen um mich her ---- und da muten wir Beide
lachen und ich half ihm die Bltter aufnehmen. -- Der Andere, glaube ich,
stand uerst verlegen dabei und rhrte keine Hand.

Wenn er hastig gelaufen, so war das zweifelsohne der Schlimmste der
Beiden, nmlich der Studiosus Gotthold Ephraim Lessing aus Kamenz. Ihr
httet Euch den Andern lieber ansehen sollen denn ihn, Frau Victoria
Adelgunde, der hat ein wackeres Trauerspiel geschrieben, und war des
Ansehens werther. Sein Name lautet Christian Felix Weie aus Annaberg. Es
ist wunderlich da der sanfte sinnige Mensch so mit Leib und Seele an
dem unsteten Burschen, dem Lessing, hngt. Sie wohnen beisammen und sind
unzertrennliche Gefhrten bei Tag und Nacht. -- Beide werden diesen Abend
kommen um ihre Dichterversuche zu Gehr zu bringen, Beide haben Stcke
geschrieben und hoffen, da die Neuberin sie auf dem Theater auffhren
lt. -- Ich wrde aber, so ich mit dem genannten nichtswrdigen Weibe
noch ferneren Verkehr pflegte, sicherlich nur dem Trauerspiel des Christian
Weie das Wort reden. Es fhrt den Titel: die Matrone zu Ephesus, -- das
Lustspiel des Andern heit nur schlechtweg: der junge Gelehrte.

Wer soll denn heute Abend zuhren?

Der Professor Gellert, und meine gelehrten Freundinnen, die berhmten
Frauen Leipzig's.

Die Zieglerin wollt Ihr einladen? fragte die schne Frau, und ber ihr
Gesicht flog etwas wie ein Wolkenschatten. Diese Person soll in unser Haus
kommen? -- Und heftig zog sie die rosenfarbenen Bnder der kleinen Haube,
die oben auf der Spitze des leichtgepuderten Haars befestigt war, zusammen.
Habt Ihr vergessen da eben sie sich gegen Eure Frau nicht so benimmt, wie
es ihr zukme sich gegen die Gefhrtin eines Gottsched zu benehmen?

Seid nicht kleinlich, Victoria Adelgunde! Einer so hochberhmten Gelehrtin
mu man mancherlei Sonderlichkeiten verzeihn. Sie ist meine Freundin, --
und ich bitte Euch sie denn um _meinetwillen_ freundlich aufzunehmen. Ihr
seht ja sonst alle diese verdienstvollen Dichterinnen leider niemalen bei
Euch, und begleitet mich zu meinem Leidwesen nimmer wenn ich zu ihnen gehe
-- heute Abend mt Ihr, nun schon Eurem Eheherrn einmal die Liebe anthun,
selbige bei Euch zu empfangen. Und nun lat mich wieder allein, und sorgt,
da mich ferner Niemand stre.--

Er stand auf, kte ihr die Hand, geleitete sie feierlich bis zur Thr, und
sie verlie ohne weiter zu reden das Zimmer. Ganz langsam und gedankenvoll
schritt sie ber den Gang der Treppe zu. -- An dem Gelnder blieb sie aber
pltzlich stehn, schaute hinab und murmelte dann mit dem Lcheln eines
Kindes: da -- an der zwlften Stufe war's! -- Es ist doch gut, da ich
den Ephraim Lessing schon kenne. Ich denke wir Beide werden heute Abend
zusammenhalten. Er sieht ganz so aus als ob er sich auch -- wie ich -- vor
gelehrten Frauen frchten knne. -- Wie wunderbar und fremd blickten aber
seine Augen! -- Mich dnkt, ich sah nie schnere ---- auer den Augen
meines Gottsched---- setzte sie lieblich hinzu und ging dann die Treppe
hinab in die Kche.--

Seit zehn Jahren war Luise Victoria Adelgunde, geborene Kulmus aus Danzig,
die Gattin des berhmten Leipziger Professors, und bis zur Stunde fhlte
sie sich nur in den vier Wnden ihres engen Hauses wohl und heimisch,
nicht aber in der Stadt und in dem Bekanntenkreise ihres Mannes. Lange Zeit
krankte sie an einem tiefen Heimweh nach ihrer alten dstern Vaterstadt,
obgleich sie, auer zahlreichen Freunden, von ihrer eigentlichen Heimath
nichts mehr dort fand als -- die Grber ihrer Eltern. Und dies Heimweh
steigerte sich, je mehr Menschen sie sah, und von ihrem reizenden Gesicht
schwanden die Rosen und das Lcheln wich von ihren Lippen. Stundenlang sa
sie an dem Fenster ihres Wohnzimmers in der Grimmaischen Gasse und starrte
auf das finstere Thor und den seltsamen Thurm und wnschte sich Flgel,
um weit weit hinwegzuflattern aus jener Lindenstadt, die sich Klein-Paris
nannte. Die Menschen erschienen ihr so ganz anders denn daheim, so
ernsthaft und gelehrt, oder so bermig geschftig und zerstreut. Und doch
hatte sie unter den Mnnern, die ihr hier in den Weg traten, bald mehr denn
Einen gefunden, der ihr lieb und werth geworden und dessen Reden sie gern
lauschte. Mit besonderer Innigkeit hing sie an dem freundlichen Professor
Gellert, der auch seinerseits an der bildschnen kindlichen Frau groes
Wohlgefallen bezeigte. Aber jene Frauen, die ihr Gatte seine Freundinnen
nannte, und mit denen er tglichen Verkehr pflegte, verleideten ihr den
ganzen Aufenthalt in Leipzig. So eindringlich Gottsched ihr solchen Umgang
als einen besonders bildenden und belehrenden bezeichnet, sie konnte sich
trotz aller Mhe, die sie sich gab, mit diesen Gestalten nicht befreunden,
ja sie empfand eine Art Grauen vor ihnen und war in ihrer Nhe einem
furchtsamen Kinde zu vergleichen. -- Vor jeder Frage die eine oder die
Andere jener Berhmtheiten an sie richtete, erschrak sie, und beantwortete
selbige wie das schchternste Mdchen nur mit einem ja oder nein. Um
die Welt htte sie all jene dichtenden Frauen nicht merken lassen, da
sie selber in ihres Vaters Hause so oft und mit voller Seele Poeterei
getrieben, und bat fast auf den Knieen ihren Gatten, Keiner von ihnen
jemals zu verrathen, da sie schon als achtzehnjhrige Jungfrau eine Ode
verfat auf die Kaiserin Anna von Ruland, und die Schriften der Frauen
Lambert und Gomez aus dem Franzsischen in's Deutsche bertragen. -- Als
die hochgefeierte Zieglerin, geborene Romanus, die am 17.October des
Jahres 1733 von dem Decan der philosophischen Facultt zu Wittenberg,
dem Pfalzgrafen Johann Gottlieb Krause, Kraft der Kaiserlichen Macht
und Gewalt und im Namen seiner Facultt durch die Ueberreichung eines
Lorbeerkranzes und Ringes zur kaiserlichen gekrnten Poetin erhoben worden,
zum ersten Mal vor der jungen Gottschedin erschien, fhlte sich Victoria
Adelgunde sofort auf das Entschiedenste von der berhmten Dichterin
abgestoen. Hochmthig und kalt schaute die Leipziger Brgermeisterstochter
auf das Danziger Doctorskind, und hielt mit scharfen grauen Augen Musterung
ber die Erkorene des gefeierten Freundes Gottsched. Dann lie sie sich
zu der Frage herab: haben die wertheste Gottschedin auch schon Etwas
gearbeitet? Ja -- ich habe mir alle meine Spitzen selber geklppelt
stie da die junge Frau ngstlich hervor, und mit einem siegenden
Hohnlcheln wandte sich die Zieglerin an ihre, eben zum Besuch anwesende,
Schlerin, die hbsche und anmuthige Hedwig Zunemann aus Erfurt und sagte
laut genug, da Jeder der im Zimmer war, es hren konnte: mich dnkt sie
gehre zu jenen Vgeln, deren Geschrei einstmals das Capitol errettet. Wir
mssen sie fallen lassen!--

Ein glckseliges Lcheln hatte damals, nach diesen Worten, die Lippen
Victoria Adelgundens umspielt. Tief aufathmend murmelte sie: O dem lieben
Gott sei's gedankt, sie lt mich fallen!--

Und es geschah also. Keine der gelehrten und berhmten Frauen, die
damals ihren Wohnsitz in Leipzig aufgeschlagen und in dem weltbekannten
Plei-Athen aus- und einflogen, verkehrte mit der Gottschedin. Sie war
erstens zu hbsch und zweitens zu gering, um der Ehre fr wrdig befunden
zu werden in jenem Kreise Aufnahme zu erlangen. Man zuckte die Achseln ber
den wunderlichen Freund und hochgelehrten Mann, da er eine so seltsame
unbegreifliche Wahl getroffen, und tadelte ihn laut und leise, da auch
_er_ ein Mann wie alle Mnner, und ein roth und weies Lrvchen den
hchsten _innerlichen_ Schnheiten vorzuziehen gewagt. -- Man lud den
Gelehrten nach wie vor zu jenen himmlischen Abenden ein, wo man, bei
mglichst krglicher irdischer Speise, mit Apollo und den neun Musen
schwelgte, _ohne_ Frau Victoria aufzufordern, an jenen Gtterfesten Theil
zu nehmen, und so sehr auch Gottsched seine Gattin liebte und hoch hielt,
so schmeichelte es doch seiner Eitelkeit gar zu gewaltig, in einem Kreise
gefeierter Dichterinnen angebetet und besungen zu werden, als da er es
vermocht sich von ihnen loszusagen, weil sie sich von der Frau seiner Wahl
lossagten.--

Es war gar zu angenehm Orakelsprche aus eignem Munde fallen zu lassen,
und als unumschrnkter Herrscher zu thronen. -- Er hatte daher nichts
einzuwenden, wenn seine Gattin sich ihr Klppelkissen zu der Frau des
Cantor Doles tragen lie und in der Wohnung derselben, in der Thomasschule,
plaudernd einige Stunden verweilte, oder mit dem Cantor selber Musikbungen
anstellte, ihm auf der Laute vorspielte und jene reizenden Weisen mit
wunderlieblicher Stimme dazu sang, die sie aus ihrer Vaterstadt Danzig
mitgebracht. -- Das waren heitere Abende fr Victoria Adelgunde. Keine
Gewalt der Erde htte sie vermocht ihren Gatten zu seinen Freundinnen
zu begleiten, so bitter es sie auch schmerzte, da er solcher Gesellschaft
fast tglich einige Stunden opferte. Sie zog es bei Weitem vor, mit irgend
einer schlichten Brgersfrau von den Preisen der Lebensmittel und den
schlechten Mgden und ungehorsamen Kindern zu reden, denn ein Gedicht
vorlesen zu hren von der Dichterin selber. Wenn sie ihre Uebersetzungen
aus dem Englischen, welcher Sprache sie vollkommen mchtig war, in jenen
Stunden nach Tisch unternahm, in denen Gottsched seine Mittagsruhe hielt,
so konnte ein Kind, das an einem verbotenen Leckerbissen nascht, nicht
erschreckter zusammenfahren denn Victoria Adelgunde bei dem Ton der
Hausklingel, und im Nu waren Papier, Dinte und Feder verschwunden.
Selbst von ihrem Gatten lie sie sich nur ungern bei einer schriftlichen
Beschftigung berraschen, und errthete dann wie eine Siebzehnjhrige
die man bei dem ersten Liebesbriefe ertappt. -- Dagegen kannte sie kein
greres Vergngen, als ihm bei seinen Arbeiten zu helfen, indem sie fr
ihn Wrter aufschlug, kleine Auszge machte, oder ein Manuscript in's Reine
schrieb. Wenn er sie zu solchen Hlfsleistungen in das Heiligthum seines
Studirzimmers rief, verga sie sogar die Kchenschrze abzulegen, und
wenn der Braten in _diesem_ Haushalt einmal anbrannte, oder der Suppe
das richtige Ma des Salzes fehlte, so trug nicht die Hausfrau, sondern
lediglich der Herr Professor Gottsched selber die Schuld daran. -- Victoria
Adelgunde hielt ihren Hausstand in musterhafter Ordnung, wie man denn
auch an ihrer eignen reizenden Person niemalen die kleinste Ungehrigkeit
wahrnahm, weder eine zerdrckte Schleife, noch eine schlecht gewaschene
Spitze, noch einen schief getretenen Schuh, oder gar lose hngendes Haar
oder einen auffallenden Putz. Man konnte zu jeglicher Zeit die Wohnung des
Professors der Logik und Metaphysik vom Boden bis zum Keller durchwandern,
und die schrfsten Basenaugen wrden weder Unordnung noch Staubwolken,
aber eben so wenig irgend eine sinnlose Zierrath entdeckt haben. Dies Alles
bewunderte nun der gelehrte Mann an der Gefhrtin seines Lebens gar sehr
-- auch wute er recht wohl, wie hell ihr Geist und wie empfnglich ihre
Seele, aber es bekmmerte ihn doch im Grunde mehr denn billig, da sie sich
sogar nichts aus seinen gelehrten Freundinnen machte, und kein einzig Mal
Verlangen zeigte zuzuhren, wie man ihn anbetete. -- Da er aber den Verkehr
mit den Musen Leipzigs nun einmal durchaus nicht entbehren zu knnen
glaubte, so kam es, da mit jedem Jahre der einsamen Stunden mehrere wurden
fr die schne Frau. Einsamkeit ist aber eine gefhrliche Freundin, und
frommt solcher Umgang besonders keinem Frauenherzen, und dem Wrmsten
just am Wenigsten. Da der Himmel dem Gottsched'schen Ehepaar keine Kinder
bescheerte, so war es wohl natrlich, da allmhlich allerlei Wnsche
und Gedanken aufstiegen in dem Herzen Victoria Adelgundes. -- Dann
kamen heimliche Thrnen, die auf das Klppelkissen fielen, und tausend
halberstickte Seufzer wurden in die Spitzen gewebt -- und endlich whlte
man sich gar eine Vertraute, zwar zum Glck nicht von Fleisch und Bein
aber immerhin gefhrlich genug: die kleine Feder nmlich. Die schne
Frau arbeitete in jenen einsamen Stunden pltzlich fast anstrengend. Sie
bersetzte Pope's Lockenraub, und Addision's Cato, und in eben dem Jahre,
von dem wir just reden, =Anno= 1745, beschftigte sie sich mit einer sehr
berhmten jesuitischen Streitschrift: =la femme docteur=, die sie in sehr
zierlicher Weise in's Deutsche bertrug. -- Wer von den gelehrten Frauen
htte Solches von der kleinen albernen Gottschedin vermuthet. -- Es
stiegen aber trotz all dieser Thtigkeit in dem Herzen der jungen Frau
doch auch hin und wieder Bedenken auf, ob sie ihrem Manne, den sie so
schwindelnd hoch ber sich erblickte, nicht vielleicht in der That gar zu
einfach sei, und sann sie allen Ernstes darber nach, was sie wohl lernen
und beginnen knne, um ihm endlich jenen verhaten Verkehr mit
seinen Freundinnen in Apoll entbehrlich zu machen, und ihn bei sich
zurckzuhalten. -- Wie ein Lichtstrahl durchblitzte sie endlich ein
Gedanke. -- Die Zieglerin hatte einmal den Professor Gottsched in einer
lateinischen Ode besungen, und Solches hatte einen mchtigen Eindruck auf
den Gefeierten gemacht. Er uerte, da diese Arbeit das Hchste sei, was
je eine Frau geleistet, die Ode lag stets neben ihm auf dem Schreibtisch,
und er wiederholte oftmals, da er um solcher fehlerlosen Dichtung Willen
einer Frau anhangen wrde, wenn sie auch das Urbild aller Hlichkeit
und Verschrobenheit. ---- Victoria Adelgunde hatte es also gefunden: sie
wollte ihren Gatten in einer Ode besingen, die mindestens noch einmal so
lang als die der Zieglerin. -- Dazu fehlte ihr nur noch eine Kleinigkeit:
sie mute erst Latein lernen, _heimlich_ lernen. -- Aber wer wollte, wer
konnte wohl ihr Lehrmeister sein?--

       *       *       *       *       *

Am Abend brannten in dem Stbchen der Frau Gottschedin mehrere Kerzen,
und seine fr die damaligen Zeiten prunkhafte Einrichtung zeigte sich im
vollsten Glanze. Die gestreiften Zitzbehnge der Fenster schimmerten rosig,
und das harte, aber groe, und mit demselben Stoff bezogene Sopha nahm
sich gar stattlich aus. Hochlehnige, festgepolsterte Sthle standen um den
mchtigen Tisch, und eine niedere Bank war an das Spinett geschoben, das in
einem Winkel zwischen dem Fenster und der langen Wand seinen Platz gefunden
hatte. Eine Laute hing darber, mit tief herabhngendem, blauen Bande; die
Gottschedin war eine Meisterin im Lautenspiel, aber das wuten kaum ihre
nchsten Freunde. -- Den Schmuck der Wand ber dem Sopha bildeten die
kerzengeraden Conterfeys der Eltern der jungen Frau. Der kniglich
polnische Leibarzt Johann Gottlieb Kulmus schaute gewaltig finster darein,
und hatte die Unterlippe mehr als nthig vorgeschoben, whrend seine
Gattin, ganz Sanftmuth und Ergebung, mit einem matten Lcheln auf eine Rose
schaute, die sie zwischen den spitzen Fingern hielt. Ein Schattenri des
Professor Gottsched, auf goldenem Grunde, war unter dem kleinen Spiegel
angebracht, ein Kranz von Immergrn schlang sich um den Rahmen. Auf der
steifbeinigen Kommode aber stand ein hohes Glas voll frischer Astern, denn
es war eben im Herbst, die Abende wurden schon lang und die Strme rsteten
sich zum Aufstehen.--

Die Stimme der Wanduhr verkndete schrillend die sechste Stunde. Der
Herr Professor sa neben seiner Frau in seinem besten Anzug, gestickter
Schooweste, braunem Sonntagsrock und schwarzseidenen Kniehosen, und
versuchte ihr zuzureden, sich nicht vor den erwarteten Gsten zu frchten,
wie man einem Kinde zuredet, wenn es sich strubt, irgend einem brtigen
Onkel oder einer verkncherten Tante die Hand zu geben. Das feine Gesicht
der Gottschedin verlor auch bald genug jenen Ausdruck ngstlicher Spannung,
den es seit Mittag zur Schau getragen. Die dunkelblauen Augen wurden
wieder heiter und glnzten, und als mit dem Schlage der sechsten Stunde die
Hausklingel ertnte, denn dazumal hielt man es fr eine Pflicht, pnktlich
zu sein, und der Hauswirth sich mit den Worten erhob: wird wohl die
Zieglerin sein mit ihrem Gaste, der berhmten Dichterin Anna Barbara
Teuberin, verwitwete Knackrggin, aus Augsburg -- lachte sie ihm
schelmisch zu. Er aber setzte noch hinzu: ich bitte Euch dringlich, seid
freundlich zu ihnen, Herzliebste! -- Und die Herzliebste nickte, warf
einen Blick in den Spiegel, drckte die Rose an dem linken Ohr fester in
die gepuderten Locken, zupfte an der Spitzengarnitur am Halse und sah aus,
als ob sie sich vor keiner gelehrten Frau der Welt mehr frchte. -- Die
Stubenthr ffnete sich auch bald darauf, und herein zwngte sich eine
rauschende Wolke von wunderlich gemustertem und verblichenem Seidenstoff,
und selbige Gestalt blieb mit allerlei Spitzen und Schleifen an der Klinke
hngen. Ein paar behandschuhte Hnde von gewaltigen Formen zerrissen aber
mit Manneskraft die hemmenden Fesseln, und eine sehr groe, magere Frau in
vorgercktem Alter, mit weit entbltem Busen und nackten Schultern, neigte
sich drei Mal mit unbeschreiblicher Feierlichkeit vor dem Professor der
Logik und Metaphysik, und reichte ihm dann die Fingerspitzen zum Handku.
Auf den Fersen folgte ihr eine schlichte Erscheinung, deren zerknittertes,
braunes Gesicht aus einer tief in die Stirn gehenden, gesteiften Haube
schaute, und die altmodisch geschnittene enge Kleider trug, dem Hauswirth
derb die Hnde schttelte, sich jedoch gewaltig strubte, als er bei ihr
einen Handku versuchen wollte. Es ist eine gar seltene Freude, zu Gaste
geladen zu werden in dem Hause des berhmtesten Mannes zu Leipzig, sagte
die zuerst Eingetretene spttisch, und verneigte sich vor der Gottschedin,
und haben wir solche hohe Ehre und Vergnstigung wohl nur meinem Gaste und
meiner Seelengefhrtin, der Anna Barbara Teuberin, verwitwete Knackrggin,
zu danken, welche allhier vor Euch steht.

Und welche wohl nimmermehr solcher Ehre gensse, so nicht die
hochberhmte, gekrnte Dichterin Christiane Marianne Zieglerin, geborene
Romanus, solch armselig Augsburger Gewchslein hierher getragen, fiel die
Teuberin ein und faltete demthig die Hnde, whrend sie der Hauswirthin
einen kurzen Knix machte.

Die Zieglerin lchelte wohlgefllig, machte aber dennoch eine bescheidene
Geberde der Abwehr, da flog wiederum die Thr auf und ein rundes,
lautlachendes weigekleidetes Etwas rollte dem gelehrten Manne, unter einem
Schwall von zrtlichen Redensarten, an den Hals. Es war eine kleine ppige
Frau mit kurzgeschnittenem, dunklem Haar, ziemlich freiem Ausschnitt des
fliegenden Kleides, lustigen Augen, die ein Wenig schielten, einem hbschen
Munde und groer Zungengelufigkeit. Ganz Leipzig kannte sie, jeder Student
grte sie, und die Thomasschler blieben bei ihren Umzgen gern vor ihrem
Hause stehn, da sie wuten, da sie jeden Vers eines Chorals mit einer
Flasche Bier zu bezahlen pflegte, und dazu auch allezeit zur Genge frische
Semmeln beigeschafft wurden. Es war die Dichterin Anna Helena Volkmann,
geb. Wolffermann aus Leipzig. Schon im Jahre 1736 waren die Kinder
ihrer heitern Muse unter dem Titel erschienen: Erstlinge unvollkommener
Gedichte, durch welche hohen Personen ihre Unterthnigkeit, Freunden und
Freundinnen ihre Ergebenheit, vergngten Seelen ihre Freude und Betrbten
ihr Mitleiden erzeiget, sich selbst aber bei ihren Wirthschaftsnebenstunden
eine Gemthsergtzung gemacht: Anna Helena Volkmannin.

Sie erschien niemalen in ganz sauberem Anzug, auch fehlte es selten an
einigen Dintenspuren an den Hnden, eben so war es schon vorgekommen, da
sie noch mit der Feder hinter dem Ohr in eine Gesellschaft getreten,
aber ihre Bescheidenheit, Frhlichkeit, und ihre witzige Zunge lieen
dergleichen bersehen, wenigstens war die Dichterin trotz alledem bei
Mnnern und Frauen beliebt. Eine sehr hbsche, jugendliche Frau wurde
von ihr dem Hauswirth und der Hauswirthin vorgestellt, sie hie Johanna
Charlotte Unzer, geborene Ziegler aus Halle, Gattin eines ausgezeichneten
Arztes, die auf ihrer Durchreise nach Hamburg, allwo sich ihr Gatte vor
wenigen Wochen angesiedelt, einige Tage in Leipzig verweilte. Man rhmte
von den Gedichten der Unzerin, da sie sich durch ungezwungene Munterkeit
auszeichneten, und nannte sie eine Schlerin der Volkmann. Was aber die
Gottschedin fr diese liebliche Frau zur Stelle einnahm, war der Ruf einer
zrtlichen Gattin und Mutter, der ihr vorausging. Die Volkmann selbst
konnte nicht mde werden, die beiden Frauen einander gegenseitig
anzupreisen, wobei sie nicht verfehlte bald die Eine, bald die Andere
heftig zu umarmen. Dann flsterte sie der Gottschedin zu: setzt Euch zu
mir oder der kleinen Unzerin, und berlat den jungen Weie der Zieglerin,
sie ist nmlich in ihn verliebt und er knnte doch beinahe ihr Enkel sein.
Den Lessing setzen wir dann zur Augsburgerin. Das wre zum Todtlachen! --
Damit schlpfte sie fort und dem eben eintretenden Gellert entgegen, dem
sie, ehe er sich dessen versah, einen Ku auf die Wange gedrckt. -- Dicht
hinter ihm erschienen nun auch die jungen Studenten Ephraim Lessing und
Christian Weie. -- Letzterer war seines sanften feinen Gesichts und seiner
anmuthigen Manieren wegen von den Frauen sehr gern gesehen. Den Andern
kannten nur Wenige, und diese Wenigen fanden seinen Blick zu stolz, sein
Haar zu fliegend, seinen Gang zu khn, seinen Anzug zu nachlssig, und
insbesondere seine Redeweise, fr einen jungen Studenten der Theologie,
viel zu keck und frei. Whrend Christian Weie nun Reihe um die Hnde
kte, und Lessing hinter den Stuhl der Hauswirthin trat, huschte die
Volkmann an ihn heran, zupfte ihn am Ohr und flsterte ihm die Frage zu,
wie ihm die Gottschedin gefalle. Ein flchtiges Errthen war die einzige
Antwort des jungen Mannes, was ihm ein helles Gelchter der boshaften
Dichterin eintrug. Als sie aber sich von ihm wandte, nahm er, nachdem er
einige Worte mit dem Hausherrn gewechselt und alle Anwesenden mit einer
stummen Verneigung begrt, hinter dem Stuhl der kleine Doctorsfrau aus
Halle Platz, allwo er den ganzen Abend hindurch verblieb. -- Warum htte
er ihn auch verlassen sollen? -- Das reizende Bild, dessen Anblick er von
seinem versteckten Sitze aus so ungestrt genieen durfte, wrde ihm ja
dann entzogen worden sein, und welch reichen Stoff zum Denken und Trumen
gab eben dies Bildchen, ein Frauenkpfchen auf dunklem Grunde. Von dem
tiefbraunen Grunde eines Rockes, den der hochberhmte Professor der
Dichtkunst, Logik und Moral, Christian Frchtegott Gellert, trug, hob sich
nmlich ein feines Frauenprofil ab. Die Linien waren so edel und rein, da
sich die Augen des jungen Studenten der Theologie nicht satt daran sehen
konnten. Und zuweilen regte und bewegte sich dies Bild ein klein Wenig,
das Profil verschob sich und zeigte das holdseligste Antlitz mehr als zur
Hlfte, der kstlich geschnittene Mund lchelte, ein Grbchen in der Wange
erschien, und die Wimpern des zweiten Auges tauchten auf. Und es kamen auch
Momente, wo sich der kleine Kopf Victoria Adelgundens ganz zu ihm wandte
und zwei dunkelblaue Augen ihn anschauten, halb fragend, halb schchtern
freundlich grend.--

Der Kreis hatte sich endlich unter lebhaftem Hin- und Widerreden geordnet,
und der Professor Gottsched zwischen der Zieglerin und der Knackrggin
einen etwas engen Sophaplatz gefunden. Neben der Dichterin aus Augsburg sa
der junge Weie, dann folgte die Volkmann mit dem Professor Gellert, die
Gottschedin mit der Unzerin, und der junge Lessing machte den Schlu. --
Man schlrfte eine Schaale dnner Chokolade, a allerlei Backwerk dazu
und schickte sich allmhlich an zuzuhren. -- Ja, aber wem zuerst? -- Die
Zieglerin sprach nmlich laut und vernehmlich den Wunsch aus, zuvor einige
_ihrer_ eignen neuesten Dichtungen vortragen zu drfen, ehe die jungen
Studenten ihre Schauspiele dem Richterspruch des edlen Kreises zu
unterwerfen begannen, und setzte mit sauersem Lcheln hinzu, da sie
hoffe, ihre geliebten Schwestern in Apoll wrden nachher desgleichen
thun. Wir wissen gar wohl, wir armen Frauenzimmer, sagte sie mit einem
wohlstudirten Augenniederschlag und tiefem Seufzer, da wir nicht mehr
bestehen knnen, so ein _Mann_ vorher seine Werke zu Gehr gebracht. Die
Schpfungen der Herren der Welt gleichen ja den Palmen, dieweil wir
nur armselige Gnseblmlein bringen. Ist's nicht so, meine theuren
Freundinnen?

Die Knackrggin senkte zustimmend das Haupt, die hbsche Doctorsfrau
lchelte verstohlen die Hauswirthin an, die Volkmann aber rief: ich will
Nichts wissen von Gnseblmchen, und habe auch, so ich mich erinnere, im
Garten der Poesie niemalen welche gepflckt! Die Unzerin und ich suchten
nur allezeit nach Veilchen!

Einen vernichtenden Blick warf die gekrnte Dichterin auf die schalkhafte
Sprecherin, dann sagte sie, zu Gottsched gewandt: Hochverehrter Freund,
sintemalen doch Bescheidenheit die hchste Zier des Weibes, mgen denn
meine armen Geisteskindlein diesen Reigen erffnen, damit----

Das _Beste_ gebhrend zuletzt komme, meint Ihr sicher, liebste Zieglerin?
unterbrach hier lachend die Volkmann.

Die berhmte Frau fuhr auf, aber der Professor der Logik und Metaphysik
zog sie mit einer ngstlichen Geberde auf ihren Sitz zurck und flsterte:
bleibt wrdevoll und ruhig, liebwertheste Freundin. Sie liebt es nun
einmal, Jedweden weidlich zu necken, und wei doch so gut als ich, da Ihr
die berhmteste Frau der Lindenstadt seid und bleibt. -- Die Gottschedin
legte erschrocken ihre Hand auf den Arm Gellerts, der aber lchelte und
sagte ruhig: Ihr mt Euch an dergleichen gewhnen, schnste Frau, sie
sind nun einmal Alle so unter einander und mit einander. Sie fahren sich
aber dabei doch nimmer wirklich in die Haare und nennen sich trotz alledem
gute Freunde.

Und die Zieglerin zog geruschvoll eine dicke Rolle beschriebener Bltter
aus der Tiefe ihrer Kleidertasche und las, ohne viel zu whlen, mit
erhobener Stimme, wie folgt:

  Auf ein paar schne Augen.

Hrt zu, Christian Weie! schaltete noch die Volkmann schnell ein.

  So oft ein Knstler euch zu schildern ist bemht,
  So trifft er euch doch nicht, wie man gar fter sieht;
  Doch ist nicht seiner Faust der Fehler beizumessen,
  Wenn er die Aehnlichkeit von euch dabei vergessen.
  Und lebt' Apelles noch, so knnt' es nicht geschehn,
  Denn Adler knnen nur blos in die Sonne sehn.
  Der Strahl, der in euch sitzt, steht gar nicht abzureien,
  Der Maler mte denn ein Halbgott wirklich heien.

Wessen Augen habt Ihr dabei im Sinne gehabt, theuerste Zieglerin? fragte
die Volkmann sehr freundlich.

Welche anders als die _Euren_, geliebte Freundin! lautete die hhnische
Antwort.

Ich danke Euch, und werde dagegen zum Beweis meiner Erkenntlichkeit Eure
Rosenwangen und Perlenzhne besingen.

Habt Ihr noch ein so frtreffliches Gedicht fr unsere verzckten Ohren?
fragte da Gottsched rasch, denn die fast zahnlose Dichterin erglhte unter
ihrer Schminke vor Wuth. Wie ein Balsamtropfen fielen aber diese Worte
in die Wogen ihres Zorns, und sie las und las die verschiedensten ihrer
grern und kleinern Dichtungen hastig und bunt durcheinander, wie z.B.
Das Bild eines wahren Christen, und gleich darauf die Unterkehle
Celindens, und die hhnische Lisette wobei sie whrend der
Schlustrophe:

  es lt aus Furcht sich Niemand mit ihr ein,
  Lisette ist frwahr ein schdlich Stachelschwein,

einen bedeutsamen Blick auf ihre Lieblingsschwester in Apoll zu werfen
nicht ermangelte, den die Volkmann jedoch mit dem zrtlichsten Nicken
erwiderte. Auch die Grabschrift eines Verliebten trug die Unermdliche
vor, welche folgendermaen lautete:

  Die Gluth verzehrte mir das Mark in den Gebeinen,
  Und diese machet auch die Gruft zu Feuersteinen.
  Ihr Tobaksbrder kommt und tretet noch heran,
  Zieht Stahl und Schwamm hervor und schlagt euch Feuer an.

Als hierauf Gellert doch leise an die verrinnende Zeit zu mahnen wagte, las
die berhmte Frau noch schnell ein Lied auf die garstige Lorette, einige
zufllige Gedanken ber einen Mopsen, ein geistlich Lied, und schlo dann
mit den Strophen:

  Bin ich der Arbeit berdrssig,
  Die man von Damen fordern kann,
  So kommt mir, weil ich nicht kann mssig
  Wie Viele gehn, das Dichten an.
  Da greif' ich schnell zu meiner Feder,
  Ob selb'ge gleich nur, wie ihr wit,
  Von schlechtem Gnserumpf und Leder
  Und nicht vom Schwan geborget ist.

Herrlich! rief die Volkmann, klatschte in die Hnde und sprang auf,
um die Zieglerin zu umarmen, man knnte euch allein schon lieben um
der wunderbaren treffenden Wahrhaftigkeit willen in Euren meisterlichen
Gedichten, Hchstverehrte! Aber nach Euch wage ich nicht in meine Leier
zu greifen! Aber ich habe einige Kleinigkeiten unserer Freundin _Hedwig
Zunemann_ aus Erfurt mitgebracht, die, wie Ihr Alle wohl vernommen, vor
vier Jahren, bei Arnstadt von einem Brckenstege fallend, eines klglichen
Wassertodes gestorben. Sie hat mir noch wenig Tage vor ihrem unerwarteten
Sterben damals ein anmuthig Verslein ber unsere Stadt Leipzig eingesandt,
allwo sie so oft glckliche Tage verlebt, und das folgendermaen lautet:

  Was man vordem in Rom, Athen und Tyro fand,
  Was diese wnscheten, wonach Karthago stand,
  Das lt die Lindenstadt, das schne Leipzig sehn,
  Welch Pinsel, welcher Kiel kann dessen Ruhm erhhn?

Ein ander Gedichtlein von ihr greift die Mnner an, meine Freunde, und
liest sich auch recht gut. Hrt nur!

  Ihr Mnner, bildet euch nicht ein,
  Als ob Vernunft, Verstand, Gelehrsamkeit und aufgeklrter Sinn
  Sollt' Euer Eigenthum und Erbrecht sein.
  Nein wahrlich, der das Firmament gesetzt,
  Der hat das Weibervolk nicht minder hoch geschtzt,
  Und ihnen auch Verstand und Witz verlieh'n.
  Es soll wie Ihr des hohen Geistes Gaben
  Auch im Besitze haben.
  Drum mu _ihr_ Lorbeerzweig so wie der Eure blhn,
  Zrnt, tobet, lstert, neidet immerhin,
  Ihr werd't es doch nicht hindern knnen,
  Ihr sollt und mt denselben doch die Ehre gnnen,
  Drum bildet Euch, Ihr Mnner, ja Nichts ein!

       *       *       *       *       *

Ein heiteres Wortgesprch entspann sich nach diesem Madrigal, worin sich
insbesondere Gottsched selber und die Volkmann hervorthaten. Aber die
Zieglerin gnnte ihrer freundlichen Feindin nicht lange das Vergngen die
Gesellschaft durch ihren Witz zu belustigen, und unterbrach die Debatte mit
der dringenden Bitte: die theuerste Teuberin, verwitwete Knackrggin, mge
der Versammlung nun auch einige Proben ihrer herrlichen Kunst ablegen. Die
wrdige Matrone lie sich auch nicht allzulange bitten, obgleich sie zuerst
behauptete, Nichts bei sich zu haben. Der geschwollene Arbeitsbeutel aber
bewies genugsam, da sie auf den Fall, die lieben Freunde zu erlustiren
mit den Spielen ihres schwachen Geistes vorbereitet war, und selbiger
wurde denn auch mit manchem Scherzwort ausgeleert. Es kamen da allerlei
unschuldige Betrachtungen hervor, wie zum Beispiel: Gedanken bei des
Sohnes erster Predigt, beim Gesindemiethen, beim Aderlassen, bei der
Wsche, Gedichte auf einen Donnerschlag, auf den Tod meines Gatten,
auf die Tugend der Weiber, mit welchem Verse sie auch endlich ihre
gewaltig lange Vorlesung zu allgemeiner Zufriedenheit, folgendermaen
beschlo:

  Ein Weib, das reinlich ist und jeden Unflath hasset,
  Ein Weib, das sparsam ist und niemals Geld verprasset,
  Ein Weib, das fleiig bleibt, die Kinder wohl regieret,
  Ein Weib, das ihr Gesind' mit Lust zur Arbeit fhret,
  Ein Weib, das freundlich ist, lacht leise, redet wenig,
  Ein Weib, dem Mann getreu, doch mehr dem Himmelsknig,
  Ein Weib, das Gott, den Mann und ihre Kinder liebt,
  Verdient ein gr'res Lob, als hier die Feder giebt.

Es war spt geworden unter all diesem Lesen und Reden, und Christian Felix
Weie mute nun sein Schauspiel: Die Matrone zu Ephesus ziemlich rasch
lesen, was indessen nicht dazu beitrug das Stck sonderlich zu heben. Dabei
hatte sich die Zieglerin obendrein dicht neben ihn gesetzt und schaute mit
in das Manuscript. Gar hufig unterbrach sie den Lesenden durch allerlei
Ausrufungen und Bemerkungen. Trotzdem sprachen sich Alle zu Gunsten des
Stckes aus, als Weie endlich zum Schlu gelangt war, und tief aufathmend,
mit glhenden Wangen, sein Manuscript zusammenrollte. Die gekrnte Poetin
aber nahm es ihm ab, las einzelne Stellen mit lauter pathetischer Stimme
noch einmal, strich dann mit einem gewaltigen Bleistift, den sie allezeit
bei sich fhrte, einige Worte, auch wohl ganze Stze, schob dafr andere
ein, und uerte endlich mit vornehmer Herablassung, da sie selbst sich
bei der Neuberin verwenden werde: das Stck solle und msse aufgefhrt
werden. Mein herrlicher Freund und Gnner Gottsched steht jetzund mit dem
anmaenden Weibe nicht sonderlich, sonst wrde ich nicht von meiner armen
Frsprache geredet haben, sagte sie, die Theaterdirectorin hat sich, wie
Jedermann wei, allzu frech benommen gegen den berhmtesten Mann Leipzigs.
Sie wagte es, einem Cato Gesetze vorzuschreiben ber den Bau und Inhalt
der aufzufhrenden Stcke, und sogar schnde Verspottung mute unser
Gefeierter von ihr erleben----

Reden wir nicht davon, unterbrach sie der Professor der Logik und
Metaphysik mit einem Ausdruck von Verlegenheit und Aerger; ich liebe das
nicht!

Whrend der letzten Verhandlungen und Besprechungen hatte die schne
Hauswirthin fters gedankenvoll zu dem jungen Lessing hinbergeblickt, und
zwei blaue und zwei dunkle Augen begegneten sich in mancher stummen
Frage. Je lnger und fter Victoria Adelgunde das Gesicht des Studenten
betrachtete, der nun seine Schpfung diesem wunderlichen Kreise enthllen
sollte, je anziehender erschien ihr dasselbe. Es war ihr zu Muth, als sie
diese klare, herrliche Stirn, ein Eiland des Friedens und der Wahrheit,
betrachtete, als knne und drfe sie sich dorthin flchten mit ihren Augen
und Gedanken aus diesem, fr sie so unerquicklichen, Gewirr und Geschwtz.
-- Ihr eigner Gatte kam ihr so fremd und verwandelt vor in dieser Umgebung,
und vor den Frauen empfand sie mehr als Furcht, die heftigste Abneigung.
Nur zu der kleinen bescheidenen Doctorsfrau fhlte sie sich hingezogen. --
Der Gedanke aber, der junge Lessing solle _hier_ in diesem Kreise lesen,
wurde ihr pltzlich unertrglich, und die Vorstellung, die Zieglerin
werde auch _sein_ Manuscript, wie das des jungen Weie, mit jenem dicken
Bleistift bearbeiten, trieb ihr das Blut in die Wangen. Je lnger sie
darber nachsann, je unmglicher erschien es ihr, da er seine Dichtung
_dieser_ Kritik unterwerfe. Ein seltsames Angstgefhl kam ber sie, wenn
sie sich seine weiche Stimme dachte, -- die sie zwar nur einmal vernommen
deren Ton sie aber nicht vergessen, -- wie sie untertauchte in dem
Geschwirr dieser scharfen Frauenstimmen. Sie hrte schon im Geiste wie
sie ber ihn herfielen, schon an dem Titel seines Werkes mkelten, in jede
Scene witzelnd oder tadelnd hineinredeten, um ihn am Ende zu zwingen sich
unter den Schutz der Zieglerin zu stellen, die dann bei der Neuberin fr
ihn zu betteln versprechen wrde. -- Das sollte, das durfte aber nimmermehr
geschehn! -- Ein wunderlicher Entschlu stand in ihrer Seele auf. Sie
wollte verhindern da er las, selbst auf die Gefahr hin da er sie fr eine
alberne, launenhafte Frau hielt. Um jeden Preis wollte und mute sie ihm
zahllose Krnkungen und Nadelstiche ersparen. Aber alle diese Gedanken,
Empfindungen und Vorstze erregten sie fast fieberisch, und die Farbe
wechselte so jh auf ihren Wangen da Gottsched pltzlich in besorgtem Tone
fragte: ob sie sich unpa befinde. Mit einem schwachen Lcheln schttelte
sie den Kopf, und beruhigt wandte sich nun der berhmte Gelehrte zu dem
Studenten Lessing und sagte: so mgt Ihr lesen, junger Freund!

Da aber erhob sich pltzlich die sonst so schchterne Hauswirthin und
antwortete statt des Angeredeten mit fester Stimme: Ich bitte, da Herr
Lessing _nicht_ lese, ---- mein Kopf thut mir sehr weh, und der Abendimbi
verdirbt, da es schon gewaltig spt geworden. -- Eine glhende Purpurrthe
folgte dieser ersten Lge, die diese Lippen ausgesprochen. Man blickte
einander theils verwundert, theils spttisch an. Wie konnte man an solche
Dinge denken, und gar von ihnen reden bei solchen Genssen?! Wieder ein
Beweis, wie erbarmungswrdig tief doch die Gottschedin stand. -- Die Unzer
und Gellert allein fanden einige Worte des Mitleidens, dann aber schlossen
auch sie sich den Andern an, die nher zusammenrckend sich wiederum in ein
Gesprch ber die Matrone von Ephesus vertieften. Ephraim Lessing hatte
sich whrend dessen langsam erhoben und trat jetzt zu der jungen Frau.
Seine Stirn war lebhaft gerthet, eine feine Ader trat in der Mitten
hervor, die Augen blickten finster, und um die vollen Lippen zuckte
Schmerz. Das leicht gepuderte Haar mit einer heftigen Handbewegung zurck
aus den Schlfen streichend, sagte er stolz: Erlaubt, da ich nach Hause
gehe -- da mein Bleiben allhier nunmehr seinen Zweck verloren.

