The Project Gutenberg EBook of Der Hofmeister, by Jacob Michael Reinhold Lenz

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Title: Der Hofmeister

Author: Jacob Michael Reinhold Lenz

Release Date: November, 2004  [EBook #6821]
[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
[This file was first posted on January 27, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: iso-latin-1

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Der Hofmeister odor Vortheile der Privaterziehung

Jakob Michael Reinhold Lenz

Eine Komdie.


Namen.

Herr von Berg. Geheimer Rath.
Der Major.  Sein Bruder.
Die Majorin.
Gustchen.  Ihre Tochter.
Fritz von Berg.
Graf Wermuth.
Luffer.  Ein Hofmeister.
Ptus und Bollwerk.  Studenten.
Herr von Seiffenblase.
Sein Hofmeister.
Frau Hamster.  Rthin.
Jungfer Hamster.
Jungfer Knicks.
Frau Blitzer.
Wenzeslaus.  Ein Schulmeister.
Marthe.  Alte Frau.
Lise.
Der alte Ptus.
Der alte Luffer.  Stadtprediger.
Leopold.  Junker des Majors.  Ein Kind.
Herr Rehhaar.  Lautenist.
Jungfer Rehhaar.  Seine Tochter.



Erster Akt.


Erste Scene.

Zu Insterburg in Preussen.


Luffer.
Mein Vater sagt: ich sey nicht tauglich zum Adjunkt.  Ich
glaube, der Fehler liegt in seinem Beutel; er will keinen
bezahlen.  Zum Pfaffen bin ich auch zu jung, zu gut
gewachsen, habe zu viel Welt gesehn und bey der
Stadtschule hat mich der geheime Rath nicht annehmen
wollen.  Mag's!  er ist ein Pedant und dem ist freylich
der Teufel selber nicht gelehrt genug.  Im halben Jahr
htt' ich doch wieder eingeholt, was ich von der Schule
mitgebracht, und dann wr' ich fr einen Klassenprceptor
noch immer viel zu gelehrt gewesen, aber der Herr geheime
Rath mu das Ding besser verstehen.  Er nennt mich immer
nur Monsieur Luffer, und wenn wir von Leipzig sprechen,
fragt er nach Hndels Kuchengarten und Richters Kaffehaus,
ich wei nicht: soll das Satyre seyn, oder--Ich hab'
ihn doch mit unserm Konrektor bisweilen tiefsinnig genug
diskuriren hren; er sieht mich vermuthlich nicht fr
voll an.--Da kommt er eben mit dem Major; ich wei nicht,
ich scheu ihn rger als den Teufel.  Der Kerl hat etwas
in seinem Gesicht, das mir unertrglich ist.  (geht dem
geheimen Rath und dem Major mit viel freundlichen
Scharrfssen vorbey.)


Zweyte Scene.

Geheimer Rath.  Major.


Major.
Was willst du denn?  Ist das nicht ein ganz artiges Mnnichen?

Geh. Rath.
Artig genug, nur zu artig.  Aber was soll er Deinen Sohn
lehren?

Major.
Ich wei nicht, Berg, Du thust immer solche wunderliche
Fragen.

Geh. Rath.
Nein aufrichtig!  Du must doch eine Absicht haben, wenn Du
einen Hofmeister nimmst und den Beutel mit einemmahl so
weit aufthust, da dreihundert Dukaten herausfallen.  Sag
mir, was meinst Du mit dem Geld auszurichten; was foderst
Du dafr von Deinem Hofmeister?

Major.
Da er--was ich--da er meinen Sohn in allen
Wissenschaften und Artigkeiten und Weltmanieren--Ich wei
auch nicht, was Du immer mit Deinen Fragen willst; das
wird sich schon finden; das werd ich ihm alles schon zu
seiner Zeit sagen.

Geh. Rath.
Das heit: Du willst Hofmeister Deines Hofmeisters seyn;
bedenkst Du aber auch, was Du da auf Dich nimmst--Was
soll Dein Sohn werden, sag mir einmahl?

Major.
Was er...  Soldat soll er werden; ein Kerl, wie ich gewesen
bin.

Geh. Rath.
Das letzte la nur weg, lieber Bruder; unsere Kinder
sollen und mssen das nicht werden, was wir waren: die
Zeiten ndern sich, Sitten, Umstnde, alles, und wenn Du
nichts mehr und nichts weniger geworden wrst, als das
leibhafte Kontrefey Deines Eltervaters--

Major.
Potz hundert!  wenn er Major wird, und ein braver Kerl
wie ich, und dem Knig so redlich dient als ich!

Geh. Rath.
Ganz gut, aber nach funfzig Jahren haben wir vielleicht
einen andern Knig und eine andre Art ihm zu dienen.  Aber
ich seh schon, ich kann mich mit Dir in die Sachen nicht
einlassen, ich mste zu weit ausholen und wrde doch
nichts ausrichten.  Du siehst immer nur der graden Linie
nach, die Deine Frau Dir mit Kreide ber den Schnabel
zieht.

Major.
Was willst Du damit sagen, Berg?  Ich bitt Dich, misch
Dich nicht in meine Hausangelegenheiten, so wie ich mich
nicht in die Deinigen.--Aber sieh doch!  da luft ja
eben Dein gndiger Junker mit zwey Hollunken aus der
Schule heraus.--Vortrefliche Erziehung, Herr Philosophus!
Das wird einmal was rechts geben!  Wer sollt' es in aller
Welt glauben, da der Gassenbengel der einzige Sohn Sr.
Excellenz des kniglichen geheimen Raths--

Geh. Rath.
La ihn nur.--Seine lustigen Spielgesellen werden ihn
minder verderben als ein galonirter Miggnger,
untersttzt von einer eiteln Patronin.

Major.
Du nimmst Dir Freyheiten heraus.--Adieu.

Geh. Rath.
Ich bedaure Dich.


Dritte Scene.

Der Majorin Zimmer.
Frau Majorin.  (auf einem Kanapee)
Luffer.  (in sehr demthiger Stellung neben ihr sitzend)
Leopold.  (steht)


Majorin.
Ich habe mit Ihrem Herrn Vater gesprochen und von den
dreihundert Dukaten stehenden Gehalts sind wir bis auf
hundert und funfzig einig worden.  Dafr verlang' ich
aber auch Herr--Wie heissen Sie?--Herr Luffer, da
Sie Sich in Kleidern sauber halten, und unserm Hause
keine Schande machen.  Ich wei, da Sie Geschmack haben;
ich habe schon von Ihnen gehrt, als Sie noch in Leipzig
waren.  Sie wissen, da man heut zu Tage auf nichts in
der Welt so sehr sieht, als ob ein Mensch sich zu fhren
wisse.

Luffer.
Ich hoff', Euer Gnaden werden mit mir zufrieden seyn.
Wenigstens hab' ich in Leipzig keinen Ball ausgelassen,
und wohl ber die funfzehn Tanzmeister in meinem Leben
gehabt.

Majorin.
So?  lassen Sie doch sehen.  (Luffer steht auf) Nicht
furchtsam, Herr...Luffer!  nicht furchtsam!  Mein Sohn
ist buschscheu genug; wenn der einen blden Hofmeister
bekommt, so ists aus mit ihm.  Versuchen Sie doch einmal,
mir ein Kompliment aus der Menuet zu machen; zur Probe
nur, damit ich doch sehe.--Nun, nun, das geht schon an!
Mein Sohn braucht vor der Hand keinen Tanzmeister!  Auch
einen Pas, wenn's Ihnen beliebt.--Es wird schon gehen;
das wird sich alles geben, wenn Sie einmal einer unsrer
Assembleen werden beigewohnt haben.  Sind Sie musikalisch?

Luffer.
Ich spiele die Geige, und das Klavier zur Noth.

Majorin.
Desto besser: wenn wir aufs Land gehn und Frulein
Milchzahn besuchen uns einmal; ich habe bisher ihnen
immer was vorsingen mssen, wenn die guten Kinder Lust
bekamen zu tanzen: aber besser ist besser.

Luffer.
Euer Gnaden setzen mich ausser mich: wo wr ein Virtuos
auf der Welt, der auf seinem Instrument Euer Gnaden
Stimme zu erreichen hoffen drfte.

Majorin.
Ha ha ha!  Sie haben mich ja noch nicht gehrt. ... Warten
Sie; ist Ihnen die Menuet bekannt?  (singt)

Luffer.
O...  o...  verzeihen Sie dem Entzcken, dem Enthusiasmus,
der mich hinreit.  (kt ihr die Hand.)

Majorin.
Und ich bin doch enrhumirt dazu; ich mu heut krhen wie
ein Rabe.  Vous parlez franois, sans doute?

Luffer.
Un peu, Madame

Majorin.
Avez Vous deja fait Vtre tour de France?

Luffer.
Non Madame. ... Oui Madame.

Majorin.
Vous devez donc savoir, qu'en France, on ne baise pas
les mains, mon cher. ...

Bedienter.  (tritt herein)
Der Graf Wermuth ...

Graf Wermuth.  (tritt herein)

Graf.  (nach einigen stummen Komplimenten setzt sich zur
Majorin aufs Kanapee.  Luffer bleibt verlegen stehen)
Haben Euer Gnaden den neuen Tanzmeister schon gesehn,
der aus Dresden angekommen?  Er ist ein Marchese aus
Florenz, und heit ...  Aufrichtig: ich habe nur zwey
auf meinen Reisen angetroffen, die ihm vorzuziehen waren.

Majorin.
Das gesteh' ich, nur zwey!  In der That, Sie machen mich
neugierig; ich wei, welchen verzrtelten Geschmack der
Graf Wermuth hat.

Luffer.
Pintinello ...  nicht wahr?  ich hab' ihn in Leipzig auf
dem Theater tanzen sehen; er tanzt nicht sonderlich ...

Graf.
Er tanzt--on ne peut pas mieux.--Wie ich Ihnen sage,
gndige Frau, in Petersburg hab' ich einen Beluzzi
gesehn, der ihm vorzuziehen war: aber dieser hat eine
Leichtigkeit in seinen Fssen, so etwas freyes,
gttlichnachliges in seiner Stellung, in seinen Armen,
in seinen Wendungen--

Luffer.
Auf dem Kochischen Theater ward er ausgepfiffen, als er
sich das letztemal sehen lie.

Majorin.
Merk Er sich, mein Freund!  da Domestiken in
Gesellschaften von Standespersonen nicht mitreden.  Geh
Er auf Sein Zimmer.  Wer hat Ihn gefragt?  (Luffer tritt
einige Schritte zurck)

Graf.
Vermuthlich der Hofmeister, den Sie dem jungen Herrn
bestimmt?  ...

Majorin.
Er kommt ganz frisch von der hohen Schule.--Geh' Er
nur!  Er hrt ja, da man von Ihm spricht; desto weniger
schickt es sich, stehen zu bleiben.  (Luffer geht mit
einem steifen Kompliment ab) Es ist was unertrgliches,
da man fr sein Geld keinen rechtschaffenen Menschen
mehr antreffen kann.  Mein Mann hat wohl dreymahl an einen
dasigen Professor geschrieben und dies soll doch noch
der galanteste Mensch auf der ganzen Akademie gewesen
seyn.  Sie sehens auch wohl an seinem links bordirten
Kleide.  Stellen Sie sich vor, von Leipzig bis Insterburg
zweihundert Dukaten Reisegeld und jhrliches Gehalt
fnfhundert Dukaten, ist das nicht erschrcklich?

Graf.
Ich glaube, sein Vater ist der Prediger hier aus dem Ort ...

Majorin.
Ich wei nicht--es kann seyn--ich habe nicht darnach
gefragt, ja doch, ich glaub' es fast: er heit ja auch
Luffer; nun denn ist er freylich noch artig genug.  Denn
das ist ein rechter Br, wenigstens hat er mich ein fr
allemal aus der Kirche gebrllt.

Graf.
Ists ein Katholik?

Majorin.
Nein doch, Sie wissen ja, da in Insterburg keine
katholische Kirche ist: er ist Lutherisch, oder
Protestantisch wollt' ich sagen; er ist protestantisch.

Graf.
Pintinello tanzt ...  Es ist wahr, ich habe mir mein
Tanzen einige dreiig tausend Gulden kosten lassen, aber
noch einmal so viel gb' ich drum, wenn ...


Vierte Scene.

Luffers Zimmer.
Luffer.  Leopold.  Der Major.
(Erstere sitzen an einem Tisch, ein Buch in der Hand,
indem sie der letztere berfllt.)


Major.
So recht; so lieb' ichs; hbsch fleiig--und wenn die
Kanaille nicht behalten will, Herr Luffer, so schlagen
Sie ihm das Buch an den Kopf, da ers Aufstehen vergit,
oder wollt' ich sagen, so drfen Sie mirs nur klagen.
Ich will Dir den Kopf zurecht setzen, Heyduk Du!  Seht
da zieht er das Maul schon wieder.  Bist empfindlich,
wenn Dir Dein Vater was sagt?  Wer soll Dirs denn sagen?
Du sollst mir anders werden, oder ich will Dich peitschen,
da Dir die Eingeweide krachen sollen, Tuckmuser!  Und
Sie, Herr, seyn Sie fleiig mit ihm, das bitt' ich mir
aus, und kein Feriiren und Pausiren und Rekreiren, das
leid ich nicht.  Zum Plunder, vom Arbeiten wird kein
Mensch das Malum hydropisiacum kriegen.  Das sind nur
Ausreden von euch Herren Gelehrten.--Wie stehts, kann
er seinen Cornelio?  Lippel!  ich bitt Dich um tausend
Gottes willen, den Kopf grad.  Den Kopf in die Hhe,
Junge!  (richtet ihn) Tausend Sakkerment den Kopf aus den
Schultern!  oder ich zerbrech Dir Dein Rckenbein in
tausendmillionen Stcken.

Luffer.
Der Herr Major verzeihen: er kann kaum lateinisch lesen.

Major.
Was?  So hat der Rakker vergessen.--Der vorige Hofmeister
hat mir doch gesagt, er sey perfekt im Lateinischen,
perfekt. ... Hat ers ausgeschwitzt--aber ich will Dir--
Ich will es nicht einmal vor Gottes Gericht zu
verantworten haben, da ich Dir keinen Daumen aufs Auge
gesetzt habe, und da ein Galgendieb aus Dir geworden
ist, wie der junge Hufeise oder wie Deines Onkels
Friedrich, eh Du mir so ein Gassenlufferischer
Taugenichts--Ich will dich zu Tode hauen--(giebt ihm
eine Ohrfeige) Schon wieder wie ein Fragzeichen?  Er
lt sich nicht sagen.--Fort mir aus den Augen.--Fort!
Soll ich Dir Beine machen?  Fort, sag' ich.  (stampft mit
dem Fu.  Leopold geht ab.  Major setzt sich auf seinen
Stuhl.  Zu Luffern.) Bleiben Sie sitzen, Herr Luffer;
ich wollte mit ihnen ein paar Worte allein sprechen,
darum schickt' ich den jungen Herrn fort.  Sie knnen
immer sitzen bleiben; ganz, ganz.  Zum Henker Sie
brechen mir ja den Stuhl entzwey, wenn Sie immer so
auf einer Ecke ...  Dafr steht ja der Stuhl da, da
man drauf sitzen soll.  Sind Sie so weit gereist und
wissen das noch nicht?--Hren Sie nur: ich seh' Sie
fr einen hbschen artigen Mann an, der Gott frchtet
und folgsam ist, sonst wrd' ich das nimmer thun, was
ich fr Sie thue.  Hundert und vierzig Dukaten jhrlich
hab' ich Ihnen versprochen: das machen drey--Warte--
Dreymal hundert und vierzig: wieviel machen das?

Luffer.
Vier hundert und zwanzig.

Major.
Ists gewi?  Macht das soviel?  Nun damit wir gerade Zahl
haben, vierhundert Thaler preuisch Courant hab' ich zu
Ihrem Salarii bestimmt.  Sehen Sie, das ist mehr als das
ganze Land giebt.

Luffer.
Aber mit Eurer Gnaden gndigen Erlaubni, die Frau
Majorin haben mir von hundert funfzig Dukaten gesagt;
das machte gerade vierhundert funfzig Thaler und auf
diese Bedingungen hab' ich mich eingelassen.

Major.
Ey was wissen die Weiber!--Vierhundert Thaler,
Monsieur; mehr kann Er mit gutem Gewissen nicht fodern.
Der vorige hat zweihundert funfzig gehabt und ist
zufrieden gewesen wie ein Gott.  Er war doch, mein Seel!
ein gelehrter Mann; auch und ein Hofmann zugleich: die
ganze Welt gab' ihm das Zeugni, und Herr, Er mu noch
ganz anders werden, eh' Er so wird.  Ich thu' es nur aus
Freundschaft fr Seinen Herrn Vater, was ich an Ihm
thue und um Seinetwillen auch, wenn Er hbsch folgsam
ist, und werd' auch schon einmal fr Sein Glck zu
sorgen wissen; das kann Er versichert seyn.--Hr Er
doch einmal: ich hab' eine Tochter, das mein Ebenbild
ist und die ganze Welt giebt ihr das Zeugni, da ihres
gleichen an Schnheit im ganzen Preussenlande nichts
anzutreffen.  Das Mdchen hat ein ganz anders Gemth als
mein Sohn, der Buschklepper.  Mit dem mu ganz anders
umgegangen werden!  Es wei sein Christenthum aus dem
Grunde und in dem Grunde, aber es ist denn nun doch,
weil sie bald zum Nachtmahl gehen soll und ich wei wie
die Pfaffen sind, so soll er auch alle Morgen etwas aus
dem Christenthum mit ihr nehmen.  Alle Tage Morgens eine
Stunde und da geht Er auf ihr Zimmer; angezogen, das
versteht sich: denn Gott behte, da Er so ein Schweinigel
seyn sollte wie ich einen gehabt habe, der durchaus im
Schlafrock an Tisch kommen wollte.--Kann Er auch
zeichnen?

Luffer.
Etwas, gndiger Herr.--Ich kann Ihnen einige Proben weisen.

Major.  (besieht sie)
Das ist ja scharmant!--Recht schn; gut das: Er soll
meine Tochter auch zeichnen lehren.--Aber hren Sie,
werther Herr Luffer, um Gottes Willen ihr nicht scharf
begegnet; das Mdchen hat ein ganz ander Gemth als der
Junge.  Wei Gott!  es ist als ob sie nicht Bruder und
Schwester wren.  Sie liegt Tag und Nacht ber den
Bchern und ber den Trauerspielen da, und sobald man
ihr nur ein Wort sagt, besonders ich, von mir kann sie
nichts vertragen, gleich stehn ihr die Backen in Feuer
und die Thrnen lauffen ihr wie Perlen drber herab.  Ich
wills Ihm nur sagen: das Mdchen ist meines Herzens
einziger Trost.  Meine Frau macht mir bittre Tage genug:
sie will alleweil herrschen und weil sie mehr List und
Verstand hat, als ich.  Und der Sohn, das ist ihr
Liebling; den will sie nach ihrer Methode erziehen;
fein suberlich mit dem Knaben Absalom, und da wird
denn einmal so ein Galgenstrick draus, der nicht Gott,
nicht Menschen was Nutz ist.--Das will ich nicht
haben.--Sobald er was thut, oder was versieht, oder
hat seinen Lex nicht gelernt, sag' Ers mir nur und der
lebendige Teuffel soll drein fahren.--Aber mit der
Tochter nehm' Er sich in Acht; die Frau wird Ihm schon
zureden, da Er ihr scharf begegnen soll.  Sie kann sie
nicht leiden, das wei ich; aber wo ich das geringste
merke.  Ich bin Herr vom Hause, mu Er wissen, und wer
meiner Tochter zu nahe kommt--Es ist mein einziges
Kleinod, und wenn der Knig mir sein Knigreich fr
sie geben wollt': ich schicke ihn fort.  Alle Tage ist
sie in meinem Abendgebet und Morgengebet und in meinem
Tischgebet, und alles in allem, und wenn Gott mir die
Gnade thun wollte, da ich sie noch vor meinem Ende
mit einem General oder Staatsminister vom ersten Range
versorgt she,--denn keinen andern soll sie sein
Lebtage bekommen,--so wollt' ich gern ein zehn Jahr
eher sterben.--Merk' Er sich das--und wer meiner
Tochter zu nahe kommt oder ihr worinn zu Leid lebt--
die erste beste Kugel durch den Kopf.  Merk' Er Sich
das.--(geht ab.)


Fnfte Scene.
Fritz von Berg. Augustchen.


Fritz.
Sie werden nicht Wort halten Gustchen: Sie werden mir
nicht schreiben, wenn Sie in Heidelbrun sind, und dann
werd' ich mich zu Tode grmen.

Gustchen.
Glaubst Du denn, da Deine Juliette so unbestndig seyn
kann?  O nein; ich bin ein Frauenzimmer; die Mannspersonen
allein sind unbestndig.

Fritz.
Nein, Gustchen, die Frauenzimmer allein sinds.  Ja wenn
alle Julietten wren!--Wissen Sie was?  Wenn Sie an mich
schreiben, nennen Sie mich Ihren Romeo; thun Sie mir
den Gefallen: ich versichere Sie, ich werd' in allen
Stcken Romeo seyn, und wenn ich erst einen Degen trage.
O ich kann mich auch erstechen, wenn's dazu kommt.

Gustchen.
Gehn Sie doch!  Ja Sie werden's machen, wie im Gellert
steht: er besah die Spitz' und Schneide und steckt' ihn
langsam wieder ein.

Fritz.
Sie sollen schon sehen.  (fat sie an die Hand.) Gustchen--
Gustchen!  wenn ich Sie verlieren sollte oder der Onkel
wollte Sie einem andern geben.--Der gottlose Graf
Wermuth!  Ich kann Ihnen den Gedanken nicht sagen
Gustchen, aber Sie knnten ihn schon in meinen Augen
lesen--Er wird ein Graf Paris fr uns seyn.

Gustchen.
Fritzchen--so mach' ichs wie Juliette.

Fritz.
Was denn?--Wie denn?--Das ist ja nur eine Erdichtung;
es giebt keine solche Art Schlaftrunk.

Gustchen.
Ja, aber es giebt Schlaftrnke zum ewigen Schlaf.

Fritz.  (fllt ihr um den Hals)
Grausame!

Gustchen.
Ich hr' meinen Vater auf dem Gange.--La uns in den
Garten lauffen.--Nein; er ist fort.--Gleich nach dem
Caffee Fritzchen reisen wir und so wie der Wagen Dir
aus den Augen verschwindt, werd' ich Dir auch schon aus
dem Gedchtni seyn.

Fritz.
So mag Gott sich meiner nie mehr erinnern, wenn ich
Dich vergesse.  Aber nimm Dich fr den Grafen in Acht,
er gilt soviel bey deiner Mutter und Du weit, sie
mchte Dich gern aus den Augen haben, und eh' ich meine
Schulen gemacht habe und drey Jahr auf der Universitt,
das ist gar lange.

Gustchen.
Wie denn Fritzchen!  Ich bin ja noch ein Kind: ich bin
noch nicht zum Abendmahl gewesen, aber sag mir.--O wer
wei, ob ich Dich sobald wieder spreche!--Wart, komm in
den Garten.

Fritz.
Nein, nein, der Papa ist vorbey gegangen.--Siehst Du,
der Henker!  er ist im Garten.--Was wolltest Du mir sagen?

Gustchen.
Nichts...

Fritz.
Liebes Gustchen...

Gustchen.
Du solltest mir--Nein, ich darf das nicht von Dir
verlangen.

Fritz.
Verlange mein Leben, meinen letzten Tropfen Bluts.

Gustchen.
Wir wollten uns beyde einen Eid schwren.

Fritz.
O komm!  Vortreflich!  Hier la uns niederknien; am
Canapee, und heb' Du so Deinen Finger in die Hh'
und ich so meinen.--Nun sag, was soll ich schwren?

Gustchen.
Da Du in drey Jahren von der Universitt zurckkommen
willst und Dein Gustchen zu Deiner Frau machen; Dein
Vater mag dazu sagen, was er will.

Fritz.
Und was willst Du mir dafr wieder schwren, mein
englisches...  (kt sie)

Gustchen.
Ich will schwren, da ich in meinem Leben keines
andern Menschen Frau werden will, als Deine und wenn
der Kaiser von Ruland selber kme.

Fritz.
Ich schwr Dir hunderttausend Eide--(Der geheime Rath
tritt herein: beyde springen mit lautem Geschrey auf.)


Sechste Scene.


Geh. Rath.
Was habt Ihr nrrische Kinder?  Was zittert Ihr?--Gleich,
gesteht mir alles.  Was habt Ihr hier gemacht?  Ihr seyd
beyde auf den Knien gelegen.--Junker Fritz, ich bitte
mir eine Antwort aus; unverzglich:--Was habt Ihr
vorgehabt?

Fritz.
Ich, gndigster Papa?

