The Project Gutenberg EBook of Complete Mitteilungen aus den Memoiren des
Satan, by Wilhelm Hauff

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Title: Complete Mitteilungen aus den Memoiren des Satan

Author: Wilhelm Hauff

Posting Date: September 25, 2014 [EBook #6892]
Release Date: November, 2004
First Posted: February 7, 2003

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK COMPLETE MEMOIREN DES SATAN ***




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WILHELM HAUFF

MITTEILUNGEN AUS DEN MEMOIREN DES SATAN



ERSTER TEIL.

EINLEITUNG.


  Marte, e' rassembra te, qualor dal quinto
  Cielo, di ferro scendi, e d'orror cinto.
               Tasso, befr. Jerusalem, V. 44.




ERSTES KAPITEL

Der Herausgeber macht eine interessante Bekanntschaft.


Wer, wie der Herausgeber und bersetzer vorliegender merkwrdiger
Aktenstcke, in den letzten Tagen des Septembers 1822 in Mainz war
und in dem schnen Gasthof zu den drei Reichskronen logierte, wird
gewi diese Tage nicht unter die verlorenen seines Lebens rechnen.

Es vereinigte sich damals alles, um das Gasthofleben, sonst nicht
gerade das angenehmste, das man fhren kann, angenehm zu machen. Feine
Weine, gute Tafel, schne Zimmer htte man auch sonst wohl dort
gefunden, seltener, gewi sehr selten so ausgesuchte Gesellschaft. Ich
erinnere mich nicht, jemals in meinem Leben, weder vor noch nachher,
einen meiner damaligen Tisch= und Hausgenossen gesehen zu haben, und
dennoch schlang sich in jenen glcklichen Tagen ein so zartes, enges
Band der Geselligkeit um uns, wie ich es unter Fremden, deren keiner
den andern kannte oder seine nhere Verhltnisse zu wissen wnschte,
nie fr mglich gehalten htte.

Der schne Herbst von 1822 mit seiner erfreulichen Aussicht, dieser
Herbst, am Rhein genossen, mag allerdings zu dieser ruhigen Heiterkeit
des Gemts, zu diesem Hingeben jedes einzelnen fr die Gesellschaft
beigetragen haben. Aber nicht mit Unrecht glaube ich diese Erscheinung
einem sonderbaren, mir nachher hchst merkwrdigen Manne zuschreiben
zu mssen.

Ich war schon beinahe anderthalb Tage in den drei Reichskronen vor
Anker gelegen; htte mich nicht ein Freund, den ich seit langen Jahren
nicht gesehen hatte, auf den fnfundzwanzigsten oder dreiigsten
bestellt, ich wre nicht mehr lnger geblieben; denn die
schrecklichste Langeweile peinigte mich. Die Gesellschaft im Hause war
anstndig, freundlich sogar, aber kalt. Man lie einander an der Seite
liegen, wenig bekmmert um das Wohl oder das Weh des Nachbars. Wie man
einander die schnen geschmorten Fische, den feinen Braten oder die
Saladire darzubieten habe, wute jeder, aber das Genie, ich meine,
der Geist" wies sich nicht gehrig an der Tafel, noch weniger nachher
aus.

Ich sah eines Nachmittags aus meinem Fenster auf den freien Platz vor
dem Hotel hinab und dachte nach ber meine Forderungen an die Menschen
berhaupt und an die Gasthofmenschen (worunter ich nicht Wirt und
Kellner allein verstand) insbesondere. Da rasselte ein Reisewagen ber
das Steinpflaster der engen Seitenstrae und hielt gerade unter meinem
Fenster.

Der geschmackvolle Bau des Wagens lie auf eine elegante Herrschaft
schlieen. Sonderbar war es brigens, da weder auf dem Bock, noch
hinten im Kabriolett ein Diener sa, was doch eigentlich zu den vier
Postpferden, mit welchen der Wagen bespannt war, notwendig gepat
htte.

Vielleicht ein kranker Herr, den sie aus dem Wagen tragen mssen,"
dachte ich und richtete die Lorgnette genau auf die Hand des groen
stattlichen Oberkellners, der den Schlag ffnete.

Zimmer vakant?" rief eine tiefe, wohltnende Mnnerstimme.

So viele Euer Gnaden befehlen," war die Antwort des Giganten.

Eine groe, schlanke Gestalt schlpfte schnell aus dem Wagen und trat
in die Halle.

Nr. 12 und 13," rief die gebietende Stimme des Oberkellners, und Jean
und George flogen im Wettlauf die Treppe hinan.

Die Wagentre war offen geblieben, aber noch immer wollte kein zweiter
heraussteigen.

Der Oberkellner stand verwundert am Wagen, zweimal hatte er
hineingesehen und immer dabei mit dem Kopf geschttelt.

Bst, Herr Oberkellner, auf ein Wort," rief ich hinab, wer war
denn--"

Werde gleich die Ehre haben," antwortete der Gefllige und trat bald
darauf in mein Zimmer.

Eine sonderbare Erscheinung," sagte ich zu ihm; ein schwerer Wagen
mit vier Pferden, und nur ein einzelner Herr ohne alle Bedienung."

Gegen alle Regel und Erfahrung," versicherte jener, ganz sonderbar,
ganz sonderbar. Jedoch der Postillon versicherte, es sei ein Guter,
denn er gab immer zwei Taler schon seit acht Stationen. Vielleicht ein
Englnder von Profession, haben alle etwas Apartes."

Wissen Sie den Namen nicht?" fragte ich neugieriger, als es sich
schickte.

Wird erst beim Souper auf die Schiefertafel geschrieben," antwortete
jener; haben der Herr Doktor sonst noch etwas--?"

Ich wute zu meinem Verdru im Augenblicke nichts; er ging und lie
mich mit meinen Konjekturen ber den Einsamen im achtsitzigen Wagen
allein.

Als ich abends zur Tafel hinabging, schlpfte der Kellner an mir
vorber, eine ungeheure Schiefertafel in der Hand. Er wurde mich kaum
gewahr, als er, in einer Hand ein Licht, in der andern die Tafel, vor
mich hintrat, mir solche prsentierend.

v. Natas, Partikulier," stand aufgeschrieben. Hat er noch keine
Bedienung?" fragte ich.

Nein," war die Antwort, er hat zwei Lohnlakaien angenommen, die ihn
aber weder aus= noch ankleiden drfen."

Als ich in den Speisesaal trat, hatte sich die Gesellschaft schon
niedergelassen; ich eilte still an meinen Stuhl, gegenber sa Herr
von Natas.

Hatte dieser Mann schon vorher meine Neugierde erregt, so wurde er mir
jetzt um so interessanter, da ich ihn in der Nhe sah.

Das Gesicht war schn, aber bleich, Haar, Augen und der volle Bart von
glnzendem Schwarz, die weien Zhne, von den feingespaltenen Lippen
oft enthllt, wetteiferten mit dem Schnee der blendend weien Wsche.
War er alt? War er jung? Man konnte es nicht bestimmen; denn halb
schien sein Gesicht mit seinem pikanten Lcheln, das ganz leise in dem
Mundwinkel anfngt und wie ein Wlkchen um die feingebogene Nase zu
dem mutwilligen Auge hinaufzieht, frh gereifte und unter dem Sturm
der Leidenschaften verblhte Jugend zu verraten; bald glaubte man
einen Mann von schon vorgerckten Jahren vor sich zu haben, der durch
eifriges Studium einer reichen Toilette sich zu konservieren wei.

Es gibt Kpfe, Gesichter, die nur zu e i n e r Krperform passen und
sonst zu keiner andern. Man werfe mir nicht vor, da es
Sinnestuschung sei, da das Auge sich schon zu sehr an diese Form,
wie sie die Natur gegeben, gewhnt habe, als da es sich eine andere
Mischung denken knnte. Dieser Kopf konnte nie auf einem untersetzten,
wohlbeleibten Krper sitzen, er durfte nur die Krone einer hohen,
schlanken, zartgebauten Gestalt sein. So war es auch, und die
gedankenschnelle Bewegung der Gesichtsmuskeln, wie sie in leichtem
Spott um den Mund, im tiefen Ernst um die hohe Stirne spielten,
drckte sich auch in dem Krper durch die wrdige, aber bequeme
Haltung, durch die schnelle, runde, beinahe zierliche Bewegung der
Arme, berhaupt in dem leichten, kniglichen Anstande des Mannes aus.

So war Herr von Natas, der mir gegenber an der Abendtafel sa. Ich
hatte whrend der ersten Gnge Mue genug, diese Bemerkungen zu
machen, ohne dem interessanten _vis--vis_ durch neugieriges
Anstarren beschwerlich zu fallen. Der neue Gast schien brigens noch
mehrere Beobachtungen zu veranlassen; denn an dem oberen Ende der
Tafel waren diesen Abend die Brillen mehrerer Damen in immerwhrender
Bewegung; mich und meine Nachbarn hatten sie ber dem Mittagessen
hchstens mit bloem Auge gemustert.

Das Dessert wurde aufgetragen, der Direktor der vorzglichen
Tafelmusik ging umher, seinen wohlverdienten Lohn einzusammeln. Er
kam an den Fremden. Dieser warf einen Taler unter die kleine
Mnzensammlung und flsterte dem berraschten Sammler etwas ins Ohr.
Mit drei tiefen Bcklingen schien dieser zu bejahen und zu versprechen
und schritt eilig zu seiner Kapelle zurck. Die Instrumente wurden
aufs neue gestimmt.

Ich war gespannt, was jener wohl gewhlt haben knnte; der Direktor
gab das Zeichen, und gleich in den ersten Takten erkannte ich die
herrliche Polonaise von Osinsky. Der Fremde lehnte sich nachlssig in
seinen Stuhl zurck, er schien nur der Musik zu gehren; aber bald
bemerkte ich, da das dunkle Auge unter den langen, schwarzen Wimpern
rastlos umherlief,--es war offenbar, er musterte die Gesichter der
Anwesenden und den Eindruck, den die herrliche Polonaise auf sie
machte.

Wahrlich! Dieser Zug schien mir einen gebten Menschenkenner zu
verraten. Zwar wre der Schlu unrichtig, den man sich aus der wrmern
oder kltern Teilnahme an dem Reich der Tne auf die grbere oder
geringere Empfnglichkeit des Gemts fr das Schne und Edle ziehen
wollte; heult ja doch auch selbst der Hund bei den sanften Tnen der
Flte, das Pferd dagegen spitzt die Ohren bei dem mutigen Schmettern
der Trompeten, stolzer hebt es den Nacken, und sein Tritt ist fester
und straffer.

Aber dennoch konnte man nichts Unterhaltenderes sehen als die
Gesichter der verschiedenen Personen bei den schnsten Stellen des
Stckes; ich machte dem Fremden mein Kompliment ber die glckliche
Wahl dieser Musik, und schnell hatte sich zwischen uns ein Gesprch
ber die Wirkung der Musik auf diese oder jene Charaktere entsponnen.

Die brigen Gste hatten sich indessen verlaufen, nur einige, die in
der Ferne auf unser Gesprch gelauscht hatten, rckten nach und nach
nher. Mitternacht war herangekommen, ohne da ich wute wie; denn der
Fremde hatte uns so tief in alle Verhltnisse der Menschen, in alle
ihre Neigungen und Triebe hineinblicken lassen, da wir uns stille
gestehen muten, nirgends so tiefgedachte, so berraschende Schlsse
gehrt oder gelesen zu haben.

Von diesem Abend an ging uns ein neues Leben in den drei Reichskronen
auf. Es war, als habe die Freude selbst ihren Einzug bei uns gehalten
und feiere jetzt ihre heiligsten Festtage; Gste, die sich nie htten
einfallen lassen, lnger als eine Nacht hier zu bleiben, schlossen
sich an den immer grer werdenden Zirkel an und vergaen, da sie
unter Menschen sich befanden, die der Zufall aus allen Weltgegenden
zusammengeschneit hatte. Und Natas, dieses seltsame Wesen, war die
Seele des Ganzen. Er war es, der sich, sobald er sich nur erst mit
seinen nchsten Tischnachbarn bekannt gemacht hatte, zum _Matre de
plaisir_ hergab. Er veranstaltete Feste, Ausflge in die herrliche
Gegend und erwarb sich den innigen Dank eines jeden. Hatte er aber
schon durch die sinnreiche Auswahl des Vergngens sich alle Herzen
gewonnen, so war dies noch mehr der Fall, wenn er die Konversation
fhrte.

Jenes ergtzliche Mrchen von dem Hrnchen des Oberon schien ins Leben
getreten zu sein; denn Natas durfte nur die Lippen ffnen, so fhlte
jeder zuerst die lieblichsten Saiten seines Herzens angeschlagen; auf
leichten Schwingen schwirrte dann das Gesprch um die Tafel,
mutwilliger wurden die Scherze, khner die Blicke der Mnner,
schalkhafter das Kichern der Damen, und endlich rauschte die Rede in
so fessellosen Strmen, da man nachher wenig mehr davon wute, als
da man sich gttlich amsiert habe.

Und dennoch war der Zauberer, der diese Lust heraufbeschwor, weit
entfernt, je in's Rohe, Gemeine hinberzuspielen. Er griff irgend
einen Gegenstand, eine Tagesneuigkeit auf, erzhlte Anekdoten, spielte
das Gesprch geschickt weiter, wute jedem seine tiefste
Eigentmlichkeit zu entlocken und ergtzte durch seinen lebhaften
Witz, durch seine warme Darstellung, die durch alle Schattierungen von
dem tiefsten Gefhl der Wehmut bis hinauf an jene Ausbrche der Laune
streifte, welche in dem sinnlichsten, reizendsten Kostm auf der
feinen Grenze des Anstandes gaukeln.

Manchmal schien es zwar, es mchte weniger gefhrlich gewesen sein,
wenn er dem Heiligen, das er antastete, geradezu Hohn gesprochen, das
Zarte, das er benagte, geradezu zerrissen htte; jener zarte,
geheimnisvolle Schleier, mit welchem er dies oder jenes verhllte,
reizte nur zu dem lsternen Gedanken, tiefer zu blicken, und das
ppige Spiel der Phantasie gewann in manchem Kpfchen unserer schnen
Damen nur noch mehr Raum; aber man konnte ihm nicht zrnen, nicht
widersprechen; seine glnzenden Eigenschaften rissen unwiderstehlich
hin, sie umhllten die Vernunft mit sem Zauber, und seine khnen
Hypothesen schlichen sich als Wahrheit in das unbewachte Herz.

*       *       *       *       *




ZWEITES KAPITEL

Der schauerliche Abend.


So hatte der geniale Fremdling mich und zwlf bis fnfzehn Herren und
Damen in einen tollen Strudel der Freude gerissen. Beinahe alle waren
ohne Zweck in diesem Haus, und doch wagte keiner, den Gedanken an die
Abreise sich auch nur entfernt vorzustellen. Im Gegenteil, wenn wir
morgens lange ausgeschlafen, mittags lange getafelt, abends lange
gespielt und nachts lange getrunken, geschwatzt und gelacht hatten,
schien der Zauber, der uns an dieses Haus band, nur eine neue Kette um
den Fu geschlungen zu haben.

Doch es sollte anders werden, vielleicht zu unserm Heil. An dem
sechsten Tage unseres Freudenreiches, einem Sonntag, war unser Herr
von Natas im ganzen Gasthof nicht zu finden. Die Kellner
entschuldigten ihn mit einer kleinen Reise; er werde vor
Sonnenuntergang nicht kommen, aber zum Tee, zur Nachttafel unfehlbar
da sein.

Wir waren schon so an den Unentbehrlichen gewhnt, da uns diese
Nachricht ganz betreten machte; es war uns, als wrden uns die Flgel
zusammengebunden und man befehle uns zu fliegen.

Das Gesprch kam, wie natrlich, auf den Abwesenden und auf seine
auffallende, glnzende Erscheinung. Sonderbar war es, da es mir nicht
aus dem Sinne kommen wollte, ich habe ihm, nur unter einer andern
Gestalt, schon frher einmal auf meinem Lebenswege begegnet; so
abgeschmackt auch der Gedanke war, so unwiderstehlich drngte er sich
mir immer wieder auf. Aus frheren Jahren her erinnerte ich mich
nmlich eines Mannes, der in seinem Wesen, in seinem Blicke
hauptschlich, groe hnlichkeit mit ihm hatte. Jener war ein fremder
Arzt, besuchte nur hie und da meine Vaterstadt und lebte dort immer
von Anfang sehr still, hatte aber bald einen Kreis von Anbetern um
sich versammelt. Die Erinnerung an jenen Menschen war mir brigens
fatal; denn man behauptete, da, so oft er uns besucht habe, immer ein
bedeutendes Unglck erfolgt sei; aber dennoch konnte ich den Gedanken
nicht los werden, Natas habe die grte hnlichkeit mit ihm, ja, es
sei eine und dieselbe Person.

Ich erzhlte meinen Tischnachbarn den unablssig mich verfolgenden
Gedanken und die unangenehme Vergleichung eines mir so grausenhaften
Wesens, wie der Fremde in meiner Vaterstadt war, mit unserem Freunde,
der so ganz meine Achtung und Liebe sich erworben hatte; aber noch
unglaublicher klingt es vielleicht, wenn ich versichere, da meine
Nachbarn ganz den nmlichen Gedanken hatten; auch sie glaubten, unter
einer ganz andern Gestalt unsern geistreichen Gesellschafter gesehen
zu haben.

Sie knnten einem ganz bange machen," sagte die Baronin von Thingen,
die nicht weit von mir sa, Sie wollen unsern guten Natas am Ende zum
ewigen Juden oder, Gott wei, zu was sonst noch machen!"

Ein kleiner ltlicher Herr, Professor in T., der seit einigen Tagen
sich auch an unsere Gesellschaft angeschlossen und immer still
vergngt, hie und da etwas weinselig, mitlebte, hatte whrend unserer
vergleichenden Anatomie", wie er es nannte, still vor sich
hingelchelt und mit kunstfertiger Schnelligkeit seine ovale Dose
zwischen den Fingern umgedreht, da sie wie ein Rad anzusehen war.

Ich kann mit meiner Bemerkung nicht mehr lnger hinter dem Berge
halten," brach er endlich los, wenn Sie erlauben, Gndigste, so halte
ich ihn nicht gerade fr den ewigen Juden, aber doch fr einen ganz
absonderlichen Menschen. So lange er zugegen war, wollte wohl hie und
da der Gedanke in mir aufblitzen: Den hast du schon gesehen, wo war
es doch?' aber wie durch Zauber krochen diese Erinnerungen zurck,
wenn er mich mit dem schwarzen, umherspringenden Auge erfate."

So war es mir gerade auch,--mir auch,--mir auch," riefen wir alle
verwundert.

Hm! he, hm!" lachte der Professor. Jetzt fllt es mir aber von den
Augen wie Schuppen, da es niemand ist als der, den ich schon vor
zwlf Jahren in Stuttgart gesehen habe."

Wie, Sie haben ihn gesehen und in welchen Verhltnissen?" fragte Frau
von Thingen eifrig und errtete halb ber den allzugroen Eifer, den
sie verraten hatte.

Der Professor nahm eine Prise, klopfte den Jabot aus und begann: Es
mgen nun ungefhr zwlf Jahre sein, als ich wegen eines Prozesses
einige Monate in Stuttgart, zubrachte. Ich wohnte in einem der ersten
Gasthfe und speiste auch dort gewhnlich in groer Gesellschaft an
der Wirtstafel. Einmal kam ich nach einigen Tagen, in welchen ich das
Zimmer hatte hten mssen, zum erstenmal wieder zu Tisch. Man sprach
sehr eifrig ber einen gewissen Herrn Barighi, der seit einiger Zeit
die Mittagsgste durch seinen lebhaften Witz, durch seine Gewandtheit
in allen Sprachen entzcke; in seinem Lob waren alle einstimmig, nur
ber seinen Charakter war man nicht recht einig; denn die einen
machten ihn zum Diplomaten, die andern zu einem Sprachmeister, die
dritten zu einem hohen Verbannten, wieder andere zu einem Spion. Die
Tre ging auf, man war still, beinahe verlegen, den Streit so laut
gefhrt zu haben; ich merkte, da der Besprochene sich eingefunden
habe und sah--"

Nun, ich bitte Sie! denselben, der uns"--denselben, der uns seit
einigen Tagen so trefflich unterhlt. Dies wre brigens gerade nichts
bernatrliches; aber hren Sie weiter: Zwei Tage schon hatte uns Herr
Barighi, so nannte sich der Fremde, durch seine geistreiche
Unterhaltung die Tafel gewrzt, als uns einmal der Wirt des Gasthofs
unterbrach: Meine Herren,' sagte der Hfliche, bereiten Sie sich auf
eine kstliche Unterhaltung, die Ihnen morgen zuteil werden wird, vor;
der Herr Oberjustizrat Hasentreffer zog heute aus und zieht morgen
ein.'"

Wir fragten, was dies zu bedeuten habe, und ein alter grauer
Hauptmann, der schon seit vielen Jahren den obersten Platz in diesem
Gasthofe behauptete, teilte uns den Schwank mit: Gerade dem
Speisesaal gegenber wohnt ein alter Junggeselle, einsam in einem
groen den Haus; er ist Oberjustizrat auer Dienst, lebt von einer
anstndigen Pension und soll berdies ein enormes Vermgen besitzen.'

Derselbe ist aber ein kompletter Narr und hat ganz eigene
Gewohnheiten, wie z.B., da er sich selbst oft groe Gesellschaft
gibt, wobei es immer flott hergeht. Er lt zwlf Kuverts aus dem
Wirtshaus kommen, seine Weine hat er im Keller, und einer oder der
andere unserer Markrs hat die Ehre zu servieren. Man denkt
vielleicht, er hat allerlei hungrige oder durstige Menschen bei sich!
Mitnichten! alte, gelbe Stammbuchbltter, auf jedem ein groes Kreuz,
liegen auf den Sthlen; dem alten Kauz ist aber so wohl, als wenn er
unter den lustigsten Kameraden wre; er spricht und lacht mit ihnen,
und das Ding soll so greulich anzusehen sein, da man immer die neuen
Kellner dazu braucht, denn wer e i n m a l bei einem solchen Souper
war, geht nicht mehr in das de Haus.

Vorgestern war wieder ein Souper, und unser neuer Franz dort schwrt
Himmel und Erde, ihn bringe keine Seele mehr hinber. Den andern Tag
nach dem Gastmahl kommt dann die zweite Sonderbarkeit des
Oberjustizrats. Er fhrt morgens frh aus der Stadt und kehrt erst den
andern Morgen zurck, nicht aber in sein Haus, das um diese Zeit fest
verriegelt und verschlossen ist, sondern hierher ins Wirtshaus.

Da tut er dann ganz fremd gegen Leute, welche er das ganze Jahr
tglich sieht, speist zu Mittag und stellt sich nachher an ein Fenster
und betrachtet sein Haus gegenber von oben bis unten.

Wem gehrt das Haus da drben?' fragt er dann den Wirt.

Pflichtmig bckt sich dieser jedesmal und antwortet: Dem Herrn
Oberjustizrat Hasentreffer, Ew. Exzellenz aufzuwarten.'"

Aber, Herr Professor, wie hngt denn Ihr toller Hasentreffer mit
unserem Natas zusammen?"

Belieben Sie sich doch zu gedulden, Herr Doktor," antwortete jener,
es wird Ihnen gleich wie ein Licht aufgehen. Der Hasentreffer
beschaut also das Haus und erfhrt, da es dem Hasentreffer gehre.
Ach! derselbe, der in Tbingen zu meiner Zeit studierte?' fragt er
dann, reit das Fenster auf, streckt den gepuderten Kopf hinaus und
schreit: Ha--a--asentreffer, Ha--a--asentreffer!'

Natrlich antwortete niemand, er aber sagt dann: Der Alte wrde es mir
nie vergessen, wenn ich nicht bei ihm einkehrte,' nimmt Hut und Stock,
schliet sein eigenes Haus auf, und so geht es nach wie vor."

Wir alle," fuhr der Professor in seiner Erzhlung fort, waren sehr
erstaunt ber diese sonderbare Erscheinung und freuten uns kniglich
auf den morgenden Spa. Herr Barighi aber nahm uns das Versprechen ab,
ihn nicht verraten zu wollen, indem er einen kstlichen Scherz mit dem
Oberjustizrat vorhabe.

Frher als gewhnlich versammelten wir uns an der Wirtstafel und
belagerten die Fenster. Eine alte, baufllige Chaise wurde von zwei
alten Kleppern die Strae herangeschleppt, sie hielt vor dem
Wirtshaus; das ist der Hasentreffer, der Hasentreffer,' tnte es von
aller Mund, und eine ganz besondere Frhlichkeit bemchtigte sich
unser, als wir das Mnnlein zierlich gepudert, mit einem stahlgrauen
Rcklein angetan, ein mchtiges Meerrohr in der Hand, aussteigen
sahen. Ein Schwanz von wenigstens zehn Kellnern schlo sich ihm an; so
gelangte er ins Speisezimmer.

Man schritt sogleich zur Tafel; ich habe selten so viel gelacht als
damals; denn mit der grten Kaltbltigkeit behauptete der Alte,
gerades Weges aus Kassel zu kommen und vor sechs Tagen in Frankfurt im
Schwan recht gut logiert zu haben. Schon vor dem Dessert mute Barighi
verschwunden sein; denn als der Oberjustizrat aufstand und sich auch
die brigen Gste erwartungsvoll erhoben, war er nirgends mehr zu
sehen.

Der Oberjustizrat stellte sich ans Fenster, wir alle folgten seinem
Beispiele und beobachteten ihn. Das Haus gegenber schien de und
unbewohnt; auf der Trschwelle sprote Gras, die Jalousien waren
geschlossen; zwischen einigen schienen sich Vgel eingebaut zu haben.

Ein hbsches Haus da drben,' begann der Alte zu dem Wirt, der immer
in der dritten Stellung hinter ihm stand. Wem gehrt es?'--Dem
Oberjustizrat Hasentreffer, Euer Exzellenz aufzuwarten.'

Ei, das ist wohl der nmliche, der mit mir studiert hat?' rief er
aus. Der wrde es mir nie verzeihen, wenn ich ihm nicht meine
Anwesenheit kund tte.' Er ri das Fenster auf: Hasentreffer--
Hasentreffer!' schrie er mit heiserer Stimme hinaus.--Aber wer
beschreibt unsern Schrecken, als gegenber in dem den Haus, das wir
wohlverschlossen und verriegelt wuten, ein Fensterladen langsam sich
ffnete; ein Fenster tat sich auf, und heraus schaute der
Oberjustizrat Hasentreffer im zitzenen Schlafrock und der weien
Mtze, unter welcher wenige graue Lckchen hervorquollen; so, gerade
so pflegte er sich zu Hause zu tragen. Bis auf das kleinste Fltchen
des bleichen Gesichts war der gegenber der nmliche wie der, der bei
uns stand. Aber Entsetzen ergriff uns, als der im Schlafrock mit
derselben heiseren Stimme ber die Strae herberrief: Was will man,
wen ruft man? he!'

Sind Sie der Herr Oberjustizrat Hasentreffer?' rief der auf unserer
Seite, bleich wie der Tod, mit zitternder Stimme, indem er sich bebend
am Fenster hielt.

Der bin ich,' kreischte jener und nickte freundlich grinsend mit dem
Kopfe; steht etwas zu Befehl?'

Ich bin er ja auch,' rief der auf unserer Seite wehmtig, wie ist
denn dies mglich?'

Sie irren sich, Wertester!' schrie jener herber. Sie sind der
Dreizehnte; kommen Sie nur ein wenig herber in meine Behausung, da
ich Ihnen den Hals umdrehe; es tut nicht weh.'

Kellner, Stock und Hut!' rief der Oberjustizrat, matt bis zum Tod,
und die Stimme schlich ihm in klglichen Tnen aus der hohlen Brust
herauf. In meinem Haus ist der Satan und will meine Seele;--
vergngten Abend, meine Herren!' setzte er hinzu, indem er sich mit
einem freundlichen Bckling zu uns wandte und dann den Saal verlie.

Was war das?' fragten wir uns. Sind wir alle wahnsinnig?'--

Der im Schlafrock schaute noch immer ganz ruhig zum Fenster heraus,
whrend unser gutes altes Nrrchen in steifen Schritten ber die
Strae stieg. An der Haustre zog er einen groen Schlsselbund aus
der Tasche, riegelte--der im Schlafrock sah ihm ganz gleichgltig zu--
riegelte die schwere, knarrende Haustr auf und trat ein.

Jetzt zog sich auch der andere vom Fenster zurck; man sah, wie er
dem unsrigen an die Zimmertre entgegenging.

Unser Wirt, die zehn Kellner waren alle bleich vor Entsetzen und
zitterten. Meine Herren,' sagte jener, Gott sei dem armen
Hasentreffer gndig, denn einer von beiden war der Leibhaftige.'--Wir
lachten den Wirt aus und wollten uns selbst bereden, da es ein Scherz
von Barighi sei; aber der Wirt versicherte, es habe niemand in das
Haus gehen knnen auer mit den beraus knstlichen Schlsseln den
Rats; Barighi sei zehn Minuten, ehe das Grliche geschehen, noch an
der Tafel gesessen; wie htte er denn in so kurzer Zeit die tuschende
Maske anziehen knnen, auch vorausgesetzt, er htte sich das fremde
Haus zu ffnen gewut? Die beiden seien aber einander so greulich
hnlich gewesen, da er, ein zwanzigjhriger Nachbar, den echten nicht
htte unterscheiden knnen. Aber um Gottes willen, meine Herren, hren
Sie nicht das grliche Geschrei da drben?'

Wir sprangen ans Fenster, schrecklich trauervolle Stimmen tnten aus
dem den Hause herber; einige Male war es uns, als shen wir unsern
alten Oberjustizrat, verfolgt von seinem Ebenbild im Schlafrock, am
Fenster vorbeijagen. Pltzlich aber war alles still.

Wir sahen einander an; der Beherzteste machte den Vorschlag
hinberzugehen! Alle stimmten berein. Man zog ber die Strae, die
groe Hausglocke an des Alten Haus tnte dreimal, aber es wollte sich
niemand hren lassen; da fing uns an zu grauen; wir schickten nach der
Polizei und dem Schlosser, man brach die Tre auf, der ganze Strom der
Neugierigen zog die breite, stille Treppe hinauf, alle Tren waren
verschlossen; eine ging endlich auf; in einem prachtvollen Zimmer lag
der Oberjustizrat im zerrissenen stahlfarbigen Rcklein, die zierliche
Frisur schrecklich verzaust, tot, erwrgt auf dem Sofa.

Von Barighi hat man seitdem weder in Stuttgart, noch sonst irgendwo
jemals eine Spur gesehen."

*       *       *       *       *




DRITTES KAPITEL.

Der schauerliche Abend. (Fortsetzung.)


Der Professor hatte seine Erzhlung geendet, wir saen eine gute Weile
still und nachdenkend. Das lange Schweigen ward mir endlich peinlich;
ich wollte das Gesprch wieder anfachen oder auf eine andere Bahn
bringen, als mir ein Herr von mittleren Jahren in reicher Jagduniform,
wenn ich nicht irre, ein Oberforstmeister aus dem Nassauischen,
zuvorkam.

Es ist wohl jedem von uns schon begegnet, da er unzhlige Male fr
einen andern gehalten wurde oder auch Fremde fr ganz Bekannte
anredete, und sonderbar ist es, ich habe diese Bemerkung oft in meinem
Leben besttigt gefunden, da die Verwechslung weniger bei jenen
platten, alltglichen, nichtssagenden Gesichtern als bei auffallenden,
eigentlich interessanten vorkommt."

Wir wollten ihm seine Behauptung als ganz unwahrscheinlich verwerfen;
aber er berief sich auf die wirklich interessante Erscheinung unseres
Natas. Jeder von uns gesteht," sagte er, da er dem Gedanken Raum
gegeben, unsern Freund, nur unter anderer Gestalt, hier oder dort
gesehen zu haben, und doch sind seine scharfen Formen, sein
gebietender Blick, sein gewinnendes Lcheln ganz dazu gemacht, auf
ewig sich ins Gedchtnis zu prgen."

Sie mgen so unrecht nicht haben," entgegnete Flahof, ein
preuischer Hauptmann, der auf die Strafe des Arrestes hin schon zwei
Tage bei uns gezaudert hatte, nach Koblenz in seine Garnison
zurckzukehren. Sie mgen recht haben; ich erinnere mich einer Stelle
aus den launigen Memoiren des italienischen Grafen Gozzi, die ganz fr
Ihre Behauptung spricht. Jedermann, sagt er, hat den Michele d'Agata
gekannt und wei, da er einen Fu kleiner und wenigstens um zwei
dicker war als ich, und auch sonst nicht die geringste hnlichkeit in
Kleidung und Physiognomie mit mir gehabt hat. Aber lange Jahre hatte
ich beinahe tglich den Verdru, von Sngern, Tnzern, Geigern und
Lichtputzern als Herr Michele d'Agata angeredet zu werden und lange
Klagen um schlechte Bezahlung, Forderungen usw. anhren zu mssen.
Selten gingen sie berzeugt von mir, da ich nicht Michele d'Agata
sei. Einst besuchte ich in Verona eine Dame; das Kammermdchen meldet
mich an: Herr Agata.' Ich trat hinein und ward als Michele d'Agata
begrt und unterhalten, ich ging weg und begegnete einem Arzt, den
ich wohl kannte. Guten Abend, Herr Agata,' war sein Gru, indem er
vorberging.--Ich glaubte am Ende beinahe selbst, ich sei der Michele
d'Agata."

Ich wute dem guten Hauptmann Dank, da er uns aus den ngstigenden
Phantasien, welche die Erzhlung des Professors in uns aufgeregt
hatte, erlste. Das Gesprch flo ruhiger fort; man stritt sich um das
Vorrecht ganzer Nationen, einen interessanten Gesichtsschnitt zu
haben, ber den Einflu des Geistes auf die Gesichtszge berhaupt und
auf das Auge insbesondere; man kam endlich auf Lavater und Konsorten;
Materien, die ich hundertmal besprochen, mochte ich nicht mehr
wiederkuen, ich zog mich in ein Fenster zurck. Bald folgte mir der
Professor dahin nach, um gleich mir die Gesichter der Streitenden zu
betrachten.

Welch ein leichtsinniges Volk," seufzte er, ich habe sie jetzt
soeben gewarnt und die Hlle ihnen recht hei gemacht, ja, sie wagten
in keine Ecke mehr zu sehen, aus Furcht, der Leibhaftige mchte daraus
hervorgucken, und jetzt lachen sie wieder und machen tolle Streiche,
als ob der Versucher nicht immer umherschleiche."

Ich mute lachen ber die Amtsmiene, die sich der Professor gab. Noch
nie habe ich das schne Talent eines Vesperpredigers an Ihnen
bemerkt," sagte ich; aber Sie sehen mich in Erstaunen durch Ihre
khnen Angriffe auf die bse Welt und auf den Argen selbst. Bilden Sie
sich denn wirklich ein, dieser harmlose Natas...."

Harmlos nennen Sie ihn?" unterbrach mich der Professor, heftig meine
Brust anfassend, harmlos? haben Sie denn nicht bemerkt," flsterte er
leiser, da alles bei diesem feinen--Herrn berechneter Plan ist? O,
ich kenne meine Leute!"

Sie setzen mich in Erstaunen, wie meinen Sie denn?"

Haben Sie nicht bemerkt," fuhr er eifrig fort, da der gebildete
Herr Oberforstmeister dort mit Leib und Seele sein ist, weil er ihm
fnf Nchte hindurch alles Geld abjagte und den Ausgebeutelten gestern
nacht noch fnfzehnhundert Dukaten gewinnen lie? Er nennt den
abgefeimten Spieler einen Mann von den nobelsten Sentiments und
schwrt auf Ehre, er msse ber die Hlfte wieder an den Fremden
verlieren, sonst habe er keine Ruhe. Haben Sie ferner nicht bemerkt,
wie er den konomierat gekrnt hat?"

Ich habe wohl gesehen," antwortete ich, da der konomierat, sonst
so moros und misanthropisch, jetzt ein wenig aufgewacht ist; aber ich
habe es dem allgemeinen Einflu der Gesellschaft zugeschrieben."

Behte. Er luft schon seit zwanzig Jahren in den Gesellschaften
umher und wacht doch nicht auf; auf dem Weg ist er, ein Bruder
Liederlich zu werden. Der Esel reist krank im Lande umher, behauptet,
einen groen Wurm im Leibe zu haben, und macht allen Leuten das Leben
sauer mit seinen exorbitanten Behauptungen, und jetzt? Jetzt hat ihn
dieser Wundermann erwischt, gibt ihm ein Plverlein und rt ihm, nicht
wie ein anderer vernnftiger Arzt, Dit und Migkeit, sondern er soll
seine Jugend, wie er die fnfzig Jahre des alten Wurms nennt,
genieen, viel Wein trinken &c., und das _et cetera_ und den Wein
bentzt er seit vier Tagen rger als der verlorene Sohn."

Und darber knnen Sie sich rgern, Herr Professor? Der Mann ist sich
und dem Leben wieder geschenkt--"

Nicht davon spreche ich," entgegnete der Eifrige, der alte Snder
knnte meinetwegen heute noch abfahren, sondern da er sich dem
nchsten besten Charlatan anvertraut und sich also ruinieren mu. Ich
habe ihn vor acht Jahren in der Kur gehabt, und es besserte sich schon
zusehends."

Der Eifer des Professors war mir nun einigermaen erklrlich, der
Brotneid schaute nicht undeutlich heraus.--

Und unsere Damen," fuhr er fort, die sind nun rein toll. Mich dauert
der arme Trbenau, ich kenne ihn zwar nicht, aber bermorgen soll er
hier ankommen, und wie findet er die gndige Frau? Hat man je gehrt,
da eine junge gebildete Frau in den ersten Jahren einer glcklichen
Ehe sich in ein solches Verhltnis mit einem ganz fremden Menschen
einlt, und zwar innerhalb fnf Tagen!"--

Wie? die schne bleiche Frau dort!" rief ich aus.--

Die nmliche bleiche," antwortete er, vor vier Tagen war sie noch
schn rot wie eine Zentifolie, da begegnet ihr der Interessante auf
der Strae, fragt, wohin sie gehe, hrt kaum, da sie _Rouge fin_
kaufen wolle (denn solche Toilettengeheimnisse auszuplaudern, heit
Bonton), so bittet und fleht er, sie solle doch kein Rot auflegen, sie
habe ein so interessantes _je ne sais quoi_, das zu einem blassen
Teint viel besser stehe. Was tut Sie? wahrhaftig, sie geht in den
nchsten Galanterieladen und sucht weie Schminke; ich war gerade
dort, um ein Pfeifenrohr zu erstehen, da hrte ich sie mit ihrer sen
Stimme den rauhhaarigen Bren von einem Ladendiener fragen, ob man das
Wei nicht noch etwas  t h e r i s c h e r habe? Hol mich der T-----!
hat man je so etwas gehrt?"

Ich bedauerte den Professor aufrichtig; denn, wenn ich nicht irre, so
suchte er von Anfang die Aufmerksamkeit der schnen Frau auf den schon
etwas verschossenen Einband seiner gelehrten Seele zu ziehen. Da es
aber mit Natas und der Trbenau nicht ganz richtig war, sah ich
selbst. Von der Schminkegeschichte, die jenen so sehr erboste, wute
ich zwar nichts; aber wer sich auf die Exegese der Augen verstand,
hatte keinen weiteren Kommentar ntig, um die gegenseitige Annherung
daraus zu erlutern.

Der Professor hatte, in tiefe Gedanken versunken, eine Zeitlang
geschwiegen; er erhob jetzt sein Auge durch die Brille an die Decke
des Zimmers, wo allerlei Engelein in Gips aufgetragen waren. Himmel,"
seufzte er, und die Thingen hat er auch. Sie glauben nicht, welcher
Reiz in dem ewig heitern Auge, in diesen Grbchen auf den blhenden
Wangen, in dem Schmelz ihrer Zhne, in diesen frischen, zum Ku
geffneten Lippen, in diesen weichen Armen, in diesen runden, vollen
Formen der schwellenden--"

Herr Professor!" rief ich, erschrocken ber seine Extase, und
schttelte ihn am Arm ins Leben zurck. Sie geraten auer sich,
Wertester. Belieben Sie nicht eine Prise Spaniol?"

Er hat sie auch," fuhr er zhneknirschend fort. Haben Sie nicht
bemerkt, mit welcher Hast sie vorhin nach seinen Verhltnissen fragte?
Wie sie rot ward? Jung, schn, wohlhabend, Witwe,--sie hat alles, um
eine angenehme Partie zu machen. Geistreiche Mnner von Ruf in der
literarischen Welt buhlen um ihre Gunst, sie wirft sich an einen--
Landstreicher hin. Ach, wenn Sie wten, bester Doktor, was mir der
Oberkellner sagte, aber mit der grten Diskretion, da man ihn
vorgestern nachts aus ihrem Zimmer...."

Ich bitte, verschonen Sie mich," fiel ich ein, gestehen Sie mir
lieber, ob der Wundermensch Sie selbst noch nicht unter den Pantoffel
gebracht hat."

Das ist es eben," antwortete der Gefragte, verlegen lchelnd, das
ist es, was mir Kummer macht. Sie wissen, ich lese ber Chemie; er
brachte einmal das Gesprch darauf und entwickelte so tiefe
Kenntnisse, deckte so neue und khne Ideen auf, da mir der Kopf
schwindelte. Ich mchte ihm um den Hals fallen und um seine Hefte und
Notizen bitten; es zieht mich mit unwiderstehlicher Geisterkraft in
seine Nhe, und doch knnte ich ihm mit Freuden Gift beibringen."

Wie komisch war die Wut dieses Mannes! Er ballte die Faust und fuhr
damit hin und her, seine grnen Brillenglser funkelten wie
Katzenaugen, sein kurzes, schwarzes Haar schien sich in die Hhe zu
richten.

Ich suchte ihn zu besnftigen. Ich stellte ihm vor, da er ja nicht
rger losziehen knnte, wenn der Fremde der Teufel selbst wre; aber
er lie mich nicht zum Worte kommen.

Er ist es, der Satan selbst logiert hier in den drei Reichskronen,"
rief er, um unsere Seelen zu angeln. Ja, du bist ein guter Fischer
und hast eine feine Nase; aber ein ----r Professor wie ich, der sogar
in demagogischen Untersuchungen die Lunte gleich gerochen und eigens
deswegen hierher nach Mainz gereist ist, ein solcher hat noch eine
feinere als du."

Ein heiseres Lachen, das gerade hinter meinem Rcken zu entstehen
schien, zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich wandte mich um und
glaubte Natas hhnisch durch die Scheiben hereingrinsen zu sehen. Ich
ergriff den Professor am Arm, um ihm die sonderbare Erscheinung zu
zeigen, denn das Zimmer lag einen Stock hoch; dieser aber hatte weder
das Lachen gehrt, noch konnte er meine Erscheinung sehen; denn als er
sich umwandte, sah nur die bleiche Scheibe des Mondes durch die
Fenster dort, wo ich vorhin das greulich verzerrte Gesicht des
geheimnisvollen Fremdlings zu sehen geglaubt hatte.

Ehe ich noch recht mit mir einig war, ob das, was ich gesehen, Betrug
der Sinne, Ausgeburt einer aufgeregten Phantasie oder Wirklichkeit
war, ward die Tre aufgerissen und Herr von Natas trat stolzen
Schrittes in das Zimmer. Mit sonderbarem Lcheln ma er die
Gesellschaft, als wisse er ganz gut, was von ihm gesprochen worden
sei, und ich glaubte zu bemerken, da keiner der Anwesenden seinen
forschenden Blick auszuhalten vermochte.

Mit der ihm in eigenen Leichtigkeit hatte er der Trbenau gegenber,
neben der Frau von Thingen, Platz genommen und die Leitung der
Konversation an sich gerissen. Das bse Gewissen lie den Professor
nicht an den Tisch sitzen, mich selbst fesselte das Verlangen, diesen
Menschen einmal aus der Ferne zu beobachten, an meinen Platz am
Fenster. Da bemerkten wir denn das Augenspiel zwischen Frau von
Trbenau und dem gewandtesten der Liebhaber, der, indem er der Tochter
des konomierats so viel Verbindlichkeiten zu sagen wute, da sie
einmal ber das andere bis unter die breiten Brsseler Spitzen ihrer
Busenkrause errtete, das feingeformte Fchen der Frau von Thingen
auf seinem blankgewichsten Stiefel tanzen lie.

Drei Mcken auf einen Schlag, das heie ich doch--meiner Seel'--
aller Ehre wert," brummte der zornglhende Professor, dem jetzt auch
seine letzte Ressource, die konomische Schne, so was man sagt, vor
dem Mund weggeschnappt werden sollte. Mit tnenden Schritten ging er
an den Tisch, nahm sich einen Stuhl und setzte sich, breit wie eine
Mauer, neben seine Schne. Doch diese schien nur Ohren fr Natas zu
haben; denn sie antwortete auf seine Frage, ob sie sich wohl befinde,
bermorgen," und als er voll Gram die Anmerkung hinwarf, sie scheine
sehr zerstreut, meinte sie 1 fl. 30 kr. die Elle."

Ich sah jetzt einem unangenehmen Auftritt entgegen. Der Professor, der
nicht daran dachte, da er durch ein Sonett oder Triolett alles wieder
gut machen, ja durch ein Paar _ottave rime_ sich sogar bei der
Trbenau wieder insinuieren knnte, widersprach jetzt geradezu jeder
Behauptung, die Natas vorbrachte. Und ach! nicht zu seinem Vorteil;
denn dieser, in der Dialektik dem guten Kathedermann bei weitem
berlegen, fhrte ihn so aufs Eis, da die leichte Decke seiner Logik
zu reien und er in ein Chaos von Widersprchen hinabzustrzen drohte.

Eine lieblich duftende Bowle Punsch unterbrach einige Zeit den Streit
der Zunge, gab aber dafr Anla zu desto feindseligern Blicken
zwischen Frau von Trbenau und Frau von Thingen. Diese hatte, ihrer
schnen, runden Arme sich bewut, den gewaltigen silbernen Lffel
ergriffen, um beim Eingieen die ganze Grazie ihrer Haltung zu
entwickeln. Jene aber kredenzte die gefllten Becher mit solcher
Anmut, mit so liebevollen Blicken, da das Bestreben, sich gegenseitig
so viel als mglich Abbruch zu tun, unverkennbar war.

Als aber der sehr starke Punsch die leisen Schauer des Herbstabends
verdrngt hatte, als er anfing, die Wangen unserer Damen hher zu
frben und aus den Augen der Mnner zu leuchten, da schien es mir mit
einem Male; als sei man, ich wei nicht wie, aus den Grenzen des
Anstandes herausgetreten. Allerlei dumme Gedanken stiegen in mit auf
und nieder, das Gesprch schnurrte und summte wie ein Mhlrad, man
lachte, und jauchzte und wute nicht ber was. Man kicherte und neckte
sich, und der Oberforstmeister brachte sogar ein Pfnderspiel mit
Kssen in Vorschlag. Pltzlich hrte ich jenes heisere Lachen wieder,
das ich vorhin vor dem Fenster zu hren glaubte wirklich, es war
Natas, der dem Professor zuhrte und trotz dem Eifer und Ernst, mit
welchem dieser alles vorbrachte, alle Augenblicke in sein heiseres
Gelchter ausbrach.

Nicht wahr, meine Herzen und Damen," schrie der Punsch aus dem
Professor heraus, Sie haben vorhin selbst bemerkt, da unser
verehrter Freund dort jedem von Ihnen, nur in anderer Gestalt, schon
begegnet ist? Sie schweigen? Ist das auch Raison, einen so im Sand
sitzen zu lassen? Herr Oberforstmeister! Frau von Thingen, gndige
Frau! Sagen Sie selbst, namentlich Sie, Herr Doktor!"

Wir befanden uns durch die Indiskretion des Professors in groer
Verlegenheit. Ich erinnere mich," gab ich zur Antwort, als alles
schwieg, von interessanten Gesichtern und ihren Verwechselungen
gesprochen zu haben. Und wenn ich nicht irre, wurde auch Herr von
Natas aufgefhrt."

Der Benannte verbeugte sich und meinte, es sei gar zu viel Ehre, ihn
unter die Interessanten zu zhlen; aber der Professor verdarb wieder
alles.

Was da! ich nehme kein Blatt vor der Mund!" sagte er, ich
behauptete, da mir ganz unheimlich in dero Nhe sei, und erzhlte,
wie Sie in Stuttgart den armen Hasentreffer erwrgt haben, wissen Sie
noch, gndiger Herr?"

Dieser aber stand auf, lief mit schrillendem Gelchter im Zimmer
umher, und pltzlich glaubte ich den unglckbringenden Doktor meiner
Vaterstadt vor mir zu haben; es war nicht mehr Natas, es war ein
lterer, unheimlicher Mensch.

Da hat man's ja deutlich," rief der Professor, dort luft er als
Barighi umher."

Barighi?" entgegnete Frau von Trbenau. Bleiben Sie doch mit Ihrem
Barighi zu Hause, es ist ja unser lieber Privatsekretr Gruber, der da
hereingekommen ist."

Ich mchte doch um Verzeihung bitten, gndige Frau," unterbrach sie
der Oberforstmeister, es ist der Spieler Maletti, mit dem ich in
Wiesbaden letzten Sommer assoziiert war."

Ha! ha! wie man sich doch tuschen kann," sprach Frau von Thingen,
den Auf= und Abgehenden durch die perlmutterne Brille beschauend, es
ist ja niemand anders als der Kapellmeister Schmalz, der mir die
Gitarre beibringt."

Warum nicht gar!" brummte der alte konomierat, es ist der lustige
Kommissr, der mir die gute Brotlieferung an das Spital in D---n
verschafft."

Ach! Papa!" kicherte sein Tchterlein, jener war ja schwarz, und
dieser ist blond! Kennen Sie denn den jungen Landwirt nicht mehr, der
sich bei uns ins Praktische einschieen wollte?"

Hol mich der Kuckuck und alle Wetter," schrie der preuische
Hauptmann, das ist der verfluchte Ladenprinz und Ellenreiter, der mir
mein Lorchen wegfischte! Auf Pistolen fordere ich den Hund, gleich
morgen, gleich jetzt." Er sprang auf und wollte auf den immer ruhig
Auf= und Abgehenden losstrzen. Der Professor aber packte ihn am Arm:
Bleiben Sie weg, Wertester!" schrie er, ich hab's gefunden, ich
hab's gefunden, kehrt seinen Namen um, es ist der S a t a n!"

*       *       *       *       *




VIERTES KAPITEL.

Das Manuskript


So viel, als ich hier niedergeschrieben habe, lebt von diesem Abend
noch in meiner Erinnerung; doch kostete es geraume Zeit, bis ich mich
auf alles wieder besinnen konnte. Ich mu in einem langen, tiefen
Schlaf gewesen sein; denn als ich erwachte, stand Jean vor mir und
fragte, indem er die Gardine fr die Morgensonne ffnete, ob jetzt der
Kaffee gefllig sei?

Es war elf Uhr. Wo war denn die Zeit zwischen gestern und heute
hingegangen? Meine erste Frage war, wie ich denn zu Bett gekommen sei.

Der Kellner staunte mich an und meinte mit sonderbarem Lcheln, das
msse ich besser wissen als er.

Ah! ich erinnere mich," sagte ich leichthin, um meine Unwissenheit zu
verbergen, nach der Abendtafel...."

Verzeihen der Herr Doktor," unterbrach mich der Geschwtzige. Sie
haben nicht soupiert. Sie waren ja alle zu Tee und Punsch auf Nr. 15."

Richtig, auf Nr. 15, wollte ich sagen. Ist der Herr Professor schon
auf?"

Wissen Sie denn nicht, da sie schon abgereist sind?" fragte der
Kellner.

Kein Wort!" versicherte ich staunend.

Er lt sich Ihnen noch vielmal empfehlen, und Sie mchten doch in T.
bei ihm einsprechen; auch lt er Sie bitten, seiner und des gestrigen
Abends recht oft zu gedenken, er habe es ja gleich gesagt."

Aha, ich wei schon," sagte ich; denn mit einemmal fiel mir ein Teil
des gestern Erlebten ein. Wann ist er denn abgereist?"

Gleich in der Frhe," antwortete jener, noch vor dem konomierat und
dem Herrn Oberforstmeister."

Wie? so sind auch diese weggereist?"

Ei ja!" rief der staunende Kellner. So wissen Sie auch das nicht?
Auch nicht, da Frau von Thingen und die gndige Frau von Trbenau--"

Sie sind auch nicht mehr hier?"

Kaum vor einer halben Stunde sind die gndige Frau weggefahren,"
versicherte jener. Ich rieb mir die Augen, um zu sehen, ob ich nicht
trume, aber es war und blieb so. Jean stand nach wie vor an meinem
Bette und hielt das Kaffeebrett in der Hand.

Und Herr von Natas?" fragte ich kleinlaut.

Ist noch hier. Ach, das ist ein goldener Herr. Wenn der nicht gewesen
wre, wir wren heute nacht in die grte Verlegenheit gekommen."

Wieso?"

Nun bei der Fatalitt mit der Frau von Trbenau. Wer htte aber auch
dem gndigen Herrn zugetraut, da er so gut zur Ader zu lassen
verstnde?"

Zur Ader lassen? Herr von Natas?"

Ich sehe, der Herr Doktor sind sehr frhzeitig zu Bette gegangen und
haben eine ruhigere Nacht gehabt als wir."

Jean belehrte mich in leichtfertigem Ton: Es mochte kaum elf Uhr
gewesen sein, die Geschichte mit der Polizei war schon vorbei--"

Was fr eine Geschichte mit der Polizei?"

Nun, Nr. 15 ist vorn hinaus, und weil, mit Permi zu sagen, dort ein
ganz hllischer Lrm war, so kam die Runde ins Haus und wollte
abbieten. Herr von Natas aber, der ein guter Bekannter des Herrn
Polizeileutnants sein mu, beruhigte sie, da sie wieder weitergingen.
Also gleich nachher kam das Kammermdchen der Frau von Trbenau
herabgestrzt, ihre gndige Frau wolle sterben. Sie knnen sich
denken, wie unangenehm so etwas in einem Gasthof nachts zwischen elf
und zwlf Uhr ist. Wir wie der Wind hinauf; auf der Treppe begegnet
uns Herr von Natas, fragt, was das Rennen und Laufen zu bedeuten habe,
hrt kaum, wo es fehlt, so luft er in sein Zimmer, holt sein Etui,
und ehe fnf Minuten vergehen, hat er der gndigen Frau am Arm mit der
Lanzette eine Ader geffnet, da das Blut in einem Bogen aufsprang.
Sie schlug die Augen wieder auf, und es war ihr bald wohl; doch
versprach Herr von Natas, bei ihr zu wachen."

Ei! was Sie sagen, Jean!" rief ich voll Verwunderung.

Ja, warten Sie nur! Kaum ist eine Stunde vorbei, so ging der Tanz von
neuem los. Aus Nr. 18 lutete es, da wir meinten, es brenne drben in
Kassel. Des Herrn konomierats Rosalie hatte ihre hysterischen Anfalle
bekommen. Der Alte mochte ein Glas ber den Durst haben; denn er
sprach vom Teufel, der ihn und sein Kind holen wolle. Wir wuten
nichts anderes, als wieder unsere Zuflucht zu Herrn von Natas zu
nehmen. Er hatte versprochen, bei Frau von Trbenau mit dem
Kammermdchen zu wachen; aber, lieber Gott, geschlafen mu er haben
wie ein Dachs; denn wir pochten drei=, viermal, bis er uns Antwort
gab, und die Kammerkatze war nun gar nicht mehr zu erwecken."

Nun, und lie er der schnen Rosalie zur Ader?"

Nein, er hat ihr, wie mir Lieschen sagte, Senfteig zwei Hand breit
aufs Herz gelegt, darauf soll es sich bald gegeben haben."

Armer Professor!" dachte ich, dein hbsches Rschen mit ihren
sechzehn Jhrchen und dieser Natas in traulicher Stille der Nacht, ein
Pflaster ans das pochende Herz pappend."

Der Herr Papa konomierat war wohl sehr angegriffen durch die
Geschichte?" fragte ich, um ber die Sache ins Klare zu kommen.

Es schien nicht; denn er schlief schon, ehe noch Lieschen mit dem
Hirschhorngeist aus der Apotheke zurckkam. Aber es lutet im zweiten
Stock, und das gilt mir." Er sprach's und flog pfeilschnell davon.

So war auf einmal die lustige Gesellschaft zerstoben; und doch wute
ich nicht, wie dies alles so pltzlich kommen konnte. Ich entsann mich
zwar, da gestern bei dem Punsch etwas Sonderbares vorgefallen war;
was es aber gewesen sein mochte, konnte ich mich nicht erinnern.

Sollte Natas mir Aufschlu geben knnen? Doch, wenn ich recht
nachsann, mit Natas war etwas vorgefallen. Der Professor schwankte in
meiner Erinnerung umher--am besten deuchte mir, zu Natas zu gehen und
ihn um die Ursache des schnellen Aufbruchs zu befragen.

Ich warf mich in die Kleider, und ehe ich noch ganz mit der kurzen
Toilette fertig war, brachte mir ein Lohnlakai folgendes Billett:

Ew. Wohlgeboren wrden mich unendlich verbinden, wenn Sie vor meiner
Abreise von hier, die auf den Mittag festgesetzt ist, mich noch einmal
besuchen wollten.                                 v. Natas."

Neugierig folgte ich diesem Ruf und traf den Freund reisefertig
zwischen Koffern und Kstchen stehen. Er kam mir mit seiner
gewinnenden Freundlichkeit entgegen, doch genierte mich ein
unverkennbarer Zug von Ironie, der heute um seinen Mund spielte und
den ich sonst nie an ihm bemerkt hatte.

Er lachte mich aus, da ich mich vor den Damen als schwachen Trinker
ausgewiesen und einen Haarbeutel mir umgeschnallt habe, erzhlte mir,
da ich selig entschlafen sei, und fragte mich mit einem lauernden
Blick, was ich noch von gestern nacht wisse.

Ich teilte ihm meine verworrenen Erinnerungen mit, er belachte sie
herzlich und nannte sie Ausgeburten einer kranken Phantasie.

Die Abreise der ganzen Gesellschaft gab er einer groen
Herbstfeierlichkeit schuld, welche in Worms gehalten werde. Sie seien
alle, sogar der morose konomierat, dorthin gereist, ihn selbst aber
riefen seine Geschfte den Rhein hinab.

Die Zuflle der Trbenau und der schnen Rosalie ma er dem starken
Punsch bei und freute sich, durch Liebhaberei gerade so viele
medizinische Kenntnisse zu besitzen, um bei solchen kleinen Zufllen
helfen zu knnen.

Wir hrten den Wagen vorfahren, der Kellner meldete dies und brachte
von dem dankbaren Hotel eine Flasche des ltesten Rheinweins. Natas
hatte sie verdient, denn wahrlich, nur er hatte uns solange hier
gefesselt.

Sie sind Schriftsteller, lieber Doktor?" fragte er mich, whrend wir
den narkotisch duftenden Abschiedstrunk ausschlrften.

Wer pfuscht nicht heutzutage etwas in die Literatur?" antwortete ich
ihm. Ich habe mich frher als Dichter versucht, aber ich sah bald
genug ein, da ich nicht fr die Unsterblichkeit singe. Ich griff
daher einige Tne tiefer und bersetzte unsterbliche Werke fremder
Nationen frs liebe deutsche Publikum."

Er lobte meine bescheidene Resignation, wie er es nannte, und fragte
mich, ob ich mich entschlieen knnte, die Memoiren eines berhmten
Mannes, die bis jetzt nur im Manuskript vorhanden seien, zu
bersetzen? Vorausgesetzt, da Sie dechiffrieren knnen, ist es eine
leichte Arbeit fr Sie, da ich Ihnen den Schlssel dazu geben wrde
und das Manuskript im Hochdeutschen abgefat ist."

Ich zeigte mich, wie natrlich, sehr bereitwillig dazu. Dechiffrieren
verstand ich frher und hoffte es mit wenig bung vollkommen zu
lernen. Er schlo ein schnes Kstchen von rotem Saffian auf und
berreichte mir ein vielfach zusammengebundenes Manuskript. Die
Zeichen krochen mir vor dem Auge umher wie Ameisen in ihren
aufgestrten Hgelchen; aber er gab mir den Schlssel seiner
Geheimschrift, und die Arbeit schien mir noch einmal so leicht.

Wir umarmten uns und sagten uns Lebewohl. Unter warmem Dank fr seine
Gte, die er noch zuletzt fr mich gehabt, fr die schnen Tage, die
er uns bereitet habe, begleitete ich ihn an den Wagen. Die Wagentre
schlo sich, der Postillon hieb auf seine vier Rosse, sie zogen an,
und die interessante Erscheinung flog von hinnen; aber aus dem Innern
des Wagens glaubte ich jenes heisere Lachen zu vernehmen, das ich von
gestern her unter den Bruchstcken meiner Erinnerung bewahrte.

Als ich die Treppe hinanstieg, hndigte mir der Oberkellner einen
Brief ein. Der Professor habe ihm solchen zu meinen eigenen Hnden zu
bergeben befohlen; ich ri ihn auf--

Verehrter, Wertgeschtzter!

Ich bin im Begriff, mein Ro zu besteigen und aus dieser Hhle des
brllenden Lwen zu entfliehen. Ich sage Ihnen schriftlich Lebewohl,
weil Sie aus der todhnlichen Betubung, die Sie hrter als uns alle
befallen hat, nicht zu wecken sind. Da unser schnes Zusammenleben so
schauerlich enden mute! Nicht wahr, lieber Zweifler, jetzt haben Sie
es klar, da dieser Natas nichts anderes als der leibhaftige Satan
war!

Er schaut mir vielleicht in diesem Augenblicke ber die Schulter und
liest, was ich sage: aber dennoch schweige ich nicht. Den armen
konomierat und sein Tchterlein, die blasse Trbenau, meine schne
Thingen, den Hauptmann und den Oberforstmeister hat er in seinem Netz.
Gott gebe, da er Sie nicht auch gekdert hat. Mich hat er halb und
halb; denn ich habe allzu tief eingebissen in seine mit chemischen
Ideen bespickte Angel. Ich reie mich los und mache, da ich
fortkomme.

Adieu, Bester! Montag, den 7. Oktober, frh 6 Uhr."

Jetzt kehrten meine Erinnerungen in Scharen zurck. Ja, es war der
Teufel, der sein Spiel mit uns gespielt hatte; es war der Teufel, dem
es gestern Spa gemacht hatte, uns zu ngstigen; es muten des Teufels
Memoiren sein, die ich in der Hand hielt.

Wer stand mir aber dafr, da diese Schriftzge mir nicht durch die
Augen ins Gehirn hinaufkrochen und mich wahnsinnig machten; und konnte
ich mich nicht gerade dadurch, da ich den Dechiffreur und Dekopisten
des Satans machte, unbewut in seine Leibeigenschaft hineinschreiben?

Ich packte die Handschrift in meinen Koffer und reiste dem Professor
nach, um ihn um Rat zu fragen. Aber in Worms traf ich keine Spur von
irgendeinem der lustigen Gesellschaft in den drei Reichskronen.
Entweder hat sie der Satan eingeholt und in seinem achtsitzigen Wagen
in sein ewiges Reich gehaudert, oder er hat mich in den April
geschickt. Das letztere schien mir wahrscheinlicher.

In Worms aber traf ich einen frommen Geistlichen, der an der Domkirche
angestellt war. Ich trug ihm meinen Fall vor und erhielt den Bescheid,
ich solle so viele Messen darber lesen lassen, als das Manuskript
Bogen enthalte. Der Rat schien mir nicht bel. Ich reiste in meine
Heimat und schickte am nchsten Sonntag den ersten Satansbogen in die
Kirche. _Probatum est_; am Montag fing ich an zu dechiffrieren
und habe noch nicht das geringste Spukhafte weder an dem Papier noch
an mir bemerkt.

Von meinen Genossen in Mainz habe ich indessen wenig mehr gehrt. Der
Professor fhrt fort, durch seine Entdeckungen in der Chemie zu
glnzen, und ich frchte, er ist auf dem Wege, dem Satan Gehr zu
geben, der ihn zu einem B e r z e l i u s machen will. Der Hauptmann
soll sich erschossen haben, Frau von Thingen aber, die schne Witwe,
hat nach einer Anzeige im Hamburger Korrespondenten vor nicht gar
langer Zeit wieder geheiratet.

*       *       *       *       *




DIE STUDIEN DES SATAN AUF DER BERHMTEN UNIVERSITT ......EN.

  Betrogene Betrger! Eure Ringe sind alle drei nicht
  echt! der echte Ring vermutlich ging verloren."
                           Lessing, Nathan. III. 7.




FNFTES KAPITEL.

Einleitende Bemerkungen.


Alle Welt schreibt oder liest in dieser Zeit Memoiren; in den Salons
der groen und kleinen Residenzen, in den Ressourcen und Kasinos der
Mittelstdte, in den Tabagien und Kneipen der kleinen spricht man von
Memoiren, urteilt nach Memoiren und erzhlt nach Memoiren, ja, es
knnte scheinen, es sei seit zwlf Jahren nichts Merkwrdiges mehr auf
der Erde als ihre Memoiren. Mnner und Frauen ergreifen die Feder, um
den Menschen schriftlich darzutun, da auch sie in einer merkwrdigen
Zeit gelebt, da auch sie sich einst in einer Sonnennhe bewegt haben,
die ihrer sonst vielleicht gehaltlosen Person einen Nimbus von
Bedeutsamkeit verliehen.

Gekrnte Hupter, nicht zufrieden, sich aus ihrer frheren Grandezza,
wo sie, wie in der Bilderfibel, mit der Krone auf dem Haupt zu Bette
gingen, erhoben zu haben; nicht zufrieden damit, da sie auf
Kurierreisen Europa von einem Ende bis zum andern durchfliegen, um
sich gegenseitig ihrer Freundschaft zu versichern, schreiben Memoiren
fr ihre Vlker, erzhlen ihnen ihre Schicksale, ihre Reisen. Die
Mitwelt ist zur Nachwelt gemacht worden, man hat ihr einen neuen
Mastab, wonach sie die Handlungen richte, in die Hnde gegeben; es
sind die Memoiren.

Groe Generale, berhmte Marschlle, weit entfernt, das Beispiel jenes
Rmers nachzuahmen, der in der Mue des Friedens die Taten der
Legionen unter seiner Fhrung der Nachwelt wrdig zu berliefern
glaubte, wenn er von sich nur immer in der dritten Person sprche,
haben den bescheideneren Weg eingeschlagen, sprechen von sich, wie es
Mnnern von solchem Gewichte ziemt, als ich, bauen aus ihren Memoiren
ein Odeon in verjngtem Mastabe und treten herzhaft vorne auf der
Bhne auf. Mit Schlachtstcken im groen Stil dekorieren sie die
Kulissen; Staatsmnner und berhmte Damen, die groe Armee und ihre
lorbeerbekrnzten Adler, die ganze Mitwelt stellen sie im Hintergrund
als Figuranten aus; sie selbst aber spielen ihre Sullas oder Brutus,
wrdig des unsterblichen Talma.

_Mundus vult decipi_, d. i. die Leute lesen Memoiren; was hlt mich
ab, denselben auch ein solches Gericht Gerngesehen" vorzusetzen?

Man wendet vielleicht ein: Der Schuster bleibe bei seinem Leisten,
der Satan hat sich nicht mit Memoirenschreiben abzugeben."

Ei! wirklich? Und wenn nun dieser Satan doch einen Beruf htte,
Memoiren in die Welt zu streuen, wenn er doch so viel oder noch mehr
gesehen htte als jene kriegerischen Diplomaten oder diplomatischen
Krieger, welche die Welt mit ihrem l i t e r a r i s c h e n Ruhme
anfllen, nachdem die Bulletins ihrer Siege zu erwhnen aufgehrt
haben; wenn nun dieser arme Teufel einen Drang in sich fhlte, auch
fr einen _homo literatus_ zu gelten?

Ja, ich gestehe es mit Errten, je lnger ich mich in meinem lieben
Deutschland umhertreibe, desto unwiderstehlicher reit es mich hin zu
schriftstellern; und wenn es den Damen erlaubt ist, die Finger mit
Tinte zu beschmutzen, so wird es doch dem Teufel auch noch erlaubt
sein?

Und da komme ich auf einen zweiten Punkt; man sagt vielleicht gegen
meine schriftstellerischen Versuche, ich sei kein Literatus, kein Mann
vom Gewerbe &c. Aber frs erste habe ich soeben die Damen, welche,
wenn sie noch so gelehrt, doch keine Gelehrten von Profession sind,
anzufhren die Ehre gehabt; sodann berufe ich mich auf jene Shne des
Lagers, die unter Gefahren gro geworden, unter Strapazen ergraut,
keine Zeit hatten, _Humaniora_ zu studieren, und dennoch so
glnzende Memoiren schreiben; ich behaupte drittens, da das
Vorurteil, ich sei ein unstudierter Teufel, ganz falsch ist; denn ich
bin in _optima forma_ Doktor der Philosophie geworden, wie aus
meinen Memoiren zu ersehen, und kann das Diplom schwarz auf wei
aufweisen.

Der Erzengel Gabriel, als ich ihn mit dem Plan, meine Memoiren
auszuarbeiten, bekannt machte, warnte mich mit bedenklicher Miene vor
den sogenannten Rezensenten. Er gab mir zu verstehen, da ich bel
wegkommen knnte, indem solche niemand schonen, ja sogar neuerdings
selbst Doktoren der Theologie in Berlin, Halle und Leipzig hart
mitgenommen haben. Ich erwiderte ihm nicht ohne Gelehrsamkeit, da das
Sprichwort _clericus clericum non decimat" _ fglich auch auf
mein Verhltnis zu den Rezensenten angewandt werden knne; werde ich
ja doch schon im Alten Testament S a t a n, _adversarius_, das
ist Widersacher, genannt, was auch ganz auf jene passe; den
schlagendsten Beweis nehme ich aber aus dem Neuen Testament; dort
werde ich _diabolos_ oder Verleumder genannt; da nun _diaballein_
soviel als _acerbe recensere_, so msse er, wenn er nur ein wenig Logik
habe, den Schlu von selbst ziehen knnen.

Der Erzengel bekam, wie natrlich, nicht wenig Respekt vor meiner
Gelehrsamkeit in Sprachen und meinte selbst, da es mir auf diese Art
nicht fehlen knne.

Man wird bei Durchlesung dieser Mitteilungen aus meinen Memoiren
vielleicht nicht jenes systematische, ruhige Fortschreiten der Rede
finden, das den Werken tief denkender Geister so eigen zu sein pflegt.
Man wird krzere und lngere Bruchstcke aus meinem Walten und Treiben
auf der Erde finden und den inneren Zusammenhang vermissen.

Man tadle mich nicht deswegen; es war ja meine Absicht nicht, ein
Gemlde dieser Zeit zu entwerfen, man trifft deren genug in allen
soliden Buchhandlungen Deutschlands.

Der Memoirenschreiber hat seinen Zweck erreicht, wenn er sich und
seine Stellung zu der Zeit, welcher er angehrt, darstellt und darber
reflektiert, wenn er Begebenheiten entwickelt, die entweder auf ihn
oder die Mitwelt nhere oder entferntere Beziehung haben, wenn er
berhmte Zeitgenossen und seine Verhltnisse zu ihnen dem Auge
vorfhrt. Und diese Forderungen glaube ich in meinen Memoiren erfllt
zu haben; sie sind es wenigstens, die mich bei meiner Arbeit leiteten,
die meine Khnheit vor mir rechtfertigten, vor einem geehrten Publikum
als Schriftsteller aufzutreten. [Funote: Was der Satan hier ernsthaft
und gelehrt spricht, er gebrdet sich beinahe wie ein junger Kandidat
der Theologie, der seine erste Predigt drucken lt! Anm. des
Herausgebers.]

ber Persnlichkeit, ber berhmte Abstammung oder glnzende
Verhltnisse hat der Teufel nichts zu sagen. Was etwa darber zu sagen
sein knnte, habe ich in dem Abschnitt Besuch bei Goethe"
ausgesprochen und verweise daher den Leser dahin.

Fleiige Leser, d. s. solche, die Bogen fr Bogen in einer
Viertelstunde berfliegen, mgen daher doch diesen Abschnitt nicht
berschlagen, da er sehr zu besserem Verstndnis der brigen
eingerichtet ist; sittsamen und ordentlichen Lesern habe ich hierber
nichts zu sagen als: sie sollen das Buch weglegen, wenn sie sich
langweilen.


       *       *       *       *       *


Ehe sein Diener mit dem zweiten Bogen aus der Messe zurckkommt, hat
der Unterzeichnete noch Zeit, einige Bemerkungen einzuflicken. Es
scheint ihm nmlich, der Satan besitze eine ziemliche Dosis Eitelkeit;
man bemerke nur, wie wichtig er von jenem Abschnitt spricht, worin er
ber sich einige Bemerkungen macht; es wre genug gewesen, wenn er nur
angedeutet htte, da dies oder jenes darin zu finden sei; aber dem
Leser zu empfehlen, er mchte doch den Abschnitt, in welchem jene
enthalten sind, nicht berschlagen, ist sehr anmaend.

Sodann die Unordnung, in welcher er alles vorbringt! Ein anderer, wie
z. B. der Herausgeber, htte doch, wenn auch nicht mit dem Taufschein,
was nun freilich beim Teufel nicht wohl mglich ist, doch wenigstens
mit der Begebenheit angefangen, die der Chronologie nach die erste
ist. Ich habe das Manuskript flchtig durchblttert (zu lesen, ehe
jeder Bogen hinlnglich geweiht, nehme ich mich wohl in acht) und
fand, da er mit Ereignissen anfngt, die der ganz neuen Zeit
angehren, und nachher im bunten Gemische Menschen und ihre Taten von
zehn, zwanzig Jahren auftreten lt; man sieht wohl, da er keine gute
Schule gehabt haben mu.

Zu grerer Deutlichkeit, und da der geneigte Leser trotz dem Teufel
whlen kann, was er will, habe ich den Inhalt jedem einzelnen Kapitel
vorausgesetzt. D e r  H e r a u s g e b e r.

       *       *       *       *       *




SECHSTES KAPITEL.

Wie der Satan die Universitt bezieht und welche Bekanntschaften er
dort macht.


Deutschland hat mir von jeher besonders wohlgefallen, und ich gestehe
es, es liegt diesem Gestndnis ein kleiner Egoismus zugrunde; man
glaubt nmlich dort an mich wie an das Evangelium; jenen khnen
philosophischen Wagehlsen, die auf die Gefahr hin, da ich sie zu mir
nehme, meine Existenz geleugnet und mich zu einem lcherlichen Phantom
gemacht haben, ist es noch nicht gelungen, den glcklichen Kindersinn
dieses Volkes zu zerstren, in dessen ungetrbter Phantasie ich noch
immer schwarz wie ein Mohr, mit Hrnern und Klauen, mit Bocksfen und
Schweif fortlebe, wie ihre Ahnen mich gekannt haben.

Wenn andere Nationen durch die sogenannte Aufklrung so weit
hinaufgeschraubt sind, da sie, ich schweige von einem Gott, sogar an
keinen Teufel mehr glauben, so sorgen hier unter diesem Volke sogar
meine Erbfeinde, die Theologen, dafr, da ich im Ansehen bleibe. Hand
in Hand mit dem Glauben an die Gottheit schreitet bei ihnen der Glaube
an mich, und wie oft habe ich das mir so se Wort aus ihrem Munde
gehrt: _Anathema sit_, e r  g l a u b t  a n  k e i n e n
T e u f e l."

Ich kann mich daher recht rgern, da ich nicht schon frher auf den
vernnftigen Gedanken gekommen bin, meine freie Zeit auf einer
Universitt zu verleben, um dort zu sehen, wie man mich von Semester
zu Semester systematisch traktiert.

Ich konnte nebenbei noch manches profitieren. Alle Welt ist jetzt
zivilisiert, fein, gesittet, belesen, gelehrt. Schon oft, wenn ich
einen guten Schnitt zu machen gedachte, fand es sich, da mir ein
guter Schulsack, etwas Philosophie, alte Literatur, ja sogar etwas
Medizin fehle; zwar als das Magnetisieren aufkam, habe ich auch einen
Kursus bei Memer genommen und nachher manche glckliche Kur gemacht.
Aber damit ist es heutzutage nicht getan; daher die elenden
Redensarten, die in Deutschland kursieren: e i n  d u m m e r  T e u f
e l,  e i n  a r m e r  T e u f e l,  e i n  u n w i s s e n d e r
T e u f e l, was offenbar auf meine vernachlssigte wissenschaftliche
Bildung hindeuten soll.

Es ist noch kein Gelehrter vom Himmel gefallen, und ich bin vom Himmel
gefallen, aber nicht als gelehrt; darum entschlo ich mich, zu
studieren, und womglich es in der Philosophie so weit zu bringen, da
ich ein ganz neues System erfnde, wovon ich mir keinen geringen
Erfolg versprach. Ich whlte -----en und zog im Herbst des Jahres 1819
daselbst auf.

Ich hatte, wie man sich denken kann, nicht versumt, mich meinem neuen
Stande gem zu kostmieren. Mein Name war v o n  B a r b e, meine
Verhltnisse glnzend, das heit, ich brachte einen groen Wechsel
mit, hatte viel bar Geld, gute Garderobe und htete mich wohl, als
Neuling oder, wie man sagt, als Fuchs aufzutreten; sondern ich hatte
schon allenthalben studiert, mich in der Welt umgesehen.

Kein Wunder, da ich schon den ersten Abend hfliche Gesellschafter,
den nchsten Morgen vertraute Freunde und am zweiten Abend Brder auf
Leben und Tod am Arme hatte. Man denkt vielleicht, ich bertreibe;
wre ich Kavalier, so wrde ich auf Ehre versichern und Hol' mich der
Teufel" als Verstrkungspartikel dazu setzen (denn Auf Ehre" und
Hol' mich der Teufel" verhalten sich zu einander wie der Spiritus
lenis zum Spiritus asper), in meiner Lage kann ich blo meine Parole
als Satan geben.

Es waren gute Jungen, die ich da fand. Es begab sich dies aber
folgendermaen: Man kann sich denken, da ich nicht unvorbereitet kam;
wer die deutschen Universitten nur entfernt kennt, wei, da ein an
Sprache, Sitte, Kleidung und Denkungsart von der brigen Welt ganz
verschiedenes Volk dort wohnt. Ich las des unsterblichen Herrn von
Schmalz Werke ber die Universitten, Sands Aktenstcke, Haupt ber
Burschenschaften und Landsmannschaften &c., ward aber noch nicht recht
klug daraus und merkte, da mir noch manches abging. Der Zufall half
mir aus der Not. Ich nahm in F. eine Retourchaise; mein Gesellschafter
war ein alter Student, der seit acht Jahren sich auf die Medizin
legte. Er hatte das _savoir vivre_ eines alten Burschen, und ich
befli mich, in den sechs Stunden, die ich mit ihm der Musenstadt
zufuhr, an ihm meine Rolle zu studieren.

Es war ein groer, wohlgewachsener Mann von vier= bis fnfundzwanzig
Jahren, sein Haar war dunkel und mochte frher nach heutiger Methode
zugeschnitten sein, hing aber, weil der Studiosus die Kosten scheute,
es scheren zu lassen, unordentlich um den Kopf; doch bemhte er sich,
solches oft mit fnf Fingern aus der Stirne zu frisieren. Sein Gesicht
war schn, besonders Nase und Mund edel und fein geformt, das Auge
hatte viel Ausdruck; aber welch sonderbaren Eindruck machte es! Das
Gesicht war von der Sonne rotbraun angelaufen; ein groer Bart
wucherte von den Schlfen bis zum Kinn herab, und um die feinen Lippen
hing ein vom Bier gerteter Henriquatre.

Sein Mienenspiel war schrecklich und lcherlich zugleich; die
Augenbrauen waren zusammengezogen und bildeten dstere Falten, das
Auge blickte streng und stolz um sich her und ma jeden Gedanken mit
einer Hoheit, einer Wrde, die eines Knigssohnes wrdig gewesen wre.

ber die untern Partien des Gesichtes, namentlich ber das Kinn,
konnte ich nicht recht klug werden; denn sie steckten tief in der
Krawatte. Diesem Kleidungsstck schien der junge Mann bei weitem mehr
Sorgfalt gewidmet zu haben als dem brigen Anzug; diese beilufig
einen halben Schuh Hhe messende Binde von schwarzer Seide zog sich,
ohne ein Fltchen zu werfen, von dem Kinn inklusive bis auf das
Brustbein exklusive und bildete auf diese Art ein feines Mauerwerk,
auf welchem der Kopf ruhte; seine Kleidung bestand in einem weigelben
Rock, den er Flaus, in zrtlichen Augenblicken wohl auch Gottfried
nannte und welchem er von Speisen und Getrnken mitteilte; dieser
Gottfried Flaus reichte bis eine Spanne ber das Knie und schlo sich
eng um den ganzen Leib; auf der Brust war er offen und zeigte, soviel
die Krawatte sehen lie, da der Herr Studiosus mit Wsche nicht gut
versehen sein msse.

Weite, wellenschlagende Beinkleider von schwarzem Sammet schlossen
sich an das Oberkleid an; die Stiefel waren zierlich geformt und
dienten ungeheuren Sporen von poliertem Eisen zur Folie.

Auf dem Kopfe hatte der Studiosus ein Stckchen rotes Tuch in Form
eines umgekehrten Blumenscherbens gehngt, das er mit vieler Kunst
gegen den Wind zu balancieren wute; es sah komisch aus, fast, wie
wenn man mit einem kleinen Trinkglas ein groes Kohlhaupt bedecken
wollte.

Ich hatte Zacharis unsterblichen Renommisten zu gut studiert, um
nicht zu wissen, da, sobald ich mir eine Ble gegen den Herrn Bruder
gebe, sein Respekt vor mir auf ewig verloren sei; ich merkte ihm daher
sein Augenbrauenfalten, sein ernstes, abmessendes Auge, soviel es
ging, ab und hatte die Freude, da er mich gleich nach der ersten
Stunde auffallend vor dem Philister und dem Florbesen," auf deutsch,
einem alten Professor und seiner Tochter, welche unsere brige
Reisegesellschaft ausmachten, auszeichnete. In der zweiten Stunde
hatte ich ihm schon gestanden, da ich in Kiel studiert und mich schon
einigemal mit Glck geschlagen habe, und ehe wir nach ------en
einfuhren, hatte er mir versprochen, eine fixe Kneipe," das heit
eine anstndige Wohnung, auszumitteln, wie auch mich unter die Leute
zu bringen.

Der Herr Studiosus Wrger, so hie mein Gesellschafter, lie an einem
Wirtshaus vor der Stadt anhalten und lud mich ein, seinem Beispiele zu
folgen und hier auf die Beschwerden der Reise ein Glas zu trinken. Die
ganze Fensterreihe des Wirtshauses war mit roten und schwarzen Mtzen
bedeckt; es war nmlich eine gute Anzahl der Herren Studiosi hier
versammelt, um die neuen Ankmmlinge, die gewhnlich am Anfang des
Semesters einzutreffen pflegten, nach gewohnter Weise zu empfangen.
Wrger, der alte, lngst bemooste" Bursche, hatte sich schon
unterwegs mit dem Gedanken gekitzelt, da seine Kameraden uns fr
Fchse" halten wrden, und wirklich traf seine Vermutung ein.

Ein Chorus von wenigstens dreiig Bssen scholl von den Fenstern
herab; sie sangen ein berhmtes Lied, das anfngt: Was kommt dort von
der Hh'?" Whrend des Gesanges entstieg mein Gefhrte majesttisch
der Chaise, und kaum hatte er den Boden berhrt, so erhob er sein
furchtbares Haupt und schrie zu den Fenstern empor:

Was schlagt ihr fr einen Randal auf, Kamele! Seht ihr nicht, da
zwei alte Huser aus diesem Philisterkarren gestiegen kommen?" (Auf
deutsch: Lrmt doch nicht so sehr, meine Herren, Sie sehen ja, da
zwei alte Studenten aus dem Wagen steigen.)

