The Project Gutenberg EBook of Die Kegelschnitte Gottes, by 
Bertha Eckstein-Diener and Sir Galahad and Helen Diner

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Title: Die Kegelschnitte Gottes
       Die Horus-Romane. Erster Roman.

Author: Bertha Eckstein-Diener
        Sir Galahad
        Helen Diner

Release Date: December 1, 2020 [EBook #63927]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KEGELSCHNITTE GOTTES ***




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                        Die Kegelschnitte Gottes




                            Die Horus-Romane
                                  von
                              Sir Galahad


                             Erster Roman:
                        Die Kegelschnitte Gottes


                         Albert Langen, Mnchen
                                  1921




                        Die Kegelschnitte Gottes


                                 Roman
                                  von
                              Sir Galahad

                           1. bis 10. Tausend


                         Albert Langen, Mnchen
                                  1921


                Copyright 1920 by Albert Langen, Munich

          Alle Rechte, einschlielich des bersetzungsrechts,
                     auch fr Ruland, vorbehalten


                            Ein Verzeichnis
                               der frher
                                  von

                              Sir Galahad

                     verfaten und herausgegebenen
                           Werke findet sich
                               am Schlu
                             dieses Buches.






_An das Publikum._ Du fhrst einen Namen und brauchst keinen Beweis
deines Daseins, du findest Glauben und tust keine Zeichen, denselben zu
verdienen. Du erhltst Ehre und hast weder Begriff noch Gefhl davon.
Wir wissen, da es keine Gtzen in der Welt gibt. Ein Mensch bist du
auch nicht; doch mut du ein menschlich Bild sein, das der Aberglaube
vergttert hat. Es fehlt dir nicht an Augen und Ohren, die aber nicht
sehen, nicht hren; und das knstliche Auge, das du machst, das
knstliche Ohr, das du pflanzest, ist gleich den Deinigen blind und
taub, du mut alles wissen und lernst nichts. Du mut alles richten und
verstehst nichts. Du dichtest, hast zu schaffen, bist ber Feld oder
schlfst vielleicht, wenn deine Priester laut rufen und du ihnen mit
Feuer antworten solltest. Dir werden tglich Opfer gebracht, die andre
auf deine Rechnung verzehren, um aus deinen starken Mahlzeiten dein
Leben wahrscheinlich zu machen. So ekel du bist, nimmst du doch mit
allem frlieb, wenn man nur nicht leer vor dir erscheint ... weil du
Zge menschlicher Unwissenheit und Neugierde an deinem Gesichte trgst
... was die Wirkungen deiner Mahlzeiten anbetrifft, so lernte bei einem
hnlichen Gefhl derselben Vespasian zuerst das Glck deines Namens
kennen und soll auf einem Stuhl, der nicht sein Thron war, ausgerufen
haben: _Uti puto, deus fio._

                                                 _Johann Georg Hamann_




                              Erstes Buch


Der reife Schlaf fliet auseinander.

Immer lichter schimmern selige Schichten dem Bewutsein zu. -- Dort oben
kreist, noch wolkig, das Dasein: Grnes und Gezwitscher. Hebt, was
seinen Rand berhrt, herauf in gleitenden Erdentag und geordnetes
Wegeneinander.

Doch auch der zeitlose Abgrund bleibt bestndig -- samtene Nchte tief
unter den Wirbeln --, und hintberstrzend lt sich's nach Willen in
ihn zurcksterben: in lautlose Schwrze.

                   *       *       *       *       *

Nach einem dunklen Klumpen Ewigkeit rtet sich abermals die Zeit an den
gewlbten Lidern. Ein Niederpressen, und wieder ist der ganze Kopf
voller Sterne da; geschlngelte Goldfden dazwischen und Wirbel bunter
Atome.

Doch bananenfarbne Glorie lockt und lockt in die sanfte Geburt des
Erwachens. Etwas steigt auf -- stt durch letzte Schimmerschichten --
ist ein _Ich_ und ruht in einem wunderguten Eck; jedes Glied zum Besten
und ganz still, ja nicht zu stren, was der Muskelgeist im Unbewuten
prchtig geordnet. -- Wonne luft von einem zum andern. Dort um das Ohr
besonders, wo das Kissen eiderdaunig am Hals zergeht, staut sich ein
kleines Privatparadies animalischer Seligkeit. Das Linnen ist eine laue
Wolke ber den Beinen und schwebt. -- Unter ihm schwelen noch alle
Wunder der Nacht: der Ichverlscherin.

Aus lichten Gebrden und dunklen Trieben wirkt sie das Zwiegespinst
allen Erdenglcks: verkte Glieder jenseits von Ich und Du. Die Grenzen
der Krper zergangen, Bltenweiches ineinandergegossen, Muskelwellen und
Tler sich rhythmisch streifend; Duft -- Hauch -- Haar zu einem Frhling
gemischt.

Allmhlich aber in den Reigen blinder Sinne mengt es sich scheu, hei,
sehnschtig auch, wie ein Kind, das andere nicht mitspielen lassen: Das
Schauen will sein Teil:

Horus hat die goldenen Knabenaugen aufgeschlagen. Das Ich und Du fllt
auseinander. Unerbittlich nah, wie es nur Wesen in der Liebe sind, sieht
er das holde Gespiel gleich einem Schleier leicht auf sich ruhen.
Geisterhaft fein gebaut, vorweiblich edel in der Vollkommenheit ihrer
dreizehn Jahre. --

Und er erschauerte ihrer Schne.

Weise menschliche Bruche des Tropenlandes, in denen der Knabe aufwuchs,
hatten sie an den Grenzen der Kindheit zueinander gelegt. So blhten sie
mit dem allmhlichen Zentrieren der Sinne in die Ehe hinein; nach
wonnig-langem Aneinanderhinbeben noch herbverschlossener Lust. Ohne
Eheeinbruch: roh und frech. Horus Elcho lste sich tierweich von dem
Liebesgespiel, hauchte hinknieend die Silberhalme der Schenkel hinauf
zur noch verschlossenen Quelle des Lebens unter dem glatten jungen
Frhlingshgel. Sie duftete nach den zartesten Harzen der Welt. Ein
Falter aus atmendem Brokat, angelockt, lie sich nieder mit gebreiteten
Farben. Entrollte umstndlich eine brnette, haardnne Spirale und
begann starren Auges zu saugen aus diesem ganz unbegreiflichen Kelch.
Dann stieg er lautlos auf in seinen einzigen, groen Lichttag.

Des Knaben Hnde sehnten sich, das schlafende Kindergesicht wie einen
Kelch zum Mund zu fhren, mit den Lippen die befiederten Wimpern zu
heben: dann schnitten sie flgelhaft weit in die Schlfen, und man sah
lebendige Kerne in wunderbar wagrechten Schalen voll flssiger Magie.
Oder es waren klare Bergseen in der Form eines Fisches, leicht gebogen
ruhend, wo aus blulichem Tal der durchsichtige Nasenfelsen
unbegreiflich edel steigt. Und auf einmal warf man alle Bilder weg, um
nur Auge zu fhlen -- nichts als: Auge. Man sah auch, da der Schwung
der Braue verstrmte und eigentlich etwas Unendliches war ... man sah
... man sah; der Segen des Sehens an diesem jungen Liebeskrper war ohne
Ende.

Doch feine Hemmung hielt: nie einen Schlaf zerbrechen -- nie einen Traum
ermorden und Jene vielleicht, die drben in ihm sind.

Er berhrt einen Hebel an der Brstung aus rosigem Granit, die das
Halbrund der offenen Schlafterrasse umluft. Lautlos dreht sich eine
Metallkuppel -- wie der Sektor einer Sternwarte -- schliet den Raum,
auf da die Sonne, der gelbe Tageslwe, nicht ihren Schlaf bespringe,
ruhiges Ausschwingen des Unbewuten in der Elfenschale stre.

Dann steigt er hinab zu den Bderhallen. Nur an der Schwelle hat sich
der Knabe noch einmal sanft zurckgewandt ber seine Schulter, die hart
ist und geschwungen wie eines Falken Fittich.

Torflgel aus lichtem Erz glitten in mchtigen Angeln zurck, und zum
Ausgehen bereit, schritt Horus die Terrasse des sdlichen Parks hinab.
Es war noch frh. Mit schleppenden Schleiern kam zarter Tag herauf, doch
in den Palmen hingen noch streitlustige Sterne: Falmahaud, Sirra,
Antares: der Gegenmars.

Es war die Frhe vor den Morgennebeln und alles blasser Kristall. Da
kamen durch die reine Weite her drei Wesen herangeflogen: Wettlufer.
Strahlengrade Glieder, sprunggestreckt, schienen den Raum nach rckwrts
zu treiben; Wehen war um sie, Gefunkel von Spiel und Frhe. Hellfarbig
die Sarongs, blo ihr Haar, das um der Mittleren Haupt als silbriger
Schleierhelm stand.

Agai -- Sigiria. -- Doch sie flogen winkend weiter. Nur die Luferin
mit dem silbrigen Helm bog ab, Horus entgegen, der sie an der Treppe
auffing. Es war seine Mutter. Er verbeugte sich. Kte ihre Hnde; erst
deren Rcken, dann die Innengeburt jedes Fingers. Linde liefen seine
Lippen die azurnen Aderfden hinauf zum Ellenbogen. Dann lie er
ehrerbietig los -- trat zurck -- Licht im Blick, verneigte sich ein
zweites Mal. Ganz tief.

Stets war es ein kleines Fest, Lady Elcho am Morgen zu treffen, oft
blieb sie bis Mittag unsichtbar: nach spten Stunden in Laboratorium und
Bibliothek, klaren Nchten auf der Sternwarte oder vor der groen Orgel
allein. Erschien sie aber, gehrten alle Stunden ihm, bis der
Mittagdmon mit bleierner Rstung jedes Lebendige in den Schatten
niederdrckt. Dann schweiften beide ber die Tropeninsel, nach Laune den
Trger der Bewegung whlend: vom Rolls-Royce bis zu Rama-Krishna, dem
alten Reitelefanten. War es sehr frh, die Straen blank, schien es dem
Knaben Lust am Volant -- als Herr des Raumes -- Kokosplantagen an sich
vorbei zu peitschen, Blcke blauer Lichtungen: alles, was Zune hat,
Grenze ist, und, sein Schicksal zwischen den Fingerspitzen, vorzustrzen
ins herzzersprengende Nichts. -- Oder sie ritten auf Pferden durch alle
Farben; bergrellt vom phantastischen Grn der Reisfelder: dem
zitternden Smaragd -- durch Kakaopflanzungen, Drfer. Und hier war es
gerade, da Begrenztes wieder, Enges, Einzelnes unermelich werden
konnte: der Brunnenrand, ein lichtes Tier, Paradiesesaugen brauner
Kinder.

Stand aber die Sonne hoch, trug Rama-Krishna sie auf schlingernden
Pneumatiksulen in den Dmmer der Wildernis: Ceylons Reservat. Hoher
Urwald, Freistatt aller Tiere; an Ausma einem deutschen Bundesstaate
gleich und dem Fugnger undurchdringlich wie haushoher Filz.

Flach auf des Elefanten Rcken liegend, um von den Luftwurzeln nicht
herabgefegt zu werden, getrmten Pflanzenozean ber sich, erzhlten sie
einander ihre Trume, und das leiseste Tier, mchtigster Beschtzer
zugleich, drang immer tiefer in das dumpfdunkle Abenteuer -- den
lautlosen Tumult -- berstend vor Leben und duftend nach Brunst und Tod.

War es gar Frhling nach den Monsunen, dann brach wohl Rama-Krishna nach
solchem Ritt aus dem Dschungl hervor, anzuschauen wie einer jener
Elefantenfrsten des Hitopada: dahinstrmend gleich einer
Wetterwolke, schwefelgelb vom Staub der Banjanblten, mit honigfarbnen
Stozhnen, und um den Duft des Brunstsaftes, der ihm aus den
Schlfenhhlen quoll, kreiste ein Schwarm wilder Bienen.

An diesem Morgen aber begab es sich anders. Der Sinn stand ihnen nach
Weite und Ma zugleich, nach beweglichem, mancherlei Mglichkeiten
umspannendem Tun. So flirrten sie auf Rdern in die schnste
Tropenstunde hinein, jene, die beide polare Klarheiten scheidet. Aus
weier Seide war die Welt. Mit hngenden Flatterschlgen strebten
Schwrme fliegender Hunde -- schwer wie Hammel -- den Dickichten zu, um
in hchsten Wipfeln zu zackichten Scken gefaltet, an einer Kralle
aufgehngt, schlafend im Winde zu wehen.

Wallen und Brauen war es einer noch wolkig-flssigen Welt. Wie wenn aus
Gischt und Licht das Lebendige sich eben zeugte. Noch unbegrenzt.
Unverloren. Frh, sanft und ungeheuer. Aus verdunsteten Opalen gebren
sich haarige Schfte. Aus dem Nirgends kommen Luftwurzeln gehangen,
saftgetrnkt: Gelegenheitsorgane des Nichts. Durch niedre Regenbogen
fahren beschweifte Vgel, leuchten auf -- vergehen. Nebelgro treibt ein
Bffelhaupt aus schwarzen Nstern seine Sonderwolken in den goldnen
Dunst.

Und durch alles hindurch, ber alles hinweg: Wissen um die Sonne. Da
sie wirkt, teilt, ordnet, die Luft dnn und schlielich fein werden mu
wie Geist, und da der letzte Rest des Chaos nur mehr als Tau-Franse in
den Wimpern hngen wird.

Sie gleiten hgelab durch steigerndes Licht in weichgewelltes Land. Ein
Streifen Lwenozean zergeht am Horizont. Vom unbndigen Grn bis an den
Straenrand gesplt, klammern sich dort braune Drfer an dem leblosen
Strich fest; verteidigen sich mit xten und Spaten gegen den immer
wieder anschwellenden Wald. Zahme Arbeitselefanten stehen als runzlige
Ballons berall herum, lassen uralte Stmme unter gespannten Rsseln
knacken, schichten sie dann suberlich lotrecht und wagrecht, ganz
allein, mit weisem Wiegen des Hauptes und vielem Flappen der Ohren. Dann
tritt man hinter sich, prft das Werk und reibt unterdes mit lieben
kleinen Verlegenheitsbewegungen ein Hinterbein am andern, wo
zwischendurch das pauvre Schweineschwnzchen tricht hngt. Man ist auch
sonst genau: Schlag zwlf die Mittagspause -- und jeder der groen
Professionisten lt aus schon erhobnem Rssel sein Stck Holz wieder
fallen, alles liegen und stehen lt er, geht einfach weg zum Lunch aus
Reis und Zuckerrohr.

Die Strae herauf wandeln neben grougigen Tieren Mnner aus dem Blut
der Sonne, schmale Frauenakte dazwischen -- in einen einzigen
farbigleuchtenden Schleier geschlagen. Kommen nher -- sind Greisinnen;
das Antlitz verfurcht, eingewelkt die winzigen, weitgespannten
Kinderbrstchen, so zart aber blieben die Lineamente -- oder sind es
Glied gewordene Gebrden? --, da im wechselnden Sonnenstand der
Lebensalter auch letzter, schrger Strahl reinen Kontur zeichnet, das
Wunder geschieht und eine Greisin lieblich ist. ber nackten
Mnnerschultern schwanken an Stangen Messingeimer oder Bananenbschel,
grellgelb und schwer. Wagschalen an diesem hchst edlen Menschenma. Es
scheint das Ma zu sein dieser ganzen in Namen und Gestalten
auseinandergetretenen Welt, die der Brahman als Zauberer aus sich
heraussetzt, wie der Trumer den Traum.

An einer Stelle der Strae biegt der Wandelzug von Mensch und Tier in
eine Kurve aus: Bffelgespanne, Reitelefanten, Rikshaw-kulis,
Bananentrger, alles dmpft den Tritt. Es bildet sich eine stehende
Welle von Rcksicht. Mitten im Weg liegt ein schlafender Hund.

Auf der feuchten Erde schweben viele Geisterspuren bloer Fe;
Zehenfcher mit leichter Ferse, vom unsichtbaren Bogen berspannt. Da
und dort ein Blumenring, den Frauenfesseln abgestreift.

Unbeirrbar flirren die Rder hindurch.

Weie Zebus: Gazellenrinder. Sie springen ab und hin, die helle
Tierstirn in die Arme zu nehmen, den haarigen Stern mit seinen zottigen
Radien zu streicheln -- wie ein lauer Champignon fhlt sich der sanfte
Schnffel an -- sie versinken in herrliche Geschpfaugen. Dann fhren
Seitenpfade wieder leicht bergauf; grasbewachsene Dmme geleiten
zwischen Wasserspiegeln der Reisfelder in das berhangene der Haine.

Quer ber Damm liegt ein alter schwarzer Wasserbffel. Mit ihm
verhandeln ist nicht leicht. Von Argumenten hlt er wenig in seinem
ungeheuren Schdel voll Wut. Doch volle zwanzig Sekunden braucht es,
bevor er selber wei, wie bs er ist. Die beiden ducken sich zu
schnellster Fahrt. Knapp hintereinander sausen sie ber den basaltnen
Rcken weg.

Flohzeug -- -- damisches -- -- damisches -- -- damisches! Solchen Unfug
mit einem ernsten und anstndigen Vieh treiben -- -- ich werd' euch!
Furchtbar steht er auf. Da flitzen schon die zwei blanken Insekten um
eine Biegung ins Nichts.

Wo der Flu im Tal der nephritgrnen Wolke sanft geworden, erwarteten
sie die Fhre. Mit ihnen ein bunter Trupp; der wuchs an hennaroten Zehen
als tiefe Farbeninsel vom Ufer verkehrt ins goldne Wasser hinab. In den
dunklen Spiegel blhte es herunter: aus weiem Lendentuch braunsamtne
Muskelkelche, arisch klare Zge, berzchtet fast, und, feuchter als die
Flut, Augen von der Farbe des Paradieses. Aus Krben zittert es hell,
Mangos, Ananas, safrangelbe Reiskuchen tropfen unten wehend ab ins
Nichts wie Wasser von Riemen.

Ein dnner Afghane hockte abseits. Splitternackt. Fdelte sich seine
Hose ein. Zwanzig Meter war sie weit. Bentzte statt der Nadel gleich
einen jungen Bambusschling, in dessen Spalt das Durchzugsband geklemmt
war. Die Hose selbst lag als gestrandeter Ballon ber die Landschaft
gebreitet. Seine goldne Spitzmtze mit grnen Zauberzeichen auf
Rabenlocken, sa er: ein vazierender Magier im Neglig.

                   *       *       *       *       *

Nun ffnete sich der wartende Kreis den Ankommenden; in ohnegleicher
Anmut. Tamils, Singalesen, Bengali, Rhajputen: es waren die rmsten der
Armen. Die Typen rein, dank der Kastentrennung unvermischt, unverktert.
Standen da in golddunkler Allbegabung und feinstem Wissen um den Eros:
wie der schmale Kopf ber den glatten Haarknoten stieg, der Sarong das
Antilopenhafte zeichnete, eine Spange, ein Nichts an Linie war von
gepflegtester Sinnlichkeit. Und die dankbare Natur achtete im Alter ihre
schlanke Anmut, weil ja auch sie Se und Wert des Daseins zu achten
vermocht. An diesem abgelegenen Kstenstrich des stlichen Reservats
hatten wohl noch die Wenigsten weie Menschen gesehen, oder gar
einherreiten auf glimmernden Skeletten. Doch in unverlierbarer,
blutgewordener Gesittung behielt Jedes die zufllige Stellung des
Augenblicks bei, fhrte in leichten Lauten die Wechselrede weiter,
wandte nicht einmal, ngstlich sich selbst zgelnd, die Augen ab -- ganz
des eigenen Taktes sicher. Keine Gebrde, kein Blick, nur
unaussprechliche Freundlichkeit nahm die Andersartigen auf.

Horus stand neben einem hochgewachsenen Rhajputen. Sonderbar ziehender
Rhythmus, von dem er sich klare Rechenschaft nicht gegeben, hatte ihn
hingeleitet, wiewohl merkbarer Abstand diesen von den brigen schied.

Er war glatt, faltenlos wie Diorit. Breit in den Schultern, aus
schmalsten Lenden wuchs sein Torso zum Dreieck aus dunklem Stein.

Paramahansa nach den Sektenmalen: vier Stcke lachsfarbenen Tuches, das
fnfte um die Schlfen, der Rudrakshabeere am Hals -- das Auge aus Asche
im Herzen der Stirn. Einer, der weder an Feuer, noch Geld, noch irgend
Metall rhrt -- nichts geniet, was aus Arbeit stammt.

Lssig und doch strahlengerad an Haupt und Rcken stand er, das Profil
dem Knaben zugekehrt. Da fhlte Horus, wie der Rhythmus seiner Pulse
sich zu verndern -- anders zu schwingen begann. Wute, es hing an dem
wunderbar langen, doch unhrbaren Atem des andern. Ihm war: Hnde aus
Hauch griffen an sein Herz, stellten es nach einer andern Sternenstunde.
Die Wellenlnge seines Wesens schien sich zu wandeln -- weiter schwang
die Amplitude seines Ich, bis es ri -- die Zeit zerri -- bis es
unbegreiflich stark, wehrlos und geborgen sich ausblhend in ein neues
Ma ergo. Und ein silbern unirdisches Erinnern ward gro in ihm, da es
schon immer so gewesen -- heute -- in der Freiheit des Tiefschlafs, als
sie im Spiegelbilde eines Morgentraumes kindlich und sanft verzerrt
zerging.

Dann begann der lange, wunderschne Atem ihn langsam wieder
zurckzusplen in sein eignes Ma.

Als wre er in eine Froschkehle gestrzt, so zappelnd und klein tickte
das jetzt. Dumpf, kurz. --

Sehr allmhlich schmolz alles ins Gewohnte wieder. Der Rhajpute hatte
sich ihm nun zugekehrt, unfabaren, ortlosen Blicks. Nur das Aschenauge
sah einen Augenblick auf ihn.

Er fhlte: wie eine Flaumfeder herangesogen, hatte er einen Atemzug
lang, solang ein einziger Ein- und Aushauch whrt, an einem Wesen andern
Ranges teilgehabt. Wute zugleich: das blieb. Unverlierbar irgendwie.
Lie ihn stark -- wehrlos und geborgen zurck.

Die Fhre legte an. Trug die Wartenden ans andre Ufer. Der Rhajpute aber
ging zurck ins Tal der nephritgrnen Wolke, ohne sich umzusehen.

                   *       *       *       *       *

Auf grasiger, leicht abfallender Hhe, unter dem breiten
Tempelbltenbaum -- vor Weite und Meer -- sprang ein Sonnenrausch sie
an. Betubung, Bezauberung des Lichts. Lachend fielen sie einander in
die Arme. Begannen zu ringen; geballt, verschlungen, aufschnellend und
gespannt. Ein Umeinandergleiten wie von Echsen, Aufgebumtes und
Kauerndes auch, Raubzeug im Ansprung: gepflegte Kunst japanischer
Samurais. Es endete wie immer: bis hart an den Sieg lie der so viel
Strkere die Gegnerin kommen, glitt, fast am Boden schon, mit stets
erneuten Varianten unter ihr durch, hob die Leichte auf, gab ihr einen
Ku -- warf sie dann auf beide Schultern weit ins Gras.

Vor wenig Jahren noch, auf einer Reise in Japan, als sie auf dicken
Kokosmatten bei dem gelben Lehrer Griff und Gegengriff gebt, wute er
es anders. Dann eine Periode des Gleichgewichts -- und jetzt! Ruchlos
war der Siegestanz. Eine Schnur greiser Papageien, aus ihren
Betrachtungen aufgestbert und auerdem in der Mauser, traten vor Ekel
von Bein zu Bein. Mibilligten alles ber Hornbrillen herab, schimpften
mit dicken Zungen in einer uralten heiligen Gaunersprache. Flatterten
schlielich fluchend davon.

Horus warf sich neben seine Mutter in den Schatten des Riesenbaumes.
Sanfte Rhrung dessen, der vom Beschtzten zum Beschtzer wird, allein
durch die Magie der Zeit, griff an sein Herz.

Unheimlicher, verborgener ist nichts, als dies gespenstige Kontinuum,
wenn es den Schwerpunkt unmerklich vom Schpfer hinbersplt in das
Geschaffene. Von der Gebrerin in das Geborene. Zu geisterhaftem,
unzerreibarem System sie schlieend, in dem das eine schwillt, steigt,
strahlend wird, indes das andre langsam scheidend sich verdunkelt und
schlielich, ganz erloschen, nur mehr von reflektiertem Leben
nachglnzt. War der Tag auch nur zu denken, da er in anderm noch, als
bloem Muskelspiel: als Persnlichkeit, der Mchtigere bliebe?

Sie hatten von je eine Art stiller bereinkunft geschlossen, den groen
Unterschied, den Leben und ungemeines Schicksal der lteren schuf,
diesen ganzen Fond unendlich berlegenen Wissens und Verstehens, in der
Regel beiseite zu setzen. Den Knaben gleichsam mit Vorgabe spielen zu
lassen. Er wute es wohl, war sich's aber nicht immer bewut. Doch kurze
Trennung -- noch so kleiner Anla -- Umkehr des Gewohnten, und wieder
wirkte der ergreifende Zauber dieser wissenden Gte auf ihn wie ein
Schauer von Glck.

Als er vorhin die berwundne von der Erde abgelst, die Schleierschlanke
ber sich gehalten, das war ein Grenzenloses gewesen, einen Herzschlag
lang. Jubelnd -- trstend:

Du bist ja in mir. Und aus meinem Blut will ich dich weitergeben, und
im Fernsten, wo die Lebenskette in Unfabares mndet, soll noch dein
liebes Wesen sein.

In der Stille sang das Licht. Schmeichelte zwischen den weien
Tempelblten herab auf Schulter und Haar: ein heies Hndchen am Ende
des weltenlangen Strahls. Er htte das Hndchen nehmen und kssen mgen.
In ihm war das dumpfe goldne Bienensummen des Glcks. Auf seinen nackten
Armen schwankten schwerelose Bltterschatten: schwimmende Gespenster von
Edelsteinen, unirdische Opale aus Aladins Fruchtschalen, und an ihrem
Aberglanz schien sein eigner Leib durchleuchtend wie belebter Beryll.

Riesige Varane zickzackten umher: bekrnte Drachenprinzen,
Neurastheniker. Erschraken malos, standen still, steifen Hauptes, und
whrend die Pigmentporen sich langsam ffneten, bis alle
Regenbogenfarben ihrer Krper vor lauter Feigheit zu Erdbraun verebbt
waren, tickten die butterweichen Kehlen wie die Unruhe in der Uhr. --
Geraume Zeit verstrich. Da sagte er, ohne sich zu rhren:

Heut nacht hat sich ein groer Falke wirklich reizend gegen mich
benommen.

-- -- ? -- --

Er sah zu, wie ich mit einer Quadriga von Kolibris ber unsrem
Golfplatz aufzukreuzen versuchte, und bewies mir mit Hilfe kolossaler
Differentialgleichungen, wie wenig Sinn das htte. Er selbst aber sei
gern bereit, mich mitzunehmen. Nur, vorher -- darauf msse er bestehen
-- sei ein Probeflug ntig. Womglich auf einem Eisvogel.

Ein vermietbarer Eisvogel war sofort zur Stelle. Dort, wo das
Trkisblaue ist, legte ich mich auf die Flgel. Er scho schrg herab,
ritzte den Weiher dann so steil an Bethelranken vorbei zu
Arekapalmenhhe, da mir das Licht ins Herz schnitt. Der Falke
kommandierte. Das Weibchen des Eisvogels sa neben ihm, und
zwischendurch erklrte er ihr das Ganze.

Aber es gibt Sie doch gar nicht hier, fuhr ich pltzlich mein Flugzeug
an; Eisvgel auf Ceylon!

Es war ein dummer Wortwitz, aber er schien sichtlich betreten. Ich
lenkte ein:

Aber von mir aus knnen Sie ruhig hier vorkommen.

Er murmelte etwas von verdammter Ornithologie, versuchte es aber
englisch auszusprechen, verwickelte sich rastlos im Akzent, wurde immer
bser und schlielich so voll Trotz, da er schwebend die Erde unter
sich durchrotieren lie, um an sein korrektes Vorkommen zu gelangen.
Dreimal verpate er es, als es unter ihm durchsauste. Das wurde dem
Falken zu dumm, und er nahm mich zu sich herber. Es war ein
braunseidner Falke, wie er auf unsren chinesischen Holzschnitten in
Rhododendronwipfeln spitzgefiedert steht.

Von dort schweifte er mit mir auf. Wie ich so gebreitet lag im staubigen
Zimtduft der groen Federn, schlossen sich meine Schultern genau dem
Schwung seiner Flgel an. Meine Arme begrenzten sie als lichte Sume. In
den gespreizten Federfingern war eine schwingende Kraft. Ich trug mich
selbst durch die anstrmende Blue. Auch im Herzen war ich ihm und in
den goldnen Augen. Nur die Gedanken blieben mein. Ich geno den Raum wie
eine Symphonie der Richtungen. Leer von Dingen, mit nichts als diesem
unirdischen thersturm unter den Flgeln, lie ich mich in einer
wundervollen Kurve, die der Wille meines Blutes schrieb, in den oberen
Lichttrichter hinaufsinken. Den Sonnenkern im Auge.

Was mir dort geschah, war so schn, da ich es nicht mehr wei.

Mir ist nur, als wre die Spitze meines Herzens leuchtend geworden und
mit ihm die Adern an meinem Haupt. Und von der hundertundersten Ader
ging ein Strahl hinaus -- bis in den Herzkern der Welt, um den alle
Strme und Wirbel treiben. Nach zeitlosen Wonnen kam ich mir zurck aus
Ader und Strahl. Lag wieder als Krper in braunseidenen Schwingen und
sagte schwer von Abschied:

Pardon, ich mu jetzt aufwachen.

Schade, meinte der Falke, -- recht schade. Ich dachte, wir wollten im
Westen landen, aber -- er schien nachdenklich -- vielleicht wre es
Ihrer Mutter nicht recht gewesen.

Ich wollte verneinen -- ihn zum Weiterfliegen bewegen: da flo der reife
Schlaf auseinander.

Nicht recht gewesen. Sachte belustigt horchte er den Traumworten nach.
War doch, so lange er denken konnte, jedes Schne, jedes Geschenk seiner
Mutter fr ihn aus eben diesem geheimnisvollen Westen, ber den
Lwenozean, hergekommen.

Nur Gargi nicht: sein Liebesgespiel.

[Lebendiges nie.]

Aber all die glitzernden Zwitter aus Zweck und Zahl: Rder --
Rolls-Royce -- Jacht, jedes wieder bedient von einem Stab wundervoller
Werkzeuge. Durch das ganze Haus pulste dann Jubel; Erasmus van Roy
verlie Bcher und Instrumente, er und der japanische Monteur des Hauses
begannen zu zerlegen, zu erklren, bis der junge Besitzer den neuen
Ankmmling wie seinen Leib beherrschte, im Gleiten der Achsen war wie in
sich selbst: Lenker und in Wahrheit Herr.

Quer durch das Bilderspiel ging eine Stimme, sehr gepflegt, leicht
gebrochen:

Wrt ihr weitergeflogen, wir htten uns im Westen treffen knnen: Bei
Tag wirft man mich zwar ins Gras; heut nacht aber hab' ich im grten
Zirkus Londons einen Elefanten im Diu-Diuzu besiegt. Schon bei der
Ankunft in Charing-cro war alles voll Plakate. Peinlichst berhrt, sah
ich an allen Wnden, in berlebensgre den Elefanten und mich -- mich
und den Elefanten. Buchmacher liefen umher. Legten Wetten. Ich floh in
ein geschlossenes Cab. Sauste ganz drauen immer rund um London herum in
der Hoffnung, sie fnden mich nicht. Sie fanden mich aber. Kein Struben
half.

Schwarz war alles vor Menschen, und inmitten der Arena stand schon der
Elefant und krempelte sich die rmel auf. -- Es begann wie der XXII.
Gesang der Ilias: Achilleus und Hektor. Doch wie ich das drittemal um
den Zirkus lief, kam mir der groe Drachengriff wieder, von dem doch
Jamagata uns immer zu sagen pflegte: _And then you finish your man_ --
dann beenden Sie Ihren Mann. Nun, ich beendete meinen verblfften
Elefanten. Packte seinen Rssel und schlo ihn im groen Drachengriff
wie in einem Schraubstock fest. Fhrte ihn gebndigt dreimal um die
Arena unter dem Jubel der zehntausend entzckten Zuschauer.

Auf einmal fhlte Horus sich von rckwrts sanft umarmt -- hochgezogen
und pltzlich im groen Drachengriff zu seinem Rade geleitet.

Erheitert fuhren sie heimwrts.

                   *       *       *       *       *

Das Haus der Elchos war von kstlicher Gltte.

Zwischen diesen Menschen, ihrem Wohnen, allen Dingen, die sie berhrten,
war jene adlig verwandte Lauterkeit, Reine und Noblesse, die _aus der
Knappheit aller Begrenzungslinien ersteht_.

Wie sie selbst in jeder Gebrde stets die eleganteste Lsung der
Gleichung Mensch darzustellen nicht mde wurden, so mute auch der
bescheidenste Gegenstand, der hier geduldet wurde, restlose Lsung
seines Sinns verkrpern -- bis in die letzte Linie hinein.

Neue Formen waren lediglich neuen Bedrfnissen entsprungen, wie die
Kurve des Trgriffs nachgegossen dem Druck der Hand.

Dieses Heim enthielt keinen llichen Gegenstand. Jeder unerlliche
aber hatte den Charme gewachsener, doch nicht _unmittelbar_ gewachsener
Dinge: als htte die Natur dies alles durch das Medium eines Lieblings
schaffen lassen wollen, der aus reineren Gesetzen schpft als sie. Das
Ding aus Zweck -- Zahl -- letzter Geisteszucht, hier berhrte es sich
wieder, ein Lebendiges hherer Ordnung, mit dem Organischen, das gleich
ihm nie _gewollt_, nur _geworden_ wirkt.

In diesem Heim gab es kein Kompromi. Jedes Problem mute restlos, wenn
auch einmalig und hchst persnlich gelst werden. Sonst vlliger
Verzicht. Und alles ward hier wieder zum Problem, denn jede Frage wurde
neu gestellt.

Von den Fundamenten auf.

Schon in der beglckend reinen Kurve, mit der fugenlos die Wnde aus der
Decke in den Marmorboden bergingen, der nachzugleiten pausenlose
krperliche Wonne schuf.

Jeder Raum, geschlossen durch die Synthesis von Einordnung und
Eigenleben der Dinge, wirkte als ein Monolith. Kein Gegenstand griff,
optisch zudringlich, hinber in das Gebiet der Bewohner, und die
Reizflle, die Anmut, mit der das Leblose im Dienen ganz sich darbot,
verlieh ihm etwas Genienhaftes, wie aus Mrchen her. Dinge, die ihren
Herrn erraten -- weiser sich benehmen, als er in seinem Alltag,
sind sie doch Geisteskinder seiner hchsten Stunde; aus
Phantastisch-Schpferischem und dem Regulativ technischer Klarheit in
wgendem Gefhl ans Licht getrieben. Wissen um die Struktur, um das
Geheim- und Kristalleben der Materie; Marmorderung, Holzflader, Reflex
oder Biegsamkeit der Erze und Erden: dieser Komplex von
Geist-Zucht-Wissen-Knnen ...; die Gleichung all dieses: ein Torsturz --
eine Fensterbank -- ein Leuchtkrper.

Etwas vom Stil der Atriden.

Von der mchtigen bronzenen Milde Chinas auch.

Doch wiedergekehrt aus den Jahrtausenden in Abgeschliffenheit,
Vertiefung, Beseeltheit und Przision. Wie hindurchgegangen durch das
Wesen der Newton, Lagrange, Helmholtz und Poncelet. Wiedergeboren aus
einem hchst geistigen ther: aus der gleichen Mhsal, Tapferkeit und
Kraft, die den Bug einer Jacht, Kurve des Klvers, der Wanten, einer
Helice -- Nieten am Dampfkessel -- Drill des Rohres herausgeschliffen
aus dem Amorphen.

hnlich all diesem. Artverwandt. Mit dem _geschwisterlichen Zug jener
Elite der Dinge, deren Mutter die Echtheit ist_.

Atridenstil an Gltte, Fugenlosigkeit und Gre. Ihm unendlich berlegen
an Problemstellung -- Lsung -- Erfllung -- auch an spter Einfachheit,
die letzte Verwhntheit ist.

                   *       *       *       *       *

Horus geno diesen idealen Wohnleib und die Continuitt seiner Stimmung
von je wie das vertraute Gefge eigner Glieder: natrlich und leicht
erregt zugleich. Doch schien ihm vollkommene Gestaltung eines Wohnleibes
zu den von selbst verstndlichen Formen abendlndischer Lebenshaltung zu
gehren. In Struktur und Bestandteilen zum mindesten ebenso
herbergesandt vom Genius der weien Rasse wie reine Typen edler
Mechanik: Werkzeug, Maschine, Instrument.

Der Bau. -- Immer wieder war das Wort aufgestiegen dort im ganz
Frhen, wo das Ich noch nicht recht zusammenhngt. Kein lckenloses
Geschehen bleibt. Immer nur einzelnes aus dem Vagen ragt: eine rosa
Torte -- ein Klang, gro wie die Welt -- das Gesicht der Katze als
furchtbarer Magnet.

Zwischendurch aber war immer das Wort Bau gewesen. Im Bungalow Tische,
auf Reibretter gespannt knisternde Bgen, gro wie Leinentcher, Mama
mit wunderbar eckig-graden Gerten dran herabstreifend. Lrm, Leute,
Lasten. Zu Wagen, zu Schiff. Dann geht man fort aus dem Bungalow in ein
Groes, Lichtes, Liebes. Der Bau, was immer er gewesen sein mag, ist
pltzlich weg, das Wort erloschen. Erst viel spter wei man langsam
irgendwie, das Groe, Lichte, Liebe sei eben der verschwundene Bau.

Vieles kam wohl erst spter hinzu. Hing mit gnstigen Kopra- und
Teeernten, oder steigendem Ertrag der Graphitminen zusammen: so der
Riesenrefraktor fr Erasmus van Roy, das Laboratorium, der
Instrumentensaal. Vielleicht waren noch Rume unvollendet. Er kannte
nicht alle, hatte viele freiwillig nie betreten, wie manche Gemcher der
Meditation. Denn jedem Bewohner des Hauses, auch ihm, auch Gargi seinem
Liebesgespiel, war, stlicher Sitte gem, ein Raum zu eigen, den
niemand als nur er betrat. Mit seinen Strahlen ganz erfllt, lebendig
von dem Fluidum seiner tiefsten Stunde: dem kef des Orientalen.

Die Gemcher der Meditation hatten weder Schlo noch Riegel.

                   *       *       *       *       *

Hoher Mittag. Nach seinem solitren indischen Lunch schritt Horus durch
die Bibliothek. Der mannigfache Raum ging ber in Terrassen aus
durchscheinendem Onyx. Auf ihnen breitete Weiches sich rundum hin -- vor
Luft und Meer -- bereit, ein Buch im Niedergleiten aufzufangen, denn:
der diesen Raum ersonnen, hatte wohl gewut: im Freien liest man nicht,
man hebt ein Schnes aus dem Buch und trumt ihm nach, bis es im Blauen
gro wird und zergeht.

Luftmde kehrte er in den Zentralraum zurck, der von Bchern ganz
umgrenzt war. Schrg flo aus hochgelegenem breiten Fenster das Goldne
nieder; lie die gestuften Tafeln der ungeheuren Mahagonitische
aufduften wie Tiefland. Es leuchtete von Geist und Stille. Ihn aber zog
es zu ganz beschatteter Versunkenheit. Aus dem Niedren tat es sich auf
wie Grotten: taube Alkoven, wo tief in Pfhlen die Krper ausgelscht
sind und die Gedanken sich befruchten, indes ein klar und zartes Licht
als Hochzeitsfackel leuchtet.

Ein kultivierter Europer htte gar bald in dieser erlesenen Bibliothek
etwas hchst Sonderbares entdeckt und in wachsender Betroffenheit die
hartnckige, ja manische Konsequenz seiner Durchfhrung bestaunt.
Lckenlos stand als seelisches Riesenwerk das Ethos Asiens da. Wie es,
hochaufgerichtet in den lebendigen Krpern seiner Rassen, noch in die
Gebrde seines letzten rmsten Sohnes ein Unbeschreibliches an weiser
Anmut giet.

Da waren die Veden, Upanishaden, Bhagavad-Gita, Gajatri und Upnekhad.
Auch die Sutras mit dem Kama-Sutra. Die sieben groen Philosophensysteme
Indiens, gekrnt mit dem Vedanta, verstrmend im Buddhismus. Chinas
Religion des guten Brgers: das Wu-king Con-fu-tses. Lao-Tsu, das Buch
vom quellenden Urgrund, die unvergleichliche chinesische Lyrik. berdies
fast der gesamte Formen- und Geistesinhalt gyptens, Kretas, Babylons,
Persiens.

Auch Europas?

Hier begann das Sonderbare. Whrend die Groen im Reich der
Naturwissenschaften in Originalen und einer Vollstndigkeit, die jener
des Britischen Museums wenig nachgab, vertreten waren; whrend Neues und
Neuestes unaufhrlich in Fachschriften zustrmte, enthielt dieser
offenbar tiefdurchdachte Geisterbau keine Zeile, aus der auf Geschichte,
Religion, soziale Zustnde Europas htte geschlossen werden knnen: auf
Sexualbruche, Sitten, Jus. Die Unnaturwissenschaften fehlten gnzlich.

Die Existenz des Christentums war ignoriert und aus den groen
Philosophen jene Teile ausgeschieden, die es -- wenn auch in
antithetischer Form -- streiften. Auch das meiste aus den Werken der
Dichter entfiel: Faust, die historische Mordfolge Shakespeares; nur wo
Oberon Herrscher, Ariel Diener, Bhmen eine Insel war, das blieb. Es
blieben auch Schillers sthetische Schriften, Lessings Laokoon, denn
hier wurde Zeitlich-Gegenstndliches durch divine Behandlung aus
passagerer Umwelt ins Durchscheinend-Verklrte gehoben.

Auch das Seste des Minnesanges blieb, als dem Weltwesen der Liebe
zugehrig. Auer Globen, Stern- und Weltatlanten gab es auch
Spezialkarten Europas: Geographie, geologischen Aufbau, Stdte, Kanal-
und Eisenbahnnetz erluternd. Da aber jegliche Historie fehlte, konnten
die abgegrenzten Flecke: England, Deutschland, Frankreich, Spanien,
ebensogut die vereinigten Republiken von Europa, die Provinzen des
Gromoguls der Schweiz: Frsprech Brstli, als den Aktienbesitz eines
Wallstreettrusts bedeuten.

In die Bibliothek mndete der Orgelsaal, mit Flgel und
Streichinstrumenten, enthielt auch die Musikliteratur, mit Ausnahme
jener Opernauszge, deren Text in die gechtete Zone ragte.

Bildhafte Darstellungen hrten mit dem gyptisch-Griechischen auf. Auch
in der Baukunst. Das Letzte: der Parthenon. Aus smtlichen europischen
Bchern waren die Portrts ihrer Verfasser sorgfltig entfernt.

Erwuchs hier ein begabtes junges Wesen, so war ihm eine Umwelt bereitet
aus europischer Wissenschaft, Technik und Musik, Asiens mystischem
Ethos und allen freien, daher gepflegten Liebesformen des Gesamtorients
als Morgengabe.

                   *       *       *       *       *

Tief in seinen Bcherschluf geschmiegt, rosenquarzgedmpftes Licht zu
Hupten, griff Horus nach einem Band Pascal. Er war seltsam erregt
heute. Alle Nerven lagen wehend wie in einem flssigen Medium, das
hinstrebte nach zwei Polen: dem Traum und dem Rhajputen. Wollte sich
sammeln, beruhigen, oder falls das milang, die Erregung, wie oft schon,
zu einem Stachel machen, ihn ins Geistige zu treiben -- dorthin, wo die
groen Zusammenhnge waren in dieser ganzen rtselhaften Raum-Zeit-Welt,
zu denen ihn seit frher Kindheit heilige Gier immer wieder unter
Schauern trieb.

Erinnerte sich dabei eines Ausspruchs, den Erasmus unlngst halb im
Scherz getan:

Die meisten Menschen bleiben dumm, weil sie feig, nicht weil sie
unintelligent sind; es fehlt ihnen einfach der Mut, so lange zu denken,
bis es weh tut! Doch dort kommen erst die Einblicke und Ausblicke.

Seine Jugend war der Rude des Alltags fast ganz entrckt.

All den elenden Kterleiden, die in den schmierigen Augenblick
herabzerren von einer Spanne zur andern. So blieb seine Seele feinhutig
und wach fr die fruchtbare Qual der groen Fragen aller Kreatur, die
ins Ewige ziehen. Denn nur zwei Wege tiefster Erschtterung gibt es, auf
da der Mensch auer sich gerate und ber sich hinaus: den Weg der Qual
und den Weg der Freude. Qual aber ist, je nach der sensitiven Stufe des
Gequlten: fr einen Heloten auch hundert Peitschenhiebe am eigenen Leib
noch kaum, -- fr Gotama Buddha war schon ferne Ahnung, da es auf Erden
etwas wie Alter und Siechtum gbe, Leids genug und erschtterte ihn in
die Vollendung hinein.

Horus hatte lngst -- nicht nur aus van Roys Worten -- auch traumhaft
erahnt: das Wesen aller Dinge sei die Zahl.

Wenn dann aus dem dreifachen Reich der Natur das Mannigfaltige
hervorbrach, ihm die Sinne sprengen wollte, trat er zurck in die reinen
Raumgebilde des Geistes: Schemata alles Erschaffenen und alles
Erschaffbaren. Vor denen -- wie ihn gelehrt worden war -- der pauvre
Klumpen dieses Kosmos ganz ohne Importanz wird, versinkt, sind sie doch
tiefer und weiter als er. Denn die Gesetze der Mathematik gelten fr
jede mgliche Natur, fr alle physikalischen Universen, die Riemann
smtlich vorausberechnet hat, und von denen das Eine -- Unsre, nichts
als ein Spezialfall ist. Nicht aber gelten die Gesetze der Physik fr
Gegenden der Mathematik, denn: wo immer in der Natur eine _bestimmte_
Zahl erscheint, gleichsam als _Ursaite_ angeschlagen wird, da mu auch
der gleiche Ton erklingen, mu gleiche Farbe, Gestalt und chemisches
Geschehen sie begleiten. Die Zahlen und ihre Beziehungen sind Traversen
der Welt, jenseits der Erscheinungen; wer in ihnen, ist in
geheimnisvoller Weise auch im Baumeister aller Welten. Und van Roys
Worte kamen ihm wieder:

Was sind die kindischen und klglichen Wunder aller Religionen,
verglichen mit dem einen mathematischen Wunder der harmonischen
Teilung, in Geometrie und Natur: dies Zueinanderstehen von Zahlen, aus
dem die Proportionen der Musik und die Kegelschnitte sich gleicherweise
erzeugen. -- Das geisterhafte Schema, nach dem die Welt klingt und die
Gestirne sich bewegen.

Wo sonst ist ein Erahnen so herzerschtternd groartig fr das
Hereinragen eines Auerweltlichen -- geheimnisvoll Ordnenden. Wer da
innen ist, durch den gehen die Fden der erschaffenden Gesetze, der
hngt gleichsam im ewigen Fadenkreuz und rhrt an Grenzen des
Unzerstrbaren.

Da war es dem Knaben Horus oft, als ob ganz groe Gedanken, die im
Unvergnglichen dahinwehen, auen am Rand seines Erfassens
vorberstrichen, knapp an der dunklen Monade vorbei. Nur ein Weniges
noch an sehnender Kraft, und er msse ihrer mchtig werden, sie
hereinziehen in das passagere Ich. Doch dies Vorberstreichen schon
rhrte mit einem klar und magischen Glck an sein gropochendes Herz.

Da er gerade heute Pascal zur Hand genommen? Vielleicht um des Wunders
willen, da dieser -- ein Kind von sechs Jahren -- mit einem Stbchen im
Sande spielend, die ganze Euklidische Geometrie aus sich entwickelt
hatte. Mit winziger Kinderfaust dies Wissen von zwei Jahrtausenden
erspielte, wie andre Steinchen halten. Horus schlug jene weltberhmte
Abhandlung auf, von dem Halbwchsigen -- kaum lter, als er selbst jetzt
war -- der Akademie von Paris berreicht. Und er begann zu lesen:

ber die Kegelschnitte.

Doch die leuchtende Geometrie, der therische Glanzraum Pascals, schien
ihm heute in eisige Phantastik seherhaft entrckt. Wo war in dieser
Kristallwelt Durchdringung mit dem Warmen, das in ihm schlug: ein
Vogelherz in harter Hand? Er lie den Band sinken, blickte auf. Am
andern Ende des Raumes war eine einfache Gestalt. Unnachahmliche
Bescheidenheit lag als stiller Ring um sie.

Ein irgend Etwas an Haupt und Haltung lie Horus fhlen, er stre nicht.
Sei erwartet und willkommen. Drben dann, in den weiten _easy-chair_
hineingeschmiegt neben den alten Freund, erkannte er, da dieser nicht,
wie er zuerst geglaubt, ein Buch, sondern ein aufgeschlagenes Manuskript
in den Hnden hielt. Und Horus las:

Die Hyperbel hat mir von jeher etwas Gespenstiges gehabt, ohne da ich
mir einen Grund davon anzugeben wute. Ich fand ihn indes nachher in
einer symbolischen Beziehung, die sich ihr unterlegen lt, und ich bin
berzeugt, da alle, die sich unterlegen lassen, in dem hnlichen
Charakter zusammentreffen. Man mu sie aber gleich in bezug auf die
brigen Linien betrachten.

_Der Kreis symbolisiert mir die Eigenliebe_: den Egoismus.

_Die Ellipse das Ideal der Liebesfreundschaft._

_Die Parabel das der Liebe gegen das Unendliche, Gttliche._

_Die Hyperbel das Ideal des bittersten Hasses._

Der Brennpunkt in jeder der angefhrten Linien stelle eine Seele vor;
die Strahlen, die von da nach dem Umkreis gehen, die Bestrebungen dieser
Seele, wiefern sie nach auen (durch Handlungen) wirksam sind, und die
Richtung der zurckgebrochenen Strahlen den Zweck, zu welchem die
Bestrebungen auf das uere gingen. -- Ich kann z. B. nach auen
handeln, teils um meinetwillen, teils um eines andern willen. Wenn die
Strahlen also, die von dem Brennpunkt ausgehen, die aktiven Bestrebungen
der Seele vorstellen, so mssen umgekehrt -- wenn wir das Symbol treu
verfolgen wollen -- die Strahlen, die von der Peripherie in den
Brennpunkt fallen, die Gefhle und Empfindungen vorstellen, welche die
Seele passiv von auen in sich aufnimmt. Wird daher ein Strahl, der von
einem Brennpunkt an die Peripherie fiel, in einen andern Brennpunkt
zurckgebrochen, so sind des letzteren Gefhle -- nach dem Symbol --
durch Bestrebungen oder Handlungen des ersten Brennpunktes veranlat
worden.

_Der absolute Egoist_ handelt nur um seinetwillen. Er lt nur Strahlen
gegen die Peripherie ausgehen, damit angemessne Gefhle in _seine_ Seele
durch die Rckwirkung kommen; er ist ganz in sich abgeschlossen. Was er
auch tun mag, davon hat nichts auf eine Seele auer ihm Bezug. Der
Strahl, der aus dem Mittelpunkt des Kreises kommt, wird ewig wieder in
ihn zurckgebrochen.

Die _Ellipse_ lt sich als ein Kreis mit in zwei Brennpunkten
auseinandergetretenen Mittelpunkten betrachten.

Eine Seele hat sich in zwei gespalten, und beide existieren nur mit- und
durcheinander; jeder ist die Seele eines Freundes; jede wirkt nur, um in
der andern angemessene Gefhle und Empfindungen zu erregen, denn welcher
Strahl auch von dem einen Brennpunkt an die uere Peripherie fllt, der
nimmt seine Richtung nach dem andern Brennpunkt zu. Was der eine nur
denkt und hat, das giet er in des andern Seele aus. Um die Auenwelt
bekmmern sich beide nur, insofern sie mittelst ihrer in bezug
aufeinander wirken knnen; beider Gefhle ergnzen einander stets: _alle
gebrochenen Ellipsenradien sind gleich der groen Achse_, die beide
Brennpunkt-Seelen zunchst verbindet. _Sie knnen jede einzeln nichts
denken, nichts fhlen, was nicht mit des andern Gefhlen und
Bestrebungen zusammenstimmte, da es dieses Band darstellte_: das Ideal
der Liebesfreundschaft hat viel schnere Symbole -- wohl kaum ein
wahreres.

Nehmt die _Hyperbel_: beide Liebende sind durch einen ungeheuren Ha
gespalten worden! Der eine hat sich von dem andern abgekehrt, _jeder
reit seinen Brennpunkt heraus_, hlt ihn fr sich fest und mag mit dem
andern nichts zu schaffen haben. Sie fliehen sich in Ewigkeit -- Nein,
_sie sind noch aneinander gebunden_, aber durch die Bande des
feindseligsten Hasses. Ihre Gesinnungen beben divergierend vor einander
zurck bis ins Unendliche, aber doch bleiben sie hadernd einander
gegenberstehen, und da jedes Gedanken nur von des andern Seele
zurckfahren, sieht man daraus, da die Divergenz der Strahlen ihr
Zentrum in dem gegenberliegenden Brennpunkt findet. -- _Was in der
Ellipse das Band war: die groe Achse ist in der Hyperbel in den
Gegensatz bergegangen, und alle Strahlen, die von einem Brennpunkt in
den andern fallen knnten, sind sich nur in der Differenz gleich._

_Die Parabel_ ist ein erhabenes Symbol der _Liebe zu einem Ideal, zum
bersinnlichen, zu jedem Groen und Schnen, was nur in der
Unendlichkeit erreichbar, der Seele vorschwebt: alle Strahlen, die der
Brennpunkt der Parabel aussendet, laufen in gleichfrmiger Richtung nach
dem andern Brennpunkt, der in der Unendlichkeit liegt_; alle
Bestrebungen und Gedanken sind nur _dahin_ gerichtet. _Umgekehrt kann
kein Strahl in die Seele fallen, der nicht vom Unendlichen ausgegangen
wre._ Alle Gefhle beziehen sich auf dieses.

                   *       *       *       *       *

Eine Liebe zum _absolut Infernalischen_ -- etwa im Gegensatz zur
Parabel, dem absolut Idealen gibt es nicht: _ja, das Symbol fr sie ist
sogar unmglich_! (y = [sqrt](-px)) Es mte eine Parabel sein, die
sich vom Brennpunkt, der in der Unendlichkeit lge, abkehrte und seinem
Gegensatz zueilte, aber die Mathematik zeigt, da es ein solches Symbol
gar nicht geben kann.

_Noch Schlimmeres als der absolute Egoismus_ ist also, soweit unsre
Denkformen reichen, nicht vorstellbar. Er und sein Symbol: der Kreis,
bilden den geometrisch grten Gegensatz zur Parabel, den der Geist zu
bilden vermag.

Wie die Selbstliebe alles auf sich zurckbezieht, so ist alles, was die
Parabel tut, ohne allen Bezug auf sich, _denn der Strahl hat erst in die
Unendlichkeit zu laufen, ehe er zum Brennpunkt wiederkehren kann_; daher
ist die Parabel zugleich das Symbol der Tugend, welche nur dadurch, da
sie fr das All gewirkt hat, fr sich und auf sich zurckwirken will,
und das Symbol der Tugend fllt mit dem Symbol der Liebe gegen das
Unendliche zusammen.

Denkt man sich einen unendlich groen Kreis, der das All befat, so ist
-- wie sich Extreme stets berhren und im Unendlich-Groen all unsre
Symbole ineinander laufen -- _dieser_ Kreis zugleich das Symbol des
absoluten Egoismus und der absolutesten Liebe gegen andre: _ein
Gttliches als Mittelpunkt des Allkreises kann sich nur selbst lieben,
insofern auer ihm nichts ist_, denn die Peripherie: die Welt gehrt ihm
wesentlich _als Krper zu_. Aber indem er sich selbst liebt, liebt er
zugleich alles, was es gibt. Die Liebe gegen seine Geschpfe ist ihm
Selbsterhaltungstrieb und er mag nur sich erhalten, indem er alle seine
Geschpfe: Teile des unendlichen Krpers, erhlt.

Das Manuskript brach ab.

La es mir, bat Horus, und da er des andern Zgern fhlte: es ist
wohl sehr kostbar, -- dann dringender: Nur fr kurze Zeit; nur das
ber die Parabel.

In ihn brauste der Traum zurck und das Traumlicht in jede Ader seines
Hauptes, doch das war nur wie leichtes Zerrbild und heller Hauch,
herausgeatmet aus dem reinen Mund des Hochschlafs. Nun flo es zusammen
mit der Klarheit, in der sein Herz schwamm, als es der Rhajpute einen
Pulsschlag lang nach einer andern Sternenstunde eingestellt.

Was jenseits jedes Wortes, jeder menschlichen Verstndigung geschienen,
kam nun aus gespenstigen Tiefen, als geisterhafte Beziehung reiner
Lineargebilde zurck. Das ranzige Wort Symbol wurde stark und
schrecklich neu. So blendend, als wenn man einen therstrom durch beide
Lungen breit in sich hineinreit, so steigernd ri ein Dunkles jetzt in
ihm entzwei.

Behalte es ganz, sagte Erasmus; vergi auch die Ellipse nicht.

                   *       *       *       *       *

Als der Tag sich schon leicht zu neigen begann, waren Horus und Gargi
auf der Schillerfalterjagd. Nach den Monsunen, gegen Abend -- im
schrgen Strahl ist das seltene Geschpf zu sehen, wo tief in tropischen
Hainen Feuchtes spiegelnd steht.

Bei jedem Schritt bricht eine Wolke warmer Narden aus brnstiger Erde.
Stachlichte Frchte, schwer wie Scke, hocken blattlos an Stmmen.
Drben schieen Jukkapalmen hinauf in die Freiheit. Bersten als Raketen
in Bscheln von Leuchtkugeln auseinander. Dann wird es dunkelgrn,
dicht, still. Tollgeformte Vgel auf behaarten sten zieht ein
ungeschlachtes Horn im Kopf vornber. In wahnsinnige Stellungen verhext,
stieren sie dann aus kahlen Augenkreisen berquer ins Leere.

Auf hohen, sehnigen Beinen schleichen die beiden durch schlingerndes
Grn: Bethel und Pfefferranken, dann lngs des Wassers eine Schlucht
hinan, bis wo auf kreisrunder Lichtung Klares rieselnd auseinandertritt,
um feuchte, schiefrige Platten. Kauern heran, fahren flach nieder wie
ausgegossen vor der Sonne; kein Schatten darf auf das Braun-Graue
fallen, das sich eben aus der Luft dort niederlt.

Kpfe schief, Augen wie Phosphorbnder, tasten sie nach richtigem
Blickpunkt. Jetzt ein schrger Strahl, und das Braun-Graue geht in
weiem Feuer auf als brennender Brillant, bricht in blendendem ther
ber seine Rnder, wird zu einem kleinen Strahlensee, der auf sechs
abgeknickten Fadenbeinchen sitzt, und whrend die atmenden Flgel sich
gltten, gehen Adern aus Juwelenfarben durch sie hin. Zwei Lichtketten
rinnen ber die spiraligen Fhler: Antennen der Liebe, endend in einem
groen Tropfen Licht.

Es sitzt und zittert. Spannung in den Flgeln steigt und steigt; zu tief
erregendem Vibrieren ohne Pause: samtnem Elfenbrausen an. Da fhrt ein
zweiter kleiner Strahlensee im Gleitflug nieder zum ersten, und eine
zarte Mythe hebt an: von Wesen, bei denen die Liebe zu einer Inkarnation
fr sich geworden. Wesen nur aus Organen der Wonne: ganz Auge, Flgel,
Taster, Geschlecht. Keine Vorkehrungen mehr im Krper fr diffamierende
Funktionen: Kampf -- Fra. In einem Krampf von Stille, um Geschpfe, die
in der Liebe sind, ja nicht zu stren, schauen die Kinder das
Weitergeben des Lebensfunkens in den atmenden Edelsteinen.

Unten im Tal saen sie dann am Rand eines winzigen Beckens. An einem
jener kleinen, brunnentiefen Trichter, wie sie der Flu aussplt
zwischen Felsen, deren Spiegel glatt sind und wo im Glasigen die Fische
flieen. Gargis Fchen spielten mit Staubgefen des rosenroten Lotos,
der als Porzellan auf grnen Tafeln steht. Durchbrachen dann den lauen
Smaragd und lieen sich schwimmend vom Strom dem Hause zutreiben; lieen
sich flieen -- tauchten -- bildeten, eins ins andre verschlungen,
seltsame Doppelwesen oder formten, die Beine verspreizt, aus ihren fast
brderlichen Krpern eine Art Kanu: Bug und Heck die Kpfe, Riemen die
Arme.

Bei der Hhle der weien Trume suchten sie das Ufer, wateten durch
Seichtes, Gargi voraus. Im schrgen Strahl blhten die beispiellosen
Farben ihres Sonnenblutes auf: ber grnlichem Dunkel ein silbriger
Samt. Gleiend von dem Gleichen wie Panther und Orchis: dem, was von
tief innen heraus zu Leben verbrannt magisch aus Fellen und Kelchen
bricht.

Das selige Silber rann an ihr nieder, die Lustfurche des Rckens hinab,
in der ein Wellchen sich brach. Lanzendnn blitzten die geisterfeinen
Hften.

Halb Fee, halb Knabe schien sie im Schaumschleier aus Licht und Wasser,
leicht wie Schaum. Sie kte zum Abschied die abfallenden Wassergewnder
-- das Verrieselnde von den Schultern, den glatten Kinderbrstchen.
Erschauerte einen Moment schmal und mwenhaft, warf dem Wind die Arme um
den Hals und flog den Strand entlang.

Gut war das: die aus sich selbst bewegten Sprunggelenke spren, ein
Lebendes, Laufendes sein, das gehoben von Blut zwischen Himmel und
Gestein dahinfliegt, die sich nicht bewegen knnen. Und hinter sich das
andre laufende Leben. -- Gut war das.

Denn ein Entflammter flog ihr nach.

Lange vermag ein wohlgebornes junges Wesen ohne Sexualitt zu sein, wenn
es die Liebkosung hat. Nur in nchtlich einsam eingesperrter Pubertt
schwillt der primre Trieb zu manisch-hndisch-hmischer Besessenheit:
armselig, eintnig und roh. Ein Elend den Frauen, an denen er sich
spter vielleicht ehelich -- jedenfalls weihelos entldt.

Horus, frhzeitig einem holden Bettgespiel gesellt, stillte seine warme,
junge Sehnsucht von je in feinerer Mannigfaltigkeit.

Das Leben war ihm -- auch abgesehen vom Nur-Erotischen -- so angefllt
mit Sinnenwonnen, da er spt zur Zentrierung der Einen kam. So
verweilte sich Eros lange auf allen Gliedern. War im Ozean der
Tastempfindungen, irisierte vielgestaltig ber die kleinsten Muskeln
hin, die -- winzige Zentren der Wollust -- sich in zarten Schauern
erlsten, und Liebe blieb ein ser Grenzfall am Rande khner
Zrtlichkeiten.

Wird aber eines Tages der innre Lenker wach -- wach ber alles --, sieht
er sich von der ersten Stunde Gebieter ber ein erlesenes Heer von
Wonnen: dem Gefolge im Mrchen, das lang vor seinem Herrn erwachen soll,
den Traumbann abtun, sich schmcken, festlich bereiten, dienend zur
Stelle sein, wo es am Schnsten wird: bei seines Prinzen Auferstehen.

Als der Knabe Gargi den Strand hinauffliegen sah, in der jungen
Herrlichkeit eines Pfeils, vom Bogen der Spannungen entsandt, trieb ihn
erst reine Beutelust ihr nach, auch das Glck, von ganz nah die
Sprungsehnen in den langen Kniekehlen spielen zu sehen, dort wo die Haut
fast unirdisch wird.

Doch Reiz ist Schnheit in Bewegung. Sein Blut ri ihn ber den Blick
hinaus, begann nach den Flammen ihrer Anmut zu schwingen, wie am Morgen
nach dem Atem des Rhajputen. Gro und unruhig wurde die Luft. Schwle
strich ihm um die Flanken. Schwoll durchs Adernetz. Sie halten --
umschlingen -- tragen -- beien, es war nichts, aus taumelndem
Bewutsein schrak er auf mit dem manischen Drang, ihre Stimme zu kssen,
ihr Fliehen, ihr Leben: dort ganz dort. Auch ihm nur mit der Essenz
seines Lebens erreichbar.

Vor ihm her strahlte sein Begehren. Leckte hinber in ihr fliehendes
Blut. Stahldunkel vor Gewalt, scho es ber sie hinaus. Da wurde sie zu
einer einzigen flirrenden Linie der Flucht und geno die Hrte ihres
kindlichen Schoes.

Die Frau will die Erwartung -- der Mann die Erfllung. Lief wie sie noch
nie gelaufen. Sprte an der Bestrzung ihres Herzens seine wachsende
Nhe. Auf einem neuen Schauder kam er heran. Ihre Adern keuchten das
weibliche: noch nicht -- noch nicht. Ein manischer, wahndunkler Trieb:
immer den gleichen Abstand zwischen sich und der Erfllung wahren. Sei
es um den Preis der Erfllung selbst.

Nicht enden sollte die berauschende Angst.

Nie mehr enden die pulsende Not.

Und Freude an der Not.

berhangen bleiben mit allen sen Mglichkeiten.

Dauern in einem Weltenbrennpunkt unaufhrlichen Begehrtseins.

Lief wie sie noch nie gelaufen. Konnte nicht mehr. Brach zusammen mit
geschlossenen Augen. Klammerte sich an die Wonne ihrer Angst. Prete die
spiegelnden Gazellenbeine herb aneinander -- -- zu _einem_ langen Pfad
der Verfhrung.

Ein Dmon der Inbrunst, war er ber ihr. Sekunden perlten wie
Champagnertropfen auf.

Dann: hart, langsam, gnadelos stemmte sich sein Knie auf ihre
blagepreten Schenkel. Der Block aus Bronze trieb die Zitternden ohne
Schonung auseinander -- so weit es ihm beliebte. Und gab sie frei. Leer,
khl strich Luft um ihren versiegelten Scho. Nur ber dem Haupt duftete
noch das Glck seiner lebendigen Nhe. War sie verschmht? Besiegt und
dann verschmht? Er will seinen Willen, nicht mich, fuhr es durch sie
hin. Es war nicht mehr zu ertragen.

Das Herz schlug ihr die Augen auf. Sah ihn nah. Wimper an Wimper
besprangen sie die goldbeschwingten Panther seiner Augen. Neigten ganz
in sie hinein voll Verheiung und Geduld.

Da flog sie an ihm auf wie ein angewehtes Blatt. Barg das wunderbar
junge Haupt im alten Mantel seiner Zrtlichkeit. Er hatte ihr die letzte
Se geschenkt: Erleiden der Gewalt genieen lassen ohne Demtigung.

Seine Hnde kamen. Widerstandslos nun, in wartendem Aufruhr, lie sie
sich an ihm entlangfhren. ber seine drhnend harte Violinenbrust
langsam abgleiten, hineinreien in die Hhle seines Leibes --
hineinsaugen in eine Schale von Kraft.

Sie strzen ineinander.

Horchend hingegeben dem geheimen Rhythmus, mit dem die Essenzen des
Lebens in ihren tiefen Kelchen -- kraft so vieler Liebkosungen --
einander wunderbar entgegenfluten. Gesteilt -- getrmt.

Sie verstrmen in die verborgene Mond- und Sonnenspringflut: die
Gezeiten des Eros.

Lang durch sie hin geht die selige Wehe.

                   *       *       *       *       *

Zur Stunde der Krhe, Tau im Haar, waren sie heimgekehrt. In wonniger
Ermattung entschlummert, hoch oben auf der Terrasse aus rosigem Granit.

Inmitten der Nacht tauchte Horus aus dem Tiefschlaf. Hei vor
Wirklichkeit, ganz glcklich, wach zu sein -- _da_ zu sein.

War auch Gargi wach? Trunken taumelte sein Gesicht dem ihren zu. Vor dem
Lichtjubel seiner Seele kreisten die riesigen Opale ihrer Augen, deren
Wimpern wagrecht in die Schlfen schnitten, dem kindlichen Haupt etwas
Durchleuchtetes gaben.

Sie erhoben sich vom weiten Lager, schritten -- zu einem Wesen
geschlossen -- bis an die Brstung, die das Halbrund der offenen
Schlafterrasse umlief.

Dem Garten enthoben sich die Farben der Nacht. ber Blten und Wegen
stand strahlende Materie der Finsternis. Griffen tastend in Blumen,
lehnten sich weit hinaus in den veilchenhaften Samt des oberen Abgrunds,
aus dem Gestirne gehangen kamen, gro, frei schwebend: Kitalphar --
Archanar -- die Beteigeuze. Der Raum sog die Seelen an. Es war so schn,
da man nicht denken konnte -- kaum fhlen -- nur schauen.

Ihre Hnde ffneten sich dem Astralschein: magnetischem Puls kosmischer
Zentren. Die schlanken Finger streckten sich -- Antennen -- feinste
Sender und Empfnger dem ther und seinen namenlosen, unirdischen, alles
lenkenden Wirbeln entgegen.

                   *       *       *       *       *

Fern aus dem Dschungl kamen, in Pausen, die Weltlaute reiender Liebe;
schwimmend in einer Stummheit: Gepfauche auf Tatzen der Unrast --
Brautgebrll -- Zischen -- aus dem Ganz-schwarzen ein Blutschrei, khn
wie die Not.

Mitten inne zwischen Dschungl und Sternen stand, in machtvollem Aufri,
ruhend in seinen klaren Achsen, mit Toren aus lichtem Erz -- das Haus
der Elchos: Kristallform eines hheren Lebens.

Freiheit der Wildnis stieg an ihm auf mit tausend grnen Adern, zerbarst
in Kelche, ward oben Duft am reinen Raum aus Zucht und Zartheit: dem
kindlichen Ehegemach in rosigem Granit, dessen Kuppel wie der Sektor
einer Sternwarte sich auftat in die bodenlos selbstblhenden Sterne.

                   *       *       *       *       *

Diana Elcho hatte an Gargis durchscheinendem Krperchen seit dem
Frhlingslauf zur Hhle der weien Trume neue, heiere Male entdeckt:
die getigerte Wolke -- das Korallenband -- zackichte Krone --
Perlmuschel geheien, in Indiens lchelnder und gnnender Sprache, die
erlesene Liebkosungen in heiligen Schriften vermerkt.

Ohne Wort, ohne indiskrete Miene, wie von selbst und ganz einfach
stellte sich alles auf die hohe Zeit der beiden Kinder ein. Frei von
gierendem Wohlwollen. Auch das Haus: der Raumkristall wandte ihnen eine
neue Facette zu.

Sie hatten bisher nicht alle Rume gekannt. Auer dem Halbrund aus
rosigem Granit standen ihnen jetzt drei Schlafgemcher offen. Zwei
einsame: licht, frei, glatt, -- fast leer. In der Mitte ein Gemeinsames,
das ohne Fenster war; eckenlos zu einer Ellipse geschlossen. Ozonisierte
und durchduftete Luft erneuerte sich unmerklich in ihm. Es war nichts
als ein immenses, hingebreitetes Pfhl -- nur verschieden berhht und
durchtieft.

Linde Kurven aus dunkelglhenden Samten, schrge Lichter und Spiegel, da
und dort, klarer wie Tag, eine Pore im Kelch der Liane rgend, oder mit
einem Griff zu opalisierenden Nebeln verschleierbar -- warteten. In
Andacht. Ganz der Nacktheit und ihren Festen geweiht.

Denn Erotik des Auges: die feinste, holdeste, ist die verletzlichste
auch. Immer echt unter Grsern und Sternen: im zartweiten Nebel von
Leben als Liebesumschlingung sein geballterer Kern.

Doch im Alltagsraum: Schon an der schutzlosen Haut beginnt die Fremde.
Kein sinnlicher Zauberkreis hlt da dicht. Kalt schaut ein Fenster zu.
Mbel leiern hlzerne Litaneien taktlos weiter:

Wasch dich, -- setz dich.

Halbwesen, Unwgbare, tasten sich liebeleer herein in einen tiefen
Schauder, verzerren ein leidenschaftlich in sich Geschlossenes zu
ungewollter Exhibition. Da im Liebesraum kein Ding, von Alltagstun noch
trchtig -- niedertrchtig, die hohe Tugend der Wollust beflecke, hat
das Fundament aller menschlichen Lebenshaltung zu sein.

Vom Kopf bis zu den Fen in die flieenden Wasser von Bengalen
eingehllt, betraten sie die samtne Tiefe, und die berhmten Musseline
zitterten als plissierter Nebel um ihre Krper und um die Fe als
lockiger Schaum. Flieen die Wasser von Bengalen ber ein schlagendes
Herz, Beben einer Schulter, alles was pulst, verborgen schauert, nehmen
sie da und tragen es herauf an den Schimmer ihrer Oberflche. Wie im
geheimnisvollen, hellen Bad, beim roten Schein der Dunkelkammer, ein
Bild aus blinder Platte gehoben wird und sichtbar. Ganz scheu steht es
dann -- rhrend und gro auf einmal.

Auch alle Liebesspiele kannte das Gewand und spielte mit. Warf seidne
Arme um den Hals bei strmischem Nahen, floh weich in die Senkung einer
Achsel, wehte dann wieder als Flgel dahin, listig mit entwendetem Duft
beladen. Endlich gab es sich besiegt, hing vielleicht noch schmal an
einem Knie, fiel auf einmal wie Asche in sich zusammen und war berhaupt
nicht mehr der Rede wert. Die befreiten klaren Krper: Frhlingsste im
japanisch Leeren aber nahm der ganze Raum voll Inbrunst in seine samtnen
Arme. Selbst das weite, gnnende Hochzeitsgewand.

In ihm meielten sie ihre eignen Statuen unter dem anklingenden Rhythmus
der groen Gewalt.

Dann, nach Stunden, aufschauernd aus Umarmungen an den Grenzen des
Lebens, erblickten sie sich selbst, erblickten ehrfrchtig, was Shiva,
der Herr der Glieder, sich aus dem edelsten, dem lebenden Material
herausgeglht, auf da es -- ungleich dem sparsamen Werk der Kunst --
gleich wieder zu noch heierem Leben, noch wilderer Anmut zergehen mge.

Das sind wir. -- So viel ist uns anvertraut.

Gltte jedes Muskels, Feinheit jeder Phalanx, das Wunder des Knies,
alles hatte pltzlich einen Wert ohnegleichen. Nur weil es so, gerade
so, konnte der Gott es bespielen. Hoch ber aller Eitelkeit beugten sie
sich -- hei vor Verantwortung -- Hter zu sein von lauter Dingen ohne
Preis. Dem Einmaligen, Heiligen, Unwiederbringlichen, das ein lebender
Krper ist: Statue, die nie erstarren darf, weichglhender Kelch von
Murano, dem edler Atem Tag und Nacht, von innen heraus, die immer leise
schwankende, feine Form bewahren mu.

Jeder unreine Bissen, ein hlicher Gedanke, eine unvornehme Geste droht
schon ihn zu mindern, seine Einzigkeit zu trben. Denn Vollendung ist
freigewhlte, unaufhrliche, lckenlose Zucht. So fhlten sie. Und das
Licht, das Gewissen des Krpers, lchelte ihnen dabei zu. Und es
lchelte sogar die Zeit, denn vom Anfang dieser Erkenntnis war sie noch
einen weiten Weg mit ihnen, statt gegen sie.

Der Tag begann seine Form zu verlieren, weil die roten Wogen der Nchte
ber seine Rnder splten, so da letzter Schauer des Erinnerns mit dem
ersten der Erwartung am hohen Mittag zusammenflo. Noch viel zu viel
Bedrngnis in der Entzckung. Hoch ber dem Glck laufen ihre unerhrten
Spannungen hin -- zu Glck werden sie erst in der Erinnerung verblassen.

Menschen schienen zu nah und grell. Sie gingen zu Tieren und Musik.
Beide Begleiter des Dionysos, des Herrn der Wollust, dem die Flte
heilig ist und der Astragalos: das Sprunggelenk des Panthers. Und das
aus tiefen Grnden. Oft balgten sie sich stundenlang, wie groe junge
Katzen, mit dem Pantherbaby herum, das, ein Findling vom Rand des
Dschungls, von der Leonberger Hndin gesugt wurde. Das setzte sich
manchmal, mitten im Spiel -- kein Mensch wute warum -- pltzlich
tiefernst geworden, auf seinen runden Schwanz und versuchte in den
Zenith hineinzubeien. Da mute man es auf die trocken glimmernde
Granulierung der Nase kssen, trotz seines emprten Protestes. Um den
moosigen Mund lag das Hold-Fremdweltliche noch: Verschlafenheit alles
ganz Jungen. Durch die Wolke von Milch und Babytum aber strich schon
fahler Dunst walddurchstreichender Flanken, und die wunderbar blauen
Augen, in denen das knftige Gelb in Goldkrnern schwamm, besprangen
kniglich alle Dinge, kraft ihres leuchtenden Rechts.

Solche Arme voll allersaftigsten Zuckerrohrs hatte Rama-Krishna in
seiner hundertzwanzigjhrigen Erfahrung noch nicht erlebt, als jetzt
tglich, von vier jungen Hnden gereicht, in seiner dummen
Suglingslefze verschwanden.

Er nahm es als karmische Fgung: man frgt nicht viel und lutscht. Leise
schaukelnd. Seine beborsteten Augen, gederte Billardblle, weichen
vorbei, immer ins Leere, nur die Rsselspitze, hellfhlend, ugt nach
mehr.

Vor siebzig Jahren war er Buddhist geworden, damals, als das Malheur mit
der Herde passierte. Die Affre war zwar ohnehin verjhrt, aber auch
so -- nein, er hatte sich durchaus nichts vorzuwerfen.

Wie etwa mit Benedek bei Kniggrtz Anno 66 war es gewesen. Alle hatten
das auch anerkannt und sich wirklich reizend benommen. Durchaus wrdig.
Keine Vorwrfe: wren Sie nicht ... und htten Sie doch nicht ...
und sehen Sie, das kommt davon ...! -- Nein, nicht einmal die Khe
hatten gekeift. Wie htte er auch wissen sollen, da der neue Vize-Roy,
so einer von den fahlen Affen mit dem komischen Geruch, einen Kraal:
Einfangen wilder Elefanten in heimtckisch kaschierter Umzunung,
anzusehen gewnscht?

Monate der Qual waren das gewesen: immer gescheucht, abgetrieben vom
Wasser; wo man nur eine Quelle roch, fielen Schsse, und Feuerbrnde
jagten die verdurstende Herde weiter. Die armen Babys, zum Schutze unter
den Mttern laufend, wie unter einem galoppierenden Sulenportikus,
waren schon ganz eingeschnurrt, mit verdorrenden Rsselchen die
saftlosen Brste sehnschtig drckend. Da -- endlich eine Nacht des
Friedens, der Ruhe, auf dicht umhegter Lichtung Wasser. Einen Augenblick
zauderte er: der Fhrer. Alles roch so verdchtig nach fahlen Affen
rundum. Wre er umgekehrt, die Herde htte vielleicht noch gehorcht.
Aber so--o--o-- viel Wasser! Bis zum Bauch. Man war schlielich auch nur
ein Elefant. Rchelnd vor Gier strzte er sich hinein. Ihm nach die
schwere, graugebuckelte Wolke.

Da schwang wie ein Tor der schmale Eingang der Lichtung zu, sie war
nichts gewesen als umzuntes Gehege, und ein Kranz von Geschrei stand
pltzlich um sie auf, von Fackeln und Raketen, da man an die elenden,
mit Lianen umschnrten Pflcke nicht heranknne, sie zu zersplittern.

Da hatte er noch einen Rssel voll Wasser geschluckt -- auf die fnf
Minuten kam es auch nicht mehr an --, dann alles hinaus ins Zentrum der
Lichtung beordert. Babys und Khe in die Mitte, die Bullen ringsum:
Rcken an Rcken, Stozhne und Rssel nach auen geschlossen, zu einem
verzweifelten Kreis. So erwarteten sie den letzten Kampf; in Disziplin
und Selbstachtung. Die ganze Nacht stand man. Nichts geschah. Dann am
Morgen geschah: eine Gemeinheit. Auf Gongs, Schsse, Feuer, war man
gefat gewesen, doch es kamen -- Elefanten. In hoffrtigem Zug, und
jeder trug auf seinem Haupt als Krone einen fahlen Affen mit Schlinge
und Seil.

Sprachen durch die Rssel in einem vllig vertrottelten Slang von
Kulturfortstrom -- Gliedpersnlichkeit -- individualistischer
Irrlehre. Schlielich blieben es aber die alten Hauer, mit denen sie
erst die Schwchsten gewaltsam aus der Phalanx drngten, und die alte
Hundsgemeinheit, mit der sie zulieen, da ehrlich Kmpfenden von dem
fahlen Affen oben hinterrcks eine Schlinge ums Bein geworfen wurde.
Sofort packten die eignen Entartgenossen dann den Strick, schleppten den
wehrlos Gewordenen zur Fesselung an den nchsten Baum.

Qualvoll schnitten die Riemen ins Fleisch. Tag und Nacht. Nie mehr ganz
heilten die Wunden. Nach vierundzwanzig Stunden waren erste
Bestechungsversuche genaht: Ananas, Kokosnsse, Zuckerrohr. Aber die
Bande hatte alles wieder an den Schdel retour gefeuert bekommen, da es
nur so krachte. Spter freilich, wenn niemand hersah, hatte man wohl
sachte -- sachte mit dem Rssel hinter sich getastet nach einer Ananas,
sie im Kernschatten des geblhten Ohres zum Mund gefhrt, dabei aber
mglichst umdstert nach der andern Seite gestarrt. Ja -- viel
durchgemacht in diesen Tagen.

Spter, als Rama-Krishna genug vom Leben verlernt hatte, um gelehrig
zu werden, trat er in den englischen Staatsdienst: ins Colonial Service
mit Pensionsberechtigung nach dem hundertachtzigsten Jahr. Damit war es
zwar wieder nichts, seitdem er zu Elchos gekommen, aber dafr galt man
hier mehr als Freund und Ratgeber des Hauses.

Liebes, groes Rsselschwein, so sieh einem doch einmal in die Augen,
und Gargi versuchte, durch Rama-Krishnas Sehfeld gleitend, seinen
kurzsichtigen Blick zu fangen. Es schlug fehl. Da berhrte eine
schwebende Spitze ihre Schulter: die zweifingrige Rsselmuschel, aus der
es satt und lau duftete, wie aus einem Riesenfa voll Met. Es war eine
Liebkosung von berraschend zarter Weisheit, verklrtem Hedonismus. Aus
flaumiger Nhe, die keusch das Berhren ins therische hob, kte er
Arabesken aus Hauch ber ihre Haut. Gargi verstand. Machte die
Kinderarme knochenlos und muskelhaft geschmeidig, wie das Wunder des
grauen Nasenarms vor ihr. Nun begann es in den Lften: schwebendes Spiel
dreier Schlangenkurven. Jede an jede funktionell gebunden, einander nie
berhrend, schufen sie reizende Raumgebilde aus unwgbarer, reueloser
Lust.

Kurzsichtig oder nicht kurzsichtig, nein, mit so einem Rssel ist
niemand zu bedauern, und eine Elefantenkuh sein, mu auch seine Meriten
haben.

                   *       *       *       *       *

Es kam naturgem die Zeit, wo zwei Krper der schpferischen Phantasie
nicht mehr gengen konnten. Auf einem Eiland von Frhling,
ineinandergeschlossen zu einem Block von Glck, waren sie bisher
gewesen. Unter ihnen trieb das Leben, da sie wie auf Kelchen standen --
blhte an ihren Gewndern hinauf bis zu verstreuten Sternen im Haar. Um
sie keine Welt mehr, nur Gold.

Schritten sie jetzt Hand in Hand dahin, zuckte es allenthalben im ther
rundum auf. Frohe Flammen, die langhin durch ihre azurnen Adern gingen,
leckten hinber in andre Wesen, und Freudenfeuer grten zurck: liebe
Helfer fr die strahlenden Zwei. Ein krperlicher Liebeszauber ging von
ihrem jungen Wandel aus, Entzcken fr Menschen, befhigt, Empfinden
sogleich in lebendige Anmut umzusetzen, und die, welcher Kaste immer
zugehrig, der Essenz des Daseins mit so weisem Brauche zu huldigen
gewohnt waren, da vor jeder bindenden Vereinigung von Mann und Frau,
_Er_ -- _Ihr_ eine Banane, _Sie_ -- _Ihm_ einen Mango sendet; als Ma
ihrer erotischen Wesenskerne. Ob sie zur Erfassung und Erfllung fr
einander geschaffen.

In den westlichen Zimtgrten begegnete ihnen einmal eine Straenkehrerin
von solchem Wohllaut der Gliederung, da sie trunken innehielten. Sonne
fiel durch einen krokusgelben Sarong, in dem die Nahende als Docht in
der Flamme stand. Sie schien fast ohne Schwere. Nur so viel der Last,
als Kraft bedarf fr ihre allerbesten Spiele. Unter den Sohlen ward ihr
der Staub zu tragendem Sperlingsgefieder. Aus der Schmalheit ihrer Kniee
ging sie auf Flaum dahin, im Klingen der Choorees: der Kupferspangen;
nach rechts und links die Bltter von den Wegen fegend. Ihres Fchens
Ferse hinterlie keine sichtbare Spur; die erbsengroen Mulden der vier
Zehen -- die kleinste berhrte den Boden nie -- aber waren so rhrend
abgetieft, so vollkommen gerundet, da Horus niederkniete, die Innigkeit
des Abdrucks mit dem Finger zu umlaufen. Und ihrer immer mehr wurden es:
bei jedem Schritt fiel wieder so ein Feenhusch auf den Sand. Aus ihren
Abstnden, in den Raum hinauf, ersann man dann des Dreiecks sen
Scheitel sich hinzu, aus dem der Schritt entsprang.

Eine zahme Antilope ging ihr nach, in geschwisterlichem Anstand. Der
sternigen Stirn des zarten Tiers entstieg klirrendes Gehrn.
Messingamulette spielten um die Mnnlichkeit des sanften Hauptes, um
eine Tnung hher abgestimmt als der Herrin dumpfere Kupferfesseln.

Es wollte Abend werden. Inne hielt die junge Frau, breitete ein dunkel-
und weigeflecktes Fell der Axishindin, wie einen privaten, kleinen
Sternenhimmel, neben dem Brunnen aus. Begann in der Haltung der
Sandalenbinderin am Parthenon den Staub von sich zu baden. Dann -- einen
Fu noch gesteilter auf dem Brunnenrand -- lag der Schenkel als Sehne
dem Abdomenbogen an, der edeleingewlbt, sichelfrmig hoch darber
hinging.

Und des Phidias selige Kore verplumpte, ward unmglich daneben.

Tiefer beugte sich die Badende. Erfrischte eine Kette aus Tempelblten,
die lang vom Halse niederfiel, neben der hanfenen Schnur. Die Luft war
von silbriger Feuchtigkeit. Steigernder Geruch lebendigen Zimtes,
heraufgerissen durch Wurzel und Stamm, bis er lanzettscharf aus
Blattspitzen brach, trieb khne Abkehr jeglicher Erdenschwere durchs
Blut. Als brauchte man nur blaue Adern ausspannen, um vibrierend an
doldenberstrzten Wipfeln sausend still zu stehen, wie die Honigvgel
dort oben, wenn sie mit langen, gekreuzten Nagelscheren aus Gold tief
hineingriffen in flammichtes, grelles, malvenkhles Geschlecht, da
duffer Fruchtstaub aufflog.

Nun wandte das Wesen am Brunnen auf sanftem Hals den diademgestirnten
Kopf: aus ihrem Haarknoten, der auf dem langen Nacken schwamm, lockten
sich winzige Flocken frei, umstanden als Fest und Feier die fnfkantige
Stirn. Nun hatte sie das kindliche Paar aus dem Hause der Beleberin der
Herzen, wie Diana Elcho bei den Eingeborenen hie, erkannt.

Wie um eine Kostbarkeit bat Gargi um den Besen. Ging denn das an, aus
einem Ding niedrigster Verrichtung ein Instrument solcher Anmut zu
machen, solcher Augenweide?

Und die Diademgestirnte zeigte es: von Schulter zu Fingerspitze msse es
laufen, sei eigentlich nichts anderes als Freude, so fein fhlen zu
knnen, da die Enden des Besens immer nur Bltter trfen -- nie Sand.
Kein Krnchen drfe auffliegen. Wie der ganze Krper mitschwingen msse
und etwas an sich haben von der Kunst des Rutengngers; auch sei es
rtlich, seine Besen selbst zu binden. Fertiggekaufte taugten nichts.
Gargi ward einer versprochen aus Pisangrippen mit federndem Bambusstiel.
Dann sei es viel leichter. Denn es ergab sich, da es nichts weniger als
leicht war. Freilich, einfach Schmutz fliegen machen, rechts und links,
das konnte jeder. Das war Sklavenfrohn. Dann sah man aber auch anders
aus dabei.

Sie ruhten am Brunnen. Nun wandte die Diademgestirnte dunkle Augenblten
in klaren Schalen Horus zu. Sah ihn zum ersten Mal an. Ganz gro, ganz
tief. Gnnenden Wissens voll. Er berkte sie: mit aufreizenden und
wieder beruhigenden Kssen. Pltzlich ganz neuen, niegewuten, whrend
Gargi, die holden Fe der Fremden im Scho, mit ihnen spielte, als wre
jede Zehe ein kleines Feenweibchen, auf Seidenkissen zur Liebkosung
bereit. Nun legte er die Diademgestirnte auf seine Arme. Den linken ganz
umsplt von ihren Sprunggelenken und Gargis Glieder wie Schleier ber
seinen Rcken flieend, ri es ihn nach vor; den Kopf in der Fremden
Scho gewhlt, da sein leichtes Haar wie eine Anemone auseinanderfiel,
warfen seine Zhne Anker in der ewigen Bucht. Wo aber dies sein Haar
warm im Nacken auseinanderfiel, entstand zwischen zwei gebrunten Sehnen
aus betrender Mnnlichkeit eine winzig harte Mulde. Flaum silberte in
ihr. Dort trafen sich in einem kleinen Gru die zrtlich entrckten
Hnde beider Frauen.

Als ein ungemeines Glck empfanden sie die mchtige Potenz dieser
immediaten Annherung. Noch scheu, ganz steil heraufgerissen werden in
Intimitt mit berspringung aller Zwischenstufen, nur der des Taktes
nicht. Denn irgendwie blieb jene ehrfrchtige, diskrete Distanz, mit der
man Fremdheit ehrt -- auf die sie Anspruch hat -- die blieb bestehen.
Auf unbegreifliche, nur dem Takt begreifliche Weise standen noch Formen
und Schalen makellos. Nur war aus jeder dieser gesitteten
Menschenschalen deren tiefster Kern unwiderstehlich hinbergewallt in
die geheimnisvolle Dimension der Wonne. Auch dort gesetzlos nicht -- nur
anders eben.

Dann nahmen sie die Diademgestirnte in ihre Mitte -- Schwertlilien ihrer
Schenkel spielten dahin -- fhrten sie dem Hause zu: den Bderhallen des
Erdgeschosses, den Ruherumen. Nur in die samtnen Wnde fhrten sie auch
diese nicht. Keinen von all den heien Knaben- und Frauenkrpern, die
durch ihre Arme gingen und die sie erkannten: im einzigen Sinn, da
Erkenntnis zwischen Sterblichen fr einen Augenblick mglich ist oder --
scheint.

                   *       *       *       *       *

Kamen oft in dieser Zeit zu Ganapati Sastriar: dem Mrchenerzhler.
Immer wieder gut, wie im Schatten der Weltesche, ruhte sich's in seiner
machtvoll-breiten Unzchtigkeit.

Hockend am Fu seiner Trume, erzhlte er. Verkaufte Frchte dazwischen.
A, was er nicht verkaufte, selber. Lebte doppelt: vom Erls und
Nicht-Erls zugleich. War so dick, weil er immer im Schatten sa. Kein
Sonnenstrahl durfte ihm das Fruchtfleisch der Bananen wieder aus den
Poren ziehen. Schien aus einem sen, prallen Stoff gemacht. Manchmal
blieb ein kleines, nacktes Kind stehen, steckte den Finger an ihn,
meinend, er schwitze Zuckerharz gleich einer Palme; klimperte dann
enttuscht mit seinem Aramudhi, dem Lendenamulett, zwischen den Beinen
davon. War Ganapatis Mehlsack: die Brotfrucht, weg -- der Mango auch --,
nicht die dnnste Ananas fr ihn brig geblieben, pries sein Mund jene
asketischen Bruche, vor deren Macht alle Gtter zittern, dann sprhten
aus seinem Schlund ungeheuerliche Kasteiungen der Sadhus, wie Kraft aus
einem Krater, bis die drei Reiche erbebten vor seinem Mangel an Obst ...
Oder seine Lippen funkelten von Dhruva, dem Polarstern:

Der Knig Uttanapada hatte zwei Frauen, von jeder einen Sohn. Einst sa
der Knig auf dem Throne, auf seinem einen Knie das Kind der
Lieblingsknigin Suruchi. Das sah Dhruva, sein zweites Kind, und voll
Sehnsucht nach gleicher Zrtlichkeit, versuchte es des Knigs andres
Knie zu erklettern. Doch die Lieblingsfrau wies es mit hhnischen Worten
zurck. Scham schlug in sein kleines Herz gleich dem einsilbigen Blitz,
stumm ging es hinaus, hielt die Trstungen seiner Mutter von sich ab und
sprach in seiner groen Emprung:

>Ich will aus mir selbst so hohen Rang erreichen, da des Knigs Thron
und sein Knie und auf seinem Knie mein Bruder Uttama tief unter mir
liegen sollen, und das fr immer, nur erreichbar ihrem Gebet; ob ich
gleich nicht von Suruchi, der Lieblingsfrau, geboren bin, sondern von
dir, und du, meine Mutter, sollst meine Herrlichkeit schauen.<

Dann ging dieses Kind von fnf Jahren aus der Stadt bis in den Dschungl.
Dort saen sieben Munis auf schwarzen Antilopenfellen; von ihnen erbat
es Rat.

>Prinz, die Kraft deines Willens ist ber uns,< sprachen sie und neigten
sich ihm. >Wir mssen dir den Weg zum Ziele zeigen: er ist in dir. Tue
alle ueren Eindrcke, tue Sonne, Mond und Sterne von dir ab, tue den
jungen Frhling aus deinem Herzen, die senden Antilopen aus deinen
Augen, die sen Grser von deinen Lippen, die singenden Erze von deinen
Ohren. Lsche alles aus und fr immer. Die furchtbare Leere aber lege um
dich wie einen Grtel, bis du entworden. Dann versenke dich in das Eine
Tag und Nacht: das Seiende, in dem die Welt ist. Presse dein
Bewutsein des Seienden hinab, bis wo am Grund der Wirbelsule,
dreieckig zusammengerollt, Kundalini wartet: die schlummernde Gottkraft
in allen Wesen. Auf sie la die nach innen gedrehten Sinne wie ein
Brennglas glhen, versenkt jetzt alle in das Eine, das Seiende, bis
Kundalini sich aufzurollen beginnt und durch die Wirbelsule steigt und
steigt ... Hat sie endlich den tausendblttrigen Lotos im Haupt berhrt,
so zwingst du das Seiende, du selbst zu sein, aus ihm heraus aufs neue
zu werden, was immer du willst. A. U. M.<

Dhruva zog sich an die Ufer des Jumna zurck, tat, wie ihm die Munis
geheien. Tag und Nacht, ohne Nahrung, ohne Schlaf vibrierte sein
ungeheurer Wille einwrts gewandt in ihm, erweckte Kundalini,
verwandelnd seinen Leib, da er durchsichtig ward wie ein Schatten und
Vishnu zwang, in ihm offenbar zu werden. Als aber das geschah, ward er
auf einmal so schwer, da die Erde das Gewicht des winzigen
Asketenschattens nicht mehr zu tragen vermochte.

Verstrt suchten die unteren Gtter auf jegliche Art Dhruva aus seinen
Devotionen zu reien. Umsonst. Da flehten sie zu Vishnu um Hilfe:

>O Vasudeva,< klagten sie, >wie der Mond Tag um Tag an seiner Scheibe
wchst, so wchst dieses unbezwingliche Kind, kraft seines Willens, in
bermenschliche Macht hinein. Wir wissen nicht, wonach er strebt: ist es
der Thron Indras, die Herrschaft der Sonne, oder sind es die Schtze der
Tiefe, die ihn reizen. Erbarme dich, Herr, nimm den Alp von uns, mache,
da der Sohn des Uttanapada ablt von seinem Tun.< Da stieg Vishnu in
Person herab, mit Dhruva zu verhandeln und gewhrte des Asketenkindes
Wunsch: fr immer so hoch zu stehen, da nur Gebete ihn erreichen, indem
er Dhruva zum Polarstern des sichtbaren Universums erhob.

Manchmal wieder ward Ganapati Sastriar flammicht ritterlich in seinen
Fasten, erzhlte den strahlenden Ha der Prinzessin Amva von Benares:

Um Bhishma zu vernichten, hatte sich die holde Tochter des Knigs von
Kai jahrelang den furchtbarsten Kasteiungen unterworfen, bis ihre Macht
gro genug geworden, um dem Gott Mahadeva das Versprechen abzuzwingen:
nach ihrem Tode solle sie ungesumt als Krieger wiedergeboren werden,
der den unbesiegbaren Bhishma schlge. Mit dem Wort des Gottes ging die
Lotosfige an die Ufer des Yamuna, hufte und entzndete einen
Holzsto, bestieg ihn sodann im Angesicht aller groen Rishis mit dem
Ruf: >Zu Bhishmas Vernichtung<.

Doch die Flammen bogen rundum aus vor ihr, da sie unversehrt im
feurigen Kelche stand, und es kruselten sich die Lippen des Rauches und
sprachen: >Oh, Lotosfige, wir wollen so Holdes nicht vernichten.<

Da lie die Prinzessin den reinen Ha aus ihrem Herzen flammen,
entzndete eins ihrer Glieder nach dem andern an ihm und verbrannte
aschelos wie ein Diamant. Strzte ungesumt ihre Seele in den hrtesten
Scho, tauchte aus ihm als junger Kriegsheld, unter dessen gnadelosen
Hnden der sterbende Bhishma noch einmal in das Auge der Amva von
Benares sah.

Keine Scheibe der Horcher heute. Sie waren enttuscht. Dann getrstet:
Oh, er macht >neti Karm<, da wird abends seine Nase neu sein und seine
Kehle freundlich. -- Aus jedem Nasenloch hing dem Mrchenerzhler ein
gedrehtes Seil von ungesponnener Baumwolle; die andern gewachsten Enden,
innen bis zur Nasenwurzel hinauf und hintber durch den Rachen gezogen,
kamen wieder beim Mund heraus. Wie Zgel hielt er alle vier in Fusten,
zog sie ab und auf, her und hin. Stunden dauerte die Reinigung.

Abends erzhlte er wieder, um ihn die Scheibe der Horcher wie das Blatt
um den Lotos: Die Episode der tausend Jahre:

Unbersehbare Zeitrume schon hatte die Rivalenschaft in der Askese
zwischen dem Kshatriyaknig Vismavitra und dem Brahmanen Vasishta
gewhrt. Schlielich hatte der furchtbare Kshatriya elf unerhrten
Kasteiungen durch elf Jahrtausende obgelegen, aber immer noch hatte er
die Brahmanenschaft, deren er zum Endsieg ber Vasishta bedurfte, nicht
zu erringen vermocht, seine Macht aber war bereits ins Unermeliche
gewachsen. So beschlo er, seinem Gegner wenigstens zum Tort, einen
gewissen Trisanka, den die Priesterschaft in Bann getan, wie er da war
in seinem menschlichen Fleische, unter die Himmlischen zu erheben.

Diese verweigerten seine Aufnahme. Da drohte Vismavitra in seiner Wut
einen zweiten Indra zu machen -- oder die Welt ganz ohne Indra zu lassen
-- ja, er begann bereits vor den erstaunten Gttern neue Gestirne und
Sternkonstellationen aus sich herauszuschleudern. Da gaben die
Entsetzten nach. Doch immer noch nicht zufrieden, kehrte der
unermdliche Knig auf den Himalaya zurck, um in der Triebkraft seiner
furchtbaren Devotionen fortzufahren. Da erkannte Brahma, so knne das
unmglich weiter gehen, und er sandte nach Menaka, der allerbesten
seiner Nymphen, sie mge den Meisterasketen ablenken und sein Karma zu
beflecken suchen, auf da der bedrohliche Berg seiner Verdienste
dahinschmelze in Lust. Menaka erbat hundert Jahre Frist, um noch schner
zu werden, denn ob sie gleich allen ohne Fehl dnkte, erwuchs ihr eben
aus der eignen Vollendung auch wieder um so hheres Wissen um neue
Vollkommenheit.

Als die Goldgliedrige -- endlich mit sich selbst zufrieden -- vor
Vismavitra erschien, verlie er sogleich alles, um mit ihr der
sechsundsiebzig Arten des Liebesgenusses zu pflegen. Bald war ihre Liebe
die des Hengstes mit der Gazelle: jene die Sehnen der Knie von rckwrts
im Sprung Genieende. Oder es war die Bespringende des Lwen -- die des
Marders mit der Schlange -- auch die der Schlingranken, Vgel und
Dmonen. Doch niemals des Hasen mit der Elefantenkuh, weil diese Art der
Liebe unter allen Umstnden zu vermeiden ist.

An dieser Stelle legte sich Ganapati Sastriar breit in die Sielen der
Erzhlung. Er hatte ausschweifende Gebilde aus elastisch dehnbarem oder
auch herb stokrftigem Stoff ersonnen -- nur spannenlange Zauberwesen,
mit denen er die Vorgnge zwischen der Nymphe und dem Knig zu erlutern
pflegte. Doch lie er sie dazwischen oft lange ruhen, um von den
wunderbaren Gesprchen der beiden zwischen der Liebe zu berichten. Denn
ist eine Frau weise, dann schmeckt ihre Weisheit ser als die Brahmas,
weil der Speise ihrer Weisheit noch die entflammende Drogue Anmut
beigemengt ist. Das wute auch der groe Sankara Acharya, denn er
unterbrach eigens einmal seine Inkarnation, um auf kurze Zeit den toten
Krper des Knigs Amru zu bewohnen und solchermaen vorbergehend der
Knigswitwe Gatte zu werden, damit er in den Stand gesetzt wrde, aus
eigner Erfahrung mit Madana, der Frau eines Brahmanen, Zwiesprache auch
ber Liebesdinge pflegen zu knnen, dem einzigen Wesen, das er an weiser
Rede nie zu besiegen vermocht.

Du warst vorhin bei der neunundsechzigsten Art der Nymphe Menaka, den
Sonnenschirm des Liebesgottes aufzuspannen, sagte Gargi.

Und Ganapati ging ber zur siebzigsten und einundsiebzigsten ... Nach
der sechsundsiebzigsten aber waren tausend Jahre in Liebesekstase
vergangen. Da verabschiedete Vismavitra die Nymphe sehr freundlich und
sprach zu ihr: >Sage Brahma, ich danke ihm, da er mir nur vom
Allerbesten, was er besa, gesandt, wohl wissend, da einzig du,
Goldgliedrige, mich von meinem Ziele abzulenken die Macht besitzen
knntest.<

Dann gab er ihr noch bis zum Rand des Mondes das Geleit, empfahl sich
ehrerbietig, kehrte um, setzte sich wieder auf den Himalaya und begann
neue Reihen noch nicht dagewesener Kasteiungen, so da die Berge
anfingen, davon zu glhen. Hielt seinen Atem an die tausend Jahre lang.
Da stieg Rauch aus seinem Haupt zur groen Konsternation der drei
Welten, denn alle Regionen fingen an durcheinander zu strzen, kein
Licht schien irgendwo mehr, und die Gtter flohen in Angst zum Herrn der
drei Welten:

>Hilf, Mahadeva! Denn es hlt sonst der Entsetzliche den Atem an, bis
dieser an Lnge gleich geworden dem Ein- und Aushauch Parabrahms, der
die Schpfung ist. Dann vermag der Entsetzliche mit einem Einhauch die
Schpfung und alle Gtter in sich zu saugen und eine neue Schpfung mit
neuen Gttern im Aushauch aus sich zu stoen.<

Da aber drehte Ganapati Sastriar pltzlich auf dem Absatz der Erzhlung
wieder um, denn er hatte noch eine vortreffliche Zrtlichkeit der Nymphe
Menaka in der Episode der tausend Jahre zu schildern vergessen.

                   *       *       *       *       *

Eines Tages zog Gargi sich von ihrem jungen Gatten zurck. Verlangte
nach der Sitte indischer Damen von Stand an einer bestimmten Wende des
Blutes nach abgesonderten Frauengemchern, die der Herr des Hauses bei
Tage nie und auch des Nachts unangemeldet nicht betritt. Wo sie in Ferne
und Geheimnis sich jedesmal fr den Entbehrten bereitet, wie fr einen
fremden Gott. Pfauenugiges Nachtgeschpf am Zaubergewirk aus Trieben
und Hemmungen: Bauherrin -- Dichterin -- Bildnerin am ohnegleichen Werk
hoch ber aller Wissenschaft und Kunst: Liebe. Des Nebeneinander
entratend um des Ineinander willen. Sie durften sich ja jede steigernde
und edle Knstlichkeit gestatten, ohne Furcht vor Entfremdung, Dank
ihrer Kinderehe, die lang vor dem Zentrieren der Sinne sie zu
Nachtgeschwistern versiegelt.

Denn es ist gewi, da unabhngig vom Nur-Geschlechtlichen, durch
Schlafvermischung allein, aus einem tieferen Eros her ein Etwas kommt:
unerforscht, verhangen mit Geheimnis, und doch, gewaltiger wie Umarmung,
mchtiger wie Tag und Tat, die Wesenskerne der Bewutlosen ineinander zu
ketten vermag zu einem dunklen Zwiegeschpf. Hat sich dieses erst einmal
gebildet und fhrt das Schwert eines Schicksals dann hindurch: bis zum
Tode gehen die Entzweiten herum, wie mit einem Schnitt durch die
Persnlichkeit, ja aus dem Schnitt heraus blutet neue Bindung: ein Band
aus hartem Blut, strker als Leidenschaft -- lnger als Gewhnung.

Ohne drren Instanzenweg der berlegung, von dem die kstliche Gltte
ihrer Stirn nichts wute, hatte Gargi die Zeit ihrer Entrckung gewhlt.
Sie, nicht Horus, auch Diana Elcho nicht. Denn sie war eine asiatische
Dame, somit fr die Essenz des Lebens gebildet -- nur fr sie.

Wenn man will, ein rein weibliches Dasein.

Verstnde sich darunter:

Generationenlang nie einer Trgheit nachgegeben haben und nie einer
Gier. Um der Anmut willen viel getan haben an zarter Mhsal. Viel
gelassen, um des Geschmackes willen.

Vom fnfzehnten Lebensjahre bis zum Tod nie zu-, nie abnehmen im Dienst
geschmeidiger Gltte und nie eine derbe Speise berhren im Dienst des
Duftes.

Mit einem durch Jahrhunderte geklrten und durchglhten Blut die
Sehergabe des Schoes erwerben. Als Hterin des kstlichen Potentials zu
entgleiten verstehen ohne Entfremdung, auf da die sen Wasser der
Sehnsucht sich wieder sammeln.

Wissen, wie jener unentrinnbare Ha der bernhe zu lsen, damit auch
die Qual noch ihre Stelle unter den Seligkeiten finde. Die Abstrze
kennen, zwischen: Liebe -- Erotik -- Orgiasmus -- Ehe. ber sie alle hin
mit fragilem Arm die khne, junge Brcke schlagen, an deren Ende schon
die Hand den Gefhrten mit warmem Druck erwartet, und auf dem
Frhlingszweig des Armes jubelt noch sein Ku.

In den seltenen, vielgliedrigen Festen des Blutes nach Ergnzungen
suchen, die sie selbst nicht bieten kann. Mit und an ihnen sich
abschatten oder entflammen. Die Liebe ber den Geliebten stellen, damit
das Weltenkunstwerk des Entzckens sich vollende. Und erkannt haben, da
ein Eros, der dieses Namens wert, auf jedem Instrumente anders spielt,
und da die Flte nichts der Geige raubt.

Ein rein weibliches Dasein: an der Feinheit der Polygamie frei --
groartig -- taktvoll -- und weise geworden.

                   *       *       *       *       *

Im zweiten Jahr nach dem Frhlingslauf zur Hhle der weien Trume sah
Horus nur einmal seine Frau bei Tag. Es kam so:

Diana Elcho lag flach auf dem Bauch in der Halle und spielte mit dem
Spektrum.

Pendelte den Wasserspiegel im halbgefllten Kelchglas linde vor sich auf
und ab. In therischen Kanten schlug die Sonnenpyramide hindurch, schlug
ihre winzige Farbengarbe auf die Hand der Frau. Ein Cabochon am kleinen
Finger daneben verschleimte -- ward unmglich. Nur ein Edelstein: Licht,
schon verunreinigt durch Erden. Sie streifte ihn ab. Auch die Hand nicht
hell genug. Sie suchte nach anderer Foliierung. Wollte den Sonnenbruch
ins schmerzhaft Herrliche heben. Papier -- Seide -- Porzellan? Suchte
passives Wei, nicht spiegelnd, nicht krnig, nur gleich und rein. ber
Alabaster endlich wuchs -- wie von flssigen Brillanten getragen -- das
winzige Band zu solcher Intensitt in einen Paroxysmus des Glanzes
hinein, der betubte. Sie sprte ihr Herz.

Die anderen kamen, kauerten herum, spielten schauend mit. Ein kleines
Insekt aus der Luft knallte seine Chitindeckel zu, schlenderte zu Fu
verblfft durch die flimmernde Wandelbahn von Purpur nach Violett; an
der unstofflichen Wonne des Gelb lutschte es ein wenig. Sie nickte ihm
zu, sah auf:

Gut haben's die Ganzkleinen. Schnes ist immer so gro fr sie. Ihnen
wachsen fugenlose Huser aus elastischem, leuchtendem, duftendem Stoff,
mir sieben Jahre Mhen, bis sich nur das Furnier der Bibliothekslambris
restlos schlo. Der da aber geht gar in den sieben ersten >Taten des
Lichts< spazieren. -- Wir sind zu gro. Reines reicht kaum fr den
kleinen Finger; der Rest tunkt schon wieder rundum in den Sudel.

Und dann bekam Diana Elcho langsam ihr grogewordenes Kindergesicht.

Van Roy lchelte Horus in die Augen:

Das wird ein Nachspiel geben.

Sechs Monate spter lud sie beide in den neuen Annex am sdlichen Park.
Umplankt von freiwilliger Diskretion, war sein Inhalt Geheimnis
geblieben. Passierten das Atrium, glitten auf eine Rundbank in der
lichtlosen Apsis aus silbrig-finsterem Labrador. Die dreht sich mit
ihnen langsam hinein in ein alabasternes Riesenei: nur Raum, strahlender
Materie voll bis zum Rand. Wabernde Spektra, dick wie Wildbche, strzen
in ihn und lautlos zueinander, von ueren Spiegelreflektoren durch
Prismenbnder lngs der Wnde rundum hereingebrochen in das
lebendigweie Ei. Eiskalter Staub von sem Wasser fngt die Spektra in
der Luft -- hlt sie schwebend im Raum. Khlt zugleich.

Doch es ist zuviel. Die Blicke werden hart, erstarren in einer
Lichttrance zu Stein. Der Reiz dieses leeren, beziehungslosen Glanzes
steigt zum Bersten an; schreit nach Zentrum -- nach Kern.

Da kommt aus dunkler Zwillingsapsis gegenber die Erlsung. Durchsichtig
wie Libellenschatten. Zittert vor Sonne. Legt opalisierende Hnde weich
vor sich auf die Farben, wie trinkende Vgel. Kommt auf langen, zarten
Schenkeln durch die flieenden Edelsteine gewandelt bis in die Mitte des
Raums: steht nacktklar im gewaltttigen Licht. Schrg schlagen
Flimmersulen von Purpur bis Violett hart durch den feinen Krper, durch
Hals -- Herz -- die fingerdnnen Weichen hin: ein junger Ber steht
gepfhlt an ein geheimnisvolles, sehr wonniges Martyrium, das er auf
weien Lidern trgt.

Dann weicht die Luststarre allmhlich holder Ungeduld und magischem Sang
der Glieder. Was rhythmisch wechselnd von Strahl zu Strahl durch die
Farben gegangen, ist jetzt ein neues, ganz liebliches Gemt -- dem Licht
nicht mehr entgegen. Es wiegt und spielt sich, lst sich ganz, zu
schwingen, heller wie Geist, in strahlendem ther, wie die gleitende
Welle im Leib eines diaphanen Meergeschpfs: Sylph vom flieenden Licht.

Es schaute der Knabe Adorant. Und die zerfallenen Hlften der Welt: die
voll feurigen Atems unten -- die zeitlos therische oben, schlossen sich
in ihm zu einer Vollendung. Denn was durch das Auge eingeht, wandert den
Weg der Entzckung ins Geschlecht -- den Weg der Entrcktheit zu Geist.
Im Auge aber sind sie eins.

Ein Etwas um Diana Elcho lie Erasmus sich ihr zuneigen:

Was ist, >Beleberin der Herzen<?

Ihre Wimpern wiesen vor sich, strmischer Sieg stand auf in dem
jnglinghaften Gesicht:

Jugend soll unaufhrlich Feste feiern! Jugend ist das Leben. Welcher
Wahn, welche Torheit, sie in Vorbereitung auf das Leben verschwenden,
also auf etwas, das mit ihr selbst erlischt. Alles den unldierten
Wesen. Es lebe die Immatura.

Falls die Erziehung vor der Geburt vollendet war, dann -- er verbeugte
sich leicht gegen sie -- mgen die Feste in Freiheit kommen.

Sie nickte. Wissenswertes lt sich ja so nicht lehren, nur gebren,
das ist: unbeirrbarer Sinn fr das Echte. Er, aus dem die unbeweisbare,
allmchtige Prmissenbildung aller Urteile erfliet. Das geht nicht von
Mund zu Ohr, nur von Blut zu Blut. Die wahre _Alma mater_ aller
Fakultten, Fhigkeiten bleibt ewig die Plazenta.

Ihr Auge weidete auf den Farbensulen, in die sie das Licht zerbrochen,
so gro sonst nur als unfalich freie Glorie ber Wolkenrndern -- hier
von einer Frau in ihr Gemach verdichtet, gezwungen, es zu fllen bis zum
Rand.

Bildung -- eine Welle rann unbewut durch ihre Hand und wie eine
Erhellung in die Luft hinber -- alles liegt schon im Wort --
>gebildet<: was von innen heraus ringsum ausgeblht, sich planmig
Gestalt erzwang: Struktur. Im Gegensatz zu dem, was noch amorph
>ungebildet<: ein Haufen Schlauheiten -- Meinungen -- Instinkte --
Urteile bestenfalls. Erbmassen, durcheinanderkollernd wie Schrotkrner
in einem schlaffen Beutel, an den Schwanz eines kopfscheuen Affen
gehngt.

Nein, Bildung ist keine Angelegenheit des Grohirns, -- ist Puls, Haar,
Haut, Geschlecht -- das -- das.

Und ehrfrchtig, fast zaghaft, fast ein wenig errtend, nahm sie, wie
etwas ber die Maen Kstliches, Gargi in ihre Arme, die lautlos in die
halbdunkle Apsis zurckgeflogen kam und mit Fen -- schmal wie
Schwalben -- durch die Fesselringe in ihre Sandalen aus weiem
Antilopenleder. Bckte sich zugleich nach dem Stck silbergesumter
Seide am Boden; drei, vier unbegreifliche Griffe: ein Sarong. Vor
Sekunden noch nacktklarer, halbdurchscheinender Sylph, stand Gargi nun:
ganz Dame wieder und bekleidet ohne Fehl.

                   *       *       *       *       *

Die Erziehung eines Kindes hat _vor_ seiner Geburt vollendet zu sein.
Diesem chinesischen Lieblingssprichwort treu, hatte Diana Elcho sich
zwar stets bemht, ihrem Sohn die besten Lebensgelegenheiten zu
schaffen, es aber vllig ihm berlassen, wie er sie verwende.

Stets erreichbar, wenn er sie brauchte, war es gerade ihr Stolz als
Mutter, mglichst wenig gebraucht zu werden, es sei denn in bewutlosem
Wohlgefhl organischer Nhe. So genossen beide gesegneter Freiheit
voreinander, die der lteren ermglichte, ihr schwieriges und
vielfltiges Leben restlos auszuwirken.

Denn, -- hatte sie einmal zu Erasmus geuert, -- wer sich nur als
Durchgangsglied empfinden will, wird auch nur Durchgangsglieder
hervorbringen. Wer nicht den langen Atem hat, ber die Elternschaft
hinaus an der Linie eigener Vollendung fortzuwirken, wer sich unter
irgendeinem Vorwand >aufgibt< -- >aufgeht< in seinen Kindern, wie er das
beschnigend nennt, belastet mit verschleiertem Bankrott die eigne
Nachkommenschaft. Wie der fette Alp auf Sindbads Rcken hocken seine
ranzigen Trume -- sein fauliges Versagen -- als ungetaner Lebensrest
auf ihrem frischen Dasein: seiner Seele totes Gewicht, weil er sich
ihnen ja >geopfert<. Nein, diesen Mtter- und Weibertrick macht ein
Mensch mit Selbstachtung nicht mit.