Geh. Rath.
Ich?  und das mit einem so verwundrungsvollen Ton?  Siehst
Du: ich merk' alles.  Du mchtest mir itzt gern eine Lge
sagen, aber entweder bist Du zu dumm dazu, oder zu feig,
und willst Dich mit Deinem Ich?  heraushelfen. ... Und
Sie Mhmchen?--Ich wei.  Gustchen verheelt mir nichts.

Gustchen.  (fllt ihm um die Fe)
Ach, mein Vater--

Geh. Rath.  (hebt sie auf und kt sie.)
Wnschst Du mich zu Deinem Vater?  Zu frh, mein Kind, zu
frh Gustchen, mein Kind.  Du hast noch nicht communicirt.
--Denn warum soll ich euch verheelen, da ich euch
zugehrt habe.--Das war ein sehr einfltig Stckchen
von Euch beyden; besonders von Dir, groer vernnftiger
Junker Fritz, der bald einen Bart haben wird wie ich,
und eine Percke aufsetzen und einen Degen anstecken.
Pfuy, ich glaubt' einen vernnftigern Sohn zu haben.
Das macht Dich gleich ein Jahr jnger, und macht, da
Du lnger auf der Schule bleiben mut.  Und Sie, Gustchen,
auch Ihnen mu ich sagen, da es sich fr Ihr Alter gar
nicht mehr schickt, so kindisch zu thun.  Was sind das
fr Romane, die Sie da spielen?  Was fr Eide, die Sie
sich da schwren, und die Ihr doch alle beyde so gewi
brechen werdet als ich itzt mit Euch rede.  Meynt Ihr,
Ihr seyd in den Jahren, Eide zu thun, oder meynt Ihr,
ein Eid sey ein Kinderspiel, wie es das Versteckspiel
oder die blinde Kuh ist?  Lernt erst einsehen, was ein
Eid ist: lernt erst zittern dafr und alsdenn wagt's,
ihn zu schwren.  Wit, da ein Meineidiger die
schndlichste und unglcklichste Creatur ist, die von
der Sonne angeschienen wird.  Ein solcher darf weder den
Himmel ansehen, den er verleugnet hat, noch andere
Menschen, die sich unaufhrlich vor ihm scheuen, und
seiner Gesellschaft mit mehr Sorgfalt ausweichen, als
einer Schlange oder einem tckischen Hunde.

Fritz.
Aber ich denke meinen Eid zu halten.

Geh. Rath.
In der That Romeo?  Ha!  Du kannst Dich auch erstechen,
wenn's dazu kommt.  Du hast geschworen, da mir die Haare
zu Berg standen.  Also gedenkst Du Deinen Eid zu halten?

Fritz.
Ja Papa, bey Gott!  ich denk' ihn zu halten.

Geh. Rath.
Schwur mit Schwur bekrftigt!--Ich werd' es Deinem
Rektor beibringen.  Er soll Euch auf vierzehn Tage nach
Sekunda herunter transportiren, Junker: insknftige
lernt behutsamer schwren.  Und worauf?  Steht das in
Deiner Gewalt, was Du da versicherst?  Du willst Gustchen
heyrathen!  Denk doch!  weit Du auch schon, was fr ein
Ding das ist, Heyrathen?  Geh doch, heyrathe sie: nimm
sie mit auf die Akademie.  Nicht?  Ich habe nichts dawider,
da ihr Euch gern seht, da Ihr Euch lieb habt, da Ihrs
Euch sagt, wie lieb Ihr Euch habt; aber Narrheiten mt
Ihr nicht machen; keine Affen von uns Alten seyn, eh'
Ihr so reif seyd als wir; keine Romane spielen wollen,
die nur in der ausschweifenden Einbildungskraft eines
hungrigen Poeten ausgeheckt sind und von denen Ihr in
der heutigen Welt keinen Schatten der Wirklichkeit
antrefft.  Geht!  ich werde keinem Menschen was davon
sagen, damit ihr nicht nthig habt roth zu werden, wenn
Ihr mich seht.--Aber von nun an sollt ihr einander nie
mehr ohne Zeugen sehen.  Versteht Ihr mich?  Und Euch nie
andere Briefe schreiben als offene und das auch alle
Monathe, oder hchstens alle drey Wochen einmal, und
sobald ein heimliches Briefchen an Junker Fritz oder
Frulein Gustchen entdeckt wird--so steckt man den
Junker unter die Soldaten und das Frulein ins Kloster,
bis sie vernnftiger werden.  Versteht ihr mich?--Jetzt--
nehmt Abschied, hier in meiner Gegenwart.--Die Kutsche
ist angespannt, der Major treibt fort; die Schwgerin
hat schon Caffee getrunken.--Nehmt Abschied: Ihr
braucht Euch vor mir nicht zu scheuen.  Geschwind,
umarmt Euch.  (Fritz und Gustchen umarmen sich zitternd)
Und nun mein Tochter Gustchen, weil Du doch das Wort so
gern hrst, (hebt sie auf und kt sie) Leb tausendmal
wohl, und begegne Deiner Mutter mit Ehrfurcht; sie mag
Dir sagen was sie will.--Jetzt geh, mach!--(Gustchen
geht einige Schritte, sieht sich um; Fritz fliegt ihr
weinend an den Hals.) Die beyden Narren brechen mir das
Herz!  Wenn doch der Major vernnftiger werden wollte,
oder seine Frau weniger herrschschtig!--



Zweyter Akt.


Erste Scene.

Pastor Luffer.  Der geheime Rath.


Geh. Rath.
Ich bedaure ihn--und Sie noch Vielmehr, Herr Pastor,
da Sie solchen Sohn haben.

Pastor.
Verzeihen Euer Gnaden, ich kann mich ber meinen Sohn
nicht beschweren; er ist ein sittsamer und geschickter
Mensch, die ganze Welt und Dero Herr Bruder und Frau
Schwgerin selbst werden ihm das eingestehen mssen.

Geh. Rath.
Ich sprech' ihm das all nicht ab, aber er ist ein Thor,
und hat alle sein Mivergngen sich selber zu danken.
Er sollte den Sternen danken, da meinem Bruder das Geld,
das er fr den Hofmeister zahlt, einmal anfngt zu lieb
zu werden.

Pastor.
Aber bedenken Sie doch: nichts mehr als hundert Dukaten;
hundert arme Duktchen; und dreihundert hatt' er ihm doch
im ersten Jahr versprochen: aber beym Schlu desselben
nur hundert und vierzig ausgezahlt, jetzt beym Beschlu
des zweyten, da doch die Arbeit meines Sohnes immer
zunimmt, zahlt' er ihm hundert, und nun beym Anfang des
dritten wird ihm auch das zu viel.--Das ist wider alle
Billigkeit!  Verzeihn Sie mir.

Geh. Rath.
La es doch.--Das htt' ich Euch Leuten voraussagen
wollen, und doch solle Ihr Sohn Gott danken, wenn ihn
nur der Major beym Kopf nhm' und aus dem Hause wrfe.
Was soll er da, sagen Sie mir Herr?  Wollen Sie ein Vater
fr ihr Kind seyn und schliessen so Augen, Mund und
Ohren fr seine ganze Glckseligkeit zu?  Tagdieben, und
sich Geld dafr bezahlen lassen?  Die edelsten Stunden
des Tages bey einem jungen Herrn versitzen, der nichts
lernen mag und mit dem er's doch nicht verderben darf,
und die brigen Stunden, die der Erhaltung seines Lebens,
den Speisen und dem Schlaf geheiligt sind, an einer
Sklavenkette verseufzen; an den Winken der gndigen
Frau hngen, und sich in die Falten des gndigen Herrn
hineinstudiren; essen wenn er satt ist und fasten,
wenn er hungrig ist, Punsch trinken, wenn er pssn
mchte, und Karten spielen, wenn er das Lauffen hat.
Ohne Freyheit geht das Leben bergab rckwrts, Freyheit
ist das Element des Menschen wie das Wasser des Fisches,
und ein Mensch der sich der Freyheit begiebt, vergiftet
die edelsten Geister seines Bluts, erstickt seine
sssesten Freuden des Lebens in der Blthe und ermordet
sich selbst.

Pastor.
Aber--Oh!  erlauben Sie mir; das mu sich ja jeder
Hofmeister gefallen lassen; man kann nicht immer
seinen Willen haben, und das lt sich mein Sohn auch
gern gefallen, nur--

Geh. Rath.
Desto schlimmer, wenn er sichs gefallen lt, desto
schlimmer; er hat den Vorrechten eines Menschen entsagt,
der nach seinen Grundstzen mu leben knnen, sonst
bleibt er kein Mensch.  Mgen die Elenden, die ihre
Ideen nicht zu hherer Glckseligkeit zu erheben
wissen, als zu essen und zu trinken, mgen die sich
im Keficht zu Tode fttern lassen, aber ein Gelehrter,
ein Mensch, der den Adel seiner Seele fhlt, der den
Tod nicht so scheuen sollt' als eine Handlung, die
wider seine Grundstze luft...

Pastor.
Aber was ist zu machen in der Welt?  Was wollte mein
Sohn anfangen, wenn Dero Herr Bruder ihm die Condition
aufsagten?

Geh. Rath.
Lat den Burschen was lernen, da er dem Staat ntzen
kann.  Potz hundert Herr Pastor, Sie haben ihn doch
nicht zum Bedienten aufgezogen, und was ist er anders
als Bedienter, wenn er seine Freyheit einer Privatperson
fr einige Handvoll Dukaten verkauft?  Sklav' ist er,
ber den die Herrschaft unumschrnkte Gewalt hat, nur
da er so viel auf der Akademie gelernt haben mu,
ihren unbesonnenen Anmuthungen von weitem zuvorzukommen
und so einen Firni ber seine Dienstbarkeit zu
streichen: da heit denn ein feiner artiger Mensch,
ein unvergleichlicher Mensch; ein unvergleichlicher
Schurke, der, statt seine Krfte und seinen Verstand
dem allgemeinen Besten aufzuopfern, damit die Rasereyen
einer dampfigten Dame und eines abgedmpften Officiers
untersttzt, die denn tglich weiter um sich fressen
wie ein Krebsschaden und zuletzt unheilbar werden.  Und
was ist der ganze Gewinnst am Ende?  Alle Mittag Braten
und alle Abend Punsch, und eine grosse Portion Galle,
die ihm Tags ber ins Maul gestiegen, Abends, wenn er
zu Bett liegt, hinabgeschluckt, wie Pillen; das macht
gesundes Blut, auf meine Ehr'!  und mu auch ein
vortrefliches Herz auf die Lnge geben.  Ihr beklagt
Euch so viel bern Adel und ber seinen Stolz, die
Leute shn Hofmeister wie Domestiken an, Narren!  was
sind sie denn anders?  Stehn sie nicht in Lohn und Brod
bey ihnen wie jene?  Aber wer heit Euch ihren Stolz
nhren?  Wer heit euch Domestiken werden, wenn Ihr was
gelernt habt, und einem starrkpfischen Edelmann zinsbar
werden, der sein Tage von seinen Hausgenossen nichts
anders gewohnt war als sklavische Unterwrfigkeit?

Pastor.
Aber Herr Geheimer Rath--Gtiger Gott!  es ist in der
Welt nicht anders: man mu eine Warte haben, von der
man sich nach einem ffentlichen Amt umsehen kann, wenn
man von Universitten kommt; wir mssen den gttlichen
Ruf erst abwarten und ein Patron ist sehr oft das Mittel
zu unserer Befrderung: wenigstens ist es mir so gegangen.

Geh. Rath.
Schweigen Sie, Herr Pastor, ich bitt Sie, schweigen Sie.
Das gereicht Ihnen nicht zur Ehr.  Man wei ja doch, da
Ihre seelige Frau Ihr gttlicher Ruf war, sonst sen
Sie noch itzt beym Herrn von Tiesen und dngten ihm
seinen Acker.  Jemine!  da Ihr Herrn uns doch immer
einen so ehrwrdigen schwarzen Dunst vor Augen machen
wollt.  Noch nie hat ein Edelmann einen Hofmeister
angenommen, wo er ihm nicht hinter eine Allee von acht
neun Sklavenjahren ein schn Gemhlde von Befrderung
gestellt hat und wenn Ihr acht Jahr gegangen waret, so
macht' ers wie Laban und rckte das Bild um noch einmal
so weit vorwrts.  Possen!  lernt etwas und seyd brave
Leut.  Der Staat wird Euch nicht lang am Markt stehen
lassen.  Brave Leut sind allenthalben zu brauchen, aber
Schurken, die den Namen vom Gelehrten nur auf den Zettel
tragen und im Kopf ist leer Papier ...

Pastor.
Das ist sehr allgemein gesprochen, Herr Rath!--Es
mssen doch, bey Gott!  auch Hauslehrer in der Welt
seyn; nicht jedermann kann gleich geheimer Rath werden
und wenn er gleich ein Hugo Grotius wr.  Es gehren
heutiges Tags andere Sachen dazu als Gelehrsamkeit.--

Geh. Rath.
Sie werden warm, Herr Pastor!--Lieber, werther Herr
Pastor, lassen Sie uns den Faden unsers Streits nicht
verlieren.  Ich behaupte: es mssen keine Hauslehrer
in der Welt seyn!  das Geschmeis taucht den Teufel zu
nichts.

Pastor.
Ich bin nicht hergekommen mir Grobheiten sagen zu
lassen: ich bin auch Hauslehrer gewesen.  Ich habe die
Ehre--

Geh. Rath.
Warten Sie; bleiben Sie, lieber Herr Pastor!  Behte
mich der Himmel!  Ich habe Sie nicht beleidigen wollen
und wenn's wider meinen Willen geschehen ist, so bitt'
ich Sie tausendmahl um Verzeihung.  Es ist einmal meine
ble Gewohnheit, da ich gleich in Feuer gerathe, wenn
mir ein Gesprch interessant wird: alles brige
verschwinde mir denn aus dem Gesicht und ich sehe nur
den Gegenstand, von dem ich spreche.

Pastor.
Sie schtten,--Verzeihen Sie mir, ich bin auch ein
Cholerikus, und rede gern von der Lunge ab.--Sie
schtten das Kind mit dem Bade aus.  Hauslehrer taugen
zu nichts.--Wie knnen Sie mir das beweisen?  Wer soll
Euch jungen Herrn denn Verstand und gute Sitten
beibringen Was wr aus Ihnen geworden, mein werther
Herr geheimer Rath, wenn Sie keinen Hauslehrer gehabt
htten?

Geh. Rath.
Ich bin von meinem Vater zur ffentlichen Schul
gehalten worden, und seegne seine Asche dafr, und
so hoff' ich, wird mein Sohn Fritz auch dereinst thun.

Pastor.
Ja,--da ist aber noch viel drber zu sagen Herr!
Ich meiner Seits bin Ihrer Meynung nicht; ja wenn die
ffentlichen Schulen das wren, was sie seyn sollten.--
Aber die nchternen Subjecta, so oft den Classen
vorstehen; die pedantischen Methoden, die sie brauchen,
die unter der Jugend eingerissenen verderbten Sitten--

Geh. Rath.
Wes ist die Schuld?  Wer ist schuld dran, als ihr
Schurken von Hauslehrern?  Wrde der Edelmann nicht
von Euch in der Grille gestrkt, einen kleinen Hof
anzulegen, wo er als Monarch oben auf dem Thron sitzt,
und ihm Hofmeister und Mamsell und ein ganzer Wisch von
Tagdieben huldigen, so wrd' er seine Jungen in die
ffentliche Schule thun mssen; er wrde das Geld,
von dem er jetzt seinen Sohn zum hochadlichen Dummkopf
aufzieht, zum Fond der Schule schlagen: davon knnten
denn gescheidte Leute salarirt werden und alles wrde
seinen guten Gang gehn; das Studentchen mste was
lernen, um bey einer solchen Anstalt brauchbar zu
werden, und das junge Herrchen, anstatt seine
Faullenzerey vor den Augen des Papas und der Tanten,
die alle keine Argusse sind, knstlich und manierlich
zu verstecken, wrde seinen Kopf anstrengen mssen,
um es den brgerlichen Jungen zuvorzuthun, wenn es
sich doch von ihnen unterscheiden will.--Was die
Sitten anbetrift, das findt sich wahrhaftig.--Wenn
er gleich nicht, wie seine hochadliche Vettern, die
Nase von Kindesbeinen an hher tragen lernt als andere,
und in einem nachligen Ton, von oben herab, Unsinn
sagen, und Leuten ins Gesicht sehen, wenn sie den Hut
vor ihm abziehen, um ihnen dadurch anzudeuten, da
sie auf kein Gegencompliment warten sollen.  Die feinen
Sitten hol der Teufel!  Man kann dem Jungen Tanzmeister
auf der Stube halten, und ihn in artige Gesellschaften
fhren, aber er mu durchaus nicht aus der Sphre
seiner Schulkamraden herausgehoben, und in der Meinung
gestrkt werden, er sey eine bessere Kreatur als andere.

Pastor.
Ich habe nicht Zeit, (zieht die Uhr heraus) mich in
den Disput weiter mit Ihnen einzulassen, gndiger Herr;
aber so viel wei ich, da der Adel berall nicht ihrer
Meinung seyn wird.

Geh. Rath.
So sollten die Brger meiner Meynung seyn.--Die Noth
wrde den Adel schon auf andere Gedanken bringen, und
wir knnten uns bessere Zeiten versprechen.  Sapperment,
was kann aus unserm Adel werden, wenn ein einziger
Mensch das Faktotum bey dem Kinde seyn soll, ich setz'
auch den unmglichen Fall, da er ein Polyhistor wre,
wo will der eine Mann Feuer und Muth und Thtigkeit
hernehmen, wenn er alle seine Krfte auf einen
Schaafskopf concentriren soll, besonders wenn Vater
und Mutter sich kreutz und die quer immer mit in die
Erziehung mengen, und dem Fa, in welches er fllt,
den Boden immer wieder ausschlagen?

Pastor.
Ich bin um zehn Uhr zu einem Kranken bestellt.  Sie
werden mir verzeihen.--(Im Abgehen wendt er sich um)
Aber wr's nicht mglich, gndiger Herr, da Sie
Ihren zweyten Sohn nur auf ein halb Jhrchen zum
Herrn Major in die Kost thten?  Mein Sohn will gern
mit achtzig Dukaten zufrieden seyn, aber mit sechzigen,
die ihm der Herr Bruder geben wollen, da kann er nicht
von subsistiren.

Geh. Rath.
La ihn quittiren.--Ich thu es nicht, Herr Pastor!
Davon bin ich nicht abzubringen.  Ich will Ihrem Herrn
Sohn die dreyig Dukaten lieber schenken; aber meinem
Sohn geb ich zu keinem Hofmeister.  (Der Pastor hlt
ihm einen Brief hin) Was soll ich damit?  Es ist alles
umsonst, sag ich Ihnen.

Pastor.
Lesen Sie--Lesen Sie nur.--

Geh. Rath.
Je nun, ihm ist nicht--(liest)--wenden Sie doch
alles an, den Herrn geheimen Rath dahin zu vermgen,
--Sie knnen Sich nicht vorstellen, wie elend es
mir hier geht; nichts wird mir gehalten, was mir ist
versprochen worden.  Ich speise nur mit der Herrschaft,
wenn keine Fremde da sind,--das rgste ist, da ich
gar nicht von hier komme und in einem ganzen Jahr
meinen Fu nicht aus Heidelbrunn habe setzen--man
hatte mir ein Pferd versprochen, alle Vierteljahr
einmal nach Knigsberg zu reisen, als ich es foderte,
fragte mich die gndige Frau, ob ich nicht lieber zum
Carneval nach Venedig wollte.--(wirft den Brief an
die Erde.) Je nun, la ihn quittiren; warum ist er
ein Narr und bleibt da?

Pastor.
Ja das ist eben die Sache.  (hebt den Brief auf)
Belieben Sie doch nur auszulesen.

Geh. Rath.
Was ist da zu lesen?--(liest) Dem ohngeachtet kann
ich dies Haus nicht verlassen, und sollt' es mich
Leben und Gesundheit kosten.  So viel darf ich Ihnen
sagen, da die Aussichten in eine selige Zukunft mir
alle die Mhseligkeiten meines gegenwrtigen Standes--
Ja, das sind vielleicht Aussichten in die selige
Ewigkeit, sonst wei ich keine Aussichten, die mein
Bruder ihm erfnen knnte.  Er betrgt sich, glauben
Sie mirs; schreiben Sie ihm zurck, da er ein Thor
ist.  Dreyig Dukaten will ich ihm dies Jahr aus meinem
Beutel Zulage geben, aber ihn auch zugleich gebeten
haben, mich mit allen fernern Anwerbungen um meinen
Karl zu verschonen: denn ihm zu Gefallen werd' ich mein
Kind nicht verwahrlosen.


Zweyte Scene.

In Heidelbrunn.
Gustchen.  Luffer.


Gustchen.
Was fehlt ihnen dann?

Luffer.
Wie stehts mit meinem Portrt?  Nicht wahr, Sie haben
nicht dran gedacht?  Wenn ich auch so saumselig gewesen
wre--Hte ich das gewut: ich htt Ihren Brief so
lang zurckgehalten, aber ich war ein Narr.

Gustchen.
Ha ha ha.  Lieber Herr Hofmeister!  Ich habe wahrhaftig
noch nicht Zeit gehabt.

Luffer.
Grausame!

Gustchen.
Aber was fehlt Ihnen denn?  Sagen Sie mir doch!  So
tiefsinnig sind Sie ja noch nie gewesen.  Die Augen
stehn Ihnen ja immer voll Wasser: ich habe gemerkt,
Sie essen nichts.

Luffer.
Haben Sie?  In der That?  Sie sind ein rechtes Muster
des Mitleidens.

Gustchen.
O Herr Hofmeister--

Luffer.
Wollen Sie heut Nachmittag Zeichenstunde halten?

Gustchen.  (fat ihn an die Hand)
Liebster Herr Hofmeister!  verzeihen Sie, da ich sie
gestern aussetzte.  Es war mir wahrhaftig unmglich zu
zeichnen; ich hatte den Schnuppen auf eine erstaunende
Art.

Luffer.
So werden Sie ihn wohl heute noch haben.  Ich denke,
wir hren ganz auf zu zeichnen.  Es macht Ihnen kein
Vergngen lnger.

Gustchen.  (halbweinend)
Wie knnen Sie das sagen, Herr Luffer?  Es ist das
einzige, was ich mit Lust thue.

Luffer.
Oder Sie versparen es bis auf den Winter in die Stadt
und nehmen einen Zeichenmeister.  Ueberhaupt werd ich
Ihren Herrn Vater bitten, den Gegenstand Ihres
Abscheues, Ihres Hasses, Ihrer ganzen Grausamkeit von
Ihnen zu entfernen.  Ich sehe doch, da es Ihnen auf
die Lnge unausstehlich wird, von mir Unterricht
anzunehmen.

Gustchen.
Herr Luffer--

Luffer.
Lassen Sie mich--Ich mu sehen, wie ich das elende
Leben zu Ende bringe, weil mir doch der Tod verboten
ist--

Gustchen.
Herr Luffer--

Luffer.
Sie foltern mich.--(reit sich lo und geht ab.)

Gustchen.
Wie dauert er mich!


Dritte Scene.

Zu Halle in Sachsen.
Ptus Zimmer.
Fritz von Berg.
Ptus (im Schlafrock an einem Tisch sitzend.)


Ptus.
Ey was Berg!  Du bist ja kein Kind mehr, da du nach
Papa und Mama--Pfuy Teufel!  ich hab Dich allezeit
fr einen braven Kerl gehalten, wenn Du nicht mein
Schulkamerad wrst: ich wrde mich schmen mit Dir
umzugehen.

Fritz.
Ptus, auf meine Ehr, es ist nicht Heimweh, Du machst
mich bis ber die Ohren roth mit dem dummen Verdacht.
Ich mchte gern Nachricht von Hause haben, das gesteh'
ich, aber das hat seine Ursachen--

Ptus.
Gustchen--Nicht wahr?  Denk doch, Du arme Seele!
Hundertachtzig Stunden von ihr entfernt--Was fr
Wlder und Strme liegen nicht zwischen Euch?  Aber
warte, wir haben hier auch Mdchen; wenn ich nur
besser besponnen wre, ich wollte Dich heut in eine
Gesellschaft fhren--Ich wei nicht, wie Du auch
bist; ein Jahr in Halle und noch mit keinem Mdchen
gesprochen: das mu melancholisch machen; es kann
nicht anders seyn.  Warte, Du must mir hier einziehen,
da Du lustig wirst.  Was machst Du da bey dem Pfarrer?
Das ist keine Stube fr Dich--

Fritz.
Was zahlst Du hier?