Geht, wenn Ihr durchaus wollt, antwortete die leise se Stimme der
Gottschedin, ich mag Euch nicht zumuthen lnger unter Fremden zu weilen.
Aber Euer Stck mt Ihr mir zur Aufbewahrung berlassen bis morgen
Abend, wo Ihr vielleicht ein Stndchen Zeit finden werdet, es einer armen
unwissenden Frau, die Euch keine Bleistiftzeichen auf die Bltter zu
kritzeln versteht -- sonder Strung vorzulesen.--

Sie sah ihn ernst und doch voll milder Freundlichkeit an, als sie diese
Worte sprach, und es flog pltzlich wie ein Lichtstrahl in seine Seele. --
Sein Zorn war verflogen. -- Er begriff und verstand wie gut sie es mit ihm
gemeint, und sein Herz schwoll ihm vor Dank und Freude.--

Nicht Morgen allein, sondern allezeit bis an mein Lebensende werde ich zu
Euren Diensten sein, Gtigste der Frauen sagte er fast leidenschaftlich --
reichte ihr das Manuscript hin, kte ihre Hand und flsterte: aber gehen
werde ich doch -- und jetzt erst recht! verneigte sich stolz vor dem
kleinen Kreise, wechselte noch einige flchtige Worte mit Gottsched und
ging.--

       *       *       *       *       *

An jenem Abend, der mit einem frugalen Nachtmahl schlo, athmete die
Gottschedin erst erleichtert auf, als der letzte Gast das Zimmer verlassen.
Dann fiel sie ihrem Manne um den Hals und rief: Thut mit mir was Ihr
wollt, herzliebster Ehegemahl, Ihr drft es ja auch, denn Euch ist die
Macht gegeben ber meinen Leib wie ber meine Seele, -- aber versucht nur
nimmermehr eine Zieglerin aus mir zu machen!----

Als am andern Morgen, -- an demselben Abend wagte sie's doch nicht
recht, -- Victoria Adelgunde ihrem Gatten ihre kleine List in Betreff des
Studenten Lessing beichtete und ihn bat, mit ihr zu Gericht zu sitzen
ber das Werk ihres Schtzlings, lachte der Professor, streichelte ihr die
Wangen und sagte: Ihr seid allzu mitleidig mit dergleichen Burschen, und
werdet keinen Dank davon haben. Das Stck mag er Euch getrost _allein_
vorlesen, -- ich habe es bereits durchgeblttert und dann ---- dnkt mich,
wolle sich's nicht recht schicken, wenn ein Professor als Zuhrer vor einem
Studiosen sitze.--

       *       *       *       *       *

Am nchsten Abend sah es behaglicher aus in der Wohnstube der Gottschedin
als am verflossenen. Es brannte zwar nur eine einfache Kerze, und auf dem
Tische war kein Damasttuch ausgebreitet, sondern das Klppelkissen
lag darauf und davor sa eine heiter blickende Frau im Hauskleide, das
gepuderte Kpfchen ber die zierliche Arbeit der schlanken Finger geneigt.
Gegenber aber hatte der Student Ephraim Lessing Platz genommen, und las
sein Schauspiel: Der junge Gelehrte.--

Der Vogel im Kfig schlief, der kleine Hund Gottsched's lag am Ofen und
regte sich nicht, nur dann und wann, wenn vielleicht der Leser seine
Stimme ungewhnlich erhoben, blinzelte er schlaftrunken mit den Augen. Der
Asternstrau, den gestern kein Mensch recht angeschaut, stand heute mitten
auf dem Tische im Kerzenlicht und glhte und leuchtete wunderbar, und die
Blumen schienen sich zu regen, wie vom Winde geschaukelt. -- Die schnsten
Lichter und Schatten aber spielten auf dem Frauenantlitz dicht vor dem
jugendlichen Lector, der heute so schlecht las wie noch nie in seinem
Leben. Das war ein Blitzen und Gaukeln auf dieser mdchenhaften Stirn, auf
diesen rosigen Wangen, in dem Grbchen am Kinn, auf Hals und Schultern, und
dazu das rasche Spiel der Finger mit den zahllosen Klppeln. Und wenn gar
die Augen langsam aufblickten und auf den Leser sich richteten, und die
Hnde lssig in den Schoo sanken, weil Victoria Adelgunde das Arbeiten
verga beim eifrigen Hren, -- dann schien das Manuscript gar zu schwer zu
entziffern, denn der junge Student gerieth aus einem Stocken in's andere.
-- Seine Zuhrerin mute endlich laut darber lachen, und wie lieblich
lachte sie, und da konnte er nicht anders als ein Weilchen mitlachen. --
Als das Stck endlich aus war, -- der Poet dankte sich selber im Stillen
zu tausend Malen, da er's nicht lnger denn zu drei Aufzgen gemacht,
geriethen die Beiden unvermerkt so recht in's trauliche Plaudern. Lessing
vertraute vor allen Dingen der jungen Frau sein innigstes Wnschen und
Hoffen: da nmlich die Theaterdirectorin Caroline Neuberin sich geneigt
finden lassen mchte, dieses sein Lustspiel aufzufhren, und klagte
ihr seine Sorge, da die so vielfach Bestrmte wohl schwerlich das
Erstlingswerk eines Studenten ohne gewichtige Empfehlung einstudiren
lassen werde. Victoria Adelgunde versuchte ihn hierber zu trsten, und
sie redeten lange hin und her, auch ber die bedauerlichen Zerwrfnisse
zwischen Gottsched und der Neuberin. Der berhmte Mann hatte nmlich die
volle Schale seines Zorns ausgegossen ber die einstige Freundin, weil
diese sich geweigert, ein Stck nach seiner Bearbeitung auffhren zu
lassen. Gottsched war, in Folge dieser Weigerung, die Veranlassung gewesen
da sich eine zweite Truppe, die Schnemann'sche Theatergesellschaft, in
Leipzig niederlie, die dann auch die Truppe der Neuberin bald vertrieb.
Die energische Frau kehrte jedoch nach mancherlei Irrfahrten im Jahre 1744
nach Leipzig zurck, sprengte durch ihre reizenden Schauspielerinnen, die
Lorenz und die Kleefelder, und die ausgezeichneten mnnlichen Mitglieder
ihrer Gesellschaft, wie z.B. Koch und Heydrich, die Schnemann'sche Bande,
und eine ihrer ersten Thaten war nun, ihren frhern Freund und Gnner, den
Professor der Logik und Metaphysik, Johann Christoph Gottsched, von der
Bhne herab als Zerrbild dem allgemeinen Gelchter Preis zu geben. -- Nun
war an keine Ausshnung mehr zu denken, so sehr sich auch die Neuberin,
ihre Uebereilung bereuend, gar bald mhte den Schwerbeleidigten wieder gut
zu machen. Gottsched verbot seiner Frau das Theater zu besuchen, und die
ganze Stadt theilte sich in zwei Partheien, die Anhnger der Neuberin und
die Gottsched's. Die Parthei der Theaterdirectorin war jedoch unbestritten
die Strkste, denn sie hatte, wenn sie wollte, die Lacher auf ihrer Seite.
Victoria Adelgunde hatte sich alle Mhe gegeben, ihren Gatten milder zu
stimmen gegen die verdienstvolle Frau, deren rasches entschlossenes Wesen,
und groe Wrme und Lebendigkeit, sie gar mchtig angezogen, -- allein
vergebens. Oft war sie sogar mit dem Vorsatz ausgegangen der Neuberin zu
begegnen, um sie zu bitten, noch einmal dem Gekrnkten ein reuevolles
Wort zu sagen, aber seltsamer Weise war es ihr nie gelungen der Ersehnten
habhaft zu werden. Die Neuberin zeigte sich auch selten allein, immer nahm
sie ihre jungen Schauspielerinnen unter ihre Flgel, fr deren Wohlergehn
und guten Ruf sie in jeder Art wahrhaft mtterlich sorgte. -- Die
Gottschedin war dann bei ihrem Herannahen allezeit schchtern zur Seite
getreten und hatte es bei einem verstohlenen Gru bewenden lassen, statt
sie anzureden. Die Zieglerin lie es sich dagegen bei jeder Gelegenheit
angelegen sein, den Professor noch mehr gegen die Neuberin aufzubringen,
da ihr die Freundschaft des berhmten Gelehrten mit dieser Frau von allem
Anfang an ein wahrer Dorn im Auge gewesen.--

Von all diesen Dingen redete nun Victoria Adelgunde mit dem jungen
Studenten, -- und die Zeit flog mit solcher Windeseile ber ihre beiden
Hupter hinweg, da die junge Frau erstaunt aufblickte als Gottsched
eintrat und nach dem Nachtessen verlangte.

Habt Ihr die Zieglerin, die Ihr besuchen wolltet, nicht daheim getroffen?
fragte sie.

Er lchelte und antwortete: volle vier Stunden habe ich ihres Umgangs
genossen, von 5Uhr bis 9Uhr, und ich freue mich von Herzen, da der
Studiosus Lessing Euch in dieser Zeit so wohl unterhalten. Er mu aber nun
dafr auch die Abendsuppe mit uns essen!

Aber Ephraim Lessing dankte. Es war ihm zu Sinn als htten die Gtter
eigenhndig ihn mit Necktar und Ambrosia gespeist, -- wie sollte ihm da
irdische Kost munden? Auch konnte und wollte er sich den Suppenlffel nicht
in einer gewissen kleinen Hand denken, die ihm nur dazu geschaffen schien,
Lorbeern und Rosen zu vertheilen, oder allenfalls beim Vorlesen mit
schlanken Fingern Spitzen zu klppeln. -- Er strzte also nach einigen
wunderlichen Entschuldigungen fort, nachdem ihn Gottsched noch ungewhnlich
freundlich aufgefordert bisweilen des Abends seiner Frau ein Stndlein zu
vertreiben durch erbauliche Lectre, dieweil _er_ leider mit seinen
alten Freundinnen nicht brechen drfe, sondern sie nach wie vor besuchen
msse.--

Whrend des Nachtessens fragte der berhmte Mann seine schne
Lebensgefhrtin: was haltet Ihr denn eigentlich von dem jungen Studenten
und seinem Stck? Meint Ihr da Beide etwas taugen?--

Das Stck verdient da es die Neuberin auffhre, antwortete sie lebhaft,
und ich gbe viel darum wenn ich's zu Wege bringen knnte!

Er mu sich an die Zieglerin wenden!

Meint Ihr da _die_ Alles knnte?

Ja!

Ich meine es aber nicht! Lat uns das abwarten! -- Und was den Lessing
angeht, so ist mir heute nur Eines klar geworden, da aus ihm nmlich eben
so wenig ein _Pfarrer_ wird, wie aus mir -- eine Zieglerin!

       *       *       *       *       *

Seitdem kam der Student Lessing wenigstens drei Mal in der Woche in das
Haus des Professors der Logik und Metaphysik, las der jungen Frau vor, oder
hielt eine Zwiesprache mit ihr ber Alles was sein junges Herz bewegte
und seinen Feuergeist beschftigte. Und es war eine Welt von Fragen und
Zweifeln, Trumen und Gedanken, die in diesem Jnglingskopf auf und nieder
wogte wie die Wellen des Meeres. Da that es denn wohl Noth, da solch eine
Meerfey am Ufer sa und mit ihrer weien Hand die wild rauschenden Wasser
glttete, und zuweilen ein Zaubersprchlein murmelte wenn es gar zu
ungestm hin und her und auf und nieder wallte. Und doch zgerte sie
zuweilen jenes Wort zu sprechen, denn es dnkte sie gar wunderbar herrlich
diesem Auf- und Abwogen zuzuschauen, und dem Gesang der Sturmgeister zu
lauschen. So seltsam und erhaben klangen die Melodien, da die Meerfey
darein schaute mit schwimmenden Augen, und ein Entzcken empfand wie noch
nie zuvor. -- Zuweilen war es ihr als msse es eine Seligkeit sein, sich in
diese brausenden Wellen zu strzen, sich heben und tragen zu lassen, mit zu
kmpfen und mit zu ringen, wie dies junge Herz, diese mchtige Seele da
vor ihr, -- wie dieser Geist, dessen knftige Gre sie ahnend im Voraus
empfand. -- Die engen Schranken ihrer eignen Gedankenwelt strzten gar
bald zusammen, in diesem Verkehr mit dem seltsamen jungen Studenten, sie
gewhnte sich unvermerkt weit und immer weiter auszuschauen, die Augen
thaten ihr Anfangs weh dabei, aber sie hob sie immer und immer wieder, und
lernte allmhlich die Flle des Lichts ertragen, die sie berstrmte. --
Sie verlor auch nach und nach ihre mdchenhafte Schchternheit ihrem
neuen Freunde gegenber, wagte einen Gedanken auszusprechen, urtheilte,
vertheidigte und unterwarf sich. -- Gottsched erstaunte oft, im
Zusammensein mit seiner Frau berraschende Blitze freiesten Denkens und
Empfindens an ihr wahrzunehmen. Victoria Adelgunde fing sogar, zu seiner
groen Freude, an in Gegenwart anderer Mnner, errthend zwar, und
in reizend weiblicher Weise, aber doch bestimmt und klar ihr _eignen_
Ansichten darzulegen. Ihr Gatte vermochte sein Entzcken darber kaum zu
bergen, und mit echt mnnlicher Eitelkeit schrieb er sich allein und seinem
Einflu diese wunderbare Wandlung zu. Wie htte er auch ahnen knnen,
der berhmte Mann, da in jenen stillen Abendstunden, in denen sich
seine Gattin mit dem wunderlichen Studenten aus Kamenz, aus purer
Gutherzigkeit ohne Zweifel gewaltig langweilte, jene Blthen getrieben
wurden, deren Duft ihn jetzt berauschte.--

Und der junge Student selber? -- Nun der lag unter einem Blthenbaum, und
neben ihm sa die Gttin Poesie selber, und streute Blumen auf ihn herab
und flsterte: la dich begraben Trumer! -- Aber das Grab war nur eine
durchsichtige Blumendecke, -- und darber hing der blaue Himmel zweier
wunderschnen Frauenaugen.----

Dem Ephraim Lessing waren, seit er die Frstenschule zu Meien verlassen,
-- allwo schon seine groe Selbststndigkeit in seinen Studien und Arbeiten
kein geringers Aegerni erregt, -- und die Universitt zu Leipzig bezogen,
erst wenige Frauen begegnet, mit denen er lnger denn fnf Minuten
geredet. -- Als Student der Theologie eingeschrieben, mit nur unbedeutenden
Empfehlungsbriefen versehen, war er in wenigen Husern und Familien bekannt
geworden. Seine Neigung zu den Wissenschaften, zu den alten Sprachen, der
Mathematik und Dichtkunst, gab ihm hinlngliche Beschftigung in seinen
Freistunden und bannte ihn in sein Stbchen, er las und schrieb viel, und
beschftigte sich berhaupt unablssig -- nur nicht mit dem Studium der
Theologie. Die zrtliche Freundschaft, die er mit dem weichen und --
liebenswrdigen Christian Felix Weie schlo, lie ihn gar keinen andern
Umgang vermissen. Das sogenannte schne Geschlecht war ihm daher ziemlich
gleichgltig geblieben, hchstens da er einmal einem hbschen Mgdlein,
das hinter Rosmarin und Rosen am Fenster hervorlugte, eine Kuhand
zugeworfen, einem frischen Brgerkinde die Wange gestreichelt, oder unter
dem Fenster einer niedlichen Schauspielerin einige Male zerstreut auf und
nieder gegangen war. -- Jetzt befand er sich aber zum ersten Mal in einem
zwanglosen Verkehr mit einer Frau der hhern Stnde, und zwar mit einer
eben so schnen als fein gebildeten Frau, die bei all ihrer, von ihm sehr
bald erkannten, geistigen hohen Bedeutsamkeit, doch ihren hchsten Ruhm
nur darin zu suchen schien, eine tchtige Hausfrau und zrtliche Gattin zu
sein.

Der Zauber ihres ganzen Wesens umspann ihn wie mit einem goldenen Netze,
und jener eine Abend hatte ihn pltzlich in eine Sphre getragen in der er
noch nie geathmet, in der zu leben ihm aber wunderbar s duchte. Es war
ihm zu Muthe wie einem Falter, der nach langem Umherflattern, zum ersten
Mal, einer kaum erblhten Rose in den Schoo taumelt.----

Gotthold Ephraim Lessing war in kurzer Zeit ein tglicher Gast geworden im
Gottsched'schen Hause und Gottsched selber fand Gefallen an dem Jngling,
lie sich wohl auch zu Zeiten herab lngere philosophische Gesprche mit
ihm zu fhren, wunderte sich im Stillen ber den Feuergeist, schttelte
aber dennoch den Kopf ber die freigeisterischen Gedanken des jungen
Burschen. Was nun Lessing's wiederholte dichterische Versuche betraf, so
schenkte er diesen wenig oder gar keine Aufmerksamkeit, und verwies ihn
mit dergleichen Kinderspielen an seine Frau, indem er dieser jedoch
wiederholt versicherte, da in dem Felix Weie ein ungleich grerer
Dichter stecke denn in dem Studenten aus Kamenz.--

Mittlerweile aber erblhten unter dem Sonnenschein der schnen Augen
Victoria Adelgunden's langsam und farbenfrisch die _Anakreontischen_
Gedichte Lessing's, und zu ihren Fen legte er diese reizenden Blumen
nieder.--

Da geschah es aber eines Tages da die junge Frau ihren Schtzling bat ihr
ein wenig im Latein fortzuhelfen, das sie bereits bei ihrem Vater in Danzig
begonnen, ---- die Anakreontischen Gedichte hatten sie pltzlich in eine
seltsame Unruhe gebracht. -- Mit groem Eifer erbot sich der junge Dichter
zu dieser anmuthigen Arbeit, und dieser Eifer verdoppelte sich als Victoria
Adelgunde den schchternen Wunsch aussprach, diese Lehrstunden einstweilen
vor Jedermann geheim zu halten. Mein eigner Gatte soll nicht eher ein Wort
von diesem Unterricht erfahren als bis ich meinem geduldigen Lehrmeister
Ehre bringe sagte sie lieblich lchelnd.--

Die Vorlesungen hrten also nun auf und ernste Lehrstunden nahmen ihren
Anfang, die junge Frau athmete erleichtert -- sie wute aber doch nicht
recht was sich ihr so schwer auf das Herz gelegt. -- Es war ein anmuthiges
Bild diesen Lehrer und diese Lernende einander gegenber zu sehen. Er,
dessen Kopf mit der Imperatorstirn und den Feueraugen einen mchtigen
Eindruck auf Jedweden machen mute, der ihn mit Aufmerksamkeit betrachtete,
sprach mglichst ruhig im belehrenden Ton, aber mit einem reizenden
Schimmer von Glck um den Mund, zu jener Frau die bald schreibend, bald
lesend, bald unter mdchenhaftem Errthen irgend eine Frage beantwortend,
sich nun seine Schlerin nannte.--

Victoria Adelgunde war ungewhnlich lieblich. Ihre Zge waren so fein,
ihre Gestalt von vollendeten Formen, ihr Lcheln bezaubernd, ihre Farben
rosenfrisch und ihre Augen von wunderbarem Glanz und Ausdruck. --
Armer Falter! ---- Die junge Frau machte aber auch erstaunenswerthe
Fortschritte, und nach kaum einem halben Jahre fing sie bei ihrem
jugendlichen Lehrmeister das Griechische an, das sie ebenfalls mit groer
Leichtigkeit fate. Sie uerte wiederholt ihre Freude bei dem Gedanken,
ihren Gatten eines Tages mit dieser neuerworbenen Wissensflle zu
berraschen, ihn die Ode der Zieglerin vergessen zu machen, und lernte in
dieser Hoffnung mit immer regerem Eifer, nur zu tausend Malen die Krze der
Zeit beklagend. -- Da war es denn Ephraim Lessing selber der einstmals den
Vorschlag machte, seine Schlerin mge, um die Zeit auer den festgesetzten
Lehrstunden mglichst zu nutzen, lateinische Uebungsbriefe an ihn richten,
die er dann am andern Tage wohlcorrigirt und mit allerlei belehrenden
Randglossen versehn, ihr wieder einzuhndigen versprach. -- Victoria
Adelgunde ging nach kurzem Zgern auch wirklich auf jenen ntzlichen
Vorschlag ein, und so nahm denn an jedem Abend der junge Student ein
zierlich beschriebenes, und wohl adressirtes Blttchen mit heim, und
legte es in der nchsten Lehrstunde, mit verschiedenen rothen Strichen und
Bemerkungen versehn, der schnen Frau wieder vor. -- Allmhlich wurden der
Striche weniger, aber der Blttchen mehr, ---- und zuletzt gewhnte sich
Victoria Adelgunde daran, ein ausfhrliches Tage- und Gedankenbuch in
lateinischer Sprache zu fhren, das immer in die Hnde ihres jungen
Lehrmeisters wanderte, und ---- immer _seltener_ in die ihren zurckkam.
-- Es mochten vielleicht der Fehler zu wenige darinnen sein, -- oder
der junge Student litt an Vergelichkeit und hatte versumt jene Bltter
einzustecken, -- genug, die Briefe blieben bei ihm, aber ihr Inhalt wurde
um so eifriger besprochen in den Lehrstunden, so eifrig, da die junge Frau
ber all dem Hin- und Widerreden verga die Bltter zurckzufordern.--

In jedem Menschenleben giebt es eine Zeit, -- oft ist's nur eine Stunde,
-- oft ein Tag -- ein Monat -- wo das Herz jene leidenschaftliche Bitte
Josua's nachstammelt: o Sonne stehe still! -- Aber sie steht nicht still
bei unserm Ruf sie eilt unaufhaltsam weiter ---- und wenn wir im tiefsten
Herzen dies Gebet kaum ausgesprochen ------ dann ist schon Mittag vorber
und ---- es will Abend werden.--

Als die zweite Hlfte des Jahres zu Ende gegangen und der Herbst schon
dem Winter Platz zu machen sich anschickte, da sann die Gottschedin allen
Ernstes darber nach, welche Freude sie wohl ihrem Lehrmeister bereiten
knne zum heiligen Weihnachtsfeste. Und sie sann so viel, da sie bisweilen
in den Lehrstunden gar sehr zerstreut erschien, und somit den jungen
Dichter oft genug aus der Fassung brachte. -- Noch mehr als ihr verndertes
Wesen beunruhigte ihn jedoch ihre Bitte, ihr einmal seinen Freund und
Stubengenossen, Felix Weie, herzusenden, und so zrtlich Lessing jenen
treuen Gefhrten liebte, so durchzuckte ihn doch ein bis zur Stunde nie
gekanntes Gefhl des Neides und der Eifersucht, als er den Jngling bald
_allein_ zu seiner Schlerin gehen sah. -- Seit jenem Besuche Weie's
schien auch die Zerstreutheit seiner Schlerin sichtlich zuzunehmen,
das glaubte wenigstens Lessing zu bemerken, und gerieth deshalb in nicht
geringe Aufregung. In den lateinischen Uebungsblttern fanden sich bald
Lcken vor, der Ton wurde unruhiger, die Gedanken springender. Kein Zweifel
mehr: sie hatte ein Geheimni vor ihm, -- und Felix Weie wute um dies
Geheimni. -- In der Woche vor dem Feste bat ihn Victoria Adelgunde sogar
pltzlich, die Lehrstunden in den Nachmittag zu verlegen, da sie von nun an
des Abends mit Weihnachtsvorbereitungen beschftigt sei. -- Mit bedrcktem
Herzen erfllte er ihren Wunsch, -- aber am Abend mute er doch das Haus
umstreifen, zu gewohnter Stunde, wie ein abgeschiedener Geist, der Sage
nach, die Sttte seines einstigen Glcks umschwebt. -- Und was geschah ihm
da? -- Allabendlich, um die siebente Stunde, ffnete sich nun -- und das
dauerte eine Woche lang -- die Hausthr des Professor Gottsched, -- und
heraus trat, Ephraim Lessing glaubte zu trumen, seine Schlerin selbst,
gesttzt auf den Arm Weie's, eine Magd mit einer Laterne leuchtete dem
Paare voraus. Da sie es war, wirklich und wahrhaftig, wer htte daran
zweifeln knnen, -- keine Frau der ganzen Stadt hatte diese kleinen Fe,
diese weichen reizenden Bewegungen, diesen schwebenden Gang. -- Die Drei
schlpften allezeit sehr eilig im Schatten der Huser dahin, ber den
Markt, die Hainstrae hinunter. Vor dem Gasthof zur Taube machte man Halt
-- pochte an die Thr, die sich dann sofort ffnete und das Kleeblatt
einlie. -- Lessing blieb zum ersten Mal wie versteinert stehn. -- Allda
wohnte ja die Neuberin! -- Was konnte die Ehefrau Gottsched's zu seiner
Feindin fhren? -- Und noch dazu in Begleitung Weie's, dessen Stck die
Zieglerin bei der Theaterdirectorin nicht hatte anbringen knnen?! --
Wollte seine Schlerin etwa ein gutes Wort einlegen fr die Matrone
zu Ephesus? Warum htte sie da nicht eben so gut sich fr den jungen
Gelehrten verwenden knnen, den bittend zu der Neuberin zu bringen der
Dichter selber zu stolz gewesen, und der somit ruhig daheim im Pulte
schlummerte. -- Wunderliche Gedanken und Empfindungen bewegten den
Wartenden, der kaum merkte, da er wohl zwei Stunden drauen stand in
grimmer Winterklte. -- Er versprte damals eine ganz absonderliche Lust,
irgend einen Jemand aus der Welt zu schaffen, aber er war noch nicht mit
sich einig, ob den Weie, die Gottschedin oder -- die leuchtende Magd.
Dabei wunderte er sich ber die ausnehmend heie Witterung, die ihm den
Schwei auf die Stirne trieb, -- und nahm zuweilen eine Hand voll Schnee,
um sich zu khlen. -- Als das Kleeblatt endlich wieder erschien, besann er
sich jedoch so lange, auf wen er losstrzen solle, bis die Gottschedin mit
ihrer Dienerin in ihrem Hause verschwunden, und ihr junger Begleiter
sich mit einem uerst devoten Kratzfu von ihr verabschiedet. -- Wie ein
Balsamtropfen fiel aber ihr gleichgltiges: Gute Nacht, werthester Herr
Studiosus -- auf Morgen denn-- um dieselbe Zeit in die erregte Seele des
Lauschers, und er gewann es in Folge dessen ber sich, ruhig nach Hause zu
wandern, sich schlafen zu legen wie ein gewhnlicher Mensch, um wieder --
von seiner Schlerin zu trumen wie -- er allezeit wachend und schlafend
von ihr trumte.

Am nchsten Tage schaute er sie aber doch zuweilen seltsam forschend an,
als er ihr wieder als ernster Lehrmeister gegenber sa, -- und wenn sie
auch ihre Aufgabe ohne Stocken herzusagen wute, und einen Akt aus den
Trauerspielen des Aeschylos flieend bersetzte, so riefen diese Blicke
doch ein Errthen hervor auf ihren Wangen, und ihre Hand zitterte ein
Wenig, als sie ihm die lateinischen Tagebltter gab.----

O Sonne stehe still!----

Es hatten sich aber mittlerweile gar bse Augen auf das junge Paar
gerichtet, das da alltglich bei einander war, und jene schlimmen Zungen
begannen allmhlich zu zischeln, von denen es in jenem alten Volksliede
heit:

  Die Disteln und die Dornen die stechen gar zu sehr,
  Die falschen, falschen Zungen stechen _noch viel_ mehr!

Solche Zungen waren es nun, die ungehindert allerlei Uebles redeten von der
Gottschedin und dem jungen Studenten. Wie durften auch eine schne Frau und
ein geistvoller feuriger Mann _ungestraft_ mit einander verkehren?
Solcher Verkehr allein war schon eine himmelschreiende Snde wider --
jene hlichen Schwestern, mit denen eben _kein_ junger geistvoller Mann
verkehrte. -- Und der arglose Professor der Logik und Metaphysik, Johann
Christoph Gottsched, erfuhr bald genug von den dnnen Lippen seiner
Freundin Marianne Zieglerin, gebotene Romanus, eines Tages gar arge Dinge,
-- so arg, da er urpltzlich auffuhr wie von einer Tarantel gestochen, und
nach Hut und Stock griff, um spornstreichs nach Hause zu laufen, und zur
Stelle die Wahrheit zu erforschen aus dem Munde der geliebten Treulosen
selber. -- Solches geschah am 22.December in der sechsten Stunde. Es war
Licht in dem Stbchen der Frau Victoria Adelgunde, ---- Gottsched schlich
leise in's Haus und trat an die Thr der Wohnstube. Mit zitternder Hand
schob er die Gardine vor dem kleinen runden Fensterchen in der Thr zurck
und schaute in's Zimmer. Da sah er denn die Beiden sitzen, die Lehrstunde
sollte just geschlossen werden. Seine Frau las noch mit lauter Stimme. --
Es war aber Latein, was sie las, -- es waren Verse, -- es war wahrhaftig
eine Ode! -- Und in welchem reinen Latein, -- und wie correct las sie.
Und die Ode, ---- es schwindelte ihm, war an _ihn_ gerichtet, er hrte
deutlich seinen Namen. Sollte Victoria Adelgunde dies classische Gedicht
selbst verfat haben?! ---- Unmglich, der Gedanke wre gar zu schn! --
Da verstummte die Leserin und er hrte nun den Studiosus Lessing sagen:
Frtrefflich, hochgeehrteste Frau Professorin, es ist kein einziger Fehler
in Eurem Gedicht!--

Da ri der freudetrunkene Professor der Logik und Metaphysik die Thre auf,
strzte mit dem Rufe: habt Ihr wirklich diese lateinischen Verse gemacht?
auf die Erschrockene los und ri sie in die Arme. Und als sie halb unbewut
leise nickte, sagte er tief aufathmend mit ungewhnlicher Hast: Ich wei
zwar jetzt auch, da ich Euch Nichts zu verzeihn, und da die Zieglerin
eine elende Lgnerin, aber ich gestehe Euch auch, da ich um einer
_selbstgefertigten_ reinen _lateinischen_ Ode Euch ganz gewaltig viel
verziehn. O Victoria Adelgunde, ein schneres Weihnachtsgeschenk httet Ihr
mir nimmer machen knnen! -- Euch aber, mein werthester Herr Lessing, danke
ich zu tausend Malen, und werde Euch -- hier habt Ihr meine Hand darauf
-- als Lehrmeister berall empfehlen, -- nur _eine_ Schlerin mu ich Euch
abnehmen, alldieweil ich sie nun gern selber weiter bringen mchte, und das
ist diese hier, -- meine geliebteste Ehefrau.--

Und wieder zog er sie zrtlich an sich.

Sie aber entwand sich ihm und sagte, ihren jungen Lehrmeister seltsam
traurig anblickend: da mein Gatte sein Weihnachtsgeschenk, meine arme
Ode so frh empfangen, so mag ich auch Eure Christgabe nicht lnger
zurckhalten. Nehmt sie denn hiermit, -- 's ist ein schwacher Dank fr die
Mhe, so Ihr mit mir gehabt! -- Und sie zog aus ihrer Kleidertasche einen
gedruckten Zettel, worauf zu lesen stand:

  Am zweiten Christtage wird allhier folgendes Stck aufgefhrt werden,
  mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung:

    _Der junge Gelehrte._

  Lustspiel in drei Aufzgen von Gotthold Ephraim Lessing. Folgende
  Personen werden darin vorkommen:

  Chrysander, ein alter Kaufmann                    Heinrich Koch.
  Damis, der junge Gelehrte, Chrysander's Sohn      Karl Heydrich.
  Valer                                             Johann Neuber.
  Juliane                                           Mamsell Lorenz.
  Anton, Bedienter des Damis                        Fritz Huber.
  Lisette                                           Mamsell Kleefelder.

    u.s.w.

Der junge Dichter aber -- den Zettel in der Hand -- stand da wie ein
beschenktes Kind und staunte die schne Geberin an wie im Traume, -- dann
wieder die gedruckten Worte, -- und hat in seinem Leben kein so seliges
Christfest wieder gefeiert denn damals in dem Stbchen der Gottschedin am
22.December Anno 1746.--

Als aber spter die Gatten wieder allein waren, und Victoria Adelgunde nach
dem Grunde der so berraschenden Rckkehr Gottsched's fragte, -- wagte er
doch, ihren ernsten reinen Augen gegenber, nicht die volle Wahrheit zu
gestehn. Es war nur eine halbe Beichte, die er ihr da stammelte. Sie
hatte jedoch mit dem feinen Gefhl der Frau Alles errathen, -- und fhlte
pltzlich einen scharfen Schmerz durch ihr Herz gehn. -- Meine Lehrstunden
werden mit diesem Tage fr immer enden, sagte sie nach einer Pause ruhig,
aber mit einem tiefen Seufzer, dafr bitte ich Euch aber mir zu erlauben
am zweiten Weihnachtstage das Theater der Neuberin zu besuchen. Ich gestehe
Euch hiermit, da _ich selbst_ diese Frau berredet, das Stck Lessing's
aufzufhren, -- aber auch die Matrone zu Ephesus des jungen Weie soll
Anfang Januar einstudirt werden, nachdem die Zieglerin sich vergeblich bei
der Theaterdirectorin dafr verwendet. Ich denke, die Verzeihung fr diesen
Schritt und die Gewhrung meiner Bitte sei eine geringe Belohnung fr eine
lateinische _Ode_ und eine gelinde Strafe fr Euch fr das, was Ihr von
mir, Eurer Ehefrau, geglaubt!----

Und am zweiten Weihnachtstage wurde der junge Gelehrte wirklich
aufgefhrt, unter groem Beifall der Zuhrer. Die Schauspieler thaten ihr
Bestes, und die versammelte heitere Menge schaute oft neugierig auf den
Platz, den der Professor Gellert eingenommen. Hinter ihm saen nmlich
zwei Studenten, und man bezeichnete den Einen von ihnen als den Dichter des
Stckes, mit der Bemerkung, der da, mit den groen Augen und fliegenden
Haaren, der ist's!

Ephraim Lessing aber war in einer wunderbar gehobenen Stimmung. Er sah
seiner Seele hchsten Wunsch erfllt, -- er sah seine Dichtung lebendig vor
Augen, der Beifall der Hrer klang wie Musik in sein Ohr -- es war ihm als
lebe er ein Mrchen. Und in seinem Herzen fhlte er sich so froh und
leicht wie noch nie. Der Schleier, der noch vor Kurzem die Holdeste aller
Frauengestalten umhllt, lag nun zerrissen zu seine Fen, in ungetrbtem
Glanze lchelte Victoria Adelgunden's Bild zu ihm hernieder. -- Die
Erzhlungen seines Freundes Weie, von dessen Lippen jetzt der Bann des
Schweigens genommen, hatten alle seine bangen Zweifel zerstreut. Welch
reizende Lsung jenes Rthsels, das den jungen Dichter so sehr bedrckt.
Durch Christian Felix allein hatte sich ja die Gottschedin das Manuskript
des jungen Gelehrten verschafft, -- und er war ihr Begleiter gewesen
zur Neuberin, in derem Hause man die ersten Proben in Gegenwart der holden
Schtzerin Lessing's abgehalten.--

Ueber alle diese entzckenden Dinge sann der Dichter wieder und wieder
nach, whrend auf der Bhne _seine_ Worte geredet wurden und die Gestalten
_seiner_ Schpfungen sich vor seinen leiblichen Augen auf und ab bewegten.
-- Und als endlich der Vorhang fiel und die Zuhrer jubelten, da flog
ein Lorbeerkranz auf die Bhne. -- Wessen Hand hatte ihn wohl dem jungen
Dichter gewunden?--

Am nchsten Tage aber nahm Victoria Adelgunde einen feierlichen Abschied
von ihrem Vorleser und Lehrmeister und bat ihn ferner nur in Gesellschaft
seines Freundes, nimmer wieder allein, und an fest bestimmten Abenden zu
ihr zu kommen. Was sie ihm dann noch erzhlt -- was sie zu ihm gesprochen
-- was er ihr erwidert -- Niemand wei es, -- aber die Beiden schieden in
tiefster Erschtterung von einander und sahen sich fortan selten und immer
seltner. -- Und wie viele Spheraugen die schne Frau und den Jngling
auch fort und fort beobachteten wenn man sie mit einander in Gesellschaften
unter Andern sah, Niemand konnte in Haltung und Wesen der Beiden gegen
einander auch die kleinste Ungehrigkeit entdecken. Denn das leise Zittern,
das wohl auf einen Augenblick die Gestalt der liebenswrdigen Gefhrtin
Gottsched's durchflog wenn der junge Dichter eintrat, -- fhlte zum Glck
nur _sie_ allein, und das verrtherische Beben _seiner_ Stimme, wenn er mit
_ihr_ redete, vernahm Niemand denn _sie_ allein. Aber Beide erkannten aus
diesen Zeichen doch da sie -- an einem Abgrund gespielt, wie Kinder, die
Gefahr nicht ahnend, -- und da die Hand, die sie zurckgezogen, die Hand
eines Mannes war, den Beide verehrten. ---- Den Studenten Lessing jedoch
litt es nicht mehr lange in Leipzig ---- _was_ ihn forttrieb hat wohl
Niemand je erfahren.

Victoria Adelgunde aber schlo sich inniger an ihren Mann an, der nun
auch nicht ermdete ihr ffentlich wie unter vier Augen die Beweise einer
zrtlichen und anbetenden Liebe zu geben. Es war als fhle er, da er ihr
Etwas zu ersetzen habe, und sie fhlte wiederum da sie ihm Dank schulde.
Wofr -- wagte sie sich kaum zu gestehn. -- Groes Aufsehn machte aber
das Zurckziehn des berhmten Gelehrten von seinen Freundinnen. Gottsched
besuchte pltzlich jene himmlischen Kreise nicht mehr, und brach allen
Verkehr mit den Musen Leipzig's ab. Dagegen ffnete er nun sein Haus
jedem jungen strebsamen Talent, und wandte sich jetzt mehr denn je der
studirenden Jugend zu, was ihm viele dankbare Herzen erwarb, obgleich er
nicht, wie der liebenswrdige Gellert, jenes mild ernste und doch warme
Wesen zeigte, das die Jugend so unwiderstehlich anzieht und fesselt. --
Victoria Adelgunde nun, fand den leitenden Faden aus dem Labyrinth ihrer
aufgeregten Gedanken und Gefhle zunchst in der _Arbeit_, die schon
Manchen davor bewahrt Schaden zu nehmen an Leib und Seele. Sie hrte alle
Privat-Vorlesungen ihres Gatten ber Philosophie, Poesie und Rhetorik, an
der verschlossenen Thre ihres Schlafzimmers sitzend an, -- sie bersetzte
aus dem Englischen und Franzsischen, sie wurde dem Gelehrten eine treue
umsichtige Helferin bei all seinen ernsten Arbeiten, sammelte, sichtete,
und stellte fr ihn die verschiedenen Stoffe zusammen, berraschte ihn auch
zu seinem Geburtstag, oder zum Christfest, regelmig mit einem kleinen
Drama, wie z.B. Die ungleiche Heirath, Die Hausfranzsin, Der
Witzling u.A.m. -- Nur das Lateinische und Griechische hatte sie,
seltsamer Weise, bei Seite geschoben und begraben, trotz aller leisen
Mahnungen ihres Gatten. -- Ihr Hauswesen dagegen hielt sie nach wie vor in
musterhafter Ordnung, sah fleiig in Kche und Keller nach und zeigte eine
ungleich lebhaftere Freude wenn ihr Gatte ein von ihr selbst verfertigtes
_Gericht_ denn ein _Gedicht_ lobte, und alle ihre Freunde wuten da sie
lieber ber ihre Spitzen Bewundrung einerntete als ber ihre Feder.--

Noch in ihren letzten schmerzensvollen Lebenstagen sagte sie lchelnd zu
Gottsched: Gottlob da ich mein Bischen Latein und Griechisch jetzt vllig
vergessen, nun darf ich doch sterben wie ich gelebt: eine _ungelehrte_
Frau!--

Auf ihrem Schreibtisch fanden sich nach ihrem Tode -- den 26.Juni 1762 --
folgende rhrende Verse:

  Mein Gottsched -- Du allein
  Und da Du mich geliebt das soll mein Lorbeer sein!
  Da Du mich hochgeehrt, da Du mich unterwiesen,
  Das wird der Nachwelt noch durch manches Blatt gepriesen.
  Wer _solchen_ Meister hat, da stirbt der Schler nicht.
  So leb ich denn durch Dich -- wie knnt' ich schner leben?
  Dein Ansehn wird mir schon Lob, Ruhm und Ehre geben.

       *       *       *       *       *

Eine Sammlung ihrer bewunderungswrdigen Briefe gab eine ihrer Freundinnen,
Frau von Runkel, in drei Bnden heraus. In diesen Blttern hat sich die
geistvolle warmfhlende Frau das schnste Denkmal gesetzt, und sonnenklar
bewiesen, da nicht _jede_ Frau, die einmal die Feder zu andern Dingen
in die Hand nimmt als um Tagesausgaben oder Waschzettel zu schreiben,
dintengeschwrzte Finger, und nachlssige Kleidung zur Schau tragen, und
eine schlechte Hausfrau _sein mu_. Es sind reizende Briefe, das Abbild
einer wahrhaft schnen Frauenseele, -- der zu ihrer vollen Befriedigung
vielleicht nur _Eines_ fehlte: -- das selige Gefhl Mutter zu sein. --
Die _lateinischen_ Uebungsbriefe, die Victoria Adelgunde an ihren jungen
Lehrmeister schrieb, sind aber _nicht_ unter jenen gesammelten Blttern.
Die hat der Lessing so wie jenen Lorbeerkranz, den _ihre_ Hand damals fr
den jungen Dichter auf der ersten Stufe des Ruhmestempels niederlegte, --
und _so gut_ verwahrt, da nur _ein_ Augenpaar sie erblickt: nmlich das
der Erzhlerin

  Elise Polko.




Elisabeth.

(1859.)


Kein Dorfgeschichtenschreiber htte eine hbschere Lage fr die Heimath
seiner Lieblingsgestalten erfinden knnen als die Lage der beiden Drfer
M. und N. Die niedern Huser mit den rothen Dchern standen in dem Schatten
von Obstbumen, im Vordergrunde breiteten sich fette Wiesen und Kornfelder
aus, im Hintergrunde zeigte sich ein frischer Laubwald, dem die dunkleren
Parthien, kleine Tannengruppen, auch nicht fehlten, und den Horizont
begrenzte jene malerische Bergreihe, die sich lngs dem Rheinufer zwischen
St.Goar und Bingen hinzieht. Jedes Dorf hatte einen schlanken Kirchthurm,
auf dem einen schimmerte ein Kreuzlein, auf dem andern blitzte ein
Wetterhahn. Die Kirchthre in N. stand allezeit weit offen und trug die
Inschrift: Kommt her zu mir Alle, die ihr mheselig seid und beladen --
ich will euch erquicken. Ueber der Kirchthre des andern Dorfes stand
keine Inschrift, und der alte Kster, der zugleich Schullehrer war, schlo
sie nur des Sonntags auf, oder zu Trauungen und Kindtaufen. In jener
offenen Kirche waren buntgemalte Fenster, die einen warmen lieblichen
Schein warfen auf die dunkelbraunen geschnitzten Betsthle und die Steine
des Bodens; auf dem sinnig geschmckten Altar standen im Sommer frische
Blumen, in silbernen Gefen, um das Crucifix, und brennende Kerzen, und
inmitten der Kirche hatte man eine lebensgroe heilige Mutter aufgestellt,
mit dem Jesuskind im Arme, in einem blauen Mantel, dessen Saum mit
silbernen Sternen gestickt war. Die ewige Ampel schimmerte sanft, und graue
Weihrauchwolken zitterten wie Nebelschleier durch den geweihten Raum. Khl
und wrzig war die Luft in dem Kirchlein, denn die liebe Sonne kam durch
die weit offene Thr mit den frommen Betern zugleich herein.

In der viel greren Sonntagskirche waren die Wnde recht hbsch wei
getncht. Den Mittelraum fllten lange Reihen von braunen Holzbnken,
mit braunen Holzwnden davor, die einen vorspringenden Rand hatten um die
Gesangbcher darauf zu legen. An diesen Holzwnden, sowie an der Rcklehne
der Bnke, waren viele grne, rothe und blaue Schilder angebracht, worauf
mit Goldschrift verschiedene Namen standen. Auf solche Schildpltze durfte
sich Sonntags kein anderes Menschenkind setzen als jenes, so den Namen
trug der darauf zu lesen war. -- Der Altar hatte eine verblichene grne
Tuchdecke auf der die Bibel lag, zwischen zwei Leuchtern deren Kerzen
niemals brannten. An der Wand hinter dem Altar war ein groes Bild
eingefgt, Gott der Herr, strenges Gericht haltend ber die Guten und die
Bsen, und die Schafe sondernd von den Bcken. Der unbekannte Maler hatte
am Ende des Bildes, mit bedeutendem Farbenaufwand, den leibhaftigen Bsen
mit Hrnern, Ofengabel und ellenlangem Schwanz dargestellt, wie er eben
mit frohem Grinsen seines feuerspeienden Rachens einige verstoene Seelen
aufspiet. Diese hllische Fratze hatte schon manche fromme Beterin in
ihrer Andacht gestrt, und sogar manche zu frhe Entbindung veranlat. --
Die hohen trben Fenster waren theilweise verhangen mit grauleinenem Zeuge,
damit die andchtige Gemeinde nicht von den zudringlichen Sonnenstrahlen
verhindert wurde den Herrn Pfarrer auf der Kanzel zu sehen.