Die besten Lebensbedingungen. Neben der Schpfung des Hauses Elcho war
Gargi zu seiner ersten Frau zu gewinnen die schwierigste gewesen. Hatte
Hilfe gesucht bei der Rani von Travankor, der jahrelange Freundschaft
sie verband.

Die Rani zog die langen Augen schmal zu einem Phosphorband, dann mit
fernem Lachen in der Stimme, auf alles gefat: Eine Brahmanin? --

Die andre neigte nein. Wute: es war unmglich. Und wre es selbst
denkbar gewesen, aus einer der vierundsechzig Stufen, in die -- nach
Reinheit des Blutes -- die Kaste zerfllt, Horus ein Wesen zu gatten,
ihr eigenes Gewissen htte verwehrt, da planvollere Blte des
Menschentums, als ihrem Sohn zu sein vergnnt, durch ihn gemindert werde
an emotioneller Lebenshaltung; betrogen vielleicht um seine kstlichsten
Reaktionen: jenen nur an letzter Wechselwirkung entflammbaren, die nur
der von Schauern ganz erfllte Weg ans Licht zu treiben vermag. --

Da eine Kette zerri von solcher Verzartung, Verdichtung, Verglutung
der Instinkte: Kette, der jede Generation in Selbstbezwingung bis in den
Schlaf hinein, an Wahl der Nahrung, in Atmung, Gedanken, Gebruchen ein
Glied hinzugefgt, -- da so etwas zerri; ihr einziger Sohn war es
nicht wert. _Sie_ hatte zuviel Ehrfurcht davor. Es war zu kostbar: hatte
Jahrtausende gekostet.

Sagte leise: Entsetzlich, zu denken, wieviel die Frau in der Liebe
riskiert.

Die Rani sah den Weg des Worts zurck, da er frei von Anmaung, sprte
das Menschliche, wurde milder.

Also eine Kshatriya? -- Suchen Sie -- als mein Gast --, man wird
sehen.

Sie suchte inbrnstig und lang. Fand ein Wesen vom Typ der kindlichen
Prinzen auf persischem Elfenbein: unter Agraffen Augen der Antilope, den
grnlichen Libellenkrper dem seidnen Galoppsprung ihres Hengstes
unbegreiflich lind und khn vermhlt. -- Hingerissen, umfhlte,
umwitterte, verglich sie jetzt eignes Blut mit jenem. Erkannte, wie und
wodurch in seltenen Fllen sich der Spitzentypus Europas: das
Normannisch-Angelschsische mit der Kshatriya-Kaste berhrt.

Hier erst schien Ehe mglich: jene Anziehung, die sich aus den
Wesenskernen zweier Menschen immer wieder erneut. Polare Wesen, parallel
geboren, denen die _lendemains_ erspart sind, weil sie gleichen
Ranges, und die purpurnen Nchte beschieden, weil sie Pole des
Ausdrucks. Denn jedes Geschpf will ja soweit aus sich herauslieben wie
nur mglich, damit das Geflle der Lust -- der Bogen der Spannungen
wachse, dann hineinstrzen in eine Erlsung ohnegleichen. _Fall in
love_: in die Liebe fallen; doch wer mchte in die Ehe fallen? Das
Wunder ber allen Wundern; da die ewigen Fremdlinge: Mann-Frau in
prstabilierter Harmonie die gleiche Lebenslinie wandern; wie
unverantwortlich, dieses fast perverse Wagnis einem schauerlichen,
vielleicht verspteten Zufall auszuliefern. Nur Menschen, die in ihrem
Frhling sind -- fremdartig -- gleichkastig, mag vielleicht ein gtiger
Eros das Helle mit dem Heien, Tag und Traum, Licht und Blut in einer
Schale reichen. Und wenn es milang! Sie haben von der Morgenrte im
Aufgang getrunken -- kein Gott kann ihnen das mehr rauben.

Entflammt jetzt, machte sie das Unmgliche mglich. Mutterrecht
erleichterte. Das war in diesen kleinen, von Mohammedanismus verschonten
Reichen Sdindiens nie ganz erloschen. In Travankor erbte sich sogar die
Krone in weiblicher Linie fort, und lagen die Weltgeschfte auch in des
Rajah Hnden, Bruche straffer wahren, oder leise lockern, einfach durch
innere Haltung, das wehte von der Rani aus wie Schleier, Rauch der Harze
aus ihren Gemchern, aus ihren Grten Staub der Fontnen. Endlich
durften alle Abgrnde als zur Not berbrckt gelten. Nach Kautelen,
Garantien aller Art: Bruche, Erziehung, Lebenshaltung ordnend --
eventuelle Rckkehr auch. Als Geprnge und Zeremoniell der Scheinehe
vorbei waren, brachte sie Gargi -- zehnjhrig -- heim.

Ihren Scho erzog Agai, ihre Glieder Sigiria, die Tempeltnzerin,
Erasmus ihren Geist, und alles Diana Elcho. Hatte sie durchdrungen, bis
Seele durch jede Zelle wie Saft in Pflanzen stieg, jedes Gef
geschmeidig zu Geschmeide, bis alles Anmut geworden, Takt und Licht.
Hirn, Becken, Darm, Zehenngel, Atem, Stimme -- ebenbrtig eins dem
andern; zusammen freie Diener jenes Unbegreiflichen, nie zu Erklrenden,
nur zu Fhlenden: Harmonie, Persnlichkeit.

                   *       *       *       *       *

Agai, die Gewalt der Brandung, hatte jetzt ausgesorgt. Hockte gleiend
schwarz herum. Fletschte Wonne, beschenkt und stolz. Wartete auf ein
Schiff in die Heimat, von einer ganzen Mdchengeneration zwischen neun
und dreizehn dort im Schulhaus erwartet. Freute sich auf die Mnner --
nach drei Jahren. Unter allen Tropenstmmen verstehen die Suaheliweiber
sich am besten auf die glhende Kunst: frei sein. Auf das Frauenrecht:
Mutter aus Wahl -- nicht Zwang, Herrin, nicht Sklavin der Generation.
Und das _durch berhhung, nicht Hemmung der Hingabe_.

Atmen des Schoes. Das Schlieen und Spannen, Entgegenschwellen dem noch
Unbekannten. Die verborgenen jungen Innenwnde geschmeidig bend so zu
erstarken, da zu den Gezeiten des Eros aus ihnen die Mondwelle sich der
Sonnenflut entgegenwerfe, sie -- _fort_- und bersple an trunkener
Kraft. Nach jedem Liebesstrahl wie mit inneren Zauberzangen den
blumenglatten Ring zurckschlieen in Unberhrtheit.

Das alles hatte Agai, die Gewalt der Brandung, gelehrt.

Mit dem Frhlingslauf zur Hhle der weien Trume endete ihr Amt. Sie
heulte und grinste Abschied -- leckte tierhaft hingegeben die Fersen
ihrer jungen Herrin, kniete dann auf und bergab einen erbsengroen
Mondstein dem inneren Griff der geschmeidigen Schliekraft:

Agai denken -- immer halten -- bei Tag.

Gargis Arme kamen um ihren Hals geflogen: Agai.

Doch die dunklen Handflchen hoben sich nach auen gespreizt bis zur
gesenkten Stirn, wehrten ab, wie ein verkehrtes Gebet.

So schritt sie voll Wrde in ihren Grenzen langsam hinter sich und durch
das Tor der Bderhallen hinaus, ber denen geschrieben stand:

Welche Schmach, zu altern, zu sterben, ohne die ganze Herrlichkeit,
deren unser Krper fhig ist, kennen gelernt zu haben.

Dann bog der Rolls-Royce mit Agai aus dem Park. Der japanische Chauffeur
brachte sie zwei Tage weit nach Trinkomali, der nchsten Anlege.

                   *       *       *       *       *

Kraftanlagen wurden ntig: eine Niederdruckturbine in die Mahaveliganga
-- eine Hochdruckturbine in den Wasserfall eingebaut. Gengten nicht.
Man schlo mit einer Firma in Jokohama ab. Gelbe Ingenieure kamen,
redeten aus Notizbchern in Differentialgleichungen, berwachten spter
die Montagen. Horus lebte nur noch im Maschinenhaus. Zum ersten Mal vor
dem Gehuse der Dampfturbine, stand er wie unter therrausch. Ein
Liniensturz, an Geschlossenheit unbekannt in der organischen Welt; von
einem geraderen Willen erschaffen als hhere Ordnung der Dinge. Ein
Liniensturz, erzwungen von dem Gaswesen in ihm und es bezwingend
zugleich. Aus Hunderten haardnner, metallner Schaufeln im Innern --
jede einzeln, jede anders voll Genie in den Druck geneigt, erflo hier
ein neues Kurvengeschpf; wie das Gesetz es befahl. Das Wort Continuum
kam aus dem Magischen herab -- ward Grenzfall von Schaufel zu Schaufel,
fast greifbar -- unbegreiflich.

Eine Ader auf der Stirn, stand er im Ozon des stillen Kraftsaales:
Hrselberg nchterner Phantastik. Stummgeladne Weite, vibrierend von
Spannung, lie seinen Speichel metallisch zittern, hob ihn an den Nieren
hoch -- durch alle Isolierung hin. Ein Rund aus riesigem Tod, der
drauen -- transformiert -- das Dasein leicht machte, hell, Mhsal
abnahm.

Ging dann wie abbittend hinber zur alten Dampfmaschine. Konnte ganz
versinken in ihre achsenglatte Wucht -- das Anschwellen einer Nabe --
die Wunderform der Welle, wenn Reibung Fortbewegung ward.

Und wie schn, da dies alles diente: dem Leben untergeordnet als Zweck,
wiewohl bergeordnet als Form.

Latentes brach jetzt aus, langhin vorbereitet durch Werkzeuge, Jacht,
Rolls-Royce. Er fieberte nach Schpfung; nicht ohngefhrlichem Wissen --
saloppem Verstehen, wie bisher. Selbst Schpfer werden in dieser
reineren Nebenwelt aus Zweck und Zahl.

Gut -- aber mindestens fnf Jahre Arbeit. Van Roys Mund konnte sehr
hart werden. Keine Edelspielerei, keine Rosinen aus dem Kuchen. --
Intuition --? So, da ginge es vielleicht rascher. Meinst du? -- Nun,
man kann Hhen erfliegen oder ersteigen. Erflieger kennen vier
Quadratfu Gipfel. Ersteiger den ganzen Berg. Schritt um Schritt. Von
jeder Spanne Rechenschaft ablegen knnen -- _den Weg besitzen_ --
Mglichkeit, ihn immer wieder zu gehen, ist Wissenschaft. Gau hat
einmal gesthnt: >Das Resultat hab ich, wte ich nur schon, wie zu ihm
gelangen<. Kepler sah in einer Art Kristallvision sein drittes Gesetz:
sah die ersten fnf regelmigen Krper ineinander eingeschrieben als
die mittleren Planetenabstnde von der Sonne: eine kosmische Beziehung
als Klumpen Stereometrie. Sehr schn, aber wertlos noch, ohne Beweis.
Ein abgerissener Tropfen Genialitt im Leeren.

Nein, ich werde dir nichts schenken. Denn: bleibt irgendwo unten, auf
einem Seitenpfad, auch nur die kleinste Lcke, unvermutet aus der Hhe
wird eines Tages deine ganze Weisheit gerade in dieses Loch fallen, wann
es dir am wenigsten pat; ja, dieses spezielle Loch wird pltzlich
berall vor dir sein, und du wirst aus allen Himmeln steigen mssen, es
zu stopfen -- oder ewig Dilettant bleiben.

Aber dann -- nach fnf Jahren -- werde ich auch vor weien Meistern
bestehen knnen? und erbleichte schon der eignen Ungerechtigkeit. Stand
ja hier vor einem weien Meister. Groe Namen unter Widmungen -- wte
er es sonst nicht -- zeugten dafr.

Erasmus schien belustigt. Dann, einen langen Weg in der Stimme: Wenn
ich dich einmal auslasse, kannst du getrost deinen Dr.-Ing. in
Charlottenburg machen.

                   *       *       *       *       *

Eines Tages stieg aus dem Drillbohrer eine Frage und wuchs in eine
wundervolle Vision:

Wie mgen Wesen aussehen, die das erdacht? Wenn bereits dies geringe
Werkzeug hier: etwas, das nichts als ein Loch in ein Stck Ding zu
machen hat, mich so mit Entzcken schlgt, wie erst die Herren solcher
Diener. Die weie Rasse: wohl Wesen, wie aus Schnee und Gold, khn,
arglos, wahr und anmutig. Ganz frei geworden an den gleitenden
Erzgeschpfen ihres Haupts und ihrer Hnde in ein ohnegleiches Cherubtum
hinein! Ihr Dasein eine ganze solche Welt. Arbeit: Schpfung -- nicht
Erschpfung mehr. Was ihn so hinausri ber sich, waren ja erst Abflle
ihres Lebendigen -- leeres Gehuse -- das wie Muschelschalen kam, an
seinen Strand gesplt.

Oder diese Gelben mit ihren Notizbchern: gleich Gesandten aus
Wunderlndern, Mrchenboten mit Kostbarkeit: da greift einer in die
Tasche, etwa nach dem Taschentuch, streut dabei zufllig ein Vergessenes
mit heraus, ein Dortiges, achtet's gering. Und wie da ein Staunen
anhebt, alles sich sammelt um das Niegesehene: so wenig wute er ja
noch. Hatte allerdings damals ein bichen gehofft, auch europische
Ingenieure wrden kommen. Das war wohl anmaend gewesen; gerade ihm,
Horus Elcho, sollten weie Herrn der Welt hchst persnlich ein
Kraftwerk bauen! Dazu waren Hilfs- und Schlervlker da. Auch mochten
ihrer wohl wenige sein. Der lebendigsten -- adeligsten Geschpfe sind
immer wenige. Nur Trges wirft drauf los ohne Hemmung: Karnickel,
Schweine. Ihr Wurf die Beute aller. Wer durch Khnheit und Weisheit
ungefhrdet geworden im ueren, darf inneren Stimmen horchen, selten
zeugen -- in lebendigsten Augenblicken nur -- aus feinster Wahl.

Nicht ganz unebenbrtig fhlte er sich hierin der weien Welt. In diesem
ihr ferner Sohn, kein Fremder. Wenn sie alle auch gewi weit schner, an
der hohen Luft ihres Lebens vollkommener geworden als er. Vielleicht war
hchste Sprosse hier unterste dort? Oder berhaupt alles ganz anders.
Anschauung fehlte eben.

Warum? wieso fehlte sie?

Stie zum erstenmal gegen das Sonderbare in seiner Erziehung -- blieb
perplex.

Kannte nur Wissenschaft, Technik, Musik der weien Rasse. Nicht ihre
Krper, noch den Geist ihrer Krper: Bruche -- Sitten. Also nichts.
Warum? Schwieg dazu. Hatte zu oft die Kstlichkeit des Schweigens
erfahren. Ihm schien, er htte durch die Unzartheit der Frage schon
volle Befriedigung aus der Antwort vertan. Hier lag ja offenbar ein
feiner, hchst komplexer Plan zum grunde; fragloser Einweihung allein
war volle Freiheit, Weite gesichert, nur sie befriedigte ganz, weil
nicht von vornherein in den Engpa einer Frage gezwngt.

Und dann wurde er langsam sehr glcklich, denn er meinte verstanden zu
haben.

Hatte sich oft vor Gargis Augen, oder auch manchmal vor nichts
Besonderem: einem Zweig, eines Zweiges blauem Schatten, was man so
nichts nennt, in einen jungen Lwenwurf hineingetrumt, den eine dnne
Haut noch von der Lichtwelt trennt. Das saugt, tappt herum, atmet,
glaubt sich schon ganz geboren, und dies sei nun eben alles. Da reit
die Eihaut des Auges, in unerhrte zweite Lichtgeburt. Und welche
Chance, da unter allen Europern gerade ihm -- als erwachtem Menschen
-- solch zweite Lichtgeburt in die weie Welt sollte vorbehalten sein.
Durch seine Mutter. An allen Nerven berflutet werden, wie nur ein
Entblendeter berflutet werden mag, in den erster Sonnenaufgang
hereingebrochen kommt: diese ungeheure Freude hatte sie ihm gnnen
wollen, weise aufsparen fr sein erwachtes Herz.

Wann? Bis er reif, wrdig geworden. Fhig, es ganz zu genieen.

Arbeitete von nun an so, da Erasmus meinte: Vier Jahre nur --
vielleicht.

Da suchte Horus nach einer Wendung, wiegte sich, funkelte in ihr --
wagte es schlielich doch -- sagte schchtern, etwas zgernd, zum
erstenmal: Wir -- wir Europer.

Dies ungeheure weie Dasein, von ihm gebildet aus dem Hellsten, das er
kannte: hohen Violinen -- gleitendem Nickel; geisterhaft ging es immer
mit, durch alles Tun, ragte therisch herein; ihm straffte er sich
entgegen, durch jeden Alltag hin. Doch gab es Lieblingsstunden, da nahm
er es trumend vorweg, meinte sich ihm nah. Etwa an der Orgel als
brausender Gott: Demiurgos in Person, wenn er mit einem Griff den Wald
in der Hoboe erschuf, sumpfiges Grunzen der Bffel im Kontrafagott, und
zu diesen das schrille Silber stie aus den flimmernden Registern.
Eisblaue Knabenstimmen dazwischen aus mutierendem Metall. Nun trat sein
Fu mit dem Starrsinn seiner Ferse aus dem Tiefen wuchtendes Gesetz:
jenes, nach dem die Gestirne und die groen Herzen wandeln. Das stampfte
ins Silber hinauf, rttelte an waldigen Schultern, bis alles umschwang
in die Doppelfuge seines Tierkreiswillens.

Jetzt durch alles hindurch, lie er ein Wehen anheben auf der dritten
Klaviatur, schlingerndes Pfeifen, das zum _grand jeu_ wuchs,
Klanggischt an die Wnde warf, aus Ertnen Ergreifen machte -- den Raum
ergriff, wie jene grenzenlose Hand aus Hauch sein Herz, um es nach einer
andern Sternenstunde einzustellen. Ortlos, ein Scheinwerfer aus dem
Unendlichen, stand es wieder als Blick auf ihm -- brach ihn auf --
blhte ihn auseinander. Da wute er sich im Sehfeld des Aschenauges --
stark, wehrlos und geborgen. --

Durch geschlagenes Glas fiel die Oktave des Lichts in den erschtterten
Raum, und nun vermeinte er Newton zu sehen -- als Kind, wie es zum
erstenmal in den Klang der groen Orgel tretend aufsah, glaubend, nur
aus der Farbenrose oben knnten diese Stimmen kommen.

Da neigte er sich dem kindlichen Schemen tief. Schlo die Orgel.

Nchterner gestimmt, zog er zuweilen Resmees: was er wute, erschlo
Neues daraus. Nach eigner Meinung sachlich khl. Das war dann Reiz und
leichte Qual. Wie Streichen um den verhangenen Geburtstagstisch frher
Jahre. Htte ja sogleich eine Ecke lften knnen, das Auto nehmen und in
zwei Tagen Orte erreichen, wo -- er wute es wohl -- Europer lebten
oder durchreisten. Als verstreute Fremde in fremder Umwelt. Nein, so
nicht. Hatte vor einem Jahr noch weie Ingenieure erhofft, ehe er diese
Feengabe seiner Mutter: diese lebenslang vorbereitete, kstlich
einzigartige Erschtterung, die seiner harrte, recht begriffen. Jetzt
nicht mehr. Blind bis zum Sonnenaufgang. Nur Vorfreude trumen, aus
Vorzeichen bauen, sich bereiten -- fr _dort_.

Mit den vier groen Sprachen Europas war er von Kind auf vertraut.
Wundergefge, aus unbegreiflich schwebendem Geist, wie alle Sprachen.
Doch Schlinge nur, sogar weniger breit gewurzelt und fein in der Krone
wie der Mutterbaum: Sanskrit. Er konstatierte das gerne; bewies sich
Objektivitt damit. Europer redeten eben auerdem in neuen Sprachen --
ber dem Wort: in Gleichungen und Musik. Euler, Beethoven waren ihre
Grammatiker. Auch er, Horus Elcho, sprach europisch: vor dem Reibrett
in der Gleichung der Lemniskate -- vor dem Cello im _Cis_-Moll-Quartett.

Ging dann in den Abgusaal. Blieb nicht mehr vor den gyptern wie
frher; blieb vor dem zeitlich Letzten dort: den Griechen. Wenn die
weie Rasse schon vor zweieinhalb Tausend Jahren -- in ihren Outsiders
-- so wohl geraten: in dieser kleinen hellenischen Provinz, die wie eine
Seeanemone ganz unten vom Rand des eigentlichen Kontinents abwehte; von
da in gerader Linie, ungehemmt, ansteigend, wie verfeinert, in Anmut
ganz gelst mochte sie heute schon sein? Sich zu jenen verhalten wie
etwa eine Schwebekonstruktion zu einem Pfahlbau. Waren doch die
blumenugigen jungen Rehmenschen Indiens an Linienblte, Adel des
Aufrisses ber den griechischen Kanon vielfach hinausgewachsen,
besonders die Frauen, und lebten doch noch erdgebunden nach alter Art.

Eigentlich nur hellenische Kpfe -- jene wenigen aus bester Zeit --
beglckten ihn echt, durch Unzerrissenheit, Wohllaut, mit dem sie in den
Leib hinberlebten. -- In dieser schwierigen Se, heimgekehrten spten
Schlichtheit Lysippscher Hupter sah er sie gerne wandeln: seine lieben
Herrn des gleitenden Erzes.

Konnten sie denn berhaupt noch das Weltwesen vor Jahrtausenden auch nur
begreifen, etwa ihrer homerischen Vorvettern, die noch Kriege gefhrt,
sich Spiee in den Leib gerannt, sie, deren khne Not -- Siege -- Leiden
in transzendenten Schlachten, auf Geisterpfaden sich erfllten! Auf dem
wundervollen Abenteurerweg der Physik, dem verwegensten Weg! Eroberer,
die das Heranschleichen kannten, gespanntesten Sinns, zitternd und eisig
zugleich, der Erscheinung den Lasso berzuwerfen, um sie als Strahlen,
Krfte, Elemente umzugieen in Ungeheuer aus gebndigtem Geist.

Wie ihre Frauen wohl aussehen mochten? Gewi Gargis Linien in den Farben
Diana Elchos.

Ihr Wesen: aus dem der Pallas und Nausikaa gemischt.

Und das alles stand ihm noch bevor; das alles aber hatte er auch einer
Frau zu bieten, die ihm angehrte. Dachte froh bei sich: Und sie wei
noch gar nicht, was ihr da blht. Sagte zeither auch zu Gargi: Wir --
wir Europer.

                   *       *       *       *       *

Am Anfang seiner technischen Ekstase, verbohrt in Exzentergetriebe,
Turbogenitoren, Ventilsteuerungen, konnte sich Horus oft erbosen,
schlenderte er mit Erasmus durch die Pettah. Nicht ber die edlen Mae
ihrer epischen Menschen -- das mochte hingehen. Auch war er mit ihnen
allen in einer Art dauernder Liebeshellsichtigkeit, sorglos, ohne
manischen Zwang der Lustvollendung, dank seiner Kinderehe. Der gleichsam
genieende Gang des Schikari Aditja gefiel ihm in seinen Augen, wie das
Geruhsame in Ganapati Sastriar, zu dem er immer noch gerne ging. Doch
die Dinge -- die Gerte, das gehrte sich nicht.

Warum ist so ein dummer alter Brunnenrand so schn, wie kommt er dazu?

Nur weil er so alt ist, trstete Erasmus, der sofort wute, um was es
ging. Dinge, beschlafen von der Zeit, zerbrechen in ihren Armen oder
gebren eine Art Vollendung.

Diese dunkle Gltte an Bolzen, alten Stalltren, an Trgen,
Brunnenrndern: warme Griffe -- Tiermuler ohne Zahl haben sie
ausgekurvt ins Endgltige. Vielleicht scheinen uns die wenigen antiken
Torsi so edel, weil die Zeit -- ein unbestechlicher Kritiker --
unerbittlich entfernte, was gegen den Geist des Materials. Was daran
berhaupt abbrechen konnte, war eben falsch. Der verbesserte, endgltige
Kontur: der Ewige ist, was wir bedauernd >nur< einen Torso nennen.

Dann vermag aber die Zeit doch lediglich weg zu nehmen?

Allerdings. Darum vermchte sie allein wohl nie, durch bloes
Abschleifen, die Vollkommenheit einer Helice zu erzeugen, weil ihr hiezu
das Konstruktive fehlt. Aktive Schnheit der blo passiven gegenber.
Diese wird primr von innen heraus vollendet, -- sekundr, von auen
hinein -- jene. Echt aber sind sie beide. Und wie echt zu echt stets
pat, so deiner Mutter Haus, bei aller Verschiedenheit im Konstruktiven,
zu dieser Pettah -- zu diesen Brunnen, Trgen, Tren, Bolzen.

Horus erstaunte. Ja, gibt es denn auch auf der Welt >unechtes< Gert?
-- Wo? Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Etwas eigens fr etwas
machen, zu dem es nicht taugt. Ungeratene Gerte!

Er lachte. War's aber im brigen zufrieden. Gab nun im Vorbergehen
Brunnenrndern ab und zu einen aufmunternden Klaps in die luternde Zeit
hinein, sich ja fleiig von ihr aussparen zu lassen, da ihnen nun einmal
das Glck versagt geblieben, aus dem Geist europischer Technik
entsprungen zu sein.

Erasmus aber sagte schnell etwas Falsches -- etwas ganz und gar Banales;
hatte schon zu viel besser gewut heute. War auch je und je auf der Hut
gewesen, sein Axiom zu verraten, auf welche Art ein Mensch das Hchste
aus sich zu ziehen vermge: mindestens zwei, von einander so weit wie
mglich abliegende Wissenschaften betreiben und dazwischen versuchen, in
_einem_ Sport der _erste_ zu werden. Er lie Horus selbst darauf
verfallen.

Du hast immer einen so wunderbar durchbluteten Geist, meinte dieser
eines Tages. Er war ins Laboratorium gekommen, Erasmus zum Bade
abzuholen. Woher das kommen mag? Er hatte ihn in vorzglicher Stimmung
getroffen.

Wei nicht. Vielleicht, weil ich faul bin. Ich ruhe mich immer so schn
frisch aus: vom einen beim andern. Sie liebten beide, wo es anging,
kindliche Diktion. Schtzten den Charme gepflegten Vorsichhinbldelns
zuweilen.

Und dazwischen schwimmst du wie toll, besser sogar wie Aditja -- so gut
wie die allerbesten Krokodile. Aber das wird es eben sein: erst da
denken -- dann ganz wo anders und dazwischen gar nicht -- nur leben, die
Nerven entlang das letzte herausholen fr etwas, das so vornehm ist,
keinen Zweck mehr zu brauchen.

Eifervoll entwickelte er nun alle Vorzge polarer Interessen rechts und
links von einem Sport. Da Erasmus zu zweifeln schien: Du glaubst mir
nicht -- an mir selbst will ich es dir beweisen.

Nach einem halben Jahre kam er dann und klagte ein wenig:

Es scheint mir manchmal, als gebe es gar keine >weit
auseinanderliegenden< Gebiete. Ich wenigstens kann keine finden. Immer
dort, wo es wirklich interessant wird oder wichtig, scheinen sie zu
konvergieren, und im Ganzaufregenden, da schneiden sie sich sogar.

Schade, meinte Erasmus, also ist der Kosmos zu pauvre geraten, als
da man im Auf und Ab an ihm einen -- wie hie es -- >gutdurchbluteten
Geist< bekommen knnte. Somit fllt die ganze schne Theorie dahin.

Aber du selbst bist doch gegen deinen Willen mein lebender Beweis, und
ich werde noch der deine werden. Diesen senilen Starrsinn aber, -- --
er kniff ein Auge ein, -- mu man brechen.

                   *       *       *       *       *

Unentstellt -- wie ein khnes Tier, eine Gazelle aufkniet hinter der
entgleitenden Geburt -- so schlo sich Gargi hinter ihrem Sohn. Jetzt
achtzehnjhrig. Doch schon am Morgen ihrer Mdchenschaft hatte sie zu
ringen begonnen um diese neue Jungfrulichkeit, jenseits des Kindes.

Ihr und aller indischen Damen scheinendes Ziel: jene Sultana Mumtaz i
mahal, die ihrem Gatten mit jedem Knaben sich selbst als Mdchen
wiederschenkte. Und Schah Dschehan wertet es weit hher als eine
gewonnene Schlacht, denn hier ward durch Zucht, List, Mhsal, Mut,
Hingabe das Glck zurck erobert, -- enthauptet sogar die Zeit, von dem
zarten und zhen Willen, der aus jeder Geburt sich eine neue
Unberhrtheit fr seinen Herrn erzwang. Sieben. Die Achte wurde ihr Grab
-- und: der Tadj-mahal. Denn in seinen Kuppeln standen leuchtend die
sieben harten Marmorkelche ihrer Jungfrauschaften wieder auf. Nicht als
Bauwerk zu werten, noch Kunst: der Tadj-mahal ist die Sehnsucht des
Mannes nach dem Kelch des Glcks.

Und so gro war Schah Dschehans Sehnsucht nach der Heimat dieses
Kelches, da er durch Blumen und Flammen seines immer erneuten Harems
hindurch ging wie ein Schwert, dreiundzwanzig Jahre lang, und nicht mde
wurde, die Weie des weiesten Marmors zu prfen, gegen das Gold und
Grn der Lasuren, ob sie seine Weie erhhten. Lie pltzlich die Flanke
eines Berges auseinanderreien in der Hoffnung, seine Tiefe sei heller
noch, hnlicher im Adergang.

Die eckigen Wasser aber, in denen alle Weie sich spiegeln sollte, lie
er noch auf ihrem Grund mit geschmolzenem Silber ausgieen, und aus
seiner unzerstrbaren Sehnsucht prete er die Erinnerung an ihren Duft,
lie das Geheimste aus den Korollen und die Drsen aus den feurigsten
Tieren reien, und manchmal meinte er, das Laue in der Luft sei es und
warf die Arme darum, bis endlich -- endlich die Alchymisten Arabiens,
die Sanjassins Hindostans aus dem Fruchtfleisch der ganzen Welt es ihm
erpreten.

Da stieg die Essenz des Duftes als sieben Quellen aus dem
Spiegelbild des Marmorkelches in den eckigen Silberwassern. Weie
Nachtigallenmnnchen, deren Flgel in Netzen aus Rubinen lagen, tranken
Trunkenheit daraus, da ihnen der flieende Duft klingend aus den heien
Herzchen barst zum Preis der sieben Jungfrauschaften, die sieben se
Kinder waren.

Das ist zu Agra das Grab der Mumtaz i mahal: das Grab der Krondame. Als
es vollendet war, ging Schah Dschehan noch einmal ein in ihren tiefsten
Kelch, und das fr immer. Seine Asche ergo sich ihr.

                   *       *       *       *       *

Im siebenten Jahr nach dem Frhlingslauf zur Hhle der weien Trume
brachte Horus aus China eine zweite Gattin mit, als seine erste legitime
Nebenfrau. Seine Mutter, Gargi und er hatten die Regenzeit zu einem
Besuch jener sdchinesischen Provinz benutzt, deren Statthalter damals
vorbergehend Lady Dianas alter Freund Li-Hung-Tschang war.

Wieder ostwrts, auch diesmal, statt nach Westen! Seit der weie Kult
von Horus Besitz ergriffen, war es schier zum Staunen, wie Hindernisse
frmlich aus dem Nirgends her sich niederschlugen wider seinen Wunsch.
Nicht von Menschen kommend. Warum auch? Wo alles ihm so wohl wollte --
insonderheit seiner Mutter keine Mhe je zu gro, kein Preis zu hoch
erschienen, galt es etwa Beschaffung eines neuen Instruments fr ihn aus
Glasgow, aus Jena. Wie edler, krperhafter Gru der weien Rasse, war
jedes durch das Medium ihrer groen Liebe in seine ehrfrchtigen Hnde
berliefert worden. Nun aber, als Schler von Erasmus lngst entlassen,
als Mitarbeiter -- Ebenbrtiger, fhlte auch er sich wrdig, nach dieser
weisen, planvoll steigernden Gewhnung, die Klarheit solch einer ganzen
Welt zu atmen.

Stillschweigend schien all das ja lngst geordnet -- beschlossen. Einmal
aber hatten technische Verbesserungen am Graphitwerk: seine Erfindung,
die halbe Regenzeit verschlungen -- andre Jahreszeiten kamen wegen der
wichtigen Kopra- und Teeernte nicht in Betracht -- dann wieder war
unbegreiflicherweise fast in letzter Stunde ein schwerer Schraubendefekt
an der Jacht entstanden. Jetzt diese Einladung Lis!

Gargi hatten die Tnze der Knigsfrauen erst nach Siam gezogen:
zartschultriger Kult perverser Cherubim mit Schlangen und Ranken. Die
uern Behelfe: Stachelhelm, rieselnde Schnre, irre klirrendes Metall,
von Silberflten durchkt, wurden ihr Gastgeschenk. Dann verlieen sie
das Land der grnlichen Frauenblten; nicht zum wenigsten bereichert um
je ein Prchen Tempel- und Palastkatzen: den zweierlei siamesischen
Spielarten; silberbraun beide mit saphirblauen Augen, Tiere, die sich
halten wie gyptische Gtter und einfach sind wie ein ganz groes
Kunstwerk.

Wie immer auf Diana Elchos Reisen, wurden alle Hafenstdte gemieden, in
denen ein entrates Esperanto des Vordergrundlebens den Lack htte
zerkreischen knnen um diese Porzellan- und Seidenwelt. In entlegener
Bucht warf die Jacht Anker. Riksha-Kulis, Reit- und Tragtiere geleiteten
die bald Vertrauten in das schwerfllig-milde Reich des
Mitten-Innestehens, und seines Herzens Spruch!

   Mach s ihre Speise
   Und schn ihre Kleidung,
   Freundlich ihre Wohnung
   Und frhlich ihre Sitten.

Gern als Gste in Husern, die Lis Empfehlungsbriefe auf langen
Seidenblttern ihnen ffneten, lernten sie die Verschlingungen des
treuherzigen Drachens: Hflichkeit. Er sperrt sein Maul auf, und die
Zeit fllt hinein -- gar nicht abzusehen, bis wohin.

So bten sie die Zeremonie des Reichens und Empfangens -- Kult des
Grues, des Dankes und des Abschieds. Versuchten sich auch bald in den
Lauten der grogewordnen Herzenssprache: glattgeschliffene Jade- und
Onyxkugeln rollen lose ihre Silben, jede eine runde Anschauung: grten
Inhalts, bei geringster Oberflche; ebenso reibungslos gegen einander
verschiebbar und sich verschiebend, wie die wimmelnden blauen Menschen
selbst, von deren Lippen sie fallen. Da diese Menschen glattrasiert an
Krper und Kpfen sind, bis in Nase und Ohren hinein, scheint irgendwie
auch seelisch keinerlei Widerborstigkeit aufkommen zu lassen. Gibt ihnen
etwas Keglig-Spiegelndes, lt eben noch freies Durcheinandergleiten zu.
Stellte dagegen einer dem andern ein Bein, wrde irgendwo etwas
verfahren, verspreizt, verquert -- China mte sofort zu einem kompakten
Leuteblock verfilzen. So aber gleitet das fast halos umeinander, in
starken Bahnen einer Zivilisation der bervlkerung:

Sie scheint nur zwei Imperative zu kennen -- meinte eines Tages Diana
Elcho -- diskret sein und ausweichen. Dieses verbrgt ein friedlich
wechselndes Geschehen berhaupt. Wichtiger aber scheint mir jenes:
Diskretion allein garantiert da dem Einzelnen die unerlliche
Einsamkeit, mu wenigstens versuchen, ihm Ersatz zu sein fr kostbare
Raumtiefe, gefressen von der Art.

Noch nie hatte Horus so ein Gewimmel gesehen. Menschen, wie sie im
flieenden Wasser warmer Quellen schliefen, einen Stein als Kissen unter
dem Kopf, einen zweiten auf dem Bauch, um nicht bewutlos ins Tiefe
gesplt zu werden; Menschen, die nicht wagten, mit ihren schlafenden
Leibern Erde brachzulegen, auf der Reis wachsen konnte.

Hatte beobachtet, wie im Morgengrauen unbegreiflich arme Menschen aus
Kanlen herausgekrochen waren, rotblinzelnd ins Licht, eine halbzerkaute
Ratte zwischen den Zhnen. Die gleichen rattenblutigen Lippen aber
klangen bald von einem reinen, kindlich frohen, beraus gepflegten Gru,
weil auch sie von dem duftenden Geist des Li-tai-po und Thu-fu
geschmeckt hatten und skandierend seine edlen Mae ber regengelbe
Strme hinsangen, wo halbnackte, vor Klte zitternde Kulis, den
kupfernen Fahrlohn ins Ohr geklemmt, Antwort gaben in Perlmutterworten
sehnschtiger Kaiserinnen, wenn sie Fcherdfte dem Sohn des Himmels in
den Thronsaal senden. --

Und immer noch schossen Melonenkpfchen in allen Gren -- blanke
Mausaugen drin -- in die kargen Spatien zwischen den sanften Groen --
ihre Mhsal zu mehren -- die Welt zuzuleben, alle Natur in sprossende
Chinesen umzusetzen. Horus htte abwinken mgen: Schon gut -- genug.
Dem Ahnenkult ein einziger Sohn. Warum bte diese sinnenreiche Rasse,
im Sexuellen vielerfahren, nicht, was primitiven Stmmen Afrikas weder
Geheimnis noch Problem? Warum speiste nicht auch hier das lebendige
Wasser im uralten Zier- und Wundergarten des Geschlechts samenlose
Feuerlilien, die seinen Strahl zu glhendem Duft verbrennen?

Doch eines Abends unterlag auch er dem Charme der Paganinis: der Kinder.

Tief im Innern des sdlichen Bltenlandes war ein Fest: Teebuden,
Bcherstnde, Shuo-Shu-Tis: Geschichtenerzhler. Massen stauten sich,
Sandalenklappern verstummte, Feuerwerk begann. Horus berragte fast um
Kopfeshhe die krzeren Sdchinesen. Da stahlen sich geruschlos von
Frauenhften, Mnnerhnden, eins nach dem andern kleine Wesen, schlossen
um den Fremden lautlos einen Kreis. Berhrten ihn nicht. Belstigten ihn
in keiner Weise. Die Mndchen, klein wie Knopflcher, blieben
geschlossen. Doch eine freundlich unentrinnbare Suggestion ging von dem
Babykranz aus: etwas, weit zwingender, weil taktvoller als Worte. Etwas,
das unmittelbar zeigte, wie dunkel und ganz zugemauert von Hosen es da
unten bei einem selbst war, whrend um den Kopf des lteren Bruders oben
Feuerrder schnurrten, Leuchtkugeln ihm nur so aus beiden Ohren
spritzten: violett aus dem linken -- golden aus dem rechten; Preis dem
groen lteren Bruder.

Der ltere Bruder hielt sich wacker, nach eigner Wertung erstaunlich gut
sogar. Dann mit eins zog es ihn -- Gegner oder nicht Gegner der
bervlkerung -- zu seinem heiteren Erstaunen tief herab, wie man zu
einem zrtlichen Ktzchen sich niederbeugen mu, und er hob den
krzesten dieser komischen Kegel sich auf den Kopf, einen zweiten auf
die rechte Schulter, einen dritten auf den rechten Arm. Freiwillig trat
der erste -- nach einigen Minuten Hhenrausch -- den Abstieg vom
Gipfelkopf, diesmal ber linke Schulter und Hfte an, damit andre von
rechts nachrcken knnten. Und es begann ein Continuum von Paganinis
pyramidenfrmig ber den groen Bruder hinzuziehen. Eirunde, immer
wechselnde Kpfchen sumten ihm den Kontur. Eine Bergprozession
gelblicher Lampions, jeder mit zwei schwarzen Lichtern drin und einem
Knopfloch. Das krnende Paganini oben aber hielt stets die seidenglatten
Beinchen so, da dem gastfreundlichen Kopf ja nichts von dem groen
Funkel im Himmel verdeckt wrde; sah auch manchmal selbst nach dem
Rechten, umspannte das fremde Lotosgesicht mit seinen kleinen Hnden, um
es besonders grnen unter den strzenden Leuchtkugeln zart entlang zu
fhren.

Eine Art gedmpfter Vertraulichkeit begann sich aus der ganzen Situation
zu entwickeln. Aus Knopflchern hpften Kugelsilben, um vieles heller,
komischerweise um die Hlfte kleiner als bei Erwachsenen, doch
herbergelebt aus gleicher Hflichkeit des Herzens. Liebes und Tiefes:
weltgltiger Anstand in der Freiheit stand um diese Babypyramide wie ein
junges, bezauberndes Fluidum. Versuchten die Frauen spter aus ihm
herauszuschmeicheln, was die Kleinen zu dem groen Kopf gesprochen,
wurde er nur ausgelassen, spitzbbisch und unbndig heiter; schwur,
einzig Rama-Krishna -- weil er so schon alles wisse -- drfe auch das
noch erfahren.

                   *       *       *       *       *

Sprache, Schriftzeichen, Schmuck: zu diesen dreien vermochte Horus vom
ersten Tag ehrfrchtig das groe _Du_ zu sagen. Nicht da er an Bauten,
Bronzen, Keramik deren Echtheit verkannt htte, ihren Anspruch auf Stil
-- das ist: die Dinge aus ihrem Herzen heraus mit neuen Namen nennen.

Doch seelisch an den Pythagorern, geistig an Newton und Lagrange,
optisch am Haus Elcho erzogen, sah er in jeder planlosen
Weitschweifigkeit, Gewlle von Zufall an den Dingen mit Recht einen
Mangel an kritischem Ideal: jenem, so hei, so ernst vor Leben, da es
nicht Ruhe finden kann, bis auch der letzte Gegenstand, den es
erschafft, zu einer neuen Reduktion der ganzen Welt auf wenige, gerade
fr ihn entscheidende Linien und Flchen geworden. So war er es gewohnt:
jeden Trgriff, jede Sohlbank, jeden Leuchtkrper werten zu drfen mit
der Hrte ganz groer Liebe -- von heimlicher Surrogatempfindung frei,
in jubelnder Sicherheit restlos beglckt zu bleiben. Bis zu den
kritischen Spaziergngen mit Erasmus in der Pettah hatte er all das
unbewut in seinen wachsenden Organismus aufgenommen, an solchem Ma
natrlich sich geformt. Von da ab geno er seinen Wohnleib auch geistig,
wie etwan ein Mensch durch anatomisches Studium seinen Krper ein
zweites Mal zum Geschenk erhlt.

Am besten besprachen solche Dinge sich immer mit Lady Diana. Beider
Wesenskerne waren so verwandt, und doch lag, durch Altersunterschied,
auch wieder genug schpferische Zeit zwischen ihnen, da sie hoffen
durften, fast aus jeder Diskussion irgendwie belebt hervorzugehen. Hat
es doch stets nur Sinn und Zweck, mit jemandem, der gleicher Ansicht
ist, zu diskutieren; auch da ergeben sich antagonistischer Kanten noch
bergenug, aus ihnen lebendige Funken zu schlagen. Polemiken aber aus
unharmonischer Empfindung heraus oder gar verschiedener
Unterscheidungskraft fr Echtheit degenerieren, werden bitter, lang und
steril.

Er resmierte: Chinesische Gegenstnde sind mir zu geschwtzig. Dinge
des Gebrauchs haben nur gefragt und in ihrer Fachsprache zu antworten.
Da ruhe ich in einem Kissennest. Nicht da es vom ruhen machen nichts
verstnde, aber statt vollauf damit beschftigt zu sein, mir das Sitzen
zum Nirvana zu machen, erzhlt so ein Polster nebenher meiner rechten
Schulter eine lange Geschichte in Blau und Gelb von einem Fuchsdmon und
einer Drachentochter; mag ich dazu aufgelegt sein oder nicht. Schon um
acht Uhr frh. Schon beim Frhstck. Form ist hier oft nur versteinerte
Laune und Schpfung: phantastisch-trges Hinzufgen.

Weglassen ist aber auch noch nicht Vollendung, meinte Diana Elcho, da
hat Erasmus recht. Das wre leere Einfachheit, nicht jene aus
verdichtetem Leben, deren Anblick allein, wie mir scheinen will,
Beruhigung im Endgltigen gibt. Es ist, als habe diese schwierige
Schlichtheit etwas von den ewigen Ideen auf sich herabzuzwingen
vermocht, weil sie erst einmal unbeirrbar, phrasenlos und rein den Zweck
zum Grund sich gab. Der war ihr Fundament: Isolator gegen schlammige
Saloppheit -- versandetes Ohngefhr. Erst auf dieses reinliche Piedestal
kann ein Geheimnisvolles, das wir >Schnheit< nennen, sich dann senken.

Li-Hung-Tschangs groes, glattes Gesicht hatte hflich aufmerksam
zugehrt. Nun lie er -- in graue Seide gehllt, mit Mandarinenketten
umschnrt -- zwei gewlbte Bronzegefe aus der T'ang-Dynastie
hereintragen, Lady Elcho zum Geschenk.

Sie zitterte vor Freude. Etwas von der Leere des tnenden Erzes aus der
neunten Symphonie war an ihnen. Einem schauend Entrckten mochte
scheinen, als knnten hier -- nur hier -- aus dem dunklen Adel dieser
Mulden die tauben, unfabar auerweltlichen Nebengerusche des ersten
Satzes fahl heraufgezuckt sein, aus einem verhangenen Drben.

Horus war hingerissen wie nur vor den wenigen Sienit- und
Liparit-Gefen der Pyramidenknige, deren Abbilder er kannte. Nun erst
fiel ihm auf, wie sehr der groartige alte Chinesenkopf vor ihm
eigentlich selbst dem eines Pharao glich. Dasselbe flchenhafte Lcheln,
breitabrollend von dem Monolithgesicht. Einfach wie ein Dioritgott sa
er da, flache Hnde auf den Knien, freute sich der Freude seiner Gste.

Heute abend wird er mir die Hand reichen, dachte Horus.

Es war einer der sichern, tglich wiederkehrenden Gensse, die
fernrassige groe Hand ebenbrtig auf die seine zukommen zu sehen, nach
europischer Sitte, Horus zu Ehren, -- Lis Finger zu spren und die
bertriebene Wlbung seiner vollkommen geschliffenen Ngel mit den
halbkreisfrmig gezchteten Perlmuttermonden, deren Bett das
ungebrochene weie Hutchen elastisch, losgelst und rein umlief.

Dieser sichern, tglich wiederkehrenden Gensse aber gab es noch mehr.
Zur Stunde der Krhe klangen jenseits der Kamelbuckelbrcke, im Pavillon
aus Fltenholz und aus Lasur, des Vorhangs glserne Falten auseinander,
und Lis jngste Nebenfrau erschien, fr ihn und die Gste den Tee zu
bereiten.

Hie J-Chuan: geflgelte Perle. War erst vor wenigen Monaten an die
Stelle einer Dame getreten, die Li mit unerbittlicher Hflichkeit
zurckgeschickt, weil sie nicht nur absichtlich den Tee verdorben,
sondern -- es waren seine eignen Worte --: ihn behandelt hatte, als
wre er der Schwanz des Hauses statt sein Kopf. Die Teebereitung ging
stets mit dem ganzen Zeremoniell der Meister aus der Sung-Schule vor
sich. Geflgelte Perle brachte in den Pavillon eine Privatregion mit,
in der nichts zu Boden fallen konnte, das Menschenohr geborgen war vor
Scherben und Gekreisch. Ein Zaubervogel mit wohlfrisiertem Damenkopf in
Perlengehngen, schlpfte sie, zutraulich getragen durch ein Dickicht
von Hin und Her, machte sich schmal wie eine Meise oder spannte auf
einmal feierliche Flgel im Teeduft; erfllte den Raum mit Wehen und
Weiche.

Sprach die Vogelfee, fielen aus ihrer Kehle Silben als Regen von
Pfirsichbltenblttern -- jedes mit einem Jaspistropfen beschwert -- in
Herzen hinein. An sie wandte sich stets der Hausherr, kam die Rede auf
Dichter und Philosophen, und mit kleinen flchenhaften Bewegungen, ohne
je aus unsichtbarem Rahmen zu treten, begleitete sie dann ihre Worte,
den zitronenblassen Kopf ein wenig schief. Wenn aber die heie Blume
vollendet vor jedem in einem Doppeltchen stand, jeder, die
blaulazurnen Rnder gegen einander verschiebend, aus dem Spalt den
ersten Schluck getan, verbeugte sich die Vogelfee dreimal, sank in sich
selbst nieder, wie in ein Nest von Seide, und sang.

Lie dabei beraus vorsichtig von den Libellenflgeln ihrer Ngel zehn
Goldhlsen gleiten -- barg sie in der Schale von Prasem. Nun erst begann
mit geblhter Kehle in ihrem Arm ein dickes braunes Instrument zu singen
wie ein Nachtigallenmnnchen. Eine Grille -- ihr winziger Bambuskfig
hing an einer Scharlachschnur in den Nebel von Teeduft -- geigte mit.
berzchtete Tiere, pagodenhaft hochgestellte Fische mit goldenen
Krtengesichtern zogen inde lange rote Fden hinter sich durch Wasser,
das sich kuglig aus dem Kristall der Schalen bog, mndeten, naiv und
weise lasterhaft, irgendwo wieder in den Dienst des Geschlechts.

Menschenhupter und Trume aber schwebten ber den ruhenden Krpern in
einer zweiten, verklrten Heimatwolke, gewoben aus dem Arom von Quitten,
Opium, Sandelholz und Ingwer.

Immer hufiger baute die Vogelfee ihr Seidennest inmitten des fremden
jungen Paares. Als die Zeit der Abreise gekommen war, hatte Li seine Ehe
bereits in aller Ruhe gelst, und J-Chuan war, nach Erfllung der
Bruche, Horus Elchos legitime Nebenfrau geworden. Aus einer weiten
Milde her waren nur wenige, wohltuend menschliche Verstndigungen
zwischen den Beteiligten getauscht worden. Dieser groe chinesische Herr
war Verschwender in allem Glanz des Menschentums, doch sparsam an
berflssigem Weh.

Meine rmel wren mir nicht mehr getrocknet in meinem Leid, htte das
erhabene Lotosgesicht das sdliche Bltenland verlassen ohne J-Chuan,
sagte die Vogelfee zu ihrem neuen Gatten.

Er war erregt in seiner tiefsten Lebensneugierde. Beugte sich gerhrt zu
der lieblichen Form, die ihm die Essenz des Seltsamen der groen Rasse
bieten wollte, -- so berauschend fremd von einem Liebeswirbel ihm in den
Scho geflogen kam, mit kleinen Zgen, eingeritzt in die Schale eines
Taubeneis, nur mit hellen Wimpern zu bestreicheln.

Bangt dir nicht, mit einem Fremden so in die Ferne zu gehen, seidnes
Wesen? Was weit du denn von mir?

Ihr ganzer junger Krper war sanftes Erstaunen. Vor Erstaunen fielen die
Schleppen ihrer rmel in Trichtern zurck von Vorderarmen: rund und
durchsichtig, als wren es Rhrenknchelchen ganz leichter Vgel.

Da mein lterer Bruder schn, klug und gebildet ist, wie sollte er da
nicht auch gtig, gerecht und vertrauenswrdig sein? -- J-Chuans Dank
-- sie wurde ernst und bebte ein wenig; dann mit geheimnisvoll
wollstiger Verwhntheit ohnegleichen:

Ich will meinen lteren Bruder das >Geheimnis des Fues< lehren und
meine ltere Schwester >das Geheimnis der Blume Lan<.

                   *       *       *       *       *

So kam geflgelte Perle in das Haus der Elchos.

Wie jede chinesische Dame mit Dichtern und Philosophen aus drei
Jahrtausenden ihrer Rasse blutvertraut, zeigte sie sich beglckt, all
diese in der Bibliothek des neuen Heims wieder zu finden. Neben
bersetzungen auch in der Ursprache.

Horus und Gargi kannten nur erstere. Sie baten:

Lehr' uns die Kugelsprache. Doch nicht nur die hlzernen der Kulis,
auch die aus Onyx und Elfenbein reihe auf fr uns.

Nun hob J-Chuans Vogelkehle aus jeder Silbe den inneren Lautwert,
bestimmt, die Schwebungen des Herzens aufzufangen, und aus der Tusche
ihres Pinsels kroch ber Seide zugleich wie ein Geschpf das Schriftbild
aus, halb Raupe halb Kristall, in breiten Kurven, doch unsichtbar umeckt
von solch konziser Kraft, da sich das Leere rundum an ihm kantig stt
und wie ein Wrfel steht. Nicht Urnen, Dmonen und Drachen, Chinas
Plastik ist die Schrift. Erst Bild und Klang, verzweigt mit Rhythmus und
Grammatik, fat diese Sprache ganz; man mu sie sehen, um sie ganz zu
hren, weil in ihr alle Knste sind und Geist geworden.

Wenn solchermaen die seidne Vogelfee aufflog in einen tnenden
Mrchenbaum und aus der Krone seiner Weisheit sang, dann, nicht wie ein
Gatte und Liebender nur, gern wie ein Schler auch, wie ein Vater und
Bruder, empfand Horus zu ihr.

beraus leicht falich erschien J-Chuan, an chinesischem Ma gemessen,
was die beiden andern als Tausch und Dank zu bieten hatten, doch etwas
primitiv, um nicht zu sagen tlpicht auch. Nur die Chre der
griechischen Tragiker fanden Gunst vor ihrem winzigen Ohr, das als
Quittenblte am Lack der Haare sa. Nur hier war das Biegsame, das, zart
und aderreich wie Geist, in unirdischen Lungen flutet, rot von Leben und
stark nach Gesetz.

Gern verglichen sie die Religion des guten Brgers oder das Tao mit
Gotama Buddhas achtfachem Pfad und dem Vedanta.

Hier gab J-Chuan meist neidlos zu, da Sanskrita mit Recht die
Vollendete heie, denn wo andre Zungen immer nur wieder hilflos das
Wort Seele vor sich hin zu stammeln vermgen, steigt hier aus tieferer
Versunkenheit die Flle.

Es ist an dem, meinte Horus, da die Inder sich als eine lebendige
Siebenfaltigkeit zu empfinden gelernt haben, an der jede Stufe fast
kontinuierlich in die andre berleitet, wenn auch nur Ahnungen zu ihren
drei letzten fhren, mehr als Richtlinien, in denen die innere
Entwicklung zu gehen hat.

Auen und zuerst ist nur ein aus Nahrung bestehendes Selbst. In diesem
steckt wie in einer Kapsel das Odemartige, in diesem das Emotionelle:
Liebe und Ha erzeugende, dann das manas- oder erkenntnisartige Selbst.
In diesem endlich als Innerstes die drei Stufen des wonneartigen Selbst,
von dem es heit: Frwahr, dies ist die Essenz. Denn wer die Essenz
erlangt hat, den erfllet Wonne. Wer mchte atmen und wer leben, wenn in
dem Weltenraum nicht diese Wonne wre. Denn wann einer in diesem
Unsichtbaren, Unkrperlichen, Unaussprechlichen, Unergrndlichen den
Standort findet, dann ist er zum Frieden eingegangen. Wenn er hingegen
in ihm -- wie in den vier ersten noch eine Hhlung -- ein andres
annimmt, dann hat er den Unfrieden. Es ist der Unfriede, der sich weise
dnkt.

Ist dieses >wonneartige Selbst< ein Teil der Weltseele?

Er stand auf, nahm ein Buch. Oft gebraucht, schlug es an rechter Stelle
auseinander.

Nein, geflgelte Perle, es heit, das Innerste jedes Menschen sei nicht
eine Emanation, ein Teil des >Brahman<: der Weltseele, sondern voll und
ganz dieses selbst. Wer das erkannt hat, fr den gibt es weder mehr eine
Wanderung der Seele, noch eine Erlsung. Er ist schon erlst, wenn
Erlstsein bedeutet: _Befreiung von der Notwendigkeit des Wahns, immer
und immer wieder zu sterben_. Und er las weiter: Das Fortbestehen der
Welt und des eignen Leibes erscheint ihm nur noch als eine Illusion,
deren Schein er nicht heben, die ihn aber auch nicht weiter tuschen
kann ...

Des Lesenden Stimme wurde tief und ganz ruhig: ... bis nach Dahinfallen
des Leibes er nicht wie die andern auszieht, sondern bleibt, wo er ist,
was er ist und ewig war: das gestaltlose Prinzip alles Gestalteten, das
seiner Natur nach ewige, reine, freie Brahman.

Dann haben eure Saddhus und Ber, meinte J-Chuan, wiewohl sie
Beherrscher innerer Krfte zu sein vorgeben, das >wonneartige< Selbst
noch nicht gefunden, denn die Sage geht, >sie strebten ihren Leib zu
vertausendfachen, um in den einen Gestalten die Sinnendinge zu genieen
und zugleich in den andern ungeheuern Kasteiungen obzuliegen<?

Gewi, der Jogi erstrebt das >_tat twam asi_<: das bist du, die
Befreiung vom Kerker des Ich, nicht in der Essenz, sondern noch in der
uern Illusion. Dieses Ringen der Meisterasketen mit den Gttern um
Macht, da Vismavitra droht, einen neuen Indra zu schaffen, es spielt
sich alles noch im Schein ab. Sich vertausendfachend, will der Jogi das
ganze Weltgespinst der Maja zugleich sein, leiden und genieen, alle
_Dus_ in seinem _Ich_ vereinen. Versucht auch den schmerzlichen Druck
jener Kette, die Karma heit, dadurch zu verteilen.

Was ist Karma?

Von jedem Geschpf sei wohl anzunehmen, meint hier der Vedanta, da es
in einem frheren Dasein viele Werke angehuft habe, die zu
_erwnschten_ und _unerwnschten_ Frchten gereift. Der ganzen Welt
Geschehen in jedem Augenblick sind eben diese Frchte. Das ist Karma. Da
nun der Jogi in die machtvoll erweiterte Schale seines Ich die Herben
und die Sen vieler Leben zugleich pret, stumpft er mit der Se der
einen bittres Gift der andern, das sonst vielleicht unvermischt auf ein
blindes, kleines Einzelleben gefallen wre und es ganz zerfressen htte,
wie ein Tropfen Sure eine Ameise. >Joga< scheint mir in manchem ein
mystisches Dju-Djuzu: Jongleur-Trick, sich den karmischen Druck zu
erleichtern. Vom wahren Wissen aber steht: >es verbrennt die Werke und
den Samen der Werke<.

Welches sind die Vorbedingungen fr das Studium des Vedanta?

Etwas befremdet sah er sie an: Natrlich die gleichen wie beim >Tao<
eures Lao-Tsu, oder dem achtfachen Pfad des Gotama Buddha: _Verzicht auf
Genu des Lohnes hier und im Jenseits_.

Sie schwiegen. Dann bekam er sein glitzerndes, ganz junges
Spitzbubengesicht. Neigte sich zur winzigen Quittenblte im Lack:

Die geflgelte Perle mchte nichts bereilen. Erst wer sich vllig
ausgeliebt -- ausgehat, ausgeglaubt -- ausgezweifelt, kann den Weg des
Vedanta beschreiten. -- Dann mit einem fast vterlichen Wohlmeinen:
den Morgen seiner Inkarnationen genieen, dann als Grihasdha das Amt
der Generation auf sich nehmen, erst das letzte Drittel des Lebens dem
eignen >Brahman< weihen: mit Mantel und Schale in den Wald gehen, ein
golden Geschlechtsloser, vollkommen Erwachter, Leidverlschter. So
befiehlt der Vedanta.

Befiehlt? -- Aus dem Lotossitz, in dem sie wie ein zarter Buddha
gekauert, erhob sich Gargi, die Hnde im Scho. Erhob sich aus sich
selbst, wie ein wachsender Halm. Stand vor ihm. Sie hatte manchmal eine
Art, vor Menschen zu stehen, das Haupt zu neigen oder ein klein wenig zu
schtteln, wenn sie nicht ganz einverstanden war, mit geschlossenen
Lidern, die lchelten. Um das zu sehen, widersprach er ihr bisweilen.

Der Vedanta befiehlt nie, er belehrt nur. Sie zgerte. Seine Worte
sind wohl viel zu gro fr meinen Mund, doch mchte ich ihren Sinn nicht
meinem kleinen Zufallsausdruck berliefert sehen. Ich glaube, es heit
dort: >Der Vedanta befiehlt nicht, er belehrt nur: hnlich wie bei
Belehrung ber eine Sache dadurch, da man sie dem Auge nahebringt.
Darum werden alle Imperative, auf die Erkenntnis des Brahman angewendet,
ebenso stumpf wie ein Messer, mit dem man Steine schneiden will. Denn
das ist unser Schmuck und Stolz, da nach Erkenntnis des Brahman alles
_Tun-Sollen_ aufhrt, sowie alles _Getan-Haben_<.

Wer in sein wahres Selbst einziehen will: das Seiende, Unzerstrbare,
mu seine guten und bsen Taten drauen lassen.

Seine guten und bsen Taten drauen lassen, wie schn. Meine ltere
Schwester soll weiter sprechen, bat J-Chuan.

Und Gargi fuhr fort; so einfach, als kmen ihr eigne Worte, doch in
jener unnachahmlichen Haltung wie zuvor.

Weise und ohne Falsch und frei von Begier in dem Gewoge steht er als
Schauender und ohne Zweiten, er, dessen Welt das Brahman ist.

Wahrlich, dieses groe, ungeborne Selbst, das ist unter den
Lebensorganen jener aus Erkenntnis bestehende selbstleuchtende Geist.
Hier im Herzen inwendig ist ein Raum, darin liegt er, der Herr des
Weltalls -- der Gebieter des Weltalls -- er wird nicht hher durch gute
Werke, er wird nicht geringer durch bse Werke; er ist der Herr des
Weltalls, er ist der Gebieter der Wesen, er ist der Hter der Wesen, er
ist die Brcke, welche diese Welten auseinanderhlt, da sie nicht
verflieen.

_Wer solches wei, den berwltigt beides nicht, ob er darum, weil er im
Leibe war, das Bse getan hat, oder ob er das Gute getan hat._

Ihn brennet nicht, was er getan und nicht getan hat.

Wie aber verbreitet sich das Gute in der Welt der Sinne: des Scheins,
die doch seiner noch bedarf, haben die Erleuchteten es lngst
vergessen? frug J-Chuan.

Dadurch, da sie sind. Wie beim Mangobaum, den man der Frchte wegen
pflanzt, Schatten und Wohlgeruch daneben herauskommen, so kommen bei
Entfaltung der Seele die ntzlichen Zwecke in der Krperwelt daneben
heraus.

                   *       *       *       *       *

Die jungen Frauen hatten die Bibliothek verlassen. Horus zgerte noch.
Ihn drngte, ein paar Bcher an ihren Ort zurckzustellen. Wie
barbarisch abgehackte kleine Glieder kamen sie ihm vor, so quer und
verloren hingestreut, und der lebendige Leib der Wand verstmmelt ohne
sie.

Wie er so lieb mit ihnen hantierte, ber das Korn des Leders, die
braunen Rcken, gewlbt vor Klugheit, strich: getastetes Plaudern, bis
jedes wieder in seinem Huschen stand, fiel ihm von ohngefhr an
entlegener Stelle ein unbekanntes Buch in die Hnde. Verwunderlich
schien das keineswegs. Erasmusens und seiner Mutter Interessen waren
zahlreich und verschieden genug, um ihn selbst noch kaum berhrt zu
haben. Er ffnete es eigentlich auch nur, weil es so schwarz, dick und
auf dem Rcken ohne Titel war. Durchbltterte mechanisch lange, dnne,
engbedruckte Seiten. Erstaunlich bsartige, ja flegelhafte Sentenzen
stieen allerorten wie unsaubre Fuste nach ihm: Der Herr wird dich
schlagen mit Feigwarzen, mit Grind und Krtze, da du nicht kannst heil
werden.

Er staunte: Ich wei zwar nicht, was Feigwarzen sind, aber es wird
schon danach sein.

Der Herr wird dir die Pestilenz ... nein, weiter --

Der Herr wird dich schlagen mit Darre, Fieber, Hitze, Brand, Drre,
hitziger Luft und Gelbsucht und wird dich verfolgen, bis er dich
umbringe ...

Instinktiv hielt er das Buch weiter von sich ab, als zum Lesen unbedingt
erforderlich.

Verflucht wird sein die Frucht deines Leibes, die Frucht deines Rindes,
die Frucht deiner Schafe verflucht ... Eine ganze Seite lang. Aber wozu
der ganze Gallenergu? -- Der Herr wird unter dich senden Unfall,
Unruhe, Unglck, bis du vertilget werdest und bald untergehest, um
deines bsen Wesens willen _und da du mich verlassen hast_. --

Ja, hrte denn dieses offenbar senile Keifen nicht mehr auf? Wer war
berhaupt dieser dubiose _Herr_?

Und des _Herrn_ Zorn ergrimmte zur selbigen Zeit, und er schwur und
sprach: >... ich, der _Herr_, dein _Gott_, bin ein eifriger Gott<.

Wie? -- Ein _Gott_? -- Mit schlechten Manieren, der fluchte -- _bad
language_ gebrauchte? -- Es gab also einmal irgendwo eine Barbarenhorde,
die sich ihren Gott so vorgestellt? -- Wie aber war es denn, wenn sie
ihn nicht verlieen, ihm folgten? Das mute doch auch bisweilen
vorkommen. Er suchte und fand. Nun ward es ethisch aber noch bedeutend
anrchiger:

Wenn dich der Herr, dein Gott, bringen wird in das Land und geschworen
hat, dir zu geben: groe und feine Stdte, die du nicht gebauet und
Huser alles Guten voll, die du nicht gefllet hast, und ausgehauene
Brunnen, die du nicht ausgehauen hast, und Weinberge und lberge, die du
nicht gepflanzt hast ...

Ah -- da staun' ich, dachte Horus belustigt.

Und sie fhreten das Heer wie der >Herr< geboten und erwrgeten alles,
was mnnlich war. Dazu die Knige der Midianiter erwrgeten sie samt
ihren Erschlagenen und nahmen gefangen die Weiber der Midianiter und
ihre Kinder. All ihr Vieh, all ihre Habe, all ihre Gter raubeten sie
und verbrannten ihre Stdte, all ihrer Wohnung und alle Zeltdrfer. _Und
nahmen allen Raub und alles, was zu nehmen war_: Mensch und Vieh. Darum
bringen wir dem >Herrn< Geschenke, was ein jeglicher gefunden hat an
goldnem Gert, Spangen, Ohrringen ... _Denn die Kriegsleute hatten
geraubet ein jeglicher fr sich_ ... und brachten's zur Htte des
Stiftes zum Gedchtnis ... vor dem >Herrn<.

So?

Vlker aber, die ihre schnen Stdte selber bauen konnten, belegte diese
kleine Zuchthusler-Tribus regelmig in wegwerfender Weise mit einer
Art verchtlichem Sammelnamen: _Heiden_. -- Horus amsierte sich. Also
dann waren Con-fu-tse, Pythagoras, Buddha alles Heiden, von denen es
da hie: Also sollt ihr an ihnen tun: Ihre Altre sollt ihr zerreien,
ihre Sulen zerbrechen, ihre Haine abhauen ...

Welch gewaltttige Borniertheit, Anmaung, Bosheit und Intoleranz!

Gelegentlich schien der Herr wieder eitel einen guten Eindruck auf
diese Heiden zu machen. Als er -- zum wievielten Mal, war nicht
ersichtlich -- drohte, sein Volk um den versprochenen Lnderraub
endgltig zu prellen, berlistete ihn einer durch die Erwgung, es wre
doch blamabel vor den Heiden; die wrden sich am Ende darob mokieren.
Das leuchtete dem Gott ein. Horus las nur so mit den Blickspitzen,
machte Stichproben. War denn hier keine Spur von Natursinn? Entzcken an
edlen Tieren und der beseelten Landschaft? Darum diese drre, klgliche
Angst; das Sich-als-lebendige-Welle-fhlen, das fehlte eben. Nie wurde
hier die Schnheit der Welt zum Gottesbeweis, immer nur Krtze oder wie
hie das andre? Richtig: Feigwarzen.

Da war ein auserwhlter Knig: David. Von dem stand: Er fhrete aus der
Stadt sehr viel Raubes, und das Volk drinnen fhrete er heraus und
zerteilete sie mit Sgen und eisernen Dreschwagen und Keilen. Als er
spter eine Volkszhlung vornahm, schien das dem Gott aus rtselhaften
Grnden nicht recht, wiewohl er selbst dergleichen doch wiederholt
selbst anbefohlen. Zur >Strafe< sollte nun der Knig whlen: Teuerung,
Flucht vor dem Schwert seiner Feinde oder Pestilenz im Volk.

Traun, er mchte gehorsamst um Pestilenz fr sein Volk gebeten haben.
Da lie der >Herr< Pestilenz in Israel kommen, da siebenzigtausend
Mann fielen. -- Vllig Unschuldige also, an der Sache Unbeteiligte.
Gleich darauf sahen Gott wie Knig auch ein, das Ganze habe keinen
rechten Sinn gehabt. ber den Mord an den siebenzigtausend regte sich
aber keiner der beiden weiter auf.

Da ekelte es Horus zwar, aber lachen mute er doch.

Gegen Ende des Buches machten die Leute einen ziemlich reduzierten
Eindruck. Ein einziger kleiner Anfhrer schien ausschlielich das Wort
zu haben. Auch die Diktion hatte sich erheblich vermindert, die alte
Barbarei, doch quasi um ein Stockwerk tiefer. Kleineres Keifen hub an:

Und des Menschen Sohn wird seine Engel senden und die Bsen von den
Gerechten scheiden und werden sie in den Feuerofen werfen, da wird sein
Heulen und Zhneklappern. -- Dann wieder: Ihr Schlangen und
Ottergezcht, wie wollt ihr der ewigen Verdammnis entrinnen. -- Ja,
eigentlich wo immer man es aufschlug: Wer aber rgert einen dieser
Geringsten einen, die an mich glauben, dem wre besser, da ein
Mhlstein an seinen Hals gehnget und er ersufet wrde im Meer, wo es
am tiefsten ist.

Komisch. Der junge Mann behauptete von sich, er sei sanftmtig und von
Herzen demtig! -- Dann umbltternd: Und wird sagen zu denen zur
Linken: gehet hin von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das
bereitet ist den Teufeln und seinen Engeln ... und sie werden in die
ewige Pein gehen, aber die Gerechten in das ewige Leben. -- Er schlug
ein paar Seiten zurck. Schon wieder: Da wird sein Heulen und
Zhneklappern. Jetzt zum fnften Mal. Er ghnte.

Ein Welterlser, ein Gottessohn mit dem Leitmotiv: Na wartet, ich
werd's dem Vater sagen! Eben immer noch die gleiche, schlechte
Kinderstube. Es scheint in der Familie zu liegen, dachte Horus.

Wehe dir, Bethsaida. Wren solche Taten zu Tyrus und Sidon geschehen,
als bei euch, sie htten vorzeiten im Sack und in der Asche Bue getan.
Doch ich sage euch: es wird Tyrus und Sidon ertrglicher gehen am
Jngsten Gerichte, denn euch ... und du, Kapernaum, die du bist erhoben
an den Himmel, du wirst bis in die Hlle hinuntergestoen werden ... Und
wo euch jemand nicht annehmen wird ... so gehet heraus von demselben
Hause oder Stadt ... wahrlich, ich sage euch, dem Land der Sodomer wird
es ertrglicher gehen am Jngsten Gericht, denn solcher Stadt.

Nicht annehmen -- warum? Ja richtig: gerade vorhin hatten sich ja alle
gesitteten Leute mit Recht beschwert, da diese Rowdies sich nicht
einmal vor dem Essen die Hnde wuschen.

Strafe -- Verdammnis -- Shne -- Snde -- ewige Pein. -- Er griff sich
an den Kopf. Dieser ganze pauvre-brutale Vorstellungskomplex war ihm
bisher an Religionen gnzlich unbekannt. Als Symbol gewertet aber schien
das alles ausschlielich dem Niveau kretinisierter Sechsjhriger
angemessen, wobei noch sehr zu fragen war, ob nicht gerade Kindern
solche Zuchthuslersymbolik unter allen Umstnden fernzuhalten wre.
Steinzeitbarbaren eben. Das trstete. Mitten inne diesem kindischen
Gekeif stand ab und zu etwas wie ein Druckfehler: _Liebe_. Ja,
wahrhaftig. Liebe wie Geifer vor dem Mund.

Ich aber sage euch: liebet eure Feinde ... denn so ihr liebet, die euch
lieben, _was werdet ihr fr Lohn haben_? Tun nicht dasselbe auch die
Zllner?

-- -- Also auch hier -- selbst hier noch das ehrwrdige Wort! Alt und
s wie die Welt! Allen Shnen der Sonne eingeboren mit dem ersten
Hauch. Da stand es: Sturmbock in Vorderstzen -- als Kontraimitation der
Zllner -- oder gar prostituiert mit _Lohn_? War das noch Liebe? Alles
Warmblhende, Taumelnde, Sternenkhne dahin, als wre das ewige Wort in
einen Mlleimer gefallen, aus dem Bucklige mit schiefen Fingern einander
damit bewrfen. Seine klare Keuschheit war irgendwie dahin, das von
selbst Verstndliche: somit Anmut -- Weite -- Wrde. Selbstgefllig,
aufgeblasen, mit Protzerei, ja Schadenfreude fletschte es seine Zhne,
dieses: Liebet eure Feinde. Ausschlielich um strahlende Sieger zu
belstigen, wie es schien: So -- jetzt habt ihr auch nichts davon. --
Liebe als Antithese: aggressiv statt schpferisch.

_Louche_, -- fhlte er, schlechthin _louche_. Und wie kam es, da
hier immer nur vom Nchsten -- vom Feind als Objekt der Liebe die
Rede war? Wo blieben Tiere als Ebenbrtige? Wo Blumen, Wellen, Sonnen?
Wenn Erkenntnis das Ich aus seinen Rndern reit ins grenzenlose
_Tat-twam-asi_; wenn in die wogende Flche des Geistes: den Trger der
ganzen Erscheinungswelt, die Iche strzen und sich erkennend zergehen:
was soll da klein und futil herausgeeinzelt der Nchste, der Feind?
Das Wort ist sinnlos geworden. Welche Prpotenz dieses kleinen
Volkslehrers, dauernd so zu tun, als habe er die Liebe erfunden.
berdies: Kein Wort vermeidet doch ein Mensch von Feingefhl so sehr wie
eben dieses. Er spricht es nicht -- schweigt es aus. An ihm wird die
Zunge ein dunkler Vorhang voll Scheu. Doch hie es nicht irgendwo in
einem grotesken Sprichwort: Wer keinen Schnaps hat, spricht wenigstens
von ihm.

Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die _Heiden_.

Heiden. Also immer noch die alte Arroganz aus Ignoranz. --

Nun, der Mann schien selbst nicht eben wenig zu sprechen. Da waren
Dutzende der ermdendsten Tautologien: Gleichnisse, unanschaulich aus
dem ewigen Mangel an Natursinn, einige dezidiert verunglckt: Das
Himmelreich als das Grte unter dem Kohl ... -- Auch eine Predigt war
da: gegen die Bildung, wie es schien. berhaupt komisch, diese Wut gegen
alles Wohlgeratene; dieser Hang zur Kontraimitation mit gehssiger
Tendenz: Wer sich selbst erniedrigt, wird erhhet werden. Viele werden
die Letzten sein, die die Ersten sind, und die Ersten sein, die die
Letzten sind. Keine schpferische Idee. Nur aggressiv: Ihr sollt nicht
glauben, da ich kommen sei, Frieden zu senden auf die Erde. Ich bin
nicht kommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert.

Und weiter sage ich euch: es ist leichter, da ein Kamel durch ein
Nadelhr gehe, denn da ein Reicher ins Reich Gottes komme.

Was hatte denn Armut oder Reichtum: uere Zustnde mit dem mystischen
Aufbrechen der Lotusse in den Ganglien zu tun? Diese allein durften doch
das Reich Gottes heien, sofern es fr Erwachsene Sinn haben sollte.

Doch genug. Noch immer peinlichen Befremdens voll, schob er das Buch an
seinen alten Platz. Schlo dann die Augen -- hob das Haupt zurck in die
goldne Wolke des Vedanta:

Hier im Herzen inwendig ist ein Raum, darin liegt er, der Herr des
Weltalls, der Gebieter des Weltalls: er wird nicht hher durch gute
Werke, er wird nicht geringer durch bse Werke. Denn das ist unser
Schmuck und Stolz, da nach Erkenntnis der Seele als Brahman alles
_Tun-Sollen_ aufhrt, sowie alles _Getan-Haben_.

Wer in sein wahres Selbst einziehen will das >Seiende<, Unzerstrbare,
mu seine _guten und bsen Taten drauen lassen_.

Weise und ohne Falsch und frei von Begier in dem Gewoge, steht er als
Schauender und ohne Zweiten, er, dessen Welt das Brahman ist.

Ihn brennet nicht, was er getan und nicht getan.

Die lange Welle des groen Atems -- wie so oft -- ging wieder durch ihn,
und rein, als etwas, das irdisch nur dem lebendigen Glockenbrausen in
einem Bienenschwarme sich vergleicht: unantastbares, geflgeltes Glck
aus Glocken und duftendem Gold.

Wusch die Hnde. Whrend der Strahl ber seine glnzenden Ngel sprhte,
kam noch einmal unangenehm das Staunen zurck:

Ethnographie in Ehren. Aber ist es denn wirklich ntig, den
Privatfetischismus jeder kleinen Barbarenrotte, die je gelebt, zu
registrieren und zu bewahren?

Und dann verga er es. Denn er wollte mit den Frauen noch unter die
Frhlingsgestirne in den Garten spielen gehen.

                   *       *       *       *       *

Vor dem letzten Rasthaus schwingen im Mondlicht die schlafenden
Elefanten.

Durch den Silbernebel der vier ragenden Massen geht lautlos ein
Riesenrhythmus lebendigen Traums. Schwereloses Schlingern und Rollen vor
und zurck, die Tonnenflanken und das gehckerte Haupt hinauf; von
Kautschuksulen elastisch aufgefangen -- wieder rckgeleitet zu dem
stillen Herzen, das voller Sanftmut mitten inne steht.

Jenseits der kleinen Lichtung schwingen noch leise die Luftwurzeln der
Banjanbume mit, aufgeweht vom Wind der Fcher-Ohren, wenn sie um die
geschlossenen Augen streichen. Ewig wache Rssel aber umtasten wie in
leiser Orgiastik die silberne Schwerelosigkeit der Nacht. Da reckt
Rama-Krishna den seinen weit -- mit dem schnen Schwung eines weisenden
Frauenarms. Steht still. Hat trumend die Herrin erfhlt. Und die zu
Tragende erwartend, bricht er lautlos in ein mchtiges Knie -- das andre
zart gespreizt und vorgeneigter Schulter --: leichte Leiter fr die
leichte Last, die er so manche Tage nun schon ber Land getragen; und
endlich hier herauf die duftenden Terrassen bis unter den Gipfelkopf des
heiligen Bergs.

Da es jetzt zu steil wrde fr ihn, zu schmal fr seinen Bauch, da er
und die andern Reitelefanten bei dem Mahaut mit dem Ankus zurckbleiben
sollten, das konnte er nicht wissen, wiewohl er ein Weiser war unter den
Weisen.

Gargi, die ihn so dienen -- knien sah, schlang die Arme um seinen Hals,
steckte ihm ein Lianenstruchen hinter den Ohrenfcher, ein langes
Zuckerrohr aber in die ganz und gar dumme Suglingslefze. --

Dankend schmeichelt die Rsselspitze -- wie eine Hand voll Geist -- um
ihre unbegreiflich edeln Arme. Ein Wink heit Rama-Krishna sich in die
Hhe richten, dann nimmt der Banjanschleier die Herrin auf; Luftwurzeln
rinnen hinter der Diaphanen zusammen. Nur vom Zuckerrohr, dem saftsen,
ist noch ein Stckchen da. Und wie es zergeht, zergeht auch die
Persnlichkeit, an der die Welle des groen grauen Traums sich brach.
Wieder einfallend in den Riesenrhythmus lebendigen Schlafes, schwingen
im Mondlicht die vier wartenden Elefanten.

Zwischen drei Fackeln steht der Schikari Aditja. Zwei brodeln grn
aufwrts in die Mangroven. Drunter hngt sein weier Turban: eine
phantastische Ampel im Schwarzen ber schwebenden Elfenbeinpfeln: den
Augen. Der dritten schrggesenkter Schein beleckt einen Klumpen
metallner Eheringe an den Wurzeln seiner ausdrucksvollen Zehen. Jeder
Ring ein ineinandergeflochtenes winziges Paar: das Mnnchen Messing, das
Weibchen Silber. Jedes eine neue Liebesverschlingung; alle von
grandioser, bermenschlicher Unanstndigkeit. Zwischen Turbanampel oben,
Zehenringen unten ahnt man, als Schweifendes, den sehnigen Jgerkrper
aus verdichteter Nacht.

Sie steigen ins Steile -- jeder mit seiner Leuchte; der Schikari voraus
auf trocken schmalen Sohlen, fegt Flammen ins obere Dunkel, aus dem,
treibt Hunger sein Eingeweide, der Panther sich zuweilen auch auf
Menschen niedertropfen lt. In Pausen stt aus Aditjas Kehle etwas wie
gezischter Vogelschrei: verwildertes, gleichsam bewaldetes: heiii -- --
heiiiiii! Damit die Giftwesen unten rechtzeitig zur Seite schmelzen
knnen, was durchaus in ihrem eignen Interesse gelegen ist. Denn wozu
schwer nachzuschaffenden Betriebsstoff an Beute verschwenden, bei der
ein so dickes Ende nachkommt, da an gedeihliches Verdauen doch nicht zu
denken ist. Kein realer Fond in der Unternehmung. Mit steigender Hhe
wird der Boden hrter, Aditjas heiiii schtterer, bis es ganz
erlischt.

Stille hngt -- ein schwarzer Kessel -- ber den Dschungl gestlpt.
Lautloses Schicksal geht suchend durch die Finsternis mit
phosphoreszierenden Lichtern. Niemand schlft, niemand gibt Laut. Nur
dumme Papageien dsen irgendwo oben vor sich hin. Manchmal ratscht ein
Halbwchsiger aus seinem Angsttraum eine Formel herunter, oder ein ganz
Alter, der es an der Leber hat, versucht mit dem Nachbar unzeitgeme
Betrachtungen: dann ein Hacken Horn auf Horn. Und immer mu er recht
behalten. Auch gegen die Wildkatze. Unten rumt man ihm schon den Bauch
aus, und oben spricht er noch. Endlich ist sie im Men so weit, beit
ihm das letzte Argument in die Kehle zurck, und alles atmet auf.

Wieder steigt Stille im Dschungl bis zum Bersten. Schweifende Formen
entschlen sich dem Dunkel, schmelzen zurck, treten ins Blut;
einbezogen, zugehrig wird der Mensch auf gttlichem Umweg Tier.

Kleine, harte, vielgestaltete Herzen klopfen nach innen hinauf in die
gesteigerte Stunde des Lebens vor dem Tod. Wollstiger Irrsinn der
Angst, Seherschaft der Angst, seidne Pracht des Sprunges und der Flucht:
Ku, Bi, Hunger, Mord, Liebe, geballt wieder zu einziger, zitternder
Intensitt. Tter und Leider: Genieer beide. Worte erhalten Ursinn
zurck als wilde Krone: Gegen--stand, Hingerissenheit -- Besessenheit.

Es lauert aus den Nieren der Dinge.

Unter dem Gipfelkopf rasten sie, vogelhaft eingehllt in Grn. Pflanzen
lecken ihre Hnde mit fleischigen Zungen. Irgendwo aus einem
Felseninnern kommt dunkles Drhnen, vage Erregung vieler Krper. Als
zitterten Metalle und Menschen im Berg. Aditjas spitze Ohren zucken auf,
wie bei einem trumenden Schakal. Dann, sein flimmerndes Gebi
entblend:

Rhodias Sahib. Es ist die Nacht der Shivatnze.

Horus erhob sich, angesogen von ziehendem Tumult. Fhlte sich nicht
gehen, eher gleiten als Nadel ins magnetische Feld. -- Lie es
geschehen. Denn es lag im Gefge seines Karma, an nichts vorbei, durch
alles hindurch zu streben aus einer hochgemuten Art heraus, denn: Gargi
und das Haus Elcho hielten ihn, zwei Polen gleich, blanker Sohle zu
schlendern durch die Willkr jedes Sudels.

Bog Schlingranken vom Eingang. Ihre Laternenblten, weich wie
Kinderhaut, bestubten ihm Schulter und Brust. Trat ein. Die Gongwelle
schlug ihn fast um. Fackeln in Ringen atmeten gelbwehendes Messing ber
die Felsenwnde. Doch blieben dort und da quecksilberne Lachen von
Nacht, in die des Jasmins wchserne Ketten als Senkblei verschwanden.
Ihr Duft berredete gleich einer Frau. Mit den Armen schwamm er
hindurch.

Fiebrig Mnnliches aus gerstetem Hanf traf seinen Atem. Blulicher
Aasgestank stie von irgendwo in den Ritus. Auch das Saure von Metall,
anliegend Menschenkrpern. Wie Meer gekrmmte Rcken wogten ringfrmig
um ein Piedestal. Ring in Ring, Welle hinter Welle: lig -- nackt. Die
Gesichter unsichtbar, bodenwrts zugekehrt einem Zentrum: Shiva.
Schneewei, entrckt, aschebergossen hockte der Gott. Neben ihm sein
Stier Nandi. Vorn, aufgereckt aus Palmenmark: Durga, die fischugige
Gattin. Durch ihren herrlichen Tigermund geht querhin ein wagrechtes
Schwert voll Blut.

Horus fhlte einen Atem aufrecht neben sich. Mit hochausgeschnittenen
Zgen, ein schner Ephebe, wohl Fremdling so wie er in dieser Hhle, sah
auf die gierbereiten Rcken aus Augen, blauschwarzer Gedanken voll. In
Sehnsucht und Verachtung. Jetzt stiegen die Gongs zu einem Taifun. Auf
seiner Spitze brach ein Ri durch die Rckenwellen, als wirbelten
Trichter aus Fleisch: jeder zweite konzentrische Ring warf sich um seine
Achse herum. Rcken sog sich nun an Rcken fest, zu einem obsznen
Bogen. Obszn, denn es war kein whlendes Auge an ihm. Jeder Mund verbi
sich in einen Mund, der nicht zum Leibe gehrte, mit dem er in blinde
Vermischung fiel. Hanf, Jasmin, Aasgestank trieben durch die Nstern
Unzucht miteinander. Eine Pause, und aufgetrieben von metallenem Geheul,
warfen die verfleischten Ringe sich aufs neue blind herum. -- Aus dem
Schweif des Auges erkannte Horus, da der schne Knabe mit den
hochausgeschnittenen Zgen nicht mehr an seiner Seite war. -- Jetzt,
inmitten der Orgie, sah er auch die Kpfe der _outcasts_: der
kastenlosen Rhodias. In rassigen Tierkrpern allerhand rasselose
Menschengesichter, schlechte Nasen, schief, flach -- noch von keinem
edlen Atem hochgewlbt. _Outcasts_ eben, die das zchtende Joch der
Kaste auf sich zu nehmen unfhig geblieben.

Mit kalter Schulter drehte er dem Ausgang zu. Unerregt, kaum angeekelt,
so fern diesen in seinem klaren Blut. Ein Queres vor dem Eingang lie
ihn stocken. Da lag der schne, leidend stolze Knabe der Schlingranke
vermhlt. Erlste sich in einen ihrer fleischig zarten Kelche, indes
sie: eine androgyn Geliebte, aus drei Blten sich ihm in Mund und Hnde
als golden-mildes Mehl ergo. Sanft -- fast andchtig stieg er ber ihn
hinweg.

Feiner Schauder der Frhe erhob sich gipfelwrts. Kleiner, intensiver
wurden alle Dinge hier oben. Greller, herber. Gerannen zu Klumpen
Herzblut an den Rhododendren. Nur Deodar-Zedern stiegen noch hoch auf,
und abgeplattet im Himmel lagen die ringfrmigen Federsterne der
Araukarien.

Es roch nach der Essenz Gottes.

Leichte Schritte lebten auf, verdichteten sich aus allen Richtungen der
Pyramidenspitze des heiligen Berges zu. Ein Pilgertag. Stimmen silberten
in Lachen, das ein tnendes Lcheln war. Aus Bschen streifte ein
Nachtpfauenauge hervor oder das Samtgesicht einer Frau. Von berall
feine Wesen, ein Kind auf der Hfte, waren die ganze Nacht gestiegen und
doch wie unbeschwert auf ihrem Sandalenfcher, der nach den Zehen
wunderbar abgestuft, die erste bertrieben von den brigen schied, so
da Spitze, Ballen und Innengeburt der Ferse eine Gerade zu bilden
gezwungen waren. Neben Schmle von Schenkel und Knie das Geheimnis
tropischen Frauengangs.

Noch ein paar Sprnge aus dem Moosigen ins Kahle und in den Tag. Denn
schon trug hier oben die se Brust der kleinen Vgel des Nestes Rundung
entbunden durch die Luft.

Da erschuf sich mit Eins riesenhaft aus dem Leeren ein saphirner Kegel
-- hing durchsichtig: wie geisterhafter, tiefblauer Kristall, an zwanzig
Vollmonde gro, frei im Raum; den ganzen westlichen Himmel erfllend.
Blendend, bengstigend und unbegreiflich, als htte ein sehr aparter und
eigenholder Djinn geruht, sich einen Leib aus ther und aus Stahl zu
bauen. Schwebte ohne Ort -- hart, doch unirdisch, fast mit Hnden
greifbar und auch wieder an den Grenzen der Erdatmosphre zugleich;
stahlblauer aus-sich-selber-seiender Gott.

Bis, wie von Glanz befiedert, ein Bschel goldner Pfeile von der
schwirrenden Sonnensehne her quer durch die Welt brach -- und in seinen
Leib. Da, nach rckwrts auseinander weichend in immer weiteren,
eisgraueren, durchsichtigeren Kegeln, schwand er, bis der letzte so gro
war wie das Nichts.

Leicht aufschauernd sah Horus in das zerplatzte Juwel. Es war nur der
Schatten des Gipfels gewesen, auf dem er selber stand, von der stlichen
Sonne in seinem Rcken auf eine trbe Dunstbank geworfen, die jetzt
zerrann. Nicht mehr fasziniert von dem westlichen Phnomen, merkte er
sich auf einmal abgekehrt, arrhythmisch, in seiner Blickrichtung allein,
denn alle andern neigten dem Lichte zu.

Da wandte sich auch er. Und im Augenblick des Querstands sah er die
Menschen, alle flimmernd vor Aufgang, wie noch nie. Sah die therischen
Lichtbndel von drben in ihnen endend als Figur. Fhlte: so stehen
knnen in freier Ehrfurcht ist alles. Ununterjocht von seinen Gliedern,
in Gewndern edel und belebt. Begriff die _Rnder der Dinge_, begriff:
wie sich etwas gegen alles andere, gegen das Gestaltlose abgrenzt, macht
seine Berechtigung aus, da liegen Wert und Unwert der Persnlichkeit;
und zu dem der Kontur jedes Wesens redet, der ist lebendig geworden an
seinen Augen, der geht den Weg des Auges in das ewige Licht.

Sah Mnner -- Frauen -- Kinder: jedes in geheimnisvoller Sonnenschrift
mit dem Ende des Strahls auf ein Stirnblatt von Stoff geschrieben. -- In
freier Wrde, nobler Folgsamkeit gegen ein hoch ber seine Einsicht
hinausragendes Krftespiel, glitt jedes an die gewiesene Stelle: reiner
Buchstabe, gehorsam seinem Ort, auf da mit seinem Leib das verborgene
Wort aus unerschpflicher Tiefe her sich bilde; auch jederzeit bereit,
weggelscht zu werden von der Tafel jener groen Sonnenschrift.

Ohne wrdeloses Zappeln. Denn er hatte sie sterben sehen, diese Wesen
aus dem Blut der Sonne -- wie oft: in Pest und Hungersnot. Wie sie die
edelbewahrte Persnlichkeit, den wundervollen Kontur verlieen, um
lchelnd im Tod alles andre wieder werden zu knnen, und doch wuchsen
ihnen khne Paradiese hinter den schmalen Stirnen, und aus ihrer Mitte
traten Gewaltige heraus, auf deren Wink die Zeit gerann -- zitternd
stand -- oder zerfiel.

Er sah in diesem Sonnenaufgang an ihnen das tropisch schwerelose Mhen
und Sterben als untrennbares Kontinuum gelebt. Sah in das wallende
Gespinst aus Laubkronen, Vogelflug, Sonne, Kssen, Quellen, Atem den
leuchtenden Todesfaden geschlungen: Ariadnefaden in die Freiheit;
jederzeit wieder alles sein zu knnen: Blume, Tier, Licht. -- -- --

Wahn des Tuns fiel ab von ihm:

Vielleicht ist Arbeit Snde. -- Der mit dem Aschenauge: sein
verborgner Fhrer, wute es gut: nichts berhren, was aus Arbeit stammt.
Nur dort leben, wo die schpferischen Wellen vieles Lebendigen durch uns
gehen, das magische Fluidum aller freien Geschpfe uns erfllt und trgt
wie zeugender ther. Verwoben all diesen war er mit dem Blutnetz seiner
ganzen wundervollen Jugend. Wute es wie noch nie in diesen Tagen des
Abschieds, da er reif und frei, auf festlich erhhtem Deck, endlich
hinbergleiten sollte zu den Wesen wie aus Schnee und Gold, in ihre
weie Welt.

Einen Augenblick sprang sein Herz an das Gitter des Entschlusses. Doch
er hielt. Wrde -- mute halten, auch bei anderm Abschied noch: Erasmus.

Die Elefanten drehten heim. Da warf er sich aus dem Palankin von Gargis
Seite flach nach vor -- nichts mehr vom Abschied sehen -- prete das
Gesicht zwischen die Stirnbuckel Rama-Krishnas, verging dort im Geruch
von Met und Sand. Wie Tafft rauschten die zerfransten Ohren auf. Im
luftigen Wiegen des Elefantenganges kamen und fielen rhythmisch in ihn
die Jahre vor seiner Mutter Tod. Waren ein unaufhrliches Fest gewesen,
als fhle jede Stunde sich gedrungen, ihre ganze Wahrheit auszujubeln.
Flieende Steigerung, klarer Rausch schien auszugehen von den silbrig
erweiterten Augen -- dem Schatten verhohlenen Drogengeruchs um die
Nasenflgel der Nicht-Kranken, Nichts-Leidenden, nur immer Zarteren, als
verwehe sie in Dekoktionen von Halmen und Grsern, zwischen Ausbrchen
ihrer kindlich frohen, burschikosen, purzelbumigen Lustigkeit. Es war
etwas so Menschliches: dies ber-allem-Stehen, gab ihr den
zeitlos-alterlosen Charme: -- hatte ihn gegeben. Nun lag ihre Asche im
Fundament des Riesenrefraktors eingeurnt.

Langsam stieg er zum Kuppelraum und seinem Flgel auf, den Erasmus
selten mehr verlie, seit dort, ber Diana Elchos zerfallenem Herzen,
das groe Auge in den Raum wuchs.

Wie lang so eine Wendeltreppe war: ein ganzes Leben lang. Er stieg sehr
still, denn viel kam er zu bitten. Ihm war, als zertrete er Geist mit
jedem Schritt.

Kam, den groen Freund niederzuzerren aus dem Reich, wo man, der niedren
Sorgen frei, vermittelst eines unzerstrbaren Erzgefes aus den fnf
Brunnen schpft. -- Auch hemmte ihn Erinnerung an etwas in van Roys
Gesicht vor seiner Mutter Tod. So, als wge ihn dieser mit den
Augenschalen, ob er es wert. Irgendeinen verborgenen Preis wert, --
vielleicht war es Einbildung gewesen? Die Herzlichkeit im Geistigen
hatte niemals nachgelassen -- Erasmus zog sich nur auf ein groes,
jahrelanges Werk zurck. Duldete auer Gargi niemanden um sich. --

Horus trat ein. Etwas wie Glas und Schnee lag in dem stillen Kopf ber
der elastischen Gestalt. Sterngraue Augen sahen in seine goldnen. Sahen
den Abschied. Er frug nicht, wie lang.

Sei meinem Kind, was du mir warst. Solange ich fort bin.

Erasmus wies um sich: Ich habe noch so viel zu tun und vielleicht nicht
mehr viel Zeit.

Sei Gargis Sohn, sei meiner Mutter Enkel, was du mir warst.

Geht Gargi mit dir? -- Sah die Augenbrauen des Erstaunens, winkte
lachend ab. Dann resigniert: Es soll geschehen -- ich werde alles tun,
so gut ich es nur irgend wei und kann.

Noch hatte er an Gargi nicht die Zumutung gestellt, um seinetwillen ihr
Kind so lange allein zu lassen. Besonders, da J-Chuan, von der er
Liebe, doch niemals Kinder so fremder Rasse sich gewnscht, nach China
heimgekehrt war, um eines Jugendfreundes erste Frau und Mutter seiner
Erben zu werden. --

Da nahm sie die Pein des Wortes von ihm. Dem ungeheuren weien Dasein
endlich so nah, war er in seliger Versunkenheit zu den Kraftanlagen,
dann durchs Haus der Elchos gewandert, vom Orgel- bis zum Statuensaal.
Blieb, das Wesen der Pallas und Nausikaa im Blute, wie grend vor einer
Kore stehen: Bald werde ich dich leben spren.

Da rhrte ihn eine Stimme an -- ganz zart:

Darf ich sie suchen helfen?

Er beugte sich ber ihre lange Hand: Meine liebe Gazelle.




                              Zweites Buch


Europa nahte.

Durch schweren Nebel pflgte sich die Jacht Marseille entgegen. Nur
drauen vor Aden hatte sie Kohlen eingenommen. Orient zum letztenmal.

Wie losgelste Stcke rotbrnstiger Klippen, waren ihr von der
Steilkste nubische Knaben entgegengesprungen in eine kobaltblaue See;
zwischen den Lippen Dolche und auf ihre feuerfarbnen Schpfe
festgebunden Amphoren aus buntem Strohgeflecht, gefllt mit lieblich
freien Dingen handwerklichen Spiels. -- Man hatte die Knaben beschenkt,
doch nicht jh entlassen, so dankten ihre Krper durch Tanz auf der
Violinenbrust des Decks; warfen aus blanken Gliedern empfangene Freude
den Spendern zurck.

In der Reeling spiegelten sich, metallisch ins Messing gewlbt, breite
Nilaugen, wie nasse Kastanien braun und wei, und Hennarot schroffer
Schpfe.

Ganz nah um das Schiff strzen pausenlos, in goldbraunen Ellipsen die
Falken von Aden. Ihre schrgen, jhen, stets geschlossenen Kurven
scheinen ein neuer, rotierender, geisterhafter Krper im Raum, als
dessen milchweies Herz die Jacht steht. Geruch durchsonnten Gefieders
steigt und sinkt mit ihnen: paradiesisches Zimt, verbrannt auf
Flgelaltren hundertfach.

Schwingt am Seil des Lichts einer der groen Krper schrg um den Bug,
dann -- auf Armesabstand -- wendet der Blau-Bekrnte aus gttlichen
Schultern heraus ruhevoll das Haupt. Sieht lidlosen Auges golden in das
Auge der Menschen.

Dann steht sein Flug und in ihm die Zeit. An einem Faden Licht hngt er
vom Scheitelpunkt der Ewigkeit herab, mit gebreiteten Schwingen aus
stillem, schwerelosem Stein.

So also: hellgesumt, sich myrtenblttrig berlappend steigt das
Gefieder auf von Hals zu Haube. Zweihundert Federchen -- dreihundert --
dreihundertvierzig. Nein, nur genau. Noch einmal zhlen. -- Da schlgt
ein Augenlid die Zeit. Schwchlich, menschlich.

Hochmtig und befremdet ab kehrt sich der starke Vogelblick. Schrg ins
Geschehen schlagen wieder Schwingen und verschwinden.

Die Flugbahn eines mchtigen Sperbers war immer wieder vor dem Bugspriet
knapp an Gargi vorbeigestrichen, die, von mondsteinfarbnen Schleiern
umweht, ungeblendet im flieenden Licht stand. Jedesmal in Herznhe
wandte sich der groe Vogel, sah grell in den unbegreiflich sanften Samt
ihrer Augen. Sie rief ihn an. Bog das nchste Mal ganz sich ihm
entgegen; warf ihren Schleier nach seinem Hals. Das erschrockene Tier
hackte zu, durchstie mit Schnabel und Kopf das dnne Gespinst, und so,
umwallt von dem Schleier der Frau, stieg es und trug ihn, sich steiler
und steiler schraubend, immer neue Sphren aufreiend, in einen
lotrechten Trichter von Licht.

Sie sah ihm nach, verzckt zurckgeworfen. Hochgereckt zum Flug: auf
federndem Zehenfcher ein befiederter Pfeil.

Da griffen gewaltttige Hnde von rckwrts um sie.

Man streut Mythen aus!

Hart und geschickt senkten sich zrtliche Fangzhne um die Knchelchen
ihres langen Nackens. Dann -- sanft schnurrend -- eine Pranke auf der
Beute, lste Horus seinen Bi aus dem Schmelz von Gargis Haut. Dort
blieb die zweiunddreiigzackige Perlmuschel: sein Privatsiegel.

Im Roten Meer lie er sich den Kapitn kommen:

Sie vertreten mich, bis der Kanal passiert ist. Port-Said, Suez, nur
den ntigsten Aufenthalt. Sind wir im offenen Mittelmeer, so melden Sie
es in meine Kajte. Dann tglich das Logbuch, sonst nichts bis
Marseille.

Der Japaner nahm die Papiere, verbeugte sich. Er aber schritt --
ehrfrchtig fast -- die leichtgedrehte Treppe abwrts. -- Der
Geburtsweg! Treibt es mich das nchste Mal aus diesem milchweien Bauch,
ist es in unerhrtes zweites Leben hinein, wie es wenig Sterblichen
vergnnt. Dann reit mir die Eihaut des Auges vor der weien Welt. Ganz
und auf einmal. Kein gottverbotenes: allmhlich fr mich -- -- ho ho,
nicht fr mich.

Er schlug den Blick zurck: jugendwrts; kte mit den Wimpern die
Erinnerung, Diana Elcho. Wand sich genieend langsam die Treppe hinein,
wie in eine Schraubenmutter. Von Holz zu Holz, dem starken, reinen,
messinggesumten, sank er; aus seinem Herzen aber stieg es noch immer
wie ein Faden Licht, hing ihn an den innersten Trichter Gold, den
unbeirrbar aufkreisend der Sperber, von Gargis Schleier umwallt,
lotrecht ber ihm in den Scheitelpunkt der Blue eingekerbt. Als letztes
Bild aus dem frheren Dasein wollte er dies hinbernehmen mit sich in
die neue Verkrperung.

Versiegelte dann seine Sinne fr alles Droben und Drauen, sammelte sich
in Ehrerbietung der ungeheuren, weien Freude entgegen. Das Werk fr
diese uersten Tage lag lngst bereit. Er schlug es auf: A. Einstein,
Zur Elektrodynamik bewegter Krper.

                   *       *       *       *       *

Die Maschine stand.

chzen der Taue von einem starren Drben. Die Eingeweide der Jacht
schoben sich schief. Noch ein paar Schraubenwirbel nach rckwrts. Sie
lag Europa an. Die Schenkel hatte er sich auf den Stuhl niedergepret,
mit Griffen wie Klammern, diese letzte halbe Stunde, jetzt flog er
hinauf, sprang hinber: alles zu erleben mit ausgebreiteten Armen.

Stand in Europa.

Fhlte sich an diesen liebeerffneten Armen beiderseits gepackt. Fahler
Gestank nach toter Haut unter schweren Stoffen traf ihn aus den rmeln
zweier Geschpfe heraus. Sonst staken sie bis zum Kleinhirn fest in
hartem, schmutzigdunklem Gewebe und vielen Metallknpfen an der Leber.
Auf dem Kopf stand ihnen ein zweiter Kopf aus finsterem Blech mit Schild
und einer Nummer.

Halt -- verboten. Erst die Hafenpolizei, -- zurck!

Irgendwo schlug es Mittag. Da barst ber der Erde ein Geheul, johlend
vor bser Lnge -- klagender Wut. Es war wie das hoffnungslose, tote
Geheul, mit dem ein Unding sich selbst bejammert.

Ganze Beete von Sirenen vomierten ihre schrillen Trichter in eine Wunde
aus widerwilliger Luft. Die Arme sanken ihm. Er blickte auf. Dunkle
Schwaden schwimmenden Kotes hingen in der Atmosphre. Die Technik
bentzte den Himmel als Kloake der Zivilisation. Kanalisierte ihre
Exkremente verkehrt in ihn hinauf -- reduzierte sein Blau zur Latrine.

Zurck eskortiert, stieg er noch einmal in den reinen Leib seiner Jacht
hinab, hinter den zwei Blechkpfigen drein. Jetzt nur kein Nachgrbeln,
was denn diese beiden unter Europern zu suchen hatten, deren Rasse sie
doch nicht angehren konnten; lieber gut anschauen. Eigentlich war da
nur ein Streifen Haut im Nacken brig; wo der harte Stoffring dran rieb,
hatte der eine ein aufbrechendes, der andre ein abheilendes Furunkel.
Sonst war rckwrts nichts Lebendiges an ihnen frei sichtbar.

                   *       *       *       *       *

Der Japaner hatte alles geordnet, man durfte da sein.

Diesmal schob sich drauen an Land ein amorpher Lebenshaufen umher.

Stumme Klumpen hatten sich von ihm gelst und vor der neuen Jacht mit
ihrer rein asiatischen Bemannung gestaut -- in merkwrdig vag geballter
Migunst.

All diese Wesen schienen es noch zu keinem einheitlichen Krper gebracht
zu haben. Sahen irgendwie aus, als trge jeder die ausrangierten
Gliedmaen eines andern auf: fremde Beine in eignen Hosen, und diese
wieder unpaar. Sammler von Organteilen ebenso gemischter als
einwandvoller Provenienz. Auch an Kolorit: brunlich, gelblich oft,
manchmal violettgesprenkelt, meist aber wie mit fahlem Eiter statt Blut
gefllt, erschien die Haut.

Wer mochten diese mifarbigen Barbaren sein?

Sie schienen sich ihres trben Baues jedoch keineswegs bescheidentlich
bewut, zergafften vielmehr mit hmischer berheblichkeit das
rhythmische Arbeiten der gelben Matrosen. Als jetzt die beiden
morgenlndischen Gestalten auf dem Landungssteg erschienen, brach der
Haufe, ohne ersichtlichen Grund, in ungezogenes Gebaren aus. Der Japaner
nherte sich, und hinter dem gelben Tarnhelm seiner Gesittung hervor:

In Port-Said mir erlaubt, Ntiges fr erhabene Ankunft besorgen. Sir
und Lady zu schnes Gewand. Risken Insult. Wenn aber insultiert worden,
Sir und Lady dafr eingesperrt.

Dann mit kaum merkbarer Ironie vor des andern blanker Miene, die zu
fragen schien: Was geht es Menschen an, wenn andere Menschen anders
gekleidet gehen?

In der erhabenen Heimat von Mob mihandelt werden verboten -- fr
Mihandelten. In der erhabenen Heimat das heien: ffentliches rgernis
erregen.

Jetzt war er endlich ebenso tricht, klglich und schmerzhaft gekleidet,
wie der amorphe Haufe drben. Nun, im Inneren der weien Welt konnte man
das ja alles wieder abtun. Um viele Weihesttten gab es ble Gasgrtel
von unbegreiflicher Pest; in unmenschlicher Vermummung mute der Sucher:
der Zu-Prfende, hindurch.

Unbeirrbar im Wohllaut seiner Pulse -- unangreifbar in seinem eignen
Kraftfeld schritt er -- Gargi auf den Armen seiner Seele -- in den Ring
aus fahler Mizucht hinein.

Nur einmal zuckte es doch in ihm auf: irgendein Kerl, Fuste in
Hosentaschen, hob auf gespreizten Fersen, mit vagem Hohn Gargi seinen
Geschlechtsteil entgegen, pfiff durch Lippen, an denen jeder rudige
Hund genagt:

_Oh la la -- les petites fesses!_

Die weie Glorie lie ihren Saum auf grauenhaft raffinierte Art behten.

Hinter dem gestauten Haufen lngs des Kais zappelten oder trollten andre
Massen aufgelst nach allen Richtungen in gemrtelte Zeilen hinein,
deren einzelne Bauglieder nicht organisch -- nur durch eine Art zher
Rude -- endlos aneinanderklebten.

Gegen das Zentrum der Stadt ri diese zhe Rude fter zu Pltzen auf,
und dazwischen ragte gro aufgedonnertes Germpel, rattenhaft
angeknabbert von allerhand Stilen, und an ihm irgendwo ganz drauen
stand meist: _libert -- fraternit -- galit_. Auch ein Gasometer mit
Apollo kam. Den Eingeweiden des Gebudes entquoll es figural.
Bruchbnder aus Marmor hielten das dann alles wieder leidlich um seinen
Bauch zusammen fest. Oft vor solchen Bauhaufen -- wohl an groen
Kreuzungen auch -- standen bekleidete Mnner aus Bronze, denen
unbekleidete Frauen Krnze, Partituren, Pinsel und Wagen hinstreckten.
Oder das Auge erwischte, gerade noch, ehe sie auf dem Pflaster
zerschellen wrden, ber Postamenten metallne Gule, sich ein
Eisenstbchen in den Huf tretend und hinten auf etwas, halb
Sttzschwanz, halb Kaskade, gebumt. Von ihren Rcken herab schwangen
Wilde in Affenjacken Sbel gegen die elektrische Straenbahn.

Nicht Luft, nicht Landschaft, noch gemrtelten Zeilen, Bauhaufen, noch
Verkehrsmitteln lebendig vermhlt, lagen diese Bildwerke: Trmmer von
Stilen, als unverdaute Bronzebrocken im Straendarm umher.

                   *       *       *       *       *

Und nirgends Europer. Immer noch trollte es sich am Fu der
aneinanderklebenden Rude in dieser sonderbar geballten Migunst,
keuchenden Freudlosigkeit. Immer noch staken Wesen bis zum Kleinhirn in
falschen Hlsen von der Farbe verwesenden Schmutzes, hatten, wenn auch
ohne Schild und Nummer, den doppelten Kopf: senkrecht ber dem Kopf noch
einen. Dafr keine Zehen, keine Fe -- und darum keinen Gang; ja, sie
gingen ohne Gang in harten schwarzen Lederklumpen: Einhufer, doch unecht
auch als solche.

Das -- berall dazwischen -- sollte wohl Frauen vorstellen? Aber es
kam so verschieden vom Manne, wie von einem andern Ende der
Sugetierreihe, daher. Schien aus den verreckten berresten aller Reiche
zusammengestoppelt, als htte es sich auf dem Schindanger der Natur
ausstaffiert: tote Hinterteile zerfetzter Vgel staken auf dem
Doppelkopf, um den Hals hingen gegerbte Raubtiere mit Glasaugen und
Schnauzen aus Pappe. Kleidung behauptete Organe, die es doch zum Glck
gar nicht gab, oder nur ganz wo anders, und auch dort viel
unaufflliger. Ein hlzern bertriebener Versuch, niedre Lebensstufen zu
imitieren, auf denen das Weibchen derart ungetm, verkehrt,
unwahrscheinlich und auffallend wirkt, wie einer andern Art zugehrig.
Fr die Mnnchen hherer Organismen ist das dann nicht mehr ntig -- die
merken's schon so.

All diesen berkleideten, ob Mnner ob Frauen, war eins gemein: ihre
Krperteile schienen nicht recht ineinandergeschmolzen vermittelst jener
feinsten bergnge, als welche allein das Ebenma zu wirken vermgen:
anmutbewegtes Leben. Jedes Glied hatte etwas an sich, als wre es nach
einem doppelten Bruch irgendwo ein wenig verkehrt zusammengeheilt, wisse
nicht mehr in seligem Flu durch Gewnder hindurchzuschwingen.

Doch auch zum Herdenrhythmus hatten diese Wesen es noch nicht gebracht.
Das berstie sich unaufhrlich oder zuckte zurck vor Straenbahnen,
Autobussen, Elektromobilen. Dieses anders bewegte Tote trieb seine
Rhythmen als Keile quer in den Puls der Menge hinein, streckte -- staute
-- zerri ihn. Alle atmeten ja wie verstrte Frsche.

Zu Hause im groen ther war das nie gewesen, doch hier schien
Lebendiges in seinem Kreislauf so verarmt, da es sich masochistisch
duckte und wand, vergewaltigen lie, oder floh vor dem fremden Tempo der
zugleich untoten und unlebendigen Zwitter. Da Benzin dem Blut befahl!

Und da war etwas im Blick. In diesen verknoteten oder zerronnenen
Gesichtern war ein Blick: sauer und hlzern, der nicht sah. Als wrde
die ganze Umwelt absichtlich in den gelben Fleck der Netzhaut gerckt.
Vielleicht um die Bauhaufen nicht sehen zu mssen, die rudigen Zeilen,
die verwickelten Bronzekltze im Straendarm, die trippelnden
Schindanger, sich selbst, oder die Kilometer unbegreiflich aggressiven
Krams, mit dem das glserne Unterteil der Huser ausgestopft war. Warum
das auch noch hinter Durchsichtiges rcken, statt in die Dunkelkammer?

Und dann lchelte er doch wieder durch Unbehagen hindurch, wie ein
Geburtstagskind, wenn es regnet.

Das war ja alles noch der ble Gasring -- die Schranke der Schrecken --,
nur unbeirrt weiter im eignen Kraftfeld schreiten, durch alles hindurch,
ber alles hinweg, bis man zur weien Rasse kam.

Es konnte nicht den ganzen groen Geburtstag verregnen. Und dann zuckte
er doch zusammen -- zum zweitenmal heute. Er hatte die Stellung der
Europerin gesehen: Fuste in die Hften gestemmt, mit vorgetriebenem
Birnenbauch, Gekeif vomierend -- hemmungslos. Und der begeiferte Mann,
wiewohl furchtbar von Gebi, mit von Saublut beschmiertem Schurz und
breitem Messer, schlich eingezogenen Geses vom Grnkramladen weg.
Selbst seinem harten Ohr ward bel.

Fuste in den Hften: diese Megren-Stellung der Frau war Indien und
China unbekannt. Zorn erfand dort andere Gebrden.

ber das zerhackte Gezappel des Lebenshaufens flo es pltzlich als
groer Bronzeton Asiens hin -- Chinas. Oh, Glocken. Wie warm. Er sog die
tnende Welle tief in seinen Leib, ging ihr nach ber einen Platz --
ber Stufen -- durch ein braunes Tr-Kissen in den Duft von erkaltetem
Orient hinein und einen groberkuppelten, menschenleeren Raum.
Flammicht verschroben war alles an ihm: schraubenfrmige Sulen, als
wollten sie jeden Moment, wahnsinnig rotierend, sich in den Boden
einbohren und verschwinden, entlieen oben Wolken aus steinigem Eiter;
aus allen Ecken quoll es, bauschte sich grau, mit grellen Papier-Rosen
behngt.

Gewesene Menschen schlurften die Nischen entlang, knicksten vor einem
schlechten, angenagelten Akt. Reste von Weibern waren in triefugiges,
klangloses Plrren vor ihm versunken. Nein, versunken nicht: ihre
Rattenaugen funkelten dabei aus dem Halbdunkel ganz nchtern gegen die
beiden freien und stillen Fremden. Er wischte sich die Schleimspur
dieser Blicke vom Gesicht.

Aus graumarmornem Schaum und winselnden Gebrden, aus schrgem Gehimmel
gemalter Posen, von berall kroch es flammicht um den schlechten,
angenagelten Akt.

Um ihn schienen die versteinerten Unluststoffe einer ganzen siechen Welt
zu Prunk geballt. Als htte ein riesiger und bleicher Buckliger mit
schiefen Leichenfingern sich eine berladene Apotheose eigner
Dekrepiditt an diesem Raum geschaffen. Doch warum waren die wonnigen
Glocken und Asias Duft gerade an diesen welken, eigensinnig
verschrobenen Ort fr erloschene Menschen gebunden?

Am Tore suchte er nach einem Anhalt, wo er eigentlich gewesen, fand ber
dem Portal etwas von Jesu oder Jesuiten. Es klang ihm wie fernes
Befremden ums Ohr. Hing das nicht mit dem Privatfetischismus jener
kleinen Barbarenhorde, den entlaufenen Sklaven der gypter und ihrem
seltsamen Herrn, zusammen, in deren Chronik er einmal geblttert?
Hatte so hnlich nicht der kleine Volksfhrer mit seiner Predigt gegen
die Bildung, der so viel sprach und den Heiden Plappern vorwarf,
geheien, jener, der sich auch noch gerhmt, Sohn des polternden Herrn
mit den schlechten Manieren zu sein.

Ach ja, wie hatte das doch geheien: Denen wre besser ... Mhlstein um
den Hals, wo es am tiefsten ist ... ersufen. -- Da wird sein Heulen
und Zhneklappern ... Und werden sie in den Feuerofen werfen ...
Denn ich bin sanftmtig und von Herzen demtig.

Ja, ja, richtig. Also das gab es auch noch; nicht nur in historischen
Fachbibliotheken fr ethnographische Kuriosa? Die aggressive kleine
Horde lebte demnach bis heute, hatte hier auf europischem Boden sogar
eine Zweigniederlassung ihres barbarischen Fetischismus mit seiner Saat
von Bosheit, Anmaung und Intoleranz.