Ptus.
Ich zahle--Wahrhaftig, Bruder, ich wei es nicht.
Es ist ein guter ehrlicher Philister, bey dem ich
wohne: seine Frau ist freylich bisweilen ein bischen
wunderlich, aber mags.  Was gehts mich an?  Wir zanken
uns einmal herum und denn la ich sie laufen: und die
schreiben mir alles auf.  Hausmiethe, Kaffee, Tabak;
alles was ich verlange, und denn zahl' ich die Rechnung
alle Jahre, wenn mein Wechsel kommt.

Fritz.
Bist du jetzt viel schuldig?

Ptus.
Ich habe die vorige Woche bezahlt.  Das ist wahr,
diesmal haben Sie mirs arg gemacht: mein ganzer
Wechsel hat herhalten mssen bis auf den letzten
Pfennig, und mein Rock, den ich Tags vorher versetzt
hatte, weil ich in der ussersten Noth war, steht
noch zu Gevattern.  Wei der Himmel, wenn ich ihn
wieder einlsen kann.

Fritz.
Und wie machst Dus denn itzt?

Ptus.
Ich?--Ich bin krank.  Heut morgen hat mich die Frau
Rthin Hamster invitiren lassen, gleich kroch ich ins
Bett ...

Fritz.
Aber bey dem schnen Wetter immer zu Hause zu sitzen.

Ptus.
Was macht das?  des Abends geh ich im Schlafrock
spatzieren, es ist ohnedem in den Hundstagen am Tage
nicht auszuhalten--Aber Potz Mordio!  Wo bleibt denn
mein Kaffee?  (pocht mit dem Fu) Frau Blitzer!--Nun
sollst Du sehn, wie ich meinen Leuten umspringe--Frau
Blitzer!  in aller Welt Frau Blitzer.  (klingelt und
pocht)--Ich habe sie krzlich bezahlt: nun kann ich
schon breiter thun--Frau ...

Frau Blitzer.  (tritt herein mit einer Portion Kaffee.)

Ptus.
In aller Welt, Mutter!  wo bleibst Du denn?  Das Wetter
soll Dich regieren.  Ich warte hier schon ber eine
Stunde--

Frau Blitzer.
Was?  Du nichtsnutziger Kerl, was lrmst Du?  Bist Du
schon wieder nichts nutz, abgeschabte Laus?  Den
Augenblick trag ich meinen Kaffee wieder herunter--

Ptus.  (giet sich ein)
Nun, nun, nicht so bse Mutter!  aber Zwieback--Wo
ist denn Zwieback?

Frau Blitzer.
Ja, kleine Steine Dir!  Es ist kein Zwieback im Hause.
Denk doch, ob so ein kahler lausichter Kerl nun alle
Nachmittag Zwieback frit oder nicht--

Ptus.
Was tausend alle Welt!  (stampft mit dem Fu) Sie
wei, da ich keinen Kaffee ohne Zwieback ins Maul
nehme--Wofr gebe ich denn mein Geld aus--

Frau Blitzer.  (langt ihm Zwieback aus der Schrze,
wobey sie ihn an den Haaren zupft.)
Da siehst Du, da ist Zwieback, Posaunenkerl!  Er hat
eine Stimme wie ein ganzes Regiment Soldaten.  Nu, ist
der Kaffee gut?  Ist er nicht?  Gleich sag mirs, oder
ich rei Ihm das letzte Haar aus Seinem kahlen Kopf
heraus.

Ptus.  (trinkt)
Unvergleichlich--Aye!--Ich hab in meinem Leben
keinen bessern getrunken.

Frau Blitzer.
Siehst Du Hundejunge!  Wenn Du die Mutter nicht httest,
die sich Deiner annhme und Dir zu essen und zu trinken
gbe, Du mstest an der Strasse verhungern.  Sehen Sie
ihn einmal an, Herr von Berg, wie er daher geht, keinen
Rock auf dem Leibe und sein Schlafrock ist auch, als
ob er darin wr aufgehenkt worden und wieder vom Galgen
gefallen.  Sie sind doch ein hbscher Herr, ich wei
nicht wie Sie mit dem Menschen umgehen knnen, nun
freylich unter Landsleuten da ist immer so eine kleine
Blutsverwandschaft, drum sag ich immer, wenn doch der
Herr von Berg zu uns einlogiren thte.  Ich wei, da
Sie viel Gewalt ber ihn haben: da knnte doch noch
was ordentliches aus ihm werden, aber sonst wahrhaftig--
(geht ab)

Ptus.
Siehst Du, ist das nicht ein gut fidel Weib.  Ich seh'
ihr all etwas durch die Finger, aber potz, wenn ich
auch einmal ernsthaft werde, kusch ist sie wie die
Wand--Willst Du nicht eine Tasse mit trinken?  (giet
ihm ein) Siehst Du, ich bin hier wohl bedient; ich
zahle was rechts, das ist wahr, aber dafr hab' auch
ich was ...

Fritz.  (trinkt.)
Der Kaffee schmeckt nach Gerste.

Ptus.
Was sagst Du?--(schmeckt gleichfalls) Ja wahrhaftig,
mit dem Zwieback hab' ichs nicht so--(sieht in die
Kanne) Nun so hol Dich!  (wirft das Kaffeezeug zum
Fenster hinaus) Gerstenkaffee und fnfhundert Gulden
jhrlich!--

Frau Blitzer.  (strzt herein)
Wie?  Was zum Teufel, was ist das?  Herr, ist Er rasend
oder plagt Ihn gar der Teufel?--

Ptus.
Still Mutter!

Frau Blitzer.  (mit grlichem Geschrey)
Aber wo ist mein Kaffeezeug?  Ey!  zum Henker!  aus dem
Fenster--Ich kratz' Ihm die Augen aus dem Kopf heraus.

Ptus.
Es war eine Spinne darin und ich warf's in der Angst--
Was kann ich dafr, da das Fenster offen stand?

Frau Blitzer.
Da Du verreckt wrst an der Spinne, wenn ich Dich mit
Haut und Haar verkaufe, so kannst Du mir mein
Kaffeezeug nicht bezahlen, nichtswrdiger Hund!
Nichts als Schaden und Unglck kann Er machen.  Ich
will Dich verklagen; ich will Dich in Karcer werfen
lassen.  (luft heraus)

Ptus.  (lachend)
Was ist zu machen, Bruder!  man mu sie schon ausrasen
lassen.

Fritz.
Aber fr Dein Geld?

Ptus.
Ey was!--Wenn ich bis Weyhnachten warten mu, wer
wird mir sogleich bis dahin kreditiren?  Und denn ists
ja nur ein Weib und ein nrrisch Weib dazu, dem's
nicht immer so von Herzen geht- wenn mirs der Mann
gesagt htte, das wr was anders, dem schlg' ich das
Leder voll--Siehst Du wohl!

Fritz.
Hast Du Feder und Tinte?

Ptus.
Dort auf dem Fenster--

Fritz.
Ich wei nicht, das Herz ist mir so schwer--Ich habe
nie was auf Ahndungen gehalten.

Ptus.
Ja mir auch--Die Dbblinsche Gesellschaft ist
angekommen.  Ich mchte gern in die Komdie gehn und
habe keinen Rock anzuziehen.  Der Schurke mein Wirth
leyht mir keinen und ich bin eine so groe dicke
Bestie, da mir keiner von all Euren Rcken passen
wrde.

Fritz.
Ich mu gleich nach Hause schreiben.  (setzt sich an
ein Fenster nieder und schreibt)

Ptus.  (setzt sich einem Wolfspelz gegenber, der an
der Wand hngt)
Hm!  nichts als den Pelz gerettet, von allen meinen
Kleidern, die ich habe, und die ich mir noch wollte
machen lassen.  Grade den Pelz, den ich im Sommer
nicht tragen kann, und den mir nicht einmal der Jude
zum Versatz annimmt, weil sich der Wurm leicht
hineinsetzt.  Hanke, Hanke!  das ist doch unverantwortlich,
da Du mir keinen Rock auf Pump machen willst.  (steht
auf und geht herum) Was hab' ich Dir gethan, Hanke,
da Du just mir keinen Rock machen willst?  Just mir,
der ich ihn am nthigsten brauche, weil ich jetzo
keinen habe, just mir!--Der Teufel mu Dich besitzen,
er macht Hunz und Kunz auf Kredit und just mir nicht!
(fat sich an den Kopf und stampft mit dem Fu) Just
mir nicht, just mir nicht!--

Bollwerk.  (der sich mittlerweile hineingeschlichen und
ihm zugehrt, fat ihn an: er kehrt sich um und bleibt
stumm vor Bollwerk stehen) Ha ha ha ...  Nun du armer
Ptus--ha ha ha!  Nicht wahr, es ist doch ein gottloser
Hanke, da er just Dir nicht--Aber, wo ist das rothe
Kleid mit Gold, das Du bey ihm bestellt hast, und das
blauseidne mit der silberstcknen Weste, und das
rothsammetne mit schwarz Sammet gefttert, das wr
vortreflich bey dieser Jahrszeit.  Sage mir!  antworte
mir!  Der verfluchte Hanke!  Wollen wir gehn und ihm die
Haut vollschlagen?  Wo bleibt er so lang mit Deiner
Arbeit?  Wollen wir?

Ptus.  (wirft sich auf einen Stuhl)
La mich zufrieden.

Bollwerk.
Aber hr Ptus, Ptus, P P P Ptus (setzt sich zu
ihm) Dbblin ist angekommen.  Hr P P P P Ptus,
wie wollen wir das machen?  Ich denke, Du ziehst Deinen
Wolfspelz an und gehst heut Abend in die Komdie.  Was
schadt's, Du bist doch fremd hier--und die ganze Welt
wei, da Du vier Paar Kleider bey Hanke bestellt hast.
Ob er sie Dir machen wird, ist gleich viel!--Der
verfluchte Kerl!  Wollen ihm die Fenster einschlagen,
wenn er sie Dir nicht macht!

Ptus.  (heftig)
La mich zufrieden, sag ich Dir.

Bollwerk.
Aber hr...aber...aber...hr hr hr' Ptus; nimm
Dich in Acht Ptus!  da Du mir des Nachts nicht mehr
im Schlafrock auf der Gasse lufst.  Ich wei, da Du
bange bist vor Hunden; es ist eben ausgetrummelt
worden, da zehn wtige Hunde in der Stadt herumlaufen
sollen; sie haben schon einige Kinder gebissen: zwey
sind noch davon kommen, aber vier sind auf der Stelle
gestorben.  Das machen die Hundstage?  Nicht wahr Ptus?
Es ist gut, da Du jetzt nicht ausgehen kannst.  Nicht
wahr?  Du gehst itzt mit allem Flei nicht aus?  Nicht
wahr P P Ptus?

Ptus.
La mich zufrieden ...  oder wir verzrnen uns.

Bollwerk.
Du wirst doch kein Kind seyn--Berg, kommen Sie mit
in die Komdie?

Fritz.  (zerstreut)
Was?--Was fr Komdie?

Bollwerk.
Es ist eine Gesellschaft angekommen--Legen Sie die
Schmieralien weg.  Sie knnen ja auf den Abend schreiben.
Man giebt heut Minna von Barnhelm.

Fritz.
O die mu ich sehen.--(steckt seine Briefe zu sich)
Armer Ptus, da Du keinen Rock hast.--

Bollwerk.
Ich lieh' ihm gern einen, aber es ist hol mich der
Teufel mein einziger, den ich auf dem Leibe habe--
(gehn ab)

Ptus.  (allein)
Geht zum Teufel mit Eurem Mitleiden!  Das rgert mich
mehr als wenn man mir ins Gesicht schlge--Ey was
mach ich mir draus.  (zieht seinen Schlafrock aus) La
die Leute mich fr wahnwitzig halten!  Minna von
Barnhelm mu ich sehen und wenn ich nackend hingehen
sollte!  (zieht den Wolfspelz an) Hanke, Hanke!  es
soll Dir zu Hause kommen!  (stampft mit dem Fu) Es
soll dir zu Hause kommen!  (geht)


Vierte Scene.

Frau Hamster.  Jungfer Hamster.  Jungfer Knicks.


Jungfer Knicks.
Ich kanns Ihnen vor Lachen nicht erzehlen, Frau
Rthin, ich mu krank vor Lachen werden.  Stellen
Sie Sich vor: wir gehen mit Jungfer Hamster im
Gchen hier nah bey, so luft uns ein Mensch im
Wolfspelz vorbey, als ob er durch Spieruthen gejagt
wrde; drey groe Hunde hinter ihm drein.  Jungfer
Hamster bekam einen Schubb, da sie mit dem Kopf an
die Mauer schlug und berlaut schreyen muste.

Frau Hamster.
Wer war es denn?

Jungfer Knicks.
Stellen Sie Sich vor, als wir ihm nachsahen, war's
Herr Ptus--Er mu rasend worden seyn.

Frau Hamster.
Mit einem Wolfspelz in dieser Hitze!

Jungfer Hamster.  (hlt sich den Kopf)
Ich glaube noch immer, er ist aus dem hitzigen Fieber
aufgesprungen.  Er lie uns heut Morgen sagen, er sey
krank.

Jungfer Knicks.
Und die drey Hunde hinter ihm drein, das war das
lustigste.  Ich hatte mir vorgenommen heut in die
Komdie zu gehen, aber nun mag ich nicht, ich wrde
doch da nicht soviel zu lachen kriegen.  Das verge
ich mein Lebtage nicht.  Seine Haare flogen ihm nach
wie der Schweif an einem Kometen, und je eyfriger er
lief, desto eyfriger schlugen die Hunde an und er
hatte das Herz nicht, sich einmal umzusehen...  Das
war unvergleichlich!

Frau Hamster.
Schrie er nicht?  Er wird gemeynt haben, die Hunde seyn
wtig.

Jungfer Knicks.
Ich glaub, er hatte keine Zeit zum Schreyen, aber roth
war er wie ein Krebs und hielt das Maul offen, wie die
Hunde hinter ihm drein--O das war nicht mit Geld zu
bezahlen!  ich gbe nicht meine Schnur chter Perlen
darum, da ich das nicht gesehen.


Fnfte Scene.

In Heidelbrunn.
Augustchens Zimmer.
Gustchen.  (liegt auf dem Bette)
Luffer.  (sitzt am Bette)


Luffer.
Stell Dir vor Gustchen, der geheime Rath will nicht.
Du siehst, da Dein Vater mir das Leben immer saurer
macht: nun will er mir gar aufs folgende Jahr nur
vierzig Dukaten geben.  Wie kann ich das aushalten?
Ich mu quittiren.

Gustchen.
Grausamer, und was werd ich denn anfangen?  (nachdem
beyde eine zeitlang sich schweigend angesehen) Du
siehst: ich bin schwach, und krank; hier in der
Einsamkeit unter einer barbarischen Mutter--Niemand
fragt nach mir, niemand bekmmert sich um mich:
meine ganze Familie kann mich nicht mehr leiden;
mein Vater selber nicht mehr: ich wei nicht warum.

Luffer.
Mach, da Du zu meinem Vater in die Lehre kommst;
nach Insterburg.

Gustchen.
Da kriegen wir uns nie zu sehen.  Mein Onkel leidt es
nimmer, da mein Vater mich zu Deinem Vater ins Haus
giebt.

Luffer.
Mit dem verfluchten Adelstolz!

Gustchen.  (nimmt seine Hand)
Wenn Du auch bse wirst, Herrmannchen!  (kt sie) O
od!  Tod!  warum erbarmst Du Dich nicht!

Luffer.
Rathe mir selber--Dein Bruder ist der ungezogenste
Junge den ich kenne: neulich hat er mir eine Ohrfeige
gegeben und ich durft ihm nichts dafr thun, durft
nicht einmal drber klagen.  Dein Vater htt ihm gleich
Arm und Bein gebrochen und die gndige Mama alle Schuld
zuletzt auf mich geschoben.

Gustchen.
Aber um meinetwillen--Ich dachte, Du liebtest mich.

Luffer.  (sttzt sich mit der andern Hand auf ihrem
Bett, indem sie fortfhrt seine eine Hand von Zeit zu
Zeit an die Lippen zu bringen.)
La mich denken...(bleibt nachsinnend sitzen)

Gustchen.  (in der beschriebenen Pantomime)
O Romeo!  Wenn dies Deine Hand wre.--Aber so verlssest
Du mich, unedler Romeo!  Siehst nicht, da Deine Julie
fr Dich stirbt--von der ganzen Welt, von ihrer
ganzen Familie gehat, verachtet, ausgespyen.  (drckt
seine Hand an ihre Augen) O unmenschlicher Romeo!

Luffer.  (sieht auf)
Was schwrmst Du wieder?

Gustchen.
Es ist ein Monolog aus einem Trauerspiel, den ich
gern recitire, wenn ich Sorgen habe.  (Luffer fllt
wieder in Gedanken, nach einer Pause fngt sie wieder
an) Vielleicht bist Du nicht ganz strafbar.  Deines
Vaters Verbot, Briefe mit mir zu wechseln, aber die
Liebe setzt ber Meere und Strme, ber Verbot und
Todesgefahr selbst--Du hast mich vergessen...
Vielleicht besorgtest Du fr mich--ja,--ja, Dein
zrtliches Herz sah, was mir drohte, fr schrcklicher
an, als das was ich leide.  (kt Luffers Hand inbrnstig)
O gttlicher Romeo!

Luffer.  (kt ihre Hand lange wieder und sieht sie
eine Weile stumm an)
Es knnte mir gehen wie Ablard--

Gustchen.  (richtet sich auf)
Du irrst Dich--Meine Krankheit liegt im Gemth--
Niemand wird Dich muthmaen--(fllt wieder hin) Hast
Du die neue Heloise gelesen?

Luffer.
Ich hre was auf dem Gang nach der Schulstube.--

Gustchen.
Meines Vaters--Um Gotteswillen!--Du bist drey
Viertelstund zu lang hiergeblieben.

(Luffer luft fort)


Sechste Scene.

Die Majorin.  Graf Wermuth.


Graf.
Aber gndige Frau!  kriegt man denn Frulein Gustchen
gar nicht mehr zu sehen?  Wie befindt sie sich auf die
vorgestrige Jagd?

Majorin.
Zu Ihrem Befehl; sie hat die Nacht Zahnschmerzen
gehabt, darum darf sie sich heut nicht sehen lassen.
Was macht Ihr Magen, Graf!  auf die Austern?

Graf.
O das bin ich gewohnt.  Ich habe neulich mit meinem
Bruder ganz allein auf unsre Hand sechshundert Stck
aufgegessen und zwanzig Bouteillen Champagner dabey
ausgetrunken.

Majorin.
Rheinwein wollten Sie sagen.

Graf.
Champagner--Es war eine Idee, und ist uns beyden
recht gut bekommen.  Denselben Abend war Ball in
Knigsberg, mein Bruder hat bis an den andern Mittag
getanzt und ich Geld verloren.

Majorin.
Wollen wir ein Piquet machen?

Graf.
Wenn Frulein Gustchen kme, macht' ich ein Paar
Touren im Garten mit ihr.  Ihnen, gndige Frau, darf
ichs nicht zumuthen; mit Ihrer Fontenelle am Fu.

Majorin.
Ich wei auch nicht, wo der Major immer steckt.  Er
ist in seinem Leben so rasend nicht auf die Oekonomie
gewesen; den ganzen ausgeschlagenen Tag auf dem Felde
und wenn er nach Hause kommt, sitzt er stumm wie ein
Stock.  Glauben Sie, da ich anfange mir Gedanken drber
zu machen.

Graf.
Er scheint melancholisch.

Majorin.
Wei es der Himmel--Neulich hatt' er wieder einmal
den Einfall bey mir zu schlafen, und da ist er mitten
in der Nacht aus dem Bett' aufgesprungen und hat sich--
He he, ich soll es Ihnen nicht erzehlen, aber Sie
kennen ja die lcherliche Seite von meinem Mann schon.

Graf.
Und hat sich ...

Majorin.
Auf die Knie niedergeworfen und an die Brust geschlagen
und geschluchzt und geheult, da mir zu grauen anfieng.
Ich hab ihn aber nicht fragen mgen, was gehen mich
seine Narrheiten an?  Mag er Pietist oder Quacker
werden.  Meinethalben!  Er wird dadurch weder hlicher
noch liebenswrdiger in meinen Augen werden, als er
ist.  (sieht den Grafen schalkhaft an)

Graf.  (fat sie ans Kinn)
Bohafte Frau!--Aber wo ist Gustchen?  Ich mchte gar
zu gern mit ihr spatzieren gehn.

Majorin.
Still da kommt ja der Major ...  Sie knnen mit ihm
gehen, Graf.

Graf.
Denk doch--Ich will nun aber mit Ihrer Tochter gehn.

Majorin.
Sie wird noch nicht angezogen seyn: es ist was
unausstehliches, wie faul das Mdchen ist--

(Major von Berg kommt im Nachtwmmschen, einen
Strohhut auf.)

Majorin.
Nun wie stehts, Mann?  Wo treiben Sie Sich denn wieder
herum?  Man kriegt Sie ja den ganzen Tag nicht zu sehen.
Sehn Sie ihn nur an Herr Graf; sieht er doch wie der
Heavtontimorumenos in meiner groen Madame Dacier
abgemahlt--Ich glaube, Du hast gepflgt, Herr Major?
Wir sind itzt in den Hundstagen.

Graf.
In der That, Herr Major, Sie haben noch nie so bel
ausgesehen, bla, hager, Sie mssen etwas haben, das
Ihnen auf dem Gemth liegt, was bedeuten die Thrnen
in Ihren Augen, sobald man Sie aufmerksam ansieht?
Ich kenne Sie doch zehn Jahr schon und habe Sie nie
so gesehen, selbst da nicht, als Ihr Bruder starb.

Majorin.
Geitz, nichts als der leidige Geitz, er meynt, wir
werden verhungern, wenn er nicht tglich wie ein
Maulwurf auf dem Felde whlt.  Bald grbt er, bald
pflgt er, bald eggt er.  Du willst doch nicht Bauer
werden?  Du mut mir vorher einen andern Mann geben,
der die Aufsicht ber Dich fhrt.

Major.
Ich mu wohl schaffen und scharren, meiner Tochter
einen Platz im Hospital auszumachen.

Majorin.
Was sind das nun wieder fr Phantasien!--Ich mu
wahrhaftig den Doktor Wrz noch aus Knigsberg holen
lassen.

Major.
Du siehst nimmer nichts, vornehme Frau!  da Dein Kind
von Tag zu Tag abfllt, da sie Schnheit, Gesundheit
und den ganzen Plunder verliert und dahergeht, als ob
sie, hol mich der Teufel--Gott verzeyh mir meine
schwere Snde,--als ob der arme Lazarus sie gemacht
htte--Es frit mir die Leber ab--

Majorin.
Hren Sie ihn nur!  Wie er mich anfhrt!  Bin ich schuld
daran?  Bist du denn wahnwitzig?

Major.
Ja freylich bist Du schuld daran, oder was ist sonst
schuld daran?  Ich kann's, zerschlag mich der Donner!
nicht begreifen.  Ich dacht immer, ihr eine der ersten
Parthien im Reich auszumachen; denn sie hat auf der
ganzen Welt an Schnheit nicht ihres gleichen gehabt
und nun sieht sie aus wie eine Khmagd--Ja freilich
bist Du schuld daran mit Deiner Strenge und Deinen
Grausamkeiten und Deinem Neid, das hat sie sich zu
Gemth gezogen und das ist ihr nun zum Gesicht
herausgeschlagen, aber das ist Deine Freude, gndige
Frau, denn Du bist lang schalu ber sie gewesen.  Das
kannst Du doch nicht leugnen?  Solltst Dich in Dein
Herz schmen, wahrhaftig!  (geht ab)

Majorin.
Aber ...  aber was sagen Sie dazu, Herr Graf!  Haben
Sie in Ihrem Leben eine rgere Kollektion von Sottisen
gesehen?

Graf.
Kommen Sie; wir wollen Piquet spielen, bis Frulein
Gustchen angezogen ist..


Siebente Scene.

In Halle.
Fritz von Berg. (im Gefngni) Bollwerk.
von Seiffenblase und sein Hofmeister.  (stehn um ihn)


Bollwerk.
Wenn ich doch den Jungen hier htte, da Fell zg'
ich ihm ber die Ohren.  Es ist mit alledem doch
infam gehandelt, einen ehrlichen Jungen, wie Berg,
ins Karcer zu bringen; da sich keiner sein hat
annehmen wollen.  Denn das ist ja wahr, kein einziger
Landsmann hat den Fu vor die Thr seinethalben
gesetzt.  Wenn Berg nicht gut fr ihn gesagt htte,
wr' er im Gefngni verfault.  Und in vierzehn Tagen
soll das Geld hier seyn und wo er den Berg in
Verlegenheit lt, soll man ihn fr einen ausgemachten
Schurken halten.  O du verdammter P P P P Ptus!
Wart Du verhenkerter Ptus, wart einmal!--

Hofmeister.
Ich kann Ihnen nicht genug beschreiben, lieber Herr
von Berg, wie leyd es mir besonders um Ihres Herrn
Vaters und der Familie willen thut, Sie in einem
solchen Zustande zu sehen und noch dazu ohne Ihre
Schuld, aus blosser jugendlicher Unbesonnenheit.
Es hat schon einer von den sieben Weisen
Griechenlandes gesagt, fr Brgschaften sollst du
dich in Acht nehmen und in der That es ist nichts
unverschmter, als da ein junger Durchbringer, der
sich durch seine lderliche Wirthschaft ins Elend
gestrzt hat, auch andere mit hineinziehen will,
denn vermuthlich hat er das gleich anfangs im Sinne
gehabt, als er auf der Akademie Ihre Freundschaft
suchte.