Mit einem Worte -- das eine Dorf war katholisch, das andere protestantisch,
und das htte man schon allein den Pfarrhusern anmerken knnen. In dem
protestantischen Pfarrhause in M. standen allezeit die Hausthr und die
Hinterthr, die in den Hof und in den Garten fhrte, gegen einander offen,
was einen argen Zug gab, in dem aber verschiedene muntere Knaben und
Mgdlein aufwuchsen. Der hbsche Garten, in dem viel Gemse gedieh, hing
die ganze Woche voll Kinderwsche, bunte Gardinen verhllten die Fenster,
und an den Sonnabenden pflegte der Herr Pastor, bei leidlich gutem Wetter,
immer seine Predigt auf dem Spazierwege oder in der Fliederlaube zu
memoriren, weil das ganze Haus sodann unter Wasser stand.--

Des andern Pfarrhauses breite dunkelgrne Thr war immer wohl verschlossen,
wer Einla begehrte, mute an ein Seitenpfrtchen klopfen, das man im
grnen Weinlaube kaum sah. Blendend weie Gardinen bauschten sich an den
hellen Scheiben, sanft singende Vgel hingen in zierlichen Kfigen vor den
Fenstern. Im Grtchen, das so niedlich aussah, da man es htte gleich in
einem Salon als Zierrath aufstellen mgen, blhten die schnsten Blumen in
jeder Jahreszeit, der wohleingerichtete Kchengarten lag versteckt hinter
ppigem Strauchwerk, in dem Hof und Hhnerstall sich umzusehen, war
eine Lust, und das Taubenhaus sah einem hbschen Pavillon gleich. -- Die
freundliche alte Schwester des Pfarrherrn trug zwar nur Kattunkleider und
weie, eng anschlieende Hauben, sie sah aber doch allezeit aus, wie die
Leute im Dorfe meinten, wie eine Weihnachtspuppe.

Da sich die Herrn Collegen von M. und N. niemals anders als mit einem
sehr steifen Kopfnicken grten, und die Frau Pastorin und die alte
Mamsell gar nicht, verstand sich von selbst. Die M'sche Pfarre war
ausgezeichnet, aber der Herr Pastor sagte oft zu seiner Frau, da er mit
der Hlfte der Einnahmen zufrieden sein wrde, wenn er die Katholiken nicht
zu Nachbarn htte. -- Er war sonst, wenigstens nach seiner eignen Meinung,
uerst tolerant, nur gegen die Katholiken und gegen Juden sprte er
eine kleine Abneigung, hnlich jener, die er empfand, wenn ihm seine Frau
einmal gelbe Rben auf den Tisch brachte. -- Wre N. zehn Meilen von M.
belegen gewesen, keinen katholikenfreundlicheren Mann htte man sich denken
knnen als den Pastor Mller. So aber kaufte man im Pfarrhause zu M.
keiner Buerin aus N. etwas ab, auf strengen Befehl des Hausherrn, was der
Pastorin oft schwer genug wurde, und jeder kleine Liebeshandel zwischen
einem M'schen und N'schen Pfarrkinde wurde um so strenger vom Pastor
getilgt, als der katholische Pfarrherr gegen dergleichen Verirrungen, wie
er diese Verhltnisse mit seinem feinen Lcheln zu nennen pflegte, ziemlich
nachsichtig war.

Der Herr Pastor richtete sogar seine Spaziergnge nie nach der Seite
von N., weil er es nicht ertragen konnte, an Marienbildern, Kreuzen und
Heiligen vorbei zu passiren. Sein steter Kummer war, da die Post, die
damals von Kln nach Frankfurt ging, zuerst durch N. kommen und anhalten
mute, whrend der Pfarrherr von N. ohne Neid es geschehen lie, da der
Schwager auf dem Rckwege seine Pferde in M. ftterte. Weder gemeinsames
Glck, nmlich reiche Ernten, noch gemeinsames Unglck, Miwachs oder
Hagelschaden, noch die alles gleichmachende Zeit vermochten hier die
Verhltnisse zu ndern, und bewahrte man auch nach Auen hin einen gewissen
Schein von Vertrglichkeit, predigte man auch von den Kanzeln gewissenhaft
das liebet eure Feinde, so hatte wenigstens der Herr Pastor seine
grillenhaften Stunden, in denen er darber nachsann, warum wohl der
Herr nur in grauen Zeiten Schwefel und Pech vom Himmel regnen lie --
natrlich auf jene, die es verdienten!--

Als der Herr Pastor lter und in Folge des ewigen Zuges und vielen
Scheuerns gar sehr von der Gicht geplagt wurde, bewilligte man ihm auf
seine Bitte einen jungen Helfer, den er zu sich in's Haus nahm.
Gottfried Berger, ein Theologe wie ihn empfindsame Seelen malen, nmlich
Johannesartig mit blauen Augen und blondem Haar, war der hinterlassene
Sohn der verstorbenen Schwester des Pastors. Er verstand sich trefflich
in Onkel und Tante zu finden, und es wurde bald ein Lieblingsgedanke
des Krnkelnden, sich diesen Neffen als Nachfolger und -- Schwiegersohn
dermaleinst in M. zu denken. Hatte er auch zur Zeit an dem jungen Manne
noch vieles auszusetzen, vornehmlich da er den Pfarrherrn von N. viel
zu freundlich grte, auch seine Spaziergnge in jener von ihm stets
vermiedenen Richtung machte und dergl. mehr, so hoffte er ihn doch durch
seine unausgesetzten Ermahnungen auch in dieser Hinsicht auf den allein
richtigen Weg zu leiten.

       *       *       *       *       *

Die Nachmittagspredigt in der M'schen Kirche war vorber. -- Der junge
Berger, der sie gehalten, ging eben langsam ber den Kirchhof weg nach
dem Pfarrhause. Einige alte Frauen verloren sich, die Gesangbcher in den
Hnden, zwischen den Grbern, die Mnner schritten grend an ihm vorber.
Kinder liefen ihm entgegen und boten ihm groe Strue von Hollunder und
Goldregen. Freundlich dankend nahm er sie und drckte sein Gesicht tief in
die Blumen. Als er in den Hausflur trat, sagte die Magd, da ihn der Herr
Pastor bitten lasse, zu ihm in die Laube zu kommen, der Kaffeetisch
sei allda aufgestellt. Er nickte und ging hinauf in seine Stube, sich
umzukleiden.

Die Laube lag auf einer Anhhe an dem uersten Ende des langen Gartens.
Im Sommer war sie recht dicht, fast khl, denn die groe Linde, die davor
stand, stritt sich tagtglich mit den Sonnenstrahlen herum, denen sie
durchaus den Eintritt wehren wollte. Jetzt hingen nur einige grne frische
Ranken lose ber das Gitterwerk, und die Linde selbst stand da, mit ihren
jungen Blttern, wie unter einem durchsichtigen grnen Schleier, zitterte
in der Frhlingssonne und dachte nicht daran Schatten zu geben. Auf die
gelbliche Damastserviette auf dem Tisch fielen helle Lichter und zuckten
hin und her.

Der alte Pastor sa in einem bequemen Sessel, den rechten etwas gichtischen
Fu auf einer gepolsterten Bank ruhen lassend. Es war ein hbsch
geschnittener Kopf, von schlichtem Haar umgeben mit einigen Hrten um
Mund und Augen und einer eisernen Stirn. -- Die Pastorin war einst schn
gewesen, der bitterste Nachruhm fr eine Frau, und sehr verwhnt, als
einziges Kind eines reichen Kaufmanns. Ihr Vater machte einen bsen
Bankerott und erscho sich nachher; die Mutter starb vor Schreck und Gram,
und die kaum zwanzigjhrige Armgard war froh, eine Gouvernantenstelle in
einem grflichen Hause zu erhalten.

Dort umgab sie doch wenigstens jener gewohnte Glanz und Comfort, den
sie allein Leben nannte. Die Unlenksamkeit ihrer Zglinge, die
Zudringlichkeit des Herrn Grafen, und die Eifersucht der launenhaften
Grfin machten ihr aber im Laufe der Zeit das Dasein im Hause so schwer,
da sie -- den Heirathsantrag des Gutspastors annahm, der jeden Abend
mit den grflichen Herrschaften Whist zu spielen pflegte. Gleich nach der
Hochzeit erhielt Mller die Pfarrstelle in M., um die er sich insgeheim
schon lange beworben, und siedelte mit seiner jungen Frau dahin ber.

Ihre Ehe war wie tausend Ehen, wo eben beide Theile nur an das denken, was
sie dem Andern geben, nie an das, was sie empfangen. -- Armgard fhlte sich
noch als die einzige gefeierte Tochter des reichen Bankiers, und Eberhard
Mller fand es hchst anerkennenswerth da ein wohlsituirter Pastor eine
arme Gouvernante, vom Fleck weg zur Frau Pastorin erhoben. Die junge Frau
versuchte Anfangs das schlichte Pfarrhaus umzumodeln in Erinnerung frherer
Zeiten. Wunderlicher Flitterkram wurde hie und da aufgestellt, der in
keinem Zusammenhange stand mit der brigen Einrichtung; sie selbst trug
sich ziemlich auffallend und schleifte die seidenen Kleider zum Staunen
der Gemeinde durch das Dorf. Wer htte sich getraut an solche vornehme
Pastorsfrau ein fragendes oder bittendes Wort zu richten! Eine Weile
schaute der Pastor anscheinend geduldig zu. Als aber das erste Kind da war
und das Tauffest vorber, gab es einmal eine ernste Scene im Pfarrhause.
Acht Tage lang sah die Magd die Pastorin mit verweinten Augen herumgehen,
-- nachher verschwand ein Zierrath nach dem andern, der Flitterputz dazu,
-- statt der langen seidenen, trug sie jetzt kattunene oder wollene Kleider
ohne Schleppen, und an die Stelle der dnnen Zeugstiefelchen traten
derbe Lederschuhe. -- Fnf Kinder wurden im Laufe der Jahre im Pfarrhause
geboren, und vier kleine Srge standen zu verschiedenen Zeiten in der
Gartenstube. Da gab es Leid genug und Thrnen, und in diesem Jammer
nherten sich denn auch die Herzen der Gatten mehr als sie es je in der
Freude gethan.

Ein einziges, das jngste Kind wurde gro, es zhlte jetzt volle 17 Jahre
und fhrte den Namen Elisabeth. Der Pastor hatte zwar Anfangs viel gegen
diesen Namen, er klang ihm zu katholisch, aber er war doch im Laufe der
Zeit etwas nachgiebiger geworden gegen die Wnsche seiner Frau, und
so wurde die Kleine endlich nach ihrer verstorbenen Gromutter
mtterlicherseits, Elisabeth getauft. -- Das Mdchen wuchs auf, nicht
nur als ein einziges, sondern auch als ein allein brig gebliebenes Kind,
bewacht und gehtet Tag und Nacht. Sie war beider Eltern Abgott, obgleich
immer der Vater die Mutter, und diese wieder den Vater beschuldigte der
kleinen Elisabeth zu viel Willen zu lassen. Jedes bewachte heimlich das
Andere und freute sich ber jeden sogenannten Streich in Betreff der
Verwhnung des Kindes, um ihn zu notiren und gelegentlich, bei irgend einem
Angriff, als Vertheidigungswaffe zu gebrauchen.

So pflegte der Pastor als grten Beweis einer mtterlichen Schwche
zu erzhlen, da seine Frau lchelnd zugesehen, wie die Kleine ein
Pastellbildchen -- die schne Armgard im Costm einer Schferin darstellend
-- so lange mit einem feuchten Schwamme bearbeitet, bis von den Farben
keine Spur mehr vorhanden. Die Pastorin entschuldigte sich zwar damit, da
Elisabeth eben die Masern gehabt und der Arzt ihr befohlen, das Kind weder
zu reizen, noch zum Weinen zu bringen, -- ihr Mann lachte aber immer etwas
spttisch dazu. -- Als Gottfried Berger spter in's Haus zog, hatte
ihm jedoch die Pastorin am ersten Abend gleich so viele Anekdoten von
umgeworfenen Dintenfssern und zerrissenen Predigten vorgetragen, fr
welche Verbrechen das Tchterchen vllig straflos davon gekommen sei, da
dem jungen Kandidaten der Kopf schwindelte.

Mit jedem Jahre gestalteten sich die Trume der Pastorin in Bezug auf
des Kindes Zukunft farbenreicher. Tausend Hoffnungen hingen an diesem
jugendlichen Haupt. Sie verbarg aber dergleichen auf Goldgrund gemalte
Bilder sehr sorgfltig vor den Augen ihres Mannes. Durch Elisabeth und mit
ihr sollte ja ein neuer Tag kommen, der Tochter wnschte sie jenes reiche
Leben, das sie selbst einst gelebt, -- in der Tochter Glck gedachte
sie sich zu sonnen. Elisabeth sollte keine Dorfpastorin werden, _sie_
wenigstens durfte nicht in dieser Einsamkeit zwischen Rben, Kartoffeln und
Kornfeldern verblhen. Wie das freilich zu verhindern berlie die Pastorin
zunchst einigen Jugendfreunden, mit denen sie noch korrespondirte, und --
der Zeit. Das Kind war ja noch so jung!--

Eben trat der Kandidat in die Laube. Haben Sie Elisabeth nicht gesehen?
fragte die Pastorin. Sie nannte vorstzlich den Neffen ihres Mannes, trotz
aller Einreden, Sie. -- Sie war nicht in der Kirche! antwortete der
junge Mann und zog einen Holzstuhl an die Seite seines Onkels. Soll ich
mich nach ihr umsehen? -- O nein! Das groe Kind geht nicht mehr verloren
-- es ist mir nur um den Kaffee zu thun. Er wird kalt.

War unser Gotteshaus voll? fragte der Pastor. -- Nicht sonderlich. Ein
Dutzend alter Frauen, kaum eine Handvoll Mnner, ein paar Wchnerinnen, die
den ersten Kirchgang hielten -- das war alles. -- Das alberne Volk wird
der Prozession nachgezogen sein. Heut haben sie ja wieder da Drben so
etwas. Ich wei nicht, was fr ein Fest es ist! -- Wollte nur die Linde
endlich einmal grn und voll werden, damit ich doch nicht auch von hier aus
die Kirchthurmspitze she! -- Nicht genug, da mir diese Nachbarschaft
die Pfarre verleidet und die Gemeinde verdirbt -- sie verkmmert mir sogar
meinen harmlosen Platz in der Laube.--

Gottfried sah schweigend in seine Tasse.

Ich begreife nicht, da Du Dich nicht mehr ber Deine leere Kirche
rgerst, fuhr der Pastor fort. Aber das soll und mu aufhren! Morgen
in der Betstunde werde ich ein strenges Verbot erlassen. Wer sich
untersteht--, -- Da ist Elisabeth! rief jetzt die Mutter mit froher
Stimme dazwischen.

Den gelben Kiesweg herab, der zur Laube fhrte, kam schnellen Schrittes
ein junges Mdchen in einem hellen Sommerkleide. Ein kleines Tuch von
dunkelblauer Farbe hing ihr ber dem Arm, den runden gelben Strohhut hatte
sie abgenommen. Ein schnes etwas sonnenverbrannntes Gesicht lachte Allen
einen Willkommen zu. Wo warst Du so lange? rief ihr der Vater in
einem gereizten Tone entgegen; das abgebrochene Gesprch hatte ihn sehr
verstimmt.

Gleich zeige ich Dir's, antwortete sie geheimnivoll und frhlich
zugleich. Dann befreite sie ihre Hnde von der Last von verschiedenen
Dingen, die sie auf den Tisch legte: -- Blumen, Papierbltter, ein Buch,
Zeichenstifte, Hut und Tuch. Jetzt erst schob sie die schweren braunen
Flechten zurck, die sie noch immer wie in ihrer Kinderzeit um den Kopf
geschlungen trug und die sich vom raschen Gange etwas in die Stirn gesenkt
hatten. Ohne die Aufforderung der Mutter in Betreff des Kaffees und Kuchens
zu beachten, rollte sie ein greres Papierblatt auf. Gottfried soll's
zuerst sehn! Bitte, komm hieher, da ist das beste Licht.

Ihre dunkeln Augen lachten ihn an; Gottfried war im Augenblick an ihrer
Seite, etwas linkisch zwar und befangen wie immer, aber so schnell als
mglich. Kaum hatte er aber einen Blick auf die Zeichnung geworfen, als
er bla wurde und ngstlich flsterte: zeige das jetzt nicht -- nur
heute nicht! -- Sie sah ihn erstaunt an, rollte jedoch langsam das Blatt
zusammen und legte es bei Seite.

Nun? Wirst Du mir Dein Meisterwerk diesmal vorenthalten wollen? fragte
der Pastor. -- Es ist noch nicht ganz fertig. -- Gieb her, ich will es
sehn, ob fertig oder nicht! sagte der Vater heftig. -- Elisabeth zgerte.
Die Mutter setzte ngstlich die Tasse aus den Hnden. -- Einem bestimmten
Befehl des Vaters ungehorsam zu sein, das hatte die Tochter noch nie
gewagt. Das Mdchen streckte auch jetzt mechanisch die Hand aus, um das
verhngnivolle Blatt zu ergreifen. Allein Gottfried kam ihr zuvor. Schnell
wie ein Blitz hatte er das Papier aufgenommen und in viele kleine Stcke
zerrissen, die nun der Wind nach allen Seiten davontrug.

Diese ungewhnliche Handlung und rasche That eines sonst so scheuen stillen
Mannes, machte in dem kleinen Kreise einen verschiedenen Eindruck. Das
Gesicht des Pastors wurde sehr roth. ---- Was fllt Dir ein, Neffe,
rief er halb verwundert halb zornig. Hast Du nicht gehrt, da ich die
Zeichnung sehen wollte? -- Sie war aber nicht des Ansehens werth!
lautete die ruhige Antwort. -- Nun, das wre doch die erste schlechte
Zeichnung die Elisabeth gemacht! sagte da die Mutter gereizt. -- Sie war
auch nicht schlecht! murmelte jetzt das junge Mdchen und warf dem
Vetter einen trotzigen Blick zu. Du hattest wenigstens kein Recht sie
zu zerreien. -- Du wirst eine bessere Zeichnung machen, Elisabeth!
antwortete er begtigend. -- O gewi nicht! In meinem ganzen Leben habe
ich noch niemals mit solcher Lust gezeichnet wie diesmal.

Und was war's, was Dich so gefangen nahm? fragte der Vater milder
und streckte den Arm aus, um die Tochter nher zu sich hinzuziehen. Die
Zuversicht des verzogenen Kindes erwachte wieder in Elisabeth. Sie nherte
sich dem Vater, legte ihre Hand auf seine Schulter und sagte mit
heiterem Lcheln: ich hatte die Prozession gezeichnet, wie sie vor dem
Allerheiligsten auf den Knieen lag.

Wie von einem Dolchstich getroffen sprang der Pastor auf. Also mein
eigenes Kind macht solche Dinge mit? rief er bebend vor Zorn. Und das mu
ich erleben? Ich? -- Er schritt mhsam athmend auf und ab. -- Keiner regte
sich. -- Da fragte die weiche Stimme des jungen Mdchens bebend: War
das denn ein Unrecht, da ich _Betende_ zeichnete? Ich habe sie ja nicht
gestrt, sondern kniete mitten unter ihnen, Vater!--

Niemand antwortete. -- Der Pastor prete, gewaltsam nach Fassung ringend,
die Lippen zusammen -- wandte sich dann pltzlich um und schritt dem Hause
zu.

-- Sie haben das Beste des Kindes gewollt, Gottfried, sagte die Pastorin
freundlicher als gewhnlich, indem sie die Tassen zusammenrumte; ich
sehe das jetzt ein. Ihre Schuld war es nicht, da der Versuch, das Kind
aufmerksam zu machen, milang. Du hast Deinem Vetter den trotzigen Blick
von vorhin abzubitten, Elisabeth!

Ich mag mich lieber schelten lassen vom Vater, als zusehn wie man mir
meine Zeichnungen zerreit, antwortete sie mehr traurig als trotzig. Da
es der Gottfried _gut_ meinte, sehe ich ein. -- Dabei nahm sie aber ihren
Hut und ihr Zeichenbuch und ging den Kiesweg hinab, schlug dann einen
Seitenweg ein und stand nun vor der niedern Kirchhofmauer. Sie setzte sich
auf den Rand des Gemuers und sah hinber in den stillen Garten der Todten,
und wohl kein Lebender htte jene Fragen beantworten knnen, von denen eben
jetzt dies junge heftig schlagende Herz bervoll war.

       *       *       *       *       *

Dies anscheinend unbedeutende Ereigni hatte gewichtigere Folgen als
Elisabeth trumte. -- Von jenem Tage an durfte sie nmlich nicht mehr
allein spazieren gehen. Der Vater erlaubte ihr nur im Garten, auf dem
Kirchhofe oder im Hause zu zeichnen, ihre Spaziergnge unternahm sie
fortan nur in seiner Begleitung und ohne ihr Zeichenbuch. Alle jene
Heiligenbilder, die sie so gern in ihren kleinen Landschaftsskizzen
anzubringen pflegte, wurden auf Befehl des Vaters daraus verbannt, selbst
kein einfaches Kreuzlein am Wege duldete seine strenge Kritik mehr. Alles,
was nur im Entferntesten an den Katholicismus erinnern konnte, sollte auf
das Bestimmteste vermieden werden. Er hatte mit seiner Tochter nicht ein
Wort ber jenen Vorfall mit der Zeichnung geredet, ihr jedoch einfach
gesagt, da er selbst fernerhin ihr Begleiter sein werde auf ihren, sonst
so zwanglosen, Spaziergngen.

Anfangs fhlte Elisabeth in dieser Neuerung einen unertrglichen Zwang,
bald aber fgte sie sich in das Unabnderliche, und kurze Zeit darauf war
sie wieder das heitere, lebensfrohe Mdchen das sie bisher gewesen.
Auch ihr Verhltni zu ihrem Vetter behielt nur wenige Tage lang eine
eigenthmliche Spannung, dann warf sie ihm wieder, wie zuvor, ihren
Blumenstrau in's offene Fenster, wenn sie Morgens aus dem Garten kam,
und qulte sich redlich, um keine Schelte von ihm zu bekommen, mit ihren
franzsischen Aufgaben. Auch zeichnete sie ihn wieder, zu ihrer Uebung, wie
schon hundertmal wenn er mit dem Vater Schach spielte, im Profil, =en face=
und Dreiviertel, und bte geduldig jeden Tag vierhndige Kirchenlieder mit
ihm.

So ging ein Tag nach dem andern hin, die Morgen, Mittage und Abende
sahen sich gleich wie ein Ei dem andern. Und dennoch fhlte Elisabeth nie
Langeweile oder irgend eine Sehnsucht nach Abwechslung. Zuweilen htte sie
wohl gern einmal andere Bcher gehabt, als Friederike Bremer's Werke und
Schiller's Geschichte des dreiigjhrigen Krieges, -- seine Dramen gab ihr
der Vater nicht -- und die verschiedenen Reisebeschreibungen, aus denen
Vetter Gottfried Abends vorzulesen pflegte, machten sie oft gewaltig mde,
es schlief sich aber auch um so besser darauf. Zudem drngte ein sonniger
Tag oder eine Partie in den Wald diese Wnsche wieder fr eine Weile in den
Hintergrund. -- Freilich standen dafr andere auf, wie z.B. das Verlangen
jene alte Kapelle auf der buschigen Anhhe einmal zu besuchen, wo ein
wunderthtiges Marienbild stand, welchen Ort zu betreten ihr der Vater
jedoch schon vor Jahren ein- fr allemal streng untersagt.

Seltsam, seitdem jene Geschichte mit der Zeichnung vorgefallen, war
eben dieser halb vergessene Wunsch pltzlich in ihr mit fast ungestmer
Lebhaftigkeit wieder erwacht. -- Sie trumte sogar die Nacht von jener
stillen Kapelle mit den bunten Scheiben, und von den vielen Herzen von
Wachs, die man der Maria geschenkt, wie ihr ein kleines Mdchen aus N., der
sie einmal verstohlen einen Maiblumenstrau abgekauft, erzhlt hatte. --
Mit der Mutter wagte sie schon eher ber diesen Herzenswunsch zu reden --
aber helfen konnte ihr die Pastorin auch nicht, sie ehrte in allen Dingen,
die sich auf Religion bezogen, ihren Mann sehr, und bemhte sich nach
Krften der Tochter dies tolle Verlangen, wie sie es nannte, aus dem
Kopfe zu bringen. -- Dabei schien sie aber in der letzten Zeit
hufiger denn je mit ihren fernen Freunden zu korrespondiren, und die
eigenthmliche, halb frohe, halb sorgenvolle Art, mit der sie zuweilen ihre
Tochter anblickte, gab dem ruhig beobachtenden Kandidaten viel zu denken.

Da kam eines Tages, Niemand schien sich dessen zu versehen, Besuch ins
stille Pfarrhaus, nmlich ein entfernter Verwandter der Pastorin. Herr
von Plessow, der Direktor der Malerakademie in F., war auf einer Badereise
begriffen und sprach fr wenige Stunden in M. ein, um die liebe Cousine
zu begren. Beide hatten einander viel zu fragen, sich so vieler Dinge und
Personen zu erinnern da es beinahe nicht dazu gekommen wre, Elisabeth's
Skizzenbuch zu durchblttern, nach welchem der Herr Cousin doch sogleich
gefragt. -- Der ltliche freundliche Herr fand sehr viel Wohlgefallen an
den artigen Bilderchen, noch greres aber an der Zeichnerin selber und
sagte endlich, im Beisein des Pastors, sehr ernsthaft: ich mchte Dich
wohl mit nach F. nehmen, Elisabeth, wenn ich aus dem Bade komme, -- aus Dir
kann eine tchtige Malerin werden. Ueberlege Dir die Sache und schreibe
mir nach T., wenn Du willst da ich Dich abholen soll. Ein halbes Jahr lang
unter einem tchtigen Lehrer und Du wrdest Bedeutendes leisten!--

Ein Wort zu guter oder bser Stunde ist ein Samenkorn, -- und der Wind
weht selten es auf einen steinigen Boden. Es fllt in warmes Erdreich --
es schiet auf -- gepflegt in stillen Nchten, getrnkt von heimlichen
Thrnen, und wchst empor, oft eine ppige Giftpflanze -- oft ein
Rosenstrauch voll Dornen und sen Knospen -- oft eine blaue Blume,
jene mhrchenhafte Blthe, die demjenigen, der sie einmal erblickt, nie zu
stillende Sehnsucht bringt.

Die Worte des Direktors aus F. lieen in dem Herzen des jungen Mdchens
jene blaue Blume erwachsen. Eine leise Sehnsucht beschlich sie urpltzlich
nach einem Etwas, das sie nicht hatte. -- Sie vermochte selbst mit ihrer
Mutter nicht darber zu reden, -- sie sa in tiefen Gedanken vor ihrem
Zeichenbrettchen, -- keine ihrer kleinen Schpfungen wollte ihr mehr
gefallen -- und es geschah ihr nicht selten da sie mitten im Zeichnen
unlustig den Stift von sich warf und das angefangene Blatt zerri. Es begab
sich auch, da sie in der Nacht erwachte und lange, lange schlaflos da lag,
und mit ihren Gedanken weit wegflog ber den Garten des Pfarrhauses --
weit ber Hgel und Wlder fort -- wohin -- ach wohin? -- Nur einmal, auf
einem Spaziergange mit dem Vater, gab sie ihren Gedanken Worte. Sie hatte
sich einen Feldblumenstrau gepflckt. Pltzlich blieb sie stehen, legte
ihre Hand auf den Arm des Vaters und sagte, bebend vor Erregung: Sieh,
wenn ich diese Blumen da malen knnte, wie ich sie so vor mir sehe in
ihren sanften kstlichen Farben, -- ich glaube, ich wre das glcklichste
Geschpf der Welt! -- Der Pastor lchelte ber den Ausdruck strahlender
Freude in ihrem Gesicht, antwortete aber nichts.

An einem Sonnabend Abend lehnte sie wieder, wie so oft, an der
Kirchhofmauer und schaute hinber auf die Grber der Geschwister. Der
Pastor ging in seinem Studirzimmer auf und ab, bei geffnetem Fenster seine
Predigt memorirend, denn die Stube war in der Sommerwrme diesmal schon
vollstndig getrocknet. Die Pastorin stand auf einer kleinen Leiter an dem
Pfirsichspalier und pflckte behutsam die ersten reifen Frhpfirsiche. Der
Kandidat Berger kam eben von seinem Abendspaziergang zurck. Er trug einen
Strau von Waldblumen in der Hand, blieb erst einen Augenblick bei der
Frau Tante stehn, ging dann weiter und setzte sich nahe zu dem jungen
Mdchen auf die niedrige Mauer. Er reichte ihr den Strau hin wie
immer, sie nahm ihn freundlich nickend wie immer. -- Eine Weile sah sie
gedankenvoll in die Blumen, dann wandte sie sich pltzlich gegen ihn und
sagte mit halberstickter Stimme und schnellem Athem: ich kann es nicht
mehr aushalten hier!----

In sprachlosem Erstaunen starrte er sie an. Ihr Gesicht war wie mit Purpur
bergossen, ihre Augen standen voll Thrnen. Ja ja, es ist so! fuhr sie
fort und trat ihm nher, ich wei es jetzt ganz genau und Dir kann ich's
auch zuerst sagen. Ich will nach F. und Malerin werden. In vier Wochen
kommt der Direktor wieder hier durch und ich -- werde mit ihm gehn!
-- Aber mein Gott, welch ein Gedanke! -- Und Du mut mir helfen ihn
auszufhren, Du mut mir beistehen die Eltern zu bereden mich auf ein
Jahr, -- auf ein halbes vielleicht nur, -- von sich zu lassen. -- Ich,
Elisabeth? -- Eben Du. Warst Du nicht allezeit gut zu mir? Seit Du jene
Zeichnung zerrissen habe ich das erst gewut, aber nun vergesse ich's auch
nimmermehr. -- Aber es ist ja ganz unmglich da Du fortgehen kannst von
hier!

Warum denn? Die Mutter braucht mich nicht so nthig, sie liebt es gar
nicht wenn man ihr im Hause hilft. Und der Vater -- wird mit _Dir_ fortan
spazieren gehen, bis ich wiederkomme. Du wirst der Einzige sein der mehr
Last und Arbeit davon haben wird da ich gehe, denn ich werde Dir allerlei
Auftrge hinterlassen. Du mut die Vgel fttern und nach meinen Blumen
sehn und jede Woche einmal meine Epheuwand abwaschen. Da Du die Eltern
aufheitern mut, versteht sich ganz von selbst. -- Ich soll den Eltern
rathen, Dich fortzulassen? wiederholte er noch einmal wie im Traume.
Nein, Elisabeth, das thue ich nicht -- das kann ich nicht! setzte er fast
heftig hinzu und richtete sich hoch auf.

Mehr betrbt als erstaunt ber seine Weigerung hatte sie langsam ihre Hnde
zusammengelegt und sah ihn stumm und bittend an. -- Es gibt Momente, in
denen uns das Bild eines Menschen, wie er eben vor uns steht, pltzlich
gleichsam in's Herz gepret wird. Die Seele nimmt ein Photographie-Portrait
auf, und dies Portrait ist unverwischbar, wir sehen fortan diese Gestalt
_nur_ so wie sie uns in jenem Augenblick erschien, und weder Trennung, noch
Alter vermag einen Zug in solchem Bilde zu verndern.

Wenn der junge Kandidat von dieser Stunde an des Mdchens gedachte, so
sah er sie in einem blarothen weiten Sommerkleide, eine Epheuranke um die
Flechten geschlungen, eine verwelkte Rose im Grtel, das kleine seidene
Tuch, das sie eben vom Halse genommen, spielend um das Handgelenk
geschlungen, mit dem wunderbaren Ausdruck von Sehnsucht und Erwartung in
dem blhenden Gesicht, die Augen auf ihn gerichtet, deren lange dunkle
Wimpern ihrem Aufschlag einen so eigenthmlichen Zauber gaben.

Da er nicht antwortete, so fragte sie noch einmal, aber ungeduldiger: Und
warum nicht? Da zuckte es ber sein Gesicht -- sein Athem stockte -- die
Lippen ffneten sich----

Herr Neffe, wollen Sie mir den Korb heraufreichen? Elisabeth, der Vater
verlangt nach einer neuen Pfeife! rief die Pastorin. -- Der junge Mann
fuhr auf, wandte sich mechanisch und schritt auf das Spalier zu. --
Elisabeth folgte gedankenvoll.

       *       *       *       *       *

An demselben Abend, vor Schlafengehen, fiel die Tochter der Mutter um
den Hals, und bat sie ihr zu erlauben das Anerbieten des Direktors aus
F. anzunehmen. Ich mchte gar zu gern eine Malerin werden! sagte sie
aufgeregt.

Die Pastorin war hocherfreut, obgleich nicht erstaunt -- sie hatte
ihre Tochter seit des Cousins Weggang wohl beobachtet und diese Bitte
erwartet. Ihre Gedanken nahmen aber sofort einen hohen Flug. Sie sah
fr Elisabeth eine Zeit des Glanzes voraus wie sie sie selbst kaum einst
erlebt. Wie gro war F., wie lebendig und interessant mute das Haus des
Cousins sein, besonders seit er sich zum zweiten Mal verheirathet! -- Wie
entscheidend konnte dieser Besuch fr die Zukunft Elisabeth's werden! --
Von alledem sagte sie aber kein Wort, sie kte nur ihr Kind und meinte:
ich kann mir wohl denken, wie sehr Dich's verlangen mag eine ordentliche
Malerin zu werden. Deine arme Mutter knnte Dich ja doch nicht weiter
bringen im Zeichnen, Du hast sie schon lngst berholt, und Du kannst nun
viel zu viel um es liegen zu lassen. Als meinen Vater das Unglck traf,
sollte ich eben auf Porzellan malen lernen -- wer wei, zu was mir das
gentzt haben wrde! La mich mit dem Vater reden -- und rede Du nicht eher
mit ihm ber Deinen Wunsch, als bis ich Dir einen Wink gebe.--

Wie es die Beiden in den nchsten Tagen angefangen, den Pastor zu bereden
-- wer konnte es sagen? -- Gewi war nur, da genau eine Woche nach
jenem Gesprch zwei Wscherinnen und zwei Schneiderinnen im Pfarrhause
beschftigt waren, und da wenige Tage darauf noch eine Bglerin zu Hlfe
genommen werden mute.--

Die Pastorin aber nahm eines Morgens ihre Tochter mit herauf in eine
abgelegene Kammer, schlo dort eine groe Truhe auf, und zog vor den
staunenden Augen des Kindes allerlei Schtze an's Tageslicht. Da kam ein
hellblaues Taffetkleid zum Vorschein und ein dunkelgrnes, ein
weies gesticktes Mousselinkleid mit rosenrothen Schleifen, und ein
buntschillerndes Seidengewand. Auch wunderliche Echarpen und Umhngsel,
die ebenso unmodern aussahen wie die Kleider, zu denen sie getragen worden
waren. Elisabeth jubelte aber ber Alles. Sie htte diese Ueberbleibsel aus
der so oft beseufzten und betrauerten Glanzzeit ihrer Mutter am liebsten
gleich so angezogen, trotz der bauschigen Falten, puffigen Aermel und
kurzen Taillen, htte es die Pastorin gelitten.

In kurzer Zeit aber waren alle diese Kleider durch die Hnde der
Nadelknstlerinnen in die prchtigsten Toiletten umgewandelt worden, so
meinten wenigstens Mutter und Tochter, -- und mit wahrem Stolz packte
die Pastorin eigenhndig die Koffer ihres Kindes, ehe noch die bejahende
Antwort des Direktors auf die feierliche Anfrage des Pastors eingelaufen
war. Elisabeth stand dabei und reichte ihr jedes Stck mit kindlicher
Freude hin. -- Das war eine anmuthige Arbeit. Zuletzt war aber alles fertig
-- Schneiderinnen, Wscherinnen und Bglerin verschwanden, und es gab
endlich nichts mehr zu thun als -- auf den aus dem Bade Heimkehrenden zu
warten. -- Seine Antwort war lngst da -- er beabsichtigte, im Laufe der
nchsten Woche in M. einzutreffen. Es wartet sich doch gar schwer, meinte
Elisabeth. Sie hatte nirgends mehr Rast noch Ruh, selbst nicht auf der
Kirchhofmauer. -- Die vierhndigen Kirchenlieder spielte sie lngst nicht
mehr, sie hielt keinen Takt, und der Vater wurde ungeduldig beim Zuhren,
sie las auch nicht, -- hchstens zeichnete sie dann und wann ein wenig.
Am liebsten lie sie sich von der Mutter von dem Leben und Treiben in F.
erzhlen, wie es die Pastorin, als sie noch die schne Amgard Albert war,
kennen gelernt.

Gottfried Berger lie sich jetzt selten sehen, auch Abends zog er sich
unter dem Vorwand dringender Studien in sein Zimmer zurck. Man vermite
ihn auch wenig oder gar nicht, denn Elisabeths Abreise war das fesselnde
und unerschpfliche Thema aller Gesprche. Der Pastor erinnerte sich dabei
eines alten Universittsfreundes nach dem Andern, der in F. leben mute,
und denen er sein Kind zu empfehlen gedachte. Der alte Herr hatte brigens
von jeher fr das Zeichentalent seines Kindes eine Art von Bewunderung
gefhlt, er war stolz auf seine Tochter, und seit jenem Besuche des Cousins
war ihm selber der Gedanke gekommen, da ja sogar die Bibel gebot: Du
sollst dein Licht leuchten lassen vor den Leuten. Die Idee, sein Kind sei
vielleicht dazu bestimmt eine groe Malerin zu werden, beschftigte ihn
lebhaft, so da er sehr bald fest berzeugt war, es bedrfe nur eines
Winteraufenthalts in der Stadt, um aus ihr mindestens eine zweite Angelika
Kaufmann zu machen. Er blickte so recht eigentlich in Bezug auf Elisabeth
in einen goldenen Kelch -- wie das Volk so poetisch zu sagen pflegt --
und in der Tiefe dieses Kelchs lag -- eine Perle, ihr Talent, zwar ein
Talent, an dessen Ausbildung er auch seinen Antheil zu haben glaubte. Hatte
er doch dem Kinde erlaubt alle seine Papiere vollzukritzeln, selbst die
Rnder seiner Predigt-Manuscripte! Brachte er ihr doch jedes leere Blatt,
das er von eingegangenen Briefen abgeschnitten, und lie ihr endlich gar
ein Zeichenbrett zimmern!--

Obgleich ihm die Trennung von Elisabeth nahe ging, so war es ihm doch
uerst angenehm, sie dann in einer so protestantischen Stadt zu wissen
wie eben F. -- Es war ihm lieb, sie aus der Nhe der Marien- und
Heiligenbilder, der Prozessionen und Kapellen fr eine Weile verbannen zu
knnen. Das Kind stand in einem gefhrlichen Alter: -- eben 17 Jahre alt!
Und was sie da drben machen sieht sich mit siebzehnjhrigen Augen ganz
anders an als mit siebzigjhrigen! meinte er.

Als der Direktor der Malerakademie wirklich da war und der Wagen endlich
vor der Thr stand, der Elisabeth, und ihren neuen Beschtzer fortbringen
sollte, da wurde ihr junges Herz mit einemmale centnerschwer. -- Whrend
die Andern beim Frhstck saen, ging sie noch einmal wie im Traume durch's
Haus, vom Boden bis zum Keller, ffnete alle Thren und schaute hinein,
besonders lange aber in des Vaters Studierzimmer, allwo die blaue
Rauchwolke nimmer wich, die ber dem Schreibtisch hing, und wo die vielen
gottesgelehrten Mnner unter Glas und Rahmen so grmlich dreinschauten, als
htten sie wenig Freude gehabt im Leben. Sie ging auch in die groe
dstere Kche, wo die alte, sonst so rauhe und znkische Magd hinter dem
Kchenschrank in Thrnen zerflo, weil die Mamsell Lieschen fort
wollte. Im Gange drauen begegnete ihr die groe schwarze Katze, die sonst
nimmermehr ihr Liebling war, heute aber lockte sie das Thier und strich ihm
sogar schmeichelnd ber den Rcken. Drauen auf dem Hofe warf sie dem
alten Kettenhunde, der nur noch bellen, nicht mehr beien konnte, ihr
Frhbrdchen zu, trat an ihn heran, nahm seinen rauhen Kopf in ihre
Hnde, und drckte ihre Wange einmal gegen ihn. Dann ging sie nach der
Kirchhofmauer und winkte den Grbern der Geschwister den Abschiedsgru zu.

Als sie auf dem Rckwege an der Laube vorber kam, trat ihr Gottfried
entgegen und sagte: la mich hier Dir Lebewohl sagen, Elisabeth! Er sah
sehr bla aus, und die Hand, die er ihr gab, war eiskalt. -- Mache mir
doch nicht mit Gewalt das Herz noch schwerer, antwortete sie; ich komme
ja aus dem Abschiednehmen nicht heraus. La es doch in Einem hingehen,
lieber Gottfried!

Stumm ging er an ihrer Seite weiter -- denn sie war nicht stehen geblieben.
Mild und lieblich bat sie nach einer Weile: sorge gut fr die Eltern! --
Er gab keine Antwort, sondern fragte nur nach einer Pause gepret: wirst
Du oft schreiben? -- So oft ich kann! -- Wird auch ein Gru in Deinen
Briefen sein fr mich? -- Tausend fr einen! versicherte sie. Aber
weit Du, ich knnte Dir wohl franzsisch schreiben, das wre eine gar gute
Uebung -- und Du antwortetest mir dann auch so und schriebst mir was ich
fr Fehler gemacht. -- Willst Du? -- Er nickte.

Sie waren bis an das Ende des Kiesweges gekommen. So leb denn wohl! brach
er pltzlich hervor und die Thrnen strzten aus seinen Augen. -- Aber
Gottfried! -- Sei doch vernnftig! bat sie -- und seltsam -- ihre weiche
Stimmung verschwand pltzlich, als sie seine Thrnen sah. -- Wenn Du Dich
wunderst, da ich weinen kann, so weit Du auch nicht-- -- Was denn?
-- Wie unsagbar lieb Du mir bist! -- Lieber guter Gottfried, ich wei ja
Alles -- aber trotzdem sehe ich nicht ein warum Du weinst, wenn ich auf ein
paar Monate weggehe, um etwas zu lernen was mich glcklich machen wird!
Sie hatte sehr ruhig gesprochen. -- Er sah sie schmerzlich lchelnd an.
Glcklich machen wird! wiederholte er. Ja, so glcklich, da Du -- _uns_
(mich hatte er sagen wollen) darber vergit! -- Das thue ich nimmermehr!
Da, meine Hand darauf, sagte sie rasch und innig. Und nun auf Wiedersehen
im nchsten Frhling.

Sie pflckte eine volle Rose von dem Bumchen, an dem sie eben standen,
und gab sie ihm. Aber als er die Blume ergriff und an sich zog, fielen die
rothen Bltter auf den Boden. -- Elisabeth sah es nicht mehr -- sie hatte
sich abgewandt und ging -- sich ohne noch einmal umzuschauen, dem Hause zu.