Drauen auf der Treppe schwankte ein stoender Klumpen Kinder hin und
her, hieb und spie gegen eine aufheulende rosa Masche. Unter der rosa
Masche kratzte und bi es zurck. Umsonst. Aus dem Zopf gerissen,
verschwand der grelle Fetzen in einer Schmutzlache. Aus viereckigen
Mulern pfiff die Gemeinheit. Dann ri ein Bengel aus der Rotte ein
Holzgewehr an seinen grindigen Schdel, und sie spielten totschieen.

Vor einem Haus lehnte ein groer Wagen, leinenumspannt, Mbeltransport
stand darauf. Er war durch eine Nabelschnur von Dingen mit dem Leib des
Hauses verbunden. Wacklig, schief, freudlos und irrsinnig hing es aus
ihm heraus, stand noch: knstlicher Unrat, auf der Strae, bis unter das
Tor und eine falschgebogene Treppe hinauf.

Bis unter das Dach hrte man Schleppen und Poltern schwerer Gegenstnde.
Damit ward nun die schiefe Rude vollgestopft. So sah es also da drinnen
aus -- und da drinnen lebten wirklich Leute mit solchen Sachen den
ganzen Tag zusammen.

Das Haus Elcho enthielt nicht den zehnten Teil Gert, denn es war
erfllt mit dem Wohllaut des dreifachen Raumes.

Und pltzlich vergaen sie alles, strzten zu dem Wagen hin, und Gargi
hing am Hals eines lebenden Wesens. Ein Pferd -- endlich ein Tier, etwas
Lebendiges; welche Erlsung! Xbeinig wie eine alte Kuh, aber das machte
gar nichts. Es war ein Geschpf mit Geschpfaugen, trug seine eignen
Glieder in edler Folgsamkeit und war schn in ihnen wie ein Gott. Und
dieser Wiesen- und Steppengott mute geschndet werden, nur um solchen
Narrenkram von Ort zu Ort zu zerren? Eine grenzenlose Verlassenheit lag
um das einsame Pferd mitten in dem gemachten Wust, der mitsamt dem
angenagelten Akt, den Bronzekltzen, Bauhaufen, und inklusive
_fraternit -- galit -- libert_, kein einziges Haar aus seinem
Schweife wert war.

Zucker -- Brot mit Salz! Vielleicht war das irgendwo aufzutreiben. Sie
suchten noch den Laden, da hieb schon eine Migeburt mit einem
Peitschenstiel dem Gott auf die Augen, schrg sprang der Mbelwagen ber
das Pflaster los, verlor dabei hinterwrts ein kastenartiges Ding mit
Aufsatz, mehrfach profiliert, auf vier gedrechselten Beinen; auch dieses
Ding verlor wieder etwas aus seinem Innern; als es auf das Pflaster
schlug, schwang eine Tr an elenden Scharnieren, und ein topfartiges
Henkelgef, unbekannten Gebrauchs, doch unsagbar klglich anzusehen,
zerbarst am Stein.

Die Migeburt zerri deshalb dem Gott den Mund, da er sich beinahe
berschlug und der Wagen ihm ans Kreuz fuhr, dann torkelte sie vom Bock
herab, holte langsam genieend weit aus und stie ihren knstlichen
schwarzen Huf mit aller Kraft dem zitternden Gott in den Scho.

Doch selbst das schien bei den brigen in den gelben Fleck des Auges zu
fallen, whrend sie in diesem ewig verflieenden finstern Zustand
vorbeizogen, ausschlielich beschftigt, einander vage zu stren. Das
dazwischen -- was Frauen vorstellen sollte -- hatte auerdem immer mit
dem doppelten Kopf zu tun: da er stets in einem bestimmten Winkel ber
dem ersten bleibe und so, denn das Wetter hatte sich verschlechtert, war
strmisch geworden vor Morast. Nun setzte gar Schneeregen ein, und der
doppelte Kopf ward vllig ambulant. Die indischen Fremdlinge hatten erst
gemeint, er diene zum Schutz jenes Wellblechs, das statt Haar unter ihm
lag, nun aber spannte sich erst recht zum Schutz ber den Schtzer ein
Schirm. Der stand nun schon als vierter Wahnsinn ber dem ersten im
Urkopf selber.

Jetzt endlich, nach Stunden, gab er alles auf, warf sich wund in den
harten Fuschachteln, voll leidenschaftlicher Mdigkeit, mit ganz
ausgeweidetem Herzen, in ein Auto, nannte sein Rasthaus. Dort war eitel
Beutelust im Frack. Die Frstenappartements bereit, wie fr einen
Rhadja. Funkspruch, Jacht, Dienerschaft hatten gewirkt. Der
Rasthaushlter schmolz herbei, gerann aber suerlich, als Mr. Elcho
erklrte, den Nachtexpre nach Paris nehmen zu wollen. -- Nein, danke,
er brauche nichts -- jetzt nur ein Bad, und, da sie schon bereitet
waren, die Frstenappartements, bis der Zug ging.

Ganz still sa er spter in dem grellerleuchteten Bazar des Irrsinns --
stundenlang still. Er hatte noch nie ein Tapetenmuster gesehen. Und dann
geschah es, da er aufsprang, und es kam diese, eigentlich ganz
nebenschliche Entladung. Er begann nmlich an all den verklemmten
Schubfchern zu zerren, die unter Spiegeln und berall rechts und links
in allem Mglichen staken, rttelte wie ein Besessener an ihnen, wie ein
Berserker, bis sie es aufgaben -- aufgingen -- Inhalt vomierten: lauter
Stckchen. Abgebrochenes. Leisten, Ecken, Aufstze vom Leib des
Muttermbels waren in ihnen aufbewahrt. -- Da klopfte es -- die
Rechnung. Eine Uhr schlug irgendwo Mitternacht. Der groe Geburtstag war
eigentlich soeben aus.

Lange Illusionen aber kennen nicht Geburts-, nicht Sterbetag -- nur
Sterbejahre.

                   *       *       *       *       *

Den Sonnenaufgang feierten also auch die Europer mit einer Devotion,
leiteten mit ihr den eignen Tag ein. Es wunderte ihn nicht, beruhigte
ihn vielmehr wieder.

Gleich am Morgen im Ritz sah er jeden einem mchtigen weien Blatt voll
Schrift sich neigen und -- noch ehe er Tee eingo -- ganz darin
versinken, wie in Gebet. Die Devotionalien selbst aber muten -- das
gefiel ihm besonders -- immer leuchtend frisch gereicht werden.
Abgentztere wiesen alle jedesmal mit Zeichen des Abscheus weit von
sich. Zweimal tglich, so um Sonnenauf- und Untergang herum, spielte
sich dieser Vorgang ab. Auch auf Straen, in Cafs; war also wohl ein
verwandelter, dem Stadtleben angepater Naturkult: die groen Bltter
Sonnenhymnen, Gebete zum Seelenaufgang gleich dem: _o mani padme A. U.
M._, mit dem der Hindu seinen Tag beginnt. Sie lauteten in allen groen
Sprachen, wie es schien. Eine allgemein europische Andacht somit.

Auch er lie sich andern Tags im Ritz eine Morgenhymne reichen. Sie war
franzsisch: _Le Matin_. So hatte er denn richtig vermutet.

Und hub an:

Von gnstigen Winden geblht, segelte das Ministerium munter von dannen
... doch ungeheure Erregung hat sich seit gestern des ritterlichen
franzsischen Volkes bemchtigt und droht ... falls nicht Frankreichs
berechtigte Interessen im nahen Orient ...

Der deutsche Harn:

Dem eminenten franzsischen Forscher M. Forest ist es gelungen, die
seelische Minderwertigkeit der deutschen Rasse auch chemisch
nachzuweisen. Der Deutsche, der nmlich dem subdiaphragmatischen Typus
angehrt, einen Quadratschdel, kurze, grobe Hnde und Plattfe hat,
fhrt auch in seinem Blut mehr weie und weniger rote Blutkrperchen als
der Franzose. Derart ist es kein Beispiel zivilisierter Nationen, das
ihn ndern kann, denn wie sollte dieses auf Hyperchesie und Bromhydrose,
die ihn kennzeichnen, und auf seinen auerordentlich toxinhaltigen Urin
Einflu haben?

Er berschlug ein paar Spalten.

Gerichtssaal: Exbrutigam klagt auf Rckgabe des Hochzeitsgeschenkes:
eines neuen Gebisses fr die Braut, weil diese die Verlobung gelst. Die
Beklagte verweigert die Rckgabe mit dem Hinweis, das Gebi sei ein
Geburtstagsgeschenk aus der Zeit vor der Verlobung. Letztere habe sie
aufgelst, weil der Klger mit der fnfzehnjhrigen Nichte der Beklagten
... Das Gericht beschliet ... neue Zeugen ...

Bridge-Tee am Dienstag bei Mrs. Payn-Whitney ...

In dem reizenden Appartement der Rue X ... anwesend waren ...

Der Doppelmord in der Rue Cambon.

Grauenhafter Fall von Kindermihandlung.

Kasseneinbruch ... Vergiftet aufgefunden ... Die Prostituierte Madeleine
B. ... Explosionskatastrophe.

Er griff nach einem deutschen Blatt:

Wenn auch das Ruder des Staatsschiffes in allzu nachgiebigen Hnden ...
so wird doch der deutsche Aar ... wehe ... mit der tiefgehenden
Erregung des deutschen Volkes zu rechnen ... falls nicht die
berechtigten Interessen des Reiches im nahen Orient ... Schwere
Degenerationserscheinungen in der franzsischen Rasse ...
Geburtenrckgang.

Der Raubmord in Moabit ... Das Martyrium der kleinen Luise.
Kasseneinbruch ... Erhngt aufgefunden ... Die ledige Dienstmagd ...
Magazin in die Luft geflogen ...

Er nahm ein Italienisches:

Endlich mute das Ministerium die Segel streichen ... die noble
lateinische Rasse ... in heiligem Egoismus ... tiefe Erregung ... falls
nicht Italiens berechtigte Interessen im nahen Orient ...

Wegen Urkundenflschung verurteilt: Ein sterreichischer
Staatsangehriger. Der Fetthndler Kovacs mit zwei italienischen
Geschftsfreunden forderte in einem Champagnerlokal der Galleria
Vittorio Emanuele weibliche Gesellschaft. Sie lieen die junge Artistin
Gilda Degrassi aus der Wohnung ihrer Mutter holen und verfielen whrend
des Gelages darauf, die Jungfrulichkeit des Mdchens zu versteigern.
Der Fetthndler Kovacs trug schlielich den Sieg mit 5000 Lire davon. Er
stellte auch gleich den Scheck aus und bergab ihn dem Mdchen. Damit
dieses aber nachher das Geld nicht beheben knne, fgte er dem Datum
eine falsche Jahreszahl bei. Das Mdchen bemerkte dies am nchsten
Morgen, korrigierte selbst die Zahl und behob das Geld, worauf Herr
Kovacs gegen sie die Anzeige wegen Urkundenflschung erstattete ...

Vater, Mutter und vier Geschwister erstochen! ... Lustmord an der
sechsjhrigen Emilia O. ... Bankraub per Automobil ... Mit
aufgeschnittenen Pulsadern fand man.

Kesselexplosion! ...

Jetzt das groe Englische:

_The government's position ... unable ... great nation ..._

Der australische Tennischampion in London ... _Prime minister's Golf_
... Beethoven II, die Blte englischen Pferdefleisches ... versagte ...
allen Freunden des edlen Rennsports ...

_King's bench division_: Lady Sarah Sackville gelingt es, zwei Ohrfeigen
ihrem Gatten nachzuweisen ... Zeugen sagen aus ... _his Lordship_ ...
_decree nisi_ ...

An einem Schweinsdarm im Hofe erhngt aufgefunden: Aus Furcht vor
Zchtigung versteckte sich der vierzehnjhrige Schlchterssohn Harry S.
hinter einem Fa voll Drmen, und als Entdeckung drohte, griff er, in
Ermanglung eines Strickes, nach einem Darm und erhngte sich an einem
Nagel. Er htte an diesem Morgen sein erstes Kalb schlachten sollen,
zeigte aber von je eine ganz krankhafte Abneigung gegen seinen knftigen
Beruf. Durch vernnftige Strenge hoffte der bedauernswerte Vater dieser
kindischen Verstocktheit (_stubbornness_) und Schwche Herr zu werden.
>Ich wollte eben einen Mann aus ihm machen,< sagte er unserem
Berichterstatter, >wo kme die Nation hin ...<

Der Raubmord in Sussex.

Im Hydepark verhungert aufgefunden: ein alter Mann mit einem Zylinder
...

Deutsche Greuel an afrikanischen Eingebornen vor dem Reichstag ...
_stock exchange_ ... _liver pills_ ... _beecham's pills_ ...

In die Luft geflogen ...

                   *       *       *       *       *

Sir Osmond Cadogan reichte ihm das Echo de Paris herber.

Vielleicht interessiert Sie dieser Artikel anllich der heutigen
Reprise in der >Renaissance< ... falls Sie die groe Tragdin in dieser
Rolle noch nicht gesehen haben. Oh, es ist sehr wunderbar ...

Dann versteifte sich der rosa Greis, stand steil und fassungslos. Was
war denn diesem goldugigen Exoten auf einmal geschehen, dessen Allren,
ihn gestern so getroffen, da er eine Anknpfung gesucht? Grner Ekel
sah ihn ja da an, doch wieder viel zu gro, um noch persnliche
Beleidigung zu sein. Solche Leute von bersee, trugen sie auch, wie
dieser, einen noch so guten Namen, letzte Kultur und Gesittung lieen
doch immer ein wenig zu wnschen brig. Zur Beruhigung griff er
seinerseits nach der Morning Post, die jenem entfallen war. Bald
kehrte ihm altes Behagen zurck:

Lady Sarah Sackville gelingt es, zwei Ohrfeigen ... An einem
Schweinsdarm im Hofe erhngt ... deutsche Greuel ... Golf ... _liver
pills_ ... In die Luft geflogen ...

                   *       *       *       *       *

Abends fuhr er allein zur Vorstellung. _Place Vendme_--_rue de la
paix_--_rue des petits champs_--_avenue_--_boulevard_ -- schiefes
Zick-Zack -- wieder _boulevard_: straenlang aneinandergelehnte hilflose
Unfhigkeit, mit ihren Kilometern unbentzbar angequetschter Balknchen,
holperte gesimseschief die Autoscheiben entlang. Der Trumer seines
weien Traumes umformte -- hinter gesenkten Lidern -- mit seinem
Raumsinn indessen das Problem: Theater.

Er kannte bislang nur die antike, von Sden vereinfachte Lsung: ein
Ring aus kristallinischem Stein, geschlossen gegen das brcklige,
pftzenweiche, amorphe Drauen und was dort sich abzappelte,
abschmatzte, anspie und verreckte, noch ohne Stern -- Achse --
Persnlichkeit -- Schicksal. Drinnen: konzentrische Marmorrillen, glatt,
nur schauender Augen voll, in einem Eierstab lebendiger Kpfe. Drber:
offener Zenith, querdurch zuweilen Vogelflug, sich abbildend im Inneren
des Ringes als springender Schattenball oder dunkler Strich von nichts
zu nichts. Im innersten Ring ein kleiner Marmormond fr sich: der Chor
-- Mittler zwischen Menge und Mensch. Auf der Bhne, durch Maske und
Kothurn entrckt, die dramatische Person: Verdichtung ins Ungemeine von
zehntausend Einzelleben, wie Blutwasser aus zehntausend roten Rosen ber
Feuer erst zu einem Tropfen Essenz gerinnt. Und das Drama: da ballt sich
aus dem Leeren, in dem der Nichtige ungefhrdet treibt, gegen den
starken Ungemeinen das Trikymion auf: die dreifachen Brecher des
Geschehens steilen sich ihm lautlos, wie einem Mond, entgegen.

Schon schwebt er ber dem Ersten und in ein trgerisch glsernes Tal.
Dann siegend ber den Zweiten -- glatte Weite blaut auf einmal vor ihm
auf mit Glanz von Paradiesen; die Welt scheint auszusetzen, atemlos. Nur
Persnlichkeit und Schicksal bleiben brtend gegen einander berhangen.
Durch diese Pause im dramatischen Geschehen rast jetzt, als
Satyr-Zwischenspiel, das Chaos; metallne Phallusse klirren, aus rotem
Tieratem tauchen: elfenbeinerne Triangel, die leichten Schultern der
Fltenspieler. Mit Huf und Horn galoppiert es, noch leerer Trieb,
vorber ins Leere.

Und abermals hebt das Drama an. Sammelt sich in seiner letzten Schwrze.
Des Trikymions dritter Becher steigt auf, gleichsam herangesogen von dem
Ungemeinen, das ihm entgegensteht, wird ein Turm -- ein Trichter -- ein
glasig verdauender Mund -- und der geheimnisvolle Spiegel, den eine
wundervolle Persnlichkeit durchbrochen, schliet sich wieder ber ihr.

Das wute er vom Drama, vom Haus des Dramas. Wie mochte es in Europa
sein? Bruchstcke von Werken, die er kannte, lieen Auerordentliches
hoffen. Doch vor allem: wie war das Raumproblem nordisch erfat, seine
Vielfalt von Zweck und Geist; schon die trivialen Erfordernisse:
berkleider ablegen -- dann gleichsam die Glieder ablegen: jedes
strende Krpergefhl. Die Lsung all dieses mute -- das eben ist ja
Architektonik -- gleich aus solcher Tiefe herkommen, da sie sich wie
ein Monolith ber alle Mannigfaltigkeit der Bedrfnisse zusammenschlo
zu organischer Einheit.

Der Wagen hielt. Nachher, in einen Bock aus gepretem Samt geklemmt, sah
er aber immer nur den Eisenhaken, eigentlich nichts als die beispiellose
Niedertracht dieses Eisenhakens vor sich, an dem, mit schmutzigem Strick
zusammengebndelt, sein Pelz jetzt drauen hing. Zwischen schiefen
Goldleisten aus Holz, rotem Papier als Damast, Tnche als Marmor, Marmor
als Schlagsahne hatten sich armselige Hhlungen aufgetan voll Eisenhaken
und abortfrauhnlichen Weibern. Letztere rissen ngstlich gestauten
Mnnerhaufen ringsum Kleidungsstcke aus den Armen. Frauen wimmerten
leise um einen geknickten Vogelstei auf durcheinandergeworfenen Hten.

Dieser Haken aber verstrte, ja ngstigte ihn bis zur belkeit. Das
andere hatte doch reichlich Stoff zu Mibrauch und Verderb gegeben. Mit
Holz, Marmor, Farbe, Stuck, Stein -- falsch verwendet -- lie sich ja
immerhin etwas ausrichten. Aber dieser Haken: ein gebogenes Stck Eisen
mit einem Porzellanknopf, sonst nichts. Wie mit so wenig so viel
Gemeinheit erringen?

Vielleicht zerging der Haken, wenn man um sich sah. Das vorne schien ein
verwachsenes Rudiment antiken Chors: aus zwei ungelsten Eckproblemen
heraus wand sich ein mannsdicker Wurm und versuchte unter Krmmungen
seine eigenen Warzen aus rotem Plsch zu verdauen. Hinter ihm, in
geschwungener Stuckbadewanne, saen bekleidete Leute im Gehrock vor
Geigen. Faustdicke Symbole klatschten im Abstand von Froschsprngen
durch alle Rnge bis zum Boden, wo sie sich in zwei formidablen Haufen
von Harfen, Masken, Schwnen und Fehlgeburten gestaut hatten. -- Ein
Musentempel. Merks, Cretin.

Sulen trugen nichts, der Logenring ber ihnen war ja schon in sich
selbst geschlossen. Zum erstenmal im Leben sah er eine -- Halbsule.
Welcher Plumpsinn, die nicht luftumsplte Kurve in eine Wand
hineinzupappen, mit deren Ecke sie zu einer blen Figur zusammenflieen
mute, wie ein grades Bein mit einem krummen. Ja, sahen denn die Leute
hier nicht? Sahen nicht, da, wo Mae nicht stimmten, Bauglieder
fehlten, Fugen klafften, sich nur irrsinnig gewordener Dreck
beschwichtigend darber pappte. Kein Quadratmeter Ruhe. Zum Schlu
geriet er auch noch ins Tapetenmuster der Logen, sprang ber
kopfstehende Rhomben, immer hin und her, schlielich heraus, um beinahe,
am Fuboden, sich doch noch in einer pltzlichen Darmschlinge aus
Lorbeer zu fangen.

Langsam stieg leiser Wahnsinn in seine reinen Nerven.

Etwas mute geschehen. Er warf den Kopf nach rckwrts und hinauf. Oben
war ein groes Loch gemalt: Sommerhimmel und Wolken. An einem Haken
mitten aus der blauen Luft kam ein viele Zentner schwerer Metall-Lster
gehangen, als Strafgericht ber alles.

Nun sausten mit einemmal die neun Musen in die Hhe, welche, bisher
straffgespannt, die Bhne verhangen hatten.

Hub das Drama an? Auf weier Flche -- gro wie der Bhnenrahmen --
hockte an Stelle der Mythologie jetzt ein etwa sieben Meter hoher Affe
und scheuerte sich mit gewaltiger Zahnbrste das Maul aus; der Schwanz
schrieb: _monkey puzzle toothbrush unequalled_. Blieb fnfzig Sekunden.
Flitzte ab, und es erschuf sich: van Houtens Cacao is de beeste
gekoopste. Flitzte ab und es ward Frankreichs Prsident: ein
erweiterter _picier_, krummen Bratenrocks, mit Knien in den Hosen:
_regardez cet homme_ -- stand vor seinem Bauch -- _pas ncessaire
d'avoir l'air comme cela -- habits lgants complets depuis 49 frs chez
Gaston Mandelstamm_. Flitzte ab und es erschuf sich ...

Ganz witzig, aber dazu war er ja nicht hergekommen. Er schlo die Augen.
Jetzt roch er den Europer um sich her, seinen Porendunst: gestaute
Schrfe nach bel verdautem Fleisch; seit Marseille Grund fr ihn,
Ansammlungen Weier vorsichtig zu meiden. Daneben roch es noch auf
zwanzigerlei Art falsch nach Chemie, die Blume sein wollte. Trockenharte
Gerche, im Laboratorium gezwungen, auf kurze Zeit zusammen Duft zu
sein, doch mit heimlichem Hang alsbald wieder in feindliche
Einzelgestnke auseinanderzufallen. Gleichsam durchzuriechen war das.

Jetzt verschlang -- aus dem Boden getrampelt -- eine Wolke morschen
Staubes alles, und Handschuhe knallten wie Ohrfeigen.

Horus schlug die goldenen Sperberaugen auf.

Im Bhnenrahmen stand eine Greisin in weien Lederhosen, den Kopf voll
roter Wolle. Fingerdicker Ru hing um die kahlen Augen, ein Klumpen
Saccharin zerging im Mund zu Lcheln, whrend sie Ksse um sich streute
mit verwesender Hand. Kokett schleifte das linke Bein nach.

Was war das?

Er erinnerte sich des erluternden Echo de Paris in seiner Tasche,
entfaltete es. Richtig, die gefeierte Tragdin verfgte ber ein neues
Kunstbein. Hier war es abgebildet, neben dem Abgeschnittenen, und dort
war der Stumpf; erst fr sich, dann mit der Prothese, Bild des groen
Operateurs, wie er gerade operiert, Bild des groen Dichters, wie er
gerade dichtet. Es stand, wieviel die Operation gekostet, wieviel
dadurch der berhmten Tragdin an Spielhonorar pro Minute entgangen,
wieviel hinwiederum (pro Minute) die amerikanische Tournee eingebracht.
Dann kam der Genius Frankreichs. Gloire stand in den vier Ecken, und
eine Trikolore flatterte ber alles mit Stumpf und Stiel.

Das Drama selbst handelte aber gar nicht von Kunstbeinen, sondern hie
_L'aiglon_: der junge Adler. Die grauenhafte Greisin war der junge
Adler. Nun krhte sie gebrochen auf.

_Oh les cloches d'or_, und an drei verschiedenen Stellen des Parketts
rissen auf einen Wink kurze Mnnchen mit schwarzen Brten begeistert an
ihren Adamsknorpeln; wieder knallten Handschuhe, und ganze Wolken weien
Schmutzes stoben aus den Frauen. Man snobte Tobsucht und starrte
einander dabei, mit bsem Eis bergossen, roh und hart in die Kleider.

Nach einer Weile versuchte die grauenhafte Greisin schlimm zu sein -- so
recht bubenhaft und ein wenig pervers schlimm: spannte Glachschen in
den Augpunkt, sa rittlings auf Sthlen herum, kapriolte schlielich
rasselnd ber ein Sofa. Die Prothese knarrte, und das Publikum schrie:
_vive la France_.

Zum erstenmal drang ein Gefhl durch die Augen in ihn -- oder war es ein
Zustand -- etwas, fr das er noch keinen Namen hatte, das, durch die
Augen eingeschlichen, ihn von innen wrgte, das er htte herausspeien
mgen aus diesen seinen Augen. Ekel vor dem Alter? Er fhlte sich doch
frei von jenem Mnnchendnkel, Wirkungen, weil sie von einer Frau kommen
sollten, ausschlielich nur mit einem Krperende werten zu wollen und
hhnisch gestimmt zu sein, blieb dieses stumpf; wute: was begreift ein
Glcklicher vom Glck -- ein Gequlter schon von der Qual? Liegt ihre
funkelnde Essenz nicht vielmehr erst im Alter und auf der andern Seite
des Vergessens, bereit fr eine welke Auserwhlung, eine, die, ber ein
langes Leben gebeugt, aus ihm erst den Rhythmus nachzuschpfen vermchte
etwa einer Kassandra, wenn sie vom geschleiften Ilion herab -- bekrnzt
und fackelschwingend -- mit jauchzenden Flchen in die Schndung getanzt
kommt; orphisch entrckt die Wirbel des Untergangs in das verhate
Knigshaus hineintanzt.

Nein, am Alter lag es nicht.

Das eine Ohr der Tragdin begann jetzt zu tropfen. Ihre Kapriolen ber
das Sofa nebst den restlichen Leibesbungen machten, da Rtliches und
Fettiges von ihm absickerte. Unter dem abgemagerten Kopf hing ihr ein
Kuheuter zwischen Vatermrdern herab. Gut. Doch was war mit dem
fettgewordenen Leib geschehen, das ihm dies Unmenschliche geben konnte?

Einen Kontur, wie ihn kein Gebrest, kein Geschwr, keine organische
Entartung je zustande brchte, denn diesem Leutnant wuchs -- stahlhart
-- eine schiefe Ebene vom Abdomen in den Raum hinaus, so, als htte er
eine gespaltene Pyramide verschluckt, ohne sie richtig verdauen zu
knnen. In dies schrg abstehende Korsettgerst vor dem Magen hatte man
nun von oben die Brste hineinversenkt und verteilt, von unten
hinwiederum die Eingeweide hinaufgeschraubt; beides wohl um des
Knabenhaften willen.

Aber auch daran lag es nicht, das Namenlose.

Das dramatische Geschehen selbst wurde von Sekunde zu Sekunde alberner
-- jetzt war es neun, Ende vor zwlf stand auf dem Programm -- doch man
konnte ja weghren; schlielich blieb auch das futil.

Nein, es mute wohl aus dieser Art kommen, wie sie sich vergaichten alle
auf der Bhne, aus dem, was sie da begingen mit ihren Gliedern, Rmpfen,
Mndern, Mienen. Anfangs hatte es ihn eine utrierte Zeichensprache fr
taubstumme Idioten gednkt, ehe er schlielich darauf verfallen, das
alles solle Empfindung vorstellen -- Bewegung gewordene Empfindung;
wirklich das, was auf andern Kontinenten atmende Geschpfe tun, wenn sie
leben.

Hastig, passiv, unbehtet, hatte er es ohne Widerstand in sich
hineingeschaut, tief hineingelassen in seine klaren Nerven und ihres
mahnenden Unbehagens zu wenig geachtet. Herausbrechen htte er es sollen
aus seinen unbefleckten Augen zu rechter Zeit. Jetzt begann in ihm leise
angespanntes Verschrobensein, dessen er sich nicht mehr recht zu
entledigen vermochte: wie wenn sonst manchmal eine Zehe in Krampf
verfllt, sich verkehrt nach unten durchbiegt wie eine gebumte Raupe --
am ganzen Krper war das jetzt so.

bel verstellt schien sein Herz. Atmen, wie machte man das -- Atmen?
Steifes Grauen kam langsam herauf, und Zelle um Zelle gerann an ihm zu
infernalisch ungekanntem Eis.

Schutzsuchend warf er seine fliehenden Augen in den halbdunklen
Menschenraum. Hier aber hing das Namenlose ganz -- im Bhnenspiel war
nur sein Abbild gewesen -- hier lauerte es herein, hier war dieses, was
schluckte, immer schluckte: Leben, Glieder, Haare, Steine, ganze
Marmorwnde schluckte es -- alles was echt war, wirklich war.

Und dann: wie durch einen bsen Doppelspat gebrochen, verzerrt, kndete
sich wieder aus diesem Lauernden, Namenlosen heraus eine Art
infernalische Wandlung alles Seins an. Diese Wandlung selbst war noch
nicht da -- nur ihre Vorzeichen: Vorzeichen, dieses Vergaichte, das
einmal Rhythmus gewesen, dieses Zerbrochene mit abbrselnden Enden auf
Frauenkpfen, durch Brillantine wieder zu einem Scheinleben
mesmerisiert, dieses planlos Zerstckelte auf allen Krpern, das einst
edler Samt, holde Seide gewesen, nun aufgehrt hatte als flieender
Stoff zu leben, ohne Gewand geworden zu sein. Aus all diesem: eisernen
Haken, Abortfrauen, verkritzeltem Marmor, der Greisin in Lederhosen, den
Blumen aus Chemie lauerte es herber.

Ihm war auf einmal, als knne es nie wieder fr ihn einen Wald geben --
Schwalben. Vogelflug!

In einem der ungelsten Eckprobleme war der Rest eines halb weggefegten
Spinnennetzes hngengeblieben und in ihm ein ausgesogner Fliegenbalg. An
diesen klammerte er das Bewutsein. Unsglich liebenswert schien ihm auf
einmal diese winzige Leiche; wie unverdiente Gnade traf ihn die Wahrheit
ihrer kleinen Form. Sie war das Einzige. Zerfiel sie jetzt, blieb er
fast ganz allein.

Er und die Prothese: weises, ehrliches Stahlgeschpf, verdeckt zwar
durch alberne Maskerade, aber er wute es doch da. Kunstbein und
Fliegenleiche, die beiden einzig Echten hier, schtzten ihn vor dem
Namenlosen, wenn es durch den blen Doppelspat entleibter, entherzter,
entseelter Dinge hereingebrochen kam, und vor dem in ein platzendes Aas
sich hineinzuretten Reinheit schien, reinliche Fulnis.

Eine fahle, lange Angst begann ihn zu drosseln, jede Blutader einzeln in
ihm abzudrosseln wie einen Wasserhahn. Ersticken drfen -- wie einem
wirklichen lebendigen Wesen zu ersticken vergnnt -- Wohltat mute das
sein. Er betastete seinen Fu: fremd, hart und so weit weg.

Doch htte er nicht zu sagen vermocht, was es denn war, das Namenlose;
hchstens, was es nicht war: nicht Hohlform, ist sie doch Abdruck noch
eines Leibhaftigen, nicht Negativ, dem zum Grunde Positives liegt, auch
keine aufgeblasene Nichtigkeit, denn auch ihr, selbst ihr noch lebt ja
im Innersten verquollener Anmaung ein Korn Sein.

Er schauerte zurck, wich hinter sein erschrockenes Herz, wich weg von
dem verjauchten Jetzt, wieder in die reine Frhe seines Morgentraumes
ber dem nachtblauen Reich mit den kristallnen Achsen.

War damals unter den Kegelschnitten Gottes -- in dem Manuskript, das
ihm Erasmus gezeigt -- nicht etwas gewesen, ein von sich selbst
Abgekehrtes, aus sich Verstlptes Fnftes, bisher Unvorstellbares, weil
es im Gegensatz zur gttlichen Sucherin: Parabel, sich vom Brennpunkt
alles Seins abzukehren htte, um seinem Gegensatze zuzueilen? Ein
schlichthin Infernalisches, dem selbst die Mathematik -- die ber allem
Stehende -- das Symbol verweigert?

Ein _Unsein_. _Dieses_ Unsein.

Da brach er aus, zerbrach das ble Joch der Hoffnungslosigkeit, trat,
stie, ri wie ein sperbes Tier sich einen Weg durch keifende Reihen,
an schiefen Goldleisten vorbei, hinaus unter die Sterne. Mit freiem
Haar, ohne berrock ging er nach Hause. Noch einmal umkehren, seinen
Pelz, vom Eisenhaken herunter und mit schmierigem Strick umschnrt,
wieder aus den Hnden der Abortfrau empfangen -- nein. Ri sich im Ritz
auch noch die restlichen Kleider herab, ballte alles zu einem Bndel,
warf es aus dem Fenster auf das ruige Glasdach des Wintergartens,
brstete unter dem brennheien Strahl im Badezimmer sich fast die Haut
vom Fleisch -- reinigte Kehle und Mundhhle -- sog Unreines zu tiefst
aus den Lungen herauf -- stie Frische hinab; in vier Spiegeln stand
sein blendender Krper.

Aber es wich nicht. Und ihm fiel ein: durch die Augen war er vergiftet
worden. Lehnte seinen Kopf an Gargis Tr -- lange. Ri sich zusammen,
klopfte, trat ein. In einem fernen, zarten Gewand des Ostens sah er sie
wie durch kannelierten Rauch. Sie kauerte auf Kissen und spielte ein
wunderschnes Spiel mit ihren Armen. Der Hals, weich auf die Luft
gelegt, trug ber sich im Haupt eine Wage voll Kstlichkeit. Unter der
Stirnagraffe: dem Znglein aus Rubinen, schwebten weit und wagrecht
Augenschalen voll flssiger Magie.

Sein zerrtteter Kontur lie sie aufgleiten, ihm zu.

Geh auf und ab. -- So. Nimm ein Glas. -- Stell es wieder hin. -- Schlag
ein Buch auf. -- Blttre um.

Auf dem Diwan sitzend, die Ellenbogen auf den Knien, die Schlfen in den
Fusten, trank er jede Bewegung mit den Augen aus, bis zur Neige. Wie
ein Vergifteter Milch durch seine arme Kehle rinnen lt, so schluckten
seine Lider. Und sein Blut ward ser, denn ihr Verstehen war bei ihm;
erriet im voraus den Durst seiner armen Augen. Bald wurde sie rztin und
Arznei zugleich, verlie seine planlosen, aus hilfloser Angst in der
Irre tastenden Befehle, und nun sah er sie auf sich zukommen wie die
Genesung im Mrz, mit der edlen Entschiedenheit eines Tieres und ber
allem der Blumenmensch mit durchleuchtetem Haupt, und die Wahrheit ihrer
Gebrde ging durch ihn hindurch wie ein Schwert.

Vorsichtig zwischen seinen Fen kauerte sie auf den Teppich nieder --
rhrte ihn nicht an -- seine Haut und hinab die gewaltigen lichtlosen
Sinne brauchten sie jetzt nicht; am hchsten Sinn, aus dem die Welt
erfliet und die Vision, war er verunreinigt worden. Sie ruhte im
Lotossitz der arischen Asiaten in erlster Ruhe, die alle Bewegung
erfahren hat, und das als Herr.

Etwas von Musik, Akrobatik, vegetativer Verklrung! Es war die Essenz
magischer Kraft. Langsam fllten sich die Augen des Mannes mit ihr.
Trnen kamen ihm, als er seine Hand erkannte -- wieder eine liebe Hand
haben und sie rhren knnen wie ein lebendiges Wesen. Das angespannte
Verschrobensein am ganzen Krper wich, ausgetrieben ber die Rnder
seiner Glieder, wie ber den Brunnenrand lig Gestautes aus schmierigen
Lefzen verspritzt unter starkem Strahl. Schn wute er sich wieder, wie
ein Marmorbecken, klaren Wassers voll.

Bis zum Morgengrauen blieb sein zarter Arzt zu seinen Fen. Eine
beispiellose, eine unerhrte Sinnenkraft stand als unsichtbare Glocke um
die aufrecht kauernde Gestalt. In ihr waren die Knospen und Frchte
aller Bewegungen und das Magische ganz freier Tiere, das Rieseln der
Grser und der Strme, das war doch alles, alles nur fr diese Mulde
zwischen Weiche und Schenkel da. Tausend Spannungen liefen an ihr hinab
und tausend Entzckungen strzten ber die jungfrulichen Schultern und
den Flaum der Wirbel. Endlich schlossen sich seine zgernden Augen, ganz
zaghaft, wie zur Probe. Er blieb rein. Da hob er den hammerschmalen Kopf
aus den Fusten langsam hoch und weit zurck. Hell lagen die breiten
Lider in der gebrunten Haut, wie von innen durchlichtet, und langsam
flo wieder die alte Sonnigkeit in das starke Gesicht voll Geist.

Aus einem durchsichtigen Schlummer heraus, mit der lindgebrochenen
Stimme des Wunden, wenn knigliches Morphium ber seine Qual streicht,
bis sie zu schrumpfen beginnt -- schrumpft -- noch mehr -- jetzt nur
noch ein Stecknadelkopf ist -- dann -- fort, und wie er ber diesem
fort erst ganz flach nur zu atmen wagt: mit der lindgebrochenen Stimme
solch eines Eben-Erlsten flsterte er: Wohl, wohltun.

Das kunstlose Wort, unbeholfen und lauwarm wie der Krper eines ganz
kleinen Kindes, schien ihr die erlesenste Liebkosung, die sie je in ihm
erweckt.

                   *       *       *       *       *

Sie kamen wieder einmal von den beiden Vitrinen mit gyptischer
Kleinkunst im Erdgescho des Louvre. Nach allen Leichenfeldern des
Ungeschmacks, inbrnstiger Barbarei, Monomanie oder Geziertheit
befreiten sie sich andachtvoll vor den zwei Dutzend Schalen,
Salbgefen, Schmuckstcken. Diese zeigten der Natur, khn und lieb
zugleich, wie sie es etwa zu machen htte, fhlte sie je das Bedrfnis
nach Schalen, Salbgefen, Schmuckstcken, denn sie waren vollkommen
ohne die Banalitt des Nur-Schnen, khn ohne die Kurzlebigkeit des
Originellen.

Heute hatten Horus und Gargi den Louvre durch ein anderes Tor verlassen
als sonst und gerieten da schon wieder in eine weitlufige Masse
gemischten Stils, die: Louvre hie und erst von ihnen fr einen
neueren Trakt gehalten worden war. Dieser schien sich jedoch eines viel
regeren Interesses zu erfreuen als die anderen. Er sog vor allem Frauen
aus den Straen heraus und in seinen Leib, dem wieder bepapptes, totes,
schiefes, gemeines Germpel zu allen Poren herausbrach, hing und
flatterte.

Die Damen in seinem Bauch aber rissen einander behngte, bestickte,
verkritzelte Lappen aller Art mit verglasten Augen aus den Hnden, wenn
bestimmte Zahlen darauf standen: etwa 29 Frs. 95. Also Frauen, gerade
Frauen: Trgerinnen des Lebens trugen diese toten Fehlgeburten
geschndeter Maschinen aus, in lauter Paketen hinaus, infizierten die
Welt damit. Und Maschinen: seine Halbgtter, dazu wurden hier die
herrlichen Stahlwesen mit den dampfenden Rsseln mibraucht? Statt das
Leben zu befreien, zwang man sie, unaufhrlich lebensfeindlichen Mist
aus sich herauszuschleudern, das Leben mit toten Migeburten
einzumauern, deren es nicht bedarf, die es hemmen, ersticken, eindorren,
vergaichen.

Er fiel von einer Abteilung, einem Bazar des Irrsinns in den andern:
Orfvrerie, Galanterie, Bijouterie. Aus was fr Knollen im Hirn eitern
solche Sachen? sann der Erschrockene.

Wer ersinnt -- wer entwirft -- wer macht -- wer bestellt sie?

Und leiser Verdacht durchschauerte ihn, eine allmchtige Horde
unsichtbarer Irrer unterjoche einen blinden Kontinent.

Bsartige Irre -- es gab keine andere Erklrung. Vor den ersten
Klavierbeinen und Kleiderstndern hatte er gemeint, die Usurpatoren
seien irrsinnige Drechsler, die alle Drehbnke Europas an sich gerissen,
dann gewaltsame Glaser, Vergolder, Weber! Doch nein, das alles hatte
nichts Menschliches mehr, war von der berpersnlichen Infamie dieses
aus sich selbst verstlpten, unfalichen Unseins.

Sie suchten den Ausgang, gerieten in eine Abteilung: Wandschmuck. Wozu
ein sich selbst Erfllendes, wie es die edlen Mae einer Wand sein
sollen schmcken? Die noblen, weiten, notwendigen Flchen verkleinern,
durch Ornament unterbrechen, immer wieder verkleinern -- man unterbricht
doch auch einen Sprechenden nicht, wozu den Wohllaut des dreifachen
Raumes unterbrechen, dessen Ganzheit eben ist, was er zu sagen hat. Und
ist er fehlerhaft, warum ihn mit einem zweiten Fehler bekleistern, statt
das Geld zur Ausmerzung des Ersten verwenden: Doppelschund statt
einfachen Anstandes. Warum immer das Pferd beim Schwanz aufzumen?
Warum?

Am Anfang der Zeiten, schien es, hatten die Menschen nur das
Allerntigste -- jetzt, am Ende, nur das Allerunntigste.

Wie kommt es, sann er, da jedes Ding in Europa, das fr Luft,
Wasser, Eis, Dampf, Stein gehrt, herrlich gert, wie noch nie, alles
aber, was fr diesen allmchtigen Herrn ber Luft, Eis, Dampf, Stein
selbst gehrt -- klglich -- >unherrlich< wie noch nie?

Wie kommt es, da, seit die Welt steht, die Leute es sich nicht so
freudlos, teuer, verkehrt und schlecht eingerichtet haben, wie diese
Europer im goldenen Zeitalter der Technik?

Auf die groartige Einseitigkeit einer mechanistischen Formenwelt wre
er noch eher gefat gewesen, leichter bereit, auf sie resigniert sich
einzustellen, wiewohl auch die reinlichsten Einfamilienstlle vor ihm
wie nichts gewesen, wren sie nicht von einer Seele fr eine Seele
erbaut, darin sich zu entfalten. Doch nicht einmal das. Dafr dieses
zusammengelogene, heterogene, rudige oder aufgeblasene Germpel:
europisches Stadtbild genannt! Keine Sule untadelig, kein Eckproblem
reinlich gelst, ja das Problem nicht einmal empfunden, eine optische
Saloppheit an diesen hingesudelten Palastbuden, und hier -- das hier:
einer der tausend Speicher, mit dem sich das Drauen anfllte.

Wenn er nur an diesen Schlafwagen von Marseille nach Paris dachte: der
Samt des Sitzes lngsgestreift, die geprete Ledertapete in
Darmverschlingungen, braun gold, grn, am Vorhang eingewebt stehende
Rhomben, die Bodenbespannung innen in Karos, auen mit Blumenbordre;
sinnlos alles, ruhelos wie ein Affenhinterteil.

Sahen denn die Menschen nicht, da die Dinge alle nichts taugten, das,
worin sie wohnten, womit sie bekleidet waren, was sie aen?

Jetzt war nur noch die Parfmerieabteilung zu berstehen, da hielt
Winifred Cadogan sie an:

Oh bitte, Mr. Elcho, wie sagt man: Eau de Cologne auf franzsisch?

Ach, man sagte auch auf franzsisch so. Wie, sie gingen schon. Ob sie
nicht einen Augenblick warten, dann mit ihr und _mommo_ zu Callot,
Cheruit, D'Oeillet fahren wollten? Um dort Geld ausgeben zu knnen,
msse man eben manchmal hierher und sparen. Sie erlegte dabei
tugendstolz an der Hauptkasse 400 Frs. fr einen blen Turm von Dingen,
die weder Mensch noch Vieh zur Lust.

Ja richtig, eine Gesichtscreme brauche sie noch.

Die Verkuferin frug, welche.

Irgendeine, von einer guten Firma. Ja, auch einen Puder dazu. Ja, auch
ein Toilettewasser, ganz gleich welches, nur nach _sweet-pea_ msse es
riechen. Ja, einen Lippenstift. Ja, Haarwasser, aber ein gutes, sie
verlasse sich da ganz auf die Verkuferin.

ber seinen ganzen Krper hin sprte er jetzt Gargis Erstaunen, dieses
Verschweben der wissenden Dame in mitleidige Ferne, und rgerte sich,
da er ber die fremde Europerin sich rgerte. Was ging das schlielich
ihn an, wenn hier die mehresten Frauen faniert aussahen, mit einer
zersetzten Haut, von Metallen und Suren schwammig angefressen?

Was ging das ihn an, da sie nicht einmal die chemische Zusammensetzung
kannten von dem, was sie hineinrieben in das kstlichste,
verletzlichste, persnlichste Gebilde: die Haut. Zu faul, fahrig und
unwissend, die ihr allein wohlttigen Dekoktionen aus Harzen und Blten
sorgfltig zu erproben, deren Bereitung selbst zu berwachen?

Was ging es ihn an, wenn sie, statt die Anmut aller Tiere, aller Ranken
und Wellen in sich zu bilden, auf da der Mann an ihnen die ganze
Schpfung auf einmal streicheln knne, vermeinten, den Liebreiz eines
Tieres zu ergattern, indem sie ihm das Fell ber die Ohren zogen? Ja, es
ging ihn an:

Pallas und Nausikaa im Warenhause.

Die nchsten drei Wochen waren Gargis europischer Ausstattung bei den
groen Coutriers gewidmet, und er lernte mancherlei: da die eine
Hlfte der Frauen immer die andere Hlfte verachtet, weil sie entweder
zu viel oder zu wenig tote Vgel auf dem Kopf hat. Da eigener Wahn und
fremde Aktiengesellschaften mit ihrem ungeheuren Apparat die Europerin
zwangen, jedes halbe Jahr Milliarden auszugeben, damit ja kein Stil an
ihr sich bilden knne, denn Stil braucht, wie alles Organische, zum
Entstehen -- Zeit. Mode: Todfeindin des Organischen, aber hatte zu
wechseln als das, was sie sein sollte: anregender Fausthieb auf die
Netzhaut fr den optisch Impotenten, dem man alle drei Monate ganz
verdreht den Frauenkrper um die Sinne klatschen mu, auf da er merke:
das sind Frauen. Fausthiebe aber bedrfen steter Erneuerung, um gesprt
zu werden.

Und er erkannte: auerhalb Europas, wo eigener Kontur gestattet, vermag
auch die rmste als Dame zu wirken, in Europa die Reichste -- kaum, denn
man kann wohl modelos -- uneingekleidet --, doch niemals
schlechtgekleidet eine Dame sein, die Eleganz Europas aber blieb stets
ein ungeheuer kostspieliges trotzdem: trotz Reiherstei auf der Stirn,
-- immer irgendwo zu lang, irgendwo zu kurz, nicht allzu grotesk zu
wirken.

Fr fnf, sechs erlesene Frauen hie elegant sein, sich jeden schiefen
und toten Wahn gestatten knnen, wie ein Hindernis ihn nehmen, immer
noch scheulicher, immer noch hher! Alles berwinden durch
unzerstrbare Rassigkeit der Anlage. Wenigen Frauen -- Zufallstreffern
aus Blutmischungen -- gelang es halbwegs. Sie balanzierten dann auf
einem schmalen Streifen Seligkeit ihre labile Auserwhlung zwischen
Abstrzen ins Lcherliche dahin. Die aber in Europa solcherart elegant
sein wollten, konnten auerdem nichts anderes sein.

Lachend meinte er einmal zu Gargi: Die Hlfte an Energie wrde gengen,
einen neuen Indra zu machen, wie es der Knig Vismavitra konnte, hier
wird ein neuer Hut draus.

Nein, er wunderte sich nicht mehr, da Winifred Cadogan nie Mue und
Kraft gefunden, zu erkennen, Eau de Cologne sei franzsisch und
wirklich das, was sie ja immer schon Eau de Cologne genannt.

Er verdachte es ihr nicht. War zu sehr Mann dazu, orientalisch
empfindender Mann, wute: jeder Defekt an der Frau ist nur Gradmesser
des erotischen Tiefstandes ihrer mnnlichen Umwelt.

Als Gargis Trousseau vollendet war, zogen sie sich fast ganz auf ihre
Zimmer zurck.

Es war ja alles voll gemeiner und irgendwie unreiner Personen und voller
Gensse fr Strflinge auf Urlaub -- fr zu frh Freigelassene oder zu
lange Eingesperrte. Das Ganze ein bengalisch beleuchtetes hndisches
Hinliebeln an jeden weiblichen Prellstein mit Tam-Tam-Begleitung; von
allem zu viel, nur von einem zu wenig: Takt.

Sie scheinen extrem anspruchsvoll, sagte Sir Osmond verwundert, Paris
ist ja allerdings nicht mehr, was es war ... diese vielen Sdamerikaner.
-- Kommen Sie doch lieber nach St. M., da finden Sie jetzt die besten
Leute von hier und drben.

                   *       *       *       *       *

Der 1912te Jahrestag der Geburt Christi: des europischen Heilands.

Somit waren heute wieder die Trabrennen auf dem tiefgefrorenen See des
sehr mondnen Winterkurorts 1800 Meter ber dem Meere erffnet worden.

Horus hatte sich, seiner heimischen Gewohnheit treu, auf seinem
Appartement allein servieren lassen: Brot, Reis, Honig, Frchte und
Milch. Gargi, erregt, fast entzckt von dem milden Eis dieser neuen Luft
und hingegeben der ganzen, ihr so fremden Weie der Welt, blieb in einen
Chinchillamantel gewickelt auf dem offenen Balkon allein. Ihr Gefhrte
ging, sie nicht zu stren. Er wute: nun wrde sie zum erstenmal in
Europa die tiefen und heiligen Spiele ihres wundervollen Atems in der
Firnenstille erproben, sich mit der Kraft aller Sehnsucht bis ins
Innerste zu reinigen versuchen von der Minderung an Kaste, an der sie,
seit der Ankunft in Marseille, stumm litt.

Die Welt war wie ein Negativ. Alle Helle stieg aus dem Boden. Die Erde
erleuchtete sich selbst und das Firmament.

Er wanderte an dem schneegebeugten Campanile vorbei und immer auf
flaumigen Kristallen hinauf einen glsernen Berg. Ihm fielen die schnen
Namen der neuentdeckten Metalle und seltenen Edelgase ein: Ytterbium,
Palladium, Thorium, Argon, Neon, Tantal, Praseodym. Praseodym; stumm
hrte er es sich noch einmal an, zwischen Mund und Ohr: das
Krnig-Khne.

Manchmal lste sich eine weie Last schwer aus den gebeugten Lrchen,
stubte lautlos nieder in das ganz groe Wei, und der befreite Zweig
schwankte leise die Sternenbilder auf und ab.

Endlich kehrte er ins Astoria zurck. Das Gedrnge in den
Gesellschaftsrumen lie das Vestibl von Gsten leer, nur eine
kostspielig aussehende Dame schritt ruhig und ahnungslos zum Lift.
Hinter ihr drein, mit einverstndlichem Gaunergegrinse gegen die
Portiersloge, macht der Zimmerkellner blitzhaft eine Geste von geradezu
infernalischer Gemeinheit, die jene Dame geschndet zurcklt. Ein
Tritt mit den Augen gibt ihr den Rest. Seine grndreckige Fratze voll
Gier, Hohn, Schadenfreude bemerkt jetzt eine fremde Gegenwart, und alles
ebbt ins lig-tckische zurck. War es berhaupt gewesen?

Er ging lautlos auf seinen Schneeschuhen weiter in die Garderobe. Einer
der Lungerknaben vertauscht mit affenartigem Geschick Brsenauftrge und
Rendezvous-Billets aus verschiedenen berziehertaschen miteinander, zwei
gemauste Habannazigarren zwischen den vorderen Zahnlcken. Der Gast. In
einem Augenaufschlag die gleiche Wandlung wie vorhin: ein devotes
gedunsenes Kind aus Messingknpfen hilft dem Herrn Pelz und berschuhe
ablegen. Er ordnet die Frackkrawatte -- hinter seinem Rcken erscheint
im Spiegel phantomhaft wieder der andere Aspekt: angefressene Finger
prfen, zynisch bis in jede Phalanx hinein, die Qualitt seines
Mantelfutters.

Die gleichen Finger flechten ihn mit sadistischer Beschleunigung in die
Drehtr, als wrs aufs Rad, und er steht in der Hall. Aus ihr schlgt
die Grellhlle. 1500 Glhbirnen __ 75 Kerzen, alle just in Augenhhe.
berdies luft noch jeder der imitierten Marmorsulen um die falsche
Entasis ein metallener Serviettenring aus geschnrkelten Lichtspritzen.
Alle schieen sie mitten ins Gesicht.

_Keiner der oberen Vierhundert scheint das zu sehen_, wiewohl die
meisten blutige Fasern in Augpfeln haben, die trnen.

Drei Orchester durchfetzen gleichzeitig die Luft. Hier in der Hall bei
dem groen Rotbefrackten zerrt eben das Fagott in der einen -- die
Geigen in der andern Ecke -- mit viel Tremolo oben und unten heftig an
je einem Bein des Themas, so da es in der Mitte, gerade ber dem Kopf
des Dirigenten mit einem Knall in den eigentlichen Puccini zerplatzt. Da
ertrinkt fr einen Moment sogar das Arrageschrei der Amerikanerinnen.
Rechts hinein johlt ein pfiffig schleifender Foxtrott aus dem Tanzsaal
nebenan; was von links die Zigeunerkapelle aus dem Restaurant winselt,
ahnt keiner. Sie hat -- gleich den Stymphaliden -- schlichthin ins Essen
hineinzu ... musizieren.

Dem Entsetzten beginnt das Herz zu hinken in diesem hahnentrittigen
Trippelrhythmus, whrend lange Kakophoniefden quer durchs Gehirn fatal
von Ohr zu Ohr ziehen.

_Keiner der oberen Vierhundert scheint es zu hren._

Aus den Frcken italienischer Kellner, aus ihren Manschetten, wenn sie
Whisky-Soda servieren oder theatralische Viktualien, steigt der faulige
Geruch muffelnder Schlafkammern, in denen ihre ungepflegten Krper die
Servierdre ber verwesende Wolleibchen ziehen.

_Keiner der oberen Vierhundert scheint es zu riechen._

Horus hatte innerhalb der Aura eines Mittelmeerkulis den Atem angehalten
und versuchte nun wieder an anderer Stelle Luft zu schpfen, sie war
jedoch in diesem gegen die uere Reinheit mit allen Machtmitteln der
Mechanik abgedichteten Raum schon vllig verbraucht. Rotierende
Windmotore fegten nur immer die Lungenexkremente der einen den andern in
den Schlund.

_Keiner der oberen Vierhundert scheint es zu fhlen._

Es war nach dem gemeinsamen _X-mas-dinner_ zur Feier der geistigen
Wiedergeburt des Menschen, wie europische Schriften behaupten:

      _Royal natives
      Consomm des rois toils
      Mignonettes de chez elles  la Nazareth
      Entrectes  la Sainte Vierge
      Dlices de fois gras Getsmaneh
      Chapons  la Broche St. Jean
      Parfait des Mages
      --
      _Frivolits_.
      -- -- -- -- --_

Besonders Johannes der Evangelist war als Kapaun beraus fett gewesen.

In kleineren Slen, fr Privatgesellschaften reserviert, ging die
Theophagie noch weiter. Jemand, mit einem Banalittstumor im Gehirn,
sprach irgendwo rastlos Toaste. Im Spielzimmer saen gewesene Menschen
seit vorigem Mittwoch beim Bridge. Die groe Hall aber fllten die
eigentlichen Ortswechsler von Beruf -- die Auslagenarrangeure ihrer
selbst -- krampfhaft bemht, immer im Lichtkegel des Scheinwerfers zu
bleiben, von Florida bis Kairo. Eine irrende Horde, ewig im Umkleiden
begriffen; mit hundert Kilometer Stundengeschwindigkeit eilend von einem
Ort, wo sie nichts verloren -- zu dem andern, wo sie nichts zu suchen
hat.

Horus wre gerne ganz in das wabernde Schmalz des Puccini geflchtet,
als Schutz gegen die Qual der Triplekakophonie. Es stand aber eine
Phalanx dazwischen. Nicht zur eigentlichen Gesellschaft gehrig,
heraufgespien von den Trabrennen: aus allen Angeln gedrehte Lebekommis,
muskulse Herren auf esku aus der Pariser Affenoase mitten in der
wilden Walachei, denen sehr schwarze Haare aus sehr weien Manschetten
stachen, ethisch vllig ausgeweidete Semiten aller Gegenden und Zonen,
erfolgreiche balkanische Bandenfhrer im Smoking -- das Nationalkostm,
grtenteils aus einem Nachthemd und zwei Pistolen bestehend, trugen nur
mehr ihre Knige bei Photographen, junge Brsenbrut, von Angesicht, als
habe eine Hausse in Trebern sie eben auf den Lebensmarkt geworfen, und
der Kaufherr aus Braila, dessen gerundete Handbewegungen immer noch die
Qualitt der Schweinsbohnen liebevoll abzuwgen schienen, whrend seine
uglein wie Luse ber alles hinkrochen.

Da vorbei schien unmglich. Wenn sie in ihrem kabbalistischen
Jobberslang von Abstammung und geleistete Arbeit sprechen fr gutes
Abschneiden, und von satteltief sich unterhielten, ohne da man je
sicher war: meinten sie ihre Rosse oder ihre Weiber -- _das_ vertrug er
noch nicht. Lieber an den amerikanischen Mttern vorbei, um die ganze
Hall herum.

Wie er so stand, versank ihm die Menge im Raum. Er fhlte fr den
Augenblick nur dessen zudringliche Saloppheit, die noch so
unbeherrschten Machtmittel des Architektonischen am Wohnleib Hotel,
und sich darin als Transvestiten.

Der ganze bedrohliche Kasten war, wie alles neueste, im Gegensatz zum
rudigen Tragantstiel kleinerer Brsencoups der achtziger Jahre, ganz
auf Sdamerika berechnet, somit auf den natrlichen Ungeschmack des
Romanen, zum Exze gesteigert durch Reichtum und Hitze: Stil des
Tropenkollers ausgebrochener Strflinge und nachmaliger Prsidenten von
Republiken.

Gleich rechts vom Eingang sa schon einer: der alte Porphyrio Pes.
Sauer war es ihm geworden, endlich seine dreiig Millionen ins Trockene
zu bringen. Einmal war er der Rebell gewesen, dann wieder der andre;
ewig wechselnd. Oft auf der Flucht, hatte er sich schlielich aber doch
darauf verstanden, da im kritischen Moment immer seine Gegner von ihm
abgeschnitten wurden in Bezug auf die Kpfe, wie es im spanischen
Satzbau gebruchlich ist.

Neben ihm hingen Sir Osmond Cadogans Beine als Schwebebrcken ber die
Hall zum fernen Kamin; der Verkehr wickelte sich unter ihnen klaglos ab.
Seine schimmernden Pumps, offenbar heliotropisch, suchten so automatisch
das Feuer, wie die Blte das Licht. Er sa -- die Schultern auf dem
Sessel -- nur der rechtwinklig abgebogene Kopf stand einsam in die
Lehne hinauf und gab ihm das Aussehen eines sehr soignierten
Jahrmarktautomaten -- gleich wrde er Lotterienummern zu spucken
anfangen. Der ganze Sitzvorgang war bei ihm gleichsam um ein Stockwerk
verlegt.

Die Hall barst von Stimmen. Unwillkrlich horchte Horus hin.

Genia, waren wir schon in Rom?

Rom? -- _Oh mommo_, das war doch dort, wo wir die hbschen seidnen
Strmpfe zu 14 Frs. 75 gekauft haben, und Genia Waanebeeker wechselte
zum Kamin, das khle Gelee ihres Temperaments erzitterte leise, denn
dort zerflo schon allzulange Linda Bordone neben dem schnen Archangelo
Cavadini.

14 Frs. 75, das ist doch 3 Dollar 5 Cent, oder verwechsle ich es wieder
mit Fahrenheit -- aber meine Liebe -- bei Debenham und Freebody bekommen
Sie doch _first class hosiery_ fr _eleven six pence_, das ist nur 13
Frs. 90! -- berhaupt London: da haben Sie Harrod's und Jay's und
Selfridge -- und ... Aber ein Gegenchor stand auf: nein, es gibt nur ein
_place for shopping_: die _Galeries Lafayette_ -- die Transformationen
dort, die _blouses_ und alles versank endgltig in dem Rachen des
groen Pofels.

Er war sehr begehrenswert, sehr anders, wie er im makellosen Abendanzug
durch den Saal schritt, sogar die Mtter tauchten einen Moment aus den
_Galeries Lafayette_, wo es am tiefsten ist, und berieselten ihn
gierig mit ihren Lorgnons.

Er fhlte: eine stilisierte Sehstrung in Brillanten an einer
byzantinischen Nabelschnur. Wie kann man etwas fr jedes halbwegs
gesunde Empfinden so Beschmendes, wie einen Defekt am edelsten Sinn:
dem Auge, noch durch Edelmetalle und Steine unterstreichen -- wie kann
man sich mit einem Krperfehler schmcken? Da bemerkte er, angewidert
und belustigt zugleich, da ja auch manche Lorgnons in Fingern ruhten,
die Ringe an Gichtknoten trugen.

Warum hngen sich die alten Frauen in Europa nicht lieber einen Scheck
in gleicher Hhe um den Hals, wre das nicht optisch erfreulicher, als
Perlen ber hutige Hlse holpern zu lassen? Und die traurige Frage
ward gro in ihm: Werden die Menschen im Alter um so viel hlicher
hier, weil sie sich selbst _hnlicher_ werden?

Getrennt von der kompakten Trabrennhorde trieb sich ein scheinbar
wildlebender Jobber: Drilling aus Rotuscher, Schmierenkomdiant und
Galopin stndig in der Nhe der Separes herum. Trufelten dann
Privatgesellschaften heraus und zerflossen in die Hall, versumte es die
Gastgeberin fast nie, gerade diesen etwas von oben herab -- und doch
wieder ngstlich -- in ein Gesprch zu verwickeln. Als Horus vorbeiging,
stand eben eine Dame, nach dem Kanon des ltanks gebaut, bei ihm:

Prinz Strasyboulos Argyropoulos fhrte die Hoste Mrs. Beermann aus
Chicago, die in einer hchst kleidsamen Kreation von Cheruit besonders
faszinierend aussah. -- Nein, schreiben Sie lieber: Der Marque of Kar
and Kinstone fhrte die Gastgeberin Mrs. Beermann aus Chicago, die ...
Ganz am Ende kam noch eine Reihe wohlklingender Gste.

Kein Mr. Beermann -- keine Mi Beermann anwesend? Der Drilling frug es
mit sardonischem Grinsen.

Sie zauderte. Sollte diese makellose Dinnerfassade durch weitere
Beermanns Abbruch leiden? Nein, entschied sie, die Liste ist
vollstndig; aber da es sicher morgen im Herald erscheint.

Und die so jh dem Scho ihrer Familie Entbundene versuchte sich mit
gndigem Nicken zu entfernen.

Da sagte der Rotuscher von der andern Fakultt, dort wo sie schon an
Kunst und Literatur grenzt: Bedaure, wir sind mit Notizen >aus der
Gesellschaft< fr eine Woche komplett. Wir muten schon Lady Cadogan
zurckstellen. >Lady Eveline,< sagte ich zu ihr, >es ist mir nicht
mglich, selbst einer so alten Freundin ...<.

Ich werde Ihnen sofort Mr. Beermann schicken, um das zu regeln.

Und Mrs. Beermann jagte ihren ber das ganze Hotel ausgeronnenen Gsten
nach. Nur Mr. Beermann stand noch da und schielte zum Erschrecken in
seine eigene Brieftasche hinein. Mit Bedauern und Geringschtzung sah
Lizzie Beermann zu ihrem eisblonden Tischherrn hin, nun sa er wieder,
sichtlich befreit, bei seiner eigenen _set_. Wie eine verpflanzte
Blume war Lizzie zwischen den bleckenden Stiefeln, den Schlachthusern
und goldenen Gebissen Chicagos syrisch ausgeblht, litt und zersehnte
sich nach dem, dessen Kehle s und der ganz lieblich ist.

Am Ende des Abends ergab sich aus dem Notizbuch des Drillings, da der
Marque of Kar and Kinstone im ganzen acht Hostesses und Prinz
Strasyboulos Argyropoulos deren sieben heute zu Tisch gefhrt hatte.

Horus glitt an lungernden Baronen, an Epheben von den Aasfeldern der
Zivilisation vorbei, quer durch den Raum zum Kamin, wo Linda Bordone wie
hingeweht sa, neben dem schnen Archangelo Cavadini.

Die gebauschte Gaze ihres Kleides strebte in Flatterschlgen eines
jungen Huhnes an ihm hinauf:

450000 Tausend bar, mehr kann ich von Onkel Barnabas nicht
herauspressen, und sie versuchte in der trockenen Spannung dieses
eisigen Schluschachers nach vier verprschten Saisons ihrem armen
Stimmchen das arglose Zwitschernde zu wahren, zu dem jungfruliches
Dahinblhen, eine noch aufrechte Forderung aus der verflossenen
Generation her, sie verpflichtete.

Die Differenz ist ja nur 50000, ihre hbsche zitternde Hand berhrte
leicht seinen Arm.

Wie eine gereizte Maus lie er seinen Bizeps unter ihren Fingern
aufschnellen. Dann fiel ihm ein, wie er das hier doch eigentlich gar
nicht mehr ntig gehabt htte. Verschwendung. Aber er konnte es nun
einmal nicht lassen.

500000 bar, und seine Stimme war um so klter und hrter.

Als angehender Politiker, fuhr er fort, wre es berhaupt fr mich
vorteilhafter, noch nicht gebunden zu sein -- aber sollte ich mich
entschlieen -- wir, die wir fr ein greres Italien kmpfen, fr den
Genius der Rasse ...

Ist denn Genia der Genius der Rasse, zischte sie pltzlich kalt wie
Metall.

O, wie tricht sind unsre Mnner, immer auf diese Fremden
hereinzufallen. All ihr Geld brauchen sie fr sich allein, der Mann darf
nicht einmal das Auto mitbentzen, und raucht er im Schlafzimmer eine
Zigarette, so lassen sie ihn verhaften.

Quadrupedescu hat gestern nacht beim Bakkarat Monseigneur 200000 Frs.
abgenommen, meldete Genia Waanebeeker. Von den Raeburngirls lange
aufgehalten, denen ihre Eile verdchtig gewesen, hatte sie erst jetzt
den Kamin zu erreichen vermocht.

Welch bezauberndes Kleid -- wo ist es her? Und sie verschob dabei mit
zrtlicher Hand ein ganz klein wenig die Garnierung, die in Lindas
Rcken ein Feuermal verdecken sollte.

Callot _soeurs_, und Linda erhob sich, um in die Garderobe zu gehen.
Ohne Doppelspiegel konnte sie das im Rcken nicht richten, und ihr
Lcheln war auch schon ganz durchgewetzt. Einen Augenblick zischten sie
maskenlos gegeneinander an; das latent Megrenhafte, heraufgespien in
ihre jungen Gesichter: zwei fletschende Gorillaweibchen mit schleifenden
Vordergliedern unter Talkumpuder -- bekleidet von Callot _soeurs_.

Wie Linda hinausschritt, betrachtete Horus die gerhmte Toilette. Sie
schien ihm eine beraus verzwickte Angelegenheit: vorne schief,
rckwrts gewickelt, mit der halben linken Brust auf der rechten
Schulter und einer gestickten Geschwulst ohne ersichtliche
Existenzberechtigung um den Nabel; es sei denn, das Ganze stilisiere
einen verwachsenen Knaben im fnften Monat einer Graviditt.

O, Callot -- Genia sprach es Kllo -- ich gebe meinen untersten
Dollar bei Kllo aus! Da auch Europerinnen in Paris arbeiten lieen,
fand sie eigentlich anmaend.

Sie trug den Kopf sehr hoch. Teils als Brgerin der _grandest nation of
the world_, teils der leisen Drohung des mtterlichen Doppelkinns sich
bewut. Sie mute sich beeilen, ehe Linda zurckkam:

Eine Rente; Kapital zahlt _dad_ nicht heraus, aber er ist eine Million
Dollar wert, und da _mommo_ sich sicher scheiden lt, bin ich einzige
Erbin. _Dads_ Leber ist auch gar nicht in Ordnung.

Archangelo wandte langsam die schweren Spiegeleieraugen nach der
Richtung, wo Josua Washington Waanebeeker, rosa und springlebendig,
Ohren und Hnde vital behaart, nicht einmal Whisky, sondern das
bekmmliche Selters trank.

600000 bar, sagte er. Wir, die Nachkommen des alten Rom -- die wir
fr ein greres Italien kmpfen -- fr den Genius der Rasse ...

Ihr Stolz bockte auf -- Von einem Mann ohne Titel verlangen wir
Amerikanerinnen mit Recht, da er sich selbst erhalten knne, brigens
entspricht meine Rente kapitalisiert ...

Horus ging weiter. Tief herauf aus der Gegend der Privatkomptoirs:
Apisgrbern mit Safes, drang machtvoll dreischlndiges Bellen.
Schchtern schienen Beteuerungen, Beschwichtigungen ihren
Diplomatenschleim drber streichen zu wollen. Elihu Lincoln Rosenbusch,
einer der gefhrlichsten Aasgeier von Wallstreet, mit einem kalten
Cherubkopf, hatte eine Flasche Gingerale im Werte von sechzig Centimes
zu viel auf seiner Wochenrechnung gefunden.

Alle vier Direktoren hatte er sich daraufhin kommen lassen, sein eigener
Privatsekretr -- er hatte den Irrtum bersehen -- zerflo in
Schlotterschwei, und nun ging der Alte daran, gewaltige Abzge
herauszuschinden. Dafr war er berhmt. Einer der wenigen so Reichen,
da sein Name nur mehr in Anfangsbuchstaben in den _head lines_ der
Zeitungen zu erscheinen brauchte, gab sein als Sport betriebener Geiz in
persnlichen Ausgaben fast jede Woche den Journalisten Stoff zu
berschriften:

E. L. R. erwirbt eine rosa Unterhose bei Giles und Smallweed um zwei
Dollar 5 cent. Findet einen Webfehler, fordert Schadenersatz, gleicht
sich aus, indem er das Warenhaus bernimmt, verkauft die rosa Unterhose
in eigener Regie weiter, trgt nun wieder seine alte Gelbe auf. Oder:

E. L. R. verdient an der Instandhaltung seines Golfplatzes jhrlich
7680 Pfund Hammelspeck! Schickt Grtner und Mhmaschinen fort, lt die
_greens_ von Schafherden kurzfressen.

Pausierte denn der Schacherkrampf nie und nirgends? Und wo er nicht in
den Worten, da zog er sich unter der Haut hin, durch Blut, Herz, Hirn
und Traum. Dabei war ihm vieles aus diesen Gesprchen, noch mehr an den
Sprechern, unverstndlich geblieben. Welchem Kulturkreis, Kasten gab es
ja nicht, wie er erfahren, konnten etwa diese beiden Mdchen angehren?
Er begriff es nicht. In Joshivara, der Luststrae Tokios, war er
gewesen, in den Freudenhusern Ispahans -- kannte die Courtisanen von
Madura und Travankor. Aber die letzte Pariafrau des letzten
Hafenbordells Ostasiens htte ihr erotisches Niveau nicht so gedrckt,
selbst um ihren Preis zu feilschen. Bei den freien Prostituierten
ordnete der Mittler oder eine Dienerin die pekunire Frage; in den
ffentlichen Husern wurde gleich beim Eintritt schweigend ein Betrag
erhoben, dann erst erschien, unter Wahrung jeder Illusion, das Objekt
der Liebe selbst: ein hflicher, sanfter, zwitschernder Traum. Anders
htte es die erotische Verwhntheit eines Kuli nie ertragen.

War vielleicht das ganze Hotel ...? Doch nein, er erinnerte sich nicht,
auf seiner Wochenrechnung einen derartigen Posten gefunden zu haben.
Auch htte es ja, den Reden nach, ein ffentliches Mnnerhaus sein
mssen, wie jenes, das er in Paris besucht.

Er fhlte wohl, da da, rtselhaft noch in ihren letzten Ursachen, eine
Sexualnot ohne Gleichen schrie aus solcher Depravation. Die beiden
Frauen aber hatten auf alle Flle aufgehrt, es fr ihn zu sein: Erreger
seiner schpferischen Phantasie. Und dieser romanische Ephebe: wodurch
wurde dieses Mnnchen mit seinem eisig lmmelnden Gockeltum, das jede
asiatische Dame abgestoen htte, zu einem Wertgegenstand?

Er lief mit den Augen ber Hall, Salons, Bar. Endlich in soviel Geiz,
Grelle und Gier das erste glckliche Gesicht. Der frohe Mann ruhte,
einem friedlichen Engerling gleich, hell und fett mit dem Ausdruck
verklrter Dankbarkeit gegen Gott und die Welt in einem _easy-chair_.
Sein einziges Kind war hier im See ertrunken, und so war es auch der
einzige Ort, den seine Gattin mied. Hier war er sicher. berall anders
hin reiste sie nach, nahm mit strmender Hand Freudenhuser, in denen
sie seine Anwesenheit vermutete, berschttete ihn dann mit ttlichen
Insulten, Ehebruchsklagen; scheiden lie sie sich nicht. Bis zum Tod
war die Devise ihrer zhnefletschenden Treue.

Margot -- Margot.

Widerwillig lste sich ein leuchtendes Mdchen aus der Gruppe _College
boys_ auf Weihnachtsferien. Wie Enden des jh abgerissenen Flirts wehte
es hinter ihr her. Die Knaben wachten auf aus ihrer Freude, empfanden
wieder die eigenen Bernhardinerpfoten berall um sich im Weg und wurden
knurrig.

Jeder ein Shiva mit siebzehn Ellenbogen, dachte Horus erheitert, dem
Plumpheit -- ungeschlachtes Wesen -- an Jugend etwas ganz Neues war.

Margot -- Margot, die wenig elegante Frauensperson in seiner Nhe
winkte das leuchtende Mdchen immer energischer zu sich. Dieses erlosch.
Man sah frmlich, wie das Glck in ihren Nerven stockte.

Was ist denn wieder -- was strst du uns?

Sind das vielleicht Epouseure? Was treibst du dich mit solchen Buben
herum? Sind das Aussichten?

Sie hatte, gereizt wie sie war, so wenig leise gesprochen, da Horus
erst jetzt aus dem Bereich ihrer Worte herauskam. Dafr sah er Margot
Chenal mit ihrer ganz verzerrten Miene die Antwort nicht schuldig
bleiben.

In seinem Hotel zu Paris war ihm die auffallend rassige Sdfranzsin
fter mit dieser Frau, einer Tante aus Rouen, wie er erfuhr, auf der
Treppe begegnet oder im Lift, ohne da die beiden jedoch Gste des
Hotels gewesen wren. Sie verschwanden immer entweder in den Zimmern der
Mrs. Ralph Waldo Cushing, einer der Tchter Rosenbuschs, oder anderer,
sehr reicher Amerikanerinnen.

An dem Mdchen, dessen Temperament ihm imponierte und angenehm auffiel,
trotz etwas hilfloser Direktheit, war ihm zweierlei nicht entgangen: das
pauvre, schlechtgeschnittene Tailormade und die auerordentlich
eleganten Lackschuhe mit ihren kostbaren Schnallen. Immer das gleiche
Kostm, immer verschiedene neue Schuhe. Nur mhsam schien dem Kind das
Gehen, und eine Falte des Unbehagens rann ihr dabei zum Kinn, und doch
stieg sie oft und oft die Treppen auf und ab, oder lief rund um die
Place Vendme. Einmal erkannte er ein Paar besonders falsch gebauter
Smisch-Leder-Pumps, die groe Zehe lag in der Mitte des Schuhes, an
Mrs. Cushings Fen wieder. Sie machte gar kein Hehl daraus. Es sei in
Newyork Sitte, sich diese immer etwas schmerzhafte Schuhpremiere zu
ersparen, die Chaussre von jungen Personen, die man dafr bezahlte,
erst ein paarmal weichtragen zu lassen, es schonte doch sehr.

Hier war Margot Chenal ebenso kostspielig, reizlos und irrsinnig
gekleidet wie die brigen, nur trug sie am Abend ausnahmslos das
gleiche, offenbar durch Alter reichlich geweitete Paar weicher
Seidenschuhe.

                   *       *       *       *       *

Bei Porphyrio Pes und Sir Osmond sa nun auch Dr. Hafis. Horus mochte
alle drei nicht ungern um ihres trockenen Witzes willen, und weil sie --
in Pausen -- von Geld sprachen. In der Hoffnung auf solch eine Pause
gesellte er sich ihnen zu.

Von Porphyrios Hals schlich eine brchige Vene den kahlen Schdel
hinauf, bog rechtwinklig am Ohr ab und mndete auf dem Scheitel in eine
berhngende beerenschwere Warze. Beim Kauen oder Sprechen geriet die
Vene jedesmal in Bewegung wie eine Klingelschnur, und oben bei der Warze
entstand ein Moment atemloser Spannung: wird sie luten?

Er sprach: Peru hat Peruaner. Japan hat Japaner. Warum hat die Schweiz
keine Schweizer?

Es mu doch welche geben, meinte Sir Osmond, existiert da nicht ein
Prsident?

Wie heit er? Niemand wute es. Der erste Nachtportier, der Barkeeper,
fnf Lungerknaben, der Manager, alles wurde gerufen. Keiner wute, wie
der Prsident der Schweiz hie.

Sehen Sie wohl, triumphierte Porphyrio, es gibt so wenig einen
Prsidenten als ein Schweizervolk; dies haltlose Gercht wird aus
Reklame oder Gott wei weshalb von der >_International Alpenglhen
limited_< ausgestreut.

Dr. Hafis meinte:

In grauer Vorzeit mu es aber doch welche gegeben haben. Es werden eben
jene zwei fremden Leute aus Bronze sein, die in jeder Stadt des Landes
stehen. Entweder: ein Lackel im Nachthemd mit Eispickel in Kreuzform und
drunter liest man: Zwingli; oder: ein Greis mit Basedow belstigt ein
Kind: Pestalozzi. Welchen Zweck knnte es fr die >_International
Alpenglhen limited_< haben, einen Lackel im Nachthemd und einen Greis
mit Basedow ber das Land zu streuen? Sie erhhen seinen Liebreiz nicht
und verzinsen sich nur ungengend.

Aber mit greisenhafter Starrkpfigkeit ritt Porphyrio seinen ersten
Einfall tot:

berhaupt ein europischer Prsident, knurrte er, das hat ja blo
drei Funktionen. Erstens: alle verbndeten Kaiser-, Knigs- und
Frstenkinder zu Weihnachten mit Puppen zu versorgen. Zweitens: in allen
zeitgenssischen Monstreskandalprozessen restlos verwickelt und auf das
Schwerste kompromittiert zu sein. Endlich mindestens einmal in der Woche
fr das Kino bei strmendem Regen, mit triefendem Schirm und Zylinder,
hinter einem berhmten Leichenwagen herzustapfen. Das ist ein Prsident
-- in Europa, fgte er mit der Miene eines Tigers, der ein Kipfel
ausspuckt, hinzu.

Archie Payne schlurfte, Fuste in den Hosentaschen, herbei. Glatt
hinausgestrichen war das albinobleiche Haar aus dem eiskalten
Hexengesicht des Neunzehnjhrigen. Er wre der erfolgreichste Snob
Newyorks, also der Welt, geworden, htte ihn seine explosive Frechheit
nicht zuweilen wieder betrblich zurckgeworfen -- den restlos
Bedientenhaften, den Geist ihrer Umgebung stets mit der
Gewissenhaftigkeit von Chamleons Widerspiegelnden, zum Gewinn.

Mit geheimnisvollem Sphinxlcheln raunte er den andern zu:

Es gibt sogar noch heute lebende Schweizer, aber verraten Sie die armen
Dinger nicht.

Er schien mit Bardenhnden in eine imaginre Leier zu greifen und machte
Mrchenaugen:

Hark! In seltenen hellen Nchten -- um die Mitternachtsstunde -- da
kommt es bisweilen im Mondlicht hervorgehpft und heit etwas, das
klingt wie >Rdistli<. Doch schon strzt sich die lauernde Horde der
Weltkommis mit Blitzlicht, Bchse und Selbstknipser, >hurra< aus dem
Hinterhalt brllend, drauflos, und mit einem Pfeifen der Angst
verschwindet es, gleich dem Murmeltier, wieder hurtig im Gestein.

Nun versuchen Sie's doch einmal mit einem Schmetterlingsnetz oder einer
Zauberformel, Archie, meinte Sir Osmond. Ich zahle jeden Preis und den
doppelten fr das lebende Exemplar.

Der Marchese Strondoli wartete. Er wartete seit sieben. Jetzt war es
halb elf. Seit vier Uhr machten die beiden Friseure Schichtarbeit,
desgleichen die erste und die zweite Kammerfrau. Die strategische
Leitung lag in den behaarten Hnden des zahmen Russen vom Moskauer
Ballett; Entwerfers der Kostme und Garderobiers.

Im kleinen Drawingroom nebenan wartete auch die Gastgeberin: _her grace
of D._ mit den brigen Gsten. Strondoli aber hatte jene Dame, auf die
alle warteten, in der Hall zu empfangen, als der erkorene Begleiter. --
Vermutete man mehr, so lehnte er geschmeichelt und kraftlos ab. So
einfach aber lagen die Dinge durchaus nicht.

Vor einer halben Stunde war gemeldet worden, sie stehe schon auf dem
Korridor. Auch daraufhin blieb er innerlich noch immer mit
untergeschlagenen Beinen sitzen -- wute: _force majeure_, was einer
Dame im letzten Moment noch alles an Kosmetik einzufallen vermag.

Da bemerkte er im Spiegel das Frulein Erika Unbehagen, Erzieherin im
Hause Beermann, eine Faust im Mund, sich ksewei in die Wand des Foyers
einkrallen: nun war es Zeit.

Der glsernen Keimzelle des Lift entstieg die Principessa Dango: _la
princesse macabre_. Der zahme Russe streute noch knieend den riesigen
Dogaressamantel aus Kolibrifedern hinter ihr aus; von viertausend
Vogelblgen waren nur die rostgoldenen und rosigen Federchen eingestickt
in ihn. Einen schrgen Fcher aus denselben leuchtenden Leichen hielt
ihr starrer Arm hinter dem Haupt hoch, aus dem waberndes Henna
hervorbrach, zu einem Adlerhorst auseinander toupiert.

Sie schien ein Wesen aus zitterndem Silberdraht.

Blutige Binden von Rubinen lagen ihr um den blulich harten Totenkopf,
und in Rubinen blutete es immer weiter ber karfiolfarbene
Windelgewnder herab und bleiche Arme -- Herztropfen all der Kolibris --
bis nieder zu den Hnden, an denen lilablasse gewlbte Ngel gleich
Magnolienblten gro an kahlen Fingerzweigen ragten.

Sie wand sich vorwrts, als wre sie erblindet von dem kobaltblauen
Pulver in den mchtigen Augenhhlen. Prachtvoll schnitt in den fahlen
Kopf das Schwert ihres langen Mundes -- querhin durch Taubenblut
gezogen: der Hynenprinzessin Mund, wie er ein viergeteiltes Reiskorn
bei Tag -- bei Nacht Leichen aus Juwelengewndern frit.

Der Marchese war gezwungen, ihr den falschen Arm zu reichen, denn
hochaufgerichtet hielt sie noch immer mit der Linken den schrgen
Kolibrifcher ber das wabernde Henna. Die Vision von Bern stieg auf
-- den lebenslang Bewegungslosen an den Ufern des Ganges, und von
verdorrten Gliedern, in denen die Vgel nisten.

Sie wand sich in den Fesseln ihrer Exklusivitt dahin zwischen Inseln
von gezischtem Schweigen; ein Kielwasser von Entsetzen, Bewunderung und
Migunst hinter sich lassend. Lorgnons beschlugen sich mit Rauhreif vom
todkalten Ha der Blicke, aber hier hie es, sich ducken. Sie war eine
zu hohe und weltbekannte Mondne. Europas Spieer, noch feucht vom
Brodem des Beisels, wren wohl nicht zu bndigen gewesen -- htten eine
solche Erscheinung unter veitstanzhnlichen Symptomen niederzujohlen
versucht. Diese hier waren immerhin wenigstens schon Snobs.

Hohe Rasse, dachte Horus, edel im Aufri -- schade, da der letzte
adelige Flgelschlag hinauf in schpferische Vereinfachung offenbar
versagt hat. So bleibt es raffinierte Barbarei. Immerhin, ich will sie
kennen lernen.

Sie interessierte ihn zu wenig, als da seine Willkr hier ehrfrchtig
beiseite getreten wre, die geheimnisvolle Bahn ja nicht zu kreuzen, in
der, nach tieferem Gesetz, jene sich begegnen sollen, die bestimmt sind,
einander bis zu einem bedeutsamen Grade Schicksal zu werden.

Ein _button-boy_ grinste eine Botschaft. Spuckte dabei die ihm
unverstndlichen Fremdworte unter Ekelerscheinungen aus, nachdem er
ihnen den Sinn abgebissen -- alles zwischen Tr und Angel von Dummheit
und Frechheit -- bereit, bei strafferem Zugriff sofort in unzugngliche
Verbldung, gesttzt auf einen natrlichen Kropf, zu versinken.

Endlich verstand Horus. Es handelte sich um eine spiritistische Sance
bei Lady Cadogan mit ganz erstaunlichen Resultaten unter strengster
wissenschaftlicher Kontrolle. Man bat ihn, hinaufzukommen, zur
Verstrkung des Kreises.

Oben, in einem zu Tode langweiligen Zimmer, war es hell und leer. Aus
dem geschlossenen Nebenraum -- er schien schwer von Menschen --
erschollen gedmpfte Fragen -- tropfende Buchstaben antworteten endlos.
Manchmal schienen die Fragen mit den Buchstaben unzufrieden, dann begann
es wieder von vorn. Schlielich schlich sich eine Stimme auf den Zehen
bis zur Tr und meldete breitgequetscht vor Rhrung:

Neieschte Nachricht aus der Hell: _Der_ Nero fangt ebe aan zu bereie.

Friedolin Eisele, Prsident der Theosophischen Gesellschaft zu
Bopfingen, stand im Salon und zog Horus durch einen Spalt ins
verdunkelte Sitzungszimmer, aber auch dort flammte es jetzt auf; die
Herren verlangten eine Pause. Man rief nach Whisky-Soda.

Um den ovalen hlzernen Tisch des kleinen Raumes, Lady Cadogans
Ankleidezimmer, von dessen Fuboden der Teppich zurckgerollt worden
war, saen Knie an Knie etwa acht bis zehn Personen. Eben fiel die
geschlossene Kette ihrer Hnde, die bisher wie Polypen die Platte
umspannt gehalten, auseinander.

Wir haben heute Tiefergreifendes erlebt, begrte ihn die Hausfrau,
es war direkt eine Eingebung von mir, _after dinner_ den heiligen Abend
noch der Geisterwelt zu widmen. Das mit Nero haben Sie ja schon von
unsrem lieben Adepten Eisele erfahren, aber auch ganze Schwrme andrer
Seelen verdrngen einander heute frmlich aus dem Tisch. Einer sprach so
komisch, wir dachten schon, es sei vielleicht Buddha. Darum lie ich Sie
heraufbitten, uns sein Sanskrit oder Pali zu bersetzen -- denn, fgte
sie zgernd hinzu, vielleicht fllt ihm das Englische schwer.

Unsinn, Eveline, verwies sie Muriel Hitchcock, sich die Nase pudernd.

Wenn es doch Nero konnte und ohne einen einzigen orthographischen
Fehler zu klopfen, _the darling_, so rhrend zerknirscht er auch war.
Habe ich nicht recht, Monseigneur? wandte sie sich an den zwergischen
Franzosen ihr gegenber.

Monseigneur aber hatte nicht zugehrt; er versuchte so angestrengt, mit
Gloria Rawlinson, die gleich einer wunderschnen, nie angezndeten
Lampe, wei und golden dastand, ein Gesprch in Flu zu bringen, da ihm
der Schwei ausbrach. Er war vom Typ jener kleinen, instinktschwachen
Rattler; berall, wo es mondn zugeht, wandern auch sie von Scho zu
Scho, ohne da man wte, wem eigentlich zur Lust sie gezchtet werden.
Sein Adjutant: Aquetil du Perron, von Schdel halb Birne, halb Schaf,
massierte still seine weiverkrampften Finger und lie sich von Winifred
Cadogan mit _petit Fours_ fttern. Madame Bavarowska, voll und wild,
siebenarmige Leuchter in den Ohren unter der Carmenfrisur, erzhlte
unterdessen von einem sensitiven Kind, das sie einmal in der _society of
psychical research_ in London zur Beobachtung gehabt.

Sonst ein liebes Kind, aber -- wie Kinder schon einmal sind --
nachlssig eben, immer lie es beim Spazierengehen seinen Astralkrper
hinten hinaushngen. Ununterbrochen hie es da aufpassen und hinterdrein
sein, um ihn, wenn ntig, zurckstopfen zu knnen. In Oxfordstreet sei
es einmal deshalb fast zu einem Skandal gekommen, denn das Publikum --
in Astralkrpern wenig erfahren -- vermutete etwas Unsittliches und
bohrte die Regenschirme hinein.

Man beklagte den noch vielfach herrschenden Skeptizismus der Zeit, wo es
doch jedem Gebildeten offen stnde, durch Auflegen der Hnde auf den
Tisch sich von dem persnlichen Fortleben nach dem Tode einwandfrei zu
berzeugen.

Friedolin Eisele widersprach, lobte gerade die wachsende Beseelung der
Zeit, und wie sie dem Wunder immer zugnglicher werde. Erschlug
schlielich jeden Widerspruch mit dem jubelnden Argument:

Mer havve schogar scho myschtische Bankdirektore.

Er glich dem freundlichen Seepapagei: ein kugelrunder Anfang, und dann
war es gleich ganz aus mit ihm -- gar der Rede nicht mehr wert. Ein
mystisches Furunkel aus gestanztem Blech wuchs in seiner Krawatte, und
auf dem Zeigefinger der Rechten trug er den Siegelring der Blavatzky als
einer der sechsundsiebzig, die sich rhmen, den echten von der groen
Adeptin eigenhndig auf dem Totenbett erhalten zu haben. Auf der Reise
zu einem Kongre nach Bern war er -- Lady Cadogans Gast -- auf ein paar
Tage in dieses ihm fremde mondne Milieu verschlagen worden.

Verklrt hingen der Gastgeberin waschblaue Seheraugen an ihm. Da er
geendet, wandte sie sich Horus zu:

Und ist auch Ihnen, Mr. Elcho, der Sie zum erstenmal in Europa sind,
diese mystische Atmosphre, diese wachsende Macht der Magie an unsrem
Kontinent aufgefallen?!

Bisher, offen gestanden, nur an Kellnern, lchelte dieser, die mir
als einzige in Europa ber auernatrliche Krfte zu verfgen scheinen,
vermgen sie doch, wie durch Fernwirkung, Messer, Lffel und Teller von
scheinbar ganz entfernten Tischen auf den Boden schmettern zu lassen.

Man lachte oder entrstete sich, beschlo aber, nun endlich die
unterbrochene Sance wieder aufzunehmen und rumte den Schnaps weg. Die
Lichter wurden gelscht, alles rckte zusammen und umschlo aufs neue
mit gespreizten Hnden von oben die Tischplatte, wobei die kleinen
Finger sich berhren muten, um, wie Horus staunend erfuhr, jedem die
wissenschaftliche Kontrolle ber den andern zu sichern, und somit
einwandfrei die Echtheit der Phnomene.

Und das alles im Zeitalter des Nicholsonschen Versuchs -- des
Raumgitters -- der Berechnung des Strahlendrucks! dachte der
Befremdete.

In demselben Europa, dem meine ganze Sehnsucht und Begeisterung galt,
um seiner wissenschaftlichen Gewissenskraft willen; das unaufhrlich in
Tausenden von Publikationen, die seine Adelsbriefe sind, ber die Erde
hin kndet von Genialitt und gttlicher Verbissenheit ohnegleichen,
kndet von Hilfskonstruktionen, Przisionsapparaten, Sicherungen und
Gegensicherungen, damit ein einziger Nebenversuch um ein weniges
verfeinert werde und sich einordne jenem lauteren, herben, lckenlosen
Geisterbau, der selbst nichts soll als einen neuen Annherungswert an
das Geschehen ermglichen -- und gerade durch diese Beschrnkung an
Gewalt und Tiefe des Einblicks alle Intuition andrer Kulturen weit
hinter sich gelassen hat?

Wie war solcher Abstand im Kritisch-Geistigen unter Menschen der
gleichen Rasse, der gleichen Zeit berhaupt erklrbar?

Durch das Fenster kam blaues Schneelicht und zeichnete jedes Einzelnen
Kontur mit einem Meband aus vergastem Metall. Einige Minuten herrschte
erwartungsvolles Schweigen. Nun wollte jemand eine wandernde Flamme
unter dem Tisch bemerkt haben. Sie erwies sich jedoch als silbernes
Zigarettenetui, das du Perron mit den Fen Monseigneur auf den Scho
hinber zu praktizieren versuchte. Diese triviale Auslegung des
Phnomens fand wenig Anklang. Man solle sich nie durch solch scheinbar
einfache Erklrungen beirren lassen.

Ursprnglich sei es doch eine Flamme gewesen. Der magische Kreis
ermangle eben noch der ntigen Kraft zu dauernden Materialisationen. Das
htte das Flammengespenst gerade noch rechtzeitig gemerkt, um seinen
Rckzug auf scheinbar natrliche Weise durch das Zigarettenetui zu
decken, dessen berreichung in diesem Moment durch magische Einwirkung
auf du Perrons Unterbewutsein erfolgt sei. Nichts schien einfacher.

_They are sooo smart_ -- sie sind ja so gerieben, besttigte Lady
Eveline.

Also den Kreis verstrken: Monseigneur und Quadrupedescu, Glorias
Nachbarn, vertraten die Ansicht, intensiverer physischer Kontakt
zwischen den Teilnehmern wrde die Phnomene wesentlich frdern. Doch
man heischte Ruhe, wartete wieder. -- Nun knackte die Platte deutlich.
Alles glimmerte vor Erregung, nur Muriel Hitchcock blieb ruhig, das
graue Papiergesicht voll Herablassung seitwrts einem Unsichtbaren
zugelehnt.

Es ist Alastair. Ich spre ihn schon die ganze Zeit hinter meinem
Sessel. Nie versumt er eine Gelegenheit, mir nahe zu sein.

Sie war aus Philadelphia, trotz wurmiger Haut hbsch, hypersmart, und
gab sich, da sie ein wenig hinkte, gern fr eine etwas beschleunigte
Reinkarnation der Lavallire aus. Das mit Alastair aber ging, wie man
nun erfuhr, schon viel lnger; seit sie eine wunderschne griechische
Hetre zu Alexandrien gewesen und er, als Sulenheiliger, aus
Leidenschaft zu ihr sein Gelbde gebrochen hatte und fr sie gestorben
war. Durch diesen gewaltsam frhen Tod waren sie seitdem immer um eine
Drittel-Inkarnation auseinander -- _very trying indeed_ -- und konnten
sich nur mehr oder weniger durch Tischplatten hindurch angehren. Jetzt
wollte keine der Damen in Astralflirts zurckstehen. Eine Art makabren
Erotelns hub an, und es ergab sich, da alle schon einmal wunderschne
griechische Hetren gewesen. Madame Bavarowska aber scho den Vogel ab
mit einer extra Fleiinkarnation als Pharaonentochter. Es bedarf wohl
der Erwhnung nicht, da sie auch in dieser Gestalt von einem Liebreiz
war, der vielen zum Verhngnis werden sollte. Nun begannen die Damen zu
errtern, was sie jedesmal angehabt, und die Sitzung drohte in einer
Modediskussion zu verenden; die Weiber zerschnatterten alles, als der
Tisch deutliche Zeichen von Ungeduld gab, Friedolin Eisele um Ruhe bat
und die Leitung der Sance wieder bernahm.

Es wurde mit dem Tisch vereinbart, ein Klopflaut bedeute -- ja, zwei
-- nein, damit man in zweifelhaften Fllen wisse, ob richtig
buchstabiert worden sei. Nun begann Eisele langsam immer wieder das
Alphabet herunterzusagen, wie Horus es schon vom Salon aus vernommen.
Der Buchstabe, bei dem es klopfte, galt, und so setzten sich mit der
Zeit Worte zusammen. Der Tisch war gerade bis _Mia_ gelangt und wollte
flieend weiterreden, da warf sich Madame Bavarowska mit einem Aufschrei
ber ihn.

Mia -- _c'est pour moi_ -- fr mich, so heie ich!

Sie heien doch Natalie, widersprach es aus grollender Runde.

Aber Mia ist mein Kindername. Maman, bist du's? ... Sag, soll ich Rio
Tinto kaufen?

Der Geist der Mutter bejahte.

Zu welchem Kurs? Der Geist der Mutter nannte einen exorbitant hohen.
Dann verschwand er. Der Tisch fing etwas Neues an. Bis dais kam er. Da
sprang wieder Madame Bavarowska vor und verteidigte ihn, wie eine greise
Leopardin ihr letztes Junges.

Daisy -- _c'est pour moi!_ der Kosename meines ersten Gatten fr mich.
Bogumil, was hast du deiner Daisy zu sagen?

Bogumil sagte einiges. Spter, als es pip klopfte -- die Dame zum
drittenmal aufzuspringen und auch so zu heien Miene machte, wurde es
Winifred Cadogan zu bunt. Sie gab dem Tisch mit dem Knie einen Sto, da
er gegen die Namenreiche flog, und nur das auerordentlich starke
_straight-front_ Mieder verhinderte ernstlicheren Schaden.

Madame Bavarowska war ganz entzckt:

_a pse -- a pse_ ... welche Kraft der Materialisationen, welch eine
Sitzung.

Winifred platzte aus.

Und da knnt ihr scherzen, _mais mes enfants_, nie wieder werdet ihr so
eine Sance erleben ...

Der Tisch puffte weiter in sie hinein, bis endlich du Perron und
Quadrupedescu Winifreds Knie gebndigt hatten.

Der Beobachtungsgabe der brigen schienen diese Vorgnge andauernd zu
entgehen.

Schlielich war man ja auch nur der Klopfphnomene: der harten kleinen
Schlge im Inneren der Platte, wegen da, die niemand mit Knieen und
Beinen hervorbringen konnte. Auf der Oberflche des boxenden Tisches
aber spannten sich, weithin sichtbar, von kleinem Finger zu kleinem
Finger, immer noch die Hnde aller Teilnehmer im blauen Schneelicht.

Mit der Zeit meldeten sich auch Goethe und Napoleon zu Wort. Ersterer
unterhielt sich auf das Angeregteste mit Lady Eveline ber die
Verwerflichkeit des Dumpingsystems neudeutschen Handelsbrauchs, und so
wickelte sich der Verkehr zwischen Lebenden und Toten klaglos ab, bis
urpltzlich Verwirrung entstand -- geradezu heilloser Unfug.
Viertelstundenlang wurden immer tollere, sinnlosere Worte geklopft,
Fragen in einem bejaht und verneint, bis Eisele die Geduld verlor:

Saumig schwtzet se daher, fuhr er Napoleon an, den er heimlich im
Verdacht hatte. Es half. Die Antworten ebbten wieder ins Verstndige
zurck. Was hatte sich ereignet? Horus war es bei dieser seiner ersten
Sance schon nach drei Minuten klar geworden, die Klopflaute mten sich
durch Spannungen im Holze der Platte willkrlich erzeugen lassen:
gleichmiger, dauernder, geschickt verteilter Druck ruhender
Fingerspitzen den Flader entlang und dann wieder pltzliches Nachlassen
dieses Druckes, wrden wohl gengen, um bei dem gewnschten Buchstaben
ein leises, kurzes Krachen zu erzwingen.

Nach einer Weile riskierte er diskret den Versuch. Der gelang sofort.
Nun war es ihm eine Erheiterung, dem Phnomen konstant die Pose zu
verpatzen; in jedes Wort irreparable Buchstaben hineinzuklopfen. Nach
Eiseles Zuruf hrte er auf. -- Die Methode war ergrndet, jetzt hie es
nur noch den eigentlichen Klopfer herausfinden, und ob sein Ziel
schlichthin idiotisches Gesellschaftsspiel in _after dinner_ Mystik
bedeutete oder Zweckhafteres vielleicht.

Die Damen -- sie hatten wohl in ihrem Leben noch nie einen Flader am
Holz bemerkt -- schieden allesamt von vornherein wegen geistiger und
manueller Minderwertigkeit aus, desgleichen Monseigneur. -- Friedolin
Eisele? Nein -- ein Rindvieh voll Lauterkeit. Es war eben ganz einfach
nicht mehr zu leugnen, Horus hatte eine Schwche fr ihn gefat, seit
Eisele nach der lauten Auseinandersetzung mit Napoleon noch leise leise,
nur Luchsohren vernehmbar, auf den Korsen den groen Fluch seiner Tribus
geschleudert:

Da di's Meisle beischt.

Es dnkte ihn der herzigste Fluch, den er je gehrt: das rgste, was ja
berhaupt passieren konnte, war, da er eben in Erfllung ging ...
schlielich schien das Malheur dann noch immer nicht gar so gro.

In die engere Wahl kamen somit du Perron, das Birnenschaf und
Quadrupedescu: Deponens von Clubmann und Hundedresseur.

Sensation! Im Tisch erschien Moltke, nannte den Namen eines osmanischen
Prinzen und prominenten Heerfhrers, der eben jetzt im Balkankriege
gegen Bulgarien im Felde stand. Aller Augen wandten sich Lady Cadogan
zu. Man wute, da sie, seine langjhrige Freundin, auch ihn durch fast
unbegrenzten Einflu zum Spiritismus zu bekehren vermocht. Totwei ber
den Tisch gelehnt, ganz benommen vor Stolz ber die eigene Bedeutung,
harrte sie weiterer Botschaft. Warnung kam: wenn bestimmte Armeekorps,
ihre Nummern wurden genannt, die gegenwrtig fr den soundsovielten
bestimmten Bewegungen ausfhren wrden, fiele Adrianopel in Feindeshand.

Ungeheure Erregung. Lady Eveline nahm jedem Teilnehmer das Wort
unverbrchlichen Schweigens ab, ehe sie nach einem Telegrammformular
hinausstrzte, in der nur ihr und dem Prinzen bekannten Chiffrenschrift
das vom Geiste Moltkes ergangene Verbot unverzglich zu drahten. Die
Sitzung fortzusetzen, fiel niemandem mehr ein.

Madame Bavarowska stie pltzlich aus allen Krperffnungen schwarze
Schleier aus, hatte ein Stck schwarzes Fliepapier -- kein Mensch wute
woher -- vor sich auf den Tisch gebreitet und zog aus ihrer
juwelenbesetzten Goldtasche ein Paket Spielkarten von geradezu
phantastischem Schmutz.

Ob man sich weissagen lassen wolle? Den ekelerregenden Zustand der
Karten begrndete sie durchaus plausibel damit, jene stammten aus einer
Kaperbeute ihrer Vorfahren mtterlicherseits, die alle berhmte
Seeruber im Schwarzen Meer gewesen. Andre Familien behaupteten solches
zwar auch, von der ihren sei es aber dokumentarisch nachweisbar.

Horus entkam im allgemeinen Wirrwarr. Schon einen Augenblick vorher
hatte Quadrupedescu, sein blaurasiertes Lcheln wie mit Schmierl
bergossen, den Clowntorso aus der Tr gedreht.

Horus beutelte sich: ein Glck fr euch, da Geistergrenzen fester
versiegelt sind, als _after-dinner_ Mystik sich trumen lt. Welche
Astralhaie mten im Kielwasser solchen Seelen folgen. Was mte aus dem
Unsichtbaren her, solchem Ruf gehorchend, an der Schwelle einer Horde
lauern, die blind, taub, flirtend, gierend, gerade ihren christlichen
Schlangenfra mit Whisky-Soda wieder aus allen Poren dampfen lt?
Hielte die Schranke nicht, in die Hnde welch ultravioletter Fallotten
wrden diese Nekromanten nach dem Gesetz der Korrespondenz wohl fallen?

Und gedachte der vornehmen indischen Dame, deren Gatte zu sein er die
Ehre hatte, dort oben auf ihrem bestirnten Altan. Sein Herz ging aus zu
ihr und strebte zurckzukehren in die Heimat ihres Kusses, denn es
drngt zum geliebten Wesen die Begierde, gerhrt zu sein.

                   *       *       *       *       *

Unten im Foyer bestieg eben die Principessa Dango wieder die glserne
Keimzelle des Lift. Noch immer hielt ihr gereckter Arm den Fcher aus
leuchtenden Leichen ber das wabernde Henna. Strondoli vervielfltigte
sich um sie in Brunstbewegungen. Alle Facetten seines Mnnchentums waren
in Rotation -- ganz schwindlig konnte einem dabei werden.

Sie sagte nichts als: _Impossible_.

Um elf Ski-kjring nach Sils. Bleiben kaum zwei Stunden Schlaf.
_Impossible._

Strondoli ri die Uhr heraus. Beteuerte mit Blicken, Lippen, Haut, Haar,
wie frh es noch sei, indes sein markiger Arm das elf Uhr, ganz weit
drauen, platt an den Rand der Ewigkeit gestemmt hielt.

Vergebens. Rundum abgedichtet mit Durchsichtigem, entglitt sie am Draht
des Lift, der lose in seinem Nabel kreiste, durch den Plafond nach oben.

Der Marchese zog seinen edlen Leib ein -- wurde konkav vor Enttuschung;
pfiff dem Boy und frug nach Mademoiselle Fifi.

Bei der Loge des Nachtportiers stand Quadrupedescu, bergab ein
dichtbeschriebenes Formular als dringend zu drahten. Auch diese Depesche
war, gleich der Lady Cadogans, chiffriert, bis auf zwei Worte:
Bestimmungsort und Adressat. Berne und irgend etwas ... de Blgarie.
Also darum, nach verhllenden Mtzchen, Prliminarien: Moltkes Geist
samt Warnung. Es hatte sich eben darum gehandelt, eine fr Bulgarien
gefhrliche Operation des trkischen Heeres zu verhindern, und das hatte
dieser geriebene Agent auf so primitive Weise erreicht, da kaum ein
Botokudenpaar darauf hereingefallen wre. Von solchen Vorgngen also
hingen europischer Vlker Schicksale im zwanzigsten Jahrhundert ab.

Morgen hie es, bei Lady Eveline Moltkes Ansehen sanft untergraben,
nicht etwa sein Erscheinen leugnen, das htte ihre Eitelkeit nie
zugegeben, nur einfach ihren Jingoismus gegen sein Deutschtum
aufstacheln. Vernunft: wenn zwei entgegengesetzte Dummheiten gerade
gleich stark sind. Ja, er hatte in diesen wenigen Wochen im dunkelsten
Europa schon viel gelernt.

Einen Blick noch warf er in die Grellhlle, wo die ruhelosen Barbaren,
von drei Orchestern durchbohrt, violettgesprenkelt vor Schnaps und schon
vllig verwildert, immer noch in ihrer eigenen Kohlensure fatal
herumwateten.

Hier, von oben gesehen und durch die Rauchschichten hindurch, war das
Ganze einem infernalischen Aquarium nicht unhnlich.

Er dachte: vielleicht ist es hier wie mit den niederen Tiefseetieren:
nhme man pltzlich den ganzen ungeheuren Druck von ihren Sinnen, unter
dem sie zu leben gewohnt sind, hbe sie ins Leichte, Freie, in hheres
Element -- ob sie sich dann auch selber zu vomieren begnnen ... auf
einmal die Gallenblase nach auen, und berhaupt alles vornber
gestlpt?

Aber wozu leben sie unter diesem, alle Empfindung erschlagenden
Sinnendruck?

_Warum verwechselt der Europer Grelle, Lrm und Gestank mit Freude?_

Ja warum?

Er hatte damit zum erstenmal an ein Grundproblem gerhrt -- aber er
wute es noch nicht.

                   *       *       *       *       *

Pltzlich war Europa herrlich.

Dieses ausgefranste Hundeohr am Kontur Asiens hatte eben die
beispiellose Chance, da Schnee drauf fiel -- auf Barbarei und Irrsinn
ber Nacht bestirnte Reinheit wuchs.

Horus, von Pitz Nair kommend, lag in seinem brennheien japanischen Bad
-- neben sich Tee und knusprig nachbrodelnde Muffins -- in Hnden ein
edles Buch, mit dem man durch tausend Reiche fliegen konnte -- vor sich
Schlaf, eine runde Nacht voll, ausgeflaumt wie ein Vogelnest -- die Wand
hinauf aber lehnte, ganz nah im Schmeichelkreis seiner Finger, die neue
_grande Passion_: Skier.

So ruhte er, ein kstlich zerbrochener Sieger am Fest des blauen Raumes,
und geno: auf der Haut schumende Nadeln -- im Herzen Ozon -- im Blut
Eis und Gefunkel. Lchelte gerhrt den beiden gestreckten Schneeflgeln
aus schwingendem Hickoryholz zu: schwarzes Schneeschilf, wei gerippt,
trumte an ihm seinen tiefen Tag zurck. Grte erst das entzckend
linsenfrmige Anschwellen der Spitzen, durchlocht wie Ohrlppchen, nahm
jene klare, von der Bindung gekrnte Kantengruppe mit dem Finger in
seinem Organismus auf: Verschneidungskurve zwischen dem mechanisch
wirksamen Profil und der idealen Oberflche des Skikrpers; so
vollkommen fast wie jene, die an der Helice der Nabe zuschwillt. Vom
Schneekiel, der Rinne an der Unterseite, in einem Myrtenblatt
verstrahlend, mochte man gar nicht erst sprechen, direkt einen neuen
Raumsinn schuf er in den Sohlen und war ber Lob schlechtweg erhaben.

Jetzt fuhr er mit den Augen den Ski entlang, bis wo dies einfachste und
freieste Gert sich aufbumt und aus dem Planen lst nach oben. -- Sein
Herz schlug -- er glitt los zum Sprung; immer rascher hinein in ein
Vorwrts ohne jede Wahl. Hinein ins Ducken, Abschnellen, dann
Hinausgerissenwerden in den Raum. -- Dort endlos im Nichts hngen, im
Nichts Richtung halten mssen -- die Arme zu Propellern geworden -- das
Bewutsein in den Sprunggelenken, ganz dem Aufprall entgegengespannt und
dem hirnwirbelnden Schu. Das Unbegreifliche dieses Aufpralls, dieses
Schusses trieb dem Entrckten das Herz ins Hirn vor Blut und Eislust.
Seine Hnde fand er an den Rand der Wanne wie an einen Starkstrom
hingekreuzigt, und kalte Sterne sprhten hinter seiner Stirn.

Erst in den mildernden Wellen des Gelndes, als schon bremsende Hgel
dem Schu in sein Rasen gefallen, vermochte er die duffen Finger der
Rundung des Emails abzureien. -- Atem strzte wieder in ihn, doch er
wute noch nichts Rechtes mit ihm anzufangen; es donnerte sein Herz.

Bei Auto, Flugzeug, Motorboot -- immer ist noch etwas eingekeilt
zwischen Mensch und Schnelligkeit. Auf diesem Zwischengliede hockt er
dann: ein beherzter und recht lobenswerter Affe. Einzig auf
Schneeschuhen: veredelten Sohlen, sind sie endlich ganz allein
miteinander, die Geschwindigkeit und er. Schrg ber sanfte Kristalle
strzend, wird der Mensch da selbst zum Alpha und Omega der Bewegung --
auf diesen seinen zwei federnden Sohlen hinausschwingend ber sich und
in ein neues Ma.

Und da sagen die Leute so schlichthin: >Bretter<, dachte Horus, fr
ihre verrotteten Klim-Bim-Gasometer und hingehudelten Prunkbaracken aber
erfinden sie Ehrfurchtnamen: >Musentempel< etwa oder >Palais<.

Und Leute -- Leute trifft man da oben. Angeschossen kommen sie mit
verglasten Augen aus dem Nirgendwo: wasserdichte Flgelwesen, prachtvoll
ruppig, mit ungeheuren Eiszapfen an der Nase, und knden von firnen
Ruhepltzen, wo sie das kristallne Huhn mit dem Hammer gegessen und die
Suppe als Biskuit.

Geht man ihnen dann in ihre Passantenhotels nach, trifft man sie meist
schon aufgetaut zu kleinen Philistern vor einem Schweinsbraten sitzen,
die Seele nikotinisiert und dreier Vorstellungen nur mchtig: Windharsch
-- Pulverschnee -- feucht-salzig ... oder sie stoen ber Daumenknorpel
rechteckige Lcher in bandenlahme Billards und wollen es dann nicht
gewesen sein.

Da sind sie trbe wie Lachen zerschmelzenden Schnees. Null Grad ist ihre
kritische Temperatur -- eher etwas darunter.

Halben Weges wuchs dann diese Wchte dem Berg aus glserner Flanke, war
aber unschwer zu umfahren gewesen. Schweizer Offiziere, die hier ihre
bungen abhielten, hatten es soeben getan. Nur als Letzter -- der junge
Leutnant tauchte grade ber ihr auf, unschlssig-lstern und
vorgeneigter Silhouette, bis auf das reglementmige Rhomboid aus grauem
Filz auf seinem Kopf; das bockte schrg nach hinten in den ther und war
offenbar dagegen. -- Die andern Offiziere lachten und winkten ab. Von
hier unten, gegen der Wchte berstehend, sah man deutlich, sie hing ein
Stck frei in den Raum.

Ischt ja wie's Schterbe, sagte der junge Leutnant, dann glitt er los.

Das Rhomboid aus grauem Filz sollte aber recht behalten. Drei Sekunden
spter sa es irgendwo -- -- schrg wie immer, doch ganz allein auf dem
Schnee, indem sein Besitzer sich einem Kopffler gleich gebrdete.

Doch oben ber der Schneebrcke aus gestirnten Kristallen zuckte jetzt
eine zweite Silhouette aus dem Nirgends her: die Ganz-Weie,
Lanzenkeusche, neigte sich langsam wie eine Rakete vom Zenith ihres
lichten Stiels.

Horus hielt den Atem des Erinnerns an. -- Nein, noch nicht, immer noch
nicht. Doch allzulange, allzu knstlich schon hatte er der Erscheinung
gewehrt; Berge, Leute, blaue Frhlichkeit dazwischen gehuft, damit ihr
Kommen daure -- denn ihr Dasein war nur ein Augenblick.

Nun brach sie -- ein Dmon der Anmut -- durch den schtigen Geiz seiner
Vorfreude, hing ber dem Sturzweg, halb Luft, halb Eis, stand
niederfahrend einen Augenblick als Sturm an seiner Schlfe, go sich in
eine Kurve hinein -- war ganz unten auf dem Schneefeld, nur eine blanke
Nadel noch am Faden einer feinen Spur.

Hinter ihr nach glnzte der Weg.

Gargi aber hatte in auffliegendem Entzcken, in jenem lieblichen
Sich-Auslschen an einer reinen Freude, die sie ganz enthielt, feierlich
-- fast priesterlich gesagt:

Ein Elf von einem groen Stern.

Unter den Schweizer Offizieren hie es mrrisch anerkennend: Die fremde
Dame.

Ein Elf von einem groen Stern.

Gargi -- Gargi hatte das Wort gefunden. Er sprang auf ins Nebengemach zu
ihr, alles ihr mitzuteilen -- mit ihr zu teilen. Ein Lufer in
dampfenden Nebeln. Sein Torso gleite. Lachend fielen sie einander in
die Arme. Tropfen stoben.

In dieser Nacht ward Gargi ganz zur Fee Peribanu. Das Orchis- und
Perihafte schpfte sie ihm aus ihrer Duft gewordenen Tiefe.
Jaspisgeschpfe mit Teebltenfingern -- Gtzen mit goldenen Ngeln der
Wollust -- umstanden sein Herz die ganze Nacht.

Wie, was androgyn-vollkommen, ausschwingt in weiterer Amplitude der
Anmut, so htte Gargi hinschwingen knnen in dieser Nacht bis hinber in
das Lanzenkeusche, Unumarmte: auch dort noch sie -- sie selbst auch dort
noch: des eignen Iches andrer, silberner Rand. Doch war es noch nicht an
der Zeit.

Hterin des kstlichen Potentials, wahrte sie der Phantasie des Mannes
-- aufduftend als Asien in seinen Armen -- die Weite eines ganzen
Kontinents zum Reiz, an dessen Ende nicht mehr stand -- noch nicht mehr
stand -- als auf Kristallen eine blanke Nadel am Faden einer feinen
Spur.

                   *       *       *       *       *

        _Son Altesse Imperial le grand duc Wladimir Michailovics
                               et suite_

                 _La Princesse Helena Petrowna Karachan
                               et suite_

las er in der Liste des Astoria als neue Gste. So sollte er Helena
Karachan begegnen, seiner Mutter Gespiel, jener einzigen Europerin, von
der sie je gesprochen. Tochter aus der morganatischen Ehe eines
Grofrsten mit einer kaukasischen Prinzessin, hatte ein wilder und
prachtvoller Ernst einen Teil ihres Wesens zur Medizin hingerissen, sie
schon damals -- ganz jung -- zu einer der ersten rztinnen gemacht. Eine
Hobby, die man der groen Dame gerne nachsah, schrnkte sie doch
hochdero Zeit fr noch Bestrzenderes ein, denn gefat war man auf
alles.