Der allgemeine Jubel unterbrach den erhitzten Redner. Wrger! Du
altes fides Haus!" schrien die Musenshne und strzten die Treppe
herab in seine Arme; die Raucher vergaen, ihre langen Pfeifen
wegzulegen, die Billardspieler hielten noch ihre Queues in der Hand.
Sie bildeten eine Leibwache von sonderbarer Bewaffnung um den
Angekommenen.

Doch der Edelmtige verga in seiner Glorie auch meiner nicht, der ich
bescheiden auf der Seite stand, er stellte mich den ltesten und
angesehensten Mnnern der Gesellschaft vor, und ich wurde mit
herzlichem Handschlag von ihnen begrt. Man fhrte uns in wildem
Tumult die Treppe hinan, man setzte mich zwischen zwei bemooste
Hupter an den Ehrenplatz, gab mir ein groes Paglas voll Bier, und
ein Fuchs mute dem neuen Ankmmling seine Pfeife abtreten.

So war ich denn in -----en als Student eingefhrt, und ich gestehe,
es gefiel mir so bel nicht unter diesem Vlkchen. Es herrschte ein
offener, zutraulicher Ton, man brauchte sich nicht in Fesseln der
Konvenienz, die gewi dem Teufel am lstigsten sind, umherzuschleppen,
man sprach und dachte, wie es einem gerade gefiel. Wenn man bedenkt,
da ich gerade im Herbst 1819 dorthin kam, so wird man sich nicht
wundern, da ich mich von Anfang gar nicht recht in die Konversation
zu finden wute. Denn einmal machten mir jene Kunstwrter (_termini
technici_), von welchen ich oben schon eine kleine Probe gegeben
habe, viel zu schaffen; ich verwechselte oft Sau", was Glck, mit
Pech", was Unglck bedeutet, wie auch holzen", mit einem Stock
schlagen, mit pauken", mit andern Waffen sich schlagen.

Aber auch etwas anderes fiel mir schwer; wenn nmlich nicht von
Hunden, Paukereien, Besen oder dergleichen gesprochen wurde, so fiel
man hinter dem Bierglas in ungemein transzendentale Untersuchungen,
von denen ich anfangs wenig oder gar nichts verstand; ich merkte mir
aber die Hauptworte, welche vorkamen, und wenn ich auch in die
Konversation gezogen wurde, so antwortete ich mit ernster Miene:
Freiheit, Vaterland, Deutschtum, Volkstmlichkeit".

Da ich nun berdies ein groer Turner war und eigentlich t e u f e l s
m   i g e Sprnge machen konnte, da ich mir berdies nach und nach
langes Haar wachsen lie, solches fein scheitelte und kmmte, einen
zierlich ausgeschnittenen Kragen ber den deutschen Rock herauslegte,
mich auch auf die Klinge nicht bel verstand, so war es kein Wunder,
da ich bald in groes Ansehen unter diesem Volke kam. Ich benutzte
diesen Einflu so viel als mglich, um die Leute nach meinen Ansichten
zu leiten und zu erziehen und sie fr die Welt zu gewinnen".

Es hatte sich nmlich unter einem groen Teil meiner Kommilitonen ein
gewisser frmmelnder Ton eingeschlichen, der mir nun gar nicht behagte
und nach meiner Meinung sich auch nicht fr junge Leute schickte. Wenn
ich an die jungen Herren in London und Paris, in Berlin, Wien,
Frankfurt usw. dachte, an die vergngten Stunden, die ich in ihrem
Kreise zubrachte; wenn ich diese Leute dagegenhielt, die ihren
schnen, hohen Wuchs, ihre krftigen Arme, ihren gesunden Verstand,
ihre nicht geringen Kenntnisse nur auf dem Turnplatz, nicht im
Tanzsaal, nur zu berschwenglichen Ideen und Idealen, nicht zu
lebhaftem Witz, zu feinem Spott, der das Leben wrzt und aufregt,
anwenden sah, wenn ich sie, statt schnen Mdchen nachzufliegen, in
die Kirche schleichen sah, um einen ihrer orthodoxen Professoren
anzuhren, so konnte ich ein widriges Gefhl in mir nicht
unterdrcken.

Sobald ich daher festen Fu gefat hatte, zog ich einige lustige
Brder an mich, lehrte sie neue Kartenspiele, sang ihnen ergtzliche
Lieder vor, wute sie durch Witz und dergleichen so zu unterhalten,
da sich bald mehrere anschlossen. Jetzt machte ich khnere Angriffe.
Ich stellte mich Sonntags mit meinen Gesellen vor die Kirchtre,
musterte mit gebtem Auge die vorbergehenden Damen, zog dann, wenn
die Schflein innen waren und der Kster den Stall zumachte, mit den
Meinigen in ein Wirtshaus der Kirche gegenber und bot alles auf, die
Gste besser zu unterhalten als der Doktor N. oder der Professor N. in
der Kirche seine Zuhrer.

Ehe drei Wochen vergingen, hatte ich die grere Partei auf meiner
Seite. Die Frmmeren schrien von Anfang ber den rohen Geist, der
einreie, und gaben zu bemerken, da wir christliche Burschen seien;
aber es half nichts, meine Persiflagen hatten so gute Wirkung getan,
da sie sich am Ende selbst schmten, in der Kirche gesehen zu werden,
und es gehrte zum guten Ton, jeden Sonntag vor der Kirchtre zu sein;
aber bis hieher und nicht weiter. Die Wirtshuser waren gefllter als
je, es wurde viel getrunken, ja es ri die Sitte ein, Wettkmpfe im
Trinken zu halten, und, man wird es kaum glauben, es gab sogar
eigentliche Kunsttrinker!

Es predigte zwar mancher gegen das einreiende Verderben, aber die
Altdeutschen trsteten sich damit, da ihre Altvordern" auch durch
Trinken exzelliert haben; die Frmmsten lieen sich groe Humpen
verfertigen und zwangen und mhten sich so lange, bis sie wie Gtz von
Berlichingen oder gar wie Hermann der Cherusker schlucken konnten. Den
Feineren, Gebildeteren war es natrlich von Anfang auch ein Greuel;
ich verwies sie aber auf eine Stelle bei Jean Paul. Er sagt nmlich in
seinem unbertrefflichen Quintus Fixlein:

Jerusalem bemerkt schn, da die Barbarei, die oft hart hinter dem
schnsten, buntesten Flor der Wissenschaften aufsteigt, eine Art von
strkendem Schlammbad sei, um die berfeinerung abzuwenden, mit der
jener Flor bedrohe; ich glaube, da einer, der erwgt, wie weit die
Wissenschaften bei einem Studierenden steigen, dem Musensohne ein
gewisses barbarisches Mittelalter--das sogenannte Burschenleben--
gnnen werde, das ihn wieder so sthlt, da die Verfeinerung nicht
ber die Grenze geht."

Wenn ein Meister wie Jean Paul, dem ich hiermit fr diese Stelle
meinen herzlichen Dank ffentlich sage, also sich ausspricht, was
konnten die Kleinmeister und Jnger dagegen? Sie setzten sich auch in
die schwarzgerauchte Kneipe, verschlammten" sich recht tchtig in dem
barbarischen Mittelalter" und hatten kraft ihres inwohnenden Genies
meine lteren Zglinge bald berholt.

      *       *        *       *        *




SIEBENTES KAPITEL.

Satan besucht die Kollegien; was er darin lernte.


Indessen ich auf die beschriebene Weise praktisch lebte und Leben
machte, verga ich auch das _dic cur hic_ nicht und legte mich
mit Ernst aufs T h e o r e t i s c h e. Ich hrte die Philosophen und
Theologen und hospitierte nicht unfleiig bei den Juristen und
Medizinern. Ich hatte, um zuerst ber die Philosophen zu reden, von
einem der hellsten Lichter jener Universitt, wenn in der Ferne von
ihm die Rede war, oft sagen hren, d e r  K e r l  h a t  d e n  T e u
f e l  i m  L e i b. Eine solche geheimnisvolle Tiefe, wollte man
behaupten, solche berschwengliche Gedanken, solche Gedrungenheit des
Stils, eine so hinreiende Beredsamkeit sei noch nicht gefunden worden
in Israel. Ich habe ihn gehrt und verwahre mich feierlich vor jenem
Urteil, als ob ich in ihm gesessen wre. Ich habe schon viel
ausgestanden in der Welt, ich bin sogar Ev. Matthi VIII., 31 und 32
in die Sue gefahren, aber in einen solchen Philosophen?--Nein, da
wollte ich mich doch bedankt haben!

Was der gute Mann in seinem schlfrigen, unangenehmen Ton vorbrachte,
war fr seine Zuhrer so gut als Franzsisch fr einen Eskimo. Man
mute alles gehrig ins Deutsche bersetzen, ehe man darber ins klare
kam, da er ebensowenig fliegen knne wie ein anderer Mensch auch. Er
aber machte sich gro, weil er aus seinen Schlssen sich eine
himmelhohe Jakobsleiter gezimmert und solche mit mystischem Firnis
angepinselt hatte; auf dieser kletterte er nun zum blauen ther hinan,
versprach aus seiner Sonnenhhe herabzurufen, was er geschaut habe, er
stieg und stieg, bis er den Kopf durch die Wolken stie, blickte
hinein in das reine Blau des Himmels, das sich auf dem grnen
Grasboden noch viel hbscher ausnimmt als oben, und sah, wie Sancho
Pansa, als er auf dem hlzernen Pferd zur Sonne ritt, unter sich die
Erde so gro wie ein Senfkorn und die Menschen wie Mcken, ber sich--
nichts.

Sie kommen mir vor, die guten Leute dieser Art, wie die Mnner von
Babel, die einen groen Leuchtturm bauen wollten fr alles Volk, damit
sich keiner verlaufe in der Wste, und siehe da, der Herr verwirrte
ihre Sprache, da weder Meister noch Gesellen einander mehr
verstanden.

Da lobe ich mir einen andern der dortigen Philosophen; er las ber die
Logik und deduzierte jahrein, jahraus, da zweimal zwei vier sei, und
die Herren Studiosi schrieben ganze Ste von Heften, da zweimal zwei
vier sei. Dieser Mann blieb doch ordentlich im Blachfeld und wanderte
seinem Ziele mit grerer Gelassenheit zu als seine illustren
Kollegen, die, wenn ein anderer ihr Gewsche nicht Evangelium nannte,
Antikritiken und Metakritiken der Antikritiken in alle Welt
aussandten.

Ich gestehe redlich, der Teufel amsiert sich schlecht bei so
bewandten Dingen. Ich schlug den Weg zu einem andern Hrsaal ein, wo
man ber die Seele des Menschen dozierte. Gerechter Himmel! Wenn ich
so viel Umstnde machen mte, um eine liederliche Seele in mein
Fegefeuer zu deduzieren! Der Mensch auf dem Katheder malte die Seele
auf eine groe, schwarze Tafel und sagte: So ist sie, meine Herren!"
Damit war er aber nicht zufrieden; er behauptete, sie sitze oben in
der Zirbeldrse.

Ich quittierte die Philosophen und besuchte die Theologen. Um meine
Leute nher kennen zu lernen, beschlo ich, an einem Sonntag nach der
Kirche einem oder dem andern meine Visite abzustatten. Ich kleidete
mich ganz schwarz, da ich ein ziemlich theologisches Air hatte, und
trat meinen Marsch an. Man hatte mir vorhergesagt, ich sollte keinen
zu voreiligen Schlu auf den reinen und frommen Charakter dieser
Mnner machen, sie seien etwas nach dem alttestamentlichen Kostm,
vernachlssigen uere Bildung und fallen dadurch leicht ins
Linkische.

Mein Herz mit Geduld gewaffnet, trat ich in das Zimmer des ersten
Theologen. Aus einer blulichen Rauchwolke erhob sich ein dicker
ltlicher Mann in einem grogeblmten Schlafrock, eine ganz schwarze
Meerschaumpfeife in der Hand. Er machte einen kurzen Knix mit dem Kopf
und sah mich dann ungeduldig und fragend an. Ich setzte ihm
auseinander, wie mich die Philosophie gar nicht befriedige und da ich
gesonnen sei, einige theologische Kollegien zu besuchen. Er murmelte
einige unverstndliche, aber wie es schien, gelehrte Bemerkungen,
verzog beifllig lchelnd den Mund und schritt im Zimmer auf und ab.

Ich setzte die Einladung, ihn auf seinem Spaziergang zu begleiten,
voraus und schritt in ebenso gravittischen Schritten neben ihm her,
indem ich aufmerksam lauschte, was sein gelehrter Mund weiter
vorbringen werde. Vergebens! Er grinste hier und da noch etwas
Weniges, sprach aber kein Wort weiter, wenigstens verstand ich nichts
als die Worte: Pfeife rauchen?" Ich merkte, da er mir hflich eine
Pfeife anbiete, konnte aber keinen Gebrauch davon machen; denn er
rauchte wahrhaftig eine gar zu schlechte Nummer.

Ich habe mir schon lange abgewhnt, ber irgend etwas in Verlegenheit
zu geraten, sonst htte dieses absurde Schweigen des Professors mich
gnzlich auer Fassung gebracht. So aber ging ich gemchlich neben ihm
her, kehrte um, wenn er umkehrte, und zhlte die Schritte, die sein
Zimmer in der Lnge ma. Nachdem ich das alte Ameublement, die
verschiedenen Kleider= und Wscherudera, die auf den Sthlen
umherlagen, das wunderliche Chaos seines Arbeitstisches gemustert
hatte, wagte ich meine prfenden Blicke an den Professor selbst. Sein
Aussehen war hchst sonderbar. Die Haare hingen ihm dnn und lang um
die Glatze, die gestrickte Schlafmtze hielt er unter dem Arm. Der
Schlafrock war an den Ellbogen zerrissen und hatte verschiedene
Lcher, die durch Unvorsichtigkeit hineingebrannt schienen. Das eine
Bein war mit einem schwarzseidenen Strumpf und der Fu mit einem
Schnallenschuh bekleidet, der andere stak in einem weiten,
abgelaufenen Filzpantoffel, und um das halbentblte Bein hing ein
gelblicher Socken. Ehe ich noch whrend des unbegreiflichen
Stillschweigens des Theologen meine Bemerkungen weiter fortsetzen
konnte, wurde die Tre aufgerissen, eine groe, drre Frau, mit der
Rte des Zorns auf den schmalen Wangen, strzte herein.

Nein, das ist doch zu arg, Blasius!" schrie sie, der Kster ist da
und sucht dich zum Abendmahl. Der Dekan steht schon vor dem Altar, und
du steckst noch im Schlafrock!"

Wei Gott, meine Liebe," antwortete der Doktor gelassen, das habe
ich hlich vergessen! Doch sieh, einen Fu hatte ich schon zum
Dienste des Herrn gerstet, als mir ein Gedanke einfiel, der den
Doktor Paulus weidlich schlagen mu."

Ohne darauf zu achten, da er sich beinahe der letzten Hlle beraube,
wollte er eilfertig den Schlafrock herunterreien, um auch seinen
brigen Kadaver zum Dienste des Herrn zu schmcken. Sein Eheweib aber
stellte sich mit einer schnellen Wendung vor ihn hin und zog die
weiten Falten ihrer Kleider auseinander, da vom Professor nichts mehr
sichtbar war.

Sie verzeihen, Herr Kandidat," sprach sie, ihre Wut kaum
unterdrckend. Er ist so im Amtseifer, da Sie ihn entschuldigen
werden. Schenken Sie uns ein andermal das Vergngen. Er mu jetzt in
die Kirche."

Ich ging schweigend nach meinem Hut und lie den Ehezrter unter den
Hnden seiner liebenswrdigen Xanthippe. Ein schner Anfang in der
Theologie!" dachte ich, und die Lust, die brigen geistlichen Mnner
zu besuchen, war mir gnzlich vergangen. Doch beschlo ich, einige
Vorlesungen mit anzuhren, was ich auch den Tag nachher ausfhrte.

Man denke sich einen weiten, niedrigen Saal, vollgepfropft mit jungen
Leuten in den abenteuerlichsten Gestalten. Mtzen von allen Farben und
Formen, lange herabwallende, kurze emporsteigende Haare, Brte, deren
sich ein Sappeur der alten Garde nicht htte schmen drfen, und
kleine, zierliche Stutzbrtchen, galante Frcke und hohe Krawatten,
neben deutschen Rcken und ellenbreiten Hemdenkragen. So saen die
jungen geistlichen Herren im Kollegium. Vor sich hatte jeder eine
Mappe, einen Sto Papier, Tinte und Feder, um die Worte der Weisheit
gleich _ad notam_ zu nehmen. O Platon und Sokrates!" dachte ich,
htten eure Studiosen und Akademiker nachgeschrieben, wie manches
Wort tiefer, heiliger Weisheit wre nicht umsonst verrauscht; wie
majesttisch mten sich die Folianten von _Socratis opera_ in
mancher Bibliothek ausnehmen!"--

Jetzt wurden alle Hupter entblt. Eine kurze, dicke Gestalt drngte
sich durch die Reihen der jungen Herren dem Katheder zu, es war der
Doktor Schnatterer, den ich gestern besucht hatte. Mit Wonnegefhl
schien er die Versammlung zu berschauen, hustete dann etwas weniges
und begann:

Hochachtbare, Hochansehnliche!" (damit meinte er die, welche sechs
Taler Honorar zahlten).

Wertgeschtzte!" (die, welche das gewhnliche Honorar zahlten).

Meine Herren!" (das waren die, welche nur die Hlfte oder aus Armut
gar nichts entrichteten). Und nun hob er seinen Sermon an, die Federn
rasselten, das Papier knirschte, er aber schaute herab wie der Mond
aus Regenwolken.

Ich htte zu keiner gelegeneren Zeit diese Vorlesungen besuchen
knnen; denn der Doktor behandelte gerade den Abschnitt _de angelis
malis_, worin ich vorzglich traktiert zu werden hoffen durfte.
Wahrhaftig, er lie mich nicht lange warten. Der Teufel", sagte er,
berredete die ersten Menschen zur Snde und ist noch immer gegen das
ganze Menschengeschlecht feindlich gesinnt." Nach diesem Satz hoffte
ich nun eine philosophische Wrdigung dieses Teufelsglaubens zu hren;
aber weit gefehlt. Er blieb bei dem ersten Wort T e u f e l stehen und
da mich die Juden Beelzebub geheien htten. Mit einem Aufwand von
Gelehrsamkeit, wie ich sie hinter dem armen Schlafrock nicht gesucht
htte, warf er nun das Wort Beelzebub drei Viertelstunden lang hin und
her. Er behauptete, die einen erklren, es bedeute einen
Fliegenmeister, der die Mcken aus dem Lande treiben solle, andere
nehmen das Sephub nicht von den Mcken, sondern als A n k l a g e, wie
die Chalder und Syrier. Andere erklren Sephub als Grab, _Sepulcrum_.
Die Federn schwirrten und flogen, so tiefe Gelehrsamkeit hrt man nicht
alle Tage. Zu jenen paar Erklrungen hatte er aber volle drei
Viertelstunden verwendet, denn die Zitate aus heiligen und profanen
Skribenten nahmen kein Ende. Von Anfang hatte es mir vielen Spa
gemacht, die Dogmatik auf solche Weise getrieben und namentlich den
Satan so grndlich anatomiert zu sehen. Aber endlich machte es mir doch
Langeweile, und ich wollte schon meinen Platz verlassen, um dem
unendlichen Gewsch zu entfliehen, da ruhte der Doktor einen Augenblick
aus, die Schnupftcher wurden gebraucht, die Fe wurden in eine
andere Lage gebracht, die Federn ausgespritzt und neu beschnitten--
alles deutete darauf hin, da jetzt ein Hauptschlag geschehen werde.

Und es war so. Der groe Theologe, nachdem er die Meinungen anderer
aufgefhrt und gehrig gewrdigt hatte, begann jetzt mit Salbung und
Wrde seine eigene Meinung zu entwickeln.

Er sagte, da alle diese Erklrungen nichts taugen, indem sie keinen
passenden Sinn geben. Er wisse eine ganz andere und glaube sich in
diesem Stck noch ber Michaelis und Dderlein stellen zu drfen. Er
lese nmlich Saephael, und das bedeute Kot, Mist und dergleichen. Der
Teufel oder Beelzebub wre also hier der H e r r im D r e c k, der
U n r e i n l i c h e, _to pneuma akatharton_, der Stinker genannt,
wie denn auch im Volksglauben mit den Erscheinungen des Satans ein
gewisser unanstndiger Geruch verbunden sei.

Ich traute meinen Ohren kaum. Eine solche Sottise war mir noch nie
vorgekommen. Ich war im Begriff, den orthodoxen Exegeten mit dem
nmlichen Mittel zu bedienen, das einst Doktor Luther, welcher gar
keinen Spa verstand, an mir probierte, ihm nmlich das nchste beste
Tintenfa an den Kopf zu werfen; aber es fiel mir bei, wie ich mich
noch besser an ihm rchen knnte; ich bezhmte meinen Zorn und schob
meine Rache auf.

Der Doktor aber schlug im Bewutsein seiner Wrde das Heft zu, stand
auf, bckte sich nach allen Seiten und schritt nach der Tre. Die
tiefe Stille, welche im Saal geherrscht hatte, lste sich in ein
dumpfes Gemurmel des Beifalls auf.

Welch ein gelehrter Mann, welch tiefer Denker, welche Flle der
tiefsten Gelehrsamkeit!" murmelten die Schler des groen Exegeten.
Emsig verglichen sie untereinander ihre Hefte, ob ihnen auch kein
Wrtchen von seinen schlagenden Beweisen, von seinen khnen
Behauptungen entgangen sei. Und wie glcklich waren sie, wenn auch
kein Jota fehlte, wenn sie hoffen durften, ein dickes, reinliches,
vollstndiges Heft zu bekommen.

Sobald sie aber die teuern Bltter in den Mappen hatten, waren sie die
Alten wieder. Man stopfte sich die ellenlangen Pfeifen, man setzte die
Mtze khn auf das Ohr, zog singend oder den groen Hunden pfeifend
ab, und wer htte den Jnglingen, die im Sturmschritt dem nchsten
Bierhaus zuzogen, angesehen, da sie die Stammhalter der Orthodoxie
seien und _recta via_ von der khnsten Konjektur des groen
Dogmatikers herkommen?

So schlo sich mein erster theologischer Unterricht; ich war, wenn
nicht an Weisheit und Einsicht, doch um einen Begriff meiner selbst,
an den ich nie gedacht htte, reicher geworden.

Ich schwor mir selbst mit den heiligsten Schwren, keinen Theologen
dieser finstern Schule mehr zu hren. Denn, wenn der Oberste unter
ihnen solche krassen Begriffe zu Markte brachte, was durfte ich von
den brigen hoffen? Aber der orthodoxen Saephael= oder Dr--ck=Seele
hatte ich Rache geschworen, und ich war Manns genug dazu, sie
auszufhren.

*       *       *       *       *




ACHTES KAPITEL

Der Satan bekommt Hndel und schlgt sich. Folgen davon.


Indessen ereignete sich etwas anderes, das ich hier nicht bergehen
darf, weil es als ein Kommentar zu den Sitten des wunderlichen Volkes,
unter welchem ich lebte, dienen kann. Ich hatte schon seit einiger
Zeit fleiig die Anatomie besucht, um auch die rzte kennen zu lernen.
Da geschah es eines Tages, da ich mit mehreren Freunden um einen
Kadaver beschftigt war, indem ich ihnen durch Zergliederung der
Organe des Gehirns, des Herzens usw. die Nichtigkeit des Glaubens an
Unsterblichkeit darzutun suchte.

Auf einmal hrte ich hinter mir eine Stimme: Pfui Teufel, wie
riecht's hier!"

Ich wandte mich rasch um und erblickte einen jungen Theologen, der
mich schon in jener dogmatischen Vorlesung durch den Eifer und das
Wohlbehagen, mit welchem er die unsinnige Konjektur des Professors
niederschrieb, gegen sich aufgebracht hatte. Als ich nun diese
uerung:  Pfui Teufel, wie riecht's hier!" die ich in jenem
Augenblick aus des Theologen Munde nur auf mich, als den Herrn im
Kot", bezog, hrte, sagte ich ihm ziemlich stark, da ich mir solche
Gemeinheiten und Anzglichkeiten verbitte.

Nach dem uralten heiligen Gesetzbuche der Burschen, das man Komment
heit, war dies eine Beschimpfung, die nur mit Blut abgewaschen werden
konnte. Der Theologe, ein tchtiger Raufer, lie mich daher am andern
Tage sogleich fordern. Ein solcher Spa war mir erwnscht; denn wer
sein Ansehen unter seinen Kommilitonen behaupten wollte, mute sich
damals geschlagen haben, obgleich das Duell an sich, von meinen
Freunden als etwas Unvernnftige, Unnatrliches angesehen wurde. Ich
hatte meinen Gegner bestimmen lassen, die Sache an einem
Vergngungsort, eine Stunde vor der Stadt, auszumachen, und beide
Parteien erschienen zur bestimmten Zeit an Ort und Stelle.

Feierlich wurde jeder einzelne in ein Zimmer gefhrt, der Oberrock ihm
ausgezogen und der Paukwichs", das heit die Rstung, in welcher das
Duell vor sich gehen sollte, angelegt. Diese Rstung oder der
Paukwichs bestand in einem Hut mit breiter Krempe, die dem Gesicht
hinlnglichen Schutz verlieh, einer ungeheuern, fubreiten Binde, die
ber den Bauch geschnallt wurde. Sie war von Leder, gepolstert und mit
der Farbe der Verbindung, zu welcher man gehrte, ausgeschmckt. Eine
ungeheure Krawatte, wogegen Herrn Studiosus Wrgers ein Groschenstrick
war, stand steif um die Gegend des Halses und schtzte Kinn, Kehle,
einen Teil der Schultern und den obern Teil der Brust. Den Arm, vom
Ellbogen bis zur Hand, bedeckte ein aus alten seidenen Strmpfen
verfertigtes Rstzeug, Handschuh genannt. Ich gestehe, die Figur, in
diese sonderbare Rstung gepret, nahm sich komisch genug aus. Doch
gewhrte sie groe Sicherheit; denn nur ein Teil des Gesichtes, der
Oberarm und ein Teil der Brust war fr die Klinge des Gegners
zugnglich. Ich konnte mich daher des Lachens nicht enthalten, wenn
ich im Spiegel mein sonderbares Habit betrachtete. Der Satan in einem
solchen Aufzuge und im Begriff, sich wegen des schlechten Geruchs auf
der Anatomie zu schlagen!"

Meine Genossen aber nahmen dieses Lachen fr einen Ausbruch der
Khnheit und des Mutes, gedachten, es sei jetzt der rechte Augenblick
gekommen, und fhrten mich in einen groen Saal, wo man mit Kreide die
gegenseitige feindliche Stellung auf dem Boden markiert hatte. Ein
Fuchs rechnete es sich zur hohen Ehre, mir den Schlger" vorantragen
zu drfen, wie man den alten Kaisern Schwert und Zepter vorantrug.
Jener war eine aus poliertem Stahl schn gearbeitete Waffe mit groem,
schtzendem Korb und scharf geschliffen wie ein Schermesser.

Wir standen endlich einander gegenber. Der Theologe machte ein
grimmiges Gesicht und blickte mit einem Hohn auf mich, der mich nur
noch mehr in dem Vorsatz bestrkte, ihn tchtig zu zeichnen.

Wir legten uns nach alter Fechtweise aus, die Klingen waren gebunden,
die Sekundanten schrien: Los!" und unsere Schlger schwirrten in der
Luft und fielen rasselnd auf die Krbe. Ich verhielt mich meistens
parierend gegen die wirklich schnen und mit groer Kunst ausgefhrten
Angriffe des Gegners; denn mein Ruhm war grer, wenn ich mich von
Anfang nur verteidigte und erst im vierten, fnften Gang ihm eine
Schlappe gab.

Allgemeine Bewunderung folgte jedem Gang. Man hatte noch nie so khn
und schnell angreifen, noch nie mit so vieler Ruhe und Kaltbltigkeit
sich verteidigen sehen. Meine Fechtkunst wurde von den ltesten
Husern" bis in den Himmel erhoben, und man war nun gespannt und
begierig, bis ich selbst angreifen wrde. Doch wagte es keiner, mich
dazu aufzumuntern.

Vier Gnge waren vorber, ohne da irgendwo ein Hieb blutig gewesen
wre. Ehe ich zum fnften aufmarschierte, zeigte ich meinen Kameraden
die Stelle auf der rechten Wange, wohin ich meinen Theologen treffen
wollte. Dieser mochte es mir ansehen, da ich jetzt selbst angreifen
werde, er legte sich so gedeckt als mglich aus und htete sich,
selbst einen Angriff zu machen. Ich begann mit einer herrlichen Finte,
der ein allgemeines Ah! folgte, schlug dann einige regelmigen Hiebe,
und klapp! sa ihm mein Schlger in der Wange.

Der gute Theologe wute nicht, wie ihm geschah; mein Sekundant und
Zeuge sprangen mit einem Zollstab hinzu, maen die Wunde und sagten
mit feierlicher Stimme: E s  i s t  m e h r a l s  e i n  Z o l l,
k l a f f t  u n d  b l u t e t,  a l s o  A n s c h--." Das hie
soviel als: Weil ich dem guten Jungen ein zollanges Loch ins Fleisch
gemacht hatte, war seiner Ehre genug geschehen.

Jetzt strzten meine Freunde herzu, die ltesten faten meine Hnde,
die jngeren betrachteten ehrfurchtsvoll die Waffe, mit welcher die in
der Geschichte einzige und unerhrte Tat geschehen war. Denn wer, seit
des groen Renommisten Zeiten, durfte sich rhmen, vorher die Stelle,
die er treffen wollte, angezeigt und mit so vieler Genauigkeit
getroffen zu haben?

Ernsten Blickes trat der Sekundant meines Gegners herein und bot mir
in dessen Namen Vershnung an. Ich ging zu dem Verwundeten, dem man
gerade mit Nadel und Faden seine Wunde zunhte, und vershnte mich mit
ihm.

Ich bin Ihnen Dank schuldig," sagte er zu mir, da Sie mich so
gezeichnet haben. Ich wurde ganz gegen meinen Willen gezwungen,
Theologie zu studieren. Mein Vater ist Landpfarrer, meine Mutter eine
fromme Frau, die ihren Sohn gerne einmal im Chorrock sehen mchte. Sie
haben mit einem Male entschieden; denn mit einer Schmarre vom Ohr bis
zum Mund darf ich keine Kanzel mehr besteigen."

Die Burschen sahen teilnehmend auf den wackern Theologen, der wohl mit
geheimer Wehmut an den Schmerz des alten Pastors, an den Jammer der
frommen Mama denken mochte, wenn die Nachricht von diesem Unfall
anlangte. Ich aber hielt es fr das grte Glck des Jnglings, durch
eine so kurze Operation der Welt wieder geschenkt zu sein. Ich fragte
ihn, was er jetzt anzufangen gedenke, und er gestand offen, da der
Stand eines Kavalleristen oder eines Schauspielers ihn von jeher am
meisten angezogen htte.

Ich htte ihm um den Hals fallen mgen fr diesen vernnftigen
Gedanken; denn gerade unter diesen beiden Stnden zhle ich die
meisten Freunde und Anhnger. Ich riet ihm daher aufs ernstlichste,
dem Trieb der Natur zu folgen, indem ich ihm die besten
Empfehlungsbriefe an bedeutende Generale und an die vorzglichsten
Bhnen versprach.

Dem ganzen Personale aber, das dem merkwrdigen Duell angewohnt hatte,
gab ich einen trefflichen Schmaus, wobei auch mein Gegner und seine
Gesellen nicht vergessen wurden. Dem ehemaligen Theologen zahlte ich
nachher in der Stille seine Schulden und versah ihn, als er genesen
war, mit Geld und Briefen, die ihm eine frhliche, glnzende Laufbahn
erffneten.

Meine geheime Wohlttigkeit war so wenig als der glnzende Ausgang der
Affre ein Geheimnis geblieben. Man sah mich von jetzt wie ein hheres
Wesen an, und ich kannte manche junge Dame, die sogar ber meine
gromtigen Sentiments Trnen vergo.

Die Mediziner aber lieen mir durch eine Deputation einen prachtvollen
Schlger berreichen, weil ich mich, wie sie sich ausdrckten, f  r
d e n  g u t e n  G e r u c h  i h r e r  A n a t o m i e  g e s c h l
a g e n  h a b e" .

Die Welt bleibt unter allen Gestalten die nmliche, die sie von Anfang
war. Dem Bsen, selbst dem Unvernnftigen huldigt sie gerne, wenn es
sich nur in einem glnzenden Gewande zeigt; die gute, ehrliche Tugend
mit ihren rauhen Manieren und ihrem ungeschliffenen, rohen Aussehen
wird hchstens Achtung, niemals Beifall erlangen.

*       *       *       *       *




NEUNTES KAPITEL.

Satans Rache an Doktor Schnatterer.


Als ich sah, wie weit die Philosophie und Theologie in ------en
hinter meinen Vorstellungen, die ich mir zuvor gemacht hatte,
zurckbleibe, legte ich mich mit Eifer auf sthetik, Rhetorik,
namentlich aber auf die schne Literatur. Man wende mir nicht ein, ich
habe auf diese Art meine Zeit unntz angewendet. Ich besuchte ja jene
berhmte Schule nicht, um ein Brotstudium zu treiben, das einmal einen
Mann mit Weib und Kind ernhren konnte, sondern das _dic cur
hic_, das ich recht oft in meine Seele zurckrief, sagte mir immer,
ich solle suchen, von jeder Wissenschaft einen kleinen Hieb zu
bekommen, mich aber so sehr als mglich in jenen Knsten zu
vervollkommnen, die heutzutage einem Manne von Bildung unentbehrlich
sind.

Bei Gelegenheit eine Stelle aus einem Dichter zu zitieren, ber die
Schnheit eines Gemldes kunstgerecht mitzusprechen, eine Statue nach
allen Regeln fr erbrmlich zu erklren, fr die Mnner einige
theologische Literatur, einige juristische Phrasen, einige neue
medizinische Entdeckungen, einige exorbitante philosophische
Behauptungen _in petto_ zu haben, hielt ich fr unumgnglich
notwendig, um mich mit Anstand in der modernen Welt bewegen zu knnen,
und ohne mir selbst ein Kompliment machen zu wollen, darf ich sagen,
ich habe in den paar Monaten in ------en hinlnglich gelernt.

Ich habe mir nach dem Beispiel meiner groen Vorbilder im
Memoirenschreiben vorgenommen, auch die geringfgigsten Ereignisse
aufzufhren, wenn sie lehrreich oder merkwrdig sind, wenn sie Stoff
zum Nachdenken oder zum Lachen enthalten. Ich darf daher nicht
versumen, meine Rache an Doktor Schnatterer zu erzhlen.

Besagter Doktor hatte die lbliche Gewohnheit, Sonntag nachmittags mit
mehreren anderen Professoren in ein Wirtshaus, ein halbes Stndchen
vor der Stadt, zu spazieren. Dort pflegte man, um die steifgesessenen
Glieder wieder auszurenken, Kegel zu schieben und allerlei sonstige
Kurzweil zu treiben, wie es sich fr ehrbare Mnner geziemt; man
spielte wohl auch bei verschlossenen Tren ein Whistchen oder Piquet
und trank manchmal ein Glschen ber Durst, was wenigstens die bse
Welt daraus ersehen wollte, da sich die Herren abends in der Chaise
des Wirtes zur Stadt bringen lieen.

Der ehrwrdige Theologe aber pflegte immer lange vor Sonnenuntergang
heimzukehren, man sagt, weil die Frau Doktorin ihm keine lngere Frist
erlaubt hatte; er ging dann bedchtigen Schrittes seinen Weg, vermied
aber die breite Chaussee und schlug den Wiesenpfad ein, der dreiig
Schritte seitwrts neben jener herlief; der Grund war, weil der breite
Weg am schnen Sonntagabend mit Fugngern beset war, der Doktor aber
die hhere Rte seines Gesichtes und den etwas unsichern Gang nicht
den Augen der Welt zeigen wollte.

So erklrten sich die Bsen den einsamen Gang Schnatterers; die
Frommen aber blieben stehen, schauten ihm nach und sprachen: Siehe,
er geht nicht auf dem breiten Weg der Gottlosen, der fromme Herr
Doktor, sondern den schmalen Pfad, welcher zum Leben fhrt."

Auf diese Gewohnheit des Doktors hatte ich meinen Racheplan gebaut.
Ich pate ihm an einem schnen Sonntagabend, der alle Welt ins Freie
gelockt hatte, auf, und er trat noch bei guter Tageszeit aus dem
Wirtshaus. Mit demtigem Bckling nahte ich mich ihm und fragte, ob
ich ihn auf seinem Heimweg begleiten drfe, der Abend scheine mir in
seiner gelehrten Nhe noch einmal so schn.

Der Herr Doktor schien einen kordialen Hieb zu haben; er legte
zutraulich meinen Arm in den seinigen und begann mit mir ber die
Tiefen der Wissenschaft zu perorieren. Aber ich schlug sein Auge mit
Blindheit, und indem ich als ehrbarer Studiosus neben ihm zu gehen
schien, verwandelte ich meine Gestalt und erschien den verwunderten
Blicken der Spaziergnger als die schne Luisel, die berchtigtste
Dirne der Stadt.--Ach! da Hogarth an jenem Abende unter den
spazierengehenden Christen auf dem breiten Wege gewandelt wre! Welch
herrliche Originale fr frommen Unwillen, starres Erstaunen, hmische
Schadenfreude htte er in sein Skizzenbuch niederlegen knnen.

Die Vordersten blieben stehen, als sie das seltsame Paar auf dem
Wiesenpfad wandeln sahen, sie kehrten um, uns zu folgen und rissen die
Nachkommenden mit. Wie ein ungeheurer Strom wlzte sich uns die
erstaunte Menge nach, wie ein Lauffeuer flog das unglaubliche Gercht:
Der Doktor Schnatterer mit der schnen Luisel!" von Mund zu Mund der
Stadt zu.

Wehe dem, durch den rgernis kommt!" riefen die Frommen. Hat man
d a s je erlebt von einem christlichen Prediger?"

Ei, ei, wer htte das hinter dem Ehrsamen gesucht?" sprachen mit
Achselzucken die Halbfrommen. Wenn der Skandal nur nicht auf
ffentlicher Promenade--!"

Der Herr Doktor machen sich's bequem!" lachten die Weltkinder, er
predigt gegen das Unrecht und geht mit der Snde spazieren."

So hallte es vom Felde bis in die Stadt, Brger und Studenten, Mgde
und Straenjungen erzhlten es in Kneipen, am Brunnen und an allen
Ecken; und Doktor Schnatterer" und schn Luisel" war das
Feldgeschrei und die Parole fr diesen Abend und manchen folgenden
Tag.

An einer Krmmung des Weges machte ich mich unbemerkt aus dem Staube
und schlo mich als Studiosus meinen Kameraden an, die mir die
Neuigkeit ganz warm auftischten.

Der gute Doktor aber zog ruhig seines Weges, bemerkte, in seine tiefen
Meditationen versenkt, nicht das Drngen der Menge, die sich um seinen
Anblick schlug, nicht das wiehernde Gelchter, das seinen Schritten
folgte. Es war zu erwarten, da einige fromme Weiber seiner zrtlichen
Ehehlfte die Geschichte beigebracht hatten, ehe noch der Theologe an
der Hausglocke zog; denn auf der Strae hrte man deutlich die
frchterliche Stimme des Gerichtsengels, der ihn in Empfang nahm, und
das Klatschen, welches man hie und da vernahm, war viel zu volltnend,
als da man htte denken knnen, die Frau Doktorin habe die Wangen
ihres Gemahls mit dem M u n d e berhrt.

Wie ich mir aber dachte, so geschah es. Nach einer halben Stunde
schickte die Frau Doktorin zu mir und lie mich holen. Ich traf den
Doktor mit hoch aufgelaufenen Wangen, niedergeschlagen in einem
Lehnstuhl sitzend. Die Frau schritt auf mich zu und schrie, indem sie
die Augen nach dem Doktor hinberblitzen lieb: Dieser Mensch dort
behauptet, heute abend mit Ihnen vom Wirtshaus hereingegangen zu sein;
sagen Sie, ob es wahr ist, sagen Sie!"

Ich bckte mich geziemend und versicherte, da ich mir habe nie
trumen lassen, die Ehre zu genieen; ich sei den ganzen Abend zu
Hause gewesen.

Wie vom Donner gerhrt, sprang der Doktor auf, der Schrecken schien
seine Zunge gelhmt zu haben: Zu Haus' gewesen?" lallte er. Nicht
mit mir gegangen? O, mit wem soll ich denn gegangen sein, als mit
Ihnen, Wertester?"

Was wei ich, mit wem der Herr Doktor gegangen sind?" gab ich
lchelnd zur Antwort. Mit mir auf keinen Fall!"

Ach, Sie sind nur zu nobel, Herr Studiosus," heulte die wtende Frau,
was sollten Sie nicht wissen, was die ganze Stadt wei; der alte
Snder, der Schandmensch! Man wei seine Schliche wohl; mit der
schnen Luisel hat er scharmuziert!"

Das hat mir der bse Feind angetan," raste der Doktor und rannte im
Zimmer umher; der Bse, der Beelzebub, nach meiner Konjektur der
Stinker."

Der Rausch hat dir's angetan, du Lump," schrie die Zrtliche, ri
ihren breit getretenen Pantoffel ab und rannte ihm nach; ich aber
schlich mich die Treppe hinab und zum Haus hinaus und dachte bei mir:
Dem Doktor ist ganz recht geschehen; man soll den Teufel nicht an die
Wand malen, sonst kommt er."

Der Doktor Schnatterer werde von da an in seinen Kollegien ausgepocht
und konnte selbst mit den khnsten Konjekturen den Eifer nicht mehr
erwecken, der vor seiner Fatalitt unter der studierenden Jugend
geherrschte hatte. Die Kollegiengelder erreichten nicht mehr jene
Summe, welche die Frau Professorin als allgemeinen Mastab angenommen
hatte, und der Professor lebte daher in ewigem Hader mit der
Unvershnlichen. Diesem hatte, sozusagen, d e r  T e u f e l  e i n
E i  i n  d i e  W i r t s c h a f t  g e l e g t.

       *       *       *       *       *




ZEHNTES KAPITEL.

Satan wird wegen Umtrieben eingezogen und verhrt; er verlt die
Universitt.


Um diese Zeit hrte man in Deutschland viel von Demagogen, Umtrieben,
Verhaftungen und Untersuchungen. Man lachte darber, weil es schien,
man betrachte alles durch das Vergrerungsglas, welches Angst und
bses Gewissen vorhielten. brigens mochte es an manchen Orten doch
nicht ganz geheuer gewesen sein; selbst in dem sonst so ruhigen
------en spukte es in manchen Kpfen seltsam.

Ich will einen kurzen Umri von dem Stand der Dinge geben. Wenn man
unbefangen unter den Burschen umherwandelte und ihren Gelagen
beiwohnte, so drngte sich von selbst die Bemerkung auf, da viele
unter ihnen von etwas anderem angeregt seien als gerade von dem
nchsten Zweck ihres Brotstudiums; wie einige groes Interesse daran
fanden, sich morgens mit ihren Glubigern und deren Noten (Philister
mit Pumpregistern) herumzuzanken, nachher den Hund zu baden und ihn
schne Knste zu lehren, sodann Fensterparade vor ihren Schnen zu
machen usw., so hatten sich andere, und zwar kein geringer Teil, auf
Idealeres geworfen. Ich hatte zwar dadurch, da ich sie zum Studium
des Trinkens anhielt, dafr gesorgt, da die Herren sich nicht gar zu
sehr der Welt entziehen mchten; aber es blieb doch immer ein
geheimnisvolles Walten, aus welchem ich nicht recht klug werden
konnte.

Besonders aber uerte sich dies, wenn die Kpfe erleuchtet waren; da
sprach man viel von Volksbildung, von frommer deutscher Art; manche
sprudelten auch ber und schrien von der Not des Vaterlandes, von--
doch das ist jetzt gleichgltig, von was gesprochen wurde, es gengt
zu sagen, da es schien, als htte eine groe Idee viele Herzen
ergriffen, sie zu e i n e m Streben vereinigt. Mir behagte die Sache
an sich nicht bel; sollte es auf etwas Unruhiges ausgehen, so war ich
gleich dabei, denn Revolutionen waren von jeher mein Element; nur
sollte nach meiner Meinung das Ganze einen eleganteren, leichteren
Anstrich haben.

Es gab zwar Leute unter ihnen, die mit der Gewandtheit eines
Staatsmannes die Menge zu leiten wuten, die sich eine Eleganz des
Stils, eine Leichtigkeit des Umganges angeeignet hatten, wie sie in
den diplomatischen Salons mit Mhe erlernt und kaum mit so viel
Anstand ausgefhrt wird; aber die meisten waren in ein phantastisches
Dunkel geraten, munkelten viel von dem Dreiklang in der Einheit, von
der Idee, die ihnen aufgegangen sei, und hatten Vergangenheit und
Zukunft, Mittelalter und das Chaos der jetzigen Zeit so ineinander
geknetet, da kein Theseus sich aus diesen Labyrinthen herausgefunden
htte.

Ich merkte oft, da einer oder der andere der Koryphen in einer
traulichen Stunde mir gerne etwas anvertraut htte; ich zeigte
Verstand, Weltbildung, Geld und groe Konnexionen, Eigenschaften, die
nicht zu verachten sind und die man immer ins Mittel zu ziehen sucht.
Aber immer, wenn sie im Begriff waren, die dunkle Pforte des
Geheimnisses vor meinen Augen aufzuschlieen, schien sie, ich wei
nicht was, zurckzuhalten; sie behaupteten, ich habe kein Gemt; denn
dieses edle Seelenvermgen schienen sie als Probierstein zu
gebrauchen.

Mochte ich aber aussehen wie ein verkappter Jakobiner, mochte ich
durch meinen Einflu auf die Menge Verdacht erregt haben? Eines
Morgens trat der Pedell mit einigen Schnurren in mein Zimmer und nahm
mich im Namen Seiner Magnifizenz gefangen. Der Universittssekretr
folgte, um meine Papiere zu ordnen und zu versiegeln, und gab mir zu
verstehen, da ich als D e m a g o g e verhaftet sei.

Man gab mir ein anstndiges Zimmer im Universittsgebude, sorgte
eifrig fr jede Bequemlichkeit, und als der hohe Rat beisammen war,
wurde ich in den Saal gefhrt, um ber meine p o l i t i s c h e n
V e r b r e c h e n vernommen zu werden.

Die Dekane der vier Fakultten, der Rektor Magnifikus, ein Mediziner,
und der Universittssekretr saen um einen grn behngten Tisch in
feierlichem Ornat; die tiefe Stille, welche in dem Saal herrschte, die
steife Haltung der gelehrten Richter, ihre wichtigen Mienen ntigten
mir unwillkrlich ein Lcheln ab.

Magnifikus zeigte auf einen Stuhl ihm gegenber am Ende der Tafel,
Delinquent setzte sich, Magnifikus winkte wieder, und der Pedell trat
ab.

Noch immer tiefe Stille; der Sekretr legt das Papier zum Protokoll
zurecht und schneidet Federn; ein alter Professor lt seine ungeheure
Dose herumgehen. Jeder der Herren nimmt eine Prise, bedchtig und mit
Beugung des Hauptes; Doktor Saper, mein nchster Nachbar, schnupft und
prsentiert mir die Dose, lt aber das teure Magazin, von einem
abwehrenden Blick Magnifici erschreckt, mit polterndem Gerusch zu
Boden fallen.

Alle Hagel, Herr Doktor," schrie der alte Professor, alle Achtung
beiseite setzend.

O Jerum," chzte der Sekretr und warf das Federmesser weg; denn er
hatte sich aus Schrecken in den Finger geschnitten.

Bitte untertnigst!" stammelte der erschrockene Doktor Saper.

Diese alle sprachen auf einmal durcheinander, und der letztere kniete
auf den Boden nieder und wollte mit der Papierschere, die er in der
Eile ergriffen hatte, den verschtteten Tabak aufschaufeln.

Magnifikus aber ergriff die groe Glocke und schellte dreimal; der
Pedell trat eilig und bestrzt herein und fragte, was zu Befehl sei,
und Magnifikus, mit einem verbindlichen Lcheln zu Doktor Saper
hinber, sprach: Lassen Sie es gut sein, Lieber, er taugt doch nichts
mehr; da wir aber in dieser Sitzung einiges Tabaks bentigt sein
werden, glaube ich, dafr stimmen zu mssen, da frischer _ad
locum_ gebracht werde."

Doktor Saper zog schnell sein Beutelein, reichte dem Pedell einige
Groschen und befahl ihm, eilends drei Lot Schnupftabak zu bringen.
Dieser enteilte dem Saal. Vor dem Haus fand er, wie ich nachher
erfuhr, die halbe Universitt versammelt; denn meine Verhaftung war
schnell bekannt geworden, und alles drngte sich hinzu, um das Nhere
zu erfahren. Man kann sich daher die Spannung der Gemter denken, als
man den Pedell aus der Tre strzen sah. Die Vordersten hielten ihn
fest und fragten und drngten ihn, wohin er so eilig versendet werde,
und kaum konnte man sich in seine Beteuerung finden, da er eilends
drei Lot Schnupftabak holen msse.

Aber im Saal war nach der Entfernung des Gtterboten die vorige,
anstndige Stille eingetreten. Magnifikus fate mich mit einem Blick
voll Hoheit und begann:

Es ist uns von einer hchstpreislichen Zentral=
Untersuchungskommission der Auftrag zugekommen, auf gewisse geheime
Umtriebe und Verbindungen, so sich auf unserer Universitt seit
einiger Zeit entsponnen haben sollen, unser Augenmerk zu richten. Wir
sind nun nach reiflicher Prfung der Umstnde vollkommen darber
einverstanden, da Sie, Herr von Barbe, sich hchst verdchtig gemacht
haben, solche Verhltnisse unter unserer akademischen Jugend dahier
herbeigefhrt und angesponnen zu haben. Hm! Was sagen Sie dazu, Herr
von Barbe?"

Was ich dazu sage? Bis jetzt noch nichts. Ich erwarte geziemend die
Beweise, die mein Leben und Betragen einer solchen Beschuldigung
verdchtig machen."

Die Beweise?" antwortete erstaunt der Rektor. Sie verlangen Beweise?
Ist das der Respekt vor einem akademischen Senate? Man fhre selbst
den Beweis, da man nicht im strflichen Verdacht der Demagogie ist."

Mit gtiger Erlaubnis, Euer Magnifizenz," entgegnete der Dekan der
Juristen, Inquisit kann, wenn er eines Verdachtes angeklagt ist, i n
a l l e  W e g e  v e r l a n g e n, da ihm die Grnde des Verdachtes
genannt werden."

Dem medizinischen Rektor stand der Angstschwei auf der Stirne; man
sah ihm an, da er mit Mhe die Beweisgrnde in seinem Haupte hin= und
herwlzte. Wie ein Bote vom Himmel erschien ihm daher der Pedell mit
der Dose und berichtete zugleich mit ngstlicher Stimme, da die
Studierenden in groer Anzahl sich vor dem Universittsgebude
zusammengerottet haben und ein verdchtiges Gemurmel durch die Reihen
laufe, das mit einem Pereat oder Scheibeneinwerfen zu bedrohen
scheine.

Kaum hatte er ausgesprochen, so strzte eine Magd herein und richtete
von der Frau Magnifikussin an den Herrn Magnifikus ein Kompliment aus,
und er mchte doch sich nach Haus salvieren, weil die Studenten
allerhand verdchtige Bewegungen machten".

Ist das nicht der klarste Beweis gegen Ihre geheimen Umtriebe, lieber
Herr von Barbe?" sprach die Magnifizenz in klglichem Tone. Aber der
Aufruhr steigt, _videant Consules, ne quid detrimenti_--man nehme
seine Maregeln;--da auch der Teufel gerade in meine Amtsfhrung alle
fatalen Hndel bringen mu!--_Domine Collega,_ Herr Doktor
Pfeffer, was stimmen Sie?"

Es ist eigentlich noch kein Votum zur Abstimmung vorgebracht und zur
Reife gediehen, ich rate aber, Herrn von Barbe bis auf weiteres zu
entlassen und ihm--"

Richtig, gut," rief der Rektor, Sie knnen abtreten, wertgeschtzter
junger Freund; beruhigen Sie Ihre Kameraden; Sie sehen selbst, wie
glimpflich wir mit Ihnen verfahren sind, und zu einer gelegeneren
Stunde werden wir uns wieder die Ehre ausbitten; damit aber die Sache
kein solches Aufsehen mehr erregt--wei Gott, der Aufruhr steigt, ich
hre Pereat--so kommen Sie morgen abend alle zum Tee zu mir, Sie auch,
lieber Barbe, da dann die Sachen weiter besprochen werden knnen."

Ich konnte mich kaum enthalten, den ngstlichen Herren ins Gesicht zu
lachen. Sie saen da, wie von Gott verlassen, und wnschten sich in
Abrahams Scho, das heit in den ruhigen Hafen ihres weiten
Lehnstuhls.

Was steht nicht von einer erhitzten Jugend zu erwarten?" klagten sie.
Seitdem etzliche Lehrer von den Kathedern gestiegen sind und sich
unter diese himmelstrmenden Zyklopen gemischt haben, ist keine
Ehrfurcht, kein Respekt mehr da. Man mu befrchten, wie schlechte
Schauspieler ausgepfiffen oder am hellen Tage insultiert zu werden."

Vom Erstechen will ich gar nicht reden," sagte ein anderer; es
sollte eigentlich jeder Literatus, der nicht alle Wege ein gut
Gewissen hat, einen Brustharnisch unter dem Kamisol tragen."

Indessen die Philister also klagten, dankte ich meinen Kommilitonen
fr ihre Aufmerksamkeit fr mich, sagte ihnen, da sie nachts viel
bessere Gelegenheit zum Fenstereinwerfen haben, und bewog sie durch
Bitten und Vorstellungen, da sie abzogen. Sie marschierten in
geschlossenen Reihen durch das erschreckte Stdtchen und sangen ihr
_a ira, a ira," _ nmlich: Die Burschenfreiheit lebe" und das
erhabene Rautsch, rautsch, rautschitschi, Revolution!"

Ich ging wieder in den Saal zurck und sagte den noch versammelten
Herren, da sie gar nichts zu befrchten haben, weil ich die Herren
Studiosen vermocht habe, nach Hause zu gehen. Beschmung und Zorn
rtete jetzt die bleichen Gesichter, und mein bichen Psychologie
mte mich ganz getuscht haben, wenn mich die Herren nicht ihre Angst
entgelten lieen. Und gewi! Meine Ahnung hatte mich nicht betrogen.
Magnifikus ging ans Fenster, um sich selbst zu berzeugen, da die
Aufrhrer abgezogen seien; dann wendete er sich mit erhabener Miene zu
mir, und er, der noch vor einer Viertelstunde mein wertgeschtzter
Freund" zu mir sagte, herrschte mir jetzt zu: Wir knnen das Verhr
weiter fortfhren, Delinquent mag sich setzen!"

So sind die Menschen; nichts vergit der Hhere so leicht, als da der
Niedere ihm in der Stunde der Not zu Hilfe eilte. Nichts sucht er
sogar eifriger zu vergessen als jene Not, wenn er sich dabei eine
Ble gegeben, deren er sich zu schmen hat.

Nach der Miene des Magnifikus richteten sich auch die seiner Kollegen.
Sie behandelten mich grob und mrrisch. Der Rektor entwickelte mit
groer Gelehrsamkeit den ersten Anklagepunkt. Demagog kommt her von
_demos_ und _agein_. Das eine heit Volk, das andere fhren
oder verfhren. Wer ist nach diesem Begriff mehr Demagog als Sie?
Haben wir nicht in Erfahrung gebracht, da Sie die jungen Leute zum
Trinken verleiteten, da Sie neue Lieder und Kartenspiele hieher
verpflanzten? Auch von andern Orten werden diese Sachen als die
sichersten Symptome der Demagogie angefhrt; folglich sind Sie ein
Demagog."--

Mit triumphierendem Lcheln wandte er sieh zu seinen Kollegen: Habe
ich nicht recht, Doktor Pfeffer? Nicht recht, Herr Professor Saper?"
Vollkommen, Euer Magnifizenz," versicherten jene und schnupften.

Zweitens, jetzt kommt der andere Punkt," fuhr der Mediziner fort.
Das Turnen ist eine Erfindung des Teufels und der Demagogen, es ist,
um mich so auszudrcken, eine vaterlandsverrterische Ausbildung der
krperlichen Krfte. Da nun die Turnpltze eigentlich die Tierparks
und Salzlecken des demagogischen Wildes, Sie aber, wie wir in
Erfahrung gebracht haben, einer der eminentesten Turner sind, so haben
Sie sich durch Ihre _Saltus mortales_ und Ihre brigen Knste als
einen kleinen Jahn, einen offenbaren Demagogen gezeigt.--Habe ich
nicht recht, Herr Doktor Bruttler? Sage ich nicht die Wahrheit, Herr
Doktor Schrag?"

Vollkommen, Euer Magnifizenz!" versicherten diese und schnupften.

Demagogen," fuhr er fort, Demagogen schleichen sich ohne bestimmten
uern Zweck ins Land und suchen da Feuer einzulegen; sie sind unstete
Leute, denen man ihre Verdchtigkeit gleich ansieht; der Herr
Studiosus von Barbe ist ohne bestimmten Zweck hier; denn er luft in
allen Kollegien und Wissenschaften umher, ohne sie fr immer zu
frequentieren oder g a r  n a c h z u s c h r e i b e n. Was folgt? Er
hat sich der Demagogie sehr verdchtig gemacht. Ich fge gleich den
vierten Grund bei. Man hat bemerkt, da Demagogen, vielleicht von
geheimen Bnden ausgerstet, viel Geld zeigen und die Leute an sich
locken; wer hat sich in diesem Punkte der Anklage wrdiger gemacht als
Delinquent? Habe ich nicht recht, meine Herren?"

Sehr scharfsinnig, vollkommen!" antworteten die Aufgerufenen
_unisono_ und lieen die Dose herumgehen.

Mit Majestt richtete sich Magnifikus auf: Wir glauben hinlnglich
bewiesen zu haben, da Sie, Herr Studiosus Friedrich von Barbe, in dem
Verdacht geheimer Umtriebe stecken; wir sind aber weit entfernt, ohne
den Beklagten anzuhren, ein Urteil zu fllen; darum verteidigen Sie
sich.--Aber mein Gott! Wie die Zeit herumgeht, da lutet es schon zu
Mittag; ich denke, der Herr kann seine Verteidigung im Karzer
schriftlich abfassen; somit wre die Sitzung aufgehoben; wnsche
gesegnete Mahlzeit, meine Herren."

So schlo sich mein merkwrdiges Verhr. Im Karzer entwarf ich eine
Verteidigung, die den Herren einleuchten mochte. Wahrscheinlicher aber
ist mir, da sie sich scheuten, einen jungen Mann, der so viel Geld
ausgab, aus ihrer guten Stadt zu verbannen. Sie gaben mir daher den
Bescheid, da man mich aus besonderer Rcksicht diesmal noch mit dem
Konsilium verschonen wolle, und setzten mich wieder auf freien Fu.

Als Demagog eingekerkert zu sein, als Mrtyrer der guten Sache
gelitten zu haben, zog einen neuen Nimbus um meinen Scheitel, und im
Triumph wurde ich aus dem Karzer nach Hause begleitet; aber die Freude
sollte nicht lange dauern. Ich hatte jetzt so ziemlich meinen Zweck,
der mich in jene Stadt gefhrt hatte, erreicht und gedachte weiter zu
gehen. Ich hatte mir aber vorgenommen, vorher noch den Titel eines
Doktors der Philosophie auf gerechtem Wege zu erringen. Ich schrieb
daher eine gelehrte Dissertation, und zwar ber ein Thema, das mir am
nchsten lag: _De rebus diabolicis_, lie sie drucken und
verteidigte sie ffentlich; wie ich meine Gegner und Opponenten
tchtig zusammengehauen, erzhle ich nicht, aus Bescheidenheit; einen
Auszug aus meiner Dissertation habe ich brigens dem geneigten Leser
beigelegt [Funote: Diesen Auszug habe ich nicht finden knnen, es
mte denn die Einleitung zum Besuch bei Goethe sein. Der
Herausgeber.].

_Post exantlata_, oder nachdem ich den Doktorhut errungen hatte,
gab ich einen ungeheuern Schmaus, wobei manche Seele auf ewig mein
wurde. Solange noch die guten Jungen meinen Champagner und Burgunder
mit schwerer Zunge prften, lie ich meine Rappen vorfhren und sagte
der lieben Musenstadt Valet. Die Rechnung des Doktorschmauses aber
berbrachte der Wirt am Morgen den erstaunten Gsten, und manches
Pochen des ungestmen Glubigers, das sie aus den sen Morgentrumen
weckte, mancher bedeutende Abzug am Wechsel erinnerte sie auch in
sptern Zeiten an den berhmten Doktorschmaus und an ihren guten
Freund, den Satan.

*       *       *       *       *




UNTERHALTUNGEN DES SATAN UND DES EWIGEN JUDEN IN BERLIN.


  Die heutigen dummen Gesichter sind nur das _boeuf
   la Mode_ der frheren dummen Gesichter."
                                 Welt und Zeit.




ELFTES KAPITEL.

Wen der Teufel im Tiergarten traf.


Ich sa, es mgen bald drei Jahre sein, an einem schnen Sommerabend
im Tiergarten zu Berlin, nicht weit vom Weberschen Zelt; ich
betrachtete mir die bunte Welt um mich her und hatte groes
Wohlgefallen an ihr; war es doch schon wieder ganz anders geworden als
zu der frommen Zeit anno dreizehn und fnfzehn, wo alles so ehrbar
und, wie sie es nannten, altdeutsch zuging, da es mich nicht wenig
ennuyierte. Besonders ber die schnen Berlinerinnen konnte ich mich
damals recht rgern; sonst ging es Sonntag nachmittags mit Saus und
Braus nach Charlottenburg oder mit Jubel und Lachen die Linden entlang
nach dem Tiergarten hinaus; allein damals--? Jetzt aber ging es auch
wieder hoch her. Das Alte war dem Neuen gewichen, Lust und Leben wie
frher zog durch die grnen Bume, und der Teufel galt wieder was, wie
vor Zeiten, und war ein geschtzter, angesehener Mann.

Ich konnte mich nicht enthalten, einen Gang durch die buntgemischte
Gesellschaft zu machen. Die glnzenden Militrs von allen Chargen mit
ihren ebenso verschieden chargierten Schnen, die zierlichen Elegants
und Elegantinnen, die Mtter, die ihre geputzten Tchter zu Markte
brachten, die wohlgenhrten Rte, mit einem guten Griff der
Kassengelder in der Tasche, und Grafen, Barone, Brger, Studenten und
Handwerksburschen, anstndige und unanstndige Gesellschaft--sie alle
um mich her, sie alle auf dem vernnftigsten Wege, m e i n zu werden!
In frhlicher Stimmung ging ich weiter und weiter, ich wurde immer
zufriedener und heiterer.

Da sah ich, mitten unter dem wogenden Gewhl der Menge ein paar Mnner
an einem kleinen Tischchen sitzen, welche gar nicht recht zu meiner
frhlichen Gesellschaft taugen wollten. Den einen konnte ich nur vom
Rcken sehen; es war ein kleiner, beweglicher Mann, schien viel an
seinen Nachbar hin zu sprechen, gestikulierte oft mit den Armen und
nahm nach jedem greren Satz, den er gesprochen, ein erkleckliches
Schlckchen dunkelroten Franzweins zu sich.

Der andere mochte schon weit vorgerckt in Jahren sein, er war
rmlich, aber sauber gekleidet, beugte den Kopf auf die eine Hand,
whrend die andere mit einem langen Wanderstab wunderliche Figuren in
den Sand schrieb; er hrte mit trbem Lcheln dem Sprechenden zu und
schien ihm wenig oder ganz kurz zu antworten.

Beide Figuren hatten etwas mir so Bekanntes, und doch konnte ich mich
im Augenblicke nicht entsinnen, wer sie wren. Der kleine Lebhafte
sprang endlich auf, drckte dem Alten die Hand, lief mit kurzen,
schnellen Schritten, heiser vor sich hin lachend, hinweg und verlor
sich bald ins Gedrnge. Der Alte schaute ihm wehmutig nach und legte
dann die tiefgefurchte Stirne wieder in die Hand.

Ich besann mich auf alle meine Bekannten, keiner pate zu dieser
Figur; eine Ahnung durchflog mich, sollte es--doch was braucht der
Teufel viel Komplimente zu machen? Ich trat nher, setzte mich auf den
Stuhl, welchen der andere verlassen hatte, und bot dem Alten einen
guten Abend.

Langsam erhob er sein Haupt und schlug das Auge auf. Ja, er war es, es
war der e w i g e  J u d e.

_Bon soir_, Brderchen," sagte ich zu ihm, es ist doch schnackisch,
da wir einander zu Berlin im Tiergarten wieder finden; es wird wohl so
achtzig Jhrchen sein, da ich nicht mehr das Vergngen hatte?"

Er sah mich fragend an. So, du bist's?" prete er endlich heraus.
Hebe dich weg, mit dir habe ich nichts zu schaffen!"

Nur nicht gleich so grob, Ewiger," gab ich ihm zur Antwort; wir
haben manche Mitternacht miteinander vertollt, als du noch munter
warst auf der Erde und so recht systematisch liederlich lebtest, um
dich selbst bald unter den Boden zu bringen. Aber jetzt bist du,
glaube ich, ein Pietist geworden."

Der Jude antwortete nicht, aber ein hmisches Lcheln, das ber seine
verwitterten Zge flog wie ein Blitz durch die Ruine, zeigte mir, da
er mit der Kirche noch immer nicht recht einig sei.

Wer ging da soeben von dir hinweg?" fragte ich, als er noch immer auf
seinem Schweigen beharrte.

Das war der Kammergerichtsrat Hoffmann," erwiderte er.

So, d e r? Ich kenne ihn recht wohl, obgleich er mir immer ausweicht
wie ein Aal; war ich ihm doch zu mancher seiner nchtlichen Phantasien
behilflich, da es ihm selbst oft angst und bange wurde, und habe ich
ihm nicht als sein eigener Doppelgnger ber die Schultern geschaut,
als er an seinem Kreisler schrieb? Als er sich umwandte und den Spuk
anschaute, rief er seiner Frau, da sie sich zu ihm setze, denn es war
Mitternacht, und seine Lampe brannte trb'.--So, so, der war's? Und
was wollte er von dir, Ewiger?"

Da du verkrmmest mit deinem Spott! Bist du nicht gleich ewig wie
ich, und drckt dich die Zeit nicht auch auf den Rcken? Nenne den
Namen nicht mehr, den ich hasse! Was aber den Kammergerichtsrat
Hoffmann betrifft," fuhr er ruhiger fort, so geht er umher, um sich
die Leute zu betrachten; und wenn er einen findet, der etwas Apartes
an sich hat, etwa einen Hieb aus dem Narrenhaus oder einen Stich aus
dem Geisterreich, so freut er sich ba und zeichnet ihn mit Worten
oder mit dem Griffel. Und weil er an mir etwas Absonderliches versprt
haben mag, so setzte er sich zu mir, besprach sich mit mir und lud
mich ein, ihn in seinem Haus auf dem Gendarmenmarkt zu besuchen."

So, so! Und wo kommst du denn eigentlich her, wenn man fragen darf?"

Recta aus China!" antwortete Ahasverus. Ein langweiliges Nest, es
sieht gerade aus wie vor fnfzehnhundert Jahren, als ich zum erstenmal
dort war."

In China warst du?" fragte ich lachend. Wie kommst du denn zu dem
langweiligen Volk, das selbst fr den Teufel zu wenig amsant ist?"

La das," entgegnete jener, du weit ja, wie mich die Unruhe durch
die Lnder treibt. Ich habe mir, als die Morgensonne des neuen
Jahrhunderts hinter den mongolischen Bergen aufging, den Kopf an die
lange Mauer von China gerannt; aber es wollte noch nicht mit mir zu
Ende gehen, und ich htte eher ein Loch durch jene Gartenmauer des
himmlischen Reiches gestoen, wie ein alter Aries, als da der dort
oben mir ein Hrchen htte krmmen lassen."

Trnen rollten dem alten Menschen aus den Augen. Die mden Augenlider
wollten sich schlieen; aber der Schwur des Ewigen hlt sie offen, bis
er schlafen darf, wenn die andern auferstehen. Er hatte lange
geschwiegen, und wahrlich, ich konnte den Armen nicht ohne eine Regung
von Mitleid ansehen. Er richtete sich wieder auf.--Satan," fragte er
mit zitternder Stimme, wieviel Uhr ist's in der Ewigkeit?"

Es will Abend werden," gab ich ihm zur Antwort.

O Mitternacht!" sthnte er, wann endlich kommen deine khlen
Schatten und senken sich auf mein brennendes Auge? Wann nahest du,
Stunde, wo die Grber sich ffnen und Raum wird fr den E i n e n, der
dann ruhen darf?"

Pfui Kuckuck, alter Heuler!" brach ich los, erbost ber die
weinerlichen Manieren des ewigen Wanderers. Wie magst du nur solch
ein poetisches Lamento aufschlagen? Glaube mir, du darfst Dir
gratulieren, da du noch etwas Apartes hast. Manche lustige Seele hat
es an einem gewissen Ort viel schlimmer als du hier auf der Erde. Man
hat doch hier immer noch seinen Spa; denn die Menschen sorgen dafr,
da die tollen Streiche nicht ausgehen. Wenn ich so viele freie Zeit
htte wie du, ich wollte das Leben anders genieen. _Ma foi_,
Brderchen, warum gehst du nicht nach England, wo man jetzt ber die
galanten Abenteuer einer Knigin ffentlich zertiert? Warum nicht nach
Spanien, wo es jetzt nchstens losbricht? Warum nicht nach Frankreich,
um dein Gaudium daran zu haben, wie man die Wnde des Kaisertums
berpinselt und mit alten Gobelins von Ludwigs des Vierzehnten Zeiten,
die sie aus dem Exil mitgebracht haben, behngt. Ich kann dich
versichern, es sieht gar nrrisch aus; denn die Tapete ist berall zu
kurz, und durch die Risse guckt immer noch ernst und drohend das
Kaisertum wie das Blut des Ermordeten, das man mit keinem Gips
auslschen kann und das, so oft man es wei anstreicht, immer noch mit
der alten b u n t e n Farbe durchschlgt!"

Der alte Mensch hatte mir aufmerksam zugehrt, sein Gesicht war immer
heiterer geworden, und er lachte jetzt aus vollem Herzen. Du bist,
wie ich sehe, immer noch der Alte," sagte er, und schttelte mir die
Hand, weit jedem etwas aufzubinden, und wenn er gerade aus Abrahams
Scho kme!"

Warum," fuhr ich fort, warum hltst du dich nicht lnger und fter
hier in dem guten und ehrlichen Deutschland auf? Kann man etwas
Possierlicheres sehen als diese Duodezlnder! Da ist alles so--doch
stille, da geht einer von der geheimen Polizei umher. Man knnte
leicht etwas aufschnappen und den ewigen Juden und den Teufel als
unruhige Kpfe nach Spandau schicken. Aber um auf etwas anderes zu
kommen, warum bist du denn hier in Berlin?"

Das hat seine eigene Bewandtnis," antwortete der Jude. Ich bin hier,
um einen Dichter zu besuchen."

Du einen Dichter?" rief ich verwundert. Wie kommst du auf diesen
Einfall?"

Ich habe vor einiger Zeit ein Ding gelesen, man heit es Novelle,
worin ich die Hauptrolle spielte. Es fhrte zwar den dummen Titel:
D e r  e w i g e  J u d e, im brigen ist es aber eine schne Dichtung,
die mir wunderbaren Trost brachte! Nun mchte ich den Mann sehen und
sprechen, der das wunderliche Ding gemacht hat."

Und der soll hier wohnen, in Berlin?" fragte ich neugierig. Und wie
heit er denn?"

Er soll hier wohnen und heit F. H. Man hat mir auch die Strae
genannt; aber mein Gedchtnis ist wie ein Sieb, durch das man
Mondschein giet!"

Ich war nicht wenig begierig, wie sich der ewige Jude bei einem
Dichter produzieren wrde, und beschlo, ihn zu begleiten. Hre,
Alter," sagte ich zu ihm, wir haben von jeher auf gutem Fu
miteinander gestanden, und ich hoffe nicht, da du deine Gesinnungen
gegen mich ndern wirst. Sonst--"

Zu drohen ist gerade nicht ntig, Herr Satan," antwortete er, denn
du weit, ich mache mir wenig aus dir und kenne deine Schliche
hinlnglich; aber deswegen bist du mir doch als alter Bekannter ganz
angenehm und recht. Warum fragst du denn?"

Nun, du knntest mir die Geflligkeit erweisen, mich zu dem Dichter,
der dich in einer Novelle abkonterfeite, mitzunehmen. Willst du
nicht?"

Ich sehe zwar nicht ein, was fr ein Interesse du dabei haben
kannst," antwortete der Alte und sah mich mitrauisch an. Du knntest
irgendeinen Spuk im Sinne haben und dir vielleicht gar mit bsen
Absichten auf des braven Mannes Seele schmeicheln. Dies schlage dir
brigens nur aus dem Sinn; denn der schreibt so fromme Novellen, da
der Teufel selbst ihm nichts anhaben kann.--Doch meinetwegen kannst du
mitgehen."

Das denke ich auch. Was diese Seele betrifft, so kmmere ich mich
wenig um Dichter und dergleichen; das ist leichte Ware, welcher der
Teufel wenig nachfragt. Es ist bei mir nur Interesse an dem Manne
selbst, was mich zu ihm zieht. brigens in diesem Kostm kannst du
hier in Berlin keine Visiten machen, Alter!"

Der ewige Jude beschaute mit Wohlgefallen sein abgeschabtes braunes
Rcklein mit groen Perlmutterknpfen, seine lange Weste mit breiten
Schen, seine kurzen, zeisiggrnen Beinkleider, die auf den Knien ins
Brunliche spielten. Er setzte das schwarzrote, dreieckige Htchen
aufs Ohr, nahm den langen Wanderstab krftiger in die Hand, stellte
sich vor mich hin und fragte:

Bin ich nicht angekleidet stattlich wie Knig Salomo und zierlich wie
der Sohn Isais? Was hast du nur an mir auszusetzen? Freilich trage ich
keinen falschen Bart wie du, keine Brille sitzt mir auf der Nase,
meine Haare stehen nicht in die Hhe _ la_ Wahnsinn. Ich habe
meinen Leib in keinen wattierten Rock gepret, und um meine Beine
schlottern keine ellenweiten Beinkleider, wozu freilich Herr Bocksfu
Ursache haben mag--"

Solche Anzglichkeiten gehren nicht hierher," antwortete ich dem
alten Juden. Wisse, man mu heutzutage nach der Mode gekleidet sein,
wenn man sein Glck machen will, und selbst der Teufel macht davon
keine Ausnahme. Aber hre meinen Vorschlag. Ich versehe dich mit einem
anstndigen Anzug, und du stellst dafr meinen Hofmeister vor. Auf
diese Art knnen wir leicht Zutritt in Husern bekommen, und wie
wollte ich dir's vergelten, wenn uns dein Dichter in einen
sthetischen Tee einfhrte!"

sthetischer Tee, was ist denn das? In China habe ich manches Ma Tee
geschluckt, Blumentee, Kaisertee, Mandarinentee, sogar Kamillentee,
aber sthetischer Tee war nie dabei."

_O sancta simplicitas!_ Jude, wie weit bist du zurck in der
Kultur! Weit du denn nicht, da dies Gesellschaften sind, wo man ber
Teebltter und einige schne Ideen genugsam warmes Wasser giet und
den Leuten damit aufwartet? Zucker und Rum tut jeder nach Belieben
dazu, und man amsiert sich dort trefflich."

Habe ich je so etwas gehrt, so will ich Hans heien," versicherte
der Jude, und was kostet es, wenn man's sehen darf ?"

Kosten? Nichts kostet es, als da man der Frau vom Haus die Hand
kt, und, wenn ihre Tchter singen oder mimische Vorstellungen geben,
hier und da ein wundervoll' oder gttlich' schlpfen lt."

Das ist ein wunderliches Volk geworden in den letzten achtzig Jahren.
Zu Friedrichs des Groen Zeiten wute man noch nichts von diesen
Dingen. Doch des Spaes wegen kann man hingehen. Denn ich verspre in
dieser Sandwste gewaltige Langeweile."

Der Besuch war also auf den nchsten Tag festgesetzt. Wir besprachen
uns noch ber die Rolle, die ich als Eleve von zwei= bis
dreiundzwanzig Jahren, er als Hofmeister zu spielen htte, und
schieden.

Ich versprach mir treffliche Unterhaltung von dem morgenden Tage. Der
ewige Jude hatte so alte, unbehilfliche Manieren, wute sich so gar
nicht in die heutige Welt zu schicken, da man ihn im Gewand eines
Hofmeisters zum wenigsten fr einen ausgemachten Pedanten halten
mute. Ich nahm mir vor, mir selbst so viel Eleganz, als dem Teufel
nur immer mglich ist, anzulegen und den Alten dadurch recht in
Verlegenheit zu bringen. Zerstreuung war ihm berdies hchst ntig;
denn er hatte in der letzten Zeit auf seinen einsamen Wanderungen
einen solchen Ansatz von Frmmelei bekommen, da er ein Pietist zu
werden drohte.

Der Dichter, zu welchem mich der ewige Jude fhrte, ein Mann von
mittleren Jahren, nahm uns sehr artig auf. Der Jude hie sich Doktor
Mucker und stellte in mir seinen Eleven, den jungen Baron von
Stobelberg, vor. Ich richtete meine uere Aufmerksamkeit halb auf die
schnen Kupferstiche an der Wand, auf die Titel der vielen Bcher, die
umherstanden, um desto ungeteilter mein Ohr und, wenn es unbemerkt
mglich war, auch mein Auge an der Unterhaltung teilnehmen zu lassen.

Der alte Mensch begann mit einem Lob ber die Novelle vom ewigen
Juden; der Dichter aber, viel zu fein und gebildet, als da er seinen
Gast htte auf diesem Lobe stehen lassen, wandte das Gesprch auf die
Sage vom ewigen Juden berhaupt und da sie ihm auf jene Weise
aufgegangen sei. Der Ewige schnitt, zur Verwunderung des Dichters,
grimmige Gesichter, als dieser unter anderem behauptete, es liege in
der Sage vom ewigen Juden eine tiefe Moral; denn der Verworfenste
unter den Menschen sei offenbar immer der, welcher seinen Schmerz ber
getuschte Hoffnung gerade an dem auslasse, der diese Hoffnung erregt
habe. Besonders verworfen erscheine er, wenn zugleich der, welcher die
Hoffnung erregte, noch unglcklicher erscheine als der, welcher sich
tuschte.

Es fehlte wenig, so htte der Herr Doktor Mucker sein Inkognito
abgelegt und wre dem wirklich genialen Dichter als ewiger Jude zu
Leibe gegangen. Noch verwirrter aber wurde mein alter Hofmeister, als
jener das Gesprch auf die neuere Literatur brachte. Hier ging ihm die
Stimme vllig aus, und er sah die nchste beste Gelegenheit ab, sich
zu empfehlen.

Der brave Mann lud uns ein, ihn oft zu besuchen, und kaum hatte er
gehrt, wir seien vllig fremd in Berlin und wissen noch nicht, wie
wir den Abend zubringen sollen, so bat er uns, ihn in ein Haus zu
begleiten, wo alle Montage ausgesuchte Gesellschaft von Freunden der
schnen Literatur bei Tee versammelt sei. Wir sagten dankbar zu und
schieden.

       *       *       *       *       *




ZWLFTES KAPITEL.

Satan besucht mit dem ewigen Juden einen sthetischen Tee.


Ahasverus war den ganzen Tag ber verstimmt. Gerade das, da er in
seinem Innern dem Dichter recht geben mute, genierte ihn so sehr. Er
brummte einmal ber das andere ber die naseweise Jugend" (obgleich
der Dichter jener Novelle schon bei Jahren war) und den Verfall der
Zeiten und Sitten. Trotz dem Respekt, den ich gegen ihn als meinen
Hofmeister htte haben sollen, sagte ich ihm tchtig die Meinung und
brachte den alten Bren dadurch wenigstens so weit, da er hflich
gegen den Mann sein wollte, der so artig war, uns in den sthetischen
Tee zu fhren.

Die siebente Stunde schlug. In einem modischen Frack, wohl parfmiert,
in die feinste, zierlich gefltelte Leinwand gekleidet, die
Beinkleider von Paris, die durchbrochenen Seidenstrmpfe von Lyon, die
Schuhe von Straburg, die Lorgnette so fein und gefllig gearbeitet,
wie sie nur immer aus der Fabrik der Herren Lood in Werenthead
hervorgeht, so stellte ich mich den erstaunten Blicken des Juden dar;
dieser war mit seiner modischen Toilette noch nicht halb fertig und
hatte alles hchst sonderbar angezogen, wie er z.B. die elegante, hohe
Krawatte, ein Berliner Meisterwerk, als Gurt um den Leib gebunden
hatte, und fest darauf bestand, dies sei die neueste Tracht aus
M o r e a.

Nachdem ich ihn mit vieler Mhe geputzt hatte, brachen wir auf. Im
Wagen, den ich, um brillanter aufzutreten, fr diesen Abend gemietet
hatte, wiederholte ich alle Lehren ber den gesellschaftlichen
Anstand.

Du darfst," sagte ich ihm, in einem sthetischen Tee eher zerstreut
und tiefdenkend als vorlaut erscheinen. Du darfst nichts ganz
unbedingt loben, sondern sieh' immer so aus, als habest du sonst noch
etwas _in petto_, das viel zu weise fr ein sterbliches Ohr wre.
Das Beifallcheln hochweiser Befriedigung ist schwer und kann erst
nach langer bung vor dem Spiegel vllig erlernt werden. Man hat aber
Surrogate dafr, mit welchen man etwas sehr loben und bitter tadeln
kann, ohne es entfernt gelesen zu haben. Du hrst z.B. von einem Roman
reden, der jetzt sehr viel Aufsehen machen soll. Man setzt als ganz
natrlich voraus, da du ihn schon gelesen haben mssest, und fragt
dich um dein Urteil. Willst du dich nun lcherlich machen und
antworten, ich habe ihn nicht gelesen? Nein! Du antwortest frisch
drauf zu: Er gefllt mir im ganzen nicht bel, obgleich er meinen
Forderungen an Romane noch nicht entspricht. Er hat manches Tiefe und
Originelle, die Entwicklung ist artig erfunden, doch scheint mir hier
und da in der Form etwas gefehlt und einige der Charaktere verzeichnet
zu sein.'

Sprichst du so, und hast du Mund und Stirne in kritische Falten
gelegt, so wird dir niemand tiefes und gewandtes Urteil absprechen."

Dein Gewsch behalte der Teufel," entgegnete der Alte mrrisch.
Meinst du, ich werde wegen dieser Menschlein, oder gar um dir Spa zu
machen, sthetische Gesichter schneiden? Da betrgst du dich sehr,
Satan. Tee will ich meinetwegen saufen, soviel du willst, aber--"

Da sieht man es wieder," wandte ich ein, wer wird denn in einer
honetten Gesellschaft s a u f e n? Wieviel fehlt dir noch, um
heutzutage als gebildet zu erscheinen! Nippen, schlrfen, hchstens
trinken--aber da hlt schon der Wagen bei dem Dichter, nimm dich
zusammen, da wir nicht Spott erleben, Ahasvere!"

Der Dichter setzte sich zu uns, und der Wagen rollte weiter; ich sah
es dem Alten wohl an, da ihm, je nher wir dem Ziele unserer Fahrt
kamen, desto bnger zu Mute war. Obgleich er schon seit achtzehn
Jahrhunderten ber die Erde wandelte, so konnte er sich doch so wenig
in die Menschen und ihre Verhltnisse finden, da er alle Augenblicke
anstie. So fragte er z. B. den Dichter unterwegs, ob die Versammlung,
in welche wir fahren, aus l a u t e r Christen bestehe, zu welcher
Frage jener natrlich groe Augen machte und nicht recht wissen
mochte, wie sie hierher komme.