Als aber eine Stunde spter das junge Mdchen den Abschiedsku und die
Segensworte des Vaters empfing, weinte sie. -- Geh fleiig in unsere
Kirche und berichte mir ausfhrlich ber die Predigten meiner Collegen,
sagte der Pastor noch zum Schlu. Geh nur fremdem Gottesdienst aus dem
Wege, wenn Dir an meinem Segen noch etwas gelegen, -- und meide sogar den
Umgang mit Andersglubigen. Enthalte Dich aller religisen Gesprche und
verschliee Deine Ohren vor den Worten der Sptter. -- Vater, so hbsch
wie Heute ist mir unser Pfarrhaus noch nie vorgekommen! sagte sie als
er sie an den Wagen fhrte. -- So ist's recht! antwortete er leise. Du
sollst es auch lieb haben! Komm Du nur bald und gern wieder. -- Es ist ja
Deine eigentliche Heimath, denn so der Herr will, sollst Du Dein Lebenlang
hier bleiben, aber nicht etwa als altes Jngferlein, sondern als junge
hbsche Pastorsfrau! -- Der Gottfried wrde dermaleinst ein prchtiger
Ehemann werden! Nur gar _zu gut_, frchte ich, fr Dich, kleiner
Trotzkopf! -- Sie sah ihn berrascht an und blieb einen Augenblick stehen.
Die Farbe wich von ihren Wangen. Dann aber lachte sie, wie ein junges
Mdchen lacht das man eben geneckt, und meinte: ja, _der_ wre wahrlich zu
gut!

Die Mutter, die mit dem Cousin vorausgegangen und bis jetzt sehr gefat
gewesen, zerflo nun doch in Thrnen und lie ihr Kind sehr schwer aus
den Armen. Aber mitten im Schluchzen, als der Wagen schon sich in Bewegung
setzen wollte, rief sie ihr noch zu: merke es Dir, Elisabeth, das Blaue
nur fr Abendgesellschaften, das Grne kannst Du aber jeden Sonntag
anziehen! -- Die gelbe Echarpe--! Die Pferde zogen an -- ein Winken
herber und hinber -- und Alles war vorbei.

Eine Weile nachher hatte Elisabeth schon die Heimath im Rcken und lachte
recht herzlich ber die lustigen Geschichten, die der Herr Onkel, denn so
nannte sie ihn jetzt, ihr von seinen ersten Portraitversuchen erzhlte.
Zur selbigen Zeit ging der Pastor, von einer seltsamen Unruhe befallen,
in seinem Studierzimmer auf und ab, und lie ein ber das andere mal seine
Pfeife ausgehn -- und in dem kleinen Schlafstbchen sa die Mutter auf dem
verlassenen Lager der Tochter und weinte sich satt. -- Aber drauen in der
Fliederlaube sa Einer -- der keine Thrnen mehr hatte in seinem Leid.

       *       *       *       *       *

Der Sommer und Herbst waren vorber, am ersten November empfing Frau von
Plessow wieder, und die Empfangsabende in ihrem Hause waren eben so
besucht als amsant, wie besonders die junge Welt behauptete. -- Die
verschiedensten Stnde fanden dort ihre Vertreter, und wenn auch die Zahl
der jungen Mdchen, denen man erlaubte in diesem Salon erschienen, nur
klein war, so traf man desto mehr hbsche Frauen dort, mit denen sich's ja
ohnehin nach der Ansicht der jungen Elegants, ungleich bequemer verkehrt.

Die hbsche Enfilade von fnf Zimmern war glnzend erleuchtet, die
Einrichtung zeigte Comfort und feinen Kunstgeschmack. -- Groe Tische
mit prchtigen Mappen und Bchern, davor bequeme Fauteuils und kleine
Ottomanen, im Mittelsalon ein aufgeschlagener Flgel, halbversteckte
Bffets mit Erfrischungen, und einer leise auftretenden Bedienung, --
nirgends betubend duftende Blumen, berall verschleierte Kugellampen,
deren Licht fr den Teint so vorteilhaft, berall Winkel zum Plaudern, und
in keiner Ecke jene lstigen Nippes, die nur aufgestellt sind um angestoen
zu werden.

Die Rume waren schon ziemlich gefllt von jungen und alten Knstlern,
einigen wenigen Uniformen und ungewhnlich vielen Frauen in glnzenden
Toiletten.

Zu einer heitern Gruppe in der Nhe einer sehr schnen, kleinen Copie
der Diana aus dem Louvre, in Marmor ausgefhrt, die knstlerisch zwischen
dunklem Grn aufgestellt war, trat jetzt der Hausherr. Ich habe Dir einen
angenehmen Gast anzukndigen, liebe Amlie, sagte er zu einer zarten
Frau in blablauen Tafft und langen blonden Locken, offenbar eine der
elegantesten Erscheinungen im Salon; Paul Albano ist von Griechenland
zurckgekehrt, seit vorgestern, und wird sich selbst und einige seiner
Skizzen diesen Abend wieder hier einfhren. -- Albano zurck? rief Frau
von Plessow ungewhnlich lebhaft, und ihre aristokratisch bleiche Wangen
berflog ein verrtherisches Roth. Ich glaubte er wrde den Winter ber
in Athen bleiben! -- Wer wei, welcher Magnet ihn zurckzog, antwortete
Plessow gleichgltig. Er hat freilich zu Vielen den Hof gemacht, als
da man an eine Einzige glauben knnte der solche Macht ber den
Schmetterling verliehen.

Dehalb also der ungewhnlich reiche Damenflor! flsterte ein bekannter
sarkastischer Portraitmaler dem Hausherrn ins Ohr. Die Kunde seiner
Rckkehr hatte sich im Fluge heut in dem guten F. verbreitet. -- Welche
Macht ist nun ausgerckt den gefhrlichen Feind zu bekmpfen. -- Oder
sich besiegen zu lassen! lachte Plessow. Seine Skizzen sind mir aber
viel werth, setzte er laut hinzu; geistvoll und glhend ist alles was aus
seinem Pinsel fliet. -- Nicht so Amlie? -- Frau von Plessow, anscheinend
sehr vertieft in ein Gesprch mit ihrer Nachbarin, der alten Grfin
Darschau, ber die Eleganz der Hofmntel, antwortete nachlssig: meinst Du
die Skizzenbltter Albano's, =cher ami=? Sie sind allerdings hbsch, aber
zu unruhig und phanthastisch fr meinen Geschmack. Wie knnten sie auch
anders sein da der, der sie schafft-- -- Du hast nun einmal ein kleines
Vorurtheil gegen ihn, unterbrach Plessow die Rede seiner Frau, die in
demselben Augenblick in vollendeter Haltung einigen ankommenden Gsten
entgegen ging.

Man ging und stand umher, man empfing und theilte Huldigungen aus wie
immer. -- Die Frau vom Hause war sehr umringt -- aber man wollte bemerken
da sie zerstreut war, und mehr als einmal sah man, da ihre Augen sich auf
die Thr richteten mit dem Ausdruck einer gewissen Unruhe. -- Auch weigerte
sie sich heut ihre grazisen Mazurka's und Notturno's zu spielen, mit denen
sie sonst zu brilliren liebte.

Da ist Albano, sagte pltzlich ein junger Mann in ihrer Nhe und trat
zur Seite. Wieder flog jenes feine Roth ber Frau von Plessow's Wangen,
-- einen Augenblick nachher begrte sie aber mit vollkommener Ruhe einen
jungen Mann, der rasch durch den Salon geschritten war und ihr jetzt
gegenber stand. -- Es war in der That der bekannte und vielgesprochene
Landschaftsmaler, dessen Talent selbst in den allerhchsten Kreisen die
schmeichelhafteste Aufnahme gefunden, dessen reizende Skizzenbltter zu
kennen zum guten Ton gehrte. Er hatte ein halbes Jahr in Griechenland
vertrumt, und war so pltzlich zurckgekehrt wie er aufgebrochen. Die
Frauen beteten ihn an, nicht _obgleich_, sondern grade _weil_ er sie
unbarmherzig behandelte. Ihn wirklich zu fesseln war noch Keiner gelungen,
-- an Versuchen dazu lieen es wenige fehlen.

Kurz vor seiner Abreise bezeichnete das Gercht Frau von Plessow selbst als
den ausschlielichen Gegenstand seiner flchtigen Huldigungen. Seine Flucht
gab aber damals kaum mehr Stoff zur Unterhaltung als eben jetzt seine
unerwartete Rckkehr. -- Unbarmherzige Augen waren von allen Seiten auf die
Wirthin gerichtet, feine Ohren lauschten auf jedes ihrer Worte. Frau von
Plessow war aber Weltdame genug um das zu wissen. -- Vollkommen unbefangen
rief sie dem Ankommenden scherzend entgegen: willkommen im Winterquartier!
Nicht wahr, unsere Kamine haben auch ihren Reiz? -- Sagen Sie lieber,
unsere Oefen, gndige Frau! antwortete er eben so und kte ihre Hand. An
dem Blick der ber ihr Gesicht glitt, an dem conventionellen Lcheln das
sie ihm zurckgab, konnte Niemand etwas aussetzen. Auch der bliche Handku
konnte nicht flchtiger ausgefhrt werden. -- Wehalb schon zurck,
Unstter? fragte hinzutretend Plessow, dem Maler die Hand schttelnd.

Ich fror! lautete die einfache Antwort. -- Man lachte -- eine halbe
Stunde verging mit verschiedenen Begrungen, -- endlich sah man, wie der
junge Mann sich an der Seite der Frau vom Hause niederlie. Die Comtesse
Feldern, die sich nur zgernd hinweg begab um, wie sie boshaft gegen einen
Freund bemerkte, das Prchen nicht zu stren, wollte gehrt haben, da
Albano ein Endlich! geseufzt. -- In Wahrheit sagte er aber in demselben
Augenblick, in elegantem Franzsisch: nun erzhlen Sie mir, angebetete
Freundin, wie man hier gelebt hat.

Ehe sie zu antworten vermochte, kam ein junges Mdchen in einem etwas
engen, etwas verblichenen, etwas unmodernen blauen Seidenkleide hastig
zu ihr und fragte, nach flchtiger Verbeugung vor dem Fremden, sichtlich
freudig erregt: liebe Frau Tante, erlauben Sie, da heute getanzt wird?
Herr von Winter will Tnze spielen, wir sind sechs Paare. -- Sie sah so
ernsthaft bittend Frau von Plessow an, als hinge Leben und Seligkeit von
ihrer Gewhrung ab. -- Mit einem ungeduldigen Wink der Hand sagte die
schne Frau: =mais mon Dieu= -- tanzt so viel ihr wollt! Nur erhitzen Sie
sich nicht noch mehr -- das =echauffement= ist fr Sie nicht vortheilhaft.
-- Aber das junge Mdchen war schon verschwunden, ehe sie die zweite Hlfte
des Satzes vllig beendet, und mit einem Spottlcheln wandte sich Frau von
Plessow wieder zu ihrem Nachbar. -- Der aber war aufgestanden und folgte
verwundert mit den Augen jener jugendlichen Erscheinung. Dann neigte er
sich zu seiner Dame und fragte lebhaft: Wer war denn dies wunderlich
angezogene, reizende Mdchen das Sie Tante zu nennen das Glck hat? Sie
erzhlten mir nie zuvor von dem Dasein einer Nichte.

Ich wrde auch in Verlegenheit gerathen sein, solch einen Ausbund von
Uneleganz als zu _mir_ gehrig prsentiren zu mssen. Die Kleine gehrt
zur Verwandtschaft meines Mannes. Sie heit Elisabeth Mller und ist ein
Gnseblmchen vom Lande, abgepflckt aus dem Garten einer schlichten Pfarre
durch Plessow's Hand. -- Er wird sich freuen, da Sie seinen Geschmack
theilen. Die Kleine soll Malerin werden. Sie ist brigens, glaube ich, ein
gutes Kind. Seit September oder Ende August ist sie hier. -- Wnschen Sie
noch weitere Details? -- Sie sah ihn spottend an und lachte. Sie wute,
da sie doppelt reizend war wenn sie lachte. -- Albano setzte sich wieder.

Erlauben Sie mir diese Details, fr jetzt wenigstens, ausreichend zu
nennen. -- Wie schn kleidet Sie dies schelmische Lachen! -- Das Lachen
einer Frau ist doch tausendmal bestrickender als ihre Thrnen. Ich mchte
Sie nie weinen sehen, gndige Frau! -- Eine kluge Frau gnnt Euch
wahrhaftig solchen Triumph auch nicht so leicht. Denn ein Triumph ist es ja
nun doch einmal fr einen Mann eine Frau zu Thrnen zu bringen! Eine kluge
Frau weint daher im Stillen. -- Vielleicht nur weil sie wei da wir es
ihren Augen dennoch spter ansehen, und da wir Augen, die sich im Weinen
bten, um so heftiger lieben. Nur die Thrnen selbst zu sehen lieben
wir nicht -- das wirkliche Weinen macht hlich! -- Mich dnkt, niemand
verdiene weniger da eine Frau um seinetwillen hlich werde, als eben Paul
Albano. -- Sie mgen Recht haben. Ich verlange es aber auch von Keiner --
und doch mte es schn sein wenn eine Frau--. -- Bitte, nur keine Ihrer
alten Paradoxen! Ich vergesse sonst da Sie sechs Monate fern waren, und
also als ein eben Zurckgekehrter noch einigen Anspruch auf Nachsicht
haben. -- Sechs Monate, 15Tage, 13Stunden, gndige Frau -- ich rechne
besser! -- Aber -- sagen Sie mir doch, wie lange soll denn jene Kleine in
dem seltsamen Kleide bei Ihnen bleiben? -- So lange wahrscheinlich, bis
sie ein wenig pinseln gelernt. Mag sie -- mich genirt sie nicht -- sie hat
ihre eignen kleinen Zimmer und erscheint, auer zum Diner und Souper, nur
wenn ich sie rufen lasse.

Eben trat Plessow heran. Wollen Sie ein allerliebstes Genrebild sehen,
Albano? fragte er. Werfen Sie einen Blick in den Tanzsaal dort. Es ist
eine wahre Herzenserquickung Elisabeth tanzen zu sehen. Knnte ich ihr
diese Freude am Leben doch erhalten! Albano erhob sich sofort und bot der
Frau vom Hause den Arm um sie in den Salon zufhren, wo die jungen Leute
tanzten. Aber sie lehnte khl ab, und trat rasch zu einer Gruppe von Damen,
die sich um ein Album gesammelt hatten.

Mein Gott wie schn ist dies Mdchen! murmelte Albano, die Tanzende mit
glhenden Blicken verfolgend, wahrhaft leuchtend schn in ihrer Freude!
-- Und wie lieblich sind diese ungeschulten Bewegungen! fgte Plessow
hinzu.

Eben stand sie unfern von ihnen still. Sie bemerkte ihren Herrn Onkel und
in berwallender Lebhaftigkeit ihm die Hand hinreichend, sagte sie so
recht aus tiefster Seele: ach ich bin so vergngt! Wie schn ist's doch
zu tanzen! Ich htte es nimmer gedacht! Aus dem Ton der Stimme klang
der innere Jubel durch, ihre wunderschnen Augen, mit den Wimpern einer
Murillo'schen Madonna, strahlten vor Glck, ihr reizender Mund lachte, und
ihre junge Gestalt erschien wie getragen von Lust und Freude. -- Albano
beneidete pltzlich ihren Tnzer, er, der seit Jahren schon den Blasirten
gespielt auf allen Bllen. Er bat Herrn von Plessow ihn seiner Nichte
vorzustellen. -- Hatte das meine Frau nicht schon gethan? fragte der
verwundert indem er ihn zu Elisabeth fhrte. Herr Albano kann jetzt Deinen
Onkel ein wenig ablsen bei Dir, liebes Kind, und Dein Zeichnen und Malen
berwachen. Er ist unser erster Landschaftszeichner. Du mut ihn aber recht
freundlich bitten da er Dir helfe, er ist gewohnt gebeten zu werden,
setzte er scherzend hinzu.

Ein Schatten von Ernst flog pltzlich ber die Stirn des jungen Mdchens.
Dazu htte ich nicht den Muth, Herr Onkel, antwortete sie. Sie wissen,
wie verzagt ich geworden bin mit meinem Zeichnen! Ich habe nie getrumt da
man soviel dabei zu lernen htte. -- Ach, ich kann ja noch gar nichts, und
niemand wird so viel Geduld haben mit mir als Sie! -- Sie erlauben,
da wir darber zu einer andern Zeit ausfhrlicher reden, sagte Albano
verbindlich. Morgen z.B., wenn ich meine Mappe bringe. Jetzt aber mchte
ich Sie nur bitten den nchsten Tanz mit mir zu tanzen. -- O! ich bin
schon fr den ganzen Abend versagt! entgegnete sie pltzlich wieder in
heller Freude aufleuchtend, mit einem triumphirenden allerliebsten Lcheln.

Nun, dann mu ich eine Extratour haben! bat er, sich zuerst vor ihr, dann
vor ihrem Tnzer verneigend. Ueber und ber erglhend nahm sie seine Hand.
Wie lange hatte er nicht getanzt. In diesem Augenblicke dachte er daran,
aber er empfand zugleich ein ses Behagen, eine Wiederkehr lngst
entschwundener jugendlicher Lebenslust, als er seinen Arm um ihre schlanke
Taille legte und ihre kleine, rasch pulsirende, Hand in der seinen
fhlte. Wie leicht flog sich's mit diesem Kinde! Wie flchtig berhrt ein
siebzehnjhriger Fu den Boden! -- Wie anmuthig waren die Bewegungen seiner
jungen Tnzerin die noch nie den glatten Boden eines Tanzsaals betreten, ja
die noch kein franzsischer Tanzmeister geschult!

Albano hatte frher fr einen der besten Tnzer gegolten, er mhte sich in
diesem Augenblick diesen Ruhm aufzufrischen, und als er seine Tnzerin an
ihren Platz zurckgefhrt, begriff er nicht warum er dem angenehmen Reiz
des Tanzes so lange entsagt. Sie tanzen gut! sagte sie und sah mit ihrem
Kinderlcheln dankend zu ihm auf. -- Dies naive Lob entzckte ihn so da er
den Rest des Abends im Tanzsaal verbrachte, abwechselnd zuschauend oder mit
Elisabeth plaudernd. Als die jungen Leute endlich aufhrten zu tanzen, und
die jungen Damen sich um Elisabeth drngten -- sie war ja die Nichte des
Hauses wo man sich so gut amsirte, und viel zu unelegant um ihnen zu
schaden -- da verschwand Albano.

Modernisiren Sie doch Ihre artige Verwandte ein wenig, Liebe! sagte die
Grfin Darschau bitters scherzend, als eben Albano zu Frau von Plessow
herantrat um sich zu verabschieden. Geben Sie ihr ein wenig Unterricht in
jener Kunst, in der Sie unser aller Meisterin sind, -- die bse Welt knnte
sonst auf den Gedanken gerathen Sie frchteten eine Nebenbuhlerin! --
Unsere Darschau hat Recht! setzte die berschlanke Comtesse Feldern
hinzu. Etwas mehr Stoff fr das Kind, liebe Plessow ---- mein Gott, das
blaue Taffetfhnchen ist ja kaum vier Ellen weit! -- Und dennoch ist
Frulein Elisabeth ganz unbeschreiblich reizend! Mit diesen neckisch
hingeworfenen Worten, und einer tiefen Verbeugung vor der Dame des Hauses,
entfernte sich Albano.

Elisabeth konnte an diesem Abend lange nicht einschlafen vor lauter Freude.
Zwar hatte die Frau Tante sie ungewhnlich unfreundlich entlassen zur
guten Nacht, und sie ein tolles Landmdchen gescholten, -- es war aber doch
schn hier. -- Sie htte nie gedacht, da solche =soiren= so angenehm
wren. Kstlich lebte sich's in diesen schimmernden Rumen, unter diesen
liebenswrdigen Menschen, die ja alle ein Lcheln fr sie hatten. An all
dieser Freundlichkeit hatte gewi auch das schne hellblaue Taffetkleid der
guten Mutter seinen Theil -- wie hbsch sah es doch aus am Abend! --
Sie sah sich noch einmal aufmerksam im Spiegel an. Wenn die Mutter
mich gesehen htte! seufzte sie. Die beiden Frulein Warburg fanden es
freilich nicht genug ausgeschnitten, sie meinten, die Schultern drften
nie bedeckt sein, das mache eine schlechte Figur. Und Alle trugen ein
Blumenbouquet vor der Brust, das mchte ich wohl auch knftig tragen. Aber
es knnte Flecken geben auf der schnen Seide. Wie habe ich das Kleid lieb
-- wie kstlich tanzte sich's in dem Kleide, aber am Besten doch mit ----
mit wie hie er doch?

Seinen Namen hatte sie vergessen, aber seine Augen nicht. Schnere hatte
sie nie gesehen! -- Und sie trumte von diesen Augen und der Tanzmusik und
dem blauen Kleide die ganze Nacht.

       *       *       *       *       *

Am nchsten Tage, -- Elisabeth sa in ihrem Stbchen und arbeitete an den
Zeichenvorlagen die ihr Herr von Plessow gegeben, -- rief man sie hinab in
das Boudoir der gndigen Frau. -- Albano war da mit seinen neuen Skizzen.
Das junge Mdchen begrte ihn errthend und nahm an dem Tische Platz,
worauf man die kostbaren Bltter gelegt. -- Frau von Plessow, im
Sammetsessel lehnend, in ihrem dunkelblauen Atlaskleide und coquettem
Hubchen, wandte sich nur wenig nach ihr um und sagte vornehm nachlssig,
indem sie mit ihrem goldenen Lorgnon spielte: Berhren Sie diese Bltter
nicht, Elisabeth -- Sie verstehen nicht mit dergleichen Dingen umzugehen!

Eine Purpurgluth berstrmte das junge Gesicht. Albano, der in diesem
Augenblick zu ihr herbersah, begriff nicht wie er sie gestern so
bezaubernd gefunden. Wie bermig frisch sah sie aus, und wie unmodern
war sie angezogen! -- Dies abscheulich grne Wollkleid mit dem schwarzen
Moireegrtel, und diese dichten weien Aermel mit den unchten Spitzen
an dem Handgelenk! Und dazu eine stehende kleine Halskrause von einem
dunkellila Bande zusammengehalten! -- =Quel horreur!= -- Wie konnten
nur die Hnde so ausgezeichnet hbsch aussehen, die aus solchen Aermeln
hervorsahen? -- Er wunderte sich aber auch als er das offenbar gekrnkte
Mdchen jetzt so freundlich sagen hrte: Sie irren, Frau Tante! Der Vater
hat eine groe Kupferstichsammlung, und ich wei gar wohl, wie behutsam man
dergleichen berhren mu!

Albano reichte ihr ein Blatt hin und sagte: ich bin nicht so ngstlich
mit meinen kleinen Skizzen, mein Frulein. -- Sie lchelte wieder und sah
pltzlich in diesem Lcheln so hbsch aus, wie man in einem abscheulichen
grnen Wollkleide nur aussehen kann. -- Allein sie blieb still, whrend
die Andern sehr viel und lebhaft von Tnen -- Tinten -- Lichteffekten und
Uebergngen redeten, aber ihre ganze Seele war in ihren Augen, indem sie
diese reizenden Farbenskizzen anblickte. -- Als man das letzte Blatt in
die Mappe gelegt, sa sie seinen Augenblick wie in tiefe Gedanken verloren,
dann schlug sie pltzlich die Hnde vor's Gesicht und Thrnen drangen
zwischen ihren Fingern hervor, whrend die junge Brust sich von
unterdrcktem Schluchzen hob.

Was soll diese Kinderei? fragte unwillig Frau von Plessow, whrend ihr
Mann einige mitleidige Worte an die Weinende richtete. -- Ach! sagte
Elisabeth nach einer Pause mit der Stimme eines tieftrauernden Kindes dem
man sein liebstes Spielzeug zertreten, als ich diese Bilder sah, da wurde
es mir erst klar, da ich -- doch _nie_ eine rechte und ordentliche Malerin
werden kann! -- Liebe Kleine, lachte die schne Frau, das htte ich
Ihnen schon frher sagen knnen. Eine Malerin wird nicht aus einer Jeden
die ein bischen zeichnen kann, -- und wenn auch vielleicht eine Malerin,
doch sicher noch keine Knstlerin. -- Die Tante scherzt, sagte Herr
von Plessow sehr mild; Du zeichnest ganz artig und machst tchtige
Fortschritte. Mit den Farben hast Du es ja noch gar nicht versucht. Die
Meister fallen nicht mehr vom Himmel, sie mssen sehr langsam zu Meistern
werden. -- Darf ich Herrn Albano bitten da er einmal meine Skizzenbcher
und Zeichnungen durchsieht? fragte Elisabeth pltzlich sich aufrichtend.
Er soll mir sagen, ob ich -- noch lnger hier bleiben oder -- nach
Hause gehen soll. Ich wei, er wird aufrichtig sein! -- Hier meine Hand
darauf! antwortete Albano rasch, den diese Scene seltsam berhrt hatte.
Lassen Sie mich Ihre Zeichnungen sehn und vertrauen Sie mir! -- Das
junge Mdchen verlie das Zimmer. _Er_ wird aufrichtig sein?! -- =Pauvre
enfant!= flsterte Frau von Plessow mit einem Seitenblick auf den
Maler.--

Es war ein ziemlich dickes Buch und mehrere einzelne Bltter, das Elisabeth
brachte. Ehe jedoch Albano einen Blick darauf warf, sagte er: Aber ich
gebe mein unumwundenes Urtheil nur unter _einer_ Bedingung, mein Frulein.
Sie drfen mir nmlich durchaus nicht bse werden, wenn es nicht nach
Ihren Wnschen ausfllt. -- Sie schttelte, blsser werdend, den Kopf
und verlie dann mit ihren Blicken sein Gesicht nicht mehr. -- Whrend er
langsam Blatt fr Blatt umschlug, wechselte sie oft die Farbe und athmete
schnell.

Endlich klappte der Maler das Buch zu und sagte lchelnd: wenn Sie mir
versprechen wollen, eine gehorsame Schlerin zu sein -- so mchte ich wohl
Herrn von Plessow um die Erlaubni bitten, ihn einigemal in der Woche bei
seinem Unterricht untersttzen zu drfen. Ich wei, wie beschrnkt seine
Zeit ist! -- Elisabeth unterdrckte einen Freudenschrei -- aber sie lie
ihre seligen Augen leuchten. Erlauben Sie es auch, lieber Herr Onkel?
fragte sie dann, und als Herr von Plessow lachend sagte: ich mu mich
sogar bei ihm bedanken fr solch gromthiges Anerbieten! -- da neigte sie
mit dem Ausdruck reizendster Demuth ihre Lippen auf die Hand der gndigen
Frau und bat: nicht wahr, auch _Sie_ werden es erlauben?

Wie wunderbar hbsch sie jetzt ist! dachte Albano, whrend Frau von
Plessow kalt ihre Hand zurckzog und in gezwungen scherzhaftem Tone sagte:
Meine Erlaubni ist berflssig -- ich selbst mchte vielmehr um Erlaubni
bitten, in diesen Unterrichtsstunden als Zuschauerin figuriren zu drfen,
=ma chre=. Wer wei, vielleicht nehme ich selbst noch den Pinsel in
die Hand und wetteifere mit Ihnen! -- Die Sache war abgemacht. -- Man
betrachtete noch einmal die Skizze mit der Akropolis, plauderte, kritisirte
-- Albano erzhlte -- der kleine Zwischenfall schien vergessen.

       *       *       *       *       *

Der Gottfried hat wieder einen Brief mitgebracht von Elisabeth! rief
die Pastorin durch die halbgeffnete Thr in ihres Mannes Studierstube.
-- Endlich! Sie lie diesmal lange warten! -- Nun wir haben heut den
12.Mrz und der letzte Brief war vom 1.Februar. Du vergit immer, wie
viel die Kleine mit ihrem Zeichnen zu thun hat. -- Gieb nur schnell das
Schreiben her. -- Die Aufschrift ist an mich, Vterchen. Ich mu zuerst
lesen. Komm Du lieber in die Wohnstube hinunter, da will ich Euch vorlesen.
Hier treibt mir der Tabaksqualm ohnehin das Wasser in die Augen. Und der
Gottfried mchte doch auch gern zuhren. -- Gut, so la uns gehn.

Whrend er aber langsam hinter der Voraneilenden die knarrende Treppe
hinabstieg, murmelte er doch rgerlich: da sie diese Tabaksempfindelei
nicht ablegen kann! Qualm! Als ob je aus einer einzelnen Pfeife ein Qualm
aufsteigen knnte!--

Der Pastor und dessen junger Substitut muten sich jedoch noch lange
gedulden und schritten, in zwar sehr einsilbigen, aber doch kirchlichen
Gesprchen auf und nieder. Die Mutter mute ja erst den Brief allein lesen,
ganz allein, dann wurde ein Weilchen geweint, nachher kamen verschiedene
Ausrufe und endlich las sie dann, oft unterbrochen von eigenen und fremden
Bemerkungen, folgenden Brief:

Geliebte Mutter! -- Bse mut Du mir nicht sein, und auch der Vater darf's
nicht, da ich so lange nicht geschrieben -- ich hab's selber bis zu dieser
Stunde nicht gewut da es so viele Tage her war. Es fiel mir nur auf, da
Frau von Plessow mich heute fragte, ob ich nicht daran denken wolle meine
Kleider und Hte fr das Frhjahr zurecht machen zu lassen. Da erfuhr
ich denn erst, welches Datum wir schreiben. In der Stadt merkt man ja den
Frhling nicht, wie Ihr ihn merkt da drauen. Am 12.ist ja Gottfrieds
Geburtstag -- wenn ich Zeit habe, schreibe ich ihm eine franzsische
Gratulation unter den Brief.

Recht viel habe ich zu thun, liebe Mutter, und doch, wenn ich am Abend zu
Bette gehe, bin ich oft recht traurig, denn es kommt mir dann vor, als ob
ich nichts gethan. Eine ganze groe Mappe voll Zeichnungen habe ich, die
ich Euch einst mitbringen werde, aber es stehen nicht wie sonst Bume,
Felsstcke, Wasserflle, sondern Arme, Beine, Fe und Kpfe darauf. Albano
behauptet ich htte mehr Talent zum Portrt als zur Landschaft. Ich habe
nmlich seinen Kopf aus dem Gedchtni nachgezeichnet, und den fand er in
meiner Mappe. Selbst Frau von Plessow fand ihn hnlich und hat ihn in ihr
Album gelegt. Er ist aber auch so leicht zu treffen, die Linien sind alle
so schn und regelmig. Ich freue mich eigentlich, da ich Portrtirtalent
haben soll, es ist so hbsch ein liebes Gesicht so festzuhalten. Euch Alle
will ich zeichnen, Dich, liebe Mutter, in der Blondenhaube mit den
breiten Bandschleifen, die Du immer des Sonntags trgst, den Vater im
Sammetkppchen und mit der Pfeife, und den Gottfried? -- Ja, wie zeichne
ich den gleich? -- Am besten wohl ber ein Buch geneigt, die Augen tief
niedergeschlagen, wie ich ihn immer Abends beim Vorlesen sah. -- Auch
Brigitte wird gezeichnet im Sonntagsputz, die Katze auf dem Schooe.

Du fragst gewi, wann das geschehen wird, Mtterchen. Freilich noch nicht
so bald als wir dachten, aber doch, so Gott will, bestimmt im nchsten
Herbst. Wer htte geglaubt, da so sehr viel zu lernen sei! -- Zu den
Farben bin ich noch gar nicht gekommen! -- Ich begreife nicht, da Albano
nicht die Geduld mit mir verliert. Aber er ist eben so unendlich gut --
ich knnte mir keinen bessern Lehrer wnschen. -- Im Sommer wollen mich
Plessow's mit auf ihr Gut nehmen, da will ich aber doch ganz heimlich
wieder Baumschlag und Landschaft studieren. Ein kleines Atelier soll ich
dort haben, und mich malen zu lehren, hat mir der Onkel versprochen. Das
sind wunderschne Aussichten. Und Stoff zu Portrts werde ich genug finden,
denn es soll immer sehr viel Besuch dort sein. -- Obgleich man sagt, da
man mit dem Portrtiren sich viel Geld verdienen knne, so mchte ich doch
lieber -- arm bleiben, wenn ich dafr nur einen kleinen Theil so warm, so
leicht, so lebendig skizziren knnte wie Albano. Ach! wenn ich Euch einmal
ein Stckchen Landschaft von ihm zeigen knnte!

Ein recht unruhig Leben haben wir hier -- ich mchte manchmal davonlaufen
vor all den Besuchenden. Sitze ich in meinem Stbchen, so schickt Frau von
Plessow wohl zehnmal im Vormittag herauf, bald soll ich eine neue Mantille,
die mir der Herr Onkel gekauft, anprobiren, bald mir vom Schneider Ma
nehmen lassen zu einem neuen Kleide, das mir Frau von Plessow schenkt, bald
mu ich mit ihr in die Lden fahren, bald mich einigen Fremden vorstellen
lassen. Deine lieben Kleider, gute Mutter, und die langen Shawls habe ich
aber nicht etwa aufgetragen, behte mich der Himmel, ich soll sie nur
jetzt eine Weile liegen lassen, Frau von Plessow hat einen so wunderlichen
Geschmack.

Um sie nicht bse zu machen, ziehe ich die Sachen an, die sie mir giebt,
aber will ich mich einmal recht nach meinem Sinne putzen und vergngt sein,
so schliee ich meine Thr zu und ziehe eines der Kleider an die Du mir
gegeben. Besonders lieb habe ich das blablaue Seidenkleid -- ich trug es
ja an meinem ersten Tanzabend! -- Weit Du, wann ich nur ganz allein bin,
liebe Mutter? -- Nach Tische, von 3--4, zuweilen sogar bis 5. Dann aber
fahren wir aus, und Abends besucht Frau von Plessow Gesellschaften oder das
Theater, und ich spiele mit dem Herr Onkel und zwei seiner alten Schwestern
Whist, oder wir bleiben ganz einsam und spielen Schach.

Auf einen Ball wollten mich Plessow's zuweilen mitnehmen, aber ich habe ja
dem guten Vater versprochen niemals in ffentlichen Slen zu tanzen, und
werde mein Versprechen auch gewissenhaft halten. Aber schn mag's dort
sein, Albano erzhlt mir oft davon, und wenn Frau von Plessow so strahlend
hervorschaute aus einer Wolke von leichten und glnzenden Stoffen, Blumen
und Perlen, da -- nun, Dir darf ich's ja leise in's Ohr sagen, Mtterchen,
da wurde ich so traurig, wie wohl Aschenbrdel gewesen sein mag, wenn sie
ihre Stiefschwestern zum Balle schmckte. Wenn dann der Wagen fortgefahren
war und ich so allein sa -- lauschte ich doch heimlich, ob nicht aus
irgend einem Winkel eine gute Fee hervortreten wrde, ein Gewand von
Silberstoff fr mich in der Hand tragend. -- Im Theater sehe ich immer nur,
wie ich's ja gleichfalls dem Vater versprochen, lauter ernste Stcke. Wie
im Traume bin ich wenn der Vorhang aufgegangen, und es ist mir, als lebte
ich wirklich mit denen, die da auf- und niedergehen vor mir, und htte auch
ein Wrtchen darein zu reden. Wenn Albano in der Plessow'schen Loge nicht
immer hinter mir se und mich mit ruhigen Worten und Erklrungen zur
rechten Zeit aufweckte, wer wei welchen Unsinn ich begehen wrde. --
Nur das Weinen kann ich nicht unterdrcken; neulich in der Maria Stuart
strzten mir die Thrnen unaufhaltsam aus den Augen. Es war mir, als
fhlte ich mein Herz in Stcke brechen, wie sie von dem treulosen Leicester
scheidet. Sie hat ihn nmlich noch lieb, Mutter, Du kannst mir's glauben,
ich fhlte das. Ich war nur froh, da sie bald ausgelitten hatte, -- der
Gang zum Tode kann ihr nicht schwer geworden sein -- das Leben wre ja
doch viel schwerer gewesen. -- Warum hat uns Gottfried niemals Maria Stuart
vorgelesen?

Liebe, liebe Mutter, schreibe mir nur bald und erzhle mir recht von Euch.
Knurrt der alte Caro noch immer so, wenn Gottfried vorbergeht?--

Wie mir's nur sein wird, wenn ich wieder einmal in der Laube sitze oder an
der Mauer lehne, wo ich auf den Kirchhof sah! -- Nun, zu Deinem Geburtstag
im Oktober bin ich wieder bei Euch. Liebe Mutter, ich kann dem Gottfried
nicht mehr besonders gratuliren, thu Du's recht von Herzen fr mich. Albano
wird gleich hier sein, und ich mu hinuntergehen um Papier und Stifte
zurecht zu legen. Lebe wohl, Du Liebe, Gute! Ich denke oft daran, wie
einsam es Dir sein mag in unserm stillen Dorfe, da Du ja auch weit wie
bunt und schn sich's in der Stadt lebt.--

Wie viel werde ich Euch zu erzhlen haben, wenn ich heimkehre! Der
Gottfried braucht dann nicht vorzulesen, den ganzen Winter lang nicht. --
Ich gre Euch alle und umarme Dich und den Vater in Gedanken viel hundert
tausendmal. -- Elisabeth.

Nachschrift. -- Ich gehe auch alle Sonntage in die Kirche, aber der alte
Konsistorialrath hat keine Zhne mehr, und da knnen nur die ihn verstehn,
die dicht unter der Kanzel, oder ihr gerade gegenber sitzen. Sie haben
hier auch auf allen Bnken Schilder mit Namen, wie bei uns, auch klappert
der Kster gerade so hart mit dem Klingelbeutel wie in unserer Kirche. Aber
viele geputzte Damen gehen hin, und die Herren stehen in den Gngen umher
und gucken sich keck frei die verschiedenen Gesichter an. -- Ich bin recht
traurig immer auf dem Heimwege, da ich nie dort von Herzen andchtig sein
kann. Wenn mir der Vater nur nicht bse wird dehalb!--

Mit strahlenden Augen reichte die Mutter den Brief dem Vater hin. Sie ist
da wie Kind im Hause, sagte sie freudig, sie hat ein gutes Leben dort!
-- Und wird als tchtige Malerin zurckkommen, meinte der Pastor, nahm
die Brille aus dem Futteral und setzte sich behaglich an das Fenster,
um die Epistel noch einmal zu lesen. Ich wundere mich nur, murmelte
er zwischen dem Lesen, da sie gar nichts von meinen alten
Universittsfreunden schreibt, fr die sie doch dicke Briefe mitgenommen --
von dem muntern Fritsche, ehemaligem Calculator, und vom dicken Senf,
der uns immer Predigten hielt und nun Nachmittags-Prediger an der F.
Frauenkirche ist, so viel ich wei.

Elisabeth lebt in einem gar vornehmen Hause, fiel hier Gottfried Berger
ein, und seine sonst so sanfte Stimme klang so bitter und verndert, da
beide Eltern aufsahen. Er stand abgewendet von ihnen an dem Fenster und
trommelte leise an die Scheiben. -- Sie haben ganz recht! Ich
glaube nicht, da eine Frau wie die Plessow, mit Calculatoren und
Nachmittags-Predigern verkehrt! sagte die Pastorin khl. -- Nun, ein
Nachmittags-Prediger ist doch immer ein Prediger, und wer steht denn hher
in der menschlichen Gesellschaft als ein geweihter Diener des Herrn?
rief der Pastor, sich hoch aufrichtend mit allem Stolz jenes souvernen
Herrschers, dem die Macht gegeben zu binden und zu lsen. -- Wer hher
steht? wiederholte der junge Kandidat und wandte langsam sein bleiches
Gesicht dem Fragenden zu. Hier in M. freilich niemand, lieber Onkel; in
groen Stdten aber gilt jeder Pinsel mehr heut zu Tage.--

Herr Kandidat -- die Kinder mit dem Geburtstagsstrau sind drauen!
meldete Brigitte. Sie haben aber gewaltig schmutzige Klumpen (Holzschuhe)
an; in die Wohnstube kann ich sie nicht lassen, die ist gestern erst
gewaschen. -- Sie mgen in meine Stube kommen! antwortete Gottfried und
verlie das Zimmer.

Drauen begrte ihn eine kleine Schaar mit Hndedrcken und frohem
Gemurmel. Das grte Mdchen trug einen Strau von Tannenreisern und
Mrzveilchen in der Hand. Er nickte ihnen freundlich zu und schlo seine
Stube auf. Nach kurzem Kampf mit Brigitten, die ihnen gewaltsam die
beschmutzte Fubekleidung abnahm, drngte sich die kleine Schaar in
Strmpfen nach. -- Der junge Mann hrte geduldig allerlei stockende
Glckwnsche an, versprach den Ueberbringern fr nchsten Sonntag einen
Kuchen, und die Kinder gingen vergngt wieder weg.

Da sa er nun allein, -- den Strau von Tannenzweigen in den Hnden, in
tiefe Gedanken versunken. Der starke Duft des winterlichen Grns durchzog
die kleine Stube. Das Feuer im Ofen warf seinen flackernden Schein auf
den Fuboden, der mit weiem Sand, von Brigittens kunstfertiger Hand in
allerlei Schlangenwindungen, bestreut war, Regentropfen schlugen an die
Scheiben, Frhlingswinde fuhren drauen durch die kahlen Bume -- er hrte
es nicht. -- Seine geistigen Augen sahen eben jetzt einen hellen Sommertag
-- die Rosen blhten und die Linde -- ein warmer Abendschein lag auf dem
stillen Garten. Er sah sich auf dem Rande jener Mauer, welche die Grber
abgrenzte von den Blumenbeeten, und -- den breiten Kiesweg hinab kam eine
schne junge Gestalt in einem blarothen leichten Kleide, eine Epheuranke
um die schweren braunen Flechten geschlungen, eine verwelkte Rose im
Grtel.

Zum Nachtessen, Herr Kandidat! rief die harte Stimme Brigittens ins
Stbchen. -- Hatte er denn so lange getrumt?--

       *       *       *       *       *

Jedes Geschpf hienieden hat seinen Sonnentag -- jedes Menschenherz seinen
Frhling. Aber wie ein nordischer Frhling verschieden ist von dem Lenz des
Sdens, so sind auch die Frhlinge der Herzen verschieden. Wie viele liegen
im Norden -- in wie wenigen glht die Wrme des Sdens! -- Wohl aber, --
tausendmal wohl jenen Wenigen! Fr _sie_ ist aller Blthenreichthum da,
aller Glanz, alles Licht, wie in jenen gesegneten Lndern des ewig blauen
Himmels, und vernichten auch furchtbare Erdste oft mit einem Schlage die
ganze Herrlichkeit -- ist es nicht besser, neidenswerther, _einen_ Tag
lang berreich gewesen zu sein -- als sich mondenlang zu begngen mit einer
Handvoll kargen Grns, blasser Blumen, sprlicher Sonnenstrahlen?--

Ueber Elisabeths Herz hing der Himmel des Sdens -- es war, als sei _sie_
beschenkt worden mit all jener Wrme, die sowohl der Natur des Vaters, wie
dem Wesen der Mutter fehlte -- und in diesem jungen Herzen blhte eben der
erste kstliche Frhling. -- Es war Sonnenschein da und Blumenpracht und
Lerchenjubel und Nachtigallenklage: -- ein junges Herz liebte mit aller
Kraft, aller Glubigkeit und aller Sorglosigkeit einer ersten Liebe.--

Seit drei Monden waren sie alle auf dem reizenden Plessow'schen Gute, zwei
Stunden von der Stadt gelegen, -- seit drei Monaten fand das junge Mdchen
einen Tag schner als den andern, seit drei Monaten lebte sie mit Albano
unter einem Dache und sah ihn tglich. -- Sie war freilich niemals allein
mit ihm, -- er redete kaum zehn Worte mit ihr, und sie sah ihm auch oft
mit stiller Trauer nach, wenn er an der Seite der Frau vom Hause seine
regelmigen Spazierritte unternahm. Denn wie vortheilhaft erschien die
zierliche Gestalt der eleganten Reiterin, wie keck sa der braune Hut mit
Feder und Schleier auf den blonden Locken, und wie schn war Albano zu
Pferde! -- Recht lange whrten diese Ausflge, meinte Elisabeth, und so gut
sie dem Herrn Onkel war, der dann immer mit ihr spazieren ging, oder auf
der Terrasse sa und ihre Zeichnungen korrigirte, so htte sie es -- sie
wute nicht recht warum -- doch lieber gehabt, wenn er sie ganz allein
gelassen. -- O, sie war so gern allein! -- Es lie sich so kstlich -- an
_ihn_ denken.--

Ob er sie wieder liebte, daran dachte sie lange nicht; sie hatte genug an
ihre eigene Liebe zu denken. Spter -- es war an einem schnen Sommerabend,
viele Fremde waren da, und sie hatte viel hin und wider zu gehn und fr
Jeden zu sorgen -- da hatte er ihr wohl klar gezeigt, da auch er sie
liebe. -- Man war nmlich ein wenig in den nahen Wald gegangen -- Frau
von Plessow am Arm des schnen Grafen Reinberg voraus, hinter ihnen
verschiedene Paare, der Herr Onkel war mit einigen gichtischen alten
Herren zurckgeblieben. Wer war da pltzlich an die einsam nachschlendernde
Elisabeth herangetreten? Wer hatte ihr da einen Waldblumenstrau gepflckt
und Grashalmenkrnze im Weiterwandeln fr sie gebunden? Und als sie auch
_ihm_ einmal die Halme zum Kranz gehalten und ihm gesagt, da er sich nun
etwas Ernstes, Groes wnschen knne, da hatte er leise geantwortet: ich
wnsche mir nur _Eines_ fr mein Leben -- wollen Sie's wissen, Elisabeth?
-- Aber von einer sen Angst ergriffen, hatte sie da den Kopf schtteln
und dann langsam die Augen zu ihm aufschlagen mssen. -- Da war sie denn
seinen Augen begegnet, die ihre Seele an sich gezogen mit unwiderstehlicher
Gewalt -- und es war ber sie gekommen wie Seligkeit und Entsetzen
zugleich, und sie htte in den Wald hineinlaufen mgen, so weit als ihre
Fe sie getragen. -- Und doch war sie nicht entflohen, sie hatte vielmehr
ihren Arm in den seinen gelegt, und so waren sie neben einander schweigend
hergegangen, bis sie die Gesellschaft erreicht.