Frh verwaist, galt sie von je als Lieblingsnichte eben jenes
Grofrsten Wladimir Michailovics, ihres Vaters einzigen Bruders.
Vordergrundsdaten. Eigentliches wute er um sie aus einer Klangfarbe in
seiner Mutter Stimme: dem glcklichen, tiefbergoldeten Gong, der nur
Ebenbrtiges einzuschwingen pflegte -- so lebendig seinem Ohr, da auf
diesen fast krperlichen Wellen die entbltterten, toten Zge
zurckkamen, sich aufrichten durften -- faserfein -- als ganzes Antlitz
wieder um diesen Kern von Klang, als Glockengesicht -- das silberzngige
Orgelgesicht, wie er es im stillen fr sich nannte.

Nun war Helena Karachan da, ein Wesen aus Diana Elchos ihm unbekannter,
frher Welt, und er sollte sie sehen. Eine kaukasische Prinzessin:
geschmeidedurchrieselte Flechten langniederfallend auf milchweie
Fesseln, azurne Schleier und klare Knaben, die Trkise ihrem Weg
streuen.

Zum _dinner_ kam er ausnahmsweise in den Grillroom, schmeichelte fr
diesmal sogar Gargis Widerstand, solchen gemeinsamen Anfngen der
Verdauungsttigkeit auch nur als Zuschauerin beizuwohnen, hinweg, lie
sich ein Tischchen anweisen, an dem die Frstin vorber mute, das auch
den Blick durch Glastren in einen ihr reservierten kleinen Saal frei
lie.

Nein, der Grofrst sei noch nicht eingetroffen, berichtete der _matre
d'htel_, vorerst die Prinzessin _et suite_.

Nun kam, zwischen aufgerissenen Flgeltren, sie selbst.

Der schwabbelige schwarze Kaftan, durch den sich wilde Formen wlzten,
war glitschig von Bratensauce und Eigelb; darber hing, bis zu den
Knien, eine Mrchenkette nugroer Perlen von kaum abzuschtzendem Wert.
Die Fe staken in karierten Schlapfen.

Sie schob sich in merkwrdigen Kreissegmenten sehr schnell vorwrts,
offenbar hatte man die ungeheuren Schenkel bandagiert, um ein Wundreiben
zu verhindern. Von den Armen hingen ihr zwei Reticuls -- schwer wie
Ruckscke -- der eine mit Konfekt, der andere mit Tabak gefllt. Die
groen lngsgerunzelten Ohren waren mit Antiphonen abgedichtet gegen
jeden Lrm, vor den Augen trug sie eine Autobrille mit gelben
Scheuklappen.

In ehrerbietigem Abstand folgte ein flohbraunes Lemurenmnnchen, das
diese uerlich erzwungene Distanz durch eine keineswegs fundierte
Familiaritt den brigen Anwesenden gegenber ins betulich Zirkusmige
zu zerwitzeln offenkundig bestrebt war. Ein zweites Mnnchen, ebenfalls
von polnisch-semitischem Typ, begleitete seine Herrin nur bis zu ihrem
Separe und erhielt seinen Platz unter den brigen Hotelgsten
angewiesen.

Doch auch an den Flohbraunen richtete die Frstin whrend der Mahlzeit
kaum das Wort -- fllte die Pausen der Gnge, indem sie aus dem Rucksack
zur Rechten Bonbons verschlang, dem Rucksack zur Linken unaufhrlich
Tabak entnahm und zu Zigaretten drehte, die kaum angerauchten aber spie
sie sofort wieder weg.

A dann wie ein Oger. Mit tadellosen Bewegungen der langen, edel
gebliebenen Hnde. Das Embonpoint der Frstin schien nicht an ihrem
Kaftan enden zu wollen, war irgendwie ein respektloses -- ein
anarchisches Fett, evaporierte vielleicht heimlich, um sich, ganz weit
weg, pltzlich auf einer firnen angelschsischen Hemdbrust mit einem
Klatsch niederzuschlagen; ganz gut zuzutrauen war ihm so etwas. Lag
dergleichen in der Luft? -- Bis zum vierten Tisch in der Runde, und
trotz Glastren, begann der _matre d'htel_ immer wieder nervs ber
Gabel und Messer zu fahren, als krchen dort lflecke aus.

Nach dem _dinner_, unausgesetzt kauend und rauchend, ging sie ins
Spielzimmer. Der kleine polnische Jude wartete bereits vor
einem Schachbrett. Unterdessen war im groen Musiksaal ein
Wohlttigkeitskonzert ausgebrochen -- die Neujahresrechnungen der
Couturiers drohten. Irgend jemand plrrte bereits Patschuligebete von
Gounod.

Eine Lady Patrone nherte sich mit dem irrsinnigen Pferdegrinsen
europischer Gesittung dem Schachtisch: Wollen Sie nicht zu unserem
Konzert kommen, Frstin?

Ja, es ist entsetzlich, wieviel Dreck einem unaufhrlich in die Ohren
getutet wird.

Und ohne auch nur aufzusehen, schob die Karachan mit hrbarem Knall ihr
Antiphon wieder in das Runzelohr:

Manasse, Sie sind am Zug.

Es waren ihre einzigen Worte an diesem Abend.

Wie man einem bockenden Nilpferd achselzuckend ausweicht: _It's the
nature of the beast_, so entfernte sich die Lady Patrone.

An einem der nchsten Tage kam Manasse und forderte Horus zu einer
Partie Schach auf, wie er durchblicken lie, auf Gehei der Frstin. Im
brigen ignorierte sie ihn genau wie den Rest der Gesellschaft. Nur zu
markanten Persnlichkeiten -- Menschen mit etwas wie Kpfen: dem
vercherubten Aasgeier Elihu Lincoln Rosenbusch, auch Archie Payne, kam
regelmig Manasse, um sie dem Schach zu gewinnen, denn er war ein
faszinierender und auerordentlicher Lehrer.

Horus, der all seine Zeit auf Skiern verbrachte, hatte nach einigen
Partien weiteres Spiel abgelehnt. Da lie sie ihn sich vorstellen.

Ich habe die Fresucht, und auf den kleinen Lemur deutend, das ist
mein Darmlakai -- oder heit es Internist, kurz einer, der eine
Lebensrente dem einmaligen >groen Schnitt< am Patienten vorzieht.

Der also Eingefhrte rutschte nervs hin und her -- warf berquer
allerhand Angelhaken nach Einverstndnis.

So hat Manasse versagt, Sie einzufangen, fuhr die Frstin fort,
schade, Sie sehen begabt aus. Wissen Sie denn noch nicht, da bei
dieser heillosen Rasse eben alles zum Unheil ausschlagen mu -- auch die
Intelligenz -- vielmehr gerade diese. Da sperrt man sie noch am
sichersten ins Schach. Dort ist sie wenigstens unschdlich; eingekapselt
wie eine Trichine.

Und Horus sah zum erstenmal, da dies Gesicht als schmaler Docht in
seinem eigenen Talg stand, da da vielleicht eine hohe Seele sich hinter
einem Sack voll Eingeweide verschanze, hinter Autobrillen und
Antiphonen, Tabak, Zynismus und Fra.

Ihm schien, als wre er hier zum erstenmal in Europa auf einen Menschen
gestoen, zum mindesten auf menschliche berreste. Doch woher solcher
Verfall -- solcher Ruin? Er fhlte: diese blutigen Fleischstcke, diese
Fisch- und Fettgerichte ohne Zahl -- eigentlich fra sie an ihnen immer
nur wieder ihren Harm in sich hinein, wurde daran noch gelber, fetter
und bser. Manchmal schien sie am Ziel: alles in pausenlosem Speisebrei
breit animalisch zu ersticken. Litt dann augenscheinlich nicht mehr,
verdaute ihr Leid, nur die beispiellose Brutalitt des Ausdrucks -- die
auserwhlten Gemeinheiten der Worte bei dieser wahrhaft groen Dame --
lagen als erstarrte Schlacken einer einst feurig-flssigen Qual immer
noch im stumpfen Heute herum.

Mit offener Verachtung gegen die ganze Gesellschaft einzelte sie nur
Horus heraus und Gargi, die sie Peribanu nannte, sprach aber auch mit
diesen beiden manchmal tagelang kein Wort. Nie war Diana Elchos erwhnt
worden, als wolle sie an nichts aus der Zeit ihrer jungen Hhe erinnert
werden. Doch wute sie, wessen Sohn er war. Er sah es deutlich am gierig
gequlten Blick, der die Bewegungen entlangfuhr, in denen er seiner
Mutter glich. Einmal, bei einer weiten, impulsiven Wendung aus den
Schultern heraus, hatte die Frstin, eine von Lorgnons starrende Umwelt
vllig ignorierend, jh seinen Kopf gepackt und ihm zrtlich, zornig in
die Augen gesprochen:

Nicht, Baby, nicht.

Was sie, aus deren Herz das groe Auge in den Raum wuchs, wohl empfunden
htte bei diesem Wiedersehen. Verse kamen ihm von einem, der ihr an Wort
und Art wie ein frher kindlicher Bruder glich:

   Die meine Gespielen waren, die sind trge und alt.

Oft, nach tagelangem Schweigen, wieder ein Strom von Hohn: Ich stehe
nmlich unter Kuratel: Fresucht -- verminderte Zurechnungsfhigkeit.
Das bedeutet: zwei rechtskrftig bestellte Konsortien von Dieben,
eins in Petersburg, eins in Tiflis, mit den dazugehrigen
Paragraphenfallotten, versuchen, jedes gleich heftig, mein Geld auf die
Seite ... auf seine Seite zu bringen, so da es gerade ber mir schweben
bleibt. Krepieren darf ich nicht, sonst fllt das Vermgen aus ihren
vormundschaftlichen Klauen heraus, darum ist der Darmlakai offiziell
bestellt, die Dit zu berwachen -- verkauft mir das Pfund Konfekt zu
hundert Rubel und lt sich mit der gleichen Summe bestechen fr jeden
Extragang.

Doch auch der Flohbraune, er hie Sobelsohn, suchte Vertrauen:

Was soll ich Ihnen sagen! Unausbleibliche Folgeerscheinungen eines vor
fnfzehn Jahren vorgenommenen operativen Eingriffs, erluterte er
sachlich anerkennend. Totalexstirpation. Nu, Sie begreifen -- keine
Libido mehr, keine innere Sekretion -- der Gesamtausfall an Leben bei
einer so temperamentvollen -- er grinste -- so hochgespannten
Persnlichkeit, bei andern Frauen merkt mans oft kaum ... Unsere
Wissenschaft jedoch, ein gockelhafter Rausch lie seine Stimme sich
berkollern, schreitet selbstredend so glnzend -- nu, so phnomenal
glnzend vorwrts, da heute kein Fachmann mehr daran denken wrde, im
Fall der Frstin -- es handelte sich um eine relativ geringfgige Sache
-- gerade diesen Eingriff auch nur vorzuschlagen! Von Stufe zu Stufe
eilend, in rastlosem Forscherdrang, auf jeder gleich lichtvoll, gleich
bewundernswert ...

Er schrak ein wenig zusammen, unter dem Taumel der Fachbalz war die
Frstin unbemerkt herzugetreten.

Pariser Hutmoden? Ach so, die chirurgischen. Unmglich eine andere als
die momentan moderne Operation zu bekommen, lieber Elcho. Wie bei der
>Modiste< mit den Hten. Wer den Schwachsinn des Augenblicks nicht
mitmachen will, wird von der Clique der Interessenten mit dem Bannstrahl
belegt.

Nur da man den vorjhrigen Hut heuer nicht mehr zu tragen braucht, die
vorjhrige Operation leider stets. So trgt die Weiberherde immer
eingeschnitten Marke und Datum des jeweiligen gynkologischen Pferchs.
In jedem Dampfbad knnen sie an Art und Lagerung der Schnitte die
rztlichen Moden der letzten Generationen studieren.

Jahresringe der Wissenschaft am Bauch der Frau.

Wir Alten tragen die machtvollen Spuren der Totalexstirpation, aus
Zeitluften, wo man das frhlich machte, ohne ses Ahnen, da
Gesamtverbldung, Schwund der Persnlichkeit erfolgen mssen. Kurz, was
jeder Vollsinnige sich eigentlich ohne Experiment htte sagen knnen,
da, wenn man einem Sexualwesen, wie der Frau, ihr zweites Ich, ihr
groes Ur-Ich ausreit, dies ihr immerhin schaden drfte. Darauf waren
sie aber dann besonders stolz, feierten es als hchsten
wissenschaftlichen Triumph, herausgefunden zu haben, ihre Operation
trage Ursach am Zugrundegehen des Patienten.

Eine Zigarette nach der andern drehend, sprach sie wie im Fieber fort:

Der vorletzte Wurf weist als Uniform der Verunstaltung den queren
Blinddarmschnitt auf, die ganz jungen Frauen aber erkennt man an der
Marke: Eierstockzisten. Da wird es wieder so zwanzig Jahre dauern, bis
an den feineren Karnickelreaktionen, Versuchen an temperamentvollen
Lurchen sich die desastrsen Folgen erweisen und Frauen in der Zeitung
lesen knnen, welche Sinne ihnen damals eigentlich weggesbelt wurden.

Die ganze Chirurgie lebt ja von Verstumpfung, Vergrberung, sinnlicher
Verarmung einer Menschheit, die gar nicht mehr von selber draufkommt,
da eine Reaktion entfllt, schneidet man ihr Organteile heraus. So
haben es die Leute jahrzehntelang nicht gemerkt, wie sie zu Kretins
werden, entfernt man ihnen die ganze Schilddrse, wie sie vergreisen, wo
die Generationsdrsen fehlen. Begreifen Sie, Elcho: einfach nicht
_gemerkt_, welche Edelrasse! Erst an den Ratten hat sich dann der ganze
Betrieb als unhaltbar erwiesen; die drben von der Biologie haben das
Geschft verpatzt, eine Verlegung der Finanzoperationen ntig gemacht.

Und ihr Internisten, sie fauchte gegen Sobelsohn, ihr seid die
Lanzettfischchen dieser Schwerthaie im Ozean der Verstumpfung. Da hat
man Eisen, Phosphor, Schwefel, organisierte Minerale, Verbindungen und
Aberverbindungen aller chemischen Elemente in einer Feinheit und
Variation im Krper, die organische Chemie noch lange nicht darzustellen
vermocht.

In diesen zartesten Chemismus der Welt -- fein, da an ihm subtilste
Reaktionsmethoden noch versagen, schttet ihr nun -- damit ja nichts auf
dem Kehrichthaufen der Farbfabriken verkomme, deren Aktionre ihr seid
-- eure Medikamente _relativ_ tonnenweise hinein, wo die Natur nur in
homopathischen Dosen regulieren kann und soll. Da wird mit Hilfe eurer
scheinbar harmlosen Hydrogauner in Bdern und Sommerfrischen dem
Publikum erst einmal der Unfug der Unselbstndigkeit angezchtet. Da
einer erst einen Arzt fragen mu, was er essen soll -- der es
ebensowenig wei -- noch als Erwachsener seinen Leib: den Kern der Sinne
so wenig empfinden gelernt hat; so etwas war ja seit Anbeginn der
Kreatur noch nicht da -- auer vielleicht bei einigen Arten
degenerierter Raubameisen, die sich im Bau eigenes Geziefer halten
mssen, weil sie ihr Futter nicht mehr allein zu finden imstande sind.

Hier mrtelt sich der Sonderschwindler, pardon: Spezialist, dem Gefge
ein. Hier kommen die Alchimisten der Medizin zu Wort. Eigene Lehrsthle
werden errichtet zur berleitung eines Gebrestes ins andere -- da nur
nichts verloren gehe. Man mu es ihnen lassen: die Transmutation der
Krankheiten ist lckenlos gelungen. Fundament aber bleibt stets die
natrliche Schlechtrassigkeit; auf dieser wird durch falsche
Puberttshygiene zuvrderst Bleichsucht gezchtet, aus dieser durch
berftterung Fettsucht -- aus dieser im reifen Alter durch Sarkomdit:
Diabetes. Dann sagen sie: Koma -- und kommen sich weise vor.

Sterben aber darf einer noch lange nicht -- oh, das kostet noch
Tausende. Adrenalin, Theobromin, noch ein Stich in die arme zhe Haut
und noch eine Injektion.

Schon will der letzte Atemzug in die Erlsung schlpfen, da spiet ihn
wieder eine neue Spritze irgendwo auf.

Da die Leute einmal in Frieden sterben durften, wie vergessenes
Paradies klingt es ums Ohr. Aber auch in ihrer Krankheit drfen sie
nicht Ruhe finden. Da der gleiche Mensch sein Leben lang nur ein Leiden
habe -- es wird nicht gern gesehen. Verpatzt die Statistik. So treibt
man eine Krankheit mit einer andern aus, lt ein Organ durch das andere
einschweinzen, und aus jeder Abteilung wird der Patient geheilt
entlassen.

Nu, was soll man denn tun mit ihm? Man mu doch lernen. An wem soll man
lernen? -- Die freie Wissenschaft wird doch noch probieren drfen,
ereiferte sich Sobelsohn.

Gewi -- was aber mich, die in eine falsche >Frhlingsmode< Gekommene,
emprt, ist diese Bonzen- und Unfehlbarkeitspose fr jeden Humbug des
Augenblicks. Muckt aber einer aus dem Pferch auf, habt ihr so
Abrakadabra-Worte wie: Eiweizerfall -- und schlotternd bricht der
entsprungene Laie wieder ins Knie.

Sie wurde infernalisch suav:

Im brigen verschliee auch ich mich den mancherlei Vorteilen des
Wechsels nicht: wer sich zum Beispiel eines Kindes entledigen will,
braucht nur ein ihm passendes Jahr abzuwarten, dann einen Kinderarzt
extremer Moderichtung -- irgendeinen rabiaten Eiweiianer oder
Blinddarmentznder beliebiger Observanz -- kommen zu lassen und --
wirklich zu tun, was er vorschreibt.

Wie bringen Durchlaucht dann den immerhin vorhandenen Prozentsatz
lebender Kinder mit der Vorschrift, rztliche Hilfe anzurufen, in
Einklang?

Durch die rettende Fahrlssigkeit des Dienst- und Pflegepersonals,
Sobelsohn. Sie vergessen, ich sagte ausdrcklich: tun -- tun msse man,
was er vorschreibt. Ich, die in den Spitlern halb Europas gearbeitet
habe, kann Ihnen sagen, da noch nie eine Anordnung genau so ausgefhrt
wurde, wie der behandelnde Arzt geglaubt. Darum sind eure Statistiken
falsch. Fachbehandlung, gemildert durch Schlamperei.

Nu, und die Asepsis, Frstin -- wollen Sie auch nrgeln an unsrer
Asepsis?

Nein, denn sie ersetzt den Juden den Katholizismus. Man mu das nur
gesehen haben, was ihr da treibt, ihr profanen Pfaffen des Leibes -- bei
einem der hohen Infektionsfeste: etwa Scharlach. Was da fr ein
hieratisches Zeremoniell entfaltet wird: die weien Weiberrcke der
zelebrierenden rzte -- das Lysolopfer -- der Bakterienexorzismus -- die
symbolischen Waschungen. Wie Ostern in Rom.

Ist Ihnen sonst noch was nicht recht an uns, Durchlaucht?

An euch. -- Die Drehung ihrer Schulter war verchtlicher als je ein
Wort. --

ber Mibrauch und Verzerrung eines Amtes, euch zu Unrecht verliehen,
wer mchte da richten, wiewohl ihr's etwas reichlich treibt. Doch eine
Menschheit richtet sich selbst, die, instinkt-irr und salopp, das
oberste Amt der Art: das Amt des Arztes, so wenig achtet, da sie
wahllos ber ihr Schicksal hinwimmeln lt, was Geschft oder Drang oder
Zufall eben erst heraufgespien aus jeder Tiefe, hin zu Jus, oder
Schmierl, oder Medizin oder Knoppernhandel: ungereinigt -- unerprobt.
Das oberste Amt der Art: das Amt des Arztes:

Aus Sinnenzartheit und Sinnenschrfe, aus Kraft, Anmut und Vitalitt den
Erzengel der Erde erziehen, pflegen, hten helfen, das drfte nur nach
Proben, furchtbar und herrlich, in die Hnde jener berantwortet werden,
die ringsum ausgeblht in langen, edlen Mhen -- weisere, feinere,
lichtere Organe sich selbst errungen, als uns Armen vergnnt.

Helena Karachan hatte die letzten Stze fast ausschlielich an Horus
gerichtet, der, wie benommen von ihrem Schicksal, wie er es nun begriff,
erschttert und schweigend allem weiteren gefolgt war. Nun schien es ihm
Zeit, in Leichteres unbemerkt zurckzulenken.

In China, lchelte er, ist es Sitte, den Arzt nur so lange zu
honorieren, als man gesund bleibt.

Wie entzckend, rief die Frstin, wie weise auch. So lernt er etwas
von Gesundheit verstehen -- bei uns versteht der Arzt im besten Fall
etwas von Krankheit.

Sobelsohn aber hrte schon lange nicht mehr; vergngt bis zu den
Weisheitszhnen, memorierte er das mit dem Erzengel der Erde und den
lichteren Organen. --

Spa wrde das geben mit den Kollegen bei der nchsten
Naturforscherversammlung. Fr die zwanglosen Zusammenknfte war es
gut, immer so Geschichtchen auf Lager zu haben, die groen Tiere lachten
dann -- wurden aufmerksam auf einen.

Was war das fr ein Hallo gewesen das letztemal, als der kleine Fekete
Attila aus Budapest pltzlich gefragt hatte:

Wollen Sie meinen Sohn sehen?

Und aus der rechten Rocktasche ein kleines Einsiedeglas mit einem Embryo
in Spiritus hervorgezogen hatte.

Kaum schien das Gelchter abgeflaut:

Wollen Sie meine Tochter sehen?

Und nun war aus der linken Rocktasche die gleiche reizende berraschung
gekommen. -- Ein emsiges Brschel.

                   *       *       *       *       *

Es hatte schwer geschneit -- fast grau. Fhn ber den Hhen whlte bse
blaue Trichter in einen lwengelben Dunst: _danger of avalanches_ stand
auf breiten Tafeln in den Hallen der Hotels.

Genia Waanebeeker hatte die Scheidung ihrer Eltern flotter betrieben,
seit Linda Bordone durch Demtigungen aller Art dem Onkel in Bologna
doch noch die fehlenden 50000 zur Mitgift zu entwinden vermocht und nun
mit Archangelo Cavadini verlobt war. Genia strte das wenig. Er hatte
eine verrottete Art, die Hand zu geben, und eine perfide, sie um eine
Reitpeitsche zu ballen.

Ich kaufe den Gauner, entschied sie.

Eine bse Wrme war an ihr herabgehaucht aus der Haut dieses der
Amerikanerin neuen Typs: sdliches Mnnchen, das auf Weibern lebt. Ihre
eminent praktischen Nerven -- wiewohl noch unerfahren -- rieten zum
Geschft. Und Genia war fnfundzwanzig Jahre alt. -- Die _up-town_ und
_down-town clerks_ zu Hause: -- das wurde automatisch am _week-end_ aus
einem _city-block_: so einem Kubus dummer Kraft, herausgeschossen,
selbst ein kleinerer Kubus aus Homespun, endend in Stiefelkuben aus
Leder; gab die Pfote kunstlos wie ein Bernhardiner und nahm die
Reitpeitsche zum Reiten.

Heiratete man, blieb eigentlich alles gleich: Kleider, Hte, der
jhrliche _trip to Paris_, Haufen von Geld. Genia kam sich sehr ins
Ideale gehoben vor, da ihr das nicht genge. Nein, zum Geldverdienen
waren die Eltern da -- nicht nur _dad_, auch _mommo_ hatte noch
Verpflichtungen. Da war ein Jugendfreund in Minnesota. Gengend alt
jetzt und vermgend ... auch hatte sich der Gynkologe ihrer Mutter, auf
Genias Erkundigung, durchaus beruhigend hinsichtlich etwa drohender
Geschwister geuert. Selbst wenn _mommo_ so perfid htte sein wollen.
Da _dad_ nicht mehr heiratete, dafr mute natrlich gesorgt werden;
Archangelo aber wrde bei der einzigen Erbin zweier Vermgen sich schon
vorlufig mit einer Rente begngen.

So hatte sie spielend, es war vor vier Tagen, eine Szene zwischen den
Eltern in Gang gebracht. Hoffentlich die letzte. Mit blutgesprenkeltem
Blick war _dad_ zum Telephon gestrzt -- hatte aus dem Dorf Giuseppe
Piatti bestellt -- sich in Skidre geworfen, und war fort mit ihm. Erst
zur Htte, dann irgendwo hinauf; sein Gepck solle man nach Zrich an
die Adresse seines Anwalts schicken; direkt fhre er nach der Tour
hinunter.

Heute war Tango-Tee im Palace. In der Frhe des Nachmittags stoben
Gerchte auf, vor drei Tagen sei in der Suvrettagruppe eine Lawine
niedergegangen, Spuren fhrten in sie, aber nicht mehr heraus. Man
depeschierte an den Zricher Anwalt, bis jetzt war keine Antwort
eingetroffen, noch konnte man also zum Tango-Tee. Abends lastete dann
allerdings die ganze Verantwortung der Situation auf den beiden Frauen.
Genia war tief erregt:

Du kannst doch nicht Crpe tragen, solange die Leiche nicht gefunden
ist -- eine Woche kann man verschttet in einer Lawine leben.

Ich will doch nur das Korrekte tun. Mrs. Waanebeeker entrstete sich
-- aber man hat ja kein Beispiel. Nie noch war jemand aus unsrer
_set_ verschttet.

Dunkel, aber nicht Crpe, entschied Genia.

Bis tief in die Nacht hinein war ein Hin und Wieder auf den Korridoren.
Waanebeekers verhandelten mit der Rettungsexpedition. 30 Frs. pro Tag
und Mann? -- Das war ja horrend. Gut, fnf Mann sollten gehen.

Die Leute lachten. Die Lawine war durch die Talsohle gegangen, die
andere Bergseite hinauf -- hatte die Verunglckten vielleicht weit
mitgerissen -- auf zwei Kilometer, wenn nicht auf vier, mute gegraben
werden.

Also dann sieben Mann. Aber um Himmels willen, es gab doch noch Piattis
-- der Andrea wrde sich doch nicht bezahlen lassen, feilschen, wo es
die Rettung seines Bruders galt. Piatti msse noch gratis mit. Also mit
Piatti acht.

Der nchste, ein kalter und klarer Tag, klang voll Schellen. Archie
Payne hatte zwanzig Schlitten bestellt zu einem Champagnerpicknick nach
der Unglcksstelle. Man wrde auf der Lawine selbst frhstcken.

Es war eben eine jener Eingebungen, die ihn so populr machten. _The
right man in the right place._ Er triumphierte. Die Principessa Dango
fuhr in seinem Schlitten, sie, die ihm bisher kaum den Fu gegeben --
geschweige die Hand. Zwei Schneeleoparden hatten sich um ihren Hals
verbissen, das Gesicht war ihr mit einer kstlichen, handgeklppelten
Krtze aus Brabant bedeckt. Rankenwerk stieg aus der Nase, und Gruppen
kleinerer Tiere aus feinstem Zwirn berliefen die Wangen. Ein
Leopardenembryo sa als Toque im Henna. Archie frchtete sich ein wenig,
er hatte sie noch nie so nahe gesehen, der Snob im Herzkstlein aber
strahlte ihm licht, denn Strondoli mute ganz rckwrts zu Madame
Bavarowska steigen.

Gloria Rawlinson, wunderschn in weinroter Affenhaut, wie es dann im
Herald hie, fuhr mit _her grace of D._ und Monseigneur. Auch die
Cadogans waren dabei, du Perron, die liebliche Margot, Quadrupedescu,
Muriel Hitchcock, die Raeburn-Girls. -- Horus war nicht dabei, wute
nichts von dem Picknick, hatte sich in der Nacht der Rettungsexpedition
angeschlossen.

Die Damen Waanebeeker -- dunkel, doch nicht in Crpe -- erwarteten
unterdes auf ihren Zimmern die Ankunft des Anwalts aus Zrich.

_What a beautiful boy_, sagte die Principessa Dango -- als Italienerin
von Rang sprach sie meist englisch, hob das neronische Einglas aus
Smaragd in die Richtung des pauvren Fadens der Rettungsmannschaft, die,
jetzt ganz nah, sich mit ihren Schaufeln in den Lawinenkegel einzuwhlen
versuchte; so aussichtslos fr diese Wenigen, denn zerrissene Bume und
Gerll mischten sich berdies den Schneemassen.

_What a beautiful boy_, wiederholte die _Princesse macabre_.

O, Elcho -- -- hallo, Elcho! und Archie winkte mit der Serviette --

Principessa kennen ihn noch nicht? Berchtigter Sklavenhndler aus dem
dunkelsten Osten oder so was. Eigne Jacht -- _first rate_. Gar nicht so
jung, wie er sich macht. Steht mit seiner Schwester oder Tochter in
Beziehungen, die das Gesetz nicht gerne sieht, gibt sie daher fr seine
Gattin und indische Prinzessin aus, streicht sie auch olivenfarben an,
das verwischt die hnlichkeit. Sperrt sie im brigen meist ein, mit
einem chinesischen Drachen als Wache, und gibt ihr nichts zu essen; die
arme Puppe hat noch kein geradegewachsenes europisches _dinner_ zu
kosten bekommen.

Es ist etwas dran, sie sehen sich irgendwie hnlich, mischte sich _her
grace of D._ wohlig angeekelt ins Gesprch, wie skandals -- ein
Familienzug in den Bewegungen -- auch die leichten langen wagrechten
Augen, nur da seine hell und ihre dunkel sind oder scheinen sollen,
wissen kann man es ja nicht genau, bei diesen lcherlichen Wimpern.

O, die Wimpern, jubelte Archie. Sir Osmond, erzhlen Sie doch die
Geschichte mit den Wimpern.

Der schmunzelte: Keine Geschichte -- ein Wort hchstens. Nun, Sie
wissen ja, wie Madame Bavarowska ist -- scharmante Frau -- nur ein
bichen Steinzeitpersonnage. Wir waren alle zusammen in dem gleichen
Hotel in Paris. Madame Bavarowska sitzt neben dieser jungen Prinzessin
oder Mi Elcho oder Mrs. Elcho, wie Sie lieber wollen. Pltzlich greift
sie nach diesen berhmten Wimpern -- zupft ein wenig daran, besieht ihre
Handschuhe auf Koholspuren, findet keine, fragt griert:

Wie macht man das.

Da sagt dieser vterliche oder brderliche Geliebte ganz ernst -- ganz
sachlich:

Angeklebte Fliegenbeine aus den _Galeries Lafayettes_ in Bagdad, das
laufende Meter zu einer Zecchine _six pence_.

Doch recht brav fr so einen Wilden, rhmte Archie -- jetzt ganz
Manager und Impresario.

Und nichts war ihnen in Paris gut genug, erinnerte Winifred Cadogan
Lady Eveline -- weit du noch, bei Callot, bei Cheruit, bei der Chanel.
Die Leute schwitzten Blut, wollten aber die groe Bestellung auch nicht
verlieren -- alles mute neu entworfen werden, kein Modell fand Gnade --
und man sollte doch meinen, solch asiatische Provinzler lieen sich
alles anhngen.

Das Resultat war allerdings _stunning_. Der Manager von Martial &
Armand versicherte, kme der Mann wegen Inzest ins Kriminal, er
engagierte sie vom Fleck weg als Mannequin -- so htte ihm noch niemand
seine >Creationen linear entwickelt< -- was immer das heien mag. --
Winifred hielt nichts von Fremdworten.

Die Principessa Dango aber reagierte nicht -- hrte nichts von diesem
indirekten Angriff, war doch schon in ihrer Gegenwart von andrer Eleganz
zu sprechen Sakrileg. Er war jetzt ganz nah -- in Greifweite ihrer
Augen. Taub fr Zurufe und Einladungen, ignorierte er die ganze
Picknickpartie vllig, schien mit irgendwelchen Messungen beschftigt.
Sie sah ihn hier zum erstenmal. Im Astoria war es schwer, in ihre
Merkwelt zu gelangen; am Abend, weil das kobaltblaue Pulver auf den
Lidern eine gewisse Starre der Blickrichtung forderte, nur was
unmittelbar im Sehfeld lag, konnte aufgenommen werden -- bei Tag, weil
der Einfallswinkel des Hutes stets grere Teile der Umwelt ausschlo.
Hier, in der Schlichtheit ihrer Schneeleoparden mit Brabanter Points,
war es unbehaglich frei und weit, voll neuer Gesichter auf einmal.

Warum begrte er niemanden -- welche Affektation -- gab nur mit dem Fu
einem Champagnerkorb einen formidablen Tritt, der gerade im Wege stand.
Eigentlich war er auch gar nicht hergekommen, vielmehr das Picknick ihm
allmhlich in sein Arbeitsfeld gerutscht. Erst hatte man sich an der
Stelle gelagert, wo die Spuren verschwanden, dann aber war jeder der
Damen alle paar Minuten gewesen, als vernehme sie irgendwo aus der Tiefe
Seufzer oder Gesthne. Natrlich wanderten hierauf Flaschen und
Sandwichschsseln den unheimlichen Lauten nach -- immer weiter auf die
schon konsolidierte Lawine hinauf.

Als Horus, wieder bei seinen Leuten, zur Schaufel griff, fhlte er etwas
wie eine entschuldigende Haltung hinter sich:

Kann ich irgendwie von Nutzen sein?

Er wandte sich und sah in Sir Osmonds Gesicht. Das alte englische
Herrengesicht, zwischen weiem Schnurrbart und weiem Haar, fllte sich
langsam mit einem hellen Rot.

Eine reizende Eigenschaft angelschsischer Epidermis, dachte er. Eine
Art prstabilierter Harmonie zwischen ihren Taten und Vasomotoren --
und er gab ihm eine Hacke zu beliebigem Gebrauch.

Dann entstand Aufsehen: die Principessa Dango erklrte pltzlich, sie
wolle zur Rettungskolonne und schaufeln. Drei Schritte war sie schon
gegangen. Strondoli hinter ihr sagte nichts als:

_Impossible._ Um zehn Uhr Kostmball im Carlton -- jetzt ist es halb
zwei, _impossible_, dann geleitete er sie hinunter zum Schlitten.

Doch der Sensationen sollte kein Ende sein. Auf einmal bog um die
Talnase ein endloser Zug an Menschen und Vieh: Kolonnen von Pionieren --
hundert -- zweihundert -- fnfhundert Mann, Lastpferde daneben. Sie
behaupteten, erst die Vorhut zu sein -- Bergbauingenieure aus dem
Rheintal seien telegraphisch herauf beordert, noch heute Nacht wrden
Schneepflge eintreffen. Mrrisch fra peinliche Anerkennung um sich. In
etwas gestrter Stimmung erfolgte der Aufbruch. Um zu glossieren, da
nichts geschehe, war man doch all die Stunden heraufgefahren; wie kam
man jetzt dazu?

In der Hall des Astoria fand Archie Payne ein artfremdes Wesen, einen
Regenschirm mit ungeheurem Horngriff zwischen den Beinen. Es wartete
scheinbar auf den Omnibus zur Bahn. Archie lud es zu einem _maiden's
blush_ in die Bar, denn er vermutete in ihm den Anwalt aus Zrich.

Leicht zu liquidieren? frug Payne, auch Cavadini war hinzugetreten.
Man spricht von einer Million bar fr jede der Damen?

Vorlufig keinen Cent, und der Frsprech strich mit dem Horngriff
seines Regenschirms den Schnaps im Schnurrbart glatt.

Nicht -- einen -- Cent, ehe die Leiche gefunden und einwandfrei
agnosziert ist, sonst gilt er fr das Gericht lediglich als verschollen,
und die Todeserklrung, nebst Freigabe des Vermgens, erfolgt erst nach
drei Jahren. Im Frhling aber, bei pltzlicher Schmelze und Hochwasser,
knnen die Reste leicht fortgeschwemmt werden ... es ist riskant.

Archie, Fuste in den Hosentaschen, warf sich hintber und bi in den
Plafond vor Lust.

Am Abend hatten Waanebeekers ihre frhere Beliebtheit in vollem Umfang
wieder erlangt.

Um sieben, vor der Abreise des Frsprechs, war es noch etwas peinlich
geworden. Die Wittib Piatti kam in jener unertrglichen Haltung
europischer Mittel- und Unterschichten bei Schicksalsschlgen. Nicht
aus Mangel an Herz -- aus mangelndem Instinkt fr natrliche Gesittung
fallen sie in jene greinende Kinogeste, die das echte Leid berlgt und
zwecklos entwrdigt. -- Flucht oder Brutalitt -- ein drittes ist da
schwer.

Es ergab sich, da die Wittib Piatti vor Schmerz zuvrderst nicht sitzen
konnte; sie schleifte ein wildfremdes Kind rastlos im Zimmer herum und
schttelte es drohend gegen die Damen Waanebeeker, lie hilflose Posen
mit erpresserischen abwechseln. Endlich kam es heraus: den Fhrerlohn
fr die Tour wollte sie ausbezahlt haben.

Den Ganzen?

Natrlich.

Nun war Mrs. Waanebeeker oben auf:

Die Katastrophe htte sich doch beim Aufstieg ereignet, die Spuren
zeigten es unwiderleglich ... also hchstens halbe Taxe, aber hchstens.
Hier gab ihr der Anwalt voll und ganz recht.

Die Witwe Piatti schumte durch die Gnge, brach just vor der Bar
zusammen und mute gelabt werden. Sie lag in einer Lache ihr
widerfahrenen Unrechts, und es wurde immer grer. Auf dem Heimweg
frischte sie auf; Mr. Waanebeeker hatte im Dorf schon die halbe Taxe als
Angabe vorausbezahlt -- davon aber konnten die im Hotel oben nichts
wissen.

                   *       *       *       *       *

In diesen Tagen und Nchten a Helena Karachan zum Entsetzen. Ja -- auch
in den Nchten. Verweigerte ihre gewohnten Schlafdroguen. So sa sie bei
gelschten Lampen im Mondlicht, den Kaftan aufgerissen und schlang in
Verzweiflung, bis fahles Frhlicht um die grauen Reste der Schsseln
lag. Keine Stunde Ruhe mehr den mden, entstellten Organen, als wolle
sie sich von innen heraus zerreien um jeden Preis.

Es war da nmlich noch eine Person vorhanden, die darauf sah, da keine
Betubungsmittel, gegen der Frstin Willen, den Speisen beigemischt
wrden: Ithnan, ihr georgischer Diener. Auf seiner ganzen Haut empfand
er jeden Wunsch der Herrin. Liee sie ihm den Kopf abschlagen, Hnde und
Fe dienten ihr noch nach. Manasse und Dr. Sobelsohn achtete er
unreinen Tieren gleich. Letzterer verdiente Unsummen in dieser Zeit,
lie aber doch den Plan, sich ein zweites Konto in der Schweiz erffnen
zu lassen, weise und resigniert fallen. Stand eben von frh auf dem
Boden der Tatsachen, seinem einzigen Heimatboden, wute: bald versiegte
der Segen. Die Frstin sollte geheilt werden.

Geheilt? frug Horus unglubig-froh.

Von der Fresucht, ja -- dafr steh ich gut.

Warum ist es dann nicht lngst geschehen?

Er wurde erregt:

Wie soll es geschehen sein, wo sie sich wehrt wie me ... nrrisch,
verbesserte er, und bis jetzt mit Erfolg, -- Gewalt? -- Nu, ma scheut
vor Gewalt. Unter Kuratel? Gewi Kuratel. Solang aber nicht unmittelbare
Lebensgefahr besteht, was hat man davon? Keine gesetzliche Handhabe.
Jetzt endlich, bei der fortschreitenden fettigen Degeneration aller
Organe, hat er ein Machtwort gesprochen, der Grofrst. Kommt herauf mit
einem berhmten Operateur aus Deutschland. Jener wird es machen auf
seiner Klinik. Aber erst soll die Kapazitt sagen -- sie wird schon
sagen, fgte er resigniert hinzu.

Und warum ist denn die Frstin so verzweifelt dagegen?

Nu, Sie kennen doch die Voreingenommenheit der hohen Frau gegen unsre
Wissenschaft -- rein pathologisch zu werten natrlich; wie soll man noch
auf ihre Meinung geben ber Medizin, wo sie doch ganz degeneriert ist
durch die Totalexstirpation? Htt' sie sich wenigstens den Eierstock von
einer Ratte einsetzen lassen, knnt man noch reden -- aber so! Sehen Sie
mich an; reg ich mich auf bei ihren Gehssigkeiten? Kontrr! -- Objektiv
bleib ich als Fachmann. Nu, die Heilung: sind da Details, an denen der
Patient selbst sich manchmal ein bissele stt. Die Frstin, sie kennt
sich aus, man kann ihr da nichts vormachen, wie sonst aus Humanitt
geschieht. Aber eine glnzende chirurgische Leistung -- ich sag ihnen
_glnzend_, er wuchs immer hher, ein ferner Schein fiel auch auf ihn,
den schlichten Internisten.

Sie sind Laie, also Ihnen populr gesagt: der Magen wird knstlich
verengert und gewisse Nervengruppen in der Weise gereizt, da knftig
keinerlei Speise -- zu deren Aufnahme der pathologische Hang drngt --
mehr behalten wird, sondern unter dauerndem Ekelempfinden erbrochen; das
ist das Entscheidende, fgte er triumphierend hinzu. Der Patient ist
somit dauernd geheilt und wird von nun an knstlich ernhrt.

Falls er es nicht vorzieht, sich zu erschieen.

Gegen das Erschieen haben wir allerdings noch keine Operation -- aber
es handelte sich doch um Fresucht -- von der ist er geheilt.

Verdru mit den Laien. Gar nicht einlassen sollte man sich mit ihnen --
auerhalb der Ordination.

Nun sollte zur Stunde des _dinner_, gleichzeitig mit dem Grofrsten,
die Kapazitt eintreffen -- Untersuchung und Gutachten blieben fr den
nchsten Vormittag anberaumt. Die Frstin war zum besten. In einer
heitren Wut an Grenzen ins Hell-Bacchantische. Sprach auch wieder, zum
erstenmal seit Tagen. Der schwarze Kaftan wurde vor aller Augen auf dem
Balkon mit Benzin gereinigt, die karierten Schlapfen geklopft; Ithnan
mute sogar den Coiffeur des Hotels holen, mit dem sie lange
verhandelte. Er verlie ihr Appartement, eine Perle an der Krawatte. In
Kugelwellen ging Begeisterung vor dieser sonst so glttenden Personnage
her: In der Tat, eine wahrhaft vornehme, eine durchaus seigneurale
Gnnerin; da wisse man, wem man diene und wofr. Er schien wie in
Brillantine getaucht und ward nachmittags beim Rennen gesehen.

Lange vor Abend erschien -- ganz gegen ihre Gewohnheit -- Helena
Karachan in der Hall. Querhin, bis ans andre Ende, stie ihre Stimme
lanzettscharf:

Elcho, bringen Sie schnell Peribanu fort -- der Gynkologe kommt und
findet sich hier ein, >interessierter Laie<, der gern ihren Uterus
genauer von innen besehen mchte -- legt er sie direkt auf die Bar.
Allerdings, jetzt vor dem _dinner_, mit leerem Magen, vielleicht geht es
nicht einmal letal aus.

Sie hatte franzsisch, somit allgemein verstndlich, gesprochen; wie
eine zweite Schicht im Saal stand die Luft plan in allen Lungen hoch.

Zum erstenmal verlor Sobelsohn an betulichem Gleichmut, versuchte fast,
sie aus der Hall zu drngen. Beim ersten Schritt schon hatte ihn Ithnan
am Genick, trug ihn mit spitzen Fingern hinaus bis in eine ferne
Besenkammer mit hoher Lichtluke, sperrte von innen ab und schwang sich
oben hinaus -- den Schlssel zwischen den Zhnen. Sobelsohn hrte ihn
wie eine Echse von Gesims zu Gesims rascheln, dann, es war aus
Stockhhe, einen dumpfen Sprung in den Schnee. Drei Minuten spter stand
Ithnan mit gekreuzten Armen hinter seiner Herrin wie zuvor.

Sie sa nun neben Horus, Gargi hatte sich entfernt, whrend die brigen
Damen fluchtbereit, doch hingegebenen Ohres die beiden umflatterten.

Was, Sie kennen unsren Simon nicht, unsern Geheimrat und seinen letzten
Triumph? Durch alle illustrierten Zeitungen ging doch der Gelehrtenkopf
mit dem Denkerbart. Da die Wissenschaft souvern sein und bleiben msse
-- -- er hat es glorreich bewiesen. War da eine mechante Chose: durch
die Stadt, deren Frauenklinik er leitet, reiste jngst ein Prinz. Der
wute -- es regnete grade -- mit seinem Vormittag nichts Rechtes
anzufangen. Kino -- nischt, Museum -- Quatsch. Aber dem Lysolonkel
knnte telephoniert werden, man mchte gern wieder mal 'nen Damenbauch
von innen sehen. _a fait toujours plaisi-i-i-r._ Leider war keiner
parat. Der Gelehrte, geschmeichelt durch das wissenschaftliche Interesse
des hohen Herrn, pumpt behende einer Frau den Magen aus und lt sie,
trotz ihres Strubens, narkotisieren, in Erwartung irgendeines
Botokudenkreuzes fr Kunst und Wissenschaft oder sonst eines mittleren
Hundssterns. Die Frau stirbt natrlich in der Narkose infolge des
flchtig und ungengend ausgepumpten Magens. Man hat vor Laparotomien,
wie sattsam bekannt, vierundzwanzig Stunden zu fasten.

Horus war, sehr bla, aufgefahren. Sparen Sie mit ihren Emotionen,
Elcho, jetzt kommen doch erst die Pointen, die Hintergrnde, die
weiteren Perspektiven.

Weltfremde Angehrige der toten Frau verklagen die Kapazitt, verklagen
einen europischen Arzt, dem doch das Doktorat schon Freibrief ist fr
-- wie heit es doch drben beim Jus, wenn's einer nicht gelernt hat? --
Richtig: fr vorstzliche schwere Krperverletzung mit Todeserfolg.

Also, das war aussichtslos von vornherein. Es sterben ja auch sonst
Leute in der Narkose -- sozusagen selbstndig -- und unmittelbare,
eindeutig nachweisbare Ursache des letalen Ausgangs ist ja immer >nur<
-- Herzschwche.

Aber da war ein andrer Punkt, in dem Richter und Geschworene,
verschchtert in ihren wirren Hundeseelen, um Belehrung, Unterweisung
durch >Sachverstndige< winselten. Und jetzt steht der ganze Schleim der
Clique auf aus den Kanlen: aus Akademien -- Universitten -- Kliniken
und deckt die kriechende, verbrecherische Kraple. Inkorrekt? -- Nicht
da sie wten, vom Standpunkt der Wissenschaft sei durchaus nichts
dagegen einzuwenden, da >interessierten Laien< die Anwesenheit bei
einer Operation gestattet werde.

Begreifen Sie, Elcho. Wenn also ein beliebiger Schweinkerl die
Geschlechtsorgane einer bestimmten Dame, ohne ihr Wissen von innen und
praktisch mit Spiegeln erleuchtet sehen will, gengt es bei diesem
wunderschnen Brauch, sich als >interessierter Laie< zu gebrden.

Statt nun die Kollegen des saubern Herrn, wenn sie als Zeugen solches
fr rztliche Usance erklren, schleunigst zu einem Bankwechsel
aufzufordern -- hopp, hinber zum Angeklagten -- bricht die
instinktfremde Herde von Richter und Geschworenen auf den zustndigen
Krperteil zusammen: die Herren mchten doch nur entschuldigen, man
wisse in Fachdingen eben nicht so Bescheid -- kenne die Bruche nicht
gengend ... aber nach so lichtvollen Ausfhrungen ... kurz: Freispruch
mit Speichelflu. Die weltfremden Angehrigen aber fliegen wegen
Verleumdung ins Loch. Im Triumph kehrt der Edeling als Leiter in seine
Frauenklinik heim, wo hundert ihm geweihte Ehrenbuche lorbeerumwunden
seiner harren.

Frstin, verhlt sich das so -- auch nur annhernd so?

Die Verhandlungsberichte -- im Stenogramm -- stehen Ihnen jederzeit zur
Verfgung, falls Sie den Zeitungsnotizen nicht trauen. --

Das Frechste ist aber doch dieser Sachverstndigenunfug mit Ausbeutung
der Stumpfheitskonjunktur durch die Medizinmnner. War es je noch
erhrt, hatte ein Bock etwas ausgefressen, da dann seine >Mitbcke< als
Sachverstndige einzusetzen seien ber den im Garten angerichteten
Schaden? Nein, ber den werden wohl die Geschdigten geflligst selbst
bestimmen. Nur die allergrten Klber liefern sich dem Metzger selber.

Aber die Mnner. -- Sind denn europische Mnner so weit unter jedes
Vieh gefallen, da der adelige Schauder, sich schtzend vor die Quelle
des Lebens -- fr die Quelle des Lebens -- zu stellen, ihre Herzen nicht
mehr treibt? -- Wie geborgen in der Mnnlichkeit, wie behtet ist die
Frau bei uns. Wohl kommen erotisch sadistische Verbrechen vor -- auch
Gewinnschtige, wie berall; erwischt man aber das Schwein, so wird es
in der Luft zerrissen. Den stlichen Menschen mchte ich sehen, der sich
das, was Sie mir hier erzhlt haben, diesen schlechtrassigen Zynismus
von einer Fakultt als >korrekt<, als >wissenschaftliche Usance<
aufschwatzen liee.

Seit Marseille, seit ihm zum erstenmal das europische Kotwesen durch
das Auge an die Seele gespritzt war, hatte er nicht dies deprimierende
Grauen mehr empfunden.

Die Frstin grinste infernalisch: Ja, das europische Mnnchen. Fr das
sind solche Dinge schlichthin beghnenswerte Banalitt. Gott, denkt es
in seiner erotisch-ethischen Verstumpfung, ist's eben wieder einmal beim
Aufschlitzen schief gegangen, und trgts ansonsten mit der gleichen
Standhaftigkeit, die es bei verzweifelten Entbindungen an den Tag zu
legen pflegt -- alles gesteigerte Feingefhl fr den eigenen Schnupfen
wahrend. Betrachtet sich eben hier ausschlielich als >interessierter
Laie<. In dieser Eigenschaft stellt es sich allerdings nicht ungern --
wie sagten Sie doch -- >vor die Quelle des Lebens<. Aber einen >adeligen
Schauder< dabei ...? sie lachte, da ihr die Zhne zitterten.

Orgiasmus an Verachtung trieb ihr Worte aus, von abstoender und doch
wieder hinreiender Brutalitt. Sie erinnerte ihn da irgendwie an
Ganapati Sastriar und die Weltesche seiner machtvoll-breiten
Unzchtigkeit, wenn so der Geist: sein >guter Dschinn<, ber ihn kam --
nur da dieser ein Geist der Lust war, nicht der Emprung.

Da gibt es nur Selbsthilfe der Frauen, die Frstin jauchzte frmlich
vor Hohn. Die Gynkologen boykottieren, bis jede Gepflogenheit, gegen
die >nur< wissenschaftlich nichts einzuwenden wre, fllt.

Aus ist's dann mit den Konsilien von drei Professoren und einem
Stckchen Traubenzucker fr die Analyse. Nota: 10000 Frs. -- Mark -- Kr.
Im Abonnement 10% Rabatt. Nichts da. Schlu. Wir kehren zu den
treuherzigeren Praktiken weiserer Vlker zurck. Uns alle knnen sie ja
dann doch nicht ins Zuchthaus sperren wegen lauteren Wettbewerbs.

Denn darauf sah man in Sachverstndigenkreisen von je und streng: der
>unerlaubte Eingriff<, der hatte auch unerlaubt zu bleiben. Sonst kamen
ja Hchstpreise, behrdlich kontrollierte Tarife, fatale Beschrnkungen
finanzieller Art. Da aber die Unterwerfung unter einen solch
barbarischen Paragraphen alljhrlich fr viele Hunderttausende von
Frauen den sozialen -- konomischen -- oder das Bitterste: erotischen
Ruin bedeuten mute, war es Juristen im idealen Zusammenflu mit
Medizinern stets ein Leichtes, ihn, als >dem sittlichen Empfinden des
gesamten Volkes entsprechend<, dauernd aufrecht zu erhalten -- und
freier Wucher treibt Frchte wie noch nie -- ab.

Mit Mwenschrei und gebreiteten Sorties wandten sich die Frauen jetzt
im Gleitflug zur Flucht; die jungen Mdchen aber waren schon lngst
nicht mehr zu halten gewesen, umdrngten Horus und die Frstin, htten
sich, allem zum Trotz, am liebsten grougig zu ihren Fen gelagert --
weit weg von der erqulten Naivitt dieses zerdehnten Jahrzehnts.

Auf immer weg von einer Naivitt, mit der sie hatten herumtasten mssen
an dem abweisenden Gehaben der Epouseure -- immer wieder hingetrieben
von suerlichem Staunen -- gesteigerter Mibilligung ihrer Lieben im
abgestandenen Heim. -- Nur weg -- gleichviel zu wem; nur es endlich
anders haben, anders machen drfen, als in dieser verwesenden, bergaren
Mdchenstube neben dem krassen Elterngemach, an dem sie niedriger,
unzarter sich werden fhlten von Jahr zu Jahr in abscheulichem Wissen.
Hangend an Geruschen. Ernchtert ohne Rausch. Der Illusionen bar und
bar der Klarheit.

Horus begriff. In diesen hemmungslosen Sekunden taten sich ihre
Gesichter fr ihn auf. Nicht geschlossene, strahlende Jungfrulichkeit,
von Wildernis geheiligt, stand ihnen als freies Blau im Blick, vielmehr
eine selose -- hartabgedrngte strich in grnschwarzer Furche am Auge
vorbei -- bettete es in gar ble Kissen der Einsamkeit.

Ihm ward leid um sie -- herzzersprengend leid, er fhlte: Welche
fahrlssige Roheit einer Gesellschaft, ihren Jungfrauen demtigendes
Herabsteigen in die sexuelle Arena aufzubrden, in deren nchternem und
weihelosen Dunst sie aus jedem Mann den mglichen Gatten sich erwittern
mssen, in uneingestandenem, wie oft vergeblichem Versuch. Diese
Schamlosigkeit -- dies _Crude_ bleibt jungen Wesen im Osten erspart.

Ja, das ist wohl der Sinn unseres obersten Gesetzes aller Vaterpflicht:
zu sorgen, da die Geschlechtsreife keines seiner Kinder unvermhlt:
hilflos finde und bedrnge. Nichts darf gezeugt werden, dem nicht
seinerseits das elementarste Recht der Kreatur: ebenbrtige Liebe,
verbrgt ist, und zu rechter Zeit.

Und Glck! Soweit Glck berhaupt vorherzusehen in diesem rtselvollsten
Chemismus, den erst das Letzte offenbart, hat es bei uns nicht, aller
menschlichen Voraussicht nach, mehr Chance durchzubrechen: in zwei
unldierten jungen Wesen -- parallel geboren -- von hoch erotischer
Kultur, ist nur die sinnliche Feinheit des Knabe-Liebhabers reich genug,
erblich gepflegt genug, der kleinen Braut gerade das zu wecken, was sie
sucht: ein junger Prinz im ganzen Reich der Liebe, befhigt, ihr die
innere Heimat zu richten, wo sie will, denn alles ist ja sein.

Nur bei Rassen von ungepflegter Sinnlichkeit scheint fr die Frau die
Wahl so wichtig -- der Irrtum eine Katastrophe.

Freie Wahl. Seit Cavadini Genia durch das Lasso ihrer Rente
geschlpft, war diese Faselphrase fter im Kreis um Mi Waanebeeker
aufgetaucht, und die jungen Damen taten dabei fern und wunschlos
unbekmmert.

Er berlegte. Wohl waren ihm noch wenig Orte bekannt, galt aber nicht
dieser als Zentrum internationaler Geselligkeit? Und doch: die gleiche
kleine _set_ wie frher in Paris, und sie schien sich von London, von
Baden-Baden, von Kairo aus zu kennen; schwamm als winzige Blase von
Klima zu Klima mit geschlossenem Oberflchenhutchen. In der schmalen
Spanne ihrer hohen Zeit -- kaum zwanzig bis dreiig Mnner kamen fr
diese Mdchen in Betracht. Von diesen zwanzig oder dreiig wollte die
eine Hlfte offenbar berhaupt keine Ehen, die andere Hlfte schied aus
pekuniren oder anderen -- ihm noch viel rtselhafteren -- Grnden aus.

Und das war die groe Welt. Wie mochte es um individuelle Wahl erst in
kleineren Orten -- kleineren Verhltnissen bestellt sein.

Wenn Gargi solch lange Erniedrigung htte leiden mssen, ehe sie seine
Arme fand -- wie eine Blasphemie wies er das schmutzige Bild ab. -- Und
gedachte des lieben Alters -- ihm verschmolzen: des besonnten und
bestirnten Mrchens ihrer und seiner dreizehn Jahre, des nie zu
Vergessenden.

Keine Kinderehe! -- Ihm schauderte vor der Armut dieser Leute. Vor der
Verarmung an Leben, an Glck, insonderheit an Frauenglck.
Bedauernswerte Frauen, denen auch noch das Wunder jener wenigen Monde
sinnlos verwelken mu, da es jedem Wesen, in bescheidenem Mae
wenigstens, vergnnt ist -- reizend zu sein. Wie viel ging hier
unwiederbringlich -- ungenossen -- in Leere, zugrund: das Zarteste,
Holdeste.

Oder verwechselten diese weien Barbaren Eheschlu mit Ehevollzug. --
Zuzutrauen war es ihnen schon. Kannten vielleicht berhaupt die Abstrze
zwischen Sinnlichkeit, Erotik, Sexualitt, Zeugung und die schwebenden
Nervenbrcken ber sie hin nur wenig oder roh. Anders konnte er sich die
eisige Verlegenheit schon beim ersten Wort, das jene Sitte seiner Heimat
streifte, nicht erklren. Und gar Sobelsohn. -- In ein ganz leises
Erinnern, mit Gargi halblaut getauscht, spie jngst unaufgefordert sein
infernalisches Grinsen. Gefragt, was er damit meine, ward er streng, und
seine Stimme brodelte pltzlich im Schmalz der Wrde:

Die Wissenschaft brandmarkt das alles als der Rasse schdlich.

Woher die Wissenschaft die Erfahrung habe, wenn es hier nie Sitte
gewesen?

Das gebe einem der gesunde Sinn. --

Was sich der >gesunde Sinn< denn eigentlich vorstelle unter >dem allem<?

Nun kam etwas heraus wie das Liebesleben eines geilen Pavians, nur mit
weniger Sachkenntnis -- zu widerlich fr Worte. Massig entrstetes
Behagen, als ob da Gewicht reifer Mannheit auf ein Kind losgelassen
wrde, statt da gleiches Reis: Weidengerte -- Weidenrute, sich im
Frhlingswind verzweigen.

Und so etwas mate Urteil -- mate Richteramt sich an.

Nie mehr vor einem Europer von feinen Dingen sagen.

Die Frstin hatte damals einfach die Achseln gezuckt:

Die Sobelshne haltens nicht fr zutrglich. Sie leuchten der Rasse ja
mit ihren Leibern voran. In deine Hnde, o Herr ...

Dann wollte er alles wieder auf die schlechte Kaste dieses promovierten
Schimpansen geschoben wissen. Auch die Rhodias, die _outcasts_ auf
Ceylon, waren ja von den inneren Vorgngen der hheren Schichten
getrennt.

Aber da gab es noch anderes. Woher die furchtbare Abhngigkeit der
weien Frauen: der Herrinnen der Erde, von Gynkologen, also Mnnern, in
ihrer eigensten Frage, ja der Frauenfrage berhaupt, selbst von
Suahelinegerinnen lngst gelst?

Er gedachte Agai's: der Gewalt der Brandung, und ihrer Stellung im
Hause Elcho.

Es gab doch auch in Europa Erzieherinnen. Da war gleich dieses
Frauenzimmer bei Beermanns. Wozu hielt man das? Doch nicht etwa nur zur
Schule der Gelufigkeit? Zu diesen scheulichen Klavierbungen mit der
Jngsten, wie sie diesem Kinde und allem Lebenden in der Runde jede Lust
am Klang zerhackten auf lange hinaus? Da, mit Ausnahme des Frulein
Erika Unbehagen, fast alle Erzieherinnen Franzsinnen waren, hatte er
eben gemeint, diesen sei in Europa die Funktion der Suaheli anvertraut.

Und dann die Mnner? Junge vermieden offenbar berhaupt, Ehen
einzugehen. Aber die bereits Verheirateten. Warum nahmen die nicht das
eine oder andere dieser armen Mdchen noch in ihren Harem? Mehrere
Frauen hatten sie ja so schon, fr elementare Beziehungen zwischen den
Geschlechtern war ihm der Sinn untrglich. Mochten die Frauen eines
Mannes noch so khl zueinander tun oder, wie die zweite Mrs. Beermann,
gar in einem anderen Hotel wohnen.

Doch frug er nie. Hatte die Scheu des orientalisch erzogenen Mannes vor
allem privaten Leben, vor allen Dingen der Innerlichkeit. Was sich ihm
nicht -- wie heute -- optisch unwillkrlich bot, lie er unbefragt an
sich vorbeistreichen, sah auch wohl mit Absicht weg.

                   *       *       *       *       *

Eine Stille weckte ihn aus sich. Er fhlte seine bergeschlagenen Beine
und eine Wange in der Hand. Die jungen Damen waren fort, und Helena
Petrowna verschwand eben am Arm eines greisen Riesen aus der Hall.
Hinter ihnen ging ein zweiter Herr in gut sitzendem Abendanzug und
vielen Orden. Jetzt wandte er sich um. Der Riese war offenbar der
Grofrst. Vom andern sah man nicht eben viel -- auch jetzt _en face_.
Scharfe Brillen ber den Augen und von diesen niederrieselnd in
dunkelblonden Wellchen ein beraus wohlgepflegter Denkerbart. Die Stirn
schien einmal schlecht zusammengefaltet worden zu sein. Die Bge wie in
der Mitte zerbrochen, und die zweite Hlfte setzte dann immer um ein
Stckchen hher ein. Arme Frstin.

Die Frstin aber schien an diesem Abend gar nicht arm. Nein, ganz groe
Dame, Kaftan und karierten Schlapfen zum Trotz.

Man speiste ausnahmsweise zu dritt im Grillroom auf Helena Karachans
Anordnung. Keine Glaswnde dichteten die Herrschaften ab, und ihre Worte
gingen, ohne von submissesten Grenzen gleich wieder in sie selbst
reflektiert zu werden, rundum weg von ihnen, wie bei andern Leuten.

Zum grierten Staunen Eingeweihter verlief das _dinner_ annhernd
klaglos, mit Ausnahme eines passageren Zwischenspiels: man sprach von
Musik. Zu Ehren des Grofrsten -- eines Getreuen aus dem alten
Bayreuther Kreis -- verfiel Simon pltzlich in leicht gesteigerte
Diktion:

Mir und meinen Fachgenossen gilt Parsifal im wesentlichen als Symbol
des heroischen Kampfes der Wissenschaft gegen die Lues, ja, wenn ich so
sagen darf, handelt es sich bei dem Weihefestspiel ausschlielich um das
Mysterium dieser Lustseuche, wie sie Amfortas sich unvorsichtigerweise,
an verrufenem Ort, bei Tnzerinnen und Blumenmdchen geholt hat.
Letztere gehen ja auch, wie sie selbst zugeben mssen, in krzester Zeit
an ihrem Beruf zugrunde: Im Herbst pflckt uns der Meister.

Wenn nun auch die eigentlichen Symptome von Wagner -- der eben doch nur
Laie war -- am Patienten nicht einwandfrei geschildert werden, immerhin,
da sich die Wunde absolut nicht schlieen will, gibt zu denken.
Natrlich, er lchelte nachsichtig, sind laue Bder da vllig
zwecklos. Aber sehen Sie wiederum die treffliche Symbolik des Speeres:
die Wunde heilt der Speer nur, der sie schlug -- Serumtherapie. Parsifal
mu von den Infizierten selbst das Heilmittel bringen, sozusagen
musikalisch die Lymphe, wobei man den Speer als primitive Form der
Spritze mag gelten lassen. Das Ganze ist natrlich nur als
musikalisch-dichterische Vorahnung zu werten, die glorreiche Erfllung
der Vision war hier wie immer den Leuchten der exakten Forschung
vorbehalten.

Noch eine musikalisch dichterische Vorahnung der glorreichen Erfllung
haben Sie vergessen, Geheimrat Simon, der Frstin Ton war bezaubernd,
da Amfortas noch whrend der Heilbehandlung den Geist aufgibt.

Durchlaucht belieben ungerecht zu scherzen. Strende
Nebenerscheinungen, die der Laie zu berschtzen geneigt ist, sind
zuweilen unvermeidlich.

Gewi, gewi, und da Sie uns so treffend, auch frei von der blichen
verschwommenen Mystik, die Serumbehandlung aus dem Geist der Musik
erlutert haben, gestatten Sie mir, Ihnen zum Dank, die modernste
Gynkologie bis in ihre kleinasiatische Heimat an der Hand der Bibel
nachzuweisen. Denn schon Evangelium Marci V, 25 steht geschrieben:

Und da war ein Weib, das hatte den Blutflu zwlf Jahre gehabt und viel
erlitten von vielen rzten und hatte all ihr Geld darob verzehret und
half sie nichts, sondern vielmehr ward es rger mit ihr.

Der Grofrst schmunzelte. Und es schmunzelte noch weit ber die Tische
hin und wieder zurck zu Simon. Da war es aber schon etwas in Grung
bergegangen. Und es gor:

Wart, altes Beast. Hab ich dich erst unter dem Messer gehabt, sollst du
mir fr den Rest deiner Tage so schn jede halbe Stunde in dich
hineinvomieren, da dir keine Zeit bleibt, verdiente Mnner mit deinen
Niedertrchtigkeiten anzuspeien.

Und von nun an summste er devot ausschlielich um den Grofrsten herum.

Vershnlich reichte sie ihm nach aufgehobener Tafel die Hand, und als er
sich darber neigte:

Also darf ich Sie morgen pnktlich um elf Uhr zur Untersuchung
erwarten; ich sehe Ihrem Urteil mit so viel Ungeduld als Vertrauen
entgegen.

Dann auf Ithnan hinter sich weisend: Sie haben keinen Diener bei sich,
darf ich Ihnen den meinen fr morgen anbieten?

Simon nahm dankend an. Es war ihm heute genant gewesen, etwas ungepflegt
sogleich nach der Reise vor dem Grofrsten zu erscheinen, da dieser
viel auf ueres gab, ja Leuten, deren Physiognomie ihm nicht pate,
einfach den Rcken zu drehen nicht ungewohnt war. Simon wollte
Stirnbinde und Ohrenklappen auf alle Flle heute Nacht anlegen.

                   *       *       *       *       *

Restlos durchlichtet wurden die Ereignisse dieses nchsten Vormittags
nie.

Der Coiffeur beteuerte jedem, der es hren mochte, seine Unschuld.

Ein unseliges Miverstndnis -- bedauerliches Versehen, wenn man so
wolle. Fr zehn Uhr sei er durch Ithnan zum Herrn Geheimrat bestellt
gewesen, wie er verstanden habe, um diesen zu rasieren. Natrlich glatt,
wie er es eben durch die vorwiegend amerikanische Klientel des Hauses
nicht anders gewohnt sei. Die Zeit drngte sehr, und so erbot sich
Ithnan -- whrend er, der Coiffeur, unten beschftigt sein wrde -- oben
das etwas gelichtete Haar des Gelehrten mit Bayrum zu behandeln.
Frsorglich, da nichts in die Augen rinne, habe Ithnan dem Herrn die
obere Gesichtshlfte mit einem Tuch bedeckt. Nur so sei es zu erklren,
da diesem das tief bedauerliche Miverstndnis unten nicht rechtzeitig
in seiner ganzen Tragweite augenfllig geworden sei.

An dieser Stelle griff meist der Zimmerkellner ein und pflag der
weiteren Erzhlung.

Gepoltert habe es drinnen und dann geschrien: Freiheitsberaubung,
Hilfe.

Ein umgeworfener Stuhl, und auf ihn losgaloppiert sei pltzlich ein
wehender Mensch mit einem halben Gesicht, habe aber bei seinem, des
Kellners Anblick, sozusagen auf allen Vieren in der Luft kehrt gemacht,
sei mit einem Tigersprung zurck ins Zimmer, um vor der zugeschmetterten
Tr nur einen Fluch lotrecht stehen zu lassen.

Alles herunter jetzt, war von innen als gebrllter Befehl vernehmbar
geworden. Mehrere Minuten Lautlosigkeit ... dann ein Wutschrei und
Klirren, als ob der Toilettenspiegel zu Pulver zerkrache.

Hier, als Relais, legte sich das Frulein aus dem Frisiersalon in die
Sielen der Geschehnisse:

Aus Zimmer 560 htte der Chef wie rasend angeklingelt -- nach den
Ersatzteilen gerufen -- Transformationen -- Brten. Alles herauf.

Im ersten Schreck sei sie mit einem Gretchenzopf am blauen Band in der
Faust angestrzt gekommen; auerdem habe man noch auf Lager gehabt:
einen eisgrauen zweiteiligen Knecht Rupprecht vom Nikolo her und ein
Reserveexemplar jenes Haarkranzes fr den Marque of Kar and Kinstone
zum letzten Kostmball, auf dem seine Erlaucht als Krao, das
Affenweibchen durch das Lied:

   _I like a wow-wow_
   _very good a chow-chow_

einerseits, andrerseits durch eine fulminante Buntheit allgemein
entzckt hatte. Besagter Haarkranz war dazu bestimmt gewesen, sich mit
Hilfe dnner Kautschukfden ber der rtlichen Buntheit zu schlieen
oder, nach Bedarf, als gestrubte Gloriole zu ffnen. Mancher Mhe und
Probe hatte es dazu bedurft. Aber der Herr Geheimrat wre ganz dagegen
gewesen.

Indes sei es spter und spter geworden. Ein ums andre Mal htte die
Frstin herbergeschickt, besorgt anfragen lassen, warum denn der Herr
Geheimrat noch immer nicht zur Untersuchung kme; auch seine kaiserliche
Hoheit warte mit Ungeduld des Resultats.

Kern und Wesen des Ganzen aber wute natrlich wieder Archie Payne zu
berichten, der auf dem frischgefllten Aas jedes Tratsches als erster:
ein Weikopfgeier, sa. Knapp vor der Abfahrt des Mittagszuges sei in
der Richtung nach dem Bahnhof in einem Schlitten das bartlose Profil des
Geheimrats Simon an ihm vorbeigejagt. Mancherlei wute er ber dieses
Profil auszusagen, denn er selbst hatte einen recht gutgeschnittenen
Kopf.

Wie jedes Erlebnis durch wiederholte Darstellung Neigung zeigt, erst
steil zu einem Zenith der Stilisierung anzusteigen, dann aber teils
durch Hypertrophie der Bilder, teils durch Verdrngung ins lustlos
Unscharfe zu verquellen sich anschickt -- so auch dieses. Der relativ
reinsten Periode entstammte noch das Bild:

Halb Hyna-Schnauze, halb abgetropfte Kerze.

Dem Grofrsten und der Frstin meldete das hinterlassene Billett, eine
dringende Depesche htte den Herrn Geheimrat nach Deutschland berufen,
es handle sich da um Tod und Leben, darum htte er nicht zgern drfen,
im Interesse hoher Menschlichkeit, die er als edelstes Vorrecht seines
Berufes stets zu betrachten gewohnt sei, den so ehrenvollen Auftrag
seiner Kaiserlichen Hoheit vorlufig an zweite Stelle treten zu lassen.
Indem er fr die ihm erwiesene hohe Auszeichnung alleruntertnigst danke
usw. usw.

                   *       *       *       *       *

Helena Karachan erachtete die ganze Episode als gar der Rede nicht wert.
Gab sich, nach dem letzten Aufflackern ihrer Wut ins Hell-Bacchantische,
nur mehr der Erfllung ihres Schicksals hin. Mutig, scheulich und wahr.
Hheres Menschentum durfte ihr nicht mehr nahen. Sie wurde bs und
stumm. Winkte Horus verzweifelt weg:

Fort mit Ihnen, Sie machen mich wieder -- denken, und Peribanu macht
mich wieder -- fhlen. Ich will nicht mehr.

Wenige Tage danach reiste sie mit ihrer ganzen Suite grulos ab. Noch
vor Saisonschlu war es Archie zu melden vergnnt:

Die alte Karachan ist in Nizza mitten in einem Evans-Gambit endgltig
explodiert.

                   *       *       *       *       *

Mein Karma behte mich davor, je in Europa als Schwester neben
Schwester reinkarniert zu werden, dachte Horus. Zur Bestie wrde es
mich machen, und die Arbeit von Jahrmillionen wre glatt umsonst
gewesen.

Es waren natrlich wieder die Raeburn _girls_.

In Paris, wo Mrs. Raeburn mit ihren Tchtern zwar das gleiche Hotel
bewohnte, doch einen andern Flur, war ihm gleichsam zwischen Tr und
Angel lediglich aufgefallen, wie von diesen vllig gleichgekleideten
Mdchen immer, je nach Schnitt und Farbe des jeweiligen Kostms, die
eine oder die andre bellaunig vor sich hinzumaulen und Trnen nahe
schien. Die jeweils Unglckliche sah, wiewohl sonst nicht hlich, auch
an diesem Tag immer bis zur Karikatur unvorteilhaft aus.

Sie waren von entgegengesetztem Typ. Nicht nur an Gre und Gliederbau,
auch an Haut und Incarnat. Hazel: _bread and butter girl_, frisch,
plump, hochfarbig mit braunem Haar, Gwen: mde, ksig, hatte feine
Hften und elegante Beine. Was der einen stand, entstellte naturgem
die andere, und stimmte es einmal halbwegs im Schnitt, so war es dann in
den Farben umso desastrser. Hte krnten die Katastrophenstimmung. Mrs.
Raeburn aber schien, was immer geschah, von eiserner Zufriedenheit. Dies
waren seine Pariser Eindrcke gewesen.

Seit hier im Astoria die Raeburn _girls_ ihr gemeinsames Zimmer neben
seinem Appartement hatten, wute er mehr von ihnen, als ihm nach
zehnjhriger Ehe gut gewesen. Die zwangslufige Vielliebchenschaft an
Kleidern, Mnteln, Hten, seit Jahrzehnten auch _noch_ im gleichen
Schlafzimmer gipfelnd, hatte eine Hemmungslosigkeit in der Erbitterung
gezeitigt, die dem unfreiwilligen Nachbar, bei gesellschaftlicher
Fremdheit, genante akustische Intimitt aufzwang -- jh und voll Pein.
Einen Erfolg ihres sonderbaren Familiensinnes jedoch konnte Mrs. Raeburn
niemand abstreiten:

Die Schwestern haten einander jetzt doch noch mehr als ihre Mutter.
Sonst wre es vielleicht anders gewesen. Aber diese pausenlose
Gleichheit Tag und Nacht reizte die eine gegen die andre als
unmittelbares Objekt zu sehr, als da sie sich gefunden htten gegen die
wahre Urheberin.

Man htte es bei Mrs. Raeburn beinah fr berlegung halten sollen, da es
nicht Geiz sein konnte: dieses Doppelzimmer kostete ja durchaus nicht
weniger als etwa zwei Kabinette. -- Es war aber nur Dummheit.

Heute, am Tag des groen _fox-trott match_, war, was aus diesem
Doppelzimmer drang, phonetisch von einer Qualitt, da er es vorzog, den
Rest des Nachmittags -- bis seine Nachbarinnen angekleidet sein wrden
-- in der Hall zu verbringen.

Nach einer Weile schreckte ihn aus seinem _easy-chair_ kleines
pausenloses Wehen. Mrs. Raeburn jagte durch die Seiten ihres Romans,
bltterte fieberhaft nach der Liebesnacht und der Leiche. Er wute, wie
aussichtslos das sei, weil Hazel diese Teile soeben oben laut las, beide
Ellenbogen in halbe Zitronen aufgesttzt. Als Sportdame litt sie an
roten Armen, und wenn auch bestimmt worden war, da heute die weien
Kleider mit den halblangen rmeln getragen werden sollten -- zu Hazels
Freude -- es grellte doch durch das Gewebe hervor.

Nun schlenkerte Gwen mit feinen langen Beinen durch die Hall auf ihre
Mutter zu. Bald wute diese um Verbleib von Liebesnacht und Leiche. Mrs.
Raeburn tat so emprt, da es Gwen ein Leichtes war, ihr doch noch die
bananenfarbnen rmellosen fr heute abend abzuschmeicheln.

Wie zur Feier der Heraufkunft des Geistmenschen, so gab man sich auch
heute vor dem groen _fox-trott match_ gegenseitig endlose Essereien.
Elchos waren einer Einladung der Principessa Dango zu Frchten und
Nachtisch gefolgt. Hier konnte Gargi beruhigt sein, denn der Gastgeberin
selbst -- ganz Hynenprinzessin, mit scharfer Trennung von Tag- und
Nachtdit -- durften lediglich rohe Gurkenscheiben auf Rubinglas und Eis
serviert werden. Von diesen schnitt sie wieder Segmente rundum ab -- a
also eigentlich nur die Differenz zwischen dem Kreis und der
Ludolffschen Zahl, auf da der chinesische Lack der langen Lippen nicht
springe, die, querhin wie durch Taubenblut gezogen, den superben
Totenkopf wagrecht orientierten.

Da leider keine Antiphone gereicht wurden -- o weise Helena Petrowna,
dachte Horus --, steigerte sich dieser Auftakt des Festes ins
Unertrgliche. Zu Ehren Monseigneurs und _her grace of D._ hatten Payne
und Quadrupedescu -- letzterer schwamm seit der Geisterbeschwrung in
Geld -- eine berhmte Zigeunerkapelle von weither kommen lassen; dazu
noch ein paar andre verdchtige Erscheinungen mit rotgetupften
Schlipsen, Kastagnetten und Okarinen.

Der Zigeunerprimas stand hinter dem Ehrengast, winselte diesem,
infernalisch falsch, eine Art getretner Katzenschwanzweis bis tief ins
Ohr. Jede Blatternarbe an ihm grinste einzeln. Monseigneur lehnte
aufatmend immer tiefer zurck -- ganz in den Geigenbogen hinein -- und
geno, wie man es ihn fr solche Flle gelehrt hatte.

Erstaunlich, dachte Horus, was der Organismus dieses Hufleins
uerlich Gewaschener innerlich an Dreck nicht nur vertrgt, sondern
direkt zu fordern scheint. Da traf den Primas das Auge seiner Bande:

Du bist nicht mit diesen Idioten allein, schien es zu sagen, wir
verbitten uns das. Frchtend, die Kapelle wrde meutern, gab er nach.

Im groen Tanzsaal stand der Ball nun in seinem Zenith. Staunend sah
Horus auf diese erotische Friktionsgymnastik. Nicht da sie hlich
gewesen wre, durchaus nicht. Es traf ihn nur etwas unvorbereitet, diese
jungfrulich erhaltenen Damen der besten Welt pltzlich, wie auf
Verabredung, mit ihren Krpern die Sprache sdamerikanischer
Prostitution mehr oder weniger begabt nachahmen zu sehen; als eine Art
Esperanto des Berufs war sie natrlich auch in Asien bekannt. Etwa jener
Wink mit dem Abdomen, wie er vor Hafenbordellen dem Zuhlter anzuzeigen
pflegt, die Kundschaft sei abgefertigt. ber solchem Gebaren von der
Taille abwrts standen nun oben, wie allein gelassen, hilflose
Ladygesichter: geqult und unbeteiligt.

Dann wieder trieb der Gentleman-Zuhlter, ganz in sie gewhlt, das
Frulein mit langen glatten Sten vor sich her durch den Saal, von
einer Ecke in die andre, wo das Ganze jedesmal in einem verlotterten
Bockssprung erlosch. Oder hinter sie schlpfend, stie er ihr von
rckwrts das Knie unter den Scho, warf sie ein wenig in die Luft, um
die Wehrlose im Herabgleiten dann seinem Krper hart und zielstrebig
entlangzufhren -- immer wieder.

Was mochte das bedeuten? Offenbar erotisch zu verarmt, um einen neuen
Eigentanz selbst zu schaffen, hatte man im Warenaustausch gegen
gedrechselte Klavierbeine oder Biskuitgruppen oder Konfirmationsbecher
auereuropische Bordellwerte eingehandelt: Hafenware natrlich. Doch
auch als solche an ihrem Ort gewi voll Reiz, Berechtigung und Wahrheit;
wertvoller als das Tauschobjekt auf jeden Fall. Doch was sollte man hier
damit ... so wenig oder so viel, wie dort mit den Konfirmationsbechern.

Korrekt und ohne Tadel machte soeben Gloria Rawlinson, wei und golden
wie immer, nacheinander diese lebhaft verdauenden Bewegungen, wie sie
ihr Machado Magalaes, der Tangomeister, zu hundert Frs. die Stunde,
beigebracht. Nun und dann, am Ende dieser komischen Bewegungen, wrde
wohl heute Mr. Rawlinson noch in ihr Zimmer kommen. Warum man das
eigentlich alles machte, wute sie nicht recht -- man machte es eben
mit, wie ein Picknick ber Verschtteten oder eine spiritistische Sance
-- _the correct thing to do_.

                   *       *       *       *       *

Unter Preisrichtern und Zuschauern stritt man indessen, was eigentlich
die Principessa Dango heute anhabe. Es war von der Farbe Turnerscher
Nebel, ganz erlesen, ganz pretis, bestand aber aus keinerlei bisher
irgendwie bekannten Kleidungsstcken. Sie selbst, ihre Haut blieb
unsichtbar wie immer. Sonderbare lila und schwrzliche Flecke in
seltener chinesischer Lacktechnik standen auf der mit Silberpuder
berstreuten Herme. Ja, Herme. Was dann kam, nicht Kleid nicht Krper
war es; am ehesten noch ein flieender, nach unten keilfrmig sich
verengender Gazeblock.

Man drngte um die Archologen: ratbedrftig.

Dr. Hafis meinte schlielich versonnen:

Gott straf mich, aber es ist doch eine Hose. Eine Hose, die bis zum
Dekollet hinaufreicht.

Murren entstand. Wer rede denn vom hinauf. -- Beim hinunter beginne
doch erst das Problem.

Wissen Sie denn, was eine Hose ist? frug Horus.

Nun, wissen Sie es? klang es zurck.

Er berlegte: Mir scheint eine Hose ihrem Wesen nach aus drei Teilen zu
bestehen. Zwei Rhren und einem Verbindungsstck. Dieses
Verbindungsstck will offenbar hier fehlen, die beiden Rhren scheinen
lediglich durch ein im Fadenkreuz schwebendes Feigenblatt aus
Mondsteinen einander fragil anzuhangen. So fragil, da es dort ganz ohne
Reingel wohl nicht abgehen drfte. Es sind also auch Mrtyrermotive in
die Toilette verarbeitet. Ein Drittel Kreuzigung etwa auf zwei Drittel
Hose.

Was folgt daraus? gab Hafis ungerhrt zurck.

Da es unanstndig ist, entschieden die Damen, und enteilten mit
diesem Urteil wie mit einer Kstlichkeit -- rasch, ehe ein neuer
fachlicher Gesichtspunkt Revision erzwnge. Sie irrten schwer. Unanstand
fiel in ein so anderes Reich -- vor der _Princesse macabre_ verlor es
jeden Sinn.

Sie tanzte wundervoll, in fast schmerzhaft geschlossener Vollendung. Nur
mit Machado Magalaes, dem _professional_ und _hors concours_. Sie tanzte
weder um Gottes, noch um des Mannes, noch um des Tanzes willen. Nicht
einmal mehr -- narzihaft -- fr sich selbst. Auch periphere Sehnsucht
hatte sich ihr von den eigenen Gliedern gelst, hinber in das Gewand.
Fr dieses tanzte sie -- entflammte sich an ihm; verzehrt von seinen
ewigwechselnden Ansprchen an Leib und Seele, wie von dem
launenhaftesten Geliebten. Nach klglichen Versuchen zur Untreue -- zu
ihm kehrte sie stets als ihrem vielseitigsten, raffiniertesten Gebieter
zurck.

Biegsam, einsam und auserkoren, hatte diese _grande passion_ die Mode
sie gemacht, sie herausgeeinzelt aus der faulen Herde, die gar nichts
wollen konnte und voll Schrecken auf sie sah, wie etwa ganze Ballen
dieser hopsenden College-Boys. Eine ratlosere junge Mnnlichkeit hatte
Horus nie und nirgends noch gesehen; im Querstand aller Glieder suchte
das mit eigentmlich taubem Holzgebein die Schlangenwindungen des groen
Triebes in eigene Plumpeckigkeit zu bertragen. Erwarb auch wohl mit
rotem Ohr, hier beim Tango, eine erste, versptete Materialkenntnis an
instinktlosen leeren Stengeln, die -- lngst mit Chemikalien und Suren
gegen das Leben abgedichtet -- nur dem Schein nach menschlicher waren
als die Principessa, weil sie, ungleich jener, der groartigen
Konsequenz, der stilbildenden, ermangelten.

Quadrupedescu -- du Perron -- Cavadini: romanische Kenner, doch viel zu
bequem, um wie Strondoli auf rare Abstrze der Principessa, herunter von
ihren hohen Abwegen, zu warten, widmeten sich heute ausschlielich
jungen Mdchen. Schlngelten sich in ihre Nerven, griffen in ihr Blut,
rissen es an sich und hin, wo es ihnen beliebte -- umspielten den
Gattungsakt in immer engeren, gesteigerten Brunstbewegungen. Schlielich
waren sie wohl selbst erregt in ihren Krpern, doch ber diesen stand
wie immer ein Boshaftes, ein Spttisches auf den gar so selbstsicheren
Gesichtern.

Die jungen Mdchen wanden sich im Tango wie Wrmer an unsichtbarer
Angelschnur, die von den Lorgnons der Mtter hing. Knapp vor dem
Allerletzten schien diese Schnur immer mit einem Ruck anzuziehen, und
die Begattung ging fehl.

Konnte das klaglos so weiter funktionieren? Immer schwerer und gejagter
wurde die Luft; alles trieb einer Erlsung entgegen. Schon klebte
Talkum-Puder von den Damendekollets drben als bluliche Milch auf den
Frcken der Gentleman-Zuhlter, oder war mit den fettigen Wassern, die
als Fixativ gedient, im Rcken breiig geronnen. Oben auf den Wangen
zerfiel trockenes Pulverrot, wurde eingesogen in schwammig erweiterte
Poren. Ganz drber aber knickte schief und hilflos etwas, das nicht mehr
Wellblech schien und noch nicht wieder Haar geworden. Etwas, das zu
leben verlernt hatte -- verlernt, in Kraftlinien liebliche und
geheimnisvolle Gesetze eigenen Falles zu bilden. Und die Toiletten:
schon in der Ruhelage an den Grenzen des Grotesken, weil anorganisch
verbunden, hingen sie jetzt als verschobene Krperteile in ganz
hoffnungslos untalentierter Weise um die glcklosen Frauen. -- Dieser
ganze, Milliarden verschlingende europische Modebau, in dem sich nicht
sitzen, liegen, gehen und leben lie, dessen einziges, offen verkndetes
Ziel sexueller Anreiz sein sollte: bei der ersten sinnlichen Welle,
statt nun in seinem wahren Element, die Trgerin zu entfalten,
desavouierte er sie -- lie sie lcherlich und entstellt im Stich. Denn
nicht stammte er aus liebenden Sinnen, aus lebendigen Menschen -- nein,
Aktiengesellschaften hatten ihn zusammenkreiert -- hadernd und amorph
als Kontraimitation seiner vorletzten Erscheinungsform.

Da sagte Gargi auf einmal ganz leise, ganz sanft, ganz unerbittlich:

Gestatte, da ich mich entferne. Ich darf der Vermischung von
_outcasts_ nicht anwohnen.

Das Weihelose dieser eisigen Affenhausgesten -- der Mangel an Achtung
vor dem Orgiasmus -- das Zynische in den Mannsgesichtern stie sie bis
zum Ekel ab, sie, die unbedenklich im Haus der Elchos nackt durch die
Farben getanzt -- sie, grauenhaftester Verwhntheit demtig und khn
gewachsen.

Meine weise Gazelle hat recht, dachte ihr Gefhrte. Es mu doch wohl
wie bei den _outcasts_: den Rhodias im Felsentempel, so auch hier bei
diesen zu einer Art Orgie der Shivatnze fhren. --

Doch nichts dergleichen geschah. Die Scharen der Tnzer begannen sich
sogar merklich zu lichten, whrend der Damen nicht weniger wurden. Immer
mehr Mnner verschwanden spurlos auf geheimnisvolle Weise, herausgesogen
aus den Armen ihrer Partnerinnen. fter fiel aus einem vorbeieilenden
Trppchen mit etwas speichelnden Lippen das Wort _Sguerdo suleijl_.

Kommen Sie mit, Elcho, sagte Archie. Gar nicht weit. Gut eingefhrter
Betrieb. Filiale des Pariser Hauses, er nannte die Firma. Diese Woche
frischer Import.

Danke, sagte Horus, ich kenne das Stammhaus. Die Versuchungen sind
gering. Es ist einer der wenigen Orte, wo man leicht in Ehren ergrauen
kann. Dazu sind wir doch etwas zu verwhnt -- danke.

So also, mit Relais wurde das gemacht.

Frisch gepudert werden sie jetzt dort wenigstens sein, sagte Cavadini
mit bezeichnender Handbewegung ringsum. Er blinzelte du Perron zu. Der
aber -- Margot, die Glckliche, Glhende zwischen den Schenkeln --
verneinte. Sie waren das siegende Paar im _fox-trott_. Erst mute er mit
ihr zur Preisverteilung, dann sollte der Triumph noch mit ein paar
_cock-tails_ begossen werden.

Vor der Bar staute sich indessen eine freudig erregte Menge und
verfolgte die Vorgnge in dem kleinen Raum. Wrde man -- wrde man
wirklich zwei ganz groe Damen raufen sehen? _Her grace of D._ und
_donna Maria de la concepcin Jimenez de Monserrat y Garcia_ waren, jede
aus einem Separe kommend, an diesem Abend erst hier in der Bar
zusammengetroffen und hatten mit Bestrzung, dann wachsender Emprung
bemerkt, da sie beide die gleiche Creation von Lucile trugen.

Sie mssen meine Vendeuse bestochen haben, rief _her grace_ auer
sich, ich hatte das alleinige Recht darauf.

Dann haben Sie eben die Vendeuse vorher bestochen, es andern zu
verheimlichen, hhnte Donna Maria.

Das Haus verkauft eben seine Modelle jedem gern, der sie bar zahlt.

_Her grace_ pflegte lange schuldig zu bleiben.

Wechseln Sie das Kleid sofort -- die Idee ist mein Eigentum, kreischte
_her grace_.

Donna Maria lachte blo.

Pltzlich sprang alles mit einem Schrei zurck. Hoch sprhte es auf, wie
ein Geysir. _Her grace_ hatte den Hahn einer vollen Syphonflasche
gespannt und ihren Inhalt in Donna Marias Dekollet gespritzt --
senkrecht durch, da es in den silbernen Abendschuhen nur so
pltscherte.

Wtend wie eine nasse Henne strzte die Spanierin hinaus. Kam nach zehn
Minuten zurck, in einer zweiten trockenen -- _her grace_ erstarrte zu
einem Block Wut -- der vorigen ganz gleichen Toilette. _Her grace_ gab
sich besiegt. -- Vielleicht hatte die Gegnerin noch ein halbes Dutzend
in ihren Koffern, da konnte man die ganze Bar vergeblich verspritzen.

Von neun Uhr abends bis drei Uhr frh war der Kaufherr aus Braila
muschenstill in einer Ecke gesessen. Hatte kein Auge von den Tanzenden
gelassen. Jetzt erhob er sich seufzend, schritt zum Foyer, sah hinaus
und murmelte resigniert:

Glatteis. Aber was will me machen.

Ja, da lie sich eben nichts machen. Es war ein zu exklusives Hotel;
Frauen, in der Lage, ausschlielich von ihrem Liebreiz zu leben, wurden
hier nicht geduldet.

                   *       *       *       *       *

Lngst lagen die Sle leer: eingefressene Lcher, schwarz im Hotelleib.
All ihre Lichtchen, die erst wie in eine Versenkung gesprungen schienen
und dann irgendwie fortgelaufen, gleichsam durch schwarze Adern, durch
innere Stollen, um auf einmal, jedes einzeln, in einer Zimmerzelle einer
Einsamkeit gute Nacht zu leuchten -- auch sie waren grtenteils
erloschen.

Das Dunkel aber war falsch und schwieg ungern.

Durch Tren, Korridore entlang strich eine manische Ruhelosigkeit wie
von eingesperrten Katzen.

Knisterndes Fluidum gelster Haare, durch die gereizte Finger wie
Nervenkmme fahren. Vages und Erbittertes aus ratlosen jungen Krpern
stand in Herzhhe durch das ganze Haus.

Aus dem Zimmer der Raeburn _girls_ war erst greller Hader zu Horus
herbergeschrillt. Die Ursache gar der Rede nicht wert: ein
verwechseltes Stck Seife, dann ein Disput, wer morgen den Toilettetisch
zuerst bentzen drfe. Hazels Stimme:

Ich will nicht immer deine ausgegangenen Haare in meinem Coldcream
finden.

Und ich nicht deinen ekelhaften Puder auf meinen Brsten! Ntzt ja doch
nichts -- schau nur, wie deine Nase wieder glnzt.

Schlielich waren beide in hysterisches Weinen ausgebrochen. Hazel
schluchzte aus den Kissen:

Ist es jetzt nicht ganz -- ganz egal, da du heute _mommo_ die
rmellosen abgeschwindelt hast?

Satt hab ich's -- ich gehe zum Kino.

Wo man deinen Sprachfehler nicht merkt -- na ja hbsche Beine hast du
ja. Die in >_Sguerdo suleijl_< haben gewi nicht so hbsche, man soll
sie sich dort immer rasieren -- vorher.

Nun wiesen die Stimmen aneinander auf dies und das hin; wurden heier,
gieriger daran -- kaum liebevoller. Der Ha blieb in ihnen, nur kicherte
er jetzt und kam ganz nah, erlste sich in Not und Verachtung.

Hatte es nicht geklopft? Da, noch einmal!

Wer ist es, zischte Gwen -- ein Mann?

Mach auf!

Ja -- auf!

Die Tr chzte leise in den Angeln.

Ich bin's, sagte Linda Bordones mhsames Stimmchen.

Ich sah Licht bei Ihnen, o, bitte, knnen wir nicht noch ein wenig
plaudern und ... und, sie zgerte -- zusammenbleiben?

Linda stand da in voller Balltoilette. Die ganze Nacht hatte Cavadini
fast ausschlielich sich um sie gewunden, in ihren Nacken geatmet, dann
aber, kurz ehe er mit den andern nach >_Sguerdo suleijl_< ging, sich
jh, wie durch einen Schnitt, aus der Verschmelzung mit ihr gelst, und
ziemlich khl angedeutet, er fhre auf einige Zeit nach Paris, um den
Damen Waanebeeker bei der Ordnung ihrer Verlassenschaftsangelegenheiten
an die Hand zu gehen. Sie mge ihn nicht allzubald zurckerwarten und
indessen lieber mit dem Onkel nach Bologna heimkehren. Eine Szene im
Ballsaal, davor hatte ihr gegraut. Ein Handku, perfid und lang, dann
war er, hchst angeregt, verschwunden.

Seitdem frchtete sie sich derart vor dem Alleinsein, da sie durch das
Hotel gewandert war, bis zu diesen fremden englischen Mdchen. Hatte
erst an Winifred, ihre Zimmernachbarin, gedacht. Aber das kannte man.
Nach Tangonchten klang sofort stumpfer Schlafatem durch Winifreds Tr,
eine Flasche Kognak, heimlich, von ihrer Mutter _bridge-fond_
angeschafft, half ihr zu dieser sicheren Ruhe.

Hazel und Gwen waren unterdessen zu einem Doppelblock Wohlanstndigkeit
erfroren.

_Oh I beg your pardon_, sie waren so erstaunt, so ins Mark erstaunt,
da es die arme kleine Linda nur trieb, ins Niegewesene zu zergehen. Ein
paar vage Entschuldigungen und sie hastete zurck durch all diese
Korridore -- Rhren der Unrast, in die es aus den Komfortpferchen
mndete: verzerrte Klte oder belberatende Not und gieriges Bellen des
Stoffes -- Sattheit aus einigen -- aus keinem Glck.

Bei Hazel und Gwen lste sich der Ha der bernhe nun in gemeinsame
Entrstung.

Nein, diese _foreigners_ -- man konnte eigentlich als Lady nicht mit
ihnen verkehren -- nicht proper waren sie -- keine. Allein in der Nacht
im Hotel herumlaufen. Fremde Damen aus dem besten Schlaf wecken. Sicher
wollte sie wo anders hin und sich hier nur ein Alibi verschaffen. Nun,
_mommo_ wrde Sorge tragen, da man dieser verdchtigen Sdlnderin von
nun an allgemein mit gebhrender Zurckhaltung begegne. Sie entrsteten
sich bis zu Zrtlichkeiten, die erst das Frhlicht schied.

                   *       *       *       *       *

Lizzi Beermanns Zimmer stie an das Gemach ihrer Eltern.

Sie prete die Polster vor die Ohren. So -- so war man also entstanden.
So behbig hingesudelt in eine trge Weite, gleich nach dem Disput ber
die letzte Hutrechnung, und vor dem ersten Ghnen verdrossener Abkehr.

Da lag man, gedemtigt in seiner ungetanen Jugend, die es so ganz anders
wissen und wahrhaben wollte. Lag hilflos hei auf planen, toten Laken;
in Emprung gegen ein weiheloses Nebenan.

Aufspringen htte man mgen, Tren aufreien, drauflosschreien:

Da -- das ist der >Kinderschlaf< meiner dreiundzwanzig Jahre, an den
eure Faulheit zu glauben vorgibt. Ja ihr -- ihr, zu trg in euren salopp
gewordenen Krpern, um auch nur ein Glied selber zu straffen -- anregen
lat ihr euch von dem Blut in unsren obsznen Tnzen, die wir am
Schnrchen machen drfen. Dann fragt ihr: >Nun Kleine, gut unterhalten?
So, jetzt aber brav ins Bett<. -- O, wie widerlich -- welch ein
verlogener Kfig, dieses ganze Leben. Aber ausbrechen? Nein, zu riskant.
Lieber behalf man sich noch bis zum korrekten Ende.

Manchmal gelang es wohl und man verga ganze Teile von sich -- sank dann
wie an eine fremde Wrme -- an sie hin. Da waren zum Beispiel die Arme:
ferne Gliederwesen, die frei spielen konnten, wo sie wollten. Aber Kopf
und Lippen blieben leider immer allein und zu weit weg von allem
Wesentlichen. Wie gut es die Raubtiere, berhaupt die Tiere hatten: von
nichts an sich waren sie getrennt; Kelch und Gegenkelch durch eine
wunderbar bewegliche Wirbelschnur biegsam verbunden. Schon als Kind
hatte man im Zoo immer davon trumen mssen, wenn _mi_ vor den
Kfigen die Zahnformeln repetierte. Was sich da alles machen liee.

Und die Trume gingen bald in Geschichten ber -- etwas beschmende
Geschichten, an denen sich ein zweites, hlicheres Ich mstete -- zu
vampirhaftem Leben erweckt von unbedenklicher Hand. Die arme junge Hand
wute nicht, da sie das Glck entwurzelte in ihrer Not. Wie es dann, am
Tag der Erfllung, heimatlos sein wrde am abgelenkten Quell.

Aber es waren in diesen gefhrdenden Jahren eben immer wieder nur die
Zahnformeln repetiert worden, und etwa: wann und unter wem Sizilien an
das Haus Anjou gekommen -- dann noch etwas Eckiges mit einer Hypotenuse,
aber das hatte man nie recht verstanden.

Natrlich wute man, das andere sei wohl improper. Es war aber
auerdem so viel improper, gar nicht zu leben wre gewesen, htte man
sich berall daran gekehrt. Wie also Sinn von Unsinn am improper
scheiden, da die Erklrung, erhielt man sie, ja doch gelogen war und
immer weithin sichtbar falsch.

                   *       *       *       *       *

Oh wann -- wann wieder.

Und im langen _saut-du-lit_ hing Margot abschiedtrunken mit gelsten
Gliedern um du Perrons Hals.

Dieses rhrende und entzckende Bild bot sich zwischen Tr und Angel von
Mademoiselle Chenals Hofzimmerchen einem Trupp heimkehrender Herren, als
sie in der Dmmerung auf Zehenspitzen jh um einen Korridor lugten. Von
der andern Seite hatte schon lngst der Zimmerkellner verborgen geugt,
der, so lange nicht nach ihm geschellt wurde, die gttliche Allgegenwart
_love_ zu schlagen pflegte.

Ob die Herren von dem Bilde entzckt gewesen, war schwer festzustellen
-- gerhrt wohl kaum, denn es gab einen ungeheuren Skandal. Ganze
angelschsische Tribus erklrten abzuwandern mit ihrer Brut, mutete man
ihnen die Gesellschaft einer solchen Person noch weiter zu. Man sehe ja
so ber manches hinweg, zum Beispiel -- und nun wurden alle erdenklichen
sexuellen Querstnde nach der Variationsrechnung durchgeprobt --, aber
eine Tochter neben Tchtern. Das war zu viel. Die brigen jungen Mdchen
indes blhten an diesem Tage argloser wie je in den Klubsesseln herum:
es war das reine Konzert-Blhen, sahen mit etwas umrnderten Kinderaugen
s und leer um sich.

Gegen Mittag lie die Direktion Madame Chenal mitteilen, man bedaure
unendlich, aber durch ein fatales Versehen seien die Zimmer der Damen
telegraphisch an neue Gste vergeben worden, auch habe man leider gar
nichts anderes fr den Augenblick verfgbar, ob vielleicht an ein
anderes Haus telephoniert werden solle? Auf alle Flle sei der
Gepckschlitten um vier Uhr bereit.

Die darauffolgende Szene zwischen Margot und ihrer Tante schrie durchs
Mark des Hauses. Madame Chenal erbrach wie rasend nach einander alle
Opfer, die sie der Nichte von der Wiege an gebracht, und wie nun das
mhsam gesparte Geld fr die Lancierung zu dieser kostspieligen Saison
hin sei, und alles Schmach und Ruin. Keine Heiratchance mehr. Und was
ihre bedauernswerte Mutter nur sagen wrde, und nach Rouen knne sie
berhaupt nicht mehr zurck. Sie selbst ziehe jedenfalls ihre Hand von
der Deklassierten und enterbe sie.

Dann eine Atempause der Hoffnung. Madame Chenal lie Aquetil du Perron
zu sich bitten und erklrte ihm, sie gehe wohl nicht fehl, wenn sie ihre
Nichte, nach dem Vorgefallenen, als mit ihm verlobt betrachte.

Du Perron wurde ganz Gentleman und so korrekt, da einem das Atmen
verging. Er hre wohl nicht recht. Mnner von seinen Grundstzen und
seiner gesellschaftlichen Stellung pflegten wohl nicht eine junge
Dame, -- er lchelte Gnsefchen -- die sich nach einer Ballnacht
gleich einem quasi Fremden an den Hals werfe, zur Mutter ihrer Kinder zu
machen.

Und als Madame Chenal etwas von Vergewaltigung und gerichtlicher Klage
anfing, schnitt er ihr kurz das Wort ab:

Ganz nach Belieben, er habe ja Zeugen genug dafr, ob der Abschied nach
Gewalt von seiner Seite ausgesehen -- oder eher anders herum.

Tiefverschleiert schlichen sich die beiden Frauen durch einen
Seitenausgang des Hotels zu ihrem Schlitten, ignoriert von den
Hotelgsten. Dafr bildete das gesamte Personal, dem keine Abreise noch
je entgangen war, auf dieser ungewohnten _trace_ Spalier. Aus allen
Korridoren quollen _button boys_, sonst gewohnt, sich auf der Freitreppe
pomps zu entfalten. Dieses Spierutenlaufen, bei dem die Verurteilten
noch jeden ihrer Quler zu beschenken hatten aus der mageren Tasche --
es war zu viel. Endlich beim letzten Lungerknaben angelangt, brach aus
Margot -- der Beschimpften, Verhhnten, Getretenen -- der erste Strahl
Menschenwrde. Als dieser glcklose allerletzte Lungerknabe, schon beim
Schlitten, nicht nur die Hand, sondern auch -- und gar nicht wenig --
die Zunge vorstreckte, klappte sie ihr zwei Frankstck in die Brse
zurck und gab ihm eine schallende Ohrfeige.

Aber eigentlich war dieser Skandal von weniger nachhaltiger Wirkung
gewesen, als man htte meinen sollen, denn ein neues, tieferes Zittern
schwoll durch das Haus. Wie stets zur Zeit der quinoktien, war,
gleichsam ber Nacht, die Hutbrunst ausgebrochen und die bewegten und
beunruhigten Frauen sammelten sich zum Zug nach Paris.

Schon vor Wochen war es Horus aufgefallen, da die Neuangekommenen
merkwrdig anders gebaut zu sein schienen als die Winterfrauen,
besonders die Partie zwischen Schulter und Ellenbogen strebte offenbar
immer mehr dem Schenkel eines Schweines nachzueifern, und so whnte, was
noch Frauenarme besa, sich allzusehr im Nachteil. Und die Zeichen
mehrten sich. Letztarrivierte sahen schon so vollkommen verkehrt aus,
da man ganz verzagt wurde.

Die Principessa Dango -- als Sturmvogel der _rue de la Paix_ -- war
lngst fort mit ihren Hutkoffern: eine Art Lwenkfigen mit Saugnpfen,
letztere bestimmt Toques -- Cloches -- Canotiers: alles pneumatisch --
nadellos an den Innenwnden festzuhalten.

Als Elchos ihr Kupee bestiegen hatten, fiel Horus ein Herr auf, in
englischer Reisekappe, und an dem nagelneuen berzieher Nhte, wie die
Nieten eines Dampfkessels. Wo hatte er den Mann schon gesehen? Eben
schob er jene kostspielig aussehende Franzsin in einen Waggon erster
Klasse, hinter der drein der Zimmerkellner am ersten Abend blitzschnell
eine Geste von geradezu infernalischer Gemeinheit gemacht.

Wo war der Dame sonstiger Gatte -- oder Begleiter? Glich nicht der Mann
in der englischen Reisekappe auffallend besagtem Zimmerkellner?
Wen-Kin, Gargis Dienerin wute Bescheid. Sie hate den Zimmerkellner.

Ja, dieser groe Kerl Gauner hatte beim Rennen gewonnen und der Master
der Dame hatte verloren. Und so war der Master ohne die Dame abgereist,
und ohne die Rechnung zu bezahlen. Und so hatte der Zimmerkellner die
Rechnung beglichen und die Dame fr die Begleichung der Rechnung
behalten.

Warum auch nicht, sagte Horus zu Gargi, hier, wo es keine Kasten
gibt: sondern nur _einen_ Pbel mit verschieden viel Geld. Schlielich
in einem _easy-chair_ lmmeln, das bichen Emanieren, die paar
Redensarten! Leicht ist es da, Herrenbruche erfllen; glte es, einer
stlichen Teezeremonie gewachsen sein oder den Begrungsformalitten
zweier chinesischer Kaufleute, das wre etwas anderes, das mte gelernt
werden. Aber europischen Gentleman spielen -- welchen Knnens bedrfte
es da.

Er lchelte Wen-Kin zu in heiterer Erinnerung. Dieser Zimmerkellner war
der Chinesin Privatfeind. Einmal standen um den ganzen Astoria-Block
jene eigentmlichen Schnatterlaute, wie sie Chinesen in hchster
Aufregung eigen:

Du verkehrt gezeugtes Schildkrtenei, die Hund is eine Gentleman, nur
noch nicht fertig. -- Du fertig und nie Gentleman.

Der Zimmerkellner hatte auf zwei Hunde, die sich im Sonnenschein zu
paaren versuchten, wie das hier so Brauch, unter Zoten und Gelchter
losgeschlagen.

Von ihrem Master scharf zurechtgewiesen wegen solch unziemlichen
Fluches, hatte sie mit der Unbeirrbarkeit eines Kindes, das noch keine
Kompromisse anerkennt, gesagt, demtig, und doch wieder mtterlich ihm
berlegen an uralter Wrde:

Wir tchtig im Unten Sein ... diese aber nirgends tchtig.

                   *       *       *       *       *

Die Gondel der Principessa Dango flo auf den _ponte della paglia_ zu.

Silberbrokat schleifte breit im Kanalschlamm hinterdrein. Faulende
Tomaten, ein paar Kohlbltter, zogen auf seinen harten Metallfden mit.
Zwei hypnotisierte Barsois, mit Silberpuder bestreut, flankierten
steilen Profils die Principessa, schnitten, ihren unbegreiflichen Hut
zwischen sich, wahnsinnige Dreifalt ins Blaue.

Jetzt stieg sie langsam zwischen ihren lebendigen Wappentieren hindurch,
gegen den Dogenpalast an. Hinter dem Eckpfeiler mit dem betrunkenen Noah
lauerte es ihr entgegen, duckte sich, strzte vor: Strondoli. Eine ewige
Sekunde wies der klotzige Browningfinger krachend auf die
Niederstrzende.

Abdrehen! schrie Archie Payne dem Mann am Apparat zu, und, Fuste in
Hosentaschen, zur Principessa:

_Oh! drat it_ ... was fllt denn Ihnen ein! Keine Spur Snob-Devotion
lag mehr in seiner Stimme.

Mitten im Todeskampf hatte sie pltzlich das Lorgnon erhoben, lie ihr
Sterben liegen, ging an Regisseur und Filmstab vorbei in eine Gruppe
Zuschauer hinein:

_Beautiful boy._

Und sie hielt Horus Elcho den Mund des Handschuhs zum Kusse hin.

_Impossible._

Schon fhrte Strondoli sie hflich-fest zurck. Aus Archies Stimme aber
pfiff nackt die Impresariopeitsche; die _princesse macabre_ wurde
Schulden halber von ihm verfilmt: ihr Palazzo -- ihr grandioser
Totenkopf mit Toque -- ihre Windhunde -- ihr Foxtrott, alles war diesem
Raubepheben von bersee hrig geworden, der in Schmierl und Champagner
spekulierte, einen Rennstall, eine Bar in Verbindung mit einem
Kunstsalon betrieb, ein Filmunternehmen gegrndet und nun unter der Hand
ihre Wechsel aufgekauft hatte.

Also schnell den Todeskampf noch einmal; die anschlieende Szene, bei
der Lord Byron in Schwimmhosen aus zehn Meter Hhe per Kopf in den Kanal
zu springen hatte, drngte sehr, denn schon zog Ebbe die Wasser von der
Stadt zurck, wie wenn Speichel sich zurckzieht von einem entfleischten
gelben Gebi, die geschwrzten Ringe der falschen Kronen auf
verfaulenden Wurzeln blolegt. Der schne Archangelo, im Bademantel als
Lord Byron, erklrte, den Sprung heute kaum noch riskieren zu
knnen. Indessen umfeilschten er und Genia Waanebeeker bei dem
Antiquittenhndler an der Ecke des San Sovino einen rmischen
Sarkophag, den wollte er als Toilettetisch zum Rasieren und fr seine
englischen Reiseflacons im neuen Heim verwenden. Halb St. M. wirkte hier
im siebenfachen Mord an der Seufzerbrcke mit. Seine Darsteller -- es
war Archies Clou fr drben -- sollten Mitglieder der
Gesellschaft sein. Taten auch jetzt untereinander sportlich-heiter,
amateurisch-unbeschwert, nach der eiskalten Wut, mit der jeder um den
Vertrag gerungen, Vorschsse heraus, Vorteile hineingekniffen und seine
Fuangeln heimlich durchgenagt hatte.

Archie bereute. Diese Amateurverdiener, von kaufmnnischen Usancen
vllig unbeschwert, hielten im Geschftsverkehr einfach alles fr
erlaubt, waren stumpf fr Grade innerhalb merkantiler Unanstndigkeit
und von uferloser Beutelust.

Zuweilen gab es ja Spa, wenn etwa Gwen Raeburn ihm mit ihren hbschen
Beinen beinah die Schlafzimmertr einrannte, zu allem bereit, damit er
sie nur ja nicht mit Hazel gleich einkleide zu einem venezianischen
Pagenpaar.

Die Erschieung der Principessa Dango aber htte sich auch besser in St.
Peter gemacht, whrend der Papst die Ostermesse zelebrierte. Wie bei dem
Schu die Kardinle gehpft wren; _first rate_, so eine echte Panik.
Wenn man Glck hatte, gab's wirkliche Tote. Ein Fehler, da er sich
nicht direkt mit dem heiligen Vater ins Einvernehmen gesetzt. Lord Byron
in Schwimmhosen konnte ebensogut von der Engelsbrcke springen.

Htte ihm nur dieser goldugige Sklavenhndler seine Reisefrau fr die
Film-G. m. b. H. verkauft. Er hatte Gargi einmal in den flieenden
Wassern von Bengalen berrascht, wie sie mit ihren Armen spielte, die
-- zwei Schlangen -- aus ihr erwacht, fortglitten, Milch aus Schalen
tranken, dann aufgereckt, rosige Opale auf den schmalen Kpfen, ihren
bsen Schwebetanz begannen um eine zitternde junge Antilope, die ein
zarter Frauenschenkel war. Mit eins hatten all diese Zauberwesen sich
dann aufgerollt und dahin wie Wolke am Boden, die langsam steigt, sich
loslst aufwrts in eine andre Dimension. Was Opale in Schlangenkpfen
gewesen, stand nun hoch, zwischen Schleiernebeln, zeitlos: ein Sternbild
ber einer weiblichen Sule, gleich Rauch.

Tausend Prozent.

Auf was wartete dieser asiatische Wucherer denn noch? Dort schritt er
ber die Piazetta -- schien immer ber alles hier wegzuschreiten und
trat es doch nicht nieder dabei. Diese Hflichkeit gegen seine
Sklavenprinzessin! Kein Zweifel, entweder sie hatte das Geld oder wute
eine ganz ble Schweinerei von ihm. Jetzt nahmen sie einander gar bei
den Fingerspitzen wie Kinder im Mrchen. Perverse Sache.

                   *       *       *       *       *

Ja, sie gingen Hand in Hand, wie einst zur Schillerfalterjagd, auf
hohen, schlanken Beinen in die Goldhhlen von San Marco hinein. Gargi um
Weniges voraus. Hier in der Insel von Byzanz, schwimmend auf gestohlenen
Sulen des Ostens, blhten wieder die unerhrten Farben ihres
Sonnenblutes auf, glnzend wie Bltter; ber Silber ein grnlicher Samt.
Als Ampel, auf magischer Spur, leitete sie den Mann an hingekreuzigten
Tieren, toten Engeln und Goldadern entlang, in lieblichem Triumph einem
noch Dunklen zu -- vor Freude ernst. In der Apsis, hinter der
malachitnen Schlachtbank fr das Meopfer, hob sie den schweren
Ledervorhang -- lie ihn schauen:

In den Raum der _pala d'oro_.

Durch seine enge Nacht hing leuchtend die morgenlndische Altarplatte
aus Gold und aus Lazur. Gebuckelte Juwelenbeeren trieben blasig aus ihr
und um die erzenen Engel ihres Grundes. Auf diese Engel fiel von oben
Honigschein einer Kerze hoch aus der Hand eines neuen Wesens. Einer
Frau?

Es stand wie wehender Springbrunnen -- wie Lebenskraft fabelhaft
aufgeschossen zu einem einzigen verwegenen Strahl. In eine Natrlichkeit
khneren Ranges hinaufflieend -- schwerelos.

Der Elf von einem groen Stern.

Die blanke Nadel am Faden einer feinen Spur.

An dem Zittern der Wasser seines Lebens hatte er sie schon hinter dem
Ledervorhang erkannt, jetzt von rckwrts an den Sprunggelenken. Khn
und scheu hielt sie die Kerze einem dunkelhutigen, eher kleinen Mann --
wie beglckt, ihm so Schnes weisen zu knnen, und glich an Haltung ganz
jenen Cherubim aus Niello und Opal, die ihr wie fernes Geschwister
entgegen zu wandeln schienen aus dem goldmilden Grund. Des
dunkelhutigen Mannes Blicke schwollen wie Beeren. Aufsaugend gingen sie
von jenen zu ihr, fllten sich mit dem Gewonnenen. Dann glitzernd,
schmeichelnd, leise:

Mein _pala d'oro_-Wesen.

Dann noch leiser, wie eine Inkantation, ein feuriges Gewebe, jedes Wort
kennerisch setzend und genieend:

Mein nobles, langes, schlankes, schlangenanmutiges _pala d'oro_-Wesen.

Horus lie den Ledervorhang fallen. Schied sich diskret von dem
Stromkreis drinnen.

Falsch, fhlte er.

Nicht _pala d'oro_-Wesen. Denn noch niemals konnte sie da sein. Ihr
Kanon erfliet aus einer khneren Ordnung der Materie, aus eignem
eigensinnigem Gesetz. Erst seit der Planetengeist durch Schwebebrcken,
durch zart ragenden Stahl zu uns spricht, ist sie als Krper auch nur
mglich, die Weieste der Weien, die schlichthin Neue: St. Elmsfeuer
aus den Spitzen alles Bisherigen. Fern ragt sie auch ber die Schnheit
weg, die noch nicht bis zu ihr gelangt, sie noch nicht einzuholen
vermocht.