Mit wenigen, aber treffenden Zgen entwarf uns der Dichter den Zirkel,
der uns aufnehmen sollte. Die milde und sinnige Frmmigkeit, die in
dem zarten Charakter der gndigen Frau vorwalten sollte; der
feierliche Ernst, die stille Gre des ltern Fruleins, die,
wenngleich Protestantin, doch ganz das Air jener wehmtig heiligen
Klosterfrauen habe, die, nachdem sie mit gebrochenem Herzen der Welt
ade gesagt, jetzt ihr ganzes Leben hindurch an einem groartigen,
interessanten Schmerz zehren; [Funote: Ganz in der Eile nimmt sich
der Herausgeber die Freiheit, den Aufri der Boudoirs dieser
protestantischen Nonne, wie er sich ihn denkt, hier beizufgen. Im
Fenster stehen Blumen, in der Ecke ein Betpult mit einem gueisernen
Kruzifix. Eine Gitarre ist notwendiges Requisit, wenn auch die
Eigentmerin hchstens _O Sanctissima_"  darauf spielen kann.
Ein Heiligenbild ber dem Sofa, ein mit Flor verhngtes Bild des V e r
s t o r b e n e n oder U n g e t r e u e n, von etzlichem, sinnigem
Efeu umrankt. Sie selbst in weiem oder aschgrauem Kostm, an der Wand
ein Spiegel.] das jngere Frulein, frisch, rund, blhend, heiter,
naiv, sei verliebt in einen Gardeleutnant, der aber, weil er den
Eltern nicht sinnig genug sei, nicht zu dem sthetischen Tee komme.
Sie habe die schnsten Stellen in Goethe, Schiller, Tieck usw., welche
ihr die Mutter zuvor angestrichen, auswendig gelernt und gebe sie hie
und da mit allerliebster Przision preis. Sie singt, was nicht anders
zu erwarten ist, auf Verlangen italienische Arietten mit knstlichen
Rouladen. Ihre Hauptforce besteht aber im Walzerspielen. Die brige
Gesellschaft, einige schne Geister, einige Kritiker, sentimentale und
naive, junge und ltere Damen, freie und andere Frulein [Funote:
Satan scheint hier zwischen Freifrulein und anderen Frulein zu
unterscheiden. Unter jenen versteht er die von gutem Adel, unter
letzteren die, welche man sonst Jungfer oder Mamsell heit. Ich finde
brigens den Unterschied auf diese Art zu bezeichnen, sehr unpassend.
Denn man wird mir zugeben, da die brgerlichen Frulein oft ebenso
frei in ihren Sitten und Betragen sind, als die echten.] werden wir
selber nher kennen lernen.

Der Wagen hielt, der Bediente ri den Schlag auf und half meinem
bangen Mentor heraus. Schweigend zogen wir die erleuchtete Treppe
hinan. Ein lieblicher Ambraduft wallte uns aus dem Vorzimmer entgegen.
Gerusch vieler Stimmen und das Gerassel der Teelffel tnte aus der
halbgeffneten Tre des Salons; auch diese flog auf, und umstrahlt von
dem Sonnenglanz der schwebenden Lsters, sa im Kreise die
Gesellschaft.

Der Dichter fhrte uns vor den Sitz der gndigen Frau und stellte den
Doktor Mucker und seinen Eleven, den jungen Baron von Stobelberg, vor.
Huldreich neigte sich die Matrone und reichte uns die schne, zarte
Hand, indem sie uns freundlich willkommen hie. Mit jener zierlichen
Leichtigkeit, die ich einem Wiener Incroyable abgelauscht hatte, fate
ich diese zarte Hand und hauchte ein leises Kchen der Ehrfurcht
darber hin. Die artige Sitte des Fremdlings schien ihr zu gefallen,
und gern gewhrte sie dem Mentor des wohlgezogenen Zglings die
nmliche Gunst. Aber, o Schrecken! Indem er sich niederbckte,
gewahrte ich, da sein grauer, stechender Judenbart nicht glatt vom
Kinn wegrasiert sei, sondern wie eine Kratzbrste hervorstehe. Die
gndige Frau verzog das Gesicht grimmig bei dem Stechku, aber der
Anstand lie sie nicht mehr als ein leises Gejammer hervorsthnen.
Wehmtig betrachtete sie die schne weie Hand, die rot aufzulaufen
begann, und sie sah sich gentigt, im Nebenzimmer Hilfe zu suchen.
Ich, sah, wie dort ihre Zofe aus der silbernen Toilette Klnisches
Wasser nahm und die wunde Stelle damit rieb. Sodann wurden schne
glacierte Handschuhe geholt, die Kppchen davon abgeschnitten, so da
doch die zarten Fingerspitzen hervorsehen konnten, und die gndige
Hand damit bekleidet.

Indessen hatten sich die jungen Damen unsere Namen zugeflstert, die
Herren traten uns nher und befragten uns ber Gleichgltiges, worauf
wir wieder Gleichgltiges antworteten, bis die Seele des Hauses wieder
hereintrat. Die Edle wute ihren Kummer um die angelaufene Hand so gut
zu verbergen, da sie nur einem huslichen Geschft nachgegangen zu
sein schien und sogar der alte Snder selbst nichts von dem Unheil
ahnte, das er bewirkt hatte.

Die einzige Strafe war, da sie ihm einen stechenden Blick fr seinen
stechenden Handku zuwarf, und m i c h den ganzen Abend hindurch
auffallend vor ihm auszeichnete.

Die Leser werden gesehen haben, da es ein ganz eleganter Tee war, zu
welchem uns der Dichter gefhrt hatte. Die massive silberne
Teemaschine, an welcher die jngere Tochter Tee bereitete, die
prachtvollen Lsters und Spiegel, die brennenden Farben der Teppiche
und Tapeten, die knstlichsten Blumen in den zierlichsten Vasen,
endlich die Gesellschaft selbst, die in vollem Kostm schwarz und wei
gemischt war, lieen auf den Stand und guten Ton der Hausfrau
schlieen.

Der Tee wies sich aber auch als sthetisch aus. Gndige Frau
bedauerte, da wir nicht frher gekommen seien. Der junge Dichter
Frhauf habe einige Dutzend Stanzen aus einem Heldengedicht
vorgelesen, so innig, so schwebend, mit so viel Musik in den
Schlureimen, da man in langer Zeit nichts Erfreulicheres gehrt
habe, es stehe zu erwarten, da es allgemein Furore in Deutschland
machen werde.

Wir beklagten den Verlust unendlich; der bescheidene lorbeerbekrnzte
junge Mann versicherte uns aber unter der Hand, er wolle uns morgen in
unsrem Hotel besuchen, und wir sollten nicht nur die paar Stanzen, die
er hier preisgegeben, sondern einige vollstndige Gesnge zu hren
bekommen.

Das Gesprch bekam jetzt aber eine andere Wendung. Eine ltliche Dame
lie sich ihre Arbeitstasche reichen, deren geschmackvolle und neue
Stickerei die Augen der Damen auf sich zog. Sie nahm ein Buch daraus
hervor und sagte mit freundlichem Lispeln:

_Voyez-l_ das neueste Produkt meiner genialen Freundin Johanna.
Sie hat es mir frisch von der Presse weg zugeschickt, und ich bin so
glcklich, die erste zu sein, die es hier besitzt. Ich habe es nur ein
wenig durchblttert, aber diese herrlichen Situationen, diese Szenen,
so ganz aus dem Leben gegriffen, die Wahrheit der Charaktere, dieser
glnzende Stil--"

Sie machen mich neugierig, Frau von Wollau," unterbrach sie die Dame
des Hauses, darf ich bitten--? Ah, G a b r i e l e von Johanna von
Schopenhauer. Mit dieser sind Sie liiert, meine Liebe? Da wnsche ich
Glck."

Wir lernten uns in Karlsbad kennen," antwortete Frau von Wollau,
unsere Gemter erkannten sich in gleichem Streben nach veredeltem
Ziel der Menschheit [Funote: Frau von Wollau will wahrscheinlich
sagen: nach dem Ziele der Veredlung" .--Der Herausgeber.], sie
zogen sich an, wir liebten uns. Und da hat sie mir jetzt ihre Gabriele
geschickt."

Das ist ja eine ganz interessante Bekanntschaft," sagte Frulein N a
t a l i e, die ltere Tochter des Hauses. Ach! wer doch auch so
glcklich wre! Es geht doch nichts ber eine geniale Dame. Aber sagen
Sie, wo haben Sie das wunderschne Stickmuster her, ich kann Ihre
Tasche nicht genug bewundern."

Schn--wunderschn--und die Farben! Und die Girlanden!--Und die
elegante Form!" hallte es von den Lippen der schnen Teetrinkerinnen,
und die arme Gabriele wre vielleicht ber dem Kunstwerk ganz
vergessen worden, wenn nicht uns er Dichter sich das Buch zur Einsicht
erbeten htte. Ich habe die interessantesten Szenen bezeichnet," rief
die Wollau Wer von den Herren ist so gefllig, uns, wenn es anders
der Gesellschaft angenehm ist, daraus vorzulesen?"

Herrlich--schn--ein vortrefflicher Einfall--" ertnte es wieder, und
unser Fhrer, der in diesem Augenblicke das Buch in der Hand hatte,
wurde durch Akklamation zum Vorleser erwhlt. Man go die Tassen
wieder voll und reichte die zierlichen Brtchen umher, um doch auch
dem Krper Nahrung zu geben, whrend der Geist mit einem neuen Roman
gespeist wurde, und als alle versehen waren, gab die Hausfrau das
Zeichen, und die Vorlesung begann.

Beinahe eine Stunde lang las der Dichter mit wohltnender Stimme aus
dem Buche vor. Ich wei wenig mehr davon, als da es, wenn ich nicht
irre, die Beschreibung von Tableaus enthielt, die von einigen Damen
der groen Welt aufgefhrt wurden. Mein Ohr war nur halb oder gar
nicht bei der Vorlesung; denn ich belauschte die Herzensergieungen
zweier Frulein, die, scheinbar aufmerksam auf den Vorleser, einander
allerlei Wichtiges in die Ohren flsterten. Zum Glck sa ich weit
genug von ihnen, um nicht in den Verdacht des Lauschens zu geraten,
und doch war die Entfernung gerade so gro, da ein Paar gute Ohren
alles hren konnten. Die eine der beiden war die jngere Tochter des
Hauses, die, wie ich hrte, an einen Gardeleutnant ihr Herz verloren
hatte.

Und denke dir," flsterte sie ihrer Nachbarin zu, heute in aller
Frhe ist er mit seiner Schwadron vorbeigeritten, und unter meinem
Fenster haben die Trompeter den Galoppwalzer von letzthin anfangen
mssen."

Du Glckliche!" antwortete das andere Frulein, und hat Mama nichts
gemerkt?"

So wenig als letzthin, wo er mich im Kotillon fnfmal aufzog. Was ich
damals in Verlegenheit kam, kannst du gar nicht glauben. Ich war mit
dem ...schen Attach engagiert, und du weit, wie unertrglich mich
dieser drre Mensch verfolgt. Er hatte schon wieder von den
italienischen Gegenden Sddeutschlands angefangen und mir nicht
undeutlich zu verstehen gegeben, da sie noch schner wren, wenn ich
mit ihm dorthin zge; da erlste mich der liebe Fladorp aus dieser
Pein. Doch kaum hatte er mich wieder zurckgebracht, als der
Unertrgliche sein altes Lied von neuem anstimmte; aber Eduard holte
mich noch viermal aus seinen glnzendsten Phrasen heraus, so da jener
vor Wut ganz stumm war, als ich das letztemal zurckkam. Er uerte
gegen Mama seine Unzufriedenheit; sie schien ihn aber nicht zu
verstehen."

Ach, wie glcklich du bist," entgegnete wehmtig die Nachbarin, aber
ich! Weit du schon, da mein Dagobert nach Halle versetzt ist? Wie
wird es mir ergehen!"

Ich wei es und bedaure dich von Herzen, aber sage mir doch, wie dies
so schnell kam?"

Ach!" antwortete das Frulein und zerdrckte heimlich eine Trne im
Auge,--ach, du hast keine Vorstellung von den Kabalen, die es im
Leben gibt. Du weit, wie eifrig Dagobert immer fr das Wohl des
Vaterlandes war. Da hatte er nun einen neuen Zapfenstreich erfunden,
er hat ihn mir auf der Fensterscheibe vorgespielt, er ist allerliebst.
Seinem Obersten gefiel er auch recht wohl, aber dieser wollte haben,
er solle ihm die Ehre der Erfindung lassen. Natrlich konnte Dagobert
dies nicht tun, und darber aufgebracht, ruhte der Oberst nicht eher,
bis der Arme nach Halle versetzt worden ist. Ach, du kannst dir gar
nicht denken, wie wehmtig mir ums Herz ist, wenn der Zapfenstreich an
meinem Fenster vorbeikommt; sie spielen ihn alle Abend nach der neuen
Erfindung, und der, welcher ihn machte, kann ihn nicht hren!"

Ich bedaure dich recht. Aber weit du auch schon etwas ganz Neues?
Da sie bei der Garde andere Uniformen bekommen?"

Ist's mglich? O sage, wie denn? Woher weit du es?"

Hre, aber im e n g s t e n Vertrauen, denn es ist noch tiefes,
tiefes Geheimnis. Eduard hat es von seinem Obersten und gestand es mir
neulich, aber unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit. Sieh,
die Knpfe werden auf der Brust weiter auseinander gesetzt und laufen
weiter unten enger zu; auf diese Art wird die Taille noch viel
schlanker; dann sollen sie auch goldene Achselschnre bekommen, das
wei aber der Oberst und ich glaube selbst der General noch nicht ganz
gewi. Auch an den Beinkleidern geschehen Vernderungen--Eduard mu
aussehen wie ein Engel--siehe bisher...."

Sie flsterten jetzt leiser, so da ich ber den Schnitt der
Gardebeinkleider nicht recht ins klare kommen konnte. Nur so viel sah
ich, da schne Augen bei platonischen Empfindungen ein recht schnes
Feuer haben, da sie aber viel reizender leuchten, bei weitem
glnzendere Strahlen werfen, wenn sich s i n n l i c h e  L i e b e
in ihnen spiegelt.

         *       *       *       *       *




DREIZEHNTES KAPITEL.

Angststunden des ewigen Juden.


Der Vorleser war bis an einen Abschnitt gekommen und legte das Buch
nieder. Allgemeiner Applaus erfolgte, und die gewhnlichen
Ausrufungen, die schon dem Stickmuster gegolten hatten, wurden auch
der Gabriele zuteil. Ich konnte die Geistesgegenwart und die schnelle
Fassungskraft der beiden Frulein nicht genug bewundern; obgleich sie
nicht den kleinsten Teil des Gelesenen gehrt haben konnten, so waren
sie doch schon so gut geschult, da sie voll Bewunderung schienen. Die
eine lief sogar hin zu Frau von Wollau, fate ihre Hand und drckte
sie an das Herz, indem sie ihr innig dankte fr den Genu, den sie
allen bereitet habe.

Diese Dame aber sa da, voll Glanz und Glorie, wie wenn sie die
Gabriele selbst zur Welt gebracht htte. Sie dankte nach, allen Seiten
hin fr das Lob, das ihrer Freundin zuteil geworden, und gab nicht
undeutlich zu verstehen, da sie selbst vielleicht einigen Einflu auf
das neue Buch gehabt habe; denn sie finde hin und wieder leise
Anklnge an ihre eigenen Ideen ber inneres Leben und ber die
Stellung der Frauen in der Gesellschaft, die sie in traulichen Stunden
ihrer Freundin aufgeschlossen.

Man war natrlich so artig, ihr deswegen einige Komplimente zu machen,
obgleich man allgemein berzeugt war, da die geniale Freundin nichts
aus dem innern Wollauschen Leben g e s p i c k t haben werde.

Der ewige Jude hatte indes bei diesen Vorgngen eine ganz sonderbare
Figur gespielt. Verwunderungsvoll schaute er in diese Welt hinein, als
traue er seinen Augen und Ohren nicht. Doch war das Bemhen, nach
meiner Vorschrift sthetisch und kritisch auszusehen, nicht zu
verkennen. Aber weil ihm die bung darin abging, so schnitt er so
greuliche Grimassen, da er einigemal whrend des Vorlesens die
Aufmerksamkeit des ganzen Zirkels auf sich zog und die Dame des Hauses
mich teilnehmend fragte, ob mein Hofmeister nicht wohl sei.

Ich entschuldigte ihn mit Zahnschmerzen, die ihn zuweilen befielen,
und glaubte alles wieder gut gemacht zu haben. Als aber Frau von
Wollau, die ihm gegenber sa, ihren Einflu auf die Dichterin
mitteilte, mute das prezise, geschraubte Wesen derselben dem alten
Menschen so komisch vorkommen, da er laut auflachte.

Wer jemals das Glck gehabt, einem eleganten Tee in hchst feiner
Gesellschaft beizuwohnen, der kann sich leicht denken, wie betreten
alle waren, als dieser rohe Ausbruch des Hohnes erscholl. Eine
unangenehme, totenstille Pause erfolgte, in welcher man bald den
Doktor Mucker, bald die beleidigte Dame ansah. Die Frau des Hauses,
eingedenk des stechenden Kusses, wollte schon den unartigen Fremden,
der den Anstand ihres Hauses so grblich verletzte, ohne Rckhalt
zurechtweisen, als dieser mit mehr Gewandtheit und List, als ich ihm
zugetraut htte, sich aus der Affre zu ziehen wute.

Ich hoffe, gndige Frau," sagte er, Sie werden mein allerdings
unzeitiges Lachen nicht miverstehen und mir erlauben, mich zu
rechtfertigen. Es ist Ihnen allen gewi auch schon begegnet, da eine
Ideenassoziation Sie vllig auer Kontenance brachte. Ist doch schon
manchem, mitten unter den heiligsten Dingen, ein lcherlicher Gedanke
aufgestoen, der ihn im Mund kitzelte, und je mehr er bemht war, ihn
zu verhalten und zurckdrngen, desto unaufhaltsamer brach er auf
einmal hervor. So geschah es mir in diesem Augenblicke. Sie wrden
mich unendlich verbinden, gndige Frau, wenn Sie mir erlaubten, durch
offenherzige Erzhlung mich bei Frau von Wollau zu entschuldigen."

Gndige Frau, hchlich erfreut, da der Anstand doch nicht verletzt
sei, gewhrte ihm freundlich seine Bitte, und der ewige Jude begann:
Frau von Wollau hat uns ihr interessantes Verhltnis zu einer
berhmten Dichterin mitgeteilt; sie hat uns erzhlt, wie sie in
manchen Stunden ber ihre schriftstellerischen Arbeiten sich mit ihr
besprochen, und dies erinnerte mich lebhaft an eine Anekdote aus
meinem eigenen Leben.

Auf einer Reise durch Sddeutschland verlebte ich einige Zeit in S.
Meine Abendspaziergnge richteten sich meistens nach dem kniglichen
Garten, der jedem Stande zu allen Tageszeiten offen stand. Die schne
Welt lie sich dort zu Fu und zu Wagen jeden Abend sehen. Ich whlte
die einsameren Partien des Gartens, wo ich, von dichten Gebschen
gegen die Sonne und strende Besuche verschlossen, auf weichen
Moosbnken mir und meinen Gedanken lebte.

Eines Abends, als ich schon lngere Zeit auf meinem
Lieblingspltzchen geruht hatte, kamen zwei gutgekleidete ltliche
Frauen und setzten sich auf eine Bank, die nur durch eine schmale,
aber dichtbelaubte Hecke von der meinigen getrennt war. Ich hielt
nicht fr ntig, ihnen meine Nhe, die sie nicht zu ahnen schienen, zu
erkennen zu geben. Neugierde war es brigens nicht, was mich abhielt;
denn ich kannte keine Seele in jener Stadt; also konnten mir ihre
Reden hchst gleichgltig sein. Aber stellen Sie sich mein Erstaunen
vor, Verehrteste, als ich folgendes Gesprch vernahm:

Nun? Und darf man Ihnen Glck wnschen, Liebe? Haben Sie endlich
diese hartnckige Elise aus der Welt geschafft?'

Ja,' antwortete die andere Dame, heute frh nach dem Kaffee habe
ich sie umgebracht.'

Schrecken durchrieselte meine Glieder, als ich so deutlich und
gleichgltig von einem Mord sprechen hrte; so leise als mglich
nherte ich mich vollends der Hecke, die mich von ihnen trennte,
schrfte mein Ohr wie ein Wachtelhund, da mir ja nichts entgehen
sollte, und hrte weiter:

Und wie haben Sie ihr den Tod beigebracht? Wie gewhnlich, durch
Gift? Oder haben Sie die Unglckliche, wie Othello seine Desdemona,
mit dem Deckbette erstickt?'

Keines von beiden,' entgegnete jene, aber recht hart ward mir
dieser Mord; denken Sie sich, drei Tage lang hatte ich sie schon
zwischen Leben und Sterben, und immer wute ich nicht, was ich mit ihr
anfangen sollte. Da fiel mir endlich ein gewagtes Mittel ein, ich lie
sie, wie durch Zufall, von einem Steg ohne Gelnder in den tiefen
Strom hinabgleiten, die Wellen schlugen ber ihr zusammen. Man hat von
Elisen nichts mehr gesehen.'

Das haben Sie gut gemacht, und die wievielte war diese, die sie auf
die eine oder andere Art umgebracht?' Nun, das wird bald abgezhlt
sein, Pauline Dupuis, Marie usw. Aber die erstere trug mir am meisten
Geld ein. Es waren dies noch die guten Zeiten von 1802, wo noch wenige
mit mir konkurrierten.

Die Haare standen mir zu Berg. Also fnf unschuldige Geschpfe hatte
diese Frau schon aus der Welt geschafft. War es nicht ein gutes Werk
an der menschlichen Gesellschaft, wenn ich einen solchen Greuel
aufdeckte und die Mrderin zur Rechenschaft zog?

Die Damen waren nach einigen gleichgltigen Gesprchen aufgestanden
und hatten sich der Stadt zugewendet. Leise stand ich auf und schlich
mich ihnen nach, wie ein Schatten ihren Fersen folgend. Sie gingen
durch die Promenade, ich folgte; sie kehrten um und gingen durchs Tor,
ich folgte; sie schienen endlich meine Beobachtungen zu bemerken; denn
die eine sah sich einigemal nach mir um; ihr bses Gewissen schien mir
erwacht, sie mochte ahnen, da ich den Mord wisse, sie will mich durch
die verschiedene Richtung der Straen, die sie einschlgt, tuschen;
aber ich--folge. Endlich stehen sie an einem Hause still. Sie ziehen
die Glocke, man schliet auf, sie treten ein. Kaum sind sie in der
Tre, so gehe ich schnell heran, merke mir die Nummer des Hauses und
eile, getrieben von jenem Eifer, den die Entdeckung eines so
schauerlichen Geheimnisses in jedem aufregen mu, auf die Direktion
der Polizei.

Ich bitte den Direktor um geheimes Gehr. Ich lege ihm die ganze
Sache, alles, was ich gehrt hatte, auseinander, wei aber leider von
den Gemordeten keine mit ihrem wahren Namen anzugeben, als eine
gewisse P a u l i n e  D u p u i s, die im Jahre 1802 unter der
mrderischen Hand jener Frau starb. Doch dies war dem unter solchen
Fllen ergrauten Polizeimann genug. Er dankt mir fr meinen Eifer,
schickt sofort Patrouillen in die Strae, die ich ihm bezeichnete, und
fordert mich auf, ihn, wenn die Nacht vollends hereingebrochen sein
werde, in jenes Haus zu begleiten. Die Nacht whle er lieber dazu, da
er bei solchen Auftritten den Zudrang der Menschen und das Aufsehen
womglich vermeide.

Die Nacht brach an, wir gingen. Die Polizeisoldaten, die das Haus
umstellt hatten, versicherten, da noch kein Mensch dasselbe verlassen
habe. Der Vogel war also gefangen. Wir lieen uns das Haus ffnen und
fingen im ersten Stock unsere Untersuchung an. Gleich vor der Tre des
ersten Zimmers hrte ich die Stimmen der beiden Frauen. Ohne Umstnde
ffne ich und deute dem Polizeidirektor die kleinere ltliche Dame als
die Verbrecherin an.

Verwundert stand diese auf und fragte nach unserem Begehr. In ihrem
Auge, in ihrem ganzen Wesen hatte diese Dame etwas, das mir
imponierte. Ich verlor auf einen Augenblick die Fassung und deutete
nur auf den Direktor, um sie wegen ihrer Frage an jenen zu weisen.
Doch dieser lie sich nicht so leicht verblffen. Mit jener ernsten
Amtsmiene eines Kriminalrichters fragte er sie ber ihren heutigen
Spaziergang aus. Sie gestand ihn zu, wie auch die Bank, wo sie
gesessen. Ihre Aussagen stimmten ganz zu den meinigen, der Mann sah
sie schon als berwiesen an. Die Frau fing an, ngstlich zu werden;
sie fragte, was man denn von ihr wolle, warum man ihr Haus, ihr Zimmer
mit Bewaffneten besetze, warum man sie mit solchen Fragen bestrme?

Der Mann der Polizei sah in diesem ngstlichen Fragen nur den
Ausbruch eines schuldbeladenen Gewissens. Er schien es fr das beste
zu halten, durch eine verfngliche Frage ihr vollends das Verbrechen
zu entlocken: Madame, was haben Sie Anno 1802 mit Pauline Dupuis
angefangen? Leugnen Sie nicht lnger, wir wissen alles; sie starb
durch Ihre Hand, wie heute frh die unglckliche Elise!'

Ja, mein Herr! Ich habe die eine wie die andere sterben lassen,'
antwortete die Frau mit einer Seelenruhe, die sogar in ein boshaftes
Lcheln berzugehen schien.

Und diesen Mord gestehen Sie mit so viel Gleichmut, als htten Sie
zwei Tauben abgetan?' fragte der erstaunte Polizeidirektor, dem in der
Praxis eine solche Mrderin noch nicht vorgekommen sein mochte.
Wissen Sie denn, da Sie verloren sind, da es Ihnen den Kopf kosten
kann?'

Nicht doch!' entgegnete die Dame. Die Geschichte ist ja
weltbekannt.'--Weltbekannt?' rief jener. Bin ich nicht schon seit
zweiundvierzig Jahren Polizeidirektor? Meinen Sie, dergleichen knne
mir entgehen?'

Und dennoch werde ich recht haben; erlauben Sie, da ich Ihnen die
Belege herbeibringe?'

Nicht von der Stelle ohne gehrige Bewachung! Wache! Zwei Mann auf
jeder Seite von Madame! Bei dem ersten Versuch zur Flucht--
zugestoen!'

Vier Polizeidiener mit blanken Seitengewehren begleiteten die
Unglckliche, die mir den Verstand verloren zu haben schien. Bald
jedoch erschien sie wieder, ein kleines Buch in der Hand.

Hier, meine Herren, werden Sie die Belege zu dem Mord finden,' sagte
sie, indem sie uns lchelnd das Buch berreichte.

Taschenbuch fr 1802,' murmelte der Direktor, indem er das Buch
aufschlug und durchbltterte. Was, Teufel, gedruckt und zu lesen
steht hier: P a u l i n e  D u p u i s von--, mein Gott, Sie sind die
Witwe des Herrn von--, und, wenn ich nicht irre, selbst
Schriftstellerin?'

So ist es,' antwortete die Dame und brach in ein lustiges Lachen
aus, in welches auch der Direktor einstimmte, indem er, vor Lachen
sprachlos, auf mich deutete.

Und Elise--wie ist es mit diesem armen Kind?' fragte ich, den
Zusammenhang der Sache und die Frhlichkeit der Mrderin und des
Polizeimannes noch immer nicht verstehend.

Sie liegt ermordet auf meinem Schreibtisch,' sagte die Lachende,
und soll morgen durch die Druckerei zum ewigen Leben eingehen.'--

Was brauche ich noch da zuzusetzen? Meine Herren und Damen! Ich war
der Narr im Spiel, und jene Frau war die rhmlichst bekannte,
interessante Th. v. H. Die Erzhlung Pauline Dupuis' ist noch heute
zu lesen; ob die geniale Frau ihre Elise, die sie am Morgen jenes
Tages nach dem Kaffee vollendet hatte, herausgegeben, wei ich nicht.
Ich mute aus S. entfliehen, um nicht zum Gesptte der Stadt zu
werden. Vorher aber schickte mir der Polizeidirektor noch eine groe
Ditenrechnung ber Zeitversumnis, weil ich durch jene lustige
Mordgeschichte den Durstigen von seinem gewhnlichen Abendbesuch in
einem Klub abgehalten hatte."--

Der ewige Jude hatte mit einer verbindlichen Wendung an Frau von
Wollau geendet. Allgemeiner Beifall ward ihm zuteil, und ein gndiges
Lcheln der Hausfrau sagte ihm, wie glcklich er sich gerechtfertigt
hatte. Und wie die finstern Blicke dieser Dame vorher die Mnner aus
seiner unglcklichen Nhe entfernt hatten, ebenso schnell nahten sie
sich ihm wieder, als ihn die Gnadensonne wieder beschien. Man zog ihn
fter ins Gesprch, man befragte ihn ber seine Reisen, namentlich
ber jene in Sddeutschland. Denn wie Schottland und seine Bewohner
fr London und Alt-England berhaupt, so ist Schwaben fr die
Berliner, welche nie an den Rebenhgeln des Neckars und an den
frhlich grnenden Gestaden der oberen Donau eines jener sinnigen,
herrlichen Lieder aus dem Munde eines luschtiga Bebles" oder eines
rstigen, hochaufgeschrzten Mdles" belauschten, ein Gegenstand
hoher Neugierde.

Welch sonderbare Meinungen ber jenes Land, selbst in gebildeten
Zirkeln wie dieser elegante Tee, im Umlauf seien, hrte ich diesen
Abend zu meinem groen Erstaunen. In einem Zaubergarten von sanften
Hgeln, von klaren, blauen Strmen, von blhenden, duftenden
Obstwldern, von prangenden Weingrten durchschnitten, wohne, meinten
sie, ein Vlkchen, das noch so ziemlich auf der ersten Stufe der
Kultur stehe; immense Gelehrte, die sich nicht auszudrcken
verstnden, phantasiereiche Schriftsteller, die kein Wort gutes
Deutsch sprchen. Ihre Mdchen haben keine Bildung, ihre Frauen keinen
Anstand. Ihre Mnner werden vor dem vierzigsten Jahre nicht klug, und
im ganzen Lande werden alle Tage viele Tausende jener Torheiten
begangen, die allgemein unter dem Namen Schwabenstreiche" bekannt
seien.

Mir kam dieses Urteil lcherlich vor; ich war manches Jahr in Schwaben
gewesen und hatte mich unter den guten Leutchen ganz wohl befunden;
htte ich nicht befrchten mssen, aus der Rolle eines Zglings zu
fallen, ich htte sogleich darauf geantwortet, wie ich es wute; so
aber ersparte mir mein Mentor die Mhe, welcher unglcklich genug die
gute Meinung, die er auf einige Augenblicke gewonnen hatte, nur zu
schnell wieder verlieren sollte.

Ob die Berliner," sagte er, mehr innere Bildung, mehr Eleganz der
ueren Formen besitzen als die Schwaben, ob man hier im
Brandenburgischen mit mehr Feinheit ausgerstet auf die Erde oder
vielmehr auf den Sand kommt als in Schwaben, wage ich nicht zu
untersuchen; aber so viel habe ich mit eigenen Augen gesehen, da man
dort im Durchschnitt unter den Mdchen eine weit grere Menge
hbscher, sogar schner Gesichter findet als selbst in Sachsen,
welches doch wegen dieses Artikels berhmt ist."

_Quelle sottise!_" hrte ich Frau von Wollau schnauben, welche
abgeschmackte Behauptung dieser gemeine Mensch--"

Umsonst winkte ich dem Ewigen mit den Augen, umsonst gab ihm der
Dichter einen freundschaftlichen Rippensto, ihn zu erinnern, da er
sich unter Damen befinde, die auch auf Schnheit Anspruch machten;
ruhig, als ob er den erzrnten Schnen das grte Kompliment gesagt
htte, fuhr er fort: Sie knnen gar nicht glauben, wie reizend dieser
verschrieene Dialekt von schnen Lippen tnt, wie alles so naiv, so
lieblich klingt; wie unendlich hbsch sind diese blhenden
Gesichtchen, wenn man ihnen sagt, da sie schn seien, da man sie
liebe; wie schelmisch schlagen sie die Augen nieder, wie unschuldig
errten sie, welcher Zauber liegt dann in ihrem Trotz, wenn sie sich
verschmt wegwenden und flstern: Ach ganget Se mer weg, moinet Se
denn, i glaub's?' Hier in Norddeutschland gibt es meist nur
Teegesichter, die einen Trost darin finden, sthetisch oder therisch
auszusehen; sie mssen den Atem erst lange anhalten, wenn sie es je
der Mhe wert halten, ber dergleichen zu errten."

O Jude, welchen Bock hattest du geschossen! Kaum hast du das
zornblitzende Auge einer Dame vershnt, so begehest du den groen
Fehler, vor zwlf Damen die schnen Gesichtchen zweier Lnder zu loben
und nicht nur sie nicht mit aufzuzhlen, sondern sogar ihren
therischen Teint, ihre interessante Mondscheinblsse fr Teegesichter
zu verschreien!

Die jungen Damen sahen erstaunt, als trauten sie ihren Ohren nicht,
die lteren an; diese warfen schreckliche Blicke auf den Frevler und
auf die brigen Herren, die, ebenso erstaunt, noch keine Worte zu
einer Replik finden konnten. Die Teetassen, die goldenen Lffelchen
klirrten laut in den vor Wut zitternden Hnden der Mtter, die seit
zehn Jahren mit vieler Mhe es dahin gebracht hatten, da ihre Tchter
nobel und edel aussehen mchten--wozu heutzutage, auer dem Gefhl der
Wrde, etwas Leidendes, beinahe Krnkliches gehrt--welche die immer
wieder anschwellende Flle ihrer Tchter, die immer wiederkehrende
Rte der Wangen doch endlich zu besiegen gewut hatten.

Und jetzt sollte dieser fremde, abenteuerliche, gemeine Mensch sie und
ihre Freude, ihre Kunst zuschanden machen? Er sollte es wagen, die
Damen dieses deutschen Paris mit jenen schwerflligen Bewohnerinnen
des unkultivierten Schwabens auch nur in Parallele zu bringen und
ihnen den ersten Rang zu versagen? Und dies sollten sie dulden?

_Jamais!_ Gndige Frau nahm das Wort mit einem Blick, der ber
das eiskalte Gesicht des stillen Zornes wie ein Nordschein ber
Schneegefilde herabglnzte: Ich mu Sie nur herzlich bedauern, Herr
Doktor Mucker, da Sie das schne Schwaben und seine naiven
Bauerndirnen so treulos verlassen haben; und ich bitte Sie, Lieber,"
fuhr sie fort, indem sie sich zu dem Dichter, der uns eingefhrt
hatte, wandte, ich bitte Sie, muten Sie diesem Herrn da nicht mehr
zu, meine Zirkel zu besuchen. Jotte doch, er knnte bei unseren Damen
seine robusten Naturen und jene Naivett vermissen, die er sich so
ganz zu eigen gemacht hat."

Triumphierend richteten sich die Gebeugten auf, die Mtter spendeten
Blicke des Dankes, die Frulein kicherten hinter vorgehaltenen
Sachtchern, die jungen Herren hatten auch wieder die Sprache gefunden
und machten sich lustig ber meinen armen Hofmeister. Doch der feine
Takt der gndigen Frau lie diesem Ausbruch der Nationalrache nur so
lange Raum, bis sie den Doktor hinlnglich gestraft glaubte. Beleidigt
durfte dieser Mann in ihrem Salon nie werden, wenn er gleich durch
seine rcksichtslose uerung ihren Unwillen verdient hatte; sie
beugte also schnell mit jener Gewandtheit, die feingebildeten Frauen
so eigentmlich ist, allen weiteren Bemerkungen vor, indem sie ihren
Neffen aufforderte, sein Versprechen zu halten und der Gesellschaft
die lngst versprochene Novelle preiszugeben.

Dieser junge Mann hatte schon whrend des ganzen Abends meine
Aufmerksamkeit beschftigt. Er unterschied sich von den brigen jungen
Herren, die leer in den Tag hinein plauderten, sehr vorteilhaft durch
Ernst und wrdige Haltung, durch gewhlten Ausdruck und kurzes,
richtiges Urteil. Er war gro und schlank gebaut, mnnlich schn, nur
vielleicht fr manche etwas zu mager. Sein Auge war glnzend und hatte
jenen Ausdruck stillen Beobachtens, der einen Menschenkenner oder
wenigstens einen Mann verrt, der das Leben und Treiben der groen und
kleinen Welt in vielerlei Formen gesehen und darber gedacht hatte.

Er hatte, was mich sehr gnstig fr ihn stimmte, an dem Gesprch des
ewigen Juden und an seiner Persiflage mit keinem Wort, ich mchte
sagen, mit keiner Miene teilgenommen. Zum erstenmal an diesem ganzen
Abend entlockte ihm die Frage seiner Tante ein Lcheln, das sein
Gesicht, besonders den Mund, noch viel angenehmer machte; wahrlich, in
diesen Mann htte ich mich, wenn ich eines der anwesenden Frulein
gewesen wre, unbedingt verlieben mssen; aber freilich, junge Damen
haben hierber ganz andere Ansichten als der Teufel, und das einfache
schwarze Gewand des jungen Mannes konnte natrlich die glnzende
Gardeuniform und ihren khnen, die drallen Formen zeigenden Schnitt
nicht aufwiegen.

       *       *       *       *       *




VIERZEHNTES KAPITEL.

DER FLUCH.

(Eine Novelle.)


Ich habe mich vergebens abgemht, gndige Tante," sprach der junge
Mann mit voller, wohltnender Stimme, eine artige Novelle oder eine
leichte, frhliche Erzhlung fr diesen Abend zu finden. Doch, um
nicht wortbrchig zu erscheinen, mu ich schon den Fehler einigermaen
gutzumachen suchen. Wenn Sie erlauben, will ich etwas aus meinem
eigenen Leben erzhlen, das, wenn es nicht ganz den romantischen Reiz
und den anziehenden Gang einer Novelle, doch immer den Wert der
Wahrheit fr sich hat."

Die Tante bemerkte ihm gtig, da die einfache Wahrheit oft greren
Reiz habe, als die erfundene Spannung einer Novelle, ja sie gestand
ihm, da sie etwas sehr Interessantes erwarte; denn er sehe seit der
Zurckkunft von seinen Reisen so geheimnisvoll aus, da man auf seine
Begebnisse recht gespannt sein drfe.

Die lteren Damen lorgnettierten ihn aufmerksam und gaben dieser
Bemerkung vollkommen Beifall; der junge Mann aber hub an zu erzhlen:

Als ich vor fnf Jahren in diesem Saal von einer groen Gesellschaft,
welche die Gte meiner Tante noch einmal um den Scheidenden versammelt
hatte, Abschied nahm, warnten mich einige Damen--wenn ich nicht irre,
war Frau von Wollau mit davon--vor den schnen Rmerinnen, vor ihren
feurigen, die Herzen entzndenden Blicken. Ich nahm ihre Warnung
dankbar an, noch krftigeren Schub aber versprach ich mir von jenen
holden blauen Augen, von jenen freundlichen vaterlndischen
Gesichtchen, von all den lieblichen Bildern, die ich, in feinem und
treuem Herzen aufbewahrt, mit ber die Alpen nahm. Und sie schtzten
mich, diese Bilder, gegen jene dunkeln Feuerblicke der Rmerinnen; wie
sie aber vor sanften, blauen Augen, welche ich dort sah, sich
unverantwortlich zurckzogen, wie sie mein armes, unbewahrtes Herz
ohne Bedeckung lieen, will ich als bittere Anklage erzhlen.

Der s----sche Gesandte am ppstlichen Hofe hatte mir in der Karwoche
eine Karte zu den Lamentationen in der Sixtinischen Kapelle geschickt;
mehr, um den alten Herrn, der mir schon manche Geflligkeit erwiesen
hatte, nicht zu beleidigen, als aus Neugierde, entschlo ich mich,
hinzugehen. Ich war nicht in der besten Laune, als es Abend wurde;
statt einer lustigen Partie, wozu mich deutsche Maler geladen, sollte
ich einen Klagegesang mitanhren, der mir schon an und fr sich hchst
lcherlich vorkam. Nie hatte ich mich nmlich von der Heiligkeit
solcher Ritualien berzeugen knnen; selbst in dem ehrwrdigen Klner
Dom, wo die hohen Gewlbe und Bogen, das Dunkel des gebrochenen
Lichtes, die mchtigen, vollen Tne der Orgel manchen anderen ernster
stimmen mgen, konnte ich nur ber die Macht der Tuschung staunen.

Meine Stimmung wurde nicht heiliger, als ich an das Portal der
Sixtinischen Kapelle kam. Die ppstliche Wache--alte, ausgediente,
schneiderhafte Gestalten hielten hier Wache mit so meisterlicher
Grandezza als nur die Cherubim an der Himmelstr. Der Glanz der Kerzen
blendete mich, da ich eintrat, und stach wunderbar ab gegen den
dunkeln Chor, in den die Finsternis zurckgeworfen schien. Nur der
Hochaltar war dort von dreizehn hohen Kerzen erleuchtet.

Ich hatte Mue genug, die Gesichter der Gesellschaft um mich her zu
mustern. Ich bemerkte nur sehr wenige Rmer, dagegen fast alles, was
Rom an Fremden beherbergte.

Einige franzsische Marquis, berchtigte Spieler, einige junge
Englnder von meiner Bekanntschaft standen ganz in meiner Nhe. Sie
zogen mich auf, da auch ich mich habe verfhren lassen, dem
Spektakel, wie sie es nannten, beizuwohnen; Lord Parter aber meinte,
es sei dies wohl der Schnen zu Gefallen geschehen, die ich
mitgebracht habe. Er deutete dabei auf eine junge Dame, die neben mir
stand. Er fragte nach ihrem Namen und ihrer Strae und schien sehr
unglubig, als ich ihm damit nicht dienen zu knnen behauptete.

Ich betrachtete meine Nachbarin nher; es war eine schlanke, hohe
Gestalt, dem Anschein nach keine Rmerin; ein schwarzer Schleier
bedeckte das Gesicht und beinahe die ganze Gestalt und lie nur einen
Teil des Nackens sehen, so rein und wei, wie ich ihn selten in
Italien, beinahe nie in Rom gesehen hatte.

Schon pries ich im Herzen meine Hflichkeit gegen den alten
Diplomaten, hoffend, eine interessante Bekanntschaft zu machen; wollte
eben--da begann der Klagegesang, und meine Schne schien so eifrig
darauf zu hren, da ich nicht mehr wagte, sie anzureden. Unmutig
lehnte ich mich an eine Sule zurck, Gott und die Welt, den Papst und
seine Lamentationen verwnschend.

Unertrglich war mir der monotone Gesang. Denken Sie sich, sechzig der
tiefsten Stimmen, die _unisono_, im tiefsten Grundton der
menschlichen Brust, Bupsalmen murmeln. Der erste Psalm war zu Ende,
eine Kerze auf dem Altar verlschte. Getrstet, die Farce werde ein
Ende haben, wollte ich eben den jungen Lord anreden, als von neuem der
Gesang anhub.

Jener belehrte mich zu meinem groen Jammer, da noch alle zwlf
brigen Kerzen verlschen mten, bis ich ans Ende denken knne. Die
Kirche war geschlossen und bewacht, an ein Entfliehen war nicht zu
denken. Ich empfahl mich allen Gttern und gedachte einen gesunden
Schlaf zu tun. Aber wie war es mglich? Wie Strahlen einer
Mittagssonne strmten die tiefen Klnge auf mich zu. Zwei bis drei
Kerzen verlschten, meine Unruhe ward immer grer.

Endlich aber, als die Tne noch immer fortwogten, drangen sie mir bis
ins innerste Mark. Das Erz meiner Brust schmolz vor den dichten
Strahlen, Wehmut ergriff mich, Gedanken aus den Tagen meiner Jugend
stiegen wie Schatten vor meiner Seele auf, unwillkrliche Rhrung
bemchtigte sich meiner, und Trnen entstrzten seit Jahren zum
erstenmal meinen Augen.

Beschmt schaute ich mich um, ob doch keiner meine Trnen gesehen.
Aber die Spieler, wunderbarer Anblick, lagen zerknirscht auf ihren
Knien, der Lord und seine Freunde weinten bitterlich. Zwlf Kerzen
waren verlscht. Noch e i n m a l erhoben sich die tiefen,
herzdurchbohrenden Tne, zogen klagend durch die Halle, immer dumpfer,
immer leiser verschwebend. Da verlschte die letzte Kerze und zugleich
damit das Feuermeer der Kirche, und bange Schatten, tiefe Finsternis
drang aus dem Chor und lagerte sich ber die Gemeine. Mir war, als
wre ich aus der Gemeinschaft der Seligen hinausgestoen in eine
frchterliche Nacht.

Da tnten aus des Chores hintersten Rumen se, klagende Stimmen. Was
jenes tiefe, schauerliche Unisono unerweicht gelassen, zerschmolz vor
diesem hohen Dolce der Wehmut. Rings um mich das Schluchzen der
Weinenden, vom Chore herber Tne, wie von gerichteten Engeln
gesungen, glaubte ich nicht anders, als in einer zernichteten Welt mit
unterzugehen und zu hren, der Glaube an Unsterblichkeit sei Wahn
gewesen.

Der Gesang war verklungen, Fackeln erhellten die Szene, die Menge
ergo sich durch die Pforten, und auch ich gedachte mich zum Aufbruch
zu rsten; da gewahrte ich erst, da meine schne Nachbarin noch immer
auf den Knien niedergesunken lag. Ich fate mir ein Herz.

Signora,' sprach ich, die Tore werden geschlossen, wir sind die
letzten in der Kapelle.'

Keine Antwort. Ich fate ihre Rechte, die auf der Seite niederhing,
sie war kalt und ohne Leben. Sie lag in Ohnmacht.

Ich befand mich in sonderbarer Lage. Die Nacht war schon weit
vorgerckt; nur noch einige Flambeaus zogen durch die Kirche, ich
mute alle Augenblicke befrchten, vergessen zu werden. Ich besann
mich nicht lange, rief einen der Fackeltrger herbei, um mit seiner
Hilfe die Dame aufzurichten.

Wie ward mir, als ich den Schleier aufschlug! Der dstere Schein der
halbverlschten Fackel fiel auf ein Gesicht, wie ich es auch auf dem
herrlichsten Kartons von Raffael nie gesehen! Glnzendbraune Locken
hatten sich aufgelst und fielen herab bis in den verhllten Busen und
umzogen das liebliche Oval ihres Angesichts, auf dem sich eine
durchsichtige Blsse gelagert hatte. Die schnen Bogen der Brauen
versprachen ein ernstes, vielleicht etwas schelmisches Auge, und den
halbgeffneten Mund, umkleidet mit den weiesten Perlen, konnte Gram,
konnte Schmerz so gezogen haben.

Als wir sie aufrichten wollten, schlug sie das herrliche, blaue Auge
auf, dessen eigner, schwrmerischer Glanz mich so berraschte, da ich
einige Zeit mich zu sammeln ntig hatte. Sie richtete sich pltzlich
auf und stand nun in ihrer ganzen Schnheit mir gegenber. Welch zarte
Formen bei so vielem Anstand, bei so ungewhnlicher Hhe des Wuchses.
Sie schaute verwundert in der Kirche umher und lie dann ihre Blicke
zu mir herbergleiten.

Und Sie hier, Otto?' sprach sie, nicht italienisch, nein, in reinem,
wohlklingendem Deutsch.

Wie war mir doch so wunderbar! Sie sprach so bekannt zu mir, ja sogar
meinen Namen hatte sie genannt; woher konnte sie ihn wissen?--Sie
schien verwundert ber mein Schweigen.

Nicht bei Laune, Freund? Und doch haben Sie mich so freundlich
untersttzt? Doch! Lassen Sie uns gehen, es wird spt.'

Sie hatte recht. Die Fackel drohte zu verlschen. Ich gab ihr den Arm.
Sie drckte zrtlich meine Hand.

Was sollte ich denken, was sollte ich machen? Betrug von ihr war nicht
mglich--das Mdchen k o n n t e keine Dirne sein. Verwechslung war
offenbar. Aber sie wute mich bei meinem Namen zu nennen. Sie war so
ohne Arg.--Ich wagte es--ich bernahm die Rolle eines verstimmten
Verehrers und schritt schweigend mit ihr durch die Hallen.

Am Portal ging mein Jammer von neuem an. Welche Strae sollte ich
whlen, um nicht sogleich meine Unbekanntschaft zu verraten? Ich nahm
allen meinen Mut zusammen und schritt auf die mittlere Strae zu.

Mein Gott!' rief sie aus und zog meinen Arm sanft seitwrts, Otto,
wo sind Sie nur heute? Hier wren wir ja an die Tiber gekommen.'

O! Wie hrte ich so gerne diese Stimme! Wie lieblich klingt unsere
Sprache in einem schnen Munde! Schon oft hatte ich die Rmerinnen
beneidet um den Wohllaut ihrer Tne; hier war weit mehr, als ich je in
Rom gehrt; es mute offenbar ein deutsches Mdchen sein, ich sah es
aus allem; und doch so reine, runde Klnge ihrer Sprache! Als ich noch
immer schwieg, brach sie in ein leises Weinen aus. Ihr trnendes Auge
sah mich wehmtig an, ihre Lippen wlbten sich, wie wenn sie einen Ku
erwarteten.

Bist du mir nicht mehr gut, mein Otto? Ach, knntest du mir zrnen,
da ich die Lamentationen hrte? O! zrne mir nicht! Doch du hast
recht, wre ich lieber nicht hingegangen. Ich glaubte Trost zu finden
und fand keinen Trost, keine Hoffnung. Alle meine Lieben schienen dem
Grab entstiegen, schienen ber die Alpen zu wehen und mit Tnen der
Klage mich zu sich zu rufen. Wie bin ich doch so allein auf der Erde!'
weinte sie, indem ihr blaues Auge in das nchtliche Blau des Himmels
tauchte. Wie bin ich so allein!--Und wenn ich dich nicht htte, mein
Otto!--'

Meine Lage grenzte an Verzweiflung; das schnste, lieblichste Kind im
Arme und doch nicht sagen knnen, wie ich sie liebte! Als ihre Trnen
noch nicht aufhren wollten, flsterte ich endlich leise: Wie knnte
ich dir zrnen?'

Sie schaute freundlich dankbar auf--Du bist wieder gut? Und o! wie
siehst du heute doch gar nicht so finster aus, auch deine Stimme
klingt heut so weich! Sei auch morgen so und la nicht wieder einen
ganzen langen Tag auf dich warten.'

Sie nherte sich einem Haus und blieb davor stehen, indem sie die
Glocke zog. Und nun gute Nacht, mein Herz,' sagte sie, wie gerne
setzte ich mich noch zu dir auf die Bank, aber die Signora wartet wohl
schon zu lange.' Ich wute nicht, wie mir geschah, ich fhlte einen
heien Ku auf meinen Lippen, und weg war sie.

Ich merkte mir die Nummer des Hauses, aber die Strae konnte ich nicht
erkennen. Nur einen Brunnen und gegenber von ihrem Haus eine Madonna
in Stein gehauen konnte ich als Zeichen fr die Zukunft anmerken. Ich
wand mich mit unsglicher Mhe durch das Gewirre der Straen und war
doch nicht froh, als ich endlich mein Haus erreichte. Bis an den
lichten Morgen kein Schlaf. Zuerst lie mich der Mond nicht schlafen,
der mich durchs Fenster herein angrinste, und als ich die Gardine
vorzog, schien gar der Engelskopf des Mdchens hereinzublicken.
Mitunter zogen auch die Lamentationen durch meinen wirren Kopf, und
ich verwnschte endlich ein Abenteuer, das mich eine schlaflose Nacht
kostete.

Sehr frhe am andern Morgen traten Lord Parter und einer seiner
Freunde bei mir ein. Sie wollten mir begegnet sein, als ich meine
rtselhafte Schne zu Haus brachte und schalten mich neckend, da ich
sie gestern gnzlich verleugnet habe. Als ich ihnen mein Abenteuer,
dem grern Teile nach, erzhlte, wurden sie noch ungestmer und
behaupteten, mich deutlich schon mehreremal mit derselben Dame gesehen
zu haben. Immer klarer ward mir, da irgend ein Dmon sich in meine
Gestalt gehllt habe, da ja auch das Mdchen mich so genau zu kennen
schien, und ich war nicht minder begierig, das liebe Mdchen, als das
leibhaftige Konterfei meiner Gestalt zu Gesicht zu bekommen. Die
beiden Englnder muten mir Stillschweigen geloben, indem ich mich vor
dem Spott meiner Bekannten frchtete; zugleich versprachen sie auch,
mir suchen zu helfen.

Nach langem Umherirren, wobei wir tausend Lgen ersinnen muten, um
die erwachende Neugierde unserer Freunde zu tuschen, fanden wir
endlich in dem entlegensten Winkel der Stadt jene Merkzeichen, die
Madonna und den Brunnen. Ich sah das Haus der Holden, ich sah die Bank
an der Tre, auf welcher ich htte selig werden sollen, aber hier ging
auch unser Weg zu Ende. Als Fremde htten wir zu viel gewagt, so weit
entfernt von den uns bekannten Straen, unter einer Menschenklasse,
die besonders den Englndern so gram ist, uns in ein fremdes Haus
einzudrngen. Wir zogen mehreremal durch die Strae; immer war die
Tre verschlossen, immer die Fenster neidisch verhngt. Wir verteilten
uns, bewachten Tage lang die Promenaden, weder meine Schne, noch mein
Ebenbild lieen sich sehen.

Geschfte riefen mich in dieser Zeit nach Neapel. So angenehm mir
sonst diese Reise gewesen wre, so war sie mir in meiner gegenwrtigen
Spannung hchst fatal. Unaufhrlich verfolgte mich das Bild des
Mdchens, im Traum wie im Wachen hrte ich die liebliche Stimme
flstern. Hatten mich die Gesnge in der Kapelle so weich gestimmt?
Hatte das flchtige Bild der Schnen vermocht, was der Geist und die
Schnheit so mancher andern nicht ber mich vermochte?

Unruhig reiste ich ab. Die Reise, so viele abwechselnde Gegenstnde,
die ernsten Geschfte, der Reiz der Gesellschaft, nichts gab mir meine
Ruhe wieder.

Es war die Zeit des Karnevals, als ich nach Rom zurckkehrte. Durfte
ich hoffen, im Gewhle der Menge den Gegenstand meiner Sehnsucht
herauszufinden? Meine englischen Freunde waren abgereist, ich hatte
niemand mehr, dem ich mich vertrauen mochte. Ohne Hoffnung hatte ich
mehrere Tage verstreichen lassen, ich war nicht zu bewegen, mich unter
die Freuden des Karnevals zu mischen.

Wie erstaunte ich aber, als mich am Morgen des vierten Tages der
Karnevalswoche der Gesandte fragte, wie ich mich gestern amsiert
habe. Ich sagte ihm, ich sei nicht im Korso gewesen. Er erstaunte,
behauptete, mich von seinem Wagen aus mit einer Dame am Arm gesehen
und begrt zu haben. Er schwieg, etwas beleidigt, als ich es wieder
verneinte. Aber pltzlich kam mir der Gedanke: Wie, wenn es die
Gesuchten wren?

--Man war in allen Zirkeln sehr gespannt auf diesen Abend. Ein
prachtvoller Maskenzug, worin Damen aus den edelsten rmischen Husern
eine Rolle bernommen hatten, sollte den Karneval verherrlichen. Ich
gab dem Drngen meiner Bekannten nach und ging mit in den Korso.

Erwarten Sie von mir keine Beschreibung dieses Schauspiels. Zu jeder
andern Zeit wrde ich ihm alle meine Aufmerksamkeit geschenkt haben,
nicht nur, weil es mir als Volksbelustigung sehr interessant gewesen
wre, sondern weil sich der Charakter der Rmer gerade hier am meisten
aufdeckt. Aber wenn ich sage, da von dem ganzen Abend, von allen
Herrlichkeiten des Korso nur noch ein Schatten in meiner Erinnerung
geblieben und nur ein heller Stern aus dieser Nacht auftaucht, so
werden Sie vergeben, wenn ich ber das interessante Schauspiel Ihre
Neugierde nicht zur Genge befriedige.

Die lange, enge Strae war schon gefllt, als wir durch die _Porta
del popolo_ hereintraten. Unabsehbar wogten die Wellen der Menge
durcheinander, und das Auge gleitete unbefriedigt darber hinweg, weil
es unter der Mischung der grellsten Farben keinen Punkt fand, der es
festhielt. Die Erwartung war gespannt. berall hrte man von dem
Maskenzug reden, der sich nun bald nahen msse. Ein rauschendes
Beifallrufen drang jetzt von dem Obelisken auf der Piazza herber und
verkndete die Auffahrt der Masken. Alle Blicke richteten sich
dorthin. Von den Balkonen und Gersten herab wehten ihnen Tcher und
winkten schne Hnde entgegen, indem die Equipagen sich an die Seiten
drngten, um den Wagen des Zuges Platz zu machen. Er nahte. Gewi, ein
herrlicher Anblick! Die Gtter der alten Roma schienen wieder in die
alten Mauern eingezogen zu sein, um ihren Triumph zu feiern.
Liebliche, majesttische Gruppen! Welch herrliche Umrisse in den
Gestalten des Apoll und Mars, wie lieblich Venus und Juno, und man
konnte es nicht fr Unbescheidenheit halten, sondern mute gerade
hierin den schnsten Triumph finden, wenn das Volk mit Ungestm den
Gttinnen zurief, die Masken abzunehmen. Unendlich wurde aber der
Beifall, als die Grfin Parvi, die edlen Formen des Gesichtes
unverhllt, als Psyche sich nahte. Wahrlich, dieser liebliche Ernst,
diese sanfte Gre htten einen Zeuxis und Praxiteles begeistern
knnen.

Der Abend nahte heran, man rstete sich, die Gerste zu besteigen,
weil das Pferderennen beginnen sollte. Ich stand ziemlich verlassen
auf der Strae, mit sehnschtigen Blicken die Galerien und Balkone
musternd, ob meine Schne nicht darauf zu treffen sei. Pltzlich
fhlte ich einen leisen Schlag auf die Schulter. So einsam?' tnte in
der lieben Muttersprache eine se Stimme in mein Ohr. Ich sah mich
um. Eine reizende Maske, in der Kleidung einer Tirolerin, stand hinter
mir. Durch die Hhlen der Maske blitzten jene blauen Augen, die mich
damals so sehr berraschten. Sie ist's--es ist kein Zweifel. Ich bot
ihr schweigend die Hand, sie drckte sie leise. Du bser Otto,'
flsterte sie, den ganzen Abend habe ich dich vergebens gesucht. Wie
mute ich schwatzen, um die Signora los zu werden!'

Die Wache rckte die Strae herab. Es war hohe Zeit, die Galerien zu
suchen. Ich deutete hinauf, sie gab mir ihren Arm, sie folgte. Ein
heimliches Pltzchen hinter einer Sule bot sich dar, sie whlte es
von selbst, Karneval, Pferderennen, alle Schnheiten Roms waren fr
mich verloren, als mein stiller Himmel sich ffnete, als sie die Maske
abnahm. Noch lieblicher, noch unendlich schner war sie als an jenem
Abend. Die zarte Blsse, die sie damals aus der Kapelle brachte, war
einer feinen, durchsichtigen Rte gewichen; das Auge strahlte von noch
hherem Glanz als damals, und der tiefe, beinahe wehmtige Ernst der
Zge, wie sie sich mir damals zeigte, war durch ein Lcheln gemildert,
das fein und flchtig um die zarten Lippen wehte."

Sie heftete wieder einige Minuten schweigend ihr Auge auf mein
Gesicht, strich mir spielend die Haare aus der Stirne und rief dann
pltzlich: Jetzt bist du's wieder ganz! Ganz wie an jenem Abend in
der Kapelle, den du mir so hartnckig leugnest! Gestehest du ihn
deiner Luise noch nicht?'

Welche Pein! Was sollte ich sagen? Da fiel pltzlich das Signal, die
Pferde rannten durch den Korso. Meine Schne bog den Kopf abwrts, und
ich, meiner Sinne kaum mchtig, flchtete hinter die nchste Sule, um
nicht im Augenblicke vor dem arglosen Mdchen als ein Tor oder noch
etwas Schlimmeres zu erscheinen. Und was war ich auch anders, wenn ich
mich selbst recht ernstlich fragte? Was wollte ich von dem Mdchen,
was konnte ich von ihr wollen? Und war nicht eine so weit getriebene
Neugierde Frevel?

Whrend ich noch so mit mir selbst kmpfte, ob es nicht ehrlicher
sei, ein Abenteuer aufzugeben, dessen Ende nur ein trichtes sein
konnte, bemerkte ich, da meine Stelle schon wieder besetzt sei. Ich
schlich nher herzu, um wenigstens zu hren, wer der Glckliche sei,
da ich ihn, ohne meine unbescheidene Nhe zu verraten, nicht sehen
konnte."

Wie magst du nur so zerstreut fragen?' sagte Luise, du selbst hast
mich ja heraufgefhrt.'

Ich htte dich gefhrt, der ich diesen Augenblick erst zu dir trete?
Gestehe, du betrgst mich; wer hat dich hergeleitet?'

Mit befangener Stimme, dem Weinen nahe, beharrte sie auf dem, was sie
vorhin sagte. Du bist auch wie unser Wetter ber den Alpen, soeben
noch so freundlich, und jetzt so kalt, so finster.'

Jener stand schnell auf: Ich bin nicht gestimmt, meine Gndige, das
Ziel Ihrer Scherze zu sein,' sagte er, und wenn Sie sich in Rtsel
vertiefen, wird meine Gesellschaft Ihnen lstig werden.' Er brach auf
und wollte gehen. Ich konnte die Leiden der Armen nicht mehr
verlngern und trat hervor hinter der Sule, um mich als Auflsung des
Rtsels zu zeigen. Aber wie ward mir! Meine eigene Gestalt, mein
eigenes Gesicht glaubte ich mir gegenber zu sehen. Die
berraschendste hnlichkeit--"

       *       *       *       *       *




FNFZEHNTES KAPITEL.

Das Intermezzo.--Der Trinker.


Ein schrecklicher Angstschrei, ein Gerassel, wie Blitz und Donner
einander folgend, unterbrach den Erzhler. Welcher Anblick! Der Jude
lag ausgestreckt auf dem Boden des Saales, berschttet mit Tee,
Trmmer seines Stuhles und der feinen Meiner Tasse, die er im Sturz
zerschmettert, um ihn her. Der rger ber eine solche Unterbrechung
war auf allen Gesichtern zu lesen; zrnend wandten die Damen ihr Auge
von diesem Schauspiel, von den Herren machte keiner Miene, ihm
beizustehen. Er selbst aber blieb sekundenlang liegen, ohne sich zu
rhren, und schaute verwundert herauf.

Ich sprang auf, ihm beizustehen; ich hob ihn auf und sah mich nach
einem andern Stuhle um, auf welchen ich ihn setzen knnte. Aber ein
Verwandter des Hauses raunte mir in die Ohren, ich mchte machen, da
wir fortkommen, mein Hofmeister scheine sich nicht in dieser
Gesellschaft zu gefallen.

Wir folgten dem Wink und nahmen unsere Hte. Als ich mich von der
gndigen Frau beurlaubte, sagte sie mir viel Schnes und lud mich ein,
sie recht oft zu sehen; meinen armen Hofmeister wrdigte sie keines
Blickes. Sie neigte sich so kalt als mglich und lie ihn abziehen.
Gelchter schallte uns nach, als wir den Saal verlieen, und ich hatte
mit meiner Inkarnation so viel menschliche Eitelkeit angezogen, da
mich dieses Lachen ungemein rgerte.

Wie gern htte ich die Erzhlung jenes interessanten jungen Mannes zu
Ende gehrt; wie viel Wichtiges und Psychologisches htte ich von dem
gardeuniformliebenden Frulein erlauschen knnen; und war ich selbst
nicht ganz dazu gemacht, junge Herzen an jenem Abend zu erobern? Ein
junger, reicher, ich darf sagen, hbscher Mann auf Reisen findet, wo
er hinkommt, freundliche Augen, durch welche er so leicht in die
Herzen einzieht--und dies alles hatte mir das ungeschliffene Wesen des
alten Menschen verdorben; ich htte ihn wrgen knnen, als wir im
Wagen saen.

War es nicht genug," sagte ich, da du mit deinem scharfen Judenbart
die zarte Hand der Gndigen empfindlich brstetest? Mutest du auch
noch die Frau von Wollau durch dein unzeitiges Gelchter beleidigen?
Und kaum hast du es wieder gut gemacht, so bringst du aufs neue alles
gegen dich auf. Was gingen dich denn die S c h w a b e n m  d e l an,
da du ihre Schnheit an den Teetischen Berlins predigest? Darfst du
denn sogar in China einer Schnen sagen, sie habe ein Teegesicht? Und
jetzt, nachdem du die spitzigen Worte der ungndigen Frau eingesteckt
hattest, jetzt, als alles auf das erste vernnftige Thema, das diesen
Abend abgehandelt wurde, lauschte, jetzt fllst du, wie der selige
Hohepriester Eli im zweiten Kapitel Samuelis, rcklings in den Saal
und zerschmetterst--nicht den eigenen hohlen Schdel, wie jener
wrdige jdische Papst--nein! einen zierlich geschnitzten Fauteuil und
eine Tasse von Meiner Porzellan; sage, sprich, schlechter Kamerad,
wie fingst du es nur an?"

In Eurer Stelle, Herr Satan, wre ich nicht so arrogant gegen
unsereinen," antwortete er verdrielich. Ihr wit, da Euch keine
Gewalt ber meine Seele zusteht; denn seit anderthalbtausend Jahren
kenne ich Eure Schliche und Rnke wohl. Was aber die Elis-Geschichte
betrifft, so will ich Euch reinen Wein einschenken, vorausgesetzt, Ihr
begleitet mich in eine Auberge; denn der lpperige Tee hier, mit dem
man in China kaum die Tassen aussplen wrde, mit dem noch schlechtern
Arrak, haben mir ganz miserabel gemacht."

Ich lie vor einem Restaurateur halten und fhrte den verunglckten
Doktor Mucker hinein. Es war schon ziemlich tief in der Nacht, und nur
noch wenige, aber echte Trinker in dem Wirtszimmer. Wir setzten uns an
einen Tisch zu vier oder fnf solcher nchtlichen Gesellen; ich lie
fr den alten Menschen Burgunder auftragen, und in gelufigem
Malabarisch, wovon die Trinker gewi nichts verstanden, forderte ich
ihn auf, zu erzhlen.

Nachdem der ewige Jude durch etliche Schlcke sich erholt hatte,
begann er:

Ich glaube, es ist ein Teil des Fluches, der auf mir ruht, da ich,
sobald ich mich in hhere Sphren der Gesellschaft wage, lcherlich
werde; ein paar Beispiele mgen dir gengen.

Du weit, da ich, um mir die Langeweile des Erdenlebens zu
vertreiben, zuweilen einen Liebeshandel suche--nun, verziehe dein
Gesicht nur nicht so spttisch, ich bin eine Stereotypausgabe von
einem krftigen Fnfziger, und ein solcher darf sich schon noch aufs
Eis wagen. Nun hatte ich einmal in einem kleinen schsischen Stdtchen
eine Schne auf dem Korn. Ich hatte schon seit einigen Tagen Zutritt
in das elterliche Haus, und die kleine Kokette schien mir gar nicht
abgeneigt. Ich kleidete mich sorgfltiger, um ihr zu gefallen, ich
scherwenzelte um sie her, wenn sie spazieren ging, kurz, ich war ein
so ausgemachter Geck, als je einer ber das Pflaster von Leipzig ging.
In dem Stdtchen gehrte es zum guten Ton, morgens um neun Uhr an dem
Haus seiner Schnen vorbeizugehen; schaute sie heraus, so wurde mit
Grazie der Hut gezogen und etwas weniges geseufzt.

Dies hatte ich mir bald abgemerkt und zog nun pflichtgem, wenn die
Glocke neun Uhr summte, an jenem Haus vorber, und ich hatte die
Freude, zu sehen, wie mein Engel jedesmal zum Fenster herausschaute
und huldreich lchelte. Eines Morgens war es sehr kotig auf der
Strae; ich ging also, um die weiseidenen Strmpfe zu schonen, auf
den Zehenspitzen und machte Schritte wie ein Hahn. Aber vor dem Hause
meiner Schnen war der Schmutz reinlich in groe Haufen
zusammengekehrt; denn der Papa war eine Art von Polizeiinspektor und
mute den Einwohnern ein gutes Beispiel geben; wie freute sich mein
Herz ber diese Reinlichkeit! Ich konnte dort fester auftreten, ich
konnte mit dem rechten Bein, wenn ich mein Kompliment machte, zierlich
ausschweifen, ohne mich zu beschmutzen. Mein Engel schaute huldreich
herab, freudig ziehe ich den Hut von dem schnfrisierten Toupet,
schwenke ihn in einem khnen Bogen und--o Unglck--er entwischt meiner
Hand, er fhrt wie ein Pfeil in den aufgeschichteten Unrat, da nur
noch die Spitze hervorsieht.

Wie schn sagt Schiller:

  Einen Blick
  Nach dem Grabe
  Seiner Habe
  Sendet noch der Mensch zurck.'

So stand ich wie niedergedonnert an dem Unrat. Sollte ich in
zierlicher Stellung mit den Fingerspitzen den Hut herausziehen? Aber
dann war zu befrchten, da er ganz ruiniert sei; sollte ich vllig
_chapeau bas_ weiter ziehen, wie einer, der ohne Hut dem Galgen
oder dem Tollhaus entsprungen?

Wie ein silbernes Feuerglckchen schlgt jetzt das lustige Lachen
meiner Dulzinea an mein Ohr; brummend wie die schweren Totenglocken,
das Grabgelute meiner Hoffnung, antworten zehn Bsse aus dem
gegenberstehenden Kaffeehaus; Husarenleutnants, Schreiber, Kaufleute
brllen aus den aufgerissenen Fenstern, und Hussa, Sultan, such'
verloren!' tnt die Stimme meines furchtbarsten Rivalen, des Grafen
Lobau. Eine englische Dogge von Menschenlnge strzt hervor, packt den
verlorenen Hut mit gebter Schnauze, rennt auf mich zu, stellt sich
auf die Hinterbeine, tappt mit seinen Pfoten auf meine Schultern und
prsentiert mir das triefende _corpus delicti_.

Was ich dir hier mit vielen Worten erzhlte, mein Bester, war das
Werk eines Augenblicks; wie angefroren war ich dagestanden, und erst
die Zudringlichkeit des hflichen Hundes gab mir meine Fassung wieder.
Wieherndes, jauchzendes Gelchter scholl aus dem Kaffeehause, und auch
bei i h r waren alle Fenster mit Lachern angefllt; und als ich, einen
zrtlichen Blick, den letzten, hinauflaufen lie, sah ich, wie sie das
battistene Schnupftuch in den Mund schob, um nicht vor Lachen zu
bersten. Da verlor ich von neuem die Fassung; wtend ergriff ich den
Hut und schlug ihn der Dogge ins Gesicht; aber die Bestie verstand
keinen Spa, sie packte mich, an dem zierlichen Busenstreifen, ich
lie ihr diese Spolien und machte mich eilends davon, durch dick und
dnn galoppierend; aber die Bestie folgte, und andere Hunde und
Gassenjungen strzten nach, und die schreckliche Jagd nahm erst ein
Ende, als ich atemlos in das Portal meines Gasthofes strzte.

Da es mit meiner Liebe aus war, kannst du denken, besonders, da ich
nachher erfuhr, die Kokette habe alle ihre Anbeter um diese Stunde in
das Kaffeehaus bestellt, um meine tgliche Fensterparade zu
bewundern!"

Ich bedauerte den Armen von Herzen; er aber griff ruhig nach seinem
Glas, trank und fuhr dann fort:

Kann dich versichern, so hundsfttisch ging es mir von jeher,
besonders aber in der neuen aufgeklrten Zeit, wo man so ungemein viel
auf das Schickliche hlt und verzweifeln mchte, wenn der
vortreffliche Reifrock der Etikette ein wenig unsanft berhrt wird.
Darum ist es mir bei einem Gastmahl immer hllenangst. Wird fette
Sauce umhergegeben, so sehe ich schon im Geiste, da ich damit zittern
und sie verschtten werde. Kommt dann der Bettel an mich, so bricht
mir der Angstschwei aus, die Sauciere klappert in meiner zitternden
Hand frchterlich, sie schwankt, ich fahre mit der andern Hand darnach
und--richtig, meine freundliche Nachbarin hat die ganze Bescherung auf
dem neuen Drap d'or oder Genuesischen Sammetkleid, da alles im
schnsten Fette schwimmt. Habe ich aber endlich eine solche
Fegefeuertour durchgemacht, ohne Sauce zu verschtten, ohne ein Glas
umzuwerfen, ohne einen Lffel fallen zu lassen, ohne dem Schohund auf
den Schwanz zu treten, ohne der Tochter des Hauses die grten
Sottisen zu sagen, wenn ich hflich und pikant sein will, so fat mich
irgend ein Unheil noch zum Schlu, da ich mit Schande abziehe wie
heute."

Nun," fragte ich, und was warf dich denn heute mitten ins Zimmer?"

Als der langweilige Mensch seine Erzhlung anhub, wie er ein paar
Pfaffen habe singen hren und wie er einem hbschen Mdchen
nachgelaufen sei--was man berall tun kann, ohne gerade in Rom zu
sein--da bermannte mich die Langeweile, die eines meiner Hauptbel
ist, und so setzte ich, um mich zu unterhalten, meinen Stuhl rckwrts
in Bewegung und schaukelte mich ganz angenehm. Auf einmal, ehe ich
mich dessen versah, schlug der Stuhl mit mir rckwrts ber, und ich
lag--"

Das habe ich leider gesehen, wie du lagst," sagte ich; aber wie kann
man nur in honetter Gesellschaft so ganz alle gute Sitte vergessen und
mit dem Stuhle schaukeln."

Sei jetzt ruhig und bringe mich nicht auf mit der verdammten
Geschichte; ich habe heute abend kein Glck gemacht, das ist alles.
_Bibamus, diabole!_"  sagte der alte Mensch, indem er selbst mit
tchtigem Beispiel voranging und dann schmunzelnd auf das dunkelrote
Glas wies: Der ist koscher, Herr Bruder, guter Burgunder, echter
Chambertin und wenigstens zwanzig Jahre alt. Du magst mich jetzt
auslachen oder nicht; aber ein gutes altes Weinchen vom Sdstamme ist
noch immer meine Leidenschaft, und ich behaupte, die Welt sieht jetzt
nur darum so schlecht aus, weil so viel Tee, Branntwein und Bier, aber
desto weniger Wein getrunken wird."

Du knntest recht haben, Jude!"

Wie stattlich," fuhr er im Eifer fort, wie stattlich nahmen sich
sonst die Wirtshuser aus. Breite, gedrungene, krftige Gestalten, den
dreispitzigen Hut ein wenig auf die Seite gesetzt, rote Gesichter,
feurige Augen, ins Bluliche spielende Nasen, honette Buche--so
traten sie, das hohe, mit Gold beschlagene Meerrohr in der Faust,
feierlich grend ins Zimmer. Wenn der Hut am Nagel hing, der Stock in
die Ecke gestellt war, schritt der Gast dem wohlbekannten Pltzchen
zu, das er seit Jahren sich zu eigen gemacht hatte und das oft nach
ihm getauft war. Der Wirt stellte mit einem Wohl bekomm's' die
Weinkanne vor den ehrsamen Trinker, die gewhnlichen Bechernachbarn
fanden sich zur bestimmten Stunde ein, man trank viel, man schwatzte
wenig und zog zur bestimmten Stunde wieder heim. So war es in den
guten alten Zeiten, wie die Menschen sagen, die nach Jahren rechnen,
so war es, und nur der Tod machte darin eine nderung. Jetzt hngen
sie alles an den Putz, machen Staat wie die Frsten und sitzen den
Wirten um zwei Groschen die Bnke ab. Lustiges, unstetes Gesindel
fhrt in den Wirtshusern umher, man wei nie mehr, neben wen man zu
sitzen kmmt, und das heien die Leute K o s m o p o l i t i s m u s.
Hchstens trifft man ein paar alte weingrne Gesichter von der echten
Sorte, aber dies Geschlecht ist beinahe ausgestorben!"

Schau nur dorthin," fiel ich ihm ein, du Prediger in der Wste, dort
sitzen ein paar Echte. Sieh nur das kleine Mnnlein dort in dem
braunen Rckchen, wie es so feurig die roten Augen ber die Flasche
hinrollen lt. Er scheint mir ein rechter Kenner, denn er trinkt den
Nierensteiner Kirchhofwein, den er vor sich hat, in ganz kleinen Zgen
und zerdrckt ihn ordentlich auf der Zunge, ehe er schluckt. Und dort
der groe dicke Mann mit der roten Nase, ist er nicht eine Figur aus
der alten Zeit? Nimmt er nicht das Glas in die ganze Faust, statt wie
die Heutigen den kleinen und den Goldfinger zierlich auszustrecken?
Ist er nicht schon an der vierten Flasche, seit wir hier sind, und
hast du nicht bemerkt, wie er immer die Pfropfen in die Tasche steckt,
um nachher zu zhlen, wie viele Flaschen er getrunken?"

Wahrhaftig, diese sind echt!" rief der begeisterte Jude, ich bin
jung gewesen und alt geworden, aber solcher gibt es nicht viele; la
uns zu ihnen uns setzen, _mi fratercule_!"

Wir hatten nicht fehl geraten. Jene Trinker waren von der echten
Sorte; denn schon seit zwanzig Jahren kamen sie alle Abende in das
nmliche Wirtshaus. Man kann sich denken, wie gerne wir uns an sie
anschlossen. Ich, weil ich solche Kuze liebe und aufsuche, der ewige
Jude aber, weil der Kontrast zwischen dem eleganten Tee und diesen
Trinkern in seinen Augen sehr zugunsten der letzteren ausfiel. Er
wurde so kordial, da er zu vergessen schien, da er mit ihren
Urvtern schon getrunken habe, da er vielleicht mit ihren spten
Enkeln wieder trinken werde.

Die alten Gesellen mochten jetzt ihre Ladung haben; denn sie wurden
freundlich und fingen an, zuerst leise vor sich hin zu brummen; dann
gestaltete sich dieses Brummen zu einer Melodie, und endlich sangen
sie mit heiserer Weinkehle ihre gewohnten Lieder. Auch den alten
Menschen fate diese Lust. Er dudelte die Melodien mit, und als sie
geendet hatten, fing auch er sein Lied an. Er sang:

Wer seines Leibes Alter zhlet
    Nach Nchten, die er froh durchwacht,
  Wer, ob ihm auch der Taler fehlet,
    Sich um den Groschen lustig macht,
  Der findet in uns seine Leute,
    Der sei uns brderlich gegrt,
  Weil ihn, wie uns, der Gott der Freude
    In seine sanften Arme schliet.

Wenn von dem Tanze sanft gewieget,
    Von Fltentnen s berauscht,
  Fein Liebchen sich im Arme schmieget
    Und Blick um Liebesblick sich tauscht;
  Da haben wir im Flug genossen,
    Und schnell den Augenblick erhascht,
  Und Herz am Herzen festgeschlossen
    Der Lippen sen Gru genascht.

Den Wein kannst du mit Gold bezahlen,
    Doch ist sein Feuer bald verraucht,
  Wenn nicht der Gott in seine Strahlen,
    In seine Geisterglut dich taucht;
  Uns, die wir seine Hymnen singen,
    Uns leuchtet seine Flamme vor,
  Und auf der Tne freien Schwingen
    Steigt unser Geist zum Geist empor.

Drum, die ihr frohe Freundesworte
    Zum wrdigen Gesang erhebt,
  Euch gr' ich, wogende Akkorde,
    Da ihr zu uns herniederschwebt!
Sie tauchen auf--sie schweben nieder,
    Im Vollton rauschet der Gesang,
  Und lieblich hallt in unsre Lieder
    Der vollen Glser Feierklang.

So haben's immer wir gehalten
    Und bleiben frder auch dabei,
  Und mag die Welt um uns veralten,
    Wir bleiben ewig jung und neu:
  Denn wird einmal der Geist uns trbe,
    Wir haben ihn im alten Wein,
  Und ziehen mit Gesang und Liebe
    In unsern Freudenhimmel ein."

Ob dies des ewigen Juden eigene Poesie war, kann ich nicht bestimmt
sagen, doch lie er mich zuzeiten merken, da er auch etwas Poet sei;
die zwei alten Weingeister waren ganz erfllt und erbaut davon; sie
drckten dem a l t e n  M e n s c h e n die Hand und gebrdeten sich,
als htte er ihnen die ewige Seligkeit verkndigt.

Es schlug auf den Uhren drei Viertel vor zwlf. Der ewige Jude sah
mich an und brach auf; ich folgte. Rhrend war der Abschied zwischen
uns und den Trinkern, und noch auf der Strae hrten wir ihre
heiseren Stimmen in wunderlichen Tnen singen:

  Und wird einmal der Geist uns trbe,
    Wir baden ihn im alten Wein,
  Und ziehen mit Gesang und Liebe
    In unsern Freudenhimmel ein."

       *       *       *       *       *




SATANS BESUCH BEI HERRN VON GOETHE

nebst

einigen einleitenden Bemerkungen
ber das Diabolische in der deutschen Literatur.

  Von Zeit zu Zeit seh' ich den Alten gern
  Und hte mich, mit ihm zu brechen,
  Es ist gar hbsch von einem groen Herrn,
  So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen."
                                       Goethe.




SECHZEHNTES KAPITEL.

Bemerkungen ber das Diabolische in der deutschen Literatur.


Die Idee eines Teufels ist so alt als die Welt und nicht erst durch
die Bibel unter die Menschen gekommen. Jede Religion hat ihre Dmonen
und bsen Geister,--natrlich weil die Menschen selbst von Anfang an
gesndigt haben und nach ihrem gewhnlichen Anthropomorphismus das
Bse, das sie sahen, einem Geiste zuschrieben, dessen Geschft es sei,
berall Unheil anzurichten."--So wrde ich ungefhr sprechen, wenn
ich es bis zum Professor der Philosophie gebracht htte und nun ber
die I d e e  e i n e s  T e u f e l s  mich breit machen mte.

In meiner Stellung aber frbe ich ber solche Demonstrationen, die
gewhnlich darauf auslaufen, da man mich mit zehnerlei Grnden hinweg
zu disputieren sucht; ich lache darber und behaupte, die Menschen, so
dumm sie hie und da sein mgen, merken doch bald, wenn es nicht g a n
z  g e h e u e r  u m  s i e  h e r ist, und mgen sie mich nun Ariman
oder das bse Prinzip, Satan oder Herr Urian nennen, sie kennen mich
in allen Vlkern und Sprachen. Es ist doch eine schne Sache um das
_dicier hic est_," darum behagt mir auch die deutsche Literatur
so sehr. Haben sich nicht die grten Geister dieser Nation bemht,
mich zu verherrlichen und, wenn ich's nicht schon wre, mich ewig zu
machen?