Das war Alles gewesen -- aber dieser Waldgang erschien in ihren schnsten
Trumen -- an dieser Erinnerung hing sie mit Seele und Gedanken. -- In
dieser zauberschnen Zeit bemerkte sie nicht, da Frau von Plessow immer
klter und hrter gegen sie wurde, -- sie lebte eben in einer andern
Atmosphre. Keiner Wolke aus der Alltagswelt gelang es, ihren Himmel zu
trben. -- Nie war sie lieblicher gewesen, nie heiterer, nie hatte sie
von allen, die das Plessow'sche Haus besuchten, grere Aufmerksamkeit
erfahren. Wre sie kein armes Predigerstchterlein gewesen -- viele htten
ihr zu Fen gelegen, viele htten um ihre Gunst geworben, viele htten
es fr ein Glck gehalten, eine so reizende junge Braut zu erringen! -- So
aber -- unsere Geschichte spielt in der Neuzeit, -- war die Kleine vor
allen Dingen nicht reich, zweitens hatte sie einen abscheulich plebejischen
Namen, drittens sprach sie nicht Englisch, und viertens war sie durchaus
nicht musikalisch. -- Sie war also, nach Ansicht der heirathsfhigen
Mnner, eine Null im Plessow'schen Salon, freilich hbsch genug =pour
passer le temps= mit der Kleinen.--

Whrend dessen trumte aber im stillen Pfarrhaus von M. eine Mutter
wunderbare Trume vom einem vierspnnigen Wagen mit grflichem Wappen am
Schlage -- von einer strahlenden Braut im weien Spitzenkleide, die in der
Dorfkirche getraut wurde, um gleich darauf mit ihrem jungen Ehegemahl eine
Reise nach Italien anzutreten, von Koffern, Hutschachteln, Kisten u.s.w.

Albano war sehr gewissenhaft in seinen Unterrichtsstunden, alles Neue
reizte ihn. Regelmig jeden Vormittag verbrachte er bei den beiden Frauen,
mit der Einen plaudernd -- die Andere unterweisend. -- Elisabeth war eine
talentvolle Schlerin und unermdlich fleiig. Die Welt der Farben, in die
sie jetzt die Hand des Geliebten einfhrte, entzckte sie. Es war ihr,
als schmlzen sie alle zusammen zu einem prchtigen Farbenbogen, einem
strahlenden Bande, dazu bestimmt ihre Herzen fester aneinander zu ziehen.
-- Ueber das erste, nach der Natur gemalte Bouquet jubelte sie, um in
der nchsten Stunde traurig die unerreichbare Wrme, den unnachahmlichen
Schmelz der wirklichen Blumen mit ihren gemalten zu vergleichen. -- Und
dennoch sagte ihr Albano: Sie knnten eine der ersten Blumenmalerinnen
werden -- aber dann mten Sie auch einen andern bessern Lehrer haben,
_ich_ verstehe nichts davon. Wenn wir wieder in die Stadt kommen, mu S.
Ihnen Unterricht geben. -- Sie hrte schweigend zu; aber seit jenem Tage
wurde sie lssiger im Malen der Blumen und fing, zu seiner Ueberraschung,
an sich in Aquarell-Landschaften zu versuchen. Auch hierin zeigte sie
Talent, auch hierin machte sie Fortschritte -- Albano war ja ihr Lehrer.

Einmal hrte sie von ihm den Ausspruch: Frauen sollten _nur_ Blumen malen
lernen, wenn sie den Pinsel in die Hand nehmen, sie wrden sicher sein uns
auf diesem Felde allezeit zu besiegen. -- Eine Frau, die historische Bilder
und Landschaften schaffen will, erreicht im besten Falle nur dasselbe, was
eine Frau erreicht, die -- einen Roman schreibt. -- Wir Mnner bilden uns
nmlich doch immer ein es tausendmal besser zu verstehn als sie. Und nicht
ganz mit Unrecht! -- Ein chter Mann wird brigens in unserer Zeit ebenso
selten Blumenmaler, wie eine krftige Feder sich herablt Lilien- und
Rosenmrchen zu schreiben.--

Zwei Tage nachher brachte sie ihrem Lehrmeister eine wilde Rose in
Wasserfarben, halb vom Stengel gebrochen, einen Thautropfen auf den
Blttern, mit einer so reizenden Grazie und Wrme gemalt, da er sie bat,
ihm das Blatt zu schenken. -- Wie stolz und freudeglhend sah sie zu, als
er es in seine Mappe legte!--

Die erste Liebe eines reinen jungen Mdchenherzens ist doch das
unschuldigste, lieblichste, traurigste Ding der Welt, -- ein Strahl, der
dem Gegenstand den er trifft, erst Farben, Glanz und Wrme verleiht. --
Und wie der Sonnenstrahl zerfallenes Gemuer, zerbrckelte Felsen, die
alltglichsten und rmlichsten Dinge rosig verklrt, -- so die erste
Mdchenliebe die unbedeutendsten Gestalten. -- Ein chtes Mdchenherz liebt
es eben zu malen und zu schmcken, und je mehr graue Flchen vorliegen,
desto freudiger geht es an die Arbeit und malt und malt, bis die wirkliche
Erscheinung jenem reizenden Fantasiebilde, wie es jede junge Seele mit
sich herumtrgt, tuschend hnlich sieht. -- Nur Schwrmer reden von einem
unwiderstehlichen Zuge der Seele zur Seele in solcher Zeit. -- Hand auf's
Herz -- die feurigsten reinsten Mdchenherzen lieben fast immer zuerst um
Nichts.--

In einem flchtigen Beobachter wre wohl kaum noch ein Zweifel aufgestiegen
da Elisabeth und Albano sich liebten. Das junge Mdchen verrieth sich zwar
nur durch ihr strahlendes Errthen, durch ihr freudiges Aufleuchten, wenn
er sich zu ihr wandte, durch ihre Begeisterung, wenn von seinen Bildern
gesprochen wurde; Albano dagegen zeigte bei jeder Gelegenheit die
lebhafteste Theilnahme an ihrem Sein und Wesen, und seine wirklich schnen
dunklen Augen hingen an der jungen Gestalt mit sichtlichem Entzcken.

Frau von Plessow selbst war es, die ihren Mann zuerst scherzend aufmerksam
machte auf die Vorliebe des Malers fr die kleine Feldblume. Plessow
zuckte nur die Achseln und antwortete: eine Laune -- wie wir sie von
ihm gewohnt sind! Elisabeth wird aber vernnftig genug sein, das
herauszufhlen. Um ihren verlorenen Frieden wre es schade. Ich werde auf
sie achten!--

Die Plessow'sche Ehe galt schon mehrere Jahre lang fr ein Musterverhltni
in den hheren Kreisen F.s. Der stattliche Fnfziger hatte nach
zwlfjhrigem Witwerstande seinen Namen und sein Vermgen der armen, aber
reizenden Adele Felsen zu Fen gelegt. Sie brachte ihm zwar kein freies,
aber ein dankbares Herz zu -- er hatte sie ja aus einer drckenden Lage im
Hause hochmthiger Verwandten erlst, und eine Jugendliebe zu einem armen
Offizier war ohnehin hoffnungslos. -- Fast zehn Jahre lang stand sie als
anmuthige Wirthin und liebenswrdige Frau dem Hause ihres Mannes vor, der
sie schmckte und werth hielt wie ein Lieblingsspielzeug. Er versagte ihr
keinen Wunsch, aber sie war auch so artig, nur die billigsten Wnsche zu
uern -- die unbilligern hchstens errathen zu lassen. -- Die Gesellschaft
hatte bis vor einem Jahre ber Frau von Plessow nicht mehr zu flstern
gewagt, als sie eben ber jede hbsche Frau, die einen ltern Mann
geheirathet, zu flstern gewohnt ist. -- Da erschien Albano, der junge
elegante Maler, im Plessow'schen Hause -- die Scenerie vernderte sich --
die Beleuchtung wechselte. -- Die Mnner spttelten, die Frauen munkelten,
verdammten, kreuzigten -- aber nicht, weil hier eine Frau heilige Pflichten
zu verletzen schien -- sondern nur -- weil der schnste Mann F.s den
kunstreichsten Netzen sich entzogen hatte, um in den Locken der kleinen
koketten Plessow hngen zu bleiben!--

Eines Tages -- der Herbst kam heran, man redete schon davon in die Stadt
zurckzukehren -- unternahmen Plessow's mit einigen ihrer Gste einen
Ausflug nach einer, wenige Stunden vom Gute entfernten Ruine. -- Mehrere
Damen, unter ihnen Elisabeth, fuhren, -- Frau von Plessow und die Mnner
ritten. Wieder war Albano an ihrer Seite -- wieder wehte die braune Feder
und der lange Schleier, und stolz lchelnd, mit flchtigem Kopfnicken und
fliegenden Locken, sprengte die grazise Frau vorber. -- Ein Seufzer flog
ihr nach -- ein schner Mdchenkopf unter einem runden Hute neigte sich
weit ber den Wagenschlag, um ihr nachzusehen. -- Als der Wagen aber nach
kurzer Fahrt vor dem Wirthshause hielt, trat Albano an den Schlag -- und
einen Augenblick lang nur zitterte Elisabeths Hand in der des Geliebten --
und fhlte einen kurzen heien Druck, -- aber solche Augenblicke werden
zu seligen Jahren in der Erinnerung, Dank dem Gotte der uns die Erinnerung
gnnte! -- Nachdem man eine Erfrischung genommen, bestieg man die
romantische Burg, Elisabeth am Arme ihres Herrn Onkels war die Letzte
im Zuge. -- Erspare mir die steile Bergtreppe, mein Kind, sagte Herr von
Plessow pltzlich, im Burggarten ist die Aussicht ebenso schn -- komm,
ich will Dir's beweisen, auch mchte ich gern mit Dir ein Wort allein
reden.

Sie sah ihn ahnungsvoll an und lie sich schweigend von ihm fhren. -- Der
Burggarten war gro, romantisch verwildert, und voll poetischer Pltzchen,
die einen Blick in das weite Land gestatteten. An Grotten, verfallenen
Bassins und eingestrzten Brcken fehlte es nicht, Herr von Plessow zog
es aber vor sich auf eine neugezimmerte Bank zu setzen, die der Wirth
der naheliegenden Waldschenke fr die Besucher der Ruine an einer der
lieblichsten Stellen hatte auffhren lassen.

Als Elisabeth neben ihm Platz genommen, sagte er ohne alle Einleitung: ich
habe heute einen Brief von Deinem Vater erhalten. Die Eltern wnschen, da
Du vor dem Winter nach Hause kommst, -- die Mutter wird Dir wohl selbst in
diesen Tagen schreiben. Der junge Berger will fort. Er hat sich zu einer
Pfarrstelle in S. gemeldet und wird bald dort eine Probepredigt halten.
-- Gottfried will den Vater verlassen? rief Elisabeth und schlug staunend
die Hnde zusammen. -- Ueberrascht Dich das so sehr? -- Wie sollte es
nicht, Herr Onkel! Und Unrecht ist es auch vom Gottfried! -- Warum?
-- Nun, er hat mir ja versprochen die Eltern nicht zu verlassen, bis
ich heimkomme. -- Hast Du ihm denn alle _Deine_ Versprechungen so
gewissenhaft gehalten, da Du ihn so streng richtest? -- Ich habe dem
Gottfried im Leben noch nichts versprochen als das Eine: bald mglichst
nach M. zu kommen. Sie wissen ja selbst, Herr Onkel, da ich das nicht
halten konnte.

Aber -- Elisabeth, sieh mich nicht so erschreckt an! -- der Vater schreibt
ganz so als ob ihr Beiden euch _nher_ anginget, der junge Berger und Du --
als ob-- -- Gottfried und ich? Gewi gehen wir uns nahe an -- wir haben
uns lieb wie Bruder und Schwester. -- Nein, Elisabeth -- so ist's nicht!
Und wenn Du's nicht weit oder nicht wissen willst, so la mich Dir's nur
rund heraussagen: -- Dein Vater will, da Du den Gottfried heirathest,
und der Gottfried will Dich auch zur Frau, -- aber jetzt denkt er da
ein Anderer Dich ihm streitig gemacht hat, und da will er denn, nach Art
unglcklicher Liebhaber, allsogleich auf und davon gehen.--

Todtenbla schaute das Mdchen dem Sprechenden ins Gesicht und ihre Hand
zitterte, als sie nach einer Weile die Hand Plessows berhrte und mit
vernderter Stimme bemerkte: Herr Onkel, _das_ kann der Vater nicht
wollen! -- Lies den Brief selber, mein Kind! Der Vater ist pltzlich
ngstlich geworden um Dich und verlangt Dich heim. -- Und wenn Du meinen
Rath hren willst, mein Kind -- Du weit, ich habe Dich lieb, sehr lieb
sogar -- so geh! -- Geh, Elisabeth, so lange es noch Zeit ist.--

Er verstummte, denn Stimmen wurden laut und Futritte, die Gesellschaft
berraschte die Zurckgebliebenen. Elisabeth steckte den Brief wie im
Traume zu sich -- sie schrack zusammen, als neben ihr Albano's Stimme
leise, halb scherzend, sagte: jetzt weiche ich nicht mehr von Ihrer
Seite!

Man streifte durch den Garten. Ein breiter Fahrweg durchschnitt
unbarmherzig die schnsten Taxuswnde, Fuhrleute und arme Wanderer
zogen darber hin, unbekmmert um die gestrzten steinernen Helden und
Gttergestalten, die hart an der Strae, berwuchert von Gras und
Krutern, lagen. -- Herbstbltter bedeckten den Weg, den jetzt die elegante
Gesellschaft betrat. -- Der Himmel hing blau ber ihnen, die Sonne schien
warm, und frhliches Lachen klang durch die heitere Luft. Die geschmckten
Frauen, leicht ber den rauhen Pfad hinschreitend, erschienen so glcklich
und anmuthig, die Mnner so liebenswrdig -- die Unterhaltung war so
lebhaft und glnzend, der landschaftliche Hintergrund so reich -- es war
ein lebendiges Wouvermann'sches Bild in moderner Tracht.

Elisabeth erschien ungewhnlich lebhaft, sie plauderte hastig mit ihrem
Begleiter, aber ihre Wangen glhten, ihre Augen schimmerten feucht. In
all dieses Schwirren frhlicher Menschenstimmen klang jetzt pltzlich ein
fremder trauriger Ton -- das Glcklein des Monstranzdieners. -- Aus dem
Walde hervor schritt ein ehrwrdiger Priester, gefolgt von dem Mener, der
die letzte heilige Labung einem Sterbenden entgegen trug -- Alle traten
zur Seite -- der einzige Katholik unter ihnen -- Paul Albano -- beugte das
Knie. -- Aber -- war es eine weie Wolke die neben ihm zur Erde sank in
demselben Augenblick? -- Er hob die Augen -- dicht an seiner Seite kniete
Elisabeth am Rande der Strae, die Hnde gefaltet -- das holdselige Gesicht
berstrmt von einem verklrenden Schimmer von Andacht und -- Liebe.--

Warum sie niedergesunken -- sie wute es nicht; sie betete, weil sie eben
ihren Geliebten beten sah; sie warf sich mit ihm, neben ihm in den Staub
vor dem Gotte der ihr reines Herz -- ihre Liebe kannte; sie hatte in diesem
einen berwltigenden Moment alles vergessen, nur das Eine nicht: da sie
neben ihm, _mit ihm_ auf den Knien lag. -- Der Priester lchelte gtig,
machte das Zeichen des Kreuzes ber diese beiden jungen Hupter -- und
wandelte weiter. -- Das Glcklein verhallte, die ganze Scene ging vorber
wie ein Schattenspiel.--

Elisabeth kam erst wieder zu sich bei dem Klange einer scharfen
Frauenstimme, die folgende Worte sagte: seit wann kniet die Tochter eines
protestantischen Geistlichen vor einem katholischen Kaplan? Sie spielen
ja recht artig Komdie, Frulein Mller! -- Frau von Plessow war es, die
spttisch lachend neben Elisabeth stand.

Das junge Mdchen erhob sich. Verwirrt blickte sie umher; sie begegnete
berall neugierigen Augen; man flsterte mit einander -- man flsterte ber
sie! -- Jetzt erst besann sie sich _was_ sie gethan; aber ihre pltzliche
Verwirrung, ihr Errthen und Erblassen galt nicht jener Gesellschaft, der
sie unbewut eine artige Vorstellung gegeben -- Elisabeth dachte einzig
und allein in diesem Moment an ihren Vater. -- Was wrde er empfunden
haben, htte er sein Kind _so_ gesehen! -- Sie fhlte ihr Herz heftig
schlagen -- sie fhlte, wie eine namenlose Angst herankroch: -- sie rang
nach Athem. Komm, mein Kind, sagte jetzt die gedmpfte Stimme Plessow's.
Es ist besser, wir fahren nach Hause -- Du und ich. -- Meinst Du nicht
auch Elisabeth? -- Ja, ja, nach Hause! wiederholte sie und athmete auf.
-- Noch einmal wandte sie im Fortgehen den Kopf zurck -- Albano stand
neben Frau von Plessow, -- seine Augen trafen die ihren mit einem tiefen
dunklen Blick.

Als sie im Wagen neben ihrem stummen Begleiter sa, wandte sie sich
pltzlich gegen ihn und sagte: ich will aber wirklich nach Hause, Herr
Onkel! -- Du thust wohl daran, mein Kind! lautete die Antwort. --
Morgen frh will ich fort! Ich mu dem Vater alles sagen! -- Wutest Du
nicht, da Albano ein Katholik sei? -- Nein! Ich sah nur da er betete
und -- ich betete mit ihm.--

Aber Elisabeth, glaubst Du, der Vater, _Dein_ Vater, wrde zugeben, da
Du, sein einziges Kind, eines Katholiken Weib wrdest?

Sie sah ihn erblassend an -- ein Ausdruck von so unendlicher Angst breitete
sich ber das Gesicht, da Plessow mitleidig seinen Arm um sie schlug und
sehr weich sagte: sei nur ruhig, Elisabeth, ich schreibe selbst an Deinen
Vater -- es wird schon alles gut werden. Albano hat doch sicher lngst
mit Dir geredet? -- Er hat mir nie gesagt da er mich zu seiner Frau
begehre, antwortete sie, und ihr Auge strahlte wieder, aber ich wei ja
-- da er mich lieb hat, denn-- -- Was denn? -- Denn -- _ich_ liebe
ihn ja so ber alle Maen! Sie war in diesem Augenblicke wunderschn in
ihrer einfachen starken Zuversicht. -- Armes Kind! murmelte Plessow.--

Sie sprachen nun Beide kein Wort weiter miteinander auf der Rckfahrt,
und als sie aus dem Wagen gestiegen, ging Elisabeth sogleich in ihr Zimmer
hinauf. -- Herr von Plessow hielt sie nur noch einmal zurck, um ihr zu
sagen: Morgen Mittag, sobald ich aus der Stadt komme, sprechen wir weiter
mit einander. Bringe Deine Sachen nur einstweilen in Ordnung, vielleicht
begleite ich Dich selber nach M. -- Mit der Post kannst Du nicht reisen,
die fhrt des Nachts um zwei Uhr hier vorbei.--

Die brige Gesellschaft kam erst mit Dunkelwerden zurck -- Elisabeth
lie sich zum Souper entschuldigen, und bald nach neun Uhr zogen sich die
verschiedenen Gste in ihre Gemcher zurck.--

Es war fast zehn Uhr als Elisabeth, inmitten ihrer fast krankhaften
Geschftigkeit, sich pltzlich erinnerte, ihr Skizzenbuch im Salon
vergessen zu haben. Es mute auf dem Klavier liegen, Albano hatte diesen
Morgen noch darin geblttert. -- Sie nahm ein Licht und ging geruschlos
die teppichbelegten Treppenstufen hinunter. Im Vorzimmer war es leer, die
Thr des Salons nur angelehnt, -- es war noch Licht da, auch in dem Boudoir
der Frau vom Hause, das dicht daran stie. Das junge Mdchen fand die Mappe
und wollte eben wieder den Rckweg antreten, als eine tiefe, ach nur zu
sehr geliebte Mnnerstimme gedmpft, von dem Nebenzimmer her, an ihr Ohr
schlug. Sie hrte Albano reden und stand still, keine Macht der Welt htte
sie jetzt dazu gebracht von dieser Stelle zu weichen. Starr, ein schnes
Steinbild, das Buch an die Brust gedrckt, den kleinen silbernen Leuchter
mit der brennenden Kerze in der Hand, stand sie und lauschte: -- _er_
redete ja! -- Bleicher als das weie Kleid, das sie trug, wurden ihre
Wangen, ungestm schlug ihr Herz -- aber sie wankte nicht -- es war ja
_seine_ Stimme!--

Aber ich will sie nicht lnger dulden in meinem Hause -- sie ist eine
gemeine Kokette! sagte die bebende Stimme der Frau von Plessow. --
Erlauben Sie mir zu bemerken da meiner Ansicht nach Elisabeth sich grade
in _dieser_ Hinsicht bis jetzt wunderbar ungelehrig gezeigt hat! -- Wie?
Sie wagen es mir gegenber dies Mdchen in Schutz zu nehmen? -- Sie
bedarf meines Schutzes nicht, meine Gndige. Wer so rein und blumenhaft wie
dieses junge Wesen--. Ich verbitte mir alle sentimentalen Phrasen! Sie
langweilen mich! -- Aber um Gotteswillen Ruhe, Adele! Sie sind ja auer
sich -- Sie sind ---- verblendet! -- O! Sie meinen ich sei eiferschtig?
Lassen Sie mich lachen! Und recht von Herzen! -- Nein, Paul, _solche_
Nebenbuhlerin frchte ich noch nicht! -- Aber Sie drften sie vielleicht
zu frchten haben, wenn Sie -- Elisabeth beleidigten, wenn Sie das Mdchen
zwngen Ihr Haus zu verlassen! -- Auf diese Drohung hin wage ich es,
mein Herr! -- Oder htten Sie vielleicht Lust die kleine Pastorstochter
zu heirathen? Eilen Sie -- Papa und Mama in M. werden Sie mit offnen Armen
aufnehmen. Ein Schwiegersohn ist allzeit willkommen. Gehen Sie -- versumen
Sie keine Zeit mein Herr -- wer mchte Sie halten? -- Und wenn ich nun
diese Erlaubni benutzte? -- Ein halb unterdrckter Schrei -- der Name
Paul!, ausgestoen in Verzweiflung und Zorn, drang in Elisabeths Ohr.

Das junge Mdchen glitt hinweg, geruschlos wie sie gekommen.--

Als die Postkutsche in der zweiten Morgenstunde langsam heranrollte, stand
eine verhllte Frauengestalt, ein kleines Bndel in der Hand, am Wege, hart
am Thore des Plessow'schen Gartens. -- Nach M. sagte eine schchterne
Stimme. -- Der Wagen war leer. -- Die Dame stieg ein, die Pferde trabten
weiter, und das Gerusch der Rder verlor sich allmhlich in der tiefen
Stille der Nacht.----

Elisabeths kleine Dienerin brachte am frhen Morgen dem Herrn des Hauses
folgenden Brief:

Lieber Herr Onkel! -- Zrnen Sie mir nicht, da ich eher abgereist bin als
ich wollte. Ich _mute_ fort, ich wrde gestorben sein wenn der Postwagen
nicht gekommen wre. O wre ich nur schon zu Haus! -- Fragen Sie mich aber
nie, wehalb ich so schnell fortlief, schreiben Sie mir auch nie,
auch nicht dem Vater -- schicken Sie mir nur meine Staffelei und mein
Malergerth. -- Ich will wieder fleiig sein, recht fleiig, damit ich es
auch verdiene, da Sie mich lieb haben. -- Dank fr Ihre Gte -- Dank fr
alles -- Gott segne Sie! -- Elisabeth.

       *       *       *       *       *

Wie still waren die langen Herbstabende in dem Pfarrhause! -- Die
Schwarzwlder Uhr in der Wohnstube tickte einfrmig, der Pastor sa
rauchend und sinnend in einem Sessel, die Pastorin strickend auf dem harten
Sopha, Gottfried Berger auf einem Strohsessel ihr gegenber. Zwar lagen
zwei Bnde Lebensbeschreibungen berhmter Deutschen auf dem Tische, zwar
fing der Kandidat regelmig nach dem Nachtessen an darin zu lesen -- er
wurde aber sicher, noch ehe er zwei Seiten vollendet, von irgend einem
Etwas unterbrochen. Entweder fiel nmlich die Nadel der Frau Pastorin unter
den Tisch, und er bckte sich sie aufzuheben, oder die Pfeife des Pastors
erlosch, und der Lesende war es der es zuerst bemerkte und einen Fidibus
anzndete, und bei solchen Gelegenheiten war man ehe man sich dessen
versah, in das allgemeine Lieblingsgesprch vertieft, das sich immer und
immer wiederholte und dessen doch niemand mde wurde: man redete ber
Elisabeth. -- Ihre Briefe wurden aus dem Strickkrbchen, wo sie jederzeit
lagen, hervorgeholt, und wieder und wieder durchgegangen und hin und her
besprochen.

Wochen waren vergangen, seit der letzte Brief ins Pfarrhaus geflogen. Und
diese Zeilen waren so jubelvoll gewesen, und doch so kurz, da der Vater
ber das theure Porto schalt. Nachher meinte er aber doch das Blttchen
habe ihm Freude gebracht, obgleich im Grunde nichts darin gestanden, es
sei ihm gewesen, als ob Elisabeth in alter Weise ihm heimlich einen
Blumenstrau ins Studierzimmer gestellt. -- Der Mutter Herz hatte im
Stillen gejubelt und in ihr Abendgebet jenen Mann eingeschlossen, dessen
Namen ihr Kind _nicht_ in diesem letzten Zettelchen genannt. -- Sie wird
die Frau eines berhmten Knstlers, der Himmel hat meine Plne gesegnet.
Gott behte das Plessow'sche Haus.

An demselben Abend hatte sie eine lange Unterredung mit ihrem Gatten, und
als sie sein Studierzimmer verlie, nahm sie die Genugthuung mit hinweg,
da der Pastor, anscheinend wenigstens, von einer seiner Lieblingsideen
vllig zurckgekommen sei. Er hatte nmlich am Schlusse jenes wichtigen
Gesprches geuert: es sei ihm jetzt ganz lieb und recht, da der
Gottfried die Pfarrstelle in S. erhalten und in einem Monat dahin abgehe.
-- Seitdem war aber eine Pause eingetreten, die allmhlich anfing auf alle
zu drcken: -- Elisabeth schrieb nicht.

Es war am Abend vor Gottfried Bergers Abgang nach S. -- drauen pfiff ein
schneidender Herbstwind, der Himmel zeigte sich grau verhangen, die welken
Bltter retteten sich in wilder Flucht von den Bumen, als frchteten sie
noch einen schlimmern Feind als -- den Tod. Drinnen in der Wohnstube hatte
man schon lngst die grne Schirmlampe angesteckt, auch brannte ein kleines
Feuer im Ofen, -- die Drei saen wie immer um den runden Tisch.

Ob die Postkutsche schon durchgekommen sein mag? fragte die Pastorin
eben. -- Sie wird in zehn Minuten hier sein, antwortete Berger mit
melancholischer Stimme, ich will hinunter gehn zum Postverwalter,
vielleicht ist heute ein Brief da. -- Und er rckte seinen Stuhl, wie
jeden Abend, und stand auf um seinen Hut zu nehmen. Da klinkte es an
der Hausthr -- da kamen Schritte -- da klopfte es wie im Fluge an die
Stubenthr -- eine hohe Mdchengestalt im verhllenden Mantel und Hute
trat ein, ehe Jemand herein gerufen, -- eine sanfte Stimme sagte: Vater!
Mutter! Gottfried! -- Herr Gott des Himmels -- es war das Kind, -- es war
Elisabeth!

Als Vater und Mutter sie umfat hielten, da begriffen Beide nicht da sie
dies Kind so lange entbehren konnten. -- Aber als die Mutter ihr den Mantel
und den Hut abnahm und der Vater den Schirm von der Lampe abhob, damit der
volle Lichtschein das geliebte junge Angesicht treffe, da war es ihnen, als
sei das nicht mehr jenes Mdchen, das damals von ihnen gegangen. -- Grer
war sie geworden, doch bla -- recht sehr bla -- und ihr Lachen war nicht
mehr so frhlich -- ihre Stimme klang anders.

Und Du kommst allein, -- und so berraschend, -- warum schriebst Du
nicht vorher? fragte die Mutter und kte sie wieder und wieder. -- Der
Gottfried wollte ja fort, und da mute ich wohl kommen, antwortete sie
scherzend, aber die Augen standen ihr voll Thrnen. -- Er geht auch morgen
nach S. zur Probepredigt fr nchsten Sonntag, sagte der Vater. Sie sah
ihn erstaunt an. Also wirklich? Auch nicht noch einen Tag sollen wir mehr
mit einander plaudern, Gottfried? -- Willst Du es -- so kann ich noch
einen Tag bleiben. -- Ich bitte Dich darum!

Die Pastorin konnte es diesen Abend kaum erwarten ihr sichtlich ermdetes
Kind in die Schlafkammer zu fhren, -- sicherlich hatte Elisabeth eine Last
froher Mittheilungen auf dem Herzen. Sie sah ja ganz aus wie eine heimliche
Braut -- so ernst, so gedankenvoll, sie wechselte die Farbe so jhlings!--

Endlich waren die Stunden des Hin- und Herfragens, und das Nachtessen,
vorber, -- Brigitte hatte in der Freude ihres Herzens den Eierkuchen
verbrannt -- und Mutter und Tochter waren allein im stillen Kmmerlein.
-- Die Pastorin stellte den Leuchter auf den Tisch, und nestelte wie
sonst ihrem Kinde das Kleid los. Aber Elisabeth sprach und fragte nur
gleichgltige Dinge, wenngleich sie sich's gefallen lie da die Mutter,
wie vormals, sie auskleidete, ihr das Haar einflocht und das Nachtkleid
berwarf. -- Dein Haar ist viel schner geworden, sieh, ich bringe die
Flechten kaum unter das Hubchen! sagte die Pastorin mit mtterlichem
Stolz. Und wie viel hbscher verstehst Du Dich zu kleiden! Du hast auch
gewi allerlei Schnes mitgebracht. Plessow's waren ja so gut gegen Dich.
Wann kommen Deine Sachen?

Als ihr Kind den Kopf auf die Kissen gelegt, setzte sich die Mutter auf
den Rand des Bettes, und herab sich beugend zu der lang entbehrten jungen
Gestalt, flsterte sie bewegt: hat meine Tochter auch ihr altes schnes
Vertrauen zur Mutter wieder mitgebracht? -- Da schlang Elisabeth ihre
beiden Arme um den Nacken der Mutter und brach in ein heies Weinen aus.
Lange lange kam kein Wort ber ihre Lippen, das Schluchzen snftigte sich
nur allgemach, und als die Thrnen endlich milder flossen, konnte sie nur
kaum vernehmbar murmeln: es ist alles -- alles vorbei. Aber bitte, bitte,
frage mich nicht -- ich mu sterben wenn ich davon reden soll! Es
ist vorbei und ich bleibe bei Euch fr immer. -- Sie hatte die Hnde
zusammengepret und sah mit dem Ausdruck tiefsten Leides zu ihr auf.

Ich verspreche es, wenn Du wieder ruhig werden willst, antwortete die
weinende Mutter. -- Nun gute Nacht denn, Mtterchen, sagte sie mit der
Zrtlichkeit frherer Tage, aber bete, ehe Du gehst, noch einmal mein
Kindergebet mit mir. Ich habe es lange nicht mehr gebetet. Und leise
flsterten nun zwei bewegte Stimmen:

  Mde bin ich, geh' zur Ruh,
  Schliee meine Augen zu,
  Vater la das Auge dein
  Ueber meinem Bette sein.

  Hab' ich Unrecht heut gethan,
  Sieh' es lieber Gott nicht an,
  Deine Gnad und Christi Blut
  Macht ja allen Schaden gut.

  Kranken Herzen sende Ruh,
  Nasse Augen schliee zu,
  Alle Menschen gro und klein
  Sollen Dir befohlen sein.

Die Mutter kte die Tochter noch einmal und ging. -- Ob der liebe
Gott wohl diese nassen jungen Augen schlo, in dieser ersten Nacht im
Vaterhause?

       *       *       *       *       *

Seltsame Tage waren es, die nun kamen und gingen im Pfarrhause. Es war
scheinbar alles wie sonst und doch alles anders. Zuerst kam der Gottfried
schon am zweiten Tage und erklrte, da er nicht nach S. zur Probepredigt
reisen werde. Er gab an, einen Brief erhalten zu haben, der die Aussicht
auf Erfolg dort seinerseits zweifelhaft gemacht. Der Pastor und seine
Frau sahen ihn zwar zuerst mit groen Augen an, freuten sich aber dann
aufrichtig den gewohnten Hausgenossen behalten zu drfen. Elisabeth reichte
ihm stummdankend die Hand.

Sie sa jetzt wieder wie frher mit der Mutter im Wohnstbchen, -- Abends
versammelte man sich um den runden Tisch, Gottfried las, als ob man gar
nichts zu Plaudern htte, aber es war etwas Fremdes zwischen Allen, das
keiner mit Namen zu nennen wute. Das junge Mdchen trug Kleider von
anderm Schnitt, ihr Haar war in anderer Weise geordnet, aus den Schlfen
weggestrichen, in Puffen zurckgeschlagen und hinten in einen tiefen Knoten
zusammengenommen. Die edlen Linien ihres jugendlichen Profils traten so
sehr blendend hervor. Die Rundung ihres Gesichts war aber verschwunden, die
Wangen zeigten eine merkliche Verminderung ihrer sonstigen Flle, und
leise Schatten lagen unter den Augen. Das frhliche Singen durchs Haus,
das leichte Springen Trepp ab, Trepp auf, das helle Auflachen -- alles war
nicht mehr da. Ernst glitt die junge Gestalt durchs Haus und sah man sie
die Treppe hinaufsteigen, so meinte man, sie msse mde sein, sehr mde. --
Zu den Poststunden zeigte sie eine gewisse fieberhafte Spannung, die Keinem
entging. Ich erwarte meine Staffelei und mein Malergerth, sagte sie dann
wie zur Entschuldigung.

Eine Woche war vergangen -- da kam Gottfried Berger eines Abends nicht
allein von der Post zurck; Mnner, die verschiedenes Gepck trugen,
folgten ihm, und Allen voraus eilte ein kleiner starker Herr in einen
Mantel gehllt. Er war schon in der Wohnstube, ehe Berger das Pfarrhaus
erreichte.

Plessow! rief die Mutter freudig berrascht. Der Pastor stand auf
und legte seine Pfeife bei Seite. Aber Plessow beachtete keinen Gru.
Elisabeth, liebes bses Kind! rief der Eintretende mit dem heitersten
Gesicht, ich bin Dir nachgelaufen! Nicht nur Deine Sachen mute ich Dir
selbst bringen, sondern auch eine gar gute Nachricht dazu! -- Und damit
wollte er sie umarmen, aber sie sah ihn mit weitgeffneten Augen, ohne sich
zu regen an, wurde todtenbla und sank dann pltzlich zurck. Sie war zum
erstenmal in ihrem Leben ohnmchtig geworden.

Das gab denn eine gewaltige Bewegung und viel rathloses Hin- und Herrennen,
bis endlich Gottfried das Fenster ffnete, und die Bewutlose dem frischen
Luftstrom entgegentrug. -- Sie kam wieder zu sich und streckte auch gleich
mit freundlichem Lcheln dem Herrn Onkel die Hand entgegen. Er neigte
sich zu ihr herab und flsterte ihr zu: so sei doch ruhig, wunderliches
Kind! Mein Kommen bedeutet das Beste. Ich selbst bin jetzt mit der ganzen
Geschichte ausgeshnt. -- Denke Dir, der Schmetterling hat gestern bei mir
um Dich angehalten -- wirklich angehalten -- und ich trage Briefe an Dich
und den Vater in der Tasche!

Da brach ein Freudenstrahl aus ihren Augen, da stand ein siegendes Lcheln
auf, in ihrem Angesicht -- aber nur einen Moment lang -- dann erwiederte
sie leise aber fest: Und Sie sind doch _umsonst_ geschrieben, diese
Briefe! -- Er sah sie unglubig an, -- dann bat er den Pastor in
scherzhafter Feierlichkeit um eine Unterredung unter vier Augen,
berreichte ihm ein Schreiben, drckte Elisabeth einen Brief in die Hand
und setzte sich in der Sophaecke zurecht. -- Das junge Mdchen verlie
sofort das Zimmer.

Ich denke, wir knnen diese Unterredung hier abmachen, sagte der Pastor
etwas unruhig. Vor meiner Frau kann ich kein Geheimni haben, und vor dem
Gottfried da _mag_ ich keins haben, besonders, wenn es unsern gemeinsamen
Liebling, die Elisabeth angeht, wie ich vermuthe. Aber Berger war schon
aufgestanden, schtzte einen dringenden Krankenbesuch im Dorfe vor, und
ging hinaus.

       *       *       *       *       *

Das Gesprch der Drei whrte lange, lange. -- Die Mitternachtstunde war
vorber, als sie sich trennten. Die Pastorin geleitete mit rothgeweinten
Augen ihren Gast in die Fremdenstube. An der Thr gab Plessow ihr noch die
Hand und sagte verdrielich: Dein Mann ist ein Starrkopf, wie ich ihn
nie gesehn! Heut zu Tage macht kein Mensch mehr einen Unterschied zwischen
einem katholischen oder protestantischen Schwiegersohn. Htte ich eine
Tochter, und sie wollte einen Juden oder Trken heirathen -- und er wre
brav und das Kind htte sein Glck in ihm gefunden, -- ich sagte Ja. Und
ein Prediger will intoleranter sein als wir gewhnlichen Menschenkinder,
die wir dem lieben Herrgott doch lange nicht so nahe stehen? -- Er mag sich
in Acht nehmen, da ihm diese Starrkpfigkeit nicht seine Tochter kostet.
Ein Mdchenherz ist ein zerbrechlich Ding. -- Warum habe ich sie je von
mir gelassen! schluchzte die Pastorin.

Versuche Du Dein Heil mit ihm -- wir Beide sind fertig mit einander.
Morgen spreche ich noch einmal mit Elisabeth, und dann reise ich ab. Gute
Nacht!

Die tiefbetrbte Mutter schlich noch einmal an Elisabeths Kmmerlein und
drckte auf die Klinke. -- Die Thr war jedoch abgeschlossen, auf ihr
leises Rufen kam keine Antwort. Gott sei Dank! Sie wenigstens schlft,
dachte sie und ging wieder hinab.

Das junge Mdchen sa aber vllig angekleidet vor einem kleinen Tische, und
hatte eben unter tausend, tausend Thrnen folgende Zeilen an Paul Albano
niedergeschrieben:

Sie haben mir in Ihrem Briefe gesagt, da Sie mich liebten, und mich
gefragt, ob ich Ihr Weib werden wolle. Vor wenig Wochen htte mich solch
ein Gestndni und solch eine Frage selig gemacht -- jetzt machen mich Ihre
Worte nur ganz unsagbar traurig. -- Vor wenig Wochen glaubte ich ja noch,
da _Sie_ mich liebten wie _ich_ Sie liebte ---- das ist nun vorbei. --
Ich wei jetzt da Sie mir nur geben, was Sie einer Andern genommen, oder
-- was eine Andere verschmht, -- und die kleine Predigerstochter ist zu
ehrlich und zu stolz solche Geschenke anzunehmen. -- Fragen Sie nicht woher
mir dies traurige Wissen kommt, -- ich wrde es Ihnen doch nie gestehen,
wie ich es wohl keinem Menschen gestehen werde.

Ob mein Vater seine Einwilligung geben wrde zu einer Heirath seines
Kindes mit einem Katholiken, wei ich nicht, -- Alle, die ihn kennen
zweifeln daran. Wre Ihre Frage aber vor Wochen gekommen, Albano, Gott wei
es da meine Liebe stark genug gewesen ihm zu trotzen mit jenem Spruche,
der allen Glubigen gleich heilig sein mu: _Du sollst Vater und Mutter
verlassen und Deinem Manne anhangen._ -- Jetzt hat meine Liebe eines
verloren: -- den Muth.

Leben Sie wohl, Albano! Ich liebe Sie -- also glaube ich an ein
Wiedersehn, und da ich hier auf Erden nicht Ihr Weib werden sollte, so
vergessen Sie nicht, da ich Sie im Himmel mein nennen will. Leben Sie
wohl, tausend, tausendmal, lieber, geliebter Albano! -- Elisabeth.

Ein Narr mag eine Mdchenliebe begreifen! murmelte Plessow, als er am
andern Tage in dem Wagen sa und nach F. zurckrollte. Die Kleine ist,
seit sie die Luft im Elternhause athmet, wie verwandelt und noch toller
als der Alte. -- Nun, meintwegen mag sie heirathen wen sie will. Im Grunde
gnne ich dem Schmetterling Albano diese Zurckweisung -- das Herz
bricht ihm nicht darber! Aus dem Kinde werde ich aber nicht klug.
Erst kompromittirt sie sich aus Liebe zu dem Wildfang vor einer ganzen
Gesellschaft -- kaum eine Woche darauf weist sie den regelrechten
Heirathsantrag desselben Mannes zurck, weil -- ihr Vater nicht will da
sie die Frau eines Andersglubigen werde! Und mit welcher Ruhe giebt sie
ihm den Abschied! Da glaube einmal Einer noch an die Bestndigkeit eines
Frauenherzens.

       *       *       *       *       *

Von nun an war es stille, sehr stille im Pfarrhause. -- Zwar kamen noch
einige Briefe aus F. an die Pastorin, nach deren Empfang sie mehrere Tage
mit verweinten Augen umherging, -- auch an Elisabeth kamen Briefe, die sie
aber unerffnet verbrannte. Gesprochen wurde ber den Besuch Plessow's nie
wieder, nach des Mdchens ausdrcklichem Wunsch. Ihre Staffelei hatte
sie in dem sogenannten Gartenzimmer aufgestellt und arbeitete unermdlich
fleiig, -- aber sie malte nur Blumen, gepflckt auf jenen einsamen
Spaziergngen die der Vater ihr jetzt schweigend gestattete. Die
Zusammenstellung der einzelnen Blumen und Grser beschftigte sie oft Tage
lang -- sie sa wie in tiefen Trumen verloren zwischen all dem Grn und
den Blthen, die sie gesammelt.