Herr von Seiffenblase.
Jaja, lieber Bruder Berg!  nimm mir nicht bel, da
hast Du einen groen Bock gemacht.  Du bist selbst
schuld daran; dem Kerl httst Du's doch gleich
ansehen knnen, da er Dich betrgen wrde.  Er ist
bey mir auch gewesen und hat mich angesprochen: er
wr' aufs usserste getrieben, seine Kreditores
wollten ihn wegstecken lassen, wo ihn nicht Sonn
noch Mond beschiene.  La sie dich, dachte ich, es
schadt dir nichts.  Das ist dafr, da Du uns sonst
kaum ber die Achsel ansahst, aber wenn ihr in Noth
seyd, da sind die Adelichen zu Kaventen gut genug.
Er erzehlte mir Langes und Breites; er htte seine
Pistolen schon geladen, im Fall die Kreditores ihn
angriffen--Und nun lt der lderliche Hund Dich an
seiner Stelle prostituiren.  Das ist wahr, wenn mir
das geschehen wre: ich knnte so ruhig nicht dabey
seyn: zwischen vier Mauren der Herr von Berg und das
um eines lderlichen Studenten willen.

Fritz.
Er war mein Schulkamerad--Lat ihn zufrieden.  Wenn
ich mich nicht ber ihn beklage, was geht's Euch an?
Ich kenn' ihn lnger als Ihr; ich wei, da er mich
nicht mit seinem guten Willen hier sitzen lt.

Hofmeister.
Aber, Herr von Berg, wir mssen in der Welt mit
Vernunft handeln.  Sein Schade ist es gewi nicht,
da Sie hier fr ihn sitzen und seinethalben knnen
Sie noch ein Sekulum so sitzen bleiben--

Fritz.
Ich hab' ihn von Jugend auf gekannt: wir haben uns
noch niemals was abgeschlagen.  Er hat mich wie seinen
Bruder geliebt, ich ihn wie meinen.  Als er nach Halle
reite, weint' er zum erstenmal in seinem Leben, weil
er nicht mit mir reisen konnte.  Ein ganzes Jahr frher
htt' er schon auf die Akademie gehn knnen, aber um
mit mir zusammen zu reisen, stellt' er sich gegen
die Prceptores dummer als er war, und doch wollt es
das Schicksal und unsre Vter so, da wir nicht
zusammen reiten und das war sein Unglck.  Er hat nie
gewut mit Geld umzugehen und gab jedem was er
verlangte.  Htt' ihm ein Bettler das letzte Hemd vom
Leibe gezogen und dabey gesagt: mit Ihrer Erlaubnis,
lieber Herr Ptus, er htt's ihm gelassen.  Seine
Kreditores giengen mit ihm um wie Strasenruber und
sein Vater verdiente nie, einen verlornen Sohn zu
haben, der bey all seinem Elend ein so gutes Herz
nach Hause brachte.

Hofmeister.
O verzeyhn Sie mir, Sie sind jung und sehen alles noch
aus dem vortheilhaftesten Gesichtspunkt an: man mu
erst eine Weile unter den Menschen gelebt haben um
Charaktere beurtheilen zu knnen.  Der Herr Ptus, oder
wie er da heit, hat sich Ihnen bisher immer nur unter
der Maske gezeigt; jetzt kommt sein wahres Gesicht
erst ans Tageslicht: er mu einer der feinsten und
abgefeimtesten Betrger gewesen seyn, denn die
treuherzigen Spitzbuben...

Ptus.  (in Reisekleidern fllt Berg um den Hals)
Bruder Berg--

Fritz v. Berg.
Bruder Ptus--

Ptus.
Nein--la--zu Deinen Fen mu ich liegen--Dich
hier--um meinetwillen.  (rauft sich das Haar mit
beyden Hnden und stampft mit den Fen) O Schicksal!
Schicksal!  Schicksal!

Fritz.
Nun wie ists?  Hast Du Geld mitgebracht?  Ist Dein
Vater vershnt?  Was bedeutet Dein Zurckkommen?

Ptus.
Nichts, nichts--Er hat mich nicht vor sich gelassen--
Hundert Meilen umsonst gereit!--Ihr Diener, Ihr
Herren.  Bollwerk wein' nicht, Du erniedrigst mich zu
tief, wenn Du gut fr mich denkst--O Himmel, Himmel!

Fritz.
So bist Du der rgste Narr, der auf dem Erdboden
wandelt.  Warum kommst Du zurck?  Bist Du wahnwitzig?
Haben alle Deine Sinne Dich verlassen?  Willst Du, da
die Kreditores Dich gewahr werden--Fort!  Bollwerk,
fhr ihn fort; sieh da Du ihn sicher aus der Stadt
bringst--Ich hre den Pedell--Ptus, ewig mein Feind,
wo Du nicht im Augenblick--

Ptus.  (wirft sich ihm zu Fen)

Fritz.
Ich mchte rasend werden.--

Bollwerk.
So sey doch nun kein Narr, da Berg so gromthig ist
und fr Dich sitzen bleiben will; sein Vater wird ihn
schon auslsen: aber wenn Du einmal sitzest, so ist
keine Hofnung mehr fr Dich; Du must im Gefngni
verfaulen.

Ptus.
Gebt mir einen Degen her ...

Fritz.
Fort!--

Bollwerk.
Fort!--

Ptus.
Ihr thut mir eine Barmherzigkeit, wenn ihr mir einen
Degen--

Seiffenblase.
Da haben Sie meinen...

Bollwerk.  (greift ihn in den Arm)
Herr--Schurke!  Lassen Sie--Stecken Sie nicht ein!
Sie sollen nicht umsonst gezogen haben.  Erst will ich
meinen Freund in Sicherheit und dann erwarten Sie mich
hier--Drauen, wohl zu verstehen; also vor der Hand
zur Thr hinaus!  (wirft ihn zur Thr hinaus)

Hofmeister.
Mein Herr Bollwerk--

Bollwerk.
Kein Wort, Sie--gehen Sie Ihrem Jungen nach und lehren
Sie ihn, kein schlechter Kerl seyn--Sie knnen mich
haben wo und wie Sie wollen.  (der Hofmeister geht ab)

Ptus.
Bollwerk!  ich will Dein Sekundant seyn.

Bollwerk.
Narr auch!  Du thust als--Willst Du mir den Handschuh
vielleicht halten, wenn ich vorher eins bern Daumen
pisse?--Was brauchts da Sekundanten.  Komm nur fort
und sekundire Dich zur Stadt hinaus, Hasenfu.

Ptus.
Aber ihrer sind zwey.

Bollwerk.
Ich wnschte, da ihrer zehn wren und keine
Seiffenblasen drunter--So komm doch, und mach Dich
nicht selbst unglcklich, nrrischer Kerl.

Ptus.
Berg!--(Bollwerk reit ihn mit sich fort)



Dritter Akt.


Erste Scene.

In Heidelbrunn.

Der Major.  (im Nachtwmmschen) Der geheime Rath.


Major.
Bruder, ich bin der alte nicht mehr.  Mein Herz sieht
zehnmal toller aus als mein Gesicht--Es ist sehr gut,
da Du mich besuchst; wer wei, ob wir uns so lang mehr
sehen.

Geh. Rath.
Du bist immer ausschweifend, in allen Stcken--Dir
ein Nichts so zu Herzen gehen zu lassen!--Wenn Deiner
Tochter die Schnheit abgeht, so bleibt sie doch immer
noch das gute Mdchen, das sie war; so kann sie hundert
andre liebenswrdige Eigenschaften besitzen.

Major.
Ihre Schnheit--Hol mich der Teufel, es ist nicht
das allein, was ihr abgeht; ich wei nicht, ich werde
noch den Verstand verlieren, wenn ich das Mdchen
lang unter Augen behalte.  Ihre Gesundheit ist hin,
ihre Munterkeit, ihre Lieblichkeit, wei der Teufel,
wie man das Dings all nennen soll; aber obschon ichs
nicht nennen kann, so kann ichs doch sehen, so kann
ichs doch fhlen und begreifen, und Du weist, da ich
aus dem Mdchen meinen Abgott gemacht habe.  Und da
ich sie so sehn mu unter meinen Hnden hinsterben,
verwesen.--(weint) Bruder geheimer Rath, Du hast keine
Tochter; Du weit nicht, wie einem Vater zu Muth seyn
mu, der eine Tochter hat.  Ich hab dreyzehn Bataillen
beygewohnt und achtzehn Blessuren bekommen, und hab
den Tod vor Augen gesehen und bin--O la mich
zufrieden; pack Dich zu meinem Haus hinaus; la die
ganze Welt sich fortpacken.  Ich will es anstecken
und die Schaufel in die Hand nehmen und Bauer werden.

Geh. Rath.
Und Frau und Kinder--

Major.
Du beliebst zu scherzen: ich wei von keiner Frau und
Kindern, ich bin Major Berg gottseligen Andenkens und
will den Pflug in die Hand nehmen und will Vater Berg
werden, und wer mir zu nahe kommt, dem geb ich mit
meiner Hack' ber die Ohren.

Geh. Rath.
So schwermerisch-schwermthig hab ich ihn doch nie
gesehen.

(Die Majorin sttzt herein.)

Majorin.
Zu Hlfe Mann--Wir sind verloren--Unsere Familie!
unsere Familie!

Geh. Rath.
Gott beht Frau Schwester!  Was stehen Sie an: Wollen
Sie Ihren Mann rasend machen?

Majorin.
Er soll rasend werden--Unsere Familie--Infamie!--
O ich kann nicht mehr--(fllt auf einen Stuhl)

Major.  (geht auf sie zu)
Willst Du mit der Sprach' heraus?--Oder ich dreh Dir
den Hals um.

Majorin.
Deine Dochter--Der Hofmeister.--Lauf!  (fllt in Ohnmacht)

Major.
Hat er sie zur Hure gemacht?  (schttelt sie) Was fllst
Du da hin; jetzt ists nicht Zeit zum hinfallen.  Heraus
mit, oder das Wetter soll Dich zerschlagen.  Zur Hure
gemacht?  Ists das?--Nun so werd' denn die ganze Welt
zur Hure und Du Berg nimm die Mistgabel in die Hand--
(will gehen)

Geh. Rath.  (hlt ihn zurck)
Bruder, wenn Du Dein Leben lieb hast, so bleib hier--
Ich will alles untersuchen--Deine Wut macht Dich
unmndig.  (geht ab und schliet die Thr zu)

Major.  (arbeitet vergebens sie aufzumachen)
Ich werd Dich beunmndig--(zu seiner Frau) Komm, komm,
Hure, Du auch!  sieh zu.  (reit die Thr auf) Ich will
ein Exempel statuiren--Gott hat mich bis hieher
erhalten, damit ich an Weib und Kindern Exempel
statuiren kann--Verbrannt, verbrannt, verbrannt!
(schleppt seine Frau ohnmchtig vom Theater)


Zweyte Scene.

Eine Schule im Dorf
Es ist finstrer Abend.
Wenzeslaus.  Luffer.


Wenzeslaus.  (sitzt an einem Tisch, die Brill auf der
Nase und lineirt)
Wer da?  Was giebts?

Luffer.
Schutz!  Schutz!  werther Herr Schulmeister!  Man steht
mir nach dem Leben.

Wenzeslaus.
Wer ist Er denn?

Luffer.
Ich bin Hofmeister im benachbarten Schlo.  Der Major
Berg ist mit all seinen Bedienten hinter mir und wollen
mich erschieen.

Wenzeslaus.
Behte--Setz' Er Sich hier nieder zu mir--Hier hat
Er meine Hand: Er soll sicher bey mir seyn--Und nun
erzehl Er mir, derweil ich diese Vorschrift hier
schreibe.

Luffer.
Lassen Sie mich erst zu mir selber kommen.

Wenzeslaus.
Gut, verschnauf' Er Sich und hernach will ich Ihm ein
Glas Wein geben lassen und wollen eins zusammen trinken.
Unterdessen, sag er mich doch--Hofmeister--(legt das
Lineal weg, nimmt die Brille ab und sieht ihn eine
Weile an) Nun ja, nach dem Rock zu urtheilen.--Nun
nun, ich glaubs Ihm, da Er der Hofmeister ist.  Er
sieht ja so roth und wei drein.  Nun sag Er mir aber
doch, mein lieber Freund, (setzt die Brille wieder auf)
wie ist Er denn zu dem Unstern gekommen, da Sein Herr
Patron so entrstet auf Ihn ist?  Ich kann mirs doch
nimmermehr einbilden, da ein Mann, wie der Herr Major
von Berg--Ich kenne ihn wohl; ich habe genug von ihm
reden hren; er soll freilich von einem hastigen
Temperament seyn; viel Cholera, viel Cholera--Sehen
Sie, da mu ich meinen Buben selber die Linien ziehen,
denn nichts lernen die Bursche so schwer als das
Gradeschreiben, das Gleichschreiben--Nicht zierlich
geschrieben; nicht geschwind geschrieben; sag' ich
immer, aber nur grad geschrieben, denn das hat seinen
Einflu in alles, auf die Sitten, auf die Wissenschaften,
in alles, lieber Herr Hofmeister.  Ein Mensch, der nicht
grad schreiben kann, sag' ich immer, der kann auch nicht
grad handeln--Wo waren wir?

Luffer.
Drft' ich mir ein Glas Wasser ausbitten?

Wenzeslaus.
Wasser?--Sie sollen haben.  Aber--ja wovon redten wir?
Vom Gradschreiben; nein vom Major--he he he--Aber
wissen Sie auch Herr--Wie ist Ihr Name?

Luffer.
Mein--Ich heie--Mandel.

Wenzeslaus.
Herr Mandel--Und darauf muten Sie Sich noch besinnen?
Nun ja, man hat bisweilen Abwesenheiten des Geistes;
besonders die jungen Herren wei und roth--Sie heien
unrecht Mandel; Sie sollten Mandelblthe heien, denn
Sie sind ja wei und roth wie Mandelblthe--Nun ja
freilich, der Hofmeisterstand ist einer von denen,
unus ex his, die alleweile mit Rosen und Lilien
berstreut sind, und wo einen die Dornen des Lebens
nur gar selten stechen.  Denn was hat man zu thun?  Man
it, trinkt, schlft, hat fr nichts zu sorgen; sein
gut Glas Wein gewi, seinen Braten tglich, alle
Morgen seinen Kaffee, Thee, Schokolade, oder was man
trinkt und das geht denn immer so fort--Nun ja, ich
wollt Ihnen sagen: wissen Sie auch, Herr Mandel, da
ein Glas Wasser der Gesundheit eben so schdlich auf
eine heftige Gemthsbewegung als auf eine heftige
Leibesbewegung; aber freylich, was fragt Ihr jungen
Herren Hofmeister nach der Gesundheit--Denn sagt mir
doch, (legt Brille und Lineal weg und steht auf) wo
in aller Welt kann das der Gesundheit gut thun, wenn
alle Nerven und Adern gespannt sind und das Blut ist
in der heftigsten Cirkulation und die Lebensgeister
sind alle in einer--Hitze, in einer--

Luffer.
Um Gotteswillen der Graf Wermuth--(springt in eine
Kammer)

(Graf Wermuth mit ein Paar Bedienten, die Pistolen
tragen)

Graf.
Ist hier ein gewisser Luffer--Ein Student im blauen
Rock mit Tressen?

Wenzeslaus.
Herr, in unserm Dorf ists die Mode, da man den Hut
abzieht, wenn man in die Stube tritt und mit dem Herrn
vom Hause spricht.

Graf.
Die Sache pressirt--Sagt mir, ist er hier oder nicht?

Wenzeslaus.
Und was soll er denn verbrochen haben, da Ihr ihn so
mit gewafneter Hand sucht?(Graf will in die Kammer, er
stellt sich vor die Thr) Halt Herr!  Die Kammer ist
mein, und wo Ihr nicht augenblicklich Euch aus meinem
Hause packt, so zieh ich nur an meiner Schelle und
ein halb Dutzend handfester Bauerkerle schlgt Euch
zu morsch Pulver-Granatenstcken.  Seyd Ihr Strassenruber,
so mu man Euch als Strassenrubern begegnen.  Und damit
Ihr Euch nicht verirrt und den Weg zum Haus' hinaus so
gut findt als Ihr ihn hinein gefunden habt--(fat ihn
an die Hand und fhrt ihn zur Thr hinaus: die Bedienten
folgen ihm)

Luffer.  (springt aus der Kammer hervor)
Glcklicher Mann!  Beneidenswerther Mann!

Wenzeslaus.  (in der obigen Attitude)
In--Die Lebensgeister sagt' ich, sind in einer--
Begeisterung, alle Passionen sind gleichsam in einer
Emprung, in einem Aufruhr--Nun wenn Ihr da Wasser
trinkt, so gehts, wie wenn man in eine mchtige Flamme
Wasser schttet.  Die starke Bewegung der Luft und der
Krieg zwischen den beyden entgegengesetzten Elementen
macht eine Effervescenz, eine Ghrung, eine Unruhe,
ein tumultuarisches Wesen.--

Luffer.
Ich bewundere Sie...

Wenzeslaus.
Gottlieb!--Jetzt knnen Sie schon allgemach trinken--
Allgemach--und denn werden Sie auf den Abend mit einem
Sallat und Knackwurst vorlieb nehmen--Was war das fr
ein ungeschliffener Kerl, der nach Ihnen suchte?

Luffer.
Es ist der Graf Wermuth, der knftige Schwiegersohn des
Majors; er ist eiferschtig auf mich, weil das Frulein
ihn nicht leiden kann--

Wenzeslaus.
Aber was soll denn das auch?  Was will das Mdchen denn
auch mit ihm Monsieur Jungfernknecht?  Sich ihr Glck zu
verderben, um eines solchen jungen Siegfrieds willen,
der nirgends Haus oder Heerd hat?  Das la Er sich aus
dem Kopf und folg' Er mir nach in die Kche.  Ich seh,
mein Bube ist fortgangen, mir Bratwrste zu holen.  Ich
will ihm selber Wasser schpfen, denn Magd hab' ich
nicht und an eine Frau hab' ich mich noch nicht
unterstanden zu denken, weil ich wei, da ich keine
ernhren kann--geschweige denn eine drauf angesehen,
wie Ihr junge Herren Wei und Roth--Aber man sagt wohl
mit Recht, die Welt verndert sich.


Dritte Scene.

In Heidelbrunn.
Der Geheime Rath.  Herr von Seiffenblase, und sein
Hofmeister.


Hofmeister.
Wir haben uns in Halle nur ein Jahr aufgehalten und
als wir von Gttingen kamen, nahmen wir unsere Rckreise
ber alle berhmte Universitten in Deutschland.  Wir
konnten also in Halle das zweytemal nicht lange
verweilen; zudem sa Ihr Herr Sohn grade zu der Zeit
in dem unglcklichen Arrest, wo ich ihn nur einigemal
zu sprechen die Ehre haben konnte: also knnt ich Ihnen
aufrichtig von der Fhrung Dero Herrn Sohns draussen
keine umstndliche Nachricht geben.

Geh. Rath.
Der Himmel verhngt Strafen ber unsre ganze Familie.
Mein Bruder--Ich wills Ihnen nur nicht verheelen,
denn leider ist Stadt und Land voll davon--hat das
Unglck gehabt, da seine Tochter ihm verschwunden ist,
ohne da eine Spur von ihr anzutreffen--Ich hre itzt
von meinem Sohn--Wenn er sich gut gefhrt htte, wie
wrs mglich gewesen, ihn ins Gefngni zu bringen?
Ich hab ihm ausser seinem starken Wechsel noch alle
halbe Jahr auerordentliche geschickt; auf allen Fall--

Hofmeister.
Die bsen Gesellschaften; die erstaunenden Verfhrungen
auf Akademien.

Seiffenblase.
Das seltsamste dabey ist, da er fr einen andern sitzt;
ein Ausbund aller Lderlichkeit, ein Mensch, fr den
ich keinen Groschen ausgbe und er auf meinem Misthaufen
Hungers krepirte.  Er ist hier gewesen, Sie werden von
ihm gehrt haben; er suchte Geld bey seinem Vater,
unter dem Vorwand, Ihren Herrn Sohn auszulsen;
vermuthlich wr' er damit auf eine andere Akademie
gegangen und htte von frischem angefangen zu
wirthschaften.  Ich wei schon, wie's die lderlichen
Studenten machen, aber sein Vater hat den Braten gerochen
und hat ihn nicht vor sich kommen lassen.

Geh. Rath.
Doch wohl nicht der junge Ptus, des Rathsherrn Sohn?

Seiffenblase.
Ich glaub', es ist derselbe.

Geh. Rath.
Jedermann hat dem Vater die Hrte verdacht.

Hofmeister.
Ja was ist da zu verdenken, mein gndiger Herr geheimer
Rath; wenn ein Sohn die Gte des Vaters zu sehr
misbraucht, so mu sich das Vaterherz wohl ab von ihm
wenden.  Der Hohepriester Eli war nicht hart und brach
den Hals.

Geh. Rath.
Gegen die Ausschweifungen seiner Kinder kann man nie
zu hart seyn, aber wol gegen ihr Elend.  Der junge Mensch
soll hier haben betteln mssen.  Und mein Sohn sitzt um
seinetwillen?

Seiffenblase.
Was anders?  Er war sein vertrautester Freund und fand
niemand wrdiger, mit ihm die Komdie von DAMON und
PYTHIAS zu spielen.  Noch mehr, Herr Ptus kam zurck
und wollte seinen Platz wieder einnehmen, aber Ihr
Sohn bestund drauf, er wollte sitzen bleiben: Sie
wrden ihn schon auslsen, und Ptus mit einem andern
Erzrenomisten und Spieler wollten die Flucht nehmen
und sich zu helfen suchen, so gut sie knnten.
Vielleicht berfallen sie wieder so irgend einen
armen Studenten mit Masken vor den Gesichtern auf der
Stube und nehmen ihm die Uhr und Goldbrse, mit der
Pistol auf der Brust, weg, wie sie's in Halle schon
einem gemacht haben.

Geh. Rath.
Und mein Sohn ist der dritte aus diesem Kleeblatt?

Seiffenblase.
Ich wei nicht, Herr geheimer Rath.

Geh. Rath.
Kommen Sie zum Essen, meine Herren!  Ich wei schon
zuviel.  Es ist ein Gericht Gottes ber gewisse Familien;
bey einigen sind gewisse Krankheiten erblich, bey
andern arten die Kinder aus, die Vter mgen thun was
sie wollen.  Essen Sie: ich will fasten und bethen,
vielleicht hab' ich diesen Abend durch die
Ausschweifungen meiner Jugend verdient.


Vierte Scene.

Die Schule.
Wenzeslaus und Luffer.
(an einem ungedeckten Tisch speisend)


Wenzeslaus.
Schmeckts?  Nicht wahr, es ist ein Abstand von meinem
Tisch und des Majors?  Aber wenn der Schulmeister
Wenzeslaus seine Wurst it, so hilft ihm das gute
Gewissen verdauen, und wenn der Herr Mandel
Kapaunenbraten mit der Schampignonsauce a, so stie
ihm sein Gewissen jeden Bissen, den er hinabschluckte,
mit der Moral wieder in Hals zurck: Du bist ein--
Denn sagt mir einmal, lieber Herr Mandel; nehmt mir
nicht bel, da ich Euch die Wahrheit sage; das wrzt
das Gesprch wie Pfeffer den Gurkensallat; sagt mir
einmal, ist das nicht hundsvttisch, wenn ich davon
berzeugt bin, da ich ein Ignorant bin, und meine
Untergebenen nichts lehren kann, und also mig bey
ihnen gehe und sie mig gehen lasse, und dem lieben
Gott ihren Tag stehlen und doch hundert Dukaten--
Wars nicht soviel?  Gott verzeyh mir, ich hab in meinem
Leben nicht so viel Geld auf einem Haufen beisammen
gesehen!  Hundert funfzig Dukaten, sag' ich, in Sack
stecke, fr nichts und wieder nichts!

Luffer.
O!  und Sie haben noch nicht alles gesagt, Sie kennen
Ihren Vorzug nicht ganz, oder fhlen ihn, ohn' ihn zu
kennen.  Haben Sie nie einen Sklaven im betreten Rock
gesehen?  O Freyheit, gldene Freyheit!