In meiner _Dissertatio de rebus diabolicis_ sage ich unter anderem
hierber folgendes:  8.  D i e  I d e e,  d a s  m o r a l i s c h e
V e r d e r b e n  i n  e i n e r  P e r s o n  d a r z u s t e l l e n,
m u  t e  s i c h  d a h e r  d e n  D i c h t e r n  h a l b
a u f d r  n g e n; diese waren, wie es in Deutschland meistens der
Fall war, philosophisch gebildet, doch war ihre Philosophie wie ihre
Moral von jener breiten, dicken Sorte, die nicht mit Leichtigkeit ber
Gegenstnde hinzugleiten wei; daher kam es, da auch die Gebilde
ihrer Phantasie jenes philosophische Blei an den Fen trugen, das sie
nicht mit Gewandtheit auftreten lie; sie stolperten auf die Bhne und
von der Bhne, machten sich breit in Philosophemen, die der Zehnte
nicht sogleich verstand, und drehten und wandten sich, als sollten sie
auf einer engen Brcke ohne Gelnder in Reifrcken einander
ausweichen.

Daher kam es, da auch die Teufel dieser Poeten gnzlich verzeichnet
waren. Betrachten wir z. B. Klingers Satan. Wie vielen Bombast hat
dieser arme Teufel zuerst in der Hlle und dann auf der Erde
herzuleiern!

Klingemanns Teufel! Glaubt man nicht, er habe ihn nur geschwind aus
dem Puppenspiel von der Strae geholt, ihm die Glieder ausgereckt, bis
er die rechte Gre hatte, und ihn dann in die Szene gesetzt? Man
begreift nicht, wie ein Mensch sich von einem solchen Ungetm sollte
verfhren lassen."

Es gibt noch mehrere solcher literarischen Ungetme, die hier
aufzufhren der Raum nicht erlaubt. Sie alle haben mir von jeher viel
Spa gemacht, und ich kam mir oft vor, wie der Policinello des
italienischen Lustspiels; ich war bei diesen Leuten eine stehende
Figur, die, wenn auch etwas anders aufgeputzt, doch immer wieder die
Hrner herausstreckte, und unter welche man zu besserer Kenntnis ein
_Ecce homo_, sehet, das ist der Teufel, schrieb.

Doch auch dem Teufel mu man Gerechtigkeit widerfahren lassen, sagt
ein altes Sprichwort, folglich mu der Teufel zur Revanche auch wieder
gerecht sein. Ein jeder gibt, wie er's kann," fuhr ich in der
Dissertation fort, und wie sich in jenen Poeten das moralische
Verderben bei jedem wieder in andern Reflexen abspiegelte, so gaben
auch sie ihre Teufel. Daher kommt es, da Herr Urian bei Klopstock
wieder bei weitem anders aussieht.

Jener Abadonna ist ein gefallener Engel, dem das hllische Feuer die
Flgel versengte, der sich aber auch jetzt noch nobel und wrdig
ausnehmen soll. Aber leider ist dieser Zweck doch ein wenig verfehlt;
mir wenigstens kommt dieser Klopstocksche Gottseibeiuns vor wie ein
Elegant, der, wegen Unarten aus den Salons verwiesen, sich in den
Tabagien und spiebrgerlichen Klubs nicht recht zu finden wei und
darum unanstndig jammert."

So ungefhr sprach ich mich in jener gelehrten Dissertation aus, und
ich gebe noch heute zu, da die Auffassung wie jeder Idee, so auch der
des Teufels, sich nach den individuellen Ansichten des Dichters ber
das Bse richten mu; dies alles aber entschuldigt keineswegs jenen
berhmten Mann, der kraft seines umfassenden Genies, nicht den engen
Grenzen seines Vaterlandes oder der Spanne Zeit, in welcher er lebt,
sondern der Erde und knftigen Jahrhunderten angehren knnte, es
entschuldigt ihn nicht darin, da er einen so schlechten Teufel zur
Welt gebracht hat.

Der G o e t h e s c h e  M e p h i s t o p h e l e s ist eigentlich
nichts anderes, als jener gehrnte und geschwnzte Popanz des Volkes.
Den Schweif hat er aufgerollt und in die Hosen gesteckt, fr die
Bocksfe hat er elegante Stiefel angezogen, die Hrner hat er unter
dem Barett verborgen--siehe da den Teufel des groen Dichters! Man
wird mir einwenden: Das gerade ist ja die groe Kunst des Mannes, da
er tausend Fden zu spinnen wei, durch die er seine khnen Gedanken,
seine hohen, berschwenglichen Ideen an das Volksleben, an die
Volkspoesie knpft."--Halt, Freund! Ist es eines Mannes, der, wie
sie sagen, so hoch ber seinem Gegenstand steht und sich nie von ihm
beherrschen lt, ist es eines solchen Dichters wrdig, da er sich in
diese Fesseln der Popularitt schmiegt? Sollte nicht der knigliche
Adler dieses Volk bei seinem populren Schopf fassen und mit sich in
seine Sonnenhhe tragen?"

Verzeihe, Wertester," erhalte ich zur Antwort, du vergissest, da
unter diesem Volke mancher eine Percke trgt; wrde ein solcher nicht
in Gefahr sein, da ihm der Zopf breche und er aus halber Hhe wieder
zur Erde strze? Siehe! der Meister hat dies besser bedacht; er hat
aus jenen tausend Fden, von welchen ich dir sagte, eine Strickleiter,
geflochten, auf welcher seine Jnger suberlich und ohne Gefahr zu ihm
hinaufklimmen. Der Meister aber setzet sie zu sich in seine Arche,
gleich Noah schwebt er mit ihnen ber der Sndflut jetziger Zeit und
schaut ruhig wie ein Gott in den Regen hinaus, der aus den Federn der
kleinen Poeten strmt."

Ein wsseriges Bild!" entgegne ich, und zugleich eine Sottise.
Befand sich denn in jener Arche nicht mehr Vieh als Menschen? Und will
der Meister warten, bis die Flut sich verlaufe und dann seine
Stierlein und seine Eselein, seine Pfauen und Kamele Paar und Paar auf
die Erde spazieren lassen?

Will er vielleicht, wie jener Patriarch, die Erfindung des Weines
sich zuschreiben, sich ein Patent darber ausstellen lassen und ber
seine Schenke schreiben: Hier allein ist Echter zu haben,' wie Maria
Farina auf sein Klnisches Wasser, so fr alle Schden gut ist?"

Aber, um wieder auf den Mephistopheles zu kommen, gerade dadurch, da
er einen so beraus populren und gemeinen Teufel gab, hat Goethe
offenbar nichts fr die Wrde seines schnsten Gedichtes gewonnen. Er
wird zwar viele Leser herbeiziehen, dieser Mephisto, viele Tausende
werden ausrufen: Wie herrlich! Das ist der Teufel, wie er leibt und
lebt." Um die brigen Schnheiten des Gedichtes bekmmern sie sich
sehr wenig; sie sind vergngt, da es endlich einmal eine Figur in der
Literatur gibt, die ihrer Sphre angemessen ist.

Aber erkennst du denn nicht," wird man mir sagen, erkennst du nicht
die herrliche, tiefe Ironie, die gerade in diesem Mephistopheles
liegt?"

Ironie? Und welche? Ich sehe nichts in diesem meinem Konterfei als den
gemeinen Ritter von dem Pferdefu, wie er in jeder Spinnstube
beschrieben wird. Man erlaube mir, dieses Bild noch nher zu
beleuchten. Ich werde nmlich vorgestellt als ein Geist, der
beschworen werden kann, der sich nach magischen Gesetzen richten mu:

  Gesteh' ich's nur, da ich hinausspaziere,
  Verbietet mir ein kleines Hindernis,
  Der Drudenfu auf Eurer Schwelle;"

und dieser Schwelle Zauber zu zerspalten,

  Bedarf ich eines Rattenzahns;"

daher befiehlt

  Der Herr der Ratten und der Muse,
  Der Fliegen, Frsche, Wanzen, Luse"

in einer Zauberformel seinem dienstbaren Ungeziefer die Kante, welche
ihn bannt, zu benagen. Auch kann ich nicht in das Studierzimmer
treten, ohne da der Doktor Faust dreimal Herein!" ruft. In andere
Zimmer, wie z. B. bei Frau Martha und in Gretchens Stbchen trete ich
ohne diese Erlaubnis. Doch den Schlssel zu diesen sonderbaren
Zumutungen finden wir vielleicht in dem Vers:

  Gewhnlich glaubt, der Mensch, wenn er nur Worte hrt,
  Es msse sich dabei auch etwas denken lassen!"

Doch weiter.

Ich stehe auf einem ganz besonderen Fu mit den Hexen. Die in der
Hexenkche htte mich gewi liebevoller empfangen; aber sie sah keinen
Pferdefu, und um mich bei ihr durch mein Wappen zu legitimieren,
mache ich eine unanstndige Gebrde:

  Mein Freund, das lerne wohl verstehen,
  Das ist die Art, mit Hexen umzugehen.

Auf dem Brocken in der Walpurgisnacht bin ich noch viel besser
bekannt. Das Gehen behagt mir nicht, ich sage daher zum Doktor:

  Verlangst du nicht nach einem Besenstiele?
  Ich wnschte mir den allerderbsten Bock."

Auch hier

  Zeichnet mich kein Knieband aus,
  Doch ist der Pferdefu hier ehrenvoll zu Haus."

Um unter diesem, gemeinen Gelichter mich recht zu zeigen, tanze ich
mit einer alten Hexe und unterhalte mich mit ihr in Zoten, die man nur
durch Gedankenstriche

      Der, hatt' ein-----
  So--es war, gefiel mir's doch"

anzudeuten wagt.

Ich bin selbst in Fausts Augen ein widerwrtiger, hmischer Geselle,
der

       --------kalt und frech
  Ihn vor sich selbst erniedrigt."--

Ich bin ohne Zweifel von hlicher, unangenehmer Gestalt und Gesicht,
was man, mit mildem Ausdruck markiert, intrigant, und im gemeinen
Leben einen abgefeimten Spitzbuben zu nennen pflegt.

Daher sagt Gretchen von mir:

  Der Mensch, den du da bei dir hast,
  Ist mir in tiefer innrer Seel' verhat.
  Es hat mir in meinem Leben
  So nichts einen Stich ins Herz gegeben
  Als des Menschen widrig Gesicht.--
  Seine Gegenwart bewegt mir das Blut,
  Ich hab' vor dem Menschen ein heimlich Grauen.--
  --Kommt er einmal zur Tr herein,
  Sieht er immer so spttisch drein
  Und halb ergrimmt.--
  Es steht ihm an der Stirn geschrieben,
  Da er nicht mag eine Seele lieben" &c.

Daher sage ich auch naher:

  Und die Physiognomie versteht sie meisterlich,
  In meiner Gegenwart wird ihr, sie wei nicht wie;
  Mein M  s k c h e n da weissagt verborgnen Sinn,
  Sie fhlt, da ich ganz sicher ein Genie,
   Vielleicht wohl gar der Teufel bin."

Soll dies bei Gretchen Ahnung sein? Ist sie befangen in der Nhe eines
Wesens, das, wie man sagt, ihren Gott verleugnet? Ist es etwa ein
unangenehmer Geruch, eine schwle Luft, die ihr meine Nhe ngstlich
macht? Ist es kindlicher Sinn, der den Teufel frher ahnet als der
schon gefallene Mensch, wie Hunde und Pferde vor nchtlichem Spuk
scheuen, wenn sie ihn auch nicht sehen? Nein--es ist nur allein mein
Gesicht, das sie ngstlich macht, so ngstlich, da sie sagt:

  --Wo er nur mag zu uns treten,
  Mein' ich sogar, ich liebte dich nicht mehr."--

Wozu nun dies? Warum soll der Teufel ein Gesicht schneiden, das
jedermann Mitrauen einflt, das zurckschreckt, statt da die Snde,
nach den gewhnlichen Begriffen, sich lockend, reizend sehen lt.

Wer hat nicht die herrlichen Umrisse ber Goethes Faust von dem
genialen Retsch gesehen! Gewi, selbst der Teufel mu an einem solchen
Kunstwerk Freude haben. Ein paar Striche, ein paar Pnktchen bilden
das liebliche, sinnige Gesicht des kindlichen, keuschen Gretchens,
Faust in der vollendeten Blte des Mannes steht neben ihr; welche
Wrde noch in dem gefallenen Gttersohn!

Aber der Maler folgt der Idee des Dichters, und siehe, ein Scheusal in
Menschengestalt steht neben jenen lieblichen Bildern.

Die unangenehmen Formen des drren Krpers, das ausgedorrte Gesicht,
die hliche Nase, die tiefliegenden Augen, die verzerrten Mundwinkel--
hinweg von diesem Bild, das mich schon so oft gergert hat. [Funote:
Man erlaube mir hier eine kleine Anmerkung. Wenn ich nicht irre, so
ertappt man hier den Satan auf einer grern Eitelkeit, als man ihm
fast zutrauen sollte; gewi hat ihn nichts anderes gegen jenen
verehrten Dichter aufgebracht, als da er ihn mit etwas lebhaften
Farben als hlich darstellt; diese Bemerkung wird um so
wahrscheinlicher, wenn man sich erinnert, da er oben in dem zweiten
Abschnitt selbst gesteht, da durch seine Inkarnation einige Eitelkeit
in ihn gefahren sei; Meister Urian gibt sich brigens durch den
bertriebenen Eifer, mit welchem er seine Migestalt rgt, eine Ble,
die ihm nicht htte beigehen sollen.].

Und warum diese hliche Gestalt? frage ich noch einmal. Darum,
antworte ich, weil Goethe, der so hoch ber seinem Werk schwebende
Dichter, seinen Satan anthropomorphosiert; um den gefallenen E n g e l
wrdig genug darzustellen, kleidet er ihn in die Gestalt eines tief
gefallenen M e n s c h e n. Die Snde hat seinen Krper hlich,
mager, unangenehm gemacht. In seinem Gesicht haben alle Leidenschaften
gewhlt und es zur Fratze entstellt; aus dem hohlen Auge sprht die
grnliche Flamme des Neides, der Gier; der Mund ist widrig, hmisch
wie der eines Elenden, der alles Schne der Erde schon gekostet hat
und jetzt aus bersttigung den Mund darber rmpft; der Unschuld ist
es nicht wohl in seiner befleckenden Nhe, weil ihr vor diesen Zgen
schaudert.

So hat der Dichter, weil er einen schlechten Menschen vor Augen hatte,
einen schlechten Teufel gemalt.

Oder steht etwa in der Mythologie des Herrn von Goethe, der Teufel
knne nun einmal nicht anders aussehen, er k  n n e sein Gesicht,
seine Gestalt nicht v e r w a n d e l n? Nein, man lese:

  Auch die Kultur, die alle Welt beleckt,
  Hat auf den Teufel sich erstreckt;
  Das nordische Phantom ist nun nicht mehr zu schauen,
  Wo siehst du Hrner, Schweif und Klauen?

  Du nennst mich Herr Baron, so ist die Sache gut,
  Ich bin ein Kavalier wie andre Kavaliere."

Und an einem andern Ort lt er mich mein Gesicht ein Mskchen"
nennen; folglich kann er sich eine Maske geben, kann sich verwandeln;
aber, wie gesagt, der Dichter hat sich begngt, das n o r d i s c h e
P h a n t o m dennoch beizubehalten, nur da er mich von H  r n e r
n, S c h w e i f  u n d  K l a u e n" dispensiert.

Dies ist das Bild des Mephistopheles, dies ist Goethes Teufel, jenes
nordische Phantom soll mich vorstellen. Darf nun ein vom Dichter so
hochgestellter Mensch durch eine so niedrige Kreatur, die sich schon
durch ihre Maske verdchtig macht, ins Verderben gefhrt werden? Darf
jener groe Geist, der noch in seinem Falle die brigen hoch berragt,
darf er durch einen gewhnlichen Bruder Liederlich", als welchen
sich Mephisto ausweist, herabgezogen werden? Und--mu nicht d i e s e
Maske der Wrde jener Tragdie Eintrag tun?

Doch ich schweige. An geschehenen Dingen ist nichts zu ndern, und
meine verehrte Gromutter wrde ber diesen Gegenstand zu mir sagen:
Shnchen! Diabole! Bedenke, da ein groer Dichter ein groes
Publikum haben und um ein groes Publikum zu bekommen, so populr als
mglich sein mu."

       *       *       *       *       *




SIEBZEHNTES KAPITEL.

Der Besuch.


Bei diesem allen bleibt Faust ein erhabenes Gedicht und G o e t h e
einer der ersten Geister seiner Zeit, und man darf sich daher nicht
wundern, da ich ein groes Verlangen in mir fhlte, diesen Mann
einmal zu sehen. Ich htte ihm einen unerwarteten Besuch machen
knnen; ja, wenn ich oft recht rgerlich ber mein Zerrbild war, stand
ich auf dem Sprung, ihm einmal im Kostm des Mephistopheles
nchtlicherweile zu erscheinen, um ihm einigen Schrecken in die
Glieder zu jagen; aber eine gewisse Gutmtigkeit, die man zuweilen an
mir gefunden hat, hielt mich immer wieder ab, dem alten Mann eine
schlaflose Nacht zu machen.

Ich entschlo mich daher, als _Doctor legens_, ein ehrsamer Titel
auf Reisen, ihn zu besuchen, und als solcher kam ich in Weimar an. Es
ist mit berhmten Leuten wie mit einem fremden Tiere. Kommt ein
ehrlicher Pchter mit seiner Familie in die Stadt auf den Jahrmarkt,
so ist sein erstes, da er in der Schenke den Hausknecht fragt: Wann
kann man den Lwen sehen, Bursche?" Mein Herr," antwortet der
Gefragte, die Affen und der Seehund sind den ganzen Tag zu haben, der
Lwe aber ist am besten aufgelegt, wenn er das Futter im Leibe hat;
daher rate ich, um jene Zeit hinzugehen."

Gerade so erging es mir in Weimar. Ich fuhr von Jena aus mit einem
jungen Amerikaner hinber. Auch in sein Vaterland war des Dichters
Ruhm schon lngst gedrungen, und er machte auf der groen Tour durch
Europa dem berhmten Manne zu Ehren schon einen Umweg von zwanzig
Meilen. In dem Gasthof, wo wir abgestiegen waren, fragten wir
sogleich, um welche Zeit wir bei Herrn von Goethe vorkommen knnten?
Wir waren in Reisekleidern, die besonders bei meinem Gefhrten etwas
unscheinbar geworden waren. Der Wirt musterte uns daher mit
mitrauischen Blicken und fragte, ehe er noch unsere Frage
beantwortete, ob wir auch Frcke bei uns htten.

Wir waren glcklicherweise beide damit versehen, und unser Wirt
versprach, uns sogleich anmelden zu lassen. Sie werden wahrscheinlich
nach dem Diner, um fnf Uhr, angenommen werden. Um diese Zeit sind
Seine Exzellenz am besten ja sprechen. Zweifle auch gar nicht, da Sie
angenommen werden, denn wenn man, wie der Herr hier, eigens deswegen
aus Amerika nach Weimar kommt, wre es doch unbarmherzig, einen
ungesehen wieder fortzuschicken."

Dieser Patriotismus ging wahrhaftig sehr weit. Doch wir lieen den
guten Mann in dem Glauben, der junge Philadelphier komme _recta_
nach Weimar und gehe von da wieder heim. brigens hatte er richtig
prophezeit: _Doctor legens_ Supfer, wie ich mich nannte, und
Forthill aus Amerika waren auf fnf Uhr bestellt.

Endlich schlug die Stunde, wir machten uns auf den Weg. Der Dichter
wohnt sehr schn. Eine sanfte, geschmackvolle, mit Statuen dekorierte
Treppe fhrt zu ihm. Eine tiefe, geheimnisvolle Stille lag auf dem
Hausgang, den wir betraten. Schweigend fhrte uns der Diener in das
Besuchszimmer. Behagliche Eleganz, Zierlichkeit und Feinheit,
verbunden mit Wrde, zeichneten dieses Zimmer aus. Mein junger
Gefhrte betrachtete staunend diese Wnde, diese Bilder, diese
Meubles. So hatte er sich wohl das S t  b c h e n  d e s  D i c h t e
r s nicht vorgestellt. Mit der Bewunderung dieser Umgebungen schien
auch die Angst vor der Gre des Erwarteten zu steigen. Alle Nancen
von Rot wechselten auf seinem angenehmen Gesicht. Sein Herz pochte
hrbar, sein Auge war starr an die Tre geheftet, durch welche der
Gefeierte eintreten mute.

Ich hatte indes Mue genug, ber den groen Mann nachzudenken. Wieviel
weiter, sagte ich mir, wie unendlich weiter helfen dem Sterblichen
Gaben des Geistes als der zufllige Glanz der Geburt.

Der Sohn eines unscheinbaren Brgers von Frankfurt hat hier die
hchste Stufe erreicht, die dem Menschen nach dem gewhnlichen Laufe
der Dinge offen steht. Es hat schon mancher diese Stufe erstiegen.
Geschftsmnner vom Fach haben vom bescheidenen Pltzchen an der Tre
alle Sitze ihrer Kollegien durchlaufen, bis endlich der Stuhl, der
zunchst am Throne steht, sie in seine Arme aufnahm. Mancher hat sich
auf dem Schlachtfeld das Portefeuille erkmpft--Goethe hat sich seine
eigene Bahn gebrochen, auf welcher ihm keiner voranging, ihm noch
keiner gefolgt ist. Er hat bewiesen, da der Mensch k a n n, was er
will. Denn man sage mir nichts von einem das All umfassenden Genie,
von einem Geiste, der sein Zeitalter gebildet, es stufenweise zu dem
Hheren gefhrt habe--das Zeitalter hat i h n gebildet.

Ich kann mir noch wohl denken, welch heilloses Leben Werther" in dem
lieben Deutschland machte. Die Lotten schienen wie durch einen
Zauberschlag aus dem Boden zu wachsen. Die Zahl der Werther war
Legion. Aber was war hierin Goethes Verdienst? Hatte es wirklich nur
daran gefehlt, da er das Hrnchen an den Mund setzte, und bei dem
ersten Ton, den er angab, muten Pfaffe und Laie, Nnnchen und Dmchen
in wunderlichen Kapriolen ihren Sankt-Veitstanz beginnen? Wie heit
dieses groe schpferische Geheimnis? A l l e s  z u r  r e c h t e n
Z e i t. Der Siegwart" hatte die harten Herzen abgetaut und sie fr
allen mglichen Jammer, fr Mondschein und Grber empfnglich gemacht,
da kommt Goethe--

Die Tre ging auf,--er kam.

Dreimal bckten wir uns tief--und wagten es dann, an ihm hinauf zu
blinzeln. Ein schner, stattlicher Greis! Augen so klar und helle wie
die eines Jnglings, die Stirn voll Hoheit, der Mund voll Wrde und
Anmut. Er war angetan mit einem feinen, schwarzen Kleid, und aus
seiner Brust glnzte ein schner Stern.--Doch er lie uns nicht lange
Zeit zu solchen Betrachtungen. Mit der feinen Wendung eines
Weltmannes, der tglich so viele Bewunderer bei sich sieht, lud er uns
zum Sitzen ein.

Was war ich doch fr ein Esel gewesen, in dieser so gewhnlichen Maske
zu ihm zu gehen! _Doctores legentes_ mochte er schon viele
Hunderte gesehen haben. Amerikaner, die, wie unser Wirt meinte, ihm
zulieb auf die See gingen, gewi wenige. Daher kam es auch, da er
sich meist mit meinem Gefhrten unterhielt. Htte ich mich doch fr
einen gelehrten Irokesen oder einen schnen Geist vom Mississippi
ausgegeben! Htte ich ihm nicht Wunderdinge erzhlen knnen, wie sein
Ruhm bis jenseits des Ohio gedrungen, wie man in den Cabanen von
Louisiana ber ihn und seinen Wilhelm Meister" sich unterhalte?--So
wurden mir einige unbedeutende Floskeln zuteil, und mein glcklicherer
Gefhrte durfte den groen Mann unterhalten.

Wie falsch sind aber oft die Begriffe, die man sich von der
Unterhaltung mit einem groen Manne macht! Ist er als witziger Kopf
bekannt, so whnt man, wenn man ihn zum erstenmal besucht, einer Art
von Elektrisiermaschine zu nahen. Man schmeichelt ihm, man glaubt, er
msse dann Witzfunken von sich strahlen, wie die schwarzen Katzen,
wenn man ihnen bei Nacht den Rcken streichelt. Ist er ein
Romandichter, so spitzt man sich auf eine interessante Novelle, die
der Berhmte zur Unterhaltung nur geschwind aus dem rmel schtteln
werde. Ist er gar ein Dramatiker, so teilt er uns vielleicht
freundschaftlich den Plan zu einem neuen Trauerspiel mit, den wir dann
ganz warm unsern Bekannten wieder vorsetzen knnen. Ist er nun gar ein
umfassender Kopf wie Goethe, einer, der so zu sagen in allen Stteln
gerecht ist--wie interessant, wie belehrend mu die Unterhaltung
werden! Wie sehr mu man sich aber auch zusammennehmen, um ihm zu
gengen!

Der Amerikaner dachte auch so, ehe er neben Goethe sa. Sein Ich fuhr,
wie das des guten Walt, ehe er zum Flitte kam [Funote: Jean Pauls
Flegeljahre], ngstlich oben in allen vier Gehirnkammern und darauf
unten in beiden Herzkammern wie eine Maus umher, um darin ein
schmackhaftes Ideenkrnchen aufzutreiben, das er ihm zutragen und
vorlegen knnte zum Imbi. Er blickte angstvoll auf die Lippen des
Dichters, damit ihm kein Wrtchen entfalle, wie der Kandidat auf den
strengen Examinator; er knickte seinen Hut zusammen und zerpflckte
einen glacierten Handschuh in kleine Stcke. Aber welcher Zentnerstein
mochte ihm vom Herz fallen, als der Dichter aus seinen Hhen zu ihm
herabstieg und mit ihm sprach wie Hans und Kunz in der Kneipe. Er
sprach nmlich mit ihm vom guten Wetter in Amerika, und indem er ber
das Verhltnis der Winde zu der Luft, der Dnste des wasserreichen
Amerikas zu denen in unserem alten Europa sich verbreitete, zeigte er
uns, da das All der Wissenschaft in ihm aufgegangen sei; denn er war
nicht nur lyrischer und epischer Dichter, Romanist und Novellist,
Lustspiel= und Trauerspieldichter, Biograph (sein eigener) und
bersetzer--nein, er war auch sogar Meteorolog!

Wer darf sich rhmen, so tief in das geheimnisvolle Reich des Wissens
eingedrungen zu sein? Wer kann von sich sagen, da er mit jedem seine
Sprache, d. h. nicht seinen vaterlndischen Dialekt, sondern das, was
ihm gerade gelufig und wert sein mchte, sprechen knne! Ich glaube,
wenn ich mich als reisender Koch bei ihm aufgefhrt htte, er htte
sich mit mir in gelehrte Diskussionen ber die geheimnisvolle
Komposition einer Gnseleberpastete eingelassen oder nach einer
Sekundenuhr berechnet, wie lange man ein Beefsteak auf jeder Seite
schmoren msse.

Also ber das schne Wetter in Amerika sprachen wir, und siehe--das
Armesndergesicht des Amerikaners hellte sich auf, die Schleusen
seiner Beredsamkeit ffneten sich--er beschrieb den feinen, weichen
Regen von Kanada, er lie die Frhlingsstrme von New York brausen und
pries die Regenschirmfabrik in der Franklinstrae zu Philadelphia. Es
war mir am Ende, als wre ich gar nicht bei Goethe, sondern in einem
Wirtshause unter guten alten Gesellen, und es wrde bei einer Flasche
Bier ber das Wetter gesprochen, so menschlich, so kordial war unser
Diskurs; aber das ist ja gerade das groe Geheimnis der Konversation,
da man sich angewhnt--nicht gut zu s p r e c h e n, sondern gut zu h
 r e n. Wenn man dem weniger Gebildeten Zeit und Raum gibt zu
sprechen, wenn man dabei ein Gesicht macht, als lausche man aufmerksam
auf seine Honigworte, so wird er nachher mit Enthusiasmus verknden,
da man sich bei dem und dem kstlich unterhalte.

Dies wute der vielerfahrene Dichter, und statt uns von seinem
Reichtum ein Scherflein abzugeben, zog er es vor, mit uns
Witterungsbeobachtungen anzustellen.

Nachdem wir ihn hinlnglich ennuyiert haben mochten, gab er das
Zeichen zum Aufstehen, die Sthle wurden gerckt, die Hte genommen
und wir schickten uns an, unsere Abschiedskomplimente zu machen. Der
gute Mann ahnte nicht, da er den Teufel zitiere, als er gromtig
wnschte, mich auch ferner bei sich zu sehen, ich sagte ihm zu und
werde es seiner Zeit schon noch halten; denn wahrhaftig, ich habe
seinen Mephistopheles noch nicht hinuntergeschluckt. Noch einen--zwei
Bcklinge, wir gingen.

Stumm und noch ganz stupid vor Bewunderung folgte mir der Amerikaner
nach dem Gasthof; die Rte des lebhaften Diskurses lag noch auf seiner
Wange, zuweilen schlich ein beiflliges Lcheln um seinen Mund, er
schien hchst zufrieden mit dem Besuch.

Auf unserem Zimmer angekommen, warf er sich heroisch auf einen Stuhl
und lie zwei Flaschen Champagner auftragen. Der Kork fuhr mit einem
Freudenschu an die Decke, der Amerikaner fllte zwei Glser, bot mir
das eine und stie an auf das Wohl jenes groen Dichters.

Ist es nicht etwas Erfreuliches," sagte er, zu finden, so
hocherhabene Mnner seien wie unsereiner? War mir doch angst und bange
vor einem Genie, das dreiig Bnde geschrieben; ich darf gestehen, bei
dem Sturm, der uns auf offener See erfate, war mir nicht so bange.
Und wie herablassend war er, wie vernnftig hat er mit uns diskuriert,
welche Freude hatte er an mir, wie ich aus dem neuen Lande kam!" Er
schenkte sich dabei fleiig ein und trank auf seine und des Dichters
Gesundheit, und von der erlebten Gnade und vom Schaumwein benebelt,
sank er endlich mit dem Entschlu, Amerikas Goethe zu werden, dem
Schlaf in die Arme.

Ich aber setzte mich zu dem Rest der Bouteillen. Dieser Wein ist von
allen Getrnken der Erde der, welcher mir am meisten behagt, sein
leichter, flchtiger Geist, der so wenig irdische Schwere mit sich
fhrt, macht ihn wrdig, von Geistern, wenn sie in menschlichen
Krpern die Erde besuchen, gekostet zu werden.

Ich mute lcheln, wenn ich auf den seligen Schlfer blickte; wie
leicht ist es doch fr einen groen Menschen, die andern Menschen
glcklich zu machen; er darf sich nur stellen, als wren sie ihm so
ziemlich gleich, und sie kommen beinahe vom Verstand.

Dies war mein Besuch bei Goethe, und wahrhaftig, ich bereute nicht,
bei ihm gewesen zu sein, denn

Von Zeit zu Zeit seh' ich den Alten gern
  Und hte mich, mit ihm zu brechen,
  Es ist gar hbsch von einem groen Herrn,
  So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen."

       *       *       *       *       *




DER FESTTAG IM FEGEFEUER.

Eine Skizze.

Das grte Glck der Geschichtschreiber
ist, da die Toten nicht gegen ihre Ansichten
protestieren knnen."
                         Welt und Zeit. I.




ACHTZEHNTES KAPITEL.

Beschreibung des Festes. Satan lernt drei merkwrdige Subjekte kennen.


Ich teile hier einen Abschnitt aus meinen Memoiren mit, welcher zwar
nicht mich selbst betrifft, den ich mir aber aufzeichnete, weil er mir
sehr interessant war und vielleicht auch andern nicht ohne einiges
Interesse sein mchte. Er fhrt die Aufschrift: D e r  F e s t t a g
i m  F e g e f e u e r" und kam durch folgende Veranlassung zu diesem
Titel. Es ist auf der Erde bei allen groen Herren und Potentaten
Sitte, ihre Freude und ihre Trauer recht laut und deutlich zu begehen.
Wenn ein aus frstlichem Blute stammender Leib dem Staube
wiedergegeben wird, haben die Kster im Lande schwere Arbeit; denn man
lutet viele Tage lang alle Glocken. Wird eine Prinzessin oder gar ein
Stammhalter geboren, so verkndet schrecklicher Kanonendonner diese
Nachricht. Landesvterliche oder landesmtterliche Geburtstage werden
mit allem mglichen Glanz begangen. Die Brgermilizen rcken aus, die
Honoratioren halten einen Schmaus, abends ist Ball oder doch
wenigstens in den Landstdtchen _bire dansante_. Kurz, alles
lebt _in dulci jubilo_ an solchen Tagen.

Um nun meiner guten G r o  m u t t e r eine Ehre zu erweisen, hielt
ich es auch schon seit mehreren Jahrhunderten so. Im Fegefeuer, wo sie
sich gewhnlich aufhlt, ist immer an diesem Tage allgemeine
Seelenfreiheit. Die Seelen bekommen diesen Tag ber den Krper, den
sie auf der Oberwelt hatten, ihre Kleider, ihre Gewohnheiten, ihre
Sitten. Was von Adel da ist, mu Deputationen zum Handku der Alten
schicken (_in pleno_ knnen sie nicht vorgelassen werden, weil
sonst die Prozession einige Tage lang dauerte). Ehemalige
Hofmarschlle, Kammerherren usw. haben den groen Dienst und schtzen
es sich zur Ehre, die Honneurs zu machen, die Festlichkeiten zu
leiten, die Touren bei den Bllen, welche abends gegeben werden, zu
arrangieren usw.

Ich erflle durch diese Festlichkeiten einen doppelten Zweck. Einmal
fhlt sich _chre Grande-Mama_ ungemein geschmeichelt durch diese
Aufmerksamkeit, zweitens gelte ich unter den Seelen fr einen honetten
Mann, der ihnen auch ein Vergngen gnnt, drittens macht dieser
einzige Tag, in Freude und alten Gewohnheiten zugebracht, da die
Seelen sich nachher um so unglcklicher fhlen, was ganz zu dem Zweck
einer solchen Anstalt, wie das Fegefeuer ist, pat.

An einem solchen Festtag gehe ich dann verkleidet durch die Menge.
Manchmal erkennt man mich zwar, ein tausendstimmiges Vivat der Herr
Teufel! _Vive le diable_!" erfreut dann mein landesvterliches
Herz; doch wei ich wohl, da es nicht weniger erzwungen ist als ein
H u r r a auf der Oberwelt; denn sie glauben, ich drcke sie noch mehr,
wenn sie n i c h t schreien.

In meinem Inkognito besuche ich dann die verschiedenen Gruppen.
_Tout comme chez vous_, meine Herren, nur etwas grotesker;
Kaffeegesellschaften, Tee von allen Sorten, diplomatische,
militrische, theologische, staatswirtschaftliche, medizinische Klubs
finden sich, wie durch natrlichen Instinkt zusammen, machen sich
einen guten Tag und fhren ergtzliche Gesprche, die, wenn ich sie
mitteilen wollte, auf manches Ereignis neuerer und lterer Zeit ein
hbsches Licht werfen wrden.

Einst trat ich in einen Saal des _Caf de Londres_ (denn,
nebenbei gesagt, es ist an diesem Tage alles auf groem Fu und hchst
elegant eingerichtet); ich traf dort nur drei junge Mnner, die aber
durch ihr ueres gleich meine Neugierde erweckten und mir, wenn sie
ins Gesprch miteinander kommen sollten, nicht wenig Unterhaltung zu
versprechen schienen. Ich verwandelte daher meinen Anzug in das Kostm
eines flinken Kellners und stellte mich in den Saal, um die
Herrschaften zu bedienen.

Zwei dieser jungen Leute beschftigten sich mit einer Partie Billard.
Ich markierte ihnen und betrachtete mir indes den dritten. Er war
nachlssig in einen gerumigen Fauteuil zurckgelehnt, seine Beine
ruhten auf einem vor ihm stehenden kleineren Stuhl, seine linke Hand
spielte nachlssig mit einer Reitgerte, sein rechter Arm untersttzte
das Kinn. Ein schner Kopf!

Das Gesicht lnglich und sehr bleich. Die Stirne hoch und frei, von
hellbraunen, wohlfrisierten Haaren umgeben, die Nase gebogen und
spitzig, wie aus weiem Wachs geformt, die Lippen dnn und angenehm
gezogen, das Auge blau und hell, aber gewhnlich kalt und ohne alles
Interesse langsam ber die Gegenstnde hingleitend. Dies alles und ein
feiner Hut, enger oben als unten, nachlssig auf ein Ohr gedrckt,
lieen mich einen Englnder vermuten. Sein sehr feines, blendend
weies Leinenzeug, die gewhlte, beraus einfache Kleidung konnte nur
einem Gentleman, und zwar aus den hchsten Stnden, gehren. Ich sah
in meiner Liste nach und fand, es sei Lord Robert Fotherhill. Er
winkte, indem ich ihn so betrachtete, mit den Augen, weil es ihm
wahrscheinlich zu unbequem war, zu rufen. Ich eilte zu ihm und stellte
auf seinen Befehl ein groes Glas Rum, eine Havannazigarre und eine
brennende Wachskerze vor ihn hin.

Die beiden anderen Herren hatten indes ihr Spiel beendigt und nahten
sich dem Tische, an welchem der Englnder sa; ich warf schnell einen
Blick in meine Liste und erfuhr, der eine sei ein junger Franzose,
Marquis de Lasulot, der andere ein Baron von Garnmacher, ein
Deutscher.

Der Franzose war ein kleines, untersetztes, gewandtes Mnnchen. Sein
schwarzes Haar und der dickgelockte, schwarze Backenbart standen sehr
hbsch zu einem etwas verbrannten Teint, hochroten Wangen und
beweglichen, freundlichen schwarzen Augen; um die vollen Lippen und
das wohlgenhrte Kinn zog sich jenes schne, unnachahmliche Blau,
welches den Damen so wohl gefallen soll und in England und Deutschland
bei weitem seltener als in sdlichen Lndern gefunden wird, weil hier
der Bartwuchs dunkler, dichter und auch frher zu sein pflegt als
dort.

Offenbar ein Incroyable von der Chaussee d'Antin! Das elegante
Neglig, wie es bis auf die geringste Kleinigkeit hinaus der
eigensinnige Geschmack der Pariser vor vier Monaten (so lange mochte
der junge Herr bereits verstorben sein) haben wollte. Von dem mit
zierlicher Nachlssigkeit umgebundenen ostindischen Halstuch, dem
kleinen blaroten Schal mit einer Nadel _ la Duc de Berry_
zusammengehalten, bis hinab auf die Gamaschen, die man damals seit
drei Tagen nach innen zuknpfte, bis auf die Schuhe, die, um als
modisch zu gelten, an den Spitzen nach der groen Zehe sich hinneigen
und ganz ohne Absatz sein muten, ich sage, bis auf jene
Kleinigkeiten, die einem Uneingeweihten geringfgig und miserabel,
einem, der in die Mysterien hinlnglich eingefhrt ist, wichtig und
unumgnglich notwendig erscheinen, war er gewissenhaft und nach den
neuesten Geschmack fr den Morgen angezogen.

Er schien soeben erst seinem Jean die Zgel seines Kabrioletts in die
Hand gedrckt, die Peitsche von geglttetem Fischbein kaum in die Ecke
des Wagens gelehnt zu haben und jetzt in mein Caf hereingeflogen zu
sein, mehr um gesehen zu werden, als zu sehen, mehr um zu schwatzen,
als zu hren.

Er lorgnettierte flchtig den Gentleman im Fauteuil, schien sich an
dem ungemeinen Rumglas und dem Rauchapparat, den jener vor sich hatte,
ein wenig zu entsetzen, schmiegte sich aber nichtsdestoweniger an die
Seite Seiner Lordschaft und fing an zu sprechen:

Werden Sie heute abend den Ball besuchen, mein Herr, den uns
_Monseigneur le diable_ gibt? Werden viele Damen dort sein, mein
Herr? Ich frage, ich bitte Sie, weil ich wenig Bekanntschaft hier
habe.

Mein Herr darf ich Ihnen vielleicht meinen Wagen anbieten, um uns
beide hinzufhren? Es ist ein ganz honettes Ding, dieser Wagen, habe
ich die Ehre, Sie zu versichern, mein Herr; er hat mich bei Latonnier
vor vier Monaten achtzehnhundert Franken gekostet. Mein Herr, Sie
brauchen keinen Bedienten mitzunehmen, wenn ich die Ehre haben sollte,
Sie zu begleiten; mein Jean ist ein Wunderkerl von einem Bedienten."

So ging es im Galopp ber die Zunge des Incroyable. Seine Lordschaft
schien sich brigens nicht sehr daran zu erbauen. Er sah bei den
ersten Worten den Franzosen starr an, richtete dann den Kopf ein wenig
auf, um seine rechte Hand freizumachen, ergriff mit dieser--die erste
Bewegung seit einer halben Stunde--das Kelchglas, nippte einige Zge
Rum, rauchte behaglich seine Zigarre an, legte den Kopf wieder auf die
rechte Hand und schien dem Franzosen mehr mit dem Auge als mit dem Ohr
zuzuhren und auch auf diese Art antworten zu wollen; denn er
erwiderte auch nicht eine Silbe auf die Einladung des redseligen
Franzosen und schien, wie sein Landsmann Shakespeare sagt,

  Der Zhne doppelt Gatter"

vor seine Sprachorgane gelegt zu haben.

Der Deutsche hatte sich whrend dieses Gesprches dem Tische genhert,
eine hfliche Verbeugung gemacht und einen Stuhl dem Lord gegenber
genommen. Man erlaube mir, auch ihn ein wenig zu betrachten. Es war,
was man in Deutschland einen g e w i c h s t e n  j u n g e n  M a n n
zu nennen pflegt, ein Stutzer; er hatte blonde, in die Hhe strebende
Haare, an die etwas niedere Stirn schlo sich ein allerliebstes
Stumpfnschen, ber den Mund hing ein Stutzbrtchen, dessen Enden
hinaufgewirbelt waren, seine Miene war gutmtig, das Auge hatte einen
Ausdruck von Klugheit, der, wie gut angebrachtes Licht auf einem
grobschattierten Holzschnitt, keinen beln Effekt hervorbrachte.

Seine Kleidung wie seine Sitten schien er von verschiedenen Nationen
entlehnt zu haben. Sein Rock mit vielen Knpfen und Schnren war
polnischen Ursprungs; er war auf russische Weise auf der Brust vier
Zoll hoch wattiert, schlo sich spannend ber den Hften und formierte
die Taille so schlank, als die einer hbschen Altenburgerin; er hatte
ferner enge Reithosen an, weil er aber nicht selbst ritt, so waren
solche nur aus dnnem Nanking verfertigt; aus eben diesem Grunde
mochten auch die Sporen mehr zur Zierde und zu einem wohltnenden,
Aufmerksamkeit erregenden Gang als zum Antreiben eines Pferdes dienen.
Ein feiner italienischer Strohhut vollendete das gewhlte Kostm.

Ich sehe es einem gleich bei der Art, wie er den Stuhl nimmt und sich
niedersetzt, an, ob er viel in Zirkeln lebte, wo auch die kleinste
Bewegung von den Gesetzen des Anstandes und der feinen Sitte geleitet
wird; der Stutzer setzte sich passabel, doch bei weitem nicht mit
jener feinen Leichtigkeit wie der Franzose, und der Englnder zeigte
selbst in seiner nachlssigen, halb sitzenden, halb liegenden Stellung
mehr Wrde als jener, der sich so gut aufrecht hielt, als es nur immer
ein Tanzmeister lehren kann.

Diese Bemerkungen, zu welchen ich vielleicht bei weitem mehr Worte
verwendet habe, als es dem Leser dieser Memoiren ntig scheinen
mchte, machte ich in einem Augenblicke; denn man denke sich nicht,
da der junge Deutsche mir so lange gesessen, bis ich ihn gehrig
abkonterfeit hatte.

Der Marquis wandte sich sogleich an seinen neuen Nachbar. Mein Gott,
Herr von Garnmacher," sagte er ich mchte verzweifeln; der englische
Herr da scheint mich nicht zu verstehen, und ich bin seiner Sprache zu
wenig mchtig, um die Konversation mit gehriger Lebhaftigkeit zu
fhren; denn ich bitte Sie, mein Herr, gibt es etwas Langweiligeres,
als wenn drei schne junge Leute beieinander sitzen und keiner den
andern versteht?"

Auf Ehre, Sie haben recht," antwortete der Stutzer in besserem
Franzsisch, als ich ihm zugetraut htte; man kann sich zur Not
denken, da ein Trke mit einem Spanier Billard spielt; aber ich sehe
nicht ab, wie wir unter diesen Umstnden mit dem Herrn plaudern
knnen."

_J'ai bien compris, Messieurs,_" sagte der Lord ganz ruhig
neben seiner Zigarre vorbei, und nahm wieder einigen Rum zu sich.

Ist's mglich, Mylord?" rief der Franzose vergngt, das ist sehr
gut, da wir uns verstehen knnen! Markr, bringen Sie mir
Zuckerwasser! O, das ist vortrefflich, da wir uns verstehen, welch
schne Sache ist es doch um die Mitteilung, selbst an einem Ort wie
dieser hier."

Wahrhaftig, Sie haben recht, Bester," gab der Deutsche zu; aber
wollen wir nicht zusammen ein wenig umherschlendern, um die schne
Welt zu mustern? Ich nenne Ihnen schne Damen von Berlin, Wien, von
allen mglichen Stdten meines Vaterlandes, die ich bereist habe; ich
hatte oben groe Bekanntschaften und Konnexionen und darf hoffen, an
diesem verfl------Ort manche zu treffen, die ich zu kennen das Glck
hatte; Mylord nennt uns die Schnen von London, und Sie, teuerster
Marquis, knnen uns hier Paris im kleinen zeigen."

Gott soll mich behten," entgegnete eifrig der Franzose, indem er
nach der Uhr sah; jetzt, um diese frhe Stunde wollen Sie die schne
Welt mustern? Meinen Sie, mein Herr, ich habe in diesem _dtestable
purgatoire_ so sehr allen guten Ton verlernt, da ich jetzt auf die
Promenade gehen sollte?"

Nun, nun," antwortete der Stutzer, ich meine nur, im Fall wir nichts
Besseres zu tun wten. Sind wir denn nicht hier wie die drei Mnner
im Feuerofen? Sollen wir wohl ein Loblied singen wie jene? Doch, wenn
es Ihnen gefllig ist, mein Herr, uns einen Zeitvertreib
vorzuschlagen, so bleibe ich gerne hier."

Mein Gott," entgegnete der Incroyable; ist dies nicht ein so
anstndiges Caf als Sie in ganz Deutschland keines haben? Und fehlt
es uns an Unterhaltung? Knnen wir nicht plaudern, soviel wir wollen?
Sagen Sie selbst, Mylord, ist es nicht ein gutes Haus, kann man diesen
Salon besser wnschen? Nein! _Monsieur le diable_ hat Geschmack
in solchen Dingen, das mu man ihm lassen."

_Une confortable maison_!" murmelte Mylord und winkte dem
Franzosen Beifall zu. _Et ce salon confortable_!"

Gute Tafel, mein Herr?" fragte der Marquis, nun, die wird auch da
sein; ich denke mir, man speist wohl nach der Karte? Aber, meine
Herren, was sagen Sie dazu, wenn wir uns zur Unterhaltung gegenseitig
etwas aus unserem Leben erzhlen wollten? Ich hre so gerne
interessante Abenteuer, und Baron Garnmacher hat deren wohl so viele
erlebt als Mylord?"

_Goddam_! das war ein vernnftiger Einfall, mein Herr," sagte
der Englnder, indem er mit der Reitgerte auf den Tisch schlug, die
Fe von dem Stuhl herabzog und sich mit vieler Wrde in dem Fauteuil
zurecht setzte; noch ein Glas Rum, Markr!"

Ich stimme bei," rief der Deutsche, und mache Ihnen ber Ihren
glcklichen Gedanken mein Kompliment, Herr von Lasulot.--Eine Flasche
Rheinwein, Kellner!--Wer soll beginnen zu erzhlen?"

Ich denke, wir lassen dies das Los entscheiden," antwortete Lord
Fotherhill, Und ich wette fnf Pfund, der Marquis mu beginnen."

Angenommen, mein Herr," sagte mit angenehmem Lcheln der Franzose;
machen Sie die Lose, Herr Baron, und lassen Sie uns ziehen, Nummer
Zwei soll beginnen."

Baron Garnmacher stand auf und machte die Lose zurecht, lie ziehen,
und die zweite Nummer fiel auf ihn selbst.

Ich sah den Franzosen dem Lord einen bedeutenden Wink zuwerfen, indem
er das linke Auge zugedrckt, mit dem rechten auf den Deutschen
hinberdeutete; ich bersetzte mir diesen Wink so: Geben Sie einmal
acht, Mylord, was wohl unser ehrlicher Deutscher vorbringen mag. Denn
wir beide sind schon durch den Rang unsrer Nationen weit ber ihn
erhaben."

Baron von Garnmacher schien aber den Wink nicht zu beachten; mit
groer Selbstgeflligkeit trank er ein Glas seines Rheinweins, wischte
in der Eile den Stutzbart mit dem Rockrmel ab und begann.

       *       *       *       *       *




NEUNZEHNTES KAPITEL.

Geschichte des deutschen Stutzers.


Als mein Grovater, der Kaiserlich-Kniglich--"

Ich bitte Sie, mein Herr," unterbrach ihn der Incroyable, verschonen
Sie uns mit dem Gropapa und fangen Sie gleich bei Ihrem Vater an; was
war er?"

Nun ja, wenn es Ihnen so lieber ist; aber ich htte mich gerne bei
dem Glanze unserer Familie lnger verweilt; mein Vater lebte in
Dresden auf einem ziemlich groen Fu--"

Was war er denn, der Herr Papa? Sie verzeihen, wenn ich etwas zu
neugierig erscheine, aber zu einer Geschichte gehrt Genauigkeit."

Mein Vater," fuhr der Stutzer etwas mimutig fort, war
Kleiderfabrikant _en gros_--"

Wie," fragte der Lord, was ist Kleiderfabrikant? Kann man in
Deutschland Kleider in Fabriken machen?"

Hol' mich der Teufel, wie er schon getan!" rief der Stutzer unwillig
und stie das Glas auf den Tisch. Das ist nicht die Art, wie man
seine Biographie erzhlen kann, wenn man alle Augenblicke von
kritischen Untersuchungen unterbrochen wird; mein Vater hatte ein Haus
am Alt=Markt; darin hatte er ein Atelier und hielt Arbeiter, welche
Kleider fr die Leute machten!"

_Mon dieu_! Also war, er, was wir _tailleur_ nennen, ein
Schneider?"

Nun, in Gottes Namen, nennen Sie es, wie Sie wollen; kurz, er hatte
die Welt gesehen, machte ein Haus, und wenn er auch nicht den Adel und
die ersten Brger in seinen Soireen sah, so war doch ein gewisser
guter Ton, ein gewisser Anstand, ein gewisses, ich wei nicht was,
kurz, es war ein ganz anstndiger Mann, mein Papa."

Mich selbst erfate der Lachkitzel, als ich den _garon tailleur_
so perorieren hrte, doch ich fate mich, um den Markr nicht aus der
Rolle fallen zu lassen. Der Marquis aber hatte sich zurckgelehnt und
wollte sich ausschtten vor Lachen; der Englnder sah den Stutzer
forschend an, unterdrckte ein Lcheln, das seiner Wrde schaden
konnte, und trank Rum; der deutsche Baron aber fuhr fort:

Sie htten mich, meine Herren, auf der Oberwelt in Daumenschrauben
pressen knnen, und ich htte meine Maske nicht vor Ihnen abgenommen.
Hier ist es ein ganz anderes Ding; wer kmmert sich an diesem
schlechten Ort um den ehemaligen Baron von Garnmacher? Darum verletzt
mich auch Ihr Lachen nicht im geringsten; im Gegenteil, es macht mit
Vergngen, Sie zu unterhalten!"

_Ah! ce noble trait_!" rief der Incroyable und wischte sich die
Trnen aus dem Auge. Reichen Sie mir die Hand und Lassen Sie uns
Freunde bleiben. Was geht es mich an; ob Ihr Vater _duc_ oder
_tailleur_ war, Erzhlen Sie immer weiter. Sie machen es gar zu
hbsch."

Ich geno eine gute Erziehung; denn meine Mutter wollte mich durchaus
zum Theologen machen, und weil dieser Stand in meinem Vaterlande der
eigentlich privilegierte Gelehrtenstand ist, so wurde mir in meinem
siebenten Jahre _mensa_, in meinem achten _amo_, in meinem zehnten
_typto_, in meinem zwlften _pakat_ eingeblut. Sie knnen sich
denken, da ich bei dieser ungemeinen Gelehrsamkeit keine gar
angenehmen Tage hatte; ich hatte, was man einen harten Kopf nennt;
das heit, ich ging lieber aufs Feld, hrte die Vgel singen oder sah
die Fische den Flu hinabgleiten, sprang lieber mit meinen Kameraden,
als da ich mich oben in der Dachkammer, die man zum Musensitz des
knftigen Pastors eingerichtet hatte, mit meinem Brder, Buttmann,
Schrder, und wie die Schrecklichen alle heien, die den Knaben mit
harten Kpfen wie bse Geister erscheinen, abmarterte.

Ich hatte berdies noch einen andern Hang, der mir viele Zeit raubte;
es war die von frher Jugend an mit mir aufwachsende Neigung zu
schnen Mdchen. Sommers war es in meiner Dachkammer so glhend hei
wie unter den Bleidchern des Palastes Sankt Marco in Venedig; wenn
ich dann das kleine Schiebefenster ffnete, um den Kopf ein wenig in
die frische Luft zu stecken, so fielen unwillkrlich meine Augen auf
den schnen Garten unseres Nachbars, eines reichen Kaufmanns; dort
unter den schnen Akazien auf der weichen Moosbank sa Amalie, sein
Tchterlein, und ihre Gespielinnen und Vertrauten. Unwiderstehlide
Sehnsucht ri mich hin; ich fuhr schnell in meinen Sonntagsrock,
frisierte das Haar mit den Fingern zurecht und war im Flug durch die
Zaunlcke bei der Knigin meines Herzens. Denn diese Charge bekleidete
sie in meinem Herzen im vollsten Sinne des Wortes. Ich hatte in meinem
elften Jahre den grten Teil der Ritter= und Ruberromane meines
Vaterlandes gelesen, Werke, von deren Vortrefflichkeit man in andern
Lndern keinen Begriff hat; denn die erhabenen Namen Cramer und Spie
sind nie ber den Rhein oder gar den Kanal gedrungen. Und doch, wie
viel hher stehen diese Bcher alle als jene Ritter= und
Ruberhistorien des Verfassers von Waverley, der kein anderes Verdienst
hat, als auf Kosten seiner Leser recht breit zu sein. Hat der groe
Unbekannte solche vortrefflichen Stellen wie die, welche mir noch
aus den Tagen meiner Kindheit im Ohr liegen: M i t t e r n a c h t,
d u m p f e s  G r a u s e n  d e r  N a t u r, R  d e n g e b e l l,
R i t t e r  U r i a n  t r i t t  a u f.'

Wem pocht nicht das Herz, wem strubt sich nicht das Haar empor, wenn
er nachts auf einer den, verlassenen Dachkammer dieses liest? Wie
fhlte ich da das G r a u s e n  d e r  N a t u r!' Und wenn der
Hofhund sein Rdengebell heulte, so war die Tuschung so vollkommen,
da sich meine Blicke ngstlich an die schlecht verriegelte Tre
hefteten; denn ich glaubte nicht anders, als R i t t e r  U r i a n
t r e t e  a u f!'

Was war natrlicher, als da bei so lebhafter Einbildungskraft auch
mein Herz Feuer fing? Jede Berta, die ihrem Ritter die Feldbinde
umhing, jede Ida, die sich auf den Sller begab, um dem den Schloberg
hinabdonnernden Liebsten noch einmal mit dem Schleier zuzuwedeln, jede
Agnes, Hulda usw. verwandelten sich unwillkrlich in Amalien.

Doch auch s i e war diesem Tribut der Sterblichkeit unterworfen. Aus
ihrer Sparbchse nmlich wurden die Romane angeschafft. Wenn einer
gelesen war, so empfing ich ihn, las ihn auch, trug ihn dann wieder
in die Leihbibliothek und suchte dort immer die Bcher heraus, welche
entweder keinen Rcken mehr hatten oder vom Lesen so fett geworden
waren, da sie mich ordentlich a n g l  n z t e n. Das sind so die
echten nach unserem Geschmack, dachte ich, und sicher war es ein
R i n a l d o R i n a l d i n i', ein D o m s c h  t z', ein
a l t e r  b e r a l l  u n d  N i r g e n d s' oder sonst einer
unserer Lieblinge.

Zu Hause band ich ihn dann in alte lateinische Schriften ein; denn
Amalie war sehr reinlich erzogen und htte, wenn auch das Innere des
Romans nicht immer sehr rein war, doch nie mit bloen Fingern den
fetten Glanz ihrer Lieblinge betastet. Ehrerbietig trug ich ihn dann
in den Garten hinber und berreichte ihn; und nie empfing ich ihn
zurck, ohne da mir Amalie die schnsten Stellen mit Strickgarn ber
einer Stecknadel bezeichnet htte. So lasen und liebten wir; unsere
Liebe richtete sich nach dem Vorbild, das wir gerade lasen; bald war
sie zrtlich und verschmt, bald feurig und strmisch, ja, wenn
Eifersuchten vorkamen, so gaben wir uns alle mgliche Mhe, einen
Gegenstand, eine Ursache fr unser namenloses Unglck zu ersinnen.

Mein gewhnliches Verhltnis zu der reichen Kaufmannstochter war
brigens das eines Edelknaben von dunkler Geburt, der an dem Hof eines
groen Grafen oder Frsten lebt, eine unglckliche Leidenschaft zu der
schnen Tochter des Hauses bekommt und endlich von ihr heimliche, aber
innige Gegenliebe empfngt. Und wie lebhaft wute Amalie ihre Rolle zu
geben; wie gtig, wie herablassend war sie gegen mich! Wie liebte sie
den schnen, ritterlichen Edelknaben, dem kein Hindernis zu schwer
war, zu ihr zu gelangen, der den breiten Burggraben (die Entenpftze
in unserem Hof) durchwatet, der die Zinnen des Walles (den Gartenzaun)
erstiegen, um in ihr Gartengemach (die Moosbank unter den Akazien)
sich zu schleichen. Tausend Dolche (die Ngel auf dem Zaun, die meinen
Beinkleidern sehr gefhrlich waren), tausend Dolche lauern auf ihn,
aber die Liebe fhrt ihn unbeschdigt zu den Fen seiner Herrin.

Das einzige Unglck meiner Liebe war, da wir eigentlich gar kein
Unglck hatten. Zwar gab es hie und da Grenzstreitigkeiten zwischen
dem armen Ritter (meinem Vater) und dem reichen Frsten (dem
Kaufmann), wenn nmlich eines unserer Hhner in seinen Garten
hinbergeflogen war und auf seinen Mistbeeten spazieren ging, oder es
kam sogar zu wirklicher Fehde, wenn der Frst einen Herold (seinen
Ladendiener) zu uns herberschickte und um den Tribut mahnen lie
(weil mein Vater eine sehr groe Rechnung in dem Kontobuche des
Frsten hatte). Aber dies alles war leider kein ntigendes Unglck fr
unsere Liebe und diente nicht dazu, unsere Situation noch romantischer
zu machen.

Die einzige Folge, die aus meinem Leben und meiner Liebe entstand, war
mein hartes Unglck, immer unter den letzten meiner Klasse zu sein und
von dem alten Rektor tchtig Schlge zu bekommen; doch auch darber
belehrte und trstete mich meine Herrin. Sie entdeckte mir nmlich,
da des Herzogs (des Rektors) ltester Prinz um ihre Liebe gebuhlt und
sie aus Liebe zu mir den Jngling abgewiesen habe; er habe gewi
unsere Liebe und den Grund seiner Abweisung entdeckt und sie dem alten
Vater, dem Rektor, beigebracht, der sich dafr auf eine so unwrdige
Art an mir rche. Ich lie die Gute auf ihrem Glauben, wute aber
wohl, woher die Schlge kamen; der alte Herzog wute, da ich die
unregelmigen griechischen Verba nicht lernte, und d a f  r bekam
ich Schlge.

So war ich fnfzehn und meine Dame vierzehn Jahre alt geworden,
ungetrbt war bis letzt der Himmel unserer Liebe gewesen; da
ereigneten sich mit einem Male zwei Unglcksflle, wovon schon einer
fr sich hinreichend gewesen wre, mich aus meinen Hhen
herabzuschmettern.

Es war die Zeit, wo nach dem Frieden von Paris die Fouquschen Romane
anfingen, in meinem Vaterlande Mode zu werden . . ."

Was ist das, Fouqusche Romane?" fragte der Lord.

Das sind lichtbraune, fromme Geschichtchen, doch durch diese
Definition werden Sie nicht mehr wissen als vorher. Herr von Fouqu
ist ein frommer Rittersmann, der, weil es nicht mehr an der Zeit ist,
mit Schwert und Lanze zu turnieren, mit der Feder in die Schranken
reitet und kmpft wie der gewaltigen Whringer einer. Er hat das ein
wenig rohe und gemeine Mittelalter modernisiert aber vielmehr unsere
heutige modische Welt in einigen frommen Mystizismus einbalsamiert und
um fnfhundert Jahre zurckgeschoben. Da schmeckt nun alles ganz
slich und sieht recht anmutig, lichtdunkel aus; die Ritter, von
denen man vorher nichts anderes wute, als sie seien derbe Landjunker
gewesen, die sich aus Religion und feiner Sitte so wenig machten als
der Grotrke aus dem sechsten Gebot, treten hier mit einer
bezaubernden Courtoisie auf, sprechen in feinen Redensarten, sind
hauptschlich f r o m m und k r e u z g l  u b i g.

Die Damen sind moderne Schwrmerinnen, nur keuscher, reiner, mit
steifen Kragen angetan und berhaupt etwas ritterlich aufgeputzt.
Selbst die edlen Rosse sind glnzender als heutzutage und haben
ordentlich Verstand, wie auch die Wolfshunde und andere solche
Getiere."

_Mon dieu_! Solchen Unsinn liest man in Deutschland?" rief der
Franzose und schlug vor Verwunderung die Hnde zusammen.

O ja, meine Herren, man liest und bewundert. Es gab eine Zeit bei
uns, wo wir davon zurckgekommen waren, alles an fremden Nationen zu
bewundern; da wir nun, auf unsere eigenen Herrlichkeiten beschrnkt,
nichts an uns fanden, das wir bewundern konnten, als die _tempi
passati_--so warfen wir uns mit unserem gewhnlichen Nachahmungseifer
auf diese und wurden allesamt altdeutsch.

Mancher hatte aber nicht Phantasie genug, um sich ganz in jene
herrlichen vergangenen Zeiten hineinzudenken, man fhlte allgemein das
Bedrfnis von Handbchern, die, wie Modejournale neuerer Zeit, ber
Sitten und Gebruche bei unseren Vorfahren uns belehrt htten; da trat
jener fromme Ritter auf, ein zweiter Orpheus, griff er in die Saiten,
und es entstand ein neu Geschlecht; die Mdchen, die bei den
franzsischen Garnisonen etwas frivol geworden waren, wurden sittige,
keusche, fromme Frulein, die jungen Herren zogen die modischen Frcke
aus, lieen Haar und Bart wachsen, an die Hemden eine halbe Elle
Leinwand setzen, und Kleider machen Leute,' sagt ein Sprichwort,
_probatum est_; auch sie waren tugendlich, tapfer und fromm."

_Goddam_! Sie haben recht, ich habe solche Figuren gesehen,"
unterbrach ihn der Englnder; vor acht Jahren machte ich die groe
Tour und kam auch nach der Schweiz. Am Vierwaldsttter See lie ich
mir den Ort zeigen, wo die Schweizer ihre Republiken gestiftet haben.
Ich traf auf der Wiese eine Gesellschaft, die wunderlich, halb modern,
halb aus den Garderoben frherer Jahrhunderte sich gekleidet zu haben
schien. Fnf bis sechs junge Mnner saen und standen auf der Wiese
und blickten mit glnzenden Augen ber den See hin. Sie hatten
wunderbare Mtzen auf dem Kopf, die fast anzusehen waren wie
Pfannkuchen. Lange wallende Haare fielen in malerischer Unordnung auf
Rcken und Schultern; den Hals trugen sie frei und hatten breite,
zierlich gestickte Kragen, wie heutzutage die Damen tragen,
herausgelegt.

Ein Rock, der offenbar von einem heutigen Meister, aber nach antiker
Form gemacht war, kleidete sie nicht bel; er schlo sich eng um den
Leib und zeigte berall den schnen Wuchs der jungen Mnner. In
sonderbarem Kontrast damit standen weite Pluderhosen von grober
Leinwand. Aus ihren Rcken sahen drohende Dolchgriffe hervor, und in
der Hand trugen sie Beilstcke, ungefhr wie die rmischen Liktoren.
Gar nicht recht wollte aber zu diesem Kostm passen, da sie Brillen
auf der Nase hatten und gewaltig Tabak rauchten.

Ich fragte meinen Fhrer, was das fr eine sonderbare Armatur und
Uniform wre und ob sie vielleicht eine Besatzung der Grtli-Wiese
vorstellen sollten. Er aber belehrte mich, da es fahrende Schler aus
Deutschland wren. Unwillkrlich drngte sich mir der Gedanke an den
fahrenden Ritter Don Quichotte auf, ich stieg lachend in meinen Kahn
und pries mein Glck, auf einem Platz, der durch die erhabenen
Erinnerungen, die er erweckt, nur zu leicht zu trumerischen
Vergleichungen fhrt, eine so groteske Erscheinung aus dem Leben
gehabt zu haben. Die jungen Deutschen shnten mich aber wieder mit
sich aus; denn als mein Kahn ber den See hingleitete, erhoben sie
einen vierstimmigen Gesang in so erhabener Melodie, mit so wrdigen,
ergreifenden Wendungen, da ich ihnen im Gedanken das Vorurteil abbat,
welches ihr Kostm in mir erweckt hatte."

Nun ja, da haben wir's," fuhr der Baron Garnmacher fort, so sah es
damals unter alt und jung in Deutschland aus; auch ich hatte Fouqusche
Romane gelesen, wurde ein frommer Knabe, trug mich, wie alle meine
Kameraden, altdeutsch und war meiner Herrin, der wunnigen Maid', mit
einer keuschen, inniglichen Minne zugetan. Auf Amalie machte brigens
der Z a u b e r r i n g', die F a h r t e n  T h i o d o l f s' &c.
nicht den gewnschten Eindruck; sie verlachte die sittigen,
lichtbraunen, blauugigen Damen, besonders die B e r t h a  v o n
L i c h t e n r i e t h, und pries mir Lafontaine und Langbein,
schlpfrige Geschichten, welche ihr eine ihrer Freundinnen zugesteckt
hatte.

Ich war zu sehr erfllt von dem deutschen Wesen, das in mir aufging,
als da ich ihr Gehr gegeben htte; aber der lsterne Brennstoff
jener Romane brannte fort in dem Mdchen, das sich, weil sie fr ihr
Alter schon ziemlich gro war, fr eine angehende Jungfrau hielt, und
kurz--es gab eine Josephsszene zwischen uns; ich hllte mich in meinen
altdeutschen Rock und meine Fouqusche Tugend ein und floh vor den
Lockungen der Sirene, wie mein Held Thiodolf vor der herrlichen Zoe.

Die Folge davon war, da sie mich als einen Unwrdigen verachtete und
dem Prinzen, des Rektors Sohn, ihre Liebe schenkte. Ob er mit ihr
Lafontaine und Langbein studierte, wei ich nicht zu sagen, nur so
viel ist mir bekannt, da ihn der Frst, Amaliens Vater, einige Wochen
nachher eigenhndig aus dem Garten gepeitscht hat.

Ich sa jetzt wieder auf meinem Dachkmmerlein, hatte die hebrische
Bibel und die griechischen Unregelmigen vor mir liegen und auf ihnen
meine Romane. An manchem Abend habe ich dort heie Trnen geweint und
durch die Jalousien in den Garten hinabgeschaut; denn die zuchtlose
Jungfrau sollte meinen Jammer nicht erschauen, sie sollte den Kampf
zwischen Ha und Liebe nicht auf meinem Antlitz lesen. Ich war fest
berzeugt, da so unglcklich wie ich kein Mensch mehr sein knne, und
hchstens der unglckliche O t t o  v o n  T r a u t w a n g e n, als
er in Frankreich mit seinem vernnftigen, lichtbraunen Rlein eine
Hhle bewohnte, konnte vielleicht so kummervoll gewesen sein wie ich.

Aber das Ma meiner Leiden war nicht voll; hren Sie, wie aus
entwlkter Hhe' mich ein zweiter Donner traf.

Der alte Rektor hatte seinen Schlern ein Thema zu einem Aufsatz
gegeben, worin wir die Frage beantworten sollten, w e n  w i r  f  r
d e n  g r   t e n  M a n n  D e u t s c h l a n d s  h a l t e n.
Es sollte sein Wert geschichtlich nachgewiesen, Grnde fr und wider
angegeben und berhaupt alles recht gelehrt abgemacht werden. Ich
hatte, wie ich Ihnen schon bemerkt habe, meine Herren, immer einen
harten Kopf, und Aufstze mit Grnden waren mir von jeher zuwider
gewesen, ich hatte also auch immer mittelmige oder schlechte
Arbeiten geliefert. Aber fr diese Arbeit war ich ganz begeistert, ich
fhlte eine hohe Freude in mir, meine Gedanken ber die groen Mnner
meines Vaterlandes zu sagen und meine Ideale (und wer hat in diesen
Jahren nicht solche) in gehriges Licht setzen zu knnen.

Geschichtlich sollte das Ding abgefat werden. Was war leichter fr
mich als dies? Jetzt erst fhlte ich den Nutzen meines eifrigen
Lesens. Wo war einer, der so viele Geschichten gelesen hatte als ich?
Und wer, der irgend einmal diese Bcher der Geschichten in die Hand
nahm, wer konnte in Zweifel sein, wer die grten Mnner meines
Vaterlandes seien? Zwar war ich noch nicht ganz mit mir selbst im
reinen, wem ich die Krone zuerkennen sollte. H a s p e r a  S p a d a?
Es ist wahr, er war ein Tapferer, der Schrecken seiner Feinde, die
Liebe seiner Freunde. Aber, wie die Geschichte sagt, war er sehr stark
dem Trinken ergeben, und dies war doch schon eine Schlacke in seinem
frtrefflichen Charakter. A d o l p h  d e r  K  h n e, R a u g r a f
v o n  D a s s e l? Er hat schon etwas mehr von einem groen Mann. Wie
schrecklich zchtigt er die Pfaffen! Wenn er nur nicht in der Historie
nach Rom wandeln und Bue tun mte; aber dies schwcht doch sein
majesttisches Bild. Es ist wahr, O t t o v o n T r a u t w a n g e n
glnzt als ein Stern erster Gre in der deutschen Geschichte, dachte
ich weiter, aber auch er scheint doch nicht der Grte gewesen
zu sein, wiewohl seine Frmmigkeit, die sehr in Anschlag zu bringen
ist, jeden Zauber berwand.

Island gehrte wohl auch zum Deutschen Reich; wahrhaftig, unter allen
deutschen Helden ist doch keiner, der dem T h i o d o l f das Wasser
reicht. Stark wie Simson, ohne Falsch wie eine Taube, fromm wie ein
Lamm, im Zorn ein B e r s e r k e r--es kann nicht fehlen, er ist der
grte Deutsche.

Ich setzte mich hin und schrieb voll Begeisterung diese Rangordnung
nieder. Wohl zehnmal sprang ich auf, meine Brust war zu voll, ich
konnte nicht alles sagen, die Feder, die Worte versagten mir, wohl
zehnmal las ich mir mit lauter Stimme die gelungensten Stellen vor.
Wie erhaben lautete es, wenn ich von der Strke des Islnders sprach,
wie er einen Wolf zhmte, wie er in Konstantinopel ein Pferd nur ein
wenig auf die Stirne klopfte, da es auf der Stelle tot war; wie
gromtig verschmht er alle Belohnung; ja, er schlgt einen
Kaiserthron aus, um seiner Liebe treu zu bleiben; wie kindlich fromm
ist er, obgleich er die christliche Religion nicht recht kannte; wie
schn beschrieb ich das alles; ja, es mute das Herz des alten Rektors
rhren!

Ich konnte mir denken, wie er meine Arbeit mit steigendem Beifall
lesen, wie er morgens in die Klasse kommen wrde, um unsere Aufstze
zu zensieren. Dann sendet er gewi einen milden, freundlichen Blick
nach dem letzten Platze, wohin er sonst nur wie ein brllender Lwe
schaute, dann liest er meine Arbeit laut vor und spricht: Kann man
etwas Gelungeneres lesen als dies? Und ratet, wer es gemacht hat! Die
Letzten sollen die Ersten werden. Der Stein, den die Bauleute
verworfen haben, soll zum Eckstein werden. Tritt hervor, mein Sohn,
_Garnmachere_! Ich habe immer gesagt, du seiest eine Bte; konnte
ich ahnen, da du mit so vielem Eifer Geschichten studierst? Nimm hin
den Preis, der dir gebhrt.'

So mute er sagen, er konnte nicht anders, ohne das schreiendste
Unrecht zu tun. Eifrig schrieb ich jetzt meinen Aufsatz ins Reine. Um
zu zeigen, da ich auch in den neueren Geschichten nicht unbewandert
sei, sagte ich am Schlu, da ich nach Erfindung des Pulvers den
d e u t s c h e n  A l c i b i a d e s und nchst ihm H e r m a n n
v o n  N o r d e n s c h i l d fr die grten Mnner halte. Man knne
ihnen den R i t t e r  E u r o s, welcher nachher als D o m s c h  t z
m i t  s e i n e n  G e s e l l e n so groes Aufsehen gemacht habe,
was die Tapferkeit anbetreffe, vielleicht an die Seite stellen; doch
stehen jene beiden auf einem viel hheren Standpunkt.

Ich brachte dem Rektor triumphierend den Aufsatz und mute ihm beinahe
ins Gesicht lachen, als er mrrisch sagte: Er wird ein schnes
Geschmier haben, Garnmacher!'

Lesen Sie, und dann--richten Sie,' gab ich ihm stolz zur Antwort und
verlie ihn.

Wenn in Ihrem Vaterlande, Mylord, eine Preisfrage gestellt wrde ber
den wrdigsten englischen Theologen, und es wrden in einer gelehrten,
mit Phrasen wohldurchspickten Antwort die Vorzge des Vicar of
Wakefield dargetan, wer wrde da nicht lachen? Wenn Sie, werter
Marquis, nach der wrdigsten Dame zu den Zeiten Louis XIV. gefragt
wrden, und Sie priesen die n e u e  H e l o i s e, wrde man Sie
nicht fr einen Rasenden halten? Hren Sie, welche Torheit ich
begangen hatte!

Der Samstag, an welchem man unsere Arbeiten gewhnlich zensierte,
erschien endlich. So oft dieser Tag sonst erschienen war, war er mir
ein Tag des Unglcks gewesen. Gewhnlich schlich ich da mit
Herzklopfen zur Schule; denn ich durfte gewi sein, wegen schlechter
Arbeit getadelt, ffentlich geschmht zu werden. Aber wieviel stolzer
trat ich heute auf; ich hatte meinen besten Rock angezogen, den
schnsten, feingestickten Hemdkragen angelegt, mein wallendes Haar war
zierlich gescheitelt und gelockt; ich sah stattlich aus und gestand
mir, ich sei auch im ueren des Preises nicht unwrdig, welcher mir
heute zuteil werben sollte.

Der Rektor fing an, die Aufstze zu zensieren. Wie rmliche, obskure
Helden hatten sich meine Mitschler gewhlt: Hermann, Karl den Groen,
Kaiser Heinrich, Luther und dergleichen,--er ging viele durch, immer
kam er noch nicht an meine Arbeit. Ja, es war offenbar, meine Helden
hatte er auf die Letzt aufgespart--als die besten!

Endlich ruhte er einige Augenblicke, rusperte sich und nahm ein Heft
mit rosenfarbener berdecke, das meinige, zur Hand. Mein Herz pochte
laut vor Freude, ich fhlte, wie sich mein Mund zu einem
triumphierenden Lcheln verziehen wollte; aber ich gab mir Mhe,
bescheiden bei dem Lobe auszusehen. Der Rektor begann: Und nun komme
ich an eine Arbeit, welche ihresgleichen nicht hat auf der Erde. Ich
will einige Stellen daraus vorlesen!' Er deklamierte mit ungemeinem
Pathos gerade jene Kraftstellen, welche ich mit so groer Begeisterung
niedergeschrieben hatte. Ein schallendes Gelchter aus mehr als
vierzig Kehlen unterbrach jeden Satz, und als er endlich an den Schlu
gelangte, wo ich mit einer khnen Wendung dem furchtbaren D o m s c h
 t z e n noch einige Blmchen gestreut hatte, erscholl Bravo!
_Ancora_! und die Tische krachten unter den beifalltrommelnden
Fusten meiner Mitschler. Der Rektor winkte Stille und fuhr fort: Es
wre dies eine gelungene Satire auf die Herren Spie und Konsorten,
wenn nicht der Verfasser selbst eine Satire auf die Menschheit wre.
Es ist unser lieber Garnmacher. Tritt hervor, du _dedecus
naturae_, hieher zu mir!'

Zitternd folgte ich dem frchterlichen Wink. Das erste war, als ich
vor ihm stand, da er mir das rosenfarbene Heft einmal rechts und
einmal links um die Ohren schlug. Und jetzt donnerte eine Strafpredigt
ber mich herab, von der ich nur so viel verstand, da ich eine Bte
wre und nicht wte, was Geschichte sei.

Es begegnet zuweilen, da man im Traum von einer schnen, blumigen
Sonnenhhe in einen tiefen Abgrund herabfllt. Man schwindelt, indem
man die unermelichen Hhen herabfliegt, man fhlt die unsanfte
Erschtterung, wenn man am Boden zu liegen glaubt, man erwacht und
sieht sich mit Staunen auf dem alten Boden wieder. Die Hhe, von der
man herabstrzte, ist mit all ihren Bltengrten verschwunden, ach,
sie war ja nur ein Traum!

So war mir damals, als mich der Rektor aus meinem Schlummer
aufschttelte; ein tiefer Seufzer war die einzige Antwort, die ich ihm
geben konnte. Ich war arm wie jener Krsus, als er vor seinem Sieger
Cyrus stand; auch ich hatte ja alle meine Reiche verloren!

Ich sollte bekennen, woher ich die Romane bekommen, wer mir das Geld
dazu gegeben habe. Konnte, durfte ich sie, die ich einst liebte,
verraten? Ich leugnete, ich hielt den ganzen Sturm des alten Mannes
aus, ich stand wie Mucius Scvola.

Der langen Rede kurzer Sinn war brigens der, da ich von meinem Vater
ein Attestat darber bringen msse, da ich das Geld zu solchen
Allotriis von ihm habe, und berdies habe ich am nchsten Montag vier
Tage Karzer anzutreten. Verhhnt von meinen Mitschlern, die mir
Thiodolf, deutscher Alcibiades und dergleichen nachriefen, in dumpfer
Verzweiflung ging ich nach Hause. Es war gar kein Zweifel, da mich
mein Vater, wenn er diese Geschichte erfuhr, entweder sogleich
totschlagen oder wenigstens zum Schneiderjungen machen wrde. Vor
beidem war mir gleich bange. Ich besann mich also nicht lange, band
etwas Weizeug und einige seltene Dukaten und andere Mnzen, welche
mir meine Paten geschenkt hatten, in ein Tuch, warf noch einen Ku und
den letzten Blick nach des Nachbars Garten, sagte meinem Dachstbchen
Lebewohl, und eine Viertelstunde nachher wanderte ich schon auf der
Strae nach Berlin, wo mir ein Oheim lebte, an welchen ich mich frs
erste zu wenden gedachte.

In meinem Herzen war es de und leer, als ich so meine Strae zog.
Meine Ideale waren zerronnen. Sie hatten also nicht gelebt, diese
tapfern, frommen, liebevollen, biederen Mnner, sie hatten nicht
geatmet, jene lieblichen Bilder holder Frauen. Jene bunte Welt voll
Putz und Glanz, alle jene Stimmen, die aus fernen Jahrhunderten zu mir
herbertnten, die mutigen Tne der Trompete, Rdengebell,
Waffengeklirr, Sporenklang, se Akkorde der Laute--alles, alles
dahin, alles nichts als eine lschpapierne Geschichte, im Hirn eines
Poeten gehegt, in einer schmutzigen Druckerpresse zur Welt gebracht!

Ich sah mich noch einmal nach der Gegend um, die ich verlassen hatte.
Die Sonne war gesunken, die Nebel der Elbe verhllten das liebe
Dresden, nur die Spitzen der Trme ragten, vergoldet vom Abendrot,
ber dem Dunstmeer.

So lag auch mein Trumen, mein Hoffen, Vergangenheit und Zukunft in
Nebel gehllt, nur einzelne hohe Gestalten standen hell beleuchtet wie
jene Trme vor meiner Seele. Wohlan! sprach ich bei mir selbst:

_O fortes, pejoraque passi
  Mecum saepe viri, nunc cantu pellite curas,
  Cras ingens iterabimus aequor._

Noch einmal breitete ich die Arme nach der Vaterstadt aus, da fhlte
ich einen leichten Schlag auf die Schulter und wandte mich um.--"

       *       *       *       *       *


Der Herausgeber ist in der grten Verlegenheit. Er hat bis auf den
Tag, an welchem er dies schreibt, dem Verleger das Manuskript zum
ersten Teil versprochen, und doch fehlt noch ein groer Teil des
letzten Abschnittes. Er ist noch nicht geweiht, die Messe ist schon
vorber, und eine eigene ber die paar Bogen lesen zu lassen, findet
sich weder ein gehriger Vorwand, noch wrde das Werkchen diese
bedeutende Ausgabe wert sein. Wir versparen daher die Fortsetzung des
Festtages in der Hlle auf den zweiten Teil.

       *       *       *       *       *




ZWEITER TEIL.


VORSPIEL.


Worin von Prozessen, Justizrten die Rede; nebst einer
stillschweigenden Abhandlung: Was von Trumen zu halten sei?"

Dieser zweite Teil der Mitteilungen aus den Memoiren des Satan
erscheint um ein vlliges Halbjahr zu spt. Angenehm ist es dem
Herausgeber, wenn die Leser des ersten sich darber gewundert, am
angenehmsten, wenn sie sich darber gergert haben; es zeigt dies eine
gewisse Vorliebe fr die schriftstellerischen Versuche des Satan, die
nicht nur ihm, sondern auch seinem Herausgeber und bersetzer
erwnscht sein mu.

Die Schuld dieser Versptung liegt aber weder in der zu heien
Temperatur des letzten Sptsommers, noch in der strengen Klte des
Winters, weder im Mangel an Zeit oder Stoff, noch in politischen
Hindernissen; die einzige Ursache ist ein sonderbarer Proze, in
welchen der Herausgeber verwickelt wurde und vor dessen Beendigung er
diesen zweiten Teil nicht folgen lassen wollte.

Kaum war nmlich der erste Teil dieser Memoiren in die Welt versandt
und mit einigen Posaunensten in den verschiedenen Zeitungen
begleitet worden, als pltzlich in allen diesen Blttern zu lesen war
eine

W a r n u n g  v o r  B e t r u g

Die bei Fr. Franckh in Stuttgart herausgekommenen Memoiren des Satan
sind nicht von dem im Alten und Neuen Testament bekannten und durch
seine Schriften: Elixiere des Teufels, Bekenntnisse des Teufels, als
Schriftsteller berhmten Teufel, sondern gnzlich, falsch und unecht,
was hiemit dem Publikum zur Kenntnis gebracht wird."

Ich gestehe, ich rgerte mich nicht wenig ber diese Zeilen, die von
niemand unterschrieben waren. Ich war meiner Sache so gewi, hatte das
Manuskript von niemand anders als dem Satan selbst erhalten, und nun,
nach vielen Mhen und Sorgen, nachdem ich mich an den infernalischen
Chiffern beinahe blind gelesen, soll ein solcher anonymer Totschlger
ber mich herfallen, meine literarische Ehre aus der Ferne totschlagen
und besagte Memoiren fr unecht erklren?