Die Bilder aber die dann entstanden, htte man nicht Stillleben,
sondern Seelenleben nennen mgen, es muten dem warmherzigen Beschauer
lieblich-wehmthige Gedanken kommen, beim Anblick dieser Schpfungen.
Aus dem kleinen Stckchen frischen Rasen z.B., auf dem eine Hand
voll Feldblumen hingestreut war, standen Mrchen auf, und das in einem
zerbrochenen Glase geordnete Bouquet Astern, an deren schnster ein todter
Falter hing -- war ein gemaltes Gedicht.

Vater und Mutter standen oft bewundernd vor ihres Kindes Staffelei --
aber Elisabeth nahm nicht mehr wie sonst ihr Lob mit freudigem Errthen
entgegen. Es war berhaupt etwas Fremdes zwischen Eltern und Tochter
getreten, fr das Niemand einen Namen wute, und das auch Keiner dem Andern
gestehen mochte. -- Nur das Verhltni Elisabeths zu Gottfried gestaltete
sich unerwartet freundlich, zur groen Genugthuung des Pastors, der
allmhlich im Stillen seine alten Lieblingsideen wieder aufnahm. -- Sie
bat den Vetter zuweilen ihr vorzulesen, sie plauderte mit ihm in den
Dmmerstunden, sie zeigte ihm ihre Bilder, sie verkehrte mit ihm recht
wie eine zrtliche Schwester mit einem Bruder, von dem sie lange getrennt
gewesen. Und er? -- Nun er war still wie immer, aber er schien heiterer als
seit langer Zeit. Keinen Moment lie er sie aus den Augen, allezeit bereit
fr sie zu thun was sie eben von ihm begehren mochte, und nur zuweilen
bekmmert da sie eben so wenig begehrte.

Die Kinder finden sich endlich, flsterte der Pastor einmal seiner Frau
zu, und wenn ich den Gottfried bewegen knnte, sich einstweilen um
eine kleine Pfarre zu bewerben und wegzugehn, so hoffe ich das Beste. --
Trennung ist allezeit ersprielich fr die Liebe. Elisabeth wird sich in
einem Jahre nicht mehr weigern Frau Pastorin zu werden, und wenn ich einmal
todt bin entgeht dem Gottfried diese Pfarre nicht. Ihre Zukunft ist nun
geordnet -- wir werden Freude an dem Mdchen erleben! Sie ist ja auch mein
starkglubiges vernnftiges Kind!

Das starkglubige Kind war seltsamer Weise nur nicht zu bewegen in die
Kirche zu gehn, auch spielte sie nie mehr mit dem Vetter jene vierhndigen
geistlichen Lieder, die zu hren dem Vater immer so viel Freude gemacht.
-- Dagegen hatten manche Leute sie am Marienbilde gesehn, und auch im
Gesprche getroffen mit der freundlichen Jungfer Marianne, der alten
Schwester des katholischen Pfarrers.

       *       *       *       *       *

Es geschieht oft, da ein Stck Leben hinschleicht, Jahre lang, wie ein
schwler Sommertag, da man immerfort ein Gewitter ahnet und doch noch
keine Wolke sieht, von der herab der zerschmetternde Blitzstrahl zucken
soll.

So waren im Pfarrhause fast zwei Jahre vergangen. Gottfried Berger war
schon seit Monaten wohlbestallter Paster in L., kaum zwei Stunden von M.
-- Einen anderen sehr steifen und sehr trockenen Kandidatus Theologi hatte
man in seine Stelle geschoben, der mit der Familie in gar keiner Verbindung
stand. Die Pastorin krnkelte, Elisabeth lebte malend und still einen Tag
wie den andern fort. -- Sie ging umher mit ernsten Augen und traurigem
Lcheln, und die alte Brigitte pflegte von ihr zu sagen, sie schaue aus wie
Jemand, dem man einen kalten schweren Stein auf's Herz gebunden. Regelmig
jeden Morgen in der ersten Frhe trat sie ihren Spaziergang an, Winter und
Sommer, und kam um acht Uhr wieder heim.--

So war denn wieder einmal ein Frhling gekommen. Die Laube that diesmal ihr
Mglichstes, kein Sonnenstrahl vermochte durch die dichten Geisblattranken
zu dringen, die Goldregenstruche legten sich noch zum Ueberflu darber
hin und schmckten den Eingang mit ihren Trauben, der Flieder blhte blau
und wei, und die alte Linde mit ihren hellgrnen Blttern rauschte ganz
vernehmlich: das Leben ist doch schn! und die Vgel sangen auf dies
Thema die kunstvollsten Variationen. Da kam an einem Sonntag-Nachmittag
Gottfried Berger von L. herber und hielt feierlich, und sichtlich
tiefbewegt, um Elisabeth an. -- Alles Blut wich aus ihren Wangen als er
seine Worte an sie richtete -- sie waren allein in der Laube. -- Hastig und
verwirrt dankte sie ihm fr seinen Antrag und -- wies ihn bestimmt und kurz
ab.--

Er schien im ersten Augenblick vllig fassungslos ber solche Antwort.
Seine Zge verzerrten sich -- seine Augen flammten. Also _das_ meiner
langjhrigen Liebe? stammelte er. Habe ich noch nicht geduldig und lange
genug gewartet und geschwiegen? -- Beherrscht sie Dich _noch_ unumschrnkt
die Erinnerung an jenen Mann der Dich so leichten Kaufes aufgab, da er
nicht einmal kam um -- Abschied von Dir zu nehmen?

Qule mich nicht! sagte sie mit bleichen Lippen; ich bin kaum fertig
geworden mit meinem Herzen, und habe zur Noth so viel Frieden gefunden wie
ich brauche, um weiter zu leben. -- Ich werde aber nie eines Andern Weib,
da ich nicht das Weib dessen werden konnte den ich liebte. -- O ich
wei Alles! Sein Glaube allein trennte Dich nicht von ihm. Er war ein
Nichtswrdiger, der Dich nur zur Ehe begehrte weil er seiner Geliebten,
einer verheiratheten Frau, berdrssig war. Hrst Du nun, da ich Alles
wei? -- Und frher als Du selbst es wutest -- und mein _Herz_ allein hat
mir das verrathen! -- Und trotzdem gehre ich ihm doch! -- Und trotzdem
lasse ich Dich nicht! Das ist auch Liebe, Elisabeth! Jetzt wollen wir
sehen, welche Liebe festeren Stand hlt, die Deine oder die meine. Die Zeit
des Duldens, Harrens und Schweigens ist jetzt fr mich vorbei -- es ist
eine Kampfeslust ber mich gekommen, die mir das Blut wild durch die Adern
jagt. -- Immer und immer werde ich wieder kommen, Dich bitten, Dich
qulen mein Weib zu werden -- so lange, bis Du gemartert von meiner Treue,
gemartert von Deinem armen den Leben, gemartert von den Bitten
Deiner Eltern, die jetzt Beide zu mir stehen, -- die Meinige zu werden
einwilligst. -- Ich wei, da Du mir ein krankes Herz zubringst, eine
zerqulte Seele, einen mden Leib, -- aber ich will mich begngen
Krankenpfleger zu sein. -- Sieh, _so_ liebe ich Dich!--

War das Gottfried, der Stille, Sanfte, der _so_ sprach, so blickte? Einen
Zug von Energie hatte die Leidenschaft in dies Johannesgesicht gezeichnet,
der es vllig verwandelte. -- Er sah jetzt aus wie -- ein Mann. -- Ich
nehme den Kampf an -- auf Leben und Tod! sagte Elisabeth nach einer Weile
fest. Gut. Wer unterliegt, dem mge Gott helfen. -- Sie trennten sich.--

Von diesem Tage an begann ein Leben voll Qual fr Elisabeth. -- Die Eltern
fingen an, in Anspielungen und Andeutungen, bald in sanfter, bald in
gereizter Weise ihr den Wunsch zu erkennen zu geben, sie nun als Gottfrieds
Braut zu sehn. -- Des Mdchens ruhiger und beharrlicher Weigerung folgten
immer dringendere Versuche. Sie waren ebenso erfolglos. -- Lange peinliche
Ermahnungen des Vaters kamen nun, und thrnenreiches Zureden der Mutter. --
Elisabeth setzte jedoch dem allen eine abweisende Klte entgegen, sie
lie sich weder auf Grnde, noch Erklrungen ihrer Weigerung ein, sondern
wiederholte nur immer einfach: ich will nicht heirathen. Nach und nach
wurden dergleichen Scenen heftiger, die Gereiztheit des Vaters, die Thrnen
der Mutter nahmen berhand, dazu kam jeden Sonntag Gottfried herber und
warb mit Blicken und Worten unermdlich. -- Sie blieb scheinbar ruhig,
unbewegt wie ein Fels, den die Wogen umbrausen, aber sie wurde bleich, ihre
Augen verloren an Glanz, ihre Gestalt an Flle. -- So schleppte sie ihr
Dasein weiter. Halbe Tage lang verweilte sie vor ihrer Staffelei und die
brige Zeit lie sie sich geduldig qulen.--

Es schien, als ob die Verheirathung der Tochter pltzlich der alleinige
Lebenszweck beider Eltern geworden und kein anderes Interesse, auer dieser
einen Angelegenheit, mehr ihre Seelen zu beschftigen vermchte. Die Mutter
qulte allerdings zunchst die Sorge, die Tochter mchte unverheirathet
bleiben in dieser Abgeschiedenheit, ein Gedanke, der ihr wie vielen Mttern
unertrglich war. Seitdem sie ihre so khnen Hoffnungen hatte begraben
mssen, ngstigte sie sich allen Ernstes um die Zukunft Elisabeths. Zudem
fhlte sie eine Art rastloser Unruhe ihr einen Halt zuzuweisen, da sie sich
als die Veranlassung zu dem geheimen Herzleid ihres Kindes ansah. Htte
sie das Mdchen ruhig in M. gelassen, sie wre ja jetzt ohne Zweifel lngst
Frau Pastorin Berger. An einem eigenen Heerd, an der Brust eines Mannes
der sie auf seinen Hnden zu tragen verheien, wrde Elisabeth schon wieder
froh werden und sich aufrichten, meinte sie. Der Gottfried war ja in der
That auch keine schlechte Partie, so jung und schon eine so gute Pfarre und
dazu die sichere Anwartschaft auf M.! Und vor allen Dingen liebte er ihr
Kind, gewaltig, unermdlich, das hatte er in Worten und Thaten bewiesen.
Elisabeth mute das endlich einsehen! Ein Tropfen, der immer und immer
auf dieselbe Stelle fllt, hhlt ja den hrtesten Stein aus: -- die
Mutterthrnen muten ihre Wirkung thun mit der Zeit.--

Der Vater marterte sein Kind aus ganz andern Grnden. Es handelte sich bei
ihm um Erfllung eines lange gehegten Wunsches, um eine Bitte die er
ja, kraft seiner vterlichen Autoritt, in einen Befehl htte verwandeln
knnen, ohne da es ihm Jemand zu verwehren vermocht. Und seine Tochter
stellte sich trotzig ihm, einem Bittenden, gegenber! Er war an
keinerlei offene Widersetzlichkeiten gewhnt, weder in dem Verhltni als
Familienvater zu den Seinen, noch als Pastor zu seiner Gemeinde. -- Die
Strrigkeit seines Kindes betrbte ihn nicht, sie emprte ihn. Als er
ihr damals mit drren Worten gesagt da er niemals in eine gemischte Ehe
willigen und selbige segnen werde, war sie doch so ruhig gewesen, wie es
sich fr eine gehorsame Tochter ziemte. -- Und nun? Doch er verzagte keinen
Augenblick, er war sich der Mittel bewut, diesen Trotz zu brechen.
-- Hatten Nadelstiche doch schon einen Elephanten getdtet -- diesem
unablssigen Mahnen und Drohen mute der Teufel des Eigensinns weichen.

Aber er war trotz alledem noch nicht gewichen, als der Herbst kam -- und
so befahl denn der Pastor eines Tages seinem Kinde, unter Vorhaltung des
Spruches: ehre Vater und Mutter, auf da Dir's wohl gehe und Du lange
lebest auf Erden, -- am nchsten Sonntage Gottfried Bergers Antrag, falls
er denselben wiederholen werde, anzunehmen.--

Elisabeth erwiederte kein Wort -- sie ging umher wie sonst, mit ernsten
milden Augen -- sie blieb nur am Sonnabendmorgen lnger als gewhnlich auf
ihrem Spaziergange. Als dann nun am Sonntage Gottfried Berger kam und,
in Gegenwart von Vater und Mutter, sie wiederum bat sein Weib werden zu
wollen, sah sie ihn kalt an und sagte: Frage den Vater, ob er eine Ehe
einsegnen wolle zwischen mir und Dir! -- Seit gestern Morgen gehre ich
nicht mehr zu Euch -- seit gestern nahm mich eine Kirche auf, die mir
trstend zurief: wer viel geliebt, dem wird viel vergeben werden. -- Ich
bin Katholikin.--

       *       *       *       *       *

Etwa zehn bis zwlf Jahre spter sprach man in F. viel von einer
Blumenmalerin, deren reizende Stillleben ein bedeutendes Aufsehen
machten, in den Ausstellungen wie in den Kunsthandlungen. Die kleinen
Blumenstcke athmeten eine berwltigende Flle von trauriger, ser
Poesie. Der Name der Malerin war Elisabeth Mller. -- Vorzglich rhmte man
ihre Darstellung verwelkter Blumen. Ueber ihren todten Blttern, geknickten
Knospen, sterbenden Rosen, schwebte ein Hauch der Verklrung. -- Kleine
Skizzen von ihr, in Wasserfarben, wurden sehr gesucht. Elisabeth Mller
lebte aber so still und eingezogen in F., da man dort lngst schon ihre
Schpfungen bewunderte, ehe man ahnte, da die Schpferin in derselben
Stadt wohnte, in der man sich fr ihre Bilder so warm begeisterte.

Bei der Comtesse Feldern war =reunion=. Viel Lichterglanz, viel
Uniformen, viel blendende Arme und weie Schultern, viel Blumen und
Federn, viel Zuthaten aller Art, wenig Natur, viel hbsche Gesichter, wenig
bedeutende, viel nichtssagendes Geplauder, viel versteckte Langweile, viel
forcirte Heiterkeit -- =et voila tout=.--

Aber dort, in der Nhe des Kamins, wer war der stattliche Mann mit dem
leicht ergrauten Haar und dem schnen Kopfe, mit jener leisen Linie von
Lebensberdru, die sich an den beiden feinen Mundwinkeln herabzog? Er
sa allein und durchbltterte eben mit einem leichten Spottlcheln das
Prachtalbum der Gndigen. Man streifte an dem Einsamen mit besonders
freundlichem Grue vorber, manche reizende Frau blieb wohl auch neben ihm
stehen, einige flchtige Worte an ihn richtend. Man schien ihn allgemein
zu kennen. Es war der berhmte Landschaftsmaler Paul Albano, der erst seit
zwei Tagen wieder in F. lebte, nachdem er seit lnger als einem Jahrzehnt
sich im Orient und Italien umhergetrieben, und bald hier bald dort, sein
Knstlerzelt aufgeschlagen.

Haben Sie das Letzte der Bltter schon eines Blickes gewrdigt? fragte
die sehr alt gewordene Comtesse heranrauschend. -- Als er verneinte, schlug
sie das Buch ganz auf. Ein Blatt von neuem Datum war sorgfltig angefgt.
Man sah einige Feldblumen aus einem Stck Rasen sprieen, unter ihnen
ein Vergimeinnicht das welkend das Haupt neigte. Rings umher blhten
Lwenzahn, Schlsselblumen und Veilchen, frisch und lebendig, trotz des
Todes in ihrer Nhe. -- Albano stand pltzlich betroffen auf. Wer hat dies
Blatt gemalt? fragte er hastig und gedmpft.

Eine gewisse Elisabeth Mller. O, Sie entsinnen sich ihrer gewi nicht
mehr! Sie war mit Plessow's verwandt und einmal, vor vielen Jahren, eine
kurze Zeit im Plessow'schen Hause. Da Sie die Kleine vergaen, ist ganz
natrlich -- Sie waren eben damals etwas angelegentlich mit der guten
Plessow beschftigt. =Mais -- en passant= -- war die schne Adele nicht
tausendmal liebenswrdiger in jener Zeit als jetzt, wo sie zum Orden der
strengen Betschwestern gehrt? -- Sie haben sie doch wohl schon auf ihrem
Landsitz aufgesucht, den sie weder Sommer noch Winter verlt? Fanden
Sie nicht da die Arme bedeutend gealtert, und da Plessow etwas mrrisch
geworden? -- Elisabeth Mller -- sagten Sie? wiederholte Albano wie im
Traume, und legte die Hand auf das Herz.

=Mon Dieu!= -- Sie erinnern sich wirklich ihrer? Dann kommt es daher, weil
die Kleine sich damals auf die abscheulichste Weise trug. Unvergelich ist
mir auch eine hellblaue Seidenfahne, kaum vier Ellen weit. -- Aber sie
lebt wirklich hier -- hier in F. und -- allein? -- So viel ich wei.
Aber hbsch ist sie nicht mehr, ich sah sie einmal auf der Strae im
Vorberfahren. Krnklich soll sie sein -- irre ich nicht, so sprach man
neulich bei der Grfin Reiner von einer auszehrenden Krankheit. Sie trgt
sich aber jetzt weit besser -- ziemlich elegant im Schnitt, aber immer in
Grau oder Schwarz. Knstlermarotte!

Albano griff nach seinem Hut. Entschuldigen Sie mich, gndige Frau, ich
mu fort. -- Doch nicht etwa um sich der kleinen Mller vorstellen zu
lassen? lachte die Dame. Sie irren sich in der Zeit, lieber Albano! Sehen
Sie, meine Uhr zeigt eben Mitternacht. Warten Sie zwlf Stunden lnger!
-- Sie haben recht -- ich warte. -- Vergessen Sie mein lcherliches
Auffahren, aber -- erzhlen Sie mir noch was man von dieser Elisabeth hier
sagt.

Die Feldern lehnte sich in den dunkeln Fauteuil zurck, winkte Albano zu
sich und flsterte geheimnivoll: sie soll katholisch geworden sein -- aus
Interesse fr einen jungen hbschen Kaplan wahrscheinlich, der in der Nhe
ihres Heimathdorfes Pfarrer war, dergleichen Geschichten ereignen sich ja
hufig. Der Uebertritt fhrte natrlich einen Bruch herbei mit Papa
und Mama. Sie verlie ihre Heimath, Plessow verschaffte ihr hier ein
Unterkommen in einer Familie, und veranstaltete zuerst eine kleine
Ausstellung ihrer Bilder. Pltzlich verschwand sie wieder und pflegte ihre
erkrankte Mutter bis zum Tode, brachte dann einen gichtbrchigen, halb
blinden Vater mit zurck, fr den sie mit unermdlicher Treue gesorgt haben
soll, bis vor einem Jahre, wo er endlich starb. Ihre Staffelei stand in
seinem Krankenzimmer, und sie verlie den Kranken nur zuweilen in den
Abendstunden, um frische Luft zu schpfen in dem kleinen Garten vor dem
Hause. -- Sie hat ihm seine Verzeihung nach und nach wirklich abringen
mssen, -- er soll im Anfang sein Kind entsetzlich geqult haben.
Zuletzt starb er in ihren Armen, die Tochter segnend. -- Da haben Sie die
Geschichte. -- Mir erzhlte sie vor lngerer Zeit die Baronin Eichstdt,
die dem Hause der Kleinen gegenber wohnt und sie sehr protegirt. --
Apropos, mein Herr -- wollen wir etwa morgen zusammen zur Eichstdt fahren?
Sie citirt uns dann vielleicht die Malerin herber?

Ich danke, gndige Frau. Ich reise wahrscheinlich morgen frh auf einige
Tage nach D. -- Unstter! Aber Sie sehen recht angegriffen aus, Albano,
-- ich bitte Sie, nehmen Sie ein Glas Eis. -- Sie sind sehr gtig --
meine Gndige. Sie erlauben----

Er stand auf und verlie den Saal. -- Als die Comtesse sich nach einer
Weile in den andern Zimmern nach ihm umsah, war er verschwunden.--

       *       *       *       *       *

In der nchsten Woche hatte man nach langer Drre wieder einmal einen recht
pikanten Unterhaltungsstoff in den Salons von F. Die kleine Blumenmalerin
war gestorben, an einem schleichenden Fieber, und hatte sich in einem
wunderlichen altmodischen hellblauen Seidenkleide begraben lassen. -- Ihrem
Sarge folgte der katholische Priester, der tieftrauernde Albano, -- und
die Wagen vieler Vornehmen. Ihre nachgelassenen Bilder bergab eine alte
wrdige Frau, die schon seit lngerer Zeit bei der Verstorbenen gewohnt,
und die man im Hause unter dem Namen Jungfer Marianne kannte, dem
berhmten Maler im Auftrage der Heimgegangenen. Albano lie ein kostbares
Marmorkreuz an dem Grabe aufstellen, auf dem mit goldenen Lettern nur zu
lesen war:

  _Elisabeth._

Man zerbrach sich die Kpfe ber den Zusammenhang des Ganzen. -- Es war
nur leider Niemand da den man ausfragen konnte; Albano reiste am Tage der
Kreuzaufstellung nach Italien, ohne von Jemand Abschied zu nehmen, und lie
nie wieder von sich hren.--

Die alte Marianne fand eine neue Heimath in dem Hause des neuen
protestantischen Pastors in M. Er kam selbst, um sie von F. abzuholen. Sie
sollte ihm den Haushalt fhren, da er unverheirathet war und blieb. Sein
Name war Gottfried Berger.

Mit seinem neuen Kollegen in N., denn Elisabeths alter Freund ruhte ja
lngst schon aus von seiner Arbeit in der khlen Erde, verkehrte er auf das
Freundlichste. -- Gottfrieds Lieblingsplatz blieb jene Stelle an der Mauer
des Gartens, wo man auf die grnen Grber des Friedhofes schaute, und zu
seiner Grabschrift hatte er sich den Spruch bestellt: Wer viel liebet, dem
wird viel vergeben werden.




Czinka.

(1859.)


                                                  =Huzdra Cziganny!=
                                                  Spiel auf, Zigeuner!

In Wien, der schnen glnzenden Kaiserstadt, lebte vor etwa sechszig Jahren
ein junger eleganter Cavalier, der sich durch seinen Reichthum und seine
Unabhngigkeit (Eltern und Geschwister waren ihm gestorben) mit leichter
Mhe, ohne sonderliches Zuthun gar viele Freunde und Freundinnen erworben.
Sie ermdeten nicht ihm immer und immer zu wiederholen, da er ohne alle
Frage nicht nur der liebenswrdigste Wirth, der angenehmste Gesellschafter,
der khnste Reiter und beste Tnzer, sondern auch der geistvollste und
eleganteste Cavalier zehn Meilen in der Runde sei, und seltsamer Weise
hrte Graf Alfred diese Versicherungen, so oft sie ihm auch zu Ohren kamen,
mit demselben Vergngen an. Er glaubte seinen Freunden auf's Wort, und mit
solcher festen Ueberzeugung der Wahrheit ihrer Behauptungen lie sichs ganz
angenehm leben. Der allgemeine Liebling war daher stets heiterer Laune,
hielt offene Tafel, gab reizende kleine Feste und half, wo man ihn um Hlfe
ansprach. Die Gesellschaften, die er in seinem mit vollendetem Geschmack
eingerichteten Hause veranstaltete, wurden von den vornehmsten Frauen
besucht, da eine alte Tante des Grafen, die verwitwete Marquise d'Anville,
bei solchen Gelegenheiten die Honneurs auf die feinste Weise zu machen
pflegte. Freilich munkelte man auch von manchen andern ppigern Gelagen,
bei denen keine Marquise prsidirte, bei denen man aber dennoch nicht
minder schne Gestalten, nicht minder werthvolle Diamanten und Spitzen zu
bewundern fand als bei jenen Soupers und Bllen der vornehmen Aristokratie.

Trotz diesen Extravaganzen war der junge Graf durchaus kein Rou, er lebte
eigentlich nur _uerlich_ wie ein vornehmer Cavalier. In seinem Herzen
achtete er die Frauen hoch, denn eine engelgleiche Mutter hatte
seine Kindheit gehtet und eine zrtlich geliebte, frh verklrte,
Zwillingsschwester stand noch wie eine Heilige vor den Augen seiner
Seele. Im Grunde war ihm, wie er seinen vertrauten Freunden gestand, der
Frauenumgang zu unbequem, er liebte ein lustiges Zechgelage unter
Mnnern weit mehr als jene fantastisch-wilden gemischten Feste und die
reizendsten Frauen vermochten ihn kaum eine flchtige Stunde zu fesseln.
Wunderliche Gerthschaften verschollener Zeiten, alte Waffen und
seltene Blumen interessirten ihn mehr als menschliche Gestalten, eine
Eigenthmlichkeit, die er von seinem Vater geerbt, und er reiste viel eher
Stunden weit, um eine alte ausgegrabene Vase zu sehen, als da er um einer
hbschen Frau Willen einen Weg von wenigen Minuten gemacht htte. Tropische
Gewchse, und vorzglich die so mannigfach und seltsam geformten Cacteen
waren es denen er eine besondere Zrtlichkeit widmete, seine Wohnzimmer
glichen Treibhusern, und je wunderlicher die Form der Pflanze, je
brennender die Farbe der Blthen, desto leidenschaftlicher liebte er sie.

Seine Freunde baten ihn im Scherze oft instndig sich nicht dermaleinst mit
einer Blumenfee zu verheirathen, und Diners und Soupers von Sonnenstaub und
Thautropfen zu veranstalten, und warnten ihn ganz besonders dringend vor
der gluthugigen Purpurblthe des =Cactus speciosissimus=, welches seltsame
Gewchs sein bevorzugter Liebling war. Er pflegte darauf heiter lachend
zu antworten, da er jedenfalls dermaleinst nur eine Frau heimzufhren
gedenke, deren Blick ihn an jene geliebte Blume erinnere.

Da sich der Graf Alfred bis zu seinem neunundzwanzigsten Jahre
nicht verheirathete, fand Jeder, wenn auch vielleicht nicht _Jede_,
cavaliermig, als man aber seinen dreiigsten Namenstag mit einem
lucullischen Mahle feierte, wagten sich schon einige schchterne
Trinksprche hervor mit deutlichen Anspielungen auf eine junge reizende
Hausfrau. Sie veranlaten manches Errthen, manchen schmachtenden
Augenaufschlag, manches kokette Fcherspiel. Diese Mahnungen wurden
mit jedem Jahre lauter und dringlicher, und glichen bei der Feier der
dreiunddreiigjhrigen Wiederkehr des ominsen Tages fast einer Bestrmung.
Da erhob sich endlich der Graf und erklrte, da er noch in diesem
Jahre sein Mglichstes zu thun bereit sei, um den Wunsch seiner Gste
zu erfllen. Er versicherte feierlich da er Alles aufbieten werde den
Speisezettel des knftigen Festdiners mit einem neuen Gerichte, freilich
nur einem Schaugerichte zu vermehren: mit einer schnen Wirthin nmlich.

Unter der anwesenden unverheiratheten Damenwelt brachte diese, einem
Versprechen gleiche, Erklrung eine nicht geringe Aufregung hervor und Jede
sah sich schon im Geiste dort oben an jenem Ende der Tafel, geschmckt mit
Brillanten und Blumen, in weiem schimmerndem Atlas, eingerahmt von
hohen silbernen Vasen, bestrahlt vom Lichterglanz des vielarmigen
Kronenleuchters. Graf Alfred hielt nmlich alle seine Diners auch zur
Frhlingszeit, wie eben jetzt, bei Kerzenlicht.

Es war dies eigentlich ebensowohl eine Beleidigung als eine Galanterie, dem
schnen Geschlecht gegenber. Er behauptete, da keine vornehme Dame ber
sechszehn Jahre hinaus, keine Aristokratin der Kaiserstadt wenigstens, die
Beleuchtung durch Sonnenstrahlen zu ertragen vermchte ohne bedenkliche
Beeintrchtigung ihrer Reize, und er liebte nun einmal, wie bei den Blumen,
vor Allem die Frische in der Erscheinung einer Frau. Keine der Damen seiner
Bekanntschaft konnte sich brigens einer besondern Bevorzugung von ihm
rhmen, er war leider liebenswrdig und aufmerksam gegen Jede. Er verga
keinen Namenstag seiner zahlreichen Freundinnen und knauserte nie mit den
Blumen seiner Treibhuser und seines Gartens. Hatte er auf einem Balle
mit der blonden Comtesse Delphine zwei Mal getanzt (die seit ihrer
Bekanntschaft mit ihm sehr oft rothe Blumen und rothe Schleifen trug), und
dagegen das stolze Freifrulein Melanie zu Tische gefhrt, so bat er
bei der nchsten Gelegenheit sicher die hbsche Comtesse um den
beneidenswerthen Platz an ihrer Seite, und lie sich beim Tanze von den
Augen der dunkellockigen Melanie heldenmthig verbrennen. Kein Kaufmann
konnte gewissenhafter seine Waare seinen verschiedenen Kunden zuertheilen
und abwiegen, als Graf Alfred seine Aufmerksamkeiten, und selbst seine
genauesten Freunde hatten keine auf irgend eine derartige Bevorzugung
gegrndete Vermuthung, welche Erscheinung aus der Reihe der
aristokratischen Schnheiten den Platz als Wirthin beim nchsten Diner
einnehmen drfte.

Schon kurze Zeit nach diesem Feste schien jedoch Graf Alfred sein
ffentlich gegebenes Versprechen ernstlich zu bereuen, er zeigte
sich unruhig, ungleich in seiner Stimmung, verlor seine gute Laune,
vernachlssigte seine Blumen, wurde bleich und einsiedlerisch und die
Aerzte, so wie seine erschreckten Freunde, riethen ihm dringend und
einstimmig zu reisen. Gar mancher bot sich ihm sogar in rhrender
Opferwilligkeit zum Reisegefhrten an, was jedoch der Graf dankend
ablehnte. Niemand wute, ob er wirklich den Rath, den man ihm ertheilt,
befolgen werde -- als eines Tages die Fenster seines Hauses sich mit grauer
Leinwand verhangen zeigten und Abschiedskarten mit der zierlichen Krone und
dem Namen Alfred Graf Saldern sich in schnen weien Hnden befanden
und eben so schne Augen nachdenklich das bedeutungsvolle =p.p.c.=
betrachteten. -- Der elegante Cavalier war entflohen. Der sonst so glnzend
geschmckte Portier stand in einem unscheinbaren Rocke ghnend in der Thr,
der Grtner lief mit Blumentpfen aus den Zimmern in das Treibhaus, im
Hofe klopften Diener langsam und pfeifend Teppiche aus, die Orangerie
des Balcons war verschwunden -- es blieb kein Zweifel: Graf Saldern war
abgereist -- aber _wohin_ wute Niemand.

       *       *       *       *       *

Ein warmer Junitag neigte sich seinem Ende zu als der bequeme Reisewagen
des Grafen Alfred durch den vielgerhmten Bakonyer Wald rollte in der
Richtung nach Raab. Die Sonne blitzte noch durch die Zweige der Bume und
huschte ber das Moos, Kruter und Grser dufteten, Vgel zwitscherten
ihr Abendlied, Bienen taumelten schwer beladen durch die Luft --
aufgescheuchtes Wild lief ber den Weg, blieb wohl auch in geringer
Entfernung keck zwischen den Gebschen stehen und schaute mit groen
glnzenden Augen herber, -- man hrte die Rder des Wagens kaum im tiefen
Moose rollen. Der Kutscher hielt die Zgel lssig, der Diener nickte auf
seinem schwankenden Sitze und der Graf selber hatte sich noch nie in
seinem Leben so wohl gefhlt als eben jetzt. Es war aber nicht ein blos
krperliches Wohlsein, auch ber sein Herz kam es wie ein Hauch ser
Freude und kstlichen Friedens. Eine wonnevolle Mdigkeit ergriff ihn, er
blinzelte schlfrig zwischen den Wimpern hervor und athmete in langen und
immer lngeren Zgen die berauschende Waldluft ein. Es war ihm zu Sinne als
sei er in jenen verzauberten Wald gerathen, von dem ihm die Mutter so oft
in seiner Kindheit erzhlt, und er msse nun fahren und fahren und knne
doch nimmermehr an's Ende kommen. Aber dieser Gedanke erfllte ihn nicht
mit Furcht wie damals, als er an den Knien der Mutter seinen kleinen Kopf
verbarg, er htte vielmehr immer und immer weiter rollen mgen, an den
uralten Baumstmmen vorber, die ihre Wipfel hoch ber seinem Haupte
rauschend gegeneinander neigten in die endlose grne Dmmerung hinein.
Die Erinnerung an die prunkende Kaiserstadt, die er verlassen, lag wie
ein ferner Traum hinter ihm und nebelhaft wandelten die Gestalten seiner
Freunde an ihm vorber. Er fhlte sich so jung, so krftig, so lebensfrisch
wie noch nie, und doch htte er sich um die Welt jetzt nicht wieder in
jenes Leben hineinstrzen mgen, das er so eben verlassen.

Es geschehen trotz aller Zweifel noch Wunder an uns und Lebenselexire
werden trotz aller medicinischen und andern Aufklrung noch tglich
gebraut und getrunken. Die _Mutter Natur_, diese uralte Zauberin, die
sich glcklicherweise nicht verbrennen lt, braut sie aus den einfachsten
Mitteln fr ihre eigensinnigen strrischen Kinder. Ein Wald, eine
Bergwiese, ein Schweizersee, das Alpglhen vollbringen an den
verstocktesten Herzen die grten Wunder, -- Ketten und Schlacken fallen
ab, die Seele athmet Genesungsluft, das Herz verliert seine Runzeln und
schaut wieder mit Kinderaugen und Kinderglauben in die schne reiche Welt
hinaus. -- Wie lange der Graf in dem kstlichen Eichenwalde umhergefahren
-- er wute es nicht, er richtete sich nur rasch auf, als der Kutscher
pltzlich die Pferde anhielt und sagte:

Wir haben uns verirrt, der Weg hat hier ein Ende!

Der arme Schelm sah leichenbla aus, denn er kannte die Heftigkeit seines
Herrn. Zu seiner groen Verwunderung sprang dieser aber heiter aus dem
Wagen und anwortete:

Wartet nur hier auf mich, ich werde den Weg suchen und Franz soll auch
bleiben, ich will allein gehen!

Und eine lustige Melodie pfeifend schlug er den ersten schmalen Fuweg ein,
der vor ihm lag. Wie kstlich lie sich's hier wandern in dem Purpurschein,
der jetzt den Wald durchzitterte. Leichter war er nie ber die glnzenden
Parquets der Tanzsle Wiens geschritten. Da war es ihm mit einem Male als
trge der Wind die abgerissenen Klnge einer fremdartigen Musik zu ihm.
Unwillkrlich blieb er stehen und lauschte. -- Dann folgte er rascher
der Richtung, aus welcher die Tne ihm zustrmten. Immer deutlicher,
zusammenhngender schlug es an sein Ohr, endlich unterschied er eine
wunderliche wilde Tanzweise im Zweivierteltact. Weiter schreitend lsten
sich die Tne von Violinen, Violen, einer Clarinette und Cymbal aus dem
Chaos.

Darber war er aber sehr lange gegangen, -- endlich berfluthete es ihn
wahrhaft mit Tonwellen und zugleich wandte sich der Weg, die Bsche traten
zurck, als ob ein grner Vorhang zerrisse, und Graf Alfred blieb wie
erstarrt stehen. Er befand sich vor einem groen freien Platze mitten im
Walde. Kaum zwanzig Schritte von ihm hatten ungarische Zigeuner ihr Lager
aufgeschlagen. Auf der andern Seite sah man durch eine Lichtung die Umrisse
der wunderschnen Cisterzienserabtei bei Zircz im Abendroth schimmern.
Kleine Zelte waren aufgeschlagen, ein lustiges Feuer brannte in der Mitte,
um das sich einige alte Frauen gesammelt hatten. Nackte braune Kinder,
schn geformt wie antike Statuen von Bronce, haschten sich unter den
Bumen, Mnner lagen und standen mssig umher und hrten der Musik des
Zigeunerorchesters schweigend zu. Die zwlf Musikanten selbst saen in
einem Halbkreise. Sechs von ihnen spielten erste und zweite Geige, zwei die
Viola, Einer eine Bageige, ein Anderer eine Art von Cello und die beiden
Letzten Clarinette und Cymbal. Junge Mnner und Mdchen knieten und
kauerten am Boden, der kecken Musik lauschend und dem Tanz eines jungen
Mdchens zuschauend, das eben in die Mitte des Kreises getreten war, und
anfing nach dem Tacte der Musik sich hin und her zu bewegen.

Als der Graf jetzt die Tanzende anschaute, fiel ihm pltzlich seine
Lieblingsblume ein, die glhende leuchtende Purpurblthe der =Cactus
speciosissimus=, und es war ihm als ginge das warme rothe Licht, das jetzt
die ganze lebensvolle Gruppe berstrahlte, von dieser einen zarten Gestalt
aus. Die Kleine war wohl kaum fnfzehn Jahr alt und reizend gewachsen. Sie
trug einen scharlachrothen kurzen Rock und rothe Stiefeln an den kleinen
Fen. Den schlanken Oberkrper umschlo ein blendend weies faltiges Hemd,
das unter dem Halse mit einer Schnur zusammengezogen war. Ein Korallenkreuz
hing an einem schwarzen Bande auf ihrer Brust. Eine lose Jacke, die vorn
offen war, mit kurzgeschnittenen weiten Aermeln trug sie noch ber dem
Hemde. Ihr Haar fiel in schweren schwarzen Flechten fast bis zu ihren Knien
herab, und an die Enden der Zpfe hatte sie rothe Schleifen gebunden. Um
beide Handgelenke der zarten, aber tadellos geformten Arme trug sie schmale
silberne Ringe. Ihr feines, leicht gebruntes Gesicht mit den kstlich
frischen Lippen, lachte wie das Gesicht der glcklichen sorglosen Jugend
lacht. Sie hob die Augen und blickte in das Grn der Bume oder gerade in
den Himmel hinein, wer konnte das wissen? Das waren Augen! Ja, von ihnen
mute jener Lichtstrom ausgehen in dem die ganze kstliche Gestalt schwamm,
und auf- und niedertauchte, es konnte nicht anders sein! Das war ein
Leuchten, Glhen, Schmachten, Funkeln, Drohen und Lcheln dieser zwei
groen schwarzen Sterne! -- Jenem lautlosen Zuschauer, der Jahre lang
ungeblendet in die Augen der berhmtesten Schnheiten der ppigen
Kaiserstadt geschaut, kam ein Schwindel an, eine seltsame Angst und
Seligkeit zugleich den Augen der kleinen Zigeunerin gegenber. Und dazu die
kleinen beweglichen Fe, dieser von Jugendlust und Jugendkraft geschwellte
und getragene Krper! Was war dieser lebensvolle Tanz gegen jenes seltsame
Schlrfen und Drehen, gegen jenes Hpfen und Rasen in den Tanzslen des
groen Wien? Und dies junge, von Luft und Sonne gebrunte Angesicht konnte
sich den vollen Sonnenstrahlen aussetzen und wurde nur schner je heller
es beleuchtet. Ein Schauer des Entzckens durchrieselte den Grafen, als
endlich die tanzende Kleine mit dem Ausdruck hchster kecker Lust jenen
bedeutungsvollen Zigeunerruf: jah! herausjubelte, den ebenso das hchste
Leid als die hchste Freude von den Lippen gleiten lt, -- und dann mit
einem khnen Sprunge ihren Tanz schlo. Als das Orchester nun mit einem
vollen kurzen Accord abbrach, da war es aber dem Grafen pltzlich als sei
er im Theater an der Burg und habe eben die schnsten Tnzerinnen gesehen.
-- Der grne Wald wurde zur tuschend gemalten Coulisse, die stattlichen,
seltsam gekleideten Mnner, mit den langen schmalen Schnurrbrten und
schwarzen, glatt herabhngenden Haaren, zu trefflich costmirten
Choristen, die ppigen, nachlssig verhllten Frauengestalten zu koketten
Choristinnen, die nackten Kinder, das Feuer, die kochenden brodelnden alten
Weiber zu meisterhafter Staffage, -- Graf Alfred klatschte mit dem Feuer
eines echten Balletenthusiasten in die Hnde und rief:

=Brava, Brava!=

Da geschah es fast wie in jenen Mrchen von den Elfentnzen, wenn die
Elfenknigin pltzlich einen unberufenen Lauscher entdeckte: wie ein
Wirbelwind fuhr es ber das ganze Zigeunerlager hin und die Scene
vernderte sich rascher wie auf einem Pariser Theater. Die Frauen drngten
sich hinter die Mnner, die Kinder hingen sich an ihre Mtter, die Hexen
des Feuers kauerten sich nieder wie zum Sprunge bereite Katzen, die
Musikanten hrten auf zu spielen und nahmen eine trotzig drohende Haltung
an und wohl hundert flammende Augen richteten sich pltzlich auf den
Grafen. Die kleine Tnzerin allein war ruhig geblieben und blickte
neugierig zu dem khnen Fremden hin. Ein dunkler hochgewachsener Knabe,
die Geige im Arm, war aber dicht an sie heran getreten in einer so
herausfordernden Haltung, so schutz- und kampfbereit, da der Graf sich
eines Lchelns nicht erwehren konnte.

Da wendete sich die Kleine an ihn und fragte in gebrochenem Deutsch mit
gerunzelter Stirn:

Was willst Du hier?

Dich bewundern! antwortete er und sah sie mit seinen hbschen blauen
Augen leidenschaftlich an.

Jede Frau, sie gehre welchem Volke und Stande sie auch wolle,
unterscheidet mit einem Blicke die wahrhafte Bewunderung ihres Selbst von
leichtem Wohlgefallen und tndelndem Spiel und ist niemals unempfindlich
gegen dieselbe. Die junge Zigeunerin nahm daher auch die Hand des Grafen
und sagte freundlich:

Kommt mit mir und bleibt bei uns eine Weile. Seid ohne Sorge, Czinka wird
Euch schtzen!

Sie rief ihren Gefhrten einige ungarische Worte zu, und fhrte dann ruhig
ihren neuen Bewunderer mitten in den Kreis.

Es war auch kaum eine Stunde vergangen, da sa der Graf wie ein echter
Czigny unter ihnen, plauderte mit den Mnnern, die sich mit deutscher
Zunge einigermaen verstndlich zu machen wuten, scherzte mit den
Frauen, sah dabei die schne Czinka an, die ihm gegenber sa neben dem
finsterblickenden Knaben, und sprach dem groen Becher mit jenem sen
Tranke, den die Weiber trefflich zu bereiten verstanden, tapfer zu. Erst
als die Nacht hereinbrach, dachte er wieder an seinen Wagen und an den
armen wartenden Kutscher. Zgernd brach er auf und bat um einen Fhrer, um
ihn an den Wagen und dann auf den Weg nach Zircz zu bringen, welcher Ort
kaum eine halbe Stunde entfernt sein konnte.

Anthony mag mitgehen! sagte da Czinka gebietend und wandte sich zu jenem
dunkellockigen Burschen mit der Geige, der noch nicht von ihrer Seite
gewichen. Er stand auf, nickte gleichgltig, hing seine Geige an den
nchsten Baum, und warf seinen Mantel um die Schultern.

Wie lange bleibt und lagert Ihr hier an dieser Stelle? fragte ihn der
Graf.

So lange es uns gefllt, lautete die kurze Antwort des Burschen.

Ich mchte Euch noch oft besuchen, sagte der Graf zur schnen Czinka
gewendet, wenn Ihr es erlauben wolltet.