Wenzeslaus.
Ey was Freyheit!  Ich bin auch so frey nicht; ich bin
an meine Schule gebunden, und mu Gott und meinem
Gewissen Rechenschaft von geben.

Luffer.
Eben das--Aber wie, wenn Sie den Grillen eines
wunderlichen Kopfs davon Rechenschaft ablegen msten,
der mit Ihnen umgienge hundertmal rger als Sie mit
Ihren Schulknaben?

Wenzeslaus.
Ja nun--dann mst' er aber auch an Verstand so weit
ber mich erhaben seyn, wie ich ber meine Schulknaben,
und das trift man selten, glaub ich wol; besonders
bey unsern Edelleuten; da mgt Ihr wohl recht haben:
wenigstens der Flegel da, der mir vorhin in meine
Kammer wollte, ohne mich vorher um Erlaubni zu bitten.
Wenn ich zum Herrn Grafen kme und wollt ihm, mir
nichts, dir nichts, die Zimmer visitiren--Aber potz
Millius, so et doch; Ihr macht ja ein Gesicht, als
ob Ihr zu Taxieren einnhmt.  Nicht wahr, Ihr httet
gern ein Glas Wein dazu?  Ich hab Euch zwar vorhin eins
versprochen, aber ich habe keinen im Hause.  Morgen
werd' ich wieder bekommen, und da trinken wir Sonntags
und Donnerstags, und wenn der Organist Franz zu uns
kommt, extra.  Wasser, Wasser, mein Freund, ariston men
to udwr, das hab ich noch von der Schule mitgebracht,
und da eine Pfeife dazu geraucht nach dem Essen im
Mondenschein und einen Gang ums Feld gemacht; da lt
sich drauf schlafen, vergngter als der groe Mogul--
Ihr raucht doch eins mit heut?

Luffer.
Ich wills versuchen; ich hab' in meinem Leben nicht
geraucht.

Wenzeslaus.
Ja freylich, Ihr Herren Wei und Roth, das verderbt
Euch die Zhne.  Nicht wahr?  und verderbt Euch die
Farbe; nicht wahr?  Ich habe geraucht, als ich kaum
von meiner Mutter Brust entwhnt war; die Warze mit
dem Pfeifenmundstck verwechselt.  He he he!  Das ist
gut wider die bse Luft und wider die bsen Begierden
ebenfalls.  Das ist so meine Dit: des Morgens kalt
Wasser und eine Pfeife, dann Schul gehalten bis Eilfe,
dann wieder eine Pfeife bis die Suppe fertig ist: die
kocht mir mein Gottlieb so gut als Eure franzsische
Kche, und da ein Stck Gebratenes und Zugemse und
dann wieder eine Pfeife, dann wieder Schul gehalten,
dann Vorschriften geschrieben bis zum Abendessen; da
e' ich denn gemeiniglich kalt etwas, eine Wurst mit
Sallat, ein Stck Ks oder was der liebe Gott gegeben
hat und dann wieder eine Pfeife vor Schlafengehen.

Luffer.
Gott behte, ich bin in eine Tabagie gekommen--

Wenzeslaus.
Und da werd' ich dick und fett bey und lebe vergngt
und denke noch ans Sterben nicht.

Luffer.
Es ist aber doch unverantwortlich, da die Obrigkeit
nicht dafr sorgt, Ihnen das Leben angenehmer zu machen.

Wenzeslaus.
Ey was, es ist nun einmal so; und damit mu man zufrieden
seyn: bin ich doch auch mein eignet Herr und hat kein
Mensch mich zu schikanieren, da ich alle Tage wei,
da ich mehr thu' als ich soll.  Ich soll meinen Buben
lesen und schreiben lehren; ich lehre sie rechnen dazu
und lateinisch dazu und mit Vernunft lesen dazu und
gute Sachen schreiben dazu.

Luffer.
Und was fr Lohn haben Sie dafr?

Wenzeslaus.
Was fr Lohn?--Will Er denn das kleine Stckchen Wurst
da nicht aufessen?  Er kriegt nichts bessers; wart' Er
auf nichts bessers, oder Er mu das erstemal Seines
Lebens hungrig zu Bette gehn--Was fr Lohn?  Das war
dumm gefragt, Herr Mandel.  Verzeyh Er mir; was fr
Lohn?  Gottes Lohn hab ich dafr, ein gutes Gewissen
und wenn ich da vielen Lohn von der Obrigkeit begehren
wollte, so htt' ich ja meinen Lohn dahin.  Will Er
denn den Gurkensallat durchaus verderben lassen?  So
e Er doch; so sey Er doch nicht blde: bey einer
schmalen Mahlzeit mu man zum Kuckuck nicht blde seyn.
Wart Er, ich will Ihm noch ein Stck Brod abschneiden.

Luffer.
Ich bin satt berhrig.

Wenzeslaus.
Nun so la Ers stehen; aber es ist seine eigne Schuld
wenn's nicht wahr ist.  Und wenn es wahr ist, so hat Er
unrecht, da Er Sich berhrig satt it, denn das macht
bse Begierden und schlfert den Geist ein.  Ihr Herren
Wei und Roth mgts glauben oder nicht.  Man sagt zwar
auch vom Toback, da er ein narkotisches,
schlfrigmachendes, dummmachendes Oel habe und ich
hab's bisweilen auch wol so wahrgefunden und bin
versucht worden, Pfeife und allen Henker ins Kamin
zu werfen, aber unsere Nebel hier herum bestndig und
die feuchte Winter- und Herbstluft alleweile und denn
die vortrefliche Wirkung, die ich davon verspre, da
es zugleich die bsen Begierden mit einschlfert--
Holla, wo seyd Ihr denn, lieber Mann?  Eben da ich vom
Einschlfern rede, nickt Ihr schon; so gehts, wenn
der Kopf leer ist und faul dabey und niemals ist
angestrengt worden.  Allons!  frisch, eine Pfeife mit
mir geraucht!  (stopft sich und ihm) Lat uns noch
eins mit einander plaudern.  (raucht) Ich hab Euch
schon vorhin in der Kche sagen wollen: ich sehe,
da Ihr schwach in der Latinitt seyd, aber da Ihr
doch eine gute Hand schreibt, wie Ihr sagt, so knntet
Ihr mir doch so Abends an die Hand gehen, weil ich
meiner Augen mu anfangen zu schonen, und meinen
Buben die Vorschriften schreiben.  Ich will Euch
dabey Corderii Colloquia geben und Grtleri Lexicon;
wenn Ihr fleiig seyn wollt.  Ihr habt ja den ganzen
Tag fr Euch, so knnt Ihr Euch in der lateinischen
Sprache was umthun, und wer wei wenn es Gott gefllt
mich heute oder morgen von der Welt zu nehmen--Aber
Ihr mt fleiig seyn, das sag' ich Euch, denn so
seyd Ihr ja noch kaum zum Kollaborator tchtig,
geschweige denn--(trinkt)

Luffer.  (legt die Pfeife weg)
Welche Demthigung!

Wenzeslaus.
Aber ...  aber ...  aber (reit ihm den Zahnstocher aus
dem Munde) was ist denn das da?  Habt Ihr denn noch nicht
einmal so viel gelernt, groer Mensch, da Ihr fr Euren
eignen Krper Sorge tragen knnt.  Das Zhnestochern ist
ein Selbstmord; ja ein Selbstmord, eine muthwillige
Zersthrung Jerusalems, die man mit seinen Zhnen
vornimmt.  Da, wenn Euch was im Zahn sitzen bleibt:
(nimmt Wasser und schwngt den Mund aus) So mt Ihrs
machen, wenn Ihr gesunde Zhne behalten wollt, Gott
und eurem Nebenmenschen zu Ehren, und nicht einmal im
Alter herumlaufen, wie ein alter Kettenhund, dem die
Zhne in der Jugend ausgebrochen worden, und der die
Kinnbacken nicht zusammenhalten kann.  Das wird einen
schnen Schulmeister abgeben, wills Gott, wenn ihm
aufs Alter die Worte ungebohren zum Munde herausfallen
und er zwischen Nase und Oberlippen da was
herausschnarcht, das kein Hund oder Hahn versteht.

Luffer.
Der wird mich noch zu Tode meistern--Das unertrglichste
ist, da er Recht hat--

Wenzeslaus.
Nun wie gehts?  Schmeckt Euch der Toback nicht?  Ich
wette, nur ein paar Tage noch mit dem alten Wenzeslaus
zusammen, so werdt Ihr rauchen wie ein Bootsknecht.
Ich will Euch nach meiner Hand ziehen, da Ihr Euch
selber nicht mehr wieder kennen sollt.



Vierter Akt.


Erste Scene.

Zu Insterburg.

Geheimer Rath.  Major.


Major.
Hier Bruder--Ich schweife wie Kain herum, unstt und
flchtig--Weit Du was?  Die Russen sollen Krieg mit
den Trken haben; ich will nach Knigsberg gehn, um
nhere Nachrichten einzuziehen: ich will mein Weib
verlassen und in der Trkey sterben.

Geh. Rath.
Deine Ausschweifungen schlagen mich vollends zu Boden.--
O Himmel, mu es denn von allen Seiten strmen?--Da li
den Brief vom Professor Mr.

Major.
Ich kann nicht mehr lesen; ich hab meine Augen fast
blind geweint.

Geh. Rath.
So will ich dir vorlesen, damit Du siehst, da Du nicht
der einzige Vater seyst, der sich zu beklagen hat: "Ihr
Sohn ist vor einiger Zeit wegen Brgschaft gefnglich
eingezogen worden: er hat, wie er mir vorgestern mit
Thrnen gestanden, nach fnf vergeblich geschriebenen
Briefen keine Hofnung mehr, von Eurer Excellenz
Verzeihung zu erhalten.  Ich redte ihm zu, sich zu
beruhigen, bis ich gleichfalls in dieser Sache mich
vermittelt htte: er versprach es mir, ist aber
ungeachtet dieses Versprechens noch in derselben Nacht
heimlich aus dem Gefngni entwischt.  Die Schuldner
haben ihm Steckbriefe nachsenden und seinen Namen in
allen Zeitungen bekannt machen wollen; ich habe sie
aber dran verhindert und fr die Summe gutgesagt, weil
ich viel zu sehr berzeugt bin, da Eure Excellenz
diesen Schimpf nicht werden auf Dero Familie kommen
lassen.  Uebrigens habe die Ehre, in Erwartung Dero
Entschlusses mich mit vollkommenster" ...

Major.
Schreib ihm zurck: sie sollen ihn hngen.

Geh. Rath.
Und die Familie--

Major.
Lcherlich!  Es giebt keine Familie; wir haben keine
Familie.  Narrenspossen!  Die Russen sind meine Familie:
ich will Griechisch werden.

Geh. Rath.
Und noch keine Spur von Deiner Tochter?

Major.
Was sagst Du?

Geh. Rath.
Hast nicht die geringste Nachricht von Deiner Tochter?

Major.
La mich zufrieden.

Geh. Rath.
Es ist doch Dein Ernst nicht, nach Knigsberg zu reisen?

Major.
Wenn mag doch die Post abgehn von Knigsberg nach Warschau?

Geh. Rath.
Ich werde Dich nicht fortlassen; es ist nur umsonst.
Meynst Du, vernnftige Leute werden sich von Deinen
Phantasien bertlpeln lassen?  Ich kndige Dir hiermit
Hausarrest an.  Gegen Leute, wie Du bist, mu man Ernst
gebrauchen, sonst verwandelt sich ihr Gram in Narrheit.

Major.  (weint)
Ein ganzes Jahr--Bruder geheimer Rath--Ein ganzes
Jahr--und niemand wei, wohin sie gestoben oder geflogen
ist?

Geh. Rath.
Vielleicht todt--

Major.
Vielleicht?--Gewi todt--und wenn ich nur den Trost
haben knnte, sie noch zu begraben--aber sie mu sich
selbst umgebracht haben, weil mir niemand Anzeige von
ihr geben kann.--Eine Kugel durch den Kopf, Berg, oder
einen Trkenpallasch; das wr eine Victorie.

Geh. Rath.
Es ist ja eben so wohl mglich, da sie den Luffer
irgendwo angetroffen und mit dem aus dem Lande gegangen.
Gestern hat mich Graf Wermuth besucht und hat mir gesagt,
er sey denselben Abend noch in eine Schule gekommen, wo
ihn der Schulmeister nicht hab' in die Kammer lassen
wollen: er vermuthet immer noch, der Hofmeister habe
drinn gesteckt, vielleicht Deine Tochter bey ihm.

Major.
Wo ist der Schulmeister?  Wo ist das Dorf?  Und der
Schurke von Grafen ist nicht mit Gewalt in die Kammer
eingedrungen?  Komm: wo ist der Graf?

Geh. Rath.
Er wird wohl wieder im Hecht abgestiegen seyn, wie
gewhnlich.

Major.
O wenn ich sie auffnde--Wenn ich nur hoffen knnte,
sie noch einmal wieder zu sehen--Hol mich der Kuckuk,
so alt wie ich bin und abgegrmt und wahnwitzig; ja hol
mich der Teufel, dann wollt' ich doch noch in meinem
Leben wieder einmal lachen, das letztemal laut lachen
und meinen Kopf in ihren entehrten Schoo legen und
denn wieder einmal heulen und denn--Adieu Berg!  Das
wre mir gestorben, das hie mir sanft und selig im
Herrn entschlafen.--Komm Bruder, Dein Junge ist nur
ein Spitzbube geworden: das ist nur Kleinigkeit; an
allen Hfen giebts Spitzbuben; aber meine Tochter ist
eine Gassenhure, das hei' ich einem Vater Freud machen:
vielleicht hat sie schon drey Lilien auf dem Rcken.--
Vivat die Hofmeister und da der Teufel sie holt!  Amen.

(gehn ab)


Zweite Scene.

Eine Bettlerhtte im Walde.
Augustchen.  (im groben Kittel.)
Marthe.  (ein alt blindes Weib)


Gustchen.
Liebe Marthe, bleibt zu Hause und seht wohl nach dem
Kinde: es ist das erstemal, da ich Euch allein lasse
in einem ganzen Jahr; also knnt Ihr mich nun wohl
auch einmal einen Gang fr mich thun lassen.  Ihr habt
Proviant fr heut und Morgen; Ihr braucht also heute
nicht auf der Landstra auszustehn.

Marthe.
Aber wo wollt Ihr denn hin, Grethe; das Gott erbarm!
da Ihr noch so krank und so schwach seyd; lat Euch
doch sagen: ich hab auch Kinder bekommen und ohne viele
Schmerzen, so wie Ihr, Gott sey Dank!  aber einmal hab
ichs versucht, den zweyten Tag nach der Niederkunft
auszugehen und nimmermehr wieder; ich hatte schon meinen
Geist aufgegeben, wahrlich ich knne Euch sagen, wie
einem Todten zu Muthe ist--Lat Euch doch lehren; wenn
Ihr was im nchsten Dorf zu bestellen habt, obschon ich
blind bin, ich will schon hinfinden; bleibt nur zu Hause
und macht da Ihr zu Krften kommt: ich will alles fr
Euch ausrichten, was es auch sey.

Gustchen.
Lat mich nur, Mutter; ich hab Krfte wie eine junge
Brin--und seht nach meinem Kinde.

Marthe.
Aber wie soll ich denn darnach sehen, Heilige Mutter
Gottes!  da ich blind bin?  Wenn es wird saugen wollen,
soll ichs an meine schwarze verwelkte Zitzen legen?
und es mit zu nehmen, habt Ihr keine Krfte, bleibt zu
Hause, liebes Grethel, bleibt zu Hause.

Gustchen.
Ich darf nicht, liebe Mutter, mein Gewissen treibt mich
fort von hier.  Ich hab' einen Vater, der mich mehr
liebt als sein Leben und seine Seele.  Ich habe die
vorige Nacht im Traum gesehen, da er sich die weissen
Haare ausri und Blut in den Augen hatte: er wird
meynen, ich sey todt.  Ich mu ins Dorf und jemand
bitten, da er ihm Nachricht von mir giebt.

Marthe.
Aber hilf lieber Gott, wer treibt Euch denn?  Wenn Ihr
nun unterwegens liegen bleibt?  Ihr knnt nicht fort...

Gustchen.
Ich mu--Mein Vater stand wankend; auf einmal warf
er sich auf die Erde und blieb todt liegen--Er bringt
sich um, wenn er keine Nachricht von mir bekommt.

Marthe.
Wit Ihr denn nicht, da Trume grade das Gegentheil
bedeuten?

Gustchen.
Bey mir nicht--Lat mich--Gott wird mit mir seyn.
(geht ab)


Dritte Scene.

Die Schule.
Wenzeslaus.  Luffer.  (an einem Tisch sitzend) Der Major.
Der Geheime Rath und Graf Wermuth.
(treten herein mit Bedienten)


Wenzeslaus.  (lt die Brille fallen)
Wer da?

Major.  (mit gezogenem Pistol)
Da Dich das Wetter!  da sitzt der Haas im Kohl.  (schiet
und trift Luffern in Arm, der vom Stuhl fllt)

Geh. Rath.  (der vergeblich versucht hat ihn zurckzuhalten)
Bruder--(stt ihn unwillig) So hab's denn darnach,
Tollhusler!

Major.
Was?  ist er todt?  (schlgt sich vors Gesicht) Was hab
ich gethan?  Kann Er mir keine Nachricht mehr von meiner
Tochter geben?

Wenzeslaus.
Ihr Herren!  Ist das jngste Gericht nahe, oder sonst
etwas?  Was ist das?  (zieht an seiner Schelle) Ich will
Euch lehren, einen ehrlichen Mann in seinem Hause
berfallen.

Luffer.
Ich beschwr' Euch: schellt nicht!--Es ist der Major;
ich hab's an seiner Tochter verdient.

Geh. Rath.
Ist kein Chirurgus im Dorf, ehrlicher Schulmeister!  Er
ist nur am Arm verwundet, ich will ihn kuriren lassen.

Wenzeslaus.
Ey was kuriren lassen!  Straenruber!  schiet man Leute
bern Haufen, weil man so viel hat, da man sie kuriren
lassen kann?  Er ist mein Kollaborator; er ist eben ein
Jahr in meinem Hause: ein stiller, friedfertiger,
fleiiger Mensch, und sein Tage hat man nichts von ihm
gehrt, und Ihr kommt und erschiet mir meinen Kollaborator
in meinem eignen Hause!--Das soll gerochen werden, oder
ich will nicht selig sterben.  Seht Ihr das!

Geh. Rath.  (bemht Luffern zu verbinden)
Wozu das Geschwtz, lieber Mann?  Es thut uns leyd genug--
Aber die Wunde knnte sich verbluten, schaft uns nur
einen Chirurgus.

Wenzeslaus.
Ey was!  Wenn Ihr Wunden macht, so mgt Ihr sie auch
heilen, Strassenruber!  Ich mu doch nur zum Gevatter
Schpsen gehen.  (geht ab)

Major.  (zu Luffern)
Wo ist meine Tochter?

Luffer.
Ich wei es nicht.

Major.
Du weit nicht?  (zieht noch eine Pistol hervor)

Geh. Rath.  (entreit sie ihm und schiet sie aus dem
Fenster ab)
Sollen wir Dich mit Ketten binden lassen, Du--

Luffer.
Ich habe sie nicht gesehen, seit ich aus Ihrem Hause
geflchtet bin; das bezeug' ich vor Gott, vor dessen
Gericht ich vielleicht bald erscheinen werde.

Major.
Also ist sie nicht mit Dir gelaufen?

Luffer.
Nein.

Major.
Nun denn; so wieder eine Ladung Pulver umsonst verschossen!
Ich wollt, sie wre Dir durch den Kopf gefahren, da Du
kein gescheutes Wort zu reden weit, Lumpenhund!  Lat
ihn liegen und kommt bis ans Ende der Welt.  Ich mu
meine Tochter wieder haben, und wenn nicht in diesem
Leben, doch in jener Welt, und da soll mein hochweiser
Bruder und mein hochweiseres Weib mich wahrhaftig nicht
von abhalten (luft fort.)

Geh. Rath.
Ich darf ihn nicht aus den Augen lassen.  (wirft Luffern
einen Beutel zu) Lassen Sie Sich davon kuriren, und
bedenken Sie, da Sie meinen Bruder weit gefhrlicher
verwundet haben, als er Sie.  Es ist ein Bankozettel
drin, geben Sie Acht drauf und machen ihn sich zu Nutz
so gut Sie knnen.  (gehn alle ab)

(Wenzeslaus kmmt mit dem Barbier Schpsen und einigen
Bauerkerlen)

Wenzeslaus.
Wo ist das Otterngezchte?  Redet!

Luffer.
Ich bitt Euch, seyd ruhig.  Ich habe weit weniger bekommen,
als meine Thaten werth waren.  Meister Schpsen, ist
meine Wunde gefhrlich?

(Schpsen besieht sie)

Wenzeslaus.
Was denn?  Wo sind sie?  Das leid ich nicht; nein, das
leid ich nicht und sollt es mich Schul und Amt und Haar
und Bart kosten.  Ich will sie zu Morsch schlagen, die
Hunde--Stellen Sie Sich vor, Herr Gevatter; wo ist das
in aller Welt in iure naturae, und in iure civili, und
im iure canonico, und im iure gentium, und wo Sie
wollen, wo ist das erhrt, da man einem ehrlichen Mann
in sein Haus fllt und in eine Schule dazu; an heiliger
Sttte--Gefhrlich; nicht wahr?  Haben Sie sondirt?  Ists?

Schpsen.
Es liee sich viel drber sagen--nun doch wir wollen
sehen--am Ende wollen wir schon sehen.

Wenzeslaus.
Ja Herr, he he, in fine videbitur cuius toni; das heit,
wenn er wird todt seyn, oder wenn er vllig gesund seyn
wird, da wollen Sie uns erst sagen, ob die Wunde
gefhrlich war oder nicht: das ist aber nicht medicinisch
gesprochen; verzeyh Er mir.  Ein tchtiger Arzt mu das
Dings vorher wissen, sonst sag' ich ihm ins Gesicht: er
hat seine Pathologie oder Chirurgie nur so halbwege
studirt und ist mehr in die Bordells gangen, als in
die Kollegia; denn in amore omnia insunt vitia, und
wenn ich einen Ignoranten sehe, er mag seyn aus was
fr einer Fakultt er wolle, so sag' ich immer: er ist
ein Jungfernknecht gewesen; ein Hurenhengst; das la'
ich mir nicht ausreden.

Schpsen.  (nachdem er die Wunde noch einmal besichtigt)
Ja die Wunde ist, nachdem man sie nimmt--Wir wollen
sehen, wir wollen sehen.

Luffer.
Hier, Herr Schulmeister!  hat mir des Majors Bruder einen
Beutel gelassen, der ganz schwer von Dukaten ist und
obenein ist ein Bankozettel drinn--Da sind wir auf viel
Jahre geholfen.

Wenzeslaus.  (hebt den Beutel)
Nun das ist etwas--Aber Hausgewalt bleibt doch
Hausgewalt und Kirchenraub, Kirchenraub--Ich will
ihm einen Brief schreiben, dem Herrn Major.  den er
nicht ins Fenster stecken soll.

Schpsen.  (der sich die Weil' ber vergessen und eifrig
nach dem Beutel gesehen, fllt wieder ber die Wunde her)
Sie wird sich endlich schon kuriren lassen, aber sehr
schwer, hoff' ich, sehr schwer--

Wenzeslaus.
Das hoff' ich nicht, Herr Gevatter Schpsen; das frcht'
ich, das frcht' ich--aber ich will Ihm nur zum voraus
sagen, da wenn Er die Wunde langsam kurirt, so kriegt
Er auch langsame Bezahlung; wenn Er ihn aber in zwey
Tagen wieder auf frischen Fu stellt, so soll Er auch
frisch bezahlt werden; darnach kann Er sich richten.

Schpsen.
Wir wollen sehen.


Vierte Scene.


Gustchen.  (liegend, an einem Teich mit Gestruch umgeben)
Soll ich denn hier sterben?--Mein Vater!  Mein Vater!
gieb mir die Schuld nicht, da Du nicht Nachricht von
mir bekmmst.  Ich hab meine letzten Krfte angewandt--
sie sind erschpft--Sein Bild, o sein Bild steht mir
immer vor den Augen!  Er ist todt, ja todt--und fr Gram
um mich--Sein Geist ist mir diese Nacht erschienen,
mir Nachricht davon zu geben--mich zur Rechenschaft
dafr zu fodern--Ich komme, ja ich komme.  (raft sich
auf und wirft sich in Teich.)

Major.  (von weitem)
Geh. Rath und Graf Wermuth.  (folgen ihm)

Major.
Hey!  hoh!  da giengs in Teich--Ein Weibsbild wars und
wenn gleich nicht meine Tochter, doch auch ein
unglcklich Weibsbild--Nach, Berg!  Das ist der Weg
zu Gustchen oder zur Hlle!  (springt ihr nach)

Geh. Rath.  (kommt)
Gott im Himmel!  was sollen wir anfangen?