Whrend ich noch mit mir zu Rate ging, was wohl auf eine solche
Beschuldigung des B e t r u g e s zu antworten sei, werde ich vor die
Gerichte zitiert und in Kenntnis gesetzt, da ich einer
Namensflschung, eines literarischen Diebstahls angeklagt sei, und
zwar--vom Teufel selbst, der gegenwrtig als Geheimer Hofrat in
persischen Diensten lebe. Er behauptete nmlich, ich habe seinen Namen
Satan mibraucht, um ihm eine miserable Scharteke, die er nie
geschrieben, unterzuschieben; ich habe seinen literarischen Ruhm
bentzt, um diesem schlechten Bchlein einen schnellen und
eintrglichen Abgang zu verschaffen; kurz, er verlange nicht nur, da
ich zur Strafe gezogen, sondern auch, da ich angehalten werde, ihm
Schadenersatz zu geben, dieweil ihm ein Vorteil durch diesen Kniff
entzogen worden".

Ich verstehe so wenig von juridischen Streitigkeiten, da mir frher
schon den Name Klage oder Proze Herzklopfen verursachte; man kann
sich also wohl denken, wie mir bei diesen schrecklichen Worten zu Mute
ward. Ich ging niedergedonnert heim und schlo mich in mein
Kmmerlein, um ber diesen Vorfall nachzudenken. Es war mir kein
Zweifel, da es hier drei Flle geben knne. Entweder hatte mir der
Teufel selbst das Manuskript gegeben, um mich nachher als Klger recht
zu ngstigen und auf meine Kosten zu lachen; oder irgendein bser
Mensch hatte mir die Komdie in Mainz vorgespielt, um das Manuskript
in meine Hnde zu bringen, und der Teufel selbst trat jetzt als
erbitterter Klger auf; oder drittens, das Manuskript kam wirklich vom
Teufel, und ein miger Kopf wollte jetzt den Satan spielen und mich
in seinem Namen verklagen.

Ich ging zu einem berhmten Rechtsgelehrten und trug ihm den Fall vor.
Er meinte, es sei allerdings ein fataler Handel, besonders weil ich
keine Beweise beibringen knne, da das Manuskript von dem echten
Teufel abstamme, doch er wolle das Seinige tun und aus der bedeutenden
Anzahl von Bchern, die seit Justinians _Corpus juris_ bis auf
das neue birmanische Strafgesetzbuch ber solche Flle geschrieben
worden seien, einiges nachlesen.

Das juridische Stiergefecht nahm jetzt frmlich seinen Anfang. Es
wurde, wie es bei solchen Fllen herkmmlich ist, so viel darber
geschrieben, da auf jeden Bogen der Memoiren des Satan ein Ries Akten
kam, und nachdem die Sache ein Vierteljahr anhngig war, wurde sogar
auf Unrechtskosten eine neue Aktenkammer fr diesen Proze eingerumt;
ber der Tre stand mit groen Buchstaben: Acta in Sachen des
persischen G. H. R. T e u f e l s gegen _Dr._ H----f, betreffend
die Memoiren des Satan."

Ein sehr gnstiger Umstand fr mich war der, da ich auf dem Titel
nicht Memoiren des Teufels", sondern des Satan" gesagt hatte. Die
Juristen waren mit sich ganz einig, da der Name T e u f e l in
Deutschland sein F a m i l i e n n a m e sei, ich habe also wenigstens
diesen nicht zur Flschung gebraucht; Satan hingegen sei nur ein
angenommener, willkrlicher; denn niemand im Staate sei berechtigt,
zwei Namen zu fhren. Ich fing an, aus diesem Umstand gnstigere
Hoffnungen zu schpfen; aber nur zu bald sollte ich die bittere
Erfahrung machen, was es heie, den Gerichten anheimzufallen. Das
Referat in Sachen des _et cetera_ war nmlich dem berhmten
Justizrat Wackerbart in die Hnde gefallen, einem Manne, der schon bei
Dmpfung einiger groen Revolutionen ungemeine Talente bewiesen hatte
und neuerdings sogar dazu verwendet wurde, bedeutende Unruhen in einem
Gymnasium zu schlichten. Stand nicht zu erwarten, da ein solcher
berhmter Jurist meine Sache nur als eine _cause clbre_ ansehen
und sie also handhaben werde, da sie, gleichviel wem von beiden
Recht, ihm am meisten Ruhm einbrchte? Hierzu kam noch der Titel und
Rang meines Gegners; Wackerbart hatte seit einiger Zeit angefangen,
sich an hhere Zirkel anzuschlieen; mute ihm da ein so wichtiger
Mann, wie ein persischer Geheimer Hofrat, nicht mehr gelten als ich
Armer?

Es ging, wie ich vorausgesehen hatte. Ich verlor meine Sache gegen den
Teufel. Strafe, Schadenersatz, aller mgliche Unsinn wurde auf mich
gewlzt; ich wunderte mich, da man mich nicht einige Wochen ins
Gefngnis sperrte oder gar hngte. Man hatte hauptschlich folgendes
gegen mich in Anwendung gebracht:

E n t s c h e i d u n g s = G r  n d e

zu dem vor dem Kriminalgericht Klein=Justheim, unter dem 4. Dezember
1825 gefllten Erkenntnis in der Untersuchungssache gegen den
_Dr_. .....f w e g e n  B e t r u g e s.

1. Es ist durch das Zugestndnis des Angeklagten erhoben, da er keine
Beweise beizubringen wei, da die von ihm herausgegebenen Memoiren
des Satan wirklich von dem bekannten echten Teufel, so gegenwrtig als
Geheimer Hofrat in persischen Diensten lebt, herrhren. Ferner hat der
Angeschuldigte .....f zugegeben, da die in ffentlichen Blttern
darber enthaltene Ankndigung mit seinem Wissen gegeben sei.

2. Die letztgedachte Ankndigung ist also abgefat, da hieraus die
Absicht des Verfassers, die Lesewelt glauben zu machen, da die
Memoiren des Satan" von dem wahren, im Alten und Neuen Testament
bekannten und neuerdings als Schriftsteller beliebten Teufel
geschrieben seien, nur allzu deutlich hervorleuchten tut.

3. Durch diese Verfahrungsart hat sich der Angeklagte .....f eines
Betruges, alldieweilen solcher im allgemeinen in jedweder aus
impermissen Kommodum fr sich oder Schaden anderer gerichteten
unrechtlichen Tuschung anderer, entweder, indem man falsche Tatsachen
mitteilt oder wahre dito nicht angibt--besteht; oder, um uns nher
auszudrcken, da hier die Sprache v o n  e i n e r  W a r e  u n d
g e d r u c k t e m  B u c h ist--einer F  l s c h u n g schuldig
gemacht; denn durch den Titel Memoiren des Satan" und die Anpreisung
des Buches wurde der Lesewelt falsch vorgespiegelt, da das Buch
ausdrcklich von dem unter dem Namen Satan bekannten, k. persischen
Geheimen Hofrat Teufel verfat sei, was beim Verkauf des Werkes
verursachte, da es schneller und in grerer Quantitt abging, als
wenn das Bchlein unter dem Namen des Herrn .....f, so dem Publiko noch
gar nicht bekannt ist, erschienen wre, und wodurch die, so es
kauften, in ihrer schnen Erwartung, ein echtes Werk des Teufels in
Hnden zu haben, schnde betrogen wurden.

4. Wenn der Herr _Dr_. .....f, um sich zu entschuldigen, dagegen
einwendet, da der Name Satan in Deutschland nur ein angenommener sei,
worauf der Teufel, wie man ihn gewhnlich nennt, keinen Anspruch zu
machen habe, so bemerken wir Kriminalleute von Klein=Justheim sehr
richtig, da sich .....f auf den Gebrauch jenes angenommenen, brigens
bekanntermaen den Teufel sehr wohl bezeichnenden Namens nicht
beschrnkt, sondern in dem Werke selbst berall durchblicken lt,
namentlich in der Einleitung, da der Verfasser derjenige Teufel oder
Satan sei, welcher dem Publiko, besonders dem Frauenzimmer, wie auch
denen Gelehrten durch frhere Opera, z. B. die Elixiere des Teufels
_et cetera_ rhmlichst bekannt ist, wodurch wohl ebenfalls
niemand anderes gemeint ist als der Geheime Hofrat Teufel.

5. Man mu lachen ber die Behauptung des Inkulpaten, da das in Frage
stehende Opuskulum, wie auch nicht destoweniger seine Anzeige,
eigentlich eine Satire auf den Teufel und jegliche Teufelei jetziger
Zeit sei! Denn diese Entschuldigung wird durch den Inhalt der Schrift
selbst widerlegt; ja, jeder Leser von Vernunft mu das auch wohl eher
fr eine etwas geringe Nachffung der Teufeleien als fr--eine Satire
auf dieselben erkennen. Wre aber auch, was wir Juristen nicht
einzusehen vermgen, das Werk dennoch eine Satire, so ist durchaus
kein gnstiger Umstand fr .....f zu ziehen, weil derjenige Kufer, der
etwas E c h t e s, vom Teufel Verfates kaufen wollte, erst nach dem
Kauf entdecken konnte, da er betrogen sei.

6. Auer der vllig rechtswidrigen Tuschung der Lesewelt,
Leihbibliotheken _et cetera_, ist in der vorliegenden Defraudation
auch ein Verbrechen gegen den begangen, dessen Name oder
Firma mibraucht worden, nmlich und spezialiter gegen den Geheimen
Hofrat Teufel, welcher sowohl als Gelehrter und Schriftsteller, als
von wegen des Honorars seiner brigen Schriften sehr dabei
interessiert ist, da nicht das Geschreibsel anderer als von ihm
niedergeschrieben, wie auch erdacht, angezeigt und verkauft werde.

7. Wenn endlich der Angeklagte behauptet, da er das Buch arglos
herausgegeben, ohne das Klein=Justheimer Recht hierber zu kennen, da
ihn auch bei der Flschung durchaus keine gewinnschtigen Absichten
geleitet htten, so ist uns dies gleichgltig und haben nicht darauf
Rcksicht zu nehmen; denn Flschung ist Flschung, sei es, ob man
englische Teppiche nachahmt und als echt verkauft, aber Bcher
schreibt unter falschem Namen; ist alles nur verkufliche Ware und
kann den Begriff des Vergehens nicht ndern, weil immer noch die
Tuschung und Anschmierung der Kufer restiert und zwar ebenfalls
nichts destominder auch alsdann, wenn die Memoiren des Satan gleichen
Wert mit den brigen Bchern des Teufels htten (was wir
Klein=Justheimer brigens bezweifeln, da jener Geheimer Hofrat ist),
weil dem Ebengedachten schon das Unterschieben eines fremden
Machwerkes unter seinem Namen ein Schaden in juridischem Sinne sein
tut.

Es ist daher, wie man getan hat, erkannt worden usw. usw.

(Gez.) Prsident und Rte des Kriminalgerichts zu Klein=Justheim.

Hast du, geneigter Leser, nie die berhmten Nrnberger Gliedermnner
gesehen, so, kunstreich aus Holz geschnitzelt, ihre Gliedlein nach
jedem Druck bewegen? Hast du wohl selbst in deiner Jugend mit solchem
Mnnlein gespielt und allerlei Kurzweil mit ihm getrieben und
probiert, ob es nicht schner wre, wenn er z. B. das Gesicht im
Nacken trge und den Rcken hinunterschaue, oder ob es nicht
vernnftiger wre, wenn ihm die Beine ein wenig umgedreht wrden, da
er vor= und rckwrts spaziere, wie man es haben wolle? Das hast du
wohl versucht in den Tagen deiner Kindheit, und es war ein
unschuldiges Spiel; denn dem Gliedermann war es gleichgltig, ob ihm
die Beine ber die Schulter herberkamen oder nicht, ob er den Rcken
herabschaute oder vorwrts; er lchelte so dumm wie zuvor; denn er
hatte ja kein Gefhl, und es tat ihm nicht weh im Herzen; denn auch
dieses war ja aus Holz geschnitzelt und wahrscheinlich aus Lindenholz.

Aber selbst ein solcher Gliedermann sein zu mssen in den tppischen
Hnden der Klein=Justheimer Kriminalen! Sie renkten und drehten mir
die Glieder, setzten mir den Kopf so oder so, wie es ihnen gefllig,
oder auch nach Vorschrift des Justinian, drehten und wendeten mein
Recht, bis der Kadaver vor ihnen lag auf dem grnen Sessionstisch, wie
sie ihn haben wollten, mit verrenkten Gliedern, und sie nun anatomisch
aufnotieren konnten, was fr Fehler und Kuriosa an ihm zu bewerfen,
nmlich, da er das Gesicht im Nacken, die Fe einwrts, die Arme
verschrnkt _et cetera_ trage, ganz gegen alle Ordnung und Recht.

Ware, Ware! nannten sie deine Memoiren, o Satan, Ware! Als wrde
dergleichen nach der Elle aus dem Gehirn hervorgehaspelt, wie es jener
Schwarzknstler und Eskamoteur getan, der Bnder verschluckte und sie
herauszog, Elle um Elle aus dem Rachen. Warenflschung, Einschwrzen,
Defraudation, o welch herrliche Begriffe, um zu definieren, was man
will! Und rechtswidrige Tuschung des Publikums? Wer hat denn darber
geklagt? Wer ist aufgestanden unter den Tausenden und hat Zeter
geschrien, weil er gefunden, da das Bchlein nicht von dem Schwarzen
selbst herrhre, da er den Missetter bestraft wissen wolle fr diese
rechtswidrige Tuschung? O Klein=Justheim, wie weit bist du noch
zurck hinter England und Frankreich, da du nicht einmal einsehen
kannst, Werke des Geistes seien kein nachgemachter Rum oder Arrak und
gehren durchaus nicht vor deine Schranken.

Traurig musterte ich das Manuskript des zweiten Teiles, der nun fr
mich und das Publikum verloren war; ich dachte nach ber das
Hohngelchter der Welt, wenn der erste nur ein Torso, ein schlechtes
abgerissenes Stck, verachtet auf den Schranken der Leihbibliotheken
sitze, trbselig auf die hohe Versammlung der Romane und Novellen
allerart herabschaue und ihnen ihre abgentzten Gewnder beneide, die
den groen Furor, welchen sie in der Welt machen, beurkunden, wie er
seine andere Hlfte, seinen Nebenmann, den zweiten, herbeiwnsche, um
verbunden mit ihm schne Damen und Herren zu besuchen, was ihm jetzt,
als einem Invaliden, beinahe unmglich war. Da wurde mir eines Morgens
ein Brief berbracht, dessen Aufschrift mir bekannte Zge verriet. Ich
ri ihn auf und las:

Wohlgeborener, sehr verehrter Herr!

Durch den Oberjustizrat Hammel, der vor einigen Tagen das Zeitliche
gesegnet und an mein Hoflager kam, erfuhr ich zu meinem groen rger
die miserablen Machinationen, die gegen Euch gemacht wurden. Bildet
Euch nicht ein, da sie von mir herrhren. Mit groem Vergngen denke
ich noch immer an unser Zusammentreffen in den drei Reichskronen zu
Mainz, und in meiner jetzigen Zurckgezogenheit und bei meinen vielen
Geschften im Norden komme ich selten dazu, eine deutsche
Literaturzeitung zu lesen; aber einige Rezensenten, welche ich sprach,
versichern mich, mit welchem Eifer Ihr meine Memoiren herausgegeben
habt und da das Publikum meine Bemhungen zu schtzen wisse. Der
Proze, den man Euch an den Hals warf, kam mir daher um so
unerwarteter. Glaubet mir, es ist nichts als ein schlechter
Kunstgriff, um mich nicht als Schriftsteller aufkommen zu lassen, weil
ich ein wenig ber ihre Universitten schimpfte und die sthetischen
Tees, und Euch wollen sie nebenbei auch drcken. Lasset Euch dies
nicht kmmern, Wertester; gebet immer den zweiten Teil heraus, im
Notfall knnet Ihr gegenwrtige Schreiben jedermann lesen lassen,
namentlich den Wackerbart; saget ihm, wenn er meine Handschrift nicht
kenne, so kenne ich um so besser die seinige.

Ich kenne diese Leutchen, sie sind Raubritter und Korsaren, die jeden
berhmten Proze, der ihnen in die Hnde fllt, fr g u t e  P r i s e
erklren, und wenn sie ihn festhaben in den Krallen, so lange deuteln
und drehen, bis sie ihn dahin entscheiden knnen, wo er ihnen am
meisten Ruhm nebst etzlichem Golde eintrgt. Was war bei Euch von
beidem zu erheben? Ihr, ein armseliger Doktor der Philosophie und
Magister der brotlosen Knste, was seid Ihr gegen einen persischen
Geheimen Hofrat? Denket also, die Sache sei ganz natrlich zugegangen,
und grmet Euch nicht darber. Was den persischen Geheimen Hofrat
betrifft, der meine Rolle bernommen hat, so will ich bei Gelegenheit
ein Wort mit ihm sprechen.

Hier lege ich Euch noch ein kleines Manuskriptchen bei, ich habe es in
den letzten Pfingstfeiertagen in Frankfurt aufgeschrieben, es ist im
ganzen ein Scherz und hat nicht viel zu bedeuten; doch schaltet Ihr es
im zweiten Teile ein; es gibt vielleicht doch Leute, die sich dabei
freundschaftlich meiner erinnern.

Gehabt Euch wohl; in der Hoffnung, Eure persnliche Bekanntschaft bald
zu erneuern, bin ich

Euer wohlaffektionierter Freund, d e r  S a t a n."

Man kann sich leicht denken, wie sehr mich dieser Brief freute. Ich
lief sogleich damit zu dem wackern Mann, der meine Sache gefhrt
hatte; ich zeigte ihm den Brief, ich erklrte ihm, appellieren zu
wollen an ein hheres Gericht und den Originalbrief beizulegen.

Er zuckte die Achseln und sprach: Lieber, sie wohnen zusammen in e i
n e r Hausmiete, die Kriminalen; ob Ihr um eine Treppe hher steigen
wollet, aus dem Entresol in die Beletage zu den Vornehmeren, das ist
einerlei; Ihr fallet nur um so tiefer, wenn sie Euch durchfallen
lassen. Doch an mir soll es nicht fehlen."

So sprach er und focht fr mich mit erneuerten Krften; doch--was half
es? Sie stimmten ab, erklrten den persischen fr den echten,
alleinigen Teufel, der allein das Recht habe, Teufeleien zu schreiben,
und der Proze ging auch in der Beletage verloren.

Da fate mich ein glhender Grimm; ich beschlo, und wenn es mich den
Kopf kosten sollte, doch den zweiten Teil herauszugeben, ich nahm das
Manuskript unter den Arm, raffte mich auf und----erwachte.

Freundlich strahlte die Frhlingssonne in mein enges Stbchen, die
Lerchen sangen vor dem Fenster, und die Bltenzweige winkten herein,
mich aufzumachen und den Morgen zu begren.

Verschwunden war der bse Traum von Prozessen, Justizrten,
Klein=Justheim und alles, was mir Gram und rger bereitete,
verschwunden, spurlos verschwunden.

Ich sprang auf von meinem Lager, ich erinnerte mich, den Abend zuvor
bei einigen Glsern guten Weins ber einen hnlichen Proze mit
Freunden gesprochen zu haben; da war mir nun im Traume alles so
erschienen, als htte ich selbst den Proze gehabt, als wre ich
selbst verurteilt worden von Kriminalrichtern und Klein=Justheimer
Schppen.

Ich lchelte ber mich selbst. Wie pries ich mich glcklich, in einem
Lande zu wohnen, wo dergleichen juridische Exzesse gar nicht
vorkommen, wo die Justiz sich nicht in Dinge mischt, die ihr fremd
sind, wo es keine Wackerbarte gibt, die einen solchen Fund fr gute
Prise erklren, das Recht zum Gliedermann machen und drauflos
hantieren und drehen, ob es biege oder breche, wo man Erzeugnisse des
Geistes nicht als Ware handhabt und Satire versteht und zu wrdigen
wei, wo man weder auf den Titel eines persischen Geheimen Hofrats,
noch auf irgend dergleichen Rcksicht nimmt.

So dachte ich, pries mich glcklich und verlachte meinen komischen
Prozetraum.

Doch wie staunte ich, als ich hintrat zu meinem Arbeitstisch! Nein, es
war keine Tuschung, da lag er ja, der Brief des Satans, wie ich ihn
im Traume gelesen, da lag das Manuskript, das er mir im Brief
verheien. Ich traute meinen Sinnen kaum, ich las, ich las wieder, und
immer wurde mir der Zusammenhang unbegreiflicher.

Doch ich konnte ja nicht anders, ich mute seinen Wink befolgen und
seinen Besuch in Frankfurt" dem zweiten Teile einverleiben.

Ich gestehe, ich tat es ungern. Ich hatte schon zu diesem Teile alles
geordnet; es fand sich darin eine Skizze, die nicht ohne Interesse zu
lesen war, ich meine die Szene, wie er mit Napoleon eine Nacht in
einer Htte von Malojarolawez zubrachte und wie von jenen
Augenblicken an so vieles auf geheimnisvolle Weise sich gestaltet im
Leben jenes Mannes, dem selbst der Teufel Achtung zollen mute.
vielleicht--weil er ihm nicht beikommen konnte, doch--vielleicht ist
es mglich, dieses merkwrdige Aktenstck dem Publikum an einem andern
Orte mitzuteilen.

Noch war ich mit Durchsicht und Ordnen der Papiere beschftigt, da
wurde die Tre aufgerissen, und mein Freund Moritz strzte ins Zimmer.

Weit du schon?" rief er. Er hat ihn verloren."

Wer? Was hat man verloren?"

Nun, von was wir gestern sprachen, den Proze gegen Clauren meine
ich, wegen des M a n n e s  i m  M o n d e!"

Wie? Ist es mglich!" entgegnete ich, an meinen Traum denkend. Unser
Freund, der Kandidatus Bemperlein? Den Proze?"

Du kannst dich drauf verlassen; soeben komme ich vom Museum, der
Verleger sagte es mir, soeben wurde ihm das Urteil publiziert."

Aber wie konnte dies doch geschehen, Moritz? War er etwa auch in
Klein=Justheim anhngig?"

Klein=Justheim? Du fabelst, Freund!" erwiderte der Freund, indem er
besorgt meine Hand ergriff. Was willst du nur mit Klein=Justheim, wo
gibt es denn einen solchen Ort?"

Ach," sagte ich beschmt, du hast recht; ich dachte an--meinen
Traum."

       *       *       *       *       *




MEIN BESUCH IN FRANKFURT.

1. WEN DER SATAN AN DER _TABLE D'HTE_ IM WEISSEN SCHWAN SAH.


Kommt man um die Zeit des Pfingstfestes nach Frankfurt, so sollte man
meinen, es gebe keine heiligere Stadt in der Christenheit; denn sie
feiern daselbst nicht, wie z. B. in Bayern eineinhalb oder, wie im
Kalender vorgeschrieben, zwei Festtage, sondern sie rechnen vier
Feiertage; die Juden haben deren sogar fnf; denn sie fangen in
Bornheim ihre heiligen bungen schon am Samstag an, und der Bundestag
hat sogar acht bis zehn.

Diese Festtage gelten aber in dieser Stadt weniger den wunderbaren
Sprachknsten der Apostel als mir. Was die berhmtesten Mystiker am
Pfingstfeste morgens den guten Leutchen ans Herz gelegt, was die
immensesten Rationalisten mit moralischer Salbung verkndet hatten,
das war so gut als in den Wind gesprochen. Die Fragen: Ob man am
Montag oder am Dienstag, am zweiten oder dritten Feiertag ins W  l d
c h e n gehen, ob es nicht anstndiger wre, ins Wilhelmsbad zu
fahren, ob man am vierten Feiertag nach Bornheim oder ins Vauxhall
gehen sollte, oder beides," diese Fragen scheinen bei weitem wichtiger
als jene, die doch fr andchtige Feiertagsleute viel nher lag: Ob
die Apostel damals auch Englisch und Plattdeutsch verstanden haben?"

Mu ein so aufgeweckter Sinn den Teufel nicht erfreun, der an solchen
Tagen mehr Seelen fr sich gewinnt als das ganze Judenquartier in
einer guten Brsenstunde Gulden? Auch diesmal wieder kam ich zu
Pfingsten nach Frankfurt. Leuten, die, von einem berhmten
Belletristen verwhnt, alles bis auf kleinste Detail wissen wollen,
diene zur Nachricht, da ich im Weien Schwanen auf Nr. 45 recht gut
wohnte, an der groen _Table d'hte_ in angenehmer Gesellschaft
trefflich speiste; den Kchenzettel mgen sie sich brigens von dem
Oberkellner ausbitten.

Schon in der ersten Stunde bemerkte ich ein Seufzen und Sthnen, das
aus dem Zimmer nebenan zu dringen schien. Ich trat nher, ich hrte
deutlich, wie man auf gut deutsch fluchte und tobte, dann Rechnungen
und Bilanzen, die sich in viele Tausende beliefen, nachzhlte, und
dann wieder wimmerte und weinte wie ein Kind, das seiner Aufgabe fr
die Schule nicht mchtig ist.

Teilnehmend, wie ich bin, schellte ich nach dem Kellner und fragte
ihn, wer der Herr sei, der nebenan so beraus klglich sich gebrde?

Nun," antwortete er, das ist der stille Herr." Der stille Herr?
Lieber Freund, das gibt mir noch wenig Aufschlu. Wer ist er denn?"

Wir nennen ihn hier im Schwan den stillen Herrn oder auch den
Seufzer; er ist ein Kaufmann aus Dessau, nennt sich sonst Zwerner und
wohnt schon seit vierzehn Tagen hier."

Was tut er denn hier? Ist ihm ein Unglck zugestoen, da er gar so
klglich winselt?"

Ja, das wei ich nicht," erwiderte er, aber seit dem zweiten Tag,
da er hier ist, ist sein einziges Geschft, da er zwischen zwlf und
ein Uhr in der neuen Judenstrae auf= und abgeht, und dann kommt er zu
Tisch, spricht nichts, it nichts, und den ganzen Tag ber jammert er
ganz stille und trinkt Kapwein."

Nun, das ist keine schlimme Eigenschaft," sagte ich, setzen Sie mich
doch heute mittag in seine Nhe." Der Kellner versprach es, und ich
lauschte wieder auf meinen Nachbar. Den zwlften Mai," hrte ich ihn
sthnen, Metalliques 83 3/4, sterreichische Staatsobligationen 87
3/8, Rothschildische Lotterielose, der Teufel hat sie erfunden und
gemacht! 132, preuische Staatsschuldscheine 81! O Rebekka! Rebekka!
Wo will das hinaus! 81! Die Preuen! Ist denn gar keine Barmherzigkeit
im Himmel?"

So ging es eine Zeitlang fort; bald hrte ich ihn ein Glas Kapwein zu
sich nehmen und ganz behaglich mit der Zunge dazu schnalzen; bald
jammerte er wieder in den klglichsten Tnen und mischte die Konsols,
die Rothschildschen Unverzinslichen und seine Rebekka auf
herzbrechende Weise untereinander. Endlich wurde er ruhiger. Ich hrte
ihn sein Zimmer verlassen und den Gang hinabgehen; es war wohl die
Stunde, in welcher er durch die neue Judenstrae promenierte.

Der Kellner hatte Wort gehalten. Er wies, als ich in den Speisesaal
trat, auf einen Stuhl: Setzen sich der Herr Doktor nur dorthin,"
flsterte er, zu Ihrer Rechten sitzt der Seufzer." Ich setzte mich,
ich betrachtete ihn von der Seite. Wie man sich tuschen kann! Ich
hatte einen jungen Mann von melancholischem, gespenstischem Aussehen
erwartet, wie man sie heutzutage in groen Stdten und Romanen trifft,
etwas bleichschmachtend und fein wie Eduard, von der Verfasserin der
Ourika, oder von schwchlichem, beinahe liederlichem Anblick wie
einige Schopenhauersche oder Pichlersche Helden. Aber gerade das
Gegenteil; ich fand einen untersetzten, runden jungen Mann mit
frischen, wohlgenhrten Wangen und roten Lippen, der aber die trben
Augen beinahe immer niederschlug und um den hbschen Mund einen
weinerlichen Zug hatte, welcher zu diesem frischen Gesicht nicht recht
pate.

Ich versuchte, whrend ich ihm allerlei treffliche Speisen anbot,
einigemal mit ihm ins Gesprch zu kommen, aber immer vergeblich; er
antwortete nur durch eine Verbeugung, begleitet von einem
halbunterdrckten Seufzer. In solchen Augenblicken schlug er dann wohl
die Augen auf, doch nicht, um auf mich zu blicken; er warf nur einen
scheuen, finstern Blick geradeaus und sah dann wieder seufzend auf
seinen Teller.

Ich folgte einem dieser Blicke und glaubte zu bemerken, da sie einem
Herrn gelten muten, der uns gegenber sa und schon zuvor meine
Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte.

Er war gerade das Gegenteil von meinem Nachbar rechts. Seine schon
etwas kahle, gefurchte Stirne, sein brunliches, eingeschnurrtes
Gesicht, seine schmalen Wangen, seine spitze, weit hervortretende Nase
deuteten darauf hin, da er die fnfundvierzig Jhrchen, der er haben
mochte, etwas s c h n e l l verlebt habe. Den auffallendsten Kontrast
mit diesen verwitterten, von Leidenschaften durchwhlten Zgen bildete
ein ruhiges, sliches Lcheln, das immer um seinen Mund schwebte, die
zierliche Bewegung seiner Arme und seines Krperchens, wie auch seine
sehr jugendliche und modische Kleidung.

Es saen etwa fnf oder sechs junge Damen an der Tafel, und nach den
zrtlichen Blicken, die er jeder zusandte, dem sen Lcheln, womit er
seine Blicke begleitete, zu urteilen, mute er mit allen in genauen
Verhltnissen stehen. Dieser Herr hatte, wenn er mit der
abgestorbenen, knchernen Hand einen Spargel zum Munde fhrte und
slich dazu lchelte, die grte hnlichkeit mit einem rasierten
Kaninchen, whrend mein Nachbar rechts wie ein melancholischer Frosch
anzusehen war.

Warum brigens der Seufzer das Kaninchen mit so finstern Augen ma,
konnte ich nicht erraten. Endlich, als die Blicke meines Nachbars
dsterer und lnger als gewhnlich auf jenem ruhten, fing das
Kaninchen an, die Schultern und Arme grazis hin und her zu drehen,
den Rcken auf knstliche Art auszudehnen und das spitzige Kpfchen
nach uns herber zu drehen; mit sem Lcheln fragte er: Noch immer
so dster, mein lieber Monsieur Zwerner? Etwa gar eiferschtig auf
meine Wenigkeit?"

An dem zarten Lispeln, an der knstlichen Art, das r wie gr
auszusprechen, glaubte ich in ihm einen jener adeligen Salonmenschen
zu erkennen, die von einer feinen, leisen Sprache Profession machen.
Und so war es; denn mein Nachbar antwortete: Eiferschtig, Herr
Graf?--Auf S i e in keinem Fall."

Graf Rebs--so hrte ich ihn spter nennen--faltete sein Mulchen zu
einem feinen Lcheln, drckte die Augen halb zu, bog die Spitznase auf
komische Weise seitwrts, strich mit der Hand ber sein langes,
knchernes Kinn und kicherte:

Das ist schn von Ihnen, lieber Monsieur Zwerner; also gar nicht
eiferschtig? Und doch habe ich die schne Rebekka erst gestern abend
noch in ihrer Loge gesprochen. Ha, ha! Sie standen im Parterre und
schauten mit melancholischen Blicken herauf. Darf ich Sie um jenes
Ragout bitten, mein Herr?"

Ich war allerdings im Theater, habe aber nur vorwrts aufs Theater
und nicht rckwrts gesehen, am wenigsten mit melancholischen
Blicken."

Herr Oberkellner," lispelte der Graf, Sie haben die Trffeln
gespart. Aber nein! Monsieur Zwerner, wie man sich tuschen kann! Ich
htte auf Ehre geglaubt, Sie schauten herauf in die Loge mit
melancholischen Blicken. Auch Rebekka mochte es bemerken und Frulein
von Rothschild; denn als ich auf Sie hinabwies--Kellner, ich trinke
heute lieber roten Ingelheimer, ein Flschchen--ja, wollte ich sagen--
das ist mir nun whrend des Ingelheimers gnzlich entfallen; so geht
es, wenn man so viel zu denken hat."

Meinem Nachbar mochte das unverzeihlich schlechte Gedchtnis des
Grafen nicht behagen; obgleich er vorhin das Kaninchen ziemlich barsch
abgewiesen hatte, so schien ihm doch dieser Punkt zu interessant, als
da er nicht weiter geforscht htte. Nun, auch Frulein von
Rothschild hat bemerkt, da ich melancholisch hinaussah?" fragte er,
indem er seine bitteren Zge durch eine Zutat von Lcheln zu versen
suchte; freilich, diese hat ein scharfes Gesicht durch die Lorgnette--".

Richtig, das war es," erwiderte Rebs, das war es; ja, als ich auf
Sie hinabwies und Rebeckchen Ihre Leiden anschaulich machte, schlug
sie mich mit ihrem Jocofcher auf die Hand und nannte mich einen
Schalk."

Mein Nachbar wurde wieder finster, seine roten Wangen rteten sich
noch mehr, und die ansehnliche Breite seines Gesichtes erweiterte sich
noch durch wilden Trotz, der in ihm wtete. Er zog den Kopf tief in
die Schultern und blitzte das Kaninchen hin und wieder mit einem
grimmigen Blicke an. Er hatte nie so groe hnlichkeit mit einem
angenehmen Froschjngling, der an einem warmen Juniabend trauernd auf
dem Teichel sitzt, als in diesem Augenblicke.

Graf Rebs bemerkte dies. Mit angenehmer Herablassung, wobei er das r
noch mehr schnurren lie als zuvor, sprach er: Werter Monsieur
Zwerner, Sie drfen aus dem Schlag mit dem Jocofcher keine argen
Folgerungen ziehen. Es ist nur eine _faon de parler_ unter
Leuten von gutem Ton. Wegen meiner drfen Sie ruhig sein. Zwar solange
man jung ist," fuhr er fort, indem er den Halskragen hher heraufzog
und schalkhaft daraus hervorsah, wie das Kaninchen aus dem Busch,
zwar so lange man jung ist, macht man sich hie und da ein Spchen.
Aber ein ganz anderer Gegenstand fesselt mich jetzt, Liebster! Haben
Sie schon die Nichte des englischen Botschafters gesehen, die seit
drei Tagen hier in Frankfurt ist?"

Nein," antwortete mein Nachbar, leichter atmend.

O, ein delizises Kind! Augenbrauen wie, wie--wie mein Rock hier,
einen Mund zum Kssen und in dem schnen Gesicht so etwas Pikantes,
ich mchte sagen so viel englische Rasse. Nun, wir sind hier unter
uns; ich kann Sie versichern, es ist auffallend, aber wahr, ich sollte
es nicht sagen, es beschmt mich, aber auf Ehre, Sie knnen sich
darauf verlassen, obgleich es ein ganz komischer Fall ist, brigens
hoffe ich, mich auf Ihre Diskretion verlassen zu knnen, nein, es ist
wirklich auffallend, in drei Tagen ..."

Nun, so bitte ich Sie doch um Gottes willen, Herr Graf, was wollen
Sie denn sagen?"

Es war ein eigener Genu, das Kaninchen in diesem Augenblicke
anzusehen. Ein Gedanke schien ihn zu kitzeln; denn er kniff die
uglein zu, sein Kinn verlngerte sich, seine Nase bog sich abwrts
nach den Lippen, und sein Mund war nur noch eine dnne, zarte Linie;
dazu arbeitete er mit dem zierlich gekrmmten Rcken und den
Schulterblttern, als wolle er anfangen zu fliegen, und mit den
abgelebten Kncheln seiner Finger fuhr er auf dem Tisch umher. Noch
einmal mute der Seufzer ihn ermuntern, sein Geheimnis preiszugeben,
bis er endlich hervorbrachte: Sie ist in mich verliebt! Sie staunen;
ich kann es Ihnen nicht belnehmen; auch mir wollte es anfangs
sonderbar bednken, in so kurzer Zeit; aber ich habe meine sicheren
Kennzeichen, und auch andere haben es bemerkt."

Sie Glcklicher!" rief der Seufzer nicht ohne Ironie. Wo Sie nur
hintippen, schlagen Ihnen Herzen entgegen; brigens rate ich, diese
Englnderin ernstlicher zu verfolgen; bedenken Sie, eine so solide
Partie--"

Merke schon, merke schon," entgegnete Rebs mit schlauem Lcheln, es
ist Ihnen um Rebekka, Sie wollen, ich solle dort gnzlich aus dem
Felde ziehen. Solide Partie! Sie werden doch nicht meinen, da ich
schon heiraten will? Gott bewahre mich! Aber wegen Rebeckchen drfen
Sie ruhig sein; ich ziehe mich gnzlich zurck. Und sollte vielleicht
eine vorbergehende Neigung in dem Mdchen--Sie verstehen mich schon--
das wird sich bald geben; ich glaube nicht, da sie mich ernstlich
geliebt hat."

Ich glaube auch nicht," entgegnete der Seufzer mit einem Ton, in
welchem sich bittere Ironie mit Grimm mischte. Die Gesellschaft stand
auf, wir folgten. Graf Rebs tnzelte lchelnd zu den Damen, welchen er
whrend der Tafel so zrtliche Blicke zugeworfen; ich aber folgte dem
unglcklichen Seufzer.

       *       *       *       *       *




2. TROST FR LIEBENDE.


Was war doch dies fr ein sonderbarer Herr?" fragte ich meinen
Nachbar, indem ich mich dicht an ihn anschlo. Findet er wirklich bei
den Damen so sehr Beifall, oder ist er ein wenig verrckt?"

Ein Geck ist er, ein Narr!" rief der Seufzende, indem er mit dem Kopf
aus den Schultern herausfuhr und die Arme umherwarf. Ein alter
Junggeselle von fnfundvierzig, und spielt noch den ersten Liebhaber.
Eitel, tricht, glaubt, jede Dame, die er aus seinen kleinen uglein
anblinzelt, sei in ihn verliebt, drngt sich berall an und ein--"

Nun, da spielt dieser Graf Rebs eine lcherliche Rolle in der
Gesellschaft, da wird er wohl berall verhhnt und abgewiesen?" Ja,
wenn die Damen dchten, wie Sie, wertgeschtzter Herr! Aber so
lcherlich dieser Gnome ist, so tricht er sich berall gebrdet, so--
oh--Rebekka! der Teufel hat die Weiberherzen gemacht."

Ei, ei," sagte ich, indem ich schnell Nr. 45 aufschlo und den
Verzweifelnden hineinschob, ei! lieber Herr Zwerner, wer wird so arge
Beschuldigungen ausstoen? Und auf Frulein Rebekka--setzen Sie sich
doch geflligst aufs Sofa--auf das Frulein sollte er auch Eindruck
gemacht haben, dieser Gliedermann?"

Ach, nicht er, nicht er. Sie sieht, da er lcherlich ist und
geckenhaft, und doch kokettiert sie mit ihm. Nicht mit ihm, sondern
mit seinem Titel. Es schmeichelt ihr, einen Grafen in ihrer Loge zu
sehen oder auf der Promenade von ihm begrt zu werden; vielleicht,
wenn sie eine Christin wre, htte sie einen solidern Geschmack."

Wie, das Frulein ist eine Jdin?"

Ja, es ist ein Judenfrulein. Ihr Vater ist der reiche Simon in der
neuen Judenstrae. Das groe gelbe Haus neben dem Herrn von
Rothschild, und eine Million hat er, das ist ausgemacht."

Sie haben einen soliden Geschmack. Und wie ich aus dem Gesprch des
Grafen bemerkt habe, knnen Sie sich einige Hoffnung machen?"

Ja," erwiderte er rgerlich, wenn nicht der Satan das Papierwesen
erfunden htte. So stehe ich immer zwischen Tre und Angel. Glaube ich
heute einen festen Preis, ein sicheres Vermgen zu haben, um vor Herrn
Simon zu treten und sagen zu knnen: Herr, wir wollen ein kleines
Geschft machen miteinander; ich bin das Haus Zwerner u. Komp. aus
Dessau, stehe so und so, wollen Sie mir Ihre Tochter geben?' Glaube
ich nun so sprechen zu knnen, so lt auf einmal der Teufel die
Metalliques um zwei, drei Prozent steigen, ich verliere, und meinem
Schwiegerpapa, der daran gewinnt, steigt der Kamm um so viele Prozente
hher, und an eine Verbindung ist dann nicht mehr zu denken."

Aber kann denn nicht der Fall eintreten, da S i e gewinnen?"

Ja, und dann bin ich so schlecht beraten wie zuvor. Herr Simon ist
von der Gegenpartei. Gewinne ich nun durch das Sinken dieser oder
jener Papiere, so verliert er ebensoviel, und dann ist nichts mit ihm
anzufangen; denn er ist ein ausgemachter Narr und reif fr das
Tollhaus, wenn er verliert. Ach, und aus Rebeckchen, so gut sie sonst
ist, guckt auf allen Seiten der jdische Geldteufel heraus."

Wie, sollte es mglich sein, eine junge Dame sollte so sehr nach Geld
sehen?"

Da kennen Sie die Mdchen, wie sie heutzutage sind, schlecht,"
erwiderte er seufzend. Titel oder Geld, Geld oder Titel, das ist es,
was sie wollen. Knnen sie sich durch einen Leutnant zur gndigen Frau
machen lassen, so ist er ihnen eben recht, hat ein Mann wie ich Geld,
so wiegt dies den Adel zur Not auf, weil derselbe gewhnlich keines
hat."

Nun, ich denke aber, das Haus Zwerner u. Komp. in Dessau hat Geld;
woher also Ihr Zweifel an der Liebe des Fruleins?"

Ja, ja!" sagte er etwas freundlicher, wir haben Geld, und so viel,
um immer mit Anstand um eine Tochter des Herrn Simon zu freien; aber
Sie kennen die Frankfurter Mdchen nicht; werter Herr! Ist von einem
angenehmen, liebenswrdigen jungen Manne die Rede, so fragen sie: Wie
steht er? Steht er nun nicht nach allen Brsenregeln solid, so ist er
in ihren Augen ein Subjekt, an das man nicht denken mu."

Und Rebekka denkt auch so?"

Wie soll sie andere Empfindungen kennen lernen in der neuen
Judenstrae? Ach, ihre Neigung zu mir wechselt nach dem Cours der
Brsenhalle! Man wei hier, da ich mich verfhren lie, viele
Metalliques und preuische Staatsschuldscheine zu kaufen. Mein
Interesse geht mit dem der hohen Mchte und mit dem Wohl Griechenlands
Hand in Hand. Verliert die Pforte, so gewinne ich und werde ein
reicher Mann. Gewinnt der Grotrke und sein Reis=Effendi, so bin ich
um zwanzigtausend Kaisergulden rmer und nicht wehr wrdig, um sie zu
freien. Das wei nun das liebenswrdige Geschpf gar wohl, und ihr
Herz ist geteilt zwischen mir und dem Vater. Bald mchte sie gerne,
da die Pforte das Ultimatum annehme, um mein Glck zu frdern; bald
denkt sie wieder, wieviel ihr Vater durch diese Spekulation des Herrn
von Metternich verlieren knnte, und wnscht dem Effendi soviel
Verstand als mglich. Ich Unglcklicher!"

Aber, lieben Sie denn wirklich dieses edle Geschpf?" fragte ich.

Trnen traten ihm in die Augen, ein tiefer Seufzer stahl sich aus
seiner Brust. Wie sollte ich sie nicht lieben?" antwortete er.
Bedenken Sie, fnfzigtausend Taler Mitgift, und nach des Vaters Tod
eine halbe Million, und wenn Gott den Israelchen zu sich nimmt, eine
ganze. Und dabei ist sie vernnftig und liebenswrdig, hat so was
Feines, Zartes, Orientalisches; ein schwarzes Auge voll Glut, eine
khn geschwungene Nase, frische Lippen; der Teint, wie ich ihn liebe,
etwas dunkel und dennoch rtlich. Ha! und eine Figur! Herr! Wie sollte
man solches Geschpf nicht lieben?"

Und haben Sie keinen Rival als den Gnomen, den Grafen Rebs?"

O, einige Judenjnglinge, bedeutende Huser, buhlen um sie, aber ihr
Sinn steht nach einem soliden Christen. Sie wei, da bei uns alles
nobler und freier geht als bei ihrem Volk, und schmt sich, in guter
Gesellschaft fr eine Jdin zu gelten. Daher hat sie sich auch den
Frankfurter Dialekt ganz abgewhnt und spricht Preuisch. Sie sollten
hren, wie schn es klingt, wenn sie sagt: It es mglich?' oder:
Es jinge wohl, aber es jeht nich.'"

Der Seufzer gefiel mir. Es ist ein eigenes, sonderbares Volk, diese
jungen Herren vom Handelsstand. Sie bilden sich hinter ihrem
Ladentisch eine eigene Welt von Ideen, die sie aus den trefflichsten
Romanen der Leihbibliotheken sammeln. Sie sehen die Menschen, die
Gesellschaft nie, es sei denn, wenn sie abends durch die Promenade
gehen, oder Sonntags, gekleidet wie Herren _comme il faut_, auf
Kirchweihen oder sonstigen Pltzen sich amsieren. Reisen sie hernach,
so dreht sich ihr Ideengang um ihre Musterkarte und die schne Wirtin
der nchsten Station, welche ihnen von einem Kameraden und Vorgnger
empfohlen ist, oder um die Kellnerin des letzten Nachtlagers, die, wie
sie glauben, noch lange um den schnen, wohlgewachsenen jungen Mann
weinen wird. Sie haben irgendwo gelesen oder gehrt, da der
Handelsstand gegenwrtig viel zu bedeuten habe; drum sprechen sie mit
Ehrfurcht von sich und ihrem Wesen, und nie habe ich gefunden, da
einer von sich sagte: Kaufmann oder Bnderkrmer", sondern: Ich
reise in Geschften des Hauses Buerlein oder Zwierlein", und fragt
man, in welchen Artikeln, so kann man unter zehn auf neun rechnen, sie
ganz bescheiden antworten zu hren: Knpfe, Haften und Haken, Tabak,
Schnupf= und Rauch=, und dergleichen bedeutende Artikel." Haben sie
nun gar im Stdtchen ihrer Heimat ein Schtzchen zurckgelassen, so
darf man darauf rechnen, sie werden, wenn von Liebe die Rede ist, ihre
sehr interessante Geschichte erzhlen, wie sie Frulein Jettchen beim
Mondschein kennen gelernt haben, sie werden die Brieftasche ffnen und
unter hundert Empfehlungsbriefen, Annoncen von Gasthfen usw. ein
Seidenpapier hervorziehen, das ein Prbchen Haar von der Stirne der
Geliebten enthlt.

Glckliche Nomaden! Ihr allein seid noch heutzutage die fahrenden
Ritter der Christenheit. Und wenn es euch auch nicht zukmmt, mit
eingelegter Lanze _ la_ Don Quichotte eurer Jungfrauen Schnheit
zu verteidigen, so richtet ihr doch in jeder Kneipe nicht weniger
Verwstung an, wie jener mannhafte Ritter, und seid berdies meist
euer eigener Sancho Pansa an der Tafel.

Eine solche liebenswrdige Erziehung, aus Kontorspekulationen,
Romanen, Mondscheinliebe und Handelsreisen zusammengesetzt, schien
nun auch mein Nachbar Seufzer genossen zu haben. Nur etwas fehlte
ihm, er war zu ehrlich. Wie leicht wre es fr einen Mann von
Zweimalhunderttausend gewesen, Kuriere nicht von H  c h s t oder von
L a n g e n, sondern von W i e n, sogar mit a u t h e n t i s c h e n
Nachrichten kommen zu

lassen, um seinem Glcke aufzuhelfen. Ist denn auf der Erde nicht
alles um Geld feil? Und wenn Rothschild mit Geld etwas machen kann,
warum sollte es ein anderer nicht auch knnen, wenn sein Geld
ebensogut ist als das des groen Makkabers?

Zwar e i n solcher Sperling wagt keinen Sommer. E i n e solche
Handelsseele mehr oder weniger mein, kann mir nicht ntzen. Doch die
Nuancen ergtzen mich, jenes bunte Farbenspiel, bis ein solcher Hecht
ins Netz geht, und darum beschlo ich, ihm zu ntzen, ihn zu fangen.

Ich bin," sagte ich zu ihm, ich bin selbst einigermaen
Papierspekulant; daher werden Sie mir vergeben, wenn ich Ihre
bisherigen Verfahrungsarten etwas sonderbar finde."

Wie meinen Sie das?" fragte er verwundert. Als ich in Dessau war,
lie ich mir nicht jeden Posttag den Kurszettel schicken? Und hier,
gehe ich nicht jeden Tag in die Brsenhalle? Gehe ich nicht jeden Tag
in die neue Judenstrae, um das Neueste zu erfragen?"

Das ist es nicht, was ich meine. Ein Genie wie Sie, Herr Zwerner (er
verbeugte sich lchelnd), das heit, ein Mann mit diesen Mitteln, der
etwas wagen will, mu s e l b s t eingreifen in den Lauf der Zeiten."

Aber mein Gott," rief er verwunderungsvoll, das kann ja jetzt
niemand als der Rothschild, der Reis=Effendi und der Herr von
Metternich. Wie meinen Sie denn?"

ber Ihr Glck, Sie geben es selbst zu, kann ein einziger Tag, eine
einzige Stunde entscheiden. Zum Beispiel, wenn die Pforte das
Ultimatum verwirft, die Nachricht schnell hierher kommt, kann eine
Krisis sich bilden, die Sie strzt. Ebenso im Gegenteil knnen Sie
durch eine solche Nachricht sehr gewinnen, weil dann Ihre Papiere
steigen?"

Gewi, gewi," seufzte er. Aber ich sehe nur noch nicht recht ein--"

Nur Geduld. Wer gibt nun diese Nachricht, wer bekommt sie? Das
Ministerium in Wien oder ein guter Freund, der sehr nahe hingehorcht
und dem g r o  e n  P o r t i e r ein Stck Geld in die Hand gedrckt
hat, lt noch in der Nacht einen Kurier aufsitzen. Der reitet und
fhrt und fliegt nach Frankfort und bringt die Depesche--wem?"

Ach, dem Glcklichsten, dem Vornehmsten!"

Nein, dem, der am besten zahlt. Einen solchen Kurier kann ich Ihnen
um Geld auch verschaffen, ich habe Konnexionen in Wien. Man kann dort
mancherlei erfahren, ohne gerade der sterreichische Beobachter zu
sein. Kurz, wir lassen einen Brief mit der Nachricht einer wichtigen
Krisis, eines bedeutenden Vorfalles kommen--"

Etwa, der Sultan habe einen Schlag bekommen, oder der Kaiser von
Ruland sei pltzlich--"

Nichts davon, das ist zu wahrscheinlich, als da es die Leute
glauben! Unwahrscheinliches, berraschendes mu auf der Brse
wirken!"--

Also etwa, der Frst von M. sei ein Trke geworden, habe dem Islam
geschworen?"

Ich sage Ihnen ja, nichts Wahrscheinliches. Nein, geradezu, die
Pforte habe das Ultimatum angenommen. Bekommen Sie nun diese Nachricht
mit allem mglichen geheimnisvollen Wesen, lassen Sie den Kurier
sogleich ein paar Stationen weiter reisen, lassen Sie den Brief einige
Geheimniskrmer lesen, gehen kurze Zeit darauf in die Brsenhalle, so
kann es nicht fehlen, Sie sind ein wichtiger Mann und setzen Ihre
Papiere mit Gewinn ab."

Aber, lieber Herr," erwiderte der Kaufmann von Dessau klglich, das
wre ja denn doch erlogen, wie man zu sagen pflegt, eine Snde fr
einen rechtlichen Mann; bedenken Sie, ein Kaufmann mu im Geruch von
Ehrlichkeit stehen, will er Kredit haben."

Ehrlichkeit, Possen! Geld, Geld, das ist es, wonach er riechen mu,
und nicht nach Ehrlichkeit. Und was nennen Sie am Ende Ehrlichkeit? Ob
Sie Ihre Kunden bei einem Pfund Kaffee betrgen, ob Sie einem alten
Weibe ihr Lot Schnupftabak zu leicht wiegen, oder ob Sie dasselbe
Experiment im groen vornehmen, das ist am Ende dasselbe."

Ei, verzeihen Sie, da mu ich denn doch bitten; an der Prise, die das
Weib zu wenig bekommt, stirbt sie nicht, wie man zu sagen pflegt; aber
wenn ich einen solchen Kurier kommen lasse, so kann er durch seine
falsche Nachricht ein Nachrichter der ganzen Brse werden; viele
Huser knnen fallieren, andere wanken und den Kredit verlieren, und
das wre dann meine Schuld!"

So, mein Herr?" sagte ich mit mitleidigem Lcheln zu der schwachen
Seele. So, Sie schmen sich nicht, die Moral, das Herrlichste, was
man auf Erden hat, so zu verhunzen? Also wegen der Folgen wollen Sie
nicht? Nicht vor dem Beginnen an sich, als einem unmoralischen, beben
Sie zurck? Wer den Anfang einer Tat nicht scheut, darf auch ihr Ende
nicht scheuen, ohne fr eine kleine Seele zu gelten. Oder glauben Sie,
eine Rebekka knne man dadurch verdienen, da man im Weien Schwanen
wohnt und seufzt, da man zur Tafel geht und mit dem Kaninchen, dem
Grafen Rebs, grollt?"

Aber, mein Herr," rief der Seufzer etwas pikiert, ich wei gar
nicht, was Sie mir, als einem ganz Fremden, fr eine Teilnahme
erzeigen; ich wei gar nicht, wie ich das nehmen soll?"

Mein Herr, das haben Sie sich selbst zuzuschreiben; Sie haben mir
Ihre Lage entdeckt und mich gleichsam um Rat gefragt; daher meine
Antwort. brigens bin ich ein Mann, der reist, um berall das
Treffliche und Erhabene kennen zu lernen. In Ihnen glaubte ich gleich
auf den ersten Anblick solches gefunden zu haben;--"

Bitte recht sehr, eine so ganz gewhnliche Physiognomie wie die
meine--"

Das knnen Sie nicht so beurteilen wie ein anderer; auf Ihrer Stirne
thront etwas Freies, Mutiges, um Ihren Mund weht ein anziehender
Geist--"

Finden Sie das wirklich?" rief er, indem er lchelnd meine Hand fate
und verstohlen nach dem Spiegel blickte. Es ist wahr, man hat mir
schon dergleichen gesagt, und in Stuttgart hat man mich sogar
versichert, ich sei dem berhmten Dannecker auf der Strae
aufgefallen, und er sei eigens deswegen einigemal in den Knig von
England gekommen, um von mir etwas fr seinen Johannes abzusehen."

Nun sehen Sie, wie mu es nun einen Mann, wie ich bin, berraschen,
so wenig Mut, so wenig Entschlu hinter dieser freien Stirne, diesem
mutigen Auge zu finden!"

Ach, Sie nehmen es auch zu strenge; ich habe ja Ihren Vorschlag
durchaus nicht verworfen, nur einiges Bedenken, einige kleine Zweifel
stiegen in mir auf, und--nun Sie haben wahrlich nicht unrecht, ich
fhle einen gewissen Mut, eine gewisse Freiheit in mir, es ist ein
gewisses Etwas, ja--so gut es ein anderer tun kann, will ich es auch
versuchen. Es sei, wie Sie sagten, ich will es daranrcken und einen
Kurier kommen lassen; wir wollen die Metalliques steigern!"

       *       *       *       *       *




3. EIN SCHABBES IN BORNHEIM.


Der einzige Zweifel, der den seufzenden Dessauer noch qulte, war die
Furcht, den Vater seiner Geliebten in bedeutenden Verlust zu strzen,
wenn er seine Operation nach meinem Plane einrichte. Doch auch dafr
wute ich ein gutes, sehr einfaches Mittel. Er mute den Herrn Simon
in der neuen Judenstrae auf seine Seite bringen, mute ihm bedeutende
Winke von der nahenden Krisis geben; entweder nahm dann der Jude an
dem ganzen Unternehmen unbewut teil und gewann zugleich mit dem
Dessauer, oder er war wenigstens gewarnt und mute einige Achtung vor
dem Manne bekommen, der so genau die politischen Wendungen zu
berechnen wute, der seine Kombinationen so geschickt zu machen
verstand.

Dem Kaufmann leuchtete dies ein. Er kam von selbst auf den Gedanken,
noch an diesem Tage mit dem alten Simon zu sprechen und lud mich ein,
mit ihm nach B o r n h e i m zu fahren, wo der Schabbes heute die
noble Welt des alten Judenquartiers, der neuen Judenstrae, berhaupt
alle Stmme Israels versammelt habe.

Wir fuhren hinaus, der Seufzer schien ein ganz anderer Mensch geworden
zu sein. Sein trbseliges Gesicht leuchtete freundlich vom Glanze der
Hoffnung, sein Auge hob sich freier, um seine Stirn, seinen Mund war
jede Melancholie verschwunden, sein groer, runder Kopf steckte nicht
mehr zwischen den Schultern, er trug ihn freier, erhabener, als wollte
er sagen: Seht, ihr Frankfurter und Bornheimer, ich bin es, das Haus
Zwerner und Komp. aus Dessau, nchstens eine bedeutende Person an der
Brse, und, wenn es gut geht, Brutigam der schnen Rebekka Simon in
der neuen Judenstrae!"

Aus dem Garten des Goldenen Lwen in Bornheim tnten uns die
zitternden Klnge von Harfen und Gitarren und das Geigen verstimmter
Violinen entgegen; das Volk Gottes lie sich vormusizieren im Freien,
wie einst ihr Knig Saul, wenn er bler Laune war. Wir traten ein; da
saen sie, die Shne und Tchter Abrahams, Isaaks und Jakobs, mit
funkelnden Augen, khn gebogenen Nasen, fein geschnittenen Gesichtern,
wie aus einer Form geprgt, da saen sie vergngt und frhlich
plaudernd und tranken Champagner, aus saurem Wein, Zucker und
Mineralwasser zubereitet, da saen sie in malerischen Gruppen unter
den Bumen, und der Garten war anzuschauen, als wre er das gelobte
Land Kanaan, das der Prophet vom Berge gesehen und seinem Volke
verheien hatte. Wie sich doch die Zeiten ndern durch die Aufklrung
und das Geld!

Es waren dies dieselben Menschen, die noch vor dreiig Jahren keinen
Fu auf den breiten Weg der Promenade setzen durften, sondern
bescheiden den Nebenweg gingen; dieselben, die den Hut abziehen
muten, wenn man ihnen zurief: Jude, sei artig, mach' dein
Kompliment!" Dieselben, die von dem Brgermeister und dem hohen Rat
der freien Stadt Frankfurt jede Nacht eingepfercht wurden in ihr
schmutziges Quartier. Und wie so ganz anders waren sie jetzt
anzuschauen! berladen mit Putz und kstlichen Steinen saen die
Frauen und Judenfrulein; die Mnner, konnten sie auch nicht die
spitzigen Ellbogen und die vorgebogenen Knie ihres Volkes verleugnen,
suchten sie auch umsonst den ruhigen, soliden Anstand eines Kaufherrn
von der Zeile oder der Million zu kopieren, die Mnner hatten sich
sonntglich und schn angetan, lieen schwere, goldene Ketten ber die
Brust und den Magen herabhngen, streckten alle zehn Finger, mit
blitzenden Solitrs besteckt, von sich, als wollten sie zu verstehen
geben: Ist das nicht was ganz Solides? Sind wir nicht das auserwhlte
Volk? Wer hat denn alles Geld, gemnzt und in Barren, als wir? Wem ist
Gott und Welt, Kaiser und Knig schuldig, wem anders als uns?

Dort sitzt sie, die Taube von Juda, dort sitzt sie, die Gazelle des
Morgens," rief der Seufzer in poetischer Ekstase und zerrte mich am
Arm; schauen Sie dort, unter dem Zelt von hlzernem Gitterwerk. Der
mit dem runden Leib, der langen Nase und den grauen Lckchen am Ohr
ist der Vater, Herr Simon aus der neuen Judenstrae, die dicke Frau
rechts mit den schwarzseidenen Locken und dem rotbraunen Gesicht ist
die Tante; eine fatale Verwandtschaft, aber man wei sich in Zukunft
zu separieren nach und nach."

Aber wo ist denn die Gazelle, die Taube? Ich sehe sie noch nicht--"

Geduld! Noch bedeckt die neidische Wolke, die Tante, das Gestirn des
Aufgangs; fassen wir ein Herz, treten wir nher. Doch eben fllt mir
bei, ich mu Sie vorstellen; wie nenne ich Sie, mein lieber Freund und
Ratgeber?"

Ich bin der k. k. Legationsrat Schmlzchen aus Wien," gab ich ihm zur
Antwort, reise in Geschften meines Hofes nach Mainz."

Ah," rief er, nachdem er schon bei dem kaiserlich kniglich an den
Hut gegriffen hatte, Le--Legationsrat, wirklicher, und nicht blo
Titular ums liebe Geld? Das freut mich, dero werte Bekanntschaft zu
machen. Htte es mir gleich vorstellen knnen, Sie haben einen gar
tiefen Blick in die Staatsaffren. Wahrhaftig, htte es Ihnen gleich
ansehen knnen; haben so etwas Diplomatisches, Kabinettsmiges in
dero Visage."

Bitte, bitte, keine Komplimente. Gehn wir zum Juden, ich hoffe Ihnen
ntzlich sein zu knnen."

Wir traten zu dem Zelt aus hlzernem Gitterwerk. Mein Begleiter
errtete tiefer, je nher er trat; seine Wangen liefen vom Hellroten
ins Dunkelrote, von da ins blulich Schattierte an, und als wir vor
dem Herrn Simon standen, war er anzusehen wie eine schne dunkelrote
Herzkirsche. Die Tante, das neidische Gewlk", erhob sich, und nun
ward auch das Gestirn des Morgens sichtbar. Das Schickselchen, die
Kalle, ich meine Rebekka, des Juden Tochter, war nicht bel.--Sie
hatte, um mich wie Graf Rebs auszudrcken, viel Rasse, und ihre Augen
konnten den Seufzer wohl bis auf Herz durchbrennen, obgleich er zur
Vorsicht und aus Eleganz drei Westen angetan hatte.

Nachdem mich mein Freund, der als solides Haus aus Dessau bei der
Familie wohl gelitten schien, vorgestellt hatte, machte er sich an die
Taube von Juda und berlie es mir, den alten Simon zu unterhalten.
Mein Titel schien ihm einigen Respekt eingeflt zu haben. Haben da
ein schnes Fach erwhlt, Herr von Schmlzlein," bemerkte er
wohlgefllig lchelnd; habe immer eine Inklination fr die Diplomatik
gehabt, aber die Verhltnisse wollten es nicht, da ich ein Gesandter
oder dergleichen wurde. Man wei da gleich alles aus der ersten Hand!
Man kann viel komplizieren und dergleichen; was lieen sich da fr
Geschfte machen!"

Sie haben recht, mein Herr! Man lernt da die verwickeltsten
Verhltnisse kennen. Allein aber schauen's, das Ding hat auch seinen
Haken. Man wei oft eigentlich zu viel, es geht einem wie ein Rad im
Kopf umher."

Der Jude rckte nher. Mit einem Wiener Diplomaten, mochte er denken,
nehme ich es auch noch auf. Zeviel?" sagte er. Ich fr meinen Teil
kann nie zeviel wissen. Was die Papiere betrifft, da kann ein
Fingerzeig, ein halber, ein Viertelsgedanke oft mehr tun, als eine
lange Rede im Frankfurter Museum. Nu, S i e stehen solide in Wien, Ihr
Staat ist ein gemachtes Haus trotz einem; was Herr von M. auf dem
Flageolett vorpfeift, das singen die Staren nach."

Die Staren vielleicht, aber nicht die Zaren!"

Gut, _trs bien, bon_! Gut gegeben, hi! hi! hi! _ propos_,
wissen Sie Neues aus daher?" Er rckte mir noch nher und wurde
verfnglicher.

Herr Simon," sagte ich mit Artigkeit ausweichend, Sie wissen, es
gibt Flle--"

Wie?" rief er erschrocken. Gotts Wunder! Neue Fallissements, waas!
Ist nicht die Krisis vom letzten Winter schon ein Strafgericht des
Herrn gewesen? Waas?"

Um Jottes willen, Papa!" schrie Rebekka, indem sie den Arm des
zrtlichen Seufzers zurckstie und aufsprang. Doch kein Unglck?
Mein Jott! Doch nich hier in Frankfort?"

Beruhigen Sie sich doch, gndiges Frulein, ich sprach mit Ihrem
Herrn Papa ber Politik und rechnete einige Flle auf, und er hat mich
holter nicht recht verstanden."

Sie prete mit einem zrtlichen, hinsterbenden Blick auf den
erschrockenen Dessauer ihre Hand auf das Herz und atmete tief.

Nee! was ich erschrocken bin jeworden, da machen Sie sich keenen
Bejriff von!" lispelte sie. Mein Herz pocht schrecklich! Na, erzhlen
Sie man weiter; was sachte der Graf? Sie htten ins Parterre jestanden
und wren melancholisch jewesen?"

Das Geflster der Liebenden wurde leiser und leiser; die Blicke des
Seufzers wurden feuriger, er zog, als das Gewlke" ein wenig im
Garten auf und ab ging, die niedliche Hand der Jdin an die Lippen und
gestand ihr, wenn ich anders recht gehrt habe, da nchstens die
Metalliques und die .... um drei Prozente steigen wrden.

Herr von Schmlzlein," sagte der Alte, nachdem er einigen koscheren
Wein zu sich genommen hatte, Sie haben mir da einen Schreck in den
Leib gejagt, den ich nie vergesse. Fallen, Flle, wie kann man auch
nur dies Wort in Gesellschaft aussprechen? Nun, Sie wollten sagen--?"

Es gibt Affren," fuhr ich fort, wo der Diplomat schweigen mu. ber
das Nhere meiner Sendung z. B. werden Sie selbst mich nicht befragen
wollen; nur so viel kann ich Ihnen, aber, mein Herr Simon, im engsten
Vertrauen--"

Der Gott meiner Vter tue mir dies und das," rief er feierlich, so
ich nur meinem Nachbar oder seinem Weib oder seinem Sohn oder seiner
Tochter das Geringste--"

Schon gut! Ich traue auf Ihre Diskretion; kurz, so viel kann ich
Ihnen sagen, da nchstens eine bedeutende Krisis eintreten wird; g a
n z zu allernchst. F  r oder g e g e n wen darf ich nicht sagen,
doch Herr von Zwerner--"

V o n Zwerner?"

Nun, ich nenne ihn so, man wei ja nicht, was geschieht; an ihn war
ich besonders empfohlen vom Frsten, und ich glaube, wenn ich anders
richtig schliee, er mu in den nchsten Tagen Kuriere aus Wien
bekommen."

Der Zwerner? Ei, ei! Wer htte das gedacht! Zwar ich sagte immer,
hinter dem steckt etwas; geht so tiefsinnig, kalkulierend umher, hat
wahrscheinlich nicht umsonst so unsinnig viele Metalliques gekauft.
Ei, sehe doch einer! Hlt sich Kuriere mit Wien! Und wenn man fragen
darf, es handelt sich wohl um das Ultimatum mit der Pforte?"

Ja."

Ei darf man fragen? Wie ist es ausgefallen? Hat er eingewilligt, der
Effendi? Hat er?"

Mein Herr Simon, ich bitte--"

O, ich verstehe, ich verstehe, Sie wollen es nicht sagen, aus
Politik, aus Politik, aber er hat, er hat?"

Trauen Sie auf nichts, ich w a r n e Sie, auf keine Nachricht trauen
Sie, als auf authentische. Der Herr dort wei vielleicht mancherlei
und hat nicht das drckende Stillschweigen eines Diplomaten zu
beobachten."

Ei, htte ich das in meinem Leben gedacht, Kuriere von Wien, und der
Zwerner aus Dessau; zwar er ist ein solides Haus, das ist keine Frage,
aber denn doch nicht so auerordentlich. Ob sich wohl was mit ihm
machen liee?" setzte er tiefer nachsinnend hinzu, indem er seine Nase
herunter gegen den Mund bog und das lange Kinn aufwrts drckte, da
sich diese beiden reichen Glieder begegneten und kten. Das war der
Moment, wo er anbeien mute, denn er nagte schon am Kder. Ich gab
dem Seufzer aus Dessau einen Wink, sich dem Papa zu nhern, und nahm
seinen Platz bei der Gazelle des Morgenlandes ein.

      *       *       *       *       *




4. DAS GEBILDETE JUDENFRULEIN.


Wie war sie grazis, das heit geziert, wie war sie artig, nmlich
honett, wie war sie naiv, andere htten es lstern genannt.

Ich liebe die Tiplomattiker," sagte sie unter anderem mit feinem
Lcheln und vielsagendem Blick. Es is so etwas Feines, Jewandtes in
ihren Manieren. Man sieht ihnen den Mann von jutem Jeschmack schon von
die Ferne an, und wie angenehm riechen sie nach _Eau de
Portugal_!"

O gewi, auch nach _Fleur d'Orange_ und dergleichen. Wie nehmen
sich denn die hiesigen Diplomaten? Kommen sie viel unter die Leute?"

Nun, sehen Sie, wie das nun jeht, die lteren Herren haben sechs bis
sieben Monate Ferien und reisen umher. Die jngeren aber, die indessen
hier bleiben und die Geschfte treiben, sie mssen Psse visieren, sie
mssen Zeitungen lesen, ob nichts Verfngliches drein is, sie mssen
das Papier ordentlich zusammenlegen fr die Sitzungen. Nun, was nun
solche junge Herren Tiblomen sind, das sein janz scharmante Leute,
wohnen in die _Chambres garnies_, essen an die _Tables d'hte_, jehen
auf die Promenade schn ausstaffiert _comme il faut_, haben zwar
gewhnlich kein Jeld nicht, aber desto mehr Ansehen."

Da haben Sie einen herrlichen Schal umgelegt, mein Frulein, ist er
wohl echt?"

Ah, jehen Sie doch! Meinen Sie, ich werde etwas anderes anziehen, als
was nicht janz echt ist? Der Schal hat mir jekostet achthundert
Gulden, die ich in die Rothschildischen Los gewunnen. Und sehen Sie,
dieses Kollier hier kostet sechzehnhundert Gulden und dieser Ring
zweitausend. Ja, man jeht sehr echt in Frankfort, das heit, Leute von
den jutem Ton, wie unsereine."

Ach, was haben Sie doch fr eine schne, gebildete Sprache, mein
Frulein! Wurden Sie etwa in Berlin erzogen?"

Finden Sie das och?" erwiderte sie anmutig lchelnd. Ja, man hat mir
schon oft das Kompliment vorjemacht. Nee, in Berlin drein war ich nie,
ich bin hier erzogen worden; aber es macht, ich lese viel und bilde
auf diese Art meinen Jeist und mein Orkan aus."

Was lesen Sie, wenn man fragen darf?"

Nu, Bellettres, Bcher von die schne Jeister. Ich bin abonniert bei
Herrn Dring in der Sandjasse, nchst der Weien Schlange, und der
verproviantiert mich mit Almanachs und Romancher."

Lesen Sie Goethe, Schiller, Tieck und dergleichen?"

Nee, das tu ich nich. Diese Herren machen schlechte Jeschfte in
Frankfort. Es will sie keen Mensch, sie sind zu studiert, nich
natrlich jenug. Nee, den Jthe lese ich nie wieder! Das is was
Langweiliges. Und seine Wahlverwandtschaften! Ich werde rot, wenn ich
nur daran denke. Wissen Sie, die Szene in der Nacht, wo der Baron zu
die Baronin,--ach, man kann's jar nicht sagen, und jedes stellt sich
vor--"

Ich erinnere mich, ich erinnere mich. Aber es liegt gerade in diesem
Gedanken eine erstaunliche Tiefe--ein Chaos von Mglichkeiten--"

Nu, kurz, den mag ich nicht; aber wer mein Liebling ist, das is der
Clauren. Nee, dieses Leben, diese Farben, dieses Studium des Herzens
und namentlich des weiblichen Jemts, ach, es is etwas Herrliches. Und
dabei so natrlich! Wenn mir die andern alle vorkommen wie schwere
vierhndige Sonaten mit tiefen Bapartien, mit zierlichen Solos, mit
Trillern, die kein Mensch nich verstehen und spielen kann, so wie der
Mozart, der Haydn, so kommt mir der Clauren akkerat so vor wie ein
anjenehmer Walzer, wie ein Hopswalzer oder Galopp. Ach, das Tanzen
kommt einem in die Beene, wenn man ihn liest. Es ist etwas
Herrliches!"

Fahren Sie fort, wie gerne hre ich Ihnen zu. Auch ich liebe diesen
Schriftsteller ber alles. Diese andern, besonders ein Schiller, wie
wenig hat er fr das Vergngen der Menschheit getan. Man sollte
meinen, er wolle moralische Vorlesungen halten. Er ist, um mich eines
andern Gleichnisses zu bedienen, schwerer, dicker Burgunder, der mehr
melancholisch als heiter macht. Aber dieser Clauren! Er kommt mir vor
wie Champagner und zwar wie unechter, den man aus Birnen zubereitet.
Der echte verdunstet gleich; aber dieser unechte, setzt er auch im
Grunde viele Hefen an, so 'brsselt' er doch mit allerliebsten
tanzenden Blschen auf und ab eine Stunde lang, er berauscht, er macht
die Sinne rege, er ist der wahre Lebenswein."

O sehen Sie, da kann ich Ihnen ja gleich unsern Clauren vormachen mit
Bornheimer Champagner. Man nimmt fremden Wein, so etwa die Hlfte,
jiet Mineralwasser dazu, und nun jeben Sie acht. Ich werfe Zucker in
das Janse, und unser Clauren ist fertig. Sehen Sie, wie es siedet, wie
es sprudelt und brsselt, wie anjenehm schmeckt es nich und ist ein
wohlfeiles Jetrnke. Nee, ich mu sagen, er ist mein Liebling. Und das
Anjenehmste is das, man kann ihn so lesen, ohne viel dabei zu denken,
man erlebt es eigentlich, es is, meine ich, mehr der Krper, der ins
Buch schaut, als der Jeist. Und wie angenehm lt es sich dabei
einschlafen!"

Ich glaube gar, ihr seid in einem gelehrten Gesprch begriffen," rief
lachend der alte Jude, indem er, den Dessauer an der Hand, zu uns
trat. Nicht wahr, Herr Legationsrat, ich habe da ein gelehrtes Ding
zur Tochter? Sie spricht auch wie ein Buch und liest den ganzen Tag."

Nun, und Sie, Papa, und Herr Zwerner haben wohl tiefe
Handelsjeheimnisse abjemacht? Darf man auch davon hren. Wie werden
sie in der nchsten Woche stehen, die Metalliques? Recht hoch? Hab'
ich es erraten?"

Stille, Kind, stille! Kein Wort davon! Mu alles geheim gehalten
werden! Mu einen groen Schlag geben. Ist ein Goldmnnchen, der Herr
von Zwerner. Setzen Sie sich zu ihr hin und klren ihr alles auf. Sie
ist auf diesem Punkt ein verstndiges Kind und wei zu rechnen, die
Rebeckchen."

Was schlich denn jetzt durch das Gras? Was hpfte auf zierlichen
Beinchen heran? Was lchelte schon von weitem so freundlich nach der
Kalle des Herrn Simon? War es nicht das Grfchen Rebs, das alte,
freundliche Kaninchen, das in alle Damen verliebt ist und alle
bezaubert? Er war es, er kam hereingeschwnzelt.

Er schnaufte und chzte, als er heran war, und doch konnte er auch in
dem Zustand hchster Erschpfung, in welchem er zu sein schien, sein
liebliches ses Lcheln nicht unterdrcken. Er warf sich ermattet
neben Rebekka in einen Sessel, streckte die dnnen Beinchen, so mit
zierlichen Sprnchen zum Spazierengehen beschlagen, heftete den
matten, sterbenden Blick auf die schne Jdin und sprach: Habe die
Ehre, vergngten Abend zu wnschen. Ich sterbe, mit mir geht's aus!"

Mein Jott! Herr Israels! Graf Rebs, was haben Sie doch? Ihre Wangen
sind ja janz einjeschnurrt, Ihre Augen bleiben stehen. Er antwortet
nich! Herr Tiplomat, _Eau de Cologne_! Haben Sie keines bei sich
in die Tasche?"

So rief das schne Judenkind und beschftigte sich um den Ohnmchtigen
mit zarter Sorgfalt. Da ich keine _Eau de Cologne_ bei mir trug,
so begann sie etwas weniges verzweifeln zu wollen und verlangte von
dem Dessauer, er solle ihm Tabaksrauch in die Nase blasen. Doch der
Vater wute bessern Rat: Da geht einer," rief er freudig, da geht
ein charmanter junger Herr, ist in Kondition nicht weit von uns, der
trgt bestndig etzliches Klner Wasser in seiner Rocktasche!"

Wie ein Pfeil scho er auf den jungen Mann zu und war, als er ihm mit
schrecklichen Gebrden das _Eau de Cologne_= Flschchen
abforderte, anzusehen wie Sir John Falstaff, als er die Krmer
beraubt. Maria Farinas Lebenstropfen brachten das arme Kaninchen
wieder zu sich. Er schlug die Augen auf, seufzte tief und lchelte.
Mich gehorsamst zu bedanken," lispelte er mit zitternder Stimme, fr
die gtigst geleistete Hilfe. War mir aber recht elend zu Mut; fast
als htte ich mehr Bier getrunken als dienlich."

Sind Sie oft solchen Zufllen unterworfen?" fragte Rebekka, ihn etwas
mifllig betrachtend.

Mitnichten und im Gegenteil," erwiderte er, indem er den Rcken
zierlich wendete und drehte, mit den Schultern ber die Brust
herausfuhr und mannhaft mit den Sprnchen klirrte. Mitnichten, habe
sonst eine beraus starke Konstitution. Aber der dicke Pfarrer, der
dicke Pfarrer...."

Die Juden schwiegen, und Rebekka schlug die Augen nieder, wie immer,
wenn von christlichen Pfarrern oder Zeremonien oder auch von
Schweinefleisch in ihrer Nhe gesprochen wurde. Der Seufzer aber, dem
die Erscheinung des Grafen etwas lstig schien, fragte ihn ziemlich
boshaft, ob er etwa im Goldenen Brunnen gewesen, sich allda etwas
betrunken und nachher mit dem ehrsamen Pastor Mnster Streit und
kirchlichen Skandal angefangen nach seiner Gewohnheit.

Nach meiner Gewohnheit?" rief das Kaninchen erschrocken. Ich ein
Unruhstifter oder Sufer, ich in dem Goldenen Brunnen, ich, der ich
nur die allernobelsten Hotels, den Pariser und den Englischen Hof, den
Weidenbusch, in welchem ich logiere, und den Weien Schwan mit meinem
Besuch beehre? Nein, er ist mir begegnet, der Pfarrer, und als er an
mir vorbeiging, sah er mich mit schrecklichen Augen an und sagte: Das
ist auch so ein S t e i n  d e s  A n s t o  e s, auch so ein
Mystiker." Herr Pfarrer," sagte ich, guten Abend, aber ein Mystiker
bin ich nicht und will auch fr keinen gelten, am wenigsten
ffentlich, auf der Chaussee nach Bornheim." Sie wollen keiner sein?"
antwortete er, indem er nher auf mich zutrat, so da sein Bauch und
das Cachet seiner Uhr mir gerade auf die Brust zu sitzen kamen und
mich heftig drckte. Wollen keiner sein? Warum kommen Sie denn nicht
mehr ins Museum? Warum haben Sie an ffentlichen Wirtstafeln, im
Pariser, Weiden= und anderen Hfen geschimpft ber mich, da ich ein
gewisses Gedicht von Langbein in besagter Gesellschaft vorgelesen?" Es
ist wahr, ich hatte mich ziemlich stark darber ausgesprochen, aber
nicht aus Mystizismus, sondern weil ich glaubte, es knne zarte
Damenohren und weiche Gemter unangenehm berhren, jenes Gedicht. Aber
er nahm keine Entschuldigung an. Ich schlpfte ihm unter dem Bauch weg
und wollte schnell weiter gehen; aber er setzte mir mit weiten
Schritten nach, ging neben mir her und beschuldigte mich, seinem
Gegenpart, dem mystischen Pfarrer, zu einer reichen Frau verholfen zu
haben; er behauptete auch, da ich mich jeden Morgen statt des
Frhstcks magnetisieren lasse, und dergleichen. Und erst hier an der
Gartentre lie er mit einer mrrischen Reverenz von mir ab."

Aber was hat denn dies alles zu bedeuten?" fragte ich. Halten denn
die Pfarrer hier auf der Landstrae Kirche, wie es Sitte war zur Zeit
der Apostel?"

In Frankfurt," belehrte mich der Kaufmann aus Dessau, in Frankfurt
ist gegenwrtig ein groer Krieg zwischen den Pfarrern, und ihre
Parteien befehden sich ebenfalls. Mystiker und Rationalisten schelten
sie sich hin und her, der eine wirft dem andern vor, er predige nur
Moral, der andere entgegnet, sein Gegner rede tiefen Unsinn. Nicht nur
in den Kirchen, auf den Kanzeln, sondern auch in den Weinhusern und
Trinkstuben, auf Chausseen und in Kasinos wird gekmpft; und so konnte
es leicht geschehen, da der Herr Graf einem Eiferer der Vernunft in
die Hnde fiel.--Doch wie? Herr Graf, wenn ich nicht irre, so fhrt
dort der Lord und seine Nichte. Nicht so? Und sie halten vor dem
Garten, sie steigen aus?" Ah, sie hat mich bemerkt," rief das
Kaninchen sehr freundlich, sie schaut schon herber und wedelt, wenn
ich nicht irre, mit dem Taschentuch mir zu. Verzeihen allerseits, da
ich mich entferne. Mi Mary hat ein Auge auf mich geworfen, und Sie
wissen selbst, bei solchen Affren--"

Er schlpfte unter diesen Worten aus dem Zelt und eilte mit zierlichen
Sprnglein zu der Gartenpforte, wo er in dem Drang seines Herzens die
junge Dame auf den glacierten Handschuh kte. Es mochte ihr brigens
dieses Zeichen seiner Verehrung beraus komisch vorkommen; denn ihr
Lachen drang bis zu uns herber, und mit tiefem Ba begleitete sie der
Lord, indem er dem Kaninchen das Pftchen schttelte.

Das Gewlk, die Tante Simon, kam jetzt zurck und beklagte sich, da
es schon etwas khl werde. Der Jude lie daher seinen schnen Wagen
vorfahren und verlie mit den Seinigen den Garten. Der Seufzer hatte
das Glck, Rebeckchen in den Wagen heben zu drfen, und kam mit ganz
verklrtem Gesicht zurck. Sie hatte ihm unter der Tre noch die Hand
gedrckt und gestanden, da sie sich diesen Nachmittag janz
frtrefflich amsiert habe, und der Alte hatte ihn eingeladen, morgen
und alle Tage den Abend in seinem Hause zuzubringen.