Und er blies wie reifen Lwenzahn das Wesen der Pallas und Nausikaa von
seiner Seele. Ganz Geburtstagskind wieder. Und tat -- als ein Wissender
-- jedes Wollen und jede Willkr von sich ab. Er wrde sie nicht suchen;
hatte zuviel Ehrfurcht vor dem groen Finden. Das sollte vom Rang jener
Dinge sein, die hoch ber Einsicht und Bestimmung des Einzelnen hinaus,
einem geheimnisvollen Krftespiel berantwortet zu bleiben haben, oder
sie sind nichts. Nur den Vorhang berhrte er noch einmal mit jeder Pore
seines Krpers und war irgendwie getrost. Hatte ja die Fee Peribanu zur
Lieblingsfrau, und eine Fee ist lauter Gabe und deshalb so beraus
mchtig, weil frei von Furcht, da man ihr etwas raube; wer aber knnte
das, da sie ja selbst lauter Gabe ist?

                   *       *       *       *       *

Als Mittagssonnenstaub in den schmierigen kleinen Waggon auf der Strecke
nach Padua hereinbrannte, kam von nebenan eine Stimme. Die Stimme. Erst
wortlos leuchtend. Jnglinghafter Vogelton ber einem dunkelerregten
Grunde. Auf eine Frage hin zitterte sie zu Klarheit, setzte Worte wie
Kristalle an; ward ein kleiner Bericht -- Alltagsvorgnge nach einer
Trennung -- vielleicht in einer deutschen Stadt -- Besuch eines Zoo.
Die Stimme griff Tiere heraus, rndete Bilder mit jener neuen
Kinderkraft am andern Ende des Wissens, wie sie Diana Elcho eigen
gewesen. Er horchte all seine Adern entlang. Ganz verspielte Worte kamen
getanzt auf seinem Blut, einten sich, flossen honigfarben dahin: ...
und es war sommerlich warm zur Stunde der Lwenftterung -- ganz sonnig
-- die lieben Groen drauen in ihrem dreigeteilten Raum. Die schne,
starke Lwin schmachtete hinber zu dem jungen afrikanischen Lwen mit
der etwas pauvren Hinterhand; aufrecht stand sie am Gitter, kratzte
klglich und ununterbrochen. Da kam er ganz nah, legte und prete sich
gegen die Drahtmaschen, so da sie ihn wenigstens streicheln und ein
bichen durchlecken konnte -- auch seine intimeren Teile -- und hub ein
gigantisches Geschnurre an, da der Boden zitterte; prachtvolle
Sehnsuchtslaute dazwischen, da einem das Herz schlug! Wenn man sich
dagegen so eine christliche Ehe vorstellt!

Das Publikum starrte verstndnislos die seinem Instinkt so fremden
Vorgnge an. Von Mitgift war auch nichts zu sehen, so schwoll der
allgemeine Unwille: >Die grauslichen Bestien -- die Falschen!<

Und auch die rotznasige Brut echote schon zwischen Trenzen und
Ngelkauen zur Wonne der Alten:

>Die grauslichen Bestien -- die Falschen<.

Da ging ich.

Von rckwrts ins Raubtierhaus, wo auch Affen, Schildkrten und weie
Muse sind. Mit mir trat der Wrter ein. Kaum witterten ihn die drei
Herrlichen drauen, kamen sie hereingestrzt. Der mittlere Lwe steht
still im Tor, zwischen seinen Beinen den untergehenden Sonnenball, und
die Mhne von rckwrts durchleuchtet, da sie frmlich knistert vor
Gold.

Da hab' ich ihm alles abgebeten, auch das mit dem >Giletteapparat< zum
Geburtstag. Jetzt wei ich ja erst, was eine Mhne sein kann und wie sie
gesehen gehrt.

Ruhig hielt der Wrter seinen ganzen Arm in den Kfig. Da legte sich der
Herr der Mhne genau so auf den Rcken, streckte die Beine zum Himmel
und den Bauch unter die liebkosende Hand, wie unser kleines
rosenpfotiges Ktzchen seinerzeit in Chamonix -- gepriesen sei sein
Andenken.

Und dann zwngte der Wrter seine Wange durchs Gitter und der Herr der
Mhne leckte sie inbrnstig und schmiegte seine Wange daran ... und so
blieben die zwei.

Und so blieben die zwei. Eine tiefsaugende Mnnerstimme fing die
Worte, trank sie nachschmeckend, schwoll warm am Gewonnenen -- schwieg
dann. Durch die Stille ging jene Umschichtung der Luft, als wrden
nebenan lautlos Pltze getauscht, Lebendiges anders verteilt. Nun lag
einen Augenblick die dunkelhutige Wange der Ganz-Weien an. Wie mit
Seidenfden eine gespannte Marionette, hing Horus am Drben: wute alles
durch den gebogenen Plsch der Lehne -- durch Wand -- und wieder Lehne
strahlengrad hindurch.

In Padua ri der Schaffner einen Augenblick die Nebentr auf. Nun sah er
als Bild, was jedes Glied ihm einzeln lngst ins Aug gesagt:
reiherschmal, ganz in silbergrau, sa sie langhin eingeritzt in ihre
Ecke, da Raum blieb fr die quergestreckte, schlummernde Gestalt, deren
Kopf in ihrem unfabar schmalen Scho -- schmaler wie er -- gebettet
war. Ganz groe, fremde Dame, trotz scheinbarer Formlosigkeit einer
Situation, der Hitze und Einsamkeit auch so das Befremdliche entzog,
doch mehr noch die geschlossen scheue Ferne, mit der die Mondstrahlen
ihrer Schenkel, die langen Hnde in den grauen Schweden an diesem
Mnnerkopf vorberflossen, als wre er Statue und Stein. Nur ihre Zge
aus Eis und Honig waren unbehtet geblieben. Die einsamen Augen legten
sich ber ihn, weideten gtterfrei auf dem dunkelhutigen
Greifengesicht, das sie betreuen durfte, voll rhrend befiederter
Erwartung eines namenlosen Glcks.

Geisterhaft unhaltbarer Duft nie wiederkehrender Einzigkeit war um
diesen seligen Augenblick. Hellrunder Tropfen Gottes hing er aus allem
grauenhaft Verflieenden herausgeschpft und leuchtend da. Durch ihn:
das Keusch-Einmalige seines wolkenlosen Glanzes hatte er: der Fremde,
mehr Teil an dieser Fremden als durch die Liebe des zwillingsbrderlich
Geliebten eines ganzen Lebens.

Der grogewellte Greifenkopf in ihrem Scho aber flo drauen in Schlaf
an dem ewigen Augenblick vorbei -- in sich versteint -- war nicht mit in
dem, was an ihm entstanden war.

Horus blieb auf dem porsen Bimsstein-Perron der kleinen Stadt zurck.
Abends wrde sein Weg wieder die Schleife nach Sden ziehen. Nordwrts
an ihm vorbei fuhr der Wagen mit dem Elf von einem groen Stern.

In bitterem Bedauern ging die Fee Peribanu in Padua an den Giottos
vorbei. Nur sie hatte gesehen, da zwischen den langen, spiegelnden
Lenden von edelster Enge ein Kind wuchs.

                   *       *       *       *       *

In Rom sagte der verblffte Dr. Hafis, getroffen in seinem
Europerdnkel:

Man mu sich eben historisch einstellen auf Werke der Kunst.

Einstellen, das hie: sich immer ein bichen wilder, oder schbiger,
oder ungerechter, oder einfltiger gebrden mssen, als man wirklich
war.

Hie: auf einer Seite ganz klein geduckt, sich auf der andern
gleichzeitig einen Buckel tolerieren.

Hie: irgendwie Barbarei -- geleckten Kitsch -- prahlendes Ohngefhr,
wohlwollend bersehen zum Genu.

Hie: irgendwo besseres Wissen -- klarere Einsicht -- greres Empfinden
trben; nicht Distanz, eine Froschperspektive gewinnen, um schtzen zu
knnen, denn es gab hier nur partiellen Rausch.

Er fhlte: es ziemt mir nicht oder besser: es ziemt meiner grenzenlosen
Ehrfurcht vor der Kunst nicht, da ich mich limitieren msse -- in sie
kriechen -- statt mich zu recken in ihr Ma. Da sie Stil werde durch
das, was fehlt: durch irgend Irrsinn, Unreife, Fetischismus oder Leere.
Nicht durch ungeheuren Runddruck der Vollendung, ihr nur eigner zarter
oder machtvoller Verdichtung der Welt. Stil: lediglich berlappen nach
der einen oder Schrumpfen nach der andern Seite, und htte doch
Erschtterung des Betrachtenden aus seinem Ma heraus zu sein, auf da
er alle Krfte berspannen msse nach dem Unsglichen hin, es ausblhend
rings zu umfassen.

Man mu immerhin bedenken ... Dr. Hafis machte die fade _tout
comprendre_-Geste des vor Wisserei Verblindeten.

Ich >bedenke< ja gerade, was Sie, Herr Doktor, mir in diesen Wochen an
europischer Kunstgeschichte zu lesen gaben, und darum sehe ich erst
recht das Menschenfresserische dieser Renaissance->Pracht< ein: ihre
optische Unreinlichkeit bei aller Reibrettklte, die billige Art, wie
bergnge, Fugen, Ecken als Probleme einfach ignoriert werden: diese
ganze Kulissenreierei an Sonnenuntergnge gelehnt; sehe ihre Palazzi
ein, als das, was sie sind: Parvenuebuden fr soldateske Raubbankiers _
la Medici_ -- optisch zu unerzogen, um sich ihre Knstler zu ziehen --
ohne Sinn fr Heimkultur, und sich in ihren Wohnsttten eben begngend
mit Menschenfresserprunk, weil sie ja nebenbei an einem Vormittag immer
noch drei Kardinle zu vergiften hatten und einen Kaiser zu betrgen.

Durch Versailles, die Mbellager aller Louis im Louvre ging ich jngst
noch fassungslos. Jetzt sehe ich auch den franzsischen Barock ein: Stil
der auf >Mtresse< erzogenen Hausmeisterstchter. Die Herrenkaste, durch
Irrenbruche, Raufhndel und Seuchen zu md, um noch auf Wertungen zu
halten: Noblesse -- Gemeinheit, alles gleich. Lie ihr Seigneurales
berklatschen vom Luxusbegriff der proletarischen Bettweibchen aus den
Kloaken, fr die viel berflssiges haben -- >vornehm< sein bedeutet.

Das sehe ich alles ein. Was ich aber nicht einsehe, ist, da
Privatdozenten daherkommen, Kunstkenner, Snobs und als >hfisch feine
Blte< bestaunen, was Paradigma dafr, wie sich eine europische
Straendirne den Reichtum vorstellt. Eine europische, wohlgemerkt, weil
-- und darunter leiden wir Asiaten hier am meisten -- der Akzent
_gepflegter_ Armut fehlt: Armut als selbstndige, formenschpferische
Qualitt; so bleibt auch Reichtum in Europa immer nur eine glcklose
Blase ber Seelenschmutz.

Und da geschah es, da Gargi auf einmal ein ganz klein wenig zu lcheln
begann und Horus beraus rot ward. Er hatte zum ersten Mal seit Jahren
wieder wir Asiaten gesagt, nicht mehr: wir Europer.

Er lenkte ein:

Meinen Sie bitte nicht, ich sei blind gegen die verzeichnete Anmut etwa
der >_dame  la Licorne_<, fr den falschen Galoppsprung des Rappen auf
Carpaccios Drachenkampf, auch sehe ich, wie etwas, sie nennen es Gotik,
aus verworrenen Wurzeln seinen gigantischen Clownismus gegen den Geist
des Steins durchtrotzt, denn warum sollte einer verworrenen Seele nicht
auch gestattet sein, sich verworren auszudrcken? Sie hat ein Recht auf
die Fehler ihrer Echtheit. Was aber der Renaissance abgeht, ist diese
Inbrunst im Danebenhauen. Sie macht es mit dnnem Zirkel in Architektur,
in Plastik mit kaltem Muskel -- und in Malerei: nun, ich frchte, in
wenig Wochen schon so gut zu sehen, da ich einen echten Raffael nicht
mehr von seinem ldruck werde unterscheiden knnen.

Wo eben in Europa die Verworrenheit endet, fngt schon der Ghnkrampf
an. Kann sich die Seele hier denn immer nur als Wahn bettigen? Pausiert
aber der Wahn, bleibt eine gewaltsame, unsolide und leere Freiheit
irgendwo am Grund der Lenden, wo bisher gehetztes Irrsein schwoll.

Nie noch sah ich hier den Finger des Geschlechts frei auf die Seele
weisen. Nie: Ethik von unten. Aus den Zellen der Generation geboren,
somit Basis der ganzen lebendigen Pyramide. Immer Glassturz aus der Hhe
ber einer ewig rebellierenden Masse aus Blut und Gestank oder --
Hoffart, Leere und Langeweile.

Als htten stets nur begabte Krppel -- irgendwie zu lang Eingesperrte
und doch wieder zu frh Freigelassene -- alles Wichtige Europas, so auch
die Kunst in Hnden gehabt.

Gargi meinte:

Doch auch bei uns, auch im Osten sind Tempel, Statuen, Bilder
barbarisch, unwert unsres Lebens.

Eures Lebens, ja -- glcklicherweise. Denn ihr braucht nicht Kunst zu
eurer Rechtfertigung. Braucht nichts aus euch hinauszustellen als
steinerne, hlzerne, lige Sehnsuchtsprojektion. bersteigert euch
selbst zum Kunstwerk, in euren ganz beseelten Krpern. Wenn ihr einander
einen Mango reicht, ist darin alles, was hier als Trmmer durch alle
Galerien liegt. In eurem Ruhen, Schreiten, Gren, Danken erzeugt sich
Unerschpfliches: lebt sich Erlsung aus, denn in ihm ward das Geheimnis
des Zugleichbestehens von Freiheit und Notwendigkeit lebendig offenbar.
Indiens Kunst ist fr seine untersten Schichten da, die Hchsten
bedrfen ihrer nicht mehr.

Er sah Gargi wieder vor sich im Museum am Kapitol. Wie sie, belustigt
ber gellend falsche Ergnzungen an Bildwerken, das leuchtend Wahre aus
ihrem Leib herausgeschpft; den marmornen Moment der Statuen aufgerollt
hatte vor und zurck in ein Band Bewegtheit.

Und Krumbichler, der groe Krumbichler vom archologischen Institut, war
ihr sodann vorausgehumpelt zum kapitolinischen Wagenlenker. Hngend in
seinen Beinen, wie in unsichtbaren Krcken, wies die Autoritt auf den
khnen steinernen Spielfu der Figur.

Ei, meine Dame, wie kme aber diese Haltung zustande? Haben die
Kollegen und ich sie doch frwahr, als dem Experiment nicht stichhaltig,
des fteren erprobt. berzeugen Sie sich selbst, er schob eine Samtbank
dem Lenker parallel, nun besteige ich den Streitwagen.

Aus seinem Oberkrper, der bis in die Beine lief, hob er ein Restchen
Hose und schlich damit hinauf, der andre Zugstiefel strich indes die
Schleimspur einer Schnecke hinten nach durch die Luft.

Sie sehen -- Krumbichler ugte ber die Brille an seinen Hosenknollen
abwrts, unsichtbare Zgel in Baumwollfustlingen. Da aber beschlich ihn
Schwindel auf seinem Bnkchen und er kroch auf den Rockschen eilig
erdwrts.

Es hatte wirklich keinen Moment mit dem Epheben oben bereingestimmt,
und man besttigte es ihm gerne.

Steigt man so auf, er wies kopfschttelnd auf diesen eigenholden
Spielfu. Steigt -- vielleicht nicht. Gargi sammelte sich am Ende des
Saales. Ein Nebel von Gliedern scho daher, wehte an Krumbichlers Nase
vorbei, landete hoch im Aufsprung, nachgegossen dem Marmor neben ihr.

Wie wollte so einer die Welt spren: Zu Kunstwerk verdichtetes Stck
Welt, der nicht erst gelernt, seinen eignen Krper spren. Da er sich
berhaupt unter diesen Antiken ertrug! Erster Befhigungsnachweis htte
doch -- der Selbstmord zu sein gehabt! Und das verwaltete hier oben in
baumwollenen Fustlingen die Kunst ...

Unten die gutgegliederten Epheben, die Cavadinis, die Strondolis aber
sprangen lieber mit einem _evoe_ und beiden Beinen in die
aufspritzende Senkgrube der Politik: Goldgrube der Advokaten. Ja, es war
ein Geschlecht von Advokaten, Politikern, Kommis und Chauffeuren, das da
den ganzen Tag aufgeregt lungerte in Kaffeehusern, zwischen seinen
historischen Reibrettkulissen, berspien mit dem Eintagspapier der
groen Rotationsverbldungspressen, aus dem alle bis in die Nacht hinein
mit eingespeichelten Brocken, vorgekauten Phrasen von Gier, Gruel,
Lge, Demagogie um sich warfen. Andre zogen wieder mit aufgeregten
Hnden eine Schleimspur von Privat-Skandal von Tisch zu Tisch durch die
Saat gierig gesenkter Papierfetzen: wie Tintenfische, die einen dunklen
Schlamm um sich verbreiten, mit dem sie alles in der Runde bekleckern,
um dann selber darin spurlos zu verschwinden.

Fremde kamen und gingen. Die Mnner bestellten jedes Getrnk von Bier
bis Whisky; die Frauen sagten, sowie man hinhorchte: oh Giorgione oder
oh Pinturicchio!

Dann zog Archie Payne jedesmal den Hexenmund lang und die Knie bis zum
Kinn, blinzelte seinem Kunstkuli Dr. Hafis zu:

In sechs Monaten werden sie alle nur mehr >oh Gecco Pintaccio< sagen.

So hie irgendein Nebenseiter dritten Ranges aus dem spanischen Barock,
in dem Archie momentan spekulierte. Bei Erweiterung seiner Newyorker Bar
in Verbindung mit dem Kunstsalon hatte seine eisig freche Unwissenheit
sich gerade mit dieser Marke -- warum wute er selbst nicht -- stark
eingedeckt. Nun sollte von Europa aus die _hausse_ einsetzen und
beteiligte Fachkreise, Hafis an der Spitze, bereiteten sich, demnchst
den Gecco Pintaccio in seiner epochalen Bedeutung fr den modernen
Expressionismus neu zu entdecken. Man schnupperte nur noch ein wenig in
der Peninsula herum, eventuell hier flottierende Werke rechtzeitig
aufzukaufen, damit der Ring geschlossen sei, ehe mit den ersten
Artikeln, Gegenartikeln, Polemiken, H und Hott des Metiers, die
Preistreiberei in dem aufgespeicherten Artikel einsetzen konnte.

                   *       *       *       *       *

Seit dem Erlebnis mit der grauenhaften Greisin in Lederhosen ging Horus
nur mehr zu Opern und geno dort, geschlossenen Auges, das bisher in
Europa einzig zu Genieende: Musik. In der groen Galavorstellung hob er
nun einmal zu frh die Lider, als eben unter schmalzigen Sequenzen der
Vorhang: ein gemalter Frhling aus Blech, tangential zu den Buchen des
talgberrieselten Heldenpaares niederging. Da kam ihm urpltzlich die
Einsicht, wie er hier unter Kolosseen, Kommis und Kulissen: drauen wie
drinnen, edle Zeit vertat.

Natrlich daran lag es. Er hatte sich einfach bisher in einer falschen
Schicht dahintreiben lassen, vermeinend, Hotels und Logen ersten
Ranges enthielten auch die korrespondierende Menschheit. Zwar was
anderwrts herumwimmelte, schien nicht eben besser -- optisch formal
noch unerfreulicher: doch wie man seine Illusionen liebt und deren
Minderung fast manisch ablehnt, so flog doch immer wieder all seine
weie Sehnsucht, Liebe und Verehrung strahlengrade vor ihm her in ein
noch Unbekanntes, dem Schnee von Paradiesen zu. berall, wo er noch
nicht gewesen, dahin warf er die Erwartung wie in ein Fort.

Wer solche Kleider, Mbel, Wnde, Kellner, Tenre, Kaufhuser ertrug,
war etwas, das er einfach nicht wahr haben wollte als weie Rasse.
Konnten es nicht vielleicht in Verfall geratene Ureinwohner sein, gleich
den Weddas auf Ceylon? Ausgebleichte, irgendwie herabgekommene Papuas,
die mit mechanistischen Abfllen der echten: wahrhaft Weien,
instinktirr und klglich herumhantierten wie ein Affe mit einem
Sextanten.

Die echten Europer aber, die lichten Herrn der Welt, in lssig larger
Achtung vor den territorialen Rechten dieser Urbevlkerung, hatten sich
lchelnd unnahbare Wohnpltze geschaffen auf eine ihm, dem Fremden,
vielleicht noch nicht begreifliche Weise: am Ende gar mitten inne allem
Wust und totem Geheul?

Was war den Schpfern der Weltgleichungen unmglich?

Hatte er doch noch keinen Vertreter jener Gebiete getroffen, die er als
typisch europisch anzusprechen gewohnt gewesen.

Ihr Wirken aber kannte er: _Wirklichkeit_ muten sie also sein, diese
Geschpfe wie aus Schnee und Gold in ihrem ohnegleichen Cherubtum; die
Sternenklaren, Bestirnten, Newtonhaften, die sperben Glcklichen, und
das Gefge ihrer Glieder ebenbrtig den kstlich gleitenden Erzwesen
ihres Hirns und ihrer Hnde. Irgendwo mute es sie geben, dort
vielleicht, wohin der Elf von einem groen Stern entschwunden war.

So taumelte ihm das Herz doch wieder in seinen heiesten Lieblingstraum.
Gegen alle Vernunft. Trotz allem. Ja, gerade die singenden Buche, der
gemalte Frhling aus Blech, zwangen das Pendel seiner Stimmung,
zurckzufahren, da es sich beinahe berschlug.

In diese verborgene Welt der Ganz-Weien aber wrden van Roys
weltgltiger Name, seine Empfehlungsschreiben dem Schler, dem
bescheiden Nahenden, den Weg bereiten. Eine Persnlichkeit, frei, khn,
bizarr, deren Primzahlengesetz, deren Knotenexperimente, die vierte
Raumdimension betreffend, ihn erst krzlich entzckt hatten, zog ihn
dort vor allem an. Wie hatte er es nur ertragen knnen, diesen Besuch so
ins Unbestimmte zu verlegen fr eine Zeit, wenn ihm Deutschland etwa
gerade in den Weg kme? Bei der Einheit und Hhe an Mensch und Ding, wie
sie ihm einst als Merkmal des ganzen Kontinentes vorgeschwebt, galt es
ja berauschend gleich, wem und was er zuerst begegnete.

Morgen wrde er fahren. Und er fuhr. Gewi, auch in Italien oder
Frankreich gab es Namen genug, zu denen es ihn mit dieser neuen Hoffnung
gezogen htte, aber er schmte sich ein wenig seiner Aura. Wie, wenn das
wirklich nur kastenlose, verwilderte Ureinwohner, unter die er
ahnungslos geraten? Wre es ihm etwa eingefallen, aus dem Krperdunst
von Rhodias kommend, einen Brahmin hoher Kaste aufzusuchen? Nicht, da
etwa unliebenswrdiger oder gar verchtlicher Empfang gedroht htte.
rgeres. Die hfliche und feierliche Gestalt mit hanfner Schnur auf
dunkelblasser Brust sa, tat, lchelte dann wie immer. Doch die Poren
der Persnlichkeit blieben zu. Man merkte das erst beim Sprechen.
Lieblichste Einflle -- tot wie Steine plumpsten sie vom Mund einem
senkrecht vor die Fe -- und da blieben sie liegen. Zum Schlu sa man
oben auf einem Schotterhaufen eigner Weisheit mit ganz ausgeweidetem
Gehirn. Das verborgene Sonnengeflecht von Geschpf zu Geschpf, des
Fluidums magischer Faden, auf dem Worte als Weberschiffchen hin und her
fliegen, spann sich nicht an.

Eine Pause demnach und etwas wie reinlicher Zwischenraum.

Er nahm ein Auto, lenkte es selbst und fuhr mit Gargi und Wen-Kin ber
die Alpen. Das brachte ihn zum ersten Mal mit Europern, auerhalb der
groen Stdte, in Berhrung.

Auf dem Brenner zwang eine Panne zu lngerem, unfreiwilligem Aufenthalt
unter Eingeborenen. Es schien ein wilder Vlkerstamm, im Besitz von vier
deutlich unterscheidbaren Lauten: Haaahhh -- sell woll -- Sakra und
Teifffi. Ersteres zur Verstndigung mit dem Vieh. Zweites zur
Verstndigung mit dem Fremdling. Drei und vier: orgiastische
Erregungszustnde mit fetischistischem Einschlag andeutend.

Die ausgewachsenen Mnnchen trugen entwurzelte Fangzhne wilder Tiere an
Schnren vor dem Nabel, und als Hauptschmuck grasgrne Kegel, an denen
die ausgerissenen Rckenhaare einer kleinen Zweihuferart bschelfrmig
angebracht waren. Die Lenden bedeckten gegerbte Felle der gleichen
Tierspezies. Die nackten Beine zeigten durchweg natrliche und dichte
Behaarung. Die heranwachsende Brut pflegte artfremde Geschpfe aus dem
Hinterhalt unter aufgeregtem Geschnatter mit allerhand Unrat zu
bewerfen.

Doch richtig: noch ber einen fnften Lautkomplex verfgte der Stamm.
Unmittelbar vor der Abreise sollten es die indischen Gste erfahren.
Horus kurbelte bereits den Motor an, da schlurfte mit hngenden
Vordergliedmaen, endend in schwarzen, zerquetschten Klauen, ein
halbwchsiges Mnnchen vorbei und spie etwas aus: halb Kautabak, halb
gelobt sei Jesus Christus -- ging zwanzig Sekunden weiter -- duckte
sich und schmi einen Stein. Die Bewegung, bei aller hmischen Wut, war
aber von so wasserbffelhafter Langsamkeit -- bis eben das
Tief-tckische durch die Borke heraufbrach -- da Horus unschwer das
spitze Stck Schotter vor seinem Ziel: Gargis Schlfe, mit erhobenem Arm
abzufangen vermochte.

Dann, als der Wagen mit dritter Geschwindigkeit den Grenzen dieser
Weidepltze zustrebte, bemerkte er, den schmerzenden Arm am Volant:

Ob ein gewohnheitsmiger Zusammenhang zwischen Gru und Steinwurf
besteht -- berhaupt noch eventuellen andern Stammeseigentmlichkeiten
nachzuspren, bleibe unerschrockeneren Forschern bei einer knftigen
Durchquerung des dunkelsten Mitteleuropa vorbehalten.




                              Drittes Buch


Fnf Eingnge hatte die Mietskaserne. Aha, die unnahbaren Wohnpltze,
er mute lcheln. Im vierten Stock trug endlich die Tr einer Hofwohnung
den gesuchten Namen. Auf einer Visitenkarte an vier Reingeln in
Fraktur: Dr. Oskar Samossy, auerordentlicher Professor fr Mathematik.
Eine Weibsperson ffnete. Sie war von jenem saloppen Kleidungsstck
umschlampt, das Europerinnen fr einen Kimono zu halten schienen, da
sie es also benannten. Nein, nicht zu Hause; botanisieren sei der
Professor gegangen.

Unter einem vermodernden Vogelnest aus Haar sahen vertrocknete
Holunderbeeren den Besucher frechverlegen an. Lockeres Fleisch der Arme
schaukelte mit, whrend das Weibsstck ein goldnes Kettenarmband
mechanisch die lange klebrige Hand auf und ab gleiten lie.

Horus bergab seine Karte und Erasmussens Brief an den einstigen
Schler, jetzt groen, ebenbrtigen Kollegen. Die Person ffnete den
Kimono, legte Karte nebst Kuvert horizontal vorn auf eine gelbliche,
rechteckig hinaufgeprete Masse. Schlo die Tr. Grulos, grob.

Innen mehrmaliges Aufstoen des Besens, und unter dem Trspalt hervor
versuchte die grauporige Zungenspitze eines nassen Lappens etwas
Splicht gegen den mutmalichen Standort des Besuchers zu spritzen.
Endlos stieg er wieder die idiotisch konstruierte Treppe hinab. An jedem
Absatz reckte ein Gasarm, von blecherner Blumenranke sadistisch unter
der Achsel gekitzelt, seinen zerfetzten Glhstrumpf durch ein
tulpenfrmiges Glasgeschwr in die gefleckte Trbe des Zylinders.

Beim Eingang vertrat ein andres Weib mit einem Wasserkopf am
Schrzenband ihm jh, aus einer Glastre heraus, den Weg. Hinter ihr her
brach Brutwrme Kleinen-Leute Geruchs: nach eisernem Ofen, scharfen
Mnnersocken, slicher Suglingswsche. Im Trausschnitt erschien die
Lehne eines geschweiften, grnen Rohaarsofas, ein Brautkranz unter
Glas, verstaubte Bierflaschen, eine Rute an rotem Band, die Mutter
Gottes und suische Ansichtskarten fcherfrmig ber die Tapete
genagelt. Ein Jegliches stank fr sich.

Das Weib geiferte: was er wolle, wen er suche. Sie sei die Bordis
Gattin. Habe auf Ordnung zu halten. Htte gesehen, wie er am Gashahn
geschraubt. Jetzt sei der Strumpf zerrissen. Sie fordere Schadenersatz.
Der Wasserkopf am Schrzenband versuchte indes dem fremden Herrn auf die
Stiefel zu spucken, und der Geifernden grimmer Birnenbauch drohte schon
wieder neuen Wurf. Jetzt plrrte der Wasserkopf los, weil sein Speichel
im Gleitflug versagt hatte; trstend wurde er an die keimende Hoffnung
gequetscht und Wutblicke schossen gegen den herzlosen Kinderfeind.

Der Kinderfeind blieb kalt. So verlegte sie sich aufs Winseln, begann
die Gebreste ihrer Familie herzuzhlen, hielt Tor und Hand vor ihm
offen. Drauen traf den Enteilenden unerwartet ein Bild wie aus einer
Haschisch- oder Meskalwelt.

Etwas Eckiges kam die leere Vorstadtstrae herauf, eine Art
Gespensterheuschrecke im _frock-coat_. -- Das hagre Pferdeprofil von
einem ausgefressenen Ziegenbart umdreieckt, den Zylinder weit aus der
prachtvollen Stirn gestoen, pendelte der groe Krper daher. Aus seiner
Rechten schleiften etwa drei Meter Strick voll seltsamer Knoten im
Straenschmutz nach -- seine Knotenexperimente zum Beweis der vierten
Raumdimension -- scho es dem Beschauer durch den Sinn. Die Linke trug,
mit Riesenkraft ber den viel zu engen Salonrock geschultert, eine junge
Tanne mit erdigem Wurzelballen. Um den Wipfel brauste ein Bienenschwarm.
Das Ganze bewegte sich unter einem Sturz undurchdringlicher
Geschlossenheit dahin. Diesen versunkenen Wandel mit der Trivialitt
einer Ansprache stren, -- nein. Voll Achtung trat er zurck, vergngt,
als wre ihm eben ein Tarnhelm bedingungslos geschenkt worden; lie den
Ahnungslosen an sich vorbei in die Zinskaserne biegen. Die junge Tanne
brauste durchs Tor, die Bienenpyramide gereizt ihr nach --.

Und sticht den Wasserkopf an -- dachte der Kinderfeind.
Zuchthausstrafe auf jede weitere Lebendgeburt fr eine Frau, die so
etwas aus sich herausgehudelt hat: Ein taktloses Kind schndet ja die
Welt mehr als tausend Verbrecher -- ein Dutzend davon, und die ganze
Rasse ist gerichtet.

Andern Tags kam eine dringende Einladung, auf den weien Rand einer
abgerissenen Zeitschrift gekritzelt.

Gleich stand zweimal unterstrichen und schnitt in teilweise erhaltene
Annoncen fr Schmierl und ein Berliner Bureau zur Vertiefung des
Familienlebens.

So machte er sich abermals auf den Weg quer durch die fremde Stadt.
Nicht mehr suchend, diesmal gemchlich schauend. An seinem Schritt
glitten zahllose Buch- und Kunstlden vorbei. berall hinter Glas stand
auf Pappe: Der schne Mensch -- Schnheit des Ganges -- Rhythmische
Krperkultur -- Die Kultur des Wohnens -- Heimkultur --
Knstlerische Bekleidungskunst -- Stil, Schnheit, Rhythmus -- wo man
hinsah aufs Papier. Dann wieder zahlreiche Glasscheiben, blechgolden,
schrg verkritzelt mit Konditorei. Dahinter alles voll ksiger
Frauengesichter unter irrsinnigen Hutgeschwren, die von gehuften
Tellern faden Kram in sich hineinstopften. Wie hie doch all das Zeug?
Richtig: Schillerlocken, gefllter Bienenstich.

Einst Stier -- Schwan -- Goldregen. -- Hier mte sich der Gott wohl zu
Schlagsahne wandeln, um einen begehrten Scho erzittern zu machen, sann
der Fremde belustigt.

Dann stieg er wieder am Windeldrachen vom grnen Kanapee vorbei die
idiotisch konstruierte Treppe hinauf. Fand diesmal die Tr nur
angelehnt. Schellte vergeblich, trat durch eine Kche, die nach Abort
stank, in den speckigen Arbeitsraum; nein, zwei Rume -- drei. Durch
alle drei lief ein schier endloser Papierstreifen. Stellenweise war er
mit Nadeln, Haarnadeln, Streichhlzchen und Zahnstochern immer wieder
angestckelt worden. Buchstaben, Zahlen, Zeichen bedeckten ihn: ein
Zaubernetz, ber und ber. Fern im dritten Zimmer lag Samossy in seinem
Salonrock flach auf dem Bauch, schrieb weiter an dieser einzigen,
ungeheuren Gleichung.

Entzckt und gerhrt, mit einem heien Gefhl von Heimat vor diesem
schmierigen, geflickten Band stand der Herr des Hauses Elcho zwischen
Abort- und Kchengeruch. Bog ein Knie, und mit aller Anspannung sich
sammelnd auf das Faszinierende zu seinen Fen -- spontan hineingerissen
in seine Magie -- lag nun auch er, Raum und Zeit verloren, auf dem
Fuboden; einem geisterhaften Schema, nach dem die Welt geschah, ber
Haarnadeln, Zahnstochern, Zndhlzchen hinweg zu folgen. Da nur
Resultate zu durchlaufen waren, fand er sich, ob nach Stunden oder
Minuten, blieb so ungewi wie belanglos, neben Samossy. Nun verweilten
beide, parallel eingestellten Geistes, hingegeben an ein klareres Sein,
bis in der Dmmerung jeder berblick erlosch.

Dann begrten sie einander. Samossy raste zum gedeckten Teetisch, sich
am Tischtuch enthusiastisch den Staub von den Fingern zu wischen.
Zerknllte dabei, eh man's versah, mit affenartiger Behendigkeit alle
vier Ecken wie Papier. Sein Gebaren hatte etwas Gaulhaftes: ein
durchgegangener Klepper, wie er von hohem Schiefgalopp herab blindes
Feuer und erschrecklich weien Wahn aus blutigen Augenbllen kegelt.

Des Gastes Aufmerksamkeit hatte er nach den ersten Bemerkungen gewonnen,
denn untrgliches Merkmal berlegener Menschen: sorgliche Wahl, flssige
Placierung auch des scheinbar untergeordneten Wortes, war sein -- wenn
er wollte. Jetzt wollte er. Des Gastes Herz aber ging aus zu ihm, nach
der ruhigen Verbeugung seiner Stimme vor van Roys Werk und Wesen.
Dieses: seiner ersten Jnglingsjahre Erlebnis -- Begleiter seines ganzen
Mannesalters: Jenes.

Nach einer angenehmen Weile wandte sich das Gesprch, und der Gast
bemerkte beilufig:

Es scheint ein recht glckliches Land, dieses Deutschland. Nach
Annoncen, Inseraten, Plakaten ist ja hier alles zu haben gegen
Einsendung von fnfundsiebzig Pfennigen in Briefmarken an eine G. M. B.
H. oder sonst einen, mir unverstndlichen Lautklumpen. Da bekommt man
>postwendend< die >Weltrtsel< gelst in Monismus, Schutzmarke: ein
Griff, ein Bett; den >Wlsungenring<, >vllig geruchlos<, oder
verwechsle ich das mit: >keine Schweife mehr<. Auf Mystik scheinen
Rabattmarken zu gelten. Ihrer zehn -- >beigebogen in der Falte< -- was
immer das heien mag, ergeben gratis: >das Bauchschnellen oder
Sonnengeflecht und Schicksal< von der Lichthortvertriebsgesellschaft.
-- --

Hier drang vom Flur schmetternd das Siegfriedmotiv.

Samossy sprang auf. Treudeutscher Mnnerpfiff, Sie entschuldigen, und
seinem Gast wie einem Verschworenen zuzwinkernd, galoppierte er die
Gleichung entlang, bis zu deren Ursprung im ersten Zimmer. Dort blieb er
trmend ber ihr, spreizbeinig wie der Kolo von Rhodos. Keinen Moment
zu frh. Man hrte es durch die Materie trampeln, und zwei Krper
prallten von Samossy ab; die Gleichung aber blieb heil.

Hppla, sagte der Eine.

Da brat mir eener n'en Storch, der andre.

Der mit dem Storch hatte viel Gesicht, aber nichts der Rede Wertes drin.
Nur ein Zwicker sa irgendwo hineingekniffen in den Speck. Der hingegen
hppla gerufen, der wallte: vom Haar bis zu den Hosen, ber
Schillerkragen und lockichtem Bart zu beiden Seiten der slawischen
Knpfchennase hinab. Ganz Bizeps und Sonnigkeit, entbot er den Gru mit
Schlagring: Professor Dallmeyer. --

Sogar Ordentlicher -- fr Biologie, ergnzte Samossy aus
infernalischen Nstern.

Der mit dem Storch ri jetzt auf absonderliche Weise seinen Speck vor
dem Fremden zusammen, begann dabei mit dem Fu am Boden zu scharren,
hnlich den ltesten jener Huftiere, die sich notdrftig eben erst aus
der Mischgruppe oberhalb der Beuteltiere gelst hatten:

Hans Horst Krause. Das Scharren klappte zu.

Beide barsten vor Fachklatsch. Es spritzte frmlich aus ihnen.

Ob Samossy schon das Neueste in der >Affaire< des Kustos Pappla vom
Museum wisse?

Lassen Sie mich -- lassen Sie mich, schrie Dallmeyer, als der feiste
Student ihm zuvorkommen wollte.

Ein beispielloser Skandal. Bei--spiel--los. Er rang jubelnd die Hnde.

Die reine Meteoritenbrse hat er eingerichtet. Das war ein Getuschel
und Getue, angeblich frs Museum Meteoriten gekauft, Preise in die Hhe
getrieben, dann wieder nach London verkauft; keine Sau hat sich mehr
ausgekannt. Aber direkt nachzuweisen ist ihm wieder nichts -- und wenn
auch -- ich bitte Sie, Schwiegersohn vom alten Mehmke: Prsident der
Akademie.

Samossy wieherte bei dem Namen auf, als stke ihm eine brennende Lunte
unter dem Schweif.

Mehmke rast brigens gegen Sie, seit der Geschichte in der
geographischen Gesellschaft neulich.

Also ist es wahr? Krause verlor vor Interesse den Zwicker und blieb
vllig als Uhr ohne Zeiger brig. Onkel hat heuer als Rektor so viel zu
tun, konnte leider nicht dabei sein; ich wei also noch gar nichts
Authentisches.

Dallmeyer begnnerte:

Natrlich ist es wahr. Nach zwei Stunden welken Bldsinns hat der Alte
endlich ausgekohlt, da spricht unser Professor hier dem berhmten
Ehrengast fr die >lichtvollen Ausfhrungen< den Dank aus und schliet
wrtlich:

>Es ist mir zwar schon frher nicht unbekannt gewesen, da Wasser bergab
fliee, ich freue mich aber aufrichtig, es nun von solcher Autoritt
besttigt zu hren.<

Dallmeyer lachte mit schnem Tenor, wie er dem Manne wohl ansteht --
dann lauernd zu Samossy:

Ich frchte nur, werter Kollega, es wird Ihnen bei den nchsten
Akademiewahlen -- wieder -- schaden.

Der bockte gereizt: Der Alte hat rechtzeitig umzustehen, sein dritter
Schlagflu mit doppelseitiger Lhmung ist lngst fllig. -- Haben Sie
brigens den Angriff gelesen? ...

Das Wort Angriff schien eine magische Wirkung auszuben. Sie steckten
die Kpfe zusammen und begannen aufgeregt zu schnattern. Angriff --
Polemik -- Angriff. Immer war eben einer erschienen oder im Begriff zu
erscheinen. Eifrig hockten sie, ganz eng, wie drei groe alte Affen, die
zwischen sich immer einen ganz Kleinen lausen. Der ganz Kleine schien
die Wissenschaft. Samossy, mit allen Fakultten gehetzt, stak
offensichtlich von Mittelpersisch bis zur Numismatik, von der
projektiven Geometrie bis zur oberen Trias in Intriguen, Tratsch und
Hetzereien. War das noch derselbe Mensch, grotesk aber gro: der wilde
Trumer mit den Knotenexperimenten, Herr der transzendenten Gleichung,
Entdecker des Primzahlengesetzes, und geiferte, trunken von Klatsch, mit
knochig boshaften Gebrden seiner Bordisgattin, whrend beide andern,
verhohlen lauernd, von jeder Injurie sich heimlich Notizen zu machen
schienen -- nicht ruhend -- bis der ganze Mann ein einziges
Gedankenfletschen war, aus dem spitze Argumente, gleich Reizhnen, sich
in die Weiche jedes guten Namens gruben. Auf Personalien und Details
horchte Horus kaum hin, was ging ihn Privatgeifer zwischen Fachbarbaren
an; dazu hatte er nicht nach den unnahbaren Wohnpltzen der Ganzweien
gestrebt.

Wie dieser Krause dasa. Die speckig obszne Talentlosigkeit, wenn so
ein Europer nur einen Froschschenkel ber den andern schlug.

Fngt der auch noch an ber Frauen zu reden, so geh ich, dachte der
Beschauer. Nein, der Andre fing an.

Wissen Sie schon, wo Margrinchen Mehmke sich jetzt kneifen lt?

Vermutlich in die Waden, grlte Samossy.

Da htte es doch korrekt heien mssen: wohin -- feixte Krause
dazwischen. Nein, bei ihm -- von ihm -- in seinem Institut; ist mit
sechs andern Jungfrauen von uns Chemikern weg, hinbergewechselt zur
Biologie.

Ja, seit dem Drsenrummel wei ich mir vor Frauenzimmern keinen Rat
mehr. --

Dallmeyers befiederte Lockigkeit brauste auf, wie an einem zrnenden
Schwan.

Jede will Hoden transplantieren -- egal -- den ganzen Tag. Der
Verbrauch an Ratten und mnnlichem Ungeziefer auf meiner Abteilung
steigt ins Ungemene. Und schlampig sind die Luder. Wird es ihnen zu
fad, oder winkt der Konditor, lassen sie ihre angeschnittenen
Versuchstiere herumfahren, wie eine Hkelei. Wr' nicht der
Laboratoriumsdiener, tagelang spazierten mir noch halbe Krebse durchs
Institut. --

Er hielt mit einem Ruck; etwas so Starkes ging pltzlich von der
lebendigen Ruhe dieses schweigenden, eleganten Fremden aus: stumme
Reaktion des gesitteten Orientalen auf den ersten Einblick in die
Beziehung des Europers zur Kreatur.

Der Ruck -- die Strahlenohrfeige hatte rundum eingeschlagen;
Klatschnebel zertropfte. Da sa ja, bisher ignoriert, ein ganz Fremder
zwischen ihnen. Das Hemmungslose gerann, ward tlpicht hlzern. Auch bei
Samossy; er hatte allzureiend Niveau verloren gehabt. Mit einem
ungeheuer schiefen Galoppsprung startete er jetzt die Konversation
falsch. Gab das Signalement seines Gastes, taktlos wie eine Behrde. Die
Andern aber atmeten auf. Nur so ein Hinterwldler, von wo der Pfeffer
wchst. Na also -- wozu die Aufregung. Krause, ein Bein ber das andere
geschlagen, begnnerte schon:

Inder -- n'gutes, aber n'schlappes Volk. Nich forsch. Sollen erst mal
die lausigen Englnder rausschmeien -- aber schlapp eben. Nee, so
Lotusonkels -- nich in die Lamaing.

Ihnen gesagt, besttigte der wallende Germane.

Zartfhlend sein, niemanden verletzen, war Horus wie Herzschlag -- doch
auch Anmaung nicht zu dulden; und der Herr des Hauses Elcho sprach:

Ich bin zwar nur der unwissende Bewohner einer wilden und abgelegenen
Gegend, aber gestatten Sie mir dennoch die Frage, warum Sie dieses
Rowdy-Dogma logischerweise nicht auch auf den Heiland Palstinas
anwenden; dem man hier so viel Tempel errichtet hat, ihm vorwerfen, da
er kein Preisboxer war, sich nicht mit einem wohlgezielten >_undercut_<
die Kreuziger vom Halse gehalten hat.

Na nu, Christ sein heit doch lediglich: kein Jude sein, belehrte
Krause. Es sind eben die zwei einzigen vom Staat anerkannten
Religionen. Was geht mich modernen Menschen der olle Mumpitz sonst an.

Schmonzes, bekrftigte der wallende Germane.

Warum erklren Sie sich dann nicht von jeder Religion frei?

Er meint konfessionslos, jappte Dallmeyer und erschauerte bis ins
Gebein.

Unmglich, Verehrtester, das sind erst recht nur Juden. Auch schadet's
der Karriere. Im brigen kann mir, als modernem Forscher, alles
transzendente Geschmuse restlos gestohlen werden. Kraft und Stoff, sonst
gibt's nichts fr mich. Das einzig Sichere ist die Beobachtung der
Materie, die kmmert sich nur um reale Dinge und liefert daher
untrgliche Tatsachen. _Tat-Sachen_. Sein Speichel ward gro in ihm.

Was ist ein reales Ding, eine Tatsache? frug Horus.

Dieser Tisch. Er nahm besagtes Stck Hausunrat gestreckten Armes, um
durch den Krach des Niederstellens dessen Realitt sinnfllig zu
erhrten.

Viechskerl, dachte Horus, so ist dir wirklich noch nicht einmal
aufgedmmert, was an Transzendentem alles ntig ist, damit ein
>Gegenstand< in der Anschauung mglich werde; das, was du, unprziser
Analphabet: >reales Ding< nennst? Dein Tisch ist doch, wie alles
Ausgedehnte, eine dreifache Mannigfaltigkeit von Punkten, die erst in
der Anschauung restlos durchlaufen werden mssen, damit etwas ber
dieses Mannigfaltige ausgesagt werden knne. Whrend aber z. B. eine
Tischkante durchlaufen wird, mssen die schon durchlaufenen Teile als
weiterexistierend hinzugedacht -- aus dem Flu sinnlichen Geschehens --
herausgehoben werden. Der >Gegenstand< Tisch ist somit gar keine
>Beobachtungstatsache< -- sondern etwas zur Wahrnehmung lediglich
_Hinzugedachtes_: bedingt ein Nichtsinnliches, auerhalb der Zeit
Stehendes, an dem die Wahrnehmungen vorbeiflieen, und in dem sie sich
rumlich erst ordnen. Was aber auerhalb Raum und Zeit steht, ist
notwendig als >transzendent< anzusprechen, da es niemals Objekt der
Erfahrung sein kann, ist das >Erkennende<, >nie erkannte Subjekt<. Nur
insoferne also der Tisch -- als ein Hinzugedachtes -- an diesem
Transzendenten teil hat, ist er Realitt. -- Viechskerl! Die Grundfrage
nach der Mglichkeit aller Erkenntnis lautet demnach: wie ist Erfahrung
berhaupt mglich. Fr mich jedoch lautet die Grundfrage:

Muten dazu se Tiere zermartert werden, um dein Gesamtniveau zu
erreichen; _notabene_ hundertdreiig Jahre nach einem gewissen Kant? --
Viechskerl.

Laut aber widersprach er nur soweit, als es die aufgeklrte Ignoranz des
Fachmannes zu ergrnden galt.

Es ergab sich, da auch Dallmeyers naturwissenschaftliche Bildung
hauptschlich darin bestand, nichts von Philosophie zu wissen und da er
stolz darauf war. Schon das Wort schien Schande. Er streifte es voll
mitleidigen Ekels ab wie eine halbtote Schmeifliege.

Probleme gab es nur noch im Detail. Geist war eine strende
Nebenerscheinung der Materie, alles brige Schmonzes und langweilte
ihn unsglich.

Beobachtungstatsachen -- Beobachtungstatsachen, schrie er ein ums
andre Mal.

Hab' ich aber das Bedrfnis nach dem endgltigen berblick, lese ich:
Hckels >Weltrtsel< oder: Machs >Analyse der Empfindungen<.
Denkkonomie ist die Hauptsache. Sich's vereinfachen.

Dann haben wir wohl zu wenig Gemeinsames fr eine Diskussion, meinte
Horus, um hflich zu Ende zu kommen.

Denn ich wiederum mache gerne einen noch so halsbrecherischen Umweg,
schrft oder vertieft er mir die Einsicht nur um ein Weniges, und diese,
hoffentlich nur vorlufig letzte Einsicht besagt, da die Welt den
Spezialfall aus zwei Scheingleichungen darstellt.

Nur keine Mathematik, wehrte Dallmeyer bengstigt ab, oder
mathematische Physik, da verliert man den Boden der Tatsachen. Der
Samossy ist auch schon halb meschugge mit seinen Knotenexperimenten.

Und hchst griert ber die Strung im Fachklatsch -- der Besuch hatte
doch so anregend begonnen -- entbot er wieder Gru mit Schlagring.
Krause scharrte am Boden, knallte die Hufe zusammen, und die Tre schlo
sich hinter den beiden.

Aus Samossys weitem Rohaupt begann es zu kichern. Es hatte das
unbegreiflich Irre des Pferdes in allen Zgen, bis zur nsternen Nase,
wenn sie -- eine ganze Landschaft fr sich -- weichgehckert, aus Mulden
von groporigem Moos, berraschend Hauch ausstt. Wenigstens ein ganzer
Gaul, statt dieses Dallmeyer, der -- slawische Knpfchennase oben --
Pbelbeine unten -- auenherum wallender Germane und innen ein Rindvieh
war.

Das knochige Kichern aber klang nicht angenehm, kam aus einem viel
engeren Wesen. Er grinste diabolisch und mit groeckiger Bewegung hinter
den beiden drein, wieder hinreiend in ihrer Art -- hub er an, genieend
zu pointieren:

Mitnichten knnte erhofft werden, dem Halbgebildeten stnde ja annoch
frei, so sukzessive 3/4--4/5--9/10 ... schlielich ganz gebildet zu
werden. Daran aber hindert ihn die unausrottbare Arroganz eben dieser
verdchtigen Halbheit, ihr vages >wei schon<, gierig trge Hast, nur
bedacht, in jeder Tiefe eigne Flachheit zu spiegeln, die edle Demut der
Unwissenheit verloren -- edle Demut des Wissens nie erworben hat. Da
aber so ein halbgebildeter Sensationsdeflorateur, so ein _all-round_
Kommis auch noch mhelos in alles dreinschnauzen will und die Welt von
seinesgleichen berfleut, erstanden ihm, wie in prstabilierter
Harmonie, avancierte Oberlehrer und frohe Greise, denen man nicht gram
sein darf, denn sie sind bieder und wissen es wirklich nicht anders. Die
lieferten ihm Taschenphilosophien fr Minderbemittelte, und weil er das
Fertigfabrikat stets neu liebt, lieferten sie ihm modernen
Schpfungstratsch statt des Mosaischen. Schutzmarke: >ein Griff ein
Bett<, wie Sie vorhin sagten, denn er hat nicht eben viel Zeit fr
dergleichen -- gerade ein Maul voll von allem gengt. Und weil er keine
Zeit hat, sind die Monistengreise und avancierten Oberlehrer immer
zugleich >Esperantisten<, um das >Unkonomische< auch in der lebenden
Sprache zu >bereinigen<.

Weg damit, schnoddert begeistert der _all-round_ Kommis, der nur
Hauptstze nebeneinander stellen kann und will, ohne feineres Bedrfnis
nach kausaler berblickung durch Ko- und Subordination, denn: den
Spannbogen des Gedankens ermit man an der Syntax. Hochcharakteristisch
nun, wie monistische Sonntagsprediger und avancierte Oberlehrer, weil
sie nicht einmal philosophisch den Begriff der Kausalitt noch erfat,
und sich daher rhmen, ihn abgeschafft zu haben, gierig eine knstliche
Unbildungssprache propagieren, der alle Geisteswurzeln ausgerissen sind,
in der niemand je einen Gedanken weder zu fassen noch auszudrcken
vermchte.

Was ist ein Esperantist?

Einer, der sich eigens ein Idiom zusammenstellt, das keines zu sein
braucht. Einer, der freiwillig wieder weit hinter den Affen
retourmarschiert, denn dieser hat ja -- nach Garner -- schon Anstze zu
etwas wie einer lebendigen Muttersprache: jenem mystischen Meer, in
dessen suggestiver Lsung Gedanken wachsen, wie glasklar flieende
Geschpfe genialen Lebens. Zum Wachsenlassen aber hat der _all-round_
Kommis keine Zeit. Auch die Kofmich-Lautklumpen, deren Sie vorhin
schaudernd erwhnten, kommen davon, da er eben nie Zeit hat.

Ja, um Himmels willen, warum hat er denn nie Zeit?

Weil er immer schnell noch einen bers Ohr hauen mu.

Sensationsdeflorateur -- Monist -- Esperantist -- _all-round_ Kommis:
doch letzten Endes Einer, der den Vertrieb schdlichen Schundes besorgt,
nicht? Einer, der das Leben mit falschem Schleim berziehen hilft? Doch
Dallmeyer, bei seiner stillen Gelehrtenlaufbahn, knnte wohl Zeit haben,
etwas zu lernen.

Samossy johlte: Stille Gelehrten-Laufbahn ist gut, wenn man mit
fnfunddreiig schon Ordinarius und kriechendes Mitglied der Akademie
sein will! In wieviel gewisse geheimrtliche Krperteile, glauben Sie,
mu man da nicht nur geschlpft sein -- nein, in diesen Organteilen
direkt berwintert haben? >Stille Gelehrten-Laufbahn<! Er wand sich vor
Wut.

Der Gast trstete.

Aber Sie sind ja auch lngst wohlbestallter Professor?

Wohlbestallt? -- mit doppeltem Armschwung nach Kche und Abort -- das
ist der Stall, den ich mir leisten kann.

In die letzten Worte war merklich ein Unfreies gekommen, geduckte
Zerstreutheit, als schbe sich ihm ein Keil quer zur Gedankenrichtung.
Das Weibstck stand im Zimmer, trug heute keinen Kimono, sondern war
angezogen: der Krper grundlos halbiert, in etwas schwarzwei
Gewrfeltes unten, Gestreiftes oben. Das horizontal Hinausgeprete vorn
stand noch eckiger weg wie das erste Mal: bengstigendes Toppgewicht
gegen schrggestellte Lackhufe unten.

Das Niveau sank stumm und unbegreiflich schnell. Hoch und leer hing die
Konversation noch darber. So oft die Person am Teetisch zu hantieren
begann, klirrte das goldne Gliederarmband und sie schob es die klebrige
Hand auf und ab. Samossys Blick fing sich daran. Wurde hmisch, irr,
hilflos, dunkler Schtigkeit voll. Er ignorierte sie und schien doch
seit ihrem Eintritt an allen Organen verschroben.

Der Gast ging.

Schon war Licht angesteckt hinter den Glasscheiben voll ksiger
Frauengesichter, vor ihren Tellern gehuft mit fadem Kram.

Das war also des wei-goldnen Traumes neueste Wandlung:

Pallas und Nausikaa: Dallmeyers Hrerinnen. Nicht geschrzte Korybanten
etwa im Brunstschweif eines Gottes, Hindinnen anspringend und
zerreiend, entrckt von ihrem tanzenden Blut. Nein, Pallas und
Nausikaa: inskribierte Mnaden im Laboratoriumsschurz, mit spitzem
Gelstchen und spitzerem Skalpell in den Geschlechtsteilen gemarterter
kleiner Tiere herumschnitzelnd, bis der Orgiasmus zu dreimal Apfelkuchen
mit Schlagsahne gerann. Jetzt glitten die andern Glasscheiben wieder
vorbei und hinter ihnen auf Pappe: Der vornehme Mensch -- Stil --
Kultur. Dann Ladenschlu. Blindes Blech rasselte ber die Rachen der
Geschfte.

                   *       *       *       *       *

Samossy lud ihn zu seinen Vorlesungen, auch andre Professoren. --

Jugend sa hier herum, ruhte grndlich sein berfressenes Gedchtnis
aus. Nur die vor Rigorosen standen, muten wegbleiben. Auch Krause.

Keine Zeit auf die Universitt zu gehen, qukte er gereizt, der
Mensch mu ja schlielich doch mal was lernen -- promoviere heuer.

Die brigen aber rkelten s das Hirn. Ihr Dionysisches schien sich
mehr in den _W. Cs._ zu konzentrieren. Auch das Rassenideal war dort wie
zu Hause. Bunte Etiketten mit: Juden hinaus, klebten an allen
Pissoirwnden, neben mit Bleistift festgehaltenen Vorgngen aus dem
Geschlechtsleben. Unter diesen stand wieder mit andrer Hand:

Und das sind die Arier.

Man konnte der andern Hand nicht so ganz Unrecht geben. An Technik und
Niveau vermochten diese Darstellungen analogen Steinzeitfunden, auf
Renntierknochen geritzt, keineswegs das hier zustndige Wasser zu
reichen, trotz ihres Fundortes, der im Technisch-sanitren sie wieder
zweifellos als dem zwanzigsten Jahrhundert zugehrig zu datieren zwang.
Der Pithecanthropus war erotisch schon weiter; europischer aber schien
dies, in seiner eigentmlich zwinkernden Verquickung von Liebe und
Pissoir mit Glaube und Hoffnung, es sei eine Schweinerei.

Diese eigentmliche Verquickung blieb auch in der schmatzenden
Verliebtheit an den Kaffeehaustischen, wo abends sich alles traf, Rudel
halbwchsiger Mdchen hereinlrmten, jede Geste ein: hurra, wir sind
defloriert; Ordinrheit mit Temperament verwechselnd. Manche
jugendhbsch und doch: _lendemain_ auf den ersten Blick, weil diese
irren Barbarinnen nicht wuten, da der Takt eines ganzen Lebens in der
Liebesgebrde zu gipfeln hat. Ab und zu kam eine Dmonin, totschwarz,
entblte einen goldnen Raubzahn, snobte auf Morphinistin, a aber dann
doch mit Behagen zweimal Schlackwurst mit Kraut. Eines Sonettes ber
Fruchtabtreibung wegen war sie bei den Literaten angesehen.

Dort sprach man ausschlielich von Prozenten. Nur ab und zu sah einer
vom Tisch, wo sie die erste Nummer einer Zeitschrift zusammenstellten
auf und frug, ob man sehr mit h schreibe. Oder Jemand rief:
aus--ge--schloss--en--!

Ein Rudel Russen: fanatische Nasenbohrer, redeten in einer Ecke endlos
ber Kommunisierung der Frauen; trugen alle Knochen aus ihren
schlacksigen Leibern ins Gesicht gehuft eckig unter den Augen.

Sonst hockten rings durchs Lokal Klumpen dickhutiger Gelassenheit um
Bier, wie Krten um einen Edelstein. Diese Klumpen ohne Gte hatten eine
unsglich hmische Art, die Pfoten ber ihr ausschlielich aus Nahrung
bestehendes Selbst zu kreuzen. Grinsten -- ewig Ungefhrdete -- aus den
strohwarmen Hundshtten ihrer Belanglosigkeit zu allen menschlichen
Mhen und Qualen, Streben nach Besserem; hatten dafr ein Leibwort:
wird's schon billiger geben. Wuten denn diese unerschtterlichen
Nullen noch nicht einmal, da es ein Andres ist, wieder zum
Ausgangspunkt zurckzukehren, als ihn nie verlassen haben?

Vor diesen Quallen aus neunundneunzig Prozent Quatsch graute ihm
havoller fast, wie vor der Umwelt der Greisin in Glachschen.

Samossy, frug er einmal fassungslos, wie geht denn das zu? Jedes
Wesen ist doch irgendwann zu irgendwas gut, oder knnte Wert haben, oder
man denkt, es knnte -- aber das da!

Der schttelte die Rokiefer vor Lust:

Das da -- oh, das hat Wert als moralisches Lackmuspapier!

Luft bei irgendeinem Reformvorschlag der Spieer blau an im Gesicht vor
Wut, ist die Sache was nutz, man wird ihn sich in einer knftigen
Gesellschaftsordnung als Cyanometer fr Moralreaktionen erhalten
mssen!

Fast zrtlich sah er um sich. Wer Samossy Gelegenheit zu einer Bosheit
gab, den liebte er beinahe.

Durch die verhockten Massen sentimentalte vertrumt die sandhelle
Kellnerin dahin; verschttete von Zeit zu Zeit Kaffee. Eine aufbrllende
Kanaille, ein blaurotes Tier, strzte dann der Manager jedesmal herzu.
Die Rodiebsvisage versank fast bis zum Balkanscheitel im Hals, so
schwoll ihm der Schlchtertorso vor Wut.

Einmal war bei den Literaten der Doyen der stheten erschienen, hatte in
einer Sprache -- von Krause als gepflegtes Galizianisch bezeichnet --
ein Rsonnement gehalten, anscheinend ber die Grenzen des Stehlens oder
wie er es nannte: das Schne aus der Vergessenheit heben. Und er
deutete mit zarter Wrde an, der Menschheit diesen Dienst fters
geleistet zu haben.

Bei Plotin oder dem Kusaner wrde sie es weder suchen noch fassen.

Nach einem Blick auf die Hosenbeine hatte Horus beschlossen, es doch
lieber bei Plotin, wenn berhaupt, zu suchen. An diesem Abend lieen
sich die brigen gleichfalls ethisch los. Ein Lngst-Arrivierter
dozierte:

Nur immer in Russen machen, so kleine feine Zge _ la_ Dostojewski --
sind ja billig genug -- im Buch verstreuen, wie Ostereier in Salonecken,
damit der verbldetste Kritiker sie noch finden mu; das freut ihn dann
so, da er den Kneifer verliert.

Ein Eben-Arrivierender warf mit dem Ende des Eckzahns Offenbarungen und
Tips unter die minder erleuchteten aber zahlreicheren Glieder der Zunft:

Nur immer Galopp schreiben. Transitive Verben. Intransitiv gebrauchen.
Vorn. Hinten. berall. Alles weg.

Erluterte an Beispielen.

Das Resultat schien Horus eine Art Pidgin-Deutsch analog dem
Pidgin-Englisch: Hafendialekt wie ihn Kulis und Nigger sich aus
aufgeschnappten Brocken zusammenlppern, die Sprache dabei, um eine
Dimension verstmmelt, in die Froschperspektive rcken, statt Klavier
etwa sagen:

Groer Kerl Kasten Master haut ihn er zu viel schreien.

Nur da bisher Niemand in Asien gefunden hatte, der Begriff: Klavier sei
in diesem Kraut- und Rben-Ausdruck konziser geworden, weil der Kuli die
Artikel weggelassen.

Schlielich endete es wie immer an hohen Geistesfesten hier: alle
pfauchten Kultur durch die Polypen ihrer Nase oder stelzten auf den
Eiszapfen ihrer Phrasen einher, bis Scheuer-Weiber, aus Splicht
gezeugt, Kbel voll Grauen durch ein Lokal erbrachen, das vor Entsetzen
Kopf stand auf Inseln aus Kaffeesud und Tabak.

Der Fremde sann: Da sind sie so stolz; weil alle hier Lesen und
Schreiben knnen, und knnen doch nicht stehen, schreiten, ruhen,
gren, danken, also: leben. Somit eigentlich doch auch wieder nicht
lesen und schreiben, insofern Lesen Erfassen fremden Lebens --
Schreiben Lautform des Eigenen ist.

Professoren traf man selten im Caf. Nur eines Platzregens wegen war
Dallmeyer flchtig hereingetropft, mit ihm eine dunkle, eher feine
Person, und drei slawisch-germanisch-semitisch gewrfelte Kinder. Beim
Anblick Bekannter wehte der Lodenkomet samt Schwanz eilig von dannen.
Krause, gleichfalls im Fortgehen, grte nach, schlug sich auf die
Froschschenkel: Familie Dallmeyer.

Da ein so rabiater Antisemit eine Jdin zur Frau und, wie es scheint,
gar Kinder mit ihr haben mag, meinte Horus.

Krause verteidigte den Gnner:

Oh, das ist nur eine Gewissensehe. Er kann sie jederzeit ruhig sitzen
lassen. -- Krause betrachtete wohlgefllig seine Couleur durch die
Regenhaut hindurch. -- Die Kinder illegitim, da braucht er so wenig zu
zahlen -- nein, das zhlt wirklich kaum.

In seiner zerstreuten Verblffung griff Horus nach dem Blatt, das der
Enteilende zurckgelassen. Seit jenem ersten Morgen in Paris hatte er
keine Zeitung mehr berhrt. Schon eine Tatsache auf diesem Weg erfahren,
schien ihm, als solle er seinen Durst mit Wasser aus einem Kamelmagen
stillen. Was er jetzt in Hnden hielt, war eine akademische Fachschrift:
Deutsche Korpszeitung stand darauf: ja, war er denn irrsinnig geworden
...?

Und die Mglichkeit des Vieltrinkenlassens ist auch notwendig.
Verbieten wir das Resttrinkenlassen, so kann jederzeit jeder trinkfeste
Fuchs jeden weniger vertragenden Korpsburschen in Grund und Boden
trinken, und die Autoritt ist hin oder aber, wir schaffen die
Bierehrlichkeit und damit die Grundlage jeder Kneipgemtlichkeit ab.
Verbieten wir das Vollpumpen, so geben wir ein Erziehungsmittel aus der
Hand. Die Kneipe ist fr uns, was der vielgelsterte Kasernenhofdrill,
der Parademarsch fr den Soldaten ist. So wie dort das hundertmal
wiederholte >Knie beugt< nacheinander Faulheit, Wurstigkeit, Trotz, Wut,
Schlappheit und Ermattung berwindet, und aus dem Gefhl hilfloser
Ohnmacht und vlliger Willenlosigkeit vor dem Vorgesetzten die Disziplin
hervorgehen lt, so bietet bei uns der >Rest weg< dem lteren vor dem
Jngeren immer Gelegenheit, seine unbedingte berlegenheit zu zeigen, zu
strafen, Abstand zu wahren, die Atmosphre zu erhalten, die fr das
stndige Erziehungswerk des Korps unbedingtes Erfordernis ist, wollen
wir nicht Klubs werden. Der >Rest weg< ist nicht immer, nicht bei jedem
angebracht, aber es mu ber der Kneipe schweben ...

War er denn irrsinnig?

Auch Samossy versah ihn mit Fachlektre. Vielleicht interessiert Sie
das, -- es waren Korrekturfahnen zu Dallmeyers neuem Werk, einem
breitschultrigen Band ber: Periodizitt im Organischen. Dann nach einer
Woche, mit erwartungsvollen Nstern: Nun?

Der eigentlich beweisende: der mathematische Teil strotzt ja von
kindischen Fehlern.

Das Rindvieh, jubelte Samossy ein ums andere Mal. Und das Rindvieh
merkts nicht, die Fachkollegen merkens auch nicht und andre lesens
nicht. Also Niemand merkt's. Das ist der Segen der Spezialisierung. Er
duckte sich zu einem Knuel funkelnder Bosheit zusammen.

Dieser Teil ist nmlich von mir, und kommt es schlielich heraus, ist
auf alle Flle er der blamierte Europer. Genannt hat er mich nicht als
Mitarbeiter, mte also nachtrglich eingestehen, er liee sich seine
Bcher heimlich von Andern schreiben.

Samossy spie Glck.

So ein Museschlchter, Drsenkitzler, Vergifter kleiner Nagetiere.
Quirlt einen Frosch und wird Dozent. Sperrt einen Ratzen in einen
Labyrinthkfig, schaut zu, um wieviel schneller das Vieh jedesmal
herausfindet, wird dafr Professor. Und das packt pltzlich der Raps
frs Fundamentale; Eitelkeit ist ja doch die Hauptwelle im Betrieb, der
brige Schwachsinn rotiert nur blind drum herum.

Na, da hab' ich ihn eben her--ein--ge--legt. Auch Freundchen Krause
werd' ich he--rein--le--gen beim Rigorosum. Weil der Alte in Remscheid
Klosettpapier verkauft, glaubt man sich reif frs Doktorat der
organischen Chemie, und weil der Onkel gerade Rektor ist, glaubt man
sich bei mir im Nebenfach sicher.

Wie das bei den Vorlesungen zugeht, wei ja jeder. Der Vortragende
schmiert vier Semester lang Zahlen an einer Tafel herunter, die man
mechanisch kopiert, sulzt dann Formeln in sich hinein, von deren
Konstruktion man keine Ahnung hat und die -- weil nur gemerkt und nicht
begriffen -- vier Tage nach dem Rigorosum durchs Hirn gefallen sind, wie
ein Pflasterstein durch Nebel. Der persnliche Erkenntnistrieb beruhigte
sich ja lngst bei der Variante: ich saufe, darum bin ich. Aber
hereinlegen werd ich ihn, schmeien werd ich ihn, den >Fernhintreffer
der Taktlosigkeit<. Er feuerte hinten aus vor spastischem Wutglck.

Horus war so leid um ihn, herzzersprengend leid. Dann, um abzulenken,
auch in dem Wunsch, mit diesem Dennoch-Groen einmal andere
Geistesgebiete, als die seines Faches, zu berhren:

Fr all diese jungen Leute wre es eben rtlicher, statt der
>Korpszeitung< lieber doch noch einmal: >ber Anmut und Wrde< von
Schiller nachzulesen.

Und erschrak. Bei dem Wort: Schiller hatte sich Samossys mchtiges
Gesicht auf einmal zu einem ganz kindischen Knoten hilflos diabolischen
Hasses zusammengeschnrt. Es war so entsetzlich, so unbegreiflich, so
schamlos und beschmend zugleich, da der fremde Gast rasch die
Aschenschale umwarf, die ganze Situation damit umwarf; Trivialitten
dazwischen warf, um nur ganz wo anders wieder beginnen zu knnen. Weg
von dem bsen Infantilismus, der grnen Wut, die unbegreiflicherweise
Schillers Name ausgelst zu haben schien.

Da sagte Samossy unvermittelt, dranghaft:

Kommen Sie mit ber Pfingsten. Wir wollen auf einen hohen Berg steigen
und Zarathustra lesen. Dann, hinterhltig, geheimnisvoll: Man mu vom
Weibe loskommen.

Horus erwrmte sich. Seit dem Abschied von Asien hatte er keinen
Sonnenaufgang auf einem Pilgergipfel mehr erlebt. Gut wrde das tun.
Endlich wieder.

Sie trafen sich am Bahnhof. In Deutschland sein erster. berall auf
Plakaten hingen, zwischen Ausrufungszeichen, an den Wnden lapidare
Beflegelungen des Publikums und andrer Wesen: --

Wandervgel benehmt euch! ... Unterlat ... sonst ...! Keine
Kirschkerne ausspucken, sonst ...! Wer unbefugterweise ... der wird
nach Polizeiverordnung vom ...! --

Lauter hingeschnauzte Imperative. So geleitet fuhren die Leute in ihre
Spiele und in ihre Mue hinein. Noch fuhren sie aber nicht. Barsche
Gtzen mit Schirmmtzen und lcherlich doppelt zugeknpft, hinderten
vorlufig jeden, dort hinzukommen, wo er hin sollte und wollte.
Erbitterte Menschentrauben hingen um zwei vergitterte Lcher, wo in
Kfigen andre Gtzen hockten und sich weigerten, Geld zu wechseln, oder
pltzlich das Milchglasfenster ihres Kfigs den gehetzten Massen vor der
Nase herunterknallten. War es endlich wieder offen, mute jede zitternd
abgequetschte Menschenbeere sich ducken vor dem Kfigloch, als krche
sie um Gnade; sie kaufte aber nur um ihr gutes Geld eine Fahrkarte, von
einem, den sie dafr selbst angestellt und bezahlt hatte.

Genau wie vor dem Postamt neulich, mit seinem Bcherpaket fr Erasmus!
Auch dort vor einem Gitterkfig die zustndige Sklaventraube: Mnner mit
Krampfadern, Frauen, Angst um anbrennende Milch in den Augen,
Arbeitnehmer aller Grade, bei denen Qual marternder Langeweile mit
hmischer Genugtuung, ihre Brotgeber um so viel schne Zeit zu prellen,
rang. Alle aber bekamen diese dunkelleere, geduckte Schtigkeit im
Blick, traf er den Kfig.

Endlich mit seinem Paket dem Gtzen im Loch gegenber, war dieser ans
Gitter gefahren:

Unvorschriftsmige Verschnrung.

Also hie es heimkehren, dann zurck, mit dem neuverschnrten Paket sich
wieder anstellen. Diesmal stocherte der unrasierte Gtze vermittelst
einer Feder unter der schwarzen Nagelplatte des Mittelfingers mit dem
rndigen Ring -- ugte das Paket wie einen Todfeind, dann sich
erhellend, grob:

Siegel fehlen.

Bitte wo und wie viele?

Der Gtze blhte sich violett auf:

Hier ist kein Auskunftsbro, glauben Sie, ich bin da, mich mit Ihnen
hinzustellen -- -- weiter.

Er kam zurck mit drei Siegeln.

Vier, spie es aus dem Kfig.

Er kam mit vier. Aus dem Gtzenloch triumphierte es:

Die Schnurenden sind nicht mitversiegelt.

Schrg stand schon die Sonne, doch dies mute ausgefochten werden, und
er strzte fort, zum fnften Mal wiederzukehren. Da winkte ihm ein alter
Herr mit einer Pfundnase heimlich in eine Ecke beim Papierkorb. Er
schien sie den ganzen Nachmittag nicht verlassen zu haben. -- Psh --
Psh, sein Speichel glnzte vor ihm her. Dann hinter einem Paravent aus
Wurstfingern:

Da ham's, er kramte eine Handvoll runder, gummierter
Pergamentplttchen mit verschiedenen Monogrammen aus der Tasche --.

I schau Ihner scho n' ganzen Nomitto zu, und jetzt schau i no zu wie
>er< -- sein Daumen wies gegen das Loch -- >zerspringt< -- ds san nmli
Verschlumarken -- er klopfte auf die Plttchen -- d gelten statt
Siegel, wanns ihm no mo net recht is, glei hinpappen -- alleweil glei
hinpappen, da kann er fei nix machen.

Er duckte hmisch gegen den Gtzen. Der aber mute den Vorgang gemerkt
haben, lie bis auf zwei Vordermnner den neugersteten Feind an sich
herankommen, dann klappte das Milchglasfenster einfach zu. Die wartende
Masse chzte vor Angst. Abrechnen tut er, raunte es ringsum, und
klgliche Blicke hingen sich an den Minutenzeiger, da er nicht springe:
vier Fnfersprnge und das Postamt schlo. Der Zeiger schttelte die
Augentraube ab und sprang zum ersten Mal. Das Milchglas rhrte sich noch
immer nicht. Die Herde knurrte bekmmert vor sich hin, bis oben voll
geduckter Wut. Da wagte der Fremdling sich aus der Reihe, wand sich
fechterglatt zum leeren Nachbarschalter, streckte den Kopf durch das
Gtzenloch und sah jenseits der niedren Zwischenwand den mit dem
rndigen Karneol am Mittelfinger sich noch immer die schwarzen
Nagelplatten ausstochern, whrend er einer kanariengelben Mitbeamteten
aus dem Abendblatt vorlas. Da ri ihm die Geduld. Gut: diesem Lande
Gast, hatte er sich seinen Bruchen zu fgen, dies aber ging die Wrde
des ganzen Planeten an. Mit geballter Faust drang er gegen das
Milchglasfenster vor, dem frechen Bureaukretin seinen albernen Scherben
zerschmeien; es war das einzig Gegebene. Welche Erlsung fr die
mihandelte Herde, wenn es endlich geschah. Doch siehe da! Hatte er denn
den Weltuntergang angezettelt? Die meisten flohen sofort, beherzte
Mnner voran, die frher am lautesten gemurrt.

I muas nit von allm ham, kreischte der heimliche Obstruktionist mit
den Verschlumarken und weg war er. Eine Rotte erbitterter Weiber warf
sich indes mit Megrengebrden auf Horus, nicht mehr Angst um
angebrannte Milch gab es, keine Krampfadern, keine bespiene
Menschenwrde, nur einen, der ihnen allen zu Hilfe kam: der gemeinsame
Feind.

Ach so: sie liebten das also offenbar, bezahlten es eigens. Pardon, ein
Miverstndnis. Eben ganz wie in dem Masochistenbordell zu Paris. Sir
Osmond hatte ihn der Kuriositt halber einmal dort eingefhrt --
Zuschauer beide -- denn manche Kunden wnschten ausdrcklich auch
Publikum zu dem etwas gewaltsamen Empfang, den sie sich bis auf jeden
Handgriff genau, brieflich und um schweres Geld vorausbestellt hatten.

An jenem Abend hatte sich nun, der Himmel mochte wissen wieso, ein
schlichter _outsider_ hierher verirrt. Offenbar fehl am Ort und durchaus
nicht im Bilde, war der brave Mann in heller Emprung einem Habitu zu
Hilfe geeilt, als dieser, seiner innersten Neigung nach, schon an der
Tre, nachdem er lange vergeblich gewartet, mit einer Flut von Injurien
durch eine Beamtete des Unternehmens empfangen worden war. Der in seinem
Vergngen Bedrohte, an Ureigenstem verstrt und gehemmt, zeterte nun
seinerseits los:

Wo die Ordnung bleibe -- Wirtschaft --! Ob man meine, er zahle sein
Geld fr nichts? _Sacr nom d'un petit chien marron!_ -- Wozu unterhalte
man denn sonst den ganzen Betrieb!

Und nun begannen alle: Handelnde und Behandelte ber den schlichten
_outsider_ herzufallen und warfen ihn die Treppe hinab. Sogar ein
lreisender in Pyjamas war, wie aus der Kanone geschossen, pltzlich
dabei und beteiligte sich unter Beteuerungen, da er ganz normal sei,
aber sicher noch seinen Nachtzug nach Lyon versumen werde, an dem
Strafgericht. Strzte dann wieder zurck -- -- _fait vite -- fait vite_
-- rief es aus dem Zimmer, machte bei halboffener Tre ein paar Griffe
an seiner Dame, fuhr herein, heraus und in seine Kleider, fand
zwischendurch noch Zeit, sich bei der Direktion ber _cette grue_ zu
beschweren. Frechheit, whrend seiner Liebe habe sie einen Apfel vom
Nachtkstchen genommen, hineingebissen und die Kerne zum Plafond
gespuckt, wie um zu zeigen, auch sie wolle eben ein Vergngen dabei
haben. Krnkend sei das! Freche Hure. Er spuckte aus und sauste mit
zwei Musterkoffern die Treppe hinab. Vielleicht hatte er vor dem Tor gar
den Hinausgeworfenen noch berholt und im Vorberstrzen Zeit gefunden,
diesen ber den Grund des Treppenflugs sexuell aufzuklren.

Ein Miverstndnis eben. Nein, Horus wrde in deutschen Amtslokalen
nicht mehr schlichten _outsider_ zu spielen versuchen. Staunte auch
nicht, als jetzt ein neues System teuflischer Netze den schumenden
Haufen, knapp vor seinem Ziel: dem Bahnsteig, abfing, da er davor zu
einem Block Unluststoffe gerann, dessen Lodenhlse unter dem Druck sich
durch die Gitterstbe spannte als platzende Ballonhaut. Drei Zentimeter
jenseits, vor Himmel und Schienen, ghnten ein paar Gtzen mit
Zwickzangen im Leeren, vor der leeren, lngst bereiten Zugsgarnitur.

Samossy, in die Ecke getrieben, bis an den Hals im Pbel, starrte dunkel
und schtig hinber. Hatte die Ohren zurckgelegt, spannte die
Stirnhaut, rchelte dumpf und eingespeichelt glcklich. Dann wie zu
schlechtem Gewissen erwachend:

So ein moderner Verkehr hat doch etwas Imponierendes, diese musterhafte
Ordnung, da alles so klappt.

Und sank wieder in trumende Starre.

Im Block unter der Lodenhlse aber brodelte rgernis: unerzogene Mtter
trieben mit Pffen Anstand in ihre falschgebornen Kinder hinein, den
diese wieder schreiend erbrachen. Mnner rissen sich immer wieder
viehisch Wege zu Bfett und Zeitungsstand. Den Raubmord von heute gierig
schwingend, den Raubmord von gestern achtlos um den Leberks gewickelt,
ritten sie dann, zurckgaloppierend, Schinkenstullen unter dem Rucksack
mrbe.

Jeder Ankmmling aber stie auf wutgerundete Rcken der Abwehr. Wieviel
so ble Zweibeiner gab es denn noch, wie man selber einer war?
Fassungslose Emprung! Man konnte das eigne Zahlreichsein offenbar noch
nicht meistern, hatte sich schneller vermehrt als da dem Einzelnen
seine persnliche Gleichung gestattet htte, sich dieser Verdichtung
anzupassen.

Pbeldichte ist das Infernalische hier, fhlte der Fremde; dieses
geistig und leiblich einander auf die Hufe spucken. Pbeldichte, nicht
Menschendichte, denn diese schafft ja positive Qualitten: etwa Chinas
Rcksicht und Diskretion, kann doch bei bervlkerung die unersetzliche
Einsamkeit dem Einzelnen nur durch zarte und kultivierte Manieren der
Vielen gewhrleistet werden. Er trumte sich zurck in das sdliche
Bltenland, das Land der Lebendigen. Wieder stieg die Paganinipyramide
auf, doch diesmal trug sie ihn durch Stunden und ber diese ganze Fahrt
hinweg, wie zum Dank fr einst. Manchmal schrak er glcklich lchelnd
auf, wog seinen Reichtum: Wieviel war meiner Jugend beschieden. Auch
geflgelte Perle kam.

Ich will dich das Geheimnis des Fues lehren und meiner lteren
Schwester das Geheimnis der Blume Lan.

Seidnes Wesen!

Sie hatte ihr Versprechen gehalten.

Aus der Zahnradbahn keuchte es jetzt, sich berrennend, dem Hotel unter
dem Gipfelkopf zu, einer im Kielschwei des Andern, Kinder und Ruckscke
schleiften nach. Im Tor schumten Wirt und Pilgrime gegeneinander an.

Zu fnft drei Betten -- ausgeschlossen, da sorcht ja schon die Behrde
jejen!

Aber Ludwig, ich bitte dich, Trude und Hans in einem Zimmer!

Bleibste in der Depandanxe -- nch?

Na, denn nich. -- Und auf einmal lie man das ganze bernachten
stehen, ri sich angstvoll um die Speisekarte -- zu reservieren, was zu
reservieren war. Familienvter bestanden auf fnf Kalbshaxen, Kinder
grlten nach Apfeltorte; es ging um Tod und Leben, als eine Person mit
angekettetem Kropf zwei graue Beete aus Krgen in den Mnnerarmen
hereintrug.

Auf einmal waren alle Mehmkes da, samt Tchtern, Schwiegersohn und Enkel
Fritz, von Krause flankiert. Dallmeyer blies schon Bierschaum in den
Ausschnitt von Margrinchens rosa taffet Bluse ber dem Lodenrock.

Samossy, gnzlich verwildert, umwieherte indes die Kellnerin. Doch ihre
rotpunktierten Mnnerarme in den kalkharten Puffrmelchen waren jetzt
frei und schtzten sie erfolgreich ringsherum.

Langsam mit dem Speisendunst ging die Stimmung ins Breite, Qualm
nikotinisierte den Verdru. Schon war die Luft fast so dick wie zu
Hause, und nahrhaft von vergastem Fett.

Jetzt hieben ein paar Tatzen voll Tne in den Brodem. Ein
Auswendighmmerer begann Kraut und Rben durcheinander zu hacken, ri
dem Klavier die Stockzhne aus, schmi sie der Dullih-Stimmung in den
Rachen: aus einer Art Beethoven _cake walk_ schmalzte er in ein
Carmen-Meistersinger-Potpourri hinein, schlang diesem den Liebestod als
Boa um und markierte dem wiehernden Saal die Glocken aus Parsifal, mit
dem Ges auf der Klaviatur, landete dann mit einem Flohsprung mitten im
letzten Satz der Neunten Symphonie, boxte sich durch bis an die
Menschenstimme -- -- --:

   Nee, so was Gemtliches, nee so was Gemtliches,
   Mir wackelt vor Lachen der Bauch,
   Na siehste, dir wackelt er auch.

Und die Sonnenpilgrime fielen mit der zweiten Strophe des
Sensations-Schlagers der Saison ein:

Vor Gericht zur Ehescheidung ist zur Shne heut Termin.

Er in eleganter Kleidung, sie sehr schick, Hut voll Jasmin.

>Wollen Sie sich nicht vertragen?< fragt der Richter ehrfurchtsvoll.

Als sie grade ja woll'n sagen, schreit ein Weib: >Paul, bist wohl toll!

La die alte Zicke trmen!< >Was, Sie Mensch!< schreit darauf die Frau;

Nun geht's los mit Regenschirmen, alles schlgt ein'n Mordsradau.

Zhne, Zpfe umherliegen und der Richter bietet Ruh.

Se Schmeichelworte fliegen. Ekel, Lulatsch, alte Kuh!

Selbst der Richter kriegt zum Schlu im Gewhl eins auf die Nu.

Nee, so was Gemtliches etc.

Drauen -- drauen standen irgendwo Sterne -- gro und weit weg.

Um Morgengrauen barsten Wecker auf Tellern, kreischten spitze Trichter
hinein. Ein finstrer Knchel kam von Tr zu Tr, zerklopfte durch Holz
hindurch Trume im Hirn. Das Hemmungslose der Aufstehgerusche stand
pltzlich mitten in fremden Zimmern. Durch Korridore schlurfte es ohne
Kragen, in Hemd und Unterhosen. Wie ertrugen sie nur eine Tracht, die
tagtglich durch dieses entwrdigende Stadium hindurch mute?

So mach doch vorwrts -- noch nicht fertig? -- Dann wieder in
seltsamem Hedonismus: Na, freu' Dich bis wir nach Haus kommen! Tren
knallten; grn vom Fleisch und Bier der Nacht, stolperte es in karierten
Plaids durch die silberne Frhe. Ein Pfahl im Schotterhaufen und eine
Ansichtskartenbude markierten den Gipfel.

Jetzt war es so weit:

Ungezogenes Gebrll verkndete das Herannahen der Sonne. Mnner riefen:
Na also! Frauen: Ach wie s. Jeder rief irgend etwas.

Ja, so ein Sonnenaufgang bleibt doch ein Sonnenaufgang, begann
Frulein Mehmke -- dann ward es ihr bleich vor dem anmischen Hirn, sie
htte gestern nicht so viel Schlagsahne zu den Birnen essen sollen.

Dallmeyer stie indes aus den Wolken seines Bartes die ersten Tne von
Brnhildens Erwachen: Heil dir, Sonne!

Krause war dagegen:

Nee, nee, lassen Se se lieber in alter Weise tnen.

Und Margrinchen, die wieder funktionierte, ratschte weiter:

In Brudersphren Wettgesang, und ihre vorgeschriebne Reise --

Reise -- erinnerte sich Frau Geheimrat, im Rucksack kramend -- hast
du am Ende das Reisebesteck vergessen? -- Vater braucht den
Pfropfenzieher.

Nun, Fritz, wie geht es weiter, examinierte Mehmke, in deinem >Goethe
fr Jungens< hast du's ja beinahe unverkrzt.

Aber Fritz maulte: jetzt is Ferien. Und er intonierte das
Lieblingslied von jung und alt:

   Mariechen,
   Du ses Viechen,
   Sie ist eine ne--te--te--te,
   Diva von der Oper--e--te--te--te.

Da es ihm seine Mutter oben verwies, qukte er es um so lauter etwas
weiter unten bei den Khen, kam aber bald zurck, denn man leerte aus
den Ruckscken Konserven in die Natur, die Fransen von Mehmkes Plaid
schwammen schon im Sardinenl. Man kaute und schrieb zwischendurch
Ansichtskarten. Mnner entfalteten markig das Abendblatt; weise diesem
zeitungslosen Sonnenaufgang entgegengespart. Es war voll der neuesten
Pariser Sensation: dem Hosenrock. Seit Wochen flossen die Gazetten aller
Parteirichtungen ber von Bulletins. Wrde er sich wirklich auch
auerhalb Frankreichs als Mode durchsetzen? Unmglich ... bei keiner
anstndigen Frau ... die Entrstung war allgemein.

Geiler, welscher Tand. Dallmeyer rhrte auf germanisch.

Margrinchen zeigte ihm, wie mhelos ihr eigner Rock aufzuknpfen sei:
entarteter Abkmmling eines verjhrten Pariser Schlitzmodells, nur da
sein planlos Affenhaftes hier ins stockend Barbarische geraten war.

Echt weiblich und doch praktisch, lobte Dallmeyer, echt deutsch!

Auch malerisch, ergnzte ihre verheiratete Schwester, die den gleichen
trug, und drapierte einen Batikschal ber den Wettermantel und die
auseinander geronnenen Hften.

Wer ohne Zeitung, hatte anders vorgesorgt fr die langen Stunden hier
drauen, wo nichts los war: Wollen wir n'en Skat dreschen? Und aus
Handflchen sprangen karierte Bltter per Kopf auf gebreitete
Lodenflecke ringsum. Manchmal zorniges Grunzen: Rindvieh dappigs, so
pa schon auf. -- Halts Mu!

Akademisch Gebildete spielten hier nicht Karten. Wuten, da man in der
Natur natrlich zu sein und sich in ihr zu lagern hatte. So lagerten sie
erst angezogen, als Fremdkrper umher, begannen dann aber, als es wrmer
wurde, auf grauenhafte Weise Bekleidung von sich abzustoen, unter
andauernd witzigen Bemerkungen ber diesen Vorgang. Die Rhododendren
hingen schon voll Hosentrger, und das schlurfende Stadium von den
Korridoren war wieder erreicht; selbst halbe Akte tauchten vorbergehend
auf, verschwanden wieder: nein, es war allerdings kaum anzunehmen, da
die Natur das zum sichtbarlich auen Tragen bestimmt haben sollte.

Mal bichen Natur kneipen. Auf dem Rcken liegend, hob Krause das
Ges und klappte die Hufe in der Luft erlaubnisheischend gegen die
Damen zusammen. Oben die Sonne wiederkuend, buk er unten die gelbliche
Riesensemmel seines Bauches gar, im eignen suerlichen Speck. Der
Geheimrat kraute mit dem kleinen Fingernagel seine grauen Achselhaare:

Was Samossy, dieser Intrigant wieder ausgeheckt habe -- ein Narr -- ein
gemeingefhrlicher Narr, ob Dallmeyer den Angriff ...

Aber Dallmeyer hatte die Stiefel ausgezogen und war lngst
Jung-Siegfried; dahin rollten die Stcke des morschen Speers, an Notung
zerschellt. Keine Abfindung fr die Schwarzalbin, jdische Mitluferin
und was ihr entsprossen. Seine mnnische Kraft sollte eine reine
Jungfrau erwecken ... nur wer durch das Feuer bricht ... als
korrespondierendes Mitglied mute er heuer noch in die Akademie hinein.

Kein Gru aus der Kreatur klang in diesem ther. Kein aufjubelndes
Fluidum aus wilden, freien, vielgestaltigen Herzchen entzndete sein
zeugendes Netz. Leergescheucht auch er: ein bler Doppelspat, auch er,
durch den das Un-Sein hereingebrochen kam.

Kinder machten auf ein paar glcklose Kriechtiere Jagd, die nicht Beine
genug gehabt, sich rechtzeitig einzugraben. Fritz kroch umher, kratzte
aus dem Moos, was er an Fhlern und Flgeln erwischen konnte, brachte es
in seiner scheulichen Gymnasiastenmtze Margrinchen. Sie sonderte die
mnnlichen Tiere aus, und er durfte sie in eine Glasflasche fllen,
whrend das Frulein ihr biologisches Besteck auspackte.

Unten nicht so zerquetschen, mahnte sie, wenn seine Fingerstummel mit
den verkehrt eingesetzten Ngeln ihr eine Kreatur nach der andern
reichten. Dann sah er mit abstehenden Ohren zu, wie sie hineinschnitt.

Immer fleiig, schmeichelte Dallmeyer. Er war endgltig durch das
Feuer gebrochen und nherte sich bereits Margrinchen auf ihrem Fels:
Immer eifrig bei unsrer Wissenschaft.

Vom Hotel herauf schellte es jetzt Mittag. Sie warf das angeschnittene
Tier weg und begann ihre Frisur zu richten. Dallmeyer sthnte in Stiefel
hinein, Krause suchte nach Hosentrgern -- Plaidfransen blieben an
Uhrketten hngen, rissen Geld und Karten ins Gras, alles knpfte sich zu
-- stob abwrts zu Hauf.

In die lange, neue Stille hob sich aus Gebsch mit eins ein
verschlafener Kopf, blinzelte ins Leere -- begriff dann. Maloser
Schreck ging in seinen Zgen auf, er blickte wirr um sich, dann
schreiend:

Ist es schon losgegangen?

Wenn Sie die _table d'hte_ meinen, so glaube ich: ja.

Der Europer warf die Arme gen Himmel und wollte fortstrzen, da vertrat
ihm Horus den Weg, packte ihn vor der Brust:

Was ist das jetzt eigentlich fr ein Fest heute?

Na, Pfingsten doch.

Was ist das: Pfingsten?

Dem Andern wurde ngstlich, er klammerte sich an seine Brieftasche:

Die Ausgieung des Geistes natrlich, oder so was hnliches. Ri sich
los und machte im Lauf kopfschttelnd vage Gebrden vor dem Hirn, wie er
sie in irgendeinem verlogenen Theater gesehen.

Jetzt waren also endlich alle hinuntergeflossen, diese
Ohne-Hunger-Esser, zu ihren dicken Suppen, die ihnen wieder ausbrachen
als unmiger Schwei, und der Gipfel tauchte frei empor; der gettete
ther um ihn aber trug keine Seeligkeit mehr. -- Vielleicht das Moos? Er
bckte sich: Enzian sah ihm in die Augen herauf, dann ein kleines
Gelbes, das sehr keck schien, rtliche Rllchen rochen gut. Vielleicht
enthielt die Erde fr ihn die antische Strkung eines Grues.

Wie einst zwischen die aufrauschenden Ohren Rama-Krishnas, warf er sich
nach vorn, prete das Gesicht ins Lebendige, fuhr auf und mit der Hand
an die Stirn: dort klebte quer eine Wursthaut. Worin lag er da? Eine
Bergwiese? -- ein Kehrichthaufen? -- ein Magengeschwr? -- ein
ungemachtes Bett? Zerwlzt ohne Wonne, in dem Frigiditt, Geile und
Feigheit aneinandergeklebt hatten! -- War das noch Enzian oder schon ein
Tintenklex, roch die zerknllte Stanniolkugel da oder das Kohlrschen?
Er suchte nach dem angeschnittenen Versuchstier der jungen Dame. Ttete
das sich Windende rasch, fest, ehrfrchtig.

Samossy kam erst knapp vor der Rckfahrt aus einer Tr zum Vorschein, an
der geschrieben stand:

Nur fr das Personal, Gsten ist der Eintritt nicht gestattet. Beim
Abstieg rieb er uerst animiert die knorpeligen Enden seiner langen
Finger aneinander, als wollte er Feuer aus ihnen schlagen, wieherte in
der Fistel:

Ja -- ja, man mu vom Weibe loskommen.

Die Kellnerin hatte ihm aus kalkharten Puffrmeln mit einer roten Pranke
nachgewunken, die kein goldnes Kettenarmband trug.

Zarathustra war ungelesen im Rucksack geblieben.

Abends entlie der Ostbahnhof die Ausflgler in fahle Vororte hinein.
Aus einem politischen Keller stank eben strukturloses Gewlle breit in
den Platz, jenem gleich, das im Hafen von Marseille, als Ballen von
Migunst, das rhythmische Arbeiten der asiatischen Bemannung mit
hmischer berheblichkeit zu zergaffen versucht. Hier schien es in Flu
geraten, in stumme, malose Geschwollenheit hinein. Sah man nher zu,
zerfiel es in einzelne, aus allen Angeln gedrehte graue Brocken, die
torkelnd neben ihren Stiefeln gingen. Weiber hakten sich in Mnner,
reckten die abgebundenen Spitzbuche, stampften auf kolossalen Fen
eine namlos verlogene Degagiertheit einher. Junge, mit wilden
Papuafrisuren lachten wie aus Grammophonen. Allen stand ksiger Schwei
aus Wurst und dicken Phrasen um die eingetriebene Nase und den
sackfrmigen Mund.

Es waren die abstoendsten Geschpfe, die er je erblickt. Nicht so sehr
durch das belgeratene selbst, nein, durch eine beispiellose
berheblichkeit weltgltigen Rpeltums, mit der jeder gerade dies
belgeratene, wie eine hohe Rechnung prsentierend, an sich zur Schau
trug; Gesitteteren damit schadenfroh unter der Nase herumzufuchteln
nicht mde ward, als wre er das Unma aller Dinge.

Auch hier wieder der typisch europische Blick: er, der nicht sah, als
bliebe die ganze Umwelt dauernd in den gelben Fleck der Netzhaut
gerckt.

Auf dem andern Gehsteig kam jetzt eine einsame Frau dem Haufen entgegen,
strebte, dunkel gekleidet, unauffllig und still -- etwas eilig auch --
ihres Wegs.

Schon waren die Vorderbrocken blind ber sie hinausgetappt: das
ausrangierte Schachrssel mit der roten Schleife an der Spitze, einer
der fanatischen Nasenbohrer aus der Russenecke im Caf und ein kleiner
Herr mit Zwicker von auerordentlich semitischem Typus.

Da ersphten zwei Halbwchsige die Einsame, vertraten ihr aus der Flanke
des Zugs heraus den Weg -- noch probeweise -- wie suchend vorerst,
tnzelten von Bein auf Bein -- endlich glaubten sie etwas gefunden zu
haben:

Mir scheint gar, ds is a Hosenrock.

Und der eine blhte hmisch vorn seinen Latz, ganz wie die Crapule in
Marseille vor Gargi getan. Der Unflat, der auf seinem Hals an Stelle des
Gesichtes sa, stank ihm dabei aus den Augen.

Der andre, gebckt, Zigarettenstummel im eckigen Maul, tat, als
inspiziere er streng von unten.

Die unscheinbare Frau hob sanfte Hnde der Abwehr:

Lassen Sie mich vorbei, bitte, ich mu nach Hause.

Aber schon kreischte es rundum:

A Hosenrock, a Hosenrock.

Spitzbuche und Papuafrisuren rissen die Mannsleute heran:

A soa Weibstuck, a soa ganz ausg'schaamts, a soa Grokopfate!

A soa Madame.

Oin iebermietiger Adel und ein verrottetes Brgertum ... begann das
ausrangierte Schachrssel -- --

Eiterbeule am Pestleib des Kapitalismus ... fuchtelte der kleine
Leitjude. Schamlose Provokation des klassenbewuten Proletariats ...
Genossen, setzt euch zur Wehr ... der gesunde Sinn des werkttigen
Volkes darf nicht dulden ...

Geiler welscher Tand, rhrte es jetzt dazwischen aus dem wallenden
Dallmeyer-Schdel, den Husern angeklemmt im Trupp der Ausflgler.

Nur helleingesehene Unmglichkeit, sich dorthin durchzuboxen, hielt
Horus ab, sich gerade auf diesen reiend Verpbelnden zu werfen, doch
auch seine Glieder waren eingekeilt zwischen Mauer und Mob.

Einen Moment duckte sich Stille im Raum. Bogenlampen flirrten hoch
darber. Dann grellte ein Ton auf, dem sich in der ganzen Natur an
Gemeinheit nichts vergleicht. Der infernalische Ton eines johlenden
Europerhaufens pfiff hinter dem hingespienen Zigarettenstummel drein,
zwischen Fingerstumpen hinausgegellt als onanierende Niedertracht.

Der Hosenrock mua aver ... bern Hintern gspannt, ghrat er ihr, der
Hosenrock. Ein Stierkerl mit Wurstpratzen hatte es gebrllt.
Temperamentlose Wut aus eiskaltem Schweinespeck gebar zuerst
Moralsadismus. Die Weiber heulten Triumph. Das wieherte, spie, trampelte
im Rudel heran um die weinende Frau. Unter gingen ihre Hilferufe im
Gegrle des Mob. Von der Welle aus Feigheit in Frechheit hinbergesplt,
warfen sich die zwei Halbwchsigen platt auf den Bauch, krochen ihr
unter den Rock, hoben ihn rechts und links mit den Kpfen hoch, zerrten
die Beine der Wimmernden auseinander, da sie mit dem Gesicht platt in
den Kot fiel ... Mit hakrummen Pfoten strzten sich die Weiber ber die
Liegende, rissen ihr die Kleider in die Hhe, die Hose auseinander ...
der russische Nasenbohrer fanatisierte die Herde rechts und links, wie
ein anspringender Hetzhund.

Vorn der kleine Leitjude kniff sich eilig einen zweiten Zwicker auf,
reckte feixend den Hals, um besser sehen zu knnen.

Eine Megre heulte wehleidig auf: A soa Kanalli. Sie hatte sich an der
Hutnadel ihres Opfers geritzt.

Volksgericht ... Volksgericht, das ausrangierte Schachrssel zerri
sich fast in der Luft, doch keiner scherte sich drum. Eine Blase grner
Gier, schwoll die Pbelgeile ber ihrem Opfer, immer hher aufgetrieben
von den fanatisierenden Sprngen des slawischen Nasenbohrers.

Auf einmal stach ein Polizeipfiff die Blase an, feig und flach fiel sie
zu einer Linse zusammen, gerann immer dnner, bis das Straenpflaster
aus ihr aufstieg, in dem ganz allein, in Qual und namenloser Scham, sich
die gemobte Frau mit grellentbltem Unterkrper wand.

Auer ihr fand die Wache eigentlich niemanden mehr zum Verhaften vor.
Zwei Polizisten fhrten die Halbohnmchtige ab, ein Dritter bckte sich
nach dem Hosenrock. Mit strenger Hand hielt er das rgernis in
sittlichem Ekel weithin von sich ab. Wies es anklagend rundum, begann
pltzlich zu gluren, zu grinsen, und alle rings im Kreise grinsten mit.
Man schlug sich auf die Schenkel vor Vergngen.

Das war ja gar kein Hosenrock.

Auf die entleerte Strae schlich es sich jetzt hinter einem Huserblock
schlacksig heran, alle Krperknochen eckig unter die engen Augen
gehuft: der Hetzhund des Haufens warf sich platt nieder, windelweich
auf einmal. Begann das glitschige Frauenblut aus dem Straenschmutz zu
saugen, umarmte das Pflaster, quetschte seine Seele wie einen
verschnapsten Schwamm ber den Brei aus Blut und Kot, in greinendem
Gefasel, menschheitsduselnd aus.

Da stie ihm Horus Elcho in sternblanker Wut den Fu ins Rckgrat:

Auf -- Schwein -- aufhren mit dem sentimentalen Dreck.

Bruderherz, harnte es flennend na von unten herauf -- la dich
umarmen, Bruderherz, wir sind ja alle gleich, mein Seelchen, -- alle,
alle gleiche Menschen.

Nein -- Gott sei Dank -- nein!

Und der goldugige Exote schritt auf den andern Gehsteig. Der Erdradius
war nicht so lang, als jetzt diese Vorstadtstrae breit war.

Viele Stunden lief er noch durch die milde Nacht, in den Anlagen Flu
auf und ab, mit heien Adern. Als schwefelige Blitze standen ihm die
Nervenfden um das bewlkte Herz. Und dann trieb ihn Trotz
unwiderstehlich, ein Stck Maskerade seiner Zugehrigkeit zu dieser
weien Kterrasse nach dem andern wegzuwerfen -- einfach weg ... Erst
die Fuschachteln in eine Wiese, den Rock ins Wasser, den albernen
Stoffkopf hing er an einen Strauch, kam zurck, drehte ihn um zu einem
Nest zwischen drei Astgabeln; vielleicht diente er so einem anstndigen
Vogel zur Brutstatt -- tat es in vagem Trieb, ses Leben als
Gegengewicht zu frdern.

Ins silberduffe Gras auf die Flanken gekauert, berdehnte er dann die
zehn Gliedspitzen wie ein ghnender Jaguar -- wehende Halme streichelten
den Stromkreis zu, leiteten das ausgetriebene bel erdwrts, da lste es
sich ber die makellose Riesenkugel hin auf.

So mochte es zwei Uhr geworden sein.

Das gibts nicht da. Das ist Vagabundage, -- im Freien darf nicht
bernachtet werden. Ein Ordnungsgtze voll Blech am Kopf trmte schwarz
und lotrecht in die Natur.

Langsam drehte er sich auf den Rcken, sah was zwischen ihm und dem
Polarstern stand, bekam einen gelachten Wutanfall.

Also nur im Unfreien darf hier bernachtet werden? Jetzt sagen Sie, was
darf man in dieser europischen Dreifalt von Schlachthaus, Irrenhaus und
Zuchthaus denn eigentlich? Leben verhunzen, was? Natur verhunzen! se
Tiere zermartern! Pbel zchten! Bosheit msten! Moralsadismus treiben?
Kurz, auf jegliche Art ein Schweinkerl sein: das darf man. Will aber
einmal der Arme eine Nacht lang Sterne statt Wanzen ber seinem Kopf
haben, so heit ihr das Vagabundage. Oh eure Lgenworte. Eure
schiefgemaulten Lgenworte! Da laufen Asphaltstraen, rein wie Schnitte
an einem Tortenbergu durch eure glatte Welt. Was hilft's, sind sie
allesamt mit brokretinistischem Sekret berzogen, nur im Hrtegrad,
nach den Lndern wechselnd, von Eisenbeton zu _fromage de Brie_:
stinkender wenn weicher -- drckender wenn hrter; lebensundurchlssig
alle.

Habt ihr denn so ganz des gttlichen Kontinents, aus dem ihr kamt,
vergessen? Seine jahrelangen Straen sind staubig und trockenen
Bffelmistes voll, der in die Augen brennt. ber diesen Bffelmist aber
schreiten mit Mantel und Schale Hunderttausende in die Vergottung hinein
-- frei und unbefragt. Hier an dem weien Rand ins Nirvana tut jeder das
herrlich zchtende Joch der Kaste von sich ab, das ihn herangeleitet,
steigt aus der tiefen Farbenmulde seiner Art und verbrennt zu Gott,
wandernd im Anhauch dieser freien Straen.

Sie gehen jetzt mit, sagte das Triefauge des Gesetzes, noch uneins, ob
das mit dem Bffelmist Amtsehrenbeleidigung oder nicht.

Im Polizeigebude hingen an verwanzten Wnden schwachsinnige Zettel in
Rahmen herum: wir wollen helfen, nicht strafen -- nach eignem Sinne
leben ist gemein und hnlicher Fibelschund.

Da er Seidenwsche aber keine Stiefel trug, rettete die Situation. Auch
das Pfingstfest.

Nun ja, der Feiertag! total besoffen eben -- aber sonst ein feiner
Herr. So lie man den kuriosen Fang nach Abnahme seiner Personalien
gehen, machte ihn aber auf die Folgen eventueller doloser Irrefhrung
der Behrden aufmerksam.

Europa hatte nur eben probeweise ein paar Maschen ihres Jusgarns ein
bichen um ihn zugezogen, so zum Spa, nur um zu zeigen, was sie alles
konnte. Lie ihn dann wieder laufen, -- weiter in gesenktem Netz, das
ber die klebriggespannte Ballonhaut dieser ganzen aufgetriebenen Welt
schleppte.

Seit der Hosenrock-Episode begriff er mit eins den Geldkrampf aller.
Ihre schlotternde Angst. Das an eignem oder andrer Geld Kleben,
hemmungslos, zum Gemeinsten bereit, aber nur mitschwimmen drfen im
Oberflchenhutchen, sich mit Dreck dort anpappen -- oh, alles -- nur
nicht heruntergestrzt werden zu diesem aus seinem stinkenden Brodem
aufschnappenden Mob.

Schicksal eines Beutetiers war Adel und Wohltat dagegen.

Hier hie arm sein ja nicht in veredelnde Einsamkeit wandern, mit
vollkommenen Tieren frei durch Flur und Licht spielen, die
Diademgestirnte zur Genossin haben, bei Ganapati Sastriar hocken, mit
dem Schikari schweifen, im sanften Gewimmel blauer Kulis unbelstigt
leben oder sterben, unbeschnffelt von der taktlosen Tyrannei
behrdlichen Humanittsschnauzentums.

Ging es einem Hindu schlecht, umgab ihn immer noch Distinktion der
Gebrde, Zartsinn, Niveau der Kaste, durch die das Individuum mehr --
schon dem Typus nach mehr ist -- als es aus sich selbst zu sein
vermchte. Arm sein hie daher nur: Form der Gesittung tauschen.

In Europa aber hie es, dank diesem sadistischen Wohnzwang, wirklich in
der Hlle sein: bis zum Tod eingesperrt leben mit Roheit, Bosheit,
Intoleranz und Gekeif, umlauert von hmischer Neugier. Hie statt ser
Kinder falschgeworfene, verzogene, grhlende Migeburten haben,
hingesudelt im Fuseldunst, denn nie knnten klare Sinne den Ekel vor
erotisch so ungepflegten Weibern, wie sie dem Armen hier einzig zur
Verfgung stehen, berwinden.

Hier ohne Geld sein, hie also fr einen Menschen von nur
durchschnittlichem Feingefhl: Selbstmord. Nicht Entbehrungen der Armut,
des Niveaus der Mitarmen wegen. Denn so etwas wie einen entrassten
europischen Mob, das hat ja die Welt noch nicht gesehen, hat es nie und
nirgends noch gegeben! Lag es an Lhnen? Lebenshaltung? Keine Spur. Gab
doch das Volk hier nebenbei fr Alkohol und Tabak tglich mehr aus, als
ein Chinese fr den Unterhalt einer ganzen Woche. Der kroch morgens aus
seinem Kanalloch, eine halbzerkaute Ratte zwischen den Zhnen und war
doch ein Wesen an Courtoisie und Herzenshaltung von den Hchsten seiner
Rasse, einem Li-Hung Tschang etwa, nicht gar zu sehr verschieden, bte
wie sie die Selbstzucht eines komplizierten Zeremoniells, lebte wie sie
das Buch der Riten und die Religion des guten Brgers. Lag es an
psychischer Qual? Beweis, da diese europische Masse nicht wirklich
litt, war ihre Taktlosigkeit: erste Frucht des Leidens ist der Takt.

Eine unbegreifliche latente Bosheit bildete hier durch alle Schichten
hindurch Knoten, um gelegentlich an der Stelle geringsten Widerstandes
durchzubrechen: dem Sehen.

Aber warum sahen sie nicht? Warum waren alle am hellsten Sinn
verkmmert, aus dem die Liebe erfliet und die Vision? Konnten Hose von
Rock nicht unterscheiden, echt von unecht, Kunst von Kitsch, fielen und
legten einander rastlos wechselseitig optisch herein.

Gargi, die nie Fragende, hatte einmal schchtern gemutmat.

Ist es ein Gelbde?

Meinte den ersten Backenzahn, den die meisten golden trugen, neben
vorderen Porzellankronen.

Nein, sie glaubten eben, man sehe das nicht, weil der Zahnarzt, der auch
nicht sah, es beteuerte. Ein Blick htte das Gegenteil erwiesen, aber es
war eben kein Blick da. Anfangs konnte er in Paris immer wieder ber die
schleierlose Roheit erschrecken, mit der Menschen in Sehweite
bereinander medisierten, vermeinend, das merke sich nicht, auer
Hrweite zu sein genge. Lang hatte er gebraucht, um an solch optische
Verstumpfung faktisch glauben zu knnen. Alles was die Europer in ihrer
Biologie von den niedren Tieren behaupteten, war wirklich ganz richtig
-- auf die Behaupter selbst angewendet. Reagierten auch so automatisch
mechanistisch, wie sie es den Amben zuschrieben; auch _ihre_ Fundstelle
(das Heim) der einzig vllig reizlose Ort, wo sie ihr Futter fanden.

Hing mit dem flchlichen: oberflchlichen Sehen nicht auch die
berschtzung des Malerischen hier zusammen? Welt der niederen Tiere,
die sich in verschieden belichtete Flecke auflst; noch nicht
aufgestiegen in die dritte Dimension. Daher vor allem der Hang ihrer
berkleideten konturscheuen Weibchen zur palettenumschweinzten Aura.
Dieser ewige Kunstschwatz und in Bilderausstellungen Rennen _der
Europerin_, was sie gar nichts anging, statt was sie unmittelbar
angehen sollte zu beherrschen: die Raumschpfung des Heims. --
Schaukraft fehlte eben: Durchschauung des dreifltig Gefgten:
Architektur.

Ja, die berschtzung des Malerischen lebte von zerronnenen Weibern.

Nur konturreine Maschinen waren hier auch zu wrdigen Behausungen
gelangt. Er hatte sich die modernsten Architekturwerke kommen lassen, da
herrliche Bahnhfe, Silos, Fabriken, Betriebssttten gefunden, dabei
gedacht:

Wre ich eine Turbine, liee ich mir mein Heim von Behrens einrichten.
Auch Rsser und Exkremente hatten es gut. Stlle und Kanle gelangen
manchmal wunderbar. Nur Menschenheime im Sinn und Rang des Hauses Elcho
fehlten, denn es fehlten die Menschen dazu. Langsam begann er die
Leistung seiner Mutter zu begreifen. Diese jahrelange, zhe, unbeirrbare
Treue zum Ideal. Das einzig im hchsten Sinne europische Heim war am
Herzen des Dschungls erschaffen worden.

Welche Selbstverlschung, ihn in diesem Werk Europa anbeten zu lassen,
statt sie. Wie weise lang hatte sie ihm die sprhenden Sporen dieser
Illusion bewahrt, die ihn hinaufgebumt aus goldner Sinnenmulde in die
herbe Kraft lotrechter Geistigkeit.

Langsam drehte sich die ganze Kuppel an seiner Jugend Wunderbau in einen
neuen Aspekt hinein. Manche Absicht klrte sich, berraschend gelst --
mehr noch blieb vieldeutig, doch war er ohne Ungeduld. Zog wie auf
Wolken ber diesen Kontinent dahin, unangreifbar in seinem Kraftfeld:
fern, stark und unberhrt als ein Schauender.

Seit der Hosenrock-Episode schnitt er Dallmeyer. Schmte sich zu sehr
fr ihn. Sa denn bei so einem kastenlosen, durch ewige Bastardierung
Entzchteten keine einzige Hemmung, keine einzige Qualitt mehr
generationenfest? Hatte man so einen Mischkerl allein, war er meist ganz
leicht besserem Niveau zugnglich, schon seiner affenartigen
Charakterlosigkeit wegen, mimte unter der Hypnose eines Vornehmeren
Verstndnis ohne Heuchelei, um sich dann, bei der ersten Probe, fiel
Einzelverantwortung weg, der Masse: dem Vieh ohne Grohirn gleich zu
benehmen. Das erklrte dieser furchtbaren Vibrionen der Verpbelung
Virulenz und leichte bertragbarkeit auf scheinbar Immune. Immer waren
eben hier die wichtigsten Dinge einem schauerlichen Zufall, einem
schamlosen Ungefhr ausgeliefert. Heiratete man etwa eine Frau, die
einem gefiel, wnschte sich gleiche Kinder, krochen vielleicht
Wechselblge aus ihr, nicht von Hexen in der Wiege, von blen Tanten im
Mutterleib vertauscht, weil der Typus nicht feststand, die Frau selbst
nur ein freundlicher Zufall war, aus einem _qui pro quo_ gemischter
Akzidenz zusammengewrfelt.

Natrlich hatten sie wieder aus ihrer torkelnden Planlosigkeit eine
wissenschaftliche Theorie gemacht. Samossy versuchte ihm einmal so einen
Humbug mit dem Ahnenverlust einzureden: da das Individuum die Summe
aller Eigenschaften und Erfahrungen seiner smtlichen Vorfahren sei,
bedeute jede Inzucht: jeder Vater und Mutter gemeinsame Ahne eine
Verminderung des mglichen Eigenschafts- und Erfahrungskomplexes:
Mensch. Je heterogener daher an Stamm, Rasse, Kaste, Blut, Heimat, die
Vorfahren, desto reicher die Nachkommen.

Da hatte er nicht mehr an sich zu halten vermocht:

Mein Gott, was fr ein Verkterungsschwindel! Auf Stokraft und
Richtkraft der Erbmassen kommt es doch an, auf Qualitt und Intensitt,
nicht auf einen mglichst hohen Kehrichthaufen von Anlagen und
Erfahrungen, die, wenn nicht gleichgerichtet wie Eisenfeilspne im
magnetischen Feld, einander hemmen, schwchen, aufheben, und das
Endglied ist dann schlielich nichts als eine ganz volle Null. Bei euren
Pferden und Hunden wit ihr doch recht gut, worauf es ankommt, wollt ihr
hohe Geldpreise gewinnen aus gezchteter Form und Leistung. Hchstens,
da fremdes Blut bei gleicher Kaste mglicherweise vielseitige und doch
gleichgerichtete Erbmassen ergibt.

Samossy hatte langsam das hilflos verschrobene Schlergesicht bekommen,
wieherte dann wie erwachend manisch in der Fistel:

Vorfahren, was Vorfahren! Der einzig vernnftige Fundort der Spezies
Mensch ist doch die Drehlade. In einem Findelhaus aufwachsen! Dann
schadenfroh geduckt sein Unvermitteltes:

Man mu vom Weibe loskommen.