Sie neigte freundlich gewhrend mit stolzer Grazie den zierlichen Kopf.
Dann nahm Alfred Saldern Abschied von den Vornehmsten der Bande und folgte
seinem Fhrer, der eine Fackel angezndet hatte.

Das war ein seltsamer Spaziergang! Mit der Behendigkeit einer Schlange
schlpfte der Knabe voraus durch die Gebsche, und sprang ber Wurzeln
und Baumstmme, ber Grben und Bche, ohne sich zu kmmern ob der Fremde
folgte.

Der elegante Cavalier hatte die grte Mhe nachzukommen und blieb berall
hngen. Aber das ganze Abenteuer und die seltsame Waldfahrt hatten ihn in
eine ungewhnlich glnzende Laune versetzt und so lie er sich denn Alles
ohne ein Wort des Aergers gefallen.

Nur einmal mute er athemlos inne halten, er konnte nicht weiter, rief
seinen Fhrer zurck und gebot ihm eine kleine Weile zu warten.

Der Knabe gehorchte und setzte sich mit einem spttischen Auflachen unfern
von dem Erschpften nieder. Sein seltsames unschnes Gesicht sah in der
Fackelbeleuchtung fast koboldartig aus.

Seid Ihr unter den Musikanten? fragte der Graf, indem er sich eine
Cigarrette anzndete. Es ist mir als htte ich Euch im Orchester gesehen
als die kleine Czinka tanzte.

Ich spiele die Geige, antwortete der Knabe mrrisch.

Wie heit Ihr?

Anthony Czermak.

Liebt Ihr die Musik?

Wie meint Ihr das?

Nun -- ob Ihr gern Tnze spielt?

Wenn die Czinka tanzt -- sonst spiele ich lieber Lieder.

Habt Ihr die Czinka lieber oder Eure Geige?

Wenn Ihr so fragen knnt, so wit Ihr nichts von einer Geige, antwortete
der Knabe verchtlich. Mir ist meine Geige lieber als zehn Czinkas.

Damit stand er trotzig auf und ging weiter. Wie ein Irrlicht huschte er hin
und her und den Grafen berkam oft ein unheimliches Gefhl wenn er ihn
so auftauchen und verschwinden sah zwischen dem dunklen Grn. Pltzlich
verlschte die Fackel und aus dem Dunkel heraus kicherte wie aus weiter
Ferne der Knabe:

Versuchts noch zehn Schritte weiter -- da steht Euer Wagen, Eurem Kutscher
habe ich gesagt wie er fahren soll, um nach Zircz zu kommen!

Dann rauschte Etwas durch die Bsche, streifte hart an ihm vorbei, ein
spttisches Gelchter wurde laut und Graf Alfred stand im tiefsten Dunkel.
Mit einem derben Fluch rief er den Namen seines Dieners, der denn auch in
geringer Entfernung antwortete und nach einiger Mhe und nachdem er ber
verschiedene Wurzeln gestolpert, an verschiedene Bume gerannt, wobei er
immer ein leises boshaftes Kichern zu hren glaubte, athmete er wie von
einem bsen Traume befreit auf, als er wieder in seinem Wagen sa. Nach der
Weisung, die in der That der Kobold Anthony dem Kutscher gegeben, rollte er
nun auch auf der Strae nach Zircz fort, und noch vor Mitternacht erreichte
er glcklich das Stdtchen.

       *       *       *       *       *

Am nchsten Tage besuchte Graf Alfred das Zigeunerlager wieder und so noch
viele Tage, nur da er sich Abends nie wieder von jenem trotzigen Burschen,
sondern von seinem eigenen Diener zurckgeleiten lie nach seinem Wagen,
der ihn stets am Ausgange des Waldes erwartete. Schon beim dritten seiner
Besuche nahm er allerlei Geschenke fr die Frauen mit, die er von Raab sich
kommen lie, glnzenden Tand, der mit noch glnzenderen Augen empfangen
wurde. Fr die schne Czinka brachte er zwei Korallenschnuren, die sie eben
lchelnd um ihre Arme zu schlingen sich anschickte, als Anthony, der kleine
Geiger, pltzlich herbeisprang, die Ketten aus des Mdchens Hnden ri und
mit den Worten: Czinka trgt nur die silbernen Ringe ihrer Gromutter!
die Perlen ins Moos streute.

Da sprang die Kleine mit einem Ruf des Zornes auf -- stampfte mit dem Fue
und blitzte den Frevler mit einem Blick an, der den Grafen erschreckte und
entzckte. Dann drehte sie ihm langsam fast kniglich stolz den Rcken ohne
ein Wort zu reden, machte aber auch keine Bewegung die Korallen aufzuheben.
-- Allein sie erlaubte ihrem fremden Bewunderer den ganzen Abend an ihrer
Seite zu sitzen und mit ihr zu plaudern.

Als der Graf endlich den Heimweg antrat, streifte er an dem kleinen Geiger
vorber, der einsam auf einem umgestrzten Baumstamm sa. Die nackten Fe
hatte er ber einander geschlagen, den Kopf auf den linken Arm gesttzt,
seine Geige lag neben ihm im Grase. Sein Gesicht war todtenbla und der
Ausdruck um Lippen und Augen ein so verzweifelter, da Alfred Saldern
erschrak. Unwillkrlich blieb er neben dem Knaben stehen in der Absicht
ihn anzureden. Aber wie vor dem pltzlichen Anblick einer giftigen Schlange
fuhr Anthony Czermak da empor, raffte seine Geige auf und war in zwei
Sprngen verschwunden.

Wenige Tage spter sah man nicht nur zwei herrliche Korallenbnder an den
Armen Czinka's, sondern sie trug auch eine Korallenkette um ihren Hals. An
demselben Abend als Alfred Saldern sie der kleinen Zigeunerin in den Scho
warf, tanzte sie freiwillig vor dem Grafen. Aber Anthony Czermak spielte
nicht mit, wie damals. Er warf seine Geige gleich nach den ersten Tacten zu
Boden und lief in den Wald.

Ungarische Zigeunermusik! Wer sie je einmal hrte in ihrer melancholischen
Wildheit, in ihrer hinreienden Gluth, ihrem fremdartigen Reiz und
wunderbaren Rhythmus, der vergit sie so wenig wie man eine Masurka, oder
einen jener zauberischen traurigen Walzer des Chopin vergit, wo die
Lust mit dem Leid zum Tanz antritt. -- Beide Musikarten rufen hnliche
Empfindungen hervor: unsagbare Traurigkeit, die sich gleich darauf in
rasende Lust verwandeln mchte, Wohlgefhl wie es den Gefangenen beim
Anblick einer Schwalbe durchbebt, und zitternde Seligkeit wie beim Hauche
des Wortes: Ich liebe Dich! Diese hufigen Synkopen, punktirten Achtel,
entgegengesetzten rhythmischen Bewegungen reien uns in einen Wirbel von
Leidenschaft hinein, und die harmonischen kecken Licenzen in Bezug auf
Octav und Quintenfortschreitungen, die unvorbereitete Anwendung von
Septimen und Nonenaccorden, die seltsamen Halte und Figurirungen auf
der Dominante, wirken fast wie der Genu des Champagners in toller
Gesellschaft, wenn wir eben fr immer von der Geliebten Abschied
genommen.--

Alfred Saldern fhlte sich von einem Taumel befangen, seit er unter und
mit diesem seltsamen Vlkchen der Zigeuner lebte, gegen dessen tglich
wachsende Macht er sich so vergebens wehrte, wie ein des Schwimmens
Unkundiger gegen die Gewalt der Wellen. Ein neuer Tag ging allmhlich vor
den Augen seiner Seele auf und die Sonne dieses Tages hie: Czinka.

Czinka's fremdartige Schnheit, ihr schillerndes seltsames, halb scheues,
halb zuthunliches Wesen bestrickte ihn tglich mehr. Sie verkehrte fast mit
ihm wie eine junge Schwester mit einem ltern Bruder verkehrt, dessen Liebe
sie verwhnt, indem sie allen Launen nachgab. Sein Herz fhlte sich von
einem Feuer ergriffen das ihn mehr entzckte als marterte, und seine Seele
trumte am Tage davon wie es doch eigentlich das Beste und Kurzweiligste
sei, eine Zeit lang Zigeuner zu werden, und mit dieser kecken Bande schner
Frauen und frhlicher Mnner, frei und ungebunden in der schnen Gotteswelt
umherzuziehen. In den Nchten trumte er aber noch viel seltsamere Dinge,
an die er mit wachen Augen kaum zu denken wagte: er sah sich selbst nmlich
wieder in Wien in seinem eleganten Hause. -- Seine Blumen dufteten ihm
entgegen, der Speisesaal war mit Guirlanden geschmckt, auf der gedeckten
Tafel schimmerten kostbare Gerthe, -- aber es brannten keine Kerzen, wie
sonst bei den glnzenden Festen im Saldern'schen Hause, -- die Vorhnge
waren nicht geschlossen, die Sonnenstrahlen hielten ungehindert Musterung
ber die Schaar der versammelten Gste. Und oben an der Tafel sa der
Festgeber -- und ihm zur Seite ---- sein Weib: -- die lebendig gewordene
fremde, leuchtende Purpurblthe des =Cactus speciosissimus=, _Czinka_, die
reizende Zigeunerin.

       *       *       *       *       *

Das ungewhnliche Musiktalent des wunderlichen Anthony Czermak erregte
selbst die Aufmerksamkeit des vielbeschftigten Grafen. Unwillkrlich mute
er lauschen, sogar mitten im Gesprch mit dem jungen Mdchen, wenn der
Knabe, was jetzt fter geschah, auf seiner Geige seine phantastischen
Stcke vortrug. Die brigen Musikanten ruhten dann aus, die Frauen zogen
die spielenden Kinder auf ihre Knie, die Mnner lagerten sich im Kreise,
und so schwebte der groartige Ton seiner Geige wie ein Vogel ber alle
Hupter dahin. Aber es war dieser Ton keine frhlich himmelan steigende
Lerche, sondern eine Nachtigall, die ihr Lied in die dunklen Gebsche
trgt, oder ein sterbender Schwan, der seine Todesseufzer mit dem Gemurmel
der Wellen mischt. Einmal, bei einer besonders elegischen Melodie, welche
unter allerlei selbstgeschaffenen wilden Verzierungen und Wendungen immer
wieder, wie ein blasser Mond durch zerrissene Gewitterwolken, auftauchte,
bemerkte Alfred Saldern eine besondere Traurigkeit auf den Gesichtern
aller Hrer. Er selbst neigte sich seltsam bewegt zu der schnen Czinka und
fragte sie um die Bedeutung jener Melodie.

Das ist die =siralmas nota= -- die weinende Melodie sagte sie ernst, die
uralte Klage der Zigeuner um ihr verlorenes Reich. Und als Anthony geendet
rief sie ihm zu: spiele jetzt die Rakoczy Nota! Der Ton ihrer Stimme war
zwar herrisch, aber ihre Augen baten.

Der junge Geiger streifte das junge Mdchen einen Moment mit einem halb
wilden, halb zrtlichen Blick, dann lie er ein rhrendes Adagio, dem ein
feuriges Allegro folgte, ber die Saiten seiner Geige ziehen. Als er nun
geendet, kam er zu Czinka, neigte sich zu ihr und fragte:

Wirst Du nun auch wieder einmal mit mir singen?

Sie schlug die Augen nieder und nickte kaum merklich mit dem Kopfe. Da flog
ein Lcheln ber sein dunkles Gesicht wie ein Sonnenstrahl ber die braune
Haide. Und nach einem kstlichen Ritornell fiel Czinka mit ihrer schwachen,
aber sen Stimme ein und sang mit der Geige um die Wette ein wehmthiges
Lied im Vierachteltact in sehr langsamem Tempo. Fremd und ergreifend war
der Accent der leichten Tacttheile des zweiten und vierten Achtels, den der
Geiger mit voller Gewalt untersttzte. Die Textesworte verstand der Graf
nicht, die leidenschaftliche klagende Melodie traf aber mchtig sein Herz.

Wie heit das Lied? fragte er am Schlusse die Sngerin.

Ich will versuchen es Euch zu bersetzen, antwortete Czinka. Es ist
meine Lieblingsnota, die Worte und die Melodie hat Anthony gemacht:

  O meine mden Fe, ihr mt tanzen
  In bunten Schuhen
  Und mchtet lieber tief
  Im Boden ruhen.

  O meine armen Augen, ihr mt blitzen
  Im Strahl der Kerzen
  Und mchtet im Dunkel lieber
  Schlafen von euren Schmerzen.

Was kann ich Euch schenken? fragte der Graf an diesem Abende freundlich
den jungen Geiger. Bis zur Stunde haben sie Alle von mir irgend eine
kleine Gabe angenommen, nur Ihr allein nicht! Meint Ihr, es sei mir
entgangen, wie Ihr die silberne Kette, die ich Euch durch Czinka
berreichen lie, zerrissen und von Euch weggeschleudert? Erlaubt mir doch
endlich Euch zu zeigen wie wohl mir Euer Spiel gefllt!

Nun, so schenkt mir den kleinen Dolch, den Ihr immer mit Euch fhrt!
antwortete Anthony nach kurzem Besinnen.

Alfred zog die zierliche Waffe aus ihrem Futterale und berreichte sie nach
kurzem Zaudern dem Geiger. Lat uns nun auch Freunde sein, sagte er.

Die Augen des Knaben blitzten. Er prfte die feine Klinge und musterte mit
Wohlgefallen den zierlich ausgelegten Griff. Dann schob er die Waffe in
die lederne Scheide und verbarg sie an seiner Brust. Mit heiterem Lcheln
dankte er nun dem Grafen und war von Stund an minder scheu und fremd zu
ihm, aber wahrhaft zutraulich wurde er dennoch keinen Augenblick, so viele
Mhe sich auch Alfred Saldern gab seine Zuneigung zu erwerben.

       *       *       *       *       *

Tage und Wochen vergingen -- das Leben des Grafen glich einem
phantastischen Mrchen, und er versprte zuweilen den Drang sich an
Nase und Ohren zu zupfen, um zu erproben ob er wirklich wache. -- Jene
nchtlichen Trume, in denen er die schne Czinka in seinem eleganten
Hause in Wien sah, trumte er jetzt auch sogar am Tage: immer unabweisbarer
tauchte der Gedanke in ihm auf, dies kstlich frische Kind als sein
Weib heimzufhren. Zerflossen waren alle Bedenken, verstummt die
widerstreitenden Stimmen in seiner Brust; die Stimme der Liebe hatte sie
alle zur Ruhe gebracht. Das leidenschaftliche Verlangen nach dem Besitze
eines Etwas das er _nicht_, wie sonst Alles was ihm gefiel, durch die Macht
seines Reichthums zu erkaufen vermochte, entzckte ihn, -- er schwelgte in
diesem neuen Gefhl und empfand zu Zeiten kaum die Sehnsucht sich durch
ein entscheidendes Wort aus diesem, fr ihn so neuen, kstlichen Zustand zu
erlsen. Ob Czinka seine Empfindungen ahnte? Er wagte es nicht zu hoffen.
Sie war und blieb unbefangen gegen ihn wie ein Kind. Seine Geschenke hatte
sie mit harmloser Mdchenfreude entgegengenommen, seinen Erzhlungen von
der groen Kaiserstadt, von seinem Palaste, von den Genssen des Reichthums
mit glhenden Wangen und leuchtenden Blicken gelauscht, wenn aber Anthony
Czermak seine Geige stimmte, schnellte sie doch empor, wurde zerstreut und
unachtsam, und spielte er in seiner kecken wilden Manier gar den ersten
Tact irgend eines Tanzes, so hatte Alfred das Gefhl als ob diese Tne
Czinka von einem offenen Grabe, worin man ihr Liebstes so eben versenkt,
wegzulocken vermchten. Fast mit einem Schauer sah er zu, wie sie dann auf
und dahin flog: ihr Busen wogte, ihre Fe berhrten kaum den Boden, ihre
Augen lachten und die leichte Gestalt schwebte dahin, als sei eben die
Bewegung des Tanzes ihr einziges Element. Lie sie endlich mit dem letzten
Strich der Geige des braunen Knaben die Arme sinken und warf sich in's
Gras, halberschpft, halb selig von der eben genossenen Lust, da htte der
Graf sein Leben und seine Habe ihr zu Fen werfen mgen und doch war
es ihm, als knne er dreister der stolzesten Herzogin in Wien einen
Heirathsantrag machen, als zu dieser kleinen Zigeunerin von Liebe reden.

Eines Tages jedoch, der Abend dunkelte bereits, sa er mit ihr auf einem
kleinen freien Platze unfern des Lagers unter einer groen Eiche. Die
Musikbande war schon am Morgen fortgezogen, um zu dem Hochzeitfeste eines
reichen Bauern aufzuspielen, mehrere der Mnner und Frauen hatten sie
begleitet. Es war still im Zigeunerlager. Das Feuer schimmerte durch die
Bsche, das Lrmen und Lachen der spielenden Kinder drang gedmpft herber.
Czinka war ungewhnlich ernst. Alfred Saldern sa stumm an ihrer Seite. Als
die Sonne sank, brach das junge Mdchen pltzlich in Thrnen aus und sagte:

Um diese Stunde, heute vor fnf Jahren, starb meine Mutter und lie mich
allein. Den Vater habe ich nie gekannt, der starb ehe ich geboren war!
Nach diesen Worten kte sie ein kleines Kreuz, das sie am Halse trug.
Ich mchte so gern wieder einmal in meiner Kirche beten, fuhr sie dann
gedankenvoll fort, nehmt mich doch einmal mit nach Zircz! Die Andern
lassen mich nicht allein fort und sind keine guten Katholiken! -- Wenn
die Mutter noch lebte, wre ich auch wohl nicht mehr hier unter ihnen! Wir
wollten damals nach Raab ziehen oder vielleicht gar in's sterreichische
Land mit dem Anthony, damit er tchtig Geige spielen lerne und ein groer
Musikant werde. Armer Anthony!

Beklagt ihn nicht, Czinka, fr ihn liee sich noch Hlfe finden -- noch
ist es Zeit, ich will ihn mit nach Wien nehmen, wir haben dort hochberhmte
Meister bei denen er Tchtiges lernen knnte.

Sie fuhr empor mit leuchtenden Augen. O wie gut Ihr seid! rief sie
freudig und fate seine Hnde. Wollt Ihr das wirklich? -- Dann ginge ja
die bse Weissagung der Czinka Panna, meiner Gromutter, nimmermehr in
Erfllung! -- Habt Ihr niemals von jener vielgefeierten Zigeunerin und
Quartettspielerin reden hren? Nun seht, sie starb an dem Tage meiner
Geburt. Aber man brachte mich an ihr Bette und da legte sie ihre kalten
Hnde auf mein Haupt und murmelte: Armes Kind! Du wirst leben mssen
ohne die berauschende Musik unseres Volkes und wenn eines Tages der grte
Geiger unsers Stammes die =siralmas nota= vor Dir spielt, wird es -- in
Deiner Todesstunde sein! Wenn nun aber der Anthony Czermak wirklich ein
_groer Geiger_ wird, so werde ich ihn alle Tage spielen hren, denn er
wird mir oft genug die =siralmas nota= geigen wenn ich erst seine Frau
bin.

Ihr des Anthony Frau?

Ja, so wollte es die Mutter, um die Prophezeiung der Gromutter zu nichte
zu machen. Sie liebte den Anthony, der auch schon lngst keine Eltern mehr
hat, und Anthony liebt mich sehr!

Und Ihr, Czinka -- Ihr selbst -- redet doch -- mchtet _Ihr_ denn solch
eines wandernden Zigeuners Weib werden?

Sie sah ihn erstaunt an, des leidenschaftlichen Tones wegen, in dem er
geredet. Er war so bleich geworden da sie erschrak und eine Bewegung
machte sich zu erheben. Mit Heftigkeit aber schlang er seinen Arm um ihren
schlanken Leib, zog sie zu sich nieder und rief:

Nicht eher weicht Ihr, Czinka, als bis ich Euch Alles gesagt! Und als sie
bebend es geschehen lie da er ihren Kopf an seine Brust lehnte, da redete
er mit leisen glhenden Worten von seiner unbesiegbaren Liebe zu ihr, zu
der wilden Rose, die da so dicht an seinem Herzen blhte und strahlte.
Was er ihr sagte und versprach -- sein Kopf wute nichts davon, sein Herz
allein redete. -- Lange whrte es auch nicht -- dann kam die Endfrage, die
er aber mit fester, fast feierlicher Stimme aussprach: Czinka, wollt Ihr
mein Weib werden und mir in meine Heimath folgen?

Er schwieg wie von einer schweren Last befreit, und lehnte mit dem Ausdruck
der Erschpfung seinen Kopf an den Stamm des Baumes, dessen Zweige sie
Beide beschattete.

Da richtete sie sich langsam aus seinen Armen auf, sah ihn traurig an und
antwortete mit langsamem Kopfschtteln nur das eine Wort: Nein! aber so
ruhig, so unabweisbar, da er fhlte, wie keine Bitten und Klagen diesen
Laut in ein Ja zu verwandeln vermchten. -- Ein unendlicher Schmerz zog
durch seine Seele. Schweigend senkte er die Stirn. -- Was kmmerte es
ihn zu wissen, was sie zu diesem Nein getrieben? Wozu noch ein
Auseinanderreien der Wunde, die er empfangen? Er sah sie noch einmal an,
wie sie in ihrer sinnverwirrenden fremdartigen Schnheit vor ihm sa, die
Fleisch gewordene Blthe des =Cactus speciosissimus= -- dann ri er ihre
Hnde an seine Lippen und sagte einfach:

Lebt wohl, Czinka!

Da neigte sie ihr liebliches Haupt herab und kte ihn leicht wie ein Hauch
auf die Stirn. Lebt wohl! flsterte auch sie. Aber pltzlich fuhr sie
empor und wurde todtenbleich. Hrtet Ihr nicht einen Seufzer, wie das
Todeschzen eines getroffenen Rehs? fragte sie leise und ngstlich.

Er schttelte den Kopf und stand auf. Wirre Tne, Rufen und Lachen, klangen
vom Lager her.

Sie sind wiedergekommen! sagte Czinka tiefaufseufzend. Anthony sucht
mich gewi! Dann legte sie ihre Hand auf den Arm Alfreds und flsterte:
Jetzt wei ich, da ihr den Anthony _nicht_ mit nach Wien nehmen knnt,
-- aber ich danke Euch doch da Ihr es gewollt! Verget mich und ihn, ich
bitte Euch!

Sie verschwand im Gebsch. Er blieb noch einen Augenblick in tiefen
Gedanken stehen, dann schlug er einen Seitenweg ein, der ihn zu seinem
Wagen leitete.

In Zircz angekommen, befahl er seine Sachen sogleich zu packen und fuhr
in derselben Nacht noch nach Raab. Dort blieb er einige Tage, trieb sich
ruhelos umher und schwankte stndlich zwischen Abreisen und Bleiben. Die
Festungsmauern beengten ihn, die dstern Straen erhhten seine Schwermuth,
nur in dem Stadtviertel der Juden und Zigeuner, und in dem herrlichen
alten Dom athmete er auf. Stunden lang konnte er in den schlechten Schenken
sitzen und die Gestalten der ungarischen Zigeuner anstarren, die dort
zechten, scherzten und ihr wildes Wesen trieben. Nur wenn irgend Einer
der Bande seine Geige stimmte, ppige Frauengestalten aus den Winkeln
auftauchten und der Wirth die Bnke zusammenrckte, um die niedere schmale
Stube in einen Tanzsaal zu verwandeln, floh er, aber die tolle Musik,
das Jauchzen und Stampfen folgte ihm bis an das Portal des ernsten
Gotteshauses, allwo erst der bse Spuk wich. Wie viele Tage er in Raab
vertrumt -- er hatte sie nicht gezhlt -- eines Abends aber stand Alfred
Saldern an dem Fenster des Gasthauses mit dem festen Entschlusse, am
nchsten Morgen nach Wien abzureisen. Der Regen schlug an die Scheiben,
der Wind heulte, im Hofe irrten Laternen umher, -- auf den Straen war
es stille, -- auf Flur und Treppen nicht minder, obgleich es noch frh am
Abend war. Die Lampe brannte dster auf dem Tische, gespenstische Schatten
zuckten an den Wnden auf und nieder. Ein unsagbares Heimweh berkam den
Verlassenen -- aber kein Heimweh nach seinem in all seiner Pracht doch
den Hause in Wien, oder nach den Gestalten der Genossen seiner rauschenden
Freuden, nein, eine verzehrende Sehnsucht nach der lngst gestorbenen
Mutter, nach der lngst begrabenen Schwester, -- ja nach dem kaum gekannten
Vater, und in tiefer Wehmuth legte er seine Stirn in die Hnde und fhlte
Thrnen -- seltene Gste -- in seinen Augen. Da klopfte es rasch an die
Stubenthr, sein Diener trat ein und meldete einen Knaben, der nach ihm
gefragt. Zerstreut winkte der Graf ihn einzulassen. Er blickte kaum auf, in
seine Erinnerungen versenkt, als die schlanke Gestalt eintrat -- er zuckte
erst mit einem Schrei empor als eine kleine Hand, deren Pulsschlag ihn
sympathisch berhrte, die seine erfate. Hastig wandte er sich nun und
erkannte, trotz der entstellenden Tracht, trotz des verschnittenen Haars
-- Czinka, das geliebteste Geschpf der Erde. Mit einem Laut des Entzckens
ri er sie an seine Brust, er sah nicht wie bleich sie war und wie sie
zitterte.

Hier bin ich, sagte sie mit leidenschaftlichem Trotze, ich will Dein
Weib werden -- vergi, da ich Dir einst nein gesagt, aber Eins mut Du
mir zuvor versprechen: Du mut ihn mir suchen helfen, den Anthony. Er ist
in derselben Nacht da Du uns verlassen, mit seiner Geige entflohen, hinaus
in die weite Welt! Niemand wird und kann mir suchen helfen als Du, Du
allein! _Und wir werden ihn finden_ -- nicht wahr?

       *       *       *       *       *

Der Namenstag des Grafen Alfred rckte heran und noch wute Niemand, wo
der wunderliche Flchtling sich umhertrieb. Manche glaubten ihn auf seinem
schnen Gute in der Steyermark, Andere in Italien, wieder Andere wollten
gehrt haben, da er sich am Rhein niedergelassen, und Alle bedauerten
den Ausfall des sonst allezeit so glanzvollen Festes, als pltzlich die
Einladungen fr diesen Tag in gewohnter Weise ergingen, die fast ein Jahr
lang verschlossenen Fenster und Thore des Saldern'schen Palastes sich
ffneten, und bald in ihrem sonstigen Schmuck an Blumen und kostbaren
Umhngen wiederum strahlten. Neugierige Freunde eilten herbei, aber der
alte Haushofmeister wies einen Jeden ab mit der ruhigen Bemerkung, sein
Herr sei noch bis zur Stunde nicht zurckgekehrt. Mit welcher Spannung man
endlich am bestimmten Tage die prchtigen Raume des Festgebers betrat, lt
sich denken.

Ob er wohl jenes Versprechen halten wird, das er vor einem Jahre der
Versammlung gegeben, ob er sich verlobte auf seiner langen Reise, oder ob
er irgend einer der geladenen Schnen ffentlich Herz und Hand anzubieten
gedenkt? diese Fragen beschftigten die meisten der Gste. Treppen, Flur
und Vorzimmer waren ungewhnlich glnzend decorirt, aber im Empfangzimmer
wurden Viele unangenehm berrascht: _Tageshelle_ statt des gewohnten
Kerzenlichts strmte ihnen entgegen; doch verschwand diese kleine fatale
Empfindung bald bei dem beraus liebenswrdigen Empfang des Grafen, der
dies Mal seine Gste mit dem Ausdrucke wahrer Freude begrte, und jedem
Einzelnen zu verstehen zu geben sich sichtlich mhte, wie sehr angenehm
ihm gerade seine Erscheinung sei. Jeder und Jede sagte sich: so freundlich
lchelte er noch nie, so verbindliche Worte hrte ich noch nie von ihm!
Die Stimmung der Versammlung war deshalb sofort eine heitere, trotz
aller Spannung. Als der Speisesaal geffnet wurde, der auch im vollsten
Tagesglanze strahlte, bewunderte man die geschmackvoll aufgehufte Pracht
der Gerthe und seltenen Blumen. Der Hausherr fhrte seine Tante zur Tafel,
die alte Marquise d'Anville, die aber dies Mal ihre starre Miene abgelegt
und mit schlauem Lcheln um sich schaute; ihm zur Rechten sa die schne
Grfin Delphine -- der Platz auf seiner linken Seite blieb ganz frei -- ein
leerer rother Sammetsessel stand dort und statt des Couverts erblickte
man eine silberne Vase von herrlicher Arbeit, aus der ein selten schnes
Exemplar des =Cactus speciosissimus= seine feurigen Blthen durch den Saal
leuchten lie. Das Diner war glnzend, doch wollte die Unterhaltung, trotz
der Lebhaftigkeit des Wirthes und der ungewhnlichen Redseligkeit der alten
Marquise, nicht recht in Flu kommen, sie stockte fter als der gute Ton
es erlaubt, die Erwartung und Ungeduld der Gste wuchs zusehends, man
flsterte unverhohlen mit einander, die Blicke der Mnner wurden immer
zerstreuter, das Lcheln der Frauen immer gezwungener. Endlich wurde das
Desert aufgetragen, der feurige Cliquot lste die Zungen, der erste Toast
auf den Hausherrn flog durch den Saal. Da erhob der Graf dankend sein Glas,
lie seine stolzen blauen Augen heiter ber die Versammlung wandern, und
sagte mit heller Stimme:

Ich kam nur zurck von meiner Reise um meinen liebenswrdigen Gsten ein
Versprechen zu halten, das ich Ihnen vor einem Jahre an eben dieser Stelle
gegeben. Darf ich also bitten die Glser auf das Wohl meiner _Hausfrau_ zu
fllen? Strmischer Beifallsruf war die Antwort. Als der Jubel verhallt,
verlangte man einstimmig die schne Wirthin zu sehen. Dieser leere Sessel
ist fr die Knigin dieses Hauses bestimmt, wie Sie Alle wohl schon lngst
vermuthet, ich hoffe, sie weigert sich nicht ihn einzunehmen! sagte nun
Alfred und erhob sich.

Die schne Delphine warf schnell einen schmachtenden Blick in den gegenber
hngenden Spiegel: das weie, theure Spitzenkleid, in Paris gemacht,
sa vortrefflich, der blarothe Atlas des Unterkleides schimmerte wie
Morgenroth durch die kstlichen Kanten, die Rose an der linken Seite der
langen Locken htte freilich noch etwas tiefer, mehr wie herabgesunken,
stecken knnen, die dumme Margot verstand doch gar Nichts! Das Freifrulein
Melanie aber, das dem Grafen gegenber sa, warf ihm zu derselben Zeit
einen kecken Blick zu und lachte, -- sie wute nmlich genau da sie nie
hbscher war, als wenn sie lachte. Beide Damen knpften jedoch ein eifriges
Gesprch an mit ihren Nachbarn, denn sie hrten, da der Graf seinen
Sessel rckte und -- man mute ja die _Ueberraschte_ spielen, wenn man
ihn pltzlich vor sich sah! Allein sie sprachen und sprachen -- was sie
redeten, wuten weder sie selber noch verstanden es ihre Nachbarn, -- es
dauerte auch allzu lange! Endlich muten doch Beide ein wenig zur Seite
blinzeln und da sahen sie -- wie die Sammetportire eines Seitencabinets
zurckgeschlagen wurde, und der Graf auf dessen Schwelle erschien. --
Aber an der Hand fhrte er eine Frau, die er zu jenem leeren Sammetsessel
geleitete und mit den einfachen Worten: Czinka, Grfin von Saldern,
jetzt der Versammlung vorstellte. Die neue Grfin verneigte sich mit der
schchternen Grazie eines Kindes, und nahm den Platz an der linken Seite
ihres Gemahls neben der alten Marquise ein, die sie mit mtterlicher
Zrtlichkeit empfing. Da meine Frau als Ungarin unsere deutsche Sprache
nur mangelhaft versteht und kaum redet, so sieht sie sich fr heute zu
ihrem Bedauern noch genthigt auf das Vergngen der Unterhaltung mit meinen
Freunden zu verzichten, sagte der Graf noch, dann knpfte er sofort
mit seiner schnen, fast zu Stein erstarrten Nachbarin so unbefangen ein
Gesprch an, als gbe es keine Grfin Saldern in der Welt und die stolze
Delphine war Weltdame genug, um scheinbar heiter auf seine Unterhaltung
einzugehen. Dann und wann wandte sich jedoch Alfred Saldern mit einem
sonnigen Blick und Lcheln zu seiner jungen Frau, ihr einige leise Worte
zuflsternd, die sie eben so leise und mit einem lieblichen Errthen
beantwortete. Redete er nicht mit ihr, und gnnte die Marquise d'Anville
ihr Ruhe, so sa sie ernst und gedankenvoll da und betrachtete mit dem
Staunen eines jungen Mdchens das zum ersten Mal den Ballsaal betritt, jene
glnzenden Gestalten der Gste, die sich um die Tafel reihten. Aber berall
begegnete ihr Blick dem Ausdruck so lebhafter Bewunderung und Neugier, da
sie endlich ihre dunklen traurigen Augen senkte, und nicht anders wieder
erhob als um ihren Gemahl anzusehen, oder jene stolze Purpurblthe in der
silbernen Vase vor ihrem Sitze. -- Die junge Grfin trug ein Kleid von
kostbarem indischen Mousselin, mit Spitzen reich verziert, der zarte Hals,
die feinen Schultern und Arme schimmerten durch den klaren Stoff doppelt
reizend. Die Aermel waren mit Korallenagraffen zurckgenommen, eine Kette
von Korallen mit einem prachtvollen Schlo schlang sich um ihren Hals,
eine andere um die zierlichen Handgelenke. In dem schwarzen lockigen,
kurzverschnittenen Haar trug sie einen Kranz von Granatblthen. Ihr
Gesicht, leicht angehaucht von einem kstlich feinen Bronceton, war
bezaubernd in seinen Linien und in dem Ausdruck einer sanften Melancholie.
Die Lippen strahlten in kstlicher Frische, und es war nicht mglich
sich schnere Augen mit vollkommnerer Zeichnung von Brauen und Wimpern zu
denken, so behaupteten wenigstens alle mnnlichen Gste des Grafen, whrend
die Frauen den Augen der Grfin Saldern wenigstens in so fern Gerechtigkeit
widerfahren lieen, als sich eine Jede gestand, sie seien, ihre _eigenen_
Augen natrlich ausgenommen, die hbschesten im Saale. -- Zu diesem
glnzenden Vorzug der jungen Frau kam aber noch ein Jugendschein, eine
Frische, die in den Herzen der smmtlichen Schnheiten der Tafelrunde die
heieste Sehnsucht erweckten nach -- dem verbannten _Kerzenlicht_, die
Herzen der Mnner dagegen in lebhafte Bewegung versetzte. Das war der
wirkliche Frhling der sechszehn Jahre der auf dieser Stirn, auf diesen
Wangen seinen Siegerthron aufgeschlagen, jener reiche Frhling mit seinem
ppigen Grn, seinen Knospen und Verheiungen, seinem Duft und Schimmer. --
Ein sechszehnjhriges liebliches Mdchen ist ja eine wilde Rose im Walde,
eine Siebzehnjhrige eine Moosrosenknospe, die Achtzehnjhrige die Moosrose
selbst ---- die Neunzehnjhrige aber schon meist ---- eine Theerose ----
zuweilen reizend zart, schmachtend ---- und Theerose bleibt sie dann bis
------ die Liebe kommt, sie in eine Centifolie zu verwandeln und sie vor
dem bittern Loose zu schtzen eine -- Klatschrose zu werden.--

Als die Tafel aufgehoben war und die Gste sich zurckgezogen hatten,
entlie die junge Frau die glnzende Versammlung mit so vollendeter
Haltung, da Niemand _laut_ gewagt htte -- wenigstens an demselben Tage
noch nicht ---- die berraschende Wahl des Grafen zu bekritteln.--

       *       *       *       *       *

                                O meine mden Augen,
                                Ihr mt blitzen
                                Im Schein der Kerzen
                                Und mchtet doch im Dunkeln
                                Schlafen von euren Schmerzen.

Jahre waren hingegangen. Aus der sechszehnjhrigen wilden Rose war
eine bleiche vornehme Theerose geworden, Czinka Saldern trat als
sechsundzwanzigjhrige Frau so sicher auf, in der groen Welt, als htte
sie sich von Kindheit an in derselben bewegt. Man bewunderte die junge
Frau, man machte ihr den Hof, sie war eine gefeierte Erscheinung wo sie
sich zeigte, und die Eigenthmlichkeit ihres Wesens und das Fremdartige
ihrer Schnheit rechtfertigte diese Bewunderung vollkommen. Ihre Gestalt
war noch immer schlank und zierlich, aber von vollendeten Formen, ihr
Gesicht mit dem Ausdrucke geduldiger Trauer um den Mund, und den Augen
voll verschleierter Leidenschaft war hinreiender denn je. Sie lernte die
deutsche Sprache nie vollkommen und schien sie auch nicht gern zu reden;
dieser Mangel und ein unbezwinglicher, fast trotziger Stolz, allen
Huldigungen gegenber, erwarben ihr den Namen die fremde Knigin. Als
eine auffallende Seltsamkeit bezeichnete man ihre Abneigung gegen den Tanz.
Niemand konnte sie bewegen auf den Bllen einen Fu zu heben zu irgend
einem Walzer oder Galopp. Sie sa dann ruhig und trumerisch auf der
Estrade und schaute zu.

Solche Musik macht mich nicht tanzen, sie schlfert mich ein, sagte sie
einmal.

Eine zweite Eigenthmlichkeit nannte man ihre unbezwingliche Reiselust. In
jedem Frhjahr wurde sie nmlich von einer Unruhe und Sehnsucht nach der
Ferne befallen, die nicht eher endete als bis sie in den Reisewagen
stieg. Man tadelte den Grafen, da er alljhrlich immer wieder diesen
kostspieligen Launen nachgab, den grten Theil des Jahres mit seiner Frau
auf Reisen zubrachte und Europa nach allen Richtungen hin durchstreifte.
Wie ein Kind froh, lachend und strahlend nahm sie allezeit Abschied, und
mde und bleich kehrte sie zurck. Allmhlich munkelte man deshalb auch,
da der Graf doch vielleicht nicht ganz glcklich sei, und bemerkte
mit weisen Mienen, wie es doch wohl nimmer rathsam sein knne sich eine
Curiositt als sein Weib heimzufhren. Der Graf selbst gab durch sein
Wesen durchaus keinen Grund zu dergleichen Bemerkungen, er erschien
alle Zeit heiter und angeregt, arrangirte und besuchte Feste wie sonst,
begegnete seiner Gemahlin mit der ausgezeichnetsten Aufmerksamkeit, hatte
nur Augen fr sie, schien es aber doch nicht zu sehen, da die junge
Frau, trotz ihres Lchelns, einer welken Blume glich oder einer an Heimweh
Erkrankten. Wie man aber in _Wien_, der unvergleichlichen Kaiserstadt, sich
nach irgend etwas zu sehnen vermochte das Drauen lag, das begriff eben
Niemand.

War aber Czinka wirklich heimwehkrank? -- Sie wute es selbst nicht. Sie
fhlte nur, da sie gern sterben wrde wenn sie noch einmal den Wald von
Zircz ber ihrem Haupte rauschen, und Anthony Czermaks Geige dazu htte
spielen hren drfen. Der bse Anthony -- wo war er nur, und warum war er
davon gelaufen? Tagtglich dachte sie ja an ihn und alljhrlich suchte sie
ihn mit einer Angst und Hast, die sie krank machte, -- und bis zur Stunde
hatte sie noch keine Spur von ihm gefunden. Wie gut doch Graf Alfred war
-- er hatte ihn so treulich suchen helfen -- er hatte sein Versprechen
gehalten! -- Und wenn sie den Flchtling endlich wirklich finden wrde? Was
dann? -- Sie kam nicht weiter mit ihren Gedanken -- sie dachte nur daran,
da er dann alle die wilden kstlichen Melodien spielen und sie -- _tanzen_
drfe. O, tanzen, nur noch einmal tanzen nach _seiner_ Geige, -- das war
die heimliche glhende Sehnsucht ihres Herzens. Wie oft verschlo sie sich
in ihrem Schlafzimmer und ffnete einen schmalen unscheinbaren Schrein, der
zu Hupten ihres Bettes stand, zog dort zwischen einem Bndel von Kleidern
ein Paar kleine rothe Schuhe hervor, und legte sie an. Dann hob sie ihr
schleppendes Seidenkleid ein wenig und sah lchelnd wie ein Kind auf ihre
Fe, stampfte wohl auch einmal den Boden und stellte sich auf die Spitzen
und schwankte, wie eine vom Winde bewegte Blthe, hin und her. Nach einer
Weile zog sie die rothen Schuhe aber langsam wieder aus, drckte sie an
die Lippen und schluchzte bitterlich. Dann verschlo sie ihre Kleinodien
sorgsam wieder und ihre gewhnliche stolze Haltung annehmend, verrieth,
wenn sie die Thr ffnete, kein Zug ihres Gesichts jene heimlichen Thrnen.

Im elften Jahre seiner Ehe, gegen das Frhjahr hin, sah sich der Graf
genthigt, seine Frau auf einige Wochen zu verlassen, um nach Steyermark
abzureisen. Auf seinem schnen Besitzthum dort, das ihm der Bruder seiner
Mutter hinterlassen, war Feuer ausgebrochen, ein Theil der Wohngebude
zerstrt worden, und der Gutsverwalter bat dringend um den Rath und das
Erscheinen seines Herrn. Gleich nach des Grafen Rckkunft wollte dann das
Paar eine lngstbesprochene Reise nach Spanien antreten. Alfred trennte
sich schweren Herzens von Czinka, es war ja die erste grere Trennung
von ihr, und als er sie an einem kalten trben Mrzmorgen zum Abschied
in seinen Armen hielt, lag das Vorgefhl eines ungeheuren Wehs auf seiner
Brust.

Sei heiter, Czinka, bat er, zerstreue Dich und schliee Dich nicht ab
-- in vier Wochen sptestens bin ich bei Dir und dann, -- Du weit es ja,
_dann suchen wir ihn wieder_! Und dies Mal vielleicht nicht umsonst.

Sie sah ihn gerhrt an: Wie gut Du bist! antwortete sie leise, tausend
Mal besser als der Anthony! Gott segne Dich, Alfred. Ich wollte, Du
bliebest hier!

Er kte sie noch einmal zrtlich, der Wagen fuhr vor, er ging -- sie
neigte sich aus dem Fenster und winkte ihm noch einen letzten Gru
nach. Der Wagen rollte dahin. -- Als die Grfin dann die groen Rume
durchschritt, um sich wieder in ihr Boudoir zu begeben, strmte pltzlich
das Gefhl der Verlassenheit wie ein Eishauch durch alle ihre Glieder. Sie
eilte, angstvoll und erschreckt wie ein Kind das sich im Dunkeln befindet,
die Treppen hinauf, warf sich in ihrem reizenden Gemach auf den Divan und
weinte bitterlich.