       *       *       *       *       *




5. DER KURIER AUS WIEN KOMMT AN.


Ich knnte dir, geneigter Leser meiner Memoiren, vieles Ergtzliche
und Interessante erzhlen, was ich in der freien Stadt Frankfurt
erlebte. Nicht von frheren Zeiten her, wo ich oft hinter den Sthlen
der Kurfrsten stand und den Kaiser whlen half, wo ich so oft unter
guten Freunden im Rmer und beim Rmer sa, wenn das neue Haupt des
vielgliedrigen Leibes, Deutsches Reich genannt, mit der Krone
geschmckt worden war. Nein, von den heutigen Tagen knnte ich dir
viel erzhlen, von dem tiefen, geheimnisvollen Wesen der Diplomatie,
von dem herrlichen Junitag, in welchem es niemals Abend oder Nacht
wird, ich meine den deutschen Bundestag; von dem herrlichen Treiben
und Blhen des Mystizismus und wie ich das Feuer anschrte zwischen
seinen Anhngern und den Rationalisten, und wie es im Wirtshaus zum
Goldenen Brunnen einigemal zu bedeutenden Raufereien kam zwischen
beiden Parteien, das heit--nur mit schneidenden Zungen und stechenden
Blicken. Ich knnte dir erzhlen, wie ich in einem Institut, woselbst
man junge Frulein fr die Welt zustutzt, ntzlichen Unterricht gab im
Gitarrespielen und andern Kleinigkeiten, so eine junge Dame kennen
mu, wenn sie in die Welt tritt. Ich knnte dir erzhlen von jener
Strae, Million genannt, wo meine speziellsten Freunde wohnen, deren
der geringste ber Millionen gebietet.

Doch ich schweige von diesem allem, weil ich mir vorgenommen, dir
einen kleinen Abri zu geben von der Art, wie ich den ehrlichen,
seufzenden Sohn Merkurs aus Dessau zu einem Teufelskind machte. Der
erste Schritt vom ehrlichen Mann zum schlechten oder Betrger ist an
sich klein und dennoch bedeutend, weil man leicht, sozusagen, in Schu
kommt und unaufhaltsam bergab, bergab geht, anfangs im Trott, nachher
im Galopp. Mein guter Seufzer hatte sein bedeutendes Vermgen mit
einem ehrlichen Gemt geerbt. Er ging in seinen Geschften den
geraden, ehrlichen Weg, nicht, weil er ihm angenehmer war, sondern
weil er es unbequem finden mochte, Winkelzge und Umwege zu machen.

Es ist dies die Ehrbarkeit, die Tugend, die nie auf der Probe war und
daher ein negativer Begriff, ein Nichts, auf jeden Fall keine Tugend
ist.

Nicht der Geldgewinn, er ist ziemlich zufrieden mit seinem Los,
sondern die Liebe zu der schnen Kalle des alten Simon macht ihn
straucheln, oder vielmehr, wie Gelegenheit Diebe macht, die se Art,
wie ich es ihm eingab. Jetzt ist er, um das Kind beim rechten Namen zu
nennen, aus dem ehrlichen Mann ein Betrger geworden. Er wird, weil es
ihm diesmal leicht wird, zu betrgen, das nchste Mal hnliches
versuchen. Das Gewissen, die Ehrlichkeit, die Ruhe, die
Selbstzufriedenheit ist ja doch schon zum Teufel; warum soll er sich
also genieren? Der groe Gewinn fr mich liegt aber darin, da die
ersten Versuche des ehrlichen Mannes, ein Betrger zu werden,
gewhnlich gut ausfallen und zur Wiederholung locken. Denn wer mit mir
Geschfte macht, kann, solange es tunlich ist, darauf rechnen, sie mit
Glck zu machen, und unglckliche Spekulanten, von denen die Sage
geht, da sie sich erhngt oder ersuft haben, hatten durch Reue und
Selbstanklage den Kopf verloren, hatten mir zu wenig vertraut, und
nicht ich war es, der sie verlie; sie hatten sich selbst verlassen.

Doch, wo gerate ich hin? Habe ich mich von dem dicken Pfarrer
anstecken lassen, zu moralisieren? Ist es denn mein Zweck, mit
psychologischen Abhandlungen meine Leser zu ermden oder sogar
abzuschrecken? Oder wie, lie ich mich etwa von den Winken einiger
gelehrten Leute verfhren, die behaupten, es liege zu wenig
psychologische Teufelei oder teuflische Psychologie in meinen
Memoiren, ich sei fr einen deutschen Schriftsteller, als welchen ich
mich im Leipziger Mekatalogus einregistrieren lassen, nicht grndlich
genug?

Der Teufel soll es holen! mchte ich mir selbst zurufen. Sobald man
vom Wege abgeht, gert man immer mehr auf Abwege, so auch im
Niederschreiben von Memoiren. Ich werde kurz sein.

Ich hatte durch meine dienenden Kleinen erfahren, welche Gedanken der
Reis=Effendi in einer Privatunterredung mit Herrn von Minciaky ber
das russische Ultimatum geuert. Ja, um redlich zu sein, ich hatte
selbst groen Anteil an jener Wendung der Dinge, weil mir dadurch das
sogenannte Gleichgewicht etwas aus die Spitze gerckt zu werden schien
und mehr Leben in das schlummernde Europa kommen konnte, das von
Revolutionen und andern lustigen Artikeln nur t r  u m t und im S c h
l a f e  s p r i c h t. Ich hatte diese Nachricht frher vernommen,
als sie selbst nur nach Petersburg kommen konnte, und in meiner Hand
lag es, die Papiere steigen oder fallen zu machen. Der Vater der
schnen Rebekka hatte in den letzten Tagen auf meinen Rat und seine
eigene Einsicht hin seine Papiere so umgesetzt, da er beim geringsten
Steigen der----auf groen Gewinn zhlen konnte. Groe Spannung
herrschte in dem Hause des Herrn Simon in der neuen Judenstrae. Der
Alte versicherte, seine Gebeine erzittern, so oft er ansetze, einen
wichtigen Brief zu schreiben. Die Tante, das neidische Gewlk",
mochte ahnen, was vorging, und schlich trbe und chzend im Hause
umher. Die Kalle war die mutigste von allen. Zwar war auch sie in
einiger Bewegung; denn sie las nicht mehr, weder in Clauren, noch in
verschiedenen Almanachs, sogar das Modejournal wollte sie nicht
ansehen; sie spielte auch nicht mehr auf der Harfe, aber doch trug sie
das Kpfchen noch so hoch wie zuvor und ermutigte durch manche Rede
die zagenden Bundestruppen.

Der Seufzer war gnzlich von Verstand gekommen. Bald war er tiefsinnig
und zweifelte an seinem Glck, besonders in der Nhe der schnen
Jdin, wenn er sich die Hhe seiner Seligkeit, den Besitz der
lieblichen Kalle dachte. Dann war er wieder ausgelassen frhlich und
sprach allerlei verwirrtes Zeug, wie er ein Millionr zu werden
gedenke, wie und wo er sich ein Haus bauen wolle, und was dergleichen
berschwengliche Gedanken mehr waren; der Kalle aber flsterte er ins
Ohr, da er sich wolle adeln lassen und sie zur gndigen Frau
Baronesse von Zwerner zu Zwernersheim machen, welcher Ort noch auf der
Landkarte auszumitteln wre.

Endlich, es war am dritten Frankfurter Pfingstfeiertag, und die
Mdchen und Frauen spazierten schon scharenweise hinaus an den Main,
um sich bersetzen zu lassen nach dem Wldchen, und die Mnner riefen
ihnen nach, nur einstweilen alles zuzursten daselbst, weil sie nur
noch auf die Brse gingen und bald nachkmen, indem heute nichts
Bedeutendes vorkomme, und auch die alte Baubo, die schnde Hexe, zog
hinaus, doch diesmal nicht auf dem Mutterschwein, sondern in einem
eleganten Wagen. Sie hatte ihre schnen Stieftchter bei sich und
nickte mir freundlich zu, als wollte sie sagen: Dich kenne ich wohl,
Satan, obgleich du jetzt in schwarzem Frack und seidenen Strmpfen
einherzuwandeln beliebst und meiner Elise, dem allerliebsten Kind,
praktische Gitarrestunden gibst, dich kenne ich wohl; komm aber nur
hinaus ins Wldchen, da sprechen wir wohl wieder ein Wort zusammen."
Da fuhr sie hin, die gute Alte, eine der ersten Palastdamen meiner
Gromutter und sehr angesehen in Frankfurt und auf dem Brocken in der
Walpurgisnacht, da fuhr sie hin und viele tausend und wieder tausend
fromme Frankfurter Seelen ihr nach, die alle das Gebot in feinem
Herzen trugen: Du sollst den Feiertag heiligen und an Pfingsten auch
den dritten und vierten."

Jetzt war es Zeit, zu operieren. Den Tag zuvor hatte man sich
allgemein mit dem Gercht getragen, da die Pforte das Ultimatum nicht
annehmen werde, und man erwartete von heute nichts Besonderes. Da
jagte um elf Uhr ein Kurier durch das Tor, ganz mit Schwei und Staub
bedeckt; er sprengte, greulich auf dem Posthorn blasend, durch die
Strae, Million genannt, und in einem Umweg durchs neue Judenquartier;
die Leute rissen die Fenster auf und fuhren mit den Kpfen heraus, um
zu schauen nach dem schrecklichen Trompeten= und Straenlrm. Wo
kmmt Er hr? Wo will Er hin?" riefen sie. In Weien Schwan," schrie
er, ich habe den Weg verfehlt, wo geht's in Weien Schwan?" Der Herr
is wohl  Korrier?" Freilich, nur schnell," rief er und zog einen
Brief mit groem Siegel aus der Tasche, das kmmt von Wien und ist an
den Herrn Zwerner aus Dessau im Weien Schwan." Da an der Ecke gehts
rechts, dann die Strae links, dann kmmt Er auf die Zeile, da reitet
Er bis an die Hauptwache, und von dort ists nimmer weit." So riefen
sie, schauten ihm nach, wie er mit der Peitsche knallend davonjagte
und besprachen sich dann ber die Strae hinber, was wohl die
Depesche aus Wien enthalten mchte. Der Kurier war aber niemand anders
als einer meiner dienstbaren Geister, in die Uniform eines hessischen
Postillons gekleidet.

       *       *       *       *       *




6. DER REIS=EFFENDI UND DER TEUFEL IN DER BRSENHALLE.


Im Briefe stand mit drren Worten, da der Reis=Effendi dem Herrn v.
Minciaky die vertrauliche, jedoch halb offizielle Mitteilung gemacht
habe, da die Pforte das Ultimatum, soweit es Ruland betreffe,
annehmen werde.

Der Seufzer bekam nun die ntige Instruktion, was er zu tun hatte. Er
fuhr mit dem Briefe sogleich zu Papa Simon und mit diesem zu Herrn v.
R-------, dem Papst der Brse, dem sichtbaren Oberhaupt der
unsichtbaren papierenen Kirche. Dieser prfte die Depesche genau. Er
selbst hatte schon zu oft hnliche Mittel angewendet, Pariser Kuriere
aus Mainz, und Wiener aus Aschaffenburg kommen lassen, als da er so
leicht konnte hintergangen werden. Er lie daher ein Licht bringen und
prfte zuerst Geruch und Flssigkeit des Siegellacks. Gott's Wunder!"
sprach er, bedchtlich riechend, Gott's Wunder! das ist echtes
Kaisersiegellack, wie es nur in Wien selbst zubereitet wird und was
Eingeweihte zu solchen Depeschen zu verwenden pflegen." Dann
betrachtete er genau das Kuvert des Briefes und fand darauf die
gedruckten Zeichen jeder Poststation von Wien bis Frankfurt, und keins
fehlte. Er verglich sodann diese Zeichen mit der Liste der
Postzeichen, die er zur Hand hatte, und--sie waren richtig.

Hatte er zuvor den Herrn Zwerner, Handelsmann aus Dessau, als ein
kleines Paarmalhunderttausendguldenmnnchen so obenhin behandelt, wie
der Lwe das Hndchen, so wuchs Letzt seine Achtung mit unglaublicher
Schnelle. Er htte zwar am liebsten selbst den Kurier bekommen, samt
der inhaltsschweren Depesche, doch, da dies nicht mehr zu ndern war,
machte er gute Miene zum bsen Spiel, dankte, da man ihn sogleich von
der wichtigen Nachricht avertiert habe und berechnete dabei, welche
Summe dem Dessauer diese Nachricht gekostet haben knnte, indem er
annahm, dieser Kaufmann msse die Preise, die er in Wien fr solche
Winke bezahle, berboten haben. Es war Brsenzeit, er selbst fuhr mit
auf die Brsenhalle.

B  r s e n h a l l e! Unter diesem Namen stellt sich wohl der Fremde,
der diese Einrichtung noch nie gesehen, ein weitlufiges Gebude vor,
wie es der Stadt Frankfurt wrdig wre, mit weiten Slen,
Seitengngen, schnen Portalen und dergleichen. Wie wundert er sich
aber und lchelt, wenn er in diese Brsenhalle tritt! Man stelle sich
einen ziemlich kleinen, gepflasterten Hof, von unansehnlichen Gebuden
eingeschlossen, vor, wo man mit Bequemlichkeit Pferde striegeln, Wagen
reinigen, waschen, Hhner und Gnse fttern und dergleichen solide
husliche Hantierungen verrichten knnte. Statt des ehrwrdigen
Truthahns, statt der geschwtzigen Hhner und Gnse, statt des
Stallknechts mit dem Besen in der Faust, statt der Kchendame, die
hier ihren Salat wscht--sieht man hier zwischen zwlf und ein Uhr
mittags ein buntes Gedrnge. Mnner mit dunkelgefrbten, markierten
Gesichtern, mit schwarzen Brten und lauernden Augen, mit
khngebogenen Nasen und breiten Mulern, mit schmutzigen Hemden und
unsauberer Kleidung schleichen mit gebogenen, schlotternden Knien und
spitzigen Ellbogen, den Hut tief in, den Nacken zurckgedrckt, umher
und fragen einander: Nu, wie stehen se heute?" Du wandelst staunend
durch dieses Gewhl und fhlst einen kleinen unbehaglichen Schauer,
wenn dich eine der unsauberen Gestalten im Vorbergehen anstreift. Du
begreifst zwar, da du dich unter den Kindern Israels befindest; aber
zu welchem Zweck treiben sie sich hier unter freiem Himmel in einem
Hhnerhof umher? Endlich wirst du eine Tafel, etwa wie ein
Wirtshausschild anzusehen, gewahr. Dort steht mit goldenen Buchstaben
deutlich zu lesen: Brsenhalle." Also in der Brsenhalle der freien
Stadt Frankfurt befindest du dich. Du hrst heute ein sonderbares
Gemunkel und Geflster. Die Leute gehen staunend umher, mehr mit
Blicken als mit Worten fragend: Ae Korrier aus Wien?" Gott's
Wunder!" Wer hat'n gekriecht?" Ae Fremder, der Zwerner von Dessau."
Wie? Kaner von unsere Lait? Nicht der Rothschild, der graue Baron,
nicht der Bethmann? Auch nicht der Metzler? Waas?"

Was hat'r gebracht, der Korrier! Abraham, wie stehen se?"

Wie werden se stehen! Wer kann's wissen, solange der Zwerner aus
Dessau nicht ist auf der Brsenhalle!"

Levi! hat er's Oltemat'm angenommen, der Reis=Effendi? Hat er, oder
hat er nicht? Wie werden se stehen?"

Ich hab's genug, 's is a viertel auf Eins, und noch will keiner
verkaufen, aus Schrecke vor die Korrier. Wr' nur der Zwerner aus
Dessau da! Auch der Rothschild bleibt so lang aus und der Simon von
die neue Strae. Wirst sehen, 's wird geben  graue Operation! Der
Herr wird verstockt haben das Herz des Effendi, da er hat nicht
angenomme das Oltematum von dem Moskeviter?"

Bethmannische Obligationen will man nicht kaufen, sind gefallen um
Vertelpurzent!"

Wie steht's mit die Metalliques? Wie verkauft sie der Metzler? Wie
stehen se, Abraham? Tu mer de Gefallen und sag', die Metalliques, wie
stehen se?"

A ich der sag, ich wei nicht, wo mer steht der Kopf, wei heut
keiner, wer is Koch oder Keller? A ich nicht kann riechen, wie se
stehen, die Mettaliques!"

Pltzlich entsteht ein Gerusch, ein Gedrnge nach der Tre zu. Ein
Wagen ist vorgefahren, die Leute stehen auf den Zehen, machen lange
Hlse, um die Mienen der Kommenden zu sehen. Drei Mnner arbeiten sich
durch die Menge und stellen sich ernst und gravittisch an ihren Platz
zur Seite, wie es wohllblicherweise auf anderen Brsen der Brauch
ist, wo nur die Mkler umherlaufen und sich drngen. Es war der groe
Baron, der an der Seite stand, zu seiner Rechten das Gestirn des
Tages, der Kaufmann Zwerner aus Dessau, jetzt nicht mehr Seufzer zu
nennen; denn sein Herz schien zu jubilieren und allerlei verliebte
Streiche ausfhren zu wollen, whrend er doch die Sinne bedchtlich
und gesetzt beisammen behalten mute, um sich nicht zu verrechnen. Zur
Linken stand der Jude Simon, angetan mit seinem Sabbather Rock und
einer schneeweien Halsbinde, mit feierlicher, hochzeitlicher Miene,
so da sein Volk gleich sah, es msse was ganz Auerordentliches sich
zugetragen haben.

Jetzt nahten die Kufer und Verkufer und fragten nach den Preisen.
Sie wurden bleich, sie sanken in die Knie und schlichen zitternd
umher. Sie lamentierten schrecklich mit den Armen, sie steckten die
Finger in den Mund, sie fluchten ebrisch und syrisch auf den
Christen, der sich einen Kurier kommen lassen, auf den Vater, welcher
den Kurier gezeugt, auf das Pferd, welches das Pferd des Kuriers zur
Welt gebracht, auf seinen Kopf, auf seine vier Fe, kurz auf alles,
selbst auf Sonne, Mond und Sterne und auf Frankfurt und die
Brsenhalle. Jetzt merkte man, warum der schlaue Simon seine Papiere
in den letzten Tagen umgesetzt habe; jetzt konnte man sich den
Tiefsinn des Kaufmanns aus Dessau erklren! Das Ultimatum ist
angenommen," scholl es durch den Hof, der Reis=Effendi hat zugesagt,"
hallte es durch die Ecken; und obgleich die drei wichtigen Mnner nur
entfernt auf ihren Brief anspielten, nur einige nhere Umstnde
angaben, nichts Bestimmtes aussprachen, so stiegen doch die
sterreichischen, die rothschildischen und wenige andere Papiere, von
welchen durch Zwerners und des alten Simons Sorge gerade nicht sehr
viele auf dem Platz waren, in Zeit von einer halben Stunde um vier und
ein halbes Prozent. Mehrere Huser, die sich nicht vorgesehen hatten,
fingen an zu wanken, eines lag schon halb und halb und hatte es nur
seiner nahen Seitenverwandtschaft mit dem regierenden (Brsen=) Hause
zu verdanken, da ihm noch einige Sttzen untergeschoben wurden.

Als man um ein Uhr auseinanderging, lautete der Kurszettel der
Frankfurter Brsenhalle:

     Metalliques  87 5/8.
     Bethmnnische 75 1/2.
     Rothschildische Lose 132.
     Preuische Staatsschuldscheine 84.

An den brigen war nichts gendert worden.

       *       *       *       *       *




7. DIE VERLOBUNG.


Dieses kleine Brsengemetzel entschied ber das Schicksal des Seufzers
aus Dessau. In den zwei nchsten Tagen wirkte er durch die groe Menge
Metalliques, die er in Hnden hatte, mchtig auf den Gang bei
Geschfte, und als einige Tage nachher Herr von Rothschild
Privatmitteilungen aus Wien erhielt, wodurch seine Nachrichten
vollkommen besttigt werden, da drngte sich alles um den
hoffnungsvollen, spekulativen Jngling, um den genialen Kopf, der auf
unglaubliche Weise die Umstnde habe berechnen knnen.

Seine Zurckgezogenheit zuvor galt nun fr tiefes Studium der Politik,
seine Schchternheit, sein geckenhaftes Sthnen und Seufzen fr
Tiefsinn, und jedes Haus htte ihm freudig eine Tochter gegeben, um
mit diesem sublimen Kopf sich nher zu verbinden. Da aber die
Polygamie in Frankfurt derzeit noch nicht frmlich sanktioniert ist
und das Herz des Dessauers an Rebekka hing, so schlug er mit groer
Tapferkeit alle Strme ab, die aus den Verschanzungen in der Zeile,
aus den Trancheen der Million, selbst aus den Salons bei neuen Mainzer
Strae mit glhenden Liebesblicken und Stckseufzern auf ihn gemacht
wurden.

Der alte Herr Simon, konnte sich auch der Dessauer in Hinsicht auf Geld
und Glcksgter ihm nicht gleichstellen, rechnete es sich dennoch zur
besonderen Ehre, einen so erleuchteten Schwiegersohn zu bekommen. Ja,
er sah es als eine glckliche Spekulation an, ihn durch Rebekka gefangen
zu haben. Er sah ihn als eine prophetische Spekulationsmaschine an,
die ihn in kurzer Zeit zum reichsten Manne Europas machen mute;
denn, wenn er immer mit seinem Schwiegersohn zugleich kaufte oder
verkaufte, glaubte er nie fehlen zu knnen.

Frulein Rebekka ging ohne vieles Struben in die Bedingungen ein, die
ihr der Zrtliche auferlegte; da er eine gewisse Abneigung versprte,
ein Jude zu werden, so hielt er es fr notwendig, da sie sich taufen
lasse. Sie nahm schon folgenden Tages insgeheim Unterricht bei dem
Herrn Pastor Stein und gab dafr auf einige Zeit ihre Klavierstunden
auf, wobei, wie sie behauptete, noch etwas Erkleckliches profitiert
wrde, da sie dem Klaviermeister einen Taler fr die Stunde hatte
bezahlen mssen. Sie selbst legte dafr dem Dessauer die Bedingung
auf, da er sich fr einige hundert Gulden in den Adelsstand erheben
lassen und in dem jttlichen Frankfort" leben msse.

Er ging darauf freudig ein und berlie mir dieses diplomatische
Geschft. Um nun auch von mir zu reden, so traf pnktlich ein, was ich
vorausgesehen hatte. Der Seufzer beschwichtigte frs erste sein
Gewissen, das ihm allerlei vorwerfen mochte, z. B. da das ganze
Geschft unehrlich und nicht ohne Hilfe des Teufels habe zustande
kommen knnen. Sobald er mit dieser Beschwichtigung fertig war, war
auch seine Dankbarkeit verschwunden. Weil ihn alles als den sublimsten
Kopf, den scharfsinnigsten Denker pries, glaubte er ohne Zaudern
selbst daran, wurde aufgeblasen, sah mich ber die Achsel an und
erinnerte sich meiner sehr gtig als eines Menschen, mit welchem er im
Weien Schwan einigemal zu Mittag gespeist habe.

Was mich brigens am meisten freute, war, da er die Strafe seines
Undankes in sich und seinen Verhltnissen trug. Es war vorauszusehen,
da seine prophetische Kraft, sein spekulativer Geist sich nicht lange
halten konnten. Miglckten nur erst einige Spekulationen, die er, auf
sein blindes Glck und seinen noch blinderen Verstand trauend,
unternahm, verlor er erst einmal fnfzig= oder hunderttausend und zog
seinen Schwiegerpapa in gleiche Verluste, so fing die Hlle fr ihn
schon auf Erden an.

Rebeckchen, das liebe Kind, sah auch nicht aus, als wollte sie mit dem
neuen Glauben auch einen neuen Menschen anziehen. War sie erst
Gndige Frau von Zwerner", so war zu erwarten, da die Liebesintrigen
sich hufen wrden; junge wohlriechende Diplomaten, alte Snder, wie
Graf Rebs, fremde Majors mit glnzenden Uniformen waren dann
willkommen in ihrer Loge und zu Hause, und der Dessauer hatte das
Vergngen, zuzuschauen. Und wie wird dieser sanfte Engel Rebekka sich
gestalten zur Furie, wenn die spekulative Kraft ihres Eheherrn
nachlt und damit zugleich sein Vermgen, wenn man das glnzende
Hotel in der Zeile, die Loge im ersten Rang, die Equipage und die
hungernden Liebhaber samt der kstlichen Tafel aufgeben, wenn man nach
Dessau ziehen mu in den alten Laden des Hauses Zwerner und Komp.,
wenn die gndige Frau herabsinkt aus ihrem geadelten Himmel und zur
ehrlichen Kaufmannsfrau wird, wenn man den Gemahl statt mit Papieren,
wie es nobel ist und gro, mit Ellenwaren und Bndern, ganz klein und
unnobel handeln sieht! Welche Perspektive!!

Doch am vierten Pfingstfeiertag 1826 dachte man noch nicht an
dergleichen im Hause des Herrn Simon in der neuen Judenstrae. Da war
ein Hin= und Herrennen, ein Laufen, ein Kochen und Backen; es wurde
ungemein viel Gnseschmalz verbraucht, um koscheres Backwerk zu
verfertigen; ein Hammel wurde geschcht", um kstliche Ragouts zu
bereiten.

Der geneigte Leser errt wohl, was vorging in dem gesegneten Hause?
Nmlich nichts Geringeres als die Verlobung des trefflichen Paares.
Die halbe Stadt war geladen und kam. Hatte denn der alte Simon nicht
treffliche alte Weine? Speiste man bei ihm, das Gnsefett abgerechnet,
nicht trefflich? Hatte er nicht die schnsten jdischen und
christlichen Frulein zusammengebeten, um die Gesellschaft zu
unterhalten durch geistreiche Spiele und herrlichen Gesang?

Auch Graf Rebs, das treffliche Kaninchen, war geladen, und nur das
brachte ihn einigermaen in Verlegenheit, da nicht weniger als
zwanzig Frauen und Frulein zugegen waren, mit denen er schon in
zrtlichen Verhltnissen gestanden hatte. Er half sich durch
ausdrucksvolle Liebesblicke, die er allenthalben umherwarf, wie auch
durch die eigene Behendigkeit seiner Beinchen, auf welchen er berall
umherhpfte und jeder Dame zuflsterte, sie allein sei es eigentlich,
die sein zartes Herz gefesselt. Die bergroe Anstrengung, zwanzig auf
einmal zu lieben, da er es sonst nur auf fnf gebracht hatte, richtete
ihn aber dergestalt zugrunde, da er endlich elendiglich zusammensank
und in seinem Wagen nach Hause gebracht werden mute.

Die Gesellschaft unterhielt sich ganz angenehm und bewies sich nach
Herrn Simons Begriffen sehr gesittet und anstndig; denn als er am
Abend, nachdem alle sich entfernt hatten, mit seiner Tochter Rebekka
das Silber ordnete und zhlte, riefen sie einmtig und vergngt:
Gott's Wunder! Gott's Wunder! Was war das fr noble Gesellschaft, fr
gesittete Leute! Es fehlt auch nicht e i n Kaffeelffelchen; kein
Dessertmesserchen oder Zuckerklmmerchen ist uns abhanden gekommen!
Gott's Wunder!"

       *       *       *       *       *




DER FESTTAG IM FEGEFEUER. (Fortsetzung.)

  Am Horizont in diesem Jahr
  Ist es geblieben, wie es war.
                 M. Claudius.


1. DER JUNGE GARNMACHER FHRT FORT, SEINE GESCHICHTE ZU ERZHLEN.


Das Manuskript, aus welchem wir die infernalischen Memoiren
dechiffrieren und ausziehen, fhrt bei jener Stelle, die wir im ersten
Teile notgedrungen abbrachen, fort, die Geschichte des jungen
deutschen Schneider=Barons zu geben. Er ist aus seiner Vaterstadt
Dresden entflohen, er will in die weite Welt, frs erste aber nach
Berlin gehen und erzhlt, was ihm unterwegs begegnete.

Meine Herren," fuhr der edle junge Mann fort, als ich mich umsah,
stand ein Mann hinter mir, gekleidet wie ein ehrlicher, rechtlicher
Brger; er fragte mich, wohin meine Reise gehe, und behauptete, sein
Weg sei beinahe ganz der meinige, ich solle mit ihm reisen. Ich
verstand so viel von der Welt, da ich einsah, es sei weniger
auffallend, wenn man einen halberwachsenen Jungen mit einem lteren
Manne gehen sieht, als allein. Der Mann entlockte mir bald die Ursache
meiner Reise, meine Schicksale, meine Hoffnungen. Er schien sich sehr
zu verwundern, als ich ihm von meinem Onkel, dem Herrn von Garnmacher
in der Dorotheenstrae in Berlin, erzhlte. Euer Onkel ist ja schon
seit zwei Monaten tot!' erwiderte er. O du armer Junge, seit zwei
Monaten tot; es war ein braver Mann, und ich wohnte nicht weit von ihm
und kannte ihn gut. Jetzt nagen ihn die Wrmer!'

Sie knnen sich leicht meinen Schrecken ber diese Trauerpost denken,
ich weinte lange und hielt mich fr unglcklicher als alle Helden;
nach und nach aber wute mich mein Begleiter zu trsten: Erinnerst du
dich gar nicht, mich gesehen zu haben?' fragte er. Ich sah ihn an,
besann mich, verneinte. Ei, man hat mich doch in Dresden so viel,
gesehen,' fuhr er fort; alle Alten und besonders die Jugend strmte
zu mir und meinem jungen Griechen.'

Jetzt fiel mir mit einemmal bei, da ich ihn schon gesehen hatte. Vor
wenigen Wochen war nach Dresden ein Mann mit einem jungen
unglcklichen Griechen gekommen; er wohnte in einem Gasthof und lie
den jungen Athener fr Geld sehen, das Geld war zur Erhaltung des
Griechen und der berschu fr einen Griechenverein bestimmt. Alles
strmte hin, auch mir gab der Vater ein paar Groschen, um den
unglcklichen Knaben sehen zu knnen. Ich bezeugte dem Manne meine
Verwunderung, da er nicht mehr mit dem Griechen reise.

Er ist mir entlaufen, der Schlingel, und hat mir die Hlfte meiner
Kasse und meinen besten Rock gestohlen; er wute wohl, da ich ihm
nicht nachsetzen konnte; aber wie wre es, mein Shnchen, wenn du mein
Grieche wrdest?' Ich staunte, ich hielt es nicht fr mglich; aber er
gestand mir, da der andere ein ehrlicher Mnchner gewesen sei, den er
abgerichtet und kostmiert habe, weil nun einmal die Leute die
griechische Sucht htten."

Wie?" unterbrach ihn der Englnder. Selbst in Deutschland nimmt man
Anteil an den Schicksalen dieses Volkes? Und doch ist es eigentlich
ein deutscher Minister, der es mit der Pforte hlt und die Griechen
untergehen lt."

Wie es nun so geht in meinem lieben Vaterland," antwortete Baron von
Garnmacher, des Schneiders Sohn; was einmal in einem anderen Lande
Mode geworden, mu auch zu uns kommen. Das wei man gar nicht anders.
Wie nun vor kurzem die Pargioten ausgetrieben wurden und bald nachher
die griechische Nation ihr Joch abschttelte, da fanden wir dies
erstaunlich hbsch, schrieben auf der Stelle viele dicke Bcher
darber und stifteten Hilfsvereine mit sparsamen Kassen. Sogar
Philhellenen gab es bei uns, und man sah diese Leute mit groen
Brten, einen Sbel an der Seite, Pistolen im Grtel, rauchend durch
Deutschland ziehen. Wenn man sie fragte: Wohin?' so antworteten sie:
In den heiligen Krieg nach Hellas gegen die Osmanen!' Bat sich nun
etwa eine Frau oder ein Mann, der in der alten Geographie nicht sehr
erfahren, eine nhere Erklrung aus, so erfuhr man, da es nach
Griechenland gegen die Trken gehe. Da kreuzigten sich die Leute,
wnschten dem Philhellenen einen guten Morgen und flsterten, wenn er
mit drhnenden Schritten einen Fupfad nach Hellas einschlug: Der mu
wenig taugen, da er im Reich keine Anstellung bekommt und bis nach
Griechenland laufen mu.'"

Ist's mglich?" rief der Marquis. So teilnahmlos sprachen die
Deutschen von diesen Mnnern?"

Gewi; es ging mancher hin mit dem schnen Gefhl, einer
unterdrckten Sache beizustehen, mancher, um sich Kriegsruhm zu
erkmpfen, der nun einmal auf den Billards und in den Garnisonen nicht
zu erlangen ist; aber alle barbierte man ber einen Lffel, wie mein
Vater zu sagen pflegte, und schalt sie Landlufer."

Mylord," sagte der Franzose, es sind doch dumme Leute, diese
Deutschen!"

O ja," entgegnete jener mit groer Ruhe, indem er sein Rumglas gegen
das Licht hielt, zuweilen; aber dennoch sind die Franzosen
unertrglicher, weil sie allen Witz allein haben wollen."

Der Marquis lachte und schwieg. Der Baron aber fuhr fort: Auf diese
Sitte der Deutschen hatte jener Mann seinen Plan gebaut, und noch oft
mu ich mich wundern, wie richtig sein Kalkl war. Die Deutschen,
dachte er, kommen nicht dazu, etwas fr einen weit aussehenden Plan,
fr ein fernes Land und dergleichen zu tun; entweder sagen sie: Es war
ja vorher auch so, lasset der Sache ihren Lauf, wer wird da etwas
Neues machen wollen?' oder sie sagen: Gut, wir wollen erst einmal
sehen, wie die Sache geht, vielleicht lt sich hernach etwas tun.'
Fllt aber etwas in ihrer Nhe vor, knnen sie selbst etwas Seltenes
mit eigenen Augen sehen, so lassen sie es sich etwas kosten.'

Man war dem Griechen frher oft in mancher kleinen Stadt sehr dankbar,
da er doch wieder eine Materie zum Sprechen herbeigefhrt habe, eine
Seltenheit, welche die Weiber beim Kaffee, die Mnner beim Bier
traktieren konnten.

Was fr Aussichten blieben mir brig? Mein Onkel war tot, ich hatte
nichts gelernt; so schlug ich ein, Grieche zu werden. Jetzt fing ein
Unterricht an, bei welchem wir bald so vertraut miteinander werden,
da mir mein Fhrer sogar Schlge beibrachte. Er lehrte mich alle
Gegenstnde auf neugriechisch nennen, blute mir einige Floskeln in
dieser Sprache ein, und nachdem ich hinlnglich instruiert war,
schwrzte er mir Haar und Augenbrauen mit einer Salbe, frbte mein
Gesicht gelblich, und--ich war ein Grieche. Mein Kostm, besonders das
fr vornehme Prsentationen, war sehr glnzend, manches sogar von
Seide. So zogen wir im Land umher und gewannen viel Geld."

Aber, mein Gott," unterbrach ihn der Franzose, sagen Sie doch, in
Deutschland soll es viele gelehrten Mnner geben, die sogar Griechisch
schreiben. Diese mssen es doch auch sprechen knnen; wie haben Sie
sich vor diesen durchbringen knnen?"

Nichts leichter als dies, und gerade bei diesen hatte ich meinen
grten Spa; diese Leute schreiben und lesen das Griechische so gut,
da sie vor zweitausend Jahren mit Thucydides htten korrespondieren
knnen, aber mit dem Sprechen will es nicht recht gehen; sie muten zu
Haus immer die Phrasen im Lexikon aufschlagen, wenn sie sprechen
wollten; da hatte ich nun, um aus aller Verlegenheit zu kommen, eine
herrliche Floskel bereit:------Mein Herr, das ist nicht griechisch.'
Mein Fhrer unterlie nicht, sogleich, was ich gesagt, dem Publikum
ins Deutsche zu bersetzen, und jene Kathedermnner kamen gewhnlich
ber das Lcheln der Menschen dergestalt auer Fassung, da sie es nie
wieder wagten, Griechisch zu sprechen.

So zogen wir lngere Zeit umher, bis endlich in Karlsbad die ganze
Komdie auf einmal aufhrte. Wir kamen dorthin zur Zeit der Saison und
hatten viele Besuche. Unter andern fiel mir besonders ein Herr mit
einem Band im Knopfloch auf, der mir groe hnlichkeit mit meinem
Vater zu haben schien. Er besuchte uns einigemal, und endlich, denken
Sie sich mein Erstaunen, hre ich, wie man ihn Herr von Garnmacher
tituliert. Ich strzte zu ihm hin, fragte ihn mit zrtlichen Worten,
ob er mein verehrter Herr Onkel sei, und entdeckte ihm auf der Stelle,
wie ich eigentlich nicht auf klassischem Boden in Athen, sondern als
kniglich schsisches Landeskind in Dresden geboren sei. Es war eine
rhrende Erkennungsszene. Das Staunen des Publikums, als der Grieche
auf einmal gutes Deutsch sprach, die Verlegenheit meines Oheims, der
mit vornehmer Gesellschaft zugegen war und nicht gerne an meinen
Vater, den _Marchand tailleur_, erinnert sein wollte, die Wut
meines Fhrers, alles dies kam mir trotz meiner tiefen Rhrung hchst
komisch vor.

Der Fhrer wurde verhaftet, mein Onkel nahm sich meiner an, lie mir
Kleider machen und fhrte mich nach Berlin. Und dort begann fr mich
eine neue Katastrophe."

       *       *       *       *       *




2. DER BARON WIRD EIN REZENSENT.


Mein Onkel war ein nicht sehr berhmter Schriftsteller, aber ein
berchtigter, anonymer Kritiker. Er arbeitete an zehn Journalen, und
ich wurde anfnglich dazu verwendet, seine Hahnenfe ins Reine zu
schreiben. Schon hier lernte ich nach und nach in meines Onkels Geist
denken, fate die gewhnlichen Wendungen und Ausdrcke auf und bildete
mich so zum Rezensenten. Bald kam ich weiter; der herrliche Mann
brachte mir die verschiedenen Klassen und Formen der Kritik bei, ber
welche ich brigens hinweggehen kann, da sie einen Fremden nicht
interessieren."

Nein, nein!" rief der Lord. Ich habe schon fters von dieser
kritischen Wut Ihrer Landsleute gehrt. Zwar haben auch wir, z. B. in
Edinburgh und London, einige Anstalten dieser Art; aber sie werden,
hre ich, in einem ganz anderen Geiste besorgt als die Ihrigen."

Allerdings sind diese Bltter in meinem Vaterlande eine sonderbare,
aber eigentmliche Erscheinung. Wie in unserer ganzen Literatur immer
noch etwas Engbrstiges, Eingezwngtes zu verspren ist, wie nicht
das, was leicht und gefllig, sondern was mit einem recht
schwerflligen, gelehrten Anstrich geschrieben ist, fr einzig gut und
schn gilt, so haben wir auch eigene Ansichten ber Beurteilung der
Literatur. Es traut sich nmlich nicht leicht ein Mann oder eine Dame
in der Gesellschaft ein Urteil ber ein neues Buch zu, das sich nicht
an ein ffentlich ausgesprochenes anlehnen knnte--man glaubte darin
zu viel zu wagen. Daher gibt es viele ffentliche Stimmen, die um Geld
und gute Worte ein kritisches Solo vortragen, in welches dann das
Tutti oder der Chorus des Publikums einfllt."

Aber wie mgen Sie ber diese Institute spotten, mein Herr Baron?"
unterbrach ihn der Lord. Ich finde das recht hbsch. Man braucht
selbst kein Buch als diese ffentlichen Bltter zu lesen und kann dann
dennoch in der Gesellschaft mitstimmen."

Sie htten recht, wenn der Geist dieser Institute anders wre. So
aber ergreift der, welcher sich nach diesen Blttern richtet, unbewut
irgend eine Partei und kann, ohne da er sich dessen versieht, in der
Gesellschaft fr einen Goethianer, Mllnerianer, Vossiden oder
Creuzerianer, Schellingianer oder Hegelianer, kurz fr einen Yaner
gelten. Denn das eine Blatt gehrt dieser Partei an und haut und
sticht mehr oder minder auf jede andere, ein anderes gehrt diesem
oder jenem groen Buchhndler. Da mssen nun frs erste alle seine
Verlagsartikel gehrig gelobt, dann die seiner Feinde grimmig
angefallen werden; oft mu man auch ganz diplomatisch zu Werke gehen,
es mit keinem ganz verderben, auf beiden Achseln (Dichter=) Wasser
tragen und, indem man einem freundlich ein Kompliment macht,
hinterrcks heimlich ihm ein Bein unterschlagen."

Aber schmen sich denn Ihre Gelehrten nicht, auf diese Art die Kritik
und Literatur zu handhaben?" fragte der Marquis. Ich mu gestehen, in
Frankreich wrde man ein solches Wesen verachten."

Ihre politischen Bltter, mein Herr, machen es nicht besser. brigens
sind es nicht gerade die Gelehrten, die dieses Handwerk treiben. Die
eigentlichen Gelehrten werden nur zu Kernschssen und langsamen,
grndlichen Operationen verwandt und mit vier Groschen bezahlt.
Leichter, behender sind die Halbgelehrten, die eigentlichen Voltigeurs
der Literatur. Sie plnkeln mit dem Feind, ohne ihn grndlich und mit
Nachdruck anzugreifen; sie richten Schaden in seiner Linie an, sie
umschwrmen ihn, sie suchen ihn aus seiner Position zu locken. Auch
drfen sie sich gerade nicht schmen; denn sie rezensieren anonym, und
nur e i n e r unterschreibt seine kritischen Bluturteile mit so kaltem
Blute, als wollte er seinen Bruder freundlich zu Gevatter bitten."

Das mu ja ein eigentlicher Matador sein!" rief der Lord lchelnd.

Ein Matador in jedem Sinne des Worts. Auf Spanisch--ein Totschlger,
denn er hat schon manchen niedergedonnert; und wahrhaftig, er ist der
hchste Trumpf, dieser Matador, und zhlt fr zehn, wenn er _Pacat
ultimo_ macht. Und bei den literarischen Stiergefechten ist er
Matador! Denn er, der Hauptkmpfer ist es, der dem armen gehetzten und
gejagten Stier den Todessto gibt."

Gestehen Sie, Sie bertreiben;--Sie haben gewi einmal den
unglcklichen Gedanken gehabt, etwas zu schreiben, das recht tchtig
vorgenommen wurde, und jetzt zrnen Sie der Kritik?"

Der junge Deutsche errtete. Es ist wahr, ich habe etwas geschrieben,
doch war es nur eine Novelle und leider nicht so bedeutend, da es
wre rezensiert worden; aber nein, ich selbst habe einige Zeit unter
meines Onkels Protektion den kritischen kleinen Krieg mitgemacht und
kenne diese Affren genau. Nun, mein Onkel brachte mir also die
verschiedenen Formen und Klassen bei. Die e r s t e war die s a n f t
l o b e n d e Rezension. Sie gab nur einige Auszge aus dem Werk,
lobte es als brav und gelungen und ermahnte, auf der betretenen Bahn
fortzuschreiten. In diese Klasse fielen junge Schriftsteller, die dem
Interesse des Blattes entfernter standen, die man aber fr sich
gewinnen wollte. Hauptschlich aber war diese Klasse fr junge,
schriftstellerische Damen."

Wie?" erwiderte der Lord. Haben Sie deren so viele, da man eine
eigene Klasse fr sie macht?"

Man zhlte, als ich noch auf der Oberwelt war, sechsundvierzig
jngere und ltere! Sie sehen, da man fr sie schon eine eigene
Klasse machen kann, und zwar eine gelinde, weil diese Damen mehr
Anbeter und Freunde haben als ein junger Schriftsteller. Die zweite
Klasse ist die l o b p o s a u n e n d e. Hier werden entweder die
Verlagsartikel des Buchhndlers, der das Blatt bezahlt, oder die
Parteimnner gelobt. Man preist ihre Namen, man ist gerhrt, man ist
glcklich, da die Nation einen solchen Mann aufweisen kann. Die
d r i t t e Klasse ist dann die n e u t r a l e. Hier werden die
Feinde, mit denen man nicht in Streit geraten mag, etwas khl und
diplomatisch behandelt. Man spricht mehr ber das Genus ihrer Schrift
und ber ihre Tendenz als ber sie selbst, und gibt sich Mhe, in
recht vielen Worten n i c h t s zu sagen, ungefhr wie in den Salons,
wenn man ber politische Verhltnisse spricht und sich doch mit keinem
Wort verraten will.

Die v i e r t e Klasse ist die l o b h u d e l n d e. Man sucht
entweder einen, indem man ihn scheinbar und mit einem Anstrich von
Gerechtigkeit ein wenig tadelt, zu loben, oder umgekehrt, man lobt ihn
mit vielem Anstand und bringt ihm einige Stiche bei, die ihn entweder
tief verwunden, oder doch lcherlich machen. Die f  n f t e Klasse
ist die g r o b e, e r n s t e; man nimmt eine vornehme Miene an,
setzt sich hoch zu Ro und schaut hernieder auf die kleinen Bemhungen
und geringen Fortschritte des Gegners. Man warnt sogar vor ihm und
sucht etwas Verstecktes in seinen Schriften zu finden, was zu
gefhrlich ist, als da man ffentlich davon sprechen mchte. Diese
Klasse macht stillen, aber tiefen Eindruck aufs Publikum. Es ist etwas
Mystisches in dieser Art der Kritik, was die Menschen mit Scheu und
Beben erfllt. Die s e c h s t e Klasse ist die T o t s c h l  g e r
k l a s s e. Sie ist eine Art von Schlachtbank; denn hier werden die
Opfer des Zornes, der Rache niedergemetzelt ohne Gnade und
Barmherzigkeit, sie ist eine Sge= und Stampfmhle; denn der Mller
schttet die Unglcklichen, die ihm berantwortet werden, hinein und
zerfetzt, zersgt, zermalmt sie."

Aber wer trgt denn die Schuld von diesem unsinnigen
Vertilgungssystem?" fragte Lasulot.

Nun, das Publikum selbst! Wie man frher an Turnieren und Tierhetzen
die Freude hatte, so amsiert man sich jetzt am kritischen Kriege; es
freut die Leute, wenn man die Schriftsteller mit eingelegten Lanzen
aufeinander anrennen sieht, und--wenn die Rippen krachen, wenn einer
sinkt, klatscht man dem Sieger Beifall zu. Lndlich, sittlich! Ein
Stier, ein Stier, ruft's, dort und hier!' In Spanien treibt man das in
der Wirklichkeit, in Deutschland metaphorisch, und wenn ein paar
tchtige Fleischerhunde einen alten Stier anfallen und sich zu Helden
an ihm beien, wenn der M a t a d o r von der Galerie hinab in den
Zirkus springt,

  Und zieht den Degen,
  Und fllt verwegen
  Zur Seite den wtenden Ochsen an--

da freut sich das liebe Publikum, und von Bravo!' schallt die Gegend
wider!"

Das ist kstlich!" rief der Englnder; doch war man ungewi, ob sein
Beifall der deutschen Kritik oder dem Rum gelte, den er zu sich nahm.
Und ein solcher Klassenkritikus wurden Sie, Master Garnmacher?"

Mein Onkel war, wie ich Ihnen sagte, fr mehrere Journale verpachtet;
wunderbar war es brigens, welches heterogene Interesse er dabei
befolgen mute. Er hatte es so weit gebracht, da er an einem
Vormittag ein Buch las und sechs Rezensionen darber schrieb, und oft
traf es sich, da er alle sechs Klassen ber einen Gegenstand
erschpfte. Er zndete dann zuerst dem Schlachtopfer ein kleines,
gelindes Lobfeuer aus Zimmetholz an; dann warf er kritischen Weihrauch
dazu, da es groe Wolken gab, die dem Publikum die Sinne umnebelten
und die Augen beizten. Dann dmpfte er diese niedlichen Opferflammen
zu einer dsteren Glut, blies sie dann mit dem kalten Hauch der
vierten Klasse frischer an, warf in der fnften einen so groen
Holzsto zu, als die _sancta simplicitas_ in Konstanz dem Hu,
und fing dann zum sechsten an, den Unglcklichen an dieser mchtigen
Lohe des Zornes zu braten und zu rsten, bis er ganz schwarz war."

Wie konnte er aber mit gutem Gewissen sechserlei so verschiedene
Meinungen ber e i n e n Gegenstand haben? Das ist ja schndlich!"

Wie man will. Ich erinnere Sie brigens an die liberalen und an die
ministeriellen Bltter Ihres Landes; wenn heute einer Ihrer
Publizisten eine Ode an die Freiheit auf der Posaune geblasen hat und
ihm morgen der Herr von .... einige Sous mehr bietet, so hlt er eine
Schimpfrede gegen die linke Seite, als htte er von je in einem
ministeriellen Vorzimmer gelebt."

Aber dann geht er frmlich ber," bemerkte der Marquis; aber Ihr
Onkel, der Schuft, hatte zu gleicher Zeit sechs Zungen und zwlf
Augen, die Hlfte mehr als der Hllenhund."

Die Deutschen haben es von jeher in allen mechanischen Knsten und
Handarbeiten weit gebracht," erwiderte mit groer Ruhe der junge Mann,
so auch in der Kritik. Als mich nun mein Onkel so weit gebracht
hatte, da ich nicht nur ein Buch von dreiig Bogen in zwei Stunden
durchlesen, sondern auch den Inhalt einer u n a u f g e s c h n i t t
e n e n Schrift auf ein Haar erraten konnte, wenn ich wute, von
welcher Partei sie war, so gebrauchte er mich zur Kritik. Ich will
dir,' sagte er, die erste, zweite, fnfte und sechste Klasse geben.
Die Jugend, wie sie nun einmal heutzutag ist, kann nichts mit Ma tun.
Sie lobt entweder ber alle Grenzen, oder sie schimpft und tadelt
unverschmt. Solche Leute, besonders wenn sie ein recht scharfes Gebi
haben, sind brigens oft nicht mit Gold zu bezahlen. Man legt sie an
die Kette, bis man sie braucht, und hetzt sie dann mit unglaublichem
Erfolg; denn sie sind auf den Mann dressiert trotz der besten Dogge.
Zu den Mittelklassen, zu dem Neutralittssystem, zu dem verdeckten
Tadel, zu dem ruhigen, aber sicheren Hinterhalt gehrt schon mehr als
kaltes Blut.'

So sprach mein Onkel und bergab mir die Krnze der Gnade und das
Schwert der Rache. Alle Tage mute ich von frh acht bis ein Uhr
rezensieren. Der Onkel schickte mir ein neues Buch, ich mute es
schnell durchlesen und die Hauptstellen bezeichnen. Dann wurden
Kritiken von Nr. 1 und 2 entworfen und dem Alten zugeschickt. Nun
schrieb er selbst 3 und 4, und war dann noch ein Hauptgericht zu
exequieren, so lie er mir sagen: Mein lieber Neffe, nur immer Nr. 5
und 6 draufgesetzt; es kann nicht schaden, nimm ihn in Teufels Namen
tchtig durch;' und den ich noch vor einer Stunde mit wahrer Rhrung
bis zum Himmel erhoben, denselben verdammte ich jetzt bis in die
Hlle. Vor Tisch wurden dann die kritischen Arbeiten verglichen, der
Onkel tat, wie er zu sagen pflegte, Salz hinzu, um das Gebru pikanter
zu machen; dann packte ich alles ein und verschickte die heil= und
unheilschweren Bltter an die verschiedenen Journale."

_Goddam_! Habe ich in meinem Leben dergleichen gehrt?" rief der
Lord mit wahrem Grauen. Aber wenn Sie alle Tage nur e i n Buch
rezensierten, das macht ja im Jahre 365! Gibt es denn in Ihrem
Vaterlande jhrlich selbst nur ein Dritteil dieser Summe?"

Ha! da kennen Sie unsere gesegnete Literatur schlecht, wenn Sie dies
fragen. So viele gibt es in e i n e r Messe, und wir haben jhrlich
zwei. Alle Jahre kann man achtzig Romane, zwanzig gute und vierzig
schlechte Lust= und Trauerspiele, hundert schne und miserable
Erzhlungen, Novellen, Historien, Phantasien usw., dreiig Almanache,
fnfzig Bnde lyrischer Gedichte, einige erhabene Heldengedichte in
Stanzen oder Hexametern, vierhundert bersetzungen, achtzig
Kriegsbcher rechnen, und die Schul=, Lehr=, Katheder=, Professions=,
Konfessionsbcher, die Anweisungen zum frommen Leben, zur Bereitung
guten Champagners aus Obst, zur Verlngerung der Gesundheit, die
Betrachtungen ber die Ewigkeit, und wie man auch ohne Arzt sterben
knne usw. sind nicht zu zhlen; kurz, man kann in meinem Vaterlande
annehmen, da unter fnfzig Menschen immer einer Bcher schreibt; hat
einer einmal im Mekatalog gestanden, so gibt er das Handwerk vor dem
sechzigsten Jahre nicht auf. Sie knnen also leicht berechnen, meine
Herren, wie viel bei uns gedruckt wird. Welcher Reichtum der
Literatur, welches weite Feld fr die Kritik!"

Der junge Deutsche hatte diese letzten Worte mit einer Ehrfurcht, mit
einer Andacht gesprochen, die sogar mir hchst komisch vorkam; der
Lord und der Marquis aber brachen in lautes Lachen aus, und je
verwunderter der junge Herr sie ansah, desto mehr schien ihr Lachreiz
gesteigert zu werden.

Monsieur de Garnmacker! Nehmen Sie es nicht bel, da ich mich von
Ihrer Erzhlung bis zum Lachen hinreien lie," sagte der Marquis;
aber Ihre Nation, Ihre Literatur, Ihre kritische Manufaktur kam mir
unwillkrlich so komisch vor, da ich mich nicht enthalten konnte zu
lachen. Ihr seid sublime Leute, das mu man euch lassen."

Und der Herr hier hat recht," bemerkte Mylord mit feinem Lcheln.
Alles schreibt in diesem gttlichen Lande, und was das schnste ist,
nicht jeder ber sein Fach, sondern lieber ber ein anderes. So fuhr
ich einmal auf meiner Grandtour in einem deutschen Lndchen. Der Weg
war schlecht, die Pferde womglich noch schlechter. Ich lie endlich
durch meinen Reisebegleiter, der Deutsch reden konnte, den Postillon
fragen, was denn sein Herr, der Postmeister, denke, da er uns so
miserable Pferde vorspanne. Der Postillon antwortete: Was das Post=
und das Stallwesen anbelangt, so denkt mein Herr nichts." Wir waren
verwundert ber diese Antwort, und mein Begleiter, dem das Gesprch
Spa machte, fragte, was sein Herr denn anderes zu denken habe. Er
schreibt!' war die kurze Antwort des Kerls. Wie? Briefverzeichnisse,
Postkarten?' Ei, behte!' sagte er, Bcher, gelehrte Bcher.' ber
das Postwesen?' fragten wir weiter. Nein,' meinte er; Verse macht
mein Herr, Verse, oft so breit als meine fnf Finger und so lang als
mein Arm!' und klatsch! klatsch! hieb er auf die magern Brder des
Pegasus und trabte mit uns auf dem stoenden Steinweg, da es uns in
der Seele weh tat. _Goddam_!' sagte mein Begleiter.

Wenn der Herr Postmeister so schlecht auf dem Hippogryphen sitzt wie
sein Schwager auf diesen Kleppern, so wird er holperige Verse zutage
frdern!' Und auf Ehre, meine Herren, ich habe mich auf der nchsten
Station erkundigt, dieser Postmeister ist ein Dichter und wie Sie, Mr.
Garnmacher, ein groer Kritiker."

Ich wei, wen Sie meinen," erwiderte der Deutsche mit etwas unmutiger
Miene, und Ihre Erzhlung soll wohl ein Stich auf mich sein, weil ich
eigentlich auch nicht fr dieses Gebiet der Literatur erzogen worden.
brigens mu ich Ihnen sagen, Mylord, in Ihrem kalten, systematischen,
nach Gesetzen ngstlich zugeschnittenen Lande mchte etwas dergleichen
auffallen, aber bei uns zu Lande ist das was anderes. Da kann jeder in
die Literatur hineinpfuschen, wann und wie er will, und es gibt kein
Gesetz, das einem verbte, etwas Miserables drucken zu lassen, wenn er
nur einen Verleger findet. Bei den Kritikern und Poeten meines
Vaterlandes ist nicht nur in Hinsicht auf die Phantasie die schne
romantische Zeit des Mittelalters; nein, wir sind, und ich rechne mich
ohne Scheu dazu, samt und sonders edle Raubritter, die einander die
Blumen der Poesie abjagen und in unsere Verliee schleppen; wir ben
das Faustrecht auf heldenmtige Weise und halten literarische
Wegelagerungen gegen den reich beladenen Krmer und Juden. Die Poesie
ist bei uns eine Gemeindewiese, auf welcher jedes Vieh umherspazieren
und Blumen und Gras fressen kann nach Belieben."

Herr von Garnmacker," unterbrach ihn der Marquis de Lasulot, ich
wrde Ihre Geschichte erstaunlich hbsch und anziehend finden, wenn
sie nur nicht so langweilig wre. Wenn Sie so fortmachen, so erzhlen
Sie uns achtundvierzig Stunden in einem fort. Ich schlage daher vor,
wir verschieben den Rest und unsere eigenen Lebenslufe auf ein
andermal und gehen jetzt auf die Hllenpromenade, um die schne Welt
zu sehen!"

Sie haben recht," sagte der Lord, indem er aufstand und mir ein
Sixpencestck zuwarf, der Herr von Garnmacher wei auf unterhaltende
Weise einzuschlfern. Brechen wir auf; ich bin neugierig, ob wohl
viele Bekannten aus der Stadt hier sind."

 Wie?" rief der junge Deutsche nicht ohne berraschung. Sie wollen
also nicht hren, wie ich mich in Berlin bei den Herren vom Mhlendamm
zu einem Elegant perfektionierte? Sie wollen nicht hren, wie ich
einen Liebeshandel mit einer Prinzessin hatte, und auf welche
elendigliche Weise ich endlich verstorben bin? O, meine Herren, meine
Geschichte fngt jetzt erst an, interessant zu werden."

Sie knnen recht haben," erwiderte ihm der Lord mit vornehmem
Lcheln; aber wir finden, da uns die Abwechslung mehr Freude macht.
Begleiten Sie uns; vielleicht sehen wir einige Figuren aus Ihrem
Vaterlande, die Sie uns zeigen knnen."

Nein, wirklich! Ich bin gespannt auf Ihre Geschichte," sagte der
Marquis lachend; aber nur jetzt nicht. Es ist jetzt die Zeit, wo die
Welt promeniert, und um keinen Preis, selbst nicht um Ihre
interessante Erzhlung, mchte ich diese Stunde versumen. Gehen wir."

Gut," erwiderte der deutsche Stutzer resigniert und ohne beleidigt zu
scheinen. Ich begleite Sie; auch so ist mir Ihre werte Gesellschaft
sehr angenehm; denn es ist fr einen Deutschen immer eine groe Ehre,
sich an einen Franzosen oder gar an einen Englnder anschlieen zu
knnen."

Lachend gingen die beiden voran, der Baron folgte, und ich vernderte
schnell mein Kostm, um diese merkwrdigen Subjekte auf ihren
Wanderungen zu verfolgen; denn ich hatte gerade nichts Besseres zu
tun.

Die Menschen bleiben sich unter jeder Zone gleich--es ist mglich, da
Klima und Sitten eines anderen Landes eine kleine Vernderung in
manchem hervorbringen; aber lat nur eine Stunde lang Landsleute
zusammen sprechen, der Nationalcharakter wird sich nicht verleugnen,
wird mehr und mehr sich wieder hervorheben und deutlicher werden. So
kommt es, da dieser Geburtstag meiner lieben Gromutter mir Stoff zu
tausend Reflexionen gibt; denn selbst im Fegefeuer, wenn diesen
Leutchen nur e i n Tag vergnnt ist, findet sich Gleiches zu Gleichem,
und es spricht und lacht und geht und liebt wie im Prater, wie auf der
Chaussee d'Antin oder im Palais Royal, wie Unter den Linden, oder wie
in....

Welchen Anblick gewhrte diese hllische Promenade! Die Stutzer aller
Jahrhunderte, die Kurtisanen und Merveilleuses aller Zeiten, Theologen
aller Konfessionen, Juristen aller Staaten, Finanziers von Paris bis
Konstantinopel, von Wien bis London, und sie alle in Streit ber ihre
Angelegenheiten, und sie alle mit dem ewigen Refrain: Zu unserer
Zeit, ja! Zu unserer Zeit war es doch anders!" Aber ach, meine Stutzer
kamen zu spt auf die Promenade, kaum da noch Baron von Garnmacher
einen jungen Dresdener Dichter umarmen und einer Berliner Sngerin
sein Vergngen ausdrcken konnte, ihre Bekanntschaft hier zu erneuern!
Der edle junge Herr hatte durch seine Erzhlung die Promenadezeit
verkmmert, und die groe Welt strmte schon zum Theater.

       *       *       *       *       *




3. DAS THEATER IM FEGEFEUER.


Man wundert sich vielleicht ber ein Theater im Fegefeuer? Freilich
ist es weder _Opera buffa_ noch _seria_, weder Trauer= noch
Lustspiel; ich habe zwar Schauspieldichter, Snger, Akteurs und
Aktricen, Tnzer und Tnzerinnen genug; aber wie knnte man ein so
gemischtes Publikum mit einem dieser Stcke unterhalten? Liee ich von
Zacharias Werner eine schauerlich=tragikomisch=historisch=romantisch=
heroische Komdie auffhren,--wie wrden sich Franzosen und Italiener
langweilen, um von den Russen, die mehr das Trauerspiel und
Mordszenen lieben, gar nicht zu reden. Wollte ich mir von Kotzebue ein
Lustspiel schreiben lassen, etwa die Kleinstdter in der Hlle", wie
wrde man ber verdorbenen Geschmack schimpfen! Daher habe ich
eine andere Einrichtung getroffen.

Mein Theater spielte groe pantomimische Stcke, welche
wunderbarerweise nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft zum
Gegenstand haben; aber mit Recht. Die Vergangenheit, ihr ganzes Leben
liegt abgeschlossen hinter diesen armen Seelen. Selten bekommt eine
einen Erlaubnisschein, als Revenant die Erde um Mitternacht besuchen
zu drfen. Denn was ntzt es mir? Was frommt es dem irren Geist einer
eiferschtigen Frau, zum Lager ihres Mannes zurckzukehren? Was ntzt
es dem Mann, der sich um eine zweite umgetan, wenn durch die Gardine
dringt--

  Eine kalte weie Hand.
  Wen erblickt er? Seine Wilhelmine,
  Die im Sterbekleide vor ihm stand."

Was kann es dem Teufel, was einer ausgeleerten herzoglichen Kasse
helfen, wenn der Finanzminister, der sich aus Verzweiflung mit dem
Federmesser die Kehle abschnitt, allnchtlich ins Departement
schleicht, angetan mit demselben Schlafrock, in welchem er zu arbeiten
pflegte, schlrfend auf alten Pantoffeln und die Feder hinter dem Ohr?
Zu was dient es, wenn er seufzend vor den Akten sitzt und mit
glhendem Auge seinen Rest immer noch einmal berechnet? Was kann es
dem frstlichen Keller helfen, wenn der Schlokfer, den ich in einer
bsen Stunde abgeholt, durch einen Kellerhals herniederfhrt und mit
krampfhaft gekrmmtem Finger an den Fssern anpocht, die er bestohlen?
Zu welchem Zweck soll ich den General entlassen, wenn oben der
Zapfenstreich ertnt und die Hrner zur Ruhe blasen? Wozu den Stutzer,
um zu sehen, ob sein bezahltes Liebchen auf frische Rechnung liebt?
Zwar sie alle, ich gestehe es, sie alle wrden sich unglcklicher
fhlen, knnten sie sehen, wie schnell man sie vergessen hat; es wre
eine Schrfung der Strafe, wie etwa ein Knig, als ihm ein Urteil zu
l e b e n s l  n g l i c h e r Zuchthausstrafe vorgelegt wurde,
n o c h  s e c h s J a h r e  l  n g e r" unterschrieb, weil er den
Mann hate. Aber sie wrden mir auf der andern Seite so viel
verwirrtes Zeug mit herabbringen, wrden mir manchen fromm zu machen
suchen, wie der reiche Mann im Evangelium, der zu Lebzeiten soviel
getrunken, da er in der Hlle Wasser trinken wollte,--ich habe darin
so viele Erfahrungen gemacht und kann es in neuern Zeiten, wo ohnedies
die Missionarien und andere Mystiker genug tun, nicht mehr erlauben.
Daher kommt es, da es in diesen Tagen wenig mehr in den H  u s e r
n, desto mehr aber in den K  p f e n, spukt.

Um nun den Seelen im Fegefeuer dennoch Nachrichten ber die Zukunft zu
geben, lasse ich an Festtagen einige erhebliche Stcke von meiner
hllischen Bande auffhren. Auf dem heutigen Zettel war angezeigt:

  M i t  A l l e r h  c h s t e r  B e w i l l i g u n g.

  Heute, als am Geburtstage der Gromutter, diabolischen Hoheit:

  E i n i g e  S z e n e n  a u s  d e m  J a h r e  1 8 2 6.

  Pantomimische Vorstellung mit Begleitung des Orchesters.

  Die Musik ist aus Mozarts, Haydns, Glucks und anderen Meisterwerken
  zusammengesucht von Rossini.

  (Bemerkungen an das Publikum.) Da gegenwrtig sehr
  viele allerhchste Personen und hoher Adel hier sind, so wird
  gebeten, die ersten Ranglogen den Hoheiten, Durchlauchten und
  Ministern bis zum Grafen abwrts inklusive, die zweite Galerie
  der Ritterschaft samt Frauen bis zum Leutnant abwrts zu
  berlassen.

  Die Direktion des infernal. Hof= und Nationaltheaters.

Das Publikum drngte sich mit Ungestm nach dem Hause. Ich bot mich
den drei jungen Herren als Cicerone an und fhrte sie glcklich durchs
Gedrnge ins Parkett. Obgleich der Lord ohne Anstand auf die erste,
der Marquis und der deutsche Baron auf die zweite Loge htten
eintreten drfen, fanden es diese drei Subjekte aber amsanter, von
ihrem niederen Standpunkt aus Logen und Parterre zu lorgnettieren. Wie
mancher Ausruf des freudigen Staunens entschlpfte ihnen, wenn sie
wieder auf ein bekanntes Gesicht trafen! Besonders Garnmacher schien
vor Erstaunen nicht zu sich selbst kommen zu knnen. Nein, ist es
mglich?" rief er wiederholt aus. Ist es mglich? Sehen Sie, Marquis,
jener Herr dort oben in der zweiten Galerie rechts, mit den roten
Augen, er spricht mit einer bleichen jungen Dame; dieser starb in
Berlin im Geruch der Heiligkeit und soll auch hier sein an diesem
unheiligen Ort? Und jene Dame, mit welcher er spricht, wie oft habe
ich sie gesehen und gesprochen! Sie war eine liebenswrdige, fromme
Schwrmerin, ging lieber in die Dreifaltigkeitskirche als auf den
Ball--sie starb, und wir alle glaubten, sie werde sogleich in den
dritten Himmel schweben, und jetzt sitzt sie hier im Fegefeuer! Zwar
wollte man behaupten, sie sei in Tplitz an einem heimlichen
Wochenbette verschieden; aber wer ihren frommen Lebenslauf gesehen,
wer konnte das glauben?"

Ha! die Nase von Frankreich!" rief auf einmal der Marquis mit
Ekstase. Heiliger Ludwig, auch Ihr, auch Ihr unter Euern verlorenen
Kindern? Ha? und ihr, ihr verdammten Kutten, die ihr mein schnes
Vaterland in die Kapuze stecken wollet. Sehen Sie, Mylord, jene
hlichen, kriechenden Menschen? Sehen Sie, dort--das sind berhmte
Missionre, die uns glauben machen wollten, sie seien frmmer als wir.
Dem Teufel sei es gedankt, da er diese Schweine auch zu sich
versammelt hat."

O mein Herr," sagte ich, da htten Sie nicht ntig gehabt, bis ins
Theater sich zu bemhen, um diese Leutchen zu sehen. Sie zeigen sich
zwar nicht gerne auf den Promenaden, weil selbst in der Hlle nichts
Erbrmlicheres zu sein pflegt als ein entlarvter Heuchler. Aber im
_Caf de la Congrgation_ wimmelt es von diesen Herren, vom
Kardinal bis zum schlichten Pater. Sie knnen manche heilige
Bekanntschaft dort machen."

Mein Herr, Sie scheinen bekannt hier," erwiderte Mylord, sagen Sie
doch, wer sind diese ernsten Mnner in Uniform nebenan? Sie
unterhalten sich lebhaft, und doch sehe ich sie nicht lcheln. Sind es
Englnder?"

Verzeihen Sie," antwortete ich, es sind Soldaten und Offiziere von
der alten Garde, die sich mit einigen Preuen ber den letzten Feldzug
besprechen."

Alle drei schienen erstaunt ber dieses Zusammentreffen und wollten
mehr fragen; aber der Kapellmeister hob den Stab, und die Trompeten
und Pauken der Rossinischen Ouvertre schmetterten in das volle Haus.
Es war die herrliche Ouvertre aus _il maestro ladro_, die
Rossini auf sich selbst gedichtet hat, und das Publikum war entzckt
ber die schnen Anklnge aus der Musik aller Lnder und Zeiten, und
jeder fand seinen Lieblingsmeister, seine Lieblingsarie in dem
herrlich komponierten Stck. Ich halte auch auer der _Gazza
ladra_ den _Maestro ladro_ fr sein Bestes, weil er darin
seine Tendenz und seine knstlerische Gewandtheit im Komponieren ganz
ausgesprochen hat. Die Ouvertre endete mit dem ergreifenden Schlu
von Mozarts Don Juan, dem man zur Vermehrung der Rhrung einen
Nachsatz von Pauken, Trommeln und Trompeten angehngt hatte, und--der
Vorhang flog auf.

Man sah einen Saal der Brsenhalle von London. ngstlich drngten sich
Juden und Christen durcheinander. In malerischen Gruppen standen
Geldmkler, groe und kleine Kaufleute und steigerten die Papiere.
Nachdem diese Introduktion einige Zeitlang gedauert hatte, kamen in
sonderbaren Sprngen und Kapriolen zwei Kuriere hereingetanzt.
Allgemeine Spannung. Die Depeschen werden in einem _pas de deux_
entsiegelt, die Nachrichten mitgeteilt. In diesem Augenblicke
erscheint mein erster Solotnzer, das Haus Goldsmith vorstellend, in
der Szene. Seine Mienen, seine Haltung brllen Verzweiflung aus. Man
sieht, seine Fonds sind erschpft, seine Beutel leer, er mu seine
Zahlungen einstellen. Ein Chor von Juden und Christen dringen auf ihn
ein, um sich bezahlt zu machen. Er fleht, er bittet, seine
Gebrdensprache ist bezaubernd--es hilft nichts. Da rafft er sich
verzweiflungsvoll auf. Er tanzt ein Solo voll Ernst und Majestt. Wie
ein gefallener Knig ist er noch im Unglck gro, seine Sprnge
reichen zu einer immensen Hhe, und mit einem prachtvollen Futriller
fllt das Haus Goldsmith in London. Komisch war es nun anzusehen, wie
das Chor der englischen, deutschen und franzsischen Huser,
vorgestellt von den Herren vom _corps de ballet_, diesen Fall
weiter fortsetzten. Sie wankten knstlich und fielen noch knstlicher,
besonders exzellierten hierbei einige Berliner Brsenknstler, die
durch ihre ungemeine Kunst einen wahrhaft tragischen Effekt
hervorbrachten und allgemeine Sensation im Parterre erregten.

Pltzlich ging die lamentable Brsenmusik in einen Triumphmarsch ber.
Die herrliche Passage aus der Italienerin in Algier": H e i l  d e m
g r o  e n  K a i m a k a n! ertnte. Ein glnzender Zug von
Christensklaven, Goldbarren und Schsseln mit gemnztem Gold tragend,
tanzten aufs Theater. Es war, wie wenn in der Hungersnot ein Wagen mit
Brot in eine ausgehungerte Stadt kmmt. Man denkt nicht daran, da der
spekulative Kopf, der das Brot herbeischaffte, nichts als ein gemeiner
Wucherer ist, der den Hunger bentzt und sein Brot zu ungeheuren
Preisen losschlgt; man denkt nicht daran, man verehrt ihn als den
Retter, als den schtzenden Schild in der Not. So auch hier. Die
gefallenen Huser richteten sich mit Grazie empor, sie schienen
Hoffnung zu schpfen, sie schienen den Messias der Brse zu erwarten.
Er kam. Acht Finanzminister berhmter Knige und Kaiser trugen auf
ihren Schultern eine Art von Triumphwagen, der die transparente
Inschrift: S e i d  u m s c h l u n g e n, M i l l i o n e n!" trug.
Ein Herr mit einer bekannten morgenlndischen Physiognomie,
wohlbeleibt und von etwas schwammigem Ansehen, sa in dem Wagen und
stellte den Triumphator vor.

Mit ungemeinem Applaus wurde er begrt, als er von den Schultern der
Minister herab auf den Boden stieg. Das ist Nothschild! Es lebe
Nothschild!" schrie man in den ersten Ranglogen und klatschte und rief
bravo, da das Haus zitterte. Es war mein erster Grotesktnzer, der
diese schwierige Rolle meisterhaft durchfhrte, besonders, als er mit
dem englischen, sterreichischen, preuischen und franzsischen
Ministerium einen Cosaque tanzte, bertraf er sich selbst. Nothschild
gab in einer komischen Solopartie seinem Reich, der Brse, den
Frieden, und der erste Akt der groen Pantomime endigte mit einem
brillanten Schluchor, in welchem er frmlich gekrnt und zu einem
allerhchsten _cher cousin_ gemacht wurde.

Als der Vorhang gefallen war, lie sich Mylord ziemlich ungndig ber
diese Szene aus. Es war zu erwarten," sagte er, da diese Menschen
bedeutenden Einflu auf die Kurse bekommen werden; aber da auf der
Brse von London ein solcher Skandal vorfallen werde, im Jahre 1826,
das ist unglaublich."

Mein Herr," erwiderte der Marquis lachend, unglaublich finde ich es
nicht. Bei den Menschen ist alles mglich, und warum sollte nicht
einer, wenn er auch im Judenquartier zu Frankfurt das Licht der Welt
erblickte, durch Kombination so weit kommen, da er Kaiser und Knige
in seinen Sack stecken kann?"

Aber England, Alt=England! Ich bitte Sie," rief der Lord schmerzlich.
Ihr Frankreich, Ihr Deutschland haben beide von jeher nach jeder
Pfeife tanzen mssen! Aber, _Goddam_! das englische Ministerium
mit diesem Hep=Hep einen Cosaque tanzen zu sehen! O! es ist
schmerzlich!"

Ja, ja!" sprach Baron von Garnmacher, des Schneiders Sohn, sehr
ruhig. Es wird und mu so kommen. Freilich, ein bedeutender
Unterschied zwischen 1826 und der Zeit des Knigs David."

Das finde ich nicht," antwortete der Marquis; im Gegenteil, Sie
sehen ja, welch groen Einflu die Juden auf die Zeit gewinnen!"

Und dennoch finde ich einen bedeutenden Unterschied," erwiderte der
Deutsche. Damals, mein Herr, hatten alle Juden nur e i n e n Knig,
jetzt aber haben alle Knige nur e i n e n Juden."

Wenn Sie so wollen, ja. Aber neugierig bin ich doch, was fr eine
Szene der Teufel uns jetzt geben wird. Ich wollte wetten, Frankreich
oder Italien kommt ans Brett."

Ich denke, Deutschland," erwiderte Garnmacher. Ich wenigstens mchte
wohl wissen, wie es im Jahre 1826 oder 1830 in Deutschland sein wird.
Als ich die Erde verlie, war die Konstellation sonderbar: Es roch in
meinem Vaterlande wie in einer Pulverkammer, bevor sie in die Luft
fliegt. Die Lunte glhte, und man roch sie allerorten. Die feinsten
diplomatischen Nasen machten sich weit und lang, um diesen
geheimnisvollen Duft einzuziehen und zu erraten, woher der Wind komme.
Meinen Sie nicht auch, es msse bedeutende nderungen geben?"

Es wird heien: Auch in diesem Jahr ist es geblieben wie es war',"
antwortete ich dem guten Deutschen. Um eine Lunte auszulschen,
bedarf es keiner groen Knste. Man wird bleiben, wie man war, man
wird hchstens um einige Prozente weiser vom Rathaus kommen. Sie
wollen Ihr Vaterland in die Szene gesetzt sehen, um zu erfahren, wie
es anno 1826 dort aussieht? Armer Herr! Da mte ich ja zuvor noch
fragen, was fr ein Landsmann Sie sind."

Wie verstehen Sie das?" fragte der Baron unmutig.

Nun? Was knnte man Ihnen denn Allgemeines und Nationales vorspielen,
da Sie keine Nation sind? Sind Sie ein Bayer, so mte man Ihnen
zeigen, wie man dort noch immer das alte ehrliche Bier, nur nach neuen
Rezepten, braut. Sind Sie Wrttemberger, so knnten Sie erfahren, wie
man die Landstnde whlte. Sind Sie ein Rheinpreue und drckt Sie der
Schuh, so lassen Sie den eigenen Fu operieren; denn an dem
Normalschuh darf nichts gendert werden. Sind Sie ein Hesse, so
trinken Sie ganz ruhig Ihren Doppelkmmel zum Butterbrot; aber denken
Sie nichts, nicht einmal, ob es in der letzten Woche schn war und in
der nchsten regnen wird. Sind Sie ein Brandenburger, so machen Sie,
da Ihnen die Haare zu Berge stehen und hungern Sie, bis Sie eine
schne Taille bekommen---"

Herr, Sie sind des Teufels!" fuhr der Baron auf. Wollen Sie uns
alles Nationalgefhl absprechen? Wollen Sie--"

Stille! Sie sehen, der Vorhang geht wieder in die Hhe!" rief der
Marquis. Wie, was sehe ich? Das ist ja das Portal von Notre=Dame! Das
finde ich sonderbar. Wenn man von Frankreich etwas in Szene setzen
will, warum gibt man uns kein Vaudeville, warum nicht den Kampf der
Kammer?"

Die Glocken von Notre=Dame ertnten in feierlichen Klngen. Chorgesang
und das Murmeln kirchlicher Gebete nherte sich, und eine lange
Prozession, angefhrt von den Missionren, betrat die Bhne. Da sah
man knigliche Hoheiten und Frsten mit den Mienen zerknirschter
Snder, den Rosenkranz in der Hand, einherschleichen. Da sah man Damen
des ersten Ranges, die schnen Augen gen Himmel gerichtet, die _
la_ Madonna gekmmten Haare mit wohlriechender Asche bestreut, die
niedlichen Fchen blo und bar in dem Staube wandelnd. Das Publikum
staunte. Man schien seinen Augen nicht zu trauen, wenn man die
Herzogin D--s, die Comtesse de M--u, die Frstin T--d im Kostm einer
Benden zur Kirche wandeln sah. Doch, als Offiziere der alten Armee,
nicht mit Adlern, sondern mit heiligen Fahnen in der Hand
hereinwankten, als sogar ein Mann in der reichen Uniform der
Marschlle, den Degen an der Seite, die Kerze in der Hand und
Gebetbcher unter dem Arm, ber die Szene ging, da wandte sich der
Marquis ab; die Soldaten der alten Garde an unserer Seite ballten die
Fuste und riefen Verwnschungen aus, und wer wei, was meinen Akteurs
geschehen wre, htte man faule pfel oder Steine in der Nhe gehabt!
Das hohe Portal von Notre=Dame hatte endlich die Prozession
aufgenommen, und nur der Schlu ging noch ber die Szene. Es war ein
Affe, der eine Kerze in der Hand und unter dem Arm eine Vulgata trug.
Man hatte ihm einen ungeheuern Rosenkranz als Zaum um den Hals gelegt,
an welchem ihn zwei Missionre wie ein Kalb fhrten. So oft er aus dem
ruhigen Prozessionsschritt in wunderliche Seitensprnge fallen wollte,
wurde er mit einer Kapuzinergeiel gezchtigt und schrie dann, um
seine Zuchtmeister zu vershnen: _Vive le bon Dieu! vive la
croix!_" So brachten sie ihn endlich mit groer Mhe zur Kirche.
Orgel und Chorgesang erscholl, und der Vorhang fiel.

Haben Sie nun Genugtuung?" sagte der Marquis zu dem Lord. Was ist
Ihr Skandal auf der Brse gegen diesen kirchlichen Unfug? O mein
Frankreich, mein armes Frankreich!"

Es ist wahr," antwortete Mylord sehr ernst, indem er dem Franzosen
die Hand drckte, Sie sind zu beklagen; aber ich glaube nicht an
diese tollen Possen. Frankreich kann nicht so tief sinken, um sich so
unter den Pantoffel zu begeben. Frankreich, das Land des guten
Geschmacks, der frhlichen Sitten, der feinen Lebensart, Frankreich
sollte schon im Jahre 1826 vergessen haben, da es einst der gesunden
Vernunft Tempel erbaute und den Jesuiten die Kutte ausklopfte? Nicht
mglich, es ist ein Blendwerk der Hlle!"

Das mchte doch nicht so sicher sein," sagte ich. Das Vaterland des
Herrn Marquis gefiel sich von jeher in Kontrasten. Wenn einmal der
Jesuitismus dort zur Mode wird, mchte ich fr nichts stehen."

Aber was wollten sie nur mit dem Affen in Notre=Dame?" fragte der
Baron. Was hat denn dieses Tier zu bedeuten?"

Das ist, wie ich von der Theaterdirektion vernahm, der Affe Joco, der
sonst diese Leute im Theater belustigte. Jetzt ist er wohl auch von
den Missionren bekehrt worden, und wenn er, wie man aus seinen
Seitensprngen schlieen knnte, ein Protestant ist, so werden sie ihn
wohl in der Kirche taufen."

_Goddam_! Was Sie sagen! Doch Sie scheinen mit der
Theaterdirektion bekannt. Sagen Sie uns, was noch aufgefhrt wird.
Wenn es nichts Interessantes ist, so denke ich, gehen wir weiter; denn
ich finde diese Pantomimen etwas langweilig."

Es kommt nur noch ein Akt, der mehr allgemeines Interesse hat,"
antwortete ich. Es wird nmlich ein diplomatisches Diner aufgefhrt,
das der Reis=Effendi den Gesandten hoher Mchte gibt, das Siegesfest
der Festung Missolunghi vorstellend. Es werden dabei Ragouts aus
Griechenohren, Pastetchen von Philhellenennasen aufgetischt. Das
Hauptstck der Tafel macht ein Roastbeef von dem griechischen
Patriarchen, den sie lebendig gerstet haben, und zum Beschlu wird
ein kleiner Ball gegeben, den ein besternter Staatsmann, so alt er
sein mag, mit der schnsten Griechensklavin aus dem Harem seiner
mohammedanischen Majestt erffnet."

Ei!" rief der Marquis. Was, wollen wir diese Schande der Menschheit
sehen? Ihre Londoner Brse war lcherlich, die Prozession gemein und
dumm; aber diese ekelhafte Erbrmlichkeit, ich kann sie nicht ansehen!
Kommt, meine Freunde! Wir wollen lieber noch die Geschichte des Herrn
von Garnmacker hren, so langweilig sie ist, als dieses diplomatische
Diner betrachten."

Der Lord und der deutsche Baron willigten ein. Sie standen auf und
verlieen mein Theater, und der Lord sah, als er heraustrat, mit einem
derben Fluche zurck und rief: Wahrlich, es steht schlimm mit der
Zukunft von 1826!"

       *       *       *       *       *




DER FLUCH.

(E i n e  N o v e l l e.)

(Fortsetzung.)


Man kann sich denken, da ich in Rom immer viele Geschfte habe. Die h
e i l i g e  S t a d t hatte immer einen berflu von Leuten, die in
der ersten, zweiten oder dritten Abstufung mein waren.

Man wird sich wundern, da ich eine Klassifikation der g u t e n  L e
u t e (von andern Snder genannt) mache; aber, wer je mit der Erde zu
tun hatte, hat den Menschen bald abgelernt, da nur das Systematische
mit Nutzen bei ihnen betrieben werden knne. Es ist dies besonders in
Stdten wie Rom unumgnglich notwendig; wo so vielerlei Nuancen g u t
e r  L e u t e vom roten Hut bis auf die Kapuze, vom Frsten, der die
Macht hat, Orden zu verleihen, bis auf den Armen, dem solche um
dreiig Taler angeboten werden, sich vorfinden, da mu man Klassen
haben. Ich werde in der Bibel und von den heutigen Philosophen als das
negierende Prinzip vorgestellt, daher teilte ich meine guten Leute ein
in: Erste Klasse, mit dem Prdikat r e c h t  g u t, solche, die
geradehin verneinen, als da sind: Freigeister, Gottesleugner &c.
Zweite Klasse, g u t; sie sagen mit einigem Umschweif nein, gelten
unter sich fr Heiden, bei Vernnftigen fr liberale Mnner, bei der
Menge fr fromme Menschen. In dieser Klasse befinden sich viele Trken
und Pfaffen. Die dritte Klasse mit dem Prdikat m i t t e l m   i g
sind jene, die ihr Nein nur durch ein Kopfschtteln andeuten. Es sind
jene, die sich selbst fr eine Art von Gott halten, mgen sie nun
Abla verkaufen oder als evangelisch=mystisch=pietistische Seelen
einen Separatfrieden mit dem Himmel abschlieen; der letzteren gibt es
brigens in Rom wenige.