Horus gedachte Lizzi Beermanns, der Raeburn _girls_, Margots; ihrer
weihelos beschnupperten und doch versperrten Krper, jahrelang
saumseligen Reflektanten von trgen Mttern hingekdert:

Eltern haben ist ja hchstwahrscheinlich ein Unglck, bemerkte er,
keine haben aber ganz bestimmt eins. Auch soll ja das Heim eine Art
Placenta fr das geborene Kind bedeuten.

Sagte es eigentlich vorbei an dem hohen Vierziger da, dem Kinderlosen;
dieser Frage Brennen wohl zwiefach Fernen. Hatte er berhaupt
Anverwandte? Wer stand ihm nahe? Wer war ihm Freund? Fachfeinde berall.
Blieb das Weibstck mit dem Kettenarmband sein einzig menschlicher
Verkehr? Vor Gargis Erscheinung wurde er linkisch, voll gereizten
Unbehagens. Wute mit ihr so wenig anzufangen wie ein Mandrill mit einer
Kamee. Da frug Krause eines Tages aus kondolenzbeflissenen Mundwinkeln:

Wie geht es Ihrem Vater?

Samossy machte eine frivol hoffnungslose Geste:

Von Tag zu Tag besser.

Krause, mit verkniffenem Zwicker, bekundete Freude. Man habe Flle
gesehen, wo Wassersucht jahrelang fast stationr geblieben ... Das
Geschftsjubilum wrde also doch in der elterlichen Villa gefeiert. Und
Horus erfuhr, da dieser Vater Grnder einer seit fnfzig Jahren
bestehenden Kattunfabrik und offenbar sehr wohlhabend war. Er gedachte
jenes Armschwunges zwischen Abort- und Kchengeruch: wohlbestallter
Professor? Das ist der Stall, den ich mir leisten kann.

Nun kam polternd und verlegen auch an ihn die Einladung zu dieser Feier
im Vaterhaus.

Man hat dort schon so viel von Ihnen gehrt -- dann halb
entschuldigend: nicht durch mich.

Er lauerte, schlerhaft geniert, gelangweilt und wieder ngstlich um ein
Ja. Schlug, als er es hatte, sein zerfahrenes Gewieher an und empfahl
sich.

Der Mann war unberechenbar. Doch machte das den Verkehr nur ermdender,
nicht reicher, lie nie schpferische Kontinuitt der Stimmung sich
entwickeln, es sei denn in seinem engsten Fach.

                   *       *       *       *       *

Man stand leer herum in der groen Backsteinvilla. Wartete auf das
Jubilumsessen.

Manchmal beklopfte ein zugereister Geschftsfreund, geneigten Ohres, mit
dem Zeigefingerknchel prfend den bronzenen Lauscher in der Ecke auf
Metallstrke hin, oder versuchte Signaturen unter lbildern zu
entziffern. Niemand sa. Unverrckbare Fauteuilarrangements hinter
Tischen waren von vornherein dagegen, nur zwei Rollsthle an den
Salonenden, um die wechselnde Gruppen sich stauten, schienen besetzt.

In dem einen ragte ein riesiger Greis aus Stein und Wasser.

Die Beine zu Blcken geschwollen, trugen flach auf den Knien violette
Hnde, schwer wie Porphyr. Bis an die Hften war er zu einem mit Wasser
gefllten Sarkophag geschlossen. Darber kmpfte das harte alte
Bauernherz zh um jeden Zentimeter Leben, gegen das innere Ertrinken an.
Ganz oben, aus blutigem Blauauge troff schon immer ein wenig
Feuchtigkeit ber, sickerte die fahlen Wangenfalten herab. Er bi in
seinen weien Bart vor barbarischem Starrsinn: da sein, nur da sein.
Fuhr manchmal aus den schauerlichen Vorgngen in sich auf, zu
wahnwitziger Eitelkeit ber die eigne Zhe. Sah allen der Reihe nach in
die Augen, trotzig, lauernd, wie ein erliegender Gladiator, im Gefhl
drohend gesenkter Daumen ringsum.

War er vor Lebenswut hellhrig geworden an den schweren Birnenohren?

Seine blutigen Blauaugen drohten leuchtend hinber zu dem andern
Rollstuhl am Ende des Saales.

Oh, er ist schon kalt bis zu den Knien, schmunzelte die greise Frau
mit ruhiger Genugtuung Horus Elcho zu.

Ein goldnes Kettenarmband klirrte erledigend an der ganz verkrmmten
Hand. Der restliche Krper hing: ein gerunzelter Strick, an den Enden
mit Gicht verknotet, im Sessel. Hinter ihr stand ein erloschener Mensch
mit geduckten Augen: der zweite Sohn und nunmehr Inhaber der Fabrik. Ihm
schien auch die zerpatschte Frau daneben mit den drei kleinen
Kindern anzugehren. Das lteste, einen schweren Bleichkopf im
Phantasie-Matrosenkostm aus Satin, hielt sie zwischen den Schenkeln
aufgepflanzt, memorierte angstvoll etwas Gereimtes mit ihm und es zupfte
an seinen Nagelwurzeln. Jetzt hatte es zu tief geschlt, heimlich
wischte der blutende Finger ber den weien Seidenslips.

Nun trollte sich Oskar Samossy, fast ebenso verdonnert wie das satinene
Kind, hinter den Greis aus Stein und Wasser. Und beide Brder schoben
die elterlichen Rollsthle an die Tten der Speisezimmertafel.

Drei Menus wurden gereicht -- nacheinander. Das erste wie es der Grnder
der Fabrik anfangs gehabt: dicke Suppe, Erbswurst, Kse. Dazu Bier. Beim
zweiten, dem 25jhrigen Bestand entsprechend, erschien schon Fisch,
Kalbsbraten mit Salat und eine se Speise. Dazu leichter Mosel. Das
dritte endlich zeigte voll und ganz, was man sich der heutigen Bilanz
entsprechend leisten konnte, durfte und sollte. Begann mit Austern und
wollte schier kein Ende nehmen an _primeurs_ und durablen Weinen. Vom
sechsten Gang mit Champagner aufwrts, stand immer jemand auf, der nicht
stehen konnte, und sprach, ohne sprechen zu knnen: etwas, das man sich
wohl wrdig, witzig oder feierlich zu denken hatte. Manchmal wurde
dazwischen hoch geschrien, manchmal nur am Ende. Mnner erhoben sich
dabei halb. Frauen saen ganz da; schienen einzig und ausschlielich zum
Sitzvorgang geschaffen. Die Schwle stieg. Eine Dame lftete ihr
Kollier.

Perlen machen so hei, besonders echte.

Eben schlo ein Stehender:

Nichts lobenswerter am Manne als recht reinliche Triebfedern.

ber die Enden des Beifalls weg schnatterte es aus einer arroganten
kleinen Person laut in ihren Tischherrn hinein:

Und denn is mal so'n schmieriger kleiner Jude gekommen und hat gefragt,
ob ich ihn heiraten will. Waschen Sie sich erst, hab' ich ihm gesagt.
Na, sehen Sie, _dort_ sitzt er -- das ist mein Mann.

Der riesige Greis aus Stein und Wasser war unterdessen wieder ganz in
die schauerlichen Vorgnge seines Inneren versunken, wies mit Grauen
alles Getrnk weit ab, wrgte nur ein wenig Kaviar auf Zwieback
hinunter, lauerte ihm schweigend nach. Langsam stieg Triumph in den
blutigen Blaublick. Dann aber trieb die aufdrngende Flssigkeitssule
das Kaviarbrtchen aus dem erstorbenen Magen in den Schlund zurck.
Triumph im Aug oben zerfiel. Der Hausarzt nherte sich rasch -- eben
jener Mann, den die arrogante junge Person zu ihrem Gatten reduziert --
ffnete ihm rasch das Frackhemd, bohrte eine Spritze mit irgend etwas:
Kampfer oder Theobromin dem Aufsthnenden unter die lederzhe Haut.
Dunst, Schnaps und Schwatz hatten den Vorgang nahezu vernebelt.

Eben stand Dallmeyer da, spann aus seinem Bart heraus einen
Phrasenstrang ber das dreifache Festessen hin: wie der verehrte
Gastgeber hier, erfolgreicher Mann der Arbeit, Leuchte modernen
Handelsgeistes, unentwegt die Fahne des Idealismus hochgehalten, und
wiewohl selbst geistig und krperlich noch ungebrochen -- als
zrtlichster Vater dem einen Sohn den Fruchtgenu seiner Lebensarbeit
berlassen: dem Nachfolger solcherart in selbstloser Weise ein frei
frhliches Schaffen aus dem Vollen gnnend, seinen Erstgeborenen
hinwiederum auf das Grozgigste der hehren Forschung geweiht habe,
gleichsam mit dem l seiner Bilanzen das reine Licht der Wissenschaft
speisend. Und Dallmeyer schlo mit einem Hoch auf seinen genialen
Kollegen und der Hoffnung, da dessen epochaler Bedeutung -- in engstem
Kreise lngst neidlos anerkannt -- endlich auch offiziell die verdiente
Sanktion durch ein Ordinariat und Aufnahme in die geweihten Hallen der
Akademie zuteil werden mge.

Samossy sah ihn an und er verschluckte sich.

Der greise Riese war unterdessen an der Injektion aufgelebt, stieg aus
seinen Gebresten wieder empor, diesmal in eine Art erzieherischen
Tropenkollers. Schttelte herrisch das Haupt bei der Wendung vom
Fruchtgenu߫ und Gnnen aus dem Vollen:

Sind froh, wenn sie trocken Brot haben.

Er sah gerhrt ber die eigne Hrte auf die Familie seines Nachfolgers,
wie feindliche Erwachsene auf ein gedemtigtes Kind blicken. Und dann
hub dieser Memnonsblock auf einmal an in greisenhafter Geschwtzigkeit
zu tnen:

Ja, der Idealismus -- er konnte nur gradaus sprechen, doch galt es
wohl Horus Elcho, dem exotischen Ehrengast an seiner Seite -- und dann
immer mglichst billig kaufen und teuer verkaufen, das habe er den
Jungens von frh gepredigt. Aber der Idealismus, der sei ihnen direkt
eingeblut worden, fast von der Wiege an. Schon im vierten Jahr habe der
Oskar die lngsten Schillerschen Gedichte auswendig heruntersagen
mssen, wo es besonders edel zuging: die Brgschaft, den Drachenkampf,
den Taucher. Ein einziges Steckenbleiben und er habe ihn jmmerlich
durchgehauen.

Das Lied an die Freude, das konnte er sich lang halt gar nicht merken.
Der Greis lebte in Erinnerungen auf.

Da durfte er schon gar keine Hosen mehr dabei anhaben, drei spanische
Rohre sind fr dieses einzige Gedicht draufgegangen. Mit fnf Jahren
konnte er dann auch schon die ganze Glocke. Eine vorzgliche Schulung
frs Gedchtnis nebenbei, weil ja der Oskar ein berhmter Gelehrter
werden sollte, so habe er es schon bei der Geburt bestimmt. Leider sei
ja nur Mathematik draus geworden, darauf gebe er nicht viel, das
entziehe sich seiner Kontrolle. Chemie, groe Erfindungen wren besser
gewesen. Philologie und so, das habe er von vornherein verboten. Der
Greis hielt nichts von klassischer Bildung:

Siebzig-Einundsiebzig war doch viel blutiger, sagte er mit Trnen des
Stolzes im Aug.

Wozu Griechen und Rmer, wozu immer noch diese Lappalien bei Homer
lesen, das kann man ja gar nicht vergleichen mit unsern modernen
Schlachten.

Zu Ende des dritten Menus wurde das satinene Kind vor den Grovater
aufgestellt, reichte linkisch eine Rolle hin, die in zackichte
Papierspitzen auslief: Glckwunsch stand vorn in verzitterter,
bergroer Schlerkalligraphie.

Gradstehen, flsterte die zerpatschte Frau.

Nun begann es, Nagelwurzeln zupfend, den Hymnus: An die Freude
aufzusagen. Angst rann ihm die Beine hinab unter dem blaublutigen
Tyrannenblick des Alten. Einmal stotterte es, stockte ganz. Gierige
Hrte trat lauernd in das alte Steingesicht dort oben, gleichzeitig hob
drben die greise Gattin im Rollstuhl ihren Krckstock, als wolle sie
ihn dem Manne hinberreichen, dabei klirrte das goldne Kettenarmband,
und sie schob es die ganz vergichtete Hand auf und ab. Es war nur ein
Augenblick gewesen, wie aus uralter Gewohnheit heraus. Dann schrak sie
zur Wirklichkeit zurck: ein Enkel -- groe Gesellschaft! Auch ratschte
das satinene Kind schon wieder weiter. Horus aber hatte diese Sekunde
lang, inmitten der Tafel zwischen den Rollsthlen, Oskar Samossys
Gesicht geschaut: das Gleiche wie damals, als Schillers Name zum ersten
Mal zufllig fiel: ein ganz kindischer Knoten hilflos diabolischen
Hasses und doch vager Schtigkeit voll.

Es war entsetzlich. Schamlos und beschmend. Der Goldugige lie eine
Gabel fallen, bckte sich weg, tauchte fort aus dem Augenblick, bis die
Gesichter oben wieder neu geworden waren. Hatte begriffen.

Gleich nach aufgehobener Tafel wollte er gehen. Im Rauchzimmer hielt ihn
Dallmeyer an, vor liger Schnapsse hemmungslos:

Was hat der alte Gauner gemurmelt, wie ich das mit dem >zrtlichsten
Vater< und >Schpfen aus dem Vollen< gesagt habe, Sie saen ja neben
ihm?

Etwas recht Unverstndliches. Klang wie: >sind froh, wenn sie trocken
Brot haben<.

Dallmeyer quetschte die Importen im Kistchen der Reihe nach whlerisch
durch:

Recht verstndlich fr den Eingeweihten, Verehrtester. Der Schnorrer
von Sohn hat wirklich nicht Brot auf Hosen. Die Butter vom Brot hat sich
der Alte selber reserviert; ihm das Inventar viel zu teuer angehngt,
vorher fast das ganze Betriebskapital aus dem Geschft herausgezogen,
schlielich sich noch ein skandals hohes Fixum jhrlich ausbedungen, so
da der Nachfolger seit bernahme der Fabrik abhngiger von ihm ist als
je zuvor. Ab und zu, wenn er ihn die Kinder durchhauen lt, darf er
sich fr sechs Hemden Kattun aus dem eignen Betrieb nehmen.

Warum ist der Sohn auf solche Bedingungen eingegangen?

Weil er ihn erst ein Leben lang mit dieser Nachfolgerschaft
hingehalten, ihn verhindert hat, sich rechtzeitig eine andre Existenz zu
grnden. Soll er jetzt mit fnfundvierzig und drei kleinen Kindern in
der Fremde von vorn anfangen? berdies droht dann noch Enterbung.
Schlielich hat er sich gedacht: ein jhrliches Fixum bei _der_
Wassersucht? Warum nicht? Aber das alte Luder ist ja zhlebig wie ein
Krokodil.

Den meschuggenen Oskar hat er wieder anders am Hosenbund. Nhrte in ihm
von frh auf die Illusion, der vterliche Wohlstand gestatte es ihm,
sich ohne Rcksicht auf den Mammon einer reinen Gelehrtenlaufbahn zu
widmen, die ja auch der Ehrsucht des Alten schmeichelt. Jetzt lt er
ihn tglich seine Abhngigkeit fhlen, gibt ihm Taschengeld wie einem
Primaner. Dabei -- haben Sie bemerkt -- gren sich die Brder kaum,
weil der Alte den einen immer glauben macht, er setze ihn auf den
Pflichtteil zugunsten des andern. Famose Deckung brigens, dieser
Enterbungsschwindel fr unsern Primzahler, um von seinem Frauenzimmer
nicht zum Altar geschleppt zu werden. Die htet sich jetzt, ehe der Sarg
vom Alten nicht zweimal abgesperrt und der Schlssel an ihrem
Kettenarmband hngt -- neben meinem verehrten Kollegen von der vierten
Dimension, der schon lang dort zappelt. Betamte Goite.

Dallmeyer war stolz auf jeden neuen Jargonausdruck, den niemand
verstand.

Warum handelt dieser Greis eigentlich so bestialisch an seinen
Kindern?

Bestialisch? Der hlt das fr Ethik, Reckentum und Idealismus, und sich
fr ein musterhaftes Familienoberhaupt alten Schlages. Edelpatriarch:
vor Weisheit streng, schirmt in verrotteten Zeitluften Zucht und Sitte.
Rauhe Schale, nobler Kern ... eh schon wissen. Jede Schbigkeit
geschieht aus Pflichtgefhl, denn er ist noch eitler als er geizig ist;
Bauernklotz mit Schillerphrasen. Immer abwechselnd stolz und neidisch,
da es seine Shne besser haben sollen als er.

Dallmeyer leerte noch einen Likr und steckte eine frische Importe an.
Horus staunte ber solch ungewohnten Geist. Was Dallmeyer sprach, war
immer teils klug, teils albern: klug was er ber andre, albern was er
selber meinte.

Man verabschiedete sich vom Herrn des Hauses. Dallmeyer wieder ganz
Biederkeit, hielt eine lockichte Rede, schlo mit der Hoffnung, man
werde sich in diesen gastlichen Rumen noch zum seltenen Fest der
diamantenen Hochzeit treffen.

Der Greis aus Stein und Wasser schttelte stiller Genugtuung voll das
Haupt, dann mit erledigender Geste hinber zu der Greisin zwischen
Gichtknoten:

Oh sie ist schon kalt bis zu den Knien.

Oben troff wieder ein wenig Feuchtigkeit aus dem Auge ber, sickerte die
fahlen Wangenfalten hinab.

Es war das Letzte, was Horus Elcho von ihm sah. Eine Woche spter scho
Oskar Samossy eines Abends aus der Telephonzelle des Cafs. Schrie auf
nach einem Auto, er, der fanatische Renner.

Wie damals auf der Strae frug Krause:

Wie geht es Ihrem Vater?

Mein Vater stirbt. Dann schlotternd: Er darf nicht sterben, sonst bin
ich verloren.

Nichts glich der frivol hoffnungslosen Geste damals: Von Tag zu Tag
besser.

Am nchsten Morgen fuhren Elchos nach England zu Sir Osmond und Lady
Cadogan.

                   *       *       *       *       *

Sie gingen im milchblauen englischen Juli auf den Waldwiesen des
Hydepark. Die milde Riesenaue gepflegter Freiheit um sie schien angenehm
leer zu blhen, und barg noch vielerlei Leben. Ab und zu am Horizont,
auf einem Sessel, steht ein Herr mit verdorrtem Zylinder und redet, um
ihn die Scheibe der Horcher wie das Blatt um den Lotos. Einer erlutert
das Gesundbeten -- dem andern dnkt es im Patentamt faul. Carson lt
sich zu oft photographieren, und regiert wird man schon miserabel.
Unbelstigt aber weiden die Schafe ringsum, und zwischendurch fhrt die
Hundheit ein ganz glckseliges Leben fr sich. Jeder darf sprechen.
Keiner mu zuhren. Niemand ist an der Leine. Nicht einmal der Mensch.
Vor dem Schilderhaus steht, siegellackrot, ein Mann der Garde. Das
prachtvoll berflssige Geschpf trgt einen ausgestopften Bison auf dem
Kopf, eine Sperrkette vor dem Gesicht, Edelmetall an der Leber und
starrt von Gert, vermutlich erbeutet in der Schlacht bei Hastings. Der
praktisch Denkende hat das Gefhl: man kann den Mann ruhig mit einem
Taschenmesser langsam abschneiden, er ist ganz wehrlos vor
Uniformierung. Aber schade drum.

Pltzlich lie es Gargi wie Schwalbenflgel ber ihre Augen strzen, sah
zur Seite und begann zu laufen ... Er lachte:

Keine Angst. Gar nicht so arg, mein Nervifein!

Es waren die harmlosen vier dorischen Sulen am _Serpentine lake_. Sie
hatte sich gewhnt, drohten irgendwo Sulen, gar nicht erst hinsehen,
rasch die Wimpern gesenkt und laufen. Denn wie an fein und freistehender
Persnlichkeit geringer Fehl bereits schwerer ertrglich ist, krperlich
betrbt, so lie Gestrtes an diesen empfindlichsten Baugliedern: den
Sulen -- eine zu tief sitzende Entasis etwa -- ihr schon das Blut im
Becken stocken. Beilufig hatten sie erfahren, da, um dieses Resultat
zu erreichen, auf jeder Akademie vier Semester lang die _moduli_ aller
Sulenordnungen durchzuzeichnen, obligatorisch war. Nun, diese da
wirkten wenigstens nicht aggressiv. Das meiste schien ja relativ
harmloser hier. Nie so schlecht, wie das schlechteste in Paris, nie so
gut wie bestes in Deutschland. Entweder die Architekten hatten zu keiner
Zeit ganz bel gehaust oder ein klimatischer berzug: dmpfende
Beruung, verschmolz brutales Gebu, belie seinem Detail die Wohltat
des Zweifels, seinem Kontur dauernd die Vorteile der Dmmerung, indes
der Beschauer sich animalisch der Sonne freute und der vielen
Wiesenzungen, die in der Stadt herumleckten, mit Schafen, Teichen und
Blumen obendrauf.

Kurz, man konnte wieder ein wenig um sich schauen, wenn auch lieber
ungenau.

_At His Majesties_ -- in Coventgarden -- im Globe saen sie in einem
Parkett von Leuten, die glichen Gttern, nein -- Gipsabgssen von
Gttern, saen an festlichen Tafeln neben der erfreulich lotrecht
stilisierten Dame des Hauses, wenn sie auf den Schwingen ihrer Anmut
ber den Abgrund ihrer Interesselosigkeit hinwegglitt.

In Wroxton Abbey, Sir Osmonds Landsitz, htten sie sich, ber ein
_weekend_, beinahe in einen entzckenden Jngling verliebt, der an Hhe,
Schlanke, Weie dem Elf von einem groen Stern ganz leise glich. Die
khnen Beine in rostfarbenen _breeches_, blond gegen die feurigen Tulpen
ringsum, schritt er die Terrasse hinab, auf der Eichktzchen von der
Farbe seines _homespun_ spielten. Sah in die jubelnde Frhe hinauf, ber
die zwitschernden Bsche der Wieseninsel hin und sagte ... ja was sagte
da dieser vornehme Ephebe, angestrahlt von der Glorie der Welt, wie
feierte er das Fest des Daseins? Was empfand er? Sie horchten gespannt!
Er sagte:

_What a fine day, lets go out and kill something_[1].

   [1] Welch herrlicher Tag, gehen wir etwas umbringen.

Andern Morgens: dem Sonntag dozierte ein schwarzrockiger Englnder aus
einem dicken schwarzen Buch:

Eure Furcht und Schrecken sei ber alle Tiere auf Erden und ber alle
Vgel ber dem Himmel.

An diesem Morgen hatte man sich zwei Stunden lang in ein kellerkaltes
Backsteingehuse von zweckloser Nchternheit gesetzt. Kern der
fanatischen und eisigen Vorgnge dort, war ein fr seinen Gliederbau
fremdgekleideter Englnder, der zweitausend Jahr alte obskure
Familienangelegenheiten einer kleinen semitischen Horde zu denen der
Menschheit zu machen vorgab. Er donnerte Gebote aus seinem schwarzen
Buch in die Anwesenden hinein, dessen ungeschlachten Ton Horus sofort
wiedererkannte. Also auch hier? Wie kam dieser besseren Kreisen
Angehrige dazu, auf einmal vor Damen so zu reden:

La dich nicht gelsten deines Nchsten Weibes ... noch seines Ochsen,
noch seines Esels, noch alles was dein Nchster hat.

Gargi machte eine Gebrde, sich zu entfernen, bittend rhrte er an ihr
Kleid. Sah sich um. Keine Dame wahrte Selbstachtung: ging demonstrativ.
Lady Eveline allerdings schien eingenickt; bis drei Uhr frh waren zwei
gewhnliche Spirits und ein Boddhisatwa in ihrem Tisch gesessen. Auch
andre mochten nicht ganz klaren Sinnes sein, der Tangonacht wegen.
Dieser, seinem Krperbau so fremdgekleidete Angelsachse dort oben aber
hatte doch sicher irgendeine humanistische Schule besucht, vielleicht
sogar die Universitt. Dennoch sprach er vom Privatfetischismus jener
fernen Barbarentributs wie dazugehrig. Wute offenbar jeden Tag genau,
was der Herr wollte und was er nicht wollte. Behauptete, da die Tiere
keine Seele htten, wandte sich gegen den Gtzendienst der Heiden, der
dem Herrn ein Gruel sei, und empfahl seinen Zuhrern, rastlos
Missionare auszursten, um ihre Seelen vor der ewigen Verdammnis zu
retten. Also immer noch die alte Arroganz aus Ignoranz! Vor dieser
Verdammnis aber schienen nicht einmal jene ganz sicher, die Vater und
Sohn in den Gebuden mit den geschraubten Sulen dienten; nur in den
Backsteingehusen mit gar nichts drin war man, nach des Schwtzenden
Versicherung, vor der Hlle so gut wie geborgen. Sein Gesicht: dieses
starkknochige, nchtern anstndige _matter of fact_ Gesicht, bekam einen
unbeschreiblichen Ausdruck innen harter, auen gelter Verschrobenheit.

Lieder, die alle mitsangen, waren inhaltlich ungefhr der Predigt
gleich. Und diese erfreulich weltgltig lebenden Menschen, an
Wochentagen von allen Kulturen der Erde umsplt, leierten nun
zweitausend Jahre alten jdischen, von Juden doch selbst verschmhten
Nonsens nach.

Als alles vorbei war, schienen sie unsglich befriedigt, sich zwei
Stunden lang unbehaglich gefhlt zu haben, vermieden aber, ber das
Vorgefallene zu sprechen und so sprach auch er nicht ber diesen, der
restlichen Lebensfhrung fremden Zwischenfall. Vielleicht war es heuer
wieder Mode, gleich dem Humpelrock oder Gecco Pintaccio, von dessen
flammichten Skeletten unter braunen Teetassenaugen Dr. Hafis die ganze
Saison in Konferenzen himmelte, als sei alle Kunst vor und nachher
Affenschande. War heuer vielleicht sogar Polizeiverordnung, dieser
Sonntagsvormittagsbrauch? Hatte Dallmeyer nicht etwas von Konfession und
Karriere gesagt? Diese Europer legten sich ja unbegreifliche Zwnge
auf. Durften sie in einer Sommernacht nicht unter Sternen schlafen,
warum sollten sie es nicht einmal in der Woche, vormittag von neun bis
elf in einem kalten Backsteingehuse mssen? In Piccadilly war er Hazel
Raeburn begegnet, einen verkehrten Brotkorb mit Bindbndern unterm Kinn,
die groe Trommel schlagend und in einem Zug Gleichgekleideter durch
London marschierend. Alle gellten im Falsett etwas hinaus. Verse:

   O Herre nimm mich Hund beim Ohr
   Wirf mir den Gnadenknochen vor
   Und schmei mich Sndenlmmel
   In deinen Freudenhimmel.

Hazel hatte erklrt, dies spreche am reinsten zu Herz und Seele des
niedren Volkes und ziehe es aus stumpfer Verworfenheit ans Licht. Damen
der ersten Gesellschaft seien bei der Heilsarmee, und nun ginge sie
definitiv anders gekleidet als Gwen. Hier geschah es also eines
Blusenschnittes wegen. Kompliziert aber harmlos.

Sonntagnachmittag beim _high tea_ in Wroxton Abbey warf Sir Osmond einen
chokierten Blick aus der _Morning post_:

Furchtbar die Enthllungen im Parlament ber Deutsch-Ostafrika. Diese
Greuel an wehrlosen Eingeborenen.

Man sah einander voll Unwillen tief und edel in die Augen.

Sind denn Kupferminen gefunden worden? --

Dr. Hafis, der einzige Deutsche, betrachtete interessiert seine Ngel.
Oder Silber? Richtig, _beg your pardon_, Kupfer, das war ja bei den
Kongogreueln.

_I do not quite grasp_ ... ich verstehe nicht ganz. Sir Osmond
versteifte sich rosenfarben. Hafis ghnte ein wenig.

Nun, ich meine das seit fnf Jahrhunderten bliche: gehrt das Land mit
dem Kupfer noch Eingebornen, dann erwacht das christlich-angelschsische
Gewissen, und ihr schickt so lange Missionare hin, um ihre Seelen zu
retten, bis die armen _natives_ sich schlielich Luft machen; lat auf
diese Art die Greuel an den Missionaren begehen und steckt, um die
Missionare zu schtzen, das Land mit dem Kupfer ein. Oder das Land mit
dem Kupfer ist schon frher von andern Weien gestohlen worden, dann
lat ihr wieder von diesen Andern die Greuel an den Eingebornen begehen
und steckt diesmal das Land mit dem Kupfer aus Gewissenhaftigkeit ein,
um die Eingeborenen zu schtzen. Als es aber Gold war, da muten
dreiigtausend wehrlose Burenfrauen und Kinder dran glauben -- an euer
Gewissen.

In Sdafrika ist auch die Blte Englands gefallen.

Ohne jedoch die rechtmigen Besitzer des Landes besiegen zu knnen. Da
machtet ihr sie mrbe, indem ihr die Frauen und Kinder von den Farmen
fingt, in verseuchte Konzentrationslager pferchtet und die Totenlisten
jeden Tag den Gegnern in die Schtzengrben schicktet. Nach dem
dreiigsten Tausend gaben's dann die Buren auf, gegen ein so mchtiges
Gewissen anzukmpfen.

Mit allen war jetzt eine wunderbare Wandlung vorgegangen. Sir Osmond sah
direkt verklrt aus:

Wir hatten eben die moralische und religise Pflicht, uns der
verlassenen Frauen und Kinder auf den Farmen anzunehmen. Dort mit der
schwarzen Dienerschaft allein, wie leicht htten Ungehrigkeiten -- ja
unsittliche Attentate vorkommen knnen. Darum wollte sie die englische
Regierung in ihrem eignen Schutz wissen.

Und das grndlich -- im Grab.

Dann aber gab Hafis es auf. Da war nicht anzukommen gegen die Pathologie
tugendsamer Litanei ringsum. Alle glichen mit Eins dem Schwarzrockigen
am Morgen. Auch Sir Osmonds anstndiges _matter of fact_ Gesicht hatte
den gleichen, unbeschreiblichen Ausdruck innen harter, auen liger
Verschrobenheit angenommen. Diese Leute waren unbesiegbar durch eine
Art, statt rein und gradaus zu lgen, die Wahrheit aus ihrem
ursprnglichen Bett unmerklich in Nebenkanle abzulenken und so
versickern zu lassen.

Die kurze Verzauberung war bereits abgefallen. Auf der Rckfahrt nach
London, vorbei an den Kilometern von Lebertran- und Liverpill-Annoncen,
die an Pfhlen aus dem Grasigen stachen, sah er schon wieder. Auch die
seelische Hartleibigkeit dieser Rasse. Ging durch die mnnlichen
Stadtteile, deren Lden Hosentrger beherrschen und der klgliche
Kragenknopf: alles dem blen Mittelstadium der Bekleidung Dienende, sah,
wie hlzern die hellbehaarten Hnde dieser Mnner waren, wie schwer die
Kiefer mit stumpfen Zungen. Gut gepflegt wuchs ihr Gebein, abseits vom
Geist. Schienen zu riesigen, ber die Welt reichenden Verbnden:
_football_, _cricket_, _hockey_ geschlossen, mit dem fanatischen Ziel,
ausschlielich das falsche Krperende zu entwickeln.

Durch die weiblichen Stadtteile, voll allen Narrenkrams der Welt, liefen
Streifen wahrer Eleganz, schmal wie _bondstreet_. Auf ihnen sah er Damen
den Autos entsteigen, schon auf dem Trittbrett, beim ersten Schritt, die
Maschen ihrer Seidenstrmpfe zu weien Leitern reien, und wie sie
gingen, neue kaufen, erneuend ihren mhevollen Liebreiz ohne Rast, in
edlem Irrsinn. Sah auch, wie schmal der Streifen ihrer Anmut war.
Gipsabgsse der Vornehmheit auch sie, nicht genial variabel aus
innersten Sicherungen heraus. Damen, mehr durch ihr Lassen, als ihr Tun.
Feine Rhren weien Zimtes, duftend ohne Saft. Die breiten Klassen,
stolz darauf, urteilslos zu sein, waren ja reich genug, sich nur
Weltgltiges kommen zu lassen. Da gab's keine Blamage. Indische Dichter
als Nobelpreistrger, alles, was groe goldne Medaillen hatte: Gelehrte,
Meisterboxer, Poloponies. Applaudierten frenetisch fremdartigen
Wellenzgen rings um das harte Ohr, wenn sie berhmten Dirigenten unter
den beschwrenden Armen aufrauschten. Vor diesem tauben Gejubel konnte
Hafis in uferlose Wut geraten, zitierte dann mit Vorliebe Carlyle, der
gesagt haben sollte, wie im groen ganzen das englische Publikum mit
seiner ansteckenden Begeisterung ihn an nichts so sehr erinnere, wie an
die Cadaraner Sue:

Zuerst whlen und grunzen sie ruhig und suchen nach Erdnssen oder
andrer Nahrung zu Unterhalt und Sttigung. Dann fhrt pltzlich der
Teufel in sie, werden unruhig, jagen davon und strzen in einen Abgrund
von Raserei, Verwirrung und bodenloser Verstrtheit. --

Nein, fr ihren alten Reichtum waren sie nicht kultiviert genug. Nichts
von berwltigender Vollendung. Kein Edelsitz, trotz seiner gehuften
Werte, den ein unbeugsamer Geschmack, glhend bis ins Letzte, ans Licht
getrieben. Und doch erschien ihm die Anglomanie als eine
Puberttserscheinung des besseren Continentalen begreiflich. Haderte er
von nun ab mit der weien Rasse, immer wieder wurde sie unmerklich zu
diesen hier, denn nur sie waren annhernd wei und rassig, nur in ihnen
war Europertum zu etwas wie Gestalt geworden, etwas, woran man sich
wenigstens halten konnte, war es einem nicht recht.

Auf dem Horst dieser Kalkklippen hatte sich immerhin ein Typus gebildet
oder -- erhalten, und waren seine Schwingen auch unbegreiflich hlzern,
leblos und unbefiedert, hoben sie doch auf ihrer Kraft wie von selbst
sogar die unbetrchtliche Persnlichkeit hoch ber die eigene Grenze
hinaus, wie aus seinem Gestrpp dem Zaunknig auf einem tragenden Adler
der Aufflug in die Himmel gelingt.

Ende September traf in Wroxton Abbey ein schiefes Gekritzel ein: Samossy
meldete der Eltern Tod, erbat sich Horus Elcho zum Trauzeugen. Nannte
das Datum. Kein Name. Kein Wort weiter.

                   *       *       *       *       *

Er kam am Abend vor der Hochzeit an. Stieg wieder endlos die idiotisch
konstruierte Treppe zur alten Wohnung hinauf. Fand sie halb ausgerumt.
Ein Bett auf Bcherkisten improvisiert. Ein Lavoir voller Kragenknpfe,
die eiserne Kasse offen und mit Schmutzwsche angestopft. Am
Schreibtisch, dem einzigen restlichen Mbel, Oskar Samossy selbst. Rings
im Kranz standen, wie Spielzeughunde, Schemel voll Schriften und an
Leinen, um nach Bedarf herangeschlittelt zu werden.

In der Luft eine wilde Stille. Hindurch schnitt der groeckige Arm.
Dann, ohne aufzusehen, in einem neuen tieferen entgifteten Ton:

Bis zur dreimillionsten Primzahl hat es gestimmt. Nach der
Dreimillionundersten nicht mehr.

Der Angeredete verbeugte sich in seiner Stimme: ohne Mitgefhl oder
jovialen Protest.

Ihr Gesetz wurde empirisch gefunden -- seine Allgemeingltigkeit haben
Sie selbst ja nie behauptet. Die neue Grenze innerhalb der es Geltung
hat, przisiert nur, mindert nicht seinen Wert. Wer hat es brigens ber
die dreimillionste Primzahl hinaus verfolgt?

Ich selbst. Immer suchte ich nach einer deduktiven Fassung. Seine
schbige Empirie lie mir nie Ruhe. Nun erfuhr ich, dieser Arbeit sei --
als erster -- der Preis aus der neuen >Samossy<-Stiftung zugedacht --
Vater hat nmlich meinen Bruder und mich auf den Pflichtteil gesetzt,
den Stamm seines Vermgens aus schwachsinniger Eitelkeit der Akademie
der Wissenschaft vermacht, damit eine Schenkung seinen Namen trage, --
uns bleibt fast nur das Haus. Da packte mich wieder das Mitrauen. Ich
prfte ber die dreimillionste Primzahl hinaus und habe das vernichtende
Resultat sofort rechtzeitig publiziert.

Nun verneigte sich der Hrer auch im Krper:

Und wer wird jetzt der erste Preistrger sein?

Dallmeyer fr seine >Periodizitt im Organischen<. Er hat Margrinchen
Mehmke geheiratet. Ist jetzt korrespondierendes Mitglied der Akademie.

Die neue Stimme blieb tief und entgiftet.

Es macht nichts -- nichts macht mehr etwas. Ich habe zeither ein neues
Gesetz gefunden: das Endgltige. Aus ihm aber folgt ...

Und nun verlie er jene vage und lckenhafte Sprache, die zum Feilschen,
Rechtsprechen, Dichten ausreicht, begann in der geheimen Zauberzunge aus
Phantastik und Przision zu reden, in der das Buch der Natur abgefat
ist.

Nach Stunden kehrten sie wieder. Noch durchwellt von dem pausenlosen
Blitz hchster Anspannung, trug Horus in sich belichtet alle
Verzweigungen dieses Geisterbaus an den Grenzen des Fabaren. Einen
Augenblick lang schien ihm daneben alle Kunst, Musik -- selbst das
Schreiben der Neunten Symphonie hbsche, doch recht unerhebliche
Beschftigung. So entrckt lag er in der klaren Brunst des Geistes.

Schwieg lange. Schwieg sich wieder zurck zur Welt: der empfundenen
Zahl: der tnenden, strahlenden, geschmeckten, allumarmten Zahl. Sagte
in der Leutesprache:

So ist durch Sie Minkovskys berhmtes Wort erfllt: >Die Geringachtung
der reinen Zahlentheorie wird aufhren, wenn man erkannt haben wird, da
zum Beispiel chemische Eigenschaften mit Teilbarkeitseigenschaften
ganzer Zahlen zusammenhngen: der Schmelzpunkt eines Krpers von
Zahlenwerten abhngt.< Dank Ihnen ordnet sich uns das dreifache Reich
der wirren Dinge nach unerhrt khner Einsicht neu: je nachdem der
>spielende Gott< aus seinem Wrfelbecher >grad< oder >ungrad< wirft,
wird eine andre Natur.

Samossy lchelte:

Die gypter meinten, die Genien der Welt wren mit Hilfe der magischen
Zahlen des Pythagoras imstande, einander anzuziehen: durch mannigfaltige
Kategorien von Weltketten. Vielleicht ist mein Primzahlengesetz solch
eine Weltkette aus magischen Zahlkonstellationen.

Sie sprachen und schwiegen. Die Stimmung dieser ganzen Nacht war von
einer auerordentlichen und zarten Schnheit, die auf der Brcke
gegenseitiger Ehrerbietung hin und wieder ging, geweiht mit vollkommener
Weihung.

Das Fletschende des durchgegangenen Kleppers: aller Starrsinnigkeit
Freund, glasaugig und rauh um die Ohren, das war alles von Samossy wie
abgefallen ... Des Plato edles Ro: die erinnernd sich neubefiedernde
Seele allein stieg und stieg, auf dem Rcken der Himmel stehend und zu
dem wahrhaft Seienden das Haupt emporgerichtet.

Dann schlo Samossy einen Augenblick die Lider, lehnte sich vor und bat,
die Stirn entspannt in ungewohnter Milde:

Erzhlen Sie mir von dem Kristallei, in dem Sie ausgebrtet wurden.

Und Horus erzhlte: vom Haus der Elchos. Von Menschen, Tieren und Liebe
... Und zum Dank fr diese Nacht manches von Erasmussens letzten
Arbeiten. Sollte er ihm auch von dem Fhrer sprechen, der nicht stets im
Fleische war? Von dem Aschenauge, unter dessen Blick sein Wesen
rhythmisch wechselnd eintreten durfte in immer neue schwingende Zahlen?
Ihm andeuten, was es hie, im Leib dieses Schwingenden sein und durch
die Farben gehen? Doch nein, da war eine Grenze.

Das Licht wurde fad. Jene Schemel voller Schriften ringsum, die
Spielzeughunden glichen, lieen auf einmal in der Dmmerung ihre Leinen
hangen, wie ber etwas ertappt.

Morgen. Wirklich am selben Morgen noch wrde sich dieser Hirnstern in
eine so schmutzige, unwrdige Hand gefangen geben. War diesem Gelehrten
nirgends gelehrt worden, auf eine edle und mannigfaltige Weise nicht nur
zu denken, auch zu lieben? Ja, ein Hirnstern. An dem hing nun der brige
Geschmackskrppel: der Sinnenkrppel.

Nur das Gehirn war ihm davongewachsen.

Er selbst blieb zurck, eingeschrumpft, eingegeilt zum Fetischisten, den
Seim des Glcks an einziger armer Ekelstelle suchend, mit klglich
verknotetem Gesicht, voll Scham, Sucht und Wut, statt mit des mchtigen
Eros ewigem Antlitz.

Zgernd stand der Gast auf.

Bleibt es dabei -- heute?

Ja, ja, um zehn.

Das Wiehern in der Fistel kam Samossy wie ein Schluchzen wieder. Dann
hmisch geheimnisvoll und jetzt so unsglich deplacirt:

Man mu vom Weibe loskommen.

Gleich darauf mit ruhigen Augen:

Aber mein Primzahlengesetz ist gefunden.

Soll ich Sie abholen? Treffen wir uns hier oben?

Nein -- nein -- gleich unten im Hof.

Um zehn Uhr kam er vorgefahren. Sah es sich aufregen, gegen den Hof
laufen, dort eine Linse bilden. Auf dem Pflaster lag Samossy
zerschmettert. Der Hirnstern freiwillig aus seiner Schale geschlagen zu
einem Brei aus Blut und Kot. Das Gesicht, weiugig, glich auf einmal
jenem zu Schiefgalopp gepeitschten Gaul in Marseille: dem armen
geschndeten Gott.

Ringsum mibilligte man die Tat. Mit untrglichem Instinkt nahm das Volk
gegen die Gre Partei. Lsterne drngten, der Braut zu telephonieren:
in die Villa vor der Stadt oder aufs Standesamt? Die Portiersgattin
wiegte den grimmen Birnenbauch:

Soa stattliche Person, ihre ganzen guten Jahr bei dem grokopfatn
Narr'n falirn und jetzt war ds for nix gwen. A soa ganz Ausgschamter.

Der Wasserkopf am Schrzenband hatte die blulichen, hingespritzten
Hirnstckchen an der Mauer bemerkt, nahm von dem trbe zittrigen
Schleim, begann ihn sich an den eignen Schdel zu schmieren, der bla
war und weich wie ein Froschbauch.

Das Weib schrie auf:

A soa Sauhaufen.

Und wer mu' wegputzen? I.

                   *       *       *       *       *

Es war in Wien.

Gleich nach der Ankunft sollte Gargi ihren Gatten im Restaurant des
Hotels erwarten, das als mittgiger Treffpunkt angesehener
Persnlichkeiten aus Beamtentum und Adel galt; letzterer pflegte auch
hier abzusteigen. Es ergab sich, da statt der Waschvorrichtungen in
jedem Zimmer Weihwasserkessel eingebaut waren.

Der Speisesaal, ein weilich-grauer, stellenweise geplatzter Darm aus
Stuck, in dem vergoldete Putten mit durchgewetzten Nasen, staubiges
Barockobst und andern trbseligen Kram gestreckten Armes von sich
abzuhalten suchten, schien mig voll.

Als Gargi ungemein und fremd -- in der fernen Tadellosigkeit ihrer
Bondstreet- und Darjeeling-Atmosphre an der Tr erschien, brach alles
jh ab: Schmatzen, lautes Verhandeln mit den Kellnern. -- Man starrte,
vagen Hohnes voll, aber noch unsicher. Da stand eine Stimme laut und
vernehmlich in der Stille auf: Wo is denn die auskummen?

Der Bann war gebrochen. Weithinschallend setzte Austausch der Ansichten
ber jedes Detail an Krper und Haltung der Einsam-Fremden ein. Die von
der Statthalterei streckten in den Falten brchige Lackstiefeletten ein
wenig in den Weg, wo sie vorber mute -- andre, ironisch hflich
ausweichend, markierten durch pltzlich bertriebene Schmalheit Furcht
vor Berhrung. Aus einer Gruppe zerronnener Frauen starrte der einzige
Mann der Gesellschaft, da sie vorbeiging, ihr schamlos ins Gesicht.
Seine Begleiterinnen lauerten, dann -- in der Fremden Rcken irgendein
erotisch-abflliges Wort, das hnlich wie: Nix zum Anhalten klang.

Jetzt wieherte es befreit hinter ihr auf, spritzte frmlich tief aus
erlster Galle. Nein, Gott sei dank, der Trottel hatte also nichts
bemerkt, oder es galt eben auch nichts bei Mnnern: dies Reinumrissene,
Schmal-klare, vor dem sie alle sich einen Augenblick bedroht gefhlt in
ihrem schwammigen Bestand.

Gargi, um die Marter abzukrzen, ging auf das erste freie Tischchen zu,
doch des Kellners erotischer Typus: die Vally Feschak aus der
_quo-vadis_-Bar und Tochter der Abortfrau, war eben ganz anders und so
drehte er blitzschnell den Stuhl um: beseeezt biede. Beim zweiten,
beim dritten Tisch das Gleiche. Alles blickte gespannt auf den beliebten
Hofrat und Feuilletonisten. In seinem Ressort hatte er sich einen
geachteten Namen erworben, als Vorkmpfer einer Verordnung, die
Briefksten zwischen neun Uhr abends und sechs Uhr frh abzusperren. Im
Nebenberuf go er aus der Sulze seines Hirns in Frmchen erstarrte _hors
d'oeuvres_ als Extrafra fr Sonntagsleser. --

Infolge des vorhergegangenen Doppelfeiertages aber war der Witzbold
ausgeronnen.

Nichts kam heraus.

Der Saal war reichlich durchsetzt mit entrassten Semiten. Durch
slowakische oder lokale Schutzfrbung schienen sie bereits stark an
Virulenz und Beweglichkeit eingebt zu haben, whrend hinwiederum die
stagnierenden Unarten der neuen Umwelt durch sie abgerundet und wrmer
belebt wurden.

ber dem Ganzen lag etwas von der Schamlosigkeit typisch europischen
Familienlebens: dieses pausenlosen Beieinander in hemdrmliger
Geringschtzung. Fremde gab es hier offenbar keine -- oder doch? War das
nicht der Herr aus Braila, dessen gerundete Handbewegungen immer noch
liebevoll die Qualitt der Schweinsbohnen abzuwgen schienen, indes
seine uglein wie Luse ber alles hinkrochen? -- Der war da.

Nun hatte er Gargi Elcho erkannt, zog hflich das Dessertmesser aus dem
Schlund und erhob sich, ihr Platz zu machen. Der Kellner, er hatte nicht
mehr Zeit gefunden, sein beseezt biede herzumeckern, beeilte sich, ihr
alle Speisereste vom Tisch in den Scho zu wedeln und verkndete mit
Genugtuung, da Rindfleisch aus sei und Schlubraten auch nur mehr ganz
vom Schlu. Gargi bestellte Reis und Frchte, jedoch so leise, da der
Kellner erst von Tisch zu Tisch es melden mute. Hierauf ging das noch
immer lauernde Grinsen kugelwellig ins Hmische ber. -- Nebenan, in
einer Art Ehrenecke, wurde pltzlich ostentativ franzsisch gesprochen.
Vielleicht hielt man die Fremde fr eine exotische Pariserin und wollte
nicht verstanden werden. Denn es war das ein gar skurriles Franzsisch:
Kreuzung aus Ollendorf und dem spanischen Erbfolgekrieg -- untermischt
mit Jalousie und Lavoir -- lauter Bezeichnungen, seit zwei
Jahrhunderten keinem Franzosen mehr gelufig.

Der andern Ecke gab ein Rennhabitu aus Ungarn viveres Kolorit. Er a
schon mit den Hnden, stahl aber offenbar noch mit allen vieren.

Neben ihm stlpte ein bestialischer Herr mit roten Streifen lngs der
Hosen Spargel ganz tief in das Vorderende seines Verdauungstraktes --
einen Augenblick schien es, als vomiere er -- dann aber taten sich die
Kinnbacken seines Antlitzes auf und nur ein Gewlle von Spargel, an
seltsam singenden Fden, entzog sich wieder dem Schlund. Noch eine
kleine Nachgeburt aus Schleim -- und mit der nchsten Spargelstange fing
alles wieder von vorn an.

Gargi schrg gegenber saen drei Personen. Das fast beinlose,
madenfrmige Geschpf, hineingeknallt in eine braune, reichlich mit
Flhen gesprenkelte Sache: Foulard genannt und den obligaten Reiherstei
auf der Stirn, hatte nur einmal den groen Krtenblick auf Gargi
geheftet, wandte dann den Kopf mit jener emprten Gleichgltigkeit ab,
die durch unfreie Haltung ihr Gegenteil verrt. Unter dem Tisch preten
die Badeschwmme ihrer Knie die Hose eines ganz verfaulten
Oberleutnants. Der schluckte oben Schnaps in seinen Leib. ber dem
seltsam rotierenden Mund lie das klberne Schnurrbrtchen die verwesten
Hauer frei. Auch das Nasenbein fehlte fast ganz. Dazwischen sa der
Bourgeois-Mann, ein rlpsendes Neutrum, und zahlte alles.

Er entfernte sich fr einen Augenblick, da steckte der Oberleutnant die
ganze Schachtel Zigaretten wortlos ein. Das Weib aber war am Ende ihrer
Hemmungen ... konnte einfach nicht mehr; den Kopf schief, stie sie ihn
zrtlich an und nach der Fremden blinzelnd:

Sag' megst du mit der da?

Der gnzlich verfaulte Oberleutnant schttelte sich von oben bis unten.
Sie girrte entzckt, und noch einmal mute er sich schtteln und zeigen,
wie er es mit der da nicht mchte.

Gargi bestellte eine deutsche Zeitung, um anzudeuten, sie verstehe die
Sprache.

Doch unbeirrt fuhr die Fesche fort:

Das G'stell und no so aufgedonnert dazu!

Gargi trug ein schwarzes Trotteur von Creed, kleine schwarze Toque und
war vllig schmucklos.

Die reichlich mit Flhen gesprenkelte Mondne vermochte eben
auerordentlichen Stil zwangslufig nur als auerordentliche Bekleidung
zu empfinden, da ihr ungebildeter Krper noch der Anschauung entriet:
Eleganz sei eine Funktion des Skeletts.

Nun brachte der Kellner das Bestellte. Es war wie ein Signal. Dumpf
diffuses Lauern im ganzen Raum, salopp nur und obenhin von Geschnatter
unterbrochen, hing sich jetzt vampirhaft an jede ihrer Bewegungen,
hockte als vierzigerlei Grinsen auf jedem Bissen, ging mit vom Teller --
auf die Gabel -- durch die Luft -- bis in den Mund. Wenn sie eine Frucht
teilte, zum Glas griff, instinktiv gierend danach die Unbefangenheit,
die schwierige Schlichtheit dieser Ungemeinen zu stren. Vielleicht lie
sie dann die Gabel fallen, verschluckte sich, irgend etwas Positives
geschah, an dem man das dumpfe Unbehagen rchen konnte. Man wrde dann
so tun, als berste man vor Lachen und zugleich, als ersticke man aus
Wohlerzogenheit dieses Lachen, das einem gar nicht kam, doch keineswegs
so vollstndig, als da nicht die Fremde in ihrer Ble es durchhre;
da es sie treffe und beschme. Selbst der Stumpfsinnigste bekam
plumperdings eine Art zweiten Gesichts, ging es gegen das, was ihn in
seiner Herzensfule strte. Die meisten waren ja optisch zu ungeschult,
um an dieser geisterfeinen, stillen Dame sich ber das Edel-Fremde in
Bau und Haltung Rechenschaft zu geben. Nur ein vag unbehagliches
Erinnern kam sie an, von Slen in Museen, wo man durch mute, um zu den
Doppelsternen im Baedeker zu kommen. Man lief da immer sehr rasch, denn
erstens war man nicht verpflichtet und dann sah es bertrieben aus, fad
und steif. Nun -- in Stein und Bronze, und weil's weit weg und lang her
war, mochte das hingehen, aber in Wirklichkeit; wie ungemtlich:

Das fehlert, da des einreien tt, da htt ma ja nit einmal mehr seine
Ruh beim Essen, war so der Nukleus, um den gallertige Rachgier Blasen
trieb.

Zwei Brger, Gargis Nachbarn zur Linken, der eine mit einer Pfundnase,
der andre mit einem Abdomen auf Flaschen abzuziehen, brteten seit ihrem
Eintritt in dumpfer Wut -- Biergischt im Bart -- vor sich hin.
Abreagieren muten sie sich, so ging das nicht weiter. Es fiel ihnen
aber gar nichts ein, genau wie dem ausgeronnenen Witzbold. Endlich, als
Gargi in nie gesehener Anmut eine Orange zerteilte, gebar die Wolke den
Blitz.

Der mit der Pfundnase hatte eine _trouvaille_ gemacht.

Die wer mer scho aui lahnen.

Zwinkerte er rundumher -- nahm den Mund voll und blies ihr tief den
beizenden Stank seiner Virginia in beide Augen. Es war der Gemeinderat
Pogatschnigg, Ehrenprsident des Vereins zur Hebung des Fremdenverkehrs.

Gargi rief vor sich hin das Pantherbaby und die Diademgestirnte,
Ganapati Sastriar, Erasmus, die Welt der Elchos und den Palast von
Travankor, und der Anstand der Gebrde im letzten Bettler ihrer Heimat
half noch den Schutzwall um sie schlieen, da nichts aus der gerotteten
Jauche dieser Entrassten in sie dringe. Wie Lanzen starrten ihre
Nervenenden um sie aus -- ganz aktiv -- Schtzer der Kaste. Doch welch
grauenhafte Anspannung all diese Monate, seit Marseille; immer in einen
Block von Selbst geschlossen -- belagert von Gemeinheit, nie
verstrmend an ein Ebenbrtiges ausruhen drfen: arglos, md und froh --
im groen Ihresgleichen.

Jetzt regte sich, zum erstenmal, auch etwas gegen den Gefhrten in ihr.
Wie durfte er eine indische Dame, an der Gesittung Asias erwachsen, in
solche Mizucht zerren?

Da war er selbst -- -- hatte mit einem Blick die Situation erfat und
seine Haltung lie kaum einen Zweifel, da er in gradliniger Bettigung
zu blendenden Handgreiflichkeiten ohne Verzug berzugehen gewillt war.
Sein Gesicht sah aus wie eine konzentrierte und hchst vermeidenswerte
Tracht Prgel. Alles verebbte in Unschuld; treuherzig sah man einander
in die Augen, und aggressive Zudringlichkeit flaute sichtbarlich ins
Unterwrfige ab. Er staunte. Hier gedieh offenbar eine besondere
Spielart europischen Rpeltums: das Knieweiche; immer feig bereit bei
festem Zugriff als Gemtlichkeit wieder ins Verantwortungslose zu
zerrinnen. Ein verwester Kse, den eine scharfe Klinge trifft.

Nun wuchs aus dem Plschlufer pltzlich der Hoteldirektor heraus -- in
kriechendem Salonrock und weier Atlasbinde -- letztere immer neu aus
dem alten Brautkleid seiner Frau geschnitten, und verteilte in falscher
Hausvterlichkeit die Mittagsration Banalitten von Tisch zu Tisch.
Horus Elcho wisperte er so ungefragt als wichtig zu, die Herrschaften in
der Ehrenecke seien ihre frstliche Gnaden die Durchlaucht W. und ihre
Gesellschaft -- der melierte Herr in der Pepitahose neben der Frstin,
Exzellenz Graf X., lenke die uere Politik des Landes. Am Tisch der
Durchlaucht meldete er wieder, die Fremden da, die Neuen, htten
chinesische Dienerschaft mit und kmen gar aus Indien. Die Fesche
atmete herablassend auf:

Na also -- a Murl is.

In der Ehrenecke war man indes vom Franzsischen endgltig abgekommen,
nachdem das Wort Kokotte wiederholt und deutlich gefallen. Offenbar
sollte damit gemeint sein, was in Paris _femme entretenue_ heit. Nun
wandte sich das mit Kose- und Eigennamen reichlich durchsetzte Gesprch
irgendeinem alpinen Jagdunfall zu:

Und wie er aus die Wnd scho beinah heraust war, berichtete die
melierte Exzellenz, is a Steindl wie eine Erbsen oder wia Haselnu von
ganz oben kommen, das hat 'n am Kopf erwischt und aus war's.

Aber geh, Ferdi, plausch nicht, tadelte die Durchlaucht und wiegte den
winzigen Strauenkopf.

A so a kleins Steindl kann do net an Menschen erschlagen!

Na, wanns von so hoch kommt.

Was is da fr a Unterschied -- -- was sein das wieder fr neumodische
Sachen.

Der Minister sammelte sich in seiner letzten Erkenntnis vom Theresianum
her:

Wann's von weit fallt, nachher wird's schwerer, a jed's mal, fgte er,
nachdenklich geworden, hinzu. Doch die andern drngten, da man das
wissenschaftliche Gebiet endlich verlasse, um zu leichteren
Gesprchsthemen zurckzukehren.

Hast scho g'hrt -- -- der Rudi hat an H-Hahn g'schossen?

Ah geh, der Rudi hat an H-Hahn g'schossen -- jetzt auer der Zeit.

Ja, hast net g'hrt, Mittwoch hat ern g'schossen.

Horus stand auf, nach Wen-Kin zu sehen, ob man ihr ungeschlten Reis
gebracht und Fisch, wie er bestellt. Kaum war Gargi allein, als wieder
ein Schnuppern begann, saloppes Zusammenrotten, um den Moment der
Wehrlosigkeit einer Dame nicht ungenutzt verstreichen zu lassen. Jene
Fesche, die Gargis Rasse mit so tiefer Einsicht vermerkt, stand eben
auf, mit ihren Begleitern den Darm des Saales durch einen perforierten
Appendix zu verlassen. Gedrngt -- gleichsam hingesplt von allem
Abschaum -- vielleicht auch nicht mehr ganz nchtern, murmelte der
gnzlich verfaulte Oberleutnant im Vorbergehen Gargi ins Gesicht:

Sie gefollen mir aber schon garrrrr nicht.

Behalten Sie Ihre erotische Meinung fr sich, nach der Sie nicht
gefragt worden sind und entschuldigen Sie sich augenblicklich bei der
Dame -- Horus stand vor ihm. Wird's ... drei Sekunden gebe ich Ihnen
Zeit.

Sollte er nicht doch lieber kneifen? Aber schon hatte es sich hinten an
den Fremden herangeschlichen -- die gesamte _jeunesse dore_ des Lokals
-- und eine Traube von Ministerialbeamten hing pltzlich an seinen Armen
-- hielt ihn von rckwrts fest. Nun ri der Krieger seinen Sbel
heraus, schrie etwas von beleidigter Ehre, rief alle zu Zeugen auf und
machte sich unter den anfeuernden Rufen von Damen und Herren daran,
einen vllig Wehrlosen mit blanker Waffe zusammenzuhauen.

Leider wies es sich, da eine lediglich an Ohrfeigen erzogene Jugend
intelligenteren Formen der Brutalitt gegenber versagt. Durch eine
ungeahnte Drehung aus Schulter und Hfte des Gefesselten barst die trbe
Traube, kollerte abgerebelt beerenweise auseinander. Ein Griff, und die
Rechte des Oberleutnants lag krumm geschlossen auf dessen Rcken. Quer
durch den ganzen Saal flog der Sbel -- gerade in den Spucknapf, wo er
als zustndige Waffe zitternd stecken blieb. Und dann -- der Unterkrper
seines Gegners lag in einem Leg-Lock festgeschraubt -- ganz langsam,
ganz ruhig in dem Panzer seiner Wut, tastete sich Horus an diesem
krummgeschlossenen rechten Arm entlang -- verschob ihn erst ein Weniges
in den Gelenken und immer mehr -- -- Der Krieger winselte um Gnade, dann
mit einem kurzen Ruck, brach er dem halb Ohnmchtigen den Knochen, knapp
ber dem Ellenbogen, ab. berlegte: sollte er ihm zu mehr
offensichtlicher Erinnerung das Nasenbein eintreiben? Aber das hatte ja
bereits sein Vorleben klaglos besorgt. Lie also die Arme sinken und
wartete ruhig auf seine Verhaftung. Wute: Notwehr hatte er weit
berschritten und sich schwerer Krperverletzung schuldig gemacht. Gewi
verstndigte schon der bestialische Herr mit den rotgestreiften Hosen
die Polizei, denn er war -- kaum flog der Sbel in den Spucknapf -- zwei
Spargel im Mund, in der Flaggengala seiner Serviette mit Linksgalopp zur
Tr hinaus.

Doch nichts geschah. Und seltsam -- hub da nicht ein Wedeln an, als wre
es an ihm -- als lgen Gnaden in seiner Hand? Der Hofrat fand zuerst
Worte:

Bittsi, bittsi, Sie wern do nicht eine Anzeige machen.

Und der Hoteldirektor meldete: Exzellenz Novotny von Eichensieg lasse
auf ein paar Worte ins Nebenzimmer bitten.

I hab von nix was g'sehn, begrte ihn der Feldherr.

Wie bitte?

No ich meine halt, Sie werden doch nicht einen verdienstvollen Offizier
um seine Karriere bringen am End!

Davon kann keine Rede sein -- es ist ein einfacher Bruch und in sechs
Wochen ohne Folgen geheilt.

Aber nein, aber nein unterbrach die Exzellenz ungeduldig, net wegn em
Armbruch -- ich meine die Veltzung -- sondern do weils ihn ihm brochen
haben, wird er g'spritzt -- verabschiedet, vastehn S'!

Aber wenn nur Sie die Anzeig net machen tten -- mir ham nix g'sehn.
Nacha geht sie sie no gut aus.

Und htte ihr >verdienter Offizier< mich, den Waffenlosen, obendrein
niedergemacht, weil er vorher meine Lieblingsfrau angeflegelt, wre es
dann, nach Ihrer Ansicht, auch noch >gut ausgegangen<?

Na hin wern S' halt gwest, grinste die Exzellenz gemtlich.

Man darf doch die Beobachtungen der Alten nie leichtfertig ablehnen,
dachte der Fremdling -- nach Aristoteles soll es Ochsen geben, die einen
Knochen im Herzen haben.

Gste waren nachgedrngt, besonders jene, an denen die stagnierenden
Unarten der neuen Umwelt ausgerundet und wrmer belebt schienen. Mit
abschnellenden Handgelenken schleuderten sie einander ihre Argumente
wechselseitig ins Zwerchfell, nahmen dann pltzlich wieder den Nukleus
der Sache, sozusagen als Kgelchen, auf die fnf geschlossenen
Fingerspitzen wie eine erbeutete Laus, um dem Widersacher damit vor der
Nase auf und ab zu wedeln. Ratlos sah er um sich:

Ein Dackel, ein Pintsch, ein Mops -- gut! Sie beglcken mich als Typen
nicht; doch gut und zugegeben. Aber diese Kreuzung hier aus Dackel, Mops
und Pintsch -- nein, das geht nicht. Dachte: als ich im Recht war,
wollten sie mich niedersbeln helfen, da ich im Unrecht bin: jemanden
schwer verletzt habe, flehen sie mich an, nicht nach der Polizei zu
schicken; wie wenn ein bsartiger Irrer das alles gemacht htte. Am
Schwersten war der Hofrat loszuwerden, witterte einen raren Fang fr
_jours_. Endlich an der Tr seines Appartements wandte sich Horus zum
erstenmal direkt an den Betulichen:

Ich wnschte Ihren Landsleuten so sehr Kolonien -- das ist, scheint mir
-- was sie zuvrderst brauchen.

Der Andre dalberte entzckt etwas von Gemtlichkeit, leichter Musik und
alter Kultur verbreiten.

Sie irren: ich meine, da durch fortgesetzte Berhrung mit Anmut,
Anstand und Takt -- sagen wir der Botokuden, sich schlielich auch der
Standard ihres Landes heben lassen mte.

Dann schlo er die Tr. Packte gar nicht erst aus. Zog um. In eine
Pension.

Lassen Sie wenigstens ab und zu die Leute mit Ihnen reden, riet die
Inhaberin, eine erfahrene Person, wenn Sie schon fremdartig leben, ich
wei mir keine Rettung mehr, sonst besticht man das Personal, schleicht
sich hinterrcks in ihre Zimmer und der Tratsch und Gierberg begrbt uns
noch alle.

Haben denn die Leute hier ein so pauvres Dasein, da sie nur durch
schleimiges Abtasten fremder Erlebnisse sich befriedigen knnen?
Entrstete Neugier als Brunstersatz brauchen?

Ja, sagte die erfahrene Person.

Und zu tun haben sie sonst gar nichts?

Nein, sagte die erfahrene Person.

Die Weiber erwrgten langsam ihre Tage mit fortwhrendem Lauern: auf das
neue Modeheft -- die Manicure -- die Sommerreise, allem zum Grund: ein
vag erotisches Lauern. Schon am Morgen begann es mit Rudeln von
Schlafrcken um den Fernsprecher im Korridor, bis die junge Frau in
Scheidung, -- sie trat jeden Tag ein Kind per Telephon ab, -- mit ihrem
Advokaten fertig war; ihm fr den Proze alle Arten unnatrlichen
Verkehrs geschildert hatte, zu denen ihr Mann sie angeblich gezwungen.
Der am andern Ende des Drahtes schien als Frager emsig und gewissenhaft,
doch nicht eben leicht zu befriedigen.

Dann kam fr die brigen das Lauern auf die Brsenkurse. Lieen sich mit
Stellen verbinden, die sie neckisch oder betrend Herr Spitzer oder
Herr Neustein anredeten, girrend nach Tips fr Prager Eisen, Rima,
vereinigten Gummi. Alles in merkwrdig breiigen Kretinlauten; galt es
doch in dieser Stadt offenbar fr unweiblich, einen korrekten Satz zu
sprechen, die Mnner fanden das gespreizt, witterten fr sich
Unbequemlichkeiten, winkten ab.

Nun erschien meist das Stubenmdchen im Korridor, um sich laut zu
beschweren: Nacht fr Nacht msse sie bis ein Uhr wachbleiben, um dem
Frulein von Nummer acht, der sozialdemokratischen Fhrerin, noch die
Bluse hinten aufzuhaken, wenn sie aus den Versammlungen in Ottakring
nach Hause kme. Jetzt gehe sie zur Direktrice kndigen.

Mit den frhen Nachmittagsstunden begann jenes Lauern, das die Frauen
Ordination nannten oder den Professor konsultieren. Es bestand
offenbar darin, da ein indifferenter Mann, durch Entgegennahme von
Geldeswert bewogen wurde, ihre intimsten Teile tglich lngere Zeit
hindurch -- wenn auch ohne sonderliche Freude -- eingehend zu
betrachten, und dort womglich operationsreife Geschwlste oder
krankhafte Entartungen zu konstatieren. War dieses Ziel erreicht,
wisperten die Arrivierten, glitzernd aufgeregt, nur mehr ber ihren
Unterleib, der von nun an auch in der Konversation den breitesten Raum
einnahm. Gebrauchten schleierlose medizinische Ausdrcke:
Uterusbespiegelung -- Auskratzung -- Eierstockzisten gleich Aphrodisien.
Durfte man ihrem Gehaben trauen, war so ein Operationstisch das reine
Lotterbett.

Ich bin es meiner Gesundheit schuldig, eiferten sie, wollte der Mann
das viele Geld nicht hergeben. Daliegen und mit Instrumenten an sich
herumstochern lassen, galt fr Pflege; sonst hatten sie nur eine
nachweisbare Ttigkeit: Zu- und Abnehmen.

Fnf Kilo hab ich schon abgenommen, seit Sie da sind, sagte die Dame
mit der Auskratzung und machte Mrchenaugen, mir scheint, Sie sind ja
fr Magere.

Doch nicht fr Abgemagerte. Dann hflich belehrend: Eine Frau darf
nach dem fnfzehnten Lebensjahr ihr Gewicht nie mehr verndern, sonst
ist durch Spannung oder Schlaffung ihre Oberflche nicht mehr kindlich
zart genug, feinste Entzckungen zu geben und zu empfangen. Mu doch, wo
immer man eine Frau hinkt, ein winziger Muskel den Ku erwidern
knnen.

Von da ab galt er fr eine Art sthetischen Ogers, hatte aber Ruhe vor
den Weibern.

Manchmal erlustigte er sich zu staunen, wie dies alles schon mit
differenzierten Organen protze. Lieen sie sich denn wirklich nicht mehr
beliebig durchschneiden wie niedre Lebewesen? Gerannen nicht doch wieder
irgendwie zu einer amorphen Masse, die Fritschi oder Lentscherl
hie?

Nach der Ordination wurde von vier bis sechs _bridge_ gespielt, dann
ging man in eine Schubertposse mit Gesang oder den Tristan.

Dieser unaufhrliche Musikbetrieb gab ihm zu denken.

Der Blinde hrt gut, fiel ihm ein. An Stelle des verkmmerten Sehens
scheinen die mehresten Menschen eben mit etwas musikalischem Schwachsinn
behaftet. Auch ist ja insofern Musik die bequemste Kunst, als in ihr
Reproduktion bereits die Illusion selbstndiger Schpfung gibt.
Schlielich gilt es schon beinahe als eine Art Leistung, in einem
Konzert gewesen zu sein. Er dachte: schlappschenklig sitzen, dsend
rezipieren, ohne da die dicken Augenlider dabei aufgehen mssen oder
sonst etwas, das ist bei briger Denkfule und Stagnation noch eben
mglich. Hatte aber etwa ein Fremder hier noch nicht jedes Musikwerk und
in jeglicher Bearbeitung gehrt, wich man vor ihm zurck wie vor einem
Ausstzigen, kam sich malos berlegen vor.

Da Sie irgendwelcher Rezeption -- man knnte auch fragen: warum gerade
dieser -- solche Bedeutung beilegen mgen? Erkundigte er sich erstaunt.

Mir scheint bei Schtzung von Menschen wichtig, wie eigenartige,
irgendwie wertvolle oder erfreuliche Gesamtexemplare sie sind. Wie
groer Schwingungen, welcher Erregung oder Bewegbarkeit fhig, welcher
Verllichkeit und Verstndnisflle, welcher Intensitt in ihren
Leistungen, welcher Hingabe an irgend ein Werk, eine bernommene
Verpflichtung.

Sie reden ja wie ein Preu', hie es dann hmisch, und man nahm die
hier zu allem bliche, zerwitzelnde, breiig zynische Haltung an. Denn
nichts haten sie so sehr wie Gre. Und immer waren sie geistreich:
Merkmal schlechter Rasse. Ein Pack Ansichten und Erfahrungen hchst
gemischter Pedigree, noch nicht zu einer Persnlichkeit einmalig und
eindeutig verknpfbar, lag wie Kraut und Rben in ihnen, konnte aber,
weil nicht organisch verwachsen, durch kaleidoskopartig wechselnde
Anordnung in verblffender Reihenfolge etwas wie Witz vortuschen;
ranziger Ironie voll, doch ohne Leuchtkraft im Ernst. Relativ
Erfreuliches war nie aus unbeugsamem Geschmack, bestenfalls aus
beugsamem Ungeschmack heraus, entstanden.

Der kleine Dr. Eskenasi nahm ihm den letzten Glauben.

Musikstadt? Er schwenkte die melancholischen Augen in dem langen
Emmanuel-Kant-Kpfchen her und hin, dann, die winzigen, schlaffvenigen
Hnde ineinandergepret, um sie am Dreinreden zu verhindern, noch
einmal:

Musikstadt! Lesen Sie doch nur die einschlgigen Biographien. Immer das
gleiche: erst Massengrab, dann Ehrengrab. Mozart hineingeschmissen --
Fidelio ausgepfiffen -- Wagner zergrinst -- den alten Bruckner bis aufs
Blut geqult -- Hugo Wolf hungern lassen -- Mahler vertrieben. Jedes
Urteil eine Blamage: zweiunddreiig -- vierundsechzig -- hundertzwanzig
Weltblamagen. Von der Wiener Musikzeitschrift 1787 und Sarti angefangen,
der ber Mozart schrieb: Die Musik mte zugrunde gehen, wenn Barbaren
von Mozarts Art sich einfallen lieen, komponieren zu wollen, an
Hanslicks Definition des Rheingold als: >Hurenaquarium< vorbei, bis in
die neueste Zeit. In der Allerneuesten mchten sie zwar auch noch,
trauen sich aber nicht mehr so recht, feiern dafr Kuschorgien. Wedeln
erst einmal zur Sicherheit jeden Kitsch an.

Der Kleine litt an Kitschpsychose. Sonne, Frhling, Blumen, Melodien:
alles was ihm wirklich gefiel, hatte er im Verdacht und wandte sich
schaudernd ab. Mied auch das elterliche Palais, wartete noch auf
Endgltiges, lebte bis dahin in der Pension, gleich seiner Schwester,
jener sozialen Vorkmpferin mit den hinten und unzeitgem zu
erschlieenden Blusen. Doch verkehrten die Geschwister kaum, schmten
sich einer des andern noch mehr als ihres Vaters, der, dem innersten
Ring der Bank- und Brsenhaie zugehrig, dafr bekannt war, selbst dort
die schmutzigsten, grten und anrchigsten Brocken anstandslos zu
schnappen. Beide Kinder gaben sein Geld unter Mrtyrerallren fr einen
Marstall von Steckenpferden aus. Betrachteten das wie eine Art Aufgabe,
als solche auch zu werten und zu wrdigen, nur da einer des andern
Methode bel fand. Er ertrug ihre vergrbernden Versammlungsgesten nicht
-- die schrille Stimme. Nannte sie: Pbelsklavin. Sie ihn einen aus
der Zwiebel gezogenen Narzi.

Er sagte: Csarenwahn des Mob zchtet ihr, statt ihm zu sagen: anders
werden, zuerst und vor allem um Gottes willen anders werden, dazu wollen
wir euch helfen, aber da flgt ihr schn aus euren Mandaten heraus, und
er zitierte:

In diesen Zeiten war die Menschheit irre geworden durch Leute, mit
denen ich nicht rechten will. Sie stellten sich der Masse gleich, um sie
zu beherrschen, sie begnstigten das Gemeine als ihnen selbst gem, und
alles Hhere ward als anmaend verrufen. -- Jeder ein Kretin oder ein
Schuft, der anderer Ansicht ist als ihr.

Wir sind eben der Fortschritt, sagte sie, somit richtet sich jeder
selbst, der nicht fr den Marxismus ist.

Du vergit, das hebrische Wort: Fortschritt wirkt nicht auf jeden
wie ein Fetisch.

Snob, sagte sie und verlor jede Selbstbeherrschung, verchtlicher
Snob.

Horus nahm ihn in Schutz:

Die andern hier sind noch nicht einmal das: ich wrde sogar Kurse fr
_snobs_ einfhren. Erst scheinen wollen, was man nicht ist: ein Weg
vielleicht, dereinst zu sein, was man scheint.

Ach was: Schein, -- Sein, alles erst einmal in die groe Arbeitsarmee
eingereiht, dann hren sich diese Faxen von selbst auf, rief sie grob.

Er sah ihr mit solch warmem Wohlwollen in die Augen, nicht ohne Respekt
und voll Humor. Sie konnte nicht widerstehen, wollte die Worte zu diesem
Gesicht wissen:

Legen Sie los, Sonnenprinz.

Arbeit? Was ist Arbeit? Der chinesische Weise Schun sa die grte Zeit
seines Lebens unbeweglich nach Sden gewandt und lchelte. Da blieben
die Jahreszeiten in ihren Grenzen, alle Gatten liebten einander, der
Sohn des Himmels wurde erleuchtet und -- alle Beamteten pflichttreu und
unbestechlich.

Wre dieser kleine Doktor Eskenasi nur nicht so malos feig gewesen.
Seinem Lebensberdru hielt panischer Schreck vor dem Tod die Wage. Die
Jahre waren ihm pausenlose, fressende Angst, das Sonnensystem geriete
auf seinem Flug durch unbekannte Weltrume doch einmal unversehens in
eine riesige Wasserstoffblase und dadurch in Brand. Jedes Wissensgebiet
erschlo immer neue Gefahren. Endlich hatte er sich ganz auf die
Malerei, als relativ unbedrohlich, zurckgezogen, fhlte sich: der
zweidimensional Organisierte, hier unter Blinden, die gut hrten, schon
als Knig; stieg manchmal sogar in die dritte Dimension auf und sagte
dann: Palladiesk oder Brunellescesk. Angst, die ihn nie ganz verlie,
nahm in der Kunst die Form der Kitschpsychose an, um manchmal an ganz
unvorgesehener Stelle auszuschwren.

Wre der Durchschnitt: was man so in Kaffeehusern und Gesellschaften
trifft, wie dieser Herr von Goethe, den ich jetzt lese, liee sichs in
Europa leben, bemerkte Horus eines Tages, von der Farbenlehre
aufsehend.

Eskenasi hob angeekelte Hnde der Abwehr. War er beleidigt? Vershnend
frug Horus dem Kleinen in die Augen:

Wre das denn wirklich so viel verlangt? Ich meine natrlich als
menschliche Persnlichkeit, von dichterischer Spezialbegabung abgesehen:
ein heller lterer Herr von durabler Einsicht, weil das Auge ihr
geleuchtet, mit gepflegten Umgangsformen, allem Wertvollen offen, leider
mathematisch und musikalisch wenig begabt. Alles in allem: ein
Vollsinniger. Einer, der Raum und Zeit hatte, ein ganzer Mensch zu sein,
daher vielleicht das Aufsehen hier.

Eskenasi drngte offensichtlich vom Thema Goethe ab:

Die Wirtschaft kann sich das heute nicht mehr leisten, oder wie ein
sehr Kluger jngst schrieb: An einem ganzen Menschen htte sie zuviel
Lagerverlust.

Ach so, ich verstehe: ein linker Hirnlappen, ein Paar Pratzen, jedes
fr sich, fgt sich besser, weil pausenlos, dem Betrieb ein. Bleibt die
Frage: ist das Leben fr die Wirtschaft oder die Wirtschaft fr das
Leben da? Mich amsierte immer, wenn in Deutschland solch linker
Hirnlappen, war er zumal technisch verkollert, sich glhend wnschte,
ein Groer frherer Zeiten, am liebsten Goethe, weil er den fr einen
Monisten hlt, kehrte wieder, er aber sei ihm Fhrer, vergnne dem alten
Herrn den Anblick, wie herrlich weit man's gebracht. Wie er dann schon
beim Aussteigen am Gleisdreieck zu Berlin anfinge, den Faust
umzuarbeiten, ihn gleich im ersten Teil Wasserbauingenieur werden liee,
statt erst am Schlu des zweiten.

Bitte nichts vom Faust, wehrte Eskenasi ab, mit einem Gesicht, ganz
wie Samossy, das arme geniale Rowesen, bei Schillers Namen.

Dieser Schlu߫ -- er wand sich vor Ekel -- wie ein schlechtes
Barocktriptychon komponiert: rechts und links als bewegliche Flgel die
slich gedrehten, himmelnden Patres, ertrglich nur der quere Durstrahl
durch das Ganze: neige Du Ohnegleiche ... gndig meinem _Glck_.

Glck ist gut -- wenigstens dort >lustig im Fleck<, wie wir Maler
sagen.

Aber die frchterlichen Putten ringsum: >frhlich im Ringverein<. Diese
Engelriege, wie vom Turnvater Jahn einstudiert ... bitte, lassen wir
das. Dazu ist mir der Barock zu heilig, ja ich habe in letzter Zeit
Grund anzunehmen, da sich in ihm das berhaupt Hchste, vielleicht das
Endgltige manifestiert habe.

Er schwieg geheimnisvoll. Verkndete dann ein paar Tage spter seine
Abreise nach Spanien.

Und nach einer Pause, da niemand frug:

Ja, es sei fr immer. Er bersiedle. Und zwar nach St. Esteban de
Molar, dem Geburtsort des Gecco Pintaccio. Schon begnnen die wenigen
ber Europa verstreuten Eingeweihten ihren Pilgerzug vor das Jugendwerk
des Erleuchteten: den kleinen Fresko im Ziegenstall hinter des Meisters
Wohnhuschen. All das gehre seltsamerweise einem Amerikaner: Mr. Payne.
Nur durch Vermittlung und Protektion des begeisterten Gecco Pintaccio
Entdeckers und Apostels Dr. Hafis sei es ihm, Eskenasi, dennoch
gelungen, das Huschen auf vorlufig ein Jahr zu mieten, allerdings zum
Preis seiner Hitzinger Villa, doch mit dem Recht, die Stunde von neun
bis zehn ganz allein im Ziegenstall verbringen zu drfen, dann erst
beginne die ffentliche Besichtigung. Gleich gehobener Stimmung wie er,
sah die Schwester einem neuen Aufenthalt entgegen: dem Landesgericht;
hatte es endlich erreicht, ernst genommen und wegen Aufwiegelung zu zwei
Monaten Arrest verurteilt zu werden. Nmlichen Tags verschwanden beide.
Der Exclusive jedoch nicht allein. Er nahm zur Weihesttte die Vally
Feschak von der _quo vadis_-Bar, Tochter der Abortfrau und Typ des
Speisentrgers aus dem Stadthotel mit. So war er fr Horus gerichtet,
denn im feineren Menschen decken sich sthetisches und sexuelles Ideal.
Same und Seele erstrahlen von dem gleichen Eros.

Doch warum zgerte er selbst noch hier: gerade mitten im
Verkterungsherd Europas? Wartete. Gerade am Ort geringster
Wahrscheinlichkeit erwartete er, treu einem ernsten, sen und sehr
geheimnisvollen Gesetz, dem Folgsamen hold. Und im Erfhlen dieses
Gesetzes wute er sich verstanden und gesttzt.

Auch aus Gargis Einschlafen hatte es unlngst glcklich, wie in eine
wachsende Nhe hineingeflstert:

Dann nehmen wir den >Elf von einem groen Stern< nach Haus und fhren
ihn in unsere samtenen Wnde.

Oft ging er, die Ringstrae: diesen Kranz bel gegrndeter Erhebungen,
von dem Tempel mit jonischen Sulen als Rauchfngen, bis zur Gotik fr
Gemeinderte, ngstlich meidend, auf den stillen Josephsplatz, vor des
Fischer von Erlach Bibliothek. Wie ihm schien, einem der schnsten
Profanbauten der weien Welt.

Barg sich dann halb hinter einem fetten Palast im trchtigen Kuhstil mit
vier Renaissance-Trampeln als Karyatiden, um ungestrt schauen zu
knnen. Denn er hatte bemerkt: das Natrlichste: in der Stadt die Stadt
anzusehen, fiel hier peinlich auf. Ihre Bewohner, ausschlielich damit
beschftigt, einander erst entgegen -- dann an -- dann nachzustarren,
sammelten sich alsobald im Kreis, stierten eine Weile mit hinauf, frugen
schlielich grirt, wo der ausgeflogene Kanarienvogel denn se.

Dort aber stand er in Deckung vor dem wimmelnden Heute. Gegenber der
stumme Platz einer verschwundenen Menschheit, mit dem segnenden
Reiterbild in steilem Empire, nicht eben gut, doch echt in seinen
Fehlern. Dahinter stieg, unvergleichlich an Ma und Adel mnnlicher
Anmut, des groen Saales steinerne Schale. Sein inneres Rund, wie leise
hindurchgeatmet durch des Sockels breite Kantigkeit, hatte etwas vom
Tier und vom Kristall.

Oben die fein verdrckte Kuppel. Er liebte Kuppeln, das Dreifache
weisend in schwierigem und edlem Schwung, irgendwie verwandt dem
Broncereifen der Ekliptik auf wundersamen Weltmodellen Tycho de Brahes
oder auch einem berpersnlichen Haupt vergleichbar, durch das sich der
Geist des dreifachen Raumes Gestalt erwlbt.

Als er diesmal den menschenarmen Platz betrat, sahen die Nherkommenden
alle aus, als wre ihnen etwas passiert. Verlegener Hohn in der Haltung;
die ganze Atmosphre wie um Gargis Erscheinung, ersten Tags im
Speisesaal, nur noch manierloser, aggressiver. Gargi hier? Doch nein! Er
lie sie ja an diesem Ort nicht mehr allein ausgehen, seit vor ihm zwei
junge Herren auf der Strae -- gleichsam als Promenadespiel --
einander die mglichst niedrige Summe jeweils zugerufen, die jeder fr
den Geschlechtsakt mit den ihm entgegenwandelnden Mdchen und Frauen
anzulegen sich bemigt fhlte. Das tiefste Angebot teilten sie sich
dann immer grinsend, von den zehn Fingern pantomimisch untersttzt, ber
die Kpfe der Ahnungslosen hinweg, mit.

Die Principessa Dango? Wohl kaum. Als Archies Hrige war sie momentan am
Tempelhofer Feld in einem Gecco Pintaccio-Film prostituiert.

Doch wozu die Lgen um sein Herz. An dem strahlenden Schauder wute er,
was -- nicht weie -- noch schwarze -- einzig die rote Magie intensiv
wnschender Sehnsucht ihm, nach so vielen Monaten da zu erscheinen
zwang. Es stand: eine lichte, leicht noch nachschwingende Lanze, wie in
einer Steilrechten heruntergezckt, aus klarerer Heimat, ohne das
Weichbild dieser Stadt auch nur berhrt zu haben. Hob kritisch beglckt
das Profil dem andern, steinernen entgegen, dort wo der Eckbau aus
Pylonenbreite in einer hfisch feinen Kurve der Vollendung sich
verjngte.

Ganz langsam genieend kam er heran auf erhhten Sinnen, seinem
gewohnten Standort zu, unmittelbar hinter dem ihren. Selbst jetzt htte
er dieses ernste, holde und sehr geheimnisvolle Gesetz nicht
durchbrechen, sich ihr in Willkr auch nicht um einen Schritt nhern
mgen. Gerade deshalb war sie nun auf seinen Weg gestellt worden, in so
viel verheiungsvollerer, weil freigeborner Weise zufllig, somit aus
reinster Notwendigkeit.

Ganz in die Erblickung gestrzt, beobachtete er noch mit dem
erleuchteten Saum seiner Sinne amsiert den ganzen ranzigen Aufruhr: die
mannigfachen Schreckphnomene aller Unreingegliederten dem Niegeschauten
gegenber. Hier, wo der Mob viel hher heraufreichte wie irgendwo
anders, glaubte jeder Vorberkommende sich berechtigt, durch Haltung,
Miene oder erknstelten Naturlaut eine Meinung, um die er nicht gefragt
worden war, der Dame kund zu tun.

Frauen versuchten, voll hhnischem Mitleid zu erschrecken, zwinkerten um
Solidaritt hinber zu wildfremden, achselzuckenden Mnnern. Andre, mit
Kindern an der Hand, ermunterten diese, die nicht recht wuten weshalb,
sich kichernd umzudrehen. Pfuitterdeixel pfiff ein ganz ausgekegelter
Schlosserlehrling mit O-Beinen, berbeinen und Plattfen, in die Luft.
Er nickte ihm zu: So recht Craple, htte sie bei Deinesgleichen
Succzes, mte sie sich doch erschieen. Gleich bei jener ersten Szene
im Restaurant hatte er ja fr immer begriffen: nichts hat und frchtet
der Ktermensch so sehr, wie den Stilbildner, der durch sein bloes
Dasein etwas zu fordern scheint, eine Anstrengung, das Niveau zu ndern.
Weder Bescheidenheit noch Diskretion retten da den Ungemeinen. Erst wird
man ihn mit boshafter Herablassung niederzugrinsen, dann mit aggressiver
Infamie von sich abzutun versuchen, denn als schn vermag der optisch
Ungebildete nur den eigenen Komparativ zu begreifen, lediglich was einer
zum greren Grade als er selbst besitzt. Das in der Linie des leicht
Erreichbaren gelegene allein gefllt ihm, soda im Wohlgefallen noch
Faulheit und persnliche Eitelkeit befriedigenden Platz finden. Erst der
sich selbst Erziehende, welcher Art er auch sein mge, wird Fremdes:
daher Befremdendes sogleich optisch vom Blatt zu lesen und zu werten
vermgen.

Jetzt war er hinter ihr, auf seinem gewohnten Platz. Sie stand
abgeschirmt mit unvergleichlich lssiger Verachtung. Schaute. Die
Wellen dieser zappelnden Gemeinheit sind viel zu kurz, um ihre langen
Wogenzge zu stren, fhlte der Entzckte, knnen garnicht an diesen
hohen Sender mit strahlender Antenne rhren.

Sein Mnnerschatten beugte sich ber. Da rief sie sich wie in eine
bedrohte Festung zurck. Das unverweslich Herbe an ihr, diese steigernde
Dissonanz des Reizes, vereiste sofort ins Abschreckende, absichtlich
Abstoende. Hochgemutes gerann zu Hochmut. Das war ihm neu! Eine Kultur
des Hasses, kundig und erlesen.

Kristallumpanzerte fhlte er. Ganz Weie. Fremdeste der Fremden
hier.

Sie einfach vom Trottoir wegheben, ganz in Zartheit wickeln und
hintragen, wo er der Herr war. Ihr Wesen und ihr Ort trafen ihn wie eine
Blasphemie von Gott aus; mindestens wie ein schwer zu verantwortender
_faux pas_ himmlischerseits. In des Schattens Haltung lag jetzt so viel
Diskretion, wie er jede Berhrung mit dem ihren mied, da sie sich halb
wandte. Die einsamen Sternsaphire sahen ihn zum erstenmal an. In Padua
hatten sie durch ihn hindurch in die Erwartung des Glcks geschaut.
Sahen jetzt statt eines berlstigen, statt eines pbelnden Mnnchens
einen Menschen vor sich: einen brderlichen Gentleman. Geschwisterlich
gleichgerichtet, Seite an Seite flog von nun an ihr Genieen alle Linien
des Baus entlang; einen Augenblick verschmolzen die Schattenkerne in
Eins. Wann dieses Schauen auch zu klingen begonnen, wem zuerst Worte
sich geformt, wute er nie. Es waren Worte von jener scheuen, weil
tiefsten Vertraulichkeit, die wie aus einem Abgrund der Zeiten herauf-,
herbergetastet kommt in eine erste Begegnung voll seltener,
unbegreiflicher Anziehung; lustvoll und furchteinflend zugleich. Die
Worte selbst? Das Geheimnis ihres Reizes? Da einer vom andern alles
vorauszusetzen schien: alles Wissen und alle Erkenntnis und da es doch
wie nichts war, kaum mit juwelenen Hnden gestreift, um ganz drauen nur
die Spitzen der Persnlichkeiten im Licht miteinander spielen zu lassen.

Jetzt wandte sie sich ganz, prfte mit den Wimpern durch die Luft hin
die Knabengltte seiner groen Zge, das starke Kinn aus Stein.
Verwundert, als wre sie gewohnt, nur in durchackerten Gesichtern Saat
von Geist aufgegangen zu sehen.

Die gelhmte Zeit stand wie ein ins Unertrgliche gespannter Bogen
ausgestrahlt um ihn. So ganz nah, war sie von verwegener berwltigender
Vollendung. Nicht nur ausgespart aus einer saloppen Umwelt. Der
niegesehene Typus, jene neue Schlankheitsgrenze, hatte auch neue Gesetze
der Anmut erfordert und erschaffen. Welch zhe Treue zum Ideal war hier
bis in die letzten Lineamente offenbart. Hingerissen und sachlich
zugleich, ingenieurhaft beinahe fhlte er dieser neuen Anmut: dieser
Natrlichkeit hherer Ordnung nach. Ihre gepflegte Wahrheit kam aus
einer solch adeligen Tiefe her, da jede Bewegung sie ganz enthielt.
Etwas von Tier und Seraph und gleitendem Erz.

Alle Stdte, durch die sie geht, mte man vor ihr niederlegen, dachte
er. Denn keine pat noch zu ihr. Sie aber ist im Recht.

War seine Musterung indiskret geworden? Sie schrak auf aus holdem und
tiefem Vertrauen. Verherbte wieder. Schlpfte in einen schwarzen Block
Abwehr.

Indessen hatte sich ein loser Halbkranz von Gaffern gebildet. Eine
dstre Kuh mit Plattfen mibilligte beide Erscheinungen. Andre
starrten des Fischer von Erlach Meisterbau auf den entflogenen
Kanarienvogel hin an. Ungeratenheit, die sich dreist machte. Noch einmal
grten ihn die einsamen Sternsaphire ganz flchtig, und die hohe
Silhouette schwankend vor Schlauheit entwich in eine Nebengasse. Er sah
den khnen Gang ihrer gttlichen Beine durch das Kleid hindurchspiegeln,
dann sog der braune Rssel eines Durchhauses sie ein.

Gleichen Abends reiste er ab. Wute: hier fhrte kein Weg mehr nher
heran zum

Elf von einem groen Stern.




                              Viertes Buch


Zur Zeit als Horus ins Haus der Elchos zog, erwuchs auf der andern Seite
der Erde ein kleines Mdchen gleichen Alters in einem sonderbaren
Gebude: halb Palais, halb Fabrik.

Tglich Punkt zwei bog die wenig stilvolle Equipage um das grasige
Viereck im asphaltierten Innenhof, an den Statuen und dem alten Nubaum
vorbei, der Grtner ffnete weite Torflgel unter der gewlbten
Einfahrt, und man fuhr bis vier spazieren. Papa und Mama im Fond. Immer
denselben Weg: erst durch ratternde Vorstadtstraen voll anrchiger
Kramlden und Klaviergehacke, dann um den Ring herum. Die Beinchen
reichten nicht bis zum Wagenboden und schliefen einem immer ein in den
kleinen Prunellestiefeln. Baumeln durfte man nicht, reden meist auch
nicht. Oben redeten die Eltern diese endlosen, gereizten
Erwachsenensachen, bei denen man nicht stren sollte, obwohl es doch
immer dasselbe war und so berflssig. Manchmal hob Papa den Hut schrg
weg und Mama nickte mit einem sschiefen und entzckten Gesicht, wie
sie es zu Hause nie hatte. Dann mute man auch nicken und mit dem Mund
knicksen, meist ohne Ahnung, wer die Leute gewesen, denn Besuch kam fast
nie ins Haus.

Alles war fader, als es sich sagen lt. Bis auf die Ecke mit der
Ballonfrau. Da wurde man innen voll aufreizender Kugelchen. Bekam man
ihn? Und wenn ... rot oder blau? Leider machte die Ballonfrau auch immer
so einen Freundlichkeitskrampf im Gesicht, wie Mama beim Gren, whrend
sie einem mit Hnden voll gemeiner Fingerngel die leise aufwrts
ziehende Kugel ums Handgelenk band. Plrrte dabei:

Nein, a soa schns blond's Kind!

Aber recht eigensinnig und unfolgsam pflegte Mama zu erwidern, gerade
heute sollte sie gar nichts bekommen.

Meist log Mama. An Ballontagen war zufllig nie das Kleinste passiert.
Der Ballon aber war ein Wunder, obwohl er schlecht roch; denn er blieb
aufrecht oben am Faden, whrend sonst alles unten an Fden hing. Hatte
auch am Bauch ein komisch verrunzeltes, herausgestlptes Knpfchen, vor
dem einem ein wenig ekelte, wie ein Schwein. Ein fliegendes Gasschwein
ohne Flgel.

Jetzt begann die groe Versuchung: heimlich die Schnur vom Handgelenk
gleiten lassen, damit der Ballon frei hinauf knne, immer schneller und
kleiner wrde, schlielich wie eine Traubenbeere mit Schwanz. War er
aber auch ganz weg, hinter ihm, das Loch im Himmel blieb noch lange,
indes man Bestrzung heucheln mute und gezankt wurde wegen der
Unachtsamkeit. Es schien: Geschenke gehrten einem doch nicht recht. Nie
durfte man mit ihnen Lustiges tun, meist nicht einmal sagen, was man tun
mchte. Sie war im sechsten Jahr -- eben bog der Wagen wieder einmal ins
Tor heim -- da verga das kleine Mdchen mit dem Mund zu knicksen,
whrend Papa den Hut schief weg zog und Mama das Gesicht, denn: etwas
berwltigendes war geschehen und viel zu gro fr Angst:

Sie wute nicht mehr, wo sie aufhrte.

Da war die Hand; ihre Hand mit dem aufrechten Ballonfaden. Flge jetzt
die Hand mit dem Ballon davon, durfte dann der Ballon zur Hand ich
sagen oder die alleine Hand zu sich selber ich?

Wer ist Ich? fhlte das Kind. Sah ber den Rand der Frage in ein
Bodenloses. Streifte den Handschuh ab, spannte und entspannte jedes
dnne Fingerwesen, lie es tun -- empfinden ...

Wo fange ich an -- wo ende ich? staunte immer weiter. Rann noch einmal
mit allem Gefhl vom Herzen in die Krperspitzen, wollte ins
Grenzenlose, konnte nicht weiter, war von diesem Augenblick an bewut
mit der Welt in Ich und Nicht-Ich zerfallen, das Wunder Dasein hatte
fragende Augen aufgeschlagen, die sich erst im Tode schlieen. Das
Fremdlinghafte war da; fr immer. Mit ihm: Persnlichkeit, Einsamkeit
und Sehnsucht.

Das wute aber die winzige Philosophin noch nicht. Vorerst ging alles in
Staunen auf. Probleme spannten helle spitze Flgel, wollten durch sie
hindurchbrechen, pfeilrecht und silbrig, die junge Seele erfllen und
tragen.

Warum hast du nicht gegrt? Was wird die Frau Regierungsrat Dostal
denken.

Papas Augen und Stimme rissen durch den dnnhutigen Kinderkrper
hindurch. Die gestockte Zeit begann auf einmal heftig zu laufen. Der
Wagen fuhr weiter durchs Tor. Alle Dinge taten wieder und man schrak auf
in einem Abgrund von Verworfenheit, sa bestrzt mit einem Bums mitten
in unbersehbaren Folgen: hatte zu gren vergessen. Das Herz schlug
breit wie ein Fcher durch die ganze Brust.

Weil du immer deine Hand angeschaut hast. Immer mu sie sich bewundern,
der eitle Fratz, sagte Mama.

Fratz, das war wie ein verzerrter Blitz und kreischte obendrein.

Aber ich hab' ja gar nicht ... bewundert, wollte das Kind beteuern.

Lg nicht, ich hab' es doch selbst gesehen.

Ja, aber ... man stammelte, suchte gierig das mit dem Ich und
Nicht-Ich zu erklren.

Wirst du endlich still sein und nicht fortwhrend nachmaulen. Papa
machte seine aufgerissenen Glasaugen aus ungeheurer Macht, vor denen man
immer sehr erschrak.

Noch einmal setzte das Kind zum Sprechen ein, wurde hilflos, gab es auf,
denn am Vordersitz hub jetzt jenes aufgedonnerte Entsetzen an und
didaktische _pour la galerie_-Reden, dem die kleinen Kinder ihre groe
Erwachsenenverachtung verdanken.

So eine abscheuliche Rechthaberei, dieser Eigensinn, wo sie das alles
nur her haben mag, von uns doch nicht.

Und Papa wandte sich in seiner schlanken Lnge Mama zu, schttelte dabei
edel und gebrochen den Kopf.

Von mir gewi nicht, himmelte Mama mit ganz verzuckerten Augenlidern,
und beider Eltern linde Vollkommenheiten sahen einander schwergeprft
an.

Dem verworfenen blonden Wechselbalg am Rcksitz ballte sich das kleine
Herz zur Faust. Alle echte Beschmung war weg:

Vielleicht bin ich wirklich nicht ihr richtiges Kind? Welch Glck! Und
den Gedanken weitertrotzend:

Meine echte Mama trgt keinen Bauch unterm Korsett und mein wirklicher
Papa ... nun aussehen tut er vielleicht wie Papa, aber er schreit gewi
nicht so hlich in der Fabrik herum. Die Katze und das Reh nehm ich
natrlich mit in mein Knigreich, sonst aber niemand. Da stehen dann
Papa und Mama voll Reue am Haustor und flehen. Aber erst ganz zum Schlu
dreh ich aus dem Wagen heraus ein wenig den Kopf und sag: >Spter einmal
-- vielleicht<.

Sie lchelte in das Knigreich hinauf.

Der Ballon, sagte Mama emprt und hatte zwei hngende kleine
Schrotscke in den Mundecken, alles Verzuckerte war auf einmal fort,
man sollte ihn ihr wirklich zur Strafe wegnehmen.

Papa zog sein Taschenmesser, durchschnitt die Schnur. Wundergrad stieg
der Ballon bis ber den Rauchfang. Dann drehten ihm Krallen aus Gas den
Hals um, er duckte sich, wutschte weg, schrg packte ihn ein Wirbel --
sie hob entzckt die Hnde, fhlte an ihren Rndern wieder das Problem
eigenen Aufhrens. Dunkle Angst und Verantwortung, so ein ganz alleines
Ich zu sein unter lauter fragwrdigem Drauen, berwltigten pltzlich
das Kind. Es brach in Trnen aus.

Das kommt davon, wenn man vorlaut ist, sagte Papa, dann trstend:
aber vielleicht gibt es morgen einen neuen Ballon, den binden wir dann
so fest, da er gewi nicht wieder fortfliegt.

Voll Mitleid mit so viel dickhutiger Begriffsttzigkeit sahen die
jungen Sternsaphire sich diesen desolaten Erwachsenen an, der obendrein
ein Papa war.

Groen konnte man ja berhaupt nichts erklren, sie aber auch nichts
fragen; wenigstens nichts Eigentliches. Mama sah dann aus starrgrauen
Augen meist zur Seite, tat, als tauche sie eben aus einer beraus
wichtigen Erwachsenensache auf, in die sie sofort wieder zurck msse,
nickte flchtig und falsch zerstreut:

Ja, ja, schon gut, aber halt dich grad.

Papa lie sich gern fragen, doch nie durfte man weiter wollen als er
selber wute, nannte die Frage dann albern und wurde heftig. Als ganz
kleines Kind hatte sie einmal stolz von ihm gesagt: der Papa wei
alles. Diese vierjhrige Voreiligkeit sollte sich bitter rchen. Er
hatte nachsichtig und doch wieder ehrgeizig dazu geschmunzelt, sich in
seine riesige Rbezahlhhe gereckt, so mit einer Haltung, als wnsche
er, dies mge dauern. Darum tat man auch viel spter noch oft so, lie
es hingehen, hrte widerspruchslos zu, redete er mit herrischen
Bewegungen vag daneben, hatte man aus Versehen nach einem Eigentlichen
gefragt. Er roch ja doch so vertraut und gut, mit den graublonden
weichen Wellen drauen ber der Stirn voll trotziger Lwenfalten, und
man kte ihn fieberhaft gern, obgleich er jhzornig schrie und einen
viereckigen Daumen hatte; berhaupt lang nicht so mit allem in Ordnung
war, wie etwa Butz, die Katze, und Iblis, das Reh. Aber das waren ja die
wenigsten. Bei den andern lie sich stets ein noch hinzudenken.

Was fr ein noch? Sie grbelte: noch schner? Nein noch _nocher_,
ganz einfach.

Da war zum Beispiel das Matterhorn. Alle hatten im Sommer davor so
berwltigt getan. -- War man aber schon ein Berg, hatte man doch
eigentlich _noch_ steiler zu sein, _noch_ hher, mit _noch_ eckigerer
Schulter, und mit einer solchen Eisnase hinaufzustoen durchs Blaue, da
es in Sprnge zerkrachte wie ein Glasdach.

Die Dinge waren eben irgendwie faul und nie bis zu ihren eigenen Enden
gegangen. Das hatte aber durchaus nicht immer etwas mit gro sein zu
tun ... Butz und Iblis waren klein und doch bis in ihre Enden gekommen
und ganz rundherum wunderbar, da man nie satt an ihnen wurde vor
Zrtlichkeit und Entzcken.

Das also war das _Noch-nocher_. Auerdem gab es das Eigentliche. Von
dem aber mochte erst recht keiner was hren; auch ein paar Jahre spter
die Lehrer nicht. Versuchte man es zu begreifen, hie es, man sei
begriffsttzig und halte die Fleiigen nur auf. Lange weigerte sie sich
einzusehen, warum eine Flaumfeder und ein Bleistck im leeren Raum
gleich schnell fallen sollten. Das Gerede mit dem Luftwiderstand war
doch nur Nebenschein, tief drinnen aber lag ein Unbegreifliches. berall
lag ein Unbegreifliches tief drinnen: das _Eigentliche_ eben. Wie im
Ich und Nicht-Ich.

Auch magische Worte gab es, wie Masse und Substanz. Sie erregten
einen oft so, da man den Kopf in die Waschschssel stecken mute,
fhrten aber doch nur zu Konflikten, bis man es gleich den andern
Kindern weghatte, Lernen von Verstehen zu trennen, alles so glatt zu
wissen wie die albernste Gans; es auch nicht mehr beanstandete, da die
Welt Dienstag und Samstag von zehn bis elf in Naturgeschichte
Jahrmillionen zur Entwicklung brauchte, und auf ihr aus einem
Schleimpatzen, einfach durch berleben des Passendsten einmal etwas
wie ein Elefant wurde, ein andermal etwas, das die Neunte Symphonie
schrieb oder den Tristan, je nachdem; whrend wieder alles, einmal der
Woche von drei bis vier, beim Religionsunterricht, in sechs Tagen
gemacht worden war, von einer heftigen lteren Persnlichkeit ganz
pltzlich und ohne jede ersichtliche Veranlassung.

Als Kind eines eingewanderten deutschen Patriziers fanden die
Religionsstunden, im Gegensatz zu dem gemeinsamen katholischen
Unterricht der Schule, privat bei dem evangelischen Pfarrer statt. Man
landete dort wie auf einer Insel von Gespreiztheit und durchgesessenem
Plsch, ohne recht zu wissen warum, schon allein durch die Art, wie Mama
devot, verschroben und leer Hochwrden sagte. Dann gab es Verse
auswendig zu lernen:

   Das Wort, sie sollen lassen stahn
   Und keinen Dank dazu haben.
   Er ist bei uns wohl auf dem Plan
   Mit seinem Geist und Gaben ...

Sie hatte das nie begriffen. Da nicht, aber auch niemals spter. Doch
wozu diesen Greis, der so schon einen Stockschnupfen mit rotgewrfeltem
Taschentuch hatte und einem -- lie man ihn in Ruhe -- automatisch sehr
gut gab, durch Fragen entfesseln. Auerdem gehrte er ja zu den Leuten,
die sterben. Schon als kleines Kind hatte sich diese Idee bei ihr
festgesetzt: nur Leute, die zur Kirche gehen, sterben. So alte Weiber
eben, die immer im Weihrauch lungern, mit Kerzen und Geplrr bei
Leichenbegngnissen herumschlurfen. Ein gut und gradgebornes Wesen
stirbt nicht. Wie knnte etwa Iblis, das Rehli sterben? Hchstens
haaren. Dann bekam es eben ein noch glnzenderes Fell, und man grub das
Gesicht noch lieber hinein, wenn man, die Arme um seinen Hals, mit ihm
aus der Heukammer in den Garten sprang, bis unter die Fichtengruppe beim
Neptunbassin, wo Iblis seine lackschwarze Nase in die Leberblmchen
steckte, sie rupfte und fra.

Und gar Butz! Wie knnte Butz je auch nur so wssrig aufdunsen oder
knotig vertrocknen wie Begrbnisweiber? Sie warf sich flach auf den
Boden und betete Butz an. Es war eine lichte und festliche Andacht:
lebendige Adoration, steigender als Fieber, tiefer als Schlaf, mit der
alle bewunderte Bewegung in den eigenen Krper herbergesogen wurde.
Denn sie hatte entdeckt: war man auch ein ganz alleines Ich, vermochte
man doch Dinge in sich hereinzulieben nach Wahl, denn da war eine Welt
von auen nach innen und eine von innen heraus; durch den feinhutigen,
zartherzigen Kinderkrper osmosierten sie hindurch und man meinte,
einmal mten sie sich zueinander kssen.

Jetzt war Butz dran, hereingeliebt zu werden. Bald hatte der Kater den
Schwanz um sich getan, sa mitten in ihm wie ein Turm mit Ringmauer, sah
ganz oben aus zwei grnen Scheinwerfern in Lichtkegeln um sich; bald
strich er, schmler wie sein Schnurrbart, durch Trspalten, schwanzhoch,
lssig und einsam. Oder man nahm ihn auf den Scho, streichelte sich die
Herrlichkeiten seines Lebens hinein.

Andern Tags ergab es sich dann richtig, da man den deutschen Aufsatz
total vergessen hatte mit seinen zwei Themen zur Wahl: Hausmtterchen,
der Sonnenstrahl im Elternhaus oder Kleopatra (Richtlinie: schade,
da in einem so schnen Krper nicht eine ebenso schne Seele wohnte)
und auch in der Geschichtsstunde dem Faktum, da durch Margarete
Maultasch Tirol an das Erzhaus gefallen war, eher fremd, um nicht zu
sagen lieblos, gegenberstand.

Bald hie es: dieses ewige Herumschmieren mit den Tieren im Garten mu
aufhren. Es lenkt zu sehr ab. Schien ein System: bei allem Erhabenen,
Hinreienden, Holden, es verbieten unter der Devise: es lenkt ab.

Unverstand in idealem Zusammenflu mit Malevolenz, wie sie ein paar
Jahre spter diese Bestrebungen innerlich zusammenfate. Zeigte man
Freude an etwas, ward es zu Erpressungen ausgenutzt, seine Entziehung
angedroht; verbarg man deshalb seine Neigungen, hie es: pfui, ein Kind
und schon so blasiert.

Warum spielst du nicht mit dem schnen, teuren Spielzeug? frug Mama.
Andre Kinder wren froh und dankbar ...

Hinter diesem schnen, teuren Spielzeug aber lauerte endlos und
heimtckisch das Aufrumen. Gar noch zum Schlu, wenn man jedes Stck
schon so satt hatte. Butz und Iblis bekam man nie satt, und sie rumten
sich selber auf. Oh, nur rasch gro sein, erwachsen sein, frei sein.
Nicht mehr bis in seine Spiele hinein gezwungen werden, die verkappte
Plage waren! Diese Groen aber sagten:

Sei froh, da du noch ein Kind bist, immer sorglos und glcklich.

Und wie war das mit der Margarete Maultasch, he? Und das frher: nicht
mit den eingeschlafenen Beinen baumeln und nur gefragt reden drfen? Und
gar jenes andre, von dem man nicht sprechen mochte, nein, lieber
sterben! Jenes: in der hohlen Nacht schiefgekauert vor Grauen, ganz
allein im Schwarzen liegen, wenn es sich in den Ecken ballt ohne
Gegenstand und man es anfleht, nur nichts zu werden! Wo man die
bermden Augen immer wieder aufreit, denn sie sind das letzte, mit dem
man das in den Ecken noch bndigen kann. Ist man aber eben eingenickt,
sofort wieder zitternd heraus mssen im Winterdunkel, mit Nebel im
Magen, um bel vor Hast zur Schule zu strzen, bernchtig in
Angstschwei ... jeden Tag und jeden Tag, Jahr um Jahr.

Selber wuten sie allerdings kmmerlich wenig anzufangen mit der
unermelichen Macht und Wonne ihrer Erwachsenheit, diese Wesen,
berzogen mit Trbe, Zhe und Verdru. Taten immer so, als tten sie:
unausdenkbar Wichtiges. Dabei war es gar nichts. Lauter schbige, trge,
unreine, strende, berflssige Dinge. Warum wedelte Mama, zerzaust und
verzerrt, mit einem widerlichen Lappen in der Hand, den halben Tag
zwischen den Mbeln herum, wo doch das Stubenmdchen und der Diener dazu
da waren? Eine bse und schweiige Mrtyrerin des schnen Hauses, statt
lieber durch die weiten, hellen Rume oder den Garten zu galoppieren und
Reif zu schlagen. Warum hie es Ernst des Lebens, wenn Papa am
Kontorofen lehnte, die Zeitung las und rauchte, whrend genau dasselbe
vor dem Speisezimmerofen getan Erholung hie?

Einmal geschah etwas zum Zittern Ekles. Nie zu Vergessendes: whrend die
Kchin appetitlich dasa, in grnweier Schssel reizende rote
Radieschen wusch, griff Mama mit ihrer Hand -- der eigenen nackten Hand
-- griff sie ganz von selber, ohne da sie doch mute, einem blutigen
Hhnerkadaver von unten in den klaffenden Stei hinein, ganz tief bis in
die violetten, stankgeschwollenen Eingeweide, ri an den glitschigen,
da sie herausspritzten. Oh, wie es dann unter ihren Ngeln aussah!

Das Kind ballte die Fuste. Wer das ber sich bringt, ist keine Dame
mehr. Und fast weinend vor emprter Reinlichkeit: nein, lieber
verhungern. Papa war dabei gewesen, hatte es auch gesehen und doch
begann er ihr nach Tisch mit jener reuigen Gedrcktheit schmatzend die
Hnde abzukssen, wie immer, wenn sie zerlechzt dasa und in schweiiger
berbrdung schwelgte, denn beide schtzten Szenen sehr. Seither war er
fr seine kleine Tochter nie mehr derselbe, war irgendwie herabgekommen.
Sie fhlte dunkel: es gibt Hnde zum Hhnerausnehmen und Hnde zum
Kssen. Beides, nein! Schmiegte sich von nun an seltener in seine Arme
und a Hhner berhaupt nicht mehr, erbrach sich schweigend immer
wieder, wenn man sie dazu zwingen wollte. Hatte Mama etwas geahnt? Sich
hinter Papa gesteckt? Pltzlich hie es:

Du bist jetzt gro genug, es wre Zeit, der armen Mama ein bichen in
Haus und Kche an die Hand zu gehen.

Sie fhlte die schmutzige Schlinge. Mit zusammengebissenen Zhnen,
gefrorenen Mord im Gesicht:

Dazu sind die vier Dienstleute da, berdies Grtners und Portiersfrau.

Man nahm ihr die Geige weg, verbot Latein und Griechisch, die sie privat
betrieb. Auftritt ber Auftritt. Mama stlpte polternd Keller und
Bodengermpel um, sank dann erschpft in Sessel, rckte eine
ausgearbeitete rechte Hand mit zerbrochenem Zeigefingernagel anklagend
in den Augpunkt tchterlichen Mitleids, whrend Papa druendes Dster
aus knochenberhangenen Augen hervorscho, bis schlielich alles zu
einem latenten Dauervorwurf gerann.

Oh, wie sie Szenen hate! Szenen deckten ja alles auf, und es hie doch
schon so genug vertuschen, damit es nicht herauskam, wie minder sich die
Groen benahmen. Das aber sollte nie offenbar werden. Lieber warf sie
sich mit ausgebreiteten Unarten rechtzeitig dazwischen, um eine
auftauchende Hemmungslosigkeit, unvornehmes Gehaben der Eltern vor
Fremden ins Erklrliche zu rcken. Fhlte sich irgendwie fr diese
Eltern verantwortlich aus ihrem Tiefsten heraus: dem Drang nach
Reinheit. Wollte wie aus klarem Bade gestiegen sein. Setzte sich darum
oft vor sich selber knirschend ins Unrecht; keineswegs aus Liebe oder
Gte. Von letzterer hielt sie vorlufig nicht viel. War noch zu jung,
vertrug die Dummheit nicht, die vom Guten zweiten Ranges ausstrahlt,
verwechselte Gte noch mit Sentimentalitt.

Einmal galt es, nicht nur Unrecht --, bitterer noch: das Odium des
Ungeschmacks flschlich auf sich zu nehmen. Es war am zwlften
Geburtstag, als Mama das mit der neuen Zimmereinrichtung verdrehte.

Du kannst sie dir selbst whlen, heuer zum Geschenk, hie es.

Khne Plne wurden geschmiedet. In der Tanzstunde riet die gedunsene
Valerie:

Nimm Eiche mit Gobelins.

Nein, blaue Seide mit weiem Lack, auch ein Bidet aus weiem Lack mit
Goldknpfen dazu, drngte Olga, die den finnigen Teint hatte vom vielen
Kseessen.

Das beneidete Geburtstagskind aber hllte sich in seliges Geheimnis:
nein, etwas ganz Neues, ganz anderes, ihr sollt sehen. Und zu mir
passen mu es wie das Haus zum Schneck.

Mama sah die Entwrfe. Ja, aber auf dem Boden liege noch ein bedruckter
Kreton, der msse fr die Mbel verwendet werden, auch zwei
Vorzimmerschrnke sollten herein. Schlielich ergab es sich, da alles
schon bestimmt war, lauter vorhandene Reste. Nur die Form der
Sesselgestelle unter dem scheulichen Blmchenkreton blieb ihrer freien
Wahl berlassen. Sie hrte gar nicht mehr zu, was der Tapezierer
schwatzte. Aus. Kein Kompromi. Mochten sie machen, was sie wollten.
Alles oder nichts ... natrlich wurde es dann immer nichts.

Zum Geburtstag kamen die aus der Tanzstunde mit Buketts, rmpften die
Nasen. Jetzt Zhne zusammen und Kopf hoch; dann leichthin:

So sei es gerade recht, so msse es sein.

Und sie warf sich vor diesen Kreton, vor diese Vorzimmerschrnke, als
wren es elterliche Mngel.

Abends aber hie es in ihre verdunkelte und freudlose Miene hinein:

Nicht einmal bedankt hast du dich noch bei der armen Mama und hat doch
solche Mhe gehabt mit deinem neuen Zimmer, hat sogar da wieder alles
allein machen mssen.