Graf Wermuth.
Ich kann nicht schwimmen.

Geh. Rath.
Auf die andere Seite!--Mich deucht, er haschte das
Mdchen ...  Dort--dort hinten im Gebsch.--Sehen Sie
nicht?  Nun treibt er den Teich mit ihr hinunter--Nach!


Fnfte Scene.

(Eine andere Seite des Teichs, Hinter der Scene Geschrey.)
"Hlfe!  's meine Tochter!  Sakkerment und all das Wetter!
Graf!  reicht mir doch die Stange:
da Euch die schwere Noth."

Major Berg. (trgt Gustchen aufs Theater)
Geheimer Rath und Graf.  (folgen)

Major.
Da!--(setzt sie nieder.  Geheimer Rath und Graf suchen
sie zu ermuntern) Verfluchtes Kind!  habe ich das an Dir
erziehen mssen!  (kniet nieder bey ihr) Gustel!  was
fehlt Dir?  Hast Wasser eingeschluckt?  Bist noch mein
Gustel?--Gottlose Kanaille!  Httst Du mir nur ein
Wort vorher davon gesagt; ich htte dem Lausejungen
einen Adelbrief gekauft, da httet ihr knnen zusammen
kriechen.--Gott beht!  so helft ihr doch; sie ist ja
ohnmchtig.  (springt auf, ringt die Hnde; umhergehend)
Wenn ich nur wst', wo der maledeyte Chirurgus vom Dorf
anzutreffen wre.--Ist sie noch nicht wach?

Gustchen.  (mit schwacher Stimme)
Mein Vater!

Major.
Was verlangst Du?

Gustchen.
Verzeihung.

Major.  (geht auf sie zu)
Ja verzeih Dirs der Teufel, ungerathenes Kind.--Nein,
(kniet wieder bey ihr) fall nur nicht hin, mein Gustel--
mein Gustel!  Ich verzeih Dir; ist alles vergeben und
vergessen--Gott wei es: ich verzeih Dir--Verzeih Du
mir nur!  Ja aber nun ists nicht mehr zu ndern.  Ich hab
dem Hundsvott eine Kugel durch den Kopf geknallt.

Geh. Rath.
Ich denke, wir tragen sie fort.

Major.
Lat stehen!  Was geht sie euch an?  Ist sie doch Eure
Tochter nicht.  Bekmmert Euch um Euer Fleisch und Bein
daheime.  (Er nimmt sie auf die Arme) Da Mdchen--Ich
sollte wohl wieder nach dem Teich mit Dir--(schwenkt
sie gegen den Teich zu) aber wir wollen nicht eher
schwimmen als bis wir's Schwimmen gelernt haben, meyn'
ich.--(drckt sie an sein Herz) O du mein einzig
theurester Schatz!  Da ich dich wieder in meinen Armen
tragen kann, gottlose Kanaille!  (trgt sie fort)


Sechste Scene.

In Leipzig.
Fritz von Berg. Ptus.


Fritz.
Das einzige, was ich an Dir auszusetzen habe, Ptus.
Ich habe Dirs schon lang sagen wollen: untersuche Dich
nur selbst; was ist die Ursach zu all Deinem Unglck
gewesen?  Ich tadle es nicht, wenn man sich verliebt.  Wir
sind in den Jahren; wir sind auf der See, der Wind treibt
uns, aber die Vernunft mu immer am Steuerruder bleiben,
sonst jagen wir auf die erste beste Klippe und scheitern.
Die Hamstern war eine Kokette, die aus Dir machte, was
sie wollte; sie hat Dich um Deinen letzten Rock, um
Deinen guten Namen und um den guten Namen Deiner Freunde
dazu gebracht: ich dchte, da httest Du klug werden
knnen.  Die Rehaarin ist ein unverfhrtes unschuldiges
jugendliches Lamm: wenn man gegen ein Herz, das sich
nicht vertheidigen will, noch vertheidigen kann, alle
mgliche Batterien spielen lt, um es--was soll ich
sagen?  zu zerstren, einzuschern, das ist unrecht,
Bruder Ptus, das ist unrecht.  Nimm mirs nicht bel,
wir knnen so nicht gute Freunde zusammen bleiben.  Ein
Mann, der gegen ein Frauenzimmer es so weit treibt,
als er nur immer kann, ist entweder ein Theekessel oder
ein Bsewicht; ein Theekessel, wenn er sich selbst nicht
beherrschen kann, die Ehrfurcht, die er der Unschuld
und Tugend schuldig ist, aus den Augen zu setzen: oder
ein Bsewicht, wenn er sich selbst nicht beherrschen
will und wie der Teufel im Paradiese sein einzig Glck
darin setzt, ein Weib ins Verderben zu strzen.

Ptus.
Predige nur nicht, Bruder!  Du hast Recht; es reuet mich,
aber ich schwre Dir, ich kann drauf fluchen, da ich
das Mdchen nicht angerhrt habe.

Fritz.
So bist Du doch zum Fenster hineingestiegen und die
Nachbarn habens gesehen, meynst Du, ihre Zunge wird so
verschmt seyn, wie Deine Hand vielleicht gewesen ist?
Ich kenne Dich, ich wei, so dreust Du scheinst, bist
Du doch blde gegen's Frauenzimmer und darum lieb ich
Dich: aber wenns auch nichts mehr wre, als da das
Mdchen ihren guten Namen verliert, und eine
Musikantentochter dazu, ein Mdchen, das alles von
der Natur empfieng: vom Glck nichts, der ihre einzige
Aussteuer, ihren guten Namen, zu rauben--Du hast
sie unglcklich gemacht, Ptus.--

(Herr Rehaar kommt, eine Laute unterm Arm.)

Rehaar.
Ergebener Diener von Ihnen; ergebener Diener, Herr von
Berg, wnsche schnen guten Morgen.  Wie haben Sie
geschlafen und wie stehts Konzertchen?  (setzt sich
und stimmt) Haben Sie's durchgespielt?  (stimmt) Ich
habe die Nacht einen helichen Schrecken gehabt, aber
ich wills dem eingedenk seyn.--Sie kennen ihn wohl,
es ist einer von ihren Landsleuten.  Twing, twing.  Das
ist eine verdammte Quinte!  Will sie doch mein Tage
nicht recht tnen; ich will Ihnen Nachmittag eine andere
bringen.

Fritz.  (setzt sich mit seiner Laute)
Ich hab das Koncert noch nicht angesehen.

Rehaar.
Ey Ey, faules Herr von Bergchen, noch nicht angesehen?
Twing!  Nachmittag bring ich Ihnen eine andre.  (legt die
Laute weg und nimmt eine Prise) Man sagt: die Trken
sind ber die Donau gegangen und haben die Russen brav
zurckgepeitscht, bis--Wie heit doch nun der Ort?
Bis Otschakof, glaub' ich; was wei ich?  so viel sag
ich Ihnen, wenn Rehaar unter ihnen gewesen wre, was
meynen Sie?  Er wre noch weiter gelaufen.  Ha ha ha!
(nimmt die Laute wieder) Ich sag Ihnen, Herr von Berg,
ich hab keine grere Freude, als wenn ich wieder einmal
in der Zeitung lese, da eine Armee gelaufen ist.  Die
Russen sind brave Leute, da sie gelaufen sind; Rehaar
wr auch gelaufen und alle gescheute Leute, denn wozu
ntzt das Stehen und sich todtschlagen lassen, ha ha ha.

Fritz.
Nicht wahr, das ist der erste Grif?

Rehaar.
Ganz recht; den zweiten Finger etwas mehr bergelegt und
mit dem kleinen abgerissen, so--Rund, rund den Triller,
rund Herr von Bergchen--Mein seliger Vater pflegt' immer
zu sagen, ein Musikus mu keine Kourage haben, und ein
Musikus der Herz hat, ist ein Hundsfut.  Wenn er sein
Konzertchen spielen kann und seinen Marsch gut blst--
Das hab' ich auch dem Herzog von Kurland gesagt, als
ich nach Petersburg gieng, das erstemal in der Suite
vom Prinzen Czartorinsky, und vor ihm spielen mute.
Ich mu noch lachen; als ich in den Saal kam und wollt'
ihm mein tief tief Kompliment machen, sah' ich nicht,
da der Fuboden von Spiegel war und die Wnde auch von
Spiegel, und fiel herunter wie ein Stck Holz und schlug
mir ein gewaltig Loch in Kopf: da kamen die Hofkavaliere
und wollten mich drber necken.  Leidt das nicht, Rehaar,
sagte der Herzog, Ihr habt ja einen Degen an der Seite;
leidt das nicht.  Ja, sage ich, Ew.  Herzoglichen Majestt,
mein Degen ist seit Anno Dreiig nicht aus der Scheide
gekommen, und ein Musikus braucht den Degen nicht zu
ziehen, denn ein Musikus, der Herz hat und den Degen
zieht, ist ein Hundsfut und kann sein Tag auf keinem
Instrument was vor sich bringen--Nein, nein, das dritte
Chor wars, k, k, so--Rein, rein, den Triller rund und
den Daumen unten nicht bewegt, so--

Ptus.  (der sich die Zeit ber seitwrts gehalten,
tritt hervor und bietet Rehaar die Hand)
Ihr Diener, Herr Rehaar; wie gehts?

Rehaar.  (hebt sich mit der Laute)
Ergebener Die--Wie solls gehen, Herr Ptus?  Toujours
content, jamais d'argent: das ist des alten Rehaars
Sprichwort, wissen Sie, und die Herren Studenten wissens
alle; aber darum geben sie mir doch nichts--Der Herr
Ptus ist mir auch noch schuldig, von der letzten
Serenade, aber er denkt nicht dran...

Ptus.
Sie sollen haben, liebster Rehaar; in acht Tagen erwart'
ich unfehlbar meinen Wechsel.

Rehaar.
Ja, Sie haben schon lang gewartet, Herr Ptus, und
Wechselchen ist doch nicht kommen.  Was ist zu thun,
man mu Geduld haben, ich sag immer, ich begegne
keinem Menschen mit so viel Ehrfurcht als einem
Studenten: denn ein Student ist nichts, das ist wahr,
aber es kann doch alles aus ihm werden.  (er legt die
Laute auf den Tisch und nimmt eine Prise) Aber was
haben Sie mir denn gemacht, Herr Ptus?  Ist das recht;
ist das auch honett gehandelt?  Sind mir gestern zum
Fenster hineingestiegen, in meiner Tochter Schlafkammer.

Ptus.
Was denn, Vaterchen?  ich?  ...

Rehaar.  (lt die Dose fallen)
Ja ich will Dich bevaterchen und ich werd' es gehrigen
Orts zu melden wissen, Herr, da seyn Sie versichert.
Meiner Tochter Ehr' ist mir lieb und es ist ein honettes
Mdchen, hol's der Henker!  und wenn ichs nur gestern
gemerkt htte oder wr' aufgewacht, ich htt Euch zum
Fenster hinausgehenselt, da Ihr das Unterste zu Oberst--
Ist das honett, ist das ehrlich?  Pfuy Teufel, wenn ich
Student bin, mu ich mich auch als Student auffhren,
nicht als ein Schlingel--Da haben mirs die Nachbarn
heut gesagt: ich dacht ich sollte den Schlag drber
kriegen, Augenblicks hat mir das Mdchen auf den
Postwagen mssen und das nach Kurland zu ihrer Tante;
ja nach Kurland, Herr, denn hier ist ihre Ehr' hin und
wer zahlt mir nun die Reisekosten?  Ich habe warhaftig
den ganzen Tag keine Laut' anrhren knnen und ber
die funfzehn Quinten sind mir heut gesprungen.  Ja Herr,
ich zittere noch am ganzen Leibe und Herr Ptus, ich
will ein Hhnchen mit Ihnen pflcken.  Es soll nicht
so bleiben; ich will Euch Schlingeln lehren ehrlicher
Leute Kinder verfhren.

Ptus.
Herr, schimpf Er nicht, oder--

Rehaar.
Sehen Sie nur an, Herr von Berg!  sehn Sie einmal an--
wenn ich nun Herz htte, ich fodert' ihn augenblicklich
vor die Klinge--Sehen Sie, da steht er und lacht mir
noch in die Zhne obenein.  Sind wir denn unter Trken
und Heiden, da ein Vater nicht mehr mit seiner Tochter
sicher ist?  Herr Ptus, Sie sollen mirs nicht umsonst
gethan haben, ich sags Ihnen und sollts bis an den
Kuhrfrsten selber kommen.  Unter die Soldaten mit
solchen lderlichen Hunden!  Dem Kalbsfell folgen,
das ist gescheidter!  Schlingel seyd ihr und keine
Studenten!

Ptus.  (giebt ihm eine Ohrfeige)
Schimpf Er nicht; ich habs Ihm fnfmal gesagt!.

Rehaar.  (springt auf, das Schnupftuch vorm Gesicht)
So?  Wart--Wenn ich doch nur den rothen Fleck
behalten knnte, bis ich vorn Magnifikus komme--
Wenn ich ihn doch nur acht Tage behalten knnte,
da ich nach Dresden reise und ihn dem Kuhrfrsten
zeige--Wart, es soll Dir zu Hause kommen, wart,
wart--Ist das erlaubt?  (weint) Einen Lautenisten
zu schlagen?  weil er Dir seine Tochter nicht geben
will, da Du Lautchen auf ihr spielen kannst?--Wart,
ich wills seiner Kuhrfrstlichen Majestt sagen, da
Du mich ins Gesicht geschlagen hast.  Die Hand soll
Dir abgehauen werden--Schlingel!  (luft ab, Ptus
will ihm nach; Fritz hlt ihn zurck)

Fritz.
Ptus!  Du hast schlecht gehandelt.  Er war beleidigter
Vater, Du httest ihn schonen sollen.

Ptus.
Was schimpfte der Schurke?

Fritz.
Schimpfliche Handlungen verdienen Schimpf.  Er konnte
die Ehre seiner Tochter auf keine andere Weise rchen,
aber es mchten sich Leute finden--

Ptus.
Was?  Was fr Leute?

Fritz.
Du hast sie entehrt, Du hast ihren Vater entehrt.  Ein
schlechter Kerl, der sich an Weiber und Musikanten wagt,
die noch weniger als Weiber sind.

Ptus.
Ein schlechter Kerl?

Fritz.
Du sollst ihm ffentlich abbitten.

Ptus.
Mit meinem Stock.

Fritz.
So werd ich Dir in seinem Namen antworten.

Ptus.  (schreyt)
Was willst Du von mir?

Fritz.
Genugthuung fr Rehaarn.

Ptus.
Du wirst mich doch nicht zwingen wollen; einfltiger
Mensch--

Fritz.
Ja, ich will Dich zwingen, kein Schurke zu seyn.

Ptus.
Du bist einer--Du mut Dich mit mir schlagen.

Fritz.
Herzlich gern--wenn Du Rehaarn nicht Satisfaktion giebst.

Ptus.
Nimmermehr.

Fritz.
Es wird sich zeigen.



Fnfter Akt.


Erste Scene.

Die Schule.
Luffer.  Marthe.  (ein Kind auf dem Arm)


Marthe.
Um Gotteswillen!  helft einer armen blinden Frau und
einem unschuldigen Kinde, das seine Mutter verloren hat.

Luffer.  (giebt ihr was)
Wie seyd Ihr denn hergekommen, da Ihr nicht sehen knnt?

Marthe.
Mhselig genug.  Die Mutter dieses Kindes war meine
Leiterin; sie gieng eines Tags aus dem Hause, zwey Tage
nach ihrer Niederkunft, Mittags gieng sie fort und wollt'
auf den Abend wiederkommen, sie soll noch wiederkommen.
Gott schenk ihr die ewige Freud und Herrlichkeit!

Luffer.
Warum thut Ihr den Wunsch?

Marthe.
Weil sie todt ist, das gute Weib; sonst htte sie ihr
Wort nicht gebrochen.  Ein Arbeitsmann vom Hgel ist mir
begegnet, der hat sie sich in Teich strzen sehen.  Ein
alter Mann ist hinter ihr drein gewesen und hat sich
nachgestrzt; das mu wohl ihr Vater gewest seyn.

Luffer.
O Himmel!  Welch ein Zittern--Ist das ihr Kind?

Marthe.
Das ist es; sehen Sie nur, wie rund es ist, von lauter
Kohl und Rben aufgefttert.  Was sollt' ich Arme machen;
ich konnt' es nicht stillen, und da mein Vorrath auf
war, macht' ichs wie Hagar, nahm das Kind auf die
Schulter und gieng auf Gottes Barmherzigkeit.

Luffer.
Gebt es mir auf den Arm--O mein Herz!--Da ichs an
mein Herz drcken kann--Du gehst mir auf, furchtbares
Rtzel!  (nimmt das Kind auf den Arm und tritt damit vor
den Spiegel) Wie?  dies wren nicht meine Zge?  (fllt
in Ohnmacht; das Kind fngt an zu schreyen)

Marthe.
Fallt Ihr hin?  (hebt das Kind vom Boden auf) Suchen,
mein liebes Suchen!  (das Kind beruhigt sich) Hrt!  was
habt Ihr gemacht?  Er antwortet nicht: ich mu doch um
Hlfe rufen; ich glaube, ihm ist weh worden.  (geht hinaus)


Zweyte Scene.

Ein Wldchen vor Leipzig.
Fritz von Berg und Ptus.  (stehn mit gezogenem Degen)
Rehaar.


Fritz.
Wird es bald?

Ptus.
Willst Du anfangen?

Fritz.
Sto Du zuerst.

Ptus.  (wirft den Degen weg)
Ich kann mich mit Dir nicht schlagen.

Fritz.
Warum nicht?  Nimm ihn auf.  Hab ich Dich beleidigt, so
mu ich Dir Genugthuung geben.

Ptus.
Du magst mich beleidigen wie Du willst, ich brauch
keine Genugthuung von Dir.

Fritz.
Du beleidigst mich.

Ptus.  (rennt auf ihn zu und umarmt ihn)
Liebster Berg!  Nimm es fr keine Beleidigung, wenn
ich Dir sage, Du bist nicht im Stande mich zu beleidigen.
Ich kenne Dein Gemth--und ein Gedanke daran macht mich
zur feigsten Memme auf dem Erdboden.  La uns gute
Freunde bleiben, ich will mich gegen den Teufel selber
schlagen, aber nicht gegen Dich.

Fritz.
So gieb Rehaarn Satisfaktion, eh zieh' ich nicht ab
von hier.

Ptus.
Das will ich herzlich gern, wenn er's verlangt.

Fritz.
Er ist immatrikulirt, wie Du; Du hast ihn ins Gesicht
geschlagen--Frisch Rehaar, zieht!

Rehaar.  (zieht)
Ja, aber er mu seinen Degen da nicht aufheben.

Fritz.
Sie sind nicht gescheidt.  Wollen Sie gegen einen
Menschen ziehen, der sich nicht wehren kann?

Rehaar.
Ey la die gegen bewehrte Leute ziehen, die Kourage
haben.  Ein Musikus mu keine Kourage haben, und Herr
Ptus, Er soll mir Satisfaktion geben--(stt auf
ihn zu.  Ptus weicht zurck) Satisfaktion geben.
(stt Ptus in den Arm.  Fritz legirt ihm den Degen)

Fritz.
Jetzt seh' ich, da Sie Ohrfeigen verdienen, Rehaar.
Pfuy!

Rehaar.
Ja was soll ich denn machen, wenn ich kein Herz habe?

Fritz.
Ohrfeigen einstecken und das Maul halten.

Ptus.
Still Berg!  ich bin nur geschrammt.  Herr Rehaar, ich
bitt Sie um Verzeyhung.  Ich htte Sie nicht schlagen
sollen, da ich wute, da Sie nicht im Stande waren,
Genugthuung zu fodern; vielweniger htt' ich Ihnen
Ursache geben sollen, mich zu schimpfen.  Ich gesteh's,
diese Rache ist noch viel zu gering fr die
Beleidigungen, die ich Ihrem Hause angethan: ich will
sehen, sie auf eine bessere Weise gut zu machen, wenn
das Schicksal meinen guten Vorstzen beysteht.  Ich
will Ihrer Tochter nachreisen; ich will sie heyrathen.
In meinem Vaterlande wird sich schon eine Stelle fr
mich finden, und wenn auch mein Vater bey seinen
Lebzeiten sich nicht besnftigen liee, so ist mir
doch eine Erbschaft von funfzehntausend Gulden gewi.
(umarmt ihn).  Wollen Sie mir Ihre Tochter bewilligen?

Rehaar.
Ey was!  ich hab nichts dawider, wenn Ihr ordentlich
und ehrlich um sie anhaltet, und im Stand seyd, sie zu
versorgen--Ha ha ha!  hab' ichs doch mein Tag gesagt:
mit den Studenten ist gut auskommen.  Die haben doch
noch Honnettett im Leibe, aber mit den Officiers--
Die machen einem Mdchen ein Kind und krht nicht Hund
oder Hahn nach: das macht, weil sie alle kuraschse
Leute seyn, und sich mssen todtschlagen lassen.  Denn
wer Kourage hat, der ist zu allen Lastern fhig.

Fritz.
Sie sind ja auch Student.  Kommen Sie; wir haben lange
keinen Punsch zusammen gemacht; wir wollen auf die
Gesundheit Ihrer Tochter trinken.

Rehaar.
Ja und Ihr Lautenkonzertchen dazu, Herr von Bergchen.
Ich hab Ihnen jetzt drey Stund nach einander geschwnzt,
und weil ich auch honett denke, so will ich heute dafr
drey Stunden nach einander auf Ihrem Zimmerchen bleiben
und wollen Lautchen spielen, bis dunkel wird.

Ptus.
Und ich will die Violin dazu streichen.


Dritte Scene.

Die Schule.
Luffer.  (liegt zu Bette.)
Wenzeslaus.


Wenzeslaus.
Das Gott!  was giebts schon wieder, da Ihr mich von
der Arbeit abrufen lat?  Seyd Ihr schon wieder schwach?
Ich glaube, das alte Weib war eine Hexe.--Seit der
Zeit habt Ihr keine gesunde Stunde mehr.

Luffer.
Ich werd' es wohl nicht lange mehr machen.

Wenzeslaus.
Soll ich Gevatter Schpsen rufen lassen?

Luffer.
Nein.

Wenzeslaus.
Liegt Euch was auf dem Gewissen?  Sagt mirs, entdeckt
mirs, unverholen.--Ihr blickt so scheu umher, da es
einem ein Grauen einjagt; frigidus per ossa--Sagt mir,
was ists?--Als ob er jemand todt geschlagen htte--
Was verzerrt Ihr denn die Lineamenten so--Beht Gott,
ich mu doch nur zu Schpsen--

Luffer.
Bleibt--Ich wei nicht, ob ich recht gethan--Ich
habe mich kastrirt...

Wenzeslaus.
Wa--Kastrir--Da mach ich Euch meinen herzlichen
Glckwunsch drber, vortreflich, junger Mann, zweiter
Origenes!  La Dich umarmen, theures, auserwhltes
Rstzeug!  Ich kann's Euch nicht verheelen, fast--fast
kann ich dem Heldenvorsatz nicht widerstehen, Euch
nachzuahmen.  So recht, werther Freund!  Das ist die
Bahn, auf der Ihr eine Leuchte der Kirche, ein Stern
erster Gre, ein Kirchenvater selber werden knnt.
Ich glckwnsche euch, ich ruf Euch ein Jubilate und
Evo zu, mein geistlicher Sohn--Wr' ich nicht ber
die Jahre hinaus, wo der Teufel unsern ersten und
besten Krften sein arglistiges Netz ausstellt, gewi
ich wrde mich keinen Augenblick bedenken.--

Luffer.
Bey alle dem, Herr Schulmeister, gereut es mich.

Wenzeslaus.
Wie, es gereut Ihn?  Das sey ferne, werther Herr Mitbruder!
Er wird eine so edle That doch nicht mit thrichter Reue
verdunkeln und mit sndlichen Thrnen besudeln?  Ich seh
schon welche ber Sein Augenlied hervorquellen.  Schluck'
Er sie wieder hinunter und sing' Er mit Freudigkeit:
ich bin der Nichtigkeit entbunden, nun Flgel, Flgel,
Flgel her.  Er wird es doch nicht machen wie Lots Weib
und sich wieder nach Sodom umsehen, nachdem Er einmal
das friedfertige stille Zoar erreicht hat?  Nein, Herr
Kollega; ich mu Ihm auch nur sagen, da Er nicht der
einzige ist, der den Gedanken gehabt hat.  Schon unter
den blinden Juden war eine Sekte, zu der ich mich gern
ffentlich bekannt htte, wenn ich nicht befrchtet,
meine Nachbarn und meine armen Lmmer in der Schule
damit zu rgern: auch hatten sie freilich einige
Schlacken und Thorheiten dabey, die ich nun eben nicht
mitmachen mchte.  Zum Exempel, da sie des Sonntags
nicht einmal ihre Nothdurft verrichteten, welches doch
wider alle Regeln einer vernnftigen Dit ist, und halt'
ichs da lieber mit unserm seligen Doktor Luther: was
hinaufsteigt, das ist fr meinen lieben Gott, aber was
hinunter geht, Teufel, das ist fr Dich--Ja wo war ich?