       *       *       *       *       *

Die einzige Freude und angenehmste Zerstreuung der Grfin seit lngerer
Zeit und insbesondere nach der Entfernung des Grafen, war der Besuch des
Ballets. Sie zog jene Stunden im Theater der glnzendsten Gesellschaft vor,
und an jedem Balletabend stand das elegante Cabriolet der Grfin vor
der Thr des Saldernschen Hauses und man konnte spter die schne
Frau, meistens in Wei gekleidet, welche Farbe sie am Liebsten trug,
in Begleitung der Marquise in ihrer Loge erscheinen sehen, aus deren
dunkelrothem Hintergrund sich der seltsam fesselnde Kopf wundervoll
abhob. Kaum vierzehn Tage nach der Abreise Alfreds war ein neues Ballet
angekndigt, und beim Beginn der Vorstellung sa Czinka Saldern einsam in
ihrer Loge, mit jenem schweren trumerischen Blick und jener nachlssigen
Haltung, die ihre Feindinnen verdammten, die aber ihre Anbeter entzckte.
Den Theaterzettel hatte sie spielend zusammengerollt zwischen ihren
zierlichen Fingern, sie wute nicht was er ankndigte, das Lesen war so
mhsam! Die Marquise d'Anville htete heute eines kleinen Unwohlseins
halber das Zimmer. Das Theater erschien ungewhnlich gefllt. Die
Logennachbarin der schnen Frau, die alte Herzogin M., erzhlte ihr da
heute eine ausgezeichnete Musikbande spielen werde. Der Vorhang flog auf --
die Grfin zuckte zusammen. Alles Blut drngte sich nach ihrem Herzen. --
Die Decoration stellte ein Zigeunerlager vor. Das Feuer brannte, Mnner und
Frauen lagerten im Kreise, spielende Kinder liefen umher, der Mond stand
ber dem Walde. Da tnte der erste Accord einer fremden Musik -- er
bertnte einen schwachen Aufschrei, der sonst wohl groes Aufsehen gemacht
haben wrde, denn er kam aus dem Munde der schnen gefeierten Grfin
Saldern. -- Das war ja eine wirkliche Zigeunerbande, die da spielte! Czinka
glaubte zu trumen. Das war ja jener hpfende, hinreiende Tact, das waren
jene leidenschaftlich zuckenden Syncopen, der unregelmige Herzschlag der
punktirten Achtel, die wie Blitze niederfahrenden unvorbereiteten Septimen
und Nonen, und endlich diese Halte auf der Dominante, gleich wie stockender
Athem bei dem Worte: ich liebe Dich! -- Sie starrte in wilder Erregung
auf die Bhne. Zwlf junge Zigeuner zogen paarweise herein und gruppirten
sich malerisch. Aber wer war jener seltsame, schlanke, hochgewachsene
Geiger mit der finstern Stirn und den todestraurigen Augen, der jetzt
einige Schritte vortrat und ein Geigensolo begann dem das ganze Haus wie
von einem Zauber befangen lauschte? -- Niemand wute es, denn sein Name
stand nicht auf dem Zettel. Und doch kannte ihn Eine, Eine nannte heimlich
seinen Namen, Eine hing an seinen Zgen mit leuchtenden Augen, -- aber
diese Eine allein regte keine Hand als das ganze Haus in Jubel ausbrach
als der Geiger geendet. Man war entzckt, fast verwirrt von der seltsamen
Schnheit dieses Spiels. Die Wiener hatten noch keinem der berhmtesten
Geigenvirtuosen _so_ toll zugejauchzt wie jetzt diesem braunen unbekannten
Zigeuner. Endlich als sich der Sturm gelegt, begann das Ballet, die steif
geschnrten gezierten Zigeunerdamen des Balletcorps erschienen nmlich,
und begannen einen kunstvollen Tanz nach der pltzlich voll losbrechenden
Zigeunermusik. -- Da glitt die Grfin geruschlos aus der Loge -- da
lief sie, in ihren leichten Mantel gewickelt, in den feinen Atlasschuhen
pfeilgeschwind durch die Straen nach Hause, da schlich sie wie eine Diebin
die Treppe der Dienerschaft hinauf, in ihr Schlafzimmer, da zog sie jenen
geheimnivollen Schrein hervor, schlo ihn auf, warf ihre Kleider ab in
fieberhafter Hast, -- und schlich nach Verlauf von kaum einer Viertelstunde
tief vermummt wieder fort, an dem Kammermdchen und dem Portier vorber,
die zu tief in ihrer Unterhaltung begriffen waren, als da sie jene
vorberhuschende Gestalt bemerken konnten. -- Im Theater war eben der
erste Theil des Ballets vorber, lebhafter Beifall lohnte den erschpften
Ballerinas. Pltzlich verstummte aber der Jubel, denn eine neue
Ueberraschung enthllte sich. -- Durch die Reihen der Tnzerinnen brach
sich eine schlanke Frauengestalt Bahn. Sie trug einen kurzen rothen Rock
mit seltsamen goldenen Zeichen gestickt, ein eng anschlieendes Mieder,
kleine rothe Schuhe und silberne Ringe an den Handgelenken. Ihr Haar hing
in schweren Flechten herab. Wie schn war sie! Wie fremdartig schn! Und
doch meinten Viele dies Antlitz schon einmal gesehen zu haben! Aber wo?
-- Sie warf einen Feuerblick auf den Geiger und rief: =Huzdra Czigny!=
(Spiel auf, Zigeuner!) -- Da fuhr es wie ein Blitzstrahl durch die Gestalt
des Mannes, seine Lippen wurden aschfarben, seine Augen traten aus ihren
Hhlen, er regte sich nicht -- wie zu Stein erstarrt stand er da. Aber sie
trat dicht an ihn heran -- jetzt selber so bleich wie er, -- und sagte mit
der Miene einer Knigin: =Huzdra, Anthony Czermak!= Ihr Blick der nicht
von ihm lie, belebte allmhlich die dunkle Statue. Wie im Traume erhob der
Zigeuner seine Geige und spielte. Was er spielte -- in Worten lie sichs
nicht fassen, noch mit Worten bezeichnen: wie gewitterschwle Wolken zog
es ber die Hupter der Hrer hin, wie ein glhendheier Sommerabend voll
schweren betubenden Blumendufts und Wetterleuchten. Im weiten Saale regte
sich Niemand. Keiner war da der solches Geigenspiel je gehrt. Wer konnte
sagen, wo die gewaltigste Schnheit: im Ton, in der Bogenfhrung, in der
Composition? -- Und zu diesem hinreienden Spiel tanzte die fremde Tnzerin
wie man noch Keine hatte tanzen sehen. Das war der Tanz wie er zu diesem
Spiel gehrte -- oder war das Spiel fr diesen Tanz gemacht? -- Die
reizende keusche Beweglichkeit der Glieder -- der tolle Jubel und die
schmerzliche Lust dieses Tanzes entzckte und erschtterte jedes Herz:
-- wie Waldesrauschen zog es durch das Haus, wie Elfenmrchen von der
todtbringenden Knigin zitterte es durch den Saal -- wie ein Traum lag
es auf Aller Augen. -- Die Menge kam erst wieder zur Besinnung als die
Zaubergeige lngst verstummt war. Das Zigeunerorchester fiel nun rauschend
ein. Die Ballettnzerinnen sprangen hher und kunstvoller denn je -- die
Gestalten des Vorgeigers aber und seiner Tnzerin waren verschwunden!

       *       *       *       *       *

Im dem kleinen zierlichen Gartenhause des Saldern'schen Gartens lag Anthony
Czermak zu den Fen Czinka's, eine kleine Lampe brannte auf dem Tische,
die Lden der Fenster waren geschlossen. Die Grfin trug aber nicht mehr
jenes Zigeunercostm, das sie whrend des tollen Tanzes getragen, sie hatte
sich in ein weites dunkles Hauskleid gehllt und einen Mantel frstelnd um
die Schultern geschlagen. Sie sah sehr bleich und erschpft aus, und ihre
Augen hingen voll leidenschaftlicher Trauer an der Gestalt des Geigers, der
vor ihr kniete. Langsam strich sie ihm mit der schlanken Hand das lockige
Haar aus der Stirn:

Du siehst so fremd und wild aus, sagte sie in weichem Ungarisch
trumerisch.

Sage lieber verloren und untergegangen, antwortete er dster.

Da Du mich verloren ist ja Deine Schuld, -- Du hast es selbst gestanden,
Anthony!

Ich _konnte_ nicht mehr an Dich glauben als ich Dich an jenem Abend Stirn
an Stirn mit _ihm_ sah, -- aber ich wunderte mich, da ich Euch Beide nicht
niederstie damals.

Es wre vielleicht besser gewesen fr uns Alle.

Wie Du das traurig sagst -- wie Du traurig blickst, Czinka, und wir haben
uns doch wieder gefunden, wir sind doch wieder bei einander, Du wirst mir
folgen und alles Leid wird vergessen sein!

Ich gehe nicht _heimlich_ von ihm fort, ich wiederhole es Dir -- er ist zu
gut! Es wrde ihm das Herz brechen!

Mag es doch -- hast Du nicht das meinige tausendfach gebrochen?

Aber Du hast es so gewollt in blinder Eifersucht und Du hattest einen
Trost: _Deine Geige_ -- _er_ hat keinen Trost wenn ich ihn verlasse.

Er schwieg eine Weile und sah finster zu Boden. Dann fragte er hart:

Und wann willst Du kommen?

Wenn ich ihm Alles gestanden -- wenn er wieder bei mir ist.

La mich rechnen: -- in etwa vierzehn Tagen wird er zurckkehren. Dann
wirst Du in der Stunde des Wiedersehens noch mit ihm reden, hrst Du? Sie
neigte bejahend das Haupt. Ich erwarte Dich dann hier an dieser Stelle,
oder einen Brief von Dir, fuhr er fort, der mir die Stunde unserer
Vereinigung angiebt. -- Du wirst mich nicht warten lassen Czinka, ich wei
es!

Er stand auf.

Ich werde kommen, flsterte sie, ich werde ihm in der ersten Stunde
unseres Beisammenseins Alles, Alles sagen, Anthony, und er wird mich
freigeben, -- und sollte ich zgern aus Muthlosigkeit oder aus Mitleid, so
komm mit Deiner Geige unter mein Fenster und rufe mich, -- Deiner Geige mu
ich folgen ohne Wahl. Du bist ein Dmon mit Deinem Spiel! Ich glaube, es
risse mich in die Hlle!

Ich htte vielleicht wie die Engel im Himmel geigen gelernt wenn Du bei
mir geblieben.

Sprich nicht so, Du thust mir weh, sag' mir lieber wer Dich so spielen
lehrte?

Mein verzweifeltes zertretenes Herz!

Armer Anthony!

La mich -- reiche mir nicht die Hand hin -- das sieht aus wie ein
Almosen! Ich will kein Almosen, ich will Dich -- _Dich_ mit Leib und Seele
-- geh weg mit Deiner Hand und la Deinen mitleidsvollen Blick von mir!
-- Hier ksse dies Amulet auf meiner Brust, Czinka, -- Du weit, da
Deine Mutter es mir umgehngt, als sie mich zu Deinem knftigen Schtzer
bestimmte, und da Deine berhmte Gromutter, die weise Czinka Panna, es
getragen, ksse es, sage ich und schwre, da Du kommen willst!

Sie berhrte den aus einem Stein geschnittenen Stern und schwur.

So leb' denn wohl, Du geliebte Verlorene! Auf Wiedersehen Czinka, auf
Wiedersehen, zu einem Leben voll toller Lust! Er neigte sich, nahm
ihr bleiches Antlitz zwischen seine beiden Hnde, sah sie mit einem
verzehrenden Blicke an und murmelte: Ich erwarte Dich, Grfin Czinka
Saldern! O, Du bist noch schn genug um die Geliebte Anthony Czermaks zu
werden!

Dann lie er sie los und ging in die Nacht hinaus.

       *       *       *       *       *

Zwei Tage spter erhielt die Grfin die entsetzliche Nachricht, da
ihr Gemahl todtkrank in einem kleinen Dorfe an der Grenze von Tyrol
daniederliege. Auf der Rckreise begriffen war er mit dem Wagen umgeworfen
und schwer verletzt in das Haus des menschenfreundlichen Caplans in B.
getragen worden. Eilen Sie, schrieb der wrdige Geistliche an die Grfin,
dem Sterbenden den letzten Trost ihrer Gegenwart zu bringen, er nennt
Ihren Namen mit dem Ausdruck innigster Sehnsucht.

Czinka war fast gelhmt vor Schreck und Trauer. Sie lie sogleich
das Nthigste packen und reiste wenige Stunden nach Ankunft der
Schreckensbotschaft in Begleitung ihres Hausarztes nach dem Orte des
Unglcks ab. Nach beschwerlicher, unausgesetzter Fahrt von mehreren Tagen,
kam sie gegen Abend in dem lieblichen B. an. Sie lie sich ohne Aufenthalt
in's Pfarrhaus fhren. Es lag wenige Schritte vom Dorfe entfernt in
einem reizenden Garten, und sah aus wie eine Sttte des Friedens, wie ein
Zufluchtsort fr mde Wanderer. Der schne Greis, der ihr grend auf
der Schwelle entgegentrat, erschien ihr wie ein gottgeweihter Bote der
Genesung. Sie streckte ihm beide Hnde entgegen und brach in Thrnen aus,
unfhig zu fragen oder seinen Gru zu erwiedern.

Er lebt noch, war sein erstes ernst-mildes Wort.

Erschpft sank sie nun auf eine kleine Bank im Hausflur und faltete die
Hnde. Die Schwester des Caplans trat jetzt aus einer Seitenthr, eine
freundliche Gestalt mit dem Antlitz einer barmherzigen Schwester, und
fhrte die Fremde in ein kleines zierliches Zimmer.

Ruhen Sie eine Stunde hier, bat sie sanft, auf das blendende Bett
zeigend, Sie brauchen Kraft seinen Anblick zu ertragen -- der Odem ist
noch in ihm, aber noch ist die Besinnung nicht wiedergekehrt!

Czinka's Augen fllten sich von Neuem mit heien Thrnen, dann aber warf
sie ihre Reiseumhllungen ab und sagte entschlossen:

Wie knnte ich ruhen, ohne ihn gesehen zu haben! Ich bitte, fhrt mich
sogleich zu ihm!

Niemand versuchte sie zurckzuhalten. Mit bebenden Knien trat die junge
Frau in das enge halbdunkle Krankenzimmer. Da lag er, der sie in der Flle
der Gesundheit und Kraft verlassen, bleich und regungslos, das Gesicht
entstellt und verzerrt von tausend Schmerzen, das Haupt in Tcher
geschlagen und den linken gebrochenen Arm in den Schienen des Verbandes.
Czinka's Herz bebte vor Schmerz. Sie neigte sich ber ihn, sie nannte
seinen Namen, -- er regte sich nicht -- nur zuweilen ffnete er mde und
schwer die Augen, aber der Blick blieb glanzlos und starr.

Ich bleibe bei ihm bis zum letzten Athemzuge, sagte jetzt die Grfin
und sank, im innersten Wesen gebrochen, an dem Lager des Kranken auf einen
Schemel.

       *       *       *       *       *

Tage und Wochen vergingen. Die Grfin richtete sich in dem einfachen
Pfarrhause ein, der Arzt mute sich's gefallen lassen in der kleinen
Dorfschenke zu leben. Der Zustand des Kranken nderte sich wenig. Ein
zweiter Arzt war aus der naheliegenden grern Stadt verschrieben
worden, auch er schttelte den Kopf und gab wenig Hoffnung, sprach
von Gehirnerschtterung und Rckenmarksverletzung, und prophezeihte im
gnstigsten Falle bleibenden Bldsinn. Seine traurige Weissagung schien
sich in der That erfllen zu wollen, denn die Krperkrfte des Kranken
fingen an sich zu heben, Schlaf und Appetit stellten sich wieder ein, von
Tag zu Tag besserte sich sein Aussehen, nur das Bewutsein blieb erloschen.
Mit tiefem Schmerze geleitete ihn nach Monaten Czinka zum ersten Male
wieder in den kleinen Garten, er erfreute sich an der Rosenpracht wie ein
unmndiges Kind sich an den Lichtern des Weihnachtsbaumes freut, er griff
nach den Blumen, um sie entzckt zu betrachten und dann nach einer Weile
seufzend wieder fallen zu lassen. -- Sanft und geduldig war und blieb er
gegen seine Pflegerin, aber mit unendlichem Weh mute Czinka gewahren, da
er die Schwester des Pfarrherrn mit nicht minderer Freude begrte als sie
selbst, und ihr oft den Namen Czinka gab, whrend er sie Therese nannte.
Die Vergangenheit schien fr ihn auf ewig in die Nacht der Vergessenheit
versunken, die Gegenwart kaum mehr als ein Traum, eine Zukunft war fr
ihn gar nicht da. Nur in den Abendstunden, wo auch das Unglck geschehen,
berfiel den Kranken eine seltsame Unruhe, er sprach dann von seiner
Abreise, rief den Namen seines Weibes mit zrtlichster Sehnsucht, und
konnte nur beruhigt werden wenn Czinka ihn in ihre Arme nahm und seinen
Kopf an ihre Brust lehnte. Dann sa er still Stunden lang, bis er endlich
heiter lchelnd sagte:

So -- nun la mich schlafen gehen!

Sie sagte ihm gute Nacht, und bei diesem Scheiden sah er sie zuweilen noch
mit einem Blicke an, der sie bis ins Innerste erbeben lie: es leuchtete ja
ein Etwas wie durch einen Schleier ihr aus diesen Augen entgegen, -- eine
ringende Seele die ihre fesselnden Bande zu lsen sich mhte. In heiem
Gebet sank sie dann in ihrer Kammer auf die Knie und rief:

Hilf ihm, hilf ihm, heilige Jungfrau!

Czinka's Leben war jetzt vllig ausgefllt von einer unablssigen Sorge
und Pflege. Wie eine Mutter um ihr hlfbedrftiges Kind, so waltete sie um
ihren Gatten. Sie trug dunkle, fast nonnenhafte Gewnder, und wer sie so
schaffen und aus- und eingehen sah in dem Zimmer des Genesenden, oder ihr
begegnete, wie sie ihn sttzte und leitete, der htte sie fr eine jener
edlen Gestalten aus dem gesegneten Orden der barmherzigen Schwestern halten
mssen, die wie verkleidete Engel Gottes allezeit da zu finden sind, wo
Noth und Elend ihre Seufzer zum Himmel schicken. -- Schlummerte Alfred, so
sa sie bei der schlichten Therese und plauderte mit ihr, oder begleitete
auch wohl den wrdigen Pfarrherrn auf seinen kurzen Spaziergngen, oder
in die Htten seiner Beichtkinder. -- Trotz dieser, aus strenger
Pflichterfllung erwachsenden Thtigkeit, fhlte sie sich nicht ruhig und
zufrieden. Der Gedanke an Anthony, der sie erwartete, der ihr vielleicht
zum zweiten Male fluchte, qulte sie oft bis zur Verzweifelung. -- Sie
konnte ihm keine Nachricht von sich geben -- sie wute ja nicht, wohin er
sich gewendet. Die furchtbare Angst da er kommen mchte um sie hier --
_hier_ an dieser Stelle zu mahnen, ihr gegebenes Versprechen zu halten,
fiel oft mit vernichtender Schwere auf ihre Seele. Was band sie auch noch
an Alfred? Fhlte er einen Schmerz, wenn sie jetzt von ihm ging? -- Hatte
sie eine Entschuldigung, der Leidenschaft Anthony's gegenber, wenn er
jetzt kme und verlangte sie solle ihm zur Stelle folgen? -- Sie mute sich
gestehen, da sie keine hatte -- aber dies Bewutsein brachte ihr seltsamer
Weise eine namenlose Qual. Tausendmal versuchte sie sich ein Leben an
der Seite Dessen auszumalen, den ihre geliebte todte Mutter ihr einst
als Gatten bestimmt -- Tausendmal gedachte sie schaudernd der dunklen
Prophezeihung der Gromutter ---- vergebens, -- ein einziger Blick auf
ihren Gatten, der mit gedankenlosem Lcheln einen Blumenstrau zerpflckte,
-- oder leise vor sich hin den Namen Czinka rief, gengte um in ihrem
Herzen den Wunsch hervorzurufen bei ihm zu bleiben, bis sein Auge sich auf
ewig schlsse. ---- Mit fast fieberhafter Angst widersetzte sie sich
dem Andringen der Aerzte, die Rckreise mit dem Grafen anzutreten, sie
frchtete Wien, sie frchtete die grere Mglichkeit einer Begegnung mit
Anthony. -- Aber der Herbst kam, der Krperzustand des Kranken war fast
der eines vllig Gesunden, tglich wiederholten die Aerzte ihren Rath,
den Grafen nach Wien zurckzuschaffen, und als man der Grfin endlich zu
verstehen gab, da man eine leise Hoffnung auf Wiederherstellung an die
Rckkehr in bekannte Rume knpfe, -- da sah sie alle ihre Weigerungsgrnde
erschpft, und mit stiller Verzweiflung gab sie eines Tages selbst den
Befehl, die Reisewagen zu packen. -- Der Abend, der dem gefrchteten
Abschiede von diesem Friedensasyl voranging, war ungewhnlich rauh und
traurig. Der Kaplan hatte das Haus verlassen, um einem Sterbenden die
letzte Labe zu reichen, seine Schwester Therese trug einer armen Wchnerin
die Abendsuppe hin, die beiden Diener packten, Czinka sa einsam neben dem
Grafen, der, wie gewhnlich ihre Hand in der seinen haltend, seinen Kopf an
ihre Schulter lehnte. -- Regen und Wind schlugen an die Fenster, die alten
Kastanienbume seufzten und chzten, Raben flogen mit scharfen Geschrei um
das Haus und die Lampe flackerte in der Zugluft bald hell auf, bald sank
sie wie erlschend zusammen. Im Ofen brannte ein kleines Feuer, denn es
wehte schon wie Winterhauch durch die Rume, und bei dem scharfen Knistern
des feuchten Holzes zuckte der Kranke oft schreckhaft zusammen. -- Czinka
war mit ihren Gedanken weit, weit weggezogen. Sie sah sich in dem Walde von
Zircz -- aber es war heller Frhling und junges Grn wohin sie schaute. Und
sie sa auf dem moosigen Boden und Alfred Saldern sa neben ihr und wand
schne lange Ketten von geschliffenen Korallen um ihre Arme. -- Ihre Augen
leuchteten auf in der Erinnerung an dies reizende Geschenk! -- Da griff
pltzlich eine schlanke braune Hand ber ihre Schulter weg nach dem rothen
Schmucke: Anthony zerri mit hlichem Lachen die Ketten und die glnzenden
Perlen rollten wie Blutstropfen in das Gras. Wie bse war sie ihm da
gewesen! Und wie bald hatte sie dennoch Alles vergessen beim ersten Tone
seiner seltsamen Geige. Dieser Ton -- wahrlich er konnte Todte erwecken
---- und Engel abtrnnig machen!

Czinka war es jetzt als hrte sie den unbeschreiblichen Ton von Czermaks
Geige ganz deutlich in weiter Ferne, -- ach, sie _trumte_ ja -- _trumen_
lie sichs gut von Anthony Czermak -- er durfte nur nicht in Wirklichkeit
da sein mit seinen wilden Feueraugen und seiner verzehrenden Leidenschaft!
Horch -- da spielte er die Rackoczy Nota -- wie s ist's doch so
_deutlich_ zu trumen! -- Langsam und deutlich zog sie daher jene
kstliche Melodie, mitten durch das Heulen des Sturmes! -- Aber da -- ewige
Barmherzigkeit -- da richtete sich Alfred Saldern heftig in ihren Armen auf
und rief fieberhaft erregt: Czinka, hrst Du nicht -- es ist Anthony, der
da spielt! Rufe ihn herein, mein Kind, freue Dich -- wir haben ihn endlich
gefunden! -- Nach diesen Worten sank er ohnmchtig zurck.--

Fast zwlf Stunden dauerte die Ohnmacht des Grafen, und whrend dieser
ganzen Zeit des bangen Harrens lag Czinka fast ununterbrochen auf den Knien
neben seinem Lager. Sie schien in eine nicht minder gefhrliche Apathie
verfallen zu sein als der Kranke selbst, -- sie gab keine Antwort auf
die dringenden Fragen der Aerzte und regte keine Hand zu irgend einer
Hlfsleistung fr den Ohnmchtigen. Nur wenn man Miene machte sie sanft
aufzuheben, und ihr zuredete Ruhe zu suchen, fuhr sie wild empor und barg,
heftig den Kopf schttelnd, wie ein gengstigtes Kind ihr Gesicht in das
Kissen des Lagers, auf dem ihr Gemahl ruhte. In der neunten Morgenstunde
des folgenden Tages schlug der Graf die Augen auf. Czinka schrie auf: --
ein Blick seligsten _Erkennens_ war in ihre arme zagende Seele gefallen!
-- Der Kranke legte einen Augenblick die Hand auf die Stirn, dann sagte er
ruhig:

Ich bitte, mich eine Stunde mit der Grfin allein zu lassen.

Alle entfernten sich. Wir haben ihn gerettet! riefen die beiden Schler
Aesculaps triumphirend, und schttelten einander die Hnde.

       *       *       *       *       *

Als die beiden Gatten sich nach einer fast dreistndigen Unterredung
erhoben, sagte Alfred Saldern scheinbar ruhig, aber mit dem Ausdruck
unendlichen Schmerzes um Mund und Augen:

Gott segne Dich, da Du mir Nichts verschwiegen. Wenn er _nun_ kommen
wird, so magst Du allein entscheiden zwischen uns. -- Ich habe nicht
vergessen da Dich damals nur Anthony's Flucht in meine Arme trieb. Du hast
mir viel gegeben -- ich bin nicht undankbar -- _wenn er kommen wird_ so
merke auf Dein Herz, Czinka, und _Du sollst frei sein_!--

Wenige Stunden spter reiste das grfliche Paar ab, aber nicht nach Wien,
sondern nach dem kleinen reizenden Gute S. in der Nhe Badens, wo Alfred
seine Kinderjahre zugebracht und wo die Grber seiner Eltern und Schwestern
lagen.

Die Grfin kam krank nach S. Sie erschien hinfllig und doch aufgeregt,
reizbar und traurig. Der Arzt empfahl Ruhe. Der Graf verrieth die Sorgfalt
eines zrtlichen Bruders. Stunden lang sa er an dem Ruhebette der jungen
Frau und bewachte ihren Schlummer. Allein jene tiefe ernste Trauer, die
nach jener langen Unterredung mit Czinka ber ihn gekommen, wich nicht mehr
von ihm und lag wie ein dunkler Schleier ber all seinem Thun und Wesen.
Sie sah ihn oft verstohlen lange an und wenn sie sich dann von ihm wendete,
waren ihre Augen voll Thrnen. -- Sie lasen jetzt auch fter zusammen, was
sonst nie geschehen, er hatte sich erboten ihr vorzulesen und sie lauschte
dem Laute seiner Stimme mit der Achtsamkeit eines Kindes, dem die Mutter
Mrchen erzhlt. -- Dagegen redeten sie jetzt weniger denn je mit einander,
es war als ob ein unsichtbares Etwas zwischen ihnen stnde und jeden freien
Austausch der Gedanken und Empfindungen hemmte. -- Nicht das leiseste
Zeichen ehelicher Zrtlichkeit erlaubte sich der Graf seiner Frau
gegenber, er kte ihr nur zuweilen mit der Innigkeit eines Bruders die
Hand, streichelte auch wohl einmal ihr Haar -- das war Alles. Sie schien
scheu und befangen in seiner Gegenwart, und doch war es immer als ob etwas
wie Sonnenschein ber ihr Gesicht flog, wenn er am Morgen in ihr Zimmer
trat. Er lie sich seine Bcher und sein Lieblingspferd aus Wien kommen,
auch einige seiner Blumen, und richtete sich in der herbstlichen Einsamkeit
des kleinen Schlosses allmhlich ein als wolle er fr alle Ewigkeit da
bleiben. Auch einige Lieblingsmbel der Grfin kamen an, und ihr kleiner
Papagei, mit dem man sonst so viele Stunden, trge im Sessel ruhend und mit
den schnen Fingern am Kfig hin- und wiederstreifend vertndelt hatte. Der
einen Sendung hatte man auch jenen geheimnivollen Schrein beigefgt, der
in Wien alle Zeit zu Hupten des Bettes der Grfin gestanden. Der Graf lie
ihn in das kleine Schlafgemach Czinka's tragen. Sie bemerkte es erst am
Abend und schrak zusammen. Als sie am nchsten Morgen ihren Gatten wieder
sah, und er sie in gewohnter Weise fragte wie sie geschlafen, sagte sie
ungewhnlich lebhaft:

Bitte, la den Schrein aus meinem Zimmer wegnehmen -- er steht da wie ein
Sarg und bringt mich um den Schlaf!

Ich glaubte einen geheimen Wunsch von Dir zu erfllen indem ich ihn kommen
lie, antwortete er ruhig.

Sie sah ihn traurig an und wendete sich ab. -- Am Nachmittage stand der
Schrein geffnet und leer mitten im Salon. Als der Graf von einem kurzen
Spazierritte heimkehrend seine Gemahlin dort aufsuchte, lchelte sie ihm
entgegen und rief:

La nun den Sarg verbrennen oder mach' damit was Du willst, ich nahm den
Inhalt heraus. Sieh da, was damit geschehen!

Und ihn zum Kamin fhrend zeigte sie ihm noch den Rest eines verkohlten
rothen Schuhes und einige verglhende Gold- und Silberflittern. -- Er
zuckte zusammen und sah sie fragend an, da sie aber schwieg, wandte er sich
von ihr und ging einige Male heftig bewegt im Zimmer auf und nieder.

Fhlst Du Dich wohler, Czinka? fragte er nach einer Pause in ruhigem Ton
und sah zu ihr herber. Wie schn sie ihm erschien in diesem Augenblicke!
Sie erinnerte ihn mehr als je an seine Lieblingsblume, die Purpurblthe
des =Cactus Speciocissimus=. Fremd und dunkel schaute ihr Antlitz aus den
faltigen weien Kleidern hervor, die lngst wieder voll und lang
gewordenen Flechten hatten sich verschoben und waren auf ihre Schultern
herabgeglitten. Wunderbar! Der Blick, den sie jetzt auf ihn heftete, war
nicht mehr jener kecke, aufleuchtende der fnfzehnjhrigen Tnzerin im
Walde von Zircz, er war auch nicht mehr jener sanft traurige einer in
das Treibhaus verpflanzten Waldblume, jener Czinka, die den entflohenen
Jugendgefhrten vergeblich sucht. Es drang jetzt ein Strahl aus diesen
wunderbaren Augen in seine Seele, dessen Licht ihn mit einer zagenden
Seligkeit erfllte und ihn leise beten lie:

Ich danke Dir, Gott, da Du dies Weib fr eine Weile an meine Brust
gebettet!

Fhlst Du Dich wohler? wiederholte er inniger und trat ihr nher.

O viel, viel wohler! antwortete sie heiter.

Sage mir, und hier griff sie fast scherzend nach seiner herabhngenden
Hand und hielt sie fest, was wrdest Du thun, wenn Du mich nicht mehr
httest?

Warum qulst Du mich? fragte er ernst, fast finster.

Weil ich wissen mu ob Du mich wirklich missen knntest. Sie lie seine
Hand los und lehnte sich zurck.

Nun denn, so wisse, da ich leben wrde, wenn ich Dich _todt_ -- aber
nicht, wenn ich Dich im Besitze eines _Andern_ wte.

Sie hatte die Augen gesenkt und schob ihren kleinen Trauring am Finger hin
und her. Ob Anthony _bald_ kommen wird? fragte sie pltzlich und sah ihn
fest an.

Wie von einem Dolchstich getroffen fuhr er auf. Du wnschest es -- ich
wei das Czinka -- aber Du bist mehr als unbarmherzig, da Du mir es sagst
-- gerade jetzt es sagst!

Alfred, ich sehne mich, da er komme! Sie war bei diesen leise gehauchten
Worten aufgestanden, hing sich gewaltsam an seinen Arm und blickte ihn
mit ihren heien Augen so leidenschaftlich an, da es ihn bis ins Innerste
durchschauerte.

La ab von mir, Weib!

Ich _sehne_ mich, da er komme -- hrst Du es, und weit Du auch warum?
Weil ich ihm jetzt sagen kann, da ich ihm nicht mehr folgen _darf_ weil
ich -- Dich liebe, Alfred!--

Er stie einen Schrei des Entzckens aus und ri sie an sich. Sie umschlang
ihn mit beiden Armen. Da schwirrte ein Geigenton durch die Luft -- kam er
aus den Wolken -- vom Garten herauf -- aus dem Seitenzimmer -- vom Balcon
her? -- Der seltsame Laut wiederholte sich -- der Ton klang wie aus weiter
Ferne -- er schwoll leise an und eine langsame schauerlich klagende Melodie
zog daher, wie von unseligen Geistern gesungen.

Das ist Anthony's Geige! flsterte Czinka todtenbleich, hrst Du, er
spielt die =Siralmas nota=!

Der tolle Geisterspuk soll nun enden! rief der Graf heftig. Jetzt
ruh' ich nicht eher bis ich ihn gefunden! Hier an dieser Stelle magst Du
zwischen uns Beiden whlen -- hier entscheide sich unser Aller Geschick!

Mit diesen Worten eilte er in das anstoende Gemach, auf den Balcon, und
dann hinaus. Die Tne verstummten.----

Haus und Garten wurden durchsucht -- keine Spur des Geigenspielers fand
sich. -- Es mochte wohl eine Stunde verflossen sein ehe der Graf,
unmuthig und erbittert, in das Gemach seiner Gemahlin zurckkehrte. -- Ein
furchtbarer Schrei rief die entsetzte Dienerschaft gleich darauf herbei,
der Graf Saldern lag besinnungslos ausgestreckt neben der Leiche Czinka's.
-- Einen kleinen Dolch fand man bis an den uerst kunstvoll gezierten
Griff in ihrem Herzen.

Welche Hand hatte den sichern Sto gefhrt?

       *       *       *       *       *

Anthony Czermak, der tolle Geiger, wie ihn die Zigeuner selber nannten,
tauchte im Jahre 1818 etwa, pltzlich wieder in Pesth auf. Eine
Zigeunerbande spielte in dem berhmten Zrynischen Kaffeehause ungarische
Weisen, vor einer dichtgedrngten Zuhrermenge. Da strzte ein halb
nackter, wild blickender Bettler herein, entri dem Vorgeiger seine Geige,
setzte den Bogen an und spielte so hinreiend, so dmonisch, so gewaltig,
da ein Beifallssturm losbrach wie er in den Mauern dieses Saales noch nie
gebraust. Mit grellem Gelchter warf der Fremde aber die Geige zu Boden
und verschwand. -- Das war Anthony Czermak, ging es von Lippe zu Lippe.
Spter erschien er, fast spukhaft, bald hier, bald dort, doch nur wo
Zigeunerbanden spielten, und berall wirkte sein Bogen zauberhaft. Er
erging sich meistens in freien Phantasien, in die er dann ergreifend
ungarische Melodien einzuweben pflegte. Zuletzt will man ihn in Prag
gesehen haben, wo endlich diese wunderliche und dstere Erscheinung hinter
den Mauern eines Klosters verschwunden sein soll.----

Die Sage von seinem unvergleichlichen Spiel erhielt sich aber bis auf den
heutigen Tag, und so berhmt auch wenige Jahre spter der deutsche Zigeuner
Mattinovich wurde, der mit mangelhafter Bogenfhrung, und ungeregeltem
Fingersatz Zigeunerweisen, sowie Paganinische Etden hinreiend vortrug und
mit selten markigem Tone spielte, so nannten doch Alle, denen je die Geige
des Anthony Czermak geklungen, den Mattinovich nur einen Vasallen jenes
Zauberers. Die dster leidenschaftlichen Melodien jenes verschollenen
Geigers sind noch heute unter den Zigeunerbanden in und um Raab die
Lieblingsnoten, und wenn sie erklingen, reien sie unaufhaltsam die Herzen
der Hrer in ein Meer von schmerzlicher Lust und sem Weh. Erzhlte man
sich doch, da eine Melodie Czermaks, die whrend der Anwesenheit des
Knigs der Pianisten, Franz Liszt, von der Bande des berhmten Patikarus
Ferko, an einem Festabend ihm zu Ehren in Pesth gespielt wurde, den
Gefeierten so mchtig ergriffen, da er zur Stelle ein Clavier herbeitragen
lie, und in tiefer Erregung die Sturmeswellen seines Spiels mit jenen
unendlich klagenden Tnen mischte. -- War es vielleicht die Melodie zu
jenem Liede, das die schne Czinka einst im Walde von Zircz gesungen?

  O meine mden Fe, ihr mt tanzen
  In bunten Schuhen
  Und mchtet lieber tief
  Im Boden ruhen.

  O meine mden Augen, ihr mt blitzen
  Im Strahl der Kerzen
  Und mchtet lieber im Dunkeln
  Schlafen von euren Schmerzen.


Druck von _G.Ptz_ in Naumburg.




[ Hinweise zur Transkription


Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Darstellung abweichender Schriftarten:

_gesperrt_, =Antiqua=, #fett#.

Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten, einschlielich
uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "Bewunderung" --
"Bewundrung", "erwiderte" -- "erwiederte", "sehen" -- "sehn", "Tanzsle"
-- "Tanzsle",

mit folgenden Ausnahmen,

  der Schmutztitel wurde entfernt;

  Seite 15:
  "und" eingefgt
  (das Urbild aller Hlichkeit und Verschrobenheit)

  Seite 19:
  "," eingefgt
  (und verneigte sich vor der Gottschedin,)

  Seite 37:
  "" eingefgt
  (ein Professor als Zuhrer vor einem Studiosen sitze.--)

  Seite 43:
  "den" gendert in "denn"
  (Da that es denn wohl Noth)

  Seite 44:
  "ihre" gendert in "ihr"
  (die Augen thaten ihr Anfangs weh dabei)

  Seite 44:
  "ihr" gendert in "ihre"
  (Sie verlor auch nach und nach ihre mdchenhafte Schchternheit)

  Seite 45:
  "," hinter "und" entfernt
  (und streute Blumen auf ihn herab)

  Seite 46:
  "befan der" gendert in "befand er"
  (Jetzt befand er sich aber zum ersten Mal)

  Seite 47:
  "Sphre" gendert in "Sphre"
  (hatte ihn pltzlich in eine Sphre getragen)

  Seite 48:
  "," entfernt hinter "ihn" und eingefgt hinter "mute"
  (Eindruck auf Jedweden machen mute, der ihn mit Aufmerksamkeit)

  Seite 54:
  "" entfernt hinter "Studiosus" und eingefgt hinter "denn--"
  (Gute Nacht, werthester Herr Studiosus -- auf Morgen denn--)

  Seite 57:
  "," entfernt hinter "ihren" und eingefgt hinter "sagte"
  (und sagte, ihren jungen Lehrmeister seltsam traurig anblickend)

  Seite 57:
  ":" hinter "Sohn" entfernt
  (Damis, der junge Gelehrte, Chrysander's Sohn)

  Seite 63:
  "" eingefgt
  (sterben wie ich gelebt: eine _ungelehrte_ Frau!--)

  Seite 77:
  "einiziges" gendert in "einziges"
  (sehr verwhnt, als einziges Kind eines reichen Kaufmanns)

  Seite 78:
  "schichte" gendert in "schlichte"
  (das schlichte Pfarrhaus umzumodeln in Erinnerung)

  Seite 87:
  "Enferntesten" gendert in "Entferntesten"
  (was nur im Entferntesten an den Katholicismus erinnern konnte)

  Seite 88:
  "dei" gendert in "die"
  (die Morgen, Mittage und Abende sahen sich gleich)

  Seite 98:
  "," eingefgt
  (spielte sie lngst nicht mehr, sie hielt keinen Takt)

  Seite 102:
  "vergist" gendert in "vergit"
  (_uns_ (mich hatte er sagen wollen) darber vergit!)

  Seite 110:
  "einen" gendert in "einem"
  (Mit einem ungeduldigen Wink der Hand sagte die schne Frau)

  Seite 111:
  "," eingefgt
  (in Verlegenheit gerathen sein, solch einen Ausbund)

  Seite 111:
  "abgeflckt" gendert in "abgepflckt"
  (abgepflckt aus dem Garten einer schlichten Pfarre)

  Seite 114:
  "entgegente" gendert in "entgegnete"
  (entgegnete sie pltzlich wieder in heller Freude)

  Seite 116:
  "" eingefgt
  (das blaue Taffetfhnchen ist ja kaum vier Ellen weit!)

  Seite 118:
  "nachlig" gendert in "nachlssig"
  (vornehm nachlssig, indem sie mit ihrem goldenen Lorgnon spielte)

  Seite 120:
  "." eingefgt
  (Du zeichnest ganz artig und machst tchtige Fortschritte.)

  Seite 120:
  "," eingefgt
  (fallen nicht mehr vom Himmel, sie mssen sehr langsam)

  Seite 122:
  "vergist" gendert in "vergit"
  (Du vergit immer, wie viel die Kleine mit ihrem Zeichnen)

  Seite 124:
  "wlches" gendert in "welches"
  (Da erfuhr ich denn erst, welches Datum wir schreiben.)

  Seite 124:
  "." eingefgt
  (Am 12.ist ja Gottfrieds Geburtstag)

  Seite 126:
  "Stkchen" gendert in "Stckchen"
  (Euch einmal ein Stckchen Landschaft von ihm zeigen)

  Seite 126:
  "" eingefgt
  (Ein recht unruhig Leben haben wir hier)

  Seite 134:
  "." eingefgt
  (der erste kstliche Frhling. -- Es war Sonnenschein)

  Seite 146:
  "gefogt" gendert in "gefolgt"
  (ein ehrwrdiger Priester, gefolgt von dem Mener)

  Seite 155:
  "!" gendert in ","
  (antwortete Berger mit melancholischer Stimme,)

  Seite 159:
  "eimal" gendert in "einmal"
  (noch einmal mein Kindergebet mit mir)

  Seite 165:
  "sie" gendert in "Sie"
  (Leben Sie wohl, tausend, tausendmal)

  Seite 175:
  "," eingefgt
  (Strrigkeit seines Kindes betrbte ihn nicht, sie emprte)

  Seite 179:
  "wirkilch" gendert in "wirklich"
  (Sie erinnern sich wirklich ihrer?)

  Seite 190:
  "Mglichtes" gendert in "Mglichstes"
  (in diesem Jahre sein Mglichstes zu thun bereit sei)

  Seite 194:
  "Er" gendert in "Es"
  (Es war ihm zu Sinne als sei er in jenen)

  Seite 198:
  "funfzehn" gendert in "fnfzehn"
  (Die Kleine war wohl kaum fnfzehn Jahr alt)

  Seite 200:
  "schnste" gendert in "schnsten"
  (habe eben die schnsten Tnzerinnen gesehen)

  Seite 202:
  "dunckellokigen" gendert in "dunkellockigen"
  (zu jenem dunkellockigen Burschen mit der Geige)

  Seite 204:
  "Seit" gendert in "Seid"
  (Seid Ihr unter den Musikanten?)

  Seite 208:
  "," hinter "Zigeuner" entfernt
  (mit diesem seltsamen Vlkchen der Zigeuner lebte)

  Seite 209:
  "," hinter "Macht" entfernt
  (wachsende Macht er sich so vergebens wehrte)

  Seite 214:
  "," eingefgt
  (der Gedanke in ihm auf, dies kstlich frische Kind)

  Seite 217:
  "," eingefgt
  (noch ist es Zeit, ich will ihn mit nach Wien nehmen)

  Seite 217:
  "jenen" gendert in "jener"
  (Habt Ihr niemals von jener vielgefeierten Zigeunerin)

  Seite 226:
  "prachen" gendert in "sprachen"
  (und sprachen -- was sie redeten, wuten weder sie selber)

  Seite 232:
  "," eingefgt
  (hatte nur Augen fr sie, schien es aber doch nicht)

  Seite 242:
  "sie" gendert in "Sie"
  (Sie neigte bejahend das Haupt.)

  Seite 243:
  "" eingefgt
  (sag' mir lieber wer Dich so spielen lehrte?)

  Seite 250:
  "Arzte" gendert in "Aerzte"
  (tglich wiederholten die Aerzte ihren Rath)

  Seite 254:
  "zrtichen" gendert in "zrtlichen"
  (Der Graf verrieth die Sorgfalt eines zrtlichen Bruders.)

  Seite 257:
  "erflle" gendert in "erfllte"
  (dessen Licht ihn mit einer zagenden Seligkeit erfllte)

  Seite 259:
  "" eingefgt
  (flsterte Czinka todtenbleich, hrst Du, er spielt)

  Seite 259:
  "," entfernt hinter "anstoende"
  (Mit diesen Worten eilte er in das anstoende Gemach) ]







End of the Project Gutenberg EBook of Neue Novellen, by Elise Polko

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NEUE NOVELLEN ***

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