Samstag von fnf bis sieben war Tanzstunde im Institut Crombe-Wokurka.
Schon die Ankunft im Vorraum, ein kleiner Triumphzug fr jede der sechs
Eliteschlerinnen. Vom Salonschreibtisch, vor den verschlossenen grnen
Lden, erhob sich im Gaslicht Madame Crombe-Wokurka, und unter der
Mahagonipercke fletschte ihr wunderbar falsches Gebi schmeichelhaft
Willkomm. An der Tr des Tanzsaales aber stand Monsieur Crombe-Wokurka
selbst und seine Beflissenheit teilte vor einem die hopsende Plebs auf
dem Weg zur kleinen Privatgarderobe der Auserlesenen. Er schwebte dahin
wie der Ballon ihrer Babytage, denn sein Bauch schien lauter Luft. Aus
ihm hingen die Beine herab mit krummen Lackschuhen als Gondeln. Ein
leichter Auftrieb nur, ein Zephir, und er stiege zum Plafond, dort
entlang zu bumsen, noch immer mit den Fen trillernd.

In der Garderobe aen die sechs Bevorzugten dann selbstherrlich Orangen
und Bonbons, indes das Anfngervolk drauen in seinen Niederungen
schwitzte, bis man es fr gut befand, zu erscheinen und die hohe
Paradeschule anhub: unechte Sachen auf der groen Zehe, ein kastrierter
Fandango, dann Polnisches, Russisches, Schottisches, Indisches,
Lapplndisches, Dionysisches fr den Mittelstand.

Und doch war jeder dieser Samstage ein kleines Fest bis zum Tag des
Skandals mit der Frau Binder um Ernas willen. Schon zu Hause mute sich
Dunkles und Emprendes bei Binders abgespielt haben, denn von den
Schwestern kam Erna, die halberwachsene, die nubraune, sonnige, ganz
verweint an, whrend Mimi, das kleine Aas, triumphierend die Mutter
umschwnzelte. Spter ein Streit um ein Paar Tanzschuhe, Mimi, weil im
Unrecht, quietscht um Hilfe, lgt whrend der Tanzpause alles
heimtckisch und verdreht der Mutter vor; die schleift Erna aus dem
Kranz der Tnzerinnen, ohrfeigt sie klatschend unter Gekreisch vor aller
Welt, Erna, zerschluchzend in Scham, strzt zur Garderobe, grbt den
Kopf in den Diwan, riegelt sich ein.

Mitten unter beschwichtigenden Mttern sitzt roh und feig das
Binderweib. Oh, wie war diese Person widerlich! Als risse sie den ganzen
Tag fanatisch Eingeweide aus Hhnersteien. Und das sollte Macht haben
ber menschliche Wesen?

Sag' Erna, sie hat herauszukommen -- sofort hat sie herauszukommen,
bring sie her, hrst du, Sibyl?

Eine Verbeugung, ein lssiges Gehen. Dann wiederkehrend, eine zweite
tadellose Verbeugung. Dann eisklar vor Emprung -- ber alle angeborne
Scheu begafftes Zentrum zu sein, hinweg -- in die verlegene Stille
hinein:

Erna wird erst kommen, bis Sie, gndige Frau, sich anstndig betragen.

Zu Hause erzhlte sie, noch ganz im roten Nebel gerechten Zornes das
Geschehene.

Da verschrob sich auf einmal wieder alles in dieser unberechenbaren
Erwachsenenwelt, und sie sa -- wie damals im Wagen -- bestrzt mit
einem Bums selber in unabsehbaren Folgen: in einem Abgrund eigener
Verworfenheit.

Man schlug die Hnde zusammen. Nchsten Samstag wirst du ffentlich in
der Tanzstunde Frau Binder um Verzeihung bitten.

Aber Erna war im Recht, wir waren im Recht.

Ganz gleich, ein Kind wie du hat sich kein Urteil anzumaen.

Also Erwachsene durften sich unkritisiert Kindern gegenber das
Gemeinste erfrechen! Nicht nur, da man nie Recht bekam, hie es auch
noch sich knirschend, mit gestrubten Nerven gegen besseres Gewissen
demtigen, denn tat man es nicht, wurden die Eltern schreiend und
wrdelos; das mute jedoch um jeden Preis verhindert werden.

Sie wnschte Frau Binder oder sich bis Ende nchster Woche glhend den
Tod. Oder ging vielleicht die Welt rechtzeitig unter. Jetzt blieb nur
noch ein Tag -- eine Nacht -- ein halber Tag. Schlielich die Hinfahrt.
Strzte doch ein Pferd! Brche der Wagen! Gasse um Gasse, Eck um Eck
kroch der Moment tdlicher Schmach heran. Schon die Treppe! Kaltgrnes
Eis stieg das Mark hinauf, bittre Wasser quollen im Mund. Jetzt noch
drei -- zwei -- eine Stufe; das Vorzimmer. Noch ein Hirnblitz Hoffnung:
vielleicht fehlten Binders heute? Nein, dort standen schon die
Galoschen. Keine Rettung -- aus.

Die Qual dieses Samstags verseuchte alle die frheren, frohen -- alle
ferneren auch.

Aber konnte denn das schon das Leben sein? Diese unharmonischen Brocken,
aufgereiht an einem Faden Angst. Sie gewhnte sich, alles als unwirklich
zu empfinden, als Fehler und irrer Vorhalt nur: lebte wie von einer
fernen Kste her, ganz in Silberdmpfen der Phantasie. Lernte sich auch
immer reiner und herber abgrenzen gegen das Vorlufige. Zchtete sich
ausschlielich dem Eigentlichen entgegen. Es hatte doch auch sein Gutes,
so ein ganz alleines Ich zu sein, nur aus sich selbst heraus
vernderbar. Da schlo man sich zu und liebte blo nach Wahl herein.

Zum Beispiel einen Barsoi.

Beim ersten Anblick des unvergleichlichen Tieres, das fremd und
resigniert hinter seinem wiener Herrn schritt, geriet sie in tagelanges
Entzcken, bekam feuchte Augen vor der Harfe dieses Leibes, dem
durchscheinende Rippen gleich Saiten anlagen, ruhte auch nicht, bis sie
die eingezogenen Flanken des russischen Windspiels am eignen Krper
lebendig besa. Eine bung war dazu besonders gut: auf dem Rcken
liegend, den Leib sichelfrmig einsaugen, und in die Mulde das Gef mit
den Goldfischen ausgieen. Konnten die Fische dann in dieser
Beckenschale, ohne Grund zu berhren, flossenschlagend umherschwimmen,
war es in Ordnung und ergab am aufrechten Krper den heierliebten
Kontur! Wenn nicht, nderte sie Nahrung, Bewegung, Atem, bis es wieder
ging. Eine Kontrollbung, nichts weiter.

Einmal bekamen die aus der Tanzstunde es zu sehen.

Du bist bertrieben, hie es.

War etwas halbwegs wie es sein sollte, nannten sie es immer bertrieben.

Du bist eine eitle Egoistin und Olga, die trotz finniger Haut vom
Fettkse nicht lassen mochte, blhte sich: Man mu fr andre leben. Ich
werde fr die Idee der Menschheit auf den Barrikaden kmpfen.

Sie probierte vor dem Spiegel eine Jakobinermtze aus rotem Seidenpapier
...

Und berhaupt kommt es auf die Seele an.

Sibyl, die Jngste, zog sich scheu und vllig unberzeugt in sich selbst
zurck. Fhlte tastend: weil Olga zu schwach und faul ist, vom Ks zu
lassen, drckt sie sich an sich selber vorbei ins Gemeinwohl. Weil sie
nicht die Kraft hat, die Menschheit zuerst einmal am eignen Leib zu
vervollkommnen. Eine Watschelgans bleiben und darauflos beglcken, wie
billig; Seele? Eine saubre Seele, die noch nicht einmal imstande ist,
sich eine reine Haut, edle Glieder zu machen.

Ich glaube auch gar nicht, da es den Mnnern gefllt, sagte die
gedunsene Valerie.

Wollte sie denn damit gefallen? Nein, in Ordnung sein, ganz einfach: wie
geputzte Zhne, polierte Ngel haben. Wozu deshalb Aufsehen und Getue?
Merkte eigentlich immer erst an dem dumpf rindhaften Glotzen ringsum
ganz jh, wie wenig man dem nachfrage, was ihr wie Lebensluft: leicht
und unentbehrlich.

Und verstummte dann meist; aus einem groen jungen Nebel von Scheu
heraus, beinahe Scham. Mute denn wirklich jede Wahrheit, die einem
durch und durch ging, immer erst noch oben in diesem negligablen
Schlchen Grohirn zu Argumenten gerinnen, damit sie gelte?

Waren Diskussionen nicht entweder vergeblich oder berflssig? Sprte
irgendwie beweislos, gleich einem Axiom: so lang in meinen eignen
Weichen noch ein Gran Fett, also: Trges und Gemeines sitzt, ist es
einfach eine Frechheit, die Brde der Selbstvollendung in Form von
Gemeinwohl von sich abtun zu wollen.

Seit dem Malheur mit dem deutschen Aufsatz war es mit den ablenkenden
Spielen im Garten bei Butz und Iblis ziemlich aus.

Das schickt sich nicht mehr fr ein so groes Mdchen, hie es,
dieses Herumkugeln auf der Erde mit den Tieren.

Niemand aber konnte sie hindern, dafr tglich beim Durchfahren des
Hofes die Schultern des bronzenen Eidechsentters, den Papa in der
Fabrik hatte nachgieen lassen, inbrnstig in sich hereinzulieben. Das
Jnglingsfreie, Feenfreie dieser Schultern, wie eines geflgelten
Wesens, glnzte ihr jedesmal ins Herz, bis sie es auf geheimnisvolle
Weise mitversponnen in ihr Blutnetz, durch eine Art von nun an das Haupt
zu tragen, sich zu recken, wenn sie laut Pindar vor sich hinsprach.

Aber eigentlich war auch das noch nichts. Genau wie das Matterhorn
konnte alles immer doch noch besser sein, sogar in seiner eignen Linie
und: in mir mu es besser werden ward zur Mission. Die harfenden
Flanken des Windspiels, das Ruhen der Katze, das ugen des Rehs, die
Flgelschultern des praxitelischen Knaben; alles nur zu durchlernende
Stadien, Mittel, um selbst das Noch-nocher zu werden. Hie leben
denn nicht einfach die Verpflichtung, eine neue Vollkommenheit in sich
krperlich zu machen?

_Alle seine Ideale direkt in die Materie zu sen!_

Sich wie ein kstliches einmaliges Gef zu halten, dessen Schale nicht
verbeult, dessen magischer Inhalt nie verunreinigt werden durfte.

Weit und breit tat's ja keiner sonst, und um Himmels willen: endlich
mute doch etwas geschehen. So ward dieses junge Wesen, da es um sich
keinen Idealtypus ausgebildet vorfand, gezwungen, die eigne
Persnlichkeit berwertig werden zu lassen, beinah weinend manchmal in
seines Herzens Andrang.

Die Eltern aber saen Tag um Tag nach Tisch bei ihrem ewigen stumpfen
Schach. Herausschreien htte man sie mgen aus ihrem Schach.

Ich, ich, ich bin noch ein unldiertes Exemplar! Un--l--diert --, hrt
ihr! Noch ist nichts verdorben! Nicht helfen, oh Gott, nur hindern sollt
ihr mich wenigstens nicht! Bitte, bitte nicht!

Alles in ihr bumte sich auf gegen die freudlose Routine, die verfaulten
und schauerlichen Kindereien der Erwachsenenwelt. Wie war das Alter
widerlich und verchtlich. Ohne Selbststrenge in seinem mrben Fleisch!
Ein Weltbeben -- wrde doch der Sirius einmal explodieren -- mitten in
den schwarzen Kaffee und mitten hinein ins Schach!

Die Eltern sahen immer ratloser diesem Giraffen- und Windspielwesen zu,
das kerzengrad, erbittert, stumm und ber die Maen wunderbar von ihnen
wegwuchs. Es selbst aber ward jammervoll herum geworfen zwischen
Schwachmut und Hochmut. Denn nichts ersehnt ja ein feinerer Mensch
inbrnstiger, als nur Ebenbrtiges um sich zu haben; mehr noch: sich
hinbreiten drfen vor etwas, das besser ist als er. Glcklich nur in
einer Welt, die ihn zum guten Durchschnitt reduzierte. Denn der sinnlich
Wohlgeratene mag auch nur wieder Wohlgeratenes um sich dulden, anderes
tut ihm zu weh in seinen Augen. Wer dagegen die Inferioritt seiner
Umwelt mit befriedigter Eitelkeit, statt mit Qual und Scham konstatiert,
gehrt ihr selber zu, und ein berlegenes solange hmisch umlauern, bis
man glcklich einen Fehler, eine Lcherlichkeit, eine Schwche daran
entdeckt zu haben meint, ist untrgliches Pbelmerkmal.

So wehrte sie sich qualvoll immer wieder, ihr Anderssein als Hhersein
werten zu mssen. Vielleicht war alles falsch? Vielleicht lie es sich
doch noch abgewhnen, oder ein Schleier wuchs einem vor den Augen, den
allzu klaren, man sah nicht mehr wie kalt, unrein und trge die Welt
ringsum war.

Erst vor der Wahrheit ihres vierzehnjhrigen Aktes sank jeder Zweifel
dahin. Hohe zarte Beine wuchsen aus allen Kleidern heraus, hoben sie
hher, immer hher ber Morast und Mob, lange Schenkel spiegelten durch
die Scheulichkeit aller Moden hindurch. Voll Ehrfurcht stand sie im
Springbrunnen ihrer Glieder: dem hftenlosen Strahl aus Milch und
Silber. Wo er an den Flgelschultern in die Arme niederflo, dort oben
spielten in ihm zwei winzig harte Kiesel, von paradiesischen Wassern
hochgeschliffen. Das Mdchen-Kind aber trank sich, berauschte sich mit
zitternden Wimpern an diesem verwegenen, makellosen Strahl, zu dem es
ich sagen durfte.

Und war von nun an nicht mehr gemein zu kriegen.

Aber warum, um Himmels willen, sollte man denn nicht so, ganz so, durch
die Welt jubeln und alle rufen und ihnen diese ungeheure Freude
immerwhrend in ihre Augen schenken? Nicht einmal Papa sah es richtig
und Mama verstand ja nichts davon.

Damals erweckte sie die erste grenzenlose Hingebung und beging die erste
_berflssige_ Infamie.

In drei Zimmern, voll geretteten Strandgutes aus Lebensschiffbrchen,
wohnte _Madame Paola Swoboda ne comtesse de Noailles leons de
conversation et littrature franaise_. lige Korkzieherlckchen hingen
ihr, gleich der Kaiserin Josephine, in die alternde Stirn. Aus dieser
wieder hing an einem dnnen Stiel mit Zwicker eine gedunsene Nase herab.
Gro, wrfelfrmig und unendlich einsam sa sie den ganzen Tag vor der
einen Seite des Lschblattes. Auf der andern sa jede Stunde ein andrer
Frischling dieser verachteten Tribus und zergrunzte die adorable Sprache
Racines und Molires. Auf das Lschblatt selbst aber malte whrend der
Lektion die schmale alte Hand mit dem Rotstift unaufhrlich Schnrkel,
wie aus einer bessern Welt. Ganz aus dieser besseren Welt
herbergerettet schien nur der kleine Finger mit dem wunderbar
geschliffenen Nagel. Sie hielt ihn immer ngstlich weggestreckt vom
Vierten und seinem Doppelreif der Witwenschaft, nach einem
sterreichischen Leutnant Swoboda aus Greislerblut. Eine romantische
Seebad- und Entfhrungsgeschichte. Epilog: _leons de conversation et
littrature franaise_, den ganzen Tag. Nur die Stunden vor und nach
Sibyls Lektion blieben leer. Ein kleines Fest der Distanz zu Ehren der
Lieblingin. Kein andrer Schler durfte ihr Kommen kreuzen. Das bedeutete
acht Stunden entgangenen Honorars pro Woche. Aber was machte es, sa nur
dort wieder das Zauberkind mit den Zykadenbeinen und man durfte aus
seinem Mund die eigne geliebte Sprache hren. Eine Blume, ein Bonbon
bezeichneten stets die Stelle, wo weiterzulesen war. Spter zerbrach sie
sich ihren lieben alten Kopf, immer seltenere Proben der angebeteten
Kultur aufzustbern und war glcklich, wenn etwas davon, so so -- la la
vor dem hellen Giraffenkitz ihr gegenber Gnade fand.

Dieses nahm der Madame Swoboda dafr ganz _en passant_ den lieben Gott
weg und schenkte ihr zu Weihnachten, an seiner statt, einen leider ganz
verlausten Papagei. Die alte Comtesse hatte ihr Leben lang den lieben
Gott geliebt und Papageien gehat. Nun gab sie klaglos Gott dahin, weil
die Lieblingin sich einmal mibilligend ber die Unsterblichkeit
geuert und schlo das ganz verlauste Paperl mit Entzcken in ihr
groes, zartes, brennendes Herz. Blusterte sich Coco, whrend der
Stunde auf ihrer Schulter hockend, auf, streifte sein Brustflaum nur
ihre Wange, traten ihr schon Trnen der Zrtlichkeit in die Augen:
_chrie adore_, und sie berhrte sein Kpfchen mit den Lippen.

Eines Tages traf Sibyl die Franzsin recht niedergeschlagen. Eine
Todesnachricht.

_Mon oncle, qui tait toujours si bon pour moi._

Nun entfiel der monatliche Zuschu aus Paris. Zwar war sie im Testament
bedacht worden, doch bis alles erledigt, konnte der Sommer vergehen, man
sa da in der heien Stadt, konnte ohne Bargeld nicht aufs Land, trotz
der Erbschaft.

Wie unangenehm, sagte Mama, nun ja, wenn du dein Erspartes dafr
hergeben willst? Ich werde es ihr anbieten, als kme es von Papa und
mir.

Im Herbst war noch immer nichts erledigt. Madame Swoboda erbot sich, das
Darlehen in Form von Lektionen abzutragen. Die Eltern nahmen an, wiewohl
es Sibyls Taschengeld gewesen. Immer bedrckter wurde es in den drei
Zimmern. Die Miterben hatten das Legat angefochten. Advokaten fraen den
Rest. Malheur mit Schlern kam dazu. Noch einmal half Sibyl heimlich aus
mit allem was sie hatte. Heimlich, denn daheim war Panikstimmung. Das
brgerliche Gespenst des Angepumptwerdens ging schlotternd im Hause um.
Papa stand wie vor einem Abgrund, bewegte stumme Lippen gegen einen
unsichtbaren Belstiger, schttelte dabei geniert und sauer das Haupt.
Bei Mama war es direkt ein kopfloses Grauen, ganz wie im Theater, um vor
Schlu rechtzeitig die Garderobe zu erreichen. Noch bei offener Szene
drngte sie da, wie eine Gejagte, zum Aufbruch. Von der Mitte des
letzten Aktes an war an sorgloses Zuhren nie mehr zu denken.

Einer eventuellen neuerlichen Bitte um ein Darlehen vorzubeugen, wurden
die franzsischen Stunden abgebrochen; Vorwand: eine Reise. Wie vom
sinkenden Stein die fliehenden Wellenringe, zog es sich jetzt von Madame
Swoboda zurck. Warum eigentlich? Diese tolle und bedrohliche
Erwachsenenwelt war immer voll solcher Sachen. Einmal gab Papa etwas wie
eine vernichtende Erklrung dafr ab.

Sie mu schon vorher vom Kapital gezehrt haben.

Das klang wie: seine eigne Gromutter gefressen haben. Oder wie die
Snde wider den Heiligen Geist: auf alle Flle das einzig wahrhaft
Unshnbare je und je.

Dennoch -- dieser Abbruch schien zu unanstndig -- schickte Sibyl nach
einem halben Jahr ein paar hflich liebe Zeilen, versprach einen Besuch,
verschob ihn dann immer wieder unter der latenten Suggestion, verga
schlielich ganz. Nach Monaten kam ein Weheschrei:

_chrie adore,_

_pourquoi me faire autant souffrir? Quel supplice que cette attente!_

Aus Scham zgerte sie nun erst recht. Scheute diesmal das Aufgebauschte
der ganzen Situation. Wieder nach einem halben Jahr war _Madame Paola
Swoboda ne comtesse de Noailles_ still, arm, einsam gestorben.

Die erste _berflssige_ Infamie. Das kam davon, lie man sich von
Erwachsenen auch nur halbwegs in etwas wie Beeinflubarkeit
hineindupieren und berhaupt: vom Kapital zehren konnte gar nicht so
wie etwa die Gromutter auffressen sein, gleichen Jahres tratschten es
die Leute in der Sommerfrische doch auch von Papa. Allerdings war das
Mamas Tun. Frucht ihrer zitternden Andeutungen von dubiosen
Bergwerksunternehmungen. Gedrckt und machtlos schlich sie dahin: eine
hilflose Frau eben, mitgerissen in den Ruin des halsstarrigen Gatten.

Ich darf ja nicht klagen, klagte sie der Tochter -- dann bitter: es
ist ja _sein_ Geld. Rchte sich so, halb unbewut, durch Kleinheitswahn
fr die peinliche berlegenheit des erfolgreichen Gefhrten, statt die
Vorteile seines Arriviertseins froh mitzugenieen. Meisterin nur in
_einer_ ehelichen Kunst: _l'art d'tre martyre_.

Ja, er hatte wirklich Verluste gehabt, Bruchteile seines jhrlichen
Einkommens betragend, lie es aber aus rger oder Schwche schweigend
zu, da reine Sparorgien anhuben. Sibyl angesteckt, getraute sich kaum
mehr zu essen. Es war ein stillschweigender Ehrgeiz zwischen Mutter und
Tochter ausgebrochen, die Rechnung im Restaurant tglich zu verringern,
auf ein lcherliches Minimum zu reduzieren; schlielich a man nur mehr
jeden zweiten Tag zu Abend. Die Sommergste stutzten. In gleichen
ngstlichen Wellenkreisen, wie vor Madame Swoboda, wich es jetzt vor
ihnen zurck.

Sie frchten sich, wir knnten sie um Geld angehen, und Mama rang die
Hnde im Scho, mit der Miene verschlagenen Jammers. Dann begann sie zu
weinen.

Dieselben Leute waren spter ehrfrchtig erstaunt, in der Stadt,
anllich eines Blumenkorsos, in ein Privatpalais mit groem Park und
angrenzender Fabrik geladen zu werden, mit Stallungen, Wagen und
Dienerschaft. Auch Sibyl schpfte wieder Mut: das alles gehrt doch
Papa.

Die Mutter, in der Not der fast ertappten Hysterischen, tat
geheimnisvoll. Dann schadenfroh flsternd:

Im Haus ist doch der Schwamm.

Der Schwamm! Sibyl meinte frmlich zu sehen, wie ihr Heim aufrechten
Leibes verweste, eines schnen Tages aus den Grundmauern heraus zu
stinkendem Brei zerfiel, vor dem man ratlos auf der Strae sa.

Durch den groen Organismus dieses Haushalts lief immer Geiz in
Krampfadern. Im Licht von vierzig Glhlampen ward am Zndhlzchen
gespart. Wunderliche Hemmungen im Hausherrn selbst. Starre, Schwche,
Wahn, ihm anhaftend aus enger Jugend, lag dem allem zum Grunde. Ein Ku,
ein Scherz, anmutiger Spott htten diese Restbestnde vielleicht
lchelnd aufgelst, so aber verbreiterte sie das karikierende
Mrtyrertum seiner Frau wie mit Scheinwerfern ber das gemeinsame Leben.
Schon stumme Duldung einer Ersparnis wurde zu stummem Befehl umgedeutet,
dem man mit leidender Beflissenheit zuvorkam, wie um weit rgeres auf
diese Weise eben noch abzuwenden. Seine intimsten Irrwege fand er
solcherart immer schon vor seiner Nase zu Chausseen ausgebaut; was
Wunder, da er sie mechanisch weiterging.

Einer alten nordischen Stadt entstammend, war er als Erster aus der
Geschlechterkette von Gelehrten, Staatsbeamten, rzten, erobernd
herausgetreten, in der Fremde die langgezchteten Fhigkeiten lukrativ
als Erfinder und Unternehmer zu verwerten. Kulturell Patrizier,
materiell Parven, blieb der reine Ruf seines Blutes der Kargheit
zugewandt, sein starkes knstlerisches Sehnen aber brach sich am
Weltpovel dieser ganz von Gott verlassenen siebziger und achtziger
Jahre. So schnellte er auch aus Trotz zuweilen wieder in die Kargheit
zurck.

Ein jhzorniger, steckengebliebener Weltherr, dessen mchtiger
nordischer Same durch den nichtigen Leib seiner hbschen Frau
hindurchgeschlagen hatte, als wre sie Nur-Gef, um in einem einzigen
Kind geheimnisvoll sehnschtig sich selbst zu berzeugen. Oder rhrte
die Entstehung dieses Wesens schon an das Geheimnis, wo die Natur
pltzlich zu springen anhebt: _fecit saltus_. Das Beispiellose aus
sich heraufwirft in einer _generatio spontanea_ als neue Art, wie es im
Reich der Pflanze sich zu offenbaren beginnt? Malos fr dieses
Sptgeborne war seine Eitelkeit, seine Liebe und sein Unverstand.
Gewaltsam, instinktirr, barbarisch und sentimental dilettierte er an ihm
herum. Entfachte Diskussionen, um seinen Stolz in dem leuchtend frischen
Hirn zu sonnen, zugleich mit seiner Tyrannei, denn nahm die Polemik eine
andre Wendung als er vorausbestimmt, oder ward er gar selbst in die Enge
getrieben, verbot er seiner Tochter einfach den Mund, und um so
heftiger, je hohler der formale Vorwand:

Genug -- kein Wort mehr -- ein junges Mdchen hat sich nicht so
apodiktisch zu uern, das wirkt unbescheiden und abstoend.

Wie sie als Kind nicht hatte weiterfragen sollen als er wute, so jetzt
nicht weiterwissen als er frug. Emprt tat sie unter so unfairen
Bedingungen nicht mehr mit, lehnte Diskussionen schweigend ab, oder gab
ausweichende Antworten. Nun verfiel er darauf, sie bei Tisch, wo Flucht
schwieriger war, systematisch so lange zu reizen durch hmische Angriffe
auf groe moderne Geister, die er nicht kannte, aber mibilligte, bis
sie in zitternde Worte ausbrechend, sich wieder fangen lie; denn hier
war das ja anders als mit denen in der Tanzstunde; Papa wollte man nicht
so ohne weiters aufgeben, wenigstens nichts unversucht lassen, ihn doch
noch zu heben, zu entwickeln. Htte es nur nicht immer gerade bei dieser
barbarischen, gemeinsamen Esserei sein mssen, mit ihren trivialen
Vorwnden zum Unterbrechen:

Die Leber vielleicht etwas brauner rsten, das nchste Mal ... oder:

Nimm noch von der Paradeissauce.

So trieb dieses verhate, nichtige Erwachsenengewsch stets Keile quer
in die Gedankenrichtung hinein: gerade wenn man mit glhenden Ohren im
Khnsten und Herrlichsten gewesen.

Reitstunden begannen. Der Pferdercken wurde Ziel ihrer noch diffusen
jungen Sinne. Ein Gefhl kam sie da an von Gttlichkeit, wenn ihr
liebkosender Wille allein, ohne Hilfen durch Ferse oder Hand, bersprang
als schumender Galopp in die groe fremde Kreatur, die zitterte, bis
das Fell der Kruppe zu glnzen begann wie reife Kastanien. Und der Sturm
des Sprunges erst. Wie war das schn! Sein triumphierendes Arom nach
Tier, Lohe, Leder, Hrde, nach verdichtetem Frhlingswind.

Man grinste: Reiten! Natrlich. Will sich einen Grafen fangen, die
kalte Streberin! Der Stallmeister verschwor sich, seit der Kaiserin
Elisabeth sei so etwas an Begabung nicht dagewesen, drang auf hohe
Schule, gab sein Bestes. Der vterlichen Eitelkeit jedoch gengten ein
Dutzend Ausritte pro Saison, um in den groen Alleen angestarrt zu
werden. Weitere Abonnements wollten erbettelt sein, gaben ihm dann das
Recht, war er gerade schlechter Laune, zu rohen Anspielungen, die Kosten
und dubiose Rentabilitt einer Tochter betreffend. Da kam es wieder ber
sie wie am zwlften Geburtstag bei der Zimmereinrichtung: alles oder
nichts. Kein Kompromi. Und gab das Reiten auf. Undankbar und
unbescheiden nannte es Papa.

Man sieht Frulein ja gar nicht mehr zu Pferd? frugen die Herren aus
dem Tattersall, freudig Unrat witternd.

Es langweilt mich, log sie, dem Weinen nah, um Papas Schbigkeit zu
decken, prete die Ngel dabei ins Fleisch vor Schmach.

Man schttelte die Kpfe:

Nein, was dieser Backfisch schon blasiert ist!

Und wie unertrglich affektiert, ergnzten die Damen. Schauen Sie
sich nur diese Bewegungen an.

Und man schnitt mit triumphierendem Daumen lngliche Biskuits von
idealer Schlichtheit in die Luft. Optimisten meinten zwar: vielleicht
wchst sich das noch aus. Hielten sich mehr an Milch und Silber der
siebzehnjhrigen Blondheit, denn wiewohl sie abfllig gereizte Erregung
auszulsen begann, gab man nichts verloren. Vielleicht lie sich dieses
unbequeme Phnomen, tat man ihm schn, doch noch meuchlings --
schmeichlings -- zu dem degradieren, was hier gefiel, oder das
Unfixierte an ihm war wenigstens noch herunterzuretten ins Rasselose.

Fern wie ein Birkenwipfel sah das Mdchen-Kind ber das alles hinweg,
dachte nur erstaunt:

Wozu ernhren sich eigentlich die Leute? Schade um alle die Engel von
Klbern, den herzigen Salat, von den Radieschen ganz zu schweigen. Das
ist doch wie es liegt und steht bei weitem erfreulicher als der
Zellhaufen: Regierungsrtin Dostal, oder Herr von W., oder Frau Dr. K.,
in den es sich dann umsetzen mu.

Eines Tages erschienen ein paar Herren in Hof und Stall. Besichtigten
alles, vermaen alles; in der Mitte ein Ausgemergelter mit Geierschnabel
und schngebogenen, harten Krallen: Pferdegraf und Kufer der Realitt.
Zimmer, Statuen, Garten kmmerten ihn wenig, schlief und a ja doch mit
den Roknechten im Heu. Aber ging es aus, im Hof die Viererzge zu
wenden, deren er vierzig hielt? Darum drehte sich alles. Ja, es ging
aus. Mama schlich, die Faust an den Mund gepret, herum.

Wenn er nur nicht dahinterkommt, da der Schwamm im Haus ist.

Nach Monaten noch konnte sie ganze Nachmittage unter Angst setzen, von
Schadenersatzprozessen schwrmen, denn: Schwamm brche Kauf. Ihre
ewigen Klagen ber Kosten und Mhsal so groen Haushaltes hatten
schlielich den Gatten vermocht, sich von dem geliebten Barockschlchen
Hildebrandts zu trennen. Nun konnte ihre Tyrannei der Schwche den
berragenden Mann und das viel zu herrliche Kind in eine Mietwohnung
ducken. Schwammersatz wrde sich schon finden lassen.

Sibyl, in verkrampften Nchten, gab sich zum ersten Mal ganz der Onanie
des Leidens hin. Kein Eigenheim: also kein Reh, keine Katze, keinen
Garten: keinen Fleck Leben mehr! Man grinste:

Jetzt ist es wenigstens aus mit der ewigen Tierschinderei. Soll ja da
eine ganze Menagerie gewesen sein.

Was, Sie wissen nicht? -- Aber das ist doch stadtbekannt. Ins Wasser
geworfen, gepeitscht, gebraten hat sie die armen Kreaturen ...
huserweit war's ja zu hren ... und auch sonst noch ... Die Frau
Regierungsrat Dostal, die doch danebenwohnt, hat erzhlt ... na, ich
sag' Ihnen ... mit dem groen Hund ... Sie verstehen. Die Herren
zwinkerten. Die Damen konnten es gar nicht fassen, lieen es sich denn
auch immer wieder erklren und sinnfllig dartun.

Papa brummte, es wre ihr ja freigestanden, weiter hier zu wohnen, als
Herrin sogar. Der neue Besitzer hatte sie zu Pferd gesehen.

Da hob das Mdchen-Kind, statt aller Antwort, nur ein ganz klein wenig
die Brauen, im unbesieglichen Hochmut einer Siebzehnjhrigkeit, die sich
nur von der Phantasie bespringen lt. Dieser Romensch? Der fuhr mit
seinen Viererzgen doch irgendwo ganz drauen, vor dem Leben herum!
Gehrte noch gar nicht zum Eigentlichen, ein fehler und irrer Vorhalt,
wie das brige.

Ihr unruhig schlafendes Blut aber trumte davon, alles Wrdige zu
umarmen: Gtter, Tiere, Ideen, Taten. Einer Dreieinigkeit aus Dionysos,
Buddha und Newton hob es sich springrot entgegen, mit Hilfe des alten
Noch-nocher aus der Babyzeit: noch hher, geschmeidiger, weiser,
glhender, reiner werden. Dieser Trieb nach Reinheit, bis in die
entlegenste Minute hinein, begann ihr etwas von einem jungen Gralsritter
zu verleihen. Von diesem lichten Doppelgnger kam ein beflgeltes
Schreiten, eine Schwerelosigkeit an den Grenzen der Flamme, des
Schleiers, der Welle. Auch im Straenschmutz sollte der Saum des Schuhs
noch ohne Makel bleiben.

Doch sie war so ein ganz alleines Ich -- nicht hilflos -- aber ohne
Hilfe und begann daher allmhlich aus jenem vollkommenen Zustand der
Gnade zu fallen, als welcher allein das reine Befolgen des Instinktes
ist; wollte jetzt wissen, warum sie recht hatte, suchte nach Grnden,
letzten Endes also nach einem Rechthaben vor der Welt, somit leicht
angesudelt.

Es war eine Philosophie der Schlankheit, die sie sich da zurecht gelegt
hatte: Das Wesen des Lebens sei Bewegung. Bewute, aus Innervationen
erflieende Bewegung, im Gegensatz zum Toten, das sich nicht bewegen
knne ... Demnach msse alles Dichte, was der Durchflutung mit Geist
entgegenstehe, als fehl empfunden werden, vollendet hingegen jener Kanon
der Glieder, der die leichtest zum Ziel strebende Bewegung ermgliche
... also Langbeinigkeit, Schlankheit (grte bersetzung bei kleinster
Speichendicke) ... Das Lebendigste, jenes, in dem der Geist als Anmut
schwinge, wie im Wimpel der formgewordene Wind. Fett sei demnach eine
schwere Erkrankung oder ein Charakterfehler. Im Wohlgeratnen msse es
unaufhrlich restlos zu Temperament verbrannt werden.

Nicht aus ihm, nicht aus wucherndem Bindegewebe wollte sie bestehen,
sondern aus Tausenden winziger Herzchen: den Muskeln, deren jedes das
Leben wirkt.

Der ganze Krper eine Herzprovinz!

Man grinste nicht mehr. Von nun an war sie irgendwie eine dauernd
Angeklagte, begann wie Scheidewasser auf ihre Umwelt zu wirken: wer
etwas Schnes hatte, mute es ihr geben, der Gemeine sein Gemeinstes an
ihr auslassen.

Mit gezckten Opernglsern setzte man sich vor diesem anhebenden Leben
zurecht, wie im Theater vor einer Skandalpremire, hielt auf alle Flle
das Schamgefhl parat, in der Hoffnung, es grblich verletzt zu finden.

Das Mdchen-Kind begriff nicht. Vor ihr war immer zwinkernde
Beflissenheit, drehte sie den Rcken, flog es wie feige Bestien ans
Gitter, sie fhlte das mit einer Art emprter Bestrzung, bekam etwas
Steiniges und wre so gern weich, sonnig und hflich gewesen.

                   *       *       *       *       *

Mama hatte keinen rechten Schwammersatz finden knnen. Suchte endlich in
sich selbst, stberte eine beginnende Stoffwechselerkrankung dort auf
und begann sie mit Hingebung auszubauen.

Das Leben wurde zur Bhne der Dekrepiditt.

Unkontrollierbare Schmerzen brachten Gatten und Tochter um den Schlaf
ihrer Nchte. Die freie Hand ber einen Stock verkrmmt, hing sie sich
im schnellfigen, bewegungshungrigen Mann fest, machte ihn durch die
ghnenden Grten der Kurorte schleichen bis er, psychisch hilflos wie
ein Bernhardiner und voll Engelsgeduld, sich jedes normalen Lebenstempos
zu schmen gelernt. Auf der andern Seite trug Sibyl mit hngenden
Flgelschultern Plaid und Luftkissen. Pltzlich klagte es vorwurfsvoll
durch die wehleidige de:

Heitre uns auf. Jugend ist zum Aufheitern da.

Besonders hinfllig gestaltete sich stets der Eintritt in Speisesle,
mit Stehpausen aus verbissenem Schmerz. Scharf grn blieb ihr Blick
dabei auf jede Miene des Gatten zentriert -- wehe wenn er zuckte. Dann
weinte sie oben der Tochter vor:

Er geniert sich. Es ist ihm peinlich, mit einer Leidenden gesehen zu
werden.

Hinter dem Rcken des Einen verleumdete sie den Andern. Kam es heraus,
steckte sie sich hinter den Arzt: Was, einer Kranken Vorwrfe. Stets
schlau bedacht, beides zu genieen: die Rechte der Vollsinnigen zugleich
mit allen Vorteilen der Unverantwortlichkeit. Die Nachteile blieben den
andern. ber jeder lebendigen Regung hing als Damoklesschwert die
Herzlosigkeit, und nie htte der Mann es wagen drfen, sich der
unappetitlichen Fron des ehelichen Schlafgemachs zu entziehen, in dem
seit Jahr und Tag fr ihn weder Ehe noch Schlaf war.

Sie kannte Sibyls Ha und Verachtung fr Frau Binder, seit der
erzwungenen Abbitte im Tanzinstitut, und es gelang ihr unschwer, sich in
die manische berzeugung hineinzusteigern, nur im Hause Binder knne sie
gesunden. Man solle die edeln, gtigen Menschen um Gottes willen
anflehen, sie auf ein paar Monate als Gast aufzunehmen -- mit Sibyl
natrlich -- ohne ihr einziges Kind ginge sie zugrund. Dieses knirschte
vor Verzweiflung, solch bornierten und anmaenden Spieern zu
Dankbarkeit verpflichtet zu werden fr alle Zeit, sie, die von
niemandem, den sie nicht mochte, auch nur eine Handreichung annahm, oder
das Odium des Muttermordes auf sich laden!

Das alles geschah weniger aus Boshaftigkeit, als um der eignen Person
gesteigerte Bedeutung zu erschleichen. Da sich die Effekte abstumpften,
griff sie mit der Zeit naturgem zu immer bedenklicheren Mitteln, ihre
Lieben in Angst und Friedlosigkeit aufgescheucht zu halten. Schlielich
blieb nur noch die Todeskoketterie wirksam brig. Eines Tages sagte sie
Datum, Stunde und Minute ihres Hinscheidens genau voraus, arrangierte
das Szenarium, wies jedem seine Funktion zu. Sibyl wurde, als die Zeit
kam, mit einem Batisttchlein hinter den Lehnsessel postiert, ihr den
Todesschwei von der Stirn zu wischen, doch eben im Begriff, sich in ein
wohlgeratenes Herzkrmpfchen hinaufzusentimentalisieren, ergab es sich,
da man heimtckischerweise die Uhren falsch gestellt, sie um ihre
Todesstunde geprellt hatte.

Endlich eines Nachts versuchte sie es mit Veronal. Sah schon die _scne
 faire_ vor sich: andern Tags die zwei Bsen, Freien, zerknirscht vor
dem Bett ins Knie gebrochen und sich selbst von den herbeigeeilten
rzten gesttzt, noch schwach aber unendlich rhrend, die Lippen
bewegen:

Ich wollte fort. Ich bin euch ja doch nur zur Last. Und ohne Worte,
nur mit stummem Blick, um die beltter vor dem Personal zu schonen: So
weit habt ihr es glcklich mit eurer Herzlosigkeit gebracht.

Sie vergriff sich aber in der Dosis -- nahm genug. Der Vorhang hob sich
nicht wieder.

                   *       *       *       *       *

Es war nach dem Trauerjahr, bei einer groen Teegesellschaft. Da trat
ein Mensch zur Tr herein. Niemand kannte ihn. Um niemanden kmmerte er
sich. Ging pfeilrecht mit nachtwandlerischem Lcheln auf Sibyl zu und
blieb vor ihr stehen. Nicht wie einer, der etwas zu sagen, sondern zu
hren kommt.

Er war jung, gradhaarig, schmchtig, doch von der verdrechselten
Knorrigkeit van Eyckscher Engel, wie mit einem trotzigen Feigenblatt
geboren. Aus der Haut einer Hostie sahen Augen des Illuminaten. Das
Zahnbein war schlecht. Der Anzug unauffllig korrekt.

Johannes der Tufer im _frock coat_? Aber sie war verschchtert, ja,
erschttert von dieser zhen Gradheit. Angelus: der Bote fiel ihr ein.
Frug schlielich, als er unbekmmert weiter schwieg:

Was kann ich fr Sie tun?

Es wre eher an mir, so zu fragen, da ich zu Ihnen entboten bin.

Er sprach herbe schlesische Mundart. Die Silben kollerten als kleines
Urgestein aus seinem jungen Mund, der dabei eckig anzusehen wurde.
Dieser Fremdling stand da -- wie aufgetaucht -- beladen mit den
Morgengaben einer unbekannten Tiefe vor ihr, als sei sie die einzig
lebendige Seele in der ganzen Welt. Er klrte nichts auf. Manches ergab
sich, erriet sich, andres blieb: ein dunkler Reiz. Sie sprachen durch
Stunden. Die Leute ringsum zogen am Rand ihrer Sinne in einem ganz
andern Medium dahin, wie in den Wasserwrfeln der Aquarien bewegter
Schleim zieht. Er machte sie spren, sie sei behtet, irgendwie
auserkoren, von geistigen Fhrern erwartet. Er, deren Bote und Mittler
nur. Worte wie Sterne fielen auf sie nieder, von herber dunkler Glorie.
Sie fing ein Jegliches mit dem Herzen auf, denn ihr Hunger nach Seele
war sehr gro.

Gabriel Gruner hie der Fremde -- nein: der Bote.

Wieder schossen die Silberdmpfe der Phantasie auf. In Tag- und
Nachttrumen warf sie sich hinein. So gab es doch eine magische Brcke
ins _Eigentliche_! Gab Schlssel, die Reich auf Reich erschlieen
durch verborgene Krfte im Menschinnersten selbst!

Mit seinen Holzschnittgebrden, mehr als mit Worten, hatte Gabriel
Gruner an all das gerhrt. Wie von fern, unnahbar der Rede, mystische
bungen angedeutet, die den Krper so von innen heraus verwandeln
sollten, da lebendige Zeichen am Fleische sich bildeten: Marksteine
gleichsam auf der Vergottung Pfad. Und sehen sein Angesicht, _und sein
Name wird an ihren Stirnen sein_.

Nie hatte sie Bibelworte so sprechen gehrt. Seine Art ragte wie ein
Magnetberg herein in den seichten Aufklricht, die passive Intelligenz,
den Unernst ringsum. Da sagte einer dies, der andre das -- keiner sah
aus wie das, was er sagte.

Endlich ein Ausweg. Loszukommen aus dem Leben ohne Tod. Ohne das heilige
junge Gebilde zertrmmern zu mssen, das sie behten durfte, und dessen
Kniekehlen ihr verehrungswrdiger schienen als das Himmelreich.

Doch in welch eine Existenz war es gefallen. So voll Sonnigkeit sein und
immer hinter innerlicher chinesischer Mauer, immer aus Notwehr in die
Isolierzelle des Niveaus gesperrt bleiben mssen. Nur mit
zusammengebissenen Zhnen war es eben noch zu ertragen gewesen. Aber
konnte man denn anders? Lt sich in kaltem Eiter atmen? Wo alle ihre
verfaulten Jugendwnsche wie petrefakte Ftusse in sich herumschleppten,
boshaft geworden an ihren feig verhaltenen Frchten! Fliehen mit dem
geretteten jungen Seelenleib aus solcher Welt. Wie leicht mute es sein,
ganz auf sie verzichten.

Und Sibyl nahm sich Gott vor, mit berspringung aller Zwischenstufen.

Sprang Gott an wie eine junge Lwin. Bei IHM wrde man endlich in
Reinheit geborgen sein, denn: Da wird nicht hineingehen irgendein
Gemeines und das da Gruel tut und Lge, sondern die geschrieben sind in
das Lebensbuch des Lammes.

Eigentlich wre ihr ein andres Tier und Kraftsymbol lieber gewesen. Nun
also gut: Lammes.

Htte auch gerne den Boten befragt, warum das innere Wort, als welches
die geistige Wiedergeburt des Menschen wirkt, trgt und vollendet,
gerade hebrisch sein msse? Dem fremden Buch einer fremden Rasse in
fremden Gleichnissen entschpft? Flottierte der verborgene Geist nicht
frei und ward je nach der Menschenart anders in jeder offenbar? Doch
klang das nicht wieder trivial, roh, vorlaut, undankbar? Endlich
bewundern, vertrauen, gehorchen drfen, wie war das schn. Sie forschte
auch nicht, als eines Tages der Bote geheimnisvoll verschwand, wie er
gekommen. Fhlte ja frmlich den Ort der mystischen Bruderschaft:
deutsche Herbe, Enge, Handwerk, Wald, dort in Gabriel Gruners
schlesischer Grenzheimat, wo der Vater Organist gewesen.

Man mu den Schild der Armut ber die Schtze des inneren Lebens
halten, war alles, was er von sich gesagt.

Das gab es also wirklich! Auf demselben Gestirn mit Gasrechnungen, Ex-
und Import, Hundesteuer und Leitartikeln.

Brief ber Brief kam voll Weisungen fr die jngste Jngerin. Es war ein
Werben ohne Werbung. Aus verborgenem Licht schlug sich ein Regenbogen
von ihm zu ihr. Seine manische Sicherheit war frei von Anmaung, denn
hinter ihm stand mehr als Sterblichkeit, und das se groe Du brach
ihnen aus gemeinsamer Jngerschaft als seine erste Knospe auf.

Mein geschwisterlich Gemahl im Geiste -- zeitlos atmen mit Dir,
schrieb er einmal.

Noch andre Briefe kamen. An Papa. Mit Insinuationen. Das Auftauchen
dieses Fremden war nicht unbemerkt geblieben. Eines Tages fand sie ihre
Korrespondenz erbrochen; die widerlichste Szene folgte. Denn es ist eine
indezente Wahrheit, da die hoffnungslose Eifersucht von Vater zu
Tochter, weil krperlich rein, um so gewissenloser mit allen psychischen
Begleiterscheinungen der Ausschweifung, als da sind: Gewalt, Arglist,
Betrug, Wortbruch, Verrat, in Form von _Elternpflicht_ sich auszutoben
sucht. Das jungfruliche Kind steht nun emprt, begreift nicht, weil
kein grimmes Glck die Kette der infamen Nervenspiele je durchstt und
ihnen Sinn gibt.

Der junge Nebenbuhler wiederum kommt heil nur an dem leidenden Vatertier
vorbei, befriedigt er malos dessen Eitelkeit, da wird es resigniert
satt und still.

ber Sibyl aber ergo sich nun eine ganze Marlittiade: wie Papa
vermeint, eines Tages msse ein Goethe, der zugleich Vanderbilt,
englischer Herzog und franzsischer Botschafter, in einem Auto aus den
Wolken fallen als sein Schwiegersohn. Die Tochter mochte bis dahin auf
Eis liegen oder sonstwie Neutrum sein, wie es gerade fr ihn am
bequemsten schien.

Jetzt, bei der ersten Abweichung von diesem naiven Programm, beging er
gleich das Allertrichteste: drohte, da sie minderjhrig, mit der
Polizei. Zurckbringen wrde er sie lassen im Fall einer Heirat und den
Mann wegen Entfhrung verhaften. Trieb Sibyls Selbstachtung damit in ein
_fait accompli_ hinein, wo bisher nur immateriell jungfrulicher Rausch
gewesen.

All dies unwiederbringlich Zarte, das Edle, Einzige, Innige, alle
Keuschheit erster Liebwerdung hing jetzt: ein abgehuteter Seraph wie
zwischen ausgespreizten Viehkadavern in einem Schlchterladen in seinen
cruden Worten. Da sammelte sie sich in ihrer Trauer und Emprung,
schwang sich wie eine Lanze -- und traf -- traf -- traf --, den
Menschen, den Vater, den Mann. Sagte, was sie nie gewut, hellsichtig
vor leuchtend intelligentem Ha, in Worten von leiser, blanker,
tdlicher Miachtung.

Und weinte und weinte dann auf ihrem Bett, fassungslos entsetzt ber die
Schpferkraft des Hasses.

Zwei Jahre lang wechselten Vater und Tochter kein Wort. Am Tag ihrer
Grojhrigkeit ging sie aus dem Haus und lie sich mit Gabriel Gruner
trauen, war so erschttert dabei, da sie ihr eignes Ja berhrte, es
spter nochmals stammelte, taumelnd von dem cherubinischen
Hochzeitsflug: dem Flgel an Flgel durch die anwachsende Glorie
flieen, ohne Trennung, ohne Tod, lotrecht auf den Fluten des Strahls --
bis zu Gott. Das sollte die Ehe sein.

                   *       *       *       *       *

Ihre scheuen Knabenkrper kannten einander kaum.

Schwarzgekleidet bis zum Hals sa Gabriel in der Sonne und sagte:

Es fehlt dir an Demut.

Seine Macht war sehr gro; ging aus von der verborgenen Morgengabe
hinter dieser breiten, bleichen Stirn. Sobald er sprach, lag ihre Seele
quer ber seinen Knien und die flutende Empfindung splte jede Vision
herauf, deren er bedurfte.

Bei diesem Wort: Demut aber stockte die schpferische Hingabe. Langsam
stand sie auf, wie ganz wo anders. Ihr Gesicht schwebte in die Hhe,
kantig wie ein Windenkelch und pltzlich von heidnischer Eleganz.

Demut! Das Wort mute doch jedem Menschen mit Selbstachtung irgendwie
widerstehen. Ja: htte er Ehrfurcht gesagt, das wre etwas anderes
gewesen. Demut ist Ducken, Ehrfurcht sich aufrecken zu Gott.

Gut, gut, man wei schon: wir sind allzumal Snder und sollen nicht
wider den Stachel lcken. Und ich sage mindestens drei Lgen an einem
einzigen Vormittag und verunreinige sie auch noch mit Wahrheit, da es
einen Sudel gibt, und da ist kein heiligster Augenblick, in dem ich
nicht auch ein klein wenig an meine Frisur gedacht und kein
Erkenntnisrausch, den das Wort Jause nicht ganz freundlich
unterbrochen und da _ist_ kein geliebtester Mensch, dessen Tod ich nicht
spielerisch ausgekostet und durchprobiert htte. Aber das schiet alles
wie Sternschnuppen rechts und links vorbei. Innen steh' ich _ohne
Demut_, bis in die Seelenspitzen aufgereckt in Sehnsucht nach dem
Reinsten, und so sehr kann ich wollen, da mein Herz aus der Brust
greift und es sich nimmt.

Sie hatte die ganze Zeit geschwiegen. Gabriel Gruner bekam seine manisch
hellseherische Knorrigkeit:

Man darf nie etwas _wollen_. Wer nicht mehr will, zu dem kommt alles.

Dann braucht er es nicht mehr, sagten die zwei strrischen
Sternsaphire oben in dem kantigen Windenkelch von heidnischer Eleganz.

Nur solang ich mich danach zermartre, brauch' ich's. Nur solang
jahrelange herzzersprengende Sehnsucht sich, fahl vor Ungeduld, an
unsichtbaren Widerstnden schluchzend zerstrt: da mitten hinein hat die
Erfllung zu brechen oder sie ist nichts.

Etwas Taubes war in seine Haltung gekommen. Das, was sie das
Feigenblatt vor dem Kopf nannte. Als wiche zur Strafe ihrer Strrigkeit
die verborgene Verheiung hinter seiner Stirn weit von ihr zurck.

Nein, nur das nicht. Sie warf sich ihm nach. Gab alles Eigen-Sein,
berhaupt alles Sein auf, bte Demut und versuchte die Sehnsucht zu
verlernen.

                   *       *       *       *       *

Der geistige Fhrer war ein Doppelwesen. Hie Scheible und Radinger.

Jeder fr sich war nichts. Stiller, lndlicher Handwerker in
schlesischem Walddorf. Zusammen bildeten sie ein magisches Zwiegeschpf,
dem Seherschaft eignete, inneres Schauen, Fhrertum. Ob ihre Krper
dabei rumlich getrennt, blieb belanglos.

Im Alltag war Radinger: der Schreiner am Dorfplatz, weitaus der
Bedeutendere: von intelligenter, schlichter Groartigkeit, dem
Selbstportrt Drers hnlich, doch mystisch ohne Schpferkraft. Das in
den Geist kommen hub stets in Scheible an, einem alten Flickschuster,
von klglicher Wortarmut, unbeholfen, auch bresthaft. Nur wenn diesen
kleinen Greis -- in seiner Werkstatt oben am Kirchenhgel, die er selten
verlie -- Starre und Traum befiel; wenn er, gleichsam horchend ber den
kreienden Geistkeim in sich gebeugt, dasa, dann begann es aus Radinger
in Sturzgeburten zu reden, als das innere Wort. Das innere Wort gab
auch jedem Schler den ihm eignen Geistnamen. Das Lebendigdenken dieses
wahren Namens sollte allmhlich den Leib, den alten Namen verwandeln
zu Geist. Angeblich unverkennbare Anzeichen uerer Art am Krper: wie
Wundmale, Linien, Buchstaben begleiteten diesen verborgenen Werdegang.
Markierungen auf dem inneren Pfad, vor jedem neuen Gipfel und Ausblick.
Diese Vorgnge durch bungen wecken, ihr Kommen voraussagen, den Schler
rechtzeitig lehren, wie er sie auswirke, durchlebe, berschreite, war
des mystischen Fhrers Mission.

Geistnamen, Vorzeichen, Zustnde, alles war eng christlich an Symbol und
Diktion. Ging in den Sielen der Apokalypse.

Die kleine Gemeinde hatte sich hermetisch rein zu erhalten gewut vor
dem alles wissenden Schnffel des Zeitgeistes. Da gab's kein
Dranhinriechen, kein Hinterbein zu flchtiger chemischer Analyse
dranheben, so einfach zwischendurch, im Galopp von Prellstein zu
Prellstein.

In den vierzig Jahren seiner gemeinsamen Bahn hatte das innere
Doppelgestirn kaum acht bis zehn Trabanten aufgenommen in seinen Wandel.
Als Ersten Gabriel Gruners toten Vater: den Organisten. Ein alter Stich
zeigte ihn von jenem grobkrnigen und sstarrsinnigen Schlag, der als
Herrnhuter, bhmische Brder, Rosenkreuzer, Albingenser, Europa von je
seine bockbeinige Elite gegeben.

Sibyl hatte das magische Doppelwesen noch nicht zu Gesicht bekommen,
wute nicht einmal seinen Ort, war Jngerin durch Gabriels Mittlerschaft
allein. Ungeheure Abweisung wehrte von vornherein jeder Frage, noch ehe
eigener Takt sie verbot.

Ab und zu tropfte Einer aus dem geheimen Kreis herein, verwirrte sich ob
ihrer Erscheinung, noch mehr als er entdeckte, wo sie schon hielt oder
man fuhr pltzlich fnfzehn Stunden an einen ganz obskuren Ort, traf die
Brder einen Abend lang -- fuhr wieder auseinander. Dabei wurde kaum
gesprochen, das lagerte um den Tisch eines beliebigen Kaffeehauses, khl
und schwer wie Schlangen und verdaute Seele. Alle hatten etwas lind
Versinkendes: Schiffe mit zu viel Tiefgang, schon die kleinste Welle
bersplte sie. Dann wieder fing einer was an: eine Fabrik, ein Studium,
eine Kunst. Nie wurde was Rechtes draus. Von Fehlschlag zu Fehlschlag
nickten sie einander saturiert mit steinharter Genugtuung zu. Hatten ein
Lcheln des Ekels fr siegreich Unbeschwertes. Immer hing aller
Mierfolg mit dem inneren Wort zusammen. Statt nun praktische Ziele
ganz zu lassen, bohrten sie doch immer wieder weiter, halbherzig und
sauer ahndevoll.

Gabriel Gruner war Quartalsasket.

Sein Geistname Matthias, als welcher nachtrglich den Aposteln
zugeordnet, mit ihnen ausgestreut ward in die Welt, gab symbolisch
Veranlassung genug, sich pltzlich in Geselligkeit zu strzen, die
Geselligkeit ihrer Geburtsstadt noch obendrein. Gerade hier war es ihm
gewiesen zu wohnen. Ganz in die Nhe zogen sie aufs Land. Blinkende und
kleinliche Sachen trug er ins Nest.

Daran nahm sie kein Teil. Alles oder nichts. Entweder Herzog oder
Anachoret. Mayfair oder die Wste Gobi. Zu Palast oder Steinhhle konnte
sie Heim sagen -- zu einer Sommerwohnung nie.

Doch war das alles nicht leer und gleich? Hatte sie, Sibyl, sich nicht
Gott vorgenommen mit berspringung aller Zwischenstufen?

Sah sich manchmal ameisenklein, hierhin, dorthin rennen, in Vorortzge
krabbeln, und stieg dabei, inwendig riesengro, in einen tiefen Bronnen,
sah ber sein erlstes Rund noch einmal zurck nach dem fremden
Flohzeug: sie selbst, das vielleicht gerade um seinen Platz rang, in der
rollenden Streichholzschachtel auf ihrem steifen Stahl-Faden zum
Spinnennetz Stadt. Was das Ameisige dort Klgliches trieb, war
belanglos. Ihr Krper hob sich indes wie ein Gef wieder aus der Flle
des inneren Bronnens, und als solches blieb sein Umri ihr teuer wie nur
je.

Als ein Kind die mondweie Mulde zwischen den Barsoiflanken beulig zu
heben begann, nahm sie selbst stets genau soviel ab, als die Frucht
schwoll, sog die feinen, harten Sehnen straff ein, ohne Erlahmen, von
Willen bergossen.

O das kommt schon von selbst wieder in Ordnung, sagten berlegene
Mtter, bei denen es offensichtlich doch nicht wieder in Ordnung
gekommen.

Von Monat zu Monat hoben sich zudringliche Lorgnons hher in der
gestielten Erwartung: endlich, endlich normal.

Nein, die noble Mulde fllte sich nur eben aus. Ein planer Spiegel blieb
die Grenze.

Die Lorgnons bebten entrstet:

Es ist nicht natrlich.

Sie hob die Brauen stumm, leicht belstigt. Dachte:

Hat man je gehrt, da eine Lwin vor dem Wurf die Figur verliert?
Nein, nur das Mutterschwein. Ist ausschlielich dieses natrlich. Ihr,
die nicht laufen, springen, tauchen, klettern knnt -- nichts von der
Natur knnt ihr, wie sie als Knppel mibrauchen, um jeden edeln
Aufstieg niederzuhalten.

Schon liefen anonym Anzeigen wegen verbotenen Eingriffs bei Gericht ein,
da trieb ein Wirbel von Wehen das Ausgetragene springlebendig aus.

Den Schild der Armut ber die Schtze des inneren Lebens halten.

Jeden Morgen gab Gabriel zehn Kronen fr den Haushalt, um elf schon
mute das Mdchen ihm von dem Geld eine Schachtel Zigaretten zu acht
Kronen holen. Sie lernte Bgen gehen um Eckladen, von Endsummen in
Einkaufbchern wegschauen, erst auf den zweiten, dritten Blick sich
nahewagen, vor dem Kohlenmann in den Platzregen entweichen. Dabei
glaubte man sie reich, den lndlichen Taubenschlag eine Inseparablelaune
der einzigen Tochter aus vermgendem Haus. Sibyl merkte, wie alles sie
langsam abzutreiben versuchte vom pfeilrechten Stolz, und blieben
Geldfragen zwischen den Gatten auch ignoriert, zuweilen glitten Gabriels
Augen des Illuminaten in der Haut einer Hostie doch so wartend erstaunt
ber sie hin. Wenn er nur nicht anfing, den Zauber nicht brche.
berwand sich schlielich aus Angst, er knne es doch noch fordern, kam
ihm zuvor, ging zu dem alten Familienanwalt, der sie als Kind auf dem
Arm getragen:

Aber natrlich. Das kleine Vermgen mtterlicherseits war seit der
Grojhrigkeit fllig. Man wrde die Herausgabe brieflich von Papa
verlangen. Da kam er auch schon gekrochen, die starren Glasaugen aus
ungeheurer Macht wrdelos vor Einsamkeit. Aber es war zu viel, es war zu
viel gewesen. Das, was man fieberhaft gern gekt, mit den graublonden
Wellen ber der Stirn voll trotziger Falten, lag lngst mitverkohlt im
hellichten Hastrahl von damals.

Was blieb: ein fremder alter Mann -- sonst nichts.

Komm mit, bat Gabriel, aus monatelangen Versunkenheiten aufschreckend
zu seinem periodischen Anfall wahllosen Menschenhungers, und wies eine
Einladungskarte.

Ich kenne diese Hersons doch gar nicht. brigens, welch ein Name, -- so
heit man doch nicht ganz von selber? Weder deutsch, noch englisch ist
es.

Dein hellsichtiger Hochmut! Immerhin, der Sprling vom alten Leiser
Herschsohn ist bereits in Eton erzogen: Gelehrter, Sportsmann,
Weltmensch, gegenwrtig Professor in Cambridge -- kann noch Vizeknig
von Indien werden.

So, sagte Sibyl. _Dieser_ Ralph Herson.

Der alte Bankier begrte jeden, ganz fahrig vor Glck.

Mein Sohn ist zu Besuch! Und zitterte. Sa sonst mit einem schwarzen
Seidenkppchen auf dem Eierschdel und verachtete alle seine Gste. Wer
schon zu mir kommt ... Spitzte hchstens ein Ohr, fiel irgendwo das
Wort Million.

In der Bibliothek staute es sich heute interessiert, alle horchten,
einer sprach: ein dunkler grogewellter Greifenkopf auf eher kleinem,
beraus wohl gebautem Krper. Warmes Wogen ging in die Luft ber von
diesem Haar, durch das ein weier Strhn, wie der Montmorencys silberte.
Die Augen, gleich braunen Beeren, von denen das eine grer war,
spannten sich in ewig wacher Vitalitt.

Sibyl erschien in der Tr und es geschah wie immer: alles wandte sich
und starrte. Auch aus dem Schwarm um Ralph Herson stie es sich jetzt
ab, und wie ein gestrubter Kometenschwanz ihr zu.

Einen Augenblick standen er und sie, von Augen umklammert an den zwei
Enden eines leeren Luftstrahls. Man sah sein Herz im Halse. Dann war es,
als nehme er seine ganze magnetische Vergangenheit zusammen, wrfe sie
ber die Frau. Sie stand, mit seinem Fluidum bergossen. Es flutete an
ihr hinauf, drang, zurckgewiesen, nicht ein, rann ab. Er senkte die
mchtigen braunen Augen wie bestrzt, bewut knabenhaft, dozierte
weiter, ignorierte sie. Zog spter Gabriel sehr hflich ins Gesprch,
verneigte sich nur stumm vor ihr. Lie alle brigen, lud das Paar zu
sich in den ersten Stock, zeigte seine naturwissenschaftlichen
Sammlungen, seine Bilder, das photographische Atelier. Bat kommen,
Aufnahmen machen zu drfen. Entzndete den groen Gaskamin, rckte
Klubsessel, Kissen, arrogant und demtig zugleich, gab nicht Ruhe, bis
er es endlich erreicht hatte:

Die jungen Sternsaphire sahen ihn an, prfend und gro.

Er senkte den Kopf, den Wohllaut der Schultern. Hatte eine Art hinter
blinden Lidern die Augen erst mit Wrme sich fllen zu lassen, dann warf
er die zwei Schalen voll schwebender Minerale dem andern mitten ins
Gesicht. Vor Sibyl aber lie er es. Hob die Lider nicht mehr -- leerte
quasi seine ganze Macht vor ihr auf einen Gebetsteppich aus.

Nach korrekter Pause machte er seinen Gegenbesuch auf dem Lande, machte
Meisteraufnahmen, ordnete Gewnder, demolierte die Wohnung, unter der
schwarzen Schabracke des Stativs ein moderner fnfbeiniger Centaur.
Schickte Separata seiner Arbeiten, trug seine berlegene Sinnlichkeit
wie eine wabernde Toga, zeigte Menschen-, besonders Frauenmiachtung,
zitternd vor Anspruch, unterstrich den Unarier, den Ungermanen, zielte
wunderbar ebenmig gebaut auf gyptisch-griechisch _made in England_.

Sein engeres Fach war das Tierexperiment. Er arbeitete gerade am
lebenden Vogelauge, hatte nebenbei einen Python unter dem Messer, von
Hunden, Katzen, Frschen, weien Musen zu schweigen, alles provisorisch
in einem Pavillon des vterlichen Gartens untergebracht. Er lud sie zu
einem besonders interessanten Versuch ein, wurde abgewiesen. Nahm es als
Weibchenpose einer groen Fee. Sie hatten heftige Diskussionen. Sibyl
leidenschaftlich, ging aus sich heraus. Er provozierte, geno es als
erlesenes Extraexperiment.

Sie blieb im Garten, angeekelt.

Heil aus gemarterten Tieren mu letzten Endes Unheil sein. Ihr
Vivisektoren verget, da skulap der Sohn Apollons ist. Frdert die
Hartfhligkeit, wie kann da der delphische Mensch gedeihen: Einer,
dessen Leib so sensitiv geworden, da ihn schon ein Lorbeerblatt, in der
hohlen Hand gehalten, hellwissend macht und heil. Lorbeermenschen
brauchen wir!

Er widersprach, hochfahrend gereizt, und unterwarf sich im selben Atem.
Wer rede vom Heilen, das interessiere ihn nicht, aber ohne
Sinnesphysiologie gbe es kein Verstndnis der tiefsten Dinge. Dazu sei
die Vivisektion eine praktisch unentbehrliche Technik, genau wie die
chemische Analyse, die ein Anhnger der Allbeseeltheit -- er schttelte
sich vor Ekel bei dem Wort Seele, -- dann allerdings auch unterlassen
mte. Er persnlich gebe zwar das Tierexperiment endgltig auf, sobald
sein groes vergleichendes Werk vollendet. Laienhafte Sentimentalitt
dagegen wirke lcherlich. Nie htten es Tiere in der Natur so gut,
gingen so human zugrunde, wrden so behandelt und gepflegt wie
Versuchsexemplare vor und zwischen den Experimenten. Sie mge sich
persnlich berzeugen, wie die Tiere an ihm hingen. Er pfiff. Aus dem
Pavillon brach Freudengewinsel. Ein verbundener Kter kam
herausgekrochen, leckte seine Hnde. Er streichelte, wie das Schicksal
streichelt:

Nchste Woche kommt er wieder dran, aber er wei es nicht -- das ist
die Hauptsache. Nur ich wei es voraus.

Er lchelte, gab dem Geschpf, das ihn wedelnd umhinkte, einen
Leckerbissen. Dann reiste er ab.

In einem groen Kuvert des Nizzaer Tennisklubs kamen als berraschung
Meisteraufnahmen von Baby und Gabriel -- keine von ihr. Ein Brief dabei,
zwlf enggeschriebene Seiten. Sie las kaum die erste. Er schrieb von den
Bildern, freue sich, da ihr die frheren einiges Vergngen bereitet.
Noch mehr freue ihn, da er sie ber Phrasen erhaben halte, der Wunsch
eines Wiedersehens.

Und weiter:

Ich darf Ihnen wohl aus so groer Entfernung und ohne die Bitte um
Geheimnis sagen, wie sehr gerne ich Sie gewonnen habe. Es ist gewi
nichts Seltenes, da man Ihnen das sagt oder andeutet, aber es ist etwas
auerordentlich Seltenes, da ich das jemandem sage, da ich es sagen
kann. Ja, ich habe es wie hier, ohne den leisesten egoistischen Anklang,
noch nie einer Frau gesagt.

Ihr ganzes Wesen, Ihre psychische Eigenart, Ihre noble Persnlichkeit,
viel mehr noch als selbst Ihre Erscheinung -- dies alles sprach mich
gleich das erste Mal so an, da ich fast zu allem >ja< sagen mute. So
oft ich mit Ihnen beisammen war, gewannen Sie, whrend die meisten
Frauen rasch verlieren. Wo mich andere hundertmal verletzt htten -- ich
meine natrlich sich selbst verletzend, ihr eigenes Bild trbend, --
haben Sie mich nicht mehr als vielleicht zweimal verletzt. Ich htte das
gar nicht fr mglich gehalten.

Sie haben mich arm und reich gemacht. Reich, weil ich meine ganze
Vorstellung von der Frau erhhen konnte, weil ich erfuhr, da es doch
Wesen voll Anmut und Noblesse gibt, die meinem klar geahnten Ideale
nahekommen; arm, weil ich, seit ich Sie kenne, noch anspruchsvoller
geworden bin. Weil ich die Frauen jetzt an Ihnen, nicht mehr blo an
einer abstrakten Sehnsucht messe, und kaum je eine finden werde, die
Ihnen als meine Frau vorzustellen mich auch nicht in einem verborgenen
Winkel meines labyrinthischen Inneren genieren wird.

Labyrinthischen Inneren -- da brach sie ab und lachte. Ohne Bosheit,
aber unbndig wie ein Bub. Nein, dieses labyrinthisch. Wie
geschmacklos!

Nchsten Tags nahm sie den Brief doch noch einmal auf, wog ihn in der
Hand, las diesmal nur die letzte Seite:

Es fllt mir schwer, Ihre und Ihres Herrn Gemahls Gesellschaft zu
missen. Ich bin Geselligkeit liebend und bedrftig, aber ich finde sehr
schwer Menschen, mit denen ich auftauen, mit denen ich freundlich sein
kann -- ich bin es beraus gerne -- oder die mir sogar Funken entlocken
knnen. Ich danke Ihnen manche Anregung und freue mich, sie zu erwidern.
Am schnsten wre es, wenn wir uns einmal in England oder in Italien
oder im Hochgebirge treffen, miteinander Sport treiben oder Kunst
genieen knnten. Ich mute immer allein oder mit gleichgltigen
Menschen reiten oder reisen oder bergsteigen -- vielleicht habe ich auch
einmal die Freude, Sie beide als meine Gste zu sehen, im Sden, wo ich
mir ein Heim zu bauen gedenke.

Sie antwortete kaum. Doch durch Monate, ber Lnder und Meere her kam es
hochachtungsvoll herbeigestrmt. Einmal auf Briefpapier der _British
Association_, einmal mit dem Abdruck einer Gemme aus Syrakus. Dann
wieder eine Anfrage, ob er ihr aus Paris etwas besorgen knne.

Sie antwortete gar nicht.

Nun schrieb er:

Wenn ich jemanden gern habe, ehre ich seine Freiheit -- wenn Sie just
einmal keine Lust htten, mich auf der Strae zu gren, ich wrde
nichts anderes denken, als eben dies.

Was will der seichte Jude! sagte Gabriel, mit der ganzen knorrigen
Hoffart des Reformationspatriziers, als beim Frhstck immer die gleiche
vergrerte Schrift bewut und wohlerwogen den Spiegel exotischer
Kuverts plastisch durchma. Papier, Schriftbild, Verschlumarke: ein
zusammenstilisiertes Kunstwerk, stets variiert, doch gleicher
Grundkraft, so da sie sich gewhnte, es um sich zu dulden als
sthetischen Genu. Ein warmer Schauer von lauter viereckigen
Ausschnittchen einer weiten und gepflegten Erde. Alles, was sie gelassen
in Sehnsucht nach noch nicht dagewesener berhhung -- im Spitzentrieb
nach uerstem.

Dann sank eins ums andere aus dem Schwarm dahin in den Papierkorb, sah
ihr von dort doch noch in die Augen -- hartnckig durch Wohlgestalt.

Auch sein Schweigen war Kotau.

Ich hatte Ihnen aus Bonn und Heidelberg geschrieben, fand kein Ende,
vielmehr, es gewann nicht die Form, in der ich Ihnen Geschriebenes gern
sehe. So lie ich's ganz.

Also keine labyrinthischen Innereien mehr!

Um das Rtsel ihrer Ehe: dieser magischen Starre eines geschlossenen
Systems, glatt gegen Angriff, strich er mit eingezogener Hinterhand,
leise fauchend. Wagte keine Frage.

Alle Probleme des Wissens errterte er mit ihr als Macht zu Macht. --
Versuchte, sie zur Detailforschung herberzuziehen, weg von den groen
Grenzgebieten. Doch als Beweis, wie er auch hier zu Haus, verfate er
eine Broschre ber Scheinprobleme mit Anpbelung aller mchtigen
Geister von je bis ehegestern. Schrieb dazu:

Wollen Sie diese kleine Studie als Ihnen gewidmet betrachten. Sie haben
mir immer so wohl getan, da ich Ihnen stets nur Angenehmes erweisen
mchte. Mgen Sie dieses bescheidene Zeichen einer auerordentlichen
Verehrung freundlich und freundschaftlich aufnehmen.

Sie lehnte die Widmung ab, bte hflich schonungslos Kritik an dem
Dilettantismus der Arbeit. Gebter, intensiver im letzten Zusammensehen,
denn dies war ihr eigenstes Gebiet.

Er ging ber die sachlichen Einwrfe hinweg, nahm es persnlich, wenn
auch als milder Psychiater, schob alles auf Rassenunterschiede.

Ich bin sehr schwer zu beleidigen, lief seine linde Entgegnung, habe
aber natrlich nicht lnger als zwei Minuten -- nicht zwischen den
Zeilen gelesen -- Absicht merken lassen und doch nicht merken lassen,
das geht eben nicht, aber es htte mich gefreut, wie alles, was Sie
erhht, wenn es auf so feine Art geschehen wre, da man ganz im Zweifel
htte bleiben mssen, ob eine verletzende Absicht vorlag. Das war Ihnen
wieder nicht wichtig genug! Sie sind offenbar enorm reich! Ich ganz
Alter vermag sogar die Frische solch scharfer Urteile zu genieen, die,
wie fast alles, was von Ihnen ausgeht, eine besondere Anmut haben. Es
erinnert an Jugend und berschwang, fast Schnurspringen. Aber ich wittre
etwas anderes dahinter, was neben der metaphysischen Narrheit -- oder
milder: berflssigkeit -- in den allermeisten Ariern steckt, nmlich
eine gewisse Not und Sorge, eine privilegierte Fasson der Erkenntnis und
Seligkeit zu besitzen. Solchen pat ein vorurteilsloser
Standpunktwechsel nicht, sie hufen Scheinprobleme in Physik, Chemie,
Biologie, umnebeln sich mit philosophischem Schwulst, der den einzigen
Vorteil hat, da ihn kein normaler Mensch versteht und man in ihm >unter
sich< ist. In dieser arischen Intoleranz, diesem Bonzentum und
Parteinehmen aber liegt etwas Armes, und es stimmt mir nicht zu ihren
sonstigen Weiten. Mein Wesen ist zu sehr Vernunft, praktischer
Idealismus und Gte -- Gte und noch einmal Gte >bedingungslos<.

Immer, wenn er etwas Schnes sagte, was sehr rein, sehr vernnftig
klang, zog sich ihr durch den Reiz ein leiser Widerwille, als htte er
so Richtiges zu sagen noch kein Recht.

Und diese dreimal hochgehaltene Gte! Als schwenke er sie -- ein
Gelegenheitskauf -- frisch von der Auktion. Sie bohrte weiter:

Zeigt die Begeisterung, mit der er von >bedingungsloser Gte< spricht,
nicht gerade, da ihm jede praktische Erfahrung in der Materie fehlt?
Mir scheint, wer wahrhaft gtig, -- noch traf ich keinen -- ist es
knirschend, abgewandten Gesichts, _weil er nicht anders kann_, trotz
infamster Erfahrung, denn das ganze Ma menschlicher Gemeinheit kennt
nur er, weil nur an ihm die Feigheit ganz sich loszulassen wagt.

In diesen Monaten sumste es durch alle Trritzen in ihre siebzehnfach
verriegelte Zurckgezogenheit: Geschmei, die Rssel na vom Aas allen
Tratsches, der hinter ihm herstank. Nun rchten sich Gabriels Anflle
von Leutegier: flchtige Vorstellung einst mit einem Nicken quittiert,
ward zum Vorwand strmischer Begrungen an Straenecken, und nach drei
Stzen fiel der Name des Berhmten -- Berchtigten. Ungute Damen
verwandelten sich in mtterliche Freundinnen, Lebekommis in ethische
Warner. Man bergruselte sich gegenseitig mit Andeutungen der
Wollstlingslaunen dieses Verderbers der Jugend. Mtter beteuerten, ihre
jungen Shne nicht in seine Nhe zu lassen, ihre jungen Tchter aber
warfen sie ihm alle nach, denn er war die groe Partie.

Rein de Thier mit mer zusperren vor den Damen, sagte der alte Leiser
Herschsohn, ganz angeregt, und rckte sein schwarzes Kppchen -- sehnte
sich nach einer Schwiegertochter, nach Enkeln.

War er wieder im Lande, sah Sibyl es sofort. Selbst die entferntesten
Cousinen der Clique erschienen pltzlich mit Sportmtzen aus Pardelfell,
hielten Regenschirme wie Tirsusse, und schaute man hin, wandten sie sich
ins Profil, mit einem fragwrdigen und grausamen Lcheln.

Sibyl amsierte sich: der Arme -- welch ein Evoe-Kitsch -- das verdient
er denn doch nicht. Zu ihr und Gabriel kam er stets am letzten Tag vor
einer unaufschiebbaren Abreise, versumte zwar den Zug, fuhr aber doch
mit dem bernchsten. Ritt rauh, arrogant, strrisch seine Steckenpferde
vor: Philosophie des Standpunktwechsels, Zuchtwahl, Eugenetik;
gewaltsam, unpersnlich und heftig. Als Baby Charmion hereinkam, brach
er ab, vor diesem Arielwesen beugte sich das zerrissene Greifengesicht
andchtig ber die rosigen Fchen. Dann wieder brutal dozierend.

Jede phnomenale Frau mte von Staats wegen mit sechs -- sieben
auserwhlten Mnnern Kinder bekommen. Welch ein Versuchsmaterial das
ergebe.

Und wenn sie nicht will?

Ein unbeschreiblicher Ausdruck von bermut, Grausamkeit, Verspieltheit,
Wollust rann aus den Augenecken ber das schne Gesicht, und von seinen
eigenen, dunklen, magischen, unerhrten Strahlen gehoben, mit einer
glcklichen, brechenden Knabenstimme:

Dann wird sie angebunden.

Beim Abschied in die laue Sommernacht hinaus, vermied er sorgsam ihre
Hand. Verbeugte sich nur bs und tief. Dann tonlos vor Erbitterung: Sie
sitzen hier in diesem Nest und die ganze Welt drstet.

Um Weihnachten, Gabriel war in Schlesien, lie eine Dame sich melden.
Ralph Hersons Empfehlungsbrief lag eine Visitenkarte bei: Lady Tatjana
de Walden war unter weiem, dekorativem Wappengetier zu lesen.

Gleich darauf stand eine Frau im Zimmer, exotisch, robust, resolut und
unfrei zugleich, die Arme voll Blumen, ein groes Kuvert in der Hand.
Schaute und schaute in fast tierhafter Spannung mit schnen, grauen
Augen unter allzu neugelbem Haar. Keine Englnderin. Das sah auch Sibyls
grogewordene Kindlichkeit. Keine Fremde, eine berfremdete nur. Sie
sprach in vorsichtig ausgelaugtem Deutsch, das zu dem urwchsigen Umri
der Gestalt nicht passen wollte. ber das angenehme, etwas breite
Slavengesicht rann manische Devotion. An was erinnerte nur das? Richtig,
Manege. An alles, was zu erhobener Dompteur-Peitsche auf Hinterbeinen
steht. Die Dame war mit umstndlich vereinfachter Eleganz gekleidet --
sah aber doch aus, als htte sie frher einen Ring am Mittelfinger
getragen.

Als der Gast unter strmischen Erscheinungen von Glck und Entzcken
Abschied genommen, ffnete Sibyl das groe Kuvert. Ihr eigen Bild: in
Dutzenden von Auffassungen. Ein kleines darunter, leicht getnt. Wieder
sie: mit bloen Fen, und ber die trocken hellen Halme ihrer Glieder
strzte als bananenfarbener Regen alles Haar.

Mit dem Haar vermischte es sich: seine unverkennbare Schrift, doch so
bla, da vlliges bersehen mglich blieb.

   Wer ist sie, der ich sie vergleiche,
   Die schne Freudenreiche?
   Das mssen die Sirenen sein,
   Die wie mit dem Magnetenstein
   Die Herzen ziehn in ihren Bann.

                   *       *       *       *       *

   So zog Yseult viel Herzen an,
   Die sich vor der Sehnsucht Leid
   Sicher fhlten und gefeit.

Die Dame kam, verschrieb wappenreiches Briefpapier, schickte Blumen,
verhtschelte Charmion. Und aus ihr sprach immer ein anderer. In ganzen
Schnren von Stzen kamen seine Worte. Erschrocken stockte sie, hatte
sich auch nur ein Adjektiv verschoben -- fing noch einmal an, bis es
originalgetreu sa. Diese Hrige schien resolut, zh, schlau, doch alles
Eigenwchsige war ausgetrieben, nur die Vitalitt hatte er ihr belassen,
seiner eignen zur Verstrkung, wie es schien.

Als sie abgereist, schauerte ein Regen von Papier hintennach, wie
blinkende Schnitzelchen aus einem Reklameballon. Auf einer der Karten
stand:

Dank, Dank, fr alle Lebenssteigerung, die Sie, einfach durch ihr Sein,
mir gespendet haben. Hoffentlich sind Sie so zufrieden und glcklich,
wie Sie scheinen, und nur das Gute erfllt sich, das in diesen
vornehmsten aller schnen Hnde fr den Kundigen geschrieben steht. Und
wenn Sie doch einmal einer Brangne bedrfen, so rufen Sie mich.

Von nun an unterschrieb sie sich nur mehr: Brangne.

Ralph Herson selbst hatte whrend der Episode Tatjana geschwiegen. Nun
schrieb er wieder:

Lady de Walden dankt mir in einem begreiflich berschwenglichen Brief,
da ich ihr zu Ihnen, der frher nur aus Bildern Gekannten und danach
schon Verehrten, einen Weg gebahnt. Es ist mir immer erfreulich und eine
Art Ziel der Lebenskunst, wenn ich mit einem Schlag mehreren Angenehmes
erweisen oder ntzen kann, und so hoffe ich, da auch Ihnen die
Begegnung erfreulich war.

Nein, ein Ende machen. Es war zu viel, dieses ruhelose Ineinanderspielen
von Hnden, dieser vorgeschobene Posten in glhendem Spionagedienst,
dieser neue Trabant und Zwischentrger, Konduktor und Strahlenleiter und
Wrmevermittler. Es war zu viel. Ein widerwilliges Herzklopfen befiel
ihre Selbstachtung beim Kontakt mit dieser Lady, bei der alles
fragwrdig bis auf das Sklaventum. So also drrte er einem die Wrde aus
-- dieser Samum. Entwurzelte Menschenzungen, dieser Vivisektor, pflanzte
Papageienzungen dafr, auf da sie einzig seinen Ton verstrkten. Nein,
genug.

Da depeschierte er aus Genua:

Lady de W. ist schwer, vielleicht lebensgefhrlich erkrankt, ein paar
freundliche Zeilen von Ihnen, die sie so grenzenlos und heimlich liebt,
wrden ihr im Innersten wohltun. Wenn irgend etwas Gemeinsames zwischen
uns ist, erfllen Sie meine Bitte, von der die Kranke natrlich nichts
wei, und senden Sie ihr, durch mich, einen Gru. Es gibt Arzneien, die
nicht in der Apotheke zu kaufen sind.

Sibyl dachte an Madame Swobodas Liebe und Ende, an ihre erste
_berflssige_ Infamie ... und schrieb. Auch hatte sie die Frau gern,
ihre Kraft und Treue.

Er jubelte.

Ich wute, da ich nicht vergeblich bitten wrde, da auch Sie der
Liebe haben. Die arme Lady T. lag eine Woche zwischen Leben und Tod,
trotz Morphium schlaflos in entsetzlichsten Schmerzen. Doch wenn Sie
gesehen htten, welche Freude ihr der Brief der >besten rztin<, mit den
gewissen langhebelbeinigen schlanken Zgen, bereitet hat! Ich danke
Ihnen aufs innigste, da Sie mir diese erlesene Mitfreude ermglicht
haben, der Brief trug gewi zur Besserung bei. Ich wute brigens nicht,
da der Verkehr abgebrochen war. Warum, warum berflssiges Leid
zufgen? Ich habe allerdings die Empfindung, da Sie eben noch nicht
traurigste Erlebnisse hinter und unter sich haben, ja, da das Leben
noch nicht einmal sehr groe Schwierigkeiten, Hemmungen, Enttuschungen
fr Sie hatte. Das ist ein kleiner Defaut und lt Sie vielleicht auch
Verllichkeit, Treue, alles positiv Erfreuliche, nicht so sehr
schtzen, wie Narbenbedeckte. Es gibt Ihnen aber andererseits etwas
Erhabenes, Heiteres, Unberhrtes, das ungemein edel, sonnig und
erfreulich wirkt.

Mge Ihnen dies noch recht lange, ja fr immer erhalten bleiben! Ich
wrde geradezu leiden, wenn Ihnen irgend etwas geschehe.

So war sie wieder im Garn der Gte, denn auch die Rekonvaleszentin
brauchte noch Arznei. Und was als Antwort zurckstrmte: stumm
eingesagt klang es von einem unhrbaren Mund. Schon diese Schrift! Als
htte er ihr vorzeiten jeden Buchstaben einzeln mit der Wurzel
ausgerissen, um ihn frisch hineinzustecken in ein Schriftbild von seinen
Gnaden; jetzt hing das Ganze steil hintber, einer Frau gleich, die
hinter dem Rcken etwas zu verbergen sucht.

                   *       *       *       *       *

Es nimmt dich auf, sagte Gabriel nach seiner Rckkehr, ganz
durchsichtig in den Zgen vor Ergriffenheit.

Als erste Frau. Du wirst erwartet. Jetzt hebt erst unsere wahre
Hochzeit an, denn nichts kann uns mehr trennen.

Immer noch, seit dem ersten Tag, ging sie mit Gabriel die inneren Gnge
ihrer Verbundenheit. Bisher war er Mittler gewesen fr die Weisungen des
Zwiegeschpfs an sie. Nun sollte endlich ein wichtiger geistiger Vorgang
dem Stadium der Reife sehr nahe sein, sich auch von innen her in einem
Zeichen krperlicher Art auswirken: als Meilenstein am Weg. So war es
angesagt worden.

Noch am Abend wollte Sibyl reisen, taumelte vor Erregung wie im Traume
durch den Tag. Es flimmerte ihr so vor dem Herzen, da sie sogar von der
Leiter glitt. Kam da auf der Jagd nach einem Koffer eine uralte Tasche
aus des toten Organisten Nachla vom Bord herunter, traf ihre Schulter,
sie verlor das Gleichgewicht und strzte, gerade mit dem Handgelenk, auf
ein seltsam graviertes Petschaft, das aus der verblichenen Tasche
gerollt war. Der scharfe Steinschnitt grub in ihr Fleisch ein weinrotes
Mal. Rasch wand sie ihr Taschentuch darum. Gut, da Gabriel nicht dabei
gewesen, er liebte nicht Gegenstnde seines Vaters profan ins Licht
gestreut. Nun, es war ja nichts Bses geschehen, die kleine Quetschung
gewi in einer Woche vergessen und heil.

Am zweiten Abend kam Scheible in den Geist. Sa halbstarr auf dem
Strohsessel seiner dmmrigen Werkstatt -- ferne schwebten die schnen
Augen mit den Greisenringen in dem kleinen Gesicht. Knotige Hnde, im
Gegensatz zum blutlosen Schdel, mahagonibraun, lagen mit ihren
eingewachsenen Rillen Pechs im grnen Schusterschurz. An der Wand, breit
wie ein Ba, ragte Radinger mit seinen Holzschnittschultern. Gleich
einem Block fllte Ruhe den Raum, bis auf des Schreiners unaufhrlich
zitternden Kopf. Die sdlich fremden Mandelaugen lagen geschlossen darin
und man ahnte sie hinter den Lidern nach oben gebrochen wie einer
empfangenden Frau. Der Mund war leer und wartete.

Sibyl sa auf der Ofenbank, sah Scheible ins trumende Auge. Zuweilen
spannte und erweiterte sich die Greisenpupille, dann begann es aus
Radinger zu murmeln, biblisch Klagendes oder Verzcktes, das sie nur vag
verstand, ihr auch nicht galt. Etwa nach einer Stunde sttzte sie den
Ellenbogen aufs Knie, den mden Kopf in die Hand. Der rmel glitt
zurck. Das Aufwachsen ihres lichten Armes ins Dunkle mochte Scheibles
schwebenden Blick gefangen haben. Er sprang ber, blieb wie ein
Bluling, ehe er sich auf eine Blume niederlt, ber dem Blutmal an
Sibyls Gelenk in der Luft stehen, dann sog er sich langsam dran fest,
und Freude brach aus Radingers dunkelgerundetem Munde: das Doppelwesen
sprach die Quetschung an als das erwartete Zeichen. Sprach mit ihr von
Dingen, die sie nun wissen sollte und nicht wute, da doch das innere
Leben zu dem Male fehlte.

Langsam kroch die grauenhafte Entdeckung sie an, vereiste ihre
Haarwurzeln:

Das innere Wort hatte geirrt. Wo Irren nicht mglich sein durfte, oder
es sank herab zu -- -- Hysterie.

War das Doppelwesen auseinandergefallen, ganz gleich was dann zwei
knorrig liebe, kreuzbrave, tiefglubige und gtige Handwerker, ganz
gleich, was sie da: Wachblinde, zu wissen vermeinten -- doch als innerer
Doppelstern! Hier Tuschung und der ganze Weg war falsch _oder konnte
falsch sein_. Sie wartete in Todesangst, wie ein Verurteilter auf Gnade.
Nichts Erlsendes kam. Das Murmeln hrte langsam auf. Starre wich von
Scheible, von Radinger das Wort.

Im elenden kleinen Gastzimmer der Dorfherberge starrte sie vernichtet
auf die leicht verschwimmende blaurote Stelle an ihrem silbrigen Arm.

Zwei Mglichkeiten gab es: Diese Quetschung glich uerlich, sei es
durch Zufall, sei es, weil die Sigille des alten Gruner wirklich jenes
Zeichen darstellen sollte, dem wahren Mal, dann war der Irrtum fr ihr
Vertrauen tdlich, denn der Fhrer hatte _mit innerem Gesicht das
Wachstum ihrer Seele zu sehen_: das Mal von innen an ihr zu sehen, nie
durfte uerer Sto in die Haut ihn tuschen. Oder: und es war die
letzte Hoffnung: das Zwiegeschpf hatte tiefer in ihr gelesen, als sie
selbst noch wute. Das Zeichen war schon auf dem Wege sich zu bilden,
die innere Knospe nur noch nicht ins Bewutsein aufgesprungen. Nichts
als eine leichte Verschiebung in der Zeit hatte stattgefunden und durfte
es, denn das Geistwesen sieht die Zeit wie durch ein Rohr: alles auf
einem Haufen!

Bald mute es sich entscheiden, ob das echte Mal erschiene, das die
Seher vorgeahnt.

Noch ein Drittes gab es: aber darauf liee sie sich nicht mehr ein: Das
_credo quia absurdum_. Nein, hatte man einen Bund geschlossen und sein
Teil des Paktes gehalten, so hatte sich auch der Drben anstndig zu
benehmen, und wr's der liebe Gott. Alles oder nichts. Und gab's einen
Weg solch absoluter Demut, ihr Weg konnte es nicht sein, war sie nicht
schon weit genug abgekommen von sich selbst?

Und _Hysterie_, ihr Kinderschreck, sollte wie die Jugend, so das ganze
Leben an einer fremden Gehirnkrankheit zugrunde gehen.

War es nicht, als setzten die Brder dieser mystischen Gemeinde sich in
ein skurriles Geistesgefngnis, des perversen Ehrgeizes voll, da ihnen
alles fehlschlge und einer dumpfen Hoffart gegen jedes Unbeschwerte,
durch Freiheit Siegreiche.

Und man erfror vor Bedeutsamkeit bei ihnen.

Wo aber blieb jetzt der Sinn ihrer Ehe?

Nicht mehr Gabriels geschwisterlich Gemahl im Geiste.

Sie wartete mit aller Inbrunst auf das versptete Zeichen des Lebens. Es
blieb aus. Suchte an des Mannes Schulter um Rat.

Er glaubte ihr nicht. Da ES geirrt haben knnte, schien ihm
unausdenkbare Blasphemie, sie wolle ihn anstecken, vergiften, mit ihrem
Zweifel die Saat, gest in Geschlechtern, verrotten in seinem Blut.

Da kam -- an Bord der Titania geschrieben -- viele hundert Seiten
lang, ein Brief Ralph Hersons.

Wie brennende Schiffe trieben glhende Wortgruppen ihr entgegen und
vorbei, abgelst von irisierenden Wirbeln der Verheiung, rosig und
leise dahinrotierend in dem endlosen Strom der Anbetung. Eine
schmerzhaft konzentrierte Noblesse der Sprache, auch der Gesinnung wohl.
Denn wie htte es schon zu Beweisen, zu Taten uerster Treue kommen
knnen, so lang sie ihr Leben ihm nicht anvertraut. Nun schrie es aus
ihm in heiligster Not:

Wollten Sie meine Frau werden? Ich gehre nicht zu jenen, die solches
Wort leicht auf der Zunge fhren -- Sie sind die Erste und Einzige, an
die ich je solche Aufforderung gerichtet -- dann Prinzessin Augenweide
... und nun bot er ihr alles, was ein Mann einer Frau nur bieten kann.
Und es kamen hunderte Bilder der Inbrunst, und sein verzcktes,
verzweifeltes Begehren rann als malose Erhhung durch ihr Blut.

Da ward ein solcher Brand nach Blte in ihr, da sie, nackt hingeworfen,
alle diese Bltter ber sich gelegt, mit jeder Pore, mit dem ganzen
Sonnengeflecht die magischen und dunkel duftenden Ausstrmungen der
breiten Mnnerschrift in sich trank.

Der Brief schlo:

Ein Kind von Ihnen wre die Krnung meines Lebens -- eine Tochter gar,
die Ihnen gliche an mrchenhafter Anmut -- ich glaube, da wrde ich toll
vor Glck. Doch wte ich selbst, Sie knnten nie mehr Kinder haben,
auch dann wre mir Ihre bloe Nhe schon so wertvoll, da ich nichts
unversucht liee, Sie zur Frau zu gewinnen. Nur hinter Ihnen hergehen
drfen ist mehr als jede Andere umarmen.

Sie erbat Bedenkzeit. Das Beste von ihr war noch drben in jener Ehe,
die doch bis zu Gott htte reichen sollen. Hatte aus ihrem
Phantasiekrper sich ein Abbild Gabriels geschaffen in einer strahlenden
Materie in den lichtesten Stoffen der Welt. Dieses Ikon konnte nicht so
schnell verwesen. Sie hatte es noch nicht ausgeliebt -- ausgeglaubt.
Alles kam von den zwei Jahren der Verzgerung, und da man die
Erwachsene hatte einsperren drfen in Minderjhrigkeit. Jetzt htte sich
das Ikon bereits reif und leidlos aufgelst gehabt. Wieder berstrahlte
sie der erste groe Ha gegen Papas verbrecherische Torheit.

Als sie Gabriel von Trennung sprach, vermochte er es nicht zu fassen,
hielt alles fr Wahn. Flehte: Versuche es wenigstens noch ein Jahr mit
mir.

Begeisterung ist keine Heringsware, die man einpkelt fr mehrere
Jahre, feixte Ralph Herson.

Zeit: das Kostbarste vergeuden. Gleich msse sie fort. Drang auf
rascheste Scheidung. Er als Englnder liebe klare Verhltnisse. Nicht
einmal sehen wolle er sie vorher. Lady Tatjana tauchte wieder auf, trug
Sturm hin und her, schluchzte, beschwor. Ein Wortbruch -- Sibyl hatte
ihr Wort noch gar nicht gegeben -- wre rger als Mord.

Aber gerade diese Lady Tatjana lie sie auf einmal wieder tief zgern.
Nein, es ging nicht.

Wem es gefiel, mochte der in freier Liebe leben, natrliche Kinder
Unnatrlichen vorziehen. Nie hatte sie den Beziehungen der beiden
nachgeforscht. Aber es ging nicht, der frheren Bediensteten im
elterlichen Haus einen Scheinmann, seinem eignen Kind einen fremden
Vater zu kaufen: einen verhungerten kleinen Beamteten, der es billig tat
und Edler von Walden hie. Es ging nicht, diese Frau dann -- sie hie
Leopoldine Sedlacek -- nach vertuschenden Reisen, mit vertuschtem
Dialekt, vertuschter Schrift, unecht-wahr, als Lady Tatjana de Walden
einer Dame ins Haus zu schicken. Diese Fakten waren aus der
Gerichtssaalnotiz einer Provinzzeitung ersichtlich -- mit Rotstift
gerahmt, ihr zugeschickt -- denn der kleine Beamtete klagte endlich auf
Zahlung der bedungenen Heiratssumme, ein paar Tausende im Ganzen. Man
hatte ihn auch noch bei dem Handel zu bervorteilen gesucht, seinen
Anspruch juristisch bestritten, weil solch ein Vertrag gegen die guten
Sitten verstoe. Den schnen Namen aber war die Dame andererseits nicht
mehr herzugeben gewillt.

Sibyl verschwieg ihr Wissen, aus Scham fr beide. Auch htte er, sofort
Edelanarchist und nur auf das Wesenhafte eingestellt, befremdet
aufgeschaut:

Das ist doch alles nur uerlich.

Schlielich: Jemandem die Brieftasche ziehen, war dann auch nur
uerlich, stak sie in der ueren Rocktasche.

Ein edler Schwtzerkniff.

Sie zgerte tief -- schlo dann die Augen in der nchtlichen Fieberkurve
der Sehnsucht, lie die geliebten dunkelsaugenden Strahlen ber sich
ein. Und alles war wieder gut.

Da drohte er mit -- Heirat. Stellte ihr ein befristetes Ultimatum von
drei Wochen. Jetzt solle sie sehen -- jedes junge Mdchen knne er haben
bis dahin. War es erwachende Reaktions-Prflust des Vivisektors?

Es gebe auch Leute, die man peitschen msse, um sie zum Reagieren zu
bringen, lie er sagen.

Sibyl wurde zu Eis und Honig -- wnschte viel Glck. Poldi Tatjana, die
arme Hrige, irrte mit Botschaft zwischen ihnen hin und her, widerrief
Drohungen, die sie tags zuvor gestammelt:

Nur kein Miverstehen: da sie noch zgere, sei der Plan einer
Zwischenheirat aufgetaucht, gerade ihretwillen, ihr Auerordentliches zu
bieten. Der alte Leiser habe dem Sohn das halbe Vermgen -- sofort
zahlbar -- als Prmie gesetzt fr eine ihm genehme Ehe. Ralph war nicht
mehr so jung, wie die eigenwillige Bronze seines Krpers es wahrhaben
wollte, schon den zheren Vierzig nah. Also Scheinehe, Scheidung, die
junge Dame erhielt Freiheit und Mitgift zurck und man war unabhngig im
grten Stil; die ersten Jahre sollten ja ein unaufhrliches Fest sein,
ein goldenes Gewitter, eine Lebenserhhung, wie sie wenig Sterblichen
vergnnt.

Andern Tags war wieder Minotauros Pose: er brauche, rein physiologisch,
alle drei Monate eine Jungfrau -- dies sei die letzte Ration, ehe er
sich einer _fairy-queen_ verbnde.

Also war die junge Wegzehrung wohl schon gefunden?

So halb. Die Hrige, beflissen, ging in die Falle, zeigte weitgehende
Bilder, die sie im Auftrag von dem Frulein gemacht.

Drei Wochen auf den Tag heiratete er. Schrieb am _lendemain_ der groen
schlanken Ehestifterin einen seiner perfiden, verworfenen, verbotenen,
ersehnten Briefe, als wre nichts verndert. Dann reiste das junge Paar.

Und es war keine Ruhe.

Die Hrige, im Kielwasser der Lustfahrt, schmeichelte, flehte, klagte:

Ahnen Sie nicht, spren Sie nicht, wie ntig jetzt ein paar Zeilen von
Ihnen wren? Ich frchte, Sie haben noch immer keine Ahnung von der
ungeheuren Liebe, die er fr Sie empfindet. _Fancy -- -- -- come!_

Dann wieder:

Er htte Ihnen so viel zu sagen. Aber wollen Sie denn hren? Sie haben
ihm ja die Schleusen gesperrt. Vesta! Wie walten Sie des heiligen
Feuers?

Manches klang diktiert:

Der Trotz, mit dem er diese trichte Scheinehe einging, ist mir beinah
unheimlich. Es ist so komisch, die Menschen ihm dazu >Glck< wnschen zu
hren. Es tut mir in der Seele weh, da ihm nur Mesalliancen beschieden
sein sollen. Ich liebe ihn und gnne ihm die einzige Erfllung, die fr
ihn mglich ist. Oh, werden -- werden Sie kommen?

Immer lagen Kuverts mit verstellter Schrift bei und die Mahnung, nur
diese zu bentzen, denn:

Die junge Frau hat keine Ahnung von Ralphs Stellung zu Ihnen, er hat
noch kein Wort mit ihr darber gesprochen.

Mein Gott, wie komm' ich zu diesem Schmutz? Und Sibyl zerri die
falschen Kuverts bis auf eins, steckte die Schnitzel in dieses letzte --
das schickte sie ihm zurck.

Doch auch in ihrer Ehe mochte sie nicht bleiben unter falschem Stern.
Die Glut dieses Mannes hatte sie ruhelos gemacht, einsam und unfrei.
Gabriel bewilligte die Probetrennung, hielt es fr mystischen Urlaub
nur. Behielt Charmion als Pfand. Das Arielewesen sollte nicht leiden,
von nichts wissen, nicht in Heimlosigkeit gezerrt werden. Damit es sich
ihr nicht entfremde, kam sie in Pausen immer wieder zu ihm. Bestimmte
die Hlfte ihres kleinen Depots fr seine Pflege.

_Notre Dame du wagon-lit._ Ahasvera jetzt. Sie war beinah arm. Und
lieber noch jeden Tag eine andere Fremde als Heim nennen mssen, war
unter ihrer Art.

Arbeitete bei Kocher in Bern, bei van t'Hoff in Berlin, lernte den
Skisprung bei Sarnstrm in Dalarne, hrte Bergson in Paris. Kam aber aus
Europa nicht hinaus, um Charmions willen.

Das Glttende und ortlos Weltgltige im Stil war jetzt ber die so sehr
kindlichen Spitzen ihres Wesens geschmolzen, aber ihre innere Fremdheit
wuchs. Der Vorfrhling ihrer Glieder blieb fixiert, duftete nach Birken
und Erdbeeren. Es war da nichts zu ndern, nur bergnge auszugieen, zu
feilen, zu veredeln. Welchen Sinn htte denn das lterwerden je gehabt,
wenn nicht: Schnheitsfehler verbessern und berhaupt etwas dazu lernen.
Wie ein Virtuose auf Urlaub bte sie auf dem stummen Wunderinstrument
ihres Krpers. Alles oder nichts, auch hier. Narzissa hatte Ralph
Hersons wissendes Begehren sie einmal genannt.

Und es war keine Ruhe. --

ber Lnder und Meere her rann das Geflle seiner stechenden Wrme in
einer heien Linie auf sie zu und hetzte ihr Herz. Ein Buch kam, ihm
einst geliehen. An ihrem Geburtstag, unbekannt woher, ein Pckchen mit
seiner Schrift, darin retourniert ihr Hochzeitsgeschenk an seine Frau.
Dann wieder ein andermal hatte sich die Hrige bei Papa eingeschlichen,
die Dienstleute bestochen, um Nachricht. Sie fhlte Spione um sich.
Gerchte zerstubten vor ihrem Weg: die junge Frau ein Jahr nach der
Hochzeit tot. Hatte sich in einem schottischen See ertrnkt.

Er, das Opfer von Erpressungen, wolle Cambridge verlassen.

Es war keine Ruhe.

Aber warum gerade dieser? Was gab ihm solch brennende Macht?

Sie lie das wissende Haupt sinken.

Sein Erbteil: Die purpurne Wrme Asiens. Sie lie sich sinken:

_Sweet Prince of darkness._

Aus Olympia zwang sie ein Telegramm zurck. Papa war tot, sie selbst nun
wohlhabend, fast reich. Tratsch trieb das Erbe zu Millionen auf.

Da brach er durch die Schranken. Der Anla war hinlnglich -- ja
korrekt. Kondolierte vom ligurischen Strand, wo er sich angekauft. Und
siehe! Auch Lady Tatjana wieselte wieder ber den Weg, wo immer man
ging. Schlielich geschah es vor des alten Anwalts Haus, der die
Verlassenschaft fhrte, da die Hrige, einen Affront riskierend, herzu
trat, ihr Beileid auszusprechen. Unter der Mache aber leuchteten die
grauen Augen froh und echt -- wie erlst. Sie redete nur von ihm -- in
seinen eigenen Stzen und, wie Sibyl dies einst gewidert, so rhrte
gerade dieser Zug sie jetzt. Dachte auch ber manches milder. Die
unbestechliche Kinderhrte von ja und nein, dies Kompromilose! Weil es
ihr eigenes Ma, muten ihm deshalb andere standhalten? Sie lie das
Haupt sinken:

_Sweet Prince of darkness._

Prinz Augenlust.

Sinn der Erde.

Wie, sie wolle auf ein paar Wochen nach Spanien?

Wie gut sich das trfe, da knne man vielleicht gemeinsam bis Genua
fahren, und die Hrige sprach von dem Heim, das Ralph Herson im Begriff
war, sich am Meer zu bauen. In den nchsten Tagen trfe er brigens zum
Besuche seines Vaters hier ein.

Beim Abschied warf Sibyl noch halb unbewut hin:

Und -- das, wie die unglckliche junge Frau zugrund ging (dachte dabei:
durch _ihn_ zugrund ging), ist es schon berwunden?

O, er hat ihr lngst verziehen, sagte die Hrige pathetisch, er ist
ja so gtig.

Dieser nachgesprochene Satz war schuld, da Ralph Hersons Besuch nur in
der Hotelhalle und mit den uersten Enden der Hflichkeit angenommen
wurde. So grougig natrlich, so geistig gelchelt, so sehr leidlose
Anmut war alles um Sibyl, da die Magie in seine ungleichen Augen tief
zurcktrat und alle kauernde Freude dazu. Er blieb und blieb. Ging
zgernd, fast mutlos endlich, als sie den Lift bestiegen. Drehte, schon
an der Tr, doch noch um, -- war in vier Sprngen wieder am
Aufzugschacht -- horchte in ihn wie in leere, letzte Erwartung;
vielleicht, um ihren Schritt ber der Stufe oben zu spren. Der Lift
hielt falsch, etwas zu hoch, dann wieder zu tief. Da hrte er lotrecht
ber sich die mdchenhafte Damenstimme sagen:

Aber Sie fahren mich ja hinab, statt hinauf.

Ein vogelheller Jubelton --. Eine gerhrte Erlsung -- ein beispielloses
Entzcken: eine Hymne der Hingabe -- an den Liftboy.

Ralph Herson neigte den grogewellten Greifenkopf. Zog die Luft ein in
einem endlosen Atemzug, ging ganz langsam ins Schreibzimmer, entnahm der
Brieftasche vor dem Herzen die eigens fr ihn gebaute Feder von
niegesehener Breite, verschrieb die halbe Nacht und den ganzen Vorrat an
Hotelpapier. Faltete es. Sammelte sich noch zu den starken und khnen
Zgen der Adresse, wie zu einem Weitsprung. Hielt. Es blitzte in dem
Geder seiner Schlfe. Kleine Verste, die er begangen, kamen ihm
peinlich wieder: ein deplaziertes Wort, eine rauh gereizte Bewegung,
wegstrecken des kleinen Fingers von der Teetasse.

Gutmachen sofort! noch mehr: vorbeugen. Er entbreitete noch einmal das
ganze Pfauenrad der Verzckung, schrieb darunter:

Meine liebe Zauberin! Lcheln Sie ber mich? Doch bin ich mit Ihnen,
ist stets die Hlfte meines Geistes in Adoration verloren -- Du kennst
mich nicht, mein besseres Teil. Die Schchternheit vor Dir -- vielleicht
die Letzte, die mir im Leben geblieben -- lt mich dann trivialer,
trichter, rauher erscheinen, als mir wirklich zu Mut ist, ja ich suche
manchmal nach irgendeiner albernen Bemerkung, manierlosen Geste, um die
wirkliche Bewegung zu verbergen.

                   *       *       *       *       *

Als sie kam, fuhr er ihr doch zur letzten Station entgegen, wider alle
Vertrge. Sprang vom Rad, lief die bremsende Exprekette entlang, die
Arme voll blhender Zweige, warf sie durchs Fenster, dunkle
Strahlenbndel hintennach.

Dem liebsten Gast!

Sprang aufs Rad zurck. Der Montmorency-Strhn auf seinem Kopf silberte
im Sonnenstaub.

Dann fra ihn Oleander- und Lorbeergebsch weg.

Abrasieren sollte man die alberne Gegend, dachte sie.

Nichts sieht man.

Und die Sternsaphire leuchteten.

Sein Gast? Nein. Stieg in einer kleinen Pension neben seiner Besitzung
ab.

Am Morgen holte er sie, zeigte ihr das provisorische Haus -- die Stelle
des knftigen. Kaufte immer noch Gut auf Gut, Ufer und Hgel mit Wein.

Die weltgltigen Anreden der Fremdheit: Gndige Frau -- Herr
Professor, tanzten auf dem ther und Kokainrausch ihres gemessenen
Nebeneinander. Jedes geno sie als Verheiung:

So viel liegt noch vor uns.

Nur einmal, als er Bauplne erluternd, von dem Hgel niederwies auf
seinen Grund, da hielt er an im Sachlichen und Klugen. Und in die lange
Pause brach es leis, mhsam, gerhrt und rhrend:

So im stillen habe ich mir doch immer gedacht, da Du einmal hier
wohnen wirst.

Die nchsten Tage lie er sie ben. Ward sie an seinem verzehrenden
Werben warm, winkte er ab mit zrtlichem Hohn, posierte Vorsicht --
gebranntes Kind.

Ja, wenn ich so was sagte, das wre was anderes. Ich verspreche nicht
-- ich _halte_.

Einmal brach er los:

Verehrter Energievampir. Zeitvampir! Zeit, das Kostbarste! Jahre hast
du mich gekostet: Jahre der Sehnsucht und Leere.

An einem Hauch Humor ber ihre abgewandte Wange hin sah er, sie rechne
nach, womit er diese Leere minotauroshaft und auch ansonsten recht
vergnglich ausgefllt.

Aber verlieben konnt' ich mich nie mehr, seit damals.

Am Abend lag ein Blatt in ihrem Zimmer:

   ... und dachte: sieh, zu andern,
   La Dein Begehren wandern
   Und liebe, was sich lieben lt.
   Da hielt ihn stets die Schlinge fest.
   Oft prft er sorgsam Herz und Sinn,
   Als sprt er eine Wandlung drin;
   Doch fand er stets darinne,
   _Isolden_ und die Minne.

Sie saen in tiefen Sthlen, unterm Mond, auf der Terrasse seines alten
Landhauses.

Die Ruhe ihrer Posen trog. Ruhe gab's nicht bei ihm. Zeitvergeudung!
Zirkus im Hirn war angesagt.

Im roten Frack festlicher Hatz stand er: Kenner, Liebhaber, Kufer,
Dompteur, Publikum: alles in Einem. Ohne Peitsche, nur auf Zungenschlag
lie er sie getrmte Hrden nehmen, hher -- hher, oder, indes billiger
Erdenlrm schwieg, oben im Raum durch Trapeze strzen und schwingen.

Seine stolze Wut nach Probe ihres Wissens, Erfassens, Durchdringens,
Beherrschens, war ohne Ma. Nichts von Literatur, Kunst, Musik: dem
Weiberschwatz. Er prete sie ins Letzte, Ernsteste vor, drehte dann zh
wieder zurck ins Detail, verlangte einen Griff voll Fachwissen hier,
einen dort. Geno dabei das Luftgebude ihres Tons in An- und Abklang,
das Unsgliche am gepflegten Menschen, das um seine Worte ist. Erschpft
endlich vom bloen Prfen, Fragen, Hren, Folgen, fiel seine Gier die
bessere Beute an, die langerlechzte. Bot ihr Champagner -- er selbst,
aus Angst um seine prachtvolle Konstitution, trank nie -- doch am Andern
schtzte er die rosenhafte Steigerung im Weine, und ber alles den Griff
der Grazie um den Kelch.

Sein zahmes Eichktzchen, aus dem Schlaf geschreckt, hopste hinten auf
den Stuhl, lief ber Sibyl herab und nestelte in ihrem miederlosen
Scho; angenehm erstaunt. Sie bog das Bein ein wenig, legte eine Nu
aufs Knie, hob die schlanken Arme wie schneeige ste, Frchte in den
Fingerzweigen. Auf und ab, ber sie hin scho das fuchsrote Bschel den
schwarzen Seidenstamm hinauf, entlang die nackten, schmelzend weien
Zweige und wieder zum Scho zurck.

Bist du am Ende Ratatskr? frug sie den Kleinen, der von der
Weltesche? Ist das wahr, da du, dasselbe Wesen, oben Gutes, unten Bses
sagst? Es spitzte pfiffig das winzige Gesicht, lief an ihr, die
aufstand, empor, und hinber auf den Arm des Mannes, der sich ihm
entgegenwarf.

Sein Schweif fegte ihre Haut zusammen.

Sie standen berschwemmt von ihrem Blut. Dann kten seine Fingerspitzen
sich, in streichelnden Bndern ganz langsam ihre Arme entlang, zu den
Flgelschultern hin. Verweilten auf kleinen Inseln der Lust, umspielten
die zwei winzigen Glockenblten, die Brste, rannen die Wege des
Eichhorns entlang.

Sie stand nackt unter der zergehenden Seide.

Die Endchen der freien Rippen zwischen den Fingern, bog er in die glatte
Sichel der Weichen ein. Da wurden beide Hnde flach, bedeckten in einem
rasenden Genieen den ganzen schleierschmalen Leib. Er strzte in die
Knie. Da lag der ersehnte dunkle Kopf endlich zum Greifen nah vor ihr.
Sie hielt die Hnde darber, wagte nicht, ihn zu berhren, als ob er
Flamme wre. Trank seinen Nardenduft, vor Erregung fast besinnungslos.
Und wieder flossen die kssenden Bnder seiner Finger, diesmal von den
Fersenspitzen weise aufwrts, die edellangen, seidenschwarzen zitternden
Beine in den Silberschuhen hinauf.

Meine Zauberrappen, stammelte er -- aber eigentlich sind es Schimmel,
und einmal werden wir sie ausschirren.

Von der Schmalheit der Knie kam er nicht los. Da bog sie ein wenig das
Bein. Er verstand. Die Fingerbnder rannen jetzt mit ihren kleinsten
Muskeln um die Wette hinauf, strzten in die Kniekehlen, umspannten hart
die wundervollen Sprungsehnen, breit und rein wie Dolche.

Zehntausend Entzckungen -- -- wie -- wie soll ich dich genieen --
ausgenieen!

Dann taumelte er auf -- strzte fort, Tatjana aus dem Schlaf zu reien:

Das ist ja gar kein Wesen wie wir, was das fr Knchelchen hat, mein
Hermelin vom Mars. Solche Lieblichkeit bei solcher Gre. Und er raste
sich aus.

Etwas ruhiger kam er zurck -- brachte sie, die zitterte, nach Haus, wie
sie gebeten. Sie begriff, da er alles aufsparen wollte fr das, was sie
Noch-nocher nannte, und war stolz auf ihn in aller Qual. Stumm glitten
sie nebeneinander ber den Wiesenpfad. Vor dem Tor in der Mauer ri er
pltzlich die Arme auseinander -- weit, hing in ihnen wie gekreuzigt.

Alles, was mir je geschehen, war nichts gegen das, was du mir damals
angetan, als du nicht kamst, aber in diesen drei Tagen hast du alles
gutgemacht -- ja, es ist tausendmal aufgewogen und ich bin nur
Dankbarkeit.

Und wieder von diesen nur ihm eigenen magischen, unerhrten Strahlen
gehoben, mit einer glcklich, heiseren brechenden Knabenstimme:

_I love you immensely._

Da lie sie ihre Hnde durch die Flammen fallen und umfate den
silberdunklen Kopf.

Es war zwei Uhr nachts, unter einsamen Sternen. Und sie hatten sich noch
nicht ein einziges Mal gekt.

Das war also der berchtigte Wstling und Materialist, ihm hatte sie
so lang mitraut -- seiner Rasse wegen.

Scham tropfte aus den jubelnden Sternsaphiren.