Luffer.
Ich frchte, meine Bewegungsgrnde waren von andrer Art ...
Reue, Verzweiflung--

Wenzeslaus.
Ja, nun hab ichs--Die Esser, sag' ich, haben auch
nie Weiber genommen; es war eins von ihren Grundgesetzen
und dabey sind sie zu hohem Alter kommen, wie solches
im Josephus zu lesen.  Wie die es nun angefangen, ihr
Fleisch so zu bezhmen; ob sie es gemacht, wie ich,
nchtern und mssig gelebt und brav Toback geraucht,
oder ob sie Euren Weg eingeschlagen--So viel ist
gewi, in amore, in amore omnia insunt vitia und ein
Jngling, der diese Klippe vorbeyschifft, Heil, Heil
ihm, ich will ihm Lorbeern zuwerfen; lauro tempora
cingam et sublimi fronte sidera pulsabit.

Luffer.
Ich frcht', ich werd' an dem Schnitt sterben mssen.

Wenzeslaus.
Mit nichten, da sey Gott fr.  Ich will gleich zu
Gevatter Schpsen.  Der Fall wird ihm freylich noch
nie vorgekommen seyn, aber hat er Euch euren Arm kurirt,
welches doch eine Wunde war, die nicht zu eurer
Wohlfarth diente, so wird ja Gott auch ihm Gnade zu
einer Kur geben, die Euer ewiges Seelenheil befrdern
wird.  (geht ab)

Luffer.
Sein Frohlocken verwundet mich mehr als mein Messer.
O Unschuld, welch' eine Perle bist du!  Seit ich dich
verloren, that ich Schritt auf Schritt in der Leidenschaft
und endigte mit Verzweiflung.  Mchte dieser Letzte mich
nicht zum Tode fhren, vielleicht knnt' ich itzt wieder
anfangen zu leben und zum Wenzeslaus wiedergeboren werden.


Vierte Scene.

In Leipzig.

Fritz von Berg und Rehaar.
(begegnen sich auf der Strae)


Rehaar.
Herr von Bergchen, ein Briefchen, unter meinem Kuvert
gekommen.  Herr von Seiffenblase hat an mich geschrieben;
hat auch Lautchen bey mir gelernt vormals.  Er bittet
mich, ich soll doch diesen Brief einem gewissen Herrn
von Berg in Leipzig abgeben, wenn er anders noch da
wre--O wie bin ich gesprungen!

Fritz.
Wo hlt er sich denn itzt auf, Seiffenblase?

Rehaar.
Soll es dem Herrn von Berg abgeben, schreibt er, wenn
Sie anders diesen wrdigen Mann kennen.  O wie bin ich
gesprungen--Er ist in Knigsberg, der Herr von
Seiffenblase.  Was meynen Sie, und meine Tochter ist
auch da, und logirt ihm grad gegenber.  Sie schreibt
mir, die Kathrinchen, da sie nicht genug rhmen kann,
was er ihr fr Hflichkeit erzeigt, alles um
meinetwillen; hat sieben Monath bey mir gelernt.

Fritz.  (zieht die Uhr aus)
Liebster Rehaar, ich mu ins Kollegium--Sagen Sie
Ptus nichts davon, ich bitte Sie--(geht ab)

Rehaar.  (ruft ihm nach)
Auf den Nachmittag--Konzertchen!--


Fnfte Scene.

Zu Knigsberg in Preuen.
Geh. Rath.  Gustchen.  Major.
(stehn in ihrem Hause am Fenster)


Geh. Rath.
Ist ers?

Gustchen.
Ja, er ist's.

Geh. Rath.
Ich sehe doch, die Tante mu ein lderliches Mensch
seyn, oder sie hat einen Ha auf ihre Nichte geworfen
und will sie mit Flei ins Verderben strzen.

Gustchen.
Aber Onkel, sie kann ihm doch das Haus nicht verbieten.

Geh. Rath.
Auf das, was ich ihr gesagt?--Wer will's ihr bel
nehmen, wenn sie zu ihm sagte: Herr von Seiffenblase,
Sie haben sich auf einem Kaffeehause verlauten lassen,
Sie wollten meine Nichte zu Ihrer Mtresse machen,
suchen Sie sich andre Bekanntschaften in der Stadt;
bey mir kommen Sie unrecht: meine Nichte ist eine
Auslnderin, die meiner Aufsicht anvertraut ist; die
sonst keine Sttze hat; wenn sie verfhrt wrde, fiel'
alle Rechenschaft auf mich.  Gott und Menschen mten
mich verdammen.

Major.
Still Bruder!  Er kommt heraus und lt die Nase
erbrmlich hngen.  Ho, ho, ho, da Du die Krepanz!
Wie bla er ist.

Geh. Rath.
Ich will doch gleich hinber, und sehn was es gegeben hat.


Sechste Scene.

In Leipzig.
Ptus.  (an einem Tisch und schreibt)
Berg. (tritt herein einen Brief in der Hand)


Ptus.  (sieht auf und schreibt fort)

Fritz.
Ptus!--Hast zu thun?

Ptus.
Gleich--(Fritz spaziert auf und ab) Jetzt--(legt das
Schreibzeug weg)

Fritz.
Ptus!  ich hab' einen Brief bekommen--und hab nicht
das Herz, ihn aufzumachen.

Ptus.
Von wo kommt er?  Ists Deines Vaters Hand?

Fritz.
Nein, von Seiffenblase--aber die Hand zittert mir, so
bald ich erbrechen will.  Brich doch auf.  Bruder, und
lie mir vor.  (wirft sich auf einen Lehnstuhl)

Ptus.  (liest)
"Die Erinnerung so mancher angenehmen Stunden, deren
ich mich noch mit Ihnen genossen zu haben erinnere,
verpflichtet mich, Ihnen zu schreiben und Sie an diese
angenehme Stunden zu erinnern"--Was der Junge fr eine
rasende Orthographie hat.

Fritz.
Lies doch nur--

Ptus.
"Und weil ich mich verpflichtet hielt, Ihnen Nachrichten
von meiner Ankunft und den Neuigkeiten, die allhier
vorgefallen, als melde Ihnen von Dero werthesten Familie,
welche leider sehr viele Unglcksflle in diesem Jahre
erlebt hat, und wegen der Freundschaft, welche ich in
Dero Eltern ihrem Hause genossen, sehe mich verpflichtet,
weil ich wei, da Sie mit Ihrem Herrn Vater in
Misverstni und er Ihnen lange wohl nicht wird
geschrieben haben, so werden Sie auch wohl den
Unglcksfall nicht wissen mit dem Hofmeister, welcher
aus Ihres gndigen Onkels Hause ist gejagt worden,
weil er Ihre Kusine genothzchtigt, worber sie sich
so zu Gemth gezogen, da sie in einen Teich gesprungen,
durch welchen Trauerfall Ihre ganze Familie in den
hchsten Schrcken"--Berg!  was ist Dir--(begiet ihn
mit Lavendel) Wie nun Berg?  Rede, wird Dir weh--Htt
ich Dir doch den verdammten Brief nicht--Ganz gewi
ists eine Erdichtung--Berg!  Berg!

Fritz.
La mich--Es wird schon bergehn.

Ptus.
Soll ich jemand holen, der Dir die Ader schlgt.

Fritz.
O pfuy doch--thu doch so franzsisch nicht--Lie mirs
noch einmal vor.

Ptus.
Ja, ich werde Dir--Ich will den hunsvttischen
malitisen Brief den Augenblick--(zerreit ihn)

Fritz.
Genothzchtigt--ersuft.  (schlgt sich an die Stirn)
Meine Schuld!  (steht auf) meine Schuld einzig und allein--

Ptus.
Du bist wohl nicht klug--Willst Dir die Schuld geben,
da sie sich vom Hofmeister verfhren lt--

Fritz.
Ptus, ich schwur ihr, zurckzukommen, ich schwur ihr--
Die drey Jahr sind verflossen, ich bin nicht gekommen,
ich bin aus Halle fortgangen, mein Vater hat keine
Nachrichten von mir gehabt.  Mein Vater hat mich
aufgeben, sie hat es erfahren, Gram--Du kennst ihren
Hang zur Melancholey--die Strenge ihrer Mutter obenein,
Einsamkeit, auf dem Lande, betrogne Liebe--Siehst Du
das nicht ein, Ptus; siehst Du das nicht ein?  Ich
bin ein Bsewicht: ich bin schuld an ihrem Tode.  (wirft
sich wieder in den Stuhl und verhllt sein Gesicht)

Ptus.
Einbildungen!--Es ist nicht wahr, es ist so nicht
gegangen.  (stampft mit dem Fu) Tausend Sapperment,
da Du so dumm bist, und alles glaubst, der Spitzbube,
der Hundsfut, der Brenhuter, der Seiffenblase, will
Dir einen Streich spielen--La mich ihn einmal zu
sehen kriegen.--Es ist nicht wahr, da sie todt ist,
und wenn sie todt ist, so hat sie sich nicht selbst
umgebracht...

Fritz.
Er kann doch das nicht aus der Luft saugen--Selbst
umgebracht--(springt auf) O das ist entsetzlich!

Ptus.  (stampft abermal mit dem Fu)
Nein, sie hat sich selbst nicht umgebracht.
Seiffenblase lgt; wir mssen mehr Besttigung haben.
Du weit, da Du ihm einmal im Rausch erzehlt hast,
da Du in Deine Kusine verliebt wrst; siehst Du, das
hat die malitise Kanaille aufgefangen--aber weit
Du was; weit Du, was Du thust?  Hust ihm was; pfeif
ihm was; pfuy ihm was, schreib ihm, Ew.  Edlen danke
dienstfreundlichst fr Dero Neuigkeiten, und bitte,
Sie wollen mich im--Das ist der beste Rath, schreib
ihm zurck: Ihr seyd ein Hundsfut.  Das ist das
vernnftigste, was Du bey der Sache thun kannst.

Fritz.
Ich will nach Hause reisen.

Ptus.
So reis' ich mit Dir--Berg, ich la Dich keinen
Augenblick allein.

Fritz.
Aber wovon?  Reisen ist bald ausgesprochen--Wenn ich
keine abschlgige Antwort befrchtete, so wolle ich
es bey Leichtfu et Compagnie versuchen, aber ich bin
ihnen schon hundertfunfzig Dukaten schuldig--

Ptus.
Wir wollen beyde zusammen hingehn--Wart, wir mssen die
Lotterie vorbey.  Heut ist die Post aus Hamburg angekommen,
ich will doch unterwegs nachfragen; zum Spa nur--


Siebente Scene.

In Knigsberg.
Geh. Rath (fhrt) Jungfer Rehaar (an der Hand)
Augustchen.  Major.


Geh. Rath.
Hier, Gustchen, bring ich Dir eine Gespielin.  Ihr seyd
in einem Alter, einem Verhltnisse--Gebt Euch die
Hand, und seyd Freundinnen.

Gustchen.
Das bin ich lange gewesen, liebe Mamsell!  Ich wei
nicht, was es war, das in meinem Busen auf- und abstieg,
wenn ich Sie aus dem Fenster sah; aber Sie waren in so
viel Zerstreuungen verwickelt, so mit Kutschenbesuchen
und Serenaden belstigt, da ich mit meinem Besuch zu
unrechter Zeit zu kommen frchtete.

Jungfer Rehaar.
Ich wre Ihnen zuvorgekommen, gndiges Frulein, wenn
ich das Herz gehabt.  Allein in ein so vornehmes Haus
mich einzudrngen, hielt' ich fr unbesonnen, und mute
dem Zug meines Herzens, das mich schon oft bis vor
Ihre Thr gefhrt hat, allemal mit Gewalt widerstehen.

Geh. Rath.
Stell Dir vor, Major; der Seiffenblase hat auf die
Warnung, die ich der Frau Dutzend that, und die sie
ihm wieder erzehlt hat und zwar, wie ichs verlangt,
unter meinem Namen, geantwortet: er werde sich schon
an mir zu rchen wissen.  Er hat alles das so gut von
sich abzulehnen gewut, und ist gleich Tags drauf mit
dem Minister Deichsel hingefahren kommen, da die arme
Frau das Herz nicht gehabt, sich seine Besuche zu
verbitten.  Gestern Nacht hat er zwey Wagen in diese
Strae bestellt und einen am Brandenburger Thor, das
wegen des Feuerwerks offen blieb, das erfhrt die Madam
gestern Vormittag schon.  Den Nachmittag will er fr
Henkers Gewalt die Mamsell berreden, mit ihm zum
Minister auf die Assemblee zu fahren, aber Madam
Dutzend traute dem Frieden nicht, und hat's ihm rund
abgeschlagen.  Zweymal ist er vor die Thr gefahren,
aber hat wieder umkehren mssen; da seine Karte also
verzettelt war, wollt' ers heut probiren.  Madam Dutzend
hat ihm nicht allein das Haus verbothen, sondern
zugleich angedeutet: sie sehe sich genthigt, sich
vom Gouverneur Wache vor ihrem Hause auszubitten.
Da hat er Flammen gespyen, hat mit dem Minister gedroht--
Um die Madam vllig zu beruhigen, hab' ich ihr
angetragen: die Mamsell in unser Haus zu nehmen.  Wir
wollen sie auf ein halb Jahr nach Insterburg mitnehmen,
bis Seiffenblase sie vergessen hat, oder so lang als
es ihr selber nur da gefallen kann--

Major.
Ich hab schon anspannen lassen.  Wenn wir nach
Heidelbrunn fahren, Mamsell, so la ich Sie nicht
los.  Sie mssen mit, oder meine Tochter bleibt mit
Ihnen in Insterburg.

Geh. Rath.
Das wr wohl am besten.  Ohnehin taugt das Land fr
Gustchen nicht und Mamsel Rehaar la ich nicht von mir.

Major.
Gut, da Deine Frau Dich nicht hrt--oder hast Du
Absichten auf Deinen Sohn?

Geh. Rath.
Mach das gute Kind nicht roth.  Sie werden ihn in
Leipzig oft genug mssen gesehen haben, den bsen
Buben.  Gustchen, Du wirst zur Gesellschaft mit roth?
Er verdient's nicht.

Gustchen.
Da mein Vater mir vergeben hat, sollte Ihr Sohn ein
minder gtiger Herz bey Ihnen finden?

Geh. Rath.
Er ist auch noch in keinen Teich gesprungen.

Major.
Wenn wir nur das blinde Weib mit dem Kinde ausfndig
gemacht htten, von dem mir der Schulmeister schreibt;
eh kann ich nicht ruhig werden--Kommt!  ich mu noch
heut auf mein Gut.

Geh. Rath.
Daraus wird nichts.  Du mut die Nacht in Insterburg
schlafen.


Achte Scene.

Leipzig.
Bergs Zimmer.
Fritz v. Berg. (sitzt, die Hand untern Kopf gesttzt)
Ptus.  (strzt herein)


Ptus.
Triumpf Berg!  Was kalmeuserst Du?--Gott!  Gott!
(greift sich an den Kopf und fllt auf die Knie)
Schicksal!  Schicksal!--Nicht wahr, Leichtfu hat
Dir nicht vorschieen wollen?  La ihn Dich--Ich
hab Geld, ich hab' alles--Dreyhundert achtzig
Friedrichd'or gewonnen auf einem Zug!  (springt auf
und schreyt) Heydideldum, nach Insterburg!  Pack ein!

Fritz.
Bist Du nrrisch worden?

Ptus.  (zieht einen Beutel mit Gold hervor und wirft
alles auf die Erde)
Da ist meine Narrheit.  Du bist ein Narr mit Deinem
Unglauben--Nun hilf auflesen; buck Dich etwas--
und heut noch nach Insterburg, juchhe!  (lesen auf)
Ich will meinem Vater die achtzig Friedrichsd'or
schenken, so viel betrug grad mein letzter Wechsel,
und zu ihm sagen: nun Herr Papa, wie gefall' ich
Ihnen itzt?  All Deine Schulden knnen wir bezahlen,
und meine obenein, und denn reisen wir wie die Prinzen.
Juchhei


Neunte Scene.

Die Schule.
Wenzeslaus.  Luffer.  (beyde in schwarzen Kleidern)


Wenzeslaus.
Wie hat ihm die Predigt gefallen, Kollege!  Wie hat
Er sich erbaut?

Luffer.
Gut, recht gut.  (seufzt)

Wenzeslaus.  (nimmt seine Percke ab und setzt eine
Nachtmtze auf)
Damit ist's nicht ausgemacht.  Er soll mir sagen,
welche Stelle aus der Predigt vorzglich gesegnet
an seinem Herzen gewesen.  Hr' Er--setz' Er sich.
Ich mu Ihm was sagen; ich hab' eine Anmerkung in
der Kirche gemacht, die mich gebeugt hat.  Er hat mir
da so wetterwendisch gesessen, da ich mich Seiner,
die Warheit zu sagen, vor der ganzen Gemeine geschmt
habe und dadurch oft fast aus meinem Koncept kommen
bin.  Wie, dacht' ich, dieser junge Kmpfer, der so
ritterlich durchgebrochen und den schwersten Strau
schon gewissermaen berwunden hat--ich mu es Ihm
bekennen: Er hat mich gergert, skandalon edidouV,
etaire!  Ich habs wohl gemerkt, wohin es gieng, ich
habs wohl gemerkt; immer nach der mittlern Thr zu
da nach der Orgel hinunter.

Luffer.
Ich mu bekennen, es hieng ein Gemlde dort, das
mich ganz zerstreut hat.  Der Evangelist Markus mit
einem Gesicht, das um kein Haar menschlicher aussah,
als der Lwe, der bey ihm sa, und der Engel beym
Evangelisten Matthus eher einer geflgelten Schlange
hnlich.

Wenzeslaus.
Es war nicht das, mein Freund!  Bild' Er mir's nicht
ein; es war nicht das.  Sag' Er mir doch, ein Bild
sieht man an und sieht wieder weg, und dann ist's
alles.  Hat Er denn gehrt, was ich gesagt habe?
Wei Er mir Ein Wort aus meiner Predigt wieder
anzufhren?  Und sie war doch ganz fr Ihn gehalten;
ganz kasuistisch--O!  o!  o!

Luffer.
Der Gedanke gefiel mir vorzglich, da zwischen
unsrer Seele und ihrer Wiedergeburt und zwischen
dem Flachs- und Hanfbau eine groe Aehnlichkeit
herrsche, und so wie der Hanf im Schneidebrett durch
heftige Ste und Klopfen von seiner alten Hlse
befreyt werden msse, so msse unser Geist auch durch
allerley Kreutz und Leiden und Ertdtung der
Sinnlichkeit fr den Himmel zubereitet werden.

Wenzeslaus.
Er war kasuistisch, mein Freund--

Luffer.
Doch kann ich Ihnen auch nicht bergen, da Ihre Liste
von Teufeln, die aus dem Himmel gejagt worden, und
die Geschichte der ganzen Revolution da, da Lucifer
sich fr den schnsten gehalten--Die heutige Welt
ist ber den Aberglauben lngst hinweg; warum will
man ihn wieder aufwrmen.  In der ganzen heutigen
vernnftigen Welt wird kein Teufel mehr statuirt--

Wenzeslaus.
Darum wird auch die ganze heutige vernnftige Welt
zum Teufel fahren.  Ich mag nicht verdammen, lieber
Herr Mandel; aber das ist wahr, wir leben in
seelenverderblichen Zeiten: es ist die letzte bse
Zeit.  Ich mag mich drber weiter nicht auslassen:
ich seh wohl, Er ist ein Zweifler auch, und auch
solche Leute mu man tragen.  Es wird schon kommen;
Er ist noch jung--aber gesetzt auch, posito auch,
aber nicht zugestanden, unsere Glaubenslehren wren
all Aberglauben, ber Geister, ber Hll, ber Teufel,
da--Was thut's Euch, was beits Euch, da Ihr Euch
so mit Hnden und Fen dagegen wehrt?  Thut nichts
Bses, thut recht und denn so braucht Ihr die Teufel
nicht zu scheuen, und wenn ihrer mehr wren wie
Ziegel auf dem Dach, wie der selige Lutherus sagt.
Und Aberglauben--O schweigt still, schweigt still,
lieben Leut'.  Erwgt erst mit reifem Nachdenken, was
der Aberglaube bisher fr Nutzen gestiftet hat, und
denn habt mir noch das Herz, mit Euren nchternen
Sptteleyen gegen mich anzuziehen.  Reutet mir den
Aberglauben aus; ja warhaftig der rechte Glaub wird
mit drauf gehn, und ein nacktes Feld da bleiben.
Aber ich wei jemand, der gesagt hat, man soll beydes
wachsen lassen, es wird schon die Zeit kommen, da
Kraut sich von dem Unkraut scheiden wird.  Aberglauben--
Nehmt dem Pbel seinen Aberglauben, er wird
freygeistern, wie Ihr und Euch vor den Kopf schlagen.
Nehmt dem Bauer seinen Teufel, und er wird ein Teufel
gegen seine Herrschaft werden und ihr beweisen, da es
welche giebt.  Aber wir wollen das bey Seite setzen--
Wovon rede ich doch?--Recht, sag' Er mir, wen hat Er
angesehen in der ganzen Predigt?  Verheel' Er mir
nichts.  Ich war es nicht, denn sonst mst' Er schielen,
da es eine Schande wre.

Luffer.
Das Bild.

Wenzeslaus.
Es war nicht das Bild--Dort unten, wo die Mdchen
sitzen, die bey ihm in die Kinderlehre gehen--Lieber
Freund!  es wird doch nichts vom alten Sauerteig in
seinem Herzen geblieben seyn--Ey, ey!  wer einmal
geschmeckt hat die Krfte der zuknftigen Welt--Ich
bitt Ihn, mir stehn die Haare zu Berge--Nicht wahr,
die eine da mit dem gelben Haar so nachlig unter das
rothe Hubchen gesteckt und mit den lichtbraunen Augen,
die allemal unter den schwarzen Augbraunen so schalkhaft
hervorblinzen, wie die Sterne hinter Regenwolken--Es
ist wahr, das Mdchen ist gefhrlich; ich hab's nur
einmal von der Kanzel angesehn, und muste hernach
allemal die Augen platt zudrcken, wenn sie auf sie
fielen, sonst wr' mirs gegangen, wie den weisen
Mnnern im Areopagus, die Recht und Gerechtigkeit
vergaen um einer schnden Phryne willen.--Aber sag'
Er mir doch, wo will Er hin, da Er Sich noch bsen
Begierden berlt, da Ihm sogar an Mitteln fehlt,
sie zu befriedigen?  Will Er Sich dem Teufel ohne Sold
dahingeben?  Ist das das Gelbd, das er dem Herrn
gethan--Ich rede als Sein geistlicher Vater mit Ihm--
Er, der itzt mit so wenig Mhe ber alle Sinnlichkeit
triumphiren, ber die Erde sich hinausschwingen und
bessern Revieren zufliegen knnte.  (Umarmt ihn) Ach
mein lieber Sohn, bey diesen Thrnen, die ich aus
wahrer herzlicher Sorgfalt fr Ihn vergiee; kehr'
Er nicht zu den Fleischtpfen Egyptens zurck, da Er
Kanaan so nahe war!  Eile, eile!  rette Deine
unsterbliche Seele!  Du hast auf der Welt nichts, das
Dich mehr zurckhalten knnte.  Die Welt hat nichts
mehr fr Dich, womit sie Deine Untreu Dir einmal
belohnen knnte; nicht einmal eine sinnliche Freude,
geschweige denn Ruhe der Seelen--Ich geh und berlasse
Dich Deinen Entschlieungen.  (geht ab)

(Luffer bleibt in tiefen Gedanken sitzen)


Zehnte Scene.

Lise.  (tritt herein, ein Gesangbuch in der Hand, ohne
da er sie gewahr wird.  Sie sieht ihm lang
stillschweigend zu.  Er springt auf, will knien; wird
sie gewahr und sieht sie eine Weile verwirrt an)


Luffer.  (nhert sich ihr)
Du hast eine Seele dem Himmel gestolen.  (fat sie an
die Hand) Was fhrt Dich hieher, Lise?

Lise.
Ich komme, Herr Mandel--Ich komme, weil Sie gesagt
haben, es wrd' morgen keine Kinderlehr--weil Sie--
so komm' ich--gesagt haben--ich komme, zu fragen,
ob morgen Kinderlehre seyn wird.