Es lt sich annehmen, da das Innere dieses Systems, die
verschiedenen bergnge der Klassen beinahe mit jedem Jahr sich
ndern. Geld, Sitten, der Zeitgeist ben hier einen groen Einflu aus
und machen beinahe alle zwei Jahre eine Reise an Ort und Stelle
notwendig.

Als ich vor einiger Zeit auf einer solchen Visitationsreise in Rom
verweilte, war ich Zeuge folgender Szenen, die ich aufzuzeichnen nicht
unterlassen will, weil sie vielleicht fr manchen Leser meiner
Memoiren von Interesse sein mchten.

Ich ging eines Morgens unter den Sulengngen der Peterskirche
spazieren, dachte nach ber mein System und die Vernderungen, die ihm
durch die Missionre in Frankreich und das berhandnehmen der Jesuiten
drohte; da stie mir ein Gesicht auf, das schon in irgend einer
interessanten Beziehung zu mir gestanden haben mute. Ich stand
stille, ich betrachtete ihn von der Seite. Es war ein schlanker,
schner junger Mann; seine Zge trugen die Spuren von stillem Gram;
dem Auge, der Form des Gesichtes nach war er kein Italiener,--ein
Deutscher, und jetzt fiel mir mit einem Male, da ich ihn vor wenigen
Monaten in Berlin im Salon jener Dame gesehen hatte, die mir und dem
ewigen Juden einen sthetischen Tee zu trinken gegeben hatte. Es war
jener junge Mann, dessen anziehende Unterhaltung, dessen angenehme
Persnlichkeit mir damals ein so groe Interesse eingeflt hatten. Er
war es, der uns damals ein Abenteuer aus seinem Leben erzhlt hatte,
das ich fr wrdig fand, bei der Beschreibung jenes Abends mit
aufzuzeichnen.

Ob ihn wohl die Liebe zu jener jungen Dame noch einmal in die heilige
Stadt gezogen hatte? Ob ihm, wie mir, der dstere Himmel seines Landes
und die se Langeweile der sthetischen Tees im Hause seiner Tante so
drckend wurde, da er sich unter eine sdlichere Zone flchtete? Ich
beschlo, seine Bekanntschaft zu erneuern, um ber jene interessante
Begegnis, dessen Erzhlung der Jude unterbrochen, um ber ihn selbst,
ber seine Schicksale etwas Nheres zu vernehmen. Er stand an einer
Sule des Portals, den Blick fest auf die Tre gerichtet; fromme
Seelen, schne Frauen, junge Mdchen strmten aus und ein. Ich sah, er
blieb gleichgltig; wenigstens schien ihn keine dieser Gestalten zu
interessieren. Endlich erscheint ein kleiner Florentiner Strohhut in
der Tre; war es die Form dieses Hutes, waren es die weien, wallenden
Federn, war es die einfache Rose, aus welcher dieser Busch herwallte,
was dem jungen Manne so reizend, so bekannt dnkte? Noch konnte man
weder Gestalt noch Gesicht der Dame sehen; aber seine Augen glnzten,
ein Lcheln der erfllten Hoffnung flog um seinen Mund, seine Wangen
rteten sich, er richtete sich hher auf und schaute unverwandt den
Sulengang hin. Noch verdeckten zwei Pfaffen mit ihren Kapuzen die
Nahende; jetzt bogen sie rechts ein, und ich sah ein holdes, ses
Wesen heranschweben.

Wer, wie ich, erhaben ber jede Leidenschaft, die den Sterblichen auf
der Erde qult, die Dinge betrachtet, wie sie sind, nicht wie sie euch
Liebe oder Ha oder eure tausend Vorurteile schildern, dem ist eine
solche seltene Erscheinung ein Fest; denn es ist etwas Neues,
Originelles. Ich gedachte unwillkrlich jener Worte des jungen Mannes,
wie er uns den Eindruck beschrieb, den der Anblick jener Dame zum
ersten Male auf ihn machte, mit welchem Entzcken er uns ihr Auge
beschrieb;--ich war keinen Augenblick im Zweifel, da diese liebliche
Erscheinung, die auf uns zukam, und jene rtselhafte Dame eine und
dieselbe sei.

Ein glhendes Rot hatte die Zge des Jnglings bergossen. Er hatte
den Hut gezogen; es war, als schwebte ihm ein Morgengru oder eine
freundliche Rede auf den Lippen, und berrascht von der stillen Gre
des Mdchens sei er verstummt. Auch sie errtete, sie schlug die Augen
auf, als er sich verbeugte, sie warf einen fragenden Blick auf ihn,
hielt einen kurzen Moment ihre Schritte an, als erwarte sie, von ihm
angeredet zu werden; er schwieg, sie eilte bewegt weiter.

Der junge Mann sah ihr mit trben Blicken nach, dann folgte er
langsamen Schrittes; oft blieb er, wie in Gedanken verloren, stehen.
Ich ging ihm einige Straen nach; er trat endlich in ein Kaffeehaus,
wo sich die deutschen Knstler zu versammeln pflegen. Hatte schon
frher dieser Mensch und seine Erzhlung meine Teilnahme erregt, so
war ich jetzt, da ich Zeuge eines flchtigen, aber bedeutungsvollen
Zusammentreffens gewesen war, um so neugieriger, zu erfahren, in
welchem Verhltnis der Berliner zu dieser Dame stehe; da es kein
glckliches Verhltnis, kein gewhnliches Liebesverstndnis war,
glaubte ich in ihren Mienen, in ihrem sonderbaren Benehmen gelesen zu
haben.

Man wird sich erinnern, da ich als hoffnungsvoller Zgling des ewigen
Juden, als Herr von Stobelberg, die Bekanntschaft dieses Mannes
machte. Daher trat ich in dieser Rolle in das Kaffeehaus. Der junge
Herr sa in einem Fenster und las in einem Brief. Ich wartete eine
Weile, ob er wohl bald ausgelesen haben werde, um ihn dann anzureden;
aber er las immer. Ich trat von der Seite hinter ihn, um nach dem
Schlu dieses riesengroen Briefes zu blicken,--es waren wenige Zeilen
von einer Frauenhand, die er, wie es schien, gedankenlos anstarrte.

Habe ich die Ehre, Herrn von S. vor mir zu sehen?" fragte ich in
deutscher Sprache, indem ich vor ihn trat.

Der bin ich," antwortete er, indem er den dsteren Blick von dem
Brief auf mich schlug und mein Kompliment durch ein leichtes Neigen
des Hauptes erwiderte.

Sie scheinen mich nicht mehr zu kennen, und doch war ich so
glcklich, einmal einen Abend im Hause Ihrer Tante in Berlin zu
genieen, den vorzglich Ihre Unterhaltung, Ihre interessanten
Mitteilungen mir unvergelich machen."

Im Hause meiner Tante?" fragte er, aufmerksamer werdend.

Wie, war es nicht ein hchst ennuyanter Tee? Waren nicht einige
mnnliche Weiber und einige zartweibliche Herren zugegen? Ich erinnere
mich, ich mute etwas erzhlen. Doch Ihr Name, mein Lieber, ist mir
leider entfallen."

Baron von Stobelberg; ich reiste damals mit--"

Ah--mit einem ganz sonderbaren Kauz von Hofmeister; jetzt erinnere
ich mich ganz; er war so unglcklich, allen Damen, ohne es zu wollen,
Sottisen zu sagen und berschnappte endlich, nmlich mit dem Stuhl?"

So ist's; wollten Sie erlauben, meinen Kaffee hier zu trinken? Ich
bin noch so fremd hier, ich kenne keine Seele. Sie sind wohl schon
lange hier bekannt?"

Ein melancholisches Lcheln zog um seinen Mund. O ja, bin schon lange
hier bekannt," antwortete er dster. Ich war frher in Geschften
hier, jetzt zu--meiner Erholung."

Sie erinnern mich da auf einmal wieder an den Abend bei Ihrer Tante;
mein Hofmeister brachte mich damals um einen kstlichen Genu. Sie
erzhlten uns ein kleines Abenteuer, das Sie mit einer Deutschen in
Rom gehabt. Ihre Erzhlung war auf dem Punkte, eine Wendung zu nehmen,
die uns ber vieles, namentlich ber Ihre sonderbare Verwechslung mit
einem Ebenbilde aufgeklrt htte, da zerstrte mein Mentor durch
seinen Fall meine schne Hoffnung; ich war gentigt, mit ihm den Salon
zu verlassen und plage mich seitdem mit allerlei Mglichkeiten,
Wahrscheinlichkeiten, wie es Ihnen mchte ergangen sein; ob Sie sich
mit Ihrem Ebenbilde geschlagen haben; ob Sie auch ferner der schnen
Luise sich nahen konnten; ob nicht endlich ein Liebesverhltnis
zwischen Ihnen entstanden. Kurz, ich kann Sie versichern, es peinigte
mich tagelang, die tollsten Konjekturen erfand ich, aber nie wollten
sie passen."

Der junge Mann war whrend meiner Reden nachdenklich geworden; es
schien etwas darin zu liegen, das ihm nicht ganz recht war; vielleicht
ahnte er meine unbezwingliche Neugierde nach seiner Aventre; er
blickte mich scharf an, aber er wich in seiner Antwort aus.

Ich erinnere mich," sagte er, da wir damals alle bedauerten, Ihre
Gesellschaft entbehren zu mssen. Sie waren uns allen wert geworden,
und die Tanten behaupteten, Sie htten etwas Eigenes, Anziehendes, das
man nicht recht bezeichnen knne, Sie htten einen hchst pikanten
Charakter. Nun, Sie werden in der Zeit diese Damen entschdigt haben;
wann waren Sie das letzte Mal bei meiner Tante?"

Ich sah ihn staunend an. Ich hatte nie die Ehre, bei Ihrer Tante
gesehen zu werden als an jenem Abend."

Er entgegnete hierauf nichts, sprach vom Papst und dergleichen, kam
aber immer wieder darauf zurck, mich durch eine Zwischenfrage nach
Berlin ins Haus seiner Tante zu verlocken. Was wollen Sie nur immer
wieder mit Berlin?" fragte ich endlich. Ich war seit jenem Abend
nicht mehr dort und reiste in dieser Zeit in Frankreich und England.
Sehen Sie einmal in meinen Pa, welch ungeheure Tour ich in dieser
Zeit gemacht habe!"

Er warf einen flchtigen Blick hinein und errtete. Verzeihen Sie,
Baron!" rief er, indem er meine Hand ungestm drckte. Vergeben Sie,
ich hielt Sie fr einen Spion meiner Tante."--

Ihrer Tante? Fr einen Spion, den man Ihnen bis Rom nachschickt?"

Ach, die Menschen sind zu keiner Torheit zu gut. Ich halte mich etwa
seit zwei Monaten wieder hier auf. Meine Verwandten toben, weil ich
meinen Posten im Bureau des Ministers pltzlich und ohne Urlaub
verlassen habe; sie bestrmten mich mit Briefen, ich kam nicht; sie
wandten sich an die preuische Gesandtschaft hier; sie fand aber
nichts Verdchtiges an mir und lie mich ungestrt meinen Weg gehen.
Vor einigen Tagen schrieb mir ein Freund, ich solle auf meiner Hut
sein, man werde einen Spion in meine Nhe senden, um alle meine
Schritte--"

Ist's mglich? Und warum denn dies alles?"

Ach, es ist eine dumme Geschichte; eine Anordnung meines verstorbenen
Vaters legt mir Pflichten auf, die--ein andermal davon--, die ich
nicht erfllen kann. Und Sie, lieber Stobelberg, hielt ich fr den
Spion. Vergeben Sie mir doch?"

Unter zwei Bedingungen," erwiderte ich ihm, einmal, da Sie mir
erlauben, Sie recht oft zu begleiten und der Spion Ihres Spions zu
sein. Halten Sie mich nicht fr indiskret, es ist wahre Teilnahme fr
Sie und der Wunsch, Ihnen ntzlich zu werden. Sodann--teilen Sie mir,
wenn es Ihnen anders mglich ist, den Schlu Ihres Abenteuers mit."

Den Schlu?" rief er und lachte bitter. Den Schlu? Ich wnschte, es
schlsse sich, knnte es auch nur mit meinem Leben schlieen. Doch
kommen Sie, wir wollen unter jene Arkaden gehen. Die Knstler kommen
um diese Zeit hierher, wir knnten nicht ungestrt reden; wer wei, ob
man, nicht einen von ihnen zu meinem Wchter ersehen hat."


       *       *       *       *       *


Ich folgte Otto v. S.--so hie der junge Mann--unter die Arkaden. Er
legte seinen Arm in den meinigen; wir gingen eine Weile schweigend auf
und ab; er, schien mehr nachdenklich als zerstreut.

Es ist etwas, was mir Vertrauen zu Ihnen einflt," hub er lchelnd
an. Ich habe ber den Ausspruch jener Damen in Berlin nach gedacht
und finde ihn, so komisch er mir damals vorkam, dennoch besttigt. Es
ist mir in den paar Viertelstunden, die wir beisammen sind, als seien
Sie ein Wesen, das ich lngst kannte, als seien Sie schon jahrelang
mein Freund. Und doch haben Sie nicht jenes Gutmtige, Ehrliche, was
an den Deutschen sogleich auffllt, was bewirkt, da man ihnen gerne
vertraut; Sie haben fr Ihre Jahre viel Beobachtungsgeist in Ihrem
Auge und um Ihren Mund in gewissen Augenblicken einen Zug, der nicht
immer das besttigt, was Sie sagen wollten. Und dennoch fhle ich, da
mir der Zufall viel geschenkt hat, der Sie in jenes Haus fhrte, ich
fhle auch, da man Ihnen trauen kann, mein Lieber."

Ich halte nichts auf Gesichter und habe durch Erfahrung gelernt, da
sie nicht immer der Spiegel der Seele sind. Es freut mich brigens,
wenn etwas an mir ist, was Ihnen Vertrauen einflt. Es ist vielleicht
der rege Wunsch, Ihnen dienen zu knnen, was Ihnen einiges Vertrauen
gibt?"

Mglich; doch ich bin Ihnen einige Aufschlsse ber mich und mein
Abenteuer hier in Rom schuldig. Ich erzhlte Ihnen, wie ich mit Luise
von Palden bekannt wurde--"

Erlauben Sie, nein! Diesen Namen hre ich zum ersten Male. Sie
erzhlten uns, da Sie eine junge Dame in den Lamentationen der
Sixtinischen Kapelle kennen lernten, die Ihre ganze Aufmerksamkeit
erregte. Sie wurden von ihr mit einem andern verwechselt, Sie gefielen
sich in diesem Quiproquo und versetzten sich unwillkrlich so in die
Stelle des Liebhabers, da Sie das Mdchen sogar liebten--"

Und wie liebe ich sie!" rief er bewegt.

Sie suchten die Dame lange vergeblich in Rom, der Zufall fhrte
endlich das schne Kind im Karneval als Maske an Ihre Seite. Es ist
schon dunkel, sie glaubt in Ihnen den Freund zu finden; Sie, lieber
Freund, bentzen die Gelegenheit noch einmal, diesen Scherz, der Ihnen
so angenehm ist, fortzufhren. Sie bringen die Dame auf eine Loge, um
das Pferderennen anzusehen. Da erscheint auf einmal der rechte
Liebhaber und Sie--erblicken sich. Bis hierher hrte ich damals. Sie
knnen sich denken, wie begierig ich bin, zu hren, wie es Ihnen
erging."

Ich gestehe," fuhr Herr v. S. fort, mir selbst fiel die hnlichkeit
dieses Mannes mit meinen Zgen, meiner Gestalt, selbst meiner Kleidung
berraschend auf. Das letztere hatte wohl die Mode verschuldet, die
damals alle junge Welt zwang, sich schwarz zu kleiden. Doch auch fr
die groe hnlichkeit unserer Zge, so auffallend sie ist, hat man
Beispiele. Sie erinnern sich vielleicht des Falles, der in Frankreich
vorkam. Zwei Franzosen trafen in Amerika zusammen. Ihre hnlichkeit
war so gro, da man sie gewhnlich miteinander verwechselte; der eine
starb, der andere, ein armer Teufel, wute sich seine Papiere zu
verschaffen, reiste nach Frankreich zurck und lebte mit der Frau des
Verstorbenen noch lange Jahre, bis der Betrug an den Tag kam.
[Funote: Die Mglichkeit einer solchen Verwechslung beweist ein Fall,
der sich vor einigen Monaten in Ravensburg im Wrttembergischen
zutrug. Zwei Zwillingsbrder sahen sich tuschend hnlich. Der eine
ttete einen Mann und floh. Er wute, da sein Bruder, der in Bregenz
in einem sterreichischen Regiment diente, desertiert war. Der Mrder
wandte sich dorthin, zeigte sich in der Gegend, lie sich als
Deserteur gefangen nehmen und viermal Spieruten jagen. Er diente
einige Zeit in der Stelle seines Bruders, bis der Betrug durch einen
Zufall entdeckt wurde.]

Der Herr und die Dame schienen nicht weniger berrascht als ich; die
letztere errtete, sie gedachte vielleicht jenes Kusses, und es wurde
ihr wohl mit einem Male klar, da es schon an jenem Abend nicht ihr
Otto gewesen sei, gegen den sie sich so zrtlich bewiesen. Der Herr
mit meinen Gesichtszgen fragte mich in etwas barschem Ton in
schlechtem Franzsisch, wie ich dazu komme, diese Komdie zu spielen.
Ich nahm, nicht aus Furcht vor seinem rollenden Auge, sondern im
Gefhl, ein Unrecht, vielleicht eine Unschicklichkeit wieder gutmachen
zu mssen, alle Artigkeit, die ich in der Welt gelernt hatte, zusammen
und bat die Dame, mir einen Scherz zu vergeben, zu dem sie mich selbst
verleitet habe. Sie selbst?' rief bei diesen Worten jener Mann, und
seine Zge verzogen sich immer mehr zum Zorn. Sie selbst? Es ist ein
abgekartetes Spiel, ich sehe schon, ich bin der betrogene Teil. Doch
ich will nicht stren.'--Er sagte dies, vor Wut zitternd, indem er
sich von seinem Platz entfernen wollte. Luise--o, ich habe sie nie so
s, so wundervoll gesehen wie in jenem Augenblicke, sie schien mit
aller Hingebung der Zrtlichkeit an diesem Manne zu hngen; sie
ergriff bebend feine Hand, sie rief ihn mit den liebevollsten Tnen;
sie beteuerte, sich unschuldig zu wissen, sie rief mich zrnend zum
Zeugen auf. Ich war hingerissen von diesem Zauber der Liebe, der sich
mir hier zum ersten Male in seiner ganzen Schnheit darstellte. Es ist
etwas Schnes um ein Mdchen, das in sanfter, stiller Liebe ist, es
ist etwas Heiliges, mchte ich sagen. Aber der Schmerz inniger Liebe,
das Zittern zrtlicher Angst und diese Trnen in den blauen Augen,
dieses Flstern der sesten Namen von den feinen Lippen und diese
Rte der Angst und der Beschmung auf den zarten Wangen, es ist ein
Bild, irdischer zwar als jenes, aber von einer hinreienden Gewalt."

Ich kenne das," unterbrach ich diese rednerischen Schilderungen des
verliebten Berliners, dem die Dame seines Herzens in jeder neuen Form
wieder lieblicher schien, ich kenne das; so was Heiliges, so was
Weinendes, Madonnenartiges, Grazienhaftes, Ses, Bitterschmerzliches,
kurz, so was Klagendes, Anziehendes, ich kenne das; aber wie war es
denn mit dem zornigen Patron, der Euer Wohlgeboren so hnlich?"

Er glaubte ihren Versicherungen nicht; war es Eifersucht, war es sein
leidenschaftlicher Zorn, den er nicht bemeistern konnte, er stie sie
zurck, er drohte, sie nie mehr zu sehen. Das Mdchen setzte sich
weinend auf ihren Stuhl. Die tobende Freude der Rmer an dem
Pferderennen, ihr Jauchzen, ihr Rufen standen in schneidendem Kontrast
mit dem stillen Schmerz dieses Engels. Ich fhlte inniges Mitleid mit
ihr, ich fhlte mich tief verletzt, da ein Mann eine Dame, ein
Liebender die Geliebte so schnde beleidigen knne. Mein Herr,' sagte
ich, das Wort eines Mannes von Ehre kann Sie vielleicht berzeugen,
da die Schuld dieser Szene allein auf mir ruht.' Eines Mannes von
Ehre?' rief er, hhnisch lachend; so kann sich jeder Tropf nennen.'
Jetzt glaubte ich die Formen der gesellschaftlichen Hflichkeit nicht
weiter beobachten zu mssen. Ich gab ihm ein wohlbekanntes Zeichen,
flsterte ihm meinen Namen, die Nummer meines Hauses und die Strae
zu, in welcher ich wohnte, und verlie ihn.

Es waren widerstreitende Gefhle, die in meiner Brust erwachten, als
ich zu Haus ber diesen Vorfall nachdachte. Ich mute mir gestehen,
da ich unbesonnen, tricht gehandelt hatte, die Rolle eines andern
bei diesem Mdchen zu bernehmen. Es ist wahr, der Zufall war so
berraschend, die Gelegenheit so lockend, ihre Erscheinung so reizend,
so anziehend, da wohl keiner der Versuchung widerstanden htte. Aber
mute mich nicht schon der Gedanke zurckschrecken, da es ihr bei dem
Geliebten schaden knnte, traf er uns beide zusammen. In welch
ungnstigem Lichte mute ich, mute auch sie ihm erscheinen!

Und doch--wo ist der Mensch, der nicht in einem solchen Falle sich vor
sich selbst zu entschuldigen wte? Ich fhlte, da ich dieses
unbekannte, reizende Wesen liebe, und wie leicht entschuldigt Liebe!
Und weil ich sie liebte, hate ich den begnstigten Mann. Er war ein
Barbar in meinen Augen. Wie konnte er die Geliebte so grausam
behandeln? Wie durfte er, wenn er sie wahrhaft liebte, an ihrer Tugend
zweifeln, und wer, der jemals in dieses treue, seelenvolle Auge
gesehen, wer konnte an der Reinheit dieses Engels zweifeln?

Am Morgen nach dieser Begebenheit bekam ich einen italienischen,
schlecht geschriebenen Brief; er enthielt die Bitte einer Signora
Maria Campoco, dem berbringer des Briefes in ihr Haus zu folgen, wo
sie mir etwas Wichtiges zu sagen habe. Ich kannte keine Dame dieses
Namens, ich fragte den Diener nach der Strae, er nannte mir eine, von
welcher ich nie gehrt hatte. Eine Ahnung sagte mir brigens, dieser
Brief knnte mit meinem Abenteuer von gestern zusammenhngen; ich
entschlo mich, zu folgen. Der Diener fhrte mich durch viele Straen
in eine Gegend der Stadt, die mir vllig unbekannt war. Er bog endlich
in eine kleine Seitenstrae; ein Brunnen, eine Madonna von Stein fiel
mir ins Auge, es war kein Zweifel, ich befand mich an dem Haus, wohin
ich Luise aus den Lamentationen begleitet hatte.

Es war ein kleines, unscheinbares Haus, dessen Tre der Diener
aufschlo; ber einen finstern Gang, eine noch dunklere Treppe brachte
er mich in ein Zimmer, dessen Eleganz nicht mit dem brigen Ansehen
des Hauses bereinstimmte. Nachdem ich eine Weile gewartet hatte,
erscholl das Klffen vieler Hunde, die Tre ffnete sich--aber nicht
meine Schne, sondern eine kleine, wohlbeleibte, ltliche Frau trat,
umgeben von einer Schar kleiner Hunde, ins Zimmer.

Es dauerte ziemlich lange; bis Tasso, Ariosto, Dante, Alfieri; und wie
die Klffer alle hieen, ber den Anblick eines fremden Mannes
beruhigt waren und die kleine Dame endlich zum Wort kommen konnte. Sie
sagte mir sehr hflich, sie habe mich rufen lassen, um wegen einer
Angelegenheit ihrer Nichte, Luise von Palden, mit mir zu sprechen. Das
Verlangen, das schne Kind wiederzusehen, mich bei ihr selbst zu
entschuldigen, gab mir eine Notlge ein; ich fragte sie in so
miserablem Italienisch als mir nur mglich war, ob sie Franzsisch
oder Deutsch verstehe. Sie verneinte es, ich zuckte die Achseln und
gab ihr mehr durch Zeichen als Worte zu verstehen, da ich der
italienischen Sprache durchaus nicht mchtig sei. Sie besann sich eine
Weile, sagte dann, ich knnte in  i h r e r  G e g e n w a r t mit
ihrer Nichte sprechen, und entfernte sich.

Wie schlug mein Herz, von Erwartung, von Liebe bewegt! Wie beschmt
fhlte ich mich, in ihren Augen als ein Nichtswrdiger zu scheinen,
der ihren Irrtum auf so indiskrete Art bentzte! Die hndische
Leibwache der Signora verkndete, da sie nahe. Ich fhlte seit langer
Zeit zum ersten Male eine Verlegenheit, ein Beben; ich fhlte, wie ich
errtete, jene Sicherheit des Benehmens, die mich jahrelang begleitet
hatte, wollte mich in diesem Augenblicke verlassen.

Sie kam; sie dnkte mir in dem einfachen, reizenden Neglig lieblicher
als je, und ihre Verwirrung, als sie mich sah, der Unmut, den ich in
ihren Augen zu lesen glaubte, vermochte ihre Anmut nicht zu schwchen.
Mein Herr! Es ist eine sonderbare Begebenheit, die Sie in dieses Haus
fhrt,' sprach sie mit jenen klangvollen Tnen, die ich so gerne
hrte; Sie mssen selbst gestehen,' setzte sie hinzu, aber sei es,
da die Erinnerung an jenen Abend sie zu unangenehm berhrte, sei es,
da sie einem meiner Blicke begegnete, die vielleicht mehr als
Ehrfurcht ausdrckten, sie schlug die Augen nieder, errtete aufs neue
und schwieg.

Ich fate mich, ich suchte mich zu entschuldigen, so gut es ging; ich
erzhlte ihr, wie ich sie hilflos und in Ohnmacht in der Kirche
gefunden, wie ich ihren Irrtum nicht habe berichtigen knnen, aus
Furcht, sie mchte meine Begleitung ablehnen, die ihr in ihrem
damaligen Zustande so notwendig war. Meine zweite Unbesonnenheit schob
ich auf die Maskenfreiheit des Karnevals; ich suchte einen Scherz
daraus zu machen, ich behauptete, es sei an diesem Abend erlaubt, jede
Maske vorzunehmen, und so habe ich die ihres Freundes vorgenommen. Ich
glaubte, sagte ich, in diesen Scherz um so eher eingehen zu drfen, da
wir Landsleute sind und die Deutschen in Rom als Kinder  e i n e r
Heimat nur  e i n e  groe Familie sein sollten."

Eine gefhrliche Verwandtschaft," unterbrach ich den jungen Berliner,
indem ich mich im stillen ber seine jesuitische Logik freute. Wie?
brachte die Dame nicht das _Corpus juris_ und den------gegen Sie in
Anwendung? In Schwaben mchte zur Not ein solches
Verwandtschaftssystem gelten oder bei den Juden, welche Herren
und Knechte, Norden und Sden, unsere Leute' nennen; aber
Deutschland? Bedenken Sie, da es in zweiunddreiig Staaten geteilt
ist; wo ist da ein Verwandtschaftsband mglich? Wenn sie sich im
Himmel oder in der Hlle treffen, so heien sie nur sterreicher,
Preuen, Hechinger und frstlich reuische Landeskinder!"

Luise mochte auch so denken," fuhr er fort. Doch ntigte ihr meine
Deduktion ein Lcheln ab; es schien ihr angenehm, ber diese Punkte so
leicht weggehen zu knnen. Sie klagte sich selbst an, diesen Irrtum
veranlat zu haben, sie vergab, sie erlaubte mir, ihre schne Hand zu
kssen. Doch ihre Blicke werden wieder dster. Sie sagte, wie sie nur
zu deutlich bemerkt habe, da ich tief beleidigt weggegangen sei, da
dieser Streit noch eine gefhrlichere Folge haben knne. Ihr Auge
fllte sich mit Trnen, als sie dies sagte. Sie beschwor mich, ihrem
Freund zu vergeben, sie suchte ihn zu entschuldigen, ihn, der sie
selbst so tief beleidigt hatte; sie sprach mit so zrtlicher Wrme fr
den Mann, der so ganz vergessen hatte, da die wahre Liebe glauben und
vertrauen msse, der so niedrig war, dieser reinen Seele gegenber
gemeine Eifersucht zu zeigen. Ich wre glcklich, selig gewesen, htte
dieses Mdchen s o von mir gesprochen!

Ich fragte sie, ob sie in seinem Auftrag mir dieses sage. Sie war
betreten, sie antwortete, da sie gewi wisse, da es ihm leid sei,
mir jene Worte gesagt zu haben; ich versprach, wenn er mir dieses
selbst sagen werde, nicht mehr an die Sache zu denken. Wie heiter war
sie jetzt! Sie scherzte ber ihren Irrtum, sie verglich meine Zge mit
denen ihres Freundes, sie glaubte, groe hnlichkeit zu finden, und
doch schien es ihr unbegreiflich, wie sie nicht an meinen Augen,
meiner Stimme, an meinem ganzen Wesen ihren Migriff erkannt habe. Sie
rief ihrer Tante zu, da sie ihren Zweck vollkommen erreicht habe.

Signora Campoco, die whrend der ganzen Szene am Fenster gesessen und
bald die Leute auf der Strae, bald ihre Hndchen, bald uns betrachtet
hatte, kam freundlich zu mir, dankte fr meine Geflligkeit, ihr Haus
besucht zu haben, und bemerkte, sie htte nie geglaubt, da unsere
barbarische Sprache so wohltnend gesprochen werden knne. Sie sehen,
ich hatte jetzt nichts mehr in diesem Hause zu tun; so gerne ich noch
ein Stndchen mit Frulein von Palden geplaudert htte, so neugierig
ich war, ihre Verhltnisse in Deutschland und ihre Lage in Rom zu
erfahren,--der Anstand forderte, da ich Abschied nahm, mit dem
unglcklichen Gefhle Abschied nahm, diese Schwelle nie mehr betreten
zu knnen. Signora, sie htte sich vielleicht gekreuzt, htte sie
gewut, da ein Ketzer vor ihr stehe, Signora empfahl mich der Gnade
der heiligen Jungfrau, und Luise reichte mir traulich die Hand zum
Scheiden. Ich fragte sie noch, wie der Herr heie, mit welchem ich das
Glck gehabt habe, verwechselt zu werden. Sie errtete und sagte: Er
will zwar hier nicht gekannt sein und so zurckgezogen als mglich
leben; doch warum sollte ich Ihnen seinen Namen verhehlen? Ich mchte
so gerne, da Sie Freunde wrden. Er heit------und wohnt------'."

So etwas breit nach Art der lieben Jugend" hatte mir der junge Mann
den weiteren Verlauf seines Abenteuers erzhlt; ich hrte ihm gerne
zu, obgleich nichts peinlicher fr mich ist, als eine lamentable
Liebesgeschichte recht lang und gehrig breit erzhlen zu hren; aber
interessant war mir dabei die Art, wie er mir erzhlte. Sein
ausdrucksvolles Auge schien die Glut seiner Gefhle widerzustrahlen,
seine Zge nahmen den Charakter dsterer Wehmut an, wenn er sich
unglcklich fhlte, und ein angenehmes Lcheln erheiterte sie, wenn er
mir die Reize der jungen Dame zu beschreiben suchte. Pltzlich, als er
mir eben erzhlte, wie er das Haus der Signora verlassen habe, drckte
er meinen Arm fester und brach, in einen kleinen Fluch aus. So mu
der Teufel diesen Pfaffen doch berall haben!" rief er und wandte sich
unmutig um. Ich war erstaunt, welchen Pfaffen sollte ich denn berall
haben? Ich fragte ihn, was ihn so aufbringen knne.

Sehen Sie nicht hin, sonst mssen wir gren," gab er mir zur
Antwort, ich kann ihn nicht ansehen, den Jesuiten."

Ich stellte mich, als befolge ich treulich seinen Befehl, doch konnte
ich nicht umhin, einen Seitenblick in die Strae zu werfen, und sah
wirklich ein hchst ergtzliches Schauspiel. Die Strae herauf kam ein
hoher Prlat der Kirche, der Kardinal Rocco, ein Mann, der schon
lngst als einer der zweiten Klasse mit dem Prdikat g u t" auf
meinen Tafeln verzeichnet ist. Eine groe, majesttische Gestalt mit
stolzer Wrde; sein weies Haar, von einem einfachen, roten Kppchen
bedeckt, stach sonderbar ab gegen ein Gesicht, das man eigentlich
reich nennen konnte. Gewlbte Brauen, groe Augen, eine Adlernase, die
Unterlippe etwas bermtig gezogen, das Kinn und die Wangen voll und
krftig. ber das rollende Untergewand trug er einen Talar, dessen
eines Ende er in malerischen Falten ber den Arm gelegt hatte; das
andere Ende hielt, in einiger Entfernung hinter ihm herschleichend,
sein Diener, ebenfalls ein Mnch, ein drres, bleiches Geschpf,
dessen tckische Augen nach allen Seiten sphten, ob Seine Eminenz von
den Glubigen ehrfurchtsvoll, wie es sich gebhrt, begrt wrden.

Der Gang des Kardinals war der Gang eines Siegers, und eine solche
Erscheinung in diesen Straen erinnerte nur zu leicht an die Senatoren
der ewigen Stadt".

Sehen Sie, wie er hingeht, dieser Phariser," flsterte der junge
Mann, mit den Zhnen knirschend. Sehen Sie, wie der Pbel sich zum
Handku drngt, mit welcher Wrde, mit welcher Grazie er seinen Segen
erteilt. Theaterpossen! wenn diese Leute wten, was ich von ihm wei,
sie wrden diesem Phariser, diesem Verflscher des Gesetzes die
Insignien seiner Wrde vom Leibe reien, oder sie wren wert, von
einem Trken beherrscht zu werden."

Was bringt Sie so auf, verehrter Freund? Wer ist dieser Ehrenmann?
Was hat er Ihnen zuleid getan? Hngt er mit Ihren Abenteuern
zusammen?" Ich mute lange fragen, bis er mich hrte; denn er schaute
mit durchbohrenden Blicken der Eminenz nach und murmelte
Verwnschungen wie ein Zauberer.

Ob ich ihn kenne? Ob er mir etwas zuleid getan? O! dieser Mensch hat
ein Leben vergiftet, ein Herz zu Boden getreten, das--doch Sie werden
mehr von ihm hren; es ist der Kardinal Rocco, der Satan ist nicht
schwrzer als er; mit seinem roten Hut deckt er alle Snden zu; aber
trotzdem, da er geweiht ist, wird ihn dennoch der Teufel holen!"

Da hat es gute Wege, dachte ich; Nro. 2, gute Sorte! Doch was konnte
dieser Berliner gegen Rocco haben? Unmglich konnte ich glauben, da
sein Protestantismus so tief gehe, da er jeden, der violette Strmpfe
trug, in die Hlle wnschen mute. Er hatte sich wieder gesammelt.
Vergeben Sie diese Hitze; Sie werden mir einst recht geben, so zu
urteilen, wenn ich Sie erst mit dem Treiben dieses Menschen bekannt
mache. Doch jetzt noch einiges zum Verstndnis meines Abenteuers. Die
Geschichte mit--war bald abgetan. Er schickte einen Franzosen zu mir,
der mir erklrte, da jener sich in mir geirrt habe und um Verzeihung
bitte. Durch ihn erfuhr ich auch, da Luisens Geliebter frher
Offizier, und zwar in ...schen Diensten gewesen sei.

Um diese Zeit kam die Schwester des schsischen Gesandten nach Rom,
sich einige Zeit mit ihrer Familie bei ihrem Bruder aufzuhalten. Ich
war am ersten Abend ihres Aufenthaltes zufllig zugegen, und--stellen
Sie sich einmal mein Erstaunen vor, als ich hrte, wie sie eine andere
Dame fragte, ob nicht ein Frulein von Palden hier lebe. Ich wandte
mich unwillkrlich ab, um nicht dem ganzen Kreise mein Errten, mein
Entzcken zu zeigen; es war mir etwas so Neues, so Schnes, Luisens
Namen aus einem fremden Munde zu hren. Jedoch keine der anwesenden
Damen wollte von ihr wissen, und ich fhlte mich nicht berufen,
unaufgefordert mein Geheimnis mitzuteilen.

Deutsche, besonders Frauen, pflegen immer groen Anteil an Landsleuten
zu nehmen; es konnte daher nicht anders sein, als da man seine
Verwunderung laut darber aussprach, da ein deutsches Frulein in Rom
lebe, die auch nicht einem von allen bekannt sein sollte. Wer ist sie?
Ist sie schn? Wie kommt sie nach Rom? fragte, man einstimmig, und wie
lauschte ich, wie pochte mein Herz, endlich ber das interessante
Wesen etwas zu hren.

Sie erzhlte, wie sie in .....th Luise kennen gelernt, die damals durch
ihr schnes uere, durch ihre Liebenswrdigkeit, ihren Verstand die
ganze Stadt beschftigt, ihre nheren Bekannten bezaubert habe. Umso
auffallender sei auf einmal ein Liebeshandel gewesen, der sich
zwischen einem Offizier, einem brgerlichen Subjekt, und der Tochter
des Geheimen Rats von Palden entspann. Dieser Mensch habe auer seiner
schnen Figur und einem blhenden Gesicht keine Vorzge, nicht einmal
gute Sitten gehabt. Dem Vater sei diese Geschichte zu ernstlich
geworden, er habe den Offizier zu einem Regimente zu versetzen gewut,
das mit einem Teil der franzsischen Armee nach Spanien bestimmt war.
Man habe sich in ....th allgemein gefreut ber die Art, wie sich
Frulein von Palden in diese Wendung fgte; doch bald erfuhr man, da
die Verbindung mit dem Offizier nichts weniger als abgebrochen sei,
sondern durch Armeekuriere und dergleichen Briefe gewechselt wrden.
Es vergingen so beinahe zwei Jahre. Die Armee kehrte zurck, doch
nicht mit ihr jener Offizier. Man sagte in Gesellschaften und in
Luisens Nhe, er sei wegen einer Ehrensache aus dem Dienst getreten.
Seine Kameraden schwiegen hartnckig hierber, und doch gab es einige
Stimmen im Publikum, die von einer vorteilhaften Heirat, andere, die
von einer Entfhrung oder von beidem sprachen, kurz, man bemerkte, da
Herr ..., so hie der Offizier, seiner Dame ungetreu geworden sei. Um
diese Zeit starb der alte Herr von Palden. Seine erste Frau war eine
Rmerin; das Frulein entschlo sich auf einmal zu groer Verwunderung
der Stadt ....th, zu ihren Verwandten nach Rom zu ziehen.

So viel wute die Schwester des Gesandten von Luise. Es war mir genug,
um ihr Verhltnis zu .... ganz in der Ordnung zu finden; nur war es
mir unbegreiflich, was ihn bewogen haben knnte, nach Rom zu gehen;
oder kam er erst nach ihr hierher? Und warum heiraten sie sich nicht,
da doch ihre Hand jetzt frei und von niemand abhngig ist?

Ich qulte mich mit diesen Gedanken. Ich htte so gerne mehr und immer
mehr von dem holden Kind erfahren; ich fhlte lebhaft den Wunsch, sie
wiederzusehen, zu sprechen; ich wollte ja nicht geliebt werden, nur
sehen, nur lieben wollte ich sie. Da fiel mir bei, wie ich dies so
leicht mglich machen knnte. Ich durfte ja nur der Schwester des
Gesandten sagen, wo sich Luise aufhalte, und dann konnte ich gewi
sein, sie schon in den nchsten Tagen im Hotel des Gesandten zu sehen.
Ich tat dies, und mein Wunsch wurde erfllt."

Ein Bekannter des Herrn v. S. gesellte sich hier zu uns und unterbrach
zu meinem groen rger die Erzhlung. Ich machte noch einige Gnge mit
ihnen unter den Arkaden; als ich aber sah, da der Bekannte sich nicht
entfernen wolle, fragte ich den Berliner nach seiner Wohnung und ging
mit dem Vorsatz, ihn am nchsten Morgen zu besuchen. Ich mu gestehen,
ich fing an, die Geschichte des jungen Mannes weniger anziehend zu
finden, weil sie mir in eine gewhnliche Liebesgeschichte auszuarten
schien. Doch zwei Umstnde waren es, die mir von neuem wieder
Interesse einflten und mich bestimmten, seine Abenteuer zu hren.
Ich erinnerte mich nmlich, wie berraschend sein Anblick, sein ganzes
Wesen in Berlin auf mich gewirkt hatten. Es war nicht der gewhnliche
Kummer der Liebe, wie er sich bei jedem Amoroso vom Mhlendamm
ausspricht; es war ein Gram, ein tieferes Leiden, das mir um so
anziehender dnkte, als es nur ganz unmerklich und leise durch jene
Hlle schimmerte, womit die gesellschaftlichen Formen die weinende
Seele umgeben. Er schien ein Unglck zu kennen, zu teilen, das ihn
unausgesetzt beschftigte, zu welchem ihn die Erinnerung sogar mitten
in einem sthetischen Tee zurckfhrte.

Das zweite, das mich zu dem jungen Mann und seinem Abenteuer zog, war
die Szene, die ich morgens vor der Peterskirche beobachtet hatte. Ich
hatte dort bemerkt, da er sie mit Sehnsucht erwarte; sie war
gekommen, aber es schien kein frhliches Zusammentreffen. Sie schien
ihn etwas mit ihren Blicken zu fragen, das er nie beantworten, sie
schien etwas zu verlangen, das er nicht erfllen konnte; wie schwer
mute es ihm werden, in der Ferne zu stehen und dem holden Mdchen
durch keine Silbe zu antworten! Er lie sie gehen, wie sie gekommen,
aber dann sandte er ihr Blicke voll zrtlicher Liebe nach. Warum sagte
er ihr nicht auf der Stelle, wie er sie liebe? Welche Gewalt mute sie
ber ihn ausben, um ihn in diese engen Schranken einer beinahe blden
Bescheidenheit zurckzuweisen? Wieviel es s i e koste, sah ich an
ihrem Auge, in welchem eine Trne perlte, als sie weiter ging.

Diese Fragen drngten sich mir auf, als ich ber den jungen Mann und
die rtselhafte Dame nachdachte. Wo nicht ein blindes Fatum waltet und
ein Uhrwerk die Gedanken der Sterblichen treibt, da lernt keiner aus,
sei er Gott oder Teufel. Wohl sagt der Mensch, der kleinlich nur auf
die Resultate seiner Geschichte sieht: Es wiederholt sich alles im
Leben;" aber wie es sich wiederholt, wie der endliche Geist in seiner
kurzen Spanne Zeit wchst und ringt und strebt und gegen die alte
Notwendigkeit ankmpft, das ist ein Schauspiel, das sich tglich mit
ewig neuem Reize wiederholt; und das Auge, das von Weltintrigen
gesttigt, vom Anschauen der Kmpfe groer Massen ermdet ist, senkt
sich gerne abwrts zum kleineren Treiben des einzelnen. Drum mge es
keinem jener verehrlichen Leute, fr die ich meine Memoiren
niederschreibe, kleinlich dnken, da ich in Rom, wo so unendlich viel
Stoff zur Intrige, ein so groer Raum zu einem diabolischen
Festtagsspiel ist, mit einer Liebeshistorie mich befasse.--

Am Abend dieses Tages fuhr ich mit einigen griechischen Kaufleuten auf
der Tiber. Wir hatten eine der greren Barken bestiegen und die
freien Sitze des Vorderteils eingenommen, weil das Zelt in der Mitte,
wie uns die Schiffer sagten, schon besetzt war. Der Abend war schwl
und wirkte selbst mitten im Flu so drckend und ermattend auf die
Menschen, da unser Gesprch nach und nach verstummte. Ich vernahm
jetzt ein halblautes Reden und Streiten im Innern des Zeltes; ich
setzte mich ganz nahe hin und lauschte. Es waren zwei Mnner und eine
Frau, soviel ich aus ihren Stimmen schlieen konnte. Sie sprachen aber
etwas verwirrt und gebrochen; der eine hatte gutes, wohltnendes
Italienisch, er sprach langsam und mit vieler Salbung; die Dame
mischte unter sechs italienische Worte immer zwei spanische und ein
franzsisches, der andere Mann, der wenig, aber schnell und mit
Leidenschaft sprach, hatte jene murmelnde, undeutliche Aussprache, an
welcher man in Italien sogleich den Deutschen oder Englnder erkennt.

Ein kleiner Ri in der Gardine des Zeltes lie mich die kleine
Gesellschaft berschauen; und, o Wunder! Jene salbungsvolle Rede
entstrmte dem Kardinal Rocco! Ihm gegenber sa eine Dame, schon ber
die erste Blte hinaus, aber noch immer schn zu nennen. Ihre
beweglichen schwarzen Augen, ihre vollen Lippen, ihr etwas
nachlssiges Kostm, dessen Schuld der schwle Abend tragen mute,
zeigten, da sie mit den ersten Dreiig die Lust zum Leben noch nicht
verloren habe. An ihrer Seite glaubte ich auf den ersten, flchtigen
Anblick Otto v. S. zu erkennen. Doch die Zge des Mannes im Zelte
waren dsterer, sein Auge blickte nicht so offen und frei wie das des
Berliners,--ich war keinen Augenblick im Zweifel, es mute sein
Doppelgnger, ...., sein. Aber wie! Die Dame war nicht Luise von
Palden; durfte dieser Mann so traulich neben einer andern sitzen, ohne
dieselbe Schuld wirklich zu tragen, die er der Geliebten aufbrden
wollte!

Gilt dir denn meine Liebe, meine Zrtlichkeit gar nichts?" hrte ich
die Dame sagen. Nichts meine Aufopferung, nichts meine Leiden, nichts
meine Schande, der ich mich um deinetwillen aussetzte? Ein Wort, ein
einziges Wort kann uns glcklich machen. Du sagst immer morgen,
morgen! Es ist jetzt Abend, warum willst du morgen doch wieder nicht?"

Mein Sohn," sprach der Kardinal, ich will nichts davon sagen, da
Euer langes Zgern, Eure fortwhrende Weigerung fr unsere heilige
Kirche Beleidigung ist. Ich wei zwar wohl, nicht Ihr seid es, der
diese Zgerungen verschuldet; der Teufel, der leibhaftige Satan
spricht aus Euch; es ist das letzte Zucken Eurer ketzerischen
Irrtmer, was Euch die Wahrheit nicht sehen lt; aber beim heiligen
Kreuz, den Ngeln und der heiligen Erde beschwre ich Euch, folget
mir, lasset Euch aufnehmen in den heiligen Scho der Kirche zur,
Verherrlichung Gottes."

Ha! dachte ich, den haben sie gerade recht in den Krallen. Ein schnes
Weib, ein Kardinal Rocco und ein paar Gewissensbisse, wie der Herr im
Zelte zu haben schien,--da kann es nicht fehlen!--Er seufzte, er
blickte bald die Dame, bald den Priester mit unmutigen Blicken an.
Ich will ja alles tun, ins Teufels Namen, alles tun," sagt er, mein
Leben ist ohnedies schon verschuldet und vergiftet; aber wozu diese
sonderbare Prozedur? Warum soll ich vor der Welt zum Narren werden, um
die Ehre von Donna Ines wieder herzustellen?"

Mein Sohn, mein Sohn! Wie frevelt Ihr! Zum Narren werden, sagt Ihr?
O, Ihr verstockter Ketzer! Ihr alle seid von eurer Taufe an, wo der
Satan zu Gevatter steht, Renegaten, Abtrnnige! Es ist also nur eine
Rckkehr, kein bertritt, keine Ableugnung eines frheren Glaubens.
Ihr hattet ja vorher keinen Glauben. Ihr werdet doch nicht die
Ketzerei so nennen wollen, die der Erzketzer in Wittenberg aus den
Fetzen, die er dem Heiligtum gestohlen, zusammenstckelte?"

Lasset mich, Eminenz! Es ist einmal gegen meine berzeugung. Ich
mte mich ja vor ganz Deutschland schmen."

O verstockter Ketzer! Schmen, sagt Ihr? Hat sich der liebe Mann, der
Herr von Haller, auch geschmt? Schmen! Wie ein Heiliger wrdet Ihr
dastehen. Braucht sich ein Heiliger zu schmen? Hat sich der
treffliche Hohenlohe geschmt, umgeben von Ketzern, seine Wunder zu
verrichten? Es sei gegen Eure berzeugung, saget Ihr? Da sieht man
wieder den Deutschen, nicht wahr, Donna Ines, den ehrlichen Deutschen!
Zu was denn immer berzeugung? Das ist ja gerade das Wunderbare am
Glauben, da er von selbst wirkt ohne berzeugung. Gesetzt, Ihr wret
krank, mein lieber Freund; man schickt Euch den ersten Arzt der
Christenheit. Ihr seid nicht berzeugt, da er der alleinige wahre
Arzt ist; aber Ihr lat Euch gefallen, seine Arzneien einzunehmen, und
siehe, sie wirken auf Euren Krper ohne berzeugung, gerade wie uns er
Glaube auf die Seele."

Otto," sprach Dame Ines mit schmelzenden Tnen, teurer Otto! Siehe,
wenn mich der heilige Mann hier nicht absolviert und beruhigt htte,
ich mte ja schon lngst verzweifelt sein, einen Ketzer so innig zu
lieben! Wie leicht wird es dir gemacht, einer der Unsrigen zu sein und
dann ein Weib auf ewig glcklich zu machen, das dir alles opferte! Und
bedenke die schne Villa an der Tiber und das kstliche Haus neben dem
Palast Seiner Eminenz. Dies alles will uns der heilige Vater zur
Ausstattung schenken. Bist du nicht gerhrt von so vieler Liebe?"

Nicht verhehlen kann ich es Euch, mein Sohn," fuhr der beredte Mann
mit dem roten Hute fort, nicht verhehlen kann ich es Euch, da man im
Lateran noch heute von Euch sprach, da es sogar Seiner Heiligkeit
selbst auffllt, da Ihr so lange zgert. Bis ber acht Tage naht ein
groes Fest heran; welch herrliche Gelegenheit, etwas zu Gottes Ehre
zu tun, bietet sich Euch dar!"

Wozu doch diese ffentlichkeit?" fragte Otto. Ich hasse dieses
Rhmen und Ausschreien in alle Welt. Lasset mich still in einer
Kapelle die Zeremonie verrichten. Was ntzt es Euch, ob ich laut und
offen das Opfer bringe! O Luise; Luise! es ttet sie, wenn sie es
hrt!"

Elender!" rief die Dame, indem sie in Trnen ausbrach. Sind das
deine Schwre? Du falsches Herz! Ich habe dir alles, alles geopfert,
und so kannst du vergelten? O Barbar! Gehe hin zu ihr, lege dich
nieder in ihre Fesseln; aber wisse, da ich mich in die Tiber strze!
ber meine armen Wrmer, meine unglcklichen Kinder, mag sich Gott
erbarmen!"

Kinder, Kinder! Meine fromme Tochter, mein lieber, aber verblendeter
Sohn! Wozu dieser Skandal, diese Szene auf dem Schiffe? Stillet Eure
Trnen, schne Frau, es wird noch alles gut werden; kommet, ich will
einen vterlichen Ku auf Eure Augen drcken, so. Und Ihr, wisset Ihr
nicht, da Ihr Euch versndiget gegen Donna Ines! Was wollet Ihr nur
immer wieder mit der Ketzerin, die einst Eure Sinne zu bestricken
wute? Haben wir Euch nicht Beweise genug gegeben, da sie in einem
strafwrdigen Verhltnis zu dem Teufel ist, der Eure Gestalt und
Sprache angenommen hat?"

Welch einfltiges Mrchen!" rief der junge Mann. Was wollet Ihr auch
den Teufel ins Spiel ziehen? Ein ehrlicher Berliner ist er, ein Tropf,
dem ich das Mdchen nicht gnnen mag, wenn sie mich auch zehnmal
betrog!"

Mein Sohn, die heilige Jungfrau schtze uns, aber der Satan selbst
ist es. Hat es nicht letzthin meinem dienenden Frater Piccolo
getrumt, der Teufel gehe hier in der heiligen Stadt spazieren? Alle
seine Trume sind noch eingetroffen. Der deutsche Baron ist der
hllische Geist selbst. Wer es aber auch sei, sie hat Euch betrogen.
Hat nicht die fromme Frau Maria Campoco Euch, selbst dieses Gestndnis
ber ihre Nichte gemacht? Was wollet Ihr nur auf die treulose Ketzerin
Rcksicht nehmen!--Und schaut, was ich Euch hier mitgebracht habe,"
fuhr Seine Eminenz fort, indem sie ein groes Papier entfaltete.
Sehet, wie ich Wort halte: Ich habe Euch versprochen, die Liste aller
derer mitzubringen, welche in Eurem Deutschland ffentliche Ketzer,
insgeheim aber gute Christen der wahren Kirche sind. Da, leset!"

Der junge Mann las und staunte. Er sah den Kardinal fragend an, ob er
denn wirklich dieser Schrift trauen drfe. Donna Ines, welche
bemerkte, welch gnstigen Eindruck diese Liste mache, zog die Hand des
heiligen Mannes an den Mund und bedeckte sie mit feurigen Kssen der
Andacht.

Nicht wahr," fuhr Rocco fort, da stehen wohlklingende Namen?
Professoren, Grafen, Frsten sogar. Freilich, diese Leute knnen nicht
so ffentlich sich erklren, Freundchen. Die Politik, die Rcksicht
auf ihre ketzerischen Untertanen erlaubt das nicht. Aber im Herzen, im
H e r z e n sind sie unser. Da, dieser Nr. 8, ich kann eure
barbarischen Namen nicht aussprechen, der wird sich sogar ffentlich
erklren und seine Irrtmer abschwren. Der da oben wird auch einen
tchtigen Schritt vorwrts tun. O! und bedenket, was erst in
Frankreich, selbst in England fr uns getan wird, bald, vielleicht
erlebe ich es noch, bald werdet ihr alle samt und sonders zu uns
zurckgekehrt sein. Wie herrlich mu dann ein Name, wie der Eurige,
leuchten, der nicht mit der Menge, sondern lange zuvor auf unsere
heiligen Tafeln verzeichnet wurde!"

Aber, o Himmel, Kardinal! Ich bin ja schlechter als die ganze Liste
dieser Heimlichen. Ihr selbst wisset, da, wenn ich zu Eurer Kirche
abfalle, es nur geschieht, um den ewigen Klagen der Donna Ines zu
entgehen. Diese Heimlichen haben keinen Vorteil bei ihrer
Heimlichkeit. Sie gelten von auen fr echte Lutheraner, und was haben
sie davon, da sie von innen rmisch sind?"

O Einfalt! Es ist gut, da Ihr nicht die ketzerische Theologie studiert
habt. Ihr wret durch das Examen gefallen! Was ist denn das Schne
an unserer Kirche? He? Nicht nur, da sie die alleinseligmachende; da
sie gleichsam eine Brandversicherungsanstalt gegen die Hlle, eine
Seelenassekuranz gegen den Tod ist; denn schon aus physischen
Grnden kann man annehmen, da keine Seele von den Unserigen
lange im Fegefeuer oder gar in der Hlle verweilt, wenn sie auch ohne
Beichte abfhrt. Antonio Montani hat berechnet, da im Durchschnitt
hundertundzwanzig Millionen Menschen in der Hlle und ebensoviele
im Fegefeuer sind. Nun kann man annehmen, da seit eurer verfluchten
Reformation neunzig Millionen Ketzer, zwanzig Millionen Trken und zehn
Millionen Juden hinabgefahren sind. Das macht zusammen hundertzwanzig.

O, wie gut haben wir es, hochwrdiger Herr!" sagte Ines mit
zauberischem Lcheln. Ach, Otto! Dich soll ich an jenem Ort wissen,
in der Gesellschaft des Teufels und seiner Gromutter? O Gott! es ist
nicht mglich!"

Sodann weiter," fuhr der Salbungsvolle fort, euer Erzketzer in
Berlin, der Schleiermacher, nimmt selbst an, da alle Menschen
prdestiniert sind, und zwar so beilufig die Hlfte zum Bsen. Diese
mssen nun eine Art von Seelenwanderung in verschiedenen Stationen des
Elends machen, bis sie selig werden, und fangen mit der Hlle an. Der
Mann hat vernnftige Gedanken und wre wert, einst nur ins Fegefeuer
zu kommen. Aber das wei er doch nicht recht. Wenn einer auch zehnmal
prdestiniert, zur Hlle plombiert, zum Teufel rekommandiert ist, wir
knnen ihn doch absolvieren und _recta_ in den Himmel schicken.
Nun, und wenn man annimmt, da das Fegefeuer hundertundzwanzig
Millionen fat und darunter hundert Millionen Trken und zwanzig
Millionen Ketzer, so ist, wei Gott, auch dort wenig Raum fr eine
etwas liederliche Seele."

Ihr wisset, Eminenz, was ich von solchen Berechnungen halte; machet
mir doch Eure Sache nicht noch lcherlicher. Eure Seelenassekuranz
kann mich nicht locken. Doch ist sie gut frs Volk, und ich begreife
nicht, warum Ihr nicht schon lange ganze Regimenter, Divisionen, ja
Armeen, Kavallerie, Infanterie, Artillerie samt dem Generalstab
ffentlich verassekuriert habt. Das wre eine Anstalt _ la_
Mahomed; die Kerls wrden sich schlagen wie der Teufel; denn sie
wten, wenn sie heute erschossen werden, wachen sie morgen im
Paradiese auf. Lasset mich lieber noch einen Blick in die Liste
werfen, sie ist mir trstlicher; denn es stehen ganz vernnftige
Mnner dort."

O da Ihr nur ein Jahr auf einer deutschen Universitt zugebracht
httet! Unsere Agenten geben uns herrliche Berichte; die ketzerische
Jugend soll gegenwrtig ganz absonderlich fromm, heilig und mystisch
sein. Das Mittelalter, das gute, liebe Mittelalter versetzt sie in
diesen liebenswrdigen Schwindel. Sie neigen sich schon ganz zu uns,
und lasset nur erst die Jesuiten recht in Deutschland berhandnehmen,
dann sollt Ihr erst Wunder sehen! Auch einige brave Mnner,
Professoren, nehmen sich unserer Sache an. Seht, dieser da, Nr. 172,
Signor Crusado, der umhllt sie mit einem so tiefen symbolischen
Dunkel, da sie bald uns er sind. Wahrlich, der Hofmechanikus Seiner
Heiligkeit, der berhmte Signor Carlo Fiorini, hat vollkommen recht.
Er hat berechnet, wenn Deutschland einige Grade sdlicher lge, wenn
ihr eine schnere Natur, ein wenig mehr Sinnlichkeit und Phantasie
httet--die Ketzerei htte nie aufkommen knnen, oder ihr wret
wenigstens schon lange wieder zurckgekehrt."

Die Barke stie bei diesen Worten ans Land. Wie gerne htte ich diesem
trefflichen Pfaffen noch lnger zugehrt, wie er diese deutsche Seele
bearbeitete; es war ein schweres Stck Arbeit, ich gestehe es. Ein
Mensch ohne Phantasie, der in den Zeremonien nur Zeremonien sieht, der
die Tendenz dieser Rmer durchschaut, der durch keinen weltlichen
Vorteil zu blenden ist; wahrlich, ein solcher ist schwer zu gewinnen.
Doch fr diesen war mir nicht bange. Ein Kardinal Rocco und ein
schnes Weib haben schon andere geangelt als diesen.

Der heilige Mann stieg aus; mit Ehrfurcht empfingen die Schiffer
seinen Segen, den er mit einer Wrde, einem Anstand, wrdig eines
Frsten der Kirche, erteilte. Donna Ines folgte. Ich bewunderte,
whrend sie ber das Brett ging, ihren feinen, zierlichen Wuchs, die
Harmonie in ihren Bewegungen und die Glut, die aus ihren Augen
strahlte und den Abend schwl zu machen schien. Sie reichte dem
geliebten Ketzer ihre schne Hand mit so besorgter Zrtlichkeit, mit
einem so bedeutungsvollen Lcheln, da ich im Zweifel war, ob ich mehr
seine transmontanische Klte belcheln oder den Mut bewundern sollte,
mit welchem er den geistlichen Lockungen dieser in Liebe aufgelsten
Circe widerstand.--Am Ufer hielt ein schner Wagen. Der dienende
Bruder Piccolo, welchem ich im Traum, in Rom spazieren gehend,
erschienen war, stand am Schlag und erwartete Seine Eminenz. Es
kostete einige Zeit, bis dieser sein Gewand zu gehriger Wirkung
drapiert hatte, dann erst folgte der Frater Piccolo. Der Ketzer und
seine Dame schlugen einen Fupfad ein und gingen der Stadt zu.

Wer sind diese?" fragte ich den Schiffer.

Kennt Ihr den heiligen Mann, den Kardinal Rocco, nicht? O, es ist
einer der besten Fe des Heiligen Stuhls! Alle Abende fhrt er in
meiner Barke auf dem Flu."

Und die Dame?"

Ha, das ist eine gute Christin," antwortete er mit Feuer. Sie fhrt
beinahe immer mit dem Kardinal, zuweilen allein mit ihm, zuweilen mit
dem Manne, den Ihr gesehen. Dem traue ich nicht ganz; es ist entweder
ein Deutscher oder ein Englnder, und die sind doch Kinder des
Teufels."

So? Da sagt Ihr mir etwas Neues; und dieser Mann, ist er ihr Gemahl?"

Bewahre uns die heilige Jungfrau? Ihr Gemahl? Wo denkt Ihr hin? Da
wrde er nicht so zrtlich mit ihr spazieren fahren. Ich denke, es ist
ihr Geliebter."

So ist es," sagte einer der griechischen Kaufleute, die Dame wohnt
nicht weit von mir. Sie lebt allein mit ihren Kindern. Sie sieht
niemand bei sich als einige fromme Geistliche und diesen jungen Mann!
Er ist ihr Geliebter. Aber sie fhren ein Hundeleben zusammen. Man
hrt sie oft beide weinen und zanken und schreien. Der junge Mann
flucht und donnert und jammert mit schrecklicher Stimme, und die Donna
weint und klagt, und die Kinder erheben ein Zetergeschrei, da die
Nachbarn zusammenlaufen. Dann strzt oft der junge Mann verzweifelnd
aus dem Haus und will fliehen, aber die Donna setzt ihm mit fliegenden
Haaren nach, und die Kinder laufen heulend hinterdrein. Sie fat ihn
unter der Tre am Gewand, sie achtet nicht auf die Menschen, die
umherstehen. Sie zieht ihn zurck ins Haus und besnftigt ihn; und
dann ist es oft auf viele Tage stille, bis das Wetter von neuem
losbricht."

Heilige Jungfrau," rief der Schiffer, und hat er sie noch nie
totgestochen im Zorn?"

Wie Ihr seht, nein!" erwiderte der Grieche. Aber krank ist sie schon
oft geworden, wenn er so greulich raste. Dann lief er schnell zu drei,
vier Doktoren, um sie wieder ins Leben zurckzurufen. Es sind doch
gute Seelen, diese Deutschen!"

So sprachen diese Mnner, und ich ging von ihnen in tiefen Gedanken
ber das, was ich gehrt und gesehen hatte. Jenes Wort des jungen
Berliners fiel mir wieder bei, der den Kardinal Rocco beschuldigte,
ein schnes, gutes Herz gebrochen zu haben. Welches andere Herz konnte
dies sein als Luisens? Ich glaubte deutlich zu sehen, da der Priester
den Kapitn der Geliebten entzogen, indem er sie verleumdet, da er
ihn in die Fesseln dieser Donna Ines geschmiedet habe, um ihn fr die
Kirche zu gewinnen. Aber wie war alles dies geschehen? Wie hatte er
diesen Mann aus den Armen seines Mdchens ziehen, von einem Herzen
hinwegreien knnen, das ihn mit so heier Glut umfing? Sollten jene
Beschuldigungen von Untreue wahr sein, die der Kardinal dem Kapitn
einflsterte? Hatte sie wirklich den jungen Mann, der ihm so hnlich
sah, vorgezogen? Doch ich wute ja, wo ich mir Gewiheit verschaffen
konnte. Ich beschlo, bei guter Zeit am nchsten Morgen den Berliner
wieder aufzusuchen.

Herr v. S..... schien mich liebgewonnen zu haben; denn er empfing mich
mit Herzlichkeit und einem Wohlwollen, das selbst den Teufel erfreut,
wenn er auch schon an dergleichen gewhnt ist. Ich hatte mir
vorgenommen, von meiner gestrigen Fahrt und den Wunderdingen, die ich
gehrt hatte, noch nichts zu erwhnen, um den Verlauf seiner
Geschichte zuvor desto ungestrter zu vernehmen.

Von allem Unglck, das die Erde trgt," fuhr er zu erzhlen fort,
scheint mir keines grer, schmerzlicher und rhrender als jener
stille, tiefe Gram eines Mdchens, das unglcklich liebt oder dessen
zartes, glhendes Herz von einem Elenden zur Liebe hingerissen und
dann betrogen wird. Der Mann hat Kraft, seinen Gram zu unterdrcken,
den Verrat seiner Liebe zu rchen, die geprete Brust dem Freunde zu
ffnen; das Leben bietet ihm tausend Wege, in Mhe und Arbeit, in
weiter Ferne Vergessenheit zu erringen. Aber das Weib?--Der husliche
Kreis ist so enge, so leer. Jene tglich wiederkehrende Ordnung, jene
stille Beschftigung mit tausend kleinen Dingen, der sie sich in der
Zeit glcklicher Liebe frhlich, beinahe unbewut hingab, wie drckend
wird sie, wenn sich an jeden Gegenstand die Erinnerung an ein
verlorenes Glck heftet! Wie trge schleicht der Kreislauf der
Stunden, wenn nicht mehr die sen Trume der Zukunft, nicht der
Zauber der Hoffnung, nicht die Seligkeit der Erwartung den Minuten
Flgel gibt, wenn nicht mehr das von glcklicher Liebe pochende Herz
den Schlag der Glocke bertnt!

Doch, wozu Sie auf ein Unglck vorbereiten, das Sie nur zu bald
erfahren werden? Hren Sie weiter: Mein Wunsch, Luise von Palden im
Hause des Gesandten zu sehen, gelang. Schon nach einigen Tagen wurde
sie durch seine Schwester dort eingefhrt. Sie errtete, als sie mich
zum ersten Male dort sah, doch sie schien mich wie einen alten
Bekannten dort zu nehmen; es schien sie zu freuen, unter so vielen
fremden Mnnern einen zu wissen, der ihr nher stand. Denn so war es;
sei es, da die Erinnerung an unser sonderbares Abenteuer mich aus
einem Fremden zum Bekannten machte, sei es, da sie gerne zu mir
sprach, weil ich die Zge ihres Freundes trug, sie unterschied mich
auffallend von allen brigen Mnnern, die dieser seltenen Erscheinung
huldigten. Sie lcheln, Freund? Ich errate Ihre Gedanken--"

Ich finde, Sie sind zu bescheiden; knnte es nicht auch Ihre eigene
Persnlichkeit gewesen sein, was das Frulein anzog?"

Nein, denken Sie nicht so von diesem himmlischen Geschpf; ich
gestehe, ich war ein Tor, ich machte mir Hoffnung, sie fr mich
gewinnen zu knnen; ja, Freund, ich sagte ihr sogar, was ich frchte--"

Und Sie wurden nicht erhrt? Das treue, ehrliche Kind! Und ihr
Kapitn lag vielleicht gerade in den Armen einer andern!"

Der Berliner stutzte. Wie? Was wissen Sie?" fragte er betroffen. Wer
hat Ihnen gesagt, da West noch eine andere liebe?"

Nun, Sie selbst haben mich genug darauf vorbereitet," erwiderte ich;
sagten Sie nicht, da jener das Mdchen betrog?"

Sie haben recht;--nun, ich wurde lchelnd abgewiesen, abgewiesen auf
eine Art, die mich dennoch glcklich, unaussprechlich glcklich
machte. Sie war keinen Augenblick ungehalten, sie gestand mir, da ich
ihr als Freund willkommen sei, da ihr Herz keinem andern mehr gehren
knne. Sie sagte mir auch manches von ihren Verhltnissen, was ganz
mit dem bereinstimmte, was uns die Schwester des Gesandten erzhlte;
sie gestand, da sie nur darum nach Rom gezogen sei, weil den Kapitn
seine Verhltnisse hierherriefen; sie gestand, da er einen
Rechtsstreit wegen einer Erbschaft hier habe, da er, sobald die Sache
entschieden sei, vielleicht schon in wenigen Wochen, sie zum Altar
fhren werde.

Etwa eine Woche nach diesem aufrichtigen Gestndnis rief mich eines
Abends der Gesandte aus dem Salon, in welchem die Gesellschaft
versammelt war, zu sich. Es war nichts Seltenes, da er sich mir in
Geschftssachen mitteilte, weil ich sein Vertrauen auf eine ehrenvolle
Art besa; doch die Zeit war mir auffallend, und es mute etwas von
Wichtigkeit sein, weswegen er mich aus dem Kreis der Damen aufstrte.

Kennen Sie einen gewissen Kapitn West?' fragte er, indem er mich mit
forschenden Blicken ansah.

Ich habe einen Kapitn West flchtig kennen gelernt,' gab ich ihm zur
Antwort.

Nun, so flchtig mu es doch nicht sein,' entgegnete er mir, da Sie
ein Duell mit ihm gehabt.'

Ich sagte ihm, da ich Streit mit ihm gehabt wegen einer ziemlich
gleichgltigen Sache; es sei aber alles gtlich beigelegt worden.
Dennoch war es mir auffllig, woher der Gesandte diesen Streit
erfahren hatte, den ich so geheim als mglich hielt, und von welchem
Luise in seinem Hause gewi nichts erwhnt hatte.

Wegen einer Dame haben Sie Streit gehabt,' sagte er; doch mchte ich
Ihnen raten, solche Hndel wegen einer so zweideutigen Person zu
vermeiden. Sie wissen selbst, wenn man einmal einen ffentlichen,
besonders einen diplomatischen Charakter hat, ist dergleichen in einem
fremden Lande wegen der Folgen fr beide Teile fatal.'

Der Ton, worin dies gesagt wurde, fiel mir auf. Er war sehr ernst,
sehr warnend; noch schmerzlicher berhrte mich, was er ber jene Dame
sagte, zweideutige Person'! Und doch sa gerade diese Person als
Krone der Gesellschaft in seinem Salon, er selbst, ich hatte es
deutlich gesehen, er selbst hatte noch vor einer halben Stunde mit ihr
auf eine Art gesprochen, die mich, in dem alten Herrn einen
aufrichtigen Bewunderer ihrer Reize und ihres glnzenden Verstandes
sehen lie. Ich konnte eine Bemerkung hierber nicht unterdrcken; ich
bat ihn hflich, aber so fest als mglich, in meiner Gegenwart nicht
mehr s o von einer Dame zu sprechen, die ich achte und die einen so
entschiedenen Rang in der Gesellschaft einnehme. Ich wolle davon gar
nicht reden, da er selbst sein Haus beschimpfe, wenn er in solchen
Ausdrcken von seinen Gsten spreche.

Er sah mich verwundert an; er sagte mir, er knne meine Reden nicht
begreifen; denn weder behaupte die Dame einen Rang, in der
Gesellschaft, die e r sehe, noch habe sie je einen Fu ber seine
Schwelle gesetzt. Die Reihe zu erstaunen war jetzt an mir; ich sah,
da hier ein Irrtum vorwalte, und belehrte ihn, da Frulein von
Palden die Dame sei, um die wir uns schlagen wollten. Verzeihen Sie,'
rief er, man sagt mir, Sie haben sich wegen der Geliebten dieses
Kapitns West geschlagen; daher glaubte ich, Ihnen dies sagen zu
mssen.'

Und wenn dies nun dennoch wre?' fragte ich. Kennen Sie denn die
Geliebte des Kapitns?'

Gott soll mich bewahren;' entgegnete er. Nein, ich glaube, er hat
schon selbst genug an seiner Spanierin.'

Ich staunte von neuem. Von einer Spanierin sprechen Sie? Wie kommen
Sie nur darauf? Ich wei bestimmt, da der Kapitn eine deutsche Dame
liebt!'

Um so schlimmer fr das arme Kind in Deutschland,' war seine Antwort;
wie die Sachen stehen, scheint man im Lateran ernstlich daran zu
denken, den goldenen Quadrupeln der schnen Donna Gehr zu geben und
ihre frhere Ehe, weil sie nicht ganz gltig vollzogen war, fr
nichtig zu erklren. Der Kapitn macht eine gute Partie, aber--jeder
Mann von Ehre wird diesen Schritt mibilligen.'

Ich stand wie vom Donner gerhrt vor dem alten Mann; entweder lag hier
eine Verwechslung der Namen und Personen zugrunde, oder es war ein
schreckliches Geheimnis und der Kapitn ein Betrger, der Luisens
Glck vielleicht auf ewig zerstrt hatte.

Ich sagte dem Gesandten geradezu, da er mit mir ber Dinge spreche,
die mir vllig unbekannt seien. Er staunte, doch glaubte er, da er
schon so viel gesagt hatte, mir die weitere Erklrung dieser Rtsel
schuldig zu sein. Dieser Kapitn West ist ein Sachse,' erzhlte er;
er diente frher im Generalstab und wurde dann zu einer
diplomatischen Sendung nach Spanien verwandt; er soll ein Mann von
vielen Talenten, aber etwas zweideutigem Charakter sein. Warum die
Wahl gerade auf ihn fiel, da noch ltere Leute und aus guten Husern
im Departement waren, ist mir unbekannt; nur so viel erfuhr ich
zufllig, da man ihn damals von Dresden habe entfernen wollen. Man
erzhlt sich, er habe in Madrid in einem Verhltnis zu einer schnen
jungen Frau gelebt; sie war eine Spanierin, aber an einen alten
Englnder verheiratet, der sie vielleicht nicht so strenge unter
Schlo und Riegel hielt, wie man sonst in Spanien zu tun pflegt.

Als aber endlich dieses Verhltnis zu den Ohren des Englnders kam,
bewirkte dieser, da der Kapitn von seinem Posten abgerufen und sogar
aus dem Dienst entlassen werde. Doch sagen andere, er selbst habe aus
rger ber seine schnelle Abberufung quittiert. Doch das Beste kommt
noch; einige Wochen nach seiner Abreise war die Frau des Englnders
mit ihren beiden Kindern pltzlich verschwunden, man kann sagen,
spurlos verschwunden; denn so viele Mhe sich ihr Gatte gab, ihrer
habhaft zu werden, alles war vergeblich. Vielleicht scheiterten auch
seine Bemhungen an den Unruhen, die gerade in jener Zeit ausbrachen
und die Kommunikation mit Frankreich sehr erschwerten.

Der Verdacht dieses Englnders fiel, wie natrlich, vor allem auf den
Kapitn West. Er wute es zu machen, da dieser in Paris angehalten
und verhrt werde. Man sagt, er solle sehr betreten gewesen sein, als
er die Nachricht von der Flucht dieser Dame hrte; er wies sich aber
aus, da er die Reise bis nach Paris allein gemacht habe, und
bekrftigte mit einem Eide, da er von diesem Schritt der Donna nichts
wisse.

Etwa ein Vierteljahr nachher kam er nach Rom und lebt seitdem hier
sehr still und eingezogen, besucht keine Gesellschaft, hat keinen
Freund, keinen Bekannten; vorzglich vermeidet er es, mit Deutschen
zusammenzutreffen.

Um diese Zeit, fuhr der Gesandte fort, sei von seinem Hofe die Anfrage
an ihn ergangen, ob dieser West sich in Rom befinde, wie er lebe, und
ob er nicht in Verhltnis mit einer Spanierin sei, die sich ebenfalls
hier aufhalten msse. Man habe ihm dabei die Geschichte dieses
Kapitns West mitgeteilt und bemerkt, da der Englnder von neuem
Spuren von seiner Frau entdeckt habe, die beinahe mit Gewiheit
annehmen lassen, da sie in Rom sich aufhalte. Man habe deswegen von
Spanien aus sich an die ppstliche Kurie gewandt; es scheine aber, man
wolle sich hier der Dame annehmen; denn die Antwort sei sehr
zweifelhaft und unbefriedigend ausgefallen. Der Gesandte tat die
ntigen Schritte und erfuhr wenigstens so viel, da jener Verdacht
besttigt shen. Er wandte sich nun auch an Consalvi, um zu erfahren,
ob der rmische Hof in der Tat die Dame in seinen Schutz nehme, und
erhielt die in eine sehr bestimmte Bitte gefate Antwort, man mchte
diese Sachen beruhen lassen, da die Ehe der Donna Ines mit dem
Englnder wahrscheinlich fr ungltig erklrt werde.'

Dies erzhlte mir der Gesandte; er fgte noch hinzu, da er aus
besonderem Interesse an diesem Fall dem Kapitn immer nachgesprt
habe, und so sei ihm auch der Streit zu Ohren gekommen, den ich im
Karneval mit jenem wegen einer Dame' gehabt habe.

Sie knnen sich denken, Freund, welche Qualen ich schon whrend seiner
Erzhlung empfand, und als ich das ganze Unglck erfahren hatte, stand
ich wie vernichtet. Der Gesandte verlie mich, um zu der Gesellschaft
zurckzukehren; ich hatte kaum noch so viel Fassung, ihn zu bitten, er
mchte niemand etwas von diesen Verhltnissen wissen lassen; das Warum
versprach ich ihm ein andermal.

Ich konnte von dem Zimmer, wohin der Gesandte mich gerufen, den Salon
bersehen, ich konnte Luise sehen, und wie schmerzlich war mir ihr
Anblick! Sie schien so ruhig, so glcklich. Der Friede ihrer schnen
Seele lag wie der junge Tag freundlich auf ihrer Stirne; ihr sanftes
blaues Auge glnzte, vielleicht von der Erwartung einer schnen
Abendstunde, und das Lcheln, das ihren Mund umschwebte, schien der
Nachklang einer freudigen Erinnerung hervorgelockt zu haben. Nein, es
war mir nicht mglich, diesen Anblick lnger zu ertragen, ich eilte
ins Freie, um dieses Bild durch neue Bilder zu verdrngen; aber wie
war es mglich? Der Gedanke an sie kehrte schmerzlicher als je zurck;
denn der Friede der Natur, der zauberische Schmelz der Landschaft, die
se Ruhe, die diese Fluren atmeten, erinnerten sie mich nicht immer
wieder an jenes holde Wesen? Und die Wolken, die sich am fernen
Horizont schwrzlich auftrmten und ein nchtliches Gewitter
verkndeten, hingen sie nicht ber der friedlichen Landschaft wie das
Unglck, das Luisen drohte?

Ich ging nach Hause; ich dachte nach, ob nicht Rettung mglich sei, ob
ich sie nicht losmachen knne von dieser schrecklichen Verbindung.
Doch, war nicht zu befrchten, da sie mir mitrauen werde? Sie wute,
ich liebe sie; kannte sie mich hinlnglich, um nicht an der Reinheit
meiner Absichten zu zweifeln? Ich konnte es nicht ber mich gewinnen,
ihr selbst ihr Unglck zu verknden. Nur einen Ausweg glaubte ich
offen zu sehen; ich wollte ihn selbst zur Rede stellen, den Elenden,
ich wollte ihn bewegen, einen entscheidenden Schritt auf die eine oder
die andere Seite zu tun. Ja, darin glaubte ich einen glcklichen Weg
gefunden zu haben; er selbst mute ihr sagen, da er nicht mehr
verdiene, von ihr geliebt zu werden; und dann, dachte ich, dann wird
sie zwar unglcklich sein, aber ich will versuchen, sie glcklich zu
machen; durch ein langes Leben voll Treue und Liebe will ich ihr
Unglck zu mildern suchen."

Aber wie konnten Sie glauben," rief ich, ber diese romantischen
Ideen unwillkrlich lchelnd, wie konnten Sie glauben, Freund, da
ein Kapitn West zu diesem sonderbaren Gestndnisse sich hergeben
werde? In Romanen mag dies der Fall sein, aber, Herr! in der
Wirklichkeit? Haben Sie je einen Narren der Art gekannt?'

Ach, ich dachte zu gut von den Menschen," antwortete er. Ich dachte,
wie ich, mu jeder fhlen.--Ich ging in die Wohnung des Kapitns West.
Er wohnte schlecht, beinahe rmlich. Ich traf ihn, wie er einen
schnen Knaben von acht Jahren auf den Knien hatte, welchen er lesen
lehrte. Errtend setzte er den Knaben nieder und stand auf, mich zu
begren. Ei, Papa,' rief der Kleine, wie sieht dir dieser Herr so
hnlich!'

Der Kapitn geriet in Verlegenheit und fhrte den Knaben aus dem
Zimmer. Wie,' sagte ich zu ihm, Sie haben schon einen Knaben von
diesem Alter? Waren Sie frher verheiratet?'

Er suchte zu lachen und die Sache in einen Scherz zu drehen; er
behauptete, der Knabe gehre in die Nachbarschaft, besuche ihn
zuweilen und nenne ihn Papa, weil er sich seiner annehme.

Er gehrt wohl der Donna Ines?' fragte ich, indem ich ihn scharf
ansah. Noch nie zuvor hatte ich gesehen, wie schrecklich das bse
Gewissen sich kundtut; er erblate, seine Augen glnzten wie die einer
Schlange, ich glaubte, er wolle mich durchbohren. Noch ehe er sich
hinlnglich gesammelt hatte, um mir zu antworten, sagte ich ihm gerade
ins Gesicht, was ich von ihm wisse und was ich von ihm verlange, um
das Frulein nicht vllig unglcklich, zu machen.

Er lief in Wut im Zimmer umher, er schimpfte auf Zwischentrger und
Zudringliche; er behauptete, ich habe die ganze Geschichte aufgedeckt,
um Luise von ihm zu entfernen. Ich lie ihn ausreden; dann sagte ich
ihm mit kurzen Worten, wie ich sein Verhltnis zu der Spanierin
erfahren habe, und bat ihn noch einmal mit den herzlichsten Tnen
unserer Sprache, das Frulein so schonend als mglich von sich zu
entfernen.

Es gelang mir, ihn zu rhren; aber nun hatte ich eine andere
unangenehme Szene durchzukmpfen; er klagte sich an, er weinte, er
verfluchte sich, das holde Geschpf so schndlich betrogen zu haben.
Er schwor, sich von der Spanierin zu trennen; er flehte mich an, ihn
zu retten; er gestand mir, da er sich von einem Netz umstrickt sehe,
das er nicht gewaltsam durchbrechen knne, weil einige hohe Geistliche
der Kirche kompromittiert wrden. Er ging so weit, mich zu zwingen,
seine Geschichte anzuhren, um vielleicht milder ber ihn urteilen zu
knnen. Es war die Geschichte eines--Leichtsinnigen. Dieses Wort mge
entschuldigen, was vielleicht s c h l e c h t genannt werden knnte.
Es lag in dem Wesen dieses Mannes ein Etwas, das ihn bei den Frauen
sehr glcklich machen mute. Es war der uere Anschein von Kraft und
Entschlossenheit, die ihm brigens sein ganzes Leben hindurch
gemangelt zu haben schienen. Er mute eine fr seinen Stand
ausgezeichnete Bildung gehabt haben; denn er sprach sehr gut, seine
Ausdrcke waren gewhlt, seine Bilder oft wahrhaft poetisch, er konnte
hinreien, so da ich oft glaubte, er spreche mit Eifer von einem
Dritten, whrend er mir seinen eigenen beklagenswerten Zustand
schilderte. Ich habe dies oft an Menschen bemerkt, die sonst ihrem
Triebe folgen, in den Tag hineinleben, ohne sich selbst zu prfen, und
erst in dem Moment der Erzhlung ber sich selbst flchtig nachdenken.
Sie werden dann durch die Sprache selbst zu einem eigentmlichen Feuer
gesteigert, sie sprechen mit Umsicht von sich selbst; doch eben weil
diese ihnen sonst abging, ist man versucht, zu glauben, sie sprchen
von einem Dritten.