Noch ein bser Vorhalt kam: ihr schien in den nchsten Tagen, als miede
er geflissentlich ihre Lippen -- gewisse Berhrungen. An ihrem Staunen
zuckte er dann jedesmal hmisch und hlich vorbei. Einmal, Gesicht an
Gesicht, nahm er ihre Arme sich vom Hals, dann brutal:

Kann ich dich denn so kssen, wie ich mchte? Was sich mir in solcher
Weise bietet, mu ich dagegen nicht das grte Mitrauen haben?

Es war nur wie Auf- und Abtauchen im Strom endloser Anbetung gewesen.
Sie wute kaum, was sie gehrt. Begriff es erst allein in ihrem Zimmer
ganz.

Ihr -- _das_. Er konnte glauben, da sie -- nicht nur widerlich
verseucht, auch noch hierher gekommen, um ... ihn ...

Das kam davon: sie kannte doch seine offene Geringschtzung der Frau.
Ich, als Orientale, pflegte er zu sagen, und erhob damit jede
Privatroheit zur Weisheit des Ostens. Der Kult ihrer Persnlichkeit:
eine dnne Schicht Laune nur, die sie von der groen Weiberverachtung --
so lang's ihm pate, notdrftig schied.

Und wie war das gewesen, das andere? Was sich mir solcherweise
_bietet_: anbietet.

Mein Gott, in welchen Schmutz bin ich geraten!

Sie warf alles in die Koffer, frug nach dem nchsten Expre -- er ging
erst in zwei Stunden, verlangte die Rechnung. Rache war es,
heimtckische Rache, weil sie ihn damals abgewiesen. Hierher
geschmeichelt war sie worden, aufgespart fr diese Schmach.

Brangne erschien mit Botschaft, sah die Koffer, eroberte das
Telephon, beweinte, beschwor das Miverstndnis ... hielt die Fliehende
... bis die Tr aufflog.

Der letzte Verbrecher habe noch das Recht, vorher gehrt zu werden. Er
bitte von vornherein um Vergebung, wiewohl er nicht wisse, worin er
gefehlt.

Ein Wink und Brangne verschwand.

Ach so. Das. Habe er geirrt? Niemand knnte dann seliger sein wie er.
Sie selbst -- so groes Kind wie Dame, wisse vielleicht nicht einmal,
was ihr unbehtet geschehen. Da sie, ohne ersichtlichen Grund und ohne
doch zu ihm zu kommen, pltzlich ihren Gatten verlassen, habe bei ihm
Verdacht -- Pardon: Sorge erregt -- -- aber nein, vor diesen
feindseligen Koffern knne er nicht sprechen, und er gab dem nchsten
einen Tritt.

So galoppierten sie spazieren, den Weg des ersten Morgens hinan.

Er leugnete gar nichts. Wurde einfach vorurteilsloser Naturforscher. Ob
sie, leider sehr unpraktisch erzogen, ahne, wie viel namenloses
sexuelles Elend es gerade fr die Vornehmsten gebe. Da sei Vorsicht
nicht beleidigend, sondern einfach praktischer Idealismus. Doch mit
einem Lachen -- einem klaren Wort von ihr, wre alles abgetan gewesen.

Ja, er kam so sehr ins Recht, da sie nur beschmt gestehen konnte, sie
sei es eben noch nicht recht gewohnt, weil bisher in Gesellschaft ihre
Tischherren gerade diese Frage nie an sie gestellt. Und lie den Kopf
hngen.

Ein erstes, leichtes Funkeln von Humor erlste ihre Seele schon. Und
schlielich: nachdem sie durch Gabriel in eine Sackgasse des himmlischen
Jerusalem geraten, nun zurcktastend, bei diesem hier den Sinn der Erde
suchte, durfte sie sich gehaben, erwies er sich grber, rauher, als der
sterile therpfad.

Da schrak sie noch einmal zusammen.

Ja, aber das mit dem sich _anbieten_, und trotz aller Anstrengung
brach die Stimme doch.

Er konnte sich nicht fassen vor entzckter Heiterkeit. Er -- er htte
das gesagt, der seit Jahren zum Monomanen geworden -- an ihr.

Und pltzlich ernst: ja doch, er habe so was gesagt: da sich ihm eine
solche Erfllung doch noch biete. ... Mitrauen gegen das Schicksal habe
er gemeint, einfach Furcht, weil es doch noch nicht erlaubt sein knne,
so glcklich zu sein.

Dann mit Bitterkeit: Also gerade im Zartesten, im Bescheidenen werde er
verdchtigt.

Schlielich voll Trotz: Warum soll nur ich immer der Rowdy sein? Weil
man in England Erpressungen an mir versucht und meinen Namen durch die
Schandpresse gezerrt hat? Jetzt glaubt man mir alles zumuten zu drfen.

Sie standen auf dem Hgel, er wies ihr, wie am ersten Tag, seinen
Besitz:

Und wo das doch alles fr dich ist. Und wo ich dir so lieb sage: _I
love you immensely_ ... und wo ...

Dann aber wurde er verschlagen und schmunzelte das Feinste:

Gndige Frau mssen ein sehr schlechtes Gewissen mir gegenber haben.
Aber, ich stehe turmhoch ber Ressentiments. Fast bin ich froh ber
dieses kleine Miverstndnis, das dich -- verzeih -- Trnen gekostet
hat, denn ich habe daraus ersehen, da du doch endlich wenigstens zu
ahnen beginnst, _was dir da blht_.

Vor dem alten Landhaus irrte die Hrige wie gejagt. Beim Anblick der
beiden lebte sie auf. Er nickte ihr leicht zu:

Ich habe das Reh wieder eingefangen und zurckgebracht.

Am Abend erschien Sibyl noch einmal in Schwarz und Silber, und diesmal
wurden die Rappen ausgeschirrt.

Sechzehn Stunden lang kten sie einander, ohne Pause, ohne Schlaf.
Tatjana, vermeinend, ein Unglck sei geschehen, strte sie endlich auf.
Aber immer noch war ein Schwert zwischen ihnen gelegen.

Jetzt hie es, die Abendrobe verhllt, in geborgten Schuhen in die
Pension zurck -- am hellichten Nachmittag. Das erste Renkontre mit der
Welt.

Ein rasendes Gebelle und Geklff war pltzlich ausgebrochen in dem
abgesperrten Raum unter Ralph Hersons biologischen Versuchstieren. Im
schneeweien Sezierkittel kam er pfeifend angelaufen. Dann mit
spitzbbischem Gefunkel:

Aufregung im Hundekotter, das Weibchen ist da.

Und er sah mit Experimentier-Prflust zu, wie sie es aufnehme.

Sibyl beeilte sich, Versuchskarnickel zu sein, gab eine so heitere und
dabei verblffende Antwort, da er, in ruheloser Gier, sofort wieder den
Hirnzirkus erffnen wollte. In der Pension aber lag schon ein festlicher
Brief fr sie bereit und er begann:

   Wann wird uns beiden
   Je wieder hier auf Erden,
   Solch se Stunde werden!
   Vergesset mein um keine Not,
   Se, herrliche Isot.

Andern Tags reiste sie -- seufzend in die so lang vermiedene ble Stadt.
Nun hoffentlich zum letzten Mal. Es hie sofort ihre Ehe lsen, Ralph
Herson Taten zeigen -- diesmal. Ihr einstiges Schwanken gutmachen, denn
er glaubte ihr noch nicht. Dieser Zustand war unwrdig, immer mute ein
Schwert zwischen ihnen liegen, ehe sie frei. Alles oder nichts, wie gut
sie ihn begriff. Wie stolz es sie machte.

Zeit, Zeit, das Kostbarste, wieviel meines Lebens wirst du noch
vergeuden? hatte er gesagt. Htte ich dich doch mit fnfzehn Jahren
gekannt, mit dir wre ich sofort sogar eine katholische Ehe eingegangen,
htte ja gewut, da mir nie jemand besser gefallen knne, und bese
dich jetzt schon zum zweiten Mal in einem neuen groen, kleinen
Mdchen.

Willst du denn ein Baby von mir?

Eins ist doch gar kein Ausdruck. Sechs will ich von dir haben --
vorlufig.

                   *       *       *       *       *

Wie lang dauert eine Scheidung? frug sie den alten Familienanwalt.

Ein Jahr. -- Ist gar kein Hindernis (aber das gibt's ja nicht) und
schiebt man gewaltig an, ein halbes -- vielleicht.

Sie erschrak. Wute, sehr weltfremd, in diesen Dingen nicht Bescheid.

Welche Grnde brigens? Falls Sie nicht auf Ehebruch besonderen Wert
legen, der allerdings das Sicherste und Schmutzigste -- auch Billigste
ist, bleibt nur >unberwindliche< Abneigung. Die mu aber bewiesen
werden. Ich hoffe, Ihr Mann hat Sie vor mglichst vielen, einwandfreien
Zeugen wiederholt angespuckt, blaugeprgelt -- rztliches Attest
erwnscht -- und mit den unfltigsten Ausdrcken belegt, >Hure< ist gut.
Auch alle Komposita mit Sau ... Also bringen Sie mir das Material.

Niemals, wir sind doch zivilisierte Menschen.

Das Gesetz hat nichts mit dem zivilisierten Menschen zu tun.

Wenn aber zwei mndige Leute auseinander gehen wollen ohne Aufsehen,
brauchen sie da nicht blo ihren gemeinsamen Entschlu irgendeiner
Behrde zu melden, und die Sache ist erledigt? Das Gericht htte doch
nur gefragt zu intervenieren, wenn es sich eben um Schlichtung von
Streitigkeiten handelt, kurzum zu _helfen_, sollte man meinen.

Meinen _Sie_, sagte der Alte.

Auch bin ich schon zwei Jahre von meinem Mann getrennt.

Da belebte er sich. Nie dazwischen in seinem Haus gewesen?

Ja, doch nur um meines kleinen Mdchens willen, damit dem Kind das
Wissen um den Konflikt erspart bleibe.

Schade, sagte der Alte, sehr tricht.

Aber -- Sibyl war auer sich -- wenn drei Menschen ihre privatesten
Privatangelegenheiten ordnen wollen: anstndig, reinlich und ohne die
einzige kstliche Spanne Glcks dabei zu versumen -- --

Ausgeschlossen, sagte der alte Anwalt, denn er war mosaischen
Glaubens.

Sie schttelte seinen ranzigen Jargon ab:

Wenn also eine Frau in Yokohama von jemandem ein Kind bekommt, deren
Mann in Berlin ist, und der in Yokohama, sowie die Frau bezeugen es
beide, und der Yokohamaer will sein Kind haben und anerkennen, whrend
der Mann in Berlin keinen Wert drauf legt -- ist es dann automatisch
durch Fernverkehr doch sein Kind -- auf Jus?

Natrlich. Auer, der Gatte klagt auf Ehebruch, und dann wird im
laufenden Verfahren schon ganz von selber eine gromchtige Schweinerei
draus.

Welch prchtige Einrichtung, sagte Sibyl.

Nun, dies eine Mal nur -- dann mein Leben lang nichts mehr von
Gerichten.

Da setzte Dr. Lederer einen zweiten Zwicker auf, um sie mitleidig
anzustarren.

Jeder Tag ist verloren ohne Liebe, hatte er beim Abschied gesagt. Sie
ging auf alles ein, nahm die Schuld bswilligen Verlassens auf sich,
trat durch Schenkung einen Teil des vterlichen Erbes an Charmion ab,
Ralph Hersons Frau wrde es entbehren knnen. Ihm Zeit ersparen war
wichtiger. Gabriel, fanatisch und bigott verwildert, stellte immer
bsere Bedingungen, nicht um sie erfllt, um die Scheidung abgebrochen
zu sehen. Ihm schien seine Frau, der gefallene Morgenstern -- ein
brnstig gewordener Seraph. Nur um Charmion rang sie mit ihm. Einen Teil
des Jahres mute ihr das Kind verbleiben. Er ging darauf ein mit einer
Klausel: so lang ihr Wandel einwandfrei. _Das_ lie sich unterschreiben.

Ralph Herson traf sie in Paris, Venedig, Rom. Sein Heim mochte sie nicht
als Gast, erst als Dame des Hauses wieder betreten. Warum er sich nicht
lieber in England einen Landsitz errichte, als am ligurischen Strand?

Er wehrte erschrocken ab: Unter solchen Gesetzen leben.

Sie dachte an Wildes Schicksal, gab ihm recht.

Auch war das Land so wundervoll, auf dem er zu bauen gedachte.

Ich htte dich gerne gleich in ein fertiges Haus gesetzt, doch auch so
ist es gut, nun magst du mitbestimmen.

Hatte Bilder, Bronzen, edle Stoffe in vielen Jahren vorausgesammelt. Die
alte Landvilla war vollgerumt wie ein Museum.

Da ich jetzt nicht nach meiner innersten Art schenken kann, sagte er
einmal trotzig, als sie durch die juwelene _Rue de la paix_ gingen --
es demtigt mich. Da ich aber das schnste lebende Material
verschmerzen mute, verrannte ich eben meine Mittel in Totes --, und so
wird es am Ende von mir heien, da ich geizig bin.

Wie -- wie soll ich dich jetzt wrdig genieen?

Nun, so weit es an ihr lag, sollte auch der anspruchvollste aller
Sinnenprinzen nichts zu vermissen finden. Sie bot ihm jenes letzte
Zusammenspiel der Tadellosigkeit zu allen Stunden, das nur in Nerven
anspannender Mhsal, um ein Vermgen bei den ganz groen Couturiers,
erreichbar ist -- fr Wenigste. Fuhr manchmal eigens ber den Kanal, um
ein _tea gown_, einen Hut. Schade, da ihre Mittel nicht so unbegrenzt.
Doch nur ein einziges Mal versuchte sie zu sparen.

Es war in Rom. Am nchsten Abend sollte er eintreffen, ein
Mrchengewand, von Fortuny, lag schon bereit, da sah sie ihren
Kontoauszug durch -- und erschrak. Scheidung, Schenkung, Reisen, der
vielfltige Luxus, den er als sthet brauchte zum Genu, hatten mehr
verschlungen, als sie geahnt. Was fr Schuhe zu dem graugoldenen
Nebelgewebe morgen? Roter Saffian, geschnabelt, und im Schnabel oben
hngend, eine schwarze Perle. Der Kontoauszug. Sie seufzte, und
verzichtete weise, doch bedrckt, auf die schwarze Perle.

Nach Stunden erschpfender Pflege war sie pnktlich zur Minute -- er
liebte Warten nicht -- im groen Vestibul: dem Treffpunkt. Wartete. Ging
auf und ab. Ging ans Klavier. Spielte. Nacheinander gespannt, erregt,
beflgelt, besorgt, enttuscht, leer und namenlos zermartert. Drehte
endlich mutlos der Treppe zu. Da kam er, verschlagen und selig, hinter
einem Pfeiler hervor:

Ich habe mir gedacht: erst schau' ich, macht sie ein gar zu bses
Gesicht, schleich' ich mich wieder weg.

Hatte unbemerkt in ihrer _Art_ zu warten geschwelgt, und wie man ihn
vermite.

Sie umflammend, nahm er oben im Schlafgemach das Saffianschiffchen am
Ende des feinen Seidenbeines an sein Herz, kte die rote Spitze.

Wre ich reich, hier hinge morgen eine schwarze Perle -- riesengro.

Dies: wre ich reich, scherzend nannte sie es: seine irreale,
hypothetische Periode. Doch das Festliche des Wiedersehens war fr
diesmal verdorben. Der nchste Kontoauszug blieb unerffnet. Das Sparen
hatte er ihr somit abgewhnt und grndlich.

Wie sie ihn begriff, in der Ganzheit ihres Herzens, da er den Anspruch
hher trieb und hher: in die Grenzen des Unmglichen hinein und, wenn
ihr die Erfllung doch gelang, wie war er voller Dankbarkeit:

Endlich, ohne Surrogatempfindung lieben knnen, welche Erlsung.
Wieviel Enttuschungen habe ich schon an Frauen erlebt.

Der Kult ihrer Persnlichkeit steigerte seine Hrte gegen alle Anderen.
Gern bertrieb er dann den Physiologen durch Kraheit der Diktion:

Jede Frau sollte man eigentlich, hat sie ihr Erstgebornes abgestillt,
erschlagen, als fr den Mann erotisch nicht mehr brauchbar und
berflssig fr das Kind. Gte, Rcksicht, Gromut, Treue: alles
Mnnerart, ob eine Frau einen wahrhaft liebt, wei man ja erst, bis sie
sich fr einen umgebracht hat.

Sibyl grbelte:

Hat er das wohl auch seiner achtzehnjhrigen Frau, der schwer
hysterischen, gesagt, eh' sie ins Wasser ging?

Da ihnen die letzte Erlsung versagt war, bertrieben sie die periphere
Lust. Glitt er nach endlos verkten Nchten aus ihren Gliedern auf,
stand ihm, dem Mann -- ganz Rom -- Paris -- Venedig zur Erfllung frei.
Sie: die Dame, lag da, mit hilflos aufgewhlten Adern ohne Frieden, ohne
Schlaf -- nur Arbeit noch vor sich. Da warteten Werke seines engsten
Faches neben dem Bett. Sie griff danach. Nichts gab es zwischen Himmel
und Erde, ber das er nicht pltzlich mit ihr zu sprechen begehrt. Dann
schrak sie auf zum Morgenritt mit ihm, zu Dauerlufen durch
Ausstellungen, Museen. Tage prete er in Stunden -- klagte: wir haben
Jahre versumt. Sein schnellstes Tempo ging er neben ihr: zur Probe,
denn ber alles beglckte ihn, was er die hherwesige Anmut ihres Ganges
nannte, und dies auf Erden unbekannte Gleiten im kleinsten Schritt.
Schlief er bei Tag, hie es: sich umkleiden von Kopf zu Fu, nach dem
sechsfltigen Fcher tglicher Mondnitt die Linien wechseln.

Als Physiologe studierte er den auserlesenen Organismus seiner Dame
stolz, wie wenig Nahrung sie bedrfe -- welch guter Motor sie sei --,
wollte die Grenzen ergrnden. Sie wute kaum mehr, wie sie leben sollte.

Seine Gier, sie auszukosten, war ohne Ma.

Man trennte sich am Bahnhof. Nach letztem Abschied sank die Zerliebte
tief erschpft in ihr Kupee. Endlich Frieden, seliges Nachgenieen ohne
getrmten Anspruch, Qual der Hast. Da ging die Tr. Heimlich war er
mitgefahren, stand strmisch, in Erwartung einer Freude -- die nicht
kam, in ihr erblates Gesicht. Ein Augenblick Verstimmung nur, dann flog
die echte Sonnigkeit drin auf.

Er scherzte:

Du bist mich noch nicht los.

Um seine Miene aber lag gekrnkte Mnncheneitelkeit. Dann aber war's ihm
wieder recht, erhhte irgendwie den Wert der eigenen Glut und pate in
das Liebesspiel der beiden.

Sie spielten Faun und weie Prinzessin, Pan, der die Pranken um den
Mondstrahl schlgt. Er wollte jenen Schmelz an ihr aus Eis und Honig,
und da es mit dem Eis begnne. So berflog er seinen eigenen Brand,
blieb alleiniger Herr des Feuers. Ihre Wrme, ihre Liebe aber neckte er
hinweg:

Du wirst doch nicht etwa ein Herz -- so ein ganz gemeines irdisches
Herz vortuschen wollen, das, womit wir Menschen lieben. Auf den Mangel
dieses Organs habe ich immer das entzckende Untergewicht meiner groen
Fee geschoben.

Er korrespondierte mit ihren Fen, mit jedem Glied.

Seine Briefe schwollen jetzt zu Broschren an, kamen zusammengeheftet
und mit der Maschine geschrieben. Sie vermite den stilisierten
Eigensinn seiner breiten Feder. Damit, aus dem Papierkorb heraus, hatte
es ja begonnen. Ihr war: geliebte Schrift in die Augen empfangen, sei
ein sublimer Eros, und sagte es ihm auch.

Er bat: Ich habe dir doch unaufhrlich Zehntausenderlei zu sagen -- und
endlich darf ich auch -- die Feder ist viel zu langsam.

Sie einigten sich. Den Inhalt gab sie der Mechanik preis, Nachschrift
(eine mindestens) und Kuvert sollten der lebendigen Hand verbleiben.

Dafr bat er sich leihweise all seine Briefe aus, von jenem frhen, mit
dem Antrag angefangen, damit er sie kopiere, frs Archiv -- um einst zu
sehen, wie alles ward. Wollte alles besitzen, was sich auf ihr
gemeinsames Schicksal bezog.

                   *       *       *       *       *

Das laufende Verfahren zog indes seine Schleimspur durch die Monde.
Vershnungsversuche, Verhandlungen, bei denen malos angedete Leute in
schwarzen Babykleidern schamlose Dinge fragen muten, die sie nichts
angingen, um Antworten zu erhalten, die notgedrungen Lgen waren. Es
hie Erhrtung des Tatbestandes.

Seit die Scheidung im Gang, wollte Ralph Herson nicht mehr ohne sie
sein, fuhr einfach mit.

Jetzt kann nichts mehr geschehen, vor einer Ehebruchsklage deines
Mannes bin ich sicher.

Angenehm war es ihr nicht, hetzte er sie hier, von allen gekannt, an
seiner Seite durch die Straen der Stadt.

Man klebte frmlich vor geblicktem Schmutz.

Ralph Herson staunte, wieder ganz Edelanarchist, ber solch kleinliche
Scheu bei einer so groen Dame. War auch sonst schwarz gelaunt und von
wahnwitzig gereizter Hflichkeit. Sie befragte Tatjana.

Es sei um der Besitzungen bei Genua willen. Eben bte sich Gelegenheit,
den Grund aufs Wertvollste zu arrondieren. Dann wre man auf viele
Kilometer im Umkreis fr alle Zeit gesichert vor Fabriken, Lrm und
Unflat. Doch msse Ralph ihretwegen jetzt seine flssigen Mittel fr den
neuen Bau bereit halten. Sibyl lie sich die Summe nennen, bot sie ihm
-- war es doch fr ihr knftiges Heim -- diskret, fast _en passant_, als
Darlehen an. Er brauste auf. Nach gutem Zureden ging es aber dann doch.
Solche Gelegenheit kam ja nicht wieder. Er trug ihr einen Schuldschein
an, die ganze Summe nach zehn Jahren rckzahlbar, die Zinsen zu jedem
Quartal fllig.

Sie setzten es zusammen auf und lachten sehr.

Es ergab sich, da der Millionrssohn in diesen Dingen ein
weltabgeschiedener Gelehrter war, und gestand das auch freimtig zu. Da
ihn dergleichen ekle, regle stets der Prokurist des Hauses Herschsohn
alles Geldliche fr ihn. Und so verga er denn auch richtig das mit den
Zinsen hineinzunehmen. Sie mochte ihn nicht mahnen. War es nicht gleich?
Die Flssigmachung der Summe gelang nicht ganz leicht. Sie mute
Effekten ungnstig verkaufen, andere belehnen lassen, denn er brauchte
die Summe gleich.

Rhrend, wie chronisch er wieder sparte, an kleinsten Dingen, der groe
Herr, der Forscher und sthet, als wren sie von Belang. In Venedig
hatte er mit dem Gondolier um eine halbe Lira einen Auftritt. Mitten im
Kreis der Gaffer lie er seine Dame stehen. In einer Wallung Zorn,
Verachtung fast, griff sie bereits zur Tasche, dem Schiffer ein
Geldstck hinzuwerfen und ihres Wegs zu ziehen. Da scho ihr die Scham
ins Gesicht.

Es ist fr mich -- fr unser Heim.

Und wartete geduldig im Kreis der Gaffer, bis Fahrgast und Fhrer sich
auf fnf Soldi geeint.

                   *       *       *       *       *

Endlich kam der letzte Verhandlungstag. Die Erniedrigung schien
ausgelitten. Sibyl atmete schon auf, da stand pltzlich wieder ein neuer
Jude da und sagte, er sei Ehebandsvertreter und von Staats wegen
bestellt, auf alle Flle dagegen zu sein. Nichts war ihm recht, nichts
lie er gelten. An unberwindliche Abneigung glaubte er so wenig, wie
an bswilliges Verlassen. Riet im Gegenteil den anwesenden Parteien
dringend zu neuerlichem Geschlechtsverkehr, von dem er sich viel
erhoffe. Whrend sein eingespeicheltes Wohlwollen bewies, wie doch
selbst so gewissenhaft gefhrte Verhandlungen gar nichts Trennendes
zutage gefrdert, das zu einer Scheidung berechtige, streifte Sibyl ganz
langsam den Handschuh ab, betrachtete, Tiefes sinnend, die kleine Narbe
am Gelenk, sah dem Ehebandsvertreter dann pltzlich mit solcher Kraft
des Hohnes in den Mund, da er zwar noch alberner wurde, von den
dsenden Richtern jedoch nur ein Probejahr verlangte, statt zwei. Es
ntzte ihm aber nichts. Die Ehe wurde getrennt.

Also frei. Sie dankte ihrem Anwalt, sprach ihm, zum ersten Mal, von
neuer Bindung.

Ausgeschlossen, sagte der Alte -- erst in sechs Monaten -- als Frau.
Nur der Mann kann sofort wieder heiraten.

Da verlor sie zum ersten Mal den Mut, stammelte:

Und wann -- wann drfte sie ein Kind ...

Der Alte kam ihr zu Hilfe, hatte dieses hohe, zartfremde Wesen lieb
gewonnen, das da hilflos in seiner Kanzlei sich die Flgel zerstie, und
dem er als Baby einst das schmale Goldhaupt gekt.

Kommt das Kind ein Jahr nach erfolgter Scheidung zur Welt, gehrt es
der Ehe nicht mehr an, kann aber ohne weiteres durch eine andere Heirat
legitimiert werden, die allerdings erst sechs Monate nach erfolgter
Scheidung geschlossen werden darf.

Sibyl war ganz perplex ber die klare Antwort. Mochte der Inhalt auch
Unsinn sein, man wute wirklich, woran man war.

Wie zart, wie gut von Ralph Herson, da er nie frug. Die ganze
rechtliche Kloake vornehm ignorierte, durch die sie gemut, um ans
andere Ufer hinber zu kommen, zu ihm, wie er gewnscht.

Mein Wunderwesen vermag so wonnevoll leicht aus diesem trivialen Leben
zu entgleiten, sagte er nur.

Und nach einer Pause:

Da wir sofort nach deines Vaters Tod uns wiederfanden, es ist, als
htte er dich irgendwie mir sterbend anvertraut, da dir nur nichts
geschehe.

Sie sprachen nie von Tglichkeiten. Gewi wute er gleich ihr juristisch
Bescheid. War die peinliche Wartezeit um, erledigte man eines
Vormittages obenhin und mglichst in der Stille, was der Gesittung und
der Kaste zukam.

So strichen noch drei Monate unter Qualen an den Grenzen der Erlsung
hin, die heilige erste Flamme sollte erschaffen drfen, nicht in
Halbheit erstickt, verschwlen.

Dir will ich meine _ganze_ Liebe und meine _ganze_ Zrtlichkeit auf
einmal geben.

Und ging aus ihren Armen zu Gleichgltigen. Konnte sie denn ein Jahr
Askese von ihm verlangen -- ja, nur wnschen?

Doch nun. Immer fter, tiefer, sahen die mchtigen braunen Augen in ihr
Herz und klagten:

Begeisterung ist keine Heringsware, die man einpkelt fr mehrere
Jahre.

Und die silberne Locke auf dem dunklen Greifenkopf im Spiegel
angeseufzt, hie:

Ich bin nicht mehr so jung, wer wei, wann die mchtige Flamme
erlischt.

Sollte noch mehr Leben und Glck vergeudet werden, um einer leeren
Formalitt willen, die ja in wenig Monaten nach Belieben nachzuholen
war?

Und so geschah es. Manisch, brutal, nur einem Zwecke zu. Sie dachte:

Da er mich nicht nachher noch an den Fen aufhngt, wie die
Tartarenkhane ihre Weiber, ist alles.

Er vertrstete: _Dann_, ist das groe Ziel erreicht, alle Orgien der
Welt.

Sie war wie eine Gefangene. Und doch tat er, als glaube er ihr das Kind
nicht. Nur ein einziges Mal hatte sie davon gesprochen, wie eine Frau
die Sekunde wisse, wann es in ihr um einen neuen Kern zu kreisen
begnne, als _du_ im _ich_. Wie das Empfinden da gleichsam blitzhaft
zucke, her und hin, mit erstem Gru und Gegengru.

Hysterische Faxen, hatte er gelacht, mir, als Physiologen, macht man
nichts weis. Sicher sind erst die Herztne.

Nun wrde sie schweigen bis zu den Herztnen. Fuhr trotzig zu Charmion,
das Kind mit sich in die Berge zu nehmen, verschmachtet nach Freiheit
und Bewegung. Glitt auf Skiern ins Blaue ber Wchten -- da es ja doch
nur hysterische Faxen waren. Auch hatte er noch etwas gesagt, das sie
verdro und trotzig machte.

Ich bin nicht mehr jung. Vom eugenetischen Standpunkt aus htte ich
eigentlich mit einer Sechzehnjhrigen zeugen sollen.

Sie hatte gelacht: Recht aneifernd fr mich.

Seine schne Offenheit, fuhr Tatjana demtig dazwischen, wie
wunderbar objektiv er immer ist.

Die Frau hatte ein hndisches Geschick, alle peinlichen Tatsachen um ihn
zu verwedeln. So ertrug er -- voll Sehnsucht nach Ebenbrtigkeit -- doch
kein freies Wort mehr, nur kritiklose Unterwerfung, unbewut gewohnt,
seine Umgebung ausschlielich von dem Gesichtspunkt zu whlen, sich
ungestrt berschtzen zu knnen.

An die Krnung seines Lebens schien er wirklich noch immer nicht zu
glauben, htte er sonst von ihr, in diesem Zustand, Geld verlangt?

Natrlich nicht verlangt, eben nur angefragt, ob man nicht fr ihren
Baderaum jetzt einen Marmorblock kaufen solle -- in Carrara sei ihm ein
besonders schner preiswert angeboten -- kme sie aus den Bergen zurck,
fhre man zur Besichtigung hin. Auf alle Flle mchte er die Summe als
Scheck schon jetzt haben.

Sibyl wute nicht so ganz genau, was ein Scheck sei, schmte sich, tief
schchtern, zu fragen, frchtete Spott. Begriff nur, da es sofort bares
Geld bedeute, sagte nun zwar ja, spter aber fiel ihr ein, er brauche
die Summe ja nicht gleich, so knne sie neuerliche Belehnungszinsen bei
ihrer Bank indessen sparen. Hatte Angst davor, seit dem letzten Mal.
Diese ewigen Belehnungen zehrten zuviel auf, und Ralph hatte ja in
seinem Schuldschein die Zinsen vergessen, so trug sie alle Lasten fr
ihn allein.

Ein bitteres Schreiben flog ihr in die Berge nach. Geld, als Wort, kam
natrlich nicht vor. Er umschrieb es:

Dein Benehmen gegen mich verschlechtert sich rapid. Du hltst
Abmachungen nicht und bringst mich dadurch in peinliche Abhngigkeit.
Httest Du Deine Zusicherung aus irgendeinem Grund nicht halten knnen,
es spielte gar keine Rolle, was wre Finanzielles zwischen uns, nur in
der Nicht-Mitteilung erblicke ich eine uerst verletzende
Geringschtzung meiner Person, um so weniger ertrglich an jemandem, den
man so sehr um guten Benehmens willen liebt, die ganze Natur hat sich da
gleichsam so >gut benommen<. Und all das -- mir, der ich Dir eine Liebe
entgegenbringe, wie sie nur noch im Mrchen vorkommt.

Ihn an die vergessenen Zinsen gemahnen: den wahren Grund des Aufschubs
-- niemals. So schickte sie zwar sofort die ganze Summe, doch
kommentarlos, nahm lieber den Schein der Rcksichtslosigkeit auf sich,
sein Gentlemantum zu schonen.

Wre nur die erdenschwere Pein der nchsten Monate schon vorbei. Wie
wrde der sthet Entstellung ertragen? Was anderen fast verborgen, war
fr sein an Vollendung verwhntes Auge bereits degoutant. Nie durfte der
Vater Herschsohn nach Genua kommen, alte Leute duldete er nicht um sich,
sein Kind mit Tatjana wuchs in Instituten auf, weil es unschn
ausgefallen war. Das leichteste Unwohlsein schon galt als Schande.
Welcher Jammer, als sie einmal die Spitze eines Fingernagels brach.
Andern Tags kam er halb scherzend mit einem Formular von Lloyds
angelaufen: Wie Paderewski jeden Finger, so la ich jetzt jeden deiner
Fingerngel versichern.

Oben kritzelte er etwas mit Bleistift, unten mute sie wahrhaftig mit
Tinte unterschreiben.

Man fuhr nach Carrara, nach San Gimignano, nach Ravenna, man fuhr, man
fuhr ... Endlich war selbst er, der Unermdliche, mde und die Zeit
ihres freiwilligen Exils von seinem -- ihrem Heim zu Ende.

Nur mehr wenige Wochen dort, als sein Gast, ein gravider Gast
allerdings, dann: Dame des Hauses. Alles Falsche, Schiefe, der Kaste
unwert, war berwunden.

Endlich ein Heim haben. Sie fhlte, wie sich Trnen in ihr erzeugten,
whrend der staubige, kleine Waggon gegen Padua holperte. In ihrem Scho
lag der dunkelhutige Greifenkopf, den sie betreuen durfte, in tiefem
Schlaf. Gtterfrei weidete ihr Auge auf ihm in befiederter Erwartung
eines namenlosen Glcks. In einem dichten Lichte schwamm ihr Herz.
Ergriffen sah sie auf. Da, gleichsam geformt aus diesem Glck, zogen vor
dem groen Glaswagen zwei wundervolle Menschenangesichte langsam und
lautlos an ihr vorbei, wie eine ungeheure Erweiterung der eigenen Seele.

                   *       *       *       *       *

Die Versuchstiere waren fort aus der alten Landvilla, als sie ankamen.
Wie lieb. Sie dankte ihm.

Ich sagte dir ja vor Jahren schon, eine Zeit kme, wo ich das
Tierexperiment zeitweise entbehren knnte.

Hinter seinem breitweggerollten Mund lagen die schngesetzten Zhne fest
aufeinander.

Sibyl war morgens beim Arzt gewesen, hatte sich die Herztne besttigen
lassen, nun waren es keine hysterischen Faxen mehr. Nachmittags fuhr
er in die Stadt zu seinem Anwalt. Kam spt nachts zurck. Lie sie zu
einer Unterredung in sein Arbeitszimmer bitten. Er liebte Form. Schon im
Nachtgewand, kleidete sie sich nochmals sorgfltig an, wie zu einem
kleinen intimen Souper, trat ein. Er rckte einen Klubsessel beflissen
zum Schreibtisch, das undurchdringliche Gesicht lssig neugierig
gespannt ber der kerzensteifen Hemdbrust. Nahm dann eine frische Feder,
prfte die Spitze, legte sie ihr hin wie zu einer kommenden
Unterschrift, entfaltete ein Dokument. Begann zu lesen. Es war ein
Ehekontrakt.

Nein, eigentlich mehr ein Scheidungskontrakt. Ihr Vermgen und ihr
knftiges Kind verblieben auf alle Flle ihm, whrend er das Recht haben
sollte, sie jederzeit entschdigungslos auf die Strae zu werfen. So
ungefhr klang der verschleierte Sinn hindurch.

Sie sa ganz still. Alle Wirbel begannen zu zittern. Tief innen zuckte
sein Kind.

Er erluterte:

Es war recht schwierig, das in rechtsgltige Formen zu bringen. Nach
diesen lcherlichen gynkokratischen Ehegesetzen, denen ich mich niemals
unterwerfe, htte ja meine Frau bei einer Trennung den Anspruch auf den
vierten Teil meines Vermgens. Gegen solche juristische Attentate auf
meine materielle Freiheit mu ich mich zu schtzen suchen, und mit etwas
gutem Willen und einem guten Advokaten lt sich viel machen, also bitte
zu unterschreiben. Es ist das wie ein Sicherheitsgrtel, ehe man sich
auf hohe See begibt. Gerade weil du ja hoch ber den selbstischen
Interessen der gemeinen Weibchen stehst, liegt deiner Unterschrift
nichts im Wege.

Vielleicht die Selbstachtung, sagte sie leise.

Es waren zwei Dokumente. Im ersten mute sie ihm eine phantastische
Summe, viel grer, als ihr tatschliches Vermgen, als Mitgift
zubringen. Das zweite, weit vorausdatiert, enthielt das Gestndnis eines
Ehebruches -- aber, da verstand sie schon nicht mehr ganz -- offenbar
irgendeiner Infamie, die sie vllig in seine Hand geben sollte. Ob das
alles wirklich rechtsgltig -- ob es auch nur mglich, was ging es sie
an. Ihr Gehirn stotterte nur in einem fort:

Die ersten Herztne seines Kindes bentzt er zu Erpressungen.

Zu Erpressungen, die Not, in die er mich durch Vertrauensmibrauch
gebracht.

Wie eine Alimentenjgerin behandelt er mich. Aus Angst vor dem
gesetzlich vorgeschriebenen Mindestma an Anstand.

Mein Gott, nur heraus aus diesem Schmutz.

Dann stieg langsam eine ungeheure Emprung in einer Welle von Rot auf.
Sie erhob sich, ging zur Tr. Wenn nur die Stimme jetzt noch hielt, ohne
zu brechen:

Jemand, mit dem man erst einen Vertrag schlieen mu, -- mit _dem_
schliet man auch keinen Vertrag mehr. Wie den Mbel-, den
Marmorlieferanten, versuchen Sie nun auch der >Kinderlieferantin<
nachtrglich Abzge zu machen? Einen Mrchenprinzen glaubte ich zu
finden und finde -- Leiser Herschsohns Nachfolger.

Ganz wie gndige Frau wnschen. Ich mchte nur konstatiert wissen, da
_ich_ die Eheschlieung wollte, die Sie -- in der beleidigendsten Form
-- abgelehnt haben. Fr weitere Konsequenzen bin ich demnach nicht mehr
verantwortlich.

Sie wollte an ihm vorbei. Er vertrat ihr die Tr. Seine ungleichen Augen
genossen die Situation. Dann mit wohlwollender Tcke:

Nun, vielleicht wre die Klausel mit dem Kinde unntig gewesen, es
verbleibt mir ja auch so. Wenn du dich um dieses Knftige so wenig
kmmerst, wie um Charmion -- das gengt mir vollkommen.

Auch das noch. Fr ihn, um ihm andere schenken zu knnen, hatte sie
unter bittersten Kmpfen auf das Arielwesen zum Teil verzichten mssen.
Selbst daraus wurde ihr noch der Strick gedreht.

                   *       *       *       *       *

Menschenscheu, ganz allein, irrte sie von Stadt zu Stadt. Sprach durch
Monate kaum ein Wort. Mied Seen, Brcken, Felsen. Einmal, in Madrid, war
im Hotel nur noch ein hochgelegenes Zimmer frei.

Nicht im vierten Stock, ich will nicht an dieser Bestie zugrunde
gehen. Ganz laut geschrien hatte sie es wohl, die Leute schienen so
verdutzt.

Nein, diesen Triumph befriedigter Eitelkeit sollte er nicht haben.

Ballten sich in ihr die kleinen Gliedmaen und schlugen nach oben aus,
gegen das Herz, begann sie zu rennen. Ins Freie. Hielt das Bewutsein
mit aller Kraft noch auf Armeslnge von sich ab. Stetig umkreiste es sie
in unsichtbaren Sprngen nach ihrer Kehle. Sie zhlte krampfhaft, immer
noch bis zehn, und dann noch bis fnf, um es wegzuhalten. Pltzlich, ein
Moment inneren Erlahmens: da sprang es ihr an die Gurgel. Sie sprte den
stinkenden Hynenatem der Schmach. Ihre Wirbel zitterten vor Wut.

Im Gral ihres Wesens kreite also die Jauche eines Wucherers. Was
Niggergier in sie hineingespien durch Vertrauensmibrauch ohnegleichen,
sollte sich Leben ermsten drfen durch sie.

Mutterinstinkt! ber nichts wurde wohl so ausdauernd, feig, schamlos
gelogen, und gar von niemandem so heuchlerisch, wie vom Mann.

Das knnte ihm gefallen, den viehischen Bruttrieb als heilige Pflicht
ausplrren: als weibliche _Natur_.

In der _Natur_ kann eine Lwin ihre Jungen auffressen oder liegen
lassen, ohne da die Vormundschaftsbehrde sich einmischt, sie vor die
Wahl chtung oder Zuchthaus stellt. Das ist Natur: frei sein, zu
gebren, frei das Geborene zu vernichten.

Wie, jeder Instinkt sollte sich veredeln, erhhen drfen, und nur die
Schwangere wahllos, bestialisch bleiben mssen? Wahlloser Muttertrieb so
verchtlich wie wahlloser Geschlechtstrieb! Wie aber knnte die rmste
echt von falsch erkennen, ehe sie den Mann erkannt. Da erst fllt die
Maske. Erst da wei sie, was sie empfngt.

Das Gesetz. Wer sich Infamem beugt, wird selbst infam. Nein, dies Kind
wrde sterben, ausgestoen werden -- reuelos, sie selbst aber leben,
jetzt gerade.

Und dann schlug sie das Gesicht in die Hnde und hoffte, da ihr das
Herz brche.

Wie sie crude geworden war. Wie sie sich verrohen fhlte in dieser
Hlle. Wo war die Zartheit, wo die Scheu? Wo das reine und khne junge
Wesen, dem selbst im Straenschmutz der Saum des Schuhs noch ohne Makel
blieb? Das rgste am Unglck war nicht, da es unglcklich, da es so
schamlos machte.

Und nun begann das Pendel langsam zurckzuschwingen aus dem hchsten
Ha. Sie litt so sehr, da sie nach ihrem eigenen Unrecht suchte.

Zwei, drei, vier Stimmen erhoben eine bebende Litanei: rechtfertigend,
beschwrend, ringend, hadernd:

Du Philosophin, du neunmal Weise. Es wird ein Mensch doch nicht
pltzlich zur Bestie, zum Verbrecher?

Nein, denn er war es stets, lt nur die Maske fallen, sobald nichts
mehr herauszuschinden ist.

Bedenke, er war Erpressungen ausgesetzt. Verfolgungswahn, nichts
weiter. Er ist krank. Kann man nicht auch einen Kranken sehr lieb
haben?

Krank? Ein recht gesunder Wucherer. Selbst aus Erpressungen, an ihm
begangen, versteht er es noch Vorteile zu ziehen, markiert
Verfolgungswahn, um seinen einfachsten Verpflichtungen heuchlerisch sich
zu entziehen.

Und wei nicht jede Pore deiner Haut von Liebe, wie sie nur im Mrchen
vorkommt?

Ja, solang' es nur Vergngen war. Zu einem Tee im Ritz reicht die
Liebe, falls die Dame ihren _beau jour_ hat und -- den Tee bezahlt.

Weit du denn wirklich, was er wollte in dieser schrecklichen Nacht?
Hast du dich verhrt am Ende? Warum nicht in Ruhe und Geduld den
Kontrakt bei Tag noch einmal prfen?

Aufs Nichtprfen war es ja angelegt. Selbst um den ehrlichen
Heiratsschwindel hat er sich noch herumzuschwindeln gewut. Ist es nicht
gerade meine Qualitt, nicht pfiffig zu sein? Klugheit zu verachten? Oft
genug schlich er sich mit Nachschlsseln der Konversation in mein
Innerstes ein, um _das_ zu wissen.

Warum darfst nur du unklug sein, nicht auch er? Vergriff er sich nicht
lediglich im Mittel? Durch deine Rechtlosigkeit solltest du ihm sicherer
sein. Hat je eine Frau gezrnt, weil man sie angekettet, um sie besser
kssen zu knnen.

Welch ein Arzt und Physiologe, der es nicht besser wei, als eine
gravide Frau zu beunruhigen? Anketten? Er lt dich doch hilflos
monatelang umherirren -- ganz allein. Ist es nicht, als sehe man ruhig
zu, wie ein Fieberkranker aus dem Fenster springt, und denkt dabei: ist
er unten heil gelandet, wird er spter schon wieder einmal
depeschieren.

Ach nein, alles hoffnungslos, und sie warf die Stimmen wieder in sich
zurck.

Dann eine Pause bitterster Verliebtheit. Was war die ganze alberne Ethik
gegen das Wehen seiner Haare im Wind!

Und nur einmal ist das da, in allen Ewigkeiten. Wenn ich an dem Kind
sterbe, sehe ich das nie wieder. Wertlos alle Seelenwanderung fr die
Liebende. Denn steht er auf und hat nur ein Haar auf seinem Kopf anders
wehen, so ist alles wie nichts.

Da schrieb sie ihm. Eine Zeile blo:

So hast Du mir in solcher Zeit kein einziges liebes Wort zu sagen?

Keine Antwort. Pltzlich strzte sie ber seine Briefe her, ein Koffer
voll, der sie nie verlie. Whlte nur mit der Maschine geschriebene. Ein
unertrglicher Verdacht war in ihr aufgestiegen. Hatte seine schlaue und
lachende Stimme nicht einmal zu Tatjana gesagt:

Eigentlich sollte man dem Empfnger nur den Durchschlag schicken, so
behlt man das Original, das Ursprnglichere, Wertvollere fr sich, und
der Andere merkt es ja nicht.

Sie prfte genau. Ja, es waren Durchschlge. Und vernichtete nun alle:
Blatt um Blatt.

Der berhmte Gynkologe in Berlin sagte ihr nichts Neues.

Nach Charmions Geburt, als Fachleute dazukamen, war irgendein schwerer
Kunstfehler begangen worden, weitere Kinder mute das Messer ans Licht
bringen, sonst starben sie ungeboren.

Das Schicksal gab ihr somit alles noch einmal in die Hand. Sie brauchte
nur -- nichts zu tun. Sich nicht rechtzeitig der Operation unterziehen;
wer konnte sie zwingen? -- und die Schmach war tot. Auf ganz korrekte
Weise tot.

Eine Nacht lang rang sie nach Gerechtigkeit. Das Todesurteil ber diesen
Bastard zu verhngen, war ihr gutes Recht. Ja. Doch hat eine gravide
Frau ein Urteil? Eine arme belastete Irre nur ist sie, mit verdrngten
Nerven; ein Wesen mit verschobenem Kern. Wie, wenn sie erwachte, vom
Druck befreit und die bs verzerrte Welt, die durch das Doppelich
Gebrochene, war wieder eins und heil. Alles wieder gut, und jenseits der
Nachtmahr stand der geliebte Mann, frei von Schuld, und zwischen ihnen
lag das vernichtete Kind. Es war nicht auszudenken. Sie spornte sich an
die Tat heran, wie an eine Hrde. Ein Bravourstck ihres alten
Noch-Nocher. Sie mute hinber. Aber um Gottes willen rasch. Hinber
in die Gewiheit.

Auf seiner Klinik hatte sie eine letzte Unterredung mit dem Geheimrat.
Beschwor ihn, sie nicht zu schonen, aber das Kind msse leben, um jeden
Preis. Strzend durch die stechende Se des Chloroforms, noch aus dem
Abgrund herauf, lispelte sie durch das Zhlen hindurch immer wieder:
Telegramm, Telegramm. Hatte Auftrag gegeben, whrend sie noch bewutlos,
Ralph Herson sofort die Geburt des Kindes zu melden.

Lange war nichts. Vielleicht ein Jahrhundert. Dann wurde sie zur Erde,
und ein Bergwerk voller Stollen hmmerte und zerri dumpf ihr Inneres,
ri durch alles durch und pltzlich rotierten vierzig Rasiermesser in
ihr, Arzt und Wrterin hielten Arme und Beine. Nach vier grauenvollen
Tagen und Nchten war die erste Frage nach der Post. Nein, nichts da. Ob
sie das Kind sehen wolle, es sei ein so schner Knabe.

Nein, die Post.

In der Klinik sprach man von nichts anderem. Diese fremdlinghafte Dame.
Ganz allein. Flehte um die Operation und wollte dann nicht einmal ihr
Kind sehen. Frug nur immer um ein Telegramm. Acht Tage, vierzehn Tage.
Der Geheimrat stand vor einem Rtsel. Medizinisch ging alles bei dieser
Vitalitt ans Wunderbare grenzend gut, und die Patientin wurde immer
elender. A nicht, schlief nicht, verfiel. Nach drei Wochen hie es, ein
Herr sei da, liee diesen Brief bergeben, warte auf Antwort.

Sie schickte die Pflegerin fort. Legte die Wange auf den Brief und
schlo die bebenden Augen. Streichelte ihn lange, ffnete endlich
andchtig den Umschlag.

Geehrte gndige Frau, stand mit Bleistift, flchtig gekritzelt. Ich
halte wohl eine Besprechung jetzt nicht fr unbedingt notwendig und um
so weniger dringlich, als ich selbst in hohem Grade der Erholung
bedrftig bin. Eines ist aber doch vielleicht wichtig, und zwar eine
unterzeichnete Erklrung Ihrerseits, da alle ntigen Schritte getan
werden, um _mir_ die Vormundschaft ber Ihr durch Kaiserschnitt von
Geheimrat C. zur Welt gebrachtes Kind zu bertragen, ferner Ihres
Einverstndnisses damit, da alle Abmachungen ber Unterhalt,
Aufenthalt, Aufzucht des Kindes zwischen uns, ohne Prozesse oder
Geltendmachung rechtlicher Ansprche Ihrerseits sptestens in zwei
Monaten getroffen werden.

                                                      Hochachtungsvoll
                                                        Ralph Herson.

Kein liebes Wort. Keine Blume.

Sie klingelte und lie ihn hinauswerfen.

Als er am nchsten Tag um eine Unterredung ersuchte, schickte sie eine
Zeile hinaus:

Nur noch durch den Advokaten.

Und war dann lange Zeit schwer krank.

Oh, warum, warum hatte sie ihn nicht wenigstens angeschaut in der
Klinik. Dann ihm die Tr weisen, aber erst sehen, wie es heller wird im
Zimmer, wenn er hereinkommt. Nur eine Minute ihn sehen. Monate liee
sich's wieder davon zehren.

Sie versuchte zu reisen. Umsonst. Jede Person Plage, jeder Ort Pest,
wertlos jeder Weg, der nicht zu ihm fhrt.

Manchmal packte sie die Wut des Gradgewachsenen, den man
krummgeschlossen hat. Es war ja nicht mehr Liebe, war Besessenheit,
hatte er doch nicht geruht, bis jedes Stckchen seiner Haut
unentrinnbare Macht der Erinnerung ber sie gewonnen.

Nach zwei Monaten schrieb der alte Lederer, ein Dr. Kosches als
Vertreter Ralph Hersons habe angefragt, ob und wann Verhandlungen ber
das Kind stattfnden. Also noch einmal in Tratsch und Schmutz dieser
Stadt zurck. Immer noch besser als in andrer einem fremden Anwalt die
Situation, in die sie gezerrt worden, erzhlen mssen.

Was wollen Sie? frug der Alte.

Sibyl sa mit Blut bergossen da.

Haben Sie nicht sogar Vermgen bei der Sache zugesetzt? Er schttelte
den Kopf. Vor allem heit es schauen, das irgendwie herauszukriegen.

Sie beschwor ihn, nichts davon zu erwhnen. Welch ein Niveau!

Mag er es behalten! Auch nichts von seinem Geld oder seiner Person will
ich, das er mir nicht aus freien Stcken bietet, aber ich verlange Eines
als mein Recht: die meiner Kaste gebhrende Form. Man kann jemanden
auffordern, gemeinsam eine Reise dritter Klasse zu machen. Gut -- dann
wei er es im voraus, kann mitfahren oder wegbleiben. Nicht aber geht
es, jemanden in den Salonwagen zu laden, um ihn dann, ist der Zug in
voller Fahrt, nachtrglich in den Viehwagen zu stoen. Ich verlange eine
Scheinehe mit sofortiger Scheidung. Ist das Soziale erst in Ordnung,
kann alles Menschliche wieder anheben oder zu Ende sein. Nach der
Scheidung stehen wir aufs neue frei, >herrlich wie am ersten Tag<
einander gegenber.

Nebbich, sagte der Alte und begann eine Art Schlangentanz um seine
Klientin zu vollfhren.

_Ich_ sag' Ihnen: Heirat um jeden Preis, welche Bedingungen die
Gegenseite immer stellen mag, sonst verlieren Sie Ihre kleine Tochter --
vllig, wegen der Klausel vom >makellosen Wandel<. Kommt die Geschichte
mit dem unehelichen Kinde heraus, hat ihr frherer Gatte das Gesetz fr
sich -- ich hre, er wartet nur darauf. Also Achtung.

Sie verlie ihr Hotelzimmer kaum mehr, ging erst in der Dunkelheit, Luft
zu schpfen, so sehr war ihr die neue Schmach ins Mark gefahren. Nur
jetzt niemandem begegnen, mit niemandem sprechen mssen. Eines Tages
schrillte das Telephon: Dr. Lederer erwarte beide Parteien in der
Kanzlei um vier.

Nein, nein, erst morgen, noch eine Gnadenfrist! Jetzt war es Mittag.
Schon um vier! Sie stand wie eine Gerichtete. Weinen wallte auf. Mit
einem Schwung des Krpers warf sie sich flach auf den Rcken, da ja
nicht Trnen in die Augen stiegen, das Weie trbend. Lag dann still und
wartete. Kannte die geheimnisvolle Transfiguration durch die erregenden
Strme der Erwartung, wute, wie sich Haut, Aug', Duft, Haar wandelten,
sich bereiteten; die letzten Stunden vor jeder Begegnung etwas
Blumenhaftes, Durchscheinendes bekamen, das fr ihn sich erschuf und mit
ihm ging.

Aber was anziehen? Jede Modelinie war scheulich oder entzckend, je
nach der freiwilligen Einstellung auf sie, und in zeitlosem Gewand
erschien man nicht in Advokaturskanzleien. Dieses Wetter dazu: einmal
Regen, einmal Sonne -- immer Sturm. Endlich schien wirklich nichts mehr
auszusetzen, und vllig erschpft, noch schwach von der Operation, lie
sich die berreizte in einen Stuhl sinken, aufs Bett wagte sie nicht,
des Hutes wegen, und frchtete sich so, und wollte nicht fort, in das
Lauernde hinaus. Doch auch hier im Sessel, mitsamt dem Sessel, zerrte
sie ja die Zeit ebenso stetig und unerbittlich dem Schicksalsaugenblick
entgegen.

Wie gut, da die Kanzlei im dritten Stock lag. Jetzt noch zwei Treppen
Gnade. Eine. Jetzt noch Stufen. Anluten. Woher kannte sie dieses grne
Eis im Rcken so genau? Von der Abbitte im Tanzinstitut Wokurka-Crombe.
Schon einmal durchlitten, also. Irgendwie wurde es viel leichter
dadurch. Aus Dr. Lederers Privatzimmer kamen Stimmen -- die seine. Sie
lehnte den Kopf an die Tr. Einen Augenblick war alles Harmonie,
Klarheit, Se. Leuchtend trat sie ein, ganz Sicherheit und Anmut. Die
Herren sprangen auf, man wurde also doch noch als Dame behandelt. Sie
hatte noch so gar keine Erfahrung im Deklassiertsein. In einem
Augenblick hatte er ihre Erscheinung ganz berschaut; wohin er auf sie
blickte, war's, als wrden kstliche Frchte gestreut. Die Luft um ihn
zitterte wie ber einer Flamme. Dann senkte er die Lider, die sich
wlbten von gesammeltem Triumph.

Gleich zwei Advokaten hatte er sich mitgebracht. Auer dem sflssigen
Dr. Kosches einen, der aussah, als sei er wieder aus Amerika
zurckgekommen. Ein gerupfter Nackthalsgeier, Norman Bleiwei mit Namen.

Es ergab sich, da alles ein Miverstndnis gewesen und er, Ralph
Herson, den Eindruck habe gewinnen mssen, genarrt und verlassen worden
zu sein, nachdem er sich in exorbitante Ausgaben fr das knftige Heim
gestrzt. Als milder Psychiater sehe er zwar manche Entschuldigung, das
Vertrauen aber -- ja, das msse erst wieder verdient werden. Die
bedingungslose Abtretung seines Kindes sei er gern bereit als erstes
Zeichen beginnender Einsicht gelten zu lassen.

Sie sa zurckgelehnt und schwieg. Jetzt scho ihr feurige Scham durch
die Haut: Dr. Lederer hatte das Wort Heirat fallen lassen. Oh, in ein
Mauseloch kriechen, noch lieber in seine Arme kriechen und ihn anflehen:
Schau, ohne dich kann ich schwer leben, ohne Selbstachtung aber doch
gar nicht -- mach' ein Ende; keine Verhandlungen mehr. Und es fiel ihr
ein, da sie noch nie im Leben, an einer Schulter gelst, hatte ruhen
drfen -- in ihm lie sich nie ruhen, so wenig wie in Gabriel.

Da kam seine verschlagene Stimme und log:

Ich will nicht lgen. Erst Ehe, dann Scheidung aus >unberwindlicher
Abneigung< -- aber ich scheine doch -- ganz im Gegenteil -- eine
unberwindliche _Neigung_ fr Frau Sibyl zu haben.

Und streichelte lange ihren Namen und lie ihn nur ungern.

Um eines Wortspiels willen sollte sie also fr ihr Leben deklassiert
bleiben. Als ob er nicht um ihre verzweifelte Situation wte. Welcher
Hohn! Und weiter:

Ihm lge es ob, die Dame vor einer Mesalliance zu bewahren, und das sei
die Eheschlieung mit ihm: einem Juden, offenbar in ihren Augen, da sie
dieselbe doch absichtlich verhindert habe, als er ihr den Ehekontrakt
zur Unterschrift gereicht.

Sie sa ganz still, gesenkten Hauptes, trank seinen Umri ohne
hinzusehen und jede Pore schrie:

Wei er denn nicht: man ist eine Frau, man geht fort, weil einem das
Fortgehen die Seele bricht und man bleiben will, und man ist eine Sule
Stolz, weil man zerbrochen sein will, man zrnt, weil man lieb sein
will, man leidet Jammer, Ha, Qual, weil man noch mehr gekt sein will;
noch besser gehalten, in noch hrteren, lieberen Armen. Fester. Und
spren, tief in die Nstern einziehen das, wo man hingehrt. Er aber
lt es geschehen, da meine gerechte Emprung mich wegtrgt von ihm,
und braucht nur einen Schritt zu machen und alle Stacheln schlieen
sich, und mein Herz ist eine wilde Rose der Lust und will nichts sein,
als Haut unter seiner Hand. Er aber tut, als wre Ha Ha und glaubt mir
-- der Heuchler. Doch lieber sterben, als es ihm sagen und die heiligen
Spielregeln der Liebe brechen. Das ist das unbestechliche Erz an mir,
denn ich bin eine Frau.

Jetzt hrte sie seine khle Infamie ganz zu Dr. Lederer sich wenden,
vertraulich, als wren die Herren unter sich:

Ich bin, wie Sie sich denken knnen, schon fter in hnlicher Situation
gewesen, nun, da pflege ich mich jedesmal von den Damen einfach auf
Alimente verklagen zu lassen und der Fall ist fr mich erledigt.

Da sie aufspringen wollte zur Tr, kamen schon seine dmpfenden Arme,
wie eines Dirigenten, sein flehendes Lcheln ber sie, als sei diese
ganze Kanzlei doch lediglich eine Liebhaberbhne, auf der die Heldin so
obenhin, von Pausen und hfischen Scherzen unterbrochen, gerade eine
Griseldisrolle probte. Die Geste erinnerte auch, da sie dabei durch
edle Haltung des Zuschauers Schnheitsgefhl zu befriedigen habe. Ja, er
verlangte unbedingt Anmut whrend der Vivisektion, alles, was eben ein
Kaninchen doch nicht zu bieten imstande war. Charmion, Charmion, sagte
sie sich, wie man ein Pferd abklopft.

Die Verhandlungen zogen sich durch Wochen ohne Resultat hin. Seine
Advokaten brauten einen zhlebigen Brei von Miverstndnissen, in den
sie immer wieder zurckgestoen wurde vom klaren Ufer der Tatsachen. Und
htte man ernstlich verhandelt, jede menschliche Beziehung wre ja dann
zu Ende gewesen, so mute es schon deshalb vages Gerede bleiben:
Schmollerei zwischen Verliebten, die ihre Stelldicheine aus fragwrdiger
Laune in Advokaturskanzleien verlegt hatten. Fr Sibyl ein kostspieliger
Treffpunkt, diese stundenlangen Sitzungen, bei denen sie selbst nur ab
und zu erschien, nicht fr Ralph Herson, denn es ergab sich, da er den
beiden Anwlten ein jhrliches Pauschale zur Ordnung all seiner
Angelegenheiten seit langem ausgesetzt. Norman Bleiwei war fr Bilanz
und Steuersachen, der sflssige Dr. Kosches frs Private.

Und nie lie er sie zur berlegenheit der Verzweiflung kommen, trieb sie
immer wieder in schwchende Hoffnung, und auch so sehr war dies in ihr,
dies zu hchst Menschliche: dies _ber-Allem-Stehen_, da sie auf
Augenblicke sogar hinberlcheln konnte, zu seinem genieenden Skalpell.

Endlich eines Tages sah Sibyl die Erlsung knapp vor sich und schlich
ihr nach. Da war ein entfernter Vetter Ralph Hersons, Winkeladvokat und
vllig deklassiert. Hatte eine hnliche Art um Augen und Lippen, wenn
ihm was gefiel, nur wie mit ranzigem Schmalz bergossen. Der sollte die
Marter der Verzauberung brechen helfen. Sibyl, in einem alten
Regenmantel versteckt, kroch um Straenecken hinterdrein zur schmierigen
Spelunke, wo er verkehrte. Sah stundenlang in leidender Schadenfreude
zu, wie das entgtterte Abbild des _andern_, gtig und gerissen die
Kellnerin unter einspeichelnden Worten in den Arm zu kneifen versuchte,
bis eines Tages eine furchtbare Entdeckung kam: der schmutzige
Winkeladvokat verschnte sich, blhte in den _andern_ hinauf, statt da
jener zu ihm zerfiele. Sie schauderte: Mein Gott, ich bin verloren.

Zwischendurch fuhr man spazieren, als wre nichts geschehen. Ralph kam,
holte sie ab, sonniger, inbrnstiger als je, wie beglckt, wieder
sprechen zu knnen mit ihr. So blieb alles in der Schwebe. Sie lie es
geschehen, barg lieber das Haupt im Scho der Ungewiheit, denn wenn
eine bergroe Liebe unter infernalischen Schmerzen ausgetrieben werden
soll aus den Sinnen, wo allein die groe Liebe wohnt, entstehen
Wehenpausen: linde Inseln aus Frieden zwischen der zerreienden Not.

Sie lebte fast ein wenig auf, wagte sich wieder hinaus und sah in diesen
milden Pausen zuweilen, wie groe fremde Vgel, zwei wundervolle
Menschen ihre Strae ziehen: Herr und Dame von nie gesehener Art.
Zufllig immer vor ihr -- die Gesichter sah sie nicht, wute sie schon
aus Halshaltung, Kopf- und Ohransatz, verlangte nicht mehr, ganz erfllt
von dem Gu des Ganges allein. Nachlaufen drfen, zwischen sie hinein,
sie berflgelnd, einen Arm um jeden legen, mitziehen, in diesen Gu des
Ganges geschlossen. Wie sich das fhlen mte: als Durklang gefgt sein,
in die reine Quint der beiden?

Dann schrak sie auf. Wieder ein ganz alleines Ich unter lauter
fragwrdigem Drauen, wie einst als Kind.

Pltzlich brach er die Verhandlungen ab. Ein Telegramm riefe ihn nach
Hause. bergab alles seinen Vertretern. Dr. Kosches und Dr. Bleiwei
baten dringend um eine private Unterredung. Sie waren menschlichen
Wohlwollens voll und bedauerten aufrichtig den -- Pardon -- falschen
Stolz der gndigen Frau. Alles wre lngst zu allgemeiner Zufriedenheit
geordnet, htte sie der Gegenpartei das Kind bedingungslos berlassen.
Wenn sie Professor Herson doch nachreiste, mit diesem gewi sehr
erfreulichen Wesen berraschte! Er warte ja nur auf die goldene Brcke
zur vlligen Vershnung.

Also gut, war nur das Schachern zu Ende, lieber den letzten Trumpf aus
der Hand geben: das Kind.

Die kleine Pension am ligurischen Strand lag finster, als sie tief
nachts mit Baby und Amme aus Berlin ankam. Sie hatte Brangne
brieflich in ihr Kommen eingeweiht, wollte hier im Verborgenen die
berraschung vorbereiten. Nein, Zimmer seien nicht reserviert. Erst nach
zwei Tagen erschien Tatjana, triefend vor Entschuldigungen, bat um
Geduld: Der Hausherr sei krank zu Bett, sie wrde tglich kommen,
Bericht erstatten. Kam nicht. Am dritten Abend brach die Gefolterte aus,
hingetrieben auf den breiten Schwingen eines schwarzen Windes nach dem
alten Landhaus, wo sie ihm verfallen war. Schlich im Mondlicht ber den
blhenden Grund voll l und Wein, von ihrem Vermgen erworben, wie eine
Diebin von Baum zu Baum. Waren die Hunde los? Drckte auf die geheime
Feder der linken Seitentr. Stand zitternd im Park. Ein einziges gelbes
Fensterauge hing voll in der fahlen Mauer. Die Hunde, wenn die Hunde sie
als Einschleicherin entlarvten!

Das Haus zog wie ein Magnetberg.

Lotrecht unter dem einsamen Licht warf sie sich mit ausgebreiteten Armen
gegen die Wand.

Da drinnen lag er, wer wei wie krank. Der Mrtel bltterte ab unter dem
Druck ihrer Stirn. Quer -- ein Sprung im Welthirn -- klaffte oben die
Milchstrae durchs Dunkel. Leichter, grnlicher Nebel: Mehltau des
Mondes hing auf der Luft, knochenhell schlich Kies auf krummen Wegen des
Gartens. Pltzlich stand das Krankenzimmer voller Lrm, mitten im
Mondschweigen. Rasend schnelles Schnattern hub an. Seine Stimme, doch
ganz anders als sonst, wie aus dem Krper eines Hundskopfaffen heraus.
Weibliches Lachen dazu, wie von einer gekitzelten Nonne. Brangne?
Johlend irres Lachen, als kitzle das zotenfreche Affengeschnatter sie zu
Tode. Unten -- die Hingekreuzigte -- verstand kein Wort. Galt das ihr?
Machte man sich lustig ber sie? Doch so infernalisch, so mit geheimer
Verworfenheit vollgekichert war dieses obszne Schnattern, da ihr vor
Grauen Glied um Glied abzufrieren begann.

Und es hrte nicht auf dort oben.

Endlich entstand an ihrem Daumenballen wieder ein Fleckchen warmes
Fleisch. Dandy, die groe Bulldogge, hatte es mit seinem Ledermaul ins
Leben zurckgeleckt, sah mit weichen, weisen Krtenaugen hinauf, wie ein
Freund, in ihr ganz zerstrtes Gesicht. Jetzt erst konnte sie flchten.

Mitten in die fiebrige Abreise des Morgens schlenderte Brangne;
machte erschrockene Augen:

Ja, was sei denn geschehen, ja, was?

Ja, was? Jetzt, im nchternen Tagblau, durch das der Brieftrger
daherkam, vor Rock und Bluse dieser robusten Vermittlerin, verkroch sich
der Hundskopfaffen- und Nonnenspuk der Nacht. Also bleiben, die
berraschung vorbereiten.

In der Mitte seines Geburtstags legte Sibyl dem in der Hngematte seines
Parkes Schlummernden von rckwrts das Baby auf den Scho. Feig
schreiend stob er weg, wie vor einem Browninglauf, sah dann nichts als
Gre und Se in ihrem Gesicht und fing sich wieder ein. Tat nur allzu
programmig erfreut jetzt. Tatjana hatte sie also doch verraten, alles
war abgekartet, man sah es an Blick und Gegenblick der beiden.

Sofort entkleidete er das Kind, nahm den Zollstab, das Hrrohr. Ma den
Schdel, prfte die Genitalien, die Pupillen, das Herz. Das Kleine sah
aus vielen Wimpern gro und dunkelblau zu ihm auf, kupferhutig wie ein
Indianerprinz unter goldenem Flaum.

Es ist fehlerlos. Hat deine unvergleichliche Anmut ins Mnnliche
bertragen. Welch richtiger Instinkt, dich zur Aufzucht zu verwenden.

Er nickte, offenbar gewillt, die lebende Ware franko mit Zustellung zu
bernehmen. Behielt sie gleich im Haus. Sibyl zog ins Hotel. Vom Neubau
stand sonderbarerweise noch immer kein Stein, in der alten Landvilla
aber mute erst Platz geschaffen werden. Auch kam die Zeit des Jahres,
da ihr Charmion gehrte; da war kein Tag zu verlieren, mochte geschehen,
was wollte. Man hatte sich geeinigt, nach ihrer Rckkehr die
Eheformalitten zu erfllen, bis dahin sollte das Baby bei ihm im
Verborgenen bleiben -- diskret. Er tat peinlich erstaunt ber diese
Scheu, als kennte er die sozialen und rechtlichen Folgen fr sie nicht.
--

Was kmmert das einen freien, modernen Menschen.

Und er hob die Schultern. Prete sie in diesen Tagen aus bis in die
Sinnenspitzen. Seine wissenden Hnde, seine raffinierten Gluten
berstrmten sie, seine Blicke aus bsem Samt liefen brennend ihren
zarten Schenkeln nach, doch hinter seiner Stirn blieb er fr sich. Ward
sie unter seinen Liebkosungen zu schn, glatt wie das Licht, duftend
nach Birken und Erdbeeren in dem langen Glck ihrer Haare, zog er sich
hart, feig, lauernd zurck -- nie erster Regung folgend.

Sein Mund war voller Ksse, die er dann boshaft wieder zerbi. Aus Angst
vor der eigenen Hingabe klgelte er unmglichen Anspruch aus, in der
Hoffnung, enttuscht zu werden. So jagten sie hutlos durch Salzgischt
und Mittagsglast, aber wehe, hatte die Linie des Lichts dann Grenzen
gebrannt auf Milch und Silber des abendlichen Ausschnitts. Im
Gesellschaftskleid -- er liebte Frmlich-Festliches am Abend, -- fhrte
er sie nach dem Diner noch in die Dunkelheit hinaus, Wege voll Gestrpp,
durch Dornenhecken und boshaft dann ins Lampenlicht zurck. Ein Fleck,
ein Ri, und triumphierend angewidert sah er diskret zur Seite.

Kam sie korrekt in Juchtenstiefeln die steinigen Wege daher, vermite er
das offene Spiel der feinen Fesseln, kam sie in Schuhen, wars nicht
Stil.

Bei einem alten, schwerhrigen Bauer blieb er stundenlang, lie alle
Rede mit dem beinahe Tauben ihr, damit die weiche, gepflegte
Vogelstimme, zum Schreien gezwungen, hier ihren Reiz verlre.

Sie trug es, wie man mit dem Gefhrten auch schlechte Zeiten trgt. Die
Zeit der Wahl lag lang schon hinter ihr.

Nie ging er mit bis zum Hotel; kam es in Sehweite, nahm er Abschied.
Endlich in ihr Staunen hinein, gereizt, da sie ihn nicht von selbst
begriff:

Der Portier sieht mich bereits ein wenig sonderbar an -- deinetwegen.
Unter diesen Philistern mu man vorsichtig sein.

Sie lachte ein wenig traurig:

Und wie war das mit den freien, modernen Menschen?

Oh, du bist frei. Sie dachte: ja, vogelfrei. Ich aber, als
Grundbesitzer hier, bin von der ffentlichen Meinung in hohem Grade
abhngig, brauche auch den Sindaco fr allerhand Konzessionen.

Wie praktisch, als Sturmbock gegen Weltdummheit und Bosheit benutzte er
allein die Frau, lie sich den Preis fr seine Ideale von ihr bezahlen.

                   *       *       *       *       *

Zwei blaugoldene Wochen verspielte sie mit Charmion am Gardasee, gab dem
Kinde ein pausenloses Fest. Ganz fr sich blieben die beiden, begafft
nur von morgens bis nachts, in dem einzigen Hotel des Orts von Kaum- und
Halbbekannten, denn die Welt ist unertrglich eng.

Da kam eines Tages aus Genua ein Dokument zur Unterschrift, darin Ralph
Herson die Vormundschaft und sonstigen Rechte an dem Kind bertragen
wurden.

Sie staunte. In wenig Wochen der legitime Vater, was brauchte er noch
dies?

Legte es nachsinnend beiseite, wiewohl die Unterschrift als dringend fr
ein nahes Datum gefordert war.

Einige Tage darauf, zur Teestunde, machte der Postbote wie immer seinen
Gang von Tisch zu Tisch auf der Terrasse und reichte ihr ein Telegramm.
Sibyl sah vom Dschungl-book auf, das Charmion immer wieder hren
wollte, prfte den Inhalt des kurzen Klebestreifens -- man starrte wie
immer zu ihrem Tisch herber -- steckte ihn ruhig ein, las laut dem
Kinde das Kapitel zu Ende, schickte es auf den Spielplatz, lachte ihm
nach, ging schwingend ber die Terrasse ins Hotel, in ihr Zimmer, fiel
in einem Herzkrampf aufs Bett. Die Depesche lief:

Amme und Kind nach Gardasee unterwegs.

Weder Strecke noch Zug bestimmt, so da sie htte entgegenfahren, die
Ankunft verhindern knnen. Und Charmion hier, von der sie bisher mit
bermenschlicher Kraft diesen ganzen Schmutz weggehalten! Ihr seinen
Bastard mit Amme heimtckisch herschicken, welch namenlose Niedertracht.

Ein nasses Tuch auf dem Herzen, kroch sie zur Klingel. Sofort das
Motorboot. Warf alles in die Koffer, floh zwanzig Minuten spter mit
Charmion ber den See, ohne eine Adresse zurckzulassen, dann mit einem
Zug in die Schweiz hinauf, und weiter bis an den Kanal. Mochte da hinten
im Hotel geschehen, was wollte.

Seit diesem Tag sprte sie ihr Herz.

Der ldierte Kter fiel ihr ein, der seine tckisch-streichelnde Hand
geleckt, nicht wissend, wann er wieder dran kme.

Dann lanzenhart im Schwung des Hasses:

Nein.

Der alte Lederer hockte, wie immer, im Bureau, setzte seinen zweiten
Zwicker auf, um besser reden zu knnen.

Ralph Herson war auf einen Tag nur erschienen, hatte erklrt: er, als
gtige und vornehme Natur, sei tief erschrocken ber solche
Gewissenlosigkeit einer Mutter, ihren Sugling in unverantwortlicher
Weise an fremdem Ort einfach im Stich zu lassen. Das stoe natrlich
alle Vereinbarungen um. Gehe er, aus Ritterlichkeit, vielleicht doch
noch auf eine Scheinehe mit Scheidung ein, verlange er als
Sicherstellung, als Kaution gleichsam, zweimalhunderttausend Franken.
Danach aber werde Frau Sibyl, die sich leichtsinnigerweise bei ihrer
Trennung von Gabriel Gruner einer allzu groen Summe entuert, wohl
kaum mehr in der Lage sein, ein Heim zu erwerben und einzurichten.
Unsicheren Verhltnissen knne er aber, als gewissenhafter Vater, ein
Kind, das er so lange ersehnt, nicht preisgeben. Daher msse es ganz und
gar ihm verbleiben.

Warum er denn annehme, eine Frau werde pltzlich ihre Stellung materiell
ausbeuten, die sich doch bisher stets selbstlos gegen ihn gezeigt, ja,
bedeutende Geldopfer auf sich genommen?

O gerade deshalb, das gebe ihr dann eben einen Schein von Recht und
berdies: Frau Sibyl pflege, wie er sich persnlich oft zu berzeugen
Gelegenheit gehabt, enorme Summen unbedenklich fr erlesen kostbare
Gewnder auszugeben. Die Kosten der Verschwendungssucht solch
verwhnter Dame zu riskieren, scheue er sich und baue deshalb vor durch
die Kaution.

Dr. Lederer sah zu seiner Klientin auf, sie lachte so irr:

Besitzen Sie noch so viel Geld wie er verlangt?

Nein, ich bin ruiniert.

So hatte er sie geschickt und planmig an eine Stelle im Schicksal
gebracht, wo jeder Versuch einer Tat zu Skandal, Ruin oder -- Verbrechen
leitet, zu einem: sich berall an blinden Mauern die Stirn
zerschmettern, die Knchel blutig und schmutzig schlagen, wo das ganze
Leben grau und rot wird vor Schmach bei jeder Bewegung, der
Schlamm-Geysir nur gebannt bleibt durch regloses Stillhalten,
Atemanhalten und Sichausplndern lassen; denn eine Dame kann nicht durch
Gerichtssaal und Zeitungen zerren lassen, was ihr geschlechtlich
geschehen. Sie ist das Wehrloseste der Welt, noch der Feigste darf sich
beruhigt an ihr vergreifen; bezahlen mu sie ihn noch, damit er die ihr
angetanen Infamien nicht bekannt mache.

So brauchte ein Ralph Herson nur die flottierende Niedertracht in Sitte,
Meinung und Brauch fr sich arbeiten zu lassen, und jeder
Cerebralsadismus, jede Profitgier ward automatisch und ohne Risiko
befriedigt, wenn nur frech genug, schamlos genug zu Ende gefhrt.

Doch wie, wenn er sich diesmal irrte? Wenn sie ihm einen
Schadenersatz-Proze machte? Allen Ekel vor Maul und Ohr der
ffentlichkeit berwand, um ihn an der einzigen Stelle tdlich zu
treffen, wo er verwundbar: mitten in die Brieftasche hinein.

Der alte Lederer schttelte den Kopf.

Haben Sie Beweise? Liebesbriefe -- wenn schon. Lauter Ekstase, kein
positiver Inhalt, und der Schuldschein ist zwar unvorteilhaft, aber
unanfechtbar, er behlt Ihr Geld. Also: Proze zweifelhaft,
Schadenersatz sicher gleich Null. Sie bleiben ruiniert und er -- kaum
geschdigt. Ja, in England, dort wre es freilich anders, dort htte er
es sich auch wohlweislich berlegt. Da ruiniert ein >_breach of promise
case_< den Mann.

Dies also war der echte Grund seiner bersiedlung aus Cambridge, daher
die Flucht vor britischem Recht.

So ist juristisch nichts zu machen?

Nichts, was einer Shne gleich kme, denn wann htte ein Gauner nicht
das Gesetz fr sich.

Sie ging. Lahm vor Ekel. Auf der Strae, in einer Gruppe Leute, hob eine
Frau das Lorgnon, frug:

Was, die kennen Sie nicht? rief einer aus dem Kreis: Ich werde Ihnen
gleich ihre Geschichte erzhlen, und Tratschgeifer troff ihm schon aus
dem Mund.

Fern und leicht, das Gesicht hoch wie ein Windenkelch, schritt sie knapp
an der Gruppe vorbei, und in den lngst ausgefressenen Bahnen der
Emprung jagte ein Verzweiflungskrampf den andern durch ihr Hirn.

Jetzt schlug ein Hastrahl leuchtend seine Kraft hindurch: die
Zwillingskraft der Liebe, doch mchtiger als sie, weil frei vom Wahn des
Glcks. In diesem Hastrahl erhellt, sah die Zerstrte, zum ersten Male,
Leiser Herschsohns Nachfolger als neuen Typus -- unzhliger Variationen
fhig:

_Den Lebenswucherer._

Nicht mehr mit schmierigem Seinesgleichen nur um Geld -- o nein, -- als
physisch Hinaufgepflegter auch noch mit seinen Generationszellen
wuchernd, die Kalorien seiner Hndedrcke berechnend: Geist, Schnheit,
Kultur, _Liebe_: alles bereits ein Fremdwort fr Wucher!

Seine _Gte_: da er den Schaden, den er zufgt, leicht vergit.

Seine _Treue_: wenn ihm in der Zwischenzeit begangener Verrat weniger
Vergngen macht, als er glaubt beanspruchen zu knnen.

Seine _Gromut_: besten Falles eine unterlassene Infamie.

Ohne innere Not allen fremden Werten durch Gentleman-Mimikri falsch
verbunden, hatte er in Bchern gelesen von Noblesse, von Vornehmheit,
schaffte sich die Worte an, fing sich mit ihnen fremde Taten ein, die
ihm den Preis der neuerworbenen Ideale dann bezahlen muten, denn keine
Bindung galt fr ihn, der stets auch anders konnte als Entrater; sich
beim soll in den weltfremden Gelehrten wandeln, beim haben behende
in den Wucherer zurck.

Hatte sich nebst seinen Bronzen, Bildern, Bchern auch eine uneheliche
Kindersammlung angelegt, als millionenfache Verzinsung einer einzigen
investierten Zelle. Spesen: ein paar gut angewrmte Briefe, die ihn zu
nichts verpflichteten, weil er durch seine Advokaten lngst belehrt
worden, wie ein Betrug, der im Geschftsverkehr zwei Jahre Zuchthaus
kostet, in Form von -- _Liebe_, straflos bleibt.

Ein _Zu-frh-Freigelassener_ auch, mit allen seinen Merkmalen, als da
sind: Gier, Geiz, Mitrauen und -- Grausamkeit, wo sie ohne eigenes
Risiko zu befriedigen: am sichersten somit an der graviden Dame, hat man
sie vorsichtshalber erst durch Scheidung, Schmach und Schmutz getrennt
von ihrem schtzenden Milieu. Erfreulicher fr den stheten jedenfalls,
als der Geschftsverkehr mit seinesgleichen, fr den Gelehrten so
spannend wie der Tierversuch, und lukrativer obendrein, da man vom
Adler, dem gefesselten, ehe ihm die Augen ausgeschnitten werden, kein
Geld entlehnen kann.

Nun glaubte er sich frei von ihr, nachdem er ja in diesem Jahr den
ganzen Tierkreis seiner Perfidien durchlaufen. Somit bereit:

Zu neuen Taten teurer Helde.

Doch siehe: auf dem Kursblatt seiner Emotionen notierte sie noch immer
pari wie es schien, und die Verfolgte sprte seinen namenlosen Ha,
ja, sein Entsetzen, lieben zu mssen, wo nichts mehr herauszuschinden
blieb, denn: Mittel war ihm jede Kreatur.

Was aber gab ihm solche Macht?

Die purpurne Wrme Asiens: sein Erbe. Unter erotischen Schwerbltlern,
mit niederem Wissen um den Krper, in einem Ozean lauer Geilheit, scho
dieser Menschenhai umher nach Beute, und alles Liebesreiche, Blhende
fiel ihm voll Inbrunst zu.

In Schnheit glhen: auf dieser Sehnsucht aller Kreatur kam er
dahergeschlichen, hinter den strahlenden Gaben seines Maules.

_Der absolute Egoist._

Unschdlich machen! Mitsamt seiner Zutreiberin, mit der ganzen Brut --
alles unschdlich machen -- sofort.

Doch erst quitt sein, nichts ihm schulden. Und fr jede Mahlzeit, je in
seinem Haus genommen, fr jeden Tag in seinem Haus verbracht, und fr
die erste Liebesnacht insonderheit, schickte sie die angemessene Summe
an das Bankhaus Herschsohn. Raffte dann in irrer Trunkenheit ihr letztes
Geld zusammen, -- es reichte eben fr die Reise, -- und fuhr zu ihm.

Als Chauffeur verkleidet, zwei Revolver in den Ledertaschen, klingelte
sie am Tor des alten Landhauses.

Eine fremde Person kam herausgeschlurft:

Alles verreist.

Der Herr und Mylady, auch das neue Kind seien fort. Nach Madeira,
vielleicht auch Tunis, jedenfalls auf lange.

In ihren muffigen Gasthof zurckgekehrt, warf sie das Fenster auf. Es
verspreizte sich, Anstrich bltterte ab. Vor ihr stieg, reich und frei,
das herrliche Land, sein Eigentum, so weit man sah.

Da ri der allzu berspannte Wille jh und traf das Herz. Also
entflohen, unerreichbar weit; denn wie das Gesetz den Gauner schtzt, so
diesen wieder sein Raub, der ihm Freizgigkeit des Reichtums gibt -- dem
Opfer nimmt.

Sie kroch in die entwrdigende Verlassenheit des Fremdenbettes.

Lag so eine ewige Nacht.

Diese Nacht trat langsam, wie ein drehender Absatz, etwas in ihr aus,
ohne das kein Mensch weder leben will noch kann. Etwas, das
niedergeknppelt doch -- wie oft -- verharrt. Nicht grer zuweilen, als
im Riesendom ein gasblauer Stecknadelkopf, doch gespeist mit heimlichem
Herzhauch, der von Gott kommt oder ganz aus seiner Nhe: Hoffnung.

Eben noch, in steigernder Gewalttat, waren Vernichtung und Hoffnung
einander nicht feind gewesen. Auf unbegreifliche Art htte aus dem
blauen Stecknadelkopf heraus gerade dann aller ther noch einmal
aufflammen knnen zu Glorie, weil in dem Blick des Sterbenden vielleicht
etwas erschienen wre, um darzutun: Auch dies sei nur ein armer,
irrender Mensch.

Diesem Ende hatte sie heimlich zugehofft. Nun war der blaue Nadelkopf
erloschen.

Und es ward grau. Oder war das de Blei auf den Augen schon wieder Tag?
So einer, der sich nicht aufknien kann aus dem Fahlen. An der bel
grnlichen Klte bis in die Herzkammern hinein erkannte sie: jetzt msse
der tiefste Stand des Blutes sein. Jene heillose halbe Stunde, ganz grn
von verwester Nacht, wo die zhen Greise es aufgeben und sich strecken.
Im Stuhl die mde Schwester nickt dazu.

Mhsam, widerwillig hob sie die zerqulten Lider. Herein schnitt das
grenzenlos gemeine Hotelloch. Im Fensterviereck stand als grauer
Pflasterstein die Luft.

Sibyl hielt den Atem an. Lie das Verfaulte aus der Nacht in allen Adern
sich zu Klumpen der Zersetzung stocken.

Wartete.

Da kam, erst schwach, weit herauf eine Strae ohne Anfang, Holpern eines
Karrens, und auf ihm festgebunden ein Geheul.

Kein Schritt, kein Huf von etwas, das den Karren zog. Es fehlte wohl ein
Rad. Der Karren hinkte.

Immer nher kam das liegende Geheul. Ein gemartertes Tier? Ein Kind?
Eine Frau? Kein Erkennungszeichen mehr: die Qual hatte jede Form
zerbrochen. Was vielleicht einst Merkmal gewesen: Klage, Emprung,
Angst, war lngst matt herabgeglitten auf die Strae ohne Anfang.

Jetzt war es da. Gerade unter dem Fenster. Da schwoll das Geheul zu
einem Laut von so hemmungsloser Erniedrigung, da das Graue aus der Luft
an ihm gerann.

Ein gemartertes Tier? Ein Kind? Eine Frau?

Oder Schauer gereizter Ermattung, die sich aus Klang ein Gleichnis
schufen? Sie wrde es nie erfahren. Lag festgefroren an das Bett -- die
Brust bis oben voll bleicher Herzen im Kampf.

Langsam knirschte der Karren seinen schauerlichen Bogen vom Zenith des
Fensters hinunter, wieder eine Strae ohne Ende, ber der langhin das
verblassende Geheul stand. -- Fern und immer noch.

Sie erhob sich, um zu sterben. Tastete, in allen Kncheln zerbrochen,
nach der Waffe. Etwas klirrte. Das Graue schwand.

Endlich ganz schwarz.

                   *       *       *       *       *

Aus der tiefen Nacht, auf der andern Seite der Zeit, trieb es sie
langsam wieder zurck.

Der Tod schmolz ab, doch sie grub sich mit allen Fingern in ihn ein,
wollte nicht mehr weg aus dem linden Schwarz.

Genug war ihr erstes Wort. Dann brachen, angesogen von einer tiefen
Wonne um sie her, die Lider auf. ber ihrem Gesicht schwebten zwei
wagrechte Augen aus unbegreiflich sanftem Samt, deren Wimpern flgelhaft
bis in die Schlfen schnitten.

Wie gut und die Zurckgeholte lie sich von nun an leben, ohne
Widerstand.

Zwei Augenpaare waren es, die abwechselnd ber ihr kreisten: wie groe,
fremde Vgel und bebrteten ihr Herz.

War es der Ort, wo man die unerfllten Wnsche lebte? In scheuer und
tiefer Vertraulichkeit legte sie eines Tages um jeden einen Arm: als
Durklang gefgt in die reine Quint der beiden. Wute ihre Namen nicht,
nichts -- frug nicht einmal, wie es gekommen, wie ihre Spur verfolgt,
wie sie gefunden worden war. Lag hier selig und vollendet eingefgt als
khne Liebesstufe zwischen ihnen: frauenweicher als der Freund --
jnglingherber als die Freundin, dies kstlich fremde Damenwesen, am
ganzen Krper so vollkommen, wie es der Ringfinger ganz junger Mdchen
zuweilen ist.

So einfach, so natrlich schien alles, als htte sie es immer schon
gewut, da sie dazugehre, seit jenem ersten Mal, da, einer
ungeheuren Erweiterung der eignen Seele gleich, zwei wundervolle
Menschenangesichter durch ihre einzige Sekunde Glck gezogen kamen, als
sie den fremden Mann im Scho gehabt, bis zu der Stunde, die wie Gold,
weil der warme Schatten des brderlichen Gentleman den ihren fand und
ehrte. Die Haltung seines Schattens hatte alles offenbart.

Dazwischen aber war ein fremder Mann in ihrem Scho gewesen: Der
_Lebenswucherer -- der absolute Egoist_.

Emprung berbebte in Strzen der Erinnerung ihr aufgescheuchtes Blut.

Mein Elf von einem groen Stern -- Gargis entsetzte Zrtlichkeit
umschlang das vor Ha grau gewordene Gesicht.

Gazellenfee, wie knntest du begreifen, was Unbeschtztsein heit.

Dann lste sich der Krampf der Einsamkeit zum ersten Mal, und Sibyl
sprach -- deutete an, nur herb, schamdurchblutet, was ihr geschehen.

Eines Tages breitete Horus sehr zart, sehr ernst ein Manuskript ber
ihren Scho: jenes, das Erasmus dem Knaben in der Bibliothek gegeben, am
Tag des Traumes und der Schillerfalterjagd, als sein Leben einschwang
fr immer in die beiden Bahnen: _Ellipse_ und _Parabel_ der
Kegelschnitte Gottes.

Vor ihrem Lager hingekniet, legte er sie ganz in die Strke seiner
Hnde, sprach: Alles ist darin: West und Ost -- Ihr und Wir.

Und sie las, wie einstmals er:

_Der Kreis symbolisiert mir die Eigenliebe_: den Egoismus.

_Die Ellipse das Ideal der Liebesfreundschaft._

_Die Parabel das der Liebe gegen das Unendliche, Gttliche._

_Die Hyperbel das Ideal des bittersten Hasses._

Der Brennpunkt in jeder der angefhrten Linien stelle eine Seele vor;
die Strahlen, die von da nach dem Umkreis gehen, die Bestrebungen dieser
Seele, wiefern sie nach auen (durch Handlungen) wirksam sind, und die
Richtung der zurckgebrochenen Strahlen den Zweck, zu welchem die
Bestrebungen auf das uere gingen. -- Ich kann z. B. nach auen
handeln, teils um meinetwillen, teils um eines andern willen. Wenn die
Strahlen also, die von dem Brennpunkt ausgehen, die aktiven Bestrebungen
der Seele vorstellen, so mssen umgekehrt -- wenn wir das Symbol treu
verfolgen wollen -- die Strahlen, die von der Peripherie in den
Brennpunkt fallen, die Gefhle und Empfindungen vorstellen, welche die
Seele passiv von auen in sich aufnimmt. Wird daher ein Strahl, der von
einem Brennpunkt an die Peripherie fiel, in einen andern Brennpunkt
zurckgebrochen, so sind des letzteren Gefhle -- nach dem Symbol --
durch Bestrebungen oder Handlungen des ersten Brennpunktes veranlat
worden.

_Der absolute Egoist_ handelt nur um seinetwillen. Er lt nur Strahlen
gegen die Peripherie ausgehen, damit angemessene Gefhle in _seine_
Seele durch die Rckwirkung kommen; er ist ganz in sich abgeschlossen.
Was er auch tun mag, davon hat nichts auf eine Seele auer ihm Bezug.
Der Strahl, der aus dem Mittelpunkt des Kreises kommt, wird ewig wieder
in ihn zurckgebrochen.

Die _Ellipse_ lt sich als ein Kreis mit in zwei Brennpunkten
auseinandergetretenen Mittelpunkten betrachten.

Eine Seele hat sich in zwei gespalten, und beide existieren nur mit- und
durcheinander; jeder ist die Seele eines Freundes; jede wirkt nur, um in
der andern angemessene Gefhle und Empfindungen zu erregen, denn welcher
Strahl auch von dem einen Brennpunkt an die uere Peripherie fllt, der
nimmt seine Richtung nach dem andern Brennpunkt zu. Was der eine nur
denkt und hat, das giet er in des andern Seele aus. Um die Auenwelt
bekmmern sich beide nur, insofern sie mittels ihrer in bezug
aufeinander wirken knnen; beider Gefhle ergnzen einander stets: _alle
gebrochenen Ellipsenradien sind gleich der groen Achse_, die beide
Brennpunkt-Seelen zunchst verbindet. _Sie knnen jede einzeln nichts
denken, nichts fhlen, was nicht mit des andern Gefhlen und
Bestrebungen zusammenstimmte, da es dieses Band darstellte_: das Ideal
der Liebesfreundschaft hat viel schnere Symbole -- wohl kaum ein
wahreres.

Nehmt die _Hyperbel_: beide Liebende sind durch einen ungeheuren Ha
gespalten worden! Der eine hat sich von dem andern abgekehrt, _jeder
reit seinen Brennpunkt heraus_, hlt ihn fr sich fest und mag mit dem
andern nichts zu schaffen haben. Sie fliehen sich in Ewigkeit -- nein,
_sie sind noch aneinander gebunden_, aber durch die Bande des
feindseligsten Hasses. Ihre Gesinnungen beben divergierend voreinander
zurck bis ins Unendliche, aber doch bleiben sie hadernd einander
gegenberstehen, und da jedes Gedanken nur von des andern Seele
zurckfahren, sieht man daraus, da die Divergenz der Strahlen ihr
Zentrum in dem gegenberliegenden Brennpunkt findet. -- _Was in der
Ellipse das Band war: die groe Achse ist in der Hyperbel in den
Gegensatz bergegangen und alle Strahlen, die von einem Brennpunkt in
den andern fallen knnten, sind sich nur in der Differenz gleich._

_Die Parabel_ ist ein erhabenes Symbol der _Liebe zu einem Ideal, zum
bersinnlichen, zu jedem Groen und Schnen, was nur in der
Unendlichkeit erreichbar, der Seele vorschwebt: alle Strahlen, die der
Brennpunkt der Parabel aussendet, laufen in gleichfrmiger Richtung nach
dem andern Brennpunkt, der in der Unendlichkeit liegt_; alle
Bestrebungen und Gedanken sind nur _dahin_ gerichtet. _Umgekehrt kann
kein Strahl in die Seele fallen, der nicht vom Unendlichen ausgegangen
wre._ Alle Gefhle beziehen sich auf dieses.

Sie lie den Kopf an seiner Schulter ruhen, dann mit verdunkeltem
Gesicht:

Der _Kreis_ und die _Hyperbel_; so bin ich immer noch durch einen
achsengraden Strahl von Ha mit ihm verbunden.

Hat du ihn noch?

Bis zum Tod, ich -- ihn, er -- mich.

Du warst wie tot, dies ist eine neue Wiederverkrperung, und alle
Bindung gelst. Du ziehst in unsere Bahnen hinber als meine Frau, und
mit meinem Haupt zwischen den Fen frage ich:

Willst du das sein?

Zweifelnd sah sie auf Gargi:

Bist du ein Europer?

Er hob die Schulter nur:

Nein, ich bin Asiate, gehorche den Sitten Asiens, in wenig Wochen
zergeht der ganze Irrenkerker hier, ganz klein und schmutzig, an unserem
Horizont fr immer. Und jedes Jahr nur kreuzt meine Jacht herber und
bringt dir Charmion mit.

Sie atmete auf, zu glcklich -- md, um viel zu fragen.

Sobald der Lungenschu verheilt war, fuhr Horus mit Sibyl nach England,
lie sich dort so rasch wie mglich trauen, dann kehrten sie auf den
Kontinent zurck.

In Hamburg lag schon die milchweie Jacht unter Dampf bereit.

Sie eilten ber den Kai, Horus und Gargi, am Ende ihres weien Traums.

Zwischen sich, eingeschlossen in ihres Ganges morgenlndischen Gu,
entfhrten sie den Elf von einem groen Stern in seine neue Heimat.

Ringsum barsten Beete von Sirenen, vomierten ble Trichter von Geheul in
eine widerwillige Luft, gleich einem Unding, das sich selbst bejammert.
Schneller schritten sie dahin, fast laufend schon, und wie Horus, im
Andrang seines Herzens bei der Ankunft von Bord gesprungen war, so
breitete er jetzt, den Landungssteg schon unter sich, die Arme weit der
sen Freiheit Asiens zu -- und -- fhlte sich gepackt an diesen
liebesoffenen Armen, zurckgehalten, wie das erstemal.

Zwei Polizisten standen da. Blech vor dem Hirn. Und an dem einzigen
Streifen freier Haut, dort wo der harte Kragen rieb, hatte der eine ein
aufbrechendes, der andere ein abheilendes Furunkel im Nacken.

Halt.

Ein Dritter in Zivil trat vor, wies seine Karte:

Sie sind verhaftet wegen Bigamie. Die Frauensperson da auch.

Er streckte die Hand nach Sibyl. Sie ri ihre Waffe heraus, von der sie
sich nicht mehr getrennt, traf diesmal gleich das Herz. Glitt still in
sich zusammen.

Horus, herumgeworfen, brllte auf, da die Sirenen schwiegen, bumte
sich los; rechts und links traf sein erbarmungsloser Schlag. Dann nahm
er die unvergleichliche geliebte Form aus Gargis Arm und fhlte sie an
seiner Schulter sterben.

Die armen Sternsaphire wurden blind. Ein langer Strhn bananenfarbenen
Haars durchschnitt, gleich einem bleichen Sbelhieb, das ganz verirrte
Gesicht; bei aller Khne wie eines bermdeten, zu Tod gehetzten Kindes.

                   *       *       *       *       *

Die Kaution war, dringender Fluchtgefahr wegen, vom Gericht abgelehnt
worden. Er blieb in Haft, wehrte sich verzweifelt, pochend auf sein
Indertum, begriff nicht.

Sie muten doch wissen, da Monogamie in Europa herrscht, mahnte sein
Verteidiger und schttelte den Kopf.

Da lachte er zum erstenmal seit Sibyls Tod.

Ein Jahr bin ich jetzt hier und hab' sie nie gesehen. Wute bisher nur,
da bei den Weddas, dem beinah ausgestorbenen Affenurvolk Ceylons, das
nicht bis fnf zu zhlen vermag, etwas wie Monogamie, Gesetz und Zwang
besteht. Wie htte ich bei der berhmten weien Rasse darauf verfallen
sollen? Nun erst verstehe ich den Grenwahn, den Zynismus, die
widerliche Arroganz des weien Mnnchens gegen alle Frauen ganz. Die
Gnade und Affaire, wen er mit seiner einen, einzigen, kostbaren Hand
beglckt, umkrochen von den berzhligen Weibern. Welche Schmach der
Europerin, da sie das duldet, ihm Macht gibt, so viele ihrer
Schwestern notwendig zu erniedrigen, dies Wettwimmeln der Eierchen um
das Sperma: welche Perversion der Natur!

Doch was geht all das mich -- was geht einen gesitteten Asiaten dieser
Qualstall an, in dem bsartige Irre einander dafr bezahlen, sich
gegenseitig in infernalischen Netzen Hirn, Kehle, Gedrm und Geschlecht
abzuschnren? Wie bin ich in die Gefangenschaft weier Barbaren geraten?
Wirklich durch nichts, als eine einzige Tat natrlichen Anstandes
allein?

Monogamie ist die grte ethische Errungenschaft des Christentums,
sagte der Verteidiger gekrnkt in seiner tiefsten Rasseneitelkeit, denn
er war Jude.

So habt ihr es sogar dahin gebracht, das klare Urfeuer eurer Lenden
stinkend zu machen? So ordnet sich bei euch Geschlechtsverkehr nicht
nach Physiologie, Medizin, Bevlkerungszahl des Augenblicks --, nein,
nach irgendeinem Hokus-Pokus, viel tausend Jahre alt? So bedroht euer
Staat -- wie immer man es machen mge -- in der Liebe den einen oder
anderen Teil mit schwersten Strafen: durch Einehe, den Mann mit
lebenslangem Sexualkerker, ohne Ehe, die Frau mit chtung, Verlust der
Kaste und Ruin? So bringt Europa es richtig fertig, all seine passager
entstandenen Wahnsinne noch zu verewigen, ohne da gegenteiliger
Bldsinn sich etwa aufhbe -- welch ein Wunder wider die Natur.

Bis zur Verhandlung glaubte er es doch nicht recht, wute es noch immer
nicht, wie ihm geschah.

Dann saen eines Tages fnf beisammen und hielten wirklich ber ihn
Gericht, Barette auf den Glatzen.

Dem einen ragten Knpfelschuhe, dem anderen Schnrstiefel, dem dritten
das Ende eines Sockens unter priesterlichem, unreinlich wallendem Gewand
hervor. Dann stand ein sechster auf: der Staatsanwalt. Begann ein
langes, trostloses Geschwtz von der Verletzung ethischen und sittlichen
Gefhls, als hchsten Gtern der Kultur. An allen Wnden hingen Zettel:
das freie Ausspucken ist untersagt.

Erst ganz am Ende, als sein Verteidiger sich erheben wollte, da fuhr
auch er empor:

Nein, ich; Sie schweigen.

Sibyl zu Tod gehetzt, und da sa Gargi: seine liebe Gazelle als
Zeugin, von Fragen geschndet fr ihn -- durch ihn. Nun wuchs er klar
ber die Emprung und stand auf. Hflich, ruhig war seine Stimme, wie
eines Wgenden und Richtenden.

Ich bin ein Fremder und kenne nun die grauenhafte Not, in die ein
Mensch auf diesem Kontinent geraten kann, wenn er ein Recht begeht.

Ich bin Asiate und daher gewohnt, wohl jeder Frau, die ich besitze und
die mir teuer, Ehre, Wrde und Geborgenheit zu bieten bis zum Tod.

Ahnte nicht, da man nur gegen eine einzige hier sich gut benehmen
drfe, wohl aber gegen alle wie ein Schuft.

Doch war's nicht dies -- ich stnde doch als Angeklagter hier, denn
irgend etwas Wrdiges, Natrliches und Wahres, das htte ich sicherlich
einmal begangen, da ich kein Europer bin.

Ethisches und sittliches Gefhl soll meine Tat verletzt haben?

Was wei Europa von Gefhl? Von Sittlichkeit? Nie noch war einer Rasse
Sinn und Ma des Schicklichen so sehr entfallen, besteht sie doch aus
Wesen, deren Blut seit zwei Jahrtausenden verlernt, aus freien, holden,
heilen und verwhnten Sinnen sich dieses Ma selbst aufzubauen in
Notwendigkeit und Harmonie.

So kam der Pbel durch Europa in die Welt:

_Pbel_: was Hemmungen nur kennt aus Zwang, nicht Wahl, was sich vor
nichts und niemandem zusammennimmt, wenn es nicht mu. Es scheint -- vor
vielen hundert Jahren nahm sich der Europer noch Sonntag vormittag, so
zwischen zehn und elf, vor einem fremden Judengott zusammen. Adel und
Brgertum nahmen sich vor ihren Herrschern zusammen, der _vornehme
Mensch_ aber, der nimmt sich vor sich selbst zusammen: also immer.

Doch hier! Wohl nirgends noch hab' ich solch geile, kalte, rpelhafte
Brunst gesehen, jetzt da der Zwang gefallen, wie in dem tausendjhrig
ungepflegten Eros von Europa. Endlich ausgebrochen aus dem fremden
Pferch, grhlt die verkommene Sinnlichkeit durch eure weie Welt wie
eine tollgewordene Migeburt, der jedes Edelma abhanden kam, denn alles
will gepflegt, geehrt, geheiligt sein, damit es hold und herrlich werde.
Da tragen eure trgen Weiber Kind auf Kind in ihren kalten Buchen aus,
die Welt mit Unlustfrchten berfllend, weil sie noch nicht einmal
gelernt, was jede Negerfrau vermag.

Und neben dem verworfenen Ungeschick der Leiber wchst das verworfene
Geschick der Hirne auf, belebt der Stahl sich zur Maschine.

Was _Hochgezchteten_ in ihren Sinnen Erlsung geworden von aller
Erdenlast: die Mechanisierung der Welt, reit den erblindeten,
instinktirren, amorphen Lebenshaufen unters Rad, statt ihn in Freiheit
auf den Lenkersitz zu heben.

Diesen Erhobenen zu finden kam ich her. Ihn suchte ich: den Menschen
hinter seinem Werk. _Das Wesen wie aus Schnee und Gold, khn, arglos,
wahr und anmutig._

Doch _eure_ Werke sind nur Sehnsuchtsprojektionen eurer Mngel:

Weil ihr armselig seid, reit ihr den letzten Reichtum dem Planeten aus
den Eingeweiden.

Weil innerlich ohne Harmonie, schuft ihr -- nach auen -- euch Musik.

Weil ohne Phantasie, lat ihr in blechernen Waggons, in Ru und Dampf,
euch kalt, blasiert und frech, zu allen Mrchen dieser Erde rasseln.

Euer verarmter Kreislauf pulst in hundertpferdigen Motoren.

Euer _Minus_ setzt ihr mit umgekehrten Vorzeichen aus euch heraus, als
vielgerhmte Technik, Kunst und Wissenschaft.

Was ihr erschuft: Prothesen sind es nur, darunter, vollgeeitert, schwrt
ein brandiger Stumpf: ihr selbst.

Habt immer eure Mnder voll Geist und Theorie, ihr ethischen Barbaren;
sinnt neuer Staatsform nach. Wie wenn ein Rudel von Hynen sich Paladine
oder Republikaner, Monarchisten, Sozialisten, Kommunisten nennen mag:
immer der gleiche Hynenhaufen, der die platzende Gier seiner blauen
Eingeweide mit neuen Namen nennt.

Doch weil kein Wesen vllig ohne Wahrheit existieren kann, habt ihr sie
-- sie unwirksam zu machen -- in eure Wissenschaft gesperrt.

Dort lebt Europas letzter Wahrheitsdrang sich in zerwhlten Hirnen,
blogelegten Nerven gefesselter Geschpfe, stets objektiv und fr den
Sucher schmerzlos aus.

Das eingefangene Opfer zahlt den Preis -- nicht er.

So bt ihr alle Infamien frei:

Forensische Verlogenheit gestattet sie euch gegen Menschen, und gegen
Tiere euer Wahrheitsdurst.

Was tun?

Demtig zu edlen Tieren -- nein, erst zu den plumpsten viehischesten
Tieren in die Lehre gehen; sie anschauen, erst nur die Wahrheit ihrer
Form erschauen. Auf dem Weg des _reinen Auges_ wieder Gehen -- Liegen --
Ruhen -- Atmen -- sich Bewegen lernen: _Sehen_ und durch das _Sehen_ --
_Leben_.

Erst wenn ihr die verworfene Behendigkeit aus euren schiefgezchteten
Gehirnen ausgetrieben, fr die ihr noch nicht reif, dann kommt zu
fragen, ob man euch wieder aufnimmt in den Ring beseelter Wesen, nicht
mehr gehat, verachtet, gemieden wie Pestilenz von allem, was da atmet.

Nur auf wenige Minuten zog der Gerichtshof sich zurck. Das Urteil
lautete:

Fnf Jahre Gefngnis wegen Bigamie.

Der Verurteilte verbeugte sich tief:

In diesem Wahrspruch gre ich den Bankerott Europas.

Bewhrungsfrist ward abgelehnt. So nahmen denn die Gatten Abschied
voneinander.

Allen Glanz des Menschentums sammelte Gargi in die Onyxampel ihres
schmalen Antlitzes und in den unbegreiflich sanften Samt der Augen:

Mein ser Herr, was habe ich fr dich zu tun, so lang du fort bist?

Flieh, und warte auf mich zu Hause zwischen Dschungl und Sternen. Ich
komme wieder. Ich werde nicht zugrunde gehen. Leben will ich und helfen
mit Hirn, Herz und Hnden, mit allem Geld, das ich besitze und aller
Kraft, bis der Planet gereinigt ist von dieser weien Pest.

Da reichte sie ihm einen Brief:

Erasmus gab ihn mir fr dich von deiner Mutter.

Meinem Sohn in Europa, blieb er lnger als ein Jahr, stand auf dem
Umschlag. -- Nur wenige Zeilen darin. Er trank die lieben Zge wie ein
Elixier. Diana Elcho schrieb:

Ein Unglck mu geschehen sein, wenn Du dies liest. Freiwillig bliebst
Du nicht so lang. Haben sie mein Sonnenkind gefangen in einem bsen
Netz? Verzeih, wenn ich geirrt, Dich vor Europa ungewarnt zu lassen.
Dich warnen aber hie, Dich zum Emprten machen, zum Belasteten,
Getrbten. Die Einzigkeit Deiner Jugend schien mir eben dies: die
Unbeschwertheit, da Dein Bewutsein unbesudelt blieb. So rettete ich
Dir das Beste Deiner Rasse: Technik, Wissenschaft, Musik an Asiens Herz
hinber. Weil Du aus ihrem Werk an Wesen glaubtest, wie aus Schnee und
Gold, khn, arglos, wahr und anmutig, so wurdest Du dem Bildnis gleich.
-- Vor der Enttuschung hielt ich Dich dann jahrelang zurck, htete Dir
Deinen weien, so fruchtbaren Traum, wie ich gehofft, fr immer. Lie
mich langsam sterben, damit _Du bliebest_. War alles doch umsonst?
Nicht, da ich Dir das Leid ersparen wollte! O nein, nur alle Kraft
wollte ich Dir sparen fr die sublime Zeit des Leids, damit Du
ungebrochen, unverbittert, siegreich auf seiner fernen, groen, sen
Seite durchbrchst ans Licht.

Verzeih, wenn ich geirrt.

Er kte einzeln jede Zeile:

Nein, nein, du warst im Recht.

Stark, frei, sonniger als je lie Horus Elcho sich wie im Triumph nach
seiner Zelle bringen.

                   *       *       *       *       *

Er, den Sibyl im Hastrahl als Lebenswucherer gesehen, sa am
ligurischen Strand in seinem Landhaus und rechnete ab.

Lloyds hatten die Versicherungssumme wieder glatt ausbezahlt, wiewohl
Selbstmord vorlag: ein beraus kulanter Betrieb. Den ungeheuren
Grundbesitz hatte er an ein Hotelkonsortium sehr gnstig verkauft. Es
war eine seiner glcklichsten Terrainspekulationen gewesen.

Nur das von Sibyls Geld erworbene Land behielt er.

Ich trenne mich zu schwer davon. Wieviel Erinnerungen an die Frau, der
ich Jahre meines Lebens geopfert.

Brangne wedelte zu ihm auf:

Du hast ja so viel Piett.

Sie blieb, was immer geschah. War geblieben als Haushlterin, Maitresse,
uneheliche Mutter, Zutreiberin, Komplize. Wartete, schlau und zh, bis
er ermdete, und doch vielleicht noch ihre Stunde kam.

Er machte eine milde, bedauernde Bewegung mit der Hand.

Ein Wesen, das mir so lange nahe stand: Ich mute die Behrden
verstndigen, zu verhindern suchen, da sie verschleppt werde, in einen
asiatischen Harem. Da eine Dame so weit sinken konnte?

Dann, mit groen, braunen Augen, gerhrt:

Ich aber hab' ihr lngst verziehen.

Brangne nickte verzckt:

Du bist ja so gtig.


          _Anmerkung_: Das Zitat Seite 35-39 stammt von
          Theodor Fechner. Dem Vedanta Entnommenes folgt
          Prof. Paul Deussens bertragung aus dem Urtext.


                              Sir Galahad


                          Im Palast des Minos
                      Mit 12 Tafeln und einem Plan
                               2. Auflage

   _Zeiten und Vlker, Stuttgart_: Keine leichte Lektre, dafr aber
   gehaltvoll und von tiefgrndigem Wissen zeugend ist das Buch von
   Sir Galahad Im Palast des Minos. Von den Ausgrabungen Arthur
   Evans zu Knossos auf Kreta und den dabei gemachten Funden
   ausgehend, schildert das treffliche, mit 12 Autotypietafeln und 1
   Plane des Palastes zu Knossos ausgestattete Buch des
   kunstsinnigen, namentlich auch auf dem Gebiete der Keramik
   wohlerfahrenen Autors, das Reich des Knigs Minos in solch
   anziehender und mit einer Flle tiefer Gedanken verwobener Weise,
   da wir im textlichen Teile gern noch auf das bedeutsame Werk
   zurckkommen werden.


                            Von Sir Galahad
              bearbeitet und aus dem Englischen bersetzt:


                            Prentice Mulford


                         Der Unfug des Sterbens
                          Essays. 75. Auflage


                          Der Unfug des Lebens
                          Essays. 30. Auflage


                          Das Ende des Unfugs
                    Ausgewhlte Essays. 15. Auflage

                    Albert Langen, Verlag in Mnchen


                  Druck von Hesse & Becker in Leipzig
                  Einbnde von E. A. Enders in Leipzig


                     Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
nderungen, teilweise unter Zuhilfenahme anderer Auflagen, sind hier
aufgefhrt (vorher/nachher):

   [S. 19]:
   ... wehrt, an einem Wesen andern Ranges teilgehabt. ...
   ... whrt, an einem Wesen andern Ranges teilgehabt. ...

   [S. 113]:
   ... Lohn. War das noch Liebe? Alles Warmblhende, ...
   ... Lohn? War das noch Liebe? Alles Warmblhende, ...

   [S. 125]:
   ... rief und frei, auf festlich erhhtem Deck, endlich
       hinbergleiten ...
   ... reif und frei, auf festlich erhhtem Deck, endlich
       hinbergleiten ...

   [S. 125]:
   ... Jahre von seiner Mutter Tod. Waren ein unaufhrliches ...
   ... Jahre vor seiner Mutter Tod. Waren ein unaufhrliches ...

   [S. 160]:
   ... Gegensatze zuzueilen. Ein schlichthin Infernalisches, dem ...
   ... Gegensatze zuzueilen? Ein schlichthin Infernalisches, dem ...

   [S. 160]:
   ... Symbol verweigert. ...
   ... Symbol verweigert? ...

   [S. 184]:
   ... Sind das vielleicht Epouseure. Was treibst du dich ...
   ... Sind das vielleicht Epouseure? Was treibst du dich ...

   [S. 184]:
   ... mit solchen Buben herum. Sind das Aussichten? ...
   ... mit solchen Buben herum? Sind das Aussichten? ...

   [S. 226]:
   ... erstenmal. Im Astoria war es schwer, in ihre Menkwelt ...
   ... erstenmal. Im Astoria war es schwer, in ihre Merkwelt ...

   [S. 228]:
   ... heraufgefahren; wie kam man jetzt dazu. ...
   ... heraufgefahren; wie kam man jetzt dazu? ...

   [S. 239]:
   ... Geselligkeit. Und doch: die gleiche kleine set wie frher ...
   ... Geselligkeit? Und doch: die gleiche kleine set wie frher ...

   [S. 285]:
   ... Gegenartikeln, Polemiken, Ht und Hot des Metiers, ...
   ... Gegenartikeln, Polemiken, H und Hott des Metiers, ...

   [S. 353]:
   ... an seinen Kindern. ...
   ... an seinen Kindern? ...

   [S. 366]:
   ... in immer neue schwingende Zahlen. Ihm andeuten, was ...
   ... in immer neue schwingende Zahlen? Ihm andeuten, was ...

   [S. 366]:
   ... die Farben gehen. Doch nein, da war eine Grenze. ...
   ... die Farben gehen? Doch nein, da war eine Grenze. ...

   [S. 391]:
   ... sich der Geist der dreifachen Raumes Gestalt erwlbt. ...
   ... sich der Geist des dreifachen Raumes Gestalt erwlbt. ...

   [S. 395]:
   ... War seine Musterung indiskret geworden. Sie schrak ...
   ... War seine Musterung indiskret geworden? Sie schrak ...

   [S. 421]:
   ... Nagel. Sie hielt ihn immer ngstlich weggesteckt ...
   ... Nagel. Sie hielt ihn immer ngstlich weggestreckt ...

   [S. 436]:
   ... verbogene Krfte im Menschinnersten selbst! ...
   ... verborgene Krfte im Menschinnersten selbst! ...

   [S. 444]:
   ... Doch war das alles nicht leer und gleich. Hatte sie, ...
   ... Doch war das alles nicht leer und gleich? Hatte sie, ...

   [S. 454]:
   ... es persnlich, wenn auch als milder Psychiater, schon ...
   ... es persnlich, wenn auch als milder Psychiater, schob ...

   [S. 466]:
   ... Verzgerung, und da man die Erwachsenen hatte einsperren ...
   ... Verzgerung, und da man die Erwachsene hatte einsperren ...

   [S. 470]:
   ... Berlin, lernte den Skisprung bei Sarnstrm in Dalverne, ...
   ... Berlin, lernte den Skisprung bei Sarnstrm in Dalarne, ...

   [S. 525]:
   ... Eine fremde Person kam herausgeschrurft: ...
   ... Eine fremde Person kam herausgeschlurft: ...






End of the Project Gutenberg EBook of Die Kegelschnitte Gottes, by 
Bertha Eckstein-Diener and Sir Galahad and Helen Diner

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KEGELSCHNITTE GOTTES ***

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including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

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including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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