Luffer.
Ach!--Seht diese Wangen, ihr Engel!  Wie sie in
unschuldigem Feuer brennen und denn verdammt mich,
wenn ihr knnt--Lise, warum zittert Deine Hand?
Warum sind Dir die Lippen so bleich und die Wangen
so roth?  Was willst Du?

Lise.
Ob morgen Kinderlehr seyn wird?

Luffer.
Setz Dich zu mir nieder--Leg Dein Gesangbuch weg--
Wer steckt Dir das Haar auf, wenn Du nach der Kirche
gehst?  (setzt sie auf einen Stuhl neben seinem)

Lise.  (will aufstehn)
Verzeyh' Er mir; die Haube wird wohl nicht recht
gesteckt seyn; es mache einen so erschrecklichen Wind,
als ich zur Kirche kam.

Luffer.  (nimmt ihre beyden Hnde in seine Hand)
O Du bist--Wie alt bist Du, Lise?--Hast Du niemals--
Was wollt' ich doch fragen--Hast Du nie Freyer gehabt?

Lise.  (Munter)
O ja einen, noch die vorige Woche; und des Schaafwirths
Grethe war so neidisch auf mich und hat immer gesagt:
ich wei nicht was er sich um das einfltige Mdchen
so viel Mhe macht, und denn hab' ich auch noch einen
Officier gehabt; es ist noch kein Vierteljahr.

Luffer.
Einen Officier?

Lise.
Ja doch, und einer von den recht Vornehmen.  Ich sag'
ihnen, er hat drey Tressen auf dem Arm gehabt: aber
ich war noch zu jung und mein Vater wollt mich ihm
nicht geben, wegen des soldatischen Wesens und Ziehens.

Luffer.
Wrdest Du--O ich wei nicht, was ich rede--Wrdest
Du wohl--Ich Elender!

Lise.
O ja, von ganzem Herzen.

Luffer.
Bezaubernde!--(will ihr die Hand kssen) Du weit ja
noch nicht, was ich fragen wollte.

Lise.  (zieht sie weg)
O lassen Sie, meine Hand ist ja so schwarz--O pfuy
doch!  Was machen Sie?  Sehen Sie, einen geistlichen
Herrn htt' ich allewege gern: von meiner ersten
Jugend an hab ich die studierte Herren immer gern
gehabt; sie sind alleweil so artig, so manierlich,
nicht so puf paf, wie die Soldaten, obschon ich
einewege die auch gern habe, das leugn' ich nicht,
wegen ihrer bunten Rcke; ganz gewi, wenn die
geistlichen Herren in so bunten Rcken giengen, wie
die Soldaten, das wre zum Sterben.

Luffer.
La' mich Deinen muthwilligen Mund mit meinen Lippen
zuschlieen.  (kt sie) O Lise!  Wenn Du wstest, wie
unglcklich ich bin.

Lise.
O pfuy, Herr, was machen Sie?

Luffer.
Noch einmal und denn ewig nicht wieder!  (kt sie.
Wenzeslaus tritt herein)

Wenzeslaus.
Was ist das?  Proh deum atque hominum fidem!  Wie nun,
falscher, falscher, falscher Prophet!  Reiender Wolf
in Schaafskleidern!  Ist das die Sorgfalt, die Du Deiner
Heerde schuldig bist?  Die Unschuld selber verfhren, die
Du vor Verfhrung bewahren sollst?  Es mu ja Aergerni
kommen, doch wehe dem Menschen, durch welchen Aergerni
kommt!

Luffer.
Herr Wenzeslaus!

Wenzeslaus.
Nichts mehr!  Kein Wort mehr!  Ihr habt Euch in Eurer
wahren Gestalt gezeigt.  Aus meinem Hause, Verfhrer!

Lise.  (kniet vor Wenzeslaus)
Lieber Herr Schulmeister, er hat mir nichts bses gethan.

Wenzeslaus.
Er hat Dir mehr bses gethan, als Dir Dein rgster
Feind thun knnte.  Er hat Dein unschuldiges Herz
verfhrt.

Luffer.
Ich bekenne mich schuldig--Aber kann man so vielen
Reitzungen widerstehen?  Wenn man mir dies Herz aus dem
Leibe risse und mich Glied vor Glied verstmmelte und
ich behielt nur eine Ader von Blut noch brig, so wrde
diese verrthrische Ader doch fr Lisen schlagen.

Lise.
Er hat mir nichts Leides gethan.

Wenzeslaus.
Dir nichts Leides gethan--Himmlischer Vater!

Luffer.
Ich hab ihr gesagt, da sie die liebenswrdigste
Kreatur sey, die jemals die Schpfung beglckt hat;
ich hab' ihr das auf ihre Lippen gedrckt; ich hab
diesen unschuldigen Mund mit meinen Kssen versiegelt,
welcher mich sonst durch seine Zaubersprache zu noch
weit greren Verbrechen wrde hingerissen haben.

Wenzeslaus.
Ist das kein Verbrechen?  Was nennt Ihr jungen Herrn
heut zu Tage Verbrechen?  O tempora, o mores!  Habt Ihr
den Valerius Maximus gelesen?  Habt Ihr den Artikel
gelesen de pudicitia?  Da fhrt er einen Mnius an,
der seinen Freygelassenen todtgeschlagen hat, weil er
seine Tochter einmal kte und die Raison: ut etiam
oscula ad maritum sincera perferret.  Riecht Ihr das?
Schmeckt Ihr das?  Etiam oscula, non solum virginitatem,
etiam oscula.  Und Mnius war doch nur ein Heyde: was
soll ein Christ thun, der wei, da der Ehstand von
Gott eingesetzt ist und da die Glckseligkeit eines
solchen Standes an der Wurzel vergiften, einem
knftigen Gatten in seiner Gattin seine Freud und
Trost verderben; seinen Himmel profaniren--Fort,
aus meinen Augen, Ihr Bsewicht!  Ich mag mit Euch
nichts zu thun haben!  Geht zu einem Sultan und lat
Euch zum Aufseher ber ein Serail dingen, aber nicht
zum Hirten meiner Schaafe.  Ihr Miethling.  Ihr reissender
Wolf in Schaafskleidern!

Luffer.
Ich will Lisen heyrathen.

Wenzeslaus.
Heyrathen--Ey ja doch--als ob sie mit einem Eunuch
zufrieden?

Lise.
O ja, ich bins herzlich wohl zufrieden, Herr Schulmeister.

Luffer.
Ich unglcklicher!

Lise.
Glauben Sie mir, lieber Herr Schulmeister, ich la
einmal nicht von ihm ab.  Nehmen Sie mir das Leben;
ich lasse nicht ab von ihm.  Ich hab ihn gern und mein
Herz sagt mir, da ich niemand auf der Welt so gern
haben kann als ihn.

Wenzeslaus.
So--da doch--Lise, Du verstehst das Ding nicht--
Lise, es lt sich Dir so nicht sagen, aber Du kannst
ihn nicht heyrathen; es ist unmglich.

Lise.
Warum soll es denn unmglich seyn, Herr Schulmeister?
Wie kann's unmglich seyn, wenn ich will und wenn er
will, und mein Vater auch es will?  Denn mein Vater hat
mir immer gesagt, wenn ich einmal einen geistlichen
Herrn bekommen knnte--

Wenzeslaus.
Aber da dich der Kuckuk, er kann ja nichts--Gott
verzeih mir meine Snde, so la Dir doch sagen.

Luffer.
Vielleicht fodert sie das nicht--Lise, ich kann bey
Dir nicht schlafen.

Lise.
So kann Er doch wachen bey mir, wenn wir nur den Tag
ber beisammen sind und uns so anlachen und uns
einsweilen die Hnde kssen--Denn bey Gott!  ich hab'
ihn gern.  Gott wei es, ich hab' Ihn gern.

Luffer.
Sehn Sie, Herr Wenzeslaus!  Sie verlangt nur Liebe von
mir.  Und ist's denn nothwendig zum Glck der Ehe, da
man thierische Triebe stillt?

Wenzeslaus.
Ey was--Connubium sine prole, est quasi dies sine
sole ...  Seyd fruchtbar und mehret euch, steht in
Gottes Wort.  Wo Eh' ist, mssen auch Kinder seyn.

Lise.
Nein Herr Schulmeister, ich schwr's Ihm, in meinem
Leben mcht' ich keine Kinder haben.  Ey ja doch,
Kinder!  Was Sie nicht meynen!  Damit wr mir auch wol
gro gedient, wenn ich noch Kinder dazu bekme.  Mein
Vater hat Enten und Hner genug, die ich alle Tage
fttern mu, wenn ich noch Kinder ebenen fttern mste.

Luffer.  (kt sie)
Gttliche Lise!

Wenzeslaus.  (reit sie von einander)
Ey was denn!  Was denn!  Vor meinen Augen?--So kriecht
denn zusammen; meinetwegen; weil doch Heyrathen besser
ist als Brunst leiden--Aber mit uns, Herr Mandel, ist
es aus: alle grosse Hofnungen, die ich mir von Ihm
gemacht, alle grosse Erwartungen, die mir Sein
Heldenmuth einflte.--Gtiger Himmel!  wie weit ist
doch noch die Kluft, die zwischen einem Kirchenvater
und zwischen einem Kapaun befestigt ist.  Ich dacht',
er sollte Origenes der zweyte--O homuncio, homuncio!
Das mt' ein ganz andrer Mann seyn, der aus Absicht
und Grundstzen den Weg einschlge, um ein Pfeiler
unsrer sinkenden Kirche zu werden.  Ein ganz anderer
Mann!  Wer wei, was noch einmal geschieht!  (geht ab)

Luffer.
Komm zu Deinem Vater, Lise, Seine Einwilligung noch
und ich bin der glcklichste Mensch auf dem Erdboden!


Eilfte Scene.

Zu Insterburg.

Geheimer Rath.  Fritz von Berg. Ptus.  Gustchen.  Jungfer
Rehaar.
(Gustchen und Jungfer Rehaar verstecken sich bey der
Ankunft der erstern in die Kammer.)
(Geheimer Rath und Fritz laufen sich entgegen.)


Fritz.  (fllt vor ihm auf die Knie)
Mein Vater!

Geh. Rath.  (hebt ihn auf und umarmt ihn)
Mein Sohn!

Fritz.
Haben Sie mir vergeben?

Geh. Rath.
Mein Sohn!

Fritz.
Ich bin nicht werth, da ich Ihr Sohn heie.

Geh. Rath.
Setz Dich; denk mir nicht mehr dran.  Aber, wie hast
Du Dich in Leipzig erhalten?  Wieder Schulden auf meine
Rechnung gemacht?  Nicht?  und wie bist Du fortkommen?

Fritz.
Dieser gromthige Junge hat alles fr mich bezahlt.

Geh. Rath.
Wie denn?

Ptus.
Dieser noch gromthigere--O ich kann nicht reden.

Geh. Rath.
Setzt euch Kinder; sprecht deutlicher.  Hat Ihr Vater
sich mit Ihnen ausgeshnt, Herr Ptus?

Ptus.
Keine Zeile von ihm gesehen.

Geh. Rath.
Und wie habt Ihrs denn beyde gemacht?

Ptus.
In der Lotterie gewonnen, eine Kleinigkeit--aber es
kam uns zu statten, da wir herreisen wollten.

Geh. Rath.
Ich seh, Ihr wilde Bursche denkt besser als Eure Vter.
Was hast Du wohl von mir gedacht, Fritz?  Aber man hat
Dich auch bey mir verleumdet.

Ptus.
Seiffenblase gewi?

Geh. Rath.
Ich mag ihn nicht nennen; das gbe Katzbalgereyen, die
hier am unrechten Ort wren.

Ptus.
Seiffenblase!  Ich la mich hngen.

Geh. Rath.
Aber was fhrt Dich denn nach Hause zurck, eben
jetzt da?--

Fritz.
Fahren Sie fort--O das eben jetzt, mein Vater!  das
eben jetzt ists, was ich wissen wollte.

Geh. Rath.
Was denn?  was denn?

Fritz.
Ist Gustchen todt?

Geh. Rath.
Holla!  der Liebhaber!--Was veranlat Dich, so zu fragen?

Fritz.
Ein Brief von Seiffenblase.

Geh. Rath.
Er hat Dir geschrieben: sie wre todt?

Fritz.
Und entehrt dazu.

Ptus.
Es ist ein verleumderischer Schurke!

Geh. Rath.
Kennst Du eine Jungfer Rehaar in Leipzig?

Fritz.
O ja, ihr Vater war mein Lautenmeister.

Geh. Rath.
Die hat er entehren wollen; ich hab sie von seinen
Nachstellungen errettet: das hat ihn uns feind gemacht.

Ptus.  (steht auf)
Jungfer Rehaar--Der Teufel soll ihn holen.

Geh. Rath.
Wo wollen Sie hin?

Ptus.
Ist er in Insterburg?

Geh. Rath.
Nein doch--Nehmen Sie sich der Prinzessinnen nicht zu
eifrig an, Herr Ritter von der runden Tafel!  Oder haben
Sie Jungfer Rehaar auch gekannt?

Ptus.
Ich?  Nein, ich habe sie nicht gekannt--Ja, ich habe
sie gekannt.

Geh. Rath.
Ich merke--Wollen Sie nicht auf einen Augenblick
in die Kammer spatzieren?  (fhrt ihn an die Thr)

Ptus.  (macht auf und fhrt zurck, sich mit beyden
Hnden an den Kopf greiffend)
Jungfer Rehaar--Zu Ihren Fssen--(hinter der Scene)
Bin ich so glcklich?  oder ist's nur ein Traum?  Ein
Rausch?--Eine Bezauberung?--

Geh. Rath.
Lassen wir ihn!--(kehrt zu Fritz) Und Du denkst
noch an Gustchen?

Fritz.
Sie haben mir das furchtbare Rtzel noch nicht
aufgelst.  Hat Seiffenblase gelogen?

Geh. Rath.
Ich denke, wir reden hernach davon: wir wollen uns
die Freud' itzt nicht verderben.

Fritz.  (kniend)
O mein Vater, wenn Sie noch Zrtlichkeit fr mich
haben, lassen Sie mich nicht zwischen Himmel und
Erde, zwischen Hofnung und Verzweiflung schweben.
Darum bin ich gereist; ich konnte die quaalvolle
Ungewiheit nicht lnger aushalten.  Lebt Gustchen?
Ists wahr, da sie entehrt ist?

Geh. Rath.
Es ist leider nur eine zu traurige Wahrheit.

Fritz.
Und hat sich in einen Teich gestrzt?

Geh. Rath.
Und ihr Vater hat sich ihr nachgestrzt.

Fritz.
So falle denn Henkers Beil--Ich bin der
Unglcklichste unter den Menschen!

Geh. Rath.
Steh' auf!  Du bist unschuldig dran--

Fritz.
Nie will ich aufstehn.  (schlgt sich an die Brust)
Schuldig war ich; einzig und allein schuldig.
Gustchen, seliger Geist, verzeihe mir!

Geh. Rath.
Und was hast Du Dir vorzuwerfen?

Fritz.
Ich habe geschworen, falsch geschworen--Gustchen!
wr' es erlaubt, Dir nachzuspringen!  (steht hastig
auf) Wo ist der Teich?

Geh. Rath.
Hier!  (fhrt ihn in die Kammer)

Fritz.  (hinter der Scene mit lautem Geschrey)
Gustchen!--Seh' ich ein Schattenbild?--Himmel!
Himmel welche Freude!--La mich sterben!  la mich
an Deinem Halse sterben.

Geh. Rath.  (wischt sich die Augen)
Eine zrtliche Gruppe!--Wenn doch der Major hier
wre!  (geht hinein.)


Letzte Scene.

Der Major (ein Kind auf dem Arm) Der alte Ptus.


Major.
Kommen Sie, Herr Ptus.  Sie haben mir das Leben
wiedergegeben.  Das war der einzige Wurm, der mir
noch dran nagte.  Ich mu Sie meinem Bruder prsentiren,
und Ihre alte blinde Gromutter will ich in Gold
einfassen lassen.

Der alte Ptus.
O meine Mutter hat mich durch ihren unvermutheten
Besuch weit glcklicher gemacht, als Sie.  Sie haben
nur einen Enkel wiedererhalten, der Sie an traurige
Geschichten erinnert; ich aber eine Mutter, die mich
an die angenehmsten Scenen meines Lebens erinnert,
und deren mtterliche Zrtlichkeit ich leider noch
durch nichts habe erwiedern knnen, als Ha und
Undankbarkeit.  Ich habe sie aus dem Hause gestoen,
nachdem sie mir den ganzen Nachla meines Vaters
und ihr Vermgen mit bergeben hatte; ich habe rger
gegen sie gehandelt als ein Tyger--Welche Gnade
von Gott ist es, da sie noch lebt, da sie mir noch
verzeihen kann, die gromthige Heilige!  da es noch
in meine Gewalt gestellt ist, meine verfluchte
Verbrechen wieder gut zu machen.

Major.
Bruder Berg!  wo bist Du?  He!  (Geh. Rath kmmt) Hier
ist mein Kind, mein Grosohn.  Wo ist Gustchen?  Mein
allerliebstes Groshnchen!  (schmeichelt ihm) meine
allerliebste nrrische Puppe!

Geh. Rath.
Das ist vortreflich!--und Sie, Herr Ptus?

Major.
Sie Herr Ptus hat's mir verschaft--Seine Mutter
war das alte blinde Weib, die Bettlerin, von der uns
Gustchen so viel erzhlt hat.

Der alte Ptus.
Und durch mich Bettlerin--O die Schaam bindt mir
die Zunge.  Aber ich wills der ganzen Welt erzehlen,
was ich fr ein Ungeheuer war--

Geh. Rath.
Weit Du was neues, Major?  Es finden sich Freyer fr
Deine Tochter--aber dring nicht in mich, Dir den
Namen zu sagen.

Major.
Freyer fr meine Tochter!--(wirft das Kind ins
Kanapee) Wo ist sie?

Geh. Rath.
Sacht!  ihr Freyer ist bey ihr--Willst Du Deine
Einwilligung geben?

Major.
Ists ein Mensch von gutem Hause?  Ist er von Adel?

Geh. Rath.
Ich zweifle.

Major.
Doch keiner zu weit unter ihrem Stande?  O sie sollte
die erste Parthie im Knigreich werden.  Das ist ein
vermaledeyter Gedanke!  wenn ich doch den erst fort
htte; er wird mich noch ins Irrhaus bringen.

Geh. Rath.  (fnet die Kammer; auf seinen Wink tritt
Fritz mit Gustchen heraus)

Major.  (fllt ihm um den Hals)
Fritz!  (zum geh.  Rath) Ists Dein Fritz?  Willst Du
meine Tochter heyrathen?--Gott segne Dich.  Weit
Du noch nichts, oder weit Du alles?  Siehst Du, wie
mein Haar grau geworden ist vor der Zeit!  (fhrt ihn
ans Kanapee) Siehst Du, dort ist das Kind.  Bist ein
Philosoph?  Kannst alles vergessen?  Ist Gustchen Dir
noch schn genug?  O sie hat bereut.  Jung, ich schwre
Dir, sie hat bereut, wie keine Nonne und kein Heiliger.
Aber was ist zu machen?  Sind doch die Engel aus dem
Himmel gefallen--Aber Gustchen ist wieder aufgestanden.

Fritz.
Lassen Sie mich zum Wort kommen.

Major.  (drckt ihn immer an die Brust)
Nein Junge--Ich mchte Dich todt drcken--Da Du
so gromthig bist, da Du so edel denkst--das Du--
mein Junge bist--

Fritz.
In Gustchens Armen beneid' ich keinen Knig.

Major.
So recht; das ist recht.--Sie wird Dir schon gestanden
haben; sie wird Dir alles erzhlt haben--

Fritz.
Dieser Fehltritt macht sie mir nur noch theurer--
macht ihr Herz nur noch englischer.--Sie darf nur
in den Spiegel sehn, um berzeugt zu seyn, da sie
mein ganzes Glck machen werde und doch zittert sie
immer vor dem, wie sie sagt, ihr unertrglichen
Gedanken: sie werde mich unglcklich machen.  O was
hab ich von einer solchen Frau anders zu gewarten,
als einen Himmel?

Major.
Ja wohl einen Himmel; wenn's wahr ist, da die
Gerechten nicht allein hineinkommen, sondern auch
die Snder, die Busse thun.  Meine Tochter hat Busse
gethan und ich hab fr meine Thorheiten und da ich
einem Bruder nicht folgen wollte, der das Ding besser
verstund, auch Busse gethan; ihr zur Gesellschaft:
und darum macht mich der liebe Gott auch ihr zur
Gesellschaft mit glcklich.

Geh. Rath.  (ruft zur Kammer hinein)
Herr Ptus, kommen Sie doch hervor.  Ihr Vater ist hier.

Der alte Ptus.
Was hr' ich--Mein Sohn?

Ptus.  (fllt ihm um den Hals)
Ihr unglcklicher verstossener Sohn.  Aber Gott hat sich
meiner als eines armen Wysen angenommen.  Hier, Papa,
ist das Geld, das Sie zu meiner Erziehung in der Fremde
angewandt; hier ist's zurck und mein Dank dazu; es hat
doppelte Zinsen getragen, das Kapital hat sich vermehrt
und Ihr Sohn ist ein rechtschaffener Kerl worden.

Der alte Ptus.
Mu denn alles heute wetteifern, mich durch Gromuth zu
beschmen.  Mein Sohn, erkenne Deinen Vater wieder, der
eine Weile seine menschliche Natur ausgezogen und in
ein wildes Thier ausgeartet war.  Es gieng Deiner
Gromutter wie Dir: sie ist auch wiedergekommen und hat
mir verziehen und hat mich wieder zum Sohn gemacht, so
wie Du mich wieder zum Vater machst.  Nimm mein ganzes
Vermgen, Gustav!  schalte damit nach Deinem Gefallen,
nur la mich die Undankbarkeit nicht entgelten, die
ich bey einem hnlichen Geschenk gegen Deine Gromutter
uerte.

Ptus.
Erlauben Sie mir, das tugendhafteste ssseste Mdchen
glcklich damit zu machen--

Der alte Ptus.
Was denn?  Du auch verliebt?  Mit Freuden erlaub' ich Dir
alles.  Ich bin alt und mchte vor meinem Tode gern Enkel
sehen, denen ich die Treue beweisen knnte, die Eure
Gromutter fr Euch bewiesen hat.

Fritz.  (Umarmt das Kind auf dem Kanapee, kt's und
trgts zu Gustchen)
Dies Kind ist jetzt auch das meinige; ein trauriges
Pfand der Schwachheit Deines Geschlechts und der
Thorheiten des unsrigen: am meisten aber der
vortheilhaften Erziehung junger Frauenzimmer durch
Hofmeister.

Major.
Ja mein lieber Sohn, wie sollen sie denn erzogen werden?

Geh. Rath.
Giebts fr sie keine Anstalten, keine Nhschulen, keine
Klster, keine Erziehungshuser?--Doch davon wollen
wir ein andermal sprechen.

Fritz.  (kt's abermal)
Und dennoch mir unendlich schtzbar, weil's das Bild
seiner Mutter trgt.  Wenigstens, mein ssses Kind!
werd' ich Dich nie durch Hofmeister erziehen lassen.


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der Hofmeister odor
Vortheile der Privaterziehung, von Jakob Michael Reinhold
Lenz.






*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DER HOFMEISTER ***

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In answer to various questions we have received on this:

We are constantly working on finishing the paperwork to legally
request donations in all 50 states.  If your state is not listed and
you would like to know if we have added it since the list you have,
just ask.

While we cannot solicit donations from people in states where we are
not yet registered, we know of no prohibition against accepting
donations from donors in these states who approach us with an offer to
donate.

International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
ways.

Donations by check or money order may be sent to:

Project Gutenberg Literary Archive Foundation
PMB 113
1739 University Ave.
Oxford, MS 38655-4109

Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment
method other than by check or money order.

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by
the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN
[Employee Identification Number] 64-622154.  Donations are
tax-deductible to the maximum extent permitted by law.  As fund-raising
requirements for other states are met, additions to this list will be
made and fund-raising will begin in the additional states.

We need your donations more than ever!

You can get up to date donation information online at:

https://www.gutenberg.org/donation.html


***

If you can't reach Project Gutenberg,
you can always email directly to:

Michael S. Hart <hart@pobox.com>

Prof. Hart will answer or forward your message.

We would prefer to send you information by email.


**The Legal Small Print**


(Three Pages)

***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START***
Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers.
They tell us you might sue us if there is something wrong with
your copy of this eBook, even if you got it for free from
someone other than us, and even if what's wrong is not our
fault. So, among other things, this "Small Print!" statement
disclaims most of our liability to you. It also tells you how
you may distribute copies of this eBook if you want to.

*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS EBOOK
By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm
eBook, you indicate that you understand, agree to and accept
this "Small Print!" statement. If you do not, you can receive
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