Es war Luise, die ihn zuerst liebte; er erkannte ihre Neigung;
Eitelkeit, die herrlich aufblhende Schnheit, die Tochter eines der
ersten Huser der Stadt, fr sich gewonnen zu haben, ri ihn zu einem
Gefhl hin, das er fr Liebe hielt. Der Vater sah dies Verhltnis
ungerne. Ich konnte mir denken, da es vielleicht weniger Stolz auf
seine Ahnen, als die Furcht vor dem schwankenden Charakter des
Kapitns war, was ihn zu einer Hrte stimmte, welche die Liebe eines
Mdchens wie Luise immer mehr anfachen mute. Er soll ihr, was ich
jetzt erst erfuhr, auf seinem Sterbebette den Fluch gegeben haben,
wenn sie je mit dem Kapitn sich verbinde.

West suchte die Geschichte mit der Frau des Englnders auf Verfhrung
zu schieben. Ich habe eine solche bei einem Manne, der das Bild der
Geliebten fest im Herzen trgt, nie fr mglich gehalten. Doch die
Strafe ereilte ihn bald. Er gestand mir, da er froh gewesen sei, als
er, vielleicht durch Vermittlung des Englnders, von seinem Posten
zurckberufen wurde. Donna Ines habe ihm allerlei sonderbare
Vorschlge zur Flucht gemacht, in die er nicht habe eingehen knnen;
er sei, ohne Abschied von ihr zu nehmen, abgereist. Was ihn eigentlich
bestimmte, nach Rom zu gehen, sah ich nicht recht ein, und er suchte
auch ber diesen Punkt so schnell als mglich hinwegzukommen. Er
erzhlte ferner, wie er durch Luisens Ankunft erfreut worden sei, wie
er sich vorgenommen, nur ihr, ihr allein zu leben. Doch da sei
pltzlich Donna Ines in Rom erschienen, sie habe sich mit zwei Kindern
geflchtet, sei ihm nachgereist und habe jetzt verlangt, er solle sie
heiraten.

Es entging mir nicht, da der Kapitn mich hier belog. Ich hatte von
dem Gesandten bestimmt erfahren, da jener schon in Paris angehalten
und ber die Flucht der Donna zur Rede gestellt worden sei; er konnte
sich also denken, da sie ihm nachreisen werde, und dennoch knpfte er
die Liebe zu Luisen von neuem an. Ferner, wie htte es Ines wagen
knnen, ihm zu folgen, wenn er ihr nicht versprochen htte, sie zu
heiraten, wenn er sie nicht durch tausend Vorspiegelungen aus ihrem
ruhigen Leben herausgelockt und zur Abenteurerin gemacht htte?

Er schilderte mir nur ein Gewebe von unglcklichen Verhltnissen, in
welche ihn diese Frau, die mit allen Kardinlen, namentlich mit Pater
Rocco, schnell bekannt geworden, gefhrt habe. Es werde ernstlich an
der Auflsung ihrer frheren Ehe gearbeitet, und es war als bekannt
angenommen worden, da er die Geschiedene heiraten werde.

Sie sagten mir hier nichts Neues,' antwortete ich ihm; dies alles
beinahe wute ich vorher. Aber ich hoffe, da Sie als Mann von Ehre
einsehen werden, da das Verhltnis zu Frulein von Palden nicht
fortdauern kann, oder Sie mssen sich von der Spanierin lossagen.'

Das letztere knne er nicht, sagte er, er habe von ihr und dem
Kardinal Rocco Vorschsse empfangen, die sein Vermgen berstiegen; er
knne also wenigstens im Augenblicke keinen entscheidenden Schritt
tun.

Im Augenblicke heit hier nie,' erwiderte ich ihm. Sie werden sich
aus diesen Banden, wenn sie s o beschaffen sind, nie mit Anstand
losmachen knnen. Ich halte es also fr Ihre heiligste Pflicht, Luise
nicht noch unglcklicher zu machen; denn was kann endlich das Ziel
Ihrer Bestrebungen sein?'

Er errtete und meinte, ich halte ihn fr schlechter, als er sei. Doch
er fhle selbst, da man einen Schritt tun msse. Er glaube aber, es
sei dies meine Sache. Er trete mir Luise ab, ich solle mir auf jede
Art ihre Gunst zu erwerben suchen und sie glcklich machen. Er hatte
Trnen in den Augen, als er dies sagte, und ich sah mit beinahe zu
mitleidigen Augen, wie weit ein Mensch durch Leichtsinn kommen knne.

Ich ging, um nichts weiser geworden, ohne da ein wirklicher Entschlu
gefat worden war, von dem Kapitn; mein Gefhl war eine Mischung von
Verachtung und Bedauern. Auf der Treppe begegnete mir wieder der
schne Knabe und fragte, ob er wohl jetzt zu Papa kommen drfte."

Ha! Und jetzt setzten Sie wohl alle Segel auf, Freundchen," fragte
ich; jetzt machten Sie wohl Jagd auf die schne Galeere Luise?"

Ja und nein," antwortete er trbe; sie schien meine Liebe zu
bersehen, nicht zu achten; aber bald bemerkte ich, da sie
ngstlicher werde in meiner Nhe; es schmerzte sie, da mir ihre
Freundschaft nicht gengen wolle. Und jener Elende, sei es aus Bosheit
oder Leichtsinn, zog sich nicht von ihr zurck, ich vermute es sogar, er
hat sie vor mir gewarnt. So standen die Sachen, als die Zeit, die ich in
Rom zubringen sollte, bald zu Ende ging. Im Kabinett des Gesandten
arbeitete man schon an Memoiren, die man mir nach Berlin mitgeben
wollte, man wunderte sich, da ich noch keine Abschiedsbesuche
mache,--und ich, ich lebte in dumpfem Hinbrten; ich sah nicht ein,
wie ich dieser Reise entfliehen konnte, und dennoch hielt ich es nicht
fr mglich, Luise zu verlassen, jetzt, da ihr vielleicht bald der
schrecklichste Schlag bevorstand. Oft war ich auf dem Punkt, ihr
alles, alles zu entdecken; aber wie war es mir mglich, ihre himmlische
Ruhe zu zerstren, das Herz zu brechen, das ich so gerne glcklich
gewut htte?

Da strzte eines Morgens der Kapitn West in mein Zimmer; er war
bleich, verstrt; es dauerte eine lange Zeit, bis er sich fassen und
sprechen konnte. Jetzt ist alles aus,' rief er; sie stirbt, sie mu
sterben, dieser Kummer wird sie zerschmettern!' Er gestand, da Donna
Ines oder der Kardinal Rocco seine Liebe zu Luisen entdeckt htten;
ihr schrieben sie sein Zgern, sein Schwanken zu, und der Kardinal
hatte geschworen, er wolle an diesem Tage zu dem deutschen Frulein
gehen und sie zur Rede stellen, wie sie es wagen knne, einen Mann,
der schon so gut als verehelicht sei, von seinen Pflichten
zurckzuhalten.

Ich kannte diesen Priester und seine tckische Arglist, ich erkannte,
da die Geliebte verloren sei. Ich wei Ihnen von dieser Stunde, von
diesem Tage wenig mehr zu erzhlen. Ich wei nur, da ich den Kapitn
in kalter Wut zur Tre hinaus schob, mich schnell in die Kleider warf
und wie ein gejagtes Wild durch die Straen dem Hause der Signora
Campoco zulief. Als ich unten an dieser Strae anlangte, sah ich einen
Kardinal sich demselben Hause nhern. Er schritt stolz einher, Frater
Piccolo trug ihm den Mantel; es war kein Zweifel, es war Rocco. Ich
setzte meine letzten Krfte daran, ich rannte wie ein Wahnsinniger auf
ihn zu; doch--ich kam eben an, als mir Piccolo mit teuflischem Lcheln
die Tre vor der Nase zuwarf.

Eine Art von Instinkt trieb mich, all diesem Jammer zu entfliehen. Ich
ging, wie ich war, zu dem Gesandten und sagte ihm, da ich noch in
dieser Stunde abreisen werde. Er war es zufrieden, gab mir seine
Auftrge, und bald hatte ich die heilige--unglckselige Stadt im
Rcken. Erst als ich nach langer Fahrt zu mir selbst kam, als meine
Vorstellungen sich wieder ordneten und deutlicher wurden, erst dann
tadelte ich meine Feigheit, die mich zu dieser bereilten Flucht
verfhrte. Ich tadelte meine ganze Handlungsweise, ich klagte mich an,
die Unglckliche auf diesen Schlag nicht vorbereitet zu haben;--doch
es war zu spt, und wenn ich mir meine Gefhle, meine ganze Lage
zurckrief, ach, da schien es so verzeihlich, die Geliebte verschont
zu haben! So kam ich nach Berlin, in dieser Stimmung trafen Sie mich
dort, und ein Teil dieser Geschichte war es, den ich damals im Hause
meiner Tante erzhlt habe."

Der junge Mann hatte geendet; seine Zge hatten nach und nach jene
Trauer, jene Wehmut angenommen, die ich in seinem Wesen, als ich ihn
in Berlin sah, zu bemerken glaubte; er war ganz derselbe, der er an
jenem Abend war, und die Worte seiner Tante, er sehe seit seiner
Zurckkunft so geheimnisvoll aus, kamen mir wieder in den Sinn und
lieen mich den richtigen Blick dieser Dame bewundern. An seiner
ganzen Historie schienen mir brigens nur zwei Dinge auffallend.
Unglckliche Mdchen wie das Frulein, abenteuernde Damen wie Ines,
intrigante Priester wie Kardinal Rocco hatte ich auf der Welt schon
viele gesehen. Aber die beiden Mnner waren mir als Menschenkenner
etwas rtselhaft. Der Kapitn hatte allerdings schon einen bedeutenden
Grad in meinem Reglement erlangt; aber unbegreiflich war es mir, wie
sich dieser Mann so lange auf einer Stufe halten konnte, da doch nach
moralischen wie nach physischen Gesetzen ein Krper, welcher abwrts
gleitet, immer schneller fllt. Er war falsch, denn er spielte zwei
Rollen; er war leichtsinnig, denn er verga sich alle Augenblicke; er
war eiferschtig, obgleich er es selbst mit zwei Frauen hielt; er war
schnell zum Zorn reizbar; als deutscher Kapitn liebte er
wahrscheinlich auch das _Est, Est, Est_, Eigenschaften, die nicht
lange auf einer Stufe lassen. Ein anderer an seiner Stelle wre
vielleicht aus Eifersucht und Zorn schon lngst ein Totschlger
geworden; ein zweiter wre, leichtsinnig wie er, all diesem Jammer
entflohen, htte die Donna Ines hier und Frulein Luise dort sitzen
lassen und vielleicht an einem andern Orte eine andere gefreit; ein
dritter htte vielleicht der Donna Gift beigebracht, um die schne
Schsin zu besitzen oder aus Verzweiflung die letztere erdolcht.

Aber wie langweilig dnkte es mir, da das Frulein noch in demselben
Zustande war, da die beiden Anbeter noch nicht in Streit geraten
waren, da das Ende von diesen Geschichten ein bertritt zur rmischen
Kirche, eine Hochzeit der Donna Ines und vielleicht eine zweite,
Luisens mit dem Berliner, werden sollte?

Denn eben dieser ehrliche Berliner! Er stand zwar in etwas entfernten
Verhltnissen zu mir, doch wute ich, wenn ich ihm das Ziel seines
heimlichen Strebens, das Frulein, recht lockend, recht reizend
vorstellte, wenn ich ihren Besitz ihm von ferne mglich zeigte, so
machte er Riesenschritte abwrts, denn seine Anlagen waren gut. Ich
beschlo daher, mir ein kleines Vergngen zu machen und die Leutchen
zu hetzen.

Whrend diese Gedanken flchtig in mir aufstiegen, wurde dem Herrn von
S. ein Brief gebracht. Er sah die Aufschrift an und errtete, er ri
das Siegel auf, er las, und sein Auge wurde immer glnzender, seine
Stimme heiterer. Der Engel!" rief er aus. Sie will mich dennoch
sehen! Wie glcklich macht sie mich! Lesen Sie, Freund," sagte er,
indem er mir den Brief reichte; mssen solche Zeilen nicht
beglcken?"

Ich las: Mein treuer Freund! Mein Herz verlangt darnach, Sie zu
sprechen. Ich wollte Sie nicht mehr sehen, nicht mehr sprechen, bis
Sie mir gute Nachrichten zu bringen htten; Sie selbst sind es
eigentlich, der diesen Bann aussprach. Doch heben Sie ihn auf, Sie
wissen, wie trstlich es mir ist, mit Ihnen sprechen zu knnen. Der
Fromme ist wieder hier; er verspricht sich das Beste von West. Ach!
da er ihn zurckbrchte von seinem Abwege, nicht zu mir, meine Augen
drfen ihn nicht mehr sehen, nur zurck von dieser Schmach, die ich
nicht ertragen kann. L. v. P.

N. S. Wissen Sie in Rom keinen Deutschen, der in Mecklenburg bekannt
wre? West hat dort Verwandte, die vielleicht in der Sache etwas tun
knnten."

Ich kann mir denken, da dieses schne Vertrauen Sie erfreuen mu,"
sagte ich; doch einiges ist mir nicht recht klar in diesem Brief, das
Sie mir brigens aufklren werden. Wegen der Verwandten in Mecklenburg
kann sich brigens das Frulein an niemand besser wenden als an mich;
denn ich war mehrere Jahre dort und bin beinahe in allen Familien
genau bekannt."

Der junge Mann war entzckt, dem Frulein so schnell dienen zu knnen.
Das ist trefflich!" rief er. Und Sie begleiten mich wohl jetzt eben
zu ihr? Ich erzhle Ihnen unterwegs noch einiges, was Ihnen die
Verhltnisse klarer machen wird."

Ich sagte mit Freuden zu, wir gingen.

In Berlin," erzhlte er, hielt ich es nur zwei Monate aus; ich hatte
niemand hier in Rom, der mir ber das unglckliche Geschpf htte
Nachricht geben knnen, und so lebte ich in einem Zustande, der
beinahe an Verzweiflung grenzte; nur einmal schrieb mir der schsische
Gesandte: Der Papst habe sich jetzt ffentlich fr den Kapitn West
erklrt, man spreche davon, da der Preis dieser Gnade der bertritt
des Kapitns zur rmischen Kirche sein solle. In demselben Briefe
erwhnte er mit Bedauern, da die junge Dame, die uns alle so sehr
angezogen habe, die mich immer besonders auszuzeichnen geschienen,
sehr gefhrlich krank sei, die rzte zweifeln an ihrer Rettung.

Wer konnte dies anders sein als die arme Luise. Diese letzte Nachricht
entschied ber mich. Zwar htte ich mir denken knnen, da alles, was
ihr der Kardinal mitteilte, Krankheit, vielleicht den Tod zur Folge
haben werde; aber jetzt erst, als ich diese Nachricht gewi wute,
jetzt erst kam sie mir schrecklich vor; ich reiste nach Rom zurck,
und meine Bekannten hier haben sich nicht weniger darber gewundert,
mich so unverhofft zu sehen, als meine Verwandten in Berlin, mich so
pltzlich wieder entlassen zu mssen. Besonders die Tante konnte es
mir nicht verzeihen; denn sie hatte schon den Plan gemacht, mich mit
einem der Frulein, die Sie beim Tee versammelt fanden, zu
verheiraten.

Erlassen Sie es mir, zu beschreiben, wie ich das Frulein wieder fand!
Nur eins schien diese schne Seele zu betrben, der Gedanke, da West
zu seiner groen Schuld noch einen Abfall von der Kirche fgen wolle.
Ich lebe seitdem ein Leben voll Kummer. Ich sehe ihre Krfte, ihre
Jugend dahin schwinden; ich sehe, wie sie ein Herz voll Jammer unter
einer lchelnden Miene verbirgt. Um mich noch zu ttigerem Eifer, ihr
zu dienen, zu zwingen, gelobte ich, sie nicht mehr zu sprechen, bis
ich von dem Kapitn erlangt htte, da er nicht zum Apostaten werde,--
oder bis sie mich selbst rufen lasse. Das letztere ist heute
geschehen. Es scheint, sie hat Hoffnung; ich habe keine; denn er ist
zu allem fhig, und Rocco hat ihn so im Netze, da an kein Entrinnen
zu denken ist."

Aber der Fromme," fragte ich; soll wohl der seine Bekehrung
bernehmen?"

Auf diesen Menschen scheint sie ihre Hoffnung zu grnden. Es ist ein
deutscher Kaufmann, ein sogenannter Pietist; er zieht umher, um zu
bekehren; doch leider mu er jedem Vernnftigen zu lcherlich
erscheinen, als da ich glauben knnte, er sei zur Bekehrung des
Kapitns berufen. Eher setzte ich einige Hoffnungen auf Sie, mein
Freund, wenn Sie durch die Verwandten etwas bewirken knnten; doch,
auch dies kmmt zu spt! Wie sie sich nur um diesen Elenden noch
kmmern mag!"

Viel versprach ich mir von diesem Besuch bei dem Frulein von Palden.
Was ich von ihr gesehen, von ihr gehrt, hatte mir ein Interesse
eingeflt, das diese Stunde befriedigen mute. Ich hatte mir schon
lange zuvor, ehe ich sie sah, ein Bild von ihr entworfen; ich fand es,
als sie mir damals im Portikus erschien, beinahe verwirklicht; nur
eines schien noch zu fehlen, und auch das hatte sich jetzt besttigt;
ich dachte mir sie nmlich etwas fromm, etwas schwrmerisch, und sie
mute dies sein; wie konnte sie sonst einem deutschen Pietisten die
Heilung des Kapitns West zutrauen?

Wir wurden von der Signora Campoco und ihren Hunden freundlich
empfangen; den Berliner fhrte sie zu ihrer Nichte, mich bat sie, in
ein Zimmer zu treten, wo ich einen Landsmann finden werde. Ich trat
ein. Am Fenster stand ein langer, hagerer Mann von kaltem, finsteren
Aussehen. Er heftete seine Augen immer zu Boden, und wenn er sie
einmal aufschlug, so glhten sie von einem trben, unsicheren Feuer.
Ich machte ihm mein Kompliment, er erwiderte es mit einem leichten
Neigen des Hauptes und antwortete: Gegret seist du mit dem Grue
des Friedens!"

Ha, dachte ich, das ist niemand anders als der Pietist! Solche Leute
sind eine wahre Augenweide fr den Teufel, er wei, wie es in ihrem
Innern aussieht, und diese herrliche Charaktermaske, lcherlicher als
Policinello, komischer als Passaglio, pathetischer als Truffaldin, und
wahrer als sie alle, trifft man besonders in Deutschland und seit
neuerer Zeit in Amerika, wohin sie die Deutschen verpflanzt haben.
Diese Protestanten glauben im echten Sinne des Wortes zu handeln, wenn
sie gegen alles protestieren. Der Glaube der katholischen Kirche ist
ihnen ein Greuel; der Papst ist der Antichrist, gegen ihn und die
Trken beten sie alle Tage ein absonderliches Gebet. Nicht zufrieden
mit diesem, protestieren sie gegen ihren eigenen Staat, gegen ihre
eigene Kirche. Alles ist ihnen nicht orthodox, nicht fromm genug. Man
glaubt vielleicht, sie selbst sind um so frommer? O ja, wie man will.
Sie gehen gesenkten Hauptes, wagen den Blick nicht zu erheben, wagen
kein Weltkind anzuschauen. Ihre Rede ist, Ja, ja, nein, nein". Auf
weitere Schwre und dergleichen lassen sie sich nicht ein. Sie sind
die Stillen im Lande; denn sie leben einfach, und ohne Lrm fr sich;
doch diese selige Ruhe in dem Herrn verhindert sie nicht, ihre
Mitmenschen zu verleumden, zu bestehlen, zu betrgen. Daher kmmt es,
da sie einander selbst nicht trauen. Sie vermeiden es, sich
ffentlich zu vergngen, und wer am Sonntag tanzt, ist in ihren Augen
ein Ruchloser. Unter sich selbst aber feiern sie Orgien, von denen
jeder andere sein Auge beschmt wegwenden wrde.

Drum lacht mir das Herz, wenn ich einen Mystiker dieser Art sehe. Sie
gehen still durchs Leben und wollen die Welt glauben machen, sie seien
von Anbeginn der Welt als extrafeine Sorte erschaffen und plombiert
worden, und der heilige Petrus, mein lieber Cousin, werde ihnen einen
nheren Weg, ein Seitenpfrtchen in den Himmel aufschlieen. Aber alle
kommen zu mir; Separatisten, Pietisten, Mystiker, wie sie sich heien
mgen, seien sie Kathedermnner oder Schuhmacher, alle sind in Nr. 1
und 2, sie v e r n e i n e n, wenn auch nicht im uern; denn sie sind
Heuchler in ihrem Herzen von Anbeginn.

Ein solcher war nun der fromme Mann am Fenster. Ihr seid ein
Landsmann von mir," fragte ich nach seinem Gru, Ihr seid ein
Deutscher?"

Alle Menschen sind Brder und gleich vor Gott," antwortete er; aber
die Frommen sind ihm ein angenehmer Geruch."

Da habt Ihr recht," erwiderte ich, besonders wenn sie in einer engen
Stube Betstunde halten. Seid Ihr schon lange hier in dieser
gotteslsterlichen Stadt?"

Er warf einen scheuen Blick auf mich und seufzte: O welche Freude hat
mir der Herr gegeben, da er einen Erweckten zu mir sandte! Du bist
der erste, der mir hier sagt, da dies die Stadt der babylonischen H---,
der Sitz des Antichrists ist. Da sprechen sie in ihrem weltlichen Sinne
von dem Altertume der Heiden, laufen umher in diesen groen
Gtzentempeln und nennen alles heiliges Land', selbst wenn sie
Protestanten sind; aber diese sind oft die rgsten."

Wie freut es mich, Bruder, dich gefunden zu haben! Sind noch mehrere
Brder und Schwestern hier? Doch hier kann es nicht fehlen; in einer
Gemeinde, die der Apostel Paulus selbst gestiftet hat, mssen fromme
Seelen sein."

Bruder, geh mir weg mit dem Apostel Paulus, dem traue ich nur halb;
man wei allerlei von seinem frheren Leben, und nachher, da hat er so
etwas Gelehrtes wie unsere Professoren und Pfarrer; ich glaube, durch
ihn ist dieses bel in die Welt gekommen. Zu was denn diese
Gelehrtheit, diese Untersuchungen? Sie fhren zum Unglauben. Die
Erleuchtung macht's, und wenn einer nicht zum D u r c h b r u c h
gekommen ist, bleibt er ein Snder. Ein altes Weib, wenn sie
erleuchtet ist, kann so gut predigen und lehren in Israel als der
gelehrteste Doktor."

Du hast recht, Bruder," erwiderte ich ihm; und ich war in meinem
Leben in der Seele nicht vergngter, nie so heiter gestimmt, als wenn
ich einen Bruder Schuster oder eine Schwester Spitlerin das Wort
verkndigen hrte. War es auch lauterer Unsinn, was sie sprach, so
hatte ihr es doch der Geist eingegeben, und wir alle waren
zerknirscht. Doch sage mir, wie kmmst du ins Haus dieser Gottlosen?"

Bruder, in der Stadt Dresden im Sachsenland, wo es mehr Erleuchtete
gibt als irgendwo, da wohnte ich neben ihrem Haus. Damals war sie ein
Weltkind und lachte, wenn die Frommen am Sonntagsabend in mein Haus
wandelten, um eine Stunde bei mir zu halten. Als ich nun hierher kam
in dieses Sodom und Gomorra, da gab mir der Geist ein, meine Nachbarin
aufzusuchen. Ich fand sie von einem Unglck niedergedrckt. Es ist ihr
ganz recht geschehen; denn so straft der Herr den Wandel der Snder.
Aber mich erbarmte doch ihre junge Seele, da sie so sicherlich
abfahren soll dorthin, wo Heulen und Zhneklappern. Ich sprach ihr zu,
sie ging ein in meine Lehren, und ich hoffe, es wird bei ihr bald zum
Durchbruch kommen. Und da erzhlte sie mir von einem Manne, den der
Satan und der Antichrist in ihren Schlingen gefangen haben, und bat
mich, ob ich nicht lsen knne diese Bande kraft des Geistes, der in
mir wohnet. Und darum bin ich hier."

Whrend der fromme Mann die letzten Worte sprach, kam der Berliner mit
dem Frulein. Jener stellte mich vor, und sie fragte errtend, ob ich
mit der Familie des Kapitns West in Mecklenburg bekannt sei. Ich
bejahte es; ich hatte mit mehreren dieser Leute zu tun gehabt und gab
ihr einige Details an, die sie zu befriedigen schienen.

Der Kapitn ist auf dem Sprung, einen sehr trichten Schritt zu tun,
der ihn gewi nicht glcklich machen kann; S. hat Ihnen wohl schon
davon gesagt, und es kmmt jetzt darauf an, ihm das Miliche eines
solchen Schrittes auch von seiten seiner Familie darzutun."

Mit Vergngen; dieser fromme Mann wird uns begleiten; er ist in
geistlichen Kmpfen erfahrener als ich; ich hoffe, er wird sehr
ntzlich sein knnen."

Es ist mein Beruf," antwortete der Pietist, die Augen greulich
verdrehend, es ist mein Beruf, zu kmpfen, solange es Tag ist. Ich
will setzen meinen Fu auf den Kopf der Schlange und will ihr den Kopf
zertreten wie einer Krte; soeben ist der Geist in mich gefahren. Ich
fhle mich wacker wie ein gewappneter Streiter. Liebe Brder, lasset
uns nicht lange zaudern, denn die Stunde ist gekommen; Sela!"

Gehen wir!" sagte der Berliner. Seien Sie versichert, Luise, da
Freund Stobelberg und ich alles tun werden, was zu Ihrer Beruhigung
dienen kann. Fassen Sie sich, sehen Sie mutig, heiter in die Zukunft;
die Zeit bringt Rosen."

Das schne bleiche Mdchen antwortete durch ein Lcheln, das sie einem
wunden Herzen mhsam abgezwungen hatte. Wir gingen, und als ich mich
in der Tre umwandte, sah ich sie heftig weinen.

Wir drei gingen ziemlich einsilbig ber die Strae; der Pietist, vom
Geiste befallen, murmelte unverstndliche Worte vor sich hin und
verzog sein Gesicht, rollte seine Augen wie ein Hierophant. Der
Berliner schien an dem guten Erfolg unseres Beginnens zu zweifeln und
ging sinnend neben mir her; ich selbst war von dem Anblick der stillen
Trauer jenes Mdchens, ich mchte sagen, beinahe gerhrt; ich dachte
nach, wie man es mglich machen knnte, sie der Schwrmerei zu
entreien, sie dem Leben, der Freude wiederzugeben; denn so gerne ich
ihr den Himmel und alles Gute wnschte, so schien sie mir doch zu jung
und schn, als da sie jetzt schon auf eine etwas langweilige
Seligkeit spekulieren sollte. Durch den Berliner schien ich dies am
besten erreichen zu knnen, besser vielleicht noch durch den Kapitn
West, der mir ohnedies verfallen war; doch zweifelte ich, ob man ihn
noch von der Spanierin werde losmachen knnen.

Auf dem Hausflur des Kapitns lie uns der Pietist vorangehen, weil er
hier beten und unsern Ein= und Ausgang segnen wolle. Doch, o Wunder!
Als wir uns umsahen, nahm er nach jedem Stoseufzer einen Schluck aus
einem Flschchen, das seiner Farbe nach einen guten italienischen
Likr enthalten mute. Ha! jetzt mu der Geist erst recht ber ihn
kommen, dachte ich, jetzt kann es nicht fehlen, er mu mit groer
Begeisterung sprechen.

Der Kapitn empfing uns mit einer etwas finsteren Stirne. Der Berliner
stellte uns ihm vor, und sogleich begann der Pietist, vom Geiste
getrieben, seinen Sermon.

Er stellte sich vor den Kapitn hin, schlug die Augen zum Himmel und
sprach: Bruder! Was haben meine Ohren von dir vernommen? So ganz hat
dich der Teufel in seinen Klauen, da du dich dem Antichrist ergeben
willst, da du absagen willst der heiligen christlichen Kirche, der
Gemeinschaft der Heiligen? Sela. Aber da sieht man es deutlich. Wie
heit es Sirach am 9. im dritten Vers? He? Fliehe die Buhlerin, da
du nicht in ihre Stricke fallest.'"

Zu was soll diese Komdie dienen, Herr von S.?" sprach der Kapitn
gereizt. Ich hoffe, Sie sind nicht gekommen, mir in meinem Zimmer
Sottisen zu sagen."

Ich wollte Sie mit Herrn von Stobelberg, der Ihre Familie kennt,
besuchen. Da lie sich dieser fromme Mann, der gehrt hat, da Sie
bertreten wollen, nicht abhalten, uns zu begleiten."

Groe Ehre fr mich, geben Sie sich aber weiter keine Mhe; denn--"

Hret, hret, wie er den Herrn lstert, in dessen Namen ich komme,"
schrie der Pietist. Der Antichrist krmmet sich in ihm wie ein Wurm,
und der Teufel sitzt ihm auf der Zunge. O, warum habt Ihr Euch blenden
lassen von Weltehre? Was sagt derselbe Sirach? La dich nicht bewegen
von dem Gottlosen in seinen groen Ehren; denn du weit nicht, wie es
ein Ende nehmen wird.--Wisse, da du unter den Stricken wandelst und
gehest auf eitel hohen Spitzen!"'

Sie kennen meine Familie, Herr von Stobelberg? Sind Sie vielleicht
selbst ein Landsmann aus Mecklenburg?"

Nein! Aber ich kam viel in Berhrung mit Ihrer Familie und bin mit
einigen Gliedern derselben sehr nahe liiert. So zum Beispiel mit Ihrem
Onkel F., mit Ihrer Tante W., mit Ihrem Schwager Z."

Wie? Der Satan hat ihm die Ohren zugeleimt?" rief der fromme
Protestant, als sein abtrnniger Bruder ihn vllig ignorierte. Auf,
ihr Brder, ihr Streiter des Herrn, lasset uns ein geistliches Lied
singen, vielleicht hilft es." Er drckte die Augen zu und fing an, mit
nselnder, zitternder Stimme zu singen:

  Herr, schtz' uns vor dem Antichrist,
    Und la uns doch nicht fallen;
  Es streckt der Papst mit Hinterlist
    Nach uns die langen Krallen;
      Und la dich erbitten,
      Vor den Jesuiten
      Und den argen Missionaren
  Wollest gndig uns bewahren.

  Sie sind des Teufels Knechte all,
    Nur wir sind fromme Seelen;
  Wir kommen in des Himmels Stall,
    Uns kann es gar nicht fehlen;
      Denn nach kurzem Schlafe
      Ziehn wir frommen Schafe
      In den Pferch fr uns bereitet,
      Wo der Hirt die Schflein weidet;
  Dort scheidet er die Bcke aus--"

Man kann eben nicht sagen, da der Fromme wie eine Nachtigall sang;
aber komisch genug war es anzusehen, wie er, vom Geiste getrieben,
dazu agierte. Auf den Wangen des Kapitns wechselte Scham und Zorn,
und man war ungewi, ob er mehr ber die Unverschmtheit dieses
Proselytenmachers staunte oder mehr ber den Inhalt der frommen Hymne
erbost sei. Als der Pietist nach einem tiefen Seufzer den dritten Vers
anhub, ging die Tre auf, und die hohe, majesttische, Gestalt des
Kardinals Rocco trat ein. Er war angetan mit einem weien,
faltenreichen Gewand, und der Purpur, der ber seine Schultern
herabflo, gab ihm etwas Erhabenes, Frstliches. Er bersah uns mit
gebietendem Blick, und die Rechte, die er ausstreckte, mochte
vielleicht den ehrerbietigen Ku eines Glubigen erwarten.

Der Kapitn war in sichtbarer Verlegenheit. Er fhlte, da der
Kardinal uns den Protestantismus sogleich anriechen, da es ihn
erzrnen werde, seinen Katechumenen in so schlechter Gesellschaft zu
sehen. Er nannte der Eminenz unsere Namen, doch als er Herrn v. S.
erblickte, trat er erschrocken einen Schritt zurck und flsterte dem
Frater Piccolo in der violetten Kutte zu: Das ist wohl der Teufel,
den du im Traume gesehen?"

Piccolo antwortete mit drei Kreuzen, die er ngstlich auf seinen Leib
zeichnete, und der Kardinal fing an, leise einige Stellen aus dem
Exorzismus zu beten. Whrend dieser Szene hatte sich der fromme
Kaufmann, dem das Wort auf der Lippe stehen geblieben war, wieder
erholt. Er betrachtete die imponierende Gestalt dieses Kirchenfrsten;
doch schien sie ihm nicht mehr zu imponieren, nachdem er bei sich zu
dem Resultate gelangt war, da nur ein frommer protestantisch=
mystischer Christ zur Seligkeit gelangen knne. Er hub im heulenden
Predigerton auf italienisch an: Siehe da, ein Sohn der babylonischen
H---, ein Nepote des Antichrists. Er hat sich angetan mit Leide und
Purpur, um eure armen Seelen zu verlocken. Hebe dich weg, Satanas!"

Ist der Mensch ein Narr?" fragte der Kardinal, indem er nher trat
und den Prediger ruhig und gro anschaute. Piccolo, merke dir diesen
Menschen, wir wollen ihn im Spital versorgen."

Der Pietist geriet in Wut. Baalspfaffe, Gtzendiener, Antichrist!"
schrie er. Du willst mich ins Spital tun? Ha, jetzt kmmt der Geist
erst recht ber mich. Ich will barmherzig sein mit dir, Sodomiter! Ich
will dich lehren die Hauptstcke der Religion, da du deine
ketzerischen Irrtmer einsehest. Aber zuvor ziehe sogleich den Purpur
ab! Zu was soll dieser Flitter dienen? Meinst du, du gefallest dem
Herrn besser, wenn du violette Strmpfe anhast? O du Tor! Das sind die
eitlen Lehren des Antichrists, des Drachen, der auf dem Stuhle sitzt;
in Sack und Asche mut du Bue tun."

Jetzt glhte Roccos Auge vor Wut, seine Stirne zog sich zusammen,
seine Wangen glhten. Jetzt sehe ich, Kapitn," rief er, was Euch
solange zgern macht. Ihr haltet Zusammenknfte mit diesen
wahnsinnigen Ketzern, die Euch in Eurem Aberglauben bestrken. Ha! bei
der heiligen Erde, Ihr habt uns tief gekrnkt."

Herr Kardinal!" fiel ihm Herr v. S. in die Rede. Ich bitte, uns
nicht alle in eine Klasse zu werfen. Wenn jener Mann dort den Trieb in
sich fhlt, alle Welt zu bekehren, so knnen wir ihn nicht daran
verhindern. Doch meine ich, man habe sich nicht darber zu beklagen;
denn Ew. Eminenz wissen, da es gleichsam nur Repressalien fr die
Missionen und die Jesuiterei sind, mit welcher man gegenwrtig alle
Welt ber schwemmt."

Jetzt war der rechte Zeitpunkt, die Leutchen zu hetzen. Jetzt galt es,
sie zu verwickeln, um sie nachher desto lnger trauern zu lassen.
Herr v. S.," sagte ich, der Herr Kapitn will, denke ich, durch sein
Schweigen beweisen, da er Seiner Eminenz recht gibt. Zwar schliet
mich mein Bewutsein von den wahnsinnigen Ketzern' aus: ich mache
keine Proselyten, ich unterrichte niemand in der Religion; aber Ihrer
werten Familie in Mecklenburg werde ich bei meiner Rckkehr sagen
knnen--"

Stille!" rief der Pietist mit feierlicher Stimme. Bruder, Mann
Gottes, willst du dich so versndigen, mit dem Baalspfaffen zu
rechten? Er geht einher wie ein Phariser; aber es wre ihm besser,
ein Mhlstein hnge an seinem Hals, und er wrde ertrnket, wo es am
tiefsten ist."

Hte dich, einen Pfaffen zu beleidigen," ist ein altes Sprichwort,
und der Kapitn mochte auch so denken. Ich sah, da die Beschmung,
vor uns von Rocco wie ein Schulknabe behandelt zu werden, und die
Furcht, ihn zu beleidigen, in seinem Gesichte kmpften.

Ich mu Ihren Irrtum berichtigen, Eminenz," entgegnete er. Diesen
Mann hier kenne ich nicht, und er kann sich auch entfernen, wann er
will, denn seine schwrmerischen Reden sind mir zum Ekel; aber ber
diese Herren hier haben Sie eine ganz falsche Ansicht. Herr von
Stobelberg bringt mir Nachrichten von meiner Familie, Herr v. S.
besucht mich. Ich wei nicht, welche bsliche Absicht Sie darein legen
wollen."

Weit entfernt, den Kardinal durch diese Worte zu besnftigen, brachte
er ihn nur noch mehr auf; doch bezhmte er laute Ausbrche desselben,
und seine stille Wut werde nur in kaltem Spott sichtbar. Ja, ich habe
mich freilich hchlich geirrt," sagte er lchelnd, und bitte um
Verzeihung, meine Herren. Ich dachte, Ihr Besuch betreffe religise
Gegenstnde; doch nun merke ich, da es friedlichere Absichten sind,
was Sie herfhrt. Herr v. S. wird wahrscheinlich den Herrn Kapitn
wieder in die sen Fesseln des deutschen Fruleins legen wollen?
Trefflich! Ob auch eine andere Dame darber sterben wird, ist ihm
gleichgltig. Ich bewundere nebenbei auch Ihre Gutmtigkeit, Capitano,
da Sie sich von demselben Manne zurckfhren lassen, der Sie so
geschickt aus dem Sattel hob!"

Zu welch sonderbaren Sprngen steigert doch den Sterblichen die
Beschmung. Gefhl des Unrechts, wirkliche Beleidigung, Zorn, alle
Leidenschaften seiner Seele htten den Kapitn wohl nicht so auer
sich gebracht als das Gefhl der Scham, vor deutschen Mnnern von
einem rmischen Priester so verhhnt zu werden. Die Achtung, Signore
Rocco," sagte er, die Achtung, die ich vor Ihrem Gewand habe, schtzt
mich, Ihnen zu erwidern, was Sie mir in meinem Zimmer ber mich gesagt
haben. Ich kenne jetzt Ihre Ansichten ber mich hinlnglich und
wundere mich, wie Sie sich um meine arme Seele so viele Mhe geben
wollten. Diesem Herrn, der, wie Sie sagten, mich aus dem Sattel hob,
werde ich folgen. Doch wissen Sie, da, was er getan hat, mit meiner
Zustimmung geschah. Ich werde ihm folgen, obgleich es zuvor gar nicht
in meiner Absicht lag; nur um Ihnen zu zeigen, da weder Ihr Spott
noch Ihre Drohungen auf mich Eindruck machen; und wenn Sie ein
andermal wieder einen Mann meiner Art unter der Arbeit haben, so rate
ich Ihnen, Ihren Spott oder Ihren Zorn zurckzuhalten, bis er im
Schoe der Kirche ist."

Das reiche, rosige Antlitz Roccos war so wei geworden als sein
seidenes Gewand. Geben Sie sich keine Mhe," entgegnete er, mir zu
beweisen, wie wenig man an einem seichten Kopf Ihrer Art verliert.
Glauben Sie mir, die Kirche hat hhere Zwecke, als einen Kapitn West
zu bekehren--"

Wir kennen diese schnen Zwecke," rief der Berliner mit sehr
berflssigem Protestantismus; Ihre Plne sind freilich nicht auf
einen einzelnen gerichtet, sie gehen auf uns arme Seelen alle. Sie
mchten gar zu gerne unser ganzes Vaterland und England und alles, was
noch zum Evangelium hlt, unter den heiligen Pantoffel bringen. Aber
Sie kommen hundert Jahre zu spt oder zu frh; noch gibt es, Gott sei
Dank, Mnner genug in meinem Vaterlande, die lieber des Teufels sein
wollen, als den heiligen Stuhl anbeten."

Bringe mir meinen Hut, Piccolo," sagte der Priester sehr gelassen.
Ihnen, mein Herr v. S., danke ich fr diese Belehrung; doch lag uns
an den dummen Deutschen wenig. Es liegt ein sicheres Mittel in der
Erbrmlichkeit Ihrer Nation und in ihrer Nachahmungssucht. Ich kann
Sie versichern, wenn man in Frankreich recht fromm wird, wenn England
ber kurz ber lang zur alleinseligmachenden Kirche zurckkehrt, dann
werden auch die ehrlichen Deutschen nicht mehr lange protestieren.
Drum leben Sie wohl, mein Herr, auf Wiedersehen!" Die Zge des
Kardinals hatten etwas Hohes, Gebietendes, das mir beinahe nie so
sichtbar wurde als in diesem Moment. Ich mute gestehen, er hatte sich
gut aus der Sache gezogen und verlie als Sieger die Walstatt. Frater
Piccolo setzte ihm den roten Hut auf, ergriff die Schleppe seines
Talars und, mit Anstand und Wrde grend, schritt der Kardinal aus
dem Zimmer.

Der Berliner fhlte sich beschmt und sprach kein Wort; der Pietist
murmelte Stogebetlein und war augenscheinlich dpiert; denn der
Streit ging ber seinen Horizont, an welchem nur die Ideen von dem
Antichrist, dem Drachen auf dem Stuhl des Lammes, dem Baalspfaffen,
der babylonischen Dame, dem ewigen Hllenpfuhl und dem
Paradiesgrtlein, in lieblichem Unsinn verschlungen, schwebten.

Dem Kapitn schien brigens nicht gar zu wohl bei der Sache zu sein.
Ich erinnerte mich, gehrt zu haben, da er von Donna Ines und diesem
Priester bedeutende Vorschsse empfangen habe, die er nicht zahlen
sonnte; es war zu erwarten, da sie ihn von dieser Seite bald qulen
wrden, und ich freute mich schon vorher, zu sehen, was er dann in der
Verzweiflung beginnen werde. Auch zu diesem Auftritt hatte ihn sein
Leichtsinn verleitet; denn htte er bedacht, was fr Folgen fr ihn
daraus entstehen knnten,--er htte sich von falscher Scham nicht so
blindlings hinreien lassen. Der Berliner fuhr brigens bei dieser
Partie ebenso schlimm. Ich wute wohl, da er die Hoffnung auf Luisens
Besitz nicht ausgegeben hatte, da er sie mchtiger als je nhrte, da
sie ihn heute hatte rufen lassen; ich wute auch, da sie den Kapitn
nicht gerade zu sich zurckwnschte, sondern ihn nur nicht katholisch
wissen wollte; ich wute, da sie dem Berliner vielleicht bald geneigt
worden wre, weil sie sah, mit welchem Eifer er sich um sie bemhte;
und jetzt hatte der Kapitn vor uns allen ausgesprochen, da er das
Frulein wiedersehen wolle; und so war es.

Es ist mein voller Ernst, Herr v. S.," sagte er, ich sehe ein, da
ich mich diesen unwrdigen Verbindungen entreien mu. Knnen Sie mir
Gelegenheit geben, das Frulein wiederzusehen und ihre Verzeihung zu
erbitten?"

Ich wei nicht, wie Frulein von Palden darber denkt," antwortete
der junge Mann etwas verstimmt und finster; ich glaube nicht, da
nach diesen Vorgngen--"

O! Ich habe die beste Hoffnung," rief jener, ich kenne Luisens gutes
Herz und kann nicht glauben, da sie aufgehrt habe, mich zu lieben.
Hren Sie einen Vorschlag. Signora Campoco hat einen Garten an der
Tiber; bitten Sie das Frulein, mit ihrer Tante heute abend dorthin zu
kommen. Ich will sie ja nicht allein sehen, Sie alle knnen zugegen
sein; ich will ja nichts, als Vergebung lesen in ihren Augen; ein Wort
von ihr soll mir genug sein, um mich mit mir selbst und mit dem Himmel
zu vershnen. Ach, wie schmerzlich fhle ich meine Verirrungen!"

Gut, ich will es sagen," erwiderte der Berliner, indem er mit Mhe
nach Fassung rang. Soll ich Ihnen Antwort bringen?"

Ist nicht ntig; wenn Sie keine Antwort bringen, bin ich um sechs Uhr
als reuiger Snder in dem Garten an der Tiber."


       *       *       *       *       *


Ich gestehe, der Berliner hatte ein sonderbares Geschick. Das
Verhngnis zog ihn in diese Verhltnisse; seine Gestalt, sein Gesicht,
zufllig dem Kapitn West sehr hnlich, bringt ihm Glck und Unglck;
es zieht ihn in die Nhe des Mdchens; er lernt ihr Schicksal kennen,
er sieht sie leiden, er leidet mit ihr; die Zeit, die alle Wunden
heilt, bewirkt endlich, da sie den Kapitn vielleicht nicht mehr so
sehnlich zurckwnscht; sie will nur, da er jenen Schritt nicht tue,
den sie fr einen trichten hlt; sich selbst unbewut, gibt sie dem
armen S. Hoffnungen; er glaubt, sie errungen zu haben durch die vielen
Bemhungen um ihre Wahl, und jetzt mu er den gefhrlichen
Nebenbuhler, einen Mann, den er verachtet, zu ihr zurckfhren!

Ich war begierig auf diesen Abend; der Berliner hatte mir gesagt, da
sie einwillige, ihn, von Signora Campoco begleitet, zu sehen. Sie
hatte ihn eingeladen, zugegen zu sein, und er bat mich, ihn zu
begleiten, weil er diese Szene allein nicht mit ansehen knne.

Als ich seiner Wohnung zuging, trat mir auf einmal Frater Piccolo in
den Weg mit der Frage, wo er wohl den Kapitn finden knnte? Ich
forschte ihn aus, zu welchem Zwecke er wohl den Kapitn suche, und er
sagte mir ohne Umschweife, da er ihm von dem Kardinal einen
Schuldschein auf fnftausend Scudi zu berreichen habe, die jener
zwlf Stunden nach Sicht bezahlen msse. Wertester Frater Piccolo,"
erwiderte ich ihm, das sicherste ist, Ihr bemhet Euch nach sechs Uhr
in den Garten der Signora Campoco, welcher an der Tiber gelegen; dort
werdet Ihr ihn finden, dafr stehe ich Euch." Er dankte und ging
weiter; da er diese Nachricht dem Kardinal und vielleicht auch Donna
Ines mitteilen werde, glaubte ich voraussehen zu drfen. Fnftausend
Scudi, zwlf Stunden nach Sicht!" sagte ich zu mir. Ich will doch
sehen, wie er sich heraushilft!"

Den armen Berliner traf ich sehr niedergeschlagen. Er schien zu
fhlen, da seine Hoffnungen auf ewig zerstrt seien; doch nicht nur
dies Gefhl war es, was ihn unglcklich machte, er frchtete, Luise
werde nicht auf die Dauer glcklich werden. Dieser West!" rief er.
Ist es nicht immer wieder Leichtsinn, was ihn zu uns, zu ihr
zurckfhrt! Wie leicht ist es mglich, wenn einmal die Reue ber ihn
kommt, die Spanierin so unglcklich gemacht zu haben--wie leicht ist
es mglich, da er auch Luise wieder verlt!"

Ja, dachte ich, und wenn erst das Wechselchen anlangt und er nicht
zahlen kann, und wenn ihn Donna Ines mit den funkelnden Augen sucht
und bei der Fremden findet, und wenn erst der Kardinal seine Knste
anwendet! Die Schule der Verzweiflung hat er noch nicht ganz durch
gemacht. Aber auch das Frulein, hoffe ich, wird jetzt auftauen und
ihre Hilfe zu kleinen Teufeleien und Hllenknsten nehmen, und der
gute Berliner soll wohl auch bekannter mit mir werden mssen!

Wir gingen hinaus an die Tiber zum verhngnisvollen Garten der Signora
Campoco. Unterwegs sagte mir der junge Mann, das Frulein sei ihm
unbegreiflich. Als er ihr die Nachricht gebracht, wie sich im Hause
des Kapitns auf einmal alles so sonderbar, wie durch eine hhere
Leitung, gefgt habe, wie West nicht nur zur protestantischen Kirche
zurcktreten, sondern auch als reuiger Snder zu ihr zurckkehren
wolle, da sei, so sehr sie ihn zuvor angeklagt, ein seliges Lcheln
auf ihren schnen Zgen aufgegangen. Sie habe geweint vor Freude, sie
habe mit tausend Trnen ihre Tante dazu vermocht, uns in ihrem Garten
zu empfangen. Und dennoch sei sie jetzt nicht mehr recht heiter; eine
sonderbare Befangenheit, ein Zittern banger Erwartung habe sie
befallen, sie habe ihm gestanden, da sie der Gedanke an den Fluch
ihres Vaters, wenn sie je die Gattin des Kapitns werde, immer
verfolge. Es sei, als liege eine schwarze Ahnung vor ihrer sonst so
kindlich frohen Seele, als frchte sie, trotz der Rckkehr des
Geliebten dennoch nicht glcklich zu werden.

Unter den Klagen des Berliners, unter seinen Beschuldigungen gegen das
weibliche Geschlecht hatten wir uns endlich dem Garten genhert. Er
lag, von Bumen umgeben, wie ein Versteck der Liebe. Signora Campoco
empfing uns mit ihren Hndlein aufs freundlichste; sie erzhlte, da
sie das deutsche Geplauder der Vershnten nicht mehr lnger hren
knne und zeigte uns eine Laube, wo wir sie finden wrden. Errtend,
mit glnzenden Augen, Verwirrung und Freude auf dem schnen Gesicht,
trat uns das Frulein entgegen. Der Kapitn aber schien mir ernster,
ja, es war mir, als mte ich in seinen scheuen Blicken eine neue
Schuld lesen, die er zu der alten gefgt.

Dem Berliner war wohl das schmerzlichste der feurige Dank, den ihm das
schne Mdchen fr seine eifrigen Bemhungen ausdrckte. Sie umfing
ihn, sie nannte ihn ihren treuesten Freund, sie bot ihm ihre Lippen,
und er hat wohl nie so tief als in jenem Augenblicke gefhlt, wie die
hchste Lust mit Schmerz sich paaren knne. Mir, ich gestehe es, war
diese Szene etwas langweilig; ich werde daher die nhere Beschreibung
davon nicht in diese Memoiren eintragen, sondern als Surrogat eine
Stelle aus Jean Pauls Flegeljahren einschieben, die den Leser weniger
langweilen drfte: Selige Stunden, welche auf die Vershnung der
Menschen folgen! Die Liebe ist wieder blde und jungfrulich, der
Geliebte neu und verklrt, das Herz feiert seinen Mai, und die
Auferstandenen vom Schlachtfelde begreifen den vorigen, vergessenen
Krieg nicht." So sagt dieser groe Mensch, und er kann recht haben,
aus Erfahrung; ich habe, seit sich der Himmel hinter mir geschlossen,
nicht mehr geliebt, und mit der Vershnung will es nicht recht gehen.

Bei jener ganzen Szene ergtzte ich, mich mehr an der Erwartung als an
der Gegenwart. Wenn jetzt mit einem Male, dachte ich mir, Frater
Piccolo durch die Bume herbei kme, um seinen Wechsel honorieren zu
lassen,--welche Angst, welcher Kummer bei dem Kapitn, welch es
Staunen, welcher Mimut bei dem Frulein! Ich dachte mir allerlei
dergleichen Mglichkeiten, whrend die andern in sem Geplauder mit
vielen Worten nichts sagten--da hrte ich auf einmal das Pltschern
von Rudern in der Tiber. Es war nach sechs Uhr es war die Stunde, um
welche ich Frater Piccolo hierher bestellt hatte; wenn er es wre!--
Die Ruderschlge wurden vernehmlicher, kamen nher. Weder die
Liebenden, noch der Berliner schienen es zu hren. Jetzt hrte man nur
noch das Rauschen des Flusses, die Barke mute sich in der Nhe ans
Land gelegt haben. Die Hunde der Signora schlugen an, man hrte
Stimmen in der Ferne, es rauschte in den Bumen, Schritte knisterten
auf dem Sandweg des Gartens, ich sah mich um--Donna Ines und der
Kardinal Rocco standen vor uns.

Luise starrte einen Augenblick diese Menschen an, als sehe sie ein
Gebild der Phantasie. Aber sie mochte sich des Kardinals aus einem
schrecklichen Augenblick erinnern, sie schien den Zusammenhang zu
begreifen, schien zu ahnen, wer Ines sei und sank lautlos zurck,
indem sie die schnen Augen und das erbleichende Gesicht in den Hnden
verbarg. Der Kapitn hatte den Kommenden den Rcken zugekehrt und sah
also nicht sogleich die Ursache von Luisens Schrecken. Er drehte sich
um, er begegnete zornsprhenden Blicken der Donna, die diese Gruppe
musterte, er suchte vergeblich nach Worten; das Gefhl seiner Schande,
die Angst, die Verwirrung schnrten ihm die Kehle zu.

Schndlich!" hob Ines an. So mu ich dich treffen? Bei deiner
deutschen Buhlerin verweilst du und vergit, was du deinem Weibe
schuldig bist? Ehrvergessener! Statt meine Ehre, die du mir gestohlen,
durch Treue zu ersetzen, statt mich zu entschdigen fr so groen
Jammer, dem ich mich um deinetwillen ausgesetzt habe, schwelgst du in
den Armen einer andern?"

Folget uns, Kapitn West!" sagte der Kardinal sehr strenge. Es ist
Euch nicht erlaubt, noch einen Augenblick hier zu verweilen. Die Barke
wartet. Gebt der Donna Euren Arm und verlasset diese ketzerische
Gesellschaft."

Du bleibst!" rief Luise, indem sie ihre schnen Finger um seinen Arm
schlang und sich gefat und stolz aufrichtete. Schicke diese Leute
fort. Du hast ja noch soeben diese Abenteurerin verschworen. Du
zauderst? Monsignore, ich wei nicht, wer Ihnen das Recht gibt, in
diesen Garten zu dringen; haben Sie die Gte, sich, mit dieser Dame zu
entfernen."

Wer mir das Recht gibt, junge Ketzerin?" entgegnete Rocco. Diese
ehrwrdige Frau Campoco; ich denke, ihr gehrt der Garten, und es wird
sie nicht belstigen, wenn wir hier verweilen."

Ich bitte um Euren Segen, Eminenz," sagte, sich tief verneigend,
Signora Campoco; wie mget Ihr doch sprechen? Meinem geringen Garten
ist heute Heil widerfahren! Denn heilige Gebeine wandeln darin umher!"

Nicht gezaudert, Kapitn!" rief der Kardinal. Werfet den Satan
zurck, der Euch wieder in den Klauen hat; folget uns, wohin die
Pflicht Euch ruft!--Ha! Ihr zaudert noch immer, Verrter? Soll ich,"
fuhr er mit hhnischem Lcheln fort, soll ich Euch etwa dies Papier
vorzeigen? Kennet Ihr diese Unterschrift? Wie steht es mit den
fnftausend Scudi, verehrter Herr? Soll ich Euch durch die Wache
abholen lassen?"

Fnftausend Scudi?" unterbrach ihn der Berliner. Ich leiste
Brgschaft, Herr Kardinal, sichere Brgschaft"--

Mitnichten!" antwortete er mit groer Ruhe. Ihr seid ein Ketzer;
_haeretico non servanda fides_. Ihr knntet leicht ebenso denken
und mit der Brgschaft in die Weite gehen. Nein,--Piccolo! Sende einen
der Schiffer in die Stadt; man solle die Wache holen."

Um Gottes willen, Otto! Was ist das?" rief Luise, indem ihr Trnen
entstrzten. Du wirst dich doch nicht diesen Menschen so ganz
bergeben haben? O Herr? Nur eine Stunde gestattet Aufschub, mein
ganzes Vermgen soll Euer sein; mehr, viel mehr will ich Euch geben,
als Ihr fordert"--

Meinst du, schlechtes Geschpf," fiel ihr die Spanierin in die Rede,
meinst du, es handle sich um Geld? Mir, mir hat er seine Seele
verpfndet; er hat mich gelockt aus den Tlern meiner Heimat, er hat
mir ein langes seliges Leben in seinen Armen vorgespiegelt, er hat
mich betrogen um diese Seligkeit; du--du hast mich betrogen, deutsche
Dirne; aber siehe zu, wie du es einst vor den Heiligen verantworten
kannst, da du dem Weib den Gatten raubst, den Kindern, den armen
Wrmern, den Vater!"

Ja, das ist dein Fluch, alter Vater!" sagte Luise, von tiefer Wehmut
bewegt. Das ist dein Fluch, wenn ich je die Seine wrde; er nahte
schnell! Ich htte dir ihn entrissen, unglckliches Weib? Nein, so
tief mchte ich nicht einmal dich verachten. Er kannte mich lngst,
ehe er dich nur sah, und die Treue, die er dir schwur, hat er mir
gebrochen!"

Von dieser Snde werden wir ihn absolvieren," sprach der Kardinal;
sie ist um so weniger drckend fr ihn, als Ihr selbst, Signora, mit
einem andern, der hier neben sitzt, in Verhltnissen waret. Zaudere
nicht mehr, folge uns! Bei den Gebeinen aller Heiligen, wenn du jetzt
nicht folgst, wirst du sehen, was es heit, den heiligen Vater zu
verhhnen!"

Der Kapitn war ein miserabler Snder. So wenig Kraft, so wenig
Entschlu! Ich htte ihn in den Flu werfen mgen; doch mute es zu
einem Resultate kommen, drum schob ich schnell ein paar Worte ein:
Wie? Was ist das fr ein Geschrei von Kindern?" rief ich erstaunt.
Es wird doch kein Unglck geben?"

Ha, meine Kinder!" weinte die Spanierin. O, weinet nur, ihr armen
Kleinen! Der, der euch Vater sein sollte, hat Erz in seiner Brust. Ich
gehe, ich werfe sie in die Tiber und mich mit ihnen; so ende ich ein
Leben, das du, Verfluchter, vergiftetest!"

Sie rief es und wollte nach der Tiber eilen; doch das Frulein fate
ihr Gewand; bleich zum Tod, mit halbgeschlossenen Augen fhrte sie
Donna Ines zu dem Kapitn und strzte dann aus der Laube. Ich selbst
war einige Augenblicke im Zweifel, ob sie nicht denselben Entschlu
ausfhren wolle, den die Donna fr sich gefat; doch der Weg, den sie
einschlug, fhrte tiefer in den Garten, und sie wollte nur diesem
Jammer entgehen. Der Berliner aber lief ihr ngstlich nach, und als
sich auch der Kapitn losri, ihr zu folgen, strzte die ganze
Gesellschaft, der Kardinal, ich und Signora Campoco, in den Garten.

Wir kamen zu ihnen, als eben Luise erschpft und ohnmchtig
zusammensank. S. fing sie in seinen Armen auf und trug die teure Last
nach einer Bank. Dort wollte ihn der Kapitn verdrngen; er wollte
vielleicht seinen Entschlu zeigen, nur ihr anzugehren; er glaubte
heiligere Rechte an sie zu haben und entfernte den Arm des jungen
Mannes, um den seinigen unterzuschieben.

Doch dieser, ergriffen von Liebe und Schmerz, aufgeregt von der Szene,
die wir gesehen, stie den Kapitn zurck. Fort mit dir!" rief er.
Gehe zu Pfaffen und Ehebrechern, zu Schurken deines Gelichters! Du
hast deine Rolle knstlich gespielt; um diese Blume zu pflcken,
mutest du dich den Armen jenes hergelaufenen Weibe noch einmal
entreien, Hinweg mit dir, du Ehrloser!"

Was sprechen Sie da?" schrie der Kapitn schumend, es mochte in der
Rede des jungen Mannes etwas liegen, was als Wahrheit um so beiender
war. Welche Absichten legen Sie mir unter? Was htte ich getan?
Erklren Sie sich deutlicher!"

Jetzt hast du Worte, Schurke; aber als dieser Engel zu dir flehte, da
hatte deinen Mund die Schande verschlossen. Rhre sie nicht an, oder
ich schlage dich nieder!"

Das kann dir geschehen," entgegnete jener, und einem Blitze gleich
fuhr er mit etwas Glnzendem aus der Tasche nach der Brust des jungen
Mannes.--In Spanien lernt man gut stoen. Der Berliner hatte einen
Messerstich in der Brust und sank, ohne das Haupt der Geliebten zu
lassen, in die Knie.

Jetzt wird der tapfere Hauptmann gewi katholisch," war mein Gedanke,
als das Herzblut des jungen Mannes hervorstrmte; jetzt wird er sich
bergen im Schoe der Kirche!" Und es schien so zu kommen. Denn
willenlos lie, sich der Kapitn von Ines und dem Kardinal wegfhren,
und die Barke stie vom Lande.


       *       *       *       *       *


Wenige Tage nach diesem Vorfall erschien jener glorreiche Tag, an
welchem der Papst vor dem versammelten Volke mir, dem Teufel, alle
Seelen der Ketzer bermacht; ich habe zwar durch diese Anweisung noch
nie eine erhalten und wei nicht, ob Seine Heiligkeit falliert haben
und nun auf der Himmelsbrse keine Geschfte mehr machen, also wenig
Einflu auf das Steigen und Fallen der Seelen haben, oder ob
vielleicht diese Verwnschung nur zur Vermehrung der Rhrung dient, um
den Wirten und Gewerbsleuten in Rom auf versteckte Weise zu verstehen
zu geben, da sie sich kein Gewissen daraus machen sollen, die Beutel
der Englnder, Schweden und Deutschen zu schrpf en, da ihre Seelen
doch einmal verloren seien.

An einem solchen Tage pflegt ganz Rom zusammenzustrmen, besonders die
Weiber kommen gerne, um die Ketzer im Geiste abfahren zu sehen. Man
drngt und schlgt sich auf dem groen Platz, man hascht nach dem
Anblick des heiligen Vaters, und wenn er den heiligen Bannstrahl
herabschleudert, durchzckt ein mchtiges Gefhl jedes Herz, und alle
schlagen an die Brust und sprechen. Wohl mir, da ich nicht bin wie
dieser einer." An diesem Tage aber hatte das Fest noch eine ganz
besondere Bedeutung; man sprach nmlich in allen Zirkeln, in allen
Kaffeehusern, auf allen Straen davon, da ein berhmter, tapferer
ketzerischer Offizier an diesem Tage sich taufen lassen wolle. Dieser
Offizier machte seine Grade erstaunlich schnell durch. Am Montag hie
es, er sei Kapitn, am Dienstag, er sei Major, am Mittwoch war er
Obrist, und wenn man am Donnerstag frhe ein schnes Kind auf der
Strae anhielt, um zu fragen, wohin es so schnell laufe, konnte man
auf die Antwort rechnen: Ei, wisset Ihr nicht, da zur Ehre Gottes
ein General der Ketzer sich taufen lt und ein guter Christ wird wie
ich und Ihr?"

Wer der berhmte Tufling war, werden die Leser meiner Memoiren leicht
erraten. Endlich, endlich war er abgefallen! Sie hatten ihn wohl nach
der Szene in Signoras Garten so lange und heftig mit Vorwrfen,
Bitten, Drohungen, Versprechungen und Trnen bestrmt, da er
einwilligte, besonders da er durch den bertritt nicht nur Absolution
fr seine Seele, was ihm brigens wenig helfen wird, sondern auch
Schutz vor der Justiz bekam, die ihm schon nachzuspren anfing, da der
Berliner einige Tage zwischen Leben und Tod schwebte, und sein
Gesandter auf strenge Ahndung des Mordes angetragen hatte.

Ich stellte mich auf dem Platze so, da der Zug mit dem Tufling an
mir vorber kommen mute. Und sie nahten. Ein langer Zug von Mnchen,
Priestern, Nonnen, andchtigen Mnnern und Frauen kam heran. Ihre
halblaut gesprochenen Gebete rollten wie Orgelton durch die Lfte. Sie
zogen im Kreis um den ungeheuern Platz, und jetzt wurden die Rmer um
mich her aufmerksamer. _Ecco, ecco lo_!" flsterte es von allen
Seiten; ich sah hin--in einem grauen Gewand, das Haupt mit Asche
bestreut, ein Kruzifix in den gefalteten Hnden, nahte mit unsicheren
Schritten der Kapitn. Zwei Bischfe in ihren violetten Talaren gingen
vor ihm, und Chorknaben aller Art und Gre folgten seinen Sch ritten.

Ein schner Ketzer, bei St. Peter! Ein schmucker Mann!" hrte ich die
Weiber um mich her sagen. Welch ein frommer Soldat!"

Wie freut man sich, wenn man sieht, wie dem Teufel eine Seele
entrissen wird!"--

Werden sie ihn vorher taufen oder nachher?"

Vorher," antwortete ein schne schwarzlockiges Mdchen, vorher; denn
nachher verflucht der heilige Vater alle Ketzer, und da wrde er ihn
ja ewig verdammen und nachher segnen und taufen."--

Ach, das verstehst du nicht," sagte ihr Vater, der Papst kann alles,
was er will, so oder so."

Nein, er kann nicht alles," erwiderte sie schelmisch lchelnd; nicht
alles!"

Was kann er denn nicht?" fragten die Umstehenden. Er kann alles; was
sollte er denn nicht knnen?"

Er kann nicht heiraten!" lachte sie; doch nicht so schnell folgt der
Donner dem Blitz, als die schwere Hand des Vaters auf ihre Wange fiel.

Was? Du versndigst dich, Mdchen?" schrie er. Welche unheiligen
Gedanken gibt dir der Teufel ein? Was geht es dich an, ob der Papst
heiratet oder nicht? Dich nimmt er auf keinen Fall."

Das Volk begann indes in die Peterskirche zu strmen, und auch ich
folgte dorthin. Es ist eine lcherlich materielle Idee, wenn die
Menschen sich vorstellen, ich knne in keine christliche Kirche
kommen. So schreiben viele Leute C. M. B. (Caspar, Melchior,
Balthasar) ber ihre Tren und glauben, die drei Knige aus Morgenland
werden sich bemhen, ihre schlechte Htte gegen die Hexen zu schtzen.

Ich drngte mich so weit als mglich vor, um die Zeremonien dieser
Taufe recht zu sehen. Der tapfere Kapitn hatte jetzt sein graues
Gewand mit einem glnzend weien vertauscht und kniete unweit des
Hochaltars. Kardinle, Erzbischfe, Bischfe standen umher, der
ungewisse Schein des Tages, vermischt mit dem Flackern der Lichter,
der Kerzen, welche die Chorknaben hielten, umgab sie mit einem
ehrwrdigen Heiligenschein, der jedoch bei manchem wie Scheinheiligkeit
aussah. Auf der andern Seite kniete unter vielen schnen Frauen
Donna Ines mit ihren Kindern. Sie war lockender und reizender als je,
und wer Luise und ihr sanftes blaues Auge nicht gesehen hatte, konnte
dem Tufling verzeihen, da er sich durch dieses schne Weib und
einen listigen Priester unter den Pantoffel St. Petri bringen lie.

Neben mir stand eine schwarzverschleierte Dame. Sie sttzte sich mit
einer Hand an eine Sule, und ich glaubte, sie wre ohne diese Hilfe
auf den Marmorboden gesunken, denn sie zitterte beinahe krampfhaft.
Der Schleier war zu dicht, als da ich ihre Zge erkennen konnte. Doch
sagte mir eine Ahnung, wer es sein knnte. Jetzt erhoben die Priester
den Gesang, er zog mit den blauen Wlkchen des arabischen Weihrauchs
hinauf durch die Gewlbe und berauschte die Sinne der Sterblichen,
bertubte ihre Seelen und ri sie hin zu einer Andacht, die sie zwar
ber das Irdische, aber auch ber die ewigen Gesetze ihrer Vernunft
hinwegfhrt.

Die Priester sangen. Jetzt fing der Tufling an, sein
Glaubensbekenntnis zu sprechen.

Er hat mich nie geliebt," seufzte die Dame an meiner Seite; er hat
auch dich nie geliebt, o Gott, verzeihe ihm diese Snde!"

Er sprach weiter, er verfluchte den Glauben, in welchem er bisher
gelebt.

Gib Frieden seiner Seele," flsterte sie; wir alle irren, so lange
wir sterblich sind, vielleicht hat er den wahren Trost gefunden! La
ihn Frieden finden, o Herr!"

Da fingen die Priester wieder an zu singen. Ihre tiefen Tne drangen
schneidend in das Herz der Dame. Jetzt wurde das Sakrament an ihm
vollzogen; der Kardinal Rocco, im vollen Ornat seiner Wrde, segnete
ihn ein, und Donna Ines warf dem Getauften frohlockende Gre zu.

Vater, la ihm mein Bild nie erscheinen," betete die Dame an meiner
Seite, da nie der Stachel der Reue ihn qule! La ihn glcklich
werden!"

Und mit dem Pomp des heiligen Triumphs schlo die Taufe, und der
Kapitn stand auf, zwar als ein so groer Snder wie zuvor, doch als
ein rechtglubiger katholischer Christ. Das Volk drngte sich herzu
und drckte seine Hnde, und Donna Ines fhrte ihm mit holdem Lcheln
ihre Kinder zu. Aber noch war die Szene nicht zu Ende. Kardinal Luighi
fhrte den Getauften an die Stuf en des Altars, stieg die heiligen
Stufen hinan und las die Messe.

Die Dame im schwarzen Schleier zitterte heftiger, als sie dies alles
sah; ihre Knie fingen an zu wanken. Wer Ihr auch seid, mein Herr,"
flsterte sie mir pltzlich zu, seid so barmherzig und fhrt mich aus
der Kirche; ich fhle mich sehr unwohl." Ich gab ihr meinen Arm, und
die frommste Seele in St. Peters weiten Hallen ging hinweg, begleitet
vom Teufel.

Auf dem Platze vor der Peterskirche deutete sie schweigend auf eine
Equipage, die unfern hielt. Ich fhrte sie dorthin, ich ffnete ihr
den Schlag und bot ihr die Hand zum Einsteigen. Sie schlug den dunklen
Schleier zurck; es war, wie ich mir gesagt hatte, es waren die
bleichen, schnen Zge Luisens. Ich danke, Herr!" sagte sie. Ihr
habt mir einen groen Dienst erwiesen." Noch zitterte ihre Hand in der
meinigen, ihre schnen Augen wandten sich noch einmal nach St. Peter
und fllten sich dann mit einer Trne. Aber schnell schlug sie den
Schleier nieder und schlpfte in den Wagen; die Pferde zogen an, ich
habe sie--nie wieder gesehen.


       *       *       *       *       *


Eine wichtige Angelegenheit, die wankende Sache der hohen Pforte,
welcher ich immer besondere Aufmerksamkeit geschenkt habe, rief mich
an diesem Tage nach ...., wo ich mit einem berhmten Staatsmann eine
Konferenz halten mute. Man kennt die Zuneigung dieses erlauchten
Wesirs eines christlichen Potentaten zum Halbmond; und ich hatte nicht
erst ntig, ihn zu berzeugen, da die Trken seine natrlichen
Alliierten seien. Von .... eilte ich zurck nach Rom. Ich gestehe, ich
war begierig, wie sich die Verhltnisse lsen wrden, in welche ich
verflochten war und die mir durch einige Situationen so interessant
geworden waren.

Der erste, den ich unter der Porta del Popolo traf, war der deutsche
Kaufmann. Er sa in einem schnen Wagen und hatte, wie es schien,
Streit mit einigen ppstlichen Polizeisoldaten. Ich trat als
Stobelberg zu ihm. Lieber Bruder," sagte ich, es scheint, du willst
Sodom verlassen gleich dem frommen Lot?"

Ja, fliehen will ich aus dieser Sttte des Satan," war seine Antwort;
und hier lt mich der Drache auf dem Stuhl des Lammes noch einmal
anhalten, aus Zorn, weil ich einen seiner Baalspfaffen im Christentume
unterweisen wollte."

Ich sah hin und merkte jetzt erst die Ursache des Streites. Die
Polizei hatte, ich wei nicht aus welchem Grunde, den Wagen noch
einmal untersucht. Da war man auf ein Kistchen gestoen und hatte den
Pietisten gefragt, was es enthalte. Geistliche Bcher," antwortete
er. Man glaubte aber nicht, schlo auf, und siehe da, es war ein gutes
Flaschenfutter, und die Polizeimnner wollten wegen seines Betruges
einige Scudi von ihm nehmen.

Aber, Bruder!" sagte ich zu ihm. Eine fromme Seele sollte nach
nichts drsten als nach dem Tau des Himmels, nach nichts hungern als
nach dem Manna des Wortes, und doch fhrst du ein Dutzend Flaschen mit
dir, und hier liegt ein ganzer Pack Salamiwrste? Pfui, Bruder, heit
es nicht: Was werden wir essen, was werden wir trinken, nach dem
allem fragen die Heiden?'"

Bruder," erwiderte jener und drehte die Augen gen Himmel, Bruder,
bei dir mu es noch nicht vllig zum Durchbruch gekommen sein, da du
einem Mann von so felsenfestem Glauben, da du mir solche Fragen
vorlegst. Gerade, da ich nicht zu seufzen brauche: Was werden wir
essen, was werden wir trinken, womit uns kleiden?' Gerade deswegen
habe ich mir den neuen Rock hier gekauft, habe meinen Flaschenkeller
gefllt und diese aus Eselsfleisch bereiteten Wrste gekauft; es
geschah also aus reinem Glaubensdrang, und der Geist hat es mir
eingegeben. Da, ihr lumpigen Shne von Astaroth, ihr Brut des
Basilisken, so auf dem Stuhl des Lammes sitzt und an seinen Klauen
Pantoffeln fhrt, da nehmet diesen hollndischen Dukaten und lasset
mir meine geistlichen Bcher in Ruhe!--So, nun lebe wohl, Bruder, der
Geist komme ber dich und strke deinen Glauben!"

Da fuhr er hin, und wieder werde ich in dem Glauben bestrkt, da
diese christlichen Phariser schlimmer sind als die Kinder der Welt.
Ich ging weiter, den Korso hinab. Am unteren Ende der Strae begegnete
mir der Kardinal Rocco und Piccolo, sein Diener. Der Kardinal schien
sehr krank zu sein; denn ganz gegen die Etikette trug ihm Piccolo
nicht die Schleppe nach, sondern fhrte ihn unter dem Arm, und dennoch
wankte Rocco zuweilen hin und her. Sein Gesicht war rot und glhend,
seine Augen halb geschlossen, und der rote Hut sa ihm etwas schief
auf dem Ohr.

Siehe da, ein bekanntes Gesicht!" rief er, als er mich sah, und blieb
stehen. Komm hierher, mein Sohn, und empfange den Segen. Haben wir
uns nicht schon irgendwo gesehen?"

O ja, und ich, hoffe noch fters das Vergngen zu haben; ich hatte
die Ehre, Ew. Eminenz im Garten der Frau Campoco zu sehen."

Ja, ja! Ich erinnere mich, Ihr seid ein junger Ketzer; wisset Ihr,
woher ich komme? Geradenwegs von dem Hochzeitsschmause des lieben
Paares."

Jetzt konnte ich mir die Krankheit des alten Herrn erklren; die
spanischen Weine der Donna Ines waren ihm wohl zu stark gewesen, und
Piccolo mute ihn jetzt fhren. Ihr waret wohl recht vergngt?"
fragte ich ihn. Es ist doch Euer Werk, da die Donna den Kapitn
endlich doch noch berwunden hat?"

Das ist es, lieber Ketzer," sagte er, stolz lchelnd. Mein Werk ist
es; kommt, gehen wir noch ein paar hundert Schritte zusammen!--Was
wollte ich sagen? Ja--mein Werk ist es; denn ohne mich htte die Donna
gar keine Kunde von ihm bekommen. Ich schrieb ihr, da er sich in Rom
befinde. Ohne mich wre ihre frhere Ehe nicht fr ungltig erklrt
worden; ohne mich wre der Kapitn nicht rechtglubig geworden, was
zur Glorie unserer Kirche notwendig war; ohne mich wre er nicht von
seiner Ketzerin losgekommen,--kurz, ohne mich--ja, ohne mich stnde
alles noch wie zuvor."

Es ist erstaunlich!"

Hret, Ihr gefallt mir, lieber Ketzer. Hrt einmal, werdet auch
rechtglubig. Brauchet Ihr Geld? Knnet haben soviel Ihr wollt, gegen
ein Reverschen, zahlbar gleich nach Sicht. O, damit kann man einen
kstlich in Verlegenheit bringen. Brauchet Ihr eine schne, frische,
reiche Frau? Ich habe eine Nichte, Ihr sollt sie haben. Brauchet Ihr
Ehren und Wrden? Ich will Euch _pro primo_ den goldenen
Sporenorden verschaffen. Es kann ihn zwar jeder Narr um einige Scudi
kaufen--aber Ihr sollet ihn umsonst haben. Wollet Ihr in Eurer
barbarischen Heimat groe Ehrenstellen? Drfet nur befehlen. Wir haben
dort groen Einflu, geheim und ffentlich. Na! was sagt Ihr dazu?"

Der Vorschlag ist nicht bel," erwiderte ich. Ihr seid nobel in
Euern Versprechungen. Ich glaube, Ihr knntet den Teufel selbst
katholisch machen?"

_Anathema sit! anathema sit!_ Es wre uns brigens nicht
schwer," antwortete der Kardinal. Wir knnen ihn von seinen
zweitausendjhrigen Snden absolvieren und dann taufen. berdies ist
er ein dummer Kerl, der Teufel, und hat sich von der Kirche noch immer
berlisten lassen!"

Wisset Ihr das so gewi?"

Das will ich meinen. Zum Beispiel, kennet Ihr die Geschichte, die er
mit einem Franziskaner gehabt?"

Nein, ich bitte Euch, erzhlet!"

Ein Franziskaner zankte sich einmal mit ihm wegen einer armen Seele.
Der Teufel wollte sie durchaus haben und hatte allerdings nach dem Ma
ihrer Snden das Recht dazu. Der Mnch aber wollte sie _in majorem
dei gloriam_ fr den Himmel zustutzen. Da schlug endlich der Satan
vor, sie wollten wrfeln; wer die meisten Augen mit drei Wrfeln
werfe, solle die Seele haben. Der Teufel warf zuerst, und, wie er ein
falscher Spieler ist, warf er achtzehn; er lachte den Franziskaner
aus. Doch dieser lie sich, nicht irre machen. Er nahm die Wrfel und
warf--neunzehn. Und die Seele war sein."

Herr, das ist erlogen," rief ich, wie kann er mit drei Wrfeln
neunzehn werfen?"

Ei, wer fragt nach der Mglichkeit? Genug, er hat's getan, es war ein
Wunder. Nun, kommet morgen in mein Haus, lieber Sohn, wir wollen dann
den Unterricht beginnen."

Er gab mir den Segen und wankte weiter. Nein, Freund Rocco!" dachte
ich. Eher bekomme ich dich als du mich. Von dir lt sich der Satan
nicht berlisten." Es trieb mich jetzt, nach dem Hause des Berliners
zu gehen, den ich schwer verwundet verlassen hatte. Zu meiner groen
Verwunderung sagte man mir, er sei ausgegangen, und werde wohl vor
Nacht nicht zurckkehren. So mute ich den Gedanken aufgeben, heute
noch zu erfahren, wie es ihm ergangen sei, wie das Frulein sich
befinde, ob er wohl Hoffnung habe, jetzt, da der Kapitn auf immer fr
sie verloren sei, sie fr sich zu gewinnen. Es blieb mir keine Zeit,
ihn heute noch zu sehen; denn den Abend ber wute ich ihn nicht zu
finden, und auf die kommende Nacht hatte ich eine Zusammenkunft mit
jenen kleineren Geistern verabredet, die als meine Diener die Welt
durchstreifen.

Ich trat zu diesem Zwecke, als die Nacht einbrach, ins Kolosseum; denn
dies war der Ort, wohin ich sie beschieden hatte. Noch war die Stunde
nicht da; aber ich liebe es, in der Stille der Nacht auf den Trmmern
einer groen Vorzeit meinen Gedanken ber das Geschlecht der
Sterblichen nachzuhngen. Wie erhaben sind diese majesttischen
Trmmer in einer schnen Mondnacht! Ich stieg hinab in den mittleren
Raum. Aus dem blauen, unbewlkten Himmel blickte der Mond durch die
gebrochenen Wlbungen der Bogen herein, und die hohen berwachsenen
Mauern der Ruine warfen lange Schatten ber die Arena. Dunkle
Gestalten schienen durch die verfallenen Gnge zu schweben, wenn ein
leiser Wind die Gestruche bewegte und ihren Schatten hin und wieder
zog. Wo sie schwebten, diese Schatten, da sah man einst ein frhliches
Volk, schne Frauen, tapfere Mnner und die ernste, feierliche Pracht
der kriegerischen Kaiser. Geschlecht um Geschlecht ist hinunter, diese
Mauern allein berdauerten ihre Zeit, um durch ihre erhabenen Formen
diese Sterblichen zu erinnern, wie unendlich grer der Sinn jenes
Volkes war, das einst ein Jahrtausend vor ihnen um diese Sttte lebte.
Die ernste Wrde der Konsuln und des Senates, der kriegerische Prunk
der Csaren und--d i e s e r rmische Hof und d i e s e Rmer!

Der Mond war, whrend ich zu mir sprach, heraufgekommen und stand
jetzt gerade ber dem Zirkus. Ich sah mich um; da gewahrte ich, da
ich nicht allein in den Ruinen sei. Eine dunkle Gestalt sa seitwrts
auf dem gebrochenen Schaft einer Sule. Ich trat nher hin,--es war
Otto von S..... Ich war freudig erstaunt, ihn zu sehen. Ich warf mich
schnell in den Herrn von Stobelberg, um mit ihm zu sprechen. Ich
redete ihn an und wnschte ihm Glck, ihn so gesund zu sehen. Er
richtete sich auf; der Mond beschien ein sehr bleiches Gesicht,
weinende Augen blickten mich wehmtig an, schweigend sank er an meine
Brust.

Sie scheinen noch nicht ganz geheilt, Lieber!" sagte ich. Sie sind
noch sehr bleich; die Nachtluft wird Ihnen schaden!"

Er verneinte es mit dem Haupt, ohne zu sprechen. Was war doch dem
armen Jungen geschehen, hatte er wohl von neuem einen Korb bekommen?
Nun, ein Mittel gibt es wohl, Sie gnzlich zu heilen," fuhr ich fort.
Jetzt steht Ihnen ja nichts mehr im Wege, jetzt wird sie hoffentlich
so sprde nicht mehr sein. Ich will den Brautwerber machen. Sie mssen
Mut fassen, Luise wird Sie erhren, und dann ziehen Sie mit ihr aus
dieser unglcklichen Stadt, fhren sie nach Berlin zu der Tante. Wie
werden sich die sthetischen Damen wundern, wenn Sie Ihre Novelle auf
diese Art schlieen und die holde Erscheinung aus den Lamentationen
persnlich einfhren!"

Er schwieg, er weinte stille.

Oder wie! Haben Sie etwa den Versuch schon gemacht? Sollten Sie
abgewiesen worden sein? Will sie die Rolle der Sprden fortspielen?"

Sie ist tot!" antwortete der junge Mann.

Ist's mglich! Hre ich recht? So pltzlich ist sie gestorben?"

Der Gram hat ihr Herz gebrochen. Heute hat man sie begraben."

Er sagte es, drckte mir die Hand, und einsam weinend ging er durch
die Ruinen des Kolosseums.


       *       *       *       *       *









End of the Project Gutenberg EBook of Complete Mitteilungen aus den Memoiren
des Satan, by Wilhelm Hauff

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK COMPLETE MEMOIREN DES SATAN ***

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